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Pro Person zwei Quadratmeter Hölle
Die Schweizerin Natallia Hersche sitzt seit Monaten in Belarus im Gefängnis. Der belarussische Autor und Regimekritiker Sasha Filipenko beschreibt, wie politische Gefangene von Lukaschenkos Schergen behandelt werden.
Von Sasha Filipenko (Text) und Ruth Altenhofer (Übersetzung), 23.06.2021
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Ich weiss nicht, wo Sie diesen Text lesen. Vielleicht im Zug von Zürich nach Bern oder in einem Café in Basel. Vielleicht lesen Sie ihn in Lugano am Handy, oder Ihre Tochter erzählt Ihnen in Genf davon – ich weiss es nicht, denn die Schweiz ist ein grosses Land, und man kann sich nicht vorstellen, was jeder Einzelne in diesem Moment macht. Ich weiss nicht, was achteinhalb Millionen Schweizer machen, aber was eine bestimmte Schweizerin heute macht, weiss ich ganz genau: Natallia Hersche sitzt in einer belarussischen Isolierzelle.
Ich erzähle Ihnen, wie ihr Tag abläuft.
Der belarussische Schriftsteller Sasha Filipenko, 1984 in Minsk geboren, hat für diesen Beitrag mit Frauen gesprochen, die in Belarus im Gefängnis sassen, darunter auch welche, die zusammen mit Natallia Hersche inhaftiert waren. Filipenkos Romane, die er im Original auf Russisch schreibt, erscheinen auf Deutsch in der Übersetzung von Ruth Altenhofer bei Diogenes, zuletzt «Der ehemalige Sohn» über das Leben unter dem Lukaschenko-Regime. Filipenko lebt in St. Petersburg und in der Schweiz. Derzeit ist er Writer in Residence der Fondation Jan Michalski in Montricher.
Natallia Hersche befindet sich in einer Betonzelle ohne Fenster, mit einem an der Wand fixierten Holzbett. Alles, was es in der vier Quadratmeter grossen Zelle sonst noch gibt, sind ein Stuhl und ein Tisch, an dem sie nicht schreiben kann, weil in der Isolierzelle weder Zeitungen noch Bücher noch Papier erlaubt sind. Sie darf überhaupt nichts mitnehmen, dafür gibt es ein Loch im Boden – die Toilette.
Heute wird Natallia Hersche, genauso wie gestern und morgen, die Wahl zwischen zwei Dingen haben – auf dem Stuhl sitzen oder auf dem Betonboden. Um zehn Uhr abends wird sie sich aufs Bett legen dürfen, und sofort werden Läuse über ihren Körper krabbeln, weil die Wäsche in belarussischen Haftanstalten nicht wärmebehandelt wird. Wanzen und Kakerlaken gibt es natürlich auch.
Morgen wird sie spazieren geführt. Das Tageslicht wird ihr in den Augen schmerzen – seit mehreren Monaten sieht sie nur künstliches Licht, das manchmal zur Folter der Gefangenen nächtelang brennt.
In zwei Wochen (nicht früher!) darf sie duschen. Fünfzehn Minuten Zeit, sich zu waschen. Für acht Frauen wird es vier Wasserleitungen geben, sie wird sich also mit einer anderen Insassin zusammen waschen müssen. In der Dusche gibt es weder Bänke noch Haken, also muss sie entscheiden, ob sie ihr Handtuch und Shampoo in der Hand halten will oder auf den Fliesenboden werfen. Das können Sie heute Abend zu Hause in Luzern oder Lausanne ausprobieren. Nach der Dusche kehrt sie in die kalte Betonzelle zurück, wo sie sich auf den Stuhl setzen darf. Etwas später wird das Mittagessen gebracht. Grütze oder Suppe. Natallia Hersche hat kein HIV, somit kriegt sie keine Butter oder Milch.
Bis zum Abendessen hat sie ein paar Stunden Leere. In dieser Zeit kann sie das bunteste Ding in der Zelle ansehen – einen gelben Aufnäher auf ihrer Kleidung. Wie einst Juden unter dem Naziregime müssen politische Häftlinge in Lukaschenkos Gefängnissen eine Kennzeichnung tragen. Das ist das Hellste, was es in ihrer Betonzelle gibt.
Wenn die Bestrafung in der Isolierzelle vorbei ist (Natallia Hersche wurde in Einzelhaft verlegt, weil sie sich weigerte, Polizeiuniformen zu nähen – laut belarussischem Gesetz muss man arbeiten, um für den eigenen Gefängnisaufenthalt aufzukommen), kommt sie zurück in eine gewöhnliche Viererzelle, in der 14 Frauen gefangen gehalten werden. Wenn eine Frau aufsteht, um auf die Toilette zu gehen, die nicht abgeschirmt ist, müssen alle anderen auf ihren Plätzen bleiben – sonst kommt sie nicht durch. Aus der Haft Entlassene berichten, dass in Lukaschenkos Haftzellen für jede Frau knapp zwei Quadratmeter zur Verfügung stehen.
Unter solchen Bedingungen muss Natallia Hersche zweieinhalb Jahre verbringen. Die Schweizerin wird dafür bestraft, dass sie bei ihrer Entführung einem Sicherheitsbeamten ohne Dienstmarke, der sie in einen Kleinbus zerren wollte, die Maske heruntergerissen hat.
Ich weiss nicht, wo Sie diesen Text zu Ende lesen werden, aber ich weiss ganz bestimmt, dass Natallia Hersche ihn nicht lesen wird, weil sie genau jetzt auf dem Betonboden sitzt, oder bestenfalls auf einem Stuhl, und uns alle ansieht.