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Das Hochhaus ist seit den 1960er-Jahren fixer Bestandteil des Neuhauser Ortsbildes. Wie kam es eigentlich dazu?
Im Juni 1968 stimmten die Neuhauser über ihre allererste Bauordnung ab. 423 waren dagegen. 1701 dafür. Die Neuhauser sagten damit Ja zu einer baulichen Entwicklung, die eigentlich schon voll im Gang war: in die Höhe. Und die Einwohner gaben ihrem Gemeinderat viel Macht, das Gesicht der Gemeinde zu prägen. Geschrieben wurde die Bauordnung von zwei Männern, die diese Macht schon ausübten, bevor sie in einen Gesetzestext gegossen wurde. Einer kam aus der SP, der andere aus der BGB, die sich später in SVP umbenennen würde.
1.Teil: Ein Kommunist und ein Bürgerlicher bauen Illinois
Ernst Illi wurde in Zürich geboren, vom Vater verprügelt und nach der Scheidung der Eltern verdingt. Als er gross war, wurde er Kommunist und vom Zentralkomitee der Partei zum Studium in die Sowjetunion geschickt. Zurück in der Schweiz verschlug es Illi in den Kanton Schaffhausen, wo er gerne Redaktor der AZ geworden wäre, aber nicht durfte, weil ein Eingeborener vorgezogen wurde. Eigentlich hätte er auch gerne in der Stadt gewohnt, aus taktischen Gründen wurde er von der Partei nach Neuhausen verpflanzt.
Als Illi 1944 schliesslich Neuhauser Gemeindepräsident wurde, war in Europa noch Krieg. Als dieser endete, begann der Wiederaufbau des Kontinents. Die Maschinen in den Neuhauser Fabriken liefen heiss. Es war Hochkonjunktur und bald herrschte im ganzen Land, aber besonders an den Industriestandorten, Wohnungsnot. In Neuhausen kamen laut den SN 1957 auf 8 leere Wohnungen 66 Wohnungssuchende.
Ernst Illi fand, dass «Abhülfe gegen die Wohnungsknappheit» unverzüglich durch die Behörden an die Hand genommen werden müsse. Illi war ein Mann von eisernem Arbeitswille und Schaffenskraft, zumindest wenn man dem Nachruf glauben will, den einer seiner Nachfolger im Amt, Hansjörg Wahrenberger, später schreiben würde.
Auf jeden Fall war es Illi offenbar Ernst mit der Verantwortung der Behörden. Er machte sich an den Wohnungsbau. Unter seiner Ägide wuchs Neuhausen in die Breite, die Genossenschaften Rhenania und Goldberg bauten Arbeitersiedlungen. Illi glaubte nicht nur an Genossenschaften, sondern auch an den Fortschritt. Den Fortschritt sah man in den 1950er- und 60er-Jahren in vielen Dingen: im ewigen Frieden, in Waschmaschinen und in hohen Häusern. Erste Bauprojekte für Hochhäuser gab es bald im ganzen Land, in ganz Europa und auch in der Stadt Schaffhausen. Neuhausen aber war zu dieser Zeit ein Dorf, wenn auch ein rasant wachsendes.
Illi wollte, dass Neuhausen zur Stadt wird, und Stadt und Hochhaus gehörten zur damaligen Zeit untrennbar zusammen. Im April 1964 sagte Illi zum Einwohnerrat: «Unbestritten dürfte sein, dass uns Aufgaben zufallen, welche die Probleme eines Dorfes sprengen. In baulicher Beziehung planen wir städtisch, wir erstellen Hochhäuser, wir schaffen eigene Verkehrslinien, und wir reissen das letzte Haus mit dörflichem Charakter ab.»
Schon 1958 hatte sich Illi dazu den Architekten und Hochhaus-Experten Hans Marti ins Haus geholt, der in einem ersten Gutachten die Bedingungen für die Bewilligung von Hochhäusern vorschlug und dann in einem zweiten gleich einen Überbauungsvorschlag für das Gebiet zwischen Zentral-, Industrie- und Poststrasse machte. Marti fand, dass es in Neuhausen keinen erhaltungswürdigen Ortskern gebe und die Überlegungen daher «von der wirtschaftlichen Seite her» anzupacken seien. Er sollte damit das Gesicht von Neuhausen prägen.
Gemäss einem SN-Artikel aus der Zeit wurde Marti beauftragt, weil «zwei umfangreiche Bauprojekte hiesiger Gewerbetreiber» vorlagen und Anstösser in einer Einsprache fanden, dafür brauche es einen Quartierplan.
Einer der hiesigen Gewerbetreiber war wohl Paul Bührer. Er führte in Neuhausen ein Einrichtungsgeschäft, das er vergrössern wollte und dazu 1959 ein Grundstück an der Ecke Industriestrasse-Rheinfallstrasse kaufte.
Paul Bührer war mit einem Buben namens Bruno Nyffenegger zur Schule gegangen, der 1959 diplomierter Architekt und Präsident der lokalen BGB, der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei, geworden war. Jetzt gab Bührer Nyffenegger den Auftrag, die Neubebauung seines Grundstücks zu planen. Nyffenegger schlug ein Hochhaus vor und traf damit offenbar genau Gemeindepräsident Illis Geschmack. Ursprünglich waren acht Stockwerke geplant, gebaut wurden zehn.
Architekt Nyffenegger tanzte in jenen Jahren auf vielen Bau-Festen und war bald eine zentrale Figur des Booms. Im Jahr nach der Eröffnung des Bührer-Hochhauses, 1966, wurde er Gemeinderat und Baureferent. Und im Jahr davor war er in jenes Projekt involviert, das heute als so etwas wie die Urkatastrophe der Neuhauser Raumplanung gesehen wird: in den Abriss des Sternen.
Niemand, der über Neuhausens bauliche Entwicklung spricht, lässt das Haus unerwähnt. Der alte Sternen war ein malerisches Riegelhaus mit Glockenturm, das auf der Kante hin zum Rheinfall thronte. Dann aber entschied der Gemeinderat unter Illi, dass der Sternen weg müsse.
Dahinter standen wirtschaftliche Überlegungen. Neuhausen sollte als werdende Stadt anstelle des Sternen endlich ein anständiges Einkaufszentrum bekommen. Der Projekt-Vorschlag für die Neubebauung des Areals sah ein 12-stöckiges Hochhaus vor. Er stammte aus der Feder von Bruno Nyffenegger, Illis Parteigenossen Emil Schällibaum und zwei Schaffhausern.
Zwischen 1947 und 1970 baute Illi fast 2500 Wohnungen und viele Strassen. Und glaubt man dem späteren Gemeindepräsidenten Hansjörg Wahrenberger, bat Ernst Illi nicht unbedingt um Erlaubnis. Er war einer, der befahl.
Nur weil seine Pläne in Abstimmungen kein Volksmehr gefunden hatten, wich er nicht zwingend von ihnen ab. 1956 sagte Illi vor der Versammlung des Schweizerischen Städtebunds, seine Arbeit habe sich «unter anderem auch dadurch auszuzeichnen, dass die Behörden es verstehen, ihre Projekte und Pläne, die nach ihrer Überzeugung wirklich gut und dringend zu verwirklichen sind, durchzusetzen. Nichts ist falscher als die Meinung, durch weichliches oder gar ängstliches Nachgeben lasse sich der Stimmbürger für die behördliche Politik gewinnen.» Irgendwann in jenen Jahren begann man in Neuhausen, die werdende Stadt «Illinois» zu nennen.
Auf dem Sternen-Areal aber geriet Illi etwas in die Quere, das er nicht mit einem Befehl aus dem Weg räumen konnte: Der Regierungsrat. Der Sternen war schon abgerissen, als der Heimatschutz mit aller Kraft gegen die Neubebauung vorzugehen begann. Schliesslich legte der Kanton sein Veto ein, worauf ein jahrzehntelanges Hickhack folgte, bis 1975 an der Stelle schliesslich ein Haus stand. Es hatte jetzt sieben Stöcke anstatt der geplanten zwölf.
