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“Ich wollte einfach, dass wir unsere Arbeit gut machten”
Geschichtsprofessor Georg Kreis im Interview über seinen Beruf und die Aufarbeitung des Verhaltens der Schweiz im 2. Weltkrieg.
Rieke Volkenandt und Philippe Kramer
Bis im Jahr 2008 war Georg Kreis Professor für Schweizer Geschichte und Neuere Allgemeine Geschichte an der Universität Basel. Seine Forschungsschwerpunkte liegen auf der Geschichte der europäischen Integration, internationalen Beziehungen, Fragen der Identität, Nationalismus, Minderheitenfragen und Migration. Dabei spezialisierte er sich besonders auf die Schweizer Geschichte ab 1750 und den 2. Weltkrieg. Als Teil der «Unabhängigen Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg» beschäftigte er sich intensiv mit dem Verhalten der Schweiz im 2. Weltkrieg.
Herr Kreis, wie wird man Historiker und welche Aufgabe hat ein Historiker?
Zunächst sei betont: Historiker kann man auf viele Arten sein, als Geschichtslehrer oder Geschichtsprofessor, aber auch als Medienmitarbeiter und als freischaffender Historiker (alles immer mehr auch in weiblicher Variante). In den ersten beiden Varianten wird man es, indem man das an einer Uni oder an mehreren Unis studiert.
An was arbeiten Sie gerade?
An vielem zugleich. Ich habe gerade zwei Bücher fertiggestellt: eines über das angebliche Demokratiedefizit in der EU und eines über die Nazi-Kunstpolitik und die Reaktionen in der Schweiz darauf. Daneben gibt es viele Kleinformate und diese ergeben sich mehrheitlich aus Anfragen, das heisst aus angenommenen «Bestellungen». Vielleicht entsteht einmal etwas über die Amerikanisierung Europas, die nicht erst 1945, sondern bereits um 1900 eingesetzt hat.
Wenn jemand sie jetzt fragen würde, ob Sie als Schweizer stolz auf die Geschichte ihres Landes wären, was würden Sie dieser Person antworten?
Es ist schwierig und nicht sachgerecht, auf ein Land stolz zu sein, besser ist man auf bestimmte Menschen stolz, die in diesem Land leben.
Können Sie uns kurz vorstellen, was die Bergier-Kommission ist?
Die neunköpfigen Historikerkommission – zu der auch ein Jurist gehörte – war 1996 vom einstimmigen Parlament und Bundesrat beauftragt, in fünf Jahren eine Reihe von Fragen zu beantworten, die umstrittenes Verhalten, insbesondere jenes von Banken, Versicherungen und weiteren Unternehmen, während des Zweiten Weltkrieg betrafen.
Die Einsetzung der völlig unabhängigen Kommission war eine Reaktion auf schwere Vorwürfe, die vom Ausland, insbesondere den USA, kamen. Wir hatten uneingeschränkten Zugang zu allen Archiven, auch denen der Privatwirtschaft.
Was ist das Bahnbrechende dieses Berichtes?
Der Bericht rief in Erinnerung, dokumentierte im Einzelnen und analysierte, in welchem Mass die Schweiz in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs verstrickt war, teils notgedrungen, teils aber auch aus eigenem Antrieb, und jedenfalls mehr, als man heute wahrhaben will.
Inwiefern hat das Mitwirken im Bergier-Bericht etwas an Ihrer Arbeit geändert oder Sie persönlich beeinflusst?
Man ist als Experte in diese Kommission berufen worden und als das hatte man ja bereits einiges an Vorwissen. Die Kommissionsarbeit hat mich gelehrt, dass man sich hüten muss, vorschnell zu meinen, dass man bereits alles weiss. Es kommt meistens Neues hinzu.
Wie reagieren andere Menschen auf ihre Vorlesungen und Publikationen? Treffen sie auf Verständnis oder werden auch Gegenstimmen laut?
