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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1993 von Peter Ziegler
1890: INITIATIVE UNTERNEHMER WÄHLEN DEN WASSERWEG
Bis zu Beginn der 1890er Jahre belieferte die 1826 gegründete Brauerei Wädenswil – seit 1856 im Besitz der Familie Weber – ihre Kunden mit holpernden Pferdefuhrwerken über staubige Landstrassen mit Bier. Da die Abnehmer zum grossen Teil in den Ortschaften rund um den Zürichsee wohnten, fanden die damaligen Eigentümer der Brauerei, die Brüder Franz und Fritz Weber, es sei wirtschaftlicher, die Kundschaft per Schiff zu bedienen, und auf dem Wasserweg könnten gleichzeitig neue Absatzgebiete erschlossen werden.
«EINZIGE SEEFAHRENDE BRAUEREI DER SCHWEIZ»
Auf dem Zürichsee verkehrten zu jener Zeit fast ausschliesslich Segelschiffe. Zu oft hatten die Gebrüder Weber von ihren Büroräumen aus mitangesehen, wie sich draussen auf dem See die Segelschiffe stauten, weil der Wind sie plötzlich im Stich liess. Die fortschrittlich denkenden Unternehmer bestellten daher im Jahre 1890 bei der Firma Escher Wyss & Co. in Zürich ein kleines Dampfschiff, das drei Jahre später abgeliefert werden sollte.
Die Wartezeit wurde zum Bau eines eigenen Hafens zwischen Rothaus und Giessen genutzt, den man 1895 durch einen engen Tunnel unter der einspurigen Bahnlinie und der Seestrasse mit der Brauerei verband. In diesem Tunnel zirkulierte an einem Drahtseilzug ein Rollwagen, der das Bier zum Hafen brachte. Dort wurden dann die Fässer und Kisten von Hand ins Schiff geladen, was die Mannschaft manchen Schweisstropfen kostete. 1926 liess die Brauerei Wädenswil die Seilbahn durch eine kombinierte Fliessband/ Lift-Anlage ersetzen. Seit 1967 fuhren Hubstapler mit palettenweise verpacktem Wädenswiler Bier durch den Tunnel zum Schiff.
1893: SCHLEPPDAMPFER «GAMBRINUS»
Im Mai 1893 lief das Dampferchen der Brauerei Weber von Stapel und wurde zu Ehren des Schutzpatrons der Bierbrauer auf den Namen «Gambrinus» getauft. Der Bierfloss-Schlepper war 13 Meter lang, 3,4 Meter breit, hatte 1,4 Meter Tiefgang und verdrängte 23 Tonnen Wasser. Die Dampfmaschine lieferte 28 PS und damit die Kraft, um auf oft zwei angehängten Lastkähnen maximal 40 Tonnen Bier in Fässern vor allem nach Zürich zu schleppen. Bereits im ersten Jahr beförderte die Brauerei Wädenswil 700 000 Liter Bier auf dem Seeweg.
Der rauchende Schleppdampfer auf dem Zürichsee stellte eine Sensation dar. Die Segelledischiffer staunten, wenn die «Gambrinus» völlig unbeeindruckt von tückischen Flauten mit angehängtem Lastkahn seeabwärts dampfte. Und es ging nicht lange, bis sich der eine oder andere Ledischiff-Kapitän höflich erkundigte, ob er ein Stück weit anhängen dürfe. Die Gambrinus-Mannschaft schlug solche Bitten nicht ab und erwarb sich wegen ihrer Hilfsbereitschaft viele Freunde. Gerieten die Segelledi aus den oberen Seegemeinden von da an in eine Flaute, so versuchten sie wenigstens bis vor Wädenswil zu kommen. Da warteten sie dann geduldig auf das Erscheinen der hilfreichen «Gambrinus».
Der Schleppdampfer der Brauerei Wädenswil wurde bald weitherum zum Begriff. Man begegnete ihm nicht nur auf dem See, sondern auch in der Werbung der einzigen seefahrenden Brauerei der Schweiz: als Schutzmarke auf Etiketten, Biertellern, Gläsern und Plakaten.
Das neue Transportmittel der Brauerei Wädenswil bewährte sich zur vollen Zufriedenheit seiner Auftraggeber. Bereits 1896 wurde ein drittes kühlbares Lastschiff in Dienst genommen. Es fasste 250 Fässer oder über 20 000 Flaschen Bier. Fortan konnte immer ein Schiff zum Entladen beim Depositär zurückgelassen werden.
Im Jahre 1900 eröffnete die Brauerei Wädenswil ein Depot in Rapperswil. Da der Schleppdampfer «Gambrinus» mit Biertransporten nach Zürich voll ausgelastet war, schafften die Gebrüder Weber das 40-PS-Motorlastschiff «Gambrina» an. Es konnte selber Ware aufnehmen und überdies ein Lastschiff schleppen. Ein solches neues Lastschiff wurde ebenfalls gekauft und dazu noch eine grosse Barke. Damit wuchs die Flotte der Brauerei Wädenswil auf sieben Einheiten an: Schleppdampfer «Gambrinus», Motorlastschiff «Gambrina», zwei ausschliesslich für den Transport nach Zürich verwendete «Züri-Schiffe», zwei Spitzschiffe und die Barke «Leviatan».
Biertransport auf dem Zürichsee. Schleppdampfer «Gambrinus» mit Ledischiffen, vor 1928.
1915: ERNST SCHÄRER WIRD MASCHINIST AUF DER «GAMBRINUS»
Nahezu 40 Jahre lang, vom 1. März 1915 bis Ende 1954, fuhr Ernst Schärer zuerst als Maschinist und später als Kapitän auf der «Gambrinus» über den Zürichsee.
Ernst Schärer wurde 1889 in Richterswil geboren und absolvierte dort nach der Schulzeit in der Kattundruckerei eine Lehre als Schlosser. Anschliessend trat er als Heizer und Maschinist in die Dienste der damaligen «Zürcher Dampfbootgesellschaft», die ihn sozusagen auf allen ihren Schiffen einsetzte. Schon ein Jahr nach seinem Eintritt beorderte ihn sein Prinzipal im Jahre 1909 mit noch einem Heizer nach Bendlikon, wo die «Gambrinus» aufgezogen im Dock lag. Ihr Schale musste inwendig für eine Kontrolle tadellos in Ordnung gebracht werden. Während der Arbeit, die acht volle Tage in Anspruch nahm, verliebte sich Ernst Schärer in den kleinen Schleppdampfer. Am liebsten wäre er gleich in den Dienst der Brauerei Wädenswil getreten. Aber noch hielt er sechs Jahre lang der «Zürcher Dampfbootgesellschaft» die Treue.
Als er dann 1915 Reservedienst auf Dampfschwalben leistete und fast jeden Tag auf einem andern Schiff stand, begann ihm die Sache zu verleiden. Da las er eine Annonce, dass die Brauerei Wädenswil einen Maschinisten suche. Am andern Morgen sprach er beim Maschinenmeister vor, der ihn unverzüglich zum Prinzipal Fritz Weber-Lehnert schickte. Dieser fragte Schärer nach seinem Beruf und seinem jetzigen Arbeitsort und meinte dann, er brauche niemanden. Als Ernst Schärer wenig später etwas niedergeschlagen in Wollishofen in der Werft erschien, wusste der Direktor der Schiffahrtsgesellschaft schon alles, war natürlich keineswegs erbaut und las seinem Maschinisten die Leviten. Auf den Einwand, die Brauerei benötige keinen Maschinisten, meinte der Direktor: «Schärer, Sie sind ja bereits eingestellt!» Und siehe da. Noch am gleichen Tag händigte man Ernst Schärer einen Brief der Brauerei Wädenswil aus, mit welchem er aufgefordert wurde, abends 5 Uhr im Bahnhof Zürich-Enge das Raucherabteil des dritthintersten Wagens im nach Wädenswil fahrenden Zug zu besteigen, wo er Fritz Weber vorfinden werde.
