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Ameisenpflanzen
oder myrmekophile Pflanzen. Schon seit längerer Zeit kennt man eine Anzahl von Pflanzen, die durch ihre Beziehungen zu manchen Ameisenarten biologisch eine besondere Stellung einnehmen. Diese Beziehungen bestehen darin, daß jene Pflanzen in eigentümlich ausgebildeten Organen ganzen Kolonien von Ameisen eine Wohnstätte, in den meisten Fällen auch Vorteile für die Ernährung darbieten und jedenfalls selbst aus der Beherbergung dieser Tiere irgendwelchen Nutzen ziehen. Ein derartiges Zusammenleben von Tieren und Pflanzen war als lehrreiches Beispiel für die Erscheinung der Symbiose (s. d.) oder des Mutualismus (s. d.) geeignet, zahlreiche nähere Beobachtungen und Untersuchungen sowohl biologischer wie auch histologischer Natur zu veranlassen. Unter den hierauf bezüglichen Arbeiten sind besonders die von Beccari, Treub und Schimper ¶
forlaufend
hervorzuheben. Es hat sich herausgestellt, daß die
Ameisenpflanzen nicht etwa zu einer bestimmten systematisch eng
begrenzten Pflanzengruppe gehören, sondern daß sich unter ihnen Vertreter der verschiedensten Familien vorfinden. Demgemäß
zeigt auch der Bau sowie die morphologische Stellung der die Ameisen beherbergenden Organe mannigfache Verschiedenheiten. Die
meisten
Ameisenpflanzen gehören zur Familie der Rubiaceen und zwar zu den Gattungen Myrmecodia und Hydnophytum, die
zusammen nahezu 50 Arten umfassen; außerdem finden sich myrmetophile Gewächse in den Familien der Urticaceen,
[* 3] Euphorbiaceen,
[* 4] Myristicaceen, Verbenaceen, Leguminosen;
[* 5] selbst unter den Palmen
[* 6] kennt man mehrere. Am auffallendsten tritt diese Symbiose zwischen
Tier und Pflanze bei den Rubiaceengattungen hervor, die infolgedessen auch am eingehendsten untersucht
worden sind. Die Arten der Gattungen Myrmecodia und Hydnophytum sind epiphytisch wachsende kleine strauchartige Pflanzen mit
unscheinlichen Blüten und gegenständigen Blättern. Die Samen
[* 7] von Myrmecodia echinata (s. Tafel:
Ameisenpflanzen,
[* 2]
Fig. 3) besitzen
eine klebrige Hülle von Schleim, mit welcher sie an Zweigen u. s. w. haften
bleiben.
Bald nach der Keimung schwillt das hypocotyle Glied [* 8] (Fig. 3 A) zu einem wasserreichen Knollen [* 9] an und in dessen Innern bildet sich nach einiger Zeit ein Hohlraum, die sog. erste Galerie; ob die Entstehung derselben von der Mitwirkung der Ameisen abhängig ist, ist nicht ganz sichergestellt. Beccari nimmt all, daß die durch Ameisen erfolgten Verwundungen die Veranlassung zur Bildung dieser Galerie geben, ja nach ihm soll sogar ein allmähliches Vertrocknen und Absterben des Knollens eintreten, wenn nicht durch derartige Verwundungen ein Reiz zum weitern Wachstum der Anschwellung ausgeübt worden sei.
Nach andern erfolgt die Bildung der ersten Galerie spontan und diese tritt dann mit der Außenwelt durch eine gleichfalls spontan entstehende Öffnung [* 2] (Fig. 3A, o) in Verbindung; wahrscheinlich ist es aber, daß wenigstens diese Öffnung auf die Mitwirkung der Ameisen zurückzuführen ist. Jedenfalls werden die übrigen Galerien mit ihren Öffnungen, die in dem immer größer werdenden Knollen (Fig. 3 B) in reichlicher Anzahl sich entwickeln, durch die Thätigkeit der Ameisen bedingt.
Das entstandene Labyrinth [* 2] (Fig. 3 C) von Gängen stellt nun die Behausung zahlreicher Ameisen dar, die ihrem Wirte in zweifacher Hinsicht Vorteile bieten. Einmal gewähren sie Schutz gegen Angriffe anderer Tiere, indem sie bei jeder Berührung der Pflanze aus ihrem Schlupfwinkel hervorkommen und dieselbe verteidigen; zweitens bewirken sie durch den fortwährenden Reiz ein üppiges Wachstum des Knollens, der bei diesen oft großer Trockenheit ausgesetzten epiphytischen Pflanzen als eine Art Wasserreservoir anzusehen ist.
Auch dürften die Ameisen in anderer Weise zur Ernährung nicht unwesentlich beitragen, indem der reichliche Detritus
wenigstens zum Teil als Nährstoff für die Wirtspflanze nutzbar gemacht wird. Allerdings ist es gelungen, diese
Ameisenpflanzen unter
Entfernung der sie bewohnenden Ameisen in Gärten zu kultivieren, doch befinden sie sich dann unter ganz andern Lebensbedingungen
als in der freien Natur, da in der Regel die Gefahr des Austrocknens wegfällt, es können deshalb jene
Versuche nicht beweisen, daß die
Ameisenpflanzen keinen Vorteil aus den sie bewohnenden Tieren ziehen.
Von den in genannten Rubiaceen am häufigsten vorkommenden Ameisenarten
sind besonders Iridomyrmex cordata und Crematogaster
deformatus zu erwähnen. Bei andern
Ameisenpflanzen dienen meist nicht Knollenbildungen, sondern hohle Stengelorgane
oder in Dornen umgewandelte Blattpartien zur Beherbergung der Ameisen. So finden sich bei verschiedenen
Arten der Gattung Acacia, z. B. bei Acacia cornigera Willd.,
sphaerocephala Schlchdl.
[* 2]
(Fig. 1), dornenartig ausgebildete Nebenblätter, die etwas angeschwollen
und im Innern ausgehöhlt sind. In diesen wohnen die Ameisen und verteidigen die Wirtspflanze gegen eine andere schädliche
Ameisenart, welche die Blätter zerbeißt.
An den Spitzen der einzelnen Blättchen finden sich Drüsen, die einen zuckerhaltigen Saft absondern und wahrscheinlich zur Anlockung der Ameisen dienen [* 2] (Fig. 1a). Wird diese Pflanze kultiviert und der Zutritt von Ameisen verhindert, so werden jene Dornen nicht so stark verdickt als in der freien Natur unter Mitwirkung der Tiere. Bei einer Palmengattung, Korthalsia, dienen die blasig erweiterten Blatttüten den Ameisen als Wohnstätte, während bei einer andern Palme, [* 10] Calamus amplectus Becc., sich die beiden untersten Fiedern eines jeden Blattes handförmig um den Stamm legen und der hierdurch entstehende Zwischenraum die Behausung der Ameisen bildet. Bei Cecropia adenopus Miq. [* 2] (Fig. 2) aus der Familie der Urticaceen wohnen die Ameisen innerhalb der hohlen und meist etwas erweiterten Internodien, welche kleine Öffnungen nach außen zeigen [* 2] (Fig. 2c). An dieser Pflanze bieten die Ameisen noch den Vorteil, daß sie dieselbe von verschiedenen Schildläusen säubern, die von ihnen in die Höhlungen der Zweige geschafft und dort wegen ihrer Säfte gezüchtet werden. (S. Cecropia.)
Litteratur. Treub, Annales du jardin botan. de Buitenzorg, Bd. 3 (1883);
Beccari, Pianti opitatrici, ossia piante formicarie della Malesia e della Papuasia (Flor. 1881 u. 1885; übersetzt von Penzig, Lpz. 1886);
Delpino, Funzione mirmecofila nel regno vegetale (2 Tle., Bologna 1886-88);
Huth, Myrmekophile und myrmekophobe Pflanzen (Berl. 1887);
Schimper, Wechselbeziehungen zwischen Pflanzen und Ameisen im tropischen Amerika [* 11] ( ^[unleserlich] 1888);
Schumann, Die
Ameisenpflanzen (Hamb. 1889).