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Von Beginn an haben sich Christine Jäggi und Martina Zürcher die Geschäftsleitung von Bayasgalant geteilt. Zuletzt in einem Pensum zu je 50 und 20 Prozent. Während Christine ins Amt der Präsidentin wechselt, unterstützt Martina die neue Geschäftsleiterin Kristina Gawriljuk, die ab Juli 2020 die Nachfolge antritt, in der ersten Zeit auf Mandatsbasis.
Christine Jäggi blickt im Interview auf bewegende und lehrreiche Jahre zurück und vergleicht die Gründung von Bayasgalant mit dem Gefühl zum ersten Mal Eltern zu werden: Man kann sich unmöglich auf die Aufgabe vorbereiten.
Kannst Du dich an den Moment erinnern, wo du die Idee, etwas in der Mongolei aufzubauen, zum ersten Mal hattest?
Christine Jäggi: Daran kann ich mich noch ganz genau erinnern! Es war im Juli 2003 in einem alten UAZ (russischer Geländewagen), ich schaute in die Weite der mongolischen Steppe, in das unterschiedlichste Grün, das sich über die sanften Hügel erstreckte und war tief in Gedanken versunken. Einerseits dachte ich an meinen Vater, der ein paar Tage vor Abreise verstorben war und andererseits an die vielen Strassenkinder in der Hauptstadt Ulaanbaatar. Tagsüber bettelten sie, waren auf der Suche nach Essen, in der Nacht schliefen sie unterirdisch in der Kanalisation. Mitten in diesen Gedanken kam aus heiteren Himmel die Idee "warum nicht eine Suppenküche gründen und ihnen Essen anbieten".Abends teilte ich diese Idee mit dem mongolischen Reiseleiter und der Reisegruppe. Drei Teilnehmerinnen (Martina Zürcher, Flavia Grossmann, Sabine Willach) und der Reiseleiter sagten spontan: "Da machen wir mit". Diese Idee begleitete uns während der ganzen Reise und wir setzten sie nach der Rückreise in die Schweiz um.
Wie war der Anfang von Bayasgalant in der Schweiz?
Wir vier Frauen waren Feuer und Flamme für die Suppenküche und erzählten unseren Freunden, Bekannten und allen, dies es wissen oder nicht wissen wollten, davon. Einige lächelten milde und meinten, ja, ja, macht mal. Andere waren interessiert und sagten zu, dass sie das Projekt finanziell unterstützen würden. Wir zweifelten nie daran, dass unsere Idee nicht umgesetzt werden könnte.
Wie geht man die Gründung einer Hilfsorganisation an? Was für Erfahrungen habt ihr damals mitgebracht?
Die einzige Erfahrung, die ich mitbrachte, war ein Kurzeinsatz bei einem Strassenkindprojekt in Indien vor langer Zeit. Sonst hatten wir keine Erfahrung, weder mit der Gründung eines Vereins oder eines Hilfswerkes, noch wie man ein Businessplan schreiben oder ein Budget erstellt. Wir hatten alle unterschiedliche berufliche Hintergründe, die aber damals nichts mit einer Hilfsorganisation zu tun hatten. Was wir dafür hatten, waren Begeisterung, Freude, Engagement und das Vertrauen, dass unsere Idee umsetzbar sind. Wir betraten also mit der Vereinsgründung Neuland. Wir informierten uns darüber, was es braucht um einen Verein zu gründen, wie die Rechtslage in der Mongolei aussieht und vieles mehr.
Wir suchten Leute in der Schweiz, die in der Mongolei tätig waren oder Kontakte hatte, die uns Informationen geben konnten, und trafen dabei auf grosse Hilfsbereitschaft. Es war eine wunderschöne Zeit, mit viel Freude und Begeisterung. Bayasgalant war damals bereits, was es heute noch immer ist: unser Herzensprojekt.
Der Verein wurde am 4. Oktober 2003 gegründet, die Bewilligung in der Mongolei erhielten wir am 24. Dezember 2003. Ein wunderschönes Weihnachtsgeschenk und Martina und ich weinten vor Freude. Dies taten wir ab diesem Zeitpunkt immer wieder, mal waren es Freudentränen, mal andere ...
Was würdest du heute jemandem raten, der oder die eine Initiative starten will?
Ich würde dieser Person raten, dem Gefühl, dem Impuls zu folgen und darauf zu vertrauen, dass alles gut kommt. Nach wie vor bin ich überzeugt davon, dass das Gefühl, die Freude, die Begeisterung, das Brennen für etwas, Kräfte und Ideen freisetzt, von denen man gar nichts wusste vorher. Wenn das Herz "JA" sagt, dann einfach anfangen!
Was ist eines der prägendsten Erlebnisse mit Bayasgalant?
Es gibt vieles, was prägend war. Ich weiss gar nicht, wie mein Leben verlaufen wäre ohne Bayasgalant. Es ist vergleichbar, wie ein Kind zu kriegen. Der Wunsch ist da, der Wille auch, doch worauf man sich wirklich einlässt, davon hat man vorher keine Ahnung. Man kann nicht vorbereitet sein auf die unendlich tiefe Liebe und auf all die Herausforderungen. So ist es auch mit Bayasgalant. Alles gehört dazu, von unglaublichen Glücksgefühlen, zu heilloser Überforderung, tiefster Traurigkeit über das Schicksal der Kinder. Doch was jedes Jahr grösser wurde, war die Liebe zu den Kindern und zum Projekt. Das prägendste ist wohl diese Liebe zu den Kindern, die so spürbar ist.
Und die Liebe zur Mongolei?
Ja, die Mongolei hat eine Magie, die unbeschreibbar ist. Diese Weite, das Licht und natürlich die Menschen. Wenn sie singen, dann berührt mich dies im Innersten. Die Mongolei hat mich auch gelehrt, geduldig zu sein, sie hat mich ruhiger und gelassener gemacht. Seit 17 Jahren bin ich mindestens einmal pro Jahr dort, manchmal auch mehrmals, das verbindet sehr und diese Verbindung bleibt auch in Zukunft bestehen.
Wenn du heute zurückblickst, hättest du jemals erwartet, dass aus deiner Idee mal so was Grosses wird, wie es heute ist?
Nein. Als wir angefangen hatten, wollten wir ja nur eine Suppenküche gründen und den Strassenkindern Essen ausgeben. Dass daraus einmal eine Tagesstätte mit 175 Kindern wird. Dass wir Kindergärten eröffnen, Studium- und Ausbildungsgebühren finanzieren, Nothilfe für die Eltern leisten, selber Häuser bauen und ein Team von über 20 Mongolinnen und Mongolen anstellen können, um alle Kinder zu betreuen ... das alles hätten wir uns nicht erträumen lassen. Aber zum Glück wussten wir nicht, was uns alles erwartet, denn sonst hätte ich mir dies nicht zugetraut. So sind wir einfach in die Aufgabe hineingewachsen und konnten zusammen mit dem Projekt lernen und wachsen. Mit dem Wachstum des Projektes wuchs auch die Verantwortung, die wir zu tragen hatten und diese brachte mir doch mehrere schlaflose Nächte ein und überforderte mich ab und zu.
Du hast viel Zeit in Bayasgalant, die Mongolei und die Kinder investiert. Gab es Momenten, wo du gedacht hast: Warum mache ich das alles eigentlich?
Dieser Gedanke kam nur ganz selten. Wenn er kam, war dies eher ein Zeichen der Überforderung. Zum Beispiel in Situationen wo klar wurde, dass Kinder unter der Situation zu Hause litten. Bei Fällen von Missbrauch oder Gewalt an den Kindern, war die Situation schwer auszuhalten. Es beschäftigte mich so sehr, dass es auch Einfluss auf meinen Alltag hier in der Schweiz hatte.
Was hat dich dann jeweils zum Weitermachen inspiriert?
Die Kinder. Immer wieder die Kinder, gerade wenn man weiss, was sie zum Teil durchmachen und trotzdem fröhlich sind, spielen und Vertrauen haben zu unseren Angestellten. Nach vielen Jahren zu sehen, was für wunderbare Erwachsene aus den Kindern wurden, das macht mich sehr glücklich. Ich bin unendlich dankbar, das miterleben zu können. Zu sehen, wie aus einer Idee und dem anschliessenden Engagement, eine so starke Veränderung bei den Kindern stattgefunden hat.
Dankbar bin ich auch für die grosse Unterstützung unserer Spenderinnen und Spendern und den Mitgliedern in der Schweiz. Daraus entstanden zum Teil enge Beziehungen und Freundschaften. Und natürlich unser Vorstand, wo wir freundschaftlich, konstruktiv, kritisch und engagiert miteinander umgehen und bei allen das Wohl von Bayasgalant im Zentrum steht.
Welche ist die wichtigste Erfahrung, aus dem du oder ihr als Vorstand gelernt habt?
Nicht aufgeben, auch wenn die Situation sehr schwierig und das Gefühl der Ohnmacht riesengross ist. Unsere Erfahrung hat uns gezeigt, dass es immer einen Weg gibt. Wir haben immer gemeinsam Lösungen gefunden und schwierige Situationen durchgestanden. Wir sind alle gewachsen und wären nicht diejenigen, die wir heute sind, ohne all die Erfahrungen mit Bayasgalant.
Dankbarkeit, ist für mich eine der wichtigsten Erfahrung mit Bayasgalant. Ich bin für so vieles so unendlich dankbar, was ich lernen und erfahren konnte.
Was wirst du vermissen, wenn du nicht mehr in der Geschäftsleitung tätig bist?
Und was eher nicht?
Was ich vermissen werde, ist der direkte Kontakt zu den Mitgliedern und Spender*innen. Da ich mich jedoch freiwillig entschieden habe, die Geschäftsleitung abzugeben und weiterhin im Vorstand bin, vermute ich mal, dass ich nicht allzu viel vermissen werde, weil ich ja strategisch immer noch aktiv bin. Was ich gar nicht vermissen werde, ist die Adressenverwaltung, da ich den Eindruck habe, dass die Leute, die uns unterstützen, sehr gerne umziehen und dabei vergessen uns ihre Adressen mitzuteilen (lacht). Das ist dann eine ziemliche Detektivarbeit, die neue Adresse herauszufinden, weil wir ja unsere Unterstützer*innen nicht verlieren möchten.
Was wünschst du Bayasgalant für die Zukunft?
Von ganzem Herzen wünsche ich den Kindern und Eltern in der Mongolei, dass es Bayasgalant eines Tages nicht mehr braucht, weil es ihnen so gut geht, dass alle eine Arbeit haben, die sie glücklich macht und der Lohn ausreicht, um ihre Familie zu unterstützen. Bis dies soweit ist, wünsche ich, dass Bayagalant finanziell gut aufgestellt ist, damit immer ausreichend Geld für die Kinder und ihre Familien vorhanden ist.
Ich wünsche mir, dass wir uns treu bleiben und uns weiterhin mit viel Herz, Engagement, Freude und Verstand für Baysgalant einsetzen. Meiner Nachfolgerin Kristina Gawriljuk wünsche ich, dass sie sich auch mit dem Mongolei-Virus ansteckt, der so unglaublich glücklich macht - bayasgalant eben. Ich freue mich, mich auch in Zukunft für Bayasgalant zu engagieren und bin gespannt, was die Zukunft bringen wird.