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Nachweis zu führen, ob die Krankheit vorwiegend das Mittelohr oder das Labyrinth betroffen hat.
Die Ohrenkrankheiten entstehen entweder direkt im Ohr [* 2] oder werden von krankhaft alterierten Nachbarorganen (äußere Haut, [* 3] Schleimhaut des Nasenrachenraums u. a.) auf jenes fortgeleitet; nicht selten sind sie Folge allgemeiner Konstitutionskrankheiten, insbesondere der Skrofulose, Tuberkulose und Syphilis. Man pflegt sie nach ihrem Sitz in Krankheiten des äußern, des mittlern und des innern Ohrs einzuteilen; die wichtigsten sind folgende:
1) Die Ohrblutgeschwulst (Othämatom, Haematoma auriculare), eine mehr oder minder große, pralle umschriebene, deutlich schwappende Geschwulst unter der Haut der Ohrmuschel, die durch einen Bluterguß infolge einer vorausgegangenen Verletzung, mitunter aber auch aus freien Stücken entsteht und häufig bei Geisteskranken, seltener bei völlig Gesunden beobachtet wird. Sich selbst überlassen, trocknet das Blut allmählich ein und es bleibt dann eine Verhärtung und Verunstaltung der Ohrmuschel zurück. Die beste Behandlung besteht in der Entleerung des angesammelten Blutes durch einen Einschnitt und der Anlegung eines Druckverbandes.
2) Die Verstopfung des äußern Gehörgangs durch angehäuftes und eingetrocknetes Ohrenschmalz, ein sehr häufiges Übel, welches gewöhnlich Schwerhörigkeit und Ohrensausen, oft auch Kopfschmerzen und Schwindel zur Folge hat. Derartige Ohrenschmalzpfröpfe müssen durch wiederholte Einträufelungen von schwachen alkalischen Lösungen erweicht und sodann durch vorsichtiges Einspritzen von lauwarmem Wasser entfernt werden.
3) Die Entzündung des äußern Gehörgangs (Otitis externa) tritt in zwei verschiedenen Formen auf, als umschriebene Entzündung oder Furunkulose des Gehörgangs und als ausgebreitete Entzündung des ganzen Gehörgangs. Im erstern Fall findet sich der Gehörgang mit kleinen, bei Berührung intensiv schmerzenden Schwären (Furunkeln) besetzt, welche heftige Ohrenschmerzen, leichte Schwerhörigkeit und mitunter selbst mäßiges Fieber erzeugen und eine große Neigung zu Rückfällen besitzen; Blutarmut und Bleichsucht scheinen ihre Entwicklung zu begünstigen. Die Behandlung besteht in feuchtwarmen Überschlägen über das Ohr, Einlegen von entwässerten Speckstückchen oder schmerzstillenden und antiseptischen Salben in den Gehörgang, bei sehr heftigen Schmerzen in einem kleinen Einschnitt. - Bei der ausgebreiteten Entzündung des äußern Gehörgangs ist der letztere in seinem ganzen Verlauf geschwollen und gerötet, dabei bestehen heftige, bohrende, nach Kopf und Hals ausstrahlende Schmerzen im Ohr und Schwerhörigkeit und nach wenigen Tagen stellt sich ein erst heller, dann schleimiger, schließlich gelblich eiteriger Ohrenfluß ein.
Die häufigste Ursache dieser Entzündung sind Erkältungen (durch kalte Zugluft, Eindringen von kaltem Wasser u. s. w.). Behandlung: öfteres Einträufeln von warmem Wasser in den Gehörgang (sog. Ohrbäder), bei heftigen Schmerzen Blutentziehungen, Bettruhe und Abführmittel;
späterhin Einlegen von Salicylwatte und Einträufelungen von adstringierenden Lösungen.
Über die im äußern Gehörgang vorkommenden Fremdkörper und die beste Art ihrer Entfernung s. Fremdkörper.
4) Ohrpolypen, mehr oder minder umfangreiche, rote, kolbige, bald breit aufsitzende, bald dünn gestielte Schleimhautwucherungen, die den äußern Gehörgang ausfüllen und hochgradige Schwerhörigkeit sowie übelriechenden eiterigen Ohrenfluß zur Folge haben. Sie entstehen meist im Verlauf chronischer Ohreiterungen und werden am besten durch Abbinden, [* 4] Abquetschen oder durch Ätzmittel entfernt.
5) Die Entzündung des Trommelfells (Myringitis), meist Folge von Erkältung, giebt sich durch heftige reißende Schmerzen in der Tiefe des Ohrs, durch Schwerhörigkeit und Ohrensausen sowie durch Schwellung und dunkle Rötung des Trommelfells zu erkennen und führt, sich selbst überlassen, entweder zur Durchbohrung des Trommelfells mit nachfolgender eiteriger Entzündung der Paukenhöhle oder zur schwieligen Verdickung und Trübung des Trommelfells. Wie bei allen Ohrenkrankheiten ist auch bei der Trommelfellentzündung eine sorgfältige ärztliche Behandlung unerläßlich. Zerreißungen des Trommelfells können durch starken Schall [* 5] (Kanonenschuß), durch einen Schlag auf das Ohr oder durch Einbohren spitzer Gegenstände (Nadeln, [* 6] Federhalter, Strohhalme u. dgl.) entstehen und machen unter Umständen das Einlegen eines künstlichen Trommelfells erforderlich.
6) Die Entzündung oder der Katarrh des Mittelohrs oder der Paukenhöhle (Otitis interna), eins der häufigsten Ohrenleiden, besteht in einer Schwellung und vermehrten schleimigen oder eiterigen Absonderung der Paukenhöhlenschleimhaut und entsteht entweder von freien Stücken, nach Erkältungen und Durchnässungen oder durch Fortpflanzung katarrhalischer Affektionen des Nasenrachenraums durch die Ohrtrompete hindurch nach der Paukenhöhle oder endlich im Verlauf gewisser Infektionskrankheiten, namentlich von Masern, Scharlach, Pocken, Diphtheritis und Syphilis.
Der akute Mittelohrkatarrh giebt sich durch plötzlich eintretende Schwerhörigkeit, Ohrensausen und heftige Ohrenschmerzen zu erkennen; bei zweckmäßiger Behandlung erfolgt meist vollständige Genesung, wogegen im andern Fall die Krankheit leicht in die chronische Form übergeht, welche meist einen sehr langwierigen Verlauf nimmt und die häufigste Ursache der Schwerhörigkeit und Taubheit ist. Die Ausgänge des chronischen Mittelohrkatarrhs sind Verdickungen und Wulstungen der Paukenhöhlenschleimhaut, Zerstörung des Trommelfells und der Gehörknöchelchen, chronischer, meist übelriechender Eiterausfluß aus dem Ohr (Ohrenfluß, Ohreiterung), Verengerung und Verwachsung der Ohrtrompete und ähnliche Veränderungen, durch welche das Hörvermögen gänzlich vernichtet werden kann; ja bei Vernachlässigung vermag die eiterige Entzündung des Mittelohrs sogar Knochenfraß des Felsenbeins und durch Fortpflanzung der Eiterung auf die Gehirnhäute und das Gehirn [* 7] einen tödlichen Ausgang herbeizuführen.
Daher erfordert die Krankheit durchaus die Beratung eines tüchtigen Ohrenarztes; die wichtigsten Mittel gegen sie sind Lufteinblasungen durch den Katheter [* 8] oder das Politzersche Verfahren, Einschnitte in das Trommelfell, um den angesammelten Schleim oder Eiter aus der Paukenhöhle zu entfernen, sowie Einträufelungen desinfizierender und adstringierender Lösungen. Mitunter kommt es im Verlauf der chronischen Mittelohreiterung sowie bei Karies des Knochengewebes zur Ansammlung von Eiter und verkästen Massen im Warzenfortsatz; in solchen Fällen ist, um ¶
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dem gefährlichen Durchbruch des Eiters nach der Schädelhöhle vorzubeugen, eine operative Eröffnung des Warzenfortsatzes dringend angezeigt, damit dem angesammelten Eiter und den nekrotischen Knochenteilchen ein Weg nach außen gebahnt wird.
7) Die nervöse Schwerhörigkeit und nervöse Taubheit, welche auf Erkrankungen des innern Ohrs oder Labyrinths oder des Gehörnervs oder seiner Ursprungsstelle im Gehirn beruhen, entstehen am häufigsten nach andauernder Überreizung der Gehörnerven, nach heftigen Erschütterungen des Ohrs und starken Gemütsbewegungen, mitunter auch nach schweren fieberhaften Krankheiten, nach der Anwendung von großen Gaben Chinin und Salicylsäure sowie im Verlauf mancher chronischer Nervenleiden (Hypochondrie, Hysterie). Mitunter leistet gegen dieses Leiden [* 10] die Anwendung des galvanischen Stroms gute Dienste. [* 11] Manche Erkrankungen des Hörnervenapparats sind mit einem eigentümlichen, zuerst von dem franz. Arzt Menière beschriebenen Symptomenkomplex, bestehend aus Ohrensausen, Schwindel, Erbrechen und Unsicherheit des Ganges, verbunden. (S. Menièresche Krankheit.)
Litteratur. Hagen, [* 12] Das Ohr und seine Pflege im gesunden und kranken Zustande (Lpz. 1872);
Erhard, Vorträge über die Krankheiten des Ohrs (ebd. 1875);
von Tröltsch, Lehrbuch der Ohrenheilkunde (7. Aufl., ebd. 1881);
Politzer, Lehrbuch der Ohrenheilkunde (3. Aufl., Stuttg. 1893);
Schwartze, Lehrbuch der chirurg. Krankheiten des Ohrs (ebd. 1885);
Urbantschitsch, Lehrbuch der Ohrenheilkunde (3. Aufl., Wien [* 13] 1890);
Bing, Vorlesungen über Ohrenheilkunde (ebd. 1890);
Cozzolino, Hygieine des Ohrs (deutsch von Fink, Hamb. 1891);
Handbuch der Ohrenheilkunde, hg. von Schwartze (2 Bde., Lpz. 1892-93);
Jacobson, Lehrbuch der Ohrenheilkunde sebd. 1893).