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Bachs Vokalmusik in Basel und der Wandel der Aufführungspraxis
Waren zu Beginn die Aufgaben unter den Basler Chören noch klar verteilt, so erwies sich das Zusammenspiel der verschiedenen Singvereinigungen als immer komplexer. Der Bach-Chor lieferte ursprünglich das auf die barocke und klassische geistliche Musik beschränkte Gegengewicht zum Gesangverein, der die grossen oratorischen Werke des 18. bis 20. Jahrhunderts pflegte. Noch bis in die jüngste Zeit hinein blieb etwa Bachs Matthäuspassion die Domäne dieses Chores, während dem Bach-Chor Magnificat und Johannespassion sowie gelegentlich die H-moll-Messe blieben. Auch ein Elias vom Bach-Chor musste so ein seltenes Ereignis bleiben.
Ausflüge in die neuere, gar lokale zeitgenössische Musik aus der Pionierzeit des Bach-Chores unterblieben, da sich der 1928 gegründete Basler Kammerchor des neuen wie des vorbachschen Repertoires annahm. Wirkte der Bach-Chor 1928/29 noch in Uraufführungen von zwei Werken Arthur Honeggers unter der Leitung von Paul Sacher mit, so bewältigte der Kammerchor solche Herausforderungen sehr bald in eigener Regie.
Als nach dem Zweiten Weltkrieg Bachs Vokalmusik, besonders das kirchliche Kantatenwerk, immer mehr Sache spezialisierter Vokalensembles wurde, die häufig nur aus Knaben- und Männerstimmen bestanden, näherte sich der gemischte Bach-Chor immer mehr dem Repertoire des Gesangvereins an. Die Abgrenzung gegenüber dem grösseren und gemessen an der Anzahl seiner Auftritte leistungsfähigeren Chor, der das Münster zu seinem Aufführungsort gewählt hatte, war für den in die Martinskirche abgewanderten Bach-Chor immer ein Thema. Besonders in den Jahren 1977 bis 1985, als Etienne Krähenbühl beide Chöre leitete, beherrschte sie viele Diskussionen. Die Exponenten des damals kleineren Bach-Chores hatten stets das Gefühl, in die Defensive gedrängt zu werden, und achteten genau darauf, dass niemand aus den eigenen Reihen dem Gesangverein beitrat. Allen Befürchtungen zum Trotz schaffte es Krähenbühl aber, den beiden Formationen ihr je eigenes Gepräge zu erhalten, was gemeinsame Projekte wie etwa das erst nach seinem Tod von beiden Chören zusammen aufgeführte Brahms-Requiem nicht ausschloss. Betrachtet man die Konzertprogramme beider Chöre seit etwa 1980, so zeigt sich, dass der Gesangverein nur gelegentlich Werke auf sein Programm setzte, die der Bach-Chor auch schon einmal, zum Teil viele Jahre zuvor, gesungen hatte. Überschneidungen betreffen allenfalls Bachs Passionen oder das Weihnachtsoratorium, die aber von den beiden Chören nie in zeitlicher Nähe zueinander gesungen worden sind und die ja ausserdem auch andere Basler Chöre, wenn nicht gar Gastensembles von Zeit zu Zeit aufführen.
Als sich ab 1980 die Erkenntnis durchsetzte, dass die Chorsätze und Choräle in Bachs Kantaten im Leipziger Alltag (oder Notfall) gar nur von einem Sänger pro Stimme gesungen wurden, erschien das aus dem 19. Jahrhundert herrührende Chorwesen in noch fragwürdigerem Licht. Joachim Krause hat es zwar verstanden, die Erkenntnisse der historischen Aufführungspraxis auf den grossen Chor zu übertragen. So gelangen ihm immer wieder Aufführungen von Bachs grossen Vokalwerken, die von der Beweglichkeit des deutlich artikulierenden und beschwingt deklamierenden Bach-Chores in seiner erstaunlichen Grösse bestimmt waren. Aber die Aufführung von Bachs sonntäglicher Kirchenmusik – einst die Domäne von Adolf Hamm – wurde in den letzten Jahren zur Angelegenheit einer Initiative aus dem Umfeld der Schola Cantorum Basiliensis, die zu einer Gesamtaufführung aller Kantaten in der Predigerkirche (2004–2012) geführt hat.
War einst Paul Sacher wesentlich dafür verantwortlich, dass Adolf Hamm über ein geeignetes Instrumentalensemble verfügen konnte und deswegen 1926 an die Spitze des Bach-Chores zurückkehrte, so war es gerade die von diesem selbst initiierte besondere Basler Pflege alter Musik, welche dazu führte, dass sich der Bach-Chor als grosser gemischter Laienchor ein neues Repertoire erschliessen musste. Was aber über die Jahre dank dem kompetenten Studium der Bach’schen Vokalmusik gewonnen wurde, kommt nun auch der Einstudierung schwieriger und anspruchsvoller Chormusik des 20. und 21. Jahrhunderts zugute, die eine besondere Schulung des Gehörs und des Rhythmusgefühls erfordert. Die im Umgang mit neuerer Musik gewonnenen Fähigkeiten wirken sich umgekehrt hörbar auf die Interpretation von Bachs Chorwerken aus. So befruchten sich die beiden Repertoireschwerpunkte, welche heute die Eigenart des Bach-Chores ausmachen, auf ideale Weise.