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Auf die Bedeutung Napoleon Bonapartes in der Umbruchszeit vom 18. zum 19. Jahrhundert muss hier nicht gesondert eingegangen werden. Man hat den Napoleonismus häufig als autoritäres System mit plebiszitären Elementen beschrieben, und er war bedeutsam für die moderne soziale Entwicklung Europas. Bonaparte war der Treiber gesellschaftlicher Entwicklungen, die er nicht angestossen, aber ausserordentlich verstärkt hat. Unter diesen Bedingungen verwundert es nicht, dass es eine recht hohe Anzahl von Büchern über ihn und seine Zeit gibt. Das Verzeichnis lieferbarer Bücher gibt gegenwärtig 166 Titel an; im ZVAB (Zentrales Verzeichnis Antiquarischer Bücher) sind es über 6000, von denen aber sicher weit mehr als die Hälfte Doubletten eines anderen Bandes sind. Braucht es da unbedingt ein neues Napoleon-Buch? Der nun wirklich nicht geringen Anzahl hat der britisch-polnische Historiker Adam Zamoyski eine neue Biografie hinzu gestellt, die mit knapp 860 Seiten naturgemäss bedeutsam daherkommt.
In vielen Dingen liefert Zamoyski nicht wirklich neue Einblicke – das hat ein Teil der Rezensenten nicht geschätzt, aber er liefert derart detailliertes Material über die Zeit und den Cäsarismus Napoleons, dass man das Buch mit grossem Gewinn lesen kann, und das aus mehreren Gründen: Zum einen beschäftigt sich Zamoyski mit der Herkunft des späteren Kaisers. Die archaischen gesellschaftlichen Verhältnisse auf Korsika und die Ambivalenz der Zugehörigkeit zu Frankreich sind ein wichtiges Element der Entwicklung der Persönlichkeit Bonapartes. In seinem Geburtsjahr (1769) unterlagen die korsischen Truppen der französischen Armee des Ancien Regime, und Korsika gehörte fortan zu Frankreich. Bonaparte fremdelte als Jugendlicher auf der Militärschule, schon deshalb, weil er französisch nur mit korsischem Akzent sprach. Und später spiegelte sein enges informelles Geflecht an die Familie und an andere Korsen das alte Klientelwesen der Insel. Zamoyski liefert dafür gute Beispiele; es ist eindrücklich.
Zum anderen liefert der Autor eine akribische Schilderung der Ägypten-Expedition, die nicht unbedeutende Ergänzungen in der Bewertung der ganzen Geschichte sinnvoll macht. Die Nachwelt hat sich in Zusammenhang mit der Ägypten-Okkupation immer an den Stein von Rosetta erinnert, jener Stein, der Jean-François Champollion (1790–1832) die Möglichkeit gab, die ägyptischen Hieroglyphen zu entziffern. Aber die ganze "Expedition" war nicht einfach ein Misserfolg; sie war ein totales Desaster, von den von der französischen Armee verübten Verbrechen ganz zu schweigen. Der englische Admiral Nelson vernichtete die französische Flotte vor Abukir total (1798), die französische Ägypten-Armee verlor mehr als zwei Drittel ihrer Mannschaftsstärke, und ihr General verschwand nach Frankreich, ohne seine Armee davon zu informieren. Verblüffend ist eher Bonapartes Fähigkeit, aus dieser Niederlage propagandistisch Kapital zu schlagen. Aber das ist ihm immer gelungen, indem er akribisch darauf achtete, wie er nach aussen wirkte. Der Autor ist diesen Dingen detailliert nachgegangen.
Überhaupt die Akribie: Man hat den Eindruck, Zamoyski habe jede Notiz, jeden Einkaufszettel umgedreht, um daraus Informationen herauszuziehen. Er verflicht sie nachher in leicht spöttischem Ton zu ansehnlichen Tableaux, die aus der ganzen Geschichte rund um Bonaparte eine Mentalitätsgeschichte werden lassen. Wie hat er geherrscht? Wie haben die Menschen auf ihn reagiert? Wie war der Alltag am Hof? Bonaparte war offensichtlich ein ausserordentlicher Propagandist der eigenen Sache, die er – wie viele autoritäre Gestalten – mit den Zielen der Nation verknüpfte.
Zamoyski hütet sich, Bonaparte als besonderen Bösewicht darzustellen; er war eigentlich nicht ruchloser als andere politische Führer jener Zeit, mit allem, was dazu gehört. Einen Unterschied aber gab es: Ein unfähiger König oder Kaiser konnte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer noch auf seine dynastische Herkunft berufen, aber das Volk hielt zu seinem Herrscher. Abgesehen von Frankreich war dies im übrigen Europa gang und gebe. Aber Napoleon hatte keine solche Herkunft; er wollte sie sich erst aufbauen. Ihn umgab eine Aura, die dazu führte, dass seine Umgebung fest davon überzeugt war, dass ihm "sein" Stern zur Seite stand. "Es war so verlockend, sich diesem Stern hinzugeben; er blendete uns, er stand so hoch, so leuchtend; er hatte so viele Wunder gewirkt", erinnerte sich noch später sein Adjutant Philippe de Ségur. Bonaparte hatte ganz Europa mit seinen Dynastien, Fürsten und altehrwürdigen Institutionen unterworfen; da konnte nie etwas schiefgehen.
Gleichwohl zeigte seine Aggression gegenüber Russland, wie sehr die Realitäten gegenüber den Erwartungen gewinnen können. Selten hatte der französische Kaiser seinen Angriff auf Russland 1812 so gut vorbereitet wie diesmal. Aber ein furchtbares Gewitter und ein langer Platzregen hatten die ganze Gegend rund um Kowno (Kaunas) in Litauen nicht nur unpassierbar gemacht, in dieser Nacht verlor die französische Armee gar über 50'000 Pferde, die sie nicht nur für die Kavallerie, sondern auch für die Artillerie benötigte. Das war erst der Anfang. Der Autor schildert die russische Katastrophe der Franzosen präzis, aber nicht überaus detailliert. Sie ist auch für ihn der erste wesentliche Hauptpunkt, der zum Ende des napoleonischen Systems führt. Am Ende des Jahres 1812, ein halbes Jahr später, sind fast eine Million Menschen gewaltsam gestorben, und der Rest der Grande Armée besteht noch aus zwei- bis dreitausend Überlebenden.
Das Buch liefert viele Einsichten, und wenn es um die seelische Befindlichkeit des Korsen geht, ist Zamoyski ihm näher gekommen als viele andere Autoren (es sind übrigens alles Männer, die Napoleon beschreiben). Aber seine Stärke, die wichtigen Phasen der damaligen politischen Verhältnisse mit konkreten und atmosphärisch dichten Schilderungen zu unterfüttern, hat auch eine Schwäche. Die dynamischen Veränderungen der europäischen Machtverhältnisse werden eigentlich nur unzureichend dargestellt, auch wenn sie in diesem Zusammenhang durchaus interessant wären. Das hat ihm vor allem die deutsche Publizistik übel genommen, die in den Rezensionen darüber klagte, dass die sozioökonomischen Verhältnisse unzureichend dargestellt seien. Man ahnt, dass es hier um die spezifisch deutschen Themata (Rhein-Provinzen, Reichsdeputationshauptschluss und das Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation) geht. Das tut aber der Qualität des Buches keinen Abbruch.
Adam Zamoyski ist für die Fragen rund um den Beginn des 19. Jahrhunderts ein ausgewiesener und profunder Historiker. Sein Buch über die französische Invasion in Russland 1812 wurde zu Recht viel gerühmt, und auch sein Buch über Napoleons Niederlage und den Wiener Kongress 1815 ist aussergewöhnlich. Man macht keinen Fehler, wenn man die Schwächen dieses Bandes erkennt, aber seine Qualitäten und den damit verbundenen Erkenntnisgewinn angemessenen rühmt. Bernd ZocherKlappentext:
Mit der souveränen Sachkenntnis einer jahrzehntelangen Beschäftigung entführt uns der geborene historische Erzähler Adam Zamoyski in eine Epoche, wie sie dramatischer nicht sein könnte. Er begreift Napoleon im Kontext der Aufklärung, schildert die Stationen dieses unglaublichen Lebens, illuminiert mit sicherer Hand Charaktere und Konstellationen. Aber zugleich versteht er es auf unnachahmliche Weise, den Leser zu unterhalten und die Geschichte mit Leben zu erfüllen. Sein Napoleon ist prallvoll mit Anekdoten und ein opulentes historisches Lesevergnügen voller Pointen und scharfsichtiger Beobachtungen.Über die Autorin / über den Autor:
Adam Zamoyski lebt als freier Autor und Historiker in London. Seine Bücher 1812. Napoleons Feldzug in Russland und 1815. Napoleons Sturz und der Wiener Kongress waren international erfolgreich und wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien sein Buch Phantome des Terrors. Die Angst vor der Revolution und die Unterdrückung der Freiheit 1789-1848.Preis: CHF 41.50