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Dieser Abschnitt behandelt die infantile, juvenile, adolescente idiopathische Skoliose, deren Entstehungen, Diagnose, klinisches Verhalten und Therpien.
überblick
Details zur Erkrankung
Unter Skoliose versteht man eine abnormale Krümmung der Wirbelsäule in der frontalen Ebene (siehe Abbildung 1). Hierfür gibt es eine Vielzahl von Ursachen, wie angeborene Wirbelfehlbildungen (congenitale Skoliose), degenerative Veränderungen der Lendenwirbelsäule (degenerative Skoliose), Skoliose bei neuromuskulären Erkrankungen (neuromuskuläre Skoliose) oder im Rahmen von genetischen Syndrome (syndromale Skoliose). Die sogenannte idiopathische Skoliose ist eine Krümmung, welche keine der eben genannten Ursachen hat, sondern eine eigenstehende Erkrankung ist. Als Ursache werden genetische Faktoren vermutet, entsprechend kommt die idiopathische Skoliose oft familiär gehäuft vor. Sie tritt in den meisten Fällen während der Wachstumsphase der Pubertät auf und nimmt tendenziell während dieser zu. In nur wenigen Fällen tritt die idiopathische Skoliose bereits im Kindesalter auf. Bei einem kleinen Teil der Patienten mit idiopathischer Skoliose bestehen krankhafte Veränderungen des Rückenmarkes oder Kleinhirns, welche als Ursache diskutiert werden, in allen anderen Fällen jedoch findet sich keine fassbare Ursache für die Erkrankung. Die idiopathische Skoliose weisst nicht nur die charakteristische Krümmung in der frontalen Ebene auf, sondern ist auch gekennzeichnet durch eine Rotation der Wirbelkörper in der axialen Ebene. Hierdurch sind die Rippen der konvexen Krümmungsseite angehoben und es entsteht der sogenannte Rippenbuckel, welcher von den Patienten als ästhetisch besonders störend empfunden wird. Ein weiteres wichtiges Charakteristikum dieser Erkrankung ist, dass die Krümmung mitunter deutlich zunehmen kann. Das Fortschreiten der Krümmung hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab (siehe weiter unten), unter anderem dem Patientenalter und der Form der Skoliose. Die idiopathische Skoliose kann folgende Konsequenzen mit sich bringen: chronische Schmerzen, negativer Einfluss auf die Psyche durch die Deformierung des Rückens, Einschränkung der Lugenfunktion. Da viele Patienten eine nur gering ausgeprägte Krümmung haben, sind sie entsprechend weniger betroffen was die genannten Langzeitfolgen betrifft. Auf der anderen Seite kann jedoch eine nicht richtig behandelte idiopathische Skoliose soweit fortschreiten, dass die Lungenfunktion signifikant reduziert ist. In der Behandlung der idiopathischen Skoliose kommen drei Modalitäten zum Einsatz: die engmaschige Kontrolle bei Patienten mit nur geringem Krümmungsausmass, die Korsettbehandlung bei mittlerem Krümmungsausmass und die operative Behandlung ab einem Krümmungsausmass von 60°deg (im Kindesalter) und 50° im Jugendlichenalter.
Die idiopathische Skoliose weist mehrere morphologische Charakteristika auf. Die Abbildung 2 zeigt die drei wesentlichen Elemente der Deformität: die Krümmung in der frontalen Ebene, der Verlust der normalen thorakalen Kyphose in seitlicher Ebene sowie die axiale Rotation der Wirbelkörper, welche die Entstehung des sog. Rippenbuckels verursacht, siehe Abbildung 3. Ein Fehlen eines der Charakteristika kann Hinweis darauf sein, dass entweder eine Missbildung on Rückenmarks/ oder Kleinhirn vorliegt, oder dass es sich um eine Skoliose anderer Ursache handelt (z.B. skoliotische Krümmung in Folge eines Wirbelkörpertumors).
