Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03162.jsonl.gz/2240

Indonesien ist nach den USA und China der drittgrösste Klimagasproduzent der Welt. Das will das südostasiatische Land ändern. Statt Kohle verbrennt es nun zunehmend Holz – auf den ersten Blick ein nachhaltiger, weil nachwachsender Rohstoff.
Die Klimabilanz Indonesiens fällt jedoch vor allem wegen der hohen Abholzungsraten schlecht aus. Die mit internationalen Klimageldern finanzierte Strategie steht zudem in krassem Gegensatz zum Schutz der Wälder und der Biodiversität. Völlig unter die Räder kommt dabei die indigene Bevölkerung.
Ein Holzschnitzelprojekt, das sich nicht rechnete
Das in London ansässige «Gecko Project», das sich mit Landnutzung in globalen Krisen beschäftigt, beschreibt ein Dorf in der indonesischen Provinz Papua. Für Monokulturen schnellwachsender Bäume holzte der indonesische Medco-Konzern dort von 2010 bis 2014 etwa 3000 Hektar Regenwald ab. Die Holzplantagen sollten Holzschnitzel für den Export liefern.
Das Projekt schlug fehl und wurde 2014 eingefroren, weil es nicht rentierte – eine Atempause für den Wald, aber nicht für die indigene Bevölkerung. Die Marind-anim, die dort leben, hungerten bereits damals, weil ihre Nahrungsgrundlage verschwunden war.
Bevor Medco den Wald abholzte, bestand ihre Ernährung hauptsächlich aus Wild, Fisch und Sago. Das Wild sei fast vor der Haustüre vorbeigelaufen, Sagopalmen wuchsen in der Nähe, beschreibt der Bericht. Durch die Abholzung waren diese Nahrungsquellen beeinträchtigt oder weiter entfernt.
Medco Energi hatte 2009 versprochen, kulturell bedeutsame Orte und Jagdgründe zu schützen, Arbeitsplätze zu schaffen, in Bildung zu investieren, eine Schule und eine Kirche zu bauen. Die schriftlich festgehaltene Vereinbarung enthalte nicht einmal eine Karte, berichtete ein indonesisches Medium.
Alarmzeichen gibt es schon seit mindestens 13 Jahren
Schon 2010 hatten sich Einwohner des Dorfes Zanegi oder Senegi, das am Rande der Holzplantagen liegt, gegenüber einer lokalen NGO besorgt über ihre Lebensgrundlagen geäussert. Im Film «Our land is gone» von 2012 sagt eine Krankenschwester in Zanegi, dass Unterernährung im Dorf stark zugenommen habe. Ein Kind, das sie als unterernährt diagnostizierte, starb wenige Monate später. Der Film prangert ausserdem Menschenrechtsverletzungen an.
Im Jahr darauf starben fünf Kinder aus Zanegi. Die britisch-niederländische Menschenrechtsorganisation The Forest People richtete einen Appell an den UN-Ausschuss zur Beseitigung von rassistischer Diskriminierung.
2014 verloren die Dorfbewohner ihre Arbeit. Weil das Holzschnitzel-Projekt eingefroren wurde, sagte Medco zunächst. Dann behauptete der Konzern, die Dorfbewohner hätten sich nicht an Vorschriften gehalten, häufig gefehlt und seien deshalb entlassen worden. Die Arbeit wurde an Kontraktoren und Drittunternehmen verteilt.
Nur die Knochen
Einige Dorfbewohner jagen seitdem wieder. Neun Personen sagten in einem Interview mit dem Gecko Project, dass sie bis zu 15 Kilometer zum Bian-Fluss zurücklegen, um Wild zu finden. Manchmal seien sie mehrere Tage unterwegs, ohne etwas zu erbeuten.
Andere Lebensmittel würden per Pick-Up importiert und seien unverhältnismässig teuer, deshalb ässen die Dorfbewohner das Fleisch oft gar nicht. Wenn er Kasuare (ein Laufvogel) oder Hirsche finde, verkaufe er das Fleisch, sagt ein Dorfbewohner, der neun Kinder hat. «Wir essen nur die gekochten Knochen», erklärt er.
Wie Abholzung plötzlich nachhaltig wurde
2017 bekam Medco Energi 4,5 Millionen Dollar von der indonesischen Regierung und baute ein Biomassekraftwerk in Papua. Aus dem exportorientierten Holzschnitzel-Projekt wurde eine anscheinend nachhaltige Strategie zur Energieerzeugung.
Günstig wirkte sich dabei auch eine gesetzliche Neuregelung aus: Seit 2014 ist die Abholzung von Primärwald in Indonesien verboten, was die Entwaldung deutlich bremste. Die Medco-Lizenzen für 170’000 Hektaren in Papua sind davon nicht betroffen, weil sie vor 2014 ausgestellt wurden. Die Provinz Papua ist eine der am meisten bewaldeten Inseln Indonesiens. Das betroffene Gebiet besteht aus Primärwald, Savanne und kohlenstoffreichem Sumpfland.
Grünes Geld finanziert auf Papua Entwaldung …
2021 kamen nochmals 4,9 Millionen Dollar aus dem Indonesian Environment Fund dazu. In diesem Fonds finden sich unter anderem Mittel der Vereinten Nationen. Diese überwiesen vor drei Jahren 103,8 Millionen Dollar aus dem UN Climate Fund an Indonesien. Norwegen trug ebenfalls 56 Millionen Dollar, bei, «um Entwaldung zu bekämpfen», beteuerte aber auf Nachfrage des Gecko Projects, dass norwegische Gelder nicht an das Projekt gingen.
Den Bewohnern von Zanegi ging und geht es dabei weiterhin schlecht. Oft essen sie tagelang ausschliesslich Reis. Wenn sie Wild finden, verkaufen sie das Fleisch. Manche Familien sammeln die kleinen Holzstücke, die übrigbleiben, wenn Bäume gefällt werden. Für einen Kubikmeter Kleinholz bekommen sie fünf Dollar, für die meist die ganze Familie gearbeitet hat.
… und die Bevölkerung hungert weiter
Von diesem Geld und von der Unterstützung der Regierung kaufen die Marind-anim Lebensmittel, die mit dem Pick-Up ins Dorf kommen. Die Preise seien höher als in gehobenen Supermärkten der Hauptstadt Jakarta, schreibt der Reporter des Gecko Projects.
Medco teilte dem Gecko Project auf Nachfrage mit, dass es schriftliche Standards habe, die Kinderarbeit verbieten. Sie würden von den Marind-anim aber nicht eingehalten. «Es ist ihre Kultur, ihre Familien immer überallhin mitzunehmen, sei es zur Jagd oder zu anderen Aktivitäten», schrieb das Unternehmen.
Ein Drittel der Kleinkinder, die 2022 in Zanegi untersucht wurden, litten wegen Mangelernährung an Entwicklungsstörungen. Vier Kinder im Dorf litten an Kümmerwuchs, neun schwangere Frauen an Unterernährung. Die Recherche einer indonesischen Zeitung zählte im vergangenen Jahr 14 verkümmerte Kinder, ein Drittel der begutachteten Kinder im Dorf.
Medco plant, die Produktion des «nachhaltigen» Kraftwerks von derzeit 3,5 Megawatt zu verdreifachen und dafür weiter Urwald abzuholzen – finanziert mit «grünem» Geld.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.