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In einem Molekül Zeit wurde jener unbekannte, 100 Kilometer über uns sich auftuende, 13,8 Milliarden Jahre alte, ins Unendliche strebende Raum gleich zweimal besucht. Und Alan Shepard war der Zweite. Um 23 Tage von Abermillionen von Tagen zu spät. Der Zweite in einer Menschheit, für die der Erste alles ist und der Zweite nichts.
Amerika hatte den Wettlauf ins All gegen die Sowjetunion verloren.
Zumindest vorerst.
Juri Gagarin hatte am 12. April 1961 in seinem Raumschiff Wostok 1 in 106 spektakulären Minuten die Erde umrundet, während Alan Shepard am 5. Mai bloss zu einem viertelstündigen Suborbitalflug angetreten war, sich mit seiner Freedom-7-Kapsel dicht an der Erde haltend. Wie ein kleiner Feigling, so mochte es fast scheinen, traute er sich nicht, das Schwerefeld des Heimatplaneten zu verlassen.
Und tatsächlich hatte er die Hosen voll. Aber nicht, weil er Angst hatte. Sondern weil er über vier Stunden lang in seiner auf der Startrampe festsitzenden Rakete ausharren musste, bis die Ingenieure alle technischen Probleme behoben hatten.
Und so flog Shepard eben in seinem verpinkelten Anzug ins All, dem sowjetischen Kosmonauten mit einer Verspätung von drei Wochen hintendrein, die, so wusste er, nicht hätte sein müssen, wenn Politik und Technik seinen Start nicht verzögert hätten.
Auf 180 Zentimetern verkörperte dieser Mann die reinste amerikanische Coolness. Im Zweiten Weltkrieg diente er auf dem Zerstörer Cogswell im Pazifik. Er war Flugzeugträger- und Test-Pilot, fuhr schnelle Autos, rauchte Zigarren und trank Martinis. Er hatte Stil, war hochintelligent, fast schon gerissen, und blieb dabei für die meisten Menschen stets undurchsichtig. Alan Shepard führte ein Leben an der Grenze zwischen Selbstsicherheit und Arroganz. Und nun war er hinter einem 157 Zentimeter kleinen Russen gelandet.
Doch der Weltraum war gross. Wie ein nicht enden wollender Spielplatz schien er sich vor Shepards Füssen auszubreiten, er würde sich bloss darauf beweisen müssen. Wetteifern. Das tun, was er sowieso am liebsten tat. Sich mit den Besten messen.
Und wieder fiel die Wahl der NASA auf ihn. Dieses Mal wurde er als Kommandant für den Jungfernflug des Gemini-Raumschiffs auserkoren. Im Rahmen dieses Programms sollten die ersten Aussenbordeinsätze stattfinden. Doch Shepard würde nicht der erste Amerikaner sein, der im Weltraum spazieren ging. Überhaupt würde er für lange Zeit nicht mehr in jenen fernen, geheimnisvollen Raum fliegen, den er so sehr liebte.
Denn während des Trainings begann sein linkes Ohr plötzlich unerträglich laut zu sausen. Er hatte das Gefühl, als würde sich alles drehen. Wie ein Betrunkener schwankte er durch die Gegend und übergab sich. Shepard litt an einer Form von Morbus Menière. Eine Erkrankung ohne deutlich nachweisbare Ursache mit spontanen Störungen der Gleichgewichtsorgane im Innenohr.
Man vermutete, die Beschwerden würden von einem Überdruck der für das Gleichgewichtsempfinden zuständigen Flüssigkeit im Innenohr herrühren. Und so verschrieb man ihm Diamox, ein harntreibendes Medikament, das einen Überschuss an Flüssigkeit auszuschwemmen vermochte.
Doch bei Shepard zeigte es keinerlei Wirkung. Also entzog man ihm die Fluggenehmigung, woraufhin er die Leitung des Astronautenbüros übernahm. Shepard konnte die NASA nicht verlassen. Er gehörte nun mal hierher. Er nahm die Degradierung hin, obwohl ihm weitaus verlockendere Angebote ausserhalb der Raumfahrt gemacht wurden. Er, der Stolze, der Beste unter den sieben Mercury-Astronauten, setzte sich auf seinen Bürostuhl und schaute dabei zu, wie seine Kollegen einer nach dem anderen ins All flogen.
John Glenn umkreiste als erster Amerikaner die Erde, Scott Carpenter als zweiter. Gordon Cooper verbrachte auf seinem Flug im Mai 1963 mehr Zeit im Weltraum als alle seine Vorgänger zusammen; 22 Mal umrundete er die Erde und schlief als erster in der Schwerelosigkeit. Er war der letzte NASA-Astronaut, der alleine ins All aufbrach. Gus Grissom war der erste Mensch, der zweimal in den Weltraum reiste. Er kam beim Test für den ersten bemannten Apollo-Flug ums Leben.
Walter Schirra nahm seinen Platz ein und flog im Oktober 1968 für 11 Tage ins All – Apollo 7 war das erste amerikanische Raumschiff, das Fernsehbilder zur Erde sendete.
Ein paar Monate bevor Neil Armstrong als erster Mensch den Mond betrat, unterzog sich Shepard in Los Angeles einer experimentellen Operation. Der Hals-Nasen-Ohren-Spezialist William House führte ihm einen kleinen Silikonschlauch, einen sogenannten endolymphatischen Shunt, durchs Felsenbein bis ins Innenohr, über den dann die überschüssige Flüssigkeit abfloss, die all seine Beschwerden zu verursachen schien.
