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Über das Leben nach dem Tod (eines geliebten Menschen)
Hansjörg Schneider: “Nilpferde unter dem Haus. Erinnerungen, Träume“ (Aufzeichnungen)
Hansjörg Schneider, der Literaturvater des eigenbrötlerischen Basler Kommissär Hunkeler, denkt in „Nilpferde unter dem Haus“ über sein Leben als Schriftsteller und als Witwer nach. Über einen Zeitraum von zehn Jahren, von Dezember 2000 bis Januar 2011, führt Hansjörg Schneider Tagebuch und notiert nachts, wenn er aufwacht, seine Träume. Daraus ist ein berührendes und sehr persönliches Protokoll des Schriftstellers sowie des alleingelassenen Ehemannes und Bürgers Hansjörg Schneider geworden.
Von Marianne Wirth.
Von Streunenden Katzen und schlafenden Nilpferden
Hansjörg Schneider beginnt seine Aufzeichnungen mit zwei einschneidenden Erlebnissen: Dem Selbstmord seiner Mutter sowie dem Tod seiner Frau. Ein radikales Festhalten zweier Todesdaten, hinter denen sich zwei Menschen verbergen, die in seinem Leben eine Lücke hinterlassen haben. Eine Lücke, gegen die vielleicht bloss das Schreiben anzutreten vermag. So hält der Autor fest: „Schreiben ist für mich zum Leben geworden.“ Geschrieben hat Hansjörg Schneider allerdings schon früh, seine ersten Theaterstücke hat er an der Bernoullistrasse geschrieben, in einem kleinen Mansardenzimmer in Kleinbasel. Zu Gast kam nachts eine Eule angeflogen und setzte sich jeweils auf das Dachfenster. Tiere tauchen ab und an wieder auf in seinen Erzählungen; von streunenden Katzen ist beispielsweise die Rede, die auch immer nur zu Gast sind und die sich niemals besitzen lassen. Von Ägypten kommen sie her, erklärte ihm seine Mutter einmal, deshalb würden sie sich auch immer ein Sonnenplätzchen zum Schlafen aussuchen. Oder von Nilpferden ist die Rede, die in seinen Träumen auftauchen und die der Autor nicht recht zu deuten vermag.
Seine Kindheit und Jugend verbrachte Schneider in Zofingen; er besuchte die Kantonsschule in Aarau. Als er eines morgens aus der Stunde geholt wurde, wusste er, was passiert war. Seine Mutter hatte sich das Leben genommen. Analytisch beschreibt er die folgende Zeit. Ohne es je explizit zu schreiben, dringt eine tiefe Traurigkeit durch den Text hindurch. Schneider ist ein sehr genauer Schreiber, akribisch notiert er seine Träume und berichtet beispielsweise von den Schwierigkeiten mit seinem autoritären Vater. Manchmal fast mit einer kühlen Distanz. Seine Texte haben eine unheimliche Kraft, vielleicht gerade wegen dieser Spannung. Er selbst berichtet davon, dass zwei Seelen in seiner Brust wohnen, die Seele eines Analytikers und die eines Naiven. Eine Spannung, die der Schriftsteller schon vierzig Jahre lang aushalte, schreibend.
Politisches Buch
Schneider berichtet in seinen Aufzeichnungen über sein Schreiben; er hält fest, wann und wo er schreibt. Er sucht gewohnte Wege auf, die er mit seiner Frau gegangen ist. Mal schreibt er in Todtnauberg, im Elsass und manches Mal berichtet er von durchzechten Nächten in Basel. Obwohl es ein sehr persönliches Buch ist, ist es nicht weniger politisch. Der Schriftsteller erinnert sich an seine Studentenzeit in Basel, an die grossen Professoren (Walter Muschg, Karl Jaspers, Hans Kunz), die ihm eine neue Welt eröffnet haben. Er beschreibt wunderbar die explosive Kraft des Jazz, der ihn unweigerlich in den Bann gezogen hat und dies bis heute tut. Seine besten Professoren seien in der Rio-Bar anzutreffen gewesen. Er hörte den Herren zu, wie sie über Kunst und Literatur stritten; sie liessen den schüchternen Studenten gewähren. Bis heute spürt man Schneiders „Blick von unten“, seine Hunkeler-Krimis lesen sich auch als Milieu- und Sozialstudien.
Der Leser erfährt viel über den Schweizer Literatur- und Theaterbetrieb, wie er sich verändert hat, vielleicht auch bloss, wie sich der Autor verändert hat. Amüsant ist Schneiders Aufteilung in Primäre und Sekundäre. Der Primäre macht eine Erfindung und hält stur daran fest und entwickelt sie weiter. Ein Sekundärer beutet diese Erfindung aus, indem er sie zum Beispiel verreisst. „Ein Sekundärer weiss alles, ein Primärer weiss nichts“. Die Sekundären klagen darüber, dass sie keine Zeit haben, nur Stress, weil es grossen Bedarf gebe an sekundärem Geschwätz. Später hält Schneider fest, dass heutzutage nicht mehr die Leute gefragt sind, die etwas produzieren, sondern diejenigen, die überprüfen, was produziert worden ist. Der Schriftsteller kritisiert Dramaturgen, die kein Wagnis mehr in Kauf nehmen. Schneiders Anschreiben gegen den Kampf innerhalb der Branche wirkt nicht resigniert, im Gegenteil, er will jungen Künstlern Mut zusprechen, sich nicht unterkriegen zu lassen von „den Prüfern“. Da spricht einer aus Erfahrung, der trotz Widerstand weiter gemacht hat, sei es als Schriftsteller oder als zurückgelassener Witwer. Wenn ich als Sekundäre nun sagen darf: Danke, Herr Schneider, für dieses Buch, es ist eine Bereicherung.
Titel: Nilpferde unter dem Haus. Erinnerungen, Träume
Autor: Hansjörg Schneider
Verlag: Diogenes
Seiten: 220
Richtpreis: CHF 36.90