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Rechenschwäche – was Eltern tun können
Wenn Kinder Schwierigkeiten im Rechnen haben, lautet die Diagnose schnell Rechenschwäche (Dyskalkulie). Eine Rechenschwäche hat meist mehrere Ursachen. Wie können Eltern eine Dyskalkulie erkennen? Und wie kann einem betroffenen Kind geholfen werden?
Marco kommt von der Schule nach Hause, schmeisst seine Schultasche in die Ecke und verschwindet wortlos im Kinderzimmer. Seine Mutter ahnt, dass der heutige Test zu den Einmaleinsreihen nicht gut gelaufen ist. Der Neunjährige hatte viele Stunden mit dem Üben des Einmaleins verbracht, und abends hatten die Eltern die Reihen nochmals abgefragt. Als Belohnung hatten ihm die Eltern den Besuch einer Ausstellung über Dinosaurier versprochen, für die er sich brennend interessiert. Marco besucht die 3. Klasse der Primarstufe und ginge eigentlich gern zur Schule, wenn das Fach Mathematik nicht wäre. Der Umgang mit den Zahlen bereitete ihm von Anfang an Mühe, während er das Lesen und Schreiben leicht erlernte und bereits ein begeisterter Leser ist – er verschlingt alle Bücher über Dinosaurier und weiss darüber mehr als jedes andere Kind seiner Klasse.
Was ist eine Rechenschwäche?
Im Gespräch mit der Klassenlehrerin werden Marcos Eltern damit konfrontiert, dass die Schwierigkeiten ihres Sohnes im Fach Mathematik möglicherweise mit einer Rechenschwäche zu erklären sind. Die Eltern reagieren sehr besorgt, beginnen sich zu informieren und stossen dabei im Internet auf eine Vielzahl teilweise recht widersprüchlicher Aussagen über Rechenschwäche oder Dyskalkulie. Dass Kinder in manchen Lernphasen langsamer oder schwerer vorwärtskommen, ist nicht ungewöhnlich; erst wenn das Kind dauerhafte und umfangreiche Schwierigkeiten beim Rechnen hat, kann dies auf eine Rechenschwäche hindeuten.
Dass Kinder in manchen Lernphasen langsamer oder schwerer vorwärtskommen, ist nicht ungewöhnlich
Die Begriffe Rechenschwäche und Dyskalkulie meinen bei genauerer Betrachtung dasselbe Phänomen, doch wird heute der Begriff Rechenschwäche bevorzugt. In den vergangenen Jahren haben sich wissenschaftliche Studien mit der mathematischen Lernentwicklung befasst und festgestellt, dass Kinder sich bereits früh für Zahlen interessieren. Lange vor Kindergarteneintritt beginnen sie zu zählen, die Zahlwortreihe zu erlernen und die verschiedenen Aspekte von Zahlen in ihrer Umwelt zu entdecken. Kinder stellen Fragen, die mit Zahlen zu tun haben: Wie alt bin ich? Wie oft muss ich noch schlafen bis zum Geburtstag? Wer wird Erster beim Wettrennen? Sie sammeln gerne Gegenstände wie z. B. Muscheln, zählen sie ab und vergleichen: Wer hat mehr? Diese Erfahrungen stellen eine wichtige Grundlage für das Erkennen der Strukturen des Zahlensystems und somit für das schulische Erlernen der Mathematik dar.
Merkmale einer Rechenschwäche
Untersuchungen zum mathematischen Lernen zeigen, dass häufig jene Kinder gute Rechner werden, die bereits im Kindergarten vielfältige und spielerische Erfahrungen mit Zahlen sammeln können. Das Erlernen des Zählens spielt hierbei eine wichtige Rolle. Fehlen diese Grundlagen, bereitet das mathematische Lernen auf der Primarstufe Mühe, da es schwerfällt, die Beziehungen der Zahlen untereinander zu verstehen und für das Rechnen zu nutzen. Eine weitere Hürde stellt das Verständnis für den Aufbau des dezimalen Stellenwertsystems (des «Zehnersystems » dar. Kinder mit Rechenschwäche weichen daher auf reine Abzählstrategien aus. Zählstrategien wie z. B. das Fingerzählen werden von vielen Kindern im ersten Schuljahr ange wendet und nach und nach abgelegt, je mehr sie die Einsicht in mathematische Strukturen gewinnen. Bei rechenschwachen Kindern wie Marco verfestigt sich das Zählen als einzige Strategie; das zählende Rechnen gilt daher als ein Hauptmerkmal der Rechenschwäche. Weitere typische Schwierigkeiten zeigen sich in der Bearbeitung von Sachaufgaben und in der Tatsache, dass betroffene Kinder zentrale Aspekte der Grundschulmathematik nicht erwerben. Der fehlende Basisstoff erschwert nachfolgende Lernprozesse auf der Oberstufe.
Geringe Fortschritte über Jahre
Rechenschwäche bedeutet somit, dass das Kind in seiner mathematischen Lernentwicklung hinter den Gleichaltrigen herhinkt, über Jahre geringe Fortschritte macht und ohne massgeschneiderte Unterstützung an den Lehrstoff nicht anschliessen kann. Mit mangelnder Intelligenz hat eine Rechenschwäche nichts zu tun. Experten weisen darauf hin, dass zur Entstehung einer Rechenschwäche mehrere Faktoren beitragen und die Ursachen nicht allein beim Kind liegen. Das Fehlen früher Lernerfahrungen sowie ungünstige Lehrmittel und Unterrichtsmethoden können einen Einfluss haben.
Was können Eltern tun, um ihr Kind zu unterstützen?
Viele Hilfe suchende Eltern wenden sich an Lerninstitute und sind bereit, das Honorar für die Förderung ihres Kindes selber zu bezahlen. Die angebotenen Methoden unterscheiden sich in ihrer Qualität erheblich. So haben sich z. B. Wahrnehmungstrainings und viele andere angepriesene Konzepte als wirkungslos erwiesen. Im Fall von Marco suchen die Eltern die Zusammenarbeit mit der Schule und führen ein Gespräch mit der Heilpädagogin, einer ausgewiesenen Expertin für Rechenschwäche. Diese übernimmt die Förderplanung. Generell ist es für Eltern wichtig zu wissen, dass Kinder mit einer Lernschwäche psychischem Druck ausgesetzt sind und daher Gefahr laufen, zusätzlich Symptome zu entwickeln wie etwa morgendliche Bauchschmerzen, Einschlafstörungen bis hin zu Traurigkeit, Ängsten und Verhaltensauffälligkeiten.
Die Hauptaufgabe der Eltern besteht daher darin, ihr Kind zu lieben und zu akzeptieren, wie es ist.
Diese Probleme gefährden die Entwicklung des Kindes weit stärker als eine Lernschwäche. Die Hauptaufgabe der Eltern besteht daher darin, ihr Kind zu lieben und zu akzeptieren, wie es ist, und ihm den nötigen Rückhalt zu geben. Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten wünschen sich, dass in der Familie nicht täglich über ihre Probleme gesprochen wird und der schulische Fortschritt nicht zum alles beherrschenden Thema wird. Marco hat Glück. Sowohl in der Klasse als auch zu Hause wird er in seiner Entwicklung unterstützt und niemals wegen seiner Rechenschwä- che abgewertet. Die Heilpädagogin hilft Marco, fehlende mathematische Lernerfahrungen nachzuholen.
Nicht täglich über Probleme reden
Eltern leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie dafür sorgen, dass das Kind optimale Rahmenbedingungen vorfindet. Hilfreich sind ein ruhiger Arbeitsplatz sowie ein geregelter Tagesablauf, in dem sowohl fixe Hausaufgabenzeiten als auch Pausen mit der Möglichkeit zum Spielen und zur Bewegung im Freien Platz haben. In der Frage, ob Eltern ihr Kind regelmässig aktiv bei den Hausaufgaben unterstützen sollen, ist Vorsicht geboten. Generell stellt es einen Rollenwechsel dar, wenn Eltern zu «Hilfs- bzw. Förderlehrern » werden. Viele Kinder wehren sich dagegen, und es wird berichtet, dass es hierbei zu Tränen und Streit kommt. Dennoch entspricht es der Realität, dass gerade im Falle einer Lernschwäche die aktive Unterstützung durch die Eltern vereinbart wird. Marcos Eltern haben sich diesen Schritt gut überlegt und sind überzeugt, über die nötige Gelassenheit und Zeit zu verfügen. Sie treffen sich mit Marco zu einem weiteren Gespräch mit der Heilpädagogin und vereinbaren, acht Wochen lang die Hausaufgaben zu begleiten. Die Heilpädagogin bittet sie, darauf zu achten, dass Marco dieselben Anschauungsmaterialien wie im Unterricht nutzt, und erklärt, worauf es hierbei ankommt und wie die Eltern Marco am besten unterstützen können. Die Aufarbeitung des Lernstoffes liegt nicht in der Hand der Eltern; falls sie bei der Hausaufgabe feststellen, dass das Kind inhaltliche Verständnislücken hat, soll dies der Heilpädagogin gemeldet werden, ohne dass das Kind blossgestellt wird.
Brettspiele wirken positiv
Am Ende des Gesprächs gibt die Heilpädagogin Marco ein Spiel mit, das sie eigens für ihn hergestellt hat: das klassische Leiterli-Spiel mit Dinosauriern. Von nun an spielt Marco regelmässig mit seinen Eltern Brettspiele – alle drei haben Spass, und erleichtert bemerken die Eltern, dass Marco dabei auch seine mathematischen Fähigkeiten trainiert. Studien haben gezeigt, dass bestimmte Brett- und Kartenspiele wie Elferraus, Halli Galli, Stechen und Würfelspiele wie Pasch das grundlegende mathematische Verständnis fördern können. Eltern sei zudem empfohlen, die vielen Situationen des gemeinsamen Alltags zu nutzen, in denen Zahlen, Mengen und Muster vorkommen, und diese gemeinsam mit dem Kind zu entdecken, z. B. beim Einkauf, auf dem Spielplatz, beim Tischdecken. Diese bereichernden Erlebnisse stärken nicht nur das Band zwischen Eltern und Kindern, sondern wecken auch das Interesse und die Freude an der Mathematik.
Bild: Alamy
Leseempfehlungen mit konkreten Anregungen zur Förderung
Gaidoschik, Michael (2011). Rechenschwäche vorbeugen. Das Handbuch für LehrerInnen und Eltern. Gaidoschik gilt als Experte der Förderung von Kindern mit Rechenschwäche. Spiegel, Hartmut & Selter, Christoph (2015, 9. Aufl.): Kinder & Mathematik: Was Erwachsene wissen sollten. Ein Buch, das vermittelt, warum Mathematik keine bittere Medizin sein muss und wie Eltern die Fähigkeiten ihres Kindes erkennen und fördern können. Schmassmann, Margret (2004). Kinder brauchen Zahlen: www.recheninstitut.at
Leseempfehlungen zur wissenschaftlichen Vertiefung
Moser Opitz, Elisabeth (2013). Rechenschwäche/ Dyskalkulie: Theoretische Klärungen und empirische Studien an betroffenen Schülerinnen und Schülern. Wissenschaftliches Standardwerk zur Rechenschwäche. Benz, Christiane, Peter-Koop, Andrea & Grüssing, Meike (2014). Frühe mathematische Bildung. Mathematiklernen der Drei- bis Achtjährigen. Fundierter Überblick über die frühe mathematische Entwicklung.
Zur Autorin
Brigitte Hepberger ist Lehrerin, Erziehungswissenschaftlerin und Psychologin, seit 2009 Dozentin an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik (HfH). Sie unterrichtete viele Jahre auf der Primarstufe und in der Sonderpädagogik und interessiert sich besonders für die Unterstützung von Kindern mit Lese-Rechtschreib-Schwäche bzw. Rechenschwäche.