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Am Anfang war eine Stimme, und meine Word-Datei war wüst und leer. Mein Geist schwebte über allem, war wachsam und auf der Suche nach dieser Stimme, die er nicht vergessen konnte. Er fand sie in dem Film Die Glut des Südens aus dem Jahr 1978 wieder. Eine kratzige, schnoddrige Mädchenstimme, die aus dem Off ein Hobo-Leben aus dem Wilden Westen erzählte, vom Wandern auf Bahngleisen, von Ausbrüchen aus Waisenheimen. Diese Stimme war perfekt. Sie war wild. Würde sie auch meine DDR-Geschichte erzählen können?
Als nächstes brauchte diese Stimme einen Körper. Am besten mit einem 80er-Jahre-Gesicht, denn meine Geschichte sollte in den 80ern spielen. Der passende Körper lief mir eines Tages in dem Morrissey-Video Everyday is like Sunday über den Weg, in einem alten Mantel, eher einem Kittel. Das Mädchen in dem Musikvideo war vielleicht 14 Jahre alt und wütend auf die fleischessenden Erwachsenen, auf die naive Brutalität der Spießer, die für einen seichten Sonntag ein paar Leichen im Keller in Kauf nahmen. Das gefiel mir. Ich stopfte die Stimme in den Körper, und gab dieser ungelenken Puppe den Namen Antje, einen in der DDR ziemlich geläufigen Namen.
Ich schuf meine Hauptfigur nicht nach meinem Bilde, denn ich wollte mich nicht langweilen. Ich wollte einen unabhängigen Menschen, der missverstanden werden könnte, in den ich mich verlieben könnte. Denn Liebe braucht der Künstler für sein Werk, um dran zu bleiben, um sich Tag und Nacht darum zu kümmern. Anfangs war Antje ein Monster, das hinkte und nur Befehle entgegennehmen konnte. Nichts Eigenes kam aus ihr. Wenn sie etwas sagte, dann nur ihre Sätze aus dem Film. Ich hatte die irrationale Angst, vor Beendigung meiner Arbeit zu sterben und meine noch nicht lebensfähige Figur im Stich zu lassen.
Ich erzählte Antje einen Witz und sie brach in Tränen aus. So ist das manchmal bei Pubertierenden. Morgens im Bett behielt ich meine Augen nach dem Aufwachen zu und stellte mir Antje vor, wie sie sich bewegte, wie sie sich ihre eigenen Sachen anzog. Ich ließ sie Sätze mit »Ich« beginnen und war erleichtert als ich sah, dass es funktionierte. Ich sagte: »Schenk mir einen Roman!« Von da an besuchte Antje mich zu Zeiten, an denen sie es wollte. Sie war eine richtige Quasselstrippe. Ich musste mich nur noch an den Schreibtisch setzen und aufschreiben, was sie mir sagte. Wenn sie zu viel über Gefühle sprach, musste ich sie bändigen. Manche Sätze waren Tabu.
Ich wünschte, es würde immer auf diese Weise klappen.