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Vor eineinhalb Jahren, einige Wochen vor meinem Zertifikatskurs, gestand mir eine Teilnehmerin:
»Ich habe Angst, beim Meditieren auf etwas Schreckliches zu stossen, das ich vergessen habe.«
»Ich verstehe dich«, sagte ich und versuchte, mein Unbehagen zu überspielen.
Heute würde ich mich auf das Gespräch einlassen und sie fragen: »Was an dieser Vorstellung bereitet dir Angst?«
Wahrscheinlich fürchten wir uns davor, von einem Gefühl, einem Gedanken oder einer Erinnerung derart überwältigt zu werden, dass unsere Existenz bedroht ist. Wenn wir uns liebevoll um uns selbst kümmern, ist sie das nicht; im Gegenteil: Dann steht die Befreiung bevor.
Was sind Dark Night Experiences?
Dark Night Experiences sind laut Creswell (2017) herausragende negative Erfahrungen, die während Einsichtsmeditationen aufkommen können. Üblicherweise handelt es sich dabei um verschüttete traumatische Erinnerungen, allerdings können auch unerklärliches und unkontrollierbares Weinen oder intensive Gefühle von Wertlosigkeit, Selbsthass, Sinnlosigkeit, Wut oder Angst aufkommen.
Die Studienlage zeigt: Bei MBSR-Programmen mit vergleichsweise geringen Meditationsdosierungen (10 Minuten – 60 Minuten) ist die Chance, dass Dark Night Experiences getriggert werden, verschwindend gering. Im Gegenteil; der hohe Nutzen von MBSR für Traumata-Patienten ist laut Forschung gegeben (Creswell, 2017).
Längere Retreats von zwei Wochen bis drei Monaten hingegen können durchaus solche Dark Night Experiences und allenfalls auch depressive Episoden auslösen.
Das Vertrauen behalten
Die einzige Person, die im Falle des Aufkommens von Dark Night Experiences genau wissen wird, was zu tun ist, sind Sie. Vertrauen Sie sich! Insbesondere, wenn Sie bereits über Meditationserfahrung verfügen, ist die Chance hoch, dass Ihnen ein geschickter, heilsamer Umgang mit dieser schwierigen Situation gelingt. Ihre Geistesgegenwart kann Sie unterstützen.
An dieser Stelle möchte ich Ihnen die Dark Night Experiences des Vietnam-Veteran Lloyd Burton, der mittlerweile als buddhistischer Lehrer unterrichtet, nicht vorenthalten:
»Ich diente zu Beginn des Krieges als Feldsanitäter bei den Bodentruppen des Marinekorps und war in der Bergregion an der damaligen Grenze zwischen Nord- und Südvietnam stationiert. Unsere Verluste waren hoch, und ähnlich erging es den Dorfbewohnern der Gegend, deren Verletzungen wir behandelten, wenn es die Umstände erlaubten.
Wieder zu Hause, verfolgte mich ein wiederkehrender Albtraum, den ich mindestens zweimal die Woche hatte. Im Traum war ich wieder in Vietnam und erlebte die gleichen Gefahrensituationen, das gleiche endlose Leid wie damals und schreckte dann irgendwann alarmiert, schweissgebadet und entsetzt hoch. Das ging acht Jahre so, bis ich erstmals an einem Meditationsretreat teilnahm.
Hier erlebte ich diese Albträume nicht nur in der Nacht, sondern auch tagsüber, beim Sitzen, bei der Meditation im Gehen, bei den Mahlzeiten. Die grauenhaften Flashbacks überlagerten eigentlich ständig die stille Waldeinsamkeit des Zentrums. […] Beim neuerlichen Auftauchen solcher Erinnerungen erlebte ich die Szenen zum ersten Mal in ihrer ganzen Wucht. […] Mich hatte die Angst verfolgt, dass mich die Dämonen des Krieges verschlingen würden, wenn ich sie an die Oberfläche aufsteigen liess, doch tatsächlich geschah das Gegenteil. Die Bilder von gefallenen Freunden und verstümmelten Kindern wichen allmählich anderen, weniger deutlich erinnerten Szenen: von der zauberhaften, hinreissenden Schönheit des Dschungels mit seiner unerschöpflichen Palette von Grüntönen, von der duftgeschwängerten Brise über blendend weissen, wie mit Diamanten bedeckten Stränden. Ausserdem regte sich ein Gefühl von Vergebung gegenüber dem, der ich damals war und heute bin – Mitgefühl mit diesem idealistischen jungen Mann und angehenden Mediziner, der all die unsäglichen Gräuel mit ansehen musste, deren der Mensch fähig ist, und für den beschwerten Kriegsheimkehrer mit seiner Unfähigkeit, sich von Erinnerungen zu lösen, die er sich kaum selbst eingestehen konnte.