Und tatsächlich: Die Anfälle blieben aus. Die NASA-Ärzte bescheinigten ihm Flugtauglichkeit und im Mai 1969 wurde Shepard wieder als Astronaut zugelassen. Sofort begann er mit dem Training für die Apollo-13-Mission, die die dritte bemannte Mondlandung zum Ziel hatte. Doch inzwischen war er nicht mehr der Jüngste – sein Körper brauchte länger, um wieder in Form zu kommen. Shepards Einsatz wurde deshalb um eine Mission verschoben.
Zu seinem Glück, wie sich herausstellen sollte. Denn die Apollo 13 landete niemals auf dem Mond.
Und so flog Shepard zehn Jahre nach seinem letzten Trip in den Weltraum als Kommandant der Apollo 14 zu jenem staubigen Trabanten. Das sichere Aufsetzen der Mondlandefähre Antares auf dem kraterreichen Fra-Mauro-Hochland war seine Aufgabe.
Als er am 4. Feburar 1971 die Stufen jenes Gefährts hinunterstieg und zum ersten Mal seine Füsse auf den Mond setzte, meinte der Verbindungssprecher (Capcom) Bruce McCandless lakonisch: «Nicht schlecht für einen alten Mann.»
Jene Schritte machten ihn mit seinen 47 Jahren tatsächlich zum ältesten Mann auf dem Mond. Und sie sollten ihn für alle dummen Sprüche seiner Kollegen entschädigen, die er sich im Vorfeld seiner Mission hatte anhören müssen. Dass er zu gebrechlich sei, um da oben rumzuturnen. Dass er in seiner zehnjährigen Pause allzu eingerostet sei für eine Mondlandung. Man nannte ihn und seine zwei bis dahin noch weltraumunerfahrenen Piloten Stuart Roosa und Edgar Mitchell «die drei Rookies». Die Konkurrenz zwischen den Astronauten war gewaltig. Man gönnte sich nicht viel. Shepard aber hatte sich durchgesetzt. Und die präziseste Landung aller Apollo-Missionen hingelegt.
Er war zurück. Und mit ihm seine ganze stilsichere Lässigkeit.
Als er auf der grauen Mondoberfläche stand, packte er sein mitgeschmuggeltes 6er-Eisen aus, liess einen Golfball in den Staub fallen und meinte der Kamera zugewandt:
Die Steifheit seines Anzuges liess bloss einen einhändigen Schlag zu, der beim dritten Versuch schliesslich gelang. 24 Meter weit flog der Ball und landete in einem Krater. Ihm schickte er sogleich einen zweiten hinterher, der nach seinen eigenen, erheiternd vermessenen Angaben, «miles and miles and miles» flog.
Shepard verstand es, ein Ausrufezeichen hinter seinen erfolgreichen Flug zu setzen.
Wie erstaunlich sein tadelloses Landungsmanöver tatsächlich war, wurde noch einmal zehn Jahre später deutlich, als sich herausstellte, dass die Shunt-Operation, die Shepard von seinen Schwindel- und Tinnitus-Anfällen befreit hatte, nichts weiter als eine Scheinbehandlung gewesen war. Ihre günstigen Auswirkungen beruhten allein auf einem Placebo-Effekt.
Nicht die OP selbst, sondern der Glaube an deren heilende Wirkung hatte Shepards Symptome verschwinden lassen. Die Menière-Krankheit wurde damit aber nicht geheilt.
Nachgewiesen hatte man dies anhand einer doppelblinden randomisierten placebokontrollierten Studie:
Der wesentliche Bestandteil der Operation bestand in der Entfernung des Mastoids, jenes harten Knochenhöckers, der gut ertastbar hinter dem Ohr sitzt. Dadurch erhält man Zugang zu den winzigen Höhlen des Innenohrs. Durch ein Losverfahren wurde nun entschieden, welche Patienten eine komplette endolymphatische Shunt-Operation erhalten sollten und bei welchen bloss das Mastoid entfernt würde. Auf diese Weise blieb äusserlich unklar, wer sich welchem Eingriff unterzogen hatte. Damit wurde die Doppelblindheit garantiert; weder die Patienten noch die beteiligten Ärzte wussten Bescheid. Über einen Zeitraum von drei Jahren testete man nun die Patienten regelmässig.
Nach Auswertung der Ergebnisse zeigte sich, dass bei mehr als zwei Drittel der Patienten eine Besserung eingetreten war – und zwar unabhängig davon, ob sie eine echte oder eine Scheinoperation erhalten hatten.
Hätte Shepard da oben auf dem Mond plötzlich einen Anfall erlitten und hätte er sich in seinen Helm übergeben müssen, wäre er womöglich erstickt. Nach dem Apollo-13-Drama wäre das bestimmt das Ende der Mondmissionen gewesen.
Doch alles war gut ausgegangen. Shepard hatte an seine Genesung geglaubt. Er wollte nichts mehr als sich zurück in jenen durchsichtigen, mit Gasen, kosmischem Staub und Himmelskörpern gefüllten Raum schiessen zu lassen. Nichts mehr als noch einmal am Space Race teilzunehmen und darin eine tragende Rolle zu spielen.
Der Glaube kann Berge versetzen. Und Menschen, die an Morbus Menière leiden, auf den Mond bringen.