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Aus dem Kreis des katholischen Männervereins Bichelsee, dem „Pius-Verein“ um den Pfarrer Johann Evangelist Traber, wurde im konfessionell neutralen Schulhaus Balterswil am 21. Dezember 1899 die erste Schweizer Raiffeisen-Kasse ins Leben gerufen, die am 1. Januar 1900 in Bichelsee ihren Betrieb aufnahm.
Die Gründung sollte eine solide ökonomische Grundlage haben und der „schädlichen Genusssucht“ und „Eitelkeit“ entgegenwirken. Pfarrer Traber schrieb nach einigen erfolgreichen Jahren der ersten Schweizer Raiffeisenkasse über den Zweck dieser gemeinwohlorientieren Genossenschaftsbank:
„Die Raiffeisen’schen Darlehenskassenvereine sind ein wirksames und unfehlbares Mittel, um den Mittelstand gegenüber dem Grosskapital wieder auf eigene Füsse zu stellen. Sie sind das Samenkorn für die Freiheit und das Aufblühen des Mittelstandes, eine der schönsten und segensreichsten Erfindungen unseres Jahrhunderts.“
Wie schon zuvor in Deutschland, Österreich und anderen Ländern blühten die Raiffeisenkassen auch in der Schweiz auf, so dass bereits beim Tode Trabers, am 29. Oktober 1930, in der Schweiz 516 Kassen mit 45’278 Genossenschaftern existierten.
Während die ersten 40 Genossenschafter von Bichelsee mit einem Betriebskapital von 40’000 Franken starteten, verfügten die 516 Kassen von 1930 bereits über ein bei ihnen angelegtes Vermögen in Höhe von 133,6 Millionen und hatten einen Jahresumsatz von 611 Millionen Franken. Und das nur ein Jahr nach der Weltwirtschaftskrise, die auch die Schweiz erschütterte.
Um von fremden Kapital möglichst unabhängig zu werden, hatte bereits Raiffeisen die Notwendigkeit eines Zentralverbandes der Raiffeisenbanken erkannt. Hierzu gründete er am 30. September 1876 in Neuwied die „Landwirtschaftliche Zentral-Darlehnskasse“.
Damit die Aufsichtsratsmitglieder der Zentral-Darlehnskasse nicht eigennützig, sondern gewissenhaft und gemeinwohlorientiert arbeiten, bestimmte Raiffeisen: „Sie sind fast ausschliesslich Vorsteher von örtlichen Vereinen, geniessen persönlich von letzteren, sowie von der Zentral-Darlehnskasse keinerlei Vorteile, haften dagegen mit ihrem ganzen Vermögen und arbeiten unentgeltlich.“
Die Geschäfte der Raiffeisenkassen sollten der landwirtschaftlichen, regionalen Bevölkerung zugute kommen. Jegliche Spekulationsgeschäfte oder Aktienhandel und Wucherei genauso wie Genusssucht und unnütze Ausgaben lehnte Raiffeisen ab.
„Von Wertpapieren, und wenn es auch die sichersten Staatsschuldscheine wären, will die ländliche Bevölkerung nicht wissen. (…) Wenn einmal die Geldanlage in solchen Papieren auf dem Lande eingeführt wäre, so würde es schwerfallen, ja unmöglich sein, die Grenze dafür einzuhalten. Es würde leicht dahin kommen, dass auch die Papiere von Schwindelanstalten eingeführt würden, was unberechenbaren Schaden anrichten könnte.“
Im Gegensatz zu dem, was anscheinend heute im Dachverband Raiffeisen Schweiz üblich zu sein scheint, soll nach Raiffeisen die Zentralkasse kein Gewinnstreben verfolgen. Sie solle einzig den einzelnen Raiffeisen-Genossenschaften dienen.
„Die Zentral-Darlehnskasse ist keine Bank im gewöhnlichen Sinne des Wortes, sondern eine Ausgleichungsstelle zwischen den beteiligten Vereinen. Für die Vereine, welche Geldüberfluss haben, dient dieselbe als Aufbewahrungsstätte für diejenigen, welchen Geld mangelt, als eine Hilfsquelle.“
Bereits 1901 dachte auch Pfarrer Traber in Bichelsee über die Gründung eines Raiffeisenverbands nach. Er habe zu funktionieren als Revisions- und Zentralkassenverband. Als Revisionsverband besitze er die Aufgabe, eine periodische Revision der Verbandskassen vorzunehmen, „dieselbe vor Missgriffen, wie vor Erschlaffung zu bewahren, überhaupt für Heranbildung tüchtiger Raiffeisenmänner zu sorgen und die Verbreitung der Raiffeisenkassen wirksam zu befördern.“
Als Zentralkassenverband werde er eine Zentralkasse gründen, bei der sich die einzelnen Verbandsvereine beteiligen können; um dem Mittelstand zu dienen soll diese Kasse unter billigen Bedingungen den Geldausgleich unter den einzelnen Kassen besorgen.
Nachdem sich in der Schweiz etwa zwei Dutzend Raiffeisenkassen gegründet hatten, fand am 25. September 1902 im Hotel Linth-Escher in Zürich die Gründungsversammlung des Verbandes Schweizerischer Raiffeisenkassen statt. Unter dem Vorsitz von Pfarrer Traber machten 10 Raiffeisenkassen von Anfang an mit. Man beschloss, dass der Zentralkassenverband eine Genossenschaft sein sollte, in der die einzelnen Raiffeisenkassen Genossenschaftler werden sollten. Bichelsee wurde unter Vorsitz von Pfarrer Traber der erste Sitz des neuen Verbandes.
Die Raiffeisenkassen haben sich in der Schweiz wie auch in anderen Ländern rasant entwickelt. Die Landwirtschaft und auch der Mittelstand haben gerade in den ländlichen Gebieten enorm von der Raiffeisenbewegung profitiert.
Der Genossenschaftsgedanke, dass das, was dem einzelnen nicht möglich ist, durch vereinte Kräfte erreicht werden kann, hat sich überall auf der Welt bewährt. Der Museumsdirektor im Raiffeisen-Museum in seinem Geburtshaus in Hamm an der Sieg berichtete uns von einem Japaner, der vor kurzem auf der Eingangstreppe zum Geburtshaus niederkniete mit dem Worten: „Dieser Mann hat uns in Japan die Not gelindert“.
In der Wirtschaftskrise 2008 hoben viele Menschen ihr Geld bei den grossen Geschäftsbanken ab und brachten es zur Raiffeisenbank. Sie vertrauten darauf, dass den Genossenschaftsbanken Spekulationsgeschäfte fremd sind und dass sie regional verankert sind. Raiffeisen hatte doch als „ersten und wichtigsten Grundsatz“ gefordert, dass ein Genossenschaftsbezirk möglichst klein und abgegrenzt wird, „also sich in der Regel nur auf eine Zivil- oder Pfarrgemeinde von durchschnittlich 1500 Seelen erstreckt.“
Nach den Berichten hier und in der Tagespresse müssen gutgläubige Genossenschafter nun feststellen, dass sich die Vorderen unter Pierin Vincenz im Genossenschaftsverband Raiffeisen Schweiz in enormen Ausmass von den Prinzipien Raiffeisens entfernt haben.
Nicht nur der überhastete Kauf der Privatbank Notenstein für 600 Millionen Franken, die Beteiligung am Derivatehaus Leonteq und der inzwischen staatsanwaltlich untersuchte Deal des sogenannten Investmenvehikels Investnet brechen mit den Prinzipien Raiffeisens.
Auch der allgemeine Lohnanstieg in der Zentrale in St. Gallen seit 2000 um 50 Prozent sowie die letztjährige Lohnerhöhung des Verwaltungsrats von Raiffeisen Schweiz um 43,5 Prozent sind sowohl für die Mitarbeiter in den örtlichen Genossenschaften als auch für die Eigentümer der Raiffeisenbank, die Genossenschafter, selber nicht mehr nachvollziehbar.
Damit das Vertrauen in die Genossenschaftsbank Raiffeisenbank wieder hergestellt wird, forderte Felix Walker, der Vorgänger von Pierin Vincenz, in der NZZ am Sonntag, was vielen Genossenschaftern aus dem Herzen spricht:
„Der Zweck der Raiffeisen ist die gemeinsame Selbsthilfe. Dieses genossenschaftliche Prinzip muss den Mitgliedern dienen und nicht den Führungsorganen.“
Raiffeisen müsse sich wieder stärker von den renditegetriebenen Banken unterscheiden. Felix Walker fordert mehr Macht für die Genossenschafter. Eine Rückbesinnung auf die Prinzipien und Werte Raiffeisens und Trabers ist fällig.
Dass dies möglich ist, haben die Genossenschafter der Raiffeisenbank Wängi-Matzingen am 20. April gezeigt. Nach einer langen und eindrücklichen Debatte an der diesjährigen Generalversammlung weigerten sich 598 von 777 anwesenden Genossenschaftern, dem Druck von Raiffeisen Schweiz nachzugeben.
Sie liessen die geplante Fusion der beiden Thurgauer Raiffeisenbanken Matzingen-Wängi mit Münchwilen-Tobel platzen. Sie wollten nicht, dass die Raiffeisenbank zu einer immer unpersönlicheren Geschäftsbank wird und forderten wieder mehr Einfluss der eigentlichen Eigentümer.
Im Gegensatz zu den Beratern von Raiffeisen Schweiz sahen sie in der weiteren Zentralisierung durch eine noch grössere Genossenschaft keinen Vorteil, sondern einen Verlust von regionaler Verankerung, persönlicher Nähe und Mitbestimmung.