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Die Zürcher Porzellanmanufaktur in Kilchberg-Schooren (Original Zentralbibliothek Zürich, Graphische Sammlung).
Die Zürcher Porzellanmanufaktur
Geschichte des Betriebs
Elisabeth Lott, 2023
In dem vom gehobenen Bürgertum getragenen Stadtstaat Zürich ging eine Gruppe von Politikern, Unternehmern und Intellektuellen ein kühnes Wagnis ein: Sie gründeten 1763 eine Porzellanmanufaktur in einem Land, das nicht auf die Gunst und Repräsentationsmöglichkeiten sowie die Finanzkraft eines fürstlichen Hofes abstellen konnte. Inspiriert von den Ideen der Aufklärung, hegten die Gründer vor allem kulturelle Absichten. Sie wollten beweisen, dass es möglich ist, in Zürich ein ehrgeiziges künstlerisches Werk aufzubauen. Sie verfolgten aber auch ökonomische und philanthropische Interessen. Einerseits sollte zürcherisches Kapital für den Kauf von Porzellan nicht ins Ausland abfliessen, andererseits sollten verarmte Landleute und junge Menschen im Betrieb eine künstlerische Ausbildung und einen Arbeitsplatz erhalten.
Die Initiative zur Gründung einer Porzellanmanufaktur ergriff aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen der spätere Zürcher Bürgermeister Johann Conrad Heidegger (1710-1778). Er bildete 1763 zusammen mit seinen beiden Neffen, dem berühmten Dichter und Maler Salomon Gessner (1730-1788) und dem Verleger Heinrich Heidegger vom Kiel (1738-1823) sowie den beiden Neffen seiner Frau, dem Seidenhändler und Bankier Hans Martin Usteri (1738-1790) und Stadtschreiber Heinrich Lavater (1731-1818), ein Konsortium mit dem klaren Ziel, Porzellan herzustellen. Am 10. August 1763 kaufte Heinrich Heidegger im Namen dieser Societät von der Witwe Holzhalb ein im Schooren bei Kilchberg-Bendlikon am See gelegenes Haus samt Land. Ebenfalls im August 1763 trat Adam Spengler (1726-1790) als Direktor und technischer Leiter in den Dienst des neuen Unternehmens. Er nahm zielstrebig die Einrichtung der Manufaktur in Angriff, und bereits im Frühling 1764 konnte der Verkauf von Fayence angekündigt werden, einer Keramikart, deren Herstellung und Verarbeitung Spengler aus seiner Tätigkeit bei den Berner Fayencemanufakturen vertraut war.
Noch vor Ende 1764 gelang der Manufaktur die Herstellung von Porzellan, und bereits 1770 verfügte sie über ein breites Spektrum an Geschirrstücken, Gebrauchsgegenständen und Figuren. Das Wissen um die Herstellung von Porzellan dürfte aus Ludwigsburg überliefert worden sein.
Schlichte Teekanne in klassizistischem Stil links (CFMH_Bö_0469) und Kanne in alter Form rechts (CFMH_Bö_0248).
Während unter qualitativem Aspekt unzweifelhaft ein beachtlicher Erfolg zu verzeichnen war und durchaus das Niveau namhafter ausländischer Porzellanmanufakturen erreicht wurde, traf dies in wirtschaftlicher und finanzieller Hinsicht leider nicht zu. Schon kurz nach Aufnahme der Tätigkeit kämpfte das Unternehmen mit Liquiditätsproblemen und ungenügenden Erträgen. Der Absatzmarkt war begrenzt und die ausländische Konkurrenz gross. Massnahmen wie das Erproben von kostengünstigeren Keramikmassen ohne grossen Kaolinanteil oder die Durchführung einer Porzellan-Lotterie (1773) sowie die Bestellung des umfangreichen Einsiedler-Service durch den Zürcher Rat (1775) brachten keine Besserung. Wegen fehlender Mittel konnte die Manufaktur auch nicht in neue Formen investieren, um so dem moderneren klassizistischen Kunstgeschmack des ausgehenden 18. Jahrhunderts entsprechen zu können – sie blieb dem Stil des Rokoko verhaftet.
1788 starben Salomon Gessner und 1790 Hans Martin Usteri sowie der Direktor Adam Spengler. Damit verlor die Manufaktur ihre Leitung. Nach nur 27 Betriebsjahren beschlossen die verbliebenen Teilhaber wegen der katastrophalen finanziellen Lage die Stilllegung der Produktion und die Liquidation des Unternehmens.
