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"Personen, Familien und Gruppen sind arm, wenn sie über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist."1
Diese Definition, die auch von der Europäischen Union und vom Bundesrat verwendet wird, diente als Grundlage für die Analyse der sozialen Situation und der Armut im Kanton Freiburg. Die umfangreichen Arbeiten starteten im 2011 und wurden vom Kantonalen Sozialamt in Zusammenarbeit mit verschiedenen kantonalen Ämtern und Diensten durchgeführt, darunter die Steuerverwaltung, das Amt für Statistik, die Kantonale Sozialversicherungsanstalt, das Amt für Bevölkerung und Migration oder noch das Amt für Ausbildungsbeiträge.
Die Kennzahlen des Kantons Freiburg
Durch die Erhebung und die Analyse zahlreicher besonders schützenswerter Personendaten konnte festgestellt werden, dass 7577 Personen von Armut betroffen sind (Referenzjahr 2011). Von diesen beziehen 2020 Sozialhilfe, 3749 beziehen zusätzlich zu ihrem Einkommen Leistungen wie Arbeitslosengeld, AHV/IV, Ergänzungsleistungen o. ä., 887 leben ausschliesslich von Leistungen und 921 beziehen gar keine Sozialtransfers. Letztere stellen eine Kategorie dar, die als "versteckte Armut" bezeichnet wird.
25 518 Freiburgerinnen und Freiburger, also 10 % der Bevölkerung, sind armutsgefährdet. Das heisst, sie leben in einem Haushalt, dessen verfügbares Einkommen weniger als 60 % des Median-Äquivalenzeinkommens beträgt (verfügbares Einkommen nach Zahlung der obligatorischen Ausgaben wie z. B. Steuern oder Krankenversicherungsprämien). Dies entspricht 2376 Franken für eine allein lebende Person. Ungeachtet seines Einkommens verwendet ein Haushalt 25 % von diesem für obligatorische Ausgaben.
Eine Anhäufung von Nachteilen
Nicht nur die materiellen Ressourcen, sondern auch die Lebensbedingungen können eine Ursache für Armut sein. Der Bericht identifiziert die Hauptschwierigkeiten, die in Armutssituationen oft gemeinsam auftreten. Dazu gehören das Fehlen eines familiären oder sozialen Netzes, ein Bildungsdefizit in der Jugend, die digitale Kluft oder noch Aspekte im Zusammenhang mit dem Wohnen. Laut Bericht sind 83 % der Armutsbetroffenen mit einer Problematik im Zusammenhang mit dem Wohnen konfrontiert, wie z. B. eine zu hohe Miete, eine gesundheitsschädliche oder noch eine schlecht gelegene Wohnung, wobei der letzte Punkt namentlich Auswirkungen auf die Ausgaben für Verkehr und Mobilität hat.
Kinderarmut, eine tickende Zeitbombe
Die Hälfte der armutsbetroffenen Freiburgerinnen und Freiburger lebt in einem Haushalt, dessen Haupteinkommensquelle eine Erwerbstätigkeit ist. Die Tertiärisierung der Arbeitswelt und der Rückgang der Anzahl Stellen für niedrig qualifizierte Personen, die vermehrte Präsenz der Frauen auf dem Arbeitsmarkt, die hohe Scheidungsrate, die Mobilität und die Reformen der Sozialversicherungen sind lauter Realitäten, die das Gesellschaftsmodell, in dem wir seit Jahren leben, verändern. Die mehrheitlich von Frauen geführten Einelternhaushalte verzeichnen eine Armutsquote von 16 %.
Staatsrätin Anne-Claude Demierre, Direktorin für Gesundheit und Soziales, dazu: " Frauen sind besonders stark von der Armut betroffen; noch schlimmer aber ist die Armut bei Kindern. Sie stellt eine regelrechte Zeitbombe dar. Wir müssen die Mittel finden, mit denen wir das Stigma der Armut aus der Welt schaffen können. Wir müssen verhindern, dass sie ganze Leben zerstört. Dies ist eine Verantwortung, die alle Politikerinnen und Politiker gemeinsam tragen."
Auch wenn das jetzige Sozialhilfedispositiv in der Schweiz und im Kanton die gewünschten Ergebnisse zeitigt, indem es - anhand von knapp hundert Massnahmen in den unterschiedlichsten Bereichen - Ungleichheiten verringert und die Armut einschränkt, muss sich das System doch mit der Gesellschaft weiterentwickeln. Der Bericht über die Armut wird dadurch zu einem wichtigen Instrument, das die Entwicklung von realitätsnahen Massnahmen ermöglicht.
1 Eidgenössisches Departement des Innern