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EU-Justizkommissarin Viviane Reding will die amerikanischen Ratingagenturen in ihre Schranken weisen: «Es darf nicht sein, dass ein Kartell dreier US-Unternehmen über das Schicksal ganzer Volkswirtschaften und ihrer Bürger entscheidet», sagte Reding der Zeitung «Die Welt». Sie kritisierte damit die Macht von Standard & Poors, Moody's und Fitch.
Der Grund für den neuen Aufruhr: Die Ratingagentur Moody’s hatte letzten Dienstag mit dem Hinweis auf ein Rettungspaket für Portugal die Bonität des Landes auf «Ramsch» herabgestuft, der Eurokurs fiel nach Bekanntgabe des Ratings auf ein Tagestief.
Aber haben die Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der Krisenländer tatsächlich ungerechtfertigt herabgestuft, oder sind sie einfach die neuen Sündenböcke der EU? Forscher der Universität St. Gallen haben sich mit dieser Frage beschäftigt und die Rolle der Ratingagenturen in der Staatschuldenkrise untersucht.
Ratinagenturen als Krisenbeschleuniger
Für den Zeitraum von 1999 bis 2010 verglichen die Ökonomen in 26 OECD-Ländern - darunter auch die EU-Sorgenkinder Portugal, Irland, Griechenland und Spanien (PIGS) - Faktoren wie Verschuldung, Inflation und Wachstum. Und die Ratings der Agenturen.
Anhand dieser Daten erstellten die Forscher eigene Bewertungen für die Staaten und verglichen sie mit den Ratings von Standard & Poors, Moody's und Fitch. Das Ergebnis ist erschreckend: Die Studie zeigt, dass Ratingagenturen die Kreditwürdigkeit der PIGS-Staaten in den letzten zwei Jahren tatsächlich oft ungerechtfertigt weit herabgestuft haben. «Das heisst, es gibt andere Länder, die ähnliche Daten aufweisen, aber ein deutlich besseres Rating erhalten haben», heisst es in der Studie.
Der Kapitalmarkt glaubt dem Urteil der Ratingagenturen also auch dann, wenn diese im Konflikt zu den Fundamentaldaten stehen. Den Zusammenhang veranschaulicht Professor Manfred Gärtner, Co-Autor der Studie, an einem extremen Beispiel: «Hätte Griechenland das gleiche Rating wie Deutschland, müsste es nur noch etwa 3 Prozent statt aktuell 17 Prozent Zinsen auf seine Staatsanleihen bezahlen.» Beim gegenwärtigen Schuldenstand von 329 Milliarden Euro entspräche das jährlich absoluten Zinszahlungen von knapp 10 statt 56 Milliarden Euro.
Zum Vergleich: Das vielfach als zu hoch kritisierte Haushaltsdefizit Griechenlands von 11 Prozent des Bruttoinlandsprodukts beträgt 24 Milliarden Euro.
Die Autoren der Studie stellen sich die Frage, ob es nicht klüger wäre, die Macht der Agenturen zu diversifizieren - und ob es nicht die Aufgabe der Regierungen wäre, im Markt der Ratingagenturen für mehr Transparenz zu sorgen.
Die Ratingagenturen sind nicht das Problem
Urs Birchler, Professor beim Swiss Banking Institute der Universität Zürich, teilt die Meinung der Autoren nicht in allen Punkten. Zwar stimmt er zu, dass Ratings zu selbsterfüllenden Prophezeiungen werden können: Wenn ein Staat ein AAA bekomme, erhält er günstigere Konditionen für Kredite, wenn er auf D gesetzt wird, muss er so hohe Zinsen zahlen, dass er tatsächlich bankrott gehe.
Die Meinung, dass die Bewertungen ungerechtfertigt seien, teilt er jedoch nicht. «Wären die aktuellen Ratings ungerechtfertigt, so hätte der EU-Rettungsschirm bereits funktioniert», sagt Birchler und bezieht sich dabei auf Irland und Griechenland. Das Problem läge nicht bei den Agenturen selbst, sondern bei denjenigen die Ihnen blind Glauben schenken.
Anstatt die Ratingagenturen als Sündenböcke darzustellen, sollte man lieber die tatsächlichen Probleme suchen. «Die Politiker, welche die effektiven Probleme der Schuldenländer immer noch nicht zur Kenntnis genommen haben, sind ein grösseres Risiko für die EU als die Ratingagenturen», lautet das Fazit von Birchler.
Staat
S&P
(Stand: 28. Juni 2011
Fitch
(Stand: 8. Juli 2011
Moody's
(Stand: 6. Juli 2011)
(laf/tno)