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17.06.2018 - Hanspeter Stalder
17.06.2018
Hanspeter Stalder
Italien im Widerstand
Mit dem Spielfilm-Dokument «Una questione privata» haben die Brüder Taviani den Partisanen des Faschismus ein Denkmal gesetzt und den Menschen im heutigen Italien einen Denkanstoss gegeben.
Milton ist ein junger Mann mit existenzialistischen Zügen, der raucht und schreibt und die englische Sprache leidenschaftlich pflegt. Er ist als Partisan in der piemontesischen Langhe unterwegs. Die bergige Landschaft ist vernebelt wie die Zeit, in der die Hauptgeschichte spielt. Es ist die Phase der zu Ende gehenden Faschistenherrschaft. Verschiedene Widerstandsgruppen kämpfen gegen die deutschen Truppen und die einheimischen Schwarzhemden. Alle haben den Überblick und Durchblick verloren, Splittergruppen hier und dort. Wenn sich der Nebel in der Landschaft mal kurz lichtet und Milton vor der alten Villa steht, in der er einst seine Angebetete getroffen hat, kann es sein, dass er der Haushälterin begegnet und Erinnerungen aus seiner Vergangenheit auftauchen können oder Faschisten vor ihm stehen und er schleunigst abhauen muss.
Mitten in dieser hoffnungsarmen Situation erinnert sich Milton an Fulvia, jene Frau, in die er sich verliebt hatte, von der er träumte, für die er dichtete, mit der er sich austauschte. Mit Fulvia war aber auch sein Freund Giorgio, der Schönling aus gehobenem Haus, liiert, mit ihm tanzte sie und war ihm auf andere Art nahe. Um dem Krieg zu entfliehen, reiste Fulvia in den Norden, während Milton und Giorgio sich je einer Partisanengruppe anschlossen und ihr junges Leben aufs Spiel setzten, um die Faschisten zu vertreiben und das Leben wieder lebenswert zu machen.
Milton, für den Nahkampf gerüstet
Zum Filmschaffen der Gebrüder Taviani. Von Walter Ruggle
«Filme machen heisst: Fragen beantworten, die sich jetzt stellen.»
Der Gedanke stammt von Vittorio Taviani, der zusammen mit seinem Bruder Paolo während mehr als sechzig Jahren Filme geschrieben und realisiert hat und im April 2018 in Rom verstorben ist. Auch das Drehbuch zum letzten Film, «Una questione privata», hatten die beiden gemeinsam verfasst. Dieser ist aber der erste Film, bei dem für die Regie im Vorspann nur der eine Name steht, und dennoch ist es unübersehbar ein Film der beiden. Man hat sich immer wieder gefragt, wie es möglich war, dass zwei Männer so lange zusammenarbeiten und insgesamt über zwanzig Filme inszenieren konnten. Die beiden schafften das. Sie wechselten sich an den Drehorten im eingespielten Rhythmus ab: Eine halbe Stunde der eine, dann, nahtlos ineinander übergehend, eine halbe Stunde der andere, auch wenn der eine gerade mitten in einer Szene steckte. Sie wussten, was sie wollten, und setzten es um, sie wählten den Stoff aus, schrieben das Buch, bestimmten die Musik, waren beim Bildschnitt und bei der Tonmischung dabei. Zwei für einen, oder in Vittorios Worten: «Wir haben unterschiedliche Charaktere, aber die gleiche Natur. Unsere Entscheidungen im Leben und in der Kunst sind die gleichen.»
Widerstand ist wieder gefragt
Wenn Paolo und Vittorio Taviani nun einen Film vorlegen, der in der Zeit der Resistenza in Italien angesiedelt ist und auf dem legendären Buch dazu beruht, dem 1963 posthum publizierten Roman «Una questione privata» von Beppe Fenoglio, dann auch, weil sie im gegenwärtigen Italien die Notwendigkeit des Widerstands wieder verspüren. «Der Antifaschismus ist zurück als ein Thema von grosser Aktualität», hat Paolo Taviani in einem Interview gesagt. Mein Bruder Vittorio und ich spüren die Dringlichkeit, von den Partisanen und vom Widerstand zu erzählen. Und wir haben es mit dem besten von allen gemacht: mit Beppe Fenoglio.» Der Blick zurück ist also auch ein Denkanstoss für die Gegenwart, die beiden Brüder waren und sind immer Künstler mit ausgeprägtem politischem Bewusstsein gewesen, die, und das passt bestens zu «Una questione privata», das Private mit dem Öffentlichen, dem Gemeinsamen, dem Gesellschaftlichen in Verbindung bringen konnten.
