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Eng ist es in der Garderobe, noch rascher als sonst packen die Musiker ihre Instrumente weg und schlüpfen in die Strassenkleider. Draussen sammeln sich Menschenmassen, an den Ausgängen der Staatsoper postieren sich Nazis, «wollen alle Juden, die herauskommen, verhauen». Einer von ihnen ist Arnold Rosé, der längst seinen verräterischen Namen Rosenblum aufgegeben hat und zum Protestantismus übergetreten ist. Vor ihm steht ein junger Geiger «mit Nazi-Abzeichen» und sagt zum langjährigen Konzertmeister und hochgeachteten Primgeiger des Rosé-Quartetts: «Herr Hofrat, Ihre Tage hier sind gezählt».
So beschreiben Zeitzeugen die aufgeheizte Stimmung im März 1938 im Zuge des sogenannten Anschlusses Österreichs. Die Hälfte der Wiener Philharmoniker ist Mitglied der NSDAP, während sich der grosse Rest vermutlich als unpolitisch bezeichnet hat. Arnold Rosé wird aufgrund der Rassengesetze im Frühling 1938 «beurlaubt»; dank tatkräftiger Unterstützung unter anderem seiner Tochter Alma Rosé und des Geigers Carl Flesch gelingt ihm die Flucht nach London. Neben ihm trifft es 28 Mitmusiker, die verfolgt, ermordet oder vertrieben werden sollten.
Die Reinwaschung von Schuld
Ein neues Buch verleiht den Opfern eine Stimme und stellt die Praxis der Schuldabwehr dar, wie sie exemplarisch für die postnazistische Gesellschaft insbesondere Österreichs ist. Seine prestigeträchtigen Institutionen beriefen sich bis vor Kurzem unbehelligt auf den Gründungsmythos des neuen Österreichs und eine Opferrolle im Nationalsozialismus. «Diese Haltung hat sich nach dem Erlass erster Amnestierungen im Jahr 1948 und der Reinwaschung von Schuld ehemaliger Mittäter verfestigt», sagt die Historikerin Bernadette Mayrhofer.
Exemplarisch ist der steile Aufstieg des Solotrompeters Helmut Wobisch. «Er war einer der strammsten Nazis des Orchesters», sagt der Musikwissenschaftler Fritz Trümpi. Nach der Entlassung im Zuge verordneter Entnazifizierung stösst er wieder zum Verein und wird, obwohl als «politisch Belasteter» nicht wahlfähig, 1953 Geschäftsführer der Wiener Philharmoniker. «Das Protokoll über die entscheidende Wahl ist bezeichnenderweise nicht vorhanden», so Trümpi. Wobisch bleibt bis 1969 im Amt, mit ihm sind andere ehemalige Parteimitglieder in den Vorstand aufgerückt.
Das Neujahrskonzert als NS-Propagandainstrument
Letztes Jahr haben sich die Verantwortlichen des Kärntner Musikfestivals «Carinthischer Sommer» dazu entschliessen können, die Ehrenkonzerte für dessen Gründer und Intendanten Helmut Wobisch zu streichen. Dies, weil der Historikerbericht über die NS-Geschichte der Wiener Philharmoniker präsentiert und das bisher schöngeredete Thema medialisiert worden war. Über das Archiv des Orchesters und dessen Geschichtsschreibung hatte ein langjähriges Mitglied gewacht. Unabhängige Recherchen waren bis vor Kurzem nicht möglich, aussagekräftiges Quellenmaterial wie Tonbandmitschnitte von Vorstandssitzungen wurde zurückgehalten.
«Wir werden den Wiener Philharmonikern auf die Finger schauen», versichert Fritz Trümpi. Inszenierungen wie Gedenkveranstaltungen und Jubiläen sollen unter Einbezug des aktuellen Forschungsstandes vonstatten gehen. Auf der Website geschieht das seit 2013 vorbildlich – wenn es jedoch das Neujahrskonzert betrifft und seine Wurzeln als nationalsozialistisches Propagandainstrument, «stossen wir nach wie vor auf Widerstand».
Buchhinweis
Bernadette Mayrhofer, Fritz Trümpi: «Orchestrierte Vertreibung. Unerwünschte Wiener Philharmoniker. Verfolgung, Ermordung und Exil», Mandelbaum Verlag, 2014.