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Simona Ryser
Geboren 1969 in Zürich. Lebt in Zürich. Opernsängerin, Hörspielregisseurin und Autorin. Für den Erstling «Maries Gespenster» (2007) erhielt sie den Studer/Ganz- Preis und den Rauriser Literaturpreis. (2015)
Werke (Auswahl)
Der Froschkönig.
Limmat Verlag, 2015
Helenenplatz.
Limmat Verlag, 2011
Maries Gespenster.
Limmat Verlag, 2007
Der Froschkönig
Limmat Verlag, 2015
Leonie, die intelligente Stadtentwicklerin, die sich Leo nennt, wird den Frosch, der sie begleitet, nicht los. Der poetisch bildkräftige Roman zeigt eine junge Frau, die in ihrem Alltag zu bestehen versucht trotz Erinnerungslast und Märchenbann.
Aus: Simona Ryser. Der Froschkönig. Limmat Verlag, 2015
Einmal sagte sie, die Westtangente muss viel früher unterirdisch geführt werden, dann könnte man die Brücke verkehrsfrei machen und das Flussufer erschließen. Paul nickte vage.
Als Leo einen Blick auf den Boden warf, saß dort der Frosch.
Er bebte unmerklich. Sie schob ihn mit dem Fuß aus ihrem Blickfeld unter den Tisch und fragte laut: Wird hier der Boden auch mal saubergemacht?
Paul bestellte sich einen weiteren Espresso…
Maries Gespenster
Limmat Verlag, 2007
Aus: Simona Ryser. Maries Gespenster. Limmat Verlag, 2007
Da war einer in ihrem Rücken, er folgte ihr und obwohl sie unwillkürliche Linien durch das Strassennetz zog, blieb er ihr dicht auf den Fersen. Ihr Nackenhaar sträubte sich, sie blähte die Nüstern. Es roch nach nassem Asphalt, der Sommer würde also doch kommen, die Strasse dampfte. Das Auftreten auf dem Beton gab ein leise schmatzendes Geräusch ab. Marie ging durch den Dschungel, die regelmässig ausgeblasenen Luftstösse in ihrem Rücken gaben ihr einen leichten Viertelpuls. Marie ging triolisch, die Strassenbahn war ein Strich, dann spürte sie die Beschleunigung und trat einige Synkopen, der Viertel aber blieb. Vielleicht war eine Schneise zu bahnen im Abendverkehr, wenn die Frauen die Männer trafen und umgekehrt, der Zusammenstoss aber war unvermeidlich, das wusste Marie und schaute darum nicht zurück. Sie hakte die Bankzentrale und deren Tochter ab, das Rathaus und den Geldautomaten, an dem schon die Abendschlange stand. Jetzt waren es Achtel. Marie trabte. Dass keine Worte zu ihr drangen, hing mit dem Abendrauschen zusammen, es klang aus den Stadtschleusen, aus den Häuserausgängen quollen die Stimmen, sie versammelten sich an den Haltestellen, sie kamen aus den Abwasserschächten gespült und wurden den Fahrrinnen entlang und durch die Häuserschluchten geschleust. Wenn man die Melodie nicht erkennen kann, dann soll man sich auf den Rhythmus konzentrieren. Maries Wegschneise wurde von der Strassenbahn durchgestrichen und nachdem diese vorbeigefahren war, blieb einen Moment lang ein leeres Loch in der Luft hängen, Marie stand in der Generalpause.
(Aus: Maries Gespenster)