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Soziale Netzwerke, allen voran Instagram, werden häufig beschuldigt, bei ihren Nutzerinnen und Nutzern ein geringes Selbstwertgefühl zu erzeugen. Vor allem in der Pubertät.
Die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin Frances Haugen, die sich als Whistleblowerin betätigt, hat vor kurzem aufgedeckt, was wir alle bereits wissen: Soziale Netzwerke haben einen potenziell schädlichen Einfluss auf das Leben und das Befinden von Teenagern, insbesondere von Mädchen in diesem Alter. Ein interner Facebook-Bericht gab 2019 unverblümt zu: «Wir verschlimmern den Zustand eines von drei Mädchen mit Komplexen. Instagram verändert das Bild, das sie von sich selbst und ihrem Körper haben.» Es handelt sich um den bekannten Effekt des sozialen Vergleichs.
Man vergleicht das, was man in sozialen Netzwerken sieht, mit Aspekten des eigenen Lebens. Natürlich fällt dieser Vergleich nicht immer schmeichelhaft aus. Wiederholte Bilder von Erfolg und Schönheit, die auf Plattformen in einem besonders ausgefeilten und daher unrealistischen Rahmen gezeigt und durch die Magie von Photoshop und anderen Filtern verklärt werden, können zu einem Mangel an Selbstwertgefühl und einer Abwertung des Selbst führen. Dabei sind die Netzwerknutzenden sowohl Opfer als auch Verbreiter.
Die Abwertung der eigenen Person durch die häufige Nutzung sozialer Netzwerke hat - wie viele Untersuchungen gezeigt haben - oft einen direkten Einfluss auf den Lebensstil. Zum Beispiel bei der Entscheidung, eine Diät zu machen, um abzunehmen. In einer Studie mit einer Stichprobe von Frauen fand man heraus, dass die Zeit, die man auf Instagram verbringt, bis es zu einer Verschlechterung der Stimmung kommt, sieben Minuten beträgt.
In einem von der Stiftung für medizinische Forschung (Fondation pour la recherche médicale FRM) veröffentlichten Bericht erklärt der Psychoanalytiker Michael Stora, dass bestimmte Netzwerke wie Instagram «an der Schaffung eines fiktiven Bildes mitwirken können, das einem neuen tyrannischen gesellschaftlichen und kulturellen Ideal entsprechen muss... Das Bild hat nicht mehr den Status einer Erscheinung, sondern wird zu einer existenziellen Frage». Ein Prozess, der «in der Adoleszenz, die eine Zeit narzisstischer Zerbrechlichkeit ist, besonders schädlich sein kann». Auch dies hat konkrete und schwerwiegende Folgen, sogar über das Jugendalter hinaus: «Heute sind es die 18- bis 35-Jährigen, die am meisten von Schönheitsbehandlungen Gebrauch machen.»
Einige Fachleute, wie der klinische Psychologe Olivier Duris, sind der Meinung, dass der schädliche Einfluss sozialer Netzwerke relativiert werden sollte: «Sie verursachen selbst keine psychischen Störungen. Zudem gibt es in den internationalen Kriterien zur Definition psychischer und psychiatrischer Krankheiten keine Störung durch soziale Netzwerke, während eine durch Videospiele ausgelöste Störung aufgeführt ist. Andererseits können einige Anwendungen bereits vorhandene Probleme wie Einsamkeit oder ein geringes Selbstwertgefühl verschlimmern oder sichtbar machen. Dies kann zu einer Art Teufelskreis führen.» Dies ist kein Grund, «die sozialen Netzwerke zu verteufeln», denn sie können den Jugendlichen auch helfen, «aus ihrer Einsamkeit herauszukommen und eine neue Form des Zuhörens zu finden, die derjenigen entspricht, die bereits in ihrem Umfeld vorhanden ist».
Die Art und Weise, wie wir uns selbst betrachten, und ihre oft negativen Folgen – Probleme mit dem eigenen Körperbild – sind nach wie vor eher eine Frage des Gefühls als des rationalen Denkens. «Wenn man gelernt hat, seinen Körper als Objekt zu betrachten, ist es sehr schwierig, diese Gefühle in den Griff zu bekommen», sagte die Psychologieprofessorin Renee Engeln dem Magazin Wired, das sich auf die Auswirkungen neuer Technologien auf alle Lebensbereiche spezialisiert hat. Die Lösung steckt demnach im Problem: «Man muss aufhören, Körperbilder zu schaffen und zu konsumieren.»
Im gleichen Magazin - Wired - findet man eine kurze Zusammenfassung der Geschichte der Selbstwahrnehmung: Jahrtausendelang konnten wir uns nur in natürlichen reflektierenden Oberflächen wie Pfützen beobachten. Wir kennen alle die Geschichte von Narziss. Glasspiegel kamen vor etwa 500 Jahren in den allgemeinen Gebrauch und veränderten das Verhältnis zum eigenen Aussehen radikal, wenn auch auf eher flüchtige Weise. Von der Fotografie hingegen kann man das nicht behaupten: «Fotografieren heisst, sich das Fotografierte anzueignen», schrieb Susan Sontag 1977. «Es bedeutet, sich in eine bestimmte Beziehung zur Welt zu setzen, die dem Wissen - und damit der Macht - ähnelt. In einer Zeit, in der die Menschen schätzungsweise 1,4 Milliarden Fotos pro Jahr machen und jedes Bild in Minutenschnelle bearbeitet und auf Dutzenden von Plattformen geteilt werden kann, um geliked, kommentiert oder, schlimmer noch, ignoriert zu werden, ist die Frage, wer die Macht hat, noch komplizierter geworden», so die Zeitschrift.
Eine Form des Widerstands gegen die Tyrannei des Scheins wird jedoch gerade in den sozialen Netzwerken selbst organisiert. Dies geschieht auf vielfältige Weise, wie z.B. der Verzicht auf die Verwendung von Filtern zur Verbesserung der eigenen Fotos. Oder die Schaffung von Hashtags, die Unzulänglichkeiten hervorheben, eine clevere Art, sie zu bagatellisieren. Wie #acnepositive. Oder durch die Veröffentlichung von Bildern von Menschen unterschiedlichen Aussehens, unterschiedlicher Grösse, Farbe und Erscheinung, um uns daran zu erinnern, dass Schönheit sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen kann und nicht nur ein glatter, monochromer, standardisierter Kanon ist.
Selbstabwertung ist ein immer wiederkehrendes Problem im Jugendalter, das schon vor dem Auftauchen der sozialen Netzwerke vorhanden war. Instagram sowie jedes andere soziale Netzwerk sollte als ein Medium verstanden werden. Allerdings können die Medien, wenn sie nicht begleitet und aufgeschlüsselt werden, dazu beitragen, dieses schlechte Selbstbild zu verstärken. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen nicht ohne ein Sicherheitsnetz ins kalte Wasser werfen.
Netzwerke sind ein Raum der Emanzipation für Jugendliche, denn sie können dieses Terrain ohne ihre Eltern erkunden. Das ist an sich schon eine hervorragende Sache. Die Jugend ist eine Hin- und Herbewegung: Man geht auf Entdeckungsreise und kommt dann wieder nach Hause zurück. Dieser Moment der Rückkehr sollte genutzt werden, um über die Erfahrungen in den Netzwerken zu sprechen. Leider wird oft einfach davon ausgegangen, dass Teenager damit zurechtkommen. Zwar verfügen sie über gute technische und explorative Fähigkeiten, aber es mangelt ihnen an der Fähigkeit zur kritischen Analyse, was ganz normal ist. Hier brauchen sie die Hilfe der Erwachsenen.
Es sollte aufgezeigt werden, was man in den sozialen Netzwerken sieht und vor allem erklärt werden, dass diese nur einen verengten Blick auf die Realität bieten. Auch ist es sinnvoll, das Problem der Algorithmen anzusprechen. Hier gilt es zum Beispiel zu erklären, warum man nach einem Klick auf ein Mädchen im Badeanzug am Strand bei fünfzig Instagram-Konten mit gleichem Kontext, vergleichbarem Profil und Aussehen landet.
Es handelt sich um ein gesellschaftliches Thema, das überall dort angesprochen werden sollte, wo dies möglich ist, in erster Linie zu Hause, aber auch in der Schule, in Sportvereinen, Gemeindezentren und Heimen, also bei jeder Gelegenheit, die sich bietet, um über die Vorgänge in den Netzwerken zu sprechen. Je mehr wir Diskussionen eröffnen, z.B. bei einem Familienessen mit den Worten «Sag mir, was auf Instagram gut funktioniert», desto mehr können die Jugendlichen das Gesehene nach aussen tragen und kritisch zu betrachten lernen.
Wenn wir früher ein Familien- oder Ferienfoto gemacht haben, waren es die Eltern, die das Setting bestimmt und die Kamera gehalten haben. Mit den sozialen Netzwerken und Smartphones haben Jugendliche die Möglichkeit, sich selbst zu inszenieren. Manchmal entsteht so der trügerische Eindruck von Nähe zwischen dem Teenager, der sich in Szene setzt und den Influencerinnen und Influencern und der oder die Jugendliche glaubt, in derselben Liga zu spielen, was nicht ganz der Fall ist.
Soziale Netzwerken haben, wie die anderen Medien auch, immer negative und positive Seiten. Heute bringen sich Bewegungen wie die Body-Positive-Bewegung zum Beispiel auf Instagram, Tiktok oder Youtube zum Ausdruck. Hier geht es darum, dass man einen Körper haben kann, der nicht dem Diktat der Mode entspricht, der etwas anders aussieht und mit dem man trotzdem glücklich sein kann.
Die Auswirkungen sind oft dieselben, aber die Art und Weise, wie die Informationen verarbeitet werden, ändert sich. Dies ist eine Eigenschaft, die in der Pubertät häufig anzutreffen ist: Wenn Mädchen mit einer Ungewissheit konfrontiert werden, neigen sie im Allgemeinen dazu, diese zu verinnerlichen, während Jungen dazu neigen, sie zu externalisieren. Junge Männer konkurrieren eher miteinander, um sich ihrer Normalität mittels Konfrontation mit anderen zu vergewissern.