Die Erfassung der finanziellen Lage und die Liquidation zogen sich dann über längere Zeit hin. Die verbindliche Liquidationsurkunde konnte deshalb erst auf den 31. Dezember 1791 erstellt werden. Sie zeigte neben dem entstandenen Verlust in Höhe von 225.000 Gulden (was heute einem zweistelligen Millionenbetrag entspräche) auch das Obligo jedes einzelnen Teilhabers. Die Gebäude und das Land wurden verkauft und dienten in den folgenden Jahrzehnten neuen Kilchberger Unternehmen (Manufaktur Neeracher, 1792-1802; Manufaktur Nägeli, 1802-1858; Manufaktur Staub, 1858-1906) zur Herstellung von Fayence und Steingut.
Betriebsablauf und Personal
Die Produktion in der Zürcher Porzellanmanufaktur wurde mit ungefähr 30 Personen aufgenommen. Für damalige Verhältnisse war dies eine ansehnliche Betriebsgrösse. Das 1763 erworbene Wohnhaus mit seinen 25 Zimmern wurde in einen kunsthandwerklichen Fabrikationsbetrieb umgewandelt, diente aber bis 1766 dem Direktor gleichzeitig als Wohnhaus. Für die wesentlichen Arbeitsgänge standen getrennte Räume zur Verfügung, ähnlich wie dies auch bei anderen Manufakturen üblich war: Erwähnenswert sind die Schlämmstube, wo die Rohmaterialien gereinigt, bearbeitet und gemischt wurden; sodann die Dreherstube, in welcher sämtliche auf der Drehscheibe zu verfertigenden Formstücke bearbeitet wurden; die Former- und Bossiererstube, wo die zu schaffenden Stücke resp. Einzelteile mittels Gipsformen hergestellt und zu einem Ganzen zusammengefügt, d.h. bossiert wurden. Der Qualitätskontrolle nach dem Glattbrand diente die Sortierstube, während die weitere künstlerische Bearbeitung der Erzeugnisse anschliessend in der Malerstube oder der Druckerstube stattfand. Anfänglich befanden sich die Brennöfen, die in ihrer Konstruktion vermutlich dem Ringler-Ofen aus Wien oder für die Fayence den üblichen stehenden Öfen vom Typ Picollpasso entsprachen, noch im ehemaligen Wohnhaus, doch schon vor 1771 richtete man ein separates Brennhaus ein.
Abgesehen von der Glasurmühle in Thalwil war kein von der Technik unterstützter Arbeitsablauf vorhanden; jeder Arbeitsgang musste von Hand ausgeführt werden. Erschwert wurde ein rationeller Betriebsablauf auch durch die gleichzeitige Herstellung von Porzellan und von Produkten aus einheimischer Tonerde.
Von Salomon Gessner eigenhändig bemalter Teller mit Landschaftsdekor (CFMH_Bö_0498).
Doch die Zürcher Manufaktur hatte das Glück, mit Salomon Gessner und Adam Spengler von Anfang an über zwei sehr kompetente Künstlerpersönlichkeiten zu verfügen. Trotzdem musste man mehrere qualifizierte Mitarbeiter aus dem Ausland kommen lassen, die sich in den verschiedenen Produktionstechniken auskannten und die Porzellanmalerei beherrschten. Die meisten stammten aus Lothringen und aus Süddeutschland. Unter ihnen seien die Maler Johannes Leopold Daffinger aus Wien und Johannes Bonlander aus Memmingen sowie die deutschen Bildhauer und Modelleure Joseph Nees und Johann Valentin Sonnenschein erwähnt.
Zu den ausländischen Spezialisten gesellte sich eine Reihe einheimischer Arbeitskräfte, die meist aus Zollikon kamen und sich in der Former- und Malerstube der Fabrik ausbilden liessen, bevor sie anerkannte Künstler auf dem Gebiet der Porzellanplastik oder der Keramikmalerei wurden. Wie es die Gründer der Zürcher Manufaktur gewünscht hatten, spielte das Unternehmen also durchaus auch die Rolle einer Kunstschule. Mehrere bekannte Zürcher Kleinmeister, darunter Heinrich Füssli, Heinrich Thomann und Johann Heinrich Bleuler, erhielten ihre künstlerische Ausbildung in der Porzellanmanufaktur. Als Modelleur, der seine Ausbildung der Manufaktur verdankte, ist Johann Jakob Willhelm Spengler, der Sohn Adam Spenglers, zu nennen.
Verarbeitete Materialien
Anfangs wurden ausschliesslich inländische Tone verarbeitet, und hauptsächlich Fayence produziert, da sich der Direktor Adam Spengler in dieser Materie sehr gut auskannte. Schon wenige Monate später aber gelang die Produktion von Porzellan. Nicht zuletzt aus Kostengründen wurde mit der Zusammensetzung der Keramikmassen in der Zürcher Manufaktur immer wieder experimentiert. Das für Porzellan erforderliche Kaolin musste nämlich zuerst aus Gruben im Bayrischen Wald, später aus Kaolingruben von St. Yrieix bei Limoges beschafft werden, was sehr kostspielig war. Und weil Porzellan im Vergleich mit Fayence wesentlich höhere Brenntemperaturen erforderte, schlugen letztlich auch die für den Brand der Keramiken benötigten Brennholzkosten zu Buche.
