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Neue Fördertechniken wie das Fracking mischen den Energiemarkt auf.
Im Jahr 2006 veröffentlichte Thomas Friedman, der einflussreiche Kolumnist der «New York Times», im geopolitischen Fachmagazin «Foreign Policy» einen Essay, in dem er das erste Gesetz der Petropolitik proklamierte. Es handelt sich dabei um ein sehr simples Gesetz: Der Preis von Öl und die Zunahme von Demokratie und Freiheit bewegen sich in entgegengesetzte Richtungen.
Oder anders ausgedrückt: Je teurer das Öl, desto unfreier sind die Menschen. Als Beweis für seine These führte Friedman Länder wie Russland, Venezuela und Saudi-Arabien an. Wladimir Putin, Hugo Chávez und das saudi-arabische Königshaus wurden mächtiger und diktatorischer, je mehr Geld das schwarze Gold in ihre Kassen spülte.
Heute wirkt das Gesetz der Petropolitik in die andere Richtung. Neue Fördertechniken wie das Fracking und eine neue Politik wie die Energiewende mischen den Markt auf. Schiefergas und Wind- und Solarenergie bringen nicht nur Stromkonzerne ins Schleudern, sie sorgen auch dafür, dass die geopolitischen Karten neu verteilt werden. Aber der Reihe nach:
Als Friedman sein erstes Gesetz der Petropolitik verkündete, sprachen die Energiepolitiker von PeakOil und spekulierten, ob die Weltwirtschaft einen Ölpreis von 200 Dollar pro Fass würde verkraften können. Der damalige US-Präsident George W. Bush forderte seine Landsleute auf, sich von ihrer Ölsucht zu entwöhnen und hoffte insgeheim auf eine Öl-Dividende aus seinem Feldzug im Irak.
Heute spricht man von Fracking und die USA sind wieder zum zweitgrössten Ölproduzenten der Welt geworden. Spätestens 2020 wollen die Amerikaner ihre Energie-Autonomie wieder erreicht haben und von Importen unabhängig sein. Präsident Barack Obama zerbricht sich den Kopf, ob er den Export von Erdgas erlauben soll, während die Erdöl exportierenden Länder froh sind, wenn der Preis für ein Fass nicht unter 100 Dollar fällt.
In den letzten fünf Jahren ist der Preis von amerikanischem Erdgas auf etwa einen Drittel des Preises gefallen, den Gazprom von seinen Kunden verlangt. Weil es offenbar viel mehr davon gibt als ursprünglich angenommen, sind die Amerikaner zunehmend bereit, dieses Gas auch zu exportieren. Der Präsident hat kürzlich den Bau für den sechsten Schiffsterminal für Flüssiggas LNG abgesegnet. Das verbessert nicht nur die amerikanische Handelsbilanz, das hat auch Auswirkungen auf Geopolitik.
Der russische Präsident Wladimir Putin hat sich zwar an den kostspieligsten Olympischen Winterspielen aller Zeiten feiern lassen. Die neue Energiesituation sorgt jedoch dafür, dass der Rubel künftig nicht mehr so locker rollen wird. Es fallen keine unerwarteten Gewinne aus überraschend steigenden Gas- und Ölpreisen an. Im Gegenteil, Russlands Energie-Kunden unternehmen alles, um sich aus ihrer Abhängigkeit von Moskau zu befreien.
Litauen lässt derzeit in Südkorea für 330 Millionen Dollar ein Transportschiff für LNG bauen, das nicht zufällig «Independence» heisst. Mit dem neuen Schiff soll die Abhängigkeit des kleinen baltischen Staates von Gazprom endgültig Geschichte sein. Erdgas wird ab 2015 von Katar bezogen.
Aus dem gleichen Grund wird auch in Polen an einem LNG-Terminal für eine Milliarde Dollar gearbeitet. Die Polen haben die Lektion gelernt, die Putin der Ukraine erteilt hat. Sie wollen sich nicht erpressen lassen und sind bereit, Erdgas aus dem Persischen Golf zu importieren, obwohl dies wirtschaftlich unsinnig ist.
Während die Russen Kunden verlieren, verlieren die USA ihr Interesse an der Rolle des Weltpolizisten. «Wenn Amerika sein Öl wieder selbst fördern kann, warum soll es weiterhin Blut und Geld opfern, um den Mittleren Osten zu befrieden?», fragt sich der «Economist». Eine berechtigte Frage. Die Amerikaner sind kriegsmüde. Irak war ein Debakel, selbst die erhoffte Öldividende ist ausgeblieben – das Geschäft machen die Chinesen – und aus Afghanistan wollen die GIs lieber heute als morgen verschwinden.
Auch die Umweltpolitik wird durch das Fracking auf den Kopf gestellt. Erdgas ist nicht nur billig, es erzeugt auch weit weniger CO2 als Kohle. Deshalb steigen immer mehr US-Stromerzeuger auf Erdgas um. Den Amerikanern gelingt es daher, den Ausstoss dieses Treibhausgases zu reduzieren. Das führt zu nicht beabsichtigten Konsequenzen in Europa. Kohle aus den USA ist so billig geworden, dass sich ihr Import lohnt.
Nach grossen Defiziten ist daher kürzlich in den britischen Midlands ein grosses Gasstromwerk eingemottet worden. «Der US-Schiefergas-Boom killt die Gaswerke in Europa», schreibt die «Financial Times». «Weil sich die amerikanischen Produzenten dem im Überfluss vorhandenen Erdgas zuwenden, haben sich die US-Kohleproduzenten neue Märkte gesucht – und haben Europa überschwemmt. Plötzlich ist es für europäische Stromhersteller billiger geworden, mit amerikanischer Kohle als mit europäischen Gas zu produzieren.»
Auch die deutsche Energiewende bringt die traditionellen Stromhersteller in Nöte. Zu Spitzenzeiten produzieren Windmühlen und Solarzellen inzwischen mehr Strom, als der Markt absorbieren kann. Das führt zur paradoxen Situation, dass an sonnigen und windigen Tagen die Stromhersteller dafür bezahlen müssen, dass sie Strom ins Netz einspeisen dürfen. Dadurch sind ihre Businesspläne unbrauchbar geworden. Viele Stromhersteller verdienen kein Geld mehr und wissen auch nicht mehr, in welche Anlagen sie investieren sollen.
Vielleicht liegt die Lösung in der Informationstechnologie. Um die sehr viel komplexer gewordene Situation im Energiebereich in den Griff zu bekommen, werden heute aufwändige Stromautobahnen und komplexe, lokale Verteilnetze gebaut. Diese «Smart Grids» sind IT-Wunderwerke. Sie sorgen dafür, dass Waschmaschinen dann waschen, wenn es zu viel Strom auf dem Markt hat und Elektroautos wie Batterien dann Strom abgeben, wenn Mangel herrscht.
Diese Aufgaben erfordern höchstes IT-Knowhow. Daher hat sich Google kürzlich für 3,2 Milliarden Dollar den Startup Nest Labs gekauft, ein Unternehmen, dass auf modernes Energiemanagement spezialisiert ist. Das könnte der Startschuss gewesen sein in eine Energiewelt, in der wir unseren Strom vielleicht nicht mehr von Axpo oder Alpiq beziehen, sondern von Google Energy oder Amazon Power.