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Aus der Basler Bibliografie. Das späte 19. und beginnende 20. Jahrhundert gelten als äusserst produktive Phasen für das universitäre Fach „Kunstgeschichte“. Es galt, die Disziplin an den Universitäten zu positionieren und gleichzeitig von seinem Nischendasein zu befreien. Kontroverse Denker führten für dieses Ziel wilde und leidenschaftliche Debatten. Dank zahlreicher Publikationen und Forschungen wird schliesslich die Emanzipierung der Kunstwissenschaft reüssiert. Jacob Burckhardts Analysen von ganzen Kulturlandschaften, Aby Warburgs Theorie der Pathosformel sowie Adolph Goldschmidts Studien zum Mittelalter und der Buchmalerei sind dabei nur einige wenige prägende Wegmarken während dieses Findungsprozesses. Ein aktuell eher stiefmütterlich behandelter Fixpunkt in den jungen Jahren der Kunstwissenschaften ist die Arbeit Heinrich Wölfflins. Zu Unrecht, da seine Vorstellungen von Bildform und -struktur im 21. Jahrhundert von elementarer Bedeutung sind.
Geboren wurde Heinrich Wölfflin 1864 in Winterthur, als Sohn des berühmten Basler Philologen Eduard Wölfflin. Wie sein Vater begann Heinrich an der Universität Basel zu studieren, weitere Stationen führten ihn nach München und Berlin. Heinrich war allerdings weniger an der klassischen Philologie interessiert, vielmehr hörte er Vorlesungen in Geschichte, Philosophie, Literatur- und natürlich in Kunstgeschichte. Ganz im Zeichen der Zeit steht seine Promotionsschrift zur Psychologie in der Architektur, die er bereits 1886 einreichte. Es folgte 1888 die Habilitation über den Stilbegriff des Barock. Noch nicht Dreissig geworden beerbte Wölfflin 1893 den international renommierten Lehrstuhl Jacob Burckhardts an der Universität Basel und nur acht Jahre später wurde er nach Berlin berufen. Der Bruch mit seinem Berliner Vorgänger, Prof. Herman Grimm, hätte auch nicht grösser sein können! Wölfflin negierte diejenige Kunstgeschichte, die sich an den grossen Namen abarbeitete und sich in einem geschlossenen Referenzsystem von Geschichte und Literatur verstand. Im Zentrum einer adäquaten Kunstgeschichte standen für Wölfflin vielmehr die Formen und Linien als Ausgangs- und Endpunkt der Kunstbetrachtung. Der Wölfflin-Schüler August Grisebach schrieb:
„Er [Wölfflin] hat uns Kunst auf neue Art sehen gelehrt. Das rührt daher, dass er bei der Betrachtung eines Werkes von der Form ausgeht, von dem, was sich dem Auge darstellt. Das klingt wie etwas sehr Simples und Selbstverständliches. Aber schlagen Sie eine Seite bei Springer, Grimm oder Carl Justi auf: Sie werden nicht so sehr von der formalen Gestalt etwas hören als vom Stofflichen, vom Inhalt.“(hier zitiert nach Bredekamp, Horst, u.a., Die institutionalisierte Kunstgeschichte 1873 – 1945, in: Geschichte der Universität Unter den Linden 1810 – 2010. Praxis ihrer Disziplinen. Band 5: Transformation der Wissensordnung, Berlin 2010, S. 445.)
Wölfflins Theorie der Form machte Berlin zu einem Hotspot der Kunstgeschichte, wo man ihn Besuchte und studierten wollte, darunter auch Aby Warburg. Wölfflins opus magnum, „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe“, gilt als eine der wichtigsten kunsthistorischen Publikationen des 20. Jahrhunderts.
Nachlass, Edition und Bedeutung
Nach Wölfflins Tod 1945 werden seine Konzepte immer weniger rezipiert. Seine Kunstgeschichte und deren Zuspitzung auf formale Mathematik wurden als abgeschlossen angesehen und daher kaum weiterverfolgt. Aktuell sind sie allemal! Und darin liegt auch die Relevanz und Wichtigkeit, dass die Texte Wölfflins aktuell in einem Forschungsprojekt an der Universität Zürich neu editiert werden. Denn die digitale Bilderkennung sowie die Bildrecherche im Netz und in wissenschaftlichen Bilddatenbanken funktionieren über Formen und Strukturen, die Wölfflin vor über 80 Jahren beschrieben hat! So kann es auch nicht erstaunen, dass aktuell der erste Band der Wölfflin-Edition erschienen ist; weitere werden folgen. Und was hat das mit der UB Basel zu tun? Der schriftliche Nachlass Wölfflins befindet sich in den Magazinen der UB Basel, weshalb sich im hiesigen Sonderlesesaal zahlreiche WissenschaftlerInnen einfinden, um die Edition voranzutreiben. Wölfflins Bibliothek und seine Bildersammlung wurden hingegen der Universität Zürich vermacht.
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