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Mein Hintergrund ist das von Ort zu Ort ziehen. Als Tochter eines jemenitischen
Diplomaten, bleibt dir keine andere Wahl. Ich vergleiche mich oft mit einem Baum, der
seine Wurzeln immer wieder ausgraben, mit sich an einen neuen Ort tragen und dort erneut
in die Erde pflanzen musste. Das war für mich sehr schwierig.
Das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören, begleitete mich lange Zeit.
Trotzdem gibt es zwei Orte, an denen ich mich «Zuhause» fühlte.
Das erste Mal ist mehr eine Momentaufnahme.
Ich hatte ein Stipendium für ein Studium in den USA erhalten und reiste deswegen nach Buffalo, um dort an einem Orientierungsprogramm teilzunehmen.
Ich erinnere mich: Ich kam an, brachte meinen Koffer aufs Zimmer und ging direkt nach draussen. Nach drei Jahren Jemen lief ich die Strasse entlang und bemerkte, dass niemand mich aufgrund meines Körpers ansah. Ich fühlte mich frei – ich konnte atmen. So kannte ich das nicht. Die Blicke waren immer, wie Messer. Du gehst wie eine Soldatin. Du verleihst deinem Gesicht Wut, damit niemand es wagt, dich zu berühren. Ich habe in der Öffentlichkeit nicht gelacht, obwohl ich es als Mensch liebe zu lachen.
In diesem Moment auf der Strasse in Buffalo, habe ich realisiert, dass ich mein ganzes Leben lang eine Rolle spielen musste, um nicht belästigt zu werden. Dieser Teil meiner Geschichte, hat mich immer erstickt.
Das zweite Mal war eine noch wichtigere Erfahrung für mich.
Während ich meinen Master in Politikwissenschaften in Washington DC absolvierte, wohnte ich im International Student House – ISH.
Meine Mitstudierenden kamen von überall mit allen Hintergründen. Es war ein Ort, an dem das Konzept des Humanismus gelebt wurde. Du warst eine*r von vielen und zusammen waren wir eins. Es spielte keine Rolle, welchen Hintergrund du hattest. Wir waren achtzig Personen aus dreissig Ländern. Es gab alle Religionen und alle Farben. An diesem Ort konnte ich einfach genau so kommen, wie ich bin. Du wurdest als Ganzes akzeptiert und geliebt. Ich hatte das erste Mal im Leben das Gefühl, dazuzugehören.
Ich bin gemischt – Mein Vater kommt aus dem Jemen und meine Mutter ist halb Jemenitin,
halb Ägypterin. Im Jemen war ich immer die Ägypterin und in Ägypten war ich immer die
Jemenitin. Und dann nach den Terroranschlägen vom 11.September, war ich in Europa die “Muslimin”.
An allen Orten gab man mir einen Namen. In ISH war ich einfach ich.
Sicherheit, wenn deine Würde als Mensch respektiert wird, wenn du als Ganzes betrachtet wirst – weder auf dein «Blut» noch auf den Begriff «Frau» reduziert wirst.
Als ich Thomas, meinen Mann getroffen habe. Das war ein schöner Moment! Eine gute Freundin aus Kanada hat mich am Frühstückstisch Thomas vorgestellt. Sie erzählte mir, dass Thomas ebenfalls im Jemen gelebt und gearbeitet hatte. Ich habe ihn angeblickt und dann seine Hände - und atmete auf.
In diesem Moment hatte ich dasselbe Gefühl, wie damals auf dieser Strasse in Buffalo – zu Atmen. Das war der Moment, in dem ich wusste, dass er einmal mein Mann sein würde. Danach habe ich ihn angerufen und nach einem Date gefragt – und es rollte…
Ja, auf jeden Fall. Aber das Traurige ist, dass du weisst, dass du das alles so niemals mehr haben wirst. ISH ist zwar ein Ort, aber die Menschen, die dieses Gefühl auslösten, sind nicht mehr da. Es war damals für diese Zeit mein Zuhause, aber eben nur für diese Zeit.
Die Menschen!
Manchmal wünschte ich mir, wir würden auch heute alle in derselben Strasse wohnen.
Wir pflegten echte Solidarität miteinander. Das Studentenhaus lag inmitten des Zentrums von Washington. Es war eine politisch sehr aktive und offene Gegend, aber in der Nacht war es auch sehr gefährlich. Meine zwei besten Kumpels haben deswegen immer an der Busstation auf mich gewartet, damit ich sicher nach Hause zurückkehre. Diese Solidarität war so schön! Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung gemacht habe.
Wahrscheinlich vor allem die Geräusche der Cafeteria. Man hört alle miteinander sprechen. Das Klirren des Geschirrs und die wild durchmischten Gespräche. Es war lebendig!
Weil Thomas in die Schweiz zurückging aufgrund der Arbeit.
Wir mussten uns entscheiden und es war die richtige Entscheidung für uns beide.
Ich bekam dank meines Mentors die Möglichkeit meine Doktorarbeit in der Schweiz fertigzuschreiben. Hätte ich meine Träume nicht weiterverfolgen können, wäre ich sehr frustriert geworden. Dann wäre ich auf keinen Fall gegangen.
Es war ein hohes Risiko. Aber ich hatte dieses Ur-Gefühl: Ich kann diesem Mann vertrauen. Es war dieses Wissen, dass wir so verbunden sind. Ich wusste mit Thomas kann ich alles gemeinsam durchstehen. Aber trotzdem konnte ich nie sicher sein. Man stelle sich vor, er wäre ein anderer Typ Mann gewesen. Man sollte nie nur nach Herzensgefühlen entscheiden. Bei Entscheidungen braucht es eine Kombination von Herz und Verstand sein. Das war für Thomas ebenso klar. Er wusste, dass ich nicht kommen könnte, wenn ich meine Doktorarbeit nicht beenden könnte.
Es ist beides. Neuanfang aber auch Loslassen. Als ich jünger war, war es einfacher. Meine Neugierde war grösser als das Verlustgefühl. Je älter ich wurde, desto schwieriger wurde das Fortgehen. Aber meine Methode war immer: Nach vorne schauen und weitergehen. Möglichst kurz und schmerzlos zu gehen, wie wenn man ein Pflaster abreisst. Mit dem Alter ist das aber immer schwieriger geworden.
- Elham
Insgesamt acht Male, dazwischen war immer wieder der Jemen und den Sommer verbrachten wir jeweils mit der Familie meiner Mama in Ägypten.
Aber von diesen acht Malen, habe ich mich nur dreimal aktiv zum «Fortgehen» entschieden:
Einmal, als ich mich gegen das Studieren in der USA aufgrund meiner Familie entschieden habe und mit ihnen nach Kuwait gegangen bin.
Das zweite Mal, als ich dann doch in die USA zum Studieren ging.
Und das dritte Mal, als ich zu Thomas in die Schweiz ging.
Heute: In meinem Bett zu liegen, in meinem Sessel zu sitzen, meinen Kaffee zu trinken – all das zu haben. Wenn du auf der Strasse gehst, und die Menschen kennst. Du sagst «Hallo» und sie sagen «Hallo», weil ihr euch vertraut seid. Die kleinen Alltagsgespräche, die so unbedeutend wirken, aber so wichtig sind. Und ganz wichtig: Die Aare vor meinem Balkon.
Hier in der Schweiz. Hier bin ich zuhause. Das gehört mir. Wir haben hier eine Familie. Jedes Mal als ich reiste, war es nicht meine Entscheidung, es ging um die Familie. Man musste dort hin und dann wieder weiter. Aber hier, das war wirklich meine Entscheidung. Jedes Mal, wenn ich hier bin, bin ich glücklich. Am Anfang unserer Strasse gibt es diesen grossen Baum. Ich nenne sie den «Mutterbaum». Sobald ich sie sehe, wenn ich von Reisen zurückkomme, dann weiss ich: Das ist mein Baum – ich bin Zuhause.
Sechs Jahre. Vier Jahre davon war ich schwanger. Es heisst nicht, dass ich es die ersten Jahre nicht genossen hätte. Aber ich wusste damals, ich könnte jederzeit wieder gehen ohne dass es zu sehr schmerzen würde.
