Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03552.jsonl.gz/444

Bild
Titel:
Elisabeth Pletscher an der Landsgemeinde
Thema: Politik
Datum: --.--.1990
Standort: Kantonsbibliothek Appenezell Ausserrhoden, Original im Nachlass Pletscher
Urheber/-in:
Beschreibung:
Die Fotographie zeigt Elisabeth Pletscher (1908-2003) an der Landsgemeinde in Trogen im Jahr 1990. Gekleidet in eine Ausserrhoder Tracht steht sie im Ring und hebt für die Stimmabgabe ihren Arm hoch.
Geschichte:
Elisabeth Pletscher hat viele Namen: die ausserrhodische Vorkämpferin für die Emanzipation der Frauen, die Königin der Ausserrhoder Frauen, die Mutter aller Appenzellerinnen, die Grand Old Lady Ausserrhodens. Geboren 1908 und fast hundert Jahre alt geworden, ist Elisabeth Pletscher eine Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts schlechthin und darüber hinaus eine prägende Persönlichkeit, die auch nach ihrem Unfalltod 2003 das lokale, regionale und nationale Medieninteresse auf sich zieht.
Elisabeth Pletscher wuchs in Trogen auf und besuchte dort die Kantonsschule als zweite Appenzeller Schülerin. Sie lebte mit ihrer Mutter, Susi Kern und ihrer Schwester Madeleine Pletscher im Vorderdorf. Elisabeth Pletscher wurde in einem von Frauen umgebenen Umfeld gross. Zeitlebens blieb sie ledig und verbrachte den grössten Teil ihrer beruflichen Laufbahn in Zürich am Universitätsspital als Cheflaborantin.
Mit der Frauenbewegung war Elisabeth Pletscher über die Schweizerische Ausstellung für Frauenarbeit (SAFFA) in Kontakt gekommen, die 1958 in Zürich das zweite Mal stattfand. An der SAFFA wurde auch der Beruf der medizinischen Laborantin ausgestellt, an deren Vorbereitungsarbeiten Elisabeth Pletscher beteiligt war. An der SAFFA 1958 wurde sie entscheidend für ihr weiteres politisches Engagement geprägt – Elisabeth Pletscher wurde die Bedeutung der Frau in der Arbeitswelt in vollem Ausmass bewusst. Im Sommer 1928 hatte die SAFFA das erste Mal stattgefunden. Damals schon trat der Schweizerische Verein für Frauenstimmrecht im Eröffnungsfestzug auf. Der Schweizerische Verein für Frauenstimmrecht zog dabei an einem Wagen, auf dem eine riesengrosse Schnecke angebracht war. Auf beiden Seiten des Wagens waren Spruchbänder befestigt mit dem schlichten Schriftzug: „Die Fortschritte des Frauenstimmrechts in der Schweiz“. In der Tat verlief die Annahme des Frauenstimm- und Wahlrechts in der Schweiz sehr langsam, vor allem in den zwei Halbkantonen Appenzell A.Rh. und Appenzell I.Rh.
1973 kehrte die pensionierte Elisabeth Pletscher nach ihrer 40-jährigen Tätigkeit an der Universitätsklinik in Zürich nach Trogen zurück. Dabei verlor sie das Stimmrecht auf kantonaler Ebene, denn diese hatte in Ausserrhoden gerade erst an der Trogener Landsgemeinde von 1972 eine herbe Niederlage einstecken müssen. Im Kanton Appenzell Ausserrhoden konnten die Frauen auf Bundes- und Gemeindeebene abstimmen, das kantonale Stimm- und Wahlrecht wurde ihnen aufgrund der Institution Landsgmeinde verwehrt.
Nachdem 1972 und 1976 an der Landsgemeinde das Frauenstimm- und Wahlrecht scheiterte und auch die Motion von Otto Schoch 1979 an der Landsgemeinde verworfen wurde, engagierte sich Elisabeth Pletscher 1983 in der Interessengemeinschaft für politische Gleichberechtigung der Frauen im Kanton Appenzell Ausserrhoden (IG). 1983 war sie Mitinitiantin einer Petition für den National- und Ständerat, die die Räte ersuchte, eine eidgenössische Volksabstimmung zur Aufhebung des Artikels 74 Abs. 4 der Bundesverfassung einzuleiten. Der Artikel 74 Abs. 4 sprach dem kantonalen Recht für Abstimmungen und Wahlen der Kantone und Gemeinde Vorrang zu. Der Gang nach Bern löste jedoch im Kanton Appenzell Ausserrhoden heftige Reaktionen aus, worauf die Initiantengruppe ihre Petition zunächst wieder zurückzog. Anstelle der Petition lancierten sie nun eine Initiative, die eine Urnenabstimmung über die Einführung des Frauenstimmrechts verlangte. Als 1984 an der Landsgemeinde in Trogen auch diese Initiative verworfen wurde, reichte die IG die Petition beim Bund ein. Im Ständerat stiess die Petition der IG für Änderung des Artikels 74 Abs. 4 auf kein Gehör, im Nationalrat wurde der Petition knapp zugestimmt.
Am 30. April 1989 wurde an der Landsgemeinde in Hundwil schliesslich das Frauenstimm- und Wahlrecht angenommen. Elisabeth Pletscher war an diesem Tag das letzte Mal als Zuschauerin anwesend, an den folgenden und letzten acht Landsgmeinden durfte sie im Ring stehen. An ihrer ersten Landsgemeinde als Stimmberechtigte, an der Landsgemeinde Trogen im Jahr 1990, war Elisabeth Pletscher 82 Jahre alt.
Autorin: Nina Sonderegger, Speicher
Literatur:
Bräuniger, Renate: Elisabeth Pletscher *1908. Kein Mangel an öffentlicher Resonanz. In: Bräuniger, Renate (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der Frauen im Appenzellerland, 19. und 20. Jahrhundert, Herisau 1999, S. 424-438.
Strebel, Hanspeter und Kathrin Barbara Zatti: "Es gibt Dinge, die brauchen Zeit". Elisabeth Pletscher, Zeitzeugin des 20. Jahrhunderts. Herisau 2005.
Tags:
Ähnliche Themen: