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Eine Filmidee entsteht bisweilen auf verschlungenen Wegen. Der Italoschweizer Filmautor Paolo Poloni («Salonica») lernt während des Drehs zu seinem letzten Dokumentarfilm («Der Italiener») einen jungen Pizzaiolo aus Pakistan kennen.
Allah Ditta Choudry spricht gut Italienisch, und so erzählt er Paolo von seinem Heimatdorf im Punjab und vom Verhältnis zwischen der mehrheitlich muslimischen Bevölkerung und den wenigen Christen. Und von seiner Idee, über dieses Dorf einen Film zu realisieren.
Freundlich aufgenommen von Christen und Muslimen
Ein paar Monate später treffen die Beiden in besagtem Dorf ein, um «Weihnachten in Mulhapar» zu drehen, unter anderem für die «Sternstunde Religion». Das 600-Seelendorf Mulhapar liegt in der Nähe der Industriestadt Sialkot im pakistanischen Punjab im Osten des Landes. Hier leben 120 Christen, meist als Angestellte in den Häusern und auf den Reisfeldern von wohlhabenderen Muslimen. Choudhry stammt aus einer der fünf wichtigen muslimischen Familien im Dorf.
Natürlich ist Poloni vor allem bei den Christen willkommen, da der Film zur Hauptsache die christliche Weihnachten im Fokus hat, aber auch von den Muslimen sei er sehr gut aufgenommen worden. Sie seien erfreut gewesen, dass er einen Film über das Zusammenleben von Christen und Muslimen dreht.
Christenverfolgung ist so ein Schlagwort. Poloni interessiert sich für den Mikrokosmos im Dorf, nicht für das Schlagwort. Die Christen in Mulhapar, erzählt Poloni, sind arm, sie arbeiten als Putzhilfen, säubern die Strassen, nähen Fussbälle oder schleifen chirurgische Geräte.
Keine Gewalt, aber Spannungen
In Pakistan ist der Islam Staatsreligion, 96 Prozent der 166 Millionen Pakistani sind Muslime, die Christen bilden mit bloss 1,6 Prozent noch immer die zweitgrösste religiöse Minderheit. Im pakistanischen Punjab sind es vor allem Nachfahren von Dalits (Unberührbare), die während der britischen Kolonialzeit zum Christentum konvertierten.
Die kleine katholische Gemeinde in Mulhapar lebt ihre Religion in einer einfachen Kirche. Es gibt Spannungen mit den Muslimen, die auch im Film gut sichtbar sind, doch es gibt keine offene Gewalt.
Poloni stellt erstaunt fest, dass die Christen Mulhapars ihre Weihnachten ganz offen feiern. Bei den Vorbereitungen dreht sich vieles um die richtige Ausstattung: die kleine Kirche im Dorf wird neu gestrichen, es wird ein leuchtender Weihnachtsstern gebastelt, und es müssen schöne Kleider gekauft werden. Weihnachten ist kein Familienfest, sondern ein Fest der ganzen Gemeinschaft: Auf der Strasse und in der Kirche wird gefeiert mit Prozessionen, mit Musik und Gesang.
Zweimal verhaftet
Während den Dreharbeiten ergänzen sich der gläubige Muslim Allah Ditta Choudhry und der (etwas weniger gläubige) Katholik Poloni in idealer Weise: Der Eine kennt das Dorf und die Menschen, der andere beherrscht die Kunst des Filmemachens.
Der Geheimpolizei bleibt der Besuch des Teams auch im kleinen Mulhapar nicht verborgen: Weil Poloni keine offizielle Drehbewilligung eingeholt hat, wird er zweimal verhaftet.
Poloni erzählt, er habe sich nie wirklich gefürchtet während seines Aufenthalts. Er habe einfach Glück gehabt und mit den Leuten dealen können und eine Erlaubnis ausgehandelt, dass er in Privaträumen drehen könne.
Im Nachhinein sei ihm klar geworden, dass er schon etwas naiv gewesen sei, denn er hat später von Entwicklungshelfern gehört, die vom Geheimdienst entführt und an die Taliban verkauft worden seien.
Zwei Mädchen überwinden religiöse Differenzen
Rani und Georges gehören zu den Protagonisten des Films. Sie leben mit zwei Töchtern, drei Söhnen und einer Schwiegertochter in ihrer einfachen Behausung. Beide kennt Choudry von früher, denn sie waren angestellt in seinem Elternhaus.
Aber die eindringlichsten Figuren des Films sind die beiden 13jährigen Freundinnen Somara und Marvi, eine Christin und eine Muslimin. Sie gehen zusammen in die Kirche und diskutieren wild und fröhlich über Differenzen zwischen Religionen und Geschlechter.
Eine Momentaufnahme, ist sich Poloni bewusst, so wie der ganze Film eine Momentaufnahme ist in einem kleinen Dorf, das die Augen öffnet dafür, dass es abseits der Weltöffentlichkeit ein anderes Pakistan gibt.