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Optimist und Pessimist
Es waren einmal zwei Brüder, Gaúchos von Geburt, und noch im Knabenalter. Der eine, ein typischer Pessimist, während der andere stets optimistisch ins Leben schaute. Weihnachten kam wieder einmal, und beide öffneten ihre Geschenke. Der Pessimist fand in seiner Kiste ein wunderschönes, modernes Mountainbike mit achtzehn Gängen. Der Optimist, als er seine schön verpackte Schachtel geöffnet hatte, fand in ihr nur einen Haufen Pferdescheisse.
Der Pessimist kommentierte: „Hast Du gesehen, niemand mag mich! Früher oder später werde ich jetzt mit diesem fürchterlich schnellen Rad hinfallen, mir eine Gehirnerschütterung holen oder alle Knochen brechen…“
Während der Optimist schon aufgeregt zur Tür hinausrannte und rief: „Wo ist mein kleines Pferdchen? Wo ist mein Pferdchen, das ich zu Weihnachten bekommen habe“?
Wir Gaúchos lieben die Unterhaltung, aber wir hassen Zweifel, vor allem ganz bestimmte! So wie in diesem Fall, der so euphorisch anfängt und dann in ein Sturmgewitter auszuarten droht! Er heisst Antônio Mariante und trägt einen Schnurrbart wie die Mexikaner. Er lacht mit allen seinen Zähnen (zirka sechs), betritt das amtliche Notariat glücklich, und mit festem Schritt, und erklärt stolz: „Ich komme, eine Geburt zu registrieren“!
Der Notar, ein gewissenhafter Vertreter seines Berufsstandes, fragt zurück: „Sind Sie der Vater“? Und unser Gaúcho: „Wenn Sie daran zweifeln – nehmen Sie sich in acht“!
Es war zur Zeit der jährlichen Entenjagd. In einer kalten Nacht sass eine Gruppe von Jägern rund um ein Feuer im Unterstand, und sie erzählten sich Geschichten über vergangene Jagdabenteuer. Freund Alcino hatte das Wort:
„Heutzutage hat die Zahl der Viecher stark abgenommen. Zu meiner Zeit kamen die Enten von Patagonien herüber, in Schwärmen, die die Sonne verdunkelten! Eines frühen Morgens – ich hatte die letzte Wache – kreuzte direkt über mir der grösste Entenschwarm, den ich je in meinem Leben gesehen. Aufgeregt, hab‘ ich meine Remington Automatic gepackt und einfach so, ohne zu zielen, fünf Schüsse auf den riesigen Schwarm abgegeben. Ich kann Euch sagen – es regnete Enten – Federn stoben nach allen Seiten! Und als ich sie schliesslich alle gezählt hatte, lagen da doch, sage und schreibe, neunundneunzig tote Enten vor mir!
„Compadre“, meinte einer der Zuhörer, „wieso sagst Du nicht gleich Hundert“? Alcino strich sich mit der Hand durch den dichten Bart und antwortete: „Du glaubst doch nicht etwa, dass ich wegen einer einzigen Ente zum Lügner werde“!
Es gibt wohl kaum einen Bewohner von Vacaria, der unsern Zeca do Padre nicht gekannt hat. Gross und mager, scharf gebogene Nase, Augen wie ein Falke, der ein Küken beobachtet, wusste er alles und von allen. Aber nicht etwa durch eigene Beobachtung, denn er versicherte stets – „so hat man’s mir erzählt – und wenn’s nicht wahr sein sollte, dann muss sich der getäuscht haben…“
Seinen Spitznamen hatte er, weil er als Junge ziemlich lange Zeit die Glocken in unserer Stadtkirche geläutet hatte und Intimus unseres Pfarrers gewesen war. Der hatte ihm dann auch zu seinem eigenen Cartório (Katasteramt) verholfen, dessen Vorsitz er im Alter von fast vierzig Jahren übernahm. Es gibt eine Menge Geschichten, in denen unser Zeca als Hauptfigur vorkommt.
Unverheiratet, wohnte er in einem Holzhaus, das ihm sowohl als Residenz wie auch als Büro diente. Sein Tisch stand dicht am Fenster, von wo aus er, wie von einer Aussichtsplattform, sämtliche Geschehnisse der kleinen Stadt im Blickfeld hatte – das war um 1920 herum.
Direkt neben seinem Haus, in einer kleinen Bude mit vier Zimmern, die sich an die Mauer des Schlachthofs lehnte, wohnte eine Castelhana (Frau aus dem spanisch sprechenden La-Plata-Gebiet), „die Männer empfing“. Einsam, wie ein Huhn im Mast-Käfig. Sie empfing ihre Freunde – meistens betuchte Fazendeiros – nach Einbruch der Nacht. Sie hatte sozusagen eine Besucher-Liste: Montags, der Estanciero X, Dienstags, der Caudilho Y und so weiter. Selten, dass sie mal nachmittags schon Besuch hatte.
Aber, auch das gab es. Der Klient kam pfeifend den Bordstein entlang, so wie einer, der von niemand ‚was will und den auch sonst nichts interessiert – und, als er sich unbeobachtet fühlte – wupps, schwang er sich eilends durch das kleine Eingangstörchen, um an der Hintertür anzuklopfen. Der Code war allen Besuchern bekannt – und natürlich auch unserm Zeca do Padre – war ja so nah, als ob die Besucher an seiner eigenen Tür anklopften: drei starke Klopfer, eine Pause, und dann noch einer hinterher – und dann öffneten sich Tür und die Arme der Castelhana. Er, Zeca, führte sogar Buch über die Besucher – einfach so, aus Gewohnheit alles aufzuschreiben, was in seinem Amtsleben geschah. Also notierte er Namen, Tag und Uhrzeit des jeweiligen Besuchs – und sogar wann sie gingen, hielt er fest.
Eines schönen Nachmittags kam ein gut aussehender Bursche vorbei – sah nach Ausländer aus, bemerkte Zeca do Padre – der betrat den Innenhof des Häuschens ohne die geringste Scheu. Zeca hatte eine halbe Stunde vorher notiert, dass ein ihm schon bekannter Klient sich wie eine Katze an der Mauer entlang und zum Häuschen hingeschlichen hatte, also war die Castelhana in diesem Moment beschäftigt, als der besagte Ausländer an die Vordertür klopfte. Einmal, zweimal – aber nichts rührte sich. Zeca do Padre schob sich ans Fenster, und wie einer, der lediglich zu helfen beabsichtigte, fragte er den Burschen:
Guten Tag, mein Herr. Ist niemand zu Hause“? „Ja, es scheint so – niemand antwortet“! „Nun, wenn niemand antwortet, dann deshalb, weil jemand da ist“!