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Hermann Hesse zählt zu den grossen Briefschreibern des 20. Jahrhunderts: Zeit seines Lebens erhielt er tausende Schreiben aus aller Welt und beantwortete sie in der Regel selber. Ein Teil dieser Korrespondenz lagert im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.Dieser Inhalt wurde am 09. August 2012 - 11:19 publiziert
"Diese Schenkung haben wir im Juli aus den USA erhalten. Sie stammt vom Grosssohn der Familie Ullmann, bei der Hermann Hesse in den 1920er- und 30er-Jahren regelmässig in Zürich in Untermiete war", sagt Lukas Dettwiler, seit 2003 Archivar im Literaturarchiv. Bei den rund 50 Postkarten und Briefen der jüngsten Schenkung geht es um Mitteilungen praktischer Art, wie etwa um Besorgungen oder das Nachsenden von Post oder Wollsocken.
Immer wieder treffen in Bern Postkarten oder Briefe ein, die auf Estrichen oder in alten Truhen entdeckt wurden von Leuten, deren Vorfahren mit dem berühmten Schriftsteller in Kontakt standen. Hesse selbst hatte 40'000 an ihn gerichtete Schreiben aufbewahrt. Ein grosser Teil ist im Literaturarchiv in Bern untergebracht, ein weiterer im Deutschen Literaturarchiv in Marbach.
Im Archiv im 6. Untergeschoss der Schweizerischen Nationalbibliothek ist es kühl, eine wahre Wohltat an diesem heissen Sommertag. Hier lagert neben vielen anderen auch der Nachlass von Hermann Hesse. Darunter 6000 Bücher aus der Bibliothek des Autors, die sich an seinem Wohnsitz im Tessiner Dorf Montagnola über all die Jahre angehäuft hatten. "All diese Bücher hat er in seinen Händen gehabt, das ist beeindruckend", sagt der Archivar.
"Hesse hatte nicht nur zahlreiche Bücher und Gedichte geschrieben, sondern auch viel gelesen und gut 3000 Buchbesprechungen verfasst."
Post von Prominenz und "Nobodys"
"Und hier sind die Schachteln mit Briefen, die Hesse erhalten hat", sagt Dettwiler." Darunter Briefe des Schweizer Autors Robert Walser, des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig, die Korrespondenz mit Hesses Psychoanalytiker J. B. Lang und vielen weiteren berühmten Leuten.
Insgesamt sind es mehr als 100 Schachteln mit weit über 20'000 Briefen aus etwa 100 Ländern von 6000 verschiedenen Absendern – fein säuberlich sortiert und beschriftet.
Hesse stand aber nicht nur mit Schriftstellerkollegen, Malern und Musikern in Briefkontakt. Viele der Zuschriften stammen von "gewöhnlichen" Menschen, von Lesern und Bewunderern aus aller Welt: aus Tel Aviv, Santiago de Chile, aus Neu Delhi, Tokio, aus den USA, aus vielen Ländern Europas.
"Schauen Sie diese 'Perle' hier". Mit Stolz Dettwiler öffnet eine der Schachteln. Die Briefe sind einzeln in speziellem Papier versorgt, das sie vor dem Zerfall schützen soll.
"Dieses Schreiben aus dem Jahr 1908 stammt von Elisabeth Goller, einer Modezeichnerin und grossen Verehrerin Hesses." Das dünne Papier ist mit feinsten Stickereien verziert und nach über 100 Jahren noch glatt und nicht zerrissen. "Das ist sensationell!"
Der 1946 mit dem Literaturnobelpreis gekrönte Hesse war bekannt dafür, dass er mit unzähligen Menschen brieflichen Kontakt pflegte. Mehr als ein Drittel seiner Arbeitszeit soll er nach Angaben von Volker Michels, langjähriger Lektor und Herausgeber von Hesse-Werken im Suhrkamp-Verlag, für die Beantwortung der tausenden Zuschriften und Fragen aufgewendet haben.
Hesse als Lebenshilfe
"Diese Antworten sind eine unerschöpfliche biographische, werk- und zeitgeschichtliche Quelle und eine ebenso fesselnde wie kurzweilige Lektüre. Denn es gibt kaum eine lebenswichtige Fragen, die zu beantworten dem Dichter nicht zugemutet wurde", schreibt Michels zum 50. Todesjahr 2012 des Dichters.
Die Leute gelangten mit existenziellen Fragen an ihn, zu Liebe, Ehe, Zusammenleben, Tod und Trauer oder Religion – alles Themen, die in seinen Büchern offen zur Sprache kamen, was zu seiner Zeit unüblich war.
