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Manch einer hätte nach einem Flop wie «Give My Regards To Broad Street» (1984) die Finger vom Filmgeschäft gelassen. Nicht so Paul McCartney. Der von Oscar Grillo animierte Film «Seaside Woman» mit dem Soundtrack von Linda mit den Wings gewann schliesslich 1980 die goldene Palme am Filmfestival in Cannes. Und der Vorfilm zu «Give My Regards To Broad Street», «Rupert And The Frog Song», war sowohl als Kaufvideo im Kindermarkt als auch mit der Single «We All Stand Together» erfolgreich. Animiert hatte den erfolgreichen Zeichentrickfilm Geoff Dunbar.
Jugenderinnerungen und Experimentelle Musik
Im Jahr 1988 kam Verschiedenes zusammen, woraus schlussendlich der Animationsfilm «Daumier’s Law» entstand. Während ihrer Schulzeit war Linda McCartney von den Illustrationen von Honoré Daumier (1808-1879) fasziniert. «Er war sehr satirisch über die Zustände der verschiedenen Klassen und fantastisch im Einfangen von den verschiedenen Charakteren». 1988 entdeckte Linda Daumier neu: «Ich besorgte jedes Bucher Daumier und las alles über sein Leben und dachte, dass es fantastisch wäre, etwas Visuelles zu Pauls Musik zu machen.» Mit Paul Musik bezog sich Linda nicht auf die Abschlussarbeiten am nächsten Album, «Flowers In The Dirt» und den Planungen zur «World Tour», sondern Paul nahm sich die Zeit, wieder etwas mit der Musik experimentieren.
Don Quijote führt den zu unrecht verurteilten wieder zurück auf den Jahrmarkt.
Bereits in den 1960er-Jahren interessierte er sich für Stockhausen. Nun war es minimalistische Musik. Paul erzählt: «Ich war fasziniert von der Frage, wie wenig Noten kann ich benützen. Du denkst zu beginn einen Ton, spielst am Klavier das C, doch dein Gefühl lässt dich denken, dass das doch etwas zu wenig ist und du beginnst den Ton hier und dort zu verzieren. Die ganze Zeit über fokussierst du dich darauf, dass du so minimalistisch wie möglich bleibst. Am Ende habe ich mich dann von der Idee der minimalistischen Musik verabschiedet und mich auf’s Experimentelle konzentriert.» Insgesamt spielte Paul 20 Minuten Musik ein, wovon 15 Minuten in «Daumier’s Law» verwendet wurden. Die Musik ist weniger experimentell als das Album «McCartney 2» von 1980, worauf Paul mit dem Synthesizer experimentiert hat. Die Musik schlägt die Brücke zu seinen sphärischen Ambientklängen vom zweiten Fireman-Album «Rushes» 1998 und den Ambientelementen auf «Electric Arguments» (2008) und «NEW» 2013. Wobei die Musik noch näher bei «McCartney 2» ist, nur schon vom Klang der Aufnahmen und der Synthesizer.
die Animation
Paul und Linda fanden sich und schauten sich gemeinsam Daumiers Bilder an. Dabei stiessen sie auf das Thema Ungerechtigkeit, das man gut zu Pauls Musik umsetzen konnten und sie kontaktierten Geoff Dunbar, der «Rupert And The Frog Song» umgesetzt hat. «Vor Rupert machte einen Film über Toulouse-Lautrec, so fand ich die Daumier-Idee sehr aufregend», erzählte Dunbar Pauls Fanclub-Magazine Club Sandwich. Mitte 1989, während Paul mit dem Album «Flowers In The Dirt» zur «World Tour» aufbrach, begann Geoff Dunbar mit der Animation und war zwei Jahre damit beschäftigt.
Szene aus dem Tribunal.
Für die 15 Filmminuten benötigte er rund 21 000 Zeichnungen auf Film, die zuvor mit Bleistift auf Papier gezeichnet wurden. Insgesamt arbeitete ein Team von sieben Personen an der Umsetzung. Knacknuss war, dass sich die neuen Zeichnungen in der Art von Daumier nicht mehr von den Originalen unterscheiden. Dabei wurde Daumiers Gargantua von 1832 anamiert. Vor Weihnachten 1991 wurde der Film abgeschlossen und hatte bei den Filmfestspielen von Cannes im Mai 1992 Première.
der Plot
Der Film ist in sechs Kapiteln unterteilt: Ein Mann blättert in einem Laden eine Mappe mit Zeichnungen von Daumier, die vor seinen Augen lebendig werden, bzw. er wird in die Handlung hineingezogen. In «Right» geht man über einen Jahrmarkt und erlebt Spässe von Kindern und sieht eine Tänzerin, in «Wrong» besucht man ein brutales Kasperlitheater. Ein Herr verlässt während der Vorstellung das Theater. Er wird auf den nächtlichen Strassen der Stadt von einem Mann umgerannt, der auf der Flucht vor der Polizei ist. Doch an seiner Stelle wird der Herr zuhause verhaftet. In «Justice» wird ihm der Prozess gemacht und er wird trotz günstiger Zeugenaussagen verurteilt. Er muss in «Punishment», mit Mensch und Tier, Fronarbeit errichten. In «Payment» muss er Gargantua mit vollen Geldkörben füttern. Als diese ihm sauer aufstossen, fällt der Herr in den Schlund des Riesen. In «Release» wird er durch eine Flatulenz wieder von Gargantua ausgeschieden. Als der Herr wieder zu sich kommt, hält ein Reiter neben ihm: Don Quijote. Er reitet mit dem Don zum Jahrmarkt und betritt neben der Tänzerin die Bühne, worauf sich beide verneigen. Der Mann aus der ersten Szene schliesst die Mappe mit den Zeichnungen wieder.
Rezeption, Statistik und Erhältlichkeit
«Daumier’s Law» wurde 1993 bei den BAFTA-Awards als bester animierter Kurzfilm ausgezeichnet. Bei den Filmfestspielen in Cannes war er auf der Shortlist für die goldene Palme als bester Kurzfilm, ebenso beim Chicago International Film Festival auf der Shortlist für den goldenen Hugo. Weder die Musik noch der Film sind je in den Handel gekommen – kommen dies hoffentlich im Rahmen der Archive-Collection. Auf YouTube kann man sich den Film anschauen.
Gargantua von Honoré Daumier, den Geoff Dunbar animiert hat.

Kapitel
Right
Wrong
Justice
Punishment
Payment
Release
Für die limitierte Edition der Maxi-Single «Figure Of Eight» wurde oben gezeigte Karikatur von Daumier verwendet. Ein Schweizer Museum schenkte Paul McCartney die Zeichnung aus seinem Bestand, als es von seinem Interesse an Daumier erfahren hat.