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Teilnehmer:
Josef Rothenfluh, Präsident Schweizerischer KMU Verband
Dr. Jan Atteslander, economiesiusse
Nationalrätin Christine Badertscher SWISSAID
Moderation: Nedzo Fethaovic
An Frau Badertscher:
Wer definiert den Begriff «fairtrade» unter den Hunderten Akteuren weltweit?
Die offiziellen «fairtrade» Label werden vom Dachverband für «fairtrade»-Organisationen vergeben. Max Havelar entspricht diesen Anforderungen am meisten und ist am vertrauensvollsten. Max Havelar ist die «fairtrade»-Organisation in der Schweiz.
In welchem Grade können die Kleinbauern mit den Zertifizierungs-Anforderungen mithalten?
Das ist eine vieldiskutierte Frage, auch innerhalb der Entwicklungsorganisationen. Bei Max Havelar, aber auch bei andern «fairtrade»-Organisationen, gibt es 2 Standards: ein Standard vor allem für Plantagen, z.B bei der Produktion von Bananen und anderen Früchten und ein Standard für die Kleinbauern, z.B für Kaffee und Kakao. Dieser ist weniger anspruchsvoll, als für die Plantagen, auch mit dem Grund, dass Kleinbauern diesen mehr erfüllen können. Die Bauern werden nicht einzeln zertifiziert, sondern sie schliessen sich in Verbänden zusammen und werden dann als Organisation zertifiziert. Da wird von Max Havelar auch Unterstützung geboten, dass sie diese Anforderungen erfüllen können. Auch die Entwicklungsorganisationen helfen, dass sie das erfüllen können. Das ist ein wichtiger Punkt, weil es nicht ganz einfach ist. Die «fairtrade»-Organisationen kaufen diese Produkte von den Bauern. Da sind 2 Dinge wichtig: der Mindestpreis, der den Bauern garantiert wird. Das ist wichtig, weil gerade bei Kaffee und Kakao die Weltmarktpreise sehr stark schwanken, was für die Bauern somit ein grosses Problem ist. Dann gibt es noch eine «fairtrade»-Prämie, die dann die Organisationen vor Ort selber verwalten können. Aber sie müssen es für etwas sinnvolles einsetzen, z.B für Schulen. Es wird dann überwacht, wie die Prämien eingesetzt werden, aber sie müssen allen zu Gute kommen.
Passt ein globales «fairtrade» auf die Schweiz?
Das ist eine schwierige Frage, die man so nicht ganz beantworten kann. Einerseits sind die «fairtrade» Labels für die Vorprodukte aus den Entwicklungsländern sehr wichtig und auf der anderen Seite steht das generelle Handelssystem. Das muss sicher auch fairer werden. Wir sprechen gerade in der Schweizer Landwirtschaft vom fairen Handel, statt vom freien Handel, dass der andere eben gewisse Schranken haben muss, damit es fair sein kann. Wenn der andere total frei ist, was ja meistens auch nicht der Fall ist, aber wenn es keine Schranken mehr gibt, gewinnen die Billigsten, und das sind oft nicht die Nachhaltigsten. Deshalb braucht es gewisse Regeln, damit auf dem Markt auch die nachhaltigen Produzenten eine Chance haben. Es braucht generell einen fairen Handel. Das kann man nicht nur mit Labels lösen.
Ist es die Aufgabe von SWISSAID die zusätzlichen Regeln aufzustellen?
Nicht unbedingt, wir sind eine Nicht-Regierungs-Organisation. Wir können keine Regeln aufstellen. Wir versuchen mit Zertifizierungs-Arbeiten zu wirken. Aber das ist schlussendlich die Aufgabe des Staates, der Regierung, diese Regeln festzuhalten.
Ihr seid also in einer beratenden Stelle?
Ja.
An Herrn Rothenfluh
Ist ein Gütesiegel für einen nachhaltigen Handel notwendig?
Was ist nötig und was ist nicht nötig? Dort wo man mit etwas einen Nutzen erbringt, dort wird man Kraft bekommen. Wenn ich sehe, dass es viele Gütesiegel gibt, müsste man auch wieder schauen, dass man die zusammenbringt, die am nächsten zusammen sind. Mir geht es darum: wenn ich die Wahl hätte zwischen 10 Gütesiegeln oder nur einem, dann wäre ich für 10. Dann kann ich mir das aussuchen, woraus ich meine Wertschöpfung nehme. Das geht immer nur über Vertrauen. Für alle meine Spezialgebiete habe ich kompetente Partner, denen ich vertraue, die mir das Wissen geben können, das ich brauche. Wenn ich das Vertrauen habe, dann bin ich in all meinen Funktionen viel gelassener und kann dort die Entscheidungen treffen. Dann befürworten sie für Tochtergesellschaften von Max Havelar, dass sie eine grössere Auswahl haben? Nicht ganz in diesem Sinne. Die Verantwortung nur in einem Label allein nützt überhaupt nichts. Wahrheit, Ehrlichkeit das hat Nachhaltigkeit. Auf das muss man setzen. Jeder kann Fehler machen, aber das ist kein Problem. Welchen Einfluss hat «fairtrade» auf Geschäftsmodelle von schweizerischen KMU's wie auch deren Wertschöpfungsketten? Hätten wir das nicht, dann wären wir ärmer dran. Wenn man in einer Fachrichtung etwas macht, dann ist man beobachtet. Man kann nicht mit Lügen etwas anfangen.
Sie sind Inhaber vom Gesundheitsclub Schweiz. Sehen Sie da Chancen wie «fairtrade» dazu einen Beitrag leisten könnte?
Der Gesundheitsclub ist nichts anderes, als was wir z.B mit VCS, ACS, TCS für unser Auto haben: In Konkurrenz zusammen haben wir die beste Qualität ums Auto. Und genau das wollen wir im Gesundheitswesen. Mit dem GCS, dem Gesundheitsclub Schweiz machen wir genau das im Gesundheitswesen, was der TCS für das Verkehrswesen macht. Wir haben nur nicht 1 Million Mitglieder. Hätten wir die, könnten wir mehr Einfluss nehmen und mehr dafür tun, die Grundlagen zu fördern.
An Dr. Jan Atteslander:
Was halten Sie vom diesjährigen Wirtschaftsnobelpreis an Duflo/Banerjee/Kremer? (Es geht um die Verhinderung globaler Armut)
Sind das Ansätze, die uns zum Umdenken bringen sollten?
Wo sehen Sie in diesem Ansatz einen Bezugspunkt zum Weltwirtschaftssystem?
Die haben sich überlegt, warum Entwicklungshilfe in vielen Bereichen nicht funktioniert. Und die sind nicht nur in die Theorie gegangen, sondern die gingen ins Feld, die haben wirklich konkrete Projekte angeschaut, Hunderte von Entwicklungsprojekten. Sie haben versucht, herauszufinden, wann funktioniert etwas und wann nicht. Sie fanden die eine Sache heraus. Sie sagten, man muss die Leute besser verstehen und sehen, was sie wollen, und dann die Strukturen, die Anreize entsprechend setzen. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Wenn wir eine Wasserversorgung aufbauen und wenn jeder, der einen Wasseranschluss haben will, einen kleinen Teil dafür zahlen muss, dann ist es seine Wasserleitung. Er wird sie unterhalten. Wenn man es den Leuten schenkt, funktioniert das nicht. Das ist wie mit dem Eigentum. Auch im Gesundheitswesen hat man herausgefunden, wenn man Milliarden in ein Land hineinpumpt und vielen Ärzten und Krankenschwestern einen Monatslohn bezahlt, gehen die häufig nicht in die Krankenstation, sondern sie bleiben zu Hause. Wenn man aber die Leute nur zahlt, wenn sie tatsächlich dort sind, dann gehen sie auch. So haben sie bei Hunderten von Forschungsarbeiten bemerkt, dass der Mensch, wenn er arm ist, von der Qualität der eigenen ökonomischen Überlegungen abhängt. Was mache ich am besten mit meinen Ressourcen? Wenn man das einrechnet, kann man enorm viel Wirkung haben, mit Kompetenz und Eigeninitiative, dort wo sie hingehört: bei den Leuten, die arm sind. Es gibt keinen Grund arm zu bleiben. Man braucht auch nicht viel Kapital, um aus der Armut herauszukommen. Und ich finde es toll, dass diese Armutsforscher diesen Preis bekommen haben. Ich habe schon vor Jahren versucht, die andern zu überzeugen, schaut euch das genau an. Aus den Erkenntnissen und Erfahrungen, die sie haben, können wir etwas lernen. Es war nicht so populär.
Sind es Ansätze, die uns zum Umdenken bringen?
Ja genau, wir müssen umdenken. Es ist in unserem Interesse. Wenn wir nichts machen übernehmen wir keine Verantwortung. Wir müssen viel mehr beachten, was unsere Tätigkeiten auch in der Schweiz für Effekte bewirken. Was können wir machen, damit die Armen herauskommen.
Wo kann die Bevölkerung anfangen?
Wenn wir bewusster konsumieren und uns überlegen, was dahinter ist, dann kann das viel bewirken. Ich gebe ihnen ein Beispiel: Nutella ist das Hauptnahrungsmittel vieler Kinder. In Nutella ist sehr viel Palmöl drin. Das ist sehr kritisch. Wir sind der Sache nachgegangen und haben festgestellt, dass diese Firma jedes Jahr ziemlich viel Geld ausgibt, um nur noch nachhaltig produziertes Palmöl zu verwenden. Das weiss niemand, auch nicht die Kinder. Aber es ist wichtig, dass wir das in unseren Konsumentscheiden berücksichtigen. Gibt es Produktionsverfahren, die nachhaltig sind? Wenn sie nicht nachhaltig sind, gibt es immer Alternativen. Diese Labels haben einen sehr kleinen Marktanteil in unserem Konsum, aber sie haben eine enorm starke Signalwirkung auf alle, auf die Grossverteiler, aber auch auf ihre Systeme. Wir alle als Konsumierende sind bereit, ein bisschen mehr zu zahlen, wenn man weiss, dass man Produkte hat, die möglichst ökologisch produziert sind. Was wir auch machen können, ist offener sein, wenn es darum geht, neue Verfahren, auch neue Technologie zu erfinden, die Nachhaltigkeit stärkt.
Wo sehen Sie in diesem Ansatz einen Bezugspunkt zum Weltwirtschaftssystem?
Ich bin auf der Linie des ehemaligen UNO Generalsektretärs Kofi Annan, der sagte: Das Hauptproblem vieler Länder ist nicht, dass sie Teil des Weltwirtschaftssystems sind. Das Problem der armen Länder ist, dass sie in diesem System gar nicht mitmachen können. Das heisst, wir müssen schauen, wie wir die Ärmsten auch integrieren können, dass sie Dienstleistungen erbringen können. Da könnte man sehr viel machen in der Weltwirtschaft, auch in der Schweiz. Viele Länder, die sehr arm sind, produzieren Agrargüter. Da gibt es 3 Länder die alles abschotten: Norwegen, Japan und die Schweiz. Das sind die 3 Weltmeister. Wir müssen uns auch bewusst sein, dass wir durch diese Abschottung in der Schweiz auch vielen Armen die Chance nehmen, ihre Produkte auch in ein reiches Land wie die Schweiz zu verkaufen. Es gibt keinen Grund dafür, aber es ist eine Tatsache. Da kann man Verbesserungen erreichen. Heute findet der Handel grösstenteils nur unter reichen Ländern statt.
Frau Badertscher antwortet darauf:
Die Schweiz hat ein Zollsystem. Die ärmsten Entwicklungsländer zahlen keinen Zoll, wenn wir von denen importieren und ebenfalls zahlen wir bei den Entwicklungsländern auch fast keinen. Das ist aber nur bei den Rohstoffen so. Bei den verarbeiteten Produkten werden Zölle erhoben. Wir schützen dabei nicht die Landwirtschaft, sondern vor allem die Industrie mit dem Grenzschutz. Das müsste man richtig stellen. Es ist nicht die Schweizer Landwirtschaft, die schuld daran ist, sondern eher die Industrie. Man sieht auch bei den ärmsten Entwicklungsländern, es kommen nicht sehr viele Produkte hierhin, weil es dann an mehr als nur an den Zöllen hängt. Das sollte man etwas differenziert sehen.
Zum Fair-Preis antwortet Frau Badertscher:
Es ist heikel, wenn die Preise plötzlich höher festgelegt werden, als die andern Produkte, dann produzieren plötzlich alle nur noch Kaffee. Der Marktmechanismus stellt grosse Herausforderungen. Damit umzugehen, ist nicht ganz einfach. Es ist eine Riesendiskussion, welcher Preis effektiv fair ist. Das ist in der Schweiz die gleiche Diskussion, wie auch im Süden. Weil die Preise durch den Markt schwanken, auch z.B beim Kaffee, ist es nicht einfach zu bestimmen, welcher Preis ist jetzt fair.