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Wörterbuch
der Sozialpolitik
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Sozialdarwinismus

Unterschiedliche Autorinnen und Autoren des späten 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts verwenden den Begriff Sozialdarwinismus. Er beschreibt die Anwendung von Charles Darwins Ideen zur biologischen Evolution auf die Analyse menschlicher Gesellschaften. Gestützt auf Darwins 1859 veröffentlichte Schrift On the Origin of Species by Means of Natural Selection (deutsch: Über die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl), verstanden Sozialdarwinisten Kraft und Kampf als Motoren der Entwicklung der menschlichen Gesellschaften; die Chancen von Individuen oder Gruppen im Kampf ums Dasein hinge dabei von ihrer biologischen oder genetischen Überlegenheit ab.
Die Idee der natürlichen Selektion wurde innerhalb des Sozialdarwinismus von zwei Strömungen weiterverfolgt. Einerseits betonten Autoren wie Herbert Spencer, William Graham Sumner oder T.H. Huxley die Wichtigkeit des Wettbewerbs zwischen Individuen innerhalb einer Gesellschaft (intrasoziale Selektion). Spencer erfand denn auch den Ausdruck survival of the fittest (Überleben des Tüchtigsten), mit dem er aufzeigen wollte, dass sich Gesellschaft und Wirtschaft natürlich entwickeln, und zwar durch kompetitive Prozesse, bei denen jene Personen gewinnen, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen können. Dieses Argument wurde an eine Ablehnung von Laisser-faire-Sozialpolitik gekoppelt. Spencer und Sumner waren der Ansicht, soziale Reformen würden den Prozess natürlicher Selektion hemmen und darauf hinauslaufen, die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft künstlich beizubehalten. Anderseits hoben weitere Autoren - am bekanntesten darunter ist wohl Ludwig Gumplowicz - die Wichtigkeit der Kämpfe zwischen verschiedenen Gesellschaften hervor (intersoziale Selektion). Gumplowicz, im Gegensatz zu Marx, sah den Wettbewerb zwischen sozialen Gruppen als einen natürlichen Aspekt des sozialen Lebens, der nicht ausgelöscht werden könne.
Der Sozialdarwinismus beeinflusste die soziopolitischen Diskussionen von damals beträchtlich. Er wurde benutzt, um rassische Vorurteile und kolonialen Imperialismus wissenschaftlich zu legitimieren und um selektive Immigrationsquoten in den USA nach dem Ersten Weltkrieg zu rechtfertigen. Ebenfalls spielte er eine wichtige Rolle im Aufkommen von eugenischen Bewegungen. In den späten 1920er-Jahren war der Sozialdarwinismus allgemein auf theoretischer wie auf moralischer Ebene diskreditiert. Gewisse Grundideen sind jedoch in der heutigen Soziobiologie von Autoren wie Morris, Lorenz und Dawkins aufgenommen und weiterentwickelt worden.
Literatur: