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Im Ziel wusste die damals 20-jährige Weyermann nicht, ob es für den Sprung aufs Podest gereicht hatte. Erst der Stadionspeaker brachte die Erlösung. Die Bernerin holte im Final am 5. August 1997 alles aus sich heraus. Nach dem Rennen lag sie rund eine Minute bewegungslos auf dem Rücken am Boden. Als sie versuchte aufzustehen, klappte sie wieder zusammen. In der Folge sagte sie - auf den Endspurt angesprochen - jene Worte, die unvergessen sind: Gring ache u seckle.
Allerdings musste Weyermann noch eine Weile um die Medaille zittern, weil von irischer Seite ein Protest gegen sie angedroht worden war, nachdem sie sich 250 m vor dem Ziel zwischen der Amerikanerin Regina Jacobs und der Schwedin Malin Ewerloe hindurch gedrängt und dabei die Arme zur Hilfe genommen hatte. Auf diese Szene bin ich nicht stolz, die schaue ich nicht gerne an, sagt Weyermann heute. Sie hatte das im Ziel jedoch nicht präsent, es passierte in der Hektik des Geschehens.
Schliesslich hatte sich Weyermann viel vorgenommen. Für sie zählte nur eine Medaille, obwohl eine solche damals nicht erwartet werden konnte. Schon im Jahr zuvor an den Olympischen Spielen in Atlanta hatte sie im Final über 5000 m einen Podestplatz ins Visier genommen. Da war ich aber noch nicht weit genug, spülte es mich nach hinten (sie belegte Rang 14 - die Red.). In Athen stand ich es durch, so Weyermann.
Voll ans Limit zu gehen, ist eine Fähigkeit, die bei weitem nicht alle besitzen. Ich hatte immer Respekt vor den Rennen, da ich wusste, dass es auf der letzten Runde brutal weh tut. Ich wollte mir aber nie Vorwürfe machen, nicht alles versucht zu haben, erzählt Weyermann. Ihr Ehrgeiz war enorm, insofern strebte sie immer nach mehr. Nach dem tollen Erfolg in der griechischen Hauptstadt überlegte sie, was sie machen kann, um auf den letzten 200 m noch besser zu sein, schliesslich waren zwei Läuferinnen im Endspurt schneller. Die Bernerin fing mit Maximalkrafttraining an, absolvierte mehr Sprinttraining.
Die Öffentlichkeit erwartete nach der Leistung in Athen selbstredend mehr von ihr, den grössten Druck machte sich Weyermann aber selber, von daher änderte nicht viel. Ein Jahr später belegte sie auch an den Europameisterschaften in Budapest den 3. Platz. 1999 wurde sie in Velenje Cross-Europameisterin. Danach blieben Grosserfolge aus, hatte sie mit diversen Verletzungen zu kämpfen. Im März 2008 erklärte sie den Rücktritt vom Spitzensport, nachdem sie im Dezember zuvor einen Muskelriss erlitten hatte, der einen gezielten Aufbau verunmöglichte, wodurch der Traum der dritten Olympia-Teilnahme zerplatzte.
Weyermann hält immer noch die Schweizer Rekorde über 1500 m, eine Meile, 3000 und 5000 m - den letzten erzielte sie 1999. Obwohl sie ihre grössten Erfolge jung feierte, würde ich es wieder so machen. Sie gab aber zu, bei den Verletzungen zu wenig Geduld gehabt und zu schnell wieder Gas gegeben zu haben. Im Nachhinein ist man jedoch immer schlauer, erklärt Weyermann.
Nach dem Gewinn der WM-Medaille konnte sie gut vom Sport leben. Die Reaktion der Medien führte dazu, dass sich ihr Leben etwas veränderte. Wenn sie beispielsweise in die Stadt ging, fühlte sie sich ausgestellt. Da kam sie auf die Idee, ihre Haare abzuschneiden, was allerdings nicht viel brachte, ausser dass es Scheisse aussah, sagt Weyermann, die an der Fernuniversität in Hagen den Bachelor in Wirtschaftswissenschaften absolviert hat.
Mit der Leichtathletik blieb sie auch nach der Karriere verbunden, unter anderem gibt sie Laufkurse. Für Swiss Athletics macht sie ab und zu Trainerausbildungen. Seit 2009 ist sie Redaktorin beim Radio BeO mit einem aktuellen Pensum von 20 Prozent. Ausdauersport betreibt sie immer noch gerne, und zwar nicht nur Laufen, sondern auch Schwimmen, Velofahren oder Langlauf. Im Schnitt nimmt sie zweimal pro Jahr an einem lokalen Lauf teil. Ausserdem ist sie Mutter von vier Kindern - 2013 brachte sie Drillinge zur Welt. Das war das Beste, das passieren konnte, so Weyermann. Langweilig wird es ihr also nicht.
(sda)