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Ausgabe 49/2018
Grosskotzig und mies
Im Deutschen haben über 1000 Redewendungen und Wörter einen jiddisch-hebräischen Ursprung. Viele sind sich dessen nicht bewusst, wenn sie von mies, Tacheles oder Stuss sprechen.
Seit den 1980er-Jahren hat der Jiddismus «Tacheles» Hochkonjunktur bei Journalisten. Der Spiegel berichtete 1980: «Israels Premierminister Menachem Begin redete gleich Tacheles.» Die Augsburger Allgemeine berichtete 2012: «Jetzt spricht die Rating-Agentur Moody’s wieder Tacheles.» Und der Schriftsteller Hans Christoph Buch schrieb 2016 in der Welt: «Beim Frühstücksgespräch mit nigerianischen Journalisten wird Tacheles geredet.» Die Popularität des Wortes ist relativ neu. Tacheles steht für «Klartext reden», in dem Sinne, den auch der Duden umschreibt: «unverhüllt, ohne falsche Rücksichtnahme seine Meinung sagen.» Der ehemalige Nationalmannschafts und FC-Bayern-Kapitän Philipp Lahm forderte laut Süddeutscher Zeitung «von seinem mancherorts ja als reichlich grosskotzig empfundenen Verein mehr als plumpe Millionentransfers: eine Philosophie, eine fussballerische Identität».
Charles Lewinsky schildert in seinem 2016 erschienenen Roman «Andersen» ein Renkontre mit einem arroganten Oberkellner: «Und als Helene den Herrn Grosskotz um ein Schüsselchen und einen Löffel für Jonas’ mitgebrachten Fertigbrei bat, da hat er die Sachen nur demonstrativ widerwillig gebracht.» Was heisst hier grosskotzig? Die meisten Wörterbücher nennen für das Adjektiv statt einer semantischen Bestimmung Synonyme wie angeberisch, grossspurig, prahlerisch, überheblich oder wichtigtuerisch und charakterisieren es als salopp abwertend. Auffällig ist, dass sich das Wort in Berlin besonderer Beliebtheit erfreut. Mit Brechreiz hat das Wort, auch wenn es danach klingt, nichts zu tun. Es ist aus dem Jiddischen über das Rotwelsche ins Deutsche gelangt. Abraham Tendlau verdeutlicht in «Jüdische Sprichwörter und Redensarten» (1860) die etymologische Herkunft: Kozen, Kazin heisst biblisch: Richter, Führer, Fürst – im späteren Hebraismus wird damit ein reicher Mann charakterisiert: ein dicker, fetter Kozen. Bei Tendlau werden auch etliche Sprüche über Wohlhabende genannt, etwa: «Mer soll sein letscht Hemd dran wende’, um e Kozin zu werde.»
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