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Ein neuer Lehrplan für die obligatorische Schule sorgt in der deutschsprachigen Schweiz für eine heftige Kontroverse. Eine heterogene Opposition sorgt sich um die Kreativität und das freiheitliche Gedankengut der Jugend, oder um die Kosten oder den Föderalismus.
Mehr noch als König Fussball, wo sich fast jeder Bürger als potentieller Nationaltrainer wähnt, wird die Schule von zahlreichen vermeintlichen Experten beurteilt, analysiert und kommentiert: Nicht nur die Lehrkräfte und Politiker (die das Budget bestimmen), sondern auch viele Eltern reden ein Wörtchen mit.
Es erstaunt daher nicht, dass die Schule ein permanentes Diskussionsthema ist. Vor allem in der Schweiz, wo die Hoheit über das Bildungswesen bei den Kantonen liegt. Ob nun 2064 Schülerinnen und Schüler betroffen sind wie im Kanton Appenzell Innerrhoden oder 147'130 wie im Kanton Zürich, alle Kantone haben die genau gleichen Rechte – aber nicht die gleichen Programme, oder noch nicht: Ein Schüler aus dem deutschsprachigen Gebiet des Kantons Bern beginnt mit dem Englischunterricht im 5. Schuljahr, während ein Kind aus der Stadt Zürich die ersten Begriffe – auf spielerische Art – schon ab dem zweiten Jahr der obligatorischen Schulzeit kennenlernt.
Das Anliegen, die Lernprogramme zu harmonisieren, um den Mobilitätsbedürfnissen der Bevölkerung entgegenzukommen, hat zu einigen Änderungen geführt. Das Harmonisierungs-Konkordat HarmoSexterner Link ist eines davon: Die beiden Kindergartenjahre zum Beispiel gehören seither zur obligatorischen Schulzeit.
Verfassung diktiert Koordination
Ein weiterer Ausdruck des Willens zur Vereinheitlichung war das Ja des Stimmvolks zu einem neuen Verfassungsartikel zum Bildungswesen, der die Kantone unter anderen dazu verpflichtet, das "Schuleintritts-Alter, die Dauer und die Ziele der neuen Lernstufen" zu koordinieren.
Die Westschweizer Kantone und der Kanton Tessin (deren Konferenz - zusammen mit dem zweisprachigen Kanton Bern - 8 Mitglieder zählt) haben schon seit 2010 einen gemeinsamen Lehrplan. Für die deutschsprachigen Kantone, deren Konferenz 21 Mitglieder zählt, war die Aufgabe schwieriger. Sie haben sich etwas später an die Arbeit gemacht. Anfang November wurde der "Lehrplan 21" schliesslich von den betroffenen Kantonen angenommen, die mit der Umsetzung beauftragt sind.
"Es ist keine Revolution", haben die Erziehungsdirektoren bestätigt. "Den Kantonen bleibt ein grosser Handlungsspielraum." Es handle sich nicht um eine Vereinheitlichung der kantonalen Lehrprogramme, sondern um eine von der Verfassung diktierte Harmonisierung.
Ein "nicht durchführbares" Projekt
Für Beat Zemp, Präsident des Lehrerdachverbands LCH ist der neue Lehrplan ein Kompass, der es den Lehrkräften erlaubt, sich zu orientieren. Der Berufsverband stellt aber Bedingungen für dessen Unterstützung: Für die Ausbildung der Lehrpersonen und für gute Lehrmittel brauche es genügend finanzielle Mittel.
Die Gegner haben angefangen, ihre Waffen einzusetzen noch bevor das endgültige Projekt verabschiedet wurde. Im Dezember 2013 legte eine Gruppe von Lehrpersonen unter dem Namen "550 gegen 550" (550 Unterschriften gegen 550 Seiten - die Anzahl Seiten des ersten Projekts für den neuen Lehrplan) ein "Memorandum" gegen den Lehrplan vor. Unterzeichnet wurde es von mehr als 1000 Personen.
Schnörkellose Schrift
Der neue Lehrplan geht einher mit einer anderen kleinen Revolution für die deutschsprachigen Schüler des Landes: Er empfiehlt die Abschaffung der zusammenhängenden Schrift (Schnürli-Schrift) zugunsten einer "Basisschrift", die zwar auch zusammenhängend ist, aber ohne Verzierungen und Schnörkel, die für einige Schülerinnen und Schüler zur Qual werden können.
