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Die Kirchgemeinde Maur stösst an das Westufer des Greifensees, und ihre etwa 8000 Einwohner verteilen sich auf fünf Ortsteile, die weit verstreut am oder über dem See liegen. Ein Projekt für ein Kirchgemeindehaus im zweitgrössten Ortsteil Ebmatingen, welches rund 200 Meter oberhalb des jetzigen Standortes hätte erstellt werden sollen, wurde 1990 an der Urne knapp verworfen. Als jedoch die seelsorgerischen Aufgaben der Gemeinde immer umfangreicher und differenzierter wurden, wagte man 2004 einen planerischen Neuanfang.
Der Architekturwettbewerb wurde von B.E.R.G. Architekten aus Zürich gewonnen, und das neue Kirchgemeindehaus 2008 eingeweiht. Das «Haus im Gerstacher» befindet sich inmitten eines Wohnquartiers; ein Umstand, der viel zu seiner Erscheinung und Identität beigetragen hat, denn der öffentliche Charakter musste in diesem Umfeld sehr zurückhaltend zum Ausdruck kommen.
Bereits die Setzung des Gebäudes steht im Dienste dieser feinen Geste. Von der Kreuzung zweier Quartierstrassen leicht zurückversetzt, entsteht vor dem Gebäude ein Platz, der Weite schafft und dank der Absenz von Hecken und Zäunen sehr einladend wirkt. Die öffentliche Funktion des Gebäudes kommt durch die fast vollständig geschlossene Hauptfront und dem zur Strasse hin akzentuierten Volumen reserviert und dennoch klar zum Ausdruck. Elegant wird der Eingang durch eine hellblaue Wand erweitert, hinter der das Foyer liegt. Durch diesen Kunstgriff wirkt die mächtige Strassenfassade wohl proportioniert und unterstützt die einladende Stimmung des Vorplatzes.
Auch die Materialisierung der Fassade ist optimal auf dieses Spiel zwischen Anpassung und Andersartigkeit ausgelegt. Grober Kieselwurf weckt Erinnerungen an Wohnbauten der 1970er Jahre und hebt sich dennoch von den Gebäuden der unmittelbaren Umgebung ab, denn der Putz wurde gekonnt bemalt. Parallel zur Leeacherstrasse sind alle Fassaden so gestrichen, dass auf einem blaugrauen Grundton lediglich die Spitzen der groben Körnung beige eingefärbt sind, die rechtwinklig dazu verlaufenden Wände wurden hingegen in umgekehrter Reihenfolge mit dunklen Spitzen auf hellem Grund erstellt. Daraus ergibt sich eine kubische Wirkung, die je nach Sonnenstand eine irreal anmutende Tiefe der Volumetrie erzeugt oder diese zusätzlich betont. Aufgrund der homogenen Konstruktion kommen keine Dehnungsfugen zum Einsatz, was den Ausdruck des kompakten Körpers noch unterstreicht. Im Erdgeschoss besetzt der Baukörper die gesamte Grundfläche und alle Öffnungen geben als verglaste Türen den Blick frei auf das Geschehen im Inneren. Im Obergeschoss sind einzelne Ecken aus dem Volumen herausgeschnitten, was vielfältige Sichtbeziehungen der Räume im Obergeschoss untereinander und auf die Terrassen ermöglicht. Entsprechend der Nutzung nimmt das Volumen zur Rückseite hin ab.
Im Grundriss gliedern sich beide Stockwerke in drei Schichten, die auch von aussen ablesbar sind. Sowohl im Erdgeschoss mit den öffentlichen Räumen als auch in der Verwaltung im Obergeschoss unterstützt das durchgängige Farbkonzept diese Gliederung. Auch im Innern wird zwischen der Laufrichtung der Wände differenziert, jedoch mit einer anderen Absicht. Die in Ost-West-Richung verlaufenden Aussenwände jeder Raumschicht sind in je einer eigenen Farbe gehalten, drei matten Grautönen, die sich erst auf den zweiten Blick voneinander abheben: einer ist mit Blau versetzt, der zweite hat einen Stich ins Rötliche, der dritte ist gelb gebrochen. Alle Flächen, die quer zu diesen Schichten stehen, sind dagegen in der jeweiligen, dunklen Gegenfarbe gestrichen: einem satten Grüngrau, einem Petrolton und einem Auberginenrot. So erhält jede Sequenz ihren eigenen Charakter und eine unverwechselbare Stimmung.
Die erste Schicht beherbergt das grosszügige Treppenhaus, den Lift und das Foyer mit Küche im Erdgeschoss. Die Vorräume in diesem Teil sind geräumig genug, um über ihre Funktion hinaus einen Ort für informelle Treffen zu bieten. Insbesondere die Vorhalle im Obergeschoss überrascht durch ihre Ausmasse und Grosszügigkeit. Der 4,20 Meter hohe Raum mit zwei grossen Fenstern an beiden Enden sprengt endgültig den Rahmen des Üblichen im Wohnquartier. Er dient als Versammlungsort und bildet gleichzeitig einen Pausenraum für das Sitzungszimmer und die Räume der Administration, die sich im hinteren Teil des Obergeschosses befinden.
Doch nicht nur in der Erscheinung des Gebäudes äussert sich die Nähe zum Wohnquartier, auch im Raumprogramm schlägt sich diese Nachbarschaft nieder. Da in der Umgebung kein sakraler Raum vorhanden ist, wurde neben dem Foyer im Erdgeschoss ein Andachtsraum erstellt, der den Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers offen steht. Dieser Ort der persönlichen Einkehr unterscheidet sich dann auch vom restlichen Haus. Der höhlenartige, polygonale Raum ist ganz auf sich selbst bezogen und sein Lehmputz führt zu einer zugespitzten, beinahe synästhetischen Raumwahrnehmung. Selbst die Einbauleuchten an der Decke sind als hügelige Ausbuchtungen im gelblichen Lehm eingepackt. Das Oberlicht über der Rückwand bringt die plastische Qualität des Putzes zur Geltung und ein weiteres, liegendes Fenster auf Bodenhöhe löst den schweren höhlenartigen Charakter vollends auf zu einer Komposition aus Licht und Oberflächenstruktur. Es ist daher kaum zu glauben, dass in diesem sorgfältig durchgearbeiteten Raum an prominentester Lage ein Notausgang samt beleuchteter Beschilderung eingebaut wurde.
Der wichtigste Bereich im täglichen Gebrauch des Kirchengemeindehauses ist aber gewiss der Schulungs- und Gruppenraum im hintersten Teil. Hier trifft sich die Gemeinde zu ihren Aktivitäten und besuchen die Kinder den Religionsunterricht. Aufgrund der grossen Tiefe kommt das differenzierte Farbkonzept in diesen Räumen am besten zum Tragen und die dunkel eingefärbten Hartbetonböden geben den Räumen Halt. Sind die raumhohen Schiebewände zur Seite geschoben, steht ein Saal von beachtlicher Grösse zur Verfügung, der auch in den rückwärtigen Garten hinein erweitert werden kann. Wie in den kleineren Räumen ist auch dessen Erscheinung von einem zurückhaltend und stringent durchgesetzten Konzept bestimmt. Damit bewältigt das «Haus zum Gerstacher» geschickt den schwierigen Spagat zwischen Alltäglichkeit und dem Besonderen in einem anspruchsvollen gesellschaftlichen und baulichen Umfeld.
In Wiesendangen, einer Vorortgemeinde von Winterthur, herrschten gänzlich andere Voraussetzungen für den Bau eines neuen Kirchgemeindehauses. Das Dorf ist kompakt gebaut und im länglichen Ortskern reihen sich alle zentralen Funktionen aneinander; Kirche, Postauto und Dorfladen befinden sich jeweils einen Steinwurf voneinander entfernt und das Zentrum scheint ein selbstverständlicher und belebter Treffpunkt der knapp 4500 Einwohner zu sein. Das alte Pfarrheim entsprach nicht mehr den Anforderungen der Gemeinde und eine Baracke aus den sechziger Jahren, die bislang als Versammlungsort diente, musste ersetzt werden. 2004 wurde ein Studienwettbewerb durchgeführt, und 2007 konnte das neue reformierte Kirchgemeindehaus von BDE Architekten aus Winterthur eröffnet werden. Es war das Hauptanliegen der Pfarrei, einen attraktiven Ort für Begegnungen und gemeinsame Aktivitäten zu bieten, insbesondere für Menschen, die den Kontakt zur Kirche verloren hatten. Das Raumprogramm ist entsprechend vielfältig und multifunktional: Im Erdgeschoss befinden sich Cafeteria, Küche und Foyer sowie im ersten Obergeschoss durch mobile Wände getrennt der Unterrichts- und Mehrzweckraum. Das Dachgeschoss beherbergt zwei Pfarrbüros, das Sekretariat und ein Sitzungszimmer.
Die Gestaltung des Gemeindehauses sollte die Bemühungen der Kirche um ein attraktives und zeitgemässes Verständnis von Gemeinschaft zum Ausdruck bringen. Gleichwohl musste sich das Gebäude in den historischen Ortskern einfügen, was insbesondere im Hinblick auf seine schiere Grösse eine ziemliche Herausforderung darstellte. Um diesen gegenteiligen Anforderungen gerecht zu werden, kamen verschiedene Strategien zum Einsatz. Einerseits wurde das Volumen gegliedert, indem jedes Geschoss ein wenig über das untere auskragt. Dies hat zur Folge, dass das beachtliche Volumen viel von seiner Masse verliert und zudem das Holz in der Fassade vor Verwitterung geschützt wird. Weiter wurde das riesige Satteldach leicht geknickt, um die Liftüberfahrt nicht über die Dachfläche hinaus treten zu lassen. Dies erzeugt eine polygonale Gebäudekante, welche wiederum das Dach leichter erscheinen lässt und dem Haus eine eigenwillige Silhouette verleiht.
