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Im Kanton Waadt (französischsprachige Schweiz) führt ein spezieller historischer Lehrpfad von Bassins am Rande des Jura nach Nyon am Genfersee.
Willkommen bei Schweiz in Sicht - Julia Slater
Wer jetzt denkt, auf dieser Wanderung über die Geschichte der Schokolade informiert zu werden, irrt gewaltig. Die Tobleronen sind hier Panzersperren, die während des Zweiten Weltkriegs als Verteidigungslinien gebaut wurden. Da ihre dreieckige Form an die bekannte Schokolade erinnert, erhielten sie den Namen ‚Tobleronen’.
Eigentlich hätten die ‚Tobleronen’ und anderen Panzersperren, die für Vieh und Wild nicht ungefährlich sind und ausserdem die Land- und Forstwirtschaft behindern, längst wieder entfernt werden sollen. Einer Gruppe von geschichtsbewussten Menschen gelang es jedoch, mit Hilfe des Verteidigungsdepartaments und einiger Sponsoren einen Wanderweg entlang dieser Festungen zu bauen und einige der interessantesten Überbleibsel aus dem Zweiten Weltkrieg restaurieren zu lassen. Damit wollten sie erreichen, dass auch jüngere Menschen nicht vergessen, welche Bedeutung dieser Krieg für die Schweiz hatte.
Zwei Festungen entlang des Lehrpfads sind vollständig restauriert worden. Eine davon ist die Villa Rose mit ihren falschen Fenstern und 2,5 Meter dicken Wänden, die 1940 gebaut wurde. Während des Kriegs wurden im Erdgeschoss die Gewehre griffbereit aufbewahrt während im Keller Schlafräume und Küche für die diensthabenden Truppen eingerichtet waren. Diese konnten sich für Wochen von der Aussenwelt abschotten; einzig ein Militärtelefon hätte den Kontakt zur militärischen Führung hergestellt. Die Villa war eine gute durchdachte Festung: in jedem Raum - inklusive Toilette - gab es gut getarnte Löcher, durch die geschossen werden konnte. Bis 1994 wurde die Villa für militärische Übungen genutzt. Heute steht sie unter Denkmalschutz.
Während der Wanderung kommt man auch an Spuren von Panzersperren vorbei, die 1936-1937 aus rund je einem Meter langen Teilen von Eisenbahnschienen gebaut wurden. Diese wurden auf einer Länge von neun Kilometern im Boden verankert und mit Erde bedeckt, so dass sie kleine Hügel formten. Neben den massiven, mannshohen "Tobleronen"sehen diese Erhebungen, die als erste Verteidigungslinie dienten, ziemlich unscheinbar aus.
Die zweite Verteidigungslinie, die aus rund 3000 zumeist bis heute erhaltenen "Tobleronen"’ bestand, erstreckte sich über rund 10 Kilometer bis zum Ufer des Genfersees. Diese Panzersperren sind heute mit der Natur zusammengewachsen und bieten Lebensraum für verschiedene Tiere.
Die Verteidigungslinie überquerte viel Nutzland, was teilweise zu Problemen mit den jeweiligen Landbesitzern führte. Während Prinz Louis Napoléon sein Land ohne Gegenleistung zur Verfügung stellte, leistete der polnische Pianist Ignace Paderewski grossen Widerstand gegen die Errichtung von Panzersperren auf seinem Land, das nach seiner Flucht aus Polen nach Hitlers Einmarsch 1939 seinen einzigen Besitz darstellte. Erst im September 1940 kam es zu einer Einigung: die Schweizer Behörden halfen Paderewski bei seinem Umzug in die USA, wo er bis zu seinem Tod 1941 eine polnische Exilregierung anführte.
Die Tobleronen und der Wanderweg überqueren unter anderem den Golfplatz des Clubs mit dem noblen und für die republikanische Schweiz eher erstaunlichen Namen "Domaine Impérial“. Dies kommt daher, dass das heutige Clubhaus ursprünglich eine Villa der Familie Napoléon war und zwischen 1919 und 1921 der exilierten österreichischen Kaiserfamilie als Zufluchtsort diente.
Trotz des Aufwands, den die Schweizer Behörden in die Befestigung ihrer Grenzregionen investierten, waren sie sich bewusst, dass diese nicht undurchdringbar waren. Sie konnten einzig hoffen, feindlichen Truppen den Weg möglichst zu erschweren, damit diese für einen allfälligen Sieg teuer würden bezahlen müssen. Die Angst vor einem Einmarsch deutscher Truppen war um 1940, nachdem Hitlertruppen in die neutralen Staaten Belgien und Norwegen eingefallen waren, in der Schweiz sehr gross.
Die Wanderung entlang des Lehrpfads lohnt sich nicht nur aus militärhistorischer Sicht. Auch die seit 60 Jahren unberührte Landschaft zwischen Bassins und Gland, ist ein Paradies für Naturbegeisterte. Der Weg führt an drei Flüssen entlang, darunter auch dem Promenthouse, welcher der Verteidigungslinie ihren Namen gab. Ausserdem hat man eine prächtige Aussicht auf den Genfersee und die Berge am gegenüberliegenden Seeufer.
Der Wanderweg ist 15 Kilometer lang. Wem dies zu anstrengend ist, kann sich auf den flacheren Teil zwischen Gland und Nyon beschränken.