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Gekürzte Auszüge aus "Das Reich der Osmanen", Diplomarbeit von Esmeray
Die Osmanischen Türken, benannt nach ihrem Emir Osman, waren kriegerische, nomadisierende Jäger und Viehzüchter. Sie erreichten auf ihren Wanderungen im 13. Jahrhundert die Ostgrenze des Byzantinischen Reiches, das sie zu erobern begannen. Unter Osmans Nachfolger Orchan breiteten sich die Osmanen 1356 auf das europäische Festland aus und begannen, den Balkan zu erobern. Es entstand nach und nach ein Grossreich, dessen Hauptstadt Istanbul wurde. Von 1288 bis zum Ende des Osmanischen Reichs 1924 herrschten 38 Sultane.
Soweit die Geschichte der Männer. Doch welche Frauen standen hinter diesen mächtigen Herrschern, wer waren ihre Mütter? Betreten wir nun den Harem (arab. "verboten"), das Reich der Frauen...
Topkapi Palast, Istanbul
Walide Sultan war im Osmanischen Reich Titel der Mutter des regierenden Sultans. Die politische Rolle der Walide Sultan ist durch die türkischen Geschichtsschreiber bekannt. In normalen Zeiten hatte die Walide Sultan weit grössere Einkünfte als die Verwandten oder Schwestern des Sultans. "Die Türken" so schreibt der Schriftsteller Cantimir "nehmen keine Stadt, ohne eine Strasse davon für die Walide Sultan zu reservieren".
Die Mutter des Sultans war manchmal so reich, dass sie Moscheen bauen oder, wie die Mutter Ahmed III., Truppen ausheben konnte. Wie alle Sultaninnen hatte die Mutter des osmanischen Herrschers einen Haushofmeister. Angesichts der grossen finanziellen Machtbefugnisse mit denen er betraut wurde, war er bei weitem der Einflussreichste, wenn auch meist im Geheimen. Die Hochachtung und Wertschätzung, die man der Walide entgegenbrachte wird sichtbar bei dem islamischen Sprichwort: "Das Paradies liegt unter den Füssen der Mutter".
Ihre feierliche Einsetzung als Walide Sultan fand ein bis zwei Wochen nach Regierungsantritt ihres Sohnes statt. In festlichem Zuge brachte man sie in das Topkapi-Seray, in dem der Sultan residierte. Begleitet wurde der Festzug vom Grosseunuchen und hohen Beamten des Sultansharems. Die Walide hatte das besondere Vorrecht, dem Volk ihr Gesicht ohne Schleier zu zeigen. Der Sultan empfing seine Mutter am Eingangstor zum Seray.
Starb die Walide Sultan, begleitete der Herrscher seine Mutter wieder bis zur Pforte, wo er sie bei seinem Regierungsantritt abgeholt hatte. Der Leichenzug bewegte sich dann bis zu ihrer Grabstätte. Wenn dagegen der Sultan vor seiner Mutter starb, kehrte sie wieder in das alte Seray zurück (heute Universität), wo sie dann mit den verabschiedeten oder in Ungnade gefallenen Haremsfrauen zusammen lebte. Es sind nur zwei Fälle bekannt, wo die Walide Sultan unter der Regierung zweier Söhne ihren Titel beibehalten hat. Wenn ein Sultansprinz nach dem Tode seiner Mutter Sultan wurde, gab man seiner Milchmutter den Titel Walide Sultan. Fehlte eine solche, wurde der Name Walide Sultan der Gross-Schatzmeisterin verliehen.
La Sultane lisant, Jean-Etienne Liotard
Die Mutter des Sultans war die oberste Herrin des weiblichen Haremspersonals und verfügte wie alle hohen Damen des Seray über einen ersten und zweiten Eunuchen und wurde von den obersten Palastdienerinnen und Dienstältesten bedient. Sie sorgte für Ordnung, jedes Anliegen musste ihr vorgetragen werden. Die Ehrerbietung, die ihr entgegengebracht wurde, äusserte sich ein einer strengen Etikette. Man konnte sie nur sprechen, wenn man vorher um Audienz nachgesucht hatte. Wenn die Walide Sultan ausging, war sie von einem grossen Gefolge begleitet und die Wachmannschaften salutierten. Sie war derart an dieses Zeremoniell gewöhnt, dass die Adoptivmutter Abd ül-Hamids II. ungehalten darüber gewesen sein soll, dass die Deutsche Kaiserin ihr nicht die Hand geküsst hatte.
Die Walide Sultan übte einen grossen Einfluss auf ihren Sohn aus. Haremsintrigen spielten unter einigen Sultanen eine gewaltige Rolle. In der Türkei, wie auch in Persien, musste man mit der Mutter des Herrschers rechnen. Die Macht der Walide Sultan war besonders während der Minderjährigkeit des Sultans sehr gross, sie übte dann sogar eine Regentschaft aus.
