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Alpinbau – Architektur des Aufbruchs in Graubünden
Mit der Eröffnung des San-Bernardino-Strassentunnels 1967 waren ähnliche Hoffnungen für Graubünden verbunden wie mit jender des Gotthard-Eisenbahntunnels 1882: die Hoffnung auf den grossen Aufschwung. Der finanzielle Aufschwung des Mittelstands mit seinem Traum der persönlichen Freiheit auf vier Rädern schuf neue Möglichkeiten. Der Tunnel wurde am 1. Dezember 1967 dem Verkehr übergeben. Der Triumphzug des privaten Automobils nahm Graubünden voll in Beschlag und veränderte nicht nur das Dorf San Bernardino nachhaltig.
Geldmangel und Ambitionen
In den 1950er-Jahren war der Kanton wirtschaftlich noch recht schwach. So wurden der Grossratssaal (Kantonsparlament) und das Stadttheater Chur ins alte Zeughaus an der Churer Grabenstrasse eingebaut (1959). Der Architekt Martin Risch vereinte im Umbau zwei sich eigentlich nicht wirklich gut ergänzende Bauaufgaben. Damals war noch kein Geld vorhanden, um beispielsweise einen vollwertigen Theaterbau zu errichten, wie ihn sich St. Gallen (1968) vom Architekten Claude Paillard leistete.
Der aus dem Bergell stammende und in Zürich lebende Architekt Bruno Giacometti, der jüngste Bruder des Künstlers Alberto Giacometti, errichtete einen wichtigen Teil seines Werkes im Bergell. Hier schuf er für das Personal der Kraftwerke der Stadt Zürich die Wohnsiedlungen Brentan in Castasegna (1955 – 59) und die Siedlung San Cassiano in Vicosoprano (1955 – 64). In beiden Siedlungen arbeitete er mit Split-Levels und einer gelungenen Übertragung einer Einheit von Le Corbusiers Unité d’habtation in die Bündner Berge. Dazu kamen die Post in Maloja (1949 – 51), das Gemeindehaus in Brusio (1959 – 62) und die Schulhäuser in Vicosoprano (1956 – 64), Stampa (1961 – 63) und Brusio (1959 – 63). Alles sind einfache Gebäude, die aber in ihrer Ausrichtung und Bautypologie der Moderne verbunden sind und dennoch gezielt mit Materialien und Ausrichtungen auf ihren Kontext reagieren. Der Aufschwung wurde hier stark von ausserhalb des Kantons durch die Kraftwerke forciert.
Impulse von aussen
Auch wichtige Impulse kamen von Architekten ausserhalb des Kantons. Otto Glaus errichtete mit dem Konvikt der Kantonsschule Chur (1969) ein Meisterwerk der Schweizer Nachkriegsmoderne. Das Wohnhaus der Gymnasiasten schmiegt sich in einer Terrassensiedlung aus Beton mitten im Wald hoch über Chur ans steile Gelände. Die Bauten sind eigenständig und prägnant, binden sich aber räumlich in Proportionen in Kontext ein und sind architektonisch auch im Inneren präzise durchgestaltet.
Die skulpturale Betonkirche Heiligkreuz von Walter Maria Förderer ist in Chur die jüngste römisch-katholische Kirchenbau in der Bündner Hauptstatt (1967 – 69). Der Bau setzte durch seine skulpturale Ausführung in Beton und die geschickte Ausnützung der Hanglage neue Massstäbe, die auch ausserhalb des Kantons wahrgenommen wurden.
Der aus dem Wallis stammende Architekt Jean-Paul Darbellay errichtete auf der Lenzerheide die Feriensiedlung Soleval (1968 – 80). Die Siedlung hatte Pioniercharakter und brachte einen neunen städtischen Massstab nach Graubünden. Die starken Baukörper sind von Le Corbusier inspiriert und folgen in ihrer Ausrichtung den Höhenlinien.
Aufbruch durch neue Siedlungen
Wegweisend waren die Überbauungen von Thomas Domenig in Chur. Er suchte nach einer modernen Antwort auf die ungebremste Ausbreitung von Einfamilienhäusern im Westen Churs. Hierfür wurde 1957 in einem Richtplan eine moderne Siedlung aus liegenden und stehenden Baukörpern vorgeschlagen, die von autofreien Grünräumen umspült wurden. Solaria-Park (1961/62) setzte neue Standards, und später waren Lancuna 1 und 2 (1964 – 72 / 1971 – 81) eine der grössten Siedlungen der 60er-Jahre in der Schweiz.
Die Siedlungen aus stehenden und liegenden Baukörpern ermöglichen ein komfortables Leben am Rand der Stadt in einer begrünten Parkanlage. Ein Turmgebäude bildet das Zentrum des Quartiers und beherbergt Infrastruktur wie Laden, Apotheke, Post und Restaurant. Im oberen Sockelgeschoss war das Architektenbüro Domenigs untergebracht.
Grossmeister des tektonischen Fügens in Beton
Andres Liesch war einer er produktivsten Architekten dieser Zeit in Graubünden. Er hatte sowohl ein Architekturbüro in Zürich als auch eines in Chur und baute laufend Schulhäuser wie in Filisur (1961) Pontresina (1970), Vals (1966) und Lenzerheide (1983), in Chur das Bündner Lehrerseminar (heute Cleric) (1962 – 64), die Gewerbeschule in Chur (1969), die Interkantonale Försterschule in Maienfeld (1973 – 75), die Sportanlage Sand (1976 – 78) und die meisterhafte reformierte Kirche Passugg (1964 – 72). Auch fürs Militär hat Liesch grosse Anlagen geplant, wie das Flab-Lager in S-chanf (1974 – 76).
Seine Bauten waren tektonisch aufgebaut, meist aus Betonelementen errichtet und räumlich durchgebildet. Frank Lloyd Wright war ihm ein grosses Vorbild: «Substanz gewinnen durch klare architektonische Aussage. Den Zeitgeist erfassen, ohne den Genius Loci zu verraten.» So blieben seine Bauten in all den Jahren werthaltig und bis heute oft unverändert im Einsatz.
Die klar durchgebildete Moderne
Hans Peter Menn hatte unter anderem bei Otto Graus ein Praktikum absolviert. Nach dem Gewinn des Wettbewerbs für das Schulhaus Puoz in Samedan (1965) machte er sich selbstständig und errichtete im ganzen Kanton öffentliche Bauten. Sein wichtigstes, aber auch elegantestes Werk ist das Hallen-und Freibad Obere Au in Chur (1972). Der Wettbewerbsgewinn für den Hauptsitz der Graubündner Kantonalbank in Chur (1981) ist sein prestigeträchtigstes Bauwerk. Dazu kommen das wunderbare Restaurant Conn in Flims (1967) und das typologisch interessante Hallenbad im Dorfkern von Pontresina mit darüberlegendem Parkplatz (1970). Menns Bauten sind streng organisiert und klar gegliedert. Das Bauhaus und Ludwig Mies van der Rohe, aber auch die poetische Architektur eines Alvar Aaltos sind beispielsweise im Restaurant Conn in Flims (1967) in seinem Werk präsent.
Die erste diplomierte Bündner Architektin
Monica Brügger ist die erste Bündner Architektin, die an der ETH Zürich ihr Studium erfolgreich absolvierte. Nachdem sie in Paris bei Piere Vago und in Genf bei Jean-Marc Lamunière gearbeitet hatte, eröffnete sie in Chur ihr eigenes Architekturbüro. Ihre Ausbildung war geprägt von Weitblick und Offenheit. So waren auch ihre Churer Schulhäuser Otto Barblan (1966 – 68) und Türligarten (1977 – 78) feingliedrig und präzise gesetzt; sie loten die Möglichkeiten der Architektur spielerisch aus.
Architektur und Bauen ist immer auch Politik
Röbi Obrist war immer auch ein politischer Architekt und setzte sich zeitlebens für seine Meinung öffentlich ein, auch wenn das für seine Auftragslage nicht immer förderlich war. Sein wohl wichtigstes Werk war das Hallenbad in St. Moritz (1966 – 68, abgebrochen 2010), welches er zusammen mit Alfred Theus errichtete. Das Bad war wohl eines der elegantesten Bauwerke für den Tourismus im Kanton Graubünden. St. Moritz bot vor allem im Bereich des Tourismus ein breites Betätigungsfeld. So war die Aufstockung des Hotels Hauser St. Moritz (1972) ein wegweisender Bau, wie man in den engen Zeitfenstern der Zwischensaison ein Hotel erweitern konnte.
