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Wo und wann entsteht Bewußtsein?
Wie wir gehört haben, sind Bewußtseinszustände an einen intakten Neocortex gebunden, und dies gilt vor allem oder gar ausschließlich für den assoziativen Cortex. Sind spezifische assoziative Cortexareale zerstört, dann können in der Regel subcorticale Zentren zwar bestimmte perzeptive oder motorische Leistungen ausführen, aber diese sind dem Patienten nicht bewußt, wie wir dies bei dem Phänomen der »Seelenblindheit« diskutiert haben. Allerdings ist der Cortex keineswegs der alleinige »Produzent« von Bewußtsein. Vielmehr sind die Formatio reticularis des Hirnstamms und ihre verschiedenen Subsysteme wesentlich am Entstehen von Bewußtsein beteiligt; Verletzungen der Formatio reticularis führen in aller Regel zur Bewußtlosigkeit.
Den Aufbau des retikulären Systems und seine anatomischen Beziehungen zum Cortex sowie dem (übrigen) limbischen System habe ich im voraufgegangenen Kapitel dargestellt. Wir können uns die Interaktion der drei Systeme der Formatio reticularis mit dem Neocortex, dem limbischen System und dem Hippocampus folgendermaßen vorstellen: Durch das aufsteigende retikuläre System der medialen Formatio reticularis wird der Neocortex »wach« gehalten, sofern im Innern des Körpers sowie in der Umwelt genügend passiert; ist alles ruhig in und um uns, so haben wir oft Mühe, die Augen aufzubalten. Geschieht aber etwas, dann wird dies im ersten, völlig unbewußt ablaufenden, präattentiven Abschnitt der Wahrnehmung von den Sinnesorganen erfaft und vom Raphe
Dasjenige, was als unbekannt und unwichtig eingestuft wird, gelangt überhaupt nicht in unser Bewußtsein. Unsere Sinnessysteme nehmen ständig Ereignisse wahr, die in einem trivialen Sinne neu und gleichzeitig völlig irrelevant sind. Wenn wir etwa durch eine uns unbekannte belebte Straße spazieren, ohne daß wir ein bestimmtes Interesse verfolgen, dann ist nahezu alles an Gehörtem und Gesehenem neu (die Schaufenster, die Menschen, die Gesprächsfetzen, die Verkehrsgeräusche), wir nehmen aber nur wenig davon wahr (nämlich dasjenige, was doch irgendwie von Interesse ist), und noch weniger bleibt in unserem Gedächtnis hängen. Unser Gehirn schützt sich offenbar davor, sich mit all dem befassen zu müssen.
Was bekannt und wichtig ist, wird in aller Regel mit einer bestimmten, wenn auch niedrigen Bewußtseinsstufe bedacht. So bin ich mir im Augenblick bewußt, daß ich Ich bin und in meinem Arbeitszimmer sitze; ich nehme in meinem Hintergrundbewußtsein die Wände des Zimmers, Gegenstände auf meinem Schreibtisch, das Surren des Computers, den Schreibtischsessel und wenige andere Dinge wahr, die mir signalisieren: alles ist in Ordnung. Dies zu wissen ist eine wichtige Sache, denn es erlaubt mir, meine Aufmerksamkeit ohne Angst auf eine bestimmte Sache zu konzentrieren, zum Beispiel auf das, was ich gerade schreibe.
Am stärksten ist dasjenige von Bewußtsein und Aufmerksamkeit begleitet, was neu und wichtig ist. Als wichtig wird natürlich zuallererst dasjenige eingestuft, was sich in der Vergangenheit als bedeutsam im positiven und insbesondere im negativen Sinn erwiesen hat. Dadurch wird die Empfindlichkeit unserer Sinnessysteme für bestimmte Ereignisse »geschärft«. So sind wir in der Lage, schwächste Reize, die anderen völlig entgehen, deutlich wahrzunehmen, sofern sie für uns wichtig sind (das Läuten des eigenen Telefons im Stimmen
Andererseits kann auch etwas unser Bewußtsein oder unsere Aufmerksamkeit voll beanspruchen, das äußerlich gesehen wenig dramatisch ist. So kann ich den Worten eines Vortragenden mit höchster Aufmerksamkeit folgen, sofern sie mir etwas sagen, was mein Bewertungssystem als »neu« und »wichtig« eingestuft hat. Ist das, was der ReUner sagt, für mich ein alter Hut, so werden meine Gedanken abschweifen, oder ich muß gegen meine Schläfrigkeit ankämpfen. »Wichtig« ist also immer relativ und muß zudem keineswegs »lebenswichtig« sein. Ebenso wichtig ist das Erreichen einer stabilen und sinnvollen Wahrnehmung oder das Erleben von etwas »Interessantem«.
Bewußtsein entsteht also nur dann, wenn das ARS
Freilich wissen die Reticularis
Die Funktion des Bewußtseins
Warum aber dringt dasjenige, was als »wichtig« und »neu« vom Reticularissystem eingestuft wurde, so stark in unser Bewußtsein, während alles andere unser Bewußtsein kaum oder gar nicht erreicht? Was ist die Funktion von Bewußtsein?
Wir müssen uns zur Beantwortung dieser Frage noch einmal vergegenwärtigen, was wir tun können, ohne daß es notwendig von Bewußtsein begleitet ist. Dies sind Wahrnehmungsakte und Handlungen, die wir routinemäßig tun, nachdem wir sie immer und immer wieder ausgeführt haben: wir können sie »wie im Schlaf«. Der Grund hierfür ist, daß im Gehirn für diese Handlungen »fertige« Nervennetze vorliegen, die aktiviert werden. Dabei muß es keineswegs reflexartig und starr vor sich gehen; vielmehr sind die notwendigen Anpassungen an kleinere Veränderungen der vorliegenden Situation in den Netzen mit berücksichtigt. Wir geraten aber »aus dem Takt«, wenn die Veränderungen zu groß werden. Derartige Netzwerke werden von unserem Gedächtnis durch Uljung angelegt. Das Bewußtsein und damit der Cortex sind nur zu Beginn, wenn die Aufgabe neu ist, voll beteiligt und »schleichen« sich in dem Maße (als notwendige Komponente) aus, in dem die Aufgabe beherrscht wird. Zu einem bestimmten Zeitpunkt wird Aufmerksamkeit möglicherweise sogar als hinderlich empfunden.
Wird aber vom retikulären Uberwachungs- und Bewertungssystem etwas als wichtig im Lichte vergangener Erfahrung angesehen, so wird geprüft (natürlich noch in der unbewußten, präattentiven Phase der Wahrnehmung), welche corticalen Areale für dieses Problem »zuständig« sind. Es kann sich um den visuellen oder auditorischen assoziativen Cortex, den prämotorischen Cortex, den präfrontalen Cortex, das Wernickesche (für Wortbedeutung zuständige) Sprachzentrum handeln und so weiter. Es wird vom retikulären System nun »untersucht«, ob dort ein Neuronennetzwerk vorhanden ist, das die Aufgabe »routinemäßig« bewältigen kann. Wenn dies nicht der Fall ist, dann muß ein Netzwerk neu angelegt bzw. ein vorhandenes »umverdrahtet« werden. Die entsprechenden Areale erhalten nun die Aufgabe, sich mit dem Problem zu befassen. Dabei kann es sich um das Erkennen eines unbekannten C)bjekts, das Verstehen einer neuartigen Aussage, das Erlernen einer ungewohnten Bewegung, das Lösen eines Problems oder das Vorstellen eines nenartigen Sachverhalts handeln. Letztlich müssen immer neue Neuronenverknüpfungen angelegt werden, die in der Lage sind, ein Verhalten zu steuern oder einen internen Zustand zu erzeugen, welcher vom Gehirn als Lösung des Problems angesehen wird. Das geschieht mit allen Mitteln, die dem Gehirn zur Verfügung stehen, und dies sind neben den aktuellen Sinnesdaten auch die Gedächtnisinhalte, die auf ihre mögliche Relevanz für die Problembewältigung hin geprüft werden müssen.
Aus diesem Vorgang resultiert schnell oder langsam, d. h. innerhalb eines Bruchteils einer Sekunde oder mit deutlich mehr als einer Sekunde, ein neu angelegtes Nervennetz. Wir glauben manchmal deutlich mitzuerleben, wie unser kognitives System »langsam« arbeitet, wenn es zum Beispiel darum geht, den Sinn eines geFörten Satzes zu erfassen, den wir akustisch schlecht verstanden haben. Hierbei werden, ohne daß wir dabei die Details bewußt verfolgen können, anhand des Sprachgedächtnisses sehr viele mögliche Deutungen geprüft, ehe sich unser kognitives System für eine bestimmte Deutung entscheidet (manchmal mit einem deutlichen »Gefühl der Unsicherheit«). Dieses neue Nervennetz wird nun beim Vorliegen gleicher oder vergleichbarer Situationen überprüft, verändert und schließlich in einer Form verfestigt, die sich bei der Uberprüfung bewährt hat. Entsprechend benötigen wir immer weniger Zeit, um ein bestimmtes Problem zu bewältigen, und wir tun Dinge mit immer weniger Aufwand (bzw. immer »eleganter«). Im selben Maße zieht sich das Bewußtsein zurück, bis schließlich von uns die anstehenden Aufgaben mehr oder weniger automatisiert erledigt werden können.
Ich behaupte also, daß das Auftreten von Bewußtsein wesentlich mit dem Zustand der Neuverknüpfung von Nervennetzen verbunden ist. Je mehr Verknüpfungsaufwand getrieben wird, desto bewußter wird ein Vorgang, und je mehr »vorgefertigte« Netzwerke für eine bestimmte kognitive oder motorische Aufgabe vorliegen, desto automatisierter und unbewußter erledigen wir diese Aufgabe. Bewußtsein ist das Eigensignal des Gehirns für die Bewältigung eines neuen Problems (ob sensorisch, motorisch oder intern-kognitiv) und des Anlegens entsprechender neuer Nervennetze; es ist das charakteristische MerEmal, um diese Zustände von anderen unterscheiden zu können.
Gerhard Roth