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I. Die vier SchlüsselereignisseIn den über hundert Jahren seit seinem Tode (1855) ist das Leben Sören Kierkegaards immer kräftiger geworden. Er ist heute die Quelle vieler Ideen und Haltungen; aber er ist mit Worten wie existentialistisch oder neo-protestantisch nicht einzufangen.
Kierkegaard wurde 1813 in Kopenhagen geboren und starb schon früh mit zweiundvierzig Jahren. Er gehört zu jenen Denkern, deren Leben nicht abzutrennen ist von ihrem Werk. Es waren vor allem vier Ereignisse, welche er in seinen Büchern immer wieder ausphilosophierten.
Das erste war sein Verhältnis zum Vater, der in einem kleinen Dorf Westjütlands zur Welt kam. Eines Tages, auf der Heide, als er die Kühe hütete - einsam, frierend, hungrig - wurde der Knabe in einem hiobartigen Aufruhr rebellisch.
Er stieg auf einen Stein wie auf eine Kanzel und fluchte über Gott. Der Vater erwartete eine göttliche Bestrafung für seinen Nachwuchs. Das Gegenteil trat ein: Der Bursche blühte auf und war bereits in jungen Jahren ein wohlhabender Mann. Diesen Erfolg interpretierte der gottesfürchtige und schwermütige Mann folgendermassen: seine Sünde sei so gross gewesen, dass sie in diesem Leben nicht gesühnt werden konnte. Kierkegaard erbte von ihm das Geld und die Melancholie.
Das zweite Ereignis, das immer wieder Ausgangspunkt seiner Überlegungen wurde, war seine Verlobung mit Regine Olsen und die von ihm erzwungene Entlobung. Kierkegaard kam zu dem Resultat, dass ein Mann, der so verzweifelt war wie er, nicht das Recht habe, sich zu binden; besser: einen anderen an sich zu binden. Sein Problem war: die Verlobung zu lösen, ohne die Braut zu verletzen. Seine Taktik war: sich so schlecht zu benehmen, dass sie ihn für unwürdig hielt, ihr Mann zu werden.
Bild: Søren Kierkegaard, 1838. / Niels Christian Kierkegaard (PD)
Da erklärte der also Gepriesene in aller Öffentlichkeit: es wäre ihm lieber, angegriffen und kritisiert zu werden. Die Bitte wurde ihm erfüllt, weit über Erwarten. Man machte ihn in einer Serie von Karikaturen lächerlich.
Er sah schon in jungen Jahren verbraucht und mitgenommen aus, war verwachsen, hatte tiefliegende Augen und ein eckiges Gesicht. Besonders hatte man es mit seinen spindeldürren Beinen zu tun, die auch nicht gleich lang zu sein schienen. Kopenhagen war ein Nest. Kierkegaard war eine stadtbekannte Figur. Nun konnte er nicht mehr auf die Strasse gehen, ohne dass die Kinder "Herr Entweder-Oder" hinter ihm herriefen.
Dieser Trieb, sich zum Märtyrer zu machen, öffentlich zu bekennen, sich nicht zu drücken, kam am stärksten im letzten Jahr seines Lebens heraus. Vom 24. bis zum 31. Mai 1855 veröffentlichte er neun Flugblätter unter dem Titel "Der Augenblick".
Es war für ihn der Moment, um mit märtyrerhafter Rücksichtslosigkeit den Kampf gegen die dänische Staatskirche und gegen das Christentum zu eröffnen. Und dies zu der Zeit, in dem der verehrte Primas seines Landes, der Bischof Mynster, hochbetagt gestorben war.
Der Refrain der neun Pamphlete lautete: "Eine Million Dänen ernähren tausend Beamte des Christentums. Die Masse macht's." Es kommt nicht mehr darauf an, was für ein Christ man ist - nur dass es viele Christen gibt; er nannte sie "Titularchristen". Er schrieb nicht fein.
Unter dem Titel "Nimm ein Brechmittel" teilte er dem Leser mit, was er bewirken werde: "Du kommst mit dir darüber ins reine, dass das Ganze faul, ekelhaft ist." Und er endete: "Luther hatte 95 Thesen; ich hätte nur eine; das Christentum ist nicht vorhanden."
II. Das Misstrauen
Bild: Søren Kierkegaard von Olavius
Auch Kierkegaards philosophisches Denken bedeutet damit einen Einbruch in die deutsche idealistische Philosophie, und es steht geistesgeschichtlich am Beginn der modernen Existenzphilosophie.
Seine Auseinandersetzung mit der menschlichen Existenz und mit der Frage, diese Existenz richtig zu leben, hat Kierkegaard in seinem frühen Hauptwerk "Entweder-Oder" niedergeschrieben, in dem er die ästhetische und ethische Existenz des modernen Menschen reflektiert.
Das "Entweder", ist dabei die durchgelebte Existenz, dargestellt an der Figur des Verführers, der in vollem Bewusstsein seinen eigenen Genuss geniessen muss und sich dabei selbst bis zum Ekel, zum Scheitern und zur nackten Existenzangst führt.
Gegen dieses "Entweder", das als durchgeführtes Prinzip die Philosophie der Verzweiflung ist, setzt Kierkegaard nun ohne weitere Erläuterungen das ganz Andere, das "Oder".
Dieses "Oder" ist ein Ethos. Im Spannungsfeld von"Entweder", "Oder" und der absurden Forderung Gottes analysiert Kierkegaard nun die Existenz des Menschen und entwickelt, indem er sich auf die Figur des Abraham beruft, seine Philosophie der Angst.
Die Ethik begründet sich darin allein auf die Absurdität der Pflicht, die nur noch gesteigert und gehalten wird durch die noch grössere Absurdität Gottes, die gerade deshalb alles vom Menschen fordern kann.