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Soll man Kinder loben? Und wie wirkt sich Lob auf die Lernmotivation aus?
Die meisten Eltern und Lehrer/innen wissen, wie sehr ein Lob Kinder (und Erwachsene) motivieren kann. Loben lässt sich einsetzen, um das Selbstwertgefühl eines Kindes zu erhöhen, aber auch, um ganz gezielt bestimmte Verhaltensweisen zu fördern und andere abzubauen.
Das Selbstwertgefühl stärken
Wir alle freuen uns, wenn wir für bestimmte Eigenschaften, wie unsere Intelligenz, Attraktivität oder Kompetenz in einem bestimmten Bereich gelobt werden. Aussagen, wie:
- du siehst gut aus!
- ich wäre auch gerne so sportlich
- du hast ein super Ballgefühl etc.
freuen uns und stärken unser Selbstwertgefühl. Ein Kind sollte immer wieder auf diese Weise gelobt werden. Lob kann aber auch ganz gezielt eingesetzt werden, um bestimmte Verhaltensweisen zu fördern oder abzubauen.
Wenn Eltern davon sprechen, dass sie ihre Kinder motivieren möchten, dann meinen Sie damit eigentlich, dass sie möchten, dass ihr Kind:
- bestimmte Dinge häufiger, länger und mit mehr Begeisterung tut und
- andere Dinge unterlässt
Wenn Sie Ihr Kind motivieren möchten, ist es deshalb sinnvoll, wenn Sie zuerst festlegen, was genau Ihr Kind öfter, ausdauernder und mit mehr Freude tun soll. Das könnte im Schulkontext vieles sein, z.B.:
- Selbständigkeit
- Anstrengungsbereitschaft
- Sorgfalt
- Lesefreude
- etc.
Das folgende Beispiel zeigt, wie man dabei genau vorgehen kann:
Beispiel
Ein Elternpaar hat sich in einem Elternseminar gewünscht, dass seine Tochter Simone die Hausaufgaben selbständiger löst. Unter anderem haben wir uns auch überlegt, wie dieses Verhalten durch Lob gefördert werden könnte. Die Eltern hatten Simone bisher vor allem für korrektes Arbeiten gelobt ("gut gemacht", "fast keine Fehler!") etc.
Wir haben uns daher überlegt, wie die Eltern Simone durch gezieltes Lob zeigen könnten, dass für sie das selbständige Arbeiten wichtiger ist, als das korrekte Erledigen der Hausaufgaben. Die Eltern hatten sich daraufhin vorgenommen, in der nächsten Woche auf selbständiges Verhalten ihrer Tochter zu achten und dieses positiv hervorzuheben:
- Schön, dass du das alleine gemacht hast
- Ich finde es toll, wie selbständig du das erledigt hast
- Hey, jetzt hast du diese schwierige Rechnung ganz alleine gemacht
- Wenn du das auch noch alleine schaffst, habe ich nacher Zeit für ein Spiel
Sie haben darauf geachtet, dass sie immer dann mit Stolz und Freude reagiert haben, wenn ihre Tochter etwas selbständig erledigt hat. Simone war bald selbst stolz, wenn sie den Mut und die Ausdauer hatte, eine schwierige Aufgabe alleine anzupacken. Die Eltern haben aus diesem Beispiel für sich den folgenden Merksatz gebildet:
- Wenn wir von Simone etwas Bestimmtes erwarten, dann müssen wir das auch deutlich kommunizieren, indem wir sagen, was genau uns gefällt und worauf wir stolz sind.
Man kann Lob auch einsetzen, damit ein Kind lernt, sich selbst besser zu steuern. In vielen Fällen nützt das gezielte Loben deutlich mehr als schimpfen und strafen:
Meine Mutter ist Kindergärtnerin und hatte vor einigen Jahren Mädchen, das auf jede Kleinigkeit mit einem Wutanfall reagierte. Die Mutter des Kindes fühlte sich machtlos, weil strafen und zureden nichts half und für meine Mutter war es schwierig, das Kind in den Kindergarten zu integrieren. Meine Mutter und ich hatten uns damals überlegt, wie wir vorgehen könnten und uns entschieden, es zunächst auf die einfachste Art zu versuchen - und das Mädchen jedesmal zu loben, wenn es nicht ausrastete. Meine Mutter ging in den nächsten drei Wochen jedes mal, wenn sie einen Anlass für einen möglichen Wutanfall sah (das Kind konnte nicht in die von ihm gewünschte Spielecke, ein anderes Kind wollte das gleiche Spielzeug etc.) auf das Mädchen zu und sagte etwas wie:
- Du hättest auch gerne mit der Puppe gespielt, gell? Schön, dass du nicht wütend wirst
- Toll, dass du so ruhig bleibst
- früher wärst du jetzt sicher wütend geworden - es ist richtig schön, dass das jetzt nicht mehr so ist
In vielen Fällen gelang es, den sich anbahnenden Wutausbruch im Keim zu ersticken und beim Mädchen Freude und Stolz über die eigene Selbstbeherrschung zu fördern. Die Wutanfälle reduzierten sich innert einiger Wochen von vier bis sechs pro Tag auf zwei bis drei pro Woche. Das Mädchen fand mit der Zeit selbst Mittel und Wege, sich zu beruhigen. Meine Mutter achtete danach darauf, dass sie immer mal wieder betonte, wie grossartig sie es findet, dass das Mädchen den ganzen Tag über keinen einzigen Anfall hatte.
