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Weltweit besuchen 260 Millionen Kinder keine Schule, 400 Millionen Elfjährige können kaum lesen, schreiben oder rechnen und 840 Millionen Kinder bringen am Ende ihrer Schulzeit keinerlei Qualifikationen für das Erwerbsleben mit: Die Zahlen, die der frühere britische Premierminister und heutige Bildungsbeauftragte der UNO Gordon Brown am Bildungsgipfel der UNO dieses Jahr in New York präsentierte, sind alarmierend. «Die Bildungskrise bestand schon vor der Pandemie», sagt UZH-Ökonom Guilherme Lichand, «Covid hat sie weiter verschärft.» Schulen wurden geschlossen und viele Kinder weltweit während des Fernunterrichts schulisch abgehängt.
Guilherme Lichand kommt aus Brasilien. Heute leitet der Ökonom das Center for Child Well-Being and Development an der UZH und forscht zu Fragen der Bildung und der sozialen Ungleichheit. Unterstützt wird seine Professur vom Kinderhilfswerk Unicef Schweiz. «Gesellschaftliche Ungleichheit ist eng verknüpft mit ungleichen Bildungschancen», sagt Lichand. Zurzeit arbeitet der Wirtschaftswissenschaftler vor allem in Brasilien und in Afrika, an der Elfenbeinküste und in Malawi.
«Ich bin ein Problemlöser», sagt Lichand über sich. Das Motto auf seiner persönlichen Website lautet «Research meets social innovation». Ziel seiner Arbeit ist es, unterstützt von digitaler Technologie, Lösungsansätze für soziale Probleme zu finden. Zum Beispiel für das Problem, dass Kinder nicht zur Schule gehen oder ihre Schulkarriere frühzeitig abbrechen. In vielen Entwicklungs- und Schwellenländern sind Schulabsenzen und -abbrüche weit verbreitet. Sie machen einen Teil der globalen Bildungskrise aus.
Die Gründe für das Fehlen im Klassenzimmer sind sehr unterschiedlich. An der Elfenbeinküste beispielsweise führt Kinderarbeit oft zu Absenzen. Dreissig Prozent der unter 17-Jährigen arbeiten in dem westafrikanischen Land in Kakaoplantagen, um ihre Familien damit finanziell zu unterstützen – die Elfenbeinküste ist neben Ghana der grösste Kakaoproduzent weltweit.
Die Arbeit auf der Plantage ist hart und sie hält Jungen und Mädchen von der Schule ab. Oft brechen Kinder ihre Schulkarriere frustriert ganz ab, weil sie, erschöpft von der Arbeit auf dem Kakaofeld, die geforderte Leistung im Klassenzimmer nicht erbringen können. Vielfach treten sie damit in die Fussstapfen ihrer Eltern, die aus den gleichen Gründen die Schule frühzeitig verliessen. «Das ist ein Teufelskreis», sagt Lichand, «Kinder von armen Eltern können ihr Potenzial nicht ausschöpfen, das betrifft alle Bereiche des Lebens.» Um Wege aus dem Teufelskreis zu finden, müssen deshalb Politik, Technologie und Wissenschaft zusammenspannen, ist der Ökonom überzeugt. «Die Bildung hat hier eine Schlüsselfunktion», sagt er. Und weil Lichand Forscher ist, geht er das Problem mit den Mitteln der Wissenschaft an.
Mit dem Ziel, Kinder wieder an die Schulbank zurückzubringen, führte er an der Elfenbeinküste ein grossangelegtes Verhaltensexperiment durch, das von der Regierung unterstützt wurde. Daran beteiligt waren rund 5000 Eltern von Kindern aus gegen 100 Schulen. Guilherme Lichand nutzte für sein Experiment ein Verfahren – das so genannte Nudging oder zu Deutsch Anschubsen –, das er zuvor bereits in einem Forschungsprojekt in Brasilien erfolgreich angewandt hatte: Eltern wurden regelmässig via SMS dazu aufgefordert, ihre Kinder in die Schule zu schicken. Dazu erhielten sie über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren zweimal wöchentlich eine Textnachricht. Zu lesen war dort etwa die Botschaft «Ermutigen Sie Ihr Kind, zur Schule zu gehen. Seine Zukunft hängt davon ab!» oder «Kinder, die auf dem Feld arbeiten, sind meist nicht gut in der Schule. Schützen Sie die Bildung Ihres Kindes.»
