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Dieser Artikel beschreibt die Visualisierung der wechselvollen Geschichte von Bözen und seiner historischen Gebäude. Wir verwenden eine neuartige Kombination von Archivdaten, alten Karten und geografischen Informationssystemen, um eine umfassende Dokumentation von bemerkenswerten Häusern zu erstellen.
Bözen, ein Strassendorf
Bis weit ins 20. Jahrhundert war die Gemeinde Bözen im oberen Fricktal ein typisches Strassendorf. Die Häuser standen entlang der Hauptverkehrsachsen. Über die Hälfte der Bewohner waren Bauern. Erst in der Nachkriegszeit wandelte sich die Landwirtschaft grundlegend und viele Klein- und Mittelbetriebe verschwanden. Mit der Industrialisierung und vor allem mit dem Einzug der chemischen Industrie im Fricktal entstanden neue Arbeitsplätze. Dank des zunehmenden Wohlstands konnte bestehendes Wohneigentum modernisiert und neue Häuser gebaut werden. Erschwingliches Bauland und bessere Verkehrsverbindungen bewirkten eine weitere Ausbreitung des Siedlungsgebietes.
Um den zunehmenden Verkehr über den Bözberg zu bewältigen, wurde um 1980 die Kantonsstrasse verbreitert und einige der älteren Gebäude dicht an der Hauptstrasse mussten dem Strassenbau weichen. Erst mit der Eröffnung des letzten Teilstückes der Autobahn A3 welches das Fricktal mit der A1 im Birrfeld verband, wurden die vom Verkehr geplagten Dörfer entlastet.
Auf diesem Luftbild, entstanden vor rund 70 Jahren, ist der ursprüngliche Charakter des Strassendorfes noch gut erkennbar. Der grosse Aufschwung der Nachkriegszeit hatte noch nicht eingesetzt. Zwar waren etliche Häuser weniger als hundert Jahre alt, doch die meisten Gebäude waren älter, einige davon gingen bis ins 16. Jahrhundert zurück.
Die Geschichte dieser Gebäude nachzuvollziehen ist nicht einfach, die Quellenlage ist dürftig. Dies änderte sich jedoch mit der Einführung der Brandversicherung.
Die Einführung der Brandversicherung
Die Geschichte der Gebäudeversicherungen in der Schweiz nahm 1805 im Kanton Aargau ihren Anfang. Im ursprünglich zum österreichischen Breisgau gehörenden Fricktal gab es bereits eine obligatorische Feuerversicherung. Diese ging zurück auf einen Beschluss von Kaiserin Maria Theresia (1717-1780). Dem Beispiel des Kantons Aargau folgten die Kantone Zürich, Solothurn und Schaffhausen und die weiteren Kantone. Dieser historische Entscheid zeugte von grosser Weitsicht und ersparte Geschädigten fortan viel Not und Elend. Wer vor 1813 bei einem Brand sein Hab und Gut verlor, hatte keinerlei Anspruch auf finanzielle und materielle Hilfe. Die Geschädigten waren selbst für die Behebung des Schadens verantwortlich. Da kaum jemand in der Lage war, den erlittenen Schaden aus eigenen Mitteln zu tragen, gerieten ganze Familien in Not und Elend. Mit der Gründung der Gebäudeversicherung fand diese unbefriedigende Situation ein gutes Ende.
Zu diesem Zweck wurde um 1809 für jedes Dorf im Aargau ein Häuserverzeichnis angelegt mit einer Kurzbeschreibung über die Beschaffenheit der Gebäude und des Versicherungswertes, die sogenannten Brandassekuranzkataster. Diese sind weitgehend erhalten, und im Staatsarchiv Aarau verfügbar. Dank diesen Quellen lassen sich Häusergeschichten erstellen.
Nach zwei bis drei Jahrzehnten wurde jeweils ein neues Verzeichnis angelegt (1809, 1829, 1850, 1876, 1899). Die Nummerierung der Häuser erfolgte willkürlich und änderte sich mit jeder neuen Ausgabe. Dies machte es schwierig, die Entwicklung eines bestimmten Hauses zu verfolgen. Erst 1899 kam man zum Schluss, dass die «Assekuranznummer» eines Objektes unverändert erhalten bleiben soll. Im Verzeichnis sind nicht nur Angaben über wertverändernde Umbauten und Renovationen enthalten, sondern auch Besitzerwechsel.
