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Jeden Abend pilgern Männer die steilen Gassen hinauf zum Lindenhof 4 in Zürich, der Heimat von acht Logen mit rund 600 Mitgliedern. Darunter Ärzte, Architekten, Bankangestellte, Consultants, Fotografen, Bildhauer, auch mal ein Journalist, Galerist oder Schauspieler. Die meisten der schwarz gekleideten Herren befinden sich in der Lebensmitte oder darüber, seltener sieht man Jüngere unter 35 Jahren.
Faszinierender Mythos
Die Freimaurer leben den Idealen Toleranz, Humanität und Gerechtigkeit nach. Sie berufen sich auf einen «Allmächtigen Baumeister aller Welten», legen sich aber auf kein Dogma fest. Protestanten und Katholiken dürfen genauso beitreten wie Juden und Muslime. Die lebenslange Arbeit an sich selbst sollte auch im Berufsleben dazu beitragen, dass Menschen tolerant miteinander umgehen.
Sicher fasziniert dabei auch das Okkulte und das Männerbündlerische. Dies zeigen die Bestseller «Sakrileg» und «Illuminati», die von Freimaurern handeln. Auch die Vorlesungen zum Thema Freimaurerei, welche Ende 2004 an der Universität Zürich stattfanden, erwiesen sich als Publikumsmagnet. Dazu kommen die vielen Symbole mit archaisch-religiösem Charakter, darunter der raue Stein, der symbolisch die lebenslange Arbeit an sich selbst darstellt, sowie rituelle Handlungen, die zur inneren Ruhe beitragen sollen, Erkennungszeichen mit Worten, Griffen und Zeichen, wozu auch der Handschenk gehört, ein Handgriff, mit dem sich Freimaurer untereinander erkennen.
Die weissen Handschuhe, die dem Lehrling bei seiner Aufnahme überreicht werden, gelten als Symbol des reinen Handelns und Fühlens. Für die Lebensgefährtin erhält der Freimaurer ein weiteres Paar. Goethe gab dieses Paar Charlotte von Stein. Der Dichter hatte bei seinem Aufenthalt in Zürich Kontakt mit den Zürcher Logen. Ein handgeschriebener Brief Goethes gehört zu den Kostbarkeiten des Lindenhof-Archivs. Besitzerin der Gebäude ist die Modestia cum Libertate, die älteste Loge, die den Besitz «zum Paradies» 1851 kaufte und laufend aus- und umbaute.
Mitglied einer Loge kann man auf verschiedene Arten werden: Man wird angefragt oder man bewirbt sich. Seit einigen Jahren kommen verstärkt Anfragen über die Website www.freimaurerei.ch. Dabei nehmen, so Alfred Messerli, langjähriges Mitglied der Modestia cum Libertate, die Anfragen von Männern um die 40 zu. Es sind Männer, die beruflich und materiell viel erreicht haben und ihrem Leben einen neuen Sinn geben wollen. Frauen sind bis heute bei den zur Dachorganisation Alpina gehörenden Logen ausgeschlossen. Sie organisieren sich in eigenen Logen oder gemischten Logen.
Für Messerli sollte der Entschluss, Freimaurer zu werden, ein Entscheid fürs Leben sein. Daher erhält ein Anfragender nur dann einen Termin mit dem Meister vom Stuhl, wenn man spürt, dass es «ein wirklich Suchender ist, der auch bereit ist, an sich selbst zu arbeiten».
Der Bewerber muss zunächst beweisen, dass er ein Mann von gutem Ruf ist. Eine Aufnahmekommission stellt ihm einen Paten zur Seite. Dann muss er mindestens einen Vortrag, genannt «Bauriss», halten. Spricht sich eine Mehrheit der Logenbrüder für ihn aus, erwartet ihn ein feierliches Ritual, das ihn in die Kammer des Stillen Nachdenkens führt, wo er seine Gedanken zu Papier bringen muss. Danach wird der Prüfling mit verbundenen Augen und festgesetzten Schrittfolgen in den Tempel geführt.
Das zweistündige Ritual, das dann folgt, steigert sich in dem Moment, den jeder Freimaurer als einen der dramatischsten in seinem Leben schildert: Die Augenbinde fällt, dem Lehrling wird die Schürze umgebunden. Er sieht jetzt seine Brüder, Mozarts Musik «In diesen Heiligen Hallen kennt man die Rache nicht» ist zu hören ? der Lehrling hat die Reise ans Licht angetreten.
