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Für die Denkentwicklung von Jaspers ist dieses Buch insofern von grosser Bedeutung, als es seinen Übergang von der Psychologie zur Philosophie dokumentiert. Jaspers hatte bekanntlich Medizin studiert, im Jahr 1908 mit der Dissertation über Heimweh und Verbrechen, einer kriminalpsychologischen Studie, promoviert und war von 1909 bis 1915 als Assistent an der Universitätsklinik für Psychiatrie in Heidelberg tätig. Dort verfasste er ein Grundlagenwerk über Methoden der Psychiatrie (Allgemeine Psychopathologie, 1914). Es gilt heute noch als ein Standardwerk der Methodenlehre in der Psychiatrie, weil es über gehirnphysiologische Erklärungsansätze für psychische Störungen hinaus auch phänomenologisch-hermeneutische Verfahren als legitime Methoden zur Erklärung des Seelenlebens akzeptiert. Mit diesem Buch habilitierte sich Jaspers 1916 in Heidelberg für das Fachgebiet der Psychologie, das damals noch ein relativ neues Fach an den Universitäten war. Darauf wurde Jaspers ausserordentlicher Professor für Psychologie an der Universität Heidelberg.
Die Psychologie der Weltanschauungen ist, wie Jaspers zunächst feststellt, das Ergebnis von Lehrveranstaltungen, die er über Psychologie gehalten hat. Dies allerdings über eine Psychologie, die er im Gegensatz zu einer kasuistischen empirischen Psychologie als „verstehende Psychologie“ bezeichnet. Diese muss ebenso wie die empirische Psychologie klar von „prophetischer Philosophie“ abgegrenzt werden. Sie soll eine Zwischenposition zwischen Psychologie und Philosophie einnehmen.
Bei der verstehenden Psychologie der Weltanschauungen geht es nicht um die Untersuchung von einzelnen Weltanschauungen, sondern um den Aufweis und die Unterscheidung von Weltanschauungstypen. Diese gilt es sowohl in ihrer subjektiven Dimension (als Einstellungen) als auch in ihrer objektiven Manifestation (als Weltbilder) näher zu untersuchen.
Dass dieses Buch nicht nur ein Werk der verstehenden Psychologie darstellt, sondern dass mit ihm Jaspersʼ Übergang von der Psychologie zur Philosophie erfolgt ist, hat er selber in seiner Philosophischen Autobiographie festgestellt.
In der Tat sind in der Psychologie der Weltanschauungen bereits zentrale Gedanken von Jaspersʼ Existenzphilosophie vorweggenommen, wie er sie dann in seinem existenzphilosophischen Hauptwerk von 1932, der dreibändigen Philosophie, besonders im zweiten Band Existenzerhellung, genauer und ausführlicher entwickelt hat. Jaspers schreibt dazu später: „Die ‚Psychologie der Weltanschauungen‘ ist im historischen Rückblick die früheste Schrift der später so genannten modernen Existenzphilosophie … Fast alle Grundfragen, die später in heller Bewusstheit und breiter Entfaltung auftraten, sind da: nach der Welt, wie sie für den Menschen ist; nach der Situation des Menschen und nach seinen Grenzsituationen, denen er nicht entrinnen kann (Tod, Leiden, Zufall, Schuld, Kampf); nach der Zeit und der Vieldimensionalität ihres Sinns; nach der Bewegung der Freiheit im Sichhervorbringen, nach der Existenz, nach dem Nihilismus und nach den Gehäusen; nach der Liebe; dem Offenbarwerden des Wirklichen und Wahren; nach dem Weg der Mystik und dem Weg der Idee und so fort.“ (Philosophische Autobiographie, 1977, 33).
Karl Jaspers: Psychologie der Weltanschauungen.
München/Zürich: Piper 1985.