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In ihrem Spielfilm-Regiedebüt stellt sich die oscarprämierte Schauspielerin Regina King der Herausforderung einer Bühnenadaption: «One Night in Miami», nach dem gleichnamigen Stück von Kemp Powers, erzählt von einem schicksalhaften Aufeinandertreffen von vier afroamerikanischen Ikonen.
Footballstar Jim Brown, Musiker Sam Cooke und Bürgerrechtsaktivist Malcolm X waren alle zugegen, als der 22-jährige Cassius Clay am 25. Februar 1964 in Miami den stark favorisierten Sonny Liston im Boxring auf die Matte schickte und sich damit erstmals zum Weltmeister im Schwergewicht krönte. Auch dass Malcolm X im Anschluss Brown, Cooke und Clay in sein Hotelzimmer lotste, um sich mit ihnen über Gott und die Welt auszutauschen, ist historisch verbrieft. Doch was genau besprochen wurde, darüber herrscht keine vollständige Klarheit.
Dies verstand Kemp Powers als Einladung, künstlerische Freiheit walten zu lassen und schrieb den 90-minütigen Einakter «One Night in Miami», der 2013 uraufgeführt wurde und der anhand des illustren Promi-Quartetts grosse amerikanische Geschichte im kleinsten Rahmen verhandelt: Das Stück erzählt von vier Männern und einem Civil Rights Movement am Scheideweg.
Malcolm X steht kurz davor, sich von der Nation of Islam, zu deren umstrittenen Gesicht er geworden ist, loszusagen. Cassius Clay, heute besser bekannt als Muhammad Ali, fragt sich, ob er nach seinem Weltmeistertitel immer noch zum Islam konvertieren will. Jim Brown hat eine Hollywood-Karriere im Sinn. Sam Cooke hadert damit, als unpolitischer, dem weissen Publikum allzu angenehmen Star wahrgenommen zu werden. Sie alle müssen sich – als medienwirksame Repräsentanten der schwarzen Bevölkerung – die Frage stellen, welchen Einfluss ihre jeweiligen Entscheidungen auf die gespaltene Bürgerrechtsbewegung haben werden.
Und nun hat Powers, der unlängst auch am Skript des Pixar-Animationsfilms «Soul» (2020) mitschrieb, sein eigenes Bühnenstück zu einem Drehbuch adaptiert, das von Oscarpreisträgerin Regina King («If Beale Street Could Talk») mit Kingsley Ben-Adir (X), Eli Goree (Clay), Aldis Hodge (Brown) und dem heimlichen «Hamilton»-Helden Leslie Odom Jr. (Cooke) in den Hauptrollen verfilmt wurde.
Dass so eine Adaption schnell einmal wie abgefilmtes Theater ohne viel filmhandwerklichen Elan wirken kann, hat vor weniger als zwei Monaten George C. Wolfes blasse August–Wilson-Interpretation «Ma Rainey’s Black Bottom» (2020) gezeigt. Doch Powers und King, die auf diverse TV-Regie-Engagements («Scandal», «This Is Us») hier nun ihr Spielfilmdebüt folgen lässt, haben an den richtigen Schrauben gedreht, um mit «One Night in Miami» nicht nur thematisch, sondern auch ästhetisch und erzählerisch zu überzeugen.
Erst nachdem die vier Protagonisten und ihre jeweiligen Umstände in einem ausgedehnten Prolog und einer geduldigen Darstellung des Stichtages präzise eingeführt worden sind, quartiert sich Kamerafrau Tami Reiker («The Old Guard») in Malcolm X’ bescheidenem Zimmer ein, um die Angelegenheit in ein Kammerspiel zu verwandeln. Anders als Wolfe jedoch verfällt King nicht dem Trugschluss, ihr Set als Bühnenersatz zu benutzen und dem Film die Stilmittel des Theaters aufzuhalsen. Vielmehr wirkt «One Night in Miami», mit seiner subtilen Kamera- und Darsteller-Choreografie, wie eine lange, äusserst immersive Dialogszene.
«Vielmehr wirkt ‹One Night in Miami›, mit seiner subtilen Kamera- und Darsteller-Choreografie, wie eine lange, äusserst immersive Dialogszene.»
Zu verdanken ist das einerseits Kemps natürlicher Sprache, die kaum je ins Deklamatorische verfällt – ein fürs Kino nur schwer zu adaptierendes Merkmal des modernen amerikanischen Prestigetheaters. Andererseits ist es eine wahre Freude, dem herausragenden Mini-Ensemble bei der Arbeit zuzusehen. Eli Goree begeistert als überraschend verletzliches Grossmaul Cassius Clay, Kingsley Ben-Adir als desillusionierter Eiferer und begnadeter Rhetoriker, dessen berechtigte Angst vor seinen zahlreichen Feinden wiederholt in Paranoia umzuschlagen droht. Aldis Hodge und Leslie Odom Jr. brillieren indes als pragmatische, ideologisch ein wenig ermattete Gegenspieler für Malcolm X und seine klar definierten Glaubensgrundsätze, deren Realitätsnähe sie immer wieder auf den Prüfstand stellen. (Zudem darf Odom, ganz seiner musikalischen Ausbildung entsprechend, mehrmals an Cookes Statt singen – mit schlichtweg atemberaubenden Resultaten.)
Somit ist «One Night in Miami» nicht nur auf dem Papier ein faszinierender Film über die verschiedenen, mitunter auch rivalisierenden Zugänge zur Identität und Emanzipierung schwarzer Menschen – insbesondere schwarzer Männer – in den USA. King und Powers ist es gelungen, das Quellenmaterial mitreissend und stilistisch stimmig ins Filmformat zu übertragen. So geht Adaption.
Über «One Night in Miami» wird auch in Folge 18 des Maximum Cinema Filmpodcasts diskutiert.
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Filmfakten: «One Night in Miami» / Regie: Regina King / Mit: Kingsley Ben-Adir, Aldis Hodge, Leslie Odom Jr., Eli Goree, Lance Reddick, Christian Magby, Joaquina Kalukango / USA / 114 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Amazon Studios
Ein spannendes Thema, ein herausragender Cast, starke Dialoge und eine dynamische Inszenierung von Spielfilm-Debütantin Regina King: «One Night in Miami» hält, was er auf dem Papier verspricht.