Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03234.jsonl.gz/1183

Natürlich trat Reto Hollenstein am Montag zur Tour-de-France-Etappe nach Longwy an. Der Thurgauer kam morgens im Startort Verviers aus dem Teambus seiner Mannschaft Katusha und sagte gequält lächelnd: «Da muss ich jetzt durch.» Das geprellte Knie war bandagiert, der Ellbogen ebenfalls. Zwei offene Wunden mussten behandelt werden. Aber Hollenstein reduzierte seine medizinische Diagnose auf das Wesentliche: «Gebrochen ist nichts.»
So sind Radfahrer: Es geht immer weiter. Wie sich schon im Zeitfahren in der ersten Tour-Etappe zeigte, an dem mehrere Fahrer auf der nassen, spiegelglatten Strasse zum Sturz kamen. Der Neuseeländer Patrick Bevin verlor in einer Linkskurve die Kontrolle, rutschte über den Asphalt, krachte gegen das metallene Absperrgitter.
Nach dem Aufprall drehte er sich um die eigene Achse und touchierte das Gitter mit dem Kopf. Normale Menschen würden in so einem Moment schauen, ob noch alles dran ist. Bevin griff sich nicht einmal an den Rücken, mit dem er unfreiwillig gebremst hatte. Kaum stand er wieder, hielt ihm ein Helfer ein neues Fahrrad hin. Bevin setzte sich drauf und fuhr weiter.
«Man darf darüber nicht studieren»
Bei manchen Fahrern müsste wirklich einiges passieren, bis sie aus Verletzungsgründen aufgeben würden. Der Amerikaner Tyler Hamilton wurde 2002 beim Giro d’Italia mit einem gebrochenen Schulterblatt Zweiter. Ein Jahr später beendete er die Tour de France mit einem Haarriss im Schlüsselbein als Vierter.
Manchmal ist im Radsport eine folkloristische Verklärung des Schmerzes zu beobachten.
Manchmal ist im Radsport eine folkloristische Verklärung des Schmerzes zu beobachten. Gut ist das nicht: Es setzt Fahrer unter Zugzwang, denen vielleicht danach wäre, das Rennen zu beenden, die aber nicht schwach aussehen wollen. Und natürlich führt das Immer-weiter-Mantra auch dazu, dass störende Gedanken beiseite geschoben werden müssen. Gedanken, die dazu führen könnten, in der nächsten kritischen Situation zu früh zu bremsen. «Nach einem Sturz ist die Angst immer da», sagte Hollenstein am Montag. «Aber man darf darüber nicht studieren.»
Die Fahrer müssen mit den Risiken umgehen. Aber der Veranstalter der Tour, die Amaury Sport Organisation (ASO), ist mit der Aufgabe konfrontiert, die Zahl der Stürze zumindest zu reduzieren. Dass Fahrer zu schnell in Kurven einbiegen und selbstverschuldet wegrutschen, wie Bevin auf der ersten Etappe, kann die ASO nicht verhindern. Andere Unfälle dagegen durchaus.
Ein Paradebeispiel sind die beiden Stürze auf den letzten Kilometern der vierten Etappe nach Vittel. Erst gab es eine Massenkarambolage, bei der unter anderem der in jenem Moment Gesamtführende Geraint Thomas zu Fall kam.
Dann folgte die Szene, die von allen Ereignissen der ersten Tour-Woche am meisten zu reden gegeben hat: Der Slowake Peter Sagan klemmte dem Briten Mark Cavendish den Weg ab, ob absichtlich oder nicht. Cavendish krachte in die Seitenbande. Als er bereits die Kontrolle verlor, touchierte ihn Sagan mit seinem Ellbogen am Kopf.
Sagan wurde disqualifiziert. Ob zu Recht, wird umstritten bleiben. Es lohnt sich jedoch, einen etwas weiteren Blick auf die Szene einzunehmen. Die letzten Kilometer waren eng und kurvig. Und die Favoriten um den Gesamtsieg gingen das hohe Tempo der Sprinter und ihrer Helfer bis fast zur Ziellinie mit, um Zeitverluste zu vermeiden. Nur deswegen kam es zum vorletzten Sturz des Tages mit dem Träger des gelben Trikots, Geraint Thomas. Und eine indirekte Folge der chaotischen Anfahrt zum Schlusskilometer war, dass Cavendish von sehr weit hinten aufholen musste und Sagan schliesslich rechts zu überholen versuchte, obwohl der schon nahe an der Bande entlangfuhr.
Der Luzerner Mathias Frank erinnerte im Gespräch daran, wie die Veranstalter der Tour de Suisse im Juni eine derart hektische Zielankunft vermieden hatten. Auf der Etappe in Schaffhausen neutralisierten die Kommissare die letzten 13 Kilometer. Dadurch konnten sich die Klassement-Fahrer zurückfallen lassen und den Endspurt den Sprintern überlassen. Frank begrüsste die Entscheidung und sagte: «Es ist gut, dass es eine Diskussion über die Sicherheit der Fahrer gibt.»
Mathias Frank
«Es ist gut, dass es eine Diskussion über die Sicherheit der Fahrer gibt», sagt der Luzerner aus dem Team AG2R. Beispielhaft findet er die Entscheidung, bei der Tour de Suisse auf einer Etappe die letzten 13 Kilometer zu neutralisieren.
Die ASO hat in diesem Jahr eine eher kosmetische Änderung eingeführt. Eine den Sprintern folgende Gruppe wird jetzt erst mit einer eigenen Zeit gewertet, wenn sie mindestens drei Sekunden Rückstand auf den Letzten der Spitzengruppe hat. Bis jetzt war das bereits bei einem einsekündigen Abstand der Fall.
Der Luzerner Michael Schär vom Team BMC hält die Lockerung für nutzlos. «Die Klassement-Fahrer stehen trotzdem noch unter Druck, vorne zu fahren», sagt er. Tatsächlich sprintete der Brite Chris Froome auf der Etappe nach Longwy auf den neunten Platz. Und wenn der Titelverteidiger so weit vorne fährt, müssen sämtliche seiner Rivalen mitziehen.
Verkleinerung des Feldes
Vielleicht wird es im nächsten Jahr bei den Endspurts etwas weniger eng: Ab der Tour 2018 dürfen die Teams statt neun nur noch acht Fahrer an den Start schicken. Dadurch verkleinert sich das Feld auf 176 Fahrer.
Schär lobt darüber hinaus die Versuche der ASO, Zuschauer mit Flyern und Werbeclips zu sensibilisieren, die Strasse freizuhalten. «Eine Strecke von 200 Kilometern komplett mit Metallgittern abzusperren, wäre dagegen unmöglich», sagt er.
Aber manchmal gehen Massenstürze sowieso von Fahrern aus, die eine Kurve zu schnell nehmen. Wie auch auf der zweiten Etappe nach Lüttich, als Schär den vor ihm fahrenden Katusha-Kollegen Hollenstein und Rick Zabel noch zurief, sie sollten etwas langsamer fahren. Zwei Sekunden später krachte es.
Es kamen mehrere der Favoriten zu Fall, zum Beispiel Froome und Romain Bardet. Aber es ist nicht bekannt, dass sich ein einziger anschliessend beschwert hätte. Ganz werden sich Stürze nie vermeiden lassen. Frank sagt: «Da müsste man bei Regen das Rennen ganz absagen.» Veloprofis stehen auf, setzen sich auf ihr Rad und fahren weiter.