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Interview mit Senator h.c. KR ÖR Prof. DI. Dr. Heinrich Wohlmeyer
P. Benno: 1973 wurde die Golddeckung des US-Dollars aufgehoben. Geschah das weltweit für alle Länder oder nur für bestimmte Länder?
Heinrich Wohlmeyer: Wir sollten uns zuerst fragen, wie es zum Goldstandard kam.
Die ursprünglichen Währungseinheiten beruhten auf dem Wert von Standardgütern, die gehandelt wurden. So geht das römische pecunia auf die Handelsware «Rind» zurück.
Seltene Metalle kamen als Wert- und Tauschmassstab in Verwendung, weil diese haltbar, teilbar, zusammenfügbar, nicht beliebig vermehrbar und relativ leicht transportierbar sind.
Es gab lange Zeit eine «Bimetall-Deckung» der Währungen aus Silber oder Gold.
Die kontinentaleuropäischen Währungen basierten vornehmlich auf Silber.
Der Staat und das mit ihm liierte Bankensystem der aufstrebenden Industrie- und Handelsmacht England setzten jedoch auf Gold als Hinterlegung. Dies vor allem aus zwei Gründen: a) Man kontrollierte die grössten Goldminen und eignete sich diese zunehmend an (siehe die Plünderung Indiens und die Burenkriege um die Bodenschätze in Südafrika) und b) Über die Bindung an das Gold konnte man die Weltfinanzen in Abhängigkeit und unter Kontrolle bringen. London wurde zum Weltfinanzplatz.
Ausser bei den Edelmetallmünzen (Kurantmünzen), deren Wert im Edelmetallgehalt bestand, gab es eigentlich nie eine volle Golddeckung. In England wurde bereits 1844 die partielle Golddeckung gesetzlich festgelegt. 14 Millionen Pfund Sterling durften ohne Golddeckung in Umlauf gebracht werden. Jede darüber hinausgehende Ausweitung der Geldmenge musste mit Gold hinterlegt werden. Es bestand somit die sogenannte «Goldbremse».
Die USA, die ebenfalls über hohe eigene Edelmetallvorkommen verfügten, hatten ursprünglich einen Bimetall-Standard. Die New Yorker Grossbanken setzen jedoch nach dem Bürgerkrieg den Goldstandard zu Lasten der Silberproduzenten durch. Seit 1870 dominierte der Goldstandard weltweit. Dies war auch deshalb möglich, weil die Goldproduktion mit dem Wachstum der Weltwirtschaft Schritt hielt.
Nach dem Ersten Weltkrieg waren die USA bereits «Goldmacht», weil sie sich die Kriegslieferungen an und die Kriegsdienste für die europäischen Alliierten in Gold bezahlen liessen und die deutschen Reparationen noch hinzukamen. Der Zweite Weltkrieg verstärkte die Position der USA, und sie konnten daher 1944 in Bretton Woods den Dollar als goldgedeckte Welt-Leitwährung etablieren. Die Einwechslung in Gold war aber nicht den Bürgern, sondern nur den Nationalbanken möglich. Die Währungen waren zu fixen Wechselkursen an den goldgedeckten Dollar gebunden. Es handelte sich somit um einen weltweiten indirekten Goldstandard.
Die Defizite in der Leistungsbilanz (Aussenhandelsdefizite) und die über Geldmengenausweitung geführten Kriege (beginnend mit dem Vietnam-Krieg) zwangen jedoch die USA 1971, die Konvertibilität (Umwechselbarkeit) in Gold aufzuheben und 1973 den indirekten Goldstandard formell zu beenden. Damit fand der Goldstandard weltweit ein Ende, weil die wichtigsten anderen Währungen über den Dollar zu fixen Wechselkursen an das Gold gebunden waren. Gold fungiert jedoch noch immer als vertrauenssichernder Bestand. Die Rückkehr zum Goldstandard wäre jedoch schon aus Mengengründen nicht möglich bzw. nur zu exorbitanten Preisen.
Was war der Grund, dass man die Golddeckung der Leitwährung aufhob?
Wie schon vorstehend erwähnt, war die Geldmengenausweitung in den USA der Grund. Präsident Nixon stand vor der Zahlungsunfähigkeit in Gold. Er erfand jedoch 1971 eine Strategie, um die überbordenden Dollar-Mengen zu binden und den Wert des Dollars zu bewahren – das Petrodollar-System. Ein noch immer existierendes Verteidigungsabkommen mit dem weltgrössten Erdölproduzenten, Saudi-Arabien, gepaart mit der Zusage, Öl nur gegen Dollar zu verkaufen und dies auch in der Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) durchzusetzen, garantierte die Nachfrage nach Dollars. Der übrige Welthandel folgte. Derzeit sind rund 80% des Dollar-Volumens im Ausland im Umlauf. Die Dollar-Überschüsse der erdölexportierenden Länder wurden über das sogenannte Petrodollar-Recycling vor allem über die Londoner Finanzwelt gebunden. Man drängte insbesondere den Entwicklungsländern geradezu Kredite auf. Ergänzend kommt noch die Vergabe von US-Staatsanleihen (Government Bonds) zu attraktiven Zinsen hinzu.
