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Habilitationsgesuch von Laura Hezner 14. Juli 1909, erste Seite (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, SR3 1909/No. 702)
Im historischen Schulratsarchiv, den Geschäftsunterlagen des ETH Leitungsgremiums aus vergangener Zeit, schlummert eine besondere Kostbarkeit: Das einzige handschriftliche Original aus der Feder von Laura Hezner. Es ist ihr Habilitationsgesuch vom 14. Juli 1909. Darin schreibt sie:
„Die Gründe für das Gesuch sind folgende: seit dem Jahr 1902 als Assistentin im chemischen Laboratorium des mineralogischen Instituts tätig, hatte ich Gelegenheit zu verfolgen, wie im Laufe der letzten Jahrzehnte die chemische Seite nicht nur der Mineralogie sondern auch der Petrographie an Bedeutung gewonnen hat, so dass die Chemie der Gesteine ein wesentlicher Zweig der Gesteinskunde geworden ist.
[...]
Da der Unterricht, welcher den Praktikanden während der Laboratoriumsarbeit erteilt werden kann, selbstverständlich unvollständig bleibt, weil er nur das bietet, was eben der Augenblick fordert, schiene es mir nicht wertlos, ihnen die chemische Gesteinskunde zusammenfassend und in einer gewissen Abrundung zu bieten. Auch würden gewiss manche Studierende der chemischen Abteilung gerne die chemischen Systeme, welche die Natur selbst bietet, kennen lernen.“
Der Schulrat reichte das Gesuch in seiner Sitzung vom 21. Juli 1909 diskussionslos zur Begutachtung weiter an die Konferenz der Abteilung für die Bildung von Fachlehrern in mathematischer und naturwissenschaftlicher Richtung. Professor Ulrich Grubenmann, der Vorgesetzte von Laura Hezner, arbeitete das Gutachten aus. Die Abteilungskonferenz nahm in ihrer Sitzung vom 21. Oktober 1909 von seiner Empfehlung zur Annahme des Gesuchs positiv Kenntnis. Der Konferenzvorstand sandte anderntags einen kurzen Bericht zusammen mit dem Gutachten an den Schulratspräsidenten. In der Sitzung vom 27. November 1909 beschloss der Schulrat wiederum diskussionslos:
„Frl. Dr. Laura Hezner, von München, wird gestattet, als Privatdozent an der XI. Abteilung [= Fachlehrer für Naturwissenschaften] der eidgenössischen polytechnischen Schule Vorlesungen über chemische Mineralogie und Petrographie anzukündigen und zu halten.“
Dieser Privatdozent war der erste seines oder vielmehr die erste ihres Geschlechts an der eidgenössischen Lehranstalt. Ohne Wenn und Aber, ohne fintenreiche Winkelzüge zur Verhinderung oder wenigstens Verzögerung hatten die Entscheidungsträger diese Neuheit eingeführt. Kein Vergleich zum peinlichen Hin- und Her bis zur Ernennung der ersten Assistentin vor ein paar Jahren. Hatten sich die Verantwortlichen seither etwa zu akademischen Feministen gemausert? Oder waren die Meinungsverschiedenheiten derart unbeherrscht ausgefallen, dass protokollarische Diskretion geboten schien?
Laura Hezner und Marie Jerosch aus dem Bahnwaggonfenster schauend: „Ziegelbrücke (die Botaniker kommen)“, Bild Nr. 1 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-001)
Die am 15. September 1862 im bayrischen Apfelthal geborene Laura Hezner war das zweite von fünf Kindern einer Bahningenieursfamilie. Sie besuchte die Klosterschule in Sigmaringen, kam nach dem Tod der Mutter mit 12 Jahren in die Obhut einer Tante nach München, absolvierte hier die Töchterschule, die Kunstgewerbeschule und die Ausbildung zur Französischlehrerin. Im Selbststudium lernte sie antike Sprachen und vertiefte sich in philosophische Werke. Nach der Heirat ihrer älteren Schwester übernahm sie für den Vater und die drei jüngeren Geschwister die Haushaltführung, ohne ihre philosophischen Studien aufzugeben. Die Überlastung führte zu einer langjährigen Nervenkrise, die sie bei einer älteren Freundin auskurierte. In deren Umkreis lernte sie eine junge Studentin kennen, die sie zum Studium in Zürich anregte. Da sie sich während ihrer Krankheit mit Ethnologie beschäftigt hatte, wollte die inzwischen 36jährige 1898 zunächst an der Universität Ethnologie studieren. Sie wechselte jedoch rasch an die Abteilung für Fachlehrer naturwissenschaftlicher Richtung des Eidgenössischen Polytechnikums. Hier diplomierte sie 1901 mit Auszeichnung, promovierte 1903 beim Mineralogen und Petrographen Ulrich Grubenmann, Professor beider Hochschulen, und blieb danach weiterhin dessen wissenschaftliche Assistentin.
