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Tiere und Emotionen
Tierstudien, Ausgabe 17/2020
Herausgegeben von Jessica Ullrich und Marianne Sommer
Die Frage nach den Emotionen von Tieren sowie nach der Emotionalität der Tier-Mensch-Beziehungen scheint sowohl für die Animal Studies als auch für die Emotionsforschung zentral. Emotionen verbinden Tiere und Menschen stärker als der Intellekt – eine Vorstellung, die sich bis in die Antike zurückverfolgen lässt, wenn Emotionen in den Kontext von lebenswichtigem Verhalten wie Essen, Trinken, Schlafen und Fortpflanzung gestellt werden. Trotz Zäsuren – in der Frühen Neuzeit wurden Tiere mitunter als Maschinen ohne Gefühle wie etwa Schmerz betrachtet und der Behaviorismus schloss Gefühle als Forschungsgegenstand aus – geht man spätestens seit der vergleichenden Ethologie von Konrad Lorenz wieder stärker von einer gemeinsamen emotionalen Grundstruktur aus. Ab den 1920er Jahren kam es zur intensiven Untersuchung der neuronalen Grundlagen der Gefühle, die dazu geführt hat, dass heute vielen Tierarten, darunter auch Fischen, Emotionen zugeschrieben werden. Aus evolutionärer Perspektive erscheinen Emotionen spätestens seit Charles Darwin als adaptive Bewertungs- und Motivationssysteme von Organismen, die zwischen Wahrnehmung und Verhalten vermitteln. Dennoch blieb an dieser Zuschreibung der Vorwurf des Anthropomorphismus haften – eine Diskussion, die sich durch die neue Art des Schreibens über Tiere, wie sie aus den Langzeitfeldforschungen an Menschenaffen hervorging, besonders stark entfachte.
Aber nicht nur Tiere, sondern auch die Tier-Mensch-Beziehungen sind emotionalisiert. Harriet Ritvo beschreibt diesen Prozess für das viktorianische England in der Anti-Tierversuch-Bewegung und der zunehmenden Rolle von Haustieren. Pascal Eitler beobachtet für Deutschland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Entstehung von Wissen über Tiergefühle im Schnittfeld von Physiologie, Evolutionstheorie und Theologie, das graduelle Unterscheidungen zwischen Tieren und Menschen hervorbringt. In Konversationslexika trifft man davor noch auf die Unterscheidung zwischen Empfindungen (sinnlich, auch bei Tieren) und Gefühlen (geistig, nur bei Menschen); Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die Verbindung von Verstand und Gefühl aber gelockert und zugleich den Tieren ein gewisses Maß an Verstand zugeschrieben. Wiederum galt dies insbesondere für die ‚höheren Tiere‘ und spezifisch für Haustiere wie Hunde und Katzen. Die Zuschreibung von menschenähnlichen Emotionen an Tiere und der Ausdruck von Gefühlen für Tiere prägte in den 1880er und 1890er Jahren auch die Tierschutzbewegungen in Deutschland. Doch auch im heutigen Alltagsverständnis werden Tieren durchaus nicht alle Emotionen zugesprochen: Während Angst, Schmerz, Freude oder Überraschung intuitiv vielen Tieren zugetraut werden, wird das Vorhandensein von Gefühlen wie Empörung, Verachtung, Hoffnung oder Empathie bei Tieren oft bezweifelt.
Vor diesem Hintergrund ergeben sich Fragen nach der Rolle von Gefühlen in der Grenzziehung zwischen Tieren und Menschen und in der Hierarchisierung des Tierreichs sowie nach den sozialen, ethischen und politischen Folgen dieser Praktiken. Wir suchen für die nächste Ausgabe von Tierstudien nach Auseinandersetzungen mit dem spannungsreichen Feld von Tieren und Emotionen in der Literatur, Kunst und Musik, im Film und Alltag, in der Politik und Ethik sowie in den Natur- und Geisteswissenschaften. Dabei sind historisierende Ansätze ebenso gefragt wie philosophische, soziologische oder psychologische Untersuchungen im Zusammenhang mit Posthumanismus, Veganismus und der Tierrechtsbewegung oder mit der Weltsicht des sogenannten Anthropozäns.
Beiträge
Es sind Beiträge zum Themenkomplex „Tiere und Emotionen“ aus allen Fachbereichen willkommen. Abstracts von nicht mehr als 2.000 Zeichen senden Sie bitte bis zum 15. Juli 2019 an <email-pii> und <email-pii>.
Die fertigen Texte dürfen eine Länge von bis zu 22.000 Zeichen haben (inklusive Leerzeichen und Fußnoten) und müssen bis zum 1. November 2019 eingereicht werden. Danach gehen sie zur Peer Review an den wissenschaftlichen Beirat von Tierstudien. Auf Grundlage der Gutachten des wissenschaftlichen Beirats wird über die Annahme der Texte zur Veröffentlichung entschieden. Erscheinungsdatum für die angenommenen Texte ist Anfang April 2020.