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Das angekündigte Kooperationsabkommen zwischen der amerikanischen Sprint Corp. und der deutschen sowie französischen Telefongesellschaft ist nur das jüngste in einer langen Reihe. Doch das langfristige Gelingen des Vorhabens ist noch ungesichert. Schon oft scheiterten ähnliche Projekte in dieser Branche an vielfältigen Hindernissen, von unterschiedlicher Unternehmensphilosophie bis hin zu politischen Regulationen.
In den USA ist Sprint als aggressive Nummer drei hinter AT&T und MCI ein Begriff. Im Ausland hingegen ist der Telekommunikationskonzern mit einem Jahresumsatz von 11,3 Mrd Dollar noch wenig
bekannt. Nicht zuletzt aus diesem Grunde liess Sprint nichts unversucht, offizieller Marketingpartner der Fussball-Weltmeisterschaft zu werden. Bei diesem Grossanlass will Sprint den Beweis
erbringen, dass man punkto Technologie und Service der Konkurrenz in nichts nachsteht. Und man will das vor allem der internationalen Gemeinde beweisen, die ja, ganz im Unterschied zu den USA,
dieses Spektakel mit grösster Aufmerksamkeit zur Kenntnis nimmt.
"Nachdem nun MCI und BT zusammen sind, ist es ein für allemal klar, dass MCI und Sprint in verschiedenen Ligen spielen", meinte Jack B. Grubman von der Wall-Street-Firma PaineWebber. Er sagte dies, als die amerikanische Fernmeldegesellschaft MCI und die British Telecom (BT) im Juni letzten Jahres ihren Joint-venture ankündigten. Doch die Sprint Corporation aus Kansas City scheint mit der jüngst angemeldeten Partnerschaft mit France Telecom und der Deutschen Bundespost Telecom auf bestem Wege zu sein, in die höhere Liga aufzusteigen. Angesichts der bevorstehenden regulatorischen Hürden hat man sich wenigstens für die Aufstiegsrunde qualifiziert. Nach dem neusten Handel will Sprint für eine Kapitalinfusion von 4,2 Mrd Dollar 20% des Aktienkapitals abgeben. Im weiteren sollen zwei Partnerschaften gegründet werden: Für den Betrieb eines globalen Networks soll Sprint 50% und die Deutschen und Franzosen je 25% kontrollieren. In der zweiten Betriebsgesellschaft, die auf europäischen Märkten ausserhalb Deutschlands und Frankreichs tätig sein will, teilen sich die drei Parteien zu je 33%.
Frühlingserwachen
Die Kooperationserklärungen zwischen Sprint auf der einen und den deutschen und französischen Telefongesellschaften auf der anderen Seite stellen keine überraschung dar. Wer im wachstumsträchtigen sogenannten Multi-Media-Bereich Fuss fassen will, wird kaum um erfolgreiche Partnerschaften herumkommen. Schon lange ist bekannt, dass Sprint - wie AT&T übrigens auch - mit diversen europäischen Telefongesellschaften Gespräche führt. So sind die neusten Entwicklungen nichts anderes als ein weiterer Markstein des Konsolidierungsprozesses im Bereich Telefon und Kabelfernsehen. Hauptursache dieser Aufbruchstimmung ist die weltweite Liberalisierung des Telefonverkehrs. Dabei ist aber nicht nur an die Privatisierung der Telefongesellschaften Europas und Asiens zu denken. Auch die Deregulierung in den USA trägt das ihre bei. Die Telefongesellschaften der Vereinigten Staaten durften lange Jahre nur Audiosignale senden, wogegen die Kabelfernsehgesellschaften Lizenzen für die übermittlung der Videosignale erhielten. Diese strikte Trennung ist mit der Zeit aufgeweicht und Barrieren sind abgebaut worden. Kabelbetreiber und Telefongesellschaften kommen sich plötzlich in die Quere. Hinzu kommt, dass neü Technologien der Digitalisierung und Datenkompression enorme Infrastrukturinvestitionen verschlingen. Ein Konsolidierungsprozess ist die logische Folge. Man denke an die von Washington geförderten "Information Superhighways" und an das vielgepriesene interaktive Fernsehen. Im Oktober 1993 investierte die New Yorker Nynex Corp.1,2 Mrd Dollar in die Kabelfernsehgesellschaft Viacom, welche für die Akquisition von Paramount Communications dringend Geld benötigte. Und im Mai 1993 erwarb US-West aus Englewood, Colorado, für 2,5 Mrd Dollar einen 25%-Anteil an Time-Warner Entertainment. Im Lichte des Ausfalls des Bell Atlantic-TCI Mergers erscheine US-Wests Deal mit Time Warner besonders attraktiv, sind sich Beobachter einig. Die "Baby Bell" engagiert sich ganz aggressiv in Bereichen wie Video auf Anfrage, Tele-Shopping und Tele-Banking, also solchen des interaktiven Fernsehens.
