Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03287.jsonl.gz/841

Der Betreiber des havarierten Atomkraftwerks Fukushima I, Tepco, untersuchte am 27. März die Strahlendosis im Sicherheitsbehälter des Reaktors 2. Der höchste Wert betrug 72.9 Sv/St. Bei solcher Strahlung würde der Mensch innerhalb einigen Minuten sterben.
Es wird vermutet, dass der Sicherheitsbehälter massiv beschädigt ist. Unter solcher hohen Strahlung wird der Abbau des Kraftwerks noch schwieriger werden. Tepco hat vor, Reaktoren 1 bis 4 in 40 Jahren stillzulegen und abzubauen. Um die Brennstäbe herauszunehmen, muss der zerstörte Sicherheitsbehälter zuerst repariert werden. Bei dieser hohen Radioaktivität kann jedoch kein Mensch direkt daran arbeiten.
Radioaktivität in Nahrungsmittel
Co-op Japan untersucht, wie viel radioaktive Stoffe durch Nahrungsmittel in den menschlichen Körper aufgenommen werden. Gemäss den Ergebnissen, die am 27. März bekannt gegeben wurden, wurde maximal 11.7 Bq/kg Cäsium festgestellt.
Untersucht wurden 96 Haushalte in der Präfektur Fushima und 141 Haushalte in anderen 17 Präfekturen. Co-op sammelte das Essen der Familie von zwei Tagen zwischen November 2011 und März 2012 ein und analysierte. Radioaktives Cäsium wurde danach bei 10 Haushalten in Fukushima und 1 Haushalt in Miyagi gefunden. Der höchste Wert wurde bei einer Familie von der Stadt Koriyama (Präfektur Fukushima) nachgewiesen.
Wenn die Menschen der 11 Haushalte ein Jahr lang die gleichen Nahrungsmittel zu sich nehmen würden, kämen sie auf eine Strahlendosis von 0,019 bis 0,136 mSv pro Jahr. Der neu von der japanischen Regierung bestimmte Grenzwert liegt bei 1 mSv/J.
Der Reaktor 6 des AKW Kashiwazaki-Kariwa in der Präfektur Niigata ist am 26. März wegen einer regelmässigen Wartung vom Netz genommen. Damit stehen zur Zeit alle 17 Atomkraftwerke vom Unfall-Stromversorger Tepco still und produziert landesweit nur noch ein AKW Strom. Am 5. Mai wird der letzte Reaktor des AKW Tomarihatsu in Hokkaido auch mit demselben Grund abgeschaltet. Dann werden alle 54 Meiler in Japan vom Netz
Laut Asahi-Zeitung musste Tepco bereits 2003 alle ihre Atommeiler für rund 20 Tage abschalten, nachdem der AKW-Betreiber einen Unfall vertuscht hatte. Für die stillgelegten AKW kommen heute die Wärmekraftwerke in Einsatz. Ihre Energiequelle sind verflüssigtes Erdgas und Öl. Tepco rechnet mit einem Defizit von 800 bis 900 Mrd. Yen (rund 8,7 bis 9,8 Mrd. Franken), wenn alle Kernkraftwerke weiterhin stillstehen würden, und will den Preis erhöhen.
Nur 60 cm Wasser im Sicherheitsbehälter
Tepco hat am 26. März mit einem Endoskop innerhalb des Sicherheitsbehälters des Reaktors 2 vom havarierten AKW Fukushima I untersucht. Der Wasserstand war mit 60 cm wesentlich tiefer als man vermutet hat. Tepco ging von 3.5 bis 4 m aus.
Die Wassertemperatur beträgt zwischen 48.5 und 50 Grad. Tepco meinte: „Die Brennstäbe sind gekühlt und liegen nicht voll frei.“
AKW-Abstimmung in Tokyo?
Das Ziel der Bürgergruppe „Unsere Entscheidung mit AKW-Volksabstimmung“ ist, eine Volksabstimmung über den AKW-Betrieb in Tokyo und Osaka zu verwirklichen. Im letzten Dezember fang sie an, Unterschriften zu sammeln und nun ist der Frist vorbei. Gesammelt wurden über 340’000 Unterschriften.
Um nach einer Verordnung beim Gouverneur zu verlangen, braucht man Unterschriften von 1/50 der Wahlberechtigter. Das sind 214’206 in Tokyo. Die Gruppe will bis 3. April alle Unterschriften an die Wahlkommission einreichen. Die Kommission wird Ende April mit der Prüfung der Unterschriften fertig sein. Für eine Volksabstimmung ist aber auch die Zustimmung einer Mehrheit des Stadtrats nötig.
Die Gruppe von Osaka hat bereits die nötigen Unterschriften gesammelt.
Die Präfektur Miyagi gab am 21. März offiziell bekannt, dass zusätzlich 619 Menschen nach der Katastrophe wegen Stress und Verschlechterung des körperlichen Zustands gestorben sind. Beim Erdbeben und Tsunami vom 11. März 2011 kamen 9’530 Menschen ums Leben, die Zahl der gesamten Opfer der Katastrophe in Miyagi stieg damit auf 10’149. Vermisst werden noch 1’634 Menschen.
Unter den indirekten Verstorbenen waren 5’570 (54.9%) über 65 Jahre alt. Zwischen 15 und 64 waren 3’712 (36.6%), 469 waren unter 14 Jahre alt (4.6%).
Die einen waren zu lange im kalten Wasser beim Tsunami und starben später an Unterkühlung, die anderen etwa durch Schock von zahlreichen Nachbeben.
Zunehmende häusliche Gewalt unter den Evakuierten
Die Asahi-Zeitung berichtete am 20. März, dass die häusliche Gewalt unter den Evakuierten sich immer mehr verbreitet. Die Polizeien in den Präfekturen Miyagi, Iwate und Fukushima haben zwischen 11. März und Ende Dezember letzten Jahres insgesamt 98 Fälle festgestellt, die offenbar einen Zusammenhang mit der Katastrophe hatten.
Die provisorische Unterkunft ist sehr eng und das Leben karg. Ehemänner finden zunehmend Trost im Alkoholkonsum und werden daraufhin gewalttätig.
Die japanische Regierung hat diese Situation wahrgenommen und am 11. Februar elf Beratungsstellen in den drei Präfekturen geöffnet. Während eines Monats haben fünfzig einheimische Berater und 150 von NPOs aus dem ganzen Land rund 2’300 Telefon-Beratungen geleistet.
Die Nikkei-Zeitung vom 19. März berichtete eine Reihe von Bewegungen in Tohoku, um Erlebnisse und Erinnerungen an der Naturkatastrophe vom 11. März 2011 den Nachkommen zu überliefern.
Das Museum Rias Ark in Kesennuma (Präfektur Miyagi) will 160 Trümmer, die beim monströsen Tsunami entstanden sind, bewahren. Das Wort „Trümmer“ benutzen heute viele Japaner nicht gerne, weil „die Trümmer“ für die Betroffenen keine Trümmer ist, sondern einst etwas Teures waren. Das sind zum Beispiel Puppe, Nähemaschine, Reiskocher oder Schulranzen. In der ständigen Ausstellung wird auch Isoliermaterial, an dem sich die vom Tsunami mitgerissenen Leute festhielten, oder Gasflasche, die die ganze Nacht durch explodierte, zu sehen sein.
In der Gemeinde Minami-Sanriku gibt es freiwillige Fremdenführer für die regionale Touren. Sie starteten im Mai letzten Jahres das Erzählergilde-Projekt. Eine freiwillige Fremdenführerin von Kesennuma sagt: „Es gibt mehr Arbeit als vor der Katastrophe. Bei meisten Fragen handelt es sich um die Katastrophe.“ Die Präfektur unterstützt die Erzähler mit Seminaren. Die Fremdenführerin, die an einem Seminar teilnahm, hat „die Art und Weise der Erzähltechniken gelernt.“
Der Staat und die Gemeinde wollen den Betroffenen, dessen Wohnhaus vom Erdbeben und Tsunami beschädigt wurde, unter die Arme greifen. Höchstens 520’000 Yen (ca. 5’800 Franken) erhalten sie, wenn sie sich anmelden und dies als berechtigt anerkannt wird. Bis heute wurden rund 77’000 Gesuche in den drei stark zerstörten Präfekturen eingereicht, bei 40% davon, etwa 35’000 Häusern, ist das Reparatur jedoch noch nicht abgeschlossen. Viele Leute wohnen in einem mitgenommenen Haus.
Das Hilfsgeld ist für eine Notreparatur des Hauses gedacht. Berechtigt zu dieser Hilfe sind finanziell schwache Einwohner eines Hauses, das von der Katastrophe mindestens halb zerstört wurde. Laut Nikkei-Zeitung sind bis Ende Februar 57’912 Gesuche in der Präfektur Miyagi eingetroffen. Davon 49% sind noch bei der Reparatur. In der Präfektur Fukushima befanden sich Ende Januar 38% der 16’583 Häuser in der selben Situation. In Iwate geht die Sache zügiger voran und bis 1. Februar blieben nur 7% der 2’787 Häuser noch reparaturbedürftig.
Eine Gruppe, die sich Wiederaufbau des täglichen Lebens und Gesundheit in Tohoku widmet, hat eine Umfrage durchgeführt. Von 2’850 Haushalten, die im gleichen Haus wie vor der Katastrophe geblieben sind, sind 32% berechtigt zur Hilfe und wohnen weiterhin in einem zumindest teilweise zerstörten Haus. Bei 60% wohnt Person über 65.
Die Gruppe macht sich Sorgen: „Es gibt viele Betroffenen, die in einem Haus, wo sie schon immer gewohnt haben, weiter bleiben wollen, wie gross auch die Schaden ist. Die Unterstützung erreicht aber solche Haushalte schwerer als provisorische Unterkünfte. Das Risiko, sich zu isolieren, ist hoch.“