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Bericht vom Wahlfach "Sozialer Stadtrundgang"
Eine Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden von Hans-Martin Kromer haben das Wahlfach "Sozialer Stadtrundgang" mit Claudia Schlüchter besucht und einen Bericht verfasst.
Arlette Neumann,
Sozialer Stadtrundgang mit Roger
Roger gehörte zu der Sorte Mensch, die seit Tag 1 keine Chance hatte, da er eine Frühgeburt war. Als er in den Brutkasten kam, nutzten die Eltern die Gelegenheit abzuhauen. Bis und mit fünf Jahren wurde er von den Krankenschwestern selbst aufgezogen, bis er sein Leben selbst in die Hand nahm und verschwand. Gefunden wurde er im Kanton Aargau auf der Treppe eines Restaurants. Völlig abgemagert und mit vielen Schrammen. Kurz danach wurde er einer Pflegefamilie zugewiesen, welche eine Farm mit einer eigenen Mühle besass. Sein Pflegevater war ein sehr grosser, kräftiger Alkoholiker und seine Pflegemutter eine kleine, zierliche Frau. Roger’s Kindheit war nicht wie die der andern, er musste sehr viel auf der Farm helfen und wurde nebenbei von seinem gewalttätigen Pflegevater misshandelt. Lange Zeit dachte er, es sei normal so behandelt zu werden. Aber sobald er in die Primarschule kam, merkte er den Unterschied. Er konnte nicht wie andere Kinder sitzen, weil sein Po durch die Schläge seines Vaters schmerzte, und er konnte sich auch nicht normal umziehen, weil sein T-Shirt an seinem Rücken klebte.
Sein Traum war es, eine Lehre als Motorradmechaniker zu absolvieren, und er fand auch eine der besten Lehrstellen dafür. Zuhause platzte jedoch dieser Traum, weil sein Vater den Lehrvertrag zerriss. Der Grund dafür war, dass der Pflegevater schon eine Lehre für ihn organisiert hatte. Also startete er nach der Schule die Lehre als Müller, für die er sich nicht interessierte. Er machte in der Schule genug, damit er keinen Brief nach Hause bringen musste, jedoch schloss er mit der besten Abschlussprüfung ab. Obwohl er sich vor seinem Vater fürchtete, wurde er immer ähnlicher. Er trank viel zu viel Alkohol und benahm sich gewalttätig gegenüber anderen.
Nach einigen Jahren, war er so stark Drogen abhängig, dass er immer dünner wurde. Als die Polizei ihn dann aus der Wohnung holte, war es eher eine Lebensrettung ale eine Festnahme. Nach seinem Gefängnisaufenthalt fuhr er mit dem Zug nach Bern, dort geriet er direkt in eine Drogenszene vor dem Münster. Er war die meiste Zeit auf der Strasse und verdiente sein Geld mit Dealen. Auf der Drogenszene sprach ihn eine Frau an und bot ihm einen Job an, den er dankend annahm. Seine Aufgabe war es, den Abhängigen frische Spritzen zu geben und nach ihrem Wohlbefinden zu schauen. Später war das Ziel, keine Drogenopfer zu haben. Roger beatmete pro Tag sehr viele Menschen und rettete ihr Leben.
Nach einiger Zeit schloss die Regierung die offene Drogenszene auf dem Bundeshausplatz, jedoch verschob diese sich in den Kocherpark in Bern. Vom einen Tag auf den anderen waren Roger und seine Arbeitskollegen arbeitslos. Mit Rogers Idee gründete er und seine Kollegen eine eigene Organisation. Mit dieser Arbeit zog er um die ganze Welt und lebte sein bestes Leben. Mit dem Flieger einen Tag ans Meer und am Abend wieder zurück war kein Problem.
Auf dem Bundeshausplatz lernte er dann seine spätere Frau kennen. Mit seiner Frau hatte er drei Kinder. Seine Frau entdeckte den Alkohol und wurde schnell abhängig. Roger verlor seine Arbeit, weil er oft nach Hause musste, um sich um seine Kinder zu kümmern. Nicht lange ging es, bis er wieder auf der Strasse wohnte und seine Kinder in Pflegefamilien kamen. Er war der einzige Obdachlose, der seine Kinder regelmässig sehen durfte. Sein Elend endete als er seinen Job bei Surprise bekam.
Persönliche Eindrücke
Der Ausflug war sehr lehrreich. Der Leiter des Stadtrundgangs, Roger hatte zu jedem Platz, an den wir gingen, etwas aus seinem Leben zu erzählen. Roger hat meinen Eindruck von Obdachlosen verändert. Ich kenne jetzt die Orte in Bern, in denen Obdachlose willkommen sind. Ich habe eine Menge über die Hilfe für Obdachlose erfahren. Roger hatte eine sehr interessante und schockierende Lebensgeschichte.
Surprise ist eine Organisation, welche seit 1998 benachteiligte Menschen in der Schweiz unterstützt. Surprise besteht aus über 100 Mitgliedern, welche aus 34 verschiedenen Ländern stammen. Sie arbeiten unabhängig und nicht gewinnorientiert, ausserdem ohne staatliche Gelder. Die Einnahmen bestehen zu 65% vom Strassenmagazin, von Inseraten und von den Sozialen Stadtrundgängen. 35% des Geldes werden ausserdem durch Spenden, Sponsoren und Stiftungsgelder eingenommen.
Weitere Infos unter https://www.surprise.ngo
Wir danken Alessio, Fiona, Jasmin, Julia, Julian, Mali und Sabrina ganz herzlich für ihren ausführlichen Bericht!