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Raffaels großartige künstlerische Thätigkeit fällt in seinen Aufenthalt in Rom, [* 2] welcher die dritte Periode seines Künstlerlebens umfaßt. Seine Thätigkeit als Freskomaler beginnt im Zimmer della Segnatura des Vatikans, welches er (1508-11) mit den allegorisch-symbolischen Darstellungen der Theologie, Philosophie, Poesie und Jurisprudenz schmückte. Auf dem Bilde der Theologie, gewöhnlich die Disputa (gestochen von Keller) genannt, sitzt die allegorische Gestalt der Theologie auf Wolken.
Als Einleitung zu dem großen Wandgemälde, welches die durch die Erlösung erfolgte Wiedervereinigung des gefallenen Menschengeschlechts mit Gott zum Vorwurf hat, ist an der Decke [* 3] der Sündenfall dargestellt. Oben im Himmel [* 4] des Hauptbildes erscheint Gott-Vater, umgeben von den Scharen der Engel, und unter ihm thront der Heiland, welcher den Heiligen Geist herabsendet zur Erleuchtung der von ihm gestifteten Kirche. Zu der Rechten Christi sitzt die heilige Jungfrau und zur andern Seite der Täufer Johannes.
Etwas tiefer im weitern Halbkreis sitzen ebenfalls auf Wolken Patriarchen, Propheten und Märtyrer. In der untern Abteilung erscheint die Eucharistie in der Monstranz auf dem Altar, [* 5] und zu den Seiten desselben sitzen die vier Kirchenlehrer Hieronymus, Ambrosius, Augustin und Papst Gregor d. Gr. Den Hintergrund füllen die Figuren andrer Kirchenlehrer des Mittelalters, darunter auch Dante und Savonarola sowie allgemeine Repräsentanten christlicher Gemeinden.
Den Übergang vom Bilde der Theologie zu jenem der Poesie bildet an der Decke die Darstellung der von Apollon [* 6] über Marsyas [* 7] verhängten Strafe, und als Überschrift zu dem unter dem Namen des Parnassos bekannten Hauptbild dient die allegorische [* 1] Figur der Poesie. Das darunter befindliche große Wandgemälde zeigt uns die auf dem Parnaß versammelten großen alten und neuern Dichter. Das dritte Gemälde ist der Philosophie gewidmet und unter dem Namen der Schule von Athen (gestochen von Jacoby) bekannt.
Oben thront die allegorische Gestalt der Philosophie, während das Gemälde selbst eine Versammlung alter, vornehmlich griechischer, Philosophen darstellt, die eine Übersicht der Entwickelung der griechischen Philosophie, nach Schulen geordnet, geben. Die Charaktere sind von der größten Mannigfaltigkeit. Als Übergangsbild zur Darstellung der Jurisprudenz dient das Urteil des Salomo. Die Lünette [* 8] enthält drei allegorische Figuren: die Stärke, [* 9] die Vorsicht und die Mäßigung, welche mit der darüber befindlichen Gerechtigkeit die Kardinaltugenden versinnlichen.
In dem Bild zur Linken sitzt der Kaiser Justinian, dem vor ihm knieenden Tribonian die Pandekten und den Kodex übergebend. In dem Bild gegenüber übergibt Papst Gregor VII. einem Advokaten die Dekretalen. Nach Vollendung dieser Arbeiten führte Raffael noch ein Fresko, den Propheten Jesaias in Sant' Agostino zu Rom, aus, ein Bild, in dem Michelangelos Einfluß nicht zu verkennen ist. Später folgten die Propheten und Sibyllen in Santa Maria della Pace, von denen namentlich die letztern zu den großartigsten Werken des Meisters gerechnet werden, während die erstern nur nach flüchtigen Entwürfen von ihm ausgeführt worden sind.
Die Ausschmückung des zweiten Zimmers im Vatikan, [* 10] der Stanza d'Eliodoro, wurde 1512 begonnen und 1514 vollendet. Auf dem ersten der Deckenbilder schwebt Jehovah, von zwei Engeln umgeben, einher, und der Erzvater Abraham liegt in Anbetung vor ihm auf den Knieen, eins der schönsten Bilder des Meisters. Weniger ansprechend ist das zweite Deckenbild: das Opfer Abrahams. Das dritte stellt Jakob vor, wie er im Traum aus der Himmelsleiter Engel auf- und niedersteigen sieht.
Von außerordentlicher Kraft [* 11] und Energie ist die vierte Darstellung an der Decke, wie Gott-Vater dem Moses im feurigen Busch erscheint. Das erste der großen Wandbilder stellt den Heliodor dar, wie er, im Begriff, den Schatz des Tempels zu Jerusalem [* 12] zu rauben, durch die Erscheinung eines Ritters in goldener Rüstung [* 13] niedergeschmettert wird. Das zweite Wandbild schildert eine wunderbare Begebenheit (ein an der Transsubstantiation zweifelnder Priester sieht aus der von ihm geweihten Hostie Blut fließen), die sich 1263 in der Kirche der heil. Christina zu Bolsena während der Messe zugetragen haben soll und Veranlassung zur Stiftung des Fronleichnamsfestes gegeben hat.
Das dritte Wandgemälde stellt die Befreiung des Apostels Petrus aus dem Gefängnis dar; das vierte zeigt den Hunnenkönig Attila, wie er, im Begriff, gegen Rom anzurücken, durch die Erscheinung der Apostelfürsten Petrus und Paulus bewogen wird, der Mahnung des Papstes Leo I., Italien [* 14] zu verlassen, Gehör [* 15] zu geben, eins der vorzüglichsten Bilder Raffaels. Um dieselbe Zeit, zu Anfang des Jahrs 1514, führte Raffael im Haus des Agostino Chigi (der Villa Farnesina) den Triumph der Galatea in Fresko aus.
Das dritte Zimmer im Vatikan, die Stanza dell' Incendio, ward 1514-17 von Raffael ausgeschmückt; doch mußte er sich dabei mehr als früher der Mithilfe seiner Schüler bedienen. Das erste Wandbild stellt dar, wie Papst Leo III. in Gegenwart Karls d. Gr. durch einen Schwur auf das Evangelium die Beschuldigungen der Neffen des verstorbenen Papstes Hadrian I. von sich abweist. Das zweite schildert die Kaiserkrönung Karls d. Gr. durch Leo III. Das dritte Bild zeigt den Hafen von Ostia, wo die Sarazenen auf das Flehen des Papstes Leo IV. durch Gottes Hilfe, der einen heftigen Sturm sendet, besiegt werden.
Das ausgezeichnetste Gemälde dieses Zimmers ist der Burgbrand, der nach Anastasius dem Bibliothekar 847 in der Vorstadt Borgo nuovo ausbrach und durch alle menschlichen Bemühungen nicht gelöscht werden konnte. Diese Darstellung nebst einer Ansicht der alten Fassade der Peterskirche bildet den Hintergrund, während den Vordergrund von den verschiedenartigsten Motiven belebte Gruppen ausfüllen. An dramatischem Interesse, an Schönheit der Komposition, an Meisterschaft in der Ausführung steht dieses Bild unter den vatikanischen Fresken in erster Reihe.
Doch hat Raffael keins dieser Gemälde mehr eigenhändig durchgeführt. Nicht minder reich wurde der nach einer Seite offene Gang [* 16] (Loggien), welcher im zweiten Stock von der Stiege nach dem Saal des Konstantin und den Stanzen führt, ausgeschmückt. Er besteht aus 13 kleinen kuppelartigen Abteilungen mit 48 Darstellungen aus dem Alten und 4 aus dem Neuen Testament, gewöhnlich Raffaels Bibel [* 17] genannt. Zu allen diesen Bildern und Ornamenten (Grotesken, s. d.) lieferte Raffael aber nur die Entwürfe, die seine Schüler ausführten.
