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Mit der Diskussion über «Lichtspiel» von Daniel Kehlmann starteten wir in die Winterstaffel 2024. Noch nie hatten wir einen Roman auf dem Programm, der so viele verschiedene Interpretationen und Lesarten zuliess. Entsprechend lebhaft und kurzweilig gestaltete sich dann auch der Austausch in den fünf Gruppen. Im Mittelpunkt der Geschichte steht eine berühmte historische Figur: Georg Wilhelm Pabst, einer der ganz grossen Filmregisseure der Weimarer Republik und Entdecker von Greta Garbo.
Der Inhalt von «Lichtspiel» ist rasch zusammengefasst: Der Oesterreicher Georg W. Papst, erfolgsverwöhnt und ehrgeizig, scheitert 1935 bei seinem Versuch, auch Hollywood zu erobern, und kehrt frustriert – mit Frau Trude und Sohn Jakob – zurück nach Europa. Vordergründig folgt er dem Notruf seiner kranken Mutter und wird in der Ostmark vom Ausbruch des 2. Weltkriegs überrascht; die Grenzen sind geschlossen, das bereits gekaufte Schiffs-Ticket nach Amerika verfällt. Die Familie sitzt im Dritten Reich fest.
Pakt mit dem Teufel
Schon hier fragt man sich beim Lesen: Wie konnte G.W. Pabst nur so naiv sein, zumal er, als linker, sozialkritischer Regisseur gewusst haben musste, welche Gefahr gerade Künstlern wie ihm in Europa drohte ? Oder versprach er sich hier vielleicht – trotz Hitler – bessere Bedingungen für seine Filmarbeit als in den USA ?
Die Nazis umgarnen ihn, versprechen grosse Budgets und freie Wahl bei Stoffen und Besetzungen. Pabst lässt sich überreden, und realisiert zu spät, dass er hier einen Pakt mit dem Teufel eingegangen ist. Das Netz um ihn zieht sich immer enger zusammen; in seinem Elternhaus werden die Rollen auf den Kopf gestellt: das Hauswarts-Ehepaar – beide treue Nazis – residiert fortan im feudalen ersten Stock; die Familie Pabst muss mit dem Parterre vorliebnehmen; Trude Pabst wird zur allgemeinen Putzfrau und Köchin degradiert; Sohn Jakob tritt der Hitler-Jugend bei und übernimmt deren Gesinnung.
Die Illusion des Künstlers
Verbissen klammert sich G.W. Pabst an die Illusion, dass er, als Künstler – unabhängig von den vorherrschenden politischen Verhältnissen – arbeiten kann. «All das geht vorbei», sagt er an einer Stelle zu seiner geplagten Frau Trude, «aber die Kunst bleibt». Und sie hält ihm kritisch dagegen: «Selbst wenn sie bleibt, die….Kunst. Bleibt sie nicht beschmutzt ? Bleibt sie nicht blutig und verdreckt ?».
Trudes’ Fragen treffen den Kern dieses Romans: Und Daniel Kehlmann überlässt es uns, die Antworten zu finden, wie er auch sonst auf Schwarz-Weiss-Malerei verzichtet. Er liefert eindrückliche Szenen und kraftvolle Bilder als Projektionsflächen; fügt immer wieder auch rätselhafte Momente in die Geschichte ein, und fordert damit das Publikum heraus, sich eine eigene Meinung zu bilden. Geschickt zieht er hinter den Kulissen die Fäden und lässt so die unterschiedlichsten Interpretationen und Ahnungen zu: War es vielleicht doch der deutsche Geheimdienst, der G.W.Pabst schon in Hollywood beschattet und ihn dann gezielt mit einer Lüge zurück ins Reich geholt hatte ? Erhofften sich die Nazis, den berühmten Künstler für ihre Propaganda einspannen zu können ?
Fiktion und Realität
Kein Wunder gab dieses Buch in den Lesezirkeln viel Stoff für angeregte Diskussionen. Zum Teil vermisste man eine differenziertere Figurenzeichnung; besonders etwa bei G.W. Pabst.
Einzelne sahen ihn als egoistischen Opportunisten, der seltsam blass und schwer greifbar rüberkam. Andere nahmen ihn als sensiblen Menschen wahr, der diesen lebensgefährlichen Balanceakt zwischen Anpassung und Widerstand mutig und bis an den Rand der eigenen Erschöpfung vollzog.
Polarisiert hat auch die Frage, wie zulässig es eigentlich ist, bekannte historische Figuren als literarische Figuren zu verwenden. Selbst wenn die Geschichte als «Roman» bezeichnet wird, sind da Spekulationen und Verfremdungen beliebig möglich ?
Der Gang nach Canossa
Grosses Lob erntete Daniel Kehlmann für seine literarische Leistung: Es gelingt ihm meisterhaft, diesen Irrsinn im Dritten Reich atmosphärisch anhand von eindrücklichen Szenen zu verdichten, sodass es einem angst und bange wird.
Kommt hinzu, dass er es schafft, das Thema des Romans – die Kunst des Filmregisseurs – auch sprachlich abzubilden: Er arbeitet «technisch» mit langen Kamerafahrten, Schwenks, Dialogen und Schnitten. Exemplarisch dafür ist zum Beispiel G.W. Pabst’s Besuch bei Hitlers’ Propagandaminister: Hier lässt Daniel Kehlmann seinen Protagonisten schier endlos durch einen gespenstisch leeren Saal marschieren – die Wände bewegen sich bedrohlich auf ihn zu – und scheinbar in weiter Ferne – unter einem Porträt des Führers – erwartet ihn die Figur von Joseph Goebbels. Eindrücklicher hätte man Papst’s «Gang nach Canossa» nicht beschreiben können.
Luzia Stettler