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Nicht nur J. Robert Oppenheimer, «Vater der Atombombe» und Protagonist des zweiterfolgreichsten Blockbusters dieses Sommers, hatte einen leinwandtauglichen Lebenslauf, sondern auch sein Physikerkollege Isaac Newton. Er wurde 1699 zum Londoner Münzmeister ernannt und begann darauf eine obsessive Kampagne gegen Geldfälscher. Newton baute ein Spionagenetzwerk auf und verkleidete sich sogar gelegentlich, um persönlich in Gasthäusern und Gefängnissen Betrüger dingfest zu machen.
Schon im ersten Jahr seiner Tätigkeit brachte der Forscher so mindestens fünfzehn Fälscher (oder solche, die er dafür hielt) vor den Scharfrichter. Newton sorgte für so viel Betrieb bei den Henkern, er hätte auch von einem rollenden Kopf statt einem fallenden Apfel zur Ausformulierung der Gravitationsgesetze inspiriert werden können.
David McNally erzählt das Wirken Newtons als Agent staatlichen Terrors eher beiläufig in einer langen Beweiskette, die seine sehr lesenswerte Monografie «Blut und Geld» zusammenfügt. Die Hauptthese: Die Geschichte des Geldwesens ist buchstäblich in Blut getränkt; Blut, das infolge von Sklaverei, Krieg und imperialer Herrschaft floss.
Sexkauf im alten Athen
Damit hat der kanadische Politikwissenschaftler einen wirkmächtigen Mythos im Visier: die Vorstellung, Geld sei vor allem technischer Natur, bloss eine für den Warentausch nützliche Erfindung. Gerade die Digitalisierung der Finanzmärkte, auf denen Kryptowährungen als der letzte Schrei gehandelt werden, hat zudem ein Bild von Geld als geradezu ätherischer Grösse befördert. McNallys «Gegengeschichte des Geldes» indes interpretiert dieses primär als eine Technologie der Unterdrückung, die unentwirrbar in die Ausbeutung menschlicher Körper verstrickt ist und im Lauf der Jahrhunderte eine Spur der Verwüstung zog.
Das klassische Griechenland repräsentiert dabei die «erste umfassend monetarisierte Gesellschaft der Geschichte», auch wenn es Märkte und Warentausch schon zuvor gegeben hatte (in Ägypten und Mesopotamien etwa). Doch erst bei den Griech:innen war der Alltag von Münzgeld bestimmt: Dieses diente «als Tauschmittel und als allgemeines Äquivalent, mit dem alles Mögliche bezahlt werden konnte, vom Olivenöl bis hin zu Sex oder Geldstrafen», wie McNally schreibt.
Besonders galt das für Athen. Die Athener Eule sollte zur bedeutendsten griechischen Münze überhaupt werden – und zur ersten Währung, die im gesamten Mittelmeerraum anerkannt wurde. Das Silber dafür wurde wiederum in den Minen des attischen Laurion gewonnen, wo es, so McNally, «die wahrscheinlich grösste Konzentration an versklavten Menschen in der griechischen Welt» gegeben hat: Ende des 4. Jahrhunderts könnten es rund 30 000 Personen gewesen ein. Das erste Weltgeld – es entsprang der Arbeit ganzer Regimenter geschundener Körper.
Ciceros Rechenkünste
Verbreitung fand das Geldwesen vor allem auch durch das Militär: Krieger gaben ihren Sold auf dem Marsch aus. Wie sehr schon das antike Denken in monetären Kategorien gefangen und wie eng es mit Gewalt und Knechtschaft verstrickt war, lässt sich an einem Brief Ciceros ablesen. Darin schildert der spätere humanistische Säulenheilige, wie nachhaltig ihn der Anblick der Beute eines Feldzugs beeindruckte: «Während ich dies schreibe, standen auf der Tribüne Waren im Wert von 120 000 Sesterzen.» Tatsächlich hatte Cicero Kriegsgefangene vor sich, die versklavt werden sollten: Ihren Marktpreis hatte er flugs im Kopf errechnet.
McNallys Streifzug durch Jahrhunderte der Geldgeschichte nimmt auch immer wieder kulturhistorische oder philosophische Abzweigungen. Etwa wenn der Autor den Zusammenhang von platonischer Ideenlehre und Monetarisierung diskutiert oder die Sklav:innenarbeit als das grosse Verdrängte interpretiert, das am aristokratischen Selbstverständnis nagte.
