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Michel Onfray porträtiert den Philosophen Nietzsche in einem Comic. Doch wer war Friedrich Nietzsche? Und wer ist eigentlich Michel Onfray? Und was versteht man unter einem Comic? Der eben erschienene Band «Nietzsche» beantwortet dies so: Friedrich Nietzsche war insbesondere auch ein Mensch mit verletzten Gefühlen, und Michel Onfray, der französische rebellische Denker, kann auch anders. Comics müssen nicht zwangsläufig in Entenhausen oder einem kleinen gallischen Dorf spielen.
Onfray landet in Frankreich einen Bestseller nach dem anderen – letztes Jahr mit seiner Psychoanalysekritik, die als «Anti-Freud» im April auf Deutsch erschienen ist (siehe WOZ Nr. 21/11). Nun widmet sich Onfray dem 1844 als Sohn eines protestantischen Pfarrers geborenen Nietzsche. Dessen Kritik galt Moral und Religion, und Onfray schliesst sich gerne an. War «Anti-Freud» ein polternder Frontalangriff gegen freudsche Erkenntnisse, ist der Comic «Nietzsche» eine behutsame Annäherung an die Biografie eines verzweifelten Denkers. Gezeichnet hat die von düsteren Farben bestimmten Szenen Maximilien Le Roy, der Gesichter und Orte wiedererkennbar skizziert und sehr auf Authentizität achtet. Onfray versucht mit seinen eigenen, sparsam in die Sprechblasen gesetzten Worten, Nietzsches Persönlichkeit schlaglichtartig zu porträtieren.
Die Szenen haben Schlüsselfunktion: Friedrich holt als Schüler ein Stück Kohle aus dem Feuer – sein Lehrer, statt die Mutprobe anzuerkennen, beschimpft ihn, dass er «wirklich nichts im Kopf» habe. Der Student Friedrich sitzt in einer dunklen Bonner Kaschemme, spricht aber dem Bier nicht zu und wird von seinen Kommilitonen als «Griesgram» beschimpft. Nietzsche fragt einen Mann auf der Strasse, wo man zu Abend essen könnte, und wird in ein Bordell geschickt.
«Nietzsche» von Onfray und Le Roy ist eine Hommage, die Nietzsches KennerInnen zu einer ungewohnten, gefühlsbetonten Sichtweise verhilft und anderen die Scheu vor Philosophie zu nehmen vermag. Gudrun Mangold