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Frisch, née Krakowska
Motherlines
Wie kann sich Wut auf die schweigende Mutter in Liebe verwandeln ? Mein Weg führte über die Mutter der Mutter und zu ihrem Schicksal. So erfuhr ich, wie die polnische Jüdin Klara Krakowska in der Schweiz ihre Identität verlor – und Max Frisch seine fand.
Klara Frisch, geborene Krakowska, starb 1980 in einer psychiatrischen Klinik in Kilchberg, wohin man damals demenzkranke Menschen brachte.
Ich erinnere mich an ihre äussere Erscheinung: Sie war stets gepflegt, mit einem Hauch von Eleganz, gleichzeitig aber um Unauffälligkeit bemüht. In meiner Erinnerung sehe ich nie Licht auf sie fallen, vielmehr sehe ich sie durch den dunkeln Flur ihres Hauses eilen, stets um unser leibliches Wohl bemüht. Ihr Blick war gesenkt, ihre Bewegungen nervös, ihre Ängste um uns Enkelinnen allumfassend. Die Welt war ein gefährlicher Ort und wir wussten nicht warum. Jeder ihrer Atemzüge war von einem Seufzer begleitet. Dieser gepresste Laut klang nach dem jiddischen «Oy» und begleitete uns, wenn sie heimlich, als täte sie etwas Verbotenes, uns Kinder vom Tisch winkte, in den Flur führte, dort einen Schrank öffnete, ihm ein Zahnarztbesteck entnahm und uns in den Mund schaute. Dieses geheime Ritual war das einzige, was uns verband.
Dass Klara infolge des polnischen Numerus Clausus für Juden nach Zürich fuhr, um gegen den Willen ihres Vaters Zahnmedizin zu studieren, brachte ich nicht mit meiner Grossmutter zusammen, die für mich Inbegriff des selbstlosen Hausmütterchens war. Klara selbst erzählte rein gar nichts. Dass auch meine eigene Mutter absolut nicht willens war, Fragen zu ihrer Mutter zu beantworten, begriff ich nicht. Ihre Antwort war: «Ich weiss es nicht. Warum musst du das wissen? Ist das die Inquisition?» Es war der Anfang unseres langen und feindseligen Schweigens.
Ich begann in Alben zu blättern und in Archiven zu wühlen: Stück um Stück entstand das Bild einer Familie in den Dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts, welche unter dem Einfluss des national und antisemitisch gesinnten Schweizer Bürgertums stand: Lina Frisch, Klaras Schwiegermutter, war vehement gegen die Heirat ihres Sohnes Franz mit einer Jüdin und blieb der Hochzeit fern. Dass die Schwiegertochter Zahnärztin war und mehr als ihr Mann verdiente, wurde ungern gesehen, bis ihr Lohn sich zur Tilgung der Familienschulden als nützlich erwies. Und ganz nebenbei verschuf Klara ihrem Schwager Max die Möglichkeit, sich von seinen Sohnespflichten zu befreien und auf Reisen zu gehen. Später trug Klara mit ihrem Lohn dazu bei, dass der mittellose aber ehrgeizige Max, inzwischen Architekt, mitten im Krieg seinen ersten Auftrag erhielt: den Bau eines Einfamilienhauses. Dass die antisemitisch gesinnte Schwiegermutter 1941 gleich mit einziehen würde, und Klara ihr eigenes Gefängnis mitfinanzierte, wusste sie wohl zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Als Franz› Arbeitgeber, die Firma Sandoz, den Ehefrauen das Ausüben eines Berufes ausdrücklich untersagte, war dies ein neuerlicher Schlag für Klara: bis an ihr Lebensende sollte sie ihren geliebten Beruf nie mehr ausüben. Franz stand nun im Aktivdienst an der Grenze. Unterdessen verband Klara die offenen Beine der zuckerkranken Schwiegermutter und kochte in der vergitterten Küche für die Familie. Hier erreichten sie die Briefe aus dem Warschauer Ghetto und kündigten ihr die Ermordung ihrer Verwandschaft an.
Am Grabe seines Bruders Franz findet Max, inzwischen berühmter Schriftsteller, ein paar Worte für Klara:
«Ich erinnere mich an die Zeit, da ich dich die ersten Male gesehen habe, und ich weiss heute genauer als damals, was für dich sehr schwer gewesen ist in dieser Umwelt. Auch in unserer Familie.»
Gegenüber Dritten äussert Max öfters sein Befremden, wie «verspiessert» diese «wilde, lebenslustige Polin» doch geworden sei.
In Klaras Nachlass fand ich ein Raschelsäcklein mit ihren letzten Habseligkeiten: einem Halbtax Abonnement, einem Beitrittszeugnis zur reformierten Kirche Basel, einem Nadelkissen – und einem Zahnarztspiegelchen.
Ein Frauenleben im 20. Jahrhundert war zu seinem Ende gekommen. Ich möchte Klaras Geschichte erzählen.
Sie heisst: Frisch, née Krakowska.