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Der Gynäkologe Doktor Didier Schaad, Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe der FMH in Lausanne, klärt uns über eine schwere und weitgehend unbekannte Komplikation auf, die während der Entbindung auftreten kann: die Fruchtwasserembolie.
Dr. Schaad, die Fruchtwasserembolie ist in der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Sehen Sie diese Komplikation in der Geburtshilfe häufig?
Nein, sie kommt zum Glück selten vor, etwa in 2 bis 6 von 100 000 Fällen. Das entspricht etwa einem Fall pro Jahr in der ganzen Schweiz.
Die Fruchtwasserembolie soll die zweithäufigste Todesursache bei gebärenden Müttern sein. Stimmt das?
Ich kenne dazu keine Zahlen für die Schweiz. Aber die Fruchtwasserembolie ist neben der postpartalen Blutung, Lungenembolie und Eklampsie eine der häufigsten Todesursachen der Mutter, die direkt mit der Schwangerschaft zusammenhängen. Hier im CHUV hatten wir vor einigen Jahren zwei Fälle innerhalb von ein paar Monaten.
Wodurch wird eine Fruchtwasserembolie verursacht? Gibt es bestimmte Risikofaktoren?
Über mögliche Ursachen ist wenig bekannt und wo es Erkenntnisse gibt, sind diese oft umstritten. Als mögliche Auslöser gelten unter anderem bestimmte Vorgänge im Rahmen der Geburtshilfe, Fruchtwassersucht (zu viel Fruchtwasser), Plazentalösung, Totgeburten oder lange andauernde Wehen. In den beiden Fällen, die ich aus eigener Anschauung kenne, konnte keine eindeutige Ursache festgestellt werden.
Wie kann Fruchtwasser in den Blutkreislauf der Mutter gelangen?
Das passiert durch einen Riss in der Blut-Plazenta-Schranke. Dadurch kann Fruchtwasser über die Venen im Gebärmutterhals, die Insertionsstelle der Plazenta oder über kleine Verletzungen der Gebärmutter, die infolge eines Traumas entstanden sind, in den Blutkreislauf der Mutter gelangen. Das führt bei der Mutter zu plötzlichem Lungenhochdruck und einer übermässig stark ablaufenden Blutgerinnung in ihrem Blutgefässsystem (disseminierte intravasale Gerinnung).
Welche Symptome treten bei einer Fruchtwasserembolie auf?
Plötzlicher Herz-Kreislauf-Kollaps (Herzstillstand), schwere Blutungen in Verbindung mit der disseminierten intravasalen Gerinnung (DIG) sowie ein anaphylaktischer Schock während oder unmittelbar nach der Geburt.
Welche Risiken bestehen bei einer Fruchtwasserembolie für Mutter und Baby?
Das Baby hat eine Überlebenschance, wenn es schnell auf die Welt geholt werden kann. In einem der beiden Fälle, die ich miterlebt habe, war der Muttermund bereits komplett geöffnet und der Arzt konnte das Baby unter Einsatz einer Geburtszange herausholen. Im zweiten Fall kam es nach einem Kaiserschnitt zur Embolie. Die Mütter versterben leider häufig an einer Fruchtwasserembolie.
Was kann ein Arzt in einem solchen Fall tun?
Er sollte das Kind möglichst schnell auf die Welt holen und versuchen, die Mutter zu reanimieren.
Erhöht ein schnelles Eingreifen die Überlebenschancen?
Bei einer Fruchtwasserembolie handelt es sich immer um einen Notfall, bei dem die Todesursache meistens erst im Nachhinein ermittelt wird. In einem der Fälle aus meiner Praxis trat die Fruchtwasserembolie nach einem Kaiserschnitt auf der Intensivstation des Universitätsspitals auf, wo sich die Patientin aus einem anderen Grund zur Beobachtung befand. Sogar hier, unter den bestmöglichen Bedingungen, hat die Patientin nicht überlebt. Die Blutung nimmt verheerende Ausmasse an. Das Blut ist sehr dünnflüssig und erinnert an gefärbtes Wasser. Eine solche Blutung lässt sich nicht stoppen. Ich kenne keinen Fall, in dem die Mutter überlebt hat. Falls das glücklicherweise doch vorkommen sollte, waren wahrscheinlich weder die Embolie noch der anaphylaktische Schock besonders schwer.
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