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Die Person Haggais
Über Haggai, den Propheten Gottes, wissen wir nur relativ wenig. Er wird in Esra 5,1 und Esra 6,14 erwähnt. Sein Name bedeutet: «Meine Feste», «festlich» oder «meine Festtagsfreude». Das lässt darauf schliessen, dass er möglicherweise an einem Festtag der Juden geboren worden war und seine Eltern ihm deshalb einen solchen Namen gegeben hatten. Wir dürfen weiter annehmen, dass seine Eltern gottesfürchtige Juden waren, die den Wunsch hatten, dass ihr Sohn zur Freude Gottes leben sollte. Das ist umso bemerkenswerter, weil die Eltern Haggais in einer schweren Zeit lebten, wo nur wenige im Volk sich um Gott und seine Interessen kümmerten. Haggai wurde entweder in der letzten Zeit der Könige von Juda oder aber bereits im babylonischen Exil geboren – jedenfalls zu einem Zeitpunkt, wo die Masse des Volkes sich weit von Gott entfernt hatte.
Einige Bibelausleger nehmen an, dass Haggai, als er von Gott berufen wurde, schon sehr alt war. In Kapitel 2,3 ist von solchen die Rede, die den Tempel Salomos noch gesehen hatten. Es ist durchaus möglich, dass Haggai dazu zählte, dies ist jedoch keineswegs sicher. Man darf allerdings zu Recht davon ausgehen, dass er älter war als der Prophet Sacharja, der seinen prophetischen Dienst unter dem Volk etwa zur gleichen Zeit begann.1
Die Weissagung Haggais fällt in das Jahr 520 v.Chr. Sein Dienst, so wie er uns in unserem Bibelbuch berichtet wird, erstreckt sich nur über einen Zeitraum von etwa 4 Monaten. Doch damit war seine Aufgabe nicht beendet. In Esra 6,14 lesen wir: «Die Ältesten der Juden bauten; und es gelang ihnen durch die Weissagung Haggais, des Propheten, und Sacharjas, des Sohnes Iddos; und sie bauten und vollendeten nach dem Befehl des Gottes Israels und nach dem Befehl Kores‘ und Darius‘ und Artasastas, des Königs von Persien.» Die Einweihung des Tempels fand im Jahr 516 v.Chr. statt, so dass der Dienst von Haggai zumindest bis zu diesem Zeitpunkt andauerte.
«Der Prophet Haggai» ist eines der kürzesten Bücher der Bibel. Sein inspirierter Schreiber zählt zu den weniger bekannten Persönlichkeiten des Alten Testaments. Sein Schreibstil ist relativ einfach. Und doch bekommt gerade dieser Prophet eine ganz besondere Auszeichnung. Er ist der einzige unter allen Propheten des Alten Testaments, der den Titel «Bote des HERRN» bekommt (Hag 1,13). Damit ist nicht gesagt, dass andere Diener nicht auch «Boten des HERRN» waren, aber nur Haggai wird ausdrücklich so genannt.2 Gott sieht nicht auf das, worauf die Menschen sehen, sondern Er sieht das Herz an. Das Herz Haggais muss so für seinen Herrn geschlagen haben, dass dieser ihm diesen Ehrentitel gab.
Die Aufgabe eines Propheten
Landläufig besteht die Auffassung, dass sich ein Prophet überwiegend mit der Vorhersage von zukünftigen Ereignissen beschäftigt. Tatsächlich finden wir diesen Aufgabenbereich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. Aber es ist nicht das herausragende Merkmal eines Propheten. Wenn Propheten über die Zukunft gesprochen haben, dann meistens als Androhung von Gericht oder als Ermunterung für solche, die ihrem Gott treu bleiben wollten.
