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In seiner Sportmuseum-Kolumne berichtet unser Museumsleiter Gregor Dill regelmässig aus unserem Museum.
Nr. 14: Von der Menge zur Masse
19 Stunden hatte die Fahrt gedauert, ehe die Basler Städteauswahl in Berlin aus dem Zug stieg, um gegen eine Elf der deutschen Hauptstadt anzutreten. Das Fussballfest fand am 24. April 1921 im Grunewaldstadion statt. Die Sportstätte hätte das Zentrum der Olympischen Spiele von 1916 werden sollen, die dann aber wegen des Kriegs ins Wasser fielen.
Kapitän der «Basler Mannschaft» war FCB¬Star Ernst Kaltenbach, der beste Basler Spieler. Das Sportmuseum verfügt über eine 35¬mm¬Nitratfilmrolle zu dieser Begegnung. Aus konservatorischen Gründen lagert sie in einem Labor in Ostermundigen, weil sie sich selbst entzünden kann. Sieht man sich den siebenminütigen Streifen an, fällt etwas auf:
Die 35000 Berliner Zuschauer im Stadion bewegen sich nie. Keine Arme erheben
sich, kein Klatschen. Berlin schiesst ein Tor, – keine Reaktion auf den Rängen (siehe Standbild nach einem der drei Berliner Tore).
Woran liegt das? Elias Canetti würde sagen: Die Zuschauer bildeten keine Masse, sondern bloss eine Menge. Und so war es. Der Einzelne im Stadion war interessiert, beobachtete aufmerksam und stellte fest. Er ging nicht mit. Er war kein Fan. Er brachte keine Emotionen zum Ausdruck. Er verband sich nicht mit den übrigen Zuschauern. Was heute so selbstverständlich erscheint, gab es damals noch nicht. Erfunden wurde das moderne Fussballfantum, das wir heute kennen, erst Jahre später im faschistischen Italien Mussolinis. Der Duce, in Massenpsychologie geschult, entwickelte unter seinen Anhängern eine neuartige Form der Massenkultur, die auch in Fussballstadien zum Tragen kam. Es entstand der Tifoso, übersetzt der «Kranke», abgeleitet von der Infektionskrankheit Typhus (italienisch: tifo). Vom Land des zweimaligen Weltmeisters verbreitete sich die neue Form der emotional aufgela¬ denen und ausgelebten Anhängerschaft in den 30er Jahren auf der ganze Welt.
Auch in Wien hielt die neue Mode Ein¬ zug. Dort wohnte der Chemiker und spätere Literatur¬Nobelpreisträger Elias Canetti an der Erzbischofgasse unweit des Stadions von Rapid. Die Gesänge der Fans inspirierten ihn zu jenen jahrzehntelangen Recherchen, die schliesslich 1960 in das epochale Werk «Masse und Macht» mündeten. Fussballfans waren für Canetti eine Masse wie jede andere auch, die sich fundamental von einer blossen Menge unterschied. In der Masse «entledigt sich» der Einzelne seiner im Alltag einer hierarchischen Gesellschaft erworbenen Ungleichheitserfahrungen («Befehlsstacheln») und geniesst orgastisch das vorübergehende Gefühl uniformer Gleichheit, das eine Masse wie nichts anderes zu vermitteln vermag.