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Ein zentrales Element für selbst bestimmtes Altern ist eine gute kognitive Leistungsfähigkeit. Verhaltensweisen zu identifizieren, die dazu beitragen, den altersbedingten kognitiven Abbau zu verzögern, ist deshalb ein zentrales Anliegen zahlreicher Forschungsprojekte. Im Rahmen eines vom ZHAW-Schwerpunkt Age+ geförderten Projekts konnten wir der Frage nachgehen, inwiefern aktuelle und frühere Freizeitaktivitäten mit guter kognitiver Leistungsfähigkeit im Pensionsalter zusammenhängen. Die detaillierten Ergebnisse sind in einem von der Pro Senectute veröffentlichen Bericht einzusehen.
Unter kognitiver Leistungsfähigkeit verstehen wir verschiedene Funktionen wie Gedächtnisleistung oder Sprachvermögen. Sie wird von unterschiedlichen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel durch genetische Veranlagung, sozioökonomischen Status, aber auch durch den Lebensstil. In der Forschung wird davon ausgegangen, dass negative Auswirkungen von Alterungsprozessen, Krankheiten oder Verletzungen im Gehirn durch bestehende «kognitive Reserven» abgemildert werden können. Solche kognitiven Reserven können etwa durch Bildung oder durch Freizeitaktivitäten wie Bewegung aufgebaut werden.
Datengrundlage Schweizer Alterssurvey
Dieser Hypothese sind wir mit Daten des Schweizer Alterssurvey 2022 nachgegangen, einem gemeinsamen Projekt von Pro Senectute Schweiz, der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und der Universität Genf. Der Schweizer Alterssurvey ist eine repräsentative Befragung von 4’500 Personen im Alter ab 55 Jahren zu Gesundheits- und Lebensbedingungen.
Kognitive Leistungsfähigkeit im Pensionsalter
Die kognitive Leistungsfähigkeit wurde als Funktion des Kurzzeitgedächtnisses mit dem «10-Word-Recall-Test» gemessen. Den Befragten wurden jeweils zehn Wörter vorgelegt, von denen sie später so viele wie möglich wiedergeben sollten. Es zeigte sich, dass mehr als die Hälfte der Befragten (59%) vier oder mehr Wörter korrekt wiedergeben konnten, wobei sich jüngere Befragte (65-69-Jährige: 4.6 Wörter) und Frauen (4.3 Wörter) durchschnittlich an etwas mehr Wörter erinnerten als ältere Befragte (85 Jahre oder älter: 3.2 Wörter, siehe Abbildung) und Männer (3.9 Wörter).
Kognitive Leistungsfähigkeit und körperliche Freizeitaktivitäten
Unsere Studie zeigt, dass körperliche Freizeitaktivitäten mit einer besseren kognitiven Leistungsfähigkeit in Zusammenhang stehen. Personen im Pensionsalter, die oft körperlichen Freizeitaktivitäten nachgehen, konnten sich leicht mehr Wörter merken als Personen, die kaum körperlichen Freizeitaktivitäten nachgingen (4.2 vs. 3.9 Wörter). Der Zusammenhang zeigt sich interessanterweise auch für körperliche Freizeitaktivitäten, die eine Person in der ersten Lebenshälfte – im Alter von 10, 20, 30 oder 45 Jahren – ausgeübt hat. Senior:innen, die in der ersten Lebenshälfte meist regelmässig körperlich aktiv waren, konnten sich im Durchschnitt ebenfalls an mehr Wörter erinnern als Personen, die diesbezüglich passiv waren (4.3 vs. 4.0). Der Unterschied von 0.3 Wörter entspricht einem um vier Jahre jüngeren kognitiven Alter – ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Fazit: Körperliche Freizeitaktivitäten sind wichtig für gesundes kognitives Altern
Die kognitive Leistungsfähigkeit korreliert sowohl mit den aktuellen körperlichen Freizeitaktivitäten von Senior:innen, als auch mit den körperlichen Freizeitaktivitäten in der ersten Lebenshälfte. Dieses Ergebnis passt zur These, dass körperliche Aktivitäten einen Beitrag zum Aufbau von «kognitiven Reserven» leisten, eine protektive Funktion haben und die kognitive Leistungsfähigkeit im Alter stärken können. Allerdings lässt sich mit unseren Analysen nicht sagen, inwiefern Senior:innen mit höherer kognitiver Leistungsfähigkeit nicht auch bereits in jüngeren Jahren kognitiv leistungsfähiger und deshalb vielleicht auch aktiver waren. Zudem dürften kognitive Leistungsfähigkeit und Freizeitaktivitäten auch von Drittfaktoren wie z.B. dem sozialen Status gleichzeitig beeinflusst werden.
Ergebnisse zu sozialen, kulturellen und kognitiven Freizeitaktivitäten finden Sie im Bericht.
Sarah Heiniger ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Team Versorgungsforschung am WIG.
Prof. Dr. Marc Höglinger ist Leiter Team Versorgungsforschung am WIG.