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Die im 15. Jahrhundert einsetzende Renaissancezeit in Italien bescherte Westeuropa einen fantastischen Entwicklungsschub. Der technische Fortschritt seit der Industrialisierung vor rund 200 Jahren – vom Agrar- zum Industriestaat – ist beeindruckend. Heute reden wir anerkennend von Innovationen, die uns das Leben erleichtern oder verbessern. Die Überwindung von Mangelzuständen in vielen Ländern der Welt gilt als Fortschritt. Im Lateinischen meint «progressio» Steigerung oder Wachstum. Doch mit der 1972 durch den Club of Rome publizierten Studie «Grenzen des Wachstums» gelangte eine differenzierte, ja kritische Beurteilung des Wachstumsglaubens in die Öffentlichkeit. Und wie steht es mit dem menschlichen Bewusstsein? Welche Funktion spielt es bei der Beurteilung des heutigen Weltgeschehens?
Das Entwicklungspotenzial unseres Bewusstseins
Der Kulturphilosoph und Bewusstseinsforscher Jean Gebser (1905–1973), geboren in Posen und gestorben in Bern, hat sich schon im letzten Jahrhundert Gedanken über die Wandlungsfähigkeit des menschlichen Bewusstseins und dessen Entwicklungspotenzial gemacht.*
J.R. von Salis beschreibt Gebser in «Grenzüberschreitungen» mit folgenden Worten: «Gebser war kein ‹Fachmann›, er hatte sich ohne akademisches Studium hochgearbeitet; aber er deckte in seinem Werk ‹Ursprung und Gegenwart› Zusammenhänge und Mutationen in der abendländischen Kulturgeschichte auf […] Ich habe daraus und aus unzähligen Gesprächen mit Gebser Anregungen empfangen, die über Methodologisches und Logisches hinausweisen; Geniales und Fragwürdiges fügte er zu einem originellen Gedankengebäude […] Er war nicht im üblichen Wortsinn ein Wissenschaftler, aber das Seherische war sein bestes Teil.» Wichtige Worte bei der Beurteilung von Gebsers Theorien.
In aller Kürze: «Gebser fasst Bewusstsein auf als etwas, das sich wandeln kann. (…) Bewusstsein hat eine Geschichte und trägt in sich ein Entwicklungspotenzial. Gebser kommt zu diesem Schluss, weil er festgestellt hat, dass Bewusstsein und rationales Denken nicht miteinander identisch sind. Bewusstsein ist weiter gefasst, weiter angelegt. (…) Gebser unterscheidet fünf Bewusstseinsstrukturen: das archaische Identitäts-, das magische Intensitäts-, das mythische Symbol-, das mental-rationale Begriffs- und das integrale Zeitbewusstsein (Rudolf Hämmerli im Gleitwort zum ersten Band von «Ursprung und Gegenwart»).
Die neue Mutation
Gebser verwendet den Begriff Mutation auch für die gegenwärtige Umbruchszeit. «Mutationen sind immer dann aufgetreten, wenn die herrschende Bewusstseinsstruktur zur Weltbewältigung nicht mehr ausreichte»
An der heutigen Bruchstelle zwischen der mental-rationalen (Gegenwart) und der integralen (Zukunft) Bewusstseinswelt – diese interessiert uns in erster Linie – entwickelt Gebser hochspannende Theorien. Er unterscheidet zwischen den defizienten Formen des zu Ende gehenden rational geprägten Begriffsbewusstseins und der effizienten Bereicherung eines aufkommenden, zukünftigen integralen Denkens des Zeitbewusstseins. Diese Mutationsphasen dauern lange Jahrzehnte, mindestens.
Die Weltmutation der Gegenwart
«Was wir heute erleben, ist nicht etwa eine nur europäische Krise. Sie ist auch nicht eine blosse Krise der Moral, der Wirtschaft, der Ideologien, der Politik, der Religion. Sie herrscht nicht nur in Europa und Amerika. Auch Russland und der Ferne Osten sind ihr unterworfen. Sie ist eine Weltkrise und Menschheitskrise, wie sie bisher nur in Wendezeiten auftrat», schreibt Gebser, der vor der Erstveröffentlichung 1949 während 17 Jahren an der Konzeption seines Hauptwerkes gearbeitet hatte.
Man spricht vom Epochenwandel unserer Zeit. Mit dem Überfall Putins auf die Ukraine ist der medial verwendete Begriff Zeitenwende oder Zeitenwandel Mode geworden. Doch schon lange vorher zeichnete sich ab, was Gebser geahnt haben mag, als er warnte, dass die Krise unserer Zeit einem vollständigen Umwandlungsprozess gleichkomme, dessen Frist durch die Zunahme der technischen Möglichkeiten bestimmt werde, «die in einem exakten Verhältnis zu der Abnahme des menschlichen Verantwortungsbewusstseins steht». Könnten die «technischen Möglichkeiten», 75 Jahre später, mit IT-Revolution, Aufkommen der Künstlichen Intelligenz (KI) und des Metaversums gleichgesetzt werden?
