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Eine rätselhafte Handschrift – Wechselvoll-launige Erlebnisse mit einem Manuskript
von Gerhard Becker
sph-Kontakte Nr. 103 | Februar 2017
Abb. 1 Blatt 3v der unbekannten, auf den ersten Eindruck arabisch wirkenden Handschrift
An einem neblig-kalten Wintertag im Januar 2016 tauchte unangemeldet der Hausmeister eines Priesterseminars im Antiquariat von Matt in Stans auf, um eine grössere Anzahl Altarmissale abzuliefern, die, so sagte er, nicht mehr in Gebrauch seien.
Nachdem ich einen Lagerplatz für die 18 schwergewichtigen Folianten hergerichtet hatte, schlummerten sie einige Zeit im Winterschlaf, bis ich mich nach eigenem Frühlingserwachen an die grossformatige Gabe erinnerte und ihr einen Besuch im Lager abstattete.
Die in rotes und grünes Maroquinleder gekleideten Missale, allesamt reich mit Goldschnitt und Goldprägung verziert, mit mehrfarbigen Griffregistern und seidenen Lesebändern ausgestattet, liessen meine antiquarisch-bibliographische Prüfung geduldig über sich ergehen.
Bei der Kollationierung eines Exemplars des Kartäuserordens aus dem 18. Jh. stiess ich auf ein Manuskript, geschrieben auf Büttenpapier und eingelegt zwischen dem Beginn der Evangelien und einem ganzseitigen Kupferstich der Kreuzigung Jesu. Uninteressiert legte ich es zur Seite, noch hatte es meine Neugier nicht geweckt.
Das sollte sich bald ändern. In einer Mussestunde, wie sie ein Antiquar normalerweise nicht kennt, nahm ich die Handschrift für eine genauere Prüfung unter die Augen und in die Hände.
Die erste Seite 1 recto der mit einer schwachen Fadenheftung zusammengehaltenen und unbeschnittenen Blätter enthält am oberen Blattrand einen «Titel» in alter deutscher Schrift: «Urschrift von [Dr./ Hr.] [Heitz/Reitz/Neitz?] von der Leidensgeschichte Jesú.» Und darunter von anderer Hand: «revidirt im Jahr 1806 u. 7 von [Name unleserlich]».
Die Blätter 1 verso und 2 recto präsentieren eine auf den ersten flüchtigen Blick «arabisch» daherkommende Handschrift in feiner Ausführung auf blindlinierten Seiten mit breitem unbeschriebenem Rand. Doch schon der zweite Blick auf die Schriftart liess mich stutzen. Die Merkmale arabischer Schriften sind nur schwach ausgebildet, Hebräisch ist auszuschliessen, Aramäisch ebenfalls. Beim weiteren Durchblättern blieb der Schriftduktus unerklärlich, die Schriftrichtung vorerst auch.
Immer wieder fiel eine eigenwillige Interpunktion auf, die aus vier zum Teil rautenförmig angebrachten Punkten am Zeilenende oder -anfang besteht. In der syrischen Sertoschrift, einer westsyrischen Form der spätaramäischen Schrift, finden sich solche Interpunktionsmerkmale. Ich machte mich daher an einen Vergleich mit Schriften aus dem syrischen Kulturraum. Einzelne Zeichen von Serto stimmten durchaus überein, aber eine durchgehende Identität mit dieser Schriftart war für mich nicht erkennbar.
Um Klarheit zu erhalten, kontaktierte ich eine mir bekannte und renommierte Islamwissenschaftlerin. Nachdem diese einige Seiten studiert hatte, kam sie zum Schluss, dass sich zwar eine visuelle Nähe der Schrift zum Syrischen zeige, aber kein einziges sinnvolles Wort entziffert werden könne, eine echte «Knacknuss». Sie verwies mich auf den indischen Schriftenraum, da das Aramäische den Weg dorthin genommen habe. Eventuell würde man in dieser Region fündig werden. Die in der Handschrift sichtbaren durchgehend wie Linien wirkenden Striche in der überwiegenden Anzahl der Worte, liessen die Annahme einer indischen oder asiatischen Schrift plausibel erscheinen.
Zunächst aber ging ich an eine präzisere Betrachtung des Beschreibstoffes. Es handelt sich um ein Büttenpapier mit feinen, engen Ripplinien und regelmässigen Kettlinien im Abstand von 2,5 bis 3 cm, insgesamt 34 doppelseitig beschriebene und 7 unbeschriebene Blätter. Eine Datierung um 1800 schien plausibel. Auf der Suche nach Wasserzeichen fand ich im Bundsteg verschiedene Fragmente: mutmasslich einen Dreiberg, eine Krone mit Kreuz, die Beine eines Bären sowie ein Monogrammbruchstück und die Zahlen 2 und 1 sowie 1 und 8, je beieinander auf verschiedenen Blättern. Das häufige Vorkommen dieser Bildmotive liess zunächst keine eindeutige Zuweisung zu. Auf die Zahlen wird später noch einzugehen sein, da sie möglicherweise eine wichtige Rolle für die geographische und zeitliche Verortung spielen.
Zurück zum Inhalt: In deutscher Sprache sind wenige marginale Übersetzungen und Kommentare angebracht, die auf die missionarische Funktion des Textes hindeuten, so auf Blatt 3v: «Uebersetzung einiger Verse: (von [Heitz/Neitz] übersezt) / I. O Haupt voll Blut und Wunden [Kirchenlied von Paul Gerhardt, Mitte des 16. Jh.]. / 2. Die Farbe deiner Wangen. / 3. Was du o Herz erduldet. / 4. Der Spruch: das ist ja gewislich wahr.» Und auf Blatt 4v: «Probe einer Uebersezung der leidens Geschichte aus der h. Harmonie der 4 Evangilyten…».
Ob diese Übersetzungen zutrafen war für mich in Unkenntnis der Schrift im wahrsten Wortsinne eine Glaubensfrage.
Der nächste Blick richtete sich auf den indischen und asiatischen Schriftraum. Sanskrit, Devanagari, Tibetisch, Kaschmirisch, Bengalisch, Oriya, Laotisch, Birmanisch, Thailändisch, Javanesisch, – die Aufzählung der infrage kommenden Schriftarten könnte noch lange fortgesetzt werden. Fast überall stiess ich auf Ähnlichkeiten, aber eine eindeutige oder annähernde Übereinstimmung liess sich nirgends erhärten. Anfragen an die Universitäten von Mumbai, die Nehru-Universität sowie die University of Delhi (Neu-Delhi) blieben unbeantwortet.
Im Gespräch mit der Präsidentin der SPH, Nana Badenberg, schlug sie vor, die Schrift befreundeten indischen Germanisten zu zeigen. Zur gleichen Zeit machte ich an einem Geburtstagsfest hoch über dem Vierwaldstättersee die Bekanntschaft mit einem Pfälzer Freund des Jubilars, der mehrere Jahre in Indien, unter anderem auch in einem Kloster gelebt und studiert hatte. Er versprach, den Text seinem ehemaligen indischen Lehrer zu zeigen, um auf diesem Wege Informationen oder Aufschluss zu erhalten. Wenige Wochen nach diesem Versuch erhielt ich dann die freundliche Antwort aus Indien: «It looks like a physician tried to write medical prescription with beautiful handwriting. The script is certainly not Asian.» Und auch die von Nana Badenberg befragten indischen Germanisten stuften die Schrift prima vista nicht als indisch ein.
Da trat nochmals der Pfälzer Laienindologe auf den Plan. Er bot an, einige Schriftproben an den Freund seiner Schwiegermutter in Israel zu senden, einen pensionierten Islamwissenschaftler der Hebrew University of Jerusalem. Da ich den arabischen Schriftweg bereits früher erfolglos beschritten hatte, ging ich nicht davon aus, dass sich auf diesem Wege eine Lösung für das Schriftproblem ergeben würde, bis mich Tage später folgende Antwort erreichte (englische Übersetzung aus dem Hebräischen durch die israelische Ehefrau meines Bekannten): «My mom went to the University (Hebrew U, Jerusalem) and met a Prof that she knows who was specialising in Arabic and other Semitic languages. He is now in pension. He could read the manuscript. It is Arabic, from Syria. Used mainly in the orthodox churches there. Written from right to left. The wide margin in the pdf that you sent are on the right. I am sure there are Syrian Refugees that will be happy to help with reading the manuscript.» – Also doch Syrisch! Meine erste Ahnung schien sich als zutreffend herauszustellen. Aber wieso konnte die von mir konsultierte Islamwissenschaftlerin dies nicht erkennen? Um der Freude über die sich anbahnende Lösung des Rätsels genügend Boden zu verschaffen, bat ich den Jerusalemer Professor um die Übersetzung einiger Textstellen (unter den zwischenzeitlich kontaktierten syrischen Personen konnte niemand weiterhelfen, was mich leicht irritierte).
Mittlerweile hatte ich auch mehrfach den Versuch unternommen, dem mutmasslichen Urheber der Schrift Dr. oder Herr Heitz/Reitz/Neitz auf die Spur zu kommen, aber ausser einem alten Lexikoneintrag aus dem 19. Jh. über einen Neitz, der in Russland lebte und offenbar mit dem Volksstamm der Kalmücken in Zusammenhang gebracht wurde, was ich für mein Manuskript als irrelevant erachtete, liessen sich keine nennenswerten Spuren ausmachen. Doch sollte sich später erweisen, dass ich hier einen gangbaren Weg zu schnell verwarf.
