Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/2451

An stillende Mütter scheint sich die Öffentlichkeit gewöhnt zu haben – aber schon mal von stillenden Grossmütter gehört? In den sozialen Medien gibt es immer wieder ein Post, der auftaucht mit einer stillenden Grossmutter. Doch ist das ein Fake?
Auf dem Post sieht man eine alten Dame sitzende auf einem Stuhl mit einem Baby an der Brust. Die Dame scheint wirklich etwas älter als Mamas sind, sie schaut liebevoll zum Baby, das mit geschlossenen Augen friedlich nuckelt. In der Beschreibung steht diese vietnamesische Grossmutter stille ihr Enkelkind.
A grandmother in Vietnam breastfeeding her grandchild. It is a common practice in many cultures for a grandmother to…
gibt es stillende Grossmütter in Vietnam?
In der Caption unter dem Post steht, es sei verbreitet in Vietnam, dass Grossmütter relaktieren, um in der Lage zu sein die Enkelkinder zu füttern. Es sei ein wahrer Akt der Liebe.
Dass hier jede Menge Fragen entstehen, ist wohl klar! Eine der Kommentare direkt unter dem Post scheint zu wissen, dass dies nicht normal sei: „Ich bin Vietnamesin und ich weiss, dass es nicht normal in meinem Land ist, dass Grossmütter ihre Enkel stillen. Vielleicht lassen sie sie mal andocken, aber nicht, um sie zu füttern.“
Doch auch diese Aussage, dass Grossmütter sie andocken lassen, scheint bei uns in Europa nicht als üblich. Die WHO empfiehlt das Neugeborene während mindestens 6 Monaten ausschliesslich zu stillen. Seit 2019 gibt es eine Initiative, wo eine der Zielvorgaben lautet, dass bis 2025 mindestens 50% aller Babys während der ersten sechs Monate ausschliesslich gestillt werden sollten. Doch nirgends ist erwähnt, dass das auch Grossmütter übernehmen können?
Ist es überhaupt biologisch möglich?
Kann eine Grossmutter stillen? Und doch: Es gibt immer wieder mal Fälle, wo über stillende Grossmütter berichtet wird. Und sind wir mal ehrlich: Früher gab es ja auch Ammen, die fremde Kinder stillten. Vorallem in Afrika und Asien tauchen Berichte auf, wo Frauen in der Lage sind wieder Milch zu produzieren.
Ich las im Netz über die 63-jährigen Ms. Chisha aus Zambia, die aufgrund des Todes der Schwiegertochter die Zwillinge stillte.
Oder die Aisha aus Nigeria, die ihren Enkel vor dem Hungertod rettete. Dabei kam ich auch auf den Ernährungsberater John Egbuta aus Nigeria, der öffentlich bestätigte, dass Frauen relaktieren in seinem Land, um Babies, die sie nicht zur Welt gebracht haben zu ernähren.
Um den Milchfluss anzuregen, müsste eine Frau einfach wollen und die richtige Technik anwenden. Wenn Babies regelmässig angelegt werden oder die Brustwarzen speziell stimuliert werden, kann der Milchfluss angeregt werden. Dabei spiele es nicht eine grosse Rolle, wie alt die Frau sei, sondern eher ihre Technik und Psyche.
Die Relaktation starte innert wenigen Tagen bis hin zu 6 Wochen. Sogar unabhängig der Menopause, doch nach dem 70. Lebensjahr sinke die Chance genügend Milch produzieren zu können. Natürlich variiert die Milchmenge stark, es kann sein, dass die Milchmenge nicht reicht um ein Baby alleinig damit zu ernähren.
Ist Laktation ohne Geburt überhaupt möglich?
JA! Es ist möglich! Was auf den ersten Blick komisch klingt, ist doch möglich: Frauen können stillen, selbst wenn sie noch nie ein Kind bekommen und gestillt haben. Im Fachjargon nennt man dies Induzierte Laktation. Generell ist es möglich die Bildung der Muttermilch bei jeder Frau mit oder ohne Schwangerschaft hervorzurufen. Ebenfalls bei Männern ist eine Laktation hervorgerufen werden. Klar ist, dass eine (auch schon Jahre) zurückliegende Schwangerschaft die Induktion erleichtert, sie ist jedoch nicht erforderlich. Speziell ist, dass eine Frau sogar nach der Menopause oder sterilisiert sein kann und trotzdem auf die induzierte Laktation reagiert.
Ich weiss, das tönt jetzt alles krass. Als ich es das erste Mal gelesen habe, hatte ich erst ein Kind. Mir gefiel aber der Aspekt, dass ein Kind auch stillen kann, wenn es seine Mutter verloren hat. Dies kommt in unseren Breitengraden eher selten vor, doch Stillberaterinnen berichten schon, dass es eine bestimmte Nachfrage gibt. Das Europäische Institut für Stillen und Laktation empfiehlt mehrere Methoden zur Laktation. Diese sind auch wertvoll für Mütter, die einen kranken Säugling haben oder andere Probleme im Zusammenhang mit dem Stillen haben:
Gemäss Alexandra Glass, Gynäkologin und Stillberaterin, kommt induzierte Laktation in unseren Breitengraden vorallem dann vor, wenn eine Mama nicht richtig stillen kann. Es kommt aber auch vor, wenn ein Kind adoptiert wird. Ich finde das wunderschön!
Ein anderer Grund für Laktation kann die Brustkrebs-Vorbeugung sein. Es kommt vor, dass ein Arzt zur Laktation rät, wenn eine Frau mehrere Fälle von Brustkrebs in der Familie hatte.
Also ist es offensichtlich, dass das Photo der vietnamesischen Grossmutter kein Fake ist es biologisch tatsächlich möglich ist.
Nur, ist es für die Mutter des Kindes auch in Ordnung?
Wir wissen halt nicht, unter welchen Umständen dieses Bild entstanden ist. In unseren Breitengraden würde dies wohl nicht toleriert werden das eigene Baby von der eigenen Mutter oder Schwiegermutter stillen zu lassen. Allerdings ist dies wohl auch eine Mentalitätsfrage. In unserer Kultur sind wir uns dieses Thema nicht gewohnt. Doch in anderen Ländern kann es durchaus als normal angesehen werden.
Was denkt ihr dazu?
Interessiert dich das Thema Stillen? Ich habe noch weitere Beiträge dazu verfasst: