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Der Ruf nach einer Landwirtschaftlichen Schule reicht auf die Zeit kurz nach der Gründung des Polytechnikums zurück. Nach längeren Verhandlungen beschlossen Bundesrat und Parlament 1869, das Vorhaben in die Tat umzusetzen. Zwei Jahre später konnten die ersten fünf Studenten das landwirtschaftliche Studium aufnehmen.
In der Mitte des 19. Jahrhunderts stieg der Druck auf die Landwirtschaft. Der Selbstversorgungsgrad der Schweiz war rückläufig, obwohl rund 50 % der Bevölkerung direkt oder indirekt in der Landwirtschaft tätig waren. Ebenso spielte die fortschreitende Industrialisierung eine Rolle. Die einheimische Produktion nahm ab, während immer mehr günstigeres Getreide importiert wurde.
Den Gründern der Landwirtschaftlichen Schule war bewusst, dass der Fortschritt in der Landwirtschaft eng mit der politischen und wirtschaftlichen Zukunft der Schweiz zusammenhing. So forderten sie für die Landwirtschaft die besten Bedingungen, damit diese gesichert, gefördert und weiter entwickelt werden konnte.
Gute Zeiten für die Wissenschaft
Neben der industriellen Revolution machten auch die Wissenschaften grosse Fortschritte. Aufbauend auf den Erkenntnissen des vorherigen Jahrhunderts gliederten sich die einzelnen Wissenschaftsgebiete immer weiter auf und professionalisierten sich. Auch die Veränderungen der Gesellschaft regten dazu an, Beobachtungen und Erfahrungen systematisch zu untersuchen.
Während im Ausland, besonders in Deutschland, die Agronomie einen festen Platz in der Wissenschaft einnahm, hatte die Schweiz noch etwas Nachholbedarf. Der Schwerpunkt der landwirtschaftlichen Bildung lag damals noch vor allem in der Vermittlung und im Katalogisieren von empirischen Werten.
Mit dem neuen Bildungsgang am Polytechnikum setzte man bewusst auf ein breiteres Verständnis des «Systems Landwirtschaft». Aufgrund der damaligen wirtschaftlich-politischen Situation sollten die Wechselwirkungen zwischen Landwirtschaft und betrieblicher Effizienz genauer studiert und verstanden werden. Das erklärte Ziel war «die Aufklärung angehender Landwirte über die Zusammenhänge der landwirtschaftlichen Produktion» und «das Erlangen der Kenntnisse über die Bedeutung der Landwirtschaft im öffentlichen Leben», heisst es in einem Bericht über die Gründung.
Zähe Verhandlungen
Die Abgeordneten-Versammlung des Schweizerischen landwirtschaftlichen Vereins wandte sich 1864 mit dem Gesuch an die Bundesbehörden, die forstliche Abteilung des Polytechnikums zu einer land- und forstwirtschaftlichen zu erweitern. Dafür sollten zwei Professoren und ein Assistent eingesetzt, sowie eine agrikulturchemische Versuchsstation geschaffen werden. Es folgten jahrelange Diskussionen. Eine durch den Bundesrat eingesetzte Spezialkommission empfahl schliesslich, dass eine landwirtschaftliche Abteilung gut ans Polytechnikum passen würde. Dort waren zudem die finanziellen Mittel und die nötige Infrastruktur vorhanden.
Eine Nachbesserung gab es allerdings: Die Spezialkommission war der Ansicht, dass für den Unterricht der Agrikulturchemie ein Assistent nicht ausreiche und stattdessen eine dritte Professur nötig sei. So kam Ernst Schulze als Ordinarius für Agrikulturchemie und landwirtschaftliche Technologie mit leichter Verspätung, nämlich ein Jahr nach der Schaffung der neuen Disziplin, ebenfalls ans Polytechnikum.
Endlich war es dann soweit. Der Bundesrat überwies im November 1869 eine Botschaft ans Parlament, die noch vor Weihnachten desselben Jahres das «Bundesgesez betreffend Erweiterung der Forstschule des eidgenössischen Polytechnikums zu einer land- und forstwirthschaftlichen Schule» beschloss.
12 % des Budgets für drei Professoren
Die ersten drei Professoren für die neue Studienrichtung – Adolf Kraemer, Anton Nowacki und Ernst Schulze – deckten die Bereiche Betriebslehre und Tierproduktion, Pflanzenproduktion und Ackerbau sowie Agrikulturchemie und landwirtschaftliche Technologie ab. 1871 nahmen die ersten fünf Studenten das Studium auf – es waren fünf Männer. Die ersten vier Studenten, die ihr Studium erfolgreich abschlossen waren Joseph Frey aus dem Kanton Aargau, Tommaso Galanti und Pietro Masetti aus Italien sowie Gilbrecht von Löw aus Hessen. Interessanterweise waren auch alle drei Professoren Ausländer. Diese Tatsache wertete der damalige ETH-Präsident Jakob Nüesch in seiner Rede zum 125. Jubiläum der Agrarwissenschaften als Indiz, dass die Agrarwissenschaften nicht so konservativ seien wie ihr Ruf. Die Landwirtschaftliche Schule erhielt 12 % der damaligen Budgetmittel des Polytechnikums zugesprochen. Gleichzeitig wurde dessen Jahreskredit um 35'000 Franken auf 285'000 Franken erhöht.
1875 wurde der vorerst nur zwei Jahre umfassende Studienplan durch ein fünfsemestriges, 1912 (gemäss anderen Quellen bereits 1905) durch ein sechssemestriges, Programm ersetzt. Der Unterrichtsstoff entwickelte sich rasch. Ebenso nahmen in den folgenden Jahren die Studierendenzahlen zu. Waren zwischen 1871 und 1875 nur 37 Personen für das Studium eingeschrieben, so waren es zwischen 1916 und 1920 bereits 242. Ab 1908 konnte auch die Doktorwürde erworben werden.