Abgesehen von Fayence und Porzellan produzierte man in Kilchberg-Schooren auch noch Steingut und Weichporzellan (aus den Anfängen der Manufaktur: Angst 1905; zur abweichenden Spätdatierung des Weichporzellans nach ca. 1777 siehe Schnyder 2009, 13-14). Zur Diskussion um die produzierten Waren und ihre Definitionen vgl. unbedingt auch die Bearbeitungen von Annamaria Matter (2012, 39-48) und Maire (2008, 29-36). Beim Steingut aus Kilchberg-Schooren scheint es sich nach chemischen Analysen (Matter 2012, Tab. 1-3) um eisenarmes calciumreiches Kalksteingut gehandelt zu haben, das sowohl eine Blei- als auch eine Fayenceglasur tragen konnte, was heute zu definitorischen Abgrenzungsproblemen führt (Steingut oder Fayence?). Diese Art Geschirr wurde in CERAMICA-CH als „Fayence“ aufgenommen.
Keramikformen und Dekore
Formen
Sowohl beim Figurenwerk wie im Segment der Geschirrkeramik und sonstiger Formstücke für den täglichen Gebrauch verfügte die Zürcher Manufaktur über eine enorme Vielfalt. Ziel war es, der Kundschaft ein breites Spektrum an Formen anbieten zu können, wie das auch bei der ausländischen Konkurrenz der Fall war.
Allerdings war man im Gegensatz zu deutschen und französischen Betrieben bestrebt, weniger üppiges Porzellan zu schaffen. Die Geschirre mussten dem Geschmack der reformierten Zürcher Bürgerfamilien entsprechen, allzu prunkvolle und reich verzierte Modelle wie an europäischen Fürstenhöfen waren nicht gefragt. Auf schlichteren Formen und glatten Oberflächen kamen dafür die herrlichen Malereien umso mehr zur Geltung.
Figurenpaar Gärtner und Gärtnerin (CFMH_K_0225 und CFMH_K_0226).
Das reiche Figurenwerk diente nicht Dekorationszwecken im heutigen Sinne, sondern ausschliesslich der Tafelzier an Festtagen oder bei besonderen Gelegenheiten. Zur Herstellung der Einzelfiguren oder ganzer Figurengruppen kamen andere Künstler und Kunsthandwerker zum Zuge als bei der Geschirrfabrikation. Die liebenswürdigen Kleinplastiken, die etwa Berufe jener Zeit oder die Jahreszeiten, die Erdteile oder die Sinne darstellen, gehören mit ihrer Allegorik zu den schönsten Zeugen der Welt des Rokoko. Mit mehr als 460 verschiedenen Ausformungen zählt die Zürcher Manufaktur auch in diesem Bereich zu den führenden Betrieben auf dem Kontinent (vgl. zum Figurenwerk auch: Schnyder 2009).
Dekore
Im 18. Jahrhundert war das Farbenangebot noch sehr begrenzt und mit Mängeln versehen, was das schnell rissig werdende Grün bewies. Die Farben wurden aus Erdpigmenten, Mineralien und Metallen gewonnen. Für die blaue Farbe war man beispielsweise auf Kobaltsmalte angewiesen. Da auf dem Markt noch keine fertigen Porzellanfarben erhältlich waren, mussten diese in der Manufaktur selbst hergestellt werden. In Zürich arbeiteten die Maler mit Ausnahme des unterglasurblauen Dekors mit Muffelfarben, bei denen das Stück vor der Bemalung glasiert und dem Garbrand unterzogen wird. Die Bezeichnung «Muffel» stammt dabei von einem feuerbeständigen Behälter im Muffelofen, der die bemalten Keramiken vor dem direkten Feuer und dem Rauch schützen sollte. Eine der Schwierigkeiten für den Porzellanmaler war das unterschiedliche Aussehen der Farben vor und nach dem Brand. Um zu wissen, wie sich die Farben beim Brennen verhalten, bediente sich der Maler gebrannten Mustertellern, auf denen die Farbskalen aufgemalt waren.
In Bezug auf die Dekore hat die Zürcher Porzellanmanufaktur wiederum eine enorme Bandbreite vorzuweisen. Sie ist vor allem berühmt im Bereich der Blumen- und Landschaftsdekore. Im Vergleich mit anderen Manufakturen zählen diese Dekore denn auch zum Besten, was in der Keramikmalerei geschaffen wurde.
Landschaftsdekor: Unter dem Einfluss und der Anleitung von Salomon Gessner legte das Unternehmen grosses Gewicht auf diese Art der Bemalung. Gessner unterrichtete die Porzellanmaler in der Darstellung idyllischer Landschaften und vermittelte ihnen einerseits die Bedeutung der Naturstudien und achtete anderseits auf die unerlässliche Sorgfalt bei der strengen klassischen Komposition. Gessner lieferte dazu zahlreiche Vorlagen für Landschaftssujets, wobei er sich insbesondere auf Stiche niederländischer Meister stützte.
Unter dem Landschaftsdekor finden sich Bildkompositionen mit Bäumen, Baumgruppen und Sträuchern, intakten oder halbverfallenen Häusern sowie romantisierenden Ruinenstücken oder Burganlagen, stillen Gewässern, Fluss- oder Seelandschaften mit Inseln und Fernsichten. Die Seelandschaften sind oft staffiert mit unterschiedlichen Booten. Meistens werden diese Bildszenen durch kleine Personendarstellungen belebt. Beachtenswert sind zudem die Abschattierungen zur Unterstützung der atmosphärischen Perspektive. Im Gegensatz zu den Erzeugnissen grosser ausländischer Manufakturen fehlen dem Zürcher Dekor die vom Hofleben beherrschten Landschaften, die fürstlichen Paläste und Gärten. Die Künstler in Kilchberg arbeiteten zürcherisch nüchtern und sachlich. Dabei schufen sie aber teils Landschaften von einer unerreicht verträumten Feinheit.
Arkadische Landschaft (CFMH_Bö_0439).
Der Zürcher Landschaftsdekor wird heute nach dem zentralen Bildthema unterschieden:
– Sujets, bei denen die Landschaft allein zentrales Bildthema ist. Hier wird unterschieden zwischen «arkadischen» Landschaften einerseits, bei denen das Bildsujet überwiegend vom grafischen Schaffen ausländischer oder schweizerischer Künstler beeinflusst ist, sei dies durch die Übernahme wesentlicher Bestandteile der Vorlage oder effektives Kopieren, und «naturalistischen» Landschaften anderseits, in denen die Komposition von Bildsujets von den in der Manufaktur tätigen Künstlern geschaffen wurde. Hier dienten den Malern Vorlagen grafischer Arbeiten ausländischer Künstler lediglich als Inspirationsquelle.
Kauffahrtei-Szene auf Untersetzer (CFMH_Bö_0184).
– Sujets, bei denen neben die Landschaft ein weiteres zentrales Bildthema tritt: In der Regel handelt es sich um Boote, die dem Transport oder der Fischerei dienen. In Verbindung mit am Ufer lagernden Fässern, Warenballen und anderen Transportgütern entsteht so der Kauffahrtei-Dekor der Zürcher Kaufmannschaft, galt der Seeweg doch als wesentlicher Teil des Güterexports in den Süden.
Teedose mit Dekor «Grosse Figuren» (CFMH_K_1666).
Mit dem Landschaftsdekor verwandt ist der Dekor Grosse Figuren. Dieser unterscheidet sich vom Landschaftsdekor dadurch, dass die Personen- und Tierdarstellungen nicht im richtigen Grössenverhältnis zur umgebenden Landschaftsstaffage stehen.
Kaffeekannen mit monochromer und bunter Blumenmalerei (CFMH_Bö_0458 und CFMH_Bö_0338).
Blumendekor: Ähnlich wie Salomon Gessner in der Landschaftsmalerei inspirierte Adam Spengler die Maler in der Blumenmalerei. Seine künstlerischen Erfahrungen aus den Berner Fayencemanufakturen liess er in die Malerstube des Zürcher Betriebs einfliessen. So ist in der Anfangszeit eine grosse Übereinstimmung mit der Berner Blumenmalerei festzustellen. Anregen liessen sich die Zürcher Künstler nicht nur durch die einheimische Pflanzenwelt, sondern auch von Blumendekoren anderer Manufakturen, vorwiegend jenen aus Strassburg und Ludwigsburg.
In der Blumenmalerei, der Darstellung natürlicher Blumen der einheimischen Flora, wurde in Zürich Hervorragendes geleistet; Höhepunkte bilden dabei die grosszügig und detailgetreu in kräftigen Farben gemalten Gebinde der Frühzeit und die sogenannten Einsiedlerblumen in der Art von Johannes Daffinger.
Teedosen mit Girlandendekor (von links nach rechts: CFMH_Bö_0326, CFMH_Bö_0096, CFMH_Bö_0492, CFMH_K_1524).
Neben der Darstellung von Einzelblumen und Blumengebinden gestalteten die Zürcher Künstler auch Blumengirlanden oder Kombinationen von Girlanden, Bändern und anderen Zierelementen wie Festons. Der Blumendekor wird deshalb unterschieden in den eigentlichen Blumendekor und den Girlanden- und Bänderdekor.
Ostasiatische Dekore: Zur Verzierung des neuen europäischen Porzellans übernahm Meissen sehr rasch die Bildmotive der ostasiatischen Dekorarten. Als Vorlagen standen den Malern in Meissen dabei die entsprechenden Auftragsporzellane in der Sammlung Augusts des Starken zur Verfügung. Basis bildete speziell der Malstil auf Arita- oder Imariporzellanen, im Wesentlichen der Kakiemonstil, der auf japanischen Motiven beruhte. Im figürlichen Bereich stützten sich die europäischen Maler dagegen auf Stichwerke ab, die sich mit dem fernen Osten und den «Exoten aus fernöstlichem Land» befassten.
Während für die chinesischen und japanischen Künstler der Symbolgehalt und die Bildhaftigkeit der dargestellten Bildbestandteile und deren Kombination im Mittelpunkt standen, richteten sich die Künstler der europäischen Manufakturen nach ästhetischen Gesichtspunkten. Der Symbolgehalt der Bildmotive auf chinesischen und japanischen Keramiken war ihnen offensichtlich nicht bewusst.
Asiatische Motive auf Zürcher Porzellan (CFMH_Bö_0307, CFMH_Bö_0135).
Im Gegensatz zu den Malern in Meissen, die sich auf ostasiatische Keramikmalereien abstützen konnten, dienten in der Zürcher Manufaktur die ostasiatischen Malereien der renommierten europäischen Porzellanmanufakturen als Vorlage. Dies zeigen die nach Porzellanen aus Meissen kopierten Dekorvarianten wie «Astern und Päonien», «Pagode in Landschaft», «Fels und Vogel» oder die «Stadler-Chinesen». Die Zürcher beschränkten sich bei der Sujetwahl auf Blumen-, Blüten- und Stauden- sowie auf Fels-, Stein- oder Heckendarstellungen. Mit Ausnahme von Vogelmotiven fehlen in Zürich Tiersujets wie Drache, Löwe oder Tiger.
Teller (CFMH_Bö_0159), Kaffeekanne (CFMH_K_0585) und Teekanne (CFMH_Bö_0545) mit Vogeldekor.
Vogel- und Früchtedekor: Der Vogeldekor umfasst in Zürich sowohl das nach der Natur gemalte Federvieh als auch exotische Vögel und eigentliche Fantasiegebilde. Unterschieden wird dieser Dekor in «Vögel in Landschaft» und «Vögel auf Zweigen».
Teller mit Corniche-Dekor (CFMH_Bö_0391).
Viele Geschirre weisen in Anlehnung an ausländische Manufakturen auch plastische Verzierungen (Reliefdekor) auf, vom einfachen Rippdekor mit schmal oder breit geripptem Muster über den Korbflechtrand, das sogenannte Oziermuster, bis zum «Corniche»-Dekor, der mit seinen Reliefblumen und -bändern sowie Rocaillen den reicheren ausländischen plastischen Dekoren nahekommt. Das in Zürich am meisten verwendete plastische Muster bei Tellern, Platten und Schalen in Porzellan war die Riefelung resp. der Riefeldekor. Auf wenigen Einzelstücken findet sich zudem der «Abgesetzte Schnurrand» (geschnürlter Rand), eine Kombination des Riefeldekors mit einem geflochtenen Randabschluss.
Teekanne mit plastischem Gotzkowski-Dekor kombiniert mit Insektenmalerei (CFMH_Bö_0275).
Bei Kaffee- und Teegeschirren wurde gelegentlich ein Blumendekor angebracht, der sogenannte Gotzkowski-Dekor, oder ein plastischer Blumenranken-Dekor, der von der Ludwigsburger Manufaktur übernommen worden war.
Kaffeekanne mit Blumendekor und reicher Vergoldung (CFMH_Bö_0493).
Als weiteres Dekor-Element wurde die Vergoldung verwendet, von einfachen Goldpunkten über diskrete Konturierungen in Gold, Goldränder und Goldzahnbordüren bis hin zu reicher Vergoldung ganz im Stil von Prunkgeschirren aus Meissen oder Sèvres.
Blumentopf mit Fayenceglasur und schwarzem Umdruckdekor auf der Glasur (CFMH_Bö_0274).
Als eine der ersten Manufakturen auf dem Kontinent übernahm die Zürcher Manufaktur in späteren Jahren auch den in England erfundenen Umdruckdekor, eine kostengünstigere Art der Verzierung, die vor allem auf Geschirren mit Fayenceglasur und hell gebranntem Scherben angewendet wurde. Es handelt sich in allen Fällen um Umdruckdekor auf der Glasur.
