Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03368.jsonl.gz/1156

Maskenpflicht gegen die Grippe: Armee-Sanitäter vor etwas mehr als hundert Jahren in New York. (Bild: shutterstock).
- Geschichte
- Gesellschaft
- Pandemie
Um die Corona-Angst hochzuhalten, verharmlosen manche Experten die Grippe. Das ist gefährlich, wie die Geschichte zeigt.
«Es ist ja nur die Influenza», hiess es unter Ärzten im Juli 1918, als in der Schweiz bereits Hunderte an der «Spanischen Krankheit» gestorben waren. Hans R. Schinz, ein junger Truppenarzt und späterer Zürcher Medizinprofessor, ärgerte sich grün und blau über diese Fehleinschätzung, die auf der Unkenntnis früherer Grippewellen beruhe. Um zu zeigen, «dass die epidemische Influenza eine schwere Krankheit mit hoher Morbidität und Mortalität sein kann», verfasste er eigens einen detaillierten medizinischen Bericht. Die Ausbreitung und die Wirkung der Pandemie konnte er in den zwei Kavallerie-Schwadronen, die ihm als Arzt zugeteilt waren, quasi unter Laborbedingungen beobachten.
Breites Echo fand der Warnruf des jungen Arztes nicht. Kaum war die Grippepandemie 1919 vorbei, war sie vergessen. Wer heute Corona mit der Grippe vergleicht, gilt nicht umsonst rasch als Verharmloser. Bei Corona seien die Lungenschädigungen, oft Embolien, völlig anders - sprich: schwerer - als sogar bei der bisher tödlichsten Grippepandemie, der «Spanischen Grippe», heisst es in einer Zürcher Studie. Das ist erstaunlich. Denn die viralen Lungenentzündungen, an denen damals die meisten der überwiegend jungen 25'000 Schweizer starben, waren von einer unglaublichen Heftigkeit. Sie blockierten die Sauerstoffaufnahme des Blutes in der Lunge innert kürzester Zeit fast vollständig.
Eine halbe Stunde bis zum Exitus
«Wir hatten eine ganze Reihe von Fällen, in denen Leute vollkommen gesund waren und innert zwölf Stunden starben», berichtete der Yale-Epidemiologe Charles-Edward Winslow im Oktober 1918 an einem Expertentreffen in New York. Die Zeitschrift der amerikanischen Ärztegesellschaft schilderte den Fall «einer gesundheitlich robusten Person, die um 16 Uhr erste Symptome zeigte und um 22 Uhr starb».
Das drastischste Beispiel kam allerdings aus der Schweiz. Oberleutnant Krafft, der im Juli 1918 als Truppenarzt ein Feldspital im Berner Jura führte, rapportierte einen Fall, «bei welchem vom Beginn der ersten Krankheitssymptome bis zum vasomotorischen Exitus nur eine halbe Stunde verging». Das deckt sich mit den Befunden des amerikanischen Historikers John M. Barry, der von Leuten berichtet, die auf dem Trottoir zusammenbrachen und starben. Oder mit der Schilderung des britischen Journalisten, Schriftstellers und Militärhistorikers Richard Collier, der von einer Tramfahrt in Kapstadt erzählte, auf welcher der Tramführer plötzlich zusammenbrach und starb.
Viele der damals weltweit ungefähr 50 Millionen, überwiegend jungen Grippetoten wären wegen der mangelnden Zeit auch mit der heutigen Spitzenmedizin nicht zu verhindern gewesen. «Die Leute fühlten sich ganz plötzlich krank. Im Verlauf einer Stunde auf die andere bekamen sie hohes Fieber (39o und mehr)», konstatierte Schinz.
Delirium und Tod
Kam es zum schwersten Verlauf, zu einer doppelseitigen viralen Lungenentzündung, traten die Todesfälle generell sehr früh ein. «Alle starben entweder schon am ersten, zweiten oder dritten Tage, mindestens aber am vierten Tage nach der Konstatierung der Pneumonie», schrieb Schinz. Exemplarisch gab er einen solchen Krankheitsverlauf wieder: «Fall Bü. 6. Juli. Hohes Fieber, Husten, Nasenbluten, Halsweh, Schmerzen auf der Brust. 7. Juli. Brechreiz. 8. Juli. Atmung stark beschleunigt, Stimme tonlos. Evakuation. 9. Juli. Patient hustet morgens fast reines Blut aus, über der rechten Lunge hinten unten ca. handbreite Dämpfung, Bronchialatmen und Rasselgeräusche. Puls unregelmässig, flatterig, schlecht gefühlt, kaum mehr zu fühlen. Sensorium nicht klar. 4:25 h. Exitus letalis unter zunehmender Dyspnoe (Atemnot) und Herzschwäche.»
Bei einem anderen Fall kam es erst nach der scheinbaren Genesung schlagartig wieder zu extrem hohem Fieber, und der Patient sprang im Delirium aus dem Fenster. Schinz diagnostizierte eine «doppelseitige ganz akut entstandene Lungenentzündung» mit blutigem Auswurf. Um seinen Schmerzen zu entfliehen, stieg der Kranke aus dem Bett und legte sich auf den Boden. Man musste ihn ans Bett fesseln. Kurz darauf starb er.
Die Lunge als Trümmerfeld
Der rasch eintretende Sauerstoffmangel führte zur intensiven Blaufärbung der Haut. Einige Patienten wurden beinahe schwarz, so dass sogar führende amerikanische Epidemiologen anfänglich meinten, es handle sich um die Pest. Untypisch für eine «normale» Grippe war laut Barry auch das Zerstörungsbild in den Lungen. Diese sackten bei der Obduktion nicht zusammen, sondern blieben wie aufgeblasen - allerdings nicht mit Luft: Die Zwischenräume zwischen den Alveolen waren gefüllt mit zerstörten Zellen und anderen toten Teilen des Immunsystems, und alles war voller Blut. Es war dies, so Barry, das Trümmerfeld der Schlacht zwischen dem Immunsystem und den angreifenden Viren. Schinz beschrieb die befallenen Lungen mit dem Fachausdruck der «kruppösen Pandemie» ähnlich, das heisst: Die Lungen waren auffällig gross, fühlten sich derb und fest an und sahen aus wie ausgegossen.
Das Grippevirus ist einer der hochansteckendsten Krankheitserreger, die es überhaupt gibt. Auf seinen langen Infektionskaskaden produziert es laufend neue Mutationen, mal weniger gefährliche, mal gefährlichere. Dabei stirbt es nie ab, sondern überlebt jahrhundertelang in Tieren, meist Vögeln. Der Ausbruch einer schweren, Grippepandemie ist deshalb jederzeit möglich. Der erste Schritt der Vorbereitung darauf müsste sein, die Grippe nicht mehr zu verharmlosen.
Wichtigste Quellen: Hans R. Schinz (1918), Die Influenza-Epidemie in der Guiden-Abteilung 5. Ein Beitrag zur Epidemiologie und zur Symptomatologie; Walter Nussbaum (1982), Die Grippe-Epidemie 1918/1919 in der schweiz. Armee; John M. Barry (2005), The Great Influenza.