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Noch nie hat Marco Baumann so schnell den Koffer gepackt wie damals in Miami, als er mit seinen Freunden ohne gültige Sozialversicherungsnummer im Hotel Hilton arbeitete: ein Vergehen, das mit einem Besuch auf dem nächsten Polizeiposten endete, wo die Schweizer vor eine Wahl gestellt wurden, die im Grunde keine war. «Entweder ihr meldet euch zum Dienst für einen Einsatz in Vietnam, oder ihr verlasst sofort das Land», sagten die Beamten und beendeten so mit einem Satz die USA-Reise der jungen Männer, die dann auf den Bahamas landeten, eine Arbeit suchten und fanden.
Das war im Sommer 1967 – ein halbes Jahr bevor Marco Baumann erneut überraschend die Koffer packen musste: Vater Josef Baumann bat per Telex um die Rückkehr seines Jüngsten, weil er dessen Hilfe brauchte im Familienbetrieb von Rausch in Kreuzlingen. Und er stellte seinen Sohn erneut vor eine Wahl, die im Grunde keine war, wie Marco Baumann mit einem Lächeln sagt: «Es war klar, dass ich bleibe, auch wenn ich am Anfang so tat, als ob ich nur nachhause gekommen sei, um mit der Familie Weihnachten zu feiern.»
Der heute 68-jährige Chef von Rausch erzählt die Geschichte während eines Mittagessens in Kreuzlingen. Er hat einen strengen Vormittag hinter und viele Termine vor sich. Auf seine Stimmung scheint sich das nicht negativ auszuwirken, im Gegenteil: Gut gelaunt schlendert der leidenschaftliche Sammler von Krawatten durch das Restaurant («Ich habe in meinem Büro vier verschiedene Modelle bereit. Ich weiss nicht, welches auf dem Foto am besten wirkt»), begrüsst die Wirtin sowie diverse Gäste mit Händedruck und empfiehlt Hausspezialitäten («Sie müssen unbedingt den Salat mit dem Eglifilet nehmen, das kommt aus dem Bodensee»), bevor er sich Zeit nimmt für das Interview, zu dem er auch seinen Sohn Lucas Baumann (35) mitgebracht hat.
ANNABELLE: Marco Baumann, Sie haben nach der Schule eine Banklehre absolviert. Wäre es nicht einfacher gewesen, direkt in den Familienbetrieb einzusteigen?
MARCO BAUMANN: Das war zu diesem Zeitpunkt schon lange passiert. Bereits als Kind war ich in der Freizeit oft auf den Feldern, um Kräuter zu sammeln für meinen Vater, und später half ich am Wochenende regelmässig bei der Buchhaltung. Insofern habe ich auch während meiner Lehr- und Wanderjahre immer für Rausch gearbeitet.
Trotzdem entschieden Sie sich für eine Ausbildung bei der Bank?
Ja, ich wollte unbedingt fremdes Brot essen, wie man so schön sagt. Und weil ich alles hasste, was mit Schule zu tun hatte, war eine akademische Ausbildung keine Option. So ging ich zur Credit Suisse nach Genf, wo es mir unglaublich gut gefiel.
Für Ihre Eltern, vor allem den Vater, war das kein Problem?
Nein, auch er war überzeugt, dass es nur von Vorteil ist, wenn man seinen Horizont erweitert. Kommt hinzu, dass zunächst mein älterer Bruder Alexander als Nachfolger vorgesehen war, der damals in Basel Pharmazie studierte.
Und warum wurde daraus nichts?
Weil sich Alexander nach drei Semestern anders entschied und Jurist wurde. Und als ihm dann sein langjähriger Aussendienstler kündigte, holte mich mein Vater nachhause.
Sie gehorchten ohne weiteres?
Was hätte ich sonst tun sollen? Er brauchte mich, also kam ich. Bereits eine Woche nach der Heimkehr habe ich meine erste Dienstreise als Vertreter durch die Schweiz angetreten.
Sieben Jahre später wandelt Josef Baumann sein 1949 erworbenes Unternehmen in eine Aktiengesellschaft um, die er auf seine Söhne Marco und Alexander umschreibt: Die 1890 vom deutschen Coiffeur Josef Wilhelm Rausch gegründete Firma wird als Rausch AG Kreuzlingen bis 2006 von den Brüdern gemeinsam geführt, seither ist Marco Baumann Alleininhaber.