In das Jahr 1516 fällt die Ausschmückung des Badezimmers im dritten Stockwerk des Vatikans für den Kardinal Bibbiena. Es enthält auf dunkel rotbraunem Grund sieben Hauptfelder mit mythologischen Darstellungen, welche sich auf die Macht der Liebe und Schönheit beziehen. Auch zu der Ausschmückung der Loggiendecke der Farnesina lieferte er nur die Kartons, die Ausführung seinen Schülern überlassend. Hier gab die Fabel von Amor und Psyche den Stoff zu einer Reihe von Gemälden. Die letzte bedeutende Arbeit, welche ¶
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Raffael unternahm, sind die Kompositionen im Saal des Konstantin im Vatikan, welche sich auf die Begründung der sichtbaren Oberherrschaft der Kirche in den bedeutendsten Begebenheiten aus dem Leben Konstantins d. Gr. beziehen. Raffael hatte nur die allgemeine Anordnung aufgezeichnet, einige Kartons zu allegorischen Figuren und der Schlacht Konstantins ausgeführt und für die Darstellung der Erscheinung des Kreuzes eine Zeichnung entworfen, als der Tod ihn überraschte. Die Schlacht atmet ganz Raffaelschen Geist. Alle Figuren sind voll Leben und Wahrheit, und trotz des Getümmels der Schlacht tritt doch der Hauptgegenstand klar hervor, in großen Zügen den Sieg des Christentums über das Heidentum feiernd. Die Ausführung in Farben gehört Schülern Raffaels, meist Giulio Romano, an.
Eins der ersten Staffeleibilder, die aus Raffaels römischer Periode stammen, ist das treffliche Porträt Julius' II. in der Tribuna der Uffizien zu Florenz. [* 19] In diese erste Zeit fällt auch das Bildnis des Bindo Altoviti (Münchener Pinakothek) und das eines halbnackten Mädchens, der sogen. Fornarina, in der Galerie Barberini zu Rom. Unter den größern Staffeleigemälden aus dieser Zeit ist eins der ersten die als Madonna di Loreto bekannte heilige Familie, welche jetzt verschollen, deren Komposition aber in alten Kopien erhalten ist.
Ein zweites Bild ist unter dem Namen der Madonna aus dem Haus Alba [* 20] bekannt, jetzt in Petersburg. [* 21] Ein andres kleines Madonnenbild ist jenes mit dem schlafenden Kind, vor welchem der kleine Johannes mit gefalteten Händchen und mit dem Kreuzchen verehrend kniet, jetzt im Louvre, als die Madonna mit dem Diadem bekannt. Ein größeres Altarbild, um 1512 gemalt, ist unter dem Namen der Madonna di Foligno bekannt, ursprünglich über dem Hauptaltar der Kirche Ara Celi auf dem Kapitol, jetzt im Vatikan aufgestellt, eine der großartigsten Schöpfungen Raffaels.
Auch mehrere Madonnenbilder stammen aus dieser ersten römischen Periode, so z. B. die Madonna der Bridgewater Gallery und die Madonna Aldobrandini in der Nationalgalerie zu London, [* 22] die Madonna della Tenda in der Münchener Pinakothek, die Madonna mit den Kandelabern (bei Munros Erben in London) und die Madonna del divino amore im Museum zu Neapel. [* 23] Zu den ersten Bildern, welche Raffael nach Julius' II. Tod malte, gehört das Altarblatt für die Kirche San Domenico Maggiore zu Neapel, welches als Madonna del Pesce bekannt ist, jetzt im Museo del Prado zu Madrid. [* 24]
Maria sitzt auf einem Thron [* 25] und hält das auf ihrem Schoße stehende Christuskind, welches das Händchen in das Buch des rechts stehenden St. Hieronymus legt, während von der andern Seite der Engel herkommt, welcher den jungen Tobias mit dem Fisch herbeiführt. Eins der herrlichsten Bilder Raffaels aus seiner spätern römischen Zeit (um 1516 vollendet) ist die heil. Cäcilia, für eine Kapelle in San Giovanni in Monte zu Bologna gemalt, jetzt in der Pinakothek daselbst.
Ein andres, aber kleineres Bild, das um dieselbe Zeit nach Bologna sendete, stellt die Vision des Hesekiel dar und ist unter dem Einfluß Michelangelos entstanden. Eine Kreuztragung für die Kirche des Olivetanerklosters Santa Maria dello Spasimo zu Palermo, [* 26] bekannt unter dem Namen Lo Spasimo di Sicilia, stellt Jesus unter der Kreuzeslast niedersinkend dar, jetzt im Museum zu Madrid befindlich. Dasselbe besitzt auch das unter dem Namen der heiligen Familie unter der Eiche bekannte Bild.
