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Arbeitsscheu und irre - Schauderhaftes vom historischen Friedhof Cazis
Im Zuge des Neubaus der Justizvollzugsanstalt Cazis Tignez hat der Archäologische Dienst Graubünden den historischen Anstaltsfriedhof untersucht. Die nun veröffentlichten Ergebnisse ermöglichen erstmals Einblick in die damaligen Lebensbedingungen. Es ist die schweizweit erste Untersuchung an Skeletten aus einer historischen Institution.
Wir befinden uns in der Schweiz vom 19. Jahrhundert, als sich ein System der Zwangshilfe etabliert. Menschen, deren Lebensstil von der gewünschten Norm abwich oder die nicht in der Lage waren, ihren Unterhalt selbst zu bestreiten und deshalb der Familie oder der Gemeinde zur Last fielen, wurden unfreiwillig in Verwahrung genommen. Dieses, gemeinhin als «administrative Versorgung» bekannte Vorgehen, wurde über lange Zeit in Arbeits- und Armenhäusern landauf, landab praktiziert.
Liederlich, arbeitsscheu und irre
Auch in der damaligen «Korrektionsanstalt Cazis-Realta» wurde aus heutiger Sicht Schauderhaftes praktiziert. Für die verstorbenen Insassen wurde ein eigener Friedhof angelegt. Anhand der überlieferten Anstaltsregister sind die Namen und weitere Daten vieler Personen bekannt, die während ihrer Zeit in der Anstalt verstarben und dort beerdigt wurden, schreibt der Archäologische Dienst Graubünden in einer Mitteilung. Neben Menschen, die als «liederlich» oder «arbeitsscheu» kategorisiert wurden, finden sich auch als «irre» bezeichnete Insassen.
Einen Eindruck davon, wie es in der damaligen Zeit zu und hergegangen sein könnte, versuchte der Film «Das Deckelbad» vor einigen Jahren aufzuzeigen.
Der Friedhof in Cazis Tignez wurde bis kurz nach 1910 benutzt und spätestens in den 1930er-Jahren vollständig aufgegeben. Bei der im Jahre 2016 durchgeführten sogenannten «Rettungsgrabung» wurden 103 Körperbestattungen in einfachen Holzsärgen aus dem Zeitraum von zirka 1858 bis in die 1910er-Jahre geborgen, heisst es in der Mitteilung weiter.
Die Schweiz hat die Europäische Menschenrechtskonvention von 1950 erst im Jahre 1974, also um Jahrzehnte verspätet und mit Vorbehalten, unterzeichnet. Damit wurde die administrative Versorgung in der Schweiz abgeschafft. Vor 1981 Eingewiesene verblieben aber in den ihnen zugewiesenen geschlossenen Anstalten, wo sie Zwangsarbeit zu verrichten hatten.
Infektionen, Behinderungen und Mangelernährung
Mehrere Fälle von Skorbut (Vitaminmangelkrankheit) und Osteomalazie (Knochenerweichung) können auf Armut, Alkoholismus, psychische Erkrankungen oder den Anstaltsaufenthalt zurückzuführen sein. Die Frakturraten, insbesondere der Rippen, waren extrem hoch. Ein grosser Teil dieser Knochenbrüche verheilte nur unvollständig und trat wahrscheinlich während der Verwahrung aufgrund von Gewalt auf.
Die schweizweit erste Untersuchung an Skeletten aus einer historischen Institution für administrative Verwahrung verdeutlicht, wie vorbestehende gesundheitliche Einschränkungen und die Zugehörigkeit zur Unterschicht zur Anstaltseinweisung beitrugen. Zudem zeigt die Studie auf, wie diese Anstaltseinweisungen zu einer weiteren Verschlechterung der Gesundheit führten. Damit werden durch die Archäologie neue Aspekte der Zwangsfürsorge beleuchtet, die aufgrund der mangelnden historischen Überlieferung bisher kaum berücksichtigt wurden. (ham)