Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03368.jsonl.gz/304

Zwischen 1874 und 1926 wurde in Wädenswil ein eigenes Gaswerk betrieben, das im Endausbau folgende Gebäude umfasste: ein Verwaltungsgebäude, ein Ofenhaus mit Hochkamin, einen grossen und einen kleinen Gasometer sowie verschiedene Kohlenschuppen. Das Werk stand zwischen der Eintrachtstrasse und den Eidmattschulhäusern. Noch heute trägt jenes Areal den Namen «Gasiplatz».
Die Anregung zur Schaffung eines Gaswerkes ging vom Seidenindustriellen Zinggeler-Huber aus. Nationalrat Walter Hauser, der spätere Bundesrat, nahm den Gedanken auf und warb vor allem im Kreise des Männerturnvereins Freunde. Am 29. Juli 1873 konstituierte sich dann die private Gasbeleuchtungsgesellschaft Wädenswil. Als Präsident amtete Walter Hauser, als Quästor Gemeinderat Blattmann zum Seehof. Die Sparkasse und die Leihkasse übernahmen ein Obligationenkapital von 70 000 Franken; Private zeichneten ein Aktienkapital von 60 000 Franken.1 Noch im Jahre 1873 lief eine provisorische Subskription für Gasflammen an. Im Januar 1874 schrieb der Verwaltungsrat der Gasbeleuchtungsgesellschaft die Maurer- und Zimmermannsarbeiten für die Gebäulichkeiten der «Gasanstalt» und für den Bau des «Gasometerbassins» aus. Im April wurden die Erdarbeiten für 20 000 Fuss (zirka 6 Kilometer) Gasleitungen vergeben. Anfang Juni wurden die Gebäude der Gasfabrik unter Dach gebracht, und bis zum 15. Juni war auch die Gasometergrube erstellt. Das runde Bassin hatte einen Durchmesser von etwa 10 Metern und eine Höhe von 4,5 Metern. Als die Feuerwehr das Bassin füllte, was zehn Stunden dauerte, stellte man mit Erleichterung fest, dass Baumeister Blattmann gut gearbeitet hatte: Das Bassin war vollkommen wasserdicht. Dies beruhigte auch die Brunnengenossen beim Plätzli, welche gegen den Bau des Gaswerks opponiert, dann aber auf einen Vergleich des Friedensrichters eingelenkt hatten.2 die Öfen und die Rohrleitungen lieferten die Gebrüder Sulzer in Winterthur.
Am 13. September 1874, einem Sonntag, wurde das Gaswerk eröffnet.3 Im ersten Betriebsjahr zählte man 1076 Flammen, die 76 privaten Gaskonsumenten gehörten. Dazu kam die Strassenbeleuchtung, die mit der Eröffnung des Gaswerkes ebenfalls auf Gasbetrieb umgestellt worden war.4 Im Jahre 1874 gab es in Wädenswil 72 Strassenlampen.
Wädenswil von Südosten, um 1900. Im Zentrum das 1874 eingeweihte und 1926 abgebrochene Gaswerk.
Der Übergang des Gaswerkes an die Gemeinde
Im Jahre 1901 legte der Verwaltungsrat der Gasbeleuchtungsgesellschaft dem Gemeinderat von Wädenswil eine Offerte vor über die Abtretung des Gaswerkes an die Gemeinde. Die Forderungen und Bedingungen der Gesellschaft erschienen aber der Behörde als unannehmbar. Einige Jahre später wurde die Angelegenheit abermals diskutiert. Am 4. März 1907 stimmte die Generalversammlung der Gasbeleuchtungsgesellschaft dem Verkauf des Gaswerkes an die Gemeinde Wädenswil zu. Vom 1. Januar 1908 an wurde das Gaswerk auf öffentliche Rechnung betrieben. Die Vergrösserung des Werkes war unumgänglich. Schon am 29. März 1908 bewilligte die Gemeindeversammlung einen Kredit von 55 000 Franken für die Erstellung eines 1500 Kubikmeter fassenden Gasbehälters auf dem Areal des Gaswerkes an der Eintrachtstrasse. Wenige Tage nach diesem Entscheid erwuchs aber gegen den Bau des Gasometers im Dorfzentrum und in nächster Nähe der Schulhäuser Opposition. Eine von 337 Stimmberechtigten unterzeichnete Motion verlangte die sofortige Aufhebung des früheren Gemeindeversammlungsbeschlusses und forderte den Bau eines neuen Gasometers im unüberbauten Gebiet der Au. In geheimer Abstimmung lehnte jedoch die Gemeindeversammlung vom 31. Mai 1908 die Motion ab.
Ein seltenes Ereignis brachte der 3. Juli 1910. Damals wurde auf der Wiese ob dem Eidmattschulhausplatz der Ballon St. Gotthard, der dem Schweizerischen Aeroklub gehörte, mit Gas gefüllt. Eine Abteilung der Feuerwehr leistete Sicherheitsdienst. Eine Menge Schaulustiger wohnte diesem Ereignis bei und bestätigte: Das Gaswerk hat die ihm gestellte Aufgabe gut bewältigt. In den Jahren 1913 bis 1916 mussten die Öfen erneuert werden. Da die Zahl der Gasverbraucher ständig stieg, genügten die alten Anlagen nicht mehr. Nach dem Umbau war man wieder voll leistungsfähig. Die Produktionssteigerung war gewaltig. Im Jahre 1886 hatte das Gaswerk Wädenswil 87 094 Kubikmeter Gas produziert.5 Im Jahre 1919 waren es dagegen 600 000 Kubikmeter. 1921 schon 695 000 Kubikmeter, 1925 gar 749 848 Kubikmeter. Dementsprechend stieg auch der Kohlenverbrauch. Im Jahre 1886 hatte man für die Erzeugung des Gases 300 Tonnen Saarkohle und 14 165 kg Zusatzkohle verwendet. 1919 benötigte man 1417 Tonnen Kohle und 473 Tonnen übriges Vergasungsmaterial; 1924 stieg der Kohleverbrauch auf 2192,5 Tonnen.6 Im gleichen Umfang vergrösserte sich auch der Anfall an Nebenprodukten, an Koks, Holzkohle, Teer und Ammoniak.
Der Gaspreis war einigen Schwankungen unterworfen. Besonders während des Ersten Weltkrieges sah sich die Behörde zu wiederholten Malen genötigt, den Gaspreis zu erhöhen.7 Noch im Jahre 1917 entwich die Abwärme der Retortenöfen im Gaswerk unausgenützt durch den Hochkamin. Im Sommer 1917, während des Ersten Weltkrieges, versuchte man, diese Wärmemengen zu verwerten. Man plante den Betrieb einer Dörranlage beim Gaswerk. Da es aber nicht gelang, die nötigen Materialien zu beschaffen, musste das Vorhaben fallen gelassen werden.
Im Spätsommer 1918 legte die Firma Gebrüder Sulzer in Winterthur ein Projekt vor, das die Abwärme für Heizzwecke und für die Warmwasseraufbereitung verwenden wollte. Auch dieser Plan kam nicht zur Ausführung, weil die Wärmeausnützung mit zu hohen Kosten verbunden gewesen wäre.8 1920 konnte die Abwasserverwertungsanlage für rund 24 000 Franken verwirklicht werden. Gleichzeitig ersetzte man acht Öfen. Grosse Investitionen wollte man aber nicht mehr wagen, denn bereits im Jahre 1917 hatten die Stimmberechtigten die Verlegung des Gaswerkes ausserhalb des Dorfkreises beschlossen und den Gemeinderat beauftragt, in Zusammenarbeit mit der Gaskommission geeignetes Land zu suchen und Kostenberechnungen für eine neue Betriebsanlage einzuholen.
Blick vom Kirchturm um 1909. Hinter dem Schulhaus die Gebäude, Kamine und Kessel der Gasfabrik.
Lastwagen des Gaswerkes, Berna 1918, im Grossengaden (1925).
Fernversorgung durch das Werk Schlieren und Abbruch des Gaswerks Wädenswil
1925 lagen zwei Projekte beim Gemeinderat, Das eine sah den Umbau der bestehenden Anlagen an der Eintrachtstrasse und besonders die Erneuerung der Ofenanlage vor. Das andere empfahl die Verlegung des Gaswerkes. Vorgesehen war ein Neubau in der Rietliau, ungefähr im Gebiet der heutigen Kläranlage. Plötzlich zeichnete sich aber eine dritte, beste Lösung ab: der Anschluss der Gemeinde Wädenswil an das Gaswerk der Stadt Zürich in Schlieren. Die Gemeindeversammlung vom 29. März 1925 sprach sich mit 565 gegen 193 Stimmen eindeutig für die Ferngasversorgung aus und ermächtigte den Gemeinderat, mit der Stadt Zürich einen Gasliefervertrag abzuschliessen. Gleichzeitig wurde der Gemeinderat beauftragt, ausserhalb des Dorfrayons einen Gasometer von 4000 Kubikmetern Inhalt zu erstellen und die Liquidation des Gaswerkes an der Eintrachtstrasse in die Wege zu leiten.
Am 7. August 1926 wurde die stark strapazierte und bis aufs äusserste beanspruchte Ofenanlage des Gaswerkes Wädenswil ausser Betrieb gesetzt. Die Feuer erloschen, dem Hochkamin entstieg der letzte Rauch. Der einzige Gemeindebetrieb, der ins Gemeindegut regelmässig und zum Teil ganz beachtliche Überschüsse abgeliefert hatte, lag still. Seit elf Uhr strömte nun das Gas aus der Druckleitung des Gaswerkes Zürich in den neuen Gasometer im Gwad und durch die neue Regleranlage ins Verteilnetz der Gemeinde.9 Im Dezember 1926 wurde die Gasfabrik an der Eintrachtstrasse abgebrochen. Vom Abbruch verschont blieben einzig das im Jahre 1900 erstellte Verwaltungsgebäude sowie das Apparatehaus das man 1927 provisorisch und 1930 definitiv in eine Autogarage umgestaltete zur Aufnahme des Kehrichtautos, des Krankenwagens und des Bernalastwagens. Der grosse Gasometer konnte ab Platz für 10 000 Franken verkauft werden. Man stellte ihn später in Zug wieder auf. Der kleine Gasbehälter, des Ofenhaus und die Schuppen wurden der Zürcher Firma Abbruch-Honegger als Meistbieterin für 5500 Franken verkauft.10
Am Morgen des 22. Dezembers 1926 brachte ein Traktor mittels Flaschenzug die Mauern des Ofenhauses zu Fall. Gleichzeitig begannen die Vorarbeiten zur Niederlegung des Hochkamins. Am Fuss des Kamins wurde eine keilförmige Bresche geschlagen, und unter dem Kaminkranz befestigte man starke Seile. Zu Hunderten standen die Zuschauer nach vier Uhr abends und harrten, trotz kalten Füssen, des seltenen Schauspiels. Langsam, viel zu langsam für die ungeduldige Menge, streckten sich die Seile. Endlich gab der Kamin nach, neigte sich als Ganzes zur Seite und brach erst im Winkel von zirka 45 Grad in drei Teile. Ein dumpfes Aufschlagen, dann eine Staubwolke. Der Bau war in Tausende von Steinen zerfallen.11
Peter Ziegler
Anmerkungen
1 GAW, IV B 69.3, Chronik LGW 1873, - GAW, II B 12.5.1, Gasversorgung – GAW, III B 12.1, Rechnungen 1874 bis 1906.
2 Anzeiger 1874, Nr. 6, 13, 39, 66.
3 Anzeiger 1874, Nr. 108.
4 Anzeiger 1896, Nr. 13 und 14.
5 GAW, III B 12.1, Jahresbericht 1886.
6 GAW, III B 12.4, Rechnungen 1919—1924.
7 Gaspreise in den gedruckten Betriebsrechnungen.
8 Weisung für GV vom 30. November 1919.
9 GAW, II B 12.5.2, Vertrag mit der Stadt Zürich. – Anzeiger 1926, Nr. 122. 10 Anzeiger 1926, Nr. 199.