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Einleitung
Die aussergewöhnliche Geschichte von Sara Baartman wird in der Forschung für verschiedene Zwecke und Interpretationen benutzt. So dient die Lebensgeschichte dieser Person als Zeichen der Unterdrückung der Khoekhoe in der Kolonialzeit oder steht als Symbol der weiblichen Suppression. Andere sehen in ihr einen weiteren Fall der anthropologischen Vermessung von Afrikanern in der Zeit der rassischen Ideologien des 19. Jahrhunderts. Anthropologen und Phrenologen versuchten die Afrikaner von den Europäern auf Basis der Anatomie zu unterscheiden. Die gefundenen Unterschiede wurden als Zeichen einer niedrigeren Evolutionsposition der Afrikaner verstanden. Schliesslich wurde Baartman in jüngster Vergangenheit als Symbol für die Bevölkerungsgruppe der Khoekhoe und als nationales Symbol für die Versöhnung im neuen Südafrika verstanden. Aber wer war sie wirklich und wie kam es zu unterschiedlichen Zeiten zu so grundverschiedenen Interpretationen ihrer Lebensgeschichte? Dieser Aufsatz beschäftigt sich mit diesen Fragen.
- Historischer Hintergrund und biografische Angaben zu Sarah Baartman
Sara Baartman wurde im Jahre 1789 im Gamdeboo geboren. Ihre Familie gehörte dem Stamm der Griqua an, welcher ein Teil der Bevölkerungsgruppe der Khoisan ist. Ihr Stammesgebiet ist die Region des östlichen Kaps. Später zog ihre Familie in die Nähe des Gamtoos Flusses, wo sie auf einer Farm arbeiteten. Nachdem ihr Vater bei einem Überfall von Buschmännern/San getötet worden war, verkaufte der Farmer die junge Sara sehr wahrscheinlich an Pieter Cesars. Es ist nicht ganz erwiesen, ob sie eine Sklavin war oder nicht. Pieter Cesars war ein freier Schwarzer. Durch ihn lernte Hendrik Cesars sie kennen. Sara hatte finanzielle Schwierigkeiten. Auf Vorschlag von ihrem Arbeitgeber Hendrik Cesars trat sie nun als „Hottentottenvenus“ im örtlichen Militärhospital auf und verdiente somit Geld. Die Vorstellung basierte auf den anatomischen Besonderheiten von Sara, die sie zur Schau stellte. Sie litt einerseits an Steatopygie, einer Fettablagerung am Gesäss. Auch besass sie eine vergrösserte Labia, welche in einigen Khoigruppen als Merkmal vorkommt. Der Arzt Alexander Dunlop wurde auf sie aufmerksam. Zusammen mit Hendrik Cesars entschieden sie die Show nach Europa zu bringen, um mehr Geld zu verdienen. In London wurde sie als wilde Exotin dargestellt. Ihre Kostüme waren nicht traditionell für die Khoekhoe, sondern repräsentierten das Bild der „Wilden“, das die Europäer gerne sehen wollten. Ihr sehr breites Gesäss und das Gerücht, dass sie eine „Hottentotten“ Schamlippe besass, machten ihre Freak-Vorstellung zu einem Publikumsmagnet, obwohl sie nie nackt auftrat. Dunlop zog sich nach kurzer Zeit zurück. Sarahs Vorstellungen wurden aber immer erfolgreicher. Auch Privatvorstellungen für die Höhere Gesellschaft wurden organisiert. Allerdings brachte die grosse Aufmerksamkeit auch Probleme mit sich. Im Jahre 1807 wurde der Sklavenhandel in England verboten. Im Jahre 1810 erreichten die Befürworter des Verbots, Mitglieder der African Association, die Eröffnung eines Verfahrens, um die Vorstellungen zu verbieten. Ihre Argumente waren, dass die Vorstellungen sittenwidrig waren und Sara selber als Sklavin gehalten würde. Das Verfahren wurde aber bald eingestellt. Sara hatte bei ihrer Vorladung bezeugt, dass sie keine Sklavin war und ihre Auftritte gewollt waren. Sie bekam dafür, aufgrund eines Partnervertrages, die Hälfte der Erlöse. Sie wollte auch nicht zurück nach Südafrika. Die Presseberichte darüber machten die Vorstellung noch bekannter. Die Vorstellung ging auf Tournee durch England und Irland. Sara wurde um diese Zeit auch als Christin getauft. Danach brachte sie der Franzose Réaux nach Frankreich. Es ist unklar, ob sie an ihn verkauft wurde oder ihm als Impresario folgte. Réaux war ein Tiertrainer und die Vorstellung wurde mit ihr als „Wilde“ entsprechend angepasst. In Paris erregte die Vorstellung bei Menschen/Zuschauenden aller Schichten wieder grosse Interesse. Auch französische Wissenschaftler wurden auf sie aufmerksam. Vertreten durch Georges Cuvier, Vorsitzender des Muséum National d’Histoire Naturelle, wurde sie anatomisch untersucht, vermessen und gezeichnet. Aber sie weigerte sich wiederholt, sich völlig zu entblößen, was die erwünschte Untersuchung ihrer Schamlippen verhinderte. Die Vorstellungen erfreuten sich nun weniger Beliebtheit. Als Folge dessen verdiente sie ihr Geld wahrscheinlich als Prostituierte und trank viel Alkohol. Im Jahr 1815 verstarb sie an den Folgen einer angeblichen Lungenentzündung oder einer Geschlechtskrankheit. Nach ihrem Tod kam ihr Leichnam in den Gewahrsam von Georges Cuvier, der jetzt seine Untersuchungen ungehindert fortsetzen konnte. Es wurde eine Ganzkörperplastik erstellt. Ihre Geschlechtsorgane, ihr Gehirn und Skelett wurden präpariert und weiteren Wissenschaftlern vorgestellt. Schließlich wurden sie im Museum ausgestellt, wo sie bis 1974 öffentlich zugänglich waren. Aufgrund der Vermessungen an ihr und an weiteren afrikanischen Frauen stellte Cuvier ihre Rassenzugehörigkeit fest und fand Beweis für die Suprematie der weissen Rasse.
- Wiederentdeckung und Neuinterpretation
Im 20. Jahrhundert wurde ihre Geschichte wiederentdeckt und Forschung in verschiedene Richtungen über sie betrieben. Die Forschung über die Zeit des Kolonialismus stellte den Aspekt der Unterwerfung und Haltung der Khoisan von Weissen in den Mittelpunkt. Der Aspekt des Rassismus wurde anhand von Plakaten und Zeichnungen von ihr untersucht. Dort wird sie meistens karikaturhaft dargestellt mit besonderer Betonung ihrer körperlichen Merkmale. Auch ihre anatomische Vermessung gehört zu diesem Aspekt der Forschung. Schliesslich wurden die Entnahme und Präservierung der Geschlechtsorgane sowie die für die damalige Zeit fast pornografische Art der Vorstellung unter dem Aspekt des Sexismus untersucht. In der feministischen Forschung konzentrierte man sich auf ihre Stellung als unterworfene Frau und die Art ihrer Darstellung im 19. Jahrhundert. Auch verschiedene Eigenschaften, die man damals afrikanischen Frauen zusprach, wie zum Beispiel Hypersexualität, wurden erforscht.
