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Jung, Escher Briefe, Band 6, S. 103–109.
Lisa Bollinger, unter der Leitung von Prof. Dr. Joseph Jung
1Der Schaffhauser
Georg Stoll gehörte im Rahmen des
Gotthardprojekts zu den
wichtigsten Mitarbeitern Alfred Eschers. Dementsprechend bedeutungsvoll ist die
Korrespondenz, die im Kontext der langjährigen Zusammenarbeit zwischen Escher
und Stoll entstanden ist. Obwohl
Stoll auch nach der Gründung der
Gotthardbahn-Gesellschaft im Jahre 1871 bis zur Vollendung des Baus im Jahre
1882 eine zentrale Rolle spielte und mit Escher korrespondierte, wird an dieser
Stelle der Schriftverkehr während der Planungs- und Projektierungsphase
(1863–1871) berücksichtigt. Die Korrespondenz zwischen Escher und Stoll befasst sich in diesem
Zeitfenster mit verschiedenen inhaltlichen Aspekten wie den von Stoll geführten Unterredungen in den
deutschen Staaten oder dem
jeweiligen Stand der Subventions- und Konzessionsverhandlungen. Die
Kommunikation erfolgte stets als Informationsaustausch und zeugt durch ihren
nüchternen und sachlichen Ton von Scharfsinn und einer pointierten Sprache, mit
welchen Escher und Stoll komplexe
Sachverhalte treffend zu formulieren wussten. Die Art und Weise, wie die beiden
miteinander kommunizierten, deutet darauf hin, dass Stoll bezüglich der konkreten Umsetzung seiner
Aufgabe grossen Spielraum besass und von einem hohen Mass an Autonomie
profitierte – was damit zusammenhängt, dass Escher in ihm einen loyalen und
kompetenten Mitarbeiter und Vertrauten gefunden hatte. Nicht zuletzt
dokumentiert die Korrespondenz nämlich, wie sich das anfänglich formelle
Verhältnis zwischen Escher und Stoll
im Verlaufe der Jahre zu einer persönlichen Freundschaft entwickelte.
Kennengelernt hatten sich die beiden in den 1850er Jahren, als Stoll nach der Ausübung verschiedener
Ämter im öffentlichen Dienst das Sekretariat der geplanten Zürich-Bodensee-Bahn
übernahm, an deren Spitze Escher stand. Als Direktionspräsident der
Schweizerischen Nordostbahn gelang es Escher im Jahre 1858, Stoll als Direktor des kommerziellen Dienstes zu
gewinnen.
1 Als enger
Vertrauter Eschers war Stoll es denn
auch, den Escher kurz vor seinem Tod herbeirufen liess und welchem er letzte
geschäftspolitische Instruktionen erteilte.2
2In bezug auf das Gotthardprojekt fungierte Stoll als Finanzexperte und beriet Escher in kaufmännischen und
ökonomischen Fragen. Zusammen mit dem Zürcher Ingenieur Gottlieb
Koller und dem Basler
Unternehmer Wilhelm Schmidlin
verfasste er mehrere Gutachten.3 Die Gotthardvereinigung beauftragte Stoll ausserdem damit, die deutschen Staaten vom Gotthardprojekt zu überzeugen
und deren finanzielle Unterstützung zu erwirken. Sie ernannte ihn deshalb zum
Delegierten für die deutschen
Staaten.4 Gleichzeitig war Stoll für die Gewinnung deutscher Investoren für das internationale Finanzkonsortium
verantwortlich, das durch die Investition von Privatkapital einen wichtigen
Beitrag zur Finanzierung des Gotthardprojekts leisten sollte.5
3Die Anzahl Briefe und Telegramme zwischen den beiden Korrespondenten beläuft sich
in den Jahren zwischen 1863 und 1871 auf rund 91 Schriftstücke, von denen sich
74 auf das Gotthardprojekt
und 19 ausschliesslich auf die Geschäfte der Schweizerischen Nordostbahn und
andere Eisenbahnprojekte beziehen. Die Korrespondenz in bezug auf das Gotthardprojekt besteht aus
verhältnismässig wenigen Briefen (15) im Unterschied zur Anzahl Telegramme (59).
