Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/635

Dies ist die Geschichte eines Jungen. Um zu verhindern, dass sich jemand findet, der sich durch diese Geschichte verletzt fühlt, trägt das Kind keinen Namen. Der Junge war kein Genie oder ähnliches. Auf jeden Fall hätte er das nie von sich behauptet und dennoch ist seine Geschichte wohl für viele ansprechend.
Wie so viele Kinder in seinen jungen Jahren, tat es nur eins; es existierte. Das Kind tat sich durch nichts hervor und hätte augenscheinlich nicht von allen anderen unterschieden werden können. Es lebte den Tag und schlief in der Nacht, wie es ihm gelehrt wurde.
Schon früh begann es sich zu fragen wohin das eigene Leben wohl führen wird. Der Fakt, dass er die Menschen um sich herum nicht beeinflussen konnte, störte ihn nicht im geringsten. Am liebsten sass er neben den anderen Kindern und sah zu. Er sinnierte schon von früh auf über die Musik. Mit verschiedenen Melodien und Tönen interpretierte er die Welt. Alles war Musik. Einschliesslich Streit und schlechtes Wetter vermochte er in seinem Innern zu einem immer währenden Konzert zusammenfügen.
Trotz oder gerade wegen dieser Gabe konnte er sich nicht einreihen. Anfangs war es ihm egal. Der Junge wechselte in dieser Zeit oft das Umfeld und erlebte mit jedem Wechsel eine Faszination. Jedem Menschen den er traf, teilte er eine Melodie zu. Eine durchdringende, tiefe, harte Akkordfolge für den Jungen der ihn schlug. Eine zierliche, gar leichtfüssige für das Mädchen, dass er mochte. Jede dieser Tonfolgen entsprach in seinen Augen dem Wesen des zugehörigen Menschen.
Der Junge erkannte bald darauf, dass sein Geist gefangen war. Manche werden behaupten, diesen Gedanken nie gedacht zu haben und auch in diesem Moment, in welchem sie erkennen, dass sie ihr Potenzial nie genutzt haben, werden sie verfluchen was sie gelesen haben. Mit steigendem Alter erlernte der Junge die Musik von Anderen kennen. Er spielte Stücke mit einer Leichtigkeit dessen Wesen er verstand. Dabei war es dem Jungen egal wer die Stücke schrieb oder was der Komponist damit ausdrücken wollte. Er interpretierte Musik auf seine eigene Weise.
Bald bemerkte er, dass er nicht fähig war seine Gedanken mit seinem erst gelernten Instrument umzusetzen. Er wählte ein anderes. Seine Konzerte und Vorstellungen überzeugten. Der Junge sah sich aber nicht als das an, was andere in ihm sahen. Das Talent ein Musikinstrument zu spielen liegt nicht im Können des Musikers. Das Wesen des Talents sitzt in seinem Geiste. Der Junge mochte viele Instrumente von der Orgel über die Gitarre zum Klavier bis hin zur Geige und alle die, die er in seinen jungen Jahren hören durfte.
Er nahm an Konzerten teil. Konzerte für Kinder, welche die gleiche Schule besuchten wie er. Kinder die ein Instrument spielen mussten. Der Junge verhasste die Menschen, welche nach einem Auftritt eines Anderen jubelten, welcher das Wesen eines Stückes malträtierte. Dabei war es egal ihm ob das Stück fehlerhaft gespielt wurde. Das Wesen der Musik sah der Junge im Flug eines Herbstblattes im Wind. Wie es im einen Moment vom Wind getragen aufsteigt und alsbald wieder zu fallen beginnt, bis es einem aus dem Blick gerät.
Mit der Zeit begann der Junge zu komponieren. Niemals hätte er sich getraut seine Musik vorzuzeigen. In dieser Zeit waren seine Melodien das einzige worüber ein anderer Mensch ihn nicht demütigen konnte. Er hielt sie als Trostpflaster für sich und entfloh so der Realität. Seine Schulzeit endete und er schrieb dunkle Melodien. Traurige Motive welche die hoffnungsvollen Zwischenteile durch welche sie verbunden hatten mit eine Kraft zerstörten und die Harmonie der Hoffnung brachen.
Wer jetzt denkt unserem Jungen könnte es nicht gut gehen, der sollte Recht behalten. Doch nicht dass es ihm nicht gut ging. Er erkannte in dieser Zeit, dass er nicht fähig war die Musik, welche er bis zu diesem Tag in seinem Kopf hörte je umsetzen konnte, noch nicht. Er fing an sich die Musik der anderen selber beizubringen, fest im Glauben, dass er so seine eigene Musik irgendwann jemandem zugänglich machen konnte.
Der Junge verlor durch diese Zeit seine Emotionen. Er verlor die Musik in seinem Innern und somit auch seine Emotionen.
Wer jetzt glaubt, dass unsere Hauptperson keine Musik mehr machte, der liegt falsch. Aber seine Musik glich derer, die er verhasste. Ohne Emotionen und ohne Dynamik. Er merkte es nicht.
Es sollte noch lange Jahre dauern bis der Junge, mittlerweile schon ein junger Mann, seinen Geist wiedererlangt. Getrieben durch die Taubheit der Anderen hätten wir ihn sogar fast dem Tode übergeben müssen. Hätte er die Melodie des Todes beschreiben müssen, es wäre ein letzter leiser Akkord gefolgt von tiefer Stille gewesen. Doch es konnte nicht so enden. Die Stille wurde durchbrochen durch eine Melodie, dessen Schönheit und Anmut ihm das Leben schenkten.
Es kam die Begegnung in welcher er diese Harmonie hörte und durch diese Musik wieder Emotionen empfand. Es war diese leichte fast unhörbare Melodie welche ihm zu Teil wurde und ihn in der Harmonie seines Lebens vereinte. Ihm, der sich selbst keine Melodie zusprechen konnte. Entgegen dem Fakt, dass er sich über die gesamte Zeit seines Seins am nächsten war sah er ein, dass er in seinem Geist nun diese Melodie fand mit der er nicht nur sich beschreiben konnte. Er fand noch immer keinen Weg in die Gesellschaft, aber er fand den Klang des Lebens, seines Lebens.