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La Rocca kannte ich nur als Ort von Ferien, die ausser mir keiner genoss, Vater stritt mit Grossvater, meine Stiefmutter hasste Kalabrien samt unseren archaischen und ungebildeten Leute. Wir fuhren hin, weil wir mussten, und um auf unserem eigenen Boden zu stehen, nichts zu sehen, was nicht uns gehörte, und wenn es auch nur ein paar Quadratkilometer steinige Hügel und kahle Felsen waren, dazwischen mal ein Tälchen mit einem Bach, und oben drauf La Rocca, das Gut, das grosse Haus, mehr Festung als Bauernhof. Der Unterhalt der Strasse allein koste mehr, sagte mein Grossvater, als er einnehme. Meine Eltern und ich wohnten im Ferienhaus, das mein Vater hatte bauen lassen, auf seine Kosten. Für mich war La Rocca Freiheit, mein Grossvater ermutigte mich zu allem, was der Stiefmutter missfiel, Maultierreiten, er liess mich seinen alten Traktor fahren, nahm mich auf meist erfolglose Jagdausflüge mit. Mein Vater hatte im zweiten Weltkrieg in der Marine Dienst getan und danach Italien verlassen, voll Verachtung für den dummen Mut und die moralische Feigheit seiner Kaste. Er fühlte sich verpflichtet, Grossvater, der keine Hilfe wollte, zu helfen, Prozesse und Steuern, Vater war mit Papieren beschäftigt, und ich war frei. Es gab Gleichaltrige, die froh waren meinetwegen ihren harten Vätern entweichen zu können, bereit nackt in einem sumpfigen Bach zu baden, in eine Höhle zu kriechen, sich in einem zerfallenden Stall im Stroh zu balgen. Und wenn ich sagte, "schlafen wir etwas!" so lagen sie in meinen Armen.
In La Rocca war alles erlaubt, solange es kein Erwachsener sah, Zürich war die Hölle, das Gymnasium, die unberührbaren Schulkameraden, die Lehrer, die erwarteten, dass ich mich auf ein Dreieck und seine Winkel konzentriere, während ich vom Ginsterduft unseres Gutes träumte und von Unbekanntem, das sicher nur dort möglich war, und nur mit jenen Freunden, statt des Trigonometriebuches sah ich sonnengebräunte Nacken mit schwarzen Locken, fühlte ich Hände, die nicht schreiben konnten, alles dort schien und versprach mir Lust.
Dressiert wie ein Tier, lernte ich, was zu lernen war, mit der Abneigung eines Tiers, aus Hass gewissermassen, machte ich die Matura und begann Jus zu studieren, ein schnelles Studium, dann würde ich nach Italien gehen, und in Neapel in beiden Rechten doktorieren, ich wusste schon, dass Neapel eine Komödie der Lust war, Geilheit und Geldgier ein Scherz, Religion und Moral Ornamente waren, alles an seinem Ort, alles zu seiner Zeit.
Während des Lizentiats verlor ich Vater und Stiefmutter durch einen Autounfall, ich musste so schnell wie möglich in die Kanzlei eintreten, die den Namen meines Vaters trug. Ohne meine Stiefmutter und mit Geld schien Freiheit, es war die Zeit der Hippies, auch in Zürich möglich, und tatsächlich fand ich bald einen Lebensgefährten, Stefan, ein begabter Architekt, intelligent und sanft, der mir die Sicherheit gab, die mir in meiner Familie gefehlt hatte.
Jedes Jahr verbrachten Stefan und ich einige Wochen im Ferienhaus auf La Rocca, wo Grossvater uralt über alte Knechte herrschte. Was wir sagten, hörte er nicht; er wusste und befahl, er war der Herr, wir waren Jünglinge. Er beglückwünschte mich zum Hauptmann und zur Wahl in den Zürcher Kantonsrat, das ja, und mahnte mich, endlich zu heiraten. Meine Spielkameraden waren emigriert oder hatten nach dem Militärdienst in einer Stadt Arbeit gefunden. Die Häuser zerfielen. Die alten Leute verwunderte kaum, dass wir nicht verheiratet waren. Wir hatten studiert und waren dem Joch der Ehe entgangen.
Stefan und ich hatten nicht Vaters Sorgen um Prozesse und Steuern, wir genossen, dass die Strasse in La Rocca aufhörte, die Einsamkeit, die Einöde.
In Zürich frass mich die Arbeit auf, doch dank Stefan machten mir die Herausforderungen Freude, es war spannend, plötzlich gewissermassen mein Vater zu sein, mich mit dem zu messen, was er begonnen hatte.
Während eines Wiederholungskurses informierte mich das Sekretariat der Kanzlei, dass Grossvater gestorben sei. Stefan und ich fuhren nach La Rocca, Grossvater wurde im Familiengrab in der Kathedrale von Sangordo beerdigt, ohne Anteilnahme, die mir unbekannten Verwandten waren ebenso alt, der erste Weltkrieg war ihr Weltkrieg gewesen, daneben Adlige und Bischöfe, die Beerdigung war ein sozialer Anlass für, was mein Vater, das Reich des Vergessens genannt hatte, greise Aristokraten in steter Trauer um Söhne, die im ersten und zweiten Weltkrieg gefallen waren, um ein Königreich, vor dem der Dynastie von der man nicht sprach. Jeder mehr Name als Mensch, Hüter von Schlössern, Gruften, benannten Schwertern, Schildern und Zaumzeugen von benannten Pferden, Nachkommen von Rittern, deren Taten im Befreiten Jerusalem und im Rasenden Roland erzählt werden; mir schien, dass das Übermass an Vergangenheit ihnen die Kraft, in der Gegenwart zu sein, geraubt hatte. Nach der mühsamen, hastig organisierten Reise mit Flugzeug und Mietwagen fand ich mich plötzlich in einer gotischen und tatsächlich noch gotischen Kathedrale zwischen Bischöfen, Mönchen, Adligen in Ordensmänteln und Skapulieren, die mich als einen der ihren betrachteten. Draussen standen ihre Lancias, Ferraris und Maseratis, doch ihre Macht gründete in dem Akt des Begräbnisses, weil sie und ich, und unsere Nachnachnachfahren, hier und so zu Grabe getragen würden, unsere Namen würden noch leben, wenn von dem jämmerlichen Staat, den heute empor Gespülte vertraten, nur noch von der Meerluft zerfressene Aluminiummünzen zeugen würden.
Es gab kein Testament - Land, Vieh, Höfe, Häuser, Kapellen und Friedhöfe, Jagd- und Fischrechte, alte Waffen und Uniformen, Ordensmäntel, und die Adelstitel, die mich würdig machten, sie zu tragen, alles fiel mir zu. Von einem Tag zum andern war ich der Herr. Die Rechte, für die mein Vater gekämpft hatten, interessierten niemand mehr, es war schwer einen alten Notar aufzutreiben, der überhaupt eine Ahnung hatte, was alles zu La Rocca gehörte.
Ich schloss das grosse Haus, das Ferienhaus genügte Stefan und mir. Einen Agenten wollte ich nicht ernennen; mein Grossvater hatte die Agenten der benachbarten Güter als Diebe verflucht; obwohl er tot war galten mir seine Befehle noch, keine Agenten, nie verkaufen, keine Hypotheken, nur Pächter, die einen Anteil am Ertrag in natura abliefern. Ich fühlte La Rocca sei mir nur zu treuen Händen überlassen, den Ertrag wollte ich zur Besserung des Besitzes verwenden.
In La Rocca empfingen unsere versammelten Leute mich mit traditionellen Segenswünschen und Geschenken, selbst auch Geschenke erwartend, Geld. Die Söhne standen voller Hintergedanken herum, wünschten ihre Bauernväter zum Teufel, blickten in den Range Rover und verschwanden dann mit gebrochenen Stimmen, lasziv lachend, mit Cousins und Freunden in einem der verfallenden Häuser.
Ich ordnete das Wichtigste, mir vornehmend, im Sommer einige Wochen herzukommen, um die Wirtschaft solide zu organisieren. Von Vater wusste ich, was zu tun war, Grossvater hatte ihm nie erlaubt, wirklich aufzuräumen.
Doch bevor der Sommer kam, rief mich an einem Samstag einer der Vertrauensmänner meines Grossvaters an und meldete, der Ziegenhirt sei tödlich verunglückt, und wenn möglich, wären sie mir sehr verbunden für meine höfliche Anwesenheit.
Da dies das erste Mal war, dass sie nach mir verlangten, fuhr ich hin. Es ist eine Tagesreise, selbst mit Flugzeug und Mietwagen, davon eine Stunde auf unserer eigenen Schotterstrasse.
Der Ziegenhirt, knapp über dreissig, war nachts, und vielleicht ein bisschen betrunken, vom Pfad abgekommen, der zur Hütte führt, und über eine Felswand abgestürzt. Nun blieb für die Ziegen nur ein Hirtenbub von sechzehn Jahren, der nicht geeignet schien, allein zu arbeiten, doch ein anderer Ziegenhirt fand sich in der Umgebung nicht; es waren Abruzzer, die ihre eigenen Verwandten mitbrachten, nicht leicht aufzutreiben.
Ich ging mir den jungen Hirten anschauen. Kleingewachsen aber stark, mit kohlrabenschwarzen Augen und Locken, verbranntem Gesicht, verwirrtem, unglücklichem Ausdruck, namens Luca.
Er vermied, mich direkt anzureden. "Der Kamerad ist gestorben, ohne ihn kann ich es nicht." Während er sprach, spielte er mit einem billigen, gefährlichen Messer, die Klinge auf dem linken Unterarm abziehend. Ich fragte ihn nach Einzelheiten, doch er antwortete nur mit "ja Herr, nein Herr". "Allein schaffe ich es nicht!" - "Ohne ihn kann ich diese Arbeit nicht machen!" - "Mit einem anderen Ziegenhirt will ich nicht arbeiten!" - "Ich kann nicht mehr schlafen!" - "Besser sterben!" Er zeichnete mit der Klinge auf dem Unterarm die Adern nach.
Gegen Abend half ihm einer der Bauern, der früher für Grossvater gearbeitet hatte, wenn auch ungern; unsere Leute schätzen die Hirtenarbeit nicht.
Die Sonne wollte nicht untergehen. Ich spazierte zum Ziegenstall hinauf; Luca wusch sich am Brunnen, halbnackt, braungebrannt, muskulös, ungepflegt, als hätte er noch nie ein Bad genommen. Er blickte mich niedergeschlagen an. "Ich kann nicht mehr!"
Ich lud ihn ein, im Haus fernzusehen, etwas zu trinken, doch er verstand mich nicht, stierte mich nur traurig an. Schliesslich befahl ich ihm, mit mir zu kommen - er folgte mir ohne Widerstand und ohne Verwunderung.
Wir kamen im Haus an. Um ihn zu beschäftigen, befahl ich ihm, im Kamin ein Feuer anzuzünden. Er machte es willig und geschickt und sagte dann, "noch etwas?"
Ich hatte mich in einen Sessel gesetzt, befahl ihm, sich zu setzen; er setzte sich beim Feuer auf den Boden und begann wieder mit dem Messer zu spielen.
Ich sprach von meinem Mitleid mit seinem Verlust, sagte, dass ich mich schämte, La Rocca zu vernachlässigen, sprach von meinem Grossvater - sprach zuviel, bis er mich unterbrach, "stinke ich?"
"Bitte?"
"Stinke ich nach Ziegen?"
"Ja, etwas, vielleicht solltest Du duschen."
"Was?"
Ich führte ihn ins Bad, zeigte ihm Seife, Shampoo, Tücher, er zog sich, ohne zu zögern, aus, wobei er tierische Schenkel enthüllte und dazwischen, was in Süditalien Mut und Männlichkeit bedeutet. Er verstand und lachte; ihm gefiel zu gefallen.
Ich liess ihn allein, öffnete eine Flasche Champagner, trank ein halbes Glas und setzte mich wieder in den Sessel. Ich fiel in einen leichten Schlaf; die Weichheit des Sessels, die Wärme des Feuers, der Wein versetzten mich in Trance.
Nach zehn oder fünfzehn Minuten kam er herein, nackt, lachend, das Tuch in den Händen, "sie wünschen?" Ich zog ihn auf den Sessel nieder, streichelte seinen schlanken, muskelharten Körper, spielte mit seinen tiefschwarzen Haaren, vom Shampoo parfümiert und noch feucht; er begehrte sichtbar, geliebt zu werden.
