Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03582.jsonl.gz/2202

Im 16. Jahrhundert flossen französische Pensionsgelder nach Luzern. Nach dem Tod des Pensionsverteilers und Schultheissen «Lux» Ritter bildete sich ein Machtvakuum, das schnell gefüllt wurde. Doch die Gelder wurden veruntreut. Hauptsächlich zwei Luzerner Familien bereicherten sich daran.
Am 10. Mai 1559 stirbt der amtierende Luzerner Schultheiss, Luzius «Lux» Ritter. Neben dem Ritterschen Palast, dem heutigen Regierungssitz der Stadt, hinterlässt er auch ein politisches Erbe. Er hat ein System entwickelt, das ihm ermöglichte, die französischen Pensionsgelder eigenständig und willkürlich zu verteilen.
Mit seinem Tod wird das begehrte Amt als Verteiler der Gelder vakant. Die Mitglieder der politischen Elite visieren den frei gewordenen Posten umgehend an. Unter ihnen tun sich zwei hervor: der nachfolgende Schultheiss Jost Pfyffer und sein Rivale Niklaus Amlehn. Letztlich kann sich Pfyffer behaupten und das Amt dank seiner Kontakte zur französischen Seite für sich entscheiden.
Korruptionsvorwürfe und ein Bündnis
Amlehn beschuldigt Schultheiss Pfyffer nach dessen Ernennung zum Pensionenausteiler prompt der Korruption. Er behauptet, dass dieser den französischen Gesandten mit unlauteren Mitteln auf seine Seite gezogen habe. Pfyffer weist diese Vorwürfe kategorisch zurück. Aus unerklärlichen Gründen trifft er dennoch die Entscheidung, Amlehn und dessen Unterstützer in die Vergabe der Pensionen zu involvieren und schliesst mit ihnen ein Bündnis. Gut möglich, dass die Anklage der verwendeten Bestechungsgelder einen gewissen Wahrheitsgehalt hat, auch wenn dies nicht überliefert ist.
So werden aus den beiden Rivalen Amlehn und Pfyffer Verbündete, die in den folgenden Jahren die Veruntreuung der Pensionsgelder auf die Spitze treiben und die politische Struktur Luzerns auf immer verändern werden.
Das Schwurbündnis der «Freunde und Gönner»
Die beiden Lager besiegeln ihre Vereinigung 1559 durch die Bildung eines Schwurbündnisses. Auf der Seite des amtierenden Schultheissen finden sich sein Neffe Ludwig Pfyffer sowie der Säckelmeister Heinrich Bircher. Amlehn dagegen holt seine Unterstützer Ulrich Dulliker und Peter Feer ins Boot.
Inhaltlich hat es das Bündnis in sich. Um den zuerst skeptischen Niklaus Amlehn anzuwerben, verspricht Jost Pfyffer ihm die alternierende Schultheissenschaft. Die alljährliche Neubesetzung des Amtes ermöglicht es den beiden, abwechselnd als Oberhaupt der Stadt zu regieren. Durch ihre finanziellen Mittel aus Frankreich können sie nach Belieben Einfluss im Grossen und im Kleinen Rat nehmen.
Zwei Räte aus Familienmitgliedern
Geschickt nutzen sie ihren Einfluss, um Ratspositionen mit Familienmitgliedern und Verbündeten zu besetzen. Demokratische Vorgänge werden grösstenteils mithilfe von Bestechungsgeldern umgangen oder im Notfall rückgängig gemacht. So wird Jost Pfyffers Bruder beschuldigt, mehrere Ratsmitglieder mit unterschiedlichen Beträgen gekauft zu haben, um einen Mehrheitsbeschluss umzustürzen. Die beiden Räte stehen schon bald unter der absoluten Kontrolle des Bündnisses. So diktieren sie die Vornahme und die Bestätigung der Wahlen.
Auch die persönliche Bereicherung kommt dabei natürlich nicht zu kurz. Als einzige Ansprechpartner des französischen Gesandten Pomponne de Bellière besitzen sie das Monopol über die Luzerner Pensionsgelder. «Solidarisch» teilen sie die Auszahlungen untereinander auf und lassen die restliche politische Riege der Stadt dabei aussen vor. Deren Exponenten erhalten zwar immer noch gewisse Zahlungen, die allerdings in keinem Mass mit den Summen gleichzusetzen sind, die sie vor der Verschwörung erhalten haben.
Oligarchen in Luzern
Neben der kompletten Beherrschung der Pensionsgelder und des Rats fällt zunehmend auch die totale Dominanz des Militärsektors in die Hände des Schwurbündnisses. Nachdem 1562 der amtierende Bannerherr Luzerns Niklaus von Meggen stirbt, verhilft sich der bereits angesprochene Ludwig Pfyffer zum höchsten Amt der Luzernischen Militärorganisation. In seiner Funktion als Luzerner Bannerherr wird er in den kommenden Jahren für den französischen König Karl IX. in den Hugenottenkriegen entscheidend mitwirken.
In den Folgejahren entwickelt sich das Bündnis zur totalen Herrschaftsstruktur Luzerns. Besonders die Pfyffers schaffen es, sich wichtige Positionen in Rat und Militär zu sichern. Ende der 1560er-Jahre sitzen insgesamt acht Familienmitglieder im Kleinen und im Grossen Rat. Auch der Grossteil der Pensionsgelder fliesst in die Taschen der Pfyffers.
Willkürliche Verteilung der Pensionsgelder
Aufzeichnungen aus dem Jahr 1568 zeigen, wo die Pensionsgelder landen. Über 17’000 Franken werden in diesem Jahr verteilt. Das Gros des Betrags fliesst an Unterstützer der Verschwörung. Die Hälfte der Summe wird an ein Total von zehn Geschlechtern verteilt.
Die grössten Nutzniesser sind dabei die Pfyffers. Fast ein Sechstel der gesamten Summe fliesst ihnen auf direktem Weg zu. Doch sie sind nicht die alleinigen Profiteure der willkürlichen Verteilung. Das eingangs erwähnte Gründungsmitglied des Schwurbündnisses, der Säckelmeister Heinrich Bircher, profitiert ebenso. Seine Familie erhält nach den Pfyffers den zweithöchsten Betrag aus der Pensionskasse. Auch Heinrich Birchers Sohn Hans bekommt allein für seine Existenz als Sohn eines korrupten Politikers eine Pension im Wert von 300 Franken. Dies, ohne jegliche Funktion, die eine Zahlung legitimieren könnte. Hier zeigt sich, dass die finanziellen Zuwendungen nichts mit dem politischen oder militärischen Mehrwert der Personen zu tun haben.
Aus «Freunden und Gönnern» werden Feinde
Aussagekräftig ist auch, wer keine Gelder erhält. Niklaus Amlehn merkt zunehmend, in welche Richtung sich die Verschwörung entwickelt. Anfangs hat er noch stark vom Bündnis profitiert. Neben der alternierenden Vergabe des Schultheissen-Amtes und den finanziellen Zuwendungen hat auch seine Familie Nutzen an der Verschwörung gefunden. Seinem Sohn Melchior kann er zu einem Sitz im Grossen Rat und zum Besitz der Landvogtei Weggis verhelfen.
Mit dem Tod seiner Unterstützer Peter Feer und Ulrich Dulliker, beide Gründungsmitglieder des Schwurbündnisses, sieht er sich allerdings zunehmend isoliert. 1566 amtiert er das letzte Mal als Schultheiss. In der Folge nimmt seine Machtstellung ab, die Pfyffers sehen keinen Nutzen mehr in ihm und sind deshalb nicht mehr bereit, seinen «grossen Geizsack» zu füllen.
Der Prozess ums Schwurbündnis
Im Sommer 1569 ist es dann soweit. Niklaus Amlehn sieht sich durch die zunehmende Isolation in die Ecke gedrängt und handelt. Er präsentiert der Luzerner Gerichtsbarkeit eine Klageschrift von 42 Artikeln, welche die Machenschaften des Schwurbündnisses detailliert aufzeigt. Im September wird das Urteil verkündet.
Jost Pfyffer wird für ehr- und rechtlos erklärt und aus Stadt und Landschaft Luzern für immer verbannt. Zusätzlich muss er die Prozesskosten tragen und 4’000 Gulden Busse entrichten. Niklaus Amlehn dagegen wird für seine Selbstanzeige mit der Bewahrung seiner öffentlichen Ämter belohnt. Er muss aber dennoch einen Betrag von 4’000 Franken entrichten. Die gleiche Strafe erwartet auch Jost Pfyffers Neffen Ludwig
Unerwartete Wendung
Wider Erwarten erstarkt aber die Familie Pfyffer aus dem Urteilsspruch. Als der französische König Karl IX. vom Verfahren gegen seinen Hauptmann erfährt, stattet er diesen mit einem Empfehlungsschreiben aus und betont darin dessen ausserordentlichen Verdienste für die französische Krone. Ludwig Pfyffer hat in den französischen Konfessionskriegen gedient und eine persönliche Beziehung zum König aufgebaut. Mit der Rückendeckung des Monarchen verläuft der Prozess zugunsten seiner Familie.
Nur zwei Monate nach der Urteilsverkündung bekleidet Ludwig Pfyffer das Amt des Schultheissen. Kraft seiner neuen Position kann er sogar den Rückzug der Verbannung seines Onkels Jost erwirken, der unmittelbar in den Kleinen Rat zurückkehrt. Die erneute Dominanz der Familie Pfyffer wird Niklaus Amlehn dagegen zum Verhängnis. Bei der Ratsbesetzung 1573 wird er nicht berücksichtigt. Mit dem Ende seiner politischen Karriere beginnt der Aufstieg Ludwig Pfyffers, der sich in den Folgejahren zum inoffiziellen «Schweizerkönig» entwickelt. So zumindest bezeichnet ihn die Geschichtsschreibung.
- Messmer/Hoppe (1976): Luzerner Patriziat, in: Luzerner Historische Veröffentlichungen, Band 5, Rex Verlag Luzern
- Kurmann, Josef (1976): Die politische Führungsschicht in Luzern 1450-1500. Luzern: Raeber.