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Roman Signer erzählt, wie er seine Kunstwerke entwirft. Und begründet, warum KünstlerInnen politisch sein können, aber nicht müssen.
WOZ: Roman Signer, Sie waren dieses Wochenende in Genf für eine Aktion. Was haben Sie gemacht?
Roman Signer: Ich habe auf den Jet d’eau ein rotes Tuch gelegt, acht auf acht Meter gross. Es wurde durch den Wasserdruck in die Höhe getragen bis an die Spitze. Danach fiel es ins Wasser, schwer wie ein Sack. Es war unheimlich stürmisch, aber wie durch ein Wunder hat der Wind einen Moment angehalten. Da haben sie den Jet d’eau eingeschaltet. Der Anlass war eine Ausstellung von Genfer Künstlerinnen und Künstlern im Parc des Eaux-Vives. Ich war sicher zwei Jahre an dieser Arbeit, man glaubt gar nicht, was es dazu alles für Bewilligungen braucht. Was da alles für Polizei aufgetreten ist: Seepolizei, Kriminalpolizei, normale Polizei und auch noch Sanität und Feuerwehr.
Wie kommen Sie auf eine solche Idee?
Früher habe ich Zeichnungen gemacht, die ähnlich einem Brief eine Idee beschrieben haben. Ich habe 300 bis 350 solche Zeichnungen angefertigt. Ich hoffte immer, dass irgendwann ein Reicher kommt und sagt: «Jetzt machen wir etwas!» Aber es gibt kaum mehr Mäzene, nur noch Sponsoring, alles ist mit Reklame verbunden. Ich konnte etwa zehn der Zeichnungen umsetzen. Heute mache ich nur noch Skizzen.
Ich nehme an, dass Sie für Ihre Ideen die Natur, das Wasser, den Wind beobachten.
Gewisse Ideen habe ich schon durch die Beobachtung. Die meisten aber fallen mir im halb wachen Zustand ein. Darf ich eine Skizze machen? (Signer nimmt ein Blatt und zeichnet ein Brett mit einem Loch.) Ich hatte einmal einen Traum: Ich sitze auf einem Brett, das fliegt, und frage die Stewardess: «Wo ist die Toilette?» Sie sagt: «Da ist die Toilette.» Da hatte es irgendwo ein Loch im Brett und unten ein Plastiksäcklein dran. Ich bin aufgewacht und dachte: «Das mache ich!» Ich habe eine solche Skulptur gemacht und sie aufgehängt. So etwas Verrücktes käme mir am Tag gar nicht in den Sinn.
Ich dachte bisher immer, Sie würden Ihre Aktionen wie ein Techniker nach Plan entwerfen. Sie entwickeln sie also aus der Fantasie?
Viele Ideen kommen mir in der Badewanne in den Sinn. In der Badewanne kannst du meditieren und hast Ideen. Ich sage immer, ich habe das Duschen nicht gern. Duschen ist für den eiligen Geschäftsmann: sich sauber machen, schnell und günstig. Heute geht der Trend leider überall zum Duschen. In den Hotels werden die Badewannen herausgerissen, damit es noch Platz für ein Zimmer mehr gibt. Oft habe ich auch Ideen, wenn ich schon fast eingeschlafen bin. Manchmal bin ich zu faul, um aufzustehen und sie zu skizzieren. Dann vergesse ich sie wieder. Gute Ideen kommen meist noch einmal. Die anderen verschwinden für immer.
Gibt es auch Phasen, in denen Sie keine Idee haben?
Das habe ich auch. Oder Momente, in denen ich keine Lust habe, mich mit Kunst zu beschäftigen. Dann schreibe ich einen Brief oder mache handwerkliche Sachen, es gibt immer etwas zu tun.
Was mich an Ihren Kunstwerken besonders fasziniert: dass es dabei häufig um den Moment geht, in dem etwas umschlägt. Wie beim Tuch, das vom Springbrunnen in die Höhe getragen wird, bis es fällt. Es geht immer um eine Zustandsveränderung. Was unterhaltsam wirkt, ist eigentlich hochpolitisch. Kann man das so sagen?
Es stimmt, dass es oft um eine schnelle Veränderung geht. Um etwas, das sich anstaut und dann umschlägt. Revolutionen wirken schnell, doch sie haben sich schon länger aufgestaut. Man kann die Anlage meiner Werke sicher politisch verstehen. Aber man sollte nicht sagen: Der Künstler muss politisch sein. Er kann politisch sein. Er ist frei. Wenn die Aussage ganz natürlich, ohne forcierte Absicht hineinkommt, dann ist es besser, weil sie mehr Bestand hat als die Tagesaktualität. Ich erinnere mich an Künstler, die im Waldsterben Sachen machten. Im Moment fand das viel Beachtung, aber heute interessiert das keinen Menschen mehr.
Weil die Werke etwas Parolenhaftes hatten.
Man kann schon auch mit Parolen arbeiten. Im Plakat kann man das oder in der Karikatur. Aber in der Skulptur ist das schwierig. Im sozialistischen Realismus haben sie es versucht, aber der langweilt mich.
Sie haben selbst während der Zeit des Kommunismus in Polen studiert. Mussten Sie da linientreue Kunst machen?
Die Reise nach Polen war ein unglaubliches Erlebnis. Ich erinnere mich noch, wie bei der Abreise im Bahnhofbuffet Buchs ein Porträt von General Guisan hing, der streng auf mich herabblickte, als wollte er mich ermahnen: «In den Osten gehst du also!» Ich fuhr von Buchs nach Wien und mit dem Chopin-Express nach Warschau. Der Unterricht an der Akademie war frei. Es wurde aufs Handwerkliche Wert gelegt, aufs Modellieren, doch man konnte tun, was man wollte. Ich bin zusammen mit einem Kollegen viel durchs Land gereist, mit Taxis, Eisenbahnen, Schiffen, Flugzeugen. Damals auf der Strasse in Polen sah man unglaublich interessante Dinge. So wurde die Strasse zu meiner Akademie.
Roman Signer (80) setzt seine Ideen meist mit seinem Neffen Tomasz Rogowiec um. Dieser hat auch die Aktion beim Jet d’eau gefilmt und wurde dabei klatschnass.