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Mehr Verständnis über theologische Färbungen hinweg
Treffen zwischen dem Synodalrat/dem Bereich Theologie und dem EGW und weiteren evangelischen Gemeinschaften und Bewegungen.
Die Beziehungen der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und den evangelischen Gemeinschaften, die sich als Teil von ihr verstehen, sind entspannter geworden. An mehreren Begegnungsnachmittagen sprachen sich beide Seiten über Gemeinsamkeiten und Unterschiede aus. Daraus resultierte nicht nur mehr Verständnis füreinander, sondern auch eine Arbeitsgruppe, die einen Verhaltenskodex[1] für den gegenseitigen Umgang erarbeiten soll.
Innerhalb der Landeskirchen entstanden während ihrer ganzen Geschichte regelmässig Erneuerungsbewegungen, welche nach einer verbindlicheren Gemeinschaftsform des Glaubens und nach einer gemäss ihrem Empfinden vertieften Frömmigkeit suchten. Aus diesen Aufbrüchen resultierten zum Teil Abspaltungen von den Landeskirchen, zum Teil neue Organisationsformen innerhalb der Landeskirchen. Beide Formen der organisatorischen Differenzierung gegenüber der Landeskirche werden als Gemeinschaften und/oder Bewegungen bezeichnet.
Als sich vor über 180 Jahren in Bern die Evangelische Gesellschaft (EG) konstituierte, war dies die Antwort auf eine reformierte Kirche, die als zu liberal und zu wenig "fromm" empfunden wurde. Mehr Bewegung als Freikirche, wollte sie bewusst innerhalb der "geliebten Berner Kirche" bleiben, wie es in den Gründungsstatuten heisst. Die Abspaltung von der Kirche sollte vermieden werden, um "einer Zersplitterung des Leibes Christi" zu wehren, wie es noch heute im Handbuch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Evangelischen Gemeinschaftswerks (EGW) heisst[2]. Dies, obwohl sich das Evangelische Gemeinschaftswerk mit seinen Wurzeln im Pietismus und in der Erweckungsbewegung in vielen theologischen und glaubenspraktischen Fragen von der evangelisch-reformierten Berner Kirche teils deutlich unterschied und auch heute noch unterscheidet.
Klärung der Beziehungen zwischen der evangelisch-reformierten Landeskirche Bern und "ihren" evangelischen Gemeinschaften
Inzwischen ist die Zahl der evangelischen Gemeinschaften gewachsen. Mit dem "Jahu", dem "Neuen Land", der Vineyard Bern und anderen, entstanden Gruppen, die sich als Teil der Landeskirche sehen, aber als eigenständige und strukturell unabhängige Vereine organisiert sind und sich nicht in allen Punkten an die Weisungen der Synode und somit der Kirchenordnung halten. Sie berufen sich dabei auf die Kirchenverfassung, die ausdrücklich eine "Doppelmitgliedschaft" erlaubt[3]. Diese Gruppen möchten neue Impulse ins kirchliche Leben geben und lassen sich unter anderem von der Gemeindebau- und der charismatischen Bewegung inspirieren. Nachdem schon in den 1990er Jahren Vorstösse für eine stärkere Integration der Gemeinschaften unternommen und wieder fallen gelassen wurden[4] (siehe Jahrzehntbericht 1991 – 2000), unternahmen der Synodalrat/der Bereich Theologie und die Leitungspersonen des EGW sowie weiterer evangelischer Gemeinschaften in den letzten Jahren neue Schritte aufeinander zu, um aktuelle Fragen und Konflikte auf der Ebene der Beziehungen anzugehen, im Bewusstsein, dass es in Bezug auf das rechtliche Verhältnis offene Fragen gibt. Gehört es doch gerade zur Besonderheit der Evangelisch-reformierten Landeskirche Bern, dass sie in ihrem Selbstverständnis als pluralistische Kirche auch dem evangelikalen Christentum Raum gibt und so schon im 19. Jahrhundert eine Kirchenspaltung vermeiden konnte[5].
