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Kolbrabe
Mit mehr als einem Meter Flügelspannweite und einem Kilogramm Gewicht ist dieser gänzlich schwarze Rabe so gross wie ein Mäusebussard. Sein keilförmiges Schwanzende und sein krächzender Ruf unterscheiden ihn von der nur halb so grossen Rabenkrähe, deren Schwanz abgerundet ist. Dieser Riese unter den Sperlingsvögeln meldet sich überall und zu jeder Zeit mit einem ernsten und sonoren kra kra kra.
Der Aasfresser, welcher vom Diebstahl lebt, kennt seinen Lebensraum aufs beste und weiss genau, dass er in der Asche der Kehrichtverbrennungsanlage von Uvrier oder Gämsen ein gutgebratenes Hühnchen finden wird, ebenso wie Käsereste auf der Mülldeponie von Nendaz oder ein verendetes Kalb auf derjenigen von Ayent, Überreste vom Picknick der Touristen längs der Strasse auf den Grossen St. Bernhard oder Kutteln einer Gemse, die im Turtmanntal Opfer eines Luchses wurde. Allein, in Paaren oder in mehr oder weniger grossen Gruppen lebend, suchen sie die Abfalldeponien auf, stürzen in die Tiefe nach den Schüssen der Jäger, plündern die Nahrung der Tiere im Zoo von Les Marécottes, folgen den Strassen auf der Suche nach überfahrenen Tieren, besuchen im Herbst Obstgärten und Maisfelder, profitieren sogar von Alpendohlen und Wanderfalken, denen sie die Beute entreissen. Und im Sommer geniessen sie den Heuet und verzehren Heuschrecken und Grillen.
Man sagt dem Kolkraben gerne Mördersitten nach, und Geschichten über die Tötung von Schafen erscheinen gelegentlich auf der ersten Zeitungsseite. Ist das vielleicht noch auf seinen Ruf als Vogel der Galgen und Schlachtfelder zurückzuführen? Tatsache ist, dass der Kolkrabe weder zum Töten, noch zum Zerlegen ausgerüstet ist. Um sich davon zu überzeugen, genügt es zuzuschauen, wie er einen Kadaver angeht. Er beginnt immer bei den natürlichen Offnungen, sofern nicht Mäusebussard oder Fuchs das Stück schon bearbeitet haben. Allerdings ist ein kranker Hase oder ein neugeborenes Zicklein vor ihm nicht sicher. So erinnere ich mich, ein Paar gesehen zu haben, das sich auf einer Weide in Mauvoisin, unterhalb einer Kinderstube von Steinböcken, niederliess. Eine aufgebrachte Steingeiss begann das Gelände zu durchstreifen, um die Raben zu vertreiben. Sie musste dreimal ansetzen, um die Räuber zu vertreiben.
Wenn sie dicke, gutmütige Schafe in den Bergen sich allein überlassen, sind die Züchter wohl auch fähig, Entschädigungen oder gar die Ausrottung der Räuber zu verlangen?
Inhaltsverzeichnis
Allgegenwärtig und doch nicht zahlreich
Betrachtet man die Scharen von Kolkraben in unserem Kanton, so kann man fast nicht glauben, dass ihre Art zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Aussterben bedroht war. Und doch sind es die Verbote der Jagd und des Nestraubes wie auch die Zunahme der Abfalldeponien, die es dem Kolkraben ermöglichten, das schweizerische Mittelland und den Jura wieder zu besiedeln, die beide vollständig entvölkert waren.
Ihr Bestand lässt sich ziemlich genau zählen. Bequem auf einem Beobachtungsposten mit guter Sicht niedergelassen, mit einem Feldstecher ausgerüstet, zeichnen wir auf einer Karte alle Verschiebungen der Kolkraben ein. In Bramois oder Gämsen, überall fliegen sie herum. Dabei gibt es solche, die ihre Federn verloren haben, deren Flügel und Schwänze zerfetzt sind, geradezu durchlöchert. Es ist unmöglich, sich zurechtzufinden; gegen Abend aber folgen sich die Flüge etwas geordneter, in kleinen Staffeln, die alle die gleiche Richtung verfolgen; hier gegen die Hänge von Nax, ins Tal der Borgne, dort oben zum Eingang ins Nanztal. In der Dämmerung schliesslich kreisen etwa 100 bis 250, bevor sie sich im Wald niederlassen, der ihr Schlafplatz ist. So grosse Scharen von Kolkraben sind allerdings nur ausnahmsweise an einigen ausgewählten Orten zu sehen. In der Regel leben sie gepaart.
