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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

36. Vortrag
1.
Unter den vier Evangelien oder vielmehr den vier Büchern des einen Evangeliums hat der heilige Apostel Johannes, der nicht mit Unrecht wegen der geistigen Auffassung mit einem Adler verglichen wurde, höher und viel großartiger als die andern drei seine Lehrverkündigung emporgehoben, und in seiner Erhebung sollten nach seiner Absicht auch unsere Herzen emporgehoben werden. Denn die drei übrigen Evangelisten wandelten gleichsam mit dem Herrn als einem Menschen auf der Erde, von seiner Gottheit sagten sie wenig; dieser aber, als verdrieße es ihn, auf der Erde zu wandeln, erhob sich, wie er gleich im Beginn seiner Rede verlauten ließ, nicht bloß über die Erde und den ganzen Umkreis der Luft und des Himmels, sondern auch über das ganze Heer der Engel und die ganze Ordnung der unsichtbaren Mächte und drang vor bis zu dem, durch den alles gemacht wurde, indem er sprach: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe gemacht worden, und ohne dasselbe ist nichts gemacht worden“1. Diesem so erhabenen Anfang entsprechend hat er auch das übrige verkündet und von der Gottheit des Herrn wie kein anderer geredet. Er gab wieder von sich, was er getrunken hatte. Denn nicht ohne Grund wird von ihm in demselben Evangelium erzählt, daß er auch beim Mahle an der [S. 545] Brust des Herrn lag2. Von jener Brust also trank er insgeheim, aber was er insgeheim trank, tat er öffentlich kund, damit zu allen Völkern gelangen sollte nicht bloß die Menschwerdung des Sohnes Gottes und das Leiden und die Auferstehung, sondern auch was er vor der Menschwerdung war als der Eingeborene beim Vater, das Wort des Vaters, ebenso ewig wie der Erzeuger, dem gleich, von dem er gesandt wurde, aber durch eben diese Sendung kleiner geworden, damit der Vater größer wäre.
1: Joh. 1, 13.
2: Joh. 13, 23.