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Den unerfahrenen Sängern sei Dank
Barbarinos Motettenbuch erlaubt seltene Einblicke in die Aufführungspraxis am Beginn des 17. Jahrhunderts.
Bartolomeo Barbarino, von dem keine genauen Lebensdaten bekannt sind, schuf am Übergang vom 16. zum 17. Jahrhundert geistliche und weltliche Vokalmusik. Mit der Neuausgabe seiner Motetten erscheint bei der Edition Walhall ein aussergewöhnliches Dokument von hohem musikgeschichtlichem Interesse.
Barbarino war sowohl als Sänger(er bezeichnete seine eigene Stimme als «heiser und dünn») als auch als Komponist tätig und war von den Neuerungen des Recitar cantando, Caccini folgend, sehr angetan.
1614 erscheint sein Secondo libro delli motetti da cantarsi a una voce sola o in soprano o in tenore in Venedig. In einem Widmungsbrief beklagt sich Barbarino über Sänger, die «keine Erfahrung im Anwenden der Passagien» hätten, und er bietet somit seine Monodien in zweifacher Ausführung an: einfach und verziert. Jede Motette im Secondo libro erscheint in zwei Versionen, vom Komponisten selbst genauestens ausgearbeitet. Diese editorische Besonderheit vermittelt uns konkret, wie eine Melodie verziert wurde. Eine weitere Besonderheit ist das völlige Fehlen jeglicher Bezifferung des Generalbasses.
Barbarino sucht mit seiner Musik stets eine expressive Textdeutung, die er mit Hilfe von Elementen der Figurenlehre, lombardischen Rhythmen und chromatischen Bewegungen auszudrücken sucht, um das Pathos besonderer Wörter wie Angst, Elend, Schmachten oder Süsse zu unterstreichen.
Ist die Sammlung ursprünglich für Sopran oder Tenor gedacht, können sich jedoch die Mezzosoprane und Baritone freuen: Die Monodien sind durchwegs mittellagig, ohne nennenswerte Spitzentöne und selbst in den Verzierungen für eine mittlere Stimme bequem zu singen. Man braucht allerdings, wenn man den verzierten Versionen folgen will, eine recht geläufige Gurgel. Die einfache und die verzierte Fassung sind direkt übereinandergedruckt, sodass man auch zwischen den beiden Versionen springen kann.
Bartolomeo Barbarino, Il secondo libro delli motetti, für Sopran (Mezzo) oder Tenor [c’–f’’] & B. c., in zwei Bänden hg. von Jolando Scarpa; Band 1, EW 891; Band 2, EW 894; je € 28.50, Edition Walhall, Magdeburg 2013