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Der Performance-Künstler Rabih Mroué setzt seinen Bruder auf die Bühne und lässt ihn seine Geschichte erzählen: Durch einen Kopfschuss verlor er die Fähigkeit, Bilder und Wirklichkeit zu unterscheiden – genug, um der Gesellschaft fremd zu werden.
Die Geschichte von Yasser Mroué ist besonders. Als er 17 Jahre alt war, während des libanesischen Bürgerkriegs, schoss ihm ein Heckenschütze in den Kopf. Das war 1987 in Beirut, und Yasser war gerade im Begriff, die Strasse zu überqueren.
Er überlebte den Überfall, jedoch stark beeinträchtigt. Seitdem gibt es ein Vorher und Nachher in seinem Leben. Alles, was ist und war, ist dadurch gekennzeichnet, dass es vor oder nach dem Kopfschuss stattfand.
«Wie historische Momente in der Weltgeschichte», sagt Yasser, den sein älterer Bruder Rabih Mroué, der inzwischen sehr berühmte Performance-Künstler, auf die Bühne gesetzt hat, damit er dort seine Geschichte erzählt und in Bildern zeigt. «Wie der Fall der Mauer, wie der arabische Frühling.»
Wie es ist, nicht zu wissen, was ein Schauspieler ist
Der Schuss durch die linke Hirnhälfte hat Yassers Sprachfähigkeit beeinträchtigt, Artikulation und Verständnis. Ein anderer Schaden ist jedoch viel seltsamer. Yasser konnte Abbildungen von Gegenständen nicht erkennen. Ein Foto von einem Bleistift war für ihn ein Papier mit bunten Farben. Dass es das Gleiche zeigt, wie den realen Gegenstand, konnte er nicht sehen. Sein Hirn hat vergessen, wie Repräsentation funktioniert.
Wenn Yasser ins Theater ging, nahm er alles, was auf der Bühne geschah, für die Wahrheit. Was ein Schauspieler ist, verstand er nicht, das Spiel war Realität. In dem Moment aber, als die Schauspieler, die während des Spiels vielleicht gestorben waren, wieder auftauchten, um sich zu verbeugen, verstand Yasser gar nichts mehr. «Ich war verloren», sagt er.
«Ich bin verloren», sagt Yasser, wenn er im Theater ist.
Damit ist die Performance mitten im Thema, das die Basler Dokumentartage zusammenhält: Das Verhältnis von Darstellung und Realität (unser Interview mit dem Veranstalter Boris Nikitin). Unsere Wahrnehmung ist getränkt durch all die Erzählungen, die eine Gesellschaft ausmachen: Werte, Werbung, Standpunkte. Den puren Blick auf die Dinge gibt es nicht.
Die Krux ist natürlich, dass der unbescholtene Bürger die Erzählungen, die auf ihn einrieseln und in ihm wirken, nicht von seiner eigenen Wahrnehmung unterscheiden kann. Also hält er sie für objektiv. Die Geschichte von Yasser Mroué zeigt die Kehrseite von diesem Spiel: Wer die Funktionen der Darstellung durch Bilder und Sprache nicht beherrscht, fällt einfach raus aus der Gesellschaft: «Ich bin verloren», sagt Yasser, wenn er im Theater ist.
Die Performance erzählt diese Geschichte ruhig und fein, mit sachten Bildern und einer einfachen und poetischen Sprache. Dieses Bekenntnis zur Unaufgeregtheit ist stark. Zugleich bleibt der Eindruck des Abends ein wenig lau. Die Performance packt nicht. Sie breitet ihre Wirkung langsam aus, klingt unauffällig nach, und am nächsten Tag weiss man umso mehr, was man am Abend zuvor gesehen hat.
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Weitere Vorstellung von «Riding on a Cloud»: 17. April, 20:30, Kaserne, Rossstall
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