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Jean Sibelius gilt als der finnische Nationalkomponist schlechthin. Aber seine Muttersprache war gar nicht Finnisch, sondern Schwedisch, denn er gehörte zur Minderheit der Finnlandschweden, die sich rund um die Süd- und die Westküste niedergelassen hatten. Dort kam er am 8. Dezember 1865 in Hämeenlinna oder Tavastehus, wie die kleine Garnisonsstadt auf Schwedisch hiess, zur Welt, übrigens unter dem Namen Johan Christian Julius. Sein Vater Christian Gustaf Sibelius war ein Frauenarzt, der 1859 nach Hämeenlinna gekommen war und dort um die Hand der 20 Jahre jüngeren Maria Borg anhielt, der Tochter der verstorbenen Probstes: Sie galt als das attraktivste Mädchen der Stadt und hatte einen Haufen Verehrer, die der galante Gynäkologe jedoch mühelos aus dem Weg zu räumen wusste. «Sie ist süss, zuweilen richtig schön. Sie ist genauso gross wie ich, aber das steht ihr nicht schlecht», schwärmte Christian Gustaf über seine Zukünftige, die er am 7. März 1862 vor den Traualtar führte.
Drei Kindern schenkte sie das Leben: Nach Linda und Johan, der zuhause nur Janne genannt wurde, folgte 1869 noch Christian, aber zu diesem Zeitpunkt war sie bereits Witwe. Denn Christian Gustaf fiel im Juli 1868 einer Typhusepidemie zum Opfer, im Alter von nur 47 Jahren. Das allein wäre schon furchtbar genug gewesen, doch es kam ein zweiter Schicksalsschlag hinzu: Der verstorbene Dr. Sibelius, der grosszügig und bedenkenlos für Freunde gebürgt hatte, hinterliess seiner Familie nichts als Schulden. Und das bedeutete, dass sogar die Möbelstücke, die Wäsche und das Porzellan gepfändet wurden. Da Marias kleine Witwenrente ohnehin nicht ausreichte, um einen eigenen Haushalt zu führen, blieb ihr nichts anderes übrig, als mit den Kindern zurück zur Mutter ziehen.
Üppig waren die Verhältnisse nicht, in denen Janne und seine Geschwister aufwuchsen. Aber die Mutter und die Grossmutter bemühten sich, den Kindern eine gute Ausbildung zu bieten. Deshalb musste Janne als Achtjähriger von der schwedischen in eine finnische Schule wechseln, damit er die Hauptsprache des Landes erlernen konnte. Seine musische Begabung förderten sie früh durch Klavierunterricht, den Tante Julia erteilte, die Schwester der Mutter. Besonders zu fruchten schienen die Lektionen zunächst jedoch nicht, was möglicherweise auch an Julias Stricknadeln lag, mit denen sie dem Jungen gern eins auf die Finger gab, sobald er sich verspielte. Viel lieber als das schwere, unbewegliche Klavier war Janne ohnehin die Violine, die er überall hin mitnehmen konnte. Zum Beispiel in die Natur: Er liebte es, sich auf irgendeinen Bootssteg zu stellen und dort für die Vögel oder die Wellen zu improvisieren. Und wenn er das tat, dann träumte er davon, dass er eines Tages ein grosser Virtuose werden könnte.
Der junge Sibelius verfügte über eine ausufernde Fantasie und erfand die tollsten Lügengeschichten oder schlüpfte in immer neue Rollen. Manchmal wusste er gar nicht mehr, wer er gerade war, weshalb seine Familie schon fürchtete, er sei ein notorischer Lügner. Auch während des Schulunterrichts versank er regelmässig in seine Tagträumereien, schaute lieber aus dem Fenster, um die wogenden Baumwipfel und den Flug der Vögel zu beobachten, als den Ausführungen der Lehrer zuzuhören. Was nicht ohne Folgen blieb: Eine Klasse musste er sogar wiederholen, weil seine Lateinkenntnisse unzureichend waren, und als er 1885 sein Abitur ablegte, nahm er unter den 28 Absolventen nur den 19. Rang ein.
Besser sah es für ihn in der Musik aus. Früh begann er zu improvisieren, sowohl auf der Geige als auch auf dem Klavier. Als Pianist etwa verblüffte der Elfjährige die Verwandtschaft bei einer Familienfeier mit der freien Fantasie Tante Evelinas Leben in Tönen. Irgendwann Ende der 1870er Jahre oder spätestens 1881 entstand dann seine erste Komposition Vattendroppar («Wassertropfen») für Violine und Violoncello, vermutlich für das gemeinsame Spiel mit dem jüngeren Bruder Christian, der das tiefere Streichinstrument erlernte. Ohnehin wurde zu Hause rege musiziert, im Familientrio der Geschwister. Und nachdem Janne 1881 professionellen Musikunterricht vom Militärkapellmeister Gustaf Levander erhielt, zeigte er als Geiger so rasche Fortschritte, dass ihn sein Lehrer bei einem öffentlichen Vorspiel präsentierte. Doch Sibelius litt unter schrecklichem Lampenfieber, er verspürte bei seinem Auftritt einen metallischen Geschmack im Mund, zitterte am ganzen Leib und wandte vor Schreck seinem Publikum lieber den Rücken zu …
Als Janne die Schule abgeschlossen hatte, war weder ihm noch seiner Familie klar, wie begabt er war. Ja, er wusste gar nicht, wie es nun weitergehen sollte. Erst meldete er sich für ein Mathematikstudium an, dann immatrikulierte er sich bei den Juristen. «Was hätte ich sonst anfangen sollen?», antwortete er Freunden, die ihn nach den Gründen fragten. Aber da seine Freude an der Musik nicht erloschen war, schrieb er sich gleichzeitig als ausserordentlicher Student an der Musikakademie ein. Und das war sein Glück. Denn dort traf er auf einen Lehrer, der in ihm das Genie erkannte und die frohe Kunde unter den Kollegen sogleich verbreitete. Der Rektor des Instituts nahm Janne daraufhin persönlich unter seine Fittiche, unterrichtete ihn in Theorie und Komposition. Schon im zweiten Studienjahr galt er als «Star» des Instituts und liess sich Visitenkarten drucken: «Jean Sibelius» stand da zu lesen – so nannte er sich jetzt als Musiker. Und mit dem neuen Namen hatte er endlich seine Berufung gefunden.
Susanne Stähr
Sie können sich alle «Kinderszenen» auch vorlesen lassen – als Podcast: bit.ly/Serie-Kinderszenen
Jean Sibelius bei LUCERNE FESTIVAL:
Am Sonntag, dem 19. August, musiziert der französische Geiger Renaud Capuçon Sibelius’ Violinkonzert, gemeinsam mit dem Orchestre de la Suisse Romande unter der Leitung von Chefdirigent Jonathan Nott.