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IMPROVISATION I / II / III / IV V / VI (Hg. Walter Fähndrich, Amadeus, Winterthur 1992 / 94 / 98 / 2001 / 03 / 07)
YOUR OWN VOICE Ein Kaleidoskop von improvisierter Musik, mit einer CD (Hg. Jean-Pierre Reinle) Chronos Verlag, Zürich 2001
ASPEKTE DER FREIEN IMPROVISATION IN DER MUSIK, (Hg. Dieter A Nanz) Wolke o.J.
MUSIZIER AKTIONEN, Hans Schneider, Pfau-Verlag, Büdingen 2017
Hör mal, ich spiele dir nun zwei völlig banale Takte. Wenn ich diese nach Noten spiele, dann muss ich in einer gewissen Zeit auf dem letzten Ton sein. Improvisiere ich das gleiche, muss ich nicht mehr alle Töne spielen oder ich kann sie irgendwo platzieren. Das meine ich, wenn du geschriebene Musik hast, ist die Zeit organisiert, beim Improvisieren gestalte ich den Zeitraum, in dem etwas musikalisch passiert.“
Die beiden Künstlerinnen Andrea Graf und Brigitte Meyer führen eine Sprechoper mit dem Titel „Die Entsorgung von all dem Zeugs“ auf. Andrea Graf hat die Texte der Sprechoper verfasst und auch vorgegeben, wie und von welchen einzelnen Stimmen die Teile zu sprechen oder zu singen sind. Herausgekommen ist eine grafische Partitur zum Thema Abfallentsorgung, die dennoch Freiheit bei der Umsetzung lässt. Andrea Graf benutzt das Bild vom Abfall als Metapher für die Sprache. Wörter werden in Silben, Buchstaben und Wortfetzen zerlegt und geräuschvoll in Klänge umgesetzt. Da zischt, flüstert, murmelt, singt, haucht, sirrt, flüstert es zornig und drohend oder genüsslich, schlägt, lärmt, atmet, schreit, fletscht und stottert es. Die Stimmen der beiden Frauen wechseln sich ab, überschneiden sich, attackieren und umkreisen einander. Als dritte Stimme kommt das Cello dazu, untermalt, widerspricht, mischt sich ein, betört. Es ist eine einzige Abfallorgie, die bei mir Erinnerungen an Bilder und Gerüche weckt. Aus dem Entsorgen wird gleichzeitig ein Anreichern. Es entstehen assoziativ neue Wörter und Bedeutungen. Dazwischen immer wieder Pausen, harte Abbrüche, beklemmende Ruhe, leises Ausschleichen. Brigitte zur Sprechoper: „Für die musikalische, gemeinsame Umsetzung des geschriebenen Textes brauchte es einige Arbeit. Viele Dinge sind abgemacht, aber nicht alles, deshalb ist es jedes Mal wieder anders. Manchmal höre ich während der Performance, dass ich zurück muss mit der Stimme oder mit der Lautstärke des Cellos. Ich wusste in Solothurn nicht, wie es herauskommt. Zwar musste ich in mir drin genügend Improvisationsmaterial bereit haben – quasi im Tiefkühler abgelegt. Doch während des Auftritts muss ich schnell entscheiden, was „passt“. In Solothurn musste die Musik zum Thema passen, da konnte ich nicht irgendetwas spielen. Deshalb schnürte ich mein Päckchen im Vorfeld mit angriffigen, kratzigen und hohen, fiependen Tönen, sogenannten Flageolet-Tönen.
Das Ausprobieren und Erforschen des Instrumentes ist wichtig in der Improvisation, überhaupt in der Kunst. Für mich war eine Erfahrung in Amerika sehr beglückend: Die Leute stellten nicht sofort die Nutzenfrage, wenn ich sagte, ich sei MusikerIn. Ein Musician ist ein Musician, egal wie viel Geld er oder sie damit verdient. Dies ermöglichte mir auch mehr künstlerische Freiheit., Ich zensurierte mein Tun weniger und probierte einfach aus.