So geschah es. Und als der Zug in Horgen ankam, war Ernst Schärer als Maschinist bei der Brauerei Wädenswil eingestellt. Trotz mehrmonatiger Kündigungsfrist bei der «Zürcher Dampfbootgesellschaft» konnte Schärer seinen neuen Posten bereits am 15. März 1915 antreten - Fritz Weber-Lehnert gehörte nämlich dem Verwaltungsrat der Schiffahrtsgesellschaft an. Allerdings verpflichtete sich Ernst Schärer, an jedem schönen Sonntag im Sommer weiterhin auf der «Stadt Zürich» zu fahren, was er denn auch neun Jahre lang tat, bis ein Unfall ihn davon abhielt, diesen Aushilfsdienst weiter zu versehen.
1917: IM STURM VOR DER UFENAU
Im Frühling 1917 geriet Ernst Schärer mit der «Gambrinus» in einen Sturm. Obwohl Wolken, Wind und düsteres Licht ein Unwetter verhiessen, hatte man die Ausfahrt gewagt: der Dienst am Kunden ging vor. Bei der Ufenau brach das Gewitter los. Ein Sturmwind brauste auf, Regen peitschte über das Schiff, die «Gambrinus» war in der Tat der vielzitierten Nußschale vergleichbar. Wellen überfluteten den kleinen Dampfer. Schärer stand bis zu den Hüften im Wasser, die Maschinen ächzten, und doch gelang es, die «Gambrinus» unversehrt durch den wilden Zürichsee zu steuern.
«Gambrinus» mit dunkler (grüner?) Bemalung, im Einweihungsjahr 1893.
«Gambrinus» mit weisser Bemalung, im Jahre 1905.
KAPITÄN OTTO SCHÄPPI ERZÄHLT
Zur Zeit des Ersten Weltkriegs war der 1885 geborene Otto Schäppi Kapitän auf der «Gambrinus», und der Richterswiler Ernst Schärer war sein Maschinist. Gerne erzählte Schäppi über seine 35 Dienstjahre bei der Brauerei Wädenswil:
«In den Jahren des Ersten Weltkrieges bewährte sich die Schiffahrt der Brauerei Wädenswil besonders. Die Pferde waren zum Teil eingezogen worden, der Hafer war knapp, die Kohle rationiert. «Gambrinus» und «Gambrina» fuhren trotzdem – mit Hobelspänen und Sägemehl und allen anderen brennbaren Abfällen gefeuert. Natürlich gab es mehr zu tun. Wenn der Wind kam, wehte es den Güsel übers ganze Schiff. Und am Abend musste man Jagd auf das Ungeziefer machen, das mit den Abfällen auf den Dampfer gekommen war. Aber dies alles lohnte sich. Für sieben Franken transportierte man 50 Tonnen Bier nach Zürich. Der Bahntransport für die gleiche Menge hätte damals 220 Franken gekostet.»
Als der Krieg zuende war, stieg der Bierkonsum wieder kräftig an. Kapitän Schäppi und seine drei Mannen hatten alle Hände voll zu tun, auch während der Fahrt. Deshalb ging es nicht so feucht-fröhlich zu und her, wie sich der Laie das von einer Bierschiff-Mannschaft vielleicht denken konnte. Immerhin, die vier Liter «Hausbier», die jedem Mann pro Tag zustanden, konsumierten sie. Und manchmal auch das doppelte Quantum. Schwindlig wurde davon keinem. «Seeleute hatten schon immer einen guten Zug», meinte Kapitän Schärer einmal. Wenn trotzdem ab und zu einer vorne in die Bodenluke fiel, die es bei den Spitzschiffen hatte, und fluchend wieder herausklettern musste, dann waren Unachtsamkeit oder der hohe Wellengang schuld daran.
