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© Marcel Burkhardt
Die Flussseeschwalbe braucht unsere Hilfe
Mit der Verbauung unserer Flüsse in den letzten 200 Jahren gingen fast alle natürlichen Brutplätze der Flussseeschwalbe in der Schweiz verloren. Mit Brutplattformen und -flössen konnte dieser Verlust teilweise kompensiert werden. Es etablierten sich zahlreiche Kolonien, der Bestand nahm wieder zu und scheint sich aktuell stabilisiert zu haben.
Foto © Marcel Burkhard
Foto © Hans Schmid
Foto © Fondation des Grangettes
Die Flussseeschwalbe brütet in weiten Teilen Europas an Küsten und natürlichen Flüssen. In der Schweiz war sie noch im 19. Jahrhundert die häufigste und am weitesten verbreitete Art unserer Möwen und Seeschwalben. Die rund 30 bekannten Brutplätze befanden sich im Mittelland, vor allem an den damals noch frei fliessenden grossen Flüssen Aare und Rhein.
Ab Anfang April kommt die Flussseeschwalbe aus ihren Überwinterungsgebieten in Afrika zurück. Sie sucht sich, meist zusammen mit anderen Paaren, in der Nähe nahrungsreicher Gebiete einen Brutplatz auf gewässernahen Pionierflächen. Natürlicherweise sind dies Kies- und Sandbänke. Die ruffreudige Art von schlanker, eleganter Gestalt sucht in geschmeidigem Flug über Flachwasserzonen nach kleinen Fischen. Aus langsamem Suchflug oder nach kurzem Rütteln erbeutet sie diese im Sturzflug, wobei sie 20–30 cm tief ins Wasser taucht.
Verlust der natürlichen Brutplätze
Die Verbauung der Flüsse in der Schweiz im Rahmen des Hochwasserschutzes, der Wasserkraftnutzung und der Kiesgewinnung führte ab dem 18. Jahrhundert zum fast vollständigen Verlust der natürlichen Brutplätze auf Kiesbänken. Der stärkste Bestandsrückgang erfolgte vermutlich um 1900, die meisten natürlichen Brutplätze erloschen in den 1930er- und 1940er-Jahren. Die letzten Kolonien fanden sich 1949 im Kanton Aargau zwischen Wildegg und Holderbank sowie bei Leibstadt. Um 1950 erreichte der Schweizer Bestand mit 12–17 Paaren seinen Tiefpunkt. Im Jahr 1952 existierte nur noch eine Kolonie auf einer aufgeschütteten Insel im Fanel am Neuenburgersee.
Künstliche Brutplätze als Rettung
Das völlige Verschwinden der Flussseeschwalbe aus der Schweiz konnte nur mir künstlichen Brutgelegenheiten verhindert werden. An erster Stelle standen aufgeschüttete Brutinseln. Später zeigte sich, dass Brutflösse und -plattformen leichter zu unterhalten sind und Ratten, welche die Gelege bedrohen, weniger Unterschlupf bieten. Schon 1929 wurde im Fanel NE/BE am Neuenburgersee eine Brutinsel aufgeschüttet. Ende der 1950er-Jahre wurden künstlich geschaffene Inseln am Klingnauer Stausee AG besiedelt. Ab 1960 bildete sich in Nuolen SZ am Zürcher Obersee eine kleine Kolonie auf künstlichen Kiesbänken, später auf einem Floss. Am Fanel stieg der Bestand von 68 Paaren im Jahre 1960 stetig auf etwa 200 Paare 1976 an und stabilisierte sich dann auf diesem Niveau. 1965 wurden dort in der Lagune erstmals Brutflösse für die Flussseeschwalbe angeboten und weitere Kiesinseln in der Bucht aufgeschüttet. In den 1980er-Jahren wurden weitere Standorte besiedelt: Lac de Verbois GE (Rhonestau; Floss) Jona/Wurmsbach SG (oberer Zürichsee; Plattform), Lengwiler Weiher, Bommer Weiher, Hüttwiler See und Nussbaumer See TG (Brutflösse), Salavaux VD (Murtensee; Plattform), Romanshorn TG (Bodensee; Floss) und die Grangettes VD (Genfersee; Flösse). Ab 1990 gab es Bruten im Hagneckdelta BE (Bielersee; Plattform), am Greifensee ZH (Flösse), bei Rapperswil SG (oberer Zürichsee; Plattform), am Lac de la Gruyère FR (Floss), und ab 2000 bei Rapperswil SG (Kiesinsel), am Pfäffikersee ZH (Flösse), bei Sugiez FR (Plattform) und Faoug VD (Murtensee; Inselchen) sowie bei Pointe-à-la-Bise GE (Genfersee; Floss).
Aktuelle Situation
Der Schweizer Brutbestand stieg mit den Fördermassnahmen stetig an. In den 1970er-Jahren wurden rund 200 Paare in 3 Kolonien gezählt, in den 1990er-Jahren rund 350 Paare in 10–15 Kolonien und in den letzten 10 Jahren um 600 Paare in rund 18 Kolonien. In den letzten Jahren scheint sich der Bestand stabilisiert zu haben. Einige Brutplätze waren nur wenige Jahre besiedelt, die meisten waren nach der Besiedlung aber regelmässig besetzt. Die meisten Kolonien umfassen mehrere Dutzend Paare, die kleinste ist seit Jahren mit nur einem Paar jene am Lac de la Gruyère FR, die aktuell grösste, jene am Fanel BE, bestand 2014 aus 104 Paaren.
In den Grangettes, am Neuenburger-, Murten-, Zürich-, Greifen- und Pfäffikersee gab es in den letzten Jahren regelmässig Mischkolonien mit der Lachmöwe, welche ähnliche Ansprüche an den Brutplatz hat. Teilweise wurde die Ansiedlung von Flussseeschwalben vermutlich dadurch verhindert, dass Mittelmeermöwen den Brutplatz früher in der Saison besetzten. An den Jurarandseen, wo ein Netz von Brutplätzen geschaffen wurde, liess sich die grosse Flexibilität der Art beobachten. Nachdem während Jahren das Fanel der wichtigste Brutplatz war, wechselte ein Teil der Paare für einige Jahre auf neu geschüttete Kiesinseln vor Vaumarcus NE, wodurch zwischenzeitlich die grösste Kolonie entstand. Und auf Dämmen aus Blockwurf und Beton zum Schutz vor Ufererosion vor Cheseaux-Noréaz VD gab es in einigen Jahren ebenfalls Ansiedlungen.
Der Bruterfolg schwankt in den meisten Kolonien stark und fällt oft gering aus. Dies wirkt sich aber bei dieser eher langlebigen Art offenbar kaum auf das Populationswachstum aus.
Unterhalt aufwändig aber unverzichtbar
Die Bruthilfen wurden und werden durch Organisationen wie lokale Vogelschutz- und Naturschutzorganisationen sowie Naturschutzstiftungen oder durch kantonale Naturschutzämter installiert und unterhalten. Oft initiieren lokale Ornithologen den Bau der Brutplätze und engagieren sich auch für deren Unterhalt und die Überwachung von Brutbestand und -erfolg. Auf den Kiesflächen entwickelt sich als Folge des Nährstoffeintrags eine üppige Vegetation. Diese ist regelmässig zu entfernen, denn der Mensch muss die heute weitgehend fehlende gestaltende Kraft der Hochwasser mit der ständigen Neuschaffung von Pionierflächen übernehmen. Die Brutflösse müssen im Winter instandgesetzt und im Frühling ausgewassert werden. Plattformen werden oft mit Planen oder Netzen bis zur Ankunft der Flussseeschwalben abgedeckt, um eine Brutansiedlung der konkurrenzstärkeren Mittelmeermöwe zu verhindern - eine Massnahme, die sich oft bewährt.
Austausch zwischen Betreuenden
Die Vogelwarte sammelt alle Daten zu Brutbestand und -erfolg der Flussseeschwalbe und wertet sie aus. Dies ermöglicht die langfristige Überwachung der Brutpopulation, des Bruterfolgs und der Dynamik der Kolonien innerhalb der Schweiz.
Regelmässig werden von der Vogelwarte und dem Schweizer Vogelschutz SVS/BirdLife Schweiz zudem Treffen der Spezialisten und Koloniebetreuenden organisiert, an der über die schweizweite Lage informiert wird und aktuelle Themen diskutiert werden. Am letzten Treffen standen praktische Herausforderungen beim Unterhalt, die Nahrungssituation bei der Lachmöwe und die Brutplatzkonkurrenz zwischen den verschiedenen Möwen- und Seeschwalbenarten im Mittelpunkt.
Von Hilfe abhängig
Mit der Installation von Bruthilfen konnte die Flussseeschwalbe in der Schweiz trotz Zerstörung der natürlichen Bruthabitate vor dem Aussterben bewahrt werden. Den involvierten Ornithologinnen und Ornithologen, Institutionen und Naturschützenden gebührt ein grosser Dank für ihr oft jahrzehntelanges Engagement. Die nach wie vor relativ kleine und deshalb empfindliche Brutpopulation wird auch künftig auf künstliche Bruthilfen und deren permanenten Unterhalt angewiesen sein. In der Schweiz wird die Art auf der Roten Liste als potenziell gefährdet eingestuft, und sie ist eine Prioritätsart für Artenförderung. Wegen der starken Konkurrenz mit anderen Möwenarten um die Nistplätze braucht es auch in Zukunft ein ausreichendes Netz von Brutorten.
Claudia Müller