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Im Gegensatz zu Hr. Müller bin ich (als einer dieser offenbar übereifrigen Planer, mit Hochschulabschluss; immerhin) der Meinung, dass es sich der Autor viel zu einfach macht - und mit allzuviel Halbwissen um sich wirft.
Bsp. 1: Die Einmütigkeit von Pro Velo und TCS entstammt eher dem Storyboard denn der Realität. Die Vorstellung dieser beiden Verbände liegen weit auseinander. Schliesslich setzt sich Pro Velo für möglichst viel, der TCS für möglichst wenige Tempo 30-Zonen ein. Das Sichtweiten-"Problem" ist zudem in Art. 4 der Verkehrsregelverordnung klar und deutlich geregelt und wird insbesondere von den Automobil-Verbänden gebetsmühlenartig negiert:
[Der Fahrzeugführer darf nur so schnell fahren, dass er innerhalb der überblickbaren Strecke halten kann; wo das Kreuzen schwierig ist, muss er auf halbe Sichtweite halten können.] An dieser Regel ändert auch eine signalisierte Höchstgeschwindigkeit von 30km/h nichts. Ich behaupte, dass sich die Unfallzahlen in der Schweiz um mindestens die Hälfte reduzieren würden, wenn sich alle Verkehrsteilnehmenden an diese Regel halten würden.
Bsp 2: Es dürfte kaum verwundern, dass alle Schweizer Städte in Sachen Verkehr anders ticken als das Umland. Denn erstens müssen die Stadtbewohner den lauten und umweltschädigenden Verkehr ertragen und zweitens haben sie nur wenig davon. Die Stadt Basel hat (ähnlich wie Zürich oder Bern) einen Anteil autofreier Haushalte von über 50%. Und die Frage ob ein Auto mit Tempo 50 oder 30 leiser ist, kann ich nur mit Zynismus erklären.
Bsp 3: Die Mär der "kleinen" Geschwindigkeitsüberschreitungen nervt langsam aber sicher. Ein Grossteil der Unfälle auf den Schweizer Strassen erfolgt aufgrund leicht übersetzter Geschwindigkeit - dies haben unterdessen auch bürgerliche Politiker erkannt. Selbstverständlich schaffen es nur die Raser in die Medien aber die Fakten sprechen eine andere Sprache. Es ist mir - auch unter Berücksichtigung der in Bsp 1 angeführten Rechtsgrundlage - nicht klar, wieso Tempoüberschreitungen ein Kavaliersdelikt sein sollen? Schlussendlich ist auch Fakt, dass dort wo ein mit 30km/h fahrendes Fahrzeug bei einer Bremsung bereits stillsteht, dasjenige mit 50km/h noch nicht einmal mit dem Bremsen begonnen hat.
Den Bericht empfinde ich deshalb als äusserst dürftig und polemisch. Ich wäre sogar gerne bereit, dem Autor bei einem Bier oder Tee eine kleine Einführung in die Verkehrsplanung zu vermitteln (das Wissen dazu findet sich übrigens nicht in Broschüren) - in der Hoffnung, dass ich in der TagesWoche der Zukunft keine solchen Artikel mehr lesen muss.
Spannend das Thema, platt der Bericht und ganz schwach die Einleitung. Würden nur jene das Auto benutzen, die wirklich ein Sofa, TV oder eine Wohnwand (Wer kauft sowas heute noch?) gekauft haben, könnten unsere Kinder auf der Schwarzwaldbrücke gluggern. Zudem weiss nicht nur der VCS, dass heute mehr als 50% des Verkehrs Freizeitverkehr ist und mehr als zwei Drittel der Einkaufscenter-KundInnen den Shoppingtempel mit einer einzigen (Tram- und/oder Gepäckträger-tauglichen) Einkaufstasche oder weniger verlassen.
Liebe Tageswöchler, da erwarte ich schon mehr von euch.