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Vita
Kindheit
Erste Erinnerung: Als zirka Vierjähriger mit Dreirad in der Küche meiner Grossmutter. Ich sause umher, niemand nimmt Notiz. Als ich unter den Tisch fahre, schlage ich mir den Kopf an und tu mir weh. Plötzlich bin ich der Mittelpunkt aller Anwesenden.
Erkenntnis, was Materie ist
Als Fünfjähriger fahre ich mit meinem Zweiradvelo auf dem Trottoir der Freiburgerstrasse sehr schnell auf einen Laternenpfahl zu. Ich denke nicht daran auszuweichen, denn ich bin mir nicht im klaren, was ein Laternenpfahl ist. Ich rase hinein und pralle mit meinem kleinen Schädel an den harten Pfosten. Ich werde wütend und verpasse dem Pfahl einen Tritt. Der Schmerz macht mich noch wütender. Heulend vor Wut eile ich nach Hause. Meine Mutter lacht, als ich ihr von dem bösen Pfosten erzähle. Ich bin irritiert und denke, dass sie mit dem Pfahl unter einer Decke steckt.
Etwas später wohnen wir in der Kleinhüningeranlage. Vom riesigen Spielplatz hinter dem Haus führt eine Treppe zur Waschküche hinunter.
Das Geländer besteht aus Rohren, dem oberen und einem in der Mitte zum Boden. Ich setze mich auf das mittlere, rutsche mit den Beinen so nach hinten, dass ich das Rohr in den Kniekehlen habe. Dann löse ich die Hände vom oberen Rohr und lege sie auf das mittlere. Ich lasse mich nach hinten fallen und pralle mit dem kleinen Schädel auf den Asphalt. Das überrascht mich völlig. Ich hatte gedacht, ich würde mich mit Schwung um das Rohr drehen und auf der anderen Seite des Geländers hoch kommen. Den harten Asphaltboden hatte ich nicht als Hindernis erkannt. Nachdem ich schreiend in den vierten Stock zur Mutter gelaufen bin, schaut sie sich meinen Kopf an und sagt: "Du hast ein Loch im Kopf. Ich kann hinein sehen." Augenblicklich versiegen die Tränen, und ich werde neugierig. "Was siehst du?" frage ich, und sie antwortet: "Deine Gedanken." Das macht mich unsicher, und ich versuche, gute Gedanken zu haben.
Tod
Eine schöne Nachbarin hat einen dicken Bauch. Ich frage meine Mutter wieso. Sie sagt, die Nachbarin erwarte ein Kind. Ich verstehe nichts. Wieso hat sie einen dicken Bauch, wenn sie ein Kind erwartet? Das hat doch nichts miteinander zu tun.
Immer wenn wir unter dem Fenster der Wohnung der Nachbarin vorbei gehen, frage ich, wo sie ist und ob sie das Kind schon bekommen hat.
"Sie ist im Spital", sagt meine Mutter, "es geht ihr nicht gut." Manchmal sehen wir den Mann der Nachbarin. Er ist traurig. "Wieso ist Herr X traurig?" frage ich. Meine Mutter sagt: "Es geht seiner Frau nicht gut."
Schliesslich ist die Nachbarin zurück, aber weit und breit kein Kind. Ich frage, wo das Kind sei. "Es ist gestorben", antwortet meine Mutter.
Dieses Erlebnis löst etwas in mir aus, das ich als grösstes Rätsel meines Lebens betrachte. Ich erinnere mich, dass ich auf dem Weg zur Bretterbeige war und die Kleinhüningerstrasse überquerte. Etwa in der Mitte der Strasse überkam mich eine Vision. Ich dachte an den Tod des Kindes und hatte plötzlich einen erwachsenen Gedanken: "So geht das nun weiter bis zum Ende meines Lebens" dachte ich. Und als ich mich wunderte, wieso ich überhaupt hier auf der Erde war, erkannte ich, dass ich eine Aufgabe übernommen hatte, diese erfüllen musste und erst danach dorthin würde zurück kehren können, wo ich her gekommen war. Aber jetzt ist es noch nicht Zeit, dachte ich noch, erst musst Du die Kindheit hinter Dich bringen und erwachsen werden. Gedankenverloren ging ich weiter in Richtung der Bretterbeige, und bald hatte mich das Kindsein wieder. Ich vergass diese Geschichte vollkommen, bis sie mir vor etwa fünfzehn bis achtzehn Jahren plötzlich und völlig überraschend wieder einfiel. Seither wundere ich mich darüber, wieso ich diese Aufgabe noch nicht erfüllt habe, und manchmal frage ich mich, ob das mit dem Alkoholabusus zusammenhängen könnte. Jedenfalls fühle ich mich immer wieder bereit für die Inspiration, die mich diese Aufgabe erkennen lässt.
Leben
Als ich zwei-, dreiundzwanzig Jahre alt war, so anfangs, Mitte der sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, ging ich wie jeden Tag am frühen Abend in meine Stamm-Bar. Ich brauchte dringend ein Bier und war nervös, weil der Barkeeper nicht hinter dem Tresen stand. Ich war der erste Gast und vielleicht ein paar Minuten zu früh. Ich setzte mich auf den Barhocker und wartete. Im Hintergrund bewegte jemand Harassen, ich hörte die Flaschen klimpern. Plötzlich erschien Valtangoli. "Sali", sagte er, "wo ist Pierrot?"
"Ich habe ihn noch nicht gesehen, vermutlich ist er hinten und räumt auf."
"Es ist halb sechs", sagte Valtangoli vorwurfsvoll, "um halb sechs ist offizielle Öffnungszeit."
"Ich weiss, er ist ein Armleuchter." Mehr fiel mir dazu nicht ein. Eine Weile schwiegen wir beide, dann sagte Valtangoli: "Was hältst du von ..." Ich erinnere mich nicht mehr, worum es ging, ob eine Flugzeugentführung, einen terroristischen Akt, eine Massenentlassung oder sonst etwas Fürchterliches. Ich verspürte nicht die geringste Lust, mich über diesen Quark zu unterhalten, mein Sinn stand einzig und allein nach einem kühlen Bier. Ohne gross zu überlegen, sagte ich: "Ja, man müsste halt mal was unternehmen." Ich wollte einfach nicht unhöflich sein und Valtangoli anschweigen. Dieser drehte sich auf seinem Hocker zu mir um, schaute mir tief in die Augen, tippte mit dem Zeigefinger seiner rechten Hand auf meine Brust und sagte mit einer Vehemenz, die mich überraschte: "DU solltest mal was unternehmen. DU!" Ich war verdutzt. "Ich?" fragte ich hilflos. "Ich? Wieso gerade ich?"
"Weil Du der einzige bist", sagte Valtangoli, "der das könnte." Das verschlug mir endgültig die Sprache. Zum Glück kamen in diesem Augenblick sowohl Pierrot der Barman als auch ein paar weitere Gäste herein. Ich bekam sofort ein Bier, führte es zum Mund und nahm einen Tiefen Schluck. Valtangoli begrüsste die Neuankömmlinge, und das Thema war gestorben.
Doch am nächsten Tag kam mir Valtangolis Satz wieder in den Sinn: "Weil du der einzige bist, der das könnte." Wieso hatte Valtangoli das gesagt? Wusste er mehr über mich als ich? Wer bin ich eigentlich? Wozu war ich fähig? Hatte Valtangoli den Satz ernst gemeint? Jedenfalls hatte er den Virus in mein Hirn gesetzt, und der breitete sich rasend schnell darin aus.
Die ersten Gehversuche nach dem Schulabschluss
1973. Ich war 29 und wohnte am Andreasplatz unmittelbar neben der Hasenburg,
der Kneipe, wo ich meine Tage verbrachte. Ich lag im Bett und dachte über
mein Leben nach. Ich hatte vor zehn Jahren die Matura gemacht, dann bei der
American Express Co. Inc. und in einer Lampenfabrik Kohle verdient. Ich
war 1962 als Neunzehnjähriger mit einem Kumpel nach Paris gefahren und hatte
am Pigalle als Greenhorn in einer Nacht die Hälfte meiner Reisekasse
verhurt. Nach zwei Wochen fuhren wir per Zug nach London, lernten auf der
Fähre im Ärmelkanal den Hollywood-Filmproduzenten Eric Chapman kennen, der
uns vom Bahnhof mit dem Rolls Royce zu einer günstigen Pension beim Earls
Court chauffierte, wo wir zirka eine Woche blieben und das Breakfast
genossen. Da das Geld sehr rasch knapp wurde, bin ich mit der Underground
in eine Vorstadt gefahren und habe an Einfamilienhaustüren für das
Pestalozzidorf in Trogen Geld gesammelt.
Es kam genug zusammen, dass wir Essen für zwei Personen kaufen konnten.
Als wir dann nichts mehr hatten - weder Essen noch Geld - gingen wir zur
Botschaft und schilderten unsere Lage. Man gab uns Geld für das Zugbillet
und etwas Weniges für unterwegs. In der Pension rissen wir die Seite mit
unseren Adressen aus dem Buch und machten uns bei Nach und Nebel aus
dem Staub.
Zurück in Basel beantragte ich bei der Stipendienkommission des
Erziehungsdepartementes ein Stipendium für die Schauspielschule. Zur
fachmännischen Talentbeurteilung bei Oberspielleiter Kur vom Theater Basel
erschien ich ziemlich besoffen, nahm mich aber soweit zusammen, dass Kur
mich bloss für nervös hielt. Zudem hatte ich die Texte vergessen, an denen
ich während Wochen seriös mit dem Tonbandgerät meines Vaters gelernt hatte.
An den Inhalt und die Grundstimmung der Szenen konnte ich mich jedoch noch
erinnern. Ich wählte die emotionalste: ein Pärchen in einem Sturm am oder im
Meer. Ich brüllte und gestikulierte wie ein Wilder und schrie ein paar
Sätze, die mir plötzlich wieder einfielen, und konzentrierte mich auf die
Diktion, die ich eingeübt hatte. Plötzlich unterbrach mich der
Oberspielleiter unverhofft. "Das genügt", sagte er "Sie haben bestanden,
wir empfehlen Sie für den Schauspielerberuf."
Und beim Abschiedshändedruck schaute er mich mit einem spitzbübischen
Lächeln an uns sagte: "Mein Gott, Herr Schweizer, Sie sind mir aber ein
begabter Bursche."
Etwa vier bis fünf Monate hielt ich es in der Schauspielschule aus. Sie war
in Zollikon bei Zürich, und ich musste jeden Morgen nach höchstens drei
Stunden Schlaf um sechs aus den Federn, um den Sieben-Uhr-Zug zu
erwischen. Dann vom Hauptbahnhof Zürich mit der Forch-Strassenbahn
den Berg hoch nach Zollikon. Die Schule wurde von Linde Strube, einer
uralten Schauspielerin geführt, die noch unter Max Reinhardts Regie gespielt
hatte. Da ich jeden Abend bis zur Polizeistunde in der Seibi Bar Ricard soff
und mit 3 bis 4 Stunden Schlaf auskommen musste, gab ich die Sache nach
ein paar Monaten auf. Ich hatte mir das Ganze auch ganz anders vorgestellt,
nicht so anstrengend und nicht so ernst. Mit Pascal, einem Handelsschüler,
verschwand ich auf meiner Klappervespa ins Tessin. Auf der Axenstrasse
schien plötzlich etwas zu explodieren. So schnell wie möglich stoppte ich
das Vehikel, und wir hörten noch wie etwas Metallisches seinen Weg über die
Steinbrocken hüpfend zum See hinunter suchte. Pascal als ausgesucht
neugieriger Mensch sprang von Stein zu Stein nach unten, wo er den Auspuff,
denn um diesen handelte es sich, fatalerweise mit seiner Hand berührte und
einen indianischen Feuertanz aufführte. Ich rannte über die Strasse, damit
er mich nicht sehen konnte, und hatte Mühe, am Leben zu bleiben, so sehr
schüttelte mich das Lachen durch. Immer und immer wieder tauchte das Bild
von dem gespielt souveränen Mechaniker Pascal auf, der selbstbewusst nach
dem Metallstück greifen wollte und plötzlich hirnlos wie ein von allen guten
Geistern Verlassener zu brüllen begann.
Auf der Strecke von Göschenen nach Andermatt hinauf gab die Mühle ihren
Geist vollends auf. Wir stellten sie in einer Reparaturwerkstätte ein und
schleppten das Gepäck bis zur Postautohaltestelle. In Airolo stiegen wir in
den Zug um und kamen nach weiteren zweimal Umsteigen - Bellinzona und
Locarno - ziemlich mitgenommen in Ascona an, wo wir noch unser Zelt
aufstellen mussten, das wir beide nicht kannten, da Pascal es von irgend
jemandem ausgeliehen hatte. Schliesslich war alles bereit für die Nacht, und
wir waren plötzlich wach wie nach einer erholsamen Nacht in der frischen
Luft.
Kunst
Sechs Jahre hat es gedauert, bis ich nach der Matur den bürgerlichen Erziehungsmüll abgeschüttelt hatte. 1968 beging ich meinen Bankbetrug, der mir rund dreissigtausend Franken einbrachte. Nach fünf Monaten wurde ich in Mailand in der Via dello Santo Spirito verhaftet und verbrachte insgesamt vierzehneinhalb Monate in diversen Strafanstalten.
1971 gründete ich ASS, die Organisation zur Verblüffung des Erdballs und zur Vereinigung der Menschheit, um den Planeten zu retten. Da das Vorhaben misslang, verschickte ich ab 1974 absurde Briefe in der Weltgeschichte herum. 1977 veröffentlichte ich die besten unter dem Namen EIN SCHWEIZERBUCH. Die Weltwoche nannte es Concept Kunst, und ein Leser meinte, die Lektüre des Buches habe ihm das Leben gerettet.
1981 gründete ich das Institut für taktischen Wahnsinn, und an der ART 12'81 präsentierte ich auf Einladung der Messe Basel meine UNART-Idee und stempelte alles zum Kunstwerk, was die Besucher mir darreichten.
Shit aus Israel
Nachdem ich Mitte September 1969 mit sechsundzwanzig meine zwölfmonatige unbedingte Strafe plus die zweieinhalb Monate Auslieferungshaft in Italien abgesessen hatte, ging ich zu den Althaus-Brüdern nach Ligornetto im Mendrisiotto. Eine Woche vor der Entlassung hatte ich Lucky, den jüngeren der beiden, anlässlich eines Ausganges zur Arbeitsstellenbeschaffung angetroffen. Als ich ihm sagte, ich wisse nicht, was ich nach der Entlassung machen solle, lud er mich spontan ein. Mein Vater gab mir widerwillig ein paar Hunderter mit auf den Weg und wünschte mir viel Glück und alles Gute. Er hielt nicht viel von meinem Talent, ein bürgerliches Leben zu führen; vielleicht gerade noch ein bisschen mehr als ich selbst.
Die ersten Monate waren hart in Ligornetto. Lucky und ich konnten Renzo, einem Bauern, bei der Maisernte und jede Woche beim Einsammeln des Hauskehrichts der Gemeinde helfen. Renzos Frau war ein Sonnenschein. Sie kochte stets etwas Grossartiges, zum Beispiel Polenta oder Risotto und stellte immer einen vollen Fiasco Barbera auf den Tisch. Für Lucky und mich war das jedesmal wie Weihnachten. Ab und zu brachte uns Renzo ein oder zwei Ster Holz zum Heizen vorbei, das wir nach und nach zersägten und zerspalteten. Es war eine harte, kalte und schwierige Zeit. Lucky malte Oelbilder im Stile von Kandinsky, und ich versuchte meine abenteuerliche Reise mit dem Bankbetrug-Geld sprachlich dingfest zu machen. Eigentlich hatten wir beide keine Ahnung, was wir wollten; wir warteten auf das Glück. Jede Nacht träumten wir davon. Wir waren so pleite, dass wir uns nicht einmal das Postauto nach Mendrisio leisten konnten. Ab und zu trudelte von irgendwoher ein bisschen Geld ein. Dann gingen wir zu Fuss bis zur Migros in Mendrisio, kauften eine Kleinigkeit und versteckten ein frisches Stück Fleisch unter dem Regenmantel, das wir im Notfall auch hätten bezahlen können. Bei Renzo erbettelten wir auf Vorschuss für die nächste Arbeit etwas Wein, Brot und eine Handvoll Kartoffeln, auf einem abgeernteten Fenchelfeld fanden wir einige liegen gebliebene Knollen. Wir hatten zwei Hunde, den Arturo und den Ricky, die uns jeden Morgen mit ihrem hingebungsvollen Begrüssungsgebell erfreuten und mit denen wir auf stundenlange Spaziergänge durch die herbstlichen Kastanienwälder gingen. Abends leisteten wir uns ab und zu ein Gläschen Roten in Gemmas kleiner Kaschemme. Wir hörten die neuesten Hits aus ihrer Juke Box, vor allem Sachen aus Italien oder Frankreich, zum Beispiel "Je t'aime - moi non plus", damals ein kleiner Skandal wegen des Gestöhns. Hauptsache, es war warm in der Stube.
Nach ein paar Monaten kam Markus, Lucky älterer Bruder, nach Ligornetto. Er war zwei Tage vor meiner Anreise in Basel geschnappt und wegen Drogenhandels für vier Monate in Oberschöngrün eingebuchtet worden, wo ich auch einen Teil meines Strafvollzugs abgesessen hatte. Die gesunde Gefängniskost und die Arbeit auf dem Feld hatten ihm gut getan; er sah frisch und erholt aus. Schon am ersten Abend erklärte er uns, dass er nicht in diesem Kaff zu versauern gedenke. Ich erzählte ihm von meinen Abenteuern mit dem ertrogenen Geld und den zwei Kilos Shit, die ich auf dem Schiff mit nach Europa gebracht hatte. Als ich meinen Shit-Lieferanten im ehemals jordanischen Teil Jerusalems erwähnte, wurde er hellhörig und fragte, ob das wiederholbar sei.
"Klar", sagte ich, "wenn das Beschaffungskapital vorhanden ist."
Dann tauchte Rolf in Ligornetto auf. Er war Offsetdrucker, was mich auf eine Idee brachte. Die Printmedien waren damals voll mit Kleinkreditangeboten. Banken und private Geldverleiher drängten einem das Geld förmlich auf. Zu viert beschlossen wir, auf diesen Zug aufzuspringen. Da Rolf der Einzige nicht Vorbestrafte von uns war, füllten wir auf seinen Namen nahezu ein Dutzend Antragsformulare aus. Um ein hieb- und stichfestes Arbeitszeugnis für ihn zu beschaffen, rief ich eine Druckerei in Lugano an, deren Nummer ich im Telefonbuch gefunden hatte.
"Ich möchte mit einem Freund zusammen eine kleine Offsetdruckerei in Ligornetto eröffnen", erzählte ich, "und wir brauchen zu diesem Zwecke eigenes Briefpapier. Leider wissen wir beide nicht, wie man solches gestaltet. Wäre es möglich, dass Sie uns ein Beispiel Ihres eigenen Papiers als Ideenvorlage überlassen?"
"Kein Problem", sagte der Mann am anderen Ende der Strippe, "kommen Sie vorbei und holen Sie es sich ab."
Rolf, Markus und ich nahmen das Postauto nach Mendrisio und dann den Zug nach Lugano. Auf dem grossen Stadtplan an der Stazione suchten wir die Strasse heraus, in der die Druckerei lag. Dann machten Rolf und ich uns auf die Socken. Markus kam nicht mit. Das wäre übertrieben gewesen. Ein Mann Ende zwanzig begrüsste uns freundlich und zeigte uns das Briefpapier seiner Druckerei. Ich erwähnte, dass wir nur eine kleine Offsetmaschine hätten und Visitenkärtchen, Einladungen, Prospekte und dergleichen für die Leute in Ligornetto und Umgebung produzieren wollten. Der Mann gab uns ein paar Muster mit, ohne dass wir ihn darum bitten mussten, und wir verabschiedeten uns mit dem Ausdruck grosser Dankbarkeit.
Dann kauften wir in einer Papeterie einen Stempelbaukasten, um unsere Zeugnisse zu Handen der Geldverleiher möglichst authentisch aussehen zu lassen.
Zurück in Ligornetto erarbeiteten wir die Formulierung eines hieb- und stichfeste Zeugnisses. Rolf wurde als ein Angestellter beschrieben, der seit sechs Jahren als Offsetdrucker bei der Firma in Lugano arbeitete. Er sei sehr seriös und immer freundlich und zuverlässig, schrieben wir und hielten uns die Bäuche. Aus den Einzelbuchstaben des Stempel-Sets setzten wir einen Firmenstempel zusammen und drückten ihn vorsichtig auf das Zeugnis. Ich unterschrieb mit Aldo Lombardi und Markus mit Pietro Moser.
Wenige Tage später trafen die ersten Überweisungen ein, zuerst eintausendfünfhundert Franken, dann zweitausendfünfhundert, achtzehnhundert und so weiter.
Ich buchte einen Flug Zürich-Tel Aviv-Zürich, kaufte in einer Apotheke in Zürich einen Dr. Gibaud-Nierengürtel und einige elastische Binden, um damit später die fünfzehn Haschisch-Platten zu zweihundert Gramm am Körper zu befestigen, je eine an beiden Ober- und Unterarmen und
-schenkeln, fünf um den Bauch herum und zwei auf dem Rücken.
In Lot, dem Flughafen von Tel Aviv, bestieg ich den Bus nach Jerusalem und vom Terminal fuhr ich per Taxi zum Hotel Damascus, wo ich Mahmud zu treffen hoffte. Mit einer Riesenfreude wurde ich von der Hotelcrew wie ein verlorener Sohn begrüsst. Mahmud war allerdings nicht dabei. Er würde aber bestimmt bald auftauchen, sagte man mir. Alle seine Verwandten wohnten in der besetzten Westbank, und musste über Schleichwege zu ihnen und zurück gelangen, was angesichts der israelischen Armee recht gefährlich war. Er kam an diesem Tage nicht, auch am nächsten nicht. Ich wurde nervös. Dauernd musste ich daran denken, was wäre, wenn er nicht auftauchte und ich den Rückflug ohne die Ware antreten müsste. Ich kannte ausser Mahmud niemanden, der mir Shit besorgen konnte. Um die Zeit tot zu schlagen flanierte ich durch die Altstadt, durch das Damaskus Tora zur Via Dolorosa und hinauf bis zum Jaffa Tor, ein Blick auf das Petra Hotel, wo ich auf der Flucht nach dem Bankbetrug logiert hatte, das Gässlein in Richtung auf die Klagemauer hinab, zum Felsendom hinauf und zurück ins Hotel, wo ich Daumen drehte, Kerouac las und Cuba libre soff.
Am vierten Tag tauchte Mahmud auf. Da ich wusste, dass er es nicht mochte, wenn man ihn drängte, verschob ich meine Frage nach drei Kilo Shit auf den nächsten Tag.
Als ich ihn dann darauf ansprach, sagte er: "We shall see."
Ich dachte an meine Leute im Tessin und stellte mir vor, wie sie in der Casa herum lagen, schmauchten und von dem Augenblick träumten, da ich die in Alu-Folie verpackten Shit-Platten in den Raum schmeissen würde. Das Szenarium hatten wir nämlich vor meiner Abreise schon vorskizziert.
Die Beschaffung der Ware war nicht leicht, da die Waffenstillstandsgrenze sowohl zur Westbank wie zum Libanon von den Israelis gut bewacht wurde. Mahmud blieb ein paar Tage in Jerusalem, während derer ich die Zeit totschlagen musste. Warten hat mir seit jeher Qualen beschert. Mein Rückflug war gebucht. Ich hatte das getan, weil ich in jeder Beziehung wie ein normaler Geschäftsmann mit geregelter Tätigkeit wirken wollte.
Endlich kam es dann zum Tausch Ware gegen Geld. Das Kilo kostete den Gegenwert von etwa sechshundert Franken und brachte damals im Strassenverkauf achttausend ein. Mahmud wollte in Dollars bezahlt werden. Ich erinnere mich nicht mehr an den Wechselkurs, aber Mahmuds Grinsen bei der Entgegennahme des kleinen Vermögens steht mir noch heute vor den Augen.