Was ist wichtig beim Loben?
Es gibt einige Dinge, die wichtig sind, wenn man will, dass Lob wirksam ist. Zum einen haben wir anhand der Beispiele schon gesehen, dass es wichtig ist, dem Kind zu sagen, worauf man genau stolz ist. Ein pauschales "gut gemacht" ist weniger wirksam als ein "toll, dass du das alleine gemacht hast". Das gilt natürlich auch für Erwachsene - es freut mich, wenn meine Frau meint, dass ich "gut aussehe" aber nur das spezifische Lob "ich finde es wunderbar, wenn du mich vom Bahnhof abholst" führt dazu, dass ich sie wann immer möglich vom Bahnhof abhole ;-)
Nebem dem gezielten Loben gibt es noch einige weitere Prinzipien, die Ihr Lob besonders wirksam machen:
- Loben Sie sofort, nachdem Ihr Kind das positive Verhalten gezeigt hat. Ein Lob eine Stunde später bringt deutlich weniger.
- Loben Sie sehr häufig, wenn Ihr Kind ein neues Verhalten lernen soll. Gerade wenn wir etwas Neues ausprobieren sollen oder etwas tun sollen, das uns schwer fällt, ist es wichtig, dass wir viel Lob und Ermutigung erhalten.
- Loben Sie ein eingeübtes Verhalten weiterhin ab und zu, damit es bestehen bleibt. Simone wurde durch das gezielte und häufige Lob ihrer Eltern tatsächlich selbständiger. Damit das so bleibt und sich die alten Muster nicht wieder einschleichen, ist es aber wichtig, dass die Eltern immer mal wieder sagen, dass sie das toll finden.
Viele Eltern fragen mich bei diesem Punkt, ob ein Kind durch zu viel Lob nicht verwöhnt werden könnte und sich dann nicht mehr anstrengt. Ich wüsste keinen Fall, bei dem ich diesen Verdacht hatte. Verwöhnt werden Kinder vor allem dann, wenn man sie mit materiellem Besitz überschüttet und ihnen alles gibt, ohne dass sie sich dafür anstrengen müssten - aber nicht, indem man ihre Anstrengungen anerkennt.
Zudem werden die meisten Menschen, Kinder wie Erwachsene, zu wenig gelobt und verstärkt. Viele von uns würden lieber arbeiten und sich dabei mehr anstrengen, wenn sie mehr Anerkennung dafür erhielten. Und viele Menschen wären auch in ihren Beziehungen zufriedener, wenn sie mehr Wertschätzung erfahren würden.
Wie viel Anerkennung und Lob wir bräuchten, zeigen spannende Untersuchungen der Paarforschung. Dabei wurden Paare bei Gesprächen gefilmt und es wurde gezählt, wieviele negative und positive Äusserungen die Partner übereinander gemacht haben. Dabei zeigte sich: Die positiven Äusserungen sollten 5 zu 1 überwiegen. Kommen auf eine negative Äusserung weniger als fünf positive, lässt sich damit ziemlich gut eine Scheidung vorhersagen.
Die Untersuchung zeigt, wie abhängig auch wir Erwachsene von der Wertschätzung und Anerkennung durch andere sind. Kinder brauchen diese umso mehr. Und Kinder, die in der Schule oder bei einem Fach Probleme haben und immer wieder die Erfahrung machen: "Ich kann das nicht", "die anderen sind schneller", "ich werde beim Lesen ausgelacht" brauchen von ihren Eltern und Lehrer/innen eine grosse "Extraportion" Lob und Ermutigung für kleine Fortschritte, damit sie den Mut nicht verlieren.
Übrigens: Ich finde es wirklich toll, dass Sie diesen Artikel bis zum Ende gelesen haben!
Unsere Kollegin Nora (aktuell in Elternzeit) hat unsere Tipps zum Thema Loben übrigens in einem Video zusammengefasst:
Autorenteam
Fabian Grolimund und Stefanie Rietzler führen gemeinsam die Akademie für Lerncoaching in Zürich. Beide verbindet die große Begeisterung und Leidenschaft für das Schreiben von Büchern und für die Entwicklung neuer Projekte. Das Experten-Team bietet Seminare für Eltern und Weiterbildungen für Fachpersonen rund um das Thema "Lernen" an.