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Vergiss die Gastfreundschaft nicht
«Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, denn auf diese Weise haben einige Engel beherbergt, ohne es zu merken!» (Hebräer 13,2). Das griechische Wort, das in der Bibel für Gastfreundschaft benutzt wird, meint wörtlich die Liebe zum Fremden. Solche Gastfreundschaft ist nicht nur Gastronomie, sondern auch ein geistliches Geschehen.
Rabbi Schmuel von Brysow war einer, der von seiner chassidischen Richtung höchst geachteten Männer. Und er war reich. Eines Tages kam eine grosse Gruppe von Kaufleuten nach Brysow, und zwar kurz vor Sabbatanbruch, so dass sie sich entschlossen, den Festtag über in der Stadt zu bleiben. Sie kamen zu Rabbi Schmuel und erkundigten sich, ob sie in seinem Hause wohnen und das Sabbatmahl mit ihm teilen dürften. Rabbi Schmuel erwiderte, er könne ihnen beides anbieten, allerdings nur gegen Bezahlung, und dann nannte er sogar noch eine recht hohe Summe, die sie für ihren Aufenthalt zu bezahlen hätten. Die Reisenden waren befremdet, dass ein Chassid für die Wohltat der Gastfreundschaft Bezahlung verlangte, aber da sie keine Wahl hatten, nahmen sie sein Angebot an. Und so assen und tranken die Kaufleute über den Sabbat zur Genüge, ja verlangten sogar noch erlesene Weine und ausgewählte Speisen als Entgelt für den hohen Preis, den sie zu entrichten haben würden. Auch zögerten sie nicht, alle möglichen Sonderwünsche zu äussern. Als der Sabbat vorüber war und die Kaufleute ihre Reise fortsetzen wollten, traten sie in Rabbi Schmuels Studierzimmer, um die vereinbarte Summe zu entrichten. Der Rabbi aber brach in Lachen aus: «Glaubt ihr, ich habe den Verstand verloren? Wie könnte ich Geld annehmen für das Privileg, Reisenden Gastfreundschaft zu gewähren?» Die Kaufleute sahen einander verständnislos an: «Warum habt Ihr uns denn dann nur unter der Bedingung aufgenommen, dass wir Euch hoch bezahlen?» Da erklärte Rabbi Schmuel: «Ich fürchtete, es könnte euch peinlich sein, auch genug zu essen oder die besten Weine zu trinken, wenn ihr euch nur als meine Gäste fühlt. Und - seid ehrlich, hatte ich nicht recht?»
Das ist nicht nur dieser besondere jüdische Humor, sondern auch wir Schweizer können da sehr gut mitfühlen. Man lässt sich in unseren Breitengraden doch nur ungern etwas schenken? Da werden z.B. minutiöse Listen geführt, was und wie viel uns wer dem Jungen zur Konfirmation geschenkt hat. Nachbar Müller, CHF 20.- und ein dunkelblaues Waschlappen-Handtuch-Set mit Namenszug. Wenn dann ein paar Jahre später die Tochter von Nachbar Müller selbst Konfirmation hat, flattert (natürlich inflationsbereinigt) ein Paket mit einem rosafarbenen Waschlappen-Handtuch-Set und genau abgezählten CHF 20.45 in den Briefschlitz des Nachbarhauses. Nur in niemandes Schuld stehen.
Heute geht es um Gastfreundschaft. Und da gibt es ja beide Seiten: Die Seite des Gastgebers und auch die des Gastes. Was macht einen guten Gastgeber aus? Was macht einen guten Gast aus? Rabbi Samuel würde auf die zweite Frage antworten: «Ein guter Gast ist jemand, der sich gerne etwas Gutes tun lässt und nicht schon insgeheim immer aufrechnet, was es braucht, um wieder quitt zu sein.» Und was macht dann einen guten Gastgeber aus?
Sei grosszügig
«Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, denn auf diese Weise haben einige Engel beherbergt, ohne es zu merken!» (Hebräer 13,2). Um gastfreundlich zu sein, braucht es ein grosses Herz. Das Wort xenophilia heisst wörtlich Liebe zu Fremden. Gastfreundschaft bedeutet, zu Fremden freundlich zu sein, sein Herz und sein Haus für andere zu öffnen.
Gastfreundschaft zeigt sich also nicht daran, wie ich meine Freunde bewirte, sondern wie ich mit Fremden umgehe. Jesus sagt zu einem Gastgeber in einem Gleichnis: «Wenn du mittags oder abends Gäste zum Essen einlädst, dann lade nicht deine Freunde, Brüder, Verwandten oder reichen Nachbarn ein. Denn sie werden es dir vergelten, indem sie dich ebenfalls einladen. Lade vielmehr die Armen, die Krüppel, die Gelähmten und die Blinden ein. Bei der Auferstehung der Gottesfürchtigen bist du glücklich dran, denn Gott wird dich belohnen, weil du Menschen eingeladen hast, die es dir nicht vergelten konnten» (Lukas 14,12-14).
Oft läuft es ja so: Fritz hat mich zu seinem Geburtstag eingeladen, also lade ich ihn das nächste Mal auch zu meinem Geburtstag ein. Xenophilia, wie es die Bibel versteht, meint nicht nur die Pflege des Freundeskreises, sondern geht deutlich darüber hinaus. Ich habe nur noch schwache Erinnerungen an die Zeit, als wir vor 20 Jahren als fremde kleine Familie nach Seon kamen. Aber ich weiss noch einige, die beim Zügeln mithalfen. Sehr beeindruckt war ich, als Philippe E. Silvia und mich im ersten Gottesdienst in ihre Kleingruppe einlud. Xenophilia hinterlässt offenbar einen nachhaltigen Eindruck.
An anderer Stelle spricht Jesus im Zusammenhang mit dem letzten Gericht von den Werken der Barmherzigkeit: «Ich war ein Fremder, und ihr habt mich in euer Haus eingeladen» (Matthäus 25,35b). Die Angesprochenen hatten keinen blassen Schimmer, wovon er spricht. Deshalb fragen sie, wann dies denn so geschah. Daraufhin antwortet Jesus: «Ich versichere euch: Was ihr für einen der Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, das habt ihr für mich getan!» (40). Gastfreundschaft im Endgericht wird daran gemessen, wie wir mit den Geringgeachteten umgegangen sind.
Diese Gedanken fordern mich sehr heraus. In Gedanken gehe ich die Gästelisten meiner Geburtstage, Silvesterabende und 1-August-Feiern durch. Es ist doch viel bequemer Leute einzuladen, die gleich ticken wie ich und mich bestätigen. Gästefreundlichkeit, wie die Bibel sie versteht, erfordert ein weites Herz und viel Grosszügigkeit. Und doch ist es offensichtlich, dass die xenophilia fester Bestandteil im Leben eines Nachfolgers sein soll. Wenige Aufforderungen werden in der Bibel so oft wiederholt wie diese. Für die Wahl der Ältesten ist es sogar ein unverzichtbares Kriterium (Titus 1,8). Die Bibel betont, wie wichtig Gastfreundschaft ist. Sie ist eine wunderbare Möglichkeit, bedürftigen Menschen die Liebe Gottes zu zeigen.
Der Kern der Gastfreundschaft ist Begegnung. «Man kann jemand zur Tür hereinlassen, und er hat doch das Gefühl, dass er draussen geblieben ist. Sein Körper hat hereingekonnt, aber die Seele nicht. Er muss auch geistig aufgenommen werden» (Romano Guardini). Diese geistige Aufnahme geschieht im gegenseitigen Anteilnehmen und Anteilgeben an unseren Leben. Wir bewegen uns vielleicht zunächst in seichten Gewässern, tauschen Nettigkeiten und Neuigkeiten aus, klatschen ein bisschen – aber dann gewinnt das Gespräch Tiefgang. Wir geben einander Anteil an Glück und Leid, nehmen Freuden und Last des Gegenübers auf. Wirkliche Begegnung gelingt dann, wenn alle Beteiligten Raum und Aufmerksamkeit bekommen.
Begegne Engeln
Sein grosser Betrieb ruht. Es ist heiss. Abraham geniesst soeben am Eingang seines Zeltes die wohlverdiente Siesta. Diese Zeit des Ausspannens ist für seine Work-Life-Balance sehr wichtig. Nach einem ersten Powernap sieht er durch seine schläfrigen Augen plötzlich die Silhouetten dreier Männer. «Als er sie bemerkte, stand er auf, lief ihnen entgegen und verneigte sich tief vor ihnen. ‘Mein Herr’, sagte er, ‘wenn du mir, deinem Diener, freundlich gesinnt bist, dann geh doch nicht einfach weiter’» (1Mose 18,2f). Und nun übte Abraham Gastfreundschaft im orientalischen Sinne. Er lässt sie im Schatten des Baumes ausruhen, während seine Knechte ihnen die Füsse waschen. Ehefrau Sara erhält die Anweisung, aus dem besten Mehl Fladenbrot zu backen, und einer der Angestellten soll ein zartes, junges Kalb schlachten und zubereiten. «Als das Essen fertig war, nahm er Butter und Milch und das gebratene Fleisch und servierte es den Männern» (8). Ich stelle mir vor, dass sie nach Sonnenuntergang miteinander dinierten. Was für ein gigantischer Aufwand für drei dahergelaufene fremde Männer!
Bei der folgenden Konversation heisst es plötzlich: «Da sagte der HERR zu Abraham» (13). Vermutlich fällt es Abraham plötzlich wie Schuppen von den Augen, dass der HERR persönlich ihn besucht. «Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, denn auf diese Weise haben einige Engel beherbergt, ohne es zu merken!» (Hebräer 13,2).
Ein ähnlicher Gedanke schien bereits in der erwähnten Endgerichtsrede von Jesus durch. Jesus identifiziert sich mit den geringsten Brüdern und Schwestern. Was wir ihnen tun, tun wir für Jesus. In der xenophilia liegt also ein riesiges Potenzial: Es könnte sein, dass wir dabei direkt einem Engel oder sogar Jesus in die Augen schauen. Wo auf Besuch gegangen oder wo Besuch empfangen wird, eröffnet sich manchmal eine spirituelle Dimension. Ohne es zu wissen, beherbergen wir Engel oder werden für andere zu Engeln, also zu hilfreichen Boten Gottes. In der Begegnung mit Freunden und durch die Gastfreundschaft mit Fremden sprechen wir zwar mit unseren menschlichen Stimmen. Aber das, was da gesagt wurde, geht einem oft noch lange nach. Je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr erscheint es uns, als hätte Gott ein Wort mit uns geredet.
Ich bin überzeugt, dass dies nicht nur geschieht, wenn wir Fremde nach Hause einladen und bewirten, sondern genauso, wenn wir unsere Herzen weit öffnen und beispielsweise nach einem Gottesdienst mit einem Menschen einen Kaffee trinken, den wir noch nicht (gut) kennen.
Erfahre mehr über dich
Die drei Männer verkündigen bei ihrem Besuch, dass Sara zur gleichen Zeit im nächsten Jahr einen Sohn geboren habe. Das ist eine unglaubliche Ansage. Sara ist nämlich bereits so verwelkt, dass sie gar nicht mehr an Liebeslust denkt, und Abraham ist ebenfalls viel zu alt für solche Dinge (12f). Bei diesem Besuch wird ihre Vision wachgeküsst und das betagte Ehepaar Abraham und Sara geht neu ermutigt seinen Weg. Der Besuch bringt sie weiter, weil die Gäste eine Wahrheit aussprechen, die gar nicht so leicht auszusprechen ist. Sara hat nämlich gute Gründe, über die Ankündigung eines Sohnes zu lachen (12). Nichtsdestotrotz spricht der Gast diese unfassbare Verheissung aus.
Gerade in der Auseinandersetzung mit dem Fremden erfahren wir mehr über uns. Bei Treffen mit Freunden erfahren wir gute Gefühle, Bestätigung und Schulterklopfen. Das brauchen wir. In der Begegnung mit dem Fremden werden wir mit eigenen Gefühlen konfrontiert, von denen wir gar nicht wussten, dass sie in uns stecken. Der jüdische Philosoph Martin Buber sagt dazu: «Der Mensch wird am Du zum Ich.» In der Auseinandersetzung mit dem anderen, erkennen wir uns selbst.
Bei Johannes (Kapitel 21) ist Jesus als Auferstandener der Überraschungsgastgeber. Er hat Fische ausgenommen, gewaschen und entschuppt und ein Feuer gemacht. Er wartet bis eine schöne Glut entstanden ist und beginnt dann auch, die Fische zu braten. Sein Gast, Petrus, erreicht ihn schwimmend. Es wird gleich zu einer herzbewegenden Seelsorge-Begegnung kommen. Doch zuerst das Essen, denn die Liebe geht bekanntlich durch den Magen… Nach dem Essen spricht Jesus den Verrat seines Jüngers an. Der Gastgeber tut das so taktvoll, dass die Wahrheit ans Licht kommt und der Gast zugleich geschützt bleibt. Es ist immer wieder eine grosse Kunst, die Wahrheit in Liebe festzuhalten. Laut Paulus ist es eine Voraussetzung für Christusähnlichkeit: «Stattdessen lasst uns in Liebe an der Wahrheit festhalten und in jeder Hinsicht Christus ähnlicher werden, der das Haupt seines Leibes – der Gemeinde – ist» (Epheser 4,15). Ohne Wahrhaftigkeit werden unsere Gespräche zum flachen Austausch harmloser Nettigkeiten, ohne Liebe klatschen wir sie einander wie einen nassen Lappen ins Gesicht. Kommt beides zusammen, ist es, wie wenn wir einander einen warmen Mantel hinhalten, in den wir schlüpfen können.
Vorletzte Wochen hatten wir Gäste aus Kanada in unserem Haus. Diese waren uns in mehrfacher Hinsicht fremd: Wir sind ihnen noch nie begegnet, wir sind ihrer Sprache nicht mächtig und sie haben einen anderen kulturellen Hintergrund. Im Vorfeld waren wir etwas nervös, wir lasen englische Bücher, räumten unser Zimmer und kauften Lebensmittel ein, die sie liebten. Heute wissen wir: Wir haben Engel beherbergt. Die Gespräche mit den beiden waren sehr inspirierend und mir fielen bezüglich meines Dienstes als Pastor einige Erkenntnisse wie Schuppen von den Augen. Ich habe Wahrheiten über mich erfahren und werde nun auch konkrete Dinge anpacken. «Vergesst nicht, Fremden Gastfreundschaft zu erweisen, denn auf diese Weise haben einige Engel beherbergt, ohne es zu merken!»
Mögliche Fragen für die Kleingruppen
Bibeltext lesen: 1. Mose 18,1-15
- Was hast du bisher unter Gastfreundschaft verstanden? Inwiefern hat sich dein Verständnis durch die Predigt erweitert?
- Hast du auch schon nach einem Besuch gedacht, dass du Engel beherbergt hast? Was gab Anlass zu diesem Gedanken?
- Wie könnte man den Sprung von Nettigkeiten und Neuigkeiten zu mehr Tiefgang schaffen?
- Was braucht es, dass deine üblichen Besuche eine geistliche Dimension erhalten?
- Versuche in den nächsten Wochen einmal ganz bewusst xenophilia, die Liebe zum Fremden, zu pflegen!