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Als Sergej Prokofjew 21 Jahre alt war, beschloss er, seine Autobiographie zu schreiben. Auch wenn diese Memoiren in ihrer letztlich veröffentlichten Form erst sehr viel später entstanden, bezeugt der frühe Plan sein Selbstverständnis, etwas Ausserordentliches zu sein, seit Kindheitstagen. In diesem Bewusstsein wurde er fraglos durch seine Eltern bestärkt, die ihren einzigen Sohn vergötterten und ihm alle Wünsche verwirklichen wollten. Und auch das war kein Zufall.
Am 7. Mai 1877 hatte sein Vater, der Gutsverwalter und Agrarökonom Sergej Alexejewitsch Prokofjew, die vermutlich sieben Jahre jüngere Maria Schitkowa geheiratet, Tochter einstiger Leibeigener, die den Makel niederer Herkunft jedoch durch Scharfsinn, Intellekt und Witz auszugleichen verstand. Sie hatte den Spleen, ihr wirkliches Alter verheimlichen zu wollen. Mit dem Ergebnis, so Sergej in seinen Erinnerungen, dass ihr Pass sie am Ende wohl um fünfzehn Jahre jünger ausgab, als sie tatsächlich war. Zunächst wurden dem Paar zwei Töchter geboren, Maria und Ljubow, die beide jedoch starben, als sie zu zahnen begannen. Entsprechend ängstlich umsorgten die Eltern den kleinen Sergej, der am 23. April 1891 zur Welt kam. Auf Rat von Freunden verzichtete die Mutter zum Beispiel darauf, den Sohn selbst zu stillen, und griff lieber auf die Dienste eines kerngesunden Bauernmädchens zurück – ein Umstand, dem Prokofjew später «eine gewisse Strenge» seines Charakters zuschrieb. Und anschliessend gaben sie ihm nur Nestlé-Kindernahrung zu essen … Auch in anderen Belangen schlug sich der Verlust der beiden Töchter nieder: Bis zu seinem dritten Lebensjahr musste Sergej ausschliesslich Mädchenkleider tragen, in Erinnerung an die toten Schwestern.
Der Vater hatte in der Ostukraine, in der Steppe des Donbas, das Gut Sonzowka zu bewirtschaften, mit 15.000 Morgen Land: damals noch ein verlassener Landstrich, ohne Eisenbahnanschluss, Schule oder medizinische Infrastruktur. Für all das sorgten erst die Prokofjews, als sie 1878 in die Provinz kamen und, so der Sohn, «zu einer Art kultureller Führergestalt» wurden. Sergej senior kümmerte sich um den wirtschaftlichen Erfolg der bäuerlichen Betriebe, seine Frau Maria um den Unterricht für die Bauernkinder und die Krankenpflege.
Maria Prokofjewas Leidenschaft aber galt der Musik. Als sie mit Sergej schwanger war, soll sie jeden Tag sechs Stunden Klavier gespielt haben – Mozart, Beethoven oder Chopin bekam er also schon zu hören, als er noch im Mutterleib war. Als Dreijähriger durfte Sergej zu ihrem Spiel die Oberstimmen frei dazuerfinden: eine experimentelle Pädagogik, die seine Kompositionsgelüste früh anspornte. Zwei Jahre später schuf er dann auch schon sein erstes Werk mit dem bemerkenswerten Titel Indischer Galopp, zu dem ihn die Gespräche seiner Eltern über eine Hungersnot auf dem indischen Subkontinent inspiriert hatten. Zusammen mit anderen Frühwerken wurde das Stück von einem Kopisten sauber abgeschrieben und zu einem Album gebunden, auf dem in Goldprägung der Titel prangte: Kompositionen von Serjoshenka Prokofjew.
Die Prokofjews unternahmen alles, um ihren begabten Sohn zu fördern und voranzubringen. Die Mutter reiste eigens nach Warschau, um dort bei einer Agentur für französische Kindermädchen eine geeignete Nanny anzuwerben. Für die musikalische Ausbildung des Zehnjährigen wurde der Komponist Reinhold Glière aus Moskau nach Sonzowka beordert, der ihn täglich in Tonsatz, Harmonie- und Formenlehre unterwies. Zugleich achtete man auf ein gutes Allgemeinwissen des Sohnes, der sich in den Naturwissenschaften und Sprachen weiterbilden, sich aber auch in Sportdisziplinen wie dem Krocket, dem Reiten und dem Stelzenlauf üben musste. Und dann war da noch das Schachspiel, das er schon als kleines Kind erlernte und das seine lebenslange Leidenschaft bleiben sollte.
Nachdem Sergej vier Opern, mehrere Sonaten und etliche Lieder komponiert hatte, beschlossen die Prokofjews, den Dreizehnjährigen zur weiteren Ausbildung ans St. Petersburger Konservatorium zu schicken, wo er bei Grössen wie Glasunow, Rimsky-Korsakow, Ljadow und Tscherepnin studierte. Aber zufrieden mit dem Lehrbetrieb war er nicht, er fand ihn oberflächlich und attestierte seinen Lehrern mangelndes Interesse an der pädagogischen Arbeit. Vielleicht war es aber auch nur so, dass Prokofjew einfach schon alles beherrschte und sich zu Tode langweilte. Für diese These spricht, dass er über die Fehler seiner Mitschüler akribisch Buch führte und ihr «Versagen» in Statistiken dokumentierte. Freunde machte er sich damit keine. Oder wie seine Mitschülerin Wera Alpers es ausdrückte: «Sergejs extreme und verletzende Ansichten, sein Wahrheitsfanatismus und seine Unfähigkeit, Konfrontationen auszuweichen, liessen ihn nicht sympathisch erscheinen.»
Bewundert und belobigt wurde er dennoch, selbst von seinen Professoren, die er doch so verschmähte. Als 18-Jähriger konnte Sergej Prokofjew sein Studium bereits abschliessen und durfte sich mit dem Titel «Freier Künstler» schmücken. Sein hypertrophes Selbstbewusstsein und sein Egoismus, die neben allen guten Gaben in seiner Kindheit eben auch gefördert worden waren, sollten ihm in seinem Leben aber noch das eine oder andere Mal in die Quere kommen.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Sie können sich die «Kinderszenen» auch vorlesen lassen – als Podcast: bit.ly/Serie-Kinderszenen
Sergej Prokofjew bei LUCERNE FESTIVAL:
Am 30. August interpretiert Yuja Wang Prokofjews Drittes Klavierkonzert, unterstützt von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Kirill Petrenko. Und am 9. September präsentieren wir ein Werk, das im Luzerner «Kindheitssommer» 2018 natürlich nicht fehlen darf: Prokofjews musikalisches Märchen Peter und der Wolf – mit Heidi-Star Anuk Steffen als Erzählerin.