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Ferienlektüre 1
Die Graphic Novel-Serie von Marguerite Abouet und Clément Oubrerie
Gesine Krüger
Aya ist die Hauptperson einer wunderbaren sechsteiligen Graphic Novel-Serie von der ivorischen Autorin Marguerite Abouet und dem Pariser Zeichner Clément Oubrerie, die zwischen 2005 und 2010 im französischen Original bei Gallimard in zwei verschiedenen Ausgaben (Collection Folio und Collection Bayou) erschienen ist. Seit 2007 folgten englische und deutsche Fassungen. Die drei ersten Teile auf Deutsch erschienen zunächst bei Carlsen, 2014 hat Reprodukt in zwei Bänden erstmals alle sechs Teile in deutscher Sprache veröffentlicht. Der Übersetzer Kai Wilksen schrieb:
das Personal in ‚Aya‘ […] unterhält sich in einem hinreißenden afrikanischen Französisch, dem man sich in der Übersetzung allenfalls annähern kann (zum ersten und einzigen Mal habe ich bedauert, dass Deutschland so früh seine Kolonien verloren hat…).
Die Klammerbemerkung verdeutlicht, warum Afrikanische Graphic Novels und Comics im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt sind. Trotz aller postkolonialer Spuren fehlt die Verbindung zur afrikanischen Popkultur hier weitgehend – und das ist schade. Wer des Französischen mächtig ist, sollte also unbedingt die Originalausgabe lesen, und wer keine Lust zum Lesen hat, kann sich auch die Verfilmung von 2013 anschauen und anhören, die als bester Animationsfilm für den renommierten französischen Filmpreis César nominiert war. Schon der erste Band von Aya hatte beim Comic-Festival in Angoulême den Preis für das beste Debüt-Album erhalten und war ebenfalls für den amerikanischen Quill Award nominiert. Es handelt sich vermutlich um eine der bekanntesten afrikanischen Graphic Novels.
Woher die ganze Begeisterung? Vielleicht liegt es daran, dass hier eine afrikanische Frau vermeintlich authentische Einblicke gibt – doch darin liegt gar nicht die Stärke der Geschichte. Die Autorin Marguerite Abouet wurde 1971 in Abidjan, der Hauptstadt der Elfenbeinküste geboren, in deren Arbeiterstadtteil Yopougon auch Aya spielt. Mit zwölf Jahren kam sie mit ihrem Bruder nach Frankreich und lebte bei einem Onkel, um hier die Schule zu besuchen. Nach ihrem Abschluss absolvierte sie eine Ausbildung zur Rechtsanwaltsgehilfin und bliebt in Paris. Während ihrer Arbeit in einem Vorort von Paris begann sie damit, Geschichten für junge Erwachsene zu schreiben und erreichte schliesslich mit Aya ihren Durchbruch.
Die Geschichten handeln von einer Clique junger Mädchen im Abidjan der 1970er Jahre, die sich mit Jungs, Eltern und der Schule, mit Romanzen, ungeplanter Schwangerschaft und anderen Problemen und Alltagsdramen herumschlagen. Die Hauptperson bzw. Erzählerin Aya ist das schönste Mädchen in der Nachbarschaft, mag aber kein Kapital aus ihrer Schönheit schlagen, sondern lernt lieber für die Schule und widersetzt sich ihrem Vater, der sie mit dem Sohn seines Chefs verheiraten möchte. Ayas Ziel ist das Medizinstudium, und sie ist genervt von den Liebschaften und Dummheiten ihrer Freundinnen. Alles nicht sonderlich aufregend, aber gerade die Beiläufigkeit der Erzählung macht sie so grossartig. Es werden keinerlei Erwartungen an ein dramatisches afrikanisches Frauenschicksal erfüllt, dabei wird Aya allerdings konsequent aus weiblicher Sicht erzählt, und die jungen Frauen sind ganz selbstverständlich der Mittelpunkt des Coming-of-age-Plots.
Die Geschichten wenden sich klar an ein europäisches Publikum, das zeigen das Vorwort zur kolonialen und postkolonialen Geschichte der Elfenbeinküste und der lustige Anhang mit einem Glossar afrikanischer Begriffe, Rezepten und Anweisungen dazu, wie afrikanische Tücher richtig zu schlingen sind. Dennoch bleiben die Geschichten ganz bei sich. Sie erklären weder ‚Afrika‘ noch ‚afrikanisches Frauenleben‘, sondern folgen den Figuren – insbesondere Aya und ihren Freundinnen Adjoua und Bintou sowie deren Familien – bei ihren alltäglichen Verrichtungen, Problemen, Freuden und Aufgaben. Wenn man bedenkt, wie extrem schwer es afrikanische Themen und insbesondere afrikanischen Kunst, Literatur und Kultur auf dem deutschsprachigen Markt haben, dann ist es umso bemerkenswerter, dass ausgerechnet eine Graphic Novel, die sich zudem ‚nur‘ mit dem Alltag einer kleinen Gruppe junger Frauen in einem Stadtteil von Abidjan beschäftigt, so einen (relativ) grossen Erfolg hatte.
Die mögliche politische Relevanz von Aya zeigt sich bereits im ersten Bild des ersten Bandes. Es werden weder positive noch negative Afrikaklischees bedient: Gezeigt wird ein modernes Afrika der Städte, in dem die Menschen Berufe haben, die Familie am Abend um das TV-Gerät im Wohnzimmer versammelt ist, Hochzeitsfotos auf dem Tisch stehen, Bilder an der Wand hängen und eine Werbekampagne für Bier im Fernsehen läuft. Die Eltern nerven und die Kinder auch. Alles ganz normal. Aya ist keine Stellvertreterin und auch keine Repräsentantin, sondern eine junge Frau mit einem Traum. Wenn es gelingt, Menschen aus Abidjan, aus Bamako oder Accra, aus Keren, Juba oder Kananga zunächst einmal so wahrzunehmen, als Subjekte mit ihrer Biografie, hat diese Bildergeschichte – deren Zeichner auch unbedingt gelobt werden muss – viel bewirkt.
Marguerite Abouet, Clément Oubrerie, Aya, übersetzt von Kai Wilksen, Berlin: Reprodukt 2014.
Marguerite Abouet, Clément Oubrerie, Aya: Leben in Yop City,
Ferienlektüre 2
Susan Sontags Tagebücher, 1964-1980
Sandro Zanetti
Susan Sontag (1933–2004) bleibt als Essayistin, Schriftstellerin und Kritikerin nach wie vor zu entdecken. Was ihre Analysen zur Kultur und Politik auch heute noch so lesenswert macht, ist ihr rückhaltloses Bekenntnis zur Gegenwart – zu ihrer Gegenwart: Je direkter sie sich ihrer Gegenwart zuwendet, desto weniger fern erscheint diese aus heutiger Sicht. Der Wille und das Vermögen, die Gegenwart und die Geschichte dieser Gegenwart nicht nur zu beobachten und zu beschreiben, sondern sich als Teil von ihr zu begreifen, ist kennzeichnend für Sontags Schreiben. Schreiben als Zeitgenossenschaft: das ist das Programm. Sontag folgte dem Anspruch, die Gegenwart durch teilhabende Analyse erkennbar zu machen – auch für künftige Leserinnen und Leser.
In ihren Tagebüchern wird dieser Anspruch am deutlichsten fassbar: Für Sontag gibt es keine Ästhetik, die nicht mit einer bestimmten Ethik verknüpft wäre – und umgekehrt gibt es kein soziales und kein individuelles Leben, das nicht auf Kommunikation und also auf Darstellung und in diesem Sinne auf Ästhetik angewiesen wäre. Die Frage ist nur, auf welche? Welche Form soll das Leben gewinnen, das man führt?
Sontags Tagebücher kreisen unablässig um diese Fragen – und weil sie das so beharrlich, so schonungslos und so detailreich tun, erfährt man in den einzelnen Einträgen nie nur etwas über die Zeit, von der sie berichten, sondern immer auch etwas über die Form und Haltung, mit der Sontag sich selbst im Medium des Schreibens als ‚gegenwärtig‘ zu begreifen versucht: fragend, wahrnehmend, urteilend.
Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr verfasste Sontag Tagebucheinträge. 2008 brachte ihr Sohn David Rieff eine Auswahl der Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1947–1963 (Reborn) heraus. 2012 folgte ein Band mit einer Auswahl der Aufzeichnungen von 1964–1980 (As Consciousness is Harnessed to Flesh). Beide Bände erschienen kurz danach auch in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag.
Als Ferienlektüre empfehlen wir den Band mit den Aufzeichnungen von 1964–1980. Er wurde von Kathrin Razum hervorragend ins Deutsche übersetzt und erhielt den (gegenüber dem englischen Original neuen) Titel Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke. Der Titel ist ein Zitat aus dem Eintrag vom 20. November 1965. Er verdeutlicht das Verfahren, das Sontag ihren Aufzeichnungen als Orientierung zugrunde legt. Das Schreiben erweist sich in diesen Aufzeichnungen als eine Form des Denkens. Am selben Tag notiert Sontag:
Dass ich denke, wirklich denke, kommt nur in zwei Situationen vor:
an der Schreibmaschine oder wenn ich in meinen Notizheften schreibe (Monolog)
wenn ich mich mit jemandem unterhalte (Dialog).
Allerdings handelt es sich auch bei der ersten Situation nicht bloß um einen Monolog, sondern, indem das Schreiben zum Denken anhält und vice versa, um einen wechselseitigen Prozess. Es ist dieser Prozess, der die Lektüre der Tagebuchaufzeichnungen so aufschlussreich macht. Es geht darin nie alleine darum, etwas Gegenwärtiges festzuhalten, sondern darum, das Beschriebene auf seine Grundlagen und möglichen Wirkungen hin zu analysieren: die Geschlechterverhältnisse, das Verhältnis von Ästhetik und Ethik, Sexualität und Macht, Moral und Politik, der Vietnamkrieg. Die Pointe: Nichts wird als alternativlos beschrieben. Oftmals nehmen die Beobachtungen ihren Anlass in ganz persönlichen Erlebnissen, in Zitaten aus Gesprächen, Erinnerungen, Reaktionen. Dazwischen stehen Lektüreprotokolle, Listen mit gesehenen Filmen, Skizzen für mögliche Buch- oder Filmprojekte.
Das Tagebuch ist ein Laboratorium für Gedanken, die noch nicht ausgereift sein müssen, aber weiterverfolgt werden können und sollen. In den besten Momenten überträgt sich das auf die Lektüre. Am ehesten geschieht dies, wenn Sontag selbst in ihren Eintragungen, die sich oftmals um persönliche Unzulänglichkeiten, Verstrickungen und Krisen drehen, nicht versinkt, sondern zu knappen und klaren Formulierungen gelangt, an die man dankbar anknüpfen kann. So wie hier (31. Juli 1973):
Das Problem, richtig erfasst = die Lösung.
Oder hier:
Intellektuelle(r) zu sein heißt, dem grundlegenden Wert der Pluralität sowie dem Recht auf […] kritische Opposition innerhalb der Gesellschaft […] anzuhängen.
Die drei Übel – Misogynie (Sexismus), Antisemitismus und Antiintellektualismus – die ich bekämpfe.
Wenn ich für irgendetwas bin, dann ist es – schlicht und einfach – die Dezentralisierung der Macht.
Sätze also, die sitzen. Und an die Adresse der Kunstliebhaber, Kritiker und Wissenschaftler:
Man hört oft, etwas sei ‚langweilig‘ – als wäre das die maßgebliche Instanz, und Kunstwerke hätten kein Recht, uns zu langweilen.
Kunst hervorheben als Instrument der Analyse (und nicht des Ausdrucks, der Aussage etc.).
Susan Sontag, „Ich schreibe, um herauszufinden, was ich denke“. Tagebücher 1964–1980. Aus dem Amerikanischen von Kathrin Razum, München: Hanser 2013.
Ferienlektüre 3
The man who sold the world. David Bowie und die 1970er Jahre, von Peter Doggett
Philipp Sarasin
Der britische Popmusiker und globale Superstar David Bowie, der am 10. Januar dieses Jahres verstarb, war zweifellos einer der innovativsten und einflussreichsten Künstler im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, und er blieb bis zu seinem letzten, kurz vor dem Tod veröffentlichten Album Black Star kreativ und überraschend. Die wichtigsten Jahre seiner Karriere als Musiker und vielschichtiger Darsteller seiner eigenen Kunstfiguren aber waren die 1970er Jahre. Diese Zeit steht im Mittelpunkt von Peter Doggetts staunenswert kenntnisreichem und schier unerschöpflichem Buch The Man Who Sold the World. David Bowie and the 1970s: Biografie, Werkverzeichnis, Musik- und Kulturgeschichte der 1970er Jahre in einem.
