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Geschichte
Gürbetal bis Anfang 19. Jahrhundert
Solange es die Bevölkerungszahl noch zuliess, mieden die Menschen die Gefahrengebiete und bekämpften die Hochwassergefahr wo nötig mit lokalen Schutzmassnahmen. Mit dem Bevölkerungswachstum wurden im 19. Jahrhundert erste Hochwasserschutzmassnahmen in die Wege geleitet. Bis dahin war der Talboden grösstenteils versumpft und kaum nutzbar.
Die Chronik der historischen Schadensereignisse der Gürbe und ihrer Zuflüsse zeigt, dass im Gürbetal in der Vergangenheit sehr häufig Hochwasserereignisse auftraten. Immer wieder führten diese zu schweren Schäden.
2. Hälfte 19. Jahrhundert
Ab 1855 wurde die Gürbe, im Rahmen der Grossen Gürbekorrektion mit tatkräftiger Unterstützung des Kantons, im Unterlauf kanalisiert und im Oberlauf durch Wildbachverbauungen gesichert. Das Tal sollte vor Überschwemmungen bewahrt und für die Landwirtschaft nutzbar gemacht werden.
Da für den Schutz der Talebene auch Massnahmen im Wildbachteil unumgänglich waren, nahmen die Arbeiter 1858 die Errichtung der Sperrentreppe und die Sicherung der Seitenhänge auf – im Vergleich zu anderen Schweizer Wildbächen früh. Obwohl die Kanalabschnitte schon nach wenigen Jahren Bauzeit den dafür gegründeten Schwellengenossenschaften (1881) übergeben werden konnten, dauerte die Grosse Gürbekorrektion über zweieinhalb Jahrzehnte an. Verantwortlich dafür waren die schwierigen Verbauungen im rutschungsanfälligen Oberlauf. Immer wieder beschädigten auch Hochwasser die neuen oder sich noch in Bau befindlichen Sperren.
Das Verbauungswerk der Wildbachstrecke wurde nach und nach ergänzt und erweitert. Die Sperrentreppen sollten das Geschiebe (Gesteinsmaterial) und Holzstämme, was ein Unwetter mit sich bringt, bremsen. Durch die Sperrentreppe verliert das Wasser an Fliessgeschwindigkeit und damit an Erosionskraft.
Auch die Seitenbäche gerieten immer mehr in den Fokus der Hochwasserschutz-experten. Unterstützend zu den wasserbaulichen Massnahmen kamen ab den 1890er-Jahren die grossen Aufforstungen im oberen Einzugsgebiet hinzu. Bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Gurnigel- und Gantrischgebiet grosse Flächen ehemaliger Alpweiden aufgeforstet.
20. Jahrhundert
Die Entsumpfungen ermöglichten die intensive landwirtschaftliche Nutzung sowie den Bau von Einzelgebäuden und sogar ganzer Siedlungsgebiete im Talboden – letztere im Zusammenhang mit der Gürbetalbahn, welche 1901 ihren Betrieb aufnahm. Für die Landwirtschaft waren besonders auch die Meliorationsprojekte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts von grosser Bedeutung.
Die Hochwasserschutz- und Entwässerungsmassnahmen waren also die Grundlage für die immer intensivere Nutzung der ehemaligen Gefahrengebiete an der Gürbe. Dies ging in einem wechselseitigen Prozess vor sich. Der steigende gesellschaftliche und ökonomische Druck auf die ufernahen Flächen führte zu einer Zunahme des Schadenspotenzials und das wiederum führte zu einem verstärkten Ruf nach einer Kontrolle der natürlichen hydrologischen Dynamik.
Im 20. Jahrhundert, als auf nationaler Ebene praktisch keine grossen Überschwemmungen zu vermelden waren, blieb das Gürbetal nicht vor katastrophalen Ereignissen verschont. Leidtragend war besonders das obere Einzugsgebiet, wo grösstenteils Gewitter die Hochwasser auslösten.
Im Unterlauf verursachten vor allem die durch grossskaligen Wettersysteme bedingten langandauernden Niederschläge die höchsten Abflussspitzen.
Ab den 1960er Jahren mussten zudem umfangreiche Sanierungsmassnahmen vorgenommen werden, da die mittlerweile jahrzehntealten Sperren überaltert waren. Im Zuge dieser Erneuerungsprojekte wurden die Schutzbauten dem aktuellen Stand der Technik angepasst.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderten sich die Verbauungsgrundsätze allmählich. Während auf Bundes- und Kantonsebene bereits ab den 1960er Jahren erste Anzeichen eines Philosophiewandels erkennbar waren, setzten sich die neuen Ansichten auf der lokalen Ebene erst später durch. An der Gürbe zeigte sich das Umdenken ab der zweiten Hälfte der 1980er Jahre. Die über Jahrzehnte bestehende Devise, wonach der Geschiebeanfall verhindert und die Feststoffe um jeden Preis im Wildbachteil zurückgehalten werden sollten, verlor an Bedeutung.
