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Letzte Aktualisierung 22. November 2022.
Kommentar
Die Funktion von Kommunikation liegt nach Niklas Luhmann nicht in der Herstellung von Konsens, sondern von Offenheit. Darin besteht einer der wesentlichen Unterschiede zwischen seiner soziologischen Systemtheorie und der Theorie des kommunikativen Handelns von Jürgen Habermas.
Die Offenheit von Kommunikation kommt nach Luhmann darin zum Ausdruck, dass eine mitgeteilte Information immer angenommen oder abgelehnt werden kann. Man kann entweder Ja oder Nein sagen. Trotz dieser Kontingenz ist etwas so Unwahrscheinliches wie Kommunikation möglich.
Als autopoietisches System kann nur Kommunikation sich selbst wahrscheinlich machen, die Chance auf Annahme einer Mitteilung maximieren und das Risiko deren Ablehnung minimieren. Darin liegt die Bedeutung von Luhmanns viel zitierter Aussage, dass nur Kommunikation kommuniziere.
Kommunikation kann aber auf ihre eigene Kontingenz stossen. Es stellt sich dann die Frage: Wie weiterfahren? So wie bisher? Oder ganz anders? An diesem Punkt kommt Kultur ins Spiel.
Wie Dirk Baecker in seinem Büchlein «Wozu Kultur?» festhält, entzieht sich der Kulturbegriff – als Begriff erster Ordnung – jeder Möglichkeit einer Definition (vgl. 2003: 33). Es ist unmöglich, abschliessend zu definieren, was Kultur ist. Wird Kultur hingegen als Begriff zweiter Ordnung aufgefasst und danach gefragt, wie Kultur als Kultur funktioniert, dann erhält der Kulturbegriff einen spezifischen Sinn.
Für Baecker besteht die Funktion der Kultur, also das Wozu, darin, dass sie innerhalb einer sozialen Ordnung diese soziale Ordnung gleichzeitig als bedroht und erhaltenswert darstellt (vgl. ebd.: 37). In dieser «doppelten Bewegung» sieht er das Potenzial von Kultur, soziale Ordnung zu sichern und zu verändern.
Bei Kultur geht es also um Sicherheit und Unruhe. Es geht um Erhalt und Verändern. Es geht um Tradition und Fortschritt. Es geht um Bestätigung und Kritik. Und: Es geht auch um Konsens und Offenheit. Kultur ist nach Baecker der gesellschaftliche Einwand von Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit der Gesellschaft (vgl. ebd.: 83).
Kultur ist kein soziales System, sondern ein sozialer Mechanismus, der in sozialen Systemen verschiedene Funktionen wahrnimmt. So lässt sich Kultur anhand der Unterscheidung zwischen Medium und Form einerseits als Metakommunikation beschreiben, die neben der operativen Schliessung sozialer Systeme – durch Fortsetzung der Kommunikation mit den Mitteln der Kommunikation – zu einer kulturellen Schliessung sozialer Systeme – durch eine mitlaufende Kommunikation über Kommunikation – führt.
Wie hinsichtlich der Unterscheidung von Medium und Form festgestellt, zeichnet sich ein Medium durch eine lose gekoppelte Menge von Elementen aus, die sich nach bestimmten Selektionen zu strikt gekoppelten Elementen verknüpfen lassen und so Formen bilden. Mit Blick auf Kultur stellt sich demnach die Frage, worin sich Metakommunikation von Kommunikation bezüglich Medium und Form unterscheiden.
Kultur als Medium
Psychische und soziale Systeme operieren immer im Universalmedium Sinn. Sinn zeichnet sich nach Luhmann durch die Einheit der Differenz von Aktualität und Möglichkeit aus (vgl. 2018a: 98ff, 2015: 44ff). Indem psychische und soziale Systeme Sinn prozessieren, aktualisieren sie jeweils eine bestimmte Sinnform als strikt gekoppelte Elemente und verweisen zugleich auf andere mögliche Sinnformen als lose gekoppelte Elemente.
Unter Sinnformen als lose gekoppelte Elemente können wir uns beispielsweise die Wörter und unter Sinnformen als strikt gekoppelte Elemente die Sätze einer natürlichen Sprach vorstellen. Psychische Systeme formen in Gedanken und soziale Systeme in Kommunikationen lose gekoppelte Wörter zu temporär strikt gekoppelten Sätzen. Beim Denken und Kommunizieren wird einerseits das mediale Substrat, lose gekoppelte Wörter, nicht aufgebraucht. Das Medium bleibt erhalten. Andererseits werden verwendbare Sinnformen, strikt gekoppelte Sätze, aktualisiert.
Beim Aktualisieren von Sinnformen stehen immer verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Etwas kann so oder anders gedacht oder gesagt werden. Deshalb erklärt Luhmann: «Sinn besagt, dass an allem, was aktuell bezeichnet wird, Verweisungen auf andere Möglichkeiten mitgemeint und miterfasst sind. Jeder bestimmte Sinn meint also sich selbst und anderes» (2015: 48).
Sinnprozessierende Systeme nehmen in jeder Situation eine bestimmte Sinnform in Anspruch und berücksichtigen zugleich, annehmend oder ablehnend, andere mögliche Sinnformen mit. Der daraus resultierende Sinnüberschuss bildet das Medium, in dem Folgegedanken bzw. Anschlusskommunikationen möglich sind.
Mit Blick auf soziale Systeme können wir festhalten, dass Sinn das Medium ist, in dem Kommunikation operiert und sich mit dem Sinnüberschuss gleichzeitig ihr eigenes Medium schafft.
Doch ist Sinnüberschuss auch das Medium, in dem die Metakommunikation operiert? Um diese Frage beantworten zu können, müssen wir uns näher mit den Möglichkeiten auseinandersetzt, die der Sinnüberschuss in Kommunikationen zur Verwendung bereitstellt.
Welche Kommunikationen an Kommunikationen anschliessen, ist zwar kontingent, aber nicht beliebig. Wenn eine Person von einer anderen eine Auskunft einholt, sind viele, aber eben nicht beliebig viele Antworten möglich. Beim prozessieren von Sinn eröffnet sich immer eine Möglichkeitsspielraum, dessen Grenzen alternative Sinnformen einschränkt. Ohne diese Einschränkung würde Kommunikation als autopoietisches und operativ geschlossenes System sich permanent selbst irritieren (vgl. Reinhardt 2005: 72).
Die Sinngrenze eines Möglichkeitsspielraums wird durch Erwartungen festgelegt. Sie strukturieren das Prozessieren von Sinn in der Zeitdimension hinsichtlich der zulässigen Relationen von Sinnformen. Bei sozialen Systemen spielen dabei Codes und Programme eine zentrale Rolle. Als binäre Schematismen schliessen Codes immer dritte Sinnformen aus: Eine wissenschaftliche Kommunikation beispielsweise ist entweder wahr oder falsch, eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und Programme legen Kriterien für die korrekte Zuschreibung weiterer Sinnformen zu den Codes fest. So legt etwa das Programm der Wissenschaft (Theorie und Methoden) die Kriterien fest, gemäss denen Wahrheit als Wahrheiten kommuniziert werden kann. Wir haben es also bei Sinngrenzen immer mit Strukturen sozialer Systeme zu tun, die den erwartbaren Möglichkeitsspielraum von Sinnformen einschränken.
Indem aber soziale Systeme mittels Strukturen die Relationen von möglichen Sinnformen einschränken und damit die Anschlussmöglichkeiten von Kommunikation erhöhen, schliessen sie immer auch etwas aus.
Urs Stäheli spricht in seiner «Soziologie der Entnetzung» mit Blick auf dieses Etwas von «Anschlusslosigkeit» (2021: 136ff). Er verortet sie im nichtsystemischen, alogischen Alltag mit all seinen problematischen Situationen: «Der Alltag kann kein System sein; er lässt sich in seiner Flüchtigkeit mit Hilfe von Alter/Ego-Konstellationen nicht bannen. Am ehesten kann er als ein Erfahrungsraum verstanden werden, der aber ohne Kohärenz ist. Der Alltag ist immer unabgeschlossen, zudem insignifikant – und damit vor jeder Sinnhaftigkeit positioniert, aber, so Blanchot [Maurice Blanchot, Anm. CMS], zugleich Grund aller Sinnprozesse» (2021: 138).
Luhmann selbst scheint sich dieses Sachverhalts durchaus bewusst gewesen zu sein, wenn er schreibt: «Mit dieser These universeller, selbstreferentieller Formbindung allen sinnhaften Prozessierens ist natürlich nicht gesagt, dass es ausser Sinn nichts gibt. […] An die Stelle solcher Titel [gemeint sind: Genuss, Faktizität, Existenz, Transzendenz, Anm. CMS], deren Sinn das nicht decken kann, was sie meinen, könnte heute die Einsicht treten, dass die Genese und Reproduktion von Sinn einen Realitätsunterbau voraussetzt, der seine Zustände ständig wechselt. Sinn entzieht diesem Unterbau dann Differenzen […], um differenzorientierte Informationsverarbeitung zu ermöglichen» (2018a: 97).
Baecker verweist mit Blick auf dieses Etwas auf einen dritten Wert, dem «tertium datur» als Einspruch gegen alles, was diese Gesellschaft in Form des Entweder-Oder zu bringen können glaube (vgl. 2003: 106). Er spielt damit auf die klassische Logik an, gemäss der für eine beliebige Aussage nur die Aussage selbst oder ihr Gegenteil gelten kann. Eine dritte Möglichkeit kann es nicht geben.
Dieser dritte Wert als ausgeschlossene Möglichkeit erfüllt ihm gemäss zwei Funktionen (vgl. 2003: 110f). Einerseits erlaubt er, die binären Schematismen sozialer Systeme sowohl anzunehmen als auch abzulehnen. Dabei beruht die Annahme auf der selektiven Ablehnung mehrdeutiger Einwände gegen die eindeutigen Codes sozialer Systeme. Erinnern wir uns: Bei Kultur geht es immer um Sicherheit und Unruhe. Durch Annahme bzw. selektive Ablehnung versichert sich eine soziale Ordnung ihrer selbst und bleibt doch immer auch etwas verunsichert.
Andererseits verbindet die Gesamtheit dieser dritten Werte die Gemeinsamkeit, dass sich soziale Systeme durch selektive Ablehnung immer auf sie beziehen. Die Gesamtheit der dritten Werte als ausgeschlossene Möglichkeiten bildet dadurch ein Kondensat an Überschusssinn. Dieser resultiert nach Luhmann aus dem Zusammenwirken aller Kommunikationsmedien (Verstehens-, Verbreitungs- und Erfolgsmedien), indem Sinnformen kondensiert und zugleich auch konfirmiert werden (vgl. 2015: 409).
Kondensieren bedeutet in diesem Zusammenhang, dass eine bestimmte Sinnform in verschiedenen Situationen immer dieselbe bleibt. Damit wird ein Verweisungszusammenhang zwischen einer spezifischen Sinnform und einem spezifischen Sachverhalt hergestellt, der zur Wiederbenutzung in Kommunikationen zur Verfügung steht. Wir haben es beim Kondensieren also mit einem Prozess des Spezifizierens zu tun.
Konfirmieren indes bedeutet, dass eine bestimmte Sinnform in verschiedenen Situationen bestätigt wird und sich gleichzeitig mit neuen «Bedeutungen anreichert» [sic!]. Dabei entsteht ein Überschusssinn, der über den jeweiligen Sachverhalt hinausreicht. Beim Konfirmieren haben wir es also mit einem Prozess des Generalisierens zu tun. Wobei Generalisierung immer als Einschränkung des Möglichen (Bestätigung) und zugleich als Sichtbarmachen neuer Möglichkeiten (Anreicherung) zu verstehen ist.
Der dergestalt produzierte Überschusssinn umfasst die potenziellen Einwände der Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit sozialer Systeme. Wir können ihn im «Alltag» verorten, wir können ihn «Realitätsunterbau» nennen oder als «dritte Werte» bezeichnen.
Wir folgen in diesem Zusammenhang einem Vorschlag von Jochen Hörisch. Der Literatur- und Medienwissenschaftler bezeichnet in seinem Buch «Bedeutsamkeit» bedeutsame Sachverhalte als Sachverhalte, denen sinnprozessierende Systeme zwar keinen Sinn abverlangen können, dennoch aber davon ausgehen, dass sie von Bedeutung sind. Er sieht Bedeutsamkeit deshalb als ein dem Sinn zugrundeliegendes Medium: «Bedeutsamkeit ist ein Medium, Sinn ist eine Form. Bedeutsamkeit liegt Sinn voraus, denn Bedeutsamkeit ist die Möglichkeitsbedingung von Sinn» (2009: 16).
Baecker erkennt im Begriff der Interpretation durchaus eine Parallele zwischen einer literatur- und sozialwissenschaftlichen Beschreibung von Kultur als Medium: «Interpretation in einem modernen Verständnis hat jedoch vor allem etwas mit der Erzeugung von Mehrdeutigkeit, von Überschusssinn, von bisher nicht gesehenen Bedeutungen zu tun. Interpretation ist die Eröffnung eines Sinnhorizonts, der als endlich, aber unausschöpfbar gilt. Er ist endlich, weil er nur im Verhältnis zu den Interpretationen einer konkreten Kultur existiert. Und er ist unasschöpfbar, weil diese Interpretationen nicht zu einem Ende zu bringen sind» (2003: 80).
Wenn wir nun die Frage nach dem Medium der Metakommunikation beantworten wollen, dann vermuten wir, dass Überschusssinn das Medium ist, in dem Metakommunikation operiert und sich mit der Bedeutsamkeit ihr eigenes Medium schafft.
