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Aus den Bergreisen eines Mönches
Pfarrer O. Herold ( Section Winterthur ).
Aus den Bergreisen eines Mönches Von Der unermüdliche und kühne Bergsteiger und Erforscher der Alpenwelt Pater Placidus a Spescha* ), Benedictinermönch im Kloster Dissentis ( geb. 1752, gest. 1833 ), gibt uns in einer seiner zahlreichen, fast sämmtlich noch ungedruckten Schriften ( „ Geographische Beschreibung aller Rheinquellen und der dahin angestellten Bergreisen, in einem Auszug meiner Schriften vom Jahr 1782-1823” ) theils kürzere, theils ausführlichere Beschreibungen seiner Wanderungen in den Bergen. Trotz seiner durch das Klosterleben beschränkten Freiheit hat er, abgesehen von einigen Bergspitzen im Tyrol, die er in der Zeit seiner Verbannung im Jahr'1800 erklomm, folgende Berge bestiegen: Dreimal den Badus und eben so oft den Piz Cotschen ( Piz Tgietschen oder Oberalpstock, 3330 m ) und den ihm benachbarten Piz Ault ( 3033 mferner den Dentergletscher oder Piz Giuf ( 3098 m ), und im Gebiete des Tödi den Piz Avat ( Piz Gliems, 2913 m ) am Eingang des Russeinthales, den Stockgron ( 3478 m ) uud den Piz Urlaun ( 3372 m ), sowie den Muot da Robi ( 2749 m ) am Kistenpaß, letztern nach schwierigem Uebergang über den Puntaiglas- und Frisalgletscher; sodann den Piz Muraun ( 2899 m ), den Piz Cristallina ( 3128 m ) und den Scopi ( 3200m ) in der das Medelserthal östlich begrenzenden Bergkette, und den Serengia ( 2988 m ), zwischen Nalps und Cornera, den beiden Seitenthälern des Tavetsch; im Gebiete des Glenner und seiner Zuflüsse den Surcombras ( Weissenstein, 2949 m ), zwischen Savien und Vals, den Valolia ( Piz Aul, 3124 m ), den Derlun ( Piz Scherbo den, 3124 m ), den Piz Teri ( 3151 m ) und den Piz Cavel ( 2944 m ), rings um Val Vrin; und endlich die beiden höchsten Spitzen der Rheinwaldgruppe, das Güferhorn ( 3393 m ) und den Piz Valrhein ( 3398 m ). Manche dieser Spitzen waren vor ihm von keinem menschlichen Fuße betreten worden; mehrere derselben sind erst in den letzten Decennien wiederum, vermeintlich zum ersten Mal, erstiegen und in diesem Sinn im Jahrbuch und anderwärts beschrieben worden.
Wir hoffen bei manchem Clubisten Interesse zu finden, wenn wir im Folgenden das zum Abdruck bringen, was Spescha über zwei seiner bedeutendsten Ersteigungen erzählt. Bei der Beurtheilung des Styls wolle man sich daran erinnern, daß Spescha ein Romane gewesen ist. Doch ist im Interesse der leichtern Lesbarkeit die übliche Orthographie hergestellt, manches sprachlich geradezu Unrichtige verbessert und Verschiedenes abgekürzt worden.
I. Placidus a Spescha's Besteigung des Piz Valrhein ( Rheinwaldhorn, 3398 m ).
Ich habe es der Vorsehung und der Verirrung dreier Medicindoctoren zu verdanken, daß ich diesen so wichtigen Berggipfel habe ersteigen können. Diese, nämlich Rengger von Bern, Ackermann von Mainz und Domner von Hannover, wollten nach dem Dorfe Medels im Rheinwald gelangen, kamen aber statt dessen in 's Thal Medels bei Dissentis und sodann zu mir ( in 's Kloster Dissentis ) zurück, um den nächsten Weg in 's Rheinwald und zur Quelle des Hinterrheins zu erfragen. Sie hatten sich auf ihrer Reise schon einmal verirrt; daher fürchteten sie, sich nochmals zu verirren; sie kamen auf den sonderbaren Gedanken, mich als Wegweiser zu verlangen, und mein gnädiger Herr Abt gab mir die Erlaubniß dazu.
Am Morgen reisten wir thalabwärts nach Surrhein, bogen südlich in 's Seitenthal Tenija ( Somvix ), wandten uns sodann seitwärts durch die Diesntfechlucht, und dann, östlich uns wendend, kamen wir Abends nach Romein im Lugnetz.
Am Ende der Alp Tenija beschäftigten sich die Herren Aerzte mit Sammlung von Kräutern und waren dabei glücklich. Bald aber spürten wir einen Anzug des Windes über die südwestlichen Bergschluchten der Greina her, und der Horizont war schon mit düsterm Gewölke überzogen. Der Wind wurde immer heftiger und schleuderte die Herren Doctoren ein paar Mal auf ihre Kniee nieder. Sie fingen an, den Muth sinken zu lassen und es'wurde auch mir ihretwegen bange. Wir hatten nur noch einen Windstoß auszustehen; dieser aber war so stark, daß er mich auf die Knie und die Herren Aerzte auf den Boden niederstreckte und ihre gesammelten Kräuter zerstreute. Jammer! allein ich konnte diese guten Herren nicht anders trösten, als indem ich ihnen die Verschonung der Winde vorstellte, die sonst Steine vom Ort bewegen, Schiefer, ja Menschen und sogar beladene Rosse auffassen und weiter schleudern, und ihnen Hoffnung machte, daß die Bergschlucht bald erstiegen wäre. Es erfolgte Windstille und starker Regen, und in Zeit von 4 oder 5 Stunden, ohne einzukehren, erreichten wir unser Hospitium ( in Romein ), wo wir Trockne und Labung empfingen.
Nachdem es die ganze Nacht hindurch geregnet hatte, waren am Morgen die Berge tief herab mit Schnee bedeckt und wir hielten Rasttag.
Am andern Tag gingen wir 2 Stunden weit bis zum Hauptort Vals und 3 Stunden bis auf den Valserberg und 2 Stunden bis Rhein ( Hinterrhein ). Dort wartete Herr Landammann Hössli mit einem statt- liehen Veltliner auf und verschaffte uns Alles, was wir benöthigt waren.
Am nächsten Tag war die Witterung ungemein angenehm und heiter. Mit einem Führer versehen begaben wir uns auf den Weg, um die Rheinquellen und das Weitere zu sehen. Zu meiner Sicherung nahm ich aber aus der Alp Zaport einen Schafhirt mit Namen Antonio mit.
Der Rhein wälzt sich flußartig aus einem Eis-gewölb hervor und rauscht durch die Steine der Alp fort. Wir überschritten den langen Rheinwald gletscher ohne Anstoß und Gefahr, und in Zeit von 3 Stunden erreichten wir die Schlucht, welche zwischen dem Cuver ( Güferhorn, 3393 m ) und dem Piz Valrhein liegt. Allein als unser Führer die Vertiefung des Lentathales, dessen und andere Gletscher erblickte und den Weg auf den Valrhein wahrnahm, wollte er keinen Schritt weiter mit uns gehen. Auch keine Vorstellung konnte ihn dazu bewegen.
Allein der beherzte Schafhirt ging voraus, ich ihm nach und die Herren folgten. Bald ergriff mein Nachfolger meine Kutte und die andern die Röcke ihrer Vorgänger. Allein nach und nach kam es mir zu schwer vor, die drei Doctoren, welche von Zeit zu Zeit empfindliche Rückzüge sich erlaubten, zu halten und nachzuziehen; ich hielt mich daher sicherheitshalber selbst am Rockzipfel des Schäfers. So wanderten wir über den schmalen Schneerücken in einer Linie hinauf und mußten Bedacht nehmen, nicht auszugleiten und keinen Fehltritt zu thun; denn rechts würde der Todfall an mehreren Stellen unvermeidlich gewesen sein.
