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24.09.2018 - Eva Caflisch
24.09.2018
Eva Caflisch
Walter Bosshard - Reporter mit Leica
Wie der legendäre Fisch im Wasser bewegte sich der Sonderkorrespondent im China der 30er Jahre
Bildberichte von Walter Bosshard (1892-1975) erreichten ein Millionenpublikum. Eine Ausstellung in der Fotostiftung in Winterthur bringt den grossen Reporter wieder ins Gedächtnis zurück. Schreibend, filmend und vor allem fotografierend begleitete Bosshard den schrecklichen sino-japanischen Krieg und den Machtkampf zwischen den Nationalisten um Tschiang Kai-shek und den Kommunisten um Mao Zedong. Der Pionier der Fotoreportage berichtete während rund eines Jahrzehnts auch über den Alltag auf dem Land, oder vielmehr erzählte er Geschichten in Bildern.
Walter Bosshard im Zug arbeitend an einem Bildbericht aus der Mandschurei
Der ehemalige Primarlehrer, geboren in Samstagern, brach früh aus der engen Heimat nach Asien auf und wurde mit sensationellen Bildern von Mahatma Gandhi berühmt. Er war nicht nur ein begnadeter Erzähler in Wort und Bild, vielmehr kam er auch in China überall dort hin, wo er wollte, dank seines diplomatischen Geschicks. Das belegen signierte Fotos der Wichtigsten im Land – beispielsweise der First Lady der Nationalisten Song Meiling oder Mao Zedongs, dass er deren Vertrauen genoss; doch auch seine Berufskollegen und zugleich Rivalen mochten ihn. Einen von ihnen zieht die Fotostiftung nun zum Vergleich heran, nämlich den Starfotografen und Kriegsreporter Robert Capa (1913-1954), der wie Bosshard über den sino-japanischen Krieg berichtete. Beide arbeiteten für die Life, die neue grosse Zeitschrift in New York.
Aus dem Leporello von Archibald Steele: Agnes Smedley, Walter Bosshard mit Robert Capa und ein amerikanischer General
Während Capa – mehr oder weniger direkt aus dem spanischen Bürgerkrieg als Kameramann für Joris Yvens The Four Hundred Million in den chinesisch-japanischen Krieg eintauchte, weder chinesisch konnte, noch Zeit für eine kulturhistorisch-politische Vorbereitung hatte, war Bosshard bereits seit Jahren im riesigen Reich der Mitte unterwegs, kannte die Sprache, kannte die Mentalitäten und war bestens vernetzt: „Der Revolutionär muss sich in den Volksmassen bewegen, wie ein Fisch im Wasser.“ Als Mao diesen Satz prägte, lebte der Reporter W.B., Walter Bosshard längst danach.
Kurz vor Ausstellungeröffnung in Winterthur wurde der einst weltberühmte, dann fast vergessene Fotoreporter – dank der Entwicklung der Kleinbildkamera war der Job überhaupt erst möglich – von der NZZ auf vielen Seiten gefeiert. Nebst lukrativen Aufträgen für Illustrierte in Deutschland und später in Amerika hat er regelmässig für die Zürcher gearbeitet. In den Vitrinen liegt Anschauungsmaterial, will sagen originale Zeitungsausschnitte (wäre im digitalen Zeitalter wohl nur noch als Print von einem Speichermedium möglich). Überhaupt fasziniert das Material in den Vitrinen, die Geschichten und Bildberichte aus China, oft mit einem Foto des „Sonderberichterstatters“ bei seiner Arbeit als Aufmacher für seine Story. Dann der am 6. Januar 1939 datierte Leporello Bosshard over Asia seines Freunds Archibald T. Steele, Korrespondent der Chicago Daily News, mit 57 Fotos beim Arbeiten, mit Freunden, mit Berühmtheiten und handschriftlicher Legende sowie einer Eingangswidmung: „Pictorial recollections of an amiable travelling compagnion“. Es war wohl das Abschiedsgeschenk, als die Wege der beiden sich trennten.