Mit Blick auf die These der doppelten Schliessung halten wir also fest, dass soziale Systeme auf der Ebene der ersten Schliessung mit den Mitteln der Kommunikation Sinn und auf der Ebene der zweiten Schliessung mit den Mitteln einer parallel mitlaufenden Metakommunikation Überschusssinn prozessieren.
Kultur als Form
Wenn wir Überschusssinn als Medium der Metakommunikation auffassen, dann stellt sich die Anschlussfrage nach deren beobachtbaren Formen. Denn der Überschusssinn wird – wie jedes Medium – erst durch seine konkreten Formungen temporär aktualisiert und damit wahrnehmbar.
Beobachten wir Metakommunikation im Kontext von Kultur auf ihre Formen hin, dann können wir nach Baecker folgende Auffälligkeit feststellen (vgl. 2003: 105f): Zum einen lässt sich Metakommunikation wie Kommunikation als Beobachtung von Unterscheidungen beschreiben. Zum anderen unterscheidet sich die Beobachtung von Metakommunikation in spezifischer Hinsicht von jener der Kommunikation. Der spezifische Unterschied liegt darin, dass die Beobachtung von Metakommunikation als Einwand der Mehrdeutigkeit gegen die Eindeutigkeit sozialer Systeme auffällig wird.
Metakommunikation ist der kommunikative Einwand ausgeschlossener Möglichkeiten gegen die eindeutigen Unterscheidungen der Kommunikation. Kultur als Form bedeutet demnach die Möglichkeit, dass das in Kommunikation Ausgeschlossene über Metakommunikation wieder eingeführt wird. Etwas zugespitzt könnten wir sagen: Die eindeutigen Unterscheidungen sozialer Systeme lösen und der kulturelle Einwand der Mehrdeutigkeit schafft Probleme. Dieser Widerspruch wird nach Luhmann durch eine vergleichende Kontrolle handhabbar gemacht.
«Eine strukturelle Analyse der möglichen Kulturformen», so Luhmann, «könnte beim Problem des Vergleichs und der Kontrolle ansetzen» (2015: 410). Die Wiedereinführung von Mehrdeutigkeit durch Metakommunikation erzwingt einen fortlaufenden Vergleich mit alternativen Möglichkeiten. Und Kontrolle, so betont Luhmann, habe mit dem Bewusstsein zu tun, dass sich die Wiedereinführung von Mehrdeutigkeit eben nicht vollständig kontrollieren lasse (vgl.: ebd.).
Trotzdem vermag Kultur als Metakommunikation die Kommunikation zu regulieren und vollzieht damit die zweite Schliessung sozialer Systeme. Im Zusammenspiel von Kommunikation und Metakommunikation, in dieser «doppelten Bewegung», versichern sich soziale Systeme bald ihrer selbst und lassen sich bald beunruhigen.
Mit der vergleichenden Kontrolle eröffnet sich eine interessante Parallele zu Harrison C. Whites Hauptwerk «Identity and Control». Gemäss seiner Analyse von Netzwerkstrukturen sind Identitäten in Netzwerkdomänen fortlaufend damit beschäftigt, dergestalt auf das Beziehungsgeflecht einzuwirken, dass sie ihre eigene Position kontrollieren können.
Die Erweiterung der Vergleichs- und Kontrollmöglichkeiten gehen nach Luhmann einher mit der Evolution von Kommunikationsmedien. Sie beginnt mit der Schrift und setzt sich über den Buchdruck bis hin zum Computer fort (vgl.: 2015: 410). Mit dieser Beobachtung verweist Luhmann auf die Funktion der Kommunikationsmedien als soziales Gedächtnis. Denn erst die Fixierung von Sinnangeboten erweitert die Möglichkeit des vergleichenden Kontrollierens über Raum und Zeit hinweg.
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Kultur lässt sich andererseits anhand der Unterscheidung zwischen Erinnern und Vergessen auch als soziales Gedächtnis beschrieben. So wie wir Metakommunikation als eine mitlaufende Kommunikation über Kommunikation auffassen können, so können wir auch das soziale Gedächtnis als eine mitlaufende Beobachtung über Beobachtung auffassen. Als Metabeobachtung schränkt diese Beobachtung zweiter Ordnung aufgrund vergangener Möglichkeiten von Kommunikationen den Möglichkeitsspielraum künftiger Kommunikationen ein. Das soziale Gedächtnis bietet also Orientierung an und stellt eine gewisse Konsistenz in Kommunikationen sicher.
In seinen Ausführungen über das soziale Gedächtnis entfaltet Niklas Luhmann die Frage, wie es in einem evolvierenden sozialen System möglich ist, bestimmte Unterscheidungen zu treffen, und wovon es abhängt, dass eine Unterscheidung so und nicht anders getroffen wird (vgl. 2015: 577). Diese Fragen interessieren mit Blick auf Kultur insofern, als die Operation des Unterscheidens und Hinweisens für die Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung eines sozialen Systems unerlässlich ist.
Eine erste Antwort auf diese Fragen gibt Luhmann mit dem Hinweis auf die Funktion des sozialen Gedächtnisses. Es dient weder dazu, in die Vergangenheit zurückzublicken, noch dient es dazu, Daten und Informationen zu speichern.
Es geht beim sozialen Gedächtnis einerseits darum, anlaufende Kommunikationen auf ihre Konsistenz bezüglich vorangegangener Kommunikationen zu prüfen. Eine Kommunikation greift immer auf Vergangenes zurück und greift auf Zukünftiges vor. Andererseits setzt das soziale Gedächtnis fortlaufend Verarbeitungskapazitäten frei, damit es sich für neue Informationen öffnen kann und sich nicht selbst blockiert. Vergessen ist eine zentrale Funktion des sozialen Gedächtnisses.
Die Einführung der Schrift, erklärt Luhmann in seiner «Einführung in die Systemtheorie», muss für die Gesellschaft ein Schrecken gewesen sein, weil alles, was einmal schriftlich mitgeteilt wurde, nicht mehr verschwand. Während psychische Systeme gleichermassen erinnern und vergessen, schränkt die Schrift das Vergessen in sozialen Systemen ein. «Noch dramatischer», so Luhmann, «wird es mit dem Computer, der alles abspeichert und [im Unterschied zu psychischen Systemen, Anm. CMS] das Problem hat, nicht vergessen zu können. Muss man eine Kompetenz schaffen, die löscht, was seit drei Wochen nicht mehr abgefragt wurde? Wie wird man das Gedächtnis im Computer wieder los?» (2020: 317).
Um auf die Fragen zurückzukommen, wie es möglich ist, dass soziale Systeme bestimmte Unterscheidungen treffen und wovon diese abhängen, können wir mit Luhmann antworten, dass sie es auf Basis ihres sozialen Gedächtnisses tun. Für die Beschreibung des sozialen Gedächtnisses sind zwei Unterscheidungen relevant.
Gegenwart ist nach Luhmann nichts anderes als die Unterscheidung zwischen Vergangenheit und Zukunft (vgl. 2015: 581ff). Gegenwart dauert so lange, wie ein soziales System Zeit in Anspruch nimmt, um mit Rückgriff auf die Vergangenheit und mit Vorgriff auf die Zukunft den Möglichkeitsspielraum für anlaufende Kommunikationen einzugrenzen. Anhand der Zwei-Seiten-Form können wir sagen, dass die Vergangenheit in die Zukunft wiedereingeführt wird und so eine fortlaufende Konsistenz von Kommunikationen absichert.
Beim Wiedereinführen einer Unterscheidung der Form erinnert sich i.d.R. das soziale Gedächtnis an die markierte Innenseite der Unterscheidung und vergisst deren unmarkierte Aussenseite. Das gleiche ist beim Wiedereintritt einer Form der Unterscheidung der Fall. Das soziale Gedächtnis erinnert sich der Form der Unterscheidung und vergisst dabei andere Formen der Unterscheidung. «Das Gedächtnis», so Luhmann, «operiert […] mit dem, was erfolgreich bezeichnet worden ist, und tendiert dazu, die andere Seite der Unterscheidung zu vergessen» (ebd.: 581).
Mit Rückgriff auf die Vergangenheit vergegenwärtigt sich das soziale Gedächtnis eines sozialen Systems der markierten Seiten von Unterscheidungen und erinnert sich mit Vorgriff auf die Zukunft der unmarkierten Seiten von Unterscheidungen. Damit wird ein Kreuzen der Grenze der Unterscheidungen möglich: «In der Gegenwart fungiert das Gedächtnis dann als Erinnern der Unterscheidung oder als Auswechseln der Unterscheidung […] oder als Ausgliederung dieser Unterscheidung aus dem Kontext der Unterscheidung […], um eine Vergangenheit zu gewinnen, die für die Zukunft einen Spielraum für Oszillationen bereitstellt» (ebd.: 582f).
Evolvierende soziale Systeme leuchten auf Basis ihres sozialen Gedächtnisses ihre Möglichkeitsspielräume aus, indem sie mit den Mitteln der Metabeobachtung in einer Unterscheidung der Form den Wert der markierten Innenseite mit dem Wert der unmarkierten Aussenseite wechseln oder die Form der Unterscheidung in andere Kontexte stellen.
