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"Ich glaube, der 29. Oktober 1951 wird der Banque Nationale von Marseille noch lange als schwarzer Tag in Erinnerung bleiben! Sind noch Fragen?" René, der als einziger von uns vieren stand am Tisch, schaute sich fragend um. Viel konnte er allerdings nicht sehen, denn die kleine Deckenlampe drang nur ungenügend durch den dichten Rauch, der sich in den letzten beiden Stunden durch unsere Zigarren und Zigaretten in dem kleinen Hinterzimmer gebildet hatte.
Gebannt beobachteten wir einmal mehr das faszinierende Schauspiel, wenn Jean-Pierre, neben René unser cleverster Mann, das Wort ergriff. Regelmässig hing eine Zigarette an seiner linken Unterlippe unverrückbar, als wäre sie festgeschweisst. Wir hatten schon hohe Beträge verwettet, dass sie herunterfalle, aber jedes Mal hatten wir verloren.
"Ich möchte gerne wissen, wer den Wein von heute Abend bezahlt!" "Wieso, brauchst Du einen Vorschuss?"
"Nein, ich hatte nur gedacht, wir könnten die Rechnung an die Banque Nationale schicken, schliesslich sitzen wir ja ihretwegen hier!"
Wir lachten. Wenig später standen wir auf. René und Jean-Pierre fuhren mit der Légère weg, um die Fahrzeiten zu stoppen, Pierrot und ich mussten die Quinze und die Fourgonette, die wir auf die Farben der Elektrizitätsgesellschaft gespritzt hatten, platzieren. Die Fourgonette stellten wir direkt vor das Gebäude der Elektrizitätsgesellschaft, mit der Quinze fuhren wir weiter bis zum Parc Chanot, wo wir den Sechszylinder auf dem Parkplatz des Musée du vieux Marseille abstellten. Wir waren alleine. Gemächlich wechselten wir die Nummernschilder. Der Wagen trug nun Pariser Immatrikulation. Zufrieden schlenderten wir zum Rond-Point du Prado, wo wir auf René und Jean-Pierre warteten.
Es dauerte zwei Gauloise-Längen, bis die Légère mit quietschenden Reifen neben uns zum Stehen kam. Wir setzten uns in den Fond, und Réne chauffierte uns in das kleine Lokal "Chez Roland" in der Rue du Dragon, wo wir bis nach Mitternacht Billard spielten.
Am anderen Morgen erwachte ich durch das klassische Klicken
das entsteht, wenn eine Pistole durchgeladen wird. Vorsichtig hob ich
das rechte Augenlid etwas an, um die Situation unbemerkt zu überblicken.
Beruhigt stellte ich fest, dass Jean-Pierre daran war, seine Pistole zu
reinigen. Ich stand auf und trank einige Schlucke des halbwarmen Kaffees,
der noch im Krug auf dem Tisch stand. Pierrot und René waren etwas
zum Essen kaufen gegangen, erzählte Jean-Pierre.
Wir drei eilten zum Hauptkassier und befahlen ihm den Kassenschrank zu öffnen. Als er zögerte, zog René seine Pistole und entsicherte sie. Der Kassier öffnete umgehend den Tresor und packte die Banknotenbündel in die Säcke, die Jean-Pierre mitgebracht hatte. Als er einen Sack knapp voll hatte, war der Kassenschrank bis auf das Münzgeld leer. Darauf forderte René ihn auf den Tresorraum im Keller zu öffnen. Der Kassier erklärte, der Filialleiter besitze den zweiten Schlüssel, worauf René und ich mit ihm in den zweiten Stock zum Büro des Direktors hinaufstiegen. Wenige Minuten später standen wir zu viert im Tresorraum, während Jean-Pierre vor der Türe wartete. Die Schliessfächer liessen wir links liegen, es waren genügend Notenbündel vorhanden, um für jeden einen Sack zu füllen. Schliesslich schlossen wir den Direktor und den Kassier im Tresorraum ein und stiegen wieder zu Pierrot hinauf, der immer noch die Angestellten in Schach hielt. René schaute auf die Uhr. Es war 1650, der ganze Überfall hatte keine zwanzig Minuten gedauert. Wir waren noch vier Minuten zu früh, in denen wir unruhig hin und hergingen. Die Zeit schien uns endlos, bis schliesslich René das Signal zum Rückzug gab.
Bislang war alles nach Plan verlaufen, aber als wir mit
den Säcken auf dem Rücken aus der Bank traten, war ein Flic
damit beschäftigt, unserer Traction einen Bussenzettel unter den
Scheibenwischer zu klemmen, weil René falsch parkiert hatte. Einen
Moment lang geriet unser Haufen in Unordnung, und Pierrot schoss in der
Aufregung eine ganze Salve auf den armen Polizisten. Das Stakkato der
MP hallte in der engen Strasse tausendfach wider, während der Mann
zusammenbrach. Mit wenigen Sätzen waren wir im Auto, die Geldsäcke
auf den Knien. Der Motor sprang sofort an, und mit quietschenden Reifen
jagten wir davon. Gerade als wir um die erste Ecke bogen, heulte eine
Ladung Flics mit Blaulicht in die Strasse, in der das Gefecht stattgefunden
hatte.
"Verflucht, wir haben beinahe eine halbe Minute Verspätung!"
Diese Aufzeichnungen, verehrte Leser, stammen aus der Feder eines der Beteiligten. Ich kurierte ihn im Jahre 1961 von einer Schussverletzung, war aber infolge meiner ärztlichen Schweigepflicht gezwungen, die Geschichte für mich zu behalten. Vor 14 Tagen erhielt ich die Todesanzeige der Person, die sich im Bericht mit "ich" bezeichnet. Indem ich die Namen der übrigen Beteiligten abänderte, kann ich endlich dieses Stück Zeitgeschichte veröffentlichen.
November 1977
Ihr Dr. A. C. Traction
Nachbemerkung des Webmasters:
Die Durchsicht alter Akten kann reizvoll sein.
Dieser Artikel stammt aus dem Jahre 1977 und damit aus der Frühzeit
des Clubs. Der Besitz einer "Gangsterlimousine" erzeugte bei
einigen Fahrern Phantasien. Hinter dem Pseudonym "Dr. Traction"
versteckte sich Dani Eberli, dem schon damals ein grosser Teil der Beiträge
an das Clubheft zu verdanken war