Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03565.jsonl.gz/2698

«Ich mag Überraschungen», sagt Linda Thöny und denkt dabei an ihr Studium zurück. «Was wir in einem Ferienkurs in Meeresbiologie mit Netzen aus den Tiefen des Ozeans raufholten, das waren wunderschöne Überraschungen.» Ähnliche Emotionen hätte sie im Labor gespürt: «Wenn Du wartest, lange nichts siehst und in der Dunkelkammer dann plötzlich etwas erkennst … und dann auch begreifst, was das Gesehene bedeutet – das ist für mich überwältigend.» Solche Momente waren ein Grund, weshalb Thöny sich für die Mikrobiologie entschieden hat. Nach dem Diplom promovierte sie am Institut für Mikrobiologie an der ETH bei Professor Hauke Hennecke mit einer Arbeit über ein neu entdecktes Atmungsenzym. Einer Weiterbildung in Australien folgte schon bald ein zweiter, längerer Aufenthalt an der renommierten amerikanischen Stanford University School of Medicine.
Von der Mikrobiologie in der Schweiz zu den Myxobakterien in den USA
Beim Pionier der Myxobakterien, Dale Kaiser, lernte sie viel Neues über Entwicklungsbiologie. «In meinen Studien beschäftigte ich mich mit dem kommunikativen Verhalten dieser Lebewesen, welche im Übergang von ein- zu mehrzelliger Lebensweise stehen, und studierte, wie Myxobakterien zusammen auf ihre Umwelt reagieren.» Myxobakterien sind unter anderem deshalb so interessant, weil sie medizinisch und industriell nutzbare chemische Stoffe produzieren, die als Antibiotika oder in der Krebsbekämpfung verwendet werden können.
1992 kehrte Linda Thöny als Oberassistentin ans Institut für Mikrobiologie der ETH zurück und habilitierte fünf Jahre später zum Thema «Biogenese von Atmungsketten-Proteinen in Bakterien». Zwei Jahre später trat sie eine Assistenzprofessur an der ETH an, fand Befriedigung in der Forschungsarbeit mit ihrem Team und hatte Spass an den Führungsaufgaben. Allein – eine feste Anstellung war immer noch nicht in Aussicht. Doch als sie 2004 der Ruf einer renommierten amerikanischen Universität ereilte, zögerte sie: «Nochmals eine befristete Anstellung, weit weg von Familie und Freunden – das war keine Perspektive mehr.» Trotz all der Vorteile eines amerikanischen Universitätslebens, mit Experimenten rund um die Uhr dank flexiblen Laboröffnungszeiten und trotz anregenden Umständen, die sie Eigenständigkeit und Durchsetzungsvermögen gelehrt hatten, entschied sie sich gegen eine Professur an der Pennsylvania State University.
Ein radikaler Schnitt und zwei Neuanfänge
Überrascht stellte Thöny fest, dass beruflich noch eine ganz andere Herausforderung auf sie wartete. Sie entdeckte das Stelleninserat eines Patentanwaltbüros, das ihr plötzlich Türen zu einer neuen Welt und einem sicheren Job öffnete. Mit einem Nachdiplomstudium der Université de Strasbourg liess sie sich zur Patentanwältin ausbilden. «Ich habe damals meine Forschungsarbeit regelrecht beerdigt, meine Unterlagen verschenkt – sogar an die Konkurrenz. Es war wirklich ein radikaler Schnitt.» – Wenn da nur nicht wieder ein Stelleninserat gewesen wäre, mit einer neuerlichen Überraschung.