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Berliner Zeitung
30. März 1998
Abgeordnete wollen Aufklärung über Kirijenkos Kontakte zu Scientology
Russische Sektenexperten besorgt über möglichen Einfluß des Psycho-Kults auf Jelzins Wunsch-Premier / Tschernomyrdin kündigt Kandidatur an
Von Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck
MOSKAU/NISHNIJ NOWGOROD/BERLIN, 29. März. Der geschäftsführende russische Premierminister Sergej Kirijenko hat nach Angaben von Sektenexperten vor drei Jahren einen einwöchigen Scientology-Kurs in Nishnij Nowgorod besucht. Kirijenko, damals Direktor der "Garantia"-Bank, habe zudem die Führungskräfte des Geldinstituts veranlaßt, ebenfalls Scientology-Seminare zu absolvieren. Kirijenko habe die Kontakte 1995 in einem Gespräch eingeräumt und erklärt, er wolle "damit nun nichts mehr zu tun haben".
Verschiedene Abgeordnete der Duma wollen nach Informationen der "Berliner Zeitung" am kommenden Freitag Kirijenko nach dessen Scientology-Verbindungen fragen, wenn er im russischen Parlament sein Regierungsprogramm vorstellt. Russische und deutsche Sektenexperten äußerten sich besorgt über die früheren Kontakte Kirijenkos zu dem Psychokult, der weltweit politischen Einfluß anstrebe. Es sei möglich, daß die Sekte eine "Fallakte" mit brisanten Informationen über den Premier besitze.
Drohung mit Neuwahlen
Die Kommunisten kündigten am Sonntag an, daß sie Kirijenko nicht unterstützen wollen. Jelzin hat gedroht, die Duma aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen, wenn Kirijenko nicht bestätigt werden sollte. In dieser Frage distanzierte sich der entlassene russische Regierungschef Viktor Tschernomyrdin von Jelzin: "Ich bin kategorisch gegen die Auflösung der Duma."
Kommunistenchef Sjuganow sagte, Jelzin hätte die Duma mit dieser Drohung nicht erpressen sollen. Seine Fraktion werde gegen Kirijenko stimmen, weil es diesem an Erfahrung mangele: "Man kann nicht irgend jemanden als zweiten Mann des Landes unterstützen. Da der Präsident schwer krank ist, kann eine Situation entstehen, in der der Premier die Verantwortung für den Atomkoffer trägt." Sollte der Präsident sein Amt nicht mehr ausüben können, übernimmt laut Verfassung der Regierungschef übergangsweise die Amtsgeschäfte.
Negative Reaktionen
Tschernomyrdin will Nachfolger von Präsident Boris Jelzin werden. In einem Fernsehinterview erklärte Tschernomyrdin, daß er bei der Präsidentenwahl im Jahr 2000 kandidieren wolle. "Ich bin heute bereit, die ganze Verantwortung für das Land zu übernehmen", erklärte Tschernomyrdin der Fernsehstation ORT. Diese Entscheidung sei endgültig. "Ich will nicht im Schatten stehen." Jelzin hatte Tschernomyrdin am vergangenen Montag mit der gesamten Regierung entlassen.
Kommunistenchef Gennadi Sjuganow und der Parlamentschef Gennadi Selesnjow meinten in ersten Reaktionen, Tschernomyrdin werde kein Erfolg beschieden sein. Der Kreml wollte sich zunächst nicht dazu äußern, ob Jelzin den bisherigen Regierungschef als seinen Nachfolger auserkoren hat. Ein Sprecher zeigte sich vielmehr überrascht vom Stil der Ankündigung des Ex-Premiers. Tschernomyrdin hatte bei der letzten Präsidentenwahl 1996 unter anderem aus Loyalität zu Jelzin nicht kandidiert.
Bei den Wahlen wollen nach bisherigen Angaben der Moskauer Bürgermeister Juri Luschkow, der populistische General Alexander Lebed und voraussichtlich auch Kommunistenchef Sjuganow antreten. In Meinungsumfragen liegt Sjuganow an der Spitze.
Kirijenko absolvierte Scientology-Kurs
Frank Nordhausen und Liane v. Billerbeck
Russische Sektenexperten befürchten, daß der künftige Premier erpreßbar sein könnte
NISHNIJ NOWGOROD/BERLIN, 29.März.
