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MODUS OPERANDI: INFILTRATIONEin Untersuchungsbericht von Thomas Lardeur
PARIS MATCH17. Februar 2000
In einem schummrigen Café nicht weit vom Radiogebäude in Paris traf ich Francois zum ersten Mal. Ein kaufmännischer Direktor einer Firma, etwas über vierzig, die 200 Leute beschäftigt, strahlte er das Selbstbewusstsein eines Mannes seiner Stellung aus. Trotzdem war er auf der Hut. Es schien, dass die Tatsache den Mann hart getroffen hatte, von Scientology betrogen worden zu sein. Er stimmte schliesslich zu, seine Geschichte zu erzählen, jedes seiner Worte sorgfältig abwägend.
"Es war etwa Beginn 1999 als ich eine kaufmännische Anzeige einer neuen Organisation erhielt, Vulgo France", erklärte er. "Sie sprach von Ideen nach denen ich forschte da ich plante, meine ganze Firma zu restrukturieren. So verabredete ich ein Treffen mit Valgo. Es war an einem Freitag Abend. Das mit ihrem Gründer Jean Chevrot geführte Gespräch überzeugte mich und ich bat ihn um eine schriftliche Offerte. Am Montag Morgen erhielt ich die Offerte samt einer Rechnung für das Interview. Durch diese schnelle Antwort und die ansprechende Aufmachung des Dokuments beeindruckt entschied ich, sie zur Bestimmung unserer anfänglichen Bedürfnisse beizuziehen. So wurden die Manager, ab anfangs Februar, in einer Methode zur Personalanwerbung ausgebildet, zudem wurden 120 Verkaufsleute über Verkaufsmethoden instruiert und schliesslich wurde die ganze Firma in die Kunst des Verkaufens eingeführt. Ich war mit ihrer Präsentation zufrieden, obwohl mich gewisse Kommentare von Chevrot überraschten, die sich nicht aus seinen Diskussionen herleiten liessen, zum Beispiel seine krankhafte Abneigung gegn Psychologen. Im Mai schlug Chevrot einigen von uns vor, einen Persönlichkeitstest zu machen und bat darum, einen Test mit 200 Fragen auszufüllen. Die Kopräsidentin meiner Firma reagierte beim Durchlesen äusserst verärgert und weigerte sich, diese zu beantworten. Sie war über einige der Fragen schockiert, welche einzig rein persönliche Angelegenheiten betrafen, beispielsweise solche wie "Erfordert es ihrerseits eine echte Anstrengung, die Idee eines Selbstmordes ins Auge zu fassen?" oder "Würden sie ein 10-jähriges Kind körperlich bestrafen wenn es sich weigert, ihnen zu gehorchen?". Unser Stab teilte mit auch mit, dass sie zögerten, obwohl sie sich einverstanden erklärten, den Test auszufüllen. Das war es dann, wie alles auskam. Einige aussenstehende Informanten riefen uns an und teilten uns mit, dass eines der Geschäftsdokumente von Valgo sich auf Ron Hubbard beziehe, den Gründer von Scientology. Wir beendeten unsere Beziehungen sofort. Bis dahin wurde ich nie über irgendwelche Beziehungen zu Scientology informiert. Ich fühlte mich demzufolge schrecklich schuldig, weil ich es war, der sie in die Firma brachte."
Diese Geschichte ist kein Einzelfall. Andere französische Unternehmen haben kürzlich entschieden, nicht mehr länger mit Valgo zu arbeiten nachdem deren Verbindung mit Scientology entdeckt wurde. Es ist leicht verständlich, warum sie sich missbraucht fühlen: Valgo präsentierte sich effektiv als eine Management Beratungsfirma wie jede andere. In Wirklichkeit war sie jedoch gerade nicht wie andere.
Valgo erscheint in einem nicht veröffentlichten Dokument mit dem Titel "Internationaler Jahresbericht der Scientology Firmen", das uns in die Hände fiel. Dieser 1999 erschienene interne Führer des Kultes zählt 2'427 mit Scientology verbundene Firmen auf, die in allen möglichen Geschäftsbereichen tätig sind: Management, Marketing, Kommunikation, Gastgewerbe, Bildung, Musik, administrative Dienstleistungen, Medien - die Hälfte davon sind in den Vereinigten Staaten ansässig, was für eine Bewegung nicht überrascht, die dort ihren Anfang nahm und die erhebliche politische Unterstützung und finanzielle Vorteile geniesst, aufgrund der Anerkennung als Religion durch die amerikanischen Behörden. Aber das Dokument deckt überraschenderweise auch auf, dass Firmen in Verbindung mit Scientology in der Mehrheit der europäischen Länder aktiv sind. Und das sogar auch in Ländern, die den kultähnlichen Charakter von Scientology anprangerten, zum Beispiel in Deutschland. In letzterwähnten Land zählt das Dokument 160 Firmen auf. obwohl bestimmte Länder deutschen Scientologen die Beschäftigung in Regierungspositionen untersagen. In Frankreich sind es, wiederum gemäss diesem Führer, 34 Firmen mit Verbindung zu Scientology. Dies trotz vielen Gerichtsurteilen gegen führende Mitglieder des Kultes, wie 1995 in Lyon und 1999 in Marseille, die beiden parlamentarischen Berichte von 1995 und 1999 nicht berücksichtigt, welche die Scientology Kirche äusserst kritisch beurteilten.
Die Zahl der Firmen, die mit Scientology Firmen Beziehungen hatten, ist schwierig zu bestimmen. Gemäss dem internen Magazin "Scientology News" vom Dezember 1994 haben die Firmen auf der ganzen Erde, welche "administrative Technologie von L. Ron Hubbard (L.R.H. Tech)" seit ihrer Einführung benutzten bis zum 1. Januar 1996 auf 55'646 zugenommen. In Frankreich haben in den vergangenen Jahren zahlreiche grosse Unternehmen mit Firmen zusammen gearbeitet, die mit Scientology verbunden sind. Zum Beispiel gab die Managementfirma Business Dynamic in ihren Pressemitteilungen bekannt, prestigereiche Kontakte mit Firmen wie Rhone-Poulenc, Societe generale, B.n.p., Elf, Accor, Lyonnaise des eaux, Peugeot zu pflegen. Und die Kontakte von Valgo France sind ähnlich eindrucksvoll: France Telecom E.g.t., E.d.f.-G.d.f. services, B.M.W., Ford, Lancia, Naf Naf, Kookai, Sadec-Schneider, Orly restauration und die Rentokil Gruppe.
Was steckt hinter dem World Institute of Scientology Enterprises, besser bekannt unter der Abkürzung WISE? Diese 1979 gegründet Körperschaft behauptet, "eine Organisation zu sein, bestehend aus Mitgliedern, die die Zielsetzung haben, L. Ron Hubbards Verwaltungs- Technologie umfassend zu verbreiten sowie ein hohes Niveau an Ethics und Integrität unter Geschäftsleuten aufrechtzuerhalten, indem die Ethicsprinzipien, Kodizes und Grundsätze der Religion Scientology nach und nach in die gesamte Gesellschaft hineingebracht werden". Kurz gesagt, WISE ist der Zweig von Scientology, dem die Aufgabe zukommt, "die ökonomische Szene zu reinigen" dank der "L.R.H. Tech", "das einzige System auf dem Planeten, das sich selbst beweist und das funktioniert!"
Die Haltung der Scientology Kirche selbst gegenüber WISE ist zweideutig. Für Marc Bromberg, Direktor für interreligiöse Angelegenheiten in Europa, ist WISE eine "unabhängige Vereinigung zum Schutz der Copyrights von L.R.H." welche "keine Verbindung mit der Scientology Kirche hat". Was bestimmt bezweifelt werden muss.
Die Mehrheit der WISE Mitglieder sind prominente Scientologen, die sich nicht scheuen, mit anderen Scientologen zusammen zu arbeiten. Der Chef von Valgo France, Patrick Valtin, ist eine der Schlüsselfiguren von WISE in Europa. Er rühmte sich auch, bis vor kurzem "Executive Director" des Hubbard College of International Administration und Chef der International Association of Scientologists gewesen zu sein, von der gesagt wird, sie gebe jedes Jahr 40'000 Dollars für Spenden aus (etwa 65'000 CHF). Zuvor war er auch Chef von zwei anderen französischen Firmen: U-Man France und Capacitas. Was verbindet diese beiden Firmen? Sie wurden gestartet um den U-Test zu vermarkten, später bekannt als Pape Test, der einfach der Persönlichkeitstest war dem die Scientologen so angetan sind. Zahlreiche französische Firmen beanspruchten ihre Dienstleistungen, besonders zur Rekrutierung ihrer Kader, wie zum Beispiel Yoplait, La Redoute, Epson, L'Oreal, G.m.f.- Vie und sogar A.n.p.e.!
Patrick Valtin weiss mit wem er in Tuchfühlung bleibt. Unter den Unter den Gründungsmitgliedern, die mit Valgo zusammenarbeiteten oder es heute tun, findet man Guy Cassan, der während beinahe 20 Jahren L.R.H. Tech unter dem Titel Diace Conseil in Unternehmen propagierte, heute existiert die Firma nicht mehr. Man findet auch Jean Chevrot und sogar Andre Toqueville, 1997 Sprecher von Applied Scholastics, der die "Entdeckungen von Ron Hubbard" zur "Veränderung von Schulen in Institutionen mit beispiellosem Unterrichtstandard" propagierenden Firma.
Ebenfalls auf der Liste ist Guy Bergaud. Seit 1982 Scientologe, verband er sich 1992 mit zwei anderen Scientologen, Phillippe Sarrazin und Joel Berger, um Business Dynamic zu gründen. Oder auch Eric Ianna, der in den 80ern für Ciborg arbeitete, einer weiteren auf die Tech von L.R.H. spezialisierte Firma, bevor er Action Academy gründete, an der zahlreiche Scientologen studierten.
Die zweite Bindung ist finanzieller Natur. Um tätig zu werden müssen die Berater von WISE eine Lizenz kaufen und als Gegenleistung zustimmen, zwischen 6% und 9% ihres Profits in Form von Lizenzgebühren abzuliefern. Was bedeutet, dass mit diesen Beratern arbeitende Firmen indirekt, unter dem Vorwand von Lizenzgebühren, ihren Beitrag an Scientology Inc. leisten.
Ein weiterer Punkt muss in Betracht gezogen werden: die Angelegenheit des Proselytisierens. Obwohl nicht bewiesen werden kann, dass Scientology Firmen diese Praxis ständig ausüben, das Risiko darf nicht unterschätzt werden, wie bestimmte interne Schreiben beweisen. Als Beispiel diese Passage aus dem "Member's Guide", die ausführt, dass Mitglieder von WISE "ihre Kunden in Richtung der Dienstleistungen von Scientology lenken, was umgekehrt ihre Lebensweise eindrucksvoll verändern wird, indem ihre Ehen gerettet, ihre persönlichen ethischen Schwierigkeiten gelöst und durch die Anwendung der ethischen Techniken von L.R.H. unlösbare Dispute unter Geschäftsleuten beigelegt werden."
Die Risiken sind schwerwiegender als sie erscheinen mögen. So wurde zum Beispiel Guy Cassan, als er Direktor von Diace Conseil war, 1998 vom Appellationsgericht von Versailles verurteilt, einer Firma die gesamte Summe zu erstatten, die er für ein Verkaufsseminar bezogen hatte. Bei dieser Gelegenheit kam das Appellationsgericht zum Schluss, dass Monsieur Cassan während dem Seminar "für die Scientology Kirche proselytisierte" und dass er "seine Verpflichtung nicht loyal und in gutem Glauben erfüllte".
Heute wird die Mitgliederliste von WISE geheimgehalten. Für Daniele Gounord, Sprecher der Scientology Kirche, ist dies gerechtfertigt "weil, sobald sie bekannt werden, würden sie das Ziel von Druckversuchen und polizeilichen Ermittlungen". Wahr oder falsch, es spielt keine Rolle. Was jedoch gewiss ist, ist dass diese Haltung die Übertölpelung zahlreicher Unternehmen zur Konsequenz hat, mit allen Problemen die sich daraus ergeben, ganz besonders im Schaden des öffentlichen Ansehens. Es ist jedermann freigestellt, mit wem auch immer zusammen zu arbeiten, sogar mit Scientology Geschäften. Aber es sollte mit der vollen Kenntnis aller Beteiligten und mit vollständiger Durchschaubarkeit erfolgen.
[Thomas Lardeur ist Autor des Buches "Les sectes dans l'entreprise", Editions d'Organization, 1999]