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Der Gran Chaco: Besuch in einem der letzten unberührten Trockenwälder
Im Herzen von Südamerika erstreckt sich eine aussergewöhnliche Naturlandschaft, die über Ländergrenzen hinweg eine ganz eigene Identität aufweist: der Gran Chaco, einer der grössten Trockenwälder der Welt und das zweitgrösste Ökosystem in Südamerika nach dem Amazonas. Der Chaco umfasst Teile von Argentinien, Paraguay und Bolivien sowie zu einem geringen Anteil von Brasilien.
Mit seinem mässig feuchten bis sehr trockenen Klima hat der Chaco im Laufe der Jahrtausende eine ganz spezielle Flora und Fauna entwickelt, und die Region beheimatet heute neben Jaguaren, Pumas und Tapiren auch weltweit einmalige Arten wie das Chaco-Pekari, eine Wildschwein-Art, die vor nicht allzu langer Zeit nur von Fossilienfunden bekannt war.
Die Einwohner des dünn besiedelten Gran Chaco, die ihren Lebensrhythmus den harschen Bedingungen der Trockenwälder anpassen müssen, umfassen Angehörige mehrerer indigener Völker. Es wird vermutet, dass im paraguayischen Bereich des Chaco nach wie vor rund hundert nomadische Ureinwohner ohne Kontakt zur Aussenwelt leben. Charakteristisch ist für den Gran Chaco auch der hohe Anteil an Mennoniten, deren Vorfahren in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von Europa aus nach Paraguay und Argentinien gelangten.
Blutige Geschichte und ungewisse Zukunft
Die Zugehörigkeit der Chaco-Region war nach der Unabhängigkeit der südamerikanischen Staaten lange Zeit umstritten, denn trotz der harschen Lebensbedingungen versprachen Erdölvorkommen und andere in der Region vermutete Bodenschätze beträchtliche Einnahmequellen. Im Jahr 1932 mündeten die Auseinandersetzungen zwischen Paraguay und Bolivien in den dreijährigen Chacokrieg, dessen unvorstellbare Grausamkeit nicht nur den beidseitig verübten Gräueltaten, sondern auch der extremen Trockenheit in weiten Teilen des Chaco zu verdanken war. Der paraguayische National-Schriftsteller Augusto Roa Bastos, der mit 15 Jahren freiwillig Verwundete im Chacokrieg pflegte, widmete dem Krieg und der menschlichen Grausamkeit später einem Grossteil seines literarischen Schaffens.
Nachdem die von Paraguay durchgeführten Ölbohrungen erfolglos blieben, entwickelte sich der Chaco zu einer landwirtschaftlich bedeutenden Region, die bis heute gekennzeichnet ist von grossen Agrarbetrieben und den bäuerlichen Siedlungen der Mennoniten, aber auch von den traditionellen Jagd- und Fischfangmethoden der indigenen Bevölkerung. Konflikte blieben bei so viel ethnischer und wirtschaftlicher Diversität nicht aus, und vor allem die indigenen Einwohner kämpfen bis heute – oft erfolglos – gegen die Übermacht grosser Landbesitzer und illegaler Waldrodungen. Der Lebensraum Gran Chaco ist mittlerweile in mehreren Nationalparks und Naturreservaten geschützt.
Der Gran Chaco und seine Bewohner
Schon im 17. Jahrhundert gelangten die Jesuiten bei ihren Missionierungsversuchen in die unwirtlichen Wälder des Gran Chaco und errichteten im heutigen Argentinien und Paraguay viele ihrer Siedlungen, die heute als Jesuitenreduktionen zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten der Region zählen. Die Missionierungsversuche der Jesuiten konzentrierten sich vor allem auf die südlicheren Regionen am Fluss Paraná, aber auch im Gebiet des Chaco sind einige der Jesuitenreduktionen erhalten, in denen die Jesuiten bis zu ihrer Ausweisung im Jahr 1767 die örtlichen Ureinwohner missionierten, ausbildeten und vor Ausbeutung durch die Europäer bewahrten.
Berühmt ist der Gran Chaco auch für den grossen Anteil an Mennoniten, deren Vorfahren zum Grossteil aus den deutschsprachigen Teilen der ehemaligen Sowjetunion stammen. In den Kolonien Neuland, Fernheim und Menno wird bis heute ein plattdeutscher Dialekt gesprochen, und trotz der Unwirtlichkeit der Region sind die grösstenteils autonomen Mennoniten-Siedlungen heute ein wichtiger Wirtschaftsfaktor im paraguayischen Chaco und tragen wesentlich zu seiner kulturellen Identität bei. Einen Einblick in Kultur, Religion und Lebensweise der Mennoniten bietet das Besucherprogramm der Kolonie Neuland, das die Besucher auch über den Chacokrieg und das Ökosystem des Chaco informiert.
Die meisten der indigenen Einwohner des Chaco gehören der Sprachgruppe der Tupí-Guaraní an, die einst weite Teile Paraguays, den Norden Argentiniens und den Südwesten Brasiliens bestimmte. In den Bereichen der Mennoniten-Kolonien findet seit Längerem auch ein starker interkultureller Austausch zwischen der indigenen und der mennonitischen Bevölkerung statt, in dessen Zuge viele Ureinwohner den plattdeutschen Dialekt der Mennoniten erlernt haben und umgekehrt viele Mennoniten indigene Sprachkenntnisse aufweisen. Dennoch haben sich beide Gruppierungen bis heute weder untereinander noch mit der restlichen Bevölkerung nennenswert vermischt.
Nationalparks im Chaco
Der aussergewöhnliche Lebensraum des Gran Chaco ist in mehreren grossen Nationalparks geschützt und für Besucher zugänglich. Der grösste der paraguayischen Parks ist der Nationalpark Defensores del Chaco, der auf einer Fläche von 720.000 ha nicht nur alle grossen Säugetiere des Chaco beheimatet, sondern auch typische Pflanzen der Region wie die charakteristischen Quebracho- und Flaschenbäume. Der Nationalpark wird bestimmt vom imposanten Cerro León, einer für den Chaco einmaligen Felsformation, die mit 40 km Durchmesser und 600 m Höhe über die flachen Ebenen der Umgebung herausragt. Wenige Kilometer nordwestlich liegt auf bolivianischem Staatsgebiet ausserdem der Nationalpark Chaco Kaa-Lya mit der grössten bekannten Jaguar-Einzelpopulation weltweit.
In Argentinien bietet der Chaco Nationalpark in der gleichnamigen Provinz Chaco einen faszinierenden Einblick in die feuchteren Gebiete des Chaco. Auf einer Fläche von rund 15.000 ha können Besucher auf ausgeschilderten Wegen dichte Urwälder und unberührte Lagunen entdecken, die unter Anderem Pumas, Wildschweinen, Affen und Krokodilen als Lebensraum dienen. Letztere können von den Aussichtspunkten an den Lagunen ebenso wie unzählige Wasservögel in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet werden.
Oberstes Bild: Trockenzone im argentinischen Chaco (Bild: Valerio Pillar / Wikimedia / CC)