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Wie ein Bündel Holz balanciert sie die Papierrollen auf ihren Armen. Es sind Kopien alter Landkarten der Sahelzone, die hier im Lesesaal der Royal Geographical Society in London das Interesse von Hindou Oumarou Ibrahim geweckt haben.
Zwischen Bücherstapeln, vergessenen Kaffeetassen und vergilbten Ausleihkarten wirkt die zierliche Frau wie ein frischer Windstoss, der den Staub von den Regalen bläst. Der fordernde Blick, das helle Lachen, die Jacke aus edlem Tweed, darunter das bunte, traditionelle Gewand und das spektakulär gebundene Kopftuch: Ibrahims Ausstrahlung lässt die Räume einer der ältesten geografischen Gesellschaften der Welt noch viel älter erscheinen.
Hindou Oumarou Ibrahim stammt aus der Gemeinschaft der Mbororo, einem nomadischen Hirtenvolk im Tschad. Seit sie 15 Jahre alt ist, setzt sie sich für die Rechte der indigenen Bevölkerung und besonders auch der Frauen ihrer Heimat ein. Im Tschad ist die 39-jährige Menschenrechtsaktivistin eine bekannte Persönlichkeit, auf der internationalen Bühne auch: Regelmässig vertritt sie die Interessen indigener Völker an Uno-Klimakonferenzen, das US-amerikanische «Time Magazine» hat sie zu den 15 führenden Frauen im Kampf gegen den Klimawandel gewählt.
Landkarten für eine gerechtere Ressourcenverteilung
Nach London ist Hindou Oumarou Ibrahim wegen der Landkarten gereist. Nicht wegen der historischen Karten, die sie sich gerade von der Archivarin einpacken lässt. Sie ist hier, um am Explorers Festival der National Geographic Society über die Karten zu sprechen, die sie in Zusammenarbeit mit der indigenen Bevölkerung, den nomadischen Hirten und sesshaften Bauern im Tschad und in benachbarten Ländern erstellt.
Das Projekt, das vom Rolex-Preis unterstützt wird und das Interesse der lokalen Behörden geweckt hat, will eine gerechtere Verteilung der immer knapper werdenden Ressourcen ermöglichen. In der Sahelregion hinterlässt die Klimaerwärmung bereits seit den 1970er-Jahren Spuren. In dieser Übergangszone zwischen der Sahara im Norden und der Trockensavanne im Süden, die den afrikanischen Kontinent wie ein Gürtel von Ost nach West durchzieht, nehmen Überschwemmungen und Dürreperioden dramatisch zu.
Das grösste Grundwasserbecken Afrikas trocknet aus
Über 25 000 Quadratkilometer betrug die Fläche des Tschadsees 1960, heute sind es noch zirka 1200 Quadratkilometer. Der Klimawandel und die stetig wachsende Bevölkerung haben dazu geführt, dass eines der grössten Grundwasserbecken Afrikas, das in den angrenzenden Ländern Tschad, Kamerun, Niger und Nigeria rund dreissig Millionen Menschen mit Wasser versorgt, austrocknet.
Die Ressourcenknappheit in den von Armut und Korruption gebeutelten Ländern ist ein Nährboden für extremistische Gruppierungen wie Boko Haram. Ausserdem habe der Klimawandel das einst gut aufeinander abgestimmte Leben der sesshaften Gemeinschaften und der nomadischen Hirtenvölker im Tschad aus dem Gleichgewicht gebracht, sagt Helga Dickow, die am Arnold-Bergstraesser-Institut in Freiburg i. B. zu Konflikten in der Subsahara forscht und den Tschad schon mehrfach bereist hat.
Über Generationen weitergegebenes Wissen ergänzt wissenschaftliche Landkarten
Wenn die Hirten früher in der Trockenzeit im fruchtbaren Süden nach Weideland suchten, hatten die Bauern ihre Felder dort bereits abgeerntet. Heute aber würden die veränderten klimatischen Bedingungen sowie die Wasserknappheit und die steigende Zahl an Viehherden – der Tschad gehört zu den weltweit grössten Lebendtierexporteuren – zu immer gewaltsameren Auseinandersetzungen führen.
Hier setzt Hindou Oumarou Ibrahim mit ihrem Kartografierungsprojekt an. Sie lädt Bauern, Hirten, Frauen und Männer der Region dazu ein, auf grossen ausgedruckten Landkarten für sie wichtige Markierungen zu setzen: Wasserentnahmestellen, Obstbäume, religiöse Stätten oder die Wanderrouten der Viehherden. Es entstehen Karten, welche die wissenschaftlichen Landkarten um traditionelles, über Generationen weitergegebenes Wissen ergänzen.
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«Wir reden und reden, die ganze Nacht. Was denken Sie, warum meine Stimme so heiser ist?»
Diese Karten, erklärt Hindou Oumarou Ibrahim im Interview, können die Konflikte zwischen sesshaften und nomadischen Gemeinschaften entschärfen, indem sie Grundlagen für Gespräche bieten – und für pragmatische Lösungen.
annabelle: Hindou Oumarou Ibrahim, wie schaffen Sie es, die Menschen von der Notwendigkeit solch neuer Karten zu überzeugen und zur Mitarbeit zu motivieren?
Hindou Oumarou Ibrahim: Indem ich mit ihnen rede. Bevor ich nach London gereist bin, habe ich verschiedene Gemeinschaften besucht. Wir reden und reden, die ganze Nacht. Was denken Sie, warum meine Stimme so heiser ist? (lacht)
Welches sind die grössten Herausforderungen bei diesen Kartografierungsprojekten?
Es ist wichtig, dass die Menschen überhaupt erst verstehen, was eine Landkarte ist. Zuerst drucke ich die Karte eines begrenzten Gebietes mit der Skala 1 zu 15 000 aus. Mithilfe von GPS-Apps auf Smartphones lasse ich die Frauen und Männer dann übungshalber einige auf der Karte eingezeichnete Orte aufsuchen. Erst dann beginnen sie, die natürlichen Ressourcen wie Flüsse und Wasserquellen oder Tierkorridore zu verzeichnen. Der Prozess dauert Tage. Und am Ende kommen alle noch einmal zusammen, um die Informationen zu bestätigen. In Baïbokoum im Südwesten des Tschads haben rund 500 indigene Hirten und Bauern teilgenommen. Wir präsentierten die Karten dann den lokalen Behörden, gemeinsam mit Vertretern der Hirtenvölker und der Bauern.
Diese Karten sollen zur Lösung von Konflikten beitragen, die sich zwischen sesshaften Bauern und den nomadischen Hirten entzünden. Waren Sie damit bereits erfolgreich?
Ja, die Karten halfen bei der Lösung einiger Konflikte. Auf ihrer Grundlage konnten Hirten und Bauern den Zugang zu Wasserstellen untereinander regeln. Das Problem ist nicht selten auch eine Folge von schlecht geplanter Entwicklungshilfe. So führt etwa der Bau von Brunnen zu Siedlungen, die den Nomaden den Zugang zum Wasser versperren. Auch hier kann eine solche Karte helfen.
«Der Klimawandel hat sich auch auf die Stellung der Frauen im Land ausgewirkt»
Die Gesellschaft in Ihrer Heimat ist patriarchalisch. Wie verschaffen Sie sich als Frau Respekt?
Ich drehe die negativen Vorurteile über mich ins Positive. In den ländlichen Gemeinschaften sitzen die Männer immer getrennt von den Frauen. Wenn ich sie besuche, dann setze ich mich zuerst zu den Männern. Sie sagen «Hi, city girl» und lassen zu, dass ich die Hierarchie missachte, weil sie denken, dass ich als Städterin ihre Kultur ohnehin nicht verstehen würde. Ich nutze das aus, beginne, mit ihnen über die Umweltprobleme zu reden. Und so fangen auch sie an zu reden, über die Regenzeit, die Tiere, das Essen. Wir reden und reden, und dann bitte ich um die Erlaubnis, auch mit den Frauen sprechen zu dürfen.
Und das funktioniert?
Ja, weil sie sich im Glauben wähnen, dass es ihre Entscheidung war. Die nächsten Tage kommen also die Frauen, und wir reden über ihre Situation. Denn der Klimawandel hat sich auch auf die Stellung der Frauen im Land ausgewirkt.
Inwiefern?
Während der Regenzeit verbringen die Männer viel Zeit bei ihren Familien. Aber während der Trockenzeit ziehen sie mit den Herden durchs Land oder sie verlassen ihre Gemeinschaften, um in den Städten Arbeit zu finden. Je länger die Trockenheit andauert, desto länger bleiben sie weg. Viele Männer kehren nicht mehr zurück, aus Scham, dass sie ihre Familie nicht ernähren können. Es ist darum wichtig, die Frauen über ihre Rechte und Möglichkeiten aufzuklären.
Die Alphabetisierungsrate im Tschad ist tief, nur gerade zehn Prozent aller Frauen können lesen. Wie kommt es, dass Sie eine gute Bildung genossen haben und heute um die Welt reisen und vor der Uno Reden halten?
Meine Mutter lebte als geschiedene Frau in der Stadt, wo sie meinen Vater traf, einen südafrikanischen Emigranten. Nach meiner Geburt ging mein Vater zurück nach Südafrika, und meine Mutter teilte eine Wohnung mit einer anderen Frau. Diese hatte ein gynäkologisches Problem und bekam von einem Arzt Medikamente verschrieben. Als sie dennoch immer kränker wurde, brachte meine Mutter sie ins Spital. «Wollten Sie sich umbringen? Warum haben Sie die Medizin getrunken?», schrie der Arzt sie an. Die Frau hatte nicht verstanden, dass die Medizin nur zur äusseren Anwendung war, weil sie den Beipackzettel nicht lesen konnte – und meine Mutter genauso wenig. Da entschied sie sich, ihre Kinder in die Schule zu schicken.