Ich bot ihm Champagner an, er trank mit Vergnügen, legte sich auf das Sofa, den Kopf in meinem Schoss; genoss, vom Herrn geschätzt zu werden.
Später lud ich ihn in mein Bett ein; Lust war ihm Lust, lachend vor Wollust schäumte er über und schlief dann sorglos in meinen Armen ein.
Früh am Morgen stand er auf -- "ich muss zu den Ziegen" -- und ging, noch immer lachend.
Ich stand gegen neun auf, telefonierte Stefan, mit ihm das schöne Abenteuer zu teilen; Stefan genoss mit, wünschte mir, es würde sich wiederholen.
Am Abend erwartete Luca mich vor der Hütte, begleitete mich zum Haus, duschte, ass und trank und schlief bei mir.
Es war eine natürliche Sympathie, er blieb der Hirte, ich der Herr, wir gefielen uns. Ein paar Monate noch hirtete er allein, Stefan und ich kamen mindestens einmal pro Monat für ein Wochenende, ihn zu geniessen, dann fand sich ein anderer Ziegenhirt (wenig tüchtig) mit seinem eigenen Gehilfen, und wir nahmen Luca samt seinem Hund und seiner Ziege nach Zürich, wo er mit uns lebte, früh aufstand, sich zuerst um seine Tiere kümmerte, dann nach eigenem Gutdünken im Garten oder im Haus arbeitete, was ihn nötig schien, Befehle nahm er ausser von mir nicht entgegen, er liebte nicht zu dienen, doch half er willig, wenn er darum gebeten wurde, beständig guten Willens. Wenn wir in die Vereinigten Staaten reisten oder nach Thailand mit dem Flugzeug, so erklärte er unkompliziert und ohne falsche Verachtung, dass er bei seinen Tieren bleiben würde. Nicht einmal in die Stadt wollte er gehen ohne Not, "die Stadt gefällt mir nicht."
Seine Ziege, schwarz und geheimnisvoll, wollte er nicht aufgeben, auch seinen Hund nicht, auch er schwarz und wenig folgsam. Einige Jahre lebten wir zu dritt. Luca änderte sich kaum, er kannte seinen Platz, äusserte kaum Gefühle, wenig gesprächig. Nur als, sein Hund starb, kam unter Tränen aus ihm heraus "danke, Herr, Ihr seid zu gut zu mir, Herr." Sonst gefiel ihm zu arbeiten, zuverlässig, arbeitsam, er entspannte sich nur, wenn ihm befohlen.
Für mich verlor er nie den Charme des Gutes, auch in der Stadt, in der geerbten Villa, die allen Bemühungen Stefanos entgegen, moderne Sachlichkeit einzuführen, behagliche Bürgerlichkeit ausstrahlte, blieb Luca für mich La Rocca, seine Haut duftete nach Ginster und wildem Spargel, und die Unbedingtheit seines Gehorsams, die Unbeugsamkeit seines Charakters, verzauberten mich, wenn sie, und das war La Rocca für mich, zur Hingabe ohne Hintergedanken wurden, zur Freude an der Lust und am Lustbereiten.
Unsere Freunde warfen uns vor, nicht genügend für einen so braven, so umgänglichen, so folgsamen Burschen zu tun; doch er wollte nichts von uns, zehntausend Lire pro Monat, die er sofort auf ein Sparkonto in seinem Heimatdorf in den Abruzzen einbezahlte. Kleider, Schuhe, eine Uhr nahm er an. Wenn wir zufrieden waren mit ihm, so war es recht, wenn nicht, würde er ohne Probleme gehen. Wenn ein von seiner dunklen Wildheit faszinierter Gast ihn befragen oder ihn auch nur komplimentieren wollte, so unterbrach ihn Luca mit der groben Höflichkeit eines abruzzischen Tabak- oder Gemüsehändlers, "Sie wünschen?" Bezeichneten ihn Freunde im Scherz als "Diener zweier Herren" bezeichneten, präzisierte er, "Stefan ist der Freund des Herrn."
Aufs Gut kehrte er immer gern zurück, zusammen mit der Ziege und seinem Hund im Heck des Range Rovers, und wenn wir unterwegs übernachten mussten, so wurden ihm die Probleme, die seine Tiere in Fünf-Stern-Hotels verursachten, nicht bewusst.
Die Welt war das Gut, das Gut gehörte mir, die Ziegen, der Herr, und es fehlte nur eines, grundlegend, tragisch, zum Verrücktwerden: Ein Kamerad. Denn Kameraden konnten Stefan und ich nicht sein, der Kamerad musste einer sein, wie er, ohne andere Zuneigungen, ohne Macht, ohne Besitz oder Geld, einer, der sich geben konnte und alles gab, wenn er sich gab, und der alles empfing, wenn er nicht Lucas Freundschaft, nicht Lucas Liebe, sondern den ganzen Luca, Lucas Leben, Lucas Existenz empfing. Luca wünschte sich nicht, das Hirtenleben mit einem anderen Wesen zu teilen, das Hirtenleben war für ihn ein Leben für zwei, und ohne Kamerad war es kein Leben.
Stefan und ich konnten keine Hirtenkameraden sein; und er war nicht bereit, unser kleiner Freund zu sein, dachte nie daran; er wartete bei uns ab, Liebe und Materielles gebend und nehmend, doch sein Leben behielt er sich vor, jeder Atemzug war ein Gebet, die Madonna, der guten Hirte, Mithra, möge ihm einen Kameraden schenken.
Mit zwanzig wurde er zum Militärdienst aufgeboten, er stellte sich, ohne zu klagen, und am Ende des Dienstes schrieb er, dass er einen Hirtenkameraden gefunden hätte und zu seinem Beruf zurückkehren wolle. Wir holten ihn ab, der Kamerad wartete mit ihm vor der Kaserne. Gianni war ein einfacher, scheuer, schweigsamer, ernsthafter, dunkler junger Mann, der Luca mit aufrichtiger und unbeirrbarer Zuneigung liebte. Wenn es mir recht sei, würden sie auf La Rocca arbeiten, wenn nicht, würde sich anderswo Arbeit finden. Da wir in den fünf Jahren, die Luca bei uns gelebt hatte, nie den Schlüssel zu seiner Seele gefunden haben, waren wir froh, dass er sein Glück getroffen hatte.
Wir drängten ihn, sich für sein neues Leben etwas zu wünschen, bis er gestand, dass ihn eine Dusche in der Hirtenhütte freuen würde. Mehr begehrte er nicht, er wollte Ziegenhirt sein, sonst nichts.
Wir brachten sie mit dem Range Rover aufs Gut, wiederholten immer, "wenn Ihr etwas brauchst, ruf uns an, denk nicht, dass wir Dich jetzt nicht mehr lieben," doch er wollte nichts, nahm wenig an, mit Ausnahme der Dusche, zum Gebrauchen, doch auch als realer Beweis der Milde seines Herrn.
Bevor wir von La Rocca abfuhren, sagte er, "danke, dass Ihr Euch so um meine Tiere gekümmert habt, und auch" - Tränen auf dem verbrannten Wangen - "danke, dass Ihr mir das Leben gerettet habt."
"Wir haben Dir nie das Leben gerettet, es ist nicht wahr."
"Ohne Euch, in jenen Tagen, nach Pietros Tod, hätte ich mir sicher die Adern aufgeschnitten, sicher."
"Und warum hast Du es nicht gemacht?"
"Weil Ihr so lieb wart zu mir, für Euch bin ich keine Bestie gewesen, Ihr habt mich wie einen Menschen behandelt."
"Du bist so schön gewesen, hast mir so gut gefallen, gefällst mir noch immer, ich war geil auf Dich."
"Ich weiss, doch ausser Euch hat mich keiner gesehen, für die anderen war ich eine Bestie, stinkend, dumm, die nicht einmal italienisch sprechen konnte. Ich danke Euch und werde immer für Euch und Stefan beten, dass Ihr zusammenbleibt, und gute Gesundheit für hundert Jahre. Auf Wiedersehen."
In den Ferien empfingen sie uns mit Freude, bereit, zu dienen, schweigsam, mit dem Gefährten, den Ziege, dem Hund zufrieden, "wir sind Ziegenhirten."
Manchmal war ich allein auf La Rocca, und er diente mir. Brot, Käse, Oliven, Wasser und Wein genügen mir, und Luca, der etwas Distanz hält, meist stumm, nur wenn ich ankomme, sich, wie es die Höflichkeit gebietet, erkundigend, ob es mir gutgehe, ob es Stefan gutgehe, und beim abfahren mir Grüsse auftragend an ihn, versichernd, dass er jeden Tag für uns bete. Unsere alten Kleider, die ich ihm mitbringe, nimmt er dankbar an, nach Jahren erst erlaubt er sich, für Gianni ein Dreiradlastwägelchen zu erbitten, um zum Ort zu fahren. Die kleinen Beträge, die sie ausgeben, notiert er ungelenk in ein Schulheft, zusammen mit den geborenen, verkauften und abgestürzten Tieren und dem Käse. Was übrigbleibt, lasse ich ihm für den Unterhalt des Daches der Hütte, für die Wasserleitung und für die Zäune.
Stefan starb als erster, allein wollte ich nicht in unserem Haus in Zürich leben, ich flüchtete nach La Rocca, für ein paar Wochen, dachte ich, doch es wurden Monate, Jahre, wo sollte ich hin? Alle Strände, alle Hotels hatten wir zusammen gesehen. Nirgendwo erwartete mich jemand, nirgendwo gehörte ich hin ausser nach La Rocca; das grosse Haus war wie ein Grab, ich wollte nichts mehr, fühlte mich müde, schwach, krank, hier konnte ich den Tod erwarten, und Luca und Gianni sorgten für mich, morgens laut die Türe aufstossend, dann besorgend, was sie für richtig hielten, bis sie am Abend die Türe wieder laut ins Schloss zogen, sie waren nun die Diener des Padrone von La Rocca, sie wussten, was zu tun war. Ich liess sie gewähren, dankbar, dass ich mich um nichts zu kümmern brauchte, sass in der Sonne, zu sterben bereit, glaubte ich. Doch dann starb Gianni, und ich sah ein, dass ich nicht krank war, sondern nur alt, und bat Luca, aus der Hütte zu mir ins grosse Haus zu ziehen.
Wie mein Grossvater lebe ich zu lange, es gibt nichts mehr in der Zukunft, dem entgegen zu leben lohnt, die Tage folgen sich endlos, auf die schreckliche Sonne, die nicht untergehen will, folgen Nebel, Regen und Sturm, die Zeit vor dem Feuer. Herr und Diener sind zwei Alte, die den Tod erwarten; hin- und hergerissen zwischen der Hoffnung zuerst erlöst zu werden und dem Wunsch, den Anderen nicht dem schrecklichen Alleinsein zu überlassen. Wir haben füreinander den Respekt und die Zärtlichkeit eines alten Paares; Luca hilft mir wortlos; Alter und Todesnähe vereinen uns, welche Bitterkeit zu sterben, welche Süssigkeit, geliebt zu haben, noch zu lieben.
Am Abend sitze ich am grossen Tisch, er bleibt schon nicht mehr stehen, während ich esse, sitzt auch nicht mehr etwas fern von mir, sondern zu meiner Linken, an der Längskante des grossen Tisches, nachlassende Augen und Ohren lassen uns näherzurücken. Wir trinken Kaffee, und endlich kann ich fragen, "Luca, an jenem ersten Abend, warum hast Du Dich mir so bereitwillig hingegeben; weil ich der Herr war, oder war da auch ein bisschen Begierde?"
"Soviel Begierde, Herr, gab es da; Ihr wart jung, stark, grossgewachsen, schön, in Euren amerikanischen Kleidern, teuren Bergschuhen, blonden, gutgeschnittenen Haaren, nie hätte ich geglaubt, dass ich je einen Mann wie Euch auch nur berühren dürfte. Ihr wart schön. Doch was für eine lächerliche Liebe konnte das sein, zwischen einem stinkenden Ziegenhirt und Euch studiertem Herrn; besser, nicht daran zu glauben, besser, ein glücklicher Diener zu sein als ein unglücklicher Geliebter."
"Und warum hast Du mich dann für Gianni verlassen?"
"Gianni war das Leben und die Liebe, die mir das Schicksal bestimmt hatte."
Und das erzählte er mir noch: Im Militär fuhren Gianni und er mit der Eisenbahn nach Ostia, um einmal das Meer zu sehen.