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A Land Imagined
In «A Land Imagined» weist der junge singapurische Regisseur Yeo Siew Hua schonungslos auf die Missstände in seiner Heimat hin. Dafür wurde er in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet.
[…] Regisseur Yeo Siew Hua, der vor «A Land Imagined» auch schon einen Experimentalfilm sowie eine Musikdokumentation gedreht hat, hat mit seinem Siegerfilm eine interessante Nische zwischen futuristisch anmutendem Noir à la «Blade Runner» und dem Hin und Her zwischen Realität und Traumwelt, welches David Lynch so gut und gerne praktiziert, gefunden und es sich dort bequem gemacht.
Gute Science-Fiction-Filme beschäftigen sich in Wahrheit oftmals mehr mit der Zeit, in der sie entstanden sind, als mit derjenigen, die sie porträtieren. Futuristisch anmutende Kostüme und Methoden der Kriegsführung mögen die Aufmerksamkeit des Zuschauers wecken, dienen aber in erster Linie als dekorative Elemente einer treffenden Gesellschaftskritik. In dieser Hinsicht, darf man behaupten, hat der singapurische Filmemacher Yeo Siew Hua mit A Land Imagined, in Locarno mit dem Goldenen Leoparden ausgezeichnet, den wohl am spärlichsten dekorierten Science-Fiction-Film seit langer Zeit gedreht. Raumschiffe oder Laserpistolen sucht man dabei vergebens – die Handlung des Films spielt sich nicht einmal in der Zukunft ab, sondern im Singapur der Gegenwart. Doch dieses im Film porträtierte Singapur mutet dermassen dystopisch an, dass man sich leicht an das von Ridley Scott für Blade Runner erschaffene Los Angeles des Jahres 2019 erinnert fühlen kann.
Statt eines Exodus der Bevölkerung bildet hier eine politische Machtdemonstration den Rahmen: Die Neulandgewinnung, die der Stadtstaat seit jeher betreibt, wird in Yeo Siew Huas Film konstant thematisiert. Während in Blade Runner wiederholt gefragt wird, inwiefern Replikanten Menschen sind, wundern sich die Gastarbeiter in A Land Imagined, wie viel Singapur denn noch in Singapur steckt – wo doch der Sand, auf dem sie sich bewegen, aus Malaysia, Indonesien oder Kambodscha stammt. Wie von den Replikanten wird auch von den Gastarbeitern aus China oder Bangladesch Gehorsam erwartet. Ein Bauunternehmen zieht gar die Pässe seiner Angestellten ein, um sicherzustellen, dass diese «sie nicht verlieren» – so die fadenscheinige Begründung der Geschäftsleitung.
Verloren geht dann allerdings kein Pass, sondern einer der zahllosen angeheuerten Ausländer. Der chinesische Bauarbeiter Wang ist seit Tagen nicht mehr zur Arbeit erschienen. Damit beauftragt, ihn zu finden, werden der von Schlaflosigkeit geplagte Polizei-Ermittler Lok und sein Partner. Ihre Spur führt die beiden in einen Videospielsalon, den Wang angeblich jede Nacht besucht haben soll. Von da an verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Spekulation zunehmend. Denn Lok sucht den Vermissten in seinen eigenen Träumen, taucht so in dessen Welt ein.
Ganz reibungslos funktioniert im diesjährigen Gewinnerfilm von Locarno nicht alles. Der Perspektivwechsel der Protagonisten, den A Land Imagined zwischen dem verschwundenen Gastarbeiter Wang und dem ermittelnden Polizisten Lok vollzieht, ist zwar ein interessantes Mittel, um die Story voranzutreiben, doch dies hat auch zur Folge, dass die Beziehungen einzelner Figuren untereinander zuweilen etwas schematisch daherkommen. Wenn es beispielsweise um Loks Verhältnis zu seinem Partner geht, kann einen das Gefühl beschleichen, dass hier die Chance verpasst wurde, eine interessante Dynamik zwischen zwei gegensätzlichen Charakteren zu schaffen.
Richtig stark ist A Land Imagined in der Auseinandersetzung mit seinem Schauplatz Singapur. Um die Erfahrungen der chinesischen Gastarbeiter mit der gewünschten Authentizität darstellen zu können, übernachtete Regisseur Yeo Siew Hua angeblich auch in einem der im Film gezeigten, von Bettwanzen überhäuften Massenschläge. Und die in Slow-Motion inszenierten Feierlichkeiten der bangladeschischen Bauarbeiter zählen zu den Szenen, die man bestimmt nicht so schnell vergisst.
Regisseur Yeo Siew Hua, der vor A Land Imagined auch schon einen Experimentalfilm sowie eine Musikdokumentation gedreht hat, hat mit seinem Siegerfilm eine interessante Nische zwischen futuristisch anmutendem Noir à la Blade Runner und dem Hin und Her zwischen Realität und Traumwelt, welches David Lynch so gut und gerne praktiziert, gefunden und es sich dort bequem gemacht. Weil diese ohnehin vielversprechende Mischung auch noch durch eine satte, aber nie reisserisch geratene Kritik an den bedenklichen Umständen in seiner Heimat ergänzt wird, darf man A Land Imagined trotz teils sehr starker Konkurrenz am diesjährigen Filmfestival von Locarno als würdigen Gewinner des Goldenen Leoparden bezeichnen.
(Locarno Critics Academy 2018, Dino Pozzi)
Text: Dino Pozzi
First published: August 15, 2018
A Land Imagined | Film | Yeo Siew Hua | SGP-FR-NL 2018 | 95’ | Locarno Festival 2018, Concorso internazionale
Pardo d’oro, Special Mention of the Ecumenical Jury and Junior Jury Award at Locarno Festival 2018