Wurden die meisten Briefe (12) in den Jahren 1864, 1865 und 1869 geschrieben,
fällt bei den Telegrammen die hohe Dichte im Frühjahr 1866 und im Frühling bis
Herbst 1869 auf. Dass die Telegramme (21) des Jahres 1866 ausschliesslich in den
Monaten Januar bis März versandt wurden, weist darauf hin, dass die Gotthardvereinigung in den
deutschen Staaten hauptsächlich vor dem Beginn des Preussisch-Österreichischen
Krieges im Juni 1866 aktiv war. Das Ende des Krieges im Oktober 1866 bildete für
die Gotthardvereinigung zwar
erneut eine günstige Ausgangslage. Andererseits aber wurden durch den Krieg auch
die bereits laufenden Verhandlungen mit der Gotthardvereinigung unterbrochen und erst
im Sommer 1867 wieder aufgenommen. Die grosse Anzahl Telegramme (30) im Jahr
1869 erklärt sich schliesslich daraus, dass Stoll damals darauf hinarbeitete,
für die Gotthardvereinigung
ein internationales Finanzkonsortium aufzustellen, und deswegen in engem Kontakt
mit deutschen Investoren stand.
Ausserdem machten es die Verhandlungen der im Herbst 1869 stattfindenden
internationalen Gotthardkonferenz zur Festlegung der Subventionsleistungen erforderlich,
dass Escher und Stoll laufend
miteinander kommunizierten, um sich über die Ergebnisse der Sitzungen
austauschen zu können.
4Die ersten das Gotthardprojekt
betreffenden Briefe der Korrespondenz zwischen Escher und Stoll handeln von den nach der Gründung der Gotthardvereinigung von
derselben in Auftrag gegebenen technischen Expertisen.6
Die beiden Ingenieure August von
Beckh und Robert Gerwig
erstellten die Hauptstudie, welche sich mit der technischen Realisierung und
verschiedenen Varianten der Streckenführung der zukünftigen Gotthardbahn
befasste.7 Das Gutachten von Beckhs und Gerwigs sollte ausserdem auf die 1861/62 erstelle
Studie von Kaspar Wetli verweisen,
die in bezug auf den Verlauf der Strecke eine zusätzliche Möglichkeit
beinhaltete. Das Problem bestand nun darin, dass der Versand des Gutachtens
verzögert zu werden drohte, weil Wetli kurz vor dessen Fertigstellung eine überarbeitete und neu
angepasste Version seiner Studie ins Gutachten integrieren wollte. Escher
versuchte deshalb, Wetli davon zu
überzeugen, entweder dem Gotthardausschuss eine übersichtliche Beschreibung seines Projekts
zu liefern – um diese ins technische Gutachten aufnehmen zu können – oder
andererseits dem Vorschlag zuzustimmen, dass von Beckh in seiner Hauptstudie die Variante
Wetlis erwähne und einzeichne.
Weil sich Wetli daraufhin in der
«bekannten Weise [...] zurück[gezogen habe] & verstummt[e] [sei]», wies
Escher Stoll an, mit Wetli den Kontakt zu suchen und «den
Faden der Ariadne aus diesem Labyrinthe
zu finden».8
So berichtete denn auch Stoll
bereits einen Tag später, dass er zusammen mit Josef Zingg den Auftrag soweit erfüllt und sich
Wetli dahingehend geäussert
habe, sein Projekt schnellstmöglich beenden und den Druck des Gutachtens nicht
verzögern zu wollen. Stoll, der
hinsichtlich der Zuverlässigkeit Wetlis aber grosse Zweifel hegte, sehe deshalb keine andere
Möglichkeit, als dass man die Studie Wetlis je nach Umstand dann als Anhang des Gutachtens oder in
eigenständiger Auflage publiziere – womit das Thema erledigt war.9
5Ein zentraler Gegenstand des schriftlichen Austausches zwischen Escher und Stoll stellte das Lobbying der Gotthardvereinigung in den
deutschen Staaten dar. Im Herbst
1865 reiste Escher zusammen mit dem Basler Nationalrat Johann Jakob Stehlin und Stoll nach Baden-Baden
, wo sie beim badischen Aussenminister
Franz von Roggenbach
sowie beim preussischen
Ministerpräsidenten Otto von
Bismarck vorsprechen konnten. Letzterer riet den Vertretern der Gotthardvereinigung dazu, sich
im Rheinland um die Unterstützung
einflussreicher Persönlichkeiten der Handels- und Industriekreise zu bemühen.
