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Die Zahl der Todesopfer des Erdbebens, das am 14. August den Südwesten Haitis erschütterte, ist auf 1500 Menschen gestiegen. Beim Beben der Stärke 7,2 wurden zudem über 7000 Menschen verletzt. Immer wieder wird Haiti von Naturkatastrophen heimgesucht. Dafür gibt es klare Gründe.
von Anton Ladner
Premierminister Ariel Henry erklärte an einer Pressekonferenz vergangene Woche: «In diesem Ministerrat werden wir untersuchen, was geschehen ist. Wir haben beschlossen, nicht so weiterzumachen wie im Jahr 2010, als Spenden in das Land flossen und Gelder ausgegeben wurden, ohne dass die Auswirkungen sichtbar waren.»
Das war damals die lange Katastrophe nach der Katastrophe. Die Krankenhäuser in der Stadt Les Cayes sind nach dem Erdbeben völlig überlastet. Im Allgemeinen Krankenhaus von Les Cayes war der Zustrom von Verletzten so gross, dass das medizinische Personal ihnen nummerierte Zettel auf die Stirn aufklebte, um sie zu identifizieren. Die Verletzten mit leichten Brüchen mussten ausserhalb des Krankenhauses auf ihre Behandlung warten. Auf dem intakten Flughafen der Stadt warteten zahlreiche Schwerverletzte darauf, mit Hubschraubern in die Hauptstadt gebracht zu werden. Seit über einer Woche helfen Teams der US-Küstenwache, die Verletzten zu transportieren. 74 Fachärzte aus dem Ausland sind eingereist, um ihre Versorgung zu unterstützen. Denn die Stadt Les Cayes mit gut 100 000 Einwohnern liegt in Schutt und Asche.
Es ist kaum zu glauben, aber nach der französischen Kolonialzeit war Haiti der reichste Staat von Lateinamerika. Die Abholzung des Regenwaldes bis zu 98 Prozent hat zu einer enormen Bodenerosion und Verwüstung des Landes geführt. Dadurch ist die Verletzbarkeit der Insel durch Wirbelstürme massiv angestiegen.
Zu schlecht gebaut
Die Übernutzung der verbliebenen Anbaufläche führte zu unfruchtbaren Böden, was die Verarmung beschleunigte. Gleichzeitig hat sich die Zahl der Einwohner in den vergangenen 50 Jahren auf über 11,5 Millionen mehr als verdreifacht; dies führte zu einer Flucht in die Städte. Heute lebt ein Drittel der Bevölkerung in Städten und ist dort von Armut besonders betroffen. Die Häuser sind in den wenigsten Fällen erdbebensicher gebaut.
Beschleunigt wurde diese Entwicklung auch durch die von den USA unterstützten und geschützten Diktatoren: Auf François Duvalier (Papa Doc) folgte nach dessen Tod sein damals 19-jähriger Sohn Jean-Claude (Baby Doc). Papa und Baby waren für die USA die Garanten, die ein kommunistisches Haiti verhinderten. Nachdem Baby Doc den Staat vollständig abgewirtschaftet hatte, wurde er 1987 vertrieben (vgl. Kasten). Nach zwei Staatsstreichen durch die Militärs übernahm der katholische Priester Jean-Bertrand Aristide 1990 das Staatspräsidium und öffnete den Armen die Präsidentenresidenz. Der Befreiungstheologe wurde jedoch bereits nach einem Jahr vom Militär geputscht. Weil der Staat nicht zur Ruhe kam, intervenierten die USA 1994 und bestimmten Jean-Bertrand Aristide zum Präsidenten. Dieser blieb bis 1996 im Amt. Bedingung war allerdings, dass der Priester die Marktwirtschaft respektiere und sich mit der Weltbank abstimme.
Seither kam das Land politisch nicht mehr zur Ruhe. 2004 beschloss der UNO-Sicherheitsrat eine Intervention auf der Insel, was die Stationierung von 10 000 Blauhelmsoldaten zur Folge hatte. Dennoch dominieren Korruption, Wahlbetrug, kriminelle Banden, fehlende Strafverfahren und der Drogenhandel weiterhin das innenpolitische Geschehen der Insel.
Heute ist Haiti das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag 2020 bei 1 253 Dollar. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Das Land hat seit dem grossen Erdbeben von 2010 ein enormes Infrastrukturproblem. Beim Logistik-Index der Weltbank rangiert Haiti unter 160 Ländern auf Platz 153. Das Land ist heute von humanitärer Hilfe und finanzieller Unterstützung aus dem Ausland sowie von den Überweisungen der Auslandshaitianer an Familienangehörige abhängig. Trotz paradiesisch schöner Buchten und 1700 Kilometern Karibikküste liegt der Tourismus in Haiti wieder brach, zuvor durch COVID-19, jetzt durch die Beben. Je tiefer das Land in den Sog der Armut gerät, desto unattraktiver erscheint die Destination Haiti.