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Tausende von Freiwilligen füttern die Online-Enzyklopädie Wikipedia
mit Beiträgen, redigieren Texte und diskutieren über Inhalte. Ein Beispiel: Die neunjährige Tochter eines Freundes des Schreibenden, die auf dem Land lebt und bestimmte Schmetterlingsarten sehr genau und mit grösster Geduld beobachtet, reichte ihre detaillierten Beobachtungen bei Wikipedia als Beiträge zu bestimmten Kapiteln ein. Einer der freiwilligen Mitarbeitenden von Wikipedia, ein Biologe, meldete sich bei ihr, eröffnete ihr ein Konto für ihre Beiträge, diskutierte und "verwissenschaftlichte" ihre Einträge, die schliesslich teilweise Eingang in die "offiziellen" Artikel fanden. Das Mädchen hatte gewisse Vorgänge beim Schlüpfen von hiesigen Schmetterlingsarten entdeckt, die bisher auch in der Fachwelt noch nicht bekannt waren.
Der oben beschriebene Vorgang stellt das Konzept von Wikipedia ideal dar. Alle Menschen können beitragen, die "Gemeinschaft" redigiert, korrigiert und verbessert so den Inhalt der "Welt-Enzyklopädie" laufend.
Doch es kann auch anders laufen. Der 78-jährige prominente US Journalist John Seigenthaler entdeckte auf Wikipedia eine "Biografie" über ihn, deren Inhalt er als "Rufmord" qualifizierte. So behauptete der anonyme Verleumder, Seigenthaler sei 1971 in die UDSSR emigriert und erst 1984 wieder in die USA zurückgekehrt. Seigenthaler war in der US Bürgerrechtsbewegung engagiert gewesen und war in diesem Zusammenhang auch einmal von US Rechtsextremen angegriffen worden.
Verleumder unauffindbar
Wie Seigenthalter in einem Artikel in 'USA Today'
beschreibt, war es unmöglich, den Verleumder (seine IP-Adresse stammte von einem US Provider) ausfindig zu machen. Der Provider, BellSouth, verweigerte ihm die Unterstützung.
Der Wikipedia-Gründer und "einzige Angestellter" Jimmy Wales konnte Seigenthaler auch nicht weiterhelfen, ausser natürlich den verleumderischen Artikel vom Netz zu nehmen. Doch zuvor war dieser während 132 Tagen bei Wikipedia zugänglich und wurde zudem auf zwei US Seiten (reference.com und answers.com) ebenfalls publiziert.
Der Vorgang zeigt Stärken und Schwächen von Wikipedia, die wir vor allem für technische Auskünfte ebenfalls oft benützen, gut auf. Beiträge können falsch, ja sogar rufmörderisch sein. Doch die "Open-Source-Enzyklopädie" ist gleichzeitig auch einmalig ehrlich. Der Vorgang wird heute unter dem Eintrag zu John Seigenthaler offen beschrieben
. (Christoph Hugenschmidt)