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Jonas Breitensteins Verbindungstätigkeiten während der Basler Schul- und Studentenjahre
Im Zeitraum, in welchem Jonas Breitenstein seine Schul- und Studienjahre absolvierte, gab es in Basel folgende Verbindungen:
Zofingia: akademische Sektion des Zofingervereins, gegründet am 15. Mai 1821. Bis zum Wintersemester 1845/46 waren auch Schüler des Basler Pädagogiums zugelassen. Mitglieder wurden ‹Zofinger› genannt.
Helvetia: 1832 gründeten Studenten aus Zürich und Luzern in Hitzkirch die gesamtschweizerische Studentenverbindung Helvetia. Die Helveter waren ‹Radikale›, welche die Ideale der Französischen Revolution hochhielten und einen Rückfall in die alte aristokratische Ordnung bekämpften. Sie waren aus dem Zofingervereins ausgetreten, weil ihnen dessen Gesinnung zu konservativ war.
Basellandschäftlerverein (BV): gegründet am 5. Februar 1845 von Baselbieter Schülern am Basler Pädagogium, die sich politisch zu den Radikalen bekannten. Im Frühjahr 1846 wurde der BV in ‹Rauracia› umbenannt, da nach der Gründung einer Sektion in Aarau die Hoffnung bestand, die BV als gesamtschweizerische Verbindung zu etablieren. Er wurde von den Zofingern spottweise als ‹Basellandia› bezeichnet. Ihre Verbindungsdevise war: «Pro Deo et Patria!» Paedagogia: kurz nach dem BV im März 1845 am Pädagogium gegründet von Stadtbaslern mit liberal-konservativer Gesinnung, war aber politisch neutral.
Neuzofingerverein (NZ): gegründet im September 1847 durch den abtrünnigen Zofinger Jakob Senn, der zuerst der ‹Rauracia› beitrat, dann den Anschluss an die ‹Gesamtneuzofingia› erreichte, eine politisch links stehende Verbindung.
Philadelphia: gegründet im Februar 1851 als protestantisch-konfessionelle Verbindung am Pädagogium; später eine Verbindung von Studenten an der Universität; ging 1853 im ‹Schwizerhüsli› (gegründet 1847) auf.
In diesem Umfeld liess sich Jonas Breitenstein als ‹guter Landschäftler› dafür gewinnen, am 13. März 1847 in der ‹Rauracia› zunächst zu hospitieren; er fand damals sogleich einstimmige Aufnahme. Aus den Protokollen geht hervor, dass sich Jonas Breitenstein an den Zusammenkünften vor allem auf dem literarischen Gebiet bemerkbar machte; er las Sagen vor, deklamierte Gedichte oder Theatertexte und trug auch eigene Gedichte vor. Am 29. Mai 1847 führte er den Binninger Johann Karl Mory ein, mit dem er später noch lange einen regen Briefwechsel unterhielt. Sein eigenes Gedicht in Baselbieter Mundart ‹Die Rauracia›, entstanden am 26. Juni 1847, wurde als «ein sehr gutes schönes Stück, das sehr wohl gewählt und das erste seiner Art» beurteilt. Darin verwoben sind die Devisen ‹Freiheit – Freundschaft – Vaterland – Wissenschaft› sowie die Farben des Basellandschäftlervereins rot-weiss-gold.
Wie schön isch’s, wenn in frohe Stunde
Mer traulig do binander si,
Dur wahri Fründschaft eng verbunde
Wie Fründ und Brüeder sölle si!
Drum chömmet, ihr Brüeder
Us eusem Revier!
Es schalle die Lieder
Bim schümende Bier!
Doch rein und guet sig euser Strebe;
Druf dütet’s Wis an eusem Band.
Wenn’s nöthig isch, so wei mer’s Lebe
Mit Freude lo für’s Vaterland.
Für’s Vaterland z’stritte
In Kampf und in Tod,
Das will’s wohl bidüte,
Daß’s Band au isch roth.
Und d’Wüsseschaft, die sell is leite;
Si sell is immer lieber si.
So chönne mer emol mit Freude
Im Vaterland au nützlig si
Wie Guld thuet si glänze,
Sie ziert jedes Band.
Drum thüe mer bechränze
Mit Guld unser Band.
Bim brune Bier thüe mer is freue,
’S cha Niemes nüt derwieder ha.
Mer thüe euse Mueth erneue,
Drum, frohi Brüeder, stoßet a.
Drum chömmet, ihr Brüeder
Us eusem Revier!
Es schalle die Lieder
Bim schümende Bier.
Die Fusion der Rauracia mit der Neuzofingia wurde am 1. September 1847 angeregt, wobei die Neuzofingia dann die alten Farben des BV, rot – weiss – gold, und die rote Mütze der Rauracia übernahm.
Im November desselben Jahres wurde Breitenstein zum Korrespondenten mit der Aarauer Sektion gewählt. Zugleich wurde Breitenstein zum Redaktor des ‹Gärtli› ernannt. Dabei handelte es sich um eine Sammlung von Essays, Gedichten, humoristischen Beiträgen, die nach dem Vorbild der ‹Zofingia› im zweiten Akt der Treffen vorgetragen wurden. Als Gärtliredaktor vermehrte Breitenstein das Album (wohl Sammelwerk der ganzen Beiträge, heute verschollen) um einige Gedichte. Dies beschwor am 27. November 1847 «die metrische Kritik» einiger Mitglieder herauf, welche die Arbeit als «höchst gelehrt und langweilig» beurteilten.
Statt einer obligatorischen Arbeit begnügte sich Breitenstein am 18. Dezember 1847 damit, sein Gedicht ‹Die wiedererrungene Freiheit› (verschollen) vorzutragen, das zwar «vortrefflich gelungen war und deshalb in das Album eingetragen ist». Es trug ihm aber Mahnung des Präsidenten ein, in Zukunft nur Abhandlungen zu liefern, «an welche sich eine längere Kritik anknüpfen lasse».
Wegen Abwesenheit des Aktuars verfasste Jonas Breitenstein am 5. Februar 1848 eigenhändig das Protokoll, worin er beantragte, das Thema ‹Nationalität› breiter auszuführen, was das Präsidium begrüsste. Dieses Thema griff er auch in der Korrespondenz mit den Neuzofingern in Aarau auf.
In seiner Abwesenheit wurde am 3. Mai 1848 zur grossen Überraschung des Plenums Breitensteins Austrittsgesuch verlesen, weil er «seinen Pflichten als Neuzofinger nicht mehr Genüge leisten könne». Er hoffte, deswegen nicht angefeindet zu werden. Aber man hielt dafür, dass er «nur glaube das nicht mehr leisten zu können was er bis jetzt leistete». Hiemit scheidet ‹Crispus› (Breitensteins Verbindungsname) aus der Verbindung. – Man war der Ansicht, das Gesuch beinhalte «keine Abschiedsworte eines Neuzofingers, der je beseelt gewesen vom Geiste den wir in unserm Verein legen. Ja mehr noch waren das keine Gründe den Kreis zu verlassen wenn er ihm je theuer gewesen, wenn er je das in ihm gesucht und durch uns einmal gefunden habe was 150 Söhne seines eigenen Vaterlandes aneinanderkettet». Ein Antrag ihm hinfort das Hospitium (Gastrecht) zu gewähren, wurde abgelehnt, ja es «sei dem Verein angenehm, wenn er den Verein nicht mehr besuche», was aber zuletzt durchfiel. Dem Präsidenten wurde gar der Vorwurf gemacht, er habe durch seine «schuldige Behandlungsweise» diesen Austritt verursacht.
Am 3. Mai 1849 immatrikulierte sich Jonas Breitenstein an der theologischen Fakultät der Universität Basel am 3. Mai 1849. Nach dem Zerfall der Basler Neuzofingia und deren Neugründung als Sektion der ‹Helvetia› am 10 November 1849 entschloss er sich jedoch zum Wiedereintritt: Am 18. Mai 1850 betrat er die ‹Barbe› (Schwanengasse 10, heute Spiegelgasse) als Gast und wurde mit zwei Kandidaten sogleich wieder aufgenommen. Er wurde zur allgemeinen Freude erneut Redaktor des ‹Gärtli›, da diese nach längerer Lethargie unter dessen «sanfter Hand trefflich gedeihen werde».
An Versammlungen überraschte Breitenstein immer wieder mit seinem dichterischen Talent, deklamierte Gedichte (‹´S armi Elsele uf der Thalfluh›, ‹der Mops und der Spitz› und ‹´S Blümlis Tod›). Am 27. September 1850 deklamierte er seinen ‹ipsa facto› (verschollen).
Im Rahmen der Wahlen zum Wintersemester 1850/51 am 2. November 1850 erhielt er das Aktuariat, während er die Redaktion des ‹Gärtli› abgab.
Wegen «unsaubere[r] Führung der Kasse» unter dem früheren Quästor übergab der Präsident am 16. November 1850 Jonas Breitenstein das Quästorat samt der Korrespondenz nach Zürich. In der gleichen Sitzung wurde die Zürcher Antwort auf seine Abhandlung über die vaterländische Prosa verlesen. Für ihn war sie «im Absterben so wie überhaupt das geistige Leben erschlafft und ungesund sei». Am 10. Januar 1851 hielt er einen Vortrag über «die jetzige Entwicklungsstufe der Menschheit in ihrem Einfluss auf Religion und Sittlichkeit», der eine ziemlich lebhafte Diskussion auslöste.
Am 15. März 1851 wohnte Breitenstein zum letzten Mal einer Sitzung bei, legte die Rechnung ab und schied aus dem Kreis der Aktiven.
Um den 20. April 1851 verliess Jonas Breitenstein Basel, um sein Auslandjahr in Göttingen anzutreten. Seine Couleurbrüder begleiteten ihn singend nach Haltingen (damals Endstation der Badischen Bahn), wo er den Zug nach Freiburg/Br. bestieg. – Am 26. April 1851 immatrikulierte er sich als stud. theol. in Göttingen.
Diverse Briefe von Jonas Breitenstein in seiner Funktion als Korrespondent mit der Aarauer Sektion der Neuzofinger:
|an die Aarauer Sektion der Neuzofinger||Basel, den 13 November 1847|
Theure Mitbrüder!
Zum ersten male ist mir der Auftrag geworden, Euch, theure Brüder, zu schreiben, u. zwar in einer Angelegenheit, die für Euch wie für uns besonders wichtig sein muß. Um über diese Angelegenheit zu sprechen, will ich einen Blick werfen auf unsern Verein, seit seinem Emporblühen bis in die letzte Zeit. Gleich wie bei des jungen Frühlings Erwachen die frische, junge Pflanze aus dem alten, verwelkten Stocke hervorbricht, so war frisch und neu aus der alten Basellandia die Rauracia erstanden, und so wie sich beim milden Sonnenschein die Knospe zur Blume entfaltet, und mit reicher Farbenpracht eines jeden Herz erfreut, so erstarkte die Rauracia; so entfaltete sie sich immer mehr durch die Begünstigung der Zeit. Ihr weißrothgoldnes Band schlang sich freundlich um 2 Sektionen treuer, gleichgesinnter Brüder; sie glich 2 hellen Bächlein, die zum frischen Bache sich vereinigen, der durch blühende Wiesen dahinrauscht. Doch sie war nur ein Verein von Kantonsbrüdern (mit wenigen Ausnahmen), aber nicht ein allgemein schweizerischer Verein: sie stand allein neben andern Schwestervereinen, neben dem größeren schweizerischen Z. V. [Zofinger Verein]; der Bach, um obiges Bild festzuhalten, der nur durch ein kleines Gebiet strömte, ergoß sich nicht in den, zwar getrübten, großen Strom, der durch das ganze Vaterland hinzieht. Doch, als die trüben Wasser des Stromes sich aufhellten, als aus dem A. Z. V. der neue in der ersten jugendlichen Frische, die auch jener einst entfaltet hatte, erstand, da eilte bald der Bach mit freudigem Rauschen an seinen Busen, um mit ihm die schönen Schweizergaue zu durchwandern. Da vereinigte sich die Rauracia mit dem N. Z. V. um sich auch im weitern Vaterlande zu verbrüdern. Nur Ihr wolltet zurückbleiben, das eine Bächlein sollte sich trennen vom andern, das sich in den Strom ergießt! Nein, thut das nicht. Tretet mit uns in den größern Schweizerischen Verein, bleibet unsere treuen Vereinsbrüder auch im neuen Verbande!
Ihr glaubt vielleicht, die Existenz Eures Vereins sei sicherer, wenn Ihr ihn in seiner bisherigen Lage lasset, und eine weitere Verbindung könnte Eurer engern schaden. Wir geben zu, daß Ihr mit mehr Hindernissen zu kämpfen habt, und aus Eurer ruhigen Lage herausgerissen werdet, wenn Ihr in die weitere Verbindung tretet; aber um so mehr Kraft wird Euch diese verleihen, um so fester wird Euer Verein bestehen. Durch Stürme wird der Baum festgewurzelt; im wilden Kampf und nicht in lässiger Ruhe bildet sich ein tapferer Krieger – das kleine Bächlein strömt zwar ungestört durch die blühenden Wiesen, so lange ihm kein Hinderniß in den Weg tritt; doch sobald es im Laufe gehindert wird, zertheilt es sich und verschwindet. Hat es sich aber mit einem andern zum Bache verbunden, wird es nicht so leicht aufgehalten, und vereinigt mit dem Strome, zu dem es sich einmal Bahn gebrochen, wird es alle Hindernisse überwinden. So kann Euere Sektion ungestört fortleben, wenn sie sich nicht mit dem größern schweizerischen Verein verbindet; kommt aber für sie einmal ein harter Schlag, und wer bürgt dafür, daß nicht ein solcher kommen kann? so steht sie allein, und könnte sich auflösen, wie das Bächlein. Nur der große Strom kann dem ganzen Lande Nutzen bringen, das Bächlein bewässert nur die Wiesen, die es durchströmt. Erst in Verbindung mit andern, kräftigen schweizerischen Jünglingen können wir uns recht zu Männern heranbilden, die dem gesammten Vaterland zu nützen verstehen. – Jetzt, da soviele schwere Wolken auf unserm Vaterlande sich lagern, jetzt, da der Kampf für unsere geistige Freiheit und für die angestammten Rechte des Schweizervolkes gegen die Herrschaft des blinden Fanatismus und der finstern Aristokratie losgebrochen, jetzt in den Tagen der Entscheidung des künftigen Wohles od. Wehes ist eine Verbindung mit Jünglingen, deren feurige Herzen in hoher Begeisterung für die Freiheit und für die theuren Rechte unseres Volkes schlagen, doppelt segensreich. Im Namen des Vereins fordere ich Euch darum auf, tretet uns bei; laßt Euch nicht abschrecken durch Hindernisse, die gewiß auch Mancher unter uns, die manche andere Sektion, welche auch nur aus Kantonsschülern besteht, zu überwinden hat. Denkt an die wackern Solothurner, St. Galler etc. Schließt Euch an die N. Zofinger in Eurer Stadt an, verzeiht ihnen, wenn sie sich nicht als Brüder gegen Euch benommen haben; es wird ihnen Leid sein, und sie werden, wie wir hoffen, Euch freudig in ihre Mitte aufnehmen.
Schreibt uns doch baldmöglichst wieder, es wäre uns lieb, schon in nächster Sitzung eine Antwort zu erhalten.
In der Hoffnung, daß Ihr unsern Wünschen willfahren werdet, grüßt Euch im Namen der Baslersektion des N. Z. V.
J. Breitenstein, paed. dvsc.
(cop. Friker, der Stich)
|an die Aarauer Sektion der Neuzofinger||Basel, den 23. December 1847|
Theure Freunde!