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Die bisher entwickelten Unterscheidungen im Kontext des Kulturbegriffs können wir nun in einen allgemeinen Begriff der Kultur zusammenfassen und ihn anhand der Unterscheidung zwischen Metakommunikation und Metabeobachtung bestimmen. Wobei in dieser Unterscheidung die mitlaufenden Beobachtungen über die Selbstbeobachtung sozialer Systeme immer wieder in die mitlaufenden Kommunikationen über die Kommunikation sozialer Systeme wiedereingeführt werden. Das Zusammenspiel zwischen Metakommunikation und Metabeobachtung schliesslich führt zur kulturellen Schliessung eines sozialen Systems.
Es stellt sich nun die Frage, wie sich Kultur und Kulturformen verändern, wenn sich – erstmals in der Geschichte der Medienepochen – mit dem Computer ein Medium bzw. eine Maschine aktive an (Meta-)Kommunikation und (Meta-)Beobachtung beteiligt.
Nach Luhmann bezeichnet Kultur in der modernen Gesellschaft nichts anderes als das soziale Gedächtnis der Gesellschaft: «[…] also der Filter von Vergessen/Erinnern und die Inanspruchnahme von Vergangenheit zur Bestimmung des Variationsrahmens der Zukunft» (2015: 588).
Das soziale Gedächtnis kann als evolutionäre Errungenschaft aufgefasst werden, die den verschiedenen Medienepochen geschuldet ist. Dieser evolutionäre Prozess wirft die Frage auf, wie sich das soziale Gedächtnis mit der Einführung des Computers weiterentwickeln wird. Luhmann hat in «Die Gesellschaft der Gesellschaft» (vgl. 2015: 585f) die ersten drei Entwicklungsstufen kurz skizziert. Wir wollen mit dem Begriff des künstlichen Gedächtnisses eine vierte Stufe einführen.
|Kommunikationsmedium||Gedächtnis|
|Sprache||Topografisches Gedächtnis|
|Schrift||Mobiles Gedächtnis|
|Buchdruck||Soziales Gedächtnis|
|Computer||Künstliches Gedächtnis|
Wie wir oben bereits diskutiert haben, schränkt das soziale Gedächtnis mit dem Rückgriff auf die Vergangenheit und dem Vorgriff auf die Zukunft den Möglichkeitsspielraum von Anschlusskommunikationen in sozialen Systemen ein. Damit bietet es Orientierung an und stellt eine gewisse Konsistenz in Kommunikationen sicher. Doch genau diese Funktion des sozialen Gedächtnisses kann sozialen Systemen auch zum Nachteil gereichen.
Die Kultur der modernen Gesellschaft mit ihrem sozialen Gedächtnis gleichgesetzt, hält Luhmann fest, dass «Kultur sich nicht als beste aller Möglichkeiten begreift, sondern eher die Vergleichsmöglichkeiten dirigiert und damit zugleich den Blick auf andere Möglichkeiten verstellt. Kultur verhindert, anders gesagt, die Überlegung, was man anstelle des Gewohnten anders machen könnte» (ebd.).
Im Anschluss an Watzlawicks Buch «Lösungen» können wir vermutlich auch für soziale Systeme annahmen, dass sie aufgrund ihres sozialen Gedächtnisses bzw. ihrer Kultur in einem Modus des Wandels erster Ordnung gefangen sind und für die Entdeckung neuer Lösungen nicht in den Modus eines Wandels zweiter Ordnung gelangen können (vgl. Watzlawick et al. 2020).
Ein Wandel zweiter Ordnung wäre für soziale Systeme erst möglich, wenn mit der Einführung eines neuen Leitmediums die angestammten Strukturformen und damit auch die Kulturformen aufgebrochen würden. Ganz neue Möglichkeiten der Kommunikation und der damit einhergehende Überschusssinn könnten den Blick auf andere Möglichkeiten freilegen.
Mit der Einführung des Computers haben soziale Systeme mit einem neuen Kommunikationsmedium und zusätzlich mit einem neuen Kommunikationspartner in ihrer Umwelt zu rechnen. Diese neue Medienepoche führt zu einer Weiterentwicklung des sozialen Gedächtnisses und seiner Funktion. Im Anschluss an Espositos Ausführungen über künstliche Kommunikation wollen wir von einem künstlichen Gedächtnis sprechen.
