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Chiles Küste erstreckt sich über viereinhalbtausend Kilometer von Nord nach Süd. Eine Küste voller Fjorde und unzähligen Inseln. Kein einfaches Gebiet für die Schifffahrt, insbesondere im südlichen Patagonien, wo ein raues Klima herrscht und das Meer oft von Stürmen heimgesucht wird. Die Liste der vor Chiles Küsten verunglückten Schiffe ist lang. – Wir besuchen einen Leuchtturmwärter.
Die Armada de Chile, die chilenische Marine, unterhält eine Vielzahl von Orientierungshilfen und Leuchttürmen. Durch den Betrieb dieser Anlagen konnte schon vielen Schiffen in Not geholfen und das Leben vieler Menschen gerettet werden. Gemäss Wikipedia betreibt die Armada de Chile 18 bemannte Leuchttürme, 641 unbemannte Lichtsignale, 34 elektronische Signale und 326 Orientierungshilfen wie Bojen oder Triangulationspunkte – insgesamt 1019 Objekte.
Auf dem Weg zum Faro Corona, dem Leuchtturm mit dem Namen «Krone», weiss ich das alles noch nicht. Wir fahren aus eher sentimentalen Gründen dorthin: um endlich einmal einen Leuchtturm von innen zu besichtigen, um den letzten Sonnenstrahl am Ende eines grauen Tages zu geniessen oder um auf dem nordwestlichsten Zipfel von Chiloé zu stehen – nachher kommt nur noch das Meer. Nachdem wir mit dem Frachtschiff den Atlantik überquert haben, blicken wir nun auf den Pazifik, diesen riesigen Ozean, der sich über fast den halben Globus erstreckt. Es sind diese Momente des Verstehens, die bei mir Staunen, Glück und Demut auslösen über die Dimensionen unserer Erde (und über die relative Unbedeutsamkeit des menschlichen Daseins).
Der Leuchtturm befindet sich auf einer Klippe hoch über dem Meer. Darum herum sind mehrere Häuser gruppiert. Die Anfahrt durch die steile, vom Regen aufgeweichte Dreckstrasse ist nicht ohne. Wir sind froh, einen 4×4 zu haben. Als wir zum Haupthaus treten, begrüsst uns Francisco. Er ist einer von drei Leuchtturmwärtern, die sich den Wachdienst rund um die Uhr aufteilen. Zur Zeit sind sie sogar nur zu zweit, da einer in den Ferien weilt. Die Leuchtturmwärter wohnen mit ihren Familien in den Häusern unweit des Leuchtturms. Das ist gut so, denn es ist sonst ein recht einsamer Job. Die Leuchttürme in Chile liegen oftmals so abgelegen, dass sie nur per Boot oder mit dem Helikopter erreicht werden können.
Francisco zeigt uns und ein paar anderen späten Besuchern die Ausstellung. Hierbei ist erwähnenswert, dass dieser Leuchtturm rund um die Uhr besucht werden kann…! Welches Museum kann so etwas bieten? Es gibt einen kurzen Film über die Geschichte des Faro Corona und über Signalisation in der Schifffahrt. Seit der Errichtung des Faro Corona im Jahre 1859 ging das Leuchtfeuer des Turmes durch etliche Entwicklungen. Handelte es sich ursprünglich um eine Laterne, in der man das Feuer mit Talg oder Öl am brennen hielt, gibt es später Gaslampen und elektrische Lampen. Linsen verbessern die Strahlmöglichkeiten, und auch die Abblendmechanismen, die dem Leuchtturm eine blinkende Signalisation ermöglichen, werden immer ausgeklügelter. In der Folge kommen farbige Lichter hinzu, um verschiedene Arten von Gefahren oder Situationen zu signalisieren, und auch per Funk werden Warnungen herausgegeben. Die verschiedenen Lampen und Linsen aus allen Epochen betrachte ich lange; die mass- und handgefertigten Stücke faszinieren mich. Und endlich dürfen wir in den Turm rauf, das Herzstück des Faro.
Der Turm selber ist nicht hoch, da er bereits günstig exponiert auf einer Klippe steht. Gerade mal zwei Stockwerke geht es über eine kleine Treppe hinauf. Oben die Plattform mit dem Leuchtfeuer. Der Innenraum ist knapp bemessen, ebenso die kleine Aussengalerie um den Turm herum. In einem hektischen Moment käme man sich auch zu zweit schon schnell in die Quere. Und ich zweifle keine Sekunde daran, dass es einem bei Sturm und peitschendem Regen auch in bloss fünf Metern Höhe gehörig mulmig werden kann.
Leuchtturmwärter haben eine verantwortungsvolle Aufgabe. Nebst der Beobachtung der Schifffahrt gilt es, den Leuchtturm und die Gebäude zu unterhalten, und oft auch Mess- und Wetterstationen zu betreuen. An einigen Orten, wie eben beim Faro Corona, kommen Touristen zur Besichtigung. Ich spüre eine gewisse Ambivalenz bei Francisco. Ich glaube er freut sich jeweils auf Besucher, wirkt aber doch eher wie ein scheuer Eigenbrötler, der nicht allzu viel von sich preisgibt. Er ist stolz auf die Wichtigkeit seiner Arbeit, dennoch hadert er wohl hin und wieder mit seiner Berufswahl, die die Perspektiven der Familie und das soziale Leben recht einschränken. Denn die Leuchtturmwärter werden für 2-3 Jahre einem Leuchtturm zugeteilt. Diese Kombination von Nomadenleben und Sesshaftigkeit buchstäblich im Nirgendwo ist wohl für jede Familie eine Herausforderung.
Was mich berührt, ist Franciscos Blick in die Ferne – oder vielmehr in sich hinein. Für einen Moment scheint er mir ganz weit weg zu sein. Wer weiss, woran er gerade denkt. Ob er sich wünscht, er wäre wieder alleine, ohne die Besucher mit ihren Fragen und Kameras. Er erinnert mich in vieler Hinsicht an die Crew vom Frachtschiff, die mit ähnlichen Gefühlen ihren Beruf ausüben. Stolz auf ihr Handwerk, die Weite des Meeres und die Abwesenheit von Trubel geniessend – und doch erleben sie viele einsame, manchmal schwere Momente, in denen sie ihre Familie und Freunde vermissen, die für viele Monate weit weg sind.
Das Wort „Faro“ geht zurück auf den Leuchtturm auf der Halbinsel Pharos vor Alexandria, eines der sieben Weltwunder der Antike. Der Name wurde zum Synonym für alle Türme mit Leuchtfeuer. Bis heute heisst Leuchtturm im Französischen „phare“, im Italienischen und Spanischen „faro“, im Portugiesischen „farol“.
Quellen: Ausstellung beim Faro Corona. Wikipedia.
Fotos: Paola Scaburri