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«Oberrheinische» Ochsenkopf-Wasserzeichen des 15. Jahrhunderts
von Peter F. Tschudin, Riehen
sph-Kontakte Nr. 95 | August 2012
Die Herkunft des Ochsenkopf-Wasserzeichens mit Kreuz/Stern, das an prominenter Stelle der Gutenberg-Bibel vorkommt, scheint ebenso unbekannt wie diejenige des p. Der Verbreitung wegen hatten sich die meisten Papierhistoriker bisher mit der pauschalen Herkunftsangabe „Oberrhein“ begnügt. Eine erneute Durchsicht des vorhandenen Materials führt aber zum Schluss, dass neben Mühlen in der Schweiz und im Elsass auch die Freigrafschaft Burgund und Lothringen als Produzenten berücksichtigt werden müssen, und dass das Wasserzeichen ursprünglich aus Caselle im Piemont stammen dürfte.
Die Wasserzeichen-Typen «Ochsenkopf mit Kreuz/Stern»
Abb. 1: Typ „Ochsenkopf mit Kreuz/Stern“, Mitte des 15.Jh. (nach Kälin)
Abb. 2: Ochsenkopf mit Antoniuskreuz;
Abb. 3: Ochsenkopf mit Gallician- Prod. Basel, Antonius Gallician, Hausmarke; Prod. Basel, Gallician, 1482 (nach Briquet) 1485 (nach Heitz)
Abb. 4: Ochsenkopf mit Wappen
Abb. 5: Ochsenkopf mit Initiale Z; von Metz; Prod. Papiermühle Metz, Prod. Zürich, Papiermühle auf 1476/80 (nach Hößle) dem Werd, 1479 (nach Tschudin)
Abb. 6: Ochsenkopf mit Kreuz/Stern
Abb.7: Ochsenkopf mit Antoniuskreuz, und Ring; nach Heitz, Ring, Nüstern und Ringzunge; verw. Strassburg 1471 nach Wiener, verw. Nancy 1518
Abb. 8: Ochsenkopf mit Kleeblatt;
Abb. 9: Ochsenkopf mit Kleeblatt; nach Briquet, verw. Wien 1538 nach Heitz, verw. Strassburg, nach 1480
Abb. 10: Ochsenkopf mit Blume;
Abb.11: Ochsenkopf mit Antoniuskreuz, Stern nach Briquet, verw. Luzern 1487 und Ring; nach Kälin, verw. Basel 1497
Abb.12: Wasserzeichen „Ochse“, Briquet Nr. 2816; verw. Perpignan 1469
Schon Altmeister Briquet hatte sich mit dem in Schriften und Inkunabeln der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts häufig vor-kommenden Wasserzeichen «Ochsenkopf mit Kreuz/Stern» (Typ IPH C4/2/3; Abb.1) befasst und dabei die Vermutung geäussert, dieser Ochsenkopf sei in mehreren Mühlen verwendet worden, sicher am Oberrhein, möglicherweise auch in der Freigrafschaft und in Lothringen. W. Fr. Tschudin und Hans Kälin schrieben einen Grossteil der Papiere mit diesen oder ähnlichen Wasserzeichen den Basler Produzenten Halbisen und Gallician zu, und der Verfasser dieser Zeilen gelangte in seiner «Schweizer Papiergeschichte», erst recht aber in seiner späteren Überprüfung der ältesten Papier-Handelswege der Schweiz zum Schluss, dass die Mühlen der Freigrafschaft und Lothringens von Anbeginn bedeutende Mengen Papier in die Schweiz geliefert haben müssten, darunter auch solches mit dem Ochsenkopf-Wasserzeichen.
Die Zuweisung dieser Ochsenkopf-Wasserzeichen ist zunächst mit einiger Gewissheit möglich, wenn durch Belege identifizierbare Beizeichen oder Kontermarken vorhanden sind. Das ist für die Basler Gallician-Mühlen mit den Beizeichen «Antoniuskreuz» und «Gallician-Hausmarke» der Fall (Abb. 2 und 3), ebenso für die Papiermühlen von Metz (Abb.4) und Zürich (Abb.5).
Andere Typen lassen sich durch andere Beizeichen oder Varianten der Wasserzeichen-Drahtform unterscheiden, die jedoch nicht direkt eine bestimmte Herkunft erkennen lassen. Hier kann der Versuch helfen, über die Verbreitung und die Verwendungs-Datierung der Zeichen einen Schluss auf die Herkunft zu ziehen.
Der häufigste Untertyp lässt sich durch einen an der Stirn oder der Kreuzstange angebrachten kleinen Drahtkreis erkennen (Abb.6). Die nachgewiesenen Verwendungsdaten liegen zwi-schen 1431 und 1520, und die Verbreitungsangaben weisen auf nichtbaslerisches Papier hin. Wiener bildet ein solches Wasserzeichen als angeblich aus Lothringen stammend ab (Abb.7).
Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass er noch die Meinung vertritt, die sich trotz besserem Wissen bis in die Gegenwart gehalten hat, die Verwaltungen von Orten mit Papiermühlen hätten immer Papiere aus Mühlen ihres Ortes oder zumindest ihrer Region verwendet. Beim Typ «Ochsenkopf mit Kreuz/Stern und Ring» spricht schon die Chronologie der Verwendungsdaten dagegen, und die Angaben über die Verbreitung weisen für diesen Typ auf Piemont als Ursprungsgebiet hin. Auch die Möglichkeit von Nachahmungen oder eines vom Händler oder vom Abnehmer vorgeschriebenen Wasserzeichens ist nicht von der Hand zu weisen. Der Ring als besonderes Kennzeichen ist im Zusammenhang mit anderen Ochsenkopf-Typen für Oberitalien nachgewiesen.
Die Verbreitung des einfachen Typs «Ochsenkopf mit Kreuz/Stern (ohne Ring)» hingegen passt zur Annahme, er stamme aus Basel, und die Chronologie stützt die Hypothese, das Wasserzeichen sei zunächst in den Mühlen Halbisens, später seiner Nachfolger verwendet worden.
Eine weitere Gruppe ist durch ein – oft verformtes – Kleeblatt auf der Stange gekennzeichnet (Abb.8, 9); die Verbreitung könnte auf eine Herkunft aus den Vogesen oder dem Elsass hinweisen. Die Verwendungsdaten stammen zumeist aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.
Weitere, meist späte Varianten sind durch eine Blume (Abb.10) oder einen Stern (Abb.11) gekennzeichnet. Eine pauschale Zuweisung aller Typen, die ein T enthalten, an die Basler Gallician ist angesichts der eindeutigen Nachahmungen aus dem Vogesengebiet ebenso wenig haltbar wie die allgemeine Zuweisung von Blumen-Wasserzeichen an Oberitalien.
Weitere Varianten des genannten Ochsenkopf-Typs scheinen, der Verbreitung nach zu schliessen, vor allem aus Basel und dem Vogesengebiet zu stammen. Die Freigrafschaft kennt nur ein einziges Beispiel: den Ochsenkopf mit Stern der Papiermühle von Froideconches.
Piccards Wasserzeichenpausen unterscheiden als weitere Untergruppen u.a. Typen mit gerundeten Ohren und verbundenen Nüstern und Typen mit rhombisch geformten Ohren, aber durch einen kleinen Abstand getrennten Nüstern. Ihre Verbreitung scheint der Verbreitung von Papier aus Basel und dem Oberrhein zu entsprechen; die ältesten Belege stammen aber vom Anfang der 1430er Jahre. Briquet, der zwar eine geringere Anzahl von Beispielen als
Wasserzeichenpausen wiedergibt, kennt diesen Unterschied nicht und zeichnet jedes Was-serzeichen individuell verschieden. Seine Datierungen umfassen den Zeitraum von 1400 bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, wobei es sich bei den spätesten Beispielen um Nachahmungen handelt, die nicht aus Basel stammen. Piccards Einteilung lässt sich bei näherer Überprüfung von Originalen nicht nachvollziehen.
Das Herkunfts-Problem
Wenden wir uns nun der Herkunftsfrage zu. Der Stier («Ochse») ist das Wappenzeichen von Turin und eine Handelsmarke des Piemont. Als Wasserzeichen «ganzer Ochse» und «halber Ochse» findet er sich schon in zahlreichen frühen feinen Kanzleipapieren piemontesischer Herkunft.
Als Vorbild für den hier besprochenen Typ des Ochsenkopfs kommt jedoch nur der ganze oder halbe Ochse in Frage, der bei der Gestaltung des Kopfes dieselbe Siebmachertradition verrät (Abb.12). Seine ursprüngliche Herkunft ist das Piemont, ohne dass aber bisher eine genauere Zuweisung möglich gewesen wäre. Auffallend ist für einen Untertyp mit dreiteiliger Schwanzquaste nach der Mitte des 15. Jahrhunderts die Häufung der Verwendungsbelege aus Süd-, Mittel- und Westfrankreich, welche Briquet dazu veranlasst hat, eine lokale Herkunft aus diesen Regionen anzunehmen. Weil aber auch entsprechende Belege aus Italien und Mitteleuropa vorhanden sind, muss Briquets Meinung in Frage gestellt werden.