Für die Neuzeit verzeichnet der Politikwissenschaftler zwei grosse Wendepunkte. Einmal die Gründung der Bank of England im 17. Jahrhundert, mit der das Papiergeld seinen Siegeszug antrat: Dieses war nicht länger Vergegenständlichung bereits geleisteter Arbeit (wie noch im Fall der in den attischen Minen schuftenden Sklav:innen), sondern bezog seinen Wert weitgehend aus der Erwartung zukünftiger Arbeits- und damit Steuererträge. Der Hintergrund dieser Revolution war aber bezeichnenderweise der staatliche Hunger nach neuen Finanzmitteln infolge endloser Kriege.
Die andere grosse Innovation ist die Entkoppelung des Geldes vom Gold mit der Aufhebung des Goldstandards durch die US-Regierung in den Siebzigern, was McNally an die Schwelle der Gegenwart führt. Das eine wie das andere zeitigte zwar gravierende ökonomische und politische Folgen, die «perverse Macht des Geldes über die Menschen» blieb aber bestehen. McNallys Gegengeschichte versteht sich letztlich als Beitrag dazu, diese endlich zu brechen – was in der Ära des Finanzkapitalismus, die neue Formen individueller und staatlicher Schuldknechtschaft hervorgebracht hat, kaum aktueller sein könnte.
Kampf gegen Menschenhandel
Einem ähnlich emanzipatorischen Anliegen ist auch das Buch eines anderen linken Geschichtsschreibers entsprungen. Marcus Redikers Studie zum «Sklavenschiff» erschien im Original schon 2007 – unter anderem die «New York Times» war voll des Lobes –, nun hat der Berliner Verlag Assoziation A eine deutsche Übersetzung publiziert. Anders als McNallys Geld- und Gewaltgeschichte konzentriert sich Redikers Monografie auf die Epoche des transatlantischen Sklav:innenhandels. Und während der Kanadier das Geld als Unterdrückungstechnologie in den Fokus nimmt, stellt der US-Historiker das Schiff, das verschleppte Menschen in die «Neue Welt» transportierte, als «machtvolle Kombination aus Kriegsmaschine, mobilem Gefängnis und Fabrik» ins Zentrum.
Rediker widmet sich seinem Gegenstand umfassend, seine Untersuchung ist genauso Beitrag zur Geschichte des Frühkapitalismus wie zur allgemeinen Historie der Nautik, liest sich aber flüssig wie eine literarische Erzählung. Dabei schöpft er vor allem aus Berichten von in den Menschenhandel verstrickten Personen, Opfern wie etwa Olaudah Equiano: Er war mit elf auf ein Schiff verschleppt worden und verfasste später einen autobiografischen Bericht, der sehr wichtig für die abolitionistische Bewegung wurde (und für eine Geschichtsschreibung «von unten»). Oder auch Leuten wie James Field Stanfield, der in einer Sklav:innenhandelsfaktorei gearbeitet und eine Sklav:innenfahrt mitgemacht hatte, später aber sein Wissen in den Kampf gegen den Menschenhandel einbrachte.
Am stärksten ist Redikers Buch da, wo es das Sklavenschiff als soziale Maschine deutet: Notgedrungen mussten die Verschleppten ihren «eigenen, freieren und kreativeren Umgang mit ihren neuen Lebensumständen entwickeln». Das beförderte erstaunlich oft egalitäre Praktiken, wie es Hugh Crow, ein Kapitän aus Liverpool, von «seinen» Versklavten berichtete: «Ich habe gesehen, wie sie, wenn ihre Zuteilung knapp ausfiel, Faser um Faser den letzten Bissen Fleisch untereinander aufteilten.»
Zugleich war das Sklavenschiff Schauplatz der Ethnogenese, viele der Afrikaner:innen entdeckten erst hier, welchem «Volk» sie angehörten. Und man konnte auf ihm das komplizierte Wechselspiel von «class» und «race» beobachten: Zunächst barg die oft brutale Disziplin des Kapitäns gegenüber der Mannschaft – in der Regel Habenichtse – sozialen Sprengstoff. War dann Afrika erreicht und die Sklav:innen an Bord, wurde «das Schiff von einem tiefergehenden Antagonismus beherrscht, der die Einführung eines neuen Disziplinierungsinstruments mit sich brachte, das ‹Rasse› genannt wurde», wie Rediker festhält. Auch eine solche identitätspolitische Archäologie ist beispielhaft für eine Geschichtsschreibung, die für heutige Kämpfe relevant sein will.