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Wie oben erwähnt, präsentiert sich das Haus als verputzter Zwei-Flügel-Bau mit winkelförmigem Grundriss. Das ist, wie gesagt, nicht der ursprüngliche Zustand. Nachfolgend stellen wir mehrere Thesen zur frühen Baugeschichte vor; zuvor aber eine Zusammenfassung in Form einer Tabelle:
Um 1690: Gerber Hans Hauser lässt «ob der Krone» ein Satteldachhaus in Sichtfachwerk bauen, mit einer Gerberwerkstatt im leicht abgetieften Erdgeschoss und Wohnungen in den zwei Obergeschossen. 18. Jahrhundert: Der dreiachsige Kernbau wird bergwärts (westwärts) um zwei Achsen erweitert. Möglicherweise wird der Riegel noch in diesem Jahrhundert verputzt.
1807: Der erfolgreiche Gerber Johannes Hauser-Steffan (1876–1841) erweitert das Haus um einen Nordflügel und gestaltet auch das Vorderhaus um; spätestens jetzt wird der Riegel verputzt.
3.1 Anbau Nordflügel
Die wichtigste Veränderung des Talgartens besteht in der Erweiterung eines traufständig zur nachmaligen Gerbestrasse stehenden Giebelhauses durch einen Nordtrakt mit quer zum First des Haupthauses verlaufendem Giebel.
Seeseitige Front des Talgartens. Beim übergiebelten Trakt handelt es sich um die Flanke des Haupt- oder Vorderhauses, beim traufständigen Trakt rechts um den später – wohl 1807 – angefügten Nordflügel. Aufriss von 2002, von Dieter Weber (architekturwerkstattweber) für Donato Pisanelli (StadtAW 3599/02). An dieser Stelle interessiert der Plan nicht wegen der Umbauvorhaben (dazu unten), sondern als Aufnahmeplan.
Dass dieser Trakt nachträglich angefügt wurde, legt zunächst die Tatsache nahe, dass das Haus in der Dorfansicht Islers von ca. 1770 bloss aus einem Satteldach-Baukörper besteht.
Aufrissartige Vedute von Wädenswil vom See her, um 1770 von Alt-Wächter Johannes Isler (Zentralbibliothek Zürich). Ausschnitte mit dem Bereich des Gessnerwegs und der Gerbestrasse (beide Namen jünger als der Plan). Die Legende zur Ziffer 22 lautet «bey der Kronnen», also dürfte mit dem Komplex rechts von der Zahl der alte Gasthof Krone gemeint sein (heute bergseitiger Teil des Kronenblocks, Seestrasse 112). Woraus wir wiederum schliessen, dass es sich bei den zwei Giebelhäusern ob der Krone um den Vorläufer des Goldschmied-Hess-Hauses (Ecke Gerbe-/Seestrasse, abgebrochen) und um den Talgarten handelt.
Aber auch stilistische Eigenheiten wie der klassizistische Portalrahmen weisen auf eine spätere Entstehungszeit des Nordflügels.
Nun befindet sich ja an einem rückseitigen Kellerfenster ein Schlußstein mit der Inschrift «JHH/1807». Man hat angenommen, dass sich die Jahrzahl auf den Bau des Nordflügels beziehe; damals wäre dieser vom Gerber Johannes Heinrich Hauser («JHH») erstellt worden (Ziegler 1961). Diese These ist selbst dann vernünftig, wenn sich – was denkbar ist – der Schlussstein urprünglich am Vorderhaus befunden hat.
3.2 Geschichte Vorderhaus These I: Sichtfachwerk bis 1830er Jahre?
In Bezug auf das Haupt- oder Vorderhaus ist die wichtigste Frage, ob es ursprünglich – wie die meisten dörflichen Bauten des 17. Jahrhunderts – aus Sichtfachwerk bestand, und wenn ja, wann dieses verputzt wurde.
Auf Fachwerk weisen zunächst die erwähnten Stuckkonsolen an der Dachuntersicht der seeseitigen Giebelfront. Es sind ihrer vier, je eine am unteren Ende der Dachkehlen, je zwei auf halber Höhe. Es handelt sich um zylindrische Gebilde, die vielleicht als gerolltes Blattwerk gedacht sind, greifen sie doch mit blattförmigen Zungen auf die Untersichtskehle aus. Mit Recht hat man angenommen, dass es sich um Pfettenköpfe handelt, die mit Gips überzogen wurden; dazu passt auch, dass von den unteren Konsolen geweisste Flugsparren abgehen.
Seeseitiger Giebel des Talgartens: Stuckverkleidung von Holzbügen in Form von gerolltem Blattwerk, mit volutenförmiger Stirn. Links Zustand 1981 (Fotos Gebäudeinventar, Nr. 299), rechts Zustand nach Erneuerung (Aufnahme Oktober 2022).
Oskar Schaub hat 1950 angenommen, nur gerade der Ostgiebel habe einst aus Fachwerk bestanden, der Rest sei gemauert gewesen (Schaub 1950, S. 14). Dem ist aber nicht so; das ganze Vorderhaus bestand aus Sichtfachwerk, mit Ausnahme allenfalls der bergseitig-westlichen Giebelfassade. Der Beweis dafür ist eine Fotografie, die 1925 oder kurz danach anlässlich einer Erneuerung des Putzes entstanden ist.
Der Talgarten mit Baugerüst und freigelegtem Fachwerk. Das wichtigste Indiz für die Datierung der Fotografie ist der Balkon an der Giebelfassade, oberhalb des Karrens: er wurde erst 1925 hierher versetzt. Möglichweise wurde gleichzeitig mit dieser Versetzung auch der Verputz des Hauses erneuert; in diesem Fall wäre die Fotografie 1925 entstanden. Foto Privatbesitz Walter Hunziker.
Das Verputzen von Fachwerk ist an sich charakteristisch für das 19. Jahrhundert, insbesondere für das letzte Drittel. Bezüglich Talgarten gibt es im Brandkataster Hinweise auf das Baumaterial und auf Änderungen der Bauweise.
In einer ersten, 1809 angelegten Brandkataster-Tabelle wird das Haus als hälftig aus Mauer-, hälftig aus Riegelwerk bestehend inventarisiert (StadtAW: IV.B.59.1). Diese Charakterisierung findet sich auch im ersten, 1826 vorgenommenen Eintrag der damals angelegten Serie von Assekuranz-Büchern (StadtAW: IV.B.59.10, S. 154). Bei der Katasterrevision von 1832 ist aber der Anteil an Riegelwerk auf 1/8 reduziert, bei gleich bleibendem Liegenschaftswert. 1843 schliesslich wird das gesamte Haus als gemauert registriert. Im Vorjahr 1842 war Johannes Isler Besitzer des Hauses geworden. Das Haus wurde damals – wie schon früher – auf 7500 Gulden geschätzt. 1843 wurde der Wert dann auf 10'000 Gulden erhöht.
Was mit der Charakterisierung halb Massivbau-halb Riegel gemeint ist, ist unklar: das erste könnte sich auf das Vorder-, das zweite auf das Hinterhaus (Nordflügel) beziehen, oder darauf, dass nur die oberen Mauerteile aus Fachwerk bestanden. Jedenfalls scheinen Fachwerkteile bestanden zu haben, und wenn man dem Kataster glaubt, hätte Johannes Hauser diese zwischen 1826 und 1832 grösstenteils verputzen lassen, und 1982–1843 hätte Johannes Isler im Rahmen von Bauarbeiten auch noch die übrig gebliebenen Fachwerkteile unter Putz verschwinden lassen.
Unbekannter Zeichner: Ansicht des Talgartens, etwa vom Standpunkt des heutigen Unterführungs-Übergangs aus. Entstanden um 1925, wohl auf der Basis der oben abgebildeten Fotografie. Die Umgebung hat der Zeichner so dargestellt, wie sie sich seit dem späten 19. Jahrhundert präsentierte. Gouache, farbig, Privatbesitzt Walter Hunziker (oder: Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee).
3.3 Geschichte Vorderhaus These II: Schon im 18. Jh. verputzt?
Angenommen, das Vorderhaus bestand im frühen 19. Jahrhundert tatsächlich noch aus Fachwerk: dann hätten von 1807 bis in die 1830er Jahre ein Fachwerk- und ein gemauerter Trakt (der Nordflügel) koexistiert. So hat sich das auch der Zeichner der oben abgebildeten Ansicht vorgestellt.
Nun ist es aber schwer vorstellbar, dass in jenem frühen 19. Jahrhundert, als Fachwerk bei Häusern mit bürgerlichem Auftritt verpönt war, ein vermögender Bauherr einen Anbau in Massivbau erstellte, ohne auch dem Haupt- und Vorderhaus eine Massivbau-Optik zu geben. Ausserdem stehen die stehen die volutenförmigen Gipsverkleidungen der Pfettenköpfe im seeseitigen Giebel noch ganz in barocker Tradition.
Daraus folgert, dass das Vorderhaus schon im späten 18. Jahrhundert, spätens aber zeitgleich mit dem Bau des Nordflügels verputzt wurde. In diesem Zusammenhang ist eine Beobachtung von Interesse, die an einer alten Fotografie gemacht werden kann. Sie entstand um 1905, kurz vor dem Einbau von Läden. Man erkennt, dass sich in der Front eines Haustür befand, in deren Sturz ein Keilstein sass. Es ist denkbar, dass es sich um jenen Keilstein mit der Jahrzahl 1807 handelt, der sich heute auf der Rückseite des Nordflügels befindet: möglicherweise wurde er dahin versetzt, als der Ladeneinbau den Abbau des Portals nötig machte. Wenn diese Vermutung stimmt, hätte Johannes Hauser 1807 nicht nur den Nordflügel erstellt, sondern auch das Haupthaus umgestaltet. Wenn das Fachwerk nicht bereits verputzt war, hat er das spätestens jetzt getan.
