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Ihren siebten Geburtstag erlebte Agnes Hirschi in einem Keller, versteckt vor den Nazis. Heute hat es sich die Bernerin zur Aufgabe gemacht, das Andenken ihres Stiefvaters und Judenretters Carl Lutz zu bewahren, um junge Generationen zu inspirieren.
«Am schlimmsten war die Dunkelheit», erinnert sich Agnes Hirschi. Nach einigen Wochen war den 30 Menschen im Keller der Residenz des Schweizer Diplomaten Carl Lutz in Budapest das Öl ausgegangen. Im Kriegswinter 1944/45 harrten sie hier aus, unter ihnen Hirschi, damals sechs Jahre alt.
30 Bomben trafen das Haus über ihren Köpfen. «Die meisten von uns schliefen auf Matratzen am Boden, mein Bett bestand aus zwei zusammengeschobenen grünen Fauteuils.» Auch dass sie einen blauen Trainer
trug und das Spielen im Freien vermisste, weiss sie noch genau. Manchmal reichte das Licht, um Geschichten vorzulesen. «Ich sehe die Erinnerungen nun wieder plastisch vor mir.»
Lange hatte sie diese verdrängt. «Viele meiner Bekannten wussten gar nicht, dass ich aus Ungarn stamme», erzählt sie im schönsten Berndeutsch. Geboren als Kind ungarischer jüdischer Eltern in London, wuchs Agnes Hirschi in Budapest auf.
Dass im Pass des kleinen Mädchens Engländerin und Anglikanerin eingetragen war, war Chance und Risiko zugleich. «Meine Mutter wusste, dass die Nazis mich als feindliches Subjekt verfolgen würden – und sie aufgrund ihrer Abstammung. Also wandte sie sich an Carl Lutz, der Schutzbriefe und Schutzpässe ausstellte.» Lutz, Vizekonsul der Schweizer Gesandtschaft, fand Gefallen an Hirschis hübscher Mutter und stellte sie als Hausdame ein, so dass sie mit ihrer Tochter in der sicheren Residenz wohnen konnte.
Die Tricks der Diplomaten
Die deutschen Truppen besetzten Ungarn im März 1944. Hunderttausende Jüdinnen und Juden wurden deportiert, ghettoisiert und ermordet. Fotos aus Lutz’ Nachlass zeigen Menschenmengen vor der Gesandtschaft, schnell wurde ihm damals klar, dass die 7800 Schutzbriefe, die er im Namen der Schweiz ausstellen durfte, nie ausreichen würden. So vergab er die Nummern eins bis 7800 gleich mehrmals und hoffte auf ein baldiges Ende des Krieges. Andere Diplomaten griffen zu ähnlichen Tricks.
Was in der Schweiz nach Lutz’ Rückkehr als Kompetenzüberschreitung gerügt wurde, gilt heute als Heldentat. Lutz rettete Schätzungen zufolge bis zu 50 000 Menschen das Leben. Er wurde unter anderen von der israelischen Institution Yad Vashem als Gerechter unter den Völkern ausgezeichnet und erhielt ein Denkmal in Budapest.
Dass die Tage im Keller bei Hirschi Spuren hinterliessen, merkt man der aufgestellten Frau heute kaum an. Einzig sagt sie: «Nach über zwei Monaten im Februar 1945 wieder an die frische Luft zu kommen, war unglaublich. Bis heute habe ich es gerne hell und luftig.»
1995 ging Hirschi für einen Filmdreh nochmals die Stufen der langen schmalen Treppe in den Keller hinunter. «Dorthin zurückzukehren, hat mich erschüttert», erinnert sie sich. Vieles, was sie als Kind nicht verstanden hatte, arbeitete sie auf, traf Historiker und Überlebende. Ende der 90er half sie, die Ausstellung «Visas for Life», die die Geschichte der mutigen Diplomaten und Judenretter darstellt, zu erweitern und europaweit zu koordinieren.
Die Bezeichnung Holocaust-Überlebende scheute sie lange, fand ihre eigene Geschichte nicht besonders erzählenswert. «Ich wollte nie im Mittelpunkt stehen. Ich habe den Krieg durchgemacht, wie viele andere auch. Mir war stets klar: Ich war durch den Schutz, den Lutz uns ermöglicht hatte, privilegiert. Ich musste nicht hungern, kam nicht ins KZ.»
In den harten Nachkriegsjahren übersiedelte sie 1949 mit ihrer Mutter und Carl Lutz, der durch die Heirat Hirschis Stiefvater geworden war, nach Bern. «Ich war entwurzelt und erst unglücklich.» In der Schule fand sie dann Anschluss, entschloss sich, ein richtiges Bärner Meitschi zu werden.
In ihrer neuen Heimat heiratete sie einen begeisterten Berner, wurde Mutter und arbeitete als Journalistin. Durch Lutz’ Einfluss wurde Hirschi Methodistin und ist nun reformiertes Kirchenmitglied. Ihre jüdische Seite pflegt sie erst seit ein paar Jahren intensiver. «Heute stehe ich zwischen den zwei Religionen, bin beides.» Antisemitismus hat sie in ihrem Leben nie erlebt, findet, dass die Gesellschaft gegenüber religiösen Minderheiten offener geworden sei. «Ich hoffe, dass die Menschen merken, dass es nur einen Gott gibt und man sich doch zusammenfinden sollte.»
«Das ist ein Fortschritt»
Die verdrängten Kriegsjahre wurden für Hirschi erst wieder bedeutsam, als ihr Lutz auf seinem Totenbett das Versprechen abnahm, die Erinnerung an seine Rettungsaktion und die Verbrechen des Holocaust zu bewahren und Jugendlichen zu vermitteln.
In ihrem Einsatz zum Gedenken und für die Würdigung von Carl Lutz, den sie als herzensguten Vater und begabten Fotografen in Erinnerung behält, hat Hirschi seitdem viel erreicht. Ein Weg in Bern ist nach ihm benannt worden, ebenso ein Sitzungssaal im Bundeshaus. Zuletzt hat sich Hirschi für das Buch und die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors» der Gamaraal Foundation porträtieren lassen, die derzeit online zu sehen ist.
Je länger, je mehr Interesse spürt sie für dieses Stück Geschichte und ein kritisches Bewusstsein – auch in der Schweiz. «Ich spreche oft vor Schulklassen. Sie sind toll, schreiben mir Briefe, sind beeindruckt.»
Der Kampf gegen Hass auf Minderheiten, Rassismus und Kriegstreiberei endet in Hirschis Augen nie. Wenn sie die Bilder aus der Ukraine sieht, fühlt sie stark mit. «Die Menschheit schafft es nicht, friedlich zu leben. Aber zumindest halten die europäischen Länder jetzt zusammen, das ist ein Fortschritt.» Hirschi ist Realistin, vertraut aber auf die starke Stimme der Menschlichkeit. «Meine Botschaft an die jungen Menschen lautet immer: In einer ungerechten Situation muss man auf sein Herz hören und sich trauen, Menschen zu helfen.»
Michèle Graf