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«Kätzchen Fluffy sucht ein neues Zuhause.» Ilknur Bahadir (44) liest diese Zeilen in einer Zeitung und denkt: «Ich auch.» Wenn es möglich ist, Katzen zu einer neuen Familie zu verhelfen, muss es doch auch möglich sein, sich selbst irgendwo unterzubringen. So kommt sie auf die Idee, neue Eltern zu suchen. Zu ihren eigenen hat sie den Kontakt abgebrochen.
Die Geschichte beginnt 1972 in der türkischen Stadt Izmir, wo Ilknur Bahadir in eine Familie hineingeboren wird, in der es keine Liebe gibt. «Ich erlebte in keinster Weise ein Nestgefühl, keine Fürsorge, keinen liebevollen Umgang», sagt sie, eine zierliche Frau, das schwarze Haar zu einem Knoten gebunden. Ihr Kleid ist kleinkariert, ihr Wesen ganz das Gegenteil.
Als Ilknur Bahadir drei Jahre alt ist, zieht die Familie nach Deutschland. Sie wächst in einem bayrischen Dorf auf. «Ich habe keine guten Erinnerungen an diese Zeit.» Ins Detail gehen will sie nicht. Sie sagt nur: «Ich wurde stark vernachlässigt.» «Ich habe meine Eltern nie umarmt.» «Wir haben nie gelacht.» «Ich musste einfach funktionieren.» «Ich sagte zu Fremden, ich sei beim Balletttanzen hingefallen.»
Um zu Hause in Ruhe gelassen zu werden, wendet Ilknur einen Trick an: Sie gibt vor, Hausaufgaben zu erledigen, auch wenn sie diese längst im Bus gemacht hat. Sie schreibt in ein Heft die wildesten Geschichten, oftmals handeln sie von glücklichen Familien. In der Schule fragt sie ihre Freundinnen am Montagmorgen aus, was sie am Wochenende mit ihren Eltern erlebt haben. Diese Informationen sind Futter für ihre Fantasie. «Meine Rettung war, dass ich in den schönsten Farben träumen konnte, obwohl es daheim so dunkel war.» Nur so habe sie es durch ihre Kindheit geschafft.
Frei, aber auch wurzellos
Endlich erwachsen, geht sie im Jahr 1990 fort, bricht den Kontakt zu ihren Eltern komplett ab. Ilknur studiert Psychologie. An der Otto-Falckenberg-Schule in München lässt sie sich zur Schauspielerin ausbilden. Es folgen viele Engagements auf vielen Bühnen. Auch im Fernsehen und Film tritt sie auf. Sie ist frei, aber auch wurzellos. «Bis ich bei meiner ersten grossen Liebe zum ersten Mal das Gefühl von Bedingungslosigkeit erlebte. Das Wissen, dass da jemand ist, zu jeder Tages- und Nachtzeit.» Seither sei ihr bewusst: Dieses Gefühl ist essenziell für ein gutes Leben. Wegen ihres Partners zieht sie nach Basel. Was hält, ist die Liebe zur Stadt.
Heute bezeichnet Ilknur Bahadir ihre Freunde als ihre Familie. «Aber es ist nicht dasselbe, wie wenn man Eltern hat.» Deshalb sucht sie nun aktiv ein neues Mami und einen neuen Papi. Der Wunsch lässt sie seit dem Kätzchen-Fluffy-Erlebnis nicht los. Und ja, es ist ihr ernst: «Ich erhoffe mir, als grosses Kind endlich in den Genuss von Eltern zu kommen.»
Da Ilknur neben der Schauspielerei auch Kunst macht, entschied sie, ihre Suche in ein Kunstprojekt zu verpacken. Per Zufall wurde eine Mitarbeiterin des Kunstmuseums Basel auf sie aufmerksam. Sie bot ihr die Zusammenarbeit an. Seit September finden nun im Museum Kinder-Workshops zu den Themen Eltern und Familie statt – und noch bis zum 15. Oktober können sich potenzielle Eltern bei Ilknur Bahadir melden. Egal, ob Paare oder Einzelpersonen, die einzige Bedingung für die Kandidaten ist Volljährigkeit. «Mein zukünftiges Mami kann gern auch jünger sein als ich», sagt die 44-Jährige. Sie wird ihre künftigen Eltern in einer Live-Castingshow küren. Wenn Bauern in Castingshows ihre Herzensdame finden, warum sollte nicht auch sie auf diese Weise neuen Eltern kennenlernen?
Das letzte Puzzleteil im Leben
Angst, dass ihre biologischen Eltern von der spektakulären Suche erfahren, hat sie nicht. «Sie leben weit weg. Zudem muss ich auf niemanden Rücksicht nehmen.» Was sie von ihren künftigen Eltern erwartet, weiss sie genau: «Es geht mir nicht darum, dass mich jemand adoptiert. Ich wünsche mir nur, dass wir gelegentlich telefonieren, wandern, Fondue essen. Eine Beziehung, wie sie eine normale, erwachsene Frau zu ihren Eltern pflegt.» Und was ist, wenn es nicht funktioniert? «Es besteht kein Zwang, alle Beteiligten können zu jeder Zeit aussteigen. Es gibt durchaus einen realistischen Teil in mir, der weiss, dass es auch nicht klappen kann.»
Es sei nicht so, dass sie ohne Halt sei im Leben. Und es gehe nicht darum, dass neue Eltern sie retten sollen. Sie wären einfach das letzte Puzzleteil im Leben, sagt Ilknur. Sie will mit ihrem Projekt auch darauf aufmerksam machen, dass man nie weiss, was sich hinter einer geschlossenen Wohnungstür abspielt. Sie habe als Kind oft das Gefühl gehabt, von der Welt abgeschnitten zu sein. «Niemand nahm wahr, was mit mir passierte.» Sie habe jeden Tag gehofft, dass jemand sie rettete.
Auch heute noch wünscht sich Ilknur, dass Nachbarn, Lehrer, Bekannte mehr eingreifen. Und sie hat eine Botschaft an die Kinder: «Egal, in welches Nest ihr hineingeboren wurdet: Wenn es nicht heil und nicht schön ist, könnt ihr es irgendwann verlassen. Ihr haltet den Dirigentenstab für euer Leben in der Hand.»
Sie selbst, sagt sie, lebe nachdem Leitsatz von Pippi Langstrumpf: «Ichmach mir meine Welt, wie sie mir gefällt.» In ihrem Fall bedeutet das, mit 44 Jahren neue Eltern zu erküren.