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Geschichte
Historisch betrachtetWer in Zürich aufgewachsen ist, verbindet das Wort Albisgütli automatisch mit dem Knabenschiessen. Hier hat jeder Mann, Jahre zuvor, erstmals mit einem richtigen Gewehr sein Glück versucht. Er hat die damit verknüpfte Befriedigung oder Enttäuschung kennengelernt und eine brauchbare Gabe oder doch mindestens den Anspruch auf eine knusprige, duftende Bratwurst errungen. Da dieses alljährlich im Herbst stattfindende Fest für die männliche Jugend in einen ganz grossen Rummel eingebettet wird, ist das Knabenschiessen nicht allein für den, der in Zürich zur Schule ging, ein besonderes Ereignis. Auch alle andern Zürcher tragen in ihrem Erlebnisschatz zeitlebens ein Stück Knabenschiessen mit sich herum. Niemand kann sich aber an das Knabenschiessen erinnern, ohne gleichzeitig an das Albisgütli zu denken.
Meier: acht - Müller nullDas Albisgütli ist vor allem ein Schiessplatz. Nach der Stadterweiterung am Anfang der neunziger Jahre drängte sich, um die Allmend zu entlasten, die Erstellung eines neuen Schiessplatzes für das Militär und die Schiessvereine auf. Die Wahl fiel auf das Albisgütli. Hatte die Stadt den Boden längs der Uetlibergstrasse auf 1.80 Franken und die restlichen Gebiete auf 1.30 Franken per Quadratmeter veranschlagt, so forderten die Grundbesitzer durchschnittlich 7 Franken. Ein durch Gemeindeabstimmung gutgeheissener Kredit erwies sich daher als ungenügend. Der Grosse Gemeinderat beschloss daraufhin, das Albisgütliprojekt fallenzulassen. Die vier einer näheren Prüfung unterworfenen Ersatzprojekte befriedigten jedoch nicht, weshalb auf das Albisgütli zurückgekommen werden musste. Es kam dann doch nicht ganz so teuer zu stehen, wie anfänglich befürchtet worden war. "Die immer mehr sich geltend machende Erschlaffung der Landspekulation bewirkte, dass die Grundeigentümer nachträglich annehmbarere Forderungen stellten." Am 10. Juli 1898 konnte der Schiessbetrieb aufgenommen werden.
Von den 27 Vereinen, die sich in die Benützung des neuen Schiessplatzes teilten, fiel der kurz vorher aus einem Zusammenschluss hervorgegangenen Schützengesellschaft der Stadt Zürich ein besonderer Apfel in den Schoss. Sie hatte schon immer einen Privatschiessplatz besessen. Dieser musste aber dem Bau des Bahnhofs, später einer neuen Beanspruchung des Sihlhölzlis weichen. Die Gesellschaft konnte daher der Stadt vorschlagen, sie wolle das für die Stadtschützen nötige Terrain zum Selbstkostenpreis von der Stadt kaufen und dieser dafür die im Sihlhölzli unnötig gewordenen Baulichkeiten verkaufen. Von der Stadt ist dieses Angebot angenommen worden. Rund ein Drittel des von ihr erworbenen Geländes gelangte so in den Besitz der Stadtschützen. Diese errichteten darauf einen Schiessstand, einen Scheibenstand, das Restaurant mit dem kennzeichnenden Türmchen sowie die mehrmals umgebaute Festhalle.
Bussen und MaultiereObschon sich das Albisgütli rühmen durfte, eine den neuesten Anforderungen entsprechende Anlage zu sein und zu den grössten Europas zu zählen, erwies es sich nach einem halben Jahrhundert als zu klein. Aus 27 Vereinen waren 48 geworden. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg begannen deshalb Besprechungen für eine Vergrösserung, die schliesslich wegen eines eidgenössischen Schützenfestes etwas beschleunigt 1963 verwirklicht wurde. Diesmal stellt die Stadtschützengesellschaft den Boden zur Verfügung und die Stadt übernahm die Kosten für die neuen Bauten. Erhebliche Erdbewegungen waren erforderlich. Dank der originellen Idee einer doppelstöckigen Anlage liess sich die Zahl der Scheiben von 80 auf 120 erhöhen.