Service
Die Produktion ganzer Service war in der Zürcher Manufaktur eine Ausnahme. Wollte man ein komplettes Service erwerben, wurde dieses aus zueinander passenden Einzelstücken aus dem Warenlager im Schooren zusammengestellt. Der eigentliche Laden der Manufaktur befand sich in der «Meisen» auf dem Zürcher Münsterhof.
Als einheitlich konzipierte Speisegedecke wurden nur zwei vollständige Tafelservices geschaffen: das berühmte Porzellan-Service für das Kloster Einsiedeln, das einzige Schweizer Staatsgedeck des 18. Jahrhunderts, und das Fayence-Service der Familie von Salis, das mit schönen Seelandschaften verziert ist.
Das Einsiedler-Service
Von besonderer Bedeutung im Schaffen der Zürcher Porzellanmanufaktur ist das als «Einsiedler-Service» bezeichnete Tafelgedeck, bestehend aus rund 235 Einzelteilen. Es entstand 1775 und umfasst nebst einem grosszügigen Speiseservice auch ein Kaffee- und Teegedeck.
Nachdem 1773/74 eine sechsköpfige Zürcher Delegation während monatelangen Verhandlungen mit dem Stand Schwyz um Fischerei- und Fahrrechte auf dem Zürichsee im Kloster Einsiedeln beherbergt worden war, wollte sich der Zürcher Rat für diese Gastfreundschaft erkenntlich zeigen und gab das umfangreiche Service in der Manufaktur in Auftrag. Das Geschenk durfte zwischen 1000 und 1200 Gulden kosten. Diese Bestellung war in Kilchberg-Schooren hoch willkommen, denn schon damals kämpfte man im Betrieb mit Absatzproblemen. Eine erhaltene Abschrift der Originalrechnung belegt den Umfang des prestigeträchtigen Geschenks, das im Sommer 1776 ins Kloster kam und nur bei speziellen Anlässen aufgedeckt wurde.
Erst anlässlich der Landesausstellung von 1883 rückte das Service wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit, als Teile daraus in Zürich gezeigt wurden. Es stiess bei Keramiksammlern auf grosses Interesse. Weil im Kloster grössere Renovationsarbeiten anstanden, so z.B. die Erneuerung des Kirchenbodens, beschloss der Konvent zu deren Finanzierung das Gedeck zusammen mit weiteren Porzellanen zu verkaufen. Dem Käufer Heinrich Angst, dem späteren ersten Direktor des Schweizerischen Landesmuseums, war der gesamte Kaufpreis von CHF 10.000.- aber zu hoch. Er fand in seinem Freund Auguste Siegfried aus Lausanne einen gleichgesinnten Partner, und die beiden Sammler teilten die Porzellane unter sich auf. Bei Formstücken in einzelner Ausführung, wie z.B. beim Tafelaufsatz, entschieden sie die Zuteilung durch Kartenspiel, das Heinrich Angst offensichtlich gut beherrschte. Denn diese Unikate befinden sich heute hauptsächlich im Schweizerischen Landesmuseum, wohin Angsts Anteil 1903 als Legat kam.
Die grosse Tischvitrine mit dem Einsiedler-Service im Conrad Ferdinand Meyer-Haus Kilchberg.
Viele Stücke Siegfrieds gelangten nach dessen Tod über den Handel und zwei Privatsammlungen 1985 zurück an ihren Herstellungsort Kilchberg, ins heutige Zürcher Porzellanmuseum im C. F. Meyer-Haus.
Neuausstellung des Einsiedler-Service im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich, 2020.
Das Schweizerische Nationalmuseum verwahrt heute neben dem dreiteiligen Tafelaufsatz weit über die Hälfte der ursprünglich 72 Speiseteller, 16 von insgesamt 24 tiefer gemuldeten Suppentellern sowie einen wesentlichen Bestand des zwölfteiligen Kaffee- und Teegedecks, davon alleine acht der total zwölf sog. Prunkteller und viele andere Geschirre für den Nachtisch. In Kilchberg sind 14 Speiseteller ausgestellt, alle restlichen Suppenteller, dazu zahlreiche runde und ovale Platten und Schalen in verschiedenen Grössen. Erwähnenswert sind auch einige Stücke, die gestützt auf den Dekor zwar zum Service passen, zudem auf der Fotografie zu sehen sind, die vor dem Verkauf der Geschirre durch das Kloster aufgenommen wurde, aber durch die Rechnung der Manufaktur nicht als eigentliche Teile des ursprünglichen Geschenks belegt sind (z.B. zwei ovale Terrinen). Möglicherweise hatte das Kloster selber solche Stücke zur Ergänzung des Gedecks erworben.
