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Oft werden Menschen mit Diabetes mellitus mit der Aussage konfrontiert, dass sie vermehrt infektanfällig seien. Was stimmt an dieser Aussage? Welche Rolle spielt die Einstellung des Blutzzuckerspiegels?
Die direkte Rolle des Blutzuckers
Ein erhöhter Blutzuckerspiegel hat nachgewiesene Auswirkungen auf die Funktion des Immunsystems. So sind beispielsweise Fresszellen (Makrophagen) bei erhöhter Glukose in ihrer Funktion deutlich eingeschränkt, wodurch sie ihre Aufgabe – das Eliminieren (sprich «Fressen») des Angreifers, – nicht mehr ausreichend wahrnehmen können.
Auch die Wanderung der Abwehrzellen ins betroffene Gewebe oder in Lymphknoten sowie die Organisation des Immunsystems durch T- und B-Lymphozyten, welche ebenfalls zu den Abwehrzellen gehören, sind bei hohen Zuckerspiegeln verändert.
Zudem ist die mikrobielle Besiedelung von Haut und Schleimhäuten bei nicht optimaler Blutzuckereinstellung verändert mit vermehrt nachweisbaren potentiellen Erregern, wie beispielsweise Staphylococcus aureus und Hefepilzen (Candida).
Durchblutungsstörungen und Nervenschädigungen
Durchblutungsstörungen der grossen und kleinen Gefässe sind eine häufig auftretende Spätkomplikation des Diabetes und werden durch nicht optimale Blutzuckerkontrolle begünstigt. Die verminderte Durchblutung hat eine mangelnde Sauerstoffversorgung des Gewebes zur Folge mit direkten Auswirkungen auf die dort stattfindende Immunabwehr wie auch auf Heilungs- und Gewebserneuerungsprozesse.
Häufig entwickelt sich gleichzeitig eine chronische Nervenschädigung, so dass unbemerkt kleinere Verletzungen auftreten können. So kann, ohne entsprechende Behandlung, aus kleinen unbemerkten Verletzungen, die am häufigsten am Fuss auftreten, rasch eine problematische, infizierte Wunde bis hin zur Infektion des darunterliegenden Knochens werden.
Wundinfektionen nach Operationen
Patienten mit sehr gut eingestelltem Diabetes und ohne vorhandene Spätfolgen haben bezüglich Wundinfektionen nach Operationen wohl das ähnliche Risiko wie Personen ohne Diabetes. In mehreren Studien wurde zwar eine erhöhte Rate von postoperativen Wundinfektionen bei Patienten mit Diabetes beschrieben, es konnte jedoch auch gezeigt werden, dass vor allem ein erhöhter Blutzuckerspiegel in der ersten Zeit nach der Operation ein Risikofaktor für Infektkomplikationen darstellt. Daher ist es besonders wichtig, geplante Operationen entsprechend vorzubereiten, so dass bei bereits vor der Operation guten Blutzuckerwerten das Risiko für postoperative Hyperglykämien minimiert werden kann, was wiederum zu einem verminderten Risiko für Infektionen führt. Noch besser schützt natürlich eine stetige gute Blutzuckerkontrolle, welche eben auch die Spätkomplikationen, wie Durchblutungsstörungen und Nervenschädigungen hinauszögert.
Infekte der Atemwege
Patienten mit Diabetes mellitus scheinen statistisch gesehen ein erhöhtes Risiko für schwere Atemwegsinfektionen zu haben. Ob dies direkt von der Blutzuckerkontrolle abhängt oder weitere Faktoren eine Rolle spielen ist noch nicht abschliessend geklärt. Insbesondere für die saisonale Grippe (Influenza) ist gezeigt worden, dass Patienten mit Diabetes ein erhöhtes Risiko für Komplikationen wie beispielsweise schwere Lungenentzündungen tragen. Daher ist die jährliche Grippeimpfung der Patienten und auch der Haushaltmitglieder eine klar empfohlene, gut verträgliche Präventionsmassnahme.
Auch die einmalige Impfung gegen bakterielle Lungenentzündung durch Pneumokokken mit dem kürzlich neu zugelassenen Konjugatimpfstoff (Prevenar) ist bei Patienten mit diabetischen Spätfolgen sehr zu empfehlen. Diese Empfehlung wird auch von den entsprechenden Gesellschaften (unter anderem dem Bundesamt für Gesundheit, BAG) unterstützt.
Erstaunlicherweise gehört dieser Impfstoff trotz BAG-Empfehlung noch nicht zu den Pflichtleistungen der Krankenkassen, so dass vorgängig eine Kostengutsprache eingeholt werden sollte.
Was kann man tun?
Die wichtigste Massnahme zur Infektprävention ist eine optimale Einstellung des Blutzuckers entsprechend den individuell definierten HbA1c-Zielwerten. Durch gute Blutzuckerwerte behält das Immunsystem eine möglichst uneingeschränkte Funktion bei. Gleichzeitig werden mittel- bis langfristig Durchblutungsprobleme und Nervenschäden vermindert, die ihrerseits Ursache von schweren Infektionen sein können.
Grosse Bedeutung hat, insbesondere wenn eine erkennbare Beeinträchtigung der Durchblutung und/oder des Nervensystems besteht, die professionelle Pflege der Füsse und entsprechendes Schuhwerk.
Klar empfohlen ist die jährliche Grippeimpfung, sowie auch die Grippeimpfung bei Haushaltmitgliedern. Diese hilft die Übertragungsrate im Umfeld zu vermindern.
Die Impfung gegen die Pneumokokken ist v. a. bei Patienten mit Folgeschäden des Diabetes empfohlen, hier ist wie gesagt eine einmalige Impfung mit dem neuen Konjugatimpfstoff wirksam.
Eine geplante Operation (z. B. Prothesenimplantation) sollte gut vorbereitet werden mit vorgängigem Optimieren der Blutzuckerkontrolle. Bei entsprechend sorgfältigem perioperativem Management (Betreuung über die Operationszeit) ist ein Verzicht auf gut begründete Eingriffe aus Furcht vor Infektkomplikationen aus infektiologischer Sicht sicherlich nicht gerechtfertigt.