Von der Tiefe der oben genannten Schlucht an bis über den Gipfel des Berges ist der Bergrücken mit Schnee bedeckt und zieht sich nach Süden, etwas südwestlich. Bis über die Hälfte hinauf ist er ab* schüssig, verflacht sich dann ein wenig und wird sodann noch abschüssiger als zuvor. Nichts ragt aus. ihm empor, auch keine Eis- oder Schneespitze trifft man auf ihm an. Nur sehr lange Schneestrecken steigen von- ihm bis in die Tiefe der Thäler hinab » Die Aussicht auf den Lentagletscher ist schaudervoll und fast senkrecht. Wir folgten immer dem Grat de » Bergrückens; aber endlich wurde dieser so steil, daft wir ihn nicht betreten durften; auch hatten wir kein Werkzeug bei uns, um Tritte einzuhauen. Wir mußten also eine etwas flachere Schneeseite überschreiten, damit wir von der Westseite her den Gipfel ersteigen könnten. Rengger, mein Nachfolger, glitt aus. Ich sprang ihm nach, ergriff ihn und stellte ihn in sein Glied. Er wäre zwar nicht erfallen; aber seine Haut und seine Kleider hätten verschürft werden können; doch hätte ihn die unten liegende Schneefläche aufgehalten. Allein dieser Unfall machte auf die Herren einen solchen Eindruck, daß sie die weitere Reise nicht fortsetzen wollten. Wir machten ihnen also Sitze und Tritte in den Schnee. Sie hatten unterdessen eine weite und prächtige Aussicht gegen Norden und Westen und mit der begnügten sie sich.
Allein kaum hatten wir selbst die Westseite erreicht, als der Hirt seinen Stock fallen ließ, der hinunterglitt und sich in einem Eisschlund verbarg. Wie es mir bei diesem unerwarteten Unfall war, ist leicht zu errathen; denn der mißlichste Weg stund uns noch bevor, indem wir, mit keinen Fußeisen versehen, über das rohe Eis, das von neuem Schnee entblößt war, wandern mußten. Zum Glück aber konnte ich noch den guten Mann bewegen, daß er sich um seinen unbeschlagenen Stock umsah. Er näherte sich also der Spalte mit sachten Schritten und bei jedem rief er aus: „ Jesu Maria"5 endlich kniete er nieder und ergriff den Stock. Die bedenkliche Kante ward überwunden und wir verschnauften. Nun kam mir aber eine neue Verlegenheit in den Weg. Denn als ich den Führer zur völligen Ersteigung des Gipfels aufmuntern wollte, erwiderte er: „ Mi no ", ich nicht, und so oft ich ihm Vorstellungen machte, beantwortete er sie ganz gelassen mit dem „ Mi no ". Ich mußte also den Gipfel allein ersteigen und erstieg ihn auch ganz leicht, da es nur über Schnee vorwärts ging.
Wenn man auf diesem Gipfel ist, so steht man auf einem Vordach von Schnee, das sich gegen Nordosten kehrt. Ich wurde dessen nicht eher als beim Abstieg gewahr; sonst würde ich Bedenken getragen haben, den Gipfel völlig zu ersteigen. Vermuthlich war auch die Besorgniß, er möchte einstürzen, der Grund, warum der Schäfer nicht mit wollte.
Von dem Gipfel aus sah ich in der Nähe nichts als kahle Gebirge, wilde Alpthäler, Eis- und Schneelagen; weiterhin wenig mehr als die Vertiefungen der Thäler, aber unzählige Bergspitzen. Von Meß- instrumentai hatte ich nur den Kompaß bei mir und nicht einmal ein Fernrohr; denn die Schärfe meiner Augen ersetzte mir damals ein solches Instrument, wenigstens für eine allgemeine Uebersicht, und zu einer einläßlichen Betrachtung reichte die Zeit nicht hin.
Gegen Osten lag mir der große Rheinwaldgletscher zu Füßen. Die Ostlinie durchschnitt ihn und das Rheinthal, ging über Avers und Oberhalbstein in 's Engadin, ging bei Zernetz über das dahinter liegende Gebirg und theilte das große Gebatscher Eisfeld im Tyrol mitten entzwei. Die Südlinie folgte zuerst dem Calankerthal seiner Länge nach, trennte den Luganer-vom Langensee, fuhr durch die piemontesische Ebene und den Po und verlor sich über die Bocchera des Apennins. Die westliche Linie durchschnitt das Bellenzer-, Livigner- und das Rhonethal bei Sitten und die Diablerets, und die Nordlinie ging an dem Derlun, zwischen dem Valser-, Lugnetzer- und dem Tenigerthal hin und passirte östlich vom Urlaun. Nur zweifle ich hierbei, ob ich die Abweichung der Magnetnadel berücksichtigt habe.
