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1.5.2023
Disputation zum Comanderjahr
Im Jahr 1523 wurde Johannes Comander als Priester an die Churer Martinskirche berufen. Die Reformierte Kirche Chur nahm dies zum Anlass, der reformatorischen Entwicklungen in Chur und in Graubünden zu gedenken. Die in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kulturforschung Graubünden organisierte Tagung versprach, "die Bedeutung der Reformation in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“ zu beleuchten und in einem überkonfessionellen Gespräch zu vertiefen. Dass der Anlass am Ort stattfand, wo sonst das Bündner Kantonsparlament tagt, sei kein Zufall, erklärte Kirchgemeindepräsident Curdin Mark, denn die als "Disputationen" bezeichneten religiösen Streitgespräche der Reformationszeit seien der Öffentlichkeit verpflichtet gewesen und hätten von Anfang an eine politische Dimension gehabt. Mehr noch: Sie sind von der Politik angeordnet worden.
Vielfalt der Perspektiven. Geboten wurde an der gut besuchten Tagung eine Vielfalt an Perspektiven. Zum Einstieg gab es elf Schlaglichter aus allen Regionen Graubündens, vorgetragen in den drei Kantonssprachen: Der Romanist Chasper Pult sprach über romanische Bibelübersetzungen, der Historiker und Journalist Daniele Papacella über die Reformation in den Südtälern, die Historikerin Miriam Nicoli über bikonfessionelle Familien im Misox und die Musikwissenschafterin Laura Decurtins über die Gesangskultur in Zuoz. Weitere Schlaglichter widmeten sich dem Pietismus in Graubünden, der reformierten Diaspora in der Cadi, dem Alltag in einer Kirchgemeinde, der Architektur der Comanderkirche oder der "illegalen Pfarrerin in Furna".
Namhafte Referenten. Der Kirchenhistoriker Jan-Andrea Bernhard zeigte die Hintergründe der Berufung Johannes Comanders im Jahr 1523 nach Chur auf und würdigte ihn als "Bürgerssohn, Geistlichen, Theologen, Netzwerker und Seelsorger". Peter Opitz vom Institut der Schweizerischen Reformationsgeschichte erläuterte die Bedeutung der Ilanzer Thesen als "Teil einer religiösen Disputationskultur" und der Historiker Randolph C. Head sprach zum Thema „Koexistenz“. Die Bündnerinnen und Bündner hätten erst lernen müssen, wie sie trotz der aufbrechenden religiösen Differenzen tolerant zusammenleben könnten. Ein Nebeneinander verschiedener Religionsgemeinschaften im gleichen Dorf sei im beginnenden 16. Jahrhundert mit wenigen Ausnahmen weder möglich und noch beabsichtigt gewesen. Die Ilanzer Artikelbriefe gaben den Gemeinden dann das Recht, "jederzeit einen Pfarrer zu wählen oder abzusetzen" und damit auf demokratische Weise über die Glaubensrichtung vor Ort zu entscheiden. Mit dazu gehörte die "Duldungspraxis", die es Einzelpersonen erlaubte, weiterhin im Dorf zu bleiben, auch wenn sie sich einem anderen Glauben zugehörig fühlten. „Das war tolerant und intolerant zugleich“, sagte Head.
„Die Reformation war eine Entmachtung der Religion von der wir noch heute profitieren", sagte in ihrem Impulsreferat Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS) und führte damit das von Head Gesagte weiter. Als Körperschaften öffentlichen Rechts lebten die drei Landeskirchen heute ein Modell, wie unterschiedliche Religionsgemeinschaften gleichberechtigt neben- und miteinander existieren können. Auch der Staat profitiere davon, weil die Kirchen Grundlagen schaffen, die er so nicht schaffen könnte. „Die Kirchen mit ihren fünf Millionen Mitgliedern sind wichtig", sagte Famos und erwähnte deren Einstehen für Nächstenliebe, Gemeinsinn und Zivilcourage. Zudem seien Kirchen in der Diakonie tätig, stünden ein für eine tolerante Verkündigung, begleiteten Menschen in Krisensituationen, seien wichtige Anbieter von Freiwilligenarbeit und trügen zur Resilienz der Gesellschaft bei. Last but not least: Kirchen seien dem Staat ein kritisches Gegenüber. Die weltweite Zunahme von totalitären Systemen zeige, dass der liberale Staat und mit ihm die Glaubens- und Gewissensfreiheit alles andere als selbstverständlich sind.
Ein Blick aus ökumenischer Sicht präsentierte Eva-Maria Faber, Professorin für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Theologischen Hochschule Chur. Sie sprach über „Lernchancen für Synodalität heute“. „Waren die 18 Thesen, die Comander als Grundlage für die Disputationen dienten, mehr als Propagandaschriften?“, fragte sie. An den Disputationen hätten die Reformatoren nicht nur ihr Verständnis von christlicher Kirche entwickelt, sondern diese auch gleich praktisch eingeübt. Faber würdigte den reformatorischen Mut zum Streiten. Sie hätten dadurch Blockaden überwunden und eine Weiterentwicklung möglich gemacht. Auch die Auseinandersetzung um zeitgemässe Religion heute müsse vermehrt Gegenargumente zur Kenntnis nehmen. Das brauche Vertrauen darauf, dass sich Gottes Wort schon durchsetzen werde. "Ich wünschte mir, dass in dieser Sache alle Kirchen bei der Reformation in die Lehre gingen", sagte Faber.
In der Diskussion kamen verschiedene Votanten noch einmal auf die Toleranz zu sprechen, die nicht nur mit Duldung zu tun habe, sondern mit Wertschätzung und Respekt. Die Reformationszeit habe mit ihren Disputationen die öffentliche Diskussion zwar gefördert, doch zugleich durch ihre Tendenz zur Verketzerung Andersgläubiger erschwert. Eine Stimme wies auf die Bedeutung der Predigt in deutscher Sprache (statt Latein) für die Entwicklung eines individuellen religiösen Selbstbewusstseins hin. "Was können wir also von den Reformatoren lernen?", fragte Moderatorin Maria Victoria Haas zum Schluss der Tagung. „Ich zweifle, ob wir viel aus den Disputationen lernen können“ – gab Historiker Florian Hitz zu bedenken, aus heutiger Sicht seien sie zu scholastisch und zu inszeniert. "Was mich beeindruckt, ist deren Wille zur Ermächtigung der Disputationsteilnehmenden durch Laienbildung, publizistische Produktivität und die Schaffung einer kritischen Öffentlichkeit."
Bericht in der Südostschweiz vom 1. Mai 2023
Stefan Hügli
Kommunikation
Bild: "Verantwortungsvolle Gestaltung statt Gleichgültigkeit": Begrüssung zur Disputation durch Kirchgemeindepräsident Curdin Mark.