Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03133.jsonl.gz/2988

Titel
Elsaß-
Lothringen.
[* 2] Die Bevölkerung [* 3] betrug nach der Volkszählung vom 1,603,506 Seelen (gegen 1,564,355 im J. 1885), einschließlich 67,354 Militärpersonen, und zwar in den drei Bezirken:
|Bezirk||Einwohner 1890||Zunahme Seelen||Zunahme Prozent|
|Ober-Elsaß||471609||9060||1.9|
|Unter-Elsaß||621505||9428||1.5|
|Lothringen||510392||20663||4.2|
|Zusammen:||1603506||39151||2.5|
Die Bevölkerung des Reichslandes hat in der Periode 1885-90 jährlich im Durchschnitt um 0,49 Proz. zugenommen, etwas stärker als in den Jahren 1875-1880 (0,45 Proz.), während die dazwischen liegende Periode eine allerdings geringe Abnahme (0,03 Proz.) zeigte. Die stärkste Zunahme weist Lothringen auf, was jedenfalls mit der Vermehrung der Militärbevölkerung zusammenhängt. Die Dichtigkeit der Bevölkerung ist im Reichsland von 108 auf 110 gestiegen. Städte mit mehr als 20,000 Einw. gab es 4, nämlich Straßburg [* 4] (125,545), Mülhausen [* 5] (76,968), Metz [* 6] (60,194), Kolmar [* 7] (30,411). Der Staatshaushaltsetat für 1891 bezifferte die ordentlichen Einnahmen auf 49,898,732, die fortdauernden Ausgaben auf 44,717,684, die einmaligen auf 2,404,966 Mk., ließ also einen Überschuß von 5,181,048 Mk. erwarten, aus dem der Fehlbetrag des außerordentlichen Etats (Ausgaben 2,868,082 Mk.) im Betrage von 2,776,082 Mk. gedeckt werden soll.
Die Staatsschuld betrug 1891: 773,982 Mk.
Geschichte. Die
Frage des Paßzwanges beherrschte nach wie vor die
Gemüter in
Elsaß-
Lothringen. Da die
Wahlen für den
Reichstag
entschieden
besser als 1887 ausgefallen waren (drei deutschfreundliche Abgeordnete wurden gewählt), so hoffte man auf eine baldige Aufhebung
des Paßzwanges, namentlich als der
Kaiser im April 1890
Straßburg besuchte. Der Abgeordnete
Grad brachte im
Landesausschuß
einen
Antrag auf Abschaffung desselben ein. Dieselbe erfolgte zwar nicht, jedoch ließen die Vertreter der
Regierung die Abgeordneten wissen, daß die
Frage einer erneuten
Prüfung und Erwägung unterzogen werden solle und der
Kaiser
sich bereit erklärt habe, den
Wünschen und Bedürfnissen des
Landes jede nur immer thunliche und mit den maßgebenden allgemeinen
politischen Verhältnissen vereinbare
Förderung und Berücksichtigung angedeihen zu lassen. In anbetracht dessen äußerten
sich bei der
Verhandlung über den
Antrag
Grad im
Landesausschuß 26. April sowohl der Antragsteller als der Abgeordnete
Petri kurz
und maßvoll;
Grad erkannte an, daß in den meisten
Fällen das
Visum nicht verweigert werde, und
Petri erklärte, das Land habe
bisher auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet alles gethan, was zur Abschaffung des Paßzwanges
bestimmen müsse, und werde auch künftig in dieser
Haltung sich nicht beirren lassen.
Seitens der Regierung wurde keine Erklärung abgegeben. Auch bei der Wiedereröffnung der Sitzungen des Landesausschusses durch den Statthalter Fürsten von Hohenlohe geschah in dessen Rede des Paßzwanges keine Erwähnung. Es wurde nur die günstige Finanzlage gerühmt und eine Reihe von Gesetzentwürfen von praktischem Nutzen für das Land angekündigt. Die Aufnahme der Rede im Landesausschuß war daher auch eine sehr kühle. Gleichwohl war die Aufhebung des Paßzwanges beabsichtigt, und die Handhabung desselben war eine sehr milde.
Die Vorgänge aber, welche sich im Februar 1891 in Paris [* 8] anläßlich des Besuches der Kaiserin Friedrich abspielten, die Hetzereien der französischen Revanchepolitiker in der Presse [* 9] und in Versammlungen gegen Deutschland, [* 10] die offen ausgesprochene Zurückforderung Elsaß-Lothringens und die schwächliche Haltung der französischen Regierung gegen diese beleidigenden Äußerungen unversöhnlichen Hasses veranlaßten die Reichsregierung, die eingetretenen Milderungen aufzuheben u. die Handhabung des Paßzwanges in voller Schärfe zu befehlen.
Unter den deutschgesinnten Mitgliedern des Landesausschusses erhob sich der Wunsch, diese Gelegenheit zu ergreifen, um sich entschieden gegen die französischen Revanchepolitiker zu erklären und die Zugehörigkeit Elsaß-Lothringens zu Deutschland offen und bestimmt auszusprechen. Dies sollte in einer Adresse an den Kaiser geschehen, welche man 4. März im Landesausschuß beantragen wollte. Aber die Mehrzahl der Mitglieder wurde wieder bedenklich; so offen wollte man sich von den Franzosen nicht lossagen, und es mußte daher eine abgeblaßtere Form gewählt werden, um wenigstens die Mehrheit zu gewinnen.
Bei der Sitzung vom 4. März fehlten aber doch noch 20 Mitglieder, und 2 (Winterer und Ditsch) enthielten sich der Abstimmung. In der nun angenommenen Adresse hieß es: »Aus Anlaß der in jüngster Zeit im Ausland stattgehabten Vorgänge hat die Reichsregierung eine scharfe Handhabung der im Mai 1888 getroffenen Vorschriften über den Paßzwang verordnet, unter denen die Reichslande zwei Jahre hindurch gelitten haben und nun von neuem leiden sollen. Ew. Majestät versichern wir, daß wir treu auf dem Boden des Gesetzes und der bestehenden Verhältnisse beharren, jede Einmischung ¶
mehr
seitensfremder, dazu nicht berechtigter Elemente aufs entschiedenste zurückweisen, und daß keine aus dem Ausland kommende Agitation je geeignet sein wird, diese Gesinnung zu erschüttern.« Zum Schluß wurde um Aufhebung oder wenigstens um milde Ausführung der Paßmaßregel gebeten. Trotz der Farblosigkeit der gewählten Ausdrücke war diese Adresse immerhin als ein Fortschritt gegen früher anzusehen, und daher wurde sie vom Kaiser 14. März unter besondern Feierlichkeiten im Berliner [* 12] Schloß entgegengenommen.
Nach der Verlesung der Adresse erwiderte der Kaiser: »Ich nehme gern die Versicherung entgegen, daß die elsaß-lothringische Bevölkerung, auf dem Boden der bestehenden staatsrechtlichen Verhältnisse verharrend, jede Einmischung fremder Elemente zurückweist und den Schutz ihrer Interessen nur von dem Reiche gewärtigt. Indem Ich Ihnen für diesen Ausdruck reichstreuer Gesinnung Meinen Dank entbiete, bedaure Ich, für jetzt Ihre Wünsche nicht erfüllen zu können. Ich muß Mich darauf beschränken, die Hoffnung auszusprechen, daß in nicht allzu ferner Zeit die Verhältnisse es gestatten mögen, im Verkehr an der Westgrenze wiederum Erleichterungen eintreten zu lassen. Diese Hoffnung wird um so früher in Erfüllung gehen, je mehr sich die elsaß-lothringische Bevölkerung von der Unlösbarkeit der Bande überzeugt, welche sie mit Deutschland verknüpfen, und je entschiedener sie den Entschluß bethätigt, allezeit treu und unerschütterlich zu Mir und Meinem Reiche zu halten.«
Daß die überwiegende Mehrzahl der Bevölkerung von
Elsaß-Lothringen sich in die neuen Zustände gefunden hatte, bewies der Ausfall der Gemeinderatswahlen
im Juli 1891, bei denen namentlich das Zusammengehen der einheimischen Wähler mit den eingewanderten in vielen Fällen zu
beobachten war. Niederlagen, wie die in Metz, erlitt die deutsche Partei hauptsächlich infolge ihrer Uneinigkeit.
Auch die neue Einrichtung der Berufsbürgermeister hatte sich, wo sie eingeführt war, bei der Bevölkerung beliebt gemacht.
Einen nicht unbedeutenden Schritt zur Annäherung an Deutschland that die katholische Geistlichkeit, indem sie im innern Verkehr
die französische Sprache abschaffte; auch wurde bestimmt, daß fortan nur solche Leute in das Priesterseminar
aufgenommen werden sollten, welche ihre Gymnasialstudien an einer deutschen Lehranstalt gemacht hätten. Freudig überrascht
wurde nun
Elsaß-Lothringen, als 21. Sept. eine Verordnung erschien, welche den Paßzwang an der Grenze aufhob und nur für aktive Militärpersonen,
ehemalige Offiziere sowie Zöglinge von Militärschulen des Auslandes und für solche, welche sich der Wehrpflicht
in Deutschland entzogen hatten, das Paßvisum beibehielt; dagegen wurde von allen Ausländern, die sich im Reichsland über 24 Stunden
aufhielten, Meldung bei der Polizei gefordert.
Der Abgeordnete Petri gab den Dankgefühlen der Elsaß-Lothringer in einer Ansprache Ausdruck, welche er 10. Okt. an den nach Straßburg
zurückkehrenden Statthalter richtete, und in welcher er beteuerte, daß die Elsaß-Lothringer stets bereit seien, auf der
unerschütterlichen Grundlage der Zusammengehörigkeit von
Elsaß-Lothringen mit dem Reiche die Politik des Statthalters zum Wohle des Reiches
und des Landes zu unterstützen. Einem französischen Zeitungsberichterstatter, welcher sich vergewissern wollte, ob in
Elsaß-Lothringen wirklich
an die völlige Trennung von Frankreich gedacht werde, erklärte Petri, daß die unlösbare Verbindung Elsaß-Lothringens
mit dem Deutschen Reich eine geschichtliche Thatsache sei, an welcher das Volk
nicht gerüttelt wissen wolle; denn eine Losreißung
von Deutschland sei nur durch einen blutigen Krieg möglich, den niemand in
Elsaß-Lothringen wolle; auch könne man den
Elsaß-Lothringern nicht zumuten, und diese seien auch nicht gesonnen, auf unbestimmte Dauer eine Existenz der Treue und der
Entsagung zu führen.
Ähnlich sprach sich der Reichstagsabgeordnete von Zabern, [* 13] Höffel, aus. Nur in gewissen Schichten des höhern Mittelstandes machte sich noch die den Franzosen selbst eigentümliche Furcht vor der öffentlichen Meinung Frankreichs geltend, und einige Notabeln, welche von der Manteuffelschen Zeit her gewohnt waren, zwar Gunstbezeigungen der Regierung zu beanspruchen, aber um so eifriger an deutschfeindlichen Demonstrationen teilzunehmen, konnten sich nicht enthalten, an einer Revanchefeier teilzunehmen, welche 21. Okt. in Bussang jenseit der Vogesen gelegentlich der Eröffnung einer Eisenbahn in Gegenwart hervorragender französischer Politiker stattfand.
Der eine, ein Schweizer Bürger, wurde sofort aus
Elsaß-Lothringen ausgewiesen, der andre seines Ehrenpostens als Ergänzungsrichter entsetzt.
Daß in der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung ähnliche Gesinnungen nicht herrschten, bewies der Ausfall der Landesausschußwahlen 6. Nov., bei
denen kein Kandidat in den Erklärungen vor der Wahl protestlerische Gesinnungen äußerte, einer, der Bürgermeister
Sauner von Gommersdorf im Kreise
[* 14] Altkirch, sich offen auf den deutschen Standpunkt stellte. Er und in Molsheim ein ehemaliger
preußischer General wurden gewählt, sonst meist die frühern Mitglieder.
Die Verhandlungen des Landesausschusses verliefen 1892 durchaus friedlich. Bei der Eröffnung seiner Sitzungen wurde 28. Jan. das vom Statthalter ausgebrachte Hoch auf den Kaiser mit Begeisterung aufgenommen und eine Dankadresse an denselben angenommen. Die günstige Finanzlage des Landes wurde von den Abgeordneten anerkannt und die Vorlagen der Regierung durchaus sachlich behandelt. So hatte die Beruhigung und Verschmelzung im Lande merkliche Fortschritte gemacht.