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newsletter Albanien
Schweizer Zeitschrift
für die Zusammenarbeit mit Albanien

Wirtschaft

»Pioniergeist gefragt«

Ralf Koschmann, zuständig im Bundesamt für Aussenwirtschaft für Südosteuropa, hielt anlässlich eines Albanien-Workshops des Wirtschaftsforums Schweiz-Mittel-/Osteuropa am 13. Juni in Zürich einen Vortrag über Schweizer Investitionen in Albanien
»Männern der Aktion bietet Albanien eine aufregende Möglichkeit reich zu werden.« Mit diesen Worten pries eine Anzeige in der »International Herald Tribune« vor zwei Jahren ein Buch mit dem Titel »How to become rich in Albania« an. Der Autor selber scheint mit diesem Buch kaum reich geworden zu sein, denn das Interesse der ausländischen Investoren an Albanien hielt sich bisher in Grenzen. Der als vorsichtig bekannte schweizerische Geschäftsmann hielt sich bisher ebenso wie seine internationalen Kollegen sowohl im Handel wie bei den Investitionen zurück.
Die Ausfuhren zum Beispiel erhöhten sich 1995 im Vergleich zum Vorjahr zwar um 70%, sind aber - mit Ausnahme von Bosnien-Herzegowina - mit 14,5 Mio. CHF die bescheidensten schweizerischen Exporte in ein Land Mittel- und Osteuropas. Die Ausfuhren im Rahmen der schweizerischen Osthilfe, auf die ich noch später zu sprechen komme, machen zudem sicher einen nicht unwesentlichen Teil dieser Ausfuhren aus. Die Einfuhren beliefen sich nur auf 650'000 CHF! Die Importe der ersten vier Monate des laufenden Jahres sind allerdings bereits heute grösser als im gesamten letzten Jahr.
Die Schweizer Investitionen und Joint Ventures sind - mit wenigen, kleinen, aber nicht minder lobenswerten Ausnahmen - quasi inexistent.
Unternehmer nennen für die Zurückhaltung die Unsicherheit wegen des - inzwischen mit dem Daytoner Friedensabkommen hoffentlich beendeten - Krieges im benachbarten ehemaligen Jugoslawien, hohe Instandstellungskosten und das Fehlen der notwendigen Rahmenbedingun-gen, i.e. das Fehlen einer modernen Infrastruktur, einer angepassten Gesetzgebung und eines funktionierenden Verwaltungsapparats. Der Verwaltungsapparat ist noch nicht voll entwickelt. Bei den Entscheidungsträgern besteht eine markante Scheu vor Entscheidungen. Es besteht die Tendenz, die Verantwortung aufzuteilen, was sich in schwerfälligen administrativen Prozeduren niederschlägt. Eigeninitiative ist im Staatssektor noch schwach entwickelt.
Die genannten Probleme kommen nicht von ungefähr: Albanien war ein Sonderfall unter den Ostblockländern. Ich möchte keinen Exkurs über die jüngste Geschichte Albaniens machen, sondern einzig darauf hinweisen, dass die kommunistische Diktatur unter Enver Hoxha mit einer überdurchschnittlich rigiden Planwirtschaft und einer fast vollständigen Isolation des Landes jede Eigeninitiative im Keim erstickte. Staatssekretär Franz Blankart, der Albanien Ende 1994 besuchte, nannte die Diktatur nicht nur einen »Unrechtsstaat, sondern auch einen Staat ohne Recht«. Der Anwaltsberuf war 1968 aufgehoben worden! Wer glaubt, ein Land ohne Steuern und Anwälte müsse ein Paradies sein, wurde in Albanien eines Besseren belehrt. Stumme Zeugen dieses Wahns sind Tausende von Bunkern, die das ganze Land überziehen. Der dieser Diktatur folgende Zusammenbruch des alten Systems führte in vielen Teilen des Landes zur restlosen Plünderung der wenigen Vorräte, die die gliederlahme albanische Wirtschaft geschaffen hatte, und zur Zerstörung noch bestehender Produktionsstätten. Reformversuche unter kommunistischer Ägide waren nicht sehr hilfreich, sondern trugen noch zur Verschlimmerung des wirtschaftlichen Chaos bei. Infolge riskanter Devisentermingeschäfte an internationalen Kapitalmärkten verschuldete sich das Land innert zwei Jahre mit 400 Mio. US$, was gemessen am Export - einer Verschuldungsquote von über 500% entsprach. An dieser Verschuldung trägt die albanische Volkswirtschaft noch heute schwer. Die neue Regierung trat eine äusserst desolate Hinterlassenschaft an. Albanien gilt heute mit einem Pro Kopf Bruttoinlandprodukt von 450 US$ als Entwicklungsland.
Diese Elemente mögen die von den Unterneh-mern eingangs genannten Probleme erklären. Die Bedingungen sind somit sicher nicht gut, doch man kann all diesen Problemen durchaus auch positive Elemente gegenüberstellen. Ich möchte hier nur die wichtigsten erwähnen:
2. Den freien wirtschaftlichen Fall Albaniens konnte die neue Regierung mit einer vom IWF unterstützten Schocktherapie stoppen und auf einem tiefen Niveau eine gewisse wirtschaftliche Stabilität erreichen: Das Bruttoin-landprodukt verzeichnet seit drei Jahren ein beeindruckendes Wachstum (1995 von + 6%). Beobachter rechnen für die nächsten Jahre mit einem 5-6%igen Wachstum bei relativ politischer Stabilität. Die Wachstumsimpulse gehen dabei hauptsächlich von Kleinuntemehmen aus, vor allem im Handels- und Dienstleistungsbereich, in der Bau- und Landwirtschaft. Die Industrieproduktion dagegen steckt weiterhin in Schwierigkeiten.
Die Inflationsrate konnte von 200% im Jahre 1992 auf 6% gesenkt werden. Der Wechselkurs der nationalen Währung, des Lek, ist stabil. Die Arbeitslosenrate ging von 27 auf 13% zurück. Im Zusammenhang mit der Arbeitslosenzahl darf aber nicht unerwähnt bleiben, dass rund 300'000 Albaner der Arbeitslosigkeit im eigenen Land durch eine Beschäftigung im Ausland ausgewichen sind.
Die Privatisierung der Landwirtschaft und der kleinen und mittleren Unternehmen konnte erfolgreich abgeschlossen werden. Die privatisierten Unternehmen und Neugründungen tragen bereits rund 80% zum Bruttoinlandprodukt und drei Viertel zur Beschäftigung bei. Die »pièce de résistance«, die Privatisierung und Restrukturierung der grösseren Industriebtriebe steht allerdings noch bevor.
Die wirtschaftlichen Erfolgsmeldungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Land weiterhin auf substantielle ausländische Hilfe und Überweisungen albanischer Arbeiter im Ausland angewiesen ist. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass das Land, das sich infolge ideologischer Verblendung - die Albaner würden lieber Gras fressen als sich vom Marxismus-Leninismus zu lösen, wie es Enver Hoxha ausdrückte - und absolutem Machtanspruch vom Ausland abschottete, heute für sein Überleben ganz entscheidend auf ausländische Hilfe, unter anderem auch von der Schweiz, angewiesen ist.
3. Albanien bietet einige interessante Wachstumsbereiche: Wegen des selbst im osteuropäischen Vergleichs niedrigen Lohnniveaus kann Albanien zum Beispiel als verlängerte Werkbank und Lohnveredler im Leichtindustrie-sektor (Schuhe, Textilien, Bekleidung und Leder) eine Rolle spielen. Die Nähe zu den beiden EU-Märkten, Italien und Griechenland, ist - wie bereits vorher erwähnt - dafür nur von Vorteil.
Zukunftsträchtig ist auch der touristische Sektor: Das Land besitzt eine reizvolle und vom Klima begünstigte Landschaft, die sowohl Bergland-schaften und eine 470 Kilometer lange Küste mit unberührten Stränden bietet.
Das Land ist zudem reich an Rohstoffen: Albanien ist einer der wichtigsten Chromprodu-zenten der Welt und kann beträchtliche Erdölvorkommen sein eigen nennen. Die Elektrizität war in der Vergangenheit ein wichtiges Exportgut. Es stammt zu 90% aus Wasserkraftwerken. Alle Industrieanlagen sind in hohem Masse renovationsbedürftig.
4. Die Erfahrungen, die unser Amt im Rahmen der Finanzhilfe machen konnte, sind grundsätzlich positiv. Die Kooperationsbereit-schaft und Motivation der albanischen Partner sind sehr gut. Ein Problem ist natürlich, dass die guten Fachleute in staatlichen Unternehmen, mit denen wir eng zusammenarbeiteten, wegen der besseren Verdienstmöglichkeiten oft in den Privatsektor abwanderten.
