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In ihrem neuen Buch «Späte Familie» schreibt die israelische Autorin wieder über schwierige Beziehungen, Trennungen, Scheidungskinder - Themen, die sie auch aus eigener Erfahrung kennt. Ein Besuch in Jerusalem.
Ihr zerbrechlicher, dünner Körper zeichnet sich gegen die helle Sonne draussen ab, der Sicherheitsmann schaut flüchtig in ihre Tasche und nickt ihr zu. Eine Frau an einem der Bartische begrüsst sie, sie umarmen sich, Zeruya Shalevs bleiches, von ihrem langen dunklen Haar umrahmtes Gesicht hellt sich auf und beginnt Freude auszustrahlen, die aber immer verhalten bleibt. Solche Begegnungen scheinen ihr einfacher zu fallen als ihren Romanfiguren, für die nichts selbstverständlich ist und die sich mit ihren scharfen, ihre Umgebung und ihre Mitmenschen durchdringenden Gedanken quälen. Auch meine Hand drückt sie herzlich.
Sie ist erleichtert, dass ganz hinten im Café Tische frei sind - weit weg vom Eingang, dem Metallgitter und der Fensterfront dahinter. Hier fühlt sie sich sicherer. Wir sitzen in einem gut besuchten Café im Jerusalemer Viertel Rehavia, am Derech Azza (Gasa-Strasse), einer Hauptverkehrsachse, die vom Unabhängigkeitspark nahe der Altstadt bis zum Sacher Park hinunterführt. In diesem ruhigen und vornehmen Viertel im jüdischen Westteil Jerusalems wohnt Zeruya Shalev. Und der «Filter» ist eines der Cafés, die sie aufsucht, wenn sie jemanden zu einem Gespräch trifft. Allerdings ist dies nicht der ursprüngliche «Filter», der sich auf der anderen Strassenseite etwas weiter oben befand. Nach einem Bombenanschlag ist das Café in eine neue Lokalität umgezogen.
Ebendieses Selbstmordattentat in einem Linienbus hätte für Zeruya Shalev beinahe den Tod bedeutet. «Ich hatte meinen Sohn zur Schule gebracht und eilte nach Hause, ich war in Gedanken an meinem Text, als ich plötzlich vier, fünf Meter durch die Luft flog», erzählt sie mit leiser Stimme. «Noch immer erinnert mich jeder Bus an jenen Tag.» Sie beginnt zu erzählen, was man in vielen Zeitungen lesen konnte - die tote Frau neben ihr, das Bein auf der anderen, der brennende Mann -, doch dann bricht sie ab: «Ich war mir so sicher, dass ich gleich zu Hause sein und schreiben würde, doch dann war ich so nahe am Tod.»
Leben in der Patchworkfamilie
Zeruya Shalev lebte, doch ihr Knie war stark verletzt, sie musste mehr als ein halbes Jahr liegen, und während dieser Zeit konnte sie keinen einzigen Satz schreiben. «Nicht einmal lesen konnte ich in den ersten Wochen.» Sie lag da und sah die Menschen an sich vorbeiziehen, die in Scharen kamen, um sie zu besuchen. «Ich war immer gerne alleine gewesen, da waren plötzlich diese vielen Menschen. Ich konnte mich manchmal nicht mehr erinnern, wer wer war ... Die Besuche haben mich aber auch abgelenkt, denn in meiner Vorstellung wiederholte sich die Explosion wieder und wieder.» Auch ihr erster Mann war da, den sie in der Armee kennen gelernt hatte, der erste von zwei Männern, von denen sie sich wieder scheiden liess; aus der zweiten Ehe stammt eine Tochter, aus der dritten der mittlerweile zehn Jahre alte Sohn. Heute ist die 46-Jährige mit dem israelischen Autor Eyal Megged verheiratet, dem Sohn des Schriftstellers Aharon Megged.
Schwierige Beziehungen, Trennungen, Scheidungskinder, eine neue Familie, das Durcheinander, das heute der Normalfall ist, die Patchworkfamilie, all das, was Zeruya Shalev in ihren Romanen so genau und eindringlich beschreibt, kennt sie aus eigener Erfahrung. «Zwischen zwanzig und vierzig meinte ich, ich müsse den Mann wechseln, um mein Leben zu ändern.» Und sie lächelt, nachsichtig, wie über einen kindischen Irrtum.
Zeruya Shalev lebte nicht immer in Jerusalem, doch dass sie heute hier lebt, ist ihre bewusste Wahl. Tel Aviv sei ihr zu ausgelassen und fröhlich, habe weder Vergangenheit noch Zukunft, während Jerusalem internationaler und heterogener sei. Und spiritueller.
Geboren ist Zeruya Shalev im Kibbuz Kinneret in Galiläa, wo auch ihre Mutter, Malerin und Kunstdozentin, aufgewachsen war. Die Grosseltern kamen alle vier 1910 aus Russland und Polen. Auch Zeruya Shalev interessierte sich für ihre Familiengeschichte, sie fuhr sogar in jenes polnische Dorf, aus dem ihre Vorfahren ausgewandert waren: «Ich wartete, dass ich meine Wurzeln fühlen würde, doch da kam nichts.» Als Zeruya Shalev noch ein Baby war, zogen ihre Eltern nach Kfar Saba, damals noch ein kleiner Ort. «Ich war viel in der Natur, da habe ich gelernt, allein zu sein. Und als ich ungefähr sechs Jahre alt war, begann ich Geschichten über Tiere zu schreiben: Katzen, Hunde ... Vielleicht habe ich damals ‹den Anschluss verloren› ...» Dann zog die Familie wieder um, diesmal nach Jerusalem, der Stadt ihres Vaters. Zeruya arbeitete im Militärdienst als Sozialarbeiterin. «Ich wollte etwas tun, ich wollte Psychotherapeutin werden.» Doch es kam anders: «Ich begriff, dass ich nicht stark genug dafür war. Ich identifizierte mich zu sehr mit den traumatisierten Soldaten.» Und, ergänzt sie nach einer Pause, zu schaffen gemacht hatten ihr auch die Machos in der Armee, die erwarteten, dass ihnen die Frauen den Kaffee bringen würden.
Nach dem Militärdienst begann sie an der Universität in Jerusalem «Bible studies and history» zu studieren. Doch anders als ihr Vater, der heute an einer Hochschule Judaistik unterrichtet, erkannte die Autorin in den Geschichten der Bibel zwar eine inspirierende Quelle, verliess aber nach dem Masterabschluss die Universität und arbeitete im Keter-Verlag als Lektorin, Gutachterin und Mitherausgeberin. Daneben schrieb sie ihre ersten Bücher, die so erfolgreich waren, dass sie heute nur noch selten für den Verlag arbeitet.
Ob sie nach ihrer Erfahrung einmal ein Buch schreiben werde, in dem die Politik unmittelbar in die Leben der ProtagonistInnen eingreift? «Ich bin langsam, bis ich Erfahrungen adaptiere. Vielleicht werde ich einmal darüber schreiben, über jenen Tag und die Zeit danach, aber ich weiss es noch nicht.» Konkrete neue Schreibpläne hat sie noch nicht. Nur «präziser schreiben», das möchte sie. Noch präziser?
Und dann begibt sie sich auf den Rückzug: «Publizieren ist schwieriger als Schreiben. Und das Reden überlasse ich lieber anderen. Beim Schreiben fühle ich mich sicherer als beim Reden. Schreiben ist für mich wie Atmen - was ich sagen wollte, ist gesagt: in meinen Texten.»