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Dominik Riedo über den Schriftsteller, Kritiker und Essayisten Carl Spitteler, seines Zeichens Nobelpreisträger für Literatur aus Liestal.
Von Dominik Riedo
«Jedes Buch ist doch für den Dichter ein Grab.»
Robert Walser
Es ist ein schauerliches Spiel: Am Ende des Lebens versucht sich Carl Spitteler (1845–1924) die frühe Kindheit in der Erinnerung als eine Art Paradies zurückzuerschreiben («Meine frühesten Erlebnisse» von 1914 und weitere autobiografische Schriften im Nachlass):
«Was gelten mir zum Beispiel alle Reisen meines Lebens zusammengerechnet im Vergleich zu dem Viertelstündchen Weg, da ich eines Abends aus dem Acker des Grossvaters dem Langen Hag entlang nach dem Steinenbrücklein getragen wurde?»
Und man darf das Frühe ruhig sprichfreudig wörtlich nehmen: als die Zeit «der vier ersten Kinderjahre». Dann tritt der Vater Karl Spitteler in Bern die Stelle als eidgenössischer Kassier des 1848 neugeschaffenen Schweizer Bundesstaates an.
Schon mit den ersten Jahren in der Bundeshauptstadt verbindet Spitteler in seinen Erinnerungen Fälle von Heimweh nach Liestal, wo er als Kleinkind im Kreise einer weitverzweigten und wohlgesinnten Verwandtschaft wie in einem ganz eigenen «Kosmos» herumgeboten worden war, der nur für ihn da zu sein schien. Aber gerade weil sich dieses Heimweh später wieder etwas legt und der Sechsjährige sich in Bern anscheinend zeitweise nochmals sehr glücklich fühlt, bestätigt der 1856 erfolgende Rückumzug nach Liestal für den Knaben definitiv ein Gefühl, das ihn seit dem siebten Lebensjahr allmählich beschlichen hat: Den autoritären Vater, dem seine achtzehn Jahre jüngere Frau, die von Carl sehr geliebte Mutter, direkt nichts entgegenzusetzen hat, nimmt er stetig mehr wahr als Machtmenschen, dem man sich zu beugen braucht und der einen sogar ‹grundlos› von Ort zu Ort entführen kann. Dieses Gefühl verknüpft sich dem Dichter schon früh mit der Erkenntnis, dass er in eine Schöpfung hineingeboren ist, in der die Menschen ohnmächtig den Gesetzen der Kausalität unterworfen sind, und in der alle Kreatur schuldlos leidet:
«Ich sah mich im Traum durch ein eisernes Gitter wie in einer Festung.»
Es ist der Ursprung des Umstands, dass fast alle seine Werke ein strenger Hauch schopenhauerscher Philosophie durchzieht, lange bevor er den Philosophen gelesen haben wird.
Es ist gleichzeitig die «Geburt» seines «Herzensthemas» («Mein Herz heisst ‹Dennoch›»), seines Hauptstoffes. Denn Spitteler variiert wie so viele Kreative vor und nach ihm in seinem Werk vor allem ein Hauptthema oder zumindest Grundthema: eben jenes als Kind bereits gefühlte Gegenüber einer «sinnentleerten äusseren, von einem unmittelbar auch wieder ohnmächtigen Schicksal gesteuerten Welt» und einer «höheren inneren Gegenwelt, die das Reine und Schöne» verkörpert und die immer wieder gleichnishaft beschrieben wird, «rückverwurzelt» jedoch immer in seiner «Kindheit», seinem «Heimatgefühl»:
«Der Kirschbaum der Aphrodite, der Nussbaum der Pandora, das Gras des Baldur, das Korn der Mittagsfrau sind auf den Feldern meines Grossvaters gewachsen.»
Konsequenterweise sind es bei ihm die Aussenseiter, die Einzelnen, die heroisch und unter schmerzlichen Entbehrungen für diese «höhere Welt» kämpfen und wenigstens Reste von ihr in der «niederen Welt der Herdenmassen» bewahren möchten: ein Prometheus in «Prometheus und Epimetheus» (1880/1881), Herakles oder Apoll in «Olympischer Frühling» (1900–1905; 1909) und zum Teil auch Viktor in «Imago» (1906). Schon Saul in seinem nie veröffentlichten Drama (ab circa 1862) ist solch ein Aussenseiter, ein Rebell gegen festgefügte Institutionen und falsche Autoritäten.
Denn nicht zuletzt ist es zunächst der junge Carl Spitteler selber, der sich in dieser kämpferischen Rolle sieht:
«Saul, das ist ja mein Ebenbild, der Trotzige, der Meuterer gegen Gott und das Schicksal.»
Doch spätestens die ‹Flucht› ins ferne Russland 1871 – er zerstäubt damit den vom Vater vorgegeben Beruf als Pfarrer, als er gerade eine Stelle hätte antreten müssen – schafft definitiv «äussere Realitäten», die ihn eine «Innere Heimat» erstmals zwanghaft ‹entgegen-schaffen› lassen müssen. Nur ihretwegen steht er als Hauslehrer die «Variantenmühle von Prometheus und Epimetheus» über 14 Jahre (1867–1881) durch, die, Fassung um Fassung, zeigt, dass Spitteler hier «Seins-Zustände» einer beschriebenen Welt «durchspielt», die von dieser «Inneren Heimat» nicht zu sehr abweichen sollen:
«Plötzlich schaute ich jenseits der Häuser sonnige Wiesen, die mein Auge gar nicht sehen konnte. Zuerst wollte ichs einfach nicht glauben. Wie ich mir aber nicht mehr ableugnen konnte, dass ich schaute, was ich nicht sah, packte mich ein jäher Schreck, eine Art kleiner Todesangst, ein Gefühl, als ob ich in einen Strudel gezogen und um und um gewirbelt würde, verbunden mit dem Gedanken, ich hätte meinen Verstand verloren, und mit der Befürchtung, ich würde ihn nie mehr wiederfinden.»
So verwundert denn auch der «hellenische» Kosmos in seinem Werk nicht weiter: Spitteler fühlt seine frühe Weltanschauung bei den Griechen bestätigt, nach deren Auffassung ebenfalls eine Schicksalsgottheit gnadenlos über sie waltet. Es ist ein «geistiges Heimatgefühl», das ihn angesichts gewisser Episoden der griechischen Mythologie überkommt. Keine direkte Sehnsucht also nach dem Land Homers, keine Suche nach dem «Land der Seele» wie bei Goethe, die sich hier ausprägt; schliesslich führt Spitteler mit seinen «Velozipeden», «Telephonen», «Luftschiffen» und «Automobilen» nicht einfach Abbilder der Griechen in der modernen Zeit vor. Vielmehr zeigt uns der Autor psychologische «Urbilder» respektive den «Kerngedanken» seiner Weltanschauung, passend verkleidet in griechischem Gewand.
Selbst «seine» Frauen handhabt er in der Erinnerung ähnlich und modelt sie sich aus der «fremden» Realität in ein eigenes «Bild» zurecht: Spittelers «Imago», sein «Liebesroman» («Herzblut. Für meine Lebensgeschichte also, für meinen Biographen, wird es das allerwichtigste Dokument sein. Ich erscheine in allen meinen andern Werken verhüllt und maskiert, hier zeige ich meiner Seele kleinste Fasern.»), schildert die Erlebnisse eines nicht mehr ganz jungen Mannes namens Viktor während eines Aufenthaltes in seiner ehemaligen Heimatstadt, in deren Enge er nach längerer Abwesenheit an weltgewandteren Orten zurückgekehrt ist, um eine Frau, die er geliebt, aber nicht in Wirklichkeit für sich gewonnen und die sich inzwischen mit einem anderen verheiratet hat, wegen ihres angeblichen «Verrats» zur Rede zu stellen. Bezeichnend ist dabei, dass Viktor seine subjektiven Erlebnisse als objektive Wirklichkeiten betrachtet, die erträumte Gegenwart der Geliebten an seinem fernen Aufenthaltsort als gleichwertig mit einer ehelichen Verbindung, und daraus das Recht ableitet, sich selbst als den Gatten, diesen aber bloss als seinen «Statthalter» anzusehen. So erscheint ihm die Gestalt seiner Geliebten einerseits als die mit ihm verbundene Braut seiner Träume, der er den Namen «Imago» verleiht, andererseits als die dem bürgerlichen Kleinmief verhaftete Gattin des Statthalters, die von ihm aus gesehen die Unechte ist und die er daher als «Pseuda» bezeichnet. Es kann nicht fehlen, dass Viktors Vorstellungen mit der realen «Wirklichkeit» hart zusammenprallen und dass sich fast nichts so verhält, wie er es sich gedacht hat, was ihn letztlich, als alle Hoffnung auf «tatsächliche Erfüllung» der erträumten Vision zusammenbricht, zur überstürzten Abreise bewegt.
