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Sein Skizzenbuch ist ihm Begleiter, ist ihm Ohr, vielleicht gar Gesprächspartner. Was er aber in dieser Nacht in Stans erlebt, scheint ihm selbst beim Niederschreiben noch fast die Sprache zu nehmen: Er trifft auf eine Frau, die ihm das Mittellose und Ungebundene, das Simple und Anarchische, das Gewinnen und Verlieren, das Reisen und das sich Aussetzen, das Fallen und das wieder sich Aufrichten so drastisch vor Augen führt, dass er sich daneben wie ein Stümper vorkommt – ein Kitschpilger.
Tag 3, 30.04.1988, irgendwann am Abend
Die Art, wie Annrea wohnt, ist beeindruckend. Ein Dachkämmerchen, 4×4 Meter, ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, eine Gitarre, ein Kreuz, einige Bücher und Briefe, der Eingang mit Tüchern verhängt und das Dach mit Glaswatte und aufgetrennten und weissgetünchten Zigarrenboxkartons isoliert – fertig. Im Winter habe sie mit einem Pelzmantel geschlafen, die kleine Elektroheizung habe sie erst seit diesem Jahr.
Wir hockten zusammen, sprachen – vor allem sie –, tranken Wein und rauchten einen Joint. Sie erzählte von ihrem Leben, ausgehend von ihrem Exodus mit sechzehn Jahren und wie sie in Genf landete, am Neujahr ihren Pass zerriss und eigentlich vorhatte, mit dem Leben Schluss zu machen. Sie sang auf der Strasse und pöbelte alle Leute an. Eine Frau drückte ihr das Matthäus-Evangelium in die Hand. Mit ihrem Hund zusammen ging sie dann ins Tessin, fand dort eine Hütte, weit oben im Schnee, die mit Esswaren ausgestattet war. Da blieb sie, kam später ohne Pass über die Grenze nach Italien und begann ihre Wanderung. Ausgerüstet war sie mit einem Pfännlein, der Gitarre und dabei ihr Hund als Begleiter. So ging sie mit der Überzeugung: «Die Vögel des Himmels säen und ernten nicht und haben doch immer genug zu essen.»
Sie lernte ihre erste grosse Liebe kennen – da unterbrach sie und zeigte an, dass sie das nicht erzählen wolle. Irgendwie ging sie dann weg, traf eine andere Frau – sie selber 19 und die «andere» 16. Zusammen reisten sie fünf Jahre. Ihre Freundin, Lesbe, hat jetzt ein Kind und lebt in Genf. Getrennt hätten Ann Rea und sie sich nicht richtig, immer wolle ihre Kollegin zu ihr wohnen kommen. [ …]
Eingefahren ist mir, sie so auf dem Weg zu sehen, das Gute suchend und immer wieder abstürzend, sodass sie sagt: «Immer muss ich wieder bei Null beginnen. Das pfupft mich an und ich frage mich, ob ich nicht lieber für immer unten bleibe.» Diese Haltung, dieses Dilemma gepaart mit dem tiefen Glauben, der ganzen rudimentären Dachwohnung (so lebten wir während der Primarschule in unseren Hütten), ihrem eigentlich schönen Gesicht – ja, sie machte keinen verlebten Eindruck –, dem so schön ursprünglichen Nidwaldnerdialekt, diesem ewigen Zukunftsaussichtenfrust.
Beim Einschlafen gab sie mir noch ihren Winternachtmantel als Unterlage und ich hinterfragte alles, was sie gesagt hatte, nach seinem Wahrheitsgehalt. Ich schlief dann eine eigentlich ruhige Nacht, erwachte hie und da wegen der Kälte, hörte sie stöhnen.
Am Morgen stand sie auf, zog sich an, holte einen Kaffee auch für mich, fragte mich, ob ich nach ihrem Arbeitsabschluss noch da sei und wir küssten uns. «Take your time», sagte ich zu ihr.
Das Gehen nahm ich heute nicht so auf, meine Augen und Ohren waren beschlagen. Ich trug den ganzen Tag Annrea in mir. Ich bewundere sie. Der ewige Neubeginn, das Suchen und Scheitern, das imponiert. Es ist die Tragik des Menschen und zudem auch seine Bestimmung. Nur, Annrea muss noch von anderen Kräften schwer geschüttelt werden oder Masochistin sein, denn sie fordert das Leiden buchstäblich heraus. Aus ihrer eigenen Geschichte kann sie für sich praktisch nichts lernen. – Sie interessiert mich. Ich hoffe, ich höre wieder von ihr – Gutes. Sehr gespannt wäre ich auf eines ihrer Bücher.
Ich habe Woody doch noch erreicht. Werde bei ihm übernachten können.
Die Landschaft hier ist
So wunderbar gebirgig
und doch so offen
Felswändchen stufen die Ebenen ab
Seen zentrieren das Grün
Schneefelder krönen das Land
und Häuser und ganze Dörfer
besprenkeln die Matten.
Wunderbar hier zu wohnen
mit Blick auf den See, JA!