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Gut vorbereitet
01.06.21 | Sabine Arnold
Herta Aeschlimann ist unheilbar an Leukämie erkrankt. Die 54-jährige schaut dem Tod mutig ins Auge und hat für danach schon alles organisiert. Trotzdem hofft sie noch auf ein paar gute Jahre.
Herta Aeschlimann legt einen Ordner auf den Tisch, neben die Vase mit den Tulpen. In transparenten Zeigemappen stecken Couverts. Auf einem steht «Abdankung», auf einem «Danksagung», auf einem der Name ihres Sohns, auf anderen die Namen ihrer Schwestern. Die 54-Jährige hat notiert, was nach ihrem Tod geschehen soll, welche Art von Abdankung sie sich wünscht. Sie wird in der Danksagungs-Anzeige, die im «Anzeiger aus dem Bezirk Affoltern» erscheinen und per Post verschickt wird, selbst ihren Tod mitteilen, indem sie sich bei allen bedankt, die sie im Leben und während ihrer Krankheit unterstützt haben.
Sie hat in einer Patientenverfügung festgehalten, wie weit die Behandlungen gehen soll. Diese ACP-Beratung hat Palliaviva-Mitarbeiterin Livia De Toffol mit ihr gemacht. ACP steht für Advance Care Planning und heisst auf Deutsch: vorausschauende Behandlungsplanung.
Kämpferin gegen den Blutkrebs
Herta Aeschlimann trägt eine Trainerjacke in fröhlichen Farben. Ihr Teint ist gebräunt. Sie bewegt sich in ihrer hellen und aufgeräumten Wohnung langsam und vorsichtig vorwärts.
Anfang 2015 kämpfte sie einige Wochen lang mit enormer Müdigkeit und Schlappheit, arbeitete dennoch hart und organisierte gleichzeitig ihren Umzug in eine Einzimmer-Wohnung. Die alleinerziehende Mutter wollte in diesem Jahr, das ihr Sohn in einem Austausch in den USA verbrachte, Geld sparen. Abends duschte sie und ging sie mit den Kleidern zu Bett, weil sie wusste, dass sie morgens dazu sie die Kraft nicht hätte.
So war sie schon immer gewesen: selbstlos, fleissig, eine Kämpferin.
Im Februar 2015 schaffte sie es vor Erschöpfung nicht mehr, aufzustehen und liess sich ins Spital einweisen. Nach nur vier Stunden stand die Diagnose fest: akute myeloische Leukämie.
Sie erhielt rasch die erste von drei Chemotherapien und eine Knochenmarkspende von ihrer älteren Schwester. Danach folgten fünf Wochen im Transplantationszentrum und hundert Tage, in den sie keine öffentlichen Verkehrsmittel oder Läden betreten durfte wegen der Infektionsgefahr. Sie kam wieder auf die Beine, war fit genug zum Wandern und Spazieren. Dieser gute Zustand hielt etwa zwei Jahre lang an.
Die Leukämie war zurück.
An ihre früheren Jobs im Gastgewerbe oder in der Reinigung war nicht mehr zu denken. Über die Invalidenversicherung nahm sie an einem Integrationsprogramm teil und arbeitete im Altersheim Seewadel in Affoltern am Albis, wo sie die Gäste betreute. Nach einem Jahr wurde sie regulär zu 50 Prozent angestellt. Ende 2018 spürte sie wieder diese Müdigkeit, Anfang 2019 war klar: Die Leukämie war zurück.
Wiederum erhielt sie Chemotherapien, dieselbe Schwester spendete ihr Knochenmark. Das gleiche Prozedere erfolgte. Sie erholte sich zwar, doch plötzlich rebellierte ihr Darm gegen das fremde Knochenmark. Ihr Verdauungstrakt reagierte mit Durchfall, in der Fachsprache Diarrhö.
Ich habe immer gesagt, das schaffe ich auch noch.»
