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Wie aus dem Schönschreibwettbewerb das Frühlingssingen wurde
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts erstellten die Ausserrhoder Schulkinder Probeschriften. Meist schrieben sie Bibelverse oder Textteile aus dem Kirchengesangbuch ab. Dabei ging es nicht um die Rechtschreibung, sondern nur um die Schönheit der Buchstaben. Die Lehrer oder eigens beauftragte Schriftenmaler schmückten die Blätter dann aus. Die Arbeiten wurden am Montag vor Ostern im Gemeindehaus abgegeben und vom Pfarrer sowie von den Schulvorstehern bewertet.
Von der «Eins» und der «Sau»
Walter Rotach berichtet im Werk «Die Gemeinde Herisau» vom Bangen der Lehrer an jenem Vormittag. «Jene, deren Schüler vorwiegend niedrige Zahlen erhielten, galten im Volke für das ganze Jahr als beste.» Nun sah man schwarz auf weiss, «welche Lehrer die tüchtigen und welche die untauglichen waren.» Die Schule beruhte weitgehend auf privater Basis; es war den Eltern unbenommen, Schüler dem einen Lehrer wegzunehmen und einem anderen zuzuweisen. Dies hatte Einfluss auf deren «Geldbeutel». «Wohl dem, der das Knaben-Eins und das Mädchen-Eins hatte», schreibt Rotach. «Und weh dem, der eine ‹Sau› hatte.» Das waren die Schriften mit der schlechtesten Beurteilung.
Am Nachmittag zogen die Kinder von Haus zu Haus, zeigten ihre Schriften und erhofften sich eine Gabe. Am Ostermontag marschierten die Klassen vom Schützenhaus zur Kirche: zuvorderst die Schule mit den schönsten Schriften, zuhinterst jene mit den schlechtesten. In der Kirche rezitierten die Kinder Texte; jene mit der «Eins» durften ein langes Gebet oder Gedicht aufsagen. Instrumentale Vorträge und eine Ansprache des Pfarrers rundeten die Feier ab.
Fast wie an einem Sängerfest
1835 trat anstelle des Aufsagens das Singen. «Ein neuer Wettkampf, zwischen den Schulbezirken, hob an, als Schule um Schule am Ostermontag ein Lied vorzutragen hatte, gleich den Vereinen an einem Sängerfest.» Als «Kampfgericht» habe sich das Publikum berufen gefühlt, wieder sei die Neigung zutage getreten, nach dieser Leistung die Schule zu bewerten. Man entschied, die Feier neu zu gestalten: Die Jahrgänge aus den Bezirken wurden zusammengezogen, um je zwei eingeübte Lieder zu singen.
Und die Osterschriften? Der Aufwand für die Verzierung überbordete. «Man brach mit dem Brauch der Osterschriften – auch, weil die Vermögenden in der Lage waren, schönere Initialen aufmalen zu lassen als die ärmeren Leute», ist der Schrift «Das Land Appenzell» von Ferdinand Fuchs und Hans Schläpfer zu entnehmen. Als mutmasslich letzte Gemeinde im Kanton schaffte Herisau um 1860 die Präsentation der Osterschriften ab. Schulische Gesangsauftritte gab es weiterhin.
Diesmal heisst es: «Da sind mir»
Jahrzehntelang wurde zum Herisauer «Schulschlusssingen» eingeladen. Mit dem Wechsel auf den Sommer-Schuljahresbeginn erfolgte 1989 die Umbenennung auf «Frühlingssingen». Die 4. und 5. Klassen versammelten sich auf den Emporen, die 6. Klassen unten im Chor. «Es war ein Hühnerhaut-Anlass», erinnert sich Sandra Bruderer, die jene Zeit als Schülerin erlebte und nun im Landhaus unterrichtet. Mittlerweile singen nur noch die 5. Klassen und die Doppelklassen (5./6.). Sandra Bruderer und ihre Kollegin Nuria Rezzonico sind erstmals für die Organisation des Frühlingssingens zuständig: für die Auswahl der Lieder, für den Austausch mit den Lehrpersonen. Das Programm, das am Samstag, 1. April, um 10 Uhr in der reformierten Kirche aufgeführt wird, trägt den Titel «Da sind mir». Themen aus dem Alltag der Kinder würden in zehn Titeln besungen, erzählt Nuria Rezzonico. Rund 180 Schülerinnen und Schüler bereiten in den Klassen die Lieder und Gruppentexte vor; zudem sind zwei Gesamtproben vorgesehen. «Wir sind froh, dass die Lehrpersonen beim Einrichten helfen.» Es wird ein Podest errichtet. Die beiden Lehrerinnen schätzen die Zusammenarbeit mit der Musikschule. Deren Leiter Andreas Koller dirigiert den Chor seit vielen Jahren, wobei wegen Corona letztmals 2019 ein Frühlingssingen stattgefunden hat. Eine Instrumentalgruppe wirkt mit. Die Kollekte kommt dem Herisauer Verein Spielinsel (Generationenspielplatz) zugute.