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50 Jahre Frauenstimmrecht in der Schweiz
Anlässlich des 50-Jahr-Jubiliäums des Frauenstimm- und Wahlrechts greifen In den letzten Tagen und Wochen viele Medien das Thema auf. Im Gemeinderat ergriff die ‚IG Frauen im Gemeinderat‘, eine überparteiliche Gruppe der Parlamentarierinnen, das Wort und machte in einer gemeinsamen Erklärung auf das Jubiläum aufmerksam, zeichnete den steinigen Weg nach, den die Frauen in der Schweiz zurücklegten, um sich ein heute selbstverständliches Recht zu erkämpfen und zog anschliessend Bilanz: Wo stehen wir mit der Gleichberechtigung, wo wurden Erfolge erzielt und wo braucht es noch weitere Schritte, damit Gleichberechtigung nicht nur auf dem Papier stehen bleibt.
Diese Erklärung war – zumindest für einen Parlamentarier aus dem rechten Spektrum – zu viel. Was folgte, war eine persönliche Erklärung der Sorte ‘Mann erklärt Frau die Welt’. Die aus meiner Sicht sehr sachliche Erklärung der IG Frauen, die Einkommensunterschiede, die unterschiedliche Vertretung von Frauen und Männern in Entscheidungsgremien, aber auch die Frage, warum verheiratete Frauen z.B. in der Steuererklärung noch immer als Anhängsel ihres Mannes behandelt werden thematisierte, wurde mit ‘Gejammer’ interpretiert. Die Situation empfand ich als so grotesk, dass ich mir das Lachen nicht verkneifen konnte, was natürlich ganz schlecht ankam.
Die unterschiedliche Interpretation von Inhalten, abhängig davon, ob ein Mann oder eine Frau sie aussprechen, sind übrigens ein Fakt, der in vielen wissenschaftlichen Experimenten aufgezeigt worden ist. Ein Beispiel jüngeren Datums ist dies: Angehenden Personalverantwortlichen wurde die Aufgabe gestellt, eine offene Stelle neu zu besetzen. Sie erhielten eine Reihe Dossiers und kurze Videos, in denen sich Bewerberinnen und Bewerber präsentierten. Zwei dieser Bewerbungen, die einer Frau und die eines Mannes, waren nahezu identisch. Trotzdem kamen schlussendlich alle Teilnehmer*innen zum Schluss, dass der Mann der geeignete Kandidat sei. Von der Leitung dieses Experiments darauf angesprochen, warum man zu diesem Schluss gekommen sei, gab es Voten wie: kompetenter, besseres Dossier, bessere Präsentation. Die Bestürzung unter den Teilnehmenden war gross, als die Dossiers und Videos der beiden Schauspieler*innen miteinander verglichen wurden – und alle sahen, dass sie bis auf Namen und Bild inhaltlich identisch waren.
Was ich damit sagen will: wir alle – auch ich – sind nicht frei von veralteten Rollenbildern und Interpretationsmustern in unseren Köpfen. Wichtig ist, dass wir uns das immer wieder bewusst machen und auch Vertrautes hinterfragen.
Im Nachgang zu der Gemeinderatserklärung gab es auch noch Medienanfragen. Unter anderem wurde ich gefragt, wie ich mir denn erkläre, dass die Schweiz in Bezug auf die Frauenrechte oft im Rückstand sei. Hier zeigt sich für mich, dass sich die späte Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts noch lange nachwirkt: Frauen konnten sich lange Zeit nicht direkt für eigene Anliegen auf politischer Ebene einsetzen und ihre Lebenserfahrungen und -situationen in die Gesetzgebung einbringen. Ein Beispiel: Frauen arbeiten aufgrund ihrer familiären Situation oft Teilzeit, weil sie eigene Kinder betreuen oder ihre Eltern im Alter auf Unterstützung angewiesen sind. Das hat Auswirkungen einerseits auf ihre Karriere, weil Teilzeitmodelle in Kaderfunktionen noch immer die Ausnahme sind und es hat Auswirkungen auf die Altersvorsorge, weil unser Pensionskassenmodell auf ein altes, traditionelles Rollenbild abstellt: es funktioniert bei Vollzeitbeschäftigung; mit Unterbrüchen in der Erwerbstätigkeit und/oder Teilzeitanstellungen steht die Altersvorsorge auf wackligen Beinen.
Für die Zukunft bin ich positiv gestimmt: So hat die Stadt Bern seit Dezember ein mehrheitlich weibliches Parlament und bei der Abstimmung zur Konzerninitiative haben sich junge Frauen überdurchschnittlich beteiligt. Im Gemeinderat haben wir (auf linker Seite viele) kompetente, sehr engagierte Frauen, die ihre Anliegen einbringen und sich auch über die Parteigrenzen hinweg vernetzen, um Mehrheiten für ihre Ideen zu sichern. – Und bereits im Februar 2022 können wir alle dafür sorgen, dass die Vielfalt unserer Gesellschaft besser im lokalen Parlament repräsentiert wird und dort auch weiterhin zukunftsweisende Entscheide getroffen werden, in denen unterschiedliche Lebensrealitäten zum Tragen kommen.