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Der tschechische Autor Tomas Sedlacek beschreibt in seinem Buch: «Die Ökonomie von Gut und Böse» die Entwicklung dieser Wissenschaft durch die ganze Menschheitsgeschichte hindurch. Er beginnt mit dem ersten schriftlichen Zeugnis, dem Gilgamesch-Epos, und landet nach gut vierhundert Seiten in der Zeit, in der das Buch erschien, nämlich 2009.
Seine Grundaussage lautet, dass es seit Beginn der Menschheit in den Entscheidungen wirtschaftlicher Fragen immer um Gut und Böse gehe. Unter diesem Aspekt führt er durch das Gilgamesch-Epos, das Alte Testament, das antike Griechenland, das Christentum. Er skizziert die Meinungen historischer Philosophen wie Sokrates und Platon, später Descartes und befasst sich ausführlich mit Adam Smith und weiteren Protagonisten der Ökonomie.
Er erklärt uns den Begriff des «Zyklus» anhand der Geschichte von Josephs Traum aus dem Alten Testament mit den «sieben fetten und den sieben mageren Jahren». Und der «unsichtbaren Hand des Marktes» begegnen wir im Buche immer wieder.
Ganz am Anfang des Buches findet sich meiner Ansicht nach ein Schlüsselsatz des Autors: «Deshalb habe ich dieses Buch geschrieben: um in alten Mythen nach ökonomischen Gedanken zu suchen und auch umgekehrt nach Mythen in der heutigen Ökonomie».
Sedlacek zeigt auf, wie durch die Jahrhunderte hindurch Theologie, Philosophie, Psychologie, Moral das Wissen von der Wirtschaft, vom Wirtschaften, durchzogen, bis sich eine rein rationale Wirtschaftswissenschaft herauskristallisierte.
Dazu passen die Ausführungen von Vaclav Havel, ehemaliger tschechischer Staatspräsident (1936 – 2011), der das Vorwort zur ersten tschechischen Ausgabe des Buches schrieb: «Vielleicht hängt all das damit zusammen, dass die Ökonomie als wissenschaftliche Disziplin oft irrtümlicherweise als blosse Buchführung betrachtet wird. Aber was nützt Buchführung, wenn sich doch vieles von dem, was unser Leben beeinflusst, schwer oder gar nicht berechnen lässt?
Ich frage mich, was Ökonomen dieses Schlages tun würden, wenn man ihnen die Aufgabe übertragen würde, die Arbeit eines Sinfonieorchesters zu optimieren. Wahrscheinlich würden sie alle Pausen in Beethovens Konzerten streichen – sie sind ja schliesslich zu nichts gut, sie halten nur den Lauf der Dinge auf, und die Mitglieder des Orchesters können doch nicht dafür bezahlt werden, dass sie nicht spielen…»
Wie würden Ökonomen wohl ein Sinfoniekonzert gestalten? Alle Pausen in der Partitur streichen, weil die ja «nichts» sind? (pixabay)
Tomas Sedlacek, geb. 1977, wurde gemäss Wikipedia 2001, noch während des Studiums, ökonomischer Berater von Vaclav Havel. Ab 2004 war er Berater des damaligen Finanzministers der tschechischen Republik. Anschliessend erhielt er ein Stipendium für einen Aufenthalt an der Yale University in den USA. Seit seiner Rückkehr ist er Chefvolkswirt bei der grössten tschechischen Bank. 2009 wurde er Mitglied des Nationalen Wirtschaftsrates, der den tschechischen Regierungschef berät. Er lehrt an der Karls-Universität Prag Wirtschaftsgeschichte und – philosophie.
Für mich als Nichtökonomin ist das Buch von Sedlacek informativ und unterhaltsam geschrieben. Wie es von den heutigen Vertretern der «reinen Lehre» eingeschätzt wird, weiss ich nicht. Das spielt auch keine Rolle. Es wurde in mehrere Sprachen übersetzt und gilt als Bestseller. Ich denke, es bringt den Nichtfachleuten die Ökonomie nahe und weckt Neugier.
Allerdings setzt es mit seiner Fülle des Dargebotenen ein gewisses Durchstehvermögen voraus. Das Lesen dieses Buches ist kein Sprint, sondern ein Marathon, um ein Bonmot von Bundesrat Alain Berset anzuwenden. Aber als ich auf Seite 388 auf eines meiner Lieblingszitate von Leonard Cohen (Songwriter 1934 – 2016) stiess, im Kapitel «Lob der Fehler», war ich mit der Anstrengung des Lesens vollends versöhnt. Das Zitat wird im Buch in Deutsch wieder gegeben. Ich zitiere das englische Original, es tönt viel melodiöser: «There is a crack in everything that`s how the light gets in”.
Tomas Sedlacek: «Die Ökonomie von Gut und Böse» übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Ingrid Pross-Gill. Taschenbuchausgabe 4. Auflage Wilhelm Goldmann Verlag, München. ISBN 978 – 3 – 442 – 15754 – 9