Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03485.jsonl.gz/1255

Bald schon werden die Täuschungen differenzierter. Die Kinder entwickeln etwas, das man in der Psychologie als «Theory of mind» bezeichnet: Sie lernen, dass andere Menschen einen anderen Informationsstand über die Welt haben als sie. Und sie entdecken, dass sie einer anderen Person falsche Informationen geben und damit deren Handeln beeinflussen können.
Mein Sohn war viereinhalb Jahre alt, als er es das erste Mal geschafft hat, mich anzuflunkern, ohne dass ich es gemerkt habe. Stolz öffnete er die Hand, in der sich die Murmel befand und meinte: «Du hast es nicht herausgefunden! Ich habe nicht mehr so gemacht.» (Dabei schaute er mit den Augen zur Seite und grinste – davor ein untrügliches Zeichen, dass er schummelte.) Er hatte gelernt, ein Pokerface aufzusetzen.
Flunkern, Täuschen und Fabulieren sind in der Phase von vier bis sechs/sieben Jahren Teil einer gesunden Entwicklung und kein Anlass zur Sorge. Langsam kann man in diesem Alter damit beginnen, Kindern aufzuzeigen, dass Lügen problematisch ist. Vielleicht erzählt man ihnen die Geschichte von Pinocchio oder vom Jungen, der immer «Feuer» rief, und spricht mit ihnen darüber, welche Folgen häufiges Lügen haben kann.
Zwischen sechs und acht Jahren können Kinder Fantasie und Realität immer besser auseinanderhalten, und ihnen wird bewusster, dass man im Allgemeinen nicht lügen sollte, weil es Beziehungen belastet und anderen Menschen schaden kann. Damit nimmt auch die Häufigkeit des Lügens ab.