Fulvia, in die Sicherheit abgereist
Kino, um Sinn zu stiften
Das alles hat in der Jugend von Paolo und Vittorio seinen Anfang genommen. An einem Nachmittag gegen Kriegsende schwänzten die beiden ihre Schulstunden und gingen ins Kino. Im Programm stand «Paisà» von Roberto Rossellini, ein Schlüsselwerk des Neorealismo. Im halb leeren Saal wurde protestiert, Paolo erinnert sich: «Das Publikum akzeptierte nicht, was für uns beide ein Schock war: Auf der Leinwand wiederzufinden, wovor wir eben auf der Strasse knapp entkommen waren. Wir prügelten uns mit einigen Zuschauern, und unser Entschluss war gefallen: Wir hatten verstanden, was wir aus unserem Leben machen wollten: Kino.» Für die beiden war das Kino fortan «eine Art, alles Erlebte zu überdenken und zu beginnen, ihm einen Sinn für die Zukunft zu geben.» Der Neorealismo hat sie aufs Kino gebracht, aber gleichzeitig wollten sie den Realismo darin überwinden. Sie haben das geschafft, indem sie ihre Geschichten vom Dokumentierenden lösten und in einen Schwebezustand des Traumwandlerischen versetzten. Man muss von Vergangenem reden, um die Gegenwart besser zu sehen und zu begreifen. Vittorio sagte dazu: «Für uns ist ein Film gelungen, wenn der Zuschauer, die Zuschauerin aus dem Film kommt und einen eigenen daraus macht, darüber nachdenkt, um Fragen zu beantworten.»
Blicke zurück – und in die Gegenwart
«Der Antifaschismus ist zurück, als Thema grosser Aktualität», sagte Paolo Taviani, «jetzt spürten mein Bruder Vittorio und ich die Dringlichkeit, von den Partisanen und vom Widerstand zu erzählen.» Im aktuellen Kinoangebot drängt sich mir der Vergleich mit einem andern Film der letzten Zeit auf, mit «Transit» von Christian Petzold. Dieser holt einen Roman von Anna Seghers aus dem Jahr 1940 ins heutige Frankreich; jene blenden vom Heute ins Jahr 1943 und reagiert auf die aktuelle Situation in Italien. Beide Regisseure finden, dass ihre Geschichten heute aktuell und wichtig sind. Petzold vertieft sie in die allgemein menschliche, existenzielle Heimatlosigkeit; die Tavianis verpassen den heutigen Italienern einen Denkzettel.
Der Nebel und die Orientierungslosigkeit, womit der italiensiche Film beginnt und endet, steht für die undurchschaubare, vernebelte politische Unkultur im damaligen und im heutigen Italien. Milton und Giorgio kämpften als Patrioten gegen die Faschisten, waren aber gleichzeitig verbunden Fulvia. Mit «Una questione privata» haben Paolo und Vittorio Taviani keine Heldenverehrung der Resistenza betrieben und keinen leeren Action-Film abgespult, sondern aufgezeigt, dass es damals einen wirklichen Widerstand gegeben hat. Zwei Grosse des italienischen Films mahnen uns vor einer blinden Zukunft. Daneben möchte ich einen weiteren Film eines grossen Italieners steööem, nämlich Ermanno Olmis «Torneranno i prati». Ja, es gibt sie noch: die mahnenden, engagierten, weisen Alten.
Titelbild: Fulvia mit Giorgio und Milton (v. l.)
Regie: Paolo und Vittorio Taviani, Produktion: 2017, Länge: 85 min, Verleih: trigon-film