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Öl ins Feuer der Alien-Spekulationen um interstellaren Kometen
Ist Ende 2017 ein Stück Alien-Technologie durch das Sonnensystem gesegelt? Zwei US-Forscher prüfen diese Hypothese in einer Studie zum interstellaren Kometen 'Oumuamua. Andere Forscher sind mehr als skeptisch.
Künstlerische Darstellungen zeigen 'Oumuamua als langgestreckten, dünnen Gesteinsbrocken. Als Forschende den interstellaren Besucher Ende 2017 entdeckten, war seine Durchreise durch unser Sonnensystem schon fast vorbei.
Sie sammelten noch alle Daten, die sie bekommen konnten, und rätseln seither über den ungewöhnlichen Brocken, der aus einem anderen Sternensystem stammend an uns vorbeisegelte. Seine seltsame Form und Flugbahn stachelten früh Spekulationen an, dass es sich um ein nicht-natürliches Objekt handeln könnte.
Die US-Astronomen Abraham Loeb und Shmuel Bialy prüften nun in einer Studie die Hypothese, dass 'Oumuamua nicht etwa ein Gesteinsbrocken, sondern ein Stück Alien-Technologie sein könnte. Genauer gesagt ein Sonnensegel. Von dieser Theorie wird Loeb am Freitag in Berlin im Rahmen der «Falling Walls Conference» berichten, die Fachpublikation soll einige Tage später im renommierten Fachblatt «Astrophysical Journal Letters» folgen, ist aber bereits als Vorabversion online verfügbar.
Die Theorie der beiden Forscher basiert vor allem auf der aussergewöhnlichen Flugbahn von 'Oumuamua, die offenbar nicht allein von der Gravitation der Sonne bestimmt wurde. Tatsächlich schien das Objekt in Sonnennähe zusätzliche Beschleunigung zu erfahren. Dies hatten Experten bisher mit einer Art natürlichem Raketenantrieb aufgrund von verdampfendem Eis und dem daraus entstehenden Rückstoss erklärt.
Kein Kometenschweif
Laut Loeb fehlen jedoch Beweise für das Verdampfen von Eis: Weder ein Kometenschweif, noch Gasausstoss, noch Variationen in der Rotationsperiode des Objekts konnten entdeckt werden. Daher setzen er und Bialy auf eine andere Theorie: Dass es sich um ein Sonnensegel handelt, das in Sonnennähe durch den solaren Strahlungsdruck beschleunigt wurde.
In ihrem Fachartikel gehen sie dieses Gedankenspiel durch: Die seltsam taumelnde Bewegung des Objekts könnte auch darauf zurückzuführen sein, dass 'Oumuamua eher Pfannkuchen- als Zigarren-förmig ist. Für einen Kometen oder Asteroiden - also ein Objekt natürlichen Ursprungs - eine äusserst ungewöhnliche Form.
Wäre es tatsächlich ein Sonnensegel und durch den Strahlungsdruck der Sonne beschleunigt worden, müsste es weniger als einen Millimeter dick und mehreren dutzend Meter im Durchmesser messen, so die Überlegung von Bialy und Loeb. Hätte eine ausserirdische Zivilisation diese Sonde auf den Weg gebracht hat, könnte sie durchaus die Reise durch unsere Galaxie überstehen, sind sie überzeugt.
Beweislage müsste überwältigend sein
In der Fachwelt stösst die Theorie von Loeb und Bialy allerdings auf mehr als grosse Skepsis. «Die Forscher machen bei ihren Berechnungen viele Annahmen, die auf sehr dünnen Daten gebaut sind», sagte Daniel Angerhausen von der Universität Bern im Gespräch mit der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
«Und selbst wenn alle diese Annahmen stimmen sollten, gibt es noch viele mögliche natürliche Erklärungen für die seltsamen Eigenschaften dieses Objektes, die man jede einzeln erst einmal ausschliessen müsste, um als einzige mögliche Erklärung bei der Alien-Theorie anzukommen»
Selbst wenn man sich auf das Gedankenspiel einliesse, würde man davon ausgehen, dass das Sonnensegel einer Sonde nur für die Beschleunigung am Anfang der Reise benutzt und dann zur Kollisionsvermeidung eingefahren würde, so Angerhausen weiter.
«Es müsste dann gleich eine bemannte oder äusserst smarte Sonde sein, damit das Sonnensegel punktgenau bei unserer Sonne wieder ausgefahren wurde. Für diese Theorie muss man also gleich eine Reihe Science-Fiction-Geschichten erfinden.»
Auch Astrophysiker Kevin Schawinski, ehemals an der ETH Zürich, inzwischen CEO eines Start-Ups, bezweifelt Loebs und Bialys Theorie: «‘Omuamua ist auf jeden Fall ein sehr seltsames Objekt. Viele seiner Eigenschaften sind schwer zu erklären, und es wurde ja von Anfang an spekuliert, ob es sich da um ein nicht-natürliches Objekt handelt.»
Die Beweislage für eine solche Schlussfolgerung müsse aber überwältigend sein, und jede natürliche Interpretation sollte zuerst widerlegt werden, so Schawinski gegenüber der Keystone-SDA.
Publicity für «Breakthrough Starshot»
«Wenn man in der Wissenschaft eine Theorie aufstellt, liefert man gleichzeitig Vorhersagen, welche Beweise es für ihre Richtigkeit geben müsste», erklärte Angerhausen. Diese Vorhersagen blieben die US-Forscher schuldig.
Es besteht auch keine Möglichkeit mehr, das Objekt genauer zu untersuchen, da es sich bereits zu weit entfernt hat. «Sollte ein zweites Objekt wie ‘Oumuamua erscheinen, sollten wir das uns auf jeden Fall näher ansehen», sagte Schawinski.
Hinter der Publikation der beiden US-Forscher könnten allerdings auch andere Interessen stecken. So wird Loebs Forschung von der Breakthrough Foundation finanziert, die im Rahmen des Projekts «Breakthrough Starshot» eine Flotte von Sonden mit Sonnensegeln zum Sternensystem Alpha Centauri schicken will. Einen aussergewöhnlichen Kometen als mögliches Sonnensegel zu interpretieren, dürfte dem öffentlichen Interesse an diesem Projekt zugute kommen.