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Viele fürchten Chinas schwächelndes Wachstum. Dabei würde auch ein neuer Aufschwung Gefahren für die Weltwirtschaft mit sich bringen.
Beim jährlichen Frühlingstreffen der führenden Finanzpolitiker in Washington DC war absehbar, dass sich die Hoffnungen – und Ängste – der Teilnehmer um China drehen würden. Immerhin ist China das Land, das die stockende Erholung der Weltwirtschaft wieder ins Rollen bringen könnte, auch wenn die Grundlage seines eigenen Wirtschaftswachstums immer mehr unter Druck steht.
Das Dilemma ist, dass sowohl der Erfolg als auch das Scheitern Chinas für die Weltwirtschaft Risiken birgt.
Abwertung vom Renminbi führt zu weltweiter Deflation
Historisch gesehen wäre ein Szenario des Scheiterns für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ein einmaliges Ereignis. Da Chinas Volkswirtschaft so gross ist, hätte dies Auswirkungen auf die ganze Welt. Aber im Gegensatz zu 2008, als der US-Dollar aufwertete und den Schwellenländern eine schnelle Erholung ermöglichte, würde im Fall eines ernsten Rückgangs der chinesischen Wirtschaft der Renminbi wahrscheinlich abwerten, was eine weitreichende Deflation zur Folge hätte.
Auch andere Währungen könnten abwerten, manche davon aufgrund gezielter Politik. Und so könnte ein Szenario des chinesischen Scheiterns zu Ereignissen wie in den 1930ern führen, die durch konkurrierende Abwertung und stark rückläufige realwirtschaftliche Aktivitäten geprägt waren.
Erfolgreiches konsumorientiertes Wirtschaftsmodell?
Aber was ist, wenn China mit seinem momentanen Übergang hin zu einem konsumorientierten Wirtschaftsmodell Erfolg hat? Als der chinesische Leistungsbilanzüberschuss im Jahr 2007 10 Prozent des BIP erreichte, lagen die Ersparnisse bei über 50 Prozent des BIP, und die Investitionen überstiegen 40 Prozent. Diese Zahlen erschienen viel zu hoch, um noch dynamisch effizient oder wohlstandsfördernd zu wirken. Und so entstand schnell ein Konsens: Die Ersparnisse und Investitionen sollten verringert und besser ausbalanciert werden. Indem den launischen öffentlichen Unternehmen eine grössere finanzielle Disziplin auferlegt wurde, sollten die Investitionen unter Kontrolle gebracht werden. Und die Stärkung des sozialen Sicherheitsnetzes sollte dazu führen, dass die Haushalte zur Deckung der Kosten von Kindern und Alter nicht so viel sparen müssen.
Was davon ist in den letzten zehn Jahren erreicht werden? Die Regierung hat tatsächlich Sicherheitsnetze geschaffen, und wie erhofft ist der Leistungsbilanzüberschuss zurückgegangen. Im letzten Jahr betrug er nur noch weniger als 3% des BIP und damit nur einen Bruchteil des Niveaus von 2007.
Aber dadurch wird die Theorie noch nicht bestätigt. Etwa die Hälfte des Rückgangs des Leistungsbilanzüberschusses geht auf das Konto der Tatsache, dass der Anteil der Investitionen am BIP sogar gestiegen ist. Unterdessen gingen die nationalen Ersparnisse zwar etwas zurück, nämlich verglichen mit 2007 um etwa 3,5 Prozentpunkte des BIP (laut Schätzungen des IWF, da die offiziellen Daten nur bis 2013 reichen). Aber dieser Rückgang ist verglichen mit der Steigerung von 15 Prozentpunkten zwischen 2000 und 2007 relativ gering.
Was während dem Boom stieg, ist nicht gefallen
Auffallender ist noch, dass dieser mässige Rückgang vollständig aus dem Unternehmenssektor zu stammen scheint. Der Anteil der Haushaltsersparnisse am BIP liegt immer noch etwa auf dem Niveau von 2007. Mit anderen Worten, was während des Booms stieg, ist nicht wieder gefallen. Dies ist ein echtes Rätsel, und seine Lösung ist nicht nur für die Zukunft Chinas wichtig, sondern auch für diejenige der ganzen Welt.
Allgemein gibt es zwei Möglichkeiten: Es könnte sein, dass die Theorie im Grunde richtig ist, aber mehr Zeit braucht, um Ergebnisse zu liefern. In diesem Fall könnte der Rückgang der Sparquote, so lange die chinesischen Politiker weiterhin das soziale Sicherheitsnetz stärken, mit dem geplanten Rückgang der Investitionen mithalten und den Leistungsbilanzüberschuss niedrig halten.
Werden Vorteile von Sicherheitsnetzen überschätzt?
Aber was geschieht, wenn die Theorie falsch oder unvollständig ist? Beispielsweise könnten die Vorteile von Sicherheitsnetzen überschätzt worden sein. Oder diese Effekte könnten durch die negativen Folgen der Alterung der Bevölkerung zunichte gemacht werden. Innerhalb der nächsten 15 Jahre wird sich der chinesische Bevölkerungsanteil der über 60-jährigen um zwei Drittel vergrössern. Vielleicht sparen diese alternden Arbeitnehmer jetzt so stark sie nur können, um sich für die bevorstehende Rente finanzielle Rücklagen aufzubauen.
Wenn eine Version dieses Szenarios eintritt, könnte es geschehen, dass die Sparquote der Haushalte weiterhin nur schrittweise sinkt. Unterdessen könnte die Regierung unprofitable Industrieanlagen schliessen, was die Sparquote der Unternehmen erhöhen könnte. Als Ergebnis könnten die Gesamtersparnisse sogar bei starkem Investitionsrückgang hoch bleiben, was einen erneuten Anstieg des Leistungsbilanzüberschusses zur Folge hätte.
Globale Deflation oder globale Ungleichgewichte
Für die Weltwirtschaft wären dies keine guten Aussichten. Gemeinsam mit China würde auch das weltweite Wachstum ins Stocken geraten, und die verbleibende Nachfrage würde auf China umverteilt, was die bereits bestehenden Defizite anderer Länder noch verschärfen würde. Dies wäre eine völlig andere Situation als die vorherige Episode des globalen Ungleichgewichts, als die hohen chinesischen Leistungsbilanzüberschüsse durch das schnelle Wachstum des Landes zumindest teilweise ausgeglichen wurden.
Kurz gesagt, eine harte wirtschaftliche Landung Chinas könnte zwar die globale Deflation verstärken. Wird dies aber verhindert, könnten die globalen Ungleichgewichte zurückkehren. Dies sind die ernüchternden Möglichkeiten, mit denen sich die Politiker auf ihrem IWF-Treffen in Washington beschäftigen müssen.
Aus dem Englischen von Harald Eckhoff
*Arvind Subramanian ist führender wirtschaftlicher Berater des indischen Finanzministeriums.
Copyright: Project Syndicate, 2016. www.project-syndicate.org