Nachdem mit Bismarck
ausgemacht worden war, dass Stoll
diese Aufgabe übernehme, reiste letzterer in die deutschen
Staaten und warb bei verschiedenen
Akteuren für das Gotthardprojekt.10
Im Februar 1866 wurden Stoll und Schmidlin
– der im Frühjahr 1866 als Mitglied des Ausschusses zusammen mit Stoll die Gotthardvereinigung in Berlin vertrat – erneut von Bismarck empfangen. Der preussische Ministerpräsident empfahl den
beiden, mit den leitenden Staatsmännern des Herzogtums Nassau, der Freien Stadt Frankfurt und des Grossherzogtums Hessen Kontakt
aufzunehmen. Stoll und Schmidlin sprachen
anschliessend gemeinsam beim Fürsten August Ludwig von
Sayn-Wittgenstein-Berleburg in Wiesbaden vor. Den Bürgermeister Karl Konstanz Viktor
Fellner in Frankfurt und den Freiherrn Reinhard zu Lichtenfels von
Dalwigk in Darmstadt
suchte Stoll nach der Abreise Schmidlins danach alleine
auf.11
Stoll erstattete Escher im Verlaufe
seiner Unterredungen systematisch und regelmässig Bericht und informierte diesen
über das weitere Vorgehen. Die Korrespondenz zwischen Escher und Stoll aus den Jahren 1865 und 1866
befasst sich deswegen hauptsächlich mit dem jeweiligen Stand der von Stoll geführten Verhandlungen in den
deutschen Staaten. Dies war
insofern wichtig, als sowohl Stoll
für die von ihm unternommenen Aktivitäten in den deutschen Staaten als auch Escher für die
Koordination zwischen den Delegierten auf den gegenseitigen
Informationsaustausch angewiesen waren. So schrieb beispielsweise Escher an Stoll: «Herr v. Roggenbach hat mir noch nicht
geschrieben. Es wäre mir sehr erwünscht, wenn Sie die Güte haben wollten, auf
dem Wege nach Darmstadt bei Hrn.
v. R. vorzusprechen &
ihn zu ersuchen, in
Berlin
das ihm nach Lage der Umstände & Verhältnisse nothwendige
vorzukehren, sowie, wie ich es in meinem letzten Briefe an ihn angeregt, auf ein
vereintes Handeln des Nordens der
Alpen
[...]
hinzuwirken.»12
Es zeigt sich also, dass Stoll von
Escher nicht nur über die aktuelle Lage in Kenntnis gesetzt wurde, sondern in
bestimmten Fällen konkrete Instruktionen erhielt. Andere Briefe dokumentieren
wiederum, dass Escher Stoll freie
Hand liess und bemüht war, diesem seine Aufgabe zu erleichtern, indem er
möglichst günstige Umstände zu schaffen und Stolls persönliche Anliegen zu berücksichtigen
versuchte. Auf die Frage, ob Stoll
den Berner Politiker Karl Wilhelm von
Graffenried an seiner Seite in Berlin wünsche, antwortete ersterer sodann, dass er und Schmidlin die Mitwirkung Graffenrieds für
wünschbar hielten, aber noch nicht einschätzen könnten, inwiefern diese eine
Notwendigkeit sei.13
Stoll überliess es in diesem Falle
Escher, die letzte Entscheidung zu treffen.
