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Berberaffe
Macaca sylvanus
© 1988 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Affen von Gibraltar
Der Berberaffe (Macaca sylvanus) war einst bei den Völkern rund ums Mittelmeer ein recht bekanntes «Klettertier». So berichteten etwa die Phönizier schon im 10. Jahrhundert vor Christus von schwanzlosen Affen, denen sie an den «Küsten der Barbaren» begegnet waren - wobei sie als Barbaren sämtliche Völker ausserhalb ihres Lebens- und Kulturbereichs bezeichneten. (Auf dieses barbaros geht der deutsche Name des Berberaffen zurück.) Aber auch auf etruskischen Wandmalereien, auf alten griechischen Vasen und auf frühen italienischen Bronzegegenständen findet man Berberaffen abgebildet. Dies lässt vermuten, dass diese Affenart früher recht häufig und weitverbreitet gewesen war - ganz im Gegenteil zu heute.
Fossile Reste von Berberaffen wurden an verschiedenen Stellen in Europa - zwischen Spanien im Süden, England im Norden und Ungarn im Osten - gefunden. Sie zeigen, dass diese Tiere zu Urzeiten nicht nur im nördlichen Afrika, sondern auch in Europa vorgekommen waren. Vor allem klimatische Veränderungen dürften später dazu geführt haben, dass sich die Berberaffen aus Europa zurückziehen mussten. Heute findet man auf dem europäischen Kontinent keine dieser dickfelligen Affen mehr in freier Wildbahn - ausgenommen natürlich jene rund 40 Individuen, welche auf dem Felsen von Gibraltar in Halbfreiheit ihr Unwesen treiben.
Ob es sich bei den Affen von Gibraltar um die letzten Nachkommen der europäischen Berberaffen handelt oder ob es afrikanische Tiere sind, welche einst dort ausgesetzt wurden, vermag heute niemand mehr zu sagen. Auf jeden Fall sind sie aber in die politische Ge schichte eingegangen: Einer alten Überlieferung zufolge sollen die Engländer nämlich ihre gewaltige Festung am Eingang des Mittelmeers verlieren, sobald der letzte Affe von dort verschwunden ist. Jedesmal, wenn es schlecht um die Affen auf Gibraltar bestellt war, wurden darum schleunigst ein paar neue aus Nordafrika eingeführt. Im Sommer 1942 - mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs - nahm sich sogar Grossbritanniens Premierminister Winston Churchill die Zeit, dem britischen Oberkommandierenden in Nordafrika zu kabeln und dringend um einige Affen für Gibraltar zu bitten. Noch heute unterstehen die Berberaffen Gibraltars dem britischen Kriegsministerium, welches über diese «Truppe» genau Buch führt. Es liefert auch das nötige Geld für Futter und hat einen «Affen-Offizier» angestellt, der sich um das Wohl der Tiere kümmert...
Makaken sind sehr anpassungsfähig
Wie sein wissenschaftlicher Name sagt, gehört der Berberaffe zur Gattung der Makaken. Innerhalb der Ordnung der Herrentiere (Primates) werden diese der Familie der Hundsaffen (Cercopithecidae) zugeordnet - zusammen mit den Meerkatzen, Mangaben, Pavianen, Languren und Stummelaffen.
Die Sippe der Makaken umfasst 15 bis 20 Arten. Mit alleiniger Ausnahme des Berberaffen sind sie alle in Asien zu Hause. Über die exakte Zahl der Arten herrscht in Fachkreisen noch Uneinigkeit. Probleme macht vor allem die systematische Einteilung der sogenannten «Celebesaffen» - einer Gruppe schwarzer, stummelschwänziger Makaken, welche auf der indonesischen Insel Sulawesi beheimatet sind. Je nach Auffassung werden sie in drei, vier oder sieben verschiedene Arten unterteilt.