Der Erste, der in Gottes Wort «Prophet» genannt wird, ist der Patriarch Abraham. Gott selbst nennt ihn so, als Er zu Abimelech, dem König von Gerar, sagte: «Er (Abraham) ist ein Prophet und wird für dich bitten» (1. Mo 20,7). Der zweite Mann Gottes, der diese Bezeichnung trägt, ist Aaron. Als Mose sich fürchtete, zum Pharao zu gehen, stellte Gott ihm seinen Bruder mit den Worten zur Seite: «Siehe, ich habe dich dem Pharao zum Gott gesetzt, und dein Bruder Aaron soll dein Prophet sein. Du sollst alles reden, was ich dir gebieten werde, und dein Bruder Aaron soll zum Pharao reden» (2. Mo 7,1.2). Aufschlussreich ist hier die Fussnote der Elberfelder-Übersetzung, wo der Ausdruck Prophet wie folgt erklärt wird: «Sprecher, Verkünder».
Damit wird schon klar, dass ein Prophet nicht einfach zukünftige Ereignisse voraussagt. Ein Prophet ist vielmehr jemand, der für einen anderen spricht – in aller Regel für Gott. Er «vermittelt» sozusagen zwischen Gott und Menschen. In den meisten Fällen sind Propheten Männer und Frauen, die als Sprecher Gottes zu den Menschen reden, in einigen Fällen auch umgekehrt. Dabei richten sie ihre Worte sowohl an die Gesamtheit des Volkes als auch an Einzelpersonen.
Die Tatsache, dass Gott Propheten benutzt, um zu seinem Volk zu reden, beweist, dass Er sich um sein Volk kümmert. Gott möchte, dass die Menschen seinen Willen kennen und ihn befolgen. Besonders dann, wenn das Volk Gottes von seinen Gedanken abweicht, oder wenn einzelne Personen sich von Ihm entfernt haben, schickt Er seine Propheten. Gott will sein Volk nicht im Elend und in der Abweichung von seinem Plan lassen, sondern Er ist bemüht, es zu sich zurückzubringen.
Im Dienst der Propheten können wir verschiedene Seiten unterscheiden:
- Propheten decken den Zustand des Volkes Gottes auf. Wenn Gottes Volk oder einzelne Personen von den Gedanken Gottes abweichen, dann schickt Er seine Propheten, um seinem Volk die Augen über ihr Abweichen zu öffnen. Diese beschreiben oft die Zustände und das Fehlverhalten, weil Gott möchte, dass sein Volk erkennt, wie Er darüber denkt.
- Propheten warnen das Volk Gottes. Das Fehlverhalten seines Volkes ist Gott nicht gleichgültig. Er kann es nicht einfach hinnehmen. Deshalb warnt Gott sein Volk. Er stellt ihnen den Ernst, aber auch die Folgen ihres Tuns vor Herz und Gewissen. Ziel dieser Warnungen ist immer, dass sein Volk wieder in Übereinstimmung mit seinen Gedanken lebt und seinen Willen tut.
- Propheten kündigen das Gericht an: Wenn die Warnungen Gottes an sein Volk nicht ausreichen, muss Er Gericht ankündigen. Hier finden wir häufig Voraussagen in die Zukunft. Deshalb tragen die Botschaften der Propheten oft einen sehr ernsten Charakter.
- Propheten ermuntern die Treuen im Volk Gottes: Die Botschaft der Propheten ist nicht nur ermahnend und warnend, sondern sie ist häufig ebenso Mut machend. Zu allen Zeiten hat es im Volk Gottes solche gegeben, die ihrem Gott auch in schweren Zeiten treu bleiben wollten. Diese werden durch den Dienst der Propheten ermuntert und getröstet. Zudem geben uns die schriftlichen Ermunterungen der alttestamentlichen Propheten herrliche Hinweise auf das kommende Friedensreich des Herrn Jesus.
- Propheten weisen auf den Messias hin: Die vornehmste Aufgabe der Propheten des Alten Testaments ist ohne Zweifel, dass sie uns herrliche Hinweise auf die Person unseres Herrn geben. Der Herr Jesus selbst erklärte den Emmausjüngern «von Mose und von allen Propheten anfangend», das, was Ihn betraf (Lk 24,27). Und Petrus schreibt, dass die Propheten «von den Leiden, die auf Christus kommen sollten, und von den Herrlichkeiten danach zuvor zeugten» (1. Pet 1,11).
- Propheten treten vor Gott für das Volk ein: An mehreren Stellen im Alten Testament finden wir, dass die Propheten für das Volk zu Gott geredet haben. Als herausragendes Beispiel sei an dieser Stelle Samuel erwähnt, den wir immer wieder zu Gunsten des Volkes Israel im Gebet vor seinem Gott finden (z.B. 1. Samuel 7,1-10).
