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P. war bis ins 19. Jh. der Ausdruck für alle mit der Druckerpresse hergestellten Schriften. Ab der 2. Hälfte des 19. Jh. wurde der Begriff allmählich zum Synonym für die Gesamtheit der gedruckten Zeitungen und Zeitschriften. Diese entwickelten sich zu Beginn des 17. Jh. aus den nur bei Bedarf hergestellten Einblattdrucken, Flugblättern, Nachrichtenblättern und Messrelationen. Sie traten in allen westeurop. Ländern in gleichen Formen auf. Im dt. Sprachraum erschienen die ersten Wochenzeitungen 1605 in Strassburg ("Relation") und 1609 in Wolfenbüttel ("Aviso"), in Paris kam 1620 der "Courant d'Italie et d'Almaigne" nach dem Vorbild des Amsterdamer "Courante uyt Italien" heraus, in Florenz erschien 1636 die erste bekannte ital. Zeitung titellos. Sie vereinten erstmals alle typ. Eigenschaften der P.: Periodizität, Aktualität, Universalität und Publizität.
In der Schweiz kam es zu einer sprachregional unterschiedl. Entwicklung der P., die jeweils stark von Tendenzen der ausländ. Kulturzentren abhängig war. Bis ins 18. Jh. entwickelte sich die P. insgesamt zögerlich. Ihr v.a. städt. Publikum blieb klein, weil es sich auf die lesekundigen Eliten beschränkte. Zudem unterstand die P. der obrigkeitl. Zensur, die aufgrund von Abkommen zwischen den Ständen den Nachrichtenblättern die lokale und eidg. Berichterstattung weitgehend untersagte. Trotzdem begann unter dem Einfluss der Aufklärung ab den 1730er Jahren ein bescheidenes Wachstum, das sich in einer steigenden Zahl von Gesuchen um Zeitungsprivilegien und einer gelehrten Debatte über "Zeitungssucht" äusserte. Verleger wirkten oft auch als Redaktoren, Autoren in Almanachen und Buchhändler.
In der Helvetik wurde erstmals für die ganze Schweiz die Pressefreiheit proklamiert, doch kam es bald wieder zu Zensurmassnahmen. Durch Pressebeschlüsse und das Presse- und Fremdenkonklusum versuchte die Tagsatzung während der Mediations- und Restaurationszeit, die kant. Zensurpolitiken zu vereinheitlichen, doch löste v.a. Letzteres die Forderung nach Pressefreiheit erst recht aus. Durchzusetzen vermochte sich diese allerdings erst in der Regenerationszeit. Damals bildete sich in allen Sprachregionen eine polit. P. heraus, in deren Spalten der Meinungskampf geführt wurde, bevor es die modernen polit. Parteien gab. Diese Zeitungen verfolgten primär polit. Ziele und nahmen auch ökonom. Verluste in Kauf. Eine Kommerzialisierung der P. setzte in der franz. Schweiz in den 1870er Jahren und in der dt. Schweiz in den 1890er Jahren ein. Erst gegen Ende des 20. Jh. und weniger umfassend begann die Kommerzialisierung der P. in der ital. Schweiz und erreichte mit der Bildung eines multimedialen Pols 2008 einen ersten Höhepunkt. Seit der 2. Hälfte des 20. Jh. wurde die polit. P. gesamtschweizerisch zunehmend von mittleren bis grossen Medienkonzernen aufgesogen. Die grössten unter ihnen stiessen auch in den Medien- und Werbemarkt der anderen Landesteile vor. Trotz des Aufkommens der elektron. Medien blieben die Schweizer aber ein Volk von Zeitungslesern.
Die Erforschung der Pressegeschichte beschränkt sich auf zahlreiche Einzelstudien und weist deshalb insbesondere für das 19. Jh. erhebl. Lücken auf. Die Pressekonzentration führte seit den 1970er Jahren auch zu einer intensiven Beobachtung der Zeitungen durch die Kommunikationswissenschaft.
