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sei es auf Grund staatlichen Schutzes durch das Mutterland oder sei es durch eigne freie Bethätigung
ihrer sozialen Lebenskraft, ihre Stammeseigentümlichkeiten, Sitten, Gebräuche etc. bewahren. Hierdurch unterscheidet sich
die Koloniengründung von der Auswanderung (s. d.); die letztere kann mit der erstern verbunden sein,
indem die Auswandernden in fremden Ländern Kolonien gründen und durch ihren Zustrom kräftigen, doch können auch die Auswanderer
unabhängig voneinander in fremde Staatsgemeinschaft eintreten und hier, wie z. B. viele
Deutsche
[* 3] in Rußland, Ungarn,
[* 4] Amerika,
[* 5] ihre nationalen Eigentümlichkeiten oder doch aus Mangel an festem
Zusammenhalten die Kraft,
[* 6] dieselben geltend zu machen, vollständig einbüßen (vgl. auch den Abschnitt über Auswanderung im
Art. »Deutschland«,
[* 7] S. 810, und die Ergänzung dazu im »Korrespondenzblatt«
zum 6. Band).
[* 8] Dagegen ist es nicht gerade notwendig, daß die in festen Beziehungen zum Mutterland oder gar unter dessen Leitung
bleiben. So bildeten die Hugenotten in Deutschland, die Salzburger in Preußen,
[* 9] man hat ferner deutsche in Rußland und andern
Ländern. Die Kolonisten traten vollständig in den Verband
[* 10] des fremden Staats ein, in welchen sie einwanderten, ja oft auf Grund
der Anregung und Förderung durch diesen Staat selbst.
Durch Gesetz vom wurden zu dem Ende der Regierung 100 Mill. Mk. für den Ankauf von Grundstücken in den genannten
Provinzen zur Verfügung gestellt. Diese Grundstücke werden in geeignetem Umfang an deutsche Ansiedler in
Zeitpacht ausgegeben, meist aber verkauft und zwar gegen Übernahme einer festen Geldrente (daher Rentengüter genannt), welche,
abweichend von den Bestimmungen des Ablösungsgesetzes vom nur mit Zustimmung beider Teile abgelöst werden kann.
Auch können den Käufern vertragsmäßig verschiedene Beschränkungen im Interesse der Erhaltung der wirtschaftlichen
Selbständigkeit des jeweiligen Besitzers (z. B. Teilungsbeschränkung) auferlegt werden.
An Stelle des Verkaufs kann auch die Zeitpacht treten.
Im engsten Sinn des Wortes versteht man unter Kolonien zusammenhängende Ansiedelungen von Zugehörigen
einer Nationalität in fernen, insbesondere in überseeischen, Ländern. Solche Ansiedelungen können sich allmählich durch
freien Zuzug auf bereits bewohnten oder auf noch nicht in Besitz genommenen, bez. schwach bevölkerten
Ländereien bilden; sie können aber ebenso aus der staatlichen Initiative erwachsen und zwar sowohl infolge einer Eroberung
(Besiegung der Eingebornen oder andrer Kolonien besitzender Staaten) als auch infolge freien Vertrags (Verträge mit einheimischen
Häuptlingen) und der einfachen staatlichen Förderung und Beschützung.
Kolonien, welche zum Mutterland auch politisch in Beziehung stehen, brauchen nicht gerade staatliche
Bestandteile desselben zu sein. So kann das Mutterland die Kolonisten und deren Eigentum
unter seinen besondern Schutz stellen;
einer thatsächlichen Einverleibung dagegen ist es gleich zu achten, wenn das Mutterland das ganze Kolonialgebiet unter sein
Protektorat nimmt (Vorgehen Deutschlands
[* 20] in Afrika,
[* 21] Neuguinea etc.; s. Kolonialrecht). Wie verschieden die
in politischer Beziehung gestellt sein können, zeigen diejenigen Englands.
Dieselben sind teils Kronkolonien, das heißt in welchen die englische Regierung nicht allein die gesetzgebende Gewalt in der
Hand
[* 22] hat, sondern auch die Beamten ernennt, teils Kolonien mit politischer Selbständigkeit, parlamentarischer
Verfassung und verantwortlichem Ministerium, in welchen die englische Krone nur den Gouverneur ernennt und
ein Vetorecht in Sachen der Gesetzgebung hat, zum kleinen Teil endlich Kolonien, welche zwar Vertretungskörper haben, in denen aber
der Krone das Recht des Vetos und der Beamtenernennung zusteht. (Vgl. Großbritannien,
[* 23] S. 785.) Über die neuen deutschen Erwerbungen
s. unten.
den Küstenplätzen des amerikanischen Kontinents, den ostindischen Kolonien, ferner auf Pelzwaren, wie in den englischen und russischen
Kolonien Nordamerikas, endlich auf Sklaven, welchen Handel insgeheim immer noch mehrere in Westindien, besonders aber Brasilien und
spanische Besitzungen treiben. Die Europäer sind in Kolonien dieser Art selten Landeigentümer, sondern in der Regel
nur Soldaten, Beamte und Kaufleute, während die eingeborne Bevölkerung
[* 32] ihnen politisch unterworfen ist. Daher bildet sich
hier auch nicht leicht eine Nation, indem die hier befindlichen Europäer größtenteils nur Bereicherung suchen und, wenn sie
diese erlangt haben, in ihr Vaterland zurückkehren. Solche Handelskolonien werden sich da bilden, wo Europäer
wegen der Ungunst des Klimas keinen dauernden Aufenthalt nehmen können.
