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Für allzuviele Schweizer ist die Sachlage einfach: Die italienische Schweiz ist italienischer Sprache, basta! Dass dieses Sprachgebiet eine eigene, nuancenreiche sprachliche Geschichte hat, ist meist nur Spezialisten bewusst. Vieles davon kann nun zusammengefasst bei Sandro Bianconi nachgelesen werden. Das Buch ist aber in italienischer Sprache geschrieben1 und wird deshalb diesseits des Gotthards wenig zur Kenntnis genommen. Zunächst ist daran zu erinnern, dass die «Svizzera italiana» (der Kanton Tessin, die vier Bündner «Valli» Bergell, Puschlav, Misox und Calanca sowie nördlich des Alpenkamms die Bündner Gemeinde Bivio) kulturell zur Lombardei gehört. Die ursprüngliche Volkssprache – das sind die heutigen Dialekte – war bzw. ist lombardisch, eine Variante des Italienischen, die vom Standard-Italienischen so «eigensprachlich» abweicht wie etwa das Schweizerdeutsch von der deutschen Standardsprache.2
Toskanisch statt Lateinisch
Heutzutage ist die Standardsprache der Südschweiz das vom Toskanischen abgeleitete Italienisch, natürlich mit mehr oder weniger bemerkbaren regionalen Färbungen. Es hatte sich insbesondere als Schriftsprache im Mittelalter gegenüber der für das Aufsetzen von Schriftstücken je nach den Umständen entweder verwendeten lateinischen Sprache oder aber der Volkssprache, gegebenenfalls einer auf dieser fussenden Kanzleisprache, durchzusetzen. Die auf Bibellektüre drängende Glaubensreformation veranlasste die altgläubige Gegenreformation, ebenfalls auf Schriftkenntnisse zu setzen. Es ist daran zu erinnern, dass das Bergell die einzige italophone Gegend reformierten Glaubens wurde und blieb, neben der zum Teil evangelisch gewordenen Bevölkerung des Puschlavs. Der Gegenreformator der Südschweiz, Karl Borromäus, bewirkte die Gründung zahlreicher Volksschulen. Auch Pfarreibibliotheken wurden nun geschaffen. Die katholische Geistlichkeit der Südschweiz wird von 1579 an im borromäischen «Collegio Elvetico» in Mailand ausgebildet und bekam eine spezifische Rolle bei der Alphabetisierung des Volkes; in der Südschweiz selber entstehen geistliche Mittelschulen. Dies bewirkte einen bis ins 18. Jahrhundert nachwirkenden sprachkulturellen Schub, eine Verbreitung des schriftlichen Ausdrucks. Vor allem wurde damit die aus dem Toskanischen entstandene literarische Sprache in der Südschweiz heimisch.
Italianisierung via Deutschschweiz
Wesentlich ist, dass die Diglossie, mit anderen Worten, der Umgang mit zwei Formen der Sprache, einer «offizielleren», feierlicheren Hochsprache und einer Mundart für informelle, private Unterhaltungen, im italienischen Landesteil zeitlich weit zurückreicht; ein den Deutschschweizern für ihren eigenen Sprachgebrauch vertrauter Zustand.
Von Interesse ist aber auch der Einfluss der Deutschschweizer – sowohl als nördliche Nachbarn als auch, im Tessin, als Landesherren vom Mittelalter bis 1798. Die Kontakte mit Uri führten im Livinental zur Übernahme von Gepflogenheiten und Ausdrücken der Urner in die lokale lombardische Mundart. Im Bergell wurde eine frühere Konkurrenz, die sich Latein und Deutsch für den schriftlichen Ausdruck bis ins 16. Jahrhundert lieferten, durch einen deutsch-italienischen Bilinguismus ersetzt. Das Auftreten italienischer Glaubensflüchtlinge als evangelische Prädikanten und hernach die evangelische Kirchensprache überhaupt sicherten hier dem toskanisch verwurzelten Italienisch dauerhaften Gebrauch. Im Bergell sind in der Mundart allerdings auch Einsprengsel aus dem Rätoromanischen feststellbar.
