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1.
Hör zu, sagte Paul, und ich hörte zu. Er sprach davon, dass wir immer älter würden und dass wir damit doch nie gerechnet hätten. Wir hätten doch nie gedacht, älter als achtundzwanzig oder höchstens dreissig zu werden, wir dachten doch, immer da zu bleiben, wo wir waren. Und jetzt?, sagte er, und er hörte sich wie Häuptling Wolf an.
Das war vor ein paar Tagen gewesen. Paul hatte mich angerufen, nachdem wir uns seit vielen Jahren weder gesehen noch gehört hatten. Ich wusste, er hatte geheiratet und hatte drei Kinder. Wenn ich richtig informiert worden war, waren es Mädchen. Wahrscheinlich liefen sie den ganzen Tag mit offenen Haaren und rosa Kleidern um ihn herum und erfüllten ihn mit Leben. Paul, der kleine Lord, wie wir ihn genannt hatten. Ich wusste in etwa, in welcher Stadt, in welchem Theater er gerade Intendant war. So, wie wir es ihm immer vorausgesagt hatten, Natascha und ich. Du wirst Intendant, sagten wir ihm, das kannst du am besten.
Draussen war es unerträglich heiss, in der Wohnung liess es sich gerade noch so aushalten. Seit Tagen war es über dreissig Grad, und in der Nacht kühlte es nicht ab. Die Hitze machte das Licht dumpf, kein Vogel liess sich in der Luft blicken, und die Leute in der Stadt kamen gar nicht mehr aus dem Rhein raus, in dem sie sich zu Hunderten treiben liessen. Neben ihnen her, wie kleine Bojen, schwammen orange Plastikbeutel mit ihren Kleidern und Schuhen.
Gestern wurde in der Zeitung wieder irgendein Woodstock-Jubiläum gefeiert. Mitten auf der Zeitungsseite prangte eines dieser berühmtgewordenen Paare – vielleicht war es auch immer das eine – in einen Schlafsack gehüllt, der wie der Mantel Marias aussah. Das Paar stand da versunken in eine Erfahrung, die dort, wo die beiden standen, schon damals stehengeblieben zu sein schien. Es war der Morgen nachher, und wie sollten sie jemals wieder von da wegkommen. Von da kam keiner mehr weg, dafür würden alle Zeitungen und Radios der Welt schon sorgen. Am Morgen im Schulfunk, der heute nicht mehr Schulfunk hiess, sondern Wissen, brachten sie ebenfalls eine Sendung zu Woodstock und den Hippies ganz im allgemeinen. Solche Sendungen fingen so an, dass sie erst einmal erklärten, wo das Wort Hippie eigentlich herkam und wo ja vielleicht die Hippies wieder hingehen könnten. Die Sache mit den Hippies war nämlich keine leichte. Thomas Pynchon hatte auch gerade pünktlich zum Jubiläum ein Buch veröffentlicht, das in den siebziger Jahren in Los Angeles spielte, und das ausser von Hippies auch noch von der ganzen Manson-Familiy und der Rache, die überall lauerte, handelte. Eine Besprechung seines Buchs war mit «Die Erbsünde der Hippies» überschrieben. Und in der Tat, hiess nicht die Erbsünde der Hippies Hippie?
Es war unerträglich, wenn irgendwelche Sprecher oder Redakteure von der Kraft und dem Ausdruck einer Bewegung redeten, die es einmal gab, und die schon lange vorbei war. Ja, sagten sie dann im Ornat des Bedenkenträgers, eine Bewegung, die schon als sie anfing, vorbei gewesen war. Sie sagten, Woodstock war der Anfang vom Ende und spielten dazu dreissig Sekunden Joplin ein, deren Stimme allein zu hören, wenn auch nur dreissig Sekunden, mich immer umwarf. Wie konnte eine junge Frau damals in den sechziger Jahren nur so eine Stimme gehabt haben und von so einer Gegend irgendwo in sich drin – wir wissen ja nicht, was wir in uns haben – und so völlig ohne jeden Rückhalt aus sich oder aus dieser unwegsamen Gegend heraussingen? Das fragte ich mich noch immer. Und das Besondere an dieser Gegend war, es war keine Unterwelt, sie sang aus keinem Totenreich. Nur aus der…