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vermittelte Wren die Kenntnis der französischen Auffassung der Antike, und was er da sah, machte auf ihn begeisternden Eindruck. Er wollte der heimischen Kunst auch eine Größe verleihen, welche antik und - englisch sein sollte. Die klassische Formensprache hatte er sich völlig angeeignet, die Einzelheiten werden mit einer Feinheit und Schärfe durchgebildet, welche bei den Italienern selten ist, die Willkürlichkeiten derselben gestattet er sich nie. Das über gewöhnliches Maß Hinausragende, auf die Sinne Wirkende, ins Uebergroße Gesteigerte, welches das innerste Wesen des Barock ausmacht, findet bei Wren seinen Ausdruck in der Gestaltung des Ganzen, im Grundgedanken und Anlage, nicht im Ueberschwang der Einzelheiten.
Der Riesenbrand, welcher 1666 in London über 13000 Häuser und 89 Kirchen zerstörte, gab Wren Gelegenheit, sein Können in großartigem Maßstabe zu erproben. Ihm fiel die Aufgabe zu, die Hauptkirche Londons, St. Paul, wieder neu zu errichten, und was bei keinem anderen der großen Dome der Fall war, ihm war es vergönnt, den Bau von Anfang bis zu Ende (1675-1710) selbst durchzuführen (Fig. 646). Bei der Grundanlage mußte Wren auf die herrschenden gegensätzlichen Strömungen Rücksicht nehmen, auf den Zwiespalt zwischen den protestantischen Grundsätzen des Volkes und den katholischen Neigungen des Hofes.
Der Protestantismus verlangte eine Predigtkirche, also Centralbau und Einfachheit (eine spätere Verordnung des Parlamentes setzte fest, daß Kirchen nur eine Abmessung von 18 m x 27 m haben dürfen), der Katholizismus den Langhausbau und denkmalmäßige Pracht. Wren fand eine geistreiche Lösung, um beiden Teilen entgegenzukommen. Er legte den Grundriß zwar in Form eines Langhauses an, spannte jedoch die Kuppel über die ganze Breite des dreischiffigen Langhauses, so daß sie bei ihrer mächtigen Ausdehnung in Breite und Höhe im Aeußeren, ebenso auch der Kuppelraum im Innern alles überwiegt und die Nebenräume von untergeordneter Bedeutung erscheinen.
Chor und Langhaus sind von gleicher Länge, die beiden Querarme haben die gleiche Breite wie das dreischiffige Langhaus, sind jedoch kurz. Dem Langhaus ist noch ein kürzeres schmales Querschiff mit zwei Seitenkapellen vorgelagert, mit welchem die Vorhalle und die zwei Ecktürme verbunden sind. Die Schauseiten sowohl des Hauptschiffes wie der Querarme sind in zwei Geschossen angelegt, mit gekuppelten Säulenstellungen übereinander, aber mit Giebeln bekrönt.
Das zweite Geschoß, und damit auch das Hauptgesimse, zieht sich rings um den ganzen Bau hin, obwohl an den Seiten hinter den Mauern kein Innenraum dem Geschoßaufbau entspricht, sondern die Dächer unter dem Gesimse liegen. Zu dieser «Unwahrheit» sah sich Wren aber veranlaßt, um dem Bau mehr «Körper» zu geben und dadurch die Kuppel noch zu heben. Die innere Anlage derselben ist beachtenswert, ein Ergebnis mathematischer Berechnung. Die Trommel besteht aus freistehenden Säulen, welche nach innen geneigt sind, ebenso ist der untere Kuppelmantel kegelförmig gebildet, auf den unteren Teil ist dann eine zweite pyramidenartige Kuppel aufgesetzt, die nur an der Spitze eine Rundwölbung besitzt.
Die äußere Form zeigt eine vollendet schöne Führung der Rundlinien und edles Ebenmaß zwischen allen Teilen. Im Innern sind die baulichen Einzelheiten von vornehmer Eigenart, nur das Schmuckwerk weist barocken Reichtum auf. Mit diesem Meisterwerk hatte Wren der englischen Baukunst ein Vorbild gegeben, das nicht übertroffen werden konnte, sich selbst aber die erste Stelle unter den Kunstgenossen gesichert. Als das Parlament 1708 beschloß, dem neuen London 50 neue Kirchen zu stiften, wurde Wren mit der Ausführung betraut. Da es sich jetzt, nach Vertreibung der Stuarts und
^[Abb.: Fig. 650. Giovanni Bologna: Raub der Sabinerin.
Florenz. Loggia dei Lanzi.] ¶
endgiltigen Niederlage des Katholizismus, um Bauten handelte, bei denen die protestantische Auffassung zum Ausdrucke gelangen mußte, so herrscht bei denselben die Anlage als Predigtkirchen, also der Centralbau vor. Die Entwürfe Wrens (über hundert) bieten in dieser Hinsicht eine reiche Fülle geistreicher Lösungen und vielgestaltiger Grundriß-Formen. Ebenso eigenartig und reizvoll bekundet sich die Erfindungsgabe des Meisters in der Gestaltung der Türme, in deren Aufbau das schöne Verhältnis der Teile und die geschmackvolle Verwertung des gesamten Formenschatzes, edles Maßhalten und Sinn für malerischen Eindruck hervortreten.
Darin liegt eben das Bezeichnende für die Kunstweise Wrens, daß er alle Formen, die alten wie die neuen, mit voller Sicherheit beherrscht, und indem er sie mit feinsinnigem Verständnis verwendet - aus dem Alten heraus Neues entwickelt - selbstschaffend auftritt. Bekundet er eine reiche schöpferische Erfindungsgabe in den eigenen Entwürfen der Neubauten, so zeigt er sich andererseits befähigt, ganz in den Geist der alten Meister sich zu versenken, wenn es sich darum handelte, gotische Kirchen zu erneuern. Er selbst rühmt sich dessen, daß er bei diesen «Restaurierungen» sich strenge an die Gedanken und Formensprache der Vorzeit gehalten habe, und dieses Stil-Gefühl ist nicht minder ein Verdienst. In dieser Hinsicht steht er in strengem Gegensatz zu der Erneuerungskunst der Jesuiten, welche bei den Umbauten gerade alle Erinnerungen an das Alte zu tilgen sich bemühte. Daß er neben den kirchlichen Bauten auch noch eine Zahl bedeutsamer weltlicher Bauten schuf, sei noch nebenbei erwähnt. - Wrens Richtung wird gemeiniglich als «Ekklekticismus» (Auswahl-Stil) bezeichnet, weil er aus den vorhandenen Stilen das ihm gut und schön dünkende nahm und verarbeitete. Er that dies aber stets in echt englischem
^[Abb.: Fig. 651. Lombardo: Erzthüre.
Loretto.] ¶