Hiemit übersenden wir Euch, zwar etwas spät, das Circular von Senn. Die Verspätung selbst werdet ihr uns wohl verzeihen, wenn Ihr bedenkt, daß die Ferien und dann der ausgebrochene Krieg, der alle Gemüther auf sich zog und jede Correspondenz hemmte, hauptsächlich an dieser Verspätung Schuld sind. Wenn aber, nachdem der Krieg beendigt, nachdem das schöne Ziel, die Wiedererringung der Freiheit und Eintracht erreicht, und nach langer Zwietracht der Friede in die Gaue des Vaterlandes zurückgekehrt ist und durch sein holdes Band alle Schweizerbrüder froh vereinigt, jetzt, da nach Vertreibung der finstern Mächte ein jeder Schweizer wieder frisch aufathmen kann, wollen wir auch wieder unsere Correspondenz eröffnen, und wir machen daher mit Absendung dieses Circulars den Anfang. Wir, die frühere Basler-Sektion der Rauracia sind also dem Neuzofingerbunde beigetreten, und von seinen Mitgliedern als Brüder anerkannt worden. Wir begrüßen Euch also hiemit als Euere Brüder, und reichen Euch zu steter Freundschaft, zur kräftigen Mitwirkung für das Wohl des Vaterlandes, die treue Bruderhand! Laßt uns beharrlich und fest fortschreiten auf der schönen Bahn, die wir betreten haben und laßt uns durch kein Hinderniß abschrecken, das hohe Ziel zu verfolgen, das wir uns gesteckt haben; damit wir einst als Männer ein jeder in seinem Kreise kräftig das Wohl des Vaterlandes befördern können.
Wir finden, daß nichts geeigneter sei, die Freundschaft immer frisch zu erhalten und das Ziel des Vereines recht zu verfolgen, als eine thätige Correspondenz. – Es wäre daher gut, wenn wir ein Thema erwählten, über das wir uns in unsern Briefen gegenseitig besprechen und unsere Ansichten gegenseitig aussprechen können. Besonders würde dazu die Geschichte des Vaterlandes, besonders in der neuern Zeit reichen Stoff darbieten. Wir bitten Euch daher, ein Thema vorzuschlagen. Ueber das beiliegende Circular haben wir noch einige Besprechungen beizufügen. Seit der Zeit nämlich, als es abgefaßt wurde, hat sich Manches geändert, ist uns Manches klar geworden, das darin blos als Vermuthung ausgesprochen war. Damals hatten wir noch Hoffnung, daß die Aarauersektion der Rauracia unserm Bunde beitreten würde; jetzt aber wissen wir mit Bestimmtheit, daß dies nicht geschehen wird und daß weitere Versuche, dies zu bewirken, fruchtlos sein würden. Dagegen ersuchen wir Euch, diejenigen Mitglieder, welche in Folge der Spaltung aus der Aarauersektion der Rauracia getreten sind, und nun keinem Vereine angehören, zu bewegen, Euch beizutreten; wir hoffen, daß Ihr Euer Möglichstes thun werdet, Euern Verein durch diese Mitglieder zu vermehren. Liebe Freunde! Einem neuen Jahr gehen wir wieder mit schnellen Schritten entgegen. Getrosten Muthes dürfen wir auf dasselbe hinblicken, denn eine schöne Morgenröthe kündigt uns den schönen Tag an, dessen sich unser Vaterland im kommenden und in spätern Jahren erfreuen kann: Ja! laßt uns auch im kommenden Jahre festhalten an den Ideen, die unserm Vereine zu Grunde liegen, fest zusammenhalten und nie unser Ziel aus den Augen verlieren; dann kann unsere gemeinsame Verbindung immer schöner erblühen, dann wird der Neuzofingerverein fest sein holdes Band um alle Brüder schlingen!
So seid nun nochmals gegrüßt, theure Brüder, und von unserer steten Freundschaft versichert!
Im Namen der Baslersektion des N. Z. V.
Euer Correspondent
J. Breitenstein
Cop. C. E. Friker.
|an die Aarauer Sektion der Neuzofinger||Basel, den 13 Februar 1848|
Theure Freunde!
Mit Freude ergreife ich heute die Feder, um Euch auf euren letzten Brief vom 30 Jan. zu antworten. Ja, Freude ergreift mein Herz, wenn ich im Geiste unsere alten Rauracierbrüder mit dem N. Z. V. vereinigt sehe, wenn ich jene zwei, wenn auch nicht feindlich, doch schroff getrennten Vereine nun als Einen Verein von gleichgesinnten Schweizerbrüdern begrüßen darf. Freude erfüllte uns Alle um so mehr, als die frohe Kunde von Euerer Vereinigung gerade am zweijährigen Stiftungsfest unseres Vereines, das wir in frohem Kreise feierten, an uns gelangte. Und warum sollte sich nicht billig jeder Neuzofinger über den Anschluß der Rauracia in Aarau an den N. Z. V. freuen, wenn er jetzt dort eine der stärksten Sektionen emporblühen sieht? Haltet nur fest zusammen, theure Brüder, behaltet immer die schönen Tendenzen, die unser Verein sich zum Grunde gelegt hat, vor Augen, bekämpfet kühn alle Hinderniße; dann werdet ihr das schöne Ziel, das Ihr verfolget, nicht verfehlen, dann wird das schöne Band, das sich froh um Euch schlingt, nie sich auflösen!
