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Eines der grössten Editionsprojekte weltweit will jedes Wort zugänglich machen, das die Väter des Marxismus geschrieben haben. Ende Jahr wird ein Etappenziel erreicht.
Der Marxismus mag akademisch ausser Mode sein - ausserhalb der akademischen Welt ist das Interesse am Werk von Marx und Engels weltweit gross. Die blauen Bände der Marx-Engels-Werke (MEW), die nach 1989/90 im Ramsch oder auf dem Müll landeten, werden inzwischen in Massenauflagen nachgedruckt. Kongresse zu Karl Marx (1818- 1883), Friedrich Engels (1820-1895) oder auch Rosa Luxemburg (1871-1919) - am Rande des akademischen Betriebs, aber mit Beteiligung von Fachleuten aus vielen Ländern - können heute wieder auf ein interessiertes und junges Publikum zählen.
Die Marxologie blüht, vor allem in den angelsächsischen Ländern, aber auch in Asien. Und die wichtige Nachricht lautet: Die Arbeit an der Marx-Engels-Gesamtausgabe geht, nach einer Unterbrechung, weiter. Jedes Jahr erscheinen zwei bis drei neue Bände in Blau mit Goldprägung und exzellenter Ausstattung beim Akademie-Verlag in Berlin. Das Akronym des Projekts - Mega - passt wahrlich: Geplant sind 114 Bände, wovon 52 erschienen sind - wobei jeder Band in zwei Büchern erscheint, eines für den Text und eines für den Apparat, und viele Bände in Teilbände aufgeteilt sind. Die Mega ist eines der grössten wissenschaftlichen Editionsprojekte weltweit und sicherlich eines der langwierigsten. Wenn alles gut geht, wird die Mega um das Jahr 2050 herum abgeschlossen sein.
Opfer des Stalinismus
Ein erster Versuch, den «ganzen» und den «authentischen» Marx und Engels in einer historisch-kritischen Edition zugänglich zu machen, wurde in den 1920er Jahren in der Sowjetunion unternommen. Er ging in den grossen Säuberungen der Stalinzeit unter: Viele MitarbeiterInnen, darunter der Projektleiter, der international geachtete Marx-Forscher (und Lenin-Kritiker) Dawid Rjasanow, verschwanden in Lagern oder wurden erschossen. Aber dieses erste Mega-Projekt leistete die Pionier- und Vorarbeiten - vor allem die Entzifferung der tausenden von Seiten unveröffentlichter Manuskripte in Marx’ kaum leserlicher Handschrift.
Die erste Mega brachte eine ganze Reihe von Sensationen. Sie veröffentlichte 1925 erstmals die «Deutsche Ideologie»; sie entdeckte die «Ökonomisch-philosophischen Manuskripte», in denen der junge Marx 1844 in Paris den ersten Anlauf zur Kritik der Politischen Ökonomie genommen hatte. Erstmals veröffentlicht wurden auch die «Grundrisse» von 1857/58; ein Text, der wie kein anderer die Marx-Diskussion der 1960er und 1970er Jahre bestimmen sollte.
Solche neuen Texte zwangen dazu, das Marx-Bild gründlich anzupassen. Hohen Chargen der KPdSU war das suspekt, sodass eine Wiederaufnahme des Editionsprojektes nach dem Zweiten Weltkrieg in der Partei auf Widerstand stiess und erst in den sechziger Jahren gelang. Die Mega wurden nun von den Marxismus-Leninismus-Instituten der Kommunistischen Parteien der Sowjetunion und der DDR und der ostdeutschen Akademie der Wissenschaften bearbeitet.
Nach der Wende von 1989/90 schien es, trotz der unbestritten hohen Qualität der geleisteten editorischen Arbeit, mit diesem Prestigeprojekt des offiziellen Marxismus-Leninismus vorbei zu sein. Gerettet - und in veränderter Form weitergeführt - wurde die Mega dank des Engagements vieler Gelehrter und Institutionen. 1990 wurde die Internationale Marx-Engels-Stiftung (IMES) gegründet - als Netz von wissenschaftlichen Instituten, die die Mega fortführen wollten. Dazu gehören das Internationale Institut für Sozialgeschichte in Amsterdam, das Karl-Marx-Haus in Trier und die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften in Berlin. Finanziert wird das Projekt heute unter anderem von Deutschland, den Niederlanden, Russland und der EU. Marx und Engels wurden fortan nicht mehr als «Klassiker des Marxismus-Leninismus» behandelt; jede Vereinnahmung, jede politisch motivierte Kommentierung sollte unterbleiben. Die etwa sechzig MitarbeiterInnen der Mega kamen fortan aus vielen Ländern und brauchten nicht länger «MarxistInnen» zu sein. Heute kommen sie aus neun Ländern auf vier Kontinenten - fast ein Drittel von ihnen lebt und arbeitet in Japan; nur eine Hand voll sind hauptamtliche EditorInnen und MarxologInnen.
Zu den editorischen Prinzipien der Mega gehört es, dass alles, was im Nachlass von Marx und Engels erhalten ist, vollständig und ungekürzt publiziert wird. Die Texte werden in ihren Entstehungsstufen gezeigt, womit der Prozesscharakter, auch das Unabgeschlossene vieler Schriften beider Autoren deutlich wird. Gerade für Marx gilt, dass selbst sein Hauptwerk «Das Kapital» in weiten Teilen unfertig war. Erschlossen werden die Texte durch umfassende Erläuterungen.
Journalistische Edelfedern
Die zweite Mega ist in vier Abteilungen gegliedert: Die Abteilung I enthält alle Bücher, Artikel und deren Entwürfe mit Ausnahme des «Kapitals», dem die Abteilung II gewidmet ist. Abteilung III bringt den Briefwechsel von Marx und Engels - nicht nur die Briefe von, sondern auch an Marx und Engels. Abteilung IV - Exzerpte, Notizen und Marginalien - wird einen Blick in die Arbeitszimmer Marx’ und Engels’ gestatten.
In den Bänden der ersten Abteilung sind zahlreiche Artikel von Marx und Engels veröffentlicht worden, die lange als verschollen galten oder deren Autorschaft zweifelhaft war. Damit sind die Journalisten Marx und Engels zu entdecken, die sich zu den meisten grossen und kleinen Ereignissen ihrer Zeit in glänzendem Stil geäussert haben. Gerade Marx’ politische Theorie, von der viele noch heute meinen, es gebe sie nicht, findet sich hauptsächlich in Artikeln und Artikelserien über die französische Revolution von 1848, den Staatsstreich des Louis Bonaparte, über die Ereignisse im französischen Second Empire, die spanischen Revolutionen der 1820er und 1840er Jahre, über die britischen Parlamentsdebatten der 1840er und 1850er Jahre, über die Vorgeschichte des amerikanischen Bürgerkriegs. Als respektlos scharfe Kritiker des Zeitgeistes sind Marx und Engels in diesen Bänden noch zu entdecken.
Ende dieses Jahres oder spätestens Anfang 2007 erscheinen die drei letzten Bände der zweiten Abteilung. Dann wird zum ersten Mal die Gesamtheit aller Texte von Marx, die seinem lebenslangen Projekt, der «Kritik der Politischen Ökonomie» gewidmet waren, zugänglich sein. Dieser «ganze Marx» ist unvollendet: Marx war nicht fertig. Am ersten Band des «Kapitals» arbeitete und feilte er auch nach dessen Veröffentlichung 1867 unablässig weiter, in der erklärten Absicht, nach dem Abschluss des zweiten und dritten Bandes eine völlige Umarbeitung vorzunehmen. Marx sah also sein eigenes Werk viel skeptischer als die meisten MarxistInnen.
