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Verantwortung: Laurent Burrus / Marina Inì
Referierende: Marina Inì / Giulio Talini / Laurent Burrus
Kommentar: Roberto Zaugg
Das Kernthema des Panels waren die Gefahren, welche das Meer mit sich bringt. Wasserunruhen, Seenot, aber auch Epidemien machten den Menschen auf See zu schaffen. Der weltweite und stetige Seeverkehr im 17. und 18. Jahrhundert forderte neue Massnahmen, wenn es eine globale Krise gab und stellte vor allem auch eine Gefahr für deren Akteure und Akteurinnen dar. Die Natur, welche in den Augen der Menschen neu die Oberhand ergriffen hatte, prägte das Leben auf der See immer wieder von Neuem. Kam beispielweise ein Sturm auf, wurde dies als Strafe Gottes angesehen und geschah dementsprechend nicht zufällig. In den Vorträgen wurden nicht nur Seeleute, Händler und Händlerinnen sowie Reisende thematisiert, sondern auch das Leben während der Pest in verschiedenen Ländern. Der Vortrag von MARINA INì (Cambridge) gab einen übergreifenden Einblick über die Thematik, die beiden darauffolgenden Vorträge behandelten die spezifische Fallbeispiele Livorno und Marseille.
Marina Inì diskutierte in ihrem Vortrag die Entstehung sowie die Einrichtung eines Gesundheitssystems sowie Institutionen gegen das Auftreten von Pestepidemien im Mittelmeerraum zwischen dem späten 17. und 18. Jahrhundert. Das Ziel dieser Massnahmen war der Schutz der Gesundheit der Bevölkerung. Die Ausbreitung der Pest habe ihren Kernpunkt beim Handel mit der osmanischen Levante sowie der Barbarenküste (nordafrikanische Küste, die aufgrund der grossen Ansammlungen von Barbaren/Piraten bis ins 19. Jahrhundert so genannt wurde), da diese beiden Regionen immer als potenzielle Infektionsgebiete galten. Kam ein Schiff aus einem risikoreichen Gebiet musste sowohl das Schiff samt Ladung als auch die ganze Besatzung in Quarantäne. Diese Quarantäne legte das Gesundheitsbüro der jeweiligen Hafenstadt fest. Die Gesundheitsbüros unterschiedlicher Häfen, beispielsweise Venedig und Malta, standen im stetigen Briefwechsel und tauschten sich über die aktuelle Situation aus. Neu wurden auch sogenannte Gesundheitspässe eingeführt, welche man sich ähnlich wie ein Reisepass vorstellen müsse. Name, Alter, Aussehen aber auch Destination waren sauber handschriftlich vermerkt. Diese im guten Vergleich zum heutigen Covid-Pass stehenden kleinen Dokumente wurden ohne Bezahlung für jeden Bürger und jede Bürgerin ausgestellt. Wichtig zu erwähnen sei aber auch, dass diese universal waren und somit in jedem beliebigen Land, welche ebenfalls diese Gesundheitspässe führte, gültig waren. Die Bevölkerung hatte folglich ein grosses Vertrauen in diese Gesundheitsbüros, welche scheinbar immer wussten, in welcher Region eine grosse Pestepidemie sei. So sah man auf Strassen Flugblätter aufgehängt, die die wichtigsten Informationen beinhalteten. Dass da aber auch Fake-News ihre Runden machten liege auf der Hand. Es müsse gesagt werden, dass diese Gesundheitsbüros schlussendlich einen grossen Beitrag gegen die Verbreitung der Pestkrankheit leisteten.