Bei der Fertigstellung war Ernst lli nicht mehr Neuhausens Präsident. 1968 stellte er sich nicht mehr zur Wiederwahl. Doch bevor er ging, gossen er und Nyffenegger die Möglichkeit, im Neuhauser Kern massiv zu bauen, mit einer hohen Ausnutzungsziffer und der Möglichkeit von grosszügigen Ausnahmen, ins Gesetz. Bis Mitte der 1970er-Jahre folgten in Neuhausen weitere massige Häuser, bei diversen davon fungierte Gemeinderat Nyffenegger als Architekt.
Intermezzo: Bauflaute
In den 1980ern war die Welt eine andere. Der Boom war vorbei. Die Einwohnerzahlen in Neuhausen waren rückläufig und nicht einmal in der Nähe der 30 000, die Bruno Nyffenegger einst vor dem Einwohnerrat angekündigt hatte. Plötzlich stand der Bauboom der 60er- und 70er-Jahre nicht mehr als Ausdruck von Fortschritt, sondern von «wilder Bauerei», die verantwortlich war für ein «arg misshandeltes Neuhauser Dorfbild».
Eine neue Welt brauchte eine neue Bauordnung. Und an dieser Stelle setzte ein Gegentrend ein: Alles wurde enger reguliert, um «weitere Betonburgen» zu verhindern. Die Ausnützungsziffern in Neuhausen wurden runtergefahren. An der Präsentation des neuen Zonenplans sprach der Baureferent Franz Morath von «qualitativem Wachstum», das man fortan anzustreben gedenke.
An einer Stelle aber wurde die Regulierung in der Bauordnung nicht enger, sondern loser.
Die Kernzone 1, eine der wichtigsten Zonen der Gemeinde Neuhausen, ist ein Kuriosum, denn sie tut etwas nicht, was eine Bauordnung eigentlich tun sollte: Bauvorschriften machen. In der Kernzone I entscheidet seit den 90er-Jahren der Gemeinderat darüber, was gebaut werden darf – basierend auf einem einfachen Richtplan.
Man dachte wohl schlicht, es spiele eigentlich gar keine Rolle: «Neuhausen am Rheinfall ist nun mehr oder weniger fertig gebaut», sagte Hansjörg Wahrenberger, der mittlerweile Gemeindepräsident war, im Jahr 1994 zu den SN. Er sollte sich täuschen.
2. Teil: Die Ära Rawyler
Stephan Rawyler war noch sehr klein, als ihm Neuhausen ein erstes Mal zu Füssen lag. Er war Kindergärtner, seine Kindergärtnerin wohnte im Bührer-Hochhaus, und eines Tages lud sie ihre Schützlinge zu sich nach Hause ein. Stephan war angetan. 2005 wurde aus Stephan Gemeindepräsident Stephan Rawyler. Unter seiner Ägide würde Neuhausen seinen zweiten Wachstumsschub erleben.
Als er das Zepter übernahm, sah es noch nicht danach aus. Die Industrie war seit einem guten Jahrzehnt im Schrumpfen begriffen und die Bevölkerung auch. «Wir mussten uns entscheiden: Lassen wir das passieren oder wehren wir uns und versuchen, diese Entwicklung zu stoppen?», sagt er auf Anfrage der AZ. Er entschied sich und sagte, Neuhausen müsse nun «Mut aufbringen, Schwerpunkte zu setzen». Rawyler wollte die Bevölkerung wachsen lassen. Und die Steuereinnahmen.
Die Wohnungen von Illinois waren 2005 alt geworden, die Genossenschaftswohnungen waren noch nie teuer. «Neuhausen stand um die Jahrtausendwende für Aussenstehende vor allem noch für billigen Wohnraum», sagt Rawyler heute. Sollten Neuzuzüger die Kassen füllen, mussten neue Wohnungen her. Dazu hätte der Gemeinderat neues Bauland einzonen können. Doch das wollte Rawyler nicht. Die Alternative war, alte Bausubstanz durch neue, grössere, schönere Bausubstanz zu ersetzen. So bewilligte der Gemeinderat zwischen 2015 und 2020 in der Kernzone I etwa den Posthof Süd (Stephan Rawyler im Ausstand), den Industrieplatz West und den Industrieplatz Ost, alles Bauprojekte mit einer Höhe von 40 Metern oder höher. Einmal, sagt Rawyler, habe man eine Grundsatzdiskussion mit dem Kanton geführt. Am Ende habe der Kanton zugestimmt, sowohl dem damaligen Projekt als auch Neuhausens allgemeinem Kurs in die Höhe.
