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«Hans Finsler lehrte mich, dass jeder Gegenstand, der photographiert wird, aufs sorgfältigste betrachtet und untersucht zu werden verdient.» Das schrieb der Zürcher Fotograf Emil Schulthess (1913–1996) vor über zwanzig Jahren in einem Ausstellungskatalog über den legendären Lehrer an der Kunstgewerbeschule Zürich, bei dem er 1932 hospitierte. Das Zitat stammt aus dem Buch «Emil Schulthess – Fotografien 1950–1990», das die grosse Schulthess-Retrospektive anlässlich seines 100. Geburtstags in Winterthur begleitet und die wichtigsten Stationen seines Lebenswegs in Wort und Bild nachzeichnet.
Schulthess galt als erfinderischer Einzelgänger, der sich früh der Farbfotografie zuwandte und bereits 1952 an der «Weltausstellung der Photographie» in Luzern das Publikum mit seinen Farbaufnahmen aus Afrika begeisterte. Er war immer auf der Suche nach den «weissen Flecken auf der Weltkarte», hatte im Nachkriegseuropa, in Afrika, Asien, der Antarktis und im Amazonasgebiet fotografiert und eine ganze Reihe von Büchern veröffentlicht, die bald zu Klassikern wurden.
Die Sowjetunion, das Land, «das sich eine neue Gesellschaftsordnung gegeben hatte», faszinierte Schulthess seit seiner Jugend. In den sechziger Jahren, nachdem er Bücher zu Japan und China veröffentlicht hatte, wollte er es bereisen. Er hatte dort eine andere Art von «weissen Flecken» ausgemacht und wollte diese für ein weiteres Grossprojekt vor die Kamera bekommen. Die Planung erwies sich in der Breschnew-Ära und zu Zeiten des Kalten Krieges als ausgesprochen schwierig. Für Reisen in abgelegene Gebiete war es beinahe unmöglich, Bewilligungen zu erhalten. Erst als er den Journalisten Oleg Kalentschuk kennenlernte, der für die staatliche Presseagentur Novosti arbeitete und der sich ihm als Begleiter anbot, kam die Sache ins Rollen. Schulthess nutzte alle diplomatischen und sonstigen Kanäle, bereiste die Sowjetunion mit Bahn, Flugzeug und Privatauto zwischen 1967 und 1970 siebenmal. Er zog immer weitere Kreise, erkundete das «einzige Land, in dem die Sonne nie untergeht», in alle Himmelsrichtungen, besuchte auch die Regionen, die normalerweise TouristInnen verschlossen bleiben, und brachte 8000 Aufnahmen mit nach Hause. Für das folgende Buch schrieb er zum ersten Mal die Texte selbst, nahm «differenziert Stellung und bekannte sich zu einer zutiefst ambivalenten Haltung gegenüber der Sowjetunion», wie Alexis Schwarzenbach im Ausstellungskatalog schreibt. Fredi Bosshard
Die «Emil Schulthess – Retrospektive» der Fotostiftung Schweiz in Winterthur dauert noch bis zum 23. Februar 2014. Am Erscheinungstag dieser WOZ feiern das Fotomuseum Winterthur und die Fotostiftung Schweiz die ersten zehn Jahre des Zentrums für Fotografie mit hundert zehnminütigen Betrachtungen zu ausgewählten Objekten aus der Sammlung. Zehn davon sind Emil Schulthess gewidmet. www.fotostiftung.ch
Alexis Schwarzenbach: Emil Schulthess – Fotografien 1950–1990. Mit 200 Abbildungen. Limmat Verlag. Zürich 2013. 296 Seiten. 68 Franken