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Das Grundeinkommen wird oft als Ausgangspunkt eines sozial-ökologischen Wandels hin zu mehr Suffizienz angesehen. Die Gefahr in die neoliberale Falle zu tappen ist jedoch sehr gross. Diskutiert wird diese Problematik anhand grundlegender Menschenbilder.
Noch nie war der Westen so wohlständig, noch nie waren Lebensqualität und Lebenserwartung so hoch und die Wahlfreiheit an Gütern so gross, noch nie lebten wir in grösserem Überfluss! Dem Kapitalismus sei Dank! Der Mensch, der dies zustande gebracht hat, heisst homo oeconomicus und ist im (neo)liberalen Weltbild zu Hause. Er ist ein rationales Wesen. Laut neoliberaler Annahme bedeutet dies, dass er seine Bedürfnisse und Interessen an so genannten relativen Präferenzcodes orientiert, die allgemein besagen: bei gleichen Kosten will ich lieber mehr von Etwas als weniger. Wenn ich gleichviel bezahlen muss, nehme ich lieber zwei Big Macs als nur einen! Der homo oeconomicus folgt dem Verhaltensmuster der Gewinnmaximierung. Den Gewinn (z.B. in Form von Befriedigung durch Konsum (Big Mac), finanziellem Gewinn oder Anerkennung) kann man theoretisch bis ins Unendliche maximieren. Diesem Ideal des Maximums rennt der homo oeconomicus nach. Die Folge ist, dass Interessen und Bedürfnisse nie wirklich befriedigt werden können. Das Menschenbild des homo oeconomicus gewinnt v.a. seit der neoliberalen Wende in den 1980ern wieder an Aktualität. Damals kam im Lichte der Wirtschaftskrise eine neue, neoliberale Riege an die politische Macht, so z.B. Margaret Thatcher in England und Ronald Reagan in den USA.
Seit der Geburt des Kapitalismus hat sich das Verhaltensmuster des homo oeconomicus ausgebreitet. Der technischen Fortschritt, die weltweite Mobilität und die Digitalisierung der Kommunikation erlaubten dem homo oeconomicus das Wirtschaftswachstum weiter anzutreiben und immer höhere ‚Gewinne’ zu erzielen, was zu den erwähnten Annehmlichkeiten führte. Andererseits führte diese wirtschaftliche Globalisierung aber auch zu einer radikalen kapitalistischen Ausbeutung menschlicher und natürlicher Ressourcen. Die Ausbeutung der menschlichen Ressource in extremis zeigt sich im Westen z.B. in Form von prekären Arbeitsverhältnissen, in der Working-Poor-Problematik, im Menschenhandel, Ausbeutung von Sans-Papiers. Im Osten und Süden können Näherinnen, Plantagenarbeiter und Tagelöhner kaum von ihren Einkommen leben oder sind arbeitslos. Armut und ihre negativen Effekte sind die Folge. Auch Stichworte wie moderne Sklaverei, menschenunwürdige Arbeit und Kinderarbeit gehören zur Schattenseite des Kapitalismus.
Auch die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen hat ihre Schattenseite. Der Mensch hat noch nie so nachhaltig in das Regelsystem der Natur eingegriffen: die Zerstörung der Regenwälder, die Klimaerwärmung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe und die massive Verschmutzung von Gewässern haben ihre Spuren hinterlassen. Tropenholz und Öl lassen sich immer noch teuer verkaufen und der Gewässerschutz schmälert die kurzfristigen Gewinne. Eine umweltschädliche Wirtschaftsweise ist nur so konkurrenzfähig, weil die von ihr verursachten Schäden nicht als externe Kosten in die Produktionskosten integriert sind. Erst langsam findet ein Umdenken statt und man beginnt ökologische Nachhaltigkeit ebenso als ‚Gewinn’ zu betrachten.
Das Grundeinkommen als Brechstange
Gibt es nun Möglichkeiten den manischen Eifer des homo oeconomicus nach Maximalgewinn zu durchbrechen? Seit den 1980ern geistert in konjunkturellen Wellen die Idee des Grundeinkommens (GE) im gesamten politischen Spektrum umher. Die Idee des GE ist einfach: Jede Person erhält eine gewisse Summe an Geld, welche ihr eine gesicherte Existenz ermöglichen soll. Entweder ist das GE als Sozialdividende oder als negative Einkommenssteuer konzipiert. Erstere wird bedingungslos allen Bürgern ausbezahlt; aber bereits ab dem ersten Franken Einkommen müssen Steuern bezahlt werden; Gutverdiener zahlen damit ihr GE zurück und finanzieren darüber hinaus das GE.
Im Gegensatz dazu wird die negative Einkommenssteuer sozusagen mit der Steuererklärung ermittelt: bis zu einer gewissen Höhe wird das Erwerbseinkommen automatisch mit Steuermitteln ergänzt; dieses GE soll ein (mehr oder weniger) gutes Überleben ermöglichen. Verdient man «zuviel», muss man Steuern bezahlen und erhält keine negativen Steuern. Im Folgenden geht es vor allem um die Kritik des linken Diskurses über das GE. Sie sieht das GE (als Sozialdividende) als Mittel der Emanzipation des geknechteten Arbeiters. Ein hochangesetztes GE soll nicht nur Existenzsicherung bedeuten, sondern es geht um die Verwirklichung eines Gesellschaftsmodells jenseits des Kapitalismus und der Verhaltensmuster des homo oeconomicus. Diesem Projekt liegt die Idee zugrunde, dass jeder ein tatsächliches Recht auf ein «gutes Leben» hat. Durch ein GE soll der Mensch eine echte Wahl erhalten, wie er sein Leben gestalten und welchen Verhaltensmustern er folgen möchte, und zwar: ohne dass man sich diese Wahl als homo oeconomicus auf dem Markt zuerst verdienen muss. Vor allem ein Menschenbild gewinnt auf diesem Hintergrund an Popularität: der homo sustinens (= der nachhaltige, genügsame Mensch). Mit ihm werden meistens Vorstellungen einer besseren Welt verbunden.
Suffizienz: das lebensrettende Verhaltensmuster?
Der homo sustinens verfolgt ein anderes Verhaltensmuster als der homo oeconomicus: seine Präferenzcodes sind so angelegt, dass seine Interessen und Bedürfnisse bei einem bestimmten Masse erfüllt sind und sich nicht in einer endlosen Spirale weiter nach oben schrauben. Sein Hunger nach ‚Gewinn’ liesse sich mit einem Big Mac stillen. Ein zweites kostenloses Sandwich wäre nicht notwendig, da der homo sustinens schon satt ist. Er isst nicht weiter, nur weil ihm «zwei für eins» angeboten werden (der homo oeconomicus ist hingegen ein Nimmersatt). Er muss nur noch darauf schauen, dass die Erfüllung seiner Bedürfnisse und Interessen auf einem gewissen Niveau stabil bleibt, bzw. dass der Gewinn eine gewisse erreichbare Höhe erklimmt, nicht wieder darunter fällt, aber auch nicht weiter steigt.
Daher liessen sich die Verhaltensmuster des homo sustinens z.B. mit «Suffizienz» und «Streben nach Gleichgewicht» benennen. Unter Suffizienz versteht man allgemein das Bemühen um einen möglichst geringen Ressourcenverbrauch; man kann es auch als Verzicht auf Dinge oder Werte verstehen, die keinen (zusätzlichen) Nutzen bringen. In der Welt des homo sustinens entfällt auch eine übermässige Konkurrenz: Ressourcen sind weniger knapp, wenn deren Ausbeutung nicht unbegrenzt fortgeführt wird, sondern an einer Genügsamkeitsgrenze halt macht. Das rastlose Gewinnstreben und Konkurrenzdenken des homo oeconomicus ist dem homo sustinens fremd.
Hier knüpfen linke Vorstellungen wieder an: das GE soll die Hegemonie des homo oeconomicus durchbrechen und alternative Verhaltensmuster schaffen, v.a. jenes des homo sustinens. Damit werden das GE und der homo sustinens zur Basis für eine bessere, gerechtere, sozialere und vor allem umweltfreundlichere Welt erhoben. Unersättlichkeit und radikale Ausbeutung von Mensch und Natur würde der homo sustinens aufgrund seiner Verhaltensmuster (Suffizienz, Nachhaltigkeit) vermeiden.
Wer gewinnt?
Die Spezialität des GE ist, dass es nicht im Vornherein einen bestimmten Wertekanon vermittelt. Es kann sowohl von konservativen oder progressiven Kräften vereinnahmt werden. Unter den aktuellen Bedingungen ist es stark zu bezweifeln, dass der homo sustinens mittels des GE designierter Nachfolger des homo oeconomicus wird, wie dies in linken Kreisen eine verbreitete Vorstellung ist. Die Bewahrung der gewohnten, neoliberalen Verhaltensorientierung ist momentan viel plausibler. Unsere tief verankerte, kapitalistische (gar neoliberale) (Denk-)Kultur würde deshalb ein emanzipatorisch angelegtes GE in sein Gegenteil verkehren. Die aktuelle Diskussion zeigt, dass Wirtschaftsliberale nur darauf warten, das GE für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Unter den gegebenen Umständen würde das GE deshalb nicht eine Vielfalt alternativer, sozial- und ökoverträglicher Lebensformen bieten, sondern endete als eine Art Aussteigerprämie für den erfolglosen homo oeconomicus: Das Entgegennehmen des GE kommt seinem Eingeständnis gleich, auf dem Markt versagt zu haben; um das Versagen nicht endgültig einzugestehen, versucht er immer wieder auf dem Markt das Gegenteil zu beweisen. Ist nun das emanzipatorische Projekt des GE, das dem homo sustinens eine Chance geben soll, gestorben? Keineswegs. Die vorherrschenden Bedingungen würden zwar jegliche emanzipatorischen Ziele eines GE korrumpieren, aber: «Eine andere Welt ist möglich!» und die Potentiale des GE, auf die sich progressive Kräfte stützen, dürfen trotz allem nicht verkannt werden. Zur Zeit scheint mir aber das GE das falsche Mittel um die erwünschten Ziele zu verwirklichen.
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