Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/1537

danke Hawaii, ich habe nicht die Absicht hier mitzumachen. Da ich mich aber bedanken möchte noch eine Geschichte, die ausdem "Kirchenbuch" stammt.
Verhängnisvoller Kofferfund
Das ist die Geschichte von Walter, Walter ohne h..
Er und seine Frau hatten sich nach der Rente ein Haus gekauft. Ein altes Haus oberhalb Adenau in der Eifel. Dort – inmitten von Weinbergen und hügeliger Landschaft - fühlten sie sich wohl. Im Sommer saßen sie abends auf der Bank vor dem Haus, beobachteten die Schwalben in der Luft und guckten auf Adenau herab, bis dort nur noch Lichter zu sehen waren und das Städtchen verschwand. Dann gingen auch sie schlafen.
Das Leben verlief so geruhsam, wie sie sich das erhofft hatten, bis Elfriede einen Schlaganfall bekam und nach drei Tagen Krankenhaus auch daran verstarb. Man sprach von einem zweiten Schlaganfall als Todesursache.
Walter lebte weiter, apathisch und funktionierte. Kinder oder enge Freunde hatte er nicht. Alles fiel ihm schwer, er musste sich aufraffen, da das Leben weiter ging und so kochte er sich notgedrungen Pellkartoffeln und aß Fisch aus Dosen dazu. Abends trank er Bier. Die Nächte verliefen unruhig, mindestens viermal musste er raus, der Prostata wegen.
So ging das drei Monate lang, dann raffte er sich auf und fing an, im Haus Ordnung zu machen. Es ging darum, seine spezielle Ordnung herzustellen. Alles, und nur das, was er wirklich brauchte, musste in der Küche seinen Platz haben. Große Töpfe und Pfannen, sowie alle Siebe, viele Messer und Scheren wurden in den Keller verbannt.
Nicht einfach so, sondern in Kartons auf denen jeweils oben weiße Schilder klebten, die den Inhalt anzeigten.
Walters Ordnung war äußerst penibel, so musste in der Schublade die Rolle mit der Alufolie genau zwischen den Rollen der Klarsichtfolie und der des Backpapiers liegen. Anders hätte ihm das nicht gefallen.
Und auf diese Weise durchforstete er das ganze Haus, bis auf das Wohnzimmer, das von vornherein seinen Vorstellungen entsprach.
Auf dem Dachboden befanden sich Koffer, die noch nie geöffnet wurden, es grauste ihm davor. Eigentlich erwartete er abgelegte Kleidung von Elfriede, aber zu seinem Erstaunen verbarg der Koffer dicht bis an den Rand gefüllt nur Papier. Und zwar quollen ihm Mengen von Totenzetteln entgegen, große, kleine, doppelte, Bütten und einfaches Papier. Es roch muffig und auch schwülstig. In den beiden anderen Koffern, die er erst jetzt entdeckte und die noch von den vorhergehenden Eigentümern sein mussten, befanden sich ebenfalls nur Totenzettel.
Er erschrak, alles war durcheinander, zahlreiche Gesichter schauten ihn an, halb verdeckt von Heilligenbildern und anderen religiösen Motiven, in der Mehrzahl Engel.
Er wusste nur, dass diese kleinen Briefchen beim Requiem in einem Körbchen durch die Reihen der Trauernden gereicht wurden zum Andenken an den Verstorbenen.
Wie war es möglich, dass eine solche Sammlung zusammen kam?
Von nun an fand man Walter ab 16 Uhr nur am Küchentisch sitzend und sortierend. Erst einmal grob sortierend in – vor dem Krieg – und nach dem Krieg. Bis er auf Totenzettel stieß, die aus dem ersten Weltkrieg stammten. Erschüttert las er alles. Kein Totenzettel wurde unstudiert aus der Hand gelegt.
Dabei begegneten ihm Anschriften wie: "Hochwohlgeborenen Herr", "an die ehrengeachtete Frau", "die tugendsame Jungfrau" oder "den ehrbarer Jüngling".
Auch die Berufe der bereits Verstorbenen wurden erwähnt, wie „Nachtwächter, der Postillon, der Oberbrieftaubenmeister, der Realitätenbesitzer (einer der von seinen Immobilien lebt), der Inwohner (Mieter), der Ökonom (Landwirt), der Gütler, Katler (Kleinbauer), der Söldner (Taglöhner), der Privatier (Rentner) oder der Pfründner (Insasse eines Pfründhauses, d.h. Altersheimes oder Armenhauses )“.
„ Im Ersten Weltkrieg 1914-18 wurde neben dem fast obligatorischen Bild des Gefallenen und dem Dienstgrad auch die Einheit angegeben der er angehört hatte z.B. "Landwehrmann der 4. Komp. 15.Res.-Inf.Regts". Zum Teil wurde auch die Todesart angegeben. So hieß es z.B. "infolge einer Granatverletzung", "durch einen Kopfschuss", "durch Verschüttung" usw.
