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Anna Fierling hat ihren Spitznamen Mutter Courage erhalten, als sie unter dem Feuer der Geschütze fünfzig Brotlaibe in das belagerte Riga gefahren hat, um sie zu verkaufen, bevor sie verschimmelten. Tüchtig bis zur Gerissenheit ist diese Geschäftsfrau, die als Marketenderin im Gefolge verfeindeter Truppen ihren Wagen mit ihren Waren zieht und sich und ihren drei Kindern so den Lebensunterhalt verdient. Scharf ist ihr Verstand, mit dem sie Kriegsherren und Klerus ironisiert und übergriffigem Verhalten eine Grenze setzt, selbstbewusst ihr Anspruch, sich selbst ihre Liebhaber auszusuchen. Prächtig sind ihre Kinder Eilif, Schweizerkas und Kattrin, von ihrer Mutter herzlich geliebt, sie könnten geradezu als Verkörperungen der Tugenden der Kühnheit, der Treue und des Mitleids gelten – wäre da nicht das wechselhafte Kriegsgeschehen, in dem nichts so bleibt, wie es war.
Brecht gestaltete 1938/39 das Stück über den Krieg in seinem schwedischen Exil als religiös verbrämten Mahlstrom von Herrschafts- und Machtinteressen, in dem die Völker zerrieben werden und der Glaube, an ihm gewinnen zu können, sich als gefährliche Illusion erweist. Bei allen kritischen Bezügen zu seiner Zeit – zum Beispiel eine klare Warnung an ausländische Politiker vor Geschäften mit Hitler oder vor der Brutalität der NS-Herrschaft – dachte er nicht an ein Schlüsseldrama seiner Epoche, sondern an eine Parabel mit vielfältigen Aktualisierungsmöglichkeiten. Als Paradestück des epischen Theaters mit seinen Verfremdungseffekten, u. a. Songs von Karl Dessau, verzeichnete es grosse Bühnenerfolge und wird bis heute international gespielt: So ist Brecht z.B. einer der beliebtesten deutschsprachigen Schriftsteller im heutigen Iran und die Mutter Courage erzielt dort stehenden Applaus.