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EINS
Wenn ich an das Haus denke, fällt mir zuerst die Stille ein. Die Geräuschlosigkeit ergab ein Rauschen, nur gebrochen vom Wind, der gegen die Fenster presste. Manchmal hörte man den Holzboden, wenn Körper sich auf ihm bewegten. Der Boden knarrte, wenn jemand die obere Etage entlanglief. Ab und zu das Klappern von Tellern dazu, das Ausschlagen von Stoffen oder das Knacken von Tante Wegas Fingern. Ich glaube, dass ich das Geräusch von Wegas Fingern eine Weile dem Holzboden zuordnete. Ich stellte mir vor, wie jemand auf eine Bohle trat, die sich knackend gegen die beiden angrenzenden schob. Erst später kam das Bild dazu, wie Tante Wega einen Finger nach dem anderen zu ihrem Handgelenk drückte. Manchmal, wenn der Finger – in die eine Richtung gebogen – kein Geräusch von sich gab, dehnte sie ihn in eine andere. Wenn er auch dann nicht knackte, schüttelte sie die Hände aus und probierte es noch einmal mit mehr Druck und zusammengezogenen Augenbrauen. Wenn man Wega fragte, ob ihr das nicht wehtat, schüttelte sie heiter den Kopf, sodass ihre Locken sprangen.
Ich mochte Tante Wegas Warmherzigkeit und dass sie mich immerzu auf ihren Schoß bat, als Mutter es nur noch selten tat. Wenn ich einen Raum betrat, in dem sich Wega aufhielt, klopfte sie auf ihre Schenkel, sobald sie mich sah, oder warf mir die Arme entgegen. Nur wenn die Nacht den Tag ablöste, bekam Wega etwas Angsteinflößendes, Entrücktes. Ihre Augen wurden stumpf, wenn sie in den Sternenhimmel gesehen hatte, und ich ließ mich nicht mehr gern von ihr in den Arm nehmen. Sie schien außerdem plötzlich nicht mehr zu hören, was um sie herum geschah. Es war, als verlöre sie jeden Bezug zu uns.
Obwohl ich Wega selten im Haus begegnete, ist sie in meinen Erinnerungen sehr präsent. Beinahe vordergründiger als Mutter, die abwesend für mich blieb, selbst wenn sie bei mir war. Dieses Gefühl war nicht immer da gewesen. In den verwaschenen ersten Lebensjahren hatten sich Mutters Kreise nie weit von mir entfernt. Wenn ich auf den Arm wollte, musste ich mich nur an ihre Waden lehnen, die sich meist in unmittelbarer Nähe befanden. Zwischen der Berührung meiner Hand mit Mutters Bein und der Berührung von Mutters Hand mit meinem Kopf lag kaum ein Augenschlag. Sie kraulte mich, wenn sie noch ein Gespräch beendete. Ihr Kraulen war mechanisch, manchmal fast grob, aber es vermittelte mir das Gefühl, dass sie mich registriert hatte. Ich wartete geduldig, denn ich wusste, dass sie sich bei nächster Gelegenheit zu mir herunterbeugen würde. Ich kann mir nicht erklären, weshalb ich dennoch einige Jahre später anfing, mich völlig verloren zu fühlen, mutterseelenallein, als würde weder der Weg von Mutter noch einer der anderen dem meinen gleichen, als wäre mein Weg bestimmt dazu, abseits zu laufen. Ich begann früh, mich zu fragen, ob ich hergehörte; ob der Platz im Haus ausreichen würde für die Distanzen, die sich zwischen mir und Mutter aufbauten.
Es häuften sich Situationen wie jene, in der ich auf dem Sofa saß und einen Keks von einem Teller aß, während Mutter mit dem Rücken zu mir am Esstisch im Wintergarten Platz nahm. Als ich den Keks aufgegessen hatte, stand ich auf und lief zu ihr hinüber, aber genau in dem Moment, in dem ich am Tisch ankam, nahm Mutter den letzten Bissen von ihrem eigenen Keks und erhob sich. Ich verpasste sie, und sie verpasste mich. Manchmal fühlte es sich an, als stieße mich das Gefüge im Haus vor seine Mauern, doch mich umgaben immer nur die Wände, die ich nicht durchdringen konnte.
An vielen Tagen sah ich Mutter nur morgens, wenn sie mich aus dem Bett holte, bei