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| Laktanz († nach 317) - Auszug aus den göttlichen Unterweisungen (Epitome divinarum institutionum).

51. Carneades über die Gerechtigkeit.
Wenn die Gerechtigkeit im Dienste des wahren Gottes besteht — denn betrachtetman die Angemessenheit dieses Dienstes, was kann dann so gerecht sein, betrachtet man die Ehre Gottes, was kann so pflichtgemäß sein, betrachtet man das Heil des Menschen, was kann so notwendig sein, als daß wir Gott als Vater erkennen, Gott als Herrn ehren, daß wir dem Gesetz und den Anordnungen Gottes uns willig unterwerfen? —, so haben also die Philosophen das Wesen der Gerechtigkeit mißkannt; denn sie haben Gott nicht erkannt und den Dienst und das Gesetz Gottes nicht bewahrt. Darum konnte Carneades1 sie widerlegen. Seine Ausführung [S. 191] enthält folgende Sätze: Es gibt kein angeborenes Recht; alle Wesen suchen unter Anleitung der Natur ihre eigenen Vorteile zu schützen, und eine Gerechtigkeit, die auf fremden Nutzen bedacht ist und den eigenen außer acht läßt, muß Torheit genannt werden. Wenn alle Völker, die eine Oberherrschaft besitzen, wenn die Römer selbst, die den ganzen Erdkreis sich angeeignet haben, der Gerechtigkeit folgen und jedem das Seinige zurückgeben wollten, das sie mit Waffengewalt an sich gerissen, so müßten sie zu ihren ländlichen Hütten und ihrer Dürftigkeit zurückkehren. Wenn sie dies tun, so muß man sie zwar für gerecht, aber zugleich auch für töricht erklären, weil sie zum Nutzen anderer auf den eigenen Schaden ausgehen. Ein anderes Beispiel. Wenn man einen Mann fände, der aus Irrtum Gold für Messing und Silber statt Blei feilbietet, und man sich notwendig zum Einkauf gezwungen sähe: wird dann der Käufer sich stellen, als merke er die Sache nicht und um geringen Preis kaufen, oder wird er vielmehr auf den Irrtum aufmerksam machen? Wenn er aufmerksam macht, so muß er freilich gerecht genannt werden, weil er nicht hintergangen hat, zugleich aber auch töricht, weil er dem Nebenmenschen Gewinn, sich selbst aber Schaden gebracht hat. Doch mag es mit dem Schaden wenig auf sich haben. Wie, wenn jemands Leben in Gefahr kommt, so daß er entweder töten oder sterben muß, was wird er dann tun? Es kann sich ereignen, daß einer beim Schiffbruch einen Schwachen findet, der ans Brett sich klammert, oder daß einer nach der Niederlage des Heeres beim Fliehen auf einen Verwundeten trifft, der auf dem Pferde sitzt: wird er nun jenen vom Brett oder diesen vom Pferde stoßen, um selbst entrinnen zu können? Wenn er gerecht sein will, so wird er es nicht tun, aber er wird zugleich für töricht erachtet werden, weil er aus Schonung für das Leben des Nebenmenschen das seinige preisgibt. Wenn er es tut, so wird er zwar als weise erscheinen, weil er für seine Erhaltung sorgt, aber zugleich als schlecht, weil er Schaden zufügt.2
1: 210—129 v. Chr., Begründer der neueren oder dritten Akademie.
2: Wenn auch schon der natürliche Verstand diese sophistischen Sätze ablehnt, so ist doch das Wort wahr: "Die [S. 192] Überwindung des Egoismus ist nur dem möglich, der eine höhere Norm des Lebens anerkennt, der auf dem Boden der christlichen Weltanschauung steht." Hertling.