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Um wenige Lebewesen ranken sich so viele sagenhafte Mythen wie um den Narwal. Sein wissenschaftlicher Name lautet Monodon monoceros, was übersetzt einzahniges Einhorn bedeutet. Schon seit vielen Jahrhunderten versuchen die Menschen herauszufinden, was es mit diesen fantastischen Wesen des Polarmeers auf sich hat.
Der charakteristische schraubenförmig gewundene Stab in ihrem Gesicht galt früher als Beweis für die Existenz von Einhörnern und wurde für das Vielfache seines Gewichtes in Gold gehandelt. Allen Objekten, die aus diesem Elfenbein gefertigt wurden, schrieb man magische Eigenschaften zu, wie den Schutz vor Giften und Krankheiten. Viele dieser Geschichten stammen aus Nordasien, hielten aber auch Einzug in den Islam und das Christentum. Geht man noch weiter zurück trifft man auf eine alte Sage der Inuit über den Erschaffungsgott Anguta und seine Tochter Sedna. Der Legende zufolge wurde Sedna von ihrem Vater während eines grauenvollen Sturms ins Meer geworfen, wo sie in die Unterwelt versank und zur Göttin der Tiefsee wurde. Fortan herrschte sie über die Unterwelt und das Volk der Menschen. Sie bestimmte sogar, welche und wie viele Tiere von einer Familie gejagt werden durften. Eines Tages suchte ein Narwal sie auf mit einer Harpune im Leib, an deren Ende eine Frau namens Atuqtuqarnaq hing. Sie war zur Strafe mit der Harpune ins Meer geschossen worden, da sie ihren blindgeborenen Sohn vernachlässigt und gequält hatte. Sedna befreite den Wal von der Harpune und verwandelte Atuqtuqarnaq. Fortan lebte diese als Göttin der Narwale im Polarmeer, unverkennbar an ihren langen Haaren, die sich einem Horn gleichend vor ihrem Gesicht formten. In wieder anderen Traditionen gilt der Narwal als Mutter des Sonnengottes und der Göttin des Mondes.
Heute wissen wir, dass es sich bei dem sagenumwobenen "Horn" eigentlich um den linken Eckzahn handelt, der bis zu drei Meter lang und zehn Kilogramm schwer werden kann! Seit einigen Jahren ist auch bekannt, dass Narwale damit nicht, wie zuvor angenommen, ihre Beute (Fische und Krebstiere) aufspiessen oder zum Luftholen Löcher in die Eisdecke stossen. Gelegentlich wird er zwar von den Männchen als Waffe eingesetzt, um die Hierarchie festzulegen und um Weibchen zu kämpfen. Der Hauptzweck ist aber ein anderer: Im Inneren des Zahns befinden sich mehrere Millionen hochsensible Nervenbahnen, welche Informationen über Wassertemperatur, Druck und Konzentration chemischer Substanzen erfassen. Auch den Salzgehalt des Wassers und das Vorhandensein möglicher Beute können damit erspürt werden. Diese Fähigkeiten sind für Narwale überlebenswichtig in den eiskalten Gewässern des Nordens.
Narwale bilden zusammen mit den Weisswalen die Familie der Gründelwale, die zu den Zahnwalen gehört. Sie kommen in allen Teilen des Arktischen Ozeans vor und ziehen weiter in den Norden als jedes andere Säugetier. Die Tiere leben in Familienverbänden von bis zu 20 Mitgliedern, können sich aber auf ihren saisonalen Wanderungen zu Gruppen von über 1 000 Tieren zusammenschliessen. Über ihre Lebensweise ist nach wie vor nicht viel bekannt.