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Jede chronisch kranke Person in der westlichen Hemisphäre kennt das Problem. Dumme Leute denken über sie: „Sie ist krank, weil sie eine negative Lebenseinstellung hat.“
Sie sagen auch: „Sie ist krank, weil sie zu wenig stark ist, ihr Leben zu ändern, um die Krankheit zu besiegen.“ Mit anderen Worten: Sie ist selbst schuld. Früher habe ich noch regelmässig über meine chronische Krankheit gebloggt. Damals habe ich solche oder ähnliche Statements oft in meinen Kommentaren lesen dürfen. Unterfüttert wurden sie auch mal mit Verweis auf das Buch „Krankheit als Weg“ von Rüdiger Dahlke und Thorwald Dethlefsen. Die beiden schreiben zum Beispiel: „Taub wird nur der, der für seine Innere Stimme schon lange taub ist.“
„Bin ich selbst schuld? Kann ich etwas an mir ändern, damit es mir besser geht?“ Mit diesen Fragen habe ich mich jahrelang beschäftigt. Ich habe Therapien gemacht und intensiv auf jede erdenkliche Regung gehorcht, die möglicherweise meine ungehörte innere Stimme hätte sein können. Nach zehn Jahren und fast vollständiger Ertaubung kann ich zusammenfassen: Solche Theorien sind Bockmist. Sie haben mein Leben wahrscheinlich schwieriger gemacht als es ohnehin schon war.
Seit wenigen Tagen kann ich den „Autoritäten“ Dahlke und Dethlefsen nun eine äusserst glaubwürdige literarische Stimme entgegenhalten. Ich habe „Krankheit als Metapher“ von Susan Sontag gelesen. Sontag war eine Ikone der New Yorker Kulturszene des ausgehenden 20. Jahrhunderts und erkrankte in den siebziger Jahren selbst an Brustkrebs. Über die Psychologisierung von Krankheiten findet sie klare Worte: „Theorien darüber, dass Krankheiten durch mentale Zustände ausgelöst und durch Willenskraft überwunden werden können, sind immer ein Gradmesser dafür, wie wenig man über das physische Terrain einer Krankheit weiss.“ Im 17. Jahrhundert habe man noch geglaubt, dass ein glücklicher Mensch die Pest nicht bekommen könne. Als man dann mehr wusste über Bakterien und Viren, seien solche Theorien verschwunden. Beziehungsweise: Sie hätten sich auf Krankheiten wie Krebs verlagert, über die man noch wenig wusste. Chronische Krankheiten wie Morbus Menière darf man sicherlich zu diesen Krankheiten zählen – auch wenn Susan Sontag sie nicht explizit erwähnt.
Sontag erforscht dann die Metaphern, die mit den Krankheiten wie Krebs einhergingen. Das ist inspirierende Lektüre und verleitet dazu, einen Blick auf die Metaphern der Taubheit zu werfen. Nehmen wir zum Beispiel den Satz von Dethlefsen: „Taub wird nur der, der für seine Innere Stimme schon lange taub ist.“ Das ist nur eine leicht gekünstelte Art zu sagen, dass der schwerhörige Mensch ein zerstörerisches Verhältnis zu sich selbst hat. Also das, was die Autoren über jeden kranken Menschen sagen, einfach ausgeschmückt mit etwas Poesialbumssprache.
Schauen wir eine andere, häufig verwendete Metapher von Taubheit an: „Er stiess mit seinem Anliegen auf taube Ohren.“ Sie ist in den Medien gebräuchlich, wenn einfache Bürger berechtigte Anliegen bei Machthabern nicht durchsetzen können. Diese Machthaber sind politische Amtsträger oder Journalistinnen, die sich verstecken, keine Zeit haben, desinteressiert oder rücksichtlos sind. Machthaber also, die ein ignorantes, ja, tyrannisches Verhältnis zum in der Regel hörenden Untertanen haben (verbreitete Redensarten werden ja vom Mainstream gemacht, und dieser besteht aus mehrheitlich gut hörenden Menschen).
Taubheit wird also nicht als Zumutung für die von Taubheit betroffene, sondern als Knechtung der hörenden Person verstanden.
Das offenbart zwar ein überraschend gutes Verständnis des Mainstreams für die Natur einer kommunikationsbehindernden Krankheit. Denn, ja: Taubheit behindert nicht nur die taube Person, sondern auch ihre Gesprächspartnerin. Nur finden sich schwerhörige Menschen selten in einer Machtposition. Meist hecheln sie in Gesprächen vielmehr angestrengt hinterher, voller Angst, etwas Wichtiges zu verpassen oder ganz den Faden zu verlieren. Ausserdem ist es ein Affront gegenüber meinen schlecht hörenden Kolleginnen und Kollegen, die ich grossmehrheitlich als sehr empathische Menschen erlebe.
Und: Es hat nach meiner Erfahrung auch schon geholfen, wenn sich von Machthabern übergangene Bürger mal gefragt haben: „Was könnte ich anders machen, damit ich gehört werde?“ Dasselbe gilt auch für Hörende, wenn sie mit schlecht Hörenden sprechen.
Susan Sontag: „Krankheit als Metapher und Aids und seine Metaphern“, Fischer Taschenbuch, 2003. Die Zitate hier im Blog habe ich aus der englischen Originalausgabe selbst übersetzt.