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Die Russische Bibliothek Zürich (RBC): Geschichte und Geschichten
Von 1927 bis 1983 bestand in Zürich ein Verein, der sich ganz der Förderung und Verbreitung slavischer Literatur verschrieben hatte. Die ehrenamtlich geführte Russische Bibliothek Zürich (RBC) bot ihren Mitgliedern – darunter Angehörige unterschiedlicher slavischer Nationen, Russlandschweizerinnen und sowjetische Dissidenten – eine grosse Auswahl russischsprachiger Titel.
Der einzigartige Bücherbestand sowie das Vereinsarchiv gehören seit 2002 zur Zentralbibliothek Zürich.
«Wie angenehm, dass es sie hier gibt!»
(Как приятно, что она здесь существует!)
Aleksandr Solženicyn* über die RBC, Zürich, 16. April 1975. Kopie einer Widmung aus dem Archiv der RBC. (ZB Zürich, Hs AR 10, M1)
* In diesem Beitrag erfolgt die Umschrift des russisch-kyrillischen Alphabets gemäss DIN 1460-1.
Gründungsjahre
«Ueber vierzig Jahre schon besteht in unserer Stadt eine Institution, von der nicht viele Kenntnis haben, die aber in aller Stille eine wertvolle Kulturarbeit leistet.» So beschrieb Ella Studer, eine langjährige Mitarbeiterin des Vereins, am 15. Januar 1970 in der «Neuen Zürcher Zeitung» die Arbeit der Russischen Bibliothek Zürich. In der Tat versah der Verein, der ohne öffentliche Förderung auskam, innerhalb der slavischen und slavophilen Kreise in Zürich – und weit darüber hinaus – eine wichtige Funktion.
Die Idee, in Zürich eine russische Bibliothek zu gründen, kam im Umfeld der zahlreichen Russlandschweizerinnen und Russlandschweizer auf, die nach der Oktoberrevolution von 1917 oft unfreiwillig in die Schweiz zurückgekehrt waren. Mit einem Bestand von lediglich rund 400 Büchern eröffnete 1927 die Russkaja Biblioteka v Cjuriche (RBC) ihre Pforten. Das erste Lokal befand sich im Untergeschoss eines Hauses an der Weinbergstrasse 74.
Der Eröffnung der Bibliothek war die Gründung des gleichnamigen Vereins vorangegangen, der nur über geringe Mittel verfügte. Aus Rücksicht auf die finanzielle Lage seiner Mitglieder betrug die monatliche Abonnementsgebühr anfangs dennoch nur 1.50 Franken. Aus den Einnahmen mussten die Lokalmiete und die Neuanschaffungen gezahlt werden. Russischsprachige Literatur war damals in Zürich nicht einfach in der Buchhandlung erhältlich. Dennoch gelang es der RBC, in nur zwei Jahren den Bücherbestand auf rund 2000 Titel auszubauen.
«In den Bücherläden von Zürich gab es keine russischen Bücher. Man musste Kataloge aus Berlin, Paris und Prag kommen lassen, um die Bücher auszuwählen und zu bestellen.»
«Die Geschichte der Gründung der ‹Russischen Bibliothek›», anonym, 18. April 1975.
Typoskript aus dem Archiv der RBC. (ZB Zürich, Hs AR 10, M5)
Grand Bal Russe
Über Aktivitäten des Vereins, die über den Betrieb der Bibliothek hinausweisen, ist wenig bekannt. Eine Ausnahme bildet ein Wohltätigkeitsball, der Grand Bal Russe, den die RBC in den 1930er-Jahren in Zürich ausrichtete.
«Samstag, 10. November, 21 Uhr, findet im Hotel Baur au Lac der ‹Grand Bal Russe› statt. Es werden mitwirken: Carl Goldner und Paul Morgan sowie die Solisten des Stadttheaterballetts [...], ferner die Schweizer Meister des Salontanzes [...]. In den [...] dekorierten Räumen harren der Gäste Ueberraschungen verschiedenster Art. Der Reinertrag ist für den Hilfsfonds des Cercle Suisso-Russe und für die russische Bibliothek bestimmt.»
Voranzeige in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 7. November 1934.
Der Präsident des Verbandes russischer Emigranten hatte dem Vereinsvorstand die Organisation des alljährlich im Baur au Lac oder Dolder Grand stattfindenden Balls angeboten. Trotz einiger Bedenken – schliesslich hatte die RBC mit der Durchführung einer solch exklusiven Veranstaltung keine Erfahrungen – nahm der Vorstand das Angebot an.
