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Andrea Saemann:
Woran erkenne ich Performance in Lenzburg?
Andrea Saemann schreibt im Anschluss an die Performances vom Samstag 24.06.2017 anlässlich von International Performance Art Forward17!, Lenzburg.
Man sollte es hören, meint Dominik Lipp, der Ko-Veranstalter. Wiederholt bietet er mir Essen und Getränke an. Ich bin zufrieden mit meinem Joghurteis, welches ich für fünf Franken im Geschäft beim Tor gefunden hatte. Man sollte es hören, das Alphorn hören, dann wäre abgemacht, solle er mit der Eröffnungsansprache beginnen. Sein roter Porsche, sein mit Streifen bunt-bemalter Kunst-Porsche, steht vor der Tür zum Raum, zur Basisstation des Events. Auch den Rucksack könne ich dort deponieren. Zwei Frauen würden sich abwechseln und vor Ort präsent bleiben. Lenzburg ist wie Laufen. Ein Tor gibt Einlass. Die Gasse dahinter versammelt die repräsentativen Gebäude. Das Amt welches die Metzgerei welche den Schlachthof ebenda abgelöst hatte, ist längst ausgezogen. Räume werden vermietet oder nicht. Am Samstag um 16 Uhr sind die meisten Geschäfte geschlossen.
Ich werde aktiv, laufe zur Gasse und höre es, das Alphorn und dann auch den König, der mit seinem Stock Lärm macht und stolziert wie ein Soldat. Vom Tor her die Gasse runter und an den Cafebesuchern vorbei. Dies wird die Aktionsachse bleiben. Mein Kleid ist knallorange und ich werde es an diesem kurzen Nachmittag mehrere Male die Gasse rauf und runter tragen, die Linie orange einfärben und auffallen, wie die Performer auch.
Claire fragt sich, ob es hier ihrem Gottebueb gefallen würde. Sie möchte ihn so gerne zu den Performances mitnehmen. Er ist zehn Jahre alt und hat ein Asperger Syndrom. Sie selbst ist um die dreissig Jahre alt, vor zwei Jahren hat sie dieselbe Diagnose bekommen. Ob es helfe, die Diagnose zu kennen? frage ich. Die erhalte man erst, wenn die Probleme offensichtlich seien. Die Diagnose wirke eher verunsichernd. Das Erkennen der Emotionalität eines Gesichtsausdrucks sei in einem Test messbar, der habe sie sehr angestrengt. Knapp am unteren Rand der Normalitätsskala. Claire erklärt mir, dass sie die Gegenwart aus Einzelteilen zusammensetze. Sie müsse alle Details kennen, bevor sie zu einem Konzept vorstosse. Normale Menschen würden umgekehrt vorgehen, erst Konzept, dann Einzelheiten. Erst Traktanden, dann Diskussion. Ich würde sagen, eher von oben runter gedacht, als von unten rauf gewachsen. Sie würde wohl lieber die Überschriften unter den Absatz setzen.
Wie erkenne ich Welt?
Woran erkenne ich Performance in Lenzburg?
Auf Claire’s Fotos ist dieses Vorgehen nicht erkennbar, keine Detailversessenheit, gute Situationsbilder. Ein Weitwinkel sitze auf der Kamera und das Konzept sei ihr wichtig. Von links nach rechts: Telefonkabine, Tonabnehmer, Mann, Lautsprecherboxe, leerer Plakatständer, Baum, Mann, Alphorn, Plakatständer mit Werbung. DIY wie in der Steinzeit, ist das beworbene Museumsangebot. Ausserhalb des Weitwinkels, rechts in einer Nische, entdecke ich später die Frauenstatue mit Krug. Standbein Spielbein. Der Mann spürt ihr nach, das grosse offene Alphornende ist sein Gefäss. Dort fliesst es raus und mein Blick zur Skulptur. Ich durchkreuze die Blickachsen der Dokumentaristen, senke keinen Kopf. Ich meine dabei mit meiner Faulheit Spinnennetze zu zerstören und spüre Reste davon an meiner Haut.
Das Stadttor ist tief und eine Fussgängerpassage. Darin steht eine Frau und der Dominik Lipp und die Freundin der Frau mit der analogen Kamera und den Kniestrümpfen und eigentlich, wir alle stehen und schauen. Die Frau auch. Und die Passanten wollen passieren doch die Blicke sind dicht und so bleiben sie stehen. Ausser der Veranstalter geht hin und erklärt ihnen, dass dies Performancekunst sei und sie gerne passieren dürfen also nicht anhalten bräuchten, aber ich stehe und passiere nicht. Die Frau wippt dann mit dem Fuss und dies ist zuviel und deshalb ist sie es die nun dran ist, auf die wir unsere Augen richten aber nicht nur. So sehe ich wie die Passanten uns sehen und dies ist unangenehm. Es ist angenehm den Schwalben beim Fliegen im Himmel zuzuschauen ohne dass ich sehe, wie mich die Mücken sehen, wie ich den Schwalben nachschaue. In Lenzburg bin ich als Zuschauerin ausgestellt. Ich wollte bloss als Zuschauerin kommen, die Passanten haben mich ertappt. Jetzt röten sich die Wolken am Himmel und die Blätter werden schwarz wie Schrift.
Die Frau die mittlerweile eine Performerin ist, zieht das T-Shirt hoch und führt die Hand zum Rücken und sagt, dass sie da eine Stelle habe, an die sie nicht rankomme. Später sagt sie, sie wisse nicht was sie tue, i don’t know what i am doing und ich sage ihr, you are standing. Doch sie sagt, i don’t know what i am doing. Mir scheint sie weiss es wohl und sie sagt dann, ich weiss nicht was ich tue, because i have the feeling that it works. Dann zieht sie das T-Shirt hoch und geht zum Eimer mit dem Blätterzweigbündel und die Leute im Café höre ich sagen, schau jetzt macht sie’s und sie macht es. Sie schlägt sich mit den nassen Zweigen. Ich denke sie geisselt sich und das ist klassisch ist genau wie die Leute es denken was die Performancekünstlerin macht. Dabei denke ich, dass es in der russischen Sauna Birkenäste und nicht Haseln waren und später sagt mir die finnische Künstlerin sie habe tatsächlich im Rupperswiler Wald keine Birken gefunden. «Now it’s enough» war ihr Schlusssatz, «soweit bin ich gekommen, danke» ist meiner.
In meinem Text erwähne ich Dominik Lipp (den freundlichen Veranstalter), Bruno Schlatter (König mit Stock) & Beat Unternährer (Alphorn, Standbein, Spielbein), Lida Nikitin (die finnische Performerin unter dem Stadttorbogen), sowie Claire, deren Namen ich abgeändert hab, die mit mir Teil des Publikums war. Ich wäre auch gerne anonym geblieben.
© Andrea Saemann
geschrieben zu hause am 24.6.2017, 22:22 h
Forward17! International Performance Art
24.Juni 2017, 15 – 17.30h, Lenzburg
veranstaltet von Dominik Lipp und Oliver Ziltener
mit Performances von Mirzlekid / CH, Lida Nikitin / FIN, Marta Kotvica / PL, Francesco Spedicato / I, Bruno Schlatter & Beat Unternährer / CH, Dominik Lipp / CH