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Spirituelle Übungen
Eine Verletzung veränderte sein Leben. Als Ignatius von Loyola im Krieg schwer verwundet wurde, löste dies eine Hinwendung zu Gott aus. Er ging auf Pilgerreise und beschrieb seine Erfahrungen später in den sogenannten Ignatianischen Exerzitien. Diese Schriften aus dem 16. Jahrhundert bestehen aus einer Reihe geistlicher Übungen, die zu Gebet, Meditation und Kontemplation anleiten. Ziel ist die Stärkung der geistigen Fähigkeiten. Der Weg dahin beinhaltet vier Wochen Einkehr und Rückzug, um intensive Glaubenserfahrungen zu machen und durch Besinnung und Innenschau zu mehr Klarheit zu gelangen.
Kann uns eine solche Anleitung auch in aktuellen Krisenzeiten weiterhelfen? An Angeboten mangelt es zumindest nicht. Exerzitien werden heute in unterschiedlichen, mitunter sogar säkularen Formen abgehalten. Doch auch Loyolas Buch, das im Laufe der Jahrhunderte in ca. 4500 verschiedenen Ausgaben millionenfach gedruckt wurde, hat seine Wirkung bis heute nicht verloren. Es findet zuweilen Eingang in die zeitgenössische Kunst: 2007 stiess es beim belgischen Künstler Luc Tuymans (*1958) eine vertiefte Auseinandersetzung über das Verhältnis von Bildern, Macht und Religion an. Ausgangslage war seine Faszination für die Glaubensgemeinschaft der Jesuiten, die mit ihren pädagogischen Initiativen und der Herausgeberschaft von Büchern und Grafiken jahrhundertelang eine wichtige Rolle in der Geschichte der visuellen Kultur einnahmen.
Mehrstufige Verfremdung
Unter dem Titel The Spiritual Exercises veröffentlichte Tuymans eine Serie aus sieben Lithografien, die auf Darstellungen aus den Ignatianischen Exerzitien zurückgehen. Als Vorlage wählte der Künstler eine illustrierte Ausgabe, die 1673 von Michiel Cnobbaert im Belgischen Antwerpen herausgegeben wurde. Tuymans, der häufig mit vorgefundenem Bildmaterial arbeitet, erstellte von einer Auswahl der abgedruckten Holzschnitte Polaroid-Aufnahmen. Daraus schuf er eine Serie von Aquarellen, die er schliesslich als Lithografien druckte. Mit jedem Reproduktionsschritt entfernt sich das Motiv von der ursprünglichen Darstellung. Vormals detailreich wiedergegebene Bildbereiche wandeln sich zu planen Farbflächen, Figuren werden auf ihre Umrisse reduziert und alles ist in eine merkwürdig vibrierende, violett bläuliche Farbigkeit getaucht. Diese ist auf die Polaroid-Aufnahmen zurückzuführen, deren Farbtöne Tuymans in den Aquarellen und Lithografien aufgreift. Der Künstler setzt auf einen Verfremdungseffekt, der sich durch die medialen Wechsel schrittweise steigert.
Stille Andacht
Die begleitenden Illustrationen nehmen in den Ignatianischen Exerzitien eine Vermittlerfunktion zwischen einer irdischen und einer geistlichen, spirituellen Welt ein. Sie sollen helfen, mittels Gedanken, Bildern und Gefühlen eine Beziehung zu Jesus herzustellen. Doch wo bei Loyola Geistliche, engelsgleiche Wesen und ein gestikulierender Prediger klar zu erkennen sind, überführt Tuymans seine Darstellungen durch die Reduktion ins Ungefähre: So ist auf dem Blatt «The Station of the Cross» nur noch eine ausgestreckte Handinnenfläche zu sehen, die mit kryptischen Zeichnungen verziert ist. Die Arbeiten sind rätselhaft, die angedeuteten Szenen schwer zu entziffern, doch es ist gerade diese Unlesbarkeit, die ihre faszinierende Wirkung ausmacht. Das grosse Bildformat und die verhältnismässig kleine Druckfläche erfordern zudem eine Begegnung aus nächster Nähe. So gleicht die Betrachtung von Tuymans’ Lithografien vielleicht – wenn man sich darauf einlässt – jener visuellen Kontemplation, der sich Übende der Exercitia Spiritualia in stiller Andacht hingeben.