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Anfang September trat nach starken Regenfällen der Jhelum-Fluss über die Ufer und verursachte in Kaschmir, das teils von Indien und teils von Pakistan verwaltet wird, die schwersten Überschwemmungen seit 109 Jahren. Etwa 500 Menschen starben. Mittlerweile weichen die Wassermassen zwar langsam zurück. Doch noch immer sind rund 150 000 Menschen vom Wasser eingeschlossen; sie erhalten kaum Trinkwasser, Nahrung und medizinische Hilfe. Das viele stehende, verschmutzte Wasser könnte in Kürze Seuchen auslösen.
Die lokalen und nationalen Behörden beider Länder sind mit der Situation überfordert – und sie haben trotz klarer, langfristiger Warnungen keine Vorsorge getroffen. Das zeigt sich nicht zuletzt auf indischer Seite. Kurzfristig konnten sich zwar die indische Armee und weitere Sicherheitskräfte mit Rettungsaktionen in Szene setzen und nach eigenen Angaben über 100 000 Menschen retten. Sie sind wegen des jahrzehntealten Konflikts zu Hunderttausenden im Bundesstaat Jammu und Kaschmir stationiert. Doch gibt es Vorwürfe, dass sie sich in Gegenden mit starker separatistischer Tradition kaum sehen liessen; wenn doch, wurden sie zuweilen mit Steinwürfen begrüsst.
Völlig unvorbereitet schienen die Sicherheitskräfte am Fuss des Himalaja zu sein. Sowohl der Polizeichef von Srinagar – der Hauptstadt von Jammu und Kaschmir, die grossteils ebenfalls unter Wasser steht und wo Tausende Flüchtlinge gestrandet sind – als auch der Ministerpräsident des Bundesstaats, Omar Abdullah, versuchten, das offensichtliche Versagen mit dem Zusammenbruch des Telefonnetzes zu entschuldigen.
Das in Delhi publizierte Investigativmagazin «Tehelka» lässt solche Ausreden jedoch nicht gelten. Gemäss mehreren Experten kündigte sich die Überschwemmung über einen längeren Zeitraum an – die Behörden hätten also Warnungen aussprechen und Evakuationen in die Wege leiten können.
Zudem habe 2010 sogar ein interner Behördenbericht vorausgesagt, dass «innerhalb von fünf Jahren» eine massive Flut zu erwarten sei, die «Srinagar komplett überschwemmen» könnte. Die spezialisierte Behörde empfahl, dringend verschiedene Massnahmen zur Flutkontrolle auszuführen. Der Bericht wurde jedoch jahrelang ignoriert, die meisten Massnahmen versandeten irgendwo in der indischen Bürokratie.
Wie schon beim grossen Erdbeben von 2005 liegen viele der betroffenen Häuser in Zonen, in denen eigentlich gar nicht gebaut werden darf. Das Staatsversagen liegt laut «Tehelka» auch darin, solche Gesetze zum Schutz der Bevölkerung nicht durchzusetzen.