6Ein Grossteil der Telegramme aus dem Jahr 1866 wurde von den beiden
Korrespondenten in chiffrierter Form versandt. Stoll teilte
Escher Anfang Februar desselben Jahres mit, dass verschlüsselte Telegramme in
Preussen «weder
angenommen noch ausgeliefert» würden.14 Die beiden Korrespondenten,
die bis anhin gewisse Namen unkenntlich gemacht hatten, indem sie diese zu einem
einzelnen Buchstaben verkürzten, mussten folglich ihre Strategie ändern und
codierten von nun an nur noch ganze Wörter. Weil diese – zusammengehängt –
einen grammatikalisch und inhaltlich sinnvollen Text ergaben, blieb die
Verschlüsselung unerkannt. Schliesslich sollten interne Informationen vor dem
Abschluss der jeweiligen Verhandlungen nicht an die Öffentlichkeit gelangen. So
informierte Stoll Escher
beispielsweise15: «Bauer zieht Waare vor,
nimmt aber in zweiter Linie auf Silber oder Wechsel.»16 Auch 1869 ist ein
Grossteil der versandten Telegramme immer noch verschlüsselt17: «Grattoni meldet, daß es nicht allzuschwer halten werde, in Pommern etwa 10 Quoten zum Preise von 6 zu
finden, daß namentlich im Hauptseehafen [...] Dispositionen nichts zu wünschen
übrig lassen, daß unser Abgeordneter vorab dort & in der Residenz anzubinden
haben werde [...].»18 Die Briefe und Telegramme
dokumentieren, dass Stoll während
seiner Reisen in die deutschen
Staaten von Escher regelmässig über die Ergebnisse und den Stand der
Konzessions- und Subventionsverhandlungen im Tessin und in Italien informiert wurde. Dabei stand Escher mit den vor Ort
anwesenden Delegierten selbst in schriftlichem Kontakt: «Die
Conzessionsunterhandlungen im Tessin sind
außerordentlich mühsam. Meine daherige telegraphische & briefliche
Correspondenz mit Peyer füllt bereits einen ganzen Dossier.»19 Ebenso unterrichtete Escher Stoll über seine eigenen Bemühungen angesichts aktueller Ereignisse
und Entwicklungen. Ein gutes Beispiel dafür liefert das Telegramm vom 6. Februar 1866, das ebenso chiffriert
ist20: «Habe
wiederholt aufgetragen, auf baldigen günstigen Entscheid der Experten zu
dringen. [...] Es wird von Freunden Silbers Coup zur Verwerfung
Gesellschaftsactien vorbereitet. Große Rath Tessins Rücktritt von unserer Vereinigung beschlossen. Von H. versuchte Combination an
Widerstand Camorra gescheitert. [...] Dürfen uns nicht entmuthigen
lassen.»21
7Es zeigt sich immer wieder, dass die Korrespondenz zwischen Escher und Stoll in gewisser Weise auch ihre
Beziehung widerspiegelt, die nach und nach freundschaftlichere Züge annahm und
über den geschäftlichen Aspekt hinausging. Escher wandte sich dabei zunehmend
auch in politischen Fragen an Stoll.
Kurz vor der Abstimmung über die Bundesrevision im Januar 1866 erkundigte sich
Escher bei Stoll beispielsweise, ob
er sich aufgrund seiner Positionierung «vor der Wuth des Volkes schützen» könne,
wenn er nach der beendeten Session der Bundesversammlung nach Zürich zurückkehre.22 Besonders 1867, nachdem Friedrich Locher einen weiteren Teil seiner
Pamphlete veröffentlicht hatte, manifestierte sich bei Escher eine grosse
Unsicherheit hinsichtlich der Frage, wie er auf die ihm gemachten Vorwürfe und
Anschuldigungen reagieren sollte. Mehrere an Stoll gerichtete Briefe dokumentieren, wie sehr
Escher auf dessen Meinung Wert legte.23
Nachdem er den Entwurf für einen gegen die Vorwürfe Lochers
beziehungsweise des Winterthurer «Landboten» gerichteten Zeitungsartikel24 verfasst hatte, schrieb Escher
an Stoll: «Sollten Sie übrigens [...]
den Ton meines Artikels zu herb finden, so ersuche ich Sie, ihn nach Belieben zu
modifiziren. Ich erkläre mich von vornherein mit allem einverstanden, was Sie in
dieser Beziehung thun werden.»25
8Eine wichtige Aufgabe der Gotthardvereinigung bestand darin, die Finanzierung des Gotthardprojekts durch die
Bildung eines internationalen Finanzkonsortiums sicherzustellen. Ihre Agenten
und Delegierten standen deshalb mit verschiedenen ausländischen Bankiers in
Kontakt. Die Verhandlungen Stolls,
der diesbezüglich in den deutschen
Staaten wirkte, fanden dadurch auch Niederschlag in der Korrespondenz mit
Escher. Im Februar 1866 riet Escher Stoll, bei Adolph von
Hansemann, dem Geschäftsführer der Disconto-Gesellschaft, in Berlin vorstellig zu werden. Dazu
veranlasst hatten Escher die ungewiss verlaufenden Verhandlungen zwischen dem
Gesandten der Gotthardvereinigung im Tessin, Johann Friedrich Peyer im
Hof, und dem englischen
Konzessionsbewerber und ehemaligen ausserordentlichen Gesandten und
bevollmächtigten Minister Grossbritanniens in Turin,
James Hudson.26
Stoll entgegnete Escher jedoch, dass
er eine solche Aktion für verfrüht erachte. Er werde – falls ihm diesbezüglich
kein expliziter Auftrag erteilt werde – diesen Schritt unterlassen, woraufhin
ihn Escher nicht mehr weiter dazu drängte.27 Erst
im Frühling 1869, nachdem Italien, der Norddeutsche
Bund und das Grossherzogtum Baden dem Bundesrat ihre Unterstützung
in bezug auf das Gotthardprojekt zugesichert und ihn mittels diplomatischer Noten dazu
aufgefordert hatten, die Initiative für die diesbezügliche internationale
Zusammenarbeit zu ergreifen28, berichtete Stoll
erneut und regelmässig aus der Hauptstadt Preussens
29
: «Verhandlungen mit Müller
heute wenig avanciert. Dieselben werden auf Donnerstag verschoben da Morgen großer Feiertag.»30 Wenn es die Umstände
erforderlich machten, erläuterte Stoll den aktuellen Stand seiner Unterhandlungen auf detaillierte und
umfassende Art und Weise. So benachrichtigte er Escher Ende April 1869 über seine
Besprechungen mit verschiedenen deutschen Bankhäusern. Zwar sei allgemein ein grosses Interesse an
der Mitwirkung beim Gotthardprojekt vorhanden, es scheine jedoch schwierig, zum jetzigen
Zeitpunkt konkrete Zusagen zu erhalten. Stoll habe deshalb den Präsidenten des Handels- und Gewerbevereins
für Rheinland und Westfalen, Alexander von Sybel, dazu veranlasst, in
Erfahrung zu bringen, ob Bismarck und der preussische Präsident des Bundeskanzleramtes des Norddeutschen Bundes, Rudolph von Delbrück, nicht geneigt
wären, einen gewissen Druck auf die Finanzwelt auszuüben. Er habe damit jedoch
keinen Erfolg erzielen können.
9Dass Escher und Stoll in diesem Falle
ausschliesslich mittels Telegrammen kommunizierten, macht deutlich, dass eine
rasche Informationsweitergabe und unverzügliche Reaktionsmöglichkeit in dieser
Angelegenheit unentbehrlich waren. Stoll konnte dadurch auf schnellstmöglichem Wege wichtige
Informationen an Escher weiterleiten, welche bezüglich der parallel verlaufenden
Subventionsverhandlungen in den verschiedenen Kantonen sowie in Italien von grossem Wert
waren, weil die Vertreter der Gotthardvereinigung dementsprechend darauf reagieren und ihre
Strategien anpassen konnten.31 Dies
erklärt auch, warum sich die beiden Korrespondenten während Stolls längeren Auslandaufenthalten nur selten
Briefe schrieben und als Hauptkommunikationsmittel das Telegramm wählten. Escher
war sich bewusst, dass die vielen Geschäftsreisen Stolls unvermeidlich waren. Wohl hätte er sich aber
gewünscht, seinen wichtigsten Berater und engen Vertrauten öfters in seiner Nähe
zu haben: «Im übrigen bin & bleibe ich in Ihrer Abwesenheit ein hülfloses
Waislein! Sie wissen aber, daß nach dem Sprichworte ein besonderer Gott über den
– Kindern & den – Betrunkenen waltet!»32
10Bereits im September 1869 ergab es sich aber, dass Stoll sich wieder häufiger in der Schweiz aufhielt.
