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Ottilia Giacometti? Der Familienname ist in der Kunstwelt ein Begriff, allerdings ausschliesslich auf die männlichen Vertreter bezogen. Ottilia war das Modell, das von Vater Giovanni und Bruder Alberto Giacometti in unzähligen Bildern, Zeichnungen und Skizzenblättern porträtiert wurde. Und der deshalb bis zum 3. Mai eine kleine, feine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus gewidmet ist.
Liebe. Dieser Begriff umfasst alles, was in dieser chronologisch geordneten Ausstellung zu sehen ist. Da ist das an mittelalterliche Madonnendarstellungen erinnernde Gemälde «Die Mutter», das Giovanni Giacomettis Frau Annetta mit der kleinen Tochter Ottilia im Arm und deren älteren Brüdern Alberto und Diego am unteren Bildrand zeigt. Da sind die ruhigen, nachdenklich bis verträumten Porträts des Mädchens, die etwas vom Stolz zurückzustrahlen scheinen, den der Vater beim Anblick seiner kleinen Tochter empfunden haben muss.
Im Stile mittelalterlicher Madonnenbilder gehalten ist Giovanni Giacomettis «La madre» (1905) (Alle Bilder zur Verfügung gestellt vom Kunsthaus Zürich)
Wunderschön ist die Zeichnung des mit grossen, fragenden Augen in die Welt blickenden etwa sechsjährigen Kindes. Und interessant die Entwicklung des «Schneewittchen», im Stile alter Meister und des im gleichen Zeitraum im divisionistischer Manier gemalten kleinen Irrwisch. Letzteres Bild zeigt Ottilia lachend, während die anderen Porträts, auch die, die ihr Bruder Alberto später von ihr malte, immer die nachdenkliche, ernste Seite des Mädchens und später der jungen Frau zeigen.
Ottilia wurde 1904 als drittes Kind von Giovanni und Annetta geboren. Sie hatte drei Brüder: Alberto, der Älteste, geboren 1901, Diego, Jahrgang 1902 und Bruno, der 1907 zur Welt kam. Die Familie wohnte in Stampa im Bergell und in Maloja, wo Annetta ein Haus erben konnte. Es muss eine Jugend voller Liebe gewesen sein. Giovanni malte seine Familie, seine Kinder, gerne und oft und das Bild «Die Lampe» (im Besitz des Kunsthauses) zeigt diese Idylle exemplarisch auf.
In diesem Umfeld konnte sich auch das Talent von Alberto von klein auf entfalten. Gefördert von seinem Vater, porträtierte bald auch er seine Geschwister, was diese gar nicht geschätzt haben sollen. Denn bei Alberto hiess es still sitzen, er duldete keine Ablenkung. Auch Diego schlug eine künstlerische Laufbahn ein, während Bruno, der jüngste, Architekt wurde. Ottilia hingegen wurde in Internat und höherer Töchterschule zur künftigen Frau und Mutter erzogen. Sie soll eine geschickte Weberin gewesen sein, spielte Klavier und ging ansonsten der Mutter im Haushalt zur Hand.
Sie war bereits Ende 20, als sie den Genfer Arzt Francis Berthoud kennen lernte und ihm als seine Ehefrau nach Genf folgte. Und dann begann die dunkle Zeit der Familiengeschichte: 1933 starb Vater Giovanni und am 10. Oktober 1937 seine Tochter Ottilia nach der Geburt ihres ersten Kindes.
Es war eine Zäsur, die auch in der Ausstellung deutlich wird: Hier die zahlreichen Porträts des kleinen Mädchens und der jungen Frau mit dem etwas herben Gesicht. Gesehen durch die liebenden Augen des Vaters und des Bruders Alberto. Und dann, im zweiten Raum, der Abschied. Als würde er seine Schatten vorauswerfen, malte Alberto seine Schwester 1935 mit akzentuierten, schwarzen Linien, die sich wie ein Netz über ihre stillen Zügen legen.
Sehr berührend sind die Zeichnungen, die Alberto von seiner Schwester auf dem Totenbett machte und die Skizzen von seinem neugeborenen Neffen Silvio.
Sehr berührend dann die Zeichnungen von Ottilia auf dem Totenbett und gleich daneben die zärtlichen Skizzen von ihrem kleinen Jungen Silvio, der seine Mutter nie kennenlernen wird. Alberto versuchte mit diesen Bildern wohl, mit seiner Trauer umzugehen und seine Schwester noch etwas festzuhalten. Er arbeitete auch an einer Skulptur, einer Porträtbüste seiner Schwester, was allerdings nicht recht gelingen wollte. Zu gross war der Schmerz. So wurde zuletzt nur ein wenige Zentimeter grosses Figürchen daraus – es scheint, als sehe er seine verstorbene Schwester nur noch von ferne. Diese drastische Verkleinerung war der Beginn einer neuen Schaffensphase, die bis in die Nachkriegszeit dauerte.
Drei ab 1943 im selben Stil geschaffene Skulpturen seines Neffen Silvio verkörpern diese fast obsessive Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Im Gegensatz zur winzigen Büste seiner Schwester stehen die Figürchen des Silvio aber auf markanten Quadern – sie haben Bodenhaftung, Erdenschwere.
1935 malte Alberto Giacometti Ottilia mit harten schwarzen Linien im Gesicht.
Die Ausstellung, exklusiv in Zürich und wohl auch einzigartig in ihrer Vielfalt mit rund 80, zum Teil noch nie ausgestellten Exponaten, wartet zum Schluss des Rundgangs mit einer Überraschung auf: Auf zwei Monitoren werden Zusammenschnitte alter, noch nie öffentlich gezeigter Filmdokumente aus dem Besitz der Familie Giacometti präsentiert.
Kuratiert wird die Werkschau, die für einmal nicht Kunstschaffenden, sondern deren Tochter und Schwester gewidmet ist, vom Kunsthistoriker und fundierten Kenner des Werk Alberto Giacomettis Casimiro Di Crescenzo. Zur Ausstellung wird ein Katalog herausgegeben, der im Kunsthaus-Shop erhältlich ist.
Die Ausstellung «Ottilia Giacometti – Ein Porträt» dauert bin zum 3. Mai. Sie gehört mit Olafur Eliassons «Symbiotic seeing» und «Die Poesie der Linie» mit italienischen Meisterzeichnungen zu den drei Ausstellungen, die zur Zeit im Kunsthaus Zürich zu sehen sind.