In den letzten Jahren entstehen in der Popkultur immer wieder künstlerische Bilder von schwarzen Frauen, die eine Referenz an die Ikone von Sara Baartman aufweisen. Ein aktuelles Beispiel ist die Fotoserie „Break the Internet“ von Kim Kardashian. Diese Referenzen werden von der feministischen Forschung kritisiert. Man sieht darin eine Verharmlosung der Ausgangssituation. Es gibt aber auch Referenzprojekte in die andere Richtung, wie Kunstausstellungen und Installationen. Diese versuchen auf ihre Art, sich Sara zu nähern und ihr Respekt zu erweisen. Ein Beispiel dafür ist das Foto „Hottentot Venus 2000“ von Lyle Ashton und Renee Valerie Cox. Da wird Victoria Cox durch angebrachte überdimensioniert metallische Zusatzteile an den Brüsten und am Gesäss als moderne Sara Baartman dargestellt. Ein weiteres ist die Installation „Permitted“ von Renee Samwise Green, die als Inspiration Sara Baartman angibt. In dieser Installation gibt es verschieden Räume. In einem befindet sich eine Bühne mit einem grossen Foto von Sara und der grafischen Aufforderung, ihr Gesäss zu messen. In einem anderen gibt es ein Loch („Peephole“), hinter dem man ein Foto von ihr sieht. Durch die Assoziation mit dem Sexkino wird auf den für die damalige Zeit pornografischen Aspekt der Vorstellung hingewiesen.
Ein letzter bedeutender Forschungsgegenstand ist die Untersuchung und Rückführung von menschlichen Überresten zurück in ihre Heimat. Menschlichen Überreste von Südafrikanerinnen und Südafrikanern haben unterschiedliche Geschichten. Freiheitskämpfer, die im Freiheitskrieg irgendwo gefallen sind und „verschwundene“ Opfer der Apartheid werden identifiziert und beigesetz. Neugefundene Sklavenmassengräber werden archäologisch aufgearbeitet. In verschiedenen europäischen Museen gib es noch heute grosse Knochensammlungen von Khoisan. Diese wurden im 19. Jahrhundert vermessen und anhand der gewonnenen Daten wurden Theorien der Rassentrennung und der weissen Suprematie erstellt/konstruiert. Es gibt diplomatische Bestrebungen, eine Rückführung nach Südafrika zu erreichen. In diesem Rahmen ist auch die Rückführung der Überreste von Sara Baartman zu betrachten. Durch ihre berühmte Geschichte wurde ihre Rückführung im 20. Jahrhundert ein Thema. 1978 schrieb die südafrikanische Dichterin Diana Ferrus (*1953) ein Gedicht mit dem Titel „I’ve come to take you home“, welches ihre Rückführung forderte. Die Autorin gehört auch der Khoisan Volksgruppe. Durch dieses Gedicht wurde der Fall nochmals in den südafrikanischen Medien thematisiert. Weitere Bestrebungen wurden in der folgenden Zeit unternommen. Als dann schliesslich das Apartheid Regime fiel und Südafrika frei wurde, erreichte dieses Anliegen die politische Ebene. So gab es direkte Bemühungen von Präsident Nelson Mandela und diplomatische Verhandlungen zwischen Südafrika und Frankreich. Diese wurden schliesslich im Jahre 2002 erfolgreich abgeschlossen und die Plastik sowie die Überreste von Sara Baartman wurden zurück nach Südafrika gebracht und feierlich beigesetzt. Die Zeremonie wurde durch das Fernsehen landesweit übertragen und das Grab als nationale Erinnerungsstätte eingerichtet.
- Diskussion und Beurteilung
Die unterschiedlichen Forschungsdisziplinen, die sich mit Sara Baartman beschäftigen, zeugen von ganz unterschiedlichen Hintergründe und Intentionen. Sara Baartman wird als Projektionsfläche für vieles benutzt. Nicht alle Annäherungen sind unproblematisch. Es gibt starke Kritik bezüglich der Interpretation der Figur von der afroamerikanischen feministischen Bewegung. Demnach kann eine Identifizierung mit Sara nur bis zu einem gewissen Grad stattfinden. Denn diese Annäherung verschweigt sehr oft die südafrikanische Komponente. Sara war zwar schwarz, aber ihre Identität basiert nicht nur auf dieser Tatsache. Sie gehörte der Volksgruppe de Khoekhoe an und ist somit als Identifikationsfigur für eine afroamerikanische Frau des 21. Jahrhunderts nur bedingt passend. Die Gefahr, dass sie wie in der Kolonialzeit instrumentalisiert wird, ist sehr gross. Eine Identifikation nur aufgrund ihrer Hautfarbe und des vermeintlichen Schicksals führt zu einer limitierten Betrachtungsweise. Diese ist gewiss derjenigen aus der Kolonialzeit sehr ähnlich, auch wenn sie jetzt von der anderen Seite kommt. Es ist eine tragische Ironie, wenn die Kämpfer gegen Unterdrückung durch diese Herangehensweise die Argumente und Denkweisen der Unterdrücker bestätigen. Und hier liegt, meiner Ansicht nach, eine weitere Gefahr. In akademischen Kreisen gibt es viele Meinungen. Sie werden diskutiert, mit Argumenten verteidigt und angegriffen bis schliesslich in der Forschung eine gewisse Mittelposition entsteht. Auch werden solche Diskurse und Debatten von mehreren Blickwinkeln betrachtet. Diese Pluralität garantiert eine reflektierte und auf mehreren Ebenen untersuchte Herangehensweise. Sobald aber solche Diskurse die Popkultur erreichen und durch die Medien eindimensional und ohne weitere Kommentare propagiert und verbreitet werden, entsteht ein verzerrtes Bild, welches sehr schwer wieder zu ändern ist. Das Beispiel von Kim Kardashian und den „Breukink Theo Internet“ Fotos zeigt die Macht, welche die Übermittlungstechnologien heute besitzen. Die Bilder haben eine starke Referenz auf das Schicksal von Sara Baartman und ihre körperlichen Merkmale. Kim Kardashian spielt faktisch Sara Baartman. Wenn man allerdings die Personen vergleicht sind die Gegensätze riesig. Sara, die ausgebeutete Sklavin auf der einen Seite und Kim, aus reichem Elternhaus mit unzähligen Eskapaden in den Medien, eigenem Promoter und Verwerterin ihrer Sexualität. Auch die Hochstilisierung von Sara zum nationalen Symbol von Südafrika ist nicht ganz unproblematisch.
Die Mechanismen der Nationsbildung wurden im 19. Jahrhundert entwickelt und angewandt. Der Kolonialismus beinhaltet ein sehr starkes Motiv für die Trennung der Kolonisierten von den Kolonisatoren aufgrund ihrer Ethnie und Hautfarbe. Nun werden in einer Zeit nach dem Postkolonialismus ähnliche Mechanismen benutzt, um jetzt eine heterogene Bevölkerung zusammenzubringen. In diesem Rahmen betrachte ich auch die Erhebung von Sara zum Nationalsymbol und zur Projektionsfläche für viele verschiedene Anliegen innerhalb von Südafrika. Diese Benutzung der Nationsbildungsmechanismen fördert auch wiederum eine Trennung zwischen „uns und den anderen“. Betrachtet man die gewaltsamen Vorfälle gegen Ausländer in Südafrika, kann man sehr wohl die Folgen dieser Mechanismen sehen. Südafrika ist ein Land, das sich gerade in der Nationsbildungsphase befindet. Diese Phase durchliefen viele europäische Länder im 19. Jahrhundert. Südafrika versucht, den vielen Herausforderungen zum Teil mit alten Mitteln zu begegnen. Eine „Entflechtung“ aus der Kolonialzeit, wie sie in verschiedenen Gebieten und auf unterschiedlichen Ebenen gefordert wird, ist momentan nur sehr schwer, wenn überhaupt, möglich. Die Folge davon ist, dass alte Praktiken von den neuen politischen Kreisen weiterhin benutzt werden. In dieser Ausgangslage ist es schwer tatsächlich mit dem Alten zu brechen und sich neu zu orientieren. Deswegen ist eine Figur wie Sara Baartman auf viele verschiedene Arten, je nach Bedarf, interpretierbar. Somit ist es eigentlich fast nicht mehr wichtig, wer Sara Baartman wirklich war, sondern vielmehr wie sie heute verstanden und betrachtet wird, um Sehnsüchte zu stillen oder Ziele politischer oder wirtschaftlicher Natur zu erreichen.
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