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Was für eine schöne Überraschung! Wim Wenders’ jüngster Film, eine japanische Produktion, hat eine unerwartete Frische und Schönheit.
Hirayama (Koji Yakusho) ist ein Mann zwischen sechzig und siebzig. Er lebt alleine in einer kleinen Wohnung in Tokio und hat seine fixen Routinen.
Die erste halbe Stunde des Films führt diese ein. Er erwacht vom Geräusch des Besens des Strassenkehrers draussen, faltet sein Bettzeug zusammen, putzt die Zähne, wäscht das Gesicht und steigt in seinen Overall: «Tokyo Toilets».
Er geht die steile kleine Treppe hinunter, packt Schlüssel, Telefon, Münzen von dem kleinen Wandbrett in die Taschen, die Armbanduhr lässt er liegen. Draussen lässt er Dosenkaffee aus einem Automaten, steigt in sein Auto und fährt los.
Im Auto lässt er eine seiner unzähligen Audiokassetten mit klassischen Rocksongs aus den 1960er Jahren laufen (jede Fahrt ein Song).
Hirayama putzt öffentliche Toiletten, jene faszinierenden, von individuellen Künstlern gestalteten öffentlichen Toilettenhäuschen, die offenbar über einen guten Teil von Tokio verteilt sind.
Er putzt mit Hingabe, methodisch. Wenn er mit seinen Schwämmen hantiert, wirkt er wie ein Künstler beim Malen.
In der Mittagspause sitzt er im Park, fotografiert Bäume mit seiner kleinen Olympus-Analog-Kamera. Die Filmrollen bringt er am Wochenende zum Entwickeln.
Hirayama hat viele kleine Routinen. Er gräbt winzige Baumsprösslinge aus und pflegt sie in der Wohnung. Er geht nach der Arbeit ins öffentliche Bad. Er isst seine Nudeln immer in der gleichen Nudelbar, ausser am Wochenende, da besucht er das Restaurant einer Frau, die ihm sichtlich zugeneigt ist
Der Mann spricht so lange nicht, dass ich im Kino schon vermute, er sei stumm. Aber er grüsst freundlich. Er liest am Abend vor dem Einschlafen Bücher, Faulkner, Patricia Highsmith.
Wenn er schläft, träumt er wohl.
Jedenfalls sehen wir schwarzweisse Bilder von Episoden aus seinem Tag, oder seinen Fotos, die sich kunstvoll überlagern.
Diese Traumbildsequenzen unterteilen den Film in Kapitel, so wie die Rockklassiker im Auto die Tagesstimmung vorgeben.
Und als eines Tages die junge Niko vor seiner Tür steht, begrüsst er sie erstaunt mit Namen macht ihr seinen eigenen Schlafplatz bereit.
Niko ist, so stellt sich heraus, seine Nichte. Die Tochter seiner Schwester, mit der er seit Jahren keinen Kontakt mehr hat.
Niko bringt die Perfect Days durcheinander. Oder vielleicht bringt sie sie gar erst zum Vorschein?
Das ist ein minimalistischer Film, mit einer Hauptfigur zwischen Chaplin und Jarmusch, einem liebenswerten, ausgesprochen freundlichen Menschen, der sich in einem sehr einfachen Leben eingerichtet hat und sich nützlich macht.
Für Wim Wenders bietet die Geschichte von Hirayama viele Gelegenheiten, Dinge ins Bild zu rücken, die ihn offensichtlich faszinieren.
Allem voran diese kunstvolle Toilettenarchitektur. Dann aber auch der Blick eines Menschen, der anders schaut und wahrnimmt, auch, weil er kaum gesehen wird bei seiner Arbeit, oder jedenfalls nicht wahrgenommen.
Ausser vom Kinopublikum natürlich.
Und von Wim Wenders, der mit diesem Film zu einer Simplizität gefunden hat, zu einer poetischen Einfachheit, die man in seinem beeindruckenden Gesamtwerk bisweilen schmerzlich vermisst hat.
Der Film ist sichtlich eine Hommage an die japanische Kultur, aber auch an jenes klassische japanische Kino, das sehr einfach von Menschen zu erzählen wusste.
Arigato!