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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Einunddreissigste Homilie.
I.
21. Nicht kann aber das Auge sprechen zur Hand: Deiner bedarf ich nicht; oder hinwieder das Haupt zu den Füßen: Ihr seid mir nicht nöthig.
I. Nachdem Paulus den Neid der Minderbegabten ausgelöscht und den Verdruß, den sie aus den höheren Gnadengaben Anderer schöpfen mochten, beseitiget hatte, dämpft er nun auch den Übermuth Jener, welche höhere Gaben empfangen hatten. Zwar that er Dieses schon in den Worten, die er an Jene gerichtet; denn indem er die Sache ein Gnadengeschenk und nicht ein Tugendwerk nannte, zielte er klar daraufhin; hier aber spricht er sich weit kräftiger aus, mit Beibehaltung der bildlichen Redensart; denn von der Einheit des Körpers geht er über zur Vergleichung der Glieder unter einander, worauf sie besonders gespannt waren. Um die Einen zu trösten, kam es nicht so darauf an, zu sagen, daß Alle ein Körper seien, als einzusehen, daß ihre Gaben jenen der Andern nicht viel nachstehen. Er sagt: „Nicht kann aber das Auge sprechen zur Hand: Deiner bedarf ich nicht; oder hinwieder das Haupt zu den Füßen: Ihr seid mir nicht nöthig.“ Denn ist auch eine Gabe geringer, so ist sie [S. 530] doch nöthig; und gleichwie viele Hindernisse eintreten würden, wenn jene nicht da wäre, so erschiene auch die Kirche ohne sie nicht in ihrer ganzen Vollkommenheit. Paulus sagt nicht: (Das Auge) wird sprechen, sondern: „Es kann nicht sprechen;“ denn wenn es Dieses auch wollte und wirklich so spräche, so wäre Das nicht recht und es ginge nicht an. „Darum redet er von den zwei äussersten Gliedern: zuerst von der Hand und dem Auge, dann von dem Haupte und den Füßen, und verstärkt das Beispiel; denn was ist wohl am Menschen niedriger als die Füße? Was erhabener und nothwendiger als das Haupt? Ist doch dieses der wichtigste Theil am menschlichen Körper. Jedoch reicht es für sich selber nicht aus, und kann allem nicht Alles bewirken; denn wäre Dieses der Fall, so wären ja die Füße eine überflüssige Zuthat. Jedoch hiermit nicht zufrieden, geht er, wie er es immer thut, weiter, und zeigt auch ohne diese Vergleichung den Werth einzelner Glieder, indem er also fortfährt mit den Worten:
22. 23. Sondern es sind vielmehr die Glieder des Leibes, welche die schwächeren zu sein scheinen, die nöthigeren,1 und die wir als minder ansehnliche Glieder des Leibes erachten, diese umgeben wir mit reichlicherer Ehre, und das Unanständige an uns hat reichlichere Anständigkeit.
Überall zeigt er, wie der Körper dadurch gewinne, und auf diese Weise ermuntert er die Einen und demüthigt die Andern. Ich sage damit nicht, spricht er, daß die größern Glieder der kleinern bedürfen, sondern daß sie derselben gar sehr bedürfen: denn unsere schwachen und unansehnlichen Glieder sind nothwendig, und erhalten dadurch desto größern Schmuck. Und treffend drückt er sich aus: „Die schienen,“ und „Die wir erachten, wodurch er zeigt, daß Dieses [S. 531] nicht in der Natur der Sache liege, sondern in der Meinung des Volkes. Nichts ist an uns unanständig, denn Alles ist das Werk Gottes. Was scheint an uns wohl unanständiger als die Zeugungstheile? Dennoch werden sie höher in Ehren gehalten, und selbst die ärmsten Leute, die sonst fast nackt gehen, dulden es nicht, diese Theile in ihrer Blöße zu zeigen. Und doch müßte man der Ordnung gemäß diese geringer als die andern achten. Denn der Sklave, der sich im Hause unehrbar aufführt, wird nicht nur nicht ehrenvoller als die andern, sondern noch mit größerem Unglimpf behandelt. Wären nun diese Glieder unanständig, so dürften sie nicht ehrenvoller als andere behandelt werden; nun aber erhalten sie größeren Schmuck, und das hat Gottes Weisheit also geordnet. Die einen schuf er von Natur so, daß sie keines Schmuckes bedürfen; die andern aber so, daß wir genöthiget werden, sie zu schmücken; aber darum sind sie nicht unanständig; denn auch die Thiere, wenigstens die meisten, brauchen von Natur aus weder Kleidung noch Schuhe noch Obdach; aber darum ist unser Körper nicht unansehnlicher, weil er all dieser Dinge bedarf. Denn genauer betrachtet sind diese Glieder von Natur aus anständig und nothwendig, was auch der Apostel andeutet, indem er ihre Anständigkeit nicht von unserm Urtheile, noch von dem größern Schmucke, den sie erhalten, sondern von der Natur herleitet. Darum gebraucht er, wenn er sie schwach und unansehnlich nennt, den Ausdruck: „Die scheinen;“ wenn er aber von ihrer Nothwendigkeit redet, so sagt er nicht: Die scheinen, sondern geradezu und mit vollem Rechte, daß sie die unentbehrlichen seien. Und sie sind es wirklich zur Zeugung und Fortpflanzung unseres Geschlechtes. Daher bestrafen auch die römischen Gesetzgeber Diejenigen, welche diese Glieder (an Andern) verstümmeln und sie zu Verschnittenen machen, als Verderber des ganzen Menschengeschlechtes und als Frevler an der Natur. Aber verderben sollen die Unzüchtigen, die Gottes Wort beschimpfen! Wie nämlich Viele den Wein verabscheuen wegen Derjenigen, welche sich berauschen, und das weibliche Geschlecht wegen [S. 532] der Ehebrecher: so halten sie auch diese Glieder für unanständig wegen Derjenigen, die sie mißbrauchen. Das sollte aber nicht sein; denn nicht die Natur ist Ursache der Sünde, sondern sie entsteht aus dem freien Willen Desjenigen, der sich erkühnt, sie zu begehen. Einige aber meinen, Paulus habe unter den schwächern, unansehnlichen, aber unentbehrlichen und hoch in Ehren gehaltenen Gliedern die Augen und Füße verstanden, und zwar die Augen die schwächern und unentbehrlichen genannt, als welche an Kraft (den übrigen) nachstehen, an Brauchbarkeit aber sie übertreffen; die Füße aber als die unansehnlichern bezeichnet, weil wir diese auch mit größerer Sorgfalt bekleiden.
1: Wörtlich: Die nothwendigen — τὰ ἀναγκαῖα.