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Autopoietischer Kreis
Mittwoch, 10. Mai 2006
G. Spencer-Brown sagte zu mir: "Dein Problem ist, dass Du glaubst, was Du sagst, und dieses glauben mit wissen verwechselst". Er fragte: "Wie fällt die Katze auf die Füsse?" Ich antwortete: "Sie macht das mit dem Schwantz!" Er sagte: "Eben, Du glaubst das. Aber Du weisst es nicht. Wenn Du es wüsstest, könntest Du es tun." Ich sagte, dass ich keinen Schwanz habe. Er sagte: "Eben, deshalb kannst Du nicht wissen, was die Katze macht." Etwas später sagte er: "Die Katze ist nur ein Beispiel: Du weisst gar nichts. Und Du bist auch nur ein Beispiel für die massenhafte Blödheit im vermeintlichen Wissen. Wissen kann man nur Mathematik. Alles andere ist dummes Glauben."
Diese Blödheit ist ganz spezifisch gemeint. G. Spencer-Brown sagte über mich zu anderen Leuten: "Mein Fahrer ist ein ganz cleverer junger Mann". Innerhalb der Blödheit kann man also durchaus beliebig intelligent sein. Ich versuchte einmal, den Radikalen Konstruktivismus ins Gespräch zu bringen. Er sagte: "Blöde Kindergeschichten".
Alles, was ich hier sage, sage ich also nicht nur ohne Einverständnis von G. Spencer-Brown, sondern im Wissen, dass er es als "quite stupid" bezeichnen würde. Nachtragen will ich auch noch, dass er alles, was Helmut Schauer letztes Mal in diesem Kreis erzählt hat, wohl als richtig aber unnütz bezeichnen würde, weil es ihm nicht um Algebra,, sondern um Mathematik geht. Das Kalkül, also die Algebra ist nur die Codierung, die Sprache dafür. Wofür?
Weil ich seit seiner autopoietischen Gründung Teil des autopoietischen Kreises bin, wiederhole ich einiges, was ich früher im gleichen Kreis schon gesagt habe, weil ich ja nie in denselben Kreis steigen kann. Wer das schon gehört hat, mag es mir nachsehen. Und weil ich - wenn ich bei mir bin - nicht über Menschen und schon gar nicht über andere Menschen spreche, spreche ich hier nicht über G. Spencer-Bronw. Wo ich seinen Namen erwähne, fungiert er als Bildnis für etwas, was ich nur so sagen kann. Ich spreche deshalb zuerst über mein Sprechen, denn das scheint mir ein zentraler Aspekt bei G. Spencer-Brown's Beobachter-Kalkül, da ich das Kalkül vor allem als eine formale Sprache sehe. Ich spreche hier aber in meiner Sprache so, dass ich Elemente von G. Spencer-Browns quasi heuristisch interpretiert anwende und dies in 2. Ordnung beobachte.
In einem Roman sehe ich Geschichten, die sich kreuzen. Wenn jemand sagt, dass er eine Geschichte erzählt, glaube ich alles, wenn jemand sagt, dass er keine Geschichte erzählt, glaube ich nichts. Ich erzähle hier einen Roman, also nur und ausschliesslich Geschichten, die sich nur kreuzen, weil ich sie zusammen erzähle. Wenn ich merke, dass ich eine Geschichte erzähle, weiss ich auch, dass es jenseits von Geschichten noch etwas gibt, ein gutes Wort dafür haben die Engländer: Non-Fiction, während die Franzosen gerade umgekehrt verfahren: sie haben die Belletristik, was ich als schöne Wissenschaft von einer nicht so schönen "wahren" Wissenschaft unterscheide. Im deutschen Ausdruck Geschichte finde ich die Sache wunderbar aufgehoben in einer Ambivalenz, die man als Paradoxie entfalten kann. Geschichte steht für die Erzählung davon, wie es wirklich war, da dieses aber als Geschichte erzählt wird, ist es frei erfunden, wobei es keine Geschichte wäre, wenn man nicht glauben würde, dass es wirklich so war. Denken Sie in dieser paradoxen Art an Geschichten, beispielsweise an die Geschichte über den Holocaust. Und im Hintergrund denken Sie daran, was G. Spencer-Brown zu mir sagte: "Ich sei blöd, weil ich Geschichten für wahr halte!" Ich glaube, so kann man Gewahr werden, was man sich mit G. Spencer-Brown einbrocken kann.
Ich gebe ein Beispiel für eine Definitions-Notation, die sich in der Luhmannschen Interpretation von G. Spencer-Brown's 'Laws of Form' (LoF) - so heisst das Buch von G. Spencer-Brown - eingebürgert hat:
Definition: Geschichte heisst der Unterschied zwischen Geschichte und was der Fall war.
Geschichte ist als reiner Bericht frei erfunden, was nichts über den Gegenstand sagt, über welchen die Geschichte erzählt. Es geht sozusagen um die Kommunikation, nicht um eine kommunizierte Sache. In dieser Definition, die keine ist, kommt Geschichte auf beiden Seiten vor. Geschichte wird quasi durch Geschichte definiert. Lesen sollte man die Definition operativ: Mache eine Unterscheidung zwischen Geschichte und Nicht-Geschichte. Dann schaue nur noch die Geschichte-Seite der Unterscheidung an und mache die dieselbe Unterscheidung noch einmal:
Ein Beispiel: Dass der Astronaut Amstrong auf dem Mond spazieren gegangen ist, ist Geschichte und eine Geschichte. Es wird seit langem intensiv darüber gestritten, ob er auf dem Mond war oder nicht (Unterscheidung). Er könnte in einem Studio in Hollywood gewesen. Eine gängige Variante lautet: beides. Er war auf dem Mond, weil dort aber schlechte Aufnahmen gemacht wurden, wurden die Aufnahmen im Filmstudio nochmals gemacht. Vielleicht weil die Amerikaner glauten, dass sich eine schlechte Kamera schlecht mit einem gelungenen Mondspaziergang vertragen würde. In der Notation von G. Spencer-Brown: Unterscheide er war auf dem Mond / er war nicht auf dem Mond. Auf der positiven Seite der Unterscheidung wiederhole die Unterscheidung: Die Bilder stammen vom Mond oder nicht. So kann man finden: Die Bilder lügen, obwohl sie etwas wahres berichten.
Vielleicht erkennen Sie da Prinzip (falls Sie mit G. Spencer-Brown nicht sowieso schon viel weiter sind) - es heisst re-entry, weil die Unterscheidung wiederholt wird. Es geht um das Unterscheiden und insbesondere um das Aufheben von Untscheidungen. Die eigentliche Definition - und dazu passt die Schaltalgebra von Boole - ist eine Unterscheidung. Bei G. Spencer-Brown geht es darum, wie solche Unterscheidungen aufgehoben werden. Aufheben heisst dabei - wie schon bei G. Hegel - auflesen, behalten, wegwerfen zugleich. Die erste Unterscheidung - das Auflesen oder Einführen der Unterscheidung - in obigem Beispiel ist nötig, um zu sagen, dass Amstrong auf dem Mond war. Dann braucht es die Unterscheidung nocheinmal - sie wird behalten - um zu sagen, dass die Bilder nicht vom Mond stammen. Und schliesslich wird die Unterscheidung dialektisch aufgehoben, um zu sagen, dass die Lüge etwas Wahres erzählt.
Wozu brauchen wir das re-entry? Welches Problem lösen wir damit?
Ich erzähle eine Geschichte dazu, wie das re-entry in die Welt kam. Eine Voraussetzun passierte zunächst jenseits von G. Spencer-Brown durch die Erfindung der Kybernetik. H. von Foerster erläutert es anhand einer altmodischen Hausklingel, bei welcher der Klöppel im Stromkreis hängt. Wenn der Klöppel von der Glocke weg ist, ist der Stromkreis geschlossen, wodurch ein Magnet eingeschaltet wird, so dass der Klöppel auf die Glocke schlägt. Wenn der Klöppel an der Glocke ist, ist der Strokreis unterbrochen, der Magnet stellt ab, der Klöppel springt zurück, das Spiel beginnt von vorne. In beiden Positionen wäre der Klöppel - wie Hans Dampf im Schneckenloch - jeweils lieber in der andern Position. Wenn man die Sache jenseits von Zeit anschaut, hat man eine Art Paradoxie. Wenn man aber die Zeit einführt, hat man ein gut funktionierende Hausklingel.
