Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/600

Gletscherschwankungen
Von Wilhelm Jost
( Bern ) 1947. Das Alpine Museum in Bern versucht, in einer Sonderausstellung die Gletscherschwankungen darzustellen. Einleitend möchten wir den Bergsteiger an die unmittelbare Wirkung des ausserordentlich warmen und trockenen Sommers 1947 — wir erleben gegenwärtig seine Wiederholung — auf unsere Alpengletscher erinnern.
Die Darstellung des Niederschlages durch die Meteorologische Zentralanstalt ( MZA ) zeigt, dass die Trockenheit des Sommers 1947 ganz besonders den Jura und die schweizerische Hochebene heimgesucht hat, dass der grösste Teil der Zentralalpen wohl eine etwas verminderte Niederschlagsmenge gegenüber dem langjährigen Mittel erhalten, aber keineswegs unter einer ausgesprochenen Trockenheit gelitten hat. Die Bergbauern erfreuten sich eines ergiebigen Heu-ertrages. Dagegen waren die Lufttemperatur und die eingestrahlte Sonnenenergie ( Sonnenscheindauer ) auch in den Alpen viel höher als im Durchschnitt. So war in den sechs Sommermonaten April-September die Lufttemperatur auf dem Säntis ( 2500 m ü. M. ) und dem St. Gotthard ( 2100 m ü. M. ) im Mittel um 3° C, in Davos ( 1560 m ü. M. ) um 2,5° C, in Sitten ( 550 m ü. M. ) um 2,8° C zu hoch. Bei dieser hohen Temperatur fiel der Niederschlag auch in grosser Meereshöhe nicht als Schnee, sondern als Regen. Schliesslich war die Sonnenscheindauer in diesem Sommer um mindestens 20% grosser als der langjährige Mittelwert. Hohe Lufttemperatur und bedeutend verstärkte Einstrahlung waren die wirksamen Faktoren, die die übermässige Abschmelzung von Firn und Eis zur Folge hatten. In der Gegend des Abschwunges schmolz Ende Juli auf dem Unteraargletscher täglich eine Eisschicht von etwa 1 Dezimeter Dicke weg, ein Betrag, der den Strahlungsmessungen von Lindholm in Davos und der Feststellung von Maurer, dass die Ablation zu 65-70 % durch die Sonnenstrahlung bewirkt wird, durchaus entspricht. Einzelne Jahresbeträge der Abschmelzung stiegen auf dem Unteraargletscher nach den Messungen von Flotron auf viele Meter. Die Messungen von Haefeli und Kasser auf dem Aletschgletscher ergaben, dass die Firnlinie von 3000 m auf 3200 m gestiegen war ( im Sommer 1948 lag sie auf 2800 m ). Sie schätzten den Verlust an Eis und Firn im ganzen schweizerischen Alpengebiet im hydrologischen Jahre 1946/47 auf 3,4 Milliarden Kubikmeter. Dies entspräche einer Eissäule von 1 km Durchmesser und rund 4300 m Höhe, die, geschmolzen, während eines Jahres einen Fluss von 100 ms/sec. Wasserführung speisen könnte. ( Mittlere Stromstärke der Aare bei Thun 110 m3/sec. ) Der Gletscher ist bis zu der hochgelegenen Firnlinie vollständig aper. Seine Oberfläche ist korrodiert; Staub und kleine Steinchen schmelzen ein. Dickere Schmutzlagen verhindern umgekehrt die Abschmelzung; es entstehen Schmutzkegel. Grössere Steine liefern Gletschertische. Alle Spalten sind offen. Wo sie fehlen, ist die Gletscheroberfläche von einer Unzahl von Schmelzwasserrinnen durchfurcht. Das oberflächliche Schmelzwasser stürzt in Strudellöcher oder Spalten; auch im Gletscherinnern entstehen Wasserläufe, und schliesslich tritt am Ende der Gletscherzunge der grosse Gletscherbach aus dem Gletschertor heraus.
