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St. Lucia-Rennechse
Cnemidophorus vanzoi
© 2009 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Familie der Schienenechsen oder Tejus (Teiidae), eine ausschliesslich in der Neuen Welt heimische Echsenfamilie, umfasst mehr als 120 Arten in zehn Gattungen. Die grössten Familienmitglieder sind die gedrungen gebauten Echten Tejus oder Grosstejus in der Gattung Tupinambis und die Krokodiltejus in der Gattung Dracaena. Sie erreichen teils eine Länge von über 1,4 Metern und ein Gewicht von sechs bis acht Kilogramm.
Zierlich gebaut wie unsere Eidechsen, dafür aber besonders artenreich ist demgegenüber die Sippe der Rennechsen (Unterfamilie Cnemidophorinae). Diese setzte sich bis vor wenigen Jahren aus drei Gattungen zusammen: den Eigentlichen Rennechsen (Cnemidophorus), den Ameiven (Ameiva) und den Kieltejus (Kentropyx). Kürzlich ist nun noch die Gattung der Nördlichen Rennechsen (Aspidoscelis) hinzugekommen.
Die Rennechsen sind in der Neuen Welt weit verbreitet: Sie kommen von den nördlichen USA südwärts bis zum zentralen Argentinien vor - und ausserdem auf den meisten Karibikinseln. Diejenigen Arten, welche auf den Grossen und den Kleinen Antillen heimisch sind, werden alle der Gattung Ameiva zugeordnet - mit einer Ausnahme, nämlich der St. Lucia-Rennechse (Cnemidophorus vanzoi), welche im kleinen Karibikinselstaat St. Lucia im südlichen Bereich der Kleinen Antillen vorkommt und von der hier berichtet werden soll.
Lange Zeit bildete die Gattung der Eigentlichen Rennechsen (Cnemidophorus) mit rund 60 Arten die formenreichste Gattung innerhalb der Familie der Schienenechsen. Neuere molekularbiologische Untersuchungen des Erbguts (DNS-Analysen) haben nun aber gezeigt, dass es sich bei dieser kopfstarken Gattung nicht um eine natürliche Einheit handelt. In Wirklichkeit sind die südlichen Cnemidophorus-Arten (nordwärts bis Belize) näher mit den Arten in den beiden anderen Rennechsengattungen Ameiva und Kentropyx verwandt als mit den nördlichen Cnemidophorus-Arten. Letztere werden darum neuerdings in eine separate Gattung namens Nördliche Rennechsen (Aspidoscelis) gestellt. Die Gattung Cnemidophorus umfasst nun nur noch etwa 20 Arten, darunter die St. Lucia-Rennechse.
Eine patriotische Echse
Die St. Lucia-Rennechse ist eine mittelgrosse Echsenart. Die Männchen, welche deutlich grösser und auch farbiger sind als die Weibchen, erreichen eine Länge von bis zu 38 Zentimetern, wovon rund zwei Drittel auf den Schwanz entfallen, und können bis über 50 Gramm auf die Waage bringen. Die Weibchen werden selten grösser als 26 Zentimeter und wiegen im Allgemeinen weniger als 20 Gramm.
Bei der bunten Färbung der Männchen herrschen die Farben Blau, Gelb, Schwarz und Weiss vor. Dies sind exakt die Farben, welche auf der Flagge von St. Lucia zu sehen sind. Die St. Lucia-Rennechse wird deshalb manchmal als eine «patriotische Echse» bezeichnet. Im Gegensatz zu den Männchen tragen die Weibchen ein schlichtes, unauffälliges Tarnkleid aus braunen, beigen und grauen Tönen.
Ihrem volkstümlichen Namen zum Trotz kommt die St. Lucia-Rennechse auf der Hauptinsel St. Lucia nicht vor. Ihr gesamtes Verbreitungsgebiet bestand bis vor kurzem lediglich aus zwei kleinen Eilanden, dem 10 Hektaren grossen Maria Major und dem 2,2 Hektaren grossen Maria Minor. Die beiden Maria-Inseln liegen ein paar hundert Meter voneinander entfernt und befinden sich ungefähr einen Kilometer östlich der Südspitze von St. Lucia. (Wie wir noch sehen werden, ist kürzlich dank menschlicher Hilfe eine dritte Heimatinsel dazugekommen.)
Die Pflanzendecke auf den beiden Maria-Inseln besteht aus einem kleinräumigen Mosaik aus trockenem Busch- und Waldland, offenen Grasflächen und Gruppen von Opuntien (Opuntia spp.) und anderen Kakteen. Wie auf der Hauptinsel St. Lucia ist das Klima auf den beiden Maria-Inseln tropisch, mit einer Jahresdurchschnittstemperatur von 28 Grad Celsius und einer recht geringen Jahresniederschlagsmenge von durchschnittlich 150 Zentimetern, welche hauptsächlich während der Regenzeit von Mai bis August verzeichnet wird.