Was das Thema betrifft, das Ihr zur Behandlung gewählt habt, so scheint uns dasselbe zu einem Briefwechsel ganz geeignet, und das umso mehr, da sich darüber so viel sagen läßt, daß es reichlichen Stoff zu mehren Briefen darbietet. Da Ihr nun in Euerm Briefe das Thema schon ganz durchgeführt habt, so wollen wir, um eine weitere Untersuchung daran zu knüpfen, dasselbe noch einmal aufgreifen und von Anfang an behandeln. Denn wenn man die Behandlung eines jeden Themas mit einem einzigen Brief abthun wollte, so hätte man die halbe Zeit mit Vorschlagung neuer Themata zu thun, was von keinem Nutzen ist. Ich werde daher in diesem Brief unser Thema nur von der einen Seite betrachten und über Nationalität im Allgemeinen sprechen; in einem andern verspreche ich dasselbe in Bezug auf unser Vaterland zu behandeln, doch zur Sache: – Wenn wir die Geschichte der Menschheit bis in das dunkle Reich der Sage und Fabeln verfolgen und dem Handeln und Treiben der Menschen so weit nachspüren, als wir von demselben sichere Kunde erhalten können, so sehen wir überall die Einzelnen zu größern Ganzen verbunden, von denen jedes ein eigenes Gepräge trägt. Und diese Verbindung der Einzelnen zu einem solchen Ganzen ist nicht etwa das willkürliche Werk eines Menschen, nicht immer die Folge eines wichtigen Ereignißes, sie ist bedingt durch die Natur der Glieder selbst. So wie im engern Kreise die Menschen durch das Band der Abstammung zu Familien verknüpft sind, und diese sich durch besondere Eigenthümlichkeiten, durch Gesichtszüge, Sitten und Gewohnheiten von andern ähnlichen Verbindungen unterscheiden, so sind auch eine Reihe solcher Familien, die, obschon im Einzelnen durch viele Merkmale verschieden, doch alle ein Hauptgepräge tragen, in einzelnen Punkten genau mit einander übereinstimmen und verwandt sind, zu einer großen Familie, so zu sagen, zu einer Familie von Familien verbunden. Und diese großen Familien, Nationen, machen wieder zusammen das große Ganze, die Menschheit aus, welche trotz der großen Verschiedenheit der Einzelnen wieder ein gemeinschaftliches Gepräge, das des göttlichen Wesens, das in ihr wohnt, das Bild ihres Schöpfers trägt. Die Hauptunterschiede der Nationen nun sind wie bei den Familien durch die Natur bedingt, Abstammung von gleichen oder nahe anverwandten Voreltern, wie bei den Juden und was damit noch verbunden ist, die Sprache, sind Hauptunterscheidungselemente der einzelnen Nationen. Dazu gesellen sich und stehen in naher Verbindung: ähnliche Gesichtszüge, besondere Neigungen und Temperamente. Oder wer sollte nicht den lebhaften, feurigen aber nicht ausdauernden Franzosen vom ruhigen, gleichmüthigen Deutschen, wer nicht den freiheitsliebenden, tapfern Polen von dem an sklavisches Joch gewöhnten Russen unterscheiden können? Eben auf diesen Unterscheidungsmerkmalen beruht die Nationalität eines Volkes. Nationalität besitzt daher im Grunde jedes Volk, aber nicht jedes bewahrt dieselbe in ihrer Reinheit und bei manchen verschwindet sie fast gänzlich. Doch dies wird erst dann der Fall sein, wenn ein Volk im Verfalle begriffen ist, wenn es seinem Untergange als eigenthümliches Ganzes entgegengeht. Die Nationalität eines Volkes äußert sich also vorzüglich in der Sprache. Sie ist es besonders, welche eine Anzahl Menschen eng umfaßt und von Andern trennt, sie ist es, welche die sicherste Grenze zwischen zwei Nationen zieht. Die Nationalität äußert sich ferner besonders in dem Nationalcharakter eines Volkes, d. h. in den vielen besondern Eigenthümlichkeiten und Neigungen, in guten oder bösen Eigenschaften, die alle Glieder einer Nation mehr oder weniger gemein haben, und wodurch sie sich vor Andern anzeichnen; in besondern Sitten und Gebräuchen, und mehr oder weniger in ihrer Religion, weil diese nicht selten aus der Natur des Volkes und seiner besondern Auffassung des göttlichen Wesens hervorgeht. Besonders sind es die letztgenannten, Sitten und Gebräuche, woran sich die Nationalität eines Volkes erkennen läßt; gerade die Sitten und Gewohnheiten, die Gebräuche wie z. B. Volksfeste drücken einem Volke ein besonderes Gepräge auf; denn diese zeigen am deutlichsten den Charakter eines Volkes, und sind eben so verschieden bei den einzelnen Völkern, wie dieselben sich in ihren Eigenthümlichkeiten und Neigungen unterscheiden. Daher die große Verschiedenheit zwischen den griechischen und römischen Volksfesten. Während bei den ebenso kriegslustigen als Kunst und Wissenschaft liebenden feinen Griechen nicht nur körperliche Stärke und Gewandtheit, sondern auch wissenschaftliche Bildung und die schönen Künste den Sieg in ihren Wettkämpfen davontrugen, blieben letztere dem rauhen, kriegerischen Römer fremd, und sein Auge ergötzte sich nur an dem blutigen Kampf, nicht aber an dem herrlichen Kunstwerke, so wenig als sein Ohr am süßen Spiel der Worte. – So lange nun ein Volk die Eigenthümlichkeiten seiner Vorfahren an sich trägt, bestehen dieselben nun in Tapferkeit, Liebe zur Wissenschaft oder irgend etwas Anderm, so lange es den Sitten und Gebräuchen, die es von den Ahnen erhalten hat, treu bleibt, so lange seine Volksfeste, seine eigenthümliche Sprache, seine Gewohnheiten nicht durch fremde verdrängt werden, so lange hat ein Volk Nationalität, und wird sich im reinen Besitz derselben glücklich fühlen. –
Worin die Nationalität der Schweizer besteht, und in wie fern dieselbe in ihrer Reinheit erhalten worden, werde ich in einem andern Brief zu zeigen versuchen.
