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Vor 70 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Die Schweiz wurde zwar von einer Invasion verschont. Der Krieg prägte jedoch Politik, Gesellschaft und Wirtschaft. Denn das Land verfügte praktisch über keine eigenen Rohstoffe und war zeitweise vollständig von den Achsenmächten umschlossen. Der damals ohnehin noch bescheidene private Automobilverkehr kam fast zum Erliegen. Dies beeinträchtigte auch die damalige Basler Droschkenanstalt Settelen. Doch sie kam trotz drastischer Regulierungen über die Runden und erstarkte nach dem Krieg als Aktiengesellschaft.
Am 1. September 1939 fielen Hitlers Truppen in Polen ein. Bereits einen Tag später hingen überall Plakate mit dem Titel «Allgemeine Mobilmachung». Über 400 000 Soldaten mussten ihren Dienst antreten - mehr als 10 Prozent der Bevölkerung. Sie wurden sowohl von den Familien als auch von der Arbeitswelt vermisst. Bei der Droschkenanstalt Settelen mussten nicht nur zahlreiche Mitarbeiter einrücken; selbst die Geschäftsleitung war betroffen: Dem Unternehmen fehlten deshalb häufig auch die Brüder Jules und Hans Settelen, die damaligen Patrons.
Neben dem Mangel an Führungskräften und Personal wirkten sich auch die staatlichen Eingriffe während des Krieges auf den Familienbetrieb aus. Denn nicht nur Grundnahrungsmittel, Seife oder Waschmittel waren rationiert, auch die spärlichen Reserven an Treibstoffen wurden für militärische Zwecke requiriert. Benzin oder Diesel gab es schon wenige Tage nach Kriegsausbruch nur noch gegen Abgabe von «Rationierungs-Coupons». Gerade für ein Transportunternehmen wie Settelen hatte dies bei den meisten Abteilungen weitreichende Folgen.
Bei Kriegsausbruch war der Taxibetrieb die umsatzstärkste Abteilung. Die Taxiflotte bestand grossmehrheitlich aus den sparsamen Citroën C6. Trotzdem reichte der erhältliche Treibstoff bei weitem nicht aus. Die meisten Fahrzeuge mussten auf - später auch rationierte - Ersatztreibstoffe umgerüstet werden. 1943 fuhren von den 21 Taxis 12 mit Carbid, 3 mit Holzkohle und die restlichen 6 noch mit Benzin. Die Ersatztreibstoffe verursachten einen erheblichen Leistungsabfall. Durch das zusätzliche Gewicht der Generatoren und die aggressiven Gase aus den Ersatztreibstoffen waren die Taxis zudem pannenanfälliger. Und Ersatzteile waren kaum mehr erhältlich.
Erschwerend kam hinzu, dass neue Pneus nicht mehr auf dem Markt erhältlich waren. Sogar gebrauchte waren absolute Mangelware und - legal - nur noch gegen Abgabe von zugeteilten Bezugsscheinen erhältlich. Aufgrund der prekären Versorgungslage des Settelen-Taxibetriebs «vergass» ein verantwortlicher Mitarbeiter im Februar 1943 die Coupons beim Kauf von fünf gebrauchten Autoreifen. Weil die Behörden dem fehlbaren Pneuhändler auf die Schliche kamen, hatte dies ein langwieriges juristisches Nachspiel zur Folge. Erst nach dem Krieg fällte das achte kriegswirtschaftliche Strafgericht das abschliessende Urteil: eine Busse von 70 Franken. 1946 bildete der Taxibetrieb wieder «das eigentliche Rückgrat unserer Unternehmung», wie der Jahresbericht festhält.
Das Cargeschäft von Settelen litt besonders lange unter der Weltwirtschaftskrise. Erst 1938 waren Carfahrten wieder vermehrt gefragt. Dann brach der Krieg aus, 1940 wurden sie verboten.
Allerdings mussten die Cars jederzeit für behördliche Spezialeinsätze einsatzbereit sein. So evakuierte Settelen zum Beispiel in einer riskanten Aktion die Auslandschweizer-Kolonie aus Freiburg i/Br., kurz bevor grosse Teile der Stadt am 27. November 1944 durch die US Air Force zerbombt wurden. Bis kommerzielle Carfahrten wieder möglich waren, dauerte es noch: Zum einen blieb das «bundesrätliche Verbot betreffend die Ausführung von Gesellschaftswagen-Fahrten» bis im Oktober 1945 bestehen. Zum anderen wurde die Benzinrationierung erst im Frühjahr 1946 gänzlich aufgehoben. Aber dann setzte ein grosser Ansturm auf jegliche Art von Carfahrten ein.
Viel im Einsatz während des Krieges waren die Pferde und vor allem die Traktoren von Settelen. Der Hauptgrund war die «Anbauschlacht», mit der die Eidgenossenschaft unzählige Anbauwerke förderte. Die Anbaufläche wurde fast verdoppelt - von 183 000 Hektaren zu Beginn des Krieges auf 352 000 Hektaren bis 1945 - und musste bewirtschaftet werden. So unterstützten Pferde von Settelen ab 1942 die Anbauwerke in Wahlen bei Laufen (BL), in Courtelary (BE) oder in Valbert bei St. Ursanne (JU). Die Traktoren von Settelen bestellten bis zum Ende des Krieges Felder bei Movelier, Soyhières, Tavannes (JU), Sennberg (BE), Buschberg bei Wittnau (AG) oder Romoos (LU).
Daneben benötigte die Armee die Chauffeure und Traktoren von Settelen für diverse andere kriegsbedingte Arbeiten: Sie waren in den Réduits von Unterbach, St. Stephan (BE) und Reckingen (VS) im Einsatz, transportierten Baumaterial für Befestigungsarbeiten auf die Furka-Passhöhe, beteiligten sich an der Rodung des Waldes Löhr bei Bern, unterstützten den Strassenbau bei Magden (AG) oder halfen auf dem Flugplatz Unterbach (BE).
Für Aufsehen sorgten die landwirtschaftlichen Arbeiten im Rahmen der «Schweizer Spende», die der Bundesrat Ende 1944 anregte. Ihr Hauptziel war es, die Menschen in den kriegszerstörten Gebieten der Nachbarstaaten zu unterstützen. Die grossmehrheitlich durch Spenden aus der Bevölkerung finanzierte Organisation half in 18 europäischen Ländern. An einem der 96 «Schweizer Spende»-Projekte in Frankreich war auch Settelen beteiligt. Ab Anfang April 1945, die deutsche Wehrmacht stand immer noch am rechten Rheinufer, waren Settelen-Chauffeure mit vier Traktoren in Bischwihr tätig, um die Äcker zu pflügen. Nach zwei Monaten waren die Settelen-Chauffeure und -Traktoren wieder zu Hause.
Settelen musste während des Krieges - auch dank der Aufträge von Bund und Armee - kein Personal aus Spargründen entlassen. Arbeit hatte es immer genug. So fertigten Mechaniker Autoersatzteile selber an, weil sie wegen des Krieges nicht erhältlich waren. Deshalb war der Fahrzeugpark bei Kriegsende in vergleichsweise gutem Zustand. Bei den 8 Last- und Möbelwagen, 3 Autocars, 13 Traktoren und 33 Taxis gab es allerdings ein gravierendes Problem: Die meisten waren auf Ersatztreibstoffe umgerüstet. Und der Rückbau kostete viel Zeit und Geld.
Dies und der nach Kriegsende einsetzende Wirtschaftsaufschwung mögen eine Rolle gespielt haben, dass die Droschkenanstalt Settelen ein Treuhandbüro beauftragte, die Vor- und Nachteile einer Umwandlung der Einzelfirma in eine Aktiengesellschaft zu prüfen. Entscheidender war jedoch, dass Julie Settelen, die Witwe des Firmengründers und seit 1908 alleinige Inhaberin des Unternehmens, bei Kriegsende bereits über 80-jährig war. Das Resultat ist bekannt: Am 9. Mai 1946 wurde die Einzelfirma Basler Droschkenanstalt Settelen in die Settelen AG umgewandelt. Bemerkenswert ist, dass bereits 1925 ein Advokat dem Familienbetrieb diesen Schritt nahe gelegt hatte, denn «die Teilung gestaltet sich bei Todesfällen bedeutend einfacher. Das Erbschaftsamt hat sich in keiner Weise in die inneren Angelegenheiten einer Aktiengesellschaft einzumischen.»