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- Veröffentlicht: 21. April 2020
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Der eigentliche Ausbau der Eisenbahnlinien in unserer Region begann erst von 1875 an mit der Inbetriebnahme der Bözberglinie. Im gleichen Jahr begann auch der Betrieb der Juralinie von Basel über das Birseck nach Delémont. Schon vier Jahre vorher (1871) erhielt Pratteln auch eine Stichbahn nach Schweizerhalle, die sogenannte Salinenbahn. Mit einer Verzögerung gegenüber der Stadt Basel setzte nun nach 1875 auch im untern Baselbiet ein erster Industrialisierungsschub ein. Allerdings waren vorerst nur Pratteln, Münchenstein und der traditionelle Standort «Neue Welt» davon betroffen.
In Pratteln entstanden 1893 die Stahlbaufirma Buss und die Cementwarenfabrikation Brodtbeck, 1897 eine Verzinkerei, 1904 das Zentrallager der VSK, 1906 die Chemiefabrik Rohner, 1912 die Holzbau-Unternehmung Häring, 1913 die Waschmittelfabrik Henkel und 1916 die AGA (Fabrikation von Herden u. ä.). Direkt neben der schon seit 1830 existierenden Schappespinnerei in Arlesheim entstanden in Münchenstein 1883 die Kistenfabrik Trefzger mit einer Zuckersägerei, 1892 die Portland-Cementfabrik Münchenstein Brentano, welche schon 1897 nach Laufen expandierte, 1894 die Firma Alioth, welche elektrische Apparate herstellte, 1897 die Genossenschaft Elektra Birseck mit dem Zweck der Versorgung mit elektrischem Strom und 1899 die chemisch-technische Fabrik van Baerle. Die Elektra Birseck bezog übrigens vorerst bis zur Fertigstellung des Kraftwerkes Rheinfelden 1899 den Strom von Alioth. 1913 wurde Alioth von der Badener Brown-Boveri Co. übernommen. In der Neuen Welt öffnete die «Däfelifabrik» A. Klein 1906 ihre Tore.
Erste Firmen in Muttenz
In Muttenz selber siedelten sich nur sehr zögerlich neue Firmen an. Durch die Bildung des Bahnknotens Pratteln war wohl der Bahnstandort Muttenz als Zwischenstation vorläufig noch wenig attraktiv. Eine der ältesten und eine heute noch tätige Firma ist eine Zementwarenfabrik. Die heutige Beton-Christen AG entstand nicht wegen des Bahnanschlusses, sondern wegen der reichen Sand- und Kiesvorkommen 1878 am Schänzli bei Muttenz. 1883 wurde die Firma als Kollektivgesellschaft ins Handelsregister eingetragen. Birskies wurde vorerst am Schänzli zur Herstellung von Produkten für Kanalisationen u. a. abgebaut. Später kamen Strassen- und Hochbauartikel dazu. 1942 wurde als Tochtergesellschaft die «Rheinsand und Kies AG» ins Handelsregister eingetragen. Diese baute nun neu auch im Holderstüdeli und im Hardacker Sande und Kies ab. Nach 1945 begann die Elementfertigung in der Produktion zu dominieren. Ende der 1960er-Jahre wurde der Garten- und Landschaftsbau vorherrschend. Die Beton Christen AG befindet sich bis heute in Familienbesitz und beschäftigt ca. 25 Mitarbeitende.
Nur wenig später, im Jahre 1881, eröffnete der Maurermeister Samuel Jourdan ein Baugeschäft an der Hauptstrasse 28. 1913 wurde dieses von seinen beiden Söhnen weitergeführt. Ab 1930 zeichnet Edmund Jourdan als alleiniger Gesellschafter. 1958 wurde die Firma in die Edmund Jourdan AG, Hoch- und Tiefbau-Unternehmung, umgewandelt und ins Handelsregister eingetragen. Seit den 1960er-Jahren besitzt sie die Büros an der Tramstrasse 3. Die Werkhöfe samt Kantine befinden sich an der Wildensteinerstrasse. Dank des guten Geschäftsganges konnte das Baugeschäft 1994 Zweigniederlassungen in Pratteln und Birsfelden errichten. 2008 beschäftigt die Firma um die 50 Mitarbeitende.
1887 eröffnete die damalige «Dachpappi», die Chemisch-Technischen Werke Muttenz an der Bahnlinie östlich des Bahnhofes ihren Betrieb. Und 1907 begann in deren Nachbarschaft die Firma Th. Haass AG mit der Fabrikation von Kartonage, Kisten, Obsthurden u. ä. Ein Jahr später, 1908, bezog die Gärtnerei Karl Dobler am Käppeliweg in Muttenz ihren zweiten Geschäftssitz. Bereits 1896 hatte Karl Dobler in Basel-St. Jakob an der Lehenmattstrasse seinen ersten Betrieb eröffnet. Von allem Anfang an war seine Spezialität die Züchtung und der Verkauf von einheimischen, aber auch exotischen Pflanzen.
Bald wurde es für ihn in Basel zu eng. Daher suchte und fand er in Muttenz ein besser geeignetes Grundstück. Im Jahr 1971 zügelte die Gärtnerei an den heutigen Standort an der Langjurtenstrasse. Zeitweilig beschränkte sich die Firma auf den Pflanzen-Grosshandel. 1996 wurde sie zur Regelung der Nachfolge in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Heute ist die Gärtnerei auch nach über 100 Jahren immer noch in Familienbesitz und beschäftigt 10 Mitarbeitende.
