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Schweizer Musikforschung aktuell
Soeben ist der 31. Band des Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft erschienen. Darin finden sich Aufsätze über Franz Liszts Liedästhetik, oder zu postmoderner Zeitlichkeit bei Luciano Berio sowie, passend zum Jubiläum von Wagner und Verdi, Beiträge zur Verdi-Rezeption und zum «Ring des Nibelungen».
Die 31. Ausgabe vereint sieben wissenschaftliche Beiträge der Schweizer Musikforschung. Besonders erfreulich ist die Mitarbeit von drei an Schweizer Universitäten lehrenden MusikwissenschaftlerInnen, so Ivana Rentsch (Zürich), Massimo Zicari (Lugano) und Luca Zoppelli (Fribourg). Letzterer ist zugleich der Herausgeber des aktuellen Bandes. Auch der Forschungsnachwuchs hat sich am Inhalt beteiligt, namentlich Violeta Struijk van Bergen (Genève) und Samuel Rusch (Zürich), welche beide an Schweizer Hochschulen studierten.
Ivana Rentsch widmet sich der kritischen Rezeption der Lieder von Franz Liszt. Hierbei untersucht sie Rezensionen von Liszts Zeitgenossen, die den Liedern fehlende Einfachheit und einen deklamierenden Stil vorwerfen, allen voran Eduard Hanslick: «Die einfachsten lyrischen Gedichte zwingt Liszt gern in eine ungeahnte hochdramatische Auffassung, welcher keine Modulation zu kühl ist, kein rhythmischer Wechsel zu schroff, kein harmonisches Gewürz zu stark ist.» Dabei schlägt sie einen Bogen zur Deklamation und dem experimentellen Tonsatz des sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts etablierenden Melodrams.
Mit der Liedhaftigkeit der Sonate für Violine und Klavier op. 100 von Johannes Brahms, besser bekannt als Thuner Sonate, beschäftigt sich Cesare Fertonani. Anhand anschaulicher Notenbeispiele macht er auf diverse musikalische Zitate aus Brahms eigenen Liedern über Texte von Klaus Groth aufmerksam, die die Freunde gemeinsam mit der Sängerin Hermine Spies zur Aufführung brachten. Max Kalbeck, einer der ersten, welcher eine Biografie von Johannes Brahms veröffentlichte, berichtet ausführlich über die Entstehung dieser Liedersonate. Die poetische Idee dieses Werks, gedeutet vom Inhalt der ursprünglichen Lieder her, könnte laut Fertonani Ausdruck einer Kluft zwischen menschlicher Hoffnung und Realität sein.
Violeta Strujik van Bergen diskutiert die Liedgattung saeta, die während der Prozessionen der semana santa in Andalusien Tradition hat. Besonderes Augenmerk richtet sie auf den Komponisten Joaquín Turina, sowohl auf die musikalischen Werke wie auch auf seine schriftlichen Äusserungen. Mit verschiedenen Techniken hat Turina die saeta in seine Kompositionen integriert. Als Vertreter der sogenannten Spanischen Schule war er massgeblich an der Suche nach einer nationalen, authentischen Musiksprache, die Volkslieder mit Kunstmusik verbindet, beteiligt.
Anlässlich des Verdi-Wagner-Jahres 2013 widmen sich auch im Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft zwei Beträge diesen Komponisten. Massimo Zicari thematisiert den konservativen und kompromisslosen Londoner Musikkritiker Henry Fothergill Chorley. Dieser rügt in Verdis I Lombardi lärmende, mit den Sängern unisono erklingende Orchestrierungen und prognostizierte dem Meister der italienischen Oper keine langanhaltende Karriere. Eingehend auf die Musik von Nabucco, Ernani und I Lombardi, die in London zwischen 1845/46 aufgeführt wurden, versucht Zicari die Gründe für Chorleys vernichtende Kritiken zu eruieren.
Mit dem vermeintlichen Kontrahenten Verdis befasst sich Luca Zoppelli. In Richard Wagners Der Ring des Nibelungen differenziert er einerseits verschiedene Genretypen, aber auch benutzte Codes der französisch-italienischen Operntradition und zeigt damit, dass Wagners Tetralogie durch die Fülle an kulturellen Konnotationen eine globale Bedeutung erhält.
Gleich zwei Autoren beschäftigen sich mit dem italienischen Komponisten Luciano Berio. Giordano Ferrari fokussiert sich auf die Analyse und die vokale Konzeption der Messa in scena Passaggio. Der Beitrag basiert auf Recherchen, die im Archiv der Paul Sacher Stiftung in Basel getätigt wurden. Samuel Rusch stellt die Frage nach Kontinuum oder Singularität in einer postmodernen Zeitlichkeit. Er untersucht den postmodernen Ansatz im Œuvre Luciano Berios im Hinblick auf die Philosophie Das postmoderne Wissen von Jean-François Lyotards, der mit Ernst Bloch und Theodor W. Adorno zu den wichtigsten Musikphilosophen des 20. Jahrhunderts gehört.
Ein grosser Dank gilt den Mitarbeitenden der Redaktion Andrea Garavaglia , Christoph Riedo und Delphine Vincent sowie dem Forschungspool der Universität Freiburg und der Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften für die finanzielle Unterstützung ohne welche die Realisierung dieser Publikation nicht möglich gewesen wäre.
Schweizer Jahrbuch für Musikwissenschaft/Annales Suisses de Musicologie/Annuario Svizzero di Musicologia, Neue Folge/Nouvelle Série/Nuova Serie 31 (2011), Bern etc.: Lang 2013, 272 S., ISBN 978-3-0343-1011-3, ca. sFr. 81.–