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Können finanzielle Probleme zu einer schlechteren Gesundheit führen?
Eine kurze, einfache Ausbildung und ein niedriges Einkommen sind Risikofaktoren für eine verminderte Gesundheit.
Eine Vielzahl wissenschaftlicher Studien haben den Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren - wie beispielsweise formale Bildung, Einkommen, finanzielle Schwierigkeiten - und Gesundheit aufgezeigt [1,2]. Ob sich dieser Zusammenhang auch bei Personen mit Behinderungen aufzeigen lässt, ist bisher noch kaum erforscht.
Für die zukünftige Entwicklung der Schweizer Gesundheits- und Sozialpolitik sind Informationen über die sozialen und ökonomischen Einflussfaktoren auf Gesundheit innerhalb spezieller Bevölkerungsgruppen sehr wichtig. Sie geben Aufschluss über systematische Versorgungslücken und weisen auf Zusammenhänge hin, die politischer Massnahmen bedürfen.
SwiSCI untersuchte nun, inwiefern sich der Bezug zwischen sozioökonomischen Faktoren und Gesundheit auch bei Personen mit Querschnittlähmung in der Schweiz widerspiegelt.
Wissenschaftliches Vorgehen
Zur Messung der sozioökonomischen Lebensverhältnisse befragte SwiSCI die Studienteilnehmenden zu ihrer Schulbildung, dem Haushaltseinkommen und ihrem persönlichen Gefühl von finanziellen Schwierigkeiten. Gesundheit wurde anhand von vorhandenen Begleiterkrankungen, Schmerzen, Einschränkungen in der Teilhabe an sozialen Aktivitäten, der psychischen Verfassung und Einschätzungen zur Lebensqualität gemessen.
Insgesamt werteten die Wissenschaftler Daten von 1549 Personen mit Querschnittlähmung aus, die bei der SwiSCI Umfrage teilgenommen haben.
Ergebnisse
Die Auswertungen zeigen einen starken Zusammenhang zwischen der subjektiven Einschätzung von finanziellen Schwierigkeiten und allen Indikatoren für Gesundheit:
So berichten Personen mit Querschnittlähmung, die ihre finanzielle Situation als problematisch einstufen, vermehrt von Begleiterkrankungen, Schmerzen, einer eingeschränkten Teilhabe an sozialen Aktivitäten, einer schlechteren psychischen Gesundheit und einer geringeren Lebensqualität, als Personen, die ihre finanzielle Situation als unproblematisch betrachten.
In den folgenden beiden Abbildungen sehen Sie, dass Personen mit mässigen oder keinen finanziellen Problemen auch weniger Begleiterkrankungen und Schmerzen haben:
Die folgenden beiden Graphiken zeigen umgekehrt, dass Personen mit mässigen oder wenigen finanziellen Problemen eine bessere psychische Gesundheit und Lebensqualität aufweisen:
Gleichwohl lässt sich kein Zusammenhang zwischen Bildung, Einkommen und der Entstehung von Gesundheit oder Krankheit feststellen. Das heisst, dass die Gesundheit von Betroffenen zwar abhängig von der persönlichen Einschätzung der finanziellen Situation ist, aber in keinem direktem Zusammenhang mit dem Indikator Einkommen steht. Dies scheint ein besonderes Merkmal der Gruppe querschnittgelähmter Personen zu sein, denn für die generelle Bevölkerung stehen Gesundheit, Bildung und Einkommen in einer direkten Relation zueinander.
Diskussion
Was könnten die Gründe für dieses Ergebnis sein? Finanzielle Schwierigkeiten erschweren den Alltag und schränken die materielle Ausgestaltung, aber auch die Teilhabe an bestimmten sozialen Netzwerken wie Vereine und Clubs, oder auch Tätigkeiten, wie Reisen und kulturelle Veranstaltungen ein. Zusätzlich können Leistungen in der Gesundheitsversorgung, die über die Grundversorgung hinausgehen, nur erschwert in Anspruch genommen werden. Daraus können Gefühle eines Mangels entstehen, die Stressreaktionen hervorrufen. Wie verschiedene Forschungsarbeiten zeigen konnten, wirkt sich psychosozialer Stress langfristig negativ auf die Gesundheit aus und kann beispielsweise die Entstehung von Diabetes, Herzkreislauferkrankungen und Depressionen begünstigen. Eine andere Erklärungsmöglichkeit ist, dass finanzielle Schwierigkeiten erst aus dem schlechten Gesundheitszustand resultieren, beispielsweise wenn Erwerbstätigkeit aufgrund von Erkrankungen nur noch reduziert oder gar nicht mehr möglich ist, oder wenn hohe Ausgaben für die Versorgung aufgewendet werden müssen.
Die Ergebnisse dieser SwiSCI Auswertung bestätigen Befunde aus der generellen Bevölkerung. Sie zeigen, dass sich finanzielle Probleme negativ auf die Gesundheit auswirken. Allerdings können anhand der SwiSCI Daten keine Zusammenhänge zwischen Einkommen, Bildung und den untersuchten Gesundheitsindikatoren beobachtet werden. Angesichts der Tatsache, dass die Schweiz eines der weltweit reichsten Länder mit einem hochentwickelten Gesundheits- und Sozialversicherungssystem darstellt, erstaunen diese Resultate. In weniger entwickelten Ländern dürften diese Zusammenhänge umso ausgeprägter sein. Die Stärkung der sozialen Leistungen und der gesundheitlichen Versorgung könnten die negativen Einflüsse von finanziellen Schwierigkeiten auf die Gesundheit abmildern.
Referenzen
[1] Marmot M., Allen J., Bell R., Bloomer E., Goldblatt P. (2012). WHO European review of social determinants of health and the health divide. Lancet 380: 1011-1029.
[2] Mackenbach JP., Stirbu I., Roskam AJ., Schaap MM., Menvielle G., et al. (2008). Socioeconomic inequalities in health in 22 European countries. N Engl J med 358: 2468-2481.