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Bevor das Haus in dem ich wohne gebaut wurde, stand dort noch nie ein Haus. Zuletzt war dort ein Baumgarten. Ein schöner Ort, vor allem im Sommer, wenn die Bäume Laub trugen und unter und zwischen den Bäumen eine Fülle von grösseren und kleineren Aussenräumen erlebbar war.
Das Haus in dem ich wohne hat diesen Ort verändert. Aus jedem Fenster, an jeder Seite des Hauses sehe ich einen anderen Ausschnitt des grösseren Umraums, in dem nun das Haus steht.
Auf der einen Seite ist der Raum bereits nach wenigen Metern begrenzt durch eine Mauer aus Beton. Diese erscheint im Winter in vielen Nuancen von Grau, überzogen von einem feinen Netz aus Ästen. Im Sommer ist sie grün und lebendig, im Herbst leuchtend rot. Der Raum wird von wenigen Menschen als Weg und Zugang genutzt. An heissen Tagen wird er zum kühlen Zimmer im Grünen.
Auf der anderen Seite entsteht ein ganz anderer Eindruck von Raum. Dieses Aussenzimmer ist viel grösser, es reicht bis zur grossen Holzscheune, und durch die Durchfahrt hindurch reicht der Blick bis zu einer Hausfassade, etwa hundert Meter weiter.
Zwischen meinem Fenster und der Holzfassade der alten Scheune gibt es aber noch andere Bereiche wie zum Beispiel den Kiesplatz, die Wiese, den langen gedeckten Platz, den Teerplatz unter dem alten Nussbaum, und hinter der Hecke das Strässchen. Es sind Räume die sich ergänzen und überlagern. Sie werden von verschiedenen Menschen verschieden genutzt.
Rechtlich ist bei uns überall definiert, welche Fläche wem gehört, von wem sie genutzt werden darf. Unser Auge aber nimmt Räume wahr. Unser Blick reicht über die Grundstücksgrenze hinaus, unsere Räume reichen bis zum nächsten Haus oder bis zum ersten Jurahang, bis zum Wald, oder bis zur Lärmschutzwand.
Mit dem Errichten eines Gebäudes wird ein Stück Aussenraum zum Innenraum. Dieser Innenraum ist meist unterteilt in weitere, grössere und kleinere Räume. Die Dimensionen und Materialien des Gebäudes, innen wie aussen werden sorgfältig, minutiös geplant. Das Gebäude selbst verändert aber immer auch die Dimension und die Atmosphäre des Raumes darum herum, des Umraums. Es schafft neue Raumgrenzen und Orientierungspunkte. Während in ländlichen Gebieten der Raum oft weit ist und von Hügeln, Bäumen oder Hecken begrenzt wird, bewegen wir uns in dichter bebauten Gebieten durch ein System von kleineren und grösseren, engeren und weiteren, sich überlagernden Aussenräumen. Ein Teil dieser Aussenräume ist geplant, viele solcher Räume ergeben sich einfach. Sie verändern sich im Jahreslauf. Sie werden von Menschen begangen, befahren, belebt und benutzt, zu verschiedenen Zeiten anders. Von allen werden sie wahrgenommen und erlebt.
Welche sind Ihre Räume, wenn Sie aus dem Fenster schauen?
Ich freue mich, wenn Sie mir Bilder, Gedanken und Geschichten zu Ihren Räumen schicken!
Am Ende meines Dorfschreiberinnenjahres, nach zwölf Kolumnen kann daraus ein vielfältiges Portrait von Suhr entstehen, gemacht von den Menschen hier.