Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/1550

Sie träumten von einer demokratischen, friedlichen und gerechten Gesellschaft und sahen am Ende des Ersten Weltkriegs ihre Chance gekommen: die Dichter, die in München für kurze Zeit an die Macht gelangten. Von ihnen, Kurt Eisner, Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam, erzählt der Literaturkritiker Volker Weidermann äusserst spannend in seinem Buch «Träumer».
Am 7. November 1918 wurde Kurt Eisner vom Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat zum ersten Ministerpräsidenten der bayerischen Republik bestimmt. Er setzte den König ab und organisierte Wahlen (erstmalig mit Beteiligung der Frauen) zu einem verfassunggebenden Landtag. Aber am 12. Januar 1919 erhielt seine Partei, die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands, nur 2,5 Prozent der Stimmen. Bis zu seinem Rücktritt nutzte Eisner die Zeit, um sich aussenpolitisch für einen guten Friedensvertrag einzusetzen. Das hiess für ihn auch, über die Schuld Deutschlands am Krieg zu sprechen. Damit zog er jedoch den Hass der rechten Patrioten auf sich, am 21. Februar fiel Kurt Eisner einem Attentat zum Opfer.
Es war die Tragik der Dichterrevolutionäre, dass es ihnen nicht gelang, die Mehrheit der Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen: Vor allem die Bauern blieben in ihrer Mehrheit skeptisch. Das mussten auch Gustav Landauer, Erich Mühsam und Ernst Toller erleben, die bei der radikaleren Münchner Räterepublik mitwirkten, die am 7. April 1919 ausgerufen und nach wenigen Wochen blutig niedergeschlagen wurde.
Volker Weidermann zitiert aus Berichten, Reden und Gedichten vieler ZeitgenossInnen und lässt so die damalige Geisteswelt lebendig werden. Utopisten aller Couleur trafen sich in der bayerischen Metropole, in der für kurze Zeit so vieles möglich schien. Dagegen stellt Weidermann einen Dichter, der in diesem Tableau eine denkbar schlechte Figur macht: Thomas Mann beobachtete in seinem Tagebuch die Ereignisse ängstlich und voller Opportunismus. Erleichtert begrüsste er Anfang Mai die Einnahme der Stadt durch konterrevolutionäre Truppen, obwohl diese Hunderte von «Roten» und solche, die sie dafür hielten, umbrachten.