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Der erste Anruf bei der Polizei-Hotline des US-Bundesstaates Louisiana klang unaufgeregt. Man wolle nur informieren, dass nach einem Vorfall auf einer Bohrplattform 48 Meilen vor der Küste etwas Öl im Meer entdeckt worden sei, sagte der Mitarbeiter von BP.
«Erwarten Sie, dass dies die Küste von Louisiana beeinträchtigen wird?» wollte der Polizist wissen. «Nein, zurzeit erwarten wir keine Auswirkungen auf die Küste». Tatsächlich hatte gerade die grösste Ölkatastrophe der Geschichte ihren Lauf genommen.
Rund 1500 Meter unter der Wasseroberfläche hatte es einen «Blowout» gegeben: Unkontrolliert schoss Gas durch die Rohre nach oben und brachte die Bohrinsel «Deepwater Horizon» zur Explosion.
In den Eiern von Meeresschildkröten finden Wissenschaftler nach wie vor Spuren von Öl.
Elf Mitarbeiter starben, viele andere konnten sich über Rettungsbote oder den Sprung ins Wasser retten. Die «Deepwater Horizon» sank. Aus mehreren Lecks am Meeresgrund traten in der Folge fast drei Monate lang Unmengen von Rohöl aus.
Versagen von BP und Co.
Hunderttausende Meerestiere und Vögel verendeten im dickflüssigen Öl oder wurden durch die Chemikalien vergiftet, die zur Bekämpfung der Katastrophe eingesetzt wurden.
Bis heute, zehn Jahre nach dem Unglück, leide die Natur unter den Folgen, sagt Sigrid Lüber von der Schweizer Meeresschutz-Organisation OceanCare: «Bei den Delfinen gibt es nach wie vor eine hohe Sterblichkeitsrate der Jungtiere. Und in den Eiern von Meeresschildkröten finden Wissenschaftler nach wie vor Spuren von Öl».
Schlamperei sowie Zeit- und Kostendruck führten damals laut Untersuchungen zum Unglück. Die Aufsicht durch die Behörden war lasch. In der Folge wurden unter Präsident Barack Obama die Auflagen für die Branche verschärft.
Trump verwässert Sicherheitsregeln
Von «dramatischen Verbesserungen» bei den Bohrungen spricht Erik Milito, Präsident des Branchenverbandes der amerikanischen Offshore-Industrie NOIA: «Die Standards bei den Rohren und beim Zement wurden massiv verbessert. Wir haben jetzt gewissermassen mehrere Mauern zwischen der Bohr-Aktivität und der Umwelt».
Laut Milito wurden zudem Milliarden in ein Sicherheits-System investiert, das die Quelle rasch umschliessen könnte, sollte doch wieder etwas passieren.
Auch Bob Deans von der Umwelt-Organisation «Natural Resources Defense Council» betont, seit dem Unglück habe sich einiges verbessert. Doch in den letzten Jahren seien die Auflagen wieder verwässert worden.
Wahres Ausmass der Verschmutzung
Eine Studie der Universität von Miami zeigt: Die Ölverschmutzung durch «Deepwater Horizon» war um rund 30 Prozent höher als bislang angenommen (siehe Karte oben). Grosse Teile des Golfs von Mexiko waren davon betroffen. Die damals geltende Verbotszone für Fischerei deckte grosse Teile der verseuchten Fläche gar nicht ab.
Ursprünglich wurde vor allem mit Satellitenbildern gearbeitet, doch so blieb ein grosser Teil der Verunreinigungen im Unsichtbaren. Eine Vielzahl von mikrobiologischen Messungen, Daten aus Berechnungen von Meeresströmungen sowie Langzeitbeobachtungen von Tier- und Pflanzenwelt ergeben zusammen ein detaillierter und erschreckendes Bild zum wahren Ausmass der Katastrophe.
«Leider hat die Trump-Administration die Vorschriften zur Kontrolle der Öl-Quellen abgeschwächt», sagt Deans.
«Das kommt zum völlig falschen Zeitpunkt. Denn die Industrie peilt gerade immer tiefere Gewässer an. Sie will bei Quellen mit höherem Druck und in schwierigen geologischen Strukturen bohren». Es brauche also strengere Auflagen, nicht eine Abschwächung, erklärt Deans.
In den Aufsichtsbehörden fehlt es an jener Führung, die nötig wäre, um die Sicherheit zu gewährleisten
Zudem hat Präsident Donald Trump linientreue Öl-Lobbyisten mit der Aufsicht über die Bohrplattformen betreut. Der heutige Leiter der Aufsichtsbehörde BSEE führte im Juli 2010 noch eine Demonstration gegen ein Bohr-Moratorium an. Und sein Vorgesetzter David Bernhardt, Chef des Innenministeriums, war zuvor ein einflussreicher Lobbyist der Öl- und Gasindustrie.
«In den Aufsichtsbehörden fehlt es zurzeit an jener Führung, die nötig wäre, um die Sicherheit der Industrie zu gewährleisten, sagt Bob Deans.
Risikoreiche Gratwanderung
Branchenvertreter Milito hingegen begrüsst die Schritte der Trump-Regierung: «Die Unternehmen erhalten mehr Flexibilität, um dank Innovation die besten Wege zu finden, um die Sicherheit zu verbessern».
Für Sigrid Lüber von OceanCare stellen die Bohrplattformen nach wie vor ein zu grosses Risiko dar. Die Öl-Industrie müsse sich aus sensiblen Meeresgegenden fernhalten. Und: «Wir verlangen eine verbindliche Strategie für die Abkehr von fossilen Brennstoffen, so wie es auch das Pariser Klima-Abkommen verlangt.»