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Wiederholt schon wurde die Frage an mich herangetragen, ob eine medikamentöse Therapie auch schon bei leichter ADHS-Problematik gerechtfertigt sei. Hier meine Stellungnahme.
Nur: Diese Frage ist im konkreten Einzelfall viel schwieriger zu beantworten, als es den Anschein macht. Nehmen wir folgendes Beispiel:
Laura (12) besuchte die 5. Klasse. Sie selbst, ihre Eltern und die Lehrperson berichteten übereinstimmend von Leistungsschwankungen, Konzentrationsschwächen, Vergesslichkeit und einem langsamen Arbeitstempo. Folgen waren erwartungswidrige schulische Minderleistungen und sich daraus ergebende Selbstwertprobleme.
Die Resultate im DISYPS-II (ADHS-Screening) ergaben sowohl in der Eltern- als auch der Lehrerversion klinisch auffällige Werte, wobei der Cut-off für das Vorliegen einer ADHS gemäss den diagnostischen Kriterien der DSM-IV nicht überschritten wurde. Es lag in kategorialer Sicht also keine ADHS vor. Im CBCL-Fragebogen (Screening für verschiedene psychische Störungen des Kindesalters) lagen alle Werte im Normbereich.
Die klinische Untersuchung ergab ein weitgehend unauffälliges Bild. Laura wirkte psychisch gesund. Ausser den Sorgen, welche sich das Mädchen wegen ungenügender Schulleistungen machte (und gewissen, damit im Zusammenhang stehenden Schamgefühlen) sowie chronischen Einschlafschwierigkeiten war das Kind beschwerdefrei.
Die neuropsychologische Untersuchung ergab bei Anforderungen an verschiedene Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen Leistungen, welche mehrheitlich im (unteren) Normbereich lagen. Keine Hinweise auch auf Teilleistungsstörungen. Der IQ lag im oberen Normbereich. Der Index Arbeitsgedächtnis fiel relativ schwach aus.
Soziales: Laura lebte in sozial und familiär geordneten und zwischenmenschlich wohlwollenden Verhältnissen.
Beim Bruder (14) lag eine ADHS vom unaufmerksamen Typus vor. Die bei ihm vor drei Jahren eingeleitete Therapie mit niedrig dosierten Stimulanzien führte schnell zu einer anhaltenden Stabilisierung. Beim Vater lag ebenfalls eine ADHS-Disposition an. Er war Forstwart, daher oft draussen unterwegs und hatte viel Abwechslung.
Gemäss DSM lag bei Laura keine ADHS vor. Auf Testebene konnten keine relevanten Störungen bei Anforderungen Aufmerksamkeits- und Exekutivfunktionen objektviert werden. Ein relevanter psychischer Leidensdruck lag nicht vor.
Was tun?
Der behandelnde Kinderarzt entschied sich für eine Therapie mit Stimulanzien. Laura sprach auf die Therapie – wie früher schon ihr Bruder – sehr gut an.
Hat der Arzt richtig gehandelt? Immerhin handelte es sich ’nur‘ um eine leicht ausgeprägte ADHS-Problematik.
Ich finde ja. Bei einem Kind mit einem Sehfehler warten wir mit einer Brille ja auch nicht, bis die schulischen Leistungen einbrechen oder bis sich der erste Fahrradunfall ereignet.
Bei Würdigung aller individuellen Umstände kann also ein Therapieversuch mit Stimulanzien auch bei Vorliegen einer leichten ADHS durchaus gerechtfertigt sein.
Das Beispiel von Laura zeigt, dass in jedem Fall individuell geprüft werden muss, welche Bedeutung die Symptomatik für die Entwicklung des Kindes hat. Leichte ADHS-Symptome rechtfertigen beim Kind A eine medikamentöse Therapie, während bei Kind B ausgeprägtere ADHS-Problem nicht immer den Einsatz von Medikamenten erfordern.
Das Beispiel zeigt auch, dass die diagnostischen Kriterien der ADHS nicht losgelöst vom betreffenden Individuum beurteilt werden können.
Lesen Sie hier weiter, wenn meine Stellungnahme für Sie hilfreich war.
Diese Seite wurde am 18.05.2017 letztmals aktualisiert.
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