Ein ähnliches Thema griff auch GIULIO TALINI (Neapel) auf, der sich in seinem Vortrag mit dem Freihafen von Livorno auseinandersetzte. Im Zentrum stand die Reaktion sowie die Strategien, die der Magistrato di Sanità (Gesundheitsgericht) von Livorno gegen die Pestwellen unternahm. Die untersuchten Forschungsergebnisse stützen sich auf Archiv- und gedruckte Quellen. Talinis Vortrag gab Einblicke in die institutionellen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Gefahren für die Schifffahrt des 18. Jahrhundert am Beispiel eines Freihafens in der heutigen Toskana. Livorno war zu Beginn des 18. Jahrhunderts einer der wohlhabendsten Handelsknotenpunkte. Nicht nur auf den Mittelmeer-, sondern auch auf den Weltrouten, welche die grösseren Handelsschiffe in Angriff nahmen, war der Hafen zentral. Die Pest von Marseille, welche im Sommer 1720 ausbrach und die darauffolgenden Folgen die Bevölkerung klar zu spüren bekam, war ein zentraler Ausgangspunkt des Vortrages. Im selben Jahr entstanden zwei Gesundheitsmagistrate in Florenz und Livorno. Diese beiden hatten den Auftrag die aktuellen Gesundheitsberichte in die kleineren Städte und Dörfer zu kommunizieren. Betrachtet man aber auch deren Wichtigkeit in der Schifffahrt, so waren sie es, die die Kontrolle über den Hafen hatten. Es wurde klar vermerkt, welches Schiff den Hafen von wo erreicht hatte und ob dieses nicht aus einem Krisengebiet kam. Es sei gesagt, dass der Seehandel nicht unschuldig an der oftmals schnellen Ausbreitung der Pestwellen war. Dies war aber nicht die einzige Massnahme gegen die Verbreitung der Pestwellen über die Seewege. Wie auch Marina Ini erwähnt hatte, gab es auch in Livorno extra dafür drei eingerichtete Pestspitäler. Diese sollten weitere Ansteckungen mit der noch gesunden Bevölkerung verhindern.
Mit der Hafenstadt Marseille im 18. Jahrhundert befasste sich LAURENT BURRUS (Zürich). Die daraus resultierenden Forschungsergebnisse basieren auf Archiv-Quellen der Gesundheitsregistern der Stadt Marseille, welche methodisch untersucht wurden. Auch Frankreich übernahm die von Italien übernommenen Gesundheitseinrichtungen zum Eindämmen der Pestwellen. Marseille richtete daraufhin Krankenstationen (infirmeries) ein, die seit dem 17. Jahrhundert zum Schutz der Bevölkerung im Süden der Stadt angelegt waren. Zu einem späteren Zeitpunkt wurden diese aber ins Zentrum der Stadt verlegt, auch weil der zentrale Ort einfacher zugänglich war. In der Provence gab es zum Zeitpunkt des Ausbruches der Pestwelle 1720 ebenfalls wie in den anderen zuvor diskutierten Vorträgen Gesundheitsbüros (les régistres de la Santé). Zuständig für das erneute Risiko der Verbreitung der «ansteckenden Krankheit» war das Amt für Seegesundheit. Diese Büros befanden sich Eingangs des Hafens und mussten von den Kapitänen direkt nach Ankunft im Hafen aufgesucht werden. Es wurde über die Ankunft informiert, über die Destination, der an Board anwesenden Personen, aber auch über die zu transportierende Fracht auf dem Schiff. Auch durfte das Vorzeigen des Gesundheitspasses nicht fehlen, denn ohne diesen konnte das Schiff am jeweiligen Hafen unmöglich anlegen. Durch diese Zeitzeugnisse (Gesundheitsregister) von Seeleuten, können nicht nur Aussagen über die Gesundheitsfragen, sondern auch über die Gefahren auf hoher See gemacht werden, welche ebenfalls in diesen Dokumenten vermerkt waren. So könne man sich heute ein Bild darüber machen, über welches Wetter die Seeleute klagten oder ob ein grösserer Sturm die Weiterfahrt massgeblich erschwerte.
Betrachtet man die Massnahmen, welche in den verschiedensten Hafenstädten und Ländern gegen die grossen Pestwellen im ausgehenden 18. Jahrhundert unternommen wurden, fällt auf, dass diese ziemlich ähnlich waren. Es wurde erkannt, dass die Seefahrt ein grosser Anteil an der Verbreitung der Epidemie hatte und so wurden seit dem 17. Jahrhundert gezielt Massnahmen dagegen eingeführt. Die Einrichtung von Gesundheitsbüros, welche einen Überblick über die aktuelle Lage besassen, aber auch die zur Behandlung und Prävention eingerichteten Pestkrankenhäuser, leisteten einen Beitrag zur Verringerung der Ansteckungen. Die von den Seefahrtgesellschaften ausgeführten Massnahmen schützen folglich nicht nur die Staaten, welche mit gefährlichen Gebieten Handel trieben, sondern sicherten vielmehr auch die Gesundheit Europas.
Panelübersicht:
Marina Inì: Avoiding Plague: The System of Quarantine Centres in the Early Modern Mediterranean
Giulio Talini: Dangerous Sea Trade. The Magistrato di Sanità of the Free Port of Livorno and the Great Plague of Marseilles (1720)
Laurent Burrus: Coup de vent sur la Santé. Entre considérations sanitaires et fortunes de mer à Marseille au XVIIIe siècle
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 6. Schweizerischen Geschichts tagen.