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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Auf der Landkarte sieht Sri Lanka (der frühere Name war Ceylon) aus wie ein Anhängsel von Indien. Entfernungsmässig ist es kein grosser Schritt: Vom äussersten Südzipfel Indiens zur Insel sind es gerade einmal 30 km. Einst hat es einen Fährbetrieb gegeben. Aber dieser ist wieder eingestellt worden. Die Einwohner, die ich darüber befragt habe, konnten mir die genauen Gründe nicht nennen. So muss man denn, will man von Indien aus zur Insel das Flugzeug benutzen, landet man nördlich der Hauptstadt Colombo. Jetzt befinde ich mich nur etwa 700 km nördlich des Äquators.
Die Insel hat trotz ihrer geringen Grösse, die vergleichbar mit dem deutschen Bundesland Bayern ist, nicht nur eine Klimazone. In den Bergen kann es sehr kalt sein. In der geographischen Mitte, wo ich jetzt bin, ist es zwar warm, aber nicht schwül. Es weht ein leichter, erfrischender Wind.
Indien ist geographisch nicht weit von Sri Lanka entfernt, für viele Einwohner dennoch unbekannt. Die Menschen mit unterem Einkommen können sich den Flug nicht leisten, wie sie mir versichern. Informationen über Indien haben sie auch nicht. Es scheint sie auch nicht zu interessieren.
Sri Lanka hat vieles, was mich an Indien erinnert. Als Europäer kann ich die Inselbewohner, zum grössten Teil Singhalesen, die etwa 3 Viertel der etwa 21 Millionen Einwohner ausmachen, oder die Tamilen mit etwa 17 % nicht von Indern unterscheiden, nur die Hautfarbe erscheint mir etwas dunkler zu sein. Die Kleinstädte sehen kaum anders aus als die in Indien: viele kleine Läden und Imbissbuden nebeneinander, dann wieder moderne Geschäftshäuser, ärmliche Hütten und hübsche Einfamilienhäuser. Es gibt aber viele auffallende Unterschiede.
Sri Lanka hat eine vielfältige Landschaft. Bei einer Insel selbstverständlich, gibt es viele Strände, deren Qualität angeblich unterschiedlich sein soll. Ein Tourist schwärmte besonders von denen im Osten des Landes, viel Wald, darunter Palmenwälder, Wiesen, der bekannte Ceylon-Tee, der vor allem exportiert wird, wächst auf Teeplantagen; es gibt Reisfelder und Berglandschaften bis über 2400 m Höhe, auch plötzlich aus der Ebene einige hundert Meter aufragenden Felsmassive. Man findet Urwälder mit wild lebenden Elefantenherden, Löwen, Leoparden und anderen Tieren.
Was mir besonders aufgefallen ist: der Strassenbau. Die Strassen sind, abgesehen von einigen dörflichen Nebenstrassen, alle asphaltiert, der Zustand ist hervorragend. Der Verkehr ist, ausser zu bestimmten Tageszeiten in der Stadt, nicht so dicht wie in Indien; auf dem Land könnte man ihn als mittlere Verkehrsdichte bezeichnen. Es geht gemächlicher zu, indische Fahrer sind aggressiver und risikofreudiger als die in Sri Lanka. Was in Indien bei den dortigen schlechten Strassenverhältnissen, besonders in den kleinen und grossen Städten, eine Tortur wäre, habe ich in Sri Lanka für meinen Rücken problmlos überstanden. Ich habe mich an einem Tag mehr als 100 km mit dem Tuk-Tuk (auch Rikscha genannt) von einer Sehenswürdigkeit zur anderen fahren lassen. Ich hatte auf der Hinterbank gut Platz, und der Fahrtwind kam angenehm von rechts und links herein.
Noch etwas ist anders: Indien hat viele Probleme mit dem Abfall. Es gibt keine oder eine nur unzulänglich arbeitende Müllabfuhr. Die Menschen werfen ihren täglichen Müll einfach weg, auf die Strasse, auf Plätzen, in Ecken. Sie zünden Abfall an, dessen Schwelbrände stinken. Sri Lanka aber ist sauber, ich habe keine Müllhaufen gesehen, die Leute werfen nichts einfach so weg, es gibt Abfallbehälter an den Strassen. Ab und zu gibt es schon einmal ein Feuerchen, mit dem wahrscheinlich auch Abfall verbrannt wird, aber oft Kokosnussschalen und Bioabfall.
Wenn man aus Indien kommt, muss man sich an viel höhere Preise gewöhnen. Die Währung hat denselben Namen wie in Indien, aber die Sri-Lanka-Rupie hat einen ganz anderen Wert. In Indien erhalte ich momentan für einen Euro ca. 80 Rupien, in Sri Lanka 170. Ich habe in Indien in den Imbissbuden in der Regel für 30‒40 Rupien gut gegessen, in Sri Lanka zahle ich etwa 150, also etwa das Doppelte. Die Eintritte in die Nationalparks und historischen Stätten sind für Ausländer sehr hoch, 4000‒5000 Sri-Lanka-Rupien und mehr sind die Regel. Übernachtet habe ich in Indien bei einer vergleichbaren Qualität für ca. 1000‒1200 indische Rupien pro Nacht, also etwa 10‒15 Euro, in Sri Lanka zahle ich mehr als das Doppelte. Das liegt auch an den Steuern und anderen Gebühren, die den eigentlichen Preis verzweifachen. Auch für Fahrten mit dem Tuk-Tuk zahle ich viel mehr als in Indien, wobei hier Ausländer, aber das ist in beiden Ländern so, noch extra zur Kasse gebeten werden. Dennoch ist es immer noch, vergleichbar mit Europa, ein günstiges Reiseland.
Ich war unsicher, wie die Ausstattung der Insel mit Mobilfunk und Internet sein würde, und war angenehm überrascht. Am Flughafen konnte man bei gleich 3 Telefonanbietern als Tourist eine zeitlich begrenzte SIM-Card erwerben, mit der man auch ins Internet kann und das für weniger als 3 Euro. Bisher habe ich keine Mobilfunklöcher erkennen können; es soll sie im Bergland geben. Auch die preiswerten Hotels sind mit WLAN in einer akzeptablen Geschwindigkeit ausgestattet. In Indien funktionierte das nicht so problemlos; und wenn man aus einem anderen Bundesland die SIM-Card erworben hat, zahlt man mehr für die Benutzung bzw. kann sie nur schwer nachladen.
In Bezug auf Aufgeschlossenheit und Freundlichkeit gegenüber Fremden habe ich kaum Unterschiede erfahren. Hier wie dort fragen die Kinder die üblichen Fragen auf Englisch („Where do you come from?“ etc.), man kommt leicht auch mit Erwachsenen ins Gespräch, wobei man nicht immer sofort erkennen kann, ob sich ein Geschäftsinteresse dahinter verbirgt oder nicht.
Ein Fahrer erklärte mir, die seit 2009 beendeten bürgerkriegähnlichen Zustände zwischen Singhalesen und Tamilen, besonders im Norden des Landes, seien politisch angeheizt worden. Die Menschen der beiden Volksgruppen lebten und leben friedlich miteinander, so sei es in Colombo kaum zu Problemen gekommen, und dort gebe es viele Tamilen.
Es gibt einen grossen Unterschied. Während in den meisten Teilen Indien der Hinduismus die führende Religion ist, ist es in Sri Lanka der Buddhismus. Auf ihn und der Volksfrömmigkeit im Lande komme ich in der Fortsetzung zu sprechen.
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