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Sie sah gefährlich dekadent und androgyn aus – selbst für die 1970er-Jahre, wo man nach den Hippies allerlei gewohnt war: die Band Roxy Music.
Die fünf gitarrespielenden Männer auf der Innenseite ihrer Platte «For Your Pleasure», Link öffnet in einem neuen Fenster (1973) waren mehr als flamboyant.
Der mit dem weissen Monteuranzug hatte sich breite graue Strähnen in die Elvis-Tolle färben lassen, der mit der blauen Rennfahrer-Kombination trug die Haare lang wie ein Hardrocker, und der mit der bauchfreien Jacke und dem seltsamen Federschmuck hatte sich das Gesicht auf bleich geschminkt.
Mittendrin: Sänger Bryan Ferry. Neben den intellektuell-ernsthaften Kunstrockern und den jeanstragenden Hardrockern wirkte das Quintett wie eine weitere Glamrockband, wenngleich noch einiges extravaganter.
Material für die Hitparaden
Genauso war die Musik von Roxy Music – ein wildes Potpurri von Elementen aus 15 Jahren Rockmusik: Die Band hatte dabei viel Klangforschung und -verfremdung betrieben.
Dabei blieb der Sound immer auch süffig. So wurden Roxy Music – spätestens nach Ausscheiden des Soundtüftlers Brian Eno – zum Thema für die Hitparadenwelt.
Auf zwei parallelen Gleisen
Bald schon stach einer aus der Band heraus: Bryan Ferry, Sänger, Komponist und gelegentlich Pianist.
Bereits zwei Jahren nach dem Debüt von Roxy Music gab er ein erstes erfolgreiches Solo-Album heraus. Die Karriere der Band und die ihres Sängers liefen ab dann parallel zueinander.
Die Klangexperimente von Roxy Music konnten zuerst noch darüber hinwegtäuschen, doch mit der Zeit zeigte sich, dass Bryan Ferry sich in einem Feld profilierte, wo man ihn anfangs nicht vermutet hätte: Ferry outete sich als Crooner, mit dem einschmeichelnden Gesangstil der Balladensänger der 20er- und 30er-Jahre.
Zurück zu den 20er-Jahren
Je mehr Zeit verging, desto mehr schien Bryan Ferry sich von den Bürden der Moderne zu befreien.
Waren die sehr erfolgreichen Alben der 80er-Jahre durch einen aalglatten Sound geprägt, über den sich seine hauchende Stimme legte, fand er zur Jahrtausendwende zurück zu den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts.
Bryan Ferry und «Babylon Berlin»
Bryan Ferry steuerte insgesamt fünf Songs für den Soundtrack der deutschen Serie «Babylon Berlin» bei. In der Serie selbst hat Ferry auch einen Cameo-Auftritt als Sänger.
Mit «Bitter-Sweet» (BMG) veröffentlichte Bryan Ferry nun ein Jazz-Album mit Coverstücken aus seiner eigenen Diskografie.
Das Werk ist stark von seiner Arbeit an «Babylon Berlin» inspiriert.
Einige seiner Songs aus der Solo-Karriere und den Jahren mit Roxy Music – dazu aber auch Überraschungen wie Songs von Amy Winehouse oder von Beyoncé – interpretierte er nun mit einer kleinen Jazz-Kombo, die den Sound der Zwischenkriegsjahre drauf hatte.
Perfekte Patina
Seit 1999 blieb Ferry dieser Neuerfindung des eigenen Werks treu. Dabei liess sich manch Überraschendes erleben, etwa wenn sein neuestes Album «Bitter-Sweet» kaum mehr nach Roxy Music klingt, sondern nach Kurt Weill.
Bryan Ferry, der britische Crooner, der sich oft kleidet wie ein Dandy von vor einem Jahrhundert, hat einen perfekten Kreis vollführt.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Vorabend, 12.12.2018, 16 Uhr