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Heimkino-Probleme
Am Wochenende machen wir, wenn es irgendwie geht, einen Filmabend. Ich glaube, das ist ein ziemlich verbreitetes Familienritual, so wie man früher Hausmusik gemacht oder «Trivial Pursuit» gespielt hat. Wir schauen unbestrittene Volltreffer wie die Marx Brothers oder «Bend it Like Beckham» oder tragische Geschichten mit gutem Ende wie «Lion» («Der lange Weg nach Hause») über den adoptierten Buben aus Australien, der in Indien seine alte Familie sucht.
Dieses Filmprogramm ging lange gut, bis sich in letzter Zeit Widerstand zu regen begann. Die Kinder haben eigene Vorstellungen, was sie sehen wollen. «Star Wars» oder «Jäger des verlorenen Schatzes» finde ich auch toll, aber bei «Hanni und Nanni 3» ist es fertig mit dem Familienritual. Wenn ich sage: «Den Mist könnt ihr alleine schauen», erwidern sie: «Ach, du mit deinen langweiligen alten Filmen.»
Bis jetzt habe ich mich meist erfolgreich über ihren Protest hinweggesetzt, man hat ja eine kulturelle Verantwortung, mögen einen die Kinder noch so verfluchen. Aber als ich zu Ehren des letzthin verstorbenen Jerry Lewis «The Nutty Professor» («Der verrückte Professor») durchboxte, musste ich ihnen ein bisschen recht geben. Übrigens, nicht alles von Jerry Lewis ist angestaubt, «Cinderfella» («Aschenblödel») ist immer noch sehr lustig.
Kürzlich sahen wir «Do the Right Thing», das Meisterwerk von Spike Lee aus dem Jahr 1989. Der Film beginnt mit einer elend langen Titelsequenz, minutenlang hopst eine junge Frau im damaligen Hip-Hop-Style über die Leinwand, bis einer der Buben fragte: «Ist etwas los mit der DVD?» Doch dann setzt die Geschichte der Pizzeria in Brooklyn ein, mit Danny Aiello als weissem Pizzabäcker in einem schwarzen Viertel, John Turturro als dessen jähzornigem Sohn, mit dem Tumult im Quartier, der unausstehlichen Hitze, mit dem ganzen «Yo Bro»-Getue und der Musik von Public Enemy.
Übrigens, wir sind nicht die Einzigen mit dem Filmproblem in der Familie. Ein Freund erzählte mir, wie schwierig es sei, mit seiner 16-jährigen Tochter einen Film zu schauen, «ach Papa, alles viel zu langsam, viel zu ernst, zu intellektuell». Er habe ihr «Miss Sloane» («Die Erfindung der Wahrheit») vorgeschlagen, er habe den Film im Kino gesehen und sei begeistert gewesen. Da war er nicht der Einzige. An einem Abend vor den Sommerferien bin ich der gesamten Direktion des Kosmos vor einem Kino begegnet, das war noch vor der Eröffnung des Kulturpalasts, Samir, Deckert, Roth, sie hatten eben «Miss Sloane» gesehen und waren begeistert. «Unglaublich», sagte Samir, «in dem Film wird nur geredet, du siehst nur Büros und Vorzimmer, und trotzdem klebst du an der Leinwand.»
Nach zehn Minuten hätten sie abgestellt, sagte mein Freund, seine Tochter hatte genug, «sie fand, ‹Miss Sloane› sei zu anspruchsvoll. Wir haben in diesem Alter Antonioni und Godard geschaut.»
Zehn Minuten – genau so lange waren die Kinder auch bei «Do the Right Thing» wach geblieben. Es ging noch friedlich zu und her in der Pizzeria, als sie alle schon schliefen. Ich hörte ihre regelmässigen Atemzüge und schaute alleine fertig. «Was für ein Film», dachte ich. «Yo Brother!»