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Zwischen 17 und 27 las ich gerade mal vier Bücher. Doch ohne sie wäre ich nicht der geworden, der ich bin. Meine Kindheit und Jugend verbrachte ich im Wald, auf dem Bauernhof und auf dem Fussballplatz. An keines der Bücher, die wir in den 1970er Jahren in der Sekundarschule behandelt haben müssen, kann ich mich erinnern. Mein einziger Lesestoff waren Comic-Hefte («Silberpfeil»), Krimis («Jerry Cotton») und später dreimal wöchentlich die Zeitung «Sport».
Doch schon damals staunte ich, wie es möglich war, dass mich Lektüre begeisterte, noch dazu eine, deren Inhalt ich längst kannte: Die Fussballspiele im europäischen Meistercup fanden mittwochs statt, ich hörte sie spätabends am Transistorradio unter der Bettdecke und fieberte mit. In der Freitagausgabe des «Sports» verschlang ich dann die Matchberichte, als wären es Breaking News. Ich las sie drei, vier Mal und durchlebte erneut die Gefühle rund um das Drama von Sieg und Niederlage. Tatsächlich, so lernte ich viel später, ist die Intensität der Emotionen beim Lesen nicht schwächer als beim Erleben; es werden sogar dieselben Hirnregionen aktiviert.
Aber was genau geschieht beim Lesen im Kopf? Kann man durchs Schreiben gezielt beeinflussen, was beim Leser passiert? Und gibt es gar eine geheime Formel, wie Geschriebenes wirkt?
Die Suche nach der Zauberformel führte mich nach Frankfurt.
Während der drei Sekunden, in denen Sie, liebe Leserinnen und Leser, den vorangehenden Satz gelesen haben, vollbrachten Sie eine meisterhafte Denkleistung. Sie haben 50 schwarze Buchstaben auf einem weissen Blatt Papier zu einer verständlichen Aussage zusammengesetzt. Teile der 86 Milliarden Nervenzellen in Ihrem Hirn haben unter anderem registriert, dass ich als Autor erst nach der Nominalphrase im Akkusativ auftauche, dass der Satz mit nur 15 Silben perfekt jambisch ist, was den Lesefluss beschleunigt. Dass hier einer auf der Suche ist, empfinden Sie als spannend, denn die Suche ist einer der stärksten Plots in Geschichten. Werde ich fündig werden? Das Interesse an der Antwort wird Sie über die nächsten Abschnitte tragen, vielleicht sogar bis ans Ende des Texts.
All das passierte in Sekundenschnelle, bevor Sie zum nächsten Satz gelangen:
Dort forscht am Max-Planck-Institut Christine Knoop an der Schnittstelle zwischen Neuro- und Literaturwissenschaft, also zur Frage, was Literatur in unseren Köpfen macht.
Hierhergekommen bin ich, weil ich von der Neurokognitionspoetik, so der Name der noch jungen Wissenschaft, zu erfahren hoffte, was einen brillanten Lesestoff ausmacht. Einen, der es schafft, die Neuronen im Hirn des Lesers derart zum Feuern zu bringen, dass eine biologische Veränderung eintritt und ihm die Geschichte im wahrsten Sinne des Wortes «unter die Haut» geht.
Das erste Buch, das mir unter die Haut ging, war Pablo Nerudas Autobiographie «Ich bekenne, ich habe gelebt». Ich war 17, die Beschreibungen der Landschaft im Süden Chiles brannten sich mir ein; sie sollten mich noch auf eine lange Reise schicken. Die Doppelmoral des Kommunisten und Lebemanns Neruda hingegen habe ich nicht goutiert. Später lernte ich vom Literaturwissenschafter Jonathan Gottschall, wie wichtig dieser Leseeindruck war: «Als Leser überprüfen wir die Handlungen der Protagonisten ständig auf richtig oder falsch», schreibt er in «The Storytelling Animal». Wir stärken dadurch unseren Gerechtigkeitssinn und unsere Moralvorstellungen. «Durch Bücher vergewissern wir uns ständig aufs neue, dass das Gute siegt und das Böse bestraft wird. Schriftsteller werden so zur heimlichen Moralinstanz dieser Welt.»
