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Er hat das Schwingen gerockt, geprägt und aufgemischt wie Muhamad Ali das Boxen. Rudolf «Rüedu» Hunsperger, der beste Schwinger aller Zeiten, ist am Samstag im Alter von 72 Jahren viel zu früh gestorben.
Dies ist eine Geschichte über sportliche Triumphe und menschliche Tragik. Über Aufstieg und Fall eines grossen Sportlers und liebenswerten Menschen.
Rudolf «Rüedu» Hunsperger ist der kompletteste, beste Schwinger aller Zeiten. Er wird 1966, 1969 und 1974 König und verlässt nach der dritten Krönung 1974 die Arena unbesiegt. 1966 hatte er als Rekrut in Frauenfeld den eigentlich unbesiegbaren Titanen Karl Meli, den König von 1961 und 1964, gestürzt und eine Epoche beendet.
Seine Popularität ist beim Rücktritt in den 1970er Jahren mit jener von Bernhard Russi vergleichbar. Eine bessere Basis für ein weiterhin erfolgreiches Leben ist kaum denkbar. Aber der König kann sein Glück nicht festhalten.
Anfang der 1970er Jahre heiratet er die Emmentalerin Margrit Wittwer. 1972 kommt Tochter Fränzi zur Welt, später Bäuerin auf dem legendären Minger-Hof in Schüpfen. Ein Jahr später Sohn Remo. Er wird ein guter Kranzschwinger. Auch beruflich läuft's. Aus dem Automechaniker Hunsperger wird ein Garagist. Der Rubel rollt in den Goldgräberjahren des bernischen Immobilienhandels. Da fliegt «der Rüedu» schon mal nach England, um für einen Kunden einen Jaguar einzukaufen.
Der Niedergang kommt nicht mit einem Donnerschlag. Eher schleichend. Unmerklich. 1987 die erste Scheidung. Finanzielle Engpässe. Das Geschäft gibt nicht mehr genug her. Vielleicht ist er manchmal zu gutmütig. Vielleicht auch etwas zu leger in geschäftlichen Dingen. Item, er muss aus dem Autobusiness aussteigen.
Doch es kommt noch einmal eine Chance. In der richtigen Erkenntnis, dass der Namen Hunsperger ein Magnet sein würde, erhält er Mitte der neunziger Jahre den Zuschlag als Pächter der «Linde» in Habstetten. Die Gäste kommen in Scharen. Jetzt hätte «Rüedu» eine Frau gebraucht wie Margrit, die später erfolgreich im «Bellevue» in Ittigen-Eyfeld wirtet. Zusammen mit seiner zweiten Frau Maya, der ehemaligen Chefsekretärin des legendären YB-Bosses Ruedi Bär, klappt das mit dem ländlichen Gasthof nicht. Auch diese Ehe und das Engagement auf der «Linde» enden im Debakel. 1996 muss Hunsperger Konkurs anmelden.
Im Sommer 2000 ist er drauf und dran, wieder Tritt zu fassen. Er gibt sein Leben als Wirt auf und will wieder in die Umgebung von Bern zurück. Im Temporär-Büro von Hans-Peter Bickel, dem Ex-YB-Goalie, lässt er sich anstellen. Nur vorübergehend, vom Lohn her fast nur symbolisch. Er will sich umsehen, wie er seine Geschäftsverbindungen reaktivieren kann und sich dann wieder selbständig machen.
In diesem Moment ereilt ihn der schwerste Schicksalsschlag, von dem er sich nie mehr erholen wird. In Form einer infizierten Spritze. Im Juli 2000 bekommt er wegen Rückenschmerzen eine Spritze. Sie löst eine Blutvergiftung aus. Ein ärztlicher Kunstfehler. Wenig später müssen «Rüedus» Kinder Remo und Fränzi ihre Unterschrift geben, um in einer letzten Operation das Leben ihres Vaters zu retten. Die Ärtze geben ihm noch 20 Prozent Überlebenschancen. Fünf Kilo infiziertes Gewebe werden ihm herausgeschnitten. Er liegt zwei Wochen im Koma und zwei Monate auf der Intensivstation – und er kommt noch einmal davon.
Letzte Woche hat er einen Schlaganfall erlitten und am Samstagmorgen ist er verstorben. Wegen einer Beinverletzung, die nicht heilte und schliesslich zu heftigen Komplikationen führte, lag er vorher mehrere Monate im Spital.
Ein solches Leben, hier bloss im gerafften Überblick mit knappen Strichen angedeutet, macht nachdenklich. Ein Sprichwort passt allerdings am allerwenigsten dazu: «Hochmut kommt vor dem Fall». Denn überheblich war «Rüedu» nie. Auch in seinen besten Zeiten nicht. Er war vielleicht eher zu weich, so fest er als Schwinger seinerzeit zupackte, und manchmal zu leichtsinnig und zu gutmütig. Zu weich und zu gutmütig, sich als Geschäftsmann zu behaupten.
Doch Rüedu war nie einer, der sein Los bejammerte und den anderen die Schuld gab. Er wusste, dass er Fehler gemacht hatte, die sich bitter rächten. Für die Spritze freilich, die ihn schon vor 18 Jahren an den Rand des Todes gebracht hatte und ihn so viel Lebenskraft kosten sollte, konnte er rein gar nichts.
«Rüedu» bleibt als grösste Schwingergestalt aller Zeiten unvergessen. Aber mehr noch als warmherziger, liebenswerter, gutmütiger und sensibler Mensch. Vielleicht zu warmherzig, liebenswert, gutmütig und sensibel, um vor einem unergründlichen Schicksal als König bestehen zu können.