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Elemente
Adulagruppe
(Kt. Graubünden
und Tessin).
Diese oft auch Rheinwaldgebirge genannte Gruppe erfüllt den westl. Teil des Kant. Graubünden
westl. der Splügenlinie
(Reichenau-Splügenpass-Comersee) und reicht von da bis an die Lukmanierlinie
(Disentis-Lukmanier-Olivone-Biasca-Bellinzona).
Die N.-Grenze wird durch das Vorderrheinthal von
Reichenau bis
Disentis, die S.-Grenze durch den Joriopass
(Bellinzona, bezw.
Giubiasco-Gravedona am obern Comersee) gebildet. Die Gruppe gehört also fast ganz dem Kant. Graubünden
an; Tessin
und Italien haben nur sehr
geringen Anteil daran. Da die Splügenlinie meist auch als Grenze zwischen W.- und
O.-Alpen angenommen wird, so fällt die
Adulagruppe den W.-Alpen, das übrige Graubünden
den
O.-Alpen zu. Am
Splügen verknüpfen sie sich mit der
Albula-,
am
Lukmanier mit der Gotthardgruppe.
Die Gliederung der
Adulagruppe ist eigenartig und von der sonst in den
Alpen vorherrschenden abweichend. In den
Walliser-,
Berner-, Glarner- und östl. Bündneralpen
(Albula-, Silvretta-,
Bernina- und
Ofenpassgruppe) herrschen überall die Längsrichtung
und fiederförmige Gliederung, in der
Adulagruppe dagegen die Quer- oder NS.-Richtung und die strahlenförmige
Gliederung. Dort finden wir überall eine grosse
Haupt- oder Stammkette, die im ganzen von WSW. nach ONO. oder
¶
forlaufend
von SW. nach NO. streicht und auch die Hauptwasserscheide der betr. Gegenden bildet, und von der nach beiden Seiten zahlreiche
Seitenketten mehr oder weniger rechtwinklig abzweigen. Hier in der
Adulagruppe fehlt eine deutlich ausgebildete Stammkette.
Statt dessen finden wir einen Zentralknoten, der im Rheinwaldhorn sein Haupt findet und von dem die Verzweigungen,
meist mehrfach verkrümmt und verästelt, nach allen Richtungen ausstrahlen, doch so, dass in ihnen die Meridionalrichtung
vorherrscht.
Eine Hauptwasserscheide zwischen Rhein- und Pogebiet ist zwar auch hier vorhanden. Diese folgt aber nicht der Hauptrichtung der Alpen von WSW. nach ONO., sondern bildet eine gebrochene Linie, die sich aus mehreren Längs- und Querkämmen zusammensetzt;
1) Längskamm vom Lukmanier nach O. zum Diesrutpass (Uebergang von La Greinahochthal nach dem Lugnez);
2) Querkamm von da nach S. bis zum Vogeljoch (südl. des Rheinwaldhorns);
3) Längskamm nach O. bis zum Surettahorn (östl. des Splügen) und 4) wieder Querkamm nach S. zum Piz Stella als Uebergangsglied zu dem grossen Längskamm der Albulakette. Diese wunderlich gewundene Wasserscheide ist offenbar nicht durch die Gebirgsfaltung vorgezeichnet, sondern durch die namentlich von S. her mächtig eingreifende Erosion herausmodelliert. Finden wir doch auch jetzt noch im Gebiet zwischen Bernina- und der Monte Rosagruppe weit stärkere Niederschläge als auf der N.-Seite der Alpen und dementsprechend auf diesem ganzen Raum auffallend weit nach N. ausgreifende Thäler: das San Giacomothal, die Mesolcina, die Tessinthäler und das Tosathal.
Den Zentral- und Kulminationspunkt der
Adulagruppe bildet die schöne Eispyramide des Rheinwaldhorns (3406 m), die mit dem
ähnlich gestalteten Güferhorn (3393 m), dem Schneedom des Vogelberges u. and. Trabanten in prachtvollem
Zirkus das weite Becken des Rheinwaldfirns umschliesst. Die Eiszunge des letztern hängt als Paradiesgletscher weit hinab in
die finstere Schlucht der «Hölle», den hintersten, engsten Teil der nach unten sich allmählich erweiternden Zapportschlucht
und Ursprung des wild hervorbrechenden Hinterrheins.
Südl. über der Zapportschlucht lagert sich auf weiter Terrasse der Zapportgletscber, angelehnt an die Zackenmauer, die sich vom Vogelberg über den Poncione della Frecione (3199 m), das Zapporthorn (3149 m) und das Marscholhorn (2950 m) nach O. zieht und dann gegen den Bernhardinpass (2063 m) abbricht. Die ebenfalls zum «Ursprung» sich senkende Zunge des Zapportgletschers umschliesst mit dem Paradiesgletscher die nach SW. ansteigenden Fels- und Rasenterrassen der Paradiesköpfe, ein Tummelplatz der Gemsen, im Hochsommer kurze Zeit auch als Schafweide benutzt, deren oberste Zacke, das Paradieshörnli (2963 m), ein treffliches Schaugerüst für den herrlichen Gletscherzirkus bildet.
Wie vom Vogelberg zieht auch vom Güferhorn eine Kette nach O., der das Hochberghorn (3003 m), das Lorenzhorn (3047 m), und das Kirchalphorn (3039 m) als Hauptgipfel entragen. Die steile S.-Seite dieses Kamms birgt nur kleinere Gletscher (am Hochberg- und Kirchalphorn), während die sanfter geneigten und breiten Terrassen der N.-Seite von beträchtlichen Gletschern eingenommen sind: Güfer-, Kanal- und Fanellagletscher nebst einigen kleinern. Die weitere Fortsetzung dieser Kette nach O. endet mit der zwar kleinen, aber vielgestaltigen Gruppe der Splügner Kalkberge (Weisshorn 2992 m, Alperschellihorn 3045 m, Pizzas d’Annarosa 3002 m, Steilenhorn, Teurihorn etc.), die als abgerissene Klippe oder Scholle auf einer breiten Unterlage von Bündnerschiefer sitzen und mit ihren oft recht abenteuerlichen Türmen und Zacken und zerrissenen Wänden ein für diese Gegend ganz fremdartiges Aussehen haben.
Das Zwischenglied zwischen diesem Klippengebiet und den kristallinen Massen der Adula bildet die kleine, ganz auf Bündnerschiefer aufgebaute Gruppe des Bärenhorns (2932 m), von jenen getrennt durch den Safierberg (2490 m) und den Valserberg (2507 m), zwei Pässen, die das Rheinwaldthal mit den nördl. Nachbarthälern (Safien und Vals) verbinden. Gewaltiger, imponierender als diese N.-Wand des Rheinwaldthales ist die S.-Wand mit den Gruppen des Tambohorns (3275 m) und der Surettahörner (3025 und 3039 m). Das Tambohorn insbes. ist einer der mächtigsten und schönsten Berge des westl. Graubünden, ein Aussichtspunkt ersten Rangs. Es ist flankiert von den kecken Spitzen des Guggernüll (2887 m), Einshorn (2941 m), Pizzo Uccello (2716 m), Pizzo della Lumbreda (2977 m), Pizzo di Curciusa (2872 m), Pizzo dei Piani (3158 m), Pizzo Terre (3099 m) etc., die in weitem Bogen das Curciusa- oder Areuethal umschliessen. Im Curciusa-, Tambo- und Surettagletscher hat diese Kette ziemlich beträchtliche Eismassen aufzuweisen. Abgesehen vom Tambohorn selber ist sie aber wenig bekannt, obwohl zwei wichtige und vielbegangene Pässe, der Splügen (2117 m) und der San Bernardino (2063 m), sie überschreiten und das Rheinwaldthal mit Italien und dem Tessin verbinden. Daneben ist auch die Bocca di Curciusa zu nennen, die von Nufenen durch das Curciusathal nach dem Dorf San Bernardino auf der S.-Seite des gleichnamigen Passes führt und den letztern umgeht.
