Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03223.jsonl.gz/301

Peter-Boy
ein Hundeleben
3
Der Hund Boy fiel allen sofort auf, den Menschen und den Tieren. Nicht weil er grösser war als seine Geschwister oder schneller oder klüger; nein nicht darum, sondern weil sein Gesicht besonders war. Die eine Hälfte des Gesichts war nämlich weiss und die andere schwarz. Und die Kinder, die ihn sahen, aber auch die Erwachsenen, die nicht genau hinschauten, sagten: Schau mal der Hund, er hat ein weisses und ein schwarzes Auge. Dabei waren seine Augen braunschwarz. Er hatte nur einfach weisse Augenwimpern auf der linken weissen Seite und schwarze Augenwimpern auf der schwarzen Seite.
Einige hielten ihn wegen seinem Gesicht als besonders klug, andere wieder für besonders dumm. Wieder andere dachten, dass er bestimmt Glück bringe und die Zukunft voraussagen könne. Ihm war das recht, er liess sie in ihrem Glauben.
Boy schaute zu, wie seine Mutter Antuca die Schafe bewachte und nicht aus den Augen verlor, auch wenn sie sich hinlegte.
Sie liess die Schafe friedlich fressen und störte sie nicht, nur wenn sich einige vergassen und allein auf Futtersuche gingen, griff sie ein, jagte ihnen nach und trieb sie in einem grossen Bogen zurück zur Herde.
Genau das machte Boy später auch, als er erwachsen war, wenn er zu Hause im Garten die Eidechsen beobachtete, die an der Hausmauer emporkletterten. Er verfolgte ihre Bewegungen, auf den Hinterläufen sitzend, den Kopf vorgereckt, ohne dass er sich selber bewegte. Verschwanden sie in einer Spalte oder hinter einem Stein, ging er hin und untersuchte das Versteck genau. Er machte das ohne eine andere Absicht, als den Weg der Echsen zu verfolgen.
Nie hat er sich auf eine gestürzt. Wenn sonst nichts Interessantes passierte, konnte er dieses Spiel eine Stunde lang spielen. Und mehr als einmal geschah es, dass eine der Eidechsen ihren Schwanz verlor, wenn seine nasse Schnauze sich näherte. Um der Gefahr zu entkommen, wie die Eidechse glaubte. Nur gut, dass der Schwanz wieder nachwachsen würde.
Von diesem Haus und von diesem Garten werden wir später mehr erzählen.
4
Die Katastrophe, die wir schon angedeutet haben, passierte, als Boy und seine Geschwister schon nicht mehr auf der Alp waren sondern im Tal, auf einem Bauernhof in der Nähe eines Dorfes.
Dort lebte er mit seiner Mutter, seine Geschwister waren zu andern Besitzern gekommen, wo sie als Hofhunde arbeiteten.
Es war an einem Samstag, als im Dorf ein Fest gefeiert wurde. Boy war seinen Besitzern gefolgt, als sie am Abend ins Festzelt gingen, das am Rande des Dorfes aufgebaut war. Der Besitzer hatte ihn zurückgeschickt: