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Es ist das grosse Verdienst des Diogenes-Verlags, nicht aufs Geld zu achten und stattdessen die Biographie eines heute etwas in Vergessenheit geratenen Dichters auf den Markt zu bringen: Rainer Brambach.
Doch der Aufwand hat sich gelohnt. Die Geschichten, die rund um diesen Jahrhundertdichter zu erzählen sind, sind ihn wert. Die Gedichte sowieso.
Doppelt passend
«Ich wiege 80 Kilo, und das Leben ist mächtig.» Die Zeile aus Brambachs Gedicht «Leben» dient den beiden Autorinnen der Biographie als Titel.
Er passt in doppelter Hinsicht. Erstens sei Brambach mit diesem Gedicht in ihr Leben getreten, sagen Isabelle Koellreuter und Franziska Schürch, und zweitens beschreibt er Brambach in seiner ganzen Lebendigkeit.
Diese Lebendigkeit ist es auch, die aus all seinen Gedichten spricht. Seien es die leichten, lebensbejahenden Gedichte wie «der Baum», seien es die schweren, gar depressiven wie «Am Nachmittag».
Grossspurig und arbeitsscheu?
Geboren wird Rainer Brambach 1917 in Basel. Sein Vater ist ein bereits 60-jähriger Klavierstimmer aus Deutschland, der zu Zeiten von Rainers Geburt kaum mehr arbeitet. Seine Mutter stammt aus dem bernischen Niederbipp. Ihr obliegt die Ernährung der Familie.
Diese lebt in einfachsten Verhältnissen in einer Zweizimmerwohnung im Basler St. Johann-Quartier. Keine gute Gegend. Rainer ist ein schlechter Schüler. Die Nachbarn empfinden ihn als grossspurig und arbeitsscheu. Eine Flachmalerlehre bricht er ab.
Ausgewiesen, statt eingebürgert
Rainer ist deutscher Staatsbürger. Mit 15 bewirbt er sich zusammen mit seinem Bruder für die Schweizer Staatsbürgerschaft. Der Bruder wird genommen. Rainer nicht. Sein Ruf aus der Schulzeit wird ihm zum Verhängnis. Es wird bis 1974 dauern, bis er «den Schweizer macht», wie er sagt.
Die Nichteinbürgerung hat Folgen. Rainer Brambach wird ausgewiesen. Am 1. Januar 1939 verlässt er die Schweiz. Er findet Arbeit in Stuttgart. Im April muss er in den Reicharbeitsdienst, der Wehrmacht entkommt er durch Flucht nach Basel.
Absitzen, lesen, dichten
Das bringt ihn ins Gefängnis. Später – bereits als Staatenloser – wird er interniert. Nur langsam findet er wieder in ein normales Leben zurück. Eine Arbeit als Gartenarbeiter hilft ihm dabei. Und wie wild beginnt er zu lesen.
Übers Lesen kommt er zum Dichten. Sein Mentor wird Günter Eich. Ihm schreibt er einen Fanbrief. Daraus entstehen eine lebenslange Freundschaft, gegenseitige Unterstützung und ein folgenreicher Briefwechsel.
Verlorene Briefe
Denn Barmbachs Briefe an Eich gehen verloren. Sie tauchen erst Jahrzehnte später wieder auf. Lange nach Brambachs Tod im August 1983. Schliesslich landen sie bei Ulea Schaub, Brambachs letzter Lebenspartnerin.
In den Briefen findet sie all die alten Geschichten wieder: die abgelehnte Einbürgerung, die Ausweisung, die Inhaftierung, die Internierung. Und sie beschliesst, sich um eine Brambach-Biographie zu kümmern.
Erst Gärtner, dann Dichter
Über den Literaturvermittler Martin Zingg gelangt sie an die beiden Historikerinnen Isabel Koellreuter und Franziska Schürch. Und die lesen dann ihr erstes Brambach-Gedicht. Dann machen sie sich an die Arbeit.
Herausgekommen ist eine liebevolle und kenntnisreiche Arbeit über einen grossen Dichter. Dabei steht auch der Mensch im Zentrum. Der Gartenarbeiter, der zum Dichter wird. Der Kneipengänger, der am Wirtshaustisch Gedichte rezitiert, der Vorleser, der an Basler Schulen Generationen von Schülerinnen und Schülern begeistert, der Trinker, der Lebemann.
Gedichte rahmen das Leben
Die Gedichte, einzigartig, zurückhaltend, sachlich und klar, dienen als Rahmen, als Zeugnisse eines Lebens, als Dokumente einer ganz bestimmten Zeit und eines ganz bestimmten Ortes. Basel in der Mitte des letzten Jahrhunderts, das es so nicht mehr gibt.