In der Fotostiftung (von links) Peter Pfrunder, Duan Yuting und übersetzend die Autorin Wei Zhang
Das Ausstellungsprojekt in Winterthur kam zustande, weil Duan Yuting, Direktorin des Lianzhou Foto Festivals mit dem Direktor der Fotostiftung und Bosshard-Kenner Peter Pfrunder (das Archiv in der Fotostiftung ist ein Fragment, der Schriftnachlass liegt im Archiv für Zeitgeschichte an der ETH) den Bestand durchforschte. Dabei entdeckte er dank der chinesischen Kollegin das Potential in den China-Bildern. Ergänzt durch Material aus Pressearchiven entstanden drei Ausstellungen in China, die von den Behörden teilweise zensuriert wurden, beispielsweise weil Chinesen, die an einer Strasse mit Japanfähnchen die Besatzer begrüssen ein absolutes Nogo sei, im kollektiven Bewusstsein total ausgelöscht, oder auch weil der junge Mao auf Bosshards Fotos so gar nicht dem offiziellen Bild des Revolutionärs entspricht.
Walter Bosshard: Training in Guerillataktik, China, 1938. © Fotostiftung Schweiz/Archiv für Zeitgeschichte
Pfrunder: „Die Fotos aus einer praktisch unbekannten Zeit waren für die Chinesen sehr bewegend, das hat auch mich bewegt. Also wollten wir die Bilder in der Schweiz nochmals zeigen.“ Nun stehen wir vor den Fotos und sind beeindruckt – einerseits von der Qualität, die Bosshard, der oft unterwegs in Zügen oder Hotelräumen prekäre Dunkelkammern einrichtete, den Auftraggebern senden konnte, aber vielleicht noch mehr von der Erkenntnis, dass Krieg immer gleich entsetzlich ist.
Walter Bosshard: Song Meiling, Hankou, 1938 © Fotostiftung Schweiz/Archiv für Zeitgeschichte
Die Ausstellung setzt ein mit der Story von der ersten Nationalversammlung Chinas in Nanking 1931, gefolgt vom japanischen Überfall auf die Mandschurei. Regelrechte Bildergeschichten über das Reisen in einem Riesenland oder auch über das Leben einer Bauernfamilie und über einen jungen Bauern, der sich freiwillig zum Guerillakämpfer ausbilden lässt und schwer verwundet heimkehrt werden zeigen mit schönen, poetischen Bildern aus der Inneren Mongolei Bosshards Können. Er war nicht nur ein Pionier als Fotoreporter, er zeigte seine Bilder schon damals in Ausstellungen.
Als 1937 Japan China in einen blutigen und grausamen Krieg hineinzog, wurde Bosshard Kriegsreporter, der jedoch mit den Berliner Auftraggebern zunehmend Schwierigkeiten bekam und dem früheren Chef Kurt Szafranski, emigriert nach New York und Life-Gründer treu blieb. Aufschlussreich, wie dieselben Bilder in der schon gleichgeschalteten Berliner Illustrierten und der Life kommentiert werden.
Aus der sechsteiligen NZZ-Reportage von Walter Bosshard über seinen Besuch bei Mao
1938 hatten die roten Revolutionäre ihren Langen Marsch schon hinter sich und formierten sich im Gebirge zur Roten Armee, die kurzzeitig mit den Nationalisten vereint gegen Japan kämpfte. Der junge Kommunist Robert Capa und Walter Bosshard standen im Wettstreit, wer es zuerst zu Mao in die Rote Hauptstadt Yan‘an schaffe. Dem Schweizer gelang als erster, ein ausführliches Interview mit dem Vordenker des Neuen China zu führen und neben Fotos auch Filmmaterial zu drehen über den Alltag der Kommunisten in den Lösshöhlen von Yan‘an. Life veröffnetlichte eine grosse Reportage mit teilweise farbiger Bildstrecke, die NZZ konnte eine sechsteilige Reportage mit dem brisanten und unerhörten Stoff publizieren. Robert Capa hat den Wettlauf um China verloren. Sein China-Aufenthalt war eine Zeit der Schwäche, auf seinen emotionalen und grossartigen Fotos zwar nicht spürbar, während Walter Bosshard auf seinem beruflichen Höhepunkt stand.
Blick in die Ausstellung: Life-Titel Kindersoldat von Robert Capa, rechts ein junger chinesischer Kämpfer von Walter Bosshard
Zu der Ausstellung ist das Fotobuch Walter Bosshard – China brennt. Bildberichte 1931 – 1939, herausgegeben von Peter Pfrunder im Limmatverlag erschienen. Dafür wurden die Archivbestände in der Schweiz neu ausgewertet und viele vermisste Bilder erstmals veröffentlicht.
bis 10. Februar 2019
Details finden Sie hier: Fotostiftung Schweiz
Teaserbild: Walter Bosshard: Chinesische Fliegertruppe, Doppelbelichtung, um 1930 © Fotostiftung Schweiz / Archiv für Zeitgeschichte
Fotos: Eva Caflisch