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Yusuf Yesilöz über absurde WählerInnen
Vorwurfsvoll hatte Ruth am Telefon gefragt, warum ich mich seit zwei Wochen nicht gemeldet habe, ob ich mich etwa aus der Schweiz desintegriert hätte. Ich stieg sofort auf mein Fahrrad und radelte den Hang hinauf zu ihrem Haus.
Vor Jahren, kurz bevor ihr Sohn Ueli der Schweiz den Rücken kehrte und die Tochter Madeleine mit fünf Kindern und einem Mann genug um die Ohren hatte, hatte ich als Daheimgebliebener Ueli versprochen, dass seine Mami auch meine Mami sei, und mich verpflichtet, sie jede Woche zu besuchen. Anfangs las die Germanistin im Ruhestand für mich ganze Buchkapitel vor, mal von de Beauvoir, mal von Kleist, diskutierte bei Kaffee und Zitronenkuchen eifrig über die meisterlichen Worte. Ruth war überglücklich, wenn ich die Woche darauf immer noch wusste, welche Blume die Buchfigur liebte. Heute sieht Mami Ruth die Buchstaben nicht mehr so gut, jetzt bin ich an der Reihe mit Vorlesen.
Kaum kam ich zur Türe hinein, fragte sie mit ihrer rauen Stimme, was in der Welt so vor sich gehe. Ich erzählte ihr etwa von der Euphorie der ImmigrantInnen über die Verluste der helvetischen Rechtsaussen bei den Wahlen. Das alles interessierte Ruth wenig. Ich könne in vier Jahren wieder mit diesen Geschichten kommen, wenn sie dann nicht wieder gewännen, heute wolle sie etwas über die Nacktwanderer hören, über die nämlich das Radio kürzlich berichtet habe. Das Wort «Nacktwanderer» betonte sie so stark, als würde sie von einer Kobra in ihrem Schlafzimmer sprechen.
Wir setzten uns an den Küchentisch. Ich solle ihr tupfägenau erklären, wie diese Menschen ohne Kleider durch die Dörfer und Täler laufen. «Eben, Menschen wandern nackt», antwortete ich uninteressiert. «Auch Frauen?», fragte sie. «Wahrscheinlich schon.»
«Jesses Gott!», rief Ruth in die Luft, nachdem sie uns mit zitternden Händen Kaffee eingeschenkt und den Zitronenkuchen geschnitten hatte. Ich erzählte ihr, dass das Thema Nacktwanderer mich nicht gross kümmere, aber von den Zeitungsartikeln sei mir geblieben, dass Menschen ihr Nacktwandern damit begründen, dass sie sich in den wenigen Stücken Natur, die es noch gebe, frei bewegen wollten. Wer sich dadurch provoziert fühle, habe ein Problem mit sich selber. Man nehme in Kauf, dass man Nacktwandern als ein «genitales Sendungsbewusstsein» wahrnehme. Wichtiger sei, die Sonne und die Natur pur auf der Haut zu geniessen.
Ruth nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und kratzte sich lange am Haaransatz. Sie zündete sich eine Zigarette an und liess den Rauch ganz genüsslich in die Luft sickern. «Seg emal, laufed die jetzt würkli füdliblutt umenand?»
Ich schaute für sie ihre Zeitungen der ganzen Woche durch und stiess auf ein Foto, auf dem zwei nackte Männer mit Rucksack von hinten auf einem Kiesweg abgebildet waren. Ruth zog ihre Brille an, die mit den dicken Gläsern wie eine Lupe aussah, betrachtete das Foto so genau, wie ein Schmied es mit dem Gold macht. Sie sehe leider nicht mehr so gut, murmelte sie vor sich hin. Dann brach sie in schallendes Lachen aus, sodass die Fenster klirrten. «Ich gsehn da kei Manne, nume öppis Gääls. Die sind au so absurd wie d’Wählerinne vo Rechtsusse, wo no e Schwiiz puur mit nume puurä Buure sueched.»
Ich liess mich von ihrem Lachen anstecken und las ihr noch ein paar andere belanglose Nachrichten vor. Sie hörte kopfnickend zu. Wie jedes Mal musste ich ihr die ganzseitigen Zeitungsinserate mit den herabgesetzten Preisen vorlesen. Laut rechnend verglich Ruth die Preise der einzelnen Artikel und diktierte mir dann ihre Einkaufsliste.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und lebt in Winterthur. Sein letzter Roman «Hochzeitsflug» ist im Limmat-Verlag erschienen.