Ende Oktober berichtete ich dann an der Jahrestagung der Schweizer Papierhistoriker in Genf über den Gang und Stand meines Wissens bezüglich der mysteriösen Handschrift, wobei ich das Original präsentieren konnte. Meine Hoffnung auf das grosse «AHA, das ist doch eindeutig eine SOWIESO-Schrift » blieb aus – bis der aufmerksame Blick von Martin Kluge, dem wissenschaftlichen Leiter der Papiermühle Basel, auf das Objekt fiel und ihn innehalten liess.
Er berichtete am Folgetag über die Ähnlichkeit meiner mit einer Handschrift, die im Papiermuseum Basel vorhanden und dokumentiert ist. Es handele sich bei dem Dokument in der Papiermühle um ein kalmückisches Alphabet, um eine mongolische Schrift, die allerdings nicht von rechts nach links, sondern von oben nach unten gelesen werde. Die Ähnlichkeit ist tatsächlich frappant, und die Schreibrichtung von oben nach unten korrespondiert mit der Schreibrichtung der Marginalien und der Anordnung einzelner römischer Zählungen im Text, die bei einer Schreibrichtung von rechts nach links liegend angebracht wären, was wenig sinnvoll erscheint. Zudem seien, laut Kluge, Zahlen als Wasserzeichen zur Datierung im zaristischen Russland gebräuchlich gewesen. Und so tauchte der Begriff «Kalmücken» wieder in meiner Gedächtniskammer auf, nämlich im Zusammenhang mit der Personenrecherche Heitz/ Reitz/Neitz, die zu einem Neitz in Russland gelenkt hatte. Also griff ich nochmals zu diesem Hinweis und in die Himmelsrichtung, die mir Martin Kluge auftat und machte mich an den Schriftvergleich zusammen mit der Suche nach Neitz und den Kalmücken.
Die Kalmücken
Das westmongolische Volk der Kalmücken ist das einzige buddhistische mongolischsprachige Volk, geographisch beheimatet in der Republik Kalmückien im südlichen Teil des europäischen Russlands.
Ihre Schrift war bis 1923 eine senkrechte Alphabetschrift, die sogenannte Klarschrift oder oiratische Schrift. Der Vergleich des kalmückischen Alphabets mit der vorliegenden Handschrift weist bei senkrechter Lesart zahlreiche augenfällige Gemeinsamkeiten auf.
Und auch der Name des auf dem Titelblatt genannten und nun bestimmten «Dr. Neitz» zeigt in eine vielversprechende Richtung. Die Herrnhuter- Gemeinschaft, die Böhmischen Brüder, versuchte vom Ende des 18. bis in die frühen 20er-Jahre des 19. Jh. hinein die Kalmücken und Tataren im Wolgagebiet zu missionieren. Einer der ersten Missionare war Johann Conrad Neitz (1743–1815), der zusammen mit seinem Schwiegersohn Johann Caspar Glitsch (1785–1852) eine lukrative Senfproduktion aufbaute, die ihr Produkt, das bis heute existiert, gar bis an den Zarenhof lieferte.
Johann Conrad Neitz predigte dem kalmückischen Nomadenvolk mit Eifer das Evangelium. Der mutmassliche Inhalt unseres Manuskripts ist mit der Leidensgeschichte Jesu ein einem deutlichen Zusammenhang mit diesem Zweck. Ob und wie erfolgreich Neitz damit war, bleibe momentan dahingestellt.
In den letzten unbeschriebenen Blättern erscheinen zwei Mal die numerischen Wasserzeichen «1 und 8» sowie «2 und 1». Laut Martin Kluge sind dies gebräuchliche Formen russischer Wasserzeichen, um die vorgeschriebene Datierung zu sichern, was wiederum ein markantes Indiz für die «kalmückische Stossrichtung» ist: Demnach würde das Papier aus dem ersten Drittel des 19. Jh. stammen. 1822 wurde den Herrnhutern die Missionstätigkeit im Wolgagebiet verboten, da sich die russisch-orthodoxe Kirche, die buddhistischen Geistlichen und der kalmückische Adel gleichermassen bevormundet sahen.
Ort, Zeit und Inhalt des Manuskripts decken sich mit diesem Zeitraum vor 1822.
Soviel zum Stand der Dinge. Eine Übersetzung aus Israel habe ich noch immer nicht erhalten. So ist dies ein vorläufiger Bericht über die wechselvollen Wendungen, Irrwege und Zufälle, die in der Bearbeitung unserer Handschrift bislang bewegt wurden. Weitere genauere Prüfungen und Analysen werden demnächst unternommen, und sofern sich Erkenntnisse einstellen, wird an dieser Stelle darüber berichtet werden.
Analog zu «Aktenzeichen XY ungelöst» bin ich jedem geneigten Leser dankbar für sachdienliche Hinweise, die zur Identifizierung der Handschrift beitragen.
Wer weiss, vielleicht taucht eines Tages doch noch überraschend eine Übersetzung aus dem Syrischen auf, oder es findet sich ein mit dem Kalmückischen Vertrauter, der dem in Ungewissheit und Ungeduld verharrenden Antiquar Gewissheit verschafft.