Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/2317

Am 15. Februar 1970 wird ein kaum bekannter junger Urner aus Andermatt ein Star. Aus dem Nichts wird Bernhard Russi in Gröden Abfahrtsweltmeister. Wir beleuchten das Schweizer Sportjahr 1970.
Eigentlich hätte Bernhard Russi an jenem Sonntag in Val Gardena gar nicht fahren sollen. Er war nur einer der vier Schweizer Starter, weil sich die besser qualifizierten Jos Minsch, Kurt Huggler und Hanspeter Rohr verletzt hatten.
Die Schweizer hatten gemäss der Statistik sehr geringe Chancen auf den WM-Titel in der Königsdisziplin. Im 1967 eingeführten Weltcup hatten sie bis dorthin nur zwei Abfahrten gewonnen – durch Jean-Daniel Dätwyler und Minsch in der Saison 1968/69. Im WM-Winter hatte nur Dätwyler – als Zweiter im Dezember in Val d'Isère – einen Podestplatz herausgefahren. Die Meister des Fachs waren andere: die Österreicher Karl Schranz und Karl Cordin, der Australier Malcolm Milne, der Franzose Henri Duvillard.
An jenem Sonntagmittag bahnte sich für die Schweizer sogar eine schwere Niederlage an. Edy Bruggmann, Dätwyler und Andreas «Söre» Sprecher verloren viel Zeit. Als sich der Notnagel Russi mit der Nummer 15 auf seinen Einsatz vorbereitete, führte Cordin vor Milne und Schranz. Was sich in den wenigen Minuten am Start der «Saslong» abspielte, zeichnete der Zürcher Sportjournalist Stefan Oswalt am 15. Februar dieses Jahres in der NZZ nach.
Der Schweizer Assistenztrainer Paul Berlinger beeilte sich, alles Wachs von Russis Skis zu kratzen, nachdem die ersten drei Schweizer auf den gewachsten Latten viel Zeit verloren hatten. Berlinger handelte nach einem Blitzgedanken. Er erinnerte sich, dass er wenige Stunden vor dem Rennen mit einem französischen Trainer hinuntergefahren war und seine Skis ohne Wachs schneller waren als die gewachsten des Kollegen. Berlinger sagte Russi noch: «Keine Angst, es kommt schon gut.»
Zweieinhalb Minuten später fuhr Russi durchs Ziel. Die riesigen, über den ganzen TV-Schirm ausgebreiteten Lettern lauteten «15 2 24 57». Der Name des Fahrers war nicht eingeblendet, aber die Startnummer und die Zeit. Bernhard Russi war Weltmeister, und der unvergessliche Fernsehkommentator Karl Erb beherrschte auf einmal seine Stimme nicht mehr. Er weinte vor Glück.
Der Sonnyboy der Nation
Bernhard Russi nennt den 15. Februar 1970 seine zweite Geburt. Hätte man damals noch von einem Zufallssieg schreiben können, wurde Russi später auch dank seinen vielen sportlichen Erfolgen – nicht zuletzt als Olympiasieger 1972 in Sapporo – der wohl populärste Schweizer Skirennfahrer aller Zeiten. Was er auch anpackte – gelang ihm gut. Er wurde TV-Kommentator, Pistenbauer, Brillenträger, Werbeträger, Sänger im «Teleboy» und mehr. Bernhard Russi – der Sonnyboy der Nation.
An jener WM wäre ein Medaillengewinn der Schweizerinnen in irgendeiner Disziplin eine grosse Überraschung gewesen. In den Rennen im Dezember und im Januar waren sie nie unter den ersten drei. Aber am 11. Februar, vier Tage vor Russis Triumph, schlug die Stunde von Annerösli Zryd. Die junge Adelbodnerin wurde eine halbe Sekunde vor der Französin Isabelle Mir und mehr als zwei Sekunden vor der grossen Favoritin Annemarie Pröll (spätere Moser-Pröll) aus Österreich Weltmeisterin.
Ein gutes halbes Jahr vorher war Zryd beim Turnen in Frutigen schwer verunfallt. In allen Weltcuprennen zuvor war sie bestenfalls Vierte gewesen. Auch nach dem WM-Titel kamen keine weiteren Podestplätze dazu, denn Zryd beendete ihre Karriere im Frühling 1970 – mit noch nicht einmal 21 Jahren.
Die hohe Zeit des FCB
1970 war der FC Basel im Zenit. Knapp vor Lausanne-Sports und Zürich stellten die Basler ihren zweiten Meistertitel am Stück sicher, weitere folgten 1972 und 1973. Rund um Karl Odermatt stellten die Basler eine schöne Mannschaft mit den Offensivleuten Peter Wenger, Walter Balmer und Helmuth Hauser, mit Jürgen Sundermann, Peter Ramseier, Walter Mundschin, Goalie Marcel Kunz und dem seine letzte Saison bestreitenden Bruno Michaud.
1970 war auch eines der letzten Jahre der Spielertrainer. Sie waren nicht selten die einzigen wirklichen Profis in den Mannschaften. Helmut Benthaus beim FC Basel war in jener Zeit ein solcher, aber auch Albert Brülls bei den Young Boys, Timo Konietzka, der im Sommer 1971 von Winterthur zum FC Zürich wechselte, Hans-Otto Peters bei Biel, Jörn Sörensen bei Bellinzona und Otto Luttrop bei Lugano.
Neuenburger Serienmeister
Stärker noch als der FCB dem Fussball drückte 1970 der HC La Chaux-de-Fonds dem Eishockey den Stempel auf. Die vom einheimischen Unternehmer und Mäzen Charles Frutschi aufgebaute Mannschaft triumphierte im Frühling 1970 zum dritten Mal in Serie. Weitere drei Meistertitel folgten auf dem Fuss. Der «HCC» war auch das Gerippe der Nationalmannschaft. Die herausragenden Akteure unter Trainer Gaston Pelletier waren Stürmer Michel Turler und Torhüter Gérald Rigolet.