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Eine neue Folge meiner Serie „Wahre Märchen“:
Es war einmal ein Mädchen, von dessen früher Kindheit wir fast nichts wissen. Wir kennen weder ihr genaues Geburtsdatum, noch ihren genauen Geburtsort, noch wissen wir, wer ihr Vater war. Nicht einmal in Bezug auf ihren vollständigen Namen stimmen die spärlichen Quellen überein. Nennen wir sie also so, wie sie später bekannt wurde: Sarah. Sarah, geboren etwa 1844, war die uneheliche Tochter eine jüdischen Kurtisane, die sich herzlich wenig um ihre älteste Tochter kümmerte. Nach Jahren an einer Klosterschule besuchte Sarah dann von 1859 bis 1862 das Pariser Konservatorium und wurde danach von der Comédie-Française engagiert (beides hatte ihr ein Liebhaber ihrer Mutter, der wohlhabende und einflussreiche Duc de Morny, ermöglicht). Nach schwierigen Anfängen begann ihre grosse Karriere. 1867 hatte sie im Odéon ihren ersten grossen Triumph und wurde in den folgenden Jahren die erfolgreichste Schauspielerin von ganz Paris. 1880 gründete sie ihre eigene Theatertruppe, reiste nach London und Amerika, nach Russland und Wien, überall bewundert und bejubelt. Sarah war nicht nur eine Schauspielerin – sie war auch eine Stil-Ikone und eine begnadete Selbstdarstellerin, ebenso unkonventionell wie umstritten. Sie hatte in ihrem Schlafzimmer einen Sarg stehen, den sie auf alle Tourneen mitnahm, hielt sich einen umfangreichen Privatzoo, spielte noch als über Fünfzigjährige auf der Bühne einen zwanzigjährigen Mann (den Herzog von Reichstadt) und selbst eine Bein-Amputation konnte sie nicht bremsen. Auch Sarahs Liebesleben war legendär; der Vater ihres 1864 geborenen Sohnes Maurice ist ebenso unbekannt wie ihr eigener.
Sie war der Superstar ihrer Zeit schlechthin: Sarah Bernhardt. Und ihr Lebensmotto lautete: Quand même – trotzdem. Robert Gottlieb befasst sich in seiner Bernhardt-Biografie (jetzt bei buchplanet.ch) insbesondere mit den Lebenslügen der talentierten Schwindlerin. Am 26. März 1923 um acht Uhr abends trat der Arzt an ein Fenster ihres Hauses, vor dem viele Leute warteten, und erklärte feierlich: „Madame Sarah Bernhardt ist von uns gegangen.„