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Die Schulsysteme in Syrien und im Libanon sind total unterschiedlich. Deswegen ist es für syrische Flüchtlingskinder und ihre Familien im Libanon sehr schwierig, daran Anschluss zu bekommen. Unser Partner Robert Caracache, Direktor des Hilfswerks Beit-el-Nour und sein Team, unterhalten in Beirut, in den beiden Stadtteilen Sabra und Nabaa, Beratungs- und Lernzentren für Kinder aus Flüchtlingsfamilien sowie deren Eltern, die sie bei der Integration in das libanesische System unterstützen sollen. Dank Spenden, auch des Schweizerischen Heilig-
land-Vereins, ist dieser Besuch für die Flüchtlingsfamilien kostenfrei. Robert Caracache berichtet.
Die 12-jähirge Hana und ihre 10-jährige Schwester Janine lebten zusammen mit ihrem Vater, ihrer Mutter und ihrem sechsjährigen Bruder Samir in der Region Idlib in Syrien. Die Familie musste wegen anhaltender Luftangriffen überstürzt ihr zu Hause und ihr Geschäft verlassen und floh in den Libanon. Im Moment wohnen die fünf Personen in zwei kleinen, dunklen und nur mit dem Nötigsten eingerichteten, schlecht isolierten Räumen – im Winter ist es hier sehr kalt und im Sommer sehr heiss.
Wie in den meisten Flüchtlingsfamilien hat der Vater keine regelmässige Arbeit und die Familie muss befürchten, dass das Geld nicht für die Miete reicht. Monatlich erhält die Familie vom UNHCR – dem Hohen Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen – Gutscheine für Essen und Hygieneartikel. Dank unserer Hilfe konnten die beiden Mädchen an der öffentlichen Schule registriert werden, können dort eine Nachhilfeklasse und einen Präventionsunterricht besuchen, um sich vor sexuellen Übergriffen zu wehren. Das jüngste Kind in der Familie, das am stärksten durch den Krieg traumatisiert wurde, wird psychologisch betreut. Die Mutter nimmt an einem speziellen Programm für Flüchtlingsmütter teil.
Fayda lernt täglich Neues und fühlt sich nicht mehr wertlos
Fayda ist ein 11-jähriges, syrisches Mädchen. Sie floh vor zwei Jahren mit ihrer Familie in den Libanon. Auf ihrem Weg in den Libanon muss sie schreckliche Dinge erlebt haben. Der Schock in ihrem Gesicht war so offensichtlich und sprach Bände. Fayda lebt nun mit ihren Eltern und ihrem achtjährigen Bruder in einer kleinen Wohnung in Nabaa in der Nähe unseres Zentrums. Ihr Bruder leidet an Trisomie 21 und die Familie konnte keinen heilpädagogischen Betreuungsplatz für das behinderte Kind finden. Deswegen muss es bei seiner Mutter zuhause bleiben.
Auch Fayda hatte noch nie ein Schulzimmer betreten und half ihrer Mutter zuhause im Haushalt. Ihre Mutter hatte grosse Angst, dass ihre Tochter ohne eine Schulbildung aufwachsen und als Analphabetin ohne Selbstachtung leben müsse. Faydas Mutter hörte von unserem Zentrum von einer Nachbarin. Fayda besucht nun bei uns Kurse in Rechnen, Lesen und Schreiben, sowie Freizeitaktivitäten und Persönlichkeitsbildung. Inzwischen konnte sie eine Menge lernen. Ihre Mutter kommentiert Faydas Fortschritte: «Ich bin sehr erleichtert, dass meine Tochter das Zentrum besuchen kann. Sie lernt täglich Neues und fühlt sich nun nicht mehr wertlos anderen Kindern gegenüber.»
Eine grosse Kluft
Nahima unterrichtet an der öffentlichen Schule in Nabaa. Die Lehrerin erzählt: «Lernen ist eine der besten Methoden, um die Notlage von Flüchtlingskindern zu lindern. Lernen ist ein Recht aller Kinder. Die Kinder hier sind sehr lernbegierig. Die Schule schafft einen sicheren Platz für diese Kinder, wo sie weniger verletzbar und vor Missbrauch geschützt sind. Zwischen den Flüchtlingskindern und den anderen
Kindern hier im Libanon stelle ich eine grosse Kluft fest, die auch durch den sehr unterschiedlichen Erziehungshintergrund dieser Kinder bedingt ist. Kinder mit älteren Geschwistern lernen leichter. Einige Kinder haben ausgesprochene Lernschwierigkeiten, einige sind hyperaktiv, aber bei allen versuchen wir einen Weg zu finden, sie in den normalen Unterricht einzubeziehen.»
Nahima erinnert sich an ein 10-jähriges Mädchen, das bei ihr den Unterricht besuchte: «Das Mädchen war sehr schüchtern und konnte sich schlecht ausdrücken. Ich legte ihren Fall dem Zentrum Beit-el-Nour vor. Das Mädchen wurde psychologisch abgeklärt und konnte dort verschiedene psychologische Programme besuchen. Das Mädchen kann sich heute besser ausdrücken, sie nimmt aktiv an den Gruppenarbeiten teil und macht grosse Fortschritte in ihrer Klasse.»
Unsere Möglichkeiten sind sehr begrenzt
Eltern, deren Kinder unser Zentrum besuchen, erzählen: «Als Flüchtlinge im Libanon sehen wir uns hier mit einem völlig anderen Schulsystem konfrontiert. Unsere Kinder sind neuen Unterrichtsfächern, anderen Stundenplänen und einem anderen Unterrichtsstil gegenübergestellt. Deshalb braucht es eine spezielle Anstrengung von unserer Seite. Wir sind sehr froh, dass unsere Kinder an einem vorbereitenden Lernprogramm in den beiden Zentren in Nabaa und Sabra teilnehmen und sich so auf den Schulbesuch vorbereiten können.»
Ein Vater meint: «Unsere Möglichkeiten, um unsere Kinder beim Erlernen des Unterrichtsstoffes und beim Erledigen der Hausaufgaben zu helfen, sind sehr begrenzt. Unsere Kinder kommen mit einer enormen Menge von Hausaufgaben heim. Sie sind müde vom Lernen den ganzen Tag lang, von der grossen Stoffmenge und von den wöchentlichen Prüfungen. Oft vergessen sie ihre Bücher oder ihre Hausaufgabenhefte, so dass wir keine Ahnung haben, was zu tun ist. Dazu kommt, dass wir in sehr beengten Verhältnissen als Familie leben müssen und sich die Kinder zu Hause deshalb nicht konzentrieren können. Bei vielen Fragen fühlen wir uns völlig überfordert.»
Die Lern- und Beratungszentren von Beit-el-Nour in Sabra und Nabaa bieten Nachhilfeunterricht für Flüchtlingskinder in Französisch, Englisch, Arabisch, Mathematik und Naturwissenschaften. Sie bieten Hausaufgabenhilfe. Fragen werden beantwortet und der Lernstoff nochmals erklärt. Im Zentrum können die Kinder in einer ruhigen Atmosphäre arbeiten. Ausgebildete Lehrpersonen stehen zur Verfügung, um den Kindern zu helfen und die nötigen Wissenslücken zu schliessen. Das Zentrum ist ein gastfreundlicher Ort, wohin die Kinder gerne gehen, weil sie sich hier sicher und verstanden und wirklich in ihren Fragen unterstützt fühlen. Ein Team von Sozialarbeitern und Psychologen steht für besondere Aufgaben bereit.
+ Robert Caracache, Beirut