Einteilung – infantile, juvenile und adolescente idiopathische Skoliose
Durchschnittlich 2.5% der Bevölkerung leiden an einer idiopathischen Skoliose, wobei die Mehrheit im Jugendlichenalter erkrankt (adoleszente idiopathische Skoliose), gefolgt vom Erkrankungsbeginn im Kindesalter (juvenile idiopathische Skoliose) und Erkrankungsbeginn im Kleinkindesalter (infantile idiopathische Skoliose), siehe Abbildung 4a und 4b1-3.
Der Krankheitsverlauf ist etwas unterschiedlich je nachdem in welchem Alter die Skoliose beginnt (infantil, juvenil oder adoleszente Skoliose). Wie der Abbildung 5 zu entnehmen ist, sind die juvenile und infantile Skoliose häufiger mit Fehlbildungen von Rückenmark oder Kleinhirn vergesellschaftet (etwa 20%) als die adoleszente idiopathische Skoliose4,5. Die juvenile Skoliose hat das höchste Risiko voranzuschreiten (das bedeutet, dass der Krümmungswinkel zunimmt), während die infantile Skoliose häufig von selbst wieder verschwindet. Die meisten Patienten mit idiopathischer Skoliose haben eine rechts konvexe thorakale Krümmung. Ist dies nicht der Fall so kann dies Hinweis sein auf das Vorhandensein von Erkrankungen des Rückenmarkes (siehe weiter unten). Die juvenile idiopathische Skoliose weist einen hohen Prozentsatz links konvexer thorakaler Krümmungen auf, wobei jedoch bei nur 20% tatsächlich eine Erkrankung des Rückenmarkes vorliegt. Kindliche Patienten (infantile und juvenile idiopathische Skoliose) werden zu einem hohen Prozentsatz mittels Korsetts behandelt, Jugendliche zu einem geringeren Prozentsatz3,5,6. Die operative Therapie ist nur bei einem kleinen Teil der Patienten mit adoleszenter idiopathischer Skoliose nötig, jedoch bei einem höheren Anteil der kindlichen Patienten (juvenile idiopathische Skoliose). Ein weiterer Vergleich zwischen IIS, JIS, AIS ist in Abbildung 6 zu sehen. Die Krümmungsform bei idiopathischer Skoliose kann nach verschiedenen Klassifikationssystemen weiter unterteil werden, wobei das sog. Lenke Klassifizierungssystem das wichtigste ist7. In diesem Klassifizierungssystem wird die Skoliose in 6 Typen unterteilt, abhängig von der Lokalisation der Hauptkrümmung (z.B mittlere Brustwirbelsäule oder Lendenwirbelsäule) und der Steifigkeit etwaiger weiterer, Krümmungen die in der Wirbelsäule vorhanden sind. Die Abbildung 6 zeigt die Verteilung der 6 unterschiedlichen Skolioseformen nach Lenke im Vergleich zwischen infantiler, juveniler und adoleszenter idiopathischer Skoliose.
Wie bereits erwähnt kann eine idiopathische Skoliose vergesellschaftet sein mit einer Reihe von teils angeborenen, teils erworbenen Veränderungen des Rückenmarkes, bzw. des Überganges von Gehirn zu Rückenmark (siehe Abbildung 7)11. Die Form der Skoliose und auch das Alter in dem die Skoliose erstmals auftritt, können Hinweise liefern, dass eine Rückenmarksveränderung vorliegt. Entsprechend kann es notwendig sein, dass bestimmte Patienten mit idiopathischer Skoliose eine weiterführende abklärende MRI Untersuchung von Gehirn und Rückenmark durchführen müssen. Wird dabei ein Befund wie in Abbildung 6 beschrieben, so kann es sein das eine operative Behandlung dieses Befundes notwendig ist. Ob die etwaige operative Behandlung eines Rückenmarksbefundes das Fortschreiten der Skoliose dann verhindert wird wissenschaftlich kontrovers diskutiert.
