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Die Weltwirtschaft hat bereits eine längere Wachstumsphase hinter sich, und die Aussichten sind weiterhin gut. Mit einer jährlichen Zunahme von 2,1% im Zeitraum 1980-2005 näherte sich das Durchschnittseinkommen pro Einwohner der Entwicklungsländer demjenigen in den reichen Ländern an. In absoluten Zahlen ist der Unterschied nach wie vor beträchtlich: Das Durchschnittseinkommen pro Einwohner in den Entwicklungsländern beträgt nur etwa 16% des Durchschnittseinkommens in den Industrieländern. Trotz des noch bescheidenen Ausmasses dieses Prozesses werden die Schwellenländer in Zukunft einen immer grösseren Beitrag zum weltweiten Wirtschaftswachstum leisten. Zahlreiche Entwicklungsländer, die einst als unbedeutende Nebenakteure der Weltwirtschaft betrachtet wurden, werden zu unumgänglichen Trägern und Wirtschaftspartnern aufsteigen. Die Kehrseite ist, dass bestimmte Länder oder soziale Gruppen von dieser Entwicklung ausgeschlossen sind oder zumindest einen grossen Rückstand aufweisen.
Durch die Globalisierung wurde die bisherige Wirtschaftsordnung tief greifend verändert. Die Liberalisierung des Handels, die raschere Verbreitung von technologischen Innovationen und die Finanzströme der Direktinvestitionen ermöglichten es, dass die Anstrengungen, welche die Entwicklungsländer selbst unternommen hatten, erweitert werden konnten und diese Früchte zu tragen begannen. Die dadurch erlangte makroökonomische Stabilität bildete die Basis, um die Eigeninitiative und die privaten Investitionen zu fördern. Dieser Prozess führte zu beachtlichen Ergebnissen: Abgesehen von den substanziellen Fortschritten von China und Indien hatten im Zeitraum 2000-2005 über 20 Entwicklungsländer ein durchschnittliches jährliches Wachstum von über 6% zu verzeichnen. Was einst als «Wunder» von Ostasien betrachtet wurde, ist mittlerweile auch in Afrika und Lateinamerika Realität. Die Globalisierung geht mit einer noch nie da gewesenen Verbesserung der Lebensbedingungen einher. Von dieser Entwicklung können allerdings bestimmte Länder und soziale Gruppen nicht profitieren. Siehe dazu zwei Publikationen der Weltbank: The World Development Report 2006. Equity and Development (Zusammenfassung auf Französisch unter dem Titel Rapport sur le développement dans le monde 2006. Équité et développement); The Global Economic Prospects 2007. Managing the Next Wave of Globalization.
Unterschiedliche Entwicklung nach Regionen und Ländern
Millionen von Menschen profitierten vom starken Wirtschaftswachstum der letzten Jahre. Auf globaler Ebene ging der Anteil der Armen Verfügbares Einkommen unter 1 US-$ pro Tag. von 40% im Jahr 1980 auf 29% im Jahr 1990 und 18% im Jahr 2005 zurück. Unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums beträgt der Rückgang in absoluten Zahlen noch ein Drittel: Auch dies ist eine beachtliche Entwicklung. Doch nach wie vor leben über 1 Mrd. Menschen unter der Armutsgrenze. Stark verändert hat sich auch die geografische Verteilung der Armut. Während 1980 rund 58% der Bevölkerung in Süd- und Ostasien von extremer Armut betroffen waren, wird dieser Anteil gegenwärtig auf 15% geschätzt. Im Gegensatz dazu konnten die afrikanischen Staaten südlich der Sahara kaum von dieser Entwicklung profitieren: 45% der dortigen Bevölkerung verfügen über weniger als 1 US-$ pro Tag. Ein Drittel der Armen weltweit leben heutzutage auf dem afrikanischen Kontinent. Rund 30 arme Staaten (mit total 500 Mio. Einwohnern) werden durch Konflikte stark in Mitleidenschaft gezogen. Diese Auseinandersetzungen betreffen mehrheitlich afrikanische Länder. Das Ausmass und die Dauer der Konflikte führen zu Verelendung und Marginalisierung. Auch in den anderen Länder fallen die Auswirkungen der Globalisierung je nach gewählter Strategie und der Umsetzung von wirtschaftlichen und sozia-len Reformen unterschiedlich aus. Jene Staaten, welche die grössten Anstrengungen unternommen und ihre Massnahmen am konsequentesten umgesetzt haben, konnten im Allgemeinen mehr von den Chancen und Vorteilen der Globalisierung profitieren.
