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Welche Formen von Pflegeverhältnissen gibt es?
Es gibt eine grosse Vielfalt an unterschiedlichen Pflegeverhältnissen. Übergeordnet kann zwischen langfristigen und kurzfristigen Pflegeverhältnissen unterschieden werden.
Zur langfristigen Betreuung gehören die Dauerpflege, die Wochenpflege und die Entlastungspflege.
Dauerpflege: Bei der Dauerpflege lebt das Pflegekind hauptsächlich in der Pflegefamilie – dort hat es seinen Lebensmittelpunkt. Der Zeitpunkt einer Rückkehr zu den leiblichen Eltern ist nicht festgelegt. Viele Pflegekinder, die im Rahmen einer Dauerpflege bei einer Pflegefamilie leben, sehen ihre leiblichen Eltern regelmässig besuchsweise.
Wochenpflege: Bei der Wochenpflege verbringen die Kinder regelmässig die Wochenenden (und häufig die Ferien oder einen Teil davon) bei den leiblichen Eltern. Der Lebensmittelpunkt ist auch in dieser Version vornehmlich die Pflegefamilie.
Entlastungspflege: Eine Sonderform ist die Entlastungspflege, auch Wochenendpflege oder Kontaktfamilie genannt. Entlastungspflege bieten Pflegefamilien an, die ein Kind regelmässig an Wochenenden und/oder während einem Teil der Ferien betreuen. Oft leben diese Kinder hauptsächlich in einer anderen Pflegefamilie oder in einer Institution. Gelegentlich wohnen die Kinder auch bei den leiblichen Eltern, die regelmässig Entlastung brauchen.
Bei der kurzfristigen Betreuung geht man davon aus, dass ein Kind lediglich für eine befristete, von Beginn festgesetzte Zeit, in einer Pflegefamilie untergebracht werden muss. Häufig handelt es sich um Notsituationen, wenn sich ein Kind und/oder seine Familie akut in einer Notlage befindet, was ein sofortiges Handeln erfordert, um das Kind zu schützen und zu betreuen. Die Pflegefamilien sind in der Regel besonders darauf vorbereitet und dafür qualifiziert.
Es gibt verschiedene Arten der kurzfristigen Betreuung: Krisenintervention (auch SOS-Platzierungen, Notfallplatzierungen oder Bereitschaftspflege genannt), Time-Out-Platzierungen, Übergangspflege oder Abklärungsplatzierung. Die Begriffe werden in der Fachwelt nicht einheitlich verwendet.
In der Praxis kann bei allen Arten von Pflegeverhältnissen zusätzlich zwischen Pflegeverhältnissen, die auf gewachsenen Beziehungen zu einem bekannten Kind gründen, und Pflegeverhältnissen mit zu Beginn unbekannten Kindern unterschieden werden. Erstere sind meistens verwandtschaftliche Pflegeverhältnisse, auch als Verwandtenpflege bezeichnet.
Für die Schweiz liegen keine genauen Zahlen vor, gemäss Hochrechnungen ist davon auszugehen, dass sie ein Drittel aller Pflegeverhältnisse ausmachen.
Welche Kinder brauchen eine Pflegefamilie?
Jedes Pflegekind bringt seine individuelle Geschichte mit. Ihnen gemeinsam ist, dass ihr Wohl in ihrer Herkunftsfamilie gefährdet ist oder nicht sichergestellt werden kann. Ihre Eltern können nicht mehr oder nur noch eingeschränkt für sie sorgen. Diese Kinder sind in ihrem Leben oft schon vielen Herausforderungen begegnet.
Welche Voraussetzungen muss ich erfüllen, um Pflegemutter oder Pflegevater zu werden?
Die Aufnahme von Minderjährigen ausserhalb des Elternhauses bedarf gemäss der PAVO (Verordnung über die Aufnahme von Pflegekindern) (LINK auf RECHT) einer Bewilligung der zuständigen kantonalen Behörde und untersteht der Aufsicht. Die Bewilligung darf nur erteilt werden, wenn die Pflegeeltern aufgrund ihrer Persönlichkeit, Gesundheit und erzieherischer Eignung sowie ihren Wohnverhältnissen für gute Pflege, Erziehung und Ausbildung des Kindes Gewähr bieten und das Wohl anderer in der Pflegefamilie lebender Kinder nicht gefährdet wird.
Konkret ausgeführt sind die Voraussetzungen in der PAVO nicht. Einheitliche Standards zur Abklärung von Pflegefamilien gibt es in der Schweiz nicht. Themen einer Abklärung sind in der Regel die Biographie der Pflegeeltern, die aktuelle Situation der Pflegefamilie, die Motivation, ein Pflegekind aufzunehmen, die Erfahrung im Umgang mit Kindern, der Umgang mit belastenden Situationen, das soziale Netzwerk, die Bereitschaft, sich begleiten zu lassen und Hilfe anzufordern.
Allgemeine Voraussetzungen können sein:
-Sie sollten Freude am Zusammenleben mit Kindern haben und in der Lage sein, für deren Belange einzutreten.
-Sie sollten im wörtlichen und übertragenen Sinne genug Raum für ein (weiteres) Kind haben.
-Wenn Sie in einer Partnerschaft leben, sollte diese stabil sein, am besten einige «Stürme» schon überstanden haben.
-Alle Familienmitglieder sollten bereit sein, mit einem Kind aus einer anderen Familie leben zu wollen, dessen Verhaltensweisen und Gewohnheiten von den eigenen abweichen können.
-Sie sollten anerkennen, dass Pflegekinder Beziehungen zu ihren Eltern und ein Recht auf Umgang mit ihrer Herkunftsfamilie haben.
-Sie sollten sich in die Situation eines Kindes einfühlen können, das befristet oder auf Dauer von seinen Eltern getrennt leben soll.
-Sie sollten bereit sein, sich auf die Aufgabe als Pflegefamilie vorzubereiten und bei Konflikten rechtzeitig um Beratung oder Supervision nachzusuchen.
-Sie sollten bereit sein, mit Fachpersonen, der Pflegekinder-Aufsicht und anderen Behörden zusammenzuarbeiten.
-Ihre finanziellen Verhältnisse sollten geordnet sein (z.B. keine Überschuldung).
-Sie (und Ihre Familie) sollten physisch und psychisch gesund und belastbar sein.
Wer kann Pflegeeltern werden?
Grundsätzlich können viele verschiedenen Menschen Pflegeeltern werden, so kommen verheiratete und nicht verheiratete Paare, alleinerziehende Mütter/Väter oder gleichgeschlechtliche Paare in Frage.
Es muss Ihnen klar sein, dass sie als Pflegeeltern einen öffentlichen Auftrag wahrnehmen und Sie deshalb die Zeit und Ressourcen aufbringen müssen, mit verschiedenen Beteiligten zusammenzuarbeiten. Sie sind als Pflegefamilie ein Stück weit eine öffentliche Familie (siehe oben).
An wen muss ich mich wenden, wenn ich ein Pflegekind aufnehmen möchte?
Die Betreuung eines Kindes oder Jugendlichen in einer Pflegefamilie in Wochen- und Dauerpflege ist bewilligungspflichtig (Pflegekinderverordnung PAVO). Wenn Sie sich für diese anspruchsvolle Aufgabe interessieren, wenden Sie sich bitte an die in Ihrem Kanton zuständige Behörde für die Bewilligung und Aufsicht von Pflegefamilien.
Es besteht zusätzlich die Möglichkeit, sich an Organisationen zu wenden, die Dienstleistungsangebote in der Familienpflege (DaF) erbringen. Sie suchen und vermitteln geeignete Plätze für Kinder in Familien. Wir können Ihnen die Adressen von solchen Organisationen in Ihrer Region angeben.
Was muss ich über die Bewilligung wissen?
Eine Bewilligung muss immer vor Aufnahme des Kindes bei der zuständigen kantonalen Behörde eingeholt werden und ist immer kindesspezifisch, wird also für ein bestimmtes Kind erteilt. Die Bewilligung ist eine Art Berechtigung, eine bestimmte Aufgabe auszuführen. Wenn man eine Bewilligung hat, heisst dies aber nicht, dass man das Anrecht hat, dass das betreffende Kind auch in der Pflegefamilie platziert werden muss. Mit der Bewilligung sind nur die Voraussetzungen geschaffen, dass das Kind platziert werden kann. Ob dies getan wird, entscheiden dann immer noch die Eltern oder die KESB.
Was ist ein Pflegevertrag?
Im Schweizerische Zivilgesetzbuch (ZGB) sind die Inhalte eines Pflegeverhältnisses und die damit verbundenen Aufgaben sehr offen formuliert. Mit einem schriftlichen Pflegevertrag können diese allgemeinen Inhalte präzisiert werden. In der Regel werden mit einem Pflegevertrag konkrete Vereinbarungen über wichtige Aspekte des Pflegeverhältnisses getroffen: etwa über den konkreten Auftrag, die Entschädigung, über Besuchs- und Wochenendregelungen, Ferienregelungen, Regelungen bei Krankheit oder Unfall des Kindes, Versicherungsfragen, Fragen um die religiöse Erziehung des Kindes, Kündigungsfristen etc.
Zu beachten ist, dass Entscheidungen der Kinderschutzbehörde im Rahmen von Kindesschutzmassnahmen diesen individuellen Regelungen immer vorgehen. Der Pflegevertrag ist vor der Aufnahme des Kindes zu unterzeichnen.
Die Pflegevertragsparteien: Vertragsparteien des Pflegevertrages sind einerseits die Pflegeeltern und andererseits die/der Inhaber des Aufenthaltsbestimmungsrechts, da mit dem Abschluss des Pflegevertrags als zentraler Punkt der Aufenthalt des Kindes verbindlich geregelt wird. Inhaber des Aufenthaltsbestimmungsrechts sind bei gemeinsamer elterlicher Sorge beide Elternteile (vgl. Art. 301a Abs. 1 ZGB). Liegt die elterliche Sorge bei nur einem Elternteil, dann ist dieser Inhaber des Aufenthaltsbestimmungsrechts.
Wurde das Aufenthaltsbestimmungsrecht beiden Elternteilen oder dem alleinsorgeberechtigten Elternteil entzogen, liegt dieses bei der Kindesschutzbehörde Kesb (vgl. Art. 310 Abs. 1 ZGB). Steht das Kind nicht unter elterlicher Sorge, dann ist der Vormund Inhaber des Aufenthaltsbestimmungsrechts (vgl. Art. 327a ZGB). Ein Pflegevertrag wird also immer zwischen den Pflegeeltern und den leiblichen Eltern oder den Kesb bzw. dem Vormund abgeschlossen. Weder eine Beistandsperson noch ein DAF (Dienstleistungsanbieter in der Familienpflege) können Pflegevertragspartner sein. Ein abgeschlossener Pflegevertrag kann folglich auch nicht von einem DAF aufgelöst werden, dazu sind nur die Vertragsparteien berechtigt.
Wesensmerkmal des Pflegevertrags ist die jederzeitige Auflösung und Rücknahme des Kindes durch die Eltern oder die Kesb, denn diesen steht wie oben dargelegt das Aufenthaltsbestimmungsrecht und somit das alleinige Entscheidungsrecht über den Aufenthalt des Kindes zu. Die im Pflegevertrag vereinbarten Kündigungsfristen schränken dieses Rücknahmerecht nicht ein und haben somit nur schuldrechtliche Konsequenzen: Sie bestimmen, für wie lange das Pflegegeld noch geschuldet ist. Eine Rückplatzierung sollte allerdings niemals von einen Tag auf den anderen, sondern schrittweise unter angemessenem Einbezug aller Beteiligten stattfinden.
Wie lange muss ich warten, bis ich ein Pflegekind aufnehmen kann?
Diese Frage kann nicht generell beantwortet werden. Die zuständige kantonale Stelle kann Ihnen Auskunft geben darüber, wie lange bei ihr das Bewilligungsverfahren dauert und wie genau dieses ausgestaltet ist. Auch wenn Sie im Besitz einer Bewilligung sind, kann es unterschiedlich lange dauern, bis Sie ein Pflegekind aufnehmen können, je nach Bedarf.
Erhalte ich eine finanzielle Unterstützung?
Ja, laut Art. 294 ZGB haben Sie Anrecht auf eine finanzielle Entschädigung. Diese ist meistens in kantonalen Richtlinien geregelt und setzt sich aus den effektiven Kosten (Wohnen, Ernährung, Kleidung, Gesundheit, Bildung) und einer Entschädigung für Ihre Erziehungsarbeit zusammen. Letztere kann entfallen, wenn Sie als Pflegeeltern zugleich die Grosseltern oder Verwandten zweiten Grades des Pflegekindes sind.
Wie hoch ist das Pflegeld bemessen?
Zu den Ansätzen gibt es oft kantonale Richtlinien, die aber je nach dem nur Empfehlungen sind. Meistens sind die Ansätze nach dem Alter des Pflegekindes abgestuft. Die konkrete Höhe des Pflegegelds ist Verhandlungssache für den Pflegevertrag und wird den individuellen Bedürfnissen des Kindes angepasst. Zu beachten ist, dass die Entschädigung für die Erziehungsarbeit der Steuerpflicht und den Sozialversicherungen unterstehen – wie normaler Lohn.
Das Pflegegeld ist nicht mit einem regulären Einkommen gleichzusetzen. «Etwas dazu verdienen» kann man mit Pflegekindern also nicht und der Verdienst sollte auch nicht Motivation sein, ein Pflegekind aufzunehmen.