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Video-Buchtipp
Der Astronaut
Ich gebe Ihnen jede Woche einen Lesetipp: ein Buch das ebenso intelligent wie unterhaltend ist.
Diese Woche: «Der Astronaut» von Andy Weir.
Hier gibt es die ausführliche Fassung dieses Buchtipps auf Youtube:
Ryland Grace erwacht aus einem Koma. Eine penetrante Stimme fragt ihn, was zwei plus zwei sei. Er schaut an sich hinunter. Er ist nackt, liegt auf einem Bett und trägt eine Atemmaske. Ausserdem ist er mit Elektroden zugepflastert und mit mehr Schläuchen verbunden als er zählen kann.
Die Stimme, sie stammt von einem Computer, fragt ihn immer wieder, was zwei plus zwei sei. Endlich schafft er es, die Antwort zu krächzen: vier! Schon stellt der Computer die nächste Frage: «Was ist die Kubikwurzel von acht?» Auch diese Rechnung kann Ryland Grace lösen. Doch dann stellt der Computer eine Frage, auf die Grace die Antwort nicht geben kann: «Wie heissen Sie?»
Mit der Zeit stellt sich heraus, dass Ryland Grace vier Jahre lang im Koma gelegen hat, betreut nur durch die Arme eines Pflegeroboters. Er befindet sich auf einem Raumschiff, das unterwegs ist zu Tau Ceti, einem Stern, der 11,9 Lichtjahre von der Erde entfernt im Sternbild des Walfisch leuchtet. Wenn Ihnen das etwas sagt. Grace ist nicht alleine auf dem Raumschiff, aber seine beiden Crew-Kameraden sind tot. Sie haben das künstlich induzierte Koma nicht überlebt.
Ryland Grace ist also auf sich alleine gestellt. Und das mit dem grösstmöglichen Auftrag: Er muss die Welt retten. Also die Erde. Unsere Welt. Denn die Sonne ist deutlich schwächer geworden. Wenn das Sonnenlicht weiter abnimmt, droht der Erde eine neue Eiszeit. Der Grund für das Schwächeln der Sonne: Sie ist mit Astrophagen infiziert. Das sind Kleinstlebewesen, die im Weltraum leben und sich von der Energie ernähren, die Sterne wie unsere Sonne absondern – deshalb nennt Grace sie Astrophagen, also Sternenfresser. Offenbar sind die meisten Sterne im Sonnensystem davon betroffen – ausser Tau Ceti. Dieser Stern scheint immun zu sein gegen die sternenfressenden Lebewesen. Also hat die Erdbevölkerung ein Raumschiff, die Hail Mary, mit Technik vollgestopft und auf die Reise zu Tau Ceti geschickt. Der Auftrag: ein Mittel gegen Astrophagen zu finden.
Geschrieben hat die Geschichte der amerikanische Schriftsteller und Programmierer Andy Weir, bekannt für seinen ersten Science Fiction-Roman «Der Marsianer». Dieses Buch wurde von Ridley Scott mit Matt Damon in der Hauptrolle verfilmt. Andy Weir schreibt nicht einfach spannende Geschichten, er erzählt präzise, wie Wissenschaftler im Weltraum vorgehen, wenn sie auf ein Rätsel stossen. Das macht dieses Buch so faszinierend.
Science-Fiction-Literatur zeichnet sich meistens dadurch aus, dass sie viel Fiction und wenig Science enthält – es also mehr um Drama und Gefühle geht als um Forschung und Wissenschaft. Inhaltlich geht es in der Science-Fiction-Literatur um die künftige Entwicklung im Bereich Wissenschaft und Technik, um Zukunftsthemen wir Roboter und natürlich um Raumfahrtthemen. Dabei ist die Liebesgeschichte, der grosse Krieg oder eine anderes, emotionales Thema aber meist wichtiger als Technik und Wissenschaft.
