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Über kulinarische Genuss- und Glücksmomente spricht Andreas Iten ebenso wie von den Philosophen Platon und Immanuel Kant. Eigenständige, auch freisinnige kritische Gedanken zur Geistesgeschichte und zu Phänomenen des Alltags werden in diesem schmalen Band zu einem Denkansatz verknüpft, der zu einem gelingenden Leben heute Anregungen geben möchte.
Große Namen der abendländischen Philosophie und Theologie nimmt der Schweizer Philosoph, Journalist und Schriftsteller Andreas Iten auf, bedenkt einzelne Aspekte ihres Werkes und äußert sich hierzu respektvoll, besonnen und auch nachdenklich, etwa wenn er zwar die Schönheit der platonischen Philosophie anerkennt, aber fragt, warum in dessen Idealstaat die Philosophen zu Königen bestellt sein sollten. Sicher eine berechtigte Frage, doch über die totalitären Implikationen und Aspekte dieses Staatsmodells hatte in prominenter Weise bereits Karl R. Popper mitten im Zweiten Weltkrieg nachgedacht und polemisch zugespitzt Platon als einen Feind der offenen Gesellschaft ausgemacht. Iten stellt vergleichbare Betrachtungen zu Augustinus und zu Kant an, die er skeptisch darstellt und kritisch beurteilt. Religionskritische Gedanken treten hinzu: "Wenn Paulus Gott denkt und dies mit gedachten, historisch nicht belegten Geschichten verbindet, entsteht Theologie." Sicherlich können Religionen, wie Iten mutmaßt, erdacht werden, aber – mit Blick auf diese Formulierungen – halten die Äußerungen über mangelnde historische Belege den Forschungen über das Frühchristentum nicht stand. Die wuchtigen Äußerungen gegen Religionen muten rebellisch, aber wenig fundiert an. Im Islam litten die Menschen "unter der Scharia, die sie mit absurden Sitten kleinhält" – summarisch formuliert, daher nicht nachvollziehbar –, während die katholische Kirche ein "raffiniertes Marketingmittel" erfunden hätte, die Beichte. Das sind eher schlichte Überlegungen. Auch der Limbus, volkstümlich auch Vorhölle genannt, in der gemäß einer theologischen Lehre etwa ungetauft verstorbene Kinder verblieben, war – anders als Iten ausführt – nie ein Dogma gewesen. Laut Iten habe erst Papst Benedikt XVI. dieses "Dogma" abgeschafft.
Ein konstruktivistischer Gedanke, den Iten ausführt, erweist sich als wunderlich: "Die Wirklichkeit der Dinge entsteht durch die sinnliche Wahrnehmung in Verbindung mit dem Denken." Kann der Mensch Wirklichkeit bilden? Erkennt er dann nicht immer höchstens sich selbst? Die Gegenstände der Erkenntnis sind zunächst erfahrungsunabhängig. Sie bestehen also auch dann, wenn sie nicht sinnlich wahrgenommen werden. An einem Beispiel veranschaulicht: Ein fantasievoller Mensch kann ein gebrochenes Bein als eine subjektive Meinung oder gedankliche Konstruktion, ja als Partikel einer Weltanschauung ansehen, aber das Bein bleibt faktisch gebrochen. Es gibt eine objektive Wirklichkeit, an die wir gebunden sind, selbst wenn wir uns dagegen sträuben, dass diese besteht. An der Wahrheit kommt niemand vorbei, nicht einmal der Mensch, der den objektiven Wahrheitsbegriff leugnet.
Andreas Iten wendet sich in seinem Essay insbesondere aber Phänomenen des Lebens zu und unterscheidet durchaus sinnreich den lebensmüden, erschöpften und grimmigen Zeitgenossen vom lebenssatten bzw. "lebensgesättigten" Menschen, der die "Erotik der Erde" und die "Sinnlichkeit der Welt" entdeckt hat, voll "Freude und Lebenslust" seine Tage verbringt. Iten bezeichnet die Haltung dieses Menschen als weltfromm: "In der Weltfrömmigkeit ist der Mensch offen für das Wunderbare, das Heilige und das Tiefgründige des Irdischen. Sie stellt dar, wie der Mensch der Erde begegnen soll. Wobei der Weltfromme von sich aus tut, was sich gehört, ohne dass er für sein Verhalten und Benehmen Regeln und Vorschriften bräuchte. Die Vernunft weist ihm den Weg, den er gehen muss." Spontan denkt mancher Leser vielleicht an Kants kategorischen Imperativ, doch Iten bleibt eher phänomenologisch orientiert und verbindet den Reichtum weltlicher Impressionen sowie Erfahrungen zu einer Art Weisheitslehre. Diese enthält auch Sinnsprüche, etwa wenn er schreibt, dass derjenige Mensch, der nicht genieße, auch selbst ungenießbar sein würde.
Der Weltfromme sei ein "Realist", der sich gegenüber der Erde "nicht wie ein verwöhntes Kind" verhalten solle. Den Tod bezeichnet Iten als "innerweltlich Unbedingtes", das den Menschen von Geburt an begleite. Vor dem Horizont der Endlichkeit stellt sich also die Sinnfrage: "Der Sinn des Lebens ist dem Menschen nicht einfach eingehaucht wie den Tieren und Pflanzen. Er muss sich um ihn bemühen. Schafft der Mensch etwas, das von Bedeutung ist, wird es als sinnvoll anerkannt. Das gibt dem Leben Sinn. Es handelt sich um etwas, das auch für andere von Bedeutung ist. Ob klein oder gross, ist egal. … Der Mensch, der die Erde beschaulich betrachtet, wird den Eros erkennen, der in ihr wirkt, und zugleich wird er begreifen lernen, dass er in seiner Welt dem Amor fati fast schicksalhaft unterworfen ist, damit er liebt, was im Leben notwendig ist."
Andreas Itens Philosophie der Weltfrömmigkeit mutet so wie eine Variante des Existenzialismus an. Wer dies bedenkt und reflektiert, wird möglicherweise nachdenklich werden und über den Weg seines eigenen Lebens ins Grübeln geraten. Manche Leser mögen von diesen Erwägungen sich inspiriert fühlen, andere die Grenzen dieser philosophischen Darlegungen sehen, die im Ganzen wie eine säkulare Predigt anmuten.