Der Archivar erinnert sich an eine Frau aus Südamerika, die schrieb: "Ich bin reich verheiratet, aber unglücklich. Hätten Sie mir einen Tipp, wie ich mein Leben ändern kann?" Ob sie es schon einmal mit Yoga versucht habe, antwortete der Schriftsteller. "Er hat sich also hingesetzt und der Frau ausführlich geantwortet, obwohl es ihm vielleicht lästig war. Er fühlte sich zuständig."
Facettenreicher Autor
Ob Hesse vom ungewöhnlich intensiven Briefwechsel mit vielen Unbekannten auch einen Nutzen zog, darauf weiss sein Archivar keine Antwort. War es Kompensation eines Menschen, der sehr zurückgezogen lebte und in seinem Haus kaum Besucher duldete? "Jedenfalls hatte er ein starkes Verantwortungsgefühl gegenüber seiner Leserschaft. Die Menschen waren ihm sicher nicht egal."
In einer gewissen Art sei Hesse von den Briefschreibern auch benutzt worden, meint Lukas Dettwiler. "Als Seelsorger, als Therapeut. Für andere war er gar ein Guru, eine spirituelle Figur." Sich selber habe er aber nicht so gesehen. "Er war selber in höchstem Grad auf der Suche und wusste nicht, wo's lang geht. Das zeigt sich etwa im Steppenwolf oder in Siddhartha."
Laut Dettwiler kann Hesse nicht nur über sein Werk, sondern auch über die Briefe entdeckt und kennengelernt werden. "Sie geben ein prallvolles Bild und zeigen den Schriftsteller in verschiedenen Facetten. Viele sahen in ihm ihr Spiegelbild. Er gab ihnen das Gefühl, mit ihren Leiden oder ihrer Begeisterung nicht allein zu sein."
Zurückhaltung und Respekt
Langsam wird es kühl im Untergeschoss zwischen all diesen Schachteln mit Briefen, die Lukas Dettwiler nur zu einem ganz kleinen Teil gelesen hat. Einerseits fehlt ihm die Zeit, andererseits ist "der Korrespondenzteil immer sehr intim, persönlich, privat".
"Manchmal liest man traurige und schwierige Dinge. Es ist nicht recht, dass man sie liest. Die Inhalte sind nicht an uns gerichtet, weder an mich, den heutigen Archivar, noch an jene, welche die Schreiben vor 50 Jahren abgelegt haben." Zu wissen, dass es all diese Briefe gibt und sie "hier ruhen", genügt dem "Hesse-Privatsekretär postum", wie er sich nennt.
Dettwiler schliesst die Schachteln, stellt sie zurück ins Regal und taucht auf aus seinem Reich der Unterwelt – zurück ins Hier und Jetzt.
Hesse-Archiv in Bern
Neben den tausenden Briefen, die an den Autor adressiert sind, lagern im Hesse-Archiv im Schweizerischen Literaturarchiv (SLA) in Bern über 2000 Briefe, die Hesse geschrieben hat.
Im Archiv lagern zudem über 2000 Briefe, die Hesse geschrieben hat
Den Grundstock des Hesse-Archivs bildet die Schenkung der Sammlung von Helene Welti-Kammerer aus dem Jahr 1942.
Zwischen 1949 bis zu seinem Tod 1962 liess Hermann Hesse der Schweizerischen Landesbibliothek in Bern zirka 17'000 an ihn geschriebene Briefe zukommen.
Die in Bern archivierten Zuschriften an Hesse machen gut ein Drittel der erhaltenen Korrespondenz aus. Ein zweites Drittel wird im Deutschen Literaturarchiv in Marbach aufbewahrt. Der Rest ist Teil kleinerer Sammlungen oder verschollen.End of insertion
Hermann Hesse
Geboren am 2. Juli 1877 in Calw, Deutschland. Sein Vater war der baltisch-deutsche Missionar Johannes Hesse, seine Mutter Marie Isenberg, geb. Gundert.
Er ging in Basel und im evangelischen Klosterseminar in Maulbronn (D) zur Schule.
1895-1898: Buchhändlerlehre in Tübingen, darauf tätig als Buchhändler und Rezensent in Basel.
Nach dem Erfolg von Peter Camenzind heiratete er Maria Bernoulli und liess sich als Schriftsteller in Gaienhofen am Bodensee nieder.
1912-1919 lebte Hesse in Bern.
Anschliessend wohnte der Autor von der Familie getrennt im Tessiner Dorf Montagnola.
In zweiter Ehe war er mit Ruth Wenger, in dritter Ehe mit Ninon Dolbin, geb. Ausländer, verheiratet.
1924 erhielt Hesse das Schweizer Bürgerrecht.
1946 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, 1955 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
Sein literarisches Werk liegt in 70 verschiedenen Sprachen vor. Hesse gehört zu den meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts.
Hesse starb am 9. August 1962 in Montagnola.
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