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Der Überflieger ist planlos: Iouri Podladtchikov erholt sich nur langsam von einer Achillessehnen-Verletzung. Nun lenkt sich an einer Kunstschule in New York ab.
In den besten Jahren galt der Snowboarder Iouri Podladtchikov als unzerstörbar. An Wettkämpfen oder im Training landete er manchmal tief in der Halfpipe, wurde auf den Boden geschmettert. Er verkantete im Schnee und prallte in die Wand. Seine Konkurrenten wurden nach solchen Stürzen auf Schlitten aus der Anlage transportiert, später erhielten sie oft Diagnosen, die sie zu Pausen zwangen. Podladtchikov hingegen stand auf, klopfte sich den Schnee von den Kleidern, fuhr davon und hatte – nichts. Es schien, als könne sich der Olympiasieger von 2014 mit seiner Willenskraft sogar Verletzungen vom Leib halten.
Heute sagt Podladtchikov: «Alles, was ich will, ist snowboarden, ohne Schmerzen zu haben.» Podladtchikov ist nicht mehr der Unzerstörbare. In den letzten zwei Jahren strapazierte er seinen Körper, hatte einen Unfall nach dem anderen. 2017 riss das Kreuzband. Anfang 2018 erlitt er ein Schädel-Hirn-Trauma. Dann sass Podladtchikov mit Bauchschmerzen in der Notfallaufnahme. Die Ärzte teilten ihm mit, dass er wohl an Magenkrebs leide. Der Operationstermin war bereits festgelegt, dann die Entwarnung: Podladtchikov hatte ein stressbedingtes Magengeschwür, keinen Krebs. Er sagt: «Ende 2018 dachte ich, dass ich ein schlimmes Jahr hatte. Doch 2019 wurde noch viel schlimmer.»
Die grösste Herausforderung
Im Februar dieses Jahres riss bei Podladtchikov an den WM die Achillessehne. Zum ersten Mal seit dreizehn Jahren beendete er die Saison ohne einen Podestplatz. Er sagt, diese Verletzung sei die grösste Herausforderung seiner Karriere. «Zum ersten Mal wusste ich nicht, ob ich es zurückschaffen kann.» Podladtchikov, zweifacher Weltmeister, redet in der Vergangenheitsform. Aber man hört heraus, dass er auch jetzt, kurz vor Beginn der neuen Saison, nicht weiss, wie es mit der Sportkarriere weitergeht.
Bisher lösten Verletzungen beim 31-jährigen Podladtchikov Ähnliches aus wie Grossanlässe. Er betrachtete sie als Chance, sich der Welt zu beweisen. Mit unbändigem Ehrgeiz stürzte er sich in die Rehabilitation, wollte zeigen, dass er schneller und stärker zurückkehren kann als alle anderen. Den Kreuzbandriss kurierte Podladtchikov im Rekordtempo. Zwölf Wochen nach der Operation trainierte er in der Halfpipe. Nach dem Schädel-Hirn-Trauma verzichtete er zwar auf die Olympischen Spiele in Pyeongchang, zeigte Monate später aber bereits Sprünge der höchsten Schwierigkeitsstufe.
Dieses Mal jedoch ist es anders. Im April dieses Jahres stand Podladtchikov auf einer Piste in Laax und wollte erste Fahrversuche nach dem Riss der Achillessehne machen. Doch der Snowboarder konnte nicht einmal Kurven fahren, so sehr schmerzte der Fuss. «Ich musste mir eingestehen, dass es dieses Mal nicht so läuft, wie ich es mir vorgestellt hatte. Mit der Achillessehne geht es viel langsamer voran, als ich es gerne hätte.» Für Podladtchikov, den gebürtigen Russen, ist das zermürbend. Sein Erfolg gründet auf seiner Fähigkeit, kurzfristig enorme Kräfte zu mobilisieren, vor allem, wenn er ein konkretes Ziel vor Augen hat. Fleiss und Geduld gehören weniger zu seinen Stärken. Podladtchikov verbrachte schon immer weniger Tage auf dem Schnee als seine Konkurrenten. Ist er jedoch einmal auf dem Berg, dann mit hundertprozentigem Fokus.
So auch im vergangenen September, als er in Saas-Fee einen zweiten Trainingsversuch startete. Podladtchikov sagt, er sei durch die Halfpipe gefahren, als wäre er nie verletzt gewesen. «Aber nach jedem Lauf hatte ich das Gefühl, dass die Sehne gleich wieder reisst. Nach fünf Runden musste ich vor Schmerz abbrechen. Ich musste einsehen, dass ich weit davon entfernt bin, in der üblichen Intensität zu trainieren.» Podladtchikov hätte die Belastung nach und nach steigern können, laut seiner Physiotherapeutin hätte sich der Fuss womöglich daran gewöhnt. Aber Podladtchikov mag keine halben Sachen. Seinen Ehrgeiz zu zügeln, fällt ihm schwer. Deshalb widmete er sich einem anderen Projekt, bei dem er sich voll engagieren konnte.
Podladtchikov zog im Herbst nach New York und begann ein Kunststudium. Am International Center of Photography will er ein Fotografie-Zertifikat machen. Er sagt: «Es war eine gute Entscheidung. Zu sehen, wie die Konkurrenten Fortschritte machen, während ich nach wenigen Läufen wieder vom Berg muss, hätte mich psychisch kaputtgemacht.» Mit dem Umzug nach New York entfernte sich Podladtchikov weiter von der Sportwelt als je zuvor. Erstmals nahmen ihn Mitstudenten und Dozentinnen nicht als Snowboarder und Olympiasieger wahr. «Ich werde behandelt wie alle anderen, es gibt keine Extrawurst. Das ist gesund, aber auch wahnsinnig schwierig. Du merkst, dass du im Leben nichts mehr von dem haben wirst, was du als Snowboarder geleistet hast.» Podladtchikov sagt, er suche diesen Bruch bewusst. Er habe sich auch deshalb für New York entschieden, weil er keine Spezialbehandlung wolle. «Es ist gefährlich, sich zu sehr von früheren Errungenschaften tragen zu lassen. Man packt dann nichts mehr richtig an.»
Lernen an der Kunstschule
In New York wurde Podladtchikov jedoch auch klar, wie sehr er seinen Sport vermisst. Auf Instagram sah er, wie seine Teamkollegen durch die Halfpipe wirbelten, während er dem rigorosen Stundenplan der Kunstschule folgen musste. Er sagt, er habe nur einen Wunsch gehabt: wieder Snowboard zu fahren.
Am Mittwoch starten die Halfpipe-Snowboarder in Copper Mountain im US-Gliedstaat Colorado beim ersten Weltcup der Saison. Die Schweizer Pat Burgener und Jan Scherrer können an einem guten Tag auf das Podest fahren. Podladtchikov wird nicht teilnehmen. Er hat kürzlich das erste Semester an der Kunstschule abgeschlossen und ist in die Schweiz zurückgekehrt. In Laax will er sich dem Wiederaufbau seiner Achillessehne widmen und die Saison vorbereiten. Wenn alles gut geht, nimmt er im Januar am Heimweltcup in Laax teil. Weitere Pläne für den Winter hat er nicht. Podladtchikov sagt: «Der Tag wird kommen, an dem ich das Handtuch werfen muss. Aber solange es geht, will ich tun, was mich glücklich macht.»