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Sich zu schämen war einmal Ausdruck eines lobenswerten, sittenhaften Bewusstseins. Heute allerdings, so legt Philipp Bucher virtuos in seiner Masterarbeit nahe, regiert in Europa und den USA ein Scham-Tabu. Dieses zieht auf eigentümliche Weise neue Formen von Scham nach sich. Wer sich heute schämt, so liesse sich die erste Pointe der interessanten Zeitdiagnose zusammenfassen, der hat versagt. Und zwar nicht in erster Linie vor den Ansprüchen Anderer, sondern insbesondere vor den eigenen.
Die zur Schau gestellte Schamlosigkeit, die medial zelebriert und in aktueller Forschungsliteratur konstatiert wird, so lautet die zweite Pointe der Arbeit, ist Ausdruck einer spätmodernen Form von Scham. Einer Scham, die den Menschen unablässig und bedrohlich diszipliniert: Nämlich die Angst davor, sich schämen zu müssen.
Scham in Zeiten der Selbstoptimierung
Das beschämte Selbst – die passive Form ist hier sprechend und treffend gewählt – ist das andere Gesicht einer auf Selbstoptimierung getrimmten Leistungsgesellschaft. „Heute schämt man sich darüber, sich zu schämen, eben weil Scham das Antonym einer souveränen Selbstbestimmung ausdrückt.“
Philipp Bucher macht die widersprüchliche, psychische Verfasstheit des beschämten Selbst von heute eindrücklich anschaulich. Wie in einem Laufrad gefangen rennt der Mensch seinem Selbst-Ideal nach, um sich nicht schämen zu müssen, angetrieben allerdings von nichts anderem als von (drohendem) Schamgefühl.
Denn im gleichen Mass wie der Mensch rennt, um sein Ideal zu erreichen, fürchtet er sich davor, sich schämen zu müssen. Wer also nicht hoch genug springt, schämt sich nicht nur aufgrund seiner schwachen Sprungkraft, er schämt sich auch, weil er sich schämt und sich damit als emotional unkontrolliert "outet".
Krasse Schamlosigkeit als Strategie
Buchers Ausführungen zielen darauf ab zu zeigen, dass das Schamempfinden in der Gegenwart besonders negativ erfahren wird, weil die mit Scham einhergehende Schwäche gleichsam in den Sog der Selbstoptimierung hineingerät und damit keinerlei positiv regulierende Funktion mehr erfüllen kann. Scham selbst muss vermieden werden - und krasse Schamlosigkeit zielt genau auf das Vermeiden des Leidens an Scham. Sie suggeriert totale Souveränität und Handlungsmächtigkeit, um mögliche Quellen der Scham gar nicht erst wahrnehmbar zu machen.
Philipp Buchers Studie über das beschämte Subjekt ist hochspannend zu lesen und leistet einen beeindruckend eigenständigen und gleichzeitig weiterführenden Beitrag zur Subjekttheorie und Sozialphilosophie. Die einzelnen Gedankenschritte werden darin sinnvoll und raffiniert entwickelt und konsistent auf aktuellste Forschungsliteratur bezogen.
Die Thesen sind auf gekonnte Weise einerseits sehr gut begründet und eingebunden in den gegenwärtigen Forschungshorizont und andererseits originell, entwerfend, ab und zu sogar spekulativ. Selbst wer beim Lesen nicht jeden inhaltlichen Schritt mitgehen will, ist angesprochen, herausgefordert und sofort mitten drin im Gespräch oder eben der Kontroverse.
Für seine Arbeit mit dem Titel „Das beschämte Selbst. Versteckte Scham und Selbstoptimierung in der Spätmoderne“ wurde Philipp Bucher im Rahmen der Diplomfeier der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät mit dem Preis für die beste Masterarbeit geehrt. Dieser wird von der ALUMNI Organisation der Universität Luzern gestiftet. Philipp Bucher hat sein Studium der Kulturwissenschaften (Major Philosophie) im Frühling 2018 mit dem Master abgeschlossen.
Der vorliegende Text basiert auf der Laudatio, die Prof. Dr. Christine Abbt im Rahmen der Diplomfeier gehalten hat. Prof. Abbt hatte das Zweitgutachten verfasst, für das Erstgutachten zeichnet Prof. Dr. Martin Hartmann verantwortlich.