Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/705

Als ich noch ganz jung, also jünger als jetzt ;-) war, da lief ich jeweils schnell ans Fenster, wenn ein Motorengeräusch zu hören war und dann sah ich zuerst die Staubwolke, die ein Auto von der ungeteerten Landstrasse aufwirbeln liess. Es war immer ein Ereignis, denn Autos waren damals noch selten. Man war eben gerade fertig damit geworden und sehr stolz darauf, dass nun endlich jedes Dorf in der Schweiz mit dem nächsten durch eine Strasse verbunden war. Heute ist aus besagter Landstrasse eine breite Teerstrasse geworden, das Dorf quasi ein Vorort von Zürich und die Nachbarin ist jetzt Bundesrätin.
In den Läden gab es nicht viel zu kaufen, bzw. alles. Meine Grossmutter führte einen Kolonialwarenladen. Ich verstand nie recht, was das bedeutete, insbesondere deshalb nicht, weil ich die von meiner Grossmutter angebotenen Waren nicht mit diesem Begriff verbinden konnte. Was hatten Nägel, Hosenknöpfe, Schuhbändel, Schreibpapier, Wolle, Papiersäcke, Schuhwichse mit den Kolonien zu tun? Klar, es gab noch einige Lebensmittel im Laden, aber das waren Mehl, Kartoffeln, Beutelsuppe, Aromat, Salz und dergleichen, Selbstverständlichkeiten eben wie Kakao, Zucker, Kaffee. Dass letztere aus den Kolonien kamen, war mir nicht bewusst und anderes, das dorther kam, war nicht im Laden zu finden. Auch Mais nicht. Der Grossvater weigerte sich, diesen zu essen, denn das war seiner Ansicht nach Hühnerfutter. Das konnten von ihm aus die … na ja, Ihr wisst wohl wer, essen. Grossvater war, um es etwas weniger krass zu sagen, unzimperlich im Austeilen von Bezeichnungen für andere Völker. Er fürchtete gewisse fremde Leute nachgerade, beispielsweise die Chinesen. Ständig schwatzte er uns die Ohren voll von der gelben Gefahr. Wenn die kämen, würde er sich auf der Stelle umbringen, versprach er. Und dass sie kommen würden, daran gab es nichts zu zweifeln, wenn man nichts dagegen unternahm. Das Versprechen musste er nicht einlösen. Der Krebs raffte ihn in relativ jungen Jahren dahin. Dass sein Enkel dereinst eine Chinesin zur Frau haben würde, hätte ihn wohl aus damaliger Sicht wenig gefreut.
Wir zogen dann in eine grössere Stadt, denn der Vater sah keine Zukunft darin, den Dorftrampeln die Haare für 20 Rappen zu scheren. Der Weltkrieg hatte ihm einen Strich durch seine Bildungspläne gemacht und er konnte die höhere Schule nicht beenden, sondern musste ins Berufsleben einsteigen. In der Stadt gab es in den Läden viel mehr: Orangen und Bananen. Ich war schon relativ gross, als ich zum ersten Mal eine Ananas ass. Es war recht fremd wie alles, an das man sich noch nicht gewöhnt hatte. Die Verhältnisse waren klar: hier das, was man im Laden kaufen und somit essen konnte und draussen die Natur, die sozusagen Unkraut war und nur der Urbanisierung im Weg stand. Im Quartier wohnte eine alte Frau und die hiess Frau Hertli und sie war ganz nett und führte uns Kinder manchmal spazieren. Sie war ein bisschen eigenartig, fanden wir, denn sie fand Gefallen an der Natur und einmal zeigte sie uns einen Strauch und der trug rote Früchte. Die könne man essen. Wir Kinder zögerten, denn wir hatten, vielleicht infolge der grossväterlichen Indoktrinierung, Respekt vor allem Unbekannten und Fremden, so auch vor wild gewachsenen Früchten, die niemand pflückte oder vom Boden aufhob. Wie ein roter schlüpfriger Teppich lagen sie unter dem Strauch. Gleichwohl liessen wir uns ermuntern, die Früchte zu kosten. Sie waren derart sauer, dass es einem den Mund zusammenzog. Aber genau das liebten wir ja auch an den rohen Rhabarberstengeln, die wir jeweils noch in die Zuckerdose steckten. Die genannten Früchte waren nicht nur sauer, sondern auch süss. Wir nannten sie fortan Hertlibeeri und ich wusste lange keinen andern Namen. Später sagte jemand, der Strauch heisse Tierlibaum.
Nur gerade drei Vertreter der Familie der Hartriegelgewächse kennen wir in der Schweiz, aber ich schätze, dass Sie diese drei schon gesehen haben und Sie vielleicht den bekanntesten davon, nämlich die Kornelkirsche (Tierlibaum, Cornus mas) sogar als Konfitüre beim Frühstück schätzen, sofern sie sich noch nicht auf eine chinesische Ernährungsweise eingelassen haben, die natürlich von Brot und Konfi zum Zmorgen nicht viel hält. 5-Stern-Köche aufgepasst: Man kann die süss-säuerliche Marmelade aber auch zu Fleischgerichten brauchen, etwa zu Wild. Dem Preiselbeerkompott ist derjenige aus Kornelkirschen ebenbürtig und natürlich ist er exklusiver.
Die Familie der Hartriegelgewächse zählt weltweit 85 Arten. TCM braucht Cornus officinalis (Shan Zhu Yu) und es gibt dazu keine Alternativen, sondern höchstens Verfälschungen, oder besser gesagt Verwechslungen. Aber letztere sind eigentlich augenfällig: Berberitzenfrüchte oder manchmal Fructus Jujubae (Da Zao), Wildpflaumen und Wildäpfel, Crataegus (Shan Zha), Fructus Rubi (Fu Pen Zi = unreife Himbeeren), Vitex, Viburnum (Schneeball). Der Strauch Cornus officinalis gleicht unserem Kornelkirschenstrauch im Aussehen sehr.
Die Verwechslungen lassen auf die Eigenschaften von Shan Zhu Yu schliessen: Es handelt sich durchwegs um saure Früchte. Shan Zhu Yu dient der Niere und der Leber und nährt das Qi genuinum (primal Qi). Saures zieht zusammen. Shan Zhu Yu stopft Lecks und solche können sich mit folgenden Symptomen zeigen: Inkontinenz, Spermatorrhoe, Schwitzen, Ejaculatio praecox, Lumbago, Impotenz, gynäkologische Blutungen.
Das Gewinnen von Shan Zhu Yu dürfte nicht ein grosses Problem sein. Warum der Preis für dieses Produkt im Vergleich zu andern Mitteln unseres Sortimentes relativ hoch ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Kann es sein, dass es wegen seiner vorzüglichen Wirkung als Mittel derart geschätzt wird und dies den hohen Preis rechtfertigt?