Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03508.jsonl.gz/135

Eine ältere Fotografie auf der ein älterer Herr zu sehen ist. Er sitzt am Schreibtisch, hat ein grosses Blatt vor sich, das er liest. Wahrscheinlich tut er eher so, als würde er lesen. Der Fotograf hat ihn wohl darum gebeten, zu lesen. So zu tun als ob. Die rechte Hand wirkt so, als würde der Mann einen Füller halten. Aber ein Schreibinstrument ist nicht zu sehen. Dunkelbrauner fein gestreifter Anzug, gewiss ein Krawattenträger. Brille, korrekt frisiert, er könnte am Tag, an dem diese Aufnahme entstanden ist, beim Frisör gewesen sein. Kein Schnappschuss. Keine anderen Papiere auf dem Schreibtisch. Nein, der Tisch ist kein Sekretär. Zwei Fotografien auf dem Schreibtisch, sie sind nicht gerahmt, zwei Männerporträts. Nehmen wir an, die beiden seien seine erwachsenen Söhne. Eine Blumenvase steht auf dem Tisch. Sind es Lampionblumen? Ich bin mir nicht sicher. Die Wandtapete weist Muster auf, es könnten Pflanzenmotive sein. Noch ein weiteres Möbelstück ist zu erkennen, ein Stuhl mit Armlehnen. Nehmen wir an, der Mann sei 65 Jahre alt. Auf der Rückseite der Fotografie ist noch mit Bleistift ein Datum eingetragen. 30.3.1938. Keine Angabe über den Fotografen, kein Hinweis auf den Namen des Herrn.
Wilhelm Genazino, deutscher Schriftsteller, der 2018 verstorben ist, war ein begnadeter Stadtflaneur. In seinen Romanen wimmelt es von Angestellten. Genazino war nicht nur ein Kunstkenner. Er liebte und sammelte ältere Fotografien. Es gibt mehrere Bände von ihm, in denen er Fotos beschreibt, die er auf Jahrmärkten, in Antiquariaten und an Messen gefunden hat. Ganazino hat aber auch Fotos gesammelt, die er am Strassenrand in einer Schachtel oder einem offenen Müllcontainer gefunden hat. Und weil er die Personen, auf den Bildern, die er für wenige Münzen gekauft oder gefunden hat, nicht kannte, fühlte er sich frei, den Bildern Geschichten anzuhängen. Vier Bände mit Bildgeschichten hat Genazino bei rowohlt veröffentlicht. «Auf der Kippe. Ein Album» heisst eines dieser Bände, das ich besitze.
Ich versuche, es Genazino gleich zu machen. Der Herr auf dem Bild ist Besitzer einer mittelgrossen Firma. Ich bestimme es so. Nehmen wir an, die Aufnahme sei in Deutschland gemacht worden. München? Dresden? Nein, ich wähle Augsburg. Der Herr Fabrikant ist Eigentümer einer Ledergerberei. Keiner der beiden Söhne möchte die Firma übernehmen. Ja, der Herr im Anzug ist verheiratet, auch wenn wir keinen Ehering ausmachen können. Er sieht nicht unzufrieden aus. Er ist ein guter Patron. Lassen wir ihn eine konservative Partei wählen. So sieht er doch aus, wohl weder Kommunist noch Sozialdemokrat. Ob er im Ersten Weltkrieg gedient hat? Doch, er hat. Und er ist Träger des Eisernen Kreuzes. Oder trage ich da schon zuviel auf? Noch ist er 1938 Besitzer seines Betriebs, aber nicht mehr lange. Denn seine Gerberei wird demnächst arisiert werden. Noch lebt er mit seiner Frau in einer herrschaftlichen Wohnung. Beethovenstrasse Nummer 10. In drei Jahren werden sie die Wohnung aufgeben müssen. Aber das weiss er zum Zeitpunkt des Fototermins noch nicht. Der Schreibtisch wird nicht mit in die zwangsweise zugewiesene Wohnung kommen, die das Ehepaar mit zwei anderen Ehepaaren wird teilen müssen. Die beiden Söhne, deren Fotografien auf dem Schreibtisch zu sehen sind, konnten Deutschland rechtzeitig verlassen. Der ältere ist nach Südfrankreich gezogen, der jüngere Sohn schaffte es in die USA. Der Mann auf dem Bild wird den Zweiten Weltkrieg nicht überleben. Auch seine Frau nicht. Seine Geschichte wird so traurig enden, dass wir nicht weiter in die Details seiner Zukunft eindringen wollen.
Ist diese Version zu trist? Wenn das Bild 1938 aufgenommen wurde, dann lebt der Mann nicht mehr. Ich kann ihn ein zweites Mal beschreiben, erfinden. Er wird nicht protestieren. Ich gehe auch davon aus, dass kein Verwandter von ihm das Bild, das ich hiuer veröffentliche, entdecken wird. Und bei einer so alten Fotografie verletze ich wohl keine Copyrightbestimmungen. Wer wäre dieser Mann dann? Er ist Buchhalter bei einem Textilhaus in Zürich. Die Beschreibung des Gesehen würde gleich bleiben. Alles weitere bestimme ich. Nach Ausbruch des Krieges würde er nicht mehr vom Militär aufgeboten werden. Er wird zu alt für den Militärdienst gewesen sein. Auch dieser Mann ist verheiratet. Weshalb fehlt die Fotografie der erwachsenen Tochter auf dem Schreibtisch? Hat sie einen politisch missliebigen Mann geheiratet? Oder steht das Bild der Tochter einfach auf der rechten Schreibtischfläche, die wir nicht sehen können? Ich lasse die Zukunft dieses Schweizers offen. Sie ist jedenfalls einfacher als diejenige der Augsburger Version. Schweizer Biografien jener Zeit haben es im Schnitt leichter. Der Krieg findet «draussen» statt. Geboren in Arbon, Lehre in St.Gallen bei einer Textilfirma, Umzug nach Zürich, verheiratet mit einer Frau aus Schaffhausen.Nennen wir ihn Julius und sie Anna. Oder ist Julius doch kein üblicher Schweizer Vorname? Gut, der Herr heisst jetzt Werner. Ich mache das Ganze jetzt etwas einfacher, bequemer auch. Das Ehepaar ist protestantisch, getraut in der Kirche Wolishofen, wohnhaft nicht in der Bauhaus-Siedlung Neubühl, nein, so modern sieht der Herr nicht aus. Als der Krieg vorbei war, erlebte die Firma, bei der angestellt war, eine Blüte. Die hat er noch erlebt. Und dann? Ich muss jetzt eine Pause machen, um mir die weitere Geschichte auszudenken. Ganzino hätte schon längst eine einleuchtende Geschichte zu dieser Fotografie geschrieben. Und er hätte jetzt keine Pause eingeschaltet.
Eingeworfen am 26.11.2020