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Depesche aus London - Zum Abschied vom Vater von Lautstärke 11
Ganze Generationen von Musikern schwören seit Jahrzehnten auf seine Amps: Jim Marshall, der letzte Woche im Alter von 88 Jahren verstorben ist. (Reuters)
Es gibt wohl keinen Rock-Fan, der beim Gedanken an Verstärker und Lautsprecher nicht gleich einen «Marshall-Stack» mit seiner eleganten, simplen Form und dem verspielten Schriftzug vor sich sehen würde. Irgendwie schaffte es Jim Marshall im Westlondoner Vorort Hanwell die Essenz des Rock-Soundes - dreckig, druckvoll, warm, resonant - in eine schwarze Box zu packen wie niemand sonst.
Es war nur recht, dass ihm die Mannen von Spinal Tap mit der schönen Szene, wo Nigel Tufnell erklärt, warum sein Regler nicht bei 10 aufhört, sondern bei 11, ein würdiges filmisches Denkmal gesetzt haben.
Vor 19 Jahren durfte ich Jim Marshall in seiner Fabrik in der Nähe von Milton Keynes besuchen. Er war enorm grosszügig mit seiner Zeit und reihte Geschichte an Geschichte an Geschichte. Er sei einst selber Schlagzeuger und Sänger in einer Big Band gewesen, erzählte er, und da habe er angefangen, seine eigenen Lautsprecher zu bauen.
Später betätigte er sich als Schlagzeuglehrer, zu seinen Schülern gehörten Mitch Mitchell, Micky Burke und Micky Waller. Und weil er mit Pete Townshends Papa in der gleichen Band gespielt hatte, kam dessen Sohn denn auch des öfteren in den kleinen Shop, den er unterdessen eingerichtet hatte: 4 x 8 Meter gross: «All die guten Drummer, die ich unterrichtet hatte, kamen in den Laden», erzählte Marshall. Bald sei es ein beliebter Treffpunkt geworden, eine Art Arbeitsamt für ehrgeizige Nachwuchsmusiker: «Die Boys waren kaum älter als 17 zu der Zeit, Richie Blackmore und Pete Townshend waren wohl noch jünger, aber sie verdienten schon ein bisschen Geld mit ihren Schülerbands».
Townshend war es, der Marshall dazu überredete, seine 50-Watt-Verstärker auf 100 Watt aufzurüsten. So gingen die ersten drei 100-Watt-Marshalls an ihn - und er war mehr denn happy. Dank Mitch Mitchell, seinem Schlagzeuger, fand auch Jimi Hendrix den Weg zu Marshall: «Er hiess bei vollem Namen James Marshall Hendrix, und die Verbindung kitzelte ihn irgendwie. Hendrix kam und sagte allen Ernstes: 'Ich werde der Grösste sein'. Ach,wieder so ein Amerikaner, der etwas gratis haben will, dachte ich. Es war, als hätte er meine Gedanken gelesen. Im nächsten Zug sagte er: 'Ich will nichts gratis. Ich bezahle den rechten Preis. Was ich aber auch will, ist Service, wo immer ich mich aufhalte'. Wir stiegen darauf ein, und er kaufte vier komplette Anlagen, die er auf der ganzen Welt verteilte, so dass er Transportkosten sparen konnte».
Was den Namen Marshall endgültig in der Rock-Geschichte eingemauert habe, meinte Jim Marshall, sei sein absoluter Glauben an den Röhrenverstärker. Als Ende der 60er Jahre die gesamte Konkurrenz auf Transistoren umstellte, hielt Marshall konsequent an den Röhren fest: «1965 versuchte ich es ebenfalls mit Transistoren, aber die Resultate klangen viel zu dünn - so dünn eben, wie die Produkte der Konkurrenz. Die Apparate kamen nie in den Verkauf».
Die paar Firmen - Orange, Hi-Watt u.a. -, die Marshall kopiert hatten, konnten mit seinem feisten Sound eh nicht mithalten. Und als die restliche Konkurrenz den Irrtum ihrer Wege erkannte, war ihnen der Meister uneinholbar vorausgeeilt.
Thank you very much, Mr. Marshall!
Zum Schreiben dieser Kolumne habe ich gehört: Keaton Henson «Near» (Oak Ten)
Hanspeter Künzler
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