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Kienholz: Die Zeichen der Zeit22. Februar – 13. Mai 2012
Diese Vorgehensweise war radikal und sucht Vergleichbares in der Kunstgeschichte. Seine Bildsprache ist nicht elitär, seine Mitteilungen sollen alle verstehen. Ungewohnt und ungewöhnlich tritt das Werk dem Betrachter entgegen, das in seinen Realismen dem Alltag so nahe ist und dennoch weit über ihn hinausweist. Zu viel war es für das biedere Amerika der 1960er-Jahre, das die Werke als obszön empfand und dennoch, sich genüsslich am Skandal weidend, zu Tausenden seine erste grosse Ausstellung besuchte.
1962 lernten sich Ed Kienholz und Jean Tinguely in Los Angeles kennen, wo Tinguely eine Ausstellung in der Everett Ellin Gallery hatte, und wo seine Partnerin Niki de Saint Phalle am 4. März 1962 ein Schiessbild anfertigte. Tinguely und Kienholz assistierten ihr dabei, der Grundstein für eine Freundschaft war gelegt. In den folgenden Jahren begegneten sich die zwei Künstler immer wieder. Ein Höhepunkt war sicher ein Jagdausflug im Herbst 1965, der den Anstoss zum gemeinsamen Concept Tableau The American Trip von 1966 gab.
Die Konfrontation der bürgerlichen Behaglichkeit mit den harten Gegebenheiten ausserhalb dieser Welt sind ein Thema des Tableau The Jesus Corner von 1982/83, in dem diesem Anderen, den Outsidern, Einzelgängern und Nonkonformisten einer Gesellschaft mit Toleranz und Aufgeschlossenheit begegnet wird. Darüber hinaus ist die Assemblage mit ihren christlichen Devotionalien symptomatisch für Kienholz' tiefe Skepsis gegenüber dem institutionalisiertem Glauben, die in seinem Werk manchmal in spöttelnder Ironie, manchmal in offener Empörung ihren Ausdruck findet.
Andere Arbeiten erzählen von sexueller Macht und Ausbeutung. Der Utopie einer befreiten Sexualität halten sie die warenförmige Sexualität des Bordells entgegen. Werke wie The Pool Hall von 1993, The Rhinestone Beaver Peepshow Triptych oder The Bronze Pinball Machine with Woman Affixed Also, beide 1980, reflektieren kommerzialisierten Sex und Werbebilder grösster Banalität, die sich tief in das Unterbewusstsein der Gesellschaft eingegraben haben. Heute, in Zeiten von YouPorn und von jederzeit und für nahezu alle verfügbaren Pornobildern wirkt ein Flipperautomat zur Triebabfuhr fast wie die Vision einer goldenen Zeit. Der Kienholz’sche Blick scheint in diesem Zusammenhang zutiefst protestantisch zu sein und oszilliert beständig zwischen Zeigefreude und aufklärerischem Gestus.
Einen Höhepunkt der Ausstellung bildet die spektakuläre Installation The Ozymandias Parade mit 687 blinkenden Glühbirnen (in Basel passend zur Schweiz weiss und rot. Die Farben werden jeweils dem Präsentationsort angepasst). Das Narrenschiff in Form eines spiegelnden Pfeils wird als dekadente Parade zum Sinnbild des Missbrauchs politischer Macht. Ob der finstere Präsident der Parade ein YES oder ein NO über dem Gesicht trägt, darüber bestimmen die Besucherinnen und Besucher. Es ist die Antwort auf eine Umfrage, die aus einer einzigen, einfachen Frage besteht: „Sind Sie mit ihrer Regierung zufrieden?“ Auf der zwei Wochen vor Ausstellungsbeginn frei geschalteten Internetseite www.tinguely.ch/jajaneinnein können Besucherinnen und Besucher an der Umfrage teilnehmen. Das Ergebnis der Abstimmung wird mit der Eröffnung der Ausstellung sichtbar.
Kienholz: Die Zeichen der Zeit ist eine Ausstellung der Schirn Kunsthalle Frankfurt in Kooperation mit dem Museum Tinguely Basel.
>> Film zur Ausstellung in der Schirn Kunsthalle (22. Oktober – 29. Januar 2012)