Autorin/Autor: Alain Clavien, Adrian Scherrer
Als eines der ersten Periodika der dt. Schweiz gilt die ab 1597 herausgegebene "Rorschacher Monatsschrift" ("Annus Christi"). Die ersten sog. Ordinari-Zeitungen erschienen als reine Nachrichtenblätter in den Messe- und Handelsstädten, wo der Informationsbedarf gross war: 1610-11 und wieder ab 1682 in Basel, ab 1622/23 in Zürich sowie um 1639 in Luzern.
Im Laufe des 18. Jh. kamen neben den Nachrichtenblättern auch Avis- oder Intelligenzblätter (Anzeiger) auf, die mehrheitlich oder ausschliesslich Anzeigen und amtl. Mitteilungen enthielten und Vorläufer von Amtsanzeigern und Lokalzeitungen waren. Für ein gebildetes Publikum entstanden Zeitschriften wie der "Historische und Politische Mercurius", der ab 1694 in Zürich monatlich erschien. Die "Discourse der Mahlern" (1721-23, Zürich) gelten als eine der ältesten moral. Wochenschriften im dt. Sprachraum (Kulturzeitschriften). Mit der Herausbildung einer frühbürgerl. Öffentlichkeit in aufgeklärten Sozietäten und Reformgesellschaften ist die Geschichte der Zeitschriftenpublizistik eng verknüpft. In den teilweise mehrmals wöchentlich erscheinenden Zeitungen entfaltete sich dagegen kaum öffentl. Räsonnement, weil die Verleger aus ökonom. Interessen eine hohe Bereitschaft zur Selbstzensur hatten.
Während der Helvetik kam es zu zahlreichen, z.T. kurzlebigen Neugründungen von Zeitungen. Als deren bedeutendstes Beispiel gilt "Der Republikaner". Die Zeitschriften verloren gegenüber den aktuelleren und nun auch politisch kommentierenden Zeitungen an Bedeutung. Die Franz. Revolution und die zunehmende Alphabetisierung liessen das Interesse an Nachrichten auch in der Landbevölkerung steigen, an die sich Zeitungen wie "Der Schweizerbote" richteten. An vielen Orten ermöglichten Lesegesellschaften einen kostengünstigen Zugang zu Zeitungen und Zeitschriften. Nach einem kurzen Frühling der Pressefreiheit in der Helvetik kam es in der Mediations- und Restaurationszeit wieder zu Zensurmassnahmen. Der Kampf dagegen wurde neben Volkssouveränität, Versammlungsfreiheit und Bildung zu einem der grossen Themen der liberalen Publizistik der Regenerationszeit.
In den Verfassungen der regenerierten Kantone war die Pressefreiheit garantiert, doch blieb die P. in manchen Kantonen ökonom. Lenkungsmassnahmen unterworfen. Dennoch stieg die Zahl der Zeitungsgründungen. Die neu entstehende Gesinnungspresse wurde v.a. für die Liberalen (u.a. "Neue Zürcher Zeitung" und "Solothurner Blatt") und die Radikalen ("Appenzeller Zeitung") zu einem wichtigen Instrument im Kampf um die öffentl. Meinung. Die Gründung des Bundesstaats führte zur Verankerung der Pressefreiheit in der Bundesverfassung, zur Entstehung der ersten überregionalen Zeitung ("Der Bund", 1850) und zu einem lang anhaltenden Aufschwung der Meinungspresse. Neben den freisinnigen Blättern griffen mit dem Kulturkampf der 1870er Jahre zunehmend auch konservative ("Vaterland") und später sozialdemokrat. Zeitungen ("Tagwacht", "Volksrecht") in den Meinungskampf ein. Der Zeitungsreichtum der Schweiz von Ende des 19. bis Mitte des 20. Jh., auch als "Bannwald der Demokratie" und als "vierte Gewalt" im Staat verstanden, beruhte wesentlich auf der Meinungspresse, die sich wegen der Kleinräumigkeit und föderalen Struktur des Landes an ein regionales, meist auch parteipolitisch gespaltenes Publikum wandte.
Die Vielzahl der Titel und steigende Auflagen führten zu einer Professionalisierung des Journalismus (1883 Gründung des Vereins der Schweizer P.) und einer ökonom. Konsolidierung der Verlage (1899 Gründung des Schweiz. Verlegerverbands). In den Redaktionen differenzierten sich einzelne Ressorts aus. Techn. Innovationen (Rotationsdruck in der Schweiz ab 1890, Setzmaschine 1893 erstmals beim "Bund"), die Beschleunigung der Nachrichtenbeschaffung über Nachrichtenagenturen und ein effizienter Post- und Verteilservice ermöglichten bis zu drei Tagesausgaben. Neben der Tagespresse nahm auch die Zeitschriftenpresse zu, die sich in Fach- und Unterhaltungszeitschriften mit populärwissenschaftl., literar. und satir. Inhalten ("Alte und neue Welt", "Die Schweiz") sowie in Wochenend-Beilagen zu Tageszeitungen auffächerte. Aus diesen Unterhaltungszeitschriften mit einem bereits erkleckl. Bildanteil entwickelten sich die Illustrierten, die von den 1920er Jahren an den Fotojournalismus begründeten.
Investitionen in neue Technologien erforderten ab Ende des 19. Jh. eine zunehmende Finanzierung der P. durch Werbung. Der expandierende Inseratemarkt liess die Bezugspreise sinken und die ersten parteiunabhängigen sog. Generalanzeiger entstehen, die wie der "Tages-Anzeiger" als gewinnorientierte Massenpresse eine möglichst hohe Auflage anstrebten. In der Zwischenkriegszeit entstanden auch unabhängige Wochenzeitungen, so etwa "Der Schweizerische Beobachter" oder "Die Nation", die einen investigativen Journalismus pflegten. Auf die grossen Weltanschauungsgruppen ausgerichtete Zeitschriften wie die "Schweizer Monatshefte", die "Schweizer Rundschau" oder die "Rote Revue" beschäftigten sich vertieft mit polit., ökonom. und kulturellen Fragen.
Während im Ausland erste Boulevardzeitungen schon Ende des 19. Jh. entstanden waren, etablierte sich dieser Zeitungstyp nach gescheiterten Versuchen ("Actualis") erst 1959 mit dem "Blick". Aufgrund der zunehmenden Kommerzialisierung und Internationalisierung der Medienmärkte und der Konkurrenz durch das Fernsehen setzte in den 1960er Jahren durch Fusionen und den Aufbau von Kopfblattsystemen eine Zeitungskonzentration ein, die in den 1970er und 90er Jahren ihre stärksten Schübe erlebte und mit einer Verdoppelung der Gesamtauflage der Zeitungen einherging. Diese Konzentration führte zum Niedergang der partei- und konfessionsgebundenen P., an deren Stelle Forumszeitungen wie die "Basler Zeitung" mit regionaler Vormachtstellung traten. Der als Zeitungssterben bezeichnete Konzentrationsprozess und neue Gratis-Wochenzeitungen, die mit dem Kartellgesetz von 1962 (in Kraft seit 1964) von den etablierten Verlagen nicht mehr verhindert werden konnten, lösten eine breite medienpolit. Debatte aus, die 1978-82 zu einer Mediengesamtkonzeption führte. Indirekt beeinflusste die Pressekonzentration die Deregulierung des Radios. Als Folge der Konzentration entstanden aus Verdrängungswettbewerben grosse Medienkonzerne (Ringier, Tamedia, NZZ-Gruppe, Basler Medien-Gruppe, Jean Frey AG, Espace) mit primär ökonom. Interessen. Parallel dazu etablierte sich ab 1977 der Presserat als freiwilliges Selbstkontrollorgan.
Rationalisierungsgewinne ermöglichten in den 1990er Jahren einen Ausbau des Umfangs und z.T. schon früher die Lancierung von Sonntagszeitungen ("SonntagsBlick" ab 1969, "SonntagsZeitung" ab 1989, regionale Sonntagstitel ab 2006). Die Orientierung an Zielgruppen liess auch die Titelvielfalt der Zeitschriften anwachsen. Ab Ende 1999 erhielten die Tageszeitungen zunächst in Zürich, dann auch in anderen Städten und Agglomerationen Konkurrenz durch gratis abgegebene Pendlerzeitungen, die innerhalb weniger Jahre auflagemässig alle anderen Tageszeitungen überflügelten. Die Verlagerung von Werbegeldern in die elektron. Medien akzentuierte eine ökonomisch motivierte Medienkultur, die den international verflochtenen Medienkonzernen grenzüberschreitende Märkte bot. Online-Redaktionen veränderten das journalist. Arbeiten wie die Lesegewohnheiten. Angesichts dieser Veränderungen und den aus den sinkenden Anzeigenerlösen resultierenden ökonom. Schwierigkeiten der Printmedien im 1. Jahrzehnt des 21. Jh. bleibt die zukünftige Entwicklung der P. ungewiss.
Autorin/Autor: Adrian Scherrer
Bis 1830 besass die franz. Schweiz nur eine bescheidene P.: ein paar, z.T. schon im Ancien Régime gegr. Anzeiger sowie einige wenige, meist kurzlebige polit. Blätter aus den Jahren nach 1798. Die von der helvet. Republik proklamierte Pressefreiheit dauerte nur einige Monate. Danach erschwerten die ständig verschärften Zensurmassnahmen den polit. Zeitungen das Leben. Das änderte sich mit der liberalen Welle von 1830. Vom Sommer 1830 bis Ende 1831 entstanden um die zwanzig neue Zeitungen. Diese Entwicklung brach bis Ende des 19. Jh. nicht mehr ab. 1830-70 kamen über 200 neue Zeitungen heraus; 40 davon erschienen auch noch am Ende dieser Periode.
Die Zeit zwischen 1870 und 1910 war v.a. eine Blütezeit der Lokalblätter. Während vorher die Zeitungen vornehmlich in den Kantonshauptorten und den Städten erschienen, kam ab 1870 jedes Städtchen der franz. Schweiz zu einem oder sogar zwei Lokalblättern. Dabei handelte es sich um zwei- bis dreimal wöchentlich herausgegebene Zeitungen, die alle nach dem gleichen Muster gestrickt waren: Kleines Format, vier Seiten, wovon die letzte als Anzeigenseite fungierte, oft von einem einzigen Redaktor verfasst, der eher am polit. Kommentar als an den Nachrichten interessiert war. Diese kleine Lokalpresse überzog seit Ende des 19. Jh. das Land mit einem dichten Netz. Sie bildete die unterste Ebene einer sich abzeichnenden Pressehierarchie. Auf einer zweiten Ebene ist die kant. P. anzusiedeln. Diese Tageszeitungen, die ein grösseres Format aufwiesen, von professionellen Journalisten geschrieben wurden und Zugang zu den Nachrichtenagenturen hatten, setzten sich im letzten Drittel des 19. Jh. als Sprachrohre der damals entstehenden polit. Kantonalparteien durch. Zu dieser Partei- oder Meinungspresse gesellte sich eine neutrale sog. Nachrichtenpresse. Zeitungen wie das neugestaltete "Feuille d'avis de Lausanne" (1872), die "Tribune de Genève" (1879), der "L' Impartial" (1881) oder die "Tribune de Lausanne" (1895) waren Titel, die sich als unabhängig verstanden und rasch Erfolg hatten. Die Spitze der Pyramide bildeten einige Zeitungen mit überkant. Verbreitung wie die "Gazette de Lausanne", das "Journal de Genève" und die "Tribune de Genève".
Neben dieser Verdichtung und Hierarchisierung bestimmten zunehmend wirtschaftl. Faktoren die P. im letzten Drittels des 19. Jh. Der Übergang zur tägl. Ausgabe, die Abonnemente bei den Presseagenturen, der Handel mit Nachrichten sowie der Inserateverkauf, der an Unternehmen mit nationaler Reichweite vergeben wurde, erforderte beträchtl. Investitionen. Versch. Zeitungen konstituierten sich deshalb als gewinnorientierte Aktiengesellschaften. Diese zunehmende Kommerzialisierung schuf grosse Spannungen zwischen den kant. Tageszeitungen und den kleinen Lokalblättern, die es gewohnt waren, Meldungen abzuschreiben. Die Plünderung der Nachrichten wurde im übrigen zu einem der Diskussionsthemen in den kant. Journalistenvereinigungen, die um die Wende zum 20. Jh. entstanden.
