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Der Vierwaldstättersee diente ab den 1950er-Jahren als Testgewässer für eine neuartige Technologie. Eingebettet in die Bergkulisse zwischen Pilatus, Bürgenstock und Rigi glitten während mehr als 20 Jahren Tragflügelboote über die Wasseroberfläche. Die futuristisch anmutenden Boote eroberten vom Vierwaldstättersee aus die Welt.
Jean-Luc Rickenbacher
Jean-Luc Rickenbacher ist Historiker und Kurator im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern.
Schon um die Jahrhundertwende haben verschiedene Erfinder und Tüftler versucht, Boote mittels Tragflügel aus dem Wasser zu heben. Das Prinzip funktioniert wie folgt: Flügel bewirken wie beim Flugzeug auch im Wasser einen dynamischen Auftrieb. Unter dem Bootskörper montiert, hebt sich bei steigender Geschwindigkeit der gesamte Rumpf aus dem Wasser. Weil nur noch ein kleiner Teil des Fahrzeugs (die Tragflügel) Reibungswiderstand leisten, erreichen die Boote bei gleicher Antriebsleistung höhere Geschwindigkeiten. 1906 gelang dem italienischen Luftschiffpionier Enrico Forlanini (1848-1930) die erste Fahrt mit einem voll funktionsfähigen Tragflügelboot auf dem Lago Maggiore. Sein propellergetriebenes Tragflügelboot erreichte mit rund 70 km/h eine Verdoppelung der bisherigen Höchstgeschwindigkeiten auf dem Wasser. Ab 1919 entwickelte der deutsche Ingenieur Hanns von Schertel (1902-1985) das Prinzip erfolgreich weiter. Zusammen mit seinem Chefkonstrukteur Karl J. Büller gründete er nach dem Zweiten Weltkrieg in Luzern die Firma Supramar AG. Das Unternehmen war der weltweit erste kommerzielle Anbieter von leistungsfähigen Tragflügelbooten.
Vom Vierwaldstättersee auf die Weltmeere
Die Supramar AG war keine Schiffswerft. Sie liess ihre Testboote bei der Waser-Werft in Stansstad (NW) bauen und vergab Lizenzen. Grosse Aufmerksamkeit erregte das dort konstruierte und 1952 auf dem Vierwaldstättersee getestete Pionierfahrzeug PT 10. Ab Mai 1953 stand es unter dem Namen «Freccia d’Oro» (Goldener Pfeil) als erstes Personentragflügelboot der Welt fahrplanmässig auf dem Lago Maggiore im Dienst. Mit dem PT 20 gelang der Supramar AG ein weiterer Durchbruch. Das Tragflügelboot mit einer Kapazität von 70 Personen wurde für den Passagier-Schnellverkehr in küstennahen Gewässern zugelassen. Es kamen Vereinbarungen mit der Schiffswerft von Carlo Rodriquez im italienischen Messina und anderen Lizenznehmern zustande. Schon bald verkehrten Supramar-Boote auf dem Ärmelkanal, in Sizilien, Holland, Norwegen, Japan, Korea und Hongkong. Mit dem 1955 gebauten ST 1 erfüllte sich Hanns von Schertel seinen Traum vom edlen Sportboot mit Tragflügeln. Obwohl es nie in Serienproduktion ging, setzte sich das Tragflügelprinzip dennoch schnell in den Köpfen jener fortschrittsgläubigen Zeit fest. Diese Entwicklung machte vor anderen Ländern nicht Halt. Die Schweizer Boote erhielten insbesondere Konkurrenz aus der Sowjetunion. Doch auch das vollständige Abbrennen der Waser-Werft im Jahr 1958 konnte die Supramar-Erfolgsgeschichte nicht aufhalten. Nach dem Wiederaufbau blieb sie die Basis für die Versuchsfahrten auf dem Vierwaldstättersee.
Internationales Interesse
An der Expo 64 in Lausanne sorgte neben dem U-Boot «Mésoscaphe» von Jacques Piccard das Tragflügelboot «Albatros» bei den Besuchern für grosses Aufsehen. Ausserdem rückten die Tragflügelboote 1965 durch den Film «Thunderball» mit einem Auftritt der «Disco Volante», einer auf dem Supramar PT 20 basierenden Yacht von James-Bond-Gegenspieler Emilio Largo, ins Bewusstsein der breiten Bevölkerung. In Asien stiess die Technologie vor allem in Japan bei der Schiffswerft Hitachi Zosen auf Interesse, welche bis in die 1980er-Jahre Supramar-Tragflügelboote produzierte. Ein Treffen zwischen Supramar und der japanischen Delegation von Hitachi Zosen fand 1961 im Verkehrshaus der Schweiz in Luzern statt. Seit seiner Gründung 1959 entwickelte sich das Museum zu einer wichtigen Plattform für Mobilitätsthemen jeglicher Art. Während bereits über 100 Tragflügelboote im fahrplanmässigen Einsatz waren, erregte am 20. November 1967 eine Weltneuheit auf dem Vierwaldstättersee grosses Medieninteresse. Supramar entwickelte mit dem ST 3A ein kleines Schnellboot, das erstmals über voll getauchte Tragflügel mit einer sogenannten Luftsteuerung verfügte. Bei den Testfahrten, welche ein erhöhtes Gleichgewicht und eine bessere Stabilität demonstrieren sollten, wurde das Boot versuchsweise von einer Flugzeugturbine mit 1000 PS angetrieben.
Wunder des Leichtbaus
Bei Tragflügelbooten galt wie beim Flugzeugbau die Leichtbauweise als oberstes Prinzip. Das PT 150 von 1969 war das weltweit grösste vollständig aus Aluminium gebaute Schiff. Dieser mit einer Tragkraft von 250 Personen grösste Supramar-Typ sollte ursprünglich auch als Autofähre zum Einsatz kommen. In Küstengewässern fand das «Wunder des Leichtbaus» grosse Verbreitung. Die Tragflügelboote unterlagen in der Praxis jedoch den Katamaran-Fähren, die aus zwei miteinander verbundenen Rümpfen bestehen.
Während Personentragflügelboote heute in Westeuropa zu den seltenen Erscheinungen gehören, sind sie in Osteuropa noch oft im Einsatz. Die «Hydrofoils» sind dagegen aus dem Segelsport nicht mehr wegzudenken. Wer eine Fahrt auf einem Tragflügelboot in unmittelbarer Nähe zur Schweiz erleben will, kann dies auf dem Lago Maggiore und dem Comersee tun.
Das linke und das rechte Zürichseeufer scheint im Volksmund einiges zu trennen: Die «Pfnüselküste» und die «Goldküste». Wie gegensätzlich die Seeufer auch sein mögen, in einem Punkt herrscht Einigkeit: das verbindende Element sind die Zürichsee-Fähren.
In einer Zeit, als Brücken in der Schweiz noch rar waren, brachten Fähren nicht nur Waren, Tiere und Menschen ans andere Ufer, sondern auch ganze Eisenbahnwaggons. Ein Einblick in ein wenig bekanntes Kapitel der Verkehrsgeschichte.