Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03099.jsonl.gz/1244

Roland Vocat, Neuropsychologe im Spital Siders, beantwortet einige Fragen zum Gedächtnis, das für die richtige Arbeitsweise des Gehirns entscheidend ist.
Ich habe oft Erinnerungslücken. Ist das ein schwerwiegendes Problem?
In einem gewissen Rahmen vergessen alle Menschen manchmal etwas. Meistens treten diese Erinnerungslücken in Momenten einer Unaufmerksamkeit auf, während denen die Information nicht gespeichert werden kann. Seltener handelt es sich um wirkliche Gedächtnisstörungen. Es ist alles eine Frage der Häufigkeit und des Schweregrads. Wenn man einmal pro Woche vergisst, wo man die Autoschlüssel oder die Brille hingelegt hat, ist dies eher harmlos. Wenn man hingegen zwei- oder dreimal am gleichen Tag vergisst, wo und um welche Zeit man sich am kommenden Tag verabredet hat, ist das schon besorgniserregend und man sollte seinen Hausarzt aufsuchen.
Kann man sein Gedächtnis trainieren?
Das Gedächtnis ist kein Muskel, den man trainieren kann, um seine Kapazität zu erhöhen. Es existieren jedoch mnemotechnische Mittel, um die Speicherung gewisser Informationen zu erleichtern. Zum Beispiel kann man sich den Namen einer Person merken, indem man ihn mit einer ihrer körperlichen Merkmale (real oder ausgedacht) in Verbindung setzt. Man kann sich auch an eine Liste mit geplanten Tätigkeiten erinnern, indem man sich ein geistiges Bild einer Strecke bildet, die man abläuft. Im Übrigen ist für das Lernen eine ruhige und ablenkungsfreie Umgebung wichtig. Zudem sollte man vermeiden, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun. Die Benutzung von Hilfsmitteln, wie Notizen in einem Kalender oder in einer Agenda, bildet ebenfalls eine Möglichkeit, sein Gedächtnis zu unterstützen.
Was ist schlecht für das Gedächtnis?
Gewisse Aspekte des täglichen Lebens können unsere Gedächtnisleistung negativ beeinflussen:
- Schlafmangel
- schlechte Ernährung
- exzessiver und anhaltender Alkoholkonsum
- hohes Stressniveau (in Verbindung mit emotionalen Ereignissen oder mit einer starken Arbeitsbelastung)
- psychologische Beschwerden (z.B. Depression, Angst)
- Einnahme gewisser psychotroper Medikamente oder Schlafmittel
Auch gewisse zerebrale Erkrankungen können zu Gedächtnisstörungen führen (z.B. Schlaganfall, Schädel-Hirntrauma, neurogenerative Erkrankung, …). Im Zweifelsfall ist es wichtig, mit seinem Hausarzt darüber zu sprechen.
Wie läuft eine Gedächtnissprechstunde ab?
Nach einer Konsultation des Hausarztes kann ein Patient zu spezifischeren Tests in einer Gedächtnissprechstunde eingeladen werden. Diese Sprechstunde dauert rund 1:30 Stunden und besteht aus zahlreichen Tests in verschiedenen kognitiven Bereichen: Gedächtnis, Aufmerksamkeit, Organisation, Denken, Sprache sowie konstruktive und perzeptive Fähigkeiten.
Die Tests werden anhand des Alters des Patienten ausgewählt. Seine Leistungen werden mit denjenigen von Personen desselben Alters und derselben Ausbildung verglichen. Mit diesem Vergleich kann objektiv bestimmt werden, ob die Person unter kognitiven Problemen leidet oder nicht. Häufig wird im Einverständnis mit dem Patienten ein Gespräch mit einem Angehörigen organisiert, um präzisere Informationen über die Entwicklung der Probleme zu erhalten. Dieses Gespräch bietet ebenfalls die Gelegenheit für allfällige Ratschläge in Bezug auf den Alltag.
Sind Sie an diesem Thema interessiert? Dann lesen Sie ebenfalls “Alzheimer: Lässt das Gedächtnis nach, leiden alle“