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Mr. Blue & The Tight Groove, Blues Dancer
Die neueste CD von Mr. Blues & the Tight Groove wurde Ende vergangenen Jahres veröffentlicht.
Die neue CD enthält 14 Titel, von denen drei Eigenkompositionen sind und die anderen elf Songs Covers. Von diesen elf sind erneut die erstaunliche Zahl von fünf Titeln Coverversionen von Stücken von Kenny Neal. Gleichwohl ist dies bei weitem nicht bloss eine weitere CD mit Covers, denn die einzigen beiden wirklich populären Stücke sind B.B. Kings Help the Poor und der Closer Sweet Home Chicago (wie immer Robert Johnson zugeschrieben, aber auch hier die zumeist gespielte R&B-Version (vgl. The Blues Brothers, Luther Allison oder Elmore James ). Die Eigenkompositionen wurden laut liner notes geschrieben vom Gitarristen René Hemmig und Howard Joseph. Dieser figuriert auf der CD sonst als Adressat für Buchungen, ist also der Agent der Band. Die Redaktion von Bluesnews vermutet, dass es sich bei Howard Joseph um den «bürgerlichen» Namen von Sänger und Bandleader Mr. Blue Rivers handelt (vergleichbar einem gewissen McKinley Morganfield der als Performer bekanntlich auch unter anderem Namen auftrat). Dass Joseph und Hemmig gute Songs zu schreiben in der Lage sind, dokumentieren neben dem Titelsong noch die beiden Titel Mr. DJ und Oh, how I need you.
Auch auf dem neuen Album der Band Blues Dancer setzt sich Tight Groove aus dem Quintett zusammen, das schon die letzte CD Hired Slave einspielte: René Hemmig (Gitarren), Jürg Frei (Bass), François Kaech (Keyboards), Beat Riggenbach (Saxophons, blues-harp) und Paul Buser (Schlagzeug). Dazu kommt als Sänger Mr. Blue Rivers (voc), der auf dem CD-Cover aussieht wie ein Mann, der mindestens seinen sechzigsten Geburtstag hinter sich hat, dessen Stimme aber auf vielen Titeln so jugendlich klingt, dass ich mich bei Anhören der CD immer wieder versicherte, dass wirklich nur Mr. Blue Rivers für den Gesang zuständig ist. Seine Stimme ist ausserdem ausserordentlich wandlungsfähig (vgl. die beiden aufeinander folgenden Titel Smooth sailing und Make it rain). Seine Stimme ist hell und klar, sie erinnerte mich am ehesten an Keb‘ Mo‘: hell, klar, aber doch keine «hohe» Stimme (wie Al Green oder Justin Timberlake). Die Bluesnews-Redaktion fühlte sich zudem an Prince Albert The Dogman erinnert, einen wohl wenig bekannten Strassenmusiker aus New Orleans, den zu hören wir im Frühling vor «Kathrina» einmal das Vergnügen hatten.
Die CD ist im Ganzen gesehen toll, die Titel kommen mit einer breiten und doch raffinierten Südstaaten-Gemütlichkeit daher, der Gesang reisst mit, die Rhythm-Section hält einen steten Puls. Einzig die Horn-Section verwirrte etwas: Auf gewissen Stücken klang sie nicht wie echte Hörner, sondern wie ein auf dem Keyboard emulierter Bläsereinsatz. Da keine Metallbläser auf der CD vermerkt sind, nehme ich an, dass hier in Ermangelung der Memphis Horns auf die elektronische Variante ausgewichen wurde.
Auch gefiel mir die Auswahl und Zusammenstellung der Songs und das R&B-Feeling, welches verströmt wird. Eine Mehrheit der Schweizer Bluesbands scheint sich in erster Linie mit Texas- oder Chicago-Blues zu beschäftigen, und so ist diese Variante des Blues (die Mr. Blue Rivers selbst auf einem Stück «Funk Blues» nennt) eine willkommene Abwechslung. Der einzige Wermutstropfen beim Anhören dieser CD war die Gitarrenarbeit René Hemmig. Damit meine ich nicht das technische, Hemmig ist ein guter Gitarrist, sondern die Verstärkung. Er spielt auf dieser CD mit verschiedenen Verstärker-Einstellungen: verzerrt, stark verzerrt und stark verzerrt mit Wah-wah, und ab einem gewissen Zeitpunkt wurde dieser stets etwas zu intensive Gitarrenton zur Belastung (Das gilt in erster Linie für die Soli, als Rhythmus-Gitarrist scheint Hemmig stärker ins Gesamtkonzept der Songs eingebunden worden zu sein). Kommt hinzu, dass die Harmonika und das Saxophon ja auch angezerrte Töne von sich geben, und da wäre eine cleane oder angecrunchte Gitarre manchmal die bessere Wahl gewesen. Ich ertappte mich dabei, Stücke anzuhören, bis das Gitarrensolo losging und dann zum nächsten Song zu springen. Hier wäre etwas weniger mehr gewesen.
Mir ist klar, dass solche Dinge wie die Einstellung des Verstärkers normalerweise von einem Produzenten mitbestimmt werden, denn dieser ist nicht in die Kräfteverhältnisse der Band eingebunden und kann als neutraler Zuhörer dem einen oder anderen Mitglied sagen, er solle etwas zurückschrauben. Ohrenscheinlich ist dies bei der Entstehung dieses Albums nicht geschehen (die CD wurde im Studio von Mr.Blue aufgenommen und in Robin Halleys Studio gemixt und gemastert. René Hemmig und Howard Joseph firmieren als Musical Director und Co-Produzent), und so empfehle ich nun als Rezensent Hemmig, es auf kommenden Aufnahmen doch öfter einmal auch im Solo mit dem Clean Channel am Verstärker zu versuchen. Auch ohne Effektpedale kann man einen wunderschönen und dem Blues dienlichen Gitarrensound hinbekommen, und ein cleaner Sound ab und zu schont die Ohren und Nerven der Hörer.
Der erste Song ist bereits einer der fünf Titel des ehemaligen Louisiana-Wunderkind Kenny Neal. I smell smoke . Der Titel besticht durch seinen fetzigen Rhythmus und ist ein Showpiece für das Saxophon. Aber auch die verzerrte Gitarre leistet hier ihren Beitrag zu einer rockigen Version dieses Stückes Kenny Neals (auf dessen Album What You Got).
Als zweites Stück gibt es ein Cover von Buddy Guys The price you gotta pay, das dieser auf Bring ‘em In spielt. Das Cover ist eine relativ getreue Wiedergabe des Originals, insbesondere was das Schlagzeug und den Gesang anbetrifft. Als zusätzliche Komponente kommt Beat Riggenbachs Harmonika hinzu, die am Anfang des Stücks und mit einem schönen Solo stark in Erscheinung tritt. Wie das Stück zuvor strahlt auch dieser Song ein lockeres und luftiges Feeling aus. Die Louisiana-Stimmung bleibt erhalten.
Dann folgt die Eigenkomposition Dancer Boy (Blues Dancer). Dieses in der Tat äusserst tanzbare Stück hat einen wunderbaren Rhythmus, der in die Beine geht. Und wenn hier der Ausdruck «Funk-Blues» fällt, kann man dem als Genre-Bezeichnung nur zustimmen.
Es folgt die sentimentale Ballade I've been missing you, too ..., die von den Gefühlen eines einsamen Bluesman erzählen, der sich nach Hause sehnt. Das Saxophon hat auch hier einige Glanzmomente, aber der heimliche Star des Songs ist das Schlagzeug von Paul Buser. Ruhig, stetig, kommt ein massiver Drumsound, der den Boden bildet, auf dem Kenny Neals Song (aus dem Album Walking on Fire) steht.
Smooth sailing beginnt mit einem fulminanten Keyboards-Intro (bei dem ich zu hören vermeine, dass es kein Klavier ist, sondern eben ein Keyboard). Hier klingen die Bläser seltsam künstlich, und so geht ihnen etwas vom Punch einer Horn Section ab. Vielleicht ist es die Abmischung oder, wie oben vermutet, die Tatsache, dass im Studio gar keine Blechbläser waren. Beim Sax-Solo wird der Unterschied deutlich. Das Stück ist ein moderner Blues, wie man es vom Urheber Lucky Peterson erwarten würde. Auch hier bringt die Rhythm-Section ein tolles, komplex synkopiertes Fundament des Lieds.
Make it rain ist ein gefühlvoller Slow Blues von über acht Minuten, geschrieben von Michael Burks (der auf einem seiner CDs Kenny Neals Eröffnungstitel I Smell Smoke covert). In der vorliegenden Version ist der Song sehr schön anzuhören und stimmungsvoll, bis zwei Minuten vor Schluss erneut das meiner Meinung ziemlich übersteuerte Gitarrensolo einsetzt. Nicht dass es schlecht gespielt wäre, aber es entspricht nicht so sehr dem Charakter des Songs und wirkt daher in diesem Stück wie eine musikalische Vergewaltigung.
B.B. Kings ironischer Titel Help the poor wird mit einem südamerikanischen Feeling gespielt, was an der typischen lateinamerikanischen Ratsche-Gurke liegt (wie immer das Ding tatsächlich auch heissen mag), die wohl von Paul Buser sehr effektvoll gespielt wird (oder ist das auch ein Effekt des Keyboards?). Der Gesang des Refrains wurde hier offensichtlich auf verschiedene Ohren verteilt.
Mr. DJ heisst der darauf folgende Titel, der fast wie ein Hip-Hop-Song beginnt, dann aber sehr trocken mit dem Funk-Feeling weitermacht, das dem Hörer mittlerweile als Markenzeichen der Band vertraut ist. Der Song ist zugleich eine Liebeserklärung an das Radio, in dem der DJ stets die richtige Platte auflegt.
Please forgive me heisst der neunte Titel der CD, und der Sänger entschuldigt sich bei seinem «Baby» für vergangene Fehler. Wer könnte sich nicht in diese Situation einfühlen? Während Mr. Blue Rivers den Refrain singt, übernehmen die anderen Bandmitglieder den Part als Backgroundsinger, was gut klingt, aber auch die Frage aufkommen lässt, wie das wohl mit den traditionellen weiblichen «Rosie-Singers» klingen würde. Gegen Schluss des Stückes überlagern sich dann die einzelnen Spuren des Gesangs, des Background, des Saxophons und der Gitarre etwas stark, so dass die letzte Minute des sechs-Minuten-Stücks etwas chaotische Züge anzunehmen droht, aber die Band bringt es dann sicher heim.
Das folgende Lied, Funny how time slips away wird auf der CD Lucky Peterson zugeschrieben, und der hat das auch 1999 auf der CD Lucky Peterson veröffentlicht. Der Song aber stammt von Willie Nelson, hier sind die Credits nicht korrekt zugeteilt. Elvis Presley hat ihn ebenso gecovert wie Bobby «Blue» Bland & B.B. King auf Kings Geburtstagsalbum 80. Gleichwohl orientiert sich Mr. Blue & the Tight Groove an der Version von Peterson. Hierzu passend, gibt es eine tolle Keyboard-Passage, die nahtlos ins Saxophonsolo übergeht. Danach folgt das Gitarrensolo, und hier hat Hemmig eine mitreissende Einstellung gewählt, die richtig gut ins Stück passt.
Es folgt eine weitere Ballade, das melancholische Stück Blues fallin' down like rain, eine weitere Komposition Kenny Neals (von der gleichnamigen CD). Erneut wird die Spannung durch Schlagzeug und Bass aufgebaut und aufrechterhalten. Das Lied ist eine Liebesballade, in welcher der Sänger vergangenen glücklichen Zeiten hinterherhängt.
Ebenfalls von der Liebe handelt das folgende Stück I owe it all to you, nur dass hier der Erzähler bei seiner Angebeteten blieb und die glückliche Beziehung ist der Beat, der diesen Song vorwärts treibt. Erneut ist hier wieder der etwas sonderbar klingende Sound der Hörner zu beklagen, die mit dem Saxophon Licks austauschen aber nicht den nötigen Punch mitbringen. Der vorletzte Song ist erneut eine Eigenkomposition von Howard Joseph und René Hemmig: Oh, how I need you. Das Stück nimmt den positiven Charakter von I owe it all to you auf und führt ihn fort. Was diesen Song speziell macht, ist der Einsatz der ältesten Musikinstrumente der Menschheit: Händeklatschen. Einfaches synkopiertes Händeklatschen macht in diesem Lied einen grossen Unterschied: sofort entsteht im Kopf die Illusion einer grossen Band, ja eines Festes.
Zum Schluss der CD folgt dann Sweet Home Chicago (das Mr. Blue Rivers überraschend nicht «Schikago» ausspricht, sondern «Tschikago», was sehr auffällig ist). Dieses Lied will nicht so richtig auf die CD passen. Weder steht es musikalisch in Verbindung mit dem Stil des Funk-Blues, der sonst auf der CD zelebriert wird, noch hatte man den Eindruck, dass die musikalische Heimat der Band tatsächlich die «Windy City» sei. Über den Verlauf des Albums hatte man den Eindruck, Mr. Blue & the Tight Groove hielten eher Baton Rouge für ihr sweet home. Sei's drum: Das Stück ist professionell gespielt, sauber und es gibt nichts zu meckern, aber die Interpretation ist auch nicht zwingend, sie eröffnet keine neuen Perspektiven dieser Hymne des Blues.
Insgesamt ist dies eine tolle CD, eine schöne Abwechslung und ein willkommener und einzigartiger Farbklecks auf der Leinwand des Schweizer Blues. Die Band orientiert sich offensichtlich an einer neueren Generation von Bluesern wie eben Lucky Peterson, Kenny Neal oder Michael Burks, was ausgesprochen zu begrüssen ist, denn es macht den Blues moderner und damit aktueller. Für künftige CD-Einspielungen, die es hoffentlich geben wird, sollte die Band vielleicht ihren Keyboard- und Bläser-Sound überdenken, und was zur Gitarre zu sagen ist, habe ich oben erschöpfend erwähnt.
René Hemmig (Gitarren), Jürg Frei (Bass), François Kaech (Keyboards), Beat Riggenbach (Saxophons, blues-harp) und Paul Buser (Schlagzeug). Dazu kommt der Sänger Mr. Blue Rivers (voc)
1. I smell smoke; (Kenny Neal)
2. The price you gotta pay; (Buddy Guy)
3. Dancer Boy (Blues Dancer); (Howard Joseph, René Hemmig)
4. I’ve been missing you, too…; (Kenny Neal)
5. Smooth sailing; (Lucky Peterson)
6. Make it rain; (Michael Burks)
7. Help the poor; (B.B. King)
8. Mr DJ; (Howard Joseph, René Hemmig)
9. Please forgive me; (Kenny Neal)
10. Funny how time slips away; (Lucky Peterson)
11. Blues fallin’ down like rain; (Kenny Neal)
12. I owe it all to you; (Kenny Neal)
13. Oh, how I need you; (Howard Joseph, René Hemmig)
14. Sweet Home Chicago; (Robert Johnson)