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In seiner «Strategie Nachhaltige Entwicklung 2030» (Vernehmlassungsvorlage) nennt der Bundesrat die Chancengleichheit als eines von drei Schwerpunktthemen. Dazu gehöre, «diskriminierende Barrieren, die sich aus der sozioökonomischen oder geographischen Situation oder aus Aspekten der sozialen, kulturellen und persönlichen Identität ergeben, zu beseitigen».
Die Akademien der Wissenschaften Schweiz begrüssen in ihrer Stellungnahme zur Strategie die Wahl dieses Schwerpunktthemas und seine Stossrichtung. Sie betonen aber auch, dass sich Bildung in einer Wissensgesellschaft wie der Schweiz stark auf die übrigen Sozialziele der Agenda 2030 («Armut beenden», «Gleichstellung der Geschlechter» oder «Ungleichheit verringern») auswirke. Hier habe das hiesige Bildungssystem Aufholbedarf, attestierte Markus Zürcher Ende Februar in einem Beitrag im SAGW-Blog: Es selektioniere stark und trage nicht zur Chancengleichheit bei.
Aktuelle Beispiele aus der Forschung zu sozialer Mobilität
Das Thema ist nicht neu. Die Diskussion über soziale Mobilität und Chancengleichheit im Bildungssystem läuft seit Jahrzehnten – und wird gerade heute intensiv fortgeführt. Drei Beispiele aus der aktuellen Forschung zeichnen ein vielstimmiges und durchaus kontrastreiches Bild:
- Daniel Oesch (Lausanne) und Benita Combet (München) untersuchen in ihrer Kohorten-Studie «The social-origin gap in university graduation by gender and immigrant status» (November 2020) die Bildungswege von Jugendlichen, die im Jahr 2000 an der ersten Pisa-Studie teilgenommen hatten. Ihre Resultate zeigen unter anderem: Von den Jugendlichen, die mit 16 Jahren dieselben Schulnoten hatten, im Pisa-Test gleich abschnitten und im selben Sekundarschul-Typus lernten, verfügten jene aus der obersten sozialen Schicht zehn Jahre später doppelt so häufig über einen Uni-Abschluss wie jene aus der untersten sozialen Schicht. In einem Artikel in der Neuen Zücher Zeitung (Paywall) beschreibt Daniel Oesch vier Reformen, mit denen diese Chancenungleichheit verringert werden könnten: 1. Vorschulische Bildung und Betreuung fördern; 2. Kinder erst später in Schultypen aufteilen; 3. Berufsmatura stärken; 4. Kantonale Quoten bei der gymnasialen Maturität anheben.
- Christoph A. Schaltegger und Melanie Häner (beide Luzern) weisen in ihrem Working Paper «The Name Says It All. Multigenerational Social Mobility in Switzerland, 1550-2019» (Februar 2021) darauf hin, dass kurzfristige Betrachtungen des gesellschaftlichen Erfolgs von einer Generation zur nächsten für die Beurteilung der sozialen Mobilität trügerisch sei. Viele Studien zur sozialen Mobilität und zur sozialen Selektion im Bildungswesen würden das Phänomen zu statisch betrachten. Der Einfluss der Grosseltern auf den Erfolg der gegenwärtigen Generation beispielsweise verwässere sich bereits um die Hälfte und für die Urgrosseltern bestehe gar keine statistisch zuverlässige Abhängigkeit mehr. Die Autoren grenzen sich mit diesem historischen Zugang bewusst auch von Studien und Berichten zur sozialen Selektivität ab wie jenem des Schweizerischen Wissenschaftsrats von 2018.
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Der bekannte US-amerikanische Philosoph Michael Sandel befasst sich in seinem neusten Werk «Vom Ende des Gemeinwohls» (September 2020; im englischen Original: «The Tyranny of Merit») mit der Meritokratie, die er als die Grundlage unseres heutigen Wertesystems versteht. Sandel sieht in der Meritokratie, die auf Leistung, Bildung, Qualifikation setzt, eine eigentliche Selektionsmaschine. Daniel Binswanger fasste es in einem rezensierenden Essay im Online-Magazin Republik so zusammen:
Es geht darum, den Zugang zu Schulen, Studienplätzen, Ausbildungsstellen für alle Minderheiten zu gewährleisten. Das ist absolut richtig und legitim. Aber jede Verbesserung der Selektion affirmiert das Prinzip der Meritokratie.
Sie mache Bildung als soziales Selektionskriterium noch legitimer – und die Meritokratie letztlich noch meritokratischer.