«Ja, wir haben alle Wetter erlebt auf dem Zürichsee», erzählte Kapitän Schäppi. «Manchmal mussten wir die hundert Zentner Eisbarren, die wir den Depots bringen sollten, über Bord werfen, um das Schiff leichter zu machen, und manchmal spülte es ein paar Harasse von Deck.» Aber von Unglück blieben Schäppi und seine Mannschaft verschont. Im Gegenteil. Sie konnten viele Menschen aus Seenot retten: Sie halfen gekenterte Segeljollen aufstellen, nahmen Ruderboote ins Schlepptau und die verängstigten Ausflügler aufs sichere Schiff. «Die kannten den See eben nicht. Die wussten nicht, was es bedeutet, wenn die ersten Fallböen vom Uetliberg herunterkommen und der See sich kräuselt ... » So Kapitän Otto Schäppi.
Die Wädenswiler Schiffe und ihre Mannschaft halfen auch sonst, wo sie konnten. Sie schleppten Ledischiffe aus der Flaute und halfen manchem Fischer, rascher an den Standplatz zu kommen. Dafür gab es dann ab und zu einen guten Fisch. Und die «Gambrinus» war dabei, als anfangs Oktober 1928 die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich von Erlenbach nach Thalwil und vom Zürichhorn zur Enge Hochspannungskabel in den See verlegen liessen. Einmal zog die «Gambrinus» sogar einen Freiballon von Zürich-Enge, wo er abgefüllt worden war, bis zum Startplatz am oberen Zürichsee.
Die schönsten Erinnerungen hatte Kapitän Schäppi an Fahrten frühmorgens in den erwachenden Sommertag hinein. Dann begann sein begabter Maschinist Ernst Schärer die Trompete zu blasen, und der Kapitän sang dazu die zweite Stimme. So fuhren sie nahe dem Ufer entlang gegen Zürich. Und es klang so schön über den See, dass ihnen die Hausfrauen zuwinkten, mit Leintüchern und Nachthemden, was sie eben gerade in Händen hatten. «Nach einem solchen Anfang war man dann in Schwung für den ganzen Tag», schloss Kapitän Otto Schäppi seine Erinnerungen.
Die «Gambrinus» schleppt einen Freiballon vom Abfüllort Enge zum Startplatz am oberen Zürichsee. Aufnahme von 1945.
Depot der Brauerei Wädenswil in Männedorf, mit Dampfer «Gambrinus» in seiner ursprünglichen Form, um 1900.
Die «Gambrinus» hat mit ihrer Schlepp-Fracht den Hafen bei der Brauerei Wädenswil verlassen und nimmt Kurs seeabwärts. Im Hintergrund links die Brauerei. Aufnahme vor 1928.
MIT BIER AUF DEM SEE UNTERWEGS
Die Abfahrt der «Gambrinus» – so erinnerte sich 1973 der damals 84jährige Maschinist und Alt-Kapitän Ernst Schärer – war auf morgens fünf Uhr angesetzt. Das hiess für den Heizer, das Dampferchen zwischen drei und halb vier Uhr einzufeuern.
Jeden Morgen standen zwei beladene Ledischiffe bereit, die beide ins Schlepp genommen wurden. Am Montag früh ging die Fahrt vorerst nach Horgen, wo das eine Ledi mit 35 Tonnen Bier entladen wurde. In Horgen stand jeweils ein Fuhrmann mit einem weiteren Mann und zwei Pferden bereit, die das Bier in ganz Horgen verführten und das Leergeschirr wieder im vertäuten Schiff verstauten.
Das zweite, gar mit 50 Tonnen beladene Ledischiff, wurde nach Zürich geschleppt, von wo dann ein seit Freitag dort verankertes Schiff mit Leergut heimgezogen wurde. Unterwegs hängte man in Thalwil ein weiteres mit Leergebinden beladenes Ledi an.
Am Dienstagmorgen ging dann die Fahrt nach Thalwil und Zürich, wobei in Thalwil der gleiche Fuhrmann wie in Horgen bereitstand. Am Mittwoch kamen wieder Horgen und Zürich an die Reihe, am Donnerstag- und Freitagmorgen erneut Thalwil und Zürich.
Aber auch am Nachmittag waren Schiffe und Mannschaft nicht untätig. So ging es am Montagnachmittag mit einem Ledi im Schlepp nach Uetikon, Männedorf und Rapperswil. In Rapperswil wurde auch das für Hadlikon bei Hinwil bestimmte Bier abgeladen und mit Ross und Wagen weitergeführt. Am Dienstagnachmittag fuhr man nach der Ufenau und weiter nach Lachen und Schmerikon. Nach Lachen wurde auch das Bier für das Wägital gebracht, und in Schmerikon lud man die Fässer für Uznach aus. Am Mittwochnachmittag wiederholte sich die Route vom Montag, am Donnerstag jene vom Dienstag, und am Freitagnachmittag lief man gewöhnlich nochmals Männedorf an.
Samstag und Sonntag waren selten Ruhetage. Immer wieder mussten selbst dann Gaststätten mit Wädenswiler Bier beliefert werden. Auch an Ostern und Pfingsten fuhr die «Gambrinus» nach Zürich. Wenn nicht um Bier zu bringen, dann aus Reklamegründen. Denn wenn der kleine Dampfer vor den Quais kreuzte, lockte er viele Schaulustige an.
VERGNÜGLICHE «HUNNEN»-FAHRTEN
Einmal im Jahr fuhren die «alten Hunnen» Fritz und Franz Weber mit ihren Geschäfts- und anderen Freunden, die meist aus Zürich stammten, mit der «Gambrinus» und einem angehängten Lastschiff in die romantische Bucht bei Lidwil zwischen Pfäffikon und Altendorf: in die «Hunnenbucht». Als Schützenmeister, der das Fest inszenierte, amtete meist der spätere Kabarettist und Schauspieler Emil Hegetschweiler. Auf der «Gambrina», die für die «Hunnen»-Fahrten von der «Gambrinus» in Schlepp genommen wurde, stand immer ein Klavier, auf dem Fritz Weber spielte, während Sattlermeister Julius Herdener dazu sang. Jedesmal übte man ein Hunnenlied ein, mit dem man auf dem Heimweg die Gäste überraschte.
1928: VOM DAMPF- ZUM DIESELBETRIEB
Im Jahre 1928 wurde die «Gambrinus» umgebaut. Man ersetzte die – anschliessend verschrottete – Dampfmaschine durch einen 526tourigen 4-Zylinder-Sulzer-Dieselmotor mit 50 PS. Damit konnte das Schiff ohne Anhängekahn eine Höchstgeschwindigkeit von 15 Stundenkilometern erreichen. Als Schlepper legte es stündlich 12 Kilometer zurück. Der Transport war preisgünstig. Für die Strecke Wädenswil-Zürich und zurück benötigte man lediglich 28 Kilogramm Rohöl und 1 Kilogramm Schmieröl.
«Gambrinus» nach dem Umbau von Dampf- auf Dieselbetrieb im Jahre 1928. Aufnahme um 1950.
Firmenschild aus den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. Der Ortsname «Wädensweil» wurde 1903 auf «Wädenswil» geändert.
Nach dem Umbau der «Gambrinus» auf Dieselbetrieb wurde Ernst Schärer neben Otto Schäppi dessen Kapitän. Mit dem Trompetenspiel war es, der starken Vibrationen wegen, allerdings aus. Aber ohne Melodie ging es auch jetzt nicht. Nun klangen Schäppis Tenor und Schärers Bariton mächtig über den See – und wieder wurden sie vom Ufer her beklatscht.
Während mehr als zwanzig Jahren stand die sturmtüchtige «Gambrinus» auch dem Seerettungsdienst im Raume Wädenswil-Stäfa-Männedorf zur Verfügung. Wädenswil erhielt erst 1943 ein eigenes Boot für den damals neu konzipierten Rettungsdienst.
