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Das Schmelzen der Juragletscher
Obwohl sie in Höhlen versteckt sind, leiden auch die Juragletscher unter der globalen Erwärmung. Blick auf ein komplexes Phänomen.
Im Französischen nennt man sie «glacières» – was so viel bedeutet wie Eishöhlen –, um Verwechslungen mit den «glaciers», den Gletschern, zu vermeiden. Man sollte sich aber nicht täuschen lassen: Die Eishöhlen im Jura sind trotzdem echte, kleine Gletscher. Und wie ihre namhaften Cousins in den Alpen oder im Himalaya schmelzen sie wegen der globalen Erwärmung rasant. Die Juragletscher funktionieren wie Kaltluftfallen und sind in natürlichen Hohlräumen und oft in Wäldern zu finden. Deshalb sind sie besser vor der Sonne geschützt als Hochgebirgsgletscher. Gegen den Anstieg der Durchschnittstemperaturen, die monatlich gemessen werden, sind aber auch sie nicht gefeit.¹
Weniger Schnee und weniger Wasser
Die Erwärmung wirkt sich unterschiedlich auf die Minigletscher aus. Denn es gibt zwei Typen von Eishöhlen: Die dynamischen Eishöhlen werden durch Schnee gespeist, der sich in Eis umwandelt; die statodynamischen Eishöhlen nähren sich von gefrierendem Sickerwasser.2 Im ersten Fall führt der Anstieg der Durchschnittstemperaturen zu einer Verringerung der winterlichen Schneemenge und damit zur Abnahme der Eismenge. Im zweiten Fall hat eine verkürzte Wintersaison zur Folge, dass der Schnee später fällt und früher wieder taut. Weil die Vegetation früher im Jahr erwacht und mehr Wasser für ihre Entfaltung benötigt, bleibt weniger für den Gletscher.
Die langsame, aber unerbittliche Erwärmung des Bodens betrifft sowohl den Permafrost als auch das Gestein, in dem sich die Höhlen befinden. Insbesondere die steigenden Temperaturen des Gesteins, die das Eis umgeben, beeinträchtigen die Juragletscher. Zunächst schmilzt das Eis im Kontakt mit dem Fels (Schmelzen durch Konduktion), und es bildet sich ein immer grösser werdender Spalt zwischen Eis und Fels. Anschliessend führt der Luftstrom zwischen dem Eis und dem Gestein zu weiterem Abschmelzen (Schmelzen durch Konvektion).
Düstere Aussichten
Jeder Höhlengletscher verhält sich anders, massgebend sind Höhenlage, Form und Ausrichtung seiner Öffnung. Aber auch die Qualität des Gesteins (massiv oder rissig), die Umgebung und die Beschaffenheit des umgebenden Geländes spielen eine Rolle. Eines ist jedoch gewiss: Die kühlen Tage der Kleinen Eiszeit (1450–1850) sind ein für alle Mal vorbei, und diese Gletscher werden verschwinden. Das gilt auch für jene, die sich an den tiefsten und unwirtlichsten Orten befinden. Beim gegenwärtigen Tempo werden die meisten Höhlengletscher in ein paar Jahrzehnten weg sein. Ausnahmen dürften nur solche in grosser Höhe bilden. Die Eishöhlen, von denen einige zu Geotopen nationaler Bedeutung erklärt wurden, werden dann unrühmlich in die Klasse der Normalhöhlen absteigen.