Das Mitgefühl ist mir geblieben. […] Die Erinnerungen sind alle noch da, aber die Albträume haben aufgehört.«
Kornfield, Jack (2018): Wahre Freiheit. Der buddhistische Weg, in jedem Augenblick glücklich und geborgen zu sein. O.W.Barth, München. S. 95 ff
Was tun beim Auftreten von Dark Night Experiences?
Während der Meditation:
Wenn Sie mögen, bleiben Sie in der Wahrnehmung und verlieren Sie sich nicht in Geschichten, die aufkommen. Wie fühlt sich Ihr Körper an? Welche Gedanken und Gefühle können Sie wahrnehmen? Im Modus des Beobachtens zu bleiben, kann helfen, der Identifikation mit dem Gefühlten oder den Erinnerungen an Erlebtes entgegen zu wirken.
Die Auseinandersetzung mit dem plötzlichen Schmerz oder dem Grauen, der resp. das über Sie hereinbricht, kann schlussendlich zur Befreiung führen. Sie steuern somit geradewegs auf ein Annehmen und Lösen Ihres Leidens zu.
Bedenken Sie: Sie sind Herr der Lage und entscheiden über das Vorgehen! Sie können während der Meditation beispielsweise den Fokus verschieben und zur reinen Atemwahrnehmung als Ihr Anker zurückkehren. Oder Sie können die Meditation und das Erforschen der Befindlichkeit jederzeit abbrechen, aufstehen, joggen gehen oder einen Freund / eine Freundin anrufen. Sie können sich auch therapeutische Hilfe holen, wenn Sie spüren, dass Ihnen dies gut tun würde. Scheuen Sie sich nicht davor, Ihren Heilungsprozess selbst liebevoll zu unterstützen und zu begleiten und dazu jedes passende Hilfsangebot zu nutzen. Insbesondere wenn Sie merken, dass Suizidgedanken aufkommen, ergibt es Sinn, sich umgehend therapeutische Hilfe zu holen. Vielleicht kann Sie auch ein Freund / eine Freundin zur ersten Therapiesitzung begleiten?
Nach der Meditation resp. vor und während weiterer Meditationen:
Ein Gespräch mit lieben Menschen aus Ihrem vertrauten Umfeld, ein Spaziergang, um den Boden unter den Füssen fühlen, Abendessen mit dem Partner / der Partnerin kochen, sich dabei ganz auf die Tätigkeit einlassen und sich wieder im Hier und Jetzt verankern – vieles kann Ihnen helfen, die Erfahrung einzuordnen und wieder Ruhe in Ihr Herz einkehren zu lassen. Was tut Ihnen gut?
Bei sehr intensiven Erfahrungen ist die Verarbeitung prozesshaft; wahrscheinlich liegt jetzt viel Arbeit vor Ihnen: das Kennenlernen des eigenen, sich plötzlich offenbarenden Innenlebens, das Erlernen von Selbstannahme und Selbstliebe und das widerstandslose Annehmen unabänderlicher Tatsachen. Eine therapeutische Begleitung kann dabei helfen. Vielleicht fühlen Sie sich aber auch wohl dabei, die Befindlichkeit zu einem späteren Zeitpunkt während weiterer Meditationen selbst zu erforschen. Bleiben Sie dabei nahe an Ihrem Erleben und reagieren Sie, wenn Sie spüren, dass Sie sich doch jemandem anvertrauen möchten.
Das Praktizieren der Metta-Meditation kann Sie beim Aufbau von Selbstannahme und Selbstliebe unterstützen.
Ausblick
Bethany vom Northpoint Washington Blog schreibt:
»The Dark Night Of The Soul is the space between who you were and who you will become.«
Sie dürfen auf den Morgen vertrauen; er wird anbrechen und Sie mit seiner Schönheit überraschen.
Quellen:
Creswell, D. (2017). Mindfulness Interventions. Annual Review of Psychology, 68. 491-516
Kornfield, Jack (2018): Wahre Freiheit. Der buddhistische Weg, in jedem Augenblick glücklich und geborgen zu sein. O.W.Barth, München. S. 95 ff