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In diesem Buch sind Vorlesungen zusammengefasst, die Jaspers im Herbst 1964 im 1. Trimester des Studienprogramms des Bayrischen Fernsehens gehalten hat.
Jaspers war einer der ersten Fernsehphilosophen im deutschen Sprachraum, der seine Gedanken einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln bestrebt war. Schon 1951 hielt er einen Radiovortrag zum Thema „Mein Weg zur Philosophie“. Wie offen Jaspers den Medien gegenüber eingestellt war, zeigen auch Zeitschrifteninterviews, die er gegeben hat, sowie Tonbandaufnahmen von einigen seiner Schriften (z. B. von seiner Abschiedsvorlesung an der Universität Basel „Chiffren der Transzendenz“ sowie von seinem Einführungsbüchlein Einführung in die Philosophie). Bekannt geworden ist auch sein „Selbstportrait“, das vom Norddeutschen Rundfunk mehrmals gesendet wurde (Erstsendung 1966).
Die gesammelten Vorlesungen in diesem Buch sind thematisch in 13 Kapitel gegliedert, und zwar: I. Der Kosmos und das Leben, II. Geschichte und Gegenwart, III. Das Grundwissen, IV. Der Mensch, V. Politische Diskussion, VI. Das Werden des Menschen in der Politik, VII. Erkenntnis und Werturteil, VII. Erkenntnis und Werturteil, VIII. Psychologie und Soziologie, IX. Öffentlichkeit, X. Die Chiffern, XI. Liebe, XII. Tod, XIII. Die Philosophie in der Welt.
Die einzelnen Kapitel bringen Gedanken von Jaspers zum Ausdruck, die er im Verlaufe der Entwicklung seines Denkens in verschiedenen Büchern dargelegt hat. Gleich im Vorwort macht er deutlich, dass für ihn die Philosophie eine „Denkungsart“ darstellt und nicht eine Form von lehrbarem Sachwissen.
Im 1. Kap. weist er auf die Grenzen der Wissenschaft hin, die Welt als „Ganzes“ erfassen zu können. Werden diese Grenzen ignoriert, führt dies zu einem „Wissenschaftsaberglauben“.
Im 2. Kap. stellt Jaspers seine These von der kulturellen „Achsenzeit“ in der Weltgeschichte dar und spricht sich gegen deterministische Deutungen der Geschichte aus. Die Philosophie soll die „Offenheit der Zukunft“ und die Verantwortlichkeit der Individuen für die künftige Geschichtsentwicklung betonen.
Das 3. Kap. behandelt, was Jaspers „Grundwissen“ nennt: dass es über die in der Subjekt-Objekt-Spaltung gewonnenen Erkenntnisse hinaus noch ein diese Spaltung umgreifendes, nicht objektivierbares Sein gibt. Auch die existenzphilosophische Annahme, dass der Mensch sich als Existenz von einer ungegenständlichen Transzendenz her als „geschenkt“ erlebt, kommt hier zur Sprache.
Im 4. Kap. thematisiert Jaspers Bilder vom Menschen, wie sie bereits in der Antike und dann auch in der Gegenwart entwickelt wurden. Es wird betont, dass es nie das eine, einzig wahre Menschenbild als Leitideal geben kann, weil dies mit der Freiheit des Menschen unvereinbar wäre. Als immer gültiges moralisches Postulat, das der Würde des Menschen entspricht, hebt Jaspers Kants Version vom kategorischen Imperativ hervor, dass der Mensch den anderen Menschen nie nur als Mittel gebrauchen, sondern als Selbstzweck zu achten habe.
Das 5. Kap. geht davon aus, dass Philosophie immer auch eine politische Bedeutung hat. Hinsichtlich von Diskussionen in der Politik entwirft Jaspers ein Idealbild, das ihn selber als einen politischen Moralisten erscheinen lässt. Auch im 6. Kap. wird die moralistische Position von Jaspers deutlich. Dort reflektiert er über das Verhältnis von Gewalt, Moral und Politik und stellt als Ideal des Politikers jenen Typus vor Augen, den er vor allem in seinem Buch Die Atombombe und die Zukunft des Menschen idealtypisch als den „vernünftigen Staatsmann“ charakterisiert hat.
Das 7. Kap. betrifft das methodische Problem des Verhältnisses von Werturteilen und Tatsachenerkenntnis. In Anlehnung an das Wertfreiheitsprinzip der Wissenschaft, wie es sein grosses Vorbild Max Weber am Beginn des 20. Jahrhunderts formuliert hat, plädiert Jaspers nachdrücklich für die „Reinheit“ der Wissenschaft von persönlichen Wertungen. Er erachtet das Prinzip, wissenschaftliche Erkenntnisaussagen von persönlichen Werturteile „rein“ zu halten, auch als einen moralischen Akt der „Wahrhaftigkeit“ des (der) jeweiligen Wissenschaftler(in). Es soll die Tarnung von Wertungen durch Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse verhindert werden, weil ein solches Verfahren die Manipulation und Indoktrination von Adressaten bedeuten würde.
Im 8. Kap. kritisiert Jaspers Tendenzen zur Verabsolutierung der Soziologie und der Psychologie. Er sieht solche Tendenzen in der Soziologie bei Karl Max und in der Psychologie bei Sigmund Freud gegeben. Beide „verkehren“ die Wissenschaft zu einem „Pseudoglauben“ indem sie u. a. den Eindruck erwecken, der Mensch sei durch ihre Wissenschaften in seiner Totalität erforschbar.
Im 9. Kap. stellt Jaspers die Tendenz zur Offenheit der Tendenz zur Verschlossenheit gegenüber und thematisiert diese Tendenzen in Politik und Gesellschaft. Mit der Tendenz zur Verschlossenheit sind in der Politik Geheimhaltung und Zensur verbunden, mit der Tendenz zur Offenheit eine Grundvoraussetzung der demokratischen Gesellschaft, nämlich die kritische Öffentlichkeit. Diese sollte in einer Gesellschaft der „Raum“ für die „Selbsterziehung“ des Volkes sein. Jeder Einzelne sollte das „Wagnis“ der Öffentlichkeit eingehen, weil damit notwendig auch das Prinzip der Freiheit verbunden ist.
Das 10. Kap. handelt von Jaspersʼ metaphysischer Annahme von „Chiffern der Transzendenz“. Nachdem die Transzendenz nicht im Denken objektivierbar ist, „spricht“ sie indirekt zu jenen Individuen, die sich ihrer möglichen Existenz bewusst sind bzw. die ihr jeweils unvertretbares Selbstsein in Augenblicks-Erlebnissen verwirklichen. Die Chiffernmetaphysik verhindert die Vergegenständlichung der Transzendenz, wie dies bei religiösen Glaubensstandpunkten der Fall ist. Für Jaspers ist die Theologie „dogmatisch gegründet auf Glaubensbekenntnisse“, in denen die Transzendenz in persönlichen Gottesvorstellungen zu Unrecht inhaltlich fixiert wird. In diesem Kap. kommt ein Teil jener religionskritischen Argumente vor, die Jaspers in den beiden Büchern Der philosophische Glaube und Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung ausführlich dargelegt hat.
Im 11. Kap. erörtert Jaspers die Liebe. Im Unterschied zu Sexualität und Erotik ist die Liebe ein Phänomen, das durch „Unbegreiflichkeit“ gekennzeichnet und in der empirischen Realität nicht nachweisbar ist. Deshalb nennt Jaspers sie auch „metaphysisch“. Sie ist „ein Vertrauen in den Grund der Dinge“, bedingt Wahrheit und Wahrhaftigkeit und zeichnet sich im Leben jedes Einzelnen durch „Einmaligkeit“ aus. In diesem Zusammenhang verweist Jaspers auch darauf, dass eine Ich-Du-Beziehung, die er als gegenseitigen, liebenden Kampf versteht, nur zu einem anderen Menschen möglich ist, nicht aber zu Gott. Die Gottesbeziehung im Gebet oder Gewissen kann immer nur eine Chiffer der Transzendenz sein.
Das 12. Kap. behandelt den Tod. Der Tod, sei es der bevorstehende eigene Tod oder der Tod eines geliebten Menschen, ist für Jaspers eine Grenzsituation. Jaspers verlangt, dass die Philosophie „dem handgreiflichen Trostbedürfnis, der vorschnellen Beruhigung nicht entgegenkommen“ darf, sondern auch angesichts des Todes für „Wahrhaftigkeit“ eintreten muss. Angesichts des Todes und im Bewusstsein um dessen Unerklärbarkeit kann der Mensch sein Selbstsein verwirklichen. Die „Ruhe“ angesichts des Todes, an anderer Stelle spricht Jaspers von einer „heiteren Gelassenheit“, resultiert aus dem Bewusstsein, was man im Leben recht gemacht hat und was „kein Tod nehmen kann.“
Im 13. Kap. kommt Jaspers noch einmal auf Aufgaben der Philosophie zu sprechen. Er stellt u. a. fest, dass Philosophie sich immer „der Wahrheit“ zu vergewissern habe, weil Wahrheit zu erblicken, die „Würde des Menschen“ und seine „Freiheit“ bedeute, dass die Philosophie lehrt, „sich nicht täuschen zu lassen“, „dem Unheil ins Angesicht zu blicken“, „ein unbegreifliches Vertrauen in den Grund der Dinge“ zu gewinnen.
Karl Jaspers: Kleine Schule des philosophischen Denkens.
München: Piper 1965. Neuausgabe 1974. 7. Aufl. 1980.