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Das Mittagessen auf Monte Ferro und der Scheibenkofel
( Monte Lastroni )
VON S. WALCHER, WIEN
Mit 3 Bildern ( 15-17 ) Nach einer Ersteigung der Hohen Warte'von der Marinelli-Hütte, mit Abstieg auf dem interessanten Sentiero Spinotti zum Rifugio Lambertenghi Romanin auf der Südseite des Wolayer Passes, waren wir am Sonntag, dem 9. September, Collina nach der deutschen Sprachinsel Bladen-Sappada gekommen. Über die Gründung dieser Gemeinde lesen wir2, « dass die Grafen von Heimfels beim Bau ihrer Fronfeste an der Einmündung des Villgratentales in das von der Drau durchflossene Pustertal die Bauern so sehr bedrückten, dass diese beim Patriarchen von Aquileja, der deutscher Reichsfürst war, Zuflucht suchten. Die ersten Familien hatten 1078 im damals unbewohnten obersten Piavetal eine neue Heimat zugewiesen erhalten; in den folgenden Jahrhunderten folgten weitere Familien nach, und bis zum 14. Jahrhundert waren vierzehn Weiler der Gemeinde Bladen oder 1 Hohe Warte ( Monte Coglians ) 2780 m, Karnischer Hauptkamm.
2 Die deutschen Sprachinseln im Trentino und Oberitalien. Verlag Athesia, Bozen, 1959.
Sappada entstanden, die den Namen des Erstsiedlers erhielten: Lerpa, das ist Lerchbach mit Plotta, Grossdorf oder Granvilla, der Mittelpunkt der Siedlung, Moos oder Palù, Pill, Milbach oder Mühlbach, Cottern, Hoffer, Brunn oder Fontana, Kratten, Oberweger oder Soravia, Ecche aus Ecker, Puiche von Bucher mit Cretta und Oberbladen oder Cimasappada. Jeder Weiler hat seine Kapelle und sein Kreuz, seinen Brunnen und seine Gaststätten. » « Über den Sextner Kreuzbergsattel führt durchs Comelico eine Strasse nach Bladen, mehrere gangbare Pässe führen über die Karnischen Alpen ins Lesachtal; über Oberbladen zieht die Strasse ins Friaul. Durchs Karnische Bergland gelangt man auf Fusswegen zur einsam gelegenen Sprachinsel Zahre(Sauris)1. Die Hochebene Bladen, etwas hügelig und grün, ist von herrlicher Naturschönheit. Sie hat ungefähr Dreiecksform, ist von drei Seiten von Fichtenwald umschlossen, umgrenzt von prächtigen Alpenriesen, an deren Füssen milchige Gletscherbäche entspringen. So schildert ein italienischer Schriftsteller diese deutsche Sprachinsel, die ihrer Geschlossenheit die Erhaltung ihrer Eigenart bis heute verdankt. Bach-, Berg- und Flurnamen sind bis heute überwiegend deutsch geblieben, auch die Familiennamen wurden nur teilweise verwelscht2. Die Haussprache ist fast in allen Familien deutsch.
Wald- und Weidewirtschaft, ein wenig Ackerbau, Bergbau am Eisenberg ( heute Monte Ferro ), später auch Wanderarbeit als Maurer, Stuckarbeiter und Hausierer haben der Bevölkerung von Bladen den Lebensunterhalt geboten. Die Entwicklung des Fremdenverkehrs und Wintersports hat heute neue Wirtschaftsmöglichkeiten erschlossen, welche durch die Ausgestaltung der Autobuslinien zwischen Innsbruck bzw. Brixen und München und Udine, Triest und Görz und anderen Städten sehr gefördert werden. Die günstige Schneelage und die ebenso Sommerfrischlern und Bergsteigern vorteilhafte Umgebung liess das Gastgewerbe von heute ( rund 30 Hotels und Gasthöfe und 300 Villen und Mietwohnungen ) entstehen und zwei Sessel- und vier Skilifts errichten. » Den Bergsteiger aber wird vor allem interessieren, welche Berge er von Sappada aus besteigen kann und was man über sie weiss; ihnen sei die zwar etwas veraltete, aber ansonst ausgezeichnete kleine Monographie von Dr. Carl Diener, « Die Sappada-Gruppe»3, bestens zum Studium empfohlen.
Als wir in Grossdorf aus dem Autobus stiegen, war es 11 Uhr vormittags. War uns auf der Hohen Warte ein feuchtes Nebelwetter beschieden, so schien heute die Herbstsonne warm vom wolkenlosen Himmel. Wir standen bei der Talstation des Sesselliftes zum Monte Ferro und bewunderten die prächtigen Felsgestalten, die da vor uns standen, vor allem unser Hauptziel, die Terza Grande, den Plichenkofel der Bladener. Die sensengemähten Wiesenhänge waren wie ein kurzgeschorener Teppich anzusehen, die lichten Lärchen hingen voll des Sonnengoldes, und das Blau des Himmels war als zartester Duftschleier über das ganze stille Bladenertal gebreitet.
