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Am Samstag und am Sonntag ist grosser Markttag in der von Genuesen gegründeten korsischen Hauptstadt Ajaccio. Im Schatten einer Napoleonstatue aus Marmor breiten sich Stände aus mit Käsesorten wie Brocciu (eine Art korsischer Ricotta), Brotaufstrichen, dem süssen Käsekuchen Ambrucciata, Wurstwaren, Honig, Früchte, Gemüse und Wein von der Insel wie dem süffigen Muscat Patrimonio. Wer frische Fische will, schlendert ein paar Schritte weiter: Im Untergeschoss des unauffälligen Rathauses befindet sich der Fischmarkt.
Hier kauft auch der Korse Stéphane Orsoni ein, der für das Verkehrsbüro von Korsika arbeitet und in Ajaccio aufgewachsen ist. «Durch meine Venen fliesst kein Tropfen französisches Blut. Meine Kultur ist französisch, ich mag die französische Sprache, in der ich unterrichtet wurde. Aber ich bin stolzer Insulaner», betont er. Er fühle sich Rom näher als Paris und erwähnt, dass Korsika eine mehr als 1000-jährige italienische Geschichte hat. Noch heute kann man sich auf der Insel mit Italienisch durchschlagen.
Ganz Touristikwerber schwärmt Orsoni von der Felslandschaft Calanche im Nordwesten der Insel, die an den Bryce Canyon in den USA erinnert, von der Umgebung der Domaine de Murtoli westlich von Figari, wo das Meer so azurblau wie in der Karibik funkelt. Und er vergisst das Dorf Piana in der Nähe der Calanche, das zwischen Meer und Gebirge eingebettet und Teil des Unesco-Welterbes ist. Dort spielen Dorfbewohner im Schatten von Bäumen Pétanque. In der Ferne erheben sich über 2700 Meter hohe Berge, deren Gipfel selbst im Sommer schneebedeckt sind; 40 Prozent der gesamten Fläche Korsikas, etwas grösser als der Kanton Graubünden, besteht aus Naturreservaten.
Tourismus ist der einzige Wirtschaftsmotor auf der Mittelmeerinsel. «Wenn wir keine Touristen haben, hungern wir», sagt Orsoni. Heute ist der Terror korsischer Separatisten aus den 1990er-Jahren vergessen: 2014 markierten die über drei Millionen Besucher, die mit dem Flugzeug anreisten, einen Allzeitrekord. Trotzdem beträgt die Arbeitslosenquote auf Korsika rund 30 Prozent.
Weg vom Campingimage hin zu gehobener Gastronomie und Hotellerie
Die vielen lokalen Produkte findet man nicht nur auf dem Markt von Ajaccio, sondern auch entlang der «Genussstrasse», der «Route des Sens Authentiques». Das neu vom Verkehrsbüro kreierte Angebot mit vielen Spezialitäten lokaler Produzenten zieht sich wie ein Spinnennetz über die Insel. Ebenfalls neu ist «Le Cercle des Grandes Maisons Corses», eine Vereinigung mit rund 20 Erstklasshotels an ausgewählten Orten mit Zimmerpreisen ab 150 Euro pro Nacht.
Die Angebote stehen für den Imagewechsel, den Korsika anstrebt: weg von Campingplätzen hin zu gehobener Gastronomie und Hotellerie. Das Hotel Capo Rosso befindet sich etwa leicht erhöht über der Küstenstrasse in der Nähe des Dorfs Piana und ist mit einer spektakulären Aussicht auf die Calanche gesegnet. Ein Teil der schönsten Inselattraktionen lassen sich von hier aus besichtigen: das Naturschutzgebiet der Halbinsel La Scandola, die wildromantische Gorges de Spelunca, das Capo Rosso und eben die Felsformationen der Calanche.
Zum «Cercle» gehört auch das Hotel Le Golfe Piscine & Spa Casanera, das rund eine Fahrstunde südlich von Ajaccio im Touristenörtchen Porto Pollo liegt. Das neue Boutiquehotel mit bloss 18 Zimmern ist ein Geheimtipp und punktet mit freundlichem Personal und guter Küche. Im mediterranen, offenen Restaurant kann man den Köchen bei der Arbeit zusehen. Neben dem Hotel befindet sich die Tauchschule Porto Pollo Plonger, die Patrick François (51) von März bis November führt. «In diesem Golf gibt es 15 verschiedene Tauchplätze. Nirgendwo zeigt sich das Mittelmeer so schön wie hier», sagt der Franzose aus Marseille, der im Winter in den französischen Alpen als Motorschlittenführer arbeitet.
