Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03337.jsonl.gz/2289

Vor bald 90 Jahren, als es kaum Fahrwege, Strassen und Brücken gab, machte sich der Schweizer Aimé Felix Tschiffely auf einen Ritt auf, der unter Fachleuten als der herausragende Fernritt des 20. Jahrhunderts gilt:
Den Ritt von Buenos Aires nach Washington
16.000 Kilometer in 500 Reittagen
innerhalb von gut drei Jahren
Das Buch "10.000 Meilen im Sattel" des Aimé Tschiffely ist sehr spannend und unterhaltsam zu lesen, dem Leser bleibt oft einfach nur bloßes Staunen über eine Leistung von Mensch und Tier, die kaum nachvollziehbar ist. Manch neugieriger Pferdefreund muss nach dem Lesen des Buches die Rasse "Criollo" kennen lernen und vielleicht – so wie der Schreibende Alexander Lüchinger – wird er von ihnen derart gefesselt, dass er sie ab dann selber halten oder gar züchten will….
Tschiffely war nicht einmal ein geübter Reiter, als er die Idee zum kontinentalen Ritt ausheckte. 1895 in Zofingen geboren, wanderte er erst nach England aus, dann nach Argentinien, wo er sich in Quilmes, unweit der Hauptstadt Buenos Aires, als Englischlehrer in einer deutschen Schule etablierte. Er hatte seit langem schon empfunden, dass der Lehrerberuf zwar seine angenehmen Seiten habe, doch keine Zukunft darstelle für jemanden, der "unternehmungslustig und Liebhaber eines dynamischen Lebens" sei.
Links: A. F. Tschiffely nach einem Gemälde von A. J. Drucker, London
In Argentinien wurde er durch seinen Freund, den Begründer des Criollo-Zuchtbuches, den Veterinär Professor Emilio Solanet, zum Liebhaber der argentinischen Pferderasse "Criollo". Er wollte beweisen, dass die "Criollos" die ausdauerndsten Pferde der Welt sind. Zu diesem Zweck waren die 18.000 Kilometer zwischen Buenos Aires und Washington gerade lang genug.
Wie zäh und unbändig der Criollo ist, wird schon auf den ersten Seiten des Reiseberichts klar. Tschiffely erhielt für den Monster-Ritt von seinem Freund, dem Pferdezüchter und Veterinär, Emilio Solanet (1887 – 1979), "Mancha" und "Gato" geschenkt, den Gefleckten und den Getigerten.
Solanet suchte die beiden Tiere aus dem Besitz eines patagonischen Indios aus. Als sie dann nach Buenos Aires kamen, hatten sie schon rund 2.000 Kilometer in den Hufen. Tschiffely ritt am 23. April 1925 nach Norden los. Sie seien kaum gezähmt gewesen, schreibt Tschiffely. Mancha pflegte zu bocken und abzuwerfen, wer ihn reiten wollte. Auch später ließ das Tier niemanden außer Tschiffely auf seinen Rücken, und wer sich ihm näherte, musste damit rechnen, dass Mancha die Hinterhand fliegen ließ. Der letzte, der vergeblich versuchte, Mancha zu besteigen, war ein Sergeant der amerikanischen Kavallerie in New York.
Dem heutigen Criollo-Reiter ist diese von Tschiffely beschriebene Eigenart der Criollos nicht bekannt, das Pferd ist sehr angenehm im Umgang, eigentlich gerade gegenteilig zu Tschiffely’s Beschreibung.
Gato war leichter zu handhaben; Mancha dominierte ihn. Die Tiere waren beim Antritt der Reise stattliche fünfzehn und sechzehn Jahre alt. Umso mehr taten viele Leute Tschiffely als Spinner ab und hielten sein Unterfangen für "absurd".
Oben: Mancha & Gatonach einem Gemälde von L. Cordoviola
Oben: Eine peruanische Hängebrücke - Auf der Brücke der von einem Indianer geführte Gato
Unbeirrt und mit unzerbrechlichem Selbstvertrauen trotzte Tschiffely über drei Jahre lang Wüsten und Sümpfen, Hitze und Kälte, Bürokraten und Revolutionären sowie all den Bächen und Flüssen, durch die er und seine Tiere zu waten oder zu schwimmen hatten. Von Kolumbien nach Panama schiffte er sich ein – wie das heute noch notwendig ist –, ebenso von Costa Rica nach El Salvador, weil in Nicaragua revolutionäre Wirren herrschten. In Mexiko war er aus dem gleichen Grund oft mit einer Eskorte des Heeres unterwegs.
In einer kalten schlaflosen Nacht in Zentralamerika sitzt Tschiffely rauchend im Freien und betrachtet Mancha und Gato: "Ich fühlte mich allein, aber glücklich. Ich beneidete keinen König, keinen Potentaten, keinen Staatsmann. Da saß ich, zwischen zwei Kontinenten und zwei mächtigen Meeren, mit meinen treuen Freunden, Gefährten auf Tausenden von Kilometern, die vor mir ihr bescheidenes Fressen kauten.
Aber ich wusste, dass sie zufrieden waren, weil die Erfahrung mich gelehrt hatte, dass wir drei uns sogar mit dem Schlimmsten begnügten."
Unterwegs wurde Tschiffely berühmt. Die Honoratioren vieler Orte empfingen ihn mit Pomp und Ehren, gaben Diners und Bälle für ihn. In Mexiko-Stadt löste seine Ankunft einen Volksauflauf aus. Oft war ihm derlei lästig, da er nichts wollte als ein Bett, um auszuschlafen; in anderen Fällen genoss er es. Mexiko, so geht es aus dem Buch hervor, war für Tschiffely der Höhepunkt seines Unterfangens.
Seine Durchquerung der Vereinigten Staaten handelt Tschiffely auf einer einzigen Seite ab, nachdem seine Erlebnisse in Lateinamerika deren 340 gefüllt haben. Er beschreibt die USA als "Zivilisation", ein Land, wo es Beamte gebe, Hafer, Hinrichtungen auf dem elektrischen Stuhl, geteerte Strassen, Busse und Bibeln. Er habe viele angenehme Erlebnisse gehabt, aber nichts, was Abenteuer genannt werden könne. Der Auto-Verkehr war ihm zu gefährlich, so dass er, um ein Unglück zu vermeiden, Gato in St. Louis vorübergehend in Pension gab und allein mit Mancha weiter ritt.
In Washington gewährte ihm Präsident Coolidge eine Audienz. Sie besprachen das Projekt der Panamerikanischen Straße. Nach zwei glimpflich verlaufenen Unfällen mit Autos verzichtete Tschiffely darauf, das kurze Stück nach New York zu reiten, sondern begab sich dorthin auf Rädern. Mancha ließ er verschiffen. New York erreichte er am 20. September 1928, nach fast dreieinhalb Jahren im Sattel. Die Stadt ehrte ihn mit einer Medaille. Jahre später wird der 20. September in Argentinien zum Tag des Criollo-Pferdes erklärt.
Rechts: Übersichtskarte der vom Verfasser zurückgelegten, über 16.000 km langen Strecke, beginnend in Buenos Aires, endend in Washington
Per Schiff kehrte Tschiffely mit den Pferden nach Buenos Aires zurück; Gato war aus St. Louis ebenfalls nach New York gefahren worden. Die Tiere reisten als Spezialgäste des Besitzers der Dampfschiffgesellschaft Munson nach Hause in die Pampa.
Mancha und Gato lebten nach dem kontinentalen Gewaltritt noch fast zwanzig Jahre lang, sie wurden gegen vierzig Jahre alt. Sie sind im Transport-Museum von Luján (unweit von Buenos Aires) ausgestopft zu sehen.
Auf der Estancia El Cardal, die der Familie Solanet gehört, ist dem Gefleckten und dem Getigerten ein Ehrenmal gewidmet.
Tschiffely, zu Ruhm gelangt, lebte danach in England, unternahm weitere Ritte – sowie Fahrten – und schrieb Bücher. Er starb 1954 an den Folgen einer Operation. Er erhielt ein Grab auf dem nobelsten der Friedhöfe von Buenos Aires, Recoleta. Seit 1998 ruhen seine Reste in El Cardal einer Estancia nahe Ayacucho (Provinz Buenos Aires).