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«Velvet Goldmine» als Musikfilm
Der Film fängt die Stimmung der frühen 70er-Jahre in London ein: Glamrock ist der letzte Schrei in der Rock-/Pop-Welt, T.Rex (
Marc Bolan) und David Bowie die subkulturellen Superstars. Glamrock liegt musikalisch auf einer breiten Skala, die sich von Bubblegum über Boogierock zu Hardrock erstreckt. In die Schweizer Hitparade kommen Acts die eher eine Nähe zum Bubblegum aufweisen: Suzi Quatro, Sweet, Slade oder Mud. Zur Terminologie: «Glam» und «Glitter» sind fast austauschbare Bezeichnungen, allerdings gibt es Bedeutungsnuancen, die mitschwingen, wenn man den einen oder anderen Begriff verwendet: In Amerika wurde die Musik als «Glitterrock» bezeichnet, in Grossbritannien als «Glamrock». Mit der Bezeichnung «Glitter» schwingt eine musikalische Geringschätzung mit. Der Begriff ist eine Zuschreibung von aussen.
«Velvet Goldmine» ist eine soziokulturelle Studie
Aus heutiger Sicht wird Glam (wie die späteren Disco und Punk) als soziokulturelle Innovation thematisiert. Glamrock und Disco waren Boten einer neuen Zeit und eines anderen Geschlechterverständnisses. Rock ist eine Musik von Hetero-Männern für solche und für Heterofrauen, die diese Männer anhimmelten. Glam brachte eine neue Sinnlichkeit voller LGBT-Sensibilität ins Spiel. In England wurde die Homosexualität erst 1967 entkriminalisiert. Hier entlud sich eine soziale Spannung (wie etwa in Spanien nach dem Franco-Regime).
Heute lebt die LGBT-Kultur zum Beispiel im amerikanischen Untergrund-Hip-Hop fort, wo sich QTPOCs (Queer and Transgender People of Color) an ihren Vogue-Veranstaltungen etwas Ähnliches wie die damalige Glamszene zelebrieren. Auch im Alternative-R'n'B lebt Glam fort: ein paar Namen sollen genügen: Frank Ocean, Blood Orange, Kaytranada, Angel Haze oder Zebra Katz.
Im Film kommt Little Richard vor. Der Rock’n’Roller war schwarz und schwul. Damit ist er einer der Stammväter der LGBT-Kultur.
«Velvet Goldmine» ist eine Studie über Glamrock
Die Macher von Glamrock kamen typischerweise aus der Psychedelicrock-Szene, wo man sich schon fantasiereich gekleidet und das Outsider-Sein zelebriert hat. Im Film werden als weitere kulturelle Einflüsse die Mods und die britische Music Hall thematisiert. Music Hall ist Cabaret-/Revue-Unterhaltung, die sich im UK bis spät ins 20. Jahrhundert erhalten hat.
Paul McCartney war davon beeinflusst,
Ray Davies von den Kinks und viele mehr. Die Mods waren eine Jugendbewegung, die Rhythm ‘n’ Blues gehört hat, ihre Anhänger haben Amphetamine geschluckt und sich geschnmackvoll gekleidet, um sich von Normalos abzuheben. Mods hatten ein Selbstverständnis wie es der Bildungsbürger hat, der in die Oper geht und überzeugt ist, dass diese Musik die Spitze der musikalischen Entwicklung ist.
«Velvet Goldmine» ist eine fiktive Biografie von David Bowie
David Bowie brachte im Sommer 1972 eines der besten Alben der Rock und Popgeschichte heraus, eines von vielen Meisterwerken: The Rise And Fall Of Ziggy Stardust And The Spiders From Mars. «Ziggy» war ein Konzeptalbum, bei dem es um eine Band geht, deren Frontmann ein bisexueller Alien ist.
Bowie tourte das Album ein Jahr lang. Auf Wikipedia kann man die ellenlange Liste sehen, wann er wo mit seiner Show auftrat. Am 3. Juli 1973 war das letzte Konzert im Londoner Hammersmith Odeon. Mick Jagger & Bianca, Paul McCartney und Linda, Lou Reed und Barbra Streisand waren im Publikum.
Bowie beendete die Show mit den berühmt gewordenen Worten: «Not only is this the last show of the tour, but it's the last show we'll ever do». Die Fans warne geschockt. War das das Ende von
David Bowie? Dieses Ereignis ist auch der Einsatzpunkt der Story im Film. Hier wird der Star, Brian Slade, erschossen. (Ein Hinweis wie der Film funktioniert: Brian Slade - «Slade» ist ein Bandname - so ist im Film alles mit Anspielungen gespickt).
«Velvet Goldmine» ist nicht nur eine fiktive Biografie von David Bowie
Die Biografien von Bowie, Lou Reed, Iggy Pop (im Film Curd Wild - er sieht aus wie Curd Cobain von Nirvana) sind wie Folien übereinander gelegt. Die Story mit der Elektroschocktherapie ist der Biografie von Lou Reed entnommen, der als junger Mann damit behandelt wurde. Der Film macht einen Gag daraus: Die Therapie nützte nichts, um aus dem komischen jungen Mann eine Stütze der Gesellschaft zu machen, im Gegenteil. Aber seit der Therapie wird er zittrig, wenn er dem Klang elektrischer Gitarren ausgesetzt wird.
«Velvet Goldmine» ist ein postmoderner Film
Die Postmoderne kam in der Populärkultur nach Punk, als 1978 auf. Die Erzählzeit im Film ist 1984. Postmodern ist Kunst, wenn sie zitiert, wenn sie Stücke aus der Tradition nimmt (Sampling) und sie neu zusammensetzt (Mashup). «Velvet Goldmine» ist das Paradebeispiel eines Mashups. Kenner/innen geniessen die Anspielungen à gogo, die anderen sehen einen Kostümfilm.
«Velvet Goldmine» als Kostümfest
Sandy Powell erhielt eine Auszeichnung für ihr Kostümdesign und wurde für einen Academy Award for Best Costume Design nominiert. Der Film ist ein cineastisches Vergnügen, seine Bilder einfach wunderbar.
Der Film thematisiert vor allem Verwandlung
Die Verwandlung ist das Bowie-Thema schlechthin («ch-ch-ch-changes»). Der Popstar als Schauspieler, Pop als Theater, Pop als Antwort auf eine dystopische Welt, Travestie, Drag, Geschlechtsverwandlung (Transgender) und Transsex als ultimative Verwandlung.
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