Mitverantwortlich für dieses Umdenken waren nicht nur der allgemeine Philosophiewandel, sondern auch das Rutschungs- und Murgangsereignis von 1987 und vor allem das katastrophale Hochwasserereignis vom 29. Juli 1990. Innerhalb von wenigen Stunden fielen schätzungsweise 240 Millimeter Regen und 500 mm Hagel: Schweizer Rekord. Die Sohle erodierte bis zu 8 Meter und es wurden 80 Sperren zerstört. Die Gürbe trat unterhalb des Kegelhalses (dort wo die Gürbe in flacheres Gebiet kommt) über die Ufer. Talabwärts kam es zu massiven Schäden an Brücken, Bahngleisen und zu grossflächigen Überflutungen im Gürbetal. In der Folge mussten sowohl im Unterlauf als auch besonders im Oberlauf grosse Schutzprojekte ausgeführt werden, sollten denn ähnliche oder schlimmere Schadensereignisse in Zukunft verhindert werden. Die Sperren unterhalb des Kegelhalses wurden wieder aufgebaut und viel Ablagerungsraum für Geschiebe geschaffen. Auf eine Reparatur der Sperren oberhalb wurde vorerst verzichtet, danach wurden sie aber dennoch saniert.
120 massive Wildbachsperren wurden im Verlaufe der Jahrhunderte am Oberlauf (vom Gürbefall, 1600 M.ü. M. bis Wattenwil, 600 M. ü. M.) verbaut – erst aus Holz, dann aus Stahlbeton. Doch obschon die Obere Gürbe mittlerweile einer der am stärksten verbauten Wildbäche ist, machte man immer wieder die Erfahrung, dass die Natur stärker ist. Das letzte Mal im Winter 2018, als sich im Einzugsgebiet «Meierisli» eine grosse Rutschmasse in Bewegung setzte und über mehrere hundert Meter oberhalb des Kegelhalses erneut 15 Sperren zerstörte. Bund und Kanton kamen daraufhin nach Untersuchung zum Schluss, dass die Reparatur der Sperrentreppen nicht mehr im Kosten-Nutzenverhältnis stehen. Laut Studie machen nur die Massnahmen unterhalb des Kegelhalses Sinn, oberhalb könne man sich auf den Unterhalt weniger Schlüsselbauwerke und auf die Sicherung des Wegnetzes konzentrieren.
Hochwasserschutz heute
Heute hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass Hochwasser und Überschwemmungen zur natürlichen Dynamik eines Fliessgewässers gehören und nicht verhindert werden können. Aufgrund der naturräumlichen Gegebenheiten im Gürbetal, hier sei nochmals an die geologische Beschaffenheit, das steile Gelände und die häufigen intensiven Gewitter im Gantrischgebiet erinnert, werden sich auch in Zukunft immer wieder Hochwasserereignisse verschiedenster Intensität ereignen.
Diese Prognosen wie auch das heutige Verständnis von Überschwemmungen machen klar, dass der Hochwasserschutz an der Gürbe nie abgeschlossen sein kann. Das Ziel wird auch in Zukunft darin bestehen, grössere Schäden zu verhindern, wobei Restrisiken aber akzeptiert werden müssen. Für die Planung und Abstimmung dieser Risiken ist der Gewässerrichtplan Gürbe ein wichtiges Instrument. Im behördenverbindlichen Richtplan sind die angestrebten Zustände und Hochwasserschutzziele definiert und hier wird auch aufgezeigt, wie diese erreicht werden soll. Das Gewässer soll einen ökologisch wertvollen Lebensraum für Pflanzen und Tiere darstellen, der lokalen Bevölkerung ein attraktives Erholungsgebiet bieten und wie bisher als Vorfluter der landwirtschaftlichen Drainagen und des Siedlungswasserbaus dienen. Vor allem aber soll auch weiterhin ein angemessener Hochwasserschutz gewährleistet werden. Um einen ausreichenden Schutz des Gürbetals zu gewährleisten, bleibt aber die Zusammenarbeit aller Beteiligten unabdingbar.
Quellen:
Buch «Die unzähmbare Gürbe», Melanie Salvisberg, 2017
https://schwabe.ch/melanie-salvisberg-die-unzaehmbare-guerbe-978-3-7965-3715-8