In «Imago» ist es eine Abreise ins Ungewisse, aber Hoffnungsvolle, mit einem «Heimatbild» im Kopf. – Wohin konnte der Weg von Carl Spitteler selbst gehen, nach diesen Werken, nach einem vorletzten «Rückgriff» mit seiner Neubearbeitung des Prometheus-Stoffes in «Prometheus der Dulder» (1924)?
«Wenn ich gegen Ende meines ersten Lebensjahres, also etwa nach meinem erstmaligen Ausflug nach dem Steinenbrücklein, gestorben wäre, so würde ich dort, von wo ich herkam, den Mund zum Erzählen weit aufgemacht und nach einem langen tiefen Atemzug Unerschöpfliches davon zu berichten gewusst haben.»
Hat er es nicht?
«Wenn mich aber jemand fragte: ‹Wann in deinem Leben warst du am meisten Ich? Welches deiner Ich in den verschiedenen Lebensstufen geht dich am nächsten an? Welches davon würdest du bekennen, falls du wählen müsstest?› – So würde ich antworten: ‹Das meiner frühesten Kindheit›.»
Er musste bis und vor allem zuletzt versuchen, ein «bildervolles» Ich («Ich dachte einen Augenblick daran, meinen ‹Prometheus› in Hieroglyphen, grün und rot gemalt, niederzuzeichnen.»), ein «gegenwehmutsvolles» Ich zu sein, sich zu sein, abgegrenzt von der «platten» Realität, «harmonisch» geborgen wie in einer «heimeligen» Mulde, fern von den «Schlägen» der Welt:
«Ein Wort war es, das unsere Sehnsucht im Traum und im Wachen seufzte: das Wort Liestal …»
Die Suche aber war – tetélestai! – zum immer wehvollen Scheitern verurteilt:
«Es gibt gar keine Kinder; das ‹Kind› ist eine Erdichtung der Erwachsenen.»
Denn die ‹Heimat›, die der Dichter suchte, war letztlich nicht zu finden:
«Wir kommen von Weitem her …»
Dass Carl Spitteler ab 1914 – als er begann, sich intensiv in sein «Paradies» zurückzuschreiben, seinen «Eigenort», sein «unheimliches» «Heimligen» – mit «Unser Schweizer Standpunkt» die grösste äussere Wirkung entfaltete, gerade auch politisch, ist Ironie der Geschichte.
Dominik Riedo (*1974 in Luzern) lebt und arbeitet als Schriftsteller und Mitherausgeber von «Aufklärung und Kritik. Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie» in Bern. Dreizehn Buchveröffentlichungen. Von den Kulturschaffenden der Schweiz und der interessierten Bevölkerung direktdemokratisch zum Kulturminister der Schweiz ernannt (2007-2009). Präsident des DeutschSchweizer PEN-Zentrums von 2010-2012. – Dominik Riedo schreibt regelmässig für «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012». – Sein neuestes Werk, der Essay-Band «Mein Herz heisst DENNOCH», ist kürzlich im Verlag Pro Libro erschienen.
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