Im Vergleich zur 2. Hälfte des 19. Jh. erscheint die 1. Hälfte des 20. Jh. als relativ ruhig. In der franz. Schweiz zählte man um 1910 wie um die Mitte der 1950er Jahre etwa 110 Zeitungstitel. Diese Stabilität ist nur vordergründig, denn versch. Veränderungen waren damals im Gang. So wurde die Verlagsgruppe Lousanna (heute Edipresse) gegründet, die in der 2. Hälfte des 20 Jh. die P. der franz. Schweiz dominieren sollte und ihren Aufschwung einer engen Verbindung mit der Publicitas verdankte. Dazu kam die Segmentierung der Leserschaft. Dieser Prozess begann bereits gegen Ende des 19. Jh. und setzte sich in der Zwischenkriegszeit mit dem Aufkommen einer zielgruppenorientierten und thematisch diversifizierten P. (Sport, Freizeit, Technik, Kunst) fort. Angesichts der starken Konkurrenz durch die franz. Fachzeitschriften zeigten die Verleger der franz. Schweiz wenig Mut. Im Gestalterischen veränderte die häufigere Verwendung von Fotografien das Erscheinungsbild der Tageszeitungen und begünstigte den Erfolg der neuen Gattung des Wochenblatts. Während Zeitschriften wie "L' Illustré", "L'Abeille", "L'Echo illustré" oder "Pour Tous" v.a. ein Frauen- oder Familienpublikum ansprachen, imitierten "Curieux", dann "Servir" die grossen polit.-kulturellen Vorbilder aus dem Frankreich der 1930er Jahre. Hingegen verpasste die franz. Schweiz in den 1950er und 60er Jahren den Anschluss bei den Nachrichtenmagazinen. Gleichzeitig verlor die Meinungspresse trotz einer kurzen Erholung in den durch polit. Kämpfe geprägten 1930er Jahren ständig Leser an die Nachrichtenpresse.
In den 1970er Jahren begann ein Schrumpfungsprozess der Zeitungstitel, der z.T. auf die Umverteilung der Werbeeinnahmen, z.T. auf die schwierige Erneuerung des Produktionsapparats in Zeiten schneller techn. Entwicklung zurückzuführen ist. In den 1980er Jahren ermöglichte eine kurze Schonfrist das Erscheinen von "L'Hebdo" und "Bilan". Viele Lokalzeitungen gingen aber ein oder mussten fusionieren. Bei der kant. Parteipresse führte das Verschwinden ("Le Peuple/La Sentinelle" 1971, "La Sentinelle") oder die Marginalisierung der Meinungspresse ("Nouvelle Revue de Lausanne", "Le Courrier") zu Quasi-Monopolen: im Kt. Waadt des "Feuille d'Avis de Lausanne", das zu "Vingt-quatre Heures" wurde, in Freiburg der "Liberté", im Wallis des "Nouvelliste et feuille d'Avis du Valais", im Jura des "Quotidien jurassien" oder in Genf der "Tribune de Genève". In Neuenburg hielten sich "Limpartial" und "L' Express" lange, bevor sie sich 1999 zusammenschlossen. Im Bereich der kantonsübergreifenden P. setzte sich das "Journal de Genève" gegen die "Gazette de Lausanne" durch, musste aber ab 1991 dem "Le Nouveau Quotidien" die Stirne bieten. 1998 ersetzte "Le Temps" die beiden defizitären Blätter. Die "Tribune de Lausanne", die ab 1984 "Le Matin" hiess, gewann ihrerseits den Kampf gegen "La Suisse" und wurde 1994 die einzige überkant. Boulevardzeitung der franz. Schweiz.
