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Dank eines wiederentdeckten Koffers mit Fotos aus dem spanischen Bürgerkrieg ist die einst berühmte, dann vergessene Fotoreporterin Gerda Taro wieder entdeckt worden. «Das Mädchen mit der Leica» ist die literarische Hommage an diese jüdische Emigrantin, verfasst von Helena Janeczek.
Gerda Taro war als lebenslustige junge Frau von Stuttgart nach Leipzig gekommen, in die linke Szene eingetaucht und politisiert worden, ins Gefängnis geraten und nach Paris emigriert, wo sie sich in den ungarischen Flüchtling André Friedmann verliebte, dem sie das Pseudonym Robert Capa samt Image eines erfolgsverwöhnten Fotografen aus sicherem Land verpasste, während aus der schwäbisch-polnischen Gerta Pohorylle eine elegante und weltläufige Gerda Taro wurde.
Milizionärinnen 1936. Foto: Gerda Taro
Als Fotoreporterin dokumentierte sie mit Capa gemeinsam den Spanischen Bürgerkrieg, bis sie bei einem tragischen Unfall 1937 von einem Panzer zermalmt wurde. Ihre Beerdigung in Paris war ein Aufbegehren gegen den Faschismus. Alberto Giacometti schuf ihr Grabmal, Louis Aragon, Pablo Neruda, Henri Cartier-Bresson und weitere Prominenz führten den Trauerzug der Hunderttausend an, den die Kommunistische Partei in Paris organisiert hatte. Diese «nutzte ein tragisches Unglück, um eine Heldin und Märtyrerin zu erschaffen.» Die Worte legt Romanautorin Helena Janeczek einer der drei Figuren in den Mund, anhand derer Erinnerungen sie das Schicksal der Gerda Taro, Geliebte, Frau und Erfinderin von Robert Capa, erzählt. Es sind Willy, von Gerda Dackel genannt, der unsterblich in sie verliebt war, sich jedoch mit der Rolle des verlässlichen Freunds begnügen musste, dann sein Rivale Georg, ihr Geliebter, den sie trotz der heissen Beziehungsgeschichte samt Eheschliessung mit Robert Capa nie wirklich verliess, und schliesslich Ruth, ihre beste Freundin aus der Jugendzeit in Stuttgart.
Ruth Cerf kümmert sich nach Gerdas Tod um den völlig aus den Fugen geratenen, in tiefer Trauer und Verzweiflung fast verwahrlosten Capa, bis der sich wiederum als Kriegsfotograf auf anderen Schlachtfeldern engagiert. Danach sorgt sie dafür, dass im Atelier alle Abzüge und Negative katalogisiert und so verpackt werden, dass sie vor den Nazi gerettet werden können.
Den drei Kapiteln stellt Janeczek einen Prolog und einen Epilog zur Seite. Der Prolog – ein poetischer Einstieg ins Leben eines sich liebenden und ergänzenden Fotografenpaars, dargestellt an der Bildbeschreibung von zwei Aufnahmen desselben Motivs in Barcelona: Zwei junge Milizionäre der Revolutionsgarde, ein Liebespaar voller Hoffnung und Zuversicht wie sie selbst es waren, einmal von Gerda, einmal von Robert geknipst.
Robert Capa im spanischen Bürgerkrieg 1936. Foto: Gerda Taro
Der Epilog zeigt zum Auftakt ebenfalls das Foto eines glücklich verliebten Paars – diesmal sind es Gerda und Robert im Café du Dôme, fotografiert von Fred Stein. Seiten später ein zweiter Schnappschuss, geknipst wohl nur Minuten davor oder danach, ein Foto, das jahrzehntelang im so genannten mexikanischen Koffer verschwunden blieb und eine komplexere Beziehungsgeschichte erzählen könnte.
Eine Ausstellung in Mailand mit Fotos von Gerda Taro und Robert Capa war die Inspiration für Janeczek. Sie lebt in Norditalien und schreibt in Italienisch. Für den Roman vom Leicamädchen ist sie mit dem Premio Strega ausgezeichnet worden, La ragazza con la Leica wurde ein Bestseller.
Der Autorin war schon nach ersten Recherchen bewusst, dass Sie Taro nur gerecht werden konnte, wenn sie sie anders darstellte als in einer linearen Biographie. Zum Glück für uns Lesende entschied sie sich für eine spezielle Erzählstruktur, fiktionalisierte die Welt um ihre Protagonistin mit Aussagen und Stimmungsbildern, mit Beschreibungen und Gedanken, die weit über das Leben und Wirken der Gerda Taro hinausgreifen, in denen jedoch auch das Bild dieser faszinierenden, politisch engagierten und zugleich leichtlebigen Frau aufscheint: «Das Leben ist zu ernst um es ernst zu nehmen.»
So entstand nicht nur die Geschichte einer jüdischen Emigrantengruppe, die vor den Nationalsozialisten nach Paris hatte fliehen können, bis für die meisten eine weitere Flucht nötig wurde, sondern der Autorin gelang ein breit angelegtes Panorama von den 30er Jahren bis weit nach dem zweiten Weltkrieg. Der Weg über die drei Freunde, macht es möglich.
Der erste, Gerdas «Dackel», ist der in die USA emigrierte Kardiologe Willy Chardack. Er erinnert sich 1960 zurück an Leipzig, wo er Linken begegnete, die sich gegen die Nationalsozialisten zur Wehr setzten und sich später im freien Paris für die Republikaner im spanischen Bürgerkrieg engagierten, nicht ohne jedoch das Leben mit Literatur, Theater, Kino und Kaffeehaus zu geniessen. Während Chardack Medizin studierte, hielt sich Gerda Taro als Tippmamsell über Wasser – sehr erfolgreich: «Unsere Gerda spielt die Remington wie einen Steinway», hätten sogar ihre Vermieter das nächtliche Geklapper gelobt, erinnert sich Willy.
Helena Janeczek, 1964 als Kind polnisch-jüdischer Holocaust-Überlebender in München geboren, lebt in Italien. Foto
Mit unbändigem Willen und grossem Talent für die Bewältigung aller Probleme ausgestattet, war Taro zugleich überaus warmherzige, humorvoll und charmant, diese erste Kriegsfotografin der Geschichte. Leichtlebig, ja, aber nicht leichtsinnig sei sie gewesen, der Gefahr bewusst, wenn sie im Bürgerkrieg ihre Fotoreportagen machte.
Ebenfalls auf 1960 datiert die Autorin die Erinnerungen von Georg Kuritzkes, Arzt und Revolutionär, der im spanischen Bürgerkrieg als Freiwilliger kämpfte und operierte, der später in internationalen Organisationen wie der Unesco und der FAO mitarbeitete – immer zum Wohle der Menschheit. Ihm machte Gerda im November 1936 einen Besuch in Neapel, einen eifersüchtigen Capa in Paris zurücklassend. Und natürlich hielt sie in den Gassen neugierig nach Motiven für die Leica Ausschau. Den Apparat hatte sie von Capa, der ihr in Paris auch das fotografieren beigebracht hatte, bekommen, nachdem dieser sich dank Gerdas Coaching etwas besseres leisten konnte.
Gerda Taro im spanischen Bürgerkrieg 1937. Fotograf anonym
Das mittlere Kapitel mit Ruth Cerf, der Jugendfreundin aus Stuttgarter Tagen, ist auf 1938 datiert. Sie ist, verheiratet mit einem Schweizer, im Pariser Exil dabei, ihre Koffer für ihre neue Heimat zu packen, davor aber katalogisiert sie die Capa- und Taro-Fotos und Negative, die gerade noch rechtzeitig auf abenteuerlichen Wegen als Diplomatengepäck aus Frankreich geschmuggelt werden und schliesslich in Mexico auf einem Dachboden landen. In Ruths Erinnerungen wird die Jugendzeit Gerdas beschrieben, ihre Liebenswürdigkeit und ihr Mut für die gerechte Sache: «Leben, koste es was es wolle, jedoch nicht um jeden Preis, danach strebte Gerda mehr als sie alle zusammen,» denkt Ruth, «Sie überwand die Hindernisse und Hürden, die sich diesem Verlangen in den Weg stellten, mit einer Unbändigkeit und einem Elan, die nur der eiserne Koloss eines Panzers hatte zerquetschen können.»
Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica. Deutsch von Verena von Koskull. 352 Seiten. Berlin Verlag 2020.