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Tiefencastel - St. Stephan
Tiefencastel liegt an der Hauptdurchgangsroute von Chur nach Chiavenna mit dem Zugang zu den Pässen Julier, Albula und Septimer. Der Ort ist seit mehr als zwei Jahrtausenden besiedelt. Schon in der Bronzezeit (12.-9.Jh. vor Chr.) siedelten Menschen der Urnenfelderkultur auf dem «Plattas» genannten Felsenkopf südwestlich des heutigen Kirchenhügels «Suloms». Die Urnenfelderkultur bestand von etwa 1300 bis 800 v. Chr. Der Bestattungsritus war Leichenverbrennung auf einem Scheiterhaufen und die Beisetzung des Leichenbrandes in Urnen. Aus bisher unbekannten Gründen wurde «Plattas» zu Gunsten der Besiedelung von «Suloms» aufgegeben. Im frühen Mittelalter (831) findet die Ortschaft als «Castello Impitinis» in einem Urbar des karolingischen Reichsgutes in Churrätien erstmals urkundliche Erwähnung. Nach diesem Urbar besass Tiefencastel schon zur damaligen Zeit ein Gotteshaus, die königliche Eigenkirche St. Ambrosius, die nordöstlich des Dorfes lag. Sie diente bis zum 14.Jh. als Pfarrkirche von Tiefencastel und teilweise auch von Alvaschein. Vermutlich durch eine Schenkung Ottos I. 960 an das bischöfliche Herrschaftsgebiet von Chur, ging Tiefencastel als Lehen an die Vazer und andere lokale Vasallen über. Nach Mitte des 16. Jh. war das Gericht Tiefencastel (niedere Gerichtsbarkeit), mit den Nachbarschaften Alvaschein und Mon, Teil des Hochgerichts Oberhalbstein im Gotteshausbund. Wegen dem Durchgangsverkehr der Passstrassen stand der Ort finanziell gut da. 1343 wurde die heutige Kirche St. Stephan erstmals «super colle sancti Stephani» erwähnt. Sie hat St. Ambrosius als offizielle Pfarrkirche verdrängt. Demnach zählt Tiefencastel zu den ältesten Pfarreien im Albulatal.
Der dreissigjährige Krieg und mehrere Besatzungszeiten, Truppendurchzüge und Einquartierungen setzten der Bevölkerung stark zu. Im Rahmen der Gegenreformation wählten die italienischen Kapuziner 1635 den Ort als Stützpunkt ihrer seelsorgerischen Mission im Albulatal .1650–1663 wurde die Kirche St. Stephan durch die Kapuziner neu erbaut. Auch der siebenjährige Krieg (1756-63) und die Franzosenkriege (1798-1813) setzten dem Handel und damit dem Ort stark zu. Erst der Neubau der Julierstrasse (1820-40) ermöglichte einen neuen Aufschwung.
Die stattliche Barockkirche erhebt sich auf einem Felsklotz, an dessen Fuss die Albula und Julia zusammenfliessen. Schon 1185 existierte auf «Suloms» eine Kapelle des Hl. Stephanus. 1519 wurde die Kirche erstmals grundlegend restauriert. Am 13. März 1649 unterzeichnete die Gemeinde mit dem Pater Fidele da Crema einen Vertrag, wonach die alte Pfarrkirche abgebaut und ein Neubau errichtet werden sollte. Bereits 1650-52 konnte durch die Misoxer Meister Martino Tovelli, Cesare Bellono und Girolamo da Salsino der Rohbau aufgerichtet werden. Die Zimmermannsarbeiten übernahm Meister Bernet aus dem Montafon. Die Stukkaturen wurden 1652 durch Giovanni Zuccali angefertigt. Diese Baumeister waren Mitglieder grosser Meisterfamilien aus Roveredo, die seit dem 16.Jh. in Graubünden tätig waren. Am 28. Juni 1660 wurde die neue Kirche durch den Churer Bischof Ulrich de Mont eingeweiht.
