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Wir Menschen sind uns unserer Selbst schon im frühen Kindesalter bewusst. Wir sind also in der Lage, von unserer eigenen Existenz selbst Kenntnis zu nehmen. Nachdem bei gewissen Tieren ebenfalls Gedanken und Emotionen nachgewiesen wurden, galt nun dieses Ich-Bewusstsein als Unterscheidungsmerkmal zwischen Mensch und Tier. Es liess dann nicht lange auf sich warten, dass Wissenschaftlerinnen versuchten, dieses auch bei Tieren nachzuweisen.
In diesem Beitrag begeben wir uns ein drittes Mal in das Innenleben von Tieren — dieses Mal auf der Suche nach einer Spur, die uns zu ihrer Ich-Wahrnehmung führen könnte.
Spieglein, Spieglein, an der Wand…
Einen Nachweis für ein so komplexes Konzept wie das Ich-Bewusstsein zu finden, ist eine grosse Herausforderung. Schliesslich können uns Tiere nicht mitteilen, was sie wahrnehmen und welche Erfahrungen sie machen. Wie also geht man solch eine Untersuchung an? 1970 entwickelte der amerikanische Psychologe Gordon G. Gallup Jr. eine bahnbrechende Methodik: Den Spiegeltest, auch Markierungstest genannt.
Beim klassischen Spiegeltest wird ein Tier betäubt und an einer Stelle des Körpers, die das Tier normalerweise nicht sehen kann, markiert (z. B. durch Aufmalen oder Anbringen eines Aufklebers). Die Narkotisierung soll ausschliessen, dass das Tier Kenntnis von der Anbringung der Farbmarkierungen erlangt. Nachdem es sich von der Narkose erholt hat, wird ihm ein Spiegel vor die Nase gehalten. Berührt oder untersucht das Tier dann die Markierung am eigenen Körper, wird dies als Hinweis darauf gewertet, dass das Tier das Spiegelbild als ein Abbild von sich selbst erkennt und nicht als ein anderes Tier wahrnimmt. Menschenkinder bestehen den Spiegeltest im Regelfall ab dem 18. Lebensmonat.
Der Spiegeltest hat seine Grenzen
Bisher haben nur sehr wenige Arten den Spiegeltest bestanden. Zu diesen Arten gehören Menschenaffen, einzelne asiatische Elefanten, Rochen, Delfine, Orcas, die Elster und der Putzerlippfisch. Die entscheidende Einschränkung beim Spiegeltest: Es wird nur anhand visueller Kriterien entschieden, ob ein Tier sich selbst erkennt oder nicht. Tiere, die hauptsächlich andere Sinne benutzen, sind somit benachteiligt. Hunde beispielsweise nutzen hauptsächlich ihren Geruchssinn und ihr Gehör; das Sehen wird erst an dritter Stelle wichtig. Die Forscherin für Hundekognition Alexandra Horowitz untersuchte deshalb das Verhalten der Hunde, wenn sie ihren eigenen und den Geruch anderer erschnuppern – und auch, ob sie ihr eigener Geruch mit einer zusätzlichen Geruchsmarkierung stutzig machte. Die Ergebnisse: Hunde unterscheiden nicht nur ihren eigenen Geruch von dem anderer Hunde, sondern verbringen auch mehr Zeit damit, ihr eigenes Geruchsbild zu untersuchen, wenn es verändert wurde.
Was ist das Ich-Bewusstsein überhaupt?
Ob ein Tier nun lediglich wegen der Testmethodik am Bewusstseinstest scheitert oder nicht, darüber streiten sich Forschende noch heute regelmässig. Aufgrund seiner Beschränkungen plädieren verschiedene Wissenschaftler dafür, den Spiegeltest weniger ernst zu nehmen. Entscheidender ist ohnehin, dass noch immer nicht einheitlich geklärt ist, was ein Tier als „ich-bewusstsein-habend“ und eben „nicht-ich-bewusstsein-habend“ auszeichnet. Solange der Forschung kein klares Begriffsverständnis zugrunde liegt, bleibt weitgehend offen, wonach eigentlich gesucht wird. Erst nach dieser Einigung lassen sich auch geeignete Instrumente entwickeln, die ein Ich-Bewusstsein nachweisen bzw. widerlegen. Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass die Interpretationen von Ergebnissen durchgeführter Spiegeltests weit auseinander gehen.
Sind wir schlau genug, um zu wissen, wie schlau andere Tiere sind?
Frans de Waal, ein niederländischer Primatologe und Verhaltensforscher, der selbst viel zum Spiegeltest geforscht hat, plädiert ebenfalls dafür, den Test weniger wichtig zu nehmen. Er sei gespalten, schreibt er in seinem Buch "Are We Smart Enough To Know How Smart Animals Are?“. Dort lässt er verlauten: „Ich glaube schon, dass spontanes Selbsterkennen etwas bedeutet. Es könnte auf ein stärkeres Ich-Bewusstsein hindeuten. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Ich-Bewusstsein in anderen Arten fehlt.“ Vor allem kritisiert de Waal das bei dieser Thematik häufig herrschende Schwarz-Weiss-Denken: Entweder erkenne sich ein Tier im Spiegel selbst und sei sich seiner selbst bewusst, oder eben nicht. „Wäre es nicht auch möglich, dass sich das Ich-Bewusstsein nach dem Zwiebelprinzip entwickelt, statt auf einmal aufzutauchen?“.
Die Graustufen des Ich-Bewusstseins
Ein mögliches Indiz, dass die Selbsterkennung erst schrittweise erfolgt, sieht man bei Tieren, die den Spiegeltest bestanden haben. Denn sie durchlaufen in der Regel eine Reihe verschiedener Verhaltensstadien, wenn sie zum ersten Mal einem Spiegel begegnen. Zunächst denken sie vielleicht, das Spiegelbild sei ein anderes Tier, oder sie untersuchen den Spiegel, indem sie hinter oder unter ihn schauen. Danach beginnen einige Tiere, den Spiegel zu testen, indem sie wiederholend ungewöhnliche Verhaltensweisen zeigen — zum Beispiel Grimassen bei Schimpansen —, bis sie realisieren, dass sie sich selbst im Spiegel betrachten.
Studien mit verschiedenen anderen Tierarten stützen diese Theorie der Zwischenstufen des Bewusstseins. Obwohl sie sich nicht spontan im Spiegel erkennen, können zum Beispiel Rhesusaffen dies erlernen, wenn die Markierung nicht nur optisch auffällt, sondern auch auf der Haut spürbar ist. Zu dieser Erkenntnis kam Mu-ming Poo, Direktor des Instituts für Neurowissenschaften der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Shanghai. Er strahlte zu diesem Zweck Rhesusaffen mit einem grünen Laserstrahl an, der die Haut leicht reizt. Kapuzineraffen fallen zwar ebenfalls durch den Spiegeltest, reagieren aber dennoch auf ihr eigenes Spiegelbild viel selbstsicherer, als wenn sie einem Artgenossen hinter einer Plexiglasscheibe gegenübersitzen. Zuletzt können Hunde immerhin einen Spiegel als Werkzeug nutzen, um hinter einer Ecke verstecktes Futter zu finden. Einiges spricht also dafür, dass sich die Fähigkeit zur Erkenntnis eines eigenen, abgegrenzten Selbst im Tierreich stufenweise entwickelt hat. Der Spiegeltest allein gibt diese Komplexität nicht wieder.
Quellen und weitere Informationen:
Science: Haben Tiere Selbstbewusstsein?
Frans de Waal (2016): Are We Smart Enough to Know How Smart Animals Are?
Frans de Waal, et al. (2005): The monkey in the mirror: Hardly a stranger
Chang, L. et al. (2017): Spontaneous expression of mirror self-recognition in monkeys after learning precise visual-proprioceptive association for mirror images
Howell, T. J. et al. (2013): Do dogs use a mirror to find hidden food?