Inzwischen seid uns zum Schlusse nochmals herzlich gegrüßt!
Im Namen der Baslersektion des N. Z. V.
Euer Correspondent
J. Breitenstein.
Cop. Friker.
Quellen: Robert Develey: Jonas Breitensteins Basler Couleurzeit 2017 (Bearbeitung der Protokoll- und Kopierbücher der Helvetia, Staatsarchiv Basel); Jonas Breitenstein-Nachlass im Dichter- und Stadtmuseum Liestal.
|Jonas Breitenstein an die Zürcher Sektion der Verbindung Helvetia||15. Juni 1850.|
Theure Freunde,
Das von Mayer in kurzen Zügen skizzierte Thema über das Verhältniß von Staat und Gesellschaft ist von euerm Correspondenten weiter ausgeführt worden; schließlich wünscht er dann von seinem Gegner in Christo über diesen Gegenstand etwas weiteres zu vernehmen, zumal da seine Ansichten und die Mayers auseinander gehen. […] Wir sollten uns daher über ein neues Thema verständigen. Da aber hiedurch immer viel Zeit unnöthiger Weise verloren geht, so sind wir wiederum so frei, gleich ein Thema aufzustellen und auszuführen. Haltet Ihr dasselbe einer weiteren Betrachtung würdig, so theilet uns euere Ideen darüber mit, wo nicht, so stellet ein neues Thema auf, wir werden auf eueren Vorschlag mit Freuden eingehen.
Das Thema, das wir uns jetzt gestellt haben ist: „Über die vaterländische Poesie und ihre Bedeutung.“ Es ist jedem, der einen tieferen Blick in die Geschichte geworfen hat, bekannt, daß nach Zeiten großer geistiger Anstrengung und Erhebung Zeiten der Ermattung in geistiger Abspannung eintreten und ebenso nicht weniger in Zeiten großer politischer Aufregungen und Umwälzungen das geistige Leben sich gleichsam auf dem politischen Felde conzentriert. Da verhallen und verstummen am Ende die mächtigen Klänge der großen Dichter, die noch kurze Zeit zuvor wie die Götter vom Olymp herab ganze Nationen begeisterten, entflammten und erweckten und das ganze Leben neu gestalteten; da schläft im Busen der Menschheit der Gott, der das einfarbige Alltagsleben mit seinen Farben schmückt und das zur Erde gezogene Menschenherz in höhere Sphähren erhebt, und eine solche Zeit der Abspannung wenigstens auf dem Gebiete der Poesie ist auch jetzt eingetreten. Der Glanz und die Blüthezeit unserer Poesie ist bereits mit dem letzten Jahrhundert verschwunden. Es ist aber nicht nur die geistige Abspannung, welche das poetische Leben erstickt hat, vielmehr ist dieß Verhallen der Gesänge auch der gewaltigen Aufregung zu gut zu schreiben, die unser Jahrhundert durchzuckt. Unterdrückt von den mächtigen politischen Ideen, welche in unserer Zeit die Menschheit durchbeben, vermag der Genius der Poesie nicht sich zu erheben und seine Flügel zu regen; und wo noch hie und da ein Funke von irdischem Leben glimmt, da sind es nur schwache Nachschälle aus der vergangenen schönen Zeit oder politische Ideen, die sich in’s Gewand der Poesie hüllen, ja wir dürfen ohne Bedenken die neuere Poesie, wie sie sich theilweise schon in Uhland Bahn gebrochen und in Herwegh und Freiligrath und a. aber eigenthümlich entwickelt hat, als politische Poesie charakterisieren. Gerade diese politischen Lieder aber, die vom prophetischen Geiste der Freiheit durchweht mächtig ans Herz des deutschen Volkes geschlagen haben, möchte wohl Mancher aus unserer Mitte als die einzige Art der Poesie bezeichnen, die auch vom Schweizer den Namen einer vaterländischen verdiente. Wir wollen versuchen, Solche von ihrer einseitigen Auffaßung zu heilen. Der Grund aller und jeglicher Poesie liegt nicht in unseren Umständen, sondern er ist verborgen tief im Innersten des Menschen selbst. Es sind dieß die zarten Saiten des Gemüthes und die kraftvollen Schwingen der Phantasie, die uns hinaustragen aus der trüben Wirklichkeit in’s Reich der Ideale. Der eigentliche Grund der Poesie ist also bei allen Völkern, und bei allen Menschen, zu allen Zeiten derselbe, nur daß aber die Saiten in den Einen höher oder tiefer gestimmt, die Flügel der Phantasie in den einen schwungvoller und kräftiger sind als in den Anderen, immer aber bleibt der unsre Grund und Boden die Poesie, Phantasie und das Gemüth. Wenn dem so ist, so sollte also die Poesie aller Zeiten und Völker eine ziemlich gleichförmige sein, und von einer vaterländischen Poesie würde man nicht reden können? Keines Wegs. Wohl ist der eigentliche Grund in jedem Menschen derselbe; aber je nachdem jene Saiten des Gemüthes durch äußere Einwirkung gestimmt und angeschlagen werden, je nachdem werden auch seine Klänge sein; oder um mich eines anderen Bildes zu bedienen, wie die äußere Natur und Umgebungen, so wie die Ereignisse der Zeit ihr Bild in die Seele werfen, so wird es auch wieder entsprechend