Den Osten würdigte ich zuerst eines genaueren Blickes. Ich sah die Vertiefung des Vintschgaus deutlich. Dies- und jenseits dieses Thalgeländes ragten zwei sehr hohe Berge empor, der Ortler südlich und der Uri- oder Wildspitz von diesem nördlich. Die Tyroler Geographen stimmen mit einander nicht Uberein, welcher von beiden an Höhe den andern übertreffe; allein meinem Augenmaß nach übertraf der letztere den ersteren.
Den zweiten Blick erlaubte ich mir gegen Süden und Südwesten, Ueber die Gebirge des Calankerthales sah ich ein Stück vom Apennin; im'fernen Südwesten erblickte ich noch Bergketten, in Dunst gehüllt. Nun kehrte der Gesichtskreis mir näher zu mit dem hohen Gebirgsrücken, welcher vom Monte Rosa gegen Italien hinabsteigt. Ueber diesen ragten der Montblanc und die Hörner des Monte Rosa hervor. Im Westen zeigten sich dann die nördlichen Gebirge des Wallis, sodann die Berge von Bern, Uri, Glarus und St. Gallen, die sich an die Tyroler und Vorarlberger Berge anschlössen. Von cultivirtem Lande sah ich nichts als ein Stück des Polandes.
Berühmt muß dieser Berg wohl sein Im Mittelpunkt der Alpen; Aus seinen Füßen fließt der Rhein, Bekannt den Jungen und Alten.
Bei der Rückkehr nahm ich die erste Steinart, welche ich antraf, auf, und sie schien mir aus einem feinkörnigen Granit zu bestehen, den Andere als feinen Gneiß betrachten.
Indessen hatten sich weder der Schäfer noch die Herren Doctoren von ihrer Stelle verrückt; allein was wäre aus den letztern geworden, wenn wir nicht gekommen wären und sie von ihrem Lager entführt hätten? Wir erreichten wieder die Einsattelung, woraus wir, um den Gipfel zu ersteigen, gegangen waren.
Von da aus nahmen wir rechts einen Seitenweg. Ich ging voraus und überschritt eine ziemlich ab- schüssige Schneelage und befand .mich schon unterhalb derselben, als die andern sie oben zu überschreiten hatten. Rengger glitschte auf derselben aus und fuhr gegen mich wie ein Pfeil; eiligst sprang ich in den Schnee und auf ihn los und hielt ihn auf, bevor er die Steine erreichte, die ihm Hals und Beine hätten brechen können. Kaum hatte ich aber diesen errettet, als dem Ackermann der nämliche Fall zustieß. Als ein sehr schwerer Herr war seine Niederfahrt desto schneller und heftiger. Ich sprang aber auf ihn wie ein Jochgeier; meine Glieder knackten; allein unbeschädigt kam er davon.
Wir gingen alsdann über den Thalgletscher hinaus, belohnten den getreuen Schafhirten und langten zwischen Tag und Nacht in Ehein an. Schon auf dem Gletscher verspürten wir, einer mehr als der andere, Blödigkeit der Augen und Brennen des Gesichts. Ackermann und Domner tranken keinen Wein beim Nachtessen und wurden wenig von Schmerzen geplagt; wir Weintrinker aber empfanden eine solche Hitze in den Augen und dem Gesicht, daß wir vor Schmerzen weder ruhen noch schlafen konnten. Allein dem Herr Wirth war das durchaus nichts Seltenes. Er machte also eine Salbe mit zer-stoßenem Alaun und Eiweiß an und das Anstreichen mit derselben linderte den Brand augenblicklich. Am andern Tag reiste ich nach Thusis und bestrich meine Haut wieder; die Haut schälte sich an Händen und Gesicht; das Brennen ließ nach und der Glanz der Augen und der Haut stellte sich bald wieder ein wie zuvor.
Uns gingen getreue Führer, Flore vor dem Gesicht, geeignete Schuhe, Stöcke und Fußeisen ab, um eine gesicherte Bergfahrt unternehmen zu können. Um die Mitte des Heumonats 1789 wurde diese Reise ausgeführt.
II. Placidus a Spescha's Versuche zur Ersteigung des Piz Russein ( 3623 m ).
Den westlichen Gipfel des Tödi, den stolzen Piz Russein zu ersteigen, machte Spescha viele Versuche. Er selbst erreichte ihn nicht; dagegen wurde der Berg unter seinen Auspicien von zwei Gemsjägern 1824 glücklich erstiegen. Wir geben hier Spescha's Bericht über eine der fehlgeschlagenen Expeditionen, sowie den über die gelungene Besteigung.
1. Am 19. August 1823 brach ich, mit allem Zubehör und auch mit einem Bergmesser versehen, von Trons auf, in Begleitung eines erprobten Bergsteigers und des Landschaftsmalers B. Isenring aus Toggenburg. Wir gingen nach Somvix, schlugen am Ende des Dorfes rechts einen Seitenpfad ein und waren in 2 Stunden am Bach des Alpthals Barcuns ( Russein ). Von dort brauchten wir ebensoviel Zeit bis an die vordere Sennerei in Russein, wo wir gelabt wurden. Nun setzten wir über den Limsbach ( Gliems ), welcher verschiedene Fälle bildet, ehe er die Thalebene erreicht, und diesem entlang stiegen wir über eine mühsame Halde hinan, die uns mehr als 1 Va Stunden kostete, bis wir zur Schäferhütte gelangten, welche am Eingang des Seitenthals Lims ( Gliems ) liegt. Der Eingang zur Hütte war schmal, sie selbst nieder und enge und der Gastwirth konnte nur mit gekochtem und mit Salz gewürztem Schaffleisch aufwarten. Aber desto erquickender war das Brunnenwasser, welches er uns darreichte. Er überließ mir und dem Künstler Isenring sein Bett, welches aber von den vorhergehenden Regentagen noch nicht ganz ausgetrocknet war. In der Nacht klagte Isenring über Kälte und wollte verreisen. „ Wohin ?" erwiderte ich; „ zu Schnee und Eis ?" Sobald aber der Weg sichtbar war, machten wir uns auf. Wir sahen in der Atmosphäre weder Dunst noch Nebel. In einer Stunde erreichten wir den Thalgletscher. Vor ihm war das Erdreich gefroren und der Schnee darauf sehr hart. Nachdem wir auf dem Gletscher drei Stunden zugebracht hatten und auf eine Verflachung desselben gekommen waren, blies uns der Nordwind aus der Gegend des Russein und Tödi sehr heftig an. Wir hatten alsdann eine sehr abschüssige Schneehalde zu ersteigen; sie war so hart, daß wir uns nicht getrauten, auch mit beschlagenen Stöcken und Füßen sie zu betreten; es mußten also auf etwa 100 Schritt Fußtritte eingehauen werden.
Als wir mit dieser mühsamen und gefährlichen Arbeit beschäftigt waren, ergriff Isenring den Stock, meines Dieners, drückte diesen und den seinigen abwechselnd in den Schnee ein, kletterte so über denselben hinauf und verschwand bald vor unseren Augen. Unterdessen rollten Steine über den Schnee auf uns herab und wir wußten nicht, aus welcher Ursache. Wir dachten, die Sonnenwärme habe sie losgemacht, beschleunigten daher unsere Arbeit, um dem Steingang auszuweichen und hinter einem Felsen Schutz zu suchen. Jetzt traf aber ein Stein die Hand meines- Gehilfen und verwundete sie auf 's Blut. Wir umgingen den Schutzfelsen und alsbald erblickten wir Isenring auf einem 5-6 Klafter hohen Felsen sitzend, der uns mit Jammergeschrei begrüßte und uns wegen unseres thörichten Unternehmens und der Unmöglichkeit, weiter zu steigen, eine scharfe Predigt hielt. Ich schrie zu ihm hinauf, ich sei selbst von da aus noch l]/2 Stunden weiter gestiegen und wolle den Ort in Augenschein nehmen. Er stützte sich aber aus allen Kräften dawider; denn weil er so weit gestiegen, daß er weder für sich noch hinter sich konnte, wollte er, wir sollten unten Wache halten, um ihn aufzufangen, falls er ausgleiten sollte. Allein der Ort war nicht darnach, um einen schweren Mann im Laufe aufzuhalten. Ich ging also zu ihm hinauf und sah wohl, daß das Weitersteigen von dort aus mißlich war, bemerkte aber zugleich, daß er es gewesen, der mit seinem Hinaufklettern die Steine in Bewegung gesetzt hatte, die uns hätten unglücklich machen können. Ich befahl nun meinem Diener, mit Stricken heraufzukommen, damit wir den mit Bergscheu geplagten Menschen binden und hinablassen könnten. Als aber die Stricke da waren, weigerte er sich, sich verstricken zu lassen. Was Raths in diesen kritischen Umständen? Der Künstler besann sich indessen, wie er seine Kettungs-kunst ausüben wolle und kam endlich auf den Gedanken, mich oberhalb sitzen zu lassen. Der Diener sollte unterhalt ) seine Füße fassen und er selbst sich so hinablassen. Denn er vermuthete, daß er durch die magnetische Ausdünstung von dreien sicherer und fester angezogen würde, als durch Seile. Unverletzt kam er an 's Bord. Allein sobald er sein Probestück gemacht hatte und der Gefahr entgangen war, stimmte er sein Klagelied heftiger an als zuvor. Ich hatte aber durch die Erfahrung gelernt, daß Isenring mit einem sehr verdaulichen Magen begabt wäre, und so labte ich ihn mit Brod und Milch und wies ihn zurück zur Schäferhütte, wo wir unsere Lebensmittel in Verwahrung gelegt hatten. Wir sahen demzufolge seinem Rückzug zu, bis er außer Gefahr und Sicht war, und hielten Rath, was weiter zu thun sei.
Bis dahin hatte ich meinen Augen keine Umschau erlauben können; denn ich dachte höher zu steigen und war mit der Reisgefahr beschäftigt. Nun aber sah ich, daß Dünste aufgestiegen waren. Monte Rosa und Montblanc waren schon tief eingehüllt, und das Finsteraarhorn zeigte sich nur noch für Augenblicke. Die Luft war mild, Schneestürze drohten, und so gingen wir bergab und schlugen einen Seitenweg ein, um den Hintergrund des Russeinthales zu erreichen. Unterwegs aber schickte ich meinen Begleiter zur Schäferhütte, um sich nach unserem Reisegefährten zu erkundigen und den Mundvorrath abzuholen. Jenen traf er nicht mehr dort; zum Glück erkannte er aber an dem Mundvorrath, daß er da gewesen sein müsse. Ich erreichte indessen die Tiefe des Thales und ging noch bis zum Fuße des Russein, der aber schon in Nebel gehüllt war. Jedoch hatte ich das Vergnügen, zu sehen, wie sich der Schnee unter dem Gipfel losriß, eine Lauine bildete, dann in einem Bachbette sich verbarg und mit dem Wasser über hohe Felsen mit Geräusch herabstürzte.
Ich kehrte zur Alphütte zurück, wo mein Diener sich einfand. Wir nahmen die Leiter mit, die ich dort seit einem Jahre in Verwahrung gelegt hatte, und gingen damit auf die untere Alphütte zu. Dort trafen wir den verabschiedeten Mann an, der mit der Bewirthung des Senns sehr zufrieden war. Er nahm dann Abschied und nahm bei einer Enzianbrennerei, eine Stunde thalauswärts, sein Nachtlager ein.
Auf den Abend verfinsterte sich der Himmel mehr und mehr. In der Nacht fing es an, heftig zu blitzen und zu donnern. Es trat Platzregen und Hagel ein. Am Morgen war der Russein bis zum Fuße weiß und wir kehrten nach Hause zurück. 2. Auch der sechste Versuch, den Russein zu ersteigen, lief fruchtlos ab; allein mein Ziel ist doch erreicht worden, und ich danke Gott dafür.
