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Thomas Meyer, Der Bund (08.09.2009)
Am Luzerner Theater ist die selten gespielte Oper «Wozzeck» von Manfred Gurlitt zu sehen.
Der 1926 uraufgeführte «Wozzeck» des deutschen Komponisten Manfred Gurlitt ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten, wie die Luzerner Inszenierung von Mark Foster und Vera Nemirova zeigt.
Die Musikgeschichte ist ungerecht: Einige gute Opern sind in Vergessenheit geraten, schlicht weil es eine bessere über den gleichen Stoff gab: Giovanni Paisiellos «Barbiere di Siviglia», Ferdinando Paers «Leonora» (alias «Fidelio») oder Ruggero Leoncavallos «La Bohème» etwa.
Der deutsche Komponist Manfred Gurlitt (1890–1972) hat gleich zwei solcher Werke zu beklagen: «Wozzeck» und «Die Soldaten», die durch Alban Bergs und Bernd Alois Zimmermanns Versionen verdrängt wurden. Einen wesentlichen Anteil daran hatten auch die Nazis. Sie verboten seine Werke, drängten ihn ins Exil, und sie erreichten es sogar, dass er auch in Japan isoliert wurde, wo er sich später stark für europäische Musik einsetzte. Der sozialkritischen Themen aufgeschlossene und als Kulturbolschewist diffamierte Gurlitt mag so als einer der verfemten Komponisten gelten, freilich liegt sein Fall etwas komplizierter. Er konnte 1933 – wohl aus Opportunismus – selber Mitglied der NSDAP werden, weil er angab, nicht der halbjüdische Vater, sondern der arischere Stiefvater sei sein Erzeuger. 1937 jedoch wurde er wieder aus der Partei ausgeschlossen.
Im Schatten Alban Bergs
Sein «Wozzeck», am 22. April 1926, kaum ein halbes Jahr nach Bergs Oper, in Bremen uraufgeführt, stand immer in deren Schatten. Zu Recht. Bergs Werk ist schlicht zu grossartig, zu dicht, zu vielschichtig. Was nun nicht heissen soll, dass es nicht lohnt, Gurlitts Werk wieder auszugraben. Gerade für eine kleinere Bühne eignet sich diese Oper von 80 Minuten Dauer. Sie erzählt die Geschichte vom einfachen Soldaten Wozzeck, der sich über die Welt vergrübelt und seine untreue Marie erdolcht, auf direkte und schlüssige Weise. Und so greift nun das Luzerner Theater diese Rarität auf, die bislang vor allem durch Gerd Albrechts Plattenaufnahme bekannt war.
Dabei beweist sie durchaus Qualitäten: Gurlitts Musik ist knapp und verständlich formuliert, sie umreisst jede der kurzen Szenen von Georg Büchners Fragment mit wenigen Motiven, folgt unmittelbar dem Text, wechselt rasch, versucht aber von Anbeginn weg auch eine Einheit aufzubauen, indem sie quasi als Leitmotiv den Text «Wir arme Leut’» wiederholt und dieses dann in die musikalische Struktur einfliessen lässt. Das ist äusserst geschickt gemacht. Und da zeigt sich der pragmatische Theatermusiker, der als Kapellmeister an verschiedenen deutschen Opern tätig war. Dirigent Mark Foster schält diese Eigenschaften nun mit dem Luzerner Sinfonieorchester deutlich heraus.
Freilich: Die ersten Szenen wirken fast dichter als die letzten, eine wirkliche Steigerung findet nicht statt, die Bezüge sind zuweilen allzu offensichtlich, sie wirken so etwas platt, und manchmal kippt der damals zeitgemässe neusachliche Tonfall der Musik ins Larmoyante, und so zeigen sich auch gleich einige Schwächen.
Gurlitt vermag den ohnehin schon eindringlichen Stoff musikalisch nicht zu übersteigern (wie es Berg tut), er verlässt sich auf den Text, intensiviert ihn nicht. Glücklicherweise versucht Regisseurin Vera Nemirova nun in Luzern nicht, dem auf plakative Weise nachzuhelfen. Ihre Arbeit ist nüchtern und erreicht gerade dadurch Eindringlichkeit. Es gibt darin nur einige wenige unnötige Schlenker (warum wird der Jude, bei dem Wozzeck sein Messer kauft, von seinem verkleideten Arzt gespielt?). Die Bühne von Werner Hutterli ist weiss und fast leer. Als Requisiten braucht es kaum mehr als einen Stuhl und ein Messer. So kann man sich auf die Personen konzentrieren. Simone Stock als Marie und vor allem Marc-Olivier Oetterli als Wozzeck stellen dieses Drama auf anrührende Weise dar.