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Einem grauen Kokon gleich schmiegte sich die Nebelwolke über das Dorf. Aus der Ferne wirkte sie wie ein grauer Ball, dem langsam die Luft ausging. Das Innere war dunkelgrau, an den Rändern wurde die Wolke heller. Der blaue Himmel zeichnete sich scharf darüber ab.
Anita sah die graue Kugel über ihrem Wohnort schon von weitem. Sie stutzte, folgte aber wie ferngesteuert weiter der Strasse über kleine Hügel und durch Felder. Sie war noch etwa 500 Meter von der Nebelwand entfernt, als sie, einer inneren Stimme folgend, ihr Auto am Strassenrand vor dem Ortsschild ausrollen liess.
Sie drehte den Zündschlüssel, sass dann bewegungslos im Auto und hörte dem leisen Klackern des Motors zu, der langsam abkühlte.
Sollte sie in die kugelförmige Nebelwolke hineinfahren? Es handelte sich doch nur um feine Wassertröpfchen, versuchte sie sich zu beruhigen. Nebel war in dieser Jahreszeit nicht unüblich, wenn in ihrem Dorf auch selten. Und dann bildete er sich eher über dem Bach, der sich linkerhand um die Häuser schlängelte.
Sie kramte in ihrer Handtasche auf dem Beifahrersitz und zog ihr Handy heraus. Zu ihrer Verwunderung liess es sich nicht einschalten. Tot. Der Akku ist wohl leer, überlegte Anita. Obwohl sie es heute morgen vor der Arbeit noch aufgeladen hatte. Seltsam.
Ein Auto fuhr an ihr vorbei, tauchte in den Nebel ein und verschwand.
Anita stieg aus ihrem roten Fiat, zog fröstelnd die Schultern nach oben und lauschte. Stille. Keine Verkehrsgeräusche, kein Lärm von der Tankstelle mit Waschanlage, die sich eingangs Dorf befand, jetzt aber unsichtbar war.
Sie schritt zunächst langsam, dann immer schneller auf die graue Wand zu. Kurz nach dem Ortsschild blieb sie stehen. Die Nebelwolke war nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Sie waberte, schlingerte vor ihr auf und ab.
Anita streckte ihre Hand aus, in Erwartung, feine Tröpfchen auf der Haut zu spüren. Als ihre Fingerspitzen in den Nebel eintauchten, verschwanden sie, so, als wären sie abgeschnitten worden. Anita zuckte zusammen, zog ihre Hand abrupt zurück. Die Haut an den Fingern war gerötet und kribbelte unangenehm.
Sie stolperte rückwärts, fiel beinahe über einen Grasbüschel und rannte zu ihrem Auto zurück. Panisch verriegelte sie die Türen, sobald sie in ihrem Fahrzeug sass.
Dann legte sie den Rückwärtsgang ein und drehte um. Gras und Erdklumpen spritzten auf. Im Rückspiegel kontrollierte sie nervös, ob die graue Wand sich ausdehnte und mit ihren feuchten Fingern nach ihr schnappte.
Als der Nebel sich am nächsten Tag auflöste, waren das Dorf und alle seine Bewohner von der Bildfläche verschwunden. Die Leute wunderten sich und bedauerten es; sie waren gerne zur Tankstelle mit der Waschanlage gefahren.
Anita kehrte nie wieder dorthin zurück. Ihre Fingerspitzen kribbeln noch heute, wenn sie Nebelbänke sieht.