Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/727

Mundarara, ein kleines Dorf mit weniger als 5000 EinwohnerInnen, liegt eingebettet in grüne Hügel, erreichbar nur über eine lange, holprige Schotterstrasse, vorbei an Giraffen, Antilopen und Straussen, vorbei an Maasai-Männern in wallenden roten Gewändern, in der einen Hand den Stock zum Treiben der Kühe, in der anderen das Handy, vorbei an schmuckbehangenen Frauen mit Feuerholz auf dem Kopf und vorbei an einer mittelgrossen Rubinmine, in deren Abraum viele Frauen nach kleinen Edelsteinen suchen. Bei meinem ersten Besuch im Dorf wird unser Team empfangen von einem der Dorfvorsteher, einem grossen, stattlichen Mann mittleren Alters. In seinem Büro, einem kleinen Lehmhaus mit ein paar wackligen Stühlen, einem Tisch und einigen vergilbten Blättern an der Wand, begrüsst er uns mit einem Handschlag und verschmitztem Zwinkern in den Augen. Nachdem wir unser Anliegen erklärt haben, stellen wir ein paar erste Fragen zum Minenbau und den Landrechten im Dorf. Auf meine Frage, ob Frauen auch Land besitzen dürfen, antwortet er empört auf Kimaasai: «Wie kann ein Eigentum etwas besitzen?».
Diesen Satz hören wir immer wieder. Er fasst die Situation vieler Maasai-Frauen prägnant zusammen: Frauen gelten als Eigentum der Männer − zunächst des Vaters und dann, mit der Hochzeit, des Ehemannes. Jeglicher Besitz (Vieh, Häuser oder Land) ist ausgeschlossen. Die Maasai sind eines der patriarchalsten Völker Afrikas. Polygamie ist die Regel. Sowohl die Genitalverstümmelung wie auch Kinderheiraten sind trotz gesetzlichen Verboten nach wie vor weit verbreitet. Die Geschichten vieler Frauen, mit denen wir sprechen, ähneln sich: Kaum eine hat die Primarschule abgeschlossen, ihre Arbeitstage sind lang und ausgefüllt mit schwerer Arbeit (Wasser und Feuerholz holen, Kühe melken etc.). Das Geld, das die Frauen sich durch den Verkauf von Schmuck, Feuerholz oder neuerdings auch durch den Verkauf von Abfallprodukten aus den Minen dazuverdienen, reicht oft kaum zum Überleben, zumal viele Männer ihren Pflichten als Ernährer der Familie nur ungenügend nachkommen.
Harte Arbeit startet mit Heirat
Eine Gruppendiskussion mit Zweitfrauen ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich erwartete eine Gruppe älterer Frauen; stattdessen wurden wir begrüsst von drei Mädchen, zwischen 14 und 16 Jahre alt, zwei davon hochschwanger. Die Mädchen erklärten uns, dass sie froh darüber seien, Zweitfrauen zu sein, denn:
«Diejenigen Frauen, welche keine weiteren Ehefrauen im Haus haben, tun uns leid. Sie haben noch mehr Arbeit zu erledigen. Die schwere Belastung startet mit der Heirat. Wenn man zu Hause bei seiner Mutter ist, kann man ihr sagen, dass man müde ist und sich ausruhen möchte. Aber wenn man verheiratet ist, hat der Ehemann alle Macht und man traut sich nicht, ihm zu sagen, dass man müde ist, sonst wird man geschlagen.» (zitiert in Daley et al (2018), Gender, Land and Mining in Pastoralist Tanzania, S.43, eigene Übersetzung).
Gewalt gehört zum Alltag der meisten Maasai-Frauen. Der Minenbau hat die Gewalt in vielerlei Hinsicht verschärft, da nun auch zahlreiche Aussenstehende in die Dörfer kommen, um nach Edelsteinen zu suchen. In beiden Dörfern hören wir immer wieder von Vergewaltigungen und sogar von Morden, welche ungestraft bleiben. Viele Frauen fühlen sich von ihren Ehemännern und auch von den Männern in der Dorfregierung im Stich gelassen, und nicht selten werden die Frauen selbst für eine Vergewaltigung verantwortlich gemacht.
So schlimm viele Geschichten auch sind, hören wir doch auch immer wieder Positives, Geschichten von Veränderung. Diese rücken vor allem im weiteren Verlauf unserer Arbeit in den Vordergrund. Basierend auf intensiver Forschungsarbeit und dem Feedback der Gemeinden auf unsere Forschung, bieten wir über einen Zeitraum von zwei Jahren eine Reihe von strukturierten Trainingseinheiten an: Diese bestehen neben konkreten rechtlichen Informationen zu Landrechten, Minenbau und Gleichberechtigung der Geschlechter auch aus interaktiven Diskussionen und Rollenspielen.
Bei den Trainingseinheiten sitzen die Frauen anfangs in einer Ecke, die Männer in der anderen. Die Frauen reden kaum, und wenn sie sich dennoch trauen, etwas zu sagen, werden sie immer wieder von den Männern im Raum zurechtgewiesen. Oft werde ich von den Männern gefragt, wie es denn bei mir sei. Ob ich alle Entscheidungen in meinem Haus treffe? Diese Diskussionen sind spannend, denn auch in der Schweiz ist längst nicht alles perfekt: Ich erzähle ihnen, dass bei uns Frauen erst seit 50 Jahren abstimmen dürfen, dass sie vorher eine Erlaubnis ihres Mannes brauchten, um zu arbeiten, und dass es auch heute noch schwierig ist, Arbeit und Familie zu vereinbaren. Auch bei uns gehören Sexismus und Gewalt für viele Frauen zum Alltag.
In den Diskussionen zeigt sich, dass die Geschlechterrollen auch bei den Maasai im Wandel sind. Viele ältere Ehepaare haben geheiratet, indem die Männer ungeborene Mädchen «gebucht» hatten. Viele jüngere Maasai erzählen von einer Zunahme sogenannter «Liebesheiraten». Diese Ehen bleiben oft monogam und zeichnen sich durch eine viel stärkere Zusammenarbeit der Ehepaare aus. Auch die Arbeitsteilung wandelt sich aufgrund von Minenbau, Klimawandel und anderer Faktoren; Frauen übernehmen zunehmend «traditionell» männliche Aufgaben, wie etwa das Weiden von Kühen, allerdings ohne dabei die «traditionell » weiblichen Aufgaben aufzugeben.
Geschlechterrollen im Wandel
Das Ziel des WOLTS-Trainingsprogramms ist es nicht, die Kultur der Maasai zu verändern, oder ihnen unsere westliche Kultur aufzudrängen, sondern darum zu zeigen, dass sich Geschlechterrollen und -verhältnisse verändern und es an uns allen liegt, diesen Wandel zu gestalten und mitzutragen. Wie ein männlicher Teilnehmer treffend bemerkte: «Wir können immer noch Maasai sein und unsere Traditionen weiterführen, aber manche Traditionen sind schädlich, die müssen wir ändern.»
Viele Frauen fühlten sich ermächtigt, allein durch das Wissen, dass sie Rechte haben und dass Geschlechterrollen nicht naturgegeben sind, sondern sich ändern können. Am Ende der Workshop-Serie sassen Männer und Frauen durchmischt im Raum und viele Frauen trauten sich nun auch vor den Männern, ihre Meinung kundzutun. Und sogar der Dorfvorsteher, welcher anfangs noch fragte: «Wie kann ein Eigentum etwas besitzen? », fragte gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Dorfregierung, ob er bei den nächsten Trainings dabei sein dürfe.
Mehr Informationen zum WOLTS-Projekt, welches parallel auch in der Mongolei durchgeführt wurde, finden sich hier. .
Den kompletten Forschungsbericht aus Tanzania finden Sie hier.