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Beispiel Zürich
Im Folgenden beschränken wir uns auf das Gebiet der Stadt Zürich, obwohl Razzien auch in anderen Städten wie Basel oder Bern durchgeführt und Homoregister angelegt und systematisch erweitert wurden.
Zürich bietet sich als Beispiel an, weil die zum Anlass polizeilicher Fahndungen gewordenen Mordfälle hier geschahen. Aber auch, weil nur hier eine Organisation von Homosexuellen existierte, die von anderen Teilen der lokalen Behörden und gewissen prominenten Einzelpersonen mehr oder weniger offen anerkannt war und sich darum in gewisser Weise für unsere Minderheit einsetzen und wehren konnte. Zudem vermittelte diese Organisation den eigenen Kreisen im ganzen Land zuverlässige Informationen und Kommentare zur Lage und förderte das so wichtige gegenseitige Gefühl der Solidarität - solange es sie, den KREIS, noch gab.
Irgendwann in den 20er Jahren begann die Zürcher Stadtpolizei damit, homosexuelle oder vermeintlich homosexuelle Menschen in einem gesonderten Register systematisch aufzulisten. Anlässlich eines Vortrages am 24. Mai 1952, gehalten im KREIS von dessen Rechtsberater Dr. Erich Krafft, kam es zur Diskussion über diese Homoregister, deren Existenz Krafft bestätigte.1
Anfänglich handelte es sich bei den Registrierten um Delinquenten, männliche Prostituierte, also "Strichjungen" (bis 1992 nach Gesetz verboten), mitsamt ihren Freiern und andere von der Polizei Erfasste. Zum Beispiel Erpresser (und Erpresste, die bei der Polizei Hilfe suchten!) sowie weitere Straffällige aller Art, die dem "Milieu" und dessen Umfeld einigermassen sicher zugeordnet werden konnten.
Nach den beiden Mordfällen von 1957 begann die Polizei mit dem gezielten Anlegen eines möglichst vollständigen Homoregisters. Rasch wurde klar, dass mehr oder weniger legale Razzien und das Durchsuchen von Wohnungen eine dazu brauchbare Methode sind.
Die grossen Razzien "Punkt" und "Doppelpunkt" des Jahres 1960 dienten hauptsächlich der Ausweitung des oder der Register, denn eigentlich Straffällige oder Geschlechtskranke, wie öffentlich bekannt gegeben, konnten nur wenige überführt oder gefunden werden. In dieser Beziehung stand der Aufwand in keinem Verhältnis zum Ertrag.
Ernst Ostertag, September 2005