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Bosnien ist anders. Das musste ich gleich nach dem Grenzübertritt realisieren. Mit Warntafeln von Minenfeldern wurde ich auf den ersten Kilometern begrüsst. Der Staat Bosnien und Hercegovina existiert erst seit 1995 (Vertrag von Dayton). Der Vertrag von Dayton beendete den Krieg im Land und schuf einen einheitlichen, jedoch stark dezentralisierten (föderalistischen) Staat.
Bosnien und Hercegovina ist ein multikulturelles Land. 44 Prozent der Bevölkerung sind Muslime (größtenteils Bosniaken), 31,5 Prozent Serbisch-Orthodoxe (größtenteils Serben) und 17 Prozent Katholiken (größtenteils Kroaten). Der Rest der Bevölkerung gehört einer der 17 offiziell anerkannten Minderheiten an.
Mit einer dieser Minderheiten hatte ich gleich am ersten Abend eine unangenehme Bekanntschaft. Bis jetzt hatte ich auf meiner Reise immer irgendwo bei einem Sportstadion oder Schulhaus einen sicheren Schlafplatz für die Nacht gefunden. In Gradačac schaute es nach Regen aus. Beim Sportstadion versuchte ich deshalb einen sicheren Platz für die Nacht zu finden. Gerade als ich meinen Schlafplatz einrichten wollte, tauchte eine Bande von Roma Kindern auf. Mit Müh und Not schaffte ich es gerade noch zur nächsten Tankstelle. Die Kinder versuchten meine Taschen vom Velo zu ziehen und bewarfen mich mit Steinen. An der Tankstelle half mir dann aber zum Glück ein hilfsbereiter Mann. Er begleitete mich mit seinem Auto zum nächsten Hotel, wo ich sicher schlafen konnte. Nicht gerade ein Traumstart. Die Kehrseite folgte aber gleich am nächsten Tag. In Srebrenik wollte ich die Burg besichtigen.
Beim Supermarkt machte ich kurz einen Zwischenhalt. Zwei Männer sprachen mich gleich auf deutsch an. Meho und sein Nachbar Sehalia haben 40 Jahre in der Nähe von Dortmund im Bergbau gearbeitet. Sie wollten mich nicht mit dem Velo zur Burg hochfahren lassen. Ohne Wiederrede nahm ich ihr Angebot mit ihrem Auto dort hoch zu fahren gerne an. Anschliessend wurde ich von ihnen noch zum Mittagessen (gefüllte Paprika) eingeladen. Die Strassen hier sind enorm eng und die Fahrer teilweise ziemlich rücksichtslos im Umgang mit Velofahrern. Oftmals blieb mir nur der Sprung in den Strassengraben als sichere Rettung. Die meisten Strassen hier wurden in den 60’er Jahren gebaut und sind für den heutigen Verkehr überhaupt nicht mehr gewappnet. In Tuzla half mir ein Rennradfahrer ein Zimmer (Sobe) zu finden. Nach mehreren Absagen lud er mich zu sich nach Hause ein.
Izudin hat 10 Jahre als Monteur in Innsbruck gearbeitet und dabei das Velofahren entdeckt. Jeden Tag versucht er ein paar Kilometer auf seinem Rennvelo zu verbringen. Er kennt die Wege in seinem Land sehr gut und konnte mir sehr viele Tips geben für meine Weiterreise. Sein Land bezeichnet er als das Afrika von Europa. Ein sehr treffender Vergleich fanden das Viele die ich darauf ansprach.
Gleich ausserhalb von Tuzla traf ich den ersten Veloreisenden überhaupt. Rich kommt aus den USA und reist schon seit einigen Jahren mit dem Velo regelmässig durch die Welt.
In Potočari lernte ich einen weiteren wichtigen und sehr traurigen Teil der Geschichte dieses Landes kennen. Das Hauptdenkmal und der Friedhof für den Genozid von Srebrenica liegen in Potočari.
Während des Bosnienkrieges befand sich das Dorf in der Enklave Srebrenica. Hier befand sich auf dem Gelände einer stillgelegten Autobatterie-Fabrik das holländische UN-Bataillon „Dutchbat“. So wie in allen anderen Orten in der Enklave stieg die Bevölkerungszahl an, weil das Dorf Flüchtlinge aus angrenzenden Teilen Bosniens aufnahm. Im Juli 1995 begingen die serbischen Truppen hier sowie an weiteren Tatorten in der Umgebung das Massaker von Srebrenica. In der Fabrik befindet sich ein kleines, heruntergekommenes Museum. Das Massaker gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Bereits abgeschlossene Prozesse vor internationalen Gerichten haben gezeigt, dass die Verbrechen nicht spontan erfolgten, sondern systematisch geplant und durchgeführt wurden. Doch leider scheint auch 20 Jahre danach weder die UN noch sonst irgend wer richtig daran interessiert zu sein den Genozid rasch aufzuklären. Muslimische Männer im Alter zwischen 10- 70 Jahren wurden systematisch ermordet und in mehreren Massengräbern verteilt. Bis heute sind mehr als 8’000 Opfer identifiziert. Für jedes Opfer steht ein Grabstein auf dem Friedhof. Beim Anblick der Grabsteine wird einem erst richtig die Dimension dieses Verbrechen bewusst. Eine Inschrifft auf dem Gedenkplatz fand ich sehr wichtig:
„Im Namen Gottes,
der Barmherzige,
der Mitfühlende“
„Wir beten zu dem allmächtigen Gott.
Mögen Beschwerden zu Hoffnungen werden.
Möge Rache zu Gerechtigkeit werden.
Mögen die Tränen der Mütter zu Gebeten werden.
Damit Srebrenica nie wieder passiert.
Für niemanden und nirgendwo.“
Hinter dem Denkmal durfte ich mein Zelt aufbauen und die Nacht dort verbringen.
Bei der Weiterfahrt nach Sarajevo begegnete ich einem südkoreanischen Paar. Sie reisen seit 2.5 Jahren von Australien her durch Asien und Europa.
Vor 10 Jahren hatte ich das letzte Mal Sarajevo besucht. Ich war sehr gespannt wie sich die Stadt in der Zwischenzeit verändert hat. Izudin hatte mir einen Campingplatz in der Nähe des Flughafens empfohlen. Dort konnte ich mich 3 Tage lang gut erholen und die Stadt besichtigen. Viele Dinge in der Stadt erkannte ich gar nicht mehr. Baščaršijske, das Zentrum von Sarajevo bezeichne ich gerne als „little Istanbul“.
Sarajevo wurde durch drei Ereignisse weltweit bekannt: durch das Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 (was zum Ausbruch des 1. Weltkrieg führte), durch die Olympischen Winterspiele 1984 und durch die Belagerung durch Truppen der Vojska Republike Srpske während des Bosnienkrieges 1992 bis 1995.
Zufällig entdeckte ich neben der katholischen Kathedrale eine Galerie zum 11. Juli 1995. Dort wird der ganze Bürgerkrieg und der Genozid von Srebrenica sehr gut in einer Kunstgallerie dargestellt. Ganz in der Nähe vom Camping befindet sich auch der Tunnel Spasa. Er war ein Fluchttunnel während der Belagerung von Sarajevo (1992–1995) und diente ab Mitte 1993 sowohl zur Flucht aus als auch zur Versorgung der belagerten Stadt.
Nach den drei erholsamen Tagen ging es weiter durch die Berge in Richtung Montenegro. Dabei wählte ich bewusst ein wenig die Nebenstrassen um einen Einblick in das ländliche Leben zu bekommen. Anfangs machte Bosnien und Herzegovina einen ziemlich lethargischen Eindruck auf mich. Mit der Zeit lernte ich jedoch auch sehr viele tolle und gastfreundliche Menschen kennen. Das Land ist und war schon immer ein Schnittpunkt zwischen Orient und Okzident und wird es auch in Zukunft bleiben. Genau diese Vielfältigkeit macht für mich dieses Land so einzigartig.