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Dominique Gisin - das Märchen, das Realität wurde
- Mittwoch, 12. Februar 2014, 16:06 Uhr
Es war einmal vor langer Zeit. So beginnt jedes gute Märchen. Genau der richtige Anfang also für die sportliche Geschichte von Dominique Gisin.
Es war einmal vor langer Zeit, im Spätsommer 2005. Da sass eine junge Frau in der Mittelstation der Bergbahnen in Saas Fee auf dem Geländer und wartete. Es blies stürmischer Wind, die Bahn stand still. Kein Skitraining war möglich.
Sieg in Österreich vor den Arrivierten
Die junge Frau wartete also und begann zu erzählen: Wie schön es gewesen sei, im Frühling an den österreichischen Juniorenmeisterschaften die Abfahrt zu gewinnen. Vor den damals schon renommierten Hosp, Görgl und Fischbacher.
Sie erzählte, wie sie im Januar davor in einem FIS-Rennen ihre allererste Abfahrt bestritten hatte, als Zweitletzte mit der Startnummer 72 ins Rennen gegangen und Zehnte geworden war. Und zwar, nachdem sie allen Teamkolleginnen oben am Start die Jacken abgenommen und die Schuhe geputzt hatte. Talent hatte Dominique immer. Riesiges Talent.
Mit zwanzig schon 3 Kreuzbandrisse
Gisin war damals zwanzig. Hatte die ersten drei Kreuzbandrisse schon hinter sich und stieg deshalb eher spät in den Weltcup ein. Im Dezember 2005 wurde Gisin nach Lake Louise aufgeboten und fuhr bei ihrem allerersten Weltcuptraining die Bestzeit. Drei Tage später verletzte sie sich während des Rennens am Knie. Und als wäre es die Überschrift zu ihrer späteren Karriere, erlebte sie schon während ihres ersten Weltcup-Einsatzes das ganze emotionale Pendel, das sie in den kommenden Jahren begleiten sollte.
Das Zeug zur Kampfjet-Pilotin oder Physikerin
Dabei hätte sie Alternativen gehabt. Gisin stand vor der letzten Selektionshürde der Schweizerischen Luftwaffe. Sie war kurz davor und hatte realistische Chancen, erste Schweizer Kampfjet-Pilotin zu werden.
Sie hat ausserdem die Aufnahmeprüfung zum Medizinstudium einst mit glänzenden Noten bestanden und begann später ein Physikstudium. Aber all diese Alternativen waren nicht verlockend genug. Auch nicht, als sie sich 2007 wieder am Knie verletzte, zwei Jahre später noch einmal, und dann noch einmal und noch einmal.
Aber immer, wenn sie eine Weile gesund war, schlug sie zu, holte sich im Wechsel mit all den Rückschlägen drei Weltcupsiege und vier weitere Podestplätze. Ergebnisse, die sie, trotz allem, in ihrer Leidenschaft für den Skirennsport bestärkten. Wobei das Wort «Leiden» hier vielleicht unterstrichen werden müsste.
Gedanken ans Aufgeben
In der Olympiaabfahrt 2010 stürzte sie beim Zielsprung schwer. Gehirnerschütterung, Prellungen und ein ganz, ganz tiefer Frust, der Dominique Gisin nah ans Aufhören brachte. Sie dachte daran, die Saison zu beenden. Hätte sie das getan, wäre sie vielleicht nicht zurückgekehrt.
Aber noch einmal war das Herz für den Skirennsport stärker, Gisin ging drei Wochen später in Crans Montana an den Start, war in der Abfahrt chancenlos, und dann kam der Super-G. Es mag esoterisch klingen, aber es schien damals, als würde das Schicksal der so oft Gepeinigten sagen: Gib nicht auf, ich habe noch was für dich. Zunächst den sensationellen Sieg in diesem Super-G, und dann, irgend einmal, noch was Grosses.
Aussergewöhnlicher Mensch, aussergewöhnliche Siegerin
Gisin steckte 2012 eine weitere Knieverletzung weg. Steckte den kapitalen Sturz in der WM-Abfahrt 2013 weg. Und wenn sie bis dahin nicht gestorben waren, dann sind sie unsterblich, die Hoffnung, der Glaube, der Wille.
Das Talent - wie gesagt - hatte sie immer. Dass die anderen Faktoren überlebt haben, macht sie zu einem aussergewöhnlichen Menschen. Zu einer aussergewöhnlichen Siegerin. Macht ihre Geschichte zu einem Märchen.