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Johann Caspar von Orelli ist heute vorwiegend als Herausgeber einer Gesamtausgabe von Ciceros Werken bekannt, war aber ein vielseitiger Geist, der sich mit unermüdlichem Eifer neue Forschungsgebiete erschloss. Er war Historiker, Epigraphiker, Mittellateiner, Germanist, Pädagoge, Theologe. Er setzte sich als Übersetzer für die zeitgenössische Literatur aus Italien ein, war aber auch ein sehr guter Dante- und Vico-Kenner und interessierte sich für volkskundliche Themen. Obwohl er selbst keine Universität besucht hatte, war er die treibende Kraft bei der Gründung der Universität Zürich 1833.
Die Familie von Orelli geht zurück auf ein langobardisches Adelsgeschlecht, das seit dem Mittelalter in der Region um Locarno ansässig und sehr begütert war. Zusammen mit mehr als hundert reformierten Glaubensflüchtlingen aus Locarno, zu denen auch die adlige und mächtige Familie von Muralt gehörte, flüchtete sie 1555 nach Zürich und wurde in der Limmatstadt heimisch. Allerdings wurde der Familie erst 1679, nach mehreren vergeblichen Anläufen, das volle Bürgerrecht zugestanden. Die Orellis wurden durch Fernhandel mit Seide und Wolle reich. 1681 wurde der Zürcher Orelli-Zweig in die Adelskorporation von Locarno aufgenommen, doch nannte sie sich erst seit 1784 offiziell von Orelli.
Johann Caspar von Orelli wurde 1787 in Wädenswil geboren. Sein Vater David (1759-1813) war Mitinhaber der Buchhandlung Orell & Füssli, amtete aber auch als Landvogt, Grossrat und Oberrichter. Johann Caspars Mutter, Regula von Orelli (1757–1829), geborene Escher, war eine für ihre Zeit aussergewöhnliche Frau. Ihr über 500 Seiten umfassendes Tagebuch wurde 2001 von Gustav W. von Schulthess herausgegeben.[1] Die unglückliche Zweckehe zwischen Johann Caspar von Orellis Eltern endete, als sich der Vater in der Sihl ertränkte. Johann Caspars jüngerer Bruder, Konrad von Orelli (1788-1854), wirkte als Gymnasiallehrer und verfasste eine erste Grammatik des Altfranzösischen.
Johann Caspar wurde von seiner Mutter zu Hause unterrichtet bis er die Dorf- und Lateinschule besuchte. Ab 1801 studierte er Theologie am Collegium Carolinum in Zürich. Seine Lehrer, Johann Jakob Hottinger, Johann Heinrich Bremi sowie Johann Heinrich Pestalozzi, prägten ihn geistig. Sie waren massgeblich an der Entwicklung seiner bildungspolitischen Haltungen beteiligt: Humanismus (Geisteswissenschaften), Realismus (Naturwissenschaften) und Populismus (Zugang zur Bildung für alle Bevölkerungsschichten). Im Jahr 1806 verbrachte von Orelli ein halbes Jahr in Pestalozzis Anstalt in Yverdon, der sehr beeindruckt von ihm war. Seiner Neigung nach war Johann Caspar eher ein Philologe.
Im Gymnasium lernte er mit Begeisterung die klassischen Sprachen, konnte jedoch aus finanziellen Gründen kein Studium der Philologie anschliessen und studierte daher wie sein Pate Johann Caspar Lavater Theologie. In jungen Jahren wurde er dann zum Pfarrer ordiniert. Von 1807 bis 1814 wirkte er als Prediger in der reformierten Gemeinde von Bergamo, wo er Geschmack an der italienischen Literatur fand, was zur Publikation von Beiträgen zur Geschichte der italienischen Poesie (1810) und der Biographie von Vittorino da Feltre (1812), seinem Ideal eines Lehrers, führte. Besonders die Epoche der Renaissance zog ihn an, er hielt sie zur Bildung seiner Zeitgenossen für unentbehrlich.
Von 1814 bis 1818 unterrichte Johann Caspar als Lehrer für moderne Sprachen und Geschichte an der bündnerischen Kantonsschule in Chur. Trotz seiner Lehrtätigkeit mit 36 Wochenstunden fand er die Zeit, seine schriftstellerische Tätigkeiten fortzusetzen.
In dieser Zeit erhielt Johann Caspar von Orelli das Bürgerrecht des Kantons Graubünden, wurde jedoch 1819 32-jährig zum Professor der Eloquenz und Hermeneutik ans Carolinum nach Zürich berufen. Er gehörte zu den Mitbegründern der liberalen, auf Bibelkritik fussenden Theologie, und sein Wirken für eine harmonische Bildung aller Fähigkeiten des Menschen, für die Volksschule, die Nationalbildung und die Volksschullehrerbildung machten ihn zu einem führenden Schulreformer. Der Pädagoge beharrte auf einer pluralen Sicht von Erziehung und Schule, indem er sich sowohl gegen einen vereinheitlichenden, religiös begründeten Erziehungsbegriff, als auch gegen absolut gedachte Erziehungskonzepte wandte.
Mit dem Beginn des griechischen Freiheitskampfs 1821 machte sich Orelli zum Sprachrohr der philhellenisch gesinnten Studenten. Er veröffentlichte eine Sammlung von Verfassungsurkunden des befreiten Griechenland, wofür er mit dem hellenischen Bürgerrecht ausgezeichnet wurde. Ein konservativer „Volkssturm“ brach am 6. September 1839 in Zürich aus, als der Tübinger Theologe David Friedrich Strauss das überlieferte Bild Jesu als Erzeugnis frommer Phantasie darstellte. Darauf trat Orelli öffentlich für die Freiheit der Wissenschaft ein und legte in einer Rede ein republikanisch-akademisches Glaubensbekenntnis ab. Von 1820 bis 1839 war er Mitglied des Erziehungsrats,in welcher Funktion er wesentlich am Entwurf eines neuen Schulgesetzes mitarbeitete. Zusätzlich leitete Orelli 1831 bis 1849 als Oberbibliothekar die Stadtbibliothek Zürich, die heutige Zentralbibliothek Zürich.
Orelli erhoffte damals von der liberalen Regenerationsbewegung eine Unterstützung seiner neuhumanistischen Pläne. Gemäss seiner Denkschrift „Orelli's und Usteri's pädagogische Ansichten“ (1831) stand der Ausbau der Kantonsschule in zwei einander gleichgestellte Abteilungen, einer humanistischen und einer realistischen, im Zentrum. Sein oberstes Ziel blieb jedoch die Gründung einer Hochschule, um dem wissenschaftlichen Streben der jungen Menschen mehr Auftrieb zu geben. Orelli war der Ansicht, dass nur eine organisch geschlossene Hochschule der Schweiz im deutschen Kulturkreis vermehrt Geltung verschaffen könne.
Gegen alle Bedenken gelang es Orelli sein Ziel zu erreichen: 1833 wurde die Zürcher Hochschule eröffnet. Die meisten Professuren wurden nach seinen Vorschlägen besetzt. U. a. konnte er den Mediziner Johann Lucas Schönlein und den Naturphilosophen Lorenz Oken für die neue Zürcher Universität gewinnen. Auch Orelli arbeitete als Professor an der Universität Zürich. Seine Aufmerksamkeit in dieser Zeit galt in erster Linie der klassischen Literatur und den Altertümern. Er hatte bereits eine Ausgabe der Antidosis des Isokrates publiziert, mit kritischen Anmerkungen und Kommentaren ergänzt.
Im Familienarchiv der Orellis wird heute der handschriftliche Nachlass des berühmten Zürchers in der Zentralbibliothek Zürich aufbewahrt. Diese hütet auch seine stattliche Privatbibliothek, die spannende Einblicke in seine Bibliomanie gewährt und Zeugnis gibt für seine profunden Kenntnisse der entsprechenden zeitgenössischen Literatur. Orelli war ein ausgeprägter Büchernarr, der ein Vermögen für seine eigene Bibliothek ausgab, aber auch verschiedene Zürcher Bibliotheken mit Büchergeschenken bedachte. Vor allem die Zürcher Stadtbibliothek erhielt innert zweier Jahrzehnte über 1000 Bücher. Aus den Historischen Vorlesungsverzeichnissen der Universität Zürich vom Sommersemester 1833 bis zum Wintersemester 1848/49 und einer Bibliographie zu Orellis Arbeiten geht hervor, welche Themen für Orelli von besonderer Relevanz waren: Tacitus (16), Horaz (11), Platon (9), Vergil (4) sowie Cicero (4) widmete er mehrere Vorlesungen als Professor für Altphilologie.
Unten findet sich eine handschriftliche, programmatische Übersicht zu Johann Caspar von Orellis Vorlesungstätigkeit aus einem Manuskript, in dem er Skizzen zu einzelnen Vorlesungen verfasst hat.
[1] Von Schulthess, Gustav W. Regula von Orelli-Fischer, 1757-1829. Selbstzeugnisse aus dem Umfeld von J. C. Lavater. Stäfa 2001.
Quellen
Literatur
Zeitungsartikel
Olga Pollack
1833