Die in den folgenden Kapiteln angegebenen «Gründungs- Jahrzahlen» beziehen sich, wo nichts anderes angegeben, auf den Eintrag im Handelsregister (Ragionenbuch). Ausbau der Gemeinde-Infrastruktur Die Gemeinde Muttenz schien anfangs des 20. Jahrhunderts mehr an sich selber zu denken als an den Ausbau von Gewerbe und Industrie. Hiefür bestand vermutlich auch keine gewerbliche Tradition aus dem 19. Jahrhundert. Zudem war die Vorherrschaft der Landwirtschaft durch die Lostrennung von Birsfelden sicher noch gefördert worden. Die Heimatkunde von 1968 nennt Muttenz bis zum Zweiten Weltkrieg industriefeindlich. Wir glauben eher, dass es eine Angst vor einer «Proletarisierung der Bevölkerung» war, welche ja schon 1875 bei der Lostrennung von Birsfelden eine Rolle gespielt hatte. Dies führte im damaligen Gemeinderat sicher auch zur zurückhaltenden Stimmung gegenüber jeglicher industriellen Entwicklung. Dafür unternahm dieser gleiche Gemeinderat einen zukunftsträchtigen Ausbau der Gemeindeinfrastruktur. Schon 1872 wurden die Teuchel (Wasserleitungen aus Holz) durch gusseiserne Leitungen ersetzt. 1876 richtete die Gemeinde eine allgemeine Beleuchtung mit Petrollampen ein. Ab 1889 konnte die Allgemeinheit im Bahnhof Muttenz einen Telegraphen benutzen. 1895 wurde die Wasserversorgung nochmals erneuert. Anstelle der gusseisernen Leitungen wurden die Häuser durch Hausleitungen direkt an die Wasserversorgung angeschlossen. In die gleiche Zeit fällt auch die Errichtung des ersten Reservoirs im Geispel. 1908 lieferte das Pumpwerk Birsland erstmals Grundwasser. 1898 wurde in der Gemeinde zudem die Elektrizität eingeführt. 1900 konnte das grosszügig gebaute Breite-Schulhaus eröffnet werden. Ab 1901 erneuerte eine länger dauernde Güterzusammenlegung das Wegnetz der Gemeinde und erleichterte auch die Bewirtschaftung der landwirtschaftlichen Güter.
Muttenz um 1900
Bis 1900 ernährte sich der grössere Teil der Muttenzer Bevölkerung immer noch von der Landwirtschaft. Daneben bestanden nur wenige und kleine Gewerbe- und Handwerksbetriebe, denn der eigene Hof lieferte vieles auch für die Selbstversorgung. So bestand um 1900 im Dorf ein Lebensmittelladen der Jungfer Meier, in der Baselgasse war der Krämer Pfirter, die Geschwister Wieser handelten mit Süssholz, Salz und Zündhölzern und der Bäcker im Oberdorf verkaufte neben seinen Produkten auch noch Petrol. Dazu kam natürlich ein ausgedehntes Hausiererwesen. Aus diesem landwirtschaftlich und kleingewerblich geprägten Bild des damaligen Muttenz ragten einzig die folgenden Betriebe heraus:
- der Steinbruch in der Sulzgrube (der nach 1918 aufgelassen
wurde)
- die Sand- und Kiesausbeutung der Cementwarenfabrik am Schänzli seit 1878
- ein Kalkofen bei der Mühle im Oberdorf
- eine Ziegelhütte beim Friedhof
- ein Betrieb zur Herstellung von Holzwolle
- eine Sauerkrautfabrik sowie
- die 1887 gegründeten Chemisch-Technischen Werke
Muttenz.
1907 kam noch die Kartonage- und Kistenfabrik Th. Haass AG dazu.
Bei einer Einwohnerzahl von etwas über 2 500 (1900) boten die eben genannten Betriebe bei weitem nicht genügend gewerbliche Verdienstmöglichkeiten. Daher zogen vor dem Ersten Weltkrieg fast 30 % der Muttenzer Erwerbstätigen täglich in die Stadt zur Arbeit. Dort war u. a. die Bandfabrik De Bary bei St. Jakob ein Arbeitgeber für viele. Ausserdem fanden bis zu 200 Arbeiter Verdienst in den Alioth-, später Brown Boveri-Werken in Münchenstein. Durch die vielen Pendler kamen zu den bäuerlichen Selbstversorgern auch immer mehr reine Lohnempfänger hinzu. Dadurch scheint sich vor und nach 1900 ein in Muttenz ansässiges Kleingewerbe entwickelt zu haben, das teilweise in der obigen Aufzählung der «Heimatkunde Muttenz» von 1968 nicht enthalten ist. Im Jahr 1910 wurde eine Milchgenossenschaft ins Leben gerufen und 1913 schlossen sich die Kleingewerbler zu einem Gewerbeverein Muttenz zusammen. Der Verein setzte sich auch die Schaffung einer Gewerbeschule in der Gemeinde zum Ziel. Dieses zukunftsweisende Projekt wurde in den Statuten verankert mit dem Passus: «Der Verein bezweckt, die allgemeine Bildung der Jünglinge in geistiger, moralischer und namentlich in praktischer Hinsicht zu fördern». Der Gewerbeverein besteht und wirkt heute noch unter der neuen Bezeichnung ghi (Gewerbe-, Handel- und Industrieverein Muttenz). Trotzdem blieb Muttenz in jener Zeit immer noch ein stark landwirtschaftlich orientiertes, nach Basel ausgerichtetes Dorf mit vielen Einwohnern, welche nach Basel zur Arbeit pendelten.
aus: Muttenz zu Beginn des neuen Jahrtausends, 2009, S. 184-188, Autor: Dr. Heinz Polivka