Studenten, die von der Eidgenossenschaft oder den EFTA-Staaten ein Stipendium erhalten haben, glänzten fast durchwegs mit sehr guten Leistungen. Sie sind meistens in den vordersten Rängen ihrer jeweiligen Universitätsklassen zu finden. Wie einem kürzlich erschienen NZZ-Artikel entnommen werden konnte, hat die Rogner-Gruppe, welche 1995 das Europapark Hotel in Tirana eröffnet hatte, ebenfalls ausgezeichnete Erfahrungen mit dem einheimischen Personal gemacht.
Sie sehen, es gibt, allen Schwierigkeiten zum Trotz, durchaus positive Elemente und interessante wirtschaftliche Möglichkeiten für ausländische Unternehmer. Es braucht allerdings neben einer rein finanziellen Investition, Interesse für Land und Leute, Standhaftigkeit und Pioniergeist. Interessierte Unternehmer sollten jetzt nach Albanien gehen, denn wer zu lange zuwartet, dem entgehen die besten Möglichkeiten.
Sie können auf die Hilfe unserer Botschaft vor Ort, auf den guten Ruf der Schweiz in Albanien und auf ein relativ gut ausgebautes bilaterales Vertragsnetz bauen:
1. Der gute Ruf der Schweiz drückt sich nicht nur in täglichen Redewendungen - zum Beispiel »nach Schweizer Uhrzeit«, wenn man auf besondere Pünktlichkeit pochen will - sondern auch in dem oft geäusserten Wunsch aus, sich zur Schweiz des Balkans wandeln zu wollen. Der gute Ruf, den die Schweiz heute in Albanien geniesst, fusst nicht zuletzt in der Seriosität, mit der unser Land bisher die verschiedenen Entwicklungsprojekte abwickeln konnte. Albanien ist ein Schwerpunktland der Osthilfe. Insgesamt flossen bisher rund 53 Mio. CHF nach Albanien. Das Bundesamt für Aussenwirtschaft finanziert im wesentlichen Infrastrukturprojekte im Energie- und Telekommunikationsbereich mit einem Wert von 35,4 Mio. CHF. Der Rest sind Projekte der technischen Kooperation im Landwirtschafts-, Gesundheits-, Sozial- und Berufschulbildungsbereich. Die schweizerische Hilfe kann allerdings nur Starthilfe sein. Damit die Lebensbedingungen der Bevölkerung nachhaltig verbessert werden, braucht es die Belebung der eigenen Wirtschaft durch ausländische Investitionen und Handel.
2. Deshalb hat sich die Schweiz frühzeitig daran gemacht, einerseits mit einer gemischten Wirtschaftsdelegation 1992 nach Albanien das Interesse der Schweizer Privatwirtschaft zu wecken - mit mässigem Erfolg sei hier angemerkt - und andererseits den notwendigen bilateralen Vertragsrahmen mit Albanien zu schaffen, um den schweizerischen und albanischen Unternehmern den Zugang zum jeweiligen Markt zu vereinfachen und abzusichern.
Im Rahmen der EFTA hat die Schweiz mit Albanien 1992 eine Zusammenarbeitserklärung unterzeichnet. Ziel dieser Erkläung ist es, die wirtschaftlichen Kontakte zu fördern und auszuweiten, um ein günstiges Umfeld für den freien und marktwirtschaftlichen Wettbewerb zu schaffen. Zur Zeit beschränkt sich die Zusammenarbeit auf Stipendien, welche die EFTA sechs albanischen Studenten gewährt. Die Erklärung war die Reaktion der EFTA-Staaten, welchen neben der Schweiz noch Norwegen, Liechtenstein und Island angehören, auf das Kooperationsabkommen der EU mit Albanien. Wie bereits vorher angesprochen, prüft die EU einen Ausbau ihres Kooperationsabkommens. Entsprechend dürften dann auch die EFTA-Staaten ihre Zusammenarbeitserklärung mit Albanien revidieren.
Sie sehen, die Beziehungen zwischen der Schweiz und Albanien sind auf Regierungsebene heute ungleich stärker als die privaten. Es liegt an Ihnen, dies zu ändern!
Ich fasse kurz zusammen:
Ich hoffe, Ihnen mit meinem Referat eine kurze und allgemeine Einschätzung der Situation in Albanien und eine Übersicht unserer bilateralen Beziehungen gegeben zu haben.
W. Koschmann, Bundesamt für Aussenwirtschaft, Bern

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