Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/2587

Der Himmel ist leer?
In der Aprilausgabe hat sich „Der Spiegel“ in einer Titelstory dem christlichen Glauben gewidmet. „Nur“ noch 75% der Katholikinnen und Katholiken und 67% der Protestanten und Protestantinnen in Deutschland glauben an einen Gott. Bei den Konfessionslosen sind es 20%. Das sind exakt gleich viele, wie diejenigen die an Wunder glauben. Von denen, die an Gott glauben, glauben 61% der katholischen und 58% der protestantischen Christen an die Auferstehung Jesu und stolze 77% bzw. 72% glauben an den dreifaltigen Gott. Die Hälfte alle katholischen, 40 % aller protestantischen Christen und Christinnen und 25% aller Konfessionslosen glauben an ein Leben nach dem Tod.
Das ist erstaunlich.
Der viel zitierte Engelsglaube schafft es dagegen „nur“ auf 48 bzw. 43% bei den Christinnen und Christen und 26% bei den Konfessionslosen. (Besonders spannend wäre zu erfahren, was sich jemand denkt, der an Engel, ein Leben nach dem Tod aber nicht an Gott glaubt. Oder welches Gottesbild sich mit einem Gottesglauben ohne Glaube an ein Leben nach dem Tod verbindet.)
Was hätten Sie geantwortet?
Ich zögere. An Gott, das Jenseits oder an Engel glauben, wie ich „glaube“, dass es im Kühlschrank noch Milch hat, es morgen nicht regnet oder der Zug pünktlich abfährt, kann ich nicht. Gott, das Jenseits oder Engel sind für mich unwahrscheinlich, in dem Sinn, dass sie mit Wahrscheinlichkeit nichts zu tun haben.
Wenn man mich aber fragte, ob ich hoffe, dass da ein Gott ist, ein Leben nach dem Tod oder Engel, die uns im Alltag zeigen, wofür wir ohne sie blind bleiben und all das in Kreuz und Auferstehung wunderbar ausgedrückt finde, dann würde ich freudig bejahen! Und wenn man mich fragt, ob ich das alles spüre, fühle, hoffen kann? Dann wäre es sehr situationsabhängig: Am Grab eines geliebten Menschen fühle ich es, wenn ich meinen Kindern einen Kuss auf die Stirn gebe und sage „Bhüet di Gott“, dann hoffe ich es, wenn ich Angst habe und bete, dann spüre ich es. Aber nicht immer.
Man kann diese Zahlen unterschiedlich deuten.
Man kann behaupten, dass der Glaube kleiner geworden ist. Oder man kann sagen, dass sich der Glaube verändert hat, weniger gegenständlich geworden ist. Man wird dann entweder die Kirche bedauern, weil selbst ihre Mitglieder den Glauben verloren haben oder sie bewundern, als Versammlung reflektierter, problembewusster Mitmenschen.
An Gott glauben, bedeutet etwas anderes, als zu glauben, dass man im Intercity einen freien Sitzplatz bekommt. An Gott glauben, meint eine Blickrichtung, eine Perspektive auf das Leben, die Mitmenschen, die Umwelt und sich selbst. Im Hebräerbrief wird es so beschrieben:
„Es ist aber der Glaube eine feste Zuversicht dessen, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht.“ (Hebräer 11,1)
Glauben heisst also, aus Hoffnung leben, die am Sichtbaren nicht zerbricht. Und das ist immer nur Gnade. Und wenn mehr als die Hälfte aller Menschen in Deutschland diese Gnade widerfährt, sie aus Zuversicht und nicht aus Angst leben, dann darf man hoffen.