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Francisco Varela/ Humberto Maturana:
Der Baum der Erkenntnis
Scherz Verlag. 1987.
S.223
Sprache
Wenn zwei oder mehr Organismen rekursiv interagieren, erzeugen sie eine soziale Koppelung.
Darin beziehen sich beide bei der Verwirklichung ihrer jeweiligen Autopoiesen gegenseitig ein. Die Verhaltensweisen, die diesen sozialen Koppelungsbereichen auftreten, sind kommunikativ und können angeboren oder erworben sein.
Sowohl instinktives als auch erlerntes Verhalten kann uns als Beobachtern als Koordination von Aktivität erscheinen, und beides läßt sich von einem Beobachter in semantischen Begriffen beschreiben - so als ob das, was den Verlauf der Interaktion determiniert, die Bedeutung wäre und nicht die Dynamik der strukturellen Koppelung der interagierenden Organismen. Diese beiden Arten von kommunikativem Verhalten unterscheiden sich jedoch in Hinsicht auf die Strukturen, die sie möglich machen.
Angeborenes Verhalten ist abhängig von den Strukturen, die im Verlauf der Entwicklung des Organismus unabhängig von der individuellen Ontogenese entstehen.
Erworbenes kommunikatives Verhalten ist abhängig von der individuellen Ontogenese des Organismus und von seiner besonderen Geschichte von sozialen Interaktionen.
Im letzteren Fall kann der Beobachter leicht eine semantische Beschreibung geben, indem er behauptet, daß die Bedeutung der verschiedenen kommunikativen Verhaltensweisen im Verlauf der Ontogenese der teilnehmenden Organismen entsteht, und zwar in Abhängigkeit von ihrer besonderen Geschichte der Koexistenz.
Solches erlerntes kommunikatives Verhalten nennen wir einen sprachlichen Bereich, da es die Grundlage der Sprache darstellt, mit dieser aber noch nicht identisch ist.
S.224
Sprachlicher Bereich - Sprache
Immer wenn ein Beobachter die Interaktionen zwischen zweien oder mehreren Organismen so beschreibt, als würde die Bedeutung, die er den Interaktionen zuschreibt, den Verlauf dieser Interaktionen bestimmen, gibt der Beobachter eine semantische Beschreibung.
Als sprachlich bezeichnen wir ein ontogenetisches kommunikatives Verhalten (d. h. ein Verhalten, das in der ontogenetischen Strukturkoppelung von Organismen entsteht), welches ein Beobachter semantisch beschreiben kann.
Als sprachlichen Bereich eines Organismus bezeichnen wir den Bereich all seiner sprachlichen Verhaltensweisen. Die sprachlichen Bereiche sind im allgemeinen variabel und verändern sich im Laufe der Ontogenese der sie erzeugenden Organismen.
Beachten wir, daß die Wahl des Begriffes «sprachlicher Bereich» - ähnlich wie bei dem Begriff des «kognitiven Aktes« - nicht willkürlich ist. Damit soll zum Ausdruck gebracht werden, daß sprachliches Verhalten beim Menschen in der Tat Verhalten in einem Bereich gegenseitiger ontogenetischer Strukturkoppelung darstellt, den wir Menschen als ein Ergebnis unserer kollektiven Ko-Ontogenese herstellen und aufrechterhalten.
In anderen Worten: Wenn wir Wörter als Bezeichnungen von Objekten oder Situationen in der Welt verstehen, geben wir als Beobachter eine Beschreibung, die die Tatsache der Strukturkoppelung, in der Wörter ontogenetisch festgelegte Koordinationen von Verhalten sind, nicht widerspiegelt. Eine solche Beschreibung widerspricht auch unserem Verständnis von einem Nervensystem, das nicht mit Repräsentationen einer unabhängigen Welt arbeitet.
Im Gegensatz dazu bildet das angeborene kommunikative Verhalten, dessen Stabilität von der genetischen Stabilität der Spezies und nicht von der kulturellen Stabilität des sozialen Systems, in dem es stattfindet, abhängt, keinen sprachlichen Bereich. Solches Verhalten bringt keinen ontogenetisch erzeugten Bereich der Koordination von kommunikativem Verhalten hervor.
Die sogenannte «Sprache» der Bienen zum Beispiel ist also keine Sprache, sondern eine Mischung von instinktivem und sprachlichem Verhalten. Es handelt sich dabei um eine im wesentlichen phylogenetische Verhaltenskoordination, die jedoch einige gruppenspezifische Variationen oder «Dialekte» ontogenetischer Herkunft aufweist.
So gesehen, ist der Mangel an Ähnlichkeit zwischen einem bestimmten sprachlichen Verhalten und der Aktivität, die dadurch koordiniert wird (gibt es irgendeine Ähnlichkeit zwischen dem Wort «Tisch» und dem, was wir tun, wenn wir einen Tisch kennzeichnen?), gar nicht unerwartet und mit dem der Strukturkoppelung zugrunde liegenden Mechanismus vollständig konsistent. Es kann in der Tat zahllose Weisen geben auf die rekursive Interaktionen, die zu einer Verhaltenskoordination führen, zwischen Individuen hergestellt werden (wie z. B. «Tisch», «table», «mesa»). Was dabei relevant ist, ist die Koordination der Aktivität, zu der sie führen, und nicht die Form, die sie annehmen.
Tatsächlich entstehen sprachliche Bereiche als ein kulturelles Driften in einem sozialen System, dem - wie beim genetischen Driften der Lebewesen - kein Entwurf zugrunde liegt. Der Prozeß ist der einer Transformation von Verhalten bedingt durch die Erhaltung des sozialen Systems mittels des Verhaltens seiner Bestandteile.
Menschliche Wesen sind nicht die einzigen Tiere, die in ihrer sozialen Existenz sprachliche Bereiche hervorbringen. Den Menschen eigentümlich ist jedoch, daß sie in ihrer sprachlichen Verhaltenskoordination einen neuen Bereich von Phänomenen hervorbringen, nämlich das Reich der Sprache.
Sprache entsteht durch die ko-ontogenetische Koordination ihrer Handlungen. Wesentlich für einen sprachlichen Bereich ist das ko-ontogenetische strukturelle Driften, zu dem es kommt, indem die Mitglieder eines sozialen Systems zusammenleben. Einem Beobachter des sozialen Systems wird es von seinem außengelegenen Standpunkt als ein außergewöhnliches Zusammenspiel in einem Tanz von Koordinationen erscheinen. Diese Koordinationen des Verhaltens bringen verschiedene Entitäten hervor.
Im Fluß rekursiver sozialer Interaktionen tritt Sprache dann auf, wenn die Operationen in einem sprachlichen Bereich zur Koordination von Handlungen in Hinsicht auf Handlungen führen, die zum sprachlichen Bereich selbst gehören. Wenn die Sprache entsteht, dann entstehen auch Objekte als sprachliche Unterscheidungen sprachlicher Unterscheidungen, die die Handlungen verschleiern, die sie koordinieren.
So koordiniert das Wort «Tisch» unsere Handlungen in Hinsicht auf die Handlungen, die wir ausführen, wenn wir mit einem «Tisch» umgehen. Der Begriff «Tisch» verschleiert uns jedoch die Handlungen, die (als Handlungen des Unterscheidens) einen Tisch konstituieren, indem sie ihn hervorbringen.
Mit anderen Worten: Wir sind in der Sprache, oder - noch besser - wir «sprachen» nur dann, wenn wir durch eine reflexive Handlung eine sprachliche Unterscheidung einer sprachlichen Unterscheidung treffen. In der Sprache zu operieren, bedeutet also in einem Bereich kongruenter, ko-ontogenetischer Strukturkoppelung zu operieren.
Für unsere Zwecke können wir aber das Grundmerkmal der Sprache, die auf radikale Weise die menschlichen Verhaltensbereiche modifiziert und dabei neue Phänomene wie die der Reflexion und des Bewusstseins ermöglicht, identifizieren. Dieses Merkmal ist, daß die Sprache dem, der damit operiert, die Beschreibung seiner selbst und der Umstände seiner Existenz erlaubt - und zwar mit Hilfe sprachlicher Unterscheidungen von sprachlichen Unterscheidungen.
Für einen Beobachter erscheinen sprachliche Koordinationen von Handlungen als Unterscheidungen - sprachliche Unterscheidungen. Sie beschreiben Objekte im sprachlichen Milieu jener, die in einem sprachlichen Bereich operieren. Wenn ein Beobachter also in einem sprachlichen Bereich operiert, operiert er in einem Bereich von Beschreibungen.
Außerdem vollzieht sich Sprache als ein Phänomen in der Rekursion sprachlicher Interaktionen, das heißt, in sprachlichen Koordinationen sprachlicher Koordinationen von Handlungen.
Der sprachliche Bereich wird deshalb Teil des Milieus, in dem sprachliche Koordinationen von Handlungen stattfinden, und der Beschreibungen von Beschreibungen. Was ein Beobachter jedoch tut, ist genaugenommen folgendes:
Er macht sprachliche Unterscheidungen sprachlicher Unterscheidungen oder, wie ein anderer Beobachter sagen würde, ontogenetisch erzeugte Beschreibungen von Beschreibungen.
Das Beobachten entsteht deshalb mit der Sprache als eine Ko-Ontogenese in der Beschreibung von Beschreibungen.
Mit der Sprache entsteht auch der Beobachter als ein sprachmächtiges Wesen. Indem es in der Sprache mit anderen Beobachtern operiert, erzeugt dieses Wesen das Ich und seine Umstände als sprachliche Unterscheidungen im Rahmen seiner Teilnahme an einem sprachlichen Bereich.
Auf diese Weise entsteht Bedeutung (Sinn) als eine Beziehung von sprachlichen Unterscheidungen. Und Bedeutung/Sinn wird Teil unseres Bereiches der Erhaltung der Anpassung.
All das ist es, was das Menschsein beinhaltet. Wir machen Beschreibungen der Beschreibungen, die wir machen (wie es auch dieser Satz tut). Ja, in der Tat, wir sind Beobachter und existieren in einem sprachlichen Bereich, der durch unser Operieren in der Sprache unter Erhaltung der Anpassung erzeugt wird.
Bei den Insekten beruht, wie wir gesehen haben, die Kohäsion der sozialen Einheit auf einer chemischen Interaktion, der Tropholaxis. Bei uns Menschen basiert die soziale Einheit auf «Linguolaxis», einer sprachlichen Tropholaxis - auf einem sprachlichen Bereich, der aus der ontogenetischen Koordination von Handlungen entsteht.
Wir menschliche Wesen sind nur in der Sprache menschliche Wesen, und weil wir über die Sprache verfügen, gibt es keine Grenzen dafür, was beschrieben, vorgestellt und miteinander in Zusammenhang gebracht werden kann. Und dies durchssetzt grundsätzlich unsere gesammte Ontogenese als Individuen, vom Gehen über Einstellungen bis zur Politik.
Aber bevor wir diese Konsequenzen der Sprache genauer untersuchen, sehen wir uns zunächst an, wie Sprache entstanden sein mag und daß ihre Entstehung im natürlichen Driften der Lebewesen als Möglichkeit immer vorhanden ist.
Entstehung der Sprache
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Die Einzelheiten der Geschichte struktureller Transformationen der Primaten, die im Verlauf der Evolution zum Homo sapiens führten, kennen wir nicht, und wir werden sie vielleicht nie genau kennen. Unglücklicherweise hinterläßt das soziale und sprachliche Leben keine Fossilien. Aus Veränderungen des Skeletts lässt sich zum Beispiel viel über Veränderungen von Körperhaltung und Bewegung, manipulatorische Fähigkeiten, Gesichtsausdruck, Stimmbildung, Größe und Gestalt des Gehirns schließen. Es ist jedoch nicht leicht, Details der im Lauf der Evolution erhaltenen Lebensmodi zu rekonstruieren, die zur rekursiven Ausdehnung sprachlicher Bereiche führten.
Wir können jedoch sagen, daß die Veränderungen bei den frühen Hominiden, die das Erscheinen der Sprache möglich machten, mit ihrer Geschichte als soziale Tiere mit engen affektiven interpersonellen Beziehungen verbunden sein müssen, Beziehungen, die mit dem Sammeln und Teilen der Nahrung zusammenhängen.
In dieser Lebensweise finden wir die Koexistenz und Erhaltung scheinbar widersprüchlicher Aktivitäten: lokale interpersonelle Interaktionen in kleinen, engverbundenen Gruppen von Individuen, die ihre Nahrung teilen, sich andererseits aber relativ lange Zeiten voneinander entfernen, um zu sammeln und zu jagen, ohne dabei ihre emotionale Verbundenheit zu verlieren. Solch eine Lebensweise eröffnet einen Bereich von Möglichkeiten der Variationen in der «Tropholaxis», durch die die Gruppe als Einheit erhalten wird, solange diese Weise zu leben erhalten wird. Die Linguolaxis (sprachliche Tropholaxis) ist äußerst geeignet für solche Variationen.
Anders als die chemische Tropholaxis erlaubt sie unendliche Rekursionen in der Koppelung verhaltensmäßiger Fähigkeiten von sozialen Individuen durch Änderungen des sozialen Lebens, das sie hervorbringen, ohne daß dafür dauernde physische Interaktionen notwendig sind. Betrachten wir das noch etwas eingehender:
Die Abstammungslinie der Hominiden, der wir angehören, ist über 15 Millionen Jahre alt . Allerdings lassen die fossilen Funde erkennen, daß sich erst vor etwa drei Millionen Jahren strukturelle Züge konsolidiert haben, die für den heutigen Menschen charakteristisch sind. Dazu gehören Skelettveränderungen, die zum zweibeinigen und aufrechten Gehen gehören, die Fähigkeit, Daumen und Zeigefinger einander gegenüberzustellen, und eine Form des Gebisses, die mit der Ernährung eines Allesfressers verbunden ist, welche jedoch vor allem auf Samenkörnern und Nüssen basiert.
Die gleichen fossilen Funde zeigen, daß die frühen Hominiden in Gruppen lebten, zu denen Männer, Frauen und Kinder gehörten. Wegen der anatomischen Züge ihres Skelettbaus muß ihr Sexualleben auch ihre sprachliche Interaktion über den Gesichtsausdruck beim frontalen Koitus einbezogen haben. Gleichzeitig verschob sich die Fruchtbarkeit der Weibchen vom Brunstzyklus (Oestrus) hin zu einer nicht saisonbedingten Sexualität- ein Faktor, der zur stärkeren sozialen Bindung beitrug.
Wir glauben, daß in der Erhaltung solcher Lebensweisen, in denen die sprachliche Interaktion eine Schlüsselrolle bei der rekursiven Koordination sozialer Handlungen spielt, die Sprache als Resultat liebevoller Kooperation entstand.
Wir können uns diese frühen Hominiden als Wesen vorstellen, die in kleinen Gruppen lebten, in erweiterten Familien, die ständig durch die Savannen wanderten. Sie ernährten sich von dem, was sie sammelten, Samen und Nüsse, aber auch gelegentlich von der Jagd. Da sie auf zwei Beinen gingen, hatten sie die Hände frei, um diese Nahrungsmittel über lange Strecken zu den Mitgliedern ihrer Gruppe zu tragen. Sie waren nicht gezwungen, sie in ihrem Verdauungsapparat zu befördern, wie im Fall anderer sozialer Tiere, die ihre Nahrung teilen. Dies trug zur Integration des sozialen Lebens bei. Weiterhin waren Frau und Mann durch eine ständige und nicht jahreszeitliche Sexualität aneinander gebunden. Bei Erhaltung der Nahrungsteilung und der Teilnahme des Mannes an der Fürsorge für die Jungen führte all dies zu einer Biologie der Kooperation und der sprachlichen Koordination von Handlungen.
Diese Lebensweise weist den Weg zu Verhaltensweisen, die ideal geeignet sind für die ständige Zunahme der Fähigkeit, Unterscheidungen im Bereich des kooperativen Verhaltens zu machen. Das führt hin bis zu unserer gegenwärtigen Biologie kooperativer Tiere mit der Befähigung zu sprachlicher Reflexion.
Dies ist durchaus keine zufällige Entwicklung. Tatsächlich muß diese rekursive Teilnahme der Hominiden an sprachlichen Bereichen,die sie durch die Sozialisation hervorbrachten, ein entscheidender Faktor für die Ausweitung dieser Bereiche gewesen sein. Das führte schliesslich zur sprachlichen Rekursion, die zur Entstehung der Sprache führt .
Geist und Bewusstsein
So mögen in der Intimität rekursiver individueller Interaktionen, die das andere Individuum durch eine sprachliche Unterscheidung wie einen Namen personalisieren, die Bedingungen vorhanden gewesen sein für das Auftreten eines Selbst als einer Unterscheidung in einem sprachlichen Bereich. Dies sind, soweit wir es rekonstruieren können, die Hauptlinien im strukturellen Driften der Hominiden, das zum Auftreten der Sprache führte.
Weitere Beobachtungen und Entdeckungen mögen Details dieser Beschreibung verändern, wahrscheinlich jedoch nicht ihre wesentlichen Punkte. Die grundlegenden biologischen Charakteristika, die diese Entwicklung möglich machten, sind nämlich noch immer vorhanden, auch wenn wir sie durch Konkurrenz und Krieg verdunkelt haben.
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Die einzigartigen Züge menschlichen sozialen Lebens und dessen intensive sprachliche Koppelung manifestieren sich darin, daß es imstande ist, ein neues Phänomen zu erzeugen, welches für unsere eigene Erfahrung zugleich sehr nah und doch sehr fremd ist: unseren Geist, unser Bewußtsein.
Wir wollen einige Fragen stellen, die uns dieses Phänomen im einzelnen enthüllen. Wie wäre es, wenn wir einen Primaten fragten: «Wie fühlt man sich denn so als Affe?» Unglücklicherweise würden wir nie eine Antwort bekommen. Denn sobald wir mit dem Affen einen Bereich der Koexistenz erzeugen, der solche sprachlichen Unterscheidungen durch die Sprache zuläßt, wird der Affe kein Affe mehr sein. Er wird nicht in der Lage sein, in Form von Unterscheidungen zu antworten, die für den Affen charakteristisch sind. Die Frage bleibt also bestehen.
Eine andere Möglichkeit, die Erfahrung der Primaten der des Menschen gegenüberzustellen, wäre nicht mittels der Sprache, sondern mittels jenes Objektes, das so offensichtlich mit Reflexion zu tun hat: mit einem Spiegel. Im allgemeinen verhalten sich Tiere gegenüber ihrem Spiegelbild so wie in Anwesenheit eines anderen Tieres, oder sie zeigen, was wir Indifferenz oder Vermeidung nennen. Ein Hund bellt sein Abbild vielleicht an und beachtet es dann nicht mehr. Eine Katze mag vorübergehende Anzeichen von Furcht und dann Indifferenz zeigen. Unter den Primaten zeigen die Makaken ein ähnliches Verhalten; sie antworten auf ihre Widerspiegelung hauptsächlich mit Aggression. Die Gorillas wirken andererseits bei der ersten Gegenüberstellung mit ihrem Spiegelbild erstaunt und interessiert, aber sie gewöhnen sich schnell daran und ignorieren es dann (vgl. G. Gallup in: Amer. Scient. 67: 417. 1979). Um diese Reaktion des Gorillas näher zu erkunden, welche so verschieden vom Verhalten anderer Tiere wirkt, wurde ein Gorilla im Rahmen eines Experiments betäubt. Auf seine Stirn wurde ein farbiger Punkt gemalt, den er nur im Spiegel sehen konnte. Nach dem Aufwachen wurde ihm ein Spiegel vorgehalten, und siehe da: Er faßte mit der Hand an die eigene Stirn und berührte dort den Punkt. Man hätte eher erwartet, daß das Tier die Hand ausstrecken würde, um den Punkt auf dem Spiegelbild zu berühren. Ein Makake verhält sich in einer solchen Situation nicht wie ein Gorilla.
Diese Experimente hat man als Beleg dafür betrachtet, daß ein Gorilla einen Bereich des Selbst durch soziale Unterscheidungen erzeugen kann. In diesem Bereich besteht die Möglichkeit der Reflexion wie mit einem Spiegel oder mit der Sprache.
Der Reflexionsmechanismus mag unabhängig von Spiegel und Sprache entstanden sein - wie, das wissen wir nicht. Wir nehmen jedoch an, daß es mit Bedingungen zu tun hat, die denen ähneln, die zur Evolution der menschlichen sprachlichen Bereiche führten.
Einen tiefen Einblick in die Rolle, die die sprachliche Koppelung bei der Erzeugung des Geistigen im Menschen spielt, stammt aus einigen Beobachtungen, die an neurochirurgischen Patienten gemacht worden sind.
Am bemerkenswertesten ist eine Reihe von Studien, die an einer bereits ziemlich großen Anzahl von an Epilepsie leidenden Patienten gemacht wurden.
Epilepsie ist ein Syndrom, das im schlimmsten Fall Epizentren erzeugt, von denen Wellen elektrischer Aktivität ausgehen, welche sich über die gesamte Hirnrinde ausbreiten. Infolge davon erleidet die Person Krämpfe und Bewußtseinsverlust zusammen mit einer Reihe anderer ziemlich beeinträchtigender Symptome. Bei Extremfällen von Epilepsie hat man vor einigen Jahren versucht, die Ausbreitung der epileptischen Aktivität von einer Gehirnhälfte auf die andere mittels der Durchtrennung der wichtigsten Verbindung zwischen den Gehirnhälften, des Balkens oder Corpus callosum, zu unterbinden Das Ergebnis war, daß sich der Zustand der Patienten besserte, was ihre Epilepsie betraf. Ihre Gehirnhälften funktionierten jedoch nicht mehr als eine Einheit. Weil der Balken durchtrennt war, bildete jede Gehirnhemisphäre mit dem Rest des Nervensystems eine operationale Einheit, die die andere Gehirnhälfte überging, so als würde sie gar nicht existieren. Es war, als sei der Patient nach der Operation zu drei verschiedenen Personen mit jeweils individuellen Charakteristika geworden: einer Linke-Hemisphäre- Person, einer Rechte-Hemisphäre-Person und der äußeren Kombination der beiden in ihrer Operation durch einen gemeinsamen Körper.
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Es gibt einen kleinen Prozentsatz von Menschen, die über beide Gehirnhälften Sprache erzeugen und verstehen können; sie zeigen keine Lateralisierung der Sprache (vgl. M. S. Gazzaniga und J. F. LeDoux: The Integrated Mind, New York 1978). Eine jener Personen, der fünfzehnjährige Paul aus New York, stellte sich nach einer Kommissurektomie (operative Durchtrennung des Balkens) freiwillig für die oben beschriebene Art von Experimenten zur Verfügung. So war es nun möglich, über die linke oder über die rechte Gehirnhälfte sprachlich mit ihm zu interagieren und jeweils um Antworten zu bitten, die sprachliche Reflexion verlangen. Paul war zum Beispiel in der Lage, den Löffel auszuwählen, wenn dies mittels eines geschriebenen Wortes von beiden Gehirnhälften verlangt wurde. Folglich musste für Paul eine neue experimentelle Strategie entworfen werden. Der Testleiter begann zum Beispiel eine mündliche Frage mit «Wer . . .?» - und die offenen Stellen wurden durch eine Projektion in einem der Gesichtsfelder ergänzt, zum Beispiel durch die geschriebenen Worte «. . . bist du». Auf die beiden Seiten vorgelegte Frage folgte die gleiche Antwort: «Paul.» Auf die Frage: «Was für ein Tag ist morgen?», kam beide Male die richtige Antwort: «Sonntag » . Auf die Frage an die linke Gehirnhälfte: «Was willst du werden, wenn du groß bist?», antwortete Paul: «Rennfahrer.» Und dies ist faszinierend, weil auf die gleiche Frage an die rechte Gehirnhälfte die Antwort kam: «Designer.»
Diese Beobachtungen zeigen, daß sowohl die Linke-Hemisphäre-person als auch die Rechte-Hemisphäre-Person in Paul zu Verhaltensweisen fähig ist, die wir gewöhnlich einem unversehrten, zur Reflexion fähigen, bewußten Geist zuschreiben. Das ist sehr bedeutsam, denn der Unterschied zwischen Paul und den anderen Patienten, die nicht über beide Gehirnhälften unabhängig sprachliche Reflexion erzeugen können, zeigt uns, daß es kein Selbstbewußtsein ohne die Sprache als ein Phänomen der sprachlichen Rekursion gibt. Selbstbewußtsein, Bewußtheit, Geist - das sind Phänomene, die in der Sprache stattfinden. Deshalb finden sie als solche nur im sozialen Bereich statt.
Der Fall Pauls läßt jedoch noch mehr erkennen. Bei allen sprachlichen Interaktionen mit Paul schien nämlich die linke Gehirnhälfte dominierend zu sein. Wenn man Pauls rechter Gehirnhälfte zum Beispiel den schriftlichen Befehl gab: «Lache!», dann täuschte Paul ein Lachen vor. Wenn dann an die linke Gehirnhälfte die Frage gestellt wurde: «Warum lachst du?», antwortete er: «Weil Sie so komische Typen sind;» Auf den Befehl hin: Kratze dich! an die rechte Gehirnhälfte, kratzte sich Paul. Die Frage an die linke Gehirnhälfte, warum er sich kratze, beantwortete er mit: «Weil es mich juckt.» Die dominante Linke- Hemisphäre-Person, die den Befehl zum Kratzen nicht gesehen hatte, hatte keine Schwierigkeiten, eine kohärente Antwort zu erfinden, die ihrer Erfahrung (nämlich sich zu kratzen) entsprach und reflektierte, wie sie diese Erfahrung lebte.
Was wir sagen, reflektiert - außer wenn wir lügen - das, was wir leben, und nicht das, was aus dem Blickwinkel eines unabhängigen Beobachters geschieht.
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Diese Experimente sagen uns Grundlegendes über die Weise, auf die jener andauernde Fluß von Reflexionen, den wir Bewußtsein nennen und mit unserer Identität assoziieren, organisiert ist und seine Kohärenz bewahrt.
Sie zeigen uns einerseits, daß Sprache eine Bedingung sine qua non für die Erfahrung dessen ist, was wir «Geist» nennen.
Andererseits zeigen sie uns, daß der Fluß unserer Erfahrungen gelenkt wird von Zusammenhängen von Operationen unseres Nervensystems, zu denen wir als Beobachter keinen Zugang haben, die sich aber notwendig aus unserem ontogenetischen Driften als lebende Systeme ergeben.
Im sprachlichen Bereich von Paul kann es keine Inkohärenz geben. Wenn er deshalb aufgefordert wird, etwas, das sich in diesem Bereich ereignet, zu reflektieren, muß er mit einem Ausdruck dieser Kohärenz antworten: «Weil Sie so komische Typen sind» oder «Weil es mich juckt». In seiner Geschichte werden Identität und Anpassung erhalten. Im Fall von Paul erleben wir die operationale Überschneidung von drei verschiedenen Personen in einem Körper. Zu bestimmten Zeiten können diese Personen unabhängige, selbstbewußte Wesen sein.
Das zeigt uns auf dramatische Weise, daß es die Sprache ist, in der ein Selbst, ein Ich, entsteht - und zwar als jene soziale Singularität, die durch die operationale Überschneidung der rekursiven sprachlichen Unterscheidungen, in denen das Ich unterschieden wird, im menschlichen Körper entsteht.
Daraus ersehen wir, daß wir in dem Netzwerk der sprachlichen Interaktionen, in dem wir uns bewegen, eine andauernde deskriptive Rekursion aufrechterhalten, die wir unser «Ich» nennen. Sie erlaubt uns, unsere sprachliche operationale Kohärenz zu bewahren sowie unsere Anpassung im Reich der Sprache.
An diesem Punkt unserer Erörterung sollte uns das nicht mehr überraschen. Schließlich haben wir ja gesehen, daß ein Lebewesen nur so lange existiert, wie es in einem Bereich von Perturbationen driftet, und zwar unabhängig von den Eigenschaften dieses Bereiches und unabhängig davon, wie es sich auf Grund seines eigenen Operierens verändert.
Wir haben dann gesehen, daß das Nervensystem eine Verhaltensdynamik erzeugt, indem es in seiner operationalen Geschlossenheit Beziehungen zwischen internen neuronalen Aktivitäten herstellt. Ein lebendes System ist auf jeder Ebene so organisiert, daß es innere Regelmäßigkeiten erzeugt. Das gleiche geschieht in der sozialen Koppelung durch die Sprache im Netzwerk der Gespräche, das die Sprache hervorbringt und das, durch seine Geschlossenheit, die Einheit einer bestimmten menschlichen Gesellschaft konstituiert. Diese neue Dimension der operationalen Kohärenz unseres gemeinsamen In-der-Sprache-Seins ist das, was wir als Bewußtsein oder als «unseren Geist» und «unser Ich» erfahren.
Wörter sind, wie wir wissen, Zeichen für sprachliche Koordinationen von Handlungen und nicht Dinge, die von hier nach da weitergegeben werden.
Es ist unsere Geschichte rekursiver Interaktionen, die unser ontogenetisches strukturelles Driften im Rahmen einer strukturellen Koppelung erlaubt, welche die interpersonelle Koordination von Handlungen verlangt. Dies findet statt in einer Welt, die wir miteinander teilen, da wir sie gemeinsam durch unsere Handlungen spezifiziert haben. Dies ist so offensichtlich, daß wir buchstäblich blind für diese Tatsache sind. Nur wenn unsere strukturelle Koppelung in irgendeiner Dimension unserer Existenz einmal versagt, erkennen wir (wenn wir darüber reflektieren), in welchem Ausmaß unsere Verhaltens-koordinationen bei der Manipulation unserer Welt und bei der Kommunikation untrennbar sind von unserer Erfahrung. Diese gelegentlichen Zusammenbrüche in einer Dimension unserer Strukturkoppelung treten im Alltag immer wieder auf, sei es beim Einkaufen oder in der Erziehung von Kindern. Es sind Momente der Änderung der Richtung unseres ontogenetischen strukturellen Driftens in einem endlosen Prozeß geschichtlicher Transformation.
Im allgemeinen sind wir uns der historischen Zusammenhänge nicht bewußt, die hinter den sprachlichen und biologischen Kohärenzen im Rahmen selbst der einfachsten Abläufe unseres sozialen Lebens stehen. Haben Sie jemals den Prozessen Aufmerksamkeit geschenkt, die selbst in der trivialsten Konversation enthalten sind: der Erzeugung der Stimmlage in der Sprache, der Abfolge , in der Wörter auftauchen, den Momenten, in denen das Wort von einem Gesprächspartner zum anderen wechselt, und so weiter? All diese Dinge laufen gewöhnlich so mühelos ab, daß uns solche Handlungen in unserem täglichen Leben einfach und unmittelbar erscheinen. Ja, unser tägliches Leben erscheint uns so einfach und unmittelbar, daß wir oft seinen Reichtum übersehen und seine Schönheit nicht zu schätzen wissen. Es ist jedoch ein unglaublich raffinierter Tanz von Koordinationen des Verhaltens. So kommt es also, daß das Auftreten der Sprache beim Menschen und des gesamten sozialen Kontextes, in dem sie auftritt, jenes (so weit wir wissen) neue Phänomen des Geistes und der Selbstbewußtheit als die intimste Erfahrung der Menschheit erzeugt. Gleichzeitig ist der Geist als Phänomen des In-der-Sprache-Seins im Netz sozialer und sprachlicher Koppelung nichts, das sich in meinem Gehirn befindet. Bewußtsein und Geist gehören dem Bereich sozialer Koppelung an, und dort kommt ihre Dynamik zum Tragen. Als Teil der menschlichen sozialen Dynamik wirken Geist und Bewußtsein zudem als Auswähler des Pfades dem unser ontogenetisches strukturelles Driften folgt. Und weiterhin: Da wir in der Sprache existieren, werden die Bereiche der sprachlichen lnteraktion, die wir erzeugen, Teile des Bereichs unserer Existenz und stellen einen Teil des Milieus dar, in dem wir unsere Identität und Anpassung erhalten. Wir Menschen existieren als Menschen im Netzwerk von Strukturkoppelungen, das wir dauernd durch die fortgesetzte sprachliche Tropholaxis unseres Verhaltens weben. Sprache wurde niemals von jemandem erfunden, nur um damit eine äußere Welt zu internalisieren. Deshalb kann sie nicht als Mittel verwendet werden, mit dem sich eine solche Welt offenbar machen läßt. Es ist vielmehr so, daß der Akt des Erkennens in der Koordination des Verhaltens, welche die Sprache konstituiert, eine Welt durch das “In-der-Sprache-Sein” hervorbringt.
Wir geben unserem Leben in der gegenseitigen sprachlichen Koppelung Gestalt- nicht, weil die Sprache uns erlaubt, uns selbst zu offenbaren, sondern weil wir in der Sprache bestehen, und zwar als dauerndes Werden, das wir zusammen mit anderen hervorbringen. Wir finden uns in dieser ko-ontogetischen Koppelung weder als ein bereits vorher existierender Bezugspunkt noch in bezug auf einen Ursprung, sondern als eine fortwährende Transformation im Werden der sprachlichen Welt, die wir zusammen mit anderen menschlichen Wesen erschaffen.
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