Uneinheitliche Verteilung der Früchte des Wachstums
Während sich der grosse Rückstand der Entwicklungsländer auf die reichen Länder beim Durchschnittseinkommen verringert und eine beträchtliche Verbesserung mehrerer Sozialindikatoren – wie Kindersterblichkeit und Schulbildung – zu verzeichnen ist, nehmen die Einkommensunterschiede innerhalb der Entwicklungsländer tendenziell zu. Dieses Problem hat sich in den letzten Wachstumsjahren in den meisten Entwicklungsländern weiter verschärft. Darin äussern sich die ungleichen Ausgangsbedingungen (z.B. Grundeigentum, Bildung, Gesundheit, Rolle der Frau) und Chancen (z.B. Zugang zu Krediten und zur Basisinfrastruktur, Mobilität) der Menschen. Das Entstehen einer «Mittelklasse» – ein bedeutender und grundsätzlich positiv zu wertender sozialer Faktor – ist ebenfalls ein Indikator für das unterschiedliche Entwicklungstempo. Die grossen Chancenungleichheiten, die in vielen armen Ländern weiterhin vorherrschen, zementieren die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Unterschiede. Davon sind insbesondere jene Gruppen und Individuen betroffen, die bereits am unteren Ende der Wohlstandsskala stehen. So entgeht diesen Ländern ein grosses Potenzial an Möglichkeiten, Innovationen und Talenten. Vor diesem Hintergrund war die Globalisierung in den letzten Jahren mit einer zunehmenden Ungleichheit bei der Einkommensverteilung verbunden.
Spannungen auf dem Arbeitsmarkt
Für die Arbeitskräfte in den Entwicklungsländern hatte das Wirtschaftswachstum nur wenige bedeutende Verbesserungen zur Folge. Der Technologietransfer, die ausländischen Investitionen und der internationale Wettbewerb trugen zwar dazu bei, die Produktivität, die Löhne und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Doch diese Entwicklung blieb auf die Industriebranchen und auf Dienstleistungsbereiche beschränkt, die auf die internationalen Märkte ausgerichtet sind. In vielen Entwicklungsländern ist die allgemeine Lage auf Grund des Bevölkerungswachstums nach wie vor von hoher Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung sowie von tiefen Löhnen geprägt. Ein Grossteil der Arbeitskräfte ist weiterhin in der Landwirtschaft oder anderen traditionellen Wirtschaftszweigen und der Schattenwirtschaft tätig. Verlagerungen von Unternehmen und die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen gehören zu den Begleitfaktoren der Globalisierung, von denen auch die Entwicklungsländer betroffen sind. Die Unternehmen der Schwellenländer sind ausserdem mit dem globalen Wettbewerb konfrontiert. Um eine hohe Produktivität und Qualität zu gewährleisten, müssen sie ihre Arbeitskräfte ausbilden und Investitionen tätigen, die für eine Verbesserung ihrer Produktionsmethoden erforderlich sind. Wie in Asien bereits zu beobachten ist, führt diese Entwicklung unweigerlich dazu, dass die Bedeutung des Produktionsfaktors Arbeit für das Wachstum abnimmt. Dies ist eine grosse Herausforderung für jede nationale Strategie zur Armutsreduktion. Die Struktur des Arbeitsmarkts in den Entwicklungsländern ist komplexer geworden und umfasst nun die formellen Sektoren, die Schattenwirtschaft, die traditionellen Branchen sowie die «globalisierten» Sektoren. Die Unterschiede bezüglich der Arbeitsbedingungen und der Löhne nehmen zwischen diesen Kategorien rasch zu, was zu sozialen Spannungen führen kann. Das nach wie vor beträchtliche Ausmass der Migrationsströme – hauptsächlich gut ausgebildete und qualifizierte Menschen – ist Ausdruck der Ungleichgewichte auf den Arbeitsmärkten. In diesem Kontext werden auch die Transfers der Einkommen von emigrierten Arbeitskräften an ihre Familien in den Herkunftsländern immer wichtiger.
Weiterhin grosse ökologische Herausforderungen
Trotz internationaler Anstrengungen und nationaler Strategien bestehen auf unserem Planeten noch immer grosse Probleme im Zusammenhang mit der Luftqualität, dem Umgang mit den Wasserressourcen, der Erosion und der Abholzung. Der Klimawandel ist bereits Ausdruck des Ausmasses an Umweltverschmutzung und gibt einen ersten Vorgeschmack der hohen Kosten, die auf die künftigen Generationen zukommen werden. Auf Grund ihrer Produktionsstrukturen und ihrer Lage sind die Entwicklungsländer durch die Auswirkungen des Klimawandels besonders gefährdet. Die Globalisierung fördert ein Wachstumsmodell, in dessen Rahmen die Externalitäten, die mit den ökologischen Auswirkungen des Wirtschaftswachstums verbunden sind, nicht ausreichend berücksichtigt werden. Ausgehend von den gegenwärtigen Entwicklungen besteht die Gefahr, dass die Emissionen an Treibhausgasen bis 2030 um 50% zunehmen werden. Die möglichen Auswirkungen auf die Landwirtschaft, die Wasserbewirtschaftung und die Ökosysteme sind gleichbedeutend mit grossen Risiken für die langfristigen wirtschaftlichen Aussichten zahlreicher Länder. Der Raubbau an den natürlichen Ressourcen ist eine echte Bedrohung für die künftigen Wachstumsszenarien.
Welche Lehren sind zu ziehen – und was ist zu tun?
Die Globalisierung ist kein Wundermittel, um alle Übel im Zusammenhang mit Unterentwicklung und schlechter Entwicklung zu bekämpfen. Sie ist kein Selbstzweck, sondern ein wirkungsvolles Instrument zur Bekämpfung der Armut. Rückblickend auf die letzten zehn Jahre lässt sich feststellen, dass die Globalisierung in den Entwicklungsländern ein anhaltendes Wachstum gefördert hat. Die Gesamtergebnisse sind bemerkenswert: Die weltweite Armut geht zurück, und das Ziel der UNO, die extreme Armut bis 2015 um die Hälfte zu reduzieren, erscheint durchaus erreichbar. Die Globalisierung ist jedoch auch mit «Nebenwirkungen» verbunden, die grosse Zukunftsrisiken darstellen. Die Zunahme der ungleichen Einkommensverteilung, die Spannungen auf den Arbeitsmärkten und die hohen Umweltkosten sind bedeutende Einschränkungen, welche die Globalisierung in Zukunft entweder verlangsamen oder sogar zum Scheitern bringen könnten. Dadurch würde das Wachstum in den Schwellenländern direkt in Mitleidenschaft gezogen. Hängen diese Probleme und ihre Lösung ausschliesslich mit der Globalisierung zusammen? Selbstverständlich nicht! Die Globalisierung bietet ein grosses – und noch weit gehend ungenutztes – Potenzial für ein starkes Wachstum. Doch es ist in erster Linie die Aufgabe der Staaten und der internationalen Gemeinschaft, die politischen Strategien, den rechtlichen Rahmen und die Massnahmen zu erarbeiten, mit denen die Risiken, Kosten und Externalitäten des wirtschaftlichen Fortschritts in Schach gehalten und reduziert werden können. Damit die Weltmärkte besser und gerechter funktionieren, sind Massnahmen erforderlich. Für all jene, die Ideen realisieren, Kapital einsetzen, Risiken eingehen sowie ihre Produkte und Arbeitskraft verkaufen, bieten die internationalen Märkte zweifellos eine Fülle von Möglichkeiten. Doch leider sind diese Märkte in vielen Fällen unvollkommen, da nicht für alle Marktteilnehmer die gleichen Möglichkeiten und Spielregeln bestehen. So ist das Volumen der Agrarsubventionen der OECD-Länder fünfmal grösser als dasjenige der öffentlichen Entwicklungshilfe. Bei bestimmten Produkten – wie beispielsweise Baumwolle und Zucker – bilden sie ein unüberwindliches und völlig ungerechtes Hindernis für Exporte aus armen Ländern. Solche Fragen können nur mit einem positiven Abschluss der gegenwärtigen multilateralen Verhandlungen über Handelsfragen gelöst werden. Damit könnte dem Globalisierungsprozess und seinen Auswirkungen bei der Bekämpfung der Armut wieder mehr Dynamik verliehen werden. Kürzlich durchgeführte Untersuchungen haben gezeigt, dass bei geringen Einkommensunterschieden ein Anstieg des Durchschnittseinkommens pro Einwohner um 1% eine überproportionale Abnahme der Armutsrate um bis zu 4% resultiert. Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Bekämpfung der Armut können sich insbesondere dann entfalten, wenn sich der Staat und die Zivilgesellschaft für Chancengleichheit einsetzen und die Armen stärker an den Entscheidungsprozessen beteiligt werden. Eine verantwortungsvolle Staatsführung und die Bekämpfung der Korruption sind wesentliche Beiträge zur Unterstützung einer solchen Entwicklung. Die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind wesentliche Faktoren für die Optimierung des Beitrags, den die Globalisierung bei der Bekämpfung der Armut leisten kann. Im Rahmen von nationalen Wachstumsstrategien müssen arbeitsintensive Produktionsbereiche – wie die Landwirtschaft – gefördert werden. Zu begrüssen ist in diesem Zusammenhang der kürzlich gefällte Entscheid der UNO, die Beschäftigung als neues internationales Entwicklungsziel festzulegen. Die Globalisierung bietet die historische Möglichkeit, die Konvergenz zwischen den Einkommen der armen Länder und jenen der reichen Länder zu beschleunigen. Zu diesem Zweck muss der sozialen und ökologischen Dimension des Wachstums mehr Beachtung geschenkt werden. Diese Herausforderungen sind nur mit entschlossenen Massnahmen aller Partner zu bewältigen. Nur so kann gewährleistet werden, dass die nächste Globalisierungswelle noch ausgeprägter der Bekämpfung der Armut dienen und ein starkes und nachhaltiges Wachstum fördern wird, an dem alle teilhaben können und dank dem neue Arbeitsplätze geschaffen werden.