Dank der Mega wird dieser unabgeschlossene Forschungsprozess nachvollziehbar. In Kürze werden nun die zahlreichen Manuskripte zum zweiten Band des «Kapitals», die zwischen 1868 und 1882 entstanden sind, zum ersten Mal veröffentlicht. Ausserdem enthalten die Bände der zweiten Abteilung die Materialien, die Engels als Bearbeiter und Herausgeber der marxschen Manuskripte zum zweiten und dritten Band des «Kapitals» angefertigt hat. Damit wird die alte Debatte, ob Engels das «Kapital» verfälscht habe, auf solider Grundlage entschieden: Von «Verfälschung» kann keine Rede sein.
Bekannte Marx-Texte können dank der Mega neu entdeckt werden, da sie zum ersten Mal gemäss der Originalniederschrift veröffentlicht werden. So haben Marx und Engels nie ein Buch namens «Deutsche Ideologie» - diese war einst ein Hauptwerk des Marxismus-Leninismus - geschrieben: Das Original, bisher nur teilweise zugänglich, ist eine Artikelreihe, die ganz anders angeordnet war, fragmentarisch, mit zahllosen Spuren der Überarbeitung, welche genau den Prozess der Selbstverständigung zeigt, von dem Marx und Engels selbst sprachen. Kein klassisches Werk - aber das Dokument eines offenen Such- und Lernprozesses, wie er grossen Gelehrten wohl ansteht.
Unhaltbare Legenden
Einige Mythen und Legenden der Marxologie beziehungsweise des «Marxismus» sind dank der Mega schon gründlich widerlegt worden: So der Mythos vom «alten Marx», der resigniert aufgegeben habe, oder die Legende vom «Bruch» zwischen dem «alten» und dem «jungen» Marx, die mit Blick auf die in der Mega schon veröffentlichten Texte völlig unhaltbar ist. Die Legende von Marx, der auf dem ökologischen Auge blind war, kann man ebenfalls getrost vergessen. Und weitere Überraschungen warten: Vor kurzem ist ein Grossteil der naturwissenschaftlichen Exzerpte von Marx zum ersten Mal veröffentlicht worden. Bald werden auch die weit gespannten marxschen Studien zur politischen, zur Sozial- und zur Wirtschaftsgeschichte zugänglich gemacht sein.
Die akademische Disziplin «Marxismus», wie sie die sozialistischen Staaten kannten, ist verschwunden. In China gibt es heute wieder eine lebendige Marx- und Marxismus-Diskussion, die sich am «westlichen» Marxismus und an der Mega orientiert. Die akademischen MarxistInnen, die nach 1968 in Westeuropa und in den USA auf Lehrstühle kamen, sind heute fast alle pensioniert oder haben resigniert. Nach 1990 war es unfein und der Karriere schädlich, MarxistIn (gewesen) zu sein. Doch für akademische MarxistInnen und solche, die es werden wollen, bietet erst die Mega eine zuverlässige Grundlage für eine wissenschaftliche Beschäftigung mit Marx und Engels. Marx vor allem hat - wenn auch in unfertiger Form, als Entwurf und Fragment mehr denn als «Werk» - all das zu bieten, wonach diejenigen rufen, die mit dem heutigen Zustand der Sozialwissenschaften zu Recht unzufrieden sind: die Verbindung von Theorie und Geschichte, das Überschreiten der künstlichen und unproduktiven Disziplingrenzen (auch «Interdisziplinarität» genannt), Sinn für Allgemeines wie für Besonderes, rücksichtlose Kritik alles Bestehenden, einen offenen Blick und das nötige analytische Instrumentarium, um eine Welt zu begreifen, die sich in ständiger Veränderung befindet. Was viele schon wieder vergessen haben: Marx war nicht nur der Prophet der «Globalisierung», sondern zugleich ihr erster und hellsichtigster Kritiker.
Als solchen brauchen wir ihn heute mehr denn je.