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Text: Georg Jäger
Musik hat in der Kultur der Fahrenden und auch als Berufsfeld stets eine grosse Rolle gespielt. In Graubünden gehörten im 19. Jahrhundert ländliche Musikanten fast ausschliesslich zu den Fahrenden. Sie prägten vor allem das Repertoire der populären Tanzmusik, entwickelten und gestalteten es weiter.
In Graubünden spielten die Fahrenden bei der Entwicklung der Tanzmusik eine entscheidende Rolle, im Unterschied etwa zur Innerschweiz oder zum Bernbiet. Auf der Reise kamen die Bündner mit Volksmusikern aus anderen Regionen und Ländern in Kontakt und übernahmen von dort Melodien, die später zum Teil ins Repertoire der modernen «Ländlermusik» Eingang fanden. Als Instrumente waren seit Beginn des 19. Jahrhunderts die Klarinette, die Geige, das Bassett (ein kleiner Kontrabass), gelegentlich eine Trompete, seltener das Hackbrett oder die Zither im Gebrauch. Es bestanden keine festen Tanzkapellen, die Musiker formierten sich oft im Familienverband oder spielten allein oder zu zweit in Stuben und Sälen. Sie spielten aus dem Stegreif, kannten keine Noten, sondern lernten und komponierten ihre Melodien nach dem Gehör. Das nach 1880 entwickelte Schwyzerörgeli fand in Graubünden erst nach dem Ersten Weltkrieg verbreitet Verwendung.
Prägende Figuren jenischer Herkunft unter den Volksmusikpionieren in Graubünden waren Johann Majolett, genannt Gigerhannes († 1856), Josef «Seppli» Metzger (1817–1876), Franz Josef «Fränzli» Waser (1858–1895) und Paul «Pauli» Kollegger (1872–1927).
Johann Majolett wurde um 1817 Hintersässe in Untervaz. Er spielte auf seiner Geige zum Tanz auf. Seine Frau, Maria Anna Röschler aus Triesen, soll ihn zuweilen auf dem Hackbrett begleitet haben. Gigerhannes zog schon als Kind mit seinen Eltern landauf und landab, wie sein Vater übte er die Berufe eines Besenmachers und Geigers aus. Er war ein Vorfahre des Klarinettisten und Ländlerkomponisten Lenz Majoleth (1848–1917) sowie des Bassisten Hans Majoleth (1879–1948) aus der ersten semiprofessionellen Kapelle von Luzi Brüesch, dazu kamen weitere Musiker aus der Familie.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts unterschied man in Graubünden die «Seppli-Musik» und die «Fränzli-Musik». Die Seppli-Musik in Nordbünden wurde nach Josef «Seppli» Metzger benannt. Josef Metzger war ein hervorragender Klarinettist und bereits zu Lebzeiten eine Legende; er soll nach 1840 noch mit dem Gigerhannes gespielt haben. Ahnvater der Metzgers war Martin Metzger, ein fahrender Musiker aus dem Badischen, der 1817 das Bürgerrecht von Cauco erhalten hatte. Sepplis Nachkommen führten seine Musiktradition fort.
Die Fränzli-Musik geht auf den Geiger Franz Josef Waser zurück, dessen Familie aus der Innerschweiz 1827 in Morissen im Lugnez eingebürgert worden war, aber im Engadin lebte. Franz war blind und soll über das absolute Gehör verfügt haben. Bei den «Fränzlis» lag die Melodiestimme bei der Geige, die Klarinette spielte die Begleitung. Fränzli-Kapellen gab es noch einige Zeit lang nach Wasers Tod 1895. Die Fränzli-Musik wird heute wieder mit grossem Erfolg gepflegt und weiterentwickelt (Ils Fränzlis da Tschlin).
Paul «Pauli» Kollegger war ein jenischer Musikant ohne feste Formation. Er stammte aus Obervaz und schlug sich unteranderem als Waldarbeiter, Holzfäller, Köhler, Kutscher, Hirt zum Teil auch im Ausland durch. Kollegger war einer der führenden Klarinettisten seiner Zeit. Er pflegte die klassische Streichmusik mit Klarinette und Geigenbegleitung und verfügte über ein grosses Repertoire, zahlreiche Melodien stammen von ihm selbst. Der Musiker und Komponist Luzi Bergamin schrieb viele Tänze Kolleggers auf und beeinflusste damit die spätere Entwicklung der Bündner Ländlermusik.
Die von Jenischen mitgeprägte Volksmusik genoss im Bürgertum lange Zeit geringes Ansehen. Erst nach dem Ersten Weltkrieg eroberte die nun als «Ländler» bezeichnete Musik auch ein städtisches Publikum und wurde in der Zwischenkriegszeit – im Rahmen der Geistigen Landesverteidigung – zu einem Bestandteil schweizerischer Nationalkultur. Bis heute wird die Ländlermusik als konservatives Element einer schweizerischen «Volkskultur» für die politische Propaganda eingesetzt. Die jenischen Musikanten spielen in der Ländlerszene bis heute eine Rolle, sind aber meist unpolitisch geblieben.
Die Ländlermusik wird von den Jenischen am häufigsten gepflegt. Vor allem in der Westschweiz gibt es aber auch Einflüsse aus der Musik der Sinti und Roma, der französischen Musette und dem Gypsy-Jazz.