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von Thomas Christen
Nach der erfolgreichen und auch als Buch publizierten Vorlesung Filmgeschichte: ästhetisch – ökonomisch – soziologisch. Von den Anfängen des Films bis zum Tonfilm, die im WS 1980/81 stattgefunden hatte, legte Viktor Sidler eine Pause ein und ging während seines Sabbaticals auf Reisen nach Indien und Bali. Ich selbst fand den Unterbruch schade, war doch die Vorlesungsreihe auf einen Gesamtüberblick angelegt. So versuchte ich Viktor während seiner Reise im Frühling 1981 zu einer Fortsetzung der Vorlesung im WS 82/83 zu überreden. Mein Brief, den Reisenden eigentlich auf einer Zwischenstation in Bali erhalten sollte, erreichte sein Ziel erst wieder in Luzern. Eines Tages erhielt ich von Viktor einen Anruf, in dem er seine grundsätzliche Bereitschaft erklärte, die Vorlesung innerhalb des Lehrangebots des Publizistikwissenschaftlichen Seminars, dessen Leiter Prof. Dr. Ulrich Saxer ich als Student ganz gut kannte, zu halten. Ich versuchte Viktor auch mit dem Angebot zu locken, die Vorlesung mit einem semesterlangen Begleitprogamm zu ergänzen, das jeweils abends in der Filmstelle VSETH, dessen langjähriges Mitglied ich damals war, stattgefunden hätte. Die ETH in Zürich verfügte damals über mehrere 35-mm-Kinoprojektoren und war auch sonst projektionstechnisch auf einem einer technischen Hochschule würdigen Stand.
Da die Vorlesung und das Begleitprogramm ein aufwendiges Unternehmen darstellten, wurde mit den Vorarbeiten bereits im Frühling 1981 begonnen. In den Semesterferien des Sommers fanden in einem riesigen Vorlesungssaal mit gut 350 Plätzen in einer heissen Woche Vorvisionierungen statt. Ich erinnere mich vor allem an die sowjetischen Filme: zum Beispiel an die erste Sichtung von TSCHAPJEW als einem (noch nicht strengen) Modell des sozialistischen Realismus, der nur rumänische Untertitel hatte, oder an die damals noch mögliche Antithese WESJOLYE REBJATA (Lustige Burschen) des Eisenstein-Assistenten Alexandrow, ein verrücktes, vom Surrealismus beeinflusstes Jazz-Musical, sowie an weitere Filme, die uns die sowjetisches Botschaft zur Verfügung stellte.
Die Vorlesung fand wegen grossen Interesses in einem Hörsaaal an der Plattenstrasse statt, wo damals die Juristen als Teil des Gebäudekomplexes der Kantonsschulen Rämibüel ihren Sitz hatten. Es war eine der letzten, die vollständig mit Filmmaterial begleitet und illustriert wurden: mit 16-mm- und Super-8-Kopien in der Vorlesung sowie mit zumeist 35-mm-Kinokopien im Begleitprogramm. Das Videoformat VHS leuchtete zwar schon am Horizont, doch die Hörsäle verfügten noch nicht über leistungsfähige Beamer und die Sammlungen waren noch sehr bescheiden. Ausserdem verfügte Viktor Sidler über eine tiefe Aversion gegen das elektronische Bild, die erst nach und nach überwunden wurde, nachdem er auch seine Vorteile (z. B. leichte Handhabung, wesentlich bessere Verfügbarkeit) erkannt hatte. Hier aber war noch jede Vorlesung eine Materialschlacht mit verschiedenen Projektionsmaschinen und Vor- und Zurückspulen während der Lehrveranstaltung.
Zu den Höhepunkten des Begleitprogramms zählte eine Vorführung von Victor Flemings monumentalem GONE WITH THE WIND in originalen Academy-Format (1:1.33). Die Vorführung wurde nicht direkt angekündigt, weil sich der Film noch in der kommerziellen Auswertung befand. Beeindruckend und beklemmend zugleich war die Begegnung mit deutschen Propagandafilmen wie JUD SÜSS oder DER EWIGE JUDE.