Neben der St. Lucia-Rennechse kommen auf den Maria-Inseln sieben weitere Landreptilien vor, und zwar fünf Echsen und zwei Schlangen. Bei den Echsen handelt es sich um den St. Lucia-Anolis (Anolis luciae), den Zwergteju Gymnophthalmus pleei, den Blattfingergecko Thecadactylus rapicauda, den Halbfingergecko Hemidactylus palaichthus und den Kugelfingergecko Sphaerodactylus microlepis. Bei den Schlangen handelt es sich erstens um die St. Lucia-Goldbauchnatter (Liophis ornatus), welche bis zu einem Meter lang wird, ausschliesslich auf Maria Major vorkommt und mit einer Populationsgrösse von wahrscheinlich weniger als 50 Individuen eine der seltensten Schlangen der Welt ist, und zweitens um die Zweilinien-Schlankblindschlange (Leptotyphlops bilineatus), welche als erwachsenes Tier eine Länge von höchstens 11 Zentimetern und die Dicke eines Streichholzes erreicht und damit eine der kleinsten Schlangen der Welt ist.
Strandpatrouillen
Die St. Lucia-Rennechse ist die grösste der sechs Echsenarten auf den Maria-Inseln. Sie streift ausschliesslich tagsüber umher. Die Nacht verbringt sie in einem Versteck, oft einem selbst gegrabenen Erdbau. Am frühen Morgen kriecht sie hervor und sucht sich einen günstigen Ort zum Sonnenbaden. Wie die meisten Tiere ist sie wechselwarm (poikilotherm), das heisst ihre Körpertemperatur wird weitgehend durch die Umgebungstemperatur bestimmt - dies im Unterschied zu den Säugetieren und den Vögeln, welche warmblütig sind, das heisst eine konstante, von der Umgebungstemperatur weitgehend unbeeinflusste Körpertemperatur aufrecht erhalten (homoiotherm). Nach der Abkühlung während der Nacht muss sie also zunächst Sonnenenergie tanken, um die für ihren Körper geeignete Betriebstemperatur zu erreichen.
Die Rennechsen im Allgemeinen sind vorwiegend bodenlebende Tiere, welche vorzugsweise in verhältnismässig offenem Gelände umherstreifen. Den St. Lucia-Rennechsen kann man hingegen auf den Maria-Inseln in allen Bereichen des erwähnten Pflanzenmosaiks begegnen, also in Gehölzen und Kaktusbeständen ebenso wie auf Grasflächen.
Hinsichtlich ihrer Nahrung verhält sich die St. Lucia-Rennechse opportunistisch: Sie richtet sich bei der Nahrungssuche nach dem lokalen und saisonalen Angebot und verspeist ein breites Spektrum von Nahrungsdingen. Dazu gehören vor allem Insekten und andere wirbellose Tiere, aber auch kleinere Echsen (manchmal sogar unachtsame Jungtiere der eigenen Art) sowie Blüten und Früchte. Gern streift sie sodann an den Stränden der Insel im Bereich der Flutmarke umher und verzehrt angeschwemmte kleine Meereslebewesen aller Art.
Auf die Nahrungssuche geht die St. Lucia-Rennechse hauptsächlich am späteren Vormittag und dann wieder am späteren Nachmittag. Während der heissen Mittagsstunden verkriecht sie sich an einem kühlen, schattigen Ort. Auf ihren Streifzügen stöbert sie emsig am Boden umher, äugt unter Blätter, schiebt Ästchen mit ihrer Schnauze weg, scharrt mit den Krallen ihrer Vorderfüsse im sandigen Boden, züngelt immer wieder, um etwaige Duftspuren wahrzunehmen, und klettert auch mal auf einen bodennahen Zweig, um beispielsweise eine Beere zu erreichen.
Die Männchen dulden bei der Nahrungssuche keine gleichgeschlechtlichen oder jugendlichen Artgenossen in ihrer Nähe und verscheuchen solche nach Möglichkeit. Ob sie sich generell territorial verhalten, wissen wir jedoch nicht, weil die Lebensweise der St. Lucia-Rennechse in der freien Wildbahn bisher nicht genauer untersucht worden ist.