Das sind die wesentlichen Erscheinungen, die der achtsame Bergsteiger beobachten konnte, und dem besinnlichen Wanderer werden mancherlei Fragen aufsteigen. Eine wird sicher lauten: Warum diese ausserordentliche Hitze und Trockenheit? Die MZA hat in ihren Annalen von 1947 die mittlere Luftdruckverteilung in den letzten zwanzig Jahren für die Sommermonate und diejenige für den Sommer 1947 einander gegenübergestellt. Aus diesen Darstellungen folgt, dass in den letzten zwanzig Jahren — und das ist die « normale » Situation auch für grössere Zeitabschnitte — die mittlere Luftdruckverteilung so war, dass sie unserem Lande vorwiegend feuchte Luft aus W und SW ( « Wätterluft » ) zuführte. Im Sommer 1947 aber versperrte ein mit der subtropischen Hochdruckzone ( Azorenhoch ) zusammenhängendes, stationäres Hochdruckgebiet den Zustrom von feuchter, maritimer Warmluft weitgehend und gestattete fast nur schwache trockene Winde aus E und NE ( schwache Bise ). Diese stationäre subtropische Warmluftmasse ist wenig durchsichtig, stark opaleszent und war schuld daran, dass trotz völliger Wolkenlosigkeit man von Bern aus die Alpenkette wochenlang nicht sehen konnte. Bei vorübergehender schwacher Störung der sehr stabilen Wetterlage konnte längs der Ostseite des Hochdruckrückens polare feuchte Luft besonders in die östlichen Teile der Alpen einströmen und, zum Teil verstärkt durch die Stauwirkung an den Bergketten, Niederschläge bringen. ( Im Sommer 1949 Überschwemmungen in Österreich. ) 1850-1950. Überblickt man nun einen grösseren Zeitabschnitt, so erkennt man, dass um das Jahr 1850 alle Alpengletscher einen relativen Hochstand eingenommen hatten und seither allgemein zurückgegangen sind. Gletscherschwankungen während der nun hundertjährigen Rückzugsbewegung stellen, wie der Vorstoss von 1910-1925, nur Episoden dar; sie erfassten nie alle Gletscher eines Gebietes. Um nur einige Beispiele anzuführen, erreichten in dieser Zeit ihre grösste Länge der Aletschgletscher und der Hüfigletscher im Jahre 1850, der Gornergletscher im Jahre 1867, der Unteraargletscher im Jahre 1870, die ostalpinen Gletscher um 1850/56. Der Stand um 1850 ist bei fast allen Alpengletschern heute noch so gut sichtbar, dass er sofort auffällt. Eine meist scharfe Grenze zwischen unverwittertem pflanzen- und flechtenarmem Schutt oder Fels und dem dunkleren, während längerer Zeit eisfreien Gelände bezeichnet ihn. Mit dem Rückzug der Gletscherzunge hängt natürlich auch zusammen ein entsprechendes Einsinken des Firnplateaus und die starke Ausaperung des felsigen Vorgeländes. Dieser Firnschwund erreichte selbst die Gipfelzone ( Titlisgipfel ), was älteren Alpinisten sicher aufgefallen ist.
Es ist naheliegend, dass die Gletscherschwankungen am unmittelbarsten an denjenigen Gletschern beobachtet wurden, die, wie z.B. die Grindelwaldgletscher, bis in die dauernd besiedelten Gebiete herunterreichen. In den Zentralalpen sind dann durch die Gletscherkommission der Rhonegletscher und von Dr. Kaech und Flotron im Auftrage der Kraftwerke des Oberhasli ( KWO ) die Gletscher des Haslitales genau untersucht worden. In den Ostalpen wurden hauptsächlich der Hintereisferner und die Pasterze genau gemessen. Die Untersuchungen des Rhonegletschers sind im grossen Rhone-gletscherwerk ( Mercanton ) verarbeitet. In der Zeit von 1856-1912 hat dieser Gletscher eine Verkürzung von mindestens 1300 m und einen Arealverlust von 240 ha, gleich 9,5 % des Gesamtareals, erfahren und eine Eismasse von 315 Millionen Kubikmeter eingebüsst.
Aus den sehr schönen Arbeiten von Dr. Kaech und Flotron, die uns mit dem Bildmaterial in verdankenswerter Weise von den KWO für unsere Zwecke zur Verfügung gestellt wurden, seien folgende Daten mitgeteilt. Von 1860-1870 bis 1947 haben an vergletscherter und verfirnter Fläche verloren: das Gebiet des Oberaargletschers 35 %, das Gebiet des Unteraargletschers 20 % und das des Gauligletschers 21 %. Die Einbusse am Eis- und Firnvolumen beträgt im gleichen Zeiträume für das Oberaargletschergebiet und das Gauligebiet nahezu 50 % und für das Unteraargletschergebiet etwa 33 %. Nach den Messungen von Flotron hat der Unteraargletscher von der Gletscherzunge bis zu den Querprofilen beim Grunerhorn und Wildläger von 1929 bis 1947 168,4 Millionen Kubikmeter Eis verloren.
Ähnliche Untersuchungen sind von Morawetz in den Ostalpen gemacht worden. Sie ergaben für die Venedigergruppe, deren neun grosse Gletscher ( jeder grosser als 500 ha ) 56% des vergletscherten Gebietes ausmachen, eine Abnahme der vergletscherten Fläche von 15% für den Zeitabschnitt von 1880-1930. In der gleichen Zeit hat die Glocknergruppe 5,7% ihres vergletscherten Areals eingebüsst. Dabei hat die nach SE exponierte Pasterze, der grösste Gletscher der Ostalpen, 23,3% ihrer Fläche verloren.
Seit vielen Jahren werden im Auftrage der schweizerischen Gletscherkommission die Zungen einer grösseren Anzahl von Gletschern eingemessen. Diese Messungen sind in den Jahrbüchern des S.A.C. und in den « Alpen » veröffentlicht worden; auch sie zeigen deutlich den Rückgang der Gletscher.
1600-1850. Geschichtliche Quellen, bildliche Darstellungen und reale Feststellungen zeigen uns, dass die Alpengletscher sich zwischen 1600 und 1860 in einem relativen Hochstande befunden haben. Unter der grösseren Zahl von Rhythmen während dieser Zeit, die z. R. durch die verschiedenen Ausbrüche des Mattmarksees dokumentiert sind, zeichnen sich die Hochstände von 1600 und 1820 besonders aus; sie weichen aber in der Grössenordnung nur wenig vom Höchststande von 1850 ab. Mehrere ostalpine und einige zentralalpine Gletscher erreichten um 1600 ihre grösste Länge in historischer Zeit. Dies trifft auch für eine grössere Zahl von Gletschern der Westalpen zu. Die Schneegrenze mag etwa 100 m tiefer gelegen sein als heute.Vor 1600 war der Stand der alpinen Gletscher während vieler Jahrhunderte ganz bedeutend kleiner als heute.
Die ältesten, verlässlichen geschichtlichen Daten über Gletscher beziehen sich auf den Vorstoss um 1600 von Gletschern, die bis in die menschlichen Siedlungen hinabreichten, stellten doch diese Vorstösse die ersten Gletscher-ereignisse in historischer Zeit dar, die die praktischen Lebensverhältnisse des Menschen direkt berührten. Dies betrifft besonders Gletscher im Chamonixtal und im Val de Bagnes, die Grindelwaldgletscher und den Vernagtferner sowie den Wurtenkees, der alte Goldbergwerke verschüttet hat, von denen nun einige Teile wieder freiliegen. Aber auch andere, allerdings kritisch zu verwendende geschichtliche Überlieferungen stellen Hinweise für eine klimatische Veränderung in den Alpen dar. Es steht fest, dass im Mittelalter in den Urkantonen der Ackerbau allgemein verbreitet war. In Uri wurden bis nach Silenen und Erstfeld hinauf Weinreben gepflanzt. Nach Kiem liegen reichliche Belege für den Getreidebau in Obwalden vor. Samen, Sachsein, Lungern entrichteten den Kornzehnten, auch im Melchtal wurde Ackerbau getrieben. Die Umstellung von Ackerbau zum Grasbau, zu Viehzucht und Alpwirtschaft, die gegen Ende des Mittelalters einsetzte und trotz « staatlicher » Schutzmassnahmen für den, « der zu Acker fährt », nach 1600 sehr grosse Fortschritte gemacht hat, hat sicherlich mannigfaltige Ursachen ( das Beispiel der Klöster, das Reislaufen etc.zweifellos hat aber auch die Klimaänderung eine Rolle gespielt.
Als reale Nachweise für den veränderten Gletscherstand kommen ferner in Betracht die Leitflora sowie Form und Verwitterungsgrad der Moränen. Wo der Gletscherstand um 1600 am grössten war, zeigt sich, dass die Frontmoränen ganz allgemein breiter und massiger, stärker verwittert und dichter bewachsen sind und auch grössere Blöcke enthalten als die entsprechenden Moränen von 1820 und 1850. Dies weist darauf hin, dass die Gletscher nach einer langen Dauer kleinen Standes über eine grosse Strecke vorgestossen sind. Die vom zurückgehenden Findelengletscher freigegebenen Holzstücke ( Hess ) zeigen, dass bei solchen Gletschervorstössen alter Wald überfahren worden ist. Der strikteste Nachweis, dass vor 1600 die Alpengletscher während einer langen Zeit kleiner waren als heute, liegt wohl in der Tatsache, dass die heutige Zunge des Unteraargletschers bis über die obere Brandlamm hinauf auf verschlepptem Moränematerial und fluvioglazialen Alluvionen schwimmt, die von gleicher Art und Mächtigkeit ( ca. 50 m ) sind wie die im Aareboden abgelagerten.
Schliesslich ist noch auf die Ergebnisse der geobotanischen Untersuchungen hinzuweisen, die für das Alpengebiet ergeben haben, dass vor Tausenden von Jahren die Waldgrenze etwa 300-400 m höher gelegen war als heute.
Als Gesamtergebnis folgt also: der Hochstand der alpinen Gletscher zwischen 1600 und 1850 stellt nicht ein « Anhängsel » der eiszeitlichen Vergletscherung, sondern eine selbständige Phase in der Entwicklung der Alpengletscher dar, die von der letzten Eiszeit klar getrennt ist.
Eiszeiten. Die Eiszeiten, die in geologischen Epochen zurückliegen, mögen durch die von Nussbaum entworfene Karte der eiszeitlichen Vergletscherung des Alpengebietes, die Bilder einiger Findlinge und ihrer Reise mit dem Gletscher dargestellt werden. Ausserdem verdanken wir dem Naturhistorischen Museum Bern ein Relief, das die eiszeitliche Vergletscherung der Gegend von Bern darstellt. Das westschweizerische Mittelland lag zeitweise bis zur Jurahöhe unter Eis, und seine fruchtbare Ackererde ist grossenteils aus dem zurückgebliebenen Moränematerial entstanden. Ausserdem zeigt das Grimselgebiet mit seltener Klarheit und Schönheit die Grenze zwischen der eiszeitlichen Vergletscherung, kenntlich an den gerundeten Geländeformen und der nicht vergletscherten Splitterzone der schroffen Gräte.
Die Gletscher der Erde. Die Erforschung der übrigen Gebirge der Erde hat ergeben, dass weder die Eiszeiten noch die Gletscherschwankungen in historischer Zeit und der Gegenwart eine lokal alpine Erscheinung darstellen. Sie sind vielmehr in allen Erdteilen und in allen Zonen als zeitlich ungefähr gleichlaufende Naturvorgänge nachgewiesen. Sowohl im Kaukasus und im Himalaya als auch in den südamerikanischen Kordilleren sind im letzten Jahrhundert die Gletscher zurückgegangen. Aber auch die Polargegenden ( Alaska, Grönland ) zeigen dieselbe Entwicklung. Im Frühjahr 1913 lag in dem im untern Teile nicht steilen Tal, das vom Quannersuit, dem innersten Stücke des Discofjordes, sich nordwärts erstreckt, ein etwa 25 km langer Gletscher, der in etwa 30 m Meereshöhe endigte. Auf dem stark mit Schutt bedeckten unteren Teile dieses Gletschers hatte sich von Nordosten her ein recht steiler, starker Seitengletscher aufgeschoben, der auf dem Talgletscher zeitweilig einen recht grossen See aufgestaut hat. Bergwärts war dieser See begrenzt durch eine etwa dreissig Meter hohe senkrechte Eiswand. In dieser Eiswand klaffte ein etwa sechzig Meter breites Tor, das den Eingang zu einer kilometerlangen Eisschlucht bildete, die den Gletscher schräg aufwärts durchschnitt. Als zwanzig Jahre später die Dänen diese Gegend luftphotogrammetrisch kartographierten, fanden sie an dieser Stelle ein eisfreies Talstück, das vom Seitengletscher bis zum steilen Anstieg des Haupttales, wo jetzt die Zunge des Hauptgletschers liegt, reicht. In den kaum zwanzig Jahren von 1913 bis 1931 ist der Hauptgletscher auf einer Länge von 1,2 km verschwunden.
