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Im Katalog seiner ersten grossen Einzelausstellung im Jahr 1914 definierte Paul Klee seinen Stil als "kühle Romantik".
Für Klee war die Kunst der Klassik eine wichtige Grundlage, die es aber zu überwinden galt.
"Wenn Jean-Auguste-Dominique Ingres in der Bewegungslosigkeit eine Ordnung geschaffen hat, dann will ich, ohne jedes Pathos, in der Bewegung eine Ordnung schaffen", schrieb Klee.
Um die abstrakte oder kühle Romantik von Paul Klee zu beschreiben, gehen wir am besten von einem Schlüsselwerk der deutschen Romantik aus: "Der Wanderer über dem Nebelmeer" von Caspar David Friedrich, 1818.
Das dynamische Zusammenspiel von Wolken, Felsen und Nebel in einer Gebirgslandschaft widerspiegelt die Ergriffenheit des Menschen gegenüber der Schöpfung und seine Sehnsucht nach dem Ewigen.
Die mystische Beziehung sowie die tiefe Verbindung zwischen Natur und Mensch taucht auch im Werk von Paul Klee immer wieder auf – nicht in Form einer realistischen Landschaft, sondern als Anordnung geometrischer Formen und Pfeile.
Der junge Klee erklärte, er philosophiere über den Tod und über die Todessehnsucht nicht als endgültigen Verzicht, sondern als Versuch, Vollkommenheit zu erlangen. Auch diese Aussage ist unverkennbar vom Geist der Spätromantik geprägt.
In Kenntnis der Tradition
Paul Klee wuchs in einer Zeit auf, die von der deutschen Spätromantik geprägt war. Diese wendete sich gegen die akademische Tradition, die sich auf die griechische und römische Antike berief. Dennoch spielte Klees persönliche Auseinandersetzung mit den Werken der Klassiker für seinen Werdegang eine zentrale Rolle: So studierte Klee, knapp 20-jährig, in Rom die Proportionen der klassischen Architektur.
"Magische" Zahlen und Proportionen, die sich auch in der Natur beobachten liessen (zum Beispiel an Blättern und Flechten, von denen Klee eine ganze Sammlung besass), waren für ihn nicht Symbole der Kälte und Distanz, sondern Ausdruck des Lebens und künstlerisches Anschauungsmaterial.
Doch für Klee war die Kunst der Klassik "eine wichtige Grundlage, die jeder moderne Künstler kennen und überwinden muss, um Neues zu schaffen", sagt der Kunsthistoriker Michael Baumgartner gegenüber swissinfo.
In seinem zeichnerischen Werk war Paul Klee vor allem von Francisco de Goya und vom Expressionismus von James Ensor und von Alfred Kubin beeinflusst. Zwischen 1908 und 1912 machte er in einigen Ausstellungen in München Bekanntschaft mit den Werken von Vincent Van Gogh, Henri Matisse und Paul Cézanne, der Klee zur Bemerkung veranlasste, dieser sei ein Meister seines Fachs, mehr noch als Van Gogh.
Organische Kreativität
Wir wissen, dass Klee erst nach eingehendem Kunststudium und vielen Jahren mehr oder weniger geglückter Experimente zur Malerei gelangte. Weg weisend für den Maler Paul Klee waren Begegnungen mit Robert Delaunay, dem Meister der Farbe, und natürlich mit August Macke, Franz Marc und Wassily Kandinsky.
Die Gründer der Künstlergruppe "Der blaue Reiter" vertraten ein Gedankengut, das dem seinen verwandt war. Nach einer mehr oder weniger freiwilligen Phase der Isolation arbeitete er nun mit anderen Künstlern zusammen. Das brachte ihn einen grossen Schritt voran.
Er war wie Kandinsky der Ansicht, dass der Künstler seine Inspirationsquelle in sich selber finden müsse: Im Kind, das in der Tiefe des eigenen Selbst schlummert, in der unbewussten, spontanen Kreativität.
Der Einfluss Klees auf andere Künstler
Klee gründete keine eigene Kunstbewegung wie zum Beispiel Kandinsky. Trotzdem darf zu Recht behauptet werden, dass sich jeder Maler nach Klee mit dessen Werk auseinander setzte.
Seine direktesten Nachfolger sind Fritz Winter, Willy Baumeister, Max Bill und Otto Nebel. "Zahlreiche minimalistische Künstler wie Sol Lewit folgten seinen Spuren. Gewicht hatten weniger sein Stil als seine Ideen. Andy Warhol zum Beispiel befasste sich intensiv mit Klees Schriften; man kann jedoch nicht sagen, dass er von seinem Werk beeinflusst war", erläutert Michael Baumgartner.
Es waren vor allem seine Ideen wie die spirituelle Bedeutung künstlerischen Suchens oder die poetische, meditative Ruhe, die mit dem Schaffen und dem Genuss von Kunst verbunden sind, von denen sich diese Künstler inspirieren liessen. "Die Surrealisten betrachteten Paul Klee als einen der ihren. Picasso bewunderte ihn sehr", fügt Baumgartner hinzu.
Auch Picasso war der Meinung, dass jedes Kind ein Künstler sei, und der Künstler sich lediglich ein Leben lang bemühe, wieder dieses Kind zu werden. Dieses Konzept vertrat auch Paul Klee. Zu den Persönlichkeiten, die auf Klees Schaffen besonders stark Einfluss nahmen, gehört somit auch sein Sohn Felix.
In jungen Jahren war Paul Klee "Hausmann". Er erzog den Sohn, während seine Frau Konzerte gab und Musikunterricht im Ausland erteilte. Auch in dieser Hinsicht war Paul Klee seiner Zeit weit voraus.
swissinfo, Raffaella Rossello
(Übertragung aus dem Italienischen: Maya Im Hof)
In Kürze
In all seinen Tätigkeiten, als Zeichner, als Lehrer am Bauhaus, als Maler und auch während der fast fieberhaften Produktivität seiner letzten Lebensjahre zeigte sich Paul Klee als profunder Kenner der Kunstgeschichte, dem es wie keinem anderen gelang, die Anregungen alter und zeitgenössischer Künstler aufzunehmen und in eine eigene Bildsprache umzusetzen.
Konzepte wie die Spiritualität der Kunst oder das Unterbewusste als wichtigste Inspirationsquelle, die Experimente mit Form und Farbe an der Schwelle zwischen Mystik und Rationalität oder das Gleichgewicht zwischen abstraktem und figürlichem Arbeiten gehören seit Klee zum kulturellen Gepäck eines jeden Künstlers.