Diese Umschichtungen bestätigten die Vorherrschaft der Lausanner Verlagsgruppe Edipresse, die nach der Ausschaltung ihres Hauptkonkurrenten, der Genfer Sonor SA, zu Beginn des 21. Jh. mehrere Zeitungstitel der franz. Schweiz ganz oder teilweise besass. 2001 erregte der Aufkauf von "L'Impartial"/"L'Express" durch die franz. Verlagsgruppe Hersant die öffentl. Meinung. 2005 lancierte Edipress die Gratis-Pendlerzeitung "Le Matin bleu", die die von der Zürcher Tamedia herausgegebene Pendlerzeitung "20 Minuten" aus dem Markt drängen sollte. Die kostspielige Operation brachte v.a. den eigenen Titel "Le Matin" in Schwierigkeiten. 2009 eröffnete der Aufkauf von Edipress durch die Tamedia eine neue Etappe im Konzentrationsprozess der Schweizer P.
Autorin/Autor: Alain Clavien / RG
Die erste Zeitung der ital. Schweiz war die Wochenzeitschrift "Nuove di diverse corti e paesi". Sie wurde von der Druckerei Agnelli herausgegeben und erschien 1746-99 in Lugano. Aufgrund franz. Pressionen erlitt die Tessiner P. in der napoleon. Ära einen Rückschlag: Der "Telegrafo delle Alpi", der Napoleon ein Dorn im Auge war, wurde 1806 verboten.
Nachdem in der ersten Zeit der Restauration die P. noch stark gegängelt war und 1821 die "Gazetta di Lugano" unterdrückt wurde, kam gegen deren Ende eine liberale Meinungspresse auf. Sie wandte sich vorab an ein Tessiner Publikum und behandelte Themen der kant. Politik. In der Diskussion um die Verfassungsreform von 1830 spielte zunächst der "Corriere svizzero", dann aber v.a. sein Nachfolgeorgan, der "Osservatore del Ceresio", eine entscheidende Rolle. In der Regenerationszeit schossen weitere polit. Blätter mit meist geringer Auflage aus dem Boden, die fast immer von Aktionärsvereinigungen getragen wurden. Auch erste gemeinnützige Zeitschriften entstanden, die bald von den Organen der sich in den 1830er Jahren herausbildenden Vereinen abgelöst wurden. Ab 1844 veröffentlichte der Staat das "Foglio Officiale del Cantone Ticino".
An dieser von der Hegemonie der Radikalliberalen bestimmten Presselandschaft, in der Unternehmen der Konservativen kaum gedeihen konnten, änderte sich auch mit der BV von 1848 nichts. Die 1821 gegr. "Gazzetta Ticinese", war 1850 die erste Tessiner Tageszeitung. Darauf entstanden in den anderen Tessiner Zentren, v.a. in Bellinzona und Locarno, Periodika verschiedenster Art, auch wenn Lugano Zentrum der kant. Zeitungspresse blieb. In Italienischbünden wurde 1852 das Wochenblatt "Il Grigione Italiano" gegründet; diesem folgten u.a. 1894 "Il San Bernardino" sowie 1926 "La voce della Rezia" (ab 1948 "La voce delle valli"), die aus der Fusion zweier früherer Zeitungen hervorgegangen war.
Den Reigen der offiziellen Parteiorgane eröffnete 1878 die dreimal wöchentlich erscheinende liberale Zeitung "Il Dovere". Mit der Einführung der Proporzwahl 1890 und der allmähl. Herausbildung einer Mehrparteienherrschaft entstanden weitere Parteizeitungen, so 1891 die Luganeser Tageszeitung "Corriere del Ticino", 1901 die konservative Tageszeitung "Popolo e libertà" sowie die Organe der sozialist. Partei "L'Aurora" 1901 und "Libera Stampa"1913. Zur selben Zeit erlebte v.a. dank der Mitarbeit ital. Immigranten auch die Gewerkschaftspresse einen Aufschwung.