Der im Quervainshavn ins Meer mündende Ekip Sermia, der im Jahre 1912 eine Frontlinie von 8 km besass, ist nach den Messungen der französischen Expedition vom Jahre 1947 in den 35 Jahren um rund 2 km zurückgegangen. Dabei hat sich die Gletscherfront um 3 km verkürzt.
1910-1925. Eine Episode und ein « Experiment ». Die brennendste Frage ist nun die: Welches sind die Ursachen dieser merkwürdigen Rhythmen in der Vergletscherung der Erde? Diese Frage kann heute nicht beantwortet werden. Dagegen ist es möglich, die ganze Problematik etwas zu klären. Es ist ersichtlich, ja fast selbstverständlich, dass die Existenz der Gletscher durch folgende zwei Fundamentalgrössen bestimmt ist:
a ) die in fester Form zugeführte Niederschlagsmenge, b ) den Betrag der Abschmelzung.
Die Gletscherschwankungen sind also stets auf die Änderung einer oder beider dieser Grundgrössen zurückzuführen, die ihrerseits wieder klimatische Vorgänge darstellen. Die Ursachen solcher Klimaänderungen, die imstande sind, Gletscherschwankungen, ja Eiszeiten bilden zu können, sind teils astronomischer Art wie Änderung der Strahlungsintensität der Sonne infolge von Änderungen im physikalischen Zustande der Sonne selbst oder der periodischen Änderung der Erdbahnelemente, teils aber in der Erde selber begründet, also tellurischer Art, die etwa wirksam werden durch Polverschie-bungen, Kontinentalverschiebungen, Änderung der Meeresströmungen, Gebirgsbildung, Änderung des Meeresniveaus usw. Es ist weiter zu bedenken, dass die Änderung in der Vergletscherung wieder auf ihre Ursachen selber zurückwirkt, und schliesslich wären die örtlichen Bedingungen zu berücksichtigen, die in jedem Einzelfalle die Wirkungen der allgemeinen Ursachen zu modifizieren vermögen. Über all diese Fragen ist sehr viel gearbeitet worden. Keine der gefundenen Klimaperioden ( Brückner, Wagner ) vermag zu befriedigen. Es fehlen weitgehend auch heute noch die sicheren meteorologischen Messwerte besonders von Höhenstationen. Die Wissenschaften sind um viele Jahrtausende zu jung. Tatsächlich hat auch der Rückgang der Vergletscherung in den letzten hundert Jahren noch keine befriedigende Erklärung gefunden. Um so wichtiger ist, dass die von der Natur gebotenen « kleinen Experimente », wie der Gletschervorstoss in den Jahren 1910-1925 eines darstellt, nach Möglichkeit ausgewertet werden. In dieser Zeitspanne waren doch wenigstens in den Alpen folgende Observatorien im Betrieb: Hochobir ( 2044 m ), Säntis ( 2500 m ), Zugspitze ( 2964 m ) und Sonnblick ( 3106 m ). Leider war damals das Observatorium auf Jungfraujoch noch nicht gebaut. Die Wetterelemente dieser Höhenstationen konnten mit den aus den glaziologischen und hydrologischen Beobachtungen gewonnenen Daten über die Gletscherbewegung, wie Zuwachs und Ablation, Abfluss und Verdunstung etc., zusammen verarbeitet werden. Man hat gefunden, dass die jährliche Anzahl der wachsenden Gletscher, in Prozenten aller beobachteten Gletscher ausgedrückt, einen gegensinnigen Verlauf zu der mittleren Temperatur der Sommermonate auf den Hochstationen zeigt. Eine andere Darstellung ( Kuhn MZA ) bestätigt die Erwartung, dass