Wie die meisten Reptilien sind die weiblichen St. Lucia-Rennechsen nicht lebendgebärend, sondern legen nach der Paarung Eier. Diese vergraben sie an sorgfältig ausgewählten Stellen in geringer Zahl im sandigen Boden. Zumindest in Menschenobhut schlüpfen die Jungen nach einer Keimlingsentwicklungszeit von rund fünfzig Tagen aus ihren Eiern. Es ist anzunehmen, dass das Fortpflanzungsgeschehen auf den Maria-Inseln saisonal geprägt und so terminiert ist, dass die Jungen jeweils zu Beginn der Regenzeit schlüpfen, wenn das Nahrungsangebot für sie besonders gut ist. Bei anderen Rennechsenarten erreichen Männchen wie Weibchen im Alter von einem knappen Jahr die Geschlechtsreife. Dies dürfte auch für die St. Lucia-Rennechse gelten.
Ihr Erzfeind ist der Kleine Mungo
Zwar wurde die St. Lucia-Rennechse in historischer Zeit auf der Hauptinsel St. Lucia nicht verzeichnet. Sie dürfte jedoch schlicht nicht beachtet worden sein. Die Fachleute sind jedenfalls überzeugt, dass sie früher durchaus dort heimisch war, dann aber durch die vom Menschen eingeschleppten Raubsäuger ausgerottet wurde. Neben Ratten, Katzen, Hunden und Schweinen dürfte vor allem der Kleine Mungo (Herpestes javanicus) eine entscheidende Rolle gespielt haben.
Zur Zeit der Kolonisierung von St. Lucia durch europäische Siedler - ab 1638 - war Rohrzucker ein sehr begehrtes Gut, und seine Erzeugung versprach hohe Gewinne. Die Siedler begannen darum unverzüglich, die natürliche Pflanzendecke zu roden und an deren Stelle Zuckerrohrplantagen anzulegen. Mit den Siedlern und ihren aus Afrika stammenden Sklaven kam allerdings auch die Hausratte (Rattus rattus) nach St. Lucia. Dieser ungeliebte Ernteschädling vermehrte sich schnell und wurde alsbald zur Plage.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts griffen die Plantagenbesitzer schliesslich zu einer frühen Form der biologischen Schädlingsbekämpfung: Sie führten den in Süd- und Südostasien heimischen Kleinen Mungo nach St. Lucia ein - in der Hoffnung, dass dieses flinke und unerschrockene Raubtier der Rattenplage ein Ende bereiten würde. Der Einbürgerung war zwar Erfolg beschieden: Die Kleinen Mungos fühlten sich auf der Karibikinsel wohl und bauten rasch eine überlebensfähige Population auf. Ihr Einfluss auf den Rattenbestand war jedoch gering. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Ratten mehrheitlich nachts aktiv sind und gerne klettern, also viel Zeit auf Büschen und Zuckerrohrhalmen verbringen, während die Kleinen Mungos hauptsächlich tagsüber rege sind und vorzugsweise am Boden auf die Jagd gehen. Statt den Ratten wandten sich Letztere den anderen auf St. Lucia heimischen Tieren zu, insbesondere den Reptilien.
Im ganzen karibischen Raum hatten die Kleinen Mungos einen verheerenden Einfluss auf die Bestände der einheimischen Reptilien. Mindestens 14 Arten starben kurz nach ihrer Einfuhr gebietsweise, teils sogar vollständig aus. Auf der Hauptinsel St. Lucia verschwanden nachweislich eine Echse, nämlich der Skink Mabuya mabouya, und zwei Schlangen, nämlich die St. Lucia-Goldbauchnatter und die ebenfalls zu den Nattern gehörende Mussurana (Clelia clelia) - und es ist anzunehmen, dass der St. Lucia-Rennechse dasselbe Schicksal widerfuhr.
Glücklicherweise hat der Kleine Mungo die Maria-Inseln nie erreicht, weshalb sie bis heute ein sicheres Rückzugsgebiet für die ansässigen Reptilien geblieben sind. Grösste Bedeutung haben sie vor allem für die nur noch hier überlebenden beiden Arten, die St. Lucia-Rennechse und die St. Lucia-Goldbauchnatter. Erstere ist auf Maria Major recht häufig und weist eine Bestandsgrösse von rund 2000 Individuen auf, während sie auf Maria Minor mit nur ungefähr 30 Individuen verhältnismässig selten ist.
Eine dritte Heimatinsel
Die grosse Bedeutung der Maria-Inseln für die Erhaltung der einheimischen Reptilienfauna wurde von der Regierung St. Lucias zum Glück früh erkannt. Schon 1982 erklärte sie das Inselpaar zu einem Naturschutzgebiet. Dadurch blieben die kleinen Eilande vor jeglicher baulichen und insbesondere touristischen Erschliessung bewahrt. Potenzielle Gefahren wie das unabsichtliche Einschleppen von Ratten oder gar Mungos und Naturkatastrophen wie Wirbelstürme und Buschbrände nach Blitzschlag blieben allerdings bestehen.