Prophetischer Dienst beschränkt sich nicht auf das Alte Testament. Auch heute in der Zeit der Versammlung Gottes haben wir ihn nötig. Und Gott gibt uns diesen Dienst. In 1. Korinther 14 ist davon die Rede, dass in der Versammlung Gottes geweissagt wird. Das ist nichts anderes als prophetischer Dienst. Wenn wir dieses Kapitel im Zusammenhang auf uns einwirken lassen, kommen wir zur Schlussfolgerung, dass prophetischer Dienst heute mehr denn je gefragt ist. Wie im Alten Testament benutzt Gott seine Diener heute, um uns aufzurütteln und unsere Herzen – wenn sie kalt geworden sind – wieder für unseren Herrn brennend zu machen.
Gott möchte uns immer wieder durch sein Wort in sein Licht stellen, damit wir klar sehen und den richtigen Weg gehen. So angewandt, hat der Dienst der Weissagung in der Versammlung die gleiche Zielrichtung wie der Dienst der Propheten des Alten Testaments:
- Gott möchte, dass wir unseren Zustand erkennen, besonders dann, wenn wir von seinen Gedanken abgewichen sind. Das gilt für jeden persönlich und es gilt gemeinschaftlich.
- Gott möchte uns warnen, nicht auf einem einmal eingeschlagenen falschen Weg weiter zu gehen.
- Es ist immer sein Ziel, uns in Übereinstimmung mit seinen Gedanken zu bringen.
- Gott macht uns klar, dass der Grundsatz gilt: «Was irgendein Mensch sät, das wird er auch ernten» (Gal 6,7). In seinen Regierungswegen muss Gott mit uns handeln, wenn wir nicht bereit sind, auf sein Wort zu hören. Gott möchte uns ermuntern, gerade in schwerer Zeit treu zu Ihm zu stehen, sein Wort zu bewahren und seinen Namen nicht zu verleugnen.
- Gott möchte uns immer neu mit der Grösse und Herrlichkeit seines Sohnes beschäftigen. Das, was Gott wichtig ist, soll uns ebenfalls wichtig sein.
Das Ziel der Weissagung wird in 1. Korinther 14,3 wie folgt zusammengefasst: «Wer aber weissagt, redet den Menschen zur Erbauung und Ermahnung (Ermunterung) und Tröstung.» Damit dies erreicht wird, gibt Gott uns heute noch den Dienst der Weissagung. Er geht – so gesehen – über den Dienst des Lehrens und Predigens hinaus. Die Korinther sollten nach der Liebe streben, sie sollten um geistliche Gaben eifern. Dann aber fügt Paulus hinzu: «… viel mehr aber, dass ihr weissagt» (1. Kor 14,1). Mit Recht ist darauf hingewiesen worden, dass der Dienst am Wort in seiner höchsten Form Weissagung ist.
Ein geschätzter Bibelausleger des 19. Jahrhunderts hat einmal sinngemäss gesagt: «Früher war Unwissenheit das Kennzeichen des Volkes Gottes und Lehrer waren nötig. Heute ist Lauheit und Trägheit das Kennzeichens des Volkes Gottes und die Stimme eines Propheten ist nötig.» Dazu zählt auch die Stimme des Propheten Haggai aus der Zeit des Alten Testaments.
- 1Neben Haggai und Sacharja zählt als dritter noch Maleachi zu den Boten Gottes, die nach dem Exil in Babel im Auftrag Gottes zum Volk geredet haben. Sacharja begann seinen Dienst zwei Monate nach Haggai (Sach 1,1), also ebenfalls im Jahr 520 v.Chr., und beendete ihn wahrscheinlich etwa 40 Jahre später. Maleachi trat noch später auf, man nimmt an ca. 450-425 v.Chr.
- 2In Maleachi 2,7 kommt der Ausdruck «Bote des HERRN» zwar noch einmal vor, dort bezieht er sich aber allgemein auf das, was die Priester sein sollten und nicht auf eine bestimmte Person.