nasse Jahre im allgemeinen einen grossen, trockene Jahre einen kleinen Firnzuwachs ergeben. Genauere Untersuchungen haben weiter gezeigt, dass starke Strahlung und hohe Sommertemperaturen hohe Niederschläge mehr als wettmachen können, so dass feuchtes, im Sommer kühles Wetter ( geringe Jahresschwankung der Temperatur ) den Firnzuwachs, trockenes mit starker Sonnenstrahlung im Sommer den Firnschwund begünstigt. Die Wintertemperatur spielt eine geringe Rolle. Die Untersuchung von Hess zeigt klar, wie dem feuchtkalten Klima von 1900-1918 in Europa der Gletschervorstoss von 1910—1925 in den Schweizer Alpen und den Ostalpen gefolgt ist. Der Vorstoss der Gletscherzunge setzt später ein als die Klimaänderung, weil das im Firn gebildete und angesammelte Eis für die Wanderung zum Gletscherende Zeit benötigt. Streng genommen, ist diese Zeit für jeden Gletscher anders. Grosse Gletscher mit langen, wenig steilen Zungen sind sehr träge, kleine, steile Gletscher mit kurzen schmalen Zungen dagegen sind sehr aktiv. Dieses individuelle Verhalten der Gletscher den Klimaschwankungen gegenüber kann in derselben Gebirgsgruppe eine verwirrliche Mannigfaltigkeit ergeben. So ist der obere Grindelwaldgletscher zu einer Zeit schon kräftig vorgestossen, als sein unmittelbarer, ihm ähnlicher Nachbar, der untere Grindelwaldgletscher, immer noch im Rückzuge war. Der Rhonegletscher machte die Schwankung von 1910-1925 mit, der untere Aaregletscher aber nicht. Nur grosse Klimaschwankungen — sie stellen oft Rhythmen von Jahrhunderten Dauer dar — erfassen alle Gletscher eines Gebirges. Den kleineren Klimaschwankungen, die den grossen überlagert zu sein scheinen, folgen nicht alle Gletscher. Und das unterschiedliche Verhalten der einzelnen Gletscher ist in Hinsicht auf Niederschlag und Strahlung bedingt durch ihre meteorologische Exposition. Viele Bergketten sind Wetterscheiden; die Wetterseite empfängt kräftige Stauniederschläge, die Leeseite steht unter Föhneinfluss und bleibt trockener ( sogar beim Jura merklich !), und eingeschlossene Täler ( Rhonetal im Wallis ) sind besonders trocken. Ebenso ausgeprägt verschieden sind Sonnseite und Schattseite. Mindestens ebenso stark wie die meteorologische wirkt die orographische Situation: die Höhenlage, die Neigung der Gletscheroberfläche, Stufungen und Staustellen, Form, Grosse und Tiefe des Firnbeckens in seinem Verhältnis zur Gletscherzunge. All diese Wirkungen im einzelnen zu erforschen, stellt eine grosse Zukunftsaufgabe für die Gletscherkunde, Wetter- und Klimakunde und die Hydrologie dar.
Bedeutung der Gletscher. Die hydrologische und wirtschaftliche Bedeutung der Gletscher ist, besonders für unser Land, grosser geworden.
Die Gletscher stellen eine enorme Wasserreserve dar, die die Wasserführung der Flüsse ausgleicht. Ing. Kasser vom hydrologischen Institut der ETH hat die Abflussverhältnisse der Emme als eines nicht vergletscherten Gebietes und jene der Aare mit ihren Gletschern vergleichend bearbeitet und ebenso die Auswirkung des Gletscherschwundes des 19. Jahrhunderts im Aletschgebiet dargestellt. Diese schönen Arbeiten sprechen für sich selber.
