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Kürzlich nahm ich an einem Workshop teil und wurde in eine Gruppe eingeteilt, die eine bestimmte Situation beschreiben und Handlungsempfehlungen abgeben musste. Ich beobachtete für einmal den Gruppen- und Problemlösungsprozess, anstatt mich voll auf die Aufgabe zu konzentrieren und war mehr als erstaunt. Natürlich trat sofort ein Moderator auf, der sich anbot, zum Problem Aussagen zu den drei Feldern „Information“, „Analyse“, „Empfehlungen“ zu sammeln. Er erklärte, dass die Empfehlungen aus den Aussagen und diese wiederum aus den Informationen folgen sollten.
Jedes Gruppenmitglied nannte nun, was ihm gerade in den Sinn kam. Das lief relativ brainstormartig ab. Nach einigen Minuten waren die drei Felder gefüllt und man konnte zufrieden abbrechen und die Sammlung dem Plenum vorstellen.
Bis auf einen hat sich niemand auch nur um eine Spur einer theoretischen Einbettung der Situation gekümmert. Als der Eine von einer Theorie berichtete, die exakt zu der Situation gepasst hätte, hörten die anderen Mitglieder gelangweilt zu und setzten danach unberührt ihr wildes Brainstorming weiter. Ich glaube, sie verstanden die Theorie gar nicht, bzw. fühlten sich in ihrem Brainstorm gestört.
Meine Beobachtung wurde bestätigt, als ich kurz darauf zusammen mit anderen Mitstudenten eines Kurses eine Hausaufgabe erhielt. Wir mussten verschiedene Konzepte in einem bestimmten Schema beschreiben und zusammenfassen. Die Konzepte wurden in den vergangenen Jahrzehnten durch Pioniere publiziert und in der Praxis erprobt und basieren alle auf Theorien, die von bekannten Forschern aufgestellt wurden.
Die meisten meiner Mitstudenten machten sich nicht die Mühe einer Recherche. Es schien, dass sie meinten, die Bezeichnungen seien leere Worthülsen und müssten von uns mit einer Bedeutung gefüllt werden. Sie haben einfach etwas erfunden und brauchten so bloss ein paar Minuten, um das Beschreibungsschema zu füllen. Das Studium der Konzepte nahm hingegen viel Zeit in Anspruch und die einigermassen fundierte Zusammenfassung erforderte nochmals einen grossen Aufwand.
Es scheint, dass viele Menschen ihre Aufgaben so ziemlich ad hoc angehen ohne sich Gedanken zu machen, ob zu dem Themenkreis, den die Aufgabe adressiert, bereits Theorien bestehen, an die sie anknüpfen könnten. Man redet und denkt einfach mal in’s Blaue hinaus….
Über die Welt, in der wir leben, nachzudenken, ist für mich ausserordentlich sinnstiftend. „Nachdenken“ bedeutet für mich:
- Intuitives erfassen der Situation oder Tatsachen.
- Verbindungen herstellen zu ähnlichen Situationen und Tatsachen.
- Klassifizieren der Situation und recherchieren, ob diese Situations-/Tatsachenklasse in der Literatur bekannt ist, heute unbedingt auch unter Einbezug von Social Media und anderen Web 2.0 Anwendungen
- Verknüpfen, vernetzen und weiter entwickeln relevanter Konzepte und Theorien
- Einbetten der Situation oder der Tatsachen in die Konzepte und Theorien
- Verstehen der Situation und der Tatsachen.
Das ist eine „gezwungene“ Beschreibung meines Denkens. Sie erhebt aber nicht den Anspruch, eine Denkmethodologie zu sein, denn dieses Schema läuft meistens intuitiv ab. Die einzelnen Punkte überlappen und durchdringen sich, und ich bin sie mir auch nicht bewusst.
Entsteht denn neues Wissen nicht vor allem dadurch, dass bekanntes Wissen verknüpft , vernetzt, zueinander in Relation gesetzt und neu klassifiziert wird?
Für Managementsysteme „tural on management“ bringt es auf den Punkt1:
Die Prozessorganisation ist …. eine sinnverarbeitende soziale Organisation, deren Basiselement Kommunikation ist….Die Operationen im Prozess haben komplizierte und komplexe Anteile. Komplizierte Anteile sind analytischen Verfahren zugänglich, so dass sie mit bewährten Methoden analysiert, geplant, modelliert und dokumentiert werden [können]. Komplexe Anteile sind analytischen Verfahren nicht zugänglich. Hier hat das Prozessteam mit Überraschungen zu tun. Es benötigt im Moment der Überraschung eine passende Idee. Theorien sind Prüfmechanismen für Ideen. Theoriebasiertes Vorgehen ist erforderlich.
1tural on management. Prozess. Website . Letzter Zugriff am 16. Juni 2012