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Andere betonten, dass ihre Kinder nach Jahren der Frustration und Hilflosigkeit endlich eine Diagnose erhalten hätten. Oft werde ich auch gebeten, selbst eine Diagnose zu den Kindern und Jugendlichen zu stellen, über die ich in meiner Kolumne schreibe. Deshalb will ich hier meine Einstellung zu Diagnosen im Allgemeinen klar zum Ausdruck bringen.
Vielleicht sollte ich zunächst anmerken, dass ich nicht befugt bin, irgendwelche Diagnosen zu stellen, was sowohl für Menschen gilt, die mir beschrieben werden, als auch für Menschen, denen ich persönlich begegnet bin. Ich habe auch schon Menschen kennengelernt, denen meiner Meinung nach mit einer Diagnose gedient gewesen wäre.
Ich bin also nicht generell gegen Diagnosen – weder aus fachlichen Gründen noch aus allgemeiner Überzeugung. Ich wende mich jedoch gegen die Tendenz, sofort nach einer Diagnose zu suchen, wenn Erwachsene frustriert sind, weil sie das Verhalten ihres Kindes nicht verstehen. Sie können sich natürlich weigern, ihr eigenes Verhalten als möglichen Faktor zu überprüfen – ein Verhalten, das ich insbesondere bei Lehrpersonen und Pädagogen bedenklich finde.
Diagnosen können sich auch positiv für die Familie auswirken
Vor ein paar Monaten schrieb mir ein Vater: «Unser neunjähriger Sohn hat kürzlich die Diagnose Asperger erhalten. Nach Jahren der Frustration und Hilflosigkeit haben wir endlich eine Erklärung bekommen, warum er so ist, wie er ist, und nicht zuletzt, was wir Eltern anders und besser machen können. Wir waren nicht in der Lage, unser eigenes Verhalten zu ändern, bis wir eine Diagnose erhielten, und erst jetzt ist uns klar, dass wir dies längst hätten tun sollen.»
Soweit ich weiss, hat noch niemand behauptet, dass das Asperger-Syndrom eine Folge gestörter Beziehungen zwischen Eltern und Kindern sei, und dieses Beispiel illustriert ausgezeichnet, dass sich Diagnosen auch positiv auf das Zusammenspiel in der Familie auswirken können. Etwas Ähnliches sehen wir oft in Paarbeziehungen, wenn nach einer langen Zeit der Frustration, Hilflosigkeit und Konflikte endlich klar wird, dass einer der Partner seit Monaten eine klinische Depression hat.
In den letzten Jahren haben viele Erwachsene nachträglich die Diagnose ADHS erhalten und nehmen nun Medikamente. Die meisten sind darüber sehr froh und berichten von einer gestiegenen Lebensqualität. Es wird interessant sein, zu hören, wie sie in zehn Jahren darüber denken.
Man kann sich fragen, welchen Unterschied das macht. Ganz einfach: Menschen mit einer Posttraumatischen Belastungsstörung wird ungleich mehr Fürsorge und Sympathie zuteil als lärmenden, aggressiven Kindern und Jugendlichen.
Ein weiterer und nicht minder wichtiger Unterschied besteht darin, dass das therapeutische Angebot ein ganz anderes ist. Ich bin ebenso sicher, dass ein erheblicher Teil dieser Kinder und Jugendlichen durch die Scheidung ihrer Eltern traumatisiert wurde – besser gesagt durch das destruktive Verhalten ihrer Eltern vor, während und nach der Scheidung.
Inzwischen ist bekannt, dass selbst relativ zivilisierte Scheidungen den Lernfortschritt eines Kindes um sechs bis zwölf Monate verzögern. Wenn «schlechtes Benehmen» in Kombination mit schwacher intellektueller Leistung auftritt, ist das Fundament für eine problematische Zukunft gelegt. Die gute Nachricht ist, dass sich beides innerhalb des schulischen Rahmens und ohne Medikamente beheben lässt.