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Der 44-jährige Oppositionskandidat gewinnt eine Wahl, die schon abgesagt war, mit grossem Vorsprung. Er wird beweisen müssen, mehr als nur ein «Plan B» zu sein.
Es liegen nur ein paar hundert Meter oder fünf Minuten im Auto zwischen dem Ort, wo Bassirou Diomaye Faye die letzten elf Monate verbrachte, und dem, wo er künftig arbeiten wird. Und doch Welten: Bis vor wenigen Tagen sass Faye im Gefängnis, nun zieht er in den Präsidentenpalast ein.
Am Montagnachmittag hat der Kandidat von Senegals Regierungskoalition, Amadou Ba, seine Niederlage bei der Präsidentschaftswahl vom Sonntag eingestanden. Ein offizielles Resultat liegt noch nicht vor. Aber laut senegalesischen Medien führt Faye mit 57 Prozent der Stimmen und dürfte locker das absolute Mehr erreichen, das er für einen Sieg im ersten Wahlgang benötigt.
Der 44-jährige Faye, der bis vor kurzem relativ unbekannt war, wird damit der fünfte Präsident von Senegal, einer früheren französischen Vorzeigekolonie mit 17 Millionen Einwohnern. Faye gewann eine Wahl, die mehrere verrückte Wendungen nahm. Die meisten Experten hatten damit gerechnet, dass die Wahl erst im April in einer Stichwahl entschieden würde. Nun ist sie es nur einen Tag nach der Wahl. Mehrere Medien schrieben von einem «politischen Beben».
Ein ungewöhnlicher Machtwechsel
Fayes Sieg ist auch einer für die senegalesische Demokratie, auf die man im Land stolz ist. Senegal hat eine starke Zivilgesellschaft und hat nie einen Militärputsch erlebt. Das macht das Land zu einer Ausnahme in Westafrika, gerade in den letzten Jahren, in denen Militärs in einer Reihe von Ländern die Macht ergriffen.
In den vergangenen drei Jahren hatte aber auch Senegals Demokratie schweren Schaden genommen. Das lag vor allem an Präsident Macky Sall, der seit 2012 regierte und lange damit liebäugelte, für eine verfassungswidrige dritte Amtszeit zu kandidieren. Bei Protesten wurden seit 2021 Dutzende von Demonstranten getötet. Hunderte von Oppositionellen wurden inhaftiert, auch Journalisten sassen im Gefängnis.
Wenige Wochen vor der Wahl, die eigentlich auf den 25. Februar angesetzt war, erklärte Präsident Sall in einer Fernsehansprache, die Wahl werde auf Dezember verschoben. Die Opposition sprach von einem «Verfassungscoup». Es folgten neue Proteste, internationaler Druck und schliesslich ein Entscheid des Verfassungsgerichts. Dieses erklärte die Verschiebung für widerrechtlich. Sall lenkte ein.
Unter diesen Umständen war es schon bemerkenswert, dass die Senegalesinnen und Senegalesen überhaupt wählen konnten. Dass der Kandidat der Opposition nun schon einen Tag nach der Wahl als Sieger feststeht, kommt einer Sensation gleich. Auch mit Blick über Senegal und Westafrika hinaus: Machtwechsel zwischen rivalisierenden Parteien sind in Afrika sehr selten. Ungewöhnlich ist auch das Alter des künftigen Präsidenten: Faye, der am Montag seinen 44. Geburtstag feierte, ist der bisher jüngste Präsident von Senegal. Er ist auch einer der jüngsten Präsidenten auf einem Kontinent, auf dem sich mehrere über 80-Jährige an die Macht klammern.
Der eigentliche Oppositionsführer wurde verurteilt
Dass Faye so deutlich gewann, dürfte stark mit der Unbeliebtheit von Macky Sall zusammenhängen. Dieser hatte einst gesagt, ein Präsident, der sein Mandat entgegen dem Gesetz zu verlängern versuche, verliere seine Legitimität. Im Verlauf seiner zwölf Jahre an der Macht änderte er seine Meinung offenbar. Sein Mandat endet am 2. April.
Salls Nachfolger ist nicht die grosse Figur der senegalesischen Opposition. Das ist Ousmane Sonko, ein 49-jähriger Populist, der wie Faye einst Steuerinspektor gewesen war. Sonko war jedoch von der Wahl ausgeschlossen, weil er 2023 wegen «Verführung Minderjähriger» verurteilt worden war. Ihm wurden sexuelle Übergriffe gegen eine Mitarbeiterin eines Massagesalons vorgeworfen. Sonko bezeichnete die Anklage als politisch motiviert.
Weil Sonko nicht zur Wahl antreten konnte, kürte seine Partei, die 2023 verbotene Pastef, Sonkos Weggefährten Faye zum Kandidaten. Weder Sonko noch Faye machten ein Hehl daraus, wer der eigentliche Oppositionsführer sei. Sonko bezeichnete Faye als «Plan B». Eine Stimme für Faye sei eine Stimme für Sonko. Faye wiederum bezeichnete sich in Interviews als «Ersatzkandidaten».
Mehr als ein Stellvertreterpräsident?
Fayes Bekanntheit stieg in den Monaten vor der Wahl auch, weil er wie Sonko inhaftiert war, im selben Gefängnis in Dakar, aber ohne die Möglichkeit, zu kommunizieren. Die Behörden warfen Faye unter anderem Verleumdung und das Verbreiten von Falschnachrichten vor.
Faye und Sonko kamen nur zehn Tage vor der Wahl frei. Sie profitierten von einem Amnestiegesetz, das Präsident Sall im letzten Moment angeregt hatte, angeblich um die politischen Spannungen zu entschärfen. Kritiker warfen dem Präsidenten vor, er wolle mit dem Gesetz auch eine strafrechtliche Verfolgung der Übergriffe gegen die Opposition verhindern.
Der neue Präsident Faye, eine weniger schillernde Persönlichkeit als sein Mentor Sonko, wird beweisen müssen, dass er mehr ist als ein Stellvertreterpräsident. Es ist möglich, dass Sonko der eigentlich starke Mann in Senegals Regierung wird, zum Beispiel in der Funktion des Premierministers.
Fayes Wahl dürfte unter anderem in Frankreich und bei internationalen Investoren Sorgen auslösen. Faye vertritt ein Programm, das sich gegen die etablierten Eliten richtet und auf mehr nationale Souveränität pocht. Er will zum Beispiel prüfen, ob die Währung CFA ersetzt werden soll. Diese wird in 14 afrikanischen Ländern benützt, sie stammt noch aus der Kolonialzeit und ist an den Euro gebunden. Faye will auch die Verträge mit internationalen Firmen neu aushandeln, die ab diesem Jahr neu entdeckte Gasvorkommen vor Senegals Küste ausbeuten wollen.