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Als Lena nach dem Handy griff, um den Wecker auszuschalten, fiel der Baseballschläger zu Boden. Das «Kikeriki» endete. Lena setzte sich auf. Sie nahm das hölzerne Sportgerät vom Boden und wog es in der Hand. Es half nicht wirklich gegen die Beklemmung. Sie seufzte, stand auf, räumte ihr Bettzeug weg, stellte den Baseballschläger hinter die Haustür und machte sich für die Arbeit fertig. Als sie sich am Bahnhof Dietikon etwas zum Mittagessen besorgte und bezahlen wollte, hielt sie plötzlich die Visitenkarte des Barkeepers in der Hand. «Ich möchte von dir hören, wenn es dir besser geht», hatte er geschrieben. Das war nicht der Fall. Dennoch dachte sie den ganzen Morgen über den kleinen, strahlenden Mann nach, der ihr quasi in einem Nebensatz von einer Tätigkeit als Bodyguard erzählt hatte. In der Mittagspause schrieb sie ihm: «Die Besserung ist noch nicht wirklich eingetreten. Trotzdem würde ich mich gern mit dir unterhalten. Was denkst du?» Knapp zehn Minuten später die Antwort: «Die Idee gefällt mir, bin ab 17 Uhr in der Bar, komm doch vorbei. Wir haben auch hervorragenden Kaffee.» «Den werde ich gerne testen. Bis dann.» Lena konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Den Nachmittag verbrachte sie damit, sich Fragen zu überlegen, die sie Marc stellen wollte. Beispielsweise, was das genau heissen sollte: Er arbeite zeitweise als Bodyguard? Wen beschützt der dann? Wie ist er überhaupt zu diesem Job gekommen? Und wieso ist er dann auch noch Barkeeper?
Als Lena kurz nach 17 Uhr das «Lights out» betrat, blieb sie einen Augenblick im Eingang stehen. Marc stand hinter dem Tresen. Er hatte ihr den Rücken zugewandt. Wieder ging Lena der Begriff «Lichtgestalt» durch den Kopf, als sie die Jacke auszog und sich auf den Barhocker ihm gegenübersetzte. Er drehte sich um, lächelte, reichte Lena ein grosses Glas Latte macchiato mit goldenem Schaum. «Hallo Lena, hier der erste Kaffee des Abends.» Mit hochgezogener Augenbraue neckte sie ihn: «Und woher willst du wissen, dass ich den trinke?» «Ist das tatsächlich eine Frage?» Sie schüttelte schmunzelnd den Kopf. «Ich denke nämlich, du hast genug andere. Eine vielleicht hilfreiche Kurzfassung erzähl ich dir einfach selbst. Ich war schon als Teenager sportbegeistert und daher sehr fit. Während meines Studiums in Betriebswirtschaft habe ich einmal im Ausgang mitgekriegt, dass in meinem Lieblingsklub ein Türsteher gesucht wird, und bekam diesen Samstagabendjob.» «Aber ein Türsteher ist kein Bodyguard», wandte Lena ein. Er hob beschwichtigend die Hand. «Gemach, junge Frau. Okay, ich habe samstags dort gearbeitet. Aber während der Semesterferien wollte ich mehr tun. Ich hatte Glück, mein damaliger Chef hat mich für einen Posten im Wachdienst empfohlen. Mit dafür nötigen Sicherheitstrainings und Selbstverteidigungsschulungen war der spätere Weg zum Personenschutz nicht mehr so weit.» «Personenschutz für wen?» «Musiker, Politiker, Anwälte – es gibt viel mehr Personen, die sich schützen lassen, als man meint.» «Aber warum bist du dann als Barkeeper hier?» Er schüttelte den Kopf. «Ich bin hier nicht einfach der Barkeeper. Das «Lights out» gehört mir.» Lena staunte. «Aber wie...? Warum ...? Das passt doch alles nicht zusammen.» Marc lächelte: «Das passt sogar hervorragend zusammen. Ich habe immer von einem eigenen Lokal geträumt. Damit ich dabei die Finanzen im Griff behalte, studierte ich Betriebswirtschaft. Und mit den Jobs als «Bodyguard», wie die Allgemeinheit das so schön nennt, habe ich mir das Geld verdient.» Mittlerweile sass Lena stumm da und rührte mit dem Löffel durch den Schaum am Boden des leeren Glases. «Lena?» Marc wartete, bis sie ihm in die Augen sah. «Du hast Beeindruckendes erreicht», sagte sie. «Und?» «So weit bin ich noch lange nicht. Und, ehrlich gesagt, wüsste ich noch nicht einmal, wo anfangen.» «Dürfte ich einen Vorschlag machen?» Sie sah ihn leicht misstrauisch an. «Was hältst du von einem kleinen Schwimmtraining? Die Skepsis steht dir ins Gesicht geschrieben. Aber es wäre einfach ein selbstständig gewähltes Experiment.» Lena atmete tief durch. «Okay, wann und wo?» «Morgen Abend halb sechs Schwimmbad Baden?» Marc lächelte sie so strahlend an, dass Lena lachten musste. «Gut, das machen wir so.» Sie sah auf die Uhr, kurz vor acht Uhr. Die Bar hatte sich schon etwas gefüllt. «Dann mache ich mich mal auf den Heimweg, schliesslich sollte ich morgen fit sein.» Sie verabschiedete sich mit einem gespielt gehobenen Hut, Marc winkte und schon war sie durch die Tür.