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Wie kann man so herzlich bleiben bis ins Alter nach all den Erfahrungen?
Clemente Graff spielte gern Schwyzerörgeli, tanzte und war von offener Art. Dabei war Graff eines der ersten Opfer der Aktion «Kinder der Landstrasse» gewesen. Kurz vor Weihnachten 1926 wurde er als Dreijähriger mit einer Schwester der Familie im Tessin – man lebte damals in einem Rustico – entrissen und zu Klosterfrauen in ein Kinderheim gebracht. Später kam er als Verdingkind nach Mümliswil SO.
Es waren Meldungen über die im Tessin beheimateten Familien Graff, welche die Pro Juventute auf Drängen ihres Mitarbeiters Alfred Siegfried dazu veranlassten, eine Aktion zur «Rettung der Kinder» zu lancieren.
Clemente durchlebte die Institutionen, bis er in die Rekrutenschule ging. Später begann er als Torfstecher. Als eines Tages eine Hausiererin läutete und man ins Gespräch kam, erwies sich, dass sie eine Tante war. So fand er den Vater wieder, der in Ennet-Turgi in einer kleinen Siedlung mit anderen Jenischen wohnte. Die Mutter lernte er einige Jahre später kennen, die beiden wurden aber nicht mehr vertraut miteinander.
«Von da an blieb ich bei meinem Volk», erzählte Clemente schlicht. Er blieb im Wohnwagen, lebte vom Korben und Scherenschleifen und heiratete; neun Kinder sollte das Paar haben. «Zisli Frack» war sein Rufname: «Zisli» nach einem Vorfahren, der Vögel gefangen hatte, Zeisige, und «Frack», weil jener einmal von einem Pfarrer einen guten Anzug erhalten hatte. Die Körbe, die Clemente fertigte, sollen zu den schönsten gehört haben.
Mit Kollegen gründete er als Junger eine «Hawai»-Band und betrieb Anfang der fünfziger Jahre einen der ersten illegalen Radiosender der Schweiz, im Raum Baden.
1956 geschah ein schrecklicher Unfall. Ein Auto fuhr ins Velo des Vaters, im Anhänger der Sohn, der miterleben musste, wie der Vater starb. Die magere Entschädigung von 3000 Franken empörte ihn: «Zigeuner waren seinerzeit nicht mehr wert.» Es sei ein Auslöser für ihn gewesen, sich später für die Jenischen zu engagieren. Später.
Vorerst wurde Graff sesshaft, schweren Herzens, seine Frau war krank geworden. Er ging als Arbeiter in die Fabrik, schaffte sich hoch zum Werkmeister in der Maschinenindustrie in der Region Baden und später in Oerlikon.
Als Gleichgesinnte Anfang der siebziger Jahre in einem Restaurant über die Gründung eines Vereins sprachen, war er dabei. Er gelangte in den Vorstand der neu gegründeten Radgenossenschaft. Und er hielt durch, als eine erste Generation von Aktivisten ermüdet abtrat. Es wird erzählt, dass er den letzten beiden Jenischen im Vorstand, um sie bei der Stange zu halten, aus eigener Tasche die Mitgliederbeiträge bezahlt habe. Seine Tochter Genoveva wurde für kurze Zeit Präsidentin der Radgenossenschaft.
Junge, die ausserhalb blieben, forderte er auf, am Karren zu ziehen: «Kritisieren ist das eine, mitmachen wäre das andere.» So wurde doch eine neue Generation aktiv, 1985. Einer von ihnen, der spätere Präsident Robert Huber, sollte sich stets voller Bewunderung über Graff äussern: «Er war zwar nicht geschult. Aber er konnte kombinieren. Er war nicht Hellseher, aber wenn ich heute mit ihm besprach, was morgen kommt, dann wusste ich, was morgen war.» Und um das Vertrauen, das Graff bei vielen genoss, zu besiegeln, wählten ihn Jenische an der Feckerchilbi in Gersau 1982 zum «Altvater». Es war ein Titel, den es zuvor nicht gegeben hatte.
Er hatte sich verändert in all den Jahren, «Ich bin schon fast ein bisschen verbürgerlicht», sagte er in einem Interview bedauernd. Er starb 2004.