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Etrit Hasler findet den Grundfehler der Olympischen Spiele
In den Tagen nach der Entscheidung des Bundesrats, eine Durchführung der Olympischen Winterspiele 2026 in Sion mit einer Milliarde Franken zu unterstützen, wurde den KritikerInnen schnell vorgeworfen, sie seien kleingeistig. Und ihre Einwände seien reine Reflexe gegen jede Form von Grossanlass und/oder gegen internationale Sportverbände.
Nun, ich gestehe offen: Ja, ich habe diesen Reflex. Dafür gibt es gute Gründe – und zwar auch fernab der realpolitischen Tatsache, dass Olympische Spiele ein Heidengeld kosten und dass die Einzigen, die ausserhalb der hermetisch geschlossenen Welt des Spitzensports damit Geld verdienen, ein paar Funktionäre und Luxushotels sind.
So schön die Grundidee der olympischen Bewegung auch klingt, wie sie einst Pierre de Coubertin formulierte und wie sie heute in der Olympischen Charta verbrieft ist: «den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern, die der Wahrung der Menschenwürde verpflichtet ist» – eine Idee, die in ihrem utopischen Optimismus schon fast nach Gene Roddenberrys Zukunftsvision in «Star Trek» tönt. Von Anbeginn an waren die modernen Olympischen Spiele vor allem ein weiterer Kampfplatz von Grossmachtgehabe und Propaganda. Paradebeispiel sind natürlich Hitlers Hausspiele von 1936 in München, die Leni Riefenstahl bildlich in Szene setzte. Doch politische Streitigkeiten gehören seit der Gründung dazu: Von den Spielen 1904 in St. Louis ist überliefert, dass sich der damalige US-Präsident Theodore Roosevelt höchstpersönlich mit Punktrichtern gestritten haben soll, weil er die Regelauslegungen als «zu britisch» empfand.
Seither gab es kaum eine Austragung ohne politische Scharmützel: 1956 boykottierten arabische Länder die Teilnahme, um gegen die israelische Invasion in Gaza und im Sinai zu protestieren, während westliche Länder (darunter auch die Schweiz) dasselbe taten als Zeichen gegen den sowjetischen Einmarsch in Ungarn. 1980 (Moskau) und 1984 (Los Angeles) boykottierten sich die Frontländer des Kalten Kriegs gegenseitig. Und die Propagandagebaren Chinas und Russlands bei ihren letzten Spielen sind uns noch in guter Erinnerung.
Es wäre zu kurz gegriffen, dies den SportfunktionärInnen anzukreiden, jenen Machtmenschen, denen es vor allem darum geht, sich zu bereichern, und die dabei selbst die grössten Verbrechen als Unfall der Geschichte ansehen – wie der ehemalige spanische IOK-Präsident Juan Antonio Samaranch, der noch lange nach dem Tod des Diktators General Franco sagen konnte: «Die Regierung von Francisco Franco bedeutete eine der längsten Perioden von Wohlstand und Frieden, die unser Land je erlebt hat.» Wer glaubt, solche Menschen könnten für Frieden stehen, kann gleich Joe Ackermann mit der Überwindung des Kapitalismus beauftragen.
Wie die Toleranz der Mitgliederverbände des IOK konkret aussieht, zeigte sich vor kurzem an den Judomeisterschaften in Abu Dhabi, als der Israeli Tal Flicker die Goldmedaille erhielt – und die Veranstalter aus Protest anstelle seiner Nationalhymne die Hymne des Judoverbands IJF ablaufen liessen. Flicker liess sich davon nicht stören und sang die Melodie einfach selbst. Peinlicher war jedoch die Reaktion des Verbands: Dieser geisselte zwar die Veranstalter für ihr Verhalten, unterliess aber auf seiner eigenen Website ebenfalls bei allen israelischen TeilnehmerInnen den Hinweis auf ihre Nation.
Vielleicht ist einfach die olympische Grundidee verkehrt: Wenn Nationen statt Menschen gegeneinander antreten, liegen Krieg und Macht viel näher als Frieden und Menschlichkeit. Kein Wunder – Coubertins Idee für die Spiele entsprang nicht zuerst einem pazifistischen Ideal, wie gern betont wird, sondern dem Glauben, dass die mangelnde sportliche Grundertüchtigung für die Niederlage Frankreichs 1871 verantwortlich war.
Etrit Hasler ist Slampoet und als solcher Teil einer Bewegung, die sich um Landesgrenzen foutiert. Wer sich ansehen möchte, wie das funktioniert, soll im November 2018 die deutschsprachigen Meisterschaften in Zürich besuchen: www.slam2018.ch.