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Er war schwarz, er fiel auf, Mitte der 1950er Jahre in Bern. Überall musste er sich erklären, sein Hier-Sein begründen, Auskunft geben. Ob es eine aufmerksam freundliche Kontaktnahme war mit vielleicht ungeschickt formulierten Fragen oder doch pures Misstrauen – Vincent O. Carter spürte den Unterschied. Im ersteren Fall erzählte er aus seinem Leben, von seiner amerikanischen Herkunft und seinem Entschluss, wieder nach Europa zu kommen, kommentierte seine in Bern gemachten Beobachtungen, ob bei der Wohnungssuche, beim Sitzen in Cafés oder beim Spazieren durch die Stadt. Bei den Misstrauischen, die immer wieder die für Vincent O. Carter schlimmste Frage stellten, 'Why did you come to Bern?', schluckte er Ärger und Enttäuschung hinunter und brach das Gespräch ab, mit einer Bemerkung wie 'Weil, und das ganz ohne Zweifel, die Berner die interessantesten Leute auf der Welt sind'.
Carter kam in einer Zeit nach Bern, in der das gesellschaftliche Klima nicht sehr offen war und Toleranz an einem eher kleinen Ort. Später wird er schreiben: «Kaum je eine Woche vergeht, ohne dass ich, wenn ich im Mövenpick oder im Casino bei einem Glas Wein sitze, angesprochen werde und gleich mit einer Menge von Fragen konfrontiert werde. Mit den meisten davon kann ich leicht umgehen. Er fragt: 'Ist Ihnen nicht kalt, wenn es Winter ist?' und 'Sind Sie glücklich, jetzt wo die Sonne scheint?' Im ersten Fall sage ich 'ja' und im zweiten, der unglücklicherweise selten passiert 'ja, tatsächlich'. Sie fragt: 'Wie lange sind Sie schon in der Schweiz?', und ich antworte 'Ungefähr dreieinhalb Jahre'. – 'So lange!', erstaunt sie sich. 'How do you like it?', werde ich in ängstlichem Ton weiter gefragt, auf der Lauer, sich und die Schweiz schon mal zu entschuldigen. Ich warte kurz mit meiner Antwort, um die Spannung zu erhöhen und sage dann: 'Oh ... I like it well enough.'
Die Konversation streift so dies und jenes, aber ich merke, dass mein Gesprächspartner nicht recht zufriedengestellt ist. Er wird, woher auch immer, so etliches von uns Schwarzen gehört haben, zwei-drei Negrospirituals kennen und sicher, er wird es sofort erwähnen, ist er ein glühender Jazzfan. Er studiert mich so unauffällig er kann, vergleicht die Erscheinung vor seinen Augen, also mich, mit dem, was er je über unsereiner gehört und gesehen hat, um schlussendlich zu fragen: 'Sind Sie Musiker?' – 'No', antworte ich kühl. 'Student?', fragt er weiter mit einem Blick auf meine alte Mappe. 'No, I'm not', antworte ich etwas irritiert. 'Oh, ich dachte bloss. Sie scheinen viel Zeit zu haben.' Wir sitzen ja beim Wein, im Mövenpick oder Casino.
'I'm an unpublished black writer in Bern, that's it.'»
'Ich kann nicht immer schreiben.'
'Ah, Sie sind Journalist?'
'Nein. Ich schreibe Geschichten.'
'Was für Geschichten, Liebesgeschichten? Für Magazine, eine Zeitung?'
'Nein. Für mich. Ich schreibe, dann versuche ich die Geschichte zu verkaufen, wohin auch immer.'
'Haben Sie ein Buch veröffentlicht?'
'I'm an unpublished black writer in Bern, that's it.'»
Um Schriftsteller zu werden, kam er nach Europa
Geboren wurde Vincent O. Carter 1924 in Kansas City, seine Eltern waren bei seiner Geburt noch Teenager. Die Kinder- und Jugendjahre bezeichnet er als eine Zeit voller Liebe und Geborgenheit, als seine glücklichste Zeit. Viel später wird er sie in seinem zweiten veröffentlichten Buch unter dem Titel «Such Sweet Thunder» festhalten (ursprünglicher Titel: «The Primary Colours»). Achtzehnjährig wurde er in die Armee eingezogen, als Sanitäter machte er im Zweiten Weltkrieg die Invasion in Nordfrankreich mit. Beim Rückzug der Truppen kam er nach Paris. In Friedenszeit in diese Stadt zurückzukehren, wurde sein Traum und sein Entschluss.
Zurück in Amerika, nach der Demobilisierung, studierte er Literatur, Philosophie und Religionswissenschaften, arbeitete im Anschluss an seine Graduierung in Detroit in der Autoindustrie, um das Geld zusammenzubekommen, um erneut nach Europa, nach Paris reisen zu können, um dort Schriftsteller zu werden. Bis es so weit war, verging Zeit. Endlich wieder in Paris angekommen, fand er es verändert vor. Als Amerikaner gehörte er nicht mehr zu den gefeierten Befreiern nach der Normandie-Invasion, jetzt hiess es an den Mauern: Amis raus! Carter stiess auf Misstrauen und Ablehnung. Er verliess Paris wieder, reiste nach Amsterdam, nach München und, um Freunde zu besuchen, für drei Tage nach Bern.
