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Frau Anja Leser von Philosophie.ch beantwortet folgende Frage:
Liebe ist eine psychische Haltung, die mit Gefühlen einhergeht und unsere Wünsche und unser Handeln beeinflusst. Sie ist zunächst einmal eine Relation zwischen einem Subjekt und einem Objekt, typischerweise zwischen zwei Personen. Barack liebt Michelle, Cynthia liebt Christine, Werther liebt Lotte, Scarlett liebt Ashley. Liebe kann, muss aber nicht wechselseitig sein: Michelle liebt Barack, Lotte jedoch liebt Werther nicht. Zu lieben kann, muss aber nicht glücklich machen: Cynthia ist glücklich, Werther ist es nicht. Liebe kann lange anhalten, aber auch abhanden kommen: Scarlett merkt irgendwann, dass sie nicht mehr Ashley, sondern längst Rhett Butler liebt. Liebe wandelt sich und kann wachsen, wenn Subjekt und Objekt sich verändern: Barack, der Präsident, liebt Michelle auf andere Weise als Barack, der Student, und er hat sie noch nie so sehr geliebt wie heute. Eine wechselseitige Liebe ist von der gemeinsamen Geschichte und dem Wandel beider Liebenden geprägt und dadurch einzigartig.
Obschon es sich bei der Liebe gewissermassen um ein universelles Phänomen handelt, das Menschen wohl seit Anbeginn der Zeit verspüren, sind sich viele Philosophen darin einig, dass das Konzept der Liebe als romantisches, sexuelles oder zwischenmenschliches Phänomen relativ jungen Datums ist. Denn erst im ausgehenden 18. Jahrhundert, als die innere wie äussere Gefühlswelt der Menschen in den Mittelpunkt des künstlerischen Schaffens gestellt wurde, begann eine intellektuelle Entwicklung, die das Konzept der romantischen Liebe, wie wir sie heute begreifen, ermöglichte.
Partnerwahl
Auch in gesellschaftlicher Hinsicht hat sich in den letzten 200 Jahren viel verändert: Mit der Französischen Revolution wurde der moderne Freiheits- und Gleichheitsgedanke geboren und auch die Rolle der Frau neu definiert. Obschon dieser Prozess bis in die heutigen Tage dauert und noch nicht abgeschlossen ist, hat er schon jetzt die Form von modernen Liebesbeziehungen stark geprägt. So treffen wir im heutigen Alltag auf Menschen, die gänzlich unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was Liebe ausmacht. Einzelne fokussieren in zwischenmenschlichen Beziehungen auf ein gegenseitiges Gefühl der Geborgenheit, andere verlangen in einer glücklichen Liebesbeziehung vor allem nach Passion und Leidenschaft. Und obschon wir das Gefühl haben, in unserer Partnerwahl weitgehend frei zu sein, ist unser Liebesleben nach wie vor geprägt von sozialen, kulturellen und ökonomischen Einflüssen.
Die philosophischen Theorien befassen sich mit Liebe daher auch aus verschiedenen Perspektiven. So lässt sich einerseits Liebe als Emotion beschreiben und als evaluative und motivationale Antwort auf ein Objekt. Das bedeutet, dass Liebe als Wertschätzung einer Person für ihre spezifischen Qualitäten verstanden werden kann. Andererseits kann Liebe aber auch als Wille, Vereinigung oder Wert gedeutet werden. Die Variante der Vereinigung, welche sich auf Aristoteles zurückführen lässt, besagt, dass Liebe im Bedürfnis besteht, eine Vereinigung zu einem «Wir» einzugehen.
Einige Philosoph(innen) erklären diese Vereinigung mit den deckungsgleichen Interessen, Sorgen oder Angelegenheiten der Partner. Doch bleiben dann nicht der Respekt und die Wertschätzung der Eigenständigkeit des Einzelnen auf der Strecke? Oder fördert ein «Wir» die Individualität des Einzelnen eher? Aber auch der Aspekt, sich um seine oder seinen Geliebten kümmern zu wollen, kann als Erklärung für die Frage, was Liebe ist, angebracht werden. Dagegen lässt sich jedoch argumentieren, dass dieser «Wille» die Konsequenz von Liebe darstellt und sich daher nicht als Erklärung eignet. Dass Liebe etwas mit Gründen und Werten zu tun hat, lässt sich jedoch kaum bestreiten. Schliesslich würden wir alle behaupten, dass wir jemanden aus gewissen Gründen lieben. Wenn wir ablehnen würden, aus einem Grund Liebe zu empfinden, würde dies die Bedeutung unserer von Liebe motivierten Handlungen – mittels derer wir auch uns selbst definieren – stark verändern oder gar vermindern.
Romantische Übertreibung?
Wenn Liebe jedoch «gerechtfertigt» sein kann, zwingt sich die Frage der Ersetzbarkeit der geliebten Person auf: Würde jemand genau über dieselben Eigenschaften verfügen, müsste die Liebe auch dieser Person gegenüber empfunden werden und untereinander wären die zwei Personen somit austauschbar. Eine mögliche Antwort wäre folgende: Was wichtig ist an der geliebten Person, sind auch die gemeinsamen Erlebnisse, also die zeitlich-relationale Komponente der Beziehung zwischen zwei Personen. Denn wenn beispielsweise Maria über 10 Jahre hinweg eine sehr intensive und schöne Beziehung mit Mark geführt hat, würde sie Mark niemals verlassen, auch wenn ihr Igor begegnen würde, der über dieselben Eigenschaften verfügt wie Mark.
Hierbei wird wiederum auch der höchst persönliche Aspekt der Liebe zwischen zwei Personen hervorgehoben. Oder ist das nur eine – zwar sehr romantische – Übertreibung? So ganz unabhängig von Werten ist Liebe auch nicht: Nur weil Maria Mark in der Vergangenheit geliebt hat, heisst das nicht, dass sie ihn mit Sicherheit auch in Zukunft lieben wird. Wenn jemand beispielsweise starke Veränderungen durchgemacht hat – und diejenigen Züge seiner Persönlichkeit verloren hat, welche den oder die Geliebte stets angezogen haben –, ist es intuitiv gut vorstellbar, dass sich der oder die Geliebte frisch in jemanden verliebt, der diese Persönlichkeitsmerkmale hat.