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Das Haupt der Combined Operations des britischen Kriegsministeriums rauschte ganz aufgeregt in Winston Churchills Badezimmer, wo der Premier gerade dabei war, ein Schaumbad zu nehmen.
Das Jahr 1942 neigte sich dem Ende zu und die deutschen U-Boote im Atlantik machten den Alliierten zu schaffen. Unerbittlich versenkten sie englische Handelsschiffe, allein im Juni verloren sie 124 an die Tiefe des Ozeans, mitsamt ihren über 600'000 Bruttoregistertonnen.
Er habe einen Würfel aus einem neuen Material, meinte Admiral Mountbatten feierlich, und liess ihn zu Churchill in die Wanne plumpsen.
Mit grimmiger Miene musterte dieser das schwimmende Klötzchen, von dem er fürchtete, es würde sein Badewasser herunterkühlen. Es bestand aus einem Gemisch von 86 Prozent Eis und 14 Prozent Sägemehl. Der neuartige Werkstoff nannte sich Pykrete. Er besass aufgrund seiner geringen Wärmeleitfähigkeit eine bemerkenswert niedrige Schmelzrate.
Benannt hatte man ihn nach seinem Propagandisten Geoffrey Pyke in Kombination mit dem englischen Wort für Beton: Concrete – weil er eine ähnliche Härtequalität vorweisen konnte wie dieser.
Der äussere Eisfilm schmolz nun in Churchills Wanne, doch der grösste Teil davon blieb unbeeindruckt vom heissen Wasser am Pykrete-Würfel haften. Er hüpfte mirakulös wie ein kleines Eisberglein über die Wellen, die die vor Aufregung zitternden Knien des Premiers verursacht hatten.
Mountbatten und Churchill schauten sich an. Und beide begannen sie damit, augenblicklich von mächtigen Eissschiffen aus jenem wundervollen Zauberstoff zu träumen, mit denen sie die Atlantikschlacht zu gewinnen trachteten.
«Ich messe der unmittelbaren Prüfung dieser Ideen grösste Wichtigkeit bei», notierte Churchill am 7. Dezember 1942. Admiral Mountbattens Mitarbeiter Geoffry Pyke hatte die Genehmigung für sein Geheim-Projekt erhalten, das er HMS Habbakuk taufte – nach dem gleichnamigen alttestamentarischen Propheten, den er allerdings fälschlicherweise mit zwei «B»s schrieb. Diesem Habakuk nun hat Gott laut Bibel einst verkündet:
Und tatsächlich wollte auch Pyke etwas nie Dagewesenes, etwas gänzlich Wundersames erschaffen. Einen riesenhaften, eisigen Flugzeugträger, der mitten im Atlantik stationiert werden sollte. Der Radar war noch nicht ausgereift genug, um U-Boote wirkungsvoll zu orten, und die Reichweite der Flugzeuge war noch nicht gross genug, als dass sie vom Land aus in den Kampf auf offener See geschickt werden konnten. An Deck der Habbakuk jedoch könnten die Jagdflieger landen, gewartet und aufgetankt werden.
Stahl und Aluminium waren knapp, weshalb die Idee Pykes brilliant schien, jenen nach ihm benannten Werkstoff für den Bau seiner schwimmenden Insel zu verwenden. Wasser war überall. Und es zu Eis zu machen, erforderte relativ wenig Energie.
Doch einfach würde die Konstruktion trotzdem nicht werden. 8000 Menschen sollten den Berechnungen zufolge acht Monate lang mit dem Bau der HMS Habbakuk beschäftigt sein. Angetrieben werden konnte sie nicht durch normale Dieselmotoren, diese hätten zu viel Abwärme erzeugt und so das Eis zum Schmelzen gebracht. Also plante man 26 Elektromotoren in externen Motorgondeln zu verwenden, die der Habbakuk eine Höchstgeschwindigkeit von zehn Knoten (18,5 km/h) verleihen sollten.
Wollte man die Flugzeuge auf dem eisigen Kriegsschiff starten, so musste der Platz dafür aus einem anderen Oberflächenmaterial bestehen und sich mindestens 15 Meter über dem Wasser befinden. Denn die Bahnen waren kurz, die Flugzeuge würden sonst nicht schnell genug die nötige Geschwindigkeit erreichen und ins Meer stürzen.
Und dabei wäre alles Sichtbare, alles, was vom Schiff aus dem Wasser ragen würde, nur 10 Prozent – wie bei einem Eisberg. Die restlichen 90 Prozent würden sich darunter befinden.