Zu Beginn der 1990er-Jahre wurde deshalb beschlossen, nach einer weiteren kleinen Insel zu suchen, um dort eine zusätzliche frei lebende Rennechsenpopulation einzubürgern. Die Wahl fiel auf Praslin, ein unbewohntes, in einer geschützten Bucht vor der Ostküste der Hauptinsel St. Lucia gelegenes Eiland mit einer Fläche von etwa 1,5 Hektar. 1993 wurden die auf Praslin lebenden Ratten ausgemerzt. 1994 wurde überprüft, dass Praslin tatsächlich rattenfrei war. 1995 wurden dann 25 erwachsene St. Lucia-Rennechsen auf Maria Major gefangen und auf Praslin an einer geeigneten Stelle freigesetzt.
Leider verschwanden diese innerhalb kurzer Zeit spurlos. Nachforschungen ergaben, dass ein einzelner Mungo bisher unerkannt auf der Insel lebte und offensichtlich der Übeltäter war. Er konnte erlegt werden, worauf noch im selben Jahr weitere 17 St. Lucia-Rennechsen eingebürgert wurden. Diese gediehen in der Folge prächtig. Eine Erhebung im Jahr 2008 ergab, dass der Bestand eine gesunde Mischung aus erwachsenen wie jugendlichen Tieren beiderlei Geschlechts und insgesamt etwa 300 Individuen umfasste.
Aufgrund des Erfolgs dieses Einbürgerungsprojekts sind nun zwei weitere kleine Inseln vor der Ostküste St. Lucias als mögliche Orte für die Einbürgerung von St. Lucia-Rennechsen ausgewählt worden. Das Fernziel sind gut gesicherte Bestände an fünf verschiedenen Orten. Schon jetzt aber darf der kleine Karibikstaat St. Lucia stolz auf seine Erfolge im Bestreben zur Erhaltung seiner patriotischen Echse sein.
Legenden
Bei der St. Lucia-Rennechse (Cnemidophorus vanzoi) aus der neuweltlichen Familie der Schienenechsen oder Tejus (Teiidae) sind die Männchen (links) deutlich grösser und auch bunter gefärbt als die Weibchen (rechts): Sie ereichen eine Länge von bis zu 38 Zentimetern, wovon rund zwei Drittel auf den Schwanz entfallen, und können bis über 50 Gramm wiegen, während die Weibchen selten grösser als 26 Zentimeter und schwerer als 20 Gramm sind.
Die St. Lucia-Rennechse kommt heute ausschliesslich auf drei winzigen, der Karibikinsel St. Lucia vorgelagerten Eilanden vor, nämlich auf Maria Major (Bild unten im Hintergrund; 10 ha), auf Maria Minor (2,2 ha) und seit neustem, dank eines aufwendigen Einbürgerungsprojekts, noch auf Praslin (1,5 ha). Auf Maria Major umfasst ihr Bestand rund 2000, auf Maria Minor etwa 30 und auf Praslin ungefähr 300 Individuen.
Begegnen sich zwei männliche St. Lucia-Rennechsen beim Umherstreifen (Bild), so zeigen sie Drohimponierverhalten: Sie machen sich so gross wie möglich und zeigen ihre gelbe «Warnfarbe» am Bauch - worauf eines der beiden gewöhnlich nachgibt und ausweicht. Ob es sich dabei um territoriales oder aber um ortsunabhängiges intolerantes Verhalten handelt, wissen wir nicht, da bisher keine Freilandstudie über die Lebensweise dieser seltenen Reptilienart existiert.
Auf die Nahrungssuche gehen die St. Lucia-Rennechsen vor allem am späteren Vormittag und dann wieder am späteren Nachmittag. Auf ihren Streifzügen stöbern sie geschäftig umher und erbeuten allerlei Insekten, deren Larven und andere kleine Tiere. Sie nehmen ferner kleine Meerestiere zu sich, die angeschwemmt wurden, und mitunter verspeisen sie auch Blüten und Früchte.
Die St. Lucia-Goldbauchnatter (Liophis ornatus)
, welche eine Länge von bis zu einem Meter erreicht, kommt ausschliesslich auf Maria Major vor und gilt mit einer Populationsgrösse von wahrscheinlich weniger als fünfzig Individuen als eine der seltensten Schlangen der Welt. Neben kleineren Greifvögeln wie dem Buntfalken (Falco sparverius)
gehört sie zu den natürlichen Fressfeinden der St. Lucia-Rennechse.
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