Leider fehlt für Bözen die Ausgabe von 1850. Besitzerwechsel für die Zeit von 1850 bis 1876 müssen deshalb mit Hilfe von anderen Quellen nachvollzogen werden, z. B. mit den im Gemeindearchiv Bözen vorliegenden Fertigungsprotokollen. Darin wurden Kaufverträge aller Art festgehalten.
Zusammen mit weiteren lokalhistorisch interessierten Personen werden nun nach und nach die Geschichten dieser Häuser aufgearbeitet. Dies ist nicht immer einfach, vor allem weil historisches Kartenmaterial auf dieser Ebene fehlt. Als Hilfsmittel verwenden wir den Flurplan von 1947 sowie einen Ortsplan, der anlässlich der Güterregulierung von 1935 erstellt wurde. Im letzteren sind die Versicherungsnummern der Häuser enthalten.
Oben rechts im Bild ist die Dorfkirche mit Nummer 41A und 41B zu sehen, eine Treppe führt hinauf auf den Kirchhof. Die dokumentierten Objekte sind farblich gekennzeichnet (grün im Bild oben), erkennbar als Häuser ohne Schraffur. Ebenfalls gut erkennbar in der rechten unteren Bildhälfte ist der Detaillierungsgrad dieser Karte. Dort sind sämtliche Fruchtbäume aufgeführt und mit einem Grossbuchstaben gekennzeichnet (Z=Zwetschge, A=Apfel, B=Birne, N=Nuss, Q=Quitte, K=Kirsche).
Dies zeigt, wie wichtig die Baumgärten waren bei der Güterregulierung und der Bewertung von Land für einen allfälligen Abtausch von Landflächen.
Interaktive Online Visualisierung
In Zusammenarbeit mit Peter Berger, Experte für Geografische Informationssysteme, entstand ein modernes und interaktives Kartenwerk mit dem Titel "Bözen im Wandel der Zeit".
Es wurde erstellt mit der frei verfügbaren Open Source Kartenwerksoftware (GIS), QGIS. Der Server für das Web selbst besteht aus den Softwaren Apache2, PHP, QGIS Server etc. und Lizmap. Dafür ist ein komplettes Betriebssystem (OS) erforderlich. In diesem Falle kommt das Linux OS Ubuntu 22.04 LTS zum Einsatz. All dies läuft auf einem virtuellen Cloud-Server.
Dieses Kartenwerk vereint öffentlich verfügbare Daten und auf privater Basis digitalisierte Karten aus dem Gemeindearchiv von Bözen mit den Häusergeschichten. Zur einfachen Visualisierung wurde der Gemeindeplan von Bözen von 1947 verwendet. Die Identifikation der Gebäude erfolgt über die Adresse und die Gebäudeversicherungsnummer. Die Bedienung ist weitgehend intuitiv und ähnlich wie beim Geoportal des Kanton Aargau (AGIS - Aargauisches Geografisches Informationssystem).
Auf der Menuleiste links im Bild können weitere Ebenen von geografischem und historischem Interesse ausgewählt werden. So zum Beispiel die Siegfriedkarte von 1926, auf der die enorme Ausdehnung des damaligen Rebbaus gezeigt wird. Weitere Schichten z. B. mit Flurnamen oder heutige Satellitenansichten von Google sind verfügbar.
Die Schichten sind hierarchisch gegliedert. Der in der Legende oberste aktive Layer überschreibt die darunterliegenden Ebenen oder ergänzt sie. Mit Mausklick auf ein farblich markiertes Gebäude oder Objekt erscheint in einem Popup ein Link auf die detaillierten Informationen als PDF-File. Weitere Funktionen wie «Drucken» und «Messen» sind ebenfalls vorhanden.
- grün: Gebäude, über die detaillierte Informationen verfügbar sind
- rot/grün: Abgerissene Gebäude, über die detaillierte Informationen vorhanden sind
- rot/lachsfarben: Abgerissene und damit nicht mehr vorhandene Gebäude
Grenzsteine (Ordner Grenzsteine_nach_Urs_Frei)
Urs Frei hat für Bözen die blau markierten Grenzsteine aus der Zeit vor der Kantonsgründung dokumentiert. Damals gehörte das untere Fricktal zu Vorderösterreich und das obere Fricktal zum Berner Aargau. Mit Klick auf die blau markieren Grenzsteine erscheint ein Popup Menu. Dort findet man Links zu vertiefenden Informationen über den spezifischen Grenzstein. Oben die vom Kanton Aargau zur Verfügung gestellten Informationen, unten die ausführliche Dokumentation von Urs Frei.
