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Was bedeutet es, selbstbestimmte Projekte in BG zu benoten?
Erkenntnisse aus den Gesprächen
Die Notengebung wird von den Lehrpersonen durchwegs als Zwang wahrgenommen. Weil viele von den Schüler*innen nicht kontrollierbare Faktoren in die Benotung mit einfliessen (wie die Entwicklungsphase oder die Beziehung zur Lehrperson), wird ihre Legitimität in Frage gestellt. Noten können ausserdem nur Messbares bezeichnen und so der Entwicklung eines Menschen nicht gerecht werden. Weil freie Arbeiten schwer zu vergleichen sind, stellt sich die Frage nach klaren und umfassenden Bewertungskriterien. Wer freie Arbeiten benoten will, muss mit einem viel grösseren Aufwand rechnen als bei der Beurteilung und Benotung von Arbeiten mit direkt vergleichbaren Resultaten. Ausserdem besteht ein grundsätzlicher Widerspruch zwischen dem Ansporn, sich an eigenen künstlerischen Interessen zu orientieren, und sich doch einem vorgegebenen Kriterienkatalog unterzuordnen – ein Zielkonflikt zwischen dem System Staatsschule und künstlerischen Projekten.
Fünf mögliche Lösungen kommen zur Sprache: auf freie Projekte zu verzichten; die Trennung von weniger freien Aufgaben, die benotet werden, und freien Projekten, die nicht benotet werden; die Freiheit der Projekte zugunsten einfacherer Vergleichbarkeit und kleinerem Benotungsaufwand anzupassen; mithilfe von Selbstbewertungsbögen die Note verständlicher zu machen bzw. zu rechtfertigen; die Notengebung nicht ernst zu nehmen.
Kontextualisierung der Aussagen
Die Ablehnung des Notenzwangs in BG ist in der kunstpädagogischen Literatur verbreitet. Pierangelo Maset bezeichnet die «Techniken des Controllings» und «totale Messbarkeit und totales Kontrollbegehren» im künstlerischen Bereich als fatal, weil sie entscheidende Dimensionen ausblendet (vgl. Maset, 2012, S.18). Für die Kultur der Kontrolle seien «die messbaren, zählbaren und konsumierbaren Einheiten wichtiger als soziales Verhalten und ästhetische Wahrnehmungen. Wer gegen diese Entwicklungen etwas ausrichten möchte, muss an der Mentalität der Lehrperson anknüpfen, denn diese ist es, die die mögliche Differenz zum allgemeinen Groben via Bildung hervorbringen kann.» (ebd., S. 12) Michael Wimmer schreibt in seinem Text «Lehren und Bildung», die gegenwärtigen Bildungsreformen verringerten «die Spielräume bildender Erfahrungsmöglichkeiten in Bildungsinstitutionen. Durch Bildungsstandards, Zielvorgaben, Prüfungen, Kontrollen, Evaluationen, Dokumentationspflichten, etc. werden alle Momente ausgeblendet, die sich nicht eindeutig identifizieren, messen, skalieren, standardisieren und in kategoriale Raster eintragen lassen.» (Pazzini, 2010, S. 28) Von Josef Albers wissen wir, dass er am Black Mountain College keine Noten gab, und dass er sich auch als Gastprofessor in Harvard weigerte, Noten zu geben, weil er davon überzeugt war, dass Talent in jungen Jahren und ohne tiefe Kenntnis der Person nicht bewertet werden kann (vgl. Blume, 2015, S. 74ff). Christine Heil generiert in ihren Unterrichtsszenarien an der gymnasialen Oberstufe gerade aus dem Fehlen einer konkreten Aufgabenstellung und eindeutiger Wertmaßstäbe den nötigen Freiraum für das Finden eigener Themen (vgl. Blohm, 2005, S. 229ff und Blohm, 2002, S. 233).
Beiträge, die sich mit der Möglichkeit zur Notengebung selbstbestimmter Projekte auseinandergesetzt haben, habe ich nur wenige gefunden. Helga Kämpf-Jansen hält es grundsätzlich «für relativ unproblematisch, für dreiunddreißig einzelne ästhetische Forschungen […] ein Urteil zu finden»: «Sie sind potenziell alle AnwärterInnen auf gute Noten, weil sie hoch motiviert sind und in der Regel weit über den Unterricht hinaus forschen und arbeiten.» (Kämpf-Jansen, 2012, S. 265) Aber klar ist, um die Wirkung innovativen gestalterischen Unterrichts zu bewerten, «müssten gängige und leicht handhabbare Testinstrumente in die Ecke gestellt werden und neuen, komplexeren und qualitativ ausgerichteten Standards weichen» (Billmayer, 2009, S. 165). Lars Lindström schlägt vor, die kreativen Fähigkeiten beliebiger Aufgabenstellungen mit den immer gleichen acht Kriterien zu bewerten (vgl. Niehoff, 2007, S. 162ff.). Das Ergebnis wird mit den drei Kriterien Erkennbarkeit der Absicht, Farbe/Form/Komposition und handwerkliches Können bewertet. Besonderen Wert legt er auf die vier «Prozesskriterien» Erkundendes Arbeiten, Ideenreichtum, Fähigkeit, Vorlagen zu verwenden und Fähigkeit zur Selbsteinschätzung (vgl. auch Lindström, 2017). Als achtes Kriterium nennt er eine Gesamtbeurteilung.
Meine Haltung
Die disziplinierende Wirkung von Noten kam erstaunlicherweise in keinem der Gespräche zur Sprache. Ich würde annehmen, dass diese Funktion im Alltag der Lehrperson eine unterbewusste, aber wichtige Bedeutung hat. Genau in dieser Position liegt aber auch ihr destruktives Potenzial, wenn das Ziel im uneingeschränkten Entdecken eigener Wege liegt – ganz gleich, welche Kriterien angewandt werden. Der einzige Ausweg aus dieser Zwickmühle ist wohl der von Christine Heil, sich der Notengebung zu verweigern. Einen an der Kanti dauerhaft gangbaren Weg sehe ich darin, immer andere, sehr offene Kriterien zu entwickeln, tendenziell gute Noten zu geben und die womöglich hohen Notenschnitte bei der Schulleitung zu rechtfertigen.
Nächstes Gespräch