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Berühmt wurde der Engadiner «Sonnendoktor» vor allem durch seine Heliotherapie. Weniger bekannt ist, dass Oscar Bernhard, von den Einheimischen liebevoll «Il Bernard» genannt, auch der «Vater der Bergrettung» ist.
Mitte des 19. Jahrhunderts verdrängten Bergsteigerlust und Forscherdrang die Angst vor der Alpenwelt. An die Seite des klassischen Kurtourismus gesellte sich der Alpinismus. Der Bergsport, von Engländern initiiert, mutierte bald einmal zum Volkssport. Das führte zu Bergunfällen; doch das Rettungswesen im Hochgebirge steckte noch in den Kinderschuhen.
Wie so oft im Leben, war es ein praktisch veranlagter Genius, der für Abhilfe sorgte, nämlich der bekannte Oberengadiner Arzt Dr. Oscar Bernhard (1861–1939). Geboren wurde er in Samedan als Sohn eines Apothekers. Seine Jugendzeit war von der Natur und der Bergwelt geprägt. Mit 16 Jahren schoss er die erste Gams, zwei Jahre später machte er das Bergführerpatent.
Zu Beginn führte er in Samedan eine Gebirgspraxis mit Ableger im Bergsteigerdorf Pontresina. 1895 war «Il Bernard» Hauptinitiant bei der Gründung des ersten Spitals im Engadin, das in Samedan heute noch als höchstgelegenes Akutspital Europas existiert und dem er als «dirigierender Arzt» (Chefarzt) zwölf Jahre vorstand. Hier begründete er die Sonnenlichtbehandlung, mit der er dann später in seiner eigenen Klinik in St. Moritz zu Weltruf kommen sollte.
Als praktizierender Arzt und Chirurg, passionierter Hochgebirgsjäger und patentierter Bergführer sowie Präsident der Sektion Bernina des Schweizerischen Alpen-Clubs (1894–1904) sah Oscar Bernhard aber auch Handlungsbedarf bei der Bergrettung und setzte diese Erkenntnis gleich in die Tat um.
Weil es damals keine elektronischen Kommunikationsmittel gab, waren Vorträge und bildliche Darstellungen die angesagten didaktischen Vehikel. So organisierte Bernhard im Winter 1891 in Samedan im Schosse der Sektion Bernina des Schweizerischen Alpen-Clubs einen mehrtägigen Samariterkurs für Bergführer, Klubmitglieder und andere Interessierte über «Erste Hilfeleistungen bei Verletzungen und plötzlichen Krankheitserscheinungen im Gebirge».
Dazu fertigte er seine später berühmt gewordenen 55 Tafeln mit 173 Zeichnungen zu sieben Themen an: einfache, präzise und praxisnahe Anleitungen für den Samariterdienst im Gebirge, sowohl für die erste Hilfe bei Bergunfällen als auch für Transportarten in schwierigem Gelände. Die Ernsthaftigkeit des Anliegens widerspiegelt sich dabei – heute vielleicht etwas belächelt – in der oberkorrekten Kleidung der Retter, mit weissem Hemd, Gilet, Hut und Halsbinde …
Diese Lehrtafeln, von denen heute noch Originale im Kulturarchiv Oberengadin in Samedan und beim Schweizerischen Samariterbund in Olten vorhanden sind, machten Furore: Sie erhielten an der Gewerbeschule in Zürich ein Diplom erster Klasse sowie eine Goldmedaille, ein Jahr später an der Hygieneausstellung in München die höchste Auszeichnung und ebenfalls eine Goldmedaille. Selbst der Oberfeldarzt der Schweizer Armee, damals noch standesgemäss blaue Uniform tragend, bezeichnete sie militärisch-nüchtern als «sehr schön und verdienstlich».
Solch grosse Resonanz veranlasste Oscar Bernhard, 1896 einen Leitfaden in Wort und Bild herauszugeben unter dem Titel «Samariterdienst, mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse im Hochgebirge». Das «Allgemeine Fremdenblatt, St. Moritz» schrieb dazu in der Ausgabe vom 15. Juli: «Das Samariterbüchlein, man kann es bequem in der Tasche mit sich tragen, ist jedermann, vor allem aber den eigentlichen Bergmännern, Touristen und Führern, lebhaft zu empfehlen.»