Im Wallis ist es ungefähr 150 Paaren gelungen, sich ein Territorium anzueignen, auf dem sie sich vermehren können. Sie bleiben an ihr Gebiet gebunden und verlassen es nicht. Ständig auf der Lauer, reagieren sie gleich auf die Ankunft von Nachbarn, denen sie durch rituelle Luftballette die Territoriumsgrenze in Erinnerung rufen. Der Durchflug von Fremdlingen löst ein weiteres Ritual aus: da diese die Grenzen nicht beachten, werden sie von den Bewohnern durch den Luftraum geleitet und — so gut es sich machen lässt - an der Landung gehindert. Das gelingt, wenn die Eindringlinge nicht zu zahlreich sind; wenn aber eine Deponieviele Kilogramm Nahrung verspricht, gelingt es kaum, den hungrigen Horden zu widerstehen. Dann strengen sich die vor Ort wohnenden Paare, an Zahl überlegen, an, mehr an Nahrung aufzunehmen, als sie zu fressen vermögen und verstauen ihre Schätze in vielen, verstreut liegenden Verstecken. Sie werden davon profitieren, wenn die Eindringlinge verschwunden sind.
Die Jungtiere des Jahres, noch nicht Geschlechtsreife und niederrangige Erwachsene bilden die Gruppe ohne festen Wohnsitz. Sie bewohnen das offene Gelände, zeichnen sich aus durch ein ausgeprägtes Gruppenverhalten und versammeln sich über grossen Nährstellen oder in den Schlafwäldern. Herumirrend verschieben sie sich täglich zu vielversprechenden Orten: heute zur Deponie von St. Luc, morgen zu jener von Nendaz, an einem andern Tag zum Restaurant vom Crêt du Midi (oberhalb von Vercorin). Erst zur Jagdzeit teilen sie sich in kleine Gruppen auf, wenn Fleischreste überall reichlich herumliegen. Dann tauchen sie überall auf, in kleinen Schwärmen, bis ins hinterste Tal von Bagnes. Aber abends fliegen die meisten, ohne zu zögern, 20 bis 40 km zurücklegend, zu den gewohnten Schlafplätzen, die je nach Jahreszeit wechseln können: Nendaz, Nax, Les Collons, Suen...
Zu den 150 sesshaften Paaren gesellen sich einige Hundert, 500 im Maximum, Nichtbrüter. Lässt man einen gewissen Spielraum gelten, so können etwa 1000 Kolkraben schon den Eindruck erwecken, es gebe im Wallis sehr viele von ihnen.
Lebensraum und Dichte
Weil er sich am Boden ernährt, sind dem Kolkraben die Biotope, die seinen Standort in den Felsen umgeben, nicht gleichgültig: er versteckt seine Nahrungsvorräte gerne auf Fichten, sucht dagegen das Unterholz nicht auf. Die Paare, welche die waldreichen Regionen von Collonges, Charrat oder Réchy bewohnen, belegen deshalb Territorien, die sich auf mehreren Kilometern an den Hängen hinziehen, und nehmen auch auf der anderen Seite der Rhone ein Stück Wiese oder Feld in Beschlag, kurz, offenes Gelände, auf dem sie den Boden absuchen können, ohne ihre Sicherheit zu gefährden. Auch im Gebirge lässt sich eine Ausweitung der Territorien feststellen, weil Schnee, Gletscher und Steinwüsten einen grossen Teil des Lebensraumes unfruchtbar machen.
Die Kolkraben ziehen Vorteile aus unserer Konsumgesellschaft: rund um die Mülldeponien lassen sich die grösste Dichte und die häufigsten Versuche neuer Paare sich niederzulassen beobachten. Die Sanierung der Deponien beseitigt die Nahrung und lässt bloss unbrauchbare Abfälle zurück: Plastik, Farben und andere Giftstoffe, Beton, Bitume und Schrott. In Vex sind drei nistende Paare verschwunden, und die nicht nistenden Gäste, die sich im Verlauf des Jahres zu Dutzenden dort aufhielten, meiden den Ort, seitdem die Deponie saniert worden ist.
Der Mensch unterstützt den Kolkraben mit der Landwirtschaft. Die Täler der Lizerne und der Dala bieten diesem Vogel der Felsen unzählige Nistgelegenheiten. Und doch vermehrt sich nur ein einziges Paar im stark bewaldeten Tal der Lizerne, während auf den Wiesen rund um Inden, Albinen und Leukerbad fünf Paare nisten.
Bei einer mittleren Dichte von 25 km2 pro Paar schwankt die wirkliche Grösse eines Territoriums zwischen weniger als 1 bis zu mehr als 100 km2. Wichtig ist nur, dass jedes Paar das findet, was zur Aufzucht eines Geleges und zur Sicherung der eigenen Zukunft nötig ist.
Der Kolkrabe besitzt wie auch sein Gevatter Wanderfalke die Fähigkeit, auf Bäumen zu nisten und die Eigenart - dies im Wallis nicht zu tun. Auf die ungefähr 300 Nester, die man bis heute im Wallis gezählt hat, findet sich ein einziges auf einem Baum, und zwar auf einer Weisstanne, die in einer Felswand der Schlucht des Durnand wächst. Das ist einfach eine Variante, denn das gleiche "Baumpaar" besitzt mindestens noch einen weiteren Horst direkt am Fels. Dem Beispiel des Steinadlers folgend, erfreut sich der Kolkrabe meistens mehrere Horste, die er flickt und mehr oder weniger regelmässig bewohnt. Wie beim Adler schwankt die Anzahl Horste zwischen einem und zwölf pro Territorium. Im gleichen Mass, wie Reviere umbesetzt werden, können einzelne Horste auch den Besitzer wechseln.
Mächtigen Haufen von Ästen gleichend, die gut einen Meter hoch sein können, erscheinen die Horste für die Ewigkeit gebaut. Trotzdem gibt es solche, die verschwinden. Die am Fuss der Felswand liegenden Äste täuschen einen Absturz vor. Ich habe aber Zerstörungen beigewohnt, die von den Kolkraben selbst ausgeführt wurden. Der Ort kann längere Zeit unbenutzt bleiben oder sogleich wieder besetzt werden. Wie dem auch sei, sogar nach mehreren Jahren wird der Ort wieder besiedelt: zweifellos gibt es nicht viele Schlupfwinkel, die trocken und vor der Sonne geschützt sind. In der Gegend von Riddes beispielsweise erhielt ein Brutplatz, der seit 25 Jahren beobachtet wird, erst im zwanzigsten Jahr einen zweiten Horst.
Das am tiefsten gelegene Nest findet sich in der Ebene von Port-Valais; das höchstgelegene im Arolla-Tal auf 2150 m ü. M. Mit gewaltiger Flugkraft ausgestattet zögert der Kolkrabe nicht, sein Nest weit von den Nahrungsquellen entfernt zu bauen. Zur Zeit, als die Abfälle der Metzgerei von Entremont in eine Grube bei Sous-la-Lex/Orsières geworfen wurden, zog ein Kolkrabenpaar seine Jungen auf der Ostseite des Catogne in 1900 m ü. M. auf. Während das Weibchen brütete, flog das Männchen, mit Nachschub beladen, zwei bis drei Mal in der Stunde von 900 auf 1900 m hinauf und herunter. Doch die mittlere Höhenlage von 300 Nestern liegt bei 1200 m: klar, denn anfangs Mai, wenn die Jungen ausfliegen, bedeckt der Schnee noch fast das ganze Gelände über dem höchstgelegenen Horst.
Spielfreude
Der Kolkrabe ist mit seiner Lust zu spielen der einzige Vogel, der Schlitten fährt. Kolkraben setzen sich am höchsten Punkt eines Abhanges in den Schnee und lassen sich auf dem Bauch hinabgleiten, wenn nötig mit den Krallen nachhelfend. Einige legen sich seitwärts, rollen den Abhang hinunter und öffnen die Flügel, man erhält, wenn man sie im heftigen Wind fliegen sieht. Kein Wind, kein Schnee? Wenn es bloss das ist! Kolkraben hängen sich kopfunter an einen Ast, das eine Bein loslassend; oder ein kleiner Schwärm ergötzt sich im Flug, indem sie sich gegenseitig ein Stücklein Plastik oder eine Konservendose abjagen. Es ist auch der einzige Vogel, der den Flug auf dem Rücken beherrscht. Das ist vielleicht etwas übertrieben ausgedrückt, denn der Kolkrabe schliesst die Flügel und stürzt im freien Fall, den er unterbricht, indem er sich aufrichtet, in die Tiefe. Wenn dieses Rollen — eigentlich ist es nur ein halbes Rollen, weil in 90% der Fälle das Aufrichten immer auf dieselbe Seite erfolgt - nacheinander wiederholt wird, verleiht es dem Flug eine charakteristische Wellenbewegung. Meistens ist diese Art zu fliegen, die im Falle von Territorialstreitigkeiten ausgeübt wird, Sache von Brutpaaren. Ich schliesse daraus, dass es sich um ein Gegenstück zum girlandenartigen Flug der Beutevögel handelt. Bei einem Territorium, das grössenmässig demjenigen des Adlers entspricht, kann schliesslich selbst ein Sperlingsvogel gezwungen sein, sich durch Gebärden verständlich machen zu müssen.
Siehe auch