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Die SonntagsZeitung titelte am Samstag: «Die meisten Studentinnen wollen lieber einen erfolgreichen Mann als selber Karriere machen». Grundlage des Berichtes war eine Studie, welche an der Universität Zürich und ETH durchgeführt wurde.
Der Artikel in der «SonntagsZeitung» setzte den Startschuss für eine einseitige Berichterstattung, darüber, warum studierte Frauen keine Karriere machen wollen. In diesem Tenor berichteten diverse Medien, unter anderem Blick, 20 Minuten und SRF.
In der Studie ging es darum, die «Leaky Pipeline» zu erforschen, also herauszufinden, warum der Frauenanteil auf den verschiedenen Karrierestufen stetig sinkt.
Kurz gesagt kommen die beiden Autorinnen Katja Rost (Soziologin) und Margit Osterloh (Wirtschaftsprofessorin) zu folgendem Schluss: Frauen machen deshalb weniger Karriere, weil sie weniger Karriereambitionen haben. Diskriminierung und/oder erschwerte Bedingungen spielen keine Rolle. Osterloh sagt gegenüber der «SonntagsZeitung»: «Frauen wird eingeredet, sie würden diskriminiert.» Sie hätten dies verinnerlicht, auch wenn sie das selber nie so erlebt hätten.
Doch kann aufgrund dieser Studie wirklich gesagt werden, dass Frauen viel geringere Karriereambitionen haben und lieber einen reichen Mann heiraten wollen?
watson hat mit einer der rund 10'000 Studienteilnehmerinnen gesprochen. Sarah Scheidmantel doktoriert am Lehrstuhl für Medizingeschichte der Universität Zürich und sagt: «Ich war erstaunt über die Fragen, die für die Erfassung für die Studie gestellt wurden.» Sie ergänzt: «Ich habe mir überlegt, die Umfrage abzubrechen, denn sie war durchzogen von Suggestivfragen. Zudem wurde nicht darauf eingegangen, wie eine verbesserte gesellschaftliche Situation die Antworten verändern würde. Das hätte natürlich einen enormen Einfluss auf die Ergebnisse.»
«Die Reproduktion von Geschlechtsstereotypen in dieser Umfrage hat mich offen gesagt schockiert», sagt Scheidmantel. Denn eine Frage in der Umfrage lautet: «Für wie gesellschaftlich erwünscht halten Sie folgende Eigenschaften für Männer?» Dieselbe Frage wurde auch über die Eigenschaften der Frauen gestellt.
Scheidmantel sagt: «Bei den Frauen wurden dann traditionelle ‹Fraueneigenschaften› aufgelistet wie ‹feinfühlig›, ‹sinnlich›, ‹fürsorglich› und ‹modebewusst›. Bei den Männern standen ebenso die traditionellen Eigenschaften zur Auswahl, wie ‹kraftvoll›, ‹furchtlos›, ‹logisch›, ‹selbstsicher›.» Scheidmantel fügt an: «Ich war irritiert und dachte mir während des Ausfüllens, dass man die Adjektive hätte mischen und bei beiden dasselbe fragen können. Das hätte meiner Meinung nach aufschlussreichere Ergebnisse generiert.»
«Problematisch finde ich bei diesen Fragen auch, dass nicht offensichtlich gemacht wird, dass diese Beschreibungen Stereotypen sind. Ich beschäftige im Umfang meiner Doktorarbeit mich damit und kann das differenzieren, aber andere sehen das vielleicht gar nicht. So werden solche Fragen zu Suggestivfragen und deswegen sind die Ergebnisse, die jetzt überall publiziert werden, auch so, wie sie sind», hält Scheidmantel fest.
Scheidmantel sieht aber noch andere Probleme bei dem Fragenkatalog: «Bei anderen Fragen hätte ich es relevant gefunden, dass man über den Status quo hinausdenkt. Beispielsweise bei Fragen zur Familienplanung. Es wurde nie gefragt, wie sich die Einstellung dazu ändern würde bei besserer und garantierter Betreuung. Solche kritischere Fragen hätte es auch gebraucht.»
«Dass Frauen aus der Academia ausscheiden, weil das Arbeitsumfeld diskriminierend, unsicher, toxisch und nicht freizeit- und familienfreundlich ist, wird in der Studie gänzlich unterbetrachtet gelassen», ergänzt sie.
«Studien kann man nur auf Grundlage dessen, was gefragt wird, verstehen. Eine Studie mit solchen Fragen reproduziert konservative Geschlechterrollen. Ich halte es für problematisch, dass die Pauschalisierungen, die aus der Studie hervorgehen, dann von verschiedenen Medien uneingeordnet veröffentlicht werden», schlussfolgert Scheidmantel.
Für Scheidmantel stellt sich also die Frage nach der Kausalität. Würden Frauen öfter Karriere machen wollen, wenn sich die Bedingungen verbessern würden? Liest man den Artikel der «SonntagsZeitung», liegt das Problem nicht bei den gesellschaftlichen Strukturen, sondern bei den Frauen selber.
Doch die Frage nach der Kausalität wird nicht beantwortet. Das schreiben die beiden Studienautorinnen sogar in der Auswertung der Studie, welche watson vorliegt. Dort steht: «Wir können die Richtung der Kausalität nicht feststellen.»
Dies bringt der Studie und dem Zeitungsartikel Kritik der Alliance F, des Bundes der Schweizerischen Frauenorganisationen, ein. «Die Berichterstattung in der ‹SonntagsZeitung› trägt der Frage der Kausalität nicht Rechnung», sagt Co-Präsidentin Kathrin Bertschy zu watson. «Wenn die gesellschaftlichen Strukturen anders wären, würden Frauen vielleicht auch mehr arbeiten wollen und die Fragen anders beantworten.»
Die GLP-Nationalrätin führt aus: «In einer Welt, in der es schwieriger ist für Frauen, Karriere zu machen, ist es nicht erstaunlich, dass Frauen andere Wege wählen, um ihre Ziele zu erreichen. Die Studie macht nämlich keine Aussage darüber, ob dieses anscheinend angestrebte Leben als Zweitverdienerin wirklich die erste Wahl der Frauen ist oder ob sie sich einfach der Realität anpassen und bereits wissen, dass es wegen teuren – und teilweise in der öffentlichen Meinung verpönten – Kinderbetreuungsplätzen, steuerlicher Benachteiligung und fehlender Elternzeit sowieso auf diese Rollenteilung hinausläuft.»
Bertschy kritisiert die Schlussfolgerungen der beiden Autorinnen: «Aufgrund dieser Studie darauf zu schliessen, dass zum Beispiel günstigere und bessere Kitaplätze die Gleichstellung nicht voranbringen, ist absurd. Zudem widerspricht eine solche Aussage dem aktuellen und peer-reviewten wissenschaftlichen Forschungsstand.»
Auch Min Li Marti hat die Berichterstattung der «SonntagsZeitung» mit einem Stirnrunzeln zur Kenntnis genommen. Für die SP-Nationalrätin stellt sich ebenfalls die Frage nach der Kausalität. «Es gibt hier die Huhn-Ei-Frage», sagt Marti zu watson. «Ich habe zum Teil den Eindruck, dass die beiden Studienautorinnen den Schlussfolgerungen ihre politischen Präferenzen überstülpen, welche die Resultate der Studie eigentlich gar nicht hergeben.»
watson erreicht die Co-Autorin der Studie, Margit Osterloh, am Telefon. Sie sagt: «Wir kennen die Richtung der Kausalität nicht, die kann man aus der Studie nicht ableiten. Wenn die Strukturen in der Gesellschaft anders wären, wäre es möglich, dass etwas anderes herauskommt.»
Und weshalb wurden im Fragenkatalog verschiedene Adjektive bei Männern und Frauen vorgeschlagen? Osterloh sagt dazu: «Das sind gängige Fragenkataloge. Die sind standardisiert. Mit diesen Fragen will man herausfinden, wie stark Männer und Frauen Geschlechterstereotypen anhängen.»
Wie Osterloh auf Anfrage von watson bestätigt, ist die Studie noch nicht peer-reviewt. Das heisst, sie wurde noch nicht von anderen Wissenschaftlerinnen und Experten begutachtet und geprüft.
Weshalb gelangte sie trotzdem bereits zur «Sonntags-Zeitung»? Der Autor habe ein Interview von ihr gelesen, in dem sie die Studie erwähnt habe, sagt Osterloh. «Dann hat er mich wochenlang bearbeitet und gefragt, ob ich ein Interview machen will. Jetzt ist die Studie einigermassen, aber noch nicht 100 Prozent fertig, und deshalb haben wir ihm sie geliefert.»