Die aufwendig gestalteten Tanzveranstaltungen, auf denen es Cabaret-Vorstellungen und Tombolas gab, genossen einen sehr guten Ruf in der gehobenen Zürcher Gesellschaft. Beim Grand Bal Russe von 1934 fotografierte der berühmte Zürcher Fotograf Jakob Tuggener das illustre Treiben der Ballgesellschaft erstmals mit seiner Leica-Kamera. Er verfolgte das Thema über Jahre und verewigte es in seiner Serie der «Ballnächte».
Sorgen und Lichtblicke
Die Gewinne aus dem Grand Bal Russe brachten vorläufig eine finanzielle Entlastung, doch nach einigen Jahren gab die RBC die Organisation des Balls auf. Anfangs 1938 bekannte der Vorstand in einem Schreiben an seine Mitglieder freimütig, dass die ersten zehn Jahre des Bibliotheksbetriebs eine «harte Zeit» gewesen seien. Er forderte dazu auf, die geleistete Kaution von je 5 Franken in eine Spende umzuwandeln.
Der Verein wandte sich zudem an den damaligen Zürcher Stadtpräsidenten Emil Klöti und erbat von der Stadt ein kostenloses oder doch zumindest günstiges Ladenlokal. Denn ohne diese Hilfe stünde zu befürchten, «dass die Bibliothek, die über einen wertvollen, in seiner Art in der Schweiz wohl einzigartigen Bücherbestand verfügt, [...] eingehen müsste.» Die RBC bat auch die Kantonale Erziehungsdirektion um Unterstützung, doch beide Vorstösse blieben vergebens.
Neben allen Schwierigkeiten gab es auch positive Entwicklungen, die vor allem die Anerkennung der Bibliothek betrafen. So verzeichnete das «Adressbuch der Stadt Zürich» die RBC seit 1943 in der Abteilung «Bibliotheken», neben dem Schweizerischen Sozialarchiv, der Pestalozzigesellschaft und der Zentralbibliothek. 1977 wurde sie auch in den Führer «Bibliotheken in Zürich» aufgenommen. Im gleichen Jahr feierte die Schweizer Presse das 50-jährige Bestehen des Vereins und auch in der Sowjetunion nahm man Notiz von der Bibliothek.
Bibliotheksbetrieb
Ende der 1950er-Jahre bezog die RBC eine Wohnung an der Freiestrasse 101 in Zürich-Hottingen. Der bis dato konstante Monatsbeitrag von 1.50 Franken wurde auf 2 Franken erhöht. Die Bibliothek umfasste nun bereits mehr als 4000 Titel und war jeweils an einem Abend pro Woche geöffnet. Ehrenamtliche Mitarbeiterinnen – zumeist waren es Frauen – berieten die Besucherinnen und Besucher.
Der Bibliotheksbetrieb war simpel, aber effektiv: Die Mitglieder erhielten eine Karteikarte mit fortlaufender Nummerierung zugewiesen, auf der vermerkt war, ob die monatliche Gebühr entrichtet wurde. Bis zu drei Wochen konnten die Bücher entliehen werden. Der Leihvermerk wurde häufig einfach auf das Vorsatzpapier in den Büchern selbst gesetzt. Ein regelmässig aktualisierter Katalog, in dem die Titel in alphabetischer Reihenfolge gelistet waren, bot Orientierung.
«Jeden Mittwoch abend [sic] von 19.30 bis 21 Uhr herrscht Leben in dem
mit Büchern vollgestellten engen Raum.»
So beschrieb Ella Studer (1902-1992) die betriebsamen Abende in der RBC. Vor allem dieser einzigen gelernten Bibliothekarin unter den ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen war die praktische Organisation der Bibliotheksbestände zu verdanken. Studer, deren Familie ursprünglich aus St. Petersburg stammte, war mehr als dreissig Jahre lang die erste Chefbibliothekarin der Pestalozzigesellschaft.
Als besonderen Service verschickten die Mitarbeiterinnen der RBC Bücherpakete an Mitglieder in der ganzen Schweiz – ein Angebot, auf das viele zurückgriffen. Im Durchschnitt wurden 80 bis 100 Bände pro Abend ausgeliehen; mehr als die Hälfte davon wurde telefonisch angefordert und per Post versandt. Dabei gingen die Büchersendungen nicht nur an Privathaushalte; auch Sanatorien, Nervenheilanstalten und sogar eine Strafanstalt sowie ein Internierungslager erhielten Bücherpakete.
Mitglieder
Die RBC hatte für ihre Gründung aus privater Hand ein zinsloses Darlehen von 3000 Franken erhalten, mit der Auflage, dass 25 Mitglieder geworben würden – eine Vorgabe, welche der Verein schon im Gründungsjahr mehr als erfüllte. Als er sich 1983 auflöste, umfasste das Mitgliederverzeichnis 883 Einträge. Es kam allerdings vor, dass die Nummern ausgetretener oder verstorbener Mitgliedern neu vergeben wurden; zudem waren unter einer Nummer nicht selten mehrere Personen, etwa Ehepaare, verzeichnet.