Bei Andy Weir ist das anders. Weir war ursprünglich Softwareentwickler. 2011 veröffentlichte er seinen Debütroman «Der Marsianer»: Mark Watney, der Botaniker und Ingenieur der dritten bemannten Mars-Mission der Nasa, wird nach einem Sandsturm von seinen Kollegen auf dem Mars zurückgelassen, weil er für tot gehalten wird. Doch Watney hat überlebt und muss sich nun alleine in der Raumstation durchschlagen mit dem, was er da findet.
Mit Ryland Grace hat Andy Weir wieder einen einsamen Astronauten erfunden, der auch noch in bester Lonesome-Cowboy-Manier die Welt retten muss. Der Grund sind die Astrophagen. Das sind Kleinstlebewesen, die sich partasitär von Sternen ernähren. Es sind also eine Art Bakterien, die in ihrem Inneren direkt Energie in Masse verwandeln – und umgekehrt. Astrophagen können der Sonne nicht nur extrem viel Energie abziehen, diese Energie lässt sich auch nutzen.
Wissenschaftler schaffen es, die Astrophagen als Energiequelle zu verwenden und damit ein Raumschiff anzutreiben. Wie die Menschen die Astrophagen fanden, wie sie sie erforschten und was dabei alles schief ging, daran erinnert sich Ryland Grace mit der Zeit auf seinem Raumschiff – erzählt sind diese Erinnerungen in Rückblenden.
In der Gegenwart versucht Ryland Grace, sich auf seinem Raumschiff ohne seine Crew-Kameraden zurechtzufinden und seinen Auftrag zu erledigen. Er schafft tatsächlich die Reise zu Tau Ceti – aber er ist da nicht allein. Er trifft auf ein anderes Raumschiff mit einer ausserirdischen Lebensform an Bord. Er findet heraus, dass dieser andere auch der einzige Überlebende einer Mission ist – und dass er denselben Auftrag hat wie er selbst: Herauszufinden, ob es in der Region Tau Ceti ein Gegenmittel gegen Astrophagen gibt.
Die Arbeit im Raumschiff und vor allem die Annäherung an den Ausserirdischen beschreibt Andy Weir präzise. Das ist die Stärke seines Buchs: Er beschreibt, wie ein Wissenschaftler vorgeht, er zeigt, wie er Hypothesen aufstellt und sie falsifiziert, wie er mit den vorhandenen Bordmitteln die anstehenden Probleme zu lösen versucht – das ist wirklich Science Fiction!
Ganz besonders gilt das für die Beschreibung der Begegnung mit der anderen Spezies. Sie stammt von 40 Eridani, einem Sternsystem, das etwa 17 Lichtjahre von uns entfernt ist. Die Eridaner leben in einer Ammoniak-haltigen Atmosphäre, die 29mal dichter ist als die der Erde. Weil es auf ihrem Planeten immer stockfinster ist, haben sie keine Augen entwickelt. Sie orientieren sich per Echolot.
Untereinander kommunizieren die Eridaner mit Tönen. Grace schafft es, sich mit dem Eridaner zu verständigen. Dafür führt er eine Wortliste auf seinem Computer und schreibt mit der Zeit eine Art Übersetzungsprogramm. Die Eridaner sind wissenschaftlich noch nicht so weit wie wir, zum Beispiel kennen sie keine relativistische Physik. Dafür haben sie Materialien wie Xenonit entwickelt, die dem Stahl auf der Erde weit überlegen sind.
So ergänzen sich Ryland Grace und sein Gegenüber, der Eridaner, von dem ich hier nicht zu viel verraten möchte. Die beiden raufen sich zusammen und kämpfen gemeinsam um die Zukunft ihrer beider Planeten. Die Art und Weise, wie sie wissenschaftliche und technische Rätsel lösen, das ist schlicht grossartig erzählt und macht Lust auf Wissenschaft und Raumfahrt. Was will man mehr von einem Science-Fiction-Roman.
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783453321342
Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/
Basel, 16. Juni 2021, Matthias Zehnder
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