Zu Beginn des Schulunterrichts lernen die Kinder in der Blockschrift zu schreiben. Die "Schnürli-Schrift" kommt erst ab der zweiten Klasse zum Einsatz.
Mehrere Kantone haben diese Schrift bereits abgeschafft, den anderen steht es frei, die Schrift einzusetzen oder darauf zu verzichten. Die Zierschrift kam ab 1947 nach der Abschaffung der gotischen Buchstaben zum Einsatz.
Auch in der Westschweiz ist die Schrift vereinheitlicht worden, aber ohne grosse Wellen zu werfen, weil die Änderungen minim waren. In der Regel wird sie ab dem ersten Schuljahr eingeführt.
Einige Deutschschweizer behaupten, dass sie an Handschrift erkennen, ob eine Person aus der Deutschschweiz oder der Romandie kommt.
"Unsere Stellungnahme ist keine politische Aktion", sagt Alain Pichard. Der Bieler Stadtrat ist selber Lehrer und gehört zu den Initianten des Memorandums. "Unser Ziel ist es, die Basis gegen ein Projekt zu mobilisieren, das uns von Anfang an als nicht durchführbar erschien."
Kompetenzen und Inhalt
"Unsere Hauptkritik richtet sich gegen die Unterordnung der Bildungsinhalte unter die Kompetenzen", präzisiert Pichard. Das Programm bezweckt nicht mehr die Realisierung von Lernzielen, die auf Inhalten basieren, sondern die Aneignung von messbaren Kompetenzen." Ein solches System bildet ein "Wirtschaftsmodell nach, und wir befürchten, dass es der Freiheit des Denkens und der Kreativität der Jungen schadet."
"Natürlich gibt es keine Kompetenzen ohne Inhalt", entgegnet Lucien Criblez, Professor am Institut für Erziehungswissenschaft der Uni Zürich. Diese sogenannten neuen Kompetenzen ähneln stark dem, was man früher als "Lernziele" bezeichnete. Man bestimmt, mit welchen Inhalten die Schüler welche Ziele erreichen sollten. Das ist eine – vielleicht ein wenig unklare – Konstruktion, aber die Fortführung dessen, was bisher getan wurde."
Die Erziehungsdirektoren haben auch betont, dass "die individuellen Leistungen der Lehrkräfte oder der Schüler" nicht gemessen würden und es keine vergleichbaren Ranglisten zwischen den Schulen geben werde. Die Tests erfolgten über ein Verfahren mit Stichproben, die keine "Rankings" ermöglichen würden, heisst es in der offiziellen Dokumentation.
Omnipräsente Tests
Für Lucien Criblez "ist es normal, dass die Schule kontrolliert wird, weil es sich um öffentliches Geld handelt. Aber die Angst, dass jede schulische Aktivität von nun an kontrolliert, getestet und erfasst werden soll, ist nicht gerechtfertigt." Die Omnipräsenz solcher Tests führe zu einer neuen Unterrichtsart, die im Jargon der Lehrkräfte bereits einen Namen erhalten habe: "Teaching to the test", wo die Unterrichtsart und der Lernstoff auf die nächsten Tests ausgerichtet sind.
Auf politischer Seite hat die Schweizerische Volkspartei (SVP) den neuen Lehrplan abgelehnt, bevor dieser verabschiedet wurde. Die Reform sei zu teuer, für Lehrer und Schüler zu anspruchsvoll und verletze den Föderalismus, argumentiert die SVP. Aus diesen Gründen bekämpft die rechtskonservative Partei auch den Fremdsprachen-Unterricht auf Primarschulstufe.
die Vorlagen werden grundsätzlich nicht den kantonalen Parlamenten vorgelegt, was die Gegnerschaft bemängelt. "Die Eltern und die Lehrerschaft müssen Stellung nehmen können", sagt die Zürcher SVP-Kantonsrätin Anita Borer.
Mögliche Abstimmungen in den Kantonen
Die Gruppe "550 gegen 550" will sich nicht in eine politische Kampagne einspannen lassen. "Wir sind nicht reaktionär und konservativ", präzisiert Alain Pichard. "Unser Widerstand wird vorwiegend von linksgerichteten Personen getragen. Übrigens wollen wir auch keine Initiative lancieren." In den Kantonen Aargau und Basel-Landschaft sind es vor allem Lehrpersonen, die Unterschriften sammeln, während in Schwyz, Uri und Zürich vor allem die SVP den Aufstand anführt.
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch