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Die mittlerweile weltweit vorkommende Klauenerkrankung, wurde 1974 erstmals in Italien von den Herren Cheli und Mortellaro dokumentiert. Eine Studie der Nutztierklinik Univeristät Bern zeigte 2011, dass mehr als 73 Prozent aller Schweizer Milchviehherden von Dermatitis digitalis (DD) betroffen waren (Becker et al., 2014). Heute muss von weitaus höheren Zahlen ausgegangen werden.
Damit es zur Entstehung der typischen «Mortellaro»-Läsion kommt, braucht es kleine Wunden (Mikroläsionen) in der Haut des Klauenbereichs, vorwiegend in der Region des Ballens und des Zwischenklauenspaltes. Diese Wunden dienen den verantwortlichen Bakterien als Eintrittspforte. Es handelt sich dabei vorwiegend um Bakterien der Gattung Treponema, die unter anderem im Verdauungstrakt von Kühen zu finden sind. Die eingedrungenen Bakterien führen vornehmlich zu einer akuten, schmerzhaften Entzündung der Haut im Klauenbereich. Die Erreger haben die Fähigkeit, sich in tiefere Gewebeschichten zurückzuziehen. Dort können sie in Ruhestadien, sogenannten Zysten, überleben und reaktiviert werden, was das Wiederauftreten von Hautschäden erklärt. Da mehrere Faktoren für das Auftreten von Dermatitis digitalis nötig sind, spricht man von einer multifaktoriellen Erkrankung.
Übertragung
Ist die Erkrankung einmal im Bestand, ist es schwierig, die Verbreitung zu verhindern. Wo und wie die Bakterien genau überleben und die Übertragung erfolgt, ist noch unklar und momentan Gegenstand der Forschung. Bekannt ist aber, dass die Ansteckung auf mehreren Wegen möglich ist. Sowohl direkt über den Tierkontakt, aber auch indirekt und somit weniger offensichtlich, erfolgt die Übertragung via Mist oder Klauenmesser. Ein besonderes Augenmerk ist deshalb auf die Bereiche im Stall zu setzen, die von den Kühen regelmässig aufgesucht werden wie Tränke, Kraftfutterautomat usw. In diesen Bereichen muss besonders auf saubere und trockene Verhältnisse geachtet werden.
Einteilung und Verlauf
Um den Verlauf der Erkrankung verfolgen zu können, wurden sogenannte M-Stadien beschrieben (Döpfer et al., 1997).
- M0 (gesund)
- M1 akute Veränderung (Wunde < 2 cm),Ansteckungsrisiko
- M2 akute Veränderung (Wunde > 2 cm),Ansteckungsrisiko
- M3 Abheilungsstadium (mit Krustenbildung, Abtrocknen der Wunde)
- M4 Chronisches Stadium (halbmondförmige Verdickung, z. T.blumenkohlartig und mit langen Haaren), Bakterien sitzen in derTiefe des Gewebes
- M4.1 Chronische Stadium mit neuen, kleinen akuten Stellen,Ansteckungsrisiko
In welcher Reihenfolge und zeitlichen Abständen die Krankheitsstadien auftreten, ist von Tier zu Tier verschieden. Erfahrungsgemäss hat sich gezeigt, dass es in jedem Betrieb mit DD, ein paar wenige Kühe gibt, die nie betroffen sind. Während andere in kurzen Abständen immer wieder neue Veränderungen aufweisen. Weshalb das so ist, wird im Laufe des Textes noch diskutiert.
Stress im Zentrum
Typischerweise sind Kühe betroffen, die sich in Stresssituationen befinden. So beispielsweise Rinder, die vom Aufzuchtbetrieb zurückkehren und kurz vor der Abkalbung stehen. Die neue Herdensituation in Kombination mit der Trächtigkeit führen dazu, dass das Tier weniger frisst und sich weniger ausruht. Infolgedessen wird eine Stressreaktion im Körper des Tieres ausgelöst. Dieselbe Situation entsteht bei Kühen mit einer hohen Milchleistung oder einem tiefen Rang innerhalb der Herde. Langanhaltender Stress führt zu einer Schwächung des Abwehrsystems, wodurch sich das Risiko einer Infektion erhöht. Darüber hinaus muss davon ausgegangen werden, dass die erkrankten Kühe keine stabile Immunität ausbilden.
Erkennen von betroffenen Tieren
Erste Anzeichen, dass Kühe von DD betroffen sind, können Entlastung von Gliedmassen (Trippeln, Abstellen auf Klauenspitze), vermehrtes Liegen und eine leichte-mittelgradige Lahmheit sein. Es hat sich aber gezeigt, dass viele Kühe mit zum Teil grossen, akuten M2 Läsionen trotz deutlicher Schmerzempfindung nicht lahm gehen. Dadurch wird es schwieriger, erkrankte Kühe zu erkennen. Ein gezielter Blick zur Kontrolle der Klauen beim Melken oder beim Gang durch den Stall, ist deshalb besonders wertvoll und ratsam. Dabei sollte besonders auf die erwähnte Entlastung der Gliedmasse, blumenkohlartige Verdickungen, offene Stellen (z. T. blutige, runde Läsionen) oder den typisch käsig-süsslichen Geruch, der mit DD verbunden ist, geachtet werden. Mortellaro beschränkt sich aber längst nicht mehr nur auf die bekannte Lokalisation zwischen den Ballen der Hintergliedmassen. Die Veränderungen treten auch im Zwischenklauenspalt oftmals in Kombination mit Warzen, um die Afterklauen sowie vereinzelt an den Klauen der Vordergliedmassen auf. Nur durch eine genaue Untersuchung der sauberen Klauen bestenfalls im Klauenstand, ist eine Erkrankung zu erkennen bzw. auszuschliessen.
Diese Risikofaktoren beeinflussen das Auftreten von Mortellaro
Es wurden bereits mehrere Einflüsse beschrieben, die mit dem Auftreten von DD in Zusammenhang gebracht werden. Unter Risikofaktoren versteht man Umstände oder Gegebenheiten, die die Wahrscheinlichkeit zum Auftreten von bestimmten Erkrankungen erhöhen. Grundsätzlich gilt, dass eine gesunde und unverletzte Haut den besten Schutz bildet, um ein Eindringen der Bakterien zu verhindern. Anhaltende Feuchtigkeit, reizende Stoffe aus Kot und Urin aber auch eine Unterversorgung mit Mineralstoffen (v.a. Biotin und Zink) können diese natürliche Barriere schwächen. Die bekannten Risikofaktoren können in folgende Ebenen unterteilt werden.
Betriebsebene
Je nach Art und Management des Betriebs ergeben sich Einflüsse, die auf die Tiere und somit auf die Klauen einwirken. Bedingt durch bauliche Gegebenheiten kann es z. B. zur Pfützenbildung auf dem Boden, schlechter Reinigung, bedingt durch den Schieber oder einer ungenügenden Entmistungsfrequenz kommen. So entsteht eine Umgebung, die das Auftreten, aber auch die Verbreitung der krankmachenden Bakterien begünstigt. Aufgrund des Tierverkehrs, wie Zukauf, Alpung, Ausstellung gelangt die Krankheit in den Betrieb bzw. kann einen erneuten Krankheitsausbruch zur Folge haben. Bei der Klauenpflege sind sowohl die Frequenz, die Qualität (deutliche Hohlkehlung, Schonung des Ballenbereichs) als auch die Hygiene entscheidend. Die Verwendung von Hilfsmitteln wie Bürsten oder Klauenmesser ist aufgrund der Ansteckungsmöglichkeiten von Tier zu Tier zu vermeiden. Wir raten anstelle von Bürsten, die Klauen mit fliessendem Wasser zu reinigen. Das Klauenmesser kann mit einem Zitzenreinigungstuch grob gereinigt und anschliessend mit Betadine ® desinfiziert werden. Auch der Klauenstand sollte, insbesondere bei der überbetrieblichen Klauenpflege, regelmässig gereinigt werden. Ebenso spielt die Fütterung eine entscheidende Rolle. Durch eine an die Herde angepasste wiederkäuergerechte Fütterung können Probleme wie Rohfasermangel, Unterversorgung oder negative Bilanzen verhindert werden. Kommt es zum Beispiel infolge eines Stoffwechselproblems zu Durchfall, führt dies zu einer vermehrten Feuchtigkeit in der Tierumgebung und zusätzlich zu einer Belastung des Immunsystems der betroffenen Tiere.
Kuhebene
Es hat sich gezeigt, dass v. a. jüngere Tiere von DD betroffen sind (1. und 2. Laktation) und das Auftreten von akuten Stadien mit dem Alter abnimmt. Gründe dafür können eine hohe Milchleistung und die damit verbundene erhöhte Stoffwechselaktivität und Belastung des Immunsystems sein. Besonders gefährdet sind Kühe in der Phase der negativen Energiebilanz typischerweise nach dem Abkalben. Auch innerhalb der Rasse sind Unterschiede bekannt. Tiere der Rasse Holstein haben ein höheres Risiko an DD zu erkranken als Braunvieh, Simmentaler oder Normand.
Einzeltierebene
Die Klauenkonformation einer Kuh hat einen grossen Einfluss auf die Klauengesundheit einer Kuh. Im Zusammenhang mit DD spielt insbesondere die Ballenhöhe eine entscheidende Rolle. Durch einen hohen Ballensatz kann die gefährdete Region vor Verschmutzung geschützt werden und besser abtrocknen. Ein genetischer Einfluss zum Vorkommen von DD wird vermutet, konnte aber bisher in der Schweiz noch nicht nachgewiesen werden.
Konsequenzen
Eine aktive Entzündung bedeutet für das Tier grosse Schmerzen, Stress, ein verändertes Verhalten und führt zu einem eingeschränkten Tierwohl. Dadurch ergeben sich Konsequenzen, die mehr oder weniger offensichtlich sind. Die Kuh wird sich aufgrund der Schmerzen weniger bewegen und vermehrt liegen. Gerade in Laufställen, wo sich die Tiere aktiv zum Futter hinbewegen müssen, führt dies zu einer reduzierten Futteraufnahme. Längerfristig wird dadurch sowohl die Milchleistung (Energiedefizit) wie auch die Fruchtbarkeit (reduziertes Brunstverhalten) negativ beeinflusst. Es konnte gezeigt werden, das betroffene Kühe pro Tag durchschnittlich ein Kilogramm weniger Milch geben. Zudem entstehen Kosten für Klauenpfleger, Tierarzt und Material, sowie erhöhter Ar-beits- und Zeitaufwand durch die Betreuung lahmer oder erkrankter Kühe. All dies führt dazu, dass zum Teil massive Ertragseinbussen und Kosten entstehen.
Belastung
Eine oft unterschätzte, aber bedeutende Rolle spielt die psychische Belastung der Landwirte, bedingt durch die grosse Anzahl betroffener Kühe. Der Anblick lahmer Tiere, die Hautveränderungen beim Melken auf Augenhöhe und der typische Geruch in der Nase können zur Frustration und Resignation führen. Damit es gar nicht erst zu einer solchen Situation kommt, ist eine schnelle Erkennung von lahmen Kühen sowie eine gute Zusammenarbeit mit dem Bestandestierarzt unabdingbar. Ziel soll dabei sein, Massnahmen zu erarbeiten, welche die Klauenprobleme langfristig reduzieren.