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Der Verwaltungskomplex der Basler Verkehrs-Betriebe lässt nicht vermuten, dass in diesem Bereich einst ein Dampfkraftwerk stand. Die zweigleisige Wagenwerkstätte befand sich exakt beim heutigen Eingang Claragraben 55 (Bildmitte). Der Gebäudeteil im Vordergrund trug einst die Hausnummer 53. Von links mündet der Dolderweg ein.
© Dominik Madörin, CH-Ettingen (Bild-Nr. D8B_8140)
Für den Betrieb der ersten Basler Strassenbahnlinie musste ein eigenes Dampfkraftwerk («Kraftstation») errichtet werden. Dieses kam mitsamt einem 36 m hohen Kamin auf einem Areal am Claragraben zu liegen, also mitten im schon bereits damals dicht bewohntem Stadtgebiet. Im hinteren Teil des langgestreckten Gebäudes befanden sich Kessel- und Maschinenraum sowie das Brennstofflager. Gegen den Claragraben hin waren Büros der Tramverwaltung und eine Wagen-Reparaturwerkstätte angeordnet. Für die Errichtung einer Wagenhalle war das Grundstück ungeeignet, so dass die Basler Strassenbahnen (B.St.B.) eine separate Remise auf einem Grundstück an der Hammerstrasse erstellen liessen. Vom Claraplatz aus wurde ein rund 360 m langes Zufahrtsgleis angelegt, welches an der Werkstätte vorbei zur Remise an der Hammerstrasse führte.
Die Werkstätte verfügte über zwei Gleise, welche in ihrer Länge jeweils genau für einen der kurzen Zweiachser der Gründerzeit ausreichten, und von welchen eines eine Putzgrube besass. Lediglich grössere Reparaturen und Hauptrevisionen, bei welcher die Wagenkästen abgehoben werden mussten, führten die B.St.B. am Claragraben durch. Der periodische Kleinunterhalt und kleinere Reparaturen wurden in der Remise an der Hammerstrasse vorgenommen.
Die kleine Wagenwerkstätte verfügte über eine Umformergruppe für die elektrische Beleuchtung. Der Umformermotor bediente durch einfache Riemenübersetzung zugleich eine Deckentransmission für den Antrieb der Werkzeugmaschinen wie Drehbank, Shappingmaschine, Bohrmaschine etc.
Bereits 1897 mit der Inbetriebnahme des Depots Klybeck wurde die Wagenwerkstätte aufgegeben und der freiwerdende Platz für Bedürfnisse im Zudammenhang mit der Vergrösserung des Dampfkraftwerks genutzt.
Stromproduktion
Die Einrichtungen zur Stromproduktion für den Trambterieb wurden wie folgt beschrieben:
«Im Kesselhaus sind zwei Cornwall-Kessel mit je zwei Vorwärmern installiert. Jeder Kessel hat ein durchgehendes Well-Feuerrohr und drei Galloway-Röhren. Die Heizfläche des Kessels ist 60 m2 und der Vorwärmer 30 m2. Die Kesselschale hat eine Länge von 8,700 m, einen Durchmesser von 1,640 m und die aus Flusseisen hergestellten Kesselwände haben eine Blechstärke von 12,5 mm bzw. 17,5 mm. Der Durchmesser des Feuerrohrs ist 850/950 mm mit einer Blechstärke (Flusseisen) von 10 mm und 13 mm. Die beiden Vorwärmer sind je 8,600 m lang und haben 0,600 m Durchmesser. Zur Kesselspeisung dienen eine Dampfpumpe und ein Injektor als Reserve. Die Heizung geschieht mit Koaks, welchen das städtische Gaswerk liefert. Dementsprechend und mit Rücksicht auf die Aufstellung weiterer Kessel wurde der Kamin 36 m hoch, mit einer oberen Lichtweite von 1,20 m hergestellt.
