Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03433.jsonl.gz/1962

Die Seidenmanufaktur
Johann Samuel Halle: 'Die Seidenmanufaktur: Die elfte Abhandlung der Werkstätte der heutigen Künste.' (Berlin, 1762)
Erworben im Jahr 2021
Diese in kunstvoll marmoriertes Papier gebundene Abhandlung zeigt den Stand der Seidenproduktion in Europa Mitte des 18. Jahrhunderts.
Der Autor Johann Samuel Halle (1727-1810) war ein Naturwissenschaftler und Kupferstecher im Geiste der Aufklärung. Gefördert von der Preussischen Akademie der Wissenschaften untersuchte und dokumentierte er die Techniken und Technologien hinter ausgewählten Luxusgütern. Dabei widmete er sich sehr unterschiedlichen Themen wie Gold- und Silberschmieden, Gravieren, Malen und sogar Perückenherstellung.
Zu dem Zeitpunkt, als er dieses Werk - den elften Band der Reihe - schrieb, war Seide bereits seit Jahrtausenden ein wichtiges und hoch geschätztes Material. Wie Halle in einer kurzen Geschichte der Seidenproduktion zu Beginn der Abhandlung feststellt, konnte während der Zeit des römischen Kaisers Marcus Aurelius ein Pfund Seide gegen ein Pfund Gold eingetauscht werden.
Die Produktion von Seide konzentrierte sich bis zum Ende des ersten Jahrtausends v. Chr. auf China. Von dort ausetablierte sich im Laufe der Zeit eine Handelsroute, die sich westlich über Asien bis zum Mittelmeer erstreckte: die Seidenstrasse. China schützte das Monopol auf die Seidenproduktion, indem der Export von Seidenraupen oder deren Eiern mit dem Tod bestraft wurde. Trotzdem fanden die Raupen und Eier ihren Weg nach Byzanz, und vom elften Jahrhundert an verbreitete sich die Seide Webereiindustrie von Italien aus über die Alpen in ganz Europa. Vielleicht war es Halle nicht bewusst, dass die Seidenproduktion, so wie er sie beschrieb, ihren vorindustriellen Höhepunkt erreicht hatte und kurz vor den Umwälzungen der industriellen Revolution stand.
Halle berichtet zunächst über die Geschichte der Seidenproduktion, beschreibt die Zucht von Seidenraupen und erläutert die Ansprüche des Maulbeerbaums, des bevorzugten Nahrungsmittels der Tiere. Sein Hauptaugenmerk liegt jedoch auf dem Prozess, mit welchem die Kokons des Seidenwurms in brauchbaren Faden verwandelt und schliesslich in Stoff verarbeitet werden. Dabei kommen interessante Details zur praktischen Anwendung ans Licht: Zum Beispiel schlüpfen aus 10 Lot Eiern (ungefähr 150 g Eier) zwischen 150'000 und 200'000 Seidenraupen, die dann 300 «Spinnräume» (Pflegekammern) benötigen um genug Kokons für dreissig Pfund Seide zu produzieren. Illustriert werden die Beschreibungen von einem Kupferstich, der eine Szene aus einer Werkstatt wiedergibt, sowie von einer ausklappbaren Tafel, die den Seidenwurm, die dazugehörigen Produktionswerkzeuge und einen Webstuhl darstellt.
Für die Geschichte der Textilverarbeitung ist Halles Buch besonders bedeutsam aufgrund der Beschreibung einer bestimmten Art von Seidenwebstuhl. Bei dieser Art Webstuhl werden Hebeschnüre manuell bedient, um Muster im Gewebe herzustellen (siehe Abbildung unten). Im Jahr 1804 wurde dieser Prozess von Joseph Marie Jacquard erfolgreich automatisiert, wobei die Bewegungen der Schnüre durch Sequenzen von Lochkarten auf einem speziellen Drehmechanismus gesteuert werden. Die Auswirkungen des Jacquardwebstuhls waren enorm: In der Textilindustrie wurde damit ein Massstab gesetzt, der die Konstruktion von Maschinen bis weit in das 20. Jahrhundert hinein beeinflusste - einschliesslich der von der GF Tochtergesellschaft Rüti AG gebauten Maschinen. Über die Textilindustrie hinaus inspirierte Jacquards Arbeit Charles Babbage (1791-1781) direkt zur Entwicklung seiner Analysemaschine, einer der frühesten Computer. Auf diese Weise ist das Werk von Johann S. Halle eine sehr wichtige Ergänzung der frühesten Beständen der Bibliothek über den Ursprung und die Entwicklung des Präzisionsmaschinenbaus und der Programmiertechnik.
- Das Buch (Foto: Eisenbibliothek)
- Die Gravuren (Foto: Eisenbibliothek)
- Ein Seidenwurm (Foto: Eisenbibliothek)
- Webstuhl mit Hebeschnüren (beschriftet mit 'f') (Foto: Eisenbibliothek)
- Ein Jacquard-Webstuhl mit Lochkarten im National Museum of Scotland (Foto: Stephen C. Dickson)