Sie war die Favoritin des osmanischen Sultans Süleyman I. "des Gesetzgebers", bei den europäischen Historikern unter dem Namen Roxelane bekannt. Sie war eine Sklavin russischer Herkunft und die Mutter dreier Söhne: Sultan Selim II., der Prinzen Murad und Mehmedund einer Tochter Mihrimah-Sultane.
Roxelane
Der Überlegenheit ihres Geistes und ihres Charakters verdankte sie es, dass sie bis zu ihrem Tode die Ratgeberin des Sultans war, auf die er hörte. Aber ihre meisterhafte Kunst zu intrigieren, machte sie zur Verbrecherin. Sie wurde in einer besonders für sie errichteten Türbe im Hof der Sulaimaniya-Moschee in Istanbul beigesetzt.
Die Gemahlin des Sultans Ahmed I und Mutter der Sultane Murad IV. und Ibrahim, war Griechin von Geburt. Nahezu dreissig Jahre übte diese kluge Fürstin einen grossen Einfluss auf die Regierungsgeschäfte aus. Während sie schon unter ihrem Gemahl Ahmed I. sich lebhaft politisch betätigte, hatte sie später die Zügel der Regierung fest in Händen, als ihr unmündiger Sohn Murad IV. den Thron bestieg. Fünf Jahre lang waltete sie als dessen Vormund.
Die osmanischen Herrscher lebten im Konkubinat. Die Sklavenhändler und ergebene Privatleute lieferten dem Harem des Sultans Sklaven verschiedenster Herkunft aus Europa, Asien und Afrika.
Der Islam verbietet die Versklavung von Muslimen. Es gab genügend Andersgläubige, die versklavt werden konnten. In der ottomanischen Türkei wurden die zirkassischen Frauen wegen ihrer besonderen Schönheit gerühmt und vor allem wegen ihrer hellen Haut und wegen ihre Bildung bekannt. Die meisten von ihnen, die auf den Sklavenmärkten Istanbuls gekauft wurden, waren für den Harem des Sultans bestimmt.
Der Brauch des vollständigen Konkubinats, den man auch in Persien bis zur Regierung Mohammed Ali Shah (1907) antrifft, hatte sich in der Türkei allmählich eingebürgert. In früheren Zeiten nahmen sich die osmanischen Herrscher Töchter der türkischen Dynastien Kleinasiens oder byzantinischen Prinzessinnen zur Frau, später ehemalige Sklavinnen. Der Historiker von Hammer hat also Recht, wenn er bemerkt, der Sultan sei strenggenommen der "Sohn der Sklavin." Der Sultan entliess die Favoritinnen aus der Sklaverei, bevor er sie heiratete.
Le bain Turc, Rudolf Ernst
Über das Leben im Harem weiss man nicht sehr viel, da er ja hermetisch abgeriegelt war. Die Bewohnerinnen lebten in grösstem Luxus, konnten aber in Begleitung den Harem verlassen, um z.B. auf dem Basar einzukaufen oder ins Hamam zu gehen. Natürlich gehen waren sie tief verschleiert und von einem Eunuchen begleitet. Trotz der strengen Einschränkungen waren manche Frauen froh, im Luxus des Topkapi Harems eingesperrt zu sein, denn für sie war es die Rettung vor Armut und Hunger.
Die Frauen des Harems kamen aus den verschiedensten Kulturkreisen. Sie kamen aus Königs- und Fürstenhäusern und waren durch ihre Herkunft Überbringerinnen ihre Kultur auf höchster Ebene. Sie waren gebildet und hatten im Harem Gelegenheit, ihren Neigungen nachzugehen. Es gab Malerinnen und Dichterinnen unter ihnen, aber auch Musik und Tanz waren ein wichtiger Zeitvertreib.
Eine wichtige Quelle für Neuigkeiten aus der Aussenwelt waren die Verschiedenen Tanzgruppen, die in den Harem kamen. Es wurden auch im Harem Tänzerinnen ausgebildet, und viele Lieder, die später populär wurden, waren von Bewohnerinnen des Harems komponiert worden. Vor allem während der sogenannten Tulpenzeit wurden Musik, Kunst und Kultur gefördert. Französische Lehrer und Musiker wurden mit verbundenen Augen in den Topkapi Palast geführt, um die Frauen die höfischen Tänze Europas zu lehren.
Die Quelle des orientalischen Tanzes liegt wohl in Indien, von wo er über Ägypten in Osmanische Reich kam und im Harem weiterentwickelt wurde. Da die Frauen im Harem aus verschiedenen Kulturen kamen, brachten sie neue Aspekte und Ausdrucksformen in den Tanz ein. Vor allem tanzten die Frauen füreinander. Manchmal boten sie den Tanz auch dem Sultan dar, um sein Interesse zu wecken und ihren Status zu verbessern.
Als im Jahre 1909 die Jungtürken an die Macht kamen und der Harem aufgelöst wurde, verliessen die Frauen ihren "Goldenen Käfig". Manche konnten zu ihren Familien zurückkehren, andere benutzten die Unterhaltungskünste, die sie im Harem gelernt hatten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Odalisca, Francisco Masriera y Manovens