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"Finanzkrise der Swissair", "Bundeshilfe an die Swissair" - Schlagzeilen nicht aus dem Jahr 2001 sondern aus dem Jahr 1950.
11. September 2001: In New York rasen zwei Passagierflugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers. Der Terror in den USA rüttelt an der Weltordnung, die ohnehin schon fragile Wirtschaft steuert definitiv Richtung Rezession und weltweit geraten Fluggesellschaften ins Trudeln.
In der Schweiz kämpft die Swissair seit längerem ums Überleben, doch Ende September geht nichts mehr: Banken und Crossair präsentieren den Rettungsplan ohne Swissair. Wenige Tage später stehen reihenweise Maschinen mit rot-weisser Heckflosse am Boden. Das Bild erschüttert.
19. September 1949 - Rückblende: Das englische Pfund wird abgewertet. Mit sich zieht es rund 30 andere Währungen in die Tiefe, nicht aber den Schweizer Franken. Im Flugverkehr sind die Preise ans Pfund gebunden, die Swissair muss ihre Ticketpreise massiv senken, die Einnahmen stürzen ins Bodenlose. Anfang 1950 werden die Swissair-Aktien noch für 190 Franken gehandelt - dies bei einem Nennwert von 510 Franken.
Ein Banker verlässt die Airline-Spitze
Im Mai 1950 sollte der bisherige Verwaltungsrats-Präsident, Rudolf Speich (auch Verwaltungsrats-Präsident des Schweizerischen Bankvereins) einem neuen Präsidenten Platz machen. Walter Berchtold sollte das Ruder des Unternehmens übernehmen. Er wird schon vor der Amtsübergabe involviert und an Sitzungen eingeladen. In seinem Buch "Durch Turbulenzen zum Erfolg - 22 Jahre am Steuer der Swissair" erinnert er sich:
"Nach dieser Sitzung, der ich als Gast und designierter Swissair-Präsident beiwohnte, befand ich mich in einer zwiespältigen Lage. Zum ersten Mal hatte ich von den Zahlen, die das wirkliche Ausmass der die Swissair bedrängenden Finanzmisere beleuchteten, Kenntnis nehmen können, und es schien mir klar, dass der Konkurs des Unternehmens nur eine Frage nicht sehr langer Zeit wäre, wenn nichts Ausserordentliches geschähe." - Mario Corti lässt grüssen!
Den Flugbetrieb einstellen?
"Finanzkrise der Swissair" titelt DIE TAT, ein Blatt von Migros-Gründer Duttweiler, im März 1950. Und die NEUE ZÜRCHER ZEITUNG fragt am 16. März 1950: "Reorganisation oder Verstaatlichung der Swissair?" Ohne Hilfe schafft sie es nicht, soviel ist klar. Das Defizit beträgt 3,7 Mio. Franken. Umgerechnet auf heutige Verhältnisse entspricht dies einem neunstelligen Betrag. In einer Eingabe an die Schweizer Regierung wurde als Ausweg einzig die Einstellung des Flugbetriebes in Betracht gezogen.
Eine Hilfe wurde weder vom Verkehrs- noch vom Finanzminister ausgeschlagen. In welcher Form sie jedoch der Swissair zukommen sollte, war lange umstritten, sollte doch ein Präzedenzfall verhindert werden. Walter Berchtold erinnert sich gut an den Finanzdirektor Dr. Max Iklé. "Dr. Iklé gab zu verstehen, dass die Hilfe des Bundes von einem Opfer des privaten Kapitals begleitet sein müsste."
Die Diskussion war lanciert - im Unternehmen, wo die Piloten nach Lösungen suchten, in der Öffentlichkeit, wo die Emotionen hoch gingen und im Parlament, wo getreu dem Links-Rechts-Schema eine heftige Debatte entbrannte. Sozialdemokraten warfen der Privatwirtschaft vor, Gewinne privatisieren, Verluste jedoch verstaatlichen zu wollen. Ihr Lösungsvorschlag: die Swissair verstaatlichen.
Bürgerliche wollten jedoch nur eine Überbrückungshilfe. So schreibt die freisinnige NZZ: "Es darf der Erwartung Ausdruck gegeben werden, dass der Wille zur Selbsthilfe mit einem solchen der Mithilfe einhergehen wird. Der öffentlichen Hand sollte diese Unterstützung um so leichter fallen, als es sich dabei um eine Überbrückungsaktion handelt mit dem Ziel, die Swissair wieder selbsttragend zu machen."
Restrukturieren, überbrücken oder liquidieren?
Drei Varianten standen 1950 zur Auswahl: Eine Restrukturierung, die Überbrückung oder die Liquidation. Letztere hätte schwerwiegende Folgen gehabt, so Berchtold in der NZZ: "Sowohl in Fachkreisen wie im Publikum bedeutet der Name 'Swissair' den Inbegriff schweizerischer Qualität und Zuverlässigkeit. (...) Mit der Liquidation der Swissair würden wir ein so wertvolles Aktivum wegwerfen. Zweifellos würden wir damit ein ausserordentlich wirksames Werbeinstrument aus der Hand geben. Als Fremdenverkehrs-Land hat die Schweiz Verkehrswerbung nötig. Die beste Werbung ist die lebendige Leistung, und es ist wahrscheinlich, dass wir für eine verstärkte Propaganda weitgehend wieder ausgeben müssten, was wir bei der Luftfahrt einsparen wollten."
Überbrücken!
Private und der Bund halfen. Private, indem sie eine Aktien-Kapitalreduktion schluckten, der Bund, indem er für die Swissair zwei Langstreckenflugzeuge kaufte und damit den Weg wies: Die Schweiz will im interkontinentalen Luftverkehr mithalten. Die Swissair konnte die Maschinen leasen, und es klappte. Nach zwei Jahren straffer interner Führung und der - dank Wirtschafts-Wachstum - rasanten Verkehrs-Entwicklung konnte die Airline die Flugzeuge vom Bund abkaufen.
Damals also - in den "guten alten Zeiten" der Monopol-Betriebe - schaffte der Phoenix den Aufstieg aus der Asche.
Rebecca Vermot