Es gibt von beidem, die anspruchsvolleren Begegnungen zeugen von echter Neugierde und Bereitschaft, unsere Resultate zur Kenntnis zu nehmen. Dann nehme ich via Medien wahr, dass es auch Ablehnung gibt. Dazwischen liegt die billige Formulierung, dass unsere Arbeit «umstritten» sei.
Welche Auswirkungen spürt man heute noch vom Bergier-Bericht?
Der Bericht ist ein wichtiger Referenzpunkt geblieben, die Geschichte ist eine andere vorher oder nachher. Er hat auch den Schulunterricht nachhaltig geprägt, obwohl gesagt sein muss, dass schon vor 1996 der «Schweiz 1933-1945» durchaus Platz eingeräumt wurde und ernsthafte Auseinandersetzung stattgefunden hat.
Welche Reaktion und welche Auswirkungen haben Sie sich erhofft?
Ich war nicht so sehr von Hoffnung geleitet. Ich wollte einfach, dass wir unsere Arbeit gut machten, und dass man, sofern das dann noch interessieren wird, in 50 Jahren sagt, dass wir das Bestmögliche getan haben. Wir haben bekanntlich einen Schlussbericht von über 600 Seiten und Zusatzberichte von über 10’000 Seiten produziert. Das war für das Publikum nicht ideal. Aber ich meine, dass wir einen Forschungs- und nicht einen Vermittlungsauftrag hatten. Die Medien haben die Vermittlung alles in allem ausgezeichnet gemacht, jedenfalls besser, als es uns gelungen wäre.
Alles läuft auf diese entscheidende Frage heraus: Warum brauchen wir eine solche Aufarbeitung von etwas, was schon lange vergangen ist?
Die entscheidende Antwort: Vergangenheiten bilden ein Gegenüber zur Gegenwart; in dieser Konstellation kann man gleichzeitig über beides Nachdenken, Übereinstimmungen und Unterschiede wahrnehmen. Es geht jedenfalls nicht um ein definitives Versorgen von «unbewältigter Vergangenheit».
Wie sehen Sie den Lernprozess der Gesellschaft?
Es gibt permanentes, wenn auch diffuses Lernen, aber man kann auch neue Fehler machen, gerade wenn man alte Fehler nicht wiederholen will.
Wie soll ein Staat respektive eine Gesellschaft für eine Schuld in ihrer Vergangenheit aufkommen?
Nachfolgende Generationen müssen Verantwortung auch für Unerfreuliches übernehmen, für Erfreuliches geschieht dies ja auch.
Wie kann jede «normalsterbliche» Person zum Frieden beitragen?
Der Aktions- und Wirkungsradius von solchen Menschen ist eher bescheiden, aber gerade da, wo man steht, muss man sich für die Verhältnisse mitverantwortlich fühlen.
Wie lange «muss» Geschichte erhalten bleiben?
Geschichte, einmal geschehen, ist keine sich selber im Gespräch haltende Grösse. Vergangenheit sollte permanent sozusagen abrufbereit sein, damit man nach Bedarf eigene Fragen an sie richten kann.
Wiederholt sich Geschichte?
Eher nicht. Jede aktuelle Situation muss (durchaus mit Wissen aus früherer Geschichte) als eigene Realität analysiert und erfasst werden.
Einige Experten ziehen jetzt Parallelen zwischen der jetzigen Situation und der Situation vor dem 1. Weltkrieg, wie sehen Sie die Lage?
Ich sehe das nicht so. Heute ist die Welt mit Kommunikationsmöglichkeiten und internationalen Organisationen ausgestattet, die 1914 nicht zur Verfügung standen.
Was sollten alle Jugendliche über Ihren Beruf und Ihre Arbeit, im Besonderen den Bergier-Berichts, wissen?
«Wissen» ist eine komplexe Sache, die zudem von trügerischen Besitzvorstellungen ausgeht. «Wissen wollen» und «verstehen wollen» sind wichtiger. Was dabei herausschaut, ist nicht vorgegeben und muss sich jeweils erst noch zeigen.
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