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Treffpunkte an Bahnhöfen: Heute selbstverständlich, früher ein Manko, das Ursula von Wiese erkannte.
Von Franziska Siegrist
«Treffen wir uns um vier Uhr am Treffpunkt?» Diese oder so ähnliche Verabredungen kennen wohl die meisten. Schwer vorzustellen, dass es früher an Schweizer Bahnhöfen keine solchen gekennzeichneten Stellen gab. Ursula von Wiese, die Schauspielerin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin beim Arche-Verlag war, erkannte diesen Missstand und setzte sich deshalb für die Einführung von Treffpunkten ein.
Im Doppelnachlass von Ursula von Wiese und Werner Johannes Guggenheim, der seit Ende 2016 im Schweizerischen Literaturarchiv konsultierbar ist, befindet sich ein unscheinbares Dossier, das zeigt, wie Ursula von Wiese bereits 1951 die SBB davon zu überzeugen versuchte, an den Bahnhöfen einheitlich ausgeschilderte Treffpunkte einzuführen. Sie wandte sich mit dem Anliegen nicht direkt an die SBB, sondern an die Orell-Füssli-Annoncen AG, welche für die Reklame an den Bahnhöfen verantwortlich war. Werbung an den Treffpunkten sollte zusätzliche Einnahmen generieren und so die Installation der Treffpunkte finanzieren. Die Orell-Füssli-Annoncen AG war von der Idee überzeugt und leitete den einseitigen Text «Warum brauchen die Schweizer Bahnhöfe einen Treffpunkt?» von Ursula von Wiese an die SBB weiter. Es sei «ausserordentlich schwierig, oft geradezu hoffnungslos, sich darüber zu verständigen, an welchem Fleck man auf einem Schweizer Bahnhof sich mit einem Reisenden treffen will». Wieviel einfacher wäre es hingegen, wenn man sich – unabhängig davon, um welchen Bahnhof es sich handelt – einfach am sogenannten Treffpunkt verabreden könnte? Ortsfremde müssten sich so nur erkundigen, wo sich dieser befinde, und schon würden sie auf eine Stelle verwiesen, «wo sich an einem überdachten Fleck ein grosser blauer (oder gelber) Punkt befindet». Ein Blick auf die heute etablierten Treffpunkte zeigt, wie ähnlich sich Ursula von Wieses Vision und die heute bestehenden Umsetzungen sind. In Bern befindet sich das blau-weisse Piktogramm zentral in der Bahnhofshalle, darum herum irren meist noch wartende oder schon vereinte Menschen.
In den 50er-Jahren aber sahen die SBB den Nutzen nicht ein. Sie lehnten den Vorschlag mit der Begründung ab, es existierten schon genügend Möglichkeiten, sich zu verabreden, und es werde immer Leute geben, «die keine einwandfreien Treffpunkte zu vereinbaren verstehen». Gut zwei Monate später versuchte ein sogenannter «Dr. F. G.» mit einem Beitrag in der Zeitung «Die Nation», die Öffentlichkeit auf die Notwendigkeit von Treffpunkten aufmerksam zu machen. Er/sie schreibt, «ein gescheites und menschenfreundliches Köpfchen» habe den guten Einfall gehabt, an jedem Schweizer Bahnhof Stellen zu bestimmen, an denen sich die Leute verabreden können. Die Idee sei aber von den SBB abgelehnt worden. Die Parallelen zwischen dem von Ursula von Wiese unterzeichneten Typoskript und den verschiedenen Versionen der von «Dr. G.» und «Dr. F. G.» signierten Entwürfe legen den Schluss nahe, dass alle Texte von ein- und derselben Person, nämlich von Ursula von Wiese, verfasst wurden, die sich erhoffte, mit Doktortitel und Pseudonym ihrer Idee zum Durchbruch zu verhelfen.
Wann der erste Treffpunkt tatsächlich eingeführt wurde, bleibt indes ungeklärt. Eine Anfrage bei SBB Historic führte zu keinem Ergebnis. Daher bleibt die Annahme bestehen, dass Ursula von Wieses Idee von den SBB aufgenommen und schliesslich doch noch – mit Verspätung – realisiert wurde.
Ursula von Wiese (1905–2002) war Schauspielerin, Schriftstellerin, Übersetzerin und Lektorin beim Arche-Verlag. Der Doppelnachlass von ihr und ihrem Mann, dem Dramatiker, Dramaturgen und Übersetzer Werner Johannes Guggenheim (1895–1946), enthält Manu- und Typoskripte, Korrespondenz und Fotos, u.a. ihrer gemeinsamen Tochter Cordelia Guggenheim (1935–1963), die Fernsehansagerin und Moderatorin beim Schweizer Fernsehen war. Ursula von Wieses Bruder war der Germanist Benno von Wiese (1903–1987).
Further information
Die Verspätung des Treffpunkts (PDF, 205 kB, 07.03.2017)Der kleine Bund, Donnerstag, 12. Januar 2017