Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03122.jsonl.gz/1199

Autor: Imelda Ruffieux
Der Liebe wegen kam Therese Egger als 20-Jährige in den Kanton Freiburg. Sie heiratete einen französischsprachigen Mann, bekam zwei Kinder und musste sich ab da praktisch nur noch in einer ihr fremden Sprache unterhalten. «Ich sprach anfangs ganz schlecht Französisch und es war schwierig, sich zu verständigen», erinnert sie sich. Als Hausfrau und Mutter sei sie damals auch viel weniger unter die Leute gekommen als Frauen in ähnlichen Situationen heute. Dazu kam noch ein weiteres «Fremdsein»: «Ich kam als reformierte Frau in eine katholische Familie. Da hiess es, sich anzupassen», erklärt sie.
Mit den Kindern gelernt
Ihr Mann habe ausschliesslich einen französischsprachigen Kollegenkreis gehabt, und auch in seiner Familie sprach man nur Französisch. «Als die Kinder klein waren, habe ich mit ihnen noch Deutsch gesprochen. Sobald sie aber zur Schule gingen, war das vorbei. Sie wollten nichts mehr in Deutsch hören», erinnert sich Therese Egger. Durch die Hausaufgaben der Kinder habe sie selbst auch besser Französisch gelernt. «Es war oft schwierig, sich auf Französisch auszudrücken», sagt sie. «Man gibt sich Mühe, lernt immer mehr dazu, doch hat man manchmal das Gefühl, nicht ganz richtig verstanden zu werden.» Vor allem bei persönlichen oder sensiblen Themen hätten ihr oft buchstäblich die Worte gefehlt. Sie erinnert sich zum Beispiel noch gut daran, dass sie ihre Kinder aufklären wollte und sich vorher selbst erst die entsprechenden Wörter beibringen musste.
Freude an der Sprache
Erst später, als sie den beruflichen Wiedereinstieg suchte, hat Therese Egger einen Französischkurs besucht. Wieder zum «deutschsprachigen Mensch» wurde sie nach der Trennung von ihrem Mann. Sie hat sich für eine zweisprachige Stelle an der Universität Freiburg beworben. Trotz eines gemischtsprachigen Teams war Französisch die Umgangssprache. Das störte Therese Egger mittlerweile aber nicht mehr.
«Mit der Zeit habe ich Freude an der zweiten Sprache bekommen», sagt sie. Heute besteht ihr Freundes- und Bekanntenkreis jeweils etwa zur Hälfte aus Leuten beider Sprachgruppen. Obwohl Deutsch immer ihre erste Sprache sein werde, ertappe sie sich selbst, dass sie eine Unterhaltung oft automatisch auf Französisch anfange, etwa im Restaurant oder in einem Laden. Sie liest Bücher in beiden Sprachen und wählt einen Film im Kino oder im Fernsehen nicht nach der Sprache. «Ich träume sogar manchmal in Französisch.»
Pragmatisch handhaben
Zweisprachig zu sein, habe viele Vorteile und öffne beruflich und privat Türen. «Ich möchte es auf keinen Fall missen.» Für ihre Wohngemeinde Freiburg wünscht sie sich manchmal mehr Ausgeglichenheit, ohne aber eine durchgängige Zweisprachigkeit zu verlangen. «In den Verwaltungsstellen sollten die Leute beider Sprachen gleich gut behandelt werden, sowohl was Auskünfte wie auch Unterlagen betrifft.» Ein Minimum sollte ihrer Meinung nach selbstverständlich sein. «Das gilt auch für Bankschalter oder das Verkaufspersonal in den Läden», sagt sie.
«Ich bin aber dagegen, dass jede einzelne Strasse in der Stadt Freiburg auf Deutsch angeschrieben wird. Das kostet einfach zu viel Geld.» Ausserdem bringe es wenig, auf einen kaum bekannten deutschen Namen zu pochen, wenn doch die Mehrheit auch umgangssprachlich vor allem den französischen verwenden würde.
Eine zweite Chance
Noch heute bedauert Therese Egger, dass ihre Kinder nicht zweisprachig aufgewachsen sind. «Das war damals einfach kein Thema.» Die Tochter habe später den Bezug zum Deutsch gefunden und spreche die Partnersprache recht gut. Der Sohn hingegen spricht mit ihr auch heute ausschliesslich Französisch. «Ich mache es mit meinen Enkeln besser», sagt Therese Egger. «Der Vierjährige ist bilingue», sagt die stolze Grossmutter. Die heute 65-Jährige lebt in einer neuen Partnerschaft – mit einem deutschsprachigen Mann – und hat sich extra früher pensionieren lassen, um ihr zweites Grosskind mehr geniessen zu können; das erste Grosskind ist bereits 20-jährig. «Ich habe eine zweite Chance bekommen.»
Dossier Zweisprachigkeit: www.freiburger-nachrichten.ch.
Therese Egger vor der Bernbrücke im Freiburger Au-Quartier.Bild Charles Ellena
Deutsch– Welsch: Auch Mentalität ist ganz anders
Für Therese Egger hören die Unterschiede zwischen Deutsch und Welsch längst nicht bei der Sprache auf. «Die Mentalität ist ganz anders», erklärt sie. Sie empfindet die Deutschsprachigen als anpassungsfähigere Menschen. «Sie sind meistens toleranter und weniger gleichgültig.» Die Welschen machten sich weniger einen Kopf über alles. «Sie nehmen alles ein bisschen legerer, und ihnen ist es auch eher egal, was andere über sie denken.» Der welsche Freiburger nehme sich mehr Freiheiten heraus und beharre öfter auf seinen Rechten, während der Deutschsprachige eine Situation eher als gegeben akzeptiere. «Wenn sich in einer Gruppe von sechs Personen ein Französischsprechender befindet, wird oft automatisch dessen Sprache gesprochen», erklärt Therese Egger.
Im Alltag komme es sehr oft vor, dass man gleichzeitig beide Sprachen verwende, dass etwa in einer deutschsprachigen Konversation automatisch französische Wörter benützt würden, sagt sie. «Jenes Wort, das einem zuerst einfällt, wird verwendet.» Nicht zu verwechseln sei diese Angewohnheit mit dem «Bolz» in der Unterstadt, erklärt Therese Egger.im