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Mit dem Ausbruch der als Covid-19 bezeichneten Erkrankung kommt auch die Frage nach dem Ursprung des Virus. Viele Erreger von Infektionskrankheiten stammen von Wildtieren. Wenn der Lebensraum zerstört ist, zwingen wir den Tieren unsere Nachbarschaft auf. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Tiere, wie auch ihre Mikroben, in Kontakt mit Menschen kommen.
Stammt das SARS-CoV-2 (Schweres akutes Atemwegssyndrom Coronavirus 2) von einer Schlange? Oder von einer Fledermaus? ForscherInnen weltweit versuchen das Rätsel des Ursprungs zu lösen. Die Genomvergleiche des neuartigen Coronavirus mit Virusisolaten aus anderen Säugetieren und Reptilien konnten die Herkunft des SARS-CoV-2 bisher noch nicht bestimmen. Doch noch viel wichtiger, als den genauen Ursprungs des Virus zu identifizieren, ist die Erkenntnis, dass der enge Kontakt zu Wildtieren und die Zerstörung deren Lebensräume ein Risiko für die globale Gesundheit darstellt.
Wenn Wildtiere und Menschen zusammentreffen
HIV, das Zikavirus, das Zaire-Ebolarvirus, das Coronavirus und viele weitere Krankheitserreger sind seit 1940 in Regionen aufgetaucht, in denen sie zuvor nicht beobachtet wurden. Die Wissenschaftsjournalistin Sonia Shah schreibt, dass etwa 60 Prozent dieser Erreger ursprünglich von Tieren stammt. Man spricht dabei von Zoonosen, Infektionskrankheiten, deren Erreger vom Tier auf den Menschen übergehen. Einige dieser Erreger stammen von Haus- und Nutztieren, doch die Mehrheit, über zwei Drittel, kommt von Wildtieren (1).
Einer der Gründe für den Anstieg von zoonotischen Erkrankungen sei die massive Abholzung der Wälder und die Zunahme landwirtschaftlicher und besiedelter Flächen. Der Verlust von Lebensräumen zwingt einige Arten, sich neue Habitate in menschlichen Siedlungen zu suchen. Mit dem Zurückdrängen von Wildtieren in urbane Zonen oder Dörfer steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Tiere in Kontakt mit Menschen kommen. Dadurch können die Mikroben, von denen die Wildtiere besiedelt sind, besser auf den menschlichen Körper gelangen und sich entsprechend anpassen.
Was uns die Ebola-Epidemie lehrt
Wie die Zerstörung des Lebensraumes mit dem Ausbruch einer Infektionskrankheit in Verbindung gebracht werden kann, zeigt das Beispiel von Ebola. Im Dezember 2013 brach die Epidemie in Meliandou, einem kleinen Dorf im Hinterland von Guinea aus. Ein zweijähriger Junge wurde das erste Opfer des Virus. Der Junge kommt Ende Dezember mit dem Virus in Berührung – vielleicht hat er ein totes Wildtier berührt, und sich danach den Finger in den Mund gesteckt. Er bekommt Fieber, hat einen schwarzen Stuhlgang, und zwei Tage später stirbt er an den Folgen der Krankheit (2). Heute gilt der Junge als erster Infizierter der Westafrikanischen Ebola-Epidemie, die im Oktober 2014 ihren Höhepunkt erreichte und tausende Opfer forderte.
Die Landschaft rund um Meliandou hat sich in den Jahren zuvor stark verändert. Viele Menschen sind in die Gegend gezogen, und Bergbau- und Holzunternehmen haben sich in der Region etabliert. Der Regenwald ist Feldern, Fruchtplantagen und Minen gewichen und die Ökologie der zuvor dicht bewaldeten Fläche hat sich stark verändert. Die süssen Früchte der Plantagen haben Flughunde und Fledermäuse angezogen. Auch andere Wildtiere, wie Affen, Waldantilopen und Eichhörnchen kamen näher an die menschliche Zivilisation und wurden dadurch eine beliebte Beute der Jäger. Durch den Verzehr der getöteten Wildtiere oder durch den Konsum der mit Speichel-bedeckten Früchten kamen die BewohnerInnen des Dorfes in den direkten Kontakt mit den Wildtieren. So trafen Arten immer öfters aufeinander, die über Jahrtausende nur selten in Berührung kamen. So auch Fledertiere und Menschen: Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat das Ebolavirus seinen Ursprung in verschiedenen Flughund- und Fledermausarten (3).
Doch nicht die Fledertiere sind in den Lebensraum der Menschen eingedrungen, sondern die Menschen haben ihnen die Nachbarschaft aufgezwungen. Eine Studie aus dem Jahr 2017 zeigt den Zusammenhang zwischen Abholzung und Fragmentierung des Regenwaldes, und Ausbrüche verschiedener Ebolavirus-Krankheiten zwischen 2004 und 2014. Mit Satellitendaten konnte die Abholzung west- und zentralafrikanischer Wälder seit dem Jahr 2000 verfolgt werden. Grosse, zusammenhängende Waldflächen wurden durch das Eindringen des Menschen in immer kleinere, isolierte Flecken verwandelt. Zwischen den Waldflächen wurden Felder, Siedlungen, Strassen oder Minen angelegt. Die ForscherInnen um Prof. Paolo D’Odorico konnten zeigen, dass Ebolaausbrüche vermehrt dort auftraten, wo der Regenwald zuvor stark fragmentiert wurde (4).
Wie ein Virus vom Tier auf den Menschen gelangt
«Viren stehen dem Leben nahe» lautet eine Definition. Viren bestehen im Grunde nur aus Desoxyribonukleinsäuren (DNA) oder Ribonukleinsäuren (RNA) – dem genetischen Material. Einige Virenarten sind unbehüllt, andere schützen ihr Erbgut zusätzlich mit einer Proteinhülle. Da Viren über keinen eigenen Stoffwechsel verfügen, können sie nicht als Lebewesen bezeichnet werden. Um sich zu vermehren, sind sie deshalb auch auf einen geeigneten Wirtsorganismus angewiesen.
Diese Abhängigkeit von anderen Organismen fordert eine äusserst präzise und sorgfältige Anpassung: Viren müssen in ihre Wirte eindringen ohne diese dabei gleich zu töten. Denn stirbt der Wirt bevor das Virus auf einen anderen Wirt übergehen konnte, endet auch die Vermehrung des Virus. So haben sich über Jahrmillionen Wirtsorganismen und ihre Viren aufeinander abgestimmt. Das Virus hat ein passendes Eindringverhalten entwickelt, während der Wirt das nötige Abwehrsystem aufgebaut hat. Deshalb lebt ein grosser Teil der Tiere mit Viren, ohne dabei Schaden zu nehmen (2).
«Viele tierische Viren sind ungefährlich für Menschen», sagt der Tierarzt Christian Walzer kürzlich in einem Interview mit der Zeitung Die Zeit (5). Sie verfügen nicht über die passenden Strukturen, um in eine menschliche Zelle zu gelangen. Doch da sich Viren ständig wandeln, ist eine zufällige Veränderung ihres Erbguts häufig. Insbesondere die Gruppe der RNA-Viren, zu der auch das SARS-CoV-2 gehört, weist eine hohe Fehlerrate bei der Vervielfältigung ihres Erbguts auf. Im Vergleich zu DNA-Polymerasen, die Maschinerie zur Verdoppelung der DNA, sind RNA-Polymerasen ungenau. Sie führen den Vorgang der RNA-Verdoppelung fehlerhaft aus. So ist es nicht selten, dass die Kopie einige Fehler, sogenannte Mutationen, aufweist. Ermöglicht nun diese fehlerhafte Kopie des Erbguts den Viren zufälligerweise den Zugang zu menschlichen Zellen, können sie in den neuen Organismen eindringen und sich dort vermehren.
Im Gegensatz zum ursprünglichen Wirt konnte der menschliche Organismus aber noch nicht die nötigen Vorkehrungen für die Abwehr des Virus treffen. So kann eine Infektion für einen Menschen schädlich sein, oder sogar tödlich verlaufen. Damit aus einer Zoonose eine Epidemie oder Pandemie folgt, muss das Virus aber nicht nur die menschlichen Barrieren überschreiten, sondern auch von Mensch zu Mensch übertragbar werden. Das neue Coronavirus hat das erfolgreich geschafft (5).
China verbietet den Handel mit Wildtieren
Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist der örtliche Ursprung des SARS-CoV-2 ein Fischmarkt in Wuhan, einer Stadt in Zentralchina. Nebst Fisch wurde dort auch mit Wildtieren gehandelt. Auf engem Raum, zwischen dicht gedrängten Menschen, wurden Schlangen, Ratten, Füchse, Fledermäuse und andere Wildtiere gehalten. Allerhand Arten kamen in unmittelbare Nähe, die sich in der Wildnis so nicht begegnen würden (5). Eine wiederholte Übertragung der Mikroben von den Tieren auf die VerkäuferInnen und KundInnen ist unter solchen Bedingungen leicht vorstellbar.
In China ist der Handel mit Wildtieren kulturell tief verankert. Wildtiere werden für den direkten Verzehr, zur Produktion von Arzneimitteln oder für die Haustierhaltung gehandelt. Die Gefahren eines engen Kontakts zwischen Menschen und Wildtieren wird nun mit dem Ausbruch der Covid-19 auch von China anerkannt. Ende Januar wurde das Züchten, der Transport und der Handel mit Wildtieren bis zum Ende der Epidemie verboten. Tierschutzorganisationen weltweit begrüssen die Entscheidung. Seit langem setzen sie sich gegen Märkte ein, auf denen Wildtiere gehandelt werden. In vielen Fällen entsprechen die Haltungsbedingungen nicht dem Tierwohl, und auch bedrohte und unter Schutz stehende Arten werden verkauft. Mit dem neu gesprochenen Verbot schliessen nun beinahe 20’000 Wildtierfarmen (6).
Der Mensch als Teil der Natur
Das Verbot des Wildtierhandels in China zeigt, dass die aktuellen Ereignisse einen Einfluss auf politische Prozesse haben. Während die Übertragung von Viren auf Menschen in einem dicht gedrängten Markt gut vorstellbar ist, bleibt der Zusammenhang zwischen Lebensraumzerstörung und globaler Gesundheit abstrakt. Der steigende Druck auf Landflächen und deren Produkte führt nicht nur zu Artensterben, Lebensraumverlust, erhöhten CO2-Emissionen und Bodendegradation. Die Abholzung von Wäldern und deren Fragmentierung erhöht auch das Risiko zoonotischer Infektionen und stellt somit eine weltweite Gefahr für die Gesundheit des Menschen dar (4).
In Zeiten, in denen grosse Teile des brasilianischen Waldes abgeholzt werden und die Trump-Regierung die Industrie von allen Umweltauflagen befreien will (1), braucht es tiefgreifende und konsequente Massnahmen zum Schutz der Natur. Das rücksichtslose Eingreifen in die natürliche Umwelt und das Leben von Tieren muss aufhören. Denn das Coronavirus führt uns allen vor Augen, dass wir als Menschen nicht losgelöst von der Natur existieren, sondern direkt durch deren Zerstörung betroffen sind.