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Die Frau liegt gefesselt auf dem Teppichboden. Ein Junge, den sie zwar nicht täglich sieht, mit dem sie aber doch vertraut ist, hat ein Seil um ihre Füsse gebunden. Und während er sie gefangen hält und seinen Plastikpiraten an ihrem Bein hochklettern lässt, denkt sie mit geschlossenen Augen über ihr Leben als Mädchen nach.
Schlicht «Mädchen» heisst das dünne, unglaublich dichte und zärtlich geschriebene Büchlein von Teresa Präauer, in dem die österreichische Autorin über das Mädchendasein im Allgemeinen und ihr eigenes Mädchensein im Spezifischen reflektiert, während ein Junge um sie herum spielt und ab und zu in ihre Gedanken plappert.
Der Titel erinnert nicht zufällig an «Erinnerung eines Mädchens» von Annie Ernaux – denn es wird rasch klar, dass dieses Buch der Grande Dame der Erinnerungsliteratur eine Art Referenztext für dieses Buch ist. Präauers Fragen und Gedanken kreisen um ganz ähnliche wie die von Ernaux, die sie auch zitiert. Wer war dieses Mädchen, und was hat sie mit dem jetzigen Ich, mit der Autorin, die über sie schreibt, zu tun? Wie bei Ernaux ziert auch Präauers Buchcover ein Foto der Schreibenden. Aufgenommen hat es ihr Vater, der Fotograf war. Anhand von Fotos erinnert sich Präauer an ihre Kindheit in der österreichischen Provinz. Sie und ihre Schwester mit Würmern in der Tasche, später mit Freundinnen und schnittigem Fahrrad – kurze Hosen, weite T-Shirts und Kajal um die Augen: «Noch keinen Freund, aber schon Buben und Mädchen geküsst.»
Die Erinnerungen verknüpft Präauer poetisch mit literarischen Darstellungen von Mädchen in von ihr verschlungenen Büchern – von Irmgard Keun über Françoise Sagan bis Vladimir Nabokov – sowie mit der Beschreibung verschiedener fotografischer und künstlerischer Darstellungen von Mädchen, die ihre Vorstellung des Mädchendaseins geprägt haben. «Ich will mich erinnern können», schreibt sie fast trotzig, im Wissen darum, dass sie den Erinnerungen nicht trauen kann und dass Erzählen eigentlich immer bedeutet: «sich etwas anmassen».
Teresa Präauer: «Mädchen». Wallstein Verlag. Göttingen 2022. 78 Seiten. 25 Franken.