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DER LAUBERHORNVATERWer ist diese Persönlichkeit...
Ernst Gertsch, geboren am 1. Januar 1900 und der Älteste von sieben Geschwistern (vier Buben, drei Mädchen) wuchs in Wengen auf. Er lebt in einem Dorf, das nicht einmal durch eine Strasse ins Unterland angeschlossen ist, in das erstmals im Jahre 1893 eine Bahn hinauffährt und das nicht einmal eine selbständige Gemeinde ist.
Der Vater bewirtschaftet einen kleinen Bauernbetrieb, ist Bahnwärter und Viehhüter und darf in seinem kleinen Ladengeschäft namens „Central“ Salz verkaufen. Sohn Ernst fährt im Winter mit den Ski nach Lauterbrunnen in die Sekundarschule und startet erst im Alter von neuen Jahren und natürlich zu Fuss erstmals zur grossen Reise nach Interlaken.
Ernst Gertsch ist auf seine Ausbildung bedacht. Es beginnen seine Lehr- und Wanderjahre. Mit 15 arbeitet er in Wengen im Telegrafenbüro, mit 17 tritt er, vor allem um Französisch zu lernen im Telegrafenamt in Bex eine Stelle an, mit 18 beginnt er am Technikum in Biel eine zweijährige Ausbildung, von 1920 bis 1923 folgt die Lehre beim Telegrafenamt in Bern.
Da sein Vater gestorben ist, kehrt er, stellenlos, 1923 nach Wengen zurück, eröffnet an der Ostseite des Hotels Eiger ein Sportgeschäft, zieht, um Englisch zu lernen, keck nach England, wird nach der Rückkehr Tennis- und Schlittschuhlehrer, gründet im Dezember 1923 den Eishockeyclub Wengen, wird 1921 Mitglied des SC Wengen, dort bald Kassier, Sekretär und dann Vizepräsident und von 1929 an bis 1953 auch Präsident. Anfang der Dreissigerjahre wird Gertsch Präsident der Sektion Lauterbrunnen des Schweizer Alpen Clubs (SAC). Er war Coach, Kursleiter, Rennchef im Schweizer Skiverband, Technischer Delegierter, Delegationsleiter von SSV-Expeditionen an Weltmeisterschaften und Olympischen Spiele.
Ernst Gertsch ist wissbegierig und ruhelos. Das Jungfraumassiv fasziniert und feuert ihn. Es fordert seine alpinistische Neugier und seinen Ehrgeiz heraus. In den Zwanzigerjahren gelingen ihm mit dem Bergführer und Freund Christian Rubi neun Erstbegehungen im Jungfraumassiv. Das sind, wohl kein Zufall, just die beiden Männer, die 1930 die Abfahrt (Rubi) und den Slalom (Gertsch) beim ersten Lauberhornrennen gewinnen. Sein Lieblings- und Schicksalsberg war die Jungfrau. Dort lernte er im Herbst 1936 auf einer „Safari-Fototour“ mit dem berühmten Fotografen Paul Senn seine um 13 Jahre jüngere und spätere Frau Blanda Leisinger kennen. Ernst Gertsch führte sie auf den Jungfraugipfel. Blanda und Ernst, vom Blitz der Liebe getroffen, heirateten 1937, kein Jahr später, in der Kirche Merligen. Der Ehe entsprossen vier Söhne und eine Tochter. Zwar scheinbar voller Gegensätze, harmonierte das Paar, bei dem sich die berühmten Extreme berührten, wunderbar. Die bedachte Blanda „moderierte“ Ernsts Gemütslagen, zügelte etwa sein Temperament und holte ihn auf den Boden der Realität zurück, wenn er allzu verwegen versuchte, nach den Sternen zu greifen.
1930 fängt für Ernst Gertsch und ein wenig auch für den alpinen Skirennsport eine neue Zeitrechnung an. Am 28. November 1929 unterzeichnet er zusammen mit den Mitbegründern vom Schweizerischen Akademischen Skiclub (SAS) in Bern die Gründungsurkunde des Lauberhornrennens. Mit diesem Rennen beginnt nach den Jahren der ersten Pioniere (ab 1924) die wundersame Geschichte des alpinen Skirennsports so richtig. Arnold Lunn und Ernst Gertsch – sie vor allem, aber auch andere – haben sie geprägt und durch viele Fährnisse geführt. Der Weg war lang, beschwerlich und oft stürmisch.
Beigetragen zum Erfolg haben die vielfältigen Beziehungen, die Gertsch in seiner weltoffenen, unkomplizierten Kontaktfreudigkeit zum Skiverband, zu europäischen Ländern, der FIS aber auch in der Schweiz geknüpft hatte. Er pflegte sie immer wieder sorgfältig, auch an nicht weniger als acht Olympische Winterspielen und an zwölf Ski-Weltmeisterschaften.
Aus dem ursprünglichen Ein-Mann-Anlass wuchs mit der Zeit eine neue Generation mit ehemaligen Skigrössen wir Karl Molitor, Heinz von Allmen, Oskar und Hans Gertsch, Jost Brunner, Fredy Fuchs und – eben – seinem Sohn Viktor heran. Dieser übernahm 1970 zusammen mit Fredy Fuchs das Zepter. Beide harmonierten prima miteinander und bildeten jahrzehntelang eine Art „Traumteam“. Ernst Gertsch bekannte zum Abschluss seiner 40-jährigen Tätigkeit als Chef des Organisationskomitees dankbar: „Die schönsten Stunden meines Daseins erlebte ich in den Bergen und beim Skifahren. Da habe ich auch die besten Kameraden und liebsten Freunde gewonnen. In der Kameradschaft schöpfte ich immer wieder neue Kraft, um der Idee des Lauberhornrennens zu dienen“. Es gibt unter den Sport-Classics der Schweiz, wahrscheinlich wohl auch der ganzen Welt, kein zweites Beispiel, dass Vater und Sohn von der Gründung an während über 75 Jahren nacheinander als OK-Präsidenten des gleichen Rennens amtierten.
Ernst Gertsch fühlte instinktiv: Es gibt keine Lösungen rückwärts, es gibt nur Lösungen vorwärts. Deshalb ruhte er nicht auf Lorbeeren. Er kannte nie ein Ende. Für ihn war alles immer wieder ein Anfang und jedes erreichte Ziel nur eine flüchtige Zwischenstation. Er blieb immer der Gebirgler. Und alles was er konnte, unternahm und tat, hat er sich selbst erarbeitet, auch Schliff und Comment. Er war in allem ein Autodidakt und ein Mann aus eigener Kraft. Lebensneugier löste bei ihm einen Reflex der Selbsthilfe aus. Zu seinem gesellschaftlichen Aufstieg und beachtlichen Ansehen hat er selbst beigetragen.
Er war nicht nur der Vater, er war die Seele, das Herz, das Gehirn und das Gewissen des Lauberhornrennens. Ja, er war das Lauberhornrennen. Und er begründete seinen Nimbus.
Am 28. November 1986, einem wunderbar klaren Tag, wurde Ernst Gertsch von einer grossen internationalen Trauergemeinde in Lauterbrunnen zu Grab getragen.
Die Gedenktafel am Starthaus oben am Lauberhorn, auf diesem Sperrsitz der Natur erinnert in ihrer schlichten Einfachheit an das Wesen von Ernst Gertsch. An seinen Charakter und an seine enge Verbindung mit Berg und Himmel, Ski und Mensch, mit Natur und Sport.