Document ID: /curiavista/filtered/00000_business.jsonl.gz/167639

<h2>SubmittedText<h2><p>Im Anschluss an die damalige Stellungnahme des Bundesrates zur Motion Freysinger 11.3600, "Förderung der Thorium-Forschung", bitte ich den Bundesrat darum, sich zum chinesischen Entwicklungsprogramm für Kraftwerke mit Thoriumreaktoren zu äussern. Wie schätzt er die Zweckmässigkeit eines solchen Programms für die Schweiz ein, und welche Möglichkeiten sieht er, es in unserem Land umzusetzen?</p><h2>FederalCouncilResponseText<h2><p>Die Motion Freysinger 11.3600 nahm Bezug auf Hochtemperaturreaktoren (HTR), die von den Sechzigerjahren bis in die Achtzigerjahre in Deutschland und den Vereinigten Staaten entwickelt wurden. Trotz der erheblichen sicherheitstechnischen Vorzüge wurde nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl die Weiterentwicklung in Deutschland aufgegeben. Die HTR-Technologie wurde u. a. nach China transferiert und dort weiterentwickelt (HTR-PM). In Shiadowan (Provinz Shandong) stehen zwei Reaktorblöcke dieses Typs mit einer Kapazität von 210 Megawatt elektrischer Leistung kurz vor ihrer Fertigstellung; mit der Inbetriebnahme wird 2017 gerechnet.</p><p>Thorium kommt in der Natur etwa dreimal so häufig vor wie Uran und kann grundsätzlich in allen Reaktortypen, also auch in HTR oder kommerziellen Leichtwasserreaktoren (wie Gösgen oder Leibstadt), eingesetzt werden. Hinsichtlich der Konsequenzen eines Störfalls besteht zwischen den beiden Brennstoffen kein wesentlicher Unterschied. Allerdings werden in Thoriumreaktoren weniger stark radiotoxische Schwermetalle mit langer radioaktiver Halbwertszeit produziert, was die geologische Tiefenlagerung erleichtern könnte. Ein wesentlicher Nachteil von Thorium dürfte darin bestehen, dass in Thoriumreaktoren grössere Mengen an kernwaffenfähigem Material (Uran-233) entstehen. Thorium als alternativer Brennstoff hat sich bis heute nicht durchgesetzt. Auch für den Betrieb der chinesischen HTR-PM-Reaktoren ist gegenwärtig nicht Thorium-, sondern Uranbrennstoff vorgesehen. Vorderhand sind primär ökonomische Gründe dafür massgebend; insbesondere die Handhabung der erbrüteten Brennstoffe sowie die Entsorgung der Abfälle dürften zu erheblichen Mehrkosten führen. Es fehlen die Mittel und Ressourcen, um entsprechende Lösungen innert weniger Jahre entwickeln zu können.</p><p>Mit den heutigen Reaktortechnologien ist eine nachhaltige Brennstoffversorgung nicht zu erreichen. Internationale Forschungsaktivitäten konzentrieren sich daher auf die Konzeption und den Bau von sogenannten schnellen Reaktoren der Generation IV, in denen neuer Brennstoff gleichermassen aus Uran als auch Thorium erbrütet werden kann. Auch in diesen Technologien unternimmt China derzeit erhebliche Anstrengungen zum Bau von Prototypen.</p><p>Der Bundesrat hat mit der Energiestrategie 2050 einen Massnahmenkatalog vorgelegt, der den schrittweisen Ausstieg aus der Kernenergie aufzeigt. Damit rückt in der Schweiz die Frage der Verwendung von Kernbrennstoffen in den Hintergrund. Dabei wird jedoch kein Technologie- oder Forschungsverbot in diesem Bereich verhängt.</p><p>So ist die Schweiz Mitglied im Generation IV International Forum (GIF) und Partner des Euratom-Abkommens der EU. In diesem Rahmen sind Schweizer Forschungsgruppen (PSI, ETHZ, EPFL) an vielen internationalen Forschungsaktivitäten direkt beteiligt. Ausserdem unterhält das PSI intensive Kontakte zu chinesischen Partnerorganisationen, die in der HTR-Entwicklung und an Konzepten für schnelle Reaktoren arbeiten, und verfügt selber über erhebliches eigenes Know-how in diesen Gebieten. Eine einseitige oder ausschliessliche Fokussierung auf einen einzigen Reaktortyp würde zu kurz greifen, insbesondere weil mit einer Kommerzialisierung entsprechender Reaktoren in frühestens zwanzig Jahren zu rechnen ist und heute nicht absehbar ist, ob dabei Uran oder Thorium zum Einsatz kommen würde. Ausserdem verfügt die Schweiz nicht über die Ressourcen, um die gesamte Forschung und Entwicklung einer einzelnen Technologie im Alleingang betreiben zu können; einen kurz- bis mittelfristigen Auf- und Ausbau von Ressourcen schätzt der Bundesrat weder als realistisch noch als sinnvoll ein.</p>  Antwort des Bundesrates.