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Wer kennt es nicht? Sobald ein Kind überdurchschnittlich begabt ist, kommt sofort der Konter: „Dafür ist es sozial-emotional noch sehr schwach entwickelt“. Oder auch: „Dafür kann es nicht Fussball spielen!“ (was besonders bei Jungs immer noch ein schweres Stigma sein kann). Wie solche Vorurteile über hochbegabte Kinder bis zu Verhaltensauffälligkeiten führen können, möchte ich hier darlegen.
Was ist Verhalten?
Verhalten gilt es immer in einem Kontext zu betrachten. Denn was als normal oder als auffällig bezeichnet wird, kann sich durchaus verändern. Heute völlig normales Verhalten hätte man wohl zum Teil nur wenige Generationen zuvor als auffällig bezeichnet.
Auch zwischen verschiedenen Kulturen bestehen Unterschiede bei der Beurteilung von Verhalten. Aggressive Verhaltensweisen sind beispielsweise in verschiedenen Kulturen in unterschiedlichem Mass verpönt oder geduldet, manchmal werden sie sogar unterstützt und gefördert.
Ein weiteres Kriterium, wenn es darum geht, Verhalten als auffällig zu bezeichnen, betrifft das Alter des Kindes. Ein Zweijähriges, welches häufig Trotzanfälle mit aggressivem, vielleicht sogar selbst verletzendem Verhalten zeigt, verhält sich relativ normal. Zeigt jedoch ein Schulkind diese Verhaltensweisen, können diese hingegen als Verhaltensauffälligkeit bezeichnet werden.
Was versteht man den eigentlich unter Verhaltensauffälligkeiten?
Hierbei gilt es, eine Trennlinie zwischen Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen zu ziehen.
Der Unterschied zwischen Auffälligkeit und Störung liegt nämlich bloss in der Häufigkeit und Stärke des Auftretens gleicher Verhaltensweisen. Beide Begriffe fassen eine Vielzahl von abweichenden Verhaltensweisen zusammen.
Für alle Verhaltensauffälligkeiten gilt, dass sich diejenigen Kinder dadurch selbst in ihrer Entwicklung beeinträchtigen oder ihre Verhaltensweisen zu umfangreichen Konflikten mit ihrer Umwelt führen.
Was sind Verhaltensauffälligkeiten?
Erschöpfend lässt sich diese Frage nicht beantworten. Aber die nachstehende erwähnten sind die häufigsten Verhaltensauffälligkeiten, nicht nur bei hochbegabten Kindern:
- Selbstzerstörerische Verhaltensweisen wie Nägelkauen, Haare ausreissen, Zufügen von Schnittwunden oder anderen Verletzungen, Drogenmissbrauch, Essstörungen
- Verhaltensweisen, bei denen andere Menschen geschädigt werden, wie aggressives Verhalten, Körperverletzungen, Zerstörung von Gegenständen, Vandalismus, Brandstiftung, Diebstähle
- Unsicheres, schüchternes und überängstliches Verhalten
- Verhalten, welches zu erheblichen erzieherischen Schwierigkeiten führt, wie etwa permanentes Lügen, ausgeprägtes, altersuntypisches Trotzverhalten oder sehr defensives Verhalten
Hochbegabte Kinder fallen häufig durchs Raster
Eine Hochbegabung kann Fluch und Segen zugleich sein, denn im Kindergarten oder in der Primarschule ecken betroffene Kinder oft an. Langweilt sich ein Kind immer und immer wieder, so muss es sich ja irgendwie die Zeit vertreiben. Also beginnt es sein Wissen in die Klasse zu rufen, andere zu triezen, sich mit anderen Dingen zu beschäftigen oder einfach nur zu nerven. Dies alles wird den Eltern dann als mangelnde Sozialkompetenz verkauft, hat aber in Wirklichkeit gar nichts damit zu tun.
Leider bekommen hochbegabte Kinder fälschlicherweise durch diese Verhaltensweisen oft Stempel wie ADHS aufgedrückt. Dies passiert traurigerweise vor allem sehr oft bei sehr aktiven, wissensdurstigen Kindern. Dadurch leidet ihr Selbstbewusstsein, sie fühlen sich unverstanden und verstecken vielleicht sogar ihre besonderen Talente.
Hochbegabung ist keine Krankheit!
Hochbegabte Kinder verfügen über ganz persönlichen Eigenschaften, Verhaltens- und Erlebensweisen– genauso wie alle anderen Kinder auch. Sie unterscheiden sich hauptsächlich durch die sehr hohe Ausprägung ihrer Intelligenz und nicht selten durch ihren hohen Gerechtigkeitssinn von gleichaltrigen Kindern.
Ob hochbegabte Kinder Schwierigkeiten entwickeln, ist entscheidend davon abhängig, wie das Umfeld, d. h. die Familie, der Kindergarten oder die Schule, auf die Kinder mit ihren Begabungen und Interessen reagieren. Wenn das Umfeld flexibel mit diesen manchmal ungewöhnlichen Kinder umgeht und ihnen wertschätzend und unterstützend begegnet, ist mit einer hohen Begabung zunächst kein besonderes Entwicklungsrisiko verbunden.
Unter ungünstigen Umständen jedoch manifestieren sich bei hochbegabten Kindern körperliche oder psychische Auffälligkeiten. Oft resultieren diese durch kognitive Unterforderung oder eine fehlende Passung im sozialen Umfeld. Diese Unstimmigkeiten können sich dann in psychosomatischen Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen oder gar Depressionen ausdrücken.
Hochbegabte Kinder sind nicht asozial
Die meisten hochbegabten Kinder lehnen körperliche Gewalt anfänglich ab und versuchen Probleme verbal, durch geschicktes Argumentieren, zu lösen. Leider verstehen dies viele andere Kinder aufgrund eines tieferen Entwicklungsstandes (noch) nicht. Der Wortschatz eines hochbegabten Kindes entspricht oft nicht dem seiner gleichaltrigen Kameraden. So kommt es häufig vor, dass man diese „Streber“ nicht versteht und das Problem mit Gewalt oder im harmloseren Fall mit Beleidigungen löst. Doch auch die meisten begabte Kinder kommen irgendwann an ihre Grenzen und beginnen sich zu wehren. Das kann lange dauern, doch irgendwann ist Schluss. Sie schlagen zurück, bekommen den Ärger und gelten als Schuldige.
Erleben (hoch)begabte Kinder immer wieder Frustrationen in der Schule oder im Kindergarten, haben dort aber nicht den Mut sich zu wehren, so leben sie das dann zu Hause aus. Sie streiten, sind aggressiv, hören nicht auf Anweisungen und/oder vieles mehr. Hier liegt der Grund dann im falschen Umgang der Umwelt mit dem Kind.
Was begünstigt Verhaltensauffälligkeiten bei hochbegabten Kindern?
Ein häufiges Problem von hochbegabten Kindern ist die permanente intellektuelle Unterforderung im Kindergarten oder in der Schule. Das Lerntempo kann ihnen zu langsam sein und überhaupt benötigen sie nicht so viele Wiederholungen, Erklärungen und Übungen wie durchschnittlich begabte Kinder.
Es darf definitiv nicht davon ausgegangen werden, dass begabte Kinder aufgrund ihrer besonderen intellektuellen Fähigkeiten in der Lage sind, alle auftretenden Herausforderungen und Schwierigkeiten selbstständig aufzulösen und zu überwinden. Das heisst allerdings nicht, dass es nicht auch solche Kinder gibt! Aber generell brauchen auch hochbegabte Kinder, wie alle Kinder, eine angemessene pädagogische Begleitung und Unterstützung für ihre nächsten Lern- und Entwicklungsschritte. Vorurteile über hochbegabte Kinder wirken dabei äusserst kontraproduktiv und werden das Lernen wichtiger personaler Kompetenzen wie beispielsweise Anstrengungsbereitschaft und Frustrationstoleranz verhindern oder zumindest verzögern.
Zwei typische Möglichkeiten bei fehlender Passung
Die einen Kinder werden in Kindergarten und Schule auffälliges Verhalten zeigen. Sie spielen den Klassenclown, provozieren oder zeigen gar aggressive Verhaltensweisen.
Umgekehrt ist es auch möglich, dass die Schwierigkeiten internalisiert werden. In diesem Fall verhalten sich zwar die Kinder in der Regel sehr angepasst und zunächst unauffällig. Allerdings können sie aber zu Depression oder psychosomatischen Beschwerden neigen. Die Tendenz zu Träumereien im Unterricht mag sich da gerade noch harmlos ausnehmen.
Was tun, wenn hochbegabte Kinder Verhaltensauffälligkeiten zeigen?
Wenn Eltern merken, dass ihr Kind nicht (mehr) gern zur Schule geht, ist der erste Schritt immer das Gespräch mit den verantwortlichen Lehrpersonen zu suchen. Ich betone das „IMMER“ so stark, weil viele Eltern diesen Schritt auslassen– aus welchen Gründen auch immer. Aber Lehrpersonen sind auf Transparenz und Kommunikation angewiesen, um die Lernenden optimal zu unterstützen.
Umgekehrt gilt natürlich das Gleiche. Eltern sollten sich darauf verlassen können, dass Lehrpersonen auf sie zukommen, wenn es in der Schule nicht rund läuft. Rechtzeitig. Nicht erst, wenn es brennt.
Wenn hochbegabte Kinder im Alltag oder in der Schule Schwierigkeiten haben oder „bloss ein bisschen merkwürdig sind„–, kann die Beratung und Testung einen ersten Anstoss geben, wieder eine neue Perspektive zu gewinnen und das Problem der Unterforderung zu lösen. Ziel einer Potenzialabklärung ist es, eine Passung zwischen den Fähigkeiten und den Persönlichkeitsmerkmalen des hochbegabten Kindes und seiner Umwelt zu ermöglichen. Damit können neue Handlungsspielräume geschaffen und dem Kind positive Entwicklungsschritte ermöglicht werden.
Hochbegabung als Beifang einer Testung
Gar nicht so selten kommt es übrigens vor, dass bei Kindern, die wegen Verhaltensauffälligkeiten abgeklärt werden, ein IQ >130 festgestellt wird. Ja kein Wunder, werden dann Special Effects gepflegt. Wobei, das nur am Rande erwähnt, man sich auch ab 115 IQ-Punkten gründlich langweilen kann 😉
Und übrigens: Das eingangs erwähnte Kind, dem nachgesagt wird, es könne nicht Fussball spielen, kommt vielleicht vor lauter Spielanalyse einfach nicht an den Ball.