Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03352.jsonl.gz/2702

Um das abgelegene Tal Helambu im Distrikt Sindhupalchok zu erreichen, müssen wir erstmal aus der Kathmandu-Ebene herauskommen und dann einige Stunden dem Fluss Melamchi folgen. Die Bergstrassen in Nepal sind eng. Immerhin wurde unsere Strecke inzwischen vom Schutt befreit, der sich als Folge des Erdbebens vom 25. April und dem stärkeren Nachbeben vom 12. Mai auf die Fahrbahn gelegt und zeitweilig jegliches Durchkommen verhindert hatte. Trotzdem sind Felsstürze immer noch jederzeit möglich, und die Strassenverhältnisse sind sowieso durchwegs schlecht. Mit Einsetzen der Regenzeit wird Helambu fast nicht mehr erreichbar sein.
Helambu wurde, wie auch alle anderen umliegenden Regionen, vom Erdbeben stark getroffen. In vielen der kleinen Dörfer an denen wir vorbeikommen, steht kein einziges Haus mehr. Die einstigen Bewohner haben sich mehr schlecht als recht eine temporäre Bleibe aus dem noch brauchbaren Material ihrer Ruinen - meist Holz und Wellblech - gezimmert und diese mit dem noch intakten Hab und Gut wie Schränken, Betten, aber auch Pfannen und Geschirr notdürftig ausgestattet. Die Bewohner der entlegenen Bergregion Helambu nennen sich Yolmo. Sie alle wissen genau, wo sie während des grossen Erdbebens im April waren und erzählen mir ihre Geschichte nie aufdringlich, aber wenn ich sie danach frage, gern bei einer Tasse Tee.
So zum Beispiel Ongdi Dorje, der Englischlehrer im Dorf Nakote, der gerade dabei ist, ein temporäres Klassenzimmer aus Holz und Wellblech zu bauen. Er ist im Moment der einzige Lehrer in Nakote, da die auswärtigen Lehrer noch nicht zurück aus ihren ebenfalls betroffenen Heimatdörfern sind. Da das Erdbeben an einem Samstag passierte, arbeitete Ongdi gerade in seinem Reisfeld. Als die Erde anfing zu beben, wusste er zuerst nicht, ob er stehenbleiben oder sich hinlegen soll, rannte dann aber los, als er einige Leute sah, die auf einen freien Platz unter einem Baum liefen. Die Erde hatte sich fast eine ganze Minute lang nicht beruhigt und Ongdi sah sein Haus einstürzen, genauso wie alle anderen Häuser des Dorfes auch. Unter dem Baum sei er dann erleichtert auf seine Frau und seine kleine Tochter gestossen, die gerade aus dem regionalen Krankenhaus zurückgekehrt waren. Er ist froh und glücklich, dass seiner Familie nichts passierte und gleichzeitig sehr traurig, weil auch in Nakote drei Menschen umgekommen seien, die es nicht geschafft hatten, ihre einstürzenden Häuser rechtzeitig zu verlassen.
Caritas unterstützt die Gemeinden dabei, temporäre Schulräume aufzubauen. In Helambu und in angrenzenden Regionen in Sindhupalchok wurden durch das Erdbeben alle Schulen zerstört oder zumindest stark beschädigt. In Nepal hat die Schulbildung einen hohen Stellenwert. Sie ist ein wichtiger Teil des Alltags. Umgekehrt ist die möglichst rasche Rückkehr zu einem normalen Alltag sehr wichtig für die Bewältigung der traumatischen Katastrophenerlebnisse. Bald kommt ausserdem der Monsun und die Kinder benötigen schlicht und einfach Schulräume, die sie vor Wind und Regen schützen. Die Gemeinden haben von sich aus schon unmittelbar nach dem Beben mit dem Wiederaufbau begonnen, aber es fehlt ihnen fast überall an Material und auch an Wissen über erbebensicheres Bauen. Caritas unterstützt die Gemeinden deshalb mit der Lieferung von Baumaterial und mit Wissen, aber auch mit Materialien für den Unterricht und nicht zuletzt – in Zusammenarbeit mit der Schweizer Partnerin Helvetas – mit hygienischen Einrichtungen bei jedem temporären Schulgebäude.
Nach dem Monsun wird Caritas die Gemeinden beim erdbebensichereren Wiederaufbau der eigentlichen Schulen unterstützen. Bis alle Schulen wieder aufgebaut sind, wird es aber noch eine Weile dauern. Bis dahin werden Ongdi und seine Schülerinnen und Schüler in temporären Schulzentren Englisch lernen und Mathe büffeln müssen.
Text: Lukas Fiechter, Programmverantwortlicher Nepal, Caritas Schweiz
Foto: Caritas Schweiz