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Das Märchen: Der alte Grossvater und sein Enkel
Es war einmal ein alter Mann, der konnte kaum gehen, seine Knie zitterten, er hörte und sah nicht viel und hatte auch keine Zähne mehr. Wenn er nun bei Tisch sass und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floss ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen musste sich der alte Grossvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen, und noch dazu wurde er nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch, und die Augen wurden ihm nass.
Einmal konnten seine zitterigen Hände das Schüsselchen nicht fest halten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt ihn, er aber sagte nichts und seufzte nur. Da kauften sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus musste er nun essen: Wie sie nun da so sassen, so trug der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. «Was machst du da?» fragte der Vater. «Ei», antwortete das Kind, «ich mach ein Tröglein, daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich gross bin.» Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an, fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Grossvater an den Tisch, und ließen ihn von nun an immer mit essen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.
Ein befreiendes Ende
Karin: Jedes Land hat seine Märchen. Meistens wird darin moralisiert, Tugenden werden gelobt, Bosheiten kritisiert. Dieses Märchen gibt über Krankheit und Alter Aufschluss; und es beschreibt eine Beziehung zwischen Alt und Jung.
Dass der alte, kranke Grossvater nicht länger am Tisch der Familie geduldet wird, berührt den kleinen Enkel. Er sagt zwar nichts dazu. Aber er handelt. Auf seine ganz eigene Art. Er schnitzt ein Tröglein und äussert sich so zur Situation. Und die ganze Tragik der Situation wird für die LeserInnen offensichtlich. Das Kind bringt seine Eltern zum Nachdenken. Und so kommt es zu einem versöhnlichen Ende. Ein Ende, das aus meiner Sicht befreiend ist. Nun: Was machen wir heute mit diesem Märchen? Wollen wir uns auch davon inspirieren lassen?
Niemanden alleine lassen
Vincent: Märchen. Sie ziehen uns in eine andere Welt voller Magie, Liebe und Intrigen. Doch was wäre ein Märchen ohne eine Moral, die auch mal hart ausfällt.
Mich berührt das Märchen. Besonders die Szene, als der Junge ein Gestell aus Brettern baut. Was ist nun die Moral des Märchens? Man sollte nie jemanden nach seiner Krankheit beurteilen, geschweige denn bestrafen. Denn: Es kann einem auch selber irgendwann so ergehen. Oder noch kürzer gesagt: Tue nie jemandem etwas an, was du selbst nicht magst. Doch nun? Werden kranke Leute in unserer Gesellschaft integriert? Ich würde sagen Nein. Doch wie können wir das ändern? Die Gesellschaft muss Krankheiten akzeptieren. Niemand sollte allein gelassen werden!