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Elena Tikhonova und Dominik Spritzendorfer haben sich in ihrem Film «Elektro Moskva» auf die Suche nach den Ursprüngen der sowjetischen und postsowjetischen elektronischen Musik seit den 1910er Jahren gemacht.
Am Anfang von «Elektro Moskva» flimmern braun getönte Bilder aus den Frühzeiten des Films über die Leinwand: Bilder der Oktoberrevolution 1917, Massenszenen, Lenin spricht ohne Ton. «Once upon a time in Russia, a revolution happened …», verkündet eine sonore englische Stimme mit russischem Akzent aus dem Off. Sie erzählt mit leicht ironischem Ton vom Gespenst des Kommunismus, das umgehe, und zitiert Lenin, der um 1920 den Kommunismus als «Sowjetmacht plus Elektrifizierung des ganzen Landes» ankündete. Elektrische Energie sollte den Fortschritt in die Industrie, die Landwirtschaft und über die Stromleitung in die entlegensten Gegenden und Haushalte bringen und so zu paradiesischen Zuständen führen.
Der Sprung in die Gegenwart
Zwei schon etwas angejahrte Männer sichten im kosmischen Chaos eines Hinterzimmers, das gleichzeitig der Kontrollraum eines improvisierten Aufnahmestudios ist, verschiedene elektronische Geräte. Die meisten sind ausgeweidet und unbrauchbar, sie dienten als Ersatzteillieferanten für defekte Geräte. Bald sitzen die beiden im Studio, Wasser und Wässerchen vor sich, Gurken im Glas, und singen zu Akkordeon und Trommel eine russische Volksweise. Sie reden über den Unterschied zwischen sowjetischen und ausländischen Synthesizern: «Die westlichen haben Qualität» – und die einheimischen sind immer für eine Überraschung gut.
Elena Tikhonova und Dominik Spritzendorfer haben für «Elektro Moskva» in den Moskauer Filmarchiven, deren Material erst zu einem kleinen Teil digitalisiert ist, nach Spuren der elektronischen Musik gesucht. Sie haben sich mit Tüftlern, Ingenieuren und Bastlern unterhalten, die sich aus Leidenschaft oder beruflich mit elektronischen Instrumenten beschäftigen. Und sie sind mit ihnen übers Land gefahren, um in abgelegenen Orten nach funktionstüchtigen Synthesizern zu suchen – gefunden haben sie vor allem viel Schrott.
Zurück in die Vergangenheit
Bald wird der Zusammenhang zwischen militärischer Forschung und elektronischen Instrumenten klar: Für die Musik bleiben im besten Fall die fehlerhaften und aussortierten Komponenten übrig. Sie sind schwierig und nur über Schleichwege zu beschaffen, zu kaufen gibt es sie nicht. Die Instrumente sind unzuverlässig, taugen vor allem, um Geräusche aus einem imaginierten Weltraum zu reproduzieren. Kontrolllampen flackern, es fiept und piepst, wabert und grummelt, kracht und donnert. Bis in die sechziger Jahre waren es tonnenschwere Ungetüme, die solche Sounds von sich gaben, also nicht für die Bühne zu gebrauchen. Der Zugang blieb einem verschworenen Kreis vorbehalten.
In den Zeiten des Kalten Kriegs – dem wir uns jetzt womöglich wieder nähern – waren die Räume füllenden elektronischen Schaltzentralen der Staatsmacht vorbehalten. Sie dienten der wissenschaftlichen Entwicklung von Waffen und der Kontrolle der ins All geschossenen Sputniks. Diese flogen auf ihrem Wettlauf mit den USA zuerst unbemannt, später mit Hunden und Kosmonauten. Wer erinnert sich noch an Laika und Juri Gagarin?
Über einen ihrer Informanten kommen Tikhonova und Spritzendorfer eher beiläufig an das letzte Interview, das der Physiker und Erfinder Leon Theremin 1993 kurz vor seinem Tod im selben Jahr gegeben hat, als ein zerbrechlicher kleiner Mann von 97 Jahren. Theremin, Namensgeber des ersten elektronischen Instruments, das berührungsfrei gespielt werden kann, erzählt in diesem Gespräch, wie er es 1919 aus dem Ausschuss der Produktion in den Nachtstunden entwickelt hat.
Sogar Lenin durfte Theremin sein Instrument vorstellen, doch der hörte die Musik nicht, vermutete aber sofort eine militärische Anwendung: Alarmanlagen und Abhöranlagen. Theremin war damals mit der Entwicklung von Fernsehübertragungen fürs Militär beschäftigt – allerhöchste Geheimhaltung! – und wurde für seinen Beitrag 1926 hoch dekoriert. Seine Erfindung kam in den Anfängen vor allem in der Grenzkontrolle zum Einsatz, das Volk musste noch einige Jahrzehnte auf den staatlich kontrollierten TV-Zugang warten.
Ein bisschen Zukunft
Heutige ElektronikpionierInnen in Russland tüfteln weiter an ihren schrägen Sounds, parallel dazu werden kommerziell Synthesizer entwickelt oder aus China eingeführt. Sie werden vor allem für sulzige Musik und esoterisch angehauchte Chill-out-Sounds verwendet. Die BastlerInnen hingegen schneiden billig aus Asien eingeführte sprechende Puppen und Tiere auf. Die Drähte der freigelegten elektronischen Komponenten löten sie neu zusammen und schaffen weiter an ihrem Universum des Unerwarteten.
Zum Schluss erklingt nochmals die sonore englische Stimme aus dem Off und interpretiert Lenins Prophezeiung aus den zwanziger Jahren neu: «Elektrifizierung minus Sowjetmacht ist gleichzusetzen mit zerstörten Märkten und Subsistenzlandwirtschaft.» Und sie fährt fort: «Hoffnung in Russland, die lebt in alle Ewigkeit.»
Ab 6. März 2014 in den Kinos.