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An einem verregneten Freitag vor drei Wochen hatte sie erfahren, dass sie für immer verlassen worden war. Ein Klingelton störte die abendliche Ruhe der Wohnung, einige Worte fielen am anderen Ende der Leitung, zögernd, mit belegter Stimme. In dem Moment verstummte etwas in ihr, etwas störte den Takt, der bis anhin ihr Leben geordnet hatte. Im Dunkeln fand ihr Blick nichts, woran er sich festhalten konnte, glitt ins Weite. Vor ihren Augen verschwammen die Umrisse der Einrichtung, ihre Finger umklammerten den Hörer. Das Schweigen hatte an ihr gezerrt, als hätte es ihr ein Geräusch entreissen wollen.
Der Dampf der heissen Getränke waberte zur Decke und blieb als durchsichtiger Dunst über den Köpfen der Hotelgäste hängen. Sie sass in einer Ecke, von wo sie das ganze Café, das zum Hotel hinter dem Bahnhof gehörte, beobachten konnte, vor sich eine Tasse Kaffee und ein angebissenes Croissant. Buttrige Brösel klebten an ihren Fingerspitzen. Rechts neben dem Bartresen stand ein Klavier, der Pianist spielte Jazz, der irgendwie porös klang. Ein Paar betrat das Café und der Luftzug von draussen durchmischte den Dunst aus Atem, Kaffeedampf und Musik mit dem Geruch von Schnee. Sie zog sich den Schal enger um den Hals. Es war kalt geworden, seit sie in den Zug gestiegen und hierhergefahren war. Ihr Blick folgte den beiden, wie sie sich Hand in Hand durch das Labyrinth aus Stühlen, Tischen, Mänteln, Tüten schlängelten. Sie trank einen Schluck Kaffee.
In der Nacht wachte sie frierend auf. Das Fenster stand offen, die Vorhänge flatterten im Wind. Schneekristalle wehten ins Zimmer. Sie trat ans Fenster und blickte auf die nackten Gleise, die wie ein Gerippe aus Stahl dalagen. Die kalte Luft brannte in der Lunge. Ein Zug ratterte über die vereisten Schienen, verliess den Bahnhof, die kleine Stadt.
Sie öffnete die Zimmertür, tastete nach dem Geländer, stieg im Halbdunkeln die gewundene Treppe hinab. Das Holz knarzte gedämpft unter dem Teppichläufer.
Das Café hatte den Tag abgestreift wie ein Arbeiter seine Schuhe, aber in den Zimmerecken klebte noch Geplauder, es roch nach Pfefferminztee und Kandiszucker. Der Schein der Strassenlaternen spiegelte sich auf dem glänzenden Metall der Kaffeemaschine. Die Stühle lagen verkehrt herum auf den Tischen, die geschwungenen Beine ragten in die Luft, warfen lange Schatten auf den Parkettboden. Sie setzte sich auf den Hocker vor dem Klavier und klappte den Deckel auf. Zögerlich drückte sie eine Taste. Die Stille bekam einen Sprung. Regungslos sass sie in der grauen Schwärze des Cafés, sie schloss die Augen und ihre Gedanken folgten dem Ton, bis der Takt der Stille sie wieder umgab.
Von Elisa Rutschi, G4C