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Der dreifache Axel bringt den menschlichen Körper am Rande der physischen Gesetze. Jüngst ist der berühmt berüchtigte Sprung des Eiskunstlaufs durch den Kinofilm «I, Tonya» wieder in aller Munde.
Und als ob sich die US-Amerikanerin Mirai Nagasu mit den Filmemachern abgesprochen hätte, hat sie kurz vor der Oscarprämierung des Films, am 12. Februar 2018, als erste Amerikanerin – und damit als dritte Frau überhaupt – den Sprung an Olympischen Spielen gelandet.
«Das ist wenig. Verdammt wenig», sagt auch Edgar Pfanner.
Er ist Profiweltmeister im Paarlaufen 1981, Solist bei Holiday on Ice und Goldtest-Absolvent in der Kür*. Auf die Frage, ob der dreifache Axel der Königssprung des Eiskunstlaufs sei, antwortet Pfanner: «Ja, zweifellos».
Wie könnte es auch anders sein, denn selbst Supertalent und aktuelle Olympia-Silbermedaillen-Gewinnerin Evgenia Medwedewa hat sich davor gescheut, den Sprung zu erlernen. Bis heute haben ihn gerade mal acht Frauen in einem Wettbewerb erfolgreich gestanden. Nur drei davon könnten ihn jetzt sofort springen, die anderen sind zu alt.
Zeit, diesen Wahnsinnssprung genauer unter die Lupe zu nehmen.
*Bronze-, Silber- und Gold-Tests geben Auskunft über die Fähigkeiten der Eiskunstläufer. Der Gold-Test ist der schwierigste Test in der Schweiz. Ihn zu bestehen ist eine Voraussetzung, um in die SEV-Elite (Schweizerischer Eislauf Verband) aufgenommen zu werden. Die Erstklassierten der Elite vertreten die Schweiz an Europa- und Weltmeisterschaften und an der Olympiade.
Wie der Sprung zu meistern ist, erklärt Edgar Pfanner, heute Technik-, Longen- und Choreografie-Trainer beim Eisclub Zürich, so:
«Technik, Kraft, Höhe und ausserordentliche Rotationsfähigkeit, das sind die vier Elemente, auf die es ankommt», erzählt er, «denn ohne Kraft erreichen die Athleten nicht die Höhe, und ohne die korrekte Technik ist es unmöglich, jene Rotationsgeschwindigkeit aufzunehmen, die es für dreieinhalb Umdrehungen braucht.»
Der dreifache Axel ist nach seinem norwegischen Erfinder Axel Paulson benannt. In seiner ursprünglichsten Form springt die oder der Läufer vorwärts ab, vollzieht eine 1 ½ Drehung und landet rückwärts. Also eine halbe Drehung mehr, als dass der Name impliziert, man sagt ja «einfacher» Axel. Die zusätzliche halbe Drehung kommt davon, dass der Sprung vorwärts eingelaufen wird – eine Besonderheit des Axels.
«Achtzig Prozent der Eiskunstläufer springen ihn nach links ab. Das heisst, dass sie mit dem linken Fuss abspringen, gegen den Uhrzeigersinn. Nur ungefähr zwanzig Prozent springen anders herum», sagt der Eiskunst-Profi.
Männer hätten gegenüber Frauen den Vorteil, dass sie von Natur aus muskulöser gebaut seien. «Der dreifache Axel gehört daher ins feste Repertoire eines renommierten Eiskunstläufers», meint Pfanner bestimmt, «Frauen springen ihn für gewöhnlich zweifach».
Und wenn sie ihn dennoch dreifach springen, zücken Journalisten und Chronisten die Geschichtsbücher.
Die Läuferin gleitet zunächst rückwärts-auswärts auf dem rechten Fuss. Das bedeutet so viel wie rückwärtsfahrend (siehe Bild oben). Kurz vor dem Absprung dreht sich die Läuferin und richtet ihren Blick vorwärts – der linke Fuss wird zum Standfuss.
Der Absprung erfolgt über die Schlittschuh-Kante mit dem linken Fuss. Manche Sprünge im Eiskunstlauf werden «abgetippt». Das Abtippen mit der Spitze des Eisschuhs hilft den Athleten, sich zusätzlich vom Boden wegzudrücken.
So auch beim dreifachen Lutz – ein typischer, abgetippter Sprung:
Beim dreifachen Lutz wird der Spielfuss – hier der rechte Fuss – als zusätzliche Hilfe beim Absprung genommen.
