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Es geht fast immer alles schief, wenn Bürokraten ohne Einbezug der Bevölkerung die Entwicklung von rückständigen Gebieten beschleunigen wollen. Beispiele aus Tibet.
Aus den Lautsprechern unseres Autos dröhnt indische Filmmusik, die die jungen TibeterInnen so viel lieber mögen als chinesischen Pop. Unser Jeep rumpelt durch die Vororte von Serxü, auf Chinesisch Shiqu, einer kleinen Kreisstadt in einem Gebiet, das früher ein Teil der tibetischen Region Khampa war. Heute liegt Serxü in der chinesischen Provinz Sichuan. Hier gibt es kaum Autoverkehr. Nur ab und zu tauchen lange Kolonnen von «Toyota Land Cruisern» auf, mit irgendwelchen Parteifunktionären «auf Inspektion». Ich bitte also unseren Fahrer Kesang Nobo, etwas langsamer zu fahren. Es könnte gut sein, dass ein Kind einfach auf die Strasse springt. «Bestimmt nicht», erwidert Kesang Nobo, «das hier ist noch so ein Dorf ...». Noch so ein Dorf?
Die Yaks sind immer noch oben
Das heisst, hier wohnen umgesiedelte TibeterInnen. Bei der Durchsicht der Armutsstatistiken muss ein aufmerksamer Beamter festgestellt haben, dass die Stadtbevölkerung mehr verdient als Nomaden und Bauern mit Feldern in über 3500 Meter Höhe. Also wurden diese Bevölkerungsgruppen zur Armutsminderung an den Rand einer Kreisstadt umgesiedelt. Baumaterial stellte die Regierung, die Arbeitskraft kam von den Bauern oder Nomaden. «Nun», so Kesang Nobo, «ist es aber leider so, dass der Bauer oder Nomade seine Felder und seine Yaks immer noch oben auf dem Berg hat. Und deswegen muss er die neue Wohnung wieder verlassen, sobald er feststellt, dass es für ihn in der Kreisstadt keinerlei Einkommensquellen gibt.» Tatsächlich stehen die Häuser alle leer.
Dies ist kein Einzelfall. Bei dem Besuch der Region Khampa mussten wir immer wieder feststellen, dass die von der chinesischen Regierung mit guten Absichten begonnenen Massnahmen zur «Entwicklung Westchinas» - ein grosser Teil davon ist tibetischer Kulturraum - ins Leere laufen oder der Bevölkerung mehr schaden als nützen.
Die chinesische Regierung ist nicht bereit, Planung, Durchführung und Auswertung in die Hände der nationalen Minderheiten zu legen. Entwicklungshilfe bedeutet deshalb die Umsetzung von Massnahmen, die «von oben» angeordnet wurden. Man darf vor Ort allenfalls noch beim Umsetzen helfen. Mitspracherechte für die betroffene Bevölkerung gibt es aus politischen Gründen nicht. Aber Projekte, bei denen die Zielgruppe nichts zu melden hat, gehen mit grosser Wahrscheinlichkeit schief. Dazu einige Beispiele:
In den sechziger und siebziger Jahren standen ganze Regionen Tibets unter der Verwaltung der Volksbefreiungsarmee. Die Wälder wurden in dieser Periode völlig abgeholzt. Die Folgen waren Erosion und flussabwärts - in den chinesischen Landesteilen - verheerende Überschwemmungen. Also beschloss die Zentralregierung grossflächige Wiederaufforstungen - grundsätzlich sicher eine richtige Massnahme. Sie gab die Zahl der Hektaren vor, die im weiteren Planungsprozess auf jede tiefere Verwaltungsebene heruntergebrochen und schliesslich den einzelnen Kreisen zugeteilt wurden. Doch das für die Wiederaufforstungsmassnahmen vorgesehene Geld ging in aller Regel auf dem Weg durch die Verwaltung irgendwo verloren. Die zuständigen Kreisbeamten zeigten kein besonderes Interesse an der Wiederaufforstung. Die Folge: Um sich Kosten und Mühen zu sparen, wurden vielfach nicht die besonders erosionsgefährdeten Hänge neu bepflanzt, sondern das Weide- und Ackerland der tibetischen Nomaden und Bauern.
