Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/3092

Urzeugung
(Archigonia, Selbstentstehung, Abiogenesis, auch freiwillige Zeugung, Generatio aequivoca s. spontanea), die hypothetische, von bereits vorhandenen Organismen ähnlicher Art unabhängige Entstehung von Lebewesen. Hierbei wird noch ein Unterschied gemacht zwischen der direkten Entstehung aus unorganischen Stoffen (Autogonie) oder der durch Umbildung bereits vorhandener organischer Substanz (Plasmogonie) oder durch den Zerfall toter Körper in lebende Elementarorganismen (Nekrobiose). In alten Zeiten glaubte man allgemein, daß alle Tiere, selbst Wirbeltiere, durch Urzeugung entstehen könnten, z. B. Mäuse und Frösche [* 4] aus dem Schlamm des Nils. In spätern Zeiten dem Gang [* 5] der fortschreitenden Naturerkenntnis folgend, wurde die Annahme der Urzeugung auf niedere Tiere, Mollusken, [* 6] Würmer [* 7] und Insekten, [* 8] eingeschränkt, und bis ins 17. Jahrh. hinein glaubte man allgemein an die Urzeugung der letztern aus verwesendem Fleisch etc. Nachdem Redi gegen 1674 durch zahlreiche Versuche, die ein großes Aufsehen erregten, die Urzeugung der Insekten widerlegt hatte, kam der freilich nicht ganz im neuern Sinn gebrauchte Ausspruch Harveys: »Alles Lebende aus einem Ei« [* 9] (»Omne vivum ex ovo«) zu Ehren, wenn man auch bei den inzwischen entdeckten Aufgußtierchen und den Eingeweidewürmern noch immer Urzeugung annehmen zu dürfen glaubte.
Das speziellere Studium hat auch diese Annahmen zerstört, und wo man bisher den Entstehungsvorgang eines Lebewesens wirklich bis zu seinem Anfang hat verfolgen können, hat man es stets aus bereits vorhandenen Keimen entstehen sehen, die allerdings, soweit es die niedern Pflanzen und Tiere betrifft, beinahe stets in der Luft und im Wasser gegenwärtig zu sein scheinen. Um diese Keime von einer Versuchsflüssigkeit auszuschließen, muß man, wie Spallanzani schon im vorigen Jahrhundert zeigte, die Flüssigkeit in einem Gefäß [* 10] längere Zeit zum Kochen erhitzen und während desselben von dem Zutritt der Luft abschließen oder die letztere, weil deren Abschluß den Anhängern der Hypothese Gelegenheit zu Einwürfen gegeben hat, vor dem Zutritt durch glühende Röhren [* 11] oder Schwefelsäure [* 12] gehen lassen.
Zwar will der englische Naturforscher Ch. Bastian trotz aller dieser Vorsichtsmaßregeln Bakterien und andre Protisten in organischen Aufgüssen haben entstehen sehen, während Pasteur, Tyndall u. a., die seine Versuche mit größter Vorsicht wiederholt haben, rein negative Resultate erhielten, so daß anzunehmen ist, die große Lebenszähigkeit dieser Keime, welche unter Umständen selbst Kochhitze eine Zeitlang überdauern, habe die betreffenden positiven Ergebnisse herbeigeführt.
Indessen ist damit die Hypothese von der Entstehung der niedersten Urwesen durch Urzeugung nicht widerlegt, ja die Wissenschaft fordert ihre Möglichkeit gewissermaßen, weil man eine andere Hypothese für den Ursprung des Lebens nicht besitzt. Zwar haben in neuerer Zeit Richter und Thomson die Übertragung von Lebenskeimen durch Meteore auf andre, zu ihrer Entwickelung geeignete, d. h. nicht mehr feuerflüssige oder glühende, Weltkörper angenommen; allein dies wäre nur eine Übertragung des Problems der ersten Entstehung des Lebens von der Erde auf andre Weltkörper.
Einzelne Naturforscher, wie Preyer, haben eine Entstehung des Lebens für überhaupt unmöglich erklärt und den Ausspruch Harveys in den Satz: »Omne vivum e vivo« umgewandelt; allein dies kann noch weniger als eine Hebung [* 13] der Schwierigkeit betrachtet werden, und Nägeli hält es deshalb bei den fortgesetzten Mißerfolgen der Anhänger dieser Lehre [* 14] für wahrscheinlich, daß die wirklich niedersten Lebewesen (Probien), welche durch Urzeugung entstehen, so klein seien, daß sie mit unsern heutigen Mikroskopen nicht wahrgenommen werden können, und daß die uns bekannten niedersten Wesen erst in längerer Abstammungsreihe von ihnen ihren Ursprung herleiten.
Vgl. Bastian, The beginnings of life (Lond. 1872, 2 Bde.);
Preyer, Naturwissenschaftliche Thatsachen und Probleme (Berl. 1880);
O. Taschenberg, Die Lehre von der Urzeugung (Halle [* 15] 1882).