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«Woran denkst du, wenn du ‹Zwischenstunde› hörst?» Das war die Leitfrage des Kreativ-Wettbewerbs «Zwischenstunde» der Zürcher Mittelschulen. Nicolas Braun hat geantwortet – mit einem Text. Sein Beitrag wurde von der Jury prämiert.
27. Mai 2023
Tick, Tack, Tick, Tack, Tick, Tack. Der Zeiger schreitet voran, unaufhörlich. Nichts möchte, nichts kann ihn aufhalten. Die Zeit schreitet voran. Immer. Einzig eine leere Batterie könnte die Uhr, an die sich der Zeiger klammert, aufhalten. Vielleicht. Wohin ist er wohl unterwegs, auf seinem weiten, weiten Weg? Was hält ihn davon ab, sich umzudrehen und in entgegengesetzter Richtung davonzueilen. Die Antwort wissen wir selbst. Vielleicht.
Eine Zwischenstunde ist eine Stunde des Wartens. Man wartet, dass der Zeiger am Zifferblatt weiterzieht. Aus der Pause wird die nächste Schulstunde. Aus der Stunde in der Schule wird die Stunde des Heimwegs, die Stunde der Freizeit. Die Zwischenstunde ist eine Zeit des Wartens. Doch worauf? Auf die nächste Schulstunde, die Stunde im Bus, die Stunde zuhause? Vielleicht. Man wartet von einer Aktivität aus auf die nächste. Oder? Ist vielleicht das Warten selbst ein Ereignis?
Eine Zwischenstunde ist eine Stunde des Zusehens. Man sieht, wie die Uhr die nächste Zeitangabe ausspuckt. Aus Zwölf Uhr dreiundfünfzig wird Zwölf Uhr vierundfünfzig. Doch warum eigentlich? Was hält uns davon ab, aufzuspringen und herumzurennen? Zu singen, zu tanzen?
Die Lehrperson verlässt den Raum. Leise, Laut. Man packt seine Bücher, seine Stifte, seine Gedanken. Sucht sie zusammen und sperrt sie in den Rucksack, das Etui, den Kopf. Man setzt sich wieder hin. Wartet. Redet mit Freunden. Erledigt die Hausaufgaben. Doch vor allem wartet man. Die nächste Stunde beginnt, man packt die Bücher, die Stifte, die Gedanken aus. Reiht sie auf dem Tisch auf. Ordnet sie. Wirft sie durch den Raum. Die nächste Lehrperson betritt den Raum.
Eine Zwischenstunde ist die Zeit zwischen zwei Unterrichtslektionen. Zwischen einem Fach und dem anderen. Zwischen einem Thema und dem anderen. Einer Aktivität und der anderen. Eine Zwischenstunde ist der eigentlich nicht vorhandene Abschnitt zwischen der vollen Stunde und dem danach. Eine Zwischenstunde ist eine Zeit des Wartens, des Zusehens.
Achten sie dieses Warten, dieses Zusehen. Singen sie. Tanzen sie ein wenig. Lesen sie. Tun sie, was ihnen Spass macht. Beachten sie diese Zeit nur. Während wir von Ereignis zu Ereignis eilen und unsere Uhr fragend, unsere eigene Zeit, unser eigenes Leben davonticken sehen.
Tick, Tack, Tick, Tack. Der Zeiger schreitet voran, unaufhörlich. Er bleibt stehen. Der Zeiger bleibt stehen. Er läuft wieder an. In die falsche Richtung. Oder die richtige. Vielleicht. Der Zeiger zieht vorbei. Schneller und schneller. Zehnuhrdreiundvierzig, zehnuhrzweiundvierzig. Der Zeiger hält wieder an. Lange, sehr lange, für immer. Ausser jemand würde die Uhr reparieren. Vielleicht. Das kleine Zahnrad, welches aus der Reihe fiel und das gesamte Uhrwerk aus dem Takt brachte. Es hat seinen gewohnten Platz zwischen den anderen verlassen. Widerwillig. Besser die Uhr funktioniert gar nicht, als dass sie nicht nach den Regeln funktioniert. Wessen Regeln? Denen von Raum und Zeit? Denen des Uhrwerks? Unseren eigenen?
Der Kreativ-Wettbewerb mit dem Motto «Zwischenstunde» wurde Anfang 2023 zum zweiten Mal durchgeführt. 89 Beiträge trafen in den Kategorien «Text», «Bild» und «Video» ein, fünfzehn davon wurden prämiert. In dieser Serie werden die Erstplatzierten vorgestellt.