Ein bedeutender Einschnitt in der Geschichte geschah am 11. Mai 1890. Ein Grossbrand zerstörte weite Teile des Dorfes. 24 Häuser, 34 Stallgebäude und Teile der Kirche und des Kirchturms wurden in Mitleidenschaft gezogen. Das Dach, die Glocken, die Empore und die Orgel wurden vernichtet, während die Innenausstattung im Wesentlichen dem Feuersturm entging. 1892 wurde die Kirche wieder instand gesetzt. 1931 wurden die Fresken unsachgemäss restauriert und teilweise übermalt. 1972-82 wurden die Bilder in den Originalzustand zurückgebracht. Die Aussenfassade wurde 1957 restauriert, 1981-82 wurde eine Innenrenovation durchgeführt und 1982 eine neue Empore gebaut auf der die neue Orgel der Firma Mathis aus Näfels ihren Platz gefunden hat. Kurz vor der Fusion der Kirchgemeinden im Albulatal 2017 wurde die Kirche innen vom Russ und Staub gereinigt und sanft renoviert.
Der sakrale Bau auf dem Kirchhügel wird von einer Bruchsteinmauer umschlossen, mit Hauptzugang von Osten. Die Fassade ist architektonisch gegliedert. Die Form ist hochrechteckig und durch einen Dreieckgiebel abgeschlossen, der von den beiden seitlichen überdachten Portalen gespiegelt wird. Das Mitteljoch der Fassade zeigt ein Fresko von Josef Heimgartner (1868-1939) mit der Steinigung des Hl. Stephanus aus dem Jahr 1931. Die Kirche besteht aus einem kurzen Schiff und zwei symmetrischen Seitenkapellen und einem polygonalen Chor im Westen. Nördlich des Chors steht der Turm, dessen glatte Untergeschosse eine reich gegliederte Glockenstube mit weit vorragendem Kranzgesims tragen. Auf dem Obergeschoss setzt die Kuppelhaube mit einer Zierlaterne an. An der Süd-Front der Kirche ist eine Grabtafel von 1696, mit den Allianzwappen der Adelsfamilie Bevelaqua-Scarpatetti aus Tiefencastel angebracht.
Die barocke Kirche St. Stephan ist eine kreuzförmige, nach Westen gerichtete Anlage mit dreiseitig geschlossenem Chor zwischen dem Nord-Turm und dem jüngerem Sakristeianbau. Sie gehört zu den wenigen Kirchen in Graubünden, deren Grundriss die Form eines lateinischen Kreuzes bildet. Die flachen Seitenkapellen, deren Gewölbescheitel die Höhe des Hauptgewölbes erreichen, haben den Charakter eines Querhauses und bestimmen den Raumeindruck, indem sie mit der Choranlage eine breitgelagerte Raumfolge präsentieren. Die Belichtung der Kirche erfolgt durch Fenster in den Schildwänden der Gewölbe.
Der Chorraum besitzt ein tonnengewölbtes Joch, das durch eine Halbkugel im Presbyterium geschlossen wird. Ein stark plastisches System von Stukkaturen, dessen reiche Formen, zusammen mit den Fresken, den Chorraum als prächtiges Gehäuse des Altarschreins hervorheben, verdeutlicht die architektonische Struktur des Gewölbes. Die Malereien der Kartuschen und Zwickel zeigen musizierende Engel und die himmlischen Chöre. Im Presbyterium sind die vier Evangelisten (von li) Lukas, Matthäus, Markus und Johannes dargestellt. Im Deckenspiegel erscheint Gottvater umgeben von Engeln. Alle diese Gemälde dienen der Verherrlichung der Dreifaltigkeit und des Evangeliums.
Das Chorgestühl aus der Spätrenaissance stammt aus dem Jahr 1655 und wurde von Antonius Tini aus Tiefencastel geschaffen. Auch die Kanzel wurde von ihm geschaffen. Sie war ursprünglich am Platz des Schutzengelaltars und hatte einen Zugang aus der Sakristei. Ebenfalls vom begabten Schreiner und Schnitzer Tini stammt das Taufbecken in der Marienkapelle.
