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1957 wurde das nicht zugelassene Medikament unter dem Namen «G 22355» an Patienten der damaligen Heil- und Pflegeanstalt in Herisau in Appenzell Ausserrhoden getestet. Diese hatten zum Teil fatale Folgen: Patienten hatten dabei Schweissausbrüche oder wurden teilweise ohnmächtig. Eine Patientin ist während eines Versuches sogar gestorben. Dies zeigen Dokumente, die «Schweiz aktuell» vorliegen.
Bis zu zwölf Ampullen mit Testmedikamenten haben Ärzte ihren Versuchspatienten pro Tag gespritzt. Später wurde beobachtet und dokumentiert, was mit ihnen passierte. Das Medikament mit der Bezeichnung «G 22355» war für Patienten mit einer Depression vorgesehen. Es wurde von der Basler Pharmaindustrie geliefert und war damals noch nicht zugelassen.
Antidepressivum ist noch heute auf dem Markt
Am 21. Mai 1957 bedankte sich der verantwortliche Arzt bei der J.R. Geigy AG. Die Lieferung der Versuchsmengen des Medikaments «G 22355» sei angekommen und erste Tests seien «ermutigend».
Während drei Monaten testeten die Ärzte das Medikament an 18 Frauen und Männern, die sich in der damaligen Heil- und Pflegeanstalt in Herisau befanden. Dies erfolgte aber offenbar ohne Wissen und ohne Rücksprache mit den Patienten. Die Nebenwirkungen dieser Medikamentenversuche waren teilweise verheerend.
Mehrere betroffene Patienten kollabierten, eine Patientin starb nach der Verabreichung des Medikaments, wie im Testbericht festgehalten wurde: «Am 30.6. plötzlicher Exitus durch Herzversagen.»
Forderung nach Aufklärung
Jens Weber, Kantonsrat und Vizepräsident der SP Appenzell Ausserrhoden, ist entsetzt über diese Medikamentenversuche: «Das ist erschreckend, dass so etwas gemacht worden ist. Und verwerflich, weil Versuche an Menschen gemacht worden sind. Sie gaben kein Einverständnis dafür und das ist eine Verletzung grundlegender Menschenrechte.»
Das Medikament «G 22355» ist so lange getestet worden, bis es später unter dem Namen «Tofranil, Link öffnet in einem neuen Fenster» auf den Markt gebracht werden konnte.
Trotzdem findet es die Präsidentin der Schweizerischen Stiftung Patientenschutz, Margrit Kessler, verwerflich, weil die Pharmaindustrie und die Ärzte mit hoher Dosierung bei den Tests den Tod von Patienten in Kauf genommen haben. «Das ist das Medikament, das man heute braucht gegen Depressionen, aber in einer ganz tiefen Dosis gegenüber dem, was man diesen Testpersonen zugemutet hat.»
Der Direktor des heutigen Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, Markus Schmidlin, verteidigt den Einsatz des Testmedikaments. Für die Ruhigstellung eines Patienten habe es damals nur die Alternative mit Opium oder der Zwangsjacke gegeben. «Ob die Person im Zusammenhang mit den Tests gestorben ist, wissen wir nicht. Es ist dokumentiert und das spricht für den Untersuchungsleiter, dass er das nicht vertuschte.»
Kantonsregierung will Fall aufklären
Die Aufsicht über die Klinik hatte in den 1950er Jahren der Kanton. Was die Behörden über die Tests wussten, ist nicht bekannt. Darum fordert die SP von der Kantonsregierung eine Aufarbeitung dieser Versuche an Menschen. «Es muss Transparenz geschaffen werden, damit man weiss was dort wirklich passiert ist», fordert Kantonsrat Jens Weber.
Anick Vogler, Präsident der SVP Appenzell Ausserrhoden meint, dass eine Aufarbeitung wenig nützt: «Man kann den Patienten nicht mehr helfen, weil es zu lange her ist. Und man kann die Verantwortlichen nicht mehr belangen. Dementsprechend sehe ich derzeit keinen Bedarf für eine Untersuchung.»
Matthias Weishaupt (SP), Landammann (Regierungspräsident) von Appenzell Ausserrhoden ist bestürzt über die Dokumente: «Die Patienten haben einen Anspruch zu wissen, was dazumal passiert ist ohne deren Wissen. Und eine Gesellschaft muss auch hinschauen und die dunklen Seiten der Psychiatrie-Geschichte aufschlagen.»
Menschenversuche gab es auch in Münsterlingen (TG)
Das Testmedikament «G 22355» hat damals die J.R. Geigy AG geliefert. Das Nachfolgeunternehmen Novartis will sich nicht zur Verantwortung der Pharmaindustrie äussern. Man wolle zuerst das Ergebnis der Untersuchungen über die Medikamententests in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen im Kanton Thurgau abwarten.
Auch in Münsterlingen wurden in den 1950er und 1960er Jahren Medikamentenversuche an Patienten durchgeführt – ohne deren Einwilligung. Die Versuche wurden vom Psychiater Roland Kuhn geleitet, der das erste Antidepressivum entdeckt hatte und mit der Basler Pharmaindustrie zusammenarbeitete. Die Medikamentenversuche hatten aber teilweise schädliche Nebenwirkungen. Für eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Versuche hat die Regierung des Kantons Thurgau eine Million Franken gesprochen.