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Hungerfasten
Ich weiss nicht, was mich geritten hat. Ich war 20, als ich beschloss, das Essen einzustellen. Von einem Tag zum anderen war ich Asketin.
In den ersten beiden Tagen morste mein Körper Hungergefühl, dann war er mäuschenstill. Ein Apfel und ein Joghurt, am Sonntag vielleicht auch mal ein Buttercroissant. Zur Kompensation aber tags darauf nur ein dünnes Süppchen.
Ich lebte damals allein in einem winzigen Zimmerappartement im Souterrain eines Wiener Gemeindebaus. Ich ging weiter auf die Uni. Die Anonymität der Stadt war meine Komplizin. Ich interessierte mich für Mystikerinnen und Asketen. Wie Kafka wollte auch ich kein «Kapitalist des Luftraums» sein. Ich setzte eine Gewichtsmarke und unterbot sie. Ein Triumph. Selbstdisziplin fiel mir nicht schwer. So vergingen Wochen und Monate.
Ich wurde leicht und leichter. Ich war mit mir zufrieden, endlich.
Die Nachbarin sprach mich an: «Sie werden immer weniger.» Ich verstand nicht, was sie meinte. Auf der Stirn der Freundin bildeten sich Sorgenfalten: «Du weisst, dass das deine Gesundheit dauerhaft schädigen kann?» Die Tante, die ich in den Sommerferien besuchte, schien tief bestürzt.
Die Cousine und ihre Freundin kamen aus Deutschland, beide Krankenschwestern, und betasteten meinen Rücken, auf dem sich ein Rippenornament abzeichnete. Die Sorgen der anderen kamen mir damals kleinkariert vor. Ich hatte keine Sorgen.
Was ich im Spiegel sah, war schön. Das war die Hauptsache.
Im Rückblick fällt mir der Zeitpunkt ins Auge: Ich begann mit dem Hungerfasten in einer Phase heftigen Liebeskummers, der sich mit aus der Kindheit mitgebrachten Selbstzweifeln paarte. Ich war verlassen worden, einfach so.
«Ich möchte die Beziehung beenden», hatte mir der einige Jahre ältere Mann auf einer Parkbank eröffnet. Ich war zu einem romantischen Date geschwebt – und verliess es als eine, die ihren Fuss ins Bodenlose setzt.
Erst im Rückblick begreife ich, dass ich mich mit dem spätpubertären Hungern selbst bestraft habe. Eine Art von Befriedigung lag vielleicht darin, wenigstens meinen Körper kontrollieren zu können, wenn schon nicht mein Leben.
Ich habe mich irgendwann von selbst wieder gefangen. Und Hunger wieder zugelassen. Der Körper hat die harte Kur glücklicherweise ohne gesundheitlichen Schaden überstanden.
Zurückgeblieben ist Respekt vor den Rhythmen des Körpers. Diese zu stören, kann das Gesamtsystem empfindlich durcheinanderbringen und sowohl Heisshunger als auch Appetitlosigkeit auslösen.
Heilfasten
Wie sieht es nun mit dem gerade in religiösen Milieus vielfach gepriesenen Heilfasten aus? Ist das nicht auch eine Rhythmusstörung? Was bewirkt es?
Es mussten wohl Jahrzehnte vergehen seit dem jugendlichen Brachialfastenabenteuer und der damaligen Illusion, durch Fasten schön zu werden, bis ich mich daran wagen konnte.
Nach einer Podcastaufnahme mit der reformierten Pfarrerin und Fastenexpertin Noa Zenger, die während der vergangenen sieben Jahre im interreligiösen Begegnungszentrum Lassalle-Haus gewirkt hat, war ich so weit.
«Der Körper kann fasten», ist ein Satz aus dem Gespräch, der sich mir eingeprägt hat und: «Schon nach drei Tagen kann sich eine Helligkeit und Vertiefung der Wahrnehmung einstellen.»
In meinem Fastentagebuch notierte ich:
Sonne auf dem Balkon, ganzen Vormittag schwebend, hell. Nun etwas matt, aber glücklich. Herausgehobener Tag, fühlt sich überraschenderweise wie ein Retreat an, besonders und heilig.
Gefühl, also ob die ganze Zeit über Lärm geherrscht hätte und es jetzt ruhig ist. Hatte gedacht, vielleicht nie mehr zu einer solchen Seelenruhe zu finden, aber nun ist sie da.
Ein Social-Media-Posting zum Thema Fasten abgesetzt, aber dadurch nicht in meiner Ruhe gestört.
Helligkeit, Klarheit, Seligkeit.
Wahrnehmung geschärft. Aus dem Kaminschlot des Nachbargebäudes kommt der Rauch heraus wie bei einem Dampfi. Wo ein Wasserstrahl in den Goldfischteich des Nachbarn rieselt, befindet sich eine glitzernde Stelle.
Der gewohnte Baulärm hält an, aber die Vogelstimmen sind klarer und deutlicher als sonst. Sie spiegeln mein Inneres.
Ich bin mit mir eins und zufrieden.
Das Salz wirkt bei mir nicht, aber egal, dann brauche ich diesen Teil des Heilfastens vielleicht nicht.
Freitag: letzter Fastentag. Das Glaubersalz zeigt doch noch Wirkung. Ich bin beeindruckt von der Weisheit des Körpers. Er hat auf Heilfasten umgestellt wie ein braves Tragtier.
Dass noch ein Tag Fasten vor mir liegt, erfüllt mich mit Freude und Glück. Ich empfinde es als etwas Besonderes, kontraintuitiv, denn was vor mir liegt ist ja einfach nur ein Fastentag.
Ein ähnlich tiefes und überraschendes Glücksgefühl erlebte ich vor ein paar Jahren bei einer mehrtägigen Wanderung. Ich wachte morgens mit extremer Vorfreude auf den neuen Tag auf, wissend, dass er vor allem einen langen Marsch durch die Berge und die damit unausweichlich verbundenen Mühen bescheren würde. Gleichwohl fühlte ich pures Glück.
Verglichen damit war die fünftägige Heilfastenkur körperlich sehr viel weniger herausfordernd. Ich habe das Gefühl, die fünf Tage liebevolles Fasten mit dem und für den Körper anstatt gegen ihn haben retroaktiv sogar geheilt, was vom jugendlichen Hungerfasten in meinen Knochen hängen geblieben war.
Ich habe mir vorgenommen, das fünftägige Heilfasten als Frühjahrs- und Herbstkur von nun an jährlich zu wiederholen: als Feier der Liebe zum Leben und körperlich wie auch seelisch reinigendes Geschenk.
Die letzte Notiz im Fastentagebuch lautet:
«Helligkeit der Seele»
Fastentipps für Gesunde
- Drei Dimensionen des Fastens berücksichtigen: köperlich, spirituell (Beten, Stille) und ökosozial (Achtsamkeit, Teilen von Besitz).
- Fünf Fastentage seien für Beginner:innen empfehlenswert; den Zeitraum klar abstecken (und eben nicht wie einst bei meinem Hungerfasten Open End fasten).
- Mit zwei bis drei Umstellungstagen das eigentliche Fasten vorbereiten, in denen auf Genussmittel, tierische Eiweisse und schwere Kost verzichtet wird.
- Eine sanfte Methode wie die Buchinger-Methode wählen, wo auch in den Fastentagen Säfte und dünne Suppen eingenommen werden können und morgens ein Löffel Honig für die Kraft.
- Wenn möglich Tage wählen mit wenigen oder keinen terminlichen Verpflichtungen.
- Am Tag drei ein Abführmittel für die Darmreinigung einnehmen – damit beginnt das eigentliche Heilfasten.
- Durchgehend viel Flüssigkeit zu sich nehmen; idealerweise Wasser und ungesüssten Tee.
Erfahrungen mit Fasten und Tipps können gern in der Kommentarspalte geteilt werden. 🙂
Bis Samstag, 8. April 2023, währt die vierzigtägige christliche Fastenzeit und mündet in die Osterfeier. Der muslimische Ramadan dauert noch bis 20. April.
Das RefLab hat in der Fasten- bzw. Passionszeit 2023 unter dem Motto «Anders weiter» Insta-Lives mit Impulsen gestartet (veröffentlicht auch als Blogbeiträge) sowie die Reihe «RefLab-Meditationen»: kurze kontemplative Videos, zum Beispiel zu Wasser, Erde, Luft und Feuer.
Spirituelle Veranstaltungen in der und um die reformierte Kirche versammelt die Internetplattform refdate.ch.