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Der deutsche Physiker Werner Heisenberg (1901-1976) geniesst in Christopher Nolans grandiosem Biopic «Oppenheimer» (2023) nur kurze, aber entscheidende Minutenauftritte. Der Film verschweigt hingegen, dass Heisenberg zweimal für eine Professur an der ETH in Betracht gezogen wurde: einmal zu Beginn seiner steilen Karriere und ein zweites Mal, als sein Stern am Physikerhimmel bereits nicht mehr so hell leuchtete.
Geboren in eine Gelehrtenfamilie kam Heisenberg früh in Kontakt mit den Ideen der modernen Physik. Sein Mathematikstudium verwarf er zugunsten eines Studiums der Physik in München, das er in nur drei Jahren mit dem Diplom beendete. Nach der Promotion 1923 widmete er sich der Quantentheorie bei Max Born in Göttingen. Die Habilitation erfolgte bereits 1924; 1925 formulierte Heisenberg die Unschärferelation, einer der zentralen Aussagen der Quantenmechanik. Der Schweizer Physiker Markus Fierz gedachte in einem Vortrag von 1976 dem Verstorbenen ein halbes Jahr nach dessen Tod und bemerkt, dass die Forschung zur Quantenmechanik auch ein Generationenspezifikum war:
«Das eigenartige bei der Quantenmechanik war nun, dass die Entwicklung fast gänzlich von einer Gruppe sehr junger Leute getragen wurde, die alle um 1900 geboren worden sind. Neben ihren Leistungen sind dann oft das Verdienst der älteren beinahe vergessen: denn gerade damals, in Deutschland, setzte man die Hoffnung auf die Jugend – die Alten hatten ja den Krieg verloren.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 351a:13)
Diese «Jungen», wie Werner Heisenberg, Edward Teller, Paul Dirac, Pascual Jordan, Wolfgang Pauli, Enrico Fermi, Paul Dirac und Robert Oppenheimer, standen nach den Verwüstungen des Weltkriegs für einen Aufbruch in den 1920er-Jahren. Durch die Säule der Quantenmechanik wurde ein neuer Blick auf die Realität offenbart, wie sie zeitgleich auch ihren Ausdruck in der Architektur (Neues Bauen), der Literatur und der Kunst (Neue Sachlichkeit) fand und somit die verschnörkelte Kruste der Belle Époque endgültig hinter sich liess.
Der junge Werner Heisenberg verkörperte diesen Veränderungswillen in all seinen Formen. Er bestach auch im Sport durch seine Ausdauer und sein Wettbewerbsdenken. Markus Fierz berichtet aus seiner Zeit in Leipziger Seminar Mitte der 1930er-Jahre:
«Aber es gab einen grossen Gang und in diesem einen PingPong-Tisch. Da hat man öfter […] gespielt und Heisenberg hat uns in der Regel alle hoch geschlagen. Nur ein ganz kleiner Japaner war ihm gewachsen, ja spielte noch besser.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 351a:13)
In seiner Rede zitiert Fierz Heisenbergs Lehrer Max Born:
«er sah aus wie ein Bauernjunge, mit kurzem, blondem Haar, klaren hellen Augen und einer charmanten Miene. Seine unglaublich rasche und scharfe Auffassungsgabe erlaubte ihm eine ungeheure Menge Arbeit ohne grosse Anstrengung zu leisten.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 351a:13)
Der Schweizerische Schulrat lud den blonden Bauernjungen im September 1927 nach Zürich ein, da er ihn für eine Professur in Betracht zog. Zugunsten des Verbleibs in Leipzig entschied sich Heisenberg gegen die ETH, wie er im Brief vom 3. November 1927 erläutert. Anstelle Heisenbergs berief die ETH Wolfgang Pauli für die vakante Professur.
Bekanntlich verblieb Heisenberg während des Zweiten Weltkrieges in Deutschland und beteiligte sich am sogenannten Uranprojekt des Deutschen Reichs. Nach dem Krieg, nun Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik in Göttingen und ab 1958 in München, setzte er sich dafür ein, dass Atomenergie ausschliesslich für zivile Zwecke genutzt werden soll. In späteren Jahren fand Heisenberg den Anschluss an die aktuelle Forschung nicht mehr und so verwundert es auch nicht, dass die ETH eher skeptisch war, den Nobelpreisträger als Nachfolger des unerwartet verstorbenen Wolfgang Pauli zu nominieren:
«Heisenberg, Werner. 57-58-jährig, Nobelpreis, Müncher, arbeitete auch mit Pauli. Weltruf. Gute Fachberater «halten ihn für etwas abgewirtschaftet». Es wird vermutet, dass Heisenberg einen Ruf an die ETH ernsthaft in Erwägung ziehen würde, da er sich in München nicht sehr wohl fühle. Jost warnte seinerzeit Pauli vor zu enger Bindung an Heisenberg. Heisenberg wäre für eine Berufung schon reichlich alt. Starbesetzung.» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR2 1959, Sitzung Nr. 1 vom 07.02.1959)
War Heisenberg 1927 noch die erste Wahl für den Lehrstuhl für theoretische Physik, rangierte er gut 30 Jahre später nur noch als einer unter 14 Kandidaten. Vielleicht hätte Heisenbergs Wirken eine andere Wendung genommen, wäre er zu Beginn seiner Karriere nach Zürich gekommen. 1927 war aber noch für niemanden absehbar, in was für verhängnisvolle Abgründe Deutschland taumeln würde.