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Die Kniescheibe (Patella) ist ein frei laufender «Abstützknochen» für die Strecksehne des Oberschenkels. Sie besitzt keine feste knöcherne Gelenkführung, sondern ist lediglich an Muskeln, Sehnen und Bändern aufgehängt und gleitet in einer V-förmigen Rinne des Oberschenkelknochens (Gleitlager oder Trochlea).
Aus diesem Grunde ist die Kniescheibe störungsanfällig bei Veränderung des Muskelgleichgewichtes oder bei anlagebedingter Fehlform des Kniescheibengleitlagers.
Der Begriff vorderer Knieschmerz (anterior knee pain) fasst mehrere unterschiedliche Entstehungsursachen zusammen.
Wenn eine konservative Behandlung besonders mit intensiver Kräftigung von schwachen Muskelgruppen und Dehnungen von verkürzten Muskeln nicht weiterhilft, kann arthroskopisch eine Spaltung der aussenseitigen Kapsel- und Patella-Aufhängung erfolgen, ein sogenanntes laterales Release, ggf. kombiniert mit einer ebenfalls mikrochirurgisch durchgeführten Raffung der Patella-Aufhängung an der Gelenkinnenseite (mediale Raffung).
Falls es bereits zu Knorpelschäden gekommen ist, können in gleicher OP-Sitzung verschiedene Massnahmen zur Besserung vorgenommen werden, wie sie im Kapitel «Knorpelschaden» ausführlich beschrieben sind. Eine Knorpel-Knochen-Verpflanzung ist an der Kniescheibe meist mit einer kleinen Eröffnung des Gelenkes verbunden. Alle anderen Massnahmen können auch geschlossen mikrochirurgisch durchgeführt werden.
Eine Instabilität der Kniescheibe tritt als Unfallfolge nach Verrenkung (Luxation zur Aussenseite) auf oder ist anlagebedingt durch eine zu flache Form des Gleitlagers oder schwache Haltebänder und Muskeln.
Meist ist hierbei die konservative Behandlung alleine nicht ausreichend, und eine Korrektur-Operation sollte nicht zu lange hinausgezögert werden, um eine fortschreitende Knorpelzerstörung zu vermeiden. Ein laterales Release und mediale Raffung sind oft nicht ausreichend. Es wird der Ansatz des Kniescheibenbandes (Patellarsehne) am Unterschenkel knöchern abgelöst und etwa 1–2 cm weiter zur Innenseite hin wieder angeschraubt. In der Nachbehandlung kann nach etwa 2–3 Wochen bei geradem Bein voll belastet werden, Kniebeuge und Treppensteigen jedoch erst nach ca. 5–6 Wochen. Dann sollte auch ein intensives Muskelaufbautraining begonnen werden, um den besonders rasch schwach werdenden innenseitigen Oberschenkelstreckmuskel (M. vastus medialis) zu kräftigen. Um Spätschäden zu vermeiden, ist manchmal schon im Kindesalter ein korrigierender Eingriff sinnvoll.
Sich langsam entwickelnde Knorpelaufweichungen, die sich nach vielen Monaten verschlimmern und zur umschriebenen Knorpelzerstörung (Chondrolyse) führen – hier kann eine Arthrosebehandlung Linderung bringen.
An der Kniescheibe, aber auch in den Knochenteilen der Oberschenkelrollen kann es über noch weitgehend unbekannte Mechanismen zu einer Minderdurchblutung und zum Absterben von Knochenarealen kommen. Der darüberliegende Deckknorpel wird in fortgeschrittenem Stadium mit zerstört. Die Behandlung ist zunächst abwartend konservativ, Schonung, Sportverbot usw.; wenn der Prozess im Röntgenbild oder dem MRI fortschreitet, dann sollte operativ der Herd angebohrt werden, um eine Neudurchblutung und Ausheilung anzuregen. Manchmal muss das abgestorbene Gewebe entfernt werden, bevor es sich herauslöst und zu einer freien «Gelenkmaus» wird, was sonst weitere Knorpelzerstörung an noch gesunden Gelenkanteilen verursachen würde. In den letzten Jahren können wir auch bei solchen Erkrankungen zunehmend die Knorpel-Knochen-Verpflanzung vornehmen.
Einfache Längsbrüche können meist konservativ mit Gipsschiene und vorsichtiger Bewegung ausheilen. Querbrüche müssen operativ verschraubt oder verdrahtet werden. Besonders unangenehm sind Trümmerbrüche nach Stürzen. Hier kann trotz umfangreicher operativer Massnahmen eine Arthroseentwicklung meist nicht verhindert werden.
Unsere Aufgabe ist es, die nicht immer einfache Behandlung der Kniescheibenprobleme durch sorgfältige Untersuchung und Diagnosestellung zunächst konservativ zu versuchen und bei OP-Notwendigkeit die Massnahmen richtig dosiert einzusetzen. Bei Arthroseproblemen muss oft über einen längeren Zeitraum, eventuell mit mehreren kleineren Wiederholungsoperationen, zusammen mit dem Patienten ein geduldiger Wiederaufbau der geschädigten Knorpelgleitschicht erzielt werden. Sollte dies auf Dauer nicht möglich sein, gibt es erste ermutigende Berichte über einen alleinigen prothetischen Ersatz der Kniescheibe, mittel- oder langfristige Ergebnisse sind jedoch derzeit noch fehlend.
Kniescheibe/Patella von der Seite
Kniescheibe/Patella von vorne