Ein kaum zu navigierendes Ungetüm, das grösste je geplante Schiff. 1200 Meter lang und 180 Meter breit sollte es werden, mit 12 Meter dicken Bordwänden. Sein Gewicht würde mit 2,2 Millionen Tonnen genau 48 Mal das der RMS Titanic übersteigen – im Gegensatz zu ihr aber wäre der Koloss wahrhaft unsinkbar.
Denn schliesslich würde dieses Monstrum selbst der Eisberg sein – der unverwüstliche, zu Eis gewordene Albtraum der Kriegsmarine. Und sollte sein Rumpf durch den Feind doch einmal zu Schaden kommen, wäre er durch Aufsprühen und Gefrierenlassen von Wasser einfach zu reparieren.
Am 15. August 1943 platzierte Mountbatten siegessicher zwei Eisblöcke am Boden des Sitzungssaals im Château Frontenac in Québec. Der britische und amerikanische Generalstab waren zusammengekommen, um die weitere Kriegsstrategie zu besprechen.
Die Männer schauten gebannt auf die zwei weissen Klötze, als der Admiral seine Pistole zog und auf den ersten Brocken schoss. Er zersplitterte sofort. Vom zweiten hingegen prallte die Kugel ab, streifte das Hosenbein des US-Flottenadmirals Ernest King und bleib dann in der Wand stecken.
Der unzerstörbare Klotz bestand aus Pykrete. Die Militärs waren beeindruckt von Mountbattens Vorführung, sogar Präsident Roosevelt war ganz angetan von der Vision eines solch gigantischen Flugzeuträgers aus Eis. Nur sein technischer Berater verwarf die Hände und meinte trocken:
Der Prototyp wurde trotzdem gebaut – von den Händen kanadischer Kriegsdienstverweigerer. Woran sie da auf dem gefrorenen Patricia Lake im Jasper-Nationalpark in Alberta genau bastelten, wurde ihnen nie verraten.
Sie nannten ihr mysteriöses 1000 Tonnen schweres und 18 mal 9 Meter grosses Eis-Schiff Arche Noah. Und sie hinderten es im Sommer mit einer 1-PS starken Kältemaschine am Schmelzen.
Die Innenkonstruktion bestand aus Holz und Teer, ummantelt wurde sie von massiven Eisklötzen, die die Arbeiter aus dem Patricia Lake schnitten.
Obendrauf pappten sie ein Dach, sodass ihre Arche aussah wie ein ganz gewöhnliches, wenn auch etwas gross geratenes Bootshaus, das friedlich auf dem lauschigen See dümpelte.
Das Kühlsystem es Prototypen funktionierte einwandfrei, doch bald interessierte das keinen mehr.
Im Dezember 1943 sass man ein letztes Mal zusammen, um über das Schicksal des Habbakuk zu beraten. Mittlerweile hatte auch Admiral Mountbatten seine anfänglich so feurige Begeisterung für das Projekt verloren.
Die Kosten von rund 70 Millionen Dollar lösten bei den Generalstäblern kollektives Kopfschütteln aus. Und selbst wenn man für den Schiffskörper keinen wertvollen Stahl hätte aufwenden müssen, so wären doch unzählige Tonnen davon in die Kühlrohre geflossen. Selbst der Bedarf an Holz wäre wohl so hoch gewesen, dass die Papierproduktion darunter erheblich zu leiden gehabt hätte.
Wie ein gefrässiges Ungeheuer drohte die HMS Habbakuk zu verschlingen, was man nicht zu opfern bereit war. Und während sie in Pykes und anderen Erfinderköpfen allmählich heranwuchs, hatte die portugiesische Regierung für die britischen und amerikanischen Seeaufklärer bereits Flugplätze auf den Azoren eingerichtet. Jene Jagdflugzeuge wiederum waren inzwischen mit neuen Treibstofftanks ausgestattet worden, mit denen sie viel weitere Entfernungen zu überwinden vermochten. So weit, dass sich die Entwicklung eines gigantischen Flugzeugträgers mitten im Atlantik erübrigte.
1943 brachte die Wende im U-Boot-Krieg. Die alliierten Radare waren so gut geworden, dass sie deutschen Unterwasser-Gefährte mühelos aufspürten, während britische Kryptoanalytiker eifrig den Seefunkverkehr des Feindes entzifferten.
Das sperrige, beinah manövrierunfähige Seemonster wurde von all den wendigen kleinen Kriegsneuerungen überholt. Und niemand war mehr bereit, ihm auch nur den kleinsten Happen in den Rachen zu werfen.
Und so schmolz auch der Habbakuk-Protoyp in sich zusammen – drei heisse kanadische Sommer lang. Bis seine Überreste auf den Grund des Patricia Lake sanken, wo sie noch heute liegen.