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|Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Beitrag einer Patientin, Alice-May Purkiss, die mit 26 Jahren die Diagnose Brustkrebs hatte, sie lebt in London. Hier finden Sie mehr Informationen zu ihr.|
Die Schuldgefühle des Überlebenden können die Gefühle von Trauer und Verlust verstärken
Vor wenigen Wochen erhielt ich die Nachricht, dass meine Freundin Saima gestorben war. Es war ein Sonntagabend und ich hatte den Tag damit verbracht, in meiner Wohnung herumzutrödeln und mich über belanglose Dinge zu ärgern. Dann schickte mir ein Freund eine Sprachnachricht, um mich über ihren Tod zu informieren. Plötzlich waren alle Ärgernisse des Tages wie weggeblasen.
Was für ein Geschenk war es für mich, dass ich mich um die kleinen Details des Lebens kümmern konnte. Was für ein Privileg war es für mich, am Leben zu sein und mich über dumme Dinge wie die Aufbewahrung von Schuhen und das Streichen von Wänden aufzuregen, während unsere Freundin im Alter von 31 Jahren ihren letzten Atemzug gemacht hatte.
Saima war ein absolutes "Kraftpaket", bei ihr wurde Lungenkrebs im 4. Stadium diagnostiziert, noch bevor sie 30 Jahre alt wurde. Sie war in der Krebsgemeinschaft dafür bekannt, dass sie leidenschaftlich und wortgewandt darüber sprach, wie es ist, eine farbige Person zu sein, die mit Krebs leben muss. Sie sprach über die Ungleichheiten innerhalb ihrer Gemeinschaft und der weissen Gemeinschaft und bemühte sich, das Tabu zu brechen, über Krebs zu sprechen; ein Tabu, das in vielen Kulturen weit verbreitet ist. Sie war eine Wegbereiterin, eine Vorreiterin und ein wirklich guter Mensch. Wir alle spüren ihren Verlust sehr, sehr schmerzlich.
Was sind die Schuldgefühle des Überlebenden?
Der Verlust von Saima ist nicht der einzige, den ich in den letzten Jahren erlebt habe. Die Krebsgemeinschaft (Community) und insbesondere die junge Krebsgemeinschaft, die Instagram als Mittel zur Kontaktaufnahme nutzt, ist eine eng verbundene Gruppe. Wenn man Teil dieser Community ist, ist ein schwieriges Thema, dass Menschen sterben. Es sterben Menschen, die Sie kennen.
Ich bin 31 und habe viel zu viele meiner Altersgenossen an einer Krankheit sterben sehen, doch aus irgendeinem Grund wurde ich bisher verschont. Das bringt eine Fülle komplexer Emotionen mit sich. Jedes Mal, wenn jemand stirbt, den ich kenne, nimmt dies dann sehr viel Zeit in Anspruch, um diese Gefühle zu verarbeiten. Traurigkeit, Wut, Angst und Herzschmerz vereinen sich zu einem grossen Durcheinander, das ich verarbeiten muss.
Dazu kommen immer noch die Schuldgefühle. Diese Schuldgefühle des Überlebenden waren für mich in den letzten Jahren ein grosses Problem.
Wenn Sie in Kontakt mit den Betroffenen bleiben, werden Sie auch mit Menschen zu tun haben, die nicht überleben werden.
Schützen Sie sich also vor den Schuldgefühlen des Überlebenden, indem Sie sich aus der Szene zurückziehen, oder bleiben Sie und lernen wunderbare Menschen kennen, die mit Krebs und darüber hinaus leben?
Für mich ist das eine ganz klare Entscheidung.
Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt, dass ich mich entschieden habe, mit den Schuldgefühlen umzugehen, anstatt zu versuchen, sie zu vermeiden.
Tipps für den Umgang mit den Schuldgefühlen des Überlebenden
Seit einiger Zeit arbeite ich mit meiner Freundin Sophie Trew an der Bewältigung der Schwierigkeiten, die mit dem Überleben von Krebs einhergehen. Sie macht auch Coaching bei Menschen, die von Krebs betroffen sind, und Coaching im Hinblick auf die Lebens- und Denkweise ("mindset").
Ich habe ein paar Dinge zusammengetragen, die ich durch die Zusammenarbeit mit ihr über die Schuldgefühle der Überlebenden gelernt habe. Diese Tipps könnten Ihnen vielleicht auch weiterhelfen, wenn Sie damit zu kämpfen haben.
Reden Sie mit sich selbst wie mit dem besten Freund
Zunächst ist es wichtig, mit sich selbst zu reden, wenn diese Schuldgefühle auftauchen, so wie man mit jemandem reden würde, den man liebt. Ich bin anderen Menschen gegenüber viel einfühlsamer als mit mir selbst und ich glaube, damit bin ich nicht alleine.
Ich denke also darüber nach, was ich jemandem in der Community sagen würde, der mit dem gleichzeitigen Dilemma der Trauer und der Schuldgefühle der Überlebenden zu kämpfen hat, und wende das auf mich selbst an. Ich sage mir, dass es in Ordnung ist, sich so zu fühlen, wie ich es tue, und dass niemand Schuld an der Situation hat. Krebs ist ein gerissenes Biest, das ohne Grund und Verstand Leben nimmt.
Überleben ist nichts, wofür man sich schämen sollte
Teilen Sie Ihre Gedanken mit jemandem, dem Sie vertrauen. Es mag ein altes Sprichwort sein, aber geteiltes Leid ist wirklich halbes Leid. Wenn wir darüber sprechen, fühlen wir uns weniger isoliert. Es ist gut möglich, dass Sie sich mit einem anderen Krebspatienten unterhalten, der genau dasselbe fühlt oder gefühlt hat. Sophie ist oft meine Ansprechpartnerin für diese Gespräche, und wirklich, ich fühle mich dann immer gleich viel besser.
Nehmen Sie sich eine Auszeit, um die Trauer zu verarbeiten
Häufig reden wir uns ein, dass wir etwas Bestimmtes nicht fühlen sollten, aber ein wichtiger Teil des Umgangs mit Emotionen ist es, sie einfach zuzulassen. Die Schuldgefühle des Überlebenden sind Emotionen, die mit Trauer in Zusammenhang stehen. Deshalb ist es wichtig, dass Sie sich Zeit nehmen, um Ihre Trauer aktiv zu verarbeiten.
In den Tagen nach Saimas Tod ging ich mehrmals schwimmen, um mich daran zu erinnern, was für ein Geschenk es ist, ein lebender, atmender Mensch zu sein, und ich widmete ihr jeden einzelnen dieser Schwimmzüge.
Suchen Sie eine Routine
Wenn Sie das Gefühl haben, dass die Dinge ausser Kontrolle geraten sind, kann es hilfreich sein, eine Routine einzuführen. Sie können täglichen Aktivitäten nachgehen, die Ihnen Spass machen. Das kann Kochen, Laufen oder Yoga sein. Vielleicht finden Sie auch Trost im Lesen oder Schreiben. Was auch immer Ihnen hilft, sich ausgeglichener zu fühlen, planen Sie dies in Ihren Tagesablauf ein. Nehmen Sie sich auch dann die Zeit dafür, wenn Sie andere Verpflichtungen haben. Das ist eine gute Möglichkeit, die erdrückende Situation besser zu bewältigen.
Denken Sie daran, dass Sie nicht alleine sind
Und schliesslich, auch wenn es sich so anfühlen mag, sind Sie nicht alleine. Es gibt so viele Menschen, die ähnliche Erfahrungen wie Sie gemacht haben und wissen, wie Sie sich fühlen. Fragen Sie sich, an wen aus dem privaten oder beruflichen Umfeld Sie sich wenden können.
Quellen:
|1||www.dictionary.cambridge.org/dictionary/english/survivor-guilt; zuletzt aufgerufen am: 18.01.2022

Anmerkung der Editoren:
* Überlebensschuld-Syndrom: Das Überlebensschuld-Syndrom ist eine Variante der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS). Die Betroffenen empfinden Schuldgefühle, eine Extremsituation überlebt zu haben, bei der viele Menschen ums Leben gekommen sind.
https://flexikon.doccheck.com/de/%C3%9Cberlebensschuld-Syndrom; zuletzt aufgerufen am: 18.01.2022
Zur besseren Lesbarkeit wird auf die Erwähnung der weiblichen und männlichen Form verzichtet.
Artikel veröffentlicht am 13.11.2020