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Am 12. April 2017 traf ich in der Cafeteria der Nationalbibliothek Rémi Jaccard und Philip Sippel, die für den Strauhof in Zürich eine Ausstellung vorbereiteten zu literaturrelevanten Geschichten im letzten Jahrzehnt vor dem Ende des Kalten Krieges. Wir redeten über die Realismusdebatte und den Kulturboykott.
Die beiden erteilten mir den Auftrag, das Nötige zur engagierten Literatur in der Schweiz untereinander zu schreiben, und zwar auf 1800 Zeichen, damit das Statement zur Präsentation in der Ausstellung kurz genug sei.
Ironisiert durch den Rubrikentitel «Expertentext» und der Zeichnung «Fredi Lerch alt WOZ-Kulturredaktor und alt Kulturboykott-Komitee-Mitglied» wurde das Textchen im Sommer 2017 im Rahmen der Ausstellung «Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg» auf einer Schautafel präsentiert.
«1945 fordert Jean-Paul Sartre engagierte Literatur. Zehn Jahre später zeigt die Forderung auch in der schweizerischen Belletristik zunehmend Wirkung: Der Blick auf die real existierende Gegenwart schärft sich, Kritik wird literaturfähig.
In den sechziger Jahren delegieren die angestellten Zeitungsredaktoren (kaum Redaktorinnen) gesellschaftskritische Beiträge an die frei schreibenden Nonkonformisten unter den Autoren (kaum Autorinnen). 1970 spalten sie sich vom Schweizerischen Schriftsteller-Verein ab, gründen die Gruppe Olten und schreiben sich 1974 nichts weniger als den «demokratischen Sozialismus» in die Vereinsstatuten.
In den 1980er-Jahren beginnen die Fronten des Kalten Krieges zu bröckeln. Während die Wochenzeitung WoZ mit einer «Realismusdebatte» die Literatur zum Engagement mittels fundierter Recherche verpflichten will, schwärmt das zünftige Feuilleton von der «Neuen Innerlichkeit».
1990 lädt die offizielle Schweiz die Kulturschaffenden ein zur Mitarbeit an der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft. Gleichzeitig zeigt die Fichenaffäre, dass der Staatsschutz des Landes nicht zuletzt engagierte Autorinnen und Autoren seit Jahrzehnten als fünfte Kolonne des Sowjetkommunismus überwacht hat. Während sich die empörten Kulturschaffenden mit einem «Kulturboykott» gegen das Ansinnen der offiziellen Schweiz zu wehren versuchen, entsorgt die Bundespolizei die veralteten Karteikartensysteme und Feindbilder und macht sich fit für die elektronische Zukunft der Überwachung. Das Jubeljahr von 1991 ist dann ohne Zwischenfälle über die Bühne gegangen.
Seither verstehen sich die Literaturschaffenden vermehrt als das, was sie sind: subventionsabhängige KleingewerblerInnen, die sich mit Buchmarktgängigem durchzuschlagen versuchen.»
Zur Ausstellung ist ein Reader erschienen: Strauhof (Rémi Jaccard / Philip Sippel) [Hrsg.]: Frischs Fiche und andere Geschichten aus dem Kalten Krieg. 10/6 – 20/8/2017. Albisrieden (DAZ – Druckerei) 2017, darin zur Realismusdebatte das Kapitel «Subrealismus», S. 69-76.