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Zu Lebzeiten Wielands galt die Geschichte des Agathon als sein Opus Magnum. So verwundert es nicht, wenn der Autor die Ausgabe letzter Hand seiner Werke mit ihr anheben und sie die ersten drei Bände füllen lässt, ja, sie für diese Ausgabe von 1794 (in der ich sie denn auch gelesen habe) nochmals überarbeitet.
Heute würden wir wohl eher die andere Geschichte, die der Abderiten, in den Rang von Wielands Meisterwerk erheben. Doch die Geschichte des Agathon ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. Sie ist in vielem sogar besser gelungen als die der Abderiten. Die beginnt nämlich als Sammlung von Schnurren und Anekdoten, um in den folgenden Büchern zwar abgeschlossene Stories zu erzählen – aber eben jedes Buch eine in sich abgeschlossene Story. Als Klammer dient Wieland – mehr oder weniger künstlich – die Figur des Demokrit. Und selbst diese Klammer lässt er im letzten Buch weg. Die Geschichte des Agathon ist, was die Story anbelangt, bedeutend besser gemacht, weil konziser.
Der Autor schildert uns das Leben und Leiden des Agathon, eines (zu Beginn des Romans sehr, an dessen Ende auch immer noch recht) jungen Griechen, jüngerer Zeitgenosse des Platon. Das Werk ist ein klassischer Entwicklungsroman, den das Publikum auch rasch als solchen rezipierte, schätzte und als vorbildhaft für das Genre einstufte. Wir lernen Agathon kennen als schwärmerischen Jüngling zu Delphi, erleben mit, wie ihn sein Vater (wieder) entdeckt und er nach Athen kommt, wo er in kürzester Zeit, knapp über 20 Jahre alt, politische Karriere macht. Der wankelmütige Sinn der Athener führt dann allerdings auch zu seinem Sturz. Man konfisziert seine Güter, und verarmt macht sich Agathon auf den Weg nach Samos. Dort trifft er auf Danae, eine ehemalige Hetäre, Schülerin der Aspasia. Agathon vergisst Psyche, seine Jugendliebe, und erlebt mit Danae eine ziemlich heftige Romanze. Eine Intrige des Hippias, eines sophistischen Philosophen, macht, dass Agathon sein Vertrauen in Danae verliert. Er wandert weiter nach Syrakus, wo er beim Tyrannen Dionysius die Nachfolge Platons als philosophisch-politischer Berater einnimmt. Er scheitert ebenso wie sein berühmter Vorgänger und zieht weiter nach Smyrna, zu einem Freund, wo er zu seinem Entzücken sowohl Psyche wie Danae wiederfindet. Psyche ist unterdessen mit seinem Freund verheiratet und entpuppt sich als Agathons Schwester; Danae hat der Liebe gänzlich entsagt und bringt auch Agathon dazu, auf die Liebe (wenigstens zu ihr) zu verzichten. (Wieland gelingt es, dies bedeutend weniger klösterlich darzustellen, als es nun bei mir klingt 😉 !)
Die Geschichte des Agathon schildert also die Entwicklung eines jungen Mannes vom naiven, schwärmenden Jüngling über den enthusiastisch-begeisterten (aber auch ein wenig karriere- und ruhmgeilen) Jungpolitiker, den ein Rückschlag in der Karriere zum Rückzug in ein idyllisches Privatleben verführt, aus dem er aber wiederum durch die Schlechtigkeit der Menschen gerissen wird, um ein zweites Mal im Rampenlicht zu stehen, gewitzter diesmal, weniger begeistert und ruhmsüchtig, aber immer noch zu naiv, um Intrigen widerstehen zu können, schliesslich über den nun die Menschen kennenden und sie zynisch verachtenden Exilanten, bis hin dann zum Entsagenden, der nicht nur die Grenzen der Menschen kennt, sondern auch seine eigenen – und beides in Ruhe und in Frieden mit sich und der Welt akzeptiert. Agathon bleibt tätig für seine Mitmenschen, aber nun in bescheidenerem Rahmen.
Das klingt nun ziemlich oberlehrerhaft, aber so schreibt Wieland natürlich nicht. Seine Sprache ist – wie Giesbert Damaschke einmal sagte – sehr musikalisch. Dazu kommt, dass Wieland im antiken Gewand viele kleine ironische Seitenhiebe gegen die Politiker und Herrscher, gegen die Philosophen, gegen die Männer und gegen die Frauen austeilt, was den Roman zu einem wahren Lesevergnügen macht. Nebenbei entpuppt sich Wieland als ausgezeichneter Kenner der Antike und der antiken Philosophie. Auch will er keineswegs einfach nur unterhalten, sondern verpackt in die Geschichte des Agathon auch sehr ernsthafte Anliegen – und nicht nur platte tagespolitische. Die Lehren, die Aspasia ihrer Meisterschülerin Danae weitergibt, stellen eine höchst erquickliche Mischung dar aus einer Schule der Hetären und feministisch-emanzipatorischen Tipps. Sogar als politischer Roman bzw. Ratgeber für politisch tätig sein Wollende kann das Werk gelesen werden – selbst wenn Wieland zuletzt den auch persönlich geübten Rückzug ins Privatleben zelebriert.
Also eine Lektüre, die – was die Qualität des Sprache betrifft – den Abderiten an die Seite gestellt werden kann; was die Qualität des Plots betrifft, sie sogar übertrifft. Einziger Schwachpunkt bei Wieland ist, dass er die Entwicklung seines Helden nicht in seinen Taten demonstrieren kann, kaum sogar in seinem Denken, sondern, dass er sie dem Leser fast immer in einem auktorialen Exkurs schildern muss, damit dieser versteht, dass Agathon nun wieder einen Schritt weiter gemacht hat. Aber das stört das Lesevergnügen kaum, sind doch diese Exkurse ebenfalls voller ironischer Seitenhiebe – auch gegen den Helden der Geschichte (und gegen deren Leser).