Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/472

Oftmals treten in den Nachrichten, egal ob Fernsehen, Radio oder Zeitung, Meldungen über Erdbeben in aller Welt. Meistens sind Länder auf anderen Kontinenten betroffen, aber auch europäische. Die weitverbreitende Meinung ist, dass die Schweizer Bürger auch wegen der sicheren Bebauung nicht Angst vor einer Erschütterung haben müssen. Doch weit gefehlt. Es ist tatsächlich möglich, wenn auch selten…
Erdbeben selten, aber möglich
Im Rahmen meiner Zivilschutz-Grundausbildung wurde ich mit dem Szenario eines Erdbebens in der Schweiz konfrontiert. Dieses Szenario diente uns als Übung, um das Gelernte anzuwenden. Das Ereignis war ein Erdbeben der Stärke 7,5 auf der Richterskala. Innerlich begann ich bei einer solchen Bebenstärke zu grinsen, doch nach Tagesende liess mich der Gedanke nicht los, ob das tatsächlich doch nicht so unrealistisch ist. Dank der dickeren Gesteinsschicht der Alpen werden zwar die Spannungen abgedämpft, doch die aufgestaute Energie könnte sich bei einem stärkeren Beben umso heftiger entfalten. Und die Schweiz ist entgegen der öffentlichen Meinung ein Erdbebengebiet. Täglich werden durchschnittlich zwei Beben registriert. Das bisher letzte (Stand: 30. August 2011) hat im Raum des Tödi im Kanton Glarus stattgefunden, es hatte laut dem Schweizerischen Erdbebendienst, welcher der ETH Zürich angegliedert ist, eine Stärke von 1,3, also gar nicht spürbar.
Nördlich von Basel befindet sich die oberrheinische Tiefebene, bei der eine Verwerfung in der tektonischen Platte stattfindet. Je nach Begebenheit könnte der westliche Teil – Frankreich und die iberische Halbinsel – vom restlichen Europa wegbrechen. Dadurch ist Basel eine sehr gefährdete Zone, das schwerste Beben im Jahre 1356 forderte nach Quellen zwischen 100 und 2000 Todesopfern, zudem stürzte das Dach des Münsters ein. Nach neuzeitlichen Berechnungen wäre das damalige Beben auf der Richterskala im Bereich 6.0-7.5 anzusiedeln gewesen.
Weitere gefährdete Regionen sind das Wallis und der Kanton Graubünden. Dies gerade wegen ihrer Alpenlage, da die nordafrikanische Platte weiterhin gegen die europäische drückt und dadurch Schwingungen ausgelöst werden. Im Wallis kommt noch das Problem hinzu, dass der aufgrund der Rhone eher weiche Boden die Erschütterungen noch verstärken kann. Städte wie Brig oder Chur werden durch die Plattenverschiebungen jährlich um etwa 1,5 Millimeter angehoben.
Das letzte schwerere Erdbeben hat sich am 22. Feburar 2o03 ereignet, mit Epizentrum im Elsass. Das Beben mit der Stärke 5.5 auf der Richterskala war sogar noch in der Zentralschweiz zu spüren gewesen. Interessanterweise ist auch diese, wie die links stehende Grafik der ETH Zürich zeigt, eher von Erdbeben betroffen.1774 war Altdorf von einem Erdbeben der Stärke 5,9 betroffen, 1601 löste ein Erdstoss, der auf der Richterskala den Wert 6,2 erhielt, im heutigen Kanton Nidwalden eine vier Meter hohe Flutwelle auf dem Vierwaldstätter See aus, die Luzern traf. Der Kanton Luzern hat im März 2011 den Ernstfall geprobt, das Notfallszenario handelte von einem Erdbeben in Emmen mit damit verbundenem Brand im Tanklager Rothenburg.
Erdbeben mit einer Stärke unter 3 sind kaum oder gar nicht spürbar, und deren Anzahl ist in der Schweiz reichlich hoch. Jedoch kann es sein, dass an Gebieten mit schwachen Erdbeben dann plötzlich ein starkes eintreten kann.
Was ist konkret zu erwarten?
Experten sagen, dass die Schweiz alle 500 Jahre von einem Beben der Stärke 6,0 heimgesucht wird, alle tausend Jahre gar von einem Erdstoss mit 7,0. Das Basler Beben von 1356 war das stärkste je in Mitteleuropa registrierte, jedoch ist ein ähnliches mit diesen Ausmassen nach den Schätzungen der Experten erst um 2356 um zu erwarten, wir werden es also nicht mehr erleben. In naher Zukunft werden starke, zerstörerische Beben jedoch nicht auftreten, es ist also keine Panikmache angesagt. Wie bereits geschrieben, sind die meisten der 500 bis 800 jährlichen Beben nicht spürbar, nur gerade 10 sind jeweils stark genug. Seit 1975 wird vom Schweizerischen Erdbebendienst ein seismischen Messnetz betrieben.
