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Konzept
Politische Lyrik in Europa vom 12. bis zum 15. Jahrhundert
Zu Beginn des zweiten Buches von ,De vulgari eloquentia‘ behandelt Dante die Frage, welche Themen es verdienen, von den besten Dichtern in der ehrwürdigen Volkssprache behandelt zu werden, und nennt als die drei wichtigsten (magnalia): salus videlicet, venus et virtus (II ii 8), was meint: Waffentauglichkeit (armorum probitas), Leidenschaft der Liebe (amoris accensio) und Rechtschaffenheit des Willens (directio voluntatis). Diese Themenaufzählung – Waffenkampf-, Liebes- sowie moralisch-didaktische Dichtung – schliesst also unter anderem die Gattung der politischen Lyrik aus, obgleich diese in Dantes Heimatland Italien durchaus sehr verbreitet war und gepflegt wurde. Der Grund für diese Aussparung mag wohl darin liegen, dass in den Augen des florentinischen Poeten politische Dichtung eine hybride Gattung darstellt, sei es, weil in ihr sowohl moralische als auch gesellschaftliche sowie militärische Themen zusammenfliessen, sei es, weil politische Lyrik zuweilen in der Form fiktiver oder allegorisch verbrämter Liebeslieder daherkommt und damit als eine Variante oder Untergattung der erotischen Lyrik zu klassifizieren ist. Für Dante müssen die magnalia von den besten Dichtern jeweils in ihrer reinen Form oder aber anhand von Themen behandelt werden, die sich direkt und unmittelbar aus ihnen ableiten (Dve II iv 9); in die politische Dichtung hingegen bricht eine Dimension des Unvorhersehbaren und Zufälligen ein. Insofern sich letztere zumeist auf bestimmte historische Ereignisse bezieht, ist sie parteiisch und verfolgt – indem sie ermahnend, persuasiv, propagierend oder diffamierend ist – pragmatische Ziele.
Obwohl die in ,De vulgari eloquentia‘ angestellten Reflexionen zu den magnalia sich nur bedingt anderen literarischen Traditionen als der italienischen Lyrik zuordnen lassen, vermögen sie dennoch, das Feld der politischen Dichtung insgesamt einzugrenzen und zu charakterisieren. Auf dieser Grundlage und um komparatistische Diskussionen anzustossen, will das Freiburger Colloquium europäische Traditionen politischer Dichtung erforschen und lädt Expertinnen und Experten ein, die sich mit lyrischen Traditionen verschiedener mittelalterlicher Literaturen und geographischer Räume (zwischen Island und dem Kaukasus) befassen. Im Fokus steht der Zeitraum zwischen dem 12. und der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Neben den Volkssprachen werden auch die ,heiligen‘ und/oder ,imperialen‘ Sprachen berücksichtigt (Latein, Griechisch, Arabisch, Hebräisch).
Mögliche Fragestellungen sind: Welchen Stellenwert hat die politische Lyrik innerhalb einer spezifischen literarischen Tradition oder im Rahmen verwandter Traditionen? Welche formalen Merkmale besitzt sie (metrische Formen, Mise en texte, Mise en page)? Wer sind die Autorinnen und Autoren und welches Publikum adressieren die Texte? Um welche historischen Ereignisse herum entsteht politische Lyrik? Unter welchen Bedingungen wurde sie überliefert? Steht sie in einem Dialog mit bildlichen Medien? Sind sprachübergreifende und/oder transnationale Themen und Debatten erkennbar? Unter welchen Bedingungen lässt sich von politischer Propaganda in Versen sprechen? – Das Freiburger Colloquium sucht Antworten auf diese und weitere Fragen mit dem Ziel, Grundlagen zu erarbeiten sowie erste Umrisse zu skizzieren im Hinblick auf ein Gesamtbild der europäischen politischen Lyrik im hohen und späten Mittelalter.