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Proletarier und Anarchisten
Vor 150 Jahren, am 3.9.1866, fand der erste Kongress der Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) in Genf statt. Die sog. Erste Internationale brachte die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstandene Arbeiterbewegung zum Erstarken. Für die internationalen Bestrebungen der Arbeiterschaft bot die Schweiz aufgrund ihrer Neutralität, ihrer geografischen Lage und ihrer bis zum 1. Weltkrieg vergleichsweise liberalen Flüchtlings- und Einwanderungspolitik eine zentrale Plattform. In der IAA verkörperten Karl Marx, der Meinungsführer im Generalrat, und Michail Bakunin, die spätere Symbolfigur des Anarchismus, die beiden Pole in einem Richtungsstreit, der zu ihrer Spaltung und Auflösung führte. Nur zwei Wochen davor starb Bakunin in Bern am 1.7.1876. Er fand seine letzte Ruhestätte auf dem Bremgartenfriedhof, die noch heute von Sympathisanten seines Werks besucht wird.
Erste Internationale und Fédération jurassienne
Die in der Schweiz gut verankerte Erste Internationale zählte um die 120 Sektionen mit rund 10'000 Mitgliedern. Nach Genf organisierte sie 1867 und 1869 weitere Kongresse in Lausanne und Basel. Ihre Sektionen gründeten Gewerkschaften sowie Produktionsgenossenschaften. Die Schweiz war ein Hauptschauplatz im Konflikt zwischen den Anhängern von Marx und Bakunin. Erstere priesen einen zentralisierten Staat, der politisch erobert werden müsse, um den Interessen der Arbeiter zum Durchbruch zu verhelfen. Letztere bevorzugten die Autonomie der Individuen und eine föderalistische Organisation. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen 1871 gründeten die Abgeordneten der Berner und Neuenburger Sektionen der IAA die Fédération jurassienne, unter ihnen James Guillaume und Adhémar Schwitzguébel. Wenig später wurden Bakunin und Guillaume von der Internationale ausgeschlossen. Im Gegenzug begründeten die Anhänger Bakunins, angetrieben von der Fédération jurassienne, am Kongress von Saint-Imier die antiautoritäre Internationale. In einer ihrer Resolutionen erklärten sie, dass «die Zerstörung jeder politischen Macht die oberste Pflicht des Proletariats» sei. Damit war die erste anarchistische Bewegung der Schweiz entstanden.
«Ni Dieu ni maître»: die anarchistische Parole
Ab 1877 radikalisierte sich die Fédération jurassienne unter dem Franzosen Paul Brousse und dem Russen Pjotr Kropotkin. Doch die Ausrichtung entsprach nicht mehr den Vorstellungen der jurassischen Arbeiter, die mit der Krise und Restrukturierung der Uhrenindustrie konfrontiert waren. Zu Beginn der 1880er Jahre verschwand die Fédération jurassienne. Die meisten Mitstreiter kämpften nun vermehrt innerhalb der Gewerkschaften für ihre Interessen. Die anarchistische Bewegung der 1880er und 90er Jahre war durch eine wachsende Zahl kleiner autonomer Gruppen geprägt, denen v.a. Ausländer angehörten wie der Italiener Errico Malatesta. Auf die anarchistischen Aktivitäten reagierte der Staat unter anderem mit einer Ergänzung des schweizerischen Strafrechts, das eine wirksamere Verfolgung anarchistischer Straftaten erlaubte. Nach dem Mord an Kaiserin Elisabeth von Österreich durch einen italienischen Anarchisten im September 1898 in Genf wurden einige Dutzend Ausländer des Landes verwiesen. Mit der vom Tessiner Luigi Bertoni gegründeten und herausgegebenen Schrift «Le Réveil» verfügten die Anarchisten ab 1900 über ihr eigenes Presseorgan. Die Mehrheit unter ihnen engagierte sich gewerkschaftlich. Daneben bildeten sich andere Gruppierungen, die der Gewerkschaftsbewegung reserviert oder ablehnend gegenüberstanden. Der Anarchismus als Teil der Arbeiterbewegung verschwand mit dem Tod Bertonis 1947. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nahmen Teile der Jugendbewegungen einzelne Anliegen des Anarchismus auf.
Ausgewählte Artikel
Anarchismus | Arbeiterbewegung | Arbeitervereine | Fédération jurassienne | Gewerkschaften | Internationale | Jugendbewegungen | Le Réveil | Marxismus | Produktionsgenossenschaften | Schweizerischer Arbeiterbund | Schweizerischer Arbeiterinnenverband | Sozialismus | Streiks . Akteure: Bakunin, Michail | Bertoni, Luigi | Blanqui Auguste | Brousse, Paul | Dubois, Alcide | Gori, Pietro | Guillaume, James | Kropotkin, Pjotr | Lefrançais, Gustave | Malatesta, Errico | Netschajew, Sergei Gennadjewitsch | Pindy, Jean-Louis | Schwitzguébel, Adhémar
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