Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/1824

Milton Friedman wäre heute 100 Jahre alt geworden
Der grosse Ökonom wurde 94 Jahre alt. (Keystone Archiv)
Er wurde angefeindet oder gefeiert - und gilt neben dem Briten John Maynard Keynes als einer der einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Der Einfluss seiner monetaristischen Lehre auf die Geldpolitik der Notenbanken weltweit hat zwar längst nachgelassen. In der Debatte um mehr Markt oder mehr Staat haben sich seine Ideen aber verewigt - auch knapp sechs Jahre seinem Tod - und 36 Jahre nach dem Gewinn des Nobelpreises. Heute wäre Milton Friedman 100 Jahre alt geworden.
Der Konterrevolutionär
Friedmans bleibende Rolle in der Ökonomie ist die des grossen Gegenspielers, der der bis in die 70er Jahre in Amerika und Deutschland wirksamen «keynesianischen Revolution» einen Kontrapunkt entgegensetzte. Keynes gilt als Stammvater der Idee, dass der Staat vor allem in wirtschaftlichen Schwächephasen gefragt ist, um die Wirtschaft anzukurbeln, notfalls auch mit Schulden, der Notenpresse und auf Kosten höherer Inflation.
«Keynes spielte die Rolle von Martin Luther», schrieb der Wirtschafts-Nobelpreisträger Paul Krugman, ein überzeugter Neo-Keynesianer, wenige Monate nach Friedmans Tod. «Und wenn Keynes Luther war, dann war Friedman Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens», also jener papsttreue Spanier, der eine wichtige Rolle bei der Gegenreformation spielte.
Friedman prägte die Wirtschaftsgeschichte
Übersetzt auf die Ökonomie: Friedman und seine «Chicagoer Schule» brachte die Idee des «freien Marktes» wieder zurück in die Debatte - und in die praktische Politik: Er gilt als Pate von «Reagonomics» und «Thatcherism», die am Ende der 70er Jahre eine rigide Rückkehr zu marktliberaler Politik versprachen.
Etliche Folgen sind bis heute sichtbar: Ob es um Privatisierung von Staatsbetrieben geht, um Freihandel, Marktlöhne oder um Deregulierung, «die Welt hat sich weit in Friedmans Richtung bewegt», bilanziert Krugman. «Und wenn man sich die Reformen in der Eurozone anschaut, zum Beispiel beim Aufbrechen der Arbeitsmärkte», urteilt Unicredit-Chefvolkswirt Andreas Rees. «Da ist Friedman aktueller denn je.»
Grosser Einfluss auf Notenbanken
Deutlich abstrakter als die Kontroverse «Markt gegen Staat» ist der Monetarismus, als deren Urheber Friedman grossen Einfluss auf die Notenbanken hatte. Dessen Kernthesen lauten: Inflation sei immer eine Folge einer übermässigen Geldversorgung. Und die These, mehr Beschäftigung lasse sich mit mehr Inflation erkaufen, sei falsch.
Weltweit orientierten sich Notenbanken an dieser Denkweise, die besagte: Inflation ist immer von Übel, und daher muss die in einer Volkswirtschaft zirkulierende Geldmenge im Zaum gehalten werden.
Nun sind andere Strategien gefragt
«Auf lange Sicht erinnert man sich an grosse Männer wegen ihrer Stärken, nicht wegen ihrer Schwächen, und Milton Friedman war in der Tat ein sehr grosser Mann», lautet Krugmans Würdigung - geschrieben kurze Zeit, bevor die Lehman-Pleite 2008 die Weltwirtschaft ins Wanken brachte und Politik und Ökonomie vor völlig neue Herausforderungen stellte.
Der «Friedmanismus» sei übers Ziel hinaus geschossen, so Krugman. «Als Friedman seine Karriere als öffentlich wirksamer Intellektueller startete, war die Zeit reif für eine Konterreformation gegen den Keynesianismus und alles, was damit zu tun hatte. Was die Welt jetzt braucht, würde ich sagen, ist eine Konter-Konterreformation». (wedj, sda)
Verantwortlich für diesen Beitrag: