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Hätte Patrick Fischer mit besserem Coaching den WM-Viertelfinal gegen Deutschland gewinnen können? Wahrscheinlich schon. Trotzdem ist er der richtige Nationaltrainer. Seine Absetzung würde uns um Jahre zurückwerfen.
Wenn Kaiser Napoléon ein fähiger Truppenführer zur Beförderung zum General vorgeschlagen wurde, soll er jeweils nur eine Frage gestellt haben: «Hat der Mann Glück?» Der grosse Korse wusste: Noch so viel militärischer Sachverstand hilft nicht, wenn im alles entscheidenden Moment das Glück fehlt.
Patrick Fischer wäre unter Napoléon nicht General geworden. Weil er im entscheidenden Augenblick kein Glück hat. Niederlagen gegen Deutschland in der Verlängerung im olympischen Achtelfinal von 2018 und im Penaltyschiessen bei der WM 2021. Nur 43 Sekunden hatten zum Sieg gefehlt. Finalniederlage gegen Schweden 2018 nach Penaltys. Beim WM-Viertelfinal gegen Kanada 2019 fehlten 0,4 Sekunden zum Sieg und zum Halbfinal. Fischer ist im Sinne von Napoléon ein Bandengeneral ohne Fortune (Glück). Das war er schon während seiner Zeit in Lugano.
Mit dem Glück ist es im Hockey so eine Sache. Gerne geht vergessen: Deutschland, das vielgerühmte, vergeigte 2018 mit dem grossen Marco Sturm an der Bande den Olympiasieg noch viel kläglicher als Patrick Fischer den Viertelfinal in Riga. Die Deutschen kassierten gegen Russland 56 Sekunden vor Schluss den Ausgleich bei nummerischer Überlegenheit (!) und verloren in der Verlängerung.
Was müsste sich Patrick Fischer nach einer solchen Niederlage anhören? Und wie würden wir uns überschlagen mit tiefschürfenden Analysen über passives Coaching, fehlenden Killerinstinkt und unsere fehlende Winnermentalität!
Kann der Coach das Glück erzwingen? Ja, bis zu einem gewissen Grad. Drei Punkte sind entscheidend.
Der erste Punkt ist die Wahl des richtigen Arbeitgebers. Was nützt es dem fähigsten Trainer, wenn er nie ein Team kommandieren darf, das gut genug für einen Titel ist? Da hilft ihm alles Glück der Welt nicht.
Den zweiten Punkt lernte ich im Herbst 2005 in Tampa (Florida) kennen. Bei einem historischen Spiel: Timo Helbling buchte im Dienst von Tampa seinen einzigen NHL-Assist. Auf der Medientribüne sass auch Scotty Bowman, damals Berater der Red Wings aus Detroit. Ich fragte ihn, was er von Helbling halte und erwartete eigentlich keine fundierte Antwort. Was kümmerte den erfolgreichsten NHL-Bandengeneral der Geschichte schon den defensiven Hinterbänkler aus der Schweiz? Zu meiner Verblüffung bekam ich einen hochpräzisen, umfassenden Scouting-Report mit allen Stärken und Schwächen des wehrhaften Haudegens und ein klares Urteil: nicht NHL-tauglich.
So war es. Timo Helbling ist lediglich in elf NHL-Partien eingesetzt worden. Alle Stärken und Schwächen aller Spieler im Kopf haben – der eigenen und der gegnerischen –, dann kann ein Bandengeneral in den alles entscheidenden Augenblicken die richtigen Männer aufs Eis schicken. Bowman hätte Jonas Siegenthaler in den Schlussminuten gegen Deutschland nicht eingesetzt. Er hat als Bandengeneral neun Stanley-Cup-Sieger kommandiert und einer wie er hätte uns in Riga zum WM-Titel gecoacht. Patrick Fischer wird nie die Schweizer Antwort auf Scotty Bowman. Nicht einmal ansatzweise. Aber das erwartet auch niemand.
Der dritte Punkt ist die Fähigkeit eines Coaches, aus ehrgeizigen Jungmillionären eine verschworene Gemeinschaft zu formen und für eine WM-Expedition – also eine Verlängerung der Saison – zu begeistern. Per Befehl funktioniert es nicht. Bei weitem nicht alle Coaches verfügen über die dafür erforderliche emotionale Intelligenz. Zwei unserer Nationaltrainer sind in diesem Bereich wahre Hexenmeister: Ralph Krueger und Patrick Fischer.
Kein Zufall, haben beide schon während ihrer Aktivzeit lesenswerte Bücher im Grenzbereich von Sport und Lebensberatung geschrieben (Scotty Bowman hat keine solchen Bücher geschrieben). Beide sind in gewisser Weise auch ein wenig Dichter und Denker, Psychologen und Esoteriker. Krueger war allerdings zu dogmatisch und zu sehr in der biblischen Vorstellung «Wer nicht für mich ist, ist gegen mich» gefangen.
Es ist ihm nie gelungen, die besten Spieler ins Nationalteam zu holen. Reto von Arx, über Jahre unser bester Center, ist kein «Kruegerianer» geworden. Einer der Gründe, warum Ralph Krueger die wundersame WM-Halbfinal-Qualifikation von 1998 nie mehr zu wiederholen vermochte und so oft so knapp gescheitert ist. Aber er war mit seiner Akribie und Detailbesessenheit, die ein wenig an Scotty Bowman mahnt, fraglos der bessere Bandengeneral, der bessere Coach als Patrick Fischer.
