Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/1256

Stefan Ledergerber, Direktor des Gutenberg-Museums Freiburg, bezeichnet Francysk oder Franziskus Skaryna als «übersehenen Reformator». Der weissrussische Buchdrucker gab zwischen 1517 und 1520 in Prag Übersetzungen mehrerer Bücher der Bibel heraus und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung der weissrussischen Sprache und des ostslawischen volkssprachlichen Schrifttums. Später führte er sein Werk von Vilnius aus weiter «und blieb dabei so ungestört, als habe Rom ihn übersehen», so Stefan Ledergerber. Übersehen habe man Skaryna dann allerdings auch im Rahmen der Reformationsfeierlichkeiten von 2017 – eine verpasste Gelegenheit, ihn näher kennenzulernen.
Dass der Reformator aus Polazk jetzt in den Fokus des Gutenberg-Museums gerückt ist, steht im Zusammenhang mit dem 500. Jahrestag des weissrussischen Buchdrucks. Im Rahmen der Jubiläumsveranstaltungen ist eine vollständige Faksimile-Ausgabe des Skaryna-Bucherbes entstanden. Diesen Donnerstag überreichen die Botschaft von Belarus in der Schweiz und die weissrussische Nationalbibliothek dem Gutenberg-Museum ein solches Faksimile als Geschenk.
Über 500 Bücher sind erhalten
Franziskus Skaryna kam in Polazk zur Welt, der ältesten weissrussischen Stadt, die damals zum Litauischen Grossherzogtum gehörte. Sein genaues Geburtsjahr ist unbekannt; ein Symbol auf einem Selbstporträt weist auf das Jahr 1486 hin. Er studierte Freie Künste und Medizin in Krakau und in Padua. 1517 siedelte er nach Prag über und kaufte dort eine Druckwerkstatt. In drei Jahren brachte er 23 Bücher (etwa die Hälfte) des Alten Testaments und einen Psalter heraus. Für seine Übersetzung wählte er eine weissrussische Version des Kirchenslawischen. Seine Bücher illustrierte er mit fein ausgearbeiteten Holzstichen, die er ebenfalls selber realisierte. Gut 500 Bücher Skarynas sind bekanntermassen erhalten; mehr als die Hälfte davon befinden sich heute in Russland.
Im Gegensatz zu Luther, Zwingli oder Calvin sei Skaryna, der aus einer orthodoxen Familie stammte und später zum Katholizismus übertrat, zwar selber nicht in der Kirche aktiv gewesen, seine Bibelübersetzungen seien aber durchaus als reformatorisches Werk einzustufen, so Stefan Ledergerber. Wie den Reformatoren sei es auch ihm darum gegangen, die Bibel dem ganzen Volk unmittelbar zugänglich zu machen.
Öffentliche Übergabe des Faksimiles: Do., 13. Juni, um 18.30 Uhr im Gutenberg-Museum Freiburg. Mit einer Botschaft von Pavel Matsukevich, Geschäftsträger von Weissrussland in der Schweiz, und einem Vortrag von Roman Motulsky, Direktor der weissrussischen Nationalbibliothek.