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Diplomatie
(v. griech. diploma, s.
Diplom), ein
Wort, welches zur Bezeichnung dreier verschiedener Verhältnisse oder Gegenstände dient. Es bezeichnet 1) die
Wissenschaft der
Staatsschriften und Staatsurkunden. In dieser
Richtung bezweckt
Diplomatie die Ermittelung des
Inhalts und die Feststellung der Echtheit der Staatsurkunden, zumal der
Staatsverträge, auf Grundlage der
Paläographie, welche
die außer
Gebrauch gekommenen Schriftzeichen früherer
Jahrhunderte enträtselt, und der historischen und philologischen Textkritik.
Soweit die
Diplomatie diesen
Zweck verfolgt, erscheint sie einfach als Hilfswissenschaft der Geschichte, zu deren
allerersten Aufgaben es gehört, unter ihren urkundlichen Grundlagen Echtes von Unechtem zu unterscheiden und
Urkundenfälschungen
zu entlarven. Zur
Sicherung der Staatsurkunden gegen Verdunkelung dienen gegenwärtig die Einrichtungen der Staatsarchive.
Diese erste Bedeutung des
Wortes
Diplomatie ist fast außer
Gebrauch gekommen, häufiger bedient man sich dafür des
Wortes
Diplomatik.
Auf Grundlage der ersten Bedeutung entstand eine zweite: hiernach ist
Diplomatie 2) die
Wissenschaft der auf die auswärtigen Staatsverhandlungen
bezüglichen
Regeln und
Formen.
In dem
Worte
Diplomatie liegt zunächst kein Unterschied zwischen innern und äußern Staatsangelegenheiten
angedeutet. Insofern aber, insbesondere zur Zeit der absoluten
Monarchie, der
Gebrauch und der
Abschluß
von
Staatsverträgen häufiger ward und das innere Staatsleben an
Inhalt u. Bedeutung für die kontinentalen
Staaten einbüßte,
faßte man den äußern
Verkehr als die Hauptzweckbestimmung des Staatsschriftenwesens auf.
Schriftlichkeit, welche seit dem 16. Jahrh., vornehmlich unter dem Einfluß der
Kirche, die regelmäßige Prozeßform im Gerichtsverfahren
geworden war und den alten volkstümlichen
Grundsatz der
Mündlichkeit verdrängt hatte, beherrschte die
äußern Beziehungen der
Regierung mit um so größerm
Recht, als jedermann überall darauf Bedacht nahm, seine
Rechte in urkundlicher
Form zu sichern und Beweismittel für spätere als möglich vorausgesehene Streitfälle zu bewahren. Im Zusammenhang damit
bildete sich eine feste
Technik in der Verwendung, Abfassung, Vorbereitung und Redaktion der für den
auswärtigen
Verkehr bestimmten Staatsurkunden, der
Gebrauch einer
Chifferschrift, das Kurierwesen u. a. Da indessen, zumal
bei der
Verhandlung von
Staatsverträgen, den endgültigen Vereinbarungen überall mündliche Verabredungen vorangehen mußten,
umfaßte allmählich die Bedeutung der
Diplomatie jede Art des internationalen Meinungsaustausches. In der
Sache
selbst war auch der materielle
Inhalt der unter den Vertretern des
Staats getroffenen Vereinbarungen wichtiger als die formale
Technik der urkundlichen Aufzeichnung. So erschien
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denn schließlich 3)
Diplomatie gleichbedeutend mit dem Inbegriff der Staatsverhandlungskunst und aller darauf
bezüglichen Regeln. Erst in neuerer Zeit, wahrscheinlich seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts, bediente man sich des Wortes
Diplomatie in diesem erweiterten Sinn. Wann der Sprachgebrauch sich zuerst bildete, ist mit Sicherheit noch nicht festgestellt; jedenfalls
ist er durchaus modern.
Diplomatie als Staatsverhandlungskunst ist überall im Gegensatz zu denken zu den Mitteln
der kriegerischen und gewaltsamen Entscheidung von Streithändeln.
Zuständlich gewürdigt, erscheinen die Beziehungen der Staaten zu einander überall stets als friedliche oder kriegerische.
Dieser Zweiteilung entspricht auch die Gegenüberstellung von
Diplomatie und Heerführung (Strategie). Der Abbruch
der diplomatischen Beziehungen unter mehreren Staaten erscheint deswegen als Zeichen einer ernsthaften, häufig zum Krieg führenden
Verwickelung, anderseits die Wiederanknüpfung diplomatischer Verhandlungen während des Kriegs als Vorbedeutung friedlicher
Gesinnungen.
