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Untersuchungen an der Nordwand der Zweisimmer Kirche
Es sieht nun so aus, daß man die Baugeschichte der Zweisimmer Kirche etwas anders beurteilt, als dies in den bisherigen Veröffentlichungen, die ja meist auf den Untersuchungen der fünfziger Jahre fußen, dargestellt wird. Man geht nach den bisherigen Untersuchungen der Nordwand nun davon aus, daß in einer ersten Bauphase (an die genaue Datierung traut sich noch niemand heran) die Kirche etwa vom späteren Triumphbogen bis zum zweiten Fenster auf der Nordseite reichte. Man vermutet eine einfache Hallenkirche, die deutlich niedriger war als die Kirche heute erscheint. Die Nordwand ist dabei von einer Reihe kleinerer Fenster durchbrochen; auf der damaligen Südwand vermutet man eine entsprechende Fensterreihe.
In einer weiteren, recht frühen Phase wurde möglicherweise eine Apsis nach Osten hin angebaut. Den romanischen Bogen mit der einfachen Lisenen-Verzierung links vorne nimmt man als Hinweis darauf, daß diese Erweiterung noch deutlich vor der Einführung der Gotik geschah; aber auch hier hält man sich bei der Datierung sehr zurück.
In einer dritten Phase wird vor dem späteren Triumphbogen eine Nische nach Norden in die Seitenwand gebrochen, die sicher mindestens bis Mitte des 14. Jahrhunderts Bestand hat, denn die Malereien des Passionszyklus sparen auf der Innenseite diesen Bereich aus. Vermutlich aus der gleichen Zeit stammt dann auch die gotische Sakramentsnische in der Ostwand.
Dann, inzwischen sind wir bei der vierten Phase, wird der polygonale Chor eingebaut und die Kirche nach Süden und Westen auf die heutigen Maße erweitert. Vermutlich zur Stabilisierung wird die östliche Mauer der Seitennische, die heute die Westwand der jetzigen Sakristei bildet, stehengelassen und nach Innen der Triumphbogen eingezogen. Ebenso wird die gesamte Wand höher aufgeführt, ein neues Dach eingezogen und die Holzdecke im Chor und im Kirchenschiff eingebracht. Nach Abschluß der Bauarbeiten werden dann die Innenwände mit den bekannten Malereien verziert. Übrigens wurde in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts zwischen Holzdecke und Dach eine Schaumisolierung eingespritzt, die inzwischen stark verwittert ist.
Die fünfte Phase dürfte dann nachreformatorisch der Einbau, bzw. die Vergrößerung der Fenster gewesen sein, die auf die Bildzyklen keine Rücksicht nehmen. In den nachfolgenden Zeiten ist der Innenraum in seinen jetzigen Zustand versetzt worden; dabei wurde ja auch der Triumphbogen reduziert und der schmiedeeiserne Lettner abgebrochen.
Hinweise auf diese Baugeschichte geben die an der Nordwand gefundenen alten Putze. Der erste und vermutlich älteste ist ein kalkreicher, feiner Putz, der sich insbesondere in der Mitte der Nordwand auf großen Flächen nachweisen läßt. Darauf ist in späterer Zeit ein Putz aufgetragen worden, der mit Ziegelmehl durchsetzt ist, was ihm die rötliche Farbe beschert. Inzwischen ist die Hypothese vom Brand der Kirche verworfen worden. Die Ziegelmehlbeimischung erklärt die rötliche Verfärbung dieser Flächen hinreichend. Die Südwand der jetzigen Sakristei muß nach den Vorgaben des Denkmalschutzes und des archäologischen Dienstes noch weiter untersucht werden. Man erhofft sich davon Aufschluß über die Datierung des Anbaus der Apsis, denn man geht davon aus, daß auch die Nordwand an dieser Stelle mit diesem ziegelhaltigen Putz verkleidet wurde. Hier wäre es wichtig zu wissen, wann die Technik des Feldbrandes im Simmental nachgewiesen werden kann. Darauf wurde später, vermutlich im Zuge der Vergrößerung der Kirche ein sehr schlammiger Kalkputz aufgetragen, dem mit organischem Material (kleinen Ästen und anderen hölzernen Beimischungen) eine gewisse Elastizität gegeben wurde. Spannend ist, daß hier Fingerstriche im Putz sichtbar sind. Nachreformatorisch kam ein Kellenputz darüber, der bis in die jüngste Vergangenheit jeweils ausgebessert wurde.
Die gefundenen organischen Bestandteile der Putze sollen noch mit der C14-Methode auf ihr genaues Alter untersucht werden. Ebenso verspricht man sich von der dendrochronologischen Untersuchung der Köpfe der Gerüstbalken und der Dachbalken Hinweise auf deren Datierung.
Der archäologische Dienst hat schon einmal vorsichtshalber angemeldet, daß er auf jeden Fall bei Arbeiten am Fußboden sowohl des Kirchenschiffes wie auch der Apsis hinzugezogen werden möchte. Denn man will auch dort noch genauer untersuchen, ob sich frühere Fundamentreste aus der ersten und zweiten Bauphase der Kirche befinden.
Denkmalschutz und archäologischer Dienst wollen sich derzeit noch nicht festlegen, ob sie nach diesen vorläufigen Befunden dem ursprünglichen Vorhaben des Kirchgemeinderates zustimmen können, auf die Nordwand nun einen Dämmputz aufzutragen. Auf jeden Fall sollte der erhobene Befund (unterschiedliche Putze, Fensterreihen etc.) für spätere Generationen sichtbar bleiben. Beim Aufbringen eines Dämmputzes ist die Gefahr zu groß, daß die alten Putzschichten durch mechanische Befestigungen beschädigt oder gar zerstört werden. Offen ist auch noch, wie mit einer wunderbar glatt verputzen Fensternische verfahren wird; der Denkmalschutz möchte diese sichtbar machen, der archäologische Dienst möchte sie möglich unverändert für spätere Untersuchungen erhalten, was zu einer Verkleidung dieser Nische führen würde.
Sicher jedenfalls ist, daß die Bauchemie, insbesondere die in der Nordwand vorhandenen Salze, nun eine sehr viel größere Rolle spielt, als daß bei den bisherigen Überlegungen angenommen wurde.
Im polygonalen Chor haben sich Hinweise auf weitere Malereien gefunden; bei einer Erneuerung des Innenanstrichs soll hier untersucht werden. Darum möchte man die Ost- und nach Möglichkeit auch die Südwand genauer anschauen.
Hier ist viel von „möglicherweise“ die Rede, die „vielleicht“s traue ich mich gar nicht zu zählen; dann wird immer wieder auf anstehende oder auch spätere Untersuchungen verwiesen – Sie sehen also: da ist noch vieles im Fluß. Denkmalschutz und archäologischer Dienst müssen den Befund erst einmal auswerten; das alles muß historisch und baugeschichtlich richtig eingeordnet werden. Erst wenn man einen Überblick über alle Befunde hat, erst wenn die Untersuchungen mit dem Baumkalender und der C-14-Methode abgeschlossen sind, kann man es wagen, erste Aussagen zu treffen. Und dann wird man im Kreis der Fachleute zusammensitzen und überlegen, was nötig und was möglich ist. Danach aber ist erst einmal der Kirchgemeinderat dran, der der muß am Ende die Arbeiten bezahlen und in der Gemeindeversammlung und der Öffentlichkeit vertreten.
Wir werden Sie auf der Homepage und im Kirchenblatt weiter auf dem Laufenden halten.