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Der Präsident der SwissErgo, Thomas Stüdeli, konnte am 7. März 2014 pünktlich um 13.45 Uhr die 16. Generalversammlung der Schweizer Gesellschaft für Ergonomie (SwissErgo) eröffnen. Die Veranstaltung im Hotel Kreuz in Bern begann mit zwei spannenden Vorträgen, und wurde mit dem offiziellen Teil, der statutarischen Generalversammlung beendet.
Im ersten Vortrag berichtete Christian Müller (SBB-CFF) über die Studie «Zugbegleiter der SBB – Studienresultate über physische Beanspruchung und Emotionsarbeit». Die Zugbegleiter der SBB sind bei Ihrer Arbeit einer Vielzahl von physischen und psychischen Belas tun gen ausgesetzt. Da sich im Jahr 2011 der Trend zu ansteigenden Fehltage-Zahlen verschärft hat, wurden umfassende Analysen zu Ressourcen und Belas tun gen durchgeführt. Zwei vertiefte Analysen beschäftigten sich dabei mit der physischen Beanspruchung sowie der Bean-spruchung durch Emotionsarbeit. Zu diesem Zweck wurden 20 Zugbegleiter auf einer standardisierten Tour begleitet, die Anzahl und Art der Kundeninteraktionen erfasst, sowie Messungen der Muskelaktivität im Trapezius, der Herz-rate sowie der Anzahl Schritte durchgeführt. Die Resultate zeigen dass die körperliche Beanspruchung der Zugbegleiter vergleichbar mit Schwerarbeitern ist. Bezogen auf die Emotionsarbeit zeigen sich starke interindividuelle sowie einige geschlechtsspezifische Unterschiede.
Unter dem Titel «Ermüdung bei der Steharbeit: Bestimmung von angemessenen Messmethoden» stellte Bernard J. Martin (University of Michigan, Ann Arbor, USA) im zweiten Vortrag ein Forschungsvorhaben vor, das Methoden zur Erfassung der Muskelermüdung untersucht und vergleicht. Aus den Erkenntnissen soll ein praktikables und korrektes Mess-Set abgeleitet werden. Längere stehende Arbeit verursacht bekanntlich Beschwerden sowie Muskelermüdung und wird mit Rückenbeschwerden in Beziehung gebracht, selbst wenn keine Lasten gehandhabt werden. Mehrere Untersuchungen haben versucht, ein akzeptables Regime von stehender und sitzender Arbeit zu definieren, um Muskelermüdung zu vermeiden. Bisherige Modelle haben sich aber auf die Ermüdung der oberen Extremitäten konzentriert, ohne die Ermüdung oder Beschwerden durch Stehen oder den Arbeitsrhythmus zu berücksichtigen. Ein erster Ansatz, akzeptable Arbeits zyklen von stehender und sitzender Arbeit zu definieren, besteht daraus, die Anwendbarkeit von Messmethoden zur Bestimmung der Ermüdung für diese Fragestellung zu prüfen. Geeignete Methoden müssen für abwechselnde Stellungen sensitiv sein, und mit Symptomen wie Rückenbeschwerden, Schulter und/oder Nackenbeschwerden, die mit Steharbeit in Verbindung gebracht werden können, korreliert werden können. Daher geht es zuerst darum, die beste Methode zu finden, mit der Muskelermüdung und Beschwerden in Zusammenhang mit intermittierender stehender Arbeit bestimmt werden können. Mehrere Methoden werden in einer Pilotstudie geprüft und miteinander verglichen. Sie umfassen Kraftkontrolle (Kraftkontrolle und Trackingleistung), elektrisch stimulierte Muskelzuckkraft (muscle twitch force), EMG Spektralanalyse bei submaximaler Kontraktion, Fussvolumen und Standstabilität. Diese Studie wird vom SECO unterstützt und wird in Zusammenarbeit mit Tommy Läubli von der ETH Zürich und weiteren internationalen Partnern durchgeführt.
Zur Generalversammlung konnten anschliessend 26 stimmberechtigte Teilnehmer begrüsst werden. Nach der Genehmigung der Traktandenliste wurde das Protokoll der letzten GV einstimmig genehmigt. Der Präsident der SwissErgo, Thomas Stüdeli, erläuterte auszugsweise den Jahresbericht. Insbesondere wies er auf die zwei erfolgreich durchgeführten Veranstaltungen hin, die beide gut besucht waren. Ferner war erfreulich feststellen, dass die Kompetenz der Swiss Ergo offenbar langsam bekannter wird, gab es doch verschiedene Anfragen aus der Presse, zu aktuellen Themen Stellung zu nehmen. Um noch besser wahrgenommen zu werden muss die SwissErgo noch mehr versuchen, zu aktuellen Themen in populären, vielgelesenen Organen ihre Position darzulegen. Anschliessend wurde die Aufnahme von 11 neuen Mitgliedern bekannt gegeben. Leider sind auch 10 Abgänge zu verzeichnen, damit ist ein Plus von 1 Mitglied zu verzeichnen. Ein Überblick über die Entwicklung der Ergonomie in den letzten rund 60 Jahren zeigte, dass aus wenigen Zentren mit starken Kompetenzen viele kleine Aktivitäten geworden sind, die schlecht vernetzt sind. Rund 20 Institutionen betreiben kleinere Aktivitäten im Umfeld der Ergonomie, aber eine gemeinsame Strategie oder eine klare Fokussierung auf Themen ist nicht erkennbar. Ebenso sieht es mit der Weiterbildung aus: An fünf Stand orten gibt es Angebote, an einem sechsten sind die Bemühungen offenbar mangels Interesse gescheitert. Hier sind Anstrengungen der SwissErgo gefordert.
Für alle Chargen in der SwissErgo wurde ein Pflichtenheft definiert. Damit ist für alle transparent, was ein Amt mit sich bringt und welche Aktivitäten auszuführen sind. Dazu gehört auch die Absicht, die Verhaltensregeln (Code of conduct), die für CREE-Zertifizierte Ergonominnen und Ergonomen (Eur.Erg.) verbindlich sind, auch für SwissErgo-Mitglieder als verbindlich zu erklären. Dies wird im kommenden Jahr auszuarbeiten sein. Damit soll die Haltung verstärkt werden: Man kann stolz sein, ein Ergonom zu sein, und darf dies auch zeigen!
Die Jahresrechnung wies einen Einnahmenüberschuss von rund CHF 6100.– auf, der vor allem auf die erfolgreichen Veranstaltungen und die niedrigen Verwaltungskos ten zurückzuführen ist. Die Rechnung wurde einstimmig genehmigt, und dem Vorstand insgesamt die Entlastung erteilt.
Der Vorstand war letztes Jahr für zwei Jahre gewählt worden. Maggie Graf, immer wieder Vorstandsmitglied bereits seit den ersten Tagen der SwissErgo, trat per diese GV zurück, um eine Rotation mit jüngeren Kräften zu initiieren. Ihre wertvollen Dienste wurden mit Applaus und einem kleinen Geschenk verdankt. Als neues Vorstandsmitglied wurde mit grossem Applaus Christine Villaret D’Anna gewählt. Die verschiedenen Vertreter in den diversen Gremien stellten sich für ein weiteres Jahr zur Verfügung. Einzige Ausnahme war die Vertretung in der IEA, der International Ergonomics Association. Prof. Helmut Krueger gab dieses Amt nach vielen Jahren ab. Sein grosser Einsatz wurde mit Applaus verdankt – auch ihm wurde ein kleines Dankeschön für seine langjährigen Dienste übergeben. Als neue Vertreterin in der IEA konnte Maggie Graf gefunden werden.
Die Aktivitäten für das kommende Jahr werden die beiden Themen Aus- und Weiterbildung und Berufsbild des Ergo-nomen sein. Zum einen soll ein modulares Ausbildungskonzept zur Sicherung einer qualitativ hochwertigen und international anerkannten Ausbildung in der Schweiz ausgearbeitet werden. Hand in Hand damit geht die Entwicklung von Berufsbildern und Kompetenzprofilen des Ergonomen/der Ergonomin in den Gebieten 1. Arbeitssicherheit und Gesundheitsschutz, 2. Gestaltung von Produkten und Software und 3. Medizinische Rehabilitation. Im Budget wurden dafür die nötigen Mittel bereitgestellt. Daneben soll die Webseite weiter ausgebaut werden und wie im Vorjahr Veranstaltungen durchgeführt werden. Geplant ist ein Weiterbildungstag zum Oberthema «Stress und Ergonomie». Auf Anregung von Prof. Krueger soll das Thema «Entgrenzung der Arbeit» (die rund um die Uhr Verfügbarkeit des Mitarbeitenden durch die neuen Medien und Kommunikationsmittel) auch darin aufgenommen werden.
Das Budget weist durch die geplante grössere Investition in die beiden Hauptthemen ein Minus von rund CHF 12 000.– aus; es wurde ohne Gegenstimme gutgeheissen. Die Jahresbeiträge wurden trotz Defizitprognose belassen, da der Verein über genügend Mittel verfügt.
Zum Thema Anträge wurde auf die beiden Normenpakete der SUVA hingewiesen, die alle wichtigen Regelwerke zu den Themen Maschinenrichtlinie und Büroarbeits platz umfassen. Unter dem Traktandum Varia wurden zwei Mitglieder infolge nicht bezahlter Mitgliedschaftsbeiträge ausgeschlossen. Abschliessend wurden drei Mitgliedern die fünf Jahre gültigen CREE-Zertifikate überreicht.
Beim abschliessenden Apéro wurde rege über Ergonomie und die Umsetzung in die Praxis diskutiert.
In diesen Diskussionen wurde klar, dass Ergonomie nach wie vor häufig bereits auf dem Niveau scheitert, wo an sich der gesunde Menschenverstand ausreicht, um richtig von falsch zu unterscheiden. Wer länger im Thema tätig ist, weiss, dass erarbeitetes Wissen sehr schnell wieder vergessen geht. Projekte, die klar aufzeigen, wie ein Problem zu lösen ist, was einen guten Weg zum Ziel darstellt, oder wie Stakeholder gut in die Entwicklung von Produkten eingebunden werden können, werden zur Kenntnis genommen und wenig später missachtet. Die Ergonomie hat insgesamt das Problem, dass sie sich schlecht verkauft, und in Firmen das gemacht wird, was unter der eingeschränkten Optik der Firma als «ge-sunder Menschenverstand» angesehen wird. Die Chance, Spezialisten intern als unabhängige und entscheidungsbefugte Instanzen beizuziehen oder machen zu lassen, wird vertan. Noch viel weniger werden externe Spezialisten beigezogen, die keine Abhängigkeiten mit Geschäftsverlauf oder aktueller Zielerreichung haben. Ergonomie ist wieder zu einer Sache geworden, die jeder kann, und alle mitentscheiden können.
Stärken wir daher die Zunft der Ergonomie, indem wir die Sichtbarkeit verbessern und die Aus- und Weiterbildung systemati sieren und harmonisieren. Die SwissErgo ist die richtige Instanz, dies zu tun. Dafür sind die Mittel für ein Jahr an der GV gesprochen, und durch die weitere gute Arbeit werden neue Kräfte frei werden, diese anspruchsvolle, aber wichtige Arbeit durchzuführen. Die Schweiz ist durch Qualität bekannt geworden – Ergonomie ist Qualität der Arbeit und der daraus entstehenden Arbeits -produkte. Ein Gut, das wir bewahren müssen!