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Sankt
Beatushœhle (Kt. Bern,
Amtsbez. Interlaken,
Gem.
St. Beatenberg). 687 m. Doppelhöhle, am Fuss der senkrecht abstürzenden
Balmfluh
und 120 m über dem rechten Ufer des
Thunersees, von der 60 m tiefer gelegenen Strasse
Interlaken-Merligen
her in 5 Minuten zu erreichen; 3 km ö. der Dampfschiffstation
Beatenbucht und 5 km w. vom Bahnhof
Interlaken. Obwohl der Zugang
durch
Wald verdeckt ist, lässt sich doch die Lage der
Höhle vom
See und vom jenseitigen Ufer aus durch den in den
See sich
stürzenden
Wasserfall des ihr entströmenden Beatenbaches und durch das etwas unterhalb gelegene Schlösschen
Leerau deutlich erkennen.
Die grössere der beiden Höhlen ist ein tunnelartiger Stollen, der am Eingang etwa 10 m hoch und 5 m breit ist und aus dem der wasserreiche Beatenbach in mehreren Adern hervorrauscht, um sich nach kurzem malerischen Lauf den Wald hinunter über eine senkrechte Felswand in den See zu stürzen. 1904 hat man diese Höhle durch eine bequeme, sichere und elektrisch beleuchtete Weganlage zugänglich gemacht, wodurch sie mit ihren Schluchten, Kesseln, Erosionsgängen, Gletschermühlen und abenteuerlichen Tropfsteingebilden zu einer Sehenswürdigkeit ersten Ranges geworden ist.
Die ganze Anlage wurde von einer Aktiengesellschaft mit Sitz in Interlaken erstellt, die die Höhle noch tiefer hinein zu erschliessen gedenkt. Rechts von dieser Höhle und 4 m höher als sie liegt die kleinere Höhle, auch die «trockene» genannt, die 8 m tief, 10 m breit und 2-2,5 m hoch ist und deren hintere Hälfte von der vorderen durch eine mauerartige Felswand getrennt wird. Von der Höhle aus bietet sich ein schöner Blick auf den Niesen. Bei der Bachgrotte sind noch Reste von zwei starken Bogen sichtbar, die einst den Bach überspannten. In der kleineren Höhle wurde am ein in den Felsen gehauenes Grab mit menschlichen Skelettresten entdeckt.
Etwa 70 m unterhalb der Grotte sind noch Mauerreste einer 1530 zerstörten Pilgerherberge vorhanden. Diese Mauerspuren bei und in der Höhle sind die letzten Ueberreste des berühmten Heiligtums, das diesen Ort während des Mittelalters zu einem vielbesuchten Wallfahrtsort machte. Nach der Legende soll die trockene Höhle der Aufenthaltsort des h. Beatus gewesen sein, der einen hier hausenden Drachen vertrieb und sich dann mit einem Gefährten an dieser Stelle niederliess.
Beatus, ein britannischer Edelmann, soll durch Barnabas, den Begleiter des Paulus, getauft und als Glaubensbote nach Helvetien gesandt worden sein. Er starb nach der Legende 112 und soll dann in der von ihm bewohnten Höhle begraben worden sein. Wenn auch diese Ueberlieferung vor der geschichtlichen Prüfung nicht stand hält, so ist doch als sicher anzunehmen, dass einst an dieser Stätte, wenn auch erst in späterer Zeit, ein heiliger Mann lebte, wirkte und starb und dass von hier aus die Christianisierung der Gegend begonnen wurde.
Zum erstenmal erscheint die Kirche zu St. Beat im Jahr 1231. Sie umfasste nur den mittlern Teil der gegenwärtigen Kirchgemeinde, indem die westl. Weiler nach Sigriswil und die ostwärts gelegenen nach Goldswil gehörten. 1263 vergabte Walther von Eschenbach das halbe Patronatsrecht dem Kloster Interlaken. Schon im 14. Jahrhundert war die Kirche bei der Beatenhöhle ein vielbesuchter Wallfahrtsort, und 1439 fand von Bern aus ein vom Rat veranstalteter Bittgang zur Abwendung der Pest dahin statt. 1511 besuchte und beschrieb der Barfüsser Agricola das Gotteshaus, das sich an die Höhle anlehnte, wie dies noch jetzt die Mauerreste erkennen lassen.
Die Reformation machte dem Heiligtum und der Wallfahrt dorthin ein Ende. Am befahl der Rat, die Höhle zuzumauern, und am wurde der Abbruch der Kirche angeordnet, an deren Stelle man 1540 die Kirche auf St. Beatenberg erbaute. Trotz des Verbotes wurde aber immer noch im geheimen nach dieser Stätte gewallfahrtet, obwohl die Gebeine des Heiligen schon 1528 weggenommen und in Interlaken bestattet worden waren. Immerhin gelang es, einen Teil der Reliquien in die Urschweiz und nach Luzern zu überführen.
Die Mauer, welche die Höhle verschloss, wurde immer wieder durchgebrochen, und noch bis zu Ende des 18 Jahrhunderts erhielt der Ort Besuch aus der nahen Urschweiz. Als das Berner Oberland seit Ende des 18. Jahrhunderts um seiner landschaftlichen Schönheiten wegen immer mehr von Fremden aufgesucht wurde, erhielt auch das durch seine alten Erinnerungen wie durch seine romantische Umgebung ausgezeichnete ehemalige Heiligtum neuerdings starken Besuch. In dieser Zeit wurde es auch mehrfach abgebildet, so von Kaspar Wolf (1725-1798) und von Gabriel Lory dem jüngern (1780-1846). Da durch die Erschliessung der Höhle die Frequenz bedeutend zugenommen hat, erstellte man 1905 unten am Seeufer einen Landeplatz für die Dampfschiffe; zugleich plant man den Bau einer Drahtseilbahn von da zur Höhle hinauf. Die St. Beatushöhle öffnet sich wenig über dem Neocom an der Basis des Urgon. Es bildet somit das schwer durchlässige Neocom den Boden der Höhle, die von den unterirdischen Wassern im Urgonkalk ausgewaschen worden ist. Vergl. Stammler, Dr. Der h. Beatus, seine Höhle und sein Grab. Bern 1904.