An der Rückwand des Chors erhebt sich der reich verzierte barocke Hochaltar aus dem Jahr 1655, dem eine einfache Holzmensa als Volksaltar vorgelagert ist. Der Altar wurde vom sonst unbekannten Meister Caspar aus Tirol geschaffen. Die Vergoldung machte der Maler Johannes Rudolf Sturn aus Chur. Der besondere Aufbau des Altars besitzt italienische Vorbilder und ist in Graubünden nur noch ein weiteres Mal, in Brusio, zu finden. Auf der Mensa steht ein monumentaler Tabernakel, der als zweigeschossiger polygonaler Tempel ausgebildet ist. Über dem Gebälk stehen Heiligenfiguren. Darüber erhebt sich der Aufsatz in dessen Nischen der Hl. Sebastian, der auferstandene Christus und der Hl. Rochus als freiplastische Statuetten stehen. Den Abschluss bildet eine sechsteilige Kuppel, die von einem Kreuz gekrönt ist. Beidseitig vom Tabernakel stehen Schreine mit demselben Formenkanon in vereinfachter Form. Der Tabernakel stellt das prunkvolle Zentrum der Kirche dar und wird von zahlreichen Engeln und Heiligen umgeben.
Die beiden Seitenaltäre wurden 1725 errichtet. Sie tragen die Signatur von Hilarius Sigron aus Obervaz. Der Schutzengelaltar (li) zeigt in der Retabelnische einen Schutzengel mit Kind, oben ergänzt durch den Hl. Michael, der den Teufel bändigt. Der rechte Altar enthält eine Statue des Hl. Antonius aus dem Jahr 1884. Im Auszug steht der Hl. Rochus mit dem Hund, der die Pestwunde leckt.
Die beiden Seitenkapellen entsprechen sich in ihrem architektonischen Grundmuster völlig. An der Rückwand befindet sich jeweils ein Altar aus Stuckmarmor. Die Marienkapelle im Süden ist der Rosenkranzkönigin gewidmet. In der Retabelnische befindet sich eine Marienstatue aus dem 19.Jh. Die Fresken stammen von Giulio Andreotto und haben die 15 Rosenkranzgeheimnisse zum Thema. Der fragmentarische Zustand der Fresken, resp. deren Oberflächenbeschädigungen stammen zum Teil aus der Entfernung des Russes nach dem Dorfbrand und zum Teil aus der Übermalung von 1931. Die Kapelle der Heiligen Sebastian und Antonius von Padua gliedert sich im Norden an den Kirchenraum an. Sie ist viel detailreicher als die Marienkapelle. Die Widmung des Altarbildes mit der Hl. Dreieinigkeit umgeben von Engeln (1667) nennt die in Tiefencastel ansässige Adelsfamilie Bevelaqua als Stifter. Eine zweite Inschrift berichtet vom Maler Augustino Redolfino aus Brescia, der 1690 die untere Hälfte des Bildes mit Christus als Lehrer gestaltet hat. Die Fresken an der Wand stammen von Andreotto und sind ikonographische Darstellungen. Sie schildern wesentliche Geschehnisse aus den Legenden der Kapellenpatrone.
Die Beichtkapelle im Norden unter der Empore ist neueren Datums. Sie beherbergt eine Gruppe von Holzfiguren, die ebenfalls Antonius Tini geschaffen hat. Die Apostel und die beiden trauernden Frauenfiguren stammen von 1700 und bilden ursprünglich eine figürliche Darstellung vom Tod Mariens, wobei die Hauptfigur heute fehlt und durch eine Jesusfigur bei der Grablegung ergänzt worden ist.
Quellen:
Peder Thöni, Gion: "Tiefencastel", in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 01.12.2016. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001413/2016-12-01/, konsultiert am 06.01.2021
P. Victor: Memorie storiche della Parochia di Castino, Tiefencastel 1883
Kunstführer durch die Schweiz, Hg. Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Band 2, Bern 2005
Kunstdenkmäler des Kt. Graubünden, Bd.I. und II., Basel 1937
Josef Angel Sigron, Tiefencastel 1968
PEDA-Kunstführer Nr.028.1/91, Kunstverlag Passau 1991