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Genies aus dem Slum - neue Termine in der Schweiz
Verwahrlosung, Kriminalität und Umweltzerstörung gehören zum Erbe der Kolonialisierung, die Afrika und die Afrikaner ihres Wissens, ihrer Gemeinschaften, ihres Grundbesitzes beraubt hat. Philip Munyasia aus Kenia mobilisiert die Bewohner seines Slums zum Anbau der eigenen Lebensmittel, zu nachhaltiger Wasserversorgung sowie zu friedlichen Lösungen bei Stammeskonflikten. Seine Vision ist der Aufbau eines Ökodorfes. Im September ist er zu Gast in der Schweiz.
Als jüngster von acht Brüdern habe ich früh erfahren, was es heisst, mit leerem Magen nach Brennholz zu suchen oder kein sauberes Wasser zum Trinken zu haben. Der tägliche Druck, unter grossen Schwierigkeiten das Nötigste zum Überleben zu besorgen, führt zu Spannungen unter den verschiedenen Stämmen, zu Gewalt, Drogen, Kriminalität. Es war von klein auf mein Wunsch, diese Situation zu verändern.
Die Region von Kitale ist mit zwei Regenzeiten gesegnet, das Klima ist mild, die Böden sind fruchtbar. Doch die meisten Kenianer haben nur sehr kleine Landstücke. Legalisierter Landraub ist in Kenia an der Tagesordnung, in unserer Gegend für Maissaatgut-Anbau und Rosen für Europa. Die jahrzehntelange Intensivwirtschaft versalzt die Böden. Die Wälder wurden abgeholzt, Grundwasser vergiftet, Flüsse trocknen aus.
Vertriebene und Flüchtlinge aller möglichen ethnischen Gruppen landen in unserem Viertel Mitume. Nach europäischen Massstäben ist es ein Slum. Grosse Familien leben in kleinen Zweiraumhütten ohne Strom, fliessendes Wasser und Klo. Es riecht intensiv nach verbranntem Plastik und Holzkohle, mit der die Frauen kochen. Wir gingen ohne Frühstück zur Schule. Wenn ich mittags nach Hause kam und von weitem von unserem Haus Rauch aufsteigen sah, war alles gut. Wenn nicht, gingen wir mit leerem Magen zur Schule zurück. Es fiel dann schwer, sich zu konzentrieren, und die Lehrer schlugen diejenigen, die Fehler machten.
Als ich klein war, hatte sich meine Mutter Geld geliehen, um Saatgut für Mais zu kaufen. Um ganz sicher zu sein, dass alles gut ging, holte sie sich Rat von einem landwirtschaftlichen Berater. Das chemische Mittel, das er empfahl, führte zum Desaster: Alle Pflanzen starben ab. Der Garten war verloren. Ich war erst fünf, aber ich werde nie die Verzweiflung meiner Mutter vergessen.
Dann geschah ein Wunder. Ein katholischer Priester ermöglichte mir, die Highschool und sogar das College zu besuchen - als einziger meiner Brüder und Nachbarn. Anschliessend begann ich, Frauengruppen und Kleinbauern in organischer Landwirtschaft zu unterrichten. Ich erhielt ein Stipendium für ein sechsmonatiges Praktikum in einem Permakultur-Institut in USA. Dort ernährte mich von dem, was auf den Feldern wuchs und schaffte es, das ganze Taschengeld zu sparen. Ich kaufte davon eine Parzelle Land für den ersten Demonstrationsgarten mitten in Mitume. Jetzt konnte ich den Menschen zeigen, wie man im Slum auf kleinstem Raum seine Lebensmittel anbauen kann. Eine Technik dazu sind die tragbaren Gärten, zu denen wir die überall herumliegenden Plastiksäcke verwendeten.
Als die Leute die ersten Hügelbeete sahen, dachten sie, es seien Gräber. Aber nachdem sie sahen, wie gut alles wuchs, begannen sie mitzumachen. Viele Anbautechniken aus der Permakultur sind dem traditionellen Gartenbau in Kenia sehr ähnlich: In Mischkulturen unterstützen die grosse Pflanzen die kleinen, und der Boden ist immer bedeckt.
2008 gründete ich OTEPIC, eine gemeinschaftliche Selbsthilfeorganisation. Seither bieten wir Seminare für Kleinbauern und Frauengesprächskreise über Familienplanung, Aids, häusliche Gewalt an. Ausserdem initiieren wir Aktionen wie Bäume pflanzen, Saatgutaustausch, Aufräumaktionen im Slum, Friedensaktivitäten wie Fussballspiele zwischen den verschiedenen Stämmen und Jugendgangs. Eine Jugendgruppe nutzt unsere Räume für ihr Theater- und Tanztraining. Kreativität ist wichtig. Wenn etwas keinen Spass macht, lohnt es sich nicht.
Inzwischen konnte ich mehrere Reisen nach Europa unternehmen und Förderer finden. 2012 legten wir den zweiten Demonstrationsgarten an und verwandelten Brachland in eine fruchtbaren Permakulturgarten mit Werkstatt. Arbeitslose Jugendliche lernen hier Techniken wie den Bau von Solarkochern, Raketenöfen oder kleinen Biogasanlagen als Alternativen zu Feuerholz.
Wasser ist ein zentrales Thema in Kenia. Die Wege zum Wasserholen werden immer weiter, und das Wasser ist oft kontaminiert. Die Regierung verkauft Wasser, aber nicht jede Familie kann sich das leisten. Ich holte eine Genehmigungen ein und engagierte mit Spendengeldern eine Firma, die ein 72 m tiefes Bohrloch grub. Das Wasser wird mit Solarenergie hochgepumpt. Jeder Nachbar kann einfach kommen und sich Wasser abfüllen. Es ist immer etwas los an der Wasserstelle. Frauen waschen, Kinder holen Trinkwasser, Männer unterhalten sich - dann schauen sie sich um und sehen die Neuerungen bei OTEPIC. Zum Beispiel die Pilzzucht auf Maisstrünken als eine Ernährungsmöglichkeit und kleine Einkommensquelle.
Morgens trifft sich das Team und teilt die Arbeiten ein. Mittags essen wir zusammen. Das Gemüse kommt aus dem Garten, gekocht wird mit Biogas und Solarkochern. Zum Essen kommen immer viele Kinder der Nachbarschaft und auch Strassenkinder. Kinder werden nie weggeschickt. Sie sind unsere Zukunft, und wir dürfen nicht unterschätzen, was für Anregungen sie aufschnappen, wenn sie bei den Treffen der Erwachsenen dabei sind. Die Mütter sind oft erstaunt, wie konzentriert ihre Kinder malen oder einen Lehrfilm anschauen. Im Seminarraum steht ein Computer, die Leute können sich Videos anschauen, und es gibt eine kleine Bibliothek. Die Nachbarn schützen den Raum. Sie begreifen ihn als einen Ort, der ihnen allen gehört.
In Kenia sagt man: Wenn du eine Frau erreichst, erreichst du das ganze Dorf.
Die Frau in der kenianischen Gesellschaft wird nicht dazu erzogen, ihre Meinung zu sagen und Führungsqualitäten zu zeigen. Aber 80 % aller Kleinbauern sind Frauen, und sie bringen oft die Familien mit vielen Kindern allein durch. In Kenia sagt man: Wenn du eine Frau erreichst, erreichst du das ganze Dorf. Die erste Fraueninitiative, die ich unterrichtet habe, Maili Saba, hat einen Gemeinschaftsgarten und eine Bäckerei. Keiner ist mehr hungrig, auch nicht am Ende der Trockenzeit, und die Kinder sind gesund. Die Mischkulturen erzeugen ganzjährig alles, was sie brauchen, statt wie vorher die Monokultur mit Mais. Das Geld, das sie an Kunstdünger sparen, können sie jetzt für Schulbücher ausgeben. Neben vielen Obst- und Gemüsesorten in Mischkultur auf Hügelbeeten bauen sie Süsskartoffeln an. Diese ernten, reiben und trocknen sie und verbacken sie in ihrer kleinen Bäckerei zu süssen Brötchen, die die Kinder in der Stadt verkaufen.
Im Jahr 2013 konnten wir mit Spendengeldern 10 Hektar Land für unsere Vision kaufen: eine internationale Schule für Permakultur mit Ökodorf. Im Herbst gab es ein grosses Planungsseminar mit dem Permakulturlehrer Walter Mugove aus Malawi sowie einigen Spezialisten und Helfern aus Tamera. Die neuen Nachbarn arbeiteten intensiv mit, kochten für uns, planten und feierten mit uns. Anschliessend bauten wir gemeinsam die erste Hütte mit der Earthbag-Technik auf. Für die Erde hoben wir gleich vor dem Haus einen Teich aus, der sich bei der nächsten Regenzeit mit Wasser füllte. Dieser erste Teich ist Teil unserer geplanten Wasserretentionslandschaft, die aus Teichen, Swales und Terrassen bestehen wird. Eine Wasserretentionslandschaft dient vielen Dingen: Fischhaltung, Wasser zur Bewässerung - und vor allem erhöht sich der Grundwasserspiegel, wenn Regenwasser in den Boden einsickern kann. Immer wenn wir ein Lehm- oder Earthbag-Haus bauen, legen wir einen Teich an, dann entstehen Siedlung und Wasserretentionslandschaft gleichzeitig.
Heute sind wir ein Team von 12 Menschen. Dazu kommen täglich 10 bis 50 Freiwillige, Kinder und Frauen aus der Nachbarschaft und Jugendliche aus dem ganzen Viertel. Jeder Einzelne stammt aus schwierigen Verhältnissen, kennt Armut, Hunger, Verlassenheit, oft Gewalt und Misshandlung aus der Kindheit. Sie hatten Kontakt mit Alkohol, Drogen, Kriminalität. Doch sie haben eine riesige Kraft, und wenn sie eine Perspektive sehen, tun sie alles. Deshalb ist für OTEPIC die grosse Vision so wichtig.
In Afrika bedeutet Führungsqualität, dass man mit Menschen im Gespräch ist.
Menschen sagen mir manchmal, ich hätte Wunder bewirkt. Aber ich habe auch Rückschläge erlebt, Vorhaben funktionierten nicht, Pläne mussten aufgeschoben werden. Daran halte ich mich nie auf. Ich muss auf das schauen, was gelingt, und dafür dankbar sein - dann habe ich eine Chance, dass auch das nächste wieder gelingt. In Afrika bedeutet Führungsqualität, dass man mit Menschen im Gespräch ist. Wenn jemand alleine herumsteht oder Befehle erteilt, ist er kein Anführer. Dann sagen die Leute vielleicht Ja, machen aber etwas ganz anderes. Entwicklungshelfer scheitern, wenn sie das nicht wissen. Leitung heisst, im Kontakt mit den Menschen herauszufinden, was wirklich zu tun ist, und das dann gemeinsam anzupacken.
Die Kirche ist ein wichtiges Zentrum des sozialen Lebens in unserer Kultur. Die Weissen haben uns Religionen gebracht, aber wir Afrikaner hatten den Zugang zum Göttlichen schon vorher: im Kontakt mit der Natur. Das wurde verboten, statt dessen wurden wir Christen oder Moslems, und in vielen Ländern Afrikas bekämpfen sich die Religionen heute gegenseitig. Bei OTEPIC sagen wir, dass es keine Rolle spielt, welcher Religion jemand angehört. Aber es ist sehr wichtig, dass wir gemeinsam den Zugang zum Göttlichen wieder finden. In diesem Sinne begehen wir Feiertage: Wir gehen zusammen in die Natur, wir arbeiten, wir pflanzen Bäume.
Vorläufige Termine in der Schweiz (weitere folgen)
Datum: Donnerstag 22. September 2022 in der Öko-WG
Ort: Kräzeren 3, 9404 Rorschacherberg
Programm: 18:30 Uhr: Türöffnung // 19:30-22:00 Uhr: Vortrag mit Q&A
Anreise: Zu Fuss, per (E-)Bike, Ruftaxi Rorschacherberg (5.-), Parkplätze begrenzt
Datum: Samstag 24. September 2022 bei Meh als Gmües
Ort: Reckenholzstr 150, 8046 Zürich
Programm: 11:00-12:00 Uhr: Rundgang Garten // 14:00-16:00 Uhr: Vortrag mit Q&A
Anreise: Zu Fuss, per (E-)Bike, ÖV mit Bus Nr. 62
Datum: Sonntag 25. September 2022
Ort: BewegungPlus, Lyssachstrasse 33, 3400 Burgdorf
Zeit: 15:00-17:00 Uhr
Karte: https://map.search.ch/Burgdorf,Lyssachstr.33
Datum: Mittwoch 28. September 2022
Ort: Schloss Glarisegg, 8266 Steckborn
Zeit: 17:00-18:30 Uhr
Karte: https://map.search.ch/Steckborn,Schloss-Glarisegg
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