Die bisher genannten Ketten zu beiden Seiten des ¶
forlaufend
Rheinwaldthals sind die einzigen grösseren Längsketten, das von ihnen eingeschlossene Thal das einzige grössere Längsthal
der ganzen
Adulagruppe.
Die nördl. Rheinwaldkette biegt bei den Splügner Kalkbergen nach N. um und zeigt im Gelbhorn (3035 m), Bruschghorn (3054 m) und Piz Beverin (3000 m) noch Hochgebirgscharakter, in dem durch den Glaspass (Thusis-Safien) abgeschnittenen Heinzenberg dagegen die sanfteren Formen der Voralpen. In Verbindung mit dem bündnerisch-tessinischen Grenzkamm vom Rheinwaldhorn bis zum Lukmanier umschliesst dieser fast rechtswinklig umgebogene Gebirgszug das Bündner Oberland oder das Gebiet des Vorderrheins, das von Auszweigungen der genannten Hauptketten erfüllt wird.
Jener Grenzkamm streicht zunächst genau nordwärts. Ihm entragen Grauhorn (3260 m), Piz Jut (3128 und 3108 m), Piz Cassimoi (3126 m), Piz Casinell (3101 m), Plattenberg (3041 m), Vernokhörner (3042 und 3020 m), Piz Terri (3151 m) u. a., von welchen namentlich der letztere mit einem kleinen Stab von Trabanten mächtig aus seiner Umgebung herausragt. Auch die Vergletscherung ist bis hieher eine sehr beträchtliche. Ausser vielen kleinern Eisfeldern sind namentlich der Lenta- und der Scaradragletscher zu nennen.
Ersterer fällt in prächtigen Stufen vom Rheinwaldhorn genau nach N. Seiner schönen, flachauslaufenden Zunge entspringt der Valser Rhein. Die Lentalücke (2954 m) verbindet sein Becken mit demjenigen des Rheinwaldfirns. Viel Aehnlichkeit mit ihm hat der Scaradragletscher, der vom Piz Cassimoi sich nordwestl. ins tessinische Val Scaradra senkt, ein Seitenthal des Val Blenio. Der nur dann und wann von Touristen benutzte Passo di Sorreda (2770 m) verbindet es mit dem bündnerischen Lentathal. Noch höher ist der weiter südl. gelegene Gletscherpass des Bocca di Fornei (2879 m), der das Val Carasina, ebenfalls ein Seitenthal des Val Blenio, wiederum mit dem Lentathal verbindet.
Nördl. von der ungemein wilden und zerrissenen Schiefermasse des Piz Terri nimmt das Gebirge einen sanftern Charakter an; die Gletscher bleiben zurück, breite, schöne Alpweiden von mässiger Steilheit steigen oft bis auf die Kämme, und über diese ragen die zahmer gewordenen Gipfel nicht mehr hoch und schroff empor. Doch bleiben die Höhen bis ans N.-Ende der Kette noch ziemlich beträchtlich: Piz Tgietschen (2858 m), Piz Cavel (2944 m), Piz Grein (2894 m), Piz Val Gronda (2822 m), Piz Nadels (2793 m), Piz Miezdi (2742 m) etc. Der Kamm kann an beliebigen Stellen überschritten werden. Die wichtigste Uebergangsstelle ist jedoch der Diesrutpass (2424 m), der das Lugnez mit dem Somvixthal und dem La Greinapass verbindet.
Von dieser N.-Kette zweigen zwei kurze Aeste nach NO. ab: 1) Der des Piz Mundaun, ein breiter, zahmer Schieferrücken
zwischen Lugnez und Vorderrheinthal, mit sanften Wiesenhängen auf beiden Seiten, deren untere Stufen die zahlreichen, wenn
auch kleinen Dörfer des Lugnez und von Obersaxen tragen. Der Piz Mundaun (2112
m) selber ist ein vielbesuchter Aussichtspunkt,
von dem aus man fast das ganze Vorderrheinthal und Lugnez, die Tödikette und die
Adulagruppe in einem
prächtigen Rundgemälde überblickt.
2) Die Kette des Piz Aul zwischen Vrin- und Valserthal, den obern Verzweigungen des Lugnez, ein hohes, wildzerrissenes, teilweise vergletschertes Gebirgsstück mit mächtigen Gipfelbauten: Scharbodenhorn (3124 m), Frunthorn (3024 m), Piz Aul (3124 m), Piz Regina (2528 m) etc., unter welchen der Piz Aul durch Höhe und Wildheit ein würdiges Seitenstück zum Piz Terri bildet. Rechts vom Valserrhein folgen die Auszweigungen der nördl. Rheinwaldkette. Zunächst zwei kürzere, aber hochragende: die des Lentahorns und des Fanellahorns, zwei prächtige Pyramiden, die zu den schönsten Gestalten der Rheinwaldgruppe gehören.
Ans Lentahorn (3237 m) schliessen sich das Schwarzhorn (3115 m) und das Furketlihorn (3043 m), alle drei den weiten, schönen Güfergletscher überragend, der, über den Gebirgskamm gespannt, mehrere Zungen sowohl westwärts ins Lentathal, als ostwärts ins Kanalthal sendet. Den Abschluss dieser vom Güferhorn auszweigenden Kette bildet die kecke Felsnadel des Zervreilerhorns (2899 m). Schon etwas länger ist die an das St. Lorenzhorn angeschlossene Kette des Fanellahorns (3122 m), dem das Guraletschhorn (2913 m) und das Ampervreilerhorn folgen.
Der Fanellagletscher gehört zu den grössten Gletschern der
Adulagruppe. Ihm enteilt der Peilerbach, ein Zufluss des Valserrheins.
Dieser letztere enthält also die Schmelzwasser von nicht weniger als vier der grössten Gletscher der
Adulagruppe: vom Lenta-, Güfer-, Kanal- und Fanellagletscher und ist dementsprechend eines der kräftigsten Bergwasser Graubündens,
nicht nur länger, sondern auch weit wasserreicher und stärker als der Bach von Vrin, der nur seiner Richtung wegen als Quellarm
des Glenner gelten kann.
Endlich folgen die zwei längern Auszweigungen der nördlichen Rheinwaldkette:
1) Die des Piz Grisch und 2) die schon behandelte des Piz Beverin. Sie schliessen zusammen das Safienthal ein. Jene schliesst sich an das Bärenhorn an und besteht wie dieses ganz aus Bündnerschiefer. Ihre Hauptgipfel sind das Weissensteinhorn oder Piz Tomül (2949 m), der Piz Grisch (2862-2846 m) und das Sanina- oder Rieinergebirge: Günerhorn (2842 m), Piz Sanina (2836 m), Piz Fess (2874 m), Piz Riein (2752 m). Namentlich diese letztere Partie ist ein ungemein wildes und zerrissenes Gebirge, bes. auf seiner W.-Seite, wo das Rieinertobel vielarmig in den Gebirgskörper einschneidet und alles in Schutt und Trümmer aufgelöst erscheint. Zahmer ist der im Mittel etwa 2500 m hohe Rücken vom Günerhorn bis zum Piz Grisch, an dem die Alpweiden bis auf den Scheitel reichen. Doch ist auch hier die W.-Seite durch das Pitascher- und das Duvinertobel tief gefurcht. Von Touristen wird das ganze Gebiet wenig besucht. Wer ins Bündner Oberland geht, wendet sich lohnenderen Zielen zu, die ja reichlich vorhanden sind. ¶