Professor Ulrich Grubenmann, der Vorgesetzte von Laura Hezner (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_05587)
Sie war ihm schlicht unentbehrlich geworden, wie der Schriftsteller und ehemalige Geologiestudent Arnold Kübler 1947 in seinem autobiographischen Roman „Öppi der Student“ darstellt. Es ist zu lesen „von ihren schönen Augen vom hellsten Blau. Zwiesands [= Grubenmanns] Augen waren ja auch bläulich, lagen aber hinter Gläsern und sahen trüb wie angehauchte Scheiben aus.“
Über Äusserlichkeiten hinaus umschreiben die verschiedenen Grade von Blauäugigkeit hier nicht die persönliche Naivität, sondern das wissenschaftliche Erkenntnisvermögen. Zwiesand/Grubenmann sah mit Hezners Augen: ohne Hezners klaren Durchblick keine schlüssigen Forschungsergebnisse bei Grubenmann. Einige Romanseiten später wird das verdeutlicht:
„In Zwiesands Büchern war das Fräulein Doktor jeweils lobend im Vorwort mit einer Zeile erwähnt. Er dankte ihr dort für die Gesteinszerlegungen, welche allemal einen Pfeiler der Bucherkenntnisse darstellten. Diese Zerlegungen erschienen aber im endgültigen Ordnungsbeschrieb als untergeordnete Dienste. Das viele Namenwesen erdrückte die bescheidenen Linien des Vorworts. Dabei merkte Öppi mit der Zeit, dass Zwiesands Einteilungen und Leistungen nicht ohne Fräulein Doktors hörende und ratende, geduldige Mitarbeit zustande kamen. Der Ruhm fiel aber dem Mann allein zu, weil er zuletzt das Wort führte. Die Verteilung des Ansehens war ungerecht.“
Arnold Kübler, Geologiestudent und später Schriftsteller, im Fensterrahmen. Ausschnitt aus „Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0494b-0115-067-AL)
Doch Grubenmann war kein skrupelloser Profiteur. 1909 schien ihm offenbar die Gelegenheit günstig, für die geschätzte Mitarbeiterin nicht nur wie bisher magere Gehaltsaufbesserungen beim Schulrat zu erwirken, sondern sich ihr endlich auch mit einer längst verdienten akademischen Beförderung erkenntlich zu zeigen. Er war soeben zum Direktor (heute: Rektor) des Polytechnikums berufen worden. In der neuen Funktion hatte er mehr Möglichkeiten als bis anhin sich zu revanchieren, sollte der eine oder andere Kollege sich gegen Hezners Habilitation stellen wollen. Zeitpunkt und Inhalt des Gesuchs hatte er vermutlich mit seiner Mitarbeiterin abgesprochen. Überdies vermied er vorsorglich, das Geschäft mit der eigenen garstigen Handschrift zu gefährden. Stattdessen hatte er säuberliche drei Seiten mit der Empfehlung zur Annahme des Habilitationsgesuchs in die Maschine getippt oder tippen lassen. Die Ingenieure im Schulrat liessen sich aber wohl nicht zuletzt von folgendem Satz in Hezners Gesuch beeindrucken:
„Auch führte ich eine grosse Anzahl von Mineral- und Gesteinsanalysen aus, darunter die Serie des Simplontunnels.“
Das hiess, dass sich diese philosophierende Gesteinschemikerin nicht bloss in nebulöse Theorien verstieg, sondern brauchbare praktische Arbeit lieferte, war sie doch mit einer sicherheitstechnisch verantwortungsvollen Aufgabe für eines der wichtigsten schweizerisches Eisenbahnbauprojekt betraut gewesen – gewiss unter höherer Aufsicht, aber nichtsdestotrotz: Es sprach für ihr Können.