Für die Auswirkungen eines Erdbebens spielen nebst der Intensität auch der Boden und die Bevölkerungsdichte eine Rolle. Weicher Boden verstärkt die Schwingungen, während eine dichte Besiedlung die Opferzahlen ansteigen lassen. Deshalb gilt beispielsweise auch die Stadt Zürich als möglicher Standort eines solchen Jahrtausenderdbebens.
In der Schweiz gibt es doch eine erdbebensichere Bauweise?
Falsch. Total Falsch. Für Häuser neuerer Bauart mag das wohl noch zutreffen, doch die meisten Bauten sind absolut nicht erdbebensicher gebaut. Die im Übungsszenario vorgegeben 7,5 reichen aus, um Backsteingebäude vollständig zu zerstören und selbst Stahl- und Betonkonstruktion zu beschädigen. Es gibt sogar Fälle, bei denen die im Nachhinein installierte Feuertreppe erdbebensicher gebaut wurde, das Gebäude an sich jedoch nicht. Das Problem ist, dass in der Schweiz erst seit 1989 eine verbindliche Norm besteht, und natürlich gibt es schweizweit keine einheitliche Erdbebenversicherung, jedoch haben sich aus Eigeninitiative einige Unternehmen zu einem Pool zusammengeschlossen. Der Einsturzgrund ist nicht die Erschütterung an sich, sondern dass die Fundamente mit den Schwingungen der Erdstösse mitgehen, die oberirdischen Gebäudeteile jedoch nicht mehr.
Der Schweizerische Erdbebendienst
Dem Schweizerischen Erdbebendienst liegt die 1878 gegründete Erdbebenkommision zugrunde. Sie erstellte zwei Erdbebenwarten in Zürich (Degenried) und Neuchâtel. Nach der Auflösung der Kommission 1912 gingen die seismologischen Dienste an die Meteorologische Anstalt SMA. Unter deren Fittichen wurde 1932 mit Sierre eine Messstation in einem bekannten Gefahrengebiet eingerichtet, nachdem bereits 1915 in Chur die dritte Bebenwarte in Betrieb genommen wurde. Nach einem von der Bundesversammlung 1956 verabschiedeten Gesetz wurde der Erdbebendienst der Geophysik-Abteilung der ETH Zürich unterstellt. Seit 2009 ist der SED eine ausserdepartementale Einheit der ETHZ und ist somit dem Vizepräsidenten für Forschung und Wirtschaftsbeziehungen – dieses Amt wird seit Dezember 2009 vom in Schwyz wohnhaften D-MAVT-Professor Dr. Roland Yves Siegwart ausgeführt – direkt unterstellt. Die Zusammenarbeit mit dem Geophysik-Institut bleibt aber bestehen. Im Internet werden alle registrierten Beben veröffentlicht, zudem steht dem Nutzer eine Funktion zur Verfügung, die das Melden eines gespürten Bebens ermöglicht. Ein ehemaliger Geografielehrer meiner Wenigkeit ist im Melden von Beben – er lebt in Neuhausen am Rheinfall und spürt somit die Oberrheinbeben – sehr fleissig. Das Problem ist nur, wenn man beispielsweise ein Erdbeben meldet, dass in Tat und Wahrheit eine Sprengung in einem nahe gelegenen Steinbruch war.
Wie melde ich ein Erdbeben?
Sollte man ein Erdbeben spüren, so besteht die Möglichkeit, dieses per Internet dem SED zu melden. Bitte melden Sie keine Erdbeben per Telefon! Im Internet ist ein spezielles Formular vorhanden, das einem beispielsweise nebst dem Aufenthaltsort auch nach Auswirkungen auf Gebäude und Haushaltseinrichtungen fragt, um möglichst genau eine Stärke eruieren zu können.
Richterskala vs. Mercalli-Skala
Es sind mittlerweile etliche verschiedene Skalen zur Bestimmung der Erdbebenstärke bekannt. Die berühmtesten sind jedoch die Richter- und die Mercalliskala. Die Richterskala, die vor allem in den Medien weit verbreitet ist, gibt den Wert der freigesetzen Energie ab. Die Skala ist nach oben unbegrenzt, registrierte Beben haben bisher die Grenze von 10,0 nicht überschritten. Das stärkste bisher registrierte Beben war der Erdstoss von Valdivia in Chile im Jahre 1960, bei dem eine Stärke von 9,5 auf der Richterskala gemessen wurde. Beim Beben verloren 1655 Menschen ihr Leben. Zu der Richterskala ist noch hinzuzufügen, dass die in den Medien publizierten Redewendung Das Beben hatte eine Stärke von 6,0 auf der Richterskala falsch ist, die Werte in der Skala werden auf der Momenten-Magnituden-Skala wiedergegeben.
Die Mercalli-Skala wiederum teilt die sichtbaren Auswirkungen eines Bebens an der Erdoberfläche in zwölf Kategorien ein, von I (unmerklich, von wenigen Personen wahrgenommen) bis XII (grosse Katastrophe, totale Zerstörung, starke Veränderung an der Erdoberfläche).
Links