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Konjunkturkurven

Wichtiger Hinweis:
Wissenschaftlich-technische Raumverwaltung
Der Topografie-Professor Johannes Wild und das schweizerische Eisenbahnnetz: Beim Ausbau einer nationalen Infrastruktur kam dem 1855 gegründeten Polytechnikum eine Schlüsselfunktion zu.
Das Polytechnikum war von Anfang an ein Bedürfnis der Praxis: Mit der Gründung eines nationalen Instituts für die höhere Ingenieursausbildung wollte man dem Mitte des 19. Jahrhunderts noch sehr abstrakten Verfassungskonstrukt des Bundesstaates bei seiner Realisierung behilflich sein.
"Auch die Anlage geneigter Eisenbahnen und die Anwendung und Ausbildung aller jener Hilfsmittel, durch welche man die Schienenwege auch bei starker Steigung des Bodens noch anwendbar und nützlich machen kann, wird im Verhältnisse zur Grösse unseres ganzen künftigen Eisenbahnnetzes für die Schweiz wichtiger sein, als für fast alle unsere Nachbarländer, mit Ausnahme etwa der nächsten südlichen, die aber keine polytechnische Schule besitzen. Es ist daher wünschbar, dass der Unterricht, den unsere jungen Techniker erhalten, auf die Anlage und Erhaltung der Gebirgsstrassen mit und ohne Schienen, die sorgfältigste Rücksicht nehme; dass die kostbaren Erfahrungen, welche die schweizerischen Ingenieurs in diesem Theile ihrer Thätigkeit zu gewinnen Gelegenheit hatten und die sie einer zu errichtenden polytechnischen Schule gewiss nicht vorenthalten werden, nicht verloren gehen, sondern aufbewahrt und zur weitern Ausbildung des Strassenbauwesens benutzt und den angehenden Ingenieuren mitgeteilt werden."
Im Spannungsfeld von Bundesstaatsrealisation, wissenschaftlich-technischer Professionalisierung und Herausbildung einer nationalen Einheit kommt dem 1855 eröffneten Polytechnikum eine Schlüsselfunktion zu. Der Aufbau einer nationalen Infrastruktur durch eine eidgenössisch zugeschnittene Techniker-Elite versprach nicht nur individuelle und kollektive Modernitätsgewinne. Wissenschaftlich-technische Infrastrukturen, beispielhaft vorgeführt etwa an der zwischen 1832 und 1865 unter der Leitung von Guillaume-Henri Dufour durchgeführten schweizerischen Landesvermessung, haben national homogenisierende Funktionen: Sie stabilisieren heterogene politische und administrative Verhältnisse und erzeugen Einheit und Transparenz. Sowohl das vermessungstechnische Know-how, das im Verlauf des Projektes erarbeitet wurde, als auch das erhöhte räumliche Dispositionspotenzial wirkten nachhaltig auf die ingenieurwissenschaftliche und technische Praxis der 1850er- und 1860er-Jahre, so etwa auf das Telegrafen- oder das Eisenbahnnetz, zwei Arten von Infrastrukturanlagen, die in der Zeit nach 1848 als Schlüsseltechnologien dienten.
Der Eisenbahnbau ist mit Sicherheit das prominenteste Beispiel einer vernetzten Technik, die im 19. Jahrhundert räumliche und zeitliche Verhältnisse grundlegend umgestaltete. In technisch-organisatorischer Hinsicht erforderte sie eine systematische Einheitlichkeit und zentralisierte Koordination wenigstens innerhalb der Teilnetze. Fahrpläne, Personalausbildung, Tarife, Sicherheitseinrichtungen und Transportkapazitäten: Dies und noch mehr musste so aufeinander abgestimmt werden, dass die Netze und ihr Raum administrierbar blieben. Unter Beachtung der Leistungsgrenzen musste eine möglichst gute Auslastung der Kapazitäten gewährleistet bleiben. Ohne sorgfältige trigonometrische Vermessung des Landes wäre der erste Eisenbahnbauboom der Schweiz kaum denkbar gewesen. Die Projektierung der Linien erfolgte zunächst immer aufgrund der verfügbaren kartografischen Materialien, die im Rahmen der Landesvermessung erstellt worden waren und eine wasser-, strassen- und bahnbautechnisch veränderbare Welt zu Papier gebracht hatten. So schrieb die Topografische Kommission des Kantons Zürich in einem Bericht an die Direktion der politischen Angelegenheiten bereits Ende 1850 über die unter der Leitung des späteren Polytechnikums-Professors Johannes Wild durchgeführte Vermessung des Kantons:
"Die Vortrefflichkeit der Aufnahme und der Darstellungsart der Karte hat sich auch bei den im Laufe dieses Jahres bearbeiteten Entwürfen für Eisenbahnen auf sehr überraschende Weise bewährt, indem es Hrn. Ingenieur Wild möglich ward nicht nur die Richtungen der zahlreichen Bahnprojekte in einer Ausdehnung von zusammen 70 Stunden sondern die Längenprofile und also auch die Steigungsverhältnisse aller dieser Linien einzig aus der Kantonskarte mit aller Bestimmtheit zu entheben, so dass die englischen Ingenieure, Stephenson und Swineburn, denen bei ihren grossen Erfahrungen noch keine ähnlichen Ergebnisse aus Karten vorgekommen waren, in ihrem Berichte die Karte des Kantons Zürich rühmlich erwähnen, und Hr. Stephenson, um die ihm bisher nicht bekannt gewesenen Darstellungsart der selben kennen zu lernen, H. Wild für die Mittheilung der Copie eines Blattes ersucht hat."
Dufours kartografische Erfassung des wissenschaftlich-technischen Möglichkeitsraumes der Schweiz wie auch Wilds Eisenbahnprojekte sind Teil eines umfassenden Prozesses, den man als den Aufbau einer wissenschaftlich-technischen Raumverwaltung bezeichnen könnte. Messtechnisch verfügbar gemachte und von Experten auf bundesstaatlicher Ebene verwaltete Daten begannen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts die Welt zu bestimmen. Im gesellschaftlichen und volkswirtschaftlichen Bereich haben wenig später bundesstaatlich erhobene Statistiken solche Funktionen übernommen. Diese neuen, wissenschaftlich-technisch erzeugten Wissensbestände verwalteten eine Welt, deren Gestaltbarkeit tief im Bewusstsein der Akteure und Entscheidungsträger verankert war.
Wild stand also mitten in jenem Beziehungsgefüge von historisch, wirtschaftlich, technisch und wissenschaftlich interessierten Vertretern der bildungsbürgerlichen Elite. Das Beispiel Johannes Wild verdeutlicht, dass die wissenschaftlich-technische Landschaft des jungen Bundesstaates, im wörtlichen wie im metaphorischen Sinne, nur verstehbar ist als ein Möglichkeitsraum, dessen Strukturen von neuen Wissensbeständen bestimmt waren und von neuen technischen Praktiken verändert wurden. Das Zürcher Polytechnikum übernahm dabei eine wichtige Vermittlungs- und Erprobungsfunktion.
David Gugerli und Monika Burri