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Nicht zum ersten Mal hängt Leonie das rechte Pedal ihres Fahrrads in die Lücke einer windrädrigen Figur der Rudolf-Brun-Brücke und hebt den Blick zum stürmischen Himmel, um ihn dann zur gleichartigen Limmat zu senken. Himmel, Limmat und Leonie wirbeln, wie der Sommer es gerne tut, unruhig und bestimmt, als gäbe es keine Alternative, als führe nichts daran vorbei. Fahrradfahrer und Fussgängerinnen gehen weiter, als wäre nichts, als hätte sie nicht den bemühten ahnungslosen Vater um ein Zusammenkommen gebeten.
Sie sucht den Unbekannten eine Reaktion zu entlocken, ohne dass ihre Blicke eine Antwort erhalten, bis ihres auf das Augenpaar des Vaters trifft. Er nähert sich wie auf einer taubesetzten Wiese, die schon eine Weile nicht mehr gemäht wurde, und macht dabei versehentlich den Eindruck, nicht zu wissen, ob er am anderen Ende ankommen wolle. Es wäre harsch, die Begrüssung missglückt zu nennen, aber wenigstens gelingt sie nicht, nicht so jedenfalls, wie es bei Vater und Tochter vorgesehen ist.
Das Pedal an der windrädrigen Figur und das Sommerstürmen von Himmel und Limmat brausen Leonie auf und veranlassen sie zum Berichten. Ein Dinggedicht stand zur Aufgabe, eines, das mit Zürich zu tun habe, das beispielsweise dem bürgerlichen Realismus zugeordnet werde, das vielleicht auf Gottfried Keller weise. Sie erwähnt die Idee, das Geschriebene, das Hiersein, das Ungenügen des Gedichts und sie bemerkt, ob, wenn das Gedicht nicht genüge, ja vielleicht auch sie nicht genüge, dass sie also einer Ordnung nicht genüge, der sie sich im Grunde ja gar nicht zugehörig fühle, und dass sie ihm, dem Vater, der Zürich und sie kenne, deshalb das Gedicht jetzt vorlesen werde.
Communikationsbrücke ward sie geheissen Mit Brennen und mit Gleissen für mehr als Fussgänger weit gemacht um achtzehnacht plus null an letzter Stelle Über die Jahrhundertschwelle neu Urania benannt gleichwohl später exakt gleich, an exakt gleicher Stelle neu gespannt Dies alles weisst und verstehst du nicht weil niemand dich gelehrt weil niemand dir erzählt der Brücke halbalt Geschicht Sie war ein Steg aus Holz und Eisen und musste schliesslich Asphalt weichen wie jeder neue Weg Einst hiess sie, was sie konnte wies später zu den Sternen um sich vom Weiten zu entfernen weil der Meister es so wollte Schritt um Schritt und Stück für Stück stehst du drüben schaust herüber blickst nicht nur örtlich weit zurück Mit dem Namen Rudolf Bruns uns nun bekannt, der aus Leid Profit geschlagen auf die Schnelle Steht ein Name heut für Geschicht oder Macht? An wem ist’s, ihn schlecht- und gutzuheissen?
Seiner Art entsprechend zeigt sich der Vater bemüht ahnungslos, stellt das Dinggedicht in Frage, gibt die Anspielungen weg vom Ding zu bedenken, das Politische darin, den fehlenden Bezug zu Keller. Der Verweis auf Brun, so Leonie, in Kellers «Züricher Novellen» nur wenige Zeilen lang, hätte diesem doch gefallen, als sinnbildliche Brücke zwischen den Zeiten, als Weiterführung seiner Kritik am ersten Bürgermeister: «Jetzt zeigte er aber wiederholt, dass er, der fremdes Blut zu vergiessen wohl versteht, sein eigenes hinzugeben nie gewillt ist.» Ob Keller sich, könnte er, nicht auch…