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Viele der sich schriftstellerisch betätigenden Komponisten in Raffs Umfeld erwiesen sich Freundschaftsdienste, indem sie gegenseitig Werke voneinander in der Presse besprachen, um ihnen einen Publizitätsschub zu verschaffen. Es überrascht nicht, dass Hans von Bülow, der zu Joachim Raffs besten Freunden und seinen wichtigsten Interpreten (sowie sicherlich auch zu den unterhaltsamsten Sprachvirtuosen des 19. Jahrhunderts) gehörte, auch Rezensionen zu einigen Werken Raffs verfasste. Unter letzteren findet sich auch eine zu den „Frühlingboten“ op. 55 in der Neuen Zeitschrift für Musik (Ausgabe Jg. 40, Nr. 5, vom 27. Januar 1854, unter dem Pseudonym Peltast). Raff revanchierte sich spätestens mit seiner Rezension von Bülows „Elfenjagd“ in den „Signalen für die musikalische Welt“ (1860).
Bülow äussert zu Beginn seiner Rezension, dass er mit ihr nicht den Ruf „Sehet den Propheten“ ausstossen wolle (vielleicht in Anspielung auf Robert Schumanns letzten Artikel „Neue Bahnen“, in dieser von ihm gegründeten Zeitschrift, in dem er Johannes Brahms in den höchsten Tönen lobt). Er schreibe jedoch nur über Werke, für die er „künstlerische Sympathie“ habe und für die es sich lohne, „kritisches Lob“ auszusprechen. Nach mehreren Seitenhieben gegen Musikkritiker und der Feststellung, dass ein Künstler nach den eigenen und nicht nach fremden Massstäben beurteilt werden solle, bezieht sich Bülow auf einen uns noch nicht bekannten Begleitbrief, den Raff diesem Album beilegte, um seine künstlerische Absicht darzulegen – wie er dies auch für die „Eclogue fantastique“ op. 57 tat:
Raff distanziert sich in diesem Schreiben von seinen früheren Klavierwerken. Er versuchte während seinen Reisejahren, den Ruhm mit möglichst vielen Publikationen herbeizuschreiben (vgl. Brief an Kistner vom 24.5.1845). Später kritisiert Liszt dieses Vorgehen, weil er glaubt, dass sich Raff auf diese Weise seinen Ruf ruiniere (Brief an Raff vom 28.10.1846). Gegen Ende seines Lebens versucht Raff, den „Schandfleck“ der frühen Kompositionen, die Bülow in seiner Rezension jedoch in Schutz nimmt, zu tilgen, indem er viele von ihnen einer Totalrevision unterzieht oder sie gar völlig neu komponiert. In seinen Briefwechseln mit Verlegern zeigt sich, dass er um 1852 nach dem Weimarer Erfolg seiner Oper „König Alfred“ einen orchestrierten Versuch unternimmt, endlich den Durchbruch als Komponist zu schaffen, zu einer Zeit als viele seiner Verlage skeptisch werden, ob mit Werken aus seiner Feder überhaupt Geld zu verdienen sei. Um seine Liederopera 47-53 bei unterschiedlichen renommierten Verlagen simultan erscheinen zu lassen, schreckt er auch vor strategisch platzierten Halbwahrheiten nicht zurück (siehe Brief vom 20.3.1852, bzw. 19.4.1852 an Kistner).
In einem Brief an den Verleger Kistner vom 20.3.1852 bietet er diesem die „Frühlingsboten“ op. 53 [später als op. 55 veröffentlicht] an. Er habe dieses Manuskript dazu ausersehen, sein „langes Schweigen gegenüber dem klavierspielenden Publicum zu brechen“. Es habe unter seinen Freunden „Sensation“ gemacht, obwohl er sie für eigentlich ziemlich „blasirt“ hält. Die musikalische Presse sieht Raff auf seiner Seite: Wenn Kistner die „Frühlingsboten“ übernehme, könne er in der Brendel’schen Zeitung (der Neuen Zeitschrift für Musik) einzelne Stücke als Beilage herausgeben lassen. Wenn Kistner nicht selbst mit Brendel in Kontakt treten wolle, wohl da sich dieser durch die Veröffentlichung von Richard Wagners Schrift „Das Judenthum in der Musik“ in Leipzig zur persona non grata machte, werde er selbst die Verhandlungen übernehmen. Kistner lehnte die Publikation ab, doch 1853 erschien das Album bei Heinrichshofen. Bereits in diesem Brief deutet sich jedoch die zeitweilig enge Zusammenarbeit Raffs mit Brendel an (27 noch nicht ausgewertete Briefe in der Staatsbibliothek Dresden von Brendel an Raff dürften neues Licht auf dieses Verhältnis werfen).
Die Neue Zeitschrift für Musik, die sich unter Franz Brendels Leitung der Verbreitung der später „neudeutsch“ betitelten Richtung des „Fortschritts“ verschrieb, spielte in der Bekanntmachung von Raffs Namen eine zentrale Rolle. Ab 1853 häufen sich dort Rezensionen über seine Werke und Berichte über ihre Aufführungen: Zuerst verfasste ein „F. G.“ eine Rezension über seine Lieder op. 52, dann Bülow seine über die „Frühlingsboten“, zahlreiche weitere folgten. Zur selben Zeit schaltete sich Raff selbst als Musikpublizist dieser Zeitschrift in die Diskussion über die aktuellen Strömungen der Musik ein, lieferte sich ein hitziges Gefecht mit der Zeitschrift „Grenzboten“ und befremdete mit seinen Beiträgen sowohl Brendel als auch Wagner. Seine schriftstellerische Tätigkeit gipfelte in seinem ebenfalls kontrovers aufgenommenen Buch „Die Wagnerfrage“. Franz Liszts Aufsatz über Raffs „Dornröschen“ (1856) lässt schliessen, dass das Publikum ausserhalb Weimars diesen zuerst als Musikschriftsteller kennen lernte, ehe es mit seinen Kompositionen konfrontiert wurde.
Doch zurück zu Bülow: Er erkennt in den „Frühlingsboten“ den Einfluss von Liszt, als dessen Schüler sich Raff bezeichne, jedoch nur auf die „edelste und selbstständigste“ Weise. Raff schaffe in diesen Stücken Stimmungen – für Bülow wie in der Malerei das „beinahe wichtigste“ Element einer Komposition. Er fährt fort:
Zum Schluss seiner Rezension kommt Bülow zur Betrachtung der einzelnen Sätze: Raff legte ihnen in der Erstausgabe noch keine Überschriften bei, was Bülow ausdrücklich schätzte, da er sie nur für „Lovely-Literaten“ und „Charakterbildermaler“ würdig hält. Dies verhinderte aber nicht, dass Raff später Überschriften nachlieferte. Nur ein Beispiel: Das dritte Stück bezeichnet Bülow als den „majestätischen tiefen Choral Nr. 3 in modo-dorico, dessen Zwischenspiele eine ganz wunderbare Architectonik besitzen, jene mystische Stein-Grazie der Arabesken, mit denen der gläubige Katholicismus seine Dome zierte.“ Das ernst-feierliche Element des Satzes veranlasste Raff später zur Überschrift „Gelübde“.
Mit den „Frühlingsboten“ schrieb Raff eines seiner erfolgreichsten Klavierwerke, das zu seinen Lebzeiten zahlreiche Neuauflagen erlebte. Der wichtigste Propagator einiger dieser Stücke im Konzertsaal: natürlich Hans von Bülow.