Das Auffallendste ist jedoch, dass die das Lateinische nicht mehr benützenden Deutschschweizer Funktionäre in ihren ennetbirgischen (tessinischen) Vogteien etwa vom 16. Jahrhundert an das Latein zugunsten des Italienischen in der Kanzleisprache verdrängten. Diese Italianisierung erfolgte allerdings nicht etwa gestützt auf die besondere Italienisch-Kompetenz der alemannischen Herren. Diese ging ihnen vielmehr des öftern gänzlich ab, so dass sie sich auf die Übersetzungskünste eingesessener alemannischer Familien und vor allem lokaler Notabeln verlassen mussten. Diese entwickelten hierfür eine generationenlange italienisch-deutsche Zweisprachigkeit, die auch einige Spuren in der damaligen italienischen Amtssprache hinterliess.
Die «Signori svizzeri» dachten aber – mit gewissen Ausnahmen in Berufungsprozessen und Eingaben an die Eidgenössische Tagsatzung – nicht daran, ihren Tessiner Untertanen die deutsche Sprache aufzuerlegen. Der Übergang von der herzoglich mailändischen Herrschaft zu jener der – offiziell deutschsprachigen – alten Eidgenossenschaft zog somit keineswegs eine Germanisierung nach sich. Das entsprach auch der erheblichen Lokalautonomie, die unangetastet blieb, und überhaupt der Gesinnung vor dem Nationalismus des 19. Jahrhunderts.
Anerkennung der Dreisprachigkeit
Die Helvetische Republik von 1798 brachte die Anerkennung der Dreisprachigkeit des schweizerischen Staatswesens, die Mediationsverfassung von 1803 die Konstituierung des Tessins und Graubündens als souveräne Staaten innerhalb der Eidgenossenschaft. Vor allem das Tessin musste in der Folge zu einer eigenen Identität finden. 1848 bestätigte die Bundesverfassung das Prinzip der Dreisprachigkeit. Doch leiden die italophonen Schweizer auf Bundesebene bis heute noch an einer gewissen Unvollkommenheit in der Gleichsetzung mit dem Deutschen.
Solange Italien nicht durch die Bewegung des «Risorgimento» geeint war, konnte die italienische Schweiz dieser nicht nur als politisches, sondern auch als kulturelles Refugium dienen. Die Südschweiz wurde eine Zeit lang zum Ursprungsort einer regen, zeitbedingten und grenzüberschreitenden Publizistik italienischer Sprache.
Die Gründung des Königreichs Italien, in dem irredentistische Gelüste auftauchten, die neue Zollgrenze, die mit der schweizerischen Bundesverfassung von 1874 verstärkten Bundeskompetenzen sowie die mit der Öffnung des Gotthard-Eisenbahntunnels von 1882 an wachsenden Einflüsse und Abhängigkeiten würgten bald vieles vom hergebrachten Fluss der natürlichen Beziehungen zur Lombardei ab. Die letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts führten im Tessin zu Identitätsproblemen, sprachpolitischen Spannungen und einem defensiven Rückzug auf sich selbst.In Ergänzung zur Darstellung Bianconis ist hinzuzufügen, dass die Grenzbesetzung von 1914 bis 1918 zur – freilich zu oft romantisierenden – Entdeckung des Tessins durch damals noch kaum mit Ferienansprüchen ausgestattete Wehrmänner aus der Deutschschweiz führte, mit den bekannten touristischen Auswirkungen für die Zukunft.
Fast ein Vierteljahrhundert expansiver faschistischer Nachbarschaft zementierte die Abgrenzung von Italien. Sie gab Anlass zur Entwicklung eines eigentlichen Helvetismus der italienischen Schweiz. Dabei hütete sich indessen der Radiosender vor einem sprachlichen und kulturellen Isolationismus und blieb sich seiner Rolle als Bannerträger einer frei gebliebenen kulturellen Italianität bewusst.
