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Wochenpost
Das Gottschauen
Liebe Leserin, lieber Leser
Gerne möchten wir alle wieder aufbrechen und eintauchen in eine Welt und Zeit nach Corona.
Es mag sein, dass uns diese "Krone" noch etwas länger begleiten wird, und ich hoffe, wir alle können auch wieder andere Themen aufgreifen. Zugleich bin ich sicher, dass diese Erfahrungen uns ins Nachdenken gebracht haben. So kann es sein, dass wir uns diesem König in einer anderen Zeit und einem fremden Land trotzdem nahe fühlen.
Das Gottschauen – von Leo Tolstoi
In einem fernen Lande lebte einst ein König, den am Ende seines
Lebens Schwermut befallen hatte. "Schaut", sprach er, "ich habe in
meinem Erdenwallen alles, was nur ein Sterblicher erleben und mit
den Sinnen erfassen kann, erfahren, vernommen und geschaut.
Nur etwas habe ich nicht schauen können in meinen ganzen Lebensjahren.
Gott habe ich nicht gesehen. Ihn wünschte ich noch wahrzunehmen!"
Und der König befahl allen Machthabern, Weisen und Priestern, ihm
Gott nahezubringen. Schwerste Strafen wurden ihnen angedroht,
wenn sie das nicht vermöchten. Der König stellte eine Frist von drei
Tagen.
Trauer bemächtigte sich aller Bewohner des königlichen Palastes und
alle erwarteten ihr baldiges Ende. Genau nach Ablauf der dreitägigen
Frist, um die Mittagsstunde, liess der König sie vor sich rufen. Der
Mund der Machthaber, der Weisen und Priester blieb jedoch stumm,
und der König war in seinem Zorne bereits bereit, das Todesurteil zu
fällen.
Da kam ein Hirt vom Felde, der des Königs Befehl vernommen hatte
und sprach: "Gestatte mir, o König, dass ich deinen Wunsch erfülle."
"Gut" entgegnete der König, "aber bedenke, dass es um deinen Kopf
geht." Der Hirte führte den König auf einen freien Platz und wies auf die
Sonne. "Schau hin", sprach er. – Der König erhob sein Haupt und
wollte in die Sonne blicken, aber der Glanz blendete seine Augen, und
er senkte den Kopf und schloss die Augen.
"Willst du, dass ich mein Augenlicht verliere?" sprach er zu dem Hirten.
"Aber König, das ist doch nur ein Ding der Schöpfung, ein kleiner
Abglanz der Grösse Gottes, ein kleines Fünkchen seines strahlenden
Feuers. Wie willst du mit deinen schwachen, tränenden Augen Gott
schauen? Suche ihn mit anderen Augen."
Der Einfall gefiel dem König, und er sprach zu dem Hirten: "Ich
erkenne deinen Geist und sehe die Grösse deiner Seele. Beantworte
mir nun meine Frage: Was war vor Gott?"
Nach einigem Nachsinnen meinte der Hirt: "Zürne mir nicht wegen
meiner Bitte, aber beginne zu zählen!" Der König begann: "Eins, zwei
…" "Nein", unterbrach ihn der Hirte, "nicht so; beginne mit dem, was
vor eins kommt."
"Wie kann ich das? Vor eins gibt es doch nichts." "Sehr weise
gesprochen, o Herr. Auch vor Gott gibt es nichts." Diese Antwort gefiel
dem König noch weit besser als die vorhergehende. "Ich werde dich
reich beschenken; vorher aber beantworte mir noch eine dritte Frage:
Was macht Gott?"
Der Hirt bemerkte, dass das Herz des Königs weich geworden war.
"Gut", antwortete er, "auch diese Frage kann ich beantworten. Nur um
eines bitte ich dich: Lass uns für ein Weilchen die Kleider wechseln."
Und der König legte die Zeichen seiner Königswürde ab, kleidete
damit den Hirten, und sich selbst zog er den unscheinbaren Rock an
und hängte sich die Hirtentasche um. Der Hirt setzte sich nun auf den
Thron, ergriff das Zepter und wies damit auf den an den Thronstufen
mit seiner Hirtentasche stehenden König:
"Siehst du, das macht Gott: Die einen erhebt er auf den Thron, und die
anderen heisst er heruntersteigen!"
Und daraufhin zog der Hirt wieder seine eigene Kleidung an.
Der König aber stand ganz versonnen da. Das letzte Wort dieses
schlichten Hirten brannte in seiner Seele. Und plötzlich erkannte er
sich, und unter dem sichtbaren Zeichen der Freude sprach er:
"Jetzt schaue ich Gott!"
Im Namen des Kirchgemeinderates und des Pfarrteams.
Mit guten Wünschen für das "Schauen", was uns Gott schenkt und herzlichen Grüssen
Pfarrerin Ruth Ackermann Gysin