Welche überragende Bedeutung den Gletschern — der weissen Kohle — in unserer immer stärker beanspruchten Energiewirtschaft zukommt, dürfte allgemein erkannt sein. Die sommerlichen Gletscherbäche füllen die Stauseen, die mit sehr grossen Beträgen den winterlichen Energieausfall ausgleichen. So ist in den Staubecken der Kraftwerke Oberhasli zu diesem Zwecke eine reine Akkumulationsenergie von 320 Millionen Kilowattstunden bereit, die nach der im Bau begriffenen Erweiterung ( Handeck II ) den Betrag von 390 bis 400 Millionen Kilowattstunden erreichen wird.
Aber auch in extrem heissen und trockenen Sommern wie im Sommer 1947 sind es wieder die starken Schmelzwasser der Gletscher, die den Energie-mangel von Flusswerken, die nicht an Gletscherflüsse gebaut sind, überbrücken helfen. Nach Kaech war die Abflussmenge des Grimselsees im Jahre 1946/47 um 17 % grosser als im Mittel von 1918-1947. Mit einem dieser Wassermenge entsprechenden Energiebetrag konnte den ostschweizerischen Kraftwerken ausgeholfen werden.
Aus diesen Gründen hat KWO seit Jahrzehnten auch allen Fragen der Glaziologie im Oberhasli ihr Interesse zugewendet und durch ihre schönen Arbeiten, auf die hier öfters hingewiesen wurde, auch der Wissenschaft gedient. Gegenwärtig führt auch EOS im Wallis ausgedehnte Gletscherstudien durch, die eine Grundlage für ihren geplanten Ausbau liefern werden.
Vergessen wir aber nicht die Bedeutung der Gletscherbäche, der « heiligen Wasser », für die Landwirtschaft und den Weinbau. In vielen Gegenden des Wallis hängt der Grossteil des Erfolges in der Landwirtschaft und im Weinbau von dieser Bewässerungsmöglichkeit ab. Man scheut weder Mühe noch Geld-aufwand, um sie sicherzustellen.
Natürlich haben die Gletscher auch ihre Kehrseiten, die sich sowohl in ihrer Rückzugsphase als auch in ihrer Vorstossphase geltend machen. An-geschwollene Bäche und Murgänge überführen Alpweiden mit Schutt, zerstören die Verkehrswege. Beim Gletschersturz der Alteis vom Jahre 1895 wurden Wald und Weide der Spitalmatte durch eine Eis- und Schuttmasse von vielen Millionen Kubikmeter verschüttet, 6 Menschen und 169 Tiere wurden begraben. Randa wurde durch das über die Felswand herunterfallende trockene Eis des vorstossenden Biesgletschers immer wieder geschädigt ( 1636, 1736, 1786, 1819, 1865 ). In den Jahren 1633, 1650, 1772 hat sich die Allalin-gletscherzunge bei der Schanz quer in das Tal gelegt und einen See aufgestaut, der dann die Seitenmoräne durchbrochen hat und im Saastale grossen Schaden anrichtete. Das sind einige typische Beispiele von Gletscherkatastrophen in den Alpen.
Sehr selten treten bei uns im Gletscher selber grössere Wasseransammlungen auf ( Märjelensee ), die zu zerstörenden Ausbrüchen führen. In den Weissen Cordilleren von Peru aber sind durch den Ausbruch solcher Randseen von Gletschern ( Lagunen ) fürchterliche Katastrophen entstanden. Diese Lagunen bilden sich so, dass ein Gletscher, der sehr lange Zeit stationär war und eine riesige Frontmoräne erzeugt hatte, nun zu wenig ernährt wird, an der Zunge schmilzt und derart den See bildet. Am 13. Dezember 1941 wurde ein Drittel der Stadt Huaras infolge des Ausbruches einer solchen Lagune weggespült. Mehr als 6000 Menschen fanden den Tod.
Aber die Schneeberge und Gletscher sind schön. Ungezählte Menschen aus aller Welt bewundern diese Herrlichkeiten unserer Heimat, und wir lieben sie.