Wenn wir die gesicherten Zuweisungs-Belege für unseren speziellen Ochsenkopf-Typ mit Kreuz/Stern, der für mittelfeines Kanzleipapier gebräuchlich ist, betrachten (Abb.13), stellen wir fest: Unzweifelhaft stehen Basel (bereits 1448, wohl früher) und Metz (nach 1447) am Anfang, gefolgt von Froideconches (1466) und Zürich (1470/72) sowie Serrières (1477). Eine Überprüfung der entsprechenden Mühlengeschichten erbringt eine unerwartete Überraschung: An vier dieser Orte startet der Betrieb der Papiermühlen mit Papiermachern aus Caselle, während durch das Basler Meltinger-Rechnungsbuch die sehr engen geschäftlichen Beziehungen des ersten Zürcher Papiermachers Walchwiler mit Basel (Meltinger, Gallician) belegt sind, also angenommen werden muss, dass Walchwiler mit Papiermachern aus Caselle gearbeitet hat. In diesem Zusammenhang ist auch zu erwähnen, dass in den nachweislich 1466 schon bestehenden Berner Papiermühlen Papierer aus dem Piemont und aus Caselle tätig waren, und dass die Papiermühle «zu Thal» 1474 an den bekannten, in Basel tätigen Papiermacher Antonius Gallician aus Caselle überging. Unter den frühen Berner Wasserzeichen finden sich denn auch neben dem obligaten Bären vereinzelt Ochsenköpfe unseres Typs, das Gallician-Hauszeichen, ja sogar der Bär mit dem Antoniuskreuz!
Papiermacher aus dem Piemont finden sich auch im Zusammenhang mit den frühen, in derselben kurzen Zeitperiode erfolgenden Mühlengründungen im Raum der Vogesen, so der Mühlen in Bains, Épinal, und Docelles.
Was liegt näher als die Annahme, dass die Fachleute aus Caselle ihre Siebmacher und gleichzeitig ihre heimische Marke für den gängigen, mittelfeinen Kanzleipapiertyp, den es herzustellen galt, mitgebracht haben? Parallel dazu verlangten die Territorialherren vieler Mühlen ein Wasserzeichen, meist mit ihrem Wappen, das die Herkunft des Papiers unmissverständlich dokumentierte. Die individuellen, den lokalen Bedürfnissen nach Kennzeichnung entsprechenden Marken und zusätzlichen Beizeichen sowie die aus kommerziellen Gründen verständlichen Nachahmungen folgen alle viel später.
Die allgemeine chronologische Reihe des Wasserzeichen-Typs «Ochsenkopf mit Kreuz/Stern» stützt diese Annahme. Sie beginnt um 1400 im Piemont und verzeichnet kurz nach 1430 eine auffallende Zunahme, die sich nach 1448 und speziell nach 1453 wiederholt. Die ersten Belege zeigen den Kopf mit Ring-Beizeichen; dessen Verbreitung entspricht auch später derjenigen des piemontesischen Exportpapiers. Unter diesem Gesichtspunkt stellt sich für die von Briquet bemerkte Verbreitung des Wasserzeichens «Ochse mit dreiteiliger Schwanzquaste» die Frage, ob nicht eine ähnliche Ausbreitung des piemontesischen Papierhandels als Erklärung in Frage käme. Solange aber die Papiermühlengeschichte z.B. des Poitou nicht gesamthaft gründlich erforscht ist, sind weitere Überlegungen müssig. Parallelen zeigt auch die Verbreitung des Wasserzeichens p, dessen künftige Erforschung nach ähnlichen Überlegungen erfolgen müsste.
Offen bleiben muss die Frage nach der Rolle von Heinrich Halbisen in diesem Prozess. Wäre er, der als erster Papierer aus Caselle nach Basel geholt hat, der Auslöser der «Wanderbewegung» piemontesischer Papiermacher nach Norden? Und welche Rolle spielte der Caselle-Bürger Antonius Gallician? Die Verbreitungsstatistik der Wasserzeichen «Ochsenkopf mit Kreuz/Stern» mit ihren Schwellenpunkten um 1431ff., 1448ff. und 1453ff. legt jedenfalls einen Zusammenhang mit der Basler Entwicklung nahe.
Künftige Forschungen mögen für das Piemont, die Freigrafschaft, Lothringen und das Elsass vervollständigte Mühlenverzeichnisse und, speziell für Basel, umfangreichere, ausführlichere Wasserzeichen-Kataloge entstehen lassen, um in diesem Zusammenhang die nicht nur zusammen mit dem Ochsenkopf vorkommenden Beizeichen jeweils einer bestimmten Mühle zuweisen zu können.