Es soll aber nicht übersehen werden, dass in diesem Feld mehr Fusionspläne in die Brüche gehen als realisiert werden. Firmen mit eigenen hochentwickelten Technologien sind offensichtlich nur schwer zusammenzuschweissen. Im weiteren sind die gesetzlichen Rahmenbedingungen in den USA trotz Liberalisierungs- und Deregulierungswelle nicht immer klar abzustecken. In gewissen Fällen sind wiederum verstärkte Regulierungsmassnahmen getroffen worden. So sind von den 14 in letzter Zeit angekündigten Schulterschlüssen deren vier bereits gestorben. Fünf weitere sind hängig.
Hohe Scheidungsrate
Die Elefantenhochzeit zwischen der regionalen Telefongesellschaft Bell Atlantic aus Philadelphia und dem Kabelbetreiber Tele-Communications Inc. (TCI) hätte die neü Epoche des Informationszeitalters einläuten sollen. Gegensätzliche Firmenkulturen und grosse Unsicherheitsfaktoren über die gesetzlichen Freiheiten trieben die Heiratswilligen auseinander. ähnliches passierte zwischen Cox Enterprises und der texanischen Southwestern Bell. Auch hier hätte ein Kabelnetzbetreiber mit einer regionalen Telefongesellschaft Synergien schöpfen sollen. Auch hier warf man das Handtuch, weil neü gesetzliche Vorschriften wenig verheissungsvoll schienen.
Wenn nicht mit Southwestern, so eben mit Times Mirror, mochte sich Cox Enterprises gesagt haben. Statt mit einer Telefongesellschaft versucht man es mit einem anderen Kabelbetreiber. Damit würde Cox nach TCI und TimeWarner zur Nummer drei der Branche und käme ebenfalls zu einem der effizientesten und modernsten Systeme Nordamerikas. Immer noch hängig ist weiter die Akquisition der grössten Zellulartelefongesellschaft McCaw Communications durch AT&T. Verwaltungsräte und Aktionäre haben diesem Schulterschluss schon lange zugestimmt. Doch ein Oberrichter blockierte den Handel. Er will Konflikte mit dem Wettbewerbsgesetz ausgemacht haben.
Hindernisse
Im Nu haben die Kabelgesellschaften als Folge der jüngsten regulatorischen Schranken die Gunst der Telefongesellschaften verloren. Das zeigt sich auch etwa daran, dass ausschliesslich amerikanische Kabelbetreiber an den zum Verkauf stehenden Kabelsystemen der kanadischen Firma Maclean Hunter Ltd. aus Toronto, welche unter anderem die Media-Daten AG in Zürich besitzt, Interesse zeigten. Die Kabelfernseh-Operationen Maclean Hunters wurden diesen Montag von der US-Kabelfernsehgesellschaft Comcast Corp. aus Philadelphia für 1,27 Mrd Dollar übernommen. Comcast wird damit zur neün Nummer Drei der US-Kabelfernsehgesellschaften. So bahnte sich ein anderer interessanter Zusammenschluss an: Zwischen Sprint Corp. und der in der Datenübermittlung spezialisierten Electronic Data Systems in Dallas. Zwei Tage, bevor Sprint den Handel mit den Europäern bekanntgab, fiel der Deal mit EDS ins Wasser. Aber auch der Handel mit der deutschen und der französischen Telefongesellschaft ist alles andere als gesichert. Die überwachungsbehörde in Washington dürfte den Marktzugang in Deutschland und Frankreich genau unter die Lupe nehmen, bevor sie das O.K. gibt. Erst letzte Woche gab die Justizbehörde Washingtons der vor einem Jahr angekündigten Allianz zwischen MCI und British Telecom grünes Licht. Man tat dies mit der ausdrücklichen Erklärung, dass der britische Markt für ausländische Fernmeldegesellschaften offen sei. Man sehe keine Veranlassung, erschwerende Bedingungen zu stellen. In Deutschland und Frankreich dürften aber die Beamten Washingtons zu einem anderen Schluss kommen. Leute von AT&T und Vertreter anderer Interessengruppen haben gegen den transatlantischen Handel bereits protestiert. Sie verwahren sich gegen das Ansinnen der Europäer, in amerikanischen Telefongesellschaften zu investieren, wenn es umgekehrt amerikanischen Gesellschaften verwehrt sei, in den betreffenden Ländern ein ähnliches Engagement einzugehen. Nach EU-Richtlinien sollen zwar die europäischen Märkte bis 1998 voll liberalisiert sein. Sprint aber wird kaum so lange warten können.
Erschienen in der Handelszeitung am 23. Juni
1994