Die Gründungsmitglieder des Vereins waren Russlandschweizerinnen und Russlandschweizer. Doch schon bald gehörten auch emigrierte Russinnen und Russen sowie Angehörige anderer slavischer Nationen zu den Mitgliedern, ebenso wie Schweizerinnen und Schweizer, die Russisch sprachen oder es lernen wollten. Der Grossteil der Mitglieder kam aus Zürich, einige wohnten in Bern, Genf, Lausanne, Locarno oder Solothurn.
Der Verein war politisch ungebunden und umfasste Mitglieder unterschiedlicher Lager, von prosowjetischen und demokratischen Positionen bis zu antibolschewistischen und monarchistischen Anschauungen. Unter ihnen fanden sich Geistliche und Professoren, Ingenieure und Ärztinnen, Büroangestellte und Elektriker, eine Opernsängerin und ein Balletttänzer. Für viele stellte der Besuch der RBC eine Möglichkeit dar, sich mit der verlorenen Heimat zu verbinden.
Zahlreiche Mitglieder hatten bewegte Biografien, die von den Umbrüchen des 20. Jahrhunderts beeinflusst waren. Einige hinterliessen Spuren in der Stadtzürcher Geschichte, andere wirkten auch weit darüber hinaus. Im Folgenden werden exemplarisch fünf Mitglieder der RBC vorgestellt.
Bestände
Rund 6000 Titel – feinsäuberlich in braunes Packpapier eingeschlagen – umfasste die RBC zum Ende ihres Bestehens hin. Neben einer reichen Auswahl von Unterhaltungsliteratur gehörten dazu geschichtliche und kulturgeschichtliche sowie landeskundliche Werke, Memoiren und Biografien und etwa 300 Kinderbücher.
Viele der Bücher stammten noch aus der Zeit des Zarenreichs. Es lässt sich unbestreitbar ein Hang zu den russischen Klassikern des 19. Jahrhunderts erkennen: So füllten die Werke von Fëdor Dostoevskij (1821-1881) und Lev Tolstoj (1828-1910) ganze Regalmeter.
Trotz der stets klammen Kassen bemühten sich die Bibliothekarinnen zudem, zeitgenössische Werke und Neuerscheinungen anzuschaffen. Auch hier galt der Anspruch der politischen Neutralität. Entsprechend erwarben sie neben Werken der Emigrantinnen und Emigranten auch solche der modernen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus der Sowjetunion.
Damit unterschied sich die RBC von den anderen historischen russischen Bibliotheken in der Schweiz, die im 19. Jahrhundert entstanden waren. Die russischsprachige Emigrantenliteratur, die Werke der sowjetischen Dissidentinnen und Dissidenten, aber auch der staatskonformen Literatinnen und Literaten des 20. Jahrhunderts umfassten diese folglich nicht.
Für die RBC wurden die Bücher teils neu, teils antiquarisch erworben; viele gelangten auch als Schenkungen in die Bibliothek. Davon zeugen Widmungen und Vermerke der Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer. Kunstvoll gestaltete Exlibris und Stempel geben Hinweise auf die lange Wanderung mancher Bände. So stammen gleich mehrere Bücher in den Beständen der RBC aus der Stadt Harbin, einer ehemaligen russischen Gründung, die heute zur Volksrepublik China gehört.
Wer Russisch spricht, kann sich noch immer Bücher aus der Russischen Bibliothek Zürich ausleihen. Die folgenden Leseempfehlungen stehen beispielhaft für unterschiedliche Aspekte der Bestände.
Die erste und einzige russische Bibliothek?
Der Name der Russischen Bibliothek Zürich ist sinnfällig, beschreibt er doch den einzigen erklärten Vereinszweck. Unklar ist, ob den Gründerinnen und Gründern bewusst war, dass ihr Verein in der Tradition einer früheren, ersten Russischen Bibliothek in Zürich stand.
Seit Mitte des 19. Jahrhunderts war die Schweiz für zahlreiche politische Oppositionelle aus dem Zarenreich ein wichtiger Zufluchtsort. Andere kamen, um hier zu studieren oder sich in den Sanatorien zu kurieren. Der vielstimmige Kreis slavischer Exilantinnen und Exilanten entfaltete eine grosse publizistische Tätigkeit; es wurden eigene Druckereien, Lesevereine und Bibliotheken gegründet. In Davos etwa war seit 1899 eine Bibliothek für die russischen Kurgäste aufgebaut worden. Und in Lausanne hatte seit 1907 der russische Pädagoge und Anhänger der Partei der Sozialrevolutionäre Nikolaj Rubakin (1862-1946) eine Bibliothek von sage und schreibe rund 75‘000 Titeln aufgebaut.
Auch in der russischen Kolonie in Zürich gab es – wenn auch nur kurz – bereits im 19. Jahrhundert eine Bibliothek mit russischsprachigen Werken. 1870 wurde die erste Russkaja Biblioteka v Cjuriche gegründet. Sie fokussierte sich auf Publikationen zu den nationalen Arbeiter-, Befreiungs- und Revolutionsbewegungen. 1873 führte eine Erklärung des Zaren, mit der die Möglichkeiten für russische Studentinnen in Zürich stark eingeschränkt wurden, zum Niedergang der russischen Kolonie der Stadt. Auch die Bibliothek löste sich auf: Die Bestände wurden zerstreut; der Verbleib der Bücher ist nur im Einzelfall nachweisbar.
Ein Titel dieser ersten Russischen Bibliothek Zürich gelangte als Schenkung an die Zentralbibliothek und befindet sich heute in der Sammlung Alte Drucke und Rara.
Das Schicksal der RBC – vom Slavischen Seminar der UZH zur Zentralbibliothek
In den letzten Jahren ihres Bestehens äusserten sich die ehrenamtlichen Bibliothekarinnen besorgt über das Schicksal der RBC, denn der Leserkreis sei nur mehr klein und darunter befänden sich wenig junge Leute. Zwar kamen seit der Gründung des Slavischen Seminars an der Universität Zürich 1961 vermehrt auch Studierende der Slavistik, allerdings konnten auch diese den Mangel an aktiven jungen Mitgliedern nicht aufwiegen.
Ab 1980 wurde die Frage nach dem Schicksal der Bibliothek immer dringlicher. Der Vorstand erwog unterschiedliche Optionen, wie den Verkauf der Bestände an Privatpersonen oder die Übergabe an die Zentralbibliothek. 1983 schenkte der Verein Russische Bibliothek Zürich den Bestand von rund 6000 Bänden, dem ein Wert von 45’000 Franken zugesprochen wurde, schliesslich dem Slavischen Seminar der Universität Zürich.
In den frühen 2000er-Jahren, als die Seminarbibliothek immer weiter gewachsen war, stellte sich erneut die Frage nach dem Verbleib der RBC. Ende 2002 wurde entschieden, sie an die Zentralbibliothek zu geben; schon am 11. Januar 2003 erfolgte der erste von rund sieben Transporten vom Slavischen Seminar an der Plattenstrasse zum Zähringerplatz. Endlich hatten die RBC und das Archiv des Vereins ihre finale Destination erreicht.
Die RBC in der ZB Zürich – Recherchehinweise
- Der Bücherbestand mit der Signatur RBC ist über Swisscovery online recherchier- und bestellbar. Vor weniger als 100 Jahren erschienene Bände lassen sich in der Regel ausleihen; früher veröffentlichte sind im Lesesaal konsultierbar. Bitte beachten Sie bei der Suche nach einzelnen Titeln oder Autorinnen und Autoren die Schreibweise: Die Umschrift des russisch-kyrillischen Alphabets erfolgt gemäss DIN 1460-1.
Fragen zum Buchbestand beantwortet gern Marija Simasek, Liaison Librarian Slavische Philologie.
- Das Archiv des Vereins ist im Archivportal zbcollections.ch verzeichnet und im Lesesaal der Handschriftenabteilung der ZB Zürich einsehbar. Für die Nutzung kontaktieren Sie bitte vorab per E-Mail die Handschriftenabteilung.
- Auch eine Sammlung von 263 historischen Ansichts- und Postkarten gehört zu den Beständen der RBC. Sie ist im Lesesaal der Graphischen Sammlung der ZB einsehbar. Für die Nutzung kontaktieren Sie bitte vorab per E-Mail die Graphische Sammlung.
Miriam Leimer, Kunsthistorikerin, Willy-Bretscher-Fellow 2022/23
Februar 2023
Header-Bild: RBC-Bücher in der ZB Zürich (Stefanie Ehrler)
Dank
Die Verfasserin ist Stefanie Ehrler, Abteilung Turicensia an der ZB; Marija Simasek, Liaison Librarian Slavische Philologie an der ZB; Anita Michalak, Bibliothekarin des Slavischen Seminars der UZH; Dr. Eva Maurer, Leitung Schweizerische Osteuropabibliothek (SOB) Bern und vor allem Monika Bankowski, bis 2011 Fachreferentin Slavische Philologie an der ZB, zu grossem Dank verpflichtet.
Die Recherchen wurden ermöglicht durch das Willy-Bretscher-Fellowship 2022/23.