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Kommentar: Warum wird im Médoc so viel rechts gewählt?
Die Ergbnisse der Präsidentschaftswahlen in Frankreich lassen einige Fragen offen.
© Shutterstock
Margaux 54,6 Prozent, Saint-Julien 57,1 Prozent, Pauillac 56 Prozent, Saint-Estèphe 65,8 Prozent: Hätte Frankreich im zweiten Durchgang der Präsidentschaftswahlen als ganzes Land gewählt wie die Weinbaugemeinden des Médoc, würde nun Marine Le Pen im Élysée residieren und nicht Emmanuel Macron. Man fragt sich: Wie kann es sein, dass es in einem der ruhmreichsten Weinbaugebiete der Welt so viel Unzufriedenheit gibt und so viel Bereitschaft, eine Protestpartei zu wählen?
Eine erste Erklärung, die schnell zur Hand ist, hält einem genaueren Blick nicht stand: dass ausserhalb grösserer Städte ohnehin eher rechts gewählt werde. Das ist zwar, blickt man auf die französische Wahl-Landkarte als Ganzes, durchaus richtig. Doch im Bordelais stellt sich die Lage differenzierter dar: Ein ländlicher Weinbauort ist auch Saint-Émilion am geografisch rechten Ufer der Gironde, dort jedoch kam bei der Wahl Emmanuel Macron auf den ersten Platz: Mit einem Stimmenanteil von 60,1 Prozent lag sein Ergebnis sogar über dem Landesdurchschnitt.
Die Kommunen leiden
Eine zweite Erklärung deutet in Richtung der Betriebsstrukturen des Médoc: Diesem Thema widmete die «Frankfurter Allgemeine» nach dem ersten Wahlgang einen grossen Artikel, in dem sie darlegte, dass sich die Wut der Médocains aus ihrer ökonomischen Benachteiligung speise. In dieser Diagnose steckt viel Wahres, die grossen Rebflächen, die das Médoc kennzeichnen, bringen einen hohen Anteil an schlecht gebildeten und schlecht bezahlten Arbeitskräften mit sich, die am Reichtum der Weingüter, auf denen sie arbeiten, so gut wie gar nicht partizipieren. Dazu komme, so die «FAZ», dass die Kommunen kein Geld für Infrastruktur und Sozialprojekte haben: Da der Weinbau fast die einzige Einnahmequelle der Gegend ist, die Châteaux jedoch als Landwirtschaftsbetriebe keine Gewerbesteuer bezahlen müssen, ist selbst Pauillac, die Welthauptstadt des Cabernet, arm wie eine Kirchenmaus.
Gastronomie-Vakuum
Man muss diesen Faden jedoch noch etwas weiter spinnen, um dem Phänomen wirklich auf den Grund zu gehen. Das wesentliche Indiz zur Beschreibung der Malaise liefert die Schwäche der Gastronomie. Das kulinarische Vakuum ist so gross, dass Thomas Duroux auf Château Palmer beim derzeitigen Umbau der Betriebsgebäude die Einrichtung einer Kantine eingeplant hat – in erster Linie für die eigenen Mitarbeiter. Diese seien es einfach leid, sagt Palmers Kommunikationsdirektor Dante Nolleau, jahrein, jahraus immer nur ein belegtes Baguette zu Mittag zu essen.
Als Jean-Michel Cazes 2006 den Weiler Bages in der Nachbarschaft seines Château Lynch Bages wiederbelebte und das Restaurant «Café Lavinal» ansiedelte, einen Bäcker, einen Metzger und eine Épicerie, tat er das mit dem expliziten Wunsch, dass hoffentlich wieder etwas bürgerliches Leben und Genussfreude in diesen Ortsteil Pauillacs zurückkehren mögen. 15 Jahre später sind noch der Metzger da und das «Café Lavinal», das Weinreisende aus aller Welt davor bewahrt, sich über Mittag ein Sandwich bei Carrefour kaufen zu müssen, um nicht ohne feste Nahrung in die zweite Tageshälfte gehen zu müssen.
Doch in die Räume der Épicerie ist heute ein Fahrradverleih eingezogen – immerhin steht das Geschäft nicht ganz leer wie viele andere in Pauillac. Der Bäckermeister, der die Bäckerei in Bages gepachtet hatte, verschwand vor ein paar Jahren von heute auf morgen – wie damals kolportiert wurde, mit bedeutenden Schulden. Offenbar waren die Einheimischen nicht bereit, 30 Cent mehr für ein wirklich exzellentes Baguette zu bezahlen, und eine Bäckerei kann eben nicht nur von Touristen leben.
Kulinarisch ist das Médoc, abgesehen von drei oder vier brauchbaren Restaurants auf einer Strecke von 40 Kilometern, eine ziemliche Wüste. Und dieser Umstand führt bei der Analyse komplett weg von den Landarbeitern. Es scheint im Médoc unabhängig von der Einkommensklasse kaum eine soziale Schicht zu geben, die kommunikativ und genussfreudig genug ist, um gastronomischen Reichtum hervorzubringen. Die Direktoren der großen Châteaux verwalten die Betriebe von Paris aus, für Events auf diesen prestigereichen Weingütern werden Sterneköche und Caterer von irgendwo hergeholt. Die Verwalter derjenigen Châteaux, die sich im Besitz einer Bank oder einer Versicherung befinden, pendeln in der Regel morgens aus der Stadt Bordeaux heraus und abends dorthin zurück. Zumindest als abendliche Gäste in einem Restaurant scheiden sie ebenfalls aus.
Der fehlende soziale Kitt
Nicht zuletzt sind aber offenkundig auch die vor Ort lebenden Inhaber der kleineren Weingüter und die mittleren Führungskräfte der klassifizierten Châteaux keine Kundengruppe für gediegene Gastronomie. Ein seit Längerem in Bordeaux lebender Weinhändler aus dem englischen Sprachraum, mit dem ich über die Wahlergebnisse und den auffälligen Mangel an guter Gastronomie sprechen konnte, hatte sehr schnell eine ziemlich plausible Erklärung zur Hand: Im Médoc, so sagte er, lerne man von Kindheit auf, den Nachbarn als Konkurrenten anzusehen. Das Nachbar-Château in anderthalb Kilometern Entfernung sei de facto eine andere Welt, mit der man keinen Austausch suche. Sich am Abend in einem Restaurant um zwei Flaschen Rotwein und ein großes Côte de Bœuf zusammenzusetzen? So etwas passiere im Médoc einfach nicht, oder nur sehr selten – anders als beispielsweise in Saint-Émilion, wo es wenigstens Klüngel gebe, die von Interessen geeint würden.
Was ein solches soziales Klima für die politische Färbung des Médoc bedeutet, darüber darf spekuliert werden. Dass es einen in der Sache präzisen, aber im Ton fairen, dass es einen demokratischen Austausch von Argumenten begünstigt, darüber sind Zweifel angebracht.
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