Beschreiben lässt sich diese Hausklingel als Rekursion, in welcher jedes Schliessen des Stromkreises einen Zeitpunkt später den Kreis wieder öffnet um umgekehrt, wodurch ein emergenter Effekt das anhaltende Klingeln hervorgebracht wird. Das System reagiert auf seine Eigenzustände und emergiert ein Phänomen. Jeder Prozess impliziert durch Feedback sein Gegenteil. Jeder Gegenprozess bezieht sich auf den vorangegangenen Prozess, setzt diesen - auch zeitlich - voraus. Der entscheidende Schritt ist die System Dynamics - die Anwendung der Systemtheorie in der Simulation von komplizierten Prozessen, wovon die Hausglocke als Beispiel zeugt. Es gibt auch etwas kompliziertere Beispiele für Rekursionen mit schlagenden ParadoxieEigenwerten, ein typisches ist der Laser, also die gebündelte Energie die durch eine rekursive Operation auf Licht entsteht. Unter bestimmten Verhältnissen werden rekursive Operationen stabil. Ich will hier nicht näher auf Systemdynamics und lebende Automaten eingehen, da das nur Hintergrund für die hier interessierene, spezifische Przess-Mathematik, eben für die Kybernetik bildet. Gleichungen wie 2+2=4 sind zeitlos. Die 4 ist nicht irgendwie "später" als 2+2. Man kann auch nicht gut sagen gleichzeitig, weil Zeit einfach nicht vorkommt. Gleichungen beschreiben Zustände nicht Prozesse. Prozesse können nur in Programmen beschrieben werden. Das ist genau das, was Kybernetik leistet, indem sie einen Takt einführt: X zum Zeitpunkt (t) ist gleich X (t-1) + Y.
Heinz von Foerster focusiert, dass die Operation auf ihr Ergebnis angewandt wird, was in sogenannten Eigenwerten mündet, die sich so quasi selbst organisieren. Selbstorganisation ist ein Konstrukt aus der Neurocomputerwissenschaft, das von H. von Foerster aufgegriffen und bekannt gemacht wurde. Heinz von Foerster - darin sehe ich seinen entscheidenden Beitrag - betrachtet die Selbstorganisation als Form von Selbstreferenz, die er selbstreferentiell auf sich als Beobachter anwendet. Damit führt er den Beobachter als Gegenstand der Beobachtung ein. Ein grosse Herausforderung - ein Problem für den gesunden Menschenverstand. Vielleicht brauchen man das re-entry, um diese Problem zu lösen.
Ich will auch dazu an eine Geschichte erinnen. Im Kleinen Prinz tritt ein muslimischer Astronom auf, und niemand schenkt seiner Entdeckung Beachtung, weil er nicht in-Form ist - weil er einen türkischen Hut statt eine Krawatte trägt. Er kommt das nächste Mal in Krawatte, was ermöglicht, dass der Planet des Kleinen Prinzen entdeckt wird. Ob etwas für wahr genommen wird, ist abhängig davon, wie die Geschichte erzählt wird. Die Krawatte, die H. von Foerster umbinden wollte, heisst Mathematik. (Dazu hätte ich noch eine Geschichte von N. Wiener, der die Geschichte von G. Spencer-Brown in einem Roman vorweggenommen hat, den ich schon lange remaken will). Vielleicht weil H. von Foerster wie G. Spencer-Brown glaubte, dass Mathematik so etwas zwingendes hat. Die Selbstorganisations-Geschichte jedenfalls verlangte nach einer besonderen Mathematik. H. von Foerster dachte zuerst an mehrwertige Logik (etwa von G. Günther, wo es heisst: Um Reflexion auf Anderes und zugleich auf sich selbst [Selbstreferentialität] formal widerspruchsfrei darstellen zu können – das heißt, um das „Ich“ als Subjekt und zugleich als Objekt seines eigenen Denkens formal unterscheidbar zu machen –, konzipierte Gotthard Günther die „Polykontexturallogik“ (Güntherlogik), mitsamt einer zugehörigen Morphogrammatik und Kenogrammatik.). Diese Logik ist aber leider etwas kompliziert. Dann hat H. von Foerster das Buch von G. Spencer-Brown ge- oder erfunden, das eben bestechend einfach ist, weil es alles aus einer Operation ableitet. Die Erfahrung zeigt mittlerweile, dass diese Krawatte massenfähig ist, weil man in LoF offensichtlich eine Mathematik für alles finden kann. Lof ist extrem einfach, was LoF unglaublich kompliziert macht. Man könnte sagen, dass LoF die Differenz zwischen einfach und komplex behandelt. Mir fehlen jedenfalls alle Voraussetzungen, um das Buch zu lesen. Ich kann nur lesen, was andere Leute mit dem Buch gemacht haben - und das kann ich bei weitem nicht nachvollziehen - "blöd" wie ich laz G. Spencer-Brown bin, kann ich einfach glauben, was mir nützlich scheint, was eben besagte Blödheit ausmacht. Und meine Blödheit, das hat G. Spencer-Brown mir auch gesagt, ist nichts besonderes, sondern etwas sehr verbreitetes.
Es gibt verschiedene Einführungen zu G. Spencer-Brown. In T. Schönwälder's George Spencer-Brown. Eine Einführung in die 'Laws of Form'. gibt es ein Kapitel zur Wirkung des Buches in verschiedenen Umfeldern, die - so wie ich das sehe - alle nicht sehr verschieden sind, sondern sich alle in der Folge von H. von Förster mit Selbstreferenz und Beobachter befassen, allerdings recht unterschiedlich. Einige Leute werden zitiert, die indem Sinne nahe am Buch arbeiten, als sie sich mit dem Formalismus selbst befassen: F. Varela (Autopoiese), S. Kaufmann (Attraktoren), M. Varga von Kibéd (Logik der Paradoxie). Soweit ich sehen kann, führt das zu selbstreferenten Diskussionen von LoF. Wenn das Buch ernst genommen wird, bleibt es bei sich.
Dann gibt es eine Rezeption im Konstruktivismus, die LoF wie H. von Foerster verwendet. In dieser Verwendung wird das Buch - eigentümlicherweise als Beweis für die Konsistenz von Ideen verwendet, die eigentlich gerade diese Art von Wissenschaftlichkeit verwerfen. Im Konstruktivismus finde ich diese grosse Ambivalenz, die ich mit G. Spencer-Brown so formuliere:
Konstruktivismus heisst der Unterschied zwischen Konstruktivismus und Wissenschaft.
Lesen sollte man diese Definition quasi operativ: Mache eine Unterscheidung zwischen Konstruktivismus und Wissenschaft. Dann schaue nur noch die Konstruktivismus-Seite der Unterscheidung an und mache die dieselbe Unterscheidung noch einmal: Viele Konstruktivisten betreiben Wissenschaft. Ein geradezu absurd-paradoxes Beispiel liefert etwa G. Roth mit seiner Unterscheidung zwischen einem wirklichen und einem realen Gehirn, die es ihm erlaubt, innerhalb seines Konstruktivismus ganz konventionelle Neuropsychologie zu machen. Das ist ein ganz typischer Fall, wie Konstruktivismus als Negation der Wissenschaft in der Wissenschaft aufgehoben wird. F. Varela schreibt dazu Bände.
Während die Radikalen Konstruktivisten (wozu ich in diesem Kontext F. Varela nicht mehr zähle) sich mit belanglosen Zitaten begnügen, hat N. Luhmann seine funktionale Systemtheorie aufgrund von LoF nochmals neu formuliert, was gemeinhin als autopoietische Wende von N. Luhmann bezeichnet wird. In diesem Umfeld wird der Formalismus aber eher als Heuristik betrachtet, wobei eigentlich nur die beiden ersten und das 12 und letzte Kapitel, in welchem eben das re-entry beschrieben wird, wichtig sind. Alles, was und Helmut Schauer erzählt hat, bleibt ausgespart - aber natürlich im Sinne von G. Spencer-Brown: Der ganze Beweis, dass das Kalkül die Boolsche Algebra, die Aussagen- und die Prädikatenlogik mit nur einem Operator korrekt widerspiegelt, ist die Basis dafür, dass das Kalkül als Referenz verwendet wird, obwohl alle diese Aspekte bedeutungslos sind. In der erwähnten Einführung von T. Schönwälder schreibt T. Hölscher, dass N. Luhmann LoF so re-spezifiziert habe, dass LoF kaum mehr erkennbar sei. Es gibt so etwas wie eine Paralellität in bezug auf die Beobachtung, die ich hier nicht vertiefen will. N. Luhmann hat aber das Referenzsystem entfaltet, in welchem sich die funktionale Systemtheorie auf G. Spencer-Brown - mindestens heuristisch - bezieht. Zu N. Luhmann werde ich später einen eigenen Vortrag machen.
