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«Niemals würde ich es wagen, so etwas zu dir zu sagen»
Meiner Mutter gelang es aber auch in anspruchsvolleren Situationen, für gegenseitigen Respekt zu sorgen. Sie war bis zu ihrer Pensionierung leidenschaftliche Kindergärtnerin. Die letzten Berufsjahre führte sie einen Kindergarten, der auch von vielen fremdsprachigen Kindern und solchen aus bildungsfernen Familien besucht wurde. Viele von ihnen brachten einen Rucksack an schwierigen Erfahrungen mit, sprachen schlecht Deutsch und verhielten sich teilweise auffällig. In der ersten Woche sagte sie zur Gruppe: «Hier gibt es nur eine einzige Regel, an die wir uns alle halten: Wir haben Respekt vor uns selbst, den anderen und den Sachen.»
Übertretungen wurden zum Anlass, immer wieder auf die Frage zurückzukommen, wie man respektvoll handelt.
In einer Klasse gehörten Schimpfwörter als Selbstverständlichkeit zum Umgang untereinander. Zum Beispiel: «Kastrier deine Aids-Bazillen» und «Fick deine Mutter!».
Meine Mutter rief die Kinder in den Kreis: «So. Sagt mal alle Schimpfwörter, die euch einfallen. Die ganz schlimmen könnt ihr leise sagen.»
Sie schrieb alle Antworten auf Papierstreifen. Im Anschluss legte sie drei Kreise auf den Boden: grün, orange und rot. Sie las ein Schimpfwort nach dem anderen vor: «Scheissdreck: Wie findet ihr das?» «Hui, schlimm!», kam es von den Kindern. «Ich finde es nicht so schlimm – legen wir es in den grünen Kreis?» Dann sagte sie «Fick deine Mutter», und die Kinder meinten «geht so», worauf sie antwortete, dass es ziemlich schlimm sei und es gefährlich sein könne, wenn man Wörter sage, deren Bedeutung man nicht verstehe. Alle unbekannten Wörter kamen zur Sicherheit in den roten Kreis. Nach und nach wurden die Schimpfwörter verteilt.