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Auf der Schutzfolie, mit der das Buch verpackt war, prangte noch der Aufkleber Spiegel Bestseller. Schon dies sollte ein genügender Hinweis darauf sein, dass Alexander von Humbold im deutschen Sprachraum keineswegs den Lost Hero of Science darstellt, als den ihn der etwas reisserische Untertitel des englischen Originals hinstellt. Obwohl ich nach wie vor der Meinung bin, dass sein älterer Bruder Wilhelm im deutschen Sprachraum bekannter ist, kann sich Alexander nicht beklagen. Immer und immer wieder werden seine Werke neu aufgelegt, in Werkausgaben wie in Prachtausgaben einzelner Teile. (Nur in Lateinamerika, aber das gibt sogar Andrea Wulf zu, ist Alexander von Humboldt nach wie vor ein Haushaltname und wohl noch bekannter als in seiner Heimat.)
Heimat ist auch einer der Begriffe, um die sich diese Biografie implizit dreht. Für Andrea Wulf ist es klar, dass die Heimat des Kosmopoliten Alexander von Humboldt nicht diese oder jene Stadt, dieses oder jenes Land sein konnte. Heimat war für Humboldt dort, wo den engsten Kontakt mit wissenschaftlichen Kollegen haben konnte (wenn er nicht gerade auf Reisen war): Lange Zeit war das Paris, was ihm in Wulfs Darstellung auch den Ärger seines nach Preussen orientierten Bruders Wilhelm eintrug. Nach Berlin kehrte Humboldt im Alter nur ungern zurück, und nur, weil er musste, wenn er die (kärgliche) Bezahlung eines preussischen Kammerherrns weiter beziehen wollte. À propos beziehen – die Beziehung der beiden Brüder Wilhelm und Alexander ist ein weiterer Kernpunkt von Wulfs Biografie. Der Knabe Alexander, der denselben Schulstoff zu bewältigen hatte, wie sein zwei Jahre älterer Bruder – was ihn überforderte (und ihm den Ruf eines langsamen, trägen Kopfes einbrachte), zumal ihn auch nicht dieselben Fächer interessierten wie seinen Bruder. Danach die grosse Zeit der brüderlichen Beziehungen, als beide im Dunstkreis der Weimarer Klassiker trieben – regelmässige Treffen zwischen den Humboldts, Goethe und Schiller in Wilhelms Jenaer Wohnung inklusive. Von Goethe soll Alexander das ‚Sehen‘ von Zusammenhängen in der Natur erlernt haben. Alexanders Expeditionen nehmen natürlich in dieser Biografie breiten Raum ein: Südamerika, Mexiko, später Russland.
Wulfs Biografie orientiert sich, wie es praktisch jede Biografie tut, an den Ereignissen in Humboldts Leben und geht, vom Prolog abgesehen, chronologisch vor. Wulf wählt aus und filtert. Und nicht immer bin ich glücklich über ihre Filter. Bei den oben erwähnten Treffen in Jena wird z.B. die Rolle Schillers – nicht geklärt. Die Reise des jungen Humboldt mit Georg Forster wird knapp erwähnt – die Rolle aber, die Forster für Humboldt gehabt hat, wird unterschlagen. Es waren durchaus mehr als ein paar Gespräche über Tahiti, die Alexanders Sehnsucht nach der Ferne angestachelt haben – von Forster lernte Humboldt in mindest gleichem Ausmass wie vom hier hoch gepriesenen Goethe das Schauen, und zusätzlich auch ein ziemlich vorurteilsloses Herangehen an fremde Kulturen, was Humboldt ermöglichte, auch in den ansonsten als ‚primitiv‘ verurteilten Kulturen der Indios eigenständige und erhaltenswerte Kulturen zu sehen. Humboldts heimliche Liebe zur Revolution wurde ebenfalls nicht erst vom in dieser Biografie einen breiten Raum einnehmenden Bolívar entzündet. Humboldts Abscheu vor der Sklaverei – auch hier war Forster der Katalysator. Weiter: Ob Humboldts Freundschaft mit Thomas Jefferson wirklich so gross war, wie sie hier stilisiert wird, bleibe dahingestellt. Wulf braucht sie aber offenbar, um den Begriff des Lost Hero of Science rechtfertigen zu können: Alexander von Humboldt als der einst auch in den USA berühmte und an höchsten Stellen gelobte Wissenschafter, von dem heute keiner mehr spricht. Ähnliches gilt für sein Verhältnis mit dem in England immer noch bekannten Joseph Banks, das wohl eher das zweier renommierter, einander nicht konkurrenzierender Wissenschafter war, und nicht das beinahe freundschaftliche Verhältnis, das Wulf vorstellt.
Selbst im fünften und abschliessenden Teil (Entwicklung der Ideen), wo es darum geht, wie sich die Naturwissenschaften in ihrer Weiterentwicklung auf Alexander von Humboldt abgestützt haben, unterschlägt Wulf m.M.n. Material. Darwins Verehrung für Humboldt wird lang und breit getreten, Humboldt zu einem Vorläufer der Evolutionstheorie stilisiert (die Gedanken lagen zu Beginn des 19. Jahrhunderts tatsächlich in der Luft und man findet überall Anklänge daran) – was soweit ja nicht falsch ist. Der ‚Co-Entdecker‘ der Evolution, Wallace, aber wird unterschlagen. Dabei war es eines der Ziele von Wallace‘ eigener Südamerika-Expedition, den Amazonas so weit hochzufahren, bis der Punkt erreicht war, an dem – von der andern Seite kommend – Humboldt aus politischen Gründen zum Umkehren gezwungen war.
Die übrigen im fünften Teil vorgestellten Leute sind ansonsten vor allem Personen, die in ihrer Heimat, den USA, wichtig wurden. Der allumfassende Blick Humboldts für die Natur, den er von Goethe gelernt haben soll, hat nämlich, und das ist ein weiterer Schwerpunkt in Wulfs Biografie, Humboldt dazu geführt, ganzheitliche Prozesse wahrnehmen zu können, so z.B. den Zusammenhang zwischen dem intensiven Abholzen südamerikanischer Wälder und den Änderungen im (wie wir heute sagen würden) Ökosystem, wenn das Wasser der Regenfälle nicht mehr gespeichert und langsam in die Seen und Flüsse abgegeben wird, sondern sintflutartig die Landschaft verwüstet. Somit wird Humboldt neben der Evolutionstheorie auch wichtig für die frühen Bewegungen zum Schutz der Umwelt, und Wulf stellt uns ein paar US-amerikanische Pioniere des Naturschutzes vor. Die einzige Ausnahme in diesem Teil bildet dann noch Ernst Haeckel, dessen zwiespältige Rolle in der Entwicklung der Evolutionstheorie aber wiederum unterschlagen wird.
Alles in allem ein sicher nicht uninteressantes Buch. Ganz eindeutig auf ein breites Publikum ausgerichtet, bringt es jemandem, der sich schon etwas mit Alexander von Humbold beschäftigt hat, wenig Neues. Humboldts problematische Begeisterung für diesen oder jenen jungen Mann (darunter ursprünglich auch den späteren Reisegefährten Aimé Bonpland, mit dem Humboldt sich über die Herausgabe der Südamerika-Schriften zerstritt und erst im hohen Alter wieder versöhnte) kann sie z.B. auch nicht wirklich erklären, da eine eigentliche, gelebte Sexualität (und wäre es Homosexualität) bei Alexander von Humboldt nicht festgestellt werden kann.
Eher Einführung denn Weiterführung.