Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03110.jsonl.gz/71

Während viele Modeausbildungsstätten Maßnahmen ergreifen, um die Vielfalt des Personals und der Schülerschaft zu gewährleisten, damit die Klassenzimmer die Gesellschaft als Ganzes widerspiegeln, entzieht sich ein Bereich der Ausbildung weiterhin diesen Bemühungen: der der Modeillustration.
Die Lehre und Bewertung von Modeillustrationen ist seit mehr als einem Jahrhundert unverändert geblieben. Das Neun-Köpfe-Prinzip (manchmal auch als Zehn-Köpfe-Prinzip bekannt), das in den ersten Wochen des Zeichenunterrichts gelehrt wird, besagt, dass der Kopf neunmal in die Länge der Figur passt, wodurch sichergestellt wird, dass eine langgestreckte und superschlanke Silhouette die Grundlage für jedes Modedesign ist. Schülern, die die Logik hinter diesen Proportionen in Frage stellen, wird oft gesagt, dass es sich um eine idealisierte Form handelt, die die Kleidung am besten zur Geltung bringt, und wer sich nicht an diese Richtlinien hält, besteht in der Regel den Kurs nicht. Die Autoren beliebter Lehrbücher widmen der Beherrschung dieser Proportionen Dutzende von Seiten, bevor sie sich mit der Silhouette und den Details von Kleidungsstücken, den Rendering-Techniken oder Zeichenmaterialien befassen.
Das Neun-Köpfe-Prinzip ist das Einmaleins der Modeillustration
Gegner dieser Schablone argumentieren, dass sie eine weiße Vorherrschaft, eurozentristische und patriarchale Größenvorstellungen und eine ableistische Weltsicht vertritt. Einer dieser Gegner ist der neue Dekan für Mode an der Parsons School of Design, Ben Barry, Autor eines Essays für Pädagogen mit dem Titel „How to transform fashion education: A manifesto for equity, inclusion and decolonization“ (Wie man die Modeausbildung transformiert: Ein Manifest für Gleichberechtigung, Inklusion und Dekolonisierung), in dem er die Modeausbildung als einen Ausnahmezustand beschreibt. „Unsere Lehrpläne und unsere Kultur beruhen auf dem sich selbst-reproduzierenden Erbe des transatlantischen Sklavenhandels und der europäischen Kolonialisierung, die ein weißes, binäres, ableistisches und fettfeindliches Weltbild und die damit verbundenen Praktiken verbreiten“, schreibt er. „Modeschulen haben diese ausgrenzenden Überzeugungen bezüglich Körpern in jedem Bereich implementiert, von den Lehrplänen über die Einstellung von Lehrkräften bis hin zur Auswahl von Studenten, und so die Logik des Weißseins durch die Hegemonie der europäischen Erkenntnistheorie aufrechterhalten.“
Schulen brauchen einen neuen Ansatz, um Modeillustration zu lehren
Das Grundprinzip des Neun-Köpfe-Schemas gilt als bewährt und wurde von Lehrkräften gelernt, als sie vor zehn, zwanzig, dreißig oder mehr Jahren selbst an der Modeschule waren, und Lehrbeauftragte, die mit einem Fuß in der Industrie und mit dem anderen im Klassenzimmer stehen, haben es während ihrer gesamten Laufbahn erfolgreich am Arbeitsplatz eingesetzt. Doch obwohl sie Experten auf ihrem Gebiet sind, müssen sie jetzt mit angemessener Demut akzeptieren, dass eine Aktualisierung ihres Wissens mehr als überfällig ist. Es ist nicht mehr akzeptabel, den alten Lehrplan weiter zu verwenden und ihn lediglich mit den Daten und Fristen des kommenden Semesters zu aktualisieren.
Die Modefigurine, wie wir sie zu zeichnen gelernt haben, ist ein Widerspruch in sich. Sie schließt automatisch alle Menschen aus, denn sie hat kaum Ähnlichkeit mit dem menschlichen Körper. Nicht einmal ein amazonenhaftes Supermodel kann sich damit rühmen, neun Köpfe lang zu sein. Man könnte genauso gut einer Giraffe Kleider anziehen. Es entspricht auch nicht den Bemühungen der Gesellschaft um Vielfalt und Inklusion. Aber als eine Form der Designkommunikation in der Schule und darüber hinaus ist sie noch immer von grundlegender Bedeutung.
Besorgniserregend ist auch die Dominanz weißer Hautfarben auf den Seiten der meisten Modelehrbücher. Wenn ich durch einem Illustrations-Band blättere, der derzeit in verschiedenen Studiengängen verwendet wird, der 2017 in vierter Auflage erschienen ist, aber erstmals 1996 veröffentlicht wurde, zähle ich sieben Abbildungen schwarzer oder brauner Figuren unter den mehreren hundert Figuren, die zur Demonstration von Silhouette, Stoffwiedergabe oder Posen enthalten sind. Ein spezieller fünfseitiger Abschnitt eines anderen Buches ist anderen Ethnien gewidmet, und dort finden wir Techniken zum Ausdruck asiatischer, afrikanischer und lateinamerikanischer Gesichtszüge. Aber der Standard-Hautton in den Lehrbüchern ist weiß.
In keinem der beiden Lehrbücher gibt es einen Abschnitt, der dem Zeichnen kurvigerer Formen gewidmet ist. Ebenso wenig wird auf die sitzende Figur von Rollstuhlfahrenden eingegangen. Es gibt ein Kapitel über das Zeichnen von Herrenmode, aber es wird nicht auf die Verwischung der Geschlechter eingegangen, die in der Gesellschaft und insbesondere bei der Jugend längst akzeptiert ist und die nicht nur die Zukunft der Mode darstellt, sondern für die Generation, die die höchsten Studiengebühren aller Zeiten zahlt, ganz selbstverständlich ist. Das Mindeste, was sie von ihrer Ausbildung erwarten können, ist Aktualität.
Vor nicht allzu langer Zeit war die kulturelle Aneignung ein Fixpunkt der modischen Inspiration: Bilder von indigener Kleidung, Stammesverzierungen und Kopfbedeckungen wurden auf Moodboards und in Skizzenbüchern der Pariser Modehäuser und der weltweit führenden Modeschulen festgehalten. Diese Praxis wird heute allgemein als uninspiriert, ausbeuterisch und als kolonialistisch wahrgenommen. Aber diese Erleuchtung kam nicht von selbst, ihr gingen Jahre der öffentlichen Fehler von Designern, der Beschwerden von Minderheiten und der öffentlichen Anprangerung, sowie einiges an Reflektion durch die Branche voraus. Vielleicht ist eine ähnliche Abrechnung notwendig, um die Lehre der Modeillustration mit der Industrie, der sie dienen soll, in Einklang zu bringen.
Dies ist eine Übersetzung eines englischen Beitrags von Jackie Mallon. Jackie Mallon lehrt Mode in New York und ist die Autorin des Buches ‚Silk for the Feed Dogs’, ein Roman, der in der internationalen Modeindustrie spielt. Übersetzung und Bearbeitung: Barbara Russ