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Geklaut, gekauft, über den Fluss geschleppt –
wie das Galicia-Wohnhaus zu einer neuen Haustür kam
Man empfindet als Mensch gegenüber einem schönen alten Haus doch die Verpflichtung, die schrecklichen Renovationen nach Möglichkeit rückgängig zu machen, diean ihm in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts so gern vorgenommen wurden. Das Galicia-Wohnhaus neben der Bar zum Beispiel betrat man bis vorgestern durch eine bemerkenswert hässliche, unhandliche und zugige Aluminium-Tür, die vor etwa dreissig Jahren aus unerfindlichen Gründen anstelle des Originals aus Eichenholz eingebaut worden war.
Nun begab es sich vor einer Weile, dass am anderen Ende der Stadt, im Schöngrund gleich über dem Stadtpark, die vornehme, hundertjährige Villa Kull zum Abbruch freigegeben wurde, deren Eingangstür ebenfalls aus Eiche gefertigt war. Ich kannte das Haus gut, ich wohne gleich nebenan.
Erbaut hatte das Haus der Oltner Erfinder Hermann Kull (1873-1961), der für die SBB einen zweipoligen Nebenschlussgenerator entwickelte, dank dem das Licht im Innern von Zügen beim Beschleunigen und Bremsen nicht mehr zu- und abnahm, sondern immer gleich blieb. Die BBC kaufte ihm das Patent ab, wodurch er ein wohlhabender Mann wurde und für die Seinen besagte Villa samt grosszügigem Umschwung erstellen konnte.
Seine Tochter Jenny Kull (1910-2005) war eine der ersten Augenärztinnen der Schweiz und wohnte bis zum Tag ihres Ablebens in der Villa. Um die Jahrtausendwende versuchte sie das Anwesen testamentarisch der Stadt Olten zu vermachen. Diese schlug das Angebot aber aus, weil sie mit dem Haus und dem Park nichts anzufangen wusste. Doch, das ist wahr.
Also verkauften die Erben die Liegenschaft nach Jenny Kulls Hinschied an eine Pensionskasse; Pensionskassen sind verpflichtet, im Dienste ihrer Versicherten möglichst viel Profit aus dem ersparten Vorsorgekapital zu erzielen. Also wurde ein Architekt beauftragt, auf dem Areal anstelle der Villa Kull möglichst viele möglichst gewinnbringende Micky Maus-Wohnungen zu bauen. Die Pläne wurden genehmigt, die Villa Kull zum Abbruch freigegeben.
Dann fuhr der Bagger auf. Als es Abend wurde, stattete ich der Villa Kull einen letzten Besuch ab, streifte durch alle Räume vom Dachboden bis zum Keller. Und als ich die schöne eichene Haustür wieder hinter mir zuzog, dachte ich mir, das diese doch bestens zum Galicia-Wohnhaus passen würde.
Ich holte einen Schraubenzieher und dann meine Gattin, und dann trugen wir Tür und Rahmen im Schutz der Dunkelheit zu mir in den Garten; Nachbars Hund, der wegen mir sonst nie Laut gibt, bellte unerträglich laut.
Anderntags kamen mir dann Zweifel an meiner Tat. Das war wohl nicht so gut, dachte ich. Wenn das auskommt, heisst es wieder, der Capus klaut Türen. Andrerseits, was soll’s, die Tür war samt Haus eh dem Untergang geweiht. Trotzdem, sagte ich zu mir.
Also wartete ich die Abenddämmerung ab und trug mit Unterstützung meiner Gattin Tür und Rahmen zurück zur Villa Kull; der Köter kläffte wiederum furchtbar. Erschöpft und mit den Nerven herunter, aber reinen Gewissens begab ich mich zur Bettruhe, um am nächsten Morgen ein Liedchen pfeifend zur Villa hinüber zu schlendern. Dort bot ich dem Baggerführer, der eben ein Greifgebiss an seinem Bagger montierte, eine Hunderternote für die olle Holztür an. Das Geschäft kam zustande. Ich holte wiederum meine Gattin, die geduldig gute Miene zum dummen Spiel machte. Gemeinsam schleppten wir die Tür ein drittes Mal über die Strasse. Der Hund hielt diesmal die Klappe.
Eine Weile stand die Tür dann bei mir im Garten, dann viele Monde beim Schreiner, der ein paar Sachen dran machen musste. Der Maurer musste das Mauerwerk am Galicia-Wohnhaus anpassen, der Glaser die kaputten Gläser ersetzen. Und jetzt steht sie da, als wäre sie nie woanders gewesen, wenn auch inwendig mit allem technischen Schnickschnack versehen, der ja heutzutage schon ganz praktisch ist.