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«Auf dem Platz vertreten und fühlen wir das Gleiche wie die Männer»
Artikel #39
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von Jule

Sport
Wenn du in Bern wohnst, kennst du bestimmt das Männerteam des BSC YB. Das Team in Gelb und Schwarz, das 2018, 2019 und 2020 Schweizer Meister wurde. Vielleicht hast du auch schon einmal einen Match im Wankdorf besucht. Aber kennst du auch das Frauenteam von YB? Noemi Gillmann, Abwehrspielerin der YB-Frauen, erzählt von ihrem Leben als Spitzenfussballerin.
Wie bist du zum Fussball gekommen?
Durch meinen älteren Bruder. Der spielte schon Fussball und dann wollte ich irgendwann auch Fussball spielen. Mit acht oder neun habe ich in Worb angefangen zu spielen.
Wie bist du zu YB gekommen?
Im Sommer 2010 habe ich mich für ein Probetraining bei YB angemeldet. Damals wusste ich bereits, dass ich im darauffolgenden Jahr ans Gymnasium in Bern wechseln würde und das Training in Bern mir das Pendeln zwischen Wohnort, Schule und Fussball erleichtern würde. So bin ich also zum Probetraining hingegangen und dann wollten sie mich! (lacht)
Hast du ausser Fussball noch eine andere Sportart ausprobiert?
In der Unter- und Oberstufe habe ich noch das Schul-Volleyball besucht. Irgendwann musste ich mich für eine der beiden Sportarten entscheiden, wobei ich mich dann für Fussball entschieden habe.
Warst du an einem speziellen Sportgymnasium oder in einem normalen?
Ich besuchte das Gymnasium Neufeld. Das erste Jahr war ich noch in einer Regelklasse, wobei ich die Stunden, welche ich durch die Morgentrainings verpasste, in einer anderen Klasse nachgeholt habe. Das Jahr darauf gab es dann die erste Sportklasse mit einer Halbtagesstruktur. So konnte ich auch morgens trainieren, ohne noch Lektionen nachholen zu müssen.
War das sehr anstrengend?
Nein, der Gymer liess sich mit dieser Halbtagesstruktur gut bewältigen. Ich hatte unter der Woche weniger Lektionen, als wenn ich eine normale Klasse besucht hätte, und ich konnte zweimal morgens und abends immer ins Training. Der Gymer dauerte dafür ein Jahr länger, was mir aber nichts ausmachte.
Was waren und sind die Schwierigkeiten, als Fussballerin auf hohem Niveau aufzuwachsen und daneben noch ein normales Leben zu führen?
Das Zeitmanagement und die Disziplin dieses auch einzuhalten, spielen eine grosse Rolle. Mein Tag ist sehr strukturiert mit Training, Schule bzw. Uni und dazu noch lernen.
Hilft dir das jetzt, dass du schon früh alles genau planen musstest?
Ich bin grundsätzlich ein sehr organisierter Mensch. Das genaue Planen habe ich gerne, aber ich glaube auch, dass mir das mit den Jahren geholfen hat. Neben dem Fussball bin ich jetzt am Studieren und gleichzeitig auch noch am Arbeiten. Ich muss also immer noch alles gut planen, damit es mit dem Training aufgeht.
Du arbeitest noch nebenher, was genau?
Ich arbeite in der Administration und Organisation in einem Ingenieurbüro. Am meisten schreibe ich Rechnungen. Mein Chef dort unterrichtet an einer Fachhochschule, deshalb weiss er auch, wie es ist, nebenher zu studieren. Bei der Arbeit bin ich recht flexibel. Wenn ich an der Uni Prüfungen habe, früher ins Training muss oder Trainingslager habe, kann ich auch mal sagen, dass ich zu einer anderen Zeit arbeiten komme. Da habe ich schon Glück!
Hast du viel Freizeit neben Fussball, Studieren und Job?
Nein, nicht so viel. Der Tag ist bei mir recht vollgepackt. Ich stehe morgens auf, gehe an die Uni oder zur Arbeit, habe Training und komme am Abend wieder nach Hause. Im Vergleich zu anderen würde ich deshalb sagen, dass ich wenig Freizeit habe. Dies empfinde ich aber nicht als störend, da ich alle drei Sachen gerne mache. Wenn ich von der Uni Ferien habe, kann ich mehr mit meinen Freund*innen unternehmen. Bei mir ist das halt so, dass ich mir alles etwas einteilen muss
Wenn du mal Freizeit hast, was machst du dann?
