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In den frühen 1980er Jahren herrschte Aufbruchstimmung unter den Radiofans: Neue rechtliche Grundlagen ermöglichten den Betrieb von privaten Radiostationen. 1984 startete mit Radio Riesbach ein spezielles Experiment: Das schweizweit einzige Quartierradio ging auf Sendung. Der Schnauf der Radio-EnthusiastInnen aus dem Zürcher Quartier am See reichte für sieben Jahre. Ein Teil der Sendungen wurde glücklicherweise erhalten und konnte nun digitalisiert werden.
Der Unmut über die offizielle Rundfunkpolitik der Schweiz mit ihren Monopolsendern wuchs in den 1970er Jahren. Spätestens seit Roger Schawinskis Radio 24 aus italienischem Staatsgebiet heraus die Schweiz beschallte, war er nicht mehr überhörbar. Der Bundesrat reagierte im Sommer 1982 mit einer neuen Rundfunkverordnung, die es privaten Trägerschaften ermöglichte, legale Radiostationen in der Schweiz zu betreiben. Aus der Flut von Konzessionsgesuchen wählte man schliesslich 36 Eingaben aus. Zur grossen Überraschung gehörte auch Radio Riesbach dazu: Als Quartierradio konzipiert, gehörte es zu den bescheidensten Gesuchen mit einem kleinen Einzugsgebiet, das lediglich 30’000 potenzielle HörerInnen umfasste.
Das Konzessionsgesuch der InitiantInnen formulierte zwei Ziele: Zum einen sollte mit den Sendungen die Kommunikation und die kulturelle Eigenproduktion im Quartier gefördert werden. Zum anderen wollte man gesellschaftliche Aktivitäten im Quartier begleiten, über sie informieren und damit das Quartierleben einer breiten Öffentlichkeit näherbringen. Die aktive Beteiligung der BewohnerInnen am Radiobetrieb war ausdrücklich erwünscht. Radio Riesbach setzte auf die aktive Teilhabe interessierter QuartierbewohnerInnen und wollte insbesondere die Interaktion zwischen den Generationen sowie zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen ankurbeln.
Am 1. April 1984 nahm Radio Riesbach den Betrieb auf. Am Sonntagmittag sowie am Montag- und Donnerstagabend sendete das Team aus dem Studio im gleichnamigen Quartierzentrum. Es dominierten Sendegefässe wie das Quartier-Journal oder das Quartier-Mosaik mit kürzeren oder längeren Beiträgen über das Leben in Riesbach und mit Veranstaltungshinweisen. In den 1980er/90er Jahren entfaltete sich im Quartier eine rege Bautätigkeit, welche die soziale Zusammensetzung veränderte und viel günstigen Wohnraum vernichtete. Die Folgen dieser Gentrifizierung waren immer wieder Thema im Radio Riesbach. Am Mikrofon äusserten sich nicht nur PolitikerInnen dazu, sondern auch zivilgesellschaftliche Gruppierungen wie der Verein Inneres Seefeld, die den Entwicklungen kritisch gegenüberstanden. Wiederholt berichtete das Radio auch über soziale Probleme im Quartier wie Drogensucht oder die Auffangstation Tiefenbrunnen. Mehr dem Alltäglichen zugewandt waren die Sendungen zu Themen wie Gärtnern, Kompostieren, Abfallbewirtschaftung und Ernährung.
Der Betrieb von Radio Riesbach basierte auf unbezahlter Freiwilligenarbeit. Organisatorisch sorgten die verschiedene Kompetenzgruppen (Redaktion, Themensuche, Technik) dafür, dass die wöchentlichen Sendungen zustande kamen. Wie bei vergleichbaren Projekten auch spielte die Selbstreflexion und das Werweissen über den einzuschlagenden Weg auch bei Radio Riesbach eine wichtige Rolle. Die bange Frage, ob sich all die Arbeit lohne und ob man überhaupt gehört werde, versuchten die Verantwortlichen mit einer telefonischen Umfrage im Quartier zu beantworten. Und schon 1988 befasste sich eine Diplomarbeit des Geographischen Instituts der Uni Zürich mit dem Thema «Ziel und Wirkung eines Quartierradios am Beispiel von Radio Riesbach». Eine treue Hörerin war übrigens die Staatsschutzabteilung der Stadtpolizei Zürich, die das Radio in den ersten vier Jahren seines Bestehens observierte. Im Archivbestand ist ein Sendungsprotokoll eines Beamten vorhanden, das in seiner Akribie durchaus mit den Erschliessungsstandards des Sozialarchivs konkurrenzieren kann.
Als Trägerschaft fungierte ein Verein, der auf dem Höhepunkt 1985 immerhin 181 Mitglieder zählte. Der anfängliche Enthusiasmus begann aber bald zu erlahmen und nach rund fünf Jahren sank die Mitgliederzahl auf 119. Es zeichnete sich ab, dass ein kontinuierlicher Betrieb immer schwieriger zu organisieren war. Im März 1991 schliesslich stellte das Radio den Betrieb ein, weil die Aktiven keine NachfolgerInnen mehr fanden. Die letzte Sendung ging am 24. März 1991 über den Äther. Im Gemeinschaftszentrum Riesbach fanden sich für die Abschlussfeier und die Live-Sendung nochmals viele RadiomacherInnen und HörerInnen ein.
In den sieben Betriebsjahren entstanden 709 Sendungen. Davon hat Liz Mennel, eine der InitiatorInnen, 144 Sendungen bzw. fast 200 Sendestunden aufgenommen. Vergleicht man die Sendungen mit anderen privaten Radioprojekten, fällt – neben der wohltuenden Absenz von Werbung – der hohe Wortanteil auf. Hintergrundrecherchen, Interviews und Reportagen zeugen von einem grossen Vorbereitungsaufwand. Der Bestand dürfte insbesondere für die Erkundung der Pionierzeit des privaten Radios in der Schweiz interessant sein und für eine noch zu schreibende Mikrogeschichte des Kulturlebens in einem Quartier.
Dank einer Finanzierungsbeihilfe von Memoriav, dem Verein zur Erhaltung des audiovisuellen Kulturgutes der Schweiz, konnte der Bestand digitalisiert werden und ist nun online zugänglich.
Quellen:
Ar 598.10.1: Die Radio-Riesbach-Story. Die Geschichte des einzigen Quartierradios der Schweiz, aufgezeichnet von seinen Macherinnen und Machern. Verein Radio Riesbach, Zürich 1992.
Ar 598.10.3a: Brigitta Walser Zalunardo: Radio Riesbach. Ziel und Wirkung eines Quartierradios am Beispiel von Radio Riesbach. Geographisches Institut, Zürich 1988.