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Die Blaseninkontinenz ist nach wie vor ein Tabuthema
Herbst des Lebens Eine Blasenstörung kann heute erfolgreich therapiert werden, sagt der Facharzt Daniele Perucchini.
Welche Erkrankungen, Herr Perucchini, können im Alter zu einer Blaseninkontinenz führen?
Für die Blasen- und Beckenbodenschwäche bei Frauen sind mehrere Faktoren verantwortlich. Einerseits Schwangerschaften und Geburten, welche den Beckenboden schwächen können, und anderseits das Alter. Der Verschlussmechanismus der Harnröhre wird mit zunehmendem Alter schlechter, und es kommt beim Husten oder Niesen zu einem Abgang von Urin.
Bei den Männern sind die Ursachen von Blasenbeschwerden anders. Dort spielt die vergrösserte Prostata eine Rolle. Diese kann Drangbeschwerden verursachen und den Harnblasen-Abfluss behindern.
Harninkontinenz ist eines der zentralen geriatrischen Probleme. Wie viele Frauen und Männer sind schätzungsweise davon betroffen?
Schweizweit leiden etwa 400000 Menschen an Harninkontinenz, wobei von einer wesentlich höheren Dunkelziffer auszugehen ist.
Welche Formen von Harninkontinenz gibt es, und wie äussern sich diese?
Es werden mehrere Formen von Harninkontinenz unterschieden. Besonders häufig sind die Belastungsinkontinenz und die Dranginkontinenz sowie eine Mischform. Bei der Belastungsinkontinenz kommt es bei körperlichen Aktivitäten zum Urinabgang.
Diese Form der Inkontinenz ist die häufigste Form und macht 30 bis 50 Prozent aller Fälle aus. Das Hauptsymptom bei der Dranginkontinenz beziehungsweise der überaktiven Blase ist ein plötzlich auftretender, starker Harndrang.
Als Folge davon kommt es zu gehäuftem Wasserlösen am Tag und teilweise sogar in der Nacht. Man spricht umgangssprachlich auch von einer Reizblase. Bei der Mischinkontinenz sind die Patienten sowohl von Symptomen der überaktiven Blase als auch von Symptomen der Belastungsinkontinenz betroffen.
Aufgrund der vielfältigen und unterschiedlichen Symptome ist die Mischinkontinenz schwieriger zu diagnostizieren und zu behandeln als die übrigen Formen der Inkontinenz.
Wie kann eine Harninkontinenz adäquat behandelt beziehungsweise therapiert werden?
Zu Beginn ist eine klare Diagnostik mit Objektivierung der angegebenen Symptome wichtig. Eine erste Behandlungsmöglichkeit der Belastungsinkontinenz ist die Beckenbodenkräftigung in der Beckenbodenphysiotherapie.
Eine Operation ist bei einer grösseren Einschränkung der Lebensqualität indiziert. Bei der hyperaktiven Blase sind das Blasentraining, Beckenbodenphysiotherapie und Medikamente wichtige Elemente einer erfolgreichen Therapie.
Ziel des Blasentrainings ist die Steigerung des Blasenfassungsvermögens. Die zeitlichen Abstände zwischen den Toilettengängen werden schrittweise und teils mit Unterstützung von blasenentspannenden Medikamenten erhöht.
Mit den konservativen, individuell angepassten Therapieoptionen mit Blasentraining, Beckenbodenphysiotherapie und Medikamenten erreichen viele Patientinnen eine Besserung der Lebensqualität. Ist dies nicht der Fall muss die Therapie mit Botulinumtoxin diskutiert werden. Der Wirkstoff wird während einer Blasenspiegelung an rund 20 verschiedenen Stellen in den Blasenmuskel gespritzt. Diese einfache Therapie führt häufig zu einer Verbesserung der Drangsymptomatik.
Welche Medikamente werden hauptsächlich eingesetzt?
Es gibt verschiedene Medikamente, welche die hyperaktive Blase beruhigen und die Drangintensität reduzieren.
Zur Therapie kann der Arzt auch ein sogenanntes Miktionstraining empfehlen. Was muss ich mir darunter konkret vorstellen?
Die Blase kann durch ein Training wieder erlernen, sich stärker zu dehnen und mehr Harn zu speichern. Zu einem Blasentraining gehören auch verschiedene verhaltenstherapeutische Ansätze. Grundlage für ein Blasentraining ist ein sogenanntes Blasentagebuch.
Die Blase nicht sofort zu entleeren, wenn sie sich meldet, kann man zudem auch üben. Auch wenn der Harndrang stark ist, hält er meist nur einige Minuten an. Die Blase beruhigt sich dann wieder.
Harninkontinenz ist nach wie vor ein Tabuthema. Weshalb sollten betroffene Patienten den Gang zum Arzt trotzdem nicht scheuen?
Nebst Schamgefühlen beobachten wir auch einen deutlichen Mangel an Information. Manche Patientinnen glauben nach wie vor, Inkontinenz sei eine normale Erscheinung des zunehmenden Alters. Was so nicht stimmt.
Ein grosses Problem ist aber auch für viele Betroffene, dass sie nicht genau wissen, an wen sie sich wenden können. Hier empfehle ich den Hausarzt als erste Anlaufstelle. Der kann dann im Bedarfsfall einen Spezialisten für weitere Abklärungen hinzuziehen.