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| Tertullian († um 220) - Über die Verschleierung der Jungfrauen. (De virginibus velandis)

6. Cap. Fortsetzung. Der betreffende Sprachgebrauch ist konstant sowohl bei Paulus als sonst im neuen Testament.
Sehen wir nun zu, ob auch der Apostel der herkömmlichen Anwendung dieses Wortes in Übereinstimmung mit der Genesis folgt und ihn dem Geschlechte beilegt, wenn er die Jungfrau Maria in derselben Weise Weib nennt, wie die Genesis die Eva. Er schreibt nämlich an die Galater: „Es sandte Gott seinen Sohn, geworden aus dem Weibe”.1 Ihre Jungfrauschaft steht bekanntlich fest, wenn auch Ebion widerspricht. Ich erfahre auch, dass der Engel Gabriel „zur Jungfrau gesandt worden sei”. Aber da er sie selig preist, rechnet er sie nicht zu den Jungfrauen, sondern zu den Weibern. „Gebenedeit bist du unter den Weibern”.2 Auch der Engel wusste, dass man eine Jungfrau auch Weib nenne. Auch auf diese beiden Bemerkungen glaubt ein gewisser Jemand eine geistreiche Antwort gegeben zu haben. Maria sei vom Engel und vom Apostel deshalb Weib genannt worden, weil sie verlobt war; denn eine Verlobte sei gewissermassen verheiratet. Zwischen gewissermassen und wirklich ist aber doch noch ein grosser Unterschied, wenigstens in diesem Falle. In anderen Fällen mags ja wohl so sein. Hier aber haben sie Maria Weib genannt, nicht weil sie sozusagen schon verheiratet war, sondern weil sie nichtsdestoweniger ein weibliches Wesen war, auch ohne verlobt zu sein, und sie vom Anfang an so bezeichnet. Denn das muss den Ausschlag geben, was den Ursprung der Regel ausmacht. Wenn Maria — was noch zu diesem Capitel gehört — hier übrigens einer Verlobten gleichgestellt und darum Weib genannt wurde, nicht insofern sie ein weibliches Wesen, sondern weil sie eine Verehelichte war, dann ist Christus also nicht mehr aus der Jungfrau geboren worden. Denn sie war eine Verlobte, die damit aufgehört hätte, Jungfrau zu sein. Ist er aber aus einer [S. 364] Jungfrau geboren, die, obschon verlobt, doch unversehrt war, so erkenne daran, dass auch eine Jungfrau, auch eine Unversehrte Weib genannt werden könne. Hier kann es sicher nicht den Anschein gewinnen, als sei der Ausspruch prophetisch, und als habe der Apostel das zukünftige Weib, d. i. die Verheiratete gemeint, wenn er sagt: „Der aus dem Weibe geworden ist.” Denn er konnte gar nicht das nachmalige Weib, d. i. die, die mit dem Manne Umgang gehabt, namhaft machen, da Christus von ihr nicht geboren werden sollte, sondern die, welche sie gegenwärtig war, sie, die Jungfrau war, wurde auch Weib genannt, nach der Besonderheit dieses Wesens, die, entsprechend der uranfänglichen Regel, für die Jungfrau und somit für das ganze weibliche Geschlecht angenommen worden ist.
1: Gal. 4, 4.
2: Luk. 1, 28.