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Die einsame Clara Sola muss unter dem mütterlichen Diktat kranke Dorfbewohner heilen, bis sie durch die Begegnung mit der Natur und einem Mann entdeckt, sich selbst zu einer autonomen Clara sólo zu heilen vermag. Die costaricanisch-schwedische Regisseurin Nathalie Álvarez Mesén erzählt dies in «Clara Sola» in einem filmischen Gedicht.
In einem abgelegenen Ort in Costa-Rica lebt Clara, eine Frau um die vierzig und leicht behindert, unter dem Diktat der erzkatholischen Mutter Fresia und der Nichte Maria in einem Drei-Frauen-Haushalt inmitten der paradiesischen Natur. Claras beste Freundin ist Yuca, eine weisse Stute, mit der sie wie zu allen anderen Tieren auf dem Hof bis hin zu den kleinsten Käfern eine übernatürlich anmutende Beziehung pflegt. Mit den Menschen erweist sich das Zusammenleben eher schwierig. Mutter und Nichte helfen Clara zwar wegen ihrer körperlichen Beeinträchtigung, verpflichten sie dafür jedoch, in einem bigotten Wahn im Namen der Jungfrau Maria kranke Menschen im Dorf zu heilen. – Weil Nathalie Álvarez Mesén ungewöhnlich klug über ihren Film und die Welt darum herum schreibt, lasse ich sie nachfolgend auf zwei Fragen antworten. (Das integrale Interview befindet sich im Anhang.)
Clara, im Einklang mit der Natur
Ein Phönix, der aus der Asche steigt
Nathalie Álvarez Meséns› Antwort auf die Frage, wie es zum Film kam:
«Ich stamme aus einer grossen Familie mit hohem Frauenanteil. Dennoch war es so, dass ungesunde, patriarchale Normen darüber, wie sich eine Frau zu verhalten hat, reproduziert und an mich weitergegeben wurden. Weil diese Normen grundsätzlich unrealistisch und unerreichbar sind, hatten wir auch später ständig das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Als Erwachsene war und ist es schwer für mich, das abzuschütteln, ich arbeite noch immer daran, weil es sich wie ein Teil der Rolle anfühlt, die ich zu spielen habe, um in dieser Gesellschaft anerkannt und erfolgreich zu sein. Rollen, die uns Frauen zugeschrieben und antrainiert werden und ich mich fragte: Was passiert, wenn wir uns entscheiden, sie nicht mehr zu übernehmen? Clara ist eine Figur, die in einem erzkonservativen Umfeld mit bestimmten Mustern aufgewachsen ist, und ich wollte erforschen, wer sie wirklich ist, wenn sie allein ist mit der Natur und es keinerlei Filter gibt. Es liegt etwas Spirituelles in der Freiheit, die die Natur bietet, etwas, das im Gegensatz steht zu den meisten Religionen, ihren Regeln und Beschränkungen, die Frauen oft benachteiligen.
Es stellt einen Akt der Rebellion dar, sich selbst und der Natur gegenüber fürsorgend verbunden zu sein. Hoffentlich fühlt sich der Film ermutigend an. Ich möchte die Geschichte als Aufruf zum Ungehorsam sehen, als Motivation, sich selbst und die Natur zu heilen, auch wenn man auf dem Weg dorthin vielleicht Religionen, Normen, Beziehungen niederbrennen muss. Ich mag Phönixe, die aus der Asche steigen.»
Wenn das Leben beginnt, leuchtet selbst Claras Blumenkranz
Machismo und Religion
Nathalie Álvarez Meséns› Antwort auf die Frage, was der Film über Religion und Tradition in der costaricanischen Gesellschaft sagt:
«Für die kolumbianische Co-Autorin Maria Camila Arias und mich war es wichtig, «Clara Sola» in jenem Lateinamerika spielen zu lassen, das wir aus unserer Kindheit kennen und erinnern, gleichzeitig wollten wir die aufgeworfenen Fragen über Costa Rica hinaus thematisieren. Es war uns bewusst, dass unsere Erinnerungen zu einer geschönten Sicht der Realität neigen könnten, weshalb wir uns einige Freiheiten herausgenommen haben, um auch die subtileren Machismo-Phänomene deutlich herauszuarbeiten. Mich interessiert, was und wie die Religionen etwas beitragen, Geschlechterrollen zu bilden und zu reproduzieren, die ungesund sind. Besonders untersuchungswert finde ich, dass patriarchalische Normen und Diskurse von Generation zu Generation weitergetragen und als Traditionen getarnt werden, sogar in Haushalten, in denen keine Männer anwesend sind. In gewisser Weise zeigt der Film mit dem Finger auch auf die Frauen, die dem Rezept etwas beimischen, das das Patriarchat weiter ernährt.
Ich möchte den Frauen den Anstoss geben, ihr Inneres zu erforschen, anstatt Macho-Muster zu wiederholen, die aus der Familie oder dem grösseren gesellschaftlichen Umkreis stammen. Muster sind anerzogen, und es muss mehr getan werden, um die schädlichen darunter auszumerzen. Das Schwierige daran ist, dass die meisten Frauen nicht wissen, dass sie Teil dieser Giftmischung sind – Konventionen sind tief in unserer Psyche und unserem Körper verankert. Ich muss viel von dem infrage stellen, was ich zu wissen glaube oder selbst fühle. – Ich weiss, das wurde schon oft gesagt, aber der Wandel vollzieht sich zu langsam.»
Carla mit der befreundeten Stute Yukan
Eine erste Antwort des Films: Befreiung in der Natur
Zu Beginn des Filmes erscheint uns die Beziehung «Mensch – Natur» wahrscheinlich etwas fremd. Doch sobald wir die Gründe dafür nicht im Film, sondern bei uns suchen, klärt sich das bald auf. Denn unser Umgang mit der Natur, der im alttestamentlichen Auftrag, «Macht euch die Erde untertan», fusst, führt über die Jahrhunderte dazu, die Natur nicht nur untertan zu machen, sondern sie aus einem falschen Anthropozentrismus heraus zu missbrauchen und schliesslich sie selbst zu zerstören. Gegen Ende des Films, wenn wir uns auf die exotischen Naturbilder etwas eingelassen haben, beginnen sie, uns zu berühren, etwas zu sagen, selbst wenn wir sie noch nicht in unser Denken einzuordnen verstehen. Die Bilder und Töne mit den Sinnen, mit dem Herzen wahrzunehmen beruhigt, versöhnt, beglückt.
«Clara Sola» zeigt in einem magischen Realismus, was zu andern Zeiten, an andern Orten, bei andern Völkern, in Büchern, Religionen, nicht die Kirchen, in Kunst und Philosophie ähnlich gemeint und in Worten ausgedrückt wurde und wird. Die Rolle der Clara im Film spielt Wendy Chinchilla, eine berühmte costa-ricanische Tänzerin. Sie übernahm die Aufgabe, mit ihrem Körper äussere Bilder für Inneres einzusetzen. «Ich glaube, man kann Wendys Bewegungsreichtum als Clara spüren, die Tatsache, dass die Person in ihrem Körper gefangen ist und traurig macht, als ob ihr Körper zu eng ist für sie und ihre gigantische Naturkraft», meint die Regisseurin über ihre Protagonistin.
Santiago weckt Claras Sinne und Sinnlichkeit
Eine zweite Antwort des Films: Befreiung durch Sex
Als Vierzigjährige hat Clara natürlich auch sexuelle Bedürfnisse, die sie selbst befriedigen muss, solange sie keine andere Möglichkeit hat. Dieses Verhalten passt nicht ins Weltbild der Mutter und der dortigen Gesellschaft. Denn es beschmutzt ihren Ruf als jungfräuliche Vertreterin Marias bei den Heilungszeremonien. Skurrile Methoden werden gegen diese «Ferkeleien» eingesetzt, während das Haus gleichzeitig unrettbar zu verrotten droht. Mit ihrer Nichte pflegt Clara zwar ein schwesterliches Verhältnis, doch seit dem Tod ihrer Mutter stehen beide im Herrschaftsbereich der ebenso erzkonservativen Grossmutter. Zudem ist die Schwester selbst intensiv mit dem eigenen Erwachsenwerden beschäftigt, ausgelöst durch den Touristenführer Santiago, der immer öfter bei ihnen auftaucht, sowie den Vorbereitungen für ihre «Quinceañera», dem Fest, das wie überall in Lateinamerika mit dem 15. Geburtstag den Übergang vom Mädchen zur Frau traditionell markiert.
Diesen Drang scheint auch Clara vermehrt zu spüren und möchte ihn endlich einfordern, animiert von den bevorstehenden festlichen Ritualen und befeuert durch Santiago, mit dem sie die Zuneigung zu den Tieren verbindet und der sie als Einziger voll akzeptiert. Claras Verlangen wächst ins Unermessliche, sie kommt in eine neue Dimension der Selbsterfahrung und entwickelt dabei eine Kraft, die sie beim Fest alle Fesseln sprengen lässt. Dass Clara während ihres Höhepunktes Leuchtkäfer die Nacht erhellen, ein Erdbeben einsetzt, dann ein Brand ausbricht und alles sich zu einem Furioso steigert, steht für die wunderbare Verschmelzung von Natur und Sex.
Gespräch mit Nathalie Álvarez Mesén, der Regisseurin von «Clara Sola»