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Sie sitzt zwei Stühle von mir entfernt, aufrecht mit durchgestrecktem Rücken. Ihr Gesichtsausdruck zeigt mir ihr Unbehagen, gleichzeitig strahlt sie eine natürliche Würde aus. Lady like, würden es die Bewohner von Victoria vermutlich bezeichnen.
Wir sitzen in einem Warteraum zur Radiology in der Emergency of Island Medical Victoria. Die junge Frau zwischen uns wird aufgerufen. Wir sind unter uns. Da spricht sie mich an:
Warten Sie auch schon lange? Ihr English ist perfekt, doch ihr Akzent ist unverkennbar französisch.
Parlez vous français?, meine Frage. Ihr Gesicht hellt sich etwas auf.
Ah … oui ! Ob ihr Akzent so stark sei, fragt sie mich etwas erstaunt.
Wir tauschen unsere Unfälle aus. Sie war bei einer Freundin um Thanksgiving zu feiern, stolperte über eine Schwelle und brach sich vermutlich die Schulter. Aber mein Unfall und die Folgen für unsere Ferienreise seien ja viel schlimmer als der ihrige. Dabei verzieht sie schmerzvoll das Gesicht.
Wir bekommen gewärmte Tücher, geniessen, dass die von den Schmerzen verursachte Kälte etwas abnimmt.
Später erzählt sie mir ihre Einwanderungsgeschichte: Sie kam mit ihrem Mann aus Frankreich nach Kanada. Er sei vor 40 Jahren verstorben, und sie lebe alleine hier in Victoria. Alleine mit ihren 82 Lebensjahren. Wenn es einmal nicht mehr möglich sei, würde sie in ein Asyl umziehen.
Meine Frage, ob es für sie nicht einfacher wäre im französischen Gebiet Kanadas zu leben, verneint sie vehement.
C‘est à cause du clima. A Québec les hivers sont terriblement froids.
Da werde ich aufgerufen. Wie gerne hätte ich ihr den Vortritt gelassen! Sie wartet schon länger als ich. Aber als Ausländerin werde ich offensichtlich privilegiert behandelt.
Wir wünschen uns gegenseitig alles Gute und vermuten, dass wir uns im nächsten Warteraum wiedersehen werden. Dem ist nicht so.
Am nächsten Tag während der Stadtbesichtigung verstehe ich die französische Lady. Sie passt in diese englische Stadt, und ich hoffe sehr, dass es ihr bald wieder besser gehen wird.