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Ohne Hab und Gut oder festes Einkommen begab sich der junge Mann Johannes bzw. Hans Salat im Jahr 1521 von Sursee nach Luzern, um dort ein neues Leben zu beginnen. Sein abenteuerliches Leben endete für ihn aber als glückloser Dichter, hoch verschuldet und mit der Ausweisung aus der Stadt Luzern.
Obwohl Hans Salat nicht in Gelehrtenkreisen aufwuchs, lernte er schon sehr früh Deutsch und Lateinisch und begeisterte fürs Lesen und Schreiben. Mit Anfang 20 verliess Hans, der je nach Quelle auch unter dem Namen Johannes Salat bekannt ist, seinen Heimatort Sursee. Er ging nach Luzern, um ein neues Leben zu beginnen.
Ein Leben im Spätmittelalter
Wie bei den meisten Menschen, die zu dieser Zeit lebten, war der Tod auch für Hans Salat ein steter Begleiter. Er wuchs mit sechs Geschwistern auf, doch noch bevor er 25 wurde, starben zwei seiner Brüder im Solddienst in Norditalien.
Zwei weitere Geschwister sowie sein Schwager und seine Frau starben alle an der Pest, bevor er selbst 30 Jahre alt wurde. Er heiratete noch einmal und hatte mit seiner zweiten Frau zehn Kinder. Auch diese waren den harten Bedingungen im späten Mittelalter hilflos ausgesetzt. Von den zehn Kindern lebte lediglich die jüngste Tochter länger als ihr Vater Hans Salat selbst.
Solddienst – Zwischen Tod und Reichtum
Obwohl zwei seiner Brüder im Solddienst gestorben waren, begab sich auch Salat selbst in den Solddienst der Luzerner. Das Risiko sich zu verletzen, sich Krankheiten einzuholen oder zu sterben war zwar sehr hoch, dennoch nahmen dieses viele Männer in Kauf. Die hohe Bezahlung im Vergleich zu der städtischen Handwerksarbeit lockte auch ihn in den Krieg.
Da er aber weniger ein kämpferisch als vielmehr ein literarisch äusserst begabter Mann war, diente er nicht als Soldat, sondern wurde zum Feldschreiber seiner Truppe ernannt. Seine Aufgaben waren es, die Soldabrechnungen oder die Musterungslisten zu erfassen und diese an die Luzerner Räte zu schicken. Darin dokumentiert waren zum Beispiel die Anzahl Soldaten im Heer, die Anzahl Verletzer, Toter oder die Menge der Waffen sowie andere ähnliche Informationen.
Neben seiner Arbeit begann er auch, sein eigenes Tagebuch zu verfassen. Darin schrieb er immer wieder Entwürfe und Ideen für Gedichte auf, von denen er später viele publizieren konnte.
Gesundheitlich verliefen seine ersten Schlachten problemlos, doch wurden die drei Solddienste in Bicocca, Genua und Mailand alle von Niederlagen überschattet. Kurze Zeit später agierte Hans Salat auch im ersten Müsserkrieg von 1525. Darin kämpften Schweizer Orte im Bündnertal gegen die Mailänder. Salat fing sich jedoch eine starke Krankheit ein und musste wieder nach Luzern heimkehren. Wahrscheinlich war er an Malaria erkrankt.
Trotz der Krankheit, die ihn sehr lange beschäftigte, brach er noch im selben Jahr wieder mit einem Söldnerzug nach Pavia auf. Dies sollte seine erste siegreiche Schlacht werden. Doch seine Krankheit holte ihn aufs Neue ein und Salat musste noch vor dem Sieg heimkehren. So konnte er sich keiner Beute und Prämie erfreuen, die den Söldnern zustand, falls sie siegreich waren. Das Söldnerleben war ein äusserst hartes und undankbares.
Keine Ruhe in der Eidgenossenschaft
Hans Salat lebte in einer äusserst turbulenten Zeit. Als sich die Lage für die Eidgenossen in Norditalien beruhigt hatte, kam schon schnell der nächste Brandherd auf. Die Reformation verbreitete sich in Europa wie ein Lauffeuer und schnell kam es auch in der Innerschweiz zu Konflikten (zentralplus berichtete). Die Urschweizer Kantone Luzern, Uri, Unterwalden und Zug entfernten sich immer mehr von den reformierten Bernern und Zürchern.
So kam es 1529 und 1531 zu den beiden Kappelerkriegen zwischen den eidgenössischen Orten. Hans Salat diente erneut in drei Schlachten als Feldschreiber. Diese Schlachten waren für Hans Salats Zukunft ausschlaggebend, denn durch seinen zuverlässigen Dienst konnte er engen Kontakt zu der Luzerner Obrigkeit knüpfen und hatte schon bald ein Netzwerk an Kontakten in der politischen Elite Luzerns.
Auf den Erfolg …
Der zuverlässige Feldschreiber erhielt schon bald eine Anstellung als Gerichtsschreiber der Stadt Luzern. Er war nicht mehr auf den gefährlichen Solddienst angewiesen und so bot sich ihm die Möglichkeit, sich noch intensiver mit dem Dichten und mit dem poetischen Handwerk zu beschäftigen. Er begann sogar, eine eigene Chronik zu verfassen. Die reichlichen Erfahrungen, die Salat in den verschiedenen Schlachten des Kappelerkriegs erlebte, flossen massgeblich in seine Werke ein. Als frommer Katholik und grosser Gegner Zwinglis verfasste er auch viele antireformatorische Gedichte.
Seine literarische Ader brachte ihm grosse Aufmerksamkeit ein. Sein wohl berühmtestes Werk waren die drei Gedichte im sogenannten «Tanngrotz». Darin unterlegte er zwei Gedichte mit einer Melodie anderer katholischer Lieder. In den drei Gedichten fasst er die Kampfhandlungen und Resultate des Krieges zusammen und proklamierte, dass nur die «alten Eidgenossen», die «wahren» Eidgenossen seien. Ausserdem verunglimpft er die Zürcher und Berner und den toten Zwingli aufs Schärfste und beschreibt das Ende des Krieges als glorreichen Sieg der Innerschweizer gegen die «Ketzer».
Doch was ist ein Tanngrotz überhaupt? Als «Tanngrotz» bezeichneten die Reformierten die «hinterwäldlerischen» Katholiken. Doch die Katholiken übernahmen die Beschimpfung und verwandelten sie kurzerhand zur eigenen, stolzen Selbstbezeichnung und begannen Tannäste auf ihren Hüten zu tragen.
Das sahen die Zürcher und Berner natürlich überhaupt nicht gerne und verlangten eine Bestrafung von Hans Salat. Wohl um des Friedens willen gaben die Luzerner den Forderungen nach und sperrten Salat für drei Tage im Wasserturm ein. Sein Vertrauen und seine Sympathien blieben mit grosser Wahrscheinlichkeit aber bestehen und so wirkte er auch nach dieser Tat als Gerichtsschreiber und dank seiner literarischen Kunst erhielt er sogar den Auftrag, das beliebte Osterspiel mit überregionaler Bedeutung aufführen zu lassen. So agierte er in Luzern einige Jahre lang als Theaterregisseur. Dies war Salats poetische Blütezeit, in der er neben seinem eigenen Schaffen auch viele Aufträge erhielt und sich in seinen Werken entfalten konnte.
… folgt der Abstieg
Doch lange hielt Salats Blütezeit nicht an, es folgte ein poetischer Winter. Nach und nach verlor Salat das Vertrauen der Obrigkeiten. Sein Lebensstil muss wohl sehr verschwenderisch gewesen sein. Durch seine Arbeit und seine literarischen Werke konnte er knapp seine Wohnung und seine Familie finanzieren. Auch wenn er durch einige Publikationen ab und an etwas dazu verdiente und seine eigene Chronik, die «Reformationschronik», fertigstellte, brachte ihm dies kaum Ertrag.
Salats Schulden begannen sich immer weiter anzuhäufen. Die Räte Luzerns gaben ihm durch mehrmalige Schonfristen und Mahnungen immer wieder Zeit, seine Schulden zu begleichen. Doch dies änderte nichts an seinem Bankrott. Als letzte Massnahme wurde er noch einmal für fünf Tage in den Wasserturm eingesperrt, doch weil er auch nach dieser Strafe immer noch offene Schulden hatte, sahen sich die Räte gezwungen, ihn aus der Stadt auszuweisen. So wurde er auch seines Amtes als Gerichtsschreibers enthoben.
Als er Luzern also zwangsweise verliess, blieb ihm nur übrig, an seinen Heimatort, Sursee, zurückzukehren. Seine Familie blieb in Luzern und begleitete ihn nicht. Dass eine seiner Töchter ohne sein Wissen heiratete und einer seiner Söhne nach Paris gehen wollte, um zu studieren, zeigt, dass Salat seine Familie wohl vernachlässigt hatte und dass er ein sehr gespaltenes Verhältnis zu ihr hatte. Die Zeit vor der Ausweisung sollte sein letzter Aufenthalt in Luzern gewesen sein.
Ein trauriges Ende
Um irgendwie über die Runden zu kommen, wollte Salat noch einmal im Solddienst als Feldschreiber dienen. Jedoch wurde er nicht zugelassen. Schliesslich fand er doch noch eine Anstellung als Lehrer in Sursee. Nebenbei dichtete er weiter. Durch den Verkauf seiner Werke und seines alten Hauses in Luzern konnte er einen grossen Teil seiner Schulden abbezahlen.
Seine Bemühungen, Geld zu verdienen, reichten aber bei Weitem nicht aus, um seine Schulden komplett zu tilgen. Immer wieder erflehte Salat beim Luzerner Rat in Briefen um die Erlaubnis, nach Luzern zurückkehren zu dürfen. Er wollte seine Familie und sein Zuhause wieder haben. In einem dieser Briefe unterschreibt er mit «williger, ergebener diener Johann Salat, jez im Ellend». Ein Beweis für seine auswegs- und hoffnungslose Situation.
Zur Überlieferung
Hans Salats Tagebuch und viele seiner Gedichte und Werke sind bis heute erhalten geblieben. Auch in Ratsprotokollen, die im Staatsarchiv Luzern liegen, sind viele Informationen über Salats Leben vorhanden. Diese Quellen zeigen ein eindrückliches Leben während der eidgenössischen Kriege in Norditalien, aber auch in der Reformationszeit in der Innerschweiz. Die Geschichte des Hans Salat ist durch die Überlieferung seiner Werke sehr gut erforscht und wurde unter anderem von der Luzerner Historikerin Silvia Hess sehr genau analysiert.
Einige Jahre später ging er nach Freiburg und versuchte sich dort erneut als Lehrer und Theaterregisseur. Wegen eines kontroversen Theaterstücks, dass er aufführen liess, verlor er jedoch auch diese Anstellung. In seinen letzten Lebensjahren brachte er sich wohl mit betrügerischen Machenschaften wie der Wunderheilung, Alchemie und Wahrsagerei über die Runden.
Hans Salat besass an seinem Lebensabend noch kaum etwas, das ihm wichtig war. Er starb 1561 in Freiburg, ohne jemals wieder in Luzern gewesen zu sein. Seine Reise endete genau so, wie sie begonnen hatte: ohne Besitz. Was ihm bis zum Ende blieb, waren seine zahlreichen literarischen Werke, seine unzähligen Erfahrungen und Erlebnisse. Durch sein Tagebuch und seine Briefe bleibt er uns heute als glückloser, aber einflussreicher Luzerner in Erinnerung.