Wieder durchlässige Grenzen
Von den 1950er Jahren an erlebte das Tessin, das bisher sprachliche Einflüsse aus dem Ausland namentlich von eigenen Rückwanderern empfangen hatte, Einwandererwellen aus dem anders gestimmten Süditalien sowie aus deutschen Sprachgebieten. Mit anderen Worten: Die politischen Grenzen hatten ihre sprachlich-kulturelle Schutzfunktion verloren; ihre erneute Durchlässigkeit erzeugte Unbehagen und Sorge um die eigene Identität.
Das ausgehende 20. Jahrhundert vollzog den Wandel von einer vorwiegend bergbäuerlichen Prägung eines schwachen, in Randständigkeit abgedrängten und zu fordernder Opfermentalität neigenden Tessins zum einem wachsenden, dynamischen Dienstleistungs- und Finanzplatz mit eigener Hochschule. Dies wie auch die neue, grenzüberschreitende Öffnung, weg von der lange fast unnatürlich helvetozentrischen Blickrichtung, dürfte zu einem neuen Selbstverständnis führen. Auch die Bündner «Valli» nehmen am erneuerten Austausch mit Italien teil. Bianconi betont bei der Analyse der jüngsten Vergangenheit und Gegenwart, dass alle Untersuchungen zeigten, wie die Italianität dieser Südschweizer Gegenden entgegen langen Befürchtungen in keiner Weise bedroht ist. Trotz einer stellenweise starken Präsenz namentlich der deutschen Sprache dominiert das Italienische auch am Arbeitsplatz klar.
In interessanten Fallstudien zeigt der Autor indessen dies: Das dünnbevölkerte Onsernone-Tal erlebte von den 70er Jahren an eine Invasion junger, stadtmüder und ideologisierter Deutschschweizer. Spannungen traten auf. Ein der italienischen Sprache mächtiger Deutschschweizer Talarzt vermochte diese vermittelnd abzubauen. Die jungen Deutschschweizer verhinderten in der Folge das Aussterben der Talbevölkerung. Ihre Integration bedeutete aber in der jungen Generation den Übergang von der lokalen Mundart zur italienischen Standardsprache, die auch in der Öffentlichkeit den allgemeinen Vorrang erlangte. Dieser «Italianisierung» durch alemannische Einwanderung stellt Bianconi Maloja gegenüber, wo, anders als sonst im Bergell, das Schweizerdeutsche so überhand nimmt, dass neben dem noch vorhandenen Bergeller Dialekt der Unterricht in Standarditalienisch in der Schule sozusagen nutzlos verpufft. Das mehrsprachige, mehrheitlich von Germanophonen bewohnte Bivio bleibt indessen bei seiner italienischen Amtssprache.
Den Feinheiten der vielfältigen aktuellen Spracheinflüsse auf die Südschweiz, die Bianconi beschreibt, soll hier nicht nachgegangen werden. Aus deutschschweizerischer, auf dialektale Alltags-Umgangssprache Wert legender Sicht wirkt beunruhigend, dass die Benützung der lombardischen Mundarten im Tessin – im Gegensatz zu den Bündner «Valli» – zwischen 1978 und 1993 im familiären Bereich und im Verkehr mit Freunden ganz massiv zurückgegangen ist. Bianconi bringt dies vor allem mit der standardsprachlichen Einschulung der Kinder der zahlreichen Einwanderer aus den zwei letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in Zusammenhang, die vor allem im städtischen Umfeld kaum mehr mit dem Ortsdialekt in Berührung kamen.
Dialekt als «Intimsprache»
Es ist beizufügen, dass der Dialekt im Tessin seit längerem zu einer Zugezogenen nicht eben zugedachten, von Einheimischen gewissermassen für sich reservierten «Intimsprache» geworden ist. Ferner tritt die Mundart in der Südschweiz zweistufig, als nicht stets gemeinverständliche Lokalvariante und als verbreiteter benützbare «Koiné» auf. Seitens der Deutschschweiz, der ein in mancher Beziehung sogar zu weit gehender Mundartgebrauch eigen ist, muss die Abnahme des Sinnes für Diglossie bei einer weiteren romanischen Sprachgemeinschaft als Nachteil empfunden werden. Eigenartig ist dagegen, dass Bianconi der wichtigen Rolle der elektronischen Medien für die Erhaltung der lombardischen Mundart in Oberitalien keine Beachtung schenkt; sie sind die einzigen italiophonen Medien mit Dialektsendungen3, und zwar ohne ein die Standardsprache zurückdrängendes Übermass solcher Emissionen.
