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Der grünlichgelbe Himmel mit den schwarzen Wolken verhiess nichts Gutes. Uhrmacher Daniel Aubert aus Le Brassus verliess seine Werkstatt. Er hörte den Donner grollen, wollte ins Auto steigen und nach Hause fahren.
«Wenn ich das gemacht hätte», sagt der heute 86-Jährige, «wäre ich wohl nicht hier und könnte diese Geschichte nicht mehr erzählen». Er bekam ein ungutes Gefühl, überlegte es sich anders und ging zurück ins Haus.
Kurz darauf zog der Tornado direkt über ihn hinweg. «Es tönte wie ein Düsenjet, alles zitterte. Die Fenster waren aussen wie verklebt vom herumgewirbelten Heu und Stroh, und man sah gar nichts mehr.»
Als Aubert einige Minuten später wieder hinausging, war sein Auto weg. Der Tornado hatte es knapp 100 Meter durch die Luft getragen. Jetzt lag sein Fiat 1100 zusammengefaltet im Wasser der Orbe. Die Räder zeigten nach oben.
100 Menschen obdachlos
Der Tornado vom 26. August 1971 ist einer der stärksten, der je in der Schweiz wütete. Er hatte Windgeschwindigkeiten von bis zu 300 Kilometern pro Stunde.
Den Menschen im Dorf flogen sprichwörtlich die Dächer über dem Kopf weg. 40 Häuser erlitten Totalschaden, 100 Menschen wurden obdachlos. Die Armee schickte Soldaten zum Aufräumen.
Im Wald schlug der Tornado eine 20 Kilometer lange Schneise. Die Bäume lagen verwirbelt am Boden. Die Passstrasse nach Lausanne über den Col de Mollendruz war unpassierbar, weil die Bäume, geknickt wie Streichhölzer, auf einer Länge von einem Kilometer quer über die Strasse lagen. Forsttrupps aus der ganzen Schweiz wurden aufgeboten. Sie zogen ein Drittel der jährlichen Holzernte im Kanton Waadt aus dem Wald.
Bevor der Tornado bei Romainmôtier an Kraft verlor, zerstörte er noch einen Campingplatz. Die Wohnwagen wurden angehoben und herumgewirbelt wie Spielzeugautos. Wie durch ein Wunder gab es auf der ganzen Strecke keine Toten, nur Verletzte.
«Der Tornado kam zum Glück, kurz bevor die Schule aus war», sagt Patrick Viquerat, der heutige Gemeindepräsident von Le Brassus. «Danach nahmen wir unsere Velos und schauten uns die Schäden an: Autos, die in den Feldern lagen, abgerissene Dächer – wir konnten es kaum glauben.»
Jura eignet sich für Tornados
Schon 1890 und 1624 sind verheerende Tornados durchs Vallée de Joux gezogen. Warum diese Häufung? «Der Jura ist für Schweizer Verhältnisse besonders geeignet für Tornados», sagt der Meteorologe Willi Schmid, «er ist offener für die feuchtwarmen Luftmassen, die aus Südwesten gegen die Schweiz vorstossen». Zudem verstärken sich dort die Windströmungen, vor allem in Bodennähe, und das sind wichtige Voraussetzungen für die Bildung von Tornados.
Schmid beschäftigt sich seit 1995 wissenschaftlich mit Tornados. Damals hatte er mit dem ETH-Wetterradar ein Gewitter eingefangen und ausgewertet und dabei zufällig auch einen Tornado registriert. «Wir waren damals noch überrascht, auch in der Nordschweiz einen Tornado zu entdecken», sagt Schmid.
Seither sind Tornados in vielen Landesteilen der Schweiz beobachtet worden. Alle waren aber viel schwächer als die im Jura. Jährlich wird etwa eine Hand voll bis ein Dutzend Tornados gemeldet, grösstenteils sind es Wasserhosen über den grossen Schweizer Seen. «Man muss überall in der Schweiz mit Tornados rechnen, ausser vielleicht im Hochgebirge», sagt Schmid.
Bis über 1000 Tote möglich
Auch wenn die Mehrzahl der Tornados in der Schweiz nur kleinere Schäden anrichten, darf man diese Wirbelstürme nicht unterschätzen. «Auch in Europa können sie eine gewaltige Wucht entwickeln», sagt die US-Tornadoforscherin Jana Houser von der Universität von Ohio. Sie erforscht die Entstehung von Tornados mit mobilen Radaranlagen, die auf Autos mitgeführt werden können.
Europäische Meteorologen haben in einer Studie ein Worst-Case-Szenario errechnet. Sie haben einen Zug von mehreren Tornados hintereinander genauer analysiert und haben den Tornado von 1967, der damals in Frankreich, Belgien und den Niederlanden wütete, virtuell leicht verschoben auf heute stark besiedelte Gebiete in der Region. Nach den Berechnungen der Wissenschaftler würden so 140'000 Gebäude beschädigt und es gäbe 170 bis 1700 Todesfälle.
Ist das wirklich realistisch? «Ja», sagen Houser und Schmid unisono. Die Studie sei sauber gemacht, allerdings stelle sich die Frage, wie wahrscheinlich so ein schlimmstmögliches Szenario sei.
«Einen so grossen Tornadozug gibt es in Mitteleuropa etwa alle 100 Jahre, und dann muss er auch noch ein stark besiedeltes Gebiet treffen», sagt Schmid. «Die Wahrscheinlichkeit, dass beides zusammen eintrifft ist, zum Glück nicht sehr gross».
Identitätskarte fliegt 75 Kilometer weit
Dass Tornados aber auch in der Schweiz eine enorme Kraft entwickeln können, weiss der Uhrmacher Daniel Aubert jetzt schon seit 50 Jahren. Damals wurde nämlich nicht nur sein Auto, sondern auch seine Identitätskarte fortgewirbelt.
Sie lag im Handschuhfach und wurde herausgeschleudert. Tornados entwickeln eine starke Saugwirkung. Wegen des Unterdrucks im Tornadorüssel werden leichtere Gegenstände bis zu 8 Kilometer in die Höhe gehoben. Das konnte Jana Houser mit ihren Radarmessungen nachweisen.
Erst in der Nähe von Neuenburg segelte Auberts Identitätskarte wieder zu Boden, 75 Kilometer Luftlinie von Le Brassus entfernt. Drei Monate nach dem Tornado bekam er den amtlichen Ausweis per Post zurückgeschickt. Ein Mann hatte die Identitätskarte zusammen mit Holzschindeln aus Le Brassus in einem Feld gefunden.
Den Brief hat Aubert aufbewahrt: «Ich erachte es als meine Pflicht, ihnen diese Identitätskarte zurückzuschicken», schrieb der Finder, «auch wenn ich befürchte, dass sie in diesem Zustand nicht mehr gültig sein dürfte.»