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“Stellen Sie sich nur mal vor”, so hat ein Referent vor ein paar Jahren an einer Kaffeetagung seinen Vortrag eröffnet, “die Chinesinnen und Chinesen würden Kaffee für sich entdecken. Können Sie sich das Ausmass vorstellen?” Was vor ein paar Jahren für viele noch sehr hypothetisch klang und nicht greifbar war, hat durch eine Schlagzeile Ende 2023 die Aufmerksamkeit der Branche auf sich gezogen und die Kaffeewelt aufgerüttelt: so hat nämlich die Teenation China seit Ende des letzten Jahres mehr Coffee Shops als die bis dato unbestrittene Führerin der To Go-Läden USA. Der Reihe nach.
Der Ursprung und wegweisende Moment für den modernen Coffee Shop wird gerne ins Jahr 1966 datiert, als in Berkeley (San Francisco Bay Area) das Peet’s eröffnete und damit die Basis für den später daraus entstehenden Giganten Starbucks gelegt wurde. Der Kaffee, gerne auch als Nüchternmacher der Nationen angesehen, griff auch entscheidend in die Arbeitsmoral der Bevölkerung ein. Denn er verdrängte im 19. Jahrhundert den Alkohol vom Speiseplan und wurde etwa in der Schweiz zum Begleiter der ebenfalls noch jungen morgendlichen Kartoffelspeisen.
Coffee To Go wurde zum Synonym der Vereinigten Staaten.
Und so ging die Kaffeekultur des konsumierenden Westens einem weiteren Wandel entgegen. Hat man in den 1860er Jahren noch den durch John Arbuckle initiierte erstmalige Verkauf von geröstetem Kaffee in 500gr Beutel gefeiert und somit das Leben der damaligen Hausfrau erleichtert (so hiess es in den zahlreichen Bewerbungen des Kaffeebeutels) oder im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts die Erfindung der Melitta Filter, der Espressomaschine oder des löslichen Kaffees gepriesen, so wollte man sich nun in den 1980er Jahren noch unabhängiger, noch schneller, noch unkomplizierter verpflegen können. Mit Starbucks wurde ein Gigant geboren, der bis heute einen enormen Einfluss auf die ganze Wertschöpfungskette des Kaffees hat. Die USA war seither der unangefochtene Leader der Anzahl Coffeeshops. Coffee To Go wurde zum Synonym der Vereinigten Staaten.
Zurück zu meinem Vortrag und der Frage “Können Sie sich das Ausmass vorstellen”? Die Ruhe im Saal liess vermuten, dass sich bis dato nur wenige damit beschäftigt hatten (oder damit beschäftigen wollten) und die Frage des Ausmasses niemandem wirklich unter den Fingernägel brannte. Ende des letzten Jahres hat uns nun die Teenation China selbst die Antwort auf die Frage gegeben. Die Chinesinnen und Chinesen haben nämlich im Jahr 2023 pro Person 5 Tassen Kaffee getrunken. Bescheiden, so scheint es, wenn wir es beispielsweise mit den Amerikanern vergleichen, die jährlich 363 Tassen pro Person aufs Konto bringen. Eine kurze Milchbüchleinrechnung zeigt uns folgenden Vergleich:
Wenn die Chinesinnen künftig nur schon einen Viertel so viel Kaffee trinken würden wie die Amerikanerinnen, so würden sie den pro Kopf Konsum bereits egalisieren und den Weltkonsum um knappe 15% nach oben jagen. Die Lust der chinesischen Y- und Z-Generationen am westlichen Lifestyle treibt den Kaffeekonsum in Rekordtempo voran. So lassen uns folgende Zahlen erneut aufhorchen. Am Ende des letzten Jahres wurden in China knapp 50’000 Coffee Shops gezählt. Von diesen 49’691 Läden wurden 58% im Jahr 2023 eröffnet! Alleine die chinesische Kette Coti, beispielsweise, hat 6004 Outlets ins Leben gerufen. Um’s auf den Punkt zu bringen: erstmals wurde die USA als Leader der Coffee Shops vom Thron gestossen. Und dies durch die Geburtsstätte des Tees, die nun mehr Kaffeeläden aufweist, als die Geburtsstätte der Coffee Shops selbst.
Nun ja. Tee und Kaffee gedeihen in ähnlichen Anbauvoraussetzungen. Beide benötigen genügend Wasser, ausreichend Wärme und eine ähnliche Bodenzusammensetzung. Kaffee jedoch ist viel anfälliger für kalte Temperaturen. Diese Voraussetzungen für einen gelungenen Anbau findet man in China, welches für einen Drittel der weltweiten Teeproduktion verantwortlich ist, im Südwesten des Landes. In der Region Yunnan gedeiht 95% des nationalen Kaffees. Hainan (Island) und Fujian spielen eine Rolle im Robusta Markt. Ganze eindrückliche 60% des in Yunnan produzierten Kaffees kommen dabei aus einer einzelnen Gegend, aus Pu’er.
Ende Februar 2024 hat Sucafina, eine Schweizer Rohkaffeehänderlin, die grösste Wet Mill in Yunnan eröffnet. Gleichzeitig die Grösste, die Sucafina weltweit betreibt. Die State of the Art Wet Mill ist mit Solar-Wassererhitzer ausgestattet und kann unter anderem in einer Stunde über 15 Mio Kirschen prozessieren. Mit 4.2 Millionen 60-kg Säcke Rohkaffee gilt China, die Teenation, als neuntgrösste Kaffeproduzentin weltweit. Weitere beeindruckende Zahlen, in einem Land, in dem bis vor drei, vier Jahren der Kaffee kaum geschätzt wurde. Chinas Exportmenge an Rohkaffee deckt grob geschätzt den schweizerischen Konsum ab.
Die steigende Lust am Kaffee der Menschen aus dem Land der Mitte hat bereits zu wegweisenden Verkündigungen geführt. So hat das Australien Open kürzlich verlauten lassen, dass Luckin Coffee der offizielle Kaffee Partner in China und Südostasien wird. Luckin Coffee hat als grösste chinesische Kette seit 2017 mehr Shops als Starbucks, der bis dahin dominierende Player auf dem Coffee Shop Markt.
Luckin Coffee verdrängt Lavazza als Partner vom Australien Open
Und dies, obwohl Lavazza seit 2015 die Partnerin aller vier Grand Slam Turniers ist. Dass das Australien Open gerade Luckin Coffee als Partner wählt, dürfte bei den einen oder anderen mehrere Fragezeichen aufwerfen. Denn die Kette hatte in den Jahren 2019/20 für viele negative Schlagzeilen rund um Betrug und Insolvenz gesorgt. Der COO hatte Umsatzzahlen in Millionenhöhe gefälscht, was letztendlich zur Delistung in der Börse führte. Trotz den Betrugsskandalen und Insolvenz hat sich Luckin Coffee wieder zurückgekämpft. Durch strengere internen Kontrollen möchte man das Vertrauen von Investoren und Kunden zurückgewinnen. Für die Organisatoren des Grand Slam Turniers scheinbar überzeugend genug.
Als Teil der mehrjährigen Partnerschaft will Luckin Coffee auch co-gebrandete Artikel wie Becher und Papiersäcke in ihren über 13’000 Shops in China und Singapur einführen. Gut möglich, dass diese in China selbst hergestellt werden, was die eigene Wirtschaft ankurbeln würde.
Das gestiegene Interesse des Kaffees hat nebst dem Einfluss auf den Kaffee selbst auch Auswirkung auf Kaffee-Nebenprodukte. Maschinenhersteller sowie Fabrikanten von Barista-Tools seien gewappnet. Noch vor 10 Jahren hat niemand eine Espressomaschine besessen, 2022 waren es schon ein Viertel aller Kaffeetrinkenden.
Auch die Präferenz der Kaffeezubereitung hat sich verändert. Cappuccino ist zum beliebtesten Getränk geworden und hat den bis dato hoch geschätzten Instantkaffee abgelöst. Die gestiegene Lust auf Milchgetränke zieht eine weitere interessante Zahl mit sich. Noch 1949 gab es 120’000 Milchkühe. Heutzutage sind es 13 Millionen.
Fast täglich erreichen uns Kaffee-Nachrichten aus dem Reich der Mitte sowie dem ganzen asiatischen Raum. Die Philippinen und Malaysia experimentieren mit den Spezien Liberica und Excelsa, Vietnam bringt Specialty Arabica hervor, Indien und China präzisieren ihre Nachernteprozesse und bringen Kaffees mit hohen SCA-Scores auf den Markt. Zusammen treiben die Menschen den Kaffeekonsum mit mannigfacher Power nach oben. Top Qualität wird gesucht und geschätzt und als Prestige-Objekt auch dementsprechend bezahlt. Eine Lieblings-Varietät ist Geisha, welche vor allem durch den teeähnlichen Charakter und die delikaten, blumigen Noten punktet.
Die Lust der jungen Generationen im asiatischen Markt an Kaffee ist enorm.
Und zwar nicht nur an warmen, sondern vor allem auch an kalten Getränken. Ihr Konsumverhalten wird auch in unseren Breitengraden spürbar sein. Vor allem in den touristischen Regionen, in deren Cafés wir vermehrt Gäste aus Asien empfangen werden. Wer Kaffees ohne erschlagende Bitterkeit und ohne Aromen von verbranntem Pneu und Toast anbieten wird, der wird die neugierigen und offenen Besucher für sich gewinnen können.
Denn mit ihnen wird sich wohl auch die Nachfrage in den Gastronomien und Hotellerie verändern: Es braucht nicht nur mehr Kaffee, sondern auch bessere Qualität und andere, dem asiatischen Gaumen angepasste Flavours. Wie sagt man so schön? You do the math.