Der designierte russische Premier Sergej Kirijenko hat nach Informationen russischer Sektenexperten als Bankdirektor vor drei Jahren einen Scientology-Kurs absolviert und leitende Angestellte angewiesen,
ebenfalls solche Seminare zu besuchen.
Dies erklärten der Sektenfachmann Jewgenij Wolkow aus Nishnij Nowgorod und der Sektenbeauftragte der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau,
Professor Alexander Dworkin, gegenüber der "Berliner Zeitung".
Wolkow ist Psychologie-Dozent an der Universität von Nishnij Nowgorod und lernte den jungen Sergej Kirijenko in den 80er Jahren als Studenten kennen. 1994/95 war Kirijenko Chef der "Garantia"-Bank in der Zwei-Millionen-Metropole."1995 habe ich erfahren,
daß Kirijenko kurz zuvor einen einwöchigen Kurs im Hubbard College of Administration von Nishnij Nowgorod in der Pamirskaja Uliza Nummer 11 absolviert hat",
bezeugt Wolkow, der sich in jener Zeit auf Sektenfragen spezialisiert und an Fortbildungen in Deutschland teilgenommen hatte."Ich erfuhr außerdem,
daß Kirijenko dafür sorgte, daß sich elf bis 15 Führungskräfte der Bank dort auch den scientologischen Seminaren unterzogen." Wolkow sagte der "Berliner Zeitung",
er habe damals umgehend ein Gespräch mit Kirijenko geführt und versucht, ihn über die Gefahren von Scientology aufzuklären.
Daraufhin habe Kirijenko ihm erklärt, ihm habe "die Einfachheit und Klarheit gefallen, die die Scientologen lehren"; ihm sei es darum gegangen,
"daß die Führungskräfte seiner Bank in einer gemeinsamen Sprache kommunizieren können".
Kirijenko habe sich, so Wolkow, bei ihm für die Informationen bedankt."Dann sagte er, daß er damit nichts mehr zu tun haben will."Die Hubbard Colleges of Administration sind weltweit tätige Scientology-Filialen,
um die ominöse "Management-Technologie" des Sektengründers L.Ron Hubbard zu verbreiten und über Seminare Manager und Firmenchefs für die umstrittene Organisation zu gewinnen.
Wenn Kirijenko am Freitag sein Regierungsprogramm im Kreml vorstellt, wollen ihn nach Informationen der "Berliner Zeitung" Abgeordnete der Duma auch über seine Scientology-Kontakte befragen.
Deutsche Sektenexperten reagierten erschrocken auf die Nachricht.
Der Berliner Sektenfachmann Thomas Gandow sagte: "Scientology will die Weltherrschaft.
Kirijenko könnte ein Sicherheitsrisiko sein, denn es ist zu befürchten, daß die Scientologen eine Fallakte über ihn haben und ihn erpressen könnten." Nach Angaben des Moskauer Sektenbeauftragten Alexander Dworkin werden die Kursteilnehmer der Hubbard-Colleges gedrängt,
möglichst schnell "Auditing" zu nehmen, die scientologische "Gehirnwäsche" zwischen Beichte und Verhör; die erlangten Informationen werden in speziellen Akten gesammelt.
Dworkin kennt ein Werbevideo der Scientologen, in dem ein weiterer Regierungsbeamter als "Graduierter" des Hubbard-College von Nischni Nowgorod auftaucht: Michail Teodorowitsch aus dem Stab von Boris Nemzow,
der wiederum bis vor einer Woche noch Erster Vizepremier Rußlands war.
Scientology konzentriert sich seit 1990 darauf, Rußland zu "befreien".
Zehntausende haben bereits Scientology-Kurse besucht.
Mittel zum Zweck sind vor allem die Hubbard-Colleges, die seit Jahren versuchen, die Elite des Landes "auszubilden" und für die scientologische Wirtschaftsorganisation WISE (World Institute of Scientology Enterprises) zu werben.
Laut internen Listen sind über 50 Firmen Banken, Kombinate, Telekommunikationsfirmen Mitglied von WISE; die Sekte brüstet sich auch mit Kontakten zu führenden Militärs und russischen Parteien.
Doch seit 1996 warnen nicht nur Sektenexperten, sondern auch russische Geheimdienste und die Moskauer Generalstaatsanwaltschaft vor dem "gefährlichen Einfluß von Scientology".