START IN DER MORGENFRÜHE
«,Finden Sie sich kurz nach 5 Uhr auf dem Schiff ein', hatte die Anweisung gelautet. Und so kam ich eben richtig um zu sehen, wie Schiffsführer Ernst Schönbächler den Motor in Gang setzte. Er hielt in seiner Hand vier Schraubstöpsel, in deren vorderem, hohlem Ende ein fliesspapierähnliches Material stak. ,Das ist die Glühzündung zum Anlassen', erklärte er, während sein Hilfsschiffmann die Zunder in Brand setzte. Rasch drehte er die nun glimmenden Stöpsel in die Zylinderköpfe – ein Ruck, der Motor lief. Langsam legte der Schlepper ab, bewegte sich rückwärts zum wartenden Lastschiff, ein Drahtseil wurde hinübergeworfen, eingeklinkt, und die Fahrt begann.» So schilderte Jürg H. Meyer 1962 im «Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich» den Start zu einer Fahrt mit der «Gambrinus».
Festlich gekleidete Gäste auf der 90jährigen «Gambrinus» im Hafen von Rapperswil, anlässlich der Gründung des «Oldtimer-Boot-Clubs Zürichsee», 1983.
«Die Zeiten änderten: Neue Bahnlinien wurden gebaut, Ledischiffe motorisiert, neue und grosse Passagierschiffe aufs Wasser gesetzt, das Auto eroberte die Strassen, und Pferdefuhrwerke errangen Seltenheitswert – ,Gambrinus' aber, dieses Wahrzeichen eines traditionsbewussten Familienunternehmens, blieb und versieht heute seinen Dienst wie eh und je.» So wurde 1968 geschrieben. Noch immer konnten Fässer und Kisten auf dem See billiger befördert werden als auf der Strasse. Denn die 200 Fass und die 1000 Kisten Bier, die auf einem Schleppkahn Platzfanden, hätten drei Lastwagenzüge gefüllt.
Und weiter hiess es im Bericht von 1968: «Frühmorgens vor fünf Uhr verlässt das schmucke Boot – einen Schleppkahn, beladen mit herrlichem Gerstensaft am Tau – seinen Heimathafen, um nach Wollishofen zu fahren, wo die Brauerei Wädenswil ein grosses Depot mit Ländeanlagen unterhält. Vor zehn Uhr nimmt die ,Gambrinus', ein zweites Lastboot voll leerer Gebinde ziehend, den Rückweg unter den Kiel, um wieder das heimatliche Seedorf zu erreichen.»
1967: VOM BIER- ZUM PERSONEN TRANSPORT
Neben der Alltagsarbeit diente die «Gambrinus» – geputzt und festlich beflaggt – als Vergnügungsboot der Brauerei bei vielen Anlässen, bildete sie doch mit ihrem reizenden Sonnendeck, dem neckischen Kamin und der flinken Beweglichkeit den idealen Hintergrund für manch gemütliche Stunde auf dem See.
Nachdem 1967 das von der Bodanwerft in Kressbronn am Bodensee gebaute moderne Motorlastschiff «Wadin» mit 68 Tonnen Nutzlast ( = 36 000 Flaschen Bier) in Betrieb genommen worden war, wurde das nunmehr 74 Jahre alte Schleppschiff «Gambrinus» nicht mehr für den Biertransport verwendet. Jahr für Jahr führte es jetzt bei schönem Wetter zahlreiche Kunden und Gäste sowie Betriebsangehörige der Brauerei über den Zürichsee.
Im August 1974 lud die Brauerei Wädenswil dreihundert Seebuebe und Seemaitli zu einem «Gambrinus»-Fest auf die Insel Ufenau ein, und am 4. August 1979 war der amtierende Bundespräsident Dr. Hans Hürlimann Gast auf dem altehrwürdigen Dampferchen. Er schrieb ins neu angeschaffte Gästebuch: «Dem 86jährigen stolzen ,Gambrinus' und der charmanten Besatzung danken wir herzlich! Das Erlebnis dieser beglückenden Seefahrt bleibt unvergessen, denn wir haben uns schon lange nicht mehr so jung gefühlt wie auf diesem alt-ehrwürdigen Dampfer! Hans Hürlimann, Bundespräsident.»
