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Probleme der Gletscherforschung
Mit 2 Bildtafeln ( 62, 63 ) undVon R. U. Winterhalter
S FigurenZürich ) Schon Sebastian Münster ( Cosmographie, 1544 ) und I. G. Altmann ( Versuch einer historischen und physischen Beschreibung der helvetischen Eisgebirge, 1853 ) beschäftigten sich mit dem Phänomen der Gletscherbewegung, aber erst seit Beginn der Alpenreisen setzten auf wissenschaftlicher Basis Versuche zu ihrer Erklärung ein. An die hundert Theorien wurden seither aufgestellt, ohne dass es auch nur einer gelungen wäre, restlos alle Erscheinungen, die am Gletscher vom Firnfeld bis zu seinem Zungenende beobachtet werden können, zu erklären. Die Probleme, welche die in erhabener Schönheit strahlenden Gletscher bieten, haben immer wieder Forscher angezogen. Die Beschäftigung mit ihnen, die Untersuchung des Gletschereises an Ort und Stelle, die notwendigen langandauernden Beobachtungen boten aber namhafte Schwierigkeiten, und nur so ist wohl erklärlich, dass oftmals eine an sich richtige, aber nur für ein beschränktes Phänomen gültige Beobachtung als Fundament einer Theorie der Gletscherbewegung herangezogen wurde. Eine grosse Zahl der Theorien kann heute als falsch verworfen werden, doch gibt es deren noch eine Anzahl, mit denen sich die weitere Forschung auseinandersetzen muss. Es kann dies nicht Aufgabe dieser kurzen Darstellung sein, jedoch soll anhand weniger Beispiele versucht werden, die sich der Gletscherforschung heute stellenden Probleme zu beleuchten.
Die heute bekannteste und verbreitetste Theorie der Gletscherbewegung ist die sogenannte Stromlinientheorie von Finsterwalder. Fussend auf mechanischen und geometrischen Überlegungen, ist es Finsterwalder gelungen, Die Alpen - 1944 - Les Alpes16 PROBLEME DER GLETSCHERFORSCHUNG sehr zahlreiche eigene und auch Beobachtungen anderer zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufügen und ein anschauliches Bild vom Bewegungsablauf eines Gletschers zu entwerfen. Zur Begründung seiner Theorie ging er aus von der stark vereinfachenden Annahme, dass das plastische Eis sich bei der Bewegung verhalte wie eine stetig und stationär fliessende zähe Flüssigkeit. Bei einer stationären Strömung ist die Geschwindigkeit unabhängig von der Zeit, sie ist also immer dieselbe. Stetig fliesst eine Strömung, wenn in ihr sich die Geschwindigkeiten benachbarter Punkte nach Grosse und Richtung nur unwesentlich voneinander unterscheiden, sich nicht sprunghaft ändern. Weiterhin wurde angenommen, dass sich benachbarte Teilchen stets benachbart bleiben, z.B. Teile in Wandnähe immer in Wandnähe bleiben. Während der Bewegung beschreibt jedes Teilchen des Gletschers im Laufe der Zeit eine Stromlinie. Jedem Teilchen aus dem Gebiet der Firnmulde, FIRNLINIE oberhalb der Firngrenze, lässt sich ein fIRN-ODER NÄHRGEBIET .STROMLINIEN entsprechendes Teilchen unterhalb der Firngrenze zuordnen. Wie aus Fig. 1 hervorgeht, bewegt sich z.B. das Teilchen A auf seiner Stromlinie im Laufe der Zeit abwärts und gerät bei a wieder an die Oberfläche. Dasselbe geschieht mit den Teilchen B und C.
Für die Stromlinientheorie charak- Fig. 1. Theorie der Gletscherbewegung nach Finsterwalder teristisch ist die Reihenfolge der Teil- chen ( A B C ) oberhalb der Firnlinie und diejenige ihrer entsprechenden Teilchen ( c b a ) unterhalb davon. Die Richtigkeit dieser geometrischen Konstruktion konnte durch Vareschi mittels pollenanalytischen Untersuchungen ziemlich sicher bewiesen werden.
Aus den Annahmen Finsterwalders ergeben sich noch eine Reihe weiterer Folgerungen, auf die wir hier aber nicht weiter eingehen wollen. Wichtig ist, dass schon Finsterwalder, dann Hess, Blümke u.a. bei der Nachprüfung der ersten, im Hinblick auf die Stromlinientheorie angesetzten Gletschermessungen festgestellt haben, dass diese Theorie, fussend auf der einschränkenden.vereinfachenden Vorstellung einer stationären, stetigen Strömung des Gletschers, eine Fiktion ist und dass zahlreiche Erscheinungen vielmehr auf einen vom theoretischen nicht unwesentlich abweichenden Bewegungsablauf hinweisen. So haben Blümke, Hess, Philipp festgestellt, dass ein Gleiten von Eis über darunter liegende Schichten auftritt und dass es dadurch zu sprunghaften Geschwindigkeitsäriderungen kommt, die also in Widerspruch mit der stetigen Bewegungsart der Stromlinientheorie stehen. Besonders Philipp führt die Gletscherbewegung auf ein schichtenweises Gleiten von Eis zurück. Auf allen Gletschern lassen sich, unabhängig von den Gletscherspalten, feine Risse beobachten, die sich an der Oberfläche ( unterhalb der Firngrenze ) meistens in zum Gletscherrand annähernd parallelen Streifen anordnen ( Fig. 2 ). Sie lassen sich auf etwelche Distanz verfolgen, werden dann durch Verwerfungen abgeschert und lassen sich jenseits solcher Störungen wieder erkennen. An den Wänden die Querspalten sieht man diese Risse in PROBLEME DER GLETSCHERFORSCHUNG die Tiefe greifen, wobei sie nach unten gegen die Gletschermitte umbiegen und dadurch die ganze Gletschermasse in ein Paket löffeiförmig ineinander gelegter Blätter zerlegen.
Philipp betrachtet diese Risse als Scherungs-risse, als Fugen, an denen sich die Gletscherbewegung nicht allmählich, sondern sprunghaft vollzieht, und er sieht einen Beweis dieser Annahme in der vielerorts beobachteten Überkragung höherer Blätter über die darunterliegenden ( Photo 8 ). Die Bewegung kommt da- FELSTROG GLETSCHER Fig. 2. Theorie der Gletscherbewegung nach Philipp. Die ein- nach durch das Übereinanderlegen zusammen- meinen Eispakete liegen trog-.. ,._,..,,.,, förmig ineinander: der Schnitt hangender, in sich starrer Gletscherteile zustande. dieser Mulden mit der Gletscher-Ähnliche Beobachtungen konnte auch G. Selig- Oberfläche zeichnet sich in lang-mann ( siehe « Die Alpen » 1943, S. 363 ) machen, gestreckten B°gen ^b. über-vrkragungen siehe auch Photo 8 Im Zusammenhang mit dieser Scherungs- theorie erörtert Philipp noch die Schichtung der Firnmassen, die Bedeutung der Bänderung und der Schmutzschichten. Wir wollen hier aber auch auf diese Fragen nicht weiter eingehen, sondern lediglich festhalten, dass die Philippache Scherungstheorie nach allen Beobachtungen mindestens zum Teil zu Recht besteht, dass aber eine eingehende Überprüfung seiner Auffassung bisher nicht durchgeführt worden ist.
Über die Geschwindigkeit der Bewegung der Gletscher existieren sehr viele Beobachtungen. Es sei nur daran erinnert, dass die Schweizerische Gletscherkommission besonders am Rhonegletscher eingehende Untersuchungen durchgeführt hat, die über das Ausmass der täglichen und jahreszeitlichen Bewegungen einen guten Einblick vermitteln. Ebenso wurden in Österreich eingehende Gletschermessungen ausgeführt, und auch von andern Ländern: Frankreich, Italien, Grönland etc., sind Daten über die Bewegungsgeschwindigkeit des Eises, besonders unterhalb der Firnlinie, bekannt geworden. Im grossen ganzen sind wir also über die Bewegungsgrössen ziemlich gut unterrichtet, wenn auch hier noch manche Probleme zu klären und Auffassungen durch neue Messungen zu überprüfen sind. Eines scheint aber sicher zu sein, nämlich, dass mit Bewegungsmessungen allein der Vorgang der Gletscherbewegung nicht ergründet werden kann, sondern dass hier vor allem eine Untersuchung des Gletschereises als kristalliner Körper einsetzen muss.
Solcher Art sind die Beobachtungen, die sich mit der Bildung des Gletschereises, der Entstehung des Firns aus dem Schnee und schliesslich dem Übergang vom Firnschnee in das Gletschereis befassen. Auch hier sind Schweizer Forscher namhaft beteiligt. Es sei nur an die Arbeiten von Forel, Hagenbach-Bischojj, Heim, Emden etc. erinnert.
Der Übergang von Schnee in Firn ist heute weitgehend geklärt. Nach den Untersuchungen der schweizerischen Schnee- und Lawinenforschung ( H. Bader ) macht der frischgefallene Neuschnee in relativ kurzer Zeit ( im wesentlichen abhängig von der Temperatur ) eine Metamorphose durch, in welcher die sternförmigen Neuschneekristalle immer die Tendenz zeigen, eine PROBLEME DER GLETSCHERFORSCHUNG mehr oder weniger kugelige Form anzunehmen. Bei der Verfirnung tritt dann noch die flüssige Phase, Wasser, dazu, das hauptsächlich durch Schmelz-vorgänge an der Oberfläche produziert wird und sich als dünner Wasserfilm um die einzelnen Schneekörner anlagert ( Photo 1 ). Bei Abkühlung gefriert dieser Wasserfilm, und zwar vorzugsweise so, dass sein Kristallgitter gleich orientiert ist wie das des festen Kerns, um den er angelagert ist. Wird durch den Schmelzvorgang an der Oberfläche, eventuell auch durch Regen, mehr Wasser produziert, als durch das Haftvermögen der Schnee- und Firnkörner festgehalten werden kann, so rinnt das überschüssige Wasser zum Teil auf SCHMELZWASSER 1/ lKÖRNIGER FIRNSCHNEE ( K.F. ) WASSERHORIÏONT K.F WASSERHORIZONT 3- AUFSTAU VON WASSER der Oberfläche gletscherabwärts, zum Teil aber sinkt es durch die Firndecke in die Tiefe ( Fig. 3 ). Es lässt sich nun an Profilen in der Firngegend sehr schön beobachten, dass das tiefere Eindringen des Wassers auf irgendeiner feinkörnigen Schneeschicht aufhört, indem dort eine relativ grosse Wassermenge kapillar festgehalten wird. Es bilden sich so in der Firndecke Wasserhorizonte, vergleichbar mit den Grundwasserstockwerken, wie sie aus den alluvialen Aufschwemmungen Fig. 3. Schema der Bildung von Eislamellen bekannt sind. Diese Grundwasserstockwerke im Firn gefrieren bei zunehmender Kälte und bilden Eislamellen von verschiedener Dicke und fast immer von ausgezeichneter Klarheit, da in ihnen Luftblasen nur sehr spärlich auftreten. Es ist dann möglich, dass an irgendeiner Stelle eine solche Eislamelle zerrissen ist, so dass das von oben eindringende Wasser, welches sich oberhalb der Eislamelle aufgestaut hat, durch die Risse weiter in die Tiefe dringen kann und so weitere Grundwasserstockwerke bildet, die sich dann später ebenfalls zu Eislamellen umformen. Dieser Vorgang lässt sich im Sommer bei tiefen Grabungen im Firnschnee ( Photo 8 ) sehr schön beobachten, und wie auch Paulcke gezeigt hat, lassen sich die Wasserhorizonte durch Färbungen mit grosser Deutlichkeit herausheben. An Spaltenwänden sind die sozusagen blasenfreien Eislamellen in Wechsellagerung mit dem blasenreichen Eis deutlich erkennbar.
Für die Bildung des Gletschereises aus Firn wurde lange Zeit die Regelation, die Druckverflüssigung, verantwortlich gemacht, wobei angenommen wurde, dass durch die überlagernden Firnmassen in der Tiefe ein so grosser Druck auf grössere Schneemassen erzeugt wird, dass diese sich verflüssigen, um nachher an irgendeiner druckfreien oder an einer Stelle geringeren Druckes wieder zu gefrieren. Das Vorkommen einer Regelation kann wohl kaum gänzlich abgelehnt werden, sicher ist aber, dass sie für Übergang von Schnee in Firn und Eis nicht von erstrangiger Bedeutung ist. Wie sich aus den Druck-und Temperaturverhältnissen des Eises ergibt, muss für das Zustandekommen einer Regelation ein ausserordentlich hoher Druck auftreten, so hoch, wie er im Firngebiet kaum je vorhanden ist.
Erst wenn man die neuesten Untersuchungen über die tatsächliche Grosse von Berührungsflächen berücksichtigt, wird der Vorgang der Regelation wieder wahrscheinlich. Es wurde nämlich festgestellt, dass die effektive Berührung zweier hochpolierter Metallflächen nur 1: 1000 bis 1: 10 000 der Gesamtfläche ausmacht. Zieht man nun diese Beobachtung auch für die Eiskörner in Betracht, so erscheint es möglich, dass eine relativ kleine Überlast auf der sehr kleinen effektiven Berührungsfläche einen genügend hohen Druck erzeugen kann, der lokal und über kurze Zeit zu einer Verflüssigung führen kann. Der Vorgang dieser lokalen Druckverflüssigung müsste dann wechselweise an immer andern Stellen auftreten. Untersuchungen, die zur Überprüfung dieser Verhältnisse dienen sollen, sind im Gange.
Das Gletschereis besteht zum Teil aus völlig dichtem, zum Teil aus Luftblasen enthaltendem Eis. Es ist ein kristalliner Körper, der aus unendlich zahlreichen Eiskristallen, den sogenannten Gletscherkörnern, aufgebaut ist ( Photo 2 ).
Über das Gletscherkorn herrschten zu Beginn der wissenschaftlichen Erforschung der Gletscher die verschiedensten Auffassungen. Da es sich scheinbar zeigte, dass die Gletscherkörner im zugänglichen, also oberflächennahen Firngebiet relativ klein sind, im Gebiet der Gletscherzunge jedoch oft sehr gross, so nahm man an, dass das Gletscherkorn im Laufe der Zeit und der Bewegung von Firngebiet zum Zungenende immer grössere Formen annehme, und man führte sogar die Ursache der Gletscherbewegung auf diese Grössen-zunahme zurück. Auch hier konnten kristallographische Untersuchungen viele Auffassungen klären.
Stellt man bei tiefer Temperatur, etwa 10 oder 20° unter Null, durch Gefrieren von Wasser Eis her, so ist infolge des raschen Abkühlungsprozesses das Korn der entstehenden Eisplatte sehr fein. Wird nun diese feinkörnige Eisplatte lange aufbewahrt, und insbesondere bei einer höheren Temperatur, aber immer noch unter null Grad, so tritt eine Kornvergröberung ein, derart, dass die allerkleinsten Körner in irgendeines der benachbarten, kristallo-graphisch ähnlich orientierten, grösseren Eiskörner übergehen und von diesen sozusagen aufgefressen werden ( Photos 4 und 5 ). Die Kornvergröberung im Laufe der Zeit lässt sich aber nicht immer weiter treiben, sondern der Vorgang der Vergröberung wird mit zunehmendem Durchmesser der einzelnen Körner langsamer.
Eine Kornvergröberung lässt sich auch durch mechanische Beanspruchung, z.B. durch Zug oder Druck, erreichen, aber auch dadurch werden die Körner nicht beliebig gross. Je grösser sie sind, um so eher laufen sie Gefahr, von einer ungleichmässigen Beanspruchung erfasst und zertrümmert zu werden. In der Natur kommen faustgrosse Gletscherkörner hie und da vor, und zwar nicht nur am Zungenende eines Gletschers, sondern auch im obersten Firngebiet.
Es ist also auf keinen Fall so, dass die Grosse der Körner regelmässig gegen das Gletscherende zunimmt, sondern es sind verschiedene Einflüsse ( thermische, kristallographische, mechanische ), die die Körner zum Teil zertrümmern, zum Teil als besonders grosse einheitliche Kristalle bilden lassen.
Jedes Gletscherkorn ist ein hexagonaler Eiskristall, dessen sechszählige Kristallachse ( c-Achse ) normalerweise irgendeine beliebige räumliche Lage PROBLEME DER GLETSCHERFORSCHUNG einnimmt. Die Verhältnisse beim Gletschereis sind also ähnlich, wie sie bei irgendeinem aus dem Schmelzfluss entstandenen Metall, z.B. Eisen, Magnesium oder Blei, vorhanden sind. Werden nun die Metalle durch einen mechanischen Vorgang kalt verformt, so tritt eine Umwandlung im Kristallgefüge ein, derart, dass sich die Kristalle in eine ganz bestimmte Lage zur Beanspruchungs-richtung einstellen, es tritt eine Regelung ein. Ähnliche Verhältnisse konnten durch neue Untersuchungen auch am Gletschereise festgestellt werden. ( Durchgeführt mit Unterstützung der Geotechnischen Kommission S. N. G. ) Untersuchungen über die Regelung von Gletschereis wurden seinerzeit von Perutz am Aletschgletscher durchgeführt und führten zu einigen ersten Angaben, die aber alle noch einer Überprüfung und Ergänzung auf breiter Basis bedürfen. Von Anfang an schien es richtig, die Reaktion von Eiskörpern auf mechanische Spannungszustände vorerst experimentell zu untersuchen, denn einzig dadurch ist es möglich, die Bedingungen übersichtlich abzugrenzen und zu erfassen und die komplexen Einflüsse, wie sie sich im Körper des Gletschereises bieten, auszuschalten.
Sind durch das Experiment die Verhältnisse einmal klargelegt, so ist es relativ leicht, die Erscheinungen am Gletscher selbst zu analysieren.
Diese experimentellen Untersuchungen wurden in einem aus dem Eis des Plateaus am Jungfraujoch ausgehauenen Labor unternommen ( Photo 3 ). Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind in diesem Labor äusserst konstant, Eismaterial steht in nächster Nähe immer zur Verfügung, die Verbindung mit der Natur ist durch die Lage am grössten Schweizergletscher gegeben, und schliesslich stehen als besondere Annehmlichkeit die Räume und Einrichtungen der internationalen Forschungsstation auf Jungfraujoch zur Verfügung.
Die Untersuchungen über die Gesetze der Eisverformungen stehen noch am Anfang, und die nachfolgenden Angaben dürfen nicht als abschliessendes Resultat bewertet werden, sondern sie sollen nur auf die Wege hinweisen, auf denen sich ein wichtiger Teil der heutigen Gletscherforschung bewegt.
Untersucht man z.B. an einem Eiszylinder, der aus vielen Hunderten von Gletscherkörnern zusammengesetzt ist, die Lage der sechszähligen Kristallachsen ( c-Achsen ) in bezug auf die Zylinderachse, so werden die Winkel zwischen c-Achse und Zylinderachse irgendeine Häufigkeitsverteilung aufweisen, die für diesen Eiskörper vor dem Versuch charakteristisch ist.
Presst man nun diesen Eiskörper mit einer genügend grossen Last während längerer Zeit zusammen, so dass z.B. die Druckachse parallel der Zylinderachse steht, und misst dann die Längenänderung des Eiszylinders in Abhängigkeit von der Zeit, so zeigt sich, dass der Eiskörper anfänglich sehr langsam, mit der Zeit aber immer schneller zusammengepresst wird resp. an Länge abnimmt. Gleichzeitig mit der Längenabnahme nimmt der Zylinder eine tonnenartige Form an. Prüft man dann am Ende des Versuchs wieder die räumliche Lage der c-Achsen der einzelnen Kristalle, so erhält man wieder eine bestimmte Häufigkeitsverteilung der Winkel zwischen c-Achse und Zylinderachse resp. Druckachse und kann sich so ein Bild über die durch die mechanische Beanspruchung ( die nach Grosse, Richtung, Dauer, Geschwindig- PROBLEME DER GLETSCHERFORSCHUNG keit etc. bekannt ist ) verursachten inner-kristallinen Umformung des Eiskörpers machen.
In ähnlicher Weise kann das Verhalten eines Eiszylinders gegenüber einer Zugbeanspruchung untersucht werden. Die Längenänderung, in diesem Falle eine Längenzunahme, erfolgt anfänglich langsam, dann schneller. Wie beim Druck-versuch verteilt sich Längenänderung nicht gleichmässig über den ganzen Ver- UJ:
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suchskörper, sondern es entsteht an irgendeiner Stelle eine sich im Laufe der Zeit verstärkende Einschnürung.