So klein diese Schubser via Handy erscheinen mögen, sie taten eine erstaunliche Wirkung. So zeigte sich nach 18 Monaten, dass die regelmässigen SMS-Botschaften die Schulabbrüche um 50 Prozent verringerten und sich die Quote von Schülerinnen und Schülern, die aufgrund mangelnder Leistungen die sechste Klasse wiederholen mussten, um ein Drittel verringerte. Sein Nudging-Projekt war so erfolgreich, dass es nun vom Staat weitergeführt wird. «Das Experiment zeigt, dass man mit kleinen, gut durchdachten Interventionen die Bildung von Kindern positiv beeinflussen kann», sagt Guilherme Lichand, «auch wenn die grundsätzlichen Probleme damit nicht gelöst sind.»
Nicht nur die Arbeit auf dem Feld hält Kinder von der Schule ab, sondern auch die weltweit verbreitete Tradition der Kinderheiraten. So werden beispielsweise im südafrikanischen Malawi fast die Hälfte aller Mädchen bereits unter 18 Jahren verheiratet. «30 bis 40 Prozent verlassen deshalb die Schule mit 14 oder 15 Jahren», sagt Guilherme Lichand, «meist ein Jahr nach der Heirat gebären sie dann das erste Kind.» Spätestens dann ist es aus mit der Schulkarriere.
So verbreitet Kinderheiraten in Malawi sind – viele Eltern sind eigentlich gegen diese Tradition. Dies hat eine Befragung ergeben, die Guilherme Lichand mit seinem Team in 400 Dörfern des Landes durchgeführt hat. Wie sich zeigte, war ein Grossteil der befragten Eltern der Meinung, Mädchen sollten frühestens mit 18 heiraten. Was aber auch deutlich wurde: Der soziale Druck, der auf den Familien lastet, ist gross. Wer sich gegen die Kinderheirat ausspricht und entsprechend handelt, setzt seine Glaubwürdigkeit und seine soziale Reputation aufs Spiel. Guilherme Lichand überlegte sich nun, wie Familien ihr gutes Image behalten und ihre Verbundenheit mit der Gesellschaft zeigen können, obwohl sie Kinderheiraten nicht unterstützten und so mit der Tradition brachen.
In einem innovativen Feldexperiment arbeitete der Wirtschaftswissenschaftler mit sozialen Signalen. Das ging so: Bewohnerinnen und Bewohner von Dörfern, die am Versuch beteiligt waren, wurden dazu aufgefordert, Mais zu spenden, der an die Ärmsten verteilt werden sollte. Wer dies tat, erhielt als Gegenleistung einen roten Armreif. Dieser auffällige Armschmuck signalisierte, dass man sich für die Gemeinschaft engagiert und sich mit ihr verbunden fühlt.
So spendeten auch viele Eltern minderjähriger Mädchen regelmässig Mais und erhielten dafür den rot leuchtenden Armschmuck. «Von Kinderheiraten war bei der ganzen Aktion nie die Rede», betont Guilherme Lichand. Und doch hatte das Experiment gerade darauf einen positiven Einfluss. Denn wie die Forscher eineinhalb Jahre später feststellten, sank die Rate der Kinderheiraten in den beteiligten Dörfern um 30 Prozent. Entsprechend gingen auch die Schulabbrüche und Schwangerschaften von Minderjährigen deutlich zurück. Lichands Rechnung war aufgegangen – die Maisspende und der Armreif ermöglichten es den Familien, sich als engagierten Teil des Dorfes zu kennzeichnen, auch wenn sie die Tradition der Kinderehen nicht weiterführten. «Das Experiment macht deutlich, wie komplex soziale Erwartungen und Motivationen sind», sagt Ökonom und Verhaltensforscher Guilherme Lichand, «aber auch, dass Interventionen möglich sind, die zum Kern des Problems vordringen.»
Mit seiner Arbeit in Afrika und Südamerika will der Ökonom das Bewusstsein für problematische soziale und wirtschaftliche Zusammenhänge und Mechanismen schärfen. Und er möchte neue Ideen für politische Lösungen entwickeln, die den Teufelskreis, in dem Kinder in Entwicklungsländern oft stecken, durchbrechen und dadurch ihre Bildungschancen verbessern. Über seine eigenen Chancen, dieses Ziel zu erreichen, macht sich Lichand allerdings wenig Illusionen. «Der Weg von der Wissenschaft zur Politik ist meist lang und kompliziert, das ist manchmal frustrierend», sagt er, «aber man darf nicht aufgeben und muss einfach weiterforschen.» Das sei seine Rolle als sozial engagierter Wissenschaftler.