Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03348.jsonl.gz/540

Entgegen der weitverbreiteten Meinung, die Hörner dienten nur der Abwehr und als Kampfinstrument, übernehmen diese weit wichtigere Aufgaben. Die Hauptaufgabe, neben dem Einsatz bei der Körperreinigung (auch der gegenseitigen) ist, dass die Hörner als Kommunikationsmedium dienen. Hat eine behornte Rinderherde ausreichend Platz, kann man erkennen, dass jedes einzelne Tier eine unsichtbare Zone von etwa vier Metern um ihren Kopf vor sich her trägt und nur jemand in diese Zone eintreten darf, wer zuvor Kontakt mit der jeweiligen Kuh aufgenommen hat (vgl. Buchtipp). Martin Ott, Landwirt, Schriftsteller und Verfechter der muttergebundenen Kälbermast, konnte während jahrelanger Beobachtungen seiner Herde erkennen, dass die Kühe ihre Hörner nicht grundsätzlich als Waffe einsetzen, sondern als visuelles Organ. Durch Drohen und Weichen kommt es zur kontaktlosen Kommunikation, daraufhin zur Vergrösserung der Distanz zwischen den Kontrahentinnen und damit zur Konfliktvermeidung und zum Stressabbau. Der direkte Kontakt im Sinne eines Angriffes, einhergehend mit Verletzungen ist eher die Ausnahmen und geschieht in Situationen, in denen ein Ausweichen nicht möglich ist.
Kühe gehören zur Familie der Hornträger, den Bovidae, und bereits das Ur, die wilde Ausgangsform des heutigen Hausrindes hatte Hörner. Die Hörner der Kühe bestehen, im Gegensatz zum Geweih z.B. bei Hirschen, nicht aus abgestorbenem Material, sondern sind mit Blutgefässen und Nervensträngen durchzogen und damit hochsensible Organe. Dies kann man auch fühlen, da die Hörner warm sind, wenn man sie berührt.
Den Kühen die Hörner nehmen, ist wie ein Eingriff an der Zunge des Menschen. Martin Ott
Seit den 1990er Jahren empfiehlt die BUL (Beratungsstelle für Unfallverhütung in der Landwirtschaft) generell, alle Kälber zu enthornen. Bei der Enthornung von Jungtieren werden diesen die Hornanlagen mittels eines Brennstabes ausgebrannt. Hornamputationen an adulten Tieren dürfen eigentlich nur in begründeten Ausnahmefällen vom Tierarzt vorgenommen werden. Nach dem Schweizer Tierschutzgesetz sind derartige Eingriffe zwar nicht ohne Schmerzausschaltung durchzuführen, dennoch kann es sein, dass die Lokalbetäubung nicht ausreichend wirkt; ebenso sind anschliessend Veränderungen im Sozialverhalten erkennbar. Da die Tiere ihres Kommunikationsmittels beraubt werden, müssen sie oft kräftigere Kopfstösse unter ihren Artgenossen verteilen, um sich Respekt zu verschaffen, was zu schweren Blutergüssen und auch inneren Verletzungen führen kann. Der Stresslevel enthornter Kühe ist ebenfalls erhöht.
Angeblich ist die Milch behornter Tiere für Allergiker verträglicher, wobei dies noch nicht wissenschaftlich belegt ist. Durch die sog. Kristallanalyse konnten sogar Unterschiede in der Kristallstruktur der Milchmoleküle zwischen hornlosen und behornten Tieren festgestellt werden. Gern verwendete Argumente für die Enthornung sind, dass behornte Tiere gefährlich wären für Mensch und Tier, sie unwirtschaftlich seien und eine Laufstallhaltung unmöglich wäre. Seltsamerweise wurden dieselben Begründungen im Hinblick auf die Anbindehaltung verwendet. Leider sind die gesetzlichen Vorgaben für Laufställe auf hornlose Kühe ausgerichtet und berücksichtigen nicht die natürlichen Bedürfnisse horntragender Tiere.
Es geht auch anders: mit der Aktion „Horn auf!“ der Organisation KAGfreiland, einer gemeinnützigen Schweizer Nutztierschutzorganisation, sollen Bäuerinnen und Bauern gezeigt werden, dass eine Haltung horntragender Tiere viele Vorteile mit sich bringt und auch eine Haltung in Laufställen durchaus möglich ist. Mittlerweile gibt es viele Betriebe, die diese Haltungsformen erfolgreich praktizieren. KAGfreiland garantiert auch den Konsumenten mit seinem Label, dass die Produkte aus Betrieben stammen, in denen die Kühe nicht enthornt werden. Leider ist das Entfernen der Hörner auch nach den Bio Suisse Richtlinien nicht verboten, sowie eine Laufstallhaltung nicht obligatorisch.
Man sollte den Kühen nicht die Hörner nehmen, um sie in ein wirtschaftliches Haltungssystem zu pressen, sondern man sollte sie in ihrer Natürlichkeit respektieren und schätzen, wenn man sie schon nutzt.