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annabelle: Sabine Gisiger, «The Mies van der Rohes» beleuchtet das Leben des berühmten deutschen Architekten Mies van der Rohe aus der Perspektive der Frauen in seinem Umfeld, allen voran der Tochter Georgia und seiner Frau Ada. Wie sind Sie auf diesen Stoff gestossen?
Sabine Gisiger: Vor vielen Jahren ist mir in einem Berliner Antiquariat die Autobiografie von Georgia van der Rohe in die Hände gefallen. Ich war angetan von ihrem anderen, weiblichen Blick auf die Moderne. In dieser Zeit wurde vieles in Frage gestellt: Wie soll man leben? Wie soll man lieben? Wie wichtig ist Freiheit? Diese Fragen haben sich Frauen anders gestellt als Männer. Ausserdem interessierte mich die psychologische Dimension der Geschichte, die starke Bezogenheit von Georgia auf ihren berühmten, aber über weite Teile ihres Lebens abwesenden Vater.
Sie fassten gleich den Entschluss, einen Film zu drehen?
Ich wollte Georgia van der Rohe in Berlin Zehlendorf besuchen, wo sie lebte. Aber mein Leben verlief anders, es ergaben sich andere Filme und Projekte. Als ich dann 2008 erfuhr, dass Georgia gestorben war, habe ich mich erst einmal sehr geärgert. Aber weil mich das Thema Jahre später immer noch nicht losliess, begann ich die Recherche.
Im Film wird Georgia van der Rohe von der grossartigen Katharina Thalbach gespielt. Warum haben Sie den Dokumentarfilm, der sonst aus Archivmaterial, Fotos und Dokumenten besteht, mit Spielfilmsequenzen angereichert?
Es ist oft so, dass man vor einem Problem steht, wenn man nicht History erzählen möchte, sondern eben «HerStory». Es gibt wenige Dokumente, kaum Interviews, wenig Zeitungsartikel. Ich hatte zwar Fotos, die Briefe und historisches Filmmaterial. Aber ich wollte, dass man zur Hauptprotagonistin eine Beziehung aufbauen kann. So bin ich auf die befreiende Idee gekommen, dass ich das Interview, das ich so doof verpasst hatte, einfach fiktiv nachholen könnte. Zu meiner Freude sagten meine Wunschkandidatinnen Katharina Thalbach und deren Tochter, welche die junge Georgia van der Rohe spielt, spontan zu.
Der Film besteht zu grossen Teilen aus bestechend schönen Tanzszenen aus jener Zeit.
Ja! Vor der Heirat mit Mies van der Rohe lebte Georgias Mutter Ada in einer Frauen-WG in Hellerau ausserhalb von Dresden. In dieser 1912 von einem Schweizer gegründeten Reformstadt sollten neue Lebensformen ausprobiert werden. Mit Ada wohnte dort auch Mary Wigman, die später als Ausdruckstänzerin und Choreographin internationale Berühmtheit erlangen sollte und Adas Tochter Georgia dazu inspirierte, selbst Tänzerin zu werden. In den Kursen der Rhythmischen Gymnastik legten die Frauen ihre Korsetts ab und lernten einen neuen Umgang mit ihren Körpern. Die Bilder sind also auch Zeugnisse dieser frühen Emanzipationsbewegung der Frauen.
«The Mies van der Rohes» erinnert auch daran, dass die Emanzipationsgeschichte von Frauen keinen linearen Verlauf nahm.
Absolut. Das 20. Jahrhundert begann als Aufbruch in die Moderne, dem die Nazizeit ein grausames Ende setzte. Die Weimarer Republik war eine Zeit des Fortschritts, mit den Nationalsozialisten setzte sich dann aber ein traditionelles Frauenbild durch, in dem Frauen in erster Linie dem Mann dienten und als aufopfernde Mütter dem Erhalt der arischen Rasse.
Sie haben mit «Friedrich Dürrenmatt. Eine Liebesgeschichte» schon einmal einen «alten, weissen» Mann porträtiert, in dem sie die Beziehung zu seiner Frau Lotti zum Thema machten. Was reizt Sie an dieser Vorgehensweise?
Simone de Beauvoir sagte einst, dass die Männer nicht nur die Welt dominiert haben, sondern auch unseren Blick auf die Welt. Aber heute kann man diesen Blick korrigieren, um den Blick der Frauen zu erweitern!
«Auch heute halten viele Frauen ihren Männern den Rücken frei, während sie sich dabei selbst verlieren»
Inwiefern ist «The Mies van der Rohes» aktuell?
Nicht unbedingt in politischer Hinsicht, aber die Gefühle, die diese Frauen gegenüber Mies van der Rohe hegten, die Überlegungen, die sie sich zum abwesenden Vater und berühmten Ehemann anstellten, die beobachte ich auch in meinem Umfeld.
Zum Beispiel?
Die Idee etwa, dass ein Genie seine Freiheit braucht, hat nicht nur Ada van der Rohe geteilt, die ist auch heute noch weit verbreitet. Auch heute halten viele Frauen ihren Männern den Rücken frei, während sie sich dabei selbst verlieren. Und noch immer werden Errungenschaften von Frauen nicht anerkannt, weil sie dem Mann an ihrer Seite zugeschrieben werden. So ist es auch Mies van der Rohes späteren Lebenspartnerin Lilly Reich ergangen, deren Möbeldesigns noch heute als Entwürfe von Mies van der Rohe gehandelt werden.
Wenn Sie das verpasste Treffen mit Georgia van der Rohe heute nachholen könnten, was würden Sie sie fragen?
Ich würde sie wahnsinnig gern treffen. Und ich würde gern wissen, ob sie sich wiedererkennt in meinem Film. Es wäre schön, sie würde ja sagen.
«The Mies van der Rohes» von Sabine Gisiger läuft jetzt im Kino.