Um die Emergenz des künstlichen Gedächtnisses und dessen Funktion zu beobachten, kann ein Blick auf das Verhältnis zwischen dem Gedächtnis von Bewusstseinssystemen und dem Gedächtnis von sozialen Systemen aufschlussreich sein. Luhmann verweist diesbezüglich auf zwei zentrale Aspekte, nämlich die «Eigenleistung» eines sozialen Gedächtnisses und die notwendige «Mitwirkung» der Gedächtnisse von Bewusstseinssystemen.
Das soziale Gedächtnis ist nach Luhmann nicht mit dem sogenannten kollektiven Gedächtnis, das auf den Erinnerungsleistungen der einzelnen Bewusstseinssysteme beruht, zu verwechseln. Vielmehr handelt es sich beim sozialen Gedächtnis um eine Eigenleistung sozialer Systeme: «Allein dadurch, dass jede Kommunikation bestimmten Sinn aktualisiert, wird ein soziales Gedächtnis reproduziert; es wird vorausgesetzt, dass die Kommunikation mit dem Sinn etwas anfangen kann, ihn gewissermassen schon kennt, und es wird zugleich durch wiederholten Gebrauch derselben Referenzen bewirkt, dass dies auch in künftigen Fällen so ist» (ebd.: 584).
Oder wie Luhmann in «Die Realität der Massenmedien» erklärt: «Gedächtnis konstruiert Wiederholungen, also Redundanz, mit fortgesetzter Offenheit für Aktuelles, mit ständig erneuerter Irritabilität. […] Das Gedächtnis kompensiert, ja überkompensiert den fehlenden operativen Umweltkontakt durch Eigenleistungen des Systems und ermöglicht zugleich eine vorübergehende Einstellung auf vorübergehende Lagen. Durch Markierung des Geläufigen wird das im Sprung von Operation zu Operation an sich zu erwartende (und nahezu vollständig funktionierende) Vergessen verhindert und das aus Anlässen aktivierte Re-imprägnieren zugleich an Lernvorgänge gebunden» (1996: 76).
Wenn wir den Begriff des künstlichen Gedächtnisses einführen wollen, dann müssen wir einerseits klären, was dessen Eigenleistung sein könnte.
In «Gesellschaft der Gesellschaft» erklärt Luhmann hinsichtlich der Mitwirkung anderer Gedächtnisse: «Dies laufende Reimprägnieren von kommunikativ brauchbarem Sinn und das entsprechende Vergessen setzt eine Mitwirkung von Bewusstseinssystemen voraus, ist aber unabhängig davon, was einzelne Individuen erinnern und wie sie aus Anlass der Mitwirkung an Kommunikation ihr eigenes Gedächtnis auffrischen» (2015: 584).
Wenn wir ein künstliches Gedächtnis behaupten, dann müssen wir andererseits dessen Verhältnis zu anderen Formen des Gedächtnisses klären.
Bevor wir diese zwei Klärungen angehen, müssen wir vor dem Hintergrund des Leitmediums Computer und mit Blick auf das künstliche Gedächtnis das Problem des Vergessens diskutieren. Erinnern wir uns: Luhmann behauptet, dass das Vergessen eine zentrale Funktion des Gedächtnisses sei, damit es sich für neue Informationen öffnen könne und sich nicht selbst blockiere. Und er war sich mit Blick auf den Computer des Problems des Vergessens durchaus bewusst, als er im Wintersemester 1991/92 beklagte, dass der Computer eben nicht vergessen könne.
Was Luhmann zu seiner Zeit noch nicht ahnen konnte, war das Ausmass des Nichtvergessens. Aufgrund der exponentiellen Zunahme der Kapazitäten von Computern und der immer dichteren Vernetzung von Menschen, Maschinen und Dingen steigen die gespeicherten Datenmengen rasant an. Dieses Phänomen wird gegenwärtig unter dem Begriff «big data» diskutiert.
Dass das Problem des Vergessens im Kontext von «big data» in der Gesellschaft angekommen ist, zeigt die vorab in Europa geführte Debatte um das «Recht auf Vergessen». Zwar kann diese Debatte das Problem im Rahmen des Rechtssystems behandeln, dies ändert aber nichts Grundsätzliches daran, dass alle sozialen Systeme (Gesellschaft, Organisationen und Interaktionen)neue Strukturen entwickeln müssen, um diesen Überschuss an Daten handhabbar zu machen. Die gegenwärtigen Semantiken für die nächste Gesellschaft reichen vom Überwachungsstaat chinesischer Provenienz bis hin zum Überwachungskapitalismus à la Silicon Valley.
