Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03453.jsonl.gz/2980

Das geht mir beides am Allerwertesten vorbei.
Olympische Spiele. Dieser Begriff hat auf mich seit jeher eine grosse Faszination ausgeübt. Alle vier Jahre versammeln sich Athletinnen und Athleten aus zahlreichen Sportarten und aller Herren Länder an einem Ort und kämpfen um Gold, Silber und Bronze. In ihrer mehr als 125-jährigen Geschichte haben sie uns viele denkwürdige Episoden beschert.
Meine früheste Erinnerung reicht, wenn auch nur vage, zurück bis Grenoble 1968. Dann kamen die «Goldenen Tage von Sapporo» 1972. Ausgerechnet vor der Abfahrt der Männer war unser Schwarzweiss-Fernseher defekt. Also begaben wir uns in aller Herrgottsfrühe zu Freunden, um den Doppelsieg von Bernhard Russi und Roland Collombin zu erleben.
Solche Erlebnisse prägen. Ich habe seither immer mitgefiebert, ob im Sommer oder Winter. Einmal war ich live dabei, 2002 in Salt Lake City, für das Magazin «Facts». Ich war in einer privilegierten Lage und musste nur einmal pro Woche liefern. Umso mehr konnte ich die Atmosphäre geniessen. Es war ein Höhepunkt meiner Journalisten-Laufbahn.
Die Vergabe an die Amerikaner war durch einen Korruptionsskandal überschattet worden. Die Schattenseiten von Olympia habe ich nie ausgeblendet, die Kommerzialisierung, den ökologisch fragwürdigen Gigantismus mit Anlagen, die nach den Spielen verrotteten, die Austragung in politisch dubiosen Ländern. Als es losging, siegte dennoch der Fan.
Mit Peking 2022 ist alles anders. Ich spüre keinerlei Vorfreude. Sondern nur Widerwillen.
Schon die Vergabe war eine Peinlichkeit. Am Ende hatte das Internationale Olympische Komitee (IOK) einzig die Wahl zwischen Peking und Almaty (Kasachstan), einem politisch ebenso zwielichtigen Ort. Das IOK erhielt die Quittung dafür, dass sein Image in demokratischen Ländern ruiniert ist, auch in der Schweiz, wo es seinen Sitz hat.
Ein weiteres Problem ist die Durchführung der Schnee-Wettkämpfe in einer der trockensten Regionen des Landes. Für den Bau der Bob- und Rodelbahn, einer ökologisch besonders fragwürdigen Anlage, wurden Teile eines Naturschutzgebiets geopfert. Nachhaltig ist an Peking 2022 nur das grüne Mäntelchen. Aber das ist ja nicht neu (Stichwort Sotschi).
Die Menschenrechtslage ist erst recht ein Ärgernis. Vor den Sommerspielen 2008 in Peking hatte man gehofft, sie würden zu einer Öffnung des Landes beitragen. Das Gegenteil war der Fall. Alles, was auch nur entfernt nach Opposition aussieht, wird brutal unterdrückt, etwa die Demokratiebewegung in Hongkong oder die Uiguren in Xinjiang.
Der frühere deutsche Skirennfahrer Felix Neureuther schilderte die Problematik in der Dokumentation «Spiel mit dem Feuer», die am Montag in der ARD ausgestrahlt wurde. Der Sohn zweier deutscher Skilegenden (Rosi Mittermaier und Christian Neureuther) hatte schon als Aktiver einen Horizont, der weiter reichte als bis zu nächsten Torstange.
Bereits im Vorfeld hatte Neureuther für einen Boykott von Peking 2022 plädiert. Das ist etwas billig, allerdings zeigte er im Film Verständnis für Athletinnen und Athleten, die sich einen Olympia-Boykott auch finanziell nicht leisten können. Es ist ein Dilemma, auf dem IOK-Präsident Thomas Bach den Mythos von den «unpolitischen Spielen» aufbaut.
Damit erfreut er Chinas starken Mann Xi Jinping. Doch an Peking ist nichts unpolitisch. Das gilt auch für den fragwürdigsten Aspekt, die Corona-Pandemie. Trotz rekordhoher Fallzahlen und einer rigorosen No-Covid-Politik will China die Winterspiele um jeden Preis durchdrücken. Alles andere wäre aus der Perspektive Xis ein übler Gesichtsverlust.
Deshalb wird der gesamte Olympia-Tross in eine gigantische Bubble gesperrt, ohne Kontakt zur Bevölkerung. Für Wang Shihting, den chinesischen Botschafter in Bern, ist sie «der sicherste Ort der Welt». Wie aber will man die hoch ansteckende Omikron-Variante daraus fernhalten? Schon jetzt wurden Athletinnen und Athleten positiv getestet.
Das Regime mit täglichen PCR-Tests könnte dazu führen, dass für manche von ihnen der olympische Traum in letzter Sekunde platzt. Die Angst davor ist mit Händen zu greifen. Im schlimmsten Fall werden diese Spiele zu einer Lotterie, bei der am Ende Omikron über die Medaillenvergabe entscheiden wird. Es wäre ein Fiasko für den olympischen Geist.
Vielleicht haben die «Herren der Ringe» Glück, aber derzeit scheint die Devise zu lauten: Augen zu und durch. Allenfalls hilft man ein wenig nach und lässt positive Testresultate verschwinden, wie das mit Dopingproben des Öfteren passiert ist. Mit fairen Wettkämpfen hat das nichts zu tun, doch die Devise lautet wieder einmal: The Games must go on!
«China gilt weltweit als das Land, das die Pandemie am besten unter Kontrolle gebracht hat», meint Botschafter Wang. Das ist grotesk, denn China hat sich mit seiner Strategie, jede einzelne Ansteckung mit rigorosen Lockdowns zu bekämpfen, hoffnungslos verrannt. So gut wie alle übrigen Länder ausser Nordkorea sind inzwischen bereit, mit dem Virus zu «leben».
China hingegen hat sich seit zwei Jahren praktisch vom Rest der Welt isoliert. Eine Exit-Strategie scheint das Regime in Peking nicht zu besitzen. Und den eigenen Impfstoffen, die man millionenfach exportiert hat, scheint man auch nicht zu vertrauen. Die vermeintlich überlegene Corona-Politik hat das «Reich der Mitte» in die Sackgasse geführt.
Zugeben würde man das nie, denn nicht zuletzt Corona ist für die Kommunistische Partei der Beweis für die Überlegenheit ihres Systems und die Dekadenz des Westens. Dabei ist China ein Land voller Widersprüche. Es präsentiert sich als stolze Wirtschaftsmacht, aber 40 Prozent der Bevölkerung muss mit weniger als 150 Franken pro Monat auskommen.
Kann man sich so auf die Spiele freuen? Beim IOK in Lausanne scheint man immerhin erkannt zu haben, dass sich etwas ändern muss. Die drei nächsten Sommerspiele (Paris 2024, Los Angeles 2028, Brisbane 2032) und die Winterspiele 2026 in Mailand/Cortina finden in demokratischen Ländern statt. Das ist ein Hoffnungsschimmer.
Peking 2022 aber fällt für mich wohl aus. Ich verspüre keine Lust, die Wettkämpfe zu verfolgen (die Zeitverschiebung erleichtert mir dies). Das Olympia-Fieber packt mich vielleicht, wenn Marco Odermatt dreimal Gold holt. Aber garantieren kann ich für nichts.
Der entscheidende Treffer fiel in der 59. Minute per Penalty. Jonathan Okita übernahm die Verantwortung und blieb eiskalt. Es war der vierte Saisontreffer für den 26-jährigen Stürmer und ein kleines Déjà-vu: Bereits beim 1:0-Sieg am 30. Oktober hatte Okita im Tourbillon den einzigen Treffer der Partie erzielt.