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«Ein Volk ist ein einziges Herz, das in Millionen von Brüsten schlägt, ein
einziger Atem, eine einzige Hoffnung.»
Marine Le Pen
Vorsitzende und Präsidentschaftskandidatin des Front National, in ihrer Rede zum Wahlkampfauftakt in Fréjus am 18. September 2016.
Begriffe entstehen und wandeln sich im Gebrauch. So kann ein und dasselbe Wort je nach Kontext unterschiedliche Konnotationen erwerben – wie eben der Begriff «Volk». Hier ist Vorsicht geboten. «Volk» kann technisch gemeint sein und schlicht die Gemeinschaft der Staatsbürger benennen. Auch an Komposita wie Volksvertretung, Volksinitiative oder Volkswirtschaft ist nichts Heikles. Und als in der DDR der Ruf ertönte: «Wir sind das Volk!», bildete dieser den Auftakt zu einer gewaltlosen Selbstbefreiung. Wie im Munde Marine Le Pens kann das Wort aber auch der organischen Überhöhung eines Kollektivs dienen, der rassischen Abgrenzung und der hetzerischen Aufwiegelung. Dann landet man rasch bei Volkskörper, Volksverräter und «Umvolkung» – oder auch bei Volksrepublik. Wer auf Pegida-Märschen heute wieder «Wir sind das Volk!» skandiert, der hat längst nicht mehr die Freiheit im Sinn.
Das urgermanische «fulka» bezeichnete ursprünglich eine Gruppe von Kämpfern. Im Mittelalter löste sich das Wort von der rein militärischen Bedeutung. Seither lässt es sich für beliebige Gruppen nutzen, weshalb man noch heute fröhlich lärmende Menschen als lustiges Volk bezeichnen kann. Snobs rümpfen die Nase über das ungesittete Volk, den Plebs. Historisch stand das «einfache Volk» der Herrschaft und dem Adel gegenüber. In den Zusammenhang mit Nation und Territorialstaat geriet der Begriff erst an der Wende zum 19. Jahrhundert, im Zuge von Idealismus und Romantik. In seinen «Reden an die deutsche Nation» besang Johann Gottlieb Fichte «Volk und Vaterland […] als Träger und Unterpfand der irdischen Ewigkeit». Nun kam der Gedanke eines naturgegebenen Bandes auf, das die Mitglieder einer ethnisch und kulturell homogenen «Volksgemeinschaft» zum höheren Subjekt zusammenfügt. Seine letzte Unschuld verlor das Wort hundert Jahre und wenige philosophische Wendungen später mit der völkischen Bewegung, die in die Katastrophe des Nationalsozialismus mündete.
Die Mehrdeutigkeit des Wortes «Volk» bietet sich für Manipulationen an. Es genügt, den Begriff in einem unverdächtigen technischen Kontext so zu verwenden, dass sich nebenbei ein organischer Unterton ergibt – etwa indem man am Wahltag die Bürger der hiesigen ethnisch und kulturell keineswegs homogenen Willensnation, das Schweizer Volk, zum Schweizervolk erhebt. Obacht.
Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredaktorin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».