Erkrankungsverlauf
Der Verlauf der idiopathischen Skoliose kann sehr unterschiedlich sein. Bei infantilen Patienten kann es häufig zu einem spontanen Verschwinden der skoliotischen Krümmung kommen (insbesondere, wenn der Krümmungswinkel nach Cobb weniger als 20° und der axiale Rotationswinkel nach Mehta weniger als 20° beträgt). Bei einem Teil der Patienten jedoch kann die Krümmung zunehmen, weswegen hier dann eine Therapie notwendig ist. Deformitäten der Wirbelsäule tendieren bei Kindern und Jugendlichen stärker zuzunehmen in den Phasen, in denen das Wachstum Knochenwachstum am stärksten ist. Wie die Abbildung 8 zeigt, sind diese beiden Phasen in den ersten beiden Lebensjahren sowie während der Pubertät.
In der Behandlung von Patienten mit idiopathischer Skoliose aller Altersgruppen ist eines der wichtigsten Behandlungsziele eine Verschlechterung der Lungenfunktion zu verhindern. Wenn eine skoliotische Krümmung, welche die Brustwirbelsäule betrifft stark zunimmt, so wird dadurch die Lungenfunktion eingeschränkt. In extremen Fällen kann dann auch due Herzfunktion beeinträchtig werden. Wie die Abbildung 9 zeigt durchläuft die Lunge in den ersten beiden Lebensjahren ein besonders starkes Wachstum. Es ist während dieser Zeit besonders wichtig eine signifikante Zunahme einer thorakalen Skoliose zu verhindern um ein adäquates Lungenwachstum zu ermöglichen.
Entsprechend ist eine strenge Kontrolle, oder wenn notwendig eine gezielte Behandlung mittels Korsett oder Operation besonders in den frühen Kindesjahren notwendig, damit sich die Lunge normal entwickeln kann. Kommt es in Folge einer nicht adäquat behandelten, fortgeschrittenen Skoliose zu einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion so wird dies als „thoracic insufficiency syndrome“ bezeichnet. Die juvenile idiopathische Skoliose verhält sich etwas anders als die die infantile und adoleszente Skoliose. Der Anteil der Patienten, bei denen die Skoliose zunimmt, ist besonders gross, entsprechend bedarf ein hoher Prozentsatz einer gezielten Therapie mittels Korsette oder Operation. Obwohl das Lungengewebe bereits die Phase des maximalen Wachstums hinter sich hat (siehe Abbildung 8), so kann es dennoch zu einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion kommen, sollte die Skoliose in dieser Lebensphase nicht adäquat behandelt werden. Die Ursache hierfür liegt darin, dass der knöcherne Brustkorb eine Mindeslänge aufweisen muss um eine gute Lungenfunktion zu ermöglichen. Im Jugendlichenalter verhält sich die idiopathische Skoliose weniger gefährlich. Wie der Abbildung 5 zu entnehmen ist, schreitet die Skoliose nur bei einem geringen Anteil signifikant voran. Entsprechend ist nur bei einem kleineren Anteil der Patienten eine Behandlung mittels Korsetts oder Operation notwendig. Dennoch muss beachtet werden, dass die Krümmung mit Abschluss der Knochenreife einen gewissen Wert nicht überschreiten soll, da eine idiopathische Skoliose auch im Erwachsenenalter noch zunehmen kann und im Extremfall erst später im Leben die Lungenfunktion beeinträchtig.
Die allermeisten Patienten mit idiopathischer Skoliose erkranken im Jugendlichenalter (adoleszente idiopathische Skoliose). In dieser Patientengruppe will man verhindern, dass die Krümmung der Skoliose ein Ausmass von 50° erreicht, da bekannt ist, dass Skoliosen mit höherer Krümmung während des Erwachsenenlebens noch deutlich zunehmen kann, was potentielle negative Effekte auf die Lungenfunktion haben kann. Die untenstehende Abbildung 10 zeigt Daten einer der wichtigsten Studien zur idiopathischen Skoliose. In den sog. Iowa Studien wurden Patienten mit idiopathischer Skoliose für mehr als 50 Jahre beobachtet, ohne eine Therapie erhalten zu haben13. Entsprechen liefern die Daten dieser Studien wichtige Hinweise auf den natürlichen Verlauf der Erkrankung. In der Abbildung 10 jeweils grau eingezeichnet ist der Anteil von Patienten welcher mit Ende der Pubertät eine Skoliosekrümmung von 50° oder mehr aufweist, also einer operativen Korrektur bedürfen würde. Es zeigt sich, dass je nach Skoliosetyp (also Lokalisation der Krümmung und auch Anzahl der Krümmungen) der Prozentsatz an Chirurgie-bedürftigen Patienten variiert.
