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der volle Gleichklang von Silben und Wörtern bei verschiedenen Anfangsbuchstaben, tritt in der modernen Poesie
gewöhnlich am Ende der Verse auf und bildet so
gewissermaßen den musikalischen Schlußstein des Rhythmus. Man teilt die Reime
in Bezug auf die Silbenzahl in männliche oder stumpfe (einsilbige), z. B.
Baum, Saum; weibliche (zweisilbige), z. B. Waffen,
[* 3] schaffen; gleitende (dreisilbige, aus Daktylen bestehend), z. B. wonnige,
sonnige, und klingende (viersilbige), z. B. unermessen, unvergessen, wozu noch der sogen.
schwebende Reim (zweisilbig, aus Spondeen bestehend), z. B. ehrlos, wehrlos, kommt.
Eins der wesentlichen Erfordernisse gereimter Dichtung ist die Reinheit des Reims,
[* 4] welche durch die möglichst
vollkommene Gleichartigkeit der Vokale und Konsonanten bedingt ist. Namentlich bei den weiblichen und gleitenden Reimen müssen
die Konsonanten vollkommen übereinstimmend sein (»schlafen« z. B.
reimt sich nicht auf »schaffen«); der männliche Reim gestattet
zwar eher eine Lizenz, doch klingt dem feinern Ohr
[* 5] schon »Bad«
[* 6] und »Rat« fehlerhaft. Auch die Quantität der
Vokale muß überall in beiden Reimwörtern gleich sein (»Ruhm« reimt sich z. B. nicht aus »stumm«).
Gleichklingende Vokale und Diphthonge sind jedoch gestattet, z. B. »Hände« und »Ende«, während »Höhlen« und »fehlen« ein fehlerhafter
ist. Werden gleiche Wörter oder Silben aufeinander gereimt (z. B. Liebe und Liebe), so entsteht der sogen.
identische Reim, der aber für fehlerhaft gilt. Er wird ein reicher Reim genannt, wenn ihm (also den gleichen
Wörtern) ein wirklicher Reim unmittelbar vorangeht oder folgt, z. B.:
Über den Kehrreim s. Refrain. - Der Reim entstand in der Poesie wie von selbst aus einem fast instinktartigen Bestreben, den
innern Trieb nach Begrenzung auch äußerlich und zwar zunächst für das Ohr darzustellen, wie man denn
schon bei Kindern die Neigung findet, gleichklingende Wörter miteinander zu verbinden. Er findet sich bereits bei den alten
Indern, vereinzelt bei Griechen und Römern und bot den romanischen Völkern im Anfang des Mittelalters gewissermaßen einen
Ersatz für das immer mehr absterbende Gefühl der sprachlichen Quantität.
Die römische Geistlichkeit pflegte ihn als ein auf christlichem Boden erwachsenes Element im Gegensatz zu der reimlosen Poesie
des Altertums und verschaffte ihm in allen christlichen Litteraturen Eingang. So findet er sich bei den Angelsachsen schon im 6. Jahrh.,
in der Edda der nordischen Germanen im 8. Jahrh. und in Deutschland
[* 12] zuerst in Otfrids »Krist« (868), wo er
seitdem den altheidnischen Stabreim oder die Allitteration verdrängte. Überall aber erscheint der Reim zuerst als unmittelbar
gebunden (rimes plates) und als stumpfer oder männlicher, und erst mit der Ausbildung der Kunstpoesie wurden auch die weiblichen
und gleitenden Reime sowie die verschiedenen Gattungen der verschränkten Reime (rimes croisées) eingeführt.
Durch die höfische Kunstlyrik, namentlich durch die der Troubadoure, und später die deutschen Meistersänger kamen neben
den einreimigen Tiraden und den Reimpaaren der Volkslieder die künstlich verschlungenen, genau gebundenen Reimsysteme in die
Poesie, und je mehr die Poesie selbst in Verfall kam, um so größern Wert legte man auf die gesucht schweren
Reime; es entstanden die Binnen- und Mittelreime (versus leonini), die reichen Reime etc. und die Reimspiele. Zur
Erleichterung des Aufsuchens von Reimen entstanden Reimlexika, Zusammenstellungen aller in einem Sprachschatz enthaltenen
Reimendungen, von denen wir, von ältern Versuchen absehend, nur das »Allgemeine deutsche Reimlexikon«
von PeregrinusSyntax (Ferd. Hempel, Leipz. 1826, 2 Bde.)
anführen.