«Ich kann nicht über Menschenrechte sprechen, ohne über die Umwelt zu reden, in der wir leben»
Sie sind in der Stadt aufgewachsen?
Wir lebten in der Stadt, aber geboren wurde ich in der ländlichen Gemeinschaft meiner Mutter. Darum habe ich auch erst einen Geburtsschein erhalten, als ich zur Schule ging. Die Familie erklärte meine Mutter für verrückt, weil sie mich zur Schule schickte. Auch mein Vater wollte, dass ich nicht mehr hingehe. Erst als meine Mutter drohte, ihn zu verlassen, willigte er ein. Sie schickten uns aber in den Ferien zurück aufs Land. Ich lernte also, wie man Kühe melkt. Und als ich dann wieder zurück in die Schule kam, wurde ich ausgestossen. Sie behaupteten, ich würde nach Kuhmilch riechen.
Daher Ihr Sinn für Gerechtigkeit?
Es war schlimm, aber auch lehrreich. Ich setzte mich für die katholischen Kinder aus dem Süden ein, die genauso verspottet wurden wie ich. Als Teenager gründete ich eine Organisation zum Schutz der Rechte von Mädchen. Und dann dachte ich mir, dass ich nicht über die Rechte dieser Mädchen reden kann, wenn ich nicht über ihre Mütter und Väter rede. Also begann ich, mit den Gemeinschaften zu arbeiten. Dabei begriff ich, dass ich nicht über Menschenrechte sprechen kann, ohne über die Umwelt zu reden, in der wir leben.
Was passiert mit den Landkarten, die Sie erstellt haben?
Ich teile sie mit der Uno und einigen NGOs, die sich für die partizipative Kartografie interessieren. Die Idee lässt sich auf alles Mögliche ausweiten. Man kann etwa Getreidearten kartografieren, das Angebot an frischem Wasser oder die Standorte von Moscheen, um zu wissen, wo man am besten in Schulen investieren sollte. In Zukunft möchte ich die Herausgabe der Karten an eine Art Charta knüpfen. Alle Parteien unterschreiben, dass sie sich für den Schutz und die gerechte Verteilung der natürlichen Ressourcen einsetzen sowie für eine friedliche Lösung allfälliger Konflikte. Ausserdem sollen sie sich verpflichten, für den Erhalt des traditionellen Wissens zu sorgen.
Was meinen Sie genau mit traditionellem Wissen?
Das Wissen über die Heilkraft von bestimmten Pflanzen etwa oder über die Tiere. Während der Regenzeit beobachtet meine Grossmutter diese kleinen Ameisen. Sobald sie sich aufreihen und in ihre Nester zurückziehen, weiss sie, dass es innerhalb der nächsten zwei Stunden zu regnen beginnt. Ich nenne meine Grossmutter darum oft die beste Wetter-App von allen.
«Die Politiker:innen nehmen das Wissen der lokalen Bevölkerung oft nicht ernst»
Sie haben auch eine Art Wettervorhersage entwickelt, die auf traditionellem Wissen basiert.
Genau. Je nach Region gibt es im Tschad bis zu sieben Jahreszeiten. Indem wir die Blüte der Bäume beobachten, die Wirbelstürme, die Winde und die Trockenheit unserer Haut, können wir genau wissen, wann eine Jahreszeit zu Ende ist und wie sich die nächste entwickeln wird. So entscheiden die nomadischen Völker, wohin sie wandern. Ich habe aus all diesen Informationen ein eigentliches System erstellt. Gemeinsam mit der Unesco versuche ich jetzt herauszufinden, wie wir das geistige Eigentum daran schützen können.
Warum ist das nötig?
Weil sonst jemand eine Doktorarbeit verfasst und dieses Wissen persönlich verwertet. Oder Firmen anfangen, Produkte zu entwickeln, die dieses Wissen vermarkten. Aber das ist nicht die Idee! Meine Grossmutter könnte sich davon schliesslich nichts zu essen kaufen.
Im Grunde sind Sie eine Vermittlerin: Sie übersetzen zwischen Ihrer Grossmutter und der Wissenschaft, den sesshaften Bauern und den nomadischen Hirtenvölkern, zwischen Männern und Frauen, zwischen dem Tschad und der Welt. Von wem fühlen Sie sich am meisten missverstanden?
Von der Wissenschaft und der Politik. Die Politiker:innen nehmen das Wissen der lokalen Bevölkerung oft nicht ernst, sie halten es für Anekdoten. Für sie zählen einzig ihre Berichte und Strategiepapiere, nicht das alltägliche Leben der Menschen, nicht die Ameisen, der Regen und das Getreide. Darum sind die Medienberichte wichtig. Sie belegen unsere Forderungen nach Recht und Anerkennung der indigenen Bevölkerung, sie sind unser Beweismittel.
Und die Wissenschafter:innen?
Forschende sind immer sehr interessiert, wenn ich ihnen vom traditionellen Wissen erzähle. Und dann fragen sie: «Und wer hat dieses lokale Wissen validiert?» Ich antworte: «Es sind die Menschen, die hier leben, die dieses Wissen überprüfen.»