In seinem Brief vom 25. April berichtete er Escher über seine Unterhaltung
mit verschiedenen deutschen Bankiers: «Von unsern speziellern Freunden,
namentlich Engel & Sybel, sind wir darauf
aufmerksam gemacht worden, daß es dringend wünschbar sei, daß die internationale
Konferenz möglichst bald einberufen werde, indem während der Sommermonate es
absolut unmöglich wäre, die Sache zum Abschluß zu bringen [...].»
Es dauerte anschliessend nicht mehr lange, bis der Bundesrat die interessierten
Staaten am 10. Mai 1869 zur Gotthardkonferenz einlud.33 Während der
Besprechungen, die vom 15. September bis am 13. Oktober in Bern stattfanden, informierte Escher Stoll fortlaufend über die dabei
festgehaltenen Beschlüsse. Ebenfalls bat er diesen mehrmals, den verschiedenen
Sitzungen als Finanzexperte beiwohnen zu wollen.34
1
Vgl.
HLS online, Stoll Georg; HBLS
VI, S. 563.
2
Vgl.
Jung, Lydia Welti-Escher 2009 (Quellen, Materialien), S. 106.
3Dabei handelte es sich u. a. um «Die Gotthardbahn in kommerzieller
Beziehung» und «Die Gotthardbahn und ihre Konkurrenten. Erwiderung auf die
Schrift ‹Simplon, St. Gothard et Lukmanier›». Vgl.
Koller/Schmidlin/Stoll, Gotthardbahn; Stoll Georg,
Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit.
Stoll, Stoll, S. 22; Koller/Schmidlin/Stoll, Gotthardbahn und
Konkurrenten; Die Gotthardvereinigung, Absatz 4.
4
Vgl. Stoll Georg, Mein
Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit.
Stoll, Stoll, S.26; Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 28. Oktober
1864.
5Während der Rekonstruktionsphase
von 1876 bis 1878 wurde Stoll
vom Bundesrat ausserdem damit beauftragt, ein Expertengutachten über die
Auswirkungen eines minimierten Bauprogramms auf den Verkehr und den Gewinn
der Gotthardbahn zu erstellen. Vgl. Stoll
Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit.
Stoll, Stoll, S.
38.
6Der erste Brief der
Korrespondenz zwischen Escher und Stoll (1863–1871) datiert vom 19. Januar
1863 und handelt von der Replik Stolls auf die Broschüre Jakob Stämpflis über den Eisenbahnrückkauf sowie von der Motion Eytel. Vgl.
Alfred Escher an Georg Stoll, 19. Januar 1863.
7
Vgl.
Wanner, Gotthardunternehmen, S. 95–96; Beckh/Gerwig,
Rentabilität.
8
Alfred Escher an Georg Stoll, 9. Dezember 1864.
9
Vgl.
Georg Stoll an Alfred Escher, 10. Dezember 1864.
10
Vgl.
Prot. Ausschuss Gotthardvereinigung, 7. September
1865; Stoll Georg, Mein Anteil an der Verwirklichung des
Gotthardbahnprojektes, zit.
Stoll, Stoll, S.
24–25.
11
Vgl.
Die Gotthardvereinigung, Absatz 8; Stoll Georg, Mein
Anteil an der Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit.
Stoll, Stoll, S. 24–27, 32–33.
12
Alfred Escher an Georg Stoll, 9. November 1865.
13
Vgl.
Telegramm Escher an Georg Stoll, 1. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Georg Stoll an Escher, 2. März 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).
14
Telegramm Georg
Stoll an Escher, 4. Februar 1866 (SBB Historic
VGB_GB_SBBGB01_007).
15Entschlüsselung: Bauer = Heinrich von Itzenplitz; Waare = Gotthard; Silber = Lukmanier; Wechsel = Splügen.
