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Besonderheit erfordert kreative Ansätze
Hochbegabte Kinder und Jugendliche weisen Besonderheiten auf, die ebenso problematisch wie vorteilhaft sein können. So können sich solche Kinder in Schule und Familie gut entwickeln.
Von Laurence Chappuis, publiziert im Psychoscope 4/2018
Ein typischer Tag im Leben der 13-jährigen Léa (Name geändert) sieht etwas anders aus als bei anderen Jugendlichen in ihrem Alter. In der Schule langweilt sie sich, was sich immer wieder daran zeigt, dass sie zeichnet oder den Unterricht stört. Sie schreibt hervorragende Noten, obwohl sie höchstens 15 Minuten pro Tag in ihre Schulbücher schaut. Die Schule interessiert sie überhaupt nicht, und häufig hat sie so starke Bauchschmerzen, dass sie nicht hingehen kann. Auch von ihren Freundinnen fühlt sie sich häufig nicht verstanden, denn die meisten Jugendlichen in ihrem Alter interessieren sich zum Beispiel nicht so stark für Kunst wie Léa. Abends kann sie trotz Müdigkeit nicht schlafen, weil ihr Gedanken und existenzielle Fragen durch den Kopf gehen.
Wenn Kinder hochbegabt sind, kann es durchaus sein, dass dies sich nicht gross äussert und im täglichen Leben als positiv erlebt wird. Aber in manchen Fällen treten Probleme oder sogar psychische Störungen auf. Bei hochbegabten Jugendlichen sind dies oft Angststörungen, Depressionen, Zwangs- oder Essstörungen, Lernstörungen wie die Lese- und Rechtschreibstörung, Dyspraxie, Dysphasie, Dyskalkulie sowie Aufmerksamkeitsstörungen mit oder ohne Hyperaktivität. Daher ist es bei hochbegabten Kindern sehr wichtig, eine umfassende psychologische Untersuchung vorzunehmen.
Das Bedürfnis, verstehen zu wollen
Hochbegabung ist als von der Mehrheit abweichende Funktionsweise definiert und wird an einem Intelligenzquotienten von mindestens 130 festgemacht, also einer sehr weit über der Norm liegenden Intelligenz. Dies geht insbesondere mit sehr schnellem Denken einher, da die Informationen schnell innerhalb und zwischen den beiden Gehirnhälften übertragen werden. Dies wurde vom Dozenten und Neurowissenschaftler Dominique Sappey-Marinier und der Doktorin in Psychologie Fanny Nusbaum in einer Studie nachgewiesen, die am Centre d'étude et de recherche multimodal et pluridisciplinaire en imagerie du vivant (CERMEP) der Universität Lyon durchgeführt wurde.
Zu den Besonderheiten dieser Kinder zählt beispielsweise das Bedürfnis, alles verstehen zu wollen und den Handlungen einen Sinn zu geben. Sie verfügen auch über viel Empathie und Intuition. Hochbegabte erleben die Welt oft sowohl in Bezug auf die Sinne als auch auf die Gefühle intensiver. Dies gilt für alle Lebensbereiche und kann Missverständnisse mit der Familie, den Freunden oder den Lehrpersonen sowie Probleme in der schulischen oder persönlichen Laufbahn mit sich bringen. Hochbegabte Kinder haben einen sehr stark ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit - ob sie nun selbst betroffen sind oder nicht. Es ist jedoch wichtig, die Hochbegabung nicht auf eine Hypersensibilität zu reduzieren. Etwa zwei Prozent der Bevölkerung sind hochbegabt, während laut den von der amerikanischen Psychotherapeutin und Forscherin Elaine Aron aufgestellten Zahlen 20 Prozent hypersensibel sind. Die derzeitige Mode, sich aufgrund von hoher Sensibilität die Selbstdiagnose "hochbegabt" zu geben, kann sich also als falsch erweisen und zur Verbreitung unwahrer Informationen beitragen.
Hochbegabung möglichst früh erkennen
Es ist wichtig, Hochbegabung so früh wie möglich zu erkennen. Denn es ist immer besser, praktische Lösungsmöglichkeiten geben zu können, bevor die Situation zu komplex wird. Wenn das Umfeld des betreffenden Kindes Anzeichen für Hochbegabung wahrnimmt (frühes Lesenlernen, sehr gutes Gedächtnis, Vorsprung beim Denken oder sehr stark ausgeprägte Sinne), empfiehlt es sich, eine umfassende Untersuchung bei einem auf Hochbegabung spezialisierten Psychologen respektive einer Psychologin durchzuführen.
Bestätigt sich die Hochbegabung, muss man dem Kind und seinem Umfeld unbedingt erläutern, was Hochbegabung bedeutet, wie sie sich beim Kind auswirkt und was getan werden kann, damit das Kind seine Besonderheit in seiner Entwicklung als positiv erlebt. Dies ist ein ganz entscheidender Schritt, der häufig Erleichterung bringen kann. Das Untersuchungsergebnis wird zunächst den Eltern und dem Kind mitgeteilt. Weiter wird, wenn die Eltern einverstanden sind, Kontakt zur Schule aufgenommen, um die Lehrkräfte zu informieren und zu unterstützen.
In der Schule ist es wichtig, dass sich das Kind nicht langweilt, sondern interessante und abwechslungsreiche Aufgaben bekommt, damit es sich am Unterricht beteiligt. Anhaltende Langeweile kann dazu führen, dass das Kind depressiv wird und sich nicht mehr für die Schule interessiert. In manchen Fällen kann dies bis zu Schulphobie führen. Um dies zu vermeiden, können die Lehrkräfte anregen, ein Tagebuch zu führen, ein Referat zu halten, sich Sudokus oder Kreuzworträtsel auszudenken. Es ist wichtig, gemeinsam mit dem Kind dessen Interessen zu ermitteln und darüber nachzudenken, mit welchen Aktivitäten die Lernziele erreicht, gleichzeitig aber auch die Bedürfnisse des Kindes erfüllt werden können.
Hochbegabte Kinder können ihre Zeit auch nutzen, um ihren Klassenkameradinnen und Klassenkameraden zu helfen. Dies erlaubt ihnen eine Reflexion darüber, wie der Stoff erklärt werden kann, den sie häufig intuitiv verstehen. Dies hat zwei Vorteile. Dem Kind, das Probleme beim Lernen hat, wird eine zweite und andere Erklärung geboten, und das hochbegabte Kind muss seine Überlegung erläutern. Es ist auch notwendig, die hochbegabten Kinder und Jugendlichen mit Schwierigkeiten zu konfrontieren, damit sie lernen zu arbeiten. Aus diesem Grund wird häufig empfohlen, eine Klasse zu überspringen. Hierfür ist aber ein ausreichender intellektueller Vorsprung notwendig. Darüber hinaus muss das Kind emotional weit genug entwickelt sein und alle Beteiligten müssen dieses Vorgehen unterstützen. In manchen Schulen gibt es Gruppen für Hochbegabte, in denen ein gemeinsames Projekt realisiert oder unter Berücksichtigung ihrer Besonderheiten gearbeitet wird. Diese Gruppen werden von den Kindern und Jugendlichen als Möglichkeit empfunden, "Luft zu schnappen".
In der Familie ist eine konsequente und wohlwollende Erziehung gefragt. Hochbegabte Kinder brauchen klare, präzise und gerechte Grenzen. Ungerechtigkeiten können solche Kinder sehr wütend machen, was für Eltern schwierig sein kann. Daher ist es notwendig, etwas Abstand einzunehmen und noch einmal mit dem Kind zu sprechen. Das Kind lernt dadurch loszulassen und flexibler zu werden. Die dem hochbegabten Kind gegenüber angewendeten Erziehungsregeln müssen logisch sein, klar erklärt werden und dürfen sich im Zeitverlauf nicht ändern. Hochbegabte Kinder erkennen eventuelle Systemfehler leichter und hinterfragen sie auch. Die Verhandlungsstärke dieser Kinder kann für die Eltern anstrengend sein. Je logischer und klarer die Regeln sind, desto eher ist es für die Eltern möglich, sich auf diese Regeln zu beziehen und die Diskussion damit zu beenden. Je nach Alter kann es manchmal auch interessant und wichtig sein, dass die Kinder oder Jugendlichen über die Regeln diskutieren und ihre Meinung dazu abgeben dürfen. Die Eltern müssen aber die Autoritätspersonen bleiben.
Mit Stärken die Schwächen ausgleichen
Die Vorteile der Hochbegabung können zum Ausgleich der Schwierigkeiten beitragen. Hochbegabte sind häufig kreativ und können in ihren Werken Gefühle und Wissen zum Ausdruck bringen. Diese Kreativität kann in der Schule und in der Freizeit gefördert werden und in die therapeutische Arbeit einfliessen. Der kreative Prozess ermöglicht es den Hochbegabten, sich besser kennenzulernen und zu verstehen und ihr Erleben anders auszudrücken. Da für die Hausaufgaben nur wenig Zeit aufgewendet werden muss, kann regelmässig Sport getrieben oder künstlerischen Aktivitäten nachgegangen werden. Auch in diesen Bereichen sind die hochbegabten Kinder und Jugendlichen häufig talentiert und können unter Umständen eine sportliche oder künstlerische Laufbahn ins Auge fassen. Ihr Enthusiasmus und Perfektionismus kann für die Hochbegabten vorteilhaft sein, jedoch auch symptomatisch werden, falls es der betreffenden Person nicht gelingt, Grenzen zu setzen. Wenn der Psychologe oder die Psychologin aufmerksam zuhört und das Kind unterstützt, können diese Probleme ins Positive umgekehrt werden.
Um Hochbegabte richtig zu begleiten, ist es wichtig, sie nicht zu beurteilen und aufmerksam zuzuhören, um ihr Erleben in seiner vollen Intensität zu verstehen. Es muss auch viel Wert auf Feingefühl und Kongruenz gelegt werden, da die Hochbegabten alles spüren, auch das, was man vor ihnen zu verbergen versucht. Mit hochbegabten Kindern wird häufig über die Schwierigkeit gesprochen, sich anders zu fühlen, nicht verstanden und von der Gruppe ausgegrenzt zu werden. Ein weiterer wichtiger Bestandteil der Therapie ist die Arbeit am Selbstwertgefühl und am Selbstvertrauen. Zudem müssen diesen Kindern und Jugendlichen Werkzeuge für den Umgang mit ihrer grossen Sensibilität gegeben werden. Den Kindern sollte es zudem ermöglicht werden, ihre Ziele tiefer anzusetzen und weniger perfektionistisch und kontrollierend zu werden. Häufig können Metaphern, Kartenspiele, Zeichnungen, Entspannungs- und Meditationstechniken für den therapeutischen Prozess förderlich sein. Es liegt an uns, kreativ und intellektuell anregend zu sein, damit die hochbegabten Kinder und Jugendlichen Lust haben, an sich selbst zu arbeiten und ihre persönlichen Stärken weiterzuentwickeln.
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