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03 Jun Der lateinamerikanische Arbeitsmarkt und Corona: eine gefährliche Mixtur
Kolumbianische Freunde meldeten sich Mitte März besorgt von Übersee, als die Corona-Fallzahlen in der Schweiz zu steigen begannen. Mittlerweile ist die Situation umgekehrt – während die Schweiz wie viele Länder langsam zur Normalität übergeht, scheint Lateinamerika derzeit im Corona-Sumpf zu versinken.
Dabei verordneten viele lateinamerikanische Regierungen relativ früh konsequente Ausgangssperren (siehe auch den Blogbeitrag «Corona auf Kolumbianisch»). Warum also bekommen diese Länder das Virus dennoch nicht in den Griff?
Arbeiten ohne Vertrag oder soziale Absicherung
Ein grosses Problem ist der stark ausgeprägte informelle Arbeitsmarkt in den Schwellenländern Lateinamerikas. Viele Menschen arbeiten als Hausangestellte, Marktverkäufer, Fischer, Taxifahrer oder ähnliches – ohne Arbeitsvertrag oder irgendwelche soziale Absicherung. Wenn sie nicht arbeiten, verdienen sie auch nichts. In den meisten Fällen haben sie auch nicht viel angespart. So ist es nur logisch, dass viele dieser Personen gezwungen sind, sich über die Ausgangssperren hinwegzusetzen, um ein wenig Geld zu verdienen.
Strassenmusikanten in Cartagena (Quelle: Eigene Aufnahme)
Ein schwacher formeller Arbeitsmarkt
In Kolumbien hat knapp die Hälfte der Beschäftigten eine informelle Arbeit.[1] Im letzten Jahr führten wir mit Dewin Pérez Fuentes, Professor der Volkswirtschaftslehre an der Universität Cartagena und Direktor des «Observatorio del Mercado Laboral» [Observatorium für den Arbeitsmarkt], ein Interview. Wir stellten ihm die Frage, warum in Cartagena, einer kolumbianischen Küstenstadt, die informelle Arbeit so verbreitet ist (51 %!). Der informelle Arbeitsmarkt ist so stark, weil der formelle Arbeitsmarkt so schwach ist – so lautete zusammengefasst seine Antwort.
Ursachen auf der Angebots- und Nachfrageseite
Kolumbien hat in den letzten 30 Jahren vor allem auf den ersten Wirtschaftssektor (Bergbau: Abbau von Kohle, Erdöl und Nickel etc.) gesetzt. Der Sektor ist sehr kapital-, aber wenig arbeitsintensiv, so dass wenig Arbeitsstellen generiert werden. In Cartagena gibt es auch viel Petrochemie, die vor allem hochqualifiziertes Personal beschäftigt. Das Bildungsniveau der Personen ist in Cartagena aber generell eher tief, was zudem eine tiefe Arbeitsproduktivität bedeutet.
Viele Personen schaffen es in Cartagena also nicht, eine der begehrten Arbeitsstellen im formellen Arbeitsmarkt zu ergattern und müssen eine Tätigkeit im informellen Arbeitsmarkt ausüben, die zu ihrem Überleben und dem ihrer Familie beiträgt. Es ist in diesem Fall also ein strukturelles Problem, das die lateinamerikanischen Regierungen in Angriff nehmen müssten – sei es durch bessere Bildung, sei es durch Änderungen in der Wirtschaftsstruktur.
-> Mit der Lernaufgabe «Beschäftigung im informellen Arbeitsmarkt» können sich die Lernenden ausführlicher mit den Charakteristika und Gründen des informellen Arbeitsmarkts in Kolumbien auseinandersetzen. Wir haben dazu noch vor Corona verschiedene Personen im informellen Arbeitsmarkt der Stadt interviewt, darunter auch Cristobal Morelos. Hoffentlich hatte er bereits vor Corona genügend angespart, um diese Zeit gut zu überstehen.
10. Juni 2019, Cartagena
Interview mit Cristobal Morelos, 55 Jahre
Ich verkaufe auf der Plaza San Diego an einem Stand Sporttrikots an Touristen und auch an Einheimische, wenn eine Fussballmeisterschaft wie jetzt gerade die Copa América beginnt. Das Trikot von Atlético Nacional Medellín verkauft sich bei den Ausländern besonders gut, weil sich viele noch an den Flugzeugabsturz im Jahr 2016 erinnern, als fast die gesamte Fussballmannschaft des brasilianischen Erstligisten Chapecoense beim Hinflug zu einem Finalspiel mit Atlético Nacional ums Leben kam.
Mein Arbeitstag beginnt um 10 Uhr morgens und dauert bis 18 oder 19 Uhr, je nachdem, ob es ein guter Tag ist. Ich arbeite auf eigene Rechnung, bin aber mit sechs anderen Verkäufern in einer Kooperative organisiert, damit wir von der Stadt eine offizielle Bewilligung für den Standplatz erhalten. An einem sehr guten Tag verdiene ich 150’000 Pesos[2], wobei ich jeden Tag noch mit Ausgaben in der Höhe von 20’000 Pesos für das Mittagessen, den Transport und die Lagerung der Ware rechnen muss. Von meinem Einkommen hängen drei Personen ab - ich, meine Frau und eine Enkelin, der ich die Kosten für den Schulweg finanziere.
Verkäufer Cristobal an der Plaza San Diego (Bild: Eigene Aufnahme)
Weil ich keinen Arbeitsvertrag habe, zahle ich weder Steuern noch Abgaben für die Krankenversicherung. Ich bin aber glücklicherweise bei meiner Frau mitversichert, die in einer Firma angestellt ist. Ein bisschen kann ich zudem jeden Monat auf die Seite legen.
Seit 40 Jahren arbeite ich draussen, die Schule habe ich nur bis zur 7. Klasse besucht. Als ich jung war, hätte ich nicht gedacht, dass ich das hier mein ganzes Leben lang machen würde. Die Arbeit gefällt mir aber, denn ich bin von niemandem abhängig und bestimme mein eigenes Tempo. Auch die Kunden muss ich nicht suchen, sondern sie kommen zu mir.
[1] Cartagena cómo vamos (2019). Mercado laboral en Cartagena. Zuletzt abgerufen am 28.05.2020 unter https://www.cartagenacomovamos.org/nuevo/mercado-laboral-en-cartagena/
[2] Umrechnung: 150‘000 COP ≈ 46 CHF ≈ 41 €; Umrechnungskurs: 1‘000 COP ≈ 0.31 CHF ≈ 0.27 € (Stand: Juni 2019)
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