Herta Aeschlimann, Leukämie-Patientin
Herta Aeschlimann verbrachte ein Jahr mehr oder weniger im Bett und magerte wegen der Diarrhö von 57 auf 40 Kilogramm ab. Ende 2019 verabreichte ihr die Spitex jeweils nachts Nahrungsergänzung über einen Venenkatheter. Daneben ass sie so normal und so viel wie möglich. Die Nachbarn – «sie sind wie Eltern für mich» – brachten ihr häufig Mittagessen vorbei, ebenso die Rot-Kreuz-Fahrerin, eine Freiwillige, die sie jeweils ins Spital fuhr. «Daraus entstand übrigens eine wunderbare Freundschaft», sagt Aeschlimann. Die Spitex holte Palliaviva als 24-Stunden-Sicherheitsnetz hinzu. Die Patientin legte allmählich etwas an Gewicht und auch an Kraft zu. «Ich habe immer gesagt: Das schaffe ich auch noch.»
Herta Aeschlimann ist eine Optimistin und kann fast Allem etwas Gutes abgewinnen. «Mir ist es selten verleidet, und ich habe nicht oft geweint», sagt sie auf die Frage, ob sie niemals hadere. In ihr sei vielmehr die Kämpferin erwacht.
Im Sommer 2020 ging es ihr allmählich besser. Sie war wieder in der Lage, ins Dorf zu gehen, mit einem Rollator als Stütze. Selbständigkeit ist ihr enorm wichtig und bedeutet für sie Lebensqualität. Sie duschte und kochte wieder selbst. Sie traf Freundinnen und ihre Schwestern.
Hoffen auf das Wundermittel
Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich in der zweiten Jahreshälfte aber wieder. Hinzu kam auch noch Osteoporose. Ende Jahr wurde ein Rezidiv der Leukämie festgestellt: der Blutkrebs war zurück. Eine Knochenmarkspende war nicht mehr möglich. Trotzdem trug sie auch dieses Mal die Diagnose mit Fassung, ohne in ein Loch zu fallen. Sie schwärmt sogar vom jungen Hämatologen, der ihr diese Hiobsbotschaft sehr einfühlsam überbrachte, ohne ihr die letzte Hoffnung zu nehmen. Hoffnung gibt ihr auch ein lebensverlängerndes Medikament aus den USA, das sie mit Sondererlaubnis erhält, da es in der Schweiz noch nicht zugelassen ist. «Wir versuchen das nun. Bis jetzt ging es gut.» Aeschlimann hofft, dieses Wundermittel verschaffe ihr noch fünf bis zehn Jahre mit guter Lebensqualität.
Ausser Glieder- und Knochenschmerzen, Durchfall und Schwäche geht es ihr momentan einigermassen gut.
Gleichzeitig schaut Herta Aeschlimann den Tatsachen ins Auge: Ihre Lebenszeit ist begrenzt. Wie anfangs erwähnt, erstellte sie mit Hilfe von Palliaviva eine Patientenverfügung. Sie lud ihre Schwestern zu sich ein und sagte ihnen, was Sache ist. Mi ihrem inzwischen 22-jährigen Sohn sprach sie ebenfalls Klartext. Sie wolle nicht, dass er von ihrem Tod überrascht wird. So könne er sich auch darauf vorbereiten.
Herta Aeschlimann fühlt sich von ihrer Familie, aber auch von ihren Freundinnen und Freunden getragen. «Es sind nicht viele, aber die richtigen. Sie haben mir in den schwierigen Phasen viel Kraft gegeben.» In der vorbereiteten Anzeige dankt sie auch ihnen, ebenso ihrem Vermieter, der stets grosszügig zu ihr gewesen sei. Nicht zu kurz kommt auch das medizinische Personal, das sie all die Jahre begleitete. Sogar an ihre Case-Managerin von der Krankenversicherung hat sie gedacht: «Sie hat mir viel abgenommen. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man dem Geld nachrennen muss, vor allem wenn man krank ist.» Herta Aeschlimann wird niemanden vergessen. Sie ist schliesslich gut vorbereitet.