Im Umfeld der funktionalen Systemtheorie ist D. Baecker ein prominienter Vertreter. Bei ihm habe ich die eigenartige Definition mit dem re-entry gelesen, die ich an Beispielen gezeigt habe. Auf die funktionale Systemtheorie bezogen könnte man mit folgender Definition arbeiten:
Die selbstbezügliche Beobachter-Theorie ist formalisierbar oder nicht. Nun schauen wir auf der Seite der Zustimmung nochmals. Die Theorie wird nicht formalisiert.
D. Baecker versucht, an konventionellen Formalisierungen anzuschliessen, indem er das Informationsmodell von C. Shannon entsprechend überdehnt. Ich breche hier mit der Verbreitung und der Interpretationsvielfalt ab und wende mich noch etwas einer eigenen Interpretation eines Aspektes zu:
Im Radikalen Konstruktivismus sehe ich den wichtigsten Focus auf der Operation. Darüber haben wir im autopoietischen Kreis vor einigen Jahren ein paar Vorträge gehört, die ich hier wieder aufgreife. E. von Glasersfeld kommt aus der Operationalismus-Schule von S. Ceccato, die paralell zur Kybernetik und zur Epistemologie von J. Piaget als eine Art Link zwischem beidem entstanden ist. Die Grundidee von Silvio Ceccato 'operativer Methodologie" besagt, dass man versuchen soll mentale Inhalte - z.B. 'diesen', 'Raum', 'Pavillon' - als Ergebnisse von Operationen zu verstehen. Der wahrnehmende Mensch - den ich jetzt Beobachter nenne - leistet diese Operationen, und das Ergebnis davon sind die mentalen Inhalte. S. Ceccato sagt, dass der Mensch innerhalb des Bildes, welches er auf seiner Retina hat, focusiert, respektive seine "Aufmerksamtkeit" - was ich jetzt Beobachtung nenne - steuert.

S. Ceccato gibt ein - in vielen Hinsichten - interessantes Beispiel: Er analysiert die Operationen bei der Wahrnehmung einer (gedehnten Kreis-)Figur. Man kann eine Tischplatte von oben sehen, wenn man alles, was innerhalb der gezeichneten Linie als Vordergrund auffasst, oder eine Fenster, wenn man alles, was ausserhalb der Linie ist als Vordergrund auffasst, oder ein Kettenglied, wenn man die Linie selbst als Vordergrund auffasst. Was Ceccato mit seiner "Aufmerksamkeit beschreibt, ist eine Selektion innerhalb des Bildes. Seine Operationen, etwa Hintergrund schaffen durch weglassen eines Teiles, sind Tätigkeiten, die in der Konstruktion eines Tisches oder eines Hauses mit Fenstern nicht vorkommen, sondern nur bei der Interpretation von Wahrgenommenem. Bei S. Ceccato beginnt die Geschichte mit der Aufmerksamkeit in der Wahrnehmung.
G. Spencer-Brown beginnt noch etwas radikaler - aber bei S. Cecatto sicher mitgemeint - mit der Unterscheidung: Draw a distinction. Das ist eben der Kreis von S. Ceccato. Dann gibt es bei G. Spencer-Brown wie bei S. Cecatto drei Dinge: die beiden Seiten und die Unterscheidung. Bei S. Cecatto ist das anschaulich durch die Tischplatte, das Mauerwerk und das Kettenglied. Das Kettenglied ist natürlich nicht die Unterscheidung, sondern beruht auf einer andern Unterscheidung und macht so die Unterscheidung zwischen Fenster und Tisch bewusst. Indem ich das Ketteglied vor seinem Hintergrund sehe, sehe ich dass in diesem Hintergrund kein Loch und keine Erhöhung ist. Bei S. Cecatto und bei G. Spencer-Brown geht es darum, durch eine Operation zu einem Inhalt zu kommen. In beiden Fällen geht es darum, die Operation als solche zu begreifen. Spannend finde ich, wie Notation von G. Spencer-Brown für das crossing bildlich ganz genau dem "Kettenglied" von S. Cecatto entspricht. Es ist die Zeichnung eines Quadrates, wodurch per Unterscheidung ein "Innen" und ein "Aussen" entsteht. Das Quadrat ist nicht vollständig gezeichnet, weil es im Kalkül - wie wir bei Helmut Schauer gesehen haben - auf verschiedene Arten kombiniert wird.
Das Innen/Aussen wird verschoben, wenn man die Unterscheidung beobachtet, was im anschaulichen Fall sehr gut sichtbar ist. Varga von Kibed hat vorgeschlagen, bei G. Spencer-Brown vier Aspekte der Beobachtung zu sehen, die drei, die G. Spencer-Brown selber explizit vorgeschlagen hat, und einen impliziten Aspekt, den ich im Kettenglied gut verkörpert sehe. Die Unterscheidung "innen/aussen" versperrt die Sicht auf eine Kontextunterscheidung, also auf eine weitere Unterscheidung, die eine ganz neue Deutung ermöglicht.
Die Operation kan man sich als mentale, in der Wahrnehmung vorstellen. Ich stelle mir aber die wirkliche Operation vor, ich kann auf dem Tisch oder vor einem Loch stehen und das Kreuzen auf die andere Seite machen. Bei E. von Glasersfeld gibt es eine interessant Verknüpfung für das Lesen eines Stadtplanes, wo ich mit der Aufmerksamkeit auf dem Plan dasgleiche mache, wie ich danach körperlich in der Stadt machen: etwas vorwärts, dann links, dann wieder etwas vorwärts, usw., wodurch das "Mentale" auf Selbstwahrnehmung zurückgebunden wird. Bei S. Ceccato erkenne ich das Problem: Wenn ich Figur/Hintergrund unterscheide, brauche ich für die Unterscheidung einerseits Zeit, weil ich nicht beide Seiten gleichzeitig benennen kann. Andrereseits brauche ich ein Gedächtnis, um die Seite, die ich gerade nicht beobachte, als die andere Seite "im Kopf" zu behalten. Das sind die zwei Instanzen des gesunden Menschenverstandes, die durch die Kybernetik interpretiert werden. Die Kybernetik zeigt, dass Prozesse anstelle von Zeit einen Takt brauchen, dass das Gedächtnis dagegen eine Beobachterkategorie ist, die ein System nicht braucht.
G. Spencer-Brown gibt mit seinem Kalkül eine formale Lösung, eine Algebra, mit welcher Systemprozesse im Sinne einer Programmierung beschrieben werden können. Dasselbe hat schon S. Cecatto geleistet. S. Cecatto hat aber keinen Formalismus für die Steuerung der Aufmerksamkeit gefunden. Ich glaube, dass auch G. Spencer-Brown das nicht leisten kann. Mit seinem Kalkül kannn man aber bestimmt Brüche im Beobachten beschreiben, die sich in der normalen Algebra der Programmiersprachen nicht darstellen lassen.
Ich hoffe, man kann sehen, dass ich von den legitimationssüchtigen Rückbindungen auf das Kalkül von G. Spencer-Brown nicht viel halte. Ich finde die Vorstellung, wonach Formalisierungen Klarheit schaffen. Das teile ich nur, wenn die Formalisierung kontrollierbar ist. Eine Formalisierung wie die von G. Spencer-Brown, an welcher sich die besten Mathematiker die Zähne ausbeissen, schaft meines Erachtens eher Unklarheit darüber, was Klarheit heissen könnte. Ich glaube, dass die Radikalität von G. Spencer-Brown ein kreatives Potential entfaltet, wie ich es auch im Radikalen Konstruktivismus wahrnehme, der gemäss seinem Erfinder E. von Glasersfeld lediglich eine konsequente Formulierung von J. Piagets Epistemologie darstellt. Eben so radikal, dass J. Piaget vor seinem eigenen Denken Angst bekommen hat, während ich J. Piaget immer noch (er)kenne, weil ich ihn durch die 2. Ordnung so radikal sehen kann. Die Radikalität von G. Spencer-Brown eröffnet Interpretationen, die davor nicht so einfach denkbar waren. Darin liegt für mich der Wert dieser Sprache.
Ich will zum Schluss einen mir wichtigen Gesichtspunkt in dieser "Sprache" hervorheben, den Dialog. Als Dialog begreife ich eine spezielle Funktion des Gespräches, die M. Buber beschrieben und D. Bohm in ein operatives Setting geführt hat. Die Idee des re-entry's gibt mir Formulierungen, mit welchen ich meine dialogische Praxis gut verstehen kann:
In bezug auf das Dialog-Containment von D. Bohm unterscheide ich die Dialog-Uebung und den Dialog. Wir treffen uns regelmässig zu Dialog-Uebungen, also auf der Innenseite der Unterscheidung. In der Uebung mache ich die Unterscheidung nochmals und finde uns im Dialog. Das bewusste re-entry hilft mir hier bei der Beobachtung des Dialoges als Uebung und als Dialog. Praktisch bedeutet das, dass wir uns in den Uebungen Regeln geben und diese Regeln laufend thematisieren, was man als Dialogstörungen missverstehen kann.
Auf einer weiteren Ebene heisst Dialog der Unterschied zwischen Dialog und miteinander reden. Auf der Seite des Dialoges wiederhole ich die Unterscheidung, so dass wir im Dialog miteinander reden, obwohl Dialog das Gegenteil - die andere Seite der Unterscheidung - bezeichnet. Praktisch bedeutet das, dass ich mit Konfliktpartnern reden würde, um einen Konflikt beispielsweise in einem Kompromiss aufzuheben, was immer auch heisst, ihn beizubehalten. Das bezeichne ich in dieser Unterscheidung als miteinander reden. Im Dialog spreche ich mit Dialogpartnern, die unabhängig von Konflikten gewählt sind. Dabei mache ich mir bewusst, auf welchen Unterscheidungen der Konflikt beruht, so dass sich der Konflikt so aufheben lässt, dass er nicht beibehalten wird. Dabei reden wir innerhalb des Dialoges.
Im Dialog mache ich mir meine Vorstellungen und Glaubenssätze bewusst, indem ich sie der Beobachtung 2. Ordnung unterstelle. Dabei wird mir bewusst, dass es im Dialog keine Form von Wahrheit geben kann, weil immer ein Beobachter spricht. Jede Wahrheit beendet den Dialog, weshalb H. von Förster, der magische Geschichtenerzähler, Wahrheit quasi in Anlehnung an G. Spencer-Brown als Erfindung eines Lügners bezeichnet. Unterscheide Wahrheit und Lüge. Auf der Seite der Lüge mache die Unterscheidung noch einmal. Dann gibt es Lügner, die die Wahrheit erzählen. Das habe ich am Anfang als Literatur bezeichnet. Ich hoffe, ein Stück Literatur vorgetragen zu haben. Ich danke Ihnen fürs Zuhören, was ja stets ein eigenes Konstruieren bedeutet.
Ich habe hier über G. Spencer-Brown gesprochen, weil Heinz Businger in seinem Vortrag Anleihen bei G. Spencer-Brown gemacht hat. Bei ihm ging um aufgehobene Besteuerungen, was er als doppeltes Kreuzen der Besteuerungsgrenze diskutierte, was ich aber eher als re-entry aufgefasst habe. Es gig um eine Umweltsteuer, die so angelegt ist, dass im Falle eines Recyclings die Steuer mehrfach fällig wird. Die Steuer wird fällig, wenn ein bestimmte Grenze gekreutzt wird. Nachdem das einmal geschehen ist, ändern sich die Bedingungen, das heisst man muss die Unterscheidung wiederholen, wenn man verstehen will, wie die Sache organisiert ist.
Ich habe damals versprochen, etwas über G. Spencer-Brown vorzutragen, weil ich mir die Geschichte etwas bewusster machen wollte, und genau dazu habe ich hier vorgetragen. In diesem Sinne verstehe ich meinen Beitrag als Dialog und nehme gerne in Kauf, dass Sie etwas verstanden haben, wenn ich auch nicht bis zur Geschichte von Heinz Businger vorstossen konnte. Nochmals herzlichen Dank.