Im zweiten Weltkrieg, 1939-45, waren Angaben über die Einheit auf den Totenzettel nicht mehr ersichtlich, sie wurde anonymisiert. So hieß es z.B. nur noch "Gefreiter in einem Gebirgsjägerregiment". Es gab aber Hinweise wo der Gefallene während seiner militärischen Zeit eingesetzt war, wie z.B. "Teilnehmer am Polen- und Frankreichfeldzug".
Die Todesart wurde auch nicht mehr angegeben. Pauschale Hinweise ergaben sich nur aus den Vermerken "Im Lazarett an den Folgen einer Verwundung verstorben" oder "in Kriegsgefangenschaft verstorben".
Andere besondere Hinweise gab der Totenzettel her ,wenn geschrieben stand "bei einem Partisanenüberfall durch Mörderhand ums Leben gekommen. (Quelle: Internet)
Völlig aufgewühlt fuhr er ins Archiv nach Aachen und erfuhr folgendes:
„ Der Brauch Sterbezettel anzufertigen und zu verteilen kam in der ersten Hälfte des 18.Jh in Holland auf. Erste Totenzettel werden bereits aus dem 17. Jh. erwähnt. Als sogenannte Bidprendtjes wurden sie im heutigen Gebiet der Niederlanden, im Raum Amsterdam, verteilt. Diese Bidprendtjes wurden, wie auch heute noch, während oder unmittelbar nach den Beerdigungsriten an die Trauergäste, die den Verstorbenen auf seinem letzten Wege begleitet hatten, übergeben.
Vorläufer dieser Totenzettel, meist handgeschrieben, gab es bereits ein Jahrhundert vorher. Zu Beginn waren es die katholische Geistlichkeit und der Adel, denen man nach deren Tod mit diesen Trauerandenken gedachte. Später wurde diese Sitte auch allgemein üblich.
Von Holland aus breitete sich der Brauch über das ganze, vornehmlich katholische Europa aus. Zuerst in den Städten, später auch auf dem Lande wurden diese Totenzettel gedruckt und verteilt. Besonders die Kriege 1866 und 1870/71 "förderten" in Deutschland, hier besonders auf dem Lande, diesen Brauch.“
In der heutigen Zeit gelten die Totenzettel eher der Erinnerung an den Verstorbenen, als der Bitte, dass der Leser für das Seelenheil des Verstorbenen beten solle.
Monate vergingen, aber Walter konnte sich von den Totenzetteln nicht trennen, es war zur Manie geworden.
Jetzt sortierte er erneut, dieses Mal nach Jahrgängen.
Dabei kam noch einer seiner Zwänge zur Anwendung. Er sortierte liebend gern, indem er eine liegende Acht legte. Dann fing er erneut an mit dem Packen, der auf dem Teil lag, an dem die Acht sich kreuzte. Dieser war doppelt so hoch wie die anderen und drohte immer zu verrutschen, deshalb suchte er mit diesem den Tisch im Wohnzimmer auf.
Nach einem weiteren Jahr sortierte er in Männer und Frauen, wobei er feststellte, dass jeweils bei den Frauen mehr zu sagen war. Zwischendurch sprachen ihn Leute aus dem Ort an, wenn er mal wieder Fischkonserven kaufte. Er war freundlich zu allen. Ließ sich aber nicht einladen und wollte auch keinen Besuch. Er habe zu tun, sagte er.
Die Möglichkeiten neu zu sortieren – in Bildchen und keine Bildchen – in Vornamen – in Blumenmotive – stiegen ins Unermessliche.
Nach drei Jahren gab es keinen Tisch, keine Truhe, keine Ablagemöglichkeit, die nicht mir Totenzetteln belegt war. Da diese bei jedem Luftzug leicht durcheinandergerieten, hatte er sie mit kleinen Steinchen beschwert. Außerdem arbeitete er jetzt mit Pinzette und Lupe. Die Gicht in den Fingern hatte zugenommen, sodass er den einen oder anderen Zettel nur mit der Pinzette anheben konnte, es galt ihn ja auch zu wenden, wofür er eine längere Pinzette benutzte. Anfänglich hatte er eine Lupe, die in der Hand zu halten war. Eines Abends kam auf dem Weg, der unterhalb des Hauses lang lief, ein Jogger vorbei, der hatte ein Stirnband mit einer Lampe auf dem Kopf. Das animierte Walter nach Adenau zu fahren und sich zu erkundigen. Jetzt hatte er Licht direkt oberhalb der Augen und eine Art Lineal, das er über die Totenzettel ziehen konnte. Nun machte es richtig Spaß und er kam viel schneller voran.
Walter lebte mit diesen Zetteln und in diesen Zetteln - man fand ihn eines Tages auf der Erde sitzend vornübergebeugt -vor dem, teilweise in dem- zweiten Koffer.
Tot lag er da auf dem Bauch, die Beine verschränkt, die Knie übereinander gekreuzt, einer acht gleichend.
Schade, dass man nie erfahren wird, wie sein Totenzettel ausfallen wird.