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Zur Editionspraxis
Die Martha von Castelberg-Edition verfolgt das Ziel, sämtliche vollständigen und autorisierten Werke der Komponistin der Öffentlichkeit in gedruckter und nach wissenschaftlichen Kriterien abgesicherter Form zugänglich zu machen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen handelt es sich bei den vorgelegten Notentexten um Erstausgaben. Die Edition erfolgt nach den Kriterien der Werkedition und stützt sich in der Regel auf eine Fassung letzter Hand. Skizzen, Entwürfe oder durch spätere Revisionen überholte Fassungen werden nicht im Notentext wiedergegeben, dienten der Edition aber als Referenzquellen zur kritischen Überprüfung der ermittelten Hauptquelle. Martha von Castelberg hat – zum Teil in Zusammenarbeit mit Interpreten oder speziell auf diese zugeschnitten – transponierte Fassungen autorisiert. Diese werden ebenfalls als edierter Notentext mitgeteilt. Die Edition beachtet hierbei die Chronologie, das heisst die Fassung in der Originaltonart ist der transponierten Fassung vorangestellt.
Die Werke sind entsprechend den musikalischen Gattungen und Besetzungen auf die Bände verteilt. Die interne Struktur der einzelnen Bände ist sinnfällig auf die praktische Nutzbarkeit ausgerichtet. Martha von Castelberg hat auf Datierungen weitgehend verzichtet. Daher kann bei den «Weltlichen Liedern» eine dem Usus entsprechende Orientierung an der Chronologie nur näherungsweise geschehen. Bei der geistlichen Vokalmusik erfolgt in erster Linie eine Orientierung an den vertonten Texten und ihrer theologischen oder gottesdienstlichen Funktion unter Berücksichtigung des Kirchenjahres.
Die Martha von Castelberg-Edition wendet sich nicht nur an die Forschung, sondern vor allem an die musikalische Praxis inklusive des Laienbereichs. Um eine leichte und intuitive Nutzbarkeit zu ermöglichen, wurde auf die Ausformulierung eines Kritischen Berichts mit textkritischen Anmerkungen und Lesartenverzeichnissen in Tabellenform verzichtet. Stattdessen werden editorische Eingriffe im Notentext entweder durch diakritische Zeichen (Strichelungen, runde Klammern) kenntlich gemacht oder in Fussnoten (mit * im Notentext) erläutert.
Auf inhaltlich besonders relevante Lesarten wird ebenfalls in den Fussnoten hingewiesen. Der Notentext ist nach den Kriterien des modernen Notensatzes erstellt, die Partituranordnung ist, ebenso wie die Notation bei transponierenden Instrumenten, normalisiert. Diesbezügliche Abweichungen gegenüber der Hauptquelle werden nicht eigens erwähnt. Ebenso werden dort fehlende Silbentrennstriche und Silbenbögen stillschweigend ergänzt. Im Gegenzug sind der Silbenstruktur zuwiderlaufende Bogensetzungen in der Singstimme getilgt. Bei der Textunterlegung ist die Rechtschreibung aktualisiert und gegebenenfalls korrigiert. Ebenso wurden grammatikalische Fehler bei den lateinischen Textvertonungen berichtigt, vermutlich intendierte Abweichungen von den Textvorlagen aber beibehalten. Bei den rätoromanischen Textvertonungen folgt die Edition der literarischen Vorlage, wodurch sich zum Teil deutliche Abweichungen von dem aktuell üblichen Sprachgebrauch ergeben.
Ein Kommentar mit Erläuterungen zu den edierten Werken ergänzt die Notenedition. Kurze Einzeldarstellungen führen in die Quellenlage und in die vertonten Texte ein. Eine Quellendiskussion erläutert Fassungsfragen, die Chronologie der Quellen und begründet die Auswahl der Hauptquelle, auf deren Basis die Edition erfolgte. Die Wiedergabe von Marginalien in den Notenquellen erfolgt diplomatisch in Guillemets. Hinsichtlich der Werknummerierung orientiert sich die Edition grundsätzlich an der Systematik des Inventarverzeichnisses von Lukas Näf und Matthias von Orelli, nimmt aber im Detail Ergänzungen bei Doppelvertonungen und Anpassungen bei der Bezifferung der Quellenchronologie vor. Flankiert wird der Anhang durch wissenschaftliche Gastbeiträge zu Einzelfragen.