Als wir eine solche «wieder aufgeforstete» Fläche in Nyagrong besichtigten, stellte sich heraus, dass keiner der ansässigen tibetischen Bauern wusste, welche Pflanze hier eigentlich gepflanzt worden waren und ob aus den etwa vierzig Zentimeter hohen und stachligen Setzlingen später einmal Büsche oder Bäume wachsen würden. Niemand von ihnen hatte je eine solche Pflanze gesehen, bevor chinesische Lastwagen sie tonnenweise ins Tal gebracht hatten. Klar war den Bauern nur, dass sie ihr Ackerland verloren hatten. Auch die Kreisverwaltung war nicht in der Lage, den Namen der nun die ganze Talfläche bedeckenden Pflanze anzugeben. Sie wies aber bei unserer diesbezüglichen Anfrage freundlicherweise darauf hin, dass es nicht gestattet sei, die Stachelgewächse auszureissen. Das würde unbedingt strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen.
Ein verärgerter Dorfvorsteher
Ähnlich eigenartig sind die Ergebnisse im Bereich der Schulbildung. Die chinesische Regierung hat in vielen Dörfern schöne neue Schulgebäude errichten lassen. Diese sind gut ausgestattet und werden von LehrerInnen mit Abschlüssen von pädagogischen Hochschulen geführt, die für ihre Arbeit in der Abgeschiedenheit sogar noch Härtezulagen erhalten. Besonders wichtig für die arme Landbevölkerung war ausserdem, dass seit dem Herbst 2004 alle Schulgebühren für die Pflichtschule - sie dauert neun Jahre - abgeschafft wurden. Trotzdem fragte uns der Dorfvorsteher Tsewang Gylshen bei einer Dorfversammlung in Kaimar, wieso man denn nun auf einmal 180 Renminbi (umgerechnet 30 Franken) pro Monat als Schulgebühr für jedes Grundschulkind bezahlten müsse. Bei einem durchschnittlichen Einkommen der DorfbewohnerInnen von vielleicht 100 Franken pro Jahr ist das natürlich ein bisschen viel. Überhaupt war Tsewang Gylshen mit der Schule sehr unzufrieden: Sein Sohn besuche die Schule nun schon seit vier Jahren, könne aber noch immer nicht seinen eigenen Namen schreiben, geschweige denn Chinesisch sprechen. Das Mittagessen für die Kinder sei auch schlecht ... Tsewang Gylshen hatte sich bereits bei der Kreisregierung erkundigt. Dort hatte man ihn aber nur zurückgefragt, ob er sich denn gegen die Regierung auflehnen wolle. Woraufhin er natürlich nichts mehr gesagt hat. Kann Unterricht wirklich so schlecht sein? Da wir auf unserer Rückfahrt an der Grundschule vorbeikamen, machten wir dort halt, um uns einen eigenen Eindruck zu verschaffen.
Zunächst fiel die überdimensionierte Tafel am Eingang der Schule auf, die in Chinesisch genau verzeichnete, mit welchen Beträgen welche Mengen Nahrungsmittel gekauft wurden. Nachdem wir die klemmende Tür des ersten Klassenzimmers aufgestossen hatten, empfing uns völlige Stille. Die Lehrerin wollte auch partout nicht mit ihrem Unterricht fortfahren. Auf die Nachfrage, warum denn manche der Kinder chinesische und andere tibetische Schulbücher aufgeschlagen vor sich liegen hätten, antwortete sie, dass hier gerade «Selbststudium» unterrichtet werde. Im zweiten Klassenzimmer herrschte dagegen ein Höllenlärm, immer zwei Schüler kamen nach vorne und grölten die erste Strophe eines chinesischen oder tibetischen Popsongs, bevor sie von der Lehrerin mit einem kleinen Stöckchen wieder auf ihre Plätze getrieben wurden. Ihre chinesischen Anweisungen wie «Setz dich!» oder «Du nicht!» konnten die SchülerInnen offensichtlich nicht verstehen. Die Nachfrage ergab, dass hier gerade «Musik» unterrichtet wurde. Bevor wir in die dritte Klasse weitergehen konnten, kam der örtliche Parteisekretär und erklärte uns, dass er uns verhaften lassen könnte, da wir ohne seine Erlaubnis in die Schule eingedrungen seien und Fotos gemacht hätten. Angesprochen auf die 180 Renmibi, hielt er eine kleine Rede: Die tibetischen Eltern seien immer nur auf unmittelbare materielle Vorteile bedacht und hätten kein Verständnis für langfristige Investitionen in Bildung. Zum Beispiel schickten sie ihre Kinder lieber auf die Suche nach Pflanzen für die traditionelle tibetische Medizin als in die Schule. Eine später von uns durchgeführte Untersuchung bestätigte dann die Klagen des Dorfvorstehers und unseren ersten Eindruck. Seit dem Jahr 1983 hat kein einziger Schüler aus dieser Schule die Aufnahmeprüfung in eine Mittelschule geschafft. Unterricht schien also tatsächlich so schlecht zu sein. Schlimm daran ist, dass dort, wo es staatliche Schulen gibt, private oder gar religiöse Schulen behindert oder ganz verboten werden. Somit haben die Eltern und Kinder keine Alternative.
Die «Drei Verbindungen»
Unter den «Drei Verbindungen» wird in aller Regel das Legen von Strom-, Wasser- und Gasanschlüssen verstanden. Wörtlich übersetzt aus dem Chinesischen heisst es allerdings «Strom verbinden, Wasser verbinden und Herd verbinden». Die Kreisverwaltung in Dege hat dies gründlich missverstanden. Bei «Herd verbinden» dachte sie nicht daran, Holz als Brennmaterial nach Möglichkeit zu ersetzen, sondern verlangte, dass jeder Ofen in jedem Privathaushalt einen eigenen Schornstein haben müsse. Für die TibeterInnen ist der Herd aber der Sitz des Herdgottes und somit heilig. Zum Beispiel darf er beim Besuch in einem fremden Haus nicht berührt werden. In den Dörfern des Kreises gab es grossen Widerstand gegen den angeordneten Abriss der alten Herde und die Verwaltung liess die Herde schliesslich unter Gewaltanwendung aus den Häusern reissen. Nun stehen in allen Häusern neue Herde mit Ofenrohren, die allerdings so schlecht ziehen, dass man in der Küche vor lauter Qualm die Augen kaum mehr offen halten kann. Wir fragten wegen dieser Angelegenheit dann nicht mehr bei der Kreisregierung nach - wir wollten das mit der Verhaftung ja auch nicht gerade herausfordern.
Die aufgezeigten Probleme sind typisch für Projekte, bei denen die Bevölkerung weder bei der Planung noch bei der Umsetzung und Auswertung mitreden darf. Da aber die weitgehend selbstständige Durchführung von Projekten innerhalb der Bevölkerung bestimmte Personen motiviert und dazu befähigt, sowohl eigene als auch gesellschaftliche Probleme anzugehen und zu lösen, wird die chinesische Regierung bei ihrer «Entwicklung Westchinas» kaum Projekte fördern, die auf Zusammenarbeit mit der lokalen Bevölkerung beruhen. Sie wird stattdessen wohl auch in Zukunft Massnahmen anordnen, die am «grünen Tisch» entwickelt und beschlossen wurden. Und diese dann ohne Rücksicht auf Erfolge durchführen lassen.
Internationale Organisationen und westliche Regierungen sollten deswegen die staatlich gelenkte «Entwicklung Westchinas» nicht länger finanziell unterstützen. Denn der Besuch in Khampa hat gezeigt, dass es vermutlich besser gewesen wäre, die Kreisregierung hätte, anstelle von fragwürdigen Massnahmen zur Armutsbekämpfung, zur Schulbildung und zum Schutz der Umwelt mehr Geländewagen für ihre schlecht motivierten oder unfähigen Parteifunktionäre gekauft. Denn einige zusätzliche «Toyota Land Cruiser» in der langen Kolonne von Parteifunktionären «auf Inspektion» hätten wenigstens niemandem geschadet.