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Da läuft etwas bedenklich schief!
Arturo Schatzmann
Zur Sicherheit von Strassentunnels
Der aufmerksame Leser hat vielleicht festgestellt, dass die Grundlagen für eine derartige Schlussfolgerung unvollständig sind. Das Problem der Sicherheit einer Tunnelanlage ist doch zweistufig. Einmal geht es darum, die gewählte Projektkonfiguration auf das Unfallrisiko im Allgemeinen zu analysieren. In zweiter Linie ist zu untersuchen, ob im Falle eines Unfalles die erforderlichen bekannten und erprobten Massnahmen zur Selbstrettung vorhanden sind. Offensichtlich basiert die oben erwähnte Aussage auf dem zweiten Aspekt. Der Sicherheitsstollen, die als Schleuse ausgebildeten Querschläge in Abständen von 300 m und die Ventilation zur Sicherstellung des Überdruckes sind sicher in Bezug auf die Selbstrettung eine optimale Lösung. Allerdings kommt sie nur dann zum Tragen, wenn die Tunnelbenützer davon Kenntnis haben, und das ist nur dann möglich, wenn international gültige Normen für die Projektierung langer Tunnelanlagen aufgestellt, durchgesetzt und dem Tunnelbenützer bekannt gemacht werden.
Der erste Aspekt betrifft das Unfallrisiko, an dem die Task-Force scheinbar vorbei gearbeitet hat. Die interessante Auseinandersetzung, ob nun die Verkehrsdichte oder ob die gefahrenen Tunnelkilometer für die Beurteilung des Unfallrisikos massgebend sind, hat bereits Druckerschwärze beansprucht ("NZZ" vom 28. September 99, Nr.225, Rubrik Briefe an die NZZ, "Sichere Tunnels - gefährliche Güter"). Wichtig sind jedoch die Tatsachen, und die sind eindeutig. Laut Bericht der Betriebskommission sind nämlich bis Ende 1998 im Gotthard-Strassentunnel durch Verkehrsunfälle insgesamt 15 Menschen ums Leben gekommen (beinahe ein Todesfall pro Jahr) und es wurden 713 Unfälle von der Polizei aufgenommen. Im doppelröhrigen Seelisbergtunnel mit einer etwas grösseren Verkehrsbelastung sind keine Unfälle mit letalen Folgen registriert. Einige Todesfälle gab es, als der Tunnel wegen Unterhaltsarbeiten in einer Röhre mit Gegenverkehr betrieben wurde.
Es gibt keinen Tunnel in Europa (Katastrophe am Mont-Blanc ausgeklammert), der eine so hohe Zahl von Verkehrstoten in derart kurzer Zeit aufweist. Da ist der Gotthard-Strassentunnel an der Spitze, ist als einzige im Gegenverkehr betriebene Tunnelröhre als gefährlich einzustufen, und es ist im Zusammenhang mit der Realisierung einer zweiten Tunnelröhre dringend Handlungsbedarf gefragt.
Nicht erwähnt sind dabei die spektakulären, aufschlussreichen und folgenschweren Car- und LKW-Brandunfälle (seit 1992 insgesamt 46 Fahrzeugbrände). Nicht erwähnt sind die Staus an den Portalen mit dem Energieverbrauch, dem Zeitverlust und der Umweltbelastung. Nicht erwähnt sind der Mehraufwand für Betrieb und Unterhalt und die Kosten für die durch den Gegenverkehr bedingte, künstliche Belüftung; ebenso wenig die Probleme der Zukunft, wenn die Erneuerung von technischen Anlagen eine längere Sperrung der Tunnelanlage erfordert. Gefragt sind an der Schwelle des neuen Millenniums derselbe politische Mut, Realismus und dieselbe Weitsicht wie damals am Walensee.
Im gleichen Artikel der "NZZ" kann zur Kenntnis genommen werden, dass am 6,7 km langen San-Bernardino-Tunnel ein Sicherheitsstollen gebaut werden soll. Der unter der Fahrbahn angeordnete Lüftungskanal wird zu diesem Zweck benutzt. Auch am Mont-Blanc-Tunnel ist der Bau eines Sicherheitsstollens eine beschlossene Sache. Offensichtlich ist man sich darüber einig, dass für lange Tunnelanlagen eine Projektkonfiguration mit einem Sicherheitsstollen für die Sicherheit der Tunnelbenützer die optimale Lösung darstellt. Trotzdem werden zurzeit in der Schweiz weltrekordverdächtige, sehr lange Tunnelanlagen ohne Sicherheitsstollen geplant, genehmigt und für die Ausschreibung gutgeheissen. - Da läuft tatsächlich etwas bedenklich schief.