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Nordwestschweiz/Süddeutschland (?), Ende 16. Jahrhundert
Kupfer, vergoldet; Kokosnuss (Cocos nucifera L.)
H. 28,5 cm, Dm. 7,7 cm
Inv. 1984.146.
Der Deckelpokal erhebt sich über einem glockenförmigen Fuss mit gestufter Zarge und mit spärlichen Ornamentgravuren. Der vasenförmige Schaft ist mit reliefierten Löwenmasken und quer gespannten Draperien geschmückt. Drei S-förmig gewundene Schlangen leiten zum schirmartigen Abschluss des Schaftes über. Die drei Spangen, die die Kokosnuss einfassen, sind als Karyatidhermen gestaltet und wiederholen im unteren Teil das Ornament des Schaftes. Den hohen Lippenrand zieren gravierte Arabesken. Der Deckel ist nur wenig aufgewölbt, und auf der Rosette des Knaufes steht eine unbekleidete Kriegerfigur mit einer Lanze in der rechten Hand, während er die Linke auf einen Schild stützt. Dieser zeigt das Wappen der Familie Imfeld aus Lungern im Kanton Obwalden.
Bemerkenswert ist an diesem Deckelpokal, der sich in seinem Aufbau nicht von Dutzenden anderer Kokosnusspokale unterscheidet, der ökonomische Einsatz künstlerischer und materieller Mittel: Abgesehen von der durchweg aus vergoldetem Kupfer statt aus Silber bestehenden Fassung, sind die Ornamente allesamt recht einfach ausgeführt und in den gegossenen Partien, wie dem Knauf und der Deckelfigur, nicht sonderlich detailliert ausgearbeitet. Mit Ausnahme einer einfachen Politur wurde auch auf eine weitergehende Glättung oder gar auf Schnitzereien der Nuss verzichtet. Da der Lippenrand nicht fest mit der Nuss verbunden ist, erlaubt der Pokal keine praktische Verwendung als Trinkgefäss.
Die Ornamente des Deckelpokals, seien es der gravierte Blattdekor, die Karyatidhermen oder die Löwenmasken, sind allesamt bis um 1550 in Stichvorlagen verschiedener Meister und insbesondere Heinrich Aldegrevers (1502–1555/1561) angelegt. Könnte man von der Qualität des Gefässes auf einen Goldschmied oder – in diesem Falle – Rotschmied schliessen, der sich künstlerischen Neuerungen und innovativen Ornamententwürfen aufgeschlossen zeigte, liesse sich der Pokal sicher genauer datieren. Ausserhalb eines Goldschmiedezentrums wie zum Beispiel Nürnberg ist jedoch häufig ein Festhalten an hergebrachten Formen zu beobachten, was wohl auch für dieses Gefäss zutrifft. Einzige Ausnahme ist die Schulter des Pokals, die die Nuss von oben einfasst: Diese weist nicht wie zahlreiche andere Stücke eine gleichförmige Zahn- oder Blattreihe auf, sondern eher unregelmässige Kreisabschnitte. Diese erinnern an Volutenornament, das gegen Ende des 16. Jahrhunderts auf grafischen Vorlageblättern verbreiteter wird, hier aber eher unverstanden wiedergegeben ist. Im Vergleich mit anderen, ähnlich zurückhaltend ausgeschmückten Werken (Fritz 1983, Nr. 165, 192) darf man mit Vorsicht eine Entstehung im ausgehenden 16. Jahrhundert in der nördlichen Eidgenossenschaft oder Süddeutschland vermuten. Dies bekräftigt auch das Wappen, das der in Lungern ansässige Zweig der Obwaldner Familie Imfeld führte (s. S. 271, Abb.). Deren in jener Zeit bedeutendste Vertreter war Peter Imfeld (1556–1628), der als Söldner in spanischen und französischen Diensten stand und verschiedene Ämter bekleidete, bevor er von 1604 bis 1623 Landammann des Kantons Obwalden war. Er könnte als möglicher Vorbesitzer dieses repräsentativen Pokals in Frage kommen (Omlin 1966, S. 130–131; Imfeld 1997, S. 451–457; HLS, Bd. 6, 2007, S. 593 [Niklaus von Flüe]; freundlicher Dank für die Identifizierung des Wappens gilt Herrn J. Huguenin, Neuchâtel).
Der Pokal stammt aus einer Zeit, in der der Import von Kokosnüssen nach Europa wegen der Entdeckung neuer Handelswege rasant zugenommen hatte (Fritz 1983, S. 11f), was Anlass zur vermehrten Fertigung von Gefässen von teilweise nur mittelmässiger künstlerischer Qualität gegeben haben mochte. Bis weit in das 17. Jahrhundert wurden der Kokosnuss Heilkräfte zugemessen, und noch im 18. Jahrhundert schrieb man ihr eine auch bei anderen Materialien geschätzte giftanzeigende Fähigkeit zu (Fritz 1983, S. 20f). Ebenso vielfältig wie ihre Verwendung war die Bezeichnung der Nuss: Der Name «Kokosnuss» ist erst aus dem späten 16. Jahrhundert überliefert und gründet wohl in der maskengleichen Spitze der Nuss mit drei Keimlöchern, die an eine Meerkatze, portugiesisch «macoco», erinnerte. Im späten Mittelalter war diese Frucht noch als Meernuss bekannt, da man glaubte, sie wachse auf dem Boden des Meeres. RB (Die grosse Kunstkammer 2011, S. 271-272).