Freunde treffen, lesen, Musik hören. Meistens aber nicht so viel, weil ich ja sonst immer so viel um die Ohren habe, dann chille ich am liebsten.
Wie sieht es mit dem Training bei euch aus??
Wir haben viermal in der Woche Training mit der Mannschaft. Und zwar die ganze Saison draussen im Neufeld. Dort gibt es einen Kunstrasen. Wenn es mal schneit, kann man den Schnee schnell wegräumen. Wenn es regnet, ziehen wir halt noch eine Regenjacke an.
Was machst du, wenn du gar keine Lust auf Fussballtraining hast?
(lacht) Bei mir kommt das eigentlich höchst selten vor. Fussball ist meine Leidenschaft, ich mache es mega gern. Wenn man mal weniger motiviert ist, geht man halt trotzdem ins Training - wir sind ja ein Team! Ich bin jetzt auf einem Niveau, wo es nicht nur ums «plöischle» geht, sondern auch um Leistung.
Was war bis jetzt dein schönstes Erlebnis im Fussball?
Als wir uns 2019 für den Cupfinal qualifiziert haben. Das mit dem ganzen Team erleben zu dürfen, mit den ganzen Emotionen, das war eine coole Sache!
Musst du neben dem Training auch noch was für den Fussball machen?
Nein, eigentlich nicht. Wenn wir Training haben, ist auch alles Körperliche drin. Und für die Ernährung ist man selbst verantwortlich. Ich schaue was ich esse, damit ich auch die Leistung bringen kann.
Was isst du vor einem Spiel?
Ich esse immer Teigwaren.
Redest du oft ausserhalb vom Training über Fussball?
Ja, ich rede sonst auch viel über Fussball, es ist ja auch ein grosser Teil in meinem Leben. Mein Bruder spielt auch immer noch Fussball, meine Mutter hat früher in ihrer Jugend Fussball gespielt und mein Vater ist auch sehr sportinteressiert. So wird zu Hause auch oft darüber geredet, wie es zum Beispiel im Training war. Jetzt an der Uni rede ich vielleicht etwas weniger über Fussball, weil die meisten meiner Mitstudent*innen nichts mit Fussball am Hut haben. Dort rede ich dann auch über andere Themen.
Hat sich der Hype um den Frauenfussball nach der WM 2019 auch auf die YB-Frauen ausgewirkt? Dass Spiele übertragen wurden, wie das alles promotet wurde…
Bei uns, den YB-Frauen, war die Wirkung nicht besonders gross. Dadurch, dass die Schweiz nicht an der Frauen-WM mit dabei war, hat man den Hype in der Schweiz nicht so stark bemerkt. Zuschauer hatten wir nicht viel mehr, aber ich wurde manchmal öfter auf den Frauenfussball angesprochen.
Aber ich habe mich auch einfach grundsätzlich gefreut, dass der Frauenfussball mehr Aufmerksamkeit erhalten hat. Der Frauenfussball hat einen grossen Schritt nach vorne gemacht. Das Niveau ist auch besser als noch vor ein paar Jahren. Ich hatte einfach Freude, die Spiele zu schauen.
Kann man als Frau in der Schweiz nur vom Fussball leben?
In der Schweiz ist es sehr schwierig. In anderen Vereinen gibt es vielleicht vereinzelte Fälle, aber es ist eigentlich schon so, dass man ein zweites Standbein braucht. Um wirklich vom Fussball leben zu können, muss man ins Ausland gehen.
In Europa kann man zum Beispiel nach Deutschland, Spanien, England oder Italien gehen. Die meisten Länder erleben gerade einen Aufschwung.
Was müsste in der Schweiz passieren, damit das auch hier möglich ist?
