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Den wenigsten Menschen ist klar, dass es auch biologische Ursachen für diese Veränderung im Schlafverhalten gibt. Wenn die Ausschüttung der Pubertätshormone beginnt, erleben viele Jugendliche «verzögerte Schlafphasen» – eine Vorliebe dafür, später schlafen zu gehen. Bei dieser Phasenverzögerung tritt, verglichen mit der mittleren Kindheit, eine Verschiebung des Schlafrhythmus von bis zu zwei Stunden auf. Während Sechstklässler im Durchschnitt um 21.24 Uhr zu Bett gehen, beginnt die Schlafenszeit bei Zwölftklässlern (17 bis 18 Jahre) durchschnittlich um 23.02 Uhr.
Erstens wird Melatonin – das Hormon, das uns signalisiert, wann wir müde sind – bei Teenagern später am Abend ausgeschüttet als bei Erwachsenen. Dies erschwert vielen Teenagern ein früheres Einschlafen. Zweitens erleben Teenager eine Veränderung des «Schlafdrucks», d. h., der Druck oder der Wunsch, einzuschlafen, verstärkt sich langsamer als bei Kindern. Dies führt zu einer höheren Toleranz für das Wachsein. Wegen diesen beiden Faktoren können die meisten Jugendlichen länger wach bleiben, ohne sich müde zu fühlen.
Das Problem liegt nun aber darin, dass Jugendliche trotz ihrer grösseren Toleranz für das Wachsein genauso viel Schlaf benötigen wie Kinder – und niemand wollte wohl darüber diskutieren, ob Säuglinge oder Kleinkinder viel Schlaf brauchen. Wie aber soll ein Teenager zu so viel Schlaf kommen wie früher, wenn der Körper ihn dazu anregt, länger wach zu bleiben?
Die Antwort ist simpel: Die Natur hat es so vorgesehen, dass Jugendliche zwar später zu Bett gehen, aber auch später aufstehen. Doch die moderne Gesellschaft hat mit den frühen Schulanfangszeiten Sand ins Getriebe der Natur gestreut. So bleiben viele Jugendliche an Schultagen lange auf, schlafen nicht genug und haben am nächsten Tag Mühe, im Unterricht wach zu bleiben.
Wir hatten erwartet, dass die Resultate bei Teenagern, die insgesamt weniger Schlaf bekommen hatten, in all diesen Bereichen schlechter ausfallen würden. Stattdessen fanden wir heraus, dass grössere Schlafvariabilität schädlicher war als chronischer Schlafmangel. Teenager, deren Schlafverhalten sich von Nacht zu Nacht erheblich unterschied, erbrachten schlechtere schulische Leistungen (gemessen an ihren Durchschnittsnoten) und verzeichneten weniger Aktivität in denjenigen Gehirnregionen, die für die Aneignung neuen Wissens zuständig sind. Dieses Phänomen ist als «sozialer Jetlag» bekannt und verweist auf unregelmässige Schlafmuster. Der Begriff beschreibt die unterschiedliche Länge des Schlafs an Werktagen und am Wochenende, widerspiegelt aber auch die tägliche Variabilität des Schlafes.
Bei einer zweiten Auswertung untersuchten wir die Auswirkungen von Alltagsstress auf die Verbindung zwischen ausgeprägter Schlafvariabilität und eingeschränkter Gehirnfunktion.
Die Ergebnisse zeigten, dass Teenager bei einem Computerspiel, bei dem Risikoentscheidungen zu treffen waren, nach einem sehr anstrengenden Tag mehr Risiken eingingen. Ausserdem verzeichneten sie weniger Aktivität in der Insula – einer Gehirnregion, die eine Rolle bei der Risikoeinschätzung spielt. Dieser Effekt trat jedoch nur bei jenen Teenagern auf, die in der Nacht zuvor zu wenig geschlafen hatten. Das lässt darauf schliessen, dass Schlafmangel die Auswirkungen von Stress auf das Verhalten verstärken und im Besonderen falsche Entscheidungen noch verschlimmern kann.
Frisch gebackene Eltern sind geradezu besessen vom Schlafverhalten ihrer Neugeborenen. Doch über die Jahre hinweg schwindet dieses Interesse. Laut einer gross angelegten Studie der National Sleep Foundation, die vor einigen Jahren durchgeführt wurde, sind sich nur knapp ein Drittel (29 Prozent) der befragten Eltern über das Missverhältnis zwischen der empfohlenen und der tatsächlichen Schlafdauer von Teenagern im Klaren. Dies ist ein besorgniserregender Mangel an elterlichem Bewusstsein für das Ausmass an Schlafmangel ihrer jugendlichen Kinder.
Doch eine gute Nachricht gibt es auch: Schlafgewohnheiten können geändert werden. Neue Forschung zum Schlaf von Teenagern kann Jugendlichen, Eltern und Pädagogen helfen, die Kontrolle über Schlafmuster zu erlangen, so dass Jugendliche zu genügend Schlaf kommen. Der erste Schritt ist, über die Wichtigkeit des Schlafs aufzuklären und dies mit neurobiologischer Forschung bei Teenagern zu untermauern. Darauf arbeiten unser Labor und Labore auf der ganzen Welt hin.
Gut zu wissen
- Mit Beginn der Ausschüttung von Pubertätshormonen entwickeln viele Jugendliche eine Vorliebe dafür, später ins Bett zu gehen.
- Jugendliche haben eine höhere Toleranz für das Wachsein, doch sie brauchen genauso viel Schlaf wie Kinder.
- Teenager sind – sowohl hinsichtlich ihres Verhaltens als auch ihrer Gehirnentwicklung und -funktion – anfällig für die Folgen von Schlafmangel.
- Unregelmässige Schlafmuster wirken sich auf die schulische Leistung und das Lernen besonders nachteilig aus.
- Schlafmangel kann die Wirkung von Stress auf das Verhalten verstärken.