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Von Hans-Jürgen Geese
Im Jahre 1937 liess Stalin eine Volkszählung durchführen, um zu beweisen, dass die Bevölkerung nach wie vor zunahm und dass die Russen nach wie vor die weit überwiegende Mehrheit in der Sowjetunion bildeten. Für Stalin zählten auch die Ukrainer und die Weissrussen zum russischen Volk, die seiner Meinung nach lediglich einen anderen Dialekt sprachen.
Als ihm die Ergebnisse präsentiert wurden war Stalin mit den Zahlen nicht zufrieden und er befahl daher, so wie es seine Art war, die Verantwortlichen zu erschiessen. 1939 liess er dann die Volkszählung wiederholen. Ein Wunder geschah. Dieses mal stimmte das Ergebnis. Stalin war hoch zufrieden. Niemand musste erschossen werden. Sehen Sie, das ist wahre Macht, wenn Sie widerspenstige Realität nach ihren eigenen Wünschen neu definieren können.
Übrigens ergab die Volkszählung auch, dass die Mehrheit der Russen nach wie vor an einem Glauben hing. Stalin war tief enttäuscht, aber er konnte schlecht über die Hälfte der Bevölkerung erschiessen lassen. Daher verfiel er auf die zweitbeste Lösung: Bei der nächsten Volkszählung 1939 wurde die entsprechende Frage einfach nicht mehr gestellt. So oder so, Stalin bestimmte was galt.
Allerdings hatte Stalins Interpretation von Realität manchmal viel schlimmere Auswirkungen als den Tod von “nur” ein paar Menschen. Stalin weigerte sich, die Invasion der deutschen Armee am 22. Juni 1941 zu akzeptieren. Er zögerte und zögerte. Und dann benötigte Genosse Stalin ein wirklich grosses Wunder. Aber im Nachhinein muss man dem Mann zugestehen: Die Welt der Wunder liess ihn