Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/603

Die heute als Chemiefaserindustrie bezeichnete K. stellt alle Arten von künstl. Fasern und Folien her. Obwohl die meisten Unternehmen auch Fasern für techn. Anwendungen produzieren, gehört die K. zur Textilindustrie.
Die Entwicklung von Kunstfasern geht auf eine Entdeckung des Chemikers Christian Friedrich Schönbein zurück, der 1846 in Basel Baumwolle mit Salpeter- und Schwefelsäure behandelte und die sog. Schiessbaumwolle gewann, aus der Fäden gezogen werden konnten. 1884 gelang es, die aus Zellulose gewonnenen Kunstfasern zu denitrieren und ihnen damit die Explosivität zu nehmen. 1890 konnte in Besançon die erste Kunstseidenfabrik in Betrieb genommen werden. In der 1. Hälfte des 20. Jh. entwickelte sich die vorwiegend aus Holz gewonnene Kunstseide zu einem bedeutenden Ausgangsstoff für die Textilindustrie. V.a. die Viskose wies ähnl. Eigenschaften wie Baumwolle auf, war in der Herstellung günstiger als Naturfasern und leicht färbbar. Unter Zusatz von Naturseideabfällen erlangte die halbsynthet. Faser einen seidenartigen Glanz. Die steigende Nachfrage nach Textilfasern provozierte die Suche nach neuen Ausgangsstoffen für die Faserherstellung. In den späten 1930er Jahren patentierten die amerikan. Firma Du Pont (Nylon) und die deutsche IG Farben (Perlon, Grilon) unabhängig voneinander die ersten vollsynthet. Textilfasern auf Erdöl- bzw. Kohlebasis. Sie liessen sich in bisher unbekannter Feinheit herstellen. Erste Anwendung fanden sie in den ab 1940 hergestellten Nylonstrümpfen.
Obwohl die ersten Erfindungen zur Herstellung von Kunstfasern in der Schweiz gemacht wurden, setzte sich die K. hier nur langsam durch. Die ersten Unternehmen mussten ihren Betrieb nach kurzer Zeit wieder einstellen. 1905 gelang es der franz. Société de la Viscose, in Emmenbrücke eine rentable Tochtergesellschaft zu gründen, die nach kurzer Zeit die Selbstständigkeit erlangte und Anfang des 21. Jh. immer noch die wichtigste Produzentin von Kunstfasern war (Viscosuisse, heute SwissFlock). Die Schappeindustrie begann ab 1920 mit der Verarbeitung von Kunstseide. Vollsynthet. Kunstfasern, die im Vergleich zum Ausland in der Schweiz lange wenig gefragt waren, wurden 1949 bis Ende 1997 in Ems von der Fibron S.A. (damals Tochter der Ems-Chemie) hergestellt. Da die Kunstfaserherstellung kapitalintensiv ist, konzentrierte sie sich auf einige wenige Unternehmen. In ihrer Blütezeit um 1965 waren 6'600 Personen in acht Betrieben beschäftigt. Diese stellten eine breite Palette von Spezialfasern her, die mit Erfolg exportiert wurden. Dagegen wurden Massenprodukte wie Nylon vorwiegend importiert.
Kunstfasern ermöglichten die günstigere Produktion von Textilien und trugen damit zum schnelleren Wandel der Mode bei. Nach dem 2. Weltkrieg wurde die vollsynthet. Kunstfaser zu einem Symbol der Modernisierung. Nylonstrümpfe und -hemden zu tragen galt zwar als unmoralisch, doch war die Pflege dieser Kleidungsstücke anspruchsloser (schnelles Trocknen, kein Bügeln). Die sog. Vermassung der Mode wurde zum Schlagwort, das die Ambivalenz der neuen Fasern zum Ausdruck brachte. In den 1960er Jahren verloren die Kunstfasern ihre symbol. Kraft. Kleidungsstücke aus Helanca (patentierte Schutzmarke der Heberlein & Co. in Wattwil), einem gekräuselten Nylongarn, das die Elastizität synthetischer Fasern gewährleistete, ohne dass die Kleidungsstücke den sterilen Glanz der Nylonfäden aufwiesen, prägten die Mode der 1960er und 70er Jahre. Neue techn. Verfahren ermöglichten die Produktion von Mischgeweben, die trotz ihrer günstigen Preise den Naturfasern in Aussehen und Eigenschaften nahe- kommen.
Literatur
– W. Bodmer, Die Entwicklung der schweiz. Textilwirtschaft im Rahmen der übrigen Industrien und Wirtschaftszweige, 1960
– A. Schlatter, Der Einfluss der Chemiefasern auf Entwicklung und Struktur der schweiz. Textilindustrie (inklusive Wirkerei und Strickereiindustrie), 1969
– W. Meyer-Larsen, Chemiefasern, 1972
Autorin/Autor: Niklaus Stettler