Ich schickte die beiden Gemsjäger Placi Curschellas von Trons und Augustin Bisquolm von Dissentis von der oberen Hütte der Russeinalp am 1. September 1824 ab und sie hatten den Gipfel um 11 Uhr erstiegen. Nach ihrer Aussage ist die Ueberfahrt zum Tödi möglich. Wegen des Höhenrauches war die Centralkette der Alpen, einige hohe Gipfel ausgenommen, mit Dünsten eingehüllt. Am hellsten schien Frankreich, d.h. Elsaß, und das Badische hervor. Im Glarnerland erblickten sie acht bis neun Ortschaften, in einer eine ansehnliche Kirche; 32 auf der andern Seite Medels und Lukmanier. Mehr gegen Westen ragte ein sehr hoher und beschneiter Berggipfel empor, wahrscheinlich der Montblanc. Sie stellten ihn aber in 's Piémont. Sie bewunderten die ungeheure Tiefe der nächstgelegenen Thäler, Sandalp und Russein, und die umliegenden Schneefelder und Gletscher. Einen Theil des Vierwaldstättersees glaubten sie auch zu sehen, und dies ist sehr leicht möglich. Sie hielten sich nur 30 Minuten auf dem Gipfel auf. Sie beklagten sich sehr über das Athemholen, Verfinsterung der Augen und Schwindel, und ihre Gesichter waren von dem neuen Schnee, der nicht selten unhaltbar war, entflammt. Als sie den Gipfel erreichten, blies ein sanfter Südwestwind und trieb die Schneefunken in 's Gesicht. Einer saß auf seiner Kappe, der andere auf seinem Grabinstrument. So verzehrten sie ihren mitgenommenen geräucherten Speck, und zum Zeichen ihres Daseins ließen sie die Schwarte desselben dort liegen, da sie weit und breit keine Steine fanden, um einen Steinmann aufzurichten. Sie versicherten aber einmüthig, einer allein würde den Berg nicht erstiegen haben; denn sie mußten einander helfen und Muth einflößen.
Ich selbst mit meinem Diener Carli Cagenard von Trons stieg eine beträchtliche Höhe seitwärts rechts hinauf, um den Auf- und Abstieg der Jäger mitanzusehen. Um 4 Uhr Abends trafen wir bei der obengemeldeten Alphütte zusammen, wo man sich labte und die Erlebnisse erzählte.
Der Piz Russein, den man auch Crap Glaruna nennt, steigt vom Hintergrund der Sandalp- und Russeinthäler nordöstlich empor. Sein Fuß reicht bis zur Tiefe des Thalgrundes. Zwei Schneerücken, die winkelartig zusammenstoßen, bilden den Gipfel. Von da aus hat eine dachartige Vorragung des Schnees statt, die zum Tödiberg den Weg bahnt. Er ist der höchste Berg zwischen Rhein und Reuß. Im Jahr 1811 riß sich ein großes Stück von ihm ab. Soweit Spescha. Ueber die gleiche Besteigung berichtet das „ Intelligenzblatt " von Chur am 30. Nov. 1824: „ Den 1. Sept. d. J. ist der Piz Russein, eine der drei höchsten Bergspitzen unseres Kantons, von zwei Gemsjägern aus dem Hochgericht Dissentis, Placi Curschellas von Trons und Augustin Bisquolm von Dissentis, erstiegen worden. Zwei glaubwürdige Männer von Trons, welche die Reise mitmachen wollten, das Ziel aber nicht gänzlich zu erreichen vermochten, waren Augenzeugen davon. Die benannte Bergspitze, die sich im Hintergrund des Russeinthales erhebt, lehnt sich südwestlich an den Tödiberg, den sie an Höhe übertrifft, und ist die Grenzscheide zwischen Glarus und Graubünden. Eine unermeßliche Schneelage, die sich auf allen Seiten hinabstreckt, bedeckt dieselbe seit ewigen Zeiten. Zwar öfters versucht, aber stets mißlungen, war diese Bergspitze bis dahin von keinem menschlichen Wesen erklommen worden. "
Der andere, glarnerische Gipfel des Tödi ist bekanntlich, nachdem Hegetschwyler sich mehrmals vegebens daran versucht hatte, erst am 11. August 1837 von Gemsjägern aus Linththal zum ersten Mal erstiegen worden. Der Piz Russein selbst wurde erst am 30. Juli 1860 von Dr. Th. Simmler wieder er-klommen* ).
IV. Kleinere Mittheilungen.