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Nicht als neues Schriftzeichen iſt ß an die Stelle des Mhd. ʒ getreten, ſondern hat ſich unmittelbar daraus […] entwickelt. Kurz das geht nicht, daß man einen Buchſtaben, an den ſich das leſende und ſchreibende Publikum vier Jahrhunderte hindurch gewöhnt hat, kurzweg durch einen andern erſetzt […]. Dieſe […] Art, die darin beſteht, daß man das ß in Lateiniſcher Schrift einfach beibehält, iſt […] in der That die geeignetſte; denn ſie ſichert vor allen Dingen den Beſtand dieſes unſerer Sprache ureigenen und unentbehrlichen Buchſtaben und wahrt ihm ſeinen Karakter als dentaler Nebenaspirata des z.
literaturcafe.de, 3. 7. 2008
»In der deutschen Rechtschreibung ist das ß durchaus unentbehrlich, und gegen seine Beseitigung, die in der neuen Schweizer Schulschrift leider durchgeführt ist, sollte sich jeder wehren.« Das schrieb der berühmte Typograf Jan Tschichold in seinem Meisterbuch der Schrift bereits 1952.
Immerhin verfügt das Deutsche im „ß“, dem „Eszett“ oder „scharfen S“, über eine Art Alleinstellungsmerkmal, wenn auch nur in seiner Schrift. Die Aussprache ist nämlich bei weitem nicht präzise genug, als dass sich aus ihr der rechte Gebrauch des „ß“ schlüssig herleiten ließe. […] Tatsächlich kann man mit Rückgriff auf die zweite Lautverschiebung die These vertreten, dass nicht nur die Konjunktion „dass“, sondern auch der Artikel „das“ mit „ß“ respektive, nach der letzten Orthographiereform, mit „ss“ geschrieben werden sollte […]. Ausgesprochen werden sie gleich, doch ist es eine zweifellos nützliche Übereinkunft, dem strukturellen Unterschied zwischen ihnen durch eine unterschiedliche Schreibung Rechnung zu tragen.
Basler Zeitung, 29. 5. 2007, s. 3, rubrik Bazillus
Ein schlagendes Argument gegen das scharfe S hat der aus Deutschland stammende Basler Typograf Jan Tschichold, eine Weltautorität notabene, schon vor über sechzig Jahren geliefert. 1943 schrieb Tschichold, das scharfe S sei eine «Monstrosität», weil es als Buchstabe aus der (bei den Nationalsozialisten beliebten) Frakturschrift schlicht nicht in die damals wie heute übliche Antiquaschrift passe. Recht hatte und hat er. Aber wer liest heute schon das «Basler Schulblatt» von 1943, in dem Tschichold seine Erkenntnis versenkte?
Der Buchstabe "ß" ist überflüssig, ich werde, ähnlich wie das Volk der Hirten und Bankiers, künftig "ss" schreiben.
Urs Bühler, Neue Zürcher Zeitung, 20. 11. 2018
Schliesslich hat der hierzulande seit Jahrzehnten praktizierte Verzicht auf das mitunter differenzierende Eszett diese Nation auch nicht in eine Flut der Missverständnisse gestürzt. Gut, vielleicht bechert mancher Patient auf den schriftlichen Rat seines Arztes hin, den Alkohol nur noch in Massen zu geniessen, massenweise statt mit Mass. Aber dahinter steckt wohl eher eine mutwillige Fehlinterpretation als ein orthographisches Problem.
Florian Asamer, Die Presse, 2. 7. 2017
Es lässt sich ohne großes Risiko die Prognose wagen, es wird dem scharfen s, noch bevor alle Schriften und Fonds den neuen Großbuchstaben übernommen haben, nach und nach an den Kragen gehen. Zu artfremd ist es unter den international geläufigen Zeichen.
