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| Dionysius Areopagita, ps. (geschrieben vor 476) - Angeblicher Brief an den Mönch Demophilus (Ad Demophilum)

An den Mönch Demophilus
Über eigenmächtiges Handeln und Milde
§ 3.
Aber Demophilus hat nicht das Recht, derartige Fehler zu korrigieren. Denn wenn die göttliche Offenbarung befiehlt, dem Rechten auf rechte Weise nachzustreben — Rechtem nachstreben bedeutet, jedem das nach Gebühr Zuständige mitteilen —, so müssen ihm alle in gerechter Weise, im Einklang mit ihrem Rang und ihrer Stellung nachstreben. Gerechtigkeit verlangt, daß auch [S. 181] den Engeln nur die ihnen gebührenden Funktionen zuerteilt und genau abgegrenzt werden, natürlich nicht von uns, Demophilus, sondern von seiten Gottes für uns durch sie und für sie durch die höherstehenden Engel. Und um es kurz zu sagen, in allen Bereichen des Seienden wird von der wohlgeordneten und gerechten Vorsehung durch die ersten Ordnungen den andern das ihrer Rangstellung Entsprechende zugewiesen. Die mithin, welche von Gott zur Regierung der andern aufgestellt sind, sollen der nachfolgenden Ordnung und den ihnen Unterstellten das Entsprechende mitteilen, Demophilus aber soll seinen Worten, seinem Zorn und seiner Leidenschaftlichkeit, dem standesmäßigen Rang entsprechend, eine feste Grenze ziehen und seine eigene Rangstufe nicht entehren, sondern die übergeordnete Vernunft soll über die niedern Triebe herrschen. Wenn wir auf dem Markte sähen, daß ein Diener seinen Herrn, ein jüngerer Mensch einen älteren Mann oder sogar ein Sohn seinen Vater mit Schmähungen überschüttete, zugleich auch auf ihn losgehend ihm Schläge versetzte, da schienen wir doch gegen die schuldige Ehrerbietung zu sündigen, wenn wir nicht herzueilten und den Angesehenern zu Hilfe kämen, und das selbst für den Fall, daß sie zuerst ein Unrecht verübt hätten? Wie werden wir uns nicht schämen müssen, wenn wir es gleichgültig hingehen lassen, daß die Vernunft von Zorn und Leidenschaft getrübt und aus der von Gott ihr erteilten Herrscherwürde verdrängt wird? Wenn wir in uns selbst eine gottlose, ungerechte Verkehrung der Standesunterschiede, Empörung und Unordnung hervorrufen? Mit Recht betrachtet es unser göttlicher Gesetzgeber als unzulässig, daß derjenige, der seinem eigenen Hause nicht geziemend vorsteht,1 an der Spitze der Kirche Gottes stehe. Denn nur, wer sich selbst an die rechte Stelle setzt, wird auch einen andern in der rechten Ordnung bewahren, und [S. 182] wer einen andern am geziemenden Platz erhält, wird auch ein Haus in guter Ordnung erhalten; und wer ein Haus in gutem Stand bewahrt, wird das gleiche auch in einer Stadt vermögen, und wer die Stadt recht in Ordnung hält, kann es auch im Volke. Um es kurz zu sagen: Wer gemäß dem Worte der Schrift im Kleinen getreu ist, der ist auch treu im Großen; und wer ungetreu im Kleinen ist, der wird auch ungetreu im Großen sein.2
1: 1 Tim. 3, 4.
2: Luk. 16, 10.