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Von Danny Chahbouni. Danny studiert Geschichte und Politikwissenschaft an der Philipps-Universität Marburg.
Der Kalte Krieg ist für die Generation der nach 1989 Geborenen kaum noch in seiner ganzen Radikalität begreifbar: Die Angst vor einem nuklearen Schlagabtausch der Super-Mächte, ständige Militärübungen und vor allem die Existenz von zwei einander feindlich gesinnten deutschen Staaten liegen für junge Menschen heute ähnlich weit zurück, wie die Befreiungskriege gegen Napoleon. So jedenfalls schrieb der US-Historiker John Lewis Gaddis in seinem Werk “Der Kalte Krieg – Eine neue Geschichte“. Die andauernde Diskussion darüber, ob das SED-Regime ein “Unrechtsstaat” war, zeigt deutlich, dass die Aufarbeitung der jüngsten deutschen Geschichte noch lange nicht abgeschlossen ist.
Eine ganze Reihe Stiftungen und Museen versuchen die Geschichte des Kalten Krieges durch historische Forschung sowie historisch-politische Bildungsarbeit aufzuarbeiten, kaum beachtet wird dabei jedoch die Militärgeschichte der beiden Bündnisse. Und das, obwohl gerade die Omnipräsenz des Militärs in beiden deutschen Staaten alltägliches Symbol des Konflikts war.
Point Alpha – einer der heißesten Orte des Kalten Krieges
Eine Ausnahme bildet die Gedenkstätte Point Alpha: Der Observation Post Alpha war ein Vorposten des 11th Armored Cavalry Regiment (ACR) “Blackhorse” in der Nähe des osthessischen Fulda. Hier ragte der “Thüringer Balkon” am weitesten in die Bundesrepublik hinein und die topographisch günstige Lage dieses Landstrichs, der besser als “Fulda Gap” bekannt ist, machte das Gebiet zu einer Schlüsselstelle in den militärischen Planungen von NATO und Warschauer Pakt. Das 11th ACR fungierte hier als “Augen und Ohren” des V US Corps und der gesamten NATO.
Die Point Alpha Stiftung hat sich neben der Erinnerung an die Teilung Deutschlands auch die Aufarbeitung der militärischen Planungen beider Bündnisse auf die Fahnen geschrieben. Im Rahmen der Schriftenreihe Point Alpha erscheint am 17. November 2014 der zweite Band “Schlachtfeld Fulda Gap: Strategie- und Operationspläne der Bündnisse im Kalten Krieg“. Es handelt sich um einen Sammelband, in dem ausgewiesene Historiker und ehemalige Offiziere ihre Erfahrungen, das militärische Denken der damaligen Zeit und die Planungen für einen Krieg in Europa darlegen. Das 312 Seiten umfassende Buch erscheint in Parzellers Buchverlag in Fulda und kann über die Internetseite der Stiftung und im Online-Shop des Verlags erworben werden.
Historisch bedeutsames Gelände
Der erste Aufsatz des Sammelbandes schlägt eine Brücke in die Gegenwart: Helmut R. Hammerich vom Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) führt durch einen Verweis auf die aktuellen Ost-West-Verwerfungen in die Thematik ein. Dabei wird besonders deutlich, wie stark die militärischen Kräfteverhältnisse der Gegenwart noch von der ehemaligen “NATO-Schichttorte” in Westdeutschland entfernt sind. Besonders interessant sind seine Ausführungen zur geostrategischen Lage des Fulda Gap. Bereits Napoleon nutzte 1813 die Lücke zwischen den deutschen Mittelgebirgen, um seine Truppen nach Osten zu verlegen. Die gleiche Route hätte im Fall des Falles auch den Truppen des Warschauer Paktes gedient, um in kurzer Zeit das strategisch bedeutsame Rhein-Main-Gebiet zu nehmen. Die Kräfte, die dies zu verhindern gehabt hätten, wären die Verbände des V US Korps gewesen.
