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| Innocentius, Papa 402-417 - Briefe

Briefe
29. Brief 5 africanischer Bischöfe an den P. Innocentius v. J. 416
15. Inwiefern man sagen könne, daß der Mensch wenn er wolle, ohne Sünde sein könne.
Ihre weitere Behauptung aber, daß der Mensch ohne Sünde sein und die göttlichen Gebote leicht beobachten könne, wenn er wolle, scheint zwar erträglicher, weil es heißt, es geschehe Dieß durch die Hilfe der Gnade, welche durch die Menschwerdung seines eingeborenen (Sohnes) geoffenbart und gespendet worden; weil man jedoch nicht mit Unrecht die Frage aufwerfen kann, wo und wann Dieß durch dieselbe Gnade in uns bewirkt werde, daß wir gänzlich ohne irgend eine Sünde seien, ob in diesem Leben, wo das Fleisch gegen den Geist gelüstet,1 oder aber in jenem, wann das Wort der Schrift erfüllt wird:2 „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Des Todes Stachel nemlich ist die Sünde," muß man diesen Satz genauer untersuchen um einiger Anderen willen, welche meinten und in ihren Schreiben es hinterließen, der Mensch könne auch in diesem Leben ohne Sünde sein, zwar nicht vom Anfange seiner Geburt an, sondern durch die Bekehrung von den Sünden zur Gerechtigkeit und von dem bösen Wandel zu einem guten Leben. So nemlich verstanden sie, was von Zacharias und Elisabeth geschrieben ist:3 „daß sie in allen Satzungen des Herrn wandelten ohne Klage." Den Ausdruck „ohne Klage" nahmen sie für „ohne Sünde," allerdings ohne zu leugnen, vielmehr, wie es an anderen Stellen [S. 155] ihrer Schreiben zu finden ist, unter dem gottesfürchtigen Bekenntnisse, der Hilfe der Gnade unseres Herrn, nicht durch den natürlichen Geist des Menschen, sondern durch die Kraft des Geistes Gottes. Sie scheinen jedoch nicht genug erwogen zu haben, daß Zacharias selbst ein Priester war. Alle Priester aber mußten nach dem Gesetze Gottes4 zuerst für ihre Sünden das Opfer darbringen, hernach für die des Volkes. Sowie also wir jetzt durch das Opfer des Gebetes5 überführt werden, daß wir nicht ohne Sünde sind, weil wir beten müssen: „Vergieb uns unsere Schulden," so wurden damals die Priester durch die Opfer der Schlachtthiere überführt, daß sie nicht ohne Sünde seien, da sie ja für ihre Sünden opfern mußten. Verhält es sich nun so, daß wir durch die Gnade des Erlösers in diesem Leben zwar vorwärts schreiten, indem die Begierde abnimmt, die Liebe sich mehret, vollendet jedoch werden in jenem Leben, wo die Begierde erloschen, die Liebe erfüllt ist, dann ist sicher das Wort der Schrift:6 „Wer aus Gott geboren ist, sündiget nicht," mit Bezug auf die Liebe selbst gesagt, die allein nicht sündigt. Denn zur Geburt aus Gott gehört die Liebe, welche vermehrt und vollendet werden muß, nicht die Begierde, welche zwar vermindert und getilgt werden muß, dennoch aber, so lange sie in unseren Gliedern ist, durch ein gewisses ihr eigenthümliches Gesetz dem Gesetze des Geistes widerstreitet.7 Wer aber aus Gott geborren ist und ihren Gelüsten nicht gehorcht und seine Glieder nicht der Sünde als Waffen der Ungerechtigkeit ausliefert,8 der kann fagen:9 „Nicht ich wirke das, sondern die in mir wohnende Sünde."
1: Gal. 5, 17.
2: I. Cor. 15, 55.
3: Luk. 1, 6.
4: Levit. 9, 7 und Hebr. 7, 27.
5: Orationis sacrificium ist das von Anfang an mit der eucharistischen Opferfeier verbundene Gebet des Herrn; vgl. Tert de orat. 19.
6: I. Joh. 3, 9.
7: Röm. 7, 20.
8: Röm. 6, 13.
9: Röm. 7, 20.