Auch Toleranz wird dank Literatur gefördert. Das besagt eine Studie aus Italien und England, die unter der Leitung der Universität Modena bei Kindern und Jugendlichen durchgeführt wurde. Sie hält fest: «Das Lesen von Harry-Potter-Romanen verbessert die Haltung der untersuchten Versuchsgruppen gegenüber stigmatisierten Randgruppen wie Ausländern, Homosexuellen oder Flüchtlingen.» Und zwar, weil Harry Potter sich um Charaktere aus solchen Randgruppen kümmere und versuche, ihre Leiden zu verstehen. Harry Potters Welt ist geprägt von sozialen Hierarchien und Vorurteilen, in denen sich offensichtlich unsere Gesellschaft spiegelt. Die Forscher sind sich einig, dass Empathie der Schlüssel für den Abbau von Vorurteilen ist.
«Die Justierung unseres Wertesystems ist eine der grössten Errungenschaften der Literatur», sagt Christine Knoop vom Frankfurter Max-Planck-Institut. Das Institut liegt an einer ruhigen Strasse im Zentrum Frankfurts, draussen Feinkost, Coiffeure und Reinigungsservice, drinnen Büros und Gänge, wie man sie von akademischen Einrichtungen kennt.
Interessant wird es in den Labors: Dort werden Versuchspersonen in einem abgeschlossenen, vibrationssicheren Raum Elektroden und Kabel am Kopf befestigt, anschliessend lesen sie am Bildschirm Texte. Im Nebenraum überprüft ein Forscher am Computer, was im Kopf des Lesers passiert. Schaut man die Ausdrucke der Grafiken und Tabellen an, sieht man lauter kleine Explosionen, die im Hirn eines Lesers passieren. «Das Hirn vollbringt beim Lesen eine kognitive Meisterleistung. Die Entzifferung von Zeichen und ihre Umwandlung in zusammenhängende Inhalte ist erstaunlich», sagt Christine Knoop.
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Das ist nur die orthographische Entzifferungsleistung, die unser Hirn vollbringt, dazu kommt die phonologische und die semantische. Und eine grosse Portion Pragmatik, die uns Zusammenhänge erschliessen lässt: Niemand würde schliesslich auf die Frage «Wissen Sie, wie viel Uhr es ist?» mit «Ja» antworten. «Unsere Fähigkeit, Leerstellen oder blosse Andeutungen inhaltlich aufzufüllen, ist beachtlich», sagt Knoop und zieht als Beispiel «Die Marquise von O.» von Heinrich Kleist heran. Die Vergewaltigung der Marquise durch den Offizier wird im Text nicht erwähnt, sondern durch einen Gedankenstrich ersetzt, und trotzdem ist jedem Leser klar, was passiert ist.
Bei einem Buch müssten wir unser Bild der erfundenen Welt selbst konstruieren, sagt Knoop. «Das ist kognitive Schwerarbeit. Diese Arbeit bleibt uns beim Betrachten einer Netflix-Serie zwar erspart, dafür trainieren wir dann auch weniger das Gehirn.» Trotzdem wirkt ein Buch höchst individuell. Es muss auf fruchtbaren Boden fallen: Nur wenn die Persönlichkeit des Lesers, seine Lebensumstände, seine Leseerfahrung, und sein Wissen über die Welt beim Lesen zusammenspielen, entfaltet es im Gehirn seine volle Wirkung.
In meinem Fall war das ein Buch von Aldous Huxley. Nach meiner ersten beruflichen Station in der Finanzbranche war ich im Sportmarketing tätig, als ich, mittlerweile 27, den Klassiker «Schöne neue Welt» las. Mein Unbehagen an der Welt fand ich in diesem dystopischen Roman ausgedrückt. Als ich ihn beendet hatte, kaufte ich zehn Stück davon und verteilte sie unter Freunden, verbunden mit der Warnung: «Schaut her, hier steht, was uns blüht, wenn wir so oberflächlich weiterleben!»
Kurz darauf stiess ich auf Erich Fromms Buch «Wege aus einer kranken Gesellschaft». Der deutsche Soziologe machte mir klar, wieso ich meinem Job nichts abgewinnen konnte. Es war die Scheinwelt des Marketings, die mich unbefriedigt liess und mir beim Lesen von Fromm nun tatsächlich Bauchschmerzen bereitete. Eines Abends – ich las gerade die Stelle über die Entfremdung des Menschen, der nicht mehr Herr seiner Taten ist – wurden die Schmerzen unerträglich. Ich rief kurz vor Mitternacht meinen Chef an, sagte ihm, ich würde in einer halben Stunde bei ihm sein, wir müssten reden. Auf der Fahrt durch die Basler Innenstadt hinaus aufs Land ging es mir schon besser. Und als ich wenig später gekündigt hatte, waren die Schmerzen weg.
Christine Knoop kann das gut nachvollziehen: «Messungen zeigen, dass Aha-Momente beim Lesen starke Reaktionen im Gehirn auslösen, weil wir plötzlich etwas über uns selbst verstehen.» Ein paar Monate später packte ich den Rucksack, Nerudas Chile im Kopf und die Gewissheit, dass Huxley und Fromm recht hatten.
Psychosomatische Reaktionen auf Literatur sind nicht ungewöhnlich, aber messbar sind sie nicht. Die deutlichsten Veränderungen im Hirn lösen nicht Inhalte, sondern formale Aspekte aus: Emotional aufgeladene Wörter, Metaphern, Alliterationen, der Rhythmus und andere sprachliche oder stilistische Eigenschaften eines Textes werden vom Gehirn intuitiv erkannt und verstärken auf der Kognitionsebene den Effekt des Gelesenen. Begriffe wie «einen Termin verschieben» funktionieren deshalb, weil unser Gehirn das Verb «verschieben» mit körperlicher Aktivität verbindet und das Bewegungszentrum anwirft. Dadurch wird die dargestellte Handlung unterschwellig mit Bewegung verbunden und wirkt dynamisch.
Selbst abgegriffene Wendungen wie «eine Gelegenheit beim Schopf packen», die jeder Lektor aus einem literarisch ambitionierten Text streichen würde, werden von unserem Gehirn dankbar angenommen und verstärken den Leseeindruck. Viele Metaphern funktionierten so, sagt Knoop. Bei unbekannten Metaphern reagiere das Gehirn zuerst mit einer negativen Entladung nach 400 Millisekunden, was die erhöhte Verarbeitungsschwierigkeit andeute – etwas scheint nicht ganz zusammenzupassen. «Nach 600 Millisekunden folgt dann eine positive Entladung, wenn das Gehirn es schafft, die beabsichtigte Bedeutung im Kontext richtig zu verstehen.» Aber auch Äusserlichkeiten wie das Layout, die Haptik oder der Ort, an dem wir lesen, beeinflussen die Merkfähigkeit beziehungsweise die biologische Wirkung von Lektüre.
Auf der Reise nach Chile begegnete ich Alejandro. Es war in Venezuela, in San Cristóbal. Wir freundeten uns an, und er beschäftigte mich eine Weile auf seiner Kaffeeplantage. Zum Abschied schenkte er mir «Hundert Jahre Einsamkeit» von Gabriel García Márquez, «die Bibel Südamerikas», wie er es nannte. Die Seiten waren aus hauchdünnem Papier, das Cover war aus Plastic, der Druck schlecht, die Finger waren nach der Lektüre schwarz. Das Buch war eine dieser Raubkopien, die es bei vielen Strassenhändlern für einen Dollar zu kaufen gibt. Sie verstossen zwar gegen den Schutz des geistigen Eigentums, fördern aber in armen Weltgegenden das Lesen. Während ich Kolumbien bereiste, verschmolz die grossartige Familiensaga der Buendías mit dem, was ich täglich auf der Strasse erlebte. Nicht umsonst gilt das Werk als Ursprung des magischen Realismus, wie ich später lernen sollte.
In der Durchdringung von Fiktion und Realität liegt die faszinierendste Wirkung der Literatur. Das emotionale Erleben beim Lesen eines Buchs bereitet uns auf ähnliche Situationen im Leben vor. Wer, wie ich in Chile, den «Steppenwolf» von Hermann Hesse liest und die existentiellen Ängste des Protagonisten Harry Haller durchlebt, sitzt während der Lektüre quasi im Flugsimulator: Er fliegt, ohne wirklich zu fliegen. Und kann später auf diese Erfahrung zurückgreifen. Weil die Leser von Geschichten gar nicht anders können, als in die Rolle des Protagonisten einzutauchen, leben, leiden, lieben sie während der Lektüre mit – was sie zu empathischeren Menschen macht.
Und wenn die Identifikation zu weit geht? «Die Leiden des jungen Werthers» von Goethe soll im Jahr 1774 reihenweise junge Männer zum Selbstmord verleitet haben. Sicher ist das nicht. Hingegen ist verbürgt, dass der Leipziger Stadtrat das Buch verbot, weil die Schrift «eine Empfehlung zum Selbstmord» sei. Ich labte mich an der Figur des immer elegant gekleideten Pablo im «Steppenwolf», einem begnadeten Jazzmusiker mit dunklen Kreolaugen und schwarzen Locken. Nach der Lektüre lief ich in Santiago de Chile in ein Musikgeschäft und kaufte mir ein altes Saxophon. Abgebrühte Literaturwissenschafter bezeichnen den «Steppenwolf» als «Pubertätsliteratur». Ich wusste das damals nicht. Und hätte ich es gewusst, hätte es mich nicht interessiert. Ich genoss meine neugewonnene Freude am Musizieren.
Ein Leser, der es eindeutig zu weit getrieben hat mit seiner Identifikation, ist selbst eine Romanfigur: Don Quijote im gleichnamigen Roman von Miguel de Cervantes. Der «Ritter von der traurigen Gestalt» las so viele Ritterromane, dass er darob den Verstand verlor. Fortan durchstreifte Don Quijote auf seinem Pferd Rosinante das Land und suchte nach Abenteuern. Er ritt an gegen Windmühlen, die er für mächtige Riesen hielt, und forderte mit Rotwein gefüllte Schläuche zum blutigen Duell. Nach der Lektüre machte ich mich auf, den Ort seines Scheiterns, Castilla-La Mancha, mit dem Fahrrad zu durchqueren. In den Staubwolken der Lastwagen am Horizont – die vermeintlichen feindlichen Heere im Roman von Cervantes, die sich als Schafherden entpuppten – hoffte ich, etwas von der Haltung des idealistischen Ritters für mich zu entdecken.
Weil ich nach dem Beenden eines Buches zu impulsiven Handlungen neigte, frage ich mich: Kann man auch eine Überdosis Literatur abbekommen? Christine Knoop verneint: «Ich halte es zwar für theoretisch möglich, dass einem die pragmatische Kompetenz für das reale Umfeld abhanden kommen könnte. Praktisch kommt das aber eher nicht vor. Kinder in der Leserattenphase, die beim Zähneputzen, Busfahren und in jeder anderen möglichen Minute lesen, weisen keine solche Übersättigung auf.»
Auch ihr Kollege Oliver Lubrich, Literaturprofessor an der Universität Bern, sieht keine Gefahren im übermässigen Lesen und verweist im Gegenteil auf eine positive Wirkung: «Durchschauen zu können, wie uns etwas erzählt wird, ist eine wichtige Kompetenz mündiger Bürger. Wenn wir diese Kompetenz ausbilden, sind wir imstande, Erzählungen richtig einzuschätzen und uns gegen Propaganda zu immunisieren. Wir lernen, Fake News von Fakten zu unterscheiden, Verschwörungstheorien von Reportagen.»
In Chile besuchte ich Nerudas Geburtsstätte in Valparaíso, doch längst war ich einer anderen Lektüre erlegen. In «Die offenen Adern Lateinamerikas» von Eduardo Galeano las ich von der 500 Jahre dauernden Ausbeutung Südamerikas. Das Buch war der Keim für meine spätere Entscheidung, Journalist zu werden. Dass es kein Roman, sondern ein Sachbuch war, schmälerte seine Wirkung nicht. Entscheidend ist, welchen Lesemodus wir einnehmen. Romane fördern mit ihrem Identifikationsangebot tendenziell die Empathie, Sachbücher können reale Ängste wecken und verstärken. Unterhaltungsliteratur würden wir schneller lesen und schneller vergessen, sagt Knoop. «Ernste» Literatur dagegen liefere ein ästhetisches Angebot, das unser Lesetempo verlangsame, zum Denken anrege und darum stärker haften bleibe. «Interessant sind Mischformen von Fakten und Fiktion, wie Truman Capotes berühmter Tatsachenroman ‹Kaltblütig›.»
Meine Suche nach einem echten Lebensinhalt hielt an. Zurück aus Chile, beschloss ich, an der Universität Freiburg deutsche und spanische Literatur zu studieren. Doch keines der Werke von Schiller bis Borges schlug mich derart in seinen Bann wie Margit Sutrops theoretisches Buch «Fiction and Imagination: The Anthropological Function of Literature». Endlich begriff ich, wieso der Mensch ein Tier ist, das erzählt. Der homo narrans braucht Geschichten zum Überleben.
An der Universität wurde mir klar: den heimlichen Traum vom Schriftsteller konnte ich begraben. Aber der Tatsachenroman, den ich gegen Ende des Studiums entdeckte, zeigte mir einen anderen Weg. Ryszard Kapuscinski, V.S.Naipaul, Martin Caparrós, Suketu Mehta, Marie-Luise Scherer, Niklaus Meienberg führten mir vor Augen, was ich in meinem Leben ab sofort machen wollte: die Welt beschreiben, die Welt verändern, Reporter werden.
