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1987 wurde in St. Gallen die Stadtautobahn eröffnet. Dem offiziellen Festakt gingen intensive politische und stadtplanerische Auseinandersetzungen voraus. Gleichzeitig erregten verkehrsberuhigende Massnahmen (Fahrbahnverengungen, Einbau von Schwellen) in der Stadt die Gemüter aufs Äusserste. Als Historiker mit sozialistischem und marxistischem Hintergrund hatte ich immer wieder versucht, ideologische Erklärungen für die Heftigkeit der Debatten um Autos, Geschwindigkeit und Strassenbau zu finden.
In der St. Galler Buchhandlung «Comedia» stiess ich dann auf ein unscheinbares Büchlein mit einem Titel, der dem Doppelalbum «Autobahn» der deutschen Elektro-Pop-Band «Kraftwerk» entnommen war. Es wurde für mich zu einer intellektuellen Offenbarung. Was der damals 46-jährige französische Philosoph, Architekt, Urbanist und Bunker-Archäologe auf wenigen Seiten darlegte (und von dem ich vielleicht die Hälfte verstand) war nicht weniger als eine Neuinterpretation der Geschichte. Nicht mehr der Besitz der Produktionsmittel war entscheidend für die Entwicklung der Klassen, sondern die Geschwindigkeit. Virilio nannte seine Theorie «Dromologie» (Wissenschaft von der Geschwindigkeit, von altgriechisch «dromos»: Rennbahn) und untersuchte in allen Epochen die Transportgeschwindigkeit, die Geschwindigkeit der Geschosse, die Geschwindigkeit der Nachrichtenübertragung.
Bisher schon bekannte Schlüsselmomente und -technologien der Geschichte bekamen plötzlich eine neue Bedeutung: die Domestizierung des Pferdes, das transatlantische Segelschiff, die Dampfmaschine, die napoleonischen Eilmärsche, die Maxim Gun, die Erfindung des Panzers, die Aviatik, das Atomunterseeboot, die Nachrichtenübertragung per Satellit. Und auch bedeutende Kunstwerke und -strömungen erschienen in neuem Licht: Turners Gemälde Rain, Steam and Speed und The Fighting Temeraire Tugged to Her Last Berth to be Broken Up, Rudolf Kollers Gotthardpost, Lang/Schneebergers Der letzte Postillion vom Gotthard, Giacomo Ballas Costruzione scultorea di rumore e velocità sowie Filippo Tommaso Marinettis Futuristisches Manifest.
Für eine Zeitlang wurde ich Dromologe. So vieles an politischem und gesellschaftlichem Alltag liess sich besser verstehen, wenn man mit Virilio dachte und ihn weiterdachte: der Kampf gegen die Abschaffung der Kavallerie, die «Mobilmachung» der Schweizer Armee, die Vorliebe von Männern für schnelle Autos und Formel-1-Rennen, die Emotionen gegen «Tempo 100» und «Tempo 30». Und als sich vor allem die Nachrichten- und Datenübertragung im Computer- und Internetzeitalter (von dem der Virilio von Fahren, fahren, fahren … noch nichts gewusst hatte) nochmals in beinah unfassbarem Ausmass beschleunigte, war Virilios Theoriegebäude oder Denkansatz eine wertvolle Hilfe. Kein Zufall, dass der Meister sich zu dieser neuesten Beschleunigung der Welt pointiert und kritisch geäussert hat, und zwar schon 1996. Sein Gespräch mit Philippe Petit «Cybermonde, la politique du pire» (2011 auf Deutsch im Merve Verlag unter «Cyberwelt, die wissentlich schlimmste Politik» herausgekommen) weiss noch nichts von SMS, MMS, Smartphones, Facebook und Twitter und ist dennoch klüger und moderner als so vieles, was heute in Feuilletons und Sonntagszeitungen zusammengeschrieben wird.
Zur Eröffnung der Stadtautobahn schrieb ich mit Virilio im Hinterkopf das Ein-Mann-Kabarett-Stück Geschwindigkeit – Faschismus – Autobahn. Es löste am Stadttheater St. Gallen einen Skandal aus, kam mehrmals zur Aufführung und war mein kleiner Beitrag zur Verbreitung der dromologischen Sichtweise in der Schweiz. Genosse Bruno Margadant, Plakatsammler und «in der Wolle gefärbter Kommunist» (Berthold Rothschild an der Abdankungsfeier), war skeptisch und brummte nur: «Das ist doch nicht dein Ernst, dass man jetzt die Welt nur mit der Geschwindigkeit erklären kann!» Selbstverständlich hatte er Recht.
Paul Virilio: Fahren, fahren, fahren …. Berlin: Merve Verlag, 1978.