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Die Entstehung einer Legende
von Markus v. Riederberg
Viele wundern sich darüber, wie wissenschaftlicher Nonsense wie die sogenannte «Immunschuld» (immunity debt) es schaffen konnte, in das Standardvokabular von Ärztinnen und Ärzten (die doch – so meint man – eigentlich wissenschaftlich ausgebildet sein sollten) und von Gesundheitsbehörden Einzug zu finden.
Auch wenn dies gerne als grundlegendes Konzept der Immunologie dargestellt wird: Der Begriff ist neu. PubMed listet gerade mal 11 Artikel zu diesem Stichwort auf – der älteste vom Mai 2021 [Cohen 2021]. In diesem «Position Paper» postuliert eine Gruppe von Kinderärztinnen und Kinderärzten aus Frankreich, dass die Schutzmaßnahmen wegen SARS-CoV-2 zu einer verminderten Stimulation des Immunsystems und damit zu einer «Immunschuld» geführt hätten, weil reduzierte Exposition zu verminderter Herdenimmunität führe. Die Begründung dieser Hypothese wird nicht wissenschaftlich untermauert, der Begriff wird in weiteren Publikationen von Ärztinnen und Ärzten aus diesem Umfeld verwendet.
So gesehen ist der Befund klar: «Immunschuld» ist ein neu geschaffener Begriff ohne relevante wissenschaftliche Grundlage. Nicht zu verwechseln ist diese Neuschaffung mit dem verbreiteter verwendeten Begriff der «Immunitätslücke» (immunity gap), wobei dieser in verschiedenen Bedeutungen verwendet wird. Als Lücke im Übergang von durch die Mutter während der Schwangerschaft und durch das Stillen erworbener Immunität und dem Aufbau des eigenen Immunsystems. Oder als fehlendes Impfangebot für Teile der Bevölkerung.
Auch wenn der Begriff so nicht explizit verwendet wurde – das Konzept, dass das Immunsystem «trainiert» werden müsse, indem es Pathogenen ausgesetzt wird und dass eine Infektion mit einem Pathogen letztlich «gesund» sei, ist in Kreisen der sogenannten «Alternativmedizin» und Impfgegnern seit langem hoch im Kurs. Madeleyn (ein Kinderarzt und Neuropädiater) schreibt «Das Fieber trägt als ein entscheidender Helfer der kindlichen Persönlichkeit dazu bei und sollte uns willkommen sein, wissen wir doch, dass Infektionen, bei denen Fieber unterdrückt wird, ungünstiger verlaufen» [Madeleyn 2017]. Krankheit als Teil der persönlichen Entwicklung. Viele dieser aus naturwissenschaftlicher und medizinischer Sicht absurden Ideen basieren nicht zuletzt auf Aussagen von Rudolf Steiner, wie z. B. «Es mag der Mensch erkranken, so lange er sich entwickelt! Durch die Krankheit entwickelt er sich zugleich zur Gesundheit.» [Steiner 2010]. Insbesondere in den deutschsprachigen Ländern und in Frankreich haben die Antroposophie, aber auch die Homöopathie und weitere zwielichtige «Heilverfahren» viele Anhänger:innen. Kein Wunder, dass diese neu erfundene Legende dort auf Widerhall stößt.
Die Vorstellung der «Stärkung des Immunsystems», des «Trainings des Immunsystems» basiert einerseits darauf, dass das Immunsystem des Säuglings tatsächlich «trainiert» wird. Die Entwicklung des Immunsystems beginnt bereits im Mutterleib. Während man früher davon ausging, dass das fötale Immunsystem passiv sei und der Fötus sich auf das Immunsystem der Mutter verlässt, wird immer klarer, dass das fötale Immunsystem sich noch im Mutterleib ausbildet, bereits über dendritische und T-Zellen verfügt. Allerdings ist die Funktionalität vor allem auch darauf ausgerichtet, die Immunantwort gegenüber mütterlichen Eiweißen zu hemmen
[Ledford 2017]. Nach der Geburt und dem Wegfall wird das Immunsystem des Säuglings weiterhin über die Muttermilch unterstützt, das Immunsystem des Kindes kommt aber täglich mit Millionen von Keimen in Kontakt (über die Schleimhaut von Atemwegen, Magendarmtrakt und der Haut) – daraus entsteht eine riesige Bibliothek: Das Immungedächtnis. Das System lernt insbesondere, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Partikeln zu unterscheiden. Eine (kurze und vereinfachte) Darstellung des Immunsystems findet sich z. B. bei sichereschule.ch.
Andererseits verleitet wohl die Analogie des körperlichen Trainings dazu, das Immunsystem wie eine Art Muskel zu sehen, der immer stärker wird, je mehr man ihn trainiert. Aber – um bei dieser Analogie zu bleiben – nicht jede Belastung des Muskels führt zur Stärkung. Der Muskel kann auch überlastet werden, oder bei einer Belastung verletzt werden. Forschungsergebnisse aus den letzten zwei Jahren zeigen in zunehmendem Maße, dass eine Infektion mit SARS-CoV-2 das Immunsystem eben nicht einfach trainiert, sondern auch direkt schädigt. Insofern wäre es nicht weiterverwunderlich, wenn der Anstieg vieler Infektionen mit anderen Viren, die derzeit bei Kindern weltweit zu beobachten ist, nicht auf eine (inexistente) «Immunschuld», sondern auf eine Schädigung und damit Schwächung des Immunsystems zurückzuführen wäre [siehe auch].
Angesichts dessen, dass immer klarer wird, dass mit weiteren Infektionen das Risiko von LongCovid, aber insbesondere auch von Folgekrankheiten vieler Körpersysteme (kardiovaskulär, Nervensystem, Endokrines System) stark zunimmt, wäre es an der Zeit, sein Heil nicht in der Erfindung von neuen Begriffen, sondern im zielgerichteten Schutz von Kindern und Erwachsenen zu suchen. Die Mittel dazu sind vorhanden: Saubere Luft, Masken in Innenräumen und Impfung zum (teilweisen) Schutz vor schweren Verläufen.