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Weltweites Aufsehen durch Neugestaltung von Monte Carasso
Von Karl Wüst, sfd
Luigi Snozzi zählt zu den Hauptvertretern der Neuen Tessiner Architektur. Sein Anliegen ist es, Geschichte und Gegenwart zu verbinden. Dank ihm hat Monte Carasso bei Bellinzona 1993 den Wakker-Preis erhalten. Am 29. Juli feiert Snozzi den 85. Geburtstag.
In den 1970er Jahren drohte Monte Carasso zu einer Schlafstätte Bellinzonas zu werden. Luigi Snozzis Richtplan, dem die Gemeinde 1979 zustimmte, leitete die Wende ein. Den Beginn machte Snozzis Renovation des mittelalterlichen Augustinerinnen-Klosters, das weitgehend das ursprüngliche Aussehen zurückerlangte, das der Architekt aber gleichzeitig fit machte für die Gegenwart.
Das Kloster, wo auch die Primarschule untergebracht ist, ist heute das Zentrum des Dorfes. Ein rechteckiger Innenhof, Ausstellungsräume und eine Bar machen aus der Anlage einen öffentlichen Ort.
Rund um das Dorfzentrum mit Kloster, Kirche und Friedhof hat Snozzi eine Ringstrasse angelegt. Wer den Dorfkern umwandert, kommt vorbei an Snozzis weiteren Bauten: dazu gehören eine Raiffeisen-Bank, ein turmähnliches Wohnhaus und eine Turnhalle mit Garderobengebäude.
Bauten ohne theatralische Effekte
Die Neugestaltung Monte Carassos hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Für ihre Bemühungen, einen festen Rahmen für die ungeordnete Bebauung auszuarbeiten, hat die Gemeinde 1993 den Wakker-Preis des Schweizer Heimatschutzes erhalten. Zudem nahm Snozzi dafür in Cambridge im US-Bundesstaat Massachusetts den "Prince of Wales Prize in Urban Design" der Harvard-Universität entgegen.
Snozzis Architektur beschreibt Claude Lichtenstein in seiner Monografie "Luigi Snozzi" (1997) als ruhig, bescheiden, unaufgeregt, ohne theatralische Effekte. Das Detail bleibe in den oft in Sichtbeton ausgeführten Gebäuden immer diskret.
Snozzi suche nach Strategien des Weiterbauens, so Lichtenstein. Seine Entwurfsmethode orientiere sich nicht an einzelnen Gebäuden, sondern beruhe auf der Lektüre des Territoriums. "Wichtig ist in jedem Fall Snozzis Interesse für die Geschichte."
Der Architekt versteht seine Arbeit anspruchsvoll als etwas Ganzheitliches. Das hat dazu geführt, dass er im Tessin - nach Monte Carasso - keine grossen Projekte mehr realisieren konnte, also "gescheitert" ist. Das räumte er 2011 in einem Gespräch mit der Zeitschrift "Hochparterre" ein. Tatsächlich ist die Liste seiner nicht realisierten Projekte länger als diejenige der realisierten.
"Es lebe der Widerstand"
Geboren wurde Luigi Snozzi am 29. Juli 1932 in Mendrisio TI. Ursprünglich wollte er Tierarzt werden, oder Maler. Dann lernte er den Architekten Peppo Brivio kennen und studierte an der ETH in Zürich. 1958 eröffnete er sein eigenes Büro in Locarno, später temporäre zusätzlich Büros in Zürich und Lausanne.
1985 übernahm Snozzi eine Professur an der EPFL in Lausanne, wo er bis 1997 lehrte. 1996 vertrat er die Schweiz an der Architekturbiennale in Venedig.
Architektur ist für ihn keine neutrale Wissenschaft. Sie hat sich immer an den Bedürfnissen der Gesellschaft zu orientieren, ist Snozzi überzeugt. Bei einem Vortrag unter dem Titel "Es lebe der Widerstand" an der ETH Zürich sagte er 2008: "Der Zweck des Architekturunterrichts besteht nicht nur darin, fähige Architekten auszubilden, sondern vielmehr kritische Intellektuelle mit moralischem Bewusstsein hervorzubringen."
(24.7.2017 © sda/sfd)