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Swetlana Geier (1923–2010) hat u. a. Sinjawskij, Tolstoi, Solschenizyn, Belyi und Bulgakow ins Deutsche übertragen. Für ihr Werk, das sie mit der Dostojewskij-Neuübersetzung krönte, wurde sie mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. – In der Reihe Fischer Klassik liegen sämtliche ihrer im Ammann Verlag erschienenen Dostojewskij-Übersetzungen vor: ›Verbrechen und Strafe‹ (Bd. 90010), ›Der Spieler‹ (Bd. 90446), ›Der Idiot‹ (Bd. 90186), ›Böse Geister‹ (Bd. 90245), ›Ein grüner Junge‹ (Bd. 90333), ›Die Brüder Karamasow‹ (Bd. 90114) sowie ›Aufzeichnungen aus dem Kellerloch‹ (Bd. 90102). Über ihr Leben und ihre Arbeit gibt Swetlana Geier Auskunft in dem von Taja Gut aufgezeichneten Buch ›Swetlana Geier. Ein Leben zwischen den Sprachen‹ (Bd. 19221).
Der Protagonist Rodion Raskolnikoff betrachtet sich trotz dürftiger finanzieller, wie materieller Mittel, als ein über der Gesellschaft stehendes Individuum, dem es obliegt, dass normale Volk nach seinen eigenen moralischen Grundprinzipien zu behandeln. Aufgrund seiner intellektuellen Veranlagung, die ihn vollkommener und wichtiger gegenüber der normalen Masse erscheinen lässt, fühlt er... Der Protagonist Rodion Raskolnikoff betrachtet sich trotz dürftiger finanzieller, wie materieller Mittel, als ein über der Gesellschaft stehendes Individuum, dem es obliegt, dass normale Volk nach seinen eigenen moralischen Grundprinzipien zu behandeln. Aufgrund seiner intellektuellen Veranlagung, die ihn vollkommener und wichtiger gegenüber der normalen Masse erscheinen lässt, fühlt er sich als eine Art Übermensch, dem es gewährt ist, seinen Überschuss an Lebenskraft und Macht, in die Entstehung neuer Werte einfließen zu lassen. Anstatt jedoch sein wertvolles Potential, für eine Verbesserung der Bedingungen an der Gesellschaft zu verwenden, nutzt er seine sich selber zugeschriebenen Sonderprivilegien, für den Gedanken an einen Mord. Sein Vorhaben gründet sich auf die These, dass er, der Außergewöhnliche, während der Tat unumschränkter Herr über Verstand und Willen bleiben wird und nicht zu denen gehört, die sich einer Schuld bewusst wären. Sein Mordopfer ist eine geizige, böse und egoistische Pfandleiherin, die für Raskolnikoff den Inbegriff einer " Laus ", einer für ihn wertlos erscheinenden Person darstellt, über deren Leben die außergewöhnlichen Menschen sich einfach hinwegsetzen können. Während des Tatvorgangs überkommt ihn allerdings doch jener Wahnzustand, den er bei sich ausgeschlossen sah, so befällt ihn ein Taumel, die Arme werden kraftlos, sogar sein Beil kann er kaum noch halten. Mit seinem angestrebten Beweis also, zu zeigen, dass er, einem Napoleon ähnlich, die Kontrolle über sich behält, muss er nun feststellen, dass er im grunde selber zu den gewöhnlichen, lediglich die Gattung erhaltenden Menschen zählt. Dieses Scheitern, einer sich selber entworfenen Ideologie, finden wir auch in Dostojewskis Roman, der Jüngling wieder. Auch dort wird eine Idee, welche den Anspruch einer Lebensmaxime erwecken sollte, durch Erfahrungen mit der Gesellschaft, transformiert. Für Arkadij Dolgorukij, den Protagonisten, kommt es jedoch zu einer positiven Angleichung, während das Scheitern Raskolnikoffs fatale Folgen bewirkt. Für den Täter beginnt nun ein Prozess, der einerseits von dem Bemühen geprägt ist, sich selber das Verbrechen zu verheimlichen, aber andererseits, sich auch der unbewussten Strebungen, die zu einem Geständniszwang hinstreben, bewusst zu werden. Genau diesen Konflikt veranschaulicht Dostojewski nun und lässt den Leser diesem traumatischen Leidensweg beiwohnen und schafft es paradoxerweise, sogar gewisse empathische Mitleidsgefühle für den Täter hervorzurufen. Dieser wird nun kurze Zeit später auf das Revier gebeten, allerdings wegen eines anderen, nicht zum Mord in Verbindung stehenden Sachverhaltes. Doch sein paranoider Zustand zeichnet sich bald durch Selbstverrat induzierende Indikatoren aus, so das der ermittlungsführende Staatsanwalt, Porfiriy Petrowitsch, sich nicht nur der Schuld Raskolnikoffs sehr schnell bewusst wird, sondern auch der Faktoren seines psychologischen Geständnisprozesses. In Folge nimmt er die Rolle eines modernen Psychotherapeuten ein, der durch subtile Suggestionen, das Schuldbekenntnis im Täter immer weiter vorantreibt, bis der Täter schließlich selber seine Schuld gesteht. Letztendlich muss Raskolnikoff einsehen, dass sein theoretisches Konstrukt, einer praktischen Überprüfung nicht standhällt. Eine Laus bleibt halt eine Laus. Insgesamt ein sehr gelungenes Meisterwerk, welches anregt über Moral und Ethik zu philosophieren, aber auch einen tiefen Einblick in das Bewusstsein eines Täters gibt. Diesen Klassiker sollte man auf jeden Fall einmal gelesen haben.
„Verbrechen und Strafe“ (in früheren Übersetzungen noch unter dem Titel „Schuld und Sühne“) ist das wohl bekannteste Werk Dostojewskijs. Es erzählt die Geschichte um den Mord des Studenten Raskolnikow an einer alten Wucherin. So kurz, so banal ließe sich die Handlung von Dostojewskijs erstem großen Roman zusammenfassen. Und so... „Verbrechen und Strafe“ (in früheren Übersetzungen noch unter dem Titel „Schuld und Sühne“) ist das wohl bekannteste Werk Dostojewskijs. Es erzählt die Geschichte um den Mord des Studenten Raskolnikow an einer alten Wucherin. So kurz, so banal ließe sich die Handlung von Dostojewskijs erstem großen Roman zusammenfassen. Und so weit wäre man damit von der literarischen Tiefe dieses Werkes entfernt. „Verbrechen und Strafe“ ist ein Meisterstück und das vielleicht in sich schlüssigste, konzentrierteste Werk des russischen Literaten. Und es bietet so unendlich viele Perspektiven, sich dem Text zu nähern: „Verbrechen und Strafe“ ist ebenso Kriminalroman wie Portrait der russischen Gesellschaft im 19. Jahrhundert, das um keinen noch so ungeschönten Blick in den Schmutz und das Elend der besitzlosen russischen Unterschicht verlegen ist. Ebenso ist dieser Roman aber auch eine bis ins letzte psychologische Detail haarfein ziselierte Charakterstudie eines kranken Geistes, der durch die Not und Ausweglosigkeit seiner Situation zu der verhängnisvollen Tat getrieben wird. Dostojewskij versteht es wie kein zweiter in die seelischen Abgründe seiner Figuren zu blicken. Dabei tritt er weniger als beschreibender sondern vielmehr als beobachtender Autor auf, der seinen Protagonisten viel Raum zur Entfaltung lässt. Die Charaktere dieses Romans werden nicht von ihm beschrieben, sie beschreiben sich selbst – mit ihrer Sprache, ihrem Handeln, ihrem Gestus. Großen Anteil an der Erfassbarkeit des Textes hat die brillante Übersetzung von Swetlana Geier. Sie lässt die Figuren in ihrer ihnen ganz eigenen Sprache, ja Mundart sprechen und ermöglicht dem Leser somit, die Vielschichtigkeit dieses Werkes zu erfahren. „Verbrechen und Strafe“ ist kein leichtes Buch. Im Gegenteil, es fordert einen, zwingt einen sich eingehend mit dem Text zu beschäftigen. Und trotz allem, diese Mühe macht sich bezahlt. Mit jeder einzelnen Seite, mit jedem einzelnen Wort.
Alleine die Figur Raskolnikov, beziehungsweise die gestochen scharfe Analyse seiner Gedanken und Gefühle lässt dieses Buch zu den ganz, ganz grossen gehören - Swetlana Geiers Übersetzung ist so russisch, dass die deutsche Fassung im Vergleich zu früheren vehement gewinnt.