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Saatzucht,
die Verbesserung des Saatguts in der Landwirtschaft und zwar zunächst der Cerealien. Schon Varro, Columella und Vergil empfahlen sorgfältige Berücksichtigung der Beschaffenheit des Saatguts, aber erst in neuester Zeit hat man angefangen, auf diesem Gebiet, ähnlich wie bei der Viehzucht, [* 2] rationell vorzugehen. Abgesehen von Knights Weizenkreuzungen zu Ende des vorigen Jahrhunderts, beginnt die neue Epoche der S. um 1819 mit Patrick Shirreffs Züchtungen, bei welchen durch Auswahl besonders markierter Pflanzen nicht nur das gegebene Saatgut verbessert, sondern durch künstliche Befruchtung [* 3] und bevorzugte Lebensweise auch neue Varietäten erzeugt werden sollten.
Diese Züchtungen lieferten sehr wertvolle Resultate namentlich mit Weizen und Hafer. [* 4] Auch Hallet in Brighton basierte sein Zuchtverfahren auf die Auswahl und die Vermehrung besonders großer und vollkommener Körner aus hervorragend langen und vollkommenen Ähren vorhandener Varietäten, suchte also im wesentlichen nur bestehende Varietäten zu verbessern und verzichtete auf die Bildung neuer. Solche verbesserte Varietäten bezeichnete er durch das vor ihren Namen gesetzte Pedigree.
Indes kommt diese Bezeichnung den Halletschen Zuchten nicht mit Recht zu, denn sie besitzen kein Pedigree, keinen Stammbaum. Wohl ist die Urpflanze und selbst das Elternkorn bekannt, nicht aber der Vater, welcher die Mutterähre befruchtete; denn wenn auch die Cerealien, mit Ausnahme des Roggens, sich in der Regel selbst befruchten, d. h. die männliche Blüte [* 5] die weibliche desselben Ährchens allein bestäubt, so ist dies doch eben nur Regel, welche Ausnahmen zuläßt.
Hiervon abgesehen, erzielte auch Hallet sehr beachtenswerte Resultate. Er wählte 1857 eine Weizenähre von 4¾ Zoll Länge und mit 47 Körnern, aus dieser wurde das beste Korn gewählt, aus der resultierenden Pflanze das beste Korn der besten Ähre u. s. f., bis endlich 1861 eine Ähre erzielt war mit 8¾ Zoll Länge und 123 Körnern. Auf Grund solcher Ergebnisse stellte Hallet folgende Sätze auf:
1) Jede entwickelte Getreidepflanze zeigt eine Ähre, die eine höhere Produktionskraft hat (die stärker und schöner entwickelt ist) als alle andern an dieser Pflanze.
2) Jede solche Pflanze enthält ein Korn, welches sich produktiver erweist als jedes andre von derselben Pflanze.
3) Das beste Korn einer Pflanze liegt in der besten Ähre.
4) Die höhere Kraft [* 6] des Korns ist in verschiedenen Graden auf seine Nachkommen übertragbar.
5) Durch fortgesetzte Auswahl der besten Körner in der Nachzucht wird die Produktionskraft der Pflanze verstärkt.
6) Die Verbesserung, die anfangs rasch ist, schreitet immer langsamer fort, bis endlich eine Grenze für die Verbesserung erreicht ist.
7)
Fährt man mit der Verbesserung noch immer fort, so wird die Verbesserung aufrecht erhalten, und praktisch
ist ein fester
Typus das Ergebnis. Delf in
Great
Bentley verbesserte das Halletsche
Verfahren, indem er rationeller nicht die
größten, sondern die schwersten
Körner zur Fortzucht benutzte. Auch auf dem
Kontinent fanden die Bestrebungen
zur Verbesserung des Saatguts vielseitige
Förderung, namentlich durch
Graf Walderdorff auf Klafterbrunn in
Österreich,
[* 7]
Graf
Attems in St.
Peter bei
Graz,
[* 8] welcher eine völlig organisierte
Saatzuchtschule einrichtete, durch Rimpau in Schlanstedt,
Haberlandt,
Wollny,
Sorauer, Hellriegel,
Lehmann u. a. Man hat indes wesentlich nur die genannten
Methoden ausgebildet, während zu größern
Erwartungen allein eine zielbewußte
Kreuzung berechtigt.
Der Landwirt hat es beim Getreide [* 9] infolge einer lediglich durch Zufall geleiteten Vermischung der Rasen, ähnlich wie in der Viehzucht, zum Teil mit krüppelhaften Landschlägen zu thun, die hier diese, dort jene Rasse mehr durchblicken lassen, ohne deren bessere Eigentümlichkeiten ausgebildet zu zeigen. Diese Landschläge hat der Landwirt vorderhand als solche hinzunehmen, und es bleibt ihm nur übrig, für deren Verbesserung sich diejenigen Points hervorzusuchen, welche ihm als erhaltungs- und verbesserungswürdig erscheinen. Er muß nach Möglichkeit mit seinen Landschlägen Hochzucht treiben, und er ist insofern hierbei günstiger situiert als bei der Viehzucht, da ihm eine ¶
mehr
unbeschränkte Auswahl an Eltern, resp. Urpflanzen gestattet ist. Diese Urpflanzen sind in der sorgfältigsten Weise während ihres Wachstums zu beobachten, um jene Eigenschaften zu erkennen, welche durch Kreuzung zu höherer Vollendung oder durch Fortzucht zur nötigen Fixierung zu bringen sind. Die Fortzucht wird auf feldmäßig bestelltem und mit allen Nährstoffen ausreichend versehenem Boden bewirkt; bei der Kreuzung aber, die entweder nur anregend wirken (ein erhöhtes, mächtigeres Wachstum erzeugen), oder durch Vereinigung der guten Eigenschaften der Eltern eine Hybridzucht erreichen soll, welche hohe Ansprüche besser befriedigt als die Vater- oder Mutterpflanze allein, wird die Ähre zur Erleichterung der Manipulationen verkürzt, worauf man die einzelnen Blüten von den noch nicht geöffneten Staubgefäßen sorgfältig (ohne die Staubbeutel zu verletzen) befreit, dann mit fast reifen (dem Verstäuben nahen) Staubgefäßen der Vaterpflanze füllt und durch sanften Druck schließt. Die vollkommen befruchtete Ähre wird dann mit Pergamentpapier umhüllt und der Halm durch einen beigesteckten Stock gestützt. Nach einigen Tagen ersetzt man die Papierhülle durch ein Netz aus Gaze. Die auf solche Weise erzielten Hybridfrüchte sind meist äußerst dürftig von Ansehen, und über den Erfolg der Kreuzung entscheidet erst die nächste Generation.
Vgl. Shirreff, Die Verbesserung der Getreidearten (a. d. Engl., Halle [* 11] 1880).