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Seit mehreren Jahrzehnten liegen die Corporate Governance-Standards in Südkorea den internationalen Investoren auf dem Magen.
Viele Märkte in unmittelbarer geografischer Nähe zu Südkorea waren bestrebt, ihre Governance-Standards zu verbessern. Nicht zuletzt, um sich für ausländische Investoren attraktiver zu machen. Nun tut es Südkorea ihnen gleich.
Präsident Park übernahm sein Amt 2013 und versprach, die "Chaebols" zu reformieren. Chaebols sind die politischen und wirtschaftlichen Eliten des Landes, die einen beträchtlichen Teil der Vermögenswerte in Südkorea kontrollieren. Bei den sich nachfolgend abschwächenden Konjunkturaussichten wurde jedoch schnell klar, dass sich Park‘s Vorhaben nicht in die Tat umsetzen lassen würde. Präsident Park wurde Anfang 2017 im Zusammenhang mit einem politischen Skandal angeklagt. Darin verwickelt waren unter anderem hochrangige Regierungsvertreter und Wirtschaftsführer, darunter Lee Jae-yong, der stellvertretende Leiter der Samsung Group. Die darauffolgende öffentliche Empörung führte dazu, dass Moon Jae-in zum Präsidenten ernannt wurde. Auf dessen Fahne stand wiederum die Reform der Chaebols. Zu den kürzlich vorgeschlagenen chaebolischen Reformen gehören der Schutz von Minderheitsaktionären, die Stärkung der Befugnisse von Regulierungsbehörden wie der Fair Trade Commission (FTC) und die Klärung von Fragen rund um die Eigentümerstruktur.
Im Jahr 2016 wurde der koreanische Stewardship Code eingeführt. Während der Kodex zunächst nur vergleichsweise schleppend angenommen wurde, hat der grösste Investor des Marktes, der National Pension Service (NPS), den Stewardship Code übernommen. Andere Investoren am lokalen Markt folgen diesem Beispiel und treiben mit Hilfe von Engagement die Optimierungsprozesse der Unternehmensführungen voran. Mittlerweile gibt es über 50 Unterzeichner des Kodex. Eine weitere wichtige Änderung ist die Abschaffung von "Schattenabstimmungen". Diese Massnahme verhindert die Stimmabgabe von nicht beaufsichtigten Aktien, die beim Korea Securities Depositary registriert sind. Die Abschaffung der Schattenabstimmung sowie die zunehmende Einführung elektronischer Abstimmungssysteme durch Unternehmen dürften zu einer erhöhten Sensibilität für Stimmen von Minderheitsinvestoren führen. Das ist insbesondere im Hinblick auf die Unternehmensführung eine positive Entwicklung.
die nicht am täglichen Geschäftsbetrieb beteiligt sind.
Insgesamt sind wir nach wie vor der Ansicht, dass die südkoreanischen Corporate-Governance-Standards zumindest auf dem Papier weitgehend den angloamerikanischen Best Practices entsprechen. In der Theorie werden in Südkorea Eigentum und Kontrollmechanismen strikt voneinander getrennt. In Wirklichkeit war diese Gewaltenteilung jedoch bisher nicht viel mehr als eine Illusion. Kreisförmige Holdingstrukturen und mangelnde Effektivität des Vorstands, wenn es um den Schutz von Minderheitsaktionären geht, sind die Hauptgründe für den "Korea Discount". Zirkuläre Eigentumsstrukturen prägen seit langem den südkoreanischen Markt, wobei Chaebols mit einem relativ kleinen Aktienanteil ein gesamtes Konglomerat kontrollieren können. Niedrige Dividendenausschüttungen und Governance-Praktiken, die die Eigentümerfamilie auf Kosten gewöhnlicher Investoren bevorzugen, haben das bewiesen. Die Regierung versucht nun, problembehaftete Eigentumsstrukturen - die Kontrollschwierigkeiten verschärfen könnten - aufzulösen. Bisher wurden jedoch nur Reformen auf freiwilliger Basis eingeführt. Während diese schrittweise umgesetzt werden, gibt es weiterhin eine Reihe von kreisförmigen Eigentümerstrukturen, wovon die Samsung Group und die Hyundai Group die leistungsfähigsten sind.
Im Gegensatz zu vielen anderen Märkten auf der ganzen Welt ist es in Südkorea zwingend erforderlich, dass die Vorstände grosser Unternehmen eine Mehrheit von "externen" Verwaltungsratsmitgliedern haben. Für kleinere Unternehmen liegt dieser Richtwert bei rund einem Viertel. Diese Externen sind Personen, die nicht am täglichen Geschäftsbetrieb beteiligt sind. Sie ähneln den leitenden Verwaltungsratsmitgliedern in einem britischen Vorstand. Wie bereits erwähnt, vermittelt dies zwar den Eindruck eines gut strukturierten Boards, die Realität sieht jedoch anders aus. Auf dem Markt besteht die Tendenz, dass ein grosser Teil der „Externen“ entweder aus der Wissenschaft oder aus dem öffentlichen Dienst ernannt wird. Diesen Personen fehlt oft die Geschäfts- und Führungserfahrung, um das Management angemessen zu hinterfragen.
Die Erwartung, dass in so einem Markt bedeutende Veränderungen schnell eintreten, ist ambitioniert; aber die gesellschaftlichen und politischen Triebkräfte für Reformen sind stark.
Im Jahr 2019 werden grosse Unternehmen verpflichtet sein, einen Corporate-Governance-Bericht vorzulegen, der die Unternehmensstruktur, das interne Risikomanagement sowie weitere Bereiche der Unternehmensführung abdeckt. Die Mehrheit der grossen Unternehmen erstellt derzeit einen freiwilligen Report. Dieser Schritt könnte den Investoren einen besseren Einblick in die Funktionsweise eines Unternehmens ermöglichen. Im November 2018 traten auch Richtlinien für Prüfungsausschüsse in Kraft. Dies ist ein weiteres positives Signal für den Markt. Der Wirksamkeitsnachweis für neue Richtlinien liegt jedoch immer in deren Umsetzung. Lokale Investoren spielen bei der Umsetzung des koreanischen Stewardship Code eine wichtige Rolle. Ein verstärktes lokales Engagement sollte zu einer erhöhten Bereitschaft der Unternehmen führen, sich mit internationalen Investoren zu treffen. Das wiederum dürfte insgesamt zu mehr Transparenz führen. Im Laufe der Zeit könnten verbesserte Governance-Standards zu einer Verringerung des "Korea Discount" führen. Während die Hoffnungen internationaler Investoren in der Vergangenheit oft enttäuscht wurden, ist es jetzt an der Zeit, die Forderung nach einer echten Governance-Reform zu platzieren. Wenn nicht jetzt, wann dann?