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Ein junger Assistenzarzt fragt den Chefarzt einer Klinik: „Als ich den Patienten nach der Explantation (d.h. Organentnahme) aus dem Operationssaal schob, war er tot, ja, was war er denn vorher?“ Der Chefarzt konnte ihm auf diese Frage keine Antwort geben. Der beschriebene Fall wirft wesentliche Fragen im Vorfeld zur Abstimmung vom 15. Mai 2022 über die Revision des Transplantationsgesetzes auf. Schauen wir genauer hin.
Von Ralph Studer
Die aktuelle Diskussion zu dieser umstrittenen Vorlage fokussiert sich bislang auf den Aspekt des Nutzens für den Menschen, der auf ein Organ angewiesen ist. Jedoch lässt sie ausser Acht, welche Folgen die Organentnahme für den Spender mit sich bringt.
Anderen Menschen zu helfen und Gutes zu tun, ist ein altruistischer Gedanke und Fundament für eine menschliche Gesellschaft sowie ein soziales Miteinander. Helfen als Ausdruck von Nächstenliebe. So auch die Überlegung bei vielen Menschen, im Falle des „Hirntodes“ anderen Menschen durch eine Organspende Leben zu ermöglichen. Dr. med. Peter Beck, oben genannter Chefarzt, arbeitete zunächst in einem deutschen Zentrum für Organtransplantationen – ohne jegliche Zweifel an seiner Arbeit. Danach war er 20 Jahre Chefarzt einer medizinischen Klinik und Intensivstation. Er hatte die Organtransplantation stets aus der Sicht des helfenden Arztes betrachtet und hatte den Organempfänger vor Augen, der Hilfe brauchte. Was war jedoch mit der Person, der er das Organ entnahm? Fragen, die dazu führten, dass Beck von diesem Zeitpunkt an auf Organentnahmen bei „Hirntoten“ verzichtete.
Ein Vortrag mit Folgen
Beck hielt im Nachgang zu diesem Vorfall einen Vortrag, worin er die Unvereinbarkeit von „Hirntod“ und „Organspende“ darlegte. Eine Zeitung berichtete darüber. Umgehend war in der Klinik Feuer im Dach. Sein Dienstherr forderte ihn auf, diese Aussage zu widerrufen, ansonsten eine Abmahnung erfolge. Beck konterte, er sei mit einer Abmahnung einverstanden, wenn der Dienstherr ihm beweisen könne, dass ein „Hirntoter“ tatsächlich eine Leiche sei. Sein Dienstherr konnte dies nicht, die Abmahnung blieb aus.
Ein „Hirntoter“ doch nicht tot? In der Öffentlichkeit wird diese Thematik kaum diskutiert. Stets werden die Vorteile der Transplantationsmedizin in den Vordergrund gerückt. Heikle Themen wie der „Hirntod“ werden ausgeklammert. Dabei ist in der Transplantationsmedizin klar: Von Leichen können keine Organe entnommen werden. Organe von Toten sind unbrauchbar, Organe von Lebenden sind nötig. Auch über mögliche Nebenwirkungen der Medikamente für den Organempfänger herrscht Stille. Eine umfassende Aufklärung der Öffentlichkeit ist Fehlanzeige, obwohl solche Informationen für Menschen, die sich mit der Frage auseinandersetzen, ob sie einen Organspendeausweis ausfüllen sollen oder nicht, von entscheidender Bedeutung sind. Nicht nur das. Eine solche Aufklärungsarbeit ist auch für die Meinungsbildung im Vorfeld der Abstimmung vom 15. Mai 2022 über die Revision des Transplantationsgesetzes zentral.
