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«Wenn ich jetzt im Zug reise, bin ich der Einzige, der zum Fenster rausschaut.» Jürg Hassler besitzt weder Smartphone noch Computer, von den elektronischen Medien hält er sich fern, er liest auch keine Zeitungen – «nicht einmal die WOZ!» Er halte den Kopf lieber für die Fantasie offen, sagt er, «als alles geliefert zu bekommen». Wenn er nicht gerade bei der Familie in Paris weilt, lebt Hassler zurückgezogen und fast selbstversorgend am rechten Zürichseeufer und widmet sich, nach Jahrzehnten als Fotograf und Filmemacher, wieder vermehrt der Bildhauerei, mit der eigentlich alles begonnen hat.
Geboren 1938, wuchs Hassler in behaglichen Verhältnissen in Zürich auf: «Ich war ein liebes Einzelkind bis siebzehn, dann schlug ich aus.» Ausschlaggebend war seine Begegnung mit dem Bildhauer Hans Josephsohn, der Ende der 1930er Jahre aus Nazideutschland in die Schweiz geflüchtet war. Josephsohn wurde sein Vorbild, sowohl als Künstler wie auch als kritischer Geist. Ein «Epigone» des Bildhauers wollte Hassler aber nicht bleiben. Er interessierte sich für den Film, doch dafür gab es in der Schweiz keine Ausbildung. Also ging er an die Fotoschule in Vevey, gegen den Willen seines strengen Vaters, der ihm die finanzielle Unterstützung verweigerte. So lernte er, unter prekären Bedingungen zu leben, arbeitete als Fotoreporter, reiste durch Italien, die damalige Sowjetunion und die DDR. Für ein Buch über Frankreich arbeitete er mit dem legendären Fotografen Henri Cartier-Bresson zusammen.
Als die Kunstgewerbeschule Zürich 1967 die ersten Filmarbeitskurse einführte, meldete er sich dafür an. Es wurden zwei turbulente Jahre. Als im Sommer 1968 die Zürcher Jugendunruhen ausbrachen, waren Hassler und ein paar Schulkollegen mit der Kamera dabei. «Krawall» kam 1970 heraus, der Film machte ihn auf einmal bekannt. «Ich wollte einen provokativen Film machen, ohne Rücksicht», erinnert er sich. «Da es ein Agitationsfilm der Bewegung sein sollte, nannten wir keine Namen. Heute möchte ich aber meinem Kollegen Eduard Winiger ein Kränzchen winden, er hat die schönsten Bilder des Films gemacht.» Hassler selbst konnte dabei erstmals seine eigene Art der Kameraführung entfalten, im improvisierten Stil des Cinéma vérité, der bestens zu Cartier-Bressons Methode passte, sich auf den Augenblick einzustimmen, «wo bestimmte Sachen zusammenkommen».
Video auf der Strasse
Für seine nächsten Filme pendelte Hassler zwischen Kunst und Aktivismus. Auf ein Porträt seines Mentors («Josephsohn – Stein des Anstosses», 1977) folgte im Jahr darauf ein aktivistischer Film über die Antiatomkraftbewegung, den er zusammen mit den Gebrüdern Dubini realisierte («Gösgen», 1978). Und für einen experimentell angehauchten Dokumentarfilm tauchte er gemeinsam mit Ursula Looser in die Wahrnehmungswelt von Kindern ein («Welche Bilder, kleiner Engel, wandern durch dein Angesicht?», 1986). Vier Jahre später brachte er «Les Débordants», die Kurzversion seines Langzeitprojekts über unangepasste experimentelle Künstler:innen, heraus – eine definitive Fassung blieb zu seinem grossen Bedauern aus, unter anderem, weil mehrere Protagonisten früh verstarben.
Neben seinen eigenen Filmen machte sich Hassler bald auch einen Namen als Handwerker im Dienst anderer Filmschaffender. Bei rund dreissig Filmen arbeitete er als Kameramann, bei siebzehn als Cutter. Als 1980 die Zürcher Jugend erneut auf die Strasse ging, war Hassler wieder dabei, machte Videoaufnahmen für die Macher:innen von «Züri brännt». Für Christian Schochers Spielfilm «Lüzzas Walkman» (1989) lieferte er später souverän improvisierte Filmbilder im dokumentarischen Stil. Diese Fähigkeit, Szenen mit Schauspieler:innen flexibel und unkompliziert zu drehen, konnte er auch bei vier Spielfilmen von Saint Pierre Yaméogo in Burkina Faso ausspielen, angefangen mit «Laafi» (1991). Dabei lernte er, auch dunklere Hauttöne richtig zu beleuchten und aufzunehmen. Mehrmals arbeitete Hassler auch bei Dokumentarfilmen von Richard Dindo mit. Dass er bei «Ernesto ‹Che› Guevara. Das bolivianische Tagebuch» (1994) die Tonaufnahmen machen durfte, betrachtete er als «Geschenk» Dindos, weil dieser wusste, wie sehr er den «Che» verehrte.
Mit neuem Blick
Seine wohl fruchtbarste Zusammenarbeit aber ergab sich mit dem Zürcher Regisseur Thomas Imbach, bei dem Hassler an sieben Filmen mitwirkte. Für ihren ersten gemeinsamen Dokumentarfilm, «Well Done» (1994), drehten sie monatelang in einem Telebanking-Unternehmen; für den zweiten, «Ghetto» (1997), begleiteten sie mehr als ein Jahr lang eine Schulklasse an der Zürcher Goldküste. Dank der damals neuen Handycam-Technik konnten sie sehr lange und spontane Aufnahmen machen, ganz im Geist des Cinéma vérité. Dieses Material sezierten sie in Fragmente, um es dann nach bestimmten rhythmischen und thematischen Mustern zu montieren. Diese Machart wurde zu Imbachs Markenzeichen; Hassler spielte dabei eine prägende Rolle.
Er sieht diese Methode als eine Art, neue Erkenntnisse zu gewinnen: «Ich habe immer ein Auge im Sucher gehabt, mit dem anderen konnte ich herumgucken. Ich war einfach sensibilisiert, wenn sich etwas anbahnte. Bei Schocher und vor allem bei Imbach entstand ein neuer Schnitt, der solche Dinge sammeln konnte, um daraus eine neue Realität zu schaffen. Man musste nicht Angst haben, dass etwas nicht reinpasste. Man brachte es zum Passen, mit einem neuen Blick.» Dabei sei wichtig, Sachen auszuprobieren, «über den eigenen Zweck hinauszugehen».
Auf die Frage nach dem Geheimnis seiner Vielseitigkeit antwortet Hassler gewohnt bescheiden: «Besonders begabt bin ich nicht, nur vielfältig tätig. Fast jeder Mensch kann das. Man muss einfach spielerisch bleiben.»
Die Solothurner Filmtage zeigen zehn Werke aus Jürg Hasslers Filmografie und eine Ausstellung mit seinen «Schachobjekten». Zudem gibt es zwei Publikumsgespräche mit ihm. www.solothurnerfilmtage.ch