16
Telegramm Georg Stoll an Escher, 8. Februar 1866 (SBB
Historic VGB_GB_SBBGB01_007).
17Entschlüsselung: Pommern = Italien; Quoten = Millionen; Preise =
Zinsfuss; 6 = 6%, Hauptseehafen = Genua; Residenz = Florenz.
18
Telegramm Escher an Georg Stoll, 23.
April 1869 (SBB Historic
VGB_GB_SBBGB01_014).
19
Alfred Escher an Georg Stoll, 9. November 1865.
20Entschlüsselung: Experten = Mitglieder der italienischen kommerziellen
Kommission; Silber = Lukmanier; Gesellschaftsactien = italienische Subventionen; H. = James Hudson.
21
Telegramm Escher an Georg Stoll, 6.
Februar 1866 (SBB Historic
VGB_GB_SBBGB01_007).
22
Alfred Escher an Georg Stoll, 7. November 1865.
Vgl.
Kern, Repertorium I, S. 186–187. – Kontext: Escher wies die im Zuge des
mit Frankreich abgeschlossenen
Handelsvertrages 1864 vermehrt aufgekommenen Forderungen nach einer
Verfassungsrevision zurück.
23
Vgl.
Alfred Escher an Georg Stoll, 11. Dezember 1867;
Alfred Escher an Georg Stoll, 13. Dezember 1867;
Alfred Escher an Georg Stoll, 14. Dezember 1867.
24Dabei
handelt es sich um den dritten Artikel «Das System in den Eidgenößischen
Räthen» der während des 13. und 25. Dezembers 1867 in der NZZ veröffentlichten Artikelserie «System & Opposition»
(in Anlehnung an die Artikelserie des Winterthurer «Landboten»). Vgl.
NZZ, 19./20. Dezember 1867.
25
Alfred Escher an Georg Stoll, 9. Dezember 1867.
26
Vgl.
Telegramm Escher an
Georg Stoll, 12. Februar 1866 (SBB Historic
VGB_GB_SBBGB01_007); Alfred Escher an Karl Schenk, 6. Februar 1866, Fussnote 4; Alfred Escher an Karl Schenk, 6. Februar 1866, Fussnote 5; Widmer,
Alpenbahn, S. 16–22.
27
Vgl.
Telegramm Georg Stoll an Escher, 12. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).
28
Die Gotthardvereinigung, Absatz 23.
29Entschlüsselung: Müller = Adolph von Hansemann.
30
Telegramm Georg Stoll
an Escher, 20. April 1869 (SBB Historic
VGB_GB_SBBGB01_014).
31
Vgl.
Telegramm Escher an Georg Stoll, 6. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Georg Stoll an Escher, 6. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Escher an Georg Stoll, 7. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007); Telegramm Georg Stoll an Escher, 8. Februar 1866 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_007).
32
Alfred Escher an Georg Stoll, 31. August 1869.
33
Vgl.
Die Gotthardvereinigung, Absatz 25.
34
Vgl.
Telegramm Escher an Georg Stoll, 20. September 1869
(SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 23. September 1869
(SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 26. September 1869
(SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 30. September 1869
(SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001); Telegramm Escher an Georg Stoll, 2. Oktober 1869 (SBB Historic VGB_GB_SBBGB01_001). – Stoll
amtierte als kommerzieller Experte für die schweizerischen Delegierten.
Vgl. Stoll Georg, Mein Anteil an der
Verwirklichung des Gotthardbahnprojektes, zit.
Stoll, Stoll, S.
35.
© Alfred Escher-Stiftung
Alfred Escher-Stiftung, c/o Zentralbibliothek Zürich, Zähringerplatz 6, 8001 Zürich, Schweiz
Zitiervorschlag: Jung Joseph (Hrsg.), Digitale Briefedition Alfred Escher, Launch Juli 2015 (laufend aktualisiert), Zürich: Alfred Escher-Stiftung.
https://briefedition.alfred-escher.ch/kontexte/uberblickskommentare/Korrespondenz_Escher-Stoll/