Kollekte für Wohltätigkeit
Die meisten Mitglieder zahlen jährlich bis zu 200 Fr. an eine Vorsorgekasse. Das Geld wird nach jeder Arbeit als Kollekte gesammelt. Damit werden Witwen von verstorbenen Brüdern unterstützt oder Brüder, die finanziell in einen Engpass geraten sind. Jährlich kommen in der Schweiz schätzungsweise bis zu 2 Mio Fr. zusammen, die Bedürftigen gespendet werden. Zahlreiche soziale Einrichtungen wie das Zürcher Brockenhaus, vor 100 Jahren von der Modestia cum Libertate gegründet, oder das Altersheim Perla Park in Zürich sind über Stiftungen noch immer mehrheitlich im Besitz von Freimaurern.
Tempel, Feiern, Konferenzen
Der sakrale Raum tief unter dem Lindenhof ist Symbol des Kosmos, den ein Sternenhimmel überstrahlt. Hinter einem Altar sitzt der Vorsteher der Loge, Meister vom Stuhl genannt, quasi der Präsident des Vereins, sagt Messerli, der selbst zweimal dieses Amt bekleidet hat. Der Meister vom Stuhl führt die Loge und macht das Programm. Ein aktuelles Studienthema lautet: «Klimawandel ? Gesinnungswandel?» Ein anderes Thema: «Was hat die Freimaurerei jungen Brüdern zu bieten?»
Dass Freimaurer gerne feiern, bezeugen die schweren, rituellen Trinkgefässe, Kanone genannt, die nach einem ausgebrachten Trinkspruch mit grosser Wucht auf den Tisch gesetzt werden. Auch die in Zürich nach dem Vorbild englischer Herrenklubs eingerichtete Lounge mit Ledersesseln und einer bemerkenswert ausgestatteten Bar beweist, dass Festen und Freimaurerei keine Gegensätze sind.
nachgefragt
«Für Business-Networking die falsche Adresse»
Alfred Messerli ist Mitglied der Freimaurer-Loge Modestia cum Libertate auf dem Zürcher Lindenhof und Autor des Buches «Es werde Licht» über Freimaurer.
Mit 38 Jahren, in einem Alter, in dem andere vor allem an ihre Karriere denken, wurden Sie Freimaurer. Wie kam es dazu?
Alfred Messerli: Als junger Journalist stiess ich auf die Geschichte eines betrügerischen Treuhänders. Eines seiner Opfer erzählte mir seine Story, die ich recherchierte und dem Staatsanwalt übergab. Der Betrüger kam ins Gefängnis. Der Geschädigte bedankte sich bei mir und erzählte mir dabei, dass er Freimaurer sei. Durch ihn wurde ich in die Loge eingeführt.
Inzwischen sind 40 Jahre vergangen, die Sie geprägt haben. Was fasziniert Sie am meisten?
Messerli: Man fühlt sich beim Betreten des Tempels in eine andere Welt versetzt. Alles, was trennt oder Streit hervorrufen könnte, bleibt draussen. Freimaurer wollen die Menschen dazu bringen, nicht nur dem Geld nachzujagen, sondern an sich selbst zu denken und die inneren Werte zu pflegen. Einseitige Karriereziele verhindern diese Tiefe. Hier geben die Freimaurer-Gedanken und -Rituale Gegensteuer, wenn man sich wirklich darauf einlässt.
Freimaurer kommunizieren klar, dass sie zwar ein Netzwerk bilden, aber keines für Karriereschritte, Business-Kontakte oder Profitdenken. Sondern?Messerli: Im Gegensatz zu Service- und anderen Klubs ist es sehr stark ein geistiges, menschliches Netzwerk. Wir halten uns nach Abschluss der Tempelarbeit zum Beispiel an den Händen und bilden eine Kette. Das gibt Kraft und man spürt, dass ein Bruder da ist, der auch hilft, wenn man menschlich in Not ist.
Was bringt Ihnen die Freimaurerei?
Messerli: Viel ? besonders auch in schwierigen Lebenssituationen. Man ist nicht allein. Es ist so, dass man wirklich Freunde gewinnt, die auch mit ihren Sorgen zu mir kommen und meinen Rat suchen.
Die Freimaurerei wird von wilden Geschichten und obskuren Verschwörungsideen begleitet. Sie leisten Aufklärungsarbeit.Messerli: In der heutigen Mediengesellschaft kann man keine Geheimnisse mehr haben. Wir haben schon vor einigen Jahren eine eigene Website gestartet, die viel Aufklärungsarbeit leistet, denn bei Misstrauen tut Aufklärung Not. Und das Interesse ist gross.
Das Durchschnittsalter der Freimaurer ist viel zu hoch. Wie wollen Sie das ändern?
Messerli: Das ideale Eintrittsalter wäre etwa 35 Jahre. Doch da befinden sich die meisten auf dem Karrieretrip. Diese Internetgeneration klickt immer häufiger unsere Website an. Seit einiger Zeit haben wir viele Anfragen von jungen Leuten, die plötzlich nach dem Sinn des Lebens fragen.