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Die Les Saintes sind eine Gruppe von grünen, steil aufragenden Inselchen, die einen perfekten Ankerplatz umschliessen. Entsprechend zahlreich sind die Yachten, die hier liegen. Die bewaldeten Bergflanken sind gesprenkelt mit eleganten, rotbedachten Häusern, deren breite Veranden den Ausblick auf ein smaragdgrünes Meer bieten. Im Norden liegt Guadeloupe, deren Umriss an einen etwas missgestalteten Schmetterling erinnert. In den hohen Berggipfeln hängen Regenwolken. Etwa 20 Seemeilen ist es bis Point-à-Pitre, der Hauptstadt der Insel. Aber der verträumte Archipel der Les Saintes ist uns lieber als die Betriebsamkeit von Point-à-Pitre.
Karibik-Idylle
So stellt man sich die Karibik vor, eine Idylle in Grün- und Blautönen. Aber eigentlich wollte ich ja gar nicht hierherkommen. Der ursprüngliche Plan war, nach dem Besuch der Bijagos irgendwie zu den Kanaren zu segeln und von dort aus zurück auf die Azoren. Aber es zeichnete sich einfach kein Wetterfenster ab, das einen Kurs nach Nordosten erlaubt hätte. Im Gegenteil: Der Wind blies mit einer frustrierenden Beständigkeit aus eben dieser Richtung. Ich hätte auch bis April auf günstiges Wetter für eine Fahrt direkt zu den Azoren warten können. Aber ich war schon viel zu lange auf den Kapverden. Ich musste etwas tun.
“Wenn du schon einmal hier bist”, meinte Katrin, meine Frau, beim Abendessen in einem der kleinen, niedlichen Restaurants von Mindelo. Sie hielt es für eine gute Idee, mich in die Karibik segeln zu lassen. Damit das mal von der Liste gestrichen werden könnte, ergänzte sie. Um es mir leichter zu machen, organisierte sie auch eine Begleitung: Ich hatte Devi in Mindelo kennengelernt. 54-Jährige war auf einem polnischen Boot unterwegs gewesen. Katrin schlug ihr vor, das Boot zu wechseln und mit mir zu segeln. Was sie tat.
Wechselhafte Winde
So brachen wir am 1. Februar zu zweit Richtung Westen auf. Rund 2100 Seemeilen lagen vor uns. Der Atlantik empfing uns zuerst mit heftigen Böen und etwas ruppiger See. Doch bald schon schlief der Wind etwas ein und wir hatten Tage mit langsamer Fahrt vor uns. Zunächst versuchte ich es mit dem Roundsail, einem umfunktionierten Fallschirm als Leichtwindsegel. Aber selbst für dieses reichte der Wind nicht aus. Zwei Mal landete der Fallschirm im Wasser.
Ich wechselte deshalb zur Standard-Passat-Besegelung mit dem Grosssegel auf der einen, der ausgebaumten Genua auf der anderen Seite. Das gefiel Blue Alligator und der Windpilot übernahm das Steuern. Wir behielten dieses Arrangement bis zu unserem Landfall in Martinique bei. Es ging fast alles wie von selbst.
Kleinere und grössere Schäden
Ich glaube, auf einer Atlantiküberquerung ist eher die Frage, was kaputt geht und nicht ob etwas kaputt geht. Wir hatten Glück. Die meisten Schäden waren Kleinigkeiten wie der Antriebsriemen des elektrischen Autopiloten oder eine Steuerungsleine des Windpiloten. In Mindelo hatte ich die Führung für die Genua reparieren und ein neues Fall einziehen lassen. Nach wenigen Tagen stellte ich fest, dass sich der Knopf beim Fall gelöst hatte. Von da an konnte ich die Genua nicht mehr ganz ausrollen, sie wäre sonst ganz einfach runtergekommen. Aber da nun endlich auch der Wind zugelegt hatte, fuhren wir ohnehin mit gerefften Segeln.
