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Jazz und Radio, das ist ein Paar, das so sehr zusammen gehört, dass das eine ohne das andere fast nicht denkbar wäre. Als der Jazz in den 1920er-Jahren begann, sich ein breiteres Publikum zu erobern, half das neu erfundene Radio dabei. Und umgekehrt hätte das Radio ohne die Popmusik, was der Jazz damals ja war, nie diese unglaubliche Popularität erreicht. In den 1930er- und 1940er-Jahren verdankten Stars ihre Bekanntheit regelmässigen Radioübertragungen: Duke Ellington aus dem Cotton Club, Glenn Miller aus dem Glen Island Casino auf Long Island. Gesponsort wurden sie von Zigarettenmarken wie Benny Goodman mit seiner «Camel Caravan Radio Show».
Multiplikator für jede Art Musik
In Europa waren die Radiostationen immer öffentlich-rechtlich organisiert, Deals zwischen Veranstaltern, Sponsoren, Agenten und Musikern hatten da keine Chance. Trotzdem war das Radio auch hier Multiplikator für jede Art Musik. Es verstand sich – im Gegensatz zu den privaten amerikanischen Stationen – als kulturelle Institution, unterhielt eigene Orchester (vorab klassische natürlich) und folgte einem gesetzlich vorgeschriebenen Bildungsauftrag.
In den 1960er-Jahren hatte es der Jazz endgültig geschafft, aus der Schmuddelecke herauszukommen, zur ernst genommenen Kunstform aufzusteigen – und fand einen Platz in den Programmen europäischer Radiostationen. Die grösseren Sender in Deutschland begannen neben den symphonischen Orchestern Jazzensembles zu unterhalten und mit ihnen Programme zu produzieren. Der Jazzredaktor des Radiostudios in Zürich, Heinz Wehrle, hätte das auch gerne getan, allerdings fehlte das Geld. Seine bescheidenere Idee war deshalb, grosse Jazzsolisten einzuladen, sie im Studio von einem Klaviertrio begleitet auftreten zu lassen, und die Konzerte unter dem Titel «Jazz Live» über den Äther zu schicken.
Amerikanische Solisten in Zürich
Ein junger Tonmeister im Studio Zürich, Klaus Koenig, war zugleich ein beachtlicher Jazzpianist mit eigenem Trio. Wehrle taufte die Band kurzerhand in «Jazz Live Trio» um. Es konnte losgehen. Der allererste Solist kam noch aus der Nachbarschaft, es war der Saxophonist Bruno Spoerri. Schon bald aber gastierten immer öfter amerikanische Solisten in Zürich. Es hatte sich in New York herumgesprochen, dass Jazzmusiker in Europa kaum Probleme wegen ihrer Hautfarbe hatten, dass ihre Kunst geachtet und erst noch gut bezahlt wurde.
Viele suchten deshalb ihr Glück auf dem alten Kontinent, alte Swing-Kämpen wie Ben Webster und Bill Coleman, Bebopper wie Dexter Gordon und Benny Bailey, und Musiker der damals jungen Generation wie Phil Woods und Art Farmer. Und sie alle gaben sich in Zürich die Klinke in die Hand. Dazu kamen all die europäischen Musiker, Altersgenossen von Klaus Koenig und seinen Kollegen, die sich dem aktuellen Jazz verpflichtet fühlten: Albert Mangelsdorff, Enrico Rava, Kenny Wheeler usw.
Zwölfteilige CD-Reihe
Die Anforderungen an die drei Jazz Live-Musiker Klaus Koenig (Klavier), Peter Frei (Bass) und Peter Schmidlin (Schlagzeug) waren also beachtlich: Einerseits mussten sie traditionelle Musiker begleiten, andererseits auch jungen Instrumentalisten den roten Teppich auslegen können. Dass sie das kompetent und erfolgreich taten, das kann man nun wieder hören.
Denn Klaus Koenig hat aus den über hundert Bändern mit Konzerten die besten Ausschnitte ausgewählt und zu zwölf CDs zusammengestellt. Und diese werden vom damaligen Schlagzeuger und heutigen Labelchef Peter Schmidlin auf seiner Marke TCB herausgegeben. «Jazz Live Trio & Guests» heisst die Reihe, und sie dokumentiert ein wichtiges Stück Schweizer Jazz- und Radiogeschichte.