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Prooemium
Iª q. 76 pr.
Deinde considerandum est de unione animae ad corpus. Et circa hoc quaeruntur octo. Primo, utrum intellectivum principium uniatur corpori ut forma. Secundo, utrum intellectivum principium numero multiplicetur secundum multiplicationem corporum; vel sit unus intellectus omnium hominum. Tertio, utrum in corpore cuius forma est principium intellectivum, sit aliqua alia anima. Quarto, utrum sit in eo aliqua alia forma substantialis. Quinto, quale debeat esse corpus cuius intellectivum principium est forma. Sexto, utrum tali corpori uniatur mediante aliquo alio corpore. Septimo, utrum mediante aliquo accidente. Octavo, utrum anima sit tota in qualibet parte corporis.

Sechsundsiebzigstes Kapitel.
Über die Vereinigung des Leibes und der Seele.
Überleitung.
„Preise, meine Seele, den Herrn und alles, was in mir ist, preise seinen heiligen Namen.“ (Ps. 102.)
Wenn ein König eine schöne Stadt gebaut, sie mit Wällen umgeben, mit großartigen Palästen geschmückt und breite Straßen in ihr angelegt; auch die Art und Weise der städtischen Verwaltung geregelt, aus dem anwesenden Volke die Klügsten in den Verwaltungsrat berufen und die kräftigsten Leute gesammelt hat, damit sie die Bewachung und Verteidigung übernehmen; — dann läßt er wohl für die Zeit seiner Abwesenheit zu allererst in einem leicht zugänglichen Orte sein Bildnis zurück. Dies dient dazu, daß die Bevölkerung es sich leichter gegenwärtig halten kann, wer ihr Wohlthäter gewesen und zu wem sie ihre Zuflucht zu nehmen habe, wenn etwa Zeiten der Bedrängnis kommen. Wie wird die so bevorzugte Bevölkerung beim Anblicke des königlichen Bildnisses nicht aufhören, die Gnade und die Güte des Monarchen zu loben, der in so lieblicher Weise für ihre Annehmlichleiten, Bequemlichkeiten, für ihre Sicherheit gesorgt hat!
So etwa hat der Herr, unser Gott, seinen Wunderbau nicht verlassen wollen, damit nun die von Ihm gegründeten natürlichen Kräfte in Thätigkeit träten, ohne daß er mitten in der sichtbaren Schöpfung sein heiliges, herrliches Bild zurückließ. „Von den wunderbaren Dingen allen,“ sagt Augustin, „die Gott wegen des Menschen gemacht hat, ist das größte Wunder der Mensch selber.“ Und die Kirche betet jeden Tag, wenn sie den Priester das Wasser in der heiligen Messe segnen läßt, damit es sich mit dem Weine vereine — das Wasser, aus dem die Schöpfung geworden, mit dem Weine, der bald das übernatürliche Pfand der allbefruchtenden Liebe Gottes werden wird —: „Gott, der Du die menschliche Substanz in wunderbarer Weise gegründet und in noch wunderbarerer Weise erlöst hast.“
„Zeiget mir eine Münze,“ sprach der Heiland zu den Pharisäern, als sie Ihn versuchen wollten, und erklärte dann denselben das Verhältnis der sichtbaren Gewalten zu der unsichtbaren mit der Gegenfrage: .„Wessen ist dieses Bild und die Umschrift?“
Das Gold mag noch so schöne Gestalt gehabt haben; — soll es das Bild des Monarchen tragen, so wird es eingeschmolzen; es wird eine ganz weiche Masse, damit es Träger des Herrscherbildes werden könne. Und trägt es einmal dieses Bild, so hat es den Wert, welchen die Umschrift angiebt, in der ganzen Ausdehnung des Reiches, wo der Herrscher gebietet. Ähnlich werden die Kreaturen, welche uns umgeben, die da so sicher und unverrückbar ihre Bahn wandeln und ihre innere Natur zur Geltung bringen, so hoch sie auch immer sind, in dem Augenblicke eingeschmolzen, als sie in der menschlichen Natur rein zu Vermögen werden, auf welches die Seele das göttliche Bildnis drückt. In dieser Weise erhalten die armen sichtbaren Kreaturen in [S. 290] unserer Seele, mit dem Wertzeichen des göttlichen Bildes geschmückt, nun überall Geltung, wo der Allmächtige herrscht. Bis zum Himmel dringen sie vor, bis zum Throne Gottes und „preisen“ durch unsere Zunge, in unserer Seele „den Herrn und lobsingen seinem heiligen Namen“.
Der Engel der Schule hatte oben eine schöne tiefe Antwort gegeben: „Es ist nicht notwendig für das Erkennen, daß die Ähnlichkeit der körperlichen Dinge thatsächlich, nämlich nach dem wirklichen Sein was sie außen haben, in der Natur der Seele sei; — sondern dem Vermögen nach muß diese letztere auf solche Ähnlichkeiten gerichtet sein; auch die gelbe Farbe ist ja nicht gemäß dem Sein was sie außen hat im Auge, sondern eine Ähnlichkeit davon, welche nämlich das Vermögen verleiht, die thatsächlich außen bestehende Farbe zu erreichen.“
Die Kreaturen legen in der Königsburg der Vernunft alles ab, was sie trennt; sie erscheinen da in ihrer Grundverbindung zum harmonischen Weltganzen, wie sie solche von Gottes Güte erhalten haben. Sie erscheinen im Innern der Vernunft in der Einheit der Kreaturen Gottes als Wegezeichen zum Ewigen.
Was trennt den Weinstock am Rhein von dem am Ebro, den in Italien von dem in Kalifornien? Der Raum, die Zeit, der Boden, der Umfang. Was verbindet? Jeder einzelne Weinstock hat in sich das Vermögen, wirklicher Weinstock zu sein. Und dieses Vermögen ist nur eines; denn es giebt nur eine Weinstocknatur. Dieses Vermögen ist in jedem einzelnen Weinstocke und macht daselbst, daß alle Einzelheiten, wie Zeit, Raum, Boden, Umfang etc. der Natur des Weinstockes zugehören. Alle Gegensätze zwischen den einzelnen Weinstöcken verschwinden nun. Sie dienen nur dazu, dieses eine umfassende Vermögen immer wieder und womöglich nach einer neuen Seite hin in seiner einen ganzen Kraft und Bedeutung zu offenbaren. In diesem Vermögen, in der Natur des Weinstockes wird alles, was den Weinstock angeht, eins; alles ist da versöhnt, alles verbunden. Dieses selbe Vermögen nun, welches außen in allen Weinstöcken immer als das eine und selbe vorhanden ist, jedoch nur als Vermögen; es tritt hinein in die Vernunft. Und in diesem Vermögen wird nun auf einmal die Vernunft ähnlich allen Weinstöcken. Was da außen vermag, den einzelnen Pflanzen das Sein des Weinstockes zu verleihen; dieses selbe, dieses eine, ist in der Vernunft nun als Vermögen die Ähnlichkeit, welche der Vernunft es möglich macht, auf alle einzelnen Weinstöcke gerichtet zu sein.
Wie das Gold in der Münzstätte seine einzelne Gestalt verliert und rein Vermögen wird, in offenbarster Weise das Bild des Herrschers zu tragen; so wird die Natur eines Dinges in der Vernunft wieder reines, jedoch nun thatsächlich erscheinendes Vermögen, damit sie unter dem Bilde des Ewigen jetzt ihre Laufbahn antrete.
Die Natur des Weinstockes aber, die als Seinsvermögen in jedem einzelnen Weinstocke ist, hat noch dazu etwas Gemeinsames mit dem stolzen Eichenwalde; beide sind von Natur Pflanzen. Und den Pflanzen und Tieren liegt wieder ein einiges Vermögen zu Grunde, das nämlich, daß sie zu leben vermögen. Die Einheit und Verbindung wird immer umfassender. Die Pflanzen, die Steine, die Tiere; die Eigenschaften, Zustände und für sich bestehende Wesen; der Umfang, die Fähigkeiten, die Handlungen; — allem, diesem allem liegt als gemeinsame Verbindung zu Grunde, daß sie alle sind. Die Dinge insgesamt, wie auch immer sie heißen und in welcher Art sie existieren mögen, sind wiederum eins, weil sie alle ein Vermögen in sich haben für das Sein. Das Gold der Kreaturen fließt da in der [S. 291] Vernunft in den verschiedensten Gestalten zusammen und alle einzelnen Gestalten und Figuren werden abgelegt, soweit sie trennen; es erscheint thatsächlich das eine Vermögen, das alle verbindet. Flüssiges Gold werden alle Dinge in der Vernunft; rein Vermögen: Vermögen Pflanze zu sein, Vermögen Tier zu sein, Vermögen überhaupt zu sein; — darauf prägt das göttliche Urbild sein Abbild, damit nun das außen voneinander Getrennte um so treuer sei und um so wertvoller; und unverrückbar unter der Führung der Vernunft die eigen von Gott verliehene Natur festhalte.
„Alles kommt in der Seele zusammen,“ sagte Thomas. Von allem her prägt sich der Seele das eine Vermögen ein, welches außen die Einzelverhältnisse des Stoffes tiefer oder weniger tief regelt und macht dasselbe so die Seele vermögend, dem Einzelnen außen im höchsten Grade ähnlich zu sein. Vermögend wird die Seele durch all das nur. Vermögen tritt von außen in sie ein; Vermögen ist die Vernunft selber. „Sie ist nach alledem nur immer im Vermögen zu den Ähnlichkeiten der Dinge hin,“ sagte eben Thomas.
Und so muß es sein. Denn das Gepräge des beherrschenden Bildes muß unmittelbar von Gott kommen. Sonst wäre auf die Schöpfung in der Seele nicht eben das Bild Gottes gedrückt. Gott bethätigt unmittelbar dieses Vermögen der Seele, soll es anders wirklich zu Gott führen.
Laß, o Mensch, dieses Bild ein wirklich heilbringendes für dich werden. Alle sichtbare Gewalt kommt von der unsichtbaren; und nur insoweit als sie von dieser kommt, ist sie Gewalt. Das ist die Umschrift. Unter dem Bilde Gottes wird alle Kreatur wie weiches Wachs, bereit alles Gepräge anzunehmen. Als rein Vermögen bekennt sich alle Kreatur in der Vernunft, gewärtig aller Bestimmung des Herrn. Da enthüllt sich unter diesem wunderbaren Bilde die Ohnmacht der Kreatur vor ihrem Gott; ihr Wert und ihre Macht offenbart sich unter seiner Bestimmung. Da ertönt in uns der jubelnde Ruf: „Preise, meine Seele, Gott; und alles, was in mir ist, lobsinge seinem göttlichen Namen.“ Die Kreaturen wurden gemäß ihren eigenen Naturen fern von Gott; im Bilde des Menschen treten sie wieder ganz unmittelbar unter die führende Vaterhand. Da wird eine solch innige Einheit hergestellt zwischen den kreatürlichen Vermögen, so tief und so allgemein auch immer dieselben sein mögen, wie sie in ihrer Fülle nur geahnt, nicht ausgedacht werden kann. Denn diese Einheit in den kreatürlichen Vermögen wird gehalten von dem wesentlich Einen, der sie bethätigt und der durch sie die einzelnen Kreaturen als einzelne und ihre Verbindungen miteinander von seinem Bilde aus in der Vernunft leitet.
„Ein dreifaches Herz ist in uns,“ sagt der heilige Bernard (in parvis sermonibus), „das eine steigt hinab“ zu den sichtbaren Kreaturen und hebt sie empor; „das andere bleibt in sich selber“ und betrachtet, wie am Ende alle seine Thätigkeit nur das Vermögen vermehrt, von Gott die Endbestimmung zu erwarten und in Ihm alle Stütze und allen Halt zu sinden; „das dritte steigt deshalb über sich selber hinauf zu Gott“ und stellt vor Ihn hin das flüssige Gold seiner Kreaturen, welches von Ihm sein Gepräge erwartet. „Vier Stufen,“ meint derselbe honigfließende Lehrer, „giebt es, um nach oben zu steigen; zum Herzen, im Herzen, vom Herzen, über das Herz hinaus.“ Zu unserem Herzen müssen wir aufsteigen, indem wir die sichtbaren Spuren der göttlichen Weisheit sammeln und von ihnen die Schranken entfernen; in unserem Herzen steigen wir auf, wenn wir alles und zuerst uns selbst und unseren freien Willen als reines Vermögen betrachten, welches seine [S. 292] bestimmte Form und Gestalt erst vom Herrn erwartet; vom Herzen steigen wir auf, wenn unsere Seufzer zum Throne Gottes emporsteigen und Ihm unsere Ohnmacht vorstellen; über das Herz hinaus steigen wir auf, wenn wir ausruhen im Glauben und in dem Vertrauen auf die geheimnisvolle Weisheit Gottes, mit welcher Er seine Auserwählten führt; wenn wir mitten in den Zweifeln und Unruhen dieser Zeit nicht aufhören zu rufen: „Preise, meine Seele, den Herrn und alles, was in mir ist, lobsinge seinem heiligen Namen.“