Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03294.jsonl.gz/418

Der Zürcher Staatsanwalt verlangte am Mittwoch vor dem Zürcher Obergericht eine ordentliche Verwahrung. Eine stationäre Massnahme nach Artikel 59 des Strafgesetzbuches, wie sie die Vorinstanz im Jahr 2019 verordnet hatte, sei wegen der Renitenz und Gewaltbereitschaft von «Carlos» schlicht nicht durchführbar.
Das Bezirksgericht Dielsdorf hatte «Carlos», der inzwischen auch unter seinem richtigen Namen Brian bekannt ist, zu einer «kleinen Verwahrung» verurteilt, also zu einer Therapie hinter Gittern. Alle fünf Jahre wird dabei überprüft, ob diese Therapie anschlägt.
Für den Staatsanwalt der falsche Weg. Bei «Carlos» fehle nur schon die minimalste Bereitschaft, an einer Therapie teilzunehmen. «Er sieht sich als Märtyrer, der niemals etwas mit einem Psychiater zu tun haben will», sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer.
«Psychiater im Schutzkäfig?»
Seine Zerstörungswut stelle den Justizvollzug aber auch vor ganz praktische Probleme. «Wie soll so eine Therapie aussehen? Soll man den Psychiater in einen Schutzkäfig stellen?» Es bleibe nichts anderes, als «Carlos» ordentlich zu verwahren, ihn also ohne Therapie zum Schutz der Öffentlichkeit wegzusperren.
Zusätzlich zur ordentlichen Verwahrung forderte der Staatsanwalt eine Freiheitsstrafe von siebeneinhalb Jahren. Vom Bezirksgericht Dielsdorf hatte «Carlos» noch eine deutlich tiefere Freiheitsstrafe von 4 Jahren und 9 Monaten erhalten.
Der ehemalige Thai-Boxer muss sich vor Gericht verantworten, weil er im Gefängnis Pöschwies mehrere Polizisten, Mithäftlinge und Mitarbeiter bedrohte, angriff und teilweise verletzte. Die Anklageschrift listet 29 einzelne Vorfälle auf.
«Das ist Folter»
Die drei Anwälte von «Carlos» hielten gar nichts von den Forderungen des Staatsanwaltes. Sie verlangten stattdessen einen vollen Freispruch. Es sei Zeit, einen neuen Kurs einzuschlagen, sagte sein amtlicher Verteidiger. Die jahrelange Härte, Repression und Unterdrückung durch die Justiz müsse endlich aufhören.
«Carlos» sitzt seit 900 Tagen in Isolationshaft, ohne Kontakt zu Mithäftlingen. Gemäss Gutachten, welche die Anwälte in Auftrag gaben, widerspricht dies klar den Menschenrechten. «Das ist Folter», stellte ein weiterer Anwalt klar. Man könne «Carlos» aber nicht vorwerfen, dass er sich gegen Folter zur Wehr setze.
«Sofort freilassen»
Die Anwälte forderten deshalb, ihn per sofort freizulassen – und zwar nicht nur aus der Isolationshaft sondern aus dem Gefängnis an sich. Das Obergericht lehnte dieses Haftentlassungsgesuch jedoch ab. Die Anwälte stellten noch am Mittwoch aber gleich ein neues Gesuch.
Für die Anwälte ist «Carlos», oder Brian, «ganz weit weg von einem Schwerverbrecher». Er sei weder Mörder noch Vergewaltiger und habe mehrfach bewiesen, dass er sich gut verhalten könne, wenn er anständig behandelt werde.
Für die Anwälte ist deshalb klar, wer hier eigentlich auf der Anklagebank sitzt: die Justiz. Dies weil «Carlos» im Alter von nur zehn Jahren erstmals in Handschellen abgeführt wurde. Mit 15 Jahren hatte er schon fast 20 Monate Isolationshaft hinter sich. Seinen 18. Geburtstag verbrachte er festgebunden in der Psychiatrie.
«Carlos» liess sich dispensieren
Aus Zeitgründen wurde das Urteil nicht mehr am Mittwoch eröffnet. Das Gericht wird den Entscheid in etwa drei Wochen mündlich eröffnen. Ein Termin steht aber noch nicht fest.
Der Prozess fand ohne den Hauptakteur statt. «Carlos» liess sich von der Teilnahme dispensieren. Ihm gehe es wegen der jahrelangen, unmenschlichen Haftbedingungen schlecht, so seine Anwälte.
Das nächste Strafverfahren rollt jedoch bereits auf ihn zu: Die Staatsanwaltschaft leitete bereits ein neues Verfahren wegen 30 weiteren Angriffen ein. Auch diese richteten sich vor allem gegen das Gefängnispersonal und die Polizei.