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Hört man den Namen Chuck Palahniuk wird sich ein Normalsterblicher wohl fragen, wer das ist. Erwähnt man dann den Film Fight Club werden die meisten aufhorchen und sagen, den kenne ich, und gleich anschliessend: Was? Da gibt es ein Buch davon?
Ich schliesse mich dabei nicht aus. Mir erging es ähnlich. Ich wusste nicht, was ich vom Film Fight Club halten sollte, bis ich ihn gesehen hatte. Ich war (und bin) begeistert, dennoch dauerte es Jahre, bis ich mir schliesslich das Buch zulegte. Doch dann war meine Leidenschaft für Chucks Romane entflammt. Ich entschied mich, mir gleich all seine Romane zuzulegen und sie nach und nach durchzugehen. Zu Fight Club und Rant/Kainsmal habe ich bereits Rezensionen geschrieben, zu den anderen werden die Rezensionen folgen.
In diesem Artikel möchte ich mich dem Autor Chuck Palahniuk widmen und näher auf ihn und sein Wirken und Schaffen eingehen, da dies sonst in den Rezensionen zu kurz kommt.
Ich möchte herausfinden, wer hinter all den Worten steckt, wer sich zwischen den Zeilen verbirgt.
Ich beziehe mich für die Recherche auf Palahniuks offizielle Homepage, insbesondere die F.A.Q., dann auf den deutschen und englischen Eintrag in Wikipedia sowie die Infos auf der Homepage der deutschen Random House-Verlagsgruppe
Zu seiner Person
Zuallererst möchte ich mit Chucks Namen beginnen. Auf seiner Homepage heisst es, dass die meisten Palahniuks in der Schreibweise ihres Namens Buchstaben haben fallen lassen, damit die Aussprache etwas einfacher wird. Seine Version der Aussprache richte sich nach den Vornamen seiner Grosseltern: PAUL-AH-NIK („Paula“ und „Nick“), wobei ich davon ausgehe, dass es in der englischen Aussprache für uns Deutschsprachige wie POL-ANNIK, klingt, das „O“ wie das „A“ in Football.
Chuck ist am 21. Februar 1962 in Pasco, Washington, geboren und wuchs in Burbank auf. Er wohnte in einem Wohnmobil, bis sich seine Eltern trennten. Dann war er oft mit seinen drei (auf seiner Homepage heisst es: fünf) Geschwistern bei seinen Grosseltern in Eastern Washington zuhause.
1980 schliesst er die Columbia High School in Burbank, Washington ab und beginnt darauf an der Universität von Oregon den BA in Journalismus, den er 1986 abschliesst.
Er arbeitet für etwa zwei Jahre als Journalist, gibt das aber schnell auf, um etwas völlig anderes zu machen. Er war Volunteer in einem Obdachlosenheim und arbeitete in einem Hospiz, wo er unter anderem Patienten in diverse Selbsthilfegruppen begleitete, was sich in all seinen Büchern, die ich bis jetzt gelesen habe, widerspiegelt.
Ein weiterer Einschnitt in seinem Leben stellt die Cacophony Society dar. Das ist laut dem Link eine anarchistisch anmutende Organisation von Freigeistern, die sich gegen den Mainstream der Gesellschaft stellt, indem sie aktiv Werte, Normen und Konventionen überschreitet. Ihre Hauptaktivität ist das Inszenieren von Streichen (= Pranks) im öffentlichen Raum, oft in Verkleidung. Man mag wiederum Verbindungen zu „Projekt Chaos“ aus Fight Club machen.
Erst ab 2001-2002, als Chuck mit Lullaby (gleichnamig auf Deutsch) begann, sieht er sich als Vollzeitschriftsteller und konnte sich unbeeinflusst von anderen Jobs aufs Wesentliche konzentrieren: aufs Schreiben.
Heute lebt er in Vancouver, Washington, und versucht trotz seinem zunehmenden Bekanntheitsgrad so viel wie möglich zu schreiben.
Zu seiner Schreibkarriere und seinen Büchern
Anfangs 1990er nahm Chuck an einem Schreib-Workshop teil. Von da an soll es begonnen haben. Er schrieb einen Riesenwälzer mit Namen „Insomnia“, der aufgrund der Nähe zu Stephen King von allen Agenten abgelehnt wurde. Er schrieb daraufhin „Manifesto“, das heute unter dem Titel „Invisible Monsters“ (deutsch: Fratze) bekannt ist, das aber ebenfalls aufgrund seines düsteren Tones abgelehnt wurde.
Chuck ging es auf den Wecker und er schrieb ein weiteres Manuskript, das noch düsterer sein sollte. Es entstand Fight Club. Spätestens als dann 20th Century Fox auf ihn aufmerksam und David Fincher als Regisseur für die Verfilmung verpflichtet wurde, war Palahniuks Ruhm und Ansehen ins Unermessliche gestiegen (auch selbst wenn viele nicht wissen, dass es für den Film eine Buchvorlage gibt).
Chuck hat bis dato zwölf Bücher veröffentlicht (oder ein paar mehr, wenn man die Non-Fiction-Bücher dazurechnet). Im 2011 ist das zwölfte auf Englisch erschienen und wird derzeit wohl auf Deutsch übersetzt.
Hierzu eine chronologische Aufstellung. Die Jahreszahlen entsprechen dem Veröffentlichungsjahr in den USA:
- Fight Club (1996)
- Survivor (1999), dt. Flug 2039
- Invisible Monsters (1999) dt. Fratze
- Choke (2001), dt. Der Simulant
- Lullaby (2002)
- Diary (2003), dt. Das letzte Protokoll
- Fugitives and Refugees, A Walk in Portland Oregon (2003) (Non-Fiction)
- Stranger Than Fiction: True Stories (2004) (Non-Fiction)
- Haunted (2005), dt. Die Kolonie
- Rant (2007), dt. Das Kainsmal
- Snuff (2008)
- Pygmy (2009), dt. Bonsai
- Tell All (2010), dt. Diva
- Damned (2011) (wird noch auf dt. übersetzt)
Zu seinem Schreibstil
Chuck bzw. sein Schreibstil wird als „postmodernistisch“ und „minimalistisch“ bezeichnet. Letzteres bedeutet das Herunterbrechen der Kunstform auf seine fundamentale Basis. In Bezug auf seine Romane bedeutet das: erzähl nicht mehr als irgend notwendig; aber auch: wie kann mit wenig Worten am meisten Wirkung erzielt werden. Am Beispiel von Rant/Kainsmal wird das besonders deutlich: Durch den Erzählmodus der „oralen Biografie“ kommen die Akteure des Romans nur in ausgewählt kurzen, als Interview anmutenden Passagen zu Wort. Es fehlt die objektive Perspektive eines Erzählers, der Physis und Psyche der Akteure wahrheitsgemäss beschreibt. Man erfährt als Leser nur die subjektive Innensicht der Akteure selbst und die subjektive Aussensicht einiger Akteure auf andere. Und dennoch bildet sich im Kopf des Lesers ein sehr genaues Bild jener Akteure, und insbesondere des Protagonisten Rant, der ausschliesslich von aussen beschrieben wird.
Nicht möglichst viele Bilder, sondern wenige, dafür äusserst präzise.
Aber beispielsweise auch in Fight Club, Bonsai und Der Simulant wird der Minimalismus deutlich durch die Erzählweise des Erzählers. Man hat nicht den Eindruck einen allwissenden Erzähler vor sich zu haben, sondern einen Durchschnittsmenschen, der nicht anders ist als du selbst, vielleicht mit etwas ungewöhnlicheren Neigungen, die es wert sind, erzählt zu werden. Kurzum: die Sprache wirkt nicht hochstehend, weil sie wie gesprochen klingt; die Erzähler wirken nicht wie professionelle Autoren oder Geschichtenerzähler, sie erzählen einfach ihre Geschichte, als würdest du neben ihnen auf einer Parkbank sitzen oder ihnen gegenüber in einem Pub.
Menschen wie Du und Ich.
Sie sind keine Helden, aber auch keine Antihelden. Und dennoch sind sie aussergewöhnlich. Sie leben in der gleichen Welt wie wir, nur sehen sie von ihr eine Seite, die uns Normalos verwehrt bzw. die wir in der Regel tunlichst meiden. Wem ist ein Typ schon sympathisch, der in Nobelrestaurants als Kellner arbeitet und in die Suppe pisst oder Schamhaare über dem Salat verteilt? Wem ist ein Typ schon sympathisch, der vom Teerkauen schwarz angelaufene Zähne hat und nachts verkleidet und mit dekorierten Autos in andere dekorierte Autos brettert, einfach so zum Spass?
Wohl den Wenigsten. Aber irgendwie kann man ihr Tun nachvollziehen. Sie sind Menschen mit menschlichen Problemen. Chuck hat mit seinen unzähligen Verdingjobs, mit seiner Anstellung im Obdachlosenheim und im Hospiz Menschen kennengelernt, die ihr Leben am Rand der Gesellschaft verbringen (müssen), aber dennoch immer Menschen bleiben. Immer wieder habe ich den Eindruck, dass Chuck nicht in erster Linie eine Kritik an den ungerechten Missständen und Missverhältnissen der amerikanischen Gesellschaft übt, sondern lediglich ein authentisches Bild jener Menschen zeichnet, die die Gesellschaft weggeworfen hat und mit allen Mitteln ignorieren möchte.
Dass es dadurch zu einer Kritik an der Gesellschaft kommt, ist ein unbestreitbarer Nebeneffekt.
Ein letzter Punkt, der Chucks Schaffen ausmacht, ist seine exzessive Recherche. Er soll bei einem Interview vom San Francisco Bay Guardian gesagt haben, dass er einen ungefähren Stundenlohn von 10¢ pro Stunde erhalte, wenn man seinen Lohn der Zeit für die Recherche gegenüberstelle. „My research really is screwing around and being with people and doing things I love to do“ (Quelle). Der Traum jedes Schriftstellers, denn offenbar kann er davon leben 😉
Seine Recherche zeigt sich darin, wie präzise er über Dinge schreibt, die er sich kaum in seiner Vergangenheit praktisch angeeignet haben kann. Z.B. wie man aus Haushaltsartikeln Sprengstoffe herstellen kann (Fight Club) oder Victors hypochondrisches Fachwissen aus seinem abgebrochenen Medizinstudium in Der Simulant. Oder einfach weil man das Gefühl hat, Chuck bzw. seine Figuren/Akteure wissen, wovon sie reden und haben eine Ahnung in dem, was sie tun. Das mag trivial klingen, aber letztlich ist das eine der Hauptaufgaben einer guten, umfassenden Recherche, und damit eines guten Romans.
Ein Schlusswort
Ich habe viel Lob schon im vorigen Teil eingepackt, deshalb werde ich mich kurz fassen: Chuck Palahniuk ist aussergewöhnlich und unerbittlich ehrlich. Er macht sein Ding auf die Art, die er am besten beherrscht, und ist glücklich damit. Ich glaube, wenn man das als (angehender) Autor von sich sagen kann, hat man es geschafft.
Chuck geniesst meine volle Bewunderung und grossen Respekt.
~ Dani Vega
(Dieses Portrait wurde am 27.04.2010 auf raVenport zum ersten Mal veröffentlicht.)