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Dreissig Jahre mit Computern
Seit ich zum ersten Mal einen Computer benutzt habe, sind sie fast eine Million Mal stärker geworden. Große Computer können zwar entfremdend sein, aber im Allgemeinen führt ihre Entwicklung zu einer besseren Nutzerpraxis.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 24.05.2004
1974 habe ich angefangen, Computer zu nutzen; da war ich noch auf der High School. Mein erster Computer füllte ein ganzes Zimmer aus und hatte dennoch nur fünf Kilobytes Arbeitsspeicher (das sind 5 K, nicht 5 M). Lochstreifenband war die gewöhnliche Form der Dateneingabe, und die Operatorkonsole war eine elektrische Schreibmaschine. Keine Bildschirme, kein Cursor. Der Prozessor lief mit einer Geschwindigkeit von etwa 0,1 MHz.
Trotz seiner primitiven Natur machte es viel mehr Spaß, diesen frühen Computer zu nutzen, als den Monster-Zentralrechner, der mir ein paar Jahre später zugewiesen wurde, als ich auf die Universität kam. Der frühe, einfache Computer konnte nicht viel; dennoch habe ich ein paar textgestützte Spiele für ihn entworfen. Es war noch ein Ein-Mann-Computer - im Grunde ein PC von der Größe eines Zimmers. Wenn man ihn benutzte, hatte man die totale Kontrolle über die Maschine und wusste immer, was sie gerade tat, bis hin zum Wirbeln und Surren des Lochstreifenbandes.
Der größere, neuere Zentralrechner hatte zwar einen richtigen Röhrenbildschirm, aber auch obskure Kommandos und eine schreckliche Usability. Das schlimmste war, er war hochgradig entfremdend, weil man keine Ahnung hatte, was vorging. Man gab Befehle ein, und einige Zeit später konnte man die gewünschten Ergebnisse sehen. Es gab keinerlei Gefühl, dass man die Maschine beherrschte. Im Grunde war man Bittsteller vor einem magischen Orakel, das jenseits aller menschlichen Auffassungsgabe operierte.
Die Leute, die erst nach der PC-Revolution begonnen haben, Computer zu nutzen, haben keine Ahnung, welch miserable Nutzerpraxis die zentralisierten Computer den Nutzern aufgezwungen haben. Selbst die schlimmsten PC-Designs fühlen sich im Vergleich dazu positiv befreiend an.
Für mich persönlich markierte die Erfahrung des Übergangs von einem kleinen, relativ transparenten Computer zu einem bedrückend großen und undurchschaubaren den Beginn meiner Leidenschaft für Usability. Ich wusste, dass es sich durchaus gut anfühlen konnte, Computer zu benutzen, und ich wollte dieses Gefühl der Ermächtigung wiedererlangen und erreichen, dass die Menschen wieder die Kontrolle über die Maschinen bekamen.
Für das Thema im Allgemeinen ist es von Nutzen, die Abgründe des zentralisierten Computerwesens im Gedächtnis zu behalten. In dem Maße, wie wir die Stärke des Netzwerks wachsen lassen, müssen wir Maßnahmen ergreifen, damit die Nutzer die Kontrolle behalten. Es ist unabdingbar, dass wir das Front-End stärken, um das Gleichgewicht gegenüber den wachsenden Back-End-Funktionen zu erhalten.
Was 2034 bringen wird
Wenn ich meinen Übungsfahrplan beibehalte, habe ich gute Aussichten auf weitere dreißig Jahre Umgang mit Computern. Gemäß dem Mooreschen Gesetz verdoppelt sich die Stärke der Computer alle 18 Monate, das bedeutet, die Computer werden 2034 eine Million Mal stärker sein als jetzt. Gemäß dem Nielsenschen Gesetz von der Internet-Bandbreite wächst die Stärke der Heimanschlüsse um 50% pro Jahr; in 2034 werden wir die 200'000fache Bandbreite haben.
Im gleichen Jahr werde ich einen Computer besitzen, der mit 3 Phz Prozessorgeschwindigkeit läuft, ein Petabyte Arbeitsspeicher hat, ein halbes Exabyte festplatten-adäquate Speicherkapazität und eine Internet-Anbindung mit einer Bandbreite von einem Viertel Terabit pro Sekunde. (Peta ist 1015 oder eine Million Giga; Exa ist 1018 oder eine Milliarde Giga.)
