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Wiedererstehen und Konsolidierung des SRK
Nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bis 1871 verfiel das SRK in eine gewisse Lethargie, bis ihm 1882 zwei visionäre Persönlichkeiten neue Impulse verliehen: der Zürcher Pfarrer und Philanthrop Walter Kempin (ein grosser Förderer des Gesundheitswesens) und der junge Offizier Ernst Möckly (Präsident des damals eben erst gegründeten Schweizerischen Militär-Sanitäts-Verbands und künftiger Initiator der Samariterbewegung in der Schweiz). Aus der Asche des früheren Hülfsvereins für schweizerische Wehrmänner und deren Familien erstand in Olten der Schweizerische Centralverein vom Roten Kreuz.
Walter Kempin: gescheiterte Ambitionen
Getragen vom Enthusiasmus seines höchst engagierten Präsidenten Walter Kempin strebte der Centralverein danach, sich in die Zivilgesellschaft zu integrieren und Lösungen für die damaligen Probleme zu entwickeln: Entwicklung der Krankenpflege, Förderung der Volksgesundheit, Bekämpfung des Alkoholismus, Förderung der Ersten Hilfe, Katastrophenhilfe usw. Erstmals stand zur Diskussion, in Friedenszeiten im Gesundheits- und Sozialbereich tätig zu werden.
Die Ambitionen waren sehr hoch, das Programm umfangreich, gewagt und seiner Zeit voraus. Möglicherweise wollte Walter Kempin zu viel auf einmal. Das Fehlen eines methodischen Plans für die Arbeiten, unzureichende finanzielle Mittel und die Gleichgültigkeit der Behörden behinderten die Umsetzung der Projekte. Bereits 1885 wurde Kempin zum Rücktritt gedrängt. Anschliessend wurden andere Prioritäten gesetzt: Nun standen wieder Aufgaben im militärisch-medizinischen Bereich im Vordergrund. Die von Kempin angestrebten Ziele, die sich zunächst nicht realisieren liessen, trugen jedoch später zahlreiche Früchte.
Walther Sahli: der Baumeister
Erst an der Schwelle zum 20. Jahrhundert schuf das SRK solide und dauerhafte Strukturen: 1898 wurde das Schweizerische Centralsekretariat für freiwilligen Sanitätsdienst geschaffen. Dessen Leitung fiel dem Berner Arzt Walther Sahli zu, der bedeutende Reformen realisierte und das SRK in die Moderne führte. 1899 gründete er die Rotkreuz-Krankenpflegeschule Lindenhof in Bern und von 1906 bis 1916 war er Generalsekretär des SRK. Walther Sahli ist es zu verdanken, dass das Rote Kreuz die Berufsbildung im Bereich der Krankenpflege an die Hand nahm und eine angemessene Zusammenarbeit mit den Behörden in die Wege leitete.
Walther Sahli strebte eine Umstrukturierung des SRK an. In diesem Zusammenhang wurde eine breit angelegte Werbekampagne durchgeführt, um die Rekrutierung neuer Mitglieder und die Gründung neuer Sektionen zu fördern. Von 20 Sektionen und knapp 11'000 Mitglieder im Jahr 1898 wuchs das SRK bis 1914 auf 50 Sektionen und über 36'000 Mitglieder an.
Die Verbreitung des Roten Kreuzes in der Schweiz
Allerdings waren die Sektionen des SRK innerhalb der Schweiz sehr uneinheitlich verteilt. Eine Karte aus dem Jahr 1906 zeigt die regional sehr unterschiedliche Verteilung der Rotkreuzsektionen, der Samaritervereine und der Sektionen des Schweizerischen Militär-Sanitäts-Verbands. Abgesehen von einer ausgeprägten zahlenmässigen Übervertretung der Samaritervereine ist dieser Karte zu entnehmen, dass die Sektionen sehr stark auf die städtischen Gebiete in der Deutschschweiz konzentriert waren. Das Tessin und die Westschweiz spielten bloss eine Nebenrolle. Deshalb wurde 1906 die französischsprachige Zeitschrift «La Croix-Rouge suisse» lanciert. Sie sollte diesem Ungleichgewicht abhelfen, das Walther Sahli wie folgt erklärte:
«Die Ursache liegt nicht in einem Mangel an Begeisterungsfähigkeit und Interesse bei unsern welschen Mitbürgern und niemand bezweifelt ihre Opferwilligkeit, ‹wenn es gilt fürs Vaterland›. Die beklagenswerte Tatsache ist vielmehr eine Folge der weit verbreiteten Unkenntnis, die in Bezug auf das schweizerische Rote Kreuz überhaupt herrscht. […] Wenigen nur ist bekannt, dass unser Sanitätsdienst für den Kriegsfall nicht ausreicht und unser Heer ohne Mithülfe des Roten Kreuzes für seine Verwundeten und Kranken zu sorgen, ausser Stande wäre.» (Das Rote Kreuz, 1.1.1906)
Das SRK hatte weiterhin hauptsächlich die Aufgabe, der Armee im Kriegsfall freiwillige Sanitätshelfer zur Verfügung zu stellen. In der breiten Öffentlichkeit war es noch relativ wenig bekannt. Im Gegensatz dazu waren die Samaritervereine, die seit 1888 im Schweizerischen Samariterbund zusammengeschlossen waren, äusserst populär. 1898 erhielten der Schweizerische Samariterbund, der Schweizerische Militär-Sanitäts-Verband und das Rote Kreuz ein gemeinsames Zentralsekretariat. Dies trug zu einer besseren Verbreitung von Dunants Grundsätzen in der Schweizer Bevölkerung bei.