Hezners chemische Analysen kamen zudem nicht nur Grubenmann zu gute. Auch andere Forscher, Erdwissenschafter, Chemiker, Physiker, Physikochemiker, bauten auf ihren Untersuchungsergebnissen auf. Sie leistete die mühselige, langwierige Grundlagenarbeit im Labor, welche die theoretisierenden Kollegen ihr wohl nur zu gerne überliessen. Nicht von ungefähr rühmten verschiedene Zeitgenossen ihre Gründlichkeit, Zuverlässigkeit, Sorgfalt, Hingabe, Tüchtigkeit, Geduld, aber auch ihre Bescheidenheit, Hilfsbereitschaft und Uneigennützigkeit. Grubenmann lobte die am 10. Oktober 1916 an den Folgen eines Augenhöhlentumors Verstorbene im Nachruf als „vorbildliche stille Forscherin“, die
„in den mannigfachen und oft so verwickelten Erscheinungen der Gesteinsmetamorphose ein ihr in tiefster Seele zusagendes, erfolgreiches Arbeitsgebiet fand. […] Jetzt war ein Arbeitsfeld gefunden, ein Forschungsgebiet erobert, das sie mit tiefinniger Befriedigung erfüllte, auf welchem zu arbeiten und zu lehren ihr geistiges Lebensglück ausmachte.“
Kübler meinte in seinem Roman knapp und vielsagend: „Sie diente der Sache der Wissenschaft und sie kannte die Wissenschafter“.
Die Fachkollegen sahen in Hezner also keine bedrohliche Konkurrentin, sondern die willkommene Ratgeberin, nicht karriereorientiert, sondern ausschliesslich inhaltlich interessiert. Als Lehrerin mit „pädagogischem Takt“ – so Grubenmann in seinem Gutachten zum Habilitationsgesuch – war sie sowohl für gestandene Forscher wie für Studierende eine mütterliche Instanz. Paul Niggli, zur Zeit Hezners Geologiestudent und späterer Nachfolger von Grubenmann auf dessen Professur, erinnerte sich:
„Niemals spottete sie über die ersten fehlerhaften Versuche, sie half die Quellen des Missgeschicks aufzufinden, die Fehler zu beseitigen. Nie suchte sie durch leicht hingeworfene Bemerkungen zu blenden. Wo sie selbst der Deutung nicht ganz sicher sein konnte, bekannte sie das unumwunden und übte so unaufdringlich eine gerade bei dieser Arbeit so ausserordentlich nötige erzieherische Wirkung zur Wahrhaftigkeit“.
Marie Jerosch (später Brockmann-Jerosch), Studienkollegin von Laura Hezner, 14. August 1901 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Portr_13847)
Leicht anders als durch die männliche Brille, wenn auch nicht widersprechend, nahm die Geologin und Botanikerin Marie Jerosch ihre Studienkollegin wahr:
„Ihr energisches Wesen, das sie noch mit 36 Jahren sich auf die Schulbank setzen und ein ihr neues Wissensgebiet betreten liess, ihr scharfer Verstand und vor allem ihr überlegenes Fühlen und Verstehen, ihre tiefe einer kritisch-ironischen Note nicht entbehrende Lebensweisheit band mich trotz des Alterunterschieds innig an sie und lässt sie mir als die bedeutendste Frau erscheinen, der ich je begegnet bin.“
Die Habilitation von Hezner war anscheinend eine persönliche Auszeichnung für diese wissende, weise Mutter, die für menschliche Wärme in der ansonsten kultivierten Ruppigkeit des Männerumfelds sorgte. „Die Krönung“ nannte Grubenmann die Habilitation. Somit wäre vielleicht ein weiterer akademischer Aufstieg nicht möglich gewesen, hätte Hezner länger gelebt. Den blossen Titel eines Professors, den sonst jeder damalige „Hülfslehrer“ oft gleich bei der Anstellung zur Stärkung der Amtsautorität gegenüber den Studierenden erhielt, wäre ihr womöglich vorenthalten worden, denn sie war auch ohne eine geachtete Persönlichkeit. Eine ausserordentliche oder gar ordentliche Professur? Undenkbar damals, das denn doch nicht, bei aller Wertschätzung und Sympathie.
Rückseite des Fotoalbums „Exkursion 27.-31. Juli 1899“, Schrift von Albert Heim (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, Hs 401:780)
Wie sah die erste und mehr als vierzig Jahre lang einzige Privatdozentin der ETH aus? Bilder von Laura Hezner sind genauso selten wie handschriftliche Dokumente. In ihrer Studienzeit nahm sie jeweils an den Exkursionen der Abteilung für Naturwissenschaften teil. Im Nachlass von Albert Heim, Geologieprofessor beider Hochschulen, hat sich ein Leporello mit 32 briefmarkenkleinen Fotos der Exkursion vom 27. – 31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet erhalten. Auf der Rückseite des Zickzackalbums notierte Heim die die „Theilnehmer“. Laura Hezner ist als zweite in der ersten Kolonne erwähnt, als erster in der zweiten Kolonne figuriert ein „Ad. Hezner Beamter“, der jüngere Bruder.
Laura Hezner links vorne. „Nach Tierfehd“, Bild Nr. 4 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-004)
Beim Betrachten der Bildchen sind unterhalb des vierten Fotos auf dem Albumkarton die winzigen Tinteninitialen „L.H.“ zu entdecken, Laura Hezner. Sie stochert im Vordergrund am langen Wanderstab zusammen mit anderen Stabwanderern durch das Glarner Gestein, den berühmten blauen Blick im schützenden Schatten des Strohhutes: Es war sonnig und heiss gewesen laut Albert Heims Notiz auf der Albumrückseite: „alles bei Glanzwetter“. Anhand der Hutform ist sie auch auf dem ersten Bild im Fenster des Bahnwaggons zu identifizieren, sie lacht, neben ihr Marie Jerosch mit Taschentuch in der Hand, bereit zum Abschiedwinken. Im Album stehen oberhalb des Fotos auf dem Karton die Buchstaben „H.“ und „J.“ Dann zwei Frauen in Rückenansicht, die grössere links anhand der wuchtigen Blusenärmel als Laura Hezner zu erkennen, rechts mit flatterndem Nackenschutz am Hut Marie Jerosch aufgrund des Vergleichs von Kleidung und Gestalt auf den übrigen Bildern.
Laura Hezner und Marie Jerosch auf dem Weg „Nach Flims“, Bild Nr. 21 aus dem Fotoalbum „Exkursion 27.-31. Juli 1899 ins Tödi- und Segnes-Gebiet“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0401-0780-021)
Hinweise und Literatur
– Im Hochschularchiv ETHZ an der ETH-Bibliothek befinden sich die Unterlagen zu Laura Hezners Studienzeit, Assistenz, Habilitation und Lehrtätigkeit. Ebenso der Nachlass Albert Heim, der das Fotoalbum der Exkursion 27.-31. Juli 1899 enthält.
– Publikationen von Laura Hezner sind im Wissensportal der ETH-Bibliothek auffindbar.
– Brockmann-Jerosch, Marie: Rückblick, in: Das Frauenstudium an den Schweizer Hochschulen, hg. Vom Schweizerischen Verband der Akademikerinnen, Zürich/Leipzig/Stuttgart, 1928, S. 74-79.
– Grubenmann Ulrich: Laura Hezner (1862-1916), in: NZZ Nr. 1734, 31. Oktober 1916.
– Kübler, Arnold: Öppi der Student, Zürich 1947.
– Port, Frieda: Dr. Laura Hezner. Privatdozentin an der eidgenössischen Technischen Hochschule zu Zürich. Ein Gedenkwort, in: Die Frau. Monatsschrift für das gesamte Frauenleben unserer Zeit. Hgg. Helene Lange und Gertrud Bäumer, Berlin, 24. Jg. 1916-1917, S. 352-357. Darin das Zitat von Paul Niggli.