Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03272.jsonl.gz/859

Nach einer im Osten bedeckten Nacht auf Karfreitag lösten sich in Graubünden zahlreiche Nassschneelawinen an Nordhängen. Die anschliessende Abkühlung führte zu einer meist günstigen Lawinensituation. Es wurden nur noch wenige Lawinenabgänge beobachtet. Am Karfreitag verloren beim Abgang einer Nassschneelawine zwei Personen ihr Leben.
Die drei Tage vor dem 15. April waren mit einer Nullgradgrenze bei über 3000 m sehr mild (siehe Abbildung 1). Dies führte dazu, dass auch die bis anhin noch weitgehend trockene Schneedecke an Nordhängen in Höhenlagen bis 2500 m zunehmend durchfeuchtet wurde. Ost-, Süd- und Westhänge waren bereits durchnässt, Südhänge unterhalb von 2000 m in den meisten Gebieten schon schneefrei.
Die Nacht auf Karfreitag war im Osten bedeckt. Die Abstrahlung war damit besonders am östlichen Alpennordhang und in Graubünden stark eingeschränkt. Auf Grund der kaum gefrorenen Schneeoberfläche, sowie der tageszeitlichen Erwärmung und diffusen Sonneneinstrahlung waren die Tourenverhältnisse eher ungünstig (Abb. 2). Die Gefahr von Nassschneelawinen bestand in Graubünden den ganzen Tag über und bereits am frühen Vormittag lösten sich spontan Nassschneelawinen. Im Westen war die Nacht zwar mild, aber meist klar, so dass die Schneeoberfläche in hohen Lagen etwas gefrieren konnte. Am Karfreitag wurden zahlreiche mittlere (Grösse 2) und grosse (Grösse 3) Lawinen gemeldet. Der Schwerpunkt der Lawinenaktivität lag in Graubünden (siehe Abb. 3 und 4), und hier besonders an Nordhängen (NW, N, NE) zwischen 2200 und 2600 m. Rund 80% der gemeldeten Lawinen gingen in dieser Exposition und Höhenlage ab.
Für den 15. April wurde verbreitet eine erhebliche Gefahr (Stufe 3) von nassen Lawinen im Tagesverlauf prognostiziert. Während bspw. für die Berner oder Walliser Alpen davon ausgegangen wurde, dass die Lawinensituation nach klarer Nacht am Morgen noch recht günstig ist, wurde für die östlichen Teile der Schweizer Alpen darauf hingewiesen, dass die Gefahr von nassen Lawinen bereits am Morgen besteht. Dies war rückblickend eine korrekte Einschätzung gewesen. Im Nachhinein betrachtet, wären die Gefahrenstufe 3 (erheblich) und die dazugehörige Gefahrenbeschreibung aber auch für die Bündner Gebiete vom Oberalppass bis ins Oberengadin zutreffend gewesen (Abb. 5). Hier war der Lawinenwarndienst aufgrund der verfügbaren Wetterprognoseprodukte von einer besseren nächtlichen Abstrahlung, und demzufolge von einer wesentlich günstigeren Lawinensituation ausgegangen, als dies am Ende der Fall war.
In der Folge kühlte es ab. In der Höhe blies ein mässiger Nord- bis Nordostwind. Die Nullgradgrenze lag im Osten bei 2200 m, im Wallis und im Süden bei rund 2600 bis 2900 m (Abb. 6). In den meist klaren Nächten konnte die Schneedecke gut abstrahlen, so dass am Morgen günstige Lawinen- und Tourenverhältnisse herrschten. Auch wenn tagsüber die Sonne schien, schritt die Anfeuchtung an Nordhängen nicht weiter voran. Es wurden nur noch vereinzelt Nassschneelawinenabgänge beobachtet.
Es wurden sieben Lawinenauslösungen durch Personen gemeldet, bei welchen glücklicherweise niemand zu Schaden kam. Bei einigen dieser Lawinenauslösungen war die Schneeoberfläche noch tragfähig (Abb. 7). Auslösungen von nassen Schneebrettlawinen bei noch tragfähiger Schneeoberfläche sind selten. Sie sind aber vor allem dann vereinzelt möglich, wenn Schwachschichten zwar schon angefeuchtet sind, deren ungünstige Struktur aber noch besteht (Video).
Video: Nach der Aufnahme eines Schneeprofils an einem Nordwesthang auf 2500 m in der Region Davos wurde ein Stabilitätstest durchgeführt (Extended Column Test). Dieser brach als ganzer Block im feuchten, stark aufbauend umgewandelten und weichen unteren Teil der Schneedecke (Video: SLF/C. Pielmeier, 18.04.2022).
Am Freitag, 15. April ereignete sich oberhalb von Vals (GR) ein Lawinenunfall. Dabei kamen zwei Tourengeher ums Leben, als sie am Hangfuss querend von einer wahrscheinlich spontanen Nassschneelawine erfasst und verschüttet wurden.
Gefahrenentwicklung
Lawinenbulletins dieser Zeitperiode im Überblick.