Letztlich war es der sehr weite Spielraum des Gemeinderates, der die zahlreichen Hochhäuser in Neuhausen ermöglichte. Das sagt der Schaffhauser Anwalt und ehemalige Richter Arnold Marti, der sich wissenschaftlich mit dem Raumplanungsrecht befasst. In anderen Kantonen seien derart weitreichende Kompetenzen einzelner Gemeinden von den Gerichten gestoppt worden, in Schaffhausen sei das «leider» nicht geschehen. Das ist problematisch. «Das kantonale Baugesetz und das verfassungsmässige Gesetzmässigkeitsprinzip gehen eigentlich davon aus, dass die Zonenordnung von den Gemeindeparlamenten oder Stimmmbürgern erlassen wird.» Ohne dem Gemeinderat derart viele Kompetenzen zu überlassen. Dass die Ordnung heute so aussieht ist ein direktes Erbe der Ära Illi: Als diese Bestimmung 1988 erlassen wurde, begründete man das damit, dass die schon existierende Bebauung im Zentrum kaum normale Regeln ermöglichte.
Heute sagt auch Stephan Rawyler, dass der grosse Spielraum «zu viel Verantwortung» bedeutet habe. 2018 hätte alles anders werden können. Damals legte der Neuhauser Gemeinderat dem Volk eine neue Nutzungsplanung vor. Sie hätte alle Kernzonen zu einer einzigen Zentrumszone zusammengefasst, welche auch neue Regeln inklusive einer möglichen Höchstbebauung bekommen hätte. Dafür hätte man in den Wohngebieten grössere Gebäude bauen können als bisher. Die Neuhauserinnen wollten diesen Deal nicht, sie lehnten die Nutzungsplanung ab. Vielleicht war das das Erbe einer der knappsten Abstimmungsentscheide, die Neuhausen je gesehen hat und von der manche sagen, sie habe einen Keil zwischen die Neuhauser getrieben.
Als auf dem Rhytech-Areal die allerhöchsten Häuser gebaut wurden, musste die Bevölkerung über eine Umzonung entscheiden. Am Ende waren es gerade mal 16 Stimmen, die in der Abstimmung vom 9. Juni 2013 die Waage zugunsten der Überbauung kippen liess. Eine Gruppe kämpfte noch bis 2019 vor Gericht gegen die 80 und 60 Meter hohen Türme.
Epilog
Während der Rohbau der Rhytech-Hochhäuser mittlerweile fertig ist, hat Neuhausen noch immer keine neue Nutzungsplanung. Das ist jetzt die Aufgabe des neuen Gemeinderates unter Felix Tenger, der das Präsidium 2020 von Rawyler übernommen hat. Die neue Bauordnung ist derzeit in der vorberatenden Kommission, 2024 soll sie an die Urne kommen. Geht es nach dem Gemeinderat, wird es die Kernzone I danach nicht mehr geben. Dafür wird es eine Zentrumszone geben und darin wiederum eine Hochhauszone. Und zwar dort, wo die Hochhäuser bereits heute stehen. In den anderen Bereichen dürfen hingegen künftig keine neuen mehr gebaut werden. Jetzt gehe es um eine Verbesserung der Lebensqualität der Neuhauserinnen, Verbesserungen für den Langsamverkehr, ein Beleben des Zentrums. Tenger braucht dafür den gleichen Begriff wie Franz Morath, der Baureferent in den 80er-Jahren: qualitatives Wachstum. Seien einmal alle neuen Wohnungen gefüllt, erwarte man etwa 12 500 Einwohnerinnen in Neuhausen, sagt Gemeindepräsident Tenger. Das wäre der neue Höchststand. Neuhausen sei jetzt erstmal fertig gebaut, sagt der Gemeindepräsident Felix Tenger.