In Asien haben die diversen Makakenarten sehr unterschiedliche Lebensräume besetzt - von üppigem tropischem Regenwald bis hin zu kargem trockenheissem Buschland. Ja es ist ihnen sogar gelungen, verhältnismässig kalte, schneereiche Regionen zu besiedeln. So vermag der in Japan heimische Rotgesichtsmakak (Macaca fuscata)
- der nördlichste Affe der Welt - in Gegenden zu leben, die jährlich mehr als vier Monate lang von Schnee bedeckt sind. Und der Tibetanische Bärenmakak (Macaca thibetana)
bewohnt ausschliesslich die Gebirgszüge Tibets, wo das Klima ebenfalls recht rauh ist.
Ihre erstaunliche Anpassungsfähigkeit an unterschiedlichste Umweltbedingungen hat die Makaken zu einer äusserst erfolgreichen, in Asien allgegenwärtigen Affengattung gemacht. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass sich die Tiere in der heutigen, vom Menschen stark veränderten Welt recht gut haben behaupten können. Eindrückliche Beispiele hierfür sind der Rhesusaffe (Macaca mulatta)
und der Indische Hutaffe (Macaca radiata)
. Beide sind in Indien zu Hause und gelten dort als heilige Tiere. Infolge der Abholzung der indischen Wälder auf breiter Front und damit der Zerstörung ihres angestammten Lebensraums haben sie sich im Laufe der Zeit daran gewöhnt, in der direkten Nachbarschaft des Menschen zu leben. Das scheint ihnen überhaupt nicht schwer gefallen zu sein: Heute gehören Rhesusaffen- und Hutaffen-Trupps zum alltäglichen Bild in vielen indischen Dörfern. Fachleuten zufolge sollen weit mehr Rhesusaffen in friedlicher Gemeinschaft mit dem Menschen leben als in der Wildnis.
Ein (fast) schwanzloser Affe
Im Gegensatz zu einigen seiner Vettern, etwa dem Bärenmakaken (Macaca arctoides)
mit seinem roten Gesicht oder dem Ceylon-Hutaffen (Macaca sinica)
mit seinem hutartigen Kopfhaar, ist der Berberaffe ein recht unauffälliger Geselle: Sein Fell ist schlicht olivfarben, und augenfälliger Körperschmuck ist keiner zu verzeichnen. Auffallend ist eigentlich nur etwas, das nicht vorhanden ist: Dem Berberaffen fehlt der Schwanz. Jedenfalls ist er bei den erwachsenen Tieren äusserlich nicht sichtbar. Bei den Säuglingen kann man ihn allerdings noch als kleinen Stummel erkennen, und auch die Vorfahren der Berberaffen besassen einen recht langen Schwanz. Die Bezeichnung «schwanzloser Affe» ist also nicht ganz korrekt. Die einzigen wirklich schwanzlosen Affen sind die Menschenaffen - Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse und Zwergschimpanse.
Ausgewachsene Berberaffen-Männchen erreichen eine Kopfrumpflänge bis 60 cm, eine Schulterhöhe bis 40 cm und ein Gewicht von durchschnittlich 15 kg. Die Weibchen sind etwas kleiner und leichter; sie wiegen durchschnittlich nur 11 kg. Die Tragzeit beträgt bei den Berberaffen fünfeinhalb Monate, und die Säuglinge bringen bei der Geburt ganze 700 g auf die Waage. Im Alter von fünf Monaten ist ihr Milchgebiss ausgebildet; es umfasst 20 Zähne. Das endgültige Gebiss mit 32 Zähnen ist erst im Alter von sieben Jahren vollständig. Berberaffen werden mit vier bis fünf Jahren geschlechtsreif und haben eine Lebenserwartung von 25-30 Jahren.
Babys als «Blitzableiter»
Berberaffen leben in Gruppen von 10 bis 40 Tieren zusammen. Jede Gruppe bewohnt ein festes Heimgebiet, in welchem sich das ganze Jahr über genügend Nahrung finden lässt und in dem sich auch die angestammten Schlafplätze befinden.
Anders als bei den meisten Affenarten umfassen die Berberaffen-Gruppen verhältnismässig viele ausgewachsene Männchen. Diese Besonderheit der Vergesellschaftung bei den Berberaffen ist nur darum möglich, weil die erwachsenen Männchen mehr als bei anderen Affenarten dazu neigen, freundschaftliche Beziehungen untereinander zu pflegen. Während bei den meisten Affen zwischen den Männchen ein erbitterter Wettstreit um Nahrung, Ruheplätze und vor allem die Weibchen herrscht, sieht man bei den Berberaffen die Männchen auffallend oft beisammensitzen, einander das Fell pflegen oder gemeinsam essen.
Diese Neigung ist allerdings für Berberaffen-Männchen nicht unproblematisch, denn auch in ihren Gruppen herrscht eine strenge Rangordnung, über die sich der Einzelne nicht einfach hinwegsetzen kann. Nicht jedes Männchen kann sich einem anderen Männchen so ohne weiteres nähern. Je grösser der Abstand der beiden in der Rangordnung ist, desto schwieriger gestaltet sich ein solches Zusammenkommen. Um dieses Problem zu meistern, wenden die Berberaffen einen genialen, im Tierreich wohl einmaligen «Trick» an: Sie benützen bei der Kontaktaufnahme Säuglinge sozusagen als «Blitzableiter», d.h. dazu, Aggressionen auf der Seite des Überlegenen sowie Ängste auf der Seite des Unterlegenen abzubauen. Im einzelnen geht das folgendermassen vor sich: Bevor sich ein Männchen seinem auserwählten Begegnungspartner nähert, wählt es ein Weibchen der Gruppe aus und übernimmt dessen Säugling. Derart mit einem Kind «ausgerüstet» sucht das Männchen dann seinen Partner auf, und die Begegnung wickelt sich nun ohne Streit ab. Gemeinsam wird das «vermittelnde» Kind von den beiden Männchen von Kopf bis Fuss untersucht, und danach scheint das Eis gebrochen. Nun können die Männchen friedlich beieinander sitzen, sich gemeinsam einer Beschäftigung hingeben und schliesslich jedes wieder seines Weges gehen.
Interessanterweise überlassen die Weibchen den Männchen ihre Kinder ohne weiteres, obschon sie dann oft lange warten müssen, bevor sie die Kleinen wieder zurückerhalten. Vielfach begleiten die Mütter jedoch die Träger ihrer Kinder in angemessener Distanz. Die Männchen, welche die geborgten Säuglinge oft mehrere Stunden lang mit sich herumtragen, müssen ihnen natürlich auch Geborgenheit bieten. Tatsächlich sind Berberaffen-Männchen sehr liebevolle «Ersatzmütter»: Sie pflegen, tragen, hüten und trösten die ihnen anvertrauten Kinder und spielen sogar mit ihnen. So scheinen sich die Kleinen durchaus wohl zu fühlen. Nur mit Muttermilch ernähren können die Männchen «ihre» Kinder natürlich nicht, und das macht es nötig, dass die Babys nach einer gewissen Zeit wieder zu ihren Müttern zurückfinden.
Nur noch etwa 23 000 Berberaffen in freier Wildbahn
Sowohl in Algerien als auch in Marokko lebt der Berberaffe in recht unterschiedlichen Lebensräumen. Er bewohnt trockenes Buschland in tiefen Lagen ebenso wie die mässig feuchten Eichen-, Föhren- und Zedernwälder in den Bergen. Selbst in einer Höhe von 2400 m ü.M., wo der Schnee mehr als ein Vierteljahr lang liegt und die Temperaturen in klaren Winternächten bis auf -18° C sinken, vermag er sich zu halten.
Überall ernährt sich der Berberaffe von einer sehr abwechslungsreichen Gemischtkost: Neben allerlei wirbellosen Kleintieren wie Tausenfüssern, Heuschrecken und Schnecken nimmt er Wurzeln, Knollen, Rinde, Gräser, junge Blätter und Früchte zu sich. Backentaschen helfen ihm, in kurzer Zeit viel Futter zu sammeln, das er dann später in aller Ruhe verzehren kann. Bei der Futtersuche ist der olivgrüne Affe überhaupt nicht wählerisch, sondern richtet sich ganz einfach nach dem örtlichen und jahreszeitlichen Angebot.
Ohne diese enorme Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit wäre der Berberaffe womöglich längst ausgestorben. Denn auch wenn sein heutiges Vorkommen nurmehr der klägliche Rest seiner einstmaligen Verbreitung darstellt, so hat er es immerhin geschafft, sich in unsere Zeit herüberzuretten.
Das Verbreitungsgebiet des Berberaffen erstreckte sich wahrscheinlich noch vor etwa 2000 Jahren von den Wäldern der marokkanischen Atlantikküste bis zu den Wüstenrändern im südlichen Algerien und zur Mittelmeerküste Tunesiens. Durch die massive Entwaldung Nordafrikas wurde er aber im Laufe der Zeit immer weiter zurückgedrängt. Überlebt hat er - eher schlecht als recht - nurmehr in einigen inselartig verstreuten Waldgebieten in den Bergregionen Marokkos und Algeriens. Neueren Schätzungen zufolge beträgt der Gesamtbestand der Art noch ungefähr 23 000 Tiere, von denen etwa 17 000 in Marokko und 6000 in Algerien leben. Vergleicht man diese Zahl mit den 20 000 Rhesusaffen, welche in den späten fünfziger Jahren alljährlich als Versuchstiere von Indien her in den Westen gelangten, so wird die höchst ungewisse Zukunft der Berberaffen offensichtlich.
Unabdingbar: Der Schutz der letzten Rückzugsgebiete
Es ist in erster Linie die Zerstörung der letzten Lebenräume des Berberaffen, welche sein weiteres Überleben in Frage stellt. Noch immer schreitet die Entwaldung Algeriens und Marokkos fort. Die ständige Überweidung der bodennahen Pflanzendecke in den Wäldern durch Ziegen und Schafe - und damit die Verhinderung der natürlichen Waldverjüngung - trägt die Hauptschuld daran. Hinzu kommt, dass der Berberaffe von den Forstaufsehern als Schädling betrachtet und darum in den Nutzwäldern heftig bejagt wird. Zwar beisst er gelegentlich die Triebspitzen von Zedern ab; der dadurch entstehende Schaden steht aber in keinem Verhältnis zu den Tritt- und Verbiss-Schäden, welche durch Ziegen und Schafe verursacht werden. Auch die Bauern stellen im übrigen dem Berberaffen nach, weil er manchmal in ihre Felder eindringt und sich an den Feldfrüchten gütlich tut.
Soll der Berberaffe eine Überlebenschance haben, so müssen seine letzten Rückzugsgebiete unbedingt vor der weiteren Zerstörung bewahrt werden. Obschon die Regierung Marokkos grundsätzlich grosses Interesse am Erhalt der einheimischen Wildtiere bekundet, gibt es in diesem Land bislang noch keine Naturschutzgebiete. Algerien besitzt zwar bereits 13 Nationalparks, wovon drei Berberaffen beherbergen; der Schutz dieser Gebiete ist aber noch ungenügend. In Marokko müssen also dringend geeignete Schutzgebiete ausgewiesen und ein straffes Bewachungssystem eingeführt werden; in Algerien müssen Schutz und Unterhalt der bestehenden Parks möglichst rasch verbessert werden. Zu diesem Zweck bedürfen beide Länder der finanziellen wie auch fachlichen Hilfe von aussen. Davon wird letztlich abhängen, ob ihre derzeitigen Bestrebungen zur Erhaltung der reichen einheimischen Fauna und Flora - und damit nicht zuletzt des Berberaffen - Erfolg haben werden.
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