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Am Sonntag trifft Deutschland an der Europameisterschaft in Lille auf die Ukraine (21 Uhr). Im Osten der Ukraine bracht im Februar 2014 ein Konflikt um die Oblasten Donezk und Luhansk aus. Zwei Monate nach dem Ausbruch entstand diese Reportage. Im Fokus: die Auswirkungen des Konflikts auf den Fussball.
Dieser Text entstand im April 2014 bei einem Besuch in der Ukraine. Aus aktuellem Anlass publizieren wir die Reportage im Vorfeld der Europameisterschaftsbegegnung zwischen Deutschland und der Ukraine nochmals. Der Text wurde an einigen Stellen aktualisiert, die Passagen sind mit einem * markiert.
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Das Büro, etwas ausserhalb der ukrainischen Stadt Lwiw gelegen, erinnert eher an einen Konferenzsaal als an einen Arbeitsplatz. Eine grosse Fensterfront erhellt den Saal mit Tageslicht und ermöglicht die Sicht auf das Trainingsgelände des ukrainischen Fussballvereins FK Karpaty Lwiw. Ein langer Tisch auf der einen Seite des Raumes bietet mindestens zwanzig Personen Platz. An seinem Schreibtisch auf der anderen Seite des Zimmers sitzt Petro Petrowytsch Dyminskyj, einer der reichsten Männer der Ukraine, und macht den Fernseher an.
Tonlos huschen Bilder maskierter Männer in Uniformen über den Bildschirm, sind Nachrichtensprecher zu sehen, Expertenrunden. Politik im Fernsehen ist ein normales Bild in diesen Tagen in der Ukraine. In Bars und Restaurants, auf öffentlichen Plätzen: Vielerorts gibt es Grossleinwände, die über die aktuellen Geschehnisse in dem Land informieren, in dessen Osten mehrere Städte von prorussischen Separatisten besetzt sind.
Die Ausnahmesituation hat auch Auswirkungen auf den ukrainischen Fussball: Nach mehreren Ausschreitungen bei Fussballspielen kam die Liga einer Forderung der Regierung nach und trägt den zweitletzten Spieltag der Saison 2013/14 unter Ausschluss der Öffentlichkeit aus. Gleichzeitig werden Spiele im Südosten in andere Regionen verlegt. Dazu gehört auch der Cupfinal zwischen Dynamo Kiew, dem Club des Ex-Baslers Aleksandar Dragovic, und Serienmeister Schachtar Donezk. Das Endspiel findet nicht wie vorgesehen in Charkiw statt, sondern in Poltawa.
Ihrer ausgeprägten nationalistischen Haltung entsprechend lehnen sich die Fans von Karpaty gegen die Besetzung des Ostens durch prorussische Gruppen auf. «Eigentlich sollte der Fussball mit der Politik nichts zu tun haben», sagt Trainer Sevidov, fügt aber umgehend an: «In dieser speziellen Situation ist es klar, dass die Politik auch bei uns täglich diskutiert wird.»
Während des Euromaidans, der Protestbewegung, die im Februar 2014 rund 80 Todesopfer forderte, viele davon aus der Region Lwiw, seien viele Spieler um ihre in Kiew lebenden Familien besorgt gewesen. Umgekehrt haben sich Familienangehörige im Ausland Sorgen gemacht um ihre verwandten Sportler in der Ukraine.
Doch im Falle der Ausländer bei Karpaty Lwiw sind politische Krisen keine neue Situation: «Der Kroate Mladen Bartulović und der Georgier Murtaz Daushvili kennen Kriege aus ihren Heimatländern. Alle meine Spieler wissen, dass die Situation ernst ist. Doch Angst hat niemand», sagt Sevidov und schliesst mit der Bemerkung: «Es sind alles echte Männer, die mit dieser Situation umgehen können.»
Ausländische Spieler verlassen die Vereine
Die Ereignisse in der Ukraine hatten sehr wohl Einfluss auf die Fussballspieler der obersten Liga. Beim FK Tschernomorez Odessa haben fünf Spieler aus Angst vor der politischen Lage ihre Engagements in der Ukraine beendet. Einer davon ist der Österreicher Markus Berger, der kurz vor seiner Ausreise sagte: «In der Ukraine ist an Fussball nicht zu denken.»
Mit diesem Wissen sitzen wir inzwischen doch noch dem Vereinspräsidenten Dyminskyj gegenüber, der von sich selbst sagt: «Ich bin eine öffentliche Person. Dank des Fussballs habe ich Anerkennung erlangt. Und Einfluss.» Doch diesen hätte er auch ohne den Fussball: Im Westen der Ukraine gilt er als reichster Mensch – woher sein Geld stammt, ist ungewiss.
Recherchen des ZDF für den Dokumentarfilm «Liga der Milliardäre – Fussball in der Ukraine» ergaben, dass Dyminskyj beim Zusammenbruch der Sowjetunion Direktor der grössten Erdölraffinerie der Westukraine gewesen war und im Zuge der Privatisierung dieses Staatsbetriebs reich wurde. Neben den Geschäften, zu denen unter anderem ein landesweites Netz an Tankstellen und ein Medienunternehmen gehören, besteht Dyminskyjs Netzwerk aus engen Kontakten zur orthodoxen Kirche und in die Politik.
«Verspüren die Menschen keine Zuversicht für die Zukunft ihrer Familien, dann haben sie auch keine Freude am Fussball»
Seit 2001 ist Dyminskyj Präsident von Karpaty. Zum Fussball in der ehemaligen Sowjetrepublik sagt er: «Unser Sport ist Teil des gesellschaftlichen Lebens in der Ukraine. Aber in der aktuellen Situation sind die Leute mit anderem beschäftigt.» Dyminskyj weist die Einschätzung zurück, dass der Fussball in der angespannten Lage etwas Freude in das Leben der Menschen bringen könne: «Ich bin der Meinung, dass dies sogar vor der Krise nicht der Fall war. Denn wenn die Bevölkerung keine demokratischen Rechte hat, die Menschen in ihrem Leben keine Freude und wenig Zuversicht für die Zukunft ihrer Familien verspüren, dann können sie auch keine Freude haben am Fussball.»
Die Zuschauer bleiben den Stadien fern. «Sogar bei den Teams, die um den Titel mitspielen. In diesen Tagen sind diese Stadien vielleicht zu einem Drittel gefüllt. In Simferopol oder Luhansk, den Hotspots des Konflikts, ist es noch schlimmer», erzählt Dyminskyj.
Beim Auswärtsspiel in Luhansk, der ersten Grossstadt, die von den prorussischen Separatisten kontrolliert ist, kamen zum Spiel zwischen Zorya Luhansk und Karpaty Lwiw noch rund 7000 Zuschauer. «Früher gehörten dieses Begegnungen zu den Partien, die ein grosses Interesse ausgelöst haben», sagt Dyminskyj, der immer wieder betont: «Fussball ist momentan schlicht und einfach nicht das Hauptinteresse der Leute.»
Profifussball in der Ukraine – ein Zuschussgeschäft
Der Fussball ist für den ehemaligen Bergbauarbeiter auch abgesehen der Krisensituation in der Ukraine kein einträgliches Geschäft: «Der Zustand der ukrainischen Gesellschaft macht es unmöglich, die Vereine profitabel zu führen. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 200 bis 300 Dollar können wir die Tickets höchstens für 2 bis 3 Dollar verkaufen.» Doch der Profit stehe für ihn nicht im Vordergrund, sagt Dyminsky: «Mein Ziel ist es, positive Emotionen hervorzurufen. Die sind mehr wert als das Geld, das ich in den Verein investiert habe.»
Die einzige Ertragsquelle erkennt Karpatys Präsident in der Teilnahme an der Champions League. Für einen Verein im Mittelfeld der ukrainischen Premjer Liga, der als grössten Erfolg den Gewinn des Sowjetcups im Jahre 1969 und in jüngerer Vergangenheit die einmalige Teilnahme an der Gruppenphase der Europa League aufweist, bleibt das auf mittlere Sicht ein frommer Wunsch.
Das weiss auch Dyminskyj. Für ihn stehe der Aufbau eines Teams mit jungen Spielern aus der Region im Vordergrund, das dereinst in den obersten Tabellenrängen mitspielen soll. In naher Zukunft ist für ihn die Champions League «nicht realistisch».
* Auch 2016 gehört Karpaty zum Mittelfeld der ukrainischen Liga.
Doch Gedanken an sportliche Resultate führen im aktuellen Ausnahmezustand ohnehin zu weit, denn die Entwicklungen in der Ukraine bringen die Fussballvereine in eine Situation grosser Unsicherheit. «Die Zukunft ist komplett offen», fürchtet Dyminskyj, «zuerst wurde im Februar 2014 während der gewalttätigsten Tage die Meisterschaft unterbrochen, inzwischen spielen wir jeden dritten, vierten Tag, um diese Verspätung aufzuholen. Das Schlimmste aber ist, dass wir nicht wissen, wie es um die neue Saison steht. Wir können das Team nicht planen, wir wissen nicht, wann wir den Spielern Ferien geben sollen, wann wir Trainingslager abhalten können.»
Die ungewisse Zukunft der ukrainischen Liga
Die grösste Unklarheit in der ukrainischen Premjer Liga ist derweil die Zukunft der Vereine auf der Krim: SK Tawrija Simferopol und PFK Sewastopol. «Die Krim ist mit grösster Wahrscheinlichkeit verloren für die Ukraine», sagt Dyminskskyj. Für den Fussball bedeutet das: «Niemand weiss, in welcher Liga diese Vereine nächste Saison spielen werden. Das ist ein Problem für die Investoren. Soviel ich weiss, sind die Finanzierungen bereits jetzt fast vollständig gekappt worden.»
Der Liga-Wechsel von der Ukraine nach Russland – für die Uefa von politischem und ökonomischen Belang.
Einem Wechsel dieser Teams in die höchste russische Liga stünden zwar etliche bürokratische Hürden im Weg. Doch zumindest was den europäischen Verband Uefa betrifft, hat eine Eingliederung in die russische Premier Liga politische und ökonomische Apsekte: Zu wichtig ist das finanzielle Engagement des russischen Energieriesen Gazprom in der Champions League – die Uefa wird es sich kaum mit den Russen verscherzen wollen.
Das Onlineportal futbolgrad.com verweist in diesem Zusammenhang darauf, dass die Uefa im Falle eines Wechsels der Krimvereine in die russische Liga die erste internationale Institution wäre, welche die Annektion der Krim akzeptieren würde. Und zweitens geht daraus die Frage hervor, ob nicht andere Vereine aus Russland nahestehenden Gebieten versuchen würden, in die lukrativere russische Liga zu wechseln.
* Im August 2014 wurden Simferopol, Sewastopol und Jalta in die dritte russische Liga aufgenommen. Im Dezember schloss die Uefa die Krim-Vereine aus der russischen Liga wieder aus. Später entstand auf der Krim eine eigene Liga mit acht Vereinen. » Details zu lesen bei «Die Zeit»
Gemeinsame Demonstration: Fans von Dnipro Dnipopetrovsk und Metalist Charkiv am 27. April 2014. (Bild: Keystone) (Bild: Keystone/OLGA IVASHCHENKO)
Zur Abwanderung der beiden Krim-Vereine kommt der Fall von Arsenal Kiew. Der zweite Verein der Hauptstadt zog sich wegen Zahlungsunfähigkeit aus der laufenden Meisterschaft zurück, der Oligarch Vadim Rabinovich hat laut futbolgrad.com das Interesse an seinem Spielzeug verloren und den Geldhahn zugedreht. Und ein zweiter Insolvenzfall droht der Liga mit dem FK Metalist Charkiw.
* Dieses Szenario wurde abgewendet, Charkiw ist nach wie vor Teil der ukrainischen Premjer Liga.
Fans, auch rivalisierende, solidarisieren sich in den Stadien
Was den FK Karpaty Lwiw angeht, so ist weiterhin nicht klar, wann der Verein in das neue Stadion einziehen wird. Für die Euro 2012 wurde die Arena Lwiw gebaut, doch nach den drei Vorrundenpartien wurde diese fast nicht mehr genutzt. Die Betriebskosten seien zu hoch, sagen die Vereinsverantwortlichen. «Es war ein grosser Fehler, das neue Stadion zu errichten. Dieser Bauentscheid wurde entgegen jeder Logik gefällt», sagt Präsident Dyminskyj. Er wäre dafür gewesen, das alte Stadion zu renovieren und «hätte dafür die Kosten übernommen». Die Mannschaft trägt ihre Spiele weiterhin im alten Stadion Ukrajina aus.
In diesem alten, von Bäumen umgebenen, weitläufigen und einigermassen gut erhaltenen Stadion werden wir in der viertletzten Runde der Saison 2013/14 beim Spiel Karpaty gegen Metalurg Zaporizhya (2:2) Zeuge von einer speziellen Entwicklung im ukrainischen Fussball: Als Reaktion auf die Unruhen im Land haben die Anhängerschaften, auch traditionell stark rivalisierende, ihre Animositäten beiseite gelegt und sich landesweit verbrüdert. «Solidarität für den Frieden», nennt das die Bevölkerung.
Das geht soweit, dass die Fans in den Stadien gemeinsam Lieder anstimmen und sich gegenseitig applaudieren.
Der Verein im Westen der Ukraine wurde 1963 gegründet. Der grösste Erfolg war 1969 der Gewinn des Sowejtcups. Karpaty ist die einzige Mannschaft, die diesen Cup als Verein der zweiten sowjetischen Liga gewonnen hat. Der grösste Erfolg der jüngeren Vergangenheit ist die Teilnahme an der Gruppenphase der Europa League 2010/2011. In der letzten Runde der Qualifikation wurde Galatasaray Istanbul ausgeschaltet, in der Gruppe mit Borussia Dortmund, Paris St. Germain und dem FC Sevilla schied Karpaty mit einem Punkt aus. Petro Dyminskyj, der als reichster Geschäftsmann des ukrainischen Westens gilt und Mitglied des nationalen Parlaments Werchowna Rada war, ist seit 2001 Präsident des Vereins.