Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03637.jsonl.gz/2057

Das Buolsche Haus — heute Kino Eden
Dieser schöne Besitz, eingeschoben zwischen dem von den Bayer erbauten Rathaus mit Falken (heute Hafenkneipe) und dem schmalen Gässchen vor dem Pillierschen Kettenhaus, besteht aus zwei Häusern. Das östliche ziert der figurenreiche Geschäftserker, auf den wir am Schluss zurückkommen wollen, das westliche wurde zum Kino umgebaut. Wo sich über Garagen die Tanz- und Ballettschule von Frau Wanda Weber-Bentele befindet, bestanden schon in alter Zeit Anbauten an beiden Häusern.
Beide Häuser waren äbtische Lehen. Ein Verzeichnis im Stiftsarchiv (E 1265, S. 82) belegt als frühesten Besitzer im Jahre 1506 den Schumacher Dyas für das östliche oder obere Haus, das repräsentativere, das später den Erker bekam; das westliche oder unter übernahm im gleichen Jahre Schlosser Hans Wittwyler. 1506 ist offenbar das Baujahr des Doppelhauses, dessen Teile oft verschiedenen Besitzern gehörten. So besassen das obere Haus 1526 Digenmann und Handtli, 1538 erwarb es Burkhart Schenk, 1583 Tobias Frommenwyler, genannt Oelschauer, 1597 Lorenz Moser, 1613 Jakob Staiger, 1626 Georg Balthasar Hofmann, der Begründer des Rorschacher Leinwandhandels( gest. 1641), 1645 Georg Buol und 1668 Johann Sigmund Buol.
Das andere, das untere Haus weist im gleichen Zeitraum fast doppelt so viele Eigentümer auf: 1526 Hans Pfund, 1544 dessen Erben, 1547 ein Waltherus, 1548 Jakobus Tanner, 1551 Marzell Pfund, 1552 Christian Talmann, 1559 Hans Altherr, 1564 Jakob Talmann, 1570 Debus Rüst, 1575 Burkhart Schenk, 1580 Tobias Frommenwyler, 1597 Jakob Trummer, 1618 Ammann Notker Pfund, 1637 seine Erben, 1659 Georg Buol und 1668 Johann Sigmund Buol (wie oben).
Weil die Buol das Doppelhaus rund hundert Jahre (1659-1756) zu eigen hatten und offenbar gleich zu Anfang bei einem Umbau oder Neubau den Erker errichten liessen, blieb die Bezeichnung des Buolschen Hauses bis ans Ende der äbtischen Zeit bestehen. Die Buol, die ihren Namen von einem Hügel (büel) herleiten, sind wahrscheinlich Walser, die im 13. Jahrhundert nach Davos auswanderten, wo ihr ältester Stammsitz die «Buolen Au» war. Sie werden um die Mitte des 15. Jahrhunderts als einfache Landleute, als montfortische Zinsleute erwähnt und gehörten in der Folge zu den bedeutendsten Häuptergeschlechtern des Zehngerichtebundes. Die Buol müssen schon 1610 in Rorschach anwesend gewesen sein, gibt es doch aus diesem Jahr einen Kaufbrief der Brüder Hans und Christoph Buol, der sich aber nicht auf das Doppelhaus bezieht. Der schon genannte Jörg Buol, seit 1649 Besitzer beider Häuser, dürfte der Sohn eines der beiden sein. Auf ihn folgte sein Sohn Johann Sigmund, lic. jur., der bis 1661 Lehenvogt, von 1662 bis 1669 Kanzler, 1670 Obervogt zu Rorschach, äbtischer Rat und Kornvorsteher und 1676 Vogt auf Rosenberg bei Berneck war. Mit andern wohlhabenden Rorschacher Bürgern stiftete er 1664 die zweite Kaplaneipfründe, die sog. Constatiuspfründe, deren Inhaber – damals der dritte Priester am Orte – Latein- und Musikunterricht zu erteilen hatte. Johann Sigmunds Gattin Margarita Anna Kleinhans von Feldkirch brachte mindestens sechs Kinder zur Welt, von denen drei bei der Geburt starben. Der sechsjährige Georg ertrank im See (1670). Zwei Söhne, Franz Joseph und Johann Baptist, 1676–1756, bewohnten je ein Haus. Der Letztgenannte befehligte als Landeshauptmann die äbtische Miliz.
Wie alle vermöglichen Rorschacher erwarben auch die Buol weiteren Besitz, der durch die Lehenbücher ausgewiesen ist. So 12 Stück Reben in Wilen samt einer halben Juchart Acker, 3 Mahd in der Eschenwies (?), 2 Mahd Heuwachs und eine Juchart Reben samt einem Steinfelsen im Steingrüebli (südl. Neuquartier). Auf dem Lindenplatz gehörte ihnen ein Stadel.
Als im Toggenburger- oder Zwölferkrieg (1712–1718) Rorschach von Zürcher und Berner Milizen besetzt wurde, begann «in der unteren Stube des Obervogtes Buol» am 20. Oktober 1713 die denkwürdige und langwierige Rorschacher Friedenskonferenz, für die sich Franz Joseph von Bayer (1665–1724) eingesetzt hatte. Es gelang ihm mit dem Schultheiss von Baden die Präliminarpunkte festzusetzen. Der mit 95 Artikeln von den äbtischen Vertretern im Winter 1713/14 ausgehandelte Friedensvertrag wurde jedoch von Abt Leodegar Bürgisser, der im Neu-Ravensburger Exil weilte, verworfen. Zur Einigung kam es erst unter seinem Nachfolger.
Nach dem Ableben Johann Baptist Buols (1756) erstand Ferdinand Joseph von Bayer (1696–1774) die seinem Besitz (Rathaus und Falken) benachbarten Buolschen Häuser von den Erben der Buol, den Baronen von Pflummern und Rüple.
Noch 1786 mussten die Bayer für dieses Besitztum den Lehenszins an das Kloster entrichten: wegen eines neuen Anstosses 12 Kreuzer, dazu 2 Schultern (Schweinsrippli) oder 21 Kreuzer, weiterhin 5 Hühner oder 30 Kreuzer.
Nach dem Tode des Majors Carl von Bayer verkaufte seine Gattin 1833 das obere Bayersche Haus (Rathaus und Falken) an die Albertis und die Buolschen Häuser an Johann Remigius Ruest, von dem sie 1837 der Leinwandhändler und Gemeinderat Johann Baptist Gorini erstand. In einer freiwilligen Versteigerung aus der Erbmasse von J. B. Gorini erwarb Melchior Krieg die Häuser (1874). Gegen ein Haus an der Neugasse tauschte es 1881 Johann Müller ein, der in dem nun «Merkur» genannten Besitz ein Geschäft für Haushaltartikel eröffnete. Von J. Müllers Erbengemeinschaft kaufte 1927 Karl Weber-Sager (1866 bis 1947) das Doppelhaus. Dessen Sohn Karl Weber-Bentele ließ es sich angelegen sein, durch bewusste Erhaltung und geschmackvolle Gestaltung des Innern aus den alten Häusern ein Schmuckstück zu machen.
Eine besondere Zierde, die in ihren Einzelheiten viel zuwenig gewürdigt wird, bildet der zweigeschossige Erker. Er ist vielleicht der älteste der drei bemerkenswerten Erker an der Hauptstrasse 35. Während die beiden andern (Haus Brugger und Haus Dr. Weder) religiöse Motive enthalten, stellt der Buolsche einen typischen Kaufmannserker dar. Man kennt weder den Künstler noch die genaue Zeit der Ausführung. Vielleicht arbeitete hier der gleiche unbekannte Meister wie beim Erker zum «Greif» in St. Gallen. Der kastenförmige, aus der Mauerflucht ragende, erhöhte Vorbau erhellt und erweitert den hinter ihm liegenden Wohnraum. Von diesem Beobachtungsposten aus ließ sich das Treiben auf der Strasse z. B. bei Festlichkeiten bequem verfolgen. Es könnte sein, dass die Buol, zu Wohlstand gekommen, mit der reichen und humorvoll-ernsten Ornamentik ihres Erkers ihrem Friedensjubel nach dem Dreißigjährigen Krieg Ausdruck gaben. Auf jeden Fall stellt das Werk ihrem Kunstsinn ein feines Zeugnis aus. Das gleiche gilt für den Erneuerer Karl Weber, der dem Kleinod durch die Farbgebung des von ihm verehrten Künstlers Theo Glinz 1927 erhöhte Wirkung und Schönheit verleihen liess. Der gleiche Künstler schuf 1953 auf der grossflächigen Fassade des untern Hauses den Paradiesgarten in eindrucksvollem Sgraffito.
Der Geschäftserker enthält Reklamewappen. Ein Schwarzer trägt die ganze Erkerlast: Das deutet wohl hin auf den Bezug verschiedenster Waren aus dem Morgenland. Die beiden Löwen als Seitenträger versinnbildlichen den Wagemut des Kaufmanns, ohne welchen er nicht vorwärtskommt. Der ganze Erker ist umgeben von köstlichen, kräftigen Fratzen und Gesichtern, Nymphen und Faunen, welche die Unzahl von Schwierigkeiten zu Wasser und zu Land andeuten, die zu überwinden sind, bis die Ware geborgen ist. Aus den Seitenfeldern lachen liebliche Engelsköpfchen über den Schabernack, der um sie vorgeht. Auch der Konkurrenz ist gedacht: schreckliche Gesichter, die ihre langen Zungen spottend ausstrecken. Der Erker findet seinen Abschluss in einem grimmig dreinblickenden Löwen. Die Pranken in die Beute eingekrallt, den Schweif erhoben, droht er jedem, der ihm etwas antun will. Das bedeutet wohl: Die Buol halten ihren Besitz fest in der Hand und setzen alle Kraft zu dessen Behauptung ein. Möge diese Zierde Rorschach noch lange erhalten bleiben!
Text: Richard Grünberger, Rorschacher Monatschronik