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Aus dem Französischen von Romy Ritte und Jürgen Ritte
Worum geht’s?
Im März 2021 fliegt eine Boeing 787 auf dem Weg von Paris nach New York durch einen elektromagnetischen Wirbelsturm. Alles geht gut, alle 243 Passagiere landen unverletzt, das Leben geht weiter. Und dann landet im Juni 2021 dieselbe Boeing mit exakt denselben Passagieren ein zweites Mal. FBI und Air Force, Staatschefs, Wissenschaftlerinnen, Theologen, Psychologinnen und Astrophysiker versuchen, das Phänomen zu erklären, während die Passagiere mit ihren Doppelgängern klarkommen müssen.
Der Roman beginnt realistisch, Le Tellier führt seine Figuren sorgfältig ein, darunter ein depressiver Schriftsteller, ein Auftragskiller, eine alleinerziehende Filmcutterin, ein alternder Stararchitekt und ein Wahrscheinlichkeitstheoretiker. Als im Juni das zweite Flugzeug landet, sind die Passagiere des ersten Flugzeuges drei Monate älter und haben dementsprechend Erfahrungen gemacht, die die Passagiere des zweiten Flugzeugs nicht haben. Eine Person hat sich umgebracht, eine ist schwanger geworden, eine weltberühmt, ein Paar hat sich getrennt, und auch sonst ist einiges passiert.
Nun kommen philosophisch-experimentelle Überlegungen zum Zug. Was tut man mit den Doppelgängern? Und wie ist das überhaupt möglich? Am besten akzeptiert ist die Simulationshypothese: Was wäre, wenn unser Leben eine reine Simulation wäre, generiert von einem enormen Computerprogramm? Wie geht man mit dem Fehler in der Matrix um? Die Vorstellung, der Mensch könnte eine Art Avatar einer grossen Künstlichen Intelligenz sein, bringt bei den Figuren des Romans ganze Weltanschauungen und Lebenskonzepte ins Wanken. Das ist die philosophische Ebene des Buches, doch der Roman hat nicht nur ein interessantes Setting, er liest sich auch spannend und unterhaltsam. Er ist eine Mischung aus intellektuellem philosophischem Spiel, Krimi, Parodie, Komödie, und gleichzeitig eine ernsthafte Auseinandersetzung mit unserem menschlichen Dasein.
Dann kommt noch eine weitere Ebene hinzu: Der Schriftsteller Victor Miesel schreibt Buch mit dem Titel Die Anomalie. Noch bevor sein Doppelgänger landet, nimmt er sich das Leben. Sein Buch wird zum Bestseller. Der zweite Victor Miesel profitiert davon, obwohl er das Buch weder geschrieben hat noch gut findet.
Selbstverständlich ist das Ganze etwas zu dick aufgetragen, aber ein grosses Lesevergnügen ist es allemal. Und die zahlreichen Zitaten aus der Literatur erfreuen Eingeweihte (Alle ruhigen Flüge sind einander ähnlich. Jeder turbulente Flug ist es auf seine Weise.), man verpasst aber überhaupt nichts, wenn man sie nicht bemerkt.
Was mir am Buch besonders gefällt
Die Szenen mit dem amerikanischem Präsidenten! Selten war Trump-Kritik so witzig.
Wem ich das Buch empfehlen würde
Wer unterhaltsame, witzige, rasant geschriebene Thriller liebt, wird diese Entdeckung aus Frankreich mögen.
Originalton aus dem Buch
- Guten Tag, Herr Präsident. Bevor ich diese Gleichung erkläre, möchte ich damit beginnen, über die «Realität» zu sprechen. Alle Realität ist eine Konstruktion, und mehr noch eine Rekonstruktion. Unser Gehirn ist in die Dunkelheit und Stille des Schädels eingeschlossen, es hat keinen anderen Zugang zur Welt als über Sensoren, also unsere Augen, unsere Ohren, unsere Nase, unsere Haut: Alles, was wir sehen, fühlen, wird ihm über elektrische Leitungen, unsere Synapsen … unsere Nervenzellen zugeleitet, Herr Präsident.
- Ich hatte verstanden, danke.
- Natürlich. Und das Gehirn rekonstruiert die Realität. Auf Grundlage der Zahl seiner Synapsen stellt das Gehirn zehn Millionen Milliarden Operationen pro Sekunde an. Sehr viel weniger als ein Computer, doch mit mehr Vernetzungen. Aber in ein paar Jahren wird man es schaffen, ein menschliches Gehirn nachzustellen, und dieses Programm wird einen gewissen Bewusstseinsgrad erreichen. […]
- Hören Sie auf mit Ihren Milliarden, ich verstehe kein Wort davon, sagt der Präsident, und viele meiner Kollegen auch nicht. Fahren Sie bitte mit Ihrer Darstellung fort.
- Gut, Herr Präsident. Stellen wir uns bitte einmal höhere Wesen vor, deren Intelligenz zu unserer im selben Verhältnis steht wie die unsere zu der eines Regenwurms... Unsere Nachfahren vielleicht. Stellen wir uns ausserdem vor, dass sie über so leistungsstarke Computer verfügen, dass sie mit grösster Genauigkeit in einer virtuellen Welt ihre «Vorfahren» wiederaufleben lassen können und sie dabei beobachten, wie sie sich auf unterschiedlichen Schicksalsbahnen entwickeln. Mit einem Computer von der Grösse eines kleinen Mondes könnte man milliardenfach die Menschheitsgeschichte von der Geburt des Homo Sapiens an simulieren. Das ist die Hypothese der Computersimulation…
- Wie in dem Film Matrix?, fragt der Präsident im Tonfall dessen, der nicht verstanden hat.
- Nein, Herr Präsident, antwortet Wesley. In Matrix sind es Maschinen, die Energie aus den Körpern echter Menschen ziehen, gefesselte Sklaven aus Fleisch und Knochen. Diese gestatten ihnen, in einer virtuellen Welt zu leben. In unserer Hypothese ist es umgekehrt: Wir sind keine realen Wesen. Wir glauben, menschliche Wesen zu sein, dabei sind wir nur Programme. […]
- Simulierte Menschen würden keine Anomalien in ihrer virtuellen Umwelt feststellen, sie hätten ihr Haus, ihr Auto, ihren Hund und selbst ihren Computer, wo wir gerade dabei sind.
- So wie in der britischen Serie Black Mirror, Herr Präsident, souffliert Adrian Miller…
Der Präsident runzelt die Stirn, und Wesley fährt fort.
[…]
- Was Sie da erzählen, ist lächerlich, platzt der Präsident heraus. Ich bin kein Super Mario, und ich werde unseren Mitbürgern auch nicht erklären, dass sie Programme in einer virtuellen Welt sind.
- Ich verstehe, Herr Präsident. Aber andererseits ist ein Flugzeug, das aus dem Nirgendwo auftaucht und die exakte Kopie eines anderen ist, mit all seinen Passagieren und bis hin zum kleinsten Ketchup-Fleck auf dem Teppichboden, auch unwahrscheinlich. Erlauben Sie mir, Ihnen die Formel zu erklären, dich ich aufgeschrieben habe?
- Machen Sie schon, entfährt es dem Präsidenten wütend. Aber schnell.