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lm 18. Jahrhundert hatte man als Mensch mit afrikanischen Wurzeln in England oder den deutschen Landen nicht die kleinste Chance auf eine gehobene Karriere. Man brachte es bestenfalls zum exotischen Kutscher in einem adligen Haushalt – wenn man das seltene Glück hatte, nicht irgendwo auf einer überseeischen Plantage als Sklave geschunden und ausgepeitscht zu werden.
Anders in Frankreich: Hier war es durchaus möglich, dass Gens de Couleur Teil der angesehenen Gesellschaft wurden, sei es als Plantagenbesitzer auf Saint-Domingue – dem heutigen Haiti – oder als Offizier in der französischen Armee. Eine Persönlichkeit sticht besonders heraus: der klassische Komponist Joseph Bologne, Chevalier de Saint-Georges. Er kam 1745 in Guadelupe, einer französischen Kolonie in der Karibik, als Sohn eines begüterten weissen Adligen und einer 16-jährigen afrikanischen Sklavin zu Welt.
Der Vater liess seinem afro-europäischen Sohn in Frankreich eine erlesene europäische Erziehung angedeihen. Der talentierte Joseph besuchte ein Gymnasium, wurde von einem Fechtmeister gedrillt und genoss eine fundierte musikalische Ausbildung. In der Pariser Gesellschaft stieg der junge Mann, der den Titel eines Chevaliers führte wie sein Vater, schnell zur beliebten Persönlichkeit auf. Er brillierte als Fechter, Schwimmer, Eisläufer, Violinvirtuose, Komponist, Dirigent – und als Frauenschwarm. Kein Wunder: Der bronzehäutige Schwertmeister und Meistergeiger muss ein Bild von einem Mann gewesen sein, wie auf zeitgenössischen Porträts unschwer zu erkennen ist.
Während der Französischen Revolution diente er als Offizier und geriet in eine politische Intrige, die ihm mehrere Monate Gefängnis eintrug. Als er freikam, ging er für drei Jahre nach Haiti. Seine letzten beiden Lebensjahre verbrachte er zurückgezogen und in bescheidenen Verhältnissen in Paris. In dieser Zeit widmete er sich vor allem noch der Musik. Er starb 1799 im Alter von 54 Jahren.
Seine Musik gehört zur französischen Klassik. Er schrieb Opern, Violinkonzerte, Sinfonien und Kammermusik. Wer Werke von ihm hört, zum Beispiel die Symphonie Nr. 1 oder die Symphonie concertante in G-Dur, bekommt anmutige, wohlproportionierte und melodisch reiche Musik zu hören, die stark an Mozart erinnert – wobei nicht Mozart ihn, sondern offenbar er den um elf Jahre jüngeren Mozart beeinflusste.
1778 lebten sie in Paris sogar unter demselben Dach, der 33-jährige arrivierte Franzose und der 22-jährige, in Paris völlig verkannte österreichische Genius. Mozart soll vor allem von Saint-Georges’ Symphonies concertantes begeistert gewesen sein. Laut dem Musiker und Buchautor Gabriel Banat übte der Chevalier auch einen gewissen musikalischen Einfluss auf einen weiteren prominenten Zeitgenossen aus: auf Beethoven, dessen auffallend dunkle Haut, die fast schwarzen Augen und die kaum zu bändigenden Haare übrigens auch ein afrikanisches Erbe gewesen sein sollen…
Wie auch immer: Der Chevalier de Saint-Georges ist ein Zeuge des universalen Geistes der Musik. Wer sich zu ihrem Priester aufschwingt, muss talentiert, inspiriert und fleissig sein. Alles andere ist egal. Ganz besonders die Hautfarbe. Jene Eiferer, denen derzeit auch der absurdeste und weitest hergeholte Rassismusverdacht willkommen ist, um Lärm zu schlagen, würden zwar aufschreien, wenn sie erführen, dass Saint-Georges unter Kennern manchmal der schwarze Mozart genannt wird. Es ist aber, auch wenn er als Farbiger mit einem Weissen verglichen wird, nicht verletzend gemeint. Sondern als Verneigung vor einem begabten Musiker, der leider nur noch wenigen bekannt ist. Im Netz sind Werke von ihm abrufbar. Man höre gelegentlich hinein – es lohnt sich.