Die zweite Strategie konzentriert sich auf die Gestaltung der Fassade. Vor der durchgängigen Glasfassade, die der Konstruktion aus Stützen und Platten vorgehängt ist, befindet sich eine Schicht aus dunkel gestrichenen Holzpfosten. Der enge Raster, auf dem diese aufbauen, verweist auf das Feuerwehrhaus in unmittelbarer Nachbarschaft und erinnert entfernt an landwirtschaftliche Nutzbauten. Entsprechend der Funktion und dem Grad der Öffentlichkeit sind grössere Lücken in dem lockeren, dunkel gebeizten Holzlamellenvorhang ausgespart – einem aus der Logik der inneren Nutzung abgeleiteten Rhythmus folgend. Wegen der zunehmenden Geschossfläche musste der Raster in den Ecken angepasst werden, was mit feinen Modulationen in den Abständen gelöst wurde. Am Tag kommt die Glashaut nur sehr verhalten hinter den Holzpfeilern zum Vorschein. Das dunkle, kompakte Volumen glänzt geheimnisvoll durch die äussere Schicht hervor. Einzig in den grossen Aussparungen reflektieren sich je nach Einfallswinkel das Dorf oder ein Stück Himmel. Wenn am Abend die Lichter angehen, löst sich das Volumen in seine einzelnen Bestandteile auf und ganze Partien des Hauses fangen an zu strahlen, während der Rest im Dunkeln liegt. In aller Selbstverständlichkeit zeichnet sich das Leben im Inneren ab.
Der Rücksprung des Volumens ist besonders ausgeprägt im Bereich des Nebeneingangs in der Ostfassade. Durch den Einzug im Erdgeschoss wird ein Platz gefasst, auf dem ein kleiner Brunnen steht. Sind die Fenster des Foyers beiseite geschoben, wird der kleine Hof Teil des Innenraums. Diese feine, aber sehr effiziente Verschränkung vereinigt das neue Kirchgemeindehaus über die
Strasse hinweg mit dem Pfarrheim und der Kirche zu einem Ensemble. Auch wenn das neue Haus in der zweiten Reihe des Zentrums steht, bleibt die Zugehörigkeit zur Kirche klar ersichtlich und erweitert das Leben der Bewohner um einen weiteren Treffpunkt.
Der Haupteingang befindet sich in einem markanten Einschnitt in der Südfassade, der auch die Breite der Erschliessung definiert. Diese zeichnet sich vor allem durch das Treppenhaus in lasiertem Sichtbeton aus. Der Grundriss ist äusserst klar und effizient strukturiert. Ist die Fassade geprägt durch Modulationen und subtile Referenzen an die Umgebung, so zeugt das Innere von einer nonchalanten Pragmatik im Umgang mit einem knappen Budget. Die Leitungen der freistehenden Radiatoren unter den Fenstern laufen unprätentiös den Stützen entlang von Geschoss zu Geschoss. Und der grossflächige Lamellenschirm aus Ahorn lenkt nicht nur das Licht, sondern verbessert auch gleich noch die Akustik. Die Innenräume wirken dadurch um einiges nüchterner als die Erscheinung gegen aussen, was dem Gebäude aber gut ansteht. Im ersten Obergeschoss stellt sich sogar eine ungewöhnlich urbane Empfindung ein, wenn der Blick durch die verglaste Fassade über das Dorf schweift.
Im obersten Geschoss konnte das Potenzial der hohen Räume leider nicht voll ausgeschöpft werden. Im zentralen Gang, wo die Erschliessung in die Mitte des Gebäudes wechselt, kommt der Knick im First noch sehr gut zur Geltung und kontrastiert mit dem klar geschnittenen, reduzierten Treppenhaus, das über zwei Dachfenster beleuchtet wird. Die weiteren Räume verfügen aber nicht mehr über die gleiche Stimmung und Unbeschwertheit wie der übrige Bau. Die Proportionen der überhohen Räume scheinen etwas ausser Kontrolle geraten zu sein. Das Dach ist zu steil und fällt zu tief ab, als dass die Zimmer vernünftig möbliert werden könnten. Insbesondere der für Andachten und Sitzungen geplante Raum im Norden verliert viel von seiner Grosszügigkeit; das grosse Fenster in luftiger Höhe kommt nicht recht zur Geltung und die Stimmung im Raum verbleibt unentschlossen zwischen Einkehr und Aussicht.
In der Summe leistet all dies der Attraktivität des Gebäudes aber keinen Abbruch. Selbstbewusst steht das dezidiert zeitgenössische Kirchgemeindehaus im Dorf und nimmt seinen Platz ein im Leben der Gemeinde.