Die Korsen lebten früher lieber in den Bergen als am Meer
Auf einem der schönsten Flecken Korsikas, zwei Fahrstunden Richtung Südosten von Porto Pollo entfernt, leben zwei Schweizerinnen: Ursina und Valérie Branger. Der Grossvater der Schwestern wollte irgendwo im Süden ein Stück Land kaufen, damit seine vier Enkelinnen davon profitieren könnten. Da die Eltern von Ursina und Valérie Korsika mit dem Schlauchboot umfahren wollten, bat der Grossvater sie, nach einem Stück Land Ausschau zu halten. In der Küstengegend von Palombaggia bei Porto-Vecchio fanden sie ein Traumgrundstück, das man damals am bequemsten mit Eseln über Naturpfade erreichte. 1962 haben der «Neni» und sein Sohn, beide Bauunternehmer, das Haus fertig gebaut. An diesem Teil der Küste war es damals weit und breit das einzige Gebäude. Die Korsen lebten viel lieber in den Bergen, wo es genügend Süsswasser gibt, und kamen nur zum Handeln auf Meereshöhe. Darum wurdendie damals unbewirtschafteten Küstengrundstücke den Frauen vererbt, die Männer erhielten Land in den Bergen. «Und heute lachen sich die Frauen ins Fäustchen», schmunzelt Valérie.
Sie lebt seit 1998 auf Korsika, da sie ihr geregeltes Leben in der Schweiz in ein Abenteuer umwandeln wollte. Das Familienhaus, in dem sie schon als Baby die Ferien verbrachte, wollte sie nie und nimmer aufgeben. Ursina entschied sich ebenfalls, nach Korsika auszuwandern, und zog 2010 in ihr selbst entworfenes Haus, das sich auf dem riesigen Landstück der Brangers befindet – in Sehdistanz zum Haus ihrer Schwester. Zusätzliche Unterhaltung haben die Schwestern durch ihre «Haustiere», die auf dem Grundstück leben: die unzertrennlichen Esel Camillo und Olivia, Ursinas Hund Zora sowie die Pudelmischung Toudoux, die Valérie gehört. Heute vermieten die Schwestern jeweils von Mai bis Oktober ein Studio und ein Appartement in ihrem Anwesen über die Internetplattform Fewo-direkt und verdienen so einen Teil ihrer Einkünfte. Ursina arbeitet zusätzlich als Innenarchitektin.
Die beiden kennen jeden Winkel auf der Insel. Valérie: «Der Westen ist landschaftlich wilder und gebirgiger als die Ostseite.» Und die Brangers sind Zeitzeugen. So ängstigten sie sich als Mädchen beim Baden, weil ihnen Kühe nachrannten, die sich sonst am Strand ausruhten. Die Kühe sind verschwunden. An ihrer Stelle machen sich die Touristen im Sand breit. Und auch der Jetset hat die französische Insel entdeckt. Zum Restaurant Le Cabanon Bleu bei Porto-Vecchio reist das Publikum in ihren Jachten an. «Im Vergleich zu unserer Kindheit sind die Strassen, Restaurants und Hotels viel besser geworden», sagt Ursina und erwähnt in Palombaggia das Gourmetrestaurant Tamaricciu, das bei einem weissen Sandstrand gelegene «Le Petit Chose» sowie die modernen und bei Werbern beliebten «Plage Baggia» und «Palm Beach».
Ihr und ihrer Schwester gefallen auch die korsischen Berge, die zum Wandern einladen. Besonders fasziniert sind sie etwa vom Restonicatal im Zentrum der Insel beim Ort Corte, das gutes Schuhwerk erfordert und bis zum romantischen Lac de Melo führt. Sie erzählen vom Fischerdorf Calvi mit seiner Zitadelle und dem kleinen Hafen, vom malerischen Saint-Florent im Norden, wo die Trauben für den Wein Patrimonio reifen. Ursina warnt: «Wer Korsika entdeckt, kann sich nur schwer von der Insel trennen.»
Die Recherche der Reise wurde unterstützt von Atout France in Zürich.
Bilder: Reto E. Wild