Der junge David Jones, wie Bowie mit bürgerlichem Namen hiess, hatte zwar schon seit der zweiten Hälfte der 1960er Jahre im ‚swinging London‘, das von Moden, Trends und Ideen vibrierte, in verschiedenen Musikformationen und Stilen versucht, ein ‚Star‘ zu werden, aber er blieb bestenfalls eine Hoffnung seiner wechselnden Plattenfirmen. Zwar brachte ihn „Space Oddity“, sein lakonisch-melancholischer Abgesang auf die durch die Mondlandung im Juli 1969 geweckten weltweiten Raumfahrtträume, 1970 auf die vorderen Plätze der Single-Charts und zu ersten TV-Auftritten. Aber noch war er ein blondgelockter Jüngling mit schulterlangem Haar wie viele andere Popmusiker auch, seine nachfolgenden Plattenaufnahmen unterschieden ihn vorerst ebenfalls noch nicht besonders von seinen Konkurrenten.
Was Bowie hingegen bald über alle anderen herausheben sollte, war sein radikaler Bruch mit dem Kult der ‚Authentizität‘, der in der Jugend-, Protest- und Alternativkultur der 1960er und 1970er Jahre zum Synonym für ‚Wahrheit‘ und – so die eher ‚dylaneske‘ ländliche Variante ab dem Ende der 1960er Jahre – ‚gutes Leben‘ wurde. Bowie hingegen wollte keine Wahrheit und schon gar nicht sein ‚wahres Ich‘ zum Ausdruck bringen. Bowie wollte ein Superstar sein, und er hatte viel früher als andere begriffen, was das bedeutete. Der ehemalige Werbegrafik- und Marketinglehrling begann sich als Bühnenfigur zu erfinden – am erfolgreichsten ab 1972 als ‚Ziggy Stardust‘: ein androgyner Alien mit seiner Band, den Spiders from Mars, ein atemberaubend geschminktes Wesen, weder Mann noch Frau, weder Rockstar noch Pierrot, und doch alles gleichzeitig, erotisch und unnahbar, in immer neuen Kostümen, mit rotgefärbten und gestärkten Haaren und einer stilsicheren Stimme.
Für ein solches Konzept gab es zu Beginn der 1970er Jahre nur ein Vorbild: Andy Warhol. Bowie widmete ihm 1971 einen Song und lernte ihn (sowie Lou Reed) kurz danach in New York kennen. Wie für Warhols, so galt auch für Bowies Kunst: sie existiert nur an der Oberfläche, sie ist nur ihre eigene Oberfläche. Doch noch radikaler als bei Warhol ist es bei Bowie in den frühen 1970er Jahren nichts weniger als der eigene Körper, das eigene Leben, das auf diese Weise zum Kunstwerk wird. „Aus seinem Leben ein Kunstwerk machen“: als Michel Foucault 1980 von einer solchen „Ästhetik der Existenz“ sprach, hatte er nur in Worte gefasst, was die Popmusik schon zehn Jahre zuvor begriffen hatte.
Was allerdings (nicht nur) Bowie betrifft, so erwies sich dieses ‚Kunstwerk-Sein‘ als ziemlich anstrengend. Sein unablässiger Kokainkonsum, der ihn – real fassbar in der Kunstfigur des ‚Thin White Duke‘ (1974/175, mit faschistoiden Anklängen) – ziemlich ausbleichte, sein exzessives Leben in Los Angeles in der Mitte der 1970er Jahre und der selbstauferlegte Zwang, immer wieder ein anderer zu sein, trieben ihn 1977 zur Flucht nach West-Berlin. Die graue, isolierte Stadt war für ihn der ideale Ort, um sich wiederum neu zu erfinden – diesmal im Kostüm des Normalgekleideten und kaum noch Geschminkten, der seine Postmoderne schon hinter sich hatte. Aber Bowie blieb auf der Höhe der Zeit: „We can be heroes“ wurde zur Hymne einer Jugend, die die politischen Hoffnungen der Revolutionsjahre längst aufgegeben hatte und eher verzweifelt das private Glück zu suchen begann.
Was nun die Bowie-Monografie von Peter Doggett betrifft, bleibt nur eine Frage: Ist das eine gute Ferienlektüre? Unbedingt! Das Buch beginnt mit einer flüssig geschriebenen biografischen Skizze der frühen Jahre bis 1970, um dann – detailliert – Song für Song zu analysieren. Das tönt zwar abschreckend, ist aber eine wahre Fundgrube voller brillanter kleiner Analysen und detailreicher Geschichten, ergänzt alle paar Seiten durch kurze Essays zu übergreifenden Themen, die die Karriere Bowies mit der Kulturgeschichte der 1970er Jahren verknüpfen. Das alles muss man nicht am Stück lesen, sondern eher Stück für Stück, vielleicht auch gerade in der Reihenfolge, wie man sich Bowies Musik aufs Handy streamen lässt. Danach wissen Sie Vieles, darunter viel wirklich Relevantes über Bowie – und auch viel über die 1970er Jahre: dieses merkwürdige Jahrzehnt, als Kunstfiguren wie David Bowie die Moderne zur Explosion brachten.
Peter Doggett, The Man Who Sold the World. David Bowie and the 1970s, London: Vintage 2012.
Ferienlektüre 4
Eine Reise ins Reich der Insekten: Hugh Raffles gelehrte Insektopädie
Gesine Krüger
Bei der preisgekrönten Insektopädie des Anthropologen und Lateinamerikaexperten Hugh Raffles, der sein Doktorat an der Yale School of Forestry and Environmental Studies abschloss, handelt es sich um ein leicht verrücktes Buch, organisiert in 26 Lemmata von A bis Z, deren einzige Systematik es ist, jedem Buchstaben des Alphabets einen Eintrag zuzuordnen, der wiederum in unterschiedlich viele und unterschiedlich lange Unterkapitel eingeteilt ist. Unter den einzelnen Stichwörtern – von Aether über Fieber/Traum, Juden, Kafka, Lesen bis hin zu Tanzfliegen, Visionen und Yajima-san oder die Sehnsucht und Zen und die Kunst des Ssss… – finden sich Essays und Meditationen, historische Skizzen und entomologische Referate, Beobachtungen und Reflexionen zum Verhältnis Mensch und Insekt und umgekehrt. Geschrieben mit großer Liebe zum Detail – und zu allem möglichen Anderen –, in einer wunderbar ernsthaft-verspielten Sprache und mit umfassender Sachkenntnis verfasst, könnte das Buch selbst Aufnahme in eine Enzyklopädie naturwissenschaftlicher Hochkomik (im Sinne der Neuen Frankfurter Schule) finden. Dort würde es dann neben Charles Darwins verliebten Vögeln („bis der chinesische Gänserich eine der gemeinen Gänse verführte“), der konzentriert lauernden Zecke von Jakob Johann von Uexküll („nicht Maschine, sondern Maschinist“) und natürlich Brehms Thierleben stehen (als „gut gelaunt und urteilsfroh“ bezeichnete Ulrich Greiner den großen Zoologen einmal sehr zu Recht.
Der Eintrag A wie Aether ist Beispiel für einen der historischen Exkurse. Seit den 1930er Jahren versuchten Forscher mit Flugzeugen, unter ihnen Perry A. Glick vom amerikanischen Büro für Entomologie und Pflanzenquarantäne, das Geheimnis der Migration von Insekten zu erforschen, insbesondere um der Baumwollkapselmotte und anderen Motten beizukommen, „die sich durch die natürlichen Ressourcen der Nation hindurchfraßen“ (S. 9). Sie flogen immer höher und fanden immer mehr Insekten. In einer Luftsäule über eineinhalb Quadratmetern Land in Louisiana in einer Höhe zwischen fünfzehn Metern und mehr als vier Kilometern befanden sich je nach Jahreszeit zwischen 25 und 36 Millionen Insekten, unsichtbar für das menschliche Auge.
Halt. Wenn Sie drinnen sind, gehen Sie ans Fenster. Öffnen Sie das Fenster und wenden Sie Ihr Gesicht zum Himmel. All dieser leere Raum, die tiefe Ausdehnung des Äthers, der Himmel hoch über Ihnen. Der Himmel ist voller Insekten, und alle sind sie irgendwohin unterwegs. Jeden Tag, über uns und um uns herum, die kollektive Reise von Milliarden von Lebewesen. (S. 15/16)
Beschäftigt man sich länger mit Entomologie, dann fällt auf, dass Insektenforscher eine ganz eigenartige Mischung aus einer fast schon geheimbündlerischen Faszination und Kennerschaft, echter Sympathie und gnadenlosem Zugriff auf die einzelne Kreatur zeigen. Die Forscher schneiden und betäuben, verpflanzen und lähmen, töten und erwecken zum Leben. Dabei halten sie immer wieder verzückt inne und wenden sich zärtlich, geradezu mütterlich dem hilflosen Exponat unter dem Mikroskop zu. Sehr schön lässt sich dies in den Filmen des Schweizer Insektenforschers Urs Wyss betrachten (Insekten – Unbekannte Welten 1-3), der vergnügt in die Kamera von der Persönlichkeit der Insekten erzählt, während seine Hände weiterhin damit beschäftigt sind, ein Kälteexperiment durchzuführen.
Hugh Raffles bezeichnet Insekten denn auch als Outlaws, und zwar in zweierlei Hinsicht: Sie halten sich nicht an menschliche Gesetze bzw. gelten diese nicht in ihren Parallelwelten, und sie fallen aus dem menschlichen Recht, das sie nicht als Tiere begreift. Sie können beispielsweise so viele Fliegen und Mücken töten, wie Sie möchten und Schmetterlingen die Flügel ausreißen, wenn Ihnen danach ist. Schon bei der kleinsten Maus hört der Spaß allerdings auf (nachzulesen im Kapitel über Crush-Videos). Es fällt schwer, sich Insekten als Tiere zu denken. Sie besitzen ein Exoskelett, kriechen und wimmeln, haben sechs Beine, Auswüchse am Kopf und merkwürdige Augen, aber es gibt schließlich sehr viele, sehr merkwürdige Tiere, die uns doch irgendwie nahekommen. Insekten besitzen allerdings keine Mimik, „no mobile faces“, wie Hugh Raffles sagt. Und mehr noch, sie zeigen keinerlei besonderes Interesse an uns. Keine Furcht, keine Zuneigung, keine Neugierde. Vielleicht liegt darin eine tiefe Kränkung. Und sie haben etwas Unheimliches an sich. Während ihre Panzer und Hüllen sie solide nach außen abschirmen, sind sie im Inneren merkwürdig fluid und verwandeln ihre Gestalt und Lebensweise während der Metamorphose vollständig. Ein ganz anderes Verhältnis allerdings besteht in Japan oder China zu Insekten und reicht von einer mehr als tausend Jahre alten Kultur der Haltung von Grillen als „emotional companions“ zum Kampf und zur Freude an ihrem Gesang bis hin zu den Mangas und Anime, in denen liebenswürdige Hybride aus Menschen und Insekten oder überirdische Insekten auftauchen.
Warum sollte man sich überhaupt für Insekten interessieren? Hier wäre kurz und bündig mit Raffles zu antworten: „We all condition each other’s lives.“ In erschreckender Weise zeigt sich dies im Abschnitt zu Cornelia Hesse-Honeggers Arbeit. Die Zürcher Künstlerin und naturwissenschaftliche Zeichnerin konnte nachweisen, dass selbst schwache Strahlungen in der Nähe von Atomkraftwerken zu grotesken Deformationen bei den von ihr geliebten Blattwanzen führen (auch hier wieder die seltsame Kombination: unter dem Mikroskop eine Wanze, spricht sie vom „Gefühl“ der „Wanzen für bestimmte Situationen“ und ihren „individuellen Unterschieden“).
Das Buch wurde von Judith Schalansky gestaltet, einer Autorin und Buchmacherin, die acht Bände der Reihe Naturkunden im Verlag Matthes & Seitz verantwortet (der Band Raben von Cord Riechelmann ist auch ganz unbedingt zu empfehlen). Der Umschlag aus grünem und blauem Leinen mit eingewobenen Insekten irisiert lila und erinnert an den Panzer eines Käfers. Das Heupferdgrün des Seitenschnitts wird bei den Kapitelzahlen und Überschriften wieder aufgenommen. Und es dient der farblichen Verfremdung der zahlreichen Illustrationen. Es gibt einen kleinen feinen Fußnotenapparat, aber leider keinen Index – wobei sich die Frage stellt, nach welcher Systematik dieser wohl sinnvoll angelegt sein könnte. Dann doch lieber das Buch wieder und wieder zur Hand nehmen und darin blättern und sich über Zufallsfunde freuen… Warum allerdings die Auswahlbibliografie der amerikanischen Originalausgabe von 2010 (Random House) fehlt, bleibt ein Rätsel.