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Die Feder – Symbol für Leichtigkeit und Freiheit. Vögel heben dank ihren Flügeln und Federn vom Boden ab. Mit Leichtigkeit (einmal abgesehen von den Schwänen) schwingen sie sich hoch, hebeln die Schwerkraft aus, und wir schauen ihnen zu, wie sie sich vom Wind getragen treiben lassen. Mauersegler verbringen zehn Monate des Jahres in der Luft; dort jagen sie, vollführen ihre fliegerischen Kunststücke, dort schlafen sie und dort paaren sie sich.
Wir alle sind durch die Schutzmassnahmen des Bundesrates in unserer Freiheit eingeschränkt. Wir akzeptieren das Versammlungsverbot und weitere Beschneidungen unserer Grundrechte. Wir akzeptieren das, weil wir um die ausserordentliche Situation wissen, weil der Bundesrat es verstanden hat, uns glaubwürdig von deren Notwendigkeit zu überzeugen, und wir davon ausgehen, dass alle diese Verbote ein Verfalldatum haben – dies im Gegensatz zur Situation nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Volksinitiative “Rückkehr zur direkten Demokratie” dafür sorgen musste, dass die Bundesversammlung bis Ende 1952 die letzten Vollmachtenerlasse aus dem Jahre 1939 aufhob.
Freiheit und Leichtigkeit – zwei Wörter, die eng miteinander zusammenhängen. Freiheit wird in der Philosophie unterschiedlich definiert. Prominent ist das Konzept des russisch-britischen Philosophen Isaiah Berlin (1909 – 1997). Er unterscheidet zwischen einer negativen und einer positiven Freiheit. Die negative Freiheit bedeutet, frei “von” etwas zu sein; konkret: frei von Zwängen zu sein. Die positive Freiheit meint, frei “zu” oder frei “für” etwas zu sein. Das heisst, wählen zu können, was man tun will: jenen Beruf zu erlernen, den man möchte, oder den Partner zu heiraten, den man liebt. Für Immanuel Kant, den Philosophen der Aufklärung, ist Freiheit die “Unabhängigkeit von eines Anderen nöthigender Willkür”, wie er im Jahre 1797 schrieb.
Wer frei ist, fühlt sich leicht, denn Zwänge beengen, keine Optionen zu haben ebenfalls. Derzeit fühlen wir uns eingeengt. Wir können uns nicht mehr so bewegen, wie wir wollen. Die “Leichtigkeit des Seins” ist der Beengtheit gewichen. Wir weichen einem Spaziergänger aus, der auf uns zukommt, weil er ein Infektionsherd sein könnte. Ich vermisse die Freiheit und die Leichtigkeit, und dennoch finde ich sie jeden Tag aufs Neue. Es gibt in jeder Situation Freiheit, zum Beispiel die Freiheit der Gedanken; die Freiheit, dieses oder jenes Buch in die Hand zu nehmen, dem Vogelgezwitscher zu lauschen, die Augen zu schliessen und sich der schönen Momente zu erinnern.
Es war in Genua an den Rhetorik-Europameisterschaften 2019, als mir Annette Schütze spätabends beim Dinner spontan ein Gedicht von Carlo Karges (1951 – 2002) auswendig vortrug:
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken
der wird im Mondschein, ungestört
von Furcht die Nacht entdecken.
Der wird zur Pflanze, wenn er will,
zum Tier, zum Narr, zum Weisen,
und kann in einer Stunde
durchs ganze Weltall reisen.
Er weiß, dass er nichts weiß,
wie alle andern auch nichts wissen,
nur weiß er, was die anderen
und er noch lernen müssen.
Wer in sich fremde Ufer spürt,
und Mut hat sich zu recken,
der wird allmählich ungestört
von Furcht sich selbst entdecken.
Abwärts zu den Gipfeln
seiner selbst blickt er hinauf,
den Kampf mit seiner Unterwelt
nimmt er gelassen auf.
Wer Schmetterlinge lachen hört,
der weiß, wie Wolken schmecken,
der wird im Mondschein, ungestört
Von Furcht die Nacht entdecken.
Wer mit sich selbst in Frieden lebt,
der wird genauso sterben
und ist selbst dann lebendiger
als alle seine Erben.
Gibt es Worte, die mehr Leichtigkeit auszudrücken vermögen? Ja, vielleicht noch andere Gedichte (aber das ein andermal, wenn du bis hierhin durchgehalten hast).
Jeder Vers, jeder Satz ist ein Samen, der im Gespräch aufgehen will, ein Gedanke, der weitergesponnen werden kann. Jedes Gespräch ist ein Stück Freiheit. Jeder Gesprächsbeginn ist ein Wagnis ins Offene. Und – weitergesponnen – die echte Freundschaft ist ein Gespräch, das nie abbricht. Auch nicht nach dem Tod.