Dieser erste ärztliche Almanach für Bergführer und Alpinisten hatte – ähnlich wie kurz darauf der Bestseller «Chrut und Uchrut» von Kräuterpfarrer Johann Künzle – solch durchschlagenden Erfolg, dass sich der Schweizer Alpen-Club, der Deutsch-Österreichische Alpenverein, der Samariterverein und das Rote Kreuz veranlasst sahen, die Herausgabe einer Neuauflage zu pushen. Und dies just in der Zeit, da Bergsteigen zum Sport mutierte und sich – wie Bernhard selber formulierte – «jetzt jährlich Hunderttausende ins Alpengebiet ergiessen, um die schöne Natur zu geniessen».
Dieses neue Taschenbuch für Bergführer und Touristen unter dem Titel «Die erste Hilfe bei Unglücksfällen im Hochgebirge» erschien 1913 bereits in fünfter Auflage und war ins Italienische, Französische und Englische übersetzt worden. Hier wurde, wie Bernhard im Vorwort schreibt, zudem «auch dem Alpinismus im Winter, der sich seit der Einführung des Skifahrens so sehr entwickelt hat, Rechnung getragen». Oscar Bernhard war somit ein eigentlicher Pionier der Unfallmedizin im Sport.
Bezüglich der Transportarten im Hochgebirge schreibt Bernhard: «Das sehr zerschnittene Terrain mit seinen reissenden Wasserläufen, wilden Tobeln, tiefen Schluchten, dichten, meist weglosen Waldungen, abschüssigen Halden, Felsgebirgen und Einöden von Eis und Schnee, erschwert den Transport sehr und bedingt eigenartige Transportarten und eigenartiges Transportmaterial.»
Und er fährt fort: «Im Gebirge verwendet man zum Transport hauptsächlich Packsättel für die Saumtiere, Schleifen und Schlitten zum Ziehen durch Menschen oder Tiere, dann Tragstühle vom Typus des Reffes oder der Gebirgskraxe der nördlichen und des Tragkorbes (Gerlo) der südlichen Alpen, die von einem einzelnen Mann getragen werden. Gerade der Alpenbewohner hat sich an diese Tragart sehr gewöhnt, und ein kräftiger Mann kann damit stundenlang einen Verwundeten oder Maroden transportieren. Besser sind allerdings mehrere Träger, die sich ablösen können.»
Bernhards Anweisungen sind immer präzis und praxisbezogen. Im Schlusswort seiner Erste-Hilfe-Anleitung kommt seine ruhige und überlegene Art klar zum Ausdruck: «Stehen Sie einem plötzlichen, schweren Unglücksfalle gegenüber, so handeln Sie ruhig, besonnen und zielbewusst! Sind Sie das eine oder andere Mal sich nicht ganz klar und wissen Sie nicht sicher, wie Sie handeln sollen, tun Sie lieber zu wenig als zu viel, und dann vielleicht Verkehrtes! Eine Unterlassungssünde wird immer und auch mit Recht eher verziehen, als ein sinnloses Vorgehen, wobei jemand durch falsche Behandlung geschädigt wird.»
Und er noch deutlicher: «Wie im Leben überhaupt, so auch namentlich, wenn es sich um medizinische Hilfeleistungen handelt, sind die borniert Gescheiten gefährlich, die Allwisser, von denen Billroth sagt, ihr Gehirn sei wie ein Bücherkasten beschaffen, aus welchem sie im gegebenen Falle nur ein falsches Buch aus einem falschen Fache zu nehmen brauchen, um grosses Unheil anzurichten! Solche Leute sind dazu angetan, das Samariterwesen in Misskredit zu bringen.»
Deshalb sein väterlicher Ratschlag, der auch heute noch Gültigkeit hat: «Also seien Sie bei medizinischen Hilfeleistungen stets sehr vorsichtig, eingedenk des Wahlspruches, den der Vater der Medizin, Hippokrates, aufgestellt hat: Vor allem nicht schaden! Haben Sie bei einem Unglück gescheit und richtig gehandelt, so krönt Sie der schönste Lohn, das Gefühl, Gutes getan zu haben.»
Der abschliessende Satz beinhaltet sozusagen seine Lebensphilosophie: «Schön ist es, einem leidenden Menschen seine Schmerzen zu stillen; herrlich, ihn vor Krankheit und Siechtum zu bewahren; das Höchste aber, was ein Menschenherz erleben kann, ist das Bewusstsein, einem Menschen das Leben gerettet zu haben.» So spricht ein Arzt und Menschenfreund, für den Beruf Berufung ist und der zudem aus eigener Erfahrung weiss, von was er spricht! •
«Il Bernard» als junger Praktiker. Er war Arzt (Begründer der Heliotherapie), Samariter (Initiant der Bergrettung), Naturforscher, Hochgebirgsjäger, Numismatiker und Kunstmäzen. (Bild Dr. Waldemar E. Bernhard)
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