Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03392.jsonl.gz/1239

Sein Leben soll sich zwischen 570 und 480 v. Chr. abgespielt haben. Die Biografien, die davon berichten, wurden jedoch von Autoren späterer Jahrhunderte verfasst – Diogenes Laertius, Porphyrius und Jamblicus. Und sie stützten sich zu einem grossen Teil auf Nicomachus von Jerash, der im 2. Jahrhundert n. Chr. gelebt hat. Da klaffen um 700 Jahre zwischen Ereignissen und der Dokumentierung.
Es wird allgemein angenommen, dass Pythagoras auf der Insel Samos geboren wurde. Andere Autoren schreiben Pythagoras stattdessen einen tyrrhenischen, wenn nicht gar etruskischen Ursprung zu. Es wurde geschrieben, Pythagoras habe Bildungsreisen nach Ägypten, zu den Chaldäern und in die Regionen des Nahen Ostens unternommen.
Aussergewöhnliche Fähigkeiten
Dabei berichten alle Quellen von seinen aussergewöhnlichen Fähigkeiten: die Beendigung der Pestepidemie, die Beseitigung von Wind und Sturm, die Beruhigung der Wellen im Meer. Er konnte, so heisst es, auch mit Tieren sprechen. Und ihm wurde die übermenschliche Fähigkeit zugesprochen, am selben Tag und zur selben Zeit an mehreren Orten zu sein.
Viele Quellen schreiben Pythagoras und den Pythagoräern eine wichtige Rolle in der politischen und gesetzgeberischen Tätigkeit in den Städten der Magna Graecia zu. Pythagoras selbst wird als Meister des Lebens, moralische und religiöse Autorität, Reformer und Gesetzgeber dargestellt.
Manche Historiker zählen ihn deshalb zu den Pionieren der beginnenden griechischen Philosophie und Mathematik. Andere meinen derweil, er sei vorwiegend ein religiöser Verkünder gewesen. Pythagoras suchte am Ende Zuflucht in Metapontum (Basilikata, Italien), wo er nach einem 40-tägigen Fasten verstarb. Für das Todesdatum gibt es jedoch keine Anhaltspunkte. Sein Haus soll danach von den Metapontiern zu einem Heiligtum für die Fruchtbarkeitsgöttin Demeter erklärt worden sein.
Die mathematischen Entdeckungen, die Pythagoras zugeschrieben werden, basieren auch nur auf Vermutungen. «Ich habe nicht den geringsten Zweifel daran, dass jede Verbindung zwischen der elementaren Zahlentheorie und Pythagoras rein legendär und ohne historischen Wert ist», sagte einst der Experte der antiken Mathematik Otto Neugebauer. Dennoch: Alle Schüler auf der Welt lernen den berühmten Pythagoras-Satz a² + b² = c². Es geht dabei um die Tatsache, dass bei einem rechtwinkligen Dreieck das gebildete Quadrat aus dem a-Schenkel plus das gebildete Quadrat aus dem b-Schenkel immer dem Quadrat aus dem c-Schenkel entsprechen. Diese Tatsache war jedoch den Babyloniern viele Jahrhunderte zuvor schon bekannt, ebenso den Chinesen und Indern.
Der römische Architekt Vitruv
Es war Vitruv, der die Entdeckung dieser Gleichung Pythagoras in seinem Werk De architectura libri decem zugeschrieben hatte. Marcus Vitruvius Pollio, kurz Vitruv, war ein römischer Architekt im 1. Jahrhundert v. Chr., über den nur wenig bekannt ist. Unter Caesar war er für den Bau der Kriegsmaschinen zuständig. Nach der Ermordung Caesars übernahm er diese Aufgabe für Kaiser Augustus.
_____________
Abonniere hier unseren Newsletter! ✉️
_____________
Später arbeitete er als Ingenieur am Bau des Wassernetzes von Rom. Zwischen 33 und 22 v. Chr. entstand sein Werk Zehn Bücher über Architektur (De architectura libri decem). Es war für ihn das erste lateinische Werk überhaupt, das eine umfassende Darstellung der Architektur sowie des damaligen Kenntnisstandes des Ingenieurwesens enthielt. Das Werk war Kaiser Augustus gewidmet und hatte den Charakter eines Lehrbuchs. Aufgrund dieser Bedeutsamkeit war Pythagoras als Urheber der Gleichung a² + b² = c² für die Nachwelt lanciert.
Pythagoras-Experte Walter Burkert sah in ihm vor allem einen Schamanen. Laut dem 2015 in Uster verstorbenen deutschen Altphilologen, der von 1969 bis 1996 an der Universität Zürich lehrte, hat Pythagoras sehr wahrscheinlich keinen einzigen Beitrag zur Arithmetik, Geometrie, Musiktheorie und Astronomie geleistet und dies auch gar nicht beabsichtigt. Pythagoras sei es um Kosmologie und Zahlensymbolik gegangen, was auch erkläre, dass seine Anhänger ihn zu einem übermenschlichen Wesen erklärt hätten.