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Aktuell arbeitet das WIG an einem Health Technology Assessment (HTA) zu Medikamenten bei Demenz. Dieses HTA ist Bestandteil des HTA-Programms des Bundesamtes für Gesundheit und soll als Entscheidungsbasis dafür dienen, ob diese Medikamente in der Schweiz weiterhin vergütet werden sollen oder nicht. Die erste Phase des Projekts ist bereits abgeschlossen und das Protokoll zum HTA wurde veröffentlicht.
Demenz als Herausforderung für die Gesellschaft
Als Hauptursache für eine Demenz gelten eine gestörte zentrale Durchblutung des Gehirns oder eine fortschreitende Neurodegeneration wie bei der Alzheimer-Krankheit. Beide führen zu einer Störung der kognitiven Funktion, die oft von weiteren Demenzsymptomen begleitet wird. Dazu zählen beispielsweise Veränderungen bei der emotionalen Kontrolle, der Motivation, dem Sozialverhalten oder beim Schlaf-Wach-Rhythmus. Im Falle eines zugrunde liegenden neurodegenerativen Prozesses wird eine chronisch fortschreitende Verschlechterung von Kognition und Verhalten beobachtet. Gemäss aktuellen Schätzungen leben in der Schweiz ungefähr 146’500 Menschen mit Demenz und die jährlichen medizinischen und nicht-medizinischen Kosten betrugen im Jahr 2017 CHF 11.8 Milliarden.[1][2] Mit der Alterung der Gesellschaft ist zudem eine deutliche Zunahme bei der Anzahl betroffener Patienten zu erwarten.
Medikamentöse Behandlungsoptionen
Zur Behandlung von Demenz werden in der Schweiz seit vielen Jahren Acetylcholinesterase (AChE)-Hemmer vergütet, dazu gehören Donepezil, Rivastigmin und Galantamin. Zudem werden die Kosten für den N-Methyl-D-Aspartat (NMDA)-Rezeptor-Antagonist Memantin übernommen. Diese herkömmlichen Medikamente zielen auf die Linderung der kognitiven und neuropsychiatrischen Symptome der Demenz. Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde (FDA) hat letztes Jahr den Amyloid-Beta-Antikörper Aducanumab für die Behandlung von Alzheimer zugelassen. Dies ist die erste neue Zulassung eines Wirkstoffs gegen Alzheimer seit 2003, und es ist die erste Behandlung, die auf die Pathophysiologie der Erkrankung abzielt. Aducanumab ist in der Schweiz jedoch noch nicht zugelassen.
Vergütungssituation in anderen Ländern
Sowohl die NICE-Leitlinie als auch die “S3-Leitlinie” empfehlen den Einsatz von AChE-Hemmern bei leichter bis moderater Alzheimer-Krankheit und Memantin bei moderater bis schwerer Alzheimer-Krankheit. Ausserdem werden AChE-Hemmer und Memantin in den meisten europäischen Ländern erstattet. Allerdings wurden AChE-Hemmer und Memantin in Frankreich im Jahr 2018 von der Liste der erstattungsfähigen Produkte gestrichen. Kontroverse Diskussionen gab es ebenfalls in Deutschland, wo diese Medikamente aktuell jedoch vergütet werden. Der Entscheid aus Frankreich ist der Grund, weshalb die Evaluation dieser Medikamente in der Schweiz angestossen wurde.
Zusammenarbeit in einem interdisziplinären Team
In diesem HTA werden wir die Wirksamkeit, Kosten-Wirksamkeit und den Budget Impact der AChE-Hemmer sowie Memantin untersuchen. Neben diesen klinischen und ökonomischen Punkten werden wir auch ethische, rechtliche, soziale und organisatorische Aspekte im Zusammenhang mit diesen Medikamenten beleuchten. Dabei arbeitet das WIG in einem interdisziplinären Team, welches über die ZHAW hinausgeht. Neben dem WIG sind von der ZHAW das Zentrum für Sozialrecht und das Departement Gesundheit am HTA beteiligt. Das ZHAW-Team wird zudem durch das Institut für Epidemiologie, Biostatistik und Prävention (EBPI) der Universität Zürich ergänzt. Die erste Phase des HTAs ist bereits abgeschlossen und das Protokoll wurde veröffentlicht (Link). Die finalen Ergebnisse des HTAs können noch in diesem Jahr erwartet werden.
Renato Mattli ist Teamleiter der Fachstelle HTA und gesundheitsökonomische Evaluationen am WIG.
Referenzen
[1] Alzheimer Schweiz. Demenz in der Schweiz 2021: Zahlen und Fakten. 2021. https://www.alzheimer-schweiz.ch/de/publikationen-produkte/produkt/demenz-in-der-schweiz-zahlen-und-fakten
[2] Ecoplan. Alzheimer Schweiz Demenzkostenstudie 2019: Gesellschaftliche Perspektive. Bern: Alzheimer Schweiz 2019.