Die stetig wachsende Datenmenge ist mitunter einer Konvergenz des topografischen, mobilen und sozialen Gedächtnisses im Internet geschuldet. Vernetzte Computer protokollieren Gespräche von Menschen sowie Signale von Dingen und registrieren deren Standorte. Sie speichern Schrift, Bilder, Bewegtbilder und machen diese allgegenwärtig zugänglich. Und sie dokumentieren funktionsspezifische Kommunikationen und Anschlusskommunikationen sozialer Systeme. Computer können wir in diesem Zusammenhang als ein konvergentes, multimediales Medium auffassen.
Wenn wir den Computer allerdings als Medium und Maschine auffassen, dann müssen wir auf die Frage der Mitwirkung zurückkommen. Einerseits können wir festhalten, dass wie am topografischen, mobilen und sozialen Gedächtnis auch am künstlichen Gedächtnis Bewusstseinssysteme mitwirken. Andererseits wirken am künstlichen Gedächtnis erstmals auch die Betriebssysteme der Computer mit. Dies mit Folgen auf die Eigenleistung und die Funktion des künstlichen Gedächtnisses.
Während die Eigenleistung und Funktion des sozialen Gedächtnisses darin besteht, mittels Aufbaus von Redundanz ein systemeigenes Gedächtnis in Form von Realitätsannahmen zu konstruiert, die Kommunikationen und Anschlusskommunikationen dirigieren, erweitert das künstliche Gedächtnis mit Rückgriff auf alle akkumulierten Informationen und Daten den Spielraum für Anschlusskommunikationen und gibt damit dem Blick frei für andere, überraschende Möglichkeiten. Anhand der Zwei-Seiten-Form können wir sagen, dass das soziale Gedächtnis auf der markierten Seite der Gewohnheiten und das künstliche Gedächtnis auf der unmarkierten Seite der Überraschungen operiert.
Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass am künstlichen Gedächtnis auch Betriebssysteme mitwirken, handelt es sich bei diesen Überraschungen nicht um irgendwelche andere Möglichkeiten, sondern um Möglichkeiten, die aus einer Simulation künftiger Anschlusskommunikationen unter Berücksichtigung eines spezifischen Problems resultieren.
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Das Problem, das das künstliche Gedächtnis löst, ist das Herausdestillieren anderer, optimaler Möglichkeiten der Anschlusskommunikation. Das bedeutet, dass die Kultur der nächsten Gesellschaft nicht bloss ein vergleichendes Kontrollieren, sondern ein vergleichendes Optimieren ist.
Mit Blick auf die Medienepochen hält Luhmann in seiner im Wintersemester 1991/92 an der Universität Bielefeld gehaltenen Vorlesung «Einführung in die Systemtheorie» fest, dass sich mit der Einführung eines neuen Verbreitungsmediums jeweils auch die Techniken für die Annahme von Kommunikation – in Form eines «Kulturrevolutionsprograms» – veränderten.
Zum Zeitpunkt seiner Vorlesung stellte er sich jedoch auch die Frage, ob eine «reflektierte Verständigung» nicht auch auf Basis von Ablehnung möglich sei. Konkret: Ob es nicht die Möglichkeit gebe, «den anderen bei seiner Überzeugung zu belassen, ihn nicht zu bekehren, ihn nicht zu einem aufrichtigen Ja zu bringen, aber eine Verständigung zu erreichen, die genau diese Toleranz des Neins gleichsam für den Moment und auf Widerruf neutralisiert. Das Nein bleibt als Wahrscheinlichkeit vorhanden, aber man verständigt sich, wir machen es mal so, mal so. Mal bekommst du recht, mal bekomme ich recht. Wir steigern etwa die Unsicherheit in Bezug auf das Richtige so stark, dass man etwas ohnehin nur noch pragmatisch machen kann und dass es letztendlich egal ist, sofern die Positionen widerrufbar bleiben» (2020: 297f).
Luhmann stellte damals diese Überlegungen mit Blick auf die Forschung im Bereich von Risikotechnologien (z.B. Kernenergie) an. Diese Überlegungen scheinen unseres Erachtens aber auch einen guten Ausgangspunkt für die Erkundung einer neuen Kulturform der nächsten Gesellschaft zu sein.
Vorausschauend skizzierte Luhmann: «Es könnte also sein, dass unser bisheriges Kulturprogramm, wenn man es einmal so nennen darf, der Rhetorik, Persuasivtechnik, Beweisführung, Herrschaft, Geld oder Liebe (als ein Kommunikationsphänomen) die Grenzen dieser Technik erreicht hat und dass wir auf harte Weise lernen müssen, mit Verständigungen zu arbeiten, die nicht als Durchgriff auf wirkliche Meinungen konzipiert sind. So ähnlich wie in der Zeit des mühsamen Lernens religiöser Toleranz» (2020: 298f).