Eigentlich war heute Rasttag, denn morgen wollten wir ja auf die Terza Grande. Wie wir aber so beim Sessellift standen und all die Herrlichkeiten rundum bewunderten, bedurfte es nicht vielem Zureden von Seiten der Gefährtin, das Mittagessen statt im « Gasthof zur Post » oben bei der Bergstation Monte Ferro einzunehmen. Also wurden im Kaufhaus rasch Wurst, Wein und Brot besorgt, und behaglich schwebten wir darnach in den roten Sesseln über den samtenen Wiesenmatten, über den Kronen der vergoldeten Lärchen hinauf zur Station Monte Ferro.
1 Siehe: Die Alpen, IV. Quartal 1962.
2 Auf den Grabsteinen des Friedhofes von Grossdorf ( Granvilla ) findet man fast ausschliesslich die alten deutschen Namen.
3 Dr. Carl Diener, Die Sappada-Gruppe. Zeitschrift des D. u. Ö.A.V. 1890, Seite 321.
Als wir nach nicht langer Fahrt aus dem bequemen Sessel stiegen, war die Welt um uns noch viel schöner geworden, und begehrlich wanderten unsere Blicke von einem Gipfel zum andern, immer aber beim Plichenkofel hängen bleibend.
« Also, wo essen wir? » Etwas gekränkt sah mich nach dieser prosaischen Frage Giovanna an. « Ach, gehen wir doch noch ein Stück hinauf, bis wir einen schönen Rastplatz finden ». Also geschah es. « Ein Stück hinauf? Ein schöner Rastplatz? Hm, nicht schlecht, aber wenn schon, dann gleich auf den Monte Ferro! » Ein glückliches Lächeln huschte über das braune Gesicht der Gefährtin. « Fein » sagte sie, und wir gingen. Die Mittagssonne war inzwischen nicht weniger warm geworden, und der Steig, dem wir folgten, war etwas steil. Mit seiner Hilfe erstiegen wir eine Felswand von ansehnlicher Höhe, nicht achtlos an der Gedenktafel für einen abgestürzten Heuträger vorübergehend. Oberhalb der Wand nahm uns ein weites, welliges Wiesengelände auf, aus dem ein steiler Grashang zum felsigen Grat des Monte Ferro hinaufzog. « Da müssen wir hinauf », sagte ich, und die Gefährtin nickte freundlich dazu. Als wir uns aber umdrehten und zurückblickten, riefen wir gleichzeitig: « Oh, schau Dir einmal den Plichenkofel an! » Tatsächlich, ein so prächtiges Bild hatte ich noch selten gesehen: als feines, fast überschlankes Horn stieg die Terza Grande, alle Berge rund um sie überragend, hinauf zum hellen, sonnigen Himmel!
Unter einem Legföhrenbusch versteckten wir den kleinen Rucksack, der das Mittagessen enthielt, das wir momentan ganz vergessen hatten, und fingen an, den Grashang hinaufzusteigen; der aber wurde rasch so steil, dass uns das lange, harte Gras an der Nase kitzelte, dagegen der Gummisohle keinen Halt bot. Nachdem ich an mehreren Stellen, die mir weniger steil schienen, diesen « Gras-Sechser » versuchte, fiel mir der eigentliche Zweck unseres heutigen Entschlusses wieder ein; wir kehrten um, holten den Rucksack aus dem Legföhrenversteck heraus und stiegen zum Weg, den wir heraufgekommen waren, hinunter, mit der festen Absicht, nun Wurst, Wein und Brot zu kosten. Aber wie das schon bei Bergsteigern ist oder vorkommen soll, jetzt schien mir als Rastplatz nur noch ein Gipfel geeignet. « Gehen wir ein Stück weiter hinauf, oben haben wir eine bessere Aussicht », sagte ich so nebenbei, hängte den Sack mit der Leibesstärkung auf eine Schulter, wir wollten ja nur ein Stück weiter hinaufgehen, und setzte mich in Bewegung.
Wie wir so einen Wiesenrücken nach dem anderen erstiegen, kreisten meine Gedanken wieder einmal um unser Tun als Bergsteiger. Wie wir doch alle so vielfach verschiedenen Zielen nachgehen, und wie doch unsere Wünsche und Absichten so mannigfaltig sind. Da denke ich an die Felsspezialisten, an die Eismänner, an die Viertausender-Sammlsr, an die Extremen und Extremsten, die ruhelos durch ihre Tage irren, solange sie nicht die neueste, wieder einmal endgültig an der Grenze des Menschenmöglichen liegende, schwierigste und gefährlichste Fahrt der gesamten Alpen hinter sich gebracht haben, an die gemütlichen Bummler, Schönheitssucher, Gedankengrübler, Systematiker und an die vielen anderen, deren Tun als Bergsteiger grundsätzlich das gleiche ist, und die doch wieder von so ganz anderen Beweggründen, Wünschen und Gefühlen geleitet werden. Sind sie aber alle nicht mehr oder weniger doch ein bisschen Narren? Freilich, friedliche, meist schätzenswerte und liebenswürdige Narren! Oder stehen die Narren vielleicht doch auf der anderen Seite? Wer kann es wissen? Lasst sie nur alle ihre Wege gehen ohne scheel auf sie zu blicken, ohne sie scharf zu kritisieren oder auf geschriebene und ungeschriebene Regeln hinzuweisen, solange sie nicht gegen die menschlichen Gesetze verstossen oder sonst ein Unheil anrichten. Was jedem bestimmt ist, zu werden, das wird er wohl werden müssen, und viele « grosse Probleme » werden vor dem goldenen Tor der Toleranz ihre Wichtigkeit verlieren.
Nun waren wir schon wieder eine Stunde unterwegs, als wir endlich die letzte Rasenschwelle erreicht hatten. Da lag auf einmal vor uns ein kleiner, lieblicher See ( der Lago d' Olbe ), in dessen glatter, leuchtender Fläche sich ein kleines, nettes Haus spiegelte, ein türmereicher Felsgrat und ein seine Umgebung überragender kegelförmiger Berg, an dessen Flanke ich eine Wegspur, unter seinem Grate aber die unverkennbaren Reste von Stellungsbauten aus dem ersten Weltkrieg entdeckte. « Schau, welch ein niedliches Seelein » rief entzückt die Gefährtin, « willst Du nicht rasten? » Aber der schreckliche Mensch nickte nur verneinend, hängte jetzt noch den anderen Riemen seines Rucksackes über die zweite Schulter, wies mit der Hand hinauf zum Gipfel des Berges, und schritt schon auf dem alten Kriegsweg bergwärts.
Ja, nun wäre wieder so manches über die Leistungen der Frontsoldaten im Hochgebirge Anno 1914-1918 zu erzählen, aber wollen wir ihnen diesmal nur ein stilles, aber vom Herzen kommendes Gedenken weihen.
Unterhalb der Ausschusslöcher, der Stollen und Kavernen, Meisterbauten italienischer Pioniere, vorbei, zuletzt einen kurzen Grat hinaufkletternd, erreichten wir dann, es war 15 Uhr, den Gipfel des Berges, dessen Namen wir erst abends an Hand der Karte, die ja im « Gasthof zur Post » lag, feststellen konnten. Nun wäre also der Rastplatz für das Mittagessen erreicht gewesen, aber « Schau, da drüben, der grosse, weisse Berg, das muss der Monte Peralba sein und dort, ganz im Osten, die Hohe Warte ». « Und der Monte Ferro? » « Der Monte Ferro? Das ist der lange Felsgrat, der da unter uns nach Westen zieht! » Und so suchten wir einen Berg nach dem anderen und vergassen dabei wieder die Wurst, den Wein und das Brot. Ja, was man vom Scheibenkofel sehen kann, ist viel und schön. Diener beschreibt die Aussicht eingehend; was er aber von der Terza Grande, dem Plichenkofel, sagt, möge hier Platz finden: « An edlem Schwung der Konturen und Kühnheit des Aufbaues kommt in unserem Aussichtsbilde unter allen Gipfeln der Sappada-Gruppe keiner der Terza Grande gleich. Während vom Tal aus gesehen das eigentliche Gipfelhorn durch den breiten Rücken des Ostgrates wesentlich beeinträchtigt wird, steigt es hier als schlanke, scharf zulaufende Nadel hoch über seine Umgebung empor. » Die Gipfelrast dauerte 10 Minuten; dann aber kam doch das Mittagessen, unten, beim niedlichen See.Vor der guterhaltenen, aber völlig leeren Hütte machten wir es uns bequem; die Sonne schien noch recht warm, ihre Strahlen zitterten über die dunkle Wasserfläche, die uns, wenn kein leiser Lufthauch darüberhuschte, den Himmel zeigte, die Sonne und die Berge, die den kleinen See umstehen.
Als die letzten Strahlen der Sonne über den Felsgrat des Monte Ferro wie goldene Pfeile zum Himmel hinaufschossen, traten wir den Abstieg an; an einer kleinen Gedenkkapelle für die toten Frontsoldaten vorbei folgten wir einem mit roter Farbe bezeichneten und mit der Nummer 135 versehenen Weg hinab in das Mühlbachtal, das Diener bei seinem Aufstieg zum Scheibenkofel benützte und von dem er sagt: « Der Weg ist reich an reizvollen und malerischen Bildern. Die prachtvollen Lärchenbestände auf saftiggrünen Alpenmatten, die man in der ersten Hälfte desselben durchwandert, stehen an Schönheit jenen im Innerfeldtale nicht nach. Während des Aufstieges durch die pittoreske Felsschlucht des Mühlbaches entfaltet sich fortwährend ein hübscher Rückblick auf die Berge in der südlichen Umrandung des Talbeckens von Sappada, Monte Ghéu, Siéra, Hinterkärlspitz und Terza Grande. » Da wir diesen Weg im Abstieg begingen, hatten wir alle diese Bergherrlichkeiten stets vor uns, bis wir unten standen auf der wohlgepflegten Strasse und auf ihr gemächlich hinabschritten zum Grossdorf, von dem wir ausgezogen waren zum Mittagessen auf Monte Ferro, und von dem wir morgen ausziehen wollen zur Terza Grande.