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Welches das erste Wort unserer Kinder gewesen sei, will ein Freund wissen, der ein Buch über Anfänge schreibt. «… sssss», denke ich sogleich, frage zur Sicherheit aber noch meine Frau im Büro, et voilà, sie mailt das Gleiche zurück: «Heiss» war das erste Wort unserer Kinder, anfänglich nur als gelispeltes «… sssss» zu vernehmen, allmählich dann verständlich, «… ’eisss». Vermutlich war dies ja nicht das erste Wort, das sie artikulieren wollten, sondern lediglich das erste, das wir verstanden. Fürs muntere, aber unverständliche Gebrabbel von Babys hielt unsere irische Nachbarin damals einen wunderbaren Ausdruck bereit: «Talking to the angels», nannte sie es – mit Engeln reden.
Heiss! Offenbar wiederholten Anna Luna und Hans damit unsere Warnung, dem Gasherd nicht zu nahe zu kommen; unsere Warnung bei Tisch, wenn sie eine Schüssel mit heissen Speisen berühren oder von etwas kosten wollten, das grad aus der Pfanne kam; in der Wanne, wenn wir heisses Wasser einliessen … «Achtung, heiss!», sagten wir offenbar so eindringlich, dass es zu ihrem ersten Wort wurde. (Wobei ich eher behaupte, Hans’ erste erkennbare Laute hätten seiner Schwester gegolten: «An-na-naa», habe er sie gerufen. Dann habe er «Nei!» und dann erst «… ’eissss» gesagt. Meine Frau erinnert sich anders. Seis drum.) Und was es zu bedeuten hat, wenn das erste Wort aus Kindermund ein zurückhaltendes, ja ängstliches ist, wird unser gescheiter Freund in seinem Buch ergründen. Vielleicht zeugt es ja von frühkindlichem Verantwortungssinn, die Gefahr – «… sssss!» – zu erkennen. Oder, wer weiss, sie mochten einfach den Klang. Jedenfalls ist das kleine Mädchen, das einst bei jeder Gelegenheit respektvoll «… ’eisss!» ssssäuselte, zu einer wagemutigen Jugendlichen herangewachsen, die sich nicht fürchtet und mit fünfzehn hinausgegangen ist in die Welt.
«Eine aufgestellte und lebenshungrige, engagierte junge Frau, die sehr wohl und heftig zu Hause fehlt. Nur die offenen Schränke in Badezimmer und Küche, die fehlen uns nicht. Und dass alles rumliegt, wenn sie, Chaotin vom Feinsten, einen Raum verlassen hat, das fehlt uns auch nicht. Sie als humorvolle und lebendige junge Frau aber sehr!» Nein, diese Zeilen stammen nicht von mir. Auch wenn ich sie unterschreiben könnte. Liselotte aus Oftringen beschreibt so die Zeit, da ihre Tochter für ein Jahr in Kanada weilte. Ich lasse mich trösten von Eltern, deren Kinder mal im Austausch waren, bin mit Mitleidenden in Kontakt und weiss zum Beispiel, dass eine Michelle aus Othmarsingen am 21. Juni heimkommt.
Heute kommuniziert Anna Luna übrigens wieder ähnlich fragmentarisch wie als Kleinkind. Und sogar ich, durchaus bemüht, die Codes der Jugendlichen zu kennen, habe zuweilen Mühe, ihre mit «J» und «<3» gespickten Nachrichten zu entziffern. Aber natürlich freue ich mich über jeden Schnappschuss, jede Message, die sie sendet, und schicke viele «J» und «<3» zurück. Und seit sie uns via Skype gestanden hat, sie wünschte, ihr Aufenthalt in Kentucky dauerte noch eeewig, versuche ich mit Bildern unserer Mahlzeiten ihr Heimweh zu wecken. Denn sie hat auch ein wenig über die Monotonie der Küche geklagt, besonders über die HighschoolKantine. Dass eine frisch zubereitete Rhabarbercrème sie gluschtig macht, ist ja klar. Aber vorgestern schickte ich ihr das Föteli einer Blechrösti, garniert mit Fenchel, Lauch und Peperoni, die sie nicht besonders mag. «Mmmmmh!», schrieb sie zurück, und seither steigt meine Hoffnung, dass Anna Luna nicht einfach nur zurückkommen, sondern gern zurückkommen wird.
ANNA LUNA GOES WEST
Bänz Friedlis Tochter Anna Luna berichtet während ihres Austauschsemesters in den USA, wie es ihr ergeht. Ihr Bruder Hans antwortet aus Schweizer Sicht. Lesen Sie aktuell, wie Anna Luna sich für den Highschool-Ball herausgeputzt hat.
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Autor: Bänz Friedli
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