Blick in die Gerbestrasse, um 1905, kurz nach der Eindolung des Gerbebachs. Rechts das Haus Talgarten, kurz vor dem Einbau von Läden im Erdgeschoss. Es besteht bereits ein einfacher Laden mit einem separaten Eingang. Rechts aussen, in der Hausmitte, ein nicht mehr existierendes Portal mit Keilstein und gerundeten Ecken. Postkarte (Ausschnitt), Archiv Peter Ziegler.
Der Vermerk des Brandschätzers von 1809 und 1826, dass das Haus hälftig aus Fachwerk, hälftig aus Mauerwerk bestehe, wäre dann als Hinweis auf bereits verborgene Fachwerkteile oder auf Nebenbauten zu verstehen.
3.4 Geschichte Vorderhaus These III: Zwei Bauphasen?
An der platzseitigen Fassade fällt auf, dass das – ungewöhnlich gross dimensionierte – Dachhaus nicht in der Mittelachse des Baus, sondern rechts von ihr platziert ist, und zwar so, dass das linke Fenster des Dachhaus-Fensterpaars mit der (gefühlt zentralen) Fensterachse 3 (von links gezählt) und der ehemaligen Haustür fluchtet. Bemerkenswert ist des Weitern die Unregelmässigkeit der Fensterabstände. Am kleinsten ist der Abstand zwischen den – von links gezählt – Achsen 1 und 2 , am grössten der zwischen 2 und 3. Aus diesem Grund sondern sich die zwei Fenster 1 und 2 von der Dreiergruppe 3 bis 5 etwas ab.
Links: Aufriss der Platz- oder Südfront des Talgartens, mit einem Projekt für Neugestaltung der Ladenzone, 2002, von Dieter Weber für Donato Pisanelli (StadtAW 3599/02). Auf diesem Plandokument ist deutlich erkennbar, dass die zwei Doppelfenster links leicht von den anderen abgesondert sind. – Rechts: Grundriss des – ursprünglich als Keller genutzten – Erdgeschosses, mit einem Umgestaltungsprojekt für den Nordflügel, 1992, von Jürg Rota für Erbengemeinschaft Marthe Bär. Obwohl der Bau zahlreiche Innenumbauten hinter sich hat, geben die Trennwände Hinweise auf die Innenorganisation des 19. Jahrhunderts.
Links: Grundriss des 1. Obergeschosses mit Haupt- oder Vorderhaus (links) und Hinterhaus resp. Nordflügel (rechts). Projekt von 2011 für Integration des Treppenhaus-WCs ins Bad der Vorderhauswohnung (StadtAW 4212/2006). – Schematische Rekonstruktion der Binnenorganisation nach der Erweiterung des Vorderhauses um einen Nordflügel: Die Erschliessung erfolgt über ein Treppenhaus im Nordflügel, vom Treppenabsatz gehen Wohnungskorridore in die Vorder- und in die Hinterhauswohnung. Innerhalb des Vorderhauses liegt der Korridor nicht in der Mitte: möglicherweise ein Indiz für eine Westerweiterung (gelb), die vor oder allerspätestens gleichzeitig mit dem Anbau des Nordflügels erfolgt sein muss.
Ein Blick auf den Grundriss gibt eine mögliche Erklärung für die Ungleichheit der Fensterachsen. Dem von der Dreiergruppe 3 bis 5 leicht abgesonderten Fensterpaar 1 und 2 entspricht im Inneren ein geräumiges Zimmer. Denkt man sich dieses und das angrenzende Zimmer (gelbe Fläche) weg, bleibt ein annähernd quadratischer Baukörper mit einem mittigen Gang (grüne Fläche). Es darf vermutet werden, dass dies der Kernbau ist und dass dieser später um zwei Fensterachsen erweitert wurde, wodurch man pro Geschoss je zwei grosszügige, allerdings gefangene Zimmer gewann. Im Rahmen dieser Erweiterung dürfte auch das gross dimensionierte Dachhaus gebaut worden sein, allenfalls mit Verwendung von Bestandteilen eines bereits bestehenden, kleineren Aufbaus.
3.5 Bilddokumente und Schlussfolgerung
Von Wädenswil existieren ja aus dem späten 18. Und frühen 19. Jahrhundert einige detailgetreue Ansichten, so ein Stich, der nach einer Zeichnung von einem H. Thomann gestochen und 1794 publiziert wurde.
Vedute Wädenswils vom See respektive von Osten, um 1790, gezeichnet von H. Tomann, gestochen von Heinrich Brupbacher, herausgegeben 1794 von Johannes Hofmeister. Zentralbibliothek Zürich. Links: Beim Haus mit den zwei markanten Dachaufbauten, das sich im See spiegelt, handelt es sich um den Vorläufer des Merkur (Bahnhofstrasse 5). Hinter ihm schaut ein Haus hervor: möglicherweise der Talgarten (wobei allerdings die Form des Dachhauses nicht stimmt). – Rechts: Gesamtansicht (Ausschnitt).
Verschiedene Bauten sind sofort identifizierbar: die Kirche, das Pfarrhaus, das Gemeindehaus, das heutige Haus Friedbergstrasse 3, der Vorläufer des Merkur (Bahnhofstrasse 5), der Gasthof Krone (Vorläufer des Gebäudes Seestrasse 112) und das Riegelhaus, an dessen Stelle 1931–1932 der Bahnhof zu stehen kam (rechts aussen).
Leider ist die Vedute nicht so fotografisch genau, wie es zunächst den Anschein macht – der Talgarten ist leider nicht eindeutig identifizierbar. Möglicherweise ist er mit dem Haus gemeint, das rechts hinter dem Merkur-Vorläufer – das ist das sich im See spiegelnde Gebäude mit den zwei Dachaufbauten – hervorschaut. Wenn das stimmt und wenn Zeichner und Stecher die Optik des Hauses richtig wiedergaben, wäre der Talgarten schon damals verputzt gewesen.
Auch auf einer um 1805 entstandenen Vedute Wädenswils von Johann Jakob Aschmann, in der zahlreiche Bauten mit grosser Präzision wiedergegeben sind, ist der Talgarten nicht eindeutig bestimmbar. Wieder erkennt man den Vorläufer des Merkur (Bahnhofstrasse 5) an den zwei markanten Dachaufbauten. Wir vermuten, dass mit dem Riegelhaus links von ihm das Haus Zum Zyt (Seestrasse 107), mit dem Putzbau rechts hinter ihm der Talgarten gemeint ist.
Ansicht von Wädenswil, vom Rothaus aus, um 1805. Radierung, vermutlich von Johann Jakob Aschman (1747–1809). Zentralbibliothek Zürich. Links: Im Vordergrund der Vorläufer des Merkur (Bahnhofstrasse 5), rechts dahinter ein Giebelhaus mit Dachaufbau: vielleicht der Talgarten. – Rechts: grösserer Ausschnitt aus der Vedute.
Wie auch immer das Vorderhaus seine heutige Gestalt bekommen hat – sicher ist, dass es im frühen 19. Jahrhundert von Gerber Johannes Hauser um einen Nordflügel erweitert wurde.
Die Erweiterung von Giebelhäusern um einen Quertrakt war im späten 18. und vor allem im 19. Jahrhundert gang und gäbe; in Wädenswil selbst gibt es zahlreiche Vergleichsbeispiele, so das benachbarte Haus Zum Zyt, aber auch die nah gelegene Reblaube, der Hof Rötiboden oder das Haus Zur Seefahrt.
Beispiele für Wädenswiler Züriseehauser, die im 19. Jahrhundert um Seitenflügel erweitert wurden und bei denen der Riegel verputzt wurde. Von links nach rechts: (1) Haus Zum Zyt (Seestrasse 107), Hauptbau 18. Jh., Anbau Nord 1876. Fotos aus JSW 2013, S. 65). (2) Haus Zur Reblaube (Seestrasse 121), Haupthaus 1736, Anbau Nord 1831 (Foto Gebäudeinventar 273). (3) Hof Rötiboden (Rötibodenholzstrasse 8), Haupthaus 1679, Anbau 1790, Riegel im 19. Jh. verputzt, 1975 wieder freigelegt (Foto Gebäudeinventar 8). (4) Haus Zur Seefahrt (Seestrasse 231), Haupthaus 18. Jh., Anbau 1815 (Gebäudeinventar 165).
Von diesen Bauten unterscheidet sich der Talgarten dadurch, dass der Annex nicht als Anhängsel und wie ein von Beginn weg geplantes Element wirkt: Wir haben eine dörfliche Variante des herrschaftlichen Freulerpalastes in Näfels vor uns, bei dem ebenfalls zwei Satteldachtrakte eine Zweiflügel-Anlage bilden.
Links: Haus Talgarten, seeseitige Front. Foto Paul Roman, 1981 (Gebäudeinventar 299). – Rechts: Freulerpalast in Näfels, erbaut 1645–1647. Postkarte aus den 1960er Jahren (Ausschnitt), aus dem Internet.