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Antialkoholbewegung in der Schweiz ab dem 19. Jahrhundert
Vertiefung: Die Ostschweiz im Zentrum der antialkoholischen Ernährungspolitik
Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in der Schweiz vermehrt Alkoholexzesse wahrgenommen. Das veränderte Trinkverhalten war nicht zuletzt auf den nun in grossen Mengen und günstig verfügbaren Schnaps zurückzuführen. Bürgerliche Politiker sprachen von einer «Schnapspest», die sich vor allem bei den Arbeitern und der Unterschicht rasant ausbreiten würde. Der Alkoholkonsum wurde zu einem Teil der sozialen Frage der Industrialisierung stilisiert. Verschiedene Akteursgruppen vertraten jeweils spezifische Lösungsansätze. So beschäftigte sich die sich als akademische Disziplin formierende Medizin, welche den Alkohol zuvor teils als Heilmittel betrachtet hatte, vermehrt mit dessen negativen Auswirkungen auf den Menschen. Eine weitere Gruppe, die sich gegen den Alkoholkonsum aussprach, waren Frauen. Einige von ihnen litten unter dem vermehrten Alkoholkonsum ihrer Ehemänner. Diese konsumierten den Alkohol als Ausgleich zur Industriearbeit. Dadurch häuften sich die Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen. Um auf ihre missliche Situation aufmerksam zu machen, organisierten sich Frauen im Kampf gegen Alkoholismus und agierten dabei als Teil der sich formierenden Frauenbewegung. Zudem wurden sie von bürgerlichen Frauen mit grossem sozialem Engagement unterstützt. Auch in der katholischen und vor allem der protestantischen Kirche gab es Vertreter, die für die Alkoholabstinenz einstanden. Aus dieser christlichen Antialkoholbewegung entstand 1877 das Blaue Kreuz, welches den Kampf gegen den Alkohol auf seine Fahnen schrieb.
Das Branntweinelend in der Literatur
«Das Branntweinelend ist nicht auf einmal eingerissen, sondern nach und nach. Seit dem Sechzehnerjahre, wo der Wein so teuer war, nahm es immer zu. Seit der Zeit besonders benutzt man die Bätzeni so wohl. Seit der Zeit vervollkommneten sich die Brennereien, lernte man besonders die Erdäpfel benützen; und seitdem man weiss, dass man aus dem Abgang derselben das beste Mastfutter für Kühe zieht, entstehen die Brennereien zur Verbesserung magerer Höfe allenthalben wie Pilze.» «So führt auch mancher Weg zum Laster der Trunkenheit, verschiedenen Anfang nimmt das Branntweintrinken; aber in verschiedener Gestalt freilich wartet allen Säufern das gleiche Elend.»
Pfarrer Albert Bitzius, der als Jeremias Gotthelf Berühmtheit als Schriftsteller erlangte, sah 1838 in seiner Erzählung «Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen» im übermässigen Alkoholkonsum eine Sünde. Zudem sei den Opfern der Trunksucht nicht mehr zu helfen. Diese vor allem moralische Argumentation gehörte zum Grundrepertoire der bürgerlichen Alkoholkritik. Die Erzählung Gotthelfs nimmt aus einer literarischen Sicht Bezug auf den starken Anstieg der Brennereien im 19. Jahrhundert. Mit dem «Branntweinelend» nennt Gotthelf auch einen prägenden Begriff der damaligen bürgerlichen Oberschicht, der er angehörte. Das Wort «Bätzeni» bezieht sich auf Reste aus der Lebensmittelproduktion (v. a. Obst und Kartoffeln), welche sehr weit verbreitet zur Produktion von Branntwein verwendet wurden. Gotthelf spricht auch von der wirtschaftlichen Attraktivität, Schnaps herzustellen. Wein war teuer geworden und der durch das Brennen der Kartoffeln entstandene Trester konnte zudem dazu verwendet werden, um Tiere zu mästen.