Als Gegenspieler hätten den GI’s die Soldaten der 8. sowjetischen Garde-Armee gegenübergestanden. Matthias Uhl vom Deutschen Historischen Institut in Moskau hat sich intensiv mit Struktur, Bewaffnung und den Planungen dieses Eliteverbandes auseinandergesetzt. Die Sowjetunion verringerte zwar die Zahl ihrer Besatzungstruppen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die 8. Garde-Armee blieb jedoch ein äußerst kampfstarker Verband, der bereits 1947 voll motorisiert war. In den folgenden Jahrzehnten blieb die Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (GSSD) fortwährenden Umstrukturierungen und Schwankungen in der Truppenzahl unterworfen. Die 8. Garde-Armee war allerdings – vor allem wegen des vor ihr liegenden wichtigen Geländes – stets mit dem modernsten Gerät ausgerüstet und hatte einen hohen Bereitschaftsgrad. Der Zenit der Stärke kann zu Beginn der 80er Jahre verortet werden, als der Großverband 90’000 Mann umfasste, über 1’235 T-80-Kampfpanzer verfügte sowie über mehr als 2’000 Schützenpanzer, Artilleriegeschütze und Kampfhubschrauber: ein größerer Fahrzeugbestand als der des gesamten französischen Heeres zur damaligen Zeit.
Ein Rückblick auf Strategie und Taktik des Kalten Krieges
In welche strategischen und operativ-taktischen Konzepte die gewaltigen Streifkräfte auf beiden Seiten der Innerdeutschen Grenze eingebunden waren, darüber schreiben General a. D. Helge Hansen, der von 1994 bis 1996 Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte in Mitteleuropa war. Aus Perspektive der NVA legt Siegfried Lautsch, Absolvent der Frunse-Akademie und ehemaliger Oberst der NVA, dar, wie sich das militärische Denken innerhalb des Warschauer Paktes in den letzten beiden Jahrzehnten des Kalten Kriegs veränderte. Eine Darstellung zu den Plänen der NATO erfolgt durch Gregory W. Pedlow, den Leiter des Historischen Büros im SHAPE. Diese Ausführungen werden ergänzt durch den Beitrag von Lieutenant Colonel a. D. Roger Cirillo, dem ehemaligen Kompaniechef der B-Kompanie/11th ACR. In seinem Beitrag “Die Verteidigung der Bundesstraße 84” führt er aus, wie die NATO-Planungen auf Ebene einer Kompanie an vorderster Front umgesetzt wurden und wie sich der Alltag der GI’s an Freedom‘s Frontier gestaltete.
Die größten Heerlager der Weltgeschichte
Torsten Diedrich, ebenfalls vom ZMSBw, widmet sich der Rolle der DDR innerhalb des Warschauer Paktes. Für die UdSSR analysiert Diedrich ein dreifaches Interesse des Kreml am ostdeutschen Juniorpartner: ein militärgeographisches, ein militärisches und ein militärökonomisches. Demnach war die DDR hauptsächlich Pufferzone und wichtiges Aufmarschgebiet für einen Vorstoß nach Westeuropa. Die NVA blieb trotz guter Leistungen eine reine Bündnisarmee, die strukturell mit all ihren Kampfverbänden dem Vereinten Kommando des Warschauer Paktes unterstellt war. Militärökonomisch war die DDR umso wichtiger, wurde doch ein Großteil des Urans für sowjetische Kernwaffen in der sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft “Wismut AG” gefördert und ein Großteil der Logistik des Warschauer Paktes durch die DDR getragen.
In den militärischen Planungen der DDR spielten überdies die Grenztruppen eine besondere Rolle. Militärisch gegliedert und bewaffnet mit leichten Infanteriewaffen, waren sie eine besondere Truppengattung der NVA, die eigentlich Polizeiaufgaben zu erfüllen hatte. Ihre Entwicklung und Rolle im Kriegsfall wird durch den ehemaligen Hauptmann der Grenztruppen, Detlef Rotha, genau untersucht.
Bryan van Sweringen erinnert an die 61-jährige Geschichte des V US Corps, beginnend von der Landung in der Normandie am 06. Juni 1944 bis zur Auflösung im Jahr 2012. Alle drei Artikel machen nochmals besonders deutlich, wie stark militarisiert sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR aufgrund ihrer “Frontlage” waren.
Fragiles Gleichgewicht
Eher theoriebezogen ist dagegen der Aufsatz von Matthias Rupp, der sich dem Konzept des “Brinkmanships” widmet und dieses anhand der Krisen um Berlin und Kuba erläutert. Das Brinkmanship gehört zur Spieltheorie und korrespondiert mit der Entwicklung der Abschreckungspolitik. Brinkmanship bleibt dabei, wie der Name es bereits sagt, ein Spiel am Rande des Abgrunds (on the brink). Rupp zeigt sehr anschaulich, auf welch dünnes Eis sich Ost und West politisch begeben hatten. Besonders deutlich wird dies vor dem Hintergrund des immensen Zerstörungspotenzials, welches in der Studie von Oberstleutnant a. D. Michael Poppe dargestellt wird. Poppe vergleicht detailliert und bezogen auf einzelne Waffensysteme das militärische Kräfteverhältnis zwischen NATO und Warschauer Pakt.
Abschließend fasst der Herausgeber des Bandes, Dieter Krüger, die Ergebnisse der Autoren unter der Fragestellung “Wollte die Sowjetunion Westeuropa überfallen?” zusammen. Die populäre Sichtweise, dass der Warschauer Pakt über Jahrzehnte nur auf die Gelegenheit wartete, über die NATO-Staaten herzufallen, muss demnach stark relativiert werden. Interessant ist allerdings sein Augenmerk auf die vielen Missverständnisse und Fehlperzeptionen, vor allem im Zuge der Ereignisse, die als Soviet War Scare in die Geschichte eingegangen sind. Unmöglich wäre eine Eskalation nämlich durchaus nicht gewesen.
Fazit
Die Point Alpha Stiftung hat mit Band 2 ihrer Schriftenreihe Pionierarbeit geleistet. Die Literatur über den Kalten Krieg ist aufgrund ihrer schieren Anzahl kaum überschaubar, eine Ausnahme bilden dabei jedoch Fragestellungen rund um sicherheitspolitische und militärische Planungen. Oftmals fehlen hier nach wie vor die Quellen, um fundiert arbeiten zu können. Durch das Hinzuziehen ehemaliger hochrangiger Offiziere, die über Jahre als Zeitzeugen in den militärischen Schaltzentralen zugegen waren, konnte dieses Quellenproblem teilweise wettgemacht werden. Der Sammelband vereint erstmals das strategische Denken des Ostens und Westens und zeigt, wie die politischen Vorgaben auf operativ-taktischer Ebene umgesetzt worden wären.
Darüber hinaus gibt er Einblick in die militärischen Strukturen der US-Army und der Sowjetarmee in Deutschland. Ein Standardwerk hierzu fehlt bisher ebenso, wie eine Übersicht über die militärischen Kräfteverhältnisse beider Bündnisse. Besonders bei der Studie von Michael Poppe wird dabei einmal mehr deutlich, wie sehr die beiden deutschen Staaten riesigen Heerlagern glichen. Dass der Kalte Krieg im Herzen Europas niemals heiß geworden ist, wirkt da eher als Glücksfall der Geschichte. Brenzlige Situationen, wie der von Krüger angesprochene “Petrow-Zwischenfall“, zeigen sehr deutlich, dass das atomare Patt kein so sicherer Zustand war wie oftmals angenommen. Am Ende waren es doch die kühlen Köpfe einzelner Personen und eine gehörige Portion Glück, die die Katastrophe verhinderten.
Ein wenig zu kurz – bei all den militärischen Planungen – kommen allerdings die Millionen Zivilisten, die in der Bundesrepublik und der DDR die Hauptlast dieses nie eingetreten Ernstfalls hätten tragen müssen. Wurden sie in den militärischen Planungen als vernachlässigbar angesehen? Im Fulda Gap hätte auf westdeutscher Seite der Bundesgrenzschutz die Zivilpersonen evakuieren sollen, so zumindest gemäß Planung im General Defense Plan des V US Corps, der Anfang der 1980er Jahre durch die HVA aufgeklärt wurde. Ob die als Kombattanten eingestuften Hundertschaften des Bundesgrenzschutzes die richtige Wahl für solch eine Operation gewesen wären, darf zumindest bezweifelt werden. Beide deutsche Staaten hatten umfangreiche Zivilschutzsysteme etabliert, die in diesem Sammelband leider nur sehr peripher erwähnt werden. Das ist allerdings auch das einzige kleine Manko, das der Band aufweist.
Jedem, der sich für die Militärgeschichte des Kalten Krieges interessiert, sei dieses Buch wärmstens empfohlen.