Krieg und
Diplomatie schließen sich im gewissen Maß gegenseitig aus. Wofern es sich nicht um die Einleitung eines ernst gemeinten
Friedensschlusses handelt, wäre es auf seiten eines Feldherrn verkehrt, zu »diplomatisieren«, ebenso auch
der Aufgabe des Diplomaten fremd, seinerseits vorzeitig mit Gewalt zu drohen, ein Verhalten, welches dem Endzweck der Friedenserhaltung
meistenteils schwere Nachteile zufügt, wie aus neuester Zeit das Verhalten des Herzogs von Gramont vor dem Ausbruch des französisch-deutschen
Kriegs im Juli 1870 besonders deutlich erkennen läßt.
Ehe der Krieg von seiten eines Staats nicht beschlossene Sache ist, darf die
Diplomatie niemals eine kriegerische Sprache
[* 4] führen. Auch
im bürgerlichen Verkehr ist daher das »Undiplomatische« gleichbedeutend mit dem Unklugen.
Zuweilen können allerdings diplomatische Verhandlungen und kriegerische Operationen nebeneinander hergehen. Meistenteils wird
dies dann der Fall sein, wenn der eine Teil durch Staats Verhandlungen, die nicht ernsthaft gemeint sind, Zeit für die bessere
Vorbereitung seiner militärischen Operationen zu gewinnen sucht.
Lange Zeit vor dem Ende des Dreißigjährigen Kriegs schwebten unter den beteiligten Mächten fruchtlose Friedensverhandlungen.
Napoleon I. suchte 1814 mit den Verbündeten in Chaumont zu verhandeln, und ebenso knüpfte Thiers während
der Belagerung von Paris
[* 5] 1870 im November Unterhandlungen an. Solange es einen auswärtigen Staatsverkehr gibt, besteht auch
eine Verhandlungskunst. Es ist daher Mißverständnis oder Unklarheit, wenn viele Schriftsteller den Satz aufstellen, daß
erst seit dem Ende des 15. Jahrh. mit der Ausbildung des gegenwärtigen Staatensystems eine
Diplomatie entstanden
sei.
Schon die antiken Staatswesen hatten eine bestimmte Tradition und herkömmliche Regeln für ihre Verhandlungen mit den Nachbarstaaten.
Insbesondere gilt dies von Sparta, Karthago
[* 6] und Rom;
[* 7] von jeher ward Philipp von Makedonien als einer der gewandtesten Unterhändler
angesehen. Was das Mittelalter anbelangt, so haben unbestreitbar seit dem 10. Jahrh.
die Päpste vorzugsweise durch ihre kirchliche
Diplomatie ihre Machtstellung begründet und behauptet; unter den weltlichen
Staaten war es vorzugsweise Venedig,
[* 8] dessen
Diplomatie und Gesandtschaftswesen frühzeitig einen hohen Grad von Festigkeit
[* 9] und Geschicklichkeit
erkennen lassen.
Eine wesentliche Veränderung ist in der neuern Zeit insofern vor sich gegangen, als erstens (allerdings
erst seit dem 16. Jahrh.) ein ständiges Gesandtschaftswesen in Europa
[* 10] aufkam und zweitens seit dem Westfälischen Frieden die
Beziehungen der
europäischen Staaten zu einander auf eine allgemeine Rechtsgrundlage gegenseitiger Anerkennung gestellt waren.
Die antike und mittelalterliche
Diplomatie ging in bewußter Weise von den einseitigen Vorteilen und Machtzwecken
des eignen Staats als der alleinigen Norm ihres Handelns aus.
Die moderne Diplomatie steht auf einer doppelten Grundlage: auf dem Gesamtrecht einer europäischen Staatengesellschaft und auf dem berechtigten Eigennutz der einzelnen Staaten, so daß sie zwischen diesen beiden Thatsachen des völkerschaftlichen Zusammenlebens eine friedliche Vermittelung und Ausgleichung zu suchen hat. Vorderhand ist freilich der Gesichtspunkt des eignen Vorteils und der egoistischen Machterweiterung in der Praxis der Diplomatie überall der entscheidende gewesen.
Allein das Vorhandensein eines Prinzips der menschlichen Handlungen ist niemals zu verwechseln mit dem jeweiligen Stand seiner Verwirklichung in der Praxis. Ebendeswegen ist nicht zu bestreiten, daß die moderne Diplomatie auf ganz andrer Grundlage steht und stehen soll als die antike oder mittelalterliche. Obgleich der Eigennutz die in der diplomatischen Praxis herrschende Thatsache ist, darf man nicht vergessen, daß die auf sittlichen Grundsätzen ruhende Staatslehre gegen diese Praxis zu jeder Zeit Widerspruch erhoben hat, und daß die Diplomatie sich nicht enthalten konnte, die Berechtigung der idealen Ziele des menschheitlichen Lebens bei sehr wichtigen Gelegenheiten anzuerkennen: sie unterdrückte den Sklavenhandel;
sie befreite die großen europäischen Ströme von den Hindernissen der Schiffahrt;
sie wahrte die Freiheit der Meere;
sie sicherte im Pariser Frieden in höherm Maß das Privateigentum im Seekrieg;
sie schützte in der Genfer Konvention von 1864 das Leben der Verwundeten;
sie versuchte auf der Brüsseler Konferenz 1874 die Schrecken des Kriegs durch feste Regeln zu mildern.
Die Zwecke der Diplomatie sind also über die Landesgrenzen der einzelnen Staaten hinaus erweitert und auf eine sittliche Basis gestellt worden, indem man die Harmonie der Gesamtinteressen als wünschenswertes Ziel anerkennt. Ebenso haben sich im Vergleich zu früher die Mittel der Diplomatie völlig verändert. Der Eigennutz der Staaten in Kollision mit dem Eigennutz gleich mächtiger kann nimmer zum Ziel gelangen, außer durch Gewalt, Hinterlist, Lüge oder Vertragsbruch. Machiavellismus und Jesuitismus beherrschten daher die alte Diplomatie. Jedes zweckdienliche Mittel war erlaubt, weil es als notwendig galt.
Wenn auch solche Mittel gegenwärtig nicht aus der Praxis verschwunden sind, so werden sie doch durch die öffentliche Meinung gebrandmarkt: sie verstecken sich hinter Ableugnungen und Entschuldigungen, während sie früherhin sich dreist und einfach als verdienstlich und berechtigt betrachteten. Den Nachwirkungen der ehemaligen Verderbnis der Staatssitten ist es zuzuschreiben, daß sich selbst heute noch an die Diplomatie dieselbe unvolkstümliche Vorstellung knüpft wie an die Wirksamkeit der geheimen Staatspolizei, und daß manche in der Verhandlungskunst nichts andres erblicken wollen als die Kunst des Hinterhalts und der Übervorteilungen. Ob von einer Wissenschaft der Diplomatie, nicht bloß von einer Kunst, gesprochen werden könne, ist zweifelhaft. Sicherlich gibt es gewisse Maximen und Regeln für die Diplomatie wie für jede andre Kunst. Die bloße Technik der Formalien im schriftlichen Verkehr der Regierungen hat indessen keinen Anspruch darauf, eine Wissenschaft zu heißen, und ebensowenig scheint es zulässig, mit Pölitz die Gesamtheit der für Staatsverhandlungen nützlichen Kenntnisse in andern Wissenszweigen (Völkerrecht, ¶
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Staatsrecht, Geschichte, neuere Sprachen) auf Grund einer nur äußerlichen Zweckbestimmung und des praktischen Gebrauchs zu einer eignen und selbständigen Wissenschaft der Diplomatie zu vereinigen. Es gibt keine Wissenschaft der Diplomatie, weil die Zwecke der Diplomatie bis jetzt noch vorwiegend individuell nationale der einzelnen Staaten sind und darum auch die Mittel angesichts der in der Staatenwelt vor sich gehenden Veränderungen überall den konkreten Verhältnissen besonders angepaßt werden müssen.
Unter allen Faktoren des diplomatischen Gelingens oder Mißlingens sind bestimmte theoretische Kenntnisse, obwohl unentbehrlich, doch am wenigsten entscheidend, und eben diese Kenntnisse sind nicht aus der eigentümlichen Natur der äußern Staatenbeziehungen, sondern geradeaus andern Wissensgebieten zu entnehmen. Jeder Staat hat seine eigentümliche Aufgabe und darum auch eigentümliche Maximen in der Verfolgung seiner Ziele. England als Handels- und Seestaat ist anders gestellt als die kontinentalen Staaten, Deutschland [* 12] in zentraler Lage anders als Rußland mit seinen orientalischen Beziehungen, eine Großmacht anders als neutrale Staaten, wie die Schweiz [* 13] und Belgien. [* 14]
Die Möglichkeit, Wahrscheinlichkeit und Sicherheit des friedlichen Bestandes ist je nach der geographischen Lage für die einzelnen Staaten eine ganz verschiedene, und daraus ergibt sich auch die Unmöglichkeit allgemein anwendbarer, abstrakter Regeln für die Verhandlungskunst. Soweit, als allgemein menschliche Ziele in Betracht kommen, ist die wissenschaftliche Grundlage der Diplomatie identisch mit dem Völkerrecht und den darauf beruhenden Forderungen der auswärtigen Politik.
Endlich 4) bedeutet Diplomatie die Gesamtheit der für auswärtige Staatsverhandlungen thätigen Amtsorgane, somit der an den europäischen Höfen beglaubigten Gesandten (s. d.) und ihrer Gehilfen, außerdem aber auch der in den auswärtigen Ministerien fungierenden Personen. Diplomatie in dieser letzten Bedeutung ist also umfassender als Gesandtschaftspersonal und auch als der Ausdruck diplomatisches Korps (s. d.), welches die an einem bestimmten Hof [* 15] beglaubigten Gesandtschaften in sich begreift.
Die Spitze und der Ausgangspunkt der gesamten europäischen Diplomatie liegt überall in den Ministerien der auswärtigen Angelegenheiten, in denen die Richtschnur für das Verhalten der Diplomatie in Gestalt bestimmter Instruktionen festgesetzt wird. Die Befähigung zum diplomatischen Dienst ist gegenwärtig in allen größern Staaten an gewisse Vorbedingungen geknüpft, die indessen vielfach dem Dispensationsrecht unterliegen. Die Auswahl eines geeigneten Staatsvertreters richtet sich nämlich überall, abgesehen von einem gewissen Maß theoretischen Wissens und allgemeiner Bildung, auch danach, welche technischen Kenntnisse an einem bestimmten Platz vorzugsweise erforderlich scheinen (z. B. militärische oder handelspolitische), und welchen persönlichen Einfluß in den entscheidenden Kreisen eines fremden Hofs man von den bestimmten Personen nach der Gesamtheit ihrer Eigenschaften erwarten darf, so daß es beispielsweise sehr verkehrt sein könnte, einen gelehrten Orientalisten an den Hof eines orientalischen, jeder Gelehrsamkeit und Bildung unzugänglichen Fürsten zu senden.
Die gegenwärtig in Europa für die diplomatische Laufbahn erforderlichen Vorbedingungen sind meistenteils: ein theoretisches Studium der Rechts- und Staatswissenschaften auf den Universitäten und ein praktischer Vorbereitungsdienst, teils an den Gerichten und Verwaltungsstellen des eignen Landes, teils bei einer auswärtigen Gesandtschaft als Attaché, wobei bestimmte Kenntnisse zu erwerben sind, über welche die Aspiranten sich in Prüfungen auszuweisen haben. Im allgemeinen entsprechen diese Anforderungen der Natur der Dinge.
Doch finden sich zahlreiche Beispiele, welche zeigen, daß auch Männer ohne juristische Vorbildung durch ihre diplomatischen Leistungen hervorragen. Cavour war von Haus aus Ingenieur, Niebuhr Historiker. Mit Vorliebe wählt man in neuester Zeit hochstehende Militärs zur Besetzung einflußreicher Posten. Neben der Kenntnis neuerer Sprachen und seines eignen, später zu vertretende Landes und seiner Rechtsinstitutionen muß von dem Diplomaten verlangt werden, daß er sich befähigt zeige, richtig zu beobachten und sicher zu beurteilen, was in fremden Ländern an politisch einflußreichen Faktoren hervortritt. Zu ihren schriftlichen Verhandlungen bediente sich die Diplomatie seit den letzten Jahrhunderten der französischen Sprache als der seit dem 17. Jahrh. verbreitetsten internationalen Verkehrssprache; in neuester Zeit hat sich England und seit dem Krieg von 1870 auch Deutschland für den Schriftwechsel teilweise von diesem Gebrauch losgesagt. Doch bleibt das Französische die Verhandlungssprache der Kongresse. - Die ältere Litteratur über Diplomatie ist fast völlig unbrauchbar. Aus neuerer Zeit vgl. v. Kaltenborn in Bluntschlis »Staatswörterbuch«;
Heffter, Das europäische Völkerrecht (7. Aufl., Berl. 1882);
Vergé, Diplomates et publicistes (Par. 1856);
v. Martens, Guide diplomatique (5. Aufl., hrsg. von Geffcken, Leipz. 1866, 2 Bde.).