Fragwürdiges Kriterium „Hirntod“
Organentnahmen erfolgen in der Schweiz nach einem Herzkreislaufstillstand und – überwiegend – bei „Hirntod“. Die Bedeutung des „Hirntods“ für die Transplantationsmedizin ist dabei wesentlich. Stephan Sahm bringt es auf den Punkt: „Das Konzept des Hirntods ist unerlässlich für die Transplantationsmedizin. Fällt es, kann sie ihre Tore schliessen.“ Vielen Menschen jedoch ist das „Hirntodkonzept“ bei der Organentnahme nicht bekannt, die „Hirntoddefinition“ selbst nicht einheitlich und international umstritten. Im Dezember 2008 wies in den USA, dem Mutterland der „Hirntoddefinition“, die „President’s on Bioethics“ die bislang geltende Definition des „Hirntods“ als widerlegt zurück. Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 37 „Hirntoddefinitionen“, so die deutsche Ärztin und Publizistin Dr. Regina Breul.
Die meisten Menschen gehen davon aus, dass „Hirntote“ eben tot sind. Sie wissen nicht, dass das Herz beim Aufschneiden des Körpers noch schlägt, Organe nicht kalten Leichen entnommen werden und die Organspender eine Vollnarkose bei der Entnahme erhalten. Stephan Sahm dazu: „Es ist eines, wenn Personen dem christlichen Ideal folgen und ihr Leben für ihre Freunde hingeben. Es ist ein anderes, zur Rettung von Menschen einem Dritten Organe herauszuschneiden, von dem offenbar nicht jedermann sicher ist, dass er auch tot ist.“
Noch Lebenszeichen da
„Hirntote“ sehen aus, als ob sie schliefen, ihre Haut ist warm und rosig und ihr Herz schlägt. „Hirntod“ ist aber nicht das Gleiche wie der Herztod, sagt Dr. med. Peter Beck. Seine eigene Überzeugung kam ins Wanken, als er letztinstanzlich einen Patienten auf der Intensivstation für tot erklären und zur „Spende“ freigeben musste. Beck änderte seine Sicht auf die Organspende und das Kriterium des Hirntodes. Ähnlich erging es auch dem Anästhesiearzt Martin Stanke, der stets davon ausging, dass der „Hirntote“ nichts mehr spürt. Davon kann jedoch keine Rede sein. Stahnke bemerkt: „Bei rund einem Viertel der Organspender waren noch Lebenszeichen zu sehen.“ Er erlebte immer wieder, dass „Hirntote“ nicht einfach regungslos auf dem Operationstisch lagen. Im Gegenteil. Reaktionen des „Hirntoten“ waren erkennbar beim Schnitt, der den Körper zur Organentnahme öffnete, Puls und Blutdruck des angeblich Toten stiegen, Stresshormone wurden ausgeschüttet. Stahnke kam zur klaren Überzeugung, dass der „Hirntote“ eben doch nicht tot ist. 1997 hörte er mit Organentnahmen auf.
Selbst die Organisation „Swisstransplant“, welche sich im aktuellen Abstimmungskampf massgeblich für die Organspende auch bei „Hirntoten“ einsetzt, bestätigt diesen Anstieg des Pulses und Blutdrucks, was darauf hindeutet, dass das vegetative Nervensystem noch funktioniert und das Rückenmark noch intakt ist. Zudem bekommen die Hirntoten, so Swisstransplant weiter, bei der Organentnahme muskellähmende Medikamente, damit sie sich während der Organentnahme nicht bewegen oder Stresshormone ausschütten.
Ein offenkundiger Widerspruch
Angesichts dieser offenkundigen Tatsachen stellt man sich unwillkürlich die Frage, ob „Hirntote“ wirklich tot sind. Vielmehr liegt der Schluss nahe, dass dieses Kriterium des „Hirntodes“ mehr als fragwürdig ist. Dieser Eindruck verstärkt sich, wenn man sich vor Augen führt, dass in Schweizer Spitälern den Organspendern Schlaf- und Schmerzmittel verabreicht werden. Ein offenkundiger Widerspruch: Entweder sind die Menschen tot und spüren nichts mehr oder sie leben noch. Erst die Organentnahme führt in diesen Fällen zum Tod des „hirntoten“ Organspenders. Zudem ist die Fehlerquote nach Untersuchungen der deutschen Stiftung Organspende hoch: 70 von 224 Hirntodprotokollen wurden als fehlerhaft eingestuft, von einfachen bis zu gravierenden Fehlern.
Auch in inzwischen zahlreichen Fällen von sogenannten „hirntoten“ schwangeren Frauen, die gesunde Kinder zur Welt bringen, zeigen, dass die Annahme, der „Hirntote“ sterbe auch mit künstlicher Beatmung innerhalb weniger Stunden bis Tagen, falsch ist. Beck wirft hier zu Recht ein: „Wäre die Schwangere eine Leiche – dann gäbe es auch keine Blutversorgung durch den Blutkreislauf der Mutter für das werdende Kind.“ Professor Dr. Alan Shewmon konnte in seinen Arbeiten bei 175 dokumentierten Fällen aufzeigen, dass zwischen „Hirntod“ und Herzstillstand bei adäquater Therapie und künstlicher Beatmung eine Zeitspanne von einer Woche bis 14 Jahren liegen kann.
Ist man sich dieser Aspekte bewusst, erscheint die Organspende bei „Hirntoten“ in einem neuen Licht und ethisch unvertretbar. Der „Hirntote“ ist keine Leiche. Wäre nämlich der „Hirntote“ tatsächlich tot, wie ist es möglich, dass seine Organe, die Hormone, die Blutgerinnung, die Wundheilung usw. weiterhin bestens funktionieren?
Konsequenzen für die Zukunft
Zurück zur Anfangsfrage dieses Artikels: Der Assistenzarzt stellte seinem Chefarzt die entscheidende Frage: „Was war denn der Organspender zu Beginn der Organentnahme?“ Konsequent zu Ende gedacht, gibt es nur eine Antwort auf diese Frage: Er war am Leben, eine Leiche war er nicht. Aus den obigen Ausführungen folgen zwei klare Konsequenzen:
- Die Widerspruchslösung ist die falsche Lösung. Die Entnahme von Organen stellt einen schweren Eingriff in die körperliche Unversehrtheit der Spender dar, die nach der Entnahme wirklich tot sind. Eine solch gravierende Verletzung der körperlichen Unversehrtheit bedarf in jedem Fall einer expliziten schriftlichen Zustimmung des Spenders. Die Widerspruchslösung hingegen führt zu einem Automatismus, der dem Willen des betroffenen Menschen in keiner Weise gerecht wird und dem Staat das grundsätzliche Recht verleiht, auf die Organe jedes einzelnen Bürgers im Falle des „Hirntods“ zuzugreifen. Personen werden ohne Willen zu Spendern. Von Freiwilligkeit kann keine Rede sein. Verstösst die Widerspruchslösung in schwerwiegender Weise gegen das Persönlichkeitsrecht und die Würde des Menschen, sind wir als Gesellschaft in der Verantwortung. Der Zweck der Transplantation, menschliches Leben zu retten, wird für den Spender ins Gegenteil verkehrt. Am 16. Januar 2020 lehnte der deutsche Bundestag die Widerspruchslösung ab. Wir in der Schweiz täten gut daran, diesem Entscheid bei der Abstimmung am 15. Mai 2022 zu folgen.
- Die Transplantationsmedizin und das Kriterium „Hirntod“ sind zu überdenken. Die vorliegenden Tatsachen machen deutlich, dass eine längst überfällige neue Debatte um den „Hirntod“ nötig wäre. Eine Debatte, welche auch für die Zukunft der Transplantationsmedizin und deren Ausrichtung wesentlich ist. Wenn Hirntote nämlich noch Lebende sind, können wir es dann überhaupt verantworten, einem für „hirntot“ erklärten Patienten Organe zu entnehmen?
Literaturhinweise:
- Ein Viertel der Organspender zeigte noch Lebenszeichen, in: K-Tipp Nr. 5 vom 9. März 2022.
- Beck Peter, Organspende – Ein Weg vom Tod zum Leben?, 2021.
- Breul Regina, Hirntod-Organspende, 4. Auflage, 2019.