Im Maschinenhaus sind je zwei Dampf- und Dynamomaschinen installiert. Zur besseren Ausgleichung der ganz bedeutenden Stromschwankungen wurden die Dampfmaschinen mit grossen Schwungrädern versehen, welche 5,0 m Durchmesser besitzen. Die Dampfmaschinen sind horizontale Compound-Tandem Maschinen mit 350 mm bezw. 550 mm Cylinder-Durchmesser; der Hub beträgt 750 mm, die Tourenzahl 80 in der Minute. Die Maschinen sind Kondensations-Maschinen mit 7 Atmosphären Anfangsdruck; sie leisten bei 14% bezw. 29% Füllung im Hochdruckcylinder 92 bezw. 130 P.S.i oder etwa 75 bezw. 110 P.S.e. Sämtliche Rohrleitungen sind im Untergeschoss des Maschinenhauses angeordnet, wo bereits der Aushub für Fundamente der weiteren Maschinen erfolgt ist.
Die Dynamomaschinen, welche mittels einer einfachen Riemenübersetzung angetrieben werden, sind Nebenschluss-Maschinen, System Helvetia, für 520 V. und 140 Ampères entsprechend einer Leistung von 72’800 Watts. Dieselben machen 450 Touren in der Minute und sind mit automatischer Ringschmierung versehen. Sämtliche Stromleitungen im Maschinenhaus zwischen Dynamomaschine und Schaltbrett sind unterirdisch angeordnet.
Am Schaltbrett, welches ebenfalls bereits für eventuelle Vergrösserung der Maschinenanlage eingerichtet ist, sehen wir alle nötigen Apparate. Es sind vorhanden zwei automatische Rückstromausschalter, welche als Handausschalter dienen, ein Voltmeter mit Vierkontakt-Doppelpolumschalter, zwei Ampèremeter für je 150 A, ein Hauptampèremeter für den Linienkonsum, ein automatischer Maximalstromausschalter für die Arbeitsleitung, ein Centralen-Voltmeter, ferner zwei Blitzplatten mit selbstthätiger Funkenlöschung für die abgehenden Kraftleitungen. Die Maschinen können ohne Betriebsstörung untereinander ausgewechselt werden, ebenso können beide auf denselben Stromkreis parallel arbeiten.»
Kraftstation Claragraben, Grund- und Seitenriss vor dem Ausbau 1897. Der Komplex steht parallel zum Dolderweg, grenzt jedoch nicht direkt an diesen an. Der Claragraben verläuft am linken Bildrand.
Erster Ausbau 1897
Mit der Inbetriebnahme neuer Tramstrecken über die Wettsteinbrücke, nach Birsfelden und Kleinhüningen sowie zur Missionsstrasse sahen sich die B.St.B. gezwungen, die Kraftstation entsprechend auszubauen. Kesselhaus und Maschinenhalle waren von Anfang für die Aufnahme zusätzlicher Kessel sowie ein drittes Maschinenaggregat gleicher Grösse wie die beiden bestehenden vorgesehen. Durch die Erweiterung des Netzes um gleich vier Linien musste war nun aber eine grössere Einheit zu installieren.
Die Firma Gebr. Sulzer, Winterthur lieferte zwei Kessel und eine Dampfmaschine. Die Electrizitäts-Gesellschaft Alioth & Co. in Münchenstein wurde mit der Erweiterung der elektrischen Anlage beauftragt, wobei der Generator vor der Lieferung nach Basel an der Landesausstellung in Genf präsentiert worden war. Der Baubeschreibung entnehmen wir:
«Das Kesselhaus wurde durch die Aufstellung weiterer zwei Kessel vollständig ausgenutzt. Das Kamin war bereits für diese Vergrösserung berechnet gewesen. Es gelangten zur Aufstellung zwei Cornwall-Kessel mit je einer Wellfeuerröhre und drei Galloway-Röhrern in derselben und je zwei Vorwärmern. Die Kessel sind für Koaksfeuerung bestimmt, ihre Heizfläche ist je 67 m2, die der Vorwärmer 30 m2. Die Kesselschale hat eine Länge von 8,800 m und und einen Durchmesser von 1,800 m, die Blechstärken sind 14 und 20 mm. Der Durchmesser der Feuerröhre ist 0,950 / 1,050 m, Blechstärke 10 mm. Die Gallowayröhren haben einen Durchmesser von 140/280 mm; die Vorwärmer haben bei einer Länge von 8,600 m und einer Blechstärke von 8 mm einen Durchmesser von 0,600 m. Der Arbeitsdruck beträgt 7,5 Atm.
Die aufgestellte Maschineneinheit besteht aus einer horizontalen Compound-Dampfmaschine mit Ventil-Steuerung, mit hintereinander liegenden Cylindern für Hochdruck und Niederdruck. Mit dieser ist eine Gleichstrom-Dynamo direkt gekuppelt. Die Dampfmaschine macht bei
einem Kolbenhub von 1200 mm und direkt angetriebener Kondensation 85 Umdrehungen in der Minute; die Cylinder haben Durchmesser von 440 mm bezw. 700 mm. Die Maschine entwickelt bei 7 Atm. Anfangsdruck und 20% bezw. 40% Füllung im Hochdruckcylinder 295 bezw. 400 PSi und 250 bezw. 350 PSe. Die Steuerung geschieht durch Doppelsitz-Ventile nach System Sulzer. Das Schwungrad wurde in Anbetracht der sehr variabelen Belastung bei Tramway-Betrieb extra schwer gemacht; es wiegt bei einem Durchmesser von 5,300 m 15000 kg.
Auf der Schwungradwelle direkt angebracht ist die Dynamomaschine. Dieser Gleichstrom-Generator leistet bei 8S Umdrehungen in der Minute und einer Klemmenspannung von 550 Vo1t, 250 Kilorwatt im Maximum und 150 Kilowatt im Mittel. Die Maschine ist zwölfpolig; der äussere Anker-
durchmesser ist 2000 mm, der innere 1740 mm bei einer Ankerbreite von 450 mm. Auf dem Nutenanker sind 730 Stäbe, je zwei pro Nute; der Anker hat Serienschaltung mit Wellenwickelung, die Magnete haben Compoundwickelung. Die Pole sind aus Stahlguss, der Magnetkranz aus Gusseisen.
Das Schalttableau musste entsprechend der Erweiterung des Netzes und Speisung desselben abgeändert bezw. vergrössert werden. Für jede der fünf Linien ist ein Ampöremeter und ein automatischer Maximal-Ausschalter, ferner je ein Handeinschalter, um den Automaten bei stromloser Linie einschalten zu können, angebracht. Für die Maschinen sind je ein Ampère- und ein Voltmeter, für den Gesamtkonsum ein Centralen-Ampèremeter und ein Centralen-Voltmeter angeordnet. Für Messung der verbrauchten Energie ist ein registrierender Wattstundenzähler mit zwei Ausgleichswiderständen für 1 oder 2 Kilowatt vorhanden, je nachdem man den Konsum einer einzigen Linie oder des gesamten Netzes messen will. Durch den registrierenden Wattmeter ist man nun im stande, den Energie-Verbrauch genau zu bestimmen, indem die registrierende Kurve sehr deutlich durch einzelne Punkte markiert wird.»
Kraftstation Claragraben, Grund- und Seitenriss nach dem Ausbau 1897. Deutlich sind die zusätzlichen Kessel und die neue Dampfmaschine erkennbar. Die Wagenwerkstätte ist ausgezogen.
Zweiter Ausbau 1900
Der weitere Netzausbau mit den Strecken in Richtung St. Ludwig, ins Gundeldingerquartier, durch die Allschwilerstrasse und über den Ring verlangte nach einem erneuten Ausbau der Kraftstation. Südlich des bestehenden Maschinenhauses und an den Dolderweg grenzend, also quasi im Hinterhof des Liegeschaft Claragraben 53, kamen ein zweites Kesselhaus und eine zweite Maschinenhalle zu stehen. Die neuen Dampfkessel wurden am 27. Juli 1900 erstmals angeheizt. Der Baubeschreibung entnehmen wir:
«Das neue Kesselhaus erhält 3 Kessel und eine Ekonomisieranlage. Die näheren Angaben über diese Teile der Kraftcentrale sind: Der Hochdruckcylinder der beiden Dampfmaschinen hat einen Durchmesser von 420 mm, der Niederdruckcylinder von 700 mm und sollen die Maschinen
bei 100 Touren in der Minute und 9 Atmosphären Anfangsdruck im Hochdruckcylinder bei 30% Füllung 550 indizierte oder 480 effektive Pferdekräfte oder bei 35 % Füllung 590 indizierte beziehungsweise 520 effektive Pferdekräfte leisten. Zur Ausgleichung der Belastungsschwankungen ist ein extra schweres Schwungrad von 23,500 Klg. Gewicht und 5,300 m Durchmesser vorgesehen.
Die Dynamomaschinen sind mit den Dampfmaschinen direkt gekuppelt und [es] ist ein drittes Lager angeordnet. Die Generatoren sind Nebenschlussmaschinen, welche bei normal 500 P. S. eine elektrische Nutzleistung von 347 Kilowatt oder bei 750 P. S. 510 Kilowatt haben.
Die elektrische Nutzleistung von 347 Kilowatt soll im 18 stündigen Dauerbetriebe entwickelt werden können, ohne dass dabei die stationäre Temperaturerhöhung in irgend einem Teile der Maschinen 35° C. übersteigt.
Die Kessel sind Kornwallkessel mit zwei Flammröhren und haben je 95 m2 Heizfläche. An Stelle von Vorwärmern ist eine Ekonomisieranlage vorgesehen worden.
Das an den Dolderweg, der auf 7.5 m verbreitert wird, gestellte Kamin hat eine Höhe von 40,0 m und eine obere Lichtweite von 1,80 m.
Das zum Kondensieren und Kesselspeisen notwendige Wasser wird mittelst eines Sodbrunnens gewonnen, der mit Hilfe komprimierter Luft abgeteuft wird. Zwei Pulsometer werden das nötige Wasserquantum in ein Reservoir pumpen, in welches die Saugleitungen der Kondenser einmünden.
Das Überlaufwasser soll zum Kesselspeisen benützt werden; dabei soll die Anlage so getroffen werden, dass das Öl des Überlaufwassers abfliessen kann, damit es nicht in die Kessel gelangt.
Die Lieferung der maschinellen und elektrischen Einrichtungen der vergrösserten Kraftstation wurde nach erfolgter Ausschreibung vergeben:
- Die Dampfmaschinen an die Herren Gebrüder Sulzer in Winterthur.
- Die Dynamomaschinen und die Apparatenwand an die Maschinenfabrik Örlikon.
- Die Kessel an die Maschinenbaugesellschaft Basel.»
Blick in die neue Maschinenhalle nach dem zweiten Ausbau: Im Vordergrund die beiden Dampfmaschinen von 1900. Im alten Teil der Halle sind die beiden Maschinen von 1895 mit riemengetriebenen Generatoren erkennbar. Ganz hinten (vermutlich teilweise abgedeckt) bedindet sich die Anlage von 1897.
© B.St.B. (Sammlung Dominik Madörin, CH-Ettingen)
Stilllegung Kraftstation und Umnutzung
Schon 1906 errichtete das städtsiche Elektrizitätswerk am Dolderweg eine Umformergruppe für eine Einspeisung von Strom in die Fahrleitungen, dies im Zusammenhang mit dem Bau des Flusswasserkraftwerks Augst.
Spätestens ab 1913 bezogen die B.St.B. den Strom für ihren Trambetrieb komplett von den Elektrizitätswerken. Dementsprechend wurden die Dampfmaschinen stillgelegt und Maschinenhallen sowie Kesselhäuser an das Elektrizitätswerk zur Umnutzung abgetreten. Heute befinden sich am Dolderweg ein Unterwerk sowie eine Fernwärmeproduktionsanlage der Industriellen Werke Basel (IWB).
Der vordere Teil der ehemaligen Kraftstation, also der Bereich, wo sich einst die Wagenwerkstätte sowie die Verwaltungsbüros befanden, entwickelte sich zusammen mit den sukzessive erworbenen Nachbarliegenschaften Claragraben 49, 53 und 55 sowie nach zahlreichen Umbauten zum Verwaltungszentrum der Basler Strassenbahnen bzw. der späteren Basler Verkehrs-Betriebe.