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Belvoir 22 Januar 1865.
Hochgeachteter Herr Schultheiß!
Ihre drei geschätzten Zuschriften v. 15, 17 & 19. liegen zur Beantwortung vor mir. Wenn ich die Erwiederung leider bis heute verschieben mußte, so sollen Sie dieß lediglich einer fast nicht zu bewältigenden Geschäftslast, welche mich meist bis morgens 1 oder 2 Uhr an meinen Arbeitstisch fesselt, zuschreiben: ich habe gleichwol ohne Verzug alle Anordnungen getroffen, welche in Folge Ihrer verehrl. Zuschriften erforderlich waren. Ich erwähne dieser Anordnungen, soweit sie selbstverständlich sind, in dem gegenwärtigen Schreiben nicht. Einige in Ihren geschätzten Briefen berührte Puncte geben mir aber zu Entgegnungen Veranlassung.
Mit Ihnen bin ich der Ansicht, daß keine Rede davon sein kann, die sogenannten populären Brochüren jetzt schon zu veröffentlichen. In der Schweiz & in Deutschland wäre dieß durchaus verfrüht. In Italien scheint sich das Bedürfniß geltend zu machen, die Presse im Sinne des Gotthard mehr in Thätigkeit zu setzen & Hr. Koller nimmt offenbar an, die Presse werde die kürzere populäre Brochüre eher lesen als die längern commerziellen & technischen Gutachten. Ich glaube nun, es sollte jenem Bedürfnisse auf anderm Wege als durch Veröffentlichung der populären Brochüre ein Genüge gethan werden. Der ständige Commissär, den wir nun – ich möchte sagen – fast um jeden Preis werden aufstellen müssen, & Hr. Koller, der sich| offenbar mit vielen um die Alpenbahnfrage sich interessirenden Personen bekannt zu machen gewußt hat, sollten sich namentlich auch damit beschäftigen, geeignete Personen auszumitteln, welche gegen Honorar die Interessen des Gotthardt in der Italienischen Presse zu vertreten hätten. Hr. Cattaneo könnte hiebei in directer & indirecter Weise vortreffliche Dienste leisten. So scheint mir, es sollten Hrn. Koller in diesem Sinne Instructionen ertheilt & derselbe darauf aufmerksam gemacht werden, daß er sich dießfalls unter anderm auch mit Hrn. Cattaneo in Verbindung setzen sollte. Ein Rendez vous mit demselben in Como würde keinem der beiden Herren viel Zeit wegnehmen.
Was die Berichtigungen von Zeitungsarticeln des «Bund» anlangt, welche Hr. Koller angeregt hat, so habe ich die Zeit des Hrn. Beckh, der fortwährend mit dem technischen Gutachten vollauf beschäftigt ist, nicht für Zeitungspolemik in Anspruch nehmen mögen. Sodann gestehe ich auch offen, daß mir ein Bedürfniß zur Erwiederung der Lucubrationen des «Bund» nicht vorzuliegen schien. Jedermann weiß, daß der «Bund» eine ganz einseitige Stellung gegen den Gotthardt einnimmt & daß alle die Angaben von Zahlen jeglicher Art, welche in den eine bestimmte tendenziöse Absicht in der Alpenbahnfrage verfolgenden Blättern erscheinen, keinen Anspruch auf Zuverlässigkeit machen können. Ich glaube also, daß gegenwärtig Entgegnungen auf derartige Auslassungen nur ganz ausnahmsweise zu erfolgen haben &, um eine Ausnahme zu machen, schienen mir die Artikel des «Bund» nicht außergewöhnlich genug!|
Die Briefe des Hrn. Koller habe ich jeweilen sofort Hrn. Beckh zugestellt, damit, falls allfällige Übersehen im technischen Gutachten vor dem Drucke noch gut gemacht werden können, dieß bewerkstelligt werde. Hr. Beckh, durch einzelne Partieen der Briefe trotz der prophylactischen Mittel, welche ich in Anwendung zu bringen bestrebt war, unangenehm berührt, hat jeweilen seine einschlägigen Bemerkungen schriftlich beigefügt. Ich übermittle Ihnen beigeschlossen die Briefe von H. Koller & die Beckh'schen Beleuchtungen. Sie werden mit mir annehmen, daß durch diese Divergenzen & Mißstimmungen das Europäische Gleichgewicht nicht werde gestört werden!
Ihre die climatologischen Verhältnisse betreffende Zusammenstellung ist mir richtig zugekommen. Die vervollständigenden Zahlenangaben, die Sie gewünscht, sind beigeschafft worden. Es sind aus dieser Darstellung der climatologischen Verhältnisse eine Beilage zu den technischen Gutachten gemacht werden, wie auf die geologischen Verhältnisse des großen Tunnels in Folge der von mir mit den HH. Beckh & Arnold Escher v. d. Linth getroffenen Verabredungen zum Gegenstande einer besonderen Beilage gemacht werden sollen. Die Beilage, welche die climatologischen Verhältnisse betrifft, wird auf Grundlage Ihrer gef. Zusammenstellungen & der hier Statt gehabten Vervollständigung des Actenmateriales von Hrn. Director Stoll, mit welchem ich einläßliche, sachbezügliche Rükfragen genommen, in definitive Redaction gebracht werden. Ich hoffe durch diese Vorkehrungen einen Ihrer Anschauungen entsprechenden Gebrauch von der mir gütigst ertheilten Vollmacht gemacht zu haben. |
Schliesslich erlaube ich mir noch, Ihnen über den Zeitpunct, bis zuwelchem die Beilagen zu den commerziellen Gutachten, sowie das technische Gutachten sammt seinen zahlreichen Beilagen voraussichtlich vollendet sein werden, Bericht zu erstatten. Es sollen also die eben erwähnten Actenstüke vereint versendet werden. Der Atlas zu dem commerziellen Gutachten, enthaltend die Verkehrsrayonskarten & die Distanzenverzeichnisse, wird so eben noch von Hrn. Dir. Stoll mit einem resümirenden, beleuchtenden Berichte, der sehr kurz gehalten ist, versehen. Er wird bis Ende dieses Monates (inclusive gehörigen Einband) vollendet sein. Die Frist für Beendigung des technischen Gutachtens sammt Beilagen & Plänen in Redaction, Druck & Lithographie hat offiziell auch den 31. dß. als Endtermin. Es ist mir eben im höchsten Grad zweifelhaft, ob dieser Termin wird eingehalten werden können. Ich denkke, die erste Hälfte des Monates Februar dürfte noch in Anspruch genommen werden um alles gänzlich zu Ende zu führen. Ich habe bereits das Generalsecretariat beauftragt, das Verzeichniß der Adressen, an welche die Versendung erfolgen soll, nach dem Maaße der Dringlichkeit der letztern zu ordnen, damit, wenn einmal mit dem Verschicken begonnen werden kann, diejenigen zuerst bedacht werden, in deren Händen sich die Communicate im Interesse der Sache in erster Linie befinden sollten. – Die handschriftliche Copie des Gutachtens sammt den Beilagen (in französischer Sprache) ist seit einigen Tagen in ihrem ganzen Umfange in den Händen des Italienischen Ministeriums der öffentlichen Arbeiten, bez.weise der von ihm niedergesetzten technischen Commission.— Unsere Bureaux werden durch alle mit der Richtigstellung, Übersetzung & Vervielfältigung dieser zahlreichen Vorlagen verbundenen Arbeiten |
dermaßen in Anspruch genommen, daß ich, um nur Ein Beispiel anzuführen, nun schon seit 14 Tagen den Hauptsecretär der Direction der Nordostbahn habe beurlauben müssen, damit er seine Zeit in ihrem ganzen Umfange den eben erwähnten Arbeiten für das Gotthardtgutachten widmen könne. Und doch fehlt es uns gegenwärtig in der Direction der N.O.B. auch nicht an Beschäftigung!
Von den HH. v. Roggenbach & Pioda bin ich bis heute ohne Antowrt auf meine Ihnen bekannten einläßlichen Briefe.
Eine sehr eingehende Unterredung, welche ich vorgestern mit Hrn. Wetli gehalten habe, der mich persönlicher Verhältnisse halber zu consultiren kam, überzeugte mich neuerdings davon, daß der verwundbare Fleck für unsere Bestrebungen zunächst in dem Tessin'schen Bahnnetze, bez.weise in den Einflüssen, unter welche derselbe zu sehen kommen dürfte, zu finden ist. Ich möchte diesen Punct neuerdings Ihrer Aufmerksamkeit empfehlen. Ich behalte mir vor, Sie vielleicht zu bitten, die Commission des Gotthardtausschusses zur Besprechung dieses Gegenstandes zu versammeln.
Darf ich Sie bitten, diesen Brief Herrn Bürgermeister Stehlin ebenfalls mitzutheilen. Er dürfte den hochverehrten Herrn Collegen über die gegenwärtige Situation einigermaßen orientiren & daher interessiren. Meine herzlichen Grüße seien hier beigefügt.
Genehmigen Sie die erneute Versicherung ausgezeichneter Hochachtung von
Ihrem freundschaftlich ergebenen
Dr A Escher