Ebenſo wie nun ſ und s in lateiniſcher Schrift zuſammenfallen, hat ein weit verbreiteter Gebrauch auch den Unterſchied zwiſchen ß und ſſ aufgegeben, indem man für beide ss anwendet, alſo unbezeichnet läßt, ob der vorhergehende Vokal lang oder kurz iſt. Maße oder Maſſe werden auf gleiche Weiſe geſchrieben: Masse. Dieſer übeln Sitte aber hatte das Berliner Regelbuch nicht nachgegeben; es ſetzte ſs für ß, ss für ſſ feſt; ebenſo Raumer, die orthographiſche Konferenz, die amtlichen Regelbücher.
Andrea Neitzel, Frankfurter Rundschau,
Dabei könnte ein Blick auf die Schweiz zeigen, dass die Kommunikation auch funktioniert, wenn man den Plural von "Bus" genauso schreibt wie das, was in Deutschland "Buße" heißt: "Busse" – das "ß" ist in der Schweiz schon lange abgeschafft.
Wie in Deutschland kannten die frühen Antiquadrucke in der Schweiz kein Eszett, obwohl die Zweite Orthographische Konferenz von 1901 es auch für Antiqua zwingend vorschrieb. Der Beschluss wurde in Deutschland nach und nach umgesetzt, in der Schweiz (und in Liechtenstein) aber nie durchgängig. […] Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurde das Eszett in der Schweiz mehr und mehr durch ein Doppel-s ersetzt.
ein wichtiger faktor
Als antiquaschriften noch weniger gebräuchlich waren, wurden manchmal solche ohne ß verwendet, auch in Deutschland. Beispiel: Mitteilungen der Gesellschaft für deutsche Erziehungs- und Schulgeschichte, 1900. (Grösserer ausschnitt)
Die schweizerischen schreibmaschinen (und nach wie vor die kompjutertastaturen) enthalten französische zeichen, aber kein ß (und keine grossen umlaute).
Nun macht aber Rumpelt einen Vorſchlag, der wenigſtens für den deutſchen Druck ſchwer durchführbar iſt. Er will das Zeichen ß (sz) ganz fallen laſſen, den weichen Laut mit ſ, den harten mit s bezeichnen (alſo reiſen, reiſen, aber reisen, reisen, ſtatt reißen, reissen). Gegen das Aufgeben eines Buchſtabens und die Verwendung des deutſchen s im Inlaute dürfte die Gewohnheit ſich zu ſehr ſträuben. Dazu kommt noch die weitere Forderung, eine doppelte Majuskel herzuſtellen (für weich und hart), alſo ein neues Lautzeichen ſowol in den lateiniſchen als deutſchen Druck einzuführen.
Ebenſo wenig wie das einfache ſ duldeten die Schreiber ſſ im Auslaut. Wäre nun der Gebrauch in gleicher Weiſe ausgebildet, ſo ſollten wir ſs ſchreiben, und in der That hat dieſes Zeichen einſt gegolten. Kolroß ſchreibt: „Es ſtodt ouch das kurtz s artlich und wol am langen im vßgang ſo mans dupplieren můſs. Exemplum: ſchloſs, ſchoſs, ſproſs, ſpiſs, gewiſs etc.; in mitten aber, ſo mans ſoll dupplieren, ſtond die langen baſs, als wiſſen, Wyſſenburg“. Aber das Zeichen ſs drang nicht durch, ß ſetzte ſich auch als Vertreter des ſſ feſt, und als Gottſched für den Inlaut die Anwendung von ß und ſſ nach der Quantität des vorhergehenden Vokales regelte, dachte er gar nicht daran, dieſen Geſichtspunkt auch auf den Auslaut anzuwenden. Dieſer Gebrauch hat nun den Mangel, daß wir zwar in Füße und Schüſſe, nicht aber in Fuß und Schuß die Quantität bezeichnen. Heyſe verſuchte eine Reform, indem er nach kurzem Vokal anfangs ſſ, ſpäter wie Kolroß ſs verlangte. Aber obwohl dieſe verſtändige, unſere Orthographie konſequent und ſchonend weiter bildende Regel viele Freunde und warme Fürſprecher gefunden hat, gewann ſie doch verhältnismäßig geringe Ausbreitung. Die bayriſche Orthographie nahm die Gottſched-Adelungſche Schreibweiſe auf, und ihr ſind die übrigen Regelbücher gefolgt.
Neuregelung von 1996
ß nur noch nach langem vokal und diftong, nicht mehr an der morfemgrenze. Also ersatz einer typografischen regel durch eine ausspracheregel.
[…] ZDF-Journalistin und Sachbuchautorin Petra Gerster […]: Ich sehe das oft in meinem Redaktionsalltag. Viele jüngere Kollegen finden die ß-Regeln so schwierig, dass sie das ß gar nicht mehr benutzen und nur noch ss schreiben.
Bravo!
Notbehelf bei fehlendem ß
Der Große Duden; Rechtschreibung, 11. aufl., 1934, s. 12
Bei Benutzung von Schreibmaschinen, die noch kein ß enthalten, gebrauche man als Notbehelf auch in Kleinschrift ss.
Duden, die deutsche Rechtschreibung. 27. aufl., 2017, D 160
Fehlt das ß (z. B. bei einem Computerprogramm), schreibt man dafür ss.
In der Schweiz galt schon immer diese regelung. Nach 1996 – nicht vorher – tauchte in der Schweiz vereinzelt die alte dudenschreibweise auf (fundsachen).
Grossbuchstabe
Duden, Rechtschreibung, 1915, s. XII
Für ß wird in großer Schrift sz angewandt, z. B. MASZE (Maße) – aber MASSE (Masse) –, STRASZE, PREUSZEN, Meiszner, Vosz. Die Verwendung zweier Buchstaben für einen Laut ist nur ein Notbehelf, der aufhören muß, sobald ein geeigneter Druckbuchstabe für das große ß geschaffen ist.
Der Große Duden; Rechtschreibung, 12. aufl., 1942, s. 16
Für ß wird in großer Schrift allgemein SS angewandt, z. B. STRASSE, PREUSSEN, doch kann man, um Verwechslungen vorzubeugen, auch SZ anwenden […]. [Fussnote:] Die […] Regel, daß für ß »in großer Schrift sz«, also SZ, eintritt, hat sich nicht durchgesetzt.
Das „ß“ fällt auch dadurch auf, dass es keinen Großbuchstaben zur Seite hat. […] Seit 130 Jahren wird über ein großes „ß“ nachgedacht, bisher ohne überzeugendes Ergebnis, was darauf hindeutet, dass es die Sprachgemeinschaft ohne Schmerz entbehren kann.
Ein großes "ß" gab es bisher im Deutschen auch deshalb nicht, weil in den alten deutschen Schriften nicht komplett IN VERSALIEN GESCHRIEBEN werden durfte. Das war typografisch falsch. […] Der Computer erlaubt das, die Regeln für den Schriftgebrauch nicht.
Duden, die deutsche Rechtschreibung. 27. aufl., 2017, D 160
Bei Verwendung von Großbuchstaben steht traditionellerweise SS für ß. In manchen Schriften gibt es aber auch einen entsprechenden Großbuchstaben; seine Verwendung ist fakultativ.
In Dokumenten kann bei Namen aus Gründen der Eindeutigkeit auch bei Großbuchstaben anstelle von Doppel-s bzw. großem Eszett das kleine ß verwendet werden.
Darüber hinaus empfiehlt der Rat den staatlichen Stellen eine […] Erweiterung des Regelwerks […]: Die Erweiterung betrifft die Ergänzung um einen dem Kleinbuchstaben <ß> entsprechenden Großbuchstaben - nicht zuletzt, um für amtliche Zwecke, insbesondere Personaldokumente wie Personalausweis und Pass, die Einheitlichkeit der Schreibweise z. B. von Personennamen zu sichern.
Freilich wird ein großes ß ein Nischendasein fristen, denn selten schreibt man in GROßBUCHSTABEN, und ein Wort mit einem ß am Anfang gibt es im Deutschen nicht. Ob es der neue Buchstabe auf das offizielle Tastaturlayout schaffen wird, bleibt offen.