1991: ABSCHIED VON DEN BIERSCHIFFEN
Im Jahre 1991 entschloss sich die Cardinal Brauerei Wädenswil AG, die längst nicht mehr wirtschaftliche Schifffahrt aufzugeben. Das Bierlastschiff «Wadin» wurde an Fredy Bannwart vom Restaurant Vogtei in Herrliberg verkauft, welcher das Boot in ein Party-Schiff umbauen liess.
Die «Gambrinus», das einstige Symbol der Brauerei – 1975 letztmals zur Restaurierung der Schiffsschale auf Trockendock in der Altendorfer Hensa-Werft –, hatte seit mehreren Jahren nicht mehr die ausreichende Pflege gefunden und darum zu rosten begonnen. Im Dezember 1991 fällte die Kantonale Schiffahrtskontrolle über das schwimmende ehemalige Wahrzeichen der Brauerei Wädenswil das Urteil: Entzug der Betriebsbewilligung oder Totalrestaurierung zumindest der Schale unter Aufsicht eines Schiffbau-Ingenieurs.
Damit liess sich das Schiff nicht mehr verkaufen. Die Cardinal Brauerei Wädenswil machte die damals bald hundertjährige Veteranin Paul Weber zum Geschenk, dem Enkel des Brauereibesitzers Franz Weber-Hauser (1867–1923), der das Schiff 1893 zusammen mit seinem Bruder Fritz Weber-Lehnert (1870–1955) von der Escher Wyss AG als Dampfschlepper für die Bierkähne hatte bauen lassen.
1992/93: LIEBEVOLLE RESTAURIERUNG
Gute Beziehungen zur Kibag in Bäch, welche die «Gambrinus» schon vor Jahren kompetent teilrestauriert hatte, erleichterten die Wahl der Werft, zumal mit Werkstattchef Ernst Kriech ein Mann zur Verfügung stand, der über hervorragende Fachkenntnisse und – vielleicht ebenso wichtig – über die nötige Liebe zu alten Schiffen verfügt. Der Zürcher Regierungsrat sicherte auf Antrag der kantonalen Denkmalpflege an die Restaurierung des Oldtimer-Schiffs einen Beitrag aus dem Fonds für gemeinnützige Zwecke zu.
Restaurierung der «Gambrinus», 1992/93.
Kurz nach Ostern 1992 konnte die «Gambrinus» in der grossen Kibag-Halle in Bäch auf Stapel genommen werden, und unverzüglich begannen die Arbeiten: Zuerst musste die Schiffsschale von ihrem Kunstharzüberzug befreit werden, welcher dem Schlepper immerhin eine «Lebensverlängerung» von 16 Jahren gebracht hatte. Dann galt der Kampf dem überall festsitzenden Rost. Darauf überzogen die Kibag-Leute die Originalspanten und grosse Teile der alten Schale mit drei bis vier Millimeter dicken Eisenblechen. Die Bootswerft Gassmann in Bäch restaurierte gleichzeitig das ganze alte Eichendeck. Eine besondere Herausforderung bedeutete für Kurt Schättin die Wiederinstandstellung des 1928 eingebauten Sulzer-2-Takt-Dieselmotors mit 50 PS Leistung, der damals die ursprüngliche Dampfmaschine ersetzte.
Kamin, Dampfpfeife, Glocke von 1893 und Steuerstand der restaurierten «Gambrius».
1993: ZWEITE JUNGFERN-FAHRT UND JUBILÄUM «100 JAHRE GAMBRINUS»
Nach fast einjähriger Arbeitszeit konnte die «Gambrinus» Ende März 1993 eingewassert und zur Probe gefahren werden. Nach minutiöser Überprüfung durch die Schiffahrtskontrolle des Kantons Zürich erhielt die «Gambrinus» am 6. April 1993 ihre neue Betriebsbewilligung. Am Donnerstag, 8. April, verliess die «Gambrinus» das Bächau-Seeli, und der glückliche Besitzer, Paul Weber, steuerte das wiederauferstandene ehemalige Bierdampferehen gegen die Halbinsel Au. Nach der Ehrenrunde vor der ehemaligen Besitzerin, der Brauerei Wädenswil, wurde es beim Rietlihuus des Paul Weber an seinem neuem Standplatz festgemacht.
Die restaurierte und bekränzte «Gambrinus» auf ihrer zweiten Jungfernfahrt, 16. April 1993.
In den strahlenden Farben Weiss, Blau und Rot -während Jahren die Hausfarben der Brauerei Wädenswil – und mit der ebenso langjährigen Originalbeschriftung an Steuerstand und Rumpf dürfte die nunmehr hundertjährige «Gambrinus» mit der Bootsnummer ZH 27 am weissen Bug für weitere Jahrzehnte zur gefreuten Erscheinung auf dem Zürichsee gehören. Paul Weber hat nämlich mit dem Kanton Zürich, vertreten durch die Direktion der öffentlichen Bauten, am 15. Mai 1993 einen Vertrag abgeschlossen, wonach er sich als Gegenleistung für den Subventionsbeitrag verpflichtet, das Motorschiff «Gambrinus» für die Dauer von zwanzig Jahren in seinem heutigen historischen Zustand zu erhalten. Das Schiff soll oft gefahren werden. Ab Herbst 1993 wird es – mindestens zehn Mal pro Jahr – an Gesellschaften bis 12 Personen vermietet. Die «Gambrinus» ist das älteste noch im Originalzustand erhaltene Schiff auf dem Zürichsee, das einst gewerblichen Zwecken diente. Die offizielle Jubiläumsfeier «100 Jahre Gambrinus» findet am Samstag, 21. August 1993, auf dem Landgut von Paul Weber-Glystras in der Rietliau Wädenswil statt. Im Hinblick auf die denkwürdige Feier ist auch diese kleine Geschichte des legendären Schleppers verfasst worden.
Peter Ziegler
LITERATURNACHWEIS
Kabel im Zürichsee. «Neue Zürcher Zeitung», Nr. 1796 vom 4. Oktober 1928.
Kabellegung im Zürichsee. «Nachrichten vom Zürichsee», Nr. 155 vom 6. Oktober 1928.
Jürg H. Meyer, Kleines Schiff für grossen Durst. «Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich», Nr. 222 vom 21. September 1962.
Die christliche Seefahrt und das Bierschiff. «Die Tat», Nr. 34 vom 10. Februar 1965.
«Brauerei Wädenswil ahoi!». Manuskript der Werbeagentur Trauffer & Droz von 1969, im Besitz von Paul Weber.
Der Gambrinus einst und jetzt. «Zürichsee-Zeitung», Nr. 212 vom II. September 1969.
Hans Jakob Furrer, Das bewegte Leben des achtzigjährigen «Gambrinus». Alt Kapitän Ernst Schärer erzählt von 45 Jahren Last- und Vergnügungs-Schiffahrt der Brauerei Wädenswil. «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», Nr. 208 vom 8. September 1973.
Josua Dürst, 300 Seebuebe und Seemaitli beim «Gambrinus»-Fest auf der Ufenau. «Zürichsee-Zeitung», Nr. 190 vom 19. August 1974.
«Gambrinus» auf Trockendock. «Anzeiger des Bezirks Horgen», 25. Juli 1975.
«Grüezi Herr Bundespräsident ... » «Der Gasterländern, 6. August 1979.
Christoph Bachmann, «Gambrinus» wird gerettet. «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 27. Mai 1992.
Josua Dürst, Bierdampferchens Freudentag. «Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee», 19. April 1993.