Wie bereits erwähnt kann der Krümmungswinkel der Skoliose nicht nur während des Kindes- und Jugendlichenalters zunehmen, sondern auch noch während des Erwachsenenlebens. Die Abbildung 11 zeigt die Ergebnisse der Iowa Studien. Angegeben hier ist die mittlere Zunahme des Krümmungswinkels vom Ende der Pubertät bis zum Pensionierungsalter. Es zeigt sich, dass der Grad der Zunahme variiert je nach Skoliosetyp. Was nicht aus dieser Abbildung hervorgeht ist die Tatsache, dass das Krümmungsausmas per Ende der Pubertät einen wichtigen Einfluss auf die Zunahme während des Erwachsenenaltes hat. Krümmungen von mehr als 50° nehmen deutlich stärker zu als kleinere Krümmungen.
Es wird ersichtlich, dass bei der Behandlung der Skoliose die Abschätzung, wie stark die Krümmung im Verlaufe des Lebens zunehmen wird entscheidend ist um die richtige Behandlungsmethode zu wählen. Wie im weiteren Verlauf erwähnt werden wird, gibt es zahlreiche Faktoren, welche prognostische Relevanz haben und so dem Arzt dienen die Behandlung auf den jeweiligen Patienten anzupassen.
Wenn bereits Kinder an einer idiopathischen Skoliose erkranken (infantile und juvenile idiopathische Skoliose) erkranken muss der Lungenfunktion besondere Beachtung gewidmet werden. Unter keinen Umständen darf die Skoliose waehrend den Kindesjahren signifikant zunehmen, da es sonst zu einer gravierenden Einschränkung der Lungenfunktion kommen auf Grund der Tatsache, dass das Lungengewebe besonders in den ersten beiden Lebensjahren genug Platz im Brustkorb braucht um sich zu entwickeln. Weiters muss der Brustkorb eine gewisse Mindeslänge aufweisen um der Lunge ein einwandfreies Funktionieren zu ermöglichen. Kommt es in dieser frühen Lebensphase zu einer signifikanten Zunahme der Skoliose kann im schlimmsten Fall ein sogenanntes „thoracic insufficience“ Syndrom resultieren. Wenn die Skoliose weniger stark ausgeprägt ist, also der Cobb Winkel geringer ist, so kommt es zu geringeren Einschränkungen der Lungenkapazität, wie der Abbildung 13 zu entnehmen ist. Die beiden wichtigen Parameter der Lungenfunktion (VC: Vitalkapazität der Lunge, also die in der Lunge enthaltene Luftmenge, welche abgeatmet werden kann; FEV1: forciertes exspiratorisches Volumen nach 1sec, also die Lufmenge, welche bei maxialer Anstrengung in einer Sekunde ausgeatmet werden kann). Die Abbildung 13 zeigt, dass eine operative Korrektur die Lungenwerte deutlich verbessern kann. Weiters zeigt die Abbildung, dass eine Behandlung von einer moderten Skoliose mittels Korsett ebenfalls zu einer Stabilisierung der Lungenfunktion führen kann.
Wie die Abbildung 14 zeigt, so hat im Wesentlichen das Ausmass der skoliotischen Krümmung, also der Cobb Winkel Einfluss auf die Lungenfunktion. Je höher der Winkel, desto schlechter die Lungenfunktion.