Von größerer Bedeutung ist jenes Bild aus der Galerie zu Madrid, welches Raffael für den Herzog von Urbino malte, unter dem Namen der Perle bekannt. Die heilige Jungfrau, das Jesuskind auf dem Knie haltend, umfaßt traulich die sich auf ihren Schoß stützende heil. Elisabeth, und beide blicken freudig nach dem kleinen Johannes, welcher dem göttlichen Gespielen Früchte in seinem Fell bringt; links im Grund Joseph in einer Ruine. Ganz von Raffaels Hand [* 27] ist das herrliche Bild der Madonna della Sedia im Palast Pitti zu Florenz (gestochen von Mandel und Burger).
Maria, bis zu den Knieen sichtbar, sitzt in einem Sessel und umfaßt mit beiden Armen das auf ihrem Schoße sitzende Christuskind, gegen welches sie das reizend schöne Haupt neigt; rechts Johannes mit dem Kreuzchen. Für den König Franz I. von Frankreich ist das lebensgroße Bild des Erzengels Michael gemalt, wie er auf dem niedergeschmetterten Satan steht und mit beiden Händen die Lanze zum Stoß erhebt. Für denselben Fürsten ward ein andres Bild, die sogen. große heilige Familie, gemalt: Maria, sich im Sitzen vorneigend, faßt unter den Armen das ihr aus der Wiege entgegenspringende Christuskind;
links kniet Elisabeth mit dem kleinen Johannes im Schoß, rechts hinter der heiligen Jungfrau steht Joseph und gegenüber zwei Engel.
Beide Bilder sind jetzt im Louvre, wo sich auch noch eine kleine heilige Familie von Raffael befindet. Von Madonnenbildern aus dieser Zeit sind noch zu nennen: die Madonna dell' Impannata (mit dem Erkerfenster, im Palast Pitti zu Florenz), die Madonna dell' Passeggio in der Bridgewater Gallery zu London, die Madonna mit dem Spruchband im Museum zu Madrid, vor allen die Madonna des heil. Sixtus (Sixtinische Madonna), mit welcher Raffael die große Reihe der bildlichen Darstellungen der heiligen Jungfrau schloß.
Letztere, durch viele Stiche (die besten von F. Müller und Mandel) bekannt, wurde ursprünglich für das Kloster des heil. Sixtus zu Piacenza gemalt und ist jetzt die Krone der Dresdener Galerie. Der heiligen Jungfrau dieses Bildes ähnlich ist das Frauenbildnis im Palast Pitti zu Florenz, als Raffaels Geliebte bekannt. Von andern Bildnissen dieser letzten Periode sind noch diejenigen des Papstes Leo X. mit zwei Kardinälen (um 1516, Palast Pitti zu Florenz), des Kardinals Bibbiena (Museum zu Madrid), des Thomas Inghirami (Palast Inghirami zu Volterra), des Grafen Castiglione (Louvre), eines Violinspielers (1518, Palast Sciarra zu Rom), eines jungen blonden Mannes und der Johanna von Aragonien (beide im Louvre) hervorzuheben. Den Cyklus der Darstellungen aus dem Leben Jesu schloß Raffael mit dem berühmten Gemälde der Transfiguration, an dessen Vollendung der Tod ihn hinderte. Das Bild, von Giulio Romano vollendet, ist jetzt eine der Hauptzierden der vatikanischen Galerie.
Zu den bewunderungswürdigsten Werken Raffaels gehören auch die Kartons zu den Tapeten (arazzi), die der Papst in den Niederlanden wirken ließ, um den untern Raum der Sixtinischen Kapelle damit zu schmücken. Die sieben noch vorhandenen Kartons in Wasserfarben: Petri Fischzug, die Übergabe der Schlüssel, die Heilung des Lahmen, der Tod des Ananias, die Bestrafung des Elymas, die Predigt des Paulus in Athen [* 28] und Paulus mit Barnabas in Lystra, befinden sich jetzt im South Kensington-Museum zu London. Die Teppiche selbst haben durch verschiedene Schicksale sehr gelitten und hängen seit 1814 im Vatikan. Wiederholungen der Teppiche befinden sich in den Galerien zu Berlin [* 29] und Dresden [* 30] und im Madrider Schloß. Die Entwürfe zu einer zweiten Reihenfolge von Tapeten, mit Darstellungen aus dem Leben Jesu, wurden von Raffael nur in Skizzen geliefert. ¶