Im Vergleich dazu, der dreifache Axel, ohne Abtippen:
Mao Asada, ehemalige Weltmeisterin, beherrschte den dreifachen Axel in Perfektion. Mit dem Spielfuss schwingt sie sich in die Luft, ohne ihn vorher auf dem Eis abzutippen.
Die Rotation selbst besteht aus zwei Phasen: Zuerst sucht die Athletin so schnell wie möglich die richtige Höhe. Erst dann darf sie Rotationsgeschwindigkeit aufnehmen. Die Rotation nimmt zu, wenn Arme vor dem Oberkörper und das linke Bein vor dem rechten gekreuzt werden. Sprich: Wenn Körperoberfläche und damit der Luftwiderstand verringert werden.
Gelandet wird beim Axel – wie bei allen anderen Sprüngen – rückwärts. Um die Rotation zu bremsen, werden Arme und Beine wieder ausgestreckt. Der Absprung erfolgt mit dem linken Fuss, landen muss die Läuferin also auf dem rechten Fuss. Zuerst mit der Eisschuh-Spitze, dann mit der ganzen Kufe.
Beim Ausgleiten wird das linke Bein nach hinten gestreckt. Die Auslaufspirale gleicht einem Halbkreis mit grossem Durchmesser, und das Standbein bleibt gebeugt.
Die US-Amerikanerin Mirai Nagasu ist eine der acht Frauen, die den dreifachen Axel im Wettbewerb gestanden haben. Und erst die dritte Amerikanerin nach Tonya Harding, der dieses Kunststück gelungen ist.
Kurz vor den Olympischen Spielen 2018 ist dieses Video in den sozialen Medien aufgetaucht:
Mirai Nagasus Training für den dreifachen Axel.
«Der dreifache Axel ist ungewöhnlich», sagt Mirai im Video, «ein Sprung, der anders ist, als alle anderen». Sie spricht auf den Umstand an, dass der Axel als Einziger vorwärtsgerichtet gesprungen wird. Die Folge ist ein komplexer Bewegungsablauf, der Kraft und Koordination von praktisch jedem einzelnen Körperteil voraussetzt.
Um den dreifachen Axel zu lernen, verwenden die Athleten eine Vorrichtung, die ehrfurchtsvoll als «the harness» – das Geschirr – bezeichnet wird. Die Harness ist mit einem Seilzug verbunden, das von der Decke runterhängt. Damit kann der Athlet in die Luft gehoben und um die eigene Achse gedreht werden, um so ein Gefühl für Rotation und Landung zu entwickeln.
Haben die Eiskunstläufer die Harness gemeistert, folgt die «Fishing Pole Harness» – die Angelschnur. Diese funktioniert im Prinzip wie die Harness, nur auf dem Eis.
«Aber zu sagen, wie lange es dauert, bis eine Athletin den dreifachen Axel meistert, nachdem sie mit dem Harness-Training begonnen hat, ist fast unmöglich», erklärt Edgar Pfanner. Auch, wie früh in der Karriere eine Athletin mit dem Training beginnen muss, ist von Mensch zu Mensch verschieden:
«Beim dreifachen Axel dreht sich alles um Timing, Koordination, Muskeln und die korrekte Technik, die in perfekter Harmonie miteinander funktionieren müssen», führt der ehemalige Profi, der viel Erfahrung und Karriere-Erfolge im Gepäck hat, aus, «aber wenn die junge Eiskunstläuferin im Alter von ungefähr vierzehn Jahren den zweifachen Axel nicht mit Marge beherrscht, dann wird’s schwierig.»
Was Pfanner mit «Marge» meint, ist schnell geklärt: Um die richtige Rotationsgeschwindigkeit zu erreichen, muss die Körperfläche auf ein Minimum reduziert werden. Das geschieht, in dem Arme und Beine an den Körper gepresst werden. Nur, wer den zweifachen Axel so schafft, dass Arme und Beine noch etwas fester an sich gepresst werden könnten, wenn nötig, kann sich Hoffnungen auf den dreifachen Axel machen. «Luft nach Oben haben», nennt das Edgar Pfanner.
Ein Sprung für die Geschichtsbücher, als Mirai Nagasu als erste Amerikanerin der Geschichte den dreifachen Axel an Olympischen Spielen landet.
Aber das alleine genügt nicht. «Das Training findet nicht nur auf dem Eis statt», sagt Pfanner, «sondern auch im Fitnessraum, vier- bis sechsmal die Woche. Und im Kopf».
Gemeint ist damit nicht nur ein herausforderndes Fitness- und Trainings-Programm, das Körper und Muskeln für den Königssprung heranreifen lässt, sondern auch Furchtlosigkeit und Mut, um an die Grenzen des scheinbar Möglichen zu gehen. Die Athleten müssen in Kauf nehmen, dass das innere Gefühl – der einzige Wegbegleiter durch dreieinhalb wahnwitzige Rotationen – sie täuschen kann, was eine äusserst schmerzhafte Landung nach sich zieht.
«Furchtlos zu sein bedeutet, keine Angst vor dem Fehler zu haben und den Sprung voll anzugreifen», erläutert Edgar Pfanner im Eiskunstlauf-Jargon weiter, «eine mentale Herausforderung, die es Jahrelang durchzustehen gilt».
Immerhin muss der Körper dazu gebracht werden, sich mit über 30 Kilometern pro Stunde um die eigene Achse zu drehen. Bei der Landung wirken Kräfte ähnlich des vierfachen Körpergewichtes auf einer drei bis vier Millimeter dicken Kufe.
Der Sprung ist technisch schwierig, weil vorwärts gerichtete Sprünge für die Läuferinnen und Läufer sehr ungewohnt sind – als ob im Fussball ein Rechtsfüssler mit Links schiessen müsste. Und ohne abzutippen ist es schwierig, die richtige Höhe zu gewinnen und sich damit genügend Zeit für die Rotationen zu verschaffen. Und als ob’s nicht schon genug Zeitdruck gäbe, kommt noch die zusätzliche halbe Umdrehung hinzu.
Dass Männer einen körperlichen Vorteil haben, hat auch Edgar Pfanner bestätigt. In der Regel hätten sie mehr Kraft, und könnten sich so höher in die Luft abstossen und damit genug Zeit gewinnen, um dreieinhalb Rotationen auszuführen. Deshalb sei der dreifache Axel für Männer an einer Weltmeisterschaft Pflicht.
«Aber», fügt er mahnend an, «das bedeutet nicht, dass der Sprung für Männer ein Klacks ist».
Der «triple Axel» verlangt den Athleten also alles, was sie zu geben haben, ab, allem voran eine unglaubliche Physis. Nur ein jahrelanges Spezialtraining kann den Erfolg bringen – vielleicht. Führt das Training nicht zum gewünschten Resultat, hat die Athletin oder der Athlet Jahre der ohnehin sehr kurzen Eiskunstlauf-Karriere geopfert.
Einfach so.
«Tragisch ist, dass viele Athletinnen im Alter von dreizehn, vierzehn Jahren den dreifachen Axel beherrschen», erwähnt Edgar Pfanner, «aber dann beginnt der Körper sich zu verändern. Und das auch noch sehr schnell». Plötzlich liessen die Gesetze der Physik den dreifachen Axel nicht mehr zu, und die Eiskunstläuferinnen könnten nicht einmal etwas dagegen unternehmen.
«Ja, es ist schon so», meint Pfanner abschliessend, «der dreifache Axel ist definitiv der Königssprung des Eiskunstlaufs».
… du gleitest auf dem Eis. Der schwierigste Sprung des Eiskunstlaufs steht dir bevor. Es geht um alles.
Konzentration. Anlauf. Geschwindigkeit aufnehmen. Fokus. Und dann – der Absprung. Über die linke Kufe hinweg. Du steigst in die Höhe – Arme an den Körper, Beine gekreuzt. Die Augen sind geschlossen – die Rotation ist sowieso zu schnell, um etwas anderes als Licht- und Farbstriche zu erkennen. Nur dein Gefühl leitet dich. Luft wird aus deinen Lungen gepresst...
Jetzt! Rotation bremsen: Arme auseinander, die Schuhspitze berührt die Eisfläche. Enorme Kräfte drohen dich zu Boden zu reissen. Jeder Muskel deines Körpers schreit empört auf. Deine Kufen kippen. Nur nicht umfallen! Gleichgewicht halten. Rotation beenden. Ausgleiten lassen. Geschafft!
Was nach einem unglaublichen Effort klingt, geschieht innerhalb eines Sekundenbruchteils.
Ein Sekundenbruchteil für die Geschichtsbücher.
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