In der Zwischenkriegszeit setzte sich die Zersplitterung der kant. Parteien- und Zeitungslandschaft fort. Eigene Parteizeitungen publizierten u.a. ab 1922 die Tessiner Bauernpartei, ab 1925 die kommunist. Partei, ab 1933 die Lega nazionale ticinese und die Federazione fascista ticinese. 1926 gründete die apostol. Administration des Kt. Tessin in Lugano den "Giornale del Popolo", mit dem die Zahl der Tessiner Tageszeitungen auf sechs anwuchs. Die wahrscheinlich verbreitetste Zeitschrift war das 1903 gegr. kath. Wochenblatt "La famiglia"; 1931 folgte die Illustrierte "L' Illustrazione ticinese". 1935 verboten die eidg. Behörden die des Irredentismus angeklagte Zeitschrift "L' Adula".
Das Wirtschaftswachstum der Nachkriegszeit führte zunächst zu einer Konsolidierung der sechs Tessiner Tageszeitungen. Die 1987 entstandene siebte Tageszeitung "Il Quotidiano" ging schon zwei Jahre später wieder ein. Mit der Krise der hist. Parteien zu Beginn der 1990er Jahre setzte auch die Krise der Parteipresse ein: 1992 stellte "Libera Stampa" ihr Erscheinen ein, "Popolo e Libertà" wurde zur Wochenzeitung, während "Il Dovere" mit dem "Eco di Locarno" zusammenspannte und die Tageszeitung "La Regione" ins Leben rief. Die "Gazzetta ticinese" wurde 1996 eingestellt und der "Giornale del Popolo" überlebte 2004 nur dank der Finanzhilfe der Verlagsgesellschaft des "Corriere del Ticino". Erfolgreich hingegen war zur gleichen Zeit die Wochenzeitung "Il Mattino della Domenica" (1990), die erste Gratissonntagszeitung der Schweiz. Ihr folgte 1998 die u.a. vom Ringier-Konzern herausgegebene Zeitung "Il Caffè", die Anliegen der Lega dei Ticinesi vertrat. Zu Beginn des 21. Jh. ist die Tessiner Presselandschaft auf drei Titel zusammengeschmolzen und wird vom "Corriere del Ticino" dominiert.
Autorin/Autor: Fabrizio Mena / RG
Als erste rätorom. Zeitung erschien um 1700-24 die "Gazetta ordinaria da Scuol". Die eigentliche rätorom. P. entstand im 19. Jh. als regionale Gesinnungspresse und war aufgrund der fünf schriftsprachl. Idiome und der konfessionellen Durchmischung sehr vielfältig. Allen gemeinsam war das grosse Engagement für die rätorom. Sprache und die regionale Kultur. Die meisten waren sehr kurzlebig und erschienen höchstens ein- bis zweimal die Woche. Die wichtigsten der total 14 Engadiner Blätter, der in Puter erscheinende "Fögl d'Engiadina" (ab 1857) und die in Vallader publizierte "Gazetta Ladina" (ab 1922) vertraten ein gemässigt liberales Programm. 1940 fusionierten sie zum "Fögl Ladin". Als Folge der konfessionellen und parteipolit. Gemengelage wies das Rheingebiet eine sehr kämpfer. P. auf. Der kath.-liberale "Grischun Romontsch" war am Rhein die Pionierzeitung (1836). Von seinen 15 Nachfolgern überlebte nur die ab 1857 erschienene kath.-konservative "Gasetta Romontscha" (später "Nova Gasetta Romontscha") die Wende zum 20. Jh. Sie repräsentierte bis 1996 die kath. Surselva, die "Pagina da Surmeir" ab 1945 Kath.-Mittelbünden, während die "Casa paterna" (1920-96) und "La Pùnt" (1951-96) sich an die Reformierten am Vorder- resp. Hinterrhein richteten.
Die rätorom. P. ging den Parteigründungen voraus und trug die Parteien mit. Deren Rivalitäten haben umgekehrt die vielfältige, aber auflagenschwache P. erhalten. Während Jahrzehnten hat sie (zusammen mit den Kalendern) die Bauern sprachlich-kulturell gebildet, politisch gesteuert und religiös erzogen. Die bisher einzige rätorom. Tageszeitung, "La Quotidiana", hat seit ihrem ersten Erscheinen 1997 die gesamte rätorom. P. aufgesogen oder integriert - mit Ausnahme der "Pagina da Surmeir" und der "Engadiner Post/Posta ladina".
Autorin/Autor: Adolf Collenberg