Rationales Denken und Ich-Überbetonung
Gebser macht immer wieder auf negative Auswirkungen des zu Ende gehenden mental-rationalen Zeitalters aufmerksam:
1. «Alles messen, was messbar ist, und alles messbar machen, was es noch nicht ist», lautet die ins Extrem getriebene aristotelische und gallileische Maxime. Durch diese überbetonte Materialisierung hat sich in der Folge das dualistische Denken etabliert.
2. Der duale Gegensatz als Begleiterscheinung einer «verdorbenen und deshalb fragwürdigen Spielart, (…) dieser teilende Aspekt der Ratio und des Rationalismus, der inzwischen allgemeingültig geworden ist, wird immer noch übersehen». Verkürzt für diesen Beitrag: Anstelle einer versöhnlichen «Sowohl-als auch»-Lösung ist die sture «Entweder-oder»-Haltung getreten.
3. Dieser duale Gegensatz enthält als negative Komponenten auch die Fixierung und die Sektorierung: «Die Fixierung führt zur Isolation, die Sektorierung zur Vermassung.» Wir beklagen heute beides. Viele Menschen fühlen sich vereinsamt, andere stören sich an den Massen. Eklatantes Beispiel: Venedig erstickt an den Touristenströmen und hat als drastische Massnahme für die riesigen Kreuzfahrtschiffe das Anlaufen des städtischen Hafens verboten.
4. Die defiziente Phase der mentalen Struktur «führt zu jener Ich-Überbetonung, die zwischen Ich-Vereinsamung und Ich-Verhärtung (der Egozentrik) schwankt.» Kürzlich war in der NZZ zu lesen: «Chefs verzweifeln an der Generation Z.»
Ist Zeit Geld?
Für viele Menschen «hat die Zeit keinen Qualitätscharakter». Gemeint hat Gebser damit, dass der ausschliessliche Quantitätscharakter der Zeitempfindung («Ich habe keine Zeit!» – in aller Munde) zu beklagen sei.
An der Übergangszeit zum integralen Zeitbewusstsein ortet Gebser die Zeitangst: «Sie äussert sich vielfältig, als Zeitsucht, insofern all und jeder darauf aus ist, Zeit zu gewinnen. Manch einer ist der Überzeugung: Zeit ist Geld.
Diese Situation brachte mit den Jahrhunderten, in denen sie sich allmählich herausbildete, jenes Stigma unserer Zeitepoche mit sich, das ausser den aufgezählten das verderblichste ist: die heute allgemein herrschende Intoleranz und der aus ihr resultierende Fanatismus.»
Intoleranz und Fanatismus, kompromisslos, ja stur seine Meinung zu vertreten, kennen wir zu Genüge aus der Politik. Sogar nach verlorener Abstimmung gibt eine unterlegene Person nicht etwa die Niederlage zu, nein, sie beharrt auf ihrer «richtigen» Meinung und darauf, dass sie nur durch Lügen der Abstimmungsgegner unterlegen sei.
Fortschritt: Fortschreiten wohin?
Abschliessend plädiert Gebser auch für eine heute notwendige Distanzierung zum Begriff Fortschritt: «Das rationale Denkklischee des ‹Fort-Schrittes›, der zumeist nur ein Fort-Schreiten vom Ursprung ist», wie er meint.
Naheliegendes Beispiel: Ist die Verpflasterung der Zürichsee-Abhänge mit grobklotzigen Glaskuben, die jeden Quadratmeter des unbebauten Terrains vereinnahmen, ein Fortschritt? Dass die verantwortlichen Architekten das Wort Biodiversität in ihrer Ausbildung nie gehört haben, ist das ein Fortschritt? Dass die kommunalen Baubehörden (mehrheitlich aus der Baulobby stammend) diesen Trend forcieren, ist das ein Fortschritt?
Hoffnung keimt
Konzentrieren wir uns abschliessend auf die positiven Töne Gebsers, auf die Manifestationen des Kommenden: «Ein neuer Ton, eine neue Form, eine neue Sicht wird dann dort wahrnehmbar werden, wo wir heute nur Schrei und Dissonanz zu hören glauben. Und je todeswütiger sich die Äusserungen unserer zu Ende gehenden Übergangsepoche zu erkennen geben, desto lebenskräftiger werden weltverändernd die neuen in Erscheinung treten.»
*Jean Gebser: «Ursprung und Gegenwart», 2 Bände, 826 Seiten, Neudruck 2015 Chronos Verlag, Zürich