Beim Gemeindehaus in Filisur (1976) benutzte er Engadiner Häuser als Referenzen, die er in den repräsentativen Massstab des Dorfes skalierte und umgestaltete. Obrist war auch stark in Fragen der Regionalplanung engagiert. Hierfür erarbeitete er unter anderem eine Studie für Scuol (1980) und war Initiant der Regionalplanungsgruppe Oberengadin.
Die Sehnsucht nach der grossen Welt
Richard Brosi war einer der kulturell aktivsten Architekten dieser Zeit. Seine Frau führte eine Kunstgalerie in Chur, und die beiden betrieben in der Rabengasse das Kulturzentrum Pestalozza (Umbau 1981). Hier wurden regelmässig Vorträge und Ausstellungen auch zu architektonischen Themen organsiert.
Brosis Schulbauten wirken in den Dörfern immer sehr korrekt und arbeiten mit ihren Pult- oder Satteldächern im Schnitt und mit dem Terrain. Das Oberstufenschulhaus Compatsch in Samnaun-Compatsch (1968) ist eine schöne Dorfschule, und obwohl grossvolumig wirkt der Komplex am Hang angepasst, nicht protzig und schafft einen öffentlichen Ort. Mit der Kapelle Acla in Medles (1979) schuf er einen adäquaten Ersatz für eine von einer Lawine zerstörte Kapelle: einen kompakten und soliden Kapellraum, der als Lawinenkeil ausgeführt wurde.
Ganz anders war sein Umgang mit dem PTT-Betriebs- und Verwaltungsgebäude Chur (1974/1982), einem kleinen Centre Pompidou, einer modernen Gebäudemaschine mitten in Chur. Brosi hatte immer einen architektonischen Blick ins Ausland. Italien und die Künstler- und Design-Gruppe Memphis waren ihm eine wichtige Inspirationsquelle.
Diese Generation von Architekten versuchte auch im alpinen Tourismus neue Massstäbe zu setzen. So entwickelte Richard Brosi 1971 das Leitbild für die architektonische Gestaltung des Ferienzentrums Cresta-Juf auf über 2000 Metern im Averstal, eines neuen Ferienorts hoch über der Baumgrenze. Aufgrund der wirtschaftlichen Situation kam dieses Projekt nicht zustande.
Einer der wichtigsten Bauten dieser Generation ist die Postautostation mit den Bauten für die damalige PTT (1986-93) in Chur. Architekten sind Richard Brosi und Röbi Obrist. Errichtet wurde schlussendlich nur die Hälfte des geplanten Gebäudes für die Postautos, doch bildet dieser noch immer den grössten öffentlichen Platz der Stadt Chur.
Aufbruch durch Ausbruch
Der Flimser Architekt Rudolf Olgiati war wohl der eigenwilligste Architekt dieser Zeit. Er verband die Moderne des von ihm verehrten Le Corbusier mit visuellen und konstruktiven Regeln, die Olgiati aus der massiven Architektur des Engadins destillierte. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Apartmenthaus Las Caglias in Flims-Waldhaus (1959 – 60). Der weisse, massive Baukörper schiebt sich entlang der Höhenlinie und wird durch die innere Treppe, welche sich in der Fassade anzeichnet, akzentuiert. Das Dach ist als eine Fassade gedacht und integraler Bestandteil des Hauses. In Flims Waldhaus errichtet Olgiati in der Folge ein eigenständiges und zusammenhängendes Quartier. Dazu zählt auch das Mehrfamilienhaus Casa Radulff (1971 – 72) mit dem Restaurant und dem Schwimmbad.
Olgiati öffnete den jüngeren Architekten mit seinen Bauten einen Weg zur Überwindung der klassischen Nachkriegsmoderne und zeigte ihnen einen Weg für die spezifische Verankerung ihrer Bauten im Territorium. Architekten wie Peter Zumthor oder Rudolf Fontana gehörten zu ihnen.
Die Nachkriegsgeneration von Architekten schuf den uns bis heute bekannten Kanton Graubünden. Die Generation wusste, dass sie zum zum Mond fliegen kann, und projektierte genau so. Entstanden ist dabei eine fabelhafte Architektur mit starken Baukörpern, die werthaltig und für Generationen errichtet wurde. Den Architekten war es nicht wichtig, schnellen Moden zu folgen, sondern bleibende öffentliche Werte zu schaffen, die wir bis heute nutzen. ●