Mit der Bildung des Departements und Bereichs Theologie hatte man Mittel und Ressourcen, um dieser Thematik mehr Beachtung zu schenken. In der Person von Silvia Liniger-Häni konnte eine Spezialistin auf diesem Gebiet gewonnen werden, die sich mit Gelassenheit und Sorgfalt sowie fundierter Fachkenntnis kompetent um die verschiedenen Fragen zum Verhältnis von Landeskirche und Gemeinschaften kümmerte, und so den Boden schaffen konnte für eine Entspannung auf beiden Seiten.
Neuer Anlauf für gegenseitige Akzeptanz
Neben den regelmässigen Treffen mit der Leitung des EGW veranstaltete die Fachstelle Theologie auch Treffen mit anderen Gemeinschaften des Kirchengebiets, welche sich selber als innerkirchlich verstehen: neben den evangelischen Gemeinschaften auch die Ordensgemeinschaften, der CEVI, die Frauenkirche Bern, die Frauengruppe COOL (christliche Organisation von Lesben) und die HuK (Homosexuelle und Kirche). Nachdem sich zeigte, dass die Spannungsfelder vor allem im Bereich der evangelikal-pietistischen Gemeinschaften und Werke lagen, wurde in der Folge an dieser Thematik weitergearbeitet. An einem Treffen vom 16. Juni 2005 unter der Leitung von Synodalrat Andreas Zeller und Silvia Liniger-Häni vom Bereich Theologie waren Vertreterinnen und Vertreter beider Seiten eingeladen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Theologie und Gemeindepraxis zu benennen. Georg Schmid, Leiter der Evangelischen Informationsstelle Kirche - Sekten - Religionen in Zürich (www.relinfo.ch), hielt als Referent ein Impulsreferat. Er drückte seine Freude und Überraschung aus über das besondere Verhältnis zwischen der evangelischen Landeskirche und "ihren" evangelischen Gemeinschaften im Kanton Bern und betonte, dass Gemeinschaften und Landeskirche einander bräuchten zur je eigenen Identitätsbildung. Die evangelikalen (heute oft charismatischen) Gemeinschaften forderten die Kirchen heraus. Beide Glaubensrichtungen, die evangelikale wie die liberale, seien "faszinierend konsequente moderne Ausprägungen christlichen Glaubens" und könnten einander gegenseitig davor bewahren, doktrinär zu werden. In einer offenen Gesprächsathmosphäre wurde anschliessend deutlich, dass einzelne Vertreter der Gemeinschaften die Landeskirche zuweilen als "alte Dame empfinden, welche behäbig und selbstgenügsam auf ihrem angestammten Platz sitze und dabei zu wenig realisiere, in welchem Mass und in welche Richtung sich das Christentum weltweit entwickle" (charismatisch, missionarisch, diakonisch, durch Zeichen und Wunder). Auf Seite der Landeskirche wurde zur Sprache gebracht, dass sie sich aus christlicher Motivation heraus aktuellen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen stelle.
Reibung erzeugt Wärme
An zwei weiteren Anlässen vom 27. November 2008 und 19. November 2009 wurde das Gespräch vertieft, wobei auch die Reibungspunkte benannt wurden. Dabei konnte Verständnis für die unterschiedlichen Positionen von reformierter Kirche und Gemeinschaften geweckt werden. Die evangelisch-reformierte Kirche sieht es als ihren Auftrag ("missio"), "allem Volk in Kirche und Welt die frohe Botschaft von Jesus Christus zu verkünden" (Kirchenverfassung, Artikel 2, Absatz 1), indem sie sich mit ihren seelsorgerlichen und diakonischen Angeboten an alle Einwohnerinnen und Einwohner des Kantons unabhängig von Konfession oder Religion wendet. Eine grundsätzlich offene Haltung gegenüber verschiedenen Frömmigkeitsformen und unterschiedlichen Graden von Nähe und Distanz ihrer Mitglieder ist ihr als Volkskirche wichtig. Die Gemeinschaften hingegen konzentrieren sich tendenziell eher auf ihre eigenen Mitglieder und sind dadurch homogener.
Trotz dieser Reibungspunkte wurde festgestellt, dass an Orten, wo gute persönliche Kontakte bestehen, eine befruchtende Zusammenarbeit zwischen Kirchgemeinden und evangelischen Gemeinschaften möglich ist. Die Vertreterinnen und Vertreter der reformierten Kirche anerkennen den Beitrag der Gemeinschaften, die den stetigen Rückbezug auf das Evangelium stärker betonen, die Erinnerung an den Pietismus wachhalten und die Stimme des evangelikalen Flügels in der Landeskirche sichern. Die Gemeinschaften ihrerseits schätzen die gesamtgesellschaftliche Arbeit und Ausstrahlung, welche durch die breite Abstützung der Volkskirche und ihre öffentlich-rechtliche Anerkennung möglich ist.
Verhaltenskodex[1] für Kirche und Gemeinschaften
Um die Beziehungen zwischen den Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn und den Gemeinschaften zu vertiefen und zu verbessern, wurde eine gemeinsame Erklärung vorgeschlagen, eine Art Verhaltenskodex[1] für den gegenseitigen Umgang. Ausgehend von einer Vereinbarung, welche der SEK mit der Vereinigung freikirchlicher Gemeinden in der Romandie getroffen hatte[6], wurde gemeinsam überlegt, wie man ein solches Papier auf "Berner Verhältnisse" adaptieren könnte. Die Idee wurde positiv aufgenommen, erste Schritte für eine "Gemeinsame Erklärung der Evang.-ref. Kirche des Kantons Bern und dem EGW und weiteren evangelischen Gemeinschaften und Bewegungen" sind getan.
Susanna Meyer
[1] Der Verhaltenskodex wird voraussichtlich im November 2013 unterzeichnet und nach der Unterzeichnung an dieser Stelle aufgeschaltet.
[2] "In Zeiten von zentrifugalen Tendenzen in Gesellschaft und Kirche wollen wir einer Zersplitterung des Lebens Christi wehren. Die Glaubwürdigkeit des Evangeliums leidet unter den Spaltungen." EGW Handbuch für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Kap. 3.1.3 (Verhältnis zu den Landeskirchen, neue Auflage April 2009). Das EGW ist 1996 aus einem Zusammenschluss von Evangelischer Gesellschaft des Kantons Bern mit dem Verband landeskirchlicher Gemeinschaften des Kantons Bern entstandenen.
[3] Verfassung der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Bern vom 19. März 1946, Artikel 6, Absatz 1: Der evangelisch-reformierten Kirche kann nur angehören, wer zugleich Glied einer einzelnen Kirchgemeinde ist. Glieder der evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Bern sind: (...) d) die Glieder weiterer evangelischer Kirchen oder Gemeinschaften, sofern sie die Erfordernisse und Grundsätze dieser Verfassung anerkennen, (...)
[4] 1995 hat der Synodalrat ein Arbeitspaper mit dem Titel "Verordnung betreffend Anerkennung von landeskirchlichen Gemeinschaften" in die Vernehmlassung gegeben mit dem Ziel, die rechtlichen Aspekte des Verhältnisses zu klären . Die Vorlage stiess dabei auf geringe Akzeptanz. Den meisten Gemeinschaftskreisen ging sie in verschiedenen Punkten zu weit; sie hätten sich bevormundet gefühlt, wenn die Verordnung so angenommen worden wäre. Das Vorhaben wurde deshalb fallen gelassen.
[5] In einem Interview mit Marc Jost, Redaktor der Zeitschrift des EGW "wort u wärch", gab Synodalratspräsident Andreas Zeller auf die Frage, warum es die EGW-ler in der Landeskirche brauche, zur Antwort: "Die Angehörigen des EGW betonen den stetigen Rückbezug auf das Evangelium, halten die Erinnerung an den Pietismus wach und sichern die Stimme des evangelikalen Flügels in der Landeskirche" (wort u wärch 08/2009, S.9).
[6] "Déclaration commune FREOE - FEPS" (Gemeinsame Erklärung FREOE - SEK). Von der AV des SEK am 25.4.2001 zustimmend zur Kenntnis genommen mit der Empfehlung, die "Déclaration commune in den Mitgliedkirchen des SEK bekanntzumachen und die Gemeinden zu ermuntern, auf dieser Basis mit anderen christlichen Gemeinden vor Ort die Verständigung zu suchen".