Es müssten mehr Gelder zur Verfügung stehen, also dass mehr in den Frauenfussball investiert wird. Investieren müsste einerseits der Verband, aber auch die Vereine. Für das braucht es aber auch erst mal die Aufmerksamkeit. Dass Werbung gemacht wird: Hey, es gibt ja auch Frauen, die Fussball spielen! Solange sich leider nicht die breite Öffentlichkeit für den Frauenfussball interessiert, investiert auch niemand Geld in den Frauenfussball.
Das heisst, wenn man den Schweizer Frauenfussball fördern möchte, sollte man einfach ins Stadion gehen? Was kann eine Einzelperson tun?
Spiele anschauen ist sicher ein erster Schritt. Was auch hilft, ist wenn man auf den Frauenfussball aufmerksam macht.
Warum, glaubst du, gibt es diesen Unterschied zwischen Männer- und Frauenfussball?
Das liegt zu einem grossen Teil auch an der Geschichte. Der Männerfussball gibt es halt schon länger. Bis sich der Frauenfussball auch so etabliert, braucht es noch etwas Zeit.
Wie unterscheiden sich bei den YB-Frauen und YB-Männern die Rahmenbedingungen?
Wir haben nicht viel Kontakt mit den Männern aus der 1. Mannschaft, daher weiss ich es nicht genau. Aber bei den Männern ist schon alles viel grösser. Wir haben auch nur selten im Stade de Suisse Training. Die Lücke ist noch sehr gross und es wäre vieles möglich. Man muss allerdings berücksichtigen, dass es bei den Männern auch um viel mehr Geld geht, dann ist automatisch alles viel grösser. Grundsätzlich finde ich aber, dass man auch mit dem zufrieden sein und wertschätzen sollte, was man bereits hat. Wir haben trotzdem Spass und Freude und es geht ja in erster Linie auch eigentlich nur ums Spielen. Wir Frauen wissen noch eher, um was es im Fussball wirklich geht.
Macht das keinen Unterschied auf dem Fussballplatz?
Der Fussball ist genau gleich. Wir geben, wie die meisten Männer auch, 100 Prozent und wir leben für den Fussball. Wir haben die gleiche Leidenschaft. Es sind mehr die Rahmenbedingungen, die einfach noch recht anders sind. Auf dem Platz vertreten und fühlen wir genau das Gleiche wie die Männer.
Bist du schon mal mit Vorurteilen über den Frauenfussball konfrontiert worden?
Früher, als ich noch bei den Juniorinnen war, haben wir auch gegen Jungs gespielt. Da gab es ein paar, die gedacht haben "Ah, die Mädchen können doch nichts!". Wir haben dann aber immer gegen sie gewonnen! (lacht) Sonst habe ich nicht so viel abbekommen.
Hast du ein Vorbild?
Nein, eigentlich nicht. Ich finde das Team ist das, was es ausmacht. Du musst als Team funktionieren, um zu gewinnen und Erfolg zu haben. Darum habe ich nicht eine Person, bei der ich sagen kann, die ist supergut. Ich finde, das Team muss im Vordergrund stehen. Mein Lieblingsteam ist immer noch YB. Das war schon immer so, schon bevor ich angefangen habe, hier zu spielen. Darum erfüllt es mich immer wieder mit Stolz, dass ich für YB spielen darf.
Wie versteht ihr euch im Team?
Es gibt manchmal Meinungsverschiedenheiten, aber wir setzen uns dann zusammen und bereden das. Grundsätzlich haben wir einen mega guten Teamgeist! Wir treffen uns auch manchmal noch nach dem Fussball und machen was zusammen. Wir reden auch zusammen über das Privatleben. Es ist also nicht so, dass jede nur ins Training kommt und dann alle wieder nach Hause gehen. Wir sind ein gutes Team.
Welche Tipps würdest du jungen Spieler*innen geben, die Profis werden möchten?
Ich finde, das Wichtigste ist immer noch, dass man Freude am Spielen hat. Egal, auf welchem Niveau, der Spass ist das Wichtigste! Man soll das machen, was man gerne macht, mit Freude dabei sein und Vollgas geben, so fest wie man kann.
Bildlegende:
Foto 1,3: Noemi Gillmann im Cupfinal 2019 gegen die Frauen des FC Zürich.
Foto 2: Noemi Gillmann
Foto 4: Noemi Gillmann spielt im NLA-Team der YB-Frauen.