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«Die inoffizielle Diplomatie ging weder allein von Bern noch von Rom aus – sie war europäisiert»
Nach einem Unterbruch von fast 50 Jahren nahmen die Schweiz und der Vatikan 1920 wieder diplomatische Beziehungen auf. Ein Grund für die Annäherung war das gemeinsame Engagement im 1. Weltkrieg für gefangene deutsche und französische Soldaten, die unter Krankheiten litten, schreibt Historiker Lorenzo Planzi in seinem Buch «Der Papst und der Bundesrat».
Der Historiker Lorenzo Planzi beschreibt in seinem Buch «Der Papst und der Bundesrat» die Phase vom Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Vatikan bis zu ihrer Wiederaufnahme im Jahr 1920. © Armando Dadò, Editore
Herr Planzi, in Ihrem Buch «Der Papst und der Bundesrat» befassen Sie sich mit der Zeit, die zwischen dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen Schweiz–Vatikan und deren Wiederaufnahme liegt. Wie kam es 1873 zu diesem Abbruch?
Im 19. Jahrhundert wurde das Verhältnis zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl im Spannungsfeld zwischen politischem Radikalismus und romtreuem Katholizismus immer schwieriger. Der eigentliche Bruch erfolgte vor dem Hintergrund des Kulturkampfs. In der Enzyklika «Etsi multa luctuosa» vom 21. November 1873 verurteilte Papst Pius IX. die antikirchlichen Massnahmen in einigen Kantonen, die «jegliche Ordnung untergraben und die Verfassung der Kirche Christi in ihren Fundamenten erschüttern, nicht nur entgegen allen Regeln der Gerechtigkeit und der Vernunft, sondern auch entgegen allen öffentlichen Verpflichtungen.» An seiner Sitzung vom 12. Dezember 1873 entschied der Bundesrat, die diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl abzubrechen, weil er eine ständige diplomatische Vertretung des Heiligen Stuhls in der Schweiz als unnötig erachtete.
Zur Person
Lorenzo Planzi wurde 1984 in Locarno geboren und doktorierte an der Universität Freiburg (Schweiz) in Zeitgeschichte. Für den Schweizerischen Nationalfonds koordinierte er ein Projekt zur Geschichte der Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl in den Jahren von 1873 bis 1920.
Die Beziehungen waren nicht vollständig abgebrochen. Sie schreiben, dass die Kontakte informell aufrechterhalten wurden. Was für Kontakte waren das?
Die einzelnen Kapitel des Buches veranschaulichen, wie verhärtet die Fronten waren. Es gab aber auch zahlreiche offiziöse Versuche einer Annäherung zwischen der Schweiz und dem Vatikan. Auf Papst Pius IX., unter dem die Beziehungen eingefroren wurden, folgte 1878 Papst Leo XIII., dessen diplomatischen Bemühungen auf Vermittlung ausgerichtet waren und kleine, aber wichtige Annäherungen bewirkten. Ein erster, bedeutender Moment war der Versuch eines Ausgleichs, bei dem sich der Heilige Stuhl vordergründig vom Pontifikat von Pius IX. distanzieren und Bern den bisweilen ausufernden Radikalismus überwinden sollte. Ein zweiter Moment war die Suche nach Möglichkeiten, die Isolation der Katholiken in der Gesellschaft zu beenden. Dazu gehörten die Gründung der Universität Freiburg und die Wahl des ersten katholisch-konservativen Bundesrats in der Person von Josef Zemp. Das gesellschaftliche und politische Feingefühl der nachfolgenden Pontifikate, aber auch der Bundesräte, spielte eine massgebende Rolle.
Wie kam es 1920 zur Wiederannäherung, und welche Rolle spielte dabei Bundesrat Giuseppe Motta?
Während des Ersten Weltkriegs ergab sich angesichts der Neutralität der Schweiz und der Unparteilichkeit des Heiligen Stuhls eine gewisse Annäherung. Der Heilige Stuhl wandte sich mit dem Vorschlag an den Bundesrat, die Schweiz könnte als neutrales Land verletzte und kranke Kriegsgefangene auf ihrem Territorium hospitalisieren. Bern sagte zu, und so wurden im Januar 1916 dank einer noch nie da gewesenen Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl die ersten beiden Gruppen von tuberkulosekranken Gefangenen – hundert Franzosen und hundert Deutsche – in der Schweiz aufgenommen. Diese humanitäre Zusammenarbeit ermöglichte es dem Heiligen Stuhl, bereits ab 1915, das heisst noch vor der Wiedereröffnung der Nuntiatur in Bern im Jahre 1920, einen ersten offiziösen Delegierten zu entsenden. Bundespräsident Giuseppe Motta gelang es dadurch, seine Bundesratskollegen von der Notwendigkeit zu überzeugen, mit dem Vatikan wieder offizielle Beziehungen aufzunehmen.
Wo haben Sie die Informationen über die schwierige Phase 1873–1920 in den bilateralen Beziehungen recherchiert?
Im Archiv des vatikanischen Staatssekretariats, genauer der Heiligen Kongregation für ausserordentliche Kirchenangelegenheiten, das einen einzigartigen Blick auf die Art und Weise ermöglicht, wie die Schweizerische Eidgenossenschaft damals vom Heiligen Stuhl wahrgenommen wurde. Die Sammlung des Vatikanischen Apostolischen Archivs, das Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre und das Archiv der Päpstlichen Schweizergarde waren ebenfalls nützlich für die Recherchen. Auch in der Schweiz wurden etliche Archivbestände durchforstet, allen voran das Bundesarchiv in Bern. Um die Beweggründe für die vom Pariser Erzbischof angeregte humanitäre Zusammenarbeit zwischen Bern und dem Heiligen Stuhl während des Ersten Weltkriegs besser zu verstehen, reiste ich in die französische Hauptstadt. Ich war ganz begeistert, als ich im bischöflichen Archiv einen unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Kardinal Amette und der Schweiz entdeckte.
Im Vorwort schreibt Bundesrat Ignazio Cassis, dass sich Ihr Buch teilweise wie ein Krimi liest. Wie haben Sie Ihre Forschungsarbeit erlebt? Was hat Sie am meisten überrascht?
Es gibt tatsächlich einige Passagen, die an einen Kriminalroman erinnern. Was mich bei den Nachforschungen am meisten überrascht hat, ist die Wiederannäherung zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl bereits in den Jahren 1873–1920. Die inoffizielle Diplomatie ging weder allein von Bern noch allein von Rom aus – sie war vielmehr europäisiert oder ganz einfach europäisch. Man denke nur an die Schlüsselrolle von Paris, von wo zahlreiche Schreiben ausgingen, oder die humanitäre Zusammenarbeit während des Ersten Weltkriegs.
Hatte die Unterbrechung der diplomatischen Beziehungen irgendwelche Auswirkungen auf die Beziehungen zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl?
Vielleicht braucht die Diplomatie gelegentlich einen Unterbruch, eine Funkstille, wie in der Zeit nach dem Kulturkampf zwischen der Schweiz und dem Heiligen Stuhl, um zu ihrer eigentlichen Daseinsberechtigung zurückzufinden. Erst in der Unterbrechung erkennen die beiden Parteien, wie einmalig und wertvoll ihre diplomatische Beziehung tatsächlich ist.