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«Geteilte
Machtverhältnisse im US-Kongress sind wahrscheinlich.»
In den USA werden am 8. November 2022 435 Abgeordnete im Repräsentantenhaus und 35 der 100 Senatoren im Senat gewählt. In der Vergangenheit stellten die Zwischenwahlen eine grosse Herausforderung für die Partei des amtierenden Präsidenten dar. Mit wenigen Ausnahmen kam es jeweils zu deutlichen Sitzverlusten. Die Demokraten halten momentan eine knappe Mehrheit sowohl im Repräsentantenhaus als auch im Senat. Die Ausgangslage für die Demokraten ist in diesem Jahr allerdings schwierig. Das Wirtschaftsumfeld in den USA schwächt sich ab. Die Konsumentinnen und Konsumenten verlieren an Kaufkraft. Parallel zum Inflationsanstieg sinkt die Zustimmungsrate für Joe Biden. Insbesondere die phasenweise hohen Benzinpreise sorgten für Unmut in der breiten Bevölkerung. Die Republikaner sind auf dem besten Weg dazu, zumindest die Kontrolle über das Repräsentantenhaus zurückzugewinnen. Biden wird voraussichtlich an politischem Einfluss verlieren. Grössere Gesetzesvorhaben können dann nicht mehr ohne weiteres umgesetzt werden.
Neben der Sitzverteilung im Kongress richten sich die Blicke bereits auf die Präsidentschaftswahlen 2024. In zwei Jahren werden die Spitzenkandidaten beider Parteien, Donald Trump und Joe Biden, 78 beziehungsweise 81 Jahre alt sein. Es ist ungewiss, ob einer der beiden in einem so hohen Alter eine weitere vierjährige Amtszeit anstreben wird. US-Präsident Joe Biden wird nach den Zwischenwahlen über eine erneute Kandidatur entscheiden.
Die Entwicklung von US-Aktien in Zwischenwahljahren unterscheidet sich deutlich von anderen Jahren. Im Vorfeld der Zwischenwahlen wiesen Aktien im Durchschnitt eine tiefere Rendite auf. Bis kurz vor den Wahlen entwickelten sich Aktien bei erhöhter Volatilität gewöhnlich seitwärts. In den Wochen nach den Wahlen kam es zu ansteigenden Aktienkursen. Unabhängig davon, wer im Kongress die Mehrheit hatte.
Das aktuelle Umfeld ist jedoch in vielerlei Hinsicht einzigartig. Wir bezweifeln deshalb, dass sich die historischen Muster am Aktienmarkt in diesem Jahr wiederholen. Das Wirtschaftswachstum und die Geldpolitik sind derzeit wichtige kurzfristige Treiber am Aktienmarkt. Die US-Notenbank strafft ihre Geldpolitik mit einem sehr hohen Tempo. In Kombination mit den geopolitischen Risiken existiert bereits viel Gegenwind für Aktien. Daher sehen wir die Zwischenwahlen für den breiteren Aktienmarkt als unbedeutend an. Einige Sektoren, wie beispielsweise das Gesundheitswesen oder der Finanzsektor könnten empfindlicher auf die Wahlen reagieren, da das Potenzial für regulatorische Reformen in diesen Sektoren grösser ist.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet dies, dass sie über kurzfristige politische Ereignisse hinwegsehen und sich auf die langfristige Entwicklung konzentrieren sollten. Wir empfehlen unverändert eine Investition in ein breit diversifiziertes Portfolio mit einer langfristigen Anlagestrategie.
Roman Bättig, Leiter Macro Research bei der Graubündner Kantonalbank