Die wichtigste Eigenschaft eines Nationaltrainers: Er muss dazu in der Lage sein, die Nationalmannschaft zu verkaufen. Nach innen und nach aussen. Die Klubs bezahlen die Spieler. Der Einsatz im Nationalteam ist immer freiwillig. Alles Gerede von der vaterländischen Pflicht, in der nationalen Mannschaft zu dienen, bleibt leer, wenn es der Nationaltrainer nicht versteht, die Spieler für die nationale Sache zu gewinnen und bei der WM mit auf eine Mission zu nehmen.
Patrick Fischer ist der noch bessere Verkäufer des Nationalteams als es Ralph Krueger war. Damit macht er seine Schwäche im Coaching bei Weitem wett.
Was bringt uns ein Nationaltrainer, der zwar ein ausgefuchster Bandengeneral, ein kleiner Scotty Bowman ist, aber es einfach nicht schafft, die Spieler über einen längeren Zeitraum für seine Mission zu begeistern?
Sean Simpson schaffte das Silberwunder von 2013 und ist dann laufend kläglich gescheitert: im Olympischen Achtelfinal von 2014 als WM-Finalist im Achtelfinale gegen Lettland (!) und 2014 reichte es an der WM in Minsk nicht einmal mehr für den Viertelfinal. Erst unter Patrick Fischer ist das Nationalteam wieder eine Mannschaft mit nationaler Ausstrahlung und Popularität geworden. Jedes Scheitern seit dem WM-Final von 2018 war ein aufwühlendes Hockey-Drama, das die Sportnation bewegt. So wie am Donnerstag in Riga.
Was würde die Absetzung von Patrick Fischer bringen? Einen Rückschlag um Jahre. Weil kein ausländischer Coach die nationale Sache so gut zu vertreten vermag wie Fischer. Was nützt es uns, wenn der Nationalcoach ein grosser Bandengeneral ist, aber es nicht schafft, die Besten zum Mitmachen zu bewegen? Nichts. Ausser permanenten Polemiken um WM-Absagen.
Patrick Fischers Verdienst ist es, dass er unsere besten Spieler, auch die aus der NHL, für seine Sache zu begeistern vermag und die Mannschaft auf ein so hohes Level gebracht hat. Seit dem WM-Final von 2018 ist der Viertelfinal selbstverständlich geworden. Mit dieser Steigerung kommen die hohen Erwartungen. Früher wurde die Position eines Nationaltrainers nach einem Abstieg oder mehrmaligem Verpassen der Viertelfinals in Frage gestellt. Nun sind wir so verwöhnt, dass nach einem Final und zweimaligem dramatischen Scheitern im Viertelfinal die Position des nationalen Trainers angezweifelt wird.
Die Lösung ist eigentlich ganz einfach: Geführt wird die Mannschaft von einem Team. Also vom Coach und seinen Assistenten. Versagt hat in Riga nicht Patrick Fischer. Er hat seinen Job gemacht. Er hat dafür gesorgt, dass die Mannschaft nach einem 0:7 gegen Schweden nicht auseinandergefallen ist und sich sogleich mit einem 8:1 gegen die Slowakei zusammengerauft hat. Er hat für Selbstvertrauen und Leidenschaft gesorgt.
Mag sein, dass Patrick Fischer zu sehr Dichter, Denker, Psychologe und Esoteriker und zu wenig autoritäre, kaltblütige Führungsperson für Extremsituationen in den letzten Minuten eines Spiels ist. Aber das ist, wie oben ausgeführt, ein Problem, das gelöst werden kann.
Versagt hat bei dieser WM nicht der Nationaltrainer. Versagt haben seine drei Assistenten. Das hat sich umso stärker ausgewirkt, weil der grosse Leitwolf Roman Josi in der Kabine fehlte. Tommy Albelin hätte sehen müssen, dass Jonas Siegenthaler in einer miserablen Verfassung ist und in der letzten Minute gegen Deutschland nicht mehr aufs Eis gehört. Aber er ist ein exzellenter Taktik-Lehrer und seine Position steht nicht zur Debatte.
Christian Wohlwend ist der Zauberlehrling von Patrick Fischer. Sicherlich gut für die Stimmung und um regelmässig ein paar Scheite in den Kachelofen der Emotionen zu legen. Aber ein Bandengeneral ohne Fortune wie sein klägliches Scheitern mit dem HC Davos in den Pre-Playoffs gegen den SCB gezeigt hat und keine Hilfe in heiklen Situationen. Definitiv nichts an der nationalen Bande verloren hat Marco Bayer, der U20-Nationaltrainer. Weder Bandengeneral noch Taktiker noch Psychologe. Er bringt auf diesem Niveau null Mehrwert.
Das Problem Patrick Fischer – wenn wir es denn als Problem bezeichnen – ist mit ein paar Handgriffen zu lösen: durch die Berufung von zwei Assistenten an Stelle von Christian Wohlwend und Marco Bayer, die seine Schwäche beim Coaching kompensieren. Die Frage ist allerdings, ob Verbandssportdirektor Lars Weibel der richtige Mann für diese heikle Aufgabe ist. Die Schuhe seines Vorgängers Raeto Raffainer sind für ihn nach wie vor ein paar Nummern zu gross.