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Indien und die Schweiz stehen seit Jahrzehnten in einem fruchtbaren Dialog – wirtschaftlich, kulturell und in der Forschungszusammenarbeit. Am 14. August 1948 unterzeichneten die beiden Länder einen Freundschaftsvertrag.
Der Schweizer Journalist und Autor Bernard Imhasly lebt seit einem Viertel Jahrhundert in Indien. Zuerst als Diplomat und dann als Korrespondent in Delhi, seit einem Jahr in Bombay.
In zahlreichen Artikeln und Büchern hat er die rasante Entwicklung des Landes beschrieben und kommentiert. "Schweizer Firmen gehörten zu den ersten grossen Investoren in Indien", sagt Imhasly gegenüber swissinfo.
swissinfo: Die Schweiz war das erste Land, das mit dem gerade unabhängig gewordenen Indien einen Freundschaftsvertrag abschloss. Warum ausgerechnet die Schweiz?
Bernard Imhasly: Der damalige Premierminister Jawaharlal Nehru suchte Länder, mit denen Indien freundschaftliche, wirtschaftliche und politische Beziehungen aufbauen konnte. Insbesondere Länder, die nicht verwickelt waren in die Kolonialgeschichte, keine Grossmächte wie die USA, die Sowjetunion, China.
Ausserdem kannte Nehru die Schweiz von mehreren Besuchen. Die Schweiz hatte schon damals im Vergleich zu ihrer Grösse international eine starke wirtschaftliche Präsenz.
swissinfo: Seit wann interessieren sich Schweizer Firmen für Indien?
B. I.: In den 1950er-Jahren gehörten Schweizer Firmen zu den ersten grösseren Investoren in Indien. Seither flog Swissair täglich nach Bombay. Doch bereits vorher, während der Kolonialzeit, waren Nestlé, Geigy und Brown Boveri da und bauten ihre Präsenz nach der Unabhängigkeit des Landes aus.
Zu den Schweizer Pionierfirmen in Indien gehören weiter die Maschinenfabrik Oerlikon-Bührle, die Eisenbahnwagon-Produzenten Schlieren und Schindler und die Textilindustrie-Firmen Sulzer und Rieter. Der Pharmakonzern Ciba richtete Ende 1950er-Jahre in Bombay das grösste Forschungslaboratorium Asiens ein.
swissinfo: Indische Informatiker sind weltweit präsent, auch in der Schweiz. Woher kommt der Vorsprung Indiens in diesem Sektor?
B. I.: Der Informatik-Boom in Indien wurde teilweise aus der Not geboren. Die Kontrollwirtschaft zwang einheimische Wissenschafter schon früh zur Innovation.
Ende der 1980er-Jahre merkten gewisse Unternehmer, dass sie zwar auf dem Gebiet der Hardware, also von Rechenmaschinen und Datenverarbeitungs-Techniken, mangels einer hoch technologischen Industrie nicht mithalten konnten, aber sehr wohl auf dem Gebiet der Prozesse, der Analyse und der Programmierung von solchen Maschinen, weil sie hier nur ihr Wissen einsetzen mussten.
swissinfo: Wie hat die Schweiz das Outsourcing nach Indien entdeckt?
B I.: Ein Manager einer Computer-Firma in der Westschweiz erfuhr beim Besuch seiner Mutter-Firma in Detroit, dass die US-Stadt die Verwaltung ihrer Systeme durch eine indische Software-Firma digitalisieren liess. Darauf nahm der Schweizer als erster Vertreter einer europäischen Firma Kontakt mit dem indischen Unternehmen auf.
Später war die Swissair das erste Luftfahrtunternehmen, das einen Teil seiner Buchhaltung und seiner Reservations-Systeme nach Bombay auslagerte.
swissinfo: Die Schweiz und Indien betreiben in Forschung und Wissenschaft eine Zusammenarbeit. Wie sieht die konkret aus?
B. I.: Es gibt grosse staatlich geförderte Projekte im Bereich des Wissenschaftsaustauschs der beiden ETH mit den Indian Institutes of Technology (IIT) und seit 20 Jahren die Zusammenarbeit im Bereich der Biotechnologie.
Federführend war hier erstaunlicherweise die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza), die früh erkannte, dass es nicht nur darum geht, direkt in den Dörfern die Armut zu bekämpfen, sondern auch im Bereich der Forschung und Entwicklung nach Lösungen für die grossen Probleme des Landes zu suchen.
swissinfo: Was tut die Deza heute in Indien?
B. I.: Laut einem Beschluss der Schweizer Regierung ist Indien nicht mehr ein Schwerpunktland der Entwicklungszusammenarbeit. Die Gelder wurden von 30 Mio. Franken im Jahr auf 8 bis 10 Mio. reduziert. Grosse Projekte sind nicht mehr möglich. Ich persönlich finde dies eine falsche Politik.
swissinfo: Warum?
B. I.: Die indische Wirtschaft wächst zwar schnell, aber auf pro Kopf der Bevölkerung umgerechnet, ist Indien immer noch ein sehr armes Land. Die Schweiz hat wichtige Massstäbe gesetzt und gezeigt, dass sie mit wenigen Mitteln viel erreichen kann. Das Wegfallen dieses Partners hinterlässt eine viel grössere Lücke, als diese paar Millionen Franken ausdrücken.
swissinfo: Die Entwicklungshilfe zieht sich aus Indien zurück, die Wirtschaft fällt in das sich entwickelnde Land mit den billigen Arbeitskräften ein. Wird Indien von ausländischen Unternehmen ausgebeutet?
B. I.: Nein, Indien wird nicht ausgebeutet. Die billigen Arbeitsplätze sind nur aus der Sicht des schweizerischen Lohnniveaus billig. Hier in Indien sind dies gut bezahlte Arbeitskräfte. Es ist nicht die Aufgabe von Schweizer Firmen, in Indien Armutsbekämpfung zu betreiben, aber durch ihre Tätigkeit bringen sie einen gewissen Wohlstand, auch Wissen und technische Fähigkeiten ins Land.
swissinfo: Auch im kulturellen Bereich arbeiten die Schweiz und Indien zusammen. Anfang 2007 wurde in Delhi ein Büro von Pro Helvetia eröffnet. Wie präsentiert sich die kulturelle Schweiz in Indien?
B. I.: Die Schweizer Kultur ist Teil der europäischen, eine urbane, postindustrielle Kultur. Der Kulturaustausch oder Dialog zwischen den Partnern wird in den Grossstädten geführt, wo eine Elite auf solche Impulse und Formen der kulturellen Arbeit verständnisvoll reagiert und darauf eingeht. Vor dem Hintergrund der ganzen Gesellschaft ist das bescheiden. Dennoch ist es wichtig.
Kulturelle Zusammenarbeit hat es allerdings schon früher gegeben. Das National Institute of Design (NID) in Ahmedabad wurde Ende der 1950er Jahre in enger Zusammenarbeit mit den Kunstgewerbeschulen in Basel und Zürich aufgebaut. Die erste Generation von Designern, die aus diesem Institut hervorging, war stark von Schweizer Künstlern beeinflusst.
swissinfo-Interview: Susanne Schanda
FEIERN ZUM JAHRESTAG
Am 14. August 1948 unterzeichneten Jawaharlal Nehru, der erste Premierminister Indiens, und Armin Daeniker, ausserordentlicher Gesandter und bevollmächtigter Minister der Schweiz, den indisch-schweizerischen Freundschaftsvertrag.
Zum 60. Jahrestag am 14. August 2008, erscheint eine von Bernard Imhasly herausgegebene Anthologie mit Aufsätzen, Erinnerungen, Berichten und Analysen über die verschiedenen Formen der indisch-schweizerischen Zusammenarbeit.
Das im Auftrag der Schweizer Botschaft in Delhi entstandene Buch wird an der Jubiläumsfeier am 14. August in Delhi der Öffentlichkeit vorgestellt.
In der Schweiz findet vom 22. bis 24. August im Hauptbahnhof Zürich eine dreitägige so genannte Mega Mela, ein Fest der Indian Associations statt.
Diplomat und Journalist
Bernard Imhasly wird 1946 in Sierre im Kanton Wallis geboren.
Matura in Einsiedeln, Studium der Sprachwissenschaften und Ethnologie an der Universität Zürich, anschliessend Assistent.
1978 tritt er als Diplomat in den Dienst des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) ein, bis 1990 ist er im diplomatischen Dienst tätig, zuletzt in Delhi.
Als sich Bernard Imhasly zusammen mit seiner Frau, die aus Bombay stammt, entscheidet, in Indien zu bleiben, wird er für die nächsten 17 Jahre Südasien-Korrespondent der NZZ in Delhi.
2006 erscheint sein Buch "Abschied von Gandhi? Eine Reise durch das neue Indien" im Herder Verlag. Die englische Ausgabe im Viking Verlag: "Goodbye to Gandhi? Travels in the New India".
Ende 2007 Umzug nach Bombay, wo sich Imhasly vermehrt sozialen und Entwicklungsprojekten und dem Schreiben widmet.