Die Stücke auf der CD sind „Instant Composings“. Es sind Werke, die aus dem Augenblick geboren wurden. Ich brauchte dafür keine geschriebenen Noten, doch hielt ich Ideen und Konzepte als Spielstütze fest und gestaltete während des Spiels, spielte also nicht einfach drauflos. Du kannst das Vorgehen vergleichen mit einem Samenkorn in Form von wenigen Tönen, das sich dann entwickelt. Die Grenze zwischen Improvisation und „Instant Composing“ ist fliessend. Oft beginne ich für ein Stück in „Instant Composing“ mit einer Beschränkung. Ich nehme mir zum Beispiel vor, dass ich eine Improvisation mit zwei Tönen mache. Das heisst, ich lote aus, was über die Beschränkung dieser zwei Töne hinaus möglich ist, und komme so zu Material für mein Stück. Dieses Material prägt den Charakter des Stücks. Es gibt die Struktur, mit der ich spielen kann. Während ich spiele, überlege ich mir, was ich mit dem Material machen kann, falle vielleicht mal raus und brauche das Material noch einmal. Im Zusammenspiel ist das sehr hilfreich, weil die andere Person ja hört, welches Material ich brauche. Das ist wie beim Reden, es gibt Orientierung, ich beziehe eine klare Position. Trotz dieser Minikonzepte bleibt im Augenblick des Spiels immer noch genügend improvisiert: zupfe oder streiche ich? Spiele ich laut oder leise? Wieviel Zeit vergeht, bis der nächste Celloton erklingt? Worauf reagiere ich? etc. Ich muss auch schauen, dass ich nicht immer meine Muster spiele, dass ich mich einlasse auf das, was kommt. Ich gestalte zwar, kann aber, weil es so hoch komplex ist, nicht alles bestimmen. Und plötzlich findet beim Zusammenspiel etwas statt, bei dem ich denke „huch, jetzt ist ein Engelchen vorbeigeflogen“. Das ist sehr befriedigend.
Beim „Instant Composing“ gibt es viele Variablen. Bei der improvisierten Musik gibt es noch mehr, dadurch ist man noch freier. Für mich ist das Improvisieren eine Mischung aus Überlegen und Impulsen. Das hat auch etwas damit zu tun, wie man veranlagt ist. Ich bin ein Bewegungstyp und mache viel aus der Bewegung. Ich sitze zum Beispiel da und warte, bis ein Impuls kommt. Dann beginne ich zu hören, was ich mache und damit setzt das Gestalten ein. Vielleicht erinnere ich mich daran, wie ich begonnen habe und wiederhole eine Passage. Vielleicht habe ich einen Impuls im Handgelenk, oder der Bogen ist schwer und ich reagiere darauf. Oder ich höre in mir drin etwas und nehme das auf. Dann wieder höre ich den Nachklang und nehme den noch einmal. Wichtig ist auch meine Stimmung zu Beginn einer Improvisation. Habe ich zum Beispiel Lampenfieber, beginne ich eher langsam.
Spiele ich mit anderen Menschen zusammen vor Publikum, besteht das Kunststück darin, so zu improvisieren, dass man noch zuhören kann, dass die Zuhörenden sich orientieren können und nicht überflutet werden. Hier ist es umso zentraler, das Material zu beschränken und lange genug bei etwas zu bleiben. Es geht darum, am Material zu bleiben und dieses weiterzuentwickeln, den Faden weiterzuspinnen, ihn nicht abbrechen zu lassen. Auch die Pausen sind wichtig, die Ruhe dazwischen. Es ist auch von Bedeutung, zu merken, wann ich in die Improvisation rein gehe, wann ich raus gehe und wie ich mit dem Spielen beginne oder ende. Beim Zusammenspiel geht es auch um die Gleichwertigkeit der Spielenden, dass ich nicht als Solistin auftrete. Gelingt das Zusammenführen all dieser Teile, gibt es ein Ganzes und ich erlebe mich extrem im Flow.
bunte hörschlaufen dankt der Stadt und dem Kanton St. Gallen für die freundliche Unterstützung dieser Dokumentation.