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Wie der Reichtum von Nationen bestimmt und vermehrt werden kann, ist eine klassische Fragestellung der Wirtschaftswissenschaften. Die Erarbeitung eines fundierten weltweiten Überblicks über die Verteilung und die Veränderung der Pro-Kopf-Einkommen während der vergangenen Jahrzehnte stellt eine statistische Herkulesaufgabe dar. Der Vergleich von Daten zu verfügbaren Einkommen über verschiedene Länder bedingt einen Abgleich der realen Kaufkraft verschiedener Währungen und die Berücksichtigung von nationalen Eigenheiten der Steuer- sowie Sozialsysteme. Die Arbeiten des serbisch-US-amerikanischen Ökonomen Branko Milanovic haben zu einem besseren Verständnis über die Auswirkungen der Globalisierung auf die Einkommen und letztlich auf die Wohlstandstrends in verschiedenen Nationen beigetragen.
Die globale Einkommensverteilung als Strasse mit 100 Häusern gedacht
Ein Hauptresultat der Forschung über Einkommensungleichheit wird mit der sogenannten Elefantengrafik¹ veranschaulicht (siehe Abb. 3). Die Abbildung zeigt den Anstieg der verfügbaren Einkommen im Zeitraum von 1988 bis 2008 pro Einkommensklasse von 1998. Es werden 100 Einkommensklassen als Perzentile der globalen Einkommensverteilung betrachtet. Konzeptionell wird so jedem Menschen das Perzentil seines individuellen Einkommens relativ zur globalen Einkommensverteilung zugeordnet. Diese Einteilung kann man sich als einen Rang auf einer weltweiten Rangliste der Pro-Kopf-Einkommen vorstellen. In der untersten Einkommensklasse 1 zu liegen, bedeutet, einkommensärmer zu sein als 99 % der Weltbevölkerung. In der höchsten Einkommensklasse 100 zu rangieren, bedeutet, einkommensreicher zu sein als 99 % der Menschheit.²
Man kann sich die weltweite Einkommensverteilung als eine Strasse mit 100 Hausnummern vorstellen, als Welt-Strasse 1 bis Welt-Strasse 100. In jedem dieser 100 Häuser wohnen etwa 78 Millionen Menschen mit ähnlich hohem verfügbarem Einkommen. Im Haus mit der Nummer 100 «wohnen» diejenigen 78 Millionen Menschen mit den höchsten Einkommen, im Haus mit der Nummer 1 diejenigen 78 Millionen Menschen mit den tiefsten Einkommen. Eine Einteilung in 100 aufsteigende Einkommensklassen kann für jedes Land auch separat gedacht werden. Man kann sich die Einkommensverteilung in den USA als Amerika- Strasse 1 bis Amerika-Strasse 100 denken, sodass bei jeder Hausnummer etwa 3,3 Millionen Amerikaner «wohnen». An der Schweiz-Strasse 1 bis 100 würden etwa 86 000 Menschen je Hausnummer leben. Oft findet die politische Diskussion über Einkommensverteilung und Verteilungsgerechtigkeit nur bzgl. der eigenen nationalen Einkommensverteilung statt. Dies kann den Blick von den stärksten globalen Trends ablenken.
Abb. 3: Wachstum des Realeinkommens für verschiedene Perzentile der globalen Einkommensverteilung, 1988–2008
Quelle: u.a. Lakner/Milanovic: World Bank Policy Research Working Paper 6719 (2013), BKB
Neue globale Mittelschicht
Die globale Perspektive, die Abbildung 3 zugrunde liegt, zeigt auf, welche Einkommenseffekte die Globalisierung für jede Hausnummer an der Welt-Strasse hatte. Der prozentuale Anstieg der Einkommen bei den Einkommensklassen 30 bis 70 war am stärksten. Die «neue globale Mittelklasse» durchlief über 20 Jahre kumuliert einen Anstieg von etwa 50 % bis 80 % beim realen verfügbaren Einkommen. Dabei ist das verfügbare Jahreseinkommen pro Kopf der globalen Einkommensklasse 55 (Abb. 3, Bereich A) im Vergleich zur westlichen Mittelklasse tief, es liegt heute bei weniger als 3000 USD pro Jahr. Das verfügbare Jahreseinkommen für einen Vier-Personen-Haushalt beträgt rund 12 000 USD pro Jahr, es liegt im Bereich des mittleren verfügbaren Haushaltseinkommens der chinesischen Mittelklasse. Diese repräsentiert einen grossen Teil der «neuen globalen Mittelklasse».
Die untere westliche Mittelschicht als Verlierer der Globalisierung
Die Elefantengrafik zeigt auch, dass die globalen Einkommensklassen 80 bis 90 zu den relativen Verlierern gehören (Abb. 3, Bereich B). Sie konnten zwar zwischen 1988 und 2008 einen realen Anstieg der Einkommen verzeichnen, er fiel aber bescheiden aus und wurde oft als Rückschritt erlebt. Die globalen Einkommensklassen 80 bis 90 liegen im Bereich eines verfügbaren Pro-Kopf-Jahreseinkommens von etwa 6000 bis 15 000 US-Dollar. Für einen Vier-Personen-Haushalt entspricht dies 24 000 bis 60 000 US-Dollar pro Jahr, dem Einkommensniveau von US-Haushalten in der unteren Mittelklasse. Dieses Verlusterlebnis breiter Teile der US-Mittelschicht gilt für einige Beobachter als eine Erklärung für den Erfolg Donald Trumps und seiner globalisierungsfeindlichen Weltanschauung.
Die Ungleichheit in der Einkommensverteilung kann auf viele Arten untersucht werden. So kann man feststellen, dass das Jahreseinkommen aller «Bewohner» von Amerika-Strasse 100 etwa doppelt so hoch ist wie das aller «Bewohner » von Amerika- trasse 1 bis 50 zusammen. Vor 40 Jahren hatte Amerika-Strasse 100 «nur» die Hälfte der kumulierten Einkommen von Amerika-Strasse 1 bis 50. Die heutige Debatte in den USA über die 1 %-Gesellschaft reflektiert diesen extremen Einkommenszuwachs in den obersten US-Einkommensklassen. ³ Interessant ist auch, wie viele Menschen in einem Land im Haus mit der Nummer 100 oder in den Häusern Welt-Strasse mit den Nummern 90 bis 100 «wohnen » (siehe Abb. 4). Man erkennt, dass 1990 das Einkommen der Mehrheit der Chinesen in den globalen Einkommensklassen 5 bis 35 lag. Inzwischen sind die Chinesen in der «Welt-Strasse» in höhere Hausnummern «umgezogen» und «bewohnen» vor allem die Welt-Strassen 40 bis 80. Somit entspricht das Einkommen der globalen Mittelschicht etwa dem Lebensstandard der chinesischen Mittelklasse.
Abb. 4: Geographische Aufteilung der weltweiten Einkommensgruppen
Quelle: World Inequality Report 2018, BKB
Plutokraten als Hauptgewinner der GlobalisierungDie Einkommensklasse der sogenannten Plutokraten umfasst 0,01 % der Weltbevölkerung und ist einkommensstärker als 99,99 % der Menschheit. Diese Gruppe umfasst etwa 800 000 Menschen und hat ein verfügbares Jahreseinkommen pro Kopf von mindestens 10 Millionen US-Dollar. Diese Einkommensklasse «bewohnt» im Haus Nummer 100, das wir uns mit 100 Etagen denken, die exklusivste Etage 100, das Penthouse. Diese kleine Gruppe erzielte eine der stärksten prozentualen Wachstumsraten ihrer Einkommen (Abb. 3, Bereich C). Aufschlussreich ist auch, wie sich der absolute globale Anstieg der Einkommen seit 1988 prozentual auf die 100 globalen Einkommensklassen verteilt. Die Bewohner der Welt-Strasse 1 bis 20 erhielten weniger als 1 % der zusätzlichen «Lohnsumme». Etwas weniger als ein Viertel ging an Welt-Strasse 21 bis 75. Gut drei Viertel des Einkommenszuwachses ging an das eine Viertel der Weltbevölkerung, das die Welt-Strasse 76 bis 100 «bewohnt». Allein die Hausnummern 99 und 100 erhielten etwa 44 %.
Nationale Ungleichheit der Einkommen seit 1980 ausgeprägter, globale Ungleichheit reduziertWenn man die globalen und die nationalen Einkommensverteilungen seit 1980 betrachtet, stellt man eine ausgeglichenere globale Einkommensverteilung fest. In vielen westlichen Staaten ist sie dagegen deutlich ungleicher geworden. Die neue globale Mittelschicht, mit der chinesischen als Aushängeschild, nimmt die Globalisierung meist als grossen nationalen Erfolg wahr. Die untere Mittelschicht in den USA und in Europa erlebt die Globalisierung dagegen häufig als Bedrohung ihres Lebensstandards. Relativ zu einkommensstärkeren Klassen, die von der Globalisierung stark profitierten, hat die untere Mittelschicht in Westeuropa und noch stärker in den USA deutlich an Boden verloren. Der amerikanische Traum wurde in den Augen vieler US-Bürger faktisch unerreichbar. Dagegen kamen etwa 300 Millionen Chinesen aus unsäglicher Armut innerhalb von 40 Jahren zu relativem Wohlstand, mit einem Einkommen, das heute immer noch um ein Vielfaches tiefer ist als jenes der unteren US-Mittelschicht.
Corona-Auswirkungen: Globale Ungleichheit sinkt, nationale Ungleichheit im Westen steigt weiter
Es zeichnet sich ab, dass bevölkerungsreiche Länder in Asien gesundheitlich und wirtschaftlich von der Pandemie weniger stark betroffen wurden. Der Einbruch der Wirtschaftsaktivität durch die Lockdowns ist vor allem in Europa und den USA sehr stark. Fragt man sich, wie Menschen die tiefe Rezession erleben, dann ziehen die 4,4 Milliarden Bewohner Asiens vermutlich ein deutlich weniger pessi-mistisches Fazit als die 800 Millionen Menschen in den USA und der EU. Es spricht einiges dafür, dass sich die gestiegene Einkommensungleichheit in Europa und den USA infolge der Pandemie noch akzentuiert. Auf globaler Ebene dürfte die neue globale Mittelschicht einen stetigen, aber langsameren Einkommenszuwachs erfahren, was die globale Ungleichheit weiter reduzieren würde.
Der Umstand, dass die westliche, in den 1980er-Jahren neoliberal geprägte Wirtschaftsordnung zum vielleicht grössten globalen Einkommensausgleich der Geschichte geführt und etwa 3 Milliarden Menschen von tiefster Armut befreit hat, wirkt paradox. Es war wohl kaum so beabsichtigt und wird im linken und rechten politischen Lager verschieden interpretiert. Branko Milanovic weist dabei auf die satirische Bienenfabel von Bernard Mandeville hin.⁴ Am Beispiel der Einkommensentwicklung sieht man, dass die Mechanismen der Globalisierung komplex und verwirrend sowie ethisch nur schwer zu beurteilen sind. Mandeville hat mit seiner Fabel früh auf auftretende Paradoxien zwischen Ethik und sozialen Gegebenheiten in erfolgreichen Wirtschaftssystemen hingewiesen.
Mehr soziale Marktwirtschaft und höhere Steuern in den USA?
Wir erwarten in den USA im Zuge der Pandemie mehr soziale Spannungen und eine intensivierte Debatte zu Fragen der nationalen Einkommensungleichheit, zur ausgleichenden Funktion von Steuern und zu den Erwartungen an eine staatliche Bildungs- und Sozialpolitik. Die Präsidentschaftswahl im November könnte Zeichen für neue politische Trends in den USA setzen. Die deutlich gestiegene US-Staatsverschuldung könnte mittelfristig zu höheren Steuern führen. Der Spitzeneinkommenssteuersatz wurde in der Amtszeit von Ronald Reagan von 70 % auf 40 % gesenkt. Kritiker sehen darin den Hauptgrund für die Verarmung vieler staatlicher US-Institutionen, vor allem des öffentlichen Bildungssystems und des Gesundheitssystems. Während der Blütezeit des «American Way of Life», nach dem zweiten Weltkrieg bis Ende der 1960er-Jahre, lag der US- pitzensteuersatz lange bei 90 %. Dennoch war diese Periode⁵ von starkem Wirtschaftswachstum und breitem Einkommensanstieg begleitet. Die Zeichen mehren sich, dass in den USA eine tiefgehende Debatte über die wirtschaftliche Ausrichtung des Landes anstehen könnte.
Handlungsfähigere EU als Folge von Brexit und Corona
Auch in der EU ist durch die Corona-Krise ein Finanzausgleich zwischen Nationen möglich oder aus Sicht der skeptischeren, wirtschaftlich stärkeren Länder, auch im eigenen Interesse, unausweichlich geworden. Vor allem Italien und Spanien, aber auch Frankreich und Griechenland sollen Hauptempfänger solcher Transferzahlungen sein. Die Pandemie könnte die EU nicht nur kurzfristig zu Fiskaltransfers zwingen, sie könnte eine stärkere Fiskalunion in der EU einläuten. Es ist denkbar, dass der Brexit diese stärkere Einigkeit der EU in zentralen strukturellen Fragen überhaupt erst möglich gemacht hat.
Erläuterungen
Erläuterungen
2 Wenn man die weltweite Einkommensverteilung studiert, stellt man sich vor, dass jeder Mensch aus der heutigen Weltbevölkerung in genau eine der 100 Einkommensklassen eingestuft wird. Daten zu Haushaltseinkommen werden dabei durch Mittelung über die Anzahl Personen in Pro-Kopf-Einkommen umgerechnet. Kinder werden auf diese Weise mitgezählt. Jede der 100 globalen Einkommensklassen umfasst dann gleich viele Mitglieder (ca. 78 Millionen Menschen) und jede der 100 Klassen verfügt über ihr charakteristisches, durchschnittliches verfügbares Pro-Kopf-Jahreseinkommen.
3 In Westeuropa ist die Ungleichheit in dieser Hinsicht geringer als in den USA. Die Bewohner der Westeuropa-Strasse 100 haben zusammen ein Jahreseinkommen, das etwa der Hälfte des gesamten Jahreseinkommens von Westeuropa-Strasse 1 bis 50 entspricht. Dieses Verhältnis hat sich seit 1980 in Europa im Gegensatz zu den USA nur wenig verändert.
4 Darin beschreibt Mandeville am Beispiel eines Bienenstaates eine wohlhabende, aber gewissenlose Gesellschaft, in der die Reichen sich allem erdenklichen Luxus hingeben, die Armen aber schuften müssen, um überhaupt existieren zu können. In satirischer und provokativer Weise verteidigt Mandeville aber Ungerechtigkeit, Laster und Gier als den Motor für die indirekte Schaffung von Wohlstand (Die Bienenfabel, oder Private Laster, öffentliche Vorteile. Ersterscheinung 1714).
5 In den USA wird diese Periode mit starkem Wachstum und hohen Steuern von Ökonomen auch «Golden Age» genannt. Die USA erreichten in dieser Zeit einen unangefochtenen weltweiten Spitzenplatz in der Bildung und im Gesundheitswesen.
Dr. Sandro Merino
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