Aus dem begeisterten Aussendienstmitarbeiter ist ein Patron geworden, der auf der Visitenkarte den Titel «President» trägt, auch wenn Baumann «Mädchen für alles» viel passender fände, wie er mit breitem Lächeln sagt. In jedem Fall, das wird im Gespräch schnell klar, ist der stattliche Mann mit dem auffällig vollen Haar – «ich bin halt an der Quelle bezüglich der besten Produkte!» – ein Vollblutunternehmer. Aufhören sei zwar ein Thema, aber ein heikles, sagt er, obwohl mit Sohn Lucas ein Nachfolger am Start steht, dem er voll vertraue. Einen fixen Zeitpunkt für die Übergabe gebe es darum noch nicht, «wir gleisen das Schritt für Schritt auf», sagt Lucas Baumann. Vor anderthalb Jahren ist er als Leiter Marketing und Kommunikation zum Rausch-Team dazugestossen. Dass es bisweilen zu Diskussionen kommt, liegt für den ausgebildeten Betriebswirt auf der Hand, «schliesslich handelt es sich hier um das Lebenswerk meines Vaters, das gibt man nicht einfach von einem Tag auf den andern auf». Vater und Sohn frühstücken jeden Morgen gemeinsam. Ein Ritual, das die beiden eingeführt haben, um sich unter vier Augen über das Geschäft auszutauschen. «Das hat sich bewährt, denn so bleibt nie etwas liegen, auf professioneller wie auch auf menschlicher Ebene», erklärt Lucas Baumann, der immer wieder betont, dass er noch lange auf die Mitarbeit des Vaters im Betrieb zähle. «Nach all diesen Jahren hat er einen riesigen Wissens- und Erfahrungsschatz, auf den wir so schnell nicht verzichten wollen», sagt der Junior und gibt damit das Stichwort für die nächste Frage.
Marco Baumann, welches waren die grössten Veränderungen seit Ihrem Einstieg in die Firma?
Da gibt es natürlich einiges. Neue Regulierungen haben die wirtschaftliche Freiheit eingeschränkt. Vor allem aber hat die Technik grosse Fortschritte gemacht. Dank den modernen Maschinen können wir heute um ein Vielfaches schneller und präziser produzieren als früher. Und im Zeitalter des Internets haben sich auch die Absatzkanäle verändert, der Vertrieb über Onlineanbieter wird zusehends wichtiger.
Inwieweit haben sich die Ansprüche der Kunden verändert?
Ich stelle ein gestiegenes Bewusstsein für Qualität fest. Geiz ist nicht mehr geil, die Kunden legen heute wieder Wert auf hochwertige Produkte. Und das kommt unserer Philosophie natürlich sehr entgegen.
Wie setzen Sie diese konkret um?
Wir könnten viel Geld sparen, wenn wir den Produktionsstandort ins Ausland verlagern oder günstigere Rohstoffe verwenden würden. Aber bei uns steht nicht die maximale Rendite im Zentrum, sondern das Vertrauen der Kundschaft. Unser Name steht für Qualität, und die können wir am besten garantieren mit Kräutern aus biologischem Anbau, die in unserem Haus nach besonders schonenden Verfahren verarbeitet werden. Wir sind der Beweis, dass ein Unternehmen in der Schweiz verwurzelt und global tätig sein kann.
Ihre Dienstreisen führen Sie heute um einiges weiter in die Ferne als noch zu Ihren Anfangszeiten.
Richtig, damals belieferten wir neben der Schweiz nur Deutschland und Österreich. Heute sind es 26 Länder, auch in Nah- und Fernost.
Wie profitiert Rausch vom Naturkosmetik-Trend?
Das spielt sicher eine Rolle, auch wenn wir nicht unbedingt Naturkosmetik herstellen. Unser Motto ist «So viel Natur wie möglich, und nur so viel Chemie wie nötig». Verträglichkeit und Wirksamkeit der Produkte sind für uns zentral. Das beweisen wissenschaftliche dermatologische Testergebnisse laufend. Ihr Motto im Privatleben heisst «Hände kann man kaufen, Herzen müssen gewonnen werden».
Womit gewinnt man Ihr Herz?
Es macht mich glücklich, wenn ich von charmanten, tüchtigen, ehrlichen und liebenswerten Menschen umgeben bin. Wahrscheinlich mache ich darum meinen Job so gern.
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«Bei uns steht nicht die maximale Rendite im Zentrum, sondern das Vertrauen der Kundschaft»: Patron Marco Baumann
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Seit 1890 erforscht und nutzt die Firma Rausch AG Kreuzlingen die Kraft der Kräuter
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Rausch: Eine Kosmetikfirma mit Tradition
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Hochwertige Haarpflege: Schweizer Kräuter Pflege-Shampoo, Weizenkeim und Feuchtigkeits-Spray für sprödes Haar und Herzsamen Sensitive-Shampoo, je ca. 14 Fr. (v.l.n.r.)
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