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Vor 100 Jahren: Ein «Heiliger» besuchte St. Gallen
Unter dem Titel «Massenandrang» berichtete das St.Galler Tagblatt vom Festgottesdienst in der St. Laurenzenkirche am Abend vom 22. März 1922, an dem «der erste indische Evangelist Sadhu Sundar Singh die Predigt hielt. Schon kurz nach 7 Uhr waren die Türen des Gotteshauses dicht belagert. Um 8 Uhr war die Kirche bis auf den letzten Stehplatz gefüllt. Die Gänge und Treppen, sowie alle Winkel waren besetzt. Hunderte mussten wieder umkehren. Dichte Scharen standen unter den Türen, um von dort und von der Strasse aus die Predigt zu hören.»
Wer war Sadhu Sundar Singh?
Wer war dieser christliche Meister, der im Frühling 1922 in ganz Europa Predigten und Vorträge hielt, so auch in mehreren Städten der Schweiz? Sundar Singhs Vater gehörte der im Punjab beheimateten Sikhreligion an, die Mutter kam aus dem Hinduismus. In einer christlichen Schule lernte der Knabe den christlichen Glauben kennen, gegen den er sich lange wehrte und als Gottsucher hinduistische Meditationswege beschritt. Nach einer Christusbegegnung wurde er Christ, blieb aber dem hinduistischen Hintergrund und Erfahrungshorizont treu. Er lebte fortan besitzlos als Sadhu, gekleidet in dem Gewand des indischen Asketen, um so die frohe Botschaft in Indien und in Tibet zu verkünden, angefeindet, Mordversuchen ausgesetzt und oft wunderbar errettet. Nach Missionsreisen in Burma, Singapur, China und Japan folgten Reisen nach Europa, USA und Australien, wo er den westlichen Materialismus kritisierte und mit bildhaften Geschichten aufzeigte, wie die Naturwissenschaften und die Evolutionslehre durch Spiritualität ergänzt und vertieft werden kann. 1929 ist er auf einer weiteren Missionsreise im Tibet verschollen.
Predigten zu Bibelstellen
Die Vorträge Sadhu Sundar Singhs waren oft Predigten zu Bibelstellen, die er mit seinen eigenen Erfahrungen bildhaft erläuterte und verständlich machte. Gemäss mehreren Biografien oder Aufzeichnungen seiner Predigten ging es ihm um die innere Erfahrung der Gottpräsenz im eigenen Selbst, vermittelt durch den himmlischen Meister Jesu, der auf die Erde kam, um uns Menschen Gott zu zeigen, der sein Leben hingab, um aller Welt den Zugang zu Gott zu ermöglichen. Es wird weiter berichtet, wie der indische Sadhu die gebetsartige Versenkung in Christus hochhielt und wie er Zeugnis gab von den ewigen Freuden und Wonnen der Erfüllung, welche darin zu erfahren seien. Er selbst habe oft Stunden in dieser Einheit mit Gott und in visionären Zuständen verweilt. Immer wieder soll er sich längeren Fastenzeiten gewidmet haben.
Kritik aus Indien
Nur wenige kleinere Schriften hat Sadhu Sundar Singh selbst verfasst, so «Gotteswirklichkeit – Gedanken über Gott, Mensch und Natur», deutsch 1924 in St.Gallen von der Buchhandlung der Evangelischen Gesellschaft herausgegeben, weiter «Gesichte aus der jenseitigen Welt», Aarau 1930, «Mit und ohne Christus. Beispiele aus dem Leben von Christen und Nichtchristen, welche den Unterschied eines Lebens mit Christus von dem eines Lebens ohne ihn beleuchten», Basel 1930.
Die Kritik aus Indien, eine fremde Religion zu verkünden, konterte er stets mit Argumenten aus dem indischen Kulturkreis. Die indische Philosophie wie auch die Reinkarnationslehre blieben für ihn selbstverständlicher Hintergrund seiner Christusliebe.
Text: Andreas Schwendener | Bilder: zVg – Kirchenbote SG, 28.März 2022