Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03561.jsonl.gz/277

Robert Vogler hält das Onshore-Banking von Schweizer Instituten im Ausland für ein verfehltes Geschäftsmodell. Nur das «Original» könne erfolgreich sein.
Robert U. Vogler war von 1988-1998 Pressesprecher der Schweizerischen Bankgesellschaft (SBG). Danach war er Leiter des Historical Research und bis Anfang 2009 Senior Political Analyst bei UBS. Er verfasste 1985 eine Studie zu den Goldgeschäften der Schweizerischen Nationalbank mit der Deutschen Reichsbank während des Zweiten Weltkriegs und 2005 eine Publikation zum Bankgeheimnis. Seit kurzem arbeitet er als unabhängiger Historiker.
Weder vor noch nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Banken allein wegen des Bankgeheimnisses ihr Geschäft ausweiten. Im Gegenteil, viele Finanzhäuser kämpften ums Überleben. Erst Ende der sechziger Jahre kam das Bankgeschäft, insbesondere die Vermögensverwaltung, richtig in Fahrt kam. Dabei wurde das Bankgeheimnis im Ausland aber nie aktiv als «Unique Selling Proposition» – als Konkurrenzvorteil – verkauft. Dies war auch gar nicht nötig, da die Schweiz einige andere Vorteile aufwies, die es für Ausländer attraktiv machten, Vermögenswerte bei Banken in der Schweiz zu deponieren.
Diese komparativen Vorteile förderten den Finanzplatz Schweiz sowie die Wirtschaft als Ganzes. Dazu gehörten insbesondere eine unerreicht hohe politische Stabilität und eine ebenso ausgeprägte Rechtssicherheit – man bedenke, dass beispielsweise Frankreich zwischen 1945 und Mitte der achtziger Jahre die Banken zweimal verstaatlichte und wieder privatisierte. Die Schweizer Wirtschaft prosperierte auch mit einer durchschnittlich tieferen Inflation als im Ausland. Daraus entwickelte sich die über Jahrzehnte härteste Währung der Welt.
Hauptkunden der Schweizer Banken
Im Zeitalter des Kalten Krieges, der Ölkrisen und des Wertzerfalles in vielen Ländern waren Werterhalt und Wertsteigerungen die erfreulichen Resultate, für Schweizer wie für Anleger aus dem Ausland. Die Schweiz kannte zu keiner Zeit Ein- oder Ausfuhrrestriktionen für Devisen. Der Franken war jederzeit voll konvertibel. Das waren alles klare politische und wirtschaftliche Vorteile, welche in geringem Masse durch die Schweiz selbst, mehr aber auch durch die widrigen, häufig wechselnden Umstände in anderen Ländern geschaffen wurden.
Hauptkunden der Schweizer Privat-, Kantonal- und Grossbanken im Private Banking und der Vermögensverwaltung waren übrigens seit je Franzosen, Deutsche und Italiener, in kleinerem Ausmass auch US-Amerikaner. Europäische Kunden waren oftmals reich an Erfahrungen, wie man grosse und kleine Vermögen durch Kriege, Diktaturen und Misswirtschaft und Inflation verlieren kann. Von allen Schweizer Vorteilen profitierten aber nicht nur die Bankkunden, sondern auch der Werkplatz Schweiz, der dank der starken Währung und der tiefen Zinsen immer über günstige Finanzierungsbedingungen verfügte.
Attacken haben Tradition
Dies der Schweiz heute zum Vorwurf zu machen heisst das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen. Zu den grössten Profiteuren gehörten dank der Steuereinnahmen auch Bund, Kantone und Gemeinden. Die in den Banken angelegten Vermögenswerte wiederum wurden seit je hauptsächlich wieder im Ausland investiert, will heissen, dass meist die gleichen Länder davon profitierten, welche der Schweiz Begünstigung zur Steuerflucht und -hinterziehung vorwerfen.
Attacken gegen das Schweizer Bankgeheimnis haben Tradition. Bereits kurz nach dem letzten Krieg war der Finanzplatz Schweiz fast regelmässig Ziel amerikanischer Staatsanwälte und Behörden, welche die Schweizer Banken ins Visier nahmen. Nicht zu vergessen sind auch die, mit einigen Ausnahmen, unzutreffenden Meldungen in den Medien, jeder Despot habe Millionen oder gar Milliarden in der Schweiz deponiert.
Einen eher zweifelhaften Nimbus «erarbeitete» sich das Schweizer Bankgeheimnis nicht zuletzt auch durch Paperback-Thrillers und Filme aus Hollywood. Dieses Image liess sich trotz wegweisender Gesetze und Vorschriften in Sachen Geldwäscherei bis heute nicht aus der Welt schaffen.
Vorgeschmack auf den Überwachungsstaat
Die zunehmende politische und wirtschaftliche Stabilität vieler Länder in Europa und in anderen Weltgegenden hat die erwähnten Vorteile in den letzten Jahren geschmälert. Das Bankgeheimnis ist zwar wichtig, aber eben doch nur ein Faktor im Konkurrenzkampf unter den Finanzplätzen. Seine Bedeutung ist aber nicht etwa abnehmend, wenn man die Entwicklung beispielweise in Deutschland betrachtet. Der Durchgriff der Behörden direkt auf die Anlagen der Bürger in den Banken, der so genannte «gläserne Kunde», dürfte über kurz oder lang keine Berechtigung mehr haben.
«Privacy» wird zwangsläufig wieder vermehrt gefragt sein, soll nicht der totale Überwachungsstaat Überhand nehmen. Einen Vorgeschmack solcher Diskussionen zeigen exemplarisch die bevorstehende Volksabstimmung über die Einführung biometrischer Pässe in der Schweiz oder die jahrelange Auseinandersetzung über die Einführung von Identitätskarten in Grossbritannien. Die Bedeutung des Bankgeheimnisses dürfte nach solchen Überlegungen eher zunehmen.
Was ist zu tun?
Was linke Politiker mit der Bankeninitiative in den Achtzigerjahren und regierungsunabhängige Organisationen nie fertig brachten, scheint nun durch ein verfehltes Geschäftsmodell im Private Banking und das betrügerische Verhalten von Mitarbeitern einer Schweizer Grossbank erledigt zu werden. Aus einem historischen Blickwinkel muss man aber zur Überzeugung gelangen, dass unser Land sich - Gott sei dank - nur in einer relativ harmlosen Krise rund um das Bankgeheimnis befindet.
Nicht sehr vertrauenserweckend agiert zwar der Bundesrat in seiner momentanen Zusammensetzung. Mit ihm eine Zweite-Weltkriegs-Situation durchzustehen, in der eine weitblickende Regierung über einen unbekannten Zeitraum hinweg das Land erfolgreich durch alle schwierigen Phasen hindurchführen könnte, dieser Prüfung möchte man aber lieber entgehen.
Abgestufte Sanktionen
Dennoch, das Bankgeheimnis dürfte auch diesen Sturm mit wenigen Änderungen überstehen. Zwei Dinge sind allerdings zwingend zu ändern: Erstens soll die auch für viele Schweizer nicht wirklich nachzuvollziehende Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerflucht in einem einzigen Tatbestand zusammengefasst und abgestuft werden, mit verschieden hohen Bussen und Straf- und Nachsteuern, in schweren Fällen mit Gefängnis.
Zweitens: Als verfehltes Geschäftsmodell gilt das Onshore-Banking in der Vermögensverwaltung schweizerischer Institute in anderen Ländern, namentlich den USA. «Swiss Banking» kann nur in der Schweiz erfolgreich und auch profitabel sein. Niemand will selbst eine echte Swatch aus China oder eine Rolex aus Taiwan. Sie würden das Label «Swiss Made» verlieren, grossen Erfolg kann nur das «Original» aus der Schweiz haben.
Schwächen der Schweiz werden brutal ausgenützt
Auf keinen Fall dürfen aber der automatische Informationsaustausch oder so genannte Fishing-Expeditions ausländischer Behörden zugelassen werden. Dagegen müssen sich Politik, Öffentlichkeit und Banken energisch wehren. Denn andere Finanzmärkte, geschützt und unterstützt durch ihre Regierungen mittels eines unfairen Wettbewerbs, werden die Schwächen der Schweiz brutal auszunützen wissen.
Wenn die Schweiz aber ihre Hausaufgaben gut löst, wird sie gestärkt aus der Krise herausgehen können. Die traditionellen Werte der Schweizer Banken werden wieder greifen und neuen Schwung bringen – auch zum Wohl aller Bürger.