Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03594.jsonl.gz/1719

Seit Wochen machen Temperaturrekorde in verschiedenen Teilen der Nordhalbkugel internationale Schlagzeilen. Von den 49°C im kanadischen Lytton bis zu den knapp 18°C auf Kotelny, einer der neusibirischen Inseln in der Nordostpassage, überschlagen sich die Stationen mit Höchsttemperaturen. Eine internationale Studie hat gezeigt, dass die Wahrscheinlichkeit solcher Hitzewellen durch den Klimawandel massiv verstärkt worden ist und in der Zukunft immer wahrscheinlicher werden. Weitere Arbeiten haben gleichzeitig weitere negative Auswirkungen solcher Temperaturen auf die arktischen Landschaften und die Tierwelt demonstriert.
Die Arbeit von 27 internationalen Klimaforschern, die im Netzwerk «World Weather Attribution» zusammenarbeiten, wollte untersuchen, ob der weltweite Klimawandel mit der ausserordentlichen Hitzewelle und den hohen Temperaturen an der Pazifikküste der USA und Kanada im Zusammenhang steht. Dabei verwendeten sie allgemein anerkannte Modelle und Simulationen. Das Team, an dem auch Forscherinnen und Forscher des Instituts für Atmosphären- und Klimaforschung der ETH Zürich beteiligt waren, zeigte, dass die Entstehung dieses Ereignisses ohne den Klimawandel kaum wahrscheinlich gewesen wäre. Ausserdem zeigten das Team, dass sogar in der heutigen Klimasituation das Ganze eine 1:1’000 Chance hatte, überhaupt zu entstehen und es 150-mal unwahrscheinlicher gewesen wäre, dass diese Hitzewelle überhaupt entstanden wäre, hätte der menschliche Faktor des Klimawandels nicht existiert. Der Bericht des Teams wurde erst veröffentlicht und eine unabhängige Begutachtung steht noch aus. Doch mehrere Organisationen wie die NASA und die World Meteorological Organisation stehen hinter dem Bericht.
Doch die Orte entlang der Pazifikküste ist nicht die einzigen auf der Nordhalbkugel, die von Hitzewellen heimgesucht werden. Auch in der russischen Arktis sind schon seit Monaten die Temperaturen weit über den normalen Werten. So wurde beispielsweise auf der Insel Kotelny, die im Arktischen Ozean liegt, statt der üblichen knappen 1°C beinahe 18°C gemessen. Und auch im Inneren von Sibirien liegen die Temperaturen über 15°C über den Durchschnittswerten. Dies hat schon wieder zu zahlreichen Wald- und Buschbränden geführt. Das Ausmass der Brände wird erst auf Satellitenaufnahmen deutlich, die zeigen, wie weit Asche und Rauch verdriftet werden. Gemäss Wissenschaftlern dürfte diese Situation das „neue Normal“ in Sibirien und anderen arktischen Regionen werden.
Auch in Nordeuropa verzeichnete man neue Hitzerekorde. In Norwegen waren 9 von 11 Provinzen von überdurchschnittlichen Temperaturen am Tag und in der Nacht betroffen, sogar die nördlichsten Regionen Finnmark und Troms. Auch in Finnisch-Lappland stieg das Thermometer im zweistelligen Bereich über das Normale hinaus. Glücklicherweise lagen die Temperaturen aber nicht so hoch wie auf dem nordamerikanischen Kontinent.
Neben den Menschen, die kaum Abkühlmöglichkeiten haben, sind es vor allem die Tiere und Pflanzen, die unter den drückenden Temperaturen leiden. Eisbären können sich nur im Wasser abkühlen oder auf dem verbliebenen Eis und Schnee. Moschusochsen mit ihrem dichten, dunklen Fell leiden auch stark unter der Hitze. Und Dickschnabellummen haben ab 21°C eine viel höhere Sterbewahrscheinlichkeit.
«Unsere Ergebnisse sind eine eindringliche Warnung: Unser sich schnell erwärmendes Klima bringt uns in Neuland, das erhebliche Folgen für Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensgrundlagen hat»Philip et al (2021) „Rapid attribution analysis of the extraordinary heatwave on the Pacific Coast of the US and Canada June 2021“
Doch woher stammen die Hitzewellen überhaupt? Sie sind das Ergebnis einer anhaltenden Ausbuchtung des polaren Jetstreams nach Norden, erklärt Jennifer Francis vom Woodwell Climate Research Centers. «Dies ist mit einem Blockierungsmuster im Jetstream verbunden, das in diesem Jahr über Skandinavien vorherrschte und zu ungewöhnlich warmen Bedingungen dort, insbesondere in Finnland, beigetragen hat», wird die vom NASA Earth Observatory zitiert. Auch die Hitzewelle in den USA und Kanada ist eine solche Blockade, «Omega» genannt. Dabei handelt es sich um ein sich sehr langsam bewegendes Hochdrucksystem, schreibt das Team des World Weather Attribution. Dies per se ist kein ungewöhnliches meteorologisches Phänomen. Doch was die Intensität der Hitze verursacht hat, können die Forscher nicht sagen. Doch sie sind sich einig, dass solche Extremereignisse die Nordhalbkugel und damit auch die Arktis in Zukunft noch häufiger heimsuchen. «Unsere Ergebnisse sind eine eindringliche Warnung: Unser sich schnell erwärmendes Klima bringt uns in Neuland, das erhebliche Folgen für Gesundheit, Wohlbefinden und Lebensgrundlagen hat», kommt das Team zum Schluss in ihrem Bericht.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal