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Der Antritt von Julian Alaphilippe am letzten Hindernis des Tages, der zuvor im Hinterland von Nizza auch zwei Pässe der ersten Kategorie beinhaltet hatte, war von allen erwartet worden. Dieser so kurze wie «knackige» Anstieg zum Col des Quatres Chemins war exakt auf die Fähigkeiten des kletterstarken Punchers zugeschnitten. Doch als der Franzose gut 13 km vor dem Ziel abrupt das Tempo steigerte, gab es trotzdem nur einen Fahrer, der umgehend reagierte: Marc Hirschi. Der 22-jährige Berner, der im zweiten Profi-Jahr steht und seine erste grosse Rundfahrt bestreitet, brauchte ein paar 100 m, bis er zu Alaphilippe aufgeschlossen hatte.
Aber einmal am Hinterrad von «Alaf», dem Liebling der Franzosen, der im Vorjahr während 14 Tagen das Maillot jaune durch sein Heimatland gefahren hatte und am Ende Gesamt-Fünfter geworden war, liess sich Hirschi nicht mehr abschütteln. Der U23-Welt- und Europameister von 2018 verfügt schon in jungen Jahren über eine aussergewöhnliche Cleverness und einen vorzüglichen Renninstinkt. Der ehemalige Schweizer Nationaltrainer Danilo Hondo betitelte den Berner, der wie Fabian Cancellara aus Ittigen stammt, deshalb immer wieder als «Killer», als einen, der genau spüre, wann er zuschlagen solle.
Diese Fähigkeiten spielte Hirschi, im August 2019 beim Eintagesklassiker in San Sebastian als Dritter auf dem Podest, auch im Duell mit dem weit erfahreneren Alaphilippe aus. Weil sie etwas taktierten, konnte Adam Yates bei seiner Konter-Attacke die Lücke von der Verfolgergruppe mit allen Tour-Favoriten zur Spitze schnell schliessen. Dieses Trio nahm die Abfahrt hinunter zur Strandpromenade von Nizza mit rund 20 Sekunden Vorsprung in Angriff. Auf dem letzten Kilometer blieb den Ausreissern sogar Zeit zum Pokern, das Tempo fiel stark zusammen.
Nicht Gelb, aber Weiss für Hirschi
Der Brite Yates, letztlich Dritter, liess sich die ungünstige Führungsposition aufzwingen. Hirschi schnappte sich seinerseits das Hinterrad von Alaphilippe. Als dieser dann aber erst 200 m vor der Ziellinie beschleunigte, benötigte der Berner etwas zu lange, um in den Windschatten zu kommen. Am Ende fehlte ihm eine knappe Rad-Länge zum ersten Tour-Etappensieg eines Schweizers seit acht Jahren. Ende Juni 2012 hatte Cancellara beim Grand Départ in Lüttich den Prolog gewonnen und auch gleich das Leadertrikot übernommen.
Gelb sicherte sich bei besten Bedingungen an der Côte d'Azur jedoch Alaphilippe. Den Triumph, seinen fünften bei der Frankreich-Rundfahrt und den ersten in dieser Saison, widmete der 28-Jährige vom Team Deceuninck-Quick Step unter Tränen seinem Ende Juni verstorbenen Vater. Das Gesamtklassement führt er mit vier Sekunden Vorsprung vor Yates an.
Als Dritter liegt Hirschi sieben Sekunden zurück. Der Tour-Debütant vom deutschen Team Sunweb durfte sich über das weisse Trikot für den besten Jungprofi freuen. Er danke allen, die ihm in seiner Karriere in irgendeiner Weise geholfen hätten, liess Hirschi danach auf Instagram verlauten. Weiss trug vor gut drei Jahren auch Stefan Küng, als er bei seinem Tour-Einstand im Zeitfahren in Düsseldorf nur vom Briten Geraint Thomas bezwungen wurde.
Kristoff früh abgehängt
Der belgische Olympiasieger Greg van Avermaet gewann den Sprint der nur zwei Sekunden zurückliegenden Verfolgergruppe, zu welcher auch der Vorjahressieger Egan Bernal und die Mitfavoriten Thibaut Pinot, Primoz Roglic und Tom Dumoulin gehörten. Der Norweger Alexander Kristoff, tags zuvor ebenfalls auf der Promenade des Anglais Sieger im Massensprint der 1. Etappe, verlor auf den bergigen 186 km im Hinterland von Nizza frühzeitig den Anschluss an die Spitzenfahrer und erreichte das Ziel mit über 28 Minuten Rückstand.
Auf dem Papier eine gute Chance erhalten die Sprinter in der 3. Etappe, die am Montag über 198 km von Nizza nach Sisteron führt. Dabei sind vier klassifizierte Anstiege der dritten und vierten Kategorie zu bewältigen, wobei die letzten 80 km des Teilstücks vorwiegend flach sind.