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Frühling auf Schweizerdeutsch: Uustag, Huustage & Langsi, Lanzig
Schweizerdeutsch kennt für die Jahreszeit, die dem Winter folgt, drei Worttypen: erstens Uustag oder Huustage, zweitens Langsi oder Lanzig und drittens Früelig oder Früejoor.
Verbreitung
Im modernen Schweizerdeutsch hat sich der Früelig weitgehend durchgesetzt. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte sich ein ganz anderes Bild:
- Langsi galt im Walliser Goms, in Pomatt, Gurin, Uri sowie verbreitet bei den Bündner Walsern, und Lanzig sagte man in Schwyz, Glarus, im Ägerital und im Gasterland. Im 19. Jahrhundert kannte man Lanzig auch noch im St. Galler Rheintal sowie weiterherum in der Innerschweiz.
- Uus-tag, Üüs-tagg, Üs-tagg, Ui-stagg, Uu-stig hiess es im mittleren und unteren Deutschwallis, im Berner Oberland sowie bei den Südwalsern im Lystal, im Sesiatal und im Anzascatal, Uus-tage im freiburgischen Sensebezirk, im zentralen und östlichen Berner Oberland und in Unterwalden, und Huus-tage war in Deutschfreiburg, im Berner Aaretal, Emmental und Seeland, im südjurassischen Solothurn, im Südwest- und Südostaargau, im gesamten Luzernbiet, im Knonaueramt und im Zugerland üblich, wozu im 19. Jahrhundert auch noch der Zürichsee und das Zürcher Oberland traten.
- Früelig (oder in Schaffhausen Früeling) war im 19. Jahrhundert hauptsächlich in der Nord- und Ostschweiz zu Hause. An der Grenze zum Elsass hiess es Friejoor.
Herkunft der Wörter
Früelig und Früejoor ist natürlich die frühe Jahreszeit – früh im Hinblick auf das Gedeihen der Natur.
Langsi, Lanzig ist verwandt mit dem standardsprachlich nur noch poetisch oder übertragen gebrauchten Wort Lenz: Es handelt sich ursprünglich um eine Zusammensetzung mit lang und meint wörtlich «Jahreszeit, in der die Tage länger werden». Ausserhalb der Schweiz kommt es auch im Tirol, im Salzburgerland und im Böhmerwald als Langs, Langes, Lanzing, Lassing, Lausing und ähnlich vor.
Uustaag hingegen scheint ursprünglich eher die Zeit vor dem Frühling bezeichnet zu haben als den Frühling selbst. Das Wort ist mundartlich sonst nur in zwei weit von der Schweiz entfernten Regionen bekannt: im heute rumänischen Siebenbürgen (wohin es aus dem Rheinland mitgebracht worden ist) als Ousdäch und in einem ganz kleinen Gebiet am nordwestdeutschen Niederrhein als Utdag. Der damalige Chefredaktor Hans Wanner schrieb in der Anmerkung zum Artikel im Schweizerischen Idiotikon, die allgemeine Bedeutung sei wohl «Schlusstag» gewesen, also «zunächst das Ende des natürlichen Jahreslaufes, d. h. die Zeit unmittelbar vor dem eigentlichen Frühlingsanfang»; die Bedeutung hätte sich damit erst nach und nach «auf das ganze Frühjahr ausgedehnt». Hierfür fehlen zwar Anhaltspunkte in den historischen Quellen, aber in gewissen Mundarten verstand man darunter tatsächlich den Vorfrühling – oder aber gleich die ganze Zeit von Neujahr bis Mai.
In diese Richtung deutet auch das vielerorts im Bairisch-Österreichischen bekannte, gleichbedeutende Wort Auswärts, das sich am Niederrhein als Utterwarts wiederfindet und dort in Utgohn(s)dag eine weitere Variante kennt. Damit entfällt die andere, noch aus dem 19. Jahrhundert stammende Erklärung als «die Tage, wo man wieder aufs Feld geht» – oder um mit Franz Joseph Stalder, dem Vater der Schweizer Dialektologie, zu sprechen: «der Hinaustag». Auch bei der zweifellos erst sekundär entstandenen Variante Huustage war Franz Joseph Stalder nicht um eine Erklärung verlegen: «von unserem schweizerischen hausen, huusen, sparen, gleichsam Tage, wo man sparen oder ökonomisch seyn soll». Tatsächlich liegt hier aber eine Umdeutung des nicht mehr recht verstandenen Uustag vor.
Aufkommen und Verschwinden der Wörter
Es wäre interessant zu wissen, wie die deutschschweizerische Sprachgeographie 2023 aussieht – wir müssen jedenfalls davon ausgehen, dass der Uustig, die Huustage, der Langsi und der Lanzig selten geworden sind. Die Aufnahmen für den Sprachatlas der deutschen Schweiz, die von 1939 bis 1958 gemacht wurden, zeigen, dass Früelig schon damals fast überall im Langsi‑/Lanzig- und im Huustage-Gebiet ein Konkurrenzwort war.
Diese Wortlandschaft ist indes schon lange in Bewegung: Schaut man die Gebiete an, wo die drei Worttypen um 1900 herum üblich waren, dann können wir nämlich mehrere Schichten und Bewegungen herauslesen. Erstens war die Deutschschweiz ursprünglich vermutlich zweigeteilt: in der westlichen Hälfte sagte man Uustag, Huustage, in der östlichen Lanzig, Langsi. Schon vor ein paar Jahrhunderten hat sich das Huustage-Gebiet aber offenbar in der Innerschweiz, im Aargau und im Kanton Zürich auf Kosten des Lanzig-Gebiets nach Osten ausgedehnt, wie die Verbreitungsangaben im Schweizerischen Idiotikon nahelegen.
In einer jüngeren Zeit drang dann aus Schwaben, wo der Frieleng zu Hause ist (eine zweite Heimat hat er in Brandenburg und Sachsen-Anhalt) über den Hochrhein und dem Alpenrhein entlang in die Schweiz ein und drängte als Früelig die alten Worttypen Uustag/Huustage und Langsi/Lanzig zurück. Das Friejoor hingegen hat dem Oberrhein entlang die Schweiz erreicht; über diesen ist Basel sprachlich mit ganz Westdeutschland verbunden, wo fast alle Mundarten «Frühjahr» kennen.
Aber wie die Daten aus Siebenbürgen (dessen Deutschsprachige aus dem Rheinland stammen) und vom Niederrhein zeigen, ist auch hier «Frühjahr» wohl nicht uralt, sondern hat einen älteren «Austag» abgelöst. Alles in allem können wir festhalten, dass die Wörter Sommer und Winter in allen germanischen Sprachen sehr stabil sind, wogegen es für Frühling und Herbst quer durch die Germania eine grosse Vielfalt an Worttypen gibt. Offensichtlich sind Letztere als «Übergangsjahrzeiten» auch sprachlich variabler.
Übrigens
Wen isch s am gföörlechschte z spaziere? – Z Huustage, we d Sunne sticht, d Böum uusschlaa und der Chabis schüüsst. Geniessen Sie den Frühling trotzdem!
Permalink: https://www.idiotikon.ch/wortgeschichten/uustag-langsi-fruelig
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