Mit diesem Bündel von Massnahmen konnte die Geldmengenausweitung von derzeit mehr als fünf Milliarden Dollar pro Tag ohne Vertrauensverlust in den Dollar kanalisiert werden.
Hat dieser Schritt nicht auch weitreichende wirtschaftliche Folgen, ja, ist er damit nicht auch verantwortlich für die wirtschaftlichen Gefahren, die wir alle befürchten?
Die praktisch ungebremste Geldmengenvermehrung birgt die Gefahr des weltweiten Zusammenbruchs der gegenwärtigen Finanzordnung in sich. Die immer weiter aufgeblasene Finanzblase hält nur so lange, wie niemand hineinsticht. Letzteres könnte zum Beispiel durch China erfolgen, das derzeit mit Dollars weltweit Realwerte (Erdöl- und Metallvorkommen, Industrien und Ländereien) einkauft, um die Folgen einer Dollarentwertung zu mindern. Die chinesischen Dollar-Guthaben betragen derzeit bereits über 2 Billionen.
Aus Angst vor einer Hyperinflation findet derzeit weltweit eine Flucht ins Gold und in andere Realwerte statt. Dies führt zu die Wirtschaftsentwicklung behindernden Preisniveaus.
Der Präsident der Weltbank, Robert Zoellik, hat in dieser Situation jüngst in der «Financial Times» gemeint, dass dem gegenwärtigen Währungschaos ein Ende gesetzt werden könnte, wenn man «Gold als einen internationalen Referenzpunkt benützen würde, an dem sich die Markterwartungen bezüglich Inflation, Deflation und des zukünftigen Wertes der Währungen messen lassen.» Dies wäre ein neuer indirekter Goldstandard. Er setzt aber ein Weltwährungsabkommen voraus, das derzeit nicht in Sicht ist, und in dessen Rahmen insbesondere die Sanierung des in den Händen eines nicht gemeinwohlorientierten und änderungsresistenten Money Trusts befindlichen US-Dollars.
Man sagt, dass manche Staaten Geld drucken; kann man auch sagen, dass der Euro gedruckt wird, einfach ohne entsprechende Deckung?
Dass die Finanzmächtigen der USA unverantwortlich «Geld drucken» und gleichzeitig die anderen zum «Totsparen» anhalten, habe ich bereits aufgezeigt. Ein einzelnes Euro-Land kann kein Geld drucken. Wenn allerdings die Europäische Zentralbank (EZB) marode Staatsanleihen aufkauft und den Banken Geld um einen Leitzinssatz von 1 Prozent gibt sowie diverse «Rettungsschirme» wie die EFSF (European Financial Stability Facility) aufspannt, dann wird die Geldmenge ohne Deckung ausgeweitet (fiat money). Staaten, wie Italien, die mit 120% (!) ihrer Wirtschaftsleistung (BIP) verschuldet sind – mit steigender Tendenz – werden mit fiat money kurzfristig über Wasser gehalten.
Die «Deckung» muss im Vertrauen auf die Wertbeständigkeit der Währung bestehen. Dieses kann nur durch eine ausgewogene Wirtschaftspolitik, zu der auch eine finanzierbare Budgetpolitik gehört, erworben werden. Der ehemalige Ministerpräsident Tschechiens, Vaclav Klaus, hat seinerzeit im persönlichen Gespräch gemeint: Sie dürfen eben nicht mehr ausgeben als Sie einnehmen, und Sie dürfen sich nicht mit Leuten ins Bett legen, die dies nicht tun. Daher müssen wir ausserhalb des Euro bleiben. Nun gehört dieses Land zu den am wenigsten verschuldeten Staaten (rund 35% des BIP).
Was könnte die Folge dieser unkontrollierten «Geldproduktion» sein?
Jeder Geldmenge steht eine Schuld gegenüber (Wir haben ein System des Kreditgeldes.). Wenn nun die Verschuldung der Staaten und der nichtstaatlichen Bereiche ein Ausmass erreicht, dass der Schuldendienst die Staatseinnahmen und die privaten Einkommen weitgehend auffrisst und die grossen Kapitaleigner, die Fiat-money-Ausgeber, nicht einem drastischen Schuldenverzicht zustimmen – einer «Welteröffnungsbilanz» (siehe Betendes Gottesvolk 2010/3, Nr. 243, S. 7) –, dann ergeben sich folgende leider wahrscheinliche Szenarien: Die Inszenierung einer Hyperinflation, durch die die Staaten entschuldet und die Bürger kalt enteignet werden. Die weltweite Verarmung zugunsten weniger Reicher mit dem Risiko revolutionärer Umschwünge (Bürgerkriege) als Gegenbewegung. Der Versuch der kriegerischen Schuldeneintreibung durch die Schutzmächte des Grosskapitals. Die Geschichte des tragischen 20. Jahrhunderts, die wir hinter uns zu haben glaubten, könnte sich wiederholen.
Das Aufbrechen der «sündhaften Strukturen» (Johannes Paul II.) ist daher eine menschheitsstrategische Aufgabe. •
Quelle: Betendes Gottes Volk, Nr. 245/2011/1
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