Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03496.jsonl.gz/963

Printed in
Sie sind bereits davon unterrichtet, dass mich am 16. Juni Herr Laval überraschend zu sich gebeten hat. Er nahm Bezug auf die zahlreichen und dringenden Vorstellungen, die ich bei ihm und bei den zuständigen Ministerien unternommen hatte, um den vollständig unterbrochenen Warenverkehr zwischen Marseille und der Schweiz wieder in Gang zu bringen. Er teilte mir mit, dass damit gerechnet werden müsse, dass die verschiedenen Eisenbahnlinien zwischen Lyon und Genf noch längere Zeit unbrauchbar sein werden. Die französischen Eisenbahnen hätten bei ihm deshalb um die Zustimmung dazu ersucht, den Transport von Waren für die Schweiz und aus der Schweiz bis auf weiteres abzulehnen. Mit Rücksicht auf die sehr grossen, für die Schweiz im Spiel stehenden Interessen, habe er dies abgelehnt und erklärt, dass gegenteils unbedingt ein Weg gefunden werden müsse, um diesen Verkehr wieder aufzunehmen. Er könne mir den Vorschlag machen, diese Waren über Vesoul-Belfort-Basel zu spedieren. Obschon ich wusste, dass zwischen Lyon und Vesoul ebenfalls Sabotageakte begangen worden sind, stimmte ich dem Vorschlag sofort zu und dankte ihm für sein Verständnis. Er hat in meiner Gegenwart die entsprechenden Befehle erteilt. Ich habe nicht nur Sie, sondern auch unser Kommissariat in Marseille und unser Konsulat in Lyon sofort benachrichtigt. Ich ersuchte ferner darum, dass die Waren aus Cerbère und Campfranc gleich behandelt würden, wie diejenigen aus Marseille, welche Frage noch offen steht.
Leider ist diese Verkehrsumleitung bis heute noch nicht Tatsache geworden. Jedenfalls hatte gestern die Eisenbahndirektion Lyon noch keine entsprechenden Weisungen. Die Verzögerung soll darauf zurück zu führen sein, dass die deutsche Zustimmung noch nicht in vollem Umfange vorliegt und dass auch die Geleisereparaturen noch nicht ganz beendigt sind. Ich betrachte diese Frage nach wie vor als eine meiner wichtigsten hiesigen Aufgaben.
In meinem letzten Berichte2 sprach ich von der Einäscherung eines ganzen Dorfes im Departement Haute-Vienne durch deutsche Truppen. Ich bin in der Lage, Ihnen beiliegend den Bericht meines schweizerischen Vertrauensmannes3 in jener Gegend über diese erschütternde Tragödie zuzustellen. Dieser Bericht entspricht vollkommen den Tatsachen. Es ist schwierig, bei einer solchen Lektüre die Ruhe zu bewahren. Es ist erschütternd festzustellen, wo Europa angelangt ist und was seiner in Zukunft noch warten wird.
Die Kämpfe mit dem «maquis» gehen ständig weiter. Da es sich um sehr bewegliche Kolonnen handelt, die rasch erscheinen und verschwinden und jedem grössern Kampf mit den deutschen Truppen ausweichen, so wechselt die Situation in den einzelnen Departementen ziemlich rasch. Im grossen und ganzen aber ist sie unverändert. Nach gestrigen Berichten, die aber noch nicht bestätigt sind, soll sich die Gegend von Bellegarde wieder in deutscher Hand befinden. Die Erfahrung zeigt, dass die Route Annemasse - St-Julien - Annecy - Aix-les-Bains - Chambéry - La Tour-du-Pin - Lyon - Vichy gegenwärtig ohne wesentliches Risiko befahren werden kann. Natürlich kann auch hier die Lage von einem Tag zum ändern wechseln.
Unter den zahlreichen neuen Verhaftungen der letzten Zeit figurieren unter vielen ändern der Präsident und der stellvertretende Generalsekretär der Compagnie Nationale des Chemins de Fer, die Bischöfe von Clermont-Ferrand und Montauban, sozusagen alle «notabilités» von Toulouse, auch Albert Sarraut, Georges Villier, der frühere Maire von Lyon, der übrigens gestern ermordet worden sein soll, und viele andere mehr.
- 2
- Non reproduit.↩
- 3
- Rapport (non reproduit) sur le massacre et les atrocités commises à Oradour-sur-Glane les 10 et 11 juin 1944. L’auteur de ce rapport est un Suisse résidant à Limoges, Jean d’Albis, cf. J 1.131/64. Dans son rapport politique No 15 (daté du 15 juin 1944), W. Stucki écrit notamment: [...] Viel Schlimmeres noch ereignete sich in einem kleinen Dorfe im Departement Haute-Vienne: Ein deutscher Offizier war einem Anschlag zum Opfer gefallen. Hierauf umzingelten deutsche Truppen das ganze Dorf und zündeten es an. Wer versuchte zu entkommen, wurde niedergeschossen. Die gesamte Einwohnerschaft von 600 Männern, Frauen und Kindern sind alle lebendig verbrannt worden! Diese Geschichte ist so ungeheuerlich, dass ich sie nicht glauben wollte. Sie ist mir gestern von Marschall Pétain und von Präsident Laval persönlich in aller Form bestätigt worden. Irgend ein Kommentar ist überflüssig. Die hiesigen deutschen Diplomaten und Militärs bedauern selbstverständlich dieses Vorkommnis auf das Tiefste und erklären lediglich, es handle sich um ein Regiment, das erst kurz vorher aus Russland zurückgekommen sei und eben die dort angewandten Methoden auch in Frankreich zur Anwendung gebracht habe. [...] (E 2300Paris/98)↩
Tags