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Petra – Die weinende Statue
Es war einmal ein Kaufmann, der hatte eine sehr schöne Tochter. Er umsorgte und behütete sie im Übermass. Auch hatte er Angst, sie eines Tages an einen hübschen Jüngling verlieren zu müssen. Aus Furcht vor diesem Ereignis, liess er sie nicht in der Stadt wohnen, sondern baute ihr extra einen grossen Palast, der ausserhalb der Stadt zu stehen kam. Auch liess er um das grosse Gebäude eine hohe Mauer errichten, deren Pforte mit vielen Schlössern versehen wurde. Da er viel unterwegs war, um seine erfolgreichen Geschäfte mit Weihrauch machen zu können, verschloss er das Eisentor zum Palast sehr sorgfältig und nahm die Schlüssel immer mit sich.
Eines Tages ging der Sohn des Königs seine Stadt besichtigen und entdeckte auf seinem Rundgang das wunderschöne Gebäude ausserhalb der Stadt. Er fragte sich, wem denn dieses zauberhafte Anwesen wohl gehören würde. Verwundert über die grosse Mauer, die das prunkvolle Haus einschloss, wuchs seine Neugier, das Haus etwas näher zu erkunden. Da wurde er denn der Tochter des Kaufmanns gewahr und ihre Schönheit betäubte ihn ganz. Er versuchte verzweifelt mit ihr in Kontakt zu treten, doch allein die Entfernung vom Eisentor bis zu ihrem Zimmerfenster machte es unmöglich. Auch alle Versuche zum Haus zu kommen scheiterten.
Da rief er seinen Diener, der mit ihm war und befahl ihm sofort Schreibmaterial aufzutreiben. Der Diener eilte sofort zum Nachbarshaus und liess sich die notwendigen Geräte aushändigen. Nun konnte der junge Prinz einen Brief schreiben, den er an einem Pfeil befestigte und so in das Haus abschoss. Die Tochter des Kaufmanns suchte sogleich nach dem Pfeil, der vom Prinzen gekonnt durch das offene Fenster in das Innere des Wohnraumes geschossen wurde. Sie las den Brief und sah darin, dass der Prinz von ihrer Schönheit gerührt war und die grösste Sehnsucht fühlte, sie kennen zu lernen. Sie schrieb ihm auch gleich einen Brief, dass sie ihn ebenfalls kennenlernen wollte. Diesen Brief warf sie dann mit einem Stein beschwert über die Mauer retour. Als der Prinz diesen Brief gelesen hatte und daraus ersehen hatte, dass er von ihr geliebt werde, befestigte er einen Schlüssel an einen Pfeil und schoss diesen ebenfalls zum Haus. Dann ging er mit einem freundlichen Abschiedsgruss von dannen.
Die Tochter nahm den Pfeil wieder auf, fand aber diesmal bloss einen Schlüssel daran befestigt, den sie zu sich nahm und ihn an einer Kette um ihren Hals aufbewahrte.
Der Prinz wandte sich daheim an einen der Wesire seines Vaters, erzählte ihm aufrichtig, was ihm begegnet war und dass es ihm aber nicht möglich wäre, ins Haus des Kaufmanns zu gelangen. Jedoch hatte der Prinz bereits eine Idee, wie er trotzdem zu seiner Geliebten vorstossen könnte. So erklärte er dem Wesir den ausgedachten Plan, der dann sogleich ausgeführt wurde.
Der Wesir lies eine Menschen grosse Statue bauen, die im Innern hohl war. Auf der Unterseite der Figur wurde eine kleine Tür eingebaut, die verschlossen werden konnte.
Als dann die Figur bereit stand, half der Wesir dem Prinzen sich im Innern zu verstecken. Dann schloss er die Statue entsprechend ab und liess diese als Anerkennung und Geschenk dem Kaufmann ausliefern. Verwundert nahm dieser die Figur entgegen und freute sich über diese grosse Ehre, die ihm zu Teil wurde. Stolz liess er die neue Errungenschaft in der Eingangshalle seines Hauses platzierten.
Als dann der Kaufmann wieder seinen Geschäften nachging entdeckte seine Tochter des Königs Geschenk in der Eingangshalle. Während sie die schöne Statue so betrachtete, begann diese zu sprechen. Erschrocken wich das junge Geschöpf zurück, erkannte aber sofort die Stimme des Prinzen. Dieser wies sie an, den Boden mit Kissen auszulegen, damit er die Statue zum Fallen bringen könnte, damit sie nicht zertrümmert würde.
Nachdem diese Arbeit verrichtet worden war, brachte der Prinz die Statue zum Fallen und die Kaufmannstochter hatte den direkten Zugang zur Geheimtür der Statue.
So konnte sich das junge Liebespaar in die Arme schliessen. Während des Tages lebten die beiden glücklich und zufrieden zusammen und der Wesir hatte die Aufgabe sich Lügen für den Prinzen auszudenken, da dieser von seinem Vater plötzlich nicht mehr auffindbar war.
Der Kaufmann als Ehrenmann wollte dem König seinen Dank aussprechen und besuchte während einem erfolgreichen Geschäftstag das Schloss des Königs. Als er sich dann für das wundervolle Geschenk bedanken wollte, war der König sehr verwundert. Der Kaufmann witterte sofort einen Verrat und eilte so schnell er konnte nach Hause, wo er auch seine Tochter mit dem Prinzen vorfand. Seine Tochter hatte ihren Vater noch nicht so früh zu Hause erwartet und war über seine plötzliche Anwesenheit überrascht.
Der Kaufmann, ausser sich vor Wut, liess den Prinzen von seiner Dienerschaft festnehmen und wegsperren. Seine Tochter schloss er ihrem Zimmer ein und liess die Tür zusätzlich bewachen. Dann schickte er einen Boten zum König und liess ihm berichten, was sein Sprössling getan hatte. Auch forderte er den König auf, die Statue zu holen, und den Hohlraum, wo sich der Prinz versteckt gehalten hatte, mit Gold aufzufüllen. Sonst würde er seinen Sohn nie mehr wiedersehen.
Gesagt, getan. Die Statue wurde abtransportiert, im Königspalast mit Gold gefüllt und gegen den jungen Prinzen eingetauscht. Doch kurz darauf verschwand der Prinz aus dem Schloss. Niemand hat ihn je wiedergesehen. Man munkelt, dass man in den Schluchten von Petra, wo die Statue heute steht, in der Nacht zur stillen Stunde oft ein Heulen oder eher ein Weinen hört. Vermutungen berichten, dass der Prinz sich damals darin eingeschlossen hätte. Um diese Vermutungen zu belegen versuchte man die Statue zu öffnen. Doch leider blieb es bei den unzähligen Versuchen.
Viele Touristen, die schon in der Nähe der Statue standen, spürten ein plötzlich ein merkwürdiges Kribbeln und Liebesgefühle im Bauch, die sie sich nicht erklären konnten. Die Statue scheint einen Liebeszauber in ihrer Umgebung zu verstreuen. Oder wartet vielleicht der Prinz voller Liebeskummer noch heute auf seine grosse Liebe und weint um sie und lässt alle Besucher daran teilhaben?