Aus drei Tagen in Bern wurden dreissig Jahre
Vincent Carter blieb in Bern, von diesem Besuch 1953 bis zu seinem Tod im Januar 1983. In Bern wurde er zum Schriftsteller. Mit der oben zitierten Szene im Mövenpick oder Casino beginnt sein «The Bern Book», geschrieben von 1953 bis 1957. Veröffentlicht wurde es jedoch erst 1970 – in einem amerikanischen Verlag. Bis zum heutigen Tag ist «The Bern Book» nicht übersetzt. Erhältlich ist es über Bibliotheken und über das Internet, im Handel ist es vergriffen. Eine Neuauflage und eine Übersetzung, beides tut Not! Warum? Weil «The Bern Book» ein einmaliges Portrait der Stadt, eigentlich der Unteren Altstadt ist, Carters Lebensumgebung, mit ihrer Beizen- szene, mit ihren Bewohnern, ihrer Kulturszene.
Er beobachtete und zeichnete das Gesehene, seine Überlegungen und Empfindungen auf, voller Erstaunen, manchmal mit Unverständnis, analytisch, melancholisch, doch immer wieder auch witzig. «The Bern Book» ist keine Autobiografie und kein Reiseführer, er selber bezeichnete es als «profession of faith», oder als Aufzeichnung einer Reise der Sinne und des Denkens. Als zugezogener Schwarzer, als «the first and only Negro in Town», wie er sagte, weil er dermassen angestarrt worden sei, als hätte hier niemand je einen Schwarzen gesehen, schrieb er von eigener Irritation und Veränderung.
Zwischen Anpassung und Selbstfindung
In seiner ersten Zeit in Bern litt er unter dem ausgrenzenden Misstrauen, das ihm vielerorts entgegenschlug. Er versuchte, sich anzupassen, zu sein, wie alle andern, gewöhnte sich darum das Singen auf den Strassen ab, ebenso das Lachen, weil man hier nicht singe und nicht lache in den Strassen. Glücklicherweise fand er gute Freunde, die ihm hie und da auch zu kleinen Einkünften verhalfen.
In Momenten der Traurigkeit und Bedrängnis spazierte er durch die Stadt, über die Kornhaus- oder Kirchenfeldbrücke. Immer wieder blieb er dort stehen, stützte die Arme aufs Geländer und gab sich beim Hinunterschauen zur Aare seinem Philosophieren hin. «Er starrte auf seinen Widerschein im Wasser unter sich. Je länger er schaute, desto mehr Gesichter erschienen ihm. Und staunend sah er, dass zwar deren Form, Grösse, Farbe und Geschlecht variierten, aber alle erschienen sie ihm letztlich als eines, als sein Gesicht. Sein Gesicht, und doch waren es deren viele. Es schien ihm, die Trennung von du und ich, von diesem und jenem, von gut und schlecht, richtig und falsch löse sich auf, 'and he began to see that the Bernese people were just like me!'»
Gesucht: Ein Archiv für den Nachlass
Immer wieder kam Vincent Carter zu den Brücken und schaute hinunter zum Wasser. Eines Tages bemerkte er am Geländer eine Spinne. «Still und bescheiden baute sie ihr Netz. Sie so beobachtend, begriff ich, dass das Ergebnis ihrer Anstrengungen poetisch und fantastisch war, zugleich ihr natürlicher Ausdruck. Das Einzige, was sie zu vollbringen hatte, war dieses Netz. Da habe er begriffen, dass für ihn das einzig zu Vollbringende das Schreiben sei. 'I was a writer, and a writer, with or without a full stomach, I would remain.'» Von da an habe er sich nicht mehr anzupassen versucht, wollte kein um Aufmerksamkeit und Anerkennung Bettelnder mehr sein, von da an habe er nur noch auf sich selbst gehört und sich selbst sein wollen. Er war Schriftsteller, er schrieb.
Und er zeichnete, war ein Zeichner, ein leidenschaftlicher. Wieder beschäftigten ihn Gesichter, nicht als Portraits, sondern ihre Verschiedenartigkeit. Archaisch im Stil und direkt im Ausdruck, die Linie, der Strich, verdichtet und verwoben: Vincent Carters Zeichenschreibkunst.
Der zeichnerische und der schriftstellerische Nachlass liegt bis heute bei seiner Lebenspartnerin Liselotte Haas. Die Manuskripte der veröffentlichten Bücher, wie noch zwei weitere bis anhin unveröffentlichte, die Briefe an seine Eltern in Kansas, Fotos, die vielen Zeichnungen in Mappen. Dafür gilt es, für die Zukunft das richtige Archiv zu finden. Vincent Carters Werk sollte, vielmehr muss in Bern bleiben, schliesslich lebte und arbeitete er länger hier als in seiner Heimatstadt Kansas. Das bildnerische und das geschriebene Werk muss zusammenbleiben!
Iris Gerber