Fig. 4 orientiert über die Regelung der Eiskristalle zu Beginn ( oben ) und am Ende ( unten ) des Versuches, und wie daraus hervorgeht, hat infolge der Zugbeanspruchung eine deutliche Lageänderung der c-Achsen der Eiskristalle 0 10 20 10 40 50 60 70 80 90° WINKEL ZWISCHEN ZUGACHSE WtO c -ACHSE DES KRISTALLES Fig. 4. Regelung der Eiskristalle bei Zugbeanspruchung. Oben Eiskörper unbelastet, beliebige Lage der Kristallachsen; unten, gleicher, aber belasteter Eiskörper, deutliche Umorientierung der Kristallachsen, Häufung der Körner mit einer Winkelneigung von 40—70° zur Zugachse stattgefunden.
Diesen Versuchen haftet der Nachteil an, dass der Vorgang der Umformung nicht stetig, sondern nur am Anfang und Ende des Versuchs beobachtet werden kann.
Eine andere Versuchsanordnung gestattet nun beim Eis, einem durchsichtigen Körper, den Ablauf der Verformung direkt zu beobachten und im Prinzip einen Film der Umwandlung und der Deformation der einzelnen Kristalle aufzunehmen.
Der Typ des hiezu benützten Apparates ist aus Photo 7 ersichtlich, und Fig. 5 gibt das Verformungsdiagramm, während die Photos 9, 10 und 11 verschiedene Stadien ( siehe auch Fig. 5 ) der untersuchten Eisplatte zeigen.
Durch solche Untersuchungen, die unseres Wissens beim Eise neu sind, konnte gezeigt werden, dass man mit Hilfe von Experimenten die Struktur ZEIT IN TAGEN des Gletschereises nicht nur in bezug auf den momentanen Zu- PROBLEME DER GLETSCHERFORSCHUNG stand analysieren kann, sondern dass auch die Möglichkeit besteht, aus der Form der Gletscherkörner, der Regelung, dem Auftreten von Translations-erscheinungen etc. auf den Bewegungsvorgang und auf die Vorgeschichte des Eiskörpers zu schliessen.
Überträgt man diese Labormethoden auf das Gletschereis, so handelt es sich in erster Linie darum, durch sehr zahlreiche Messungen die Regelung und Struktur des Eises der Blaubänder, Scherzonen etc. festzustellen. Diese Ergebnisse sind unter Berücksichtigung der topographischen Verhältnisse des Gletschers, der Eismächtigkeit, der Bewegungsgeschwindigkeit etc. zu interpretieren, um ein einheitliches Bild des Bewegungsvorganges entwerfen zu können.
Solche kristallographischen Untersuchungen am Gletschereis oder an Eiskörpern im Labor haben noch einen weitern theoretisch und praktisch bedeutsamen Wert für die Klärung der Plastizitätsverhältnisse etc. bei festen, kristallinen Körpern überhaupt, speziell bei den Metallen. Untersuchungen der Metallverformung gestatten die schrittweise Verfolgung dei Umwandlung des kristallinen Gefüges nicht. Es ist nur möglich, den Ausgangszustand und schliesslich irgendein Endstadium festzustellen. Wie wir gesehen haben, ist es beim Eis möglich, die Verformung laufend zu beobachten. Da Eis und gewisse Metalle, z.B. Magnesium, eine ähnliche Kristallstruktur aufweisen, so ist es naheliegend, die Beobachtungen, die bei der Eisverformung gemacht werden können, auch auf die Verhältnisse, die sich bei der Verformung von entsprechenden metallischen Körpern ergeben, zu übertragen. Schliesslich soll noch darauf hingewiesen werden, dass auch zwischen dem Verhalten von Schnee und Firn und jenem der Metallpulver ( Pulvermetallurgie oder Metall-keramik ) gewisse Analogien bestehen.
Während zu Beginn der Gletscherforschung sich das Hauptinteresse auf die Erfassung der äusserlichen Phänomene des Gletschers, auf die Messung der Grosse und Richtung der Bewegung etc. richtete, so liegt heute das Schwergewicht der Forschung auf der Untersuchung des Gletschereises als fester, kristalliner Körper. Damit soll nicht gesagt sein, dass auch alle andern Beobachtungen, wie seismische Lotungen zur Messung der Eismächtigkeit, Bewegungsmessungen unter spezieller Berücksichtigung des Wasserhaushaltes, Untersuchungen über Gletscherschliff etc. nicht auch heute noch ihre Bedeutung hätten, aber erst die Zusammenfassung aller Beobachtungen und eine enge Zusammenarbeit der verschiedenen Forschungsrichtungen wird zu einem erspriesslichen Resultat führen.