Bianconi schliesst mit dem Ergebnis, dass weder soziale Umwälzungen noch Öffnung oder Schliessung der politischen Grenzen etwas daran geändert haben, dass die «Svizzera italiana» sich stets mit gewissen Erscheinungsformen des Plurikulturalismus und der Mehrsprachigkeit auseinanderzusetzen hatte, hat und haben wird. Er bedauert, dass das eidgenössische Sprachenrecht dem Italienischen ausserhalb seiner Sprachgebietsgrenzen keinen stärkeren Platz einräumt. Dabei unterschätzt er, wie auch andere Linguisten, die politische wie die rechtliche Problematik, die mit einer Verwirklichung einer solchen Idee verbunden wäre. Er befürchtet ein gänzliches kulturelles Aufsaugen der über den Gotthard ausgewanderten Südschweizer durch ihre welsch- oder deutschschweizerische Umgebung. Eine Folge wäre die Abschwächung des Daseinsprinzips der Eidgenossenschaft, nämlich ein plurikulturelles, mehrsprachiges Staatswesen zu sein.
Bianconis Ausführungen sind nicht bloss für sprachgeschichtlich Interessierte spannend und wertvoll. Sie sagen auch manch Interessantes über soziale Strukturen und über Mentalitäten. Der Autor zeigt, wie das lange von Italien abgewandte Bergell nun mit dem Nachbarland kooperiert und wie im Puschlav mit der Telematik übernationale Beschäftigung als Auswanderungsbremse erstrebt wird. Im Tessin, einer Region mit 300 000 Einwohnern zwischen den Metropolen Mailand und Zürich, hat er drei Typen des gegenwärtigen Selbstverständnisses ermittelt: eine örtlich selbstbezogene, autarkistische Mentalität, die sich von der übrigen Schweiz wie auch von Italien abgrenzt; eine zweite, sich unproblematisch schweizerisch fühlende Befindlichkeit, die sich gegenüber Italien als positiven Sonderfall, aber doch in die Lombardei integriert sieht; und ein drittes, minderheitliches Selbstbild, das von einer schweizerischen Identität ausgeht und die eigene Qualifikation in der italienischen Kultur mit übernationaler Offenheit erkennt.
1 Die nachfolgenden Darlegungen geben vorwiegend Informationen wieder, die ausführlicher dem empfehlenswerten Buch zu entnehmen sind, das Sandro Bianconi, geschrieben hat: «Lingue di frontiera. Una storia linguistica della
Svizzera italiana dal Medioevo al 2000», Edizioni Casagrande, 2.A., Bellinzona 2002.
2 Vgl. Guiu Sobiela-Caanitz, «Il valore delle parlate regionali. Un patrimonio
medievale che obbliga la Svizzera». Editions Libertas, Lausanne 1978, S. 12-18.
3 Vgl. Flavio Zanetti, «Massmedia senza frontiere», in: «Einfluss – Austausch – Wandel», Jahrbuch «Die Schweiz» 1996/97 der Neuen Helvetischen
Gesellschaft (hrsg. von Roberto Bernhard, red. von Jürg L. Steinacher/Sylviane Klein, Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt a.M., Salzburg 1996, S. 260-266,
mit deutscher Zusammenfassung.
Roberto Bernhard, geb.1929, lebt als dreisprachig aufgewachsener, helvetistisch interessierter Publizist in Winterthur. Er ist promovierter Jurist, war von 1958 bis 2002 am Schweizerischen Bundesgericht akkreditierter Presseberichterstatter und beschäftigt sich seit je mit der interkulturellen Verständigung unter Schweizern.