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Um den Verlauf von Haarausfall eruieren zu können wurden im vergangenen Jahrhundert spezielle Schemata entwickelt die heute noch Anwendung finden vor Haartransplantationen und bei Screenings. Bei den Frauen ist es die Klassifizierung nach Ludwig und bei den Männern die Norwood-Hamilton-Skala. Diese Modelle erlauben eine standardisierte medizinische Dokumentation des Haarverlustes. Wirklich nützlich sind sie allerdings nur bei erblich bedingtem Haarausfall mit klassischem Verlaufsmuster. Für eine Bestandsaufnahme von diffusem oder kreisrundem Haarausfall sind sie unnütz. Im Fall von diffusem Haarausfall sind meist Bluttests angezeigt. Bei kreisrundem Haarausfall greift man tendenziell eher auf Trichogramme oder bei weiterführenden Abklärungen auf Kopfhautbiopsien zurück. Wobei neuerdings in der dermatologischen Diagnostik generell immer mehr softwarebasierte Haaranalysemethoden wie die Trichoskopie Einzug halten.
Klassifizierung nach Norwood-Hamilton
Bei etwa 80% der von Haarausfall betroffenen Männer läuft die Heranbildung einer Glatze stets nach dem gleichen Muster ab. Diesen Sachverhalt hat James Hamilton 1951 zum Anlass genommen den Verlauf zu klassifizieren und folgendes Schema entwickelt, welches 1975 von O’Tar Norwood modifiziert wurde. Das Schema unterteilt den androgenetischen Haarausfall (Alopecia androgenetica) des Mannes in sieben Stadien (I bis VII). Dabei wird die Glatzenbildung als ein „schleichender“ Prozess dargestellt. Der klassische Verlauf des androgenetischen Haarausfalls beginnt indes meist im temporalen Bereich an den Schläfen bzw. frontal an der Stirnzone. Im fortgeschrittenen Stadium lichtet sich das Haar zudem im Gebiet des Vertex, d.h. am oberen Hinterkopf, bis im Endstadium die kahle Fläche über die komplette Schädeldecke hinweg reicht. Wobei ein sogenannter Haarkranz auf der Höhe der Ohren um den gesamten Hinterkopf herum meist erhalten bleibt.
Typ I: Geringe bis gar keine Rückbildung des frontalen Haaransatzes
Typ II: Gleichzeitiger frontaler und temporaler Haarausfall. Heranbildung von dreiecksähnlichen haarfreien Zonen im Schläfenbereich. Besser bekannt als Ratsherrenecken, Geheimratsecken, Hofratsecken sowie Minister- und Ehestandswinkel (Calvities frontalis, Alopecia praematura oder simplex). Kriterium: Die Zone reicht bei seitlicher Ansicht des Antlitzes nicht über eine zwei Zentimeter vor dem äusseren Gehörgang gedachte Verbindungslinie hinaus.
Typ III: Die ausufernden Ratsherrenecken reichen bis zum Hinterkopf. Kriterium: Die Zone spannt über die zuvor vor dem äusseren Gehörgang gedachte zwei Zentimeter Verbindungslinie hinaus. Dieser Typus stellt das Mindestniveau dar wenn man von „Kahlheit“ spricht.
Typ III (Vertex): Erster Haarverlust am oberen Hinterkopf, vor allem im Scheitelbereich. Gleichzeitiger frontaler Haarverlust im Stadium I oder II, wobei Stadium III nicht überschritten wird.
Typ IV: Fortschreitender Haarverlust im Scheitelbereich. Begleitender frontaler Haarausfall, bei dem Stadium III überschritten wird. Dabei werden die beiden kahlen Stellen noch deutlich voneinander getrennt.
Typ V: Haarausfall auf dem Scheitel und frontal sind so ausgeprägt, dass die Zonen nur noch durch eine schmales Band der Behaarung voneinander getrennt werden. Das verbleibende Haar in Kombination mit den kahlen Stellen nimmt zunehmend „hufeisenförmige“ Gestalt an.
Typ VI: Die betroffenen Gebiete des Haarverlustes an Stirn und Scheitel gehen langsam ineinander über. Expansive, laterale Ausweitung des Haarausfalls zu den Seiten.
Typ VII: Vom einstigen Haarbestand verbleibt nur ein Haarkranz, welcher sich vom einen Ohr über den Hinterkopf bis zum anderen Ohr herum zieht.
Um die Nuancen der Ausprägung noch besser festzustellen unterscheidet man übrigens innerhalb der Typen II bis V in „A“ und „V“ Varianten des Haarausfalls. Bei der „A“ Variante findet lediglich ein geradlinig, frontal voranschreitender Haarverlust statt. Bei der „V“ Variante schwindet das Haar zusätzlich im Bereich des oberen Hinterkopfs (Vertex).
Ein Erklärungsversuch für die typische Abfolge des erblich bedingten Haarausfalls ist übrigens der sogenannte Spannungshaarausfall. Dieser Ansatz schliesst darauf, dass der typische Verlauf durch die unterschiedlichen Spannungsverhältnisse am Schädel, in Abhängigkeit von der Dicke der Kopfhaut, des Muskeltonus und der Ausbildung des Skelettschädels entsteht.
Klassifizierung nach Ludwig
Ein vom Norwood-Hamilton abgeleitetes Schema wurde 1977 von E. Ludwig veröffentlicht. Es beschreibt in drei Stufen einen eher unbestimmten Haarausfall um den Bereich der Mittelscheitel, der typisch für die androgenetische Alopezie bei Frauen ist, paradoxerweis aber auch bei etwa 20% der von Haarausfall geschundenen Männer auftritt.
Trichogramm
Zur Abklärung von Hypotrichose und insbesondere bei Alopecia areata (auch: Alopecia cirumscripta, areata celsis, Pelade, kreisrunder Haarausfall) oder bei generellem Verdacht auf strukturelle Schäden der Haare wird oftmals ein Trichogramm angelegt.
Um ein aussagekräftiges Trichogramm zu erhalten, sollte zwei Wochen vor dessen Durchführung keine äusserliche Veränderung am Haar wie bsp. Färben, Bleichen, Tönen etc. mehr vorgenommen werden.
Des Weiteren sollte die letzte Haarwäsche mindestens 3-5 Tage zurückliegen und das Haar wenn überhaupt, nur vorsichtig gekämmt werden.
Für den Check-up werden dann mit einer Pinzette 50-100 Haare ausgezupft. Durch die mikroskopische Untersuchung erhalten die Mediziner Auskunft über die Beschaffenheit des Haarschafts und den Haarwurzelstatus. Des Weiteren lässt sich so das Haarverteilungsmuster und die Lebenszyklusphase der Haare bestimmen.
Was die Lebenszyklusphase anbelangt, gilt es zu sagen, dass unter normalen Umständen ca 80-85% der Haare im Wachstum (Anagenephase) begriffen sind, sich ca 1-3% in der Übergangsphase (Katagenephase) befinden und die verbleibenden 12-20% der Haare in der Terminal- bzw. Ruhephase (Telogenephase) verweilen.
Kopfhautbiopsie
Durch das Anlegen eines Trichogramms kann oftmals auf eine Probebiopsie am Kopf verzichtet werden. Muss trotzdem eine Kopfhautbiopsie gemacht werden, wird dafür ein wenig Kopfhaut entnommen und untersucht.
Trichoskopie
Seit einigen Jahren wird das klassische Trichogramm immer mehr verdrängt durchcomputerbasierte Diagnostik. Eine Haaranalysemethode welche sich im dermatologischen Bereich zu etablieren scheint ist die Trichoskopie. Wörtlich übersetzt bedeutet Trichoskopie so viel „Blick auf das Haar“. Und das trifft der Kern der Sache schon ziemlich genau. Zum Vergleich: Während bei einem einfachen Handdermatoskop bis zu 10-fach-Vergrösserungen möglich sind, schaffen hochauflösenden Kameras basierend auf Videodermatoskopie Technik bis zu 140-fache Zooms. Die Trichoskopie ist damit ein wahrer Segen für die Haardiagnostik.
Diese auflichtmikroskopischen Aufnahmen eignen sich zur Begutachtung verschiedene Haar- und Kopfhauterkrankungen und erlauben in der Mehrzahl der Fälle richtungsweisende Befunde. Die Vorteile liegen auf der Hand: Im Vergleich zu herkömmlichen Trichogrammen ist die Trichoskopie schmerzlos, wenig aufwendig und nicht invasiv (d.h. ohne Haarentnahme), weshalb sie auch patientenseitig eine hohe Akzeptanz geniesst. Der grösste Mehrwert liegt aber in der Dokumentation von Haarerkrankungen bzw. der therapeutischen Verlaufskontrolle. Da viele Hersteller die Gerätschaften mit ausgeklügelten Softwareprogrammen ausstatten, sind neben der Erstellung von digitalen Trichogrammen zur Beurteilung der Anagenen bzw. Telogenen-Ratio auch die Messung der Haardicke,
Haardichte sowie der Vellus- bzw. Terminalhaar-Ratio möglich.
Bluttests
Bei diffusem oder zunächst nicht zuordenbarem Haarausfall sind Bluttests oft sehraufschlussreich. Bei der Durchführung dessen sind folgende Parameter von Interesse: Schilddrüsenwerte, Nierenfunktion, Zink, Selen, Calcium, Transaminase, Immunglobulin E (IgE)-Spiegel, Eisen und Eisenbildungskapazität. Ebenfalls relevant können die Werte der Hormone Östrogen, Testosteron und Gestagen sowie die Schilddrüsen-Antikörper und Antinukleäre sein.