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Ueber die Bergkrankheit
Von Dr. Egli-Sinclair ( Section Uto).1 )
Die Imfeld'sche Expedition auf den Montblanc hat nicht nur in montanistischen Kreisen, sondern überall berechtigtes Interesse erweckt. Man hat uns Theilnehmern derselben sogar in gewissem Grade Bewunderung entgegengebracht.
Es ist das zum nicht geringen Theile zurückzuführen auf jene Ereignisse, die allerdings der Expedition ein dramatisches Gepräge verliehen, anderseits aber auch auf die Größe des wissenschaftlichen End-zweckes, dessen Erreichung die Expedition vorbereiten sollte.
Die eigentliche Leistung, die Expedition mitgemacht zu haben, darf aber mit bescheidenerem Maßstabe gemessen werden angesichts der früheren wissenschaftlichen Besteigungen des Montblanc, deren schon eine ganze Reihe stattgefunden haben. Erlauben Sie mir, dieselben kurz anzuführen.
Die erste dieser Besteigungen und die, welche überhaupt die bedeutendste bleiben wird, war die des großen Physikers Saussure. Schon früher ein hervorragender Bergsteiger — er hatte fast sämmtliche Gipfel der Auvergne und der Pyrenäen, den Aetna und bei seinen elf Reisen in das Chamonixthal den Brevent, den Montanvert, den Crammont und den Buet bestiegen — machte Saussure seine geschichtliche erste Besteigung des Montblanc im Jahre 1786. Sie nahm drei Tage in Anspruch; die Nächte wurden — die zweite auf dem Grand Plateau bei 3700 m — unter einem Zelte zugebracht. Im Juli des nächsten Jahres vervollständigte Saussure seine Beobachtungen auf dem Col du Géant ( 3360 m ), wo er sich sechszehn Tage aufhielt. Auf die physiologischen Beobachtungen Saussure's werden wir zurückkommen.
Die zweite wissenschaftliche Besteigung des Montblanc war die des russischen Hofrathes Dr. Hamel im Jahre 1820. Er scheint dieselbe im Auftrage seiner Regierung unternommen zu haben. Hamel nahm verschiedene physikalische Instrumente mit und einen Käfig mit Tauben, welche in verschiedenen Höhen aufgelassen werden sollten, um die Dichtigkeit der Luft an ihrem Fluge zu beobachten. Diese Expedition wurde erfolglos durch das tragische Geschick, auf dem Grand Plateau von einer Lawine ereilt zu werden, wobei drei Führer um 's Leben kamen. Kleidungsstücke und Leichentheile, die 40 Jahre später auf der Zunge des Bossongletschers gefunden wurden, rührten von den Opfern dieser Expedition her.
Im September 1834 bestieg der Engländer Dr. Barry den Montblanc zu wissenschaftlichen Zwecken und hinterließ eine interessante Schilderung seiner Besteigung.
Dann folgt im Jahre 1844 die Expedition der Herren Dr. Martins, Bravais und Lepileur. Sie waren begleitet von drei Führern und 35 Trägern und ausgerüstet mit Zelt und Instrumenten. Am zweiten Tage wurde die Expedition auf dem Grand Plateau von Nebel und Schneesturm überrascht. 32 der Träger warfen ihre Lasten in den Schnee und machten sich davon; die andern suchten Schutz unter dem rasch aufgeschlagenen Zelte. Ueber Nacht fiel ¼ Meter Schnee und die Temperatur sank auf —12° R. Als am nächsten Tage das Wetter sich nicht besserte, wurden die Instrumente im Zelte geborgen und dieses verlassen. Erst vier Wochen später klärte sich das Wetter, die Besteigung fand statt, und die Beobachtungen, die gemacht wurden, waren wohl die genauesten und zuverlässigsten seit Saussure.
1857 und 1858 bestieg Tyndall, zum Theil mit Hirst und Huxley, den Montblanc und veröffentlichte darauf seine Studien über die Bewegung der Gletscher. Ja Tyndall war im folgenden Jahre ( 1859 ) zum dritten Male oben, wobei er und seine Begleiter sogar eine Nacht auf dem Gipfel zubrachten.
Im gleichen Jahre machte Forbes topographische und Gletscherstudien am Montblanc.
Nicht unerwähnt mag sein, daß die Gebrüder Bisson 1861 die erste photographische Expedition auf den Montblanc ausführten. Sie gewannen unter Anderm drei Gipfelcliches, 30/45 Cm.
Zu den hervorragendsten wissenschaftlichen Leistungen der Neuzeit auf dem Montblanc gehören wohl die beiden Expeditionen von Professor Pitschner aus Berlin. Die erste fällt in den Sommer von 1859, die zweite von 1861. Pitschner campirte beide Male in einem Zelte auf dem Grand Plateau, das erste Mal 14, das zweite Mal 16 Tage lang. Außer den Zeltbestandtheilen, den physikalischen Instrumenten und photographischen Apparaten schleppten die vier Führer und 26 Träger einen Hund, eine Katze und drei Tauben hinauf. Pitschner's Studien betrafen die Gebiete der Physik, Astronomie und Gletscherkunde.
Diejenigen, die mit der Geschichte des Montblanc vertraut sind, wissen, daß der Begleiter des Führers, Jacques Balmat, bei seiner Erstbesteigung ein Arzt war, Dr. Paccard. Ein anderer Arzt, Dr. Ordinaire, war in den Jahren 1841 und 1843 zwei Mal oben. Aerzte, welche ferner den Montblanc bestiegen, um Beobachtungen zu machen, waren die Doctoren Pelletan von Paris im Jahre 1863, Kolb von Berlin und Piachaud von Genf im Jahre 1864. Pelletan's Aufzeichnungen sind leider nicht zu finden, Kolb wollte den rothen Schnee untersuchen, nur Piachaud hat uns eine Beschreibung seiner physiologischen Beobachtungen hinterlassen.
Aber erst vom Jahre 1869 an werden wirklich exacte Beobachtungen mit Instrumenten gemacht, welche für unser specielles Thema von Interesse sein können. Dr. Lortet von Lyon machte mit Dr. Marcet in diesem Jahre zwei Montblancbesteigungen, ausgerüstet mit Thermometer, Athmungs-und Pulsmesser, und stellte, auf seine Beobachtungen gestützt, eine ganz neue Theorie der Bergkrankheit auf, die wir noch berühren werden.
Als jüngsten und eigentlichen Montblancforscher müssen wir jedoch Herrn Vallot von Paris anerkennen. Seit Jahren seinen Sommeraufenthalt in Chamonix nehmend, von seiner auf einer kleinen Anhöhe gelegenen schönen Villa aus den Montblanc in seiner ganzen Größe stets vor sich sehend, hat Vallot bei seinen zahlreichen Besteigungen mit bewundernswerther Ausdauer ein großes Material physikalisch-physiologischer Daten gesammelt, welche er diesen Winter als ersten Band seiner „ Annales de l' observatoire du Montblanc " zu publiciren gedenkt. Ihm ist es zu verdanken, daß unsere Expedition überhaupt möglich war. Denn Vallot hat auf eigene Kosten — seine bisherigen Auslagen belaufen sich auf über 40,000 Franken — am Fuße der Bosses du Dromadaire auf 4400 m Höhe, nur 400 m unter dem Gipfel des Montblanc, eine Hütte erbaut, welche zwei Räume als Unterkunft und vier Räume als Observatorium enthält. Noch diesen Sommer, während unseres Aufenthaltes, hat er eine Anzahl Instrumente daselbst installirt. Ich zweifle nicht daran, daß im Laufe der Jahre auf diesem Observatorium manches physikalische und physiologische Problem seine Lösung finden wird. Zwar strebt nun der berühmte Astronom Janssen, Director der Sternwarte in Meudon, in wirklichem und ideellem Sinne noch höher. Er will ein Observatorium auf dem „ Gipfel " des Montblanc errichtet sehen. Ob und wie das möglich sein wird, ist aus den bereits erschienenen Informationen des Herrn Ingenieur Imfeid zu entnehmen. Es soll mich freuen, wenn es gelingt, umsomehr, als die Auslagen die Casse Rothschild's, welcher die Kosten übernimmt, nicht erschöpfen werden. Nach meiner unmaßgeblichen Meinung aber genügt das Observatoire Vallot in seiner Höhe von 4400 m und seiner exponirten Lage zur Lösung auch der Janssen'schen Probleme.
Diese einleitenden Bemerkungen mögen genügen, darauf hinzuweisen, daß schon Andere mit gleichem und größerem wissenschaftlichen Eifer und unter ebenso schwierigen Verhältnissen auf dem Montblanc gewesen sind, wie wir, und man wird sehen, daß unsere Beobachtungen als ganz bescheidene sich an die Reihe schon vorhandener werthvoller anschließen.
Gehen wir nun zu unserm Thema, der Bergkrankheit, über. Ueber diese Beobachtungen anzustellen, war unsere Hauptaufgabe auf dem Montblanc. Zwar hatte ich, als ich mich Herrn Imfeid zum Begleiter anbot, nicht an diese Aufgabe gedacht, sondern mehr daran, daß es recht interessant sein müsse, bei einer solchen Expedition mit zu sein, und daß die Gegenwart eines Arztes Herrn Imfeid und seinen Leuten nur erwünscht sein könne. Herr Imfeid ging aus letzterm Grunde auch gerne auf mein Anerbieten ein, legte mir aber zugleich den Wunsch vor, ich möchte mich der Aufgabe unterziehen, zur Frage von der Bergkrankheit Beobachtungen zu machen, um dieselben zur Lösung der Bedingung zu verwerthen, welche der Bundesrath den Concessionären der Jungfrau- und Matterhornbahn gestellt hat. Die Erfüllung dieses Wunsches konnte selbstverständlich den Werth und das Interesse der Expedition in meinen Augen nur erhöhen, und ich ging mit Vergnügen darauf ein. Leid that mir nur, daß die Kürze der Zeit und meine Berufspflichten nicht gestatteten, mich eingehender auf die Expedition vorzubereiten. Ich mußte mich auf eine Besprechung mit Herrn Professor Gaule beschränken, der dann die Güte hatte, mir in einem Expose anzudeuten, in welcher Art ich vorgehen sollte, wofür ich ihm hier meinen verbindlichen Dank ausspreche. Die übrige Zeit wurde durch Beschaffung von Apparaten und der persönlichen Ausrüstung in Anspruch genommen.
Ich hebe ausdrücklich hervor, daß alle meine Angaben sich nur auf Beobachtungen am Montblanc beziehen. Auf andere höchste Erhebungen der Erdrinde, die Cordilleren, den Himalaja, oder gar auf Ballonfahrten und Experimente im Laboratorium abzuschweifen, würde zu weit führen. Der Montblanc mit seiner steilen Erhebung bis zu 4800 m genügt uns vollständig.
Gibt es überhaupt eine Bergkrankheit? Diese Frage war bis jetzt gestattet, und ich bin überzeugt, daß Viele, vorab unsere Gipfelbezwinger par excellence, geneigt sind, dieselbe zu verneinen. Was als Bergkrankheit beschrieben wird, sagen sie, ist ein Zustand nervöser Ueberreizung durch gebrochenen Schlaf, Ueberanstrengung, unzweckmäßiges Essen und Trinken, Angst und Schreck. Deshalb will die jüngere Generation der Bergsteiger von der Bergkrankheit überhaupt nichts wissen. Deshalb findet sich in sämmtlichen Bänden unseres Jahrbuches nicht eine bedeutsame Bemerkung darüber. Durchgeht man die älteren Schilderungen von Besteigungen des Montblanc und anderer Hochgipfel, so findet man, daß bis in die Sechszigerjahre ein Großtheil derselben sich mit den Leiden der Bergkrankheit befaßt. Es war ein ebenso großes Verdienst, die Beschwerden der Bergkrankeit, als die Schwierigkeiten des Weges und die Gefahren der Naturereignisse überwunden zu haben. Aber allmälig scheint man die Bergkrankheit nicht mehr als Krankheit, sondern als Schwäche und Unfähigkeit zu taxiren. Man ergeht sich weitschweifig über die Reisevorbereitungen, die kleinen wie großen Schwierigkeiten und Gefahren des Weges, die topographische Lage und Aussicht des Gipfels u. A. m ., schweigt aber über die physiologischen Erscheinungen und bekennt ja nicht, daß es Einem auf der Höhe herzlich schlecht und man froh war, möglichst bald wieder abzusteigen. Ja es gibt welche, die großthun, sie fühlen sich auf dem Gipfel besser, als im Thale. Hinter der Expedition Lortet und Marcet, in den Fußstapfen derselben, stiegen Durier und zwei Genossen den Montblanc hinan. Lortet und Marcet sind im Falle, exacte Beobachtungen über die Bergkrankheit zu machen; Durier aber behauptet, keiner von seiner Gesellschaft habe auch nur die geringste Beschwerde, nicht einmal beschleunigte Athmung verspürt. Wer ist hier der Aufrichtige, Lortet oder Durier? Dr. Zsigmondy erwähnt der Bergkrankheit in seinem Buche „ Die Gefahren der Alpen " auch nur ganz kurz. Er gibt zu, daß es ihm und seinem Bruder schon schlecht geworden sei, doch meint er, daß die bei Weitem größte Zahl der Fälle von sogenannter Bergkrankheit einfache Magenkatarrhe seien, indem der aus der Stadt gekommene Tourist die Gebirgskost noch nicht gewohnt sei und einen acuten Magenkatarrh bekomme. Er glaubt nach den Erfahrungen Graham's im Himalaja, daß der geringe Luftdruck kein Hinderniß bilde, die höchsten Berge der Erde zu besteigen, wenn nur der rechte Mann käme, der den übrigen Hindernissen gewachsen wäre. Wenn sich Janssen auf den Montblanc tragen läßt, damit er mit freien Sinnen und klarem Geiste seine Beobachtungen machen könne, so kann auch er nur von der Anschauung ausgegangen sein, die Bergkrankheit sei der Ausdruck individueller Ueberanstrengung. Ich gestehe, daß ich auch nicht viel anders darüber dachte.
Stutzig und schwankend wird man aber dann doch, wenn man, wie ich schon angedeutet, wieder andere, ältere Beschreibungen von Hochtouren liest, wie die eines Tuckett, Kennedy, Grove, Visconti, Rüssel und anderer Bergsteiger ersten Ranges. Da trifft man auf Bemerkungen, bezüglich Beschwerden und Zufälle, die kaum in obigem Sinne gedeutet werden können. Zumstein z.B., der erste Bezwinger des Monte Rosa, leidet an diesem Berge sozusagen nicht, bekennt sich aber am Montblanc entschieden bergkrank. Und das sind Männer, die an individueller Leistungsfähigkeit unsern Jüngern Bergsteigern kaum nachstehen.
Zugegeben nun, daß es eine eigentliche Bergkrankheit gibt, wie macht sie sich denn nach jenen Schilderungen? Nehmen wir als Beispiel die Darstellung von Saussure. Saussure's Besteigung des Montblanc fand in drei Etappen statt: erstens bis zu den Felsen oberhalb Pierre pointue, zweitens auf das Petit Plateau, 3635 m, und drittens auf den Gipfel, mit über 4 Stunden Aufenthalts daselbst, und zurück auf Pierre pointue. „ Auf dem Petit Plateau ", erzählt Saussure, „ begannen die Führer sofort die Stelle auszuhöhlen, auf welcher wir die Nacht zubringen sollten. Aber kaum hatten diese kräftigen Leute, für welche der eben gemachte Marsch von sieben bis acht Stunden absolut nichts war, fünf bis sechs Schaufeln Schnee ausgeworfen, so konnten sie nicht mehr, jeden Augenblick mußten sie ausruhen. Ich selbst, der ich an die Bergluft gewöhnt bin, fühlte mich beim Vorbereiten meiner Instrumente erschöpft. " Am folgenden Tag, in den Rochers rouges, etwa 4200 m, ist Saussure athemlos, durch die Dünnheit der Luft. „ Die Müdigkeit, welche von der Dünnheit der Luft herrührt, ist absolut unbezwingbar; die größte Gefahr könnte uns zu keinem Schritt weiter bewegen ", bemerkt Saussure. 300 m unter dem Gipfel hofft er, in 3,4 Stunden oben zu sein, aber die Dünnheit der Luft verursachte ihm Schwierigkeiten, größer, als er es geahnt. Endlich war er genöthigt, alle 15—lu'Schritte Luft zu schöpfen, meistens aufrecht auf seinen Stock gestützt, aber unter drei Malen ein Mal mußte er sich setzen. Dieses Bedlirfniß nach Ruhe war durchaus unbezwingbar, wollte er es überwinden, so versagten die Beine den Dienst, er verspürte etwas wie drohende Ohnmacht und eine Trübung des Blickes, die unabhängig war von der Wirkung des Lichtes, da seine Augen durch einen doppelten Schleier genügend geschützt waren. Da Saussure lebhaft bedauerte, sehen zu müssen, wie die Zeit verging, welche er auf dem Gipfel den Beobachtungen zu widmen hoffte, machte er wiederholt den Versuch, die Ruhepausen abzukürzen, indem er nicht bis zum Äußersten der Kräfte ging, sondern alle fünf bis sechs Schritte stille stand; aber er gewann nichts dabei, nach 15 —16 Schritten mußte er ebenso lange ausruhen, als wenn er diese nacheinander gemacht hätte; ja, das war geradezu das Bemerkenswerthe, daß der höchste Grad der Unbehaglichkeit eintrat, nachdem er bereits acht bis zehn Secunden geruht hatte. Das Einzige, was ihm Erleichterung brachte, war die frische Luft des Windes, wenn er sie mit vollen Zügen einathmen konnte.
Endlich ist Saussure auf dem Gipfel. Jetzt sollten die Beobachtungen gemacht werden, die allein der Besteigung Werth verliehen. Aber er konnte trotz viereinhalbstündigen Aufenthaltes nur einen Theil derjenigen vollenden, welche er beabsichtigt hatte. Denn, er hatte das schon auf dem Petit Plateau erfahren, jede Beobachtung, welche man mit Sorgfalt in jener dünnen Luft macht, ermüdet, weil man dabei unwillkürlich den Athem zurückhält; diese Zurückhaltung aber verursacht merkliches Unbehagen, weil hier ja gerade das Bedürfniß, rascher zu athmen, bestellt. Saussure mußte nach jeder Beobachtung gerade so gut ausruhen und Athem schöpfen, als wenn er rasch gestiegen war. „ Als ich meine Instrumente ordnete, " sagt er, „ mußte ich jeden Augenblick meine Arbeit unterbrechen, um meine ganze Aufmerksamkeit der Athmung zu widmen. Hielt ich mich ganz ruhig, so fühlte ich nur ein leichtes Unbehagen, einen leichten Brechreiz. Aber sobald ich mich bewegte oder meine Aufmerksamkeit auf etwas heftete, und hauptsächlich, wenn ich, mich bückend, einen Druck auf die Brust ausübte, mußte ich zwei bis drei Minuten lang ausruhen und Luft schnappen. " Seine Führer hatten ähnliche Empfindungen, Appetit hatten sie gar keinen. Es gelang Saussure, auf dem Gipfel des Montblanc in 4*/a Stunden kaum diejenigen Beobachtungen zu vollenden, die er auf Meeresniveau mit Leichtigkeit in drei Stunden ausgeführt hätte. Er hofft, zum Schluß auf dem Col du Geant zu erreichen, was er auf dem Montblanc nicht durchführen konnte und was, wie er wörtlich sagt, „ wahrscheinlich nie wird durchgeführt werden können ".
Ganz analog lauten die Berichte anderer gelehrter Montblancbesteiger. Außer der unverhältnißmäßigen Müdigkeit und Athemnoth wird von den meisten Appetitlosigkeit hervorgehoben, dann Kopfschmerz, Brechreiz, Schlafsucht und ein auffallender Schmerz in Oberschenkeln und Knieen. Ganz selten wird von Blutungen aus Nase und Mund berichtet, so von einem deutschen Officier Lusy und den Engländern Hawes und Fellows.
Die Doctoren Bravais, Martins und Lepileur geben eine minutiöse Schilderung ihres Befindens bei ihrer schon erwähnten Montblancbesteigung, welche ganz mit der von Saussure übereinstimmt. Alle Drei litten an absoluter Appetitlosigkeit, und bei den Führern bemerkten sie besonders die rasche Ermüdung und Athemlosigkeit beim Aufschlagen des Zeltes. In der Nähe des Gipfels glich ihre Expedition mehr einem Kranken-Convoi.
Als Clubisten werden die Leser dem Berichte eines Tyndall, dieses großen Bergsteigers, wohl besondern Werth beilegen. Er war am Montblanc so erschöpft, daß er sich oben auf den Rochers rouges hinlegte und sofort einschlief. Aber sein Begleiter Hirst weckte ihn alsbald: es hatte diesem Furcht gemacht, Tyndall während einiger Minuten nicht mehr atbmen zu hören. Zu dem hochgradigen Gefühle der Ermüdung gesellte sich dann Herzklopfen, das bisweilen gefahrdrohend erschien. Mehr als 15 — 20 Schritte konnte Tyndall ohne Halt nicht machen. Bei jedem Halte klopfte sein Herz so stark, daß es gehört werden konnte. „ Nachdem wir die letzten Felsen passirt hatten, " sagt Tyndall, „ arbeiteten wir mit der stoischen Indifferenz von Männern, die eine Pflicht erfüllen, ohne sich von den Folgen Rechenschaft zu geben; ein Hoffnungsstrahl erleuchtete erst unsern Geist, als der Gipfel sichtbar wurde.Bei seiner dritten Besteigung machte Tyndall die Nacht, im Ganzen 20 Stunden, auf dem Gipfel durch. Er und seine Begleiter litten nicht von der Kälte, waren aber alle krank. Es gelang Tyndall früher oft, seines Unbehagens Herr zu werden, auf dem Montblanc aber gelang es ihm nicht.
Auch Dr. Pitschner war ernstlich bergkrank. Im Corridor, auf 4000 m, überfielen ihn und nicht weniger seinen Führer Balmat Athemnoth, Flimmern vor den Augen, Ohrensausen, Kopfschmerz, Uebelkeit, Erbrechen und namentlich eine unbezwingbare Schlafsucht.
Wie schon gesagt, waren es zuerst die Doctoren Lortet und Marcet, welche bei ihrer zweimaligen Besteigung des Montblanc Beobachtungen mit physiologischen Instrumenten anstellten. Und zwar war Lortet als Ungläubiger an die Versuche gegangen: ihm schien es, daß die Einbildung sehr viel zur Erzeugung der Phänomene der Bergkrankheit beigetragen habe, wie sie von frühem Bergsteigern beschrieben worden waren. Lortet hatte den Monte Rosa wiederholt bestiegen und konnte nicht glauben, daß die 500 m mehr am Montblanc, wenn ich so sagen darf, ihn „ bodigen " würden. Auf Grands Mnlets ( 3050 m ) sind Lortet und Marcet noch ganz munter; auf dem Grand Plateau ( 3932 m ) fühlt sich Lortet noch wohl, bringt aber absolut keinen Bissen Nahrung hinunter. Beim Anstiege von da an kommen Beide nur äußerst langsam vorwärts, leiden an Schlafsucht und Kopfschmerz, ihr Puls steigt bei schlechter Qualität zeitweise auf 160—170 Schläge. Auf dem Grate glaubt Lortet absolut nicht weiter zu können, wie dem Seekranken ist ihm Alles gleichgültig; er hatte nur den einen Wunsch, nicht weiter zu müssen. Erst in der Ruhe auf dem Gipfel fühlt sich Lortet besser, immerhin bei vollständiger Appetitlosigkeit und hochgradiger Athemnoth. Bei seiner zweiten Besteigung geht es ihm im Ganzen ordentlich, er kann sogar etwas essen, doch die Athemnoth tritt auch da auf und wird bei der geringsten Anstrengung intensiv.
Erwähnenswerth ist endlich noch die Bemerkung des Luftschiffers Tissandier, der auch auf dem Montblanc gewesen ist. Er rindet, daß die Athmung von 4400 m an beschwerlich wird, und daß immerhin der schnelle und mühelose Aufstieg im Ballon in nichts der langsamen und beschwerlichen Montblancbesteigung gleiche.
Gehen wir nun über zu dem, was wohl vor Allem interessirt, zu unseren eigenen Erfahrungen und Beobachtungen. Wir glauben, denselben ein besonderes Interesse und Werth vindiciren zu dürfen, insofern sie das Vorkommen der Bergkrankheit unabhängig von bergsteigerischer Ermüdung und Aufregung nicht nur beweisen, sondern deren Wesen auch am besten erklären. Kälte, mangelhafte Verpflegung, gebrochenen Schlaf u. A. m. haben auch wir durchzumachen gehabt, aber doch nicht in dem Grade, daß wir uns nicht in der Tiefe, sagen wir im Nordlande, dabei ganz wohl befunden hätten. Dabei ist die Dauer unseres Aufenthaltes in jener Höhe, wo die Bergkrankheit, wie wir gesehen haben, auch bei den Wägsten aufzutreten pflegt, nicht nur nach Stunden, sondern nach Tagen — im Ganzen zehn — zu bemessen.
Guglielminetti und ich gingen unserm Chef, Herrn Iinfeld, um einen Tag voraus bis auf Grands Mulets ( 3050 m ). Wir fanden gute Unterkunft daselbst in der neuen Hütte des Herrn Janssen, konnten also dort noch einen Ruhetag bei guter Unterhaltung und anderthalb Nächte bei ordentlichem Schlafe verbringen. Den Anstieg über die 1350 m von Grands Mulets bis zu der Cabane des Bosses auf 4400 m führten wir in der Morgenfrische von 3 bis 9 Uhr bei ruhiger Luft und gutem Schnee aus, langsam und bequem, wie wir uns vorgenommen. Wir erreichten unser Ziel nicht kniezitternd, nicht schweißtriefend, nicht vor Durst lechzend, nicht athemlos, nicht mit unzählbarem Pulse. Auf dem ganzen Wege hatte ich z.B. nur ein paar Albert-Biscuits und einige Schluck Wasser, nicht mehr als 100 Gramm, zu mir genommen, und auf der steilen Rampe vom Grand Plateau aufwärts konnte ich je mehrere Hundert Schritte machen, ohne anhalten zu müssen. Bei dem jungen rüstigen Guglielminetti konnte von Anstrengung überhaupt nicht gesprochen werden, ebenso wenig bei unserem berggewandten Herrn Imfeid.
Selbstverständlich drängten wir uns rasch in die Hütte, um Einsicht zu nehmen von dem uns bestimmten „ trauten Heim ". Aber, obgleich darin die Lüfte durch die zerbrochenen Scheiben säuselten, des Bleibens war nicht lange, denn — ich will nun zunächst von meinen eigenen Empfindungen sprechen — es wurde mir da merkwürdig bange, ich mußte keuchen. Der Anstieg hat mich doch angegriffen, dachte ich; draußen wird es besser werden. Also setze ich mich vor die Hütte. Aber es wird nicht besser, es wird schlimmer; tief und häufig muß ich Athem schöpfen, ohne aber das Gefühl der Sättigung mit Luft zu erreichen. Mehr und mehr fühle ich, daß die Hülfsmuskeln der Athmung in Thätigkeit sind, denn sie schmerzen mich, ein spannender Schmerz im Schultergürtel ist recht peinlich, mitleidig gedenke ich der Patienten, welche ich an Athemnoth habe leiden sehen. Stirnkopfschmerz und leichter Brechreiz kommen hinzu. Guglielminetti setzt sich neben mich, auch er athmet rasch und tief; die Komik der medicinischen Vergleiche, welche er zieht, hilft weder ihm noch mir. Ueber eine Stunde bleiben wir sitzen, ohne daß es bessert; der Optimismus unserer Anschauungen über die Bergkrankheit ist bedeutend im Sinken. Denn da haben wir ja schon das erste und vorwiegendste Symptom derselben, die Athemnoth, eine Athemnoth, die erst nach vollendeter Anstrengung einsetzt, also nicht durch diese gegeben sein kann, und die fortdauert und sich steigert in der Ruhe. Doch wir müssen uns erheben, denn unsere Füße drohen zu erstarren. In der Hütte ordnet Herr Imfeid Verschiedenes mit den Führern; ich bemerke aber, daß er alle paar Minuten sich aufrichtet, die Hände in die Seiten stemmt und tief Athem holt. Wir sind froh, daß wir Bedienung haben, die uns die gefrorenen Schuhe und Gamaschen abnimmt und die Füße in Holzschuhe steckt; das selbst zu thun, wäre uns recht schwer gefallen. So sind wir denn bereit, die Mittagssuppe einzunehmen; aber, war sie gut, war sie schlecht, sie mundete nicht. Rother Wein schmeckt auch wie Tinte, weißer wie Essig, einzig der schwarze Kaifee war uns wenigstens nicht zuwider. Daß ich damit zwei Gramm Phenacetin hinunter spülte, worauf es mir unter Gähnen etwas besser ward, gestehe ich erst jetzt. Nachmittags gedachten wir, uns für unsere Beobachtungen einzurichten, waren aber froh, daß die Träger das Material dazu auf Grands Mulets zum Theil vergessen hatten. So drücken wir uns in den Ecken herum, bald im Sitzen, bald im Stehen Behaglichkeit suchend; aber immer verfolgt uns der Lufthunger. Auch das frugale Abendessen hat nicht geschmeckt, man kann sagen, uns fast angeekelt, und wir begrüßen die frühe Stunde, wo wir unter die Decken kriechen können. Doch schlafen konnte ich nicht; es war nicht das harte, kalte Lager allein, welches störte, auch nicht der Sturm, welcher die ganze Nacht heulte, war es doch immer der Lufthunger. Drei oder vier Mal in der Nacht mußte ich mich aufrichten, um tiefer athmen zu können, aber es half nichts, und matt und mißmuthig sank ich wieder zurück. Sonst war es überhaupt merkwürdig ruhig im Innern der Hütte trotz der Anwesenheit der 16 Mann — keiner hatte geschnarcht — es hatte eben keiner geschlafen, wie sie sich Morgens erzählten.
Matt erhob man sieh am zweiten Tag vom Lager. Freudigkeit, an unsere Aufgabe zu treten, war nicht vorhanden. Ein Glas condensirte Milch war mehr wie genug zum Frühstück. An die Toilette mochten wir schon gar nicht denken, dazu mußte man seine sieben Sachen auspacken, was ja viel zu mühsam; haben wir doch schon bei der absolut nöthigen Ordnung der Kleidung wiederholt pausiren müssen, um tiefer zu athmen und zu ruhen. Was sollen wir überhaupt beginnen? Lassen Sie mich in Ruhe! war die gegenseitige Losung. Mehr als einen halben Teller Suppe und etwas Katfee konnten wir zu Mittag wieder nicht genießen. Nachmittags raffte ich mich auf und machte die ersten Blutfarbstoffbestim-raungen. Abends nach Genuß eines Glases heißer Milch legten wir uns schon um 7 Uhr hin. Ich wollte die lange Nacht eines Asthmatikers womöglich nicht wieder durchmachen, nahm 10 Tropfen Opium und ein Gramm Phenacetin ein. So konnte ich wenigstens liegen bleiben und sogar etwas schlafen. Das war zwar im Interesse exacter Beobachtung nicht richtig; aber ich gestehe offen, es fehlte mir der Opfersinn, jenen peinlichen Zustand der ersten Nacht wieder durchzumachen.
Am 17. August, also am dritten Tage, notire ich noch immer Andauern der Appetitlosigkeit und der beschleunigten Athmung, wobei ich von letzterer ausdrücklich bemerke: mit Stokes'schem Charakter; d.h.: war die Athmung eine kurze Zeit eine annähernd gewöhnliche gewesen, so folgten einige rasche und tiefe Athemzüge und auf diese während einiger Secunden ein Aussetzen der Athmung. Die tiefen Athemzüge ermüdeten so, daß der Brustkorb unwillkürlich zusammensank, um im Stadium der Erschlaffung auszuruhen. Dieser Tag war überhaupt ein recht böser: nicht nur Herr Vallot, sondern auch einige Touristen mit Führern und Trägern waren angekommen, die Hütte war überfüllt, nirgends ein Ruheplätzchen zu finden, unser Gemüth auf den Nullpunkt herabgestimmt. Ich nahm Abends zwei Gramm Phenacetin und schlief relativ gut.
Vom 18. August, also vom vierten Tage ab, besserte sich nun allmälig unser Befinden. Die Athmung blieb zwar immer etwas beschleunigt, was Einem aber nicht mehr beständig zum Bewußtsein kam; nur bei Anstrengung, wie Auf- und Absteigen von der Pritsche, Anziehen des Rockes, sich bücken, war Tiefathmung immer wieder Bedürfniß. Mir persönlich waren die Blutkörperzählungen am Mikroskop sehr beschwerlich, weil man bei dieser Thätigkeit, um genau zu sehen, leise athmen muß. Man wird es deshalb begreifen oder entschuldigen, wenn diese Zählungen nicht die gewünschte Genauigkeit erreichten.
Auch die Eßlust besserte sich, wurde aber nie normal. Es ist ja wahr, sowohl die Auswahl als die Zubereitung der Speisen ließen zu wünschen übrig, aber sicher ist auch, daß wir im Thal von den gleichen Speisen viel größere Mengen verzehrt hätten. Geschmeckt hat uns nur condensirte Milch, Chocolade, Früchte und Asti. Diese verminderte Nahrungsaufnahme ist durchgängig bei allen Theilnehmern der Expedition zu bemerken. Herr Vallot, der quasi Montblancbewohner, aß sehr wenig. Wenn die Führer und Träger behaupteten, sie äßen mit gleichem Appetit wie drunten, so täuschten sie sich eben doch bezüglich der aufgenommenen Nahrungsmenge: Mit einer Tasse Cacao und Brod Morgens, einer fetten, reichlich Brod enthaltenden Suppe Mittags und Abends, und einigen Glas Grog waren sie gesättigt. Niemand wird bezweifeln, daß sich diese Männer zu Hause reichlicher nähren.
An diese Schilderung des allgemeinen Verlaufs der Bergkrankheit an uns sind noch folgende einzelne Beobachtungen zu ihrer Charakteristik zu reihen. Eine acute Steigerung derselben bei den Herren Imfeid und Guglielminetti: Herr Imfeid ging am Nachmittag mit seinen Arbeitern auf den Gipfel, um mit ihnen Angriffspunkt und Methode der Arbeit festzusetzen. Abends 6 Uhr kehrte er zurück. Er hatte colossal von der Kälte gelitten, hatte es doch von 4 Uhr an unter Hagel und Schnee heftig gestürmt, war aber auch sonst entschieden erschöpft; ganz auf die Athmung concentrirt, wies er die Abendsuppe zurück und zog sich. schleunig auf sein privilegirtes Lager zurück. Ebenso bestieg Herr Guglielminetti Mittags des vierten Tages den Gipfel, um nach den Arbeitern zu sehen. Ich beobachtete ihn, als er dann gegen 5 Uhr von der Grande Bosse herniederstieg. Seine Haltung war schlaff, der Gang schwankend. Schon um 6 Uhr legte er sich hin, verschmähte das Abend- brod; schließlich fühlte er sich so schlecht, daß er Sauerstoff zu inhaliren begehrte, welchen Herr Vallot comprimirt vorräthig hält; aber erst am nächsten Tage hatte sich sein Befinden gebessert. Daß beiden Herren Bergsteigern ersten Ranges die Anstrengung der Gipfelbesteigung an sich nichts anhaben konnte, wird Jeder zugeben. Es war aber eine relative Ueberstrengung, relativ zu ihrem bereits vorhandenen bergkranken Zustande, woraus eine Steigerung ihrer Bergkrankheit resultirte.
Auch die acuteste Form der Bergkrankheit,, zu welcher diese nur durch absolute Ueberanstrengung gesteigert wird, hatten wir zu sehen t Gelegenheit. Eine Dame machte in einer Etappe die Distanz von Pierre Vpointue zur Cabane des Bosses; es ist das eine Gletscherpartie von wenigstens 10 Stunden. Vom Grand Plateau an kam sie nur äußerst langsam, taumelnd und halb bewußtlos voran, mußte sich bei ihrer Ankunft wiederholt erbrechen und litt an heftigem Kopfschmerz, Herzklopfen, Zittern und Augenflimmern. Und gleichen Abends spät um 10 Uhr wurde ein'junger Herr der höchsten Pariser Finanz total erschöpft von seinen Führern thatsächlich in die Hütte getragen.
Sollen wir schließlich den Tod Jaeottet's nicht auch der Bergkrankheit zuschreiben? Ich glaube ja. Die Sectionsdiagnose lautete auf beginnende Lungen- und Hirnentzündung. Die Hirnentzündung erlaube ich mir zu negiren, aus Gründen, die ich hier nicht erörtern kann. Den ungeheuer raschen, in wenigen Stunden zum Tode führenden Verlauf der Lungenentzündung kann man sich nur erklären, wenn man annimmt, daß Herzkraft und Nervenenergie des sonst kräftigen jungen Mannes durch den schwächenden Einfluß der Bergkrankheit auf 's Aeußerste herabgesetzt waren.
Um zu einer Erklärung der Bergkrankheit, die wir nun versuchen wollen, zu gelangen, darf man sich auf eine allgemeine Schilderung, wie die gegebene, noch weniger auf die oft übertriebenen Darstellungen laien-hafter Auffassung, natürlich nicht beschränken. Es müssen womöglich exacte Beobachtungen, durch instrumenteile Aufzeichnung gewonnen, zu Grunde gelegt werden.
Man hat nicht allein die Zahl der Pulsschläge und der Athemzüge notirt, sondern auch deren Größe und Verlauf aufgezeichnet. Die Körpertemperatur wurde gemessen sowohl in der Bewegung, als in der Ruhe. Blutdruckbestimmungen, d.h. Bestimmungen der Spannung, unter welcher das Blut in den Adern circulirt, wurden wenigstens versucht. Farbe und Menge des Harns wurden berücksichtigt, u. A. m. Die zahlreichsten und zuverlässigsten Beobachtungen dieser Art hat wohl Herr Vallot gesammelt. An sich werden alle gewiß von sehr großem Interesse sein. Doch haben, was ich gleich vorausschicken will, einzelne Kategorien solcher Beobachtungen zur Erklärung der Bergkrankheit nur sehr bedingten Werth, so die Bestimmungen des Pulses, des Athmens und des Blutdruckes. Wie sehr Puls und Athmung vom psychischen Eindrucke beeinflußt werden, weiß Jeder aus eigener Anschauung. Schon die geistige Betheiligung des Beobachteten an den Beobachtungen selbst verändert Athmung und Puls des nicht daran Gewöhnten oft in bedeutendem Grade. Wenn ferner notirt wird, daß bei Ankunft auf dem Montblanc der Puls über 160 Mal in der Minute schlug, so hat das für die Kenntniß des Wesens der Bergkrankheit durchaus keinen Werth. Das Gleiche wird geschehen, wenn Einer im Schnellschritte auf den Uetliberg läuft. In beiden Fällen wird nach fünf Minuten Ruhe der Puls wieder auf eine für die betreffende Höhe gewisse Norm gesunken sein. Gleiches gilt von der Athmung. Auch vom Blutdrucke wissen wir, daß er, obgleich sehr leicht in 's Schwanken gerathend — er kann z.B. durch eine Mahlzeit um 300 Gramm steigen — eine auffallende Neigung zur Constanz hat und immer rasch zur Norm zurückkehrt.
Ich will deshalb meine diesbezüglichen Notizen gleich hier absolviren. Ihr Werth liegt in dem Nachweis, daß die Bergkrankheit nicht auf einer intensiven Störung des Blutkreislaufs, noch einer Veränderung der Körpertemperatur, noch einer Vergiftung des Muskels mit Ermüdungsproducten etc. beruht.
Der Puls ist im Ganzen etwas beschleunigt. Bei Imfeid bewegt er sich zwischen 93 und 103, bei Guglielminettr zwischen 72 und 84, und bei mir zwischen 85 und 96. Darauf, daß mein Puls am dritten Tage, wo es uns am schlechtesten war, auf 65 Schläge sank, möchte ich keinen großen Werth legen, weil dieses Fallen des Pulses nicht auch gleichzeitig bei meinen Collegen stattfand.
Von der Veränderung der Athmung habe ich weitläufig gesprochen. Hier will ich nur erwähnen, daß ihre Durchschnittsfrequenz in der Ruhe 20—28 in der Minute betrug. Diese Zahlen habe ich gewonnen, indem ich meine Genossen unbemerkt beobachtete; sie dürfen also als charakteristisch für den Aufenthalt in jener Höhe gelten.
Blutdruckbestimmungen unterblieben; es wäre unmöglich gewesen, sie unter den obwaltenden Verhältnissen exact auszuführen. Die einfachere Bestimmung des Capillardruckes mißlang ebenfalls an den von Kälte starren Fingerspitzen.
Von der Körpertemperatur ist einfach zu sagen, daß sie sich während der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes auf der Norm von 36,8 bis 37,3 ° C. hielt. Bei Imfeid und Guglielminetti war sie auch nach deren Rückkehr von der Gipfelbesteigung unverändert, weder wesentlich höher noch niederer.
Die Muskelenergie suchte ich durch einen einfachen dynamometrischen Apparat festzustellen, immer nach gepflogener Ruhe. Obgleich die Methode nicht einwandfrei ist, kann ich doch behaupten, daß die einmalige Muskelleistung nicht vermindert war. Daß der Muskel übrigens rascher ermüdet, ist begreiflich, wenn wir Ursache und Wesen der Bergkrankheit erkannt haben.
Hier mag auch noch angeführt werden, wie der allgemeine Ernährungszustand verändert wurde. Das ist leicht vorauszusagen. Vom 13. bis 25. August, von unserer Abreise bis zu unserer Rückkehr nach Chamonix, hatte Imfeid 3, Guglielminetti 3'/2 und ich 7 Kilo an Körpergewicht verloren. Da wir weder beim Auf- noch Abstiege viel geschwitzt haben, also ein wesentlicher Wasserverlust, auf welchen bei einmaligen Besteigungen die Körpergewichtsabnahme fast ausschließlich zurückzuführen ist, nicht stattfand, ist dieser unser Gewichtsverlust nur der Er-nährungsstörung durch die Bergkrankheit zuzuschreiben. Das macht für Guglielminetti einen Tagesverlust von circa 200, für Imfeid von 290 und für mich von 580 Gramm.
Die Resultate meiner Blutuntersuchungen werde ich anführen bei Besprechung der Theorien der Bergkrankheit.
Der Hypothesen und Theorien über Ursache und Wesen der Bergkrankheit sind eine ganze Reihe aufgestellt worden. Wissenschaftlich-thatsächlichen Werth haben aber, was ich gleich vorausschicken will, nur die, welche anf den physikalisch - chemischen Einflüssen des verminderten Luftdruckes basiren. Der Laie greift aber mit Vorliebe gerade zum Glauben an andere Ursachen, deren wunderbarste jedenfalls die gelegentlich angenommenen bösen Ausdünstungen des Bodens sind.
Mit Recht sagt Paul Bert, wenn die Leute nichts mehr zu sag'en wissen, dann greifen sie zur Elektrizität. Diese also auch sollte nach der Ansicht mehrerer Doctoren die Ursache der Bergkrankheit sein. Auf hohen Bergen sei die elektrische Kraft nicht nur in beständigem Schwanken, sondern nach der Ansicht eines Dr. Cunningham zieht sie auf der nördlichen Hemisphäre das Blut nach dem Kopfe, auf der südlichen nach den Füßen, weshalb der Bergkranke sich erhole, wenn er sich horizontal hinlege!
Eine ältere Anschauung von Saussure war, daß durch die Einwirkung der Sonnenstrahlen auf den Schnee dieser die Luft durch Entziehung von Sauerstoff verschlechtere. Wäre das richtig, dann müßte man auch im Thale an sonnigen Winterstagen bergkrank werden.
Es wäre gar nicht auffallend, wenn Jemand die Ursache der Bergkrankheit in der Kälte und Ermüdung suchen wollte. Dr. Lortet hat es von der Kälte oder besser Erkaltung des Körpers direct behauptet. Nach ihm nimmt die Körpertemperatur durch Steigen in dünner Luft ab, und zwar bis um 4—5°. Aber die unverläßliche Methode der Messung, die er anwandte, indem er das Thermometer in den Mund legte, hat ihm eben ganz falsche Resultate gegeben. Herr Vallot hat das Gegentheil bewiesen; rasche Bewegung erhöht auch in dünner Höhenluft die Körperwärme, wenn auch nur für die Zeit der Anstrengung; in der Ruhe sinkt die Temperatur rasch zur Norm herab. Ich verweise hier auf meine eigenen Temperaturangaben. Die Theorie von der Erkaltung des Körpers als Ursache der Bergkrankheit ist also unhaltbar.
Auf den ersten Blick schon viel mehr Berechtigung hat die Theorie von der Ermüdung. Als ich einst einen unserer besten Gipfelbezwinger sah, wie er krank im Grase lag, nachdem er nur so nebenbei ein paar Gipfel genommen hatte, während wir an unserer einfachen Tour schon ganz genug hatten, sagte ich mir auch, die Bergkrankheit ist nichts Anderes als Uebermüdung. Es ist richtig, die Ermüdungsproducte im Körper sind als Gifte für denselben aufzufassen; es ist aber nicht bekannt, daß sie alle der Bergkrankheit eigenen Erscheinungen hervorbringen; höchstens dürfte sich die von Einigen empfundene hochgradige Schlafsucht damit erklären lassen. Wir alle haben schon in der mittelhohen Gebirgsregion 15 —18stündige Märsche gemacht, so daß wir an der Grenze unserer Leistungsfähigkeit waren, ohne bergkrank geworden zu sein. Tyndall, Zumstein, Lortet u. A. waren auf dem Montblanc bergkrank; auf dem Finsteraarhorn, Monte Rosa, Matterhorn waren sie es nicht. Die physische Leistung ihrer Körper, die Ansammlung der Ermüdungsproducte war aber bei diesen Besteigungen gewiß nicht geringer als bei der des Montblanc. Der Astronom Janssen hat sich auf den Montblanc tragen lassen. Auch er behauptet, daß die für die Wissenschaft so sehr zu beklagende Bergkrankheit mit ihrer Unfähigkeit zu körperlicher und geistiger Arbeit wesentlich nur von der durch die Besteigung verursachten Ermüdung herrühre. Er hat denn auch in schönen Worten geschildert, wie sein Geist in jener erhabenen Höhe in lebhafterem Schwünge Gedanke an Gedanke gereiht habe, wie es ihm im Thale nur viel schwerfälliger möglich gewesen wäre. Aber, ich darf es schon verrathen: Janssen war gerade so bergkrank, wie wir Anderen. Auch er brachte seine Beobachtungen nur zum Theile und mit Aufwand von Anstrengung fertig. Janssen war sogar ziemlich kleinmüthig, und von hohem Geistesfluge an ihm nichts zu bemerken. Es hat ihm also nichts geholfen, das Moment der Ermüdung auszuschalten.
Soll ich nochmals die Ansicht Zsigmondy's vom Magenkatarrh als Ursache der Bergkrankheit berühren, so glaube ich dieselbe durch das bisher Gesagte schon genügend widerlegt.
Kälte, Ermüdung, Verdauungsstörung etc. können die Bergkrankheit zum höchsten Grade des Krankheitsgefühles steigern, das ist bei Montblancbesteigungen ein alltägliches Vorkommniß; aber sie bilden aus den angeführten Gründen weder einzeln noch zusammen die Ursache der Bergkrankheit. Für uns steht sicher: wir waren weder ermüdet, noch war unsere Temperatur anders als normal, noch waren wir magenkrank und doch waren wir bergkrank.
Es bleiben also, wie ich schon betont habe, zur Erklärung der Bergkrankheit nur noch die Momente, welche aus der Verminderung des Luftdruckes abzuleiten sind. Diese sind mechanischer und chemischer Natur.
Zur Geltendmachung des mechanischen Momentes hat man namentlich die Erscheinungen an Thieren herbeigezogen, welche unter die Glocke der Luftpumpe gesetzt werden, also eine Verminderung des Druckes auf die Körperoberfläche erleiden. Eine Verminderung dieses um ein Viertel würde, beiläufig bemerkt, einer Höhe von 3000, und eine Verminderung um die Hälfte einer Höhe von circa 5000 Metern entsprechen.
Also ist zunächst behauptet worden, daß bei einer solchen Verminderung des äußern Druckes die Körpersäfte, vor Allem das Blut, nach außen in die Haut strömen, die innern Organe, namentlich das Gehirn, blutarm werden, und daraus das Bergkrankheit genannte Krankheitsgefühl entstehe. Saussure z.B. huldigte dieser Ansicht.
Dann haben Andere gesagt, daß unter dem verminderten Drucke hoher Regionen die Gase des Blutes sich ausdehnen, dadurch die Circulation in den feinsten Blutgefäßen, namentlich der Lungen, hemmen und so zu allgemeinen Störungen, besonders Störung der Athmnng, führen. Ja, es wurde sogar angenommen, die Gase des Darmes dehnen sich so aus, daß die geblähten Gedärme das Zwerchfell nach oben gegen Lungen und Herz drängen und so zur Athemnoth, Herzklopfen, resp. Bergkrankheit führen. Beide Annahmen sind an sich hinfällig: die Blutgase sind so fest gebunden, daß sie eigentlich erst im luftleeren Räume frei werden. Und was die Dehnung der Darmgase betrifft, so dürfen wir doch erstens nicht vergessen, daß der Darm durch zwei Oeffnungen mit der Außenwelt in Verbindung steht, und zweitens ist die unwillkürliche Muskelspannung der Darmwandung so groß, daß es einer ganz bedeutenden Herabsetzung des äußern Druckes bedürfte, um sie aufzuheben.
Noch andere Spitzfindigkeiten zur Erklärung der Bergkrankheit basiren auf dieser vorhanden sein sollenden Differenz des äußern und innern Körperdruckes. Aber alle fallen dahin gegenüber der einfachen Thatsache, daß ein solcher Unterschied des Druckes nicht besteht: es ist ein elementares Gesetz und unser Organismus ist so eingerichtet, daß sich der äußere und der innere Druck sofort ausgleichen.
Einer Ansicht muß hier noch als zur Gruppe der mechanischen Wirkung des verminderten Druckes gehörig erwähnt werden, weil sie von keinem Geringern als von Humboldt aufgestellt worden ist. Darnach läge das Wesen der Bergkrankheit zwar auch in der Ermüdung, aber diese denkt sich Humboldt auf folgende Art zu Stande gekommen. Der Gelenkkopf des Oberschenkelknochens dreht sich in der halbkugligen Gelenkhöhle des Hüftknochens. Durchtrennt man selbst alle Muskeln und Bänder, welche vom einen Knochen zum andern gehen, so bleibt das Bein doch im Hüftknochen hängen. Es beruht das auf der Wirkung des Luftdruckes. Nun sagt Humboldt, bei dem verminderten Luftdrucke auf hohen Bergen droht der Oberschenkel herauszufallen und muß nun durch gesteigerte und ungewohnte Muskelthätigkeit im Hüftgelenke gehalten werden. Daher jene schlagartige Müdigkeit in den Oberschenkeln, welche sich noch auf den ganzen Körper fortpflanzt. Doch auch damit ist es nichts. Durch Experimente J ) ist erwiesen, daß der Luftdruck um mehr als Dreiviertel herabgesetzt werden müßte, um das Haften des Oberschenkels im Hüftgelenke zu lockern.
Da wir somit alle auf das mechanische Moment sich stützenden Erklärungen auch haben ausschalten müssen, so bleibt uns nur noch das chemische Moment des verminderten Druckes, und zwar, da bekanntlich der Stickstoff der Luft nicht in Betracht kommt, nur die verminderte Spannung des Sauerstoffs. Das Blut nimmt den Sauerstoff auf und gibt dafür Kohlensäure ab. Durch die enorm gesteigerte Arbeit des Körpers bei einer Hochtour findet eine entsprechend gesteigerte.Verbrennung im Körper statt. Nun soll sich das Verbrennungsproduct, die Kohlensäure, im Blute anhäufen, theils weil dem Blute zu wenig Sauerstoff zugeführt werde, theils weil die ebenfalls ermüdete Athmungsthätigkeit nicht genug Kohlensäure nach außen abgebe. Darnach sollte die Bergkrankheit auf Kohlensäurevergiftung beruhen. Es wäre leicht, diese Theorie der Kohlensäurevergiftung aus der Lehre von der Athmung zu widerlegen. Wir sagen aber einfach, sie ist nicht stichhaltig, 1 ) weil sonst schon die Arbeit des Anstieges von Chamonix nur bis Grands Mulets bergkrank machen müßte; 2 ) weil es durch nichts bewiesen ist, daß das Blut auf dem Montblanc kohlensäurereicher ist, als im Thale, und 3 ) weil Sauerstoffmangel allein noch nicht Kohlensäureüberschuß bedingt.
Also bleibt uns endlich nur noch eine Annahme, und die ist: in Folge der verminderten Sauerstoffspannung ist das Blut auf hohem Berge weniger sauerstoffreich, als im Thale, und im Hochgebirge wird es sauer-stoffarm. Wie es eine Armuth des Blutes an Blutkörperchen, die Blut-armuth, Anämie, im gewöhnlichen Sinne, so gibt es eine Armuth des Blutes an Sauerstoff, eine Anoxhämie, und auf dieser Anoxhämie beruht das Wesen der Bergkrankheit. Es war Dr. Jourdanet, der schon im Jahre 1861 diese Theorie der Bergkrankheit aufstellte und mit Geschick theils theoretisch, theils durch weitläufige Beobachtungen zu vertheidigen suchte. Aber der thatsächliche Beweis dafür war bisher noch nicht geleistet. Ich stellte mir deshalb die Aufgabe, durch neue Untersuchungen auf dem Montblanc diesen Beweis zu erbringen. Die Aufgabe konnte nicht allzu schwer sein, insofern uns in neuerer Zeit einfachere Methoden der Blutuntersuchung zu Gebote stehen.
Es ist der rothe Farbstoff des Blutes, das Hämoglobin, der den Verkehr zwischen Luft und Körper vermittelt; er nimmt den Sauerstoff der Luft auf und gibt ihn im Kreislauf des Blutes an die Organe ab. Die wirkliche Aufnahme des Sauerstoffes ist immer dem Gehalte des Blutes an Farbstoff proportional, wie auch umgekehrt die Existenz des Hsemoglobins an die Anwesenheit von Sauerstoff gebunden ist. Kann also nachgewiesen werden, daß der Blutfarbstoff beim Bergkranken vermindert ist, so besitzen wir den Beweis für die Richtigkeit der Theorie von der Sauerstoffblutarmuth als Wesen der Bergkrankheit. Wenn wir bedenken, wie innig die normale Function aller Organe, namentlich aber des Ge-sammtnervensystems, an den normalen Sauerstoff- bezw. Farbstoffgehalt des Blutes gebunden ist, so werden uns die Erscheinungen der Bergkrankheit, die Athemnoth, das Herzklopfen, der Brechreiz, die Mattigkeit etc., ohne Weiteres begreiflich.
Die Methode meiner Untersuchungen darzulegen, würde hier zu weit führen; es genüge die Anführung des Resultates.
Der junge, kräftige Guglielminetti hat vom 13.15. August in Chamonix 101 Hämoglobin, dann sinkt der Gehalt bis zum 18. August, als dem dritten Tage unseres Aufenthaltes in der Cabane des Bosses, auf 92. Der etwas ältere, nicht so kräftige, wenn auch noch sehr leistungsfähige Herr Imfeid setzt mit 98 ein, geht dann ober in der gleichen Zeit schon auf 68 hinunter. Ich, der älteste, und montanistisch am wenigsten tüchtige, beginne mit 86 gleich etwas anämisch, und mein Hämoglobin sinkt ebenfalls am dritten Tage auf ungemüthliche 54 hinunter. Erinnern wir uns nun unseres Allgemeinbefindens zu dieser Zeit, so finden wir, daß dasselbe genau Schritt hält mit diesen Veränderungen des Hämoglobingehaltes. Guglielminetti war mäßig, Imfeid ziemlich und ich bedeutend bergkrank; alle Drei befanden sich am schlechtesten am dritten Tage.Vom vierten Tage, dem 19. August, an steigt bei allen der Hämoglobingehalt wieder, wie dementsprechend das Allgemeinbefinden Aller sich besserte.
Es besteht also ein directer Zusammenhang zwischen dem Farbstoff-, bezw. Sauerstoffgehalt des Blutes und der Bergkrankheit, und da wir alle anderen Theorien zurückweisen mußten, dagegen die Theorie vom Sauerstoffmangel durch direete Beobachtungsresultate belegen können, so dürfen wir diese also auch als die richtige Erklärung der Bergkrankheit aufstellen, bezw. bestätigen.
Damit könnte ich schließen. Noch muß ich aber einer Bemerkung vorgreifen. Wie ist trotz der Fortdauer des schädlichen Einflusses der dünnen Luft die Besserung des Allgemeingefühles und die Zunahme des Blutfarbstoffgehaltes zu erklären? Auf erstem Punkt läßt sich antworten mit dem Gesetze der Gewöhnung: wir gewöhnen uns an Gifte, an Hitze und Kälte, wir gewöhnen uns auch an den Sauerstoffmangel. Ob wir zwar dabei auf die Dauer gesund bleiben würden, ist sehr fraglich. Die - Zunahme des Blutfarbstoffes könnte zunächst auf einer compensirenden Vermehrung der Blutkörperchen beruhen, wie ja auch die Abnahme jenes eigentlich auf einem Zugrundegehen letzterer hätte fußen können. Ich habe Blutkörperzählungen vorgenommen, möchte sie aber, wie schon erklärt, nicht al¾ absolut zuverlässig hinstellen. Es bleibt einem spätem Montblancbesucher vorbehalten, diesen Punkt zu ergänzen. Immerhin habe ich den bestimmten Eindruck, die Zahl der Blutkörper sei unverändert geblieben. Dann bleibt uns für die Zunahme des Blutfarbstoffes folgende Erklärung: die mit der Bergkrankheit verbundene Herabsetzung des Stoffwechsels bedingt selbstverständlich auch einen geringem Sauerstoffconsum, und dieser gestattet dann wieder eine Restitution des Blutfarbstoffes.
Endlich kann man sich noch die Frage vorlegen, was soll man thun, wenn man bergkrank ist? Ich habe mich beim Gebrauche des neueren Nervenmittels Phenacetin unzweifelhaft besser gefühlt, als es ohne dasselbe der Fall gewesen wäre. Jene Dame, die so schwer bergkrank auf unserm Refuge angelangt war, hatte auf zwei Gramm Phenacetin eine gute Nacht und fühlte sich am nächsten Tage recht ordentlich. Sonst aber gibt es kein Mittel gegen die Bergkrankheit, als der Abstieg zu Thal. Wie fühlten wir uns wohl, als wir selbst nach dem beschleunigten Abstiege in meterhohem Neuschnee, also nach intensiver Anstrengung, den Fuß wieder auf Grands Mulets setzten. Herr Imfeid bemerkte in seinem Vortrage, er habe sich noch bei seiner letzten Gipfelbesteigung und darauffolgendem Abstiege nach Grands Mulets hier weniger müde gefühlt, als auf dem Gipfel. Ja, wir fühlen uns neugeboren in der Luft der 3000 m. Und darin liegt der negative Beweis für die Existenz und das Wesen der Bergkrankheit.