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Der Sinkflug der abgestürzten Germanwings-Maschine ist nach ersten Erkenntnissen absichtlich eingeleitet worden. Der allein im Cockpit zurückgebliebene Co-Pilot habe den Hebel dafür selbst betätigt, sagte der Marseiller Staatsanwalt Brice Robin. Der Pilot war zu diesem Zeitpunkt aus dem Cockpit ausgeschlossen.
«Es sieht so aus, als habe der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört», sagte der zuständige Staatsanwalt Brice Robin in Marseille.
Der Pilot sei auf die Toilette gegangen. Der Co-Pilot habe das Kommando gehabt und das Flight-Monitoring betätigt. Anschliessend ging ein Alarm los. Doch der Pilot konnte nicht mehr ins Cockpit zurück.
Motive des Co-Piloten unklar
«Unsere wohl plausibelste Deutung geht dahin, dass der Co-Pilot durch vorsätzliche Enthaltung verhindert hat, die Tür zu öffnen», sagte der Staatsanwalt. So habe der Pilot nicht mehr ins Cockpit gelangen können. Der Co-Pilot habe kein Wort gesprochen, es seien nur Atemgeräusche zu hören gewesen. Auf Ansprache des Towers habe der Mann nicht reagiert. Ein Notruf sei nicht abgesetzt worden.
Die Motive des 27-jährigen Co-Piloten sind unklar. Laut Robin war er nicht als Terrorist erfasst. Bekannt war bereits, dass der Mann seit 2013 bei Germanwings beschäftigt war und aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur stammte. Er hatte nach Angaben der Germanwings-Mutter Lufthansa 630 Flugstunden absolviert. Vor der Anstellung wurde der Mann an der Verkehrsfliegerschule der Lufthansa in Bremen zum Piloten ausgebildet.
Auch Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière bestätigte, dass es keine Hinweise auf ein terroristisches Motiv gebe. Es gebe nach derzeitigem Erkenntnisstand «keine Hinweise auf einen irgendwie gearteten terroristischen Hintergrund», sagte er in Berlin.
Die deutschen Sicherheitsbehörden hätten bereits am Tag des Absturzes routinemässig in den Informationssystemen von Polizei und Nachrichtendiensten eine Abfrage vorgenommen, um die Besatzung mit Blick auf mögliche terroristische Verbindungen zu überprüfen. «Wir haben alle überprüft.» Die Ergebnisse seien allesamt negativ ausgefallen. Dies betreffe auch den Co-Piloten, sagte de Maizière.
Der Fliegerverein LSC Westerwald hatte bereits am Mittwoch eine Traueranzeige für den Co-Piloten im Netz geschaltet. «Er konnte sich seinen Traum erfüllen, den Traum, den er jetzt so teuer mit seinem Leben bezahlte», heisst es darin. Am Donnerstagnachmittag war die Webseite nur schwer zu erreichen.
Suizid nicht ausgeschlossen
Es ist demnach unklar, warum der 27-jährige deutsche Co-Pilot die Germanwings-Maschine offenbar absichtlich gegen einen Berg in den französischen Alpen steuerte.
Staatsanwalt Robin wollte keine Schlussfolgerungen aus dem Verhalten des Co-Piloten ziehen; er räumte aber ein, dass die Frage nach einem Suizid gestellt werden könne.
Die Familien des Piloten und des Co-Piloten sind unterdessen am Unglücksort angekommen, wie der Staatsanwalt sagte. Sie seien aber nicht mit den anderen Familien zusammengebracht worden.
Warum kam Pilot nicht wieder ins Cockpit?
Nach Angaben eines anderen Piloten, der das betroffene Airbus-Modell gut kennt, kann die Cockpit-Tür gegen den Willen des Piloten im Cockpit kaum geöffnet werden.
Es gebe zwar einen Notfall-Code etwa für den Fall, dass ein Pilot ohnmächtig werde, sagte der Experte, der nicht namentlich genannt werden wollte. Dieser arbeite aber nur mit Zeitverzögerung und löse zunächst einen Warnton im Cockpit aus.
Der Pilot im Inneren könne die Freigabe der schusssicheren Spezialtür dann mit einem Schalter verhindern. Die Sicherheitsvorkehrungen rund um die Cockpit-Tür dienen nach den Erfahrungen der Anschläge vom 11. September 2001 dazu, das Eindringen von Flugzeugentführern ins Cockpit zu verhindern.
Passagiere realisierten Lage
Die Passagiere bekamen den Absturz offenbar aber erst in letzter Sekunde mit. «Die Schreie der Passagiere hören wir erst in den letzten Sekunden auf dem Band», erklärten die Ermittler. Der zweite Flugschreiber sei noch nicht gefunden, sagte Robin weiter. Zuvor hatte er die aus Düsseldorf und Barcelona angereisten Hinterbliebenen der Todesopfer informiert. Die Bergung und Identifizierung der Opfer könne mehrere Wochen dauern.
Einschätzung von Patrick Huber, Chefredaktor von «Cockpit»
|Piloten tragen eine riesige Verantwortung. Deshalb werden Personen, die in die Pilotenschule eintreten wollen, psychologisch durchleuchtet. Dabei wird festgestellt, ob jemand teamfähig ist, ob er überhaupt für diesen Job geeignet ist. Auch ob er unter Stress belastbar ist, kann man sorgfältig abklären. Aber man weiss nicht, wie sich eine Person entwickelt. Es kann sein, dass sie in sieben Jahren eine ganz andere Persönlichkeit hat. Piloten sollten sich einem regelmässigen Check-up unterziehen müssen. Das wird wahrscheinlich auch die Quintessenz aus diesem tragischen Fall sein. Die Airlines stehen nun unter grossem Druck. Sie müssen die richtigen Piloten selektionieren, sie durchleuchten. Diese werden damit zu gläsernen Piloten. Man muss jede Facette des Menschen kennenlernen, seine Vorgeschichte, beispielsweise Jugendstrafen, abchecken. Doch dem sind auch Grenzen gesetzt: Sollte man vor jedem Flug alles abchecken müssen, könnte man gar nicht mehr abheben. Wirklich viel mehr werden die Airlines also gar nicht machen können für die Sicherheit.|
Neue Massnahmen erlassen
Nach den neusten Erkenntnissen ist eine Diskussion über die Sicherheit entbrannt. Norwegian Air Shuttle, Air Canada und Easyjet erliessen bereits neue Regeln für die Besetzung des Cockpits. Zu jeder Zeit müssten zwei Personen anwesend sein, teilen die Gesellschaften unabhängig voneinander mit. Die Swiss plant zurzeit keine neue Massnahmen.