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Es gibt wohl keinen Regisseur, der die vielfältigen Entwicklungen der letzten 35 Jahre im Filmschaffen der Volksrepublik China so gut verkörpert wie der 1950 (oder, je nach Quelle, 1951) geborene Zhang Yimou. Sein Œuvre umfasst sowohl ethnografische Arthouse-Filme als auch kommerzielle Mainstreamproduktionen. Veränderungen im Filmwesen hat sich Zhang nicht nur angepasst, zum Teil hat er sie sogar mitinitiiert, doch ist es ihm dabei gelungen, seiner Handschrift und seinem künstlerischen Credo treu zu bleiben.
1978 nahm die Filmschule in Peking zum ersten Mal wieder Studierende auf, nachdem sie während der zehn Jahre dauernden und für die Filmkunst verheerenden Kulturrevolution brachgelegen war. 1982 verliess so eine neue Generation die Filmschule, die nach der chinesischen Zählweise als «fünfte» bezeichnet wird. Sie interessierte sich nicht nur für Inhalte, sondern auch für Form und Ästhetik – aber sehr wenig dafür, was die kommunistische Führung sich unter idealer Filmkunst vorstellte. Zusammen mit seinem Schulkameraden Chen Kaige, der ebenfalls als Student während der Kulturrevolution aufs Land geschickt worden war und für den er anfänglich als Kameramann arbeitete, widmete sich Zhang ab Mitte der 80er-Jahre dem vom chinesischen Kino vergessenen oder propagandistisch verklärten Landleben. So etwa in Rotes Kornfeld (1988), Ju Dou (1990) und Raise the Red Lantern (1991), alles Literaturverfilmungen, die in den 1920er-Jahren angesiedelt sind und das Schicksal von Frauen ins Zentrum stellen, die mit den verkrusteten, menschenunwürdigen Strukturen des feudalen und patriarchalen Chinas zu kämpfen haben. Ju Dou, der erste chinesische Film, der als bestes fremdsprachiges Werk ins Rennen um die Oscars ging, wurde auf Technicolor-Material gedreht, ein Verfahren, das zwar längst überholt war, den Farben aber zu einer ungemeinen Intensität verhilft.
Eigenwillige Farbkompositionen Raise the Red Lantern verdeutlicht die Essenz des Filmstils von Zhang Yimou: Der Regisseur erzählt seine Geschichten vor allem in Bildern, eigenwilligen Stilisierungen und Kompositionen. Die Starre des feudalen Systems wird in einer Abfolge zentralperspektivischer und symmetrischer Einstellungen visualisiert, welche die Figuren zu Marionetten macht: eine kalkulierte Ästhetik, die ebenso betörend schön wie psychologisch einengend ist. Auch Qiu Ju – eine chinesische Frau (1992), der erneut eine beharrliche weibliche Hauptfigur hat, spielt auf dem Land, jedoch in der kommunistischen Gegenwart. Zwar fehlt auch hier die perfekte visuelle Orchestrierung nicht, doch kehrt Zhang zu einem zurückhaltenderen, fast neorealistischen Ausdruck zurück. Verblüffend ist, dass die sonst so schillernd und strahlend inszenierte Hauptdarstellerin Gong Li hier als Bäuerin ihres Glamours fast gänzlich beraubt ist. Der Film erhielt in Venedig den Goldenen Löwen und Gong Li den Preis als beste Darstellerin. Als Schauspielerin, Muse und Lebensgefährtin war sie untrennbar mit den ersten sechs Filmen Zhangs verbunden: «Wann immer ich eine neue Idee hatte, fragte ich mich: Kann sie das spielen? Ist die Rolle gut für sie? Werden wir streiten?», erklärte Zhang offen in einem Interview. Die Trennung von Gong Li 1995, mit der er erst viel später noch zweimal zusammenarbeiten würde (2006 in Der Fluch der goldenen Blume, 2014 in Coming Home), war mit ein Grund, weshalb Zhang sich neuen Themen widmete: Nun wollte er sich mehr dem Alltag und den einfachen Leuten zuwenden.
Eine neue Schaffensphase So griff Zhang für Not One Less (1999), der die prekäre Unterrichtssituation in abgelegenen Landschulen aufzeigt, ausschliesslich auf Laiendarsteller zurück. Es war auch sein erster Film, den die staatlichen Kulturstellen vollumfänglich unterstützten. Obwohl darin durch den Wirtschaftsboom entstandene Ungleichheiten moniert werden, verdächtigte man Zhang vor allem im Westen einer gewissen Regimehörigkeit. Der Regisseur wehrte sich in einem öffentlichen Statement, seine Filme würden besonders im Westen stets in einem politischen Licht gesehen und in «staatstreu» oder «staatsfeindlich» eingeteilt. Nach der etwas sentimentalen Liebeskomödie Happy Times (2000), die die urbane Konsumgesellschaft aufs Korn nimmt, vollzog Zhang 2002 erneut eine für die gesamte Filmbranche Chinas signifikante Kehrtwende, indem er mit Hero (2002) versuchte, der immer mächtiger werdenden Hollywoodkonkurrenz die Stirn zu bieten. Mit enormem Budget, zugkräftigen Hongkong-Stars und einer gezielten Marketingkampagne wollte er selbst einen dapian realisieren. Diese mit «grosser Film» zu übersetzende chinesische Bezeichnung entspricht dem amerikanischen Blockbuster. Der Plan ging auf: Der Schwertkampffilm wurde zum erfolgreichsten chinesischen Film aller Zeiten. Viele folgten diesem Beispiel, und bis heute kommt es regelmässig vor, dass grosse einheimische Filme Hollywood an der Kinokasse überflügeln.
Kunst und Kommerz – Widersprüche? Dennoch ist Hero ein Beweis dafür, wie schwierig es auch bei Zhang Yimou wäre, Kunst gegen Kommerz auszuspielen. Denn trotz seiner pekuniären Ambitionen schuldet der Film seinen Erfolg vor allem der Handschrift des Regisseurs. Besonders die opulente Verwendung von Farbe, die den Film in fünf unterscheidbare Abschnitte teilt und für die extra Wong Kar-wais Kameramann, der Farbspezialist Christopher Doyle, verpflichtet wurde, erregt bis heute bei Publikum wie Kritik Aufsehen. Auch in den letzten 15 Jahren gelang es Zhang Yimou immer wieder, sowohl im Arthouse-Bereich mit Werken wie Coming Home (2014) als auch mit grösseren, kommerzieller ausgerichteten Produktionen, etwa The Flowers of War (2011) mit Christian Bale in der Hauptrolle, das heimische und das internationale Publikum zu erreichen. Dass Zhang Yimou inzwischen auch bei der chinesischen Parteiführung als Aushängeschild gilt, beweist nicht zuletzt die Tatsache, dass er 2008 mit der Inszenierung der Eröffnungs- und Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking sowie kürzlich mit der Schlussfeier zum 70-jährigen Bestehen der Volksrepublik beauftragt wurde. Doch Ruhm und Anerkennung schützen nicht vor (mutmasslichem) staatlichem Zugriff, wie das Schicksal des seit neun Monaten fertiggestellten One Second zeigt. Der Film, der laut wenigen informierten Quellen als einer der persönlichsten von Zhang bezeichnet wird, behandelt erneut die Kulturrevolution – ein in China nach wie vor heikles Thema. Er wurde im letzten Moment aus nicht näher definierten «technischen Gründen» aus dem Wettbewerb der diesjährigen Berlinale zurückgezogen und liegt trotz Anpassungen immer noch auf Eis. Dennoch müssen wir uns keine Sorgen machen: Zhang Yimou, der diesen April seinen 70. Geburtstag gefeiert hat, wird dieses Hindernis überwinden und uns auch in Zukunft überraschen.
Till Brockmann
Till Brockmann ist Filmwissenschaftler und Japanologe, arbeitet als Dozent u.a. an der UZH; daneben ist er auch als Filmjournalist tätig.
Vielen Dank an das Stadtkino Basel, von dessen Vorarbeit wir beim Zusammenstellen dieser Reihe und der Texte profitieren konnten.