Weniger harmlos war der Bruch eines Bolzens, der die eine vordere Unterwant hielt, eine der Verspannungen des Masts. Zum Glück passierte das während der Schwachwind-Phase. Ich weiss nicht, ob der Mast gehalten hätte, hätte sich die Want bei mehr Wind und Wellen gelöst. So hatten wir Zeit für die Reparatur. Aber natürlich hatte ich keinen Ersatzbolzen an Bord. Es ist immer dasselbe: Kaputt geht, woran man am wenigsten denkt.
Zum Glück ist auf Blue Alligator so manches verbaut, was erlässlich ist. Wir bauten deshalb einen Bolzen an andere Stelle aus und ersetzten das gebrochene Stück. Nach zwei Stunden harter Arbeit und mit ein paar blauen Flecken mehr (um den Bolzen festzuschrauben, musste ich mich in den Kleiderschrank zwängen) war die Reparatur abgeschlossen. Und auf die Einkaufsliste kamen mindestens zwei Ersatzbolzen.
Der tägliche Fliegende Fisch
Ansonsten verlief die Reise mehr oder weniger ereignislos. Delphine bekamen wir erst am Schluss zu Gesicht. Dafür landeten Dutzende von fliegenden Fischen an Deck. Mit einer Ausnahme überlebten die eleganten, blauschimmernden Tiere mit ihren Flügelflossen die Landung nicht und so sammelten wir am Morgen die vertrockneten Leichen ein.
Nach etwa einer Woche fiel es uns schwer, den Wochentag zu bestimmen, und nach zwei Wochen mussten wir das Logbuch zu Hilfe nehmen, wollten wir wissen, wie lange wir bereits auf See waren. Damit die Tage nicht im Einerlei zerflossen, wurde das Abendessen zu einem Höhepunkt des Tages gemacht. Allerdings vergassen wir, die Zeit zu richten und so assen wir, je weiter wir nach Westen segelten, bei immer höherem Sonnenstand. Überraschenderweise hielten die frischen Vorräte – Tomaten, Gurken, Karotten, Kohl – fast bis auf die andere Seite des Ozeans. Zwar wurden unsere Gerichte zunehmend vegetarisch. Aber das tat ihnen keinen Abbruch.
Ankunfg auf Martinique
Am 19. Februar erreichten wir Martinique und machten in der Marina Le Marin fest. Wir fühlten uns erstaunlich gut, aber auch erleichtert, es geschafft zu haben. Das Anlegen in der Marina war der grösste Stress seit längerem.
Es ist schwer zu sagen, was eine Atlantikpassage auf einem relativ kleinen Boot mit einem macht. Stolz? Vielleicht. Bestimmt bin ich noch etwas gelassener geworden und habe mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und das Boot gewonnen. Aber das Besondere war wahrscheinlich die Erfahrung der Zeit und wie sehr alles andere, was das Leben gewöhnlich ausmacht, an Bedeutung verliert, wenn man von nichts anderem als einem Ozean umgeben ist. Ich konnte stundenlang einfach dasitzen und den Wellen zuschauen. Merkwürdigerweise wurde es mir dabei nicht langweilig.
Oder ich lauschte dem Dialog von Aeolus und Neptun, wie es ein Freund, der vor uns den Atlantik überquert hatte, es formuliert hatte. Manchmal schienen die zwei regelrecht zu streiten. Dann war der Dialog eher ein Flüstern. Auf jeden Fall trugen uns die beiden voran, tagsüber unter einer immer heisser brennenden Sonne, nachts unter einem phantastischen Sternenhimmel. Wir kamen uns klein vor in diesem Universum – und doch schien uns unser Boot mit seinen zehn Metern ausreichend. Am Ende ist Grösse ohnehin relativ.
Trotzdem sind drei Wochen eine lange Zeit. Und es wird mindestens ebenso lange dauern, um von der Karibik zurück auf die Azoren zu segeln. Hinzu kommt, dass die Reise von West nach Ost mehr Unwägbarkeiten bereithält. Konnten wir uns auf der Fahrt in die Karibik mehr oder minder auf den Passatwind verlassen, wird die Rückreise von verschiedenen Wettersystemen abhängen. Es dürfte also spannender werden.