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Er war wohl nicht erwünscht, der kleine Victor-François, als er am 30. April 1893 in Caluire et Cuire nahe Lyon das Licht der Welt erblickte. Seine Mutter ging bald zurück in die Schweiz und liess den Kleinen bei Pflegeeltern. Sie heiratete, gründete eine Familie – er sah sie wohl nie wieder.
So war es üblich damals, wenn eine unverheiratete Frau schwanger wurde: Sie gebar in Frankreich, gab das Kind weg, damit zu Hause niemand von der «Schande» erfuhr. Und fast hätte auch niemand etwas mitbekommen, von dieser «Schande» namens Victor-François Kling. Aber just jetzt, als die letzte von Klings Halbschwestern starb, fand man bei der Suche nach möglichen Erben einen Eintrag im Familienregister der Stadt Basel: Die Mutter war dort Bürgerin gewesen, das Kind als uneheliche Geburt eingetragen.
Weil das Erbe der Halbschwester nicht aufgeteilt werden kann, bevor alle Erben ausfindig gemacht sind, musste Kling gesucht werden. Eigentlich wäre das Aufgabe der französischen Behörden gewesen, aber die antworteten nie auf die Anfragen von Christoph Egli, dem Anwalt der Erben. Nur der Bürgermeister von Caluire et Cuire fand einen Hinweis auf Kling – Rationierungsmarken aus dem Zweiten Weltkrieg.
Verschwunden ist nicht gleich tot
Ansonsten scheint es, als habe er nie gelebt. «Wir wissen nichts über diesen Mann», sagt Egli. Er habe sogar alle Klings in der Region angeschrieben, um bei den etwa 20 Familien etwas in Erfahrung zu bringen. Ohne Erfolg. «Von einer Familie bekam ich einen sehr freundlichen Rückruf. Aber sie war erst kürzlich aus der Ukraine zugezogen.»
Von Victor-François Kling gibt es also keine Spur. Nur ist verschwunden eben nicht tot – auch bei einem 112-Jährigen nicht. Die Erben griffen zum letzten Mittel: Sie publizierten einen Verschollenheitsruf im St. Galler Amtsblatt, weil Klings Halbschwester in diesem Kanton gelebt hat: «Jedermann, der über das Schicksal von Victor-François Kling Auskunft geben kann, wird aufgefordert, sich innerhalb eines Jahres seit dieser Veröffentlichung beim Kreisgericht zu melden.»
Macht dies niemand, wird Kling für verschollen erklärt. Und verschollen ist mehr als verschwunden: Es ist so gut wie tot, zumindest, was die Erbschaft betrifft. Dann wird Victor-François Kling wieder zu dem, was er auch vorher war – zum Namen eines Unbekannten auf einem Stück Papier.