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Verena Naegele, St. Galler Tagblatt (27.09.2005)
Das Opernhaus Zürich stellt Schostakowitschs «Katerina Ismailowa» zur Diskussion.
Zwei Opernfassungen im Direktvergleich: «Katerina Ismailowa» heisst die geglättete, «Lady Macbeth von Mzensk» die rebellische Version desselben Werks von Schostakowitsch. In Zürich wird jetzt erstere gespielt, St. Gallen folgt nächstes Jahr mit der Ur-Fassung.
Sie bricht aus ihrem stumpfsinnigen Leben an der Seite eines peniblen Kaufmanns aus, sie ermordet Mann und Schwiegervater und gibt sich der puren Sinneslust hin, und doch ist sie kein verschlingendes Frauenmonster. Dimitri Schostakowitsch hegt unverkennbar Sympathien für Katerina Ismailowa, die schillernde Titelheldin seiner wohl faszinierendsten Oper. Als polystilistischer Komponistenvirtuose führt er uns durch eine Welt voller Emotionen, Lug und Trug.
Stalin greift ein
Entstanden ist das Werk in Zeiten des Aufbruchs, und es erlebte unter dem Titel «Lady Macbeth von Mzensk» 1934 in Leningrad bei der Uraufführung einen gewaltigen Erfolg. Bereits ein Jahr später sah auch Zürich das Werk. Doch wie gewonnen, so zerronnen: 1936 besuchte Stalin eine Vorstellung, verliess in der Pause wütend das Theater und liess in der Prawda einen Artikel «Chaos statt Musik» publizieren, dem ein Aufführungsverbot folgte.
Erst 1963 gelang es Schostakowitsch in der Ära Chruschtschow, unter dem Titel «Katerina Ismailowa» eine abgeschwächte Version aufzuführen. Das Opernhaus Zürich wagt nun eine Aufführung der Zweitfassung mit dem Argument, dass Schostakowitsch zu Lebzeiten nur noch diese autorisiert hat – unter Repression oder aus innerer Überzeugung, darüber streitet sich die Fachwelt. Trotz eines stimmigen Abends hinterlässt Dirigent Vladimir Fedoseyevs und Regisseur Klaus Michael Grübers Interpretation zwiespältige Eindrücke
Schostakowitsch will in seiner Oper nicht die Frau vernichten, sondern das zaristische Russland entlarven, die korrupte Polizeimaschinerie, die Geldgier und das Besitzdenken, an dem die Liebe und mit ihr Katerina kaputt geht. Um diese Dichotomie zu verdeutlichen, bedient er sich mit brillanter Meisterschaft musikalischer Stilmittel. Katerina hat durchwegs eine elegische, volksliedhaft berührende Musik, während ihre Umwelt in grotesker Verzerrung gezeigt wird: Schwiegervater Boris erzählt in einem Operettenverschnitt à la Ochs von Lerchenau seine Untaten als junger Mann – ein gefundenes Fressen für Alfred Muff. Schürzenjäger Sergej (ein heldischer Viktor Lutsiuk), der Katerina zum Verhängnis wird, hat nichts als Polkatöne und leere Virulenz auf dem Kasten
Genau diesem Bruch, dieser expressiv bizarren Überdrehung nimmt Schostakowitsch in der Zweitversion die Spitze. Es fehlen die Extreme. Die unmissverständlich derbe «Bett-Musik» von Sergej und Katarina ist gestrichen, die zum Teil extremen Gesangslagen sind abgeschwächt und vereinfacht. Damit findet eine Annäherung an die grosse russische Oper statt, was Fedoseyev zweifellos liebt. Er gestaltet malerisch auftrumpfende Zwischenspiele und treibt sein Orchester mit breitem Sound unerbittlich an
Uneinheitliche Regie
In diese Lesart passt auch Klaus Michael Grüber, oder besser gesagt, sein Ausstattungsteam mit Eva Desseckers genau stilisierten Kostümen von Arbeitern, Popen und Polizisten und den Atmosphäre schaffenden Hintergrundprospekten von Francis Biras. Grübers Personenführung ist dafür uneinheitlich, vielfach statisch haftend, zwischendurch aber von dynamischer Kraft. Vielleicht überlässt er zu vieles seinen Sängerdarstellern, aus denen Solveig Kringelborn wie ein Diamant herausragt. Grandios ihre stimmtechnische Vielfalt vom Sprechen über Schreien, lyrisch-melancholisch Singen bis hin zur ekstatischen Lust
Wie der Eindruck wohl bei der «Lady Macbeth von Mzensk» wäre – darüber gibt im Februar möglicherweise die St. Galler Inszenierung der Ur-Version Auskunft.