Am Tag vor meinem Rückflug reiste ich zurück nach Tel Aviv und mietete mich für die Nacht in einem unauffälligen Hotel ein. Der Start war auf etwa acht Uhr morgens angesetzt. Ich gab der Reception den Auftrag, mich um halb sechs zu wecken. Trotz der inneren Anspannung wegen des Risikos schlief ich gut.
Als das Telefon wie erbeten um fünf Uhr dreissig klingelte, nahm ich ab und bedankte mich. Nach dem Duschen befestigte ich die am Vorabend in Aluminium verpackten Platten an meinem Körper. Dann zog ich mich vorsichtig an: ein grosses weisses Hemd, eine elegante Krawatte, den marineblauen Trevira-Anzug, den mir mein Onkel Hermann in Locarno gekauft hatte, nachdem ihm ein guter Geschäftsabschluss geglückt war, und nach den schwarzen Socken noch die frisch gewichsten bordeauroten Schuhe mit dicken Vibram-Sohlen, die meiner Gesamterscheinung ein persönliches Flair verliehen.
Über die Rezeption bestellte ich ein Taxi. Als ich mit meinem kleinen Koffer eingestiegen war, begann der Fahrer einen Small Talk.
"Wo geht es denn hin?"
"Nach Zürich."
"Ah, die Schweiz. Muss ein wunderbares Land sein."
"Naja, Israel ist ja auch wunderschön."
"Wenn der Krieg nicht wäre."
"Und die Terroristen."
Er musterte mich. "Wenigstens können sie keine Flugzeuge mehr entführen."
"Nicht?"
"Haben Sie nicht von der Durchleuchtungsanlage gehört, die wir am Flughafen haben?"
"Durchleuchtungsanlage?" Mir stockte der Atem.
"Jeder Passagier muss vor dem Einsteigen eine Schleuse passieren, welche auf Metall reagiert."
"Auf Metall?" Ich erstarrte. Mein gesamter Körper war mit Alu-Folie bedeckt.
"Niemand kann mehr eine Waffe in eines unserer Flugzeuge schmuggeln."
"Grossartig", sagte ich mit belegter Stimme, "und ab wann ist dieses System in Betrieb?"
"Ab heute", antwortete der Fahrer, "heute ist der erste Tag."
Mit blieb der Verstand stehen. "Das ist beruhigend", sagte ich und starrte geradeaus auf den Asphalt. Während des Restes der Fahrt überlegte ich fieberhaft, was ich machen sollte. Wie im Traum stieg ich am Flughafen aus, bezahlte und schritt langsam in die Halle. Wenn ich geschnappt werde, dachte ich, bedeutet das ein paar Jahre Knast in einem israelischen Gefängnis. Ja, und falls du es schaffst, sagte der Draufgänger in mir, kannst du ein Leben in Luxus führen.
Ich entschied mich, das Risiko einzugehen.
Gods own country
1983 ging ich in die USA, zuerst zu einem Freund nach Hollywood, später nach Hawaii. In meinem Ford Mercury Montego durchquerte ich den Kontinent von Ost nach West und zurück. In Memphis besuchte ich Elvis' Graceland und bewunderte die goldenen Wasserhahnen in seinem Privatflugzeug Lisa-Marie. Während der Dauer der Reise schrieb ich das Theaterstück Die Umgekehrte Null, indem ich in Dürrenmatts "Physikern" Satz für Satz ersetzte und den Personen andere Namen gab.
Piz Tomül
Madeleine, genannt das "Miggeli", die geschiedene Gattin des Hong Kong-Meyer, hatte mir von ihrer letzten Reise grundlos eine Radioweltneuheit mitgebracht, die ich mir wie einen Kopfhörer auf den Schädel stülpen konnte. Damals, so um neunzehnhundertdrei-, vier-, oder fünf-undachtzig herum sendete Radio 24 noch vom auf italienischem Territorium gelegenen Pizzo Groppera aus.
Ich war zu Besuch bei Christian, einem alten Kollegen aus Basel, der vor zwei Dutzend Jahren seinen Job als Architekt an den Nagel gehängt und Bergbauer im Bündnerland geworden war. Während der Alpzeit hütete er im Safiental Rinder, und manchmal besuchte ich ihn mit einem Mocken Frischfleisch von Chur aus, wo ich damals meine von einem gewaltigen Liebeskummer angeschlagene Existenz fristete. Ich war körperlich ausgezeichnet in Form und wollte endlich mal auf den Piz Tomül, von dem mir Christian viel erzählt hatte. Er war fast dreitausend Meter hoch, genau 2946, und ziemlich leicht zu erklimmen. Der Tag war wunderschön, und ich brach früh auf. Nach etwa zwei Stunden sass ich auf dem Gipfel und versenkte mich in die begeisternde Aussicht ins Valsertal. Ich war in einem euphorischen Zustand, vom Radio her kam genau die Musik, die ich brauchte.
Nachdem ich ausgeruht war, zwei Tassen Tee und etwas selbst gebak-kenes Brot und Alpkäse gefuttert hatte, machte ich mich auf den Rück-weg. Radio 24 sendete Reggae-Musik, und ich versuchte, im Takt der Rhythmen meinen Abstieg zu gestalten. Mal zwei Schritte vor und einen zurück, mal eine kurze Drehung auf einem Fuss und dazu das begeisterte Mitsingen und -summen eines euphorischen Dilettanten. Eine kleine Schneezunge, die quer auf meinem Trail lag und den oberen Abschluss eines längeren Feldes bildete, das steil in die Tiefe abfiel, beeindruckte mich überhaupt nicht, obwohl mich im Hinterkopf irgend eine vernünftige Kraft darauf aufmerksam zu machen versuchte. Der Reggae fetzte, und es war obercool, mich in dieser Natur mit meinen starken Waden dem Beat hinzugeben. Kaum hatte ich den rechten Schuh auf die Schneezunge gesetzt, riss es mir das Bein weg, und ich landete auf meinem Arsch und rutschte talwärts. Ich war zwar sofort hellwach und wusste auch genau, was zu tun war, aber einen Eispickel, mit dem ich die Fahrt hätte stoppen können, hatte ich nicht dabei. So versuchte ich mit den Absätzen meiner Bergschuhe und mit gerade nach hinten ge-streckten Armen und gekrallten Fingern der Schwerkraft zu trotzen, die mich mehr und mehr in eine Schussfahrt zu bringen versuchte. Meine Schuhe sprangen über den Schnee, und meine Finger wurden gefühllos. Ich kannte dieses Feld von unten und wusste, wo es endete: an einem Abhang von etwa dreissig bis vierzig Metern Höhe. Wenn ich über diese Klippe segelte, hätte ich einen relativ langen Flug und einen schnellen Tod. Ich lehnte mich weiter zurück, um die Absätze meiner Schuhe in ei-nen noch steileren Winkel zum Schnee zu bekommen, rutschte aber unaufhaltsam weiter. Doch plötzlich, und ohne dass ich wusste, wie mir geschah, stoppte die Fahrt. Der uralte Rucksack meines Grossvaters hatte mir das Leben gerettet. Ein vom Alter blank gescheuerter Metallreifen, der beim Tragen am Rücken anliegt, hatte sich so stark in den Schnee gegraben, dass meine Fahrt zur Hölle ihr Ende fand. Schwer atmend lag ich im Steilhang und wusste, dass ich noch nicht gerettet war. Jederzeit konnte ich beim Aufstieg wieder ausrutschen. Ich riss mich zusammen und haute mit dem Fuss den Schnee fest, um einen Halt zu bekommen. Äusserst vorsichtig stand ich auf und stampfte sofort den nächsten Tritt in den Schnee. Der Radio hing schief auf meinem Kopf, und noch immer ertönte der Reggae. Die gesamte Schöpfung schien sich über mich lustig zu machen. Ich nahm alle meine Kräfte zusammen und konzentriere mich auf den nächsten Schritt. Meine Knie schlotterten. Nachdem ich etwa dreissig Tritte in den Sulzschnee getrieben und mich empor gearbeitet hatte, liess ich mich nach vorne flach auf den sicheren Fels fallen. Ich nahm zum erstenmal bewusst wahr, wie gut Dreck riechen konnte. Nach und nach wurde mir klar, dass ich beinahe mein Leben verloren hatte. Bevor ich aufstand, trank ich zwei Becher Tee und ass je einen Bissen Brot und Käse. Nach zwei Stunden nachdenklichen Hinunterstei-gens war ich zurück bei Christian in der Haupthütte der Alp Guv.
"Gib mir einen Schnaps, bitte", sagte ich.
Mit einem leicht angetönten Lächeln um die Mundwinkel und ernstem Blick holte er die Flasche Bergkräuterschnaps aus der Vorratskammer und reichte sie mir. Er wusste, dass er bald eine Story hören würde und dass diese um so blumiger ausfallen würde, je mehr Schnaps flösse. Ich habe die Flasche nach dem ersten tiefen Schluck auf dem Stubentisch abgestellt - mit dem Wissen, dass Christian nach dem Essen einen Kaffi fertig anbieten würde und dass daraus leicht ein zweiter und dritter werden könnte.
Holleriahoo
Zurück in der Schweiz mietete ich mir in Basel ein Büro und initiierte den Kongress "Humor in der Therapie" sowie die Website www.humor.ch.
Dann zog ich in ein Haus im Burgund und sann über die kosmische Bedeutung der Heidi-Romane von Johanna Spyri nach.
2002 hatte ich zwei Lungenentzündungen, eine im März, die andere im Dezember. Ein Alkoholberater riet mir zu einer Entwöhnungstherapie, da mein Immunsystem geschwächt sei. Ich ging 2003 für fünf Monate in eine Klinik bei Bern, dann für anderthalb Monate raus, und anfangs September wurde ich von meinen inkarnierten Schutzengeln überfallen, zusammen geschlagen und ausgeraubt. Zur Zeit bin ich in der Psychiatrischen Universitätsklinik Friedmatt (anfangs
2004), und arbeite an meinem Schlusswerk Der Happy End Express. Nietzsche und Harald Juhnke waren auch schon hier, und wenn ich gross bin, will ich Pilot werden und Heidi Klum adoptieren.
Schreiben
17. November 2006, auf der Fähre "Superba" von Palermo nach Genua.
Vor ein paar Tagen hat Erwin mich gefragt: "Wieso bist du eigentlich nicht
Regisseur geworden?"
Ich zuckte mit den Schultern. "Vermutlich aus Faulheit." antwortete ich.
Er runzelte die Stirn und schwieg.
"Wenn ich schreibe: In einem elfstöckigen roten Haus mit grünen Fensterläden
beugte eine junge schwarz gelockte Frau ihren wohlgeformten, zutiefst
weiblichen Oberkörper vom siebten Stock provokativ auf die enge Gasse vor
dem Haus hinunter und zwinkerte einem jungen Ausläufer zu, der auf seinem
Fahrrad einen grossen Korb voller Baguettes zu den Stammkunden der Bäckerei
Zanolari fuhr, für die er arbeitete, - dann tu ich das in zwei Minuten. Um
es filmisch umzustzen, musst du Kulissen bauen, Schauspieler, Kostümbildner,
Friseure und einen Haufen Hilfspersonal wie Beleuchter, Tonmeister
etc. beschäftigen und bist von einem Wust von Technik abhängig. Zudem bin
ich ungeduldig und immer sehr gespannt darauf, wie die Geschichte sich
entwickelt, an der ich gerade schreibe. Der Regisseur kennt in der Regel
seine Geschichte und setzt sie um. Er verbratet unendlich viel Geld, während
ich meinen Text streichen und umschreiben kann, wie ich will.
Ich glaube, dass das Schreiben die Königsdisziplin unter den Künsten ist."
Der Erwin runzelte wiederum die Stirn.
Ich fragte: "Was ist?"
"Du bist wirklich ein fauler Kerl, ich arbeite den ganzen Tag." "Selber
Schuld", sagte ich, "niemand hat dir befohlen eine Pianobar mit Personal und
dem ganzen Drum und Dran zu eröffnen."
"Das habe ich für meine Frau getan. Der Laden gehört ihr."
"Siehst Du, wiederum ein Fehler. Ich bin allein, und wenn ich eine Frau
will, gehe ich aus oder rufe eine an."
Dies ging mir durch den Kopf, als ich durch den italienischen Sternenhimmel
zwischen Neapel und Capri hindurch brauste und den Schiffsschrauben
lauschte.
Vernichtung ade
Immer noch auf See im ligurischen Wind
"Was geschieht durch den Prozess der Vernichtung? Es heisst, Energie könne
nicht verloren gehen, sie verwandle sich bloss. Die Summe an Energie bleibe
sich stets gleich. Wenn also der Mensch auf seiner Erde zusammen vernichtet
wird, betrifft das lediglich seinen leiblichen Körper - seine Existenz hört
nicht wirklich auf, sondern verwandelt sich in etwas anderes, zum Beispiel
den Teil eines Gartenhages auf einem zukünftigen Mars. Das macht ihm aber
Angst, wenn er es noch nicht erlebt hat, und diese Angst macht ihn blind für
jene in seiner Umgebung, die die Angst hinter sich gelassen haben. Das
Unbekannte macht Angst - davon ist vielleicht ein Teller Pasta in einer
italienischen Dorftrattoria ausgeschlossen, wenn die Köchin ab und zu einen
Blick in die Schankstube wirft und eines ihrer vertrauenerweckenden Lächeln
über die Menge ihrer Schafe gleiten lässt.
Wenn wir das erleben und anschliessen glauben ... verschwindet die Angst, sie
weicht der Zuversicht, vielleicht gar der Einsicht, dass nichts wirklich und
endgültig Bedrohliches oder Schreckliches geschehen kann, weil alles
Existente zu uns gehört - und auch das noch nicht Sichtbare, noch nicht
Geborene. Wir sind von unserer Struktur her alle das Eine und Selbe, das
beweist in grobem Masse sogar schon die DNS und der steinzeitliche
Daumenabdruck. Das Schreckliche und Bedrohliche trifft nur die Unwissenden,
der Wissende lacht und hält sich den Bauch: Er durchschaut das Spiel -
besser als dies ein Theaterschaffender je könnte. Sobald ein Mensch durch
ein besonders intensives Erlebnis erkennt, dass er Vertrauen in die
Schöpfung haben kann, erkennt er, dass er die Schöpfung ist, und das
Vertrauen in die Schöpfung dasselbe wie das Vertrauen in sich selbst, das
Selbstvertrauen. So wie die Wassertropfen in alten fernöstlichen
Gleichnissen als die Ozeane im Kleinen dargestellt und vorgestellt werden,
so können wir diesem Bild vertrauen und es als unser Lebensmotto nehmen.
Mehr als ein Motto genügt sowieso, denn alles gehört zu uns, wir sind alles,
das Fremde existiert bloss in der Illusion.
(Soll ich mit "Donald Duck" unterschreiben?)
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