Ein weiterer wichtiger Aspekt der idiopathischen Skoliose betrifft den Einfluss der Deformität auf die Psyche und die Selbstwertschätzung sowie die chronischen Rückenschmerzen, welche mit der Skoliose einhergehen können. Die Abbildung 15 zeigt die Ergebnisse einer Studie, bei der Erwachsene Patienten mit idiopathischer Skoliose, welche operiert wurde verglichen werden mit Skoliosepatienten ohne Operation sowie mit gleichaltrigen gesunden Menschen ohne Skoliose. Es ist anzumerken, dass die Patientengruppe mit Operation gleiche Krümmungswinkel hatte (vor Operation) verglichen mit den Skoliosepatienten ohne Operation. Jeder Studienteilnehme musste einen standardisierten Fragebogen nach Connolly ausfüllen. Es zeigt sich in dieser Studie, dass Patienten mit Skoliose, ob operiert oder nicht, in mehreren Domänen schlechter abschnitten als gesunde Menschen: die Arbeitstätigkeit ist im Schnitt geringer, die chronischen Schmerzen sind mehr, die die körperliche Aktivität ist eingeschränkter und das Selbstbild reduziert. Bei all diesen eben aufgelisteten Punkten schneiden Patienten welche nicht operiert wurden etwas schlechter ab als Patienten welche operiert wurden.
Eine grosse Anzahl wissenschaftlicher Studien beschäftigt sich mit der psychischen Auswirkungen der Skoliose auf die kindlichen und jugendlichen Patienten. In der untenstehenden Tabelle 1 sind die Ergebnisse einiger, relevanter Studien angeführt.
Diagnose
Ein erster Verdacht auf das Vorliegen einer Skoliose kann geschöpft werden, wenn bei Inspektion des Körperstammes eine merkliche Krümmung in der frontalen Ebene auffällt. Weiters nützlich in der Früherkennung kann der Rippenbuckel sein, welcher durch die axiale Rotation der Wirbelkörper bei idiopathischer Skoliose entsteht. Wenn ein Patient sich mit gestreckten Beinen nach vorne beugt und versucht mit den Fingerspitzen den Boden zu berühren, so tritt ein Rippenbuckel besonders deutlich zum Vorschein (siehe Abbildung 3). Ein Tastbefund entlang der Wirbelsäule kann dann eine Asymmetrie der Rückenmuskulatur zum Vorschein bringen. Wenn erst einmal ein Verdacht besteht, so wird als nächster Schritt ein Röntgenbild der Wirbelsäule angefertigt. Bestätigt sich hier der Verdacht auf das Vorliegen einer idiopathischen Skoliose, so werden oft noch Röntgenaufnahmen der Wirbelsäule unter seitlicher Beugung gemacht (Abbildung 16), zur Feststellung wie flexibel die Krümmung der Wirbelsäule ist. Ist der Patient weniger als 10 Jahre alt, liegen sogenannte atypische Skoliosemerkmale im Röntgen vor, nimmt die Skoliose rasch zu, oder bestehen ungewöhnlich starke Schmerzen oder Auffälligkeiten bei der körperlichen Untersuchung, so kann es notwendig sein ein MRI der Wirbelsäule und des Schädels anzufertigen um etwaige Fehlbildungen auszuschliessen, welche mit einer Skoliose in Zusammenhang stehen können.
Behandlung
Die Ziele in der Behandlung idiopathischer Skoliose sind: Zunahme des Krümmungswinkels zu verhindern oder deutlich zu bremsen; dadurch Reduktion des Risikos eine signifikante Lungenfunktionseinschränkung zu erleiden, Normalisierung der Köpererscheinung und dadurch Minderung der psychischen Belastung. Die drei Behandlungsmodalitäten sind: Regelmässige Kontrollen mit gezielter, Skoliose-spezifischer Physiotherapie; Korsettbehandlung mit regelmässigen Kontrollen und eine operative Korrektur. Bezüglich der Korsettbehandlung sei erwähnt, dass in Studien die Wirksamkeit ein einem signifikanten Teil der Patienten gezeigt werden konnte. Die Korsetttherapie kann die Zunahme der Skoliose verhindern in Patienten, die noch wachsen. Es konnte ebenfalls gezeigt werden, dass die Effektivität der Korsettbehandlung zunimmt, je länger das Korsett pro Tag getragen wird. Idealerweise 20h/ Tag. Bei sehr jungen Kindern kommt eine spezielle Form des Korsetts zum Einsatz, wobei unter einer kurzen Vollnarkose ein eng sitzendes Korsett angepasst wird, welches dann ununterbrochen getragen wird. Bezüglich der operativen Korrektur kommen mehrere Methoden zum Einsatz: Korrektur und Versteifung der Skoliose in einer Operation von der Seite (Operation durch den Brustkorb), Korrektur und Versteifung in einer Operation durch den Rücken, wachstumsmodulierende, nicht-versteifende Operation von der Seite (Operation durch den Brustkorb), wachstumsmodulierende, nicht-versteifende Operation durch den Rücken (bei Kindern). Die unten stehende Tabelle 2 gibt eine Übersicht über die verschiedenen Behandlungsstrategien, welche zum Einsatz kommen. Wie der Tabelle zu entnehmen ist, wird die Behandlung im Wesentlichen beeinflusst durch das Patientenalter (bzw. die Knochenreife) und das Krümmungsausmass der Skoliose (Cobb Winkel).
Die unten stehende Tabelle 3 gibt einen etwas fokussierten Überblick zur Behandlung der Patienten mit juveniler idiopathischer Skoliose.
Im Kindes- wie auch Jugendlichenalter ist ab einem moderaten Krümmungswinkel das Tragen eines Korsetts indiziert. Die Effektivität des Korsetts ist umso grösser je länger pro Tag es getragen wird, siehe Tabelle 2. Die Korsettbehandlung ist aber nicht in allen Patienten dahingehend erfolgreich, dass ein Fortschreiten der Krümmung verhindert werden kann. Die untenstehende Tabelle 4 gibt Risikofaktoren an, welche auf ein Versagen der Korsetttherapie hindeuten können.
Die Behandlung mittels Korsetts ist in den Patienten, bei welchen eine Zunahme der Skoliose wahrscheinlich ist unbedingt notwendig. Das Tragen des Korsetts wird von den meisten Kindern und Jugendlichen psychisch belastend empfunden. Eine Studie konnte jedoch zeigen, dass die psychische Belastung durch das Tragen des Korsetts nicht wesentlich anders ist als die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen mit Skoliose welche kein Korsett tragen (bei gleichem Krümmungswinkel der Skoliose). Die Abbildung 17 zeigt die Ergebnisse einer Studie, welche die psychische Belastung bei jugendlichen Patienten mit Skoliose vergleicht zwischen denen, welche ein Korsett trugen, und Patienten ohne Korsett. Es zeigte sich, dass zwar beide Gruppen deutlich psychisch litt auf Grund der Deformität des Kopers, jedoch es keine signifikanten Unterschiede gab zwischen den beiden Gruppen.
Ist die Korsetttherapie nicht erfolgreich und die Skoliose nimmt weiter zu in Ihrem Krümmungswinkel so ist eine operative Korrektur notwendig. Welches operative Verfahren eingesetzt wird hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Da bei kindlichen Patienten eine versteifende Operation zur Korrektur einer Skoliose möglichst zu vermeiden ist (um der Wirbelsäule und der Lunge ein normales Wachstum zu ermöglichen) kommen hier andere operative Techniken zum Einsatz als bei Jugendlichen. Eine der am häufigsten angewandte OP Techniken ist der „magnetically controlled growing rod“. Bei dieser OP Technik wird ein in Abbildung 18 gezeigtes Implantat verwendet, welches mittels oberen und unteren Ankerpunkten in der Wirbelsäule verankert. Diese Stange dehnt die Wirbelsäule in vertikaler Richtung. Der Grad der Dehnung kann nach der Operation von ausserhalb des Patienten mit einem Gerät eingestellt werden. Auf diese Weise wird das Wachstum der Wirbelsäule so gelenkt, dass die Skoliose nicht weiter zunimmt. Dieses Verfahren ist meist nur eine Überbrückung, bis die Knochenreife erreicht ist. Zu diesem Zeitpunkt, wird dann meist eine definitive, korrigierende Operation durchgeführt.
Da wie erwähnt in einem Kind eine definitive, versteifende Operation solange zu vermeiden ist, bis das Körperwachstum abgeschlossen ist, dient die Implantation einer MCGR dazu Zeit zu überbrücken, bis das Körperwachstum abgeschlossen ist. Zu diesem Zeitpunkt erfolgt dann meist eine neuerliche Operation, bei der eine definitive Korrektur der Skoliose (versteifende Operation) durchgeführt wird. Die untenstehende Tabelle 5 gibt eine Übersicht über die operativen Ergebnisse und Komplikationen.
Erreicht die Krümmung eines Patienten eine gewisse Schwelle, so ist eine operative Korrektur indiziert. Die klassische Operationstechnik ist eine Korrektur durch den Rücken. Wie der Abbildung 19 zu entnehmen ist wird ein langer vertikaler Hautschnitt durchgeführt, anschliessend werden in den Wirbelkörpern Titanschrauben eingebracht und schlussendlich Cobalt-Chrom Stäbe, welche in eine gerade Form (in frontaler Ebene) gebogen sind. Auf diese Weise wird die Krümmung der frontalen Ebene, die Rotation in der axialen Eben sowie teilweise auch die abnorme Begradigung der Brustwirbelsäule in seitlicher Ebene korrigiert. Diese Operationstechnik ist sehr universell anwendbar, das bedeutet, dass jede Form der Skoliose sowie jeder Krümmungsgrad (auch schwere Skoliosen) damit korrigiert werden können. Wenn es sich um eine sehr ausgeprägte Krümmung handelt (Cobb Winkel von 100° und mehr), so wird oft eine erweiterte Operation durchgeführt, bei der der Wirbelkörper am Scheitelpunkt der Krümmung entfernt wird um so eine bessere Korrektur der Skoliose zu erreichen.
Eine weitere operative Technik besteht aus einer Skoliosekorrektur durch den Brustkorb bzw. durch die Flanke („anteriore Skoliosekorrektur“). Bei dieser Technik werden in gleicher Weise Titanschrauben und ein Cobalt-Chrom Stab in die Wirbel eingebracht zur Begradigung, jedoch via einen chirurgischen Zugang von der Seite (durch den Brustkorb oder die Flanke). Diese Technik kann nicht bei jedem Krümmungstypen angewandt werden und auch nicht bei jedem Krümmungsausmass. Der Vorteil ist, dass die Rückenmuskulatur von der Operation nicht betroffen ist und, dass verglichen mit der Operation von hinten meist die Versteifung etwas kürzer ist, also weniger Segmente fusioniert werden. Eine weitere, ähnliche Operationstechnik ist der eben erwähnten anterioren Skoliosekorrektur sehr ähnlich: Das „vertebral body tethering“ bezeichnet eine Technik bei der die Wirbelsäule nicht versteift wird. Dabei werden von der Seite durch den Brustkorb oder die Flanke ebenfalls Titanschrauben in die Wirbelkörper eingebracht, diese werden dann jedoch mit einem Kunststoffband verbunden. Dies bewirkt, dass die konvexe Seite der Wirbelkoerper in den Monaten und Jahren nach der Operation in Ihrem Wachstum etwas gebremst werden, so dass sich die Skoliose auf diese Weise „auswächst“. Diese Technik ist relativ neu, entsprechend fehlen Langzeitsudiendaten. Die Abbildung 20 zeigt schematisch die Technik des „vertebral body tetherings“.
Die untenstehende Tabelle 6 gibt einen Überblick über die verschiedenen Operationstechniken, welche zur Behandlung der idiopathischen adoleszenten Skoliose angewandt werden. Es zeigt sich, dass die posteriore Korrektionsmethode die Standardtechnik ist, welche bei allen Patienten angewandt werden kann. Ist die Deformität extrem stark, so wird ebenfalls die posteriore Technik angewandt, wobei die Entfernung eines Wirbelkörpers notwendig sein kann („vertebral column resection“, VCR). Die versteifende anteriore Korrektur kann sinnvoll sein in einem kleinen Teil der Patienten, vor allem wenn es sich um eine sogenannte Lenke V Skoliosekurve handelt (also eine Krümmung welche die Lendenwirbelsäule betrifft), welche nicht sehr ausgeprägt ist und flexibel in den Röntgenfunktionsaufnahmen. Die neueste Technik des „vertebral body tetherings“, bei der es zu keiner Versteifung der Wirbelsäule kommt, kann ebenfalls in einem Teil der Patienten sinnvoll sein, jedoch fehlen hier noch überzeugende Langzeitdaten.
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