Das von Salis Fayence-Service
Andreas Heege, 2021
Zwischen etwa 1770 und 1773 entstand in der Zürcher Porzellanmanufaktur in Kilchberg-Schooren eines der wenigen bekannten Fayenceservice, für das sich im Jahr 1773 insgesamt 119 Teile nachweisen lassen. Franz Bösch hat sich im Rahmen seiner Studien zur Zürcher Porzellanmanufaktur intensiv mit der Überlieferungsgeschichte des Service auseinandergesetzt (Bösch 2003, 203–215).
Dem Rätischen Museum gelang 1895 der Ankauf seines Serviceteiles von den Erben des Andreas von Salis (1782–1858) aus Chur. Ein weiterer Teil gelangte gleichzeitig in den Privatbesitz von Heinrich Angst und über dessen Sammlung schliesslich als Geschenk in den Besitz des Schweizerischen Nationalmuseums. Belegen liess sich aufgrund von Archivalien eine ursprüngliche Herkunft aus dem Besitz des Peter von Salis-Soglio (1729–1783) in Chur. Weitergehende Informationen zur Bestellung des Service liegen jedoch nicht vor. Angenommen wird eine Anschaffung oder Bestellung nach 1770 und sicher vor 1773 (Erstinventarisation).
Teile des von Salis-Service aus der Sammlung des Rätischen Museums in Chur, aus der Zeit um 1770.
Von diesem Service befinden sich heute 36 Stück im Rätischen Museum (RMC H1971.1002-1037). 26 Stücke verwahrt das Schweizerische Nationalmuseum (SNM HA-2134–HA-2137, HA-2150–HA-2151, HA-2176; HA-2153, ist eine nicht zum Service gehörige Sauciere) , 1 Stück ist im Historischen Museum St. Gallen (Slg. Friedrich Eugen Girtanner, 1880-1956, ex. Slg. Angst bzw. SNM HA-2135, heute HVMSG Inv. G-13098), 1 Stück im Conrad Ferdinand Meyer-Haus (CFMH_Bö_0415) und 5 Stück in schweizerischem Privatbesitz, von denen drei aus der Sammlung Angst stammen und getauscht wurden (HA-2134.8, HA-2136.3, HA-2176.3). Die beiden anderen wurden aus der Sammlung Elsa Bloch-Diener, Bern, bzw. auf dem Dortmunder Flohmarkt erworben. Es fehlt der aktuelle Nachweis für den Verbleib von ein oder zwei Stücken aus der ehemaligen Sammlung von Frau De Terra, Zollikon, die im Dezember 1967 im Auktionshaus Stuker in Bern versteigert wurden (sicher Los 713, vielleicht auch Los 714). Frau de Terra erhielt mindestens einen der Teller 1936 im Tausch vom Schweizerischen Nationalmuseum (SNM HA-2135). Unklar ist auch der Verbleib eines grossen Tellers der 1932 an den Kunsthändler Mathias Göhringer (1889-1941), bis 1933 in Baden-Baden, danach in Freiburg im Breisgau, abgegeben wurde (SNM HA-2136). Der Verbleib der übrigen archivalisch überlieferten Serviceteile, die sich 1895 noch in Familienbesitz von Salis befanden, ist unbekannt.
Nur zwei der Objekte des Rätischen Museums, ein Teller aus dem SNM und eine flache Schale in Privatbesitz tragen rückseitig die Manufakturmarke „Z“ (RMC H1971.1009, RMC H1971.1010; SNM HA-2137). Zwei Teller aus dem SNM weisen eine blaue Malermarke „i“ auf (SNM HA-2176.2, SNM HA-2135.5). An der Zugehörigkeit der übrigen Objekte zum Service kann aufgrund des sehr charakteristischen Dekors mit dem einheitlichen braunen Randstreifen und den auffällig blauen Seen und Bergen im Hintergrund, kein Zweifel bestehen. Die Bemalung ist sehr fein und detailreich ausgeführt. Es handelt sich ausschliesslich um idyllische Landschaften mit Seen und Bergen, phantastischen Architekturmotiven, Ruinen und Menschen (meist in Rückenansicht). Der Maler ist unbekannt und es gibt kein weiteres Geschirr aus der Zürcher Manufaktur mit dieser Farbpalette. Auf der Unterseite der meisten Objekte finden sich Abrissspuren der Pinnen von einem ersten und zweiten Glasurbrand, die sekundär mit farblich abweichender weisser Fayenceglasur übermalt sind. Diese wurde gelegentlich auch zur Füllung zu grosser Nadelstichlöcher verwendet. Von einem dritten Glasurbrand (Muffelbrand) finden sich dann die noch offenen, nicht überdeckten Abrisse der Pinnen. Inklusive des Schrühbrandes wurden viele Objekte also mindestens viermal gebrannt, bevor sie fertig dekoriert waren (Beispiel RMC H1971.1014). Es fällt auf, dass die letzte der eingebrannten Farben, die für die rotbraunen Felsen und Teile der Baumstämme verwendet wurde, meist nicht sehr gut aufgeschmolzen ist und stumpf statt glänzend auf der Oberfläche steht. Ein Teil der Teller und Platten ist gebrochen und alt mit Drahtklammern geflickt. Das Service wurde also im Alltag tatsächlich geschätzt und intensiv genutzt.
Im Rätischen Museum sind 36 Keramiken vorhanden:
1 Terrine mit Granatapfelgriff ohne Klapperkügelchen (RMC H1971.1002; vgl. SNM HA-2150).
1 Sauciere (RMC H1971.1003).
2 Platten, oval, mit fassoniertem Rand (RMC H1971.1004, H1971.1005, vgl. SNM HA-2151).
3 Teller, unterschiedliche Durchmesser, mit vierpassig eingeschnittener Fahne (RMC H1971.1006, H1971.1009, H1971.1010, vgl. SNM HA-2137).
2 flache Platten mit gemuschelter Wandung und horizontalem, profiliertem, aussen gewelltem Rand (RMC H1971.1007, H1971.1008).
1 runde, kalottenförmige Platte mit vielpassigem Rand (RMC H1971.1011).
19 Teller mit schwach fassoniertem Rand (RMC H1971.1012– H1971.1031; vgl. SNM HA-2135.1-10, HA-2136.1-3, HA-2176.1-2).
7 kalottenförmige Teller (RMC H1971.1032-H1971.1037; vgl. SNM HA-2134).
Im Schweizerischen Nationalmuseum in Zürich sind zusätzlich 26 Objekte vorhanden:
1 Terrine mit Granatapfelgriff ohne Klapperkügelchen (SNM HA-2150).
2 Platten, oval, mit fassoniertem Rand (SNM HA-2151.1-2).
1 Teller mit vierpassig eingeschnittener Fahne (SNM HA-2137).
15 Teller mit schwach fassoniertem Rand (vgl. SNM HA-2135.1-10, HA-2136.1-3, HA-2176.1-2).
7 kalottenförmige Teller (SNM HA-2134.1-7).
Der Bestand von Heinrich Angst war ursprünglich etwas umfangreicher. Nachweisen lassen sich heute noch sechs Abgänge durch Tauschgeschäfte, sodass ursprünglich mindestens 32 Objekte in den Besitz von Heinrich Angst und später des Schweizerische Nationalmuseum gelangten.
Wichtige Sammlungen mit Zürcher Porzellan:
Schweizerisches Nationalmuseum Zürich (Sammlung Heinrich Angst)
Bibliographie:
Angst 1905
Heinrich Angst, Zürcher Porzellan, in: Die Schweiz 9, 1905, 9-18.
Bösch 2003
Franz Bösch, Zürcher Porzellanmanufaktur 1763-1790, Porzellan und Fayence, Bd. 1 und 2, Zürich 2003.
Bösch 2008
Das Einsiedler-Service aus der Zürcher Porzellanmanufaktur, Zürich 2008.
Ducret 1958
Siegfried Ducret, Die Zürcher Porzellanmanufaktur und ihre Erzeugnisse. Bd. 1 Geschirre, Zürich 1958.
Mähr 2009
Monika Mähr, service! reiche speisen. Esskultur und Schweizer Porzellan im 18. Jahrhundert, St. Gallen 2009.
Maire 2008
Christian Maire, Histoire de la faïence fine francaise 1743-1843, Le Mans 2008.
Matter 2012
Annamaria Matter, Die archäologische Untersuchung in der ehemaligen Porzellanmanufaktur Kilchberg-Schooren. Keramikproduktion am linken Zürichseeufer 1763-1906 (Monographien der Kantonsarchäologie Zürich 43), Zürich 2012.
Schnyder 1997
Rudolf Schnyder, Das Einsiedler Service von 1775/76 aus der Zürcher Porzellanmanufaktur, in: Kunst + Architektur in der Schweiz, 48. Jahrgang, 1997, Heft 3, 60-63.
Schnyder 2001
Rudolf Schnyder, Der festlich gedeckte Tisch im Kloster. Zürcher Porzellan aus dem Einsiedler Service von 1775/76 im Ortsmuseum Kilchberg, Kilchberg 2001.
Schnyder 2009
Rudolf Schnyder, Zürcher Porzellan : die Figuren der Sammlung Dr. E. S. Kern im Agentenhaus Horgen. Keramik-Freunde der Schweiz, Mitteilungsblatt 122, 2009.