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Marianne Zelger-Vogt, Neue Zürcher Zeitung (21.03.2006)
«La Favorite» von Gaetano Donizetti im Zürcher Opernhaus
Es hat durchaus gute Gründe gegeben, «La Favorite» in den Spielplan des Opernhauses aufzunehmen: Das einst erfolgreiche Werk ist in Zürich seit 1904/05 nicht mehr aufgeführt worden, es zeigt als erste original französische Oper des italienischen Belcanto-Komponisten einen anderen Donizetti als den der populären Repertoire-Stücke «Lucia di Lammermoor», «L'Elisir d'amore» oder «Don Pasquale» und vor allem: Für die Titelrolle steht Vesselina Kasarova zur Verfügung. Doch all dies scheint nicht genügt zu haben, auch den Regisseur Philippe Sireuil von «La Favorite» zu überzeugen.
Handlung mit Fallstricken
Zugegeben: Die Handlung ist auch nach Opern- Massstäben gemessen reichlich abstrus. Der Novize Fernand verliebt sich in eine unbekannte Schönheit, die er berührt hat, als er ihr das Weihwasser reichte. Er verlässt das Kloster und wird von der Unbekannten täglich mit verbundenen Augen auf eine Liebesinsel gebracht. Doch seinen Heiratsantrag lehnt sie ab, stattdessen soll er als Krieger Ehre und Ruhm erwerben. Tatsächlich verhilft er dem kastilischen König Alphonse zum Sieg über die Mauren und wird dafür mit der Hand der Geliebten belohnt. Doch was er zunächst als höchstes Glück empfindet, erweist sich als schändlicher Hohn. Die Geliebte ist die Favoritin des Königs, der sich mit der verordneten Eheschliessung nicht nur für ihre Untreue rächt, sondern auch das Gebot der Kirche erfüllt. Und da Léonor - so heisst die königliche Mätresse - den Geliebten nicht rechtzeitig über ihre Identität aufklären kann, steht sie als Verräterin da. Fernand kehrt ins Kloster zurück, wo ihn die Verlassene aufsucht, um in seinen Armen zu sterben.
Sireuil versucht sich aus der Affäre zu ziehen, indem er das Geschehen als Traum Fernands anlegt - ein längst abgenutzter, nur selten tauglicher Trick. Sinnvoll erscheint diese Lesart einzig in der wirklich traumhaft surrealen Szene auf der Liebesinsel, einem wonnevoll klingenden Kythera. Doch für den Rest bleibt die Traum-Dramaturgie eine Hilfskonstruktion, errichtet auf einem Darsteller, der zwar die schwierige Partie des Fernand technisch sicher, ja elegant meistert und mit viel tenoralem Schmelz ausstattet, die Figur aber keine Sekunde lang zum Leben erweckt: Fabio Sartori.
Fehlende Kohärenz
So gelingt der Inszenierung, was die komplexe Entstehungsgeschichte der aus drei verschiedenen Werken («L'Ange de Nisida», «Adelaide» und «Le Duc d'Alba») entstandenen «Favorite» nicht vermocht hat, die Handlung in lauter Fragmente zerfallen zu lassen. Mitverantwortlich ist dafür der Bühnenbildner Vincent Lemaire, der eigentlich keine Bilder, sondern nur einen Raum mit spiegelnden schwarzen, runden Wänden entworfen hat. Architekturteile deuten die Schauplätze lediglich an. Ein breiter Spitzbogen steht für die Liebesinsel, wo das Ballett auf quadratischem Schachbrettboden eine vage auf die Handlung bezogene, vor allem aber aus konvulsivischen Bewegungen bestehende Einlage gibt (Choreographie: Avi Kaiser). Die Hochzeit von Fernand und Léonor findet in einer Art Arena statt - bei der Verhöhnung des Helden durch die Höflinge schiesst rings um ihn ein Kranz von Bandarillas aus dem Boden -, und das Kloster wird durch ein Portal markiert. Spanische Akzente setzen Jorge Jaras Kostüme.
Daneben gibt es eine Vielzahl von Requisiten, als auffälligstes - quasi leitmotivisch - ein goldenes Schiff in Walfischform, bald gross, bald spielzeughaft klein, das einen wenig sinnfälligen Bezug zur Jonas-Sage herstellen soll. Dazu passend schweben die von Jaël Azzarettis stimmschöner Inès angeführten Hofdamen zu Beginn des zweiten Bildes Blätter streuend auf einem Segel vom Bühnenhimmel. Als das allein über die Bühne gleitende Schiffchen zum Zeichen der verlorenen Hoffnung schliesslich verbrennt, kommt es wenigstens zu einem nachhaltigen Lacherfolg.
Da hilft auch alle Energie des Dirigenten Mark Minkowski nichts, der «La Favorite» ganz zur Grand Opéra macht, mit Betonung einerseits des düster-weihevollen Charakters der Rahmenakte, anderseits der Brillanz der Szenen am Hof. Zu Höchstleistungen bringt er das Orchester in dem mit raffinierten Instrumentaleffekten aufwartenden Zwischenspiel zwischen dem ersten und dem zweiten Akt. Insgesamt verleitet ihn sein Temperament jedoch oft zu klanglicher Massierung, und die Feinabstimmung zwischen Orchester und Bühne lässt manchmal zu wünschen übrig. Davon ist vor allem Roberto Servile betroffen, der mit seinem verquollenen, ungenügend fokussierten Bariton für die Liebe und den Zorn des betrogenen, vom Prior Balthazar (dem stimmlich imposanten, makellosen Carlo Colombara) mit dem Kirchenbann belegten Königs Alphonse nur eine Klangfarbe einzusetzen hat.
Brillante Protagonistin
So steht denn Vesselina Kasarovas Léonor zunehmend isoliert in einem Geschehen, das sich eigentlich in einer klassischen Dreieckskonstellation entwickeln müsste. Aber was sie stimmlich und darstellerisch leistet, reicht aus, die Aufführung über alle Längen und szenischen Peinlichkeiten hinwegzutragen. Da ist die dunkle, geheimnisvolle Tiefe, welche die tragischen Züge der in ihrer Hoffnung auf die Hand des Königs Getäuschten offenbart. Die Höhe dagegen erstrahlt in verführerischem Glanz und üppiger Fülle. Und dazwischen gibt es all die subtilen Zwischentöne, Farbschattierungen und zart schwebenden Piani, welche für den schillernden Charakter der edlen Mätresse wie für die immer neu faszinierende Kunst dieser Sängerin stehen. - Von allen Argumenten zugunsten einer Wiederaufführung von Donizettis «Favorite» hat letztlich nur eines Bestand, dieses jedoch unanfechtbar: Vesselina Kasarova.