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Klees lange Reihe der abstrakten Aquarelle setzte mit dem Beginn des Jahres 1914 ein und erhielt auf der Tunis-Reise wichtige Impulse, die sein Schaffen der folgenden Zeit nachhaltig prägten. Seine Suche nach einer abstrakten Formensprache und einer Verselbständigung der Farbe entwickelte sich besonders im Medium des Aquarells, dessen Flüssigkeit und Transparenz Klees Neigung zu sich überlagernden, schwebenden Formen, zum Angedeuteten und Nicht-Vollendeten entgegenkam. Der Titel des Aquarells „braunes Δ rechtw. strebendes Dreieck“ läßt an eine gegenstandsunabhängige, geometrische Untersuchung denken, wobei in dem Wort „strebend“ eine Dynamik angezeigt wird, die das geometrische Prinzip überschreitet und ein aktives Element einführt. Auf diese Weise betonte Klee den organischen Charakter auch des abstrakten Bildes. „braunes Δ rechtw. strebendes Dreieck“ ist aus einem Gefüge irregulärer Rechtecke in kontrastierenden Buntfarben aufgebaut. Der Farbauftrag changiert zwischen dünnflüssig-transparent und deckend. Das Aquarell fügt sich in eine Gruppe von stark abstrahierten Arbeiten des Jahres 1915, die aus einem bunten Gefüge hauptsächlich schmaler, senkrecht aufragender Streifen aufgebaut ist. Auch diese Werkgruppe verdankt sich den künstlerischen Folgen der Tunis-Reise. Christian Lenz leitet die Gruppe aus dem querrechteckigen Aquarell „Im Stil von Kairuan, ins Gemäßigte übertragen“, 1914.211, ab, wo dieselben Rechtecke in Verbindung mit Kreisformen als Stilisierungen von Bäumen erstmals auftauchen. Die Aquarelle des Jahres 1915, so „Lachende Gotik“, 1915.31, „Anatomie der Aphrodite“, 1915.48, „Bewegung der Gewölbe“, 1915.53, sind dagegen Hochformate, deren Vertikalachse durch die senkrechte Dehnung der Rechtecke zusätzlich betont wird. Neben den Errungenschaften der Tunis-Reise ist es vor allem die Wirkung der Kunst Robert Delaunays, die diese Werkgruppe bestimmt. (1)
Bemerkenswert ist in „braunes Δ rechtw. strebendes Dreieck“ die annähernd äquivalente Gestaltung der linken und rechten Bildränder, die beide einen violetten Streifen unten und eine orangerote Partie darüber aufweisen. Hier könnte sich eine Erinnerung an Robert Delaunays seitliche Fassungen seiner stark abstrahierten Fensterbilder zeigen. In dem tiefschwarzen spitzwinkligen Dreieck in der oberen Hälfte des Blattes hat sich Klee vermutlich an Delaunays abstrahierten Eiffeltürmen, wie zum Beispiel in der Komposition „Fenêtres ouverts simultanément (1er partie, 3e motif)“ von 1912 (The Tate Gallery, London), inspiriert. Während bei den vergleichbaren Werken Delaunays jedoch die Art des Farbauftrages eine Rhythmisierung bewirkt, die das Bildfeld in Maßen verräumlicht, bleiben die Farbstreifen und -rechtecke bei Klee hier weitgehend an die Fläche gebunden. Eine gewisse Verräumlichung findet sich in Klees Blatt „Lachende Gotik“, 1915.31, aus derselben Werkgruppe, das mehrere dem Aquarell „braunes Δ rechtw. strebendes Dreieck“ verwandte Bildphänomene aufweist. Die beiden ähnlichformatigen Blätter haben eine verwandte Palette; in „Lachende Gotik“ gibt es zusätzlich zu den kräftigen Buntfarben einige erdige Mischtöne. Das reiche Gefüge der Farbstreifen verdichtet sich – an gotische Bogenformen gemahnend – zur oberen Bildmitte hin; hier findet sich auch ein in Schräglage versetztes spitzwinkliges schwarzes Feld in gelbleuchtender Umgebung. Das Düsseldorfer Blatt läßt sich als eine Simplifizierung des zeitlich vermutlich früheren und komplexeren New Yorker Aquarells ansehen.
Pia Müller-Tamm, in: „Einblicke. Das 20. Jahrhundert in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf“, Ostfildern-Ruit 2000, S. 520f. mit Farbabb. S. 30
(1) Christian Lenz, „Klee und Delaunay“, in: „Delaunay und Deutschland“, hg. von Peter-Klaus Schuster, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, Staatsgalerie moderner Kunst, München 1986, S. 235f.