Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03430.jsonl.gz/452

Der Blick in die Vergangenheit lässt die aktuelle Pandemie in einem anderen Licht erscheinen.
Die gegenwärtige Pandemie stellt uns alle vor grosse Herausforderungen. Wie dürfen wir uns im Privatleben verhalten und wie sollen die staatlich verordneten Massnahmen zur Eindämmung der Krankheit aussehen? Auf solche Fragen finden sich kontroverse Antworten. Da unsere Vorfahren schon vor 200 Jahren mit einer Pandemie und deren sozialen, politischen und wirtschaftlichen Folgen kämpften, bietet sich ein Blick zurück an.
Von Tobias Burkard
Verschwörungstheorien, Misstrauen gegen Ärzte und Regierungen sowie grosse Unsicherheit im Umgang mit der Krankheit. Auf den ersten Blick eine Beschreibung der momentanen Zustände in vielen Orten der Welt. Doch passen tut sie genauso für das von der Cholera heimgesuchte Europa des 19. Jahrhunderts. Zwischen den beiden Pandemien lassen sich tatsächlich einige interessante Parallelen sowie auch immanente Unterschiede feststellen.
Gesundheit als Staatsangelegenheit
Als im 19. Jahrhundert die Cholera in Europa wütete, stritten sich ein Teil der Ärzte und Regierungen darüber, wie sich die Krankheit am besten eindämmen lasse. Dabei wurden unterschiedliche Massnahmen beschlossen: zum einen wurde schon damals die Isolation von Stadtteilen sowie Quarantänemassnahmen einzelner Personen verordnet. Auf der anderen Seite wurde das, was wir heute als Modell “Trump“ bezeichnen würden, praktiziert. In Städten wie Hamburg, wo wirtschaftliche Interessen gewichtiger waren, wurden gar keine Massnahmen getroffen. Beistand dafür gab es sogar von medizinischer Seite: laut einem Bericht des britischen Historikers Richard J. Evans herrschte gegen Mitte des 19 Jahrhunderts unter europäischen Ärzten der Konsens, die Krankheit sei gar nicht ansteckend.
Erst 1884 gelang es Robert Koch nachzuweisen, dass der Erreger Vibrio cholerae Ursache der Krankheit war. Ausserdem fand er heraus, dass sich die Bakterien vor allem über das Wasser verbreiten. Daraufhin begannen viele Städte, ihre Wassersysteme umzubauen. Damit leistete Koch einen grossen Beitrag zum Aufstieg der Bakteriologie. Ein weiterer Fortschritt, welcher im Zusammenhang mit der Pandemie erzielt wurde, war die Politisierung der Gesundheit. Der Staat begann nun, sich um das Wohlbefinden seiner Bürger zu kümmern, was zusammen mit den verbesserten Hygienischen Zuständen die Hauptursache zur Reduzierung der Seuche war.
Die Coronapandemie im 21. Jahrhundert
Knapp zwei Monate nach dem Ausbruch des Coronavirus anfangs Dezember 2019 in Wuhan gab es bereits den ersten Test zum Nachweis des Virus. Zudem ist es gut möglich, dass es bereits nächstes Jahr einen Impfstoff zur Eindämmung geben wird. Dank Fortschritten in Medizin und Wissenschaft muss heute über die Grundlagen der Virologie nicht mehr diskutiert werden. Daher gibt es berechtigte Hoffnung auf eine schnelle Besserung der Situation. Verglichen mit den hundert Jahren, welche die Cholera die Menschen auf der ganzen Welt verfolgte, ist dies ein enormer Fortschritt.
Ähnlich wie vor 200 Jahren wird dafür über den Umgang mit der Krankheit und über die Massnahmen der Regierung rege diskutiert. Durch die Möglichkeiten des Internets sehen sich auch viele sehr kontroverse Meinungen schnell verbreitet. Daraus entstehen immer wirrere Theorien. Exemplarisch dafür steht der Glaube, Bill Gates habe mithilfe einer kleinen Elite das Virus vorsätzlich verbreitet, um Impfeinnahmen zu generieren.
Verschwörungen haben Tradition
Schon im 19. Jahrhundert gab es offenbar Verschwörungstheorien über den wahren Ursprung des Virus. Da aufgrund der dürftigeren hygienischen Zustände die Sterblichkeit unter armen Menschen höher war, wurde die Oberschicht häufig als Schuldige gesehen. Offenbar glaubten viele, die Wohlhabenderen wollen die Armen von der Bildfläche verschwinden lassen, um weniger soziale Ausgaben leisten zu müssen. Andere beschuldigten die Ärzte der vorsätzlichen Tötung, um ihre Ausbildungsstätte mit genügend Leichen für Sezierübungen zu versorgen.
Auch wenn sich die Anschuldigungen unterscheiden, ist das Misstrauen gegen eine höhere soziale Klasse als Kernpunkt der Verschwörung geblieben.
Neben dem Streit um die geeigneten Massnahmen und den Verschwörungstheorien lässt sich dereinst vielleicht noch eine weitere Gemeinsamkeit zwischen den beiden Krisen erkennen: Sie könnte sich als Wendepunkt erweisen. Oftmals fördern Krisen die Notwendigkeit des Handelns zutage. Genau dies könnte auch in unserer Situation passieren.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Aus den aktuellen Diskussionen um die Rolle des Staates könnten interessante Lösungen entstehen. Denn politisch ist die Pandemie eine Zerreisprobe. Der Föderalismus wird beispielsweise von effizienteren Systemen herausgefordert. Viele sehen im autoritären chinesischen System die scheinbar bessere Lösung für Krisensituationen. Andere plädieren aufgrund der Situation auf dem Arbeitsmarkt für ein Grundeinkommen.
Festgehalten werden darf, dass es durch die Cholerapandemie zu politischem und gesellschaftlichem Fortschritt kam. Es besteht also die Hoffnung, zukünftige Generationen können selbiges über die heutige Zeit sagen.
Was ist die Cholera?
Cholera ist eine ansteckende Krankheit, welche durch das Bakterium Vibrio Cholerae verursacht wird. Meistens wird dieser Erreger über das Wasser verbreitet und manifestiert sich durch Durchfall und Erbrechen. Dies kann zu Exsikkose (Austrocknung durch Abnahme des Körperwassers) führen.
Die Krankheit breitete sich anfangs 19. Jahrhundert von Indien über die ganze Welt aus und traf Europa in mehreren Wellen. Dabei spielten die immer häufiger genutzten Handelsrouten eine entscheidende Rolle.
1883 entdeckte schliesslich Robert Koch das Bakterium im Darm von Erkrankten. Auf seinen Rat hin wurden die Sanitären Einrichtungen und die hygienischen Standards verbessert, was zur Eindämmung beitrug. Heute ist eine Behandlung durch einen ausreichenden Ersatz von Flüssigkeit, Zucker und Salzen möglich, in schlimmen Fällen auch mit Antibiotika.
Literatur zum Thema
Anna Rosling Rönnlund, Hans Rosling und Ola Rosling, Factfulnes, Macmillan USA, 2019.
Richard J. Evans: Epidemics and revolutions: cholera in nineteenth-century Europe, Past & Present – Cambridge University Press, 1988.
Ann Herring; Alan C Swedlund: Plagues and Epidemics: Infected Spaces Past and Present, SwedlundBerg Publishers, 2010.
Im Netz
Von Corona-Kritik bis Verschwörungstheorie: Wir wollen alternative Wahrheiten verstehen Beitrag von Unzipped (SRF Virus).
Beitragsbild: Einem Cholera-Patienten wird Wasser und Salzlösung zum Trinken angeboten, Centers for Disease Control and Prevention.