Schon in der ältesten geschichtlich bekannten Zeit haben diejenigen Völker, welche eine ausgebreitetere Handelsthätigkeit
entwickelten, zur Sicherung ihres Handels Kolonien angelegt, so das älteste größere Handelsvolk, die Phöniker, welche an den
Küsten des MittelländischenMeers eine größere Zahl von Niederlassungen gründeten, aus denen später blühende Städte erwuchsen.
Die mächtigste der phönikischen Pflanzstädte, Karthago,
[* 38] löste später das Mutterland ab und beherrschte,
gestützt auf seine kluge Eroberungs- und Kolonialpolitik, bald das ganze Mittelländische Meer.
Ein vorzügliches kolonisatorisches Talent entwickelten die Griechen, welchen die Kolonien Unterkunftsstätten für die wachsende
überschüssige Bevölkerung abgaben. In Kleinasien, an den Küsten des SchwarzenMeers, in Unteritalien (»Großgriechenland«
genannt) und in dem südlichen Teil von Gallien und Spanien
[* 39] entstanden eine große Zahl von griechischen Niederlassungen, welche
überall griechische Kultur verbreiteten. Die Griechen unterschieden zwischen Kolonien, welche von der Staatsgewalt des Mutterlandes
selbst gegründet wurden und mehr oder weniger unmittelbar unter der Leitung derselben blieben (Kleruchien), und solchen,
welche aus den freien Bestrebungen der Bürger hervorgingen und Apoikien genannt wurden.
Die Aufschließung der Neuen Welt gab dem Kolonialwesen eine völlig veränderte Gestalt, da jetzt den Kulturvölkern der
Alten Welt fast unbeschränkte Territorien zur Verfügung gestellt wurden. Nunmehr waren fast alle europäischen
Staaten eifrigst bestrebt, möglichst ausgedehnte Kolonien zu erwerben, und es entwickelte sich bald die besonders
im 17. Jahrh. zur Blüte
[* 45] gelangte monopolistische Handels- und Kolonialpolitik, welche als Kolonialsystem bezeichnet zu werden
pflegt.
Dasselbe gipfelte darin, die Kolonien möglichst zu gunsten des Mutterlandes auszubeuten. Man sperrte dieselben gegen
Fremde ab, anfänglich um ihren Besitz sicherzustellen, später, als das Merkantilsystem (s. d.) sich mehr
entfaltete, im Interesse der Handelspolitik. Das Streben ging vorzüglich dahin, durch entsprechende Gestaltung von Schiffahrts-
und Zollpolitik ausschließlich dem Mutterland den Verkehr mit den Kolonien zu sichern. Letztere sollten für ersteres eine dauernde
Bezugsquelle von Rohstoffen und Kolonialwaren, dann ein vorteilhaftes Absatzgebiet für die eignen Industrieerzeugnisse
abgeben.
Den Schiffahrtsverkehr mit den Kolonien behielt man ausschließlich der nationalen Flagge vor, indem von fremden Schiffen ein besonderer
Flaggenzoll (s. d.) erhoben oder, wie 1664 in England und 1670 in Frankreich, denselben der Besuch der Kolonien geradezu untersagt
wurde. Bestimmte Häfen des Mutterlandes wurden zu Stapelplätzen erklärt, wichtigere Produkte der Kolonien sollten
nur hierher, nicht direkt nach dem Ausland verbracht werden, die Einfuhr nach den Kolonien sollte nur über das Mutterland stattfinden.
Auch wurde die Einfuhr vieler fremder Industrieerzeugnisse durch Auflegung hoher Zölle erschwert oder verboten. In den Kolonien selbst
aber wollte man eine eigne Industrie, welche mit dem Mutterland konkurrieren könnte, nicht aufkommen
lassen. Deswegen wurde die Ausfuhr von Fabrikaten aus denselben durch Zölle belastet oder überhaupt untersagt, oder es wurden
bestimmte industrielle Unternehmungen in den Kolonien nicht zugelassen. Allerdings räumte man dagegen auch den Kolonien wieder
verschiedene Vorteile im Verkehr mit dem Mutterland ein, insbesondere dadurch, daß die Erzeugnisse fremder
auf dem Markte desselben mit höhern Einfuhrzöllen belastet oder auch für die Einfuhr von Erzeugnissen der eignen Kolonien Prämien
entrichtet wurden.
Weil so Mutterland und Kolonie einander gegenseitig Begünstigungen zugestanden, wurde das Kolonialsystem auch oft Kolonialvertrag
(pacte colonial) genannt, ein Vertrag, der freilich mehr einseitig bestimmt und eine Art Löwenvertrag
war. Das Kolonialsystem wurde, wenn auch nicht überall in der gleichen Weise, von allen Kolonialmächten durchgeführt. England
bildete es besonders mit der 1651 erlassenen, 1660 und 1664 erweiterten Navigationsakte aus, Frankreich führte mit dem Reglement
von 1670 eine vollständige Abschließung ein, während Spanien und Portugal schon früher einer echt monopolistischen
Handelspolitik gehuldigt hatten. Eine Umgestaltung trat erst mit dem 19. Jahrh. ein. Das
Verbot wurde mehr und mehr durch
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