Die verschiedenen Gesichter des Alkohols
Der Alkohol kann ein Teufel oder auch ein Engel sein. So stellt dies diese Karikatur dar. Der Blick auf Alkohol konnte sich auch zu verschiedenen Zeiten anders ausfallen. Im 19. Jahrhundert veränderte sich das Trinkverhalten. Der Konsum nahm zu, was nicht zuletzt auf den nun in grossen Mengen und günstig verfügbaren Schnaps zurückzuführen. Bürgerliche Politiker sprachen von einer «Schnapspest», die sich vor allem bei den Arbeitern und der Unterschicht rasant ausbreiten würde. Der Alkoholkonsum wurde zu einem Teil der sozialen Frage der Industrialisierung stilisiert. In der sich verändernden Wahrnehmung des Alkoholkonsums von einem unbeachteten Problem hin zur sich wissenschaftlich und gesellschaftlich etablierenden Erkenntnis, dass Alkoholismus ein Verhalten respektive eine Krankheit sei und entsprechend korrigiert und medizinisch behandelt werden könne, nahmen sich mehrere Akteursgruppen der «Alkoholfrage» an. Nur schon die Medizin als eine Akteursgruppe hat im Laufe der Zeit diesen Wandel durchgemacht. Aus weit verbreiteter medizinischer Sicht wurde Alkohol in Kombination mit Kräutern seit mehreren Jahrhunderten als vielseitiges Heilmittel verwendet. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hingegen machten Forschungsresultate sichtbar, dass übermässiger Alkoholkonsum schwerwiegende Folgen hat. Somit wurde der Alkohol mit dem Fortschritt der medizinischen Erkenntnisse vom Heilsbringer zum Teufel erklärt. Weitere wichtige Akteursgruppen in der Antialkoholbewegung stellten die Kirche und die Frauenbewegung dar. Sie verteufelten den Alkohol, argumentierten dabei aber verschieden. Die Alkoholgegnerinnen aus der Frauenbewegung nannten immer wieder die Zerstörung der Familie durch den Alkoholkonsum als Argument. Die kirchlichen Kreise wiederum sahen den Glauben in Gefahr, da man nur mit einem klaren Verstand den Glauben ausleben könne. Nebst der Verteufelung und Idealisierung symbolisiert das dritte Gesicht den Mittelweg – das «gesunde Mass» des Alkoholkonsums. Es verdeutlicht, dass Alkohol als Genussmittel fest in unserer Gesellschaft verankert und akzeptiert ist.
Die Karikatur von Jürg Spahr, die 16. Mai 1967 erschien, greift die unterschiedliche Sicht auf Alkohol, die auch noch zu Beginn des letzten Drittels des 20. Jahrhunderts weiterexistierte, ironisch auf. Für abstinente Personen ist der Alkohol ein Teufel. Dazu gehörten im 19. Jahrhundert auch verschiedene Akteursgruppen wie die Kirche und die Frauenbewegung. Dabei argumentieren die Akteursgruppen aber verschieden. Die Frauen nennen die Zerstörung der Familie als Grund, die Kirche hingegen sah den Glauben in Gefahr, da man nur mit einem klaren Verstand den Glauben ausleben kann. Das neutrale Gesicht zeigt, dass der Alkohol in einem gesunden Masse konsumiert werden kann, ohne gravierende Folgen. Dabei muss sich der oder die Konsumierende bewusst sein, dass der übermässige Konsum für die Gesundheit schädlich ist, auch wenn die Geselligkeit dadurch stark gefördert wird. Für den Normalverbraucher ist es aber kein Problem, dieses Gleichgewicht zu finden. Die übermässige Geselligkeit und Lockerheit, die der Alkoholkonsum mit sich bringt, ist mit dem Engelsgesicht gekennzeichnet. Ein Sinnbild dafür sind für Spahr AHV-Rentner, die schon morgens beim Biertrinken in der Kneipe gesichtet werden. Ihnen wurden die Folgen des Alkoholkonsums mit zunehmendem Alter egal, die Geselligkeit hingegen gewann an Wichtigkeit. Diese drei Gesichter sind im 19. Jahrhundert und auch in der heutigen Zeit immer noch gültig.
Anerkennung der «Trunksucht» als Krankheit
Diese Werbung von Herrn Karrer-Gallatti aus dem «Nebelspalter» vom 12. März 1886 beschreibt den Alkoholismus als eine Krankheit, die heilbar sei. Karrer-Gallatti verspricht einen grossen Erfolg, sogar bei einer Fernbehandlung. Diese würde dann brieflich vollzogen werden. Da die Mittel mit und ohne Wissen leicht angewendet werden könnten, wird auch Angehörigen geholfen, die nicht auf die Mithilfe des oder der Alkoholkranken zählen können. Zudem wird in der Quelle von einem Laster, einer Neigung und der Trunksucht geschrieben.
Familienideale und Schreckensbilder der Realität
In ihrer Aufklärungsarbeit arbeitete der «Bund Abstinenter Frauen» (SBAF) wiederholt mit der dichotomen Gegenüberstellung von Familienzuständen. Die von Alkoholismus betroffene Familie zeichnet sich durch ein gestörtes Familiengefüge aus. Der dem Alkohol verfallene Mann wird als perspektivlos und als Belastung für die Familie dargestellt. Leidtragende ist die Frau, die nebst der Kindererziehung nun auch mit existenziellen Ängsten konfrontiert erscheint. Im Gegensatz dazu wird die «gesunde» Familie als harmonisch und prosperierend dargestellt, was sich auch im Kinderreichtum zeigt. Nationalistisch aufgeladen, – die Familie ist als «Schweizer Familie» erkennbar –, ist klar zu erkennen, dass die Familie nicht vom Alkoholismus betroffen ist, sondern abstinent lebt. Sie isst Obst und trinkt Milch, was mit dem Slogan «Obst essen, Milch trinken heisst Alkohol bekämpfen» unterstrichen wird.
Frauen aus allen Schichten sahen sich als Opfer des übermässigen Alkoholkonsums, welcher auch einen Anstieg an häuslicher Gewalt zur Folge hatte. Dieser monokausale Zusammenhang ist sicherlich denkbar, muss aber mit Blick auf andere Faktoren wie engere Wohnverhältnisse, höheren Stress am Arbeitsplatz oder höhere Präsenz von Gewalt in der Öffentlichkeit auch relativiert beziehungsweise differenziert werden. Darüber hinaus wurde durch die Zurückhaltung der Bundespolitik der Ruf nach Eigeninitiative lauter. Die Frauenbewegungen forderten grösstenteils die Eindämmung des Alkoholkonsums und eine gesellschaftliche Veränderung im Sinne eines stärkeren Bewusstseins für die Folgen des Alkoholismus in der Bevölkerung sowie einer Verbreitung des kompletten Abstinenzgedankens.
Staatlicher Eingriff in die Alkoholfrage
Die abgebildete Karikatur erschien im «Nebelspalter» vom 7. Februar 1885 im Kontext der Volksabstimmung zur Verfassungsrevision. Diese zeigt die unterschiedlichen Interessen rund um die Abstimmung. Zum einen werden die Sorgen der Wirte und Brennereien gezeigt, die als gehängte Männer dargestellt werden. Sie waren direkt am stärksten vom Antialkoholgesetz betroffen und potenziell in ihrer Existenz bedroht. Auf der rechten Seite ist zu sehen, was mit den Abgaben finanziert wird. Dort sind 22 Frauen in Trachten zu sehen. Sie stehen für die Kantone, die unter einem Dach, dem Bundesstaat, vereint sind. Eine Frau, die als Helvetia zu erkennen ist, trägt einen grossen Sack Geld in das Staatsgebäude. Auf ihrem Kleid steht geschrieben, dass neu Steuern statt Ohmgelder zum Staat fliessen würden und diesem einen Reichtum verschaffen. Ohmgelder waren kantonale Konsumsteuern. Diese wurden nun abgeschafft. Die Kantone wurden durch die neuen Einnahmen der Alkoholsteuer entschädigt. Ein Teil der Steuereinnahmen musste zudem für Massnahmen gegen den Alkoholismus eingesetzt werden. Auf den Blättern des Unkrauts sind die Ursachen für das Verbot dargestellt. Namentlich sind es «Trunksucht», «Krankheit», «Schnapspest» und «Armut». Die Darstellung der Ursachen als Unkraut stellt eine klare Konnotation dar. Hier nimmt der «Nebelspalter» politisch Stellung. Unkraut ist etwas, das man entfernen möchte. Die Ursachen sollen also verschwinden
Die verschiedenen Stränge der Antialkoholbewegung hatten ihre Erfolge und Rückschläge. Der Druck aus der Bevölkerung auf die Politik wurde durch diese Gruppen zusätzlich verstärkt und die Politik sah sich zum Handeln gezwungen. Eine Änderung der Bundesverfassung, die 1885 durch die männlichen Stimmberechtigten angenommen wurde, schuf die Grundlage für eine Alkoholgesetzgebung auf Bundesebene. Sie zielte auf die Regelung des Kartoffelbrands mit Hilfe einer staatlichen Intervention in die Gewerbefreiheit ab und kombinierte dies mit steuerlichen Aspekten.
Doch die Wurzeln des Alkoholismusproblems waren viel tiefer verankert und wurden meist erst mit starker Verzögerung angegangen. So wurde die neue Spirituosenordnung des Bundes, welche die Verstaatlichung der Brennereien durch die «Eidgenössische Alkoholverwaltung» (EAV) erleichterte, erst im Jahre 1930 in die Verfassung aufgenommen. Diese ist auch heute noch gültig.
Alkoholfreie Restaurants
Neben Medizinern, der Kirche und Eugenikern erwiesen sich Akteurinnen aus der Frauenbewegung bei der Problematisierung des Alkoholkonsums als wichtig. Der 1902 gebildete «Schweizerische Bund Abstinenter Frauen» oder die Bewegung für alkoholfreie Gaststätten, welche schweizweit Niederlassungen und Untergruppen hervorbrachten, waren für diesen Strang der Antialkoholbewegung wichtige Akteurinnen. Letztere förderten und errichteten alkoholfreie Restaurants. Diese sollten (Ehe)Männer und somit deren Familien vor der Sucht schützen. Inmitten von Werbungen für Weinhallen und Restaurants, die Alkohol verkauften, präsentierten sich auch alkoholfreie Gasthäuser. Das im «Nebelspalter» vom 2. Dezember 1916 von Th. Popp beworbene Restaurant aus Sellnau ZH verweist auf sein günstiges Essen, zu dem auch alkoholfreie Weine gereicht würden. Diese Versuche, ein Lebensmittel zu ersetzen, sind auch heute noch verbreitet. So hat alkoholfreies Bier schon lange seinen Platz in den Regalen der Supermärkte gefunden. Noch neuzeitiger ist die Substitution von Fleisch, auch wenn diese teils aus gesundheitlichen, aber auch aus ökologischen Gründen favorisiert wird. Alkoholfreie Restaurants waren auch in der Ostschweiz präsent. Das Restaurant Gallusplatz an prominenter Lage in unmittelbarer Nähe des Doms gehörte dazu und fungierte auch als sogenannte Volksküche. In diesen werden Personen verpflegt, die sich kein Essen leisten können. Die Gerichte werden gratis oder zu sehr niedrigen Preisen angeboten.
Einbindung von Obst in die Ernährungspolitik
Die Einbindung von Früchten, die normalerweise gebrannt oder gegärt wurden, in die Ernährungspolitik initiierte der Staat, wurde aber auch von der Antialkoholbewegung unterstützt. In der Ostschweiz waren unterschiedliche Frauenbewegungen wichtige Unterstützerinnen dieser Form der Ernährungspolitik. Oft waren Äpfel gebrannt und zu Alkohol verarbeitet worden. Auf dem Plakat von Dora Hauth-Trachsler sind Äpfel, Trauben und Zwetschgen zu sehen. Aus diesen Früchten wurden auch in der Ostschweiz Süssmost, Dörrfrüchte und Fruchtkonzentrate hergestellt. Die Ernährungspolitik förderte die Produktion von alternativen Lebensmitteln, damit die Schnapsproduktion weniger Früchte zum Brennen zur Verfügung hatte. Der fleissige, gesund wirkende Mann im Hintergrund unterstützt seine Frau und die Kinder bei der Ernte der Äpfel. Damit wird eine Familienidylle dargestellt. Deren Gefährdung symbolisiert der bedrohlich, ja beinahe diabolisch wirkende alkoholisierte Mann im Vordergrund. Der Slogan des Plakats unterstreicht diese teuflische Seite, indem er den Mann mit der Schnapsflasche in der Hand als einen Fluch bezeichnet. Zudem sieht man die Frau, wie sie den Alkohol trinkenden Mann von sich und ihrem Kind fernhält. Um ihre Familie zu schützen, wehrt sie sich gegen ihren Mann und fordert dabei «Süssmost statt Schnaps und Segen statt Fluch». Das abwehrende und das Kind schützende Verhalten wird dadurch auch als vorbildlich dargestellt. In diese Abwehrhaltung kann auch die gerne auf «die Frau» projizierte Funktion einer Beschützerin des Nachwuchses und Garantin einer «gesunden Nation» hineingelesen werden. Die antialkoholische Ernährungspolitik hatte zum Ziel, die Schnapsbrennereien auszubremsen, indem sie die Zutaten für die Spirituosenherstellung anderweitig verwertete.
Dies betraf vor allem Früchte, aber auch Kartoffeln. Ab 1914 wurde die Ernährungspolitik schrittweise in der ganzen Schweiz eingeführt. Ein Teil dieser Politik war die Absicht des Staates, die Schnapsproduktion zu minimieren. In der Ostschweiz war die Einbindung gewisser Naturprodukte in die Ernährungspolitik ebenfalls ein wichtiges Thema. So wurden vor allem Äpfel oft gebrannt und zu Alkohol verarbeitet. Heute ist die Ostschweiz nicht mehr für Obstbrand bekannt, sondern eher für den Süssmost. Begriffe wie «Mostindien» oder die «Hochburg des Mostes» haben ihren Ursprung im 19. Jahrhundert. Es wurde ein neues Produkt entwickelt, welches den Konsum von Äpfeln in eine alkoholfreie Richtung lenkte. Die Äpfel wurden neu für die Produktion von Süssmost verwendet und es blieb weniger übrig, um noch Spirituosen oder alkoholhaltigen sauren Most herzustellen. Zwischen 1910 und 1930 feierte der Süssmost grosse Erfolge und er konnte sich in diesen Jahren auch in der Gesellschaft festigen. Der Süssmost substituierte somit teilweise den Alkohol und die Strategie der Ernährungspolitik ging auf.
Kampf gegen den «Sorgenbrecher» und «Kraftspender»
Totale Alkoholverbote gab es in der Schweiz, im Gegensatz etwa zu den Vereinigten Staaten von Amerika, keine. Allerdings wurde mit der Annahme der Initiative zum Verbot des Absinth 1908 ein Schritt in diese Richtung getan, doch das Verbot war auf eine bestimmte Spirituose beschränkt und erwies sich als wenig wirksam. Auch eine dem Prohibitionsgedanken nahestehende Initiative wurde 1929 vom Volk abgelehnt. Die Initianten arbeiteten im Abstimmungskampf stark mit bereits vorhandenen Vorurteilen und Symbolbildern der Antialkoholbewegung. Die Postkarte ist hinten mit folgendem Sinnspruch versehen:
«Hier in dem kleinen Zauberbecher, Halt ich des Lebens Sorgenbrecher, Der jeglich Leid in Freuden wendet, Dem Müden neue Kräfte spendet.»
Die Bilder stehen im Gegensatz zur Beschriftung, so teilt im oberen Bild der Teufel, mit dem Brauerstern (Zunftzeichen der Brauer) am Schwanz, den Alkohol an gierige Hände aus. Im unteren Bild sind nur noch ein Bein und das Gesicht des Teufels zu sehen. Allerdings wird deutlich, dass die Gestalten betrunken und nicht mehr im Vollbesitz ihrer Kräfte sind. Dies wird symbolisiert durch ihre Gangart und das Sichübergeben. Die Sorgen werden also aus der Sicht der Initianten durch den Alkoholkonsum nicht gebrochen, sondern vermehrt, und die Kraft wird nicht gespendet, sondern genommen.
Im Gedicht aus dem «Nebelspalter» von 1927, das anlässlich der Bestrebungen des Bundes zur Alkoholgesetzrevision in einer sehr alkoholkritischen Nummer des Satiremagazins erschienen ist, wird ähnlich argumentiert. Darüber hinaus wird die Einfachheit betont, mit welcher der Alkohol «runtergeht». Er mache munter und löse die Hemmungen. Zugleich hob das Gedicht auch das Suchtpotenzial hervor: «Wer täglich gurgelt mit Schnaps und Fusel, kommt nie mehr raus aus Dunst und Dusel».
Quellenverzeichnis
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Das Branntweinelend in der Literatur
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Die verschiedenen Gesichter des Alkohols
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Anerkennung der «Trunksucht» als Krankheit
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Staatlicher Eingriff in die Alkoholfrage
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Alkoholfreie Restaurants
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Einbindung von Obst in die Ernährungspolitik
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Kampf gegen den «Sorgenbrecher» und «Kraftspender»
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Plischke, G. (um 1930). Sorgenbrecher – Kraftspender. In Schweizerisches Sozialarchiv. F Ka-0001-55. Online unter: https://www.bild-video-ton.ch/bestand/objekt/Sozarch_F_Ka-0001-559 (30.05.2021).
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Die Autorin und der Autor
Svenja Zeller
Elias Bertsch