Und was läge näher, so meine Schlussfolgerung, als die Gegenwart zu erzählen, statt nur zu berichten? Den Leser mit dramaturgischem Handwerk emotional an einem Text teilhaben zu lassen? Die Grossen der Literatur würden mir fortan als Wegweiser dienen.
Zum Beispiel Alexandre Dumas. Aus neurokognitionspoetischer Sicht sei «Der Graf von Monte Cristo» ein exemplarischer Roman, sagt Knoop. Im ersten Teil ist der Graf eine sympathische Figur, der Leser identifiziert sich mit ihm und leidet mit, als er zu Unrecht ins Gefängnis muss. Dort wandelt sich der Graf zu einem gefährlichen Irren, der sich schlimmer als seine einstigen Feinde verhält, und löst beim Leser Unbehagen und Irritation aus. «Die Unterwanderung von Erwartung ist neurologisch messbar und hat eine starke Wirkung.» Ob nun Dumas oder Dickens, Balzac oder Faulkner: beim Erzählen von Gegenwart würde es wohl nicht schaden, sich von den Meistern eine Scheibe abzuschneiden.
Dass das richtige Buch zum richtigen Zeitpunkt lebensverändernde Wirkung haben kann, war mir längst klar geworden. Liesse sich diese Erkenntnis auch gezielt einsetzen? Genau diese Idee hatten die beiden englischen Literaturwissenschafterinnen Ella Berthoud und Susan Elderkin. Sie nennen sich Bibliotherapeutinnen und empfehlen in ihrem Buch «The Novel Cure. An A to Z of Literary Remedies» (2013) gezielte Lektüre gegen Nöte und Sorgen. Die Kölner Autorin Traudl Bünger hat an der deutschsprachigen Ausgabe «Die Romantheraphie» mitgewirkt und eigene Medizin beigesteuert. Am Telefon erzählt sie von ihren Wundermitteln, die immer wirken: «Bei familiärem Zwist ‹Die Korrekturen› von Jonathan Franzen; bei Liebeskummer ‹1Q84› von Haruki Murakami; als Warnung vor Islamophobie Michel Houellebecqs ‹Unterwerfung›».
Darauf begab ich mich selbst bei der «Bibliotherapeutin» in Behandlung, erzählte von meinen kleinen Alltagssorgen wie der nicht zu bewältigenden E-Mail-Flut, von biographischen Schlüsselerlebnissen und von meiner bisherigen Lektüre. Bünger, die weit über 2000 Romane gelesen hat, schickte per Mail innerhalb weniger Tage ihre Rezepte:
Alice Munro: «Tricks». Auf der Lektüreliste eines Menschen, den das Lesen dazu gebracht hat, sein Leben auf den Kopf zu stellen, dürfen nicht nur männliche Autoren vorkommen. Fangen Sie mit der weisen alten Dame aus Kanada an, deren Meistererzählungen von nichts weniger handeln als dem Leben selbst.
Roberto Bolaño: «Die wilden Detektive». Ein Hauptwerk des früh verstorbenen chilenischen Genies. Ein Metropolenportrait, ein Generationenroman, eine Road Novel, verflixt konstruiert, spannend und voller Geheimnisse. Wer Pablo Neruda liebt, muss seinen Überwinder Bolaño lesen. Für die Ordnung der Welt.
Virginie Despentes: «Das Leben des Vernon Subutex». Hier verschreibe ich eine dicke Pille Gegenwart. Despentes schneidet die französische Gesellschaft der Länge nach auf, findet prekäre Ex-Punks, marxistische Hell’s Angels, postfeministische Porno-Queens und Banlieue-Chauvies. Ihr ansteckender Furor gegen Kapitalismus und Patriarchat ist eine Koffeintablette für den Weltverbesserer.
Die drei Bücher habe ich bestellt – es sollen die ersten von 318 sein. Wenn ich meine tägliche Freizeitlektüre von einer halben Stunde mit einer Lebenserwartung von 80 Jahren und meinem nicht übermässig hohen Lesetempo multipliziere, schaffe ich nur noch 318 Romane in meinem Leben. Es sei denn, die Forscher der Universität Yale liegen mit ihrer Studie richtig, wonach über 50jährige Bücherleser 23 Monate länger leben als Nichtleser – das wären dann noch ein paar Schmöker mehr.
Daniel Puntas Bernet ist Chefredaktor von «Reportagen»; er lebt in Bern.