hinaus strahlen. Und dieß kann Grund genug sein, warum wir auch von einer vaterländischen Poesie reden können. Oder sollte die herrliche Natur unseres Vaterlandes, sollten die Thaten unserer Ahnen dem poetischen Gemüthe nicht genug Nahrung geben zur Production eigenthümlicher vaterländischer Gesänge? Wenn man nun aber fragt warum trotz alledem unser Vaterland im Verhältniß zu anderen Nationen so arm sei an eigenen Dichtungen, so müssen wir hierauf eine doppelte Antwort geben. Erstens ist nicht zu vergessen, daß wir Sprach- und Blutverwandte der benachbarten deutschen Nation sind, und daß also ihre Produktionen auf dem poetischen Gebieth auch unser Eigenthum sind; zweitens aber, daß im Vollgenuß sowohl der Herrlichkeiten der Natur als auch des von den Vätern uns errungenen Glückes das Gemüth sich mehr in Ruhe gefiel als im Reproduzieren dessen was die Wirklichkeit uns darbot. Nichtsdestoweniger können wir auch eine schöne Anzahl eigener vaterländischer Dichtungen aufweisen. Was wir aber unter vaterländischer Poesie verstehen, wird wohl jedem klar geworden sein, der uns oben recht verstanden hat. Es sind dieß diejenigen Dichtungen, in denen sich unser Volksleben, das doch gewiß seine eigenthümlichen Seiten hat, unsere Natur, mit der jenes Lebens eng zusammen hängt, und unser Volksbewußtsein abspiegeln, rein und unverfälscht ihr Bild wieder finden. Zu den letzteren Poesien, in denen sich das Volksbewußtsein abspiegelt, gehören alle jene begeisterten Freiheitslieder und geschichtlichen Gesänge, die noch immer im Munde der Schweizersänger hallen; zu den ersteren aber jene Gesänge, in denen sich das freie Leben der Alpenwelt und das glückliche Leben in den gesegneten Fluren unseres Vaterlandes in den traulichsten und lieblichsten Bildern uns darstellt. Hiebei dürfen wir nun freilich nicht verkennen, daß es nicht nur schweizerische Dichter sind, die jenes Leben, jenes Bewußtsein in sich aufnahmen und wiedergaben und daß deutsche Dichter sich oft mit ebenso großer Vorliebe in unsere Welt hineingelebt und dieselbe mit kräftigen Farben dargestellt haben wie sie es bei der ihrigen thaten. Insofern sind Schiller, Uhland, Schwab und a. in einzelnen Parthien ihrer Dichtungen ebensogut unsere vaterländischen Dichter als Lavater, Tanner, Usteri, Fröhlich und a. schweizerische Dichter. Umso mehr sollten die unter uns, die mit praktischem Talent begabt sind, dem Vaterlande auch in dieser Beziehung ihre Kräfte widmen, und ob der schönen Idee, daß alle Menschen gleich und Brüder seien, mithin auch für alle das gleiche Recht, die gleichen Ideen, die gleiche Poesie gelten, nie vergessend, daß eben nur in der Mannigfaltigkeit und der Verbindung des Eigenthümlichen zum harmonischen Ganzen das Wahre und Schöne wie in der Natur so in der Menschheit besteht.
Dieß führt uns zur Bedeutung der vaterländischen Poesie. Wie unser Vaterland und unser Volk dasteht als ein Eigenthümliches unter anderen Ländern und Völkern und eine schöne Blume bildet im Kranze der Menschheit, so kann, so soll auch seine Poesie, der Ausdruck seines inneren Lebens, dastehen als etwas Eigenthümliches. Wenn die Poesie überhaupt die nackte Wirklichkeit darstellt, im schöneren helleren Lichte derIdee, wie sollte nicht unsere Poesie unsere Wirklichkeit erst in einem hellen klaren Lichte darstellen können. In unserem Vaterlande hat die Freiheit ihre Heimath gefunden, sollte nicht auch unsere Poesie vom reinen Freiheitsgefühl duften können? In unserer Heimath finden wir wahrlich einige Vaterlandsliebe, sollte dieses hohe Gefühl nicht auch seinen Ausspruch in Dichtung finden können, und wie jener Duft der Freiheit die übrigen Völker entzückt, so diese sie lehren können, was wahre Vaterlandsliebe sei? Unsere Natur ist so reich so herrlich, warum soll sie nicht, verklärt im Licht der Dichtung, unseren Mitbürgern erst recht lieb und werth gemacht werden, damit sie die Welt zu würdigen wissen? Unsere Geschichte weist so viele herrliche Thaten auf, warum sollen diese nicht in kräftigen Liedern der Nachwelt überliefert werden, und dieselbe zu neuer reiner Thatkraft begeistern? Und wenn schon aus diesen wenigen Beispielen die hohe Bedeutung der vaterländischen Poesie klar werden kann, so machen wir endlich noch auf Eines aufmerksam, nämlich auf das Veredelnde Erhabene und Bildende, das die Poesie überall am jungen Geiste wirkt. Dieses findet aber wieder seinen rechten Eingang, wo die Poesie ihm solche Bilder vorführt, mit denen das jugendliche Gemüth vertraut, für die es empfänglich ist, also wird auch bei der Jugendbildung der vaterländischen Poesie als vorzüglichem Erziehungsmittel ihr Recht eingeräumt werden müssen. Um mich endlich noch kürzlich gegen die zu wenden, die nur jene politischen deutschen Lieder als ächt vaterländisch ansehen möchten, so wird ihnen klar geworden sein, wenn sie anders mit meinen übrigen Ansichten übereinstimmen, daß nicht nur solche politischen Gesänge auf das Recht, vaterländisch zu sein Anspruch machen können, sondern alle Dichtungen, die aus unserem friedlichen wie dem bewegten Leben entsprungen sind; und wir bemerken noch, daß wir solchen politischen Liedern, die gewöhnlich oder doch oft im Dienste der Partheisucht stehen und aus dem unzufriedenen Verstand, nicht aber aus dem Gemüth und der reinen Begeisterung entsprungen sind, nur insofern eine Stelle in der vaterländischen Poesie gewähren können, als sie der Ausdruck des Bewußtseins unseres ganzen Volkes und unseres Volksgefühles sind. Verkennen wir daher, werthe Helvetierbrüder, den Werth der vaterländischen Dichtung nicht, und richten wir auch auf sie, neben den anderen hohen Zwecken, die wir verfolgen, unsere Aufmerksamkeit, unser Streben sei kein einseitiges, sondern ein vielseitiges, in alle Elemente greifendes, denn Einseitigkeit führt zur Verflachung und Ertödung des Lebens, jene allerdings besonnene Vielseitigkeit aber zum schönen Ziel, zur wahren Harmonie aller Kräfte. Was unsere Sektion betrifft, so können wir die erfreuliche Mittheilung machen, daß sie sich wieder erholt hat und es zu 8 Mitgliedern und 2 hospites perpetui gebracht hat. Unser Vereinsleben ist wieder ein sehr thätiges und erfreuliches. Mit den Zofingermitgliedern stehen wir indeß noch in einem gespannten Verhältniß. Mögen noch ferner thätige Kräfte unserem Vereine allerwärts zufließen!
Es grüßt Euch nochmals herzlich
Im Namen der Helvetia in Basel
Euer Correspondent J. Breitenstein stud. theolog.
Copiert v Ganz y.
Martin (Grieder) Birmann (1828–1890):
aus Rünenberg. Der Weggefährte Jonas Breitensteins war zwar Mitglied der ‹Rauracia›, hielt sich dort aber sehr zurück. In seinem Lebensbild werden dafür drei Gründe genannt:
«Er wollte und durfte nicht hervortreten da, wo seine ihm persönlich wohlwollenden Lehrer so sehr ihren Zorn hinwandten; sodann schlossen sich unter dem Rufe der Freisinnigkeit bisweilen recht schlechte Element an, verbummelte Studenten, einigemale selbst Schauspieler; endlich der Kosten wegen. Zwar hatte ihm sein Freund von Böckten her, Johannes Bussinger, unter vier Augen angeboten das Bier zu bezahlen. Grieder hatte das angenommen und immer bloss ein Glas getrunken, aber auch dies wollte in die Länge nicht munden. So blieb er lieber etwas zurück.»
Johannes Bussinger (1825–1889):
von Ormalingen. Jurist, Gemeindepräsident von Gelterkinden, Gerichtspräsident. 1854–1857 Nationalrat, 1870–1889 Regierungsrat im Kanton Baselland.
Johannes Wirz (1828–1897):
von Sissach. 1851–1872 Pfarrer in Tenniken, 1872–1897 Hausvater im Kinderspital Basel.
Georg Weber:
von Ormalingen. 1868–1875 Gerichtsschreiber in Gelterkinden.
Johann Jakob Brodbeck (1828–1892):
von Liestal, später Pfarrer. 1872–1892 Regierungsrat. Verfasser der Geschichte von Liestal (1872 erschienen).
Emanuel Stingelin (1826–1892):
von Pratteln. 1850–1892 Pfarrer in Münchenstein.
Karl Mory (1830–1889):
von Binningen. Kandidat der Theologie, 1858–1889 Bezirkslehrer in Waldenburg.
Emanuel Denger (1831–1906):
von Sissach. 1854–1906 Pfarrer in Gelterkinden.
Madörin:
einst Mechaniker in Lausen.
Fünf weitere Couleurbrüder sind sehr früh verstorben:
Ulrich Jakob Meyer (1830–1857):
von Pfeffingen; starb nach sechs Tagen im Amt als Gerichtspräsident.
Hügin:
von Oberwil; starb kurz nach seinem medizinischen Examen.
Nicklaus Brodbeck (1828–1850):
von Liestal; «dem der Arzt das Biertrinken und Rauchen schon lange verboten, der aber erklärt hatte, keinen schöneren Tod zu kennen, als den mit dem Bierglas in der Hand».
Niklaus Bielser (1826–1851):
von Pratteln; starb kaum drei Monate nach seiner Wahl zum Pfarrer in Tenniken.
Theodor Jakob Seiler (1826–1851):
von Liestal; «der glaubte, den Radikalismus in seine Theologie und sein sittliches Leben einführen zu müssen, leicht studierte und leicht lebte und, kaum in Bennwil als Pfarrer eingezogen, der Auszehrung erlag».
Quellen: Robert Develey: Jonas Breitenstein Basler Couleurzeit 2018 (Zitate aus den Protokollbüchern der Zofingia, Staatsarchiv Basel); Robert Develey: Briefe von Schweizer Studenten an Deutschen Universitäten im 19. Jahrhundert, Oberwil 2010; Martin Birmann – Lebensbild, mit Ergänzungen von Fritz Klaus, Birmann-Stiftung, Liestal 1990; Jonas Breitenstein-Nachlass im Dichter- und Stadtmuseum Liestal.