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Amiens letztere bereits ausgebildet. Ganz ohne Rest ist freilich auch an ihrem Aeußern (Fig. 281) die Eigentümlichkeit der älteren französischen Bauweise in den neuen Stil noch nicht aufgegangen. Die Anordnung der Teile ist die gleiche, auch hat sich die kräftige Betonung wagerechter Glieder in den Galerien erhalten, doch sind in der Ausgestaltung der Einzelheiten und auch im Innern die gotischen Grundgedanken folgerichtig durchgeführt. Von den auf S. 292 als bezeichnende Schmuckstücke genannten Baugliedern finden wir an den drei Portalen des Unterstockes die Spitzgiebel und an den Pfeilern zahlreiche Fialen.
Das Radfenster ist durch reiches Maßwerk zur sogen. Fensterrose umgewandelt. In der Bogenstellung unter derselben sind wie bei Notre Dame zahlreiche Bildsäulen aufgestellt. Auch die Portale sind sehr reich mit Bildwerken geschmückt. Vollkommener noch wie am Aeußern hat sich im Innern die Umwandlung vollzogen. (S. 281.) Die schlanken Stützen der Gewölberippen steigen von unten auf, nur durch leichte wagerechte Gliederungen, die sich durch das ganze Innere hinziehen, unterbrochen. Das Aufstreben der für den Eindruck maßgebenden Teile ist vollkommen durchgeführt. Die Hauptkirche von Amiens wurde wahrscheinlich im Jahre 1220 begonnen und 1288 bis auf die Türme vollendet.
Hauptkirche zu Rouen. Der «hochgotische» Stil erscheint ausgeprägt in dem Aeußeren der Hauptkirche zu Rouen (Fig. 282). Auffällig ist zunächst die reichere Verwendung der Schmuckformen. Die Portale und Fenster haben sämtlich zierlich durchbrochene Spitzgiebel, so daß z. B. über dem Hauptportal die Giebelfläche in ein Netz zartesten Maßwerks aufgelöst ist. Die Türme haben alle Massigkeit verloren, sie verjüngen sich in zwei Stockwerken, die durch hohe Fenster durchbrochen sind. Zahlreiche Fialen schmücken ihre Pfeiler.
Im Maßwerk der Spitzgiebel und der Bogenfelder zeigt sich eine große Vorliebe für die Verwendung des Kreises als Mittelstück. Der Beginn des Baues fällt in die Zeit bald nach 1207, die Einweihung erfolgte 1280, doch wurden die Schauseite und die Türme erst im 15. Jahrhundert vollendet.
^[Abb.: Fig. 314. Inneres der Domkirche in Perugia.] ¶
Heilige Kapelle zu Paris. Das zierlichste Gebäude französischer Gotik ist die zur Zeit Ludwig des Heiligen entstandene Schloßkapelle zu Paris. Die Abbildung Fig. 283 veranschaulicht die Gliederung von Chor- und Seitenwand, die durch einfache abgestufte und mit Spitztürmchen bekrönte Strebepfeiler bewirkt wird. Die Fenster sind (wohl das früheste Beispiel dieser Art) mit Spitzgiebeln geschmückt. Aeußerst zierlich ist der Dachreiter gebildet, der fast nur aus schlanken Streben und leichtem Maßwerk besteht. Der Bau wurde im Jahre 1843 begonnen und war schon nach acht Jahren vollendet.
Hotel Cluny zu Paris. Die in Fig. 284 und 285 gegebenen Einzelheiten von dem Hotel Cluny zu Paris sollen die Anwendung der kirchlichen Bauformen an weltlichen Bauten zeigen. Der Gedanke des Aufstrebens konnte bei letzteren naturgemäß nicht in dem Maße zum Ausdruck kommen, wie bei Kirchen. Die meisten Formen verlieren deshalb ihre Beziehung zur Baufügung und damit ihre eigentliche Bedeutung, sie werden nur zur Gliederung oder Belebung der Flächen benutzt. Die Thür (Fig. 285) zeigt sogar eine völlige Umwandlung der üblichen Umrahmung.
Hauptkirche zu Antwerpen. Jakobskirche zu Lüttich. Als Beispiele der gotischen Baukunst in den Niederlanden folgen in den Abbildungen Fig. 286-288 drei ihrer hervorragendsten Werke. Die Hauptkirche zu Antwerpen (1352 begonnen) ist der größte gotische Kirchenbau der Niederlande. Während das siebenschiffige Innere von großer Schönheit ist, steht das in Fig. 286 abgebildete Aeußere hinter den bedeutenderen französischen und deutschen Werken zurück. Die Türme sind zu massig und erdrücken fast das Mittelschiff, auch erscheinen die Formen mehr zusammengesucht als frei für den besonderen Zweck erfunden. Begonnen wurde der Bau 1352 mit der Anlage des Chores, doch konnte erst 1422 die Schauseite angefangen werden, der linke Turm erhielt erst im sechzehnten Jahrhundert durch die unschöne Spitze seinen Abschluß. Die Jakobskirche zu Lüttich (Fig. 287) ist weniger des gefälligen Reizes der Formen wegen, als deshalb bemerkenswert, weil sie die Einwirkung der Renaissance auf die Gotik erkennen läßt und diese somit auf ihrer letzten Entwicklungsstufe zeigt.
Rathaus zu Löwen. Für die mannigfachen Mängel der niederländischen Kirchenbauten entschädigt die Schönheit der weltlichen, als deren vorzüglichstes Beispiel ich in Fig. 288 das Rathaus zu Löwen gebe. Die von den kirchlichen Bauten herübergenommenen Formen sind sehr glücklich den bürgerlichen Bedürfnissen angepaßt, die überreiche Ausschmückung geht beinahe schon über das rechte Maß hinaus. Vier vorkragende Ecktürme und die Krönung des Giebels
Fig. 315. Der Dom zu Siena. ¶