- blaue/rote Punkte: Grenzsteine Berner Aargau noch nicht als Denkmalschutzobjekt definiert
- blaue Punkte: Denkmalschutzobjekte des Kantons, wie Grenzsteine Berner Aargau
Verschwundene Objekte (Ordner Verschwundene_Objekte)
Einige Gebäude oder Kanäle für die Mühle und der Mühleweiher sind verschwunden. Basierend auf der Gemeindekarte von 1947, Quellen im Gemeindearchiv und Staatsarchiv Aarau sowie Geländedaten (Digital Elevation Model) wird versucht, deren Lage auf heutige Karten zu projizieren.
Schutzobjekte (Ordner Schutzobjekte)
- blaue Punkte: Denkmalschutzobjekte des Kantons, wie Grenzsteine Berner Aargau
- rote/weisse Punkte: Kommunale Kurzinventarobjekte klassifiziert
- rote Punkte: Kommunale Bauinventarobjekte
Beispiel einer Hausdokumentation - Hauptstrasse 39 "Ursis"
Hans Wassmer, der Author der Bözer Dorfgeschichte, beschreibt dieses an der Hauptstrasse im Unterdorf gelegene Haus wie folgt:
"Dieses sehr schöne in der Mitte des 19. Jahrhunderts erstellte Gebäude weist interessante Merkmale auf. Es unterscheidet sich von den beiden anderen klassizistischen Häusern in doppelter Hinsicht:
Der mittlere Teil der Frontseite tritt aus der Fassade leicht hervor. Dieser betonte Teil wird abgeschlossen durch einen weitwinkligen Giebelaufsatz. Er entspricht ganz der klassizistischen Praxis, die sich in der Bauweise auf antike Ursprünge besann. Viele Bauwerke aus der Zeit des Klassizismus zeichnen sich durch diese Giebelform aus. Anfänglich diente das Haus Nr. 79 während längerer Zeit als Schenke mit Handlung. Später soll dem Eigentümer der Vorschlag gemacht worden sein, den Restaurationsbetrieb der sinkenden Einwohnerzahl wegen aufzugeben. Als Ersatz wurde ihm die Führung des Postbüros angeboten."
Im Liegenschaftsverzeichnis von 1872 wird das Haus erstmals mit Nummer 99 aufgeführt, es wurde also im Lagerbuch von 1850 nachträglich eingetragen. Das Baujahr 1863 ist über dem Eingang ersichtlich.
Gemäss Fertigungsakten war der Erbauer der 1799 geborene Jakob Heuberger, bekannt als "alt Krämerheiris", der es dann zwei Jahre später an seinen Sohn Hans Jakob (geboren 13.5.1839) weitergab. Seine Schwester Maria war verheiratet mit Wilhelm Weber von Menziken und erhielt das lebenslange Wohnrecht in der Wohnung in der Trotte nebenan, die ebenfalls in seinem Besitz war. Das Ehepaar Weber-Heuberger besass damals das stattliche Haus gegenüber dem Restaurant Post, welches mit der Erweiterung der Hauptstrasse um 1974 abgebrochen wurde.
Im Lagerbuch von 1876 war der Besitzer Jakob Heuberger, "Sohn", Pintenwirt. Der Wert des Hauses war mit 12'600 Franken damals eines der wertvollsten Häuser im Dorf.
Im Brandschutz Kataster von 1899 war das Haus immer noch im Besitz von Jakob Heuberger, der dort eine Pinte oder Weinschenke betrieb. Ab 1909 gehörte es seinem Sohn Arnold Heuberger, Posthalter.
1924 wurde das Haus erworben von Hans Pfister-Brändli, Landwirt. Dessen Dorfname war «Ursi Hans», ein Nachkomme der weitverzweigten Familie Pfister, genannt «Becklihansen».
Besitzergeschichte
1863: Neubau durch Jakob Heuberger ((1799-1881)
1865: Übergabe an Jakob Heuberger, Sohn des Erbauers, Pintenwirt (1839-1907)
1909: Arnold Heuberger, Posthalter
1924: Hans Pfister-Brändli