Die Spezifikationen mögen sich ändern: Anstatt der gegenwärtigen Flugbahn des Mooreschen Gesetzes zu folgen und die einzelnen Prozessoren zu beschleunigen, werden wir wohl eher mit Multiprozessoren zu tun bekommen, mit intelligentem Staub [smart dust] und anderen Methoden, äquivalente Stärke durch eine fortgeschrittene Computer-Architektur zu erzielen. Aber um solche technischen Details dürften sich die Nutzer keine Sorgen machen.
Im Jahr 2034 werden wir endlich ordentliche Computerbildschirme haben mit einer Auflösung von, sagen wir, 20.000 x 10.000 Pixel (statt der kläglichen 2048 x 1536 Pixel auf meinem jetzigen Monitor). Das ist zwar willkommen, aber mein hier vorausgesagter Verbesserungsfaktor von 200 ist relativ klein; die Geschichte zeigt, dass die Bildschirmtechnik die trübste Verbesserungskurve von allen Computertechniken hat, ausgenommen vielleicht Akkus.
Hardware-Verbesserungen ausnutzen
Wie kann jemand Petabytes von Arbeitsspeicher und Terabits von Bandbreite für persönliche Bedürfnisse nutzen? Das ist jetzt schwer vorstellbar, aber ich denke, wir werden keine Probleme haben, das kommende Hardware-Füllhorn in vernünftigen Gebrauch zu nehmen. Den halben Speicher werden wir brauchen, um alle unsere Informationen zu indexieren, damit wir sie jederzeit durchsuchen können. Und tschüss, du verschlafene Outlook-Suche!
Außerdem werden wir einen großen Anteil der Computerstärke für Verteidigungsmechanismen brauchen wie sich selbst heilende Software (um Bugs auszurotten und sich an wechselnde Umwelten anzupassen) oder aggressiv defensive Virus-Antikörper. Solche Software werden wir brauchen, um uns vor "sozialtechnischen" Attacken zu schützen, zum Beispiel E-Mails, die so tun, als ob sie vom Chef kämen, und uns auffordern, einen Anhang zu öffnen.
Die Computerspiele werden 2034 wahrscheinlich simulierte Welten und interaktiv beeinflussbare Geschichten anbieten, die den Nutzer stärker einbeziehen als lineare Vorstellungen wie in unseren heutigen Filmen. Die einfachste Übung, die wie für diese neue Unterhaltung brauchen, werden künstliche Akteure sein, die in Echtzeit und in hoch definierter Animation erzeugt werden. Geschichten an individuelle Nutzer anzupassen wird viel schwerer sein. Wenn das gelöst ist, werden die resultierenden Nutzeroberflächen viel anziehender für einen breiten Markt sein als die heutigen Computerspiele, die normalerweise spiralförmige Spielabläufe und vereinfachte Welten vorführen.
Auch ohne volle KI werden die Computer mehr Anzeichen von Eigeninitiative aufweisen und selber etwas tun, um die Online-Interessen ihres Nutzers zu verteidigen, statt passiv herumzustehen und auf Befehle zu warten. Reichhaltigere Interaktionsformen sind ebenfalls wahrscheinlich, sowohl was Gesten betrifft als auch in punkto physische Nutzeroberflächen, Multifunktions-Oberflächen und den lang erwarteten anständigen, hoch auflösenden Flachbildschirm.
Mit Sicherheit wird sich unser PC an alles erinnern, was wir in virtueller und reeller Welt jemals gesehen und gemacht haben. Eine komplette HDTV-Aufnahme jeder Wachstunde Ihres Lebens wird 0,1 EB verbrauchen, 2% Ihrer Festplatte.
Es ist eher der Job von Science-Fiction-Autoren als meiner, über zukünftige Fortschritte und ihren Einfluss auf die menschliche Existenz zu spekulieren. Gleichwohl, eins ist sicher: Der Übergang vom Lochband zum Web und zum Megapixel-Bildschirm ist gerade einmal der erste und kleinste Teil der Evolution der Nutzeroberflächen. Wenn wir die menschlichen Bedürfnisse im Blick behalten und die wachsende Computerstärke entsprechend einbinden, hält die Zukunft auf unserem Gebiet großartige und aufregende Dinge bereit.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.