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|aus: Informationsblatt Nr. 2/1983

Die Liberalkatholische Kirche zählt in der Schweiz höchstens vereinzelte Mitglieder. Da sie aber in der BRD mit 7 Gemeinden und in Österreich mit 3 Gemeinden vertreten ist, taucht die Frage nach ihrer Herkunft und ihrem Wesen hie und da auch bei uns auf.
Die Liberalkatholische Kirche ist im Jahre 1916 aus der Altkatholischen Kirche Englands herausgewachsen. Selber bezeichnet sie sich als "eine selbständige, vollkommen unabhängige Kirche, welche die altehrwürdigen christlichen Formen sakramentaler Gottesverehrung mit vollkommener Gedankenfreiheit verbindet" (aus "Die Kirche", Diözesanblatt der Liberalkatholischen Kirche für die Kirchenprovinz Mitteleuropa). Ihre Bischöfe sehen sich im Besitz der Apostolischen Sukzession.
Den Anfang der neuen Kirche machten einige von der Theosophie eingenommene altkatholische Priester in England, unter ihnen J. I. Wedgwood (1883-1951), Erzbischof und Leiter der damals neuentstehenden Kirche. Wedgwood berief den ehemaligen anglikanischen, zur Theosophie übergetretenen Priester Ch. W. Leadbeater zum Bischof von Australien. Mit der Zeit dehnte sich die Liberalkatholische Kirche in zahlreiche Länder aus. Heute umfasst sie 14 Kirchenprovinzen, in denen 30 Bischöfe tätig sind. Der Bischof für die Kirchenprovinz Mitteleuropa, Gustav Ringer, wohnt in München.
Der Mensch, so lehrt die Liberalkatholische Kirche, ist seinem Wesen nach göttlich. Er kann die Gottheit erkennen, deren Leben er teilt. Indem er die göttlichen Kräfte, die verborgen in ihm ruhen, durch aufeinanderfolgende Erdenleben entfaltet, kann er zu einer grösseren Erkenntnis des Universums emporwachsen, das selbst der Ausdruck jenes göttlichen Lebens ist. "Diese Zugangsmethode ist identisch mit dem alten Brahmavidya der Hindu-Upanishaden oder der Dhyana (chinesisch Ch'an, japanisch Zen) der Buddhisten". Der alte Pfad der Läuterung, Erleuchtung und Vereinigung, der den Kandidaten in früheren Zeiten zur wahren Erkenntnis (Gnosis) gebracht hat, steht ihm auch heute noch offen. Jene die ihn beschreiten, können auch jetzt hoffen, die Jüngerschaft zu erlangen, die direkte Verbindung mit dem Meister.
In der Liberalkatholischen Kirche sind die Aussagen über Jesus Christus nicht nur von der Bibel her geprägt, sondern von der Theosophie, wie sie als eigene Lehre von Helena Petrowna Blavatsky (1831-1891) und ihrer Nachfolgerin Anne Besant (1847-1933) entworfen worden ist. Christus gilt als das wesentlich Göttliche im Menschen, als die "Wesentliche innere Gottheit".
Die Liberalkatholische Kirche feiert sieben Sakramente: Taufe, Firmung, heilige Eucharistie, Lossprechung, heilige Ölung, Ehe und die heiligen Weihen. Die Sakramente werden theosophisch erklärt. Um ihre Wirksamkeit für die Teilnehmer am Gottesdienst zu sichern, erfolgt die rituelle Austeilung der Sakramente mit grosser Sorgfalt.
Irgendwelche Verbindungen der Liberalkatholischen Kirche zu den bekannten christlichen Kirchen bestehen keine. Die Verschiedenheiten sind zu gross. Die christlichen Kirchen sehen ihre Aufgabe in der Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus und nicht in der Weitergabe theosophischer Erkenntnisse.