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theater
Bilder: Berliner Ensemble/Moritz Haase
«Ich glaube, die Arbeit eines Dramatikers ist im Wesentlichen ein Akt der Empathie»
«Es hat eine besondere Kraft, wenn echte Menschen für andere Menschen im selben Raum spielen»
Tolstoi hatte zweifellos recht mit seinem berühmten ersten Satz von «Anna Karenina»: «Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.» Die Familie Weston, ansässig in der amerikanischen Provinz, wo der Dramatiker und Schauspieler Tracy Letts geboren und aufgewachsen ist, kultiviert ein besonders eigenwilliges Unglück: Der Vater ist ein gescheiterter Dichter, langjähriger Alkoholiker und ausserdem spurlos verschwunden. Die Mutter hat Krebs, ist tablettenabhängig und nimmt sich deshalb das Recht heraus, ihre Angehörigen mit spitzer, giftiger Zunge derart zu demütigen, dass das Herzblut nur so spritzt. Die drei Töchter, alle in den Vierzigern, haben sich aus dem familiären Elendssumpf nie befreien können. Die älteste wird gerade von ihrem Mann verlassen, die jüngste führt ihren neuesten Part Time Lover vor, der seine pädophilen Neigungen prompt an ihrer Nichte auslebt.
Nur die mittlere Tochter der Familie Weston aus Osage County, Oklahoma, wähnt sich glücklich, liebt sie doch heimlich ihren Cousin, der zwar als der allseits verhöhnte und verachtete Familiendepp gilt, sich aber als Einziger in dieser durch und durch verdorbenen Sippschaft so etwas wie ein reines Herz bewahren konnte. Leider stellt sich im Lauf der Ereignisse heraus, dass «Little Charly» Folge eines Seitensprungs seiner Mutter mit ihrem Schwager, dem verschollenen Patriarchen – nicht der Cousin, sondern vielmehr der Halbbruder seiner vermeintlichen Cousine ist. Ach ja, und irgendwann trudelt die Nachricht ein, dass der verschollene Patriarch Selbstmord begangen hat – aber zu diesem Zeitpunkt sind alle so sehr beschäftigt mit ihrer eigenen Misere, dass diese Hiobsbotschaft fast untergeht in der allgemeinen Nieder- und Untergangsstimmung.
Sucht, Lügen, Inzest, Suizid – man könnte meinen, der Dramatiker Tracy Letts habe sein spätsommerliches Familien-Inferno allzu heftig angeheizt, sein Drama overplottet, mit tragikomischen Konflikten überreizt. Aber sein Stück «August: Osage County» wurde nicht nur mit dem Pulitzer-Preis und dem Tony-Award ausgezeichnet, war nicht nur ein riesiger Broadway-Erfolg und wurde mit Best-of-Hollywood-Besetzung verfilmt und mit Oscar-Nominierungen überschüttet. Es wird auch seit zehn Jahren auf deutschen Bühnen rauf und runter gespielt, fehlt auf keinem Spielplan und ist die beste Gelegenheit für jedes Theater, die Güteklasse seiner Schauspieler und die Zusammenspielkräfte seines Ensembles zu erproben und zur Schau zu stellen.
Dennoch ist der 53-jährige Tracy Letts, Sohn des Schauspielers Dennis Letts und der Bestseller-Autorin Billie Letts ein in Deutschland immer noch weitgehend unbekannter Theaterautor – und seine Prominenz reicht nicht annähernd heran an die Dramatiker, in deren Tradition er schreibt, mit denen er aber bescheidenerweise nicht verglichen werden will: an Tennessee Williams, Eugene O‘Neill oder Edward Albee. Denn Tracy Letts schreibt Wellmade Plays, und allein die Tatsache, dass es für diese Dramen-Gattung keinen deutschen Begriff gibt, zeigt, wie schwer sich das deutsche Theater mit Stücken tut, deren hervorstechendes Merkmal ist, dass sie «gut gemacht» sind.
Denn wieso sollte man Interesse an der brillanten Architektur eines Hauses haben, wenn man ohnehin wild entschlossen ist, es abzureissen? Ein reizvoller Plot, eine raffinierte Dramaturgie, pointierte und dennoch authentische Dialoge und differenzierte Charaktere, die Eigenschaften eines Wellmade Play also, sind für das dekonstruktionsfixierte deutschsprachige Regietheater nicht nur uninteressant, sondern geradezu hinderlich.
Hier, wo die Reflexion immer wichtiger ist als die Erzählung selbst, wo man Texte als Material für Bühnen-Collagen begreift und auf diversen Meta-Ebenen glatt den realistischen Boden unter den Kothurnen verliert, stehen Tracy Letts‘ Erfolgsstücke chronisch unter Seifenopern-Verdacht. «Problem-Boulevard» ist der Begriff, mit dem hierzulande diese Art von Stücken geringschätzig übersetzt und auf Soap-Niveau herabgestuft wird.
Am Berliner Ensemble, wo Oliver Reese seit der Spielzeit 2017/18 ein von den Schauspielern getragenes Erzähl- theater zu etablieren versucht, spielt Tracy Letts‘ lebensnahe und menschenfreundliche Dramatik eine geradezu programmatische Rolle. Drei seiner Stücke stehen mittlerweile am Schiffbauerdamm auf dem Spielplan: Sein bisher grösster Erfolg, das Provinzdrama um die hoffnungslos verkrachte Familie Weston, das unter dem Titel «Eine Familie» zum Publikumsmagneten an zahlreichen deutschsprachigen Bühnen wurde und unter der Regie von Oliver Reese schon am Frankfurter Schauspiel ein grosser Erfolg war. «Mary Page Marlowe» oder, so der deutsche Titel, «Eine Frau» – ein von David Bösch sehr ernsthaft und behutsam inszeniertes Biografie-Spiel, das die Schlüsselmomente und Krisensituationen eines Frauenlebens mosaikartig verschachtelt, nichtchronologisch und augenblicksfokussiert, sodass deutlich wird, wie vielgesichtig ein Menschenleben sein kann – wie viele Leben ein einziges Leben in sich vereint. Und schliesslich die wiederum von Oliver Reese selbst inszenierte Midlife-Crisis-Tragi-Komödie «Wheeler», die konsequenterweise eigentlich den Titel «Ein Mann» tragen müsste. Hier skizziert der Neurosenzüchter und Lebenskatastrophenforscher Letts das Psychogramm eines frisch geschiedenen, beruflich gescheiterten und entsprechend verbitterten Mittfünfzigers, der sein Leben auf einen schlingernden Selbstverachtungs- und Selbstzerstörungskurs gesetzt hat.
«Ich glaube, die Arbeit eines Dramatikers ist im Wesentlichen ein Akt der Empathie», antwortet Letts auf die Frage, wie viel von ihm selbst in seinen Figuren stecke. «Man versucht, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, zu sehen, was sie sehen, zu fühlen, was sie fühlen. Aber am Ende geht es immer um mich.»
Umso erstaunlicher ist es, dass seine Stücke mit aussergewöhnlich starken Frauenfiguren aufwarten, welche die Männer auf eine entblössende Art und Weise blass aussehen lassen.
Das psychologische Einfühlungs-Theater, für das Tracy Letts Stücke stehen, darf jedoch nicht aus seiner sozialen Verankerung gelöst werden. Letts’ Figuren tragen ihr Herz auf der Zunge, sie teilen sich hemmungslos mit, sprechen sich schamlos aus, entäussern fortwährend ihr Innerstes. Ihr Seelenleben ist der Rohstoff für schnelle, schneidige Screwball-Dialoge, deren Nährboden der American way of life ist, geprägt von einer grösseren existenziellen Leichtigkeit, die nicht mit Oberflächlichkeit verwechselt werden darf. Letts’ Psycho-Dramen brauchen Tempo und Timing, sie müssen nicht nur mit handwerklicher Perfektion, sondern auch mit einer forcierten Kaltblütigkeit inszeniert werden, sonst gleiten sie ab in sentimentale Seichtigkeit und Emotionalkitsch.
«Es hat eine besondere Kraft, wenn echte Menschen für andere Menschen im selben Raum spielen», sagt Letts. «Das können Film und Fernsehen niemals ersetzen.» Für das deutschsprachige Theater ist diese zur Schau gestellte Menschlichkeit eine Herausforderung – und zugleich eine Chance, sich auf die eigenen Ursprünge zu besinnen. Denn diese «gut gemachten» Stücke funktionieren nur dann, wenn ihre reibungslose Mechanik unterfüttert wird mit Schauspielkunst, die das «Gemachte» unsichtbar werden lässt. Das heisst, man muss ihre vermeintliche Oberflächlichkeit bedienen, um ihre Tiefgründigkeit zum Vorschein zu bringen. Deshalb geht von der durch Tracy Letts eingeleiteten Wiedergeburt des Wellmade Play eine grosse reanimierende Kraft aus. Wenn das Theater es wagt, «nur» Theater zu sein, hat es die Chance, erneut zum Leben zu erwachen. ■