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«Julieta, bist Du es wirklich? Ich habe Deine Tochter getroffen, am Lago di Como» – die Jugendfreundin von Julietas Tochter Antía hat keine Ahnung, was sie auslöst, als sie Julieta in Madrid von dieser Begegnung erzählt.
Denn Julieta hat ihre Tochter seit Jahren nicht mehr gesehen, nichts von ihr gehört, seit diese kurz nach ihrem 18. Geburtstag völlig überraschend jeden Kontakt zu ihr abgebrochen hat.
Eine lange Rückblende
Verzweifelt zieht sich Julieta zurück in ihre alte Wohnung und beginnt, ihrer Tochter, von der sie nun zumindest weiss, dass sie noch lebt und offenbar drei Kinder hat, einen langen Brief zu schreiben – ohne die geringste Ahnung, wo sie diesen hinschicken soll.
«Ich will Dir erzählen, wie ich deinen Vater getroffen habe», schreibt sie, «er war ein Fremder in einem Zug …, Xoan sagte mir, er heisse Xoan. Und ich sagte, ich sei Julieta, er war Fischer und verheiratet mit Ana, die seit fünf Jahren im Koma lag.»
Damit beginnt Pedro Almodóvar eine lange Rückblende. Im Zentrum steht der Schmerz über den Tod Xoans auf dem Meer. Die Trauer bringt Mutter und Tochter einander nicht näher, er entfremdet sie über die Jahre, bis Antía verschwindet.
Starke Gefühle und umwerfende Frauen
Pedro Almodóvars jüngster Film ist eine Rückkehr zur alten Form. Nach seiner Flugbegleiterkomödie «Los amantes pasajeros» und seinem schönen, aber kalten Thriller «La piel que habito» ist er nun wieder beim satten Melodram, mit all seinen grossartigen Farbpaletten, den starken Gefühlen und den umwerfenden Frauengesichtern.
Das Drehbuch schrieb Almodóvar auf der Basis dreier Geschichten der kanadischen Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro. Adriana Ugarte und Emma Suarez spielen die junge und die ältere Julieta, beide hinreissend, und die grossgewachsene Rossy de Palma, Stammschauspielerin bei Almodóvar, ist fast nicht zu erkennen als strenge, ruppige Haushälterin im Haus von Xoan.
Schmerz und Hoffnung
«Julieta» ist ein Film, der im Gedächtnis bleibt, nicht nur wegen seiner Schönheit, sondern vor allem, weil er die eigenartige Ambivalenz in jeder Mutter-Tochter-Beziehung mit grosser Intensität spürbar macht, voller Schmerz und dann doch noch mit etwas Hoffnung.
Ob sich Almodóvars Hoffnungen auf eine Palme in Cannes damit endlich erfüllen, ist noch offen. Sein stärkstes Werk ist «Julieta» jedenfalls nicht. Aber er wäre nicht der erste Filmemacher, der in Cannes für einen schwächeren Film und die Erinnerung an früher übergangene Meisterwerke geehrt würde.
Kinostart: 19.5.2016
Cannes: Frisch ab Leinwand
SRF-Filmkritiker Michael Sennhauser schaut sich in Cannes dutzende Filme an und schreibt über seine ersten unmittelbaren Eindrücke.
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