Genau gesehen liegt der Schiessplatz auf einem Gebiet, das "Im Albis" heisst. "Im Albis" ist eine sanfte Halde an der Lehne des Uetlibergs und erstreckt sich ungefähr vom Höckler zum Heuried. Die Strassenbezeichnungen Grossalbis und Kleinalbis, beidseits des Bachtobels, suchen die Erinnerung an diese verblassende Ortsbezeichnung festzuhalten. Der Schiessplatz entlehnte seinen Namen von einem Wirtshaus, dem jetzigen Unteren Albisgütli mit seinen schattenspendenden Platanen. Wie im Kolbenhof, im Friesenberg und im Döltschi hatte auch der Besitzer des Albisgütlis angefangen zu wirten. Er wohnte offiziell "Im Albis", sein Haus hiess aber Albisgütli. Ältere Gemeindeprotokolle erwähnen beide Benennungen nebeneinander. Mit der Zeit hat Albisgütli den Vorrang erhalten.
Spätestens 1846 war das Albisgütli eine Wirtschaft. Ohne ausdrückliche Bewilligung in einer Gemeinde zu nächtigen, galt zu jener Zeit beinahe als Verbrechen. Als ruchbar wurde, dass sich im Albis gelegentlich "eine gewisse Zollinger von Oetwil" ohne Erlaubnis und Ausweisschriften über Nacht aufhalte, haben die Gemeindebehörden den Wirt Rudolf Bantli zu einer Busse von zwei Franken verknurrt und ihm gleichzeitig den Entzug des Wirtspatentes angedroht.
Bis die Uetlibergbahn im Jahre 1875 den Betrieb aufnahm, konnte man im Albisgütli "Maultiere und zuverlässige Bergpferde mit Führer à 4 Franken bis zum Uetliberg" (hin und zurück 5 Franken) mieten. Den Fremden, die zum Albisgütli gelangen wollten, wurden Droschken oder die Begleitung durch einen Dienstmann empfohlen.
Bläsi-Brünnli und AlbisgütlibahnDas Albisgütli ist 1839 gebaut worden. Der Ersteller, Joachim Ulrich, bekam wegen der Benutzung eines heute offenbar nicht mehr bekannten Blassenbrunnens oder St.-Bläsi-Brünnleins sofort Streit mit der Gemeinde. Dann wurde die Feuerschau aufsässig, und tatsächlich sind 1844 einmal die landwirtschaftlichen Anbauten abgebrannt. Das Haus liegt nahe der Stelle, wo sich die Wege nach dem uUetliberg und nach dem Gänziloo gabeln. Der lehmige Boden dürfte eine landwirtschaftliche Nutzung nicht besonders begünstigt haben.
Historisch gesehen gehört das Albisgütli zu Wiedikon, obwohl wir heute anders empfinden. Die von der Post Giesshübel über die Laubegg kommende Strasse, die 1850 ausgebaut wurde und heute einen durchgehenden Namen trägt, bezeugt diese Verbundenheit. In unserer gegenwärtigen irrigen VorstelIung liegt das Albisgütli irgendwo hinter der Enge.
Seit den zwanziger Jahren hat sich rechts der Hauptstrasse, die zum Albisgütli führt, ein sehr bedeutendes Wohnquartier entwickelt. Es wird jedoch niemandem einfallen, diese "Lehmbodenalp", die ihre Entstehung zur Hauptsache dem genossenschaftlichen und gemeinnützigen Wohnungsbau verdankt, als Teil des Albisgütlis aufzufassen. Von jedermann wird dieses Quartier, ohne zu zögern, als Friesenberg etikettiert.
An ein Albisgütli denkt man bestenfalls noch im Zusammenhang mit einer Tramstation. Schon 1907 hatte jenseits des Sihltalbahngeleises die Albisgütlibahn begonnen, die bis zur jetzigen Busschleife führte. Unsere Tramendstation ist ein beliebter Treffpunkt für allerlei Freunde, die sich vom Albisgrat und seinen Flanken angezogen fühlen. Der Mann im Kiosk neben dem Schuhputzbrünnlein hat mir verraten, einmal habe jemand drei volle Stunden gewartet ...
Eberhard Brecht