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"In den nächsten Wochen widmen wir uns unterschiedlichen Konzeptionen von Liebe und Gemeinschaft." "Wir gestalten das Seminar gemeinsam." "Am Ende schauen wir, was gelungen und was weniger gelungen war." - Für viele Hochschuldozent*innen gehören solche oder ähnliche Äußerungen zur typischen Eröffnung einer Lehrveranstaltung. Sätze wie diese laden dazu ein, Theorien zu diskutieren, über Arbeitsformen zu entscheiden und didaktisches Handeln zu bewerten, und setzen doch etwas stillschweigend voraus, das in der Lehrsituation (meist) nicht selbst zum Thema wird: ein irgendwie ausgestaltetes Wir.
Als Philosophen wie Johann Gottlieb Fichte und Wilhelm von Humboldt zu Beginn des 19. Jahrhunderts Konzepte für eine 'moderne' Universität entwickelten, war die Idee einer besonderen Gemeinschaft, die sich im universitären Lehren und Lernen realisiert, Kernstück ihrer Überlegungen: Das Wesentliche des Studiums ist für Humboldt, "dass man in enger Gemeinschaft mit Gleichgestimmten und Gleichaltrigen [...] eine Reihe von Jahren sich und der Wissenschaft lebe", und dies an einem Ort, wo "eine Zahl schon vollendet Gebildeter" forscht und lehrt.[1] Das Wir zeigt sich hier als Lebensgemeinschaft wissenschaftlich Tätiger. Nach Fichte ist das Lehrverhältnis eine "fortlaufende Unterredung" zwischen Lehrenden und Lernenden, deren Gemeinschaft er wiederum als einen "organischen Lehrlingskörper" denkt, dessen Bestehen von einem lebendigen und fortdauernden Mitteilungsprozess der Studierenden untereinander abhängt.[2]
Obgleich etliche Hochschulen heute in ihren Leitbildern die Neuinterpretation der mittelalterlichen universitas magistrorum et scholarium als Ideal gemeinsamen Forschens und Lernens aufrechterhalten, stellt sich mit Blick auf den Aufbau des Studiums sowie die gegenwärtige Ausrichtung von Hochschulen zweihundert Jahre nach Humboldts und Fichtes Schriften die Frage, ob die Rede von der universitas als 'Gemeinschaft' in einem emphatischen Sinne überhaupt noch Sinn macht. Worauf können sich das Entstehen und der Zusammenhalt einer solchen Gemeinschaft gründen, wenn sich in Lehrveranstaltungen immer wieder neue, mitunter sehr große Gruppen zusammenfinden? Zudem kommen die Studierenden mit so (berechtigt) unterschiedlichen Interessen, Zielen und Hintergründen an die Hochschule, dass die Idee eines umfassenden Wir die Gefahr mit sich bringt, diese Pluralität nicht anzuerkennen. Bietet sich angesichts der Ausdifferenzierung der Wissenschaften sowie der Komplexität der Organisation Hochschule nicht vielmehr der Begriff der "multiversity" an?[3] Hochschule zeigt sich im Horizont eines solchen Konzepts als mehr oder weniger lose Versammlung unterschiedlicher Interessengruppen, die sich in temporären Zusammenschlüssen und Begegnungen von Lehrenden und Studierenden in Lehrveranstaltungen, Sprechstunden oder Gremiensitzungen immer wieder neu konstituieren.
Doch auch in diesen vorübergehenden Begegnungen scheinen sich Lehrende und Lernende nach wie vor auf die Vorstellung eines gemeinsamen Interesses am Erkenntnisgegenstand (oder zumindest dem Wunsch danach) zu berufen, wie es sich beispielsweise in Forderungen nach mehr Motivation für das Studium und für die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Gegenstand oder höherem Engagement für die Lehre und die gemeinsame Arbeit an der Erkenntnissuche zeigt.
Aus einer philosophischen Perspektive heraus wurde und wird die gemeinsame Auseinandersetzung mit dem Erkenntnisgegenstand schon immer auch als eine Form der 'Liebe' oder des 'Begehrens' gedacht: als Lust an der Erkenntnis, als Liebe zur Wahrheit oder - mit direktem Bezug zur universitären Praxis - als Liebe zur "Kunst des wissenschaftlichen Verstandesgebrauchs" (Johann Gottlieb Fichte), die auch eine ganz besondere Beziehung zwischen den an der Erkenntnissuche beteiligten Personen erfordert.[4] Lehre lässt sich dann begreifen als eine Übertragung dieser Liebe vom Lehrenden auf die Studierenden (so Fichte) oder als "horizontale Übertragung" in der Beziehung der Lernenden untereinander, die der Lehrende reguliert (bei Roland Barthes).[5] Der englische Philosoph Simon Critchley wählt in einem Essay aus dem Jahr 2010 ebenfalls Begriffe, die auf ein eher affektives Verständnis dessen verweisen, was eine wahrheitssuchende Gemeinschaft verbindet: Lehre als eine "Erfahrung des Genusses" und die Lehrveranstaltung als Ort der "Begegnung", der "Austausch" und "Kontakt" sowie ein "Genießen" und eine "Kultivierung der Freude an dem, was wir tun", zulässt.[6]
Im Kontrast zur Bezugnahme auf die universitas magistrorum et scholarium in den hochschulischen Leitbildern wirkt eine solche Sprache seltsam anachronistisch. Die universitas im Sinne einer spezifischen Liebesgemeinschaft zielt auf etwas Anderes ab und eröffnet andere Perspektiven auf Verbindendes - und Trennendes - beim Lehren und Lernen als die Orientierung an einer auf 'Employability' und Teamwork ausgerichteten Arbeitsgemeinschaft sowie einer auf 'Citizenship' ausgerichteten, auf Toleranz und Respekt beruhenden Wertegemeinschaft. Was bedeutet es, eine Lehrveranstaltung "gemeinsam zu gestalten", wenn ihr Gelingen wesentlich auch von der Anregung, Entfaltung und Aufrechterhaltung einer geteilten Liebe zur Erkenntnis(-suche) abhängt? Welche Elemente beinhaltet eine eigene akademische Praxis, eine Praxis des Lehrens und Studierens, welche das Streben nach Wissen nicht primär als Wissensaneignung versteht, sondern Raum lässt für ein 'Begehren', das sich an einem noch unerreichten Gegenstand und unsicherem Wissensbestand entzündet? Und: Was sind Wir füreinander, wenn die Liebe zur und die Suche nach Erkenntnis uns verbindet?
Solche Fragen richten sich auf die fragile und immer frag-würdige Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden und ermöglichen - neben dem oben schon genannten Genuss an der gemeinsamen Erkenntnissuche - auch den Blick auf ein in der Diskussion über die Lehre heute wenig(er) beachtetes Phänomen: das intellektuelle Vergnügen am und die 'Berührung' mit dem Denken und Erkennen des A/anderen.
[1] Wilhelm von Humboldt: Der Königsberger und der Litauische Schulplan. In: Ders.: Schriften zur Bildung. Stuttgart 2017, S. 110-142, hier: S. 138
[2] Johann Gottlieb Fichte: Deduzierter Plan einer zu Berlin zu errichtenden höhern Lehranstalt, die in gehöriger Verbindung mit einer Akademie der Wissenschaften stehe. In: Gelegentliche Gedanken über Universitäten. Hrsg. von Ernst Müller. Leipzig 1990, S. 59-158, hier: S. 65f.
[3] Vgl. Clark Kerr: The Idea of a Multiversity. In: Ders.: The uses of the university. Cambridge, Mass. [u.a.] 1995, S. 1-34.
[4] Fichte 1990, S. 73f.
[5] Roland Barthes: An das Seminar. In: Was ist Universität? Texte und Positionen zu einer Idee. Hrsg. von Johanna-Charlotte Horst, Johannes Kagerer u.a. Zürich 2010, S. 17-26, hier: S. 18.
[6] Simon Critchley: Was ist die institutionalisierte Form des Denkens? In: Was passiert? Stellungnahmen zur Lage der Universität. Hrsg. von Johanna-Charlotte Horst, Johannes Kagerer u.a. Zürich 2010, S. 283-296, hier: S. 288 und S. 290.
Über die Autorenschaft
Beitrag von Dr. Meike Siegfried und Matthias Wiemer
Dr. Meike Siegfried, didaktische Beraterin an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen und Lehrbeauftragte am Institut für Philosophie der Universität Hildesheim. Studium Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft in Bochum.
Matthias Wiemer, Leiter der Hochschuldidaktik an der Georg-August-Universität Göttingen. Studium Literaturwissenschaft, Philosophie und Sprachwissenschaft in Bochum und Bielefeld.