Es waren meine Erfahrungen von vorher. Wenn du jedes Mal wieder weiterziehst, wird es zur Gewohnheit. Egal wo ich war – Immer nach ungefähr vier Jahren überkam mich das Gefühl, weiterziehen zu müssen. Die ersten vier Jahren ist alles noch neu und spannend, die Menschen und die Umgebung. Aber in diesen Jahren versuchst du nicht wirklich, dich tief zu verankern. Es ist, als würdest du auf der Oberfläche schwimmen. Du bist nicht wirklich ein Baum mit tiefen Wurzeln. Und nach vier Jahren hier kam er wieder, der Wunsch fortzugehen. Aber ich habe mich dann nochmals bewusst dazu entschieden zu bleiben.
Selma, meine Tochter. Wenn du ein Kind hast, siehst du die Welt mit anderen Augen. Das ist eine wunderschöne Erfahrung. Ich wusste, für sie ist es das Bleiben wert. Ich wollte nicht, dass sie wie ich von einem Ort zum anderen ziehen muss. Ich wollte, dass sie ein Zuhause hat, Wurzeln schlagen kann.
Die Feier, nachdem ich meine Doktorarbeit beendet hatte. Für meine Ausbildung habe ich immer alles gegeben. Ich wusste, sie würde eines Tages mein Ausweg sein aus diesem Gefühl des Erstickens. Deswegen war ich immer die Beste der Klasse. Aber an allen Abschlussfeiern zuvor, konnte ich nie teilnehmen. Unsere Familie war immer schon weitergezogen and den nächsten Ort.
An dieser Feier konnte ich endlich da sein. Thomas und Selma haben auf mich gewartet. Danach haben wir gemeinsam zu dritt im «National» zu Abend gegessen. Da wusste ich, dass alles schön ist. Wir drei - die Welt ist in Ordnung!
Ich habe meinen Vater angerufen, um ihm zu sagen, dass ich abgeschlossen habe. Ich wusste, dass er bald sterben würde. Er hat mich am Telefon immer wieder gefragt: «Wann bist du fertig, damit ich gehen kann?» Als es so weit war, hat er entschieden, nicht mehr zu leben und ist auf eine schöne Art und Weise gegangen. Es war ein natürlicher Tod, kein Selbstmord. Aber ich glaube, er hat bewusst losgelassen.
Hmm …
Die passierte gerade diesen Samstag. Ich wartete auf dem Bären Platz. Diesen Ort liebe ich und treffe mich oft mit Freund*innen zum Kaffee dort. Es war wirklich das erste Mal, dass ich so eine Sache gesehen habe. Ein Mann hat einen anderen dunkelhäutigen Mann als Affe verspottet. Ich habe interveniert und ihm gesagt, das sei rassistisch!
Eigentlich habe ich aber keine schlechten Erinnerungen an diesen Ort hier. Das war wirklich das aller erste Mal.
Das Rauschen der Aare.
Das ist mein «Ankommen»- und «Zuhause»-Geräusch der Schweiz.
Manchmal kann man an einem Ort sein und nie dazugehören.
Dafür muss man nicht einmal unbedingt weggehen.
Ich glaube am Ende geht es darum, wo du dich «Ganz» fühlst und auch so akzeptiert wirst. Und die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, dass du nicht fliehen oder weggehen musst, um dieses Gefühl zu finden. Du musst es in dir selbst finden. Es ist wie ein Schatz, denn du die ganze Zeit suchst und am Ende findest du heraus, dass er in dir ist und nirgendwo anders.
Ich schreibe zurzeit gerade an einem Buch, indem ich versuche, Lösungsansätze für die zentralsten Konfliktfragen in diesem zerrütteten Land zu finden. Falls ich nach der Erscheinung dieses Buches noch hinreisen kann, ohne ermordet zu werden, würde ich gerne zurückkehren, um eine Rolle zu spielen für mein Land. Ich weiss Selma ist erwachsen, sie hat ihr Leben. Thomas würde nicht mitkommen, das weiss ich auch, aber das ist okay. Ich merke ich liebe den Jemen, ich möchte nur dass es diesem Land besser geht. Die Menschen, die faszinieren mich. Und für sie möchte ich wirklich kämpfen. Das ist, was am stärksten schmerzt. Es gibt so viel Gutes und man zerstört das.