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Nach den Olympischen Spielen 2020 erhalten die Schweizer Springreiter einen neuen Equipenchef. Andy Kistler, der seit 2014 im Amt ist, zieht sich zurück. Sein Nachfolger wird Michel Sorg, im SVPS Sportchef Springen und beim CHI Genf Vizedirektor. Sorg ist, nach inoffizieller Zählung, der 13. Equipenchef der Schweizer Springreiter. Seine Vorgänger sollen hier kurz vorgestellt werden. Nicht in Form einer Wertung, sondern um aufzuzeigen, wie sich der Job über die Jahrzehnte gewandelt hat, in welchem Umfeld sie tätig waren und wie erfolgreich in ihren respektiven Jahren die Schweizer Springreiter international waren.
Haccius und Dégallier
Der erste Equipenchef der Schweizer Springreiter wurde nicht als solcher ernannt, und auch selten so bezeichnet. Es war Ernest Haccius, Kommandant des Depots in Bern (ab 1950 EMPFA). 1921 reiste erstmals eine offizielle Schweizer Springreiterequipe an einen internationalen Concours Hippique im Ausland: nach Nizza. Dort bestritten sie den ersten Schweizer Nationenpreis. Sie wurden Vierte (den ersten Schweizer Sieg gab es 1926 in Dublin). In Nizza 1921 teilte sich Hptm. Kuhn auf Gecko mit einem französischen Offizier den Sieg im Grossen Preis von Nizza, damals die wohl wichtigste Prüfung des Jahres. Obwohl zwei der drei nach Nizza entsandten Reiter (Kuhn und Thommen) von der eidgenössichen Pferderegieanstalt in Thun kamen, und nur de Ribeaupierre vom Depot in Bern, wurde der Depotkommandant Haccius als Reiseleiter bestimmt. Der damalige Direktor der Regie, Oberst Ziegler, war der Haupteinkäufer von Remonten für die Schweizer Armee und so des Öfteren auf Auslandsreisen. Interessant ist, dass «Equipenchef» Haccius in Nizza, wie auch bei weiteren Auslandsstarts, selber mit-ritt und – heute undenkbar – zum Richtergremium gehörte. Haccius führte die Schweizer Springreiter-equipe in den beiden Zwischenkriegsjahrzehnten bis zu seinem Rücktritt als EMPFA-Kommandant 1941. In diesen 20 Jahren bestritt die Schweiz 58 Nationenpreise und siegte neun Mal, darunter 1927 in Genf und 1929 in Luzern.
Sein Nachfolger wurde nach Kriegsende 1946 Louis Dégallier, in den 30er-Jahren einer der erfolgreichsten Springreiter. 1931 gewann er die Championatsprüfung und drei Mal, 1934, 1935 und 1937, das Punktechampionat Kategorie S – beides Vorgänger der heutigen Schweizer Meisterschaften. Dégallier führte die Equipe bis Mitte 1961. Da er anfangs 1936 eine private Reitschule in Genf führte, galt er olympisch als Berufsreiter und durfte nicht nach Berlin an die Olympischen Spiele. Wäre er etwas früher ins Depot als Bereiter-Offizier eingetreten (Eintritt Ende 1936), wäre er olympisch startberechtigt gewesen. In seinen 15 Jahren als Equipenchef waren die Schweizer Springreiter international weniger erfolgreich. 1948 wurden die Olympischen Spiele nicht beschickt, 1951 und 1960 nur mit Einzelreitern. Die professionell agierenden Rotröcke mit privat erworbenen Pferden in Frankreich (Pierre Jonquères d‘Oriola, Jean d’Orgeix), England (Harry Llewellyn, Pat Smythe) oder USA (Bill Steinkraus, George Morris) verdrängten die rarer werdenden Kavallerieoffiziere wie die Schweizer. Von 1946 bis 1961 gewann die Schweiz nur gerade zwei Nationenpreise.
Lombard, Steinmann, Musy
Ein internationales Wiedererstarken der Schweizer Springreiter passierte in den 60er-Jahren, in den Amtszeiten als Equipenchef von Frank Lombard (1961 bis 1966) und Eugen Steinmann (1966 bis 1969). Dabei war die Ablösung von Lombard durch Steinmann eher ungewöhnlich. Da der Offizier Lombard (der Schwiegersohn des früheren Olympiareiters Werner Fehr) auch als Equipenchef weiter in der Equipe bei Nationenpreisen mitreiten wollte, sah sich SVP-Präsident Steinmann veranlasst, das Amt als Equipenchef selber zu übernehmen. In jenem Jahrzehnt brachten die Offiziere Weier und Hauri, die Rotröcke Möhr und Blickenstorfer und die Amazone Monica Weier die Schweiz wieder an die Weltspitze. 1963 gewann die Schweiz den Nationenpreis in Genf, 1964 und 1968 in Luzern und 1967 erstmals in Rom. 1969 begann die erstaunliche Siegesserie der Privatequipe Weier beim CSIO Lissabon mit vier Nationenpreisen und fünf Grand Prix Siegen in fünf Jahren.
1969 wurde Pierre Musy Equipenchef, der ranghöchste und prominenteste aller Equipenchefs: Dr. jur., Bundesratssohn, Oberstbrigadier, Alt-Geheimdienstchef, Bob-Olympiasieger, im Pferdesport erfolgreich in Rennen, Springen und Militarys (Olympiateilnehmer 1948). Am Ende seiner vier Jahre als Equipenchef sah der joviale, aber zurückhaltende Freiburger eine neue Generation an die Schweizer Springreiterspitze kommen. Noch gewannen Paul und Monica Weier 1971 respektive 1973 EM-Bronze. Aber neu kamen in den frühen 70er-Jahren die Brüder Markus und Thomas Fuchs, Willi Melliger, Walter Gabathuler und Phi-lippe Guerdat in die Equipe. Dieses Quintett war in den folgenden Jahrzehnten zusammen mit unter anderem Bruno Candrian und Heidi Robbiani für eine für Schweizer Verhältnisse beispielslose Erfolgswelle verantwortlich.
Bodenmüller, Münger, Cazzaniga, Walther
Equipenchefs dieser Jahre waren Karl Bodenmüller, der etwas unorthodoxe Winterthurer (1973 bis 1977), Rolf Münger (1977 bis 1984) und Fabio Cazzaniga (1984 bis 1992). In diesen 20 Jahren gewannen die Schweizer Springreiter bei den Europameisterschaften eine Gold-, drei Silber- und drei Bronzemannschaftsmedaillen. Dazu siegten sie 1980 erstmals im Nationenpreis von Aachen und wiederholten das 1984.
1992 begann die zehnjährige Amtszeit von Martin Walther gleich mit Erfolgsergebnissen. 1992 wurden drei Nationenpreise gewonnen, 1993 und 1994 gar je vier. In Gijon 1993 wurden die Schweizer Mannschaftseuropameister und Willi Melliger, mit dem Martin Walther eng verbunden war, holte den Einzel-EM-Titel. 1994 holten die Schweizer die bisher einzige Mannschafts-WM-Medaille. 1996 in Atlanta gewann Willi Melliger olympisches Silber und 2000 in Sydney die Equipe Mannschaftssilber.
Grass, Grünig, Kistler
Das 21. Jahrhundert sah von 2002 bis 2020 drei Equipenchefs: Rolf Grass (2002 bis 2010), Urs Grünig (2010 bis 2014) und der noch amtierende Andy Kistler (seit 2014). Sportliche Höhepunkte der ersten zehn Jahre waren 2005 die zwei EM-Medaillen in San Patrignano und 2009 in Windsor Mannschaftsgold. Dann die beiden Weltcupfinalsiege von Markus Fuchs (2001) und Beat Mändli (2007). In den vier Jahren mit Urs Grünig als Equipenchef wurde Steve Guerdat 2012 Olympiasieger in London. Dazu gab es mehrere Podestplätze in den Weltcupfinals. Der Olympiasieg von Steve Guerdat von 2012 war der Auftakt zu einer Erfolgsperiode, die die letzten Jahrzehnte vor der Jahrhundertwende noch übertrifft: In seinem letzten vollen Amtsjahr 2019 von Kistler wurde Martin Fuchs Europameister, Steve Guerdat und Martin Fuchs belegten die beiden ersten Plätze im Weltcupfinal und zum Jahresabschluss gab es ein halbes Dutzend grosse Siege in Grossen Preisen und Weltcupspringen. Ende 2019 belegten zwei Schweizer die Plätze eins und zwei in der Weltrangliste, mit Bryan Balsiger gewann ein Talent das Weltcupspringen von Oslo und Veteran Pius Schwizer ist dank Podestplätzen für den Final in Las Vegas qualifiziert.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 5/2020)
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