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Als das Fussball-Märchen am Montagabend Realität geworden war, fielen die Helden von Leicester im Wohnzimmer von Topskorer Jamie Vardy übereinander her. Vardy, Gökhan Inler und Co. schrien, kreischten und sprangen wild durcheinander. “Die Jungs standen auf den Möbeln. Ich hoffe, in seinem Haus ist alles heil”, sagte Captain Wes Morgan, als er am Dienstag nach einer Party-Nacht zum Training erschien. Tausende Fans waren am Montagabend vor das Stadion geströmt und tanzten und sangen bis in den Morgen.
Hupkonzerte erfüllten die Stadt in den East Midlands, euphorisierte Anhänger feierten den besten Tag ihres Lebens. Fussball-Legenden wie Gary Lineker, der berühmteste Sohn des Klubs, verneigten sich. Selbst in den USA schaffte es der neue englische Meister Leicester City bei der ehrwürdigen “New York Times” ganz nach vorne. “Leicesters Krönung ist die grossartigste Fussballgeschichte aller Zeiten”, schrieb das Boulevardblatt “The Sun”, für den “Daily Mirror” sind die Profis “Die Unglaublichen”.
Nur einer fehlte bei der Meisterparty: Trainer Claudio Ranieri hatte schon vorher angekündigt, seine 96 Jahre alte Mutter in Italien besuchen zu wollen. Die italienischen Zeitungen “Corriere dello Sport” und “La Gazzetta dello Sport” tauften ihren Landsmann “King Claudio”. In der Gazzetta erschien ein Bild Ranieris als Büste des römischen Kaisers Claudius.
Der 64-Jährige ist der Architekt des kleinen Wunders. Er baute ein Team zusammen, dessen grosse Stärke neben der hervorragenden defensiven Organisation das Konterspiel ist. Bereits der Saisonstart gelang mit sechs Spielen ohne Niederlage vorzüglich. Danach sorgte der Premier-League-Rekord von Jamie Vardy, der elf Spiele in Folge traf, für Schlagzeilen. Und als der Fast-Absteiger im Februar noch immer an der Tabellenspitze stand, wurde wöchentlich spekuliert, wann der Einbruch kommen wird.
Er kam nie. Auch nicht nach der 1:2-Niederlage in der Nachspielzeit gegen Arsenal Mitte Februar. Und auch nicht nach dem 2:2 zuhause gegen West Ham vor zwei Wochen, als Vardy wegen einer Roten Karte wegen einer angeblichen Schwalbe gesperrt wurde und der Rückstand auf Tottenham vier Runden vor Schluss auf fünf Punkte geschmolzen war.
“Ich fühle mich gut, wie Sie sich vorstellen können”, sagte Ranieri am Dienstag bei seiner Rückkehr aus der Heimat. “Wenn ich diesen Titel zu Beginn meiner Karriere gewonnen hätte, hätte ich ihn vielleicht vergessen. Jetzt bin ich ein sehr, sehr alter Mann und kann es viel mehr geniessen.”
Schon seit Tagen waren die ganze Stadt, die gut eine Autostunde nördlich von London liegt, und das Umland im Leicester-Fieber. Schaufenster waren in blau und weiss, den Farben des Vereins, geschmückt. Die Kathedrale wurde nachts blau angestrahlt. Ranieri war es gelungen, sich die Unterstützung einer ganzen Region zu sichern.
Doch lässt sich der Erfolg noch einmal reproduzieren? Wird sich der Verein gegen die Begehrlichkeiten anderer Klubs wehren können? Aiyawatt Srivaddhanaprabha, der Sohn des Leicester-Vorsitzenden, sagte: “Wir wollen keinen einzigen verkaufen.” Alle Spieler wollten bei Leicester City bleiben, um zu sehen, wie weit sie noch kommen können.
Erst einmal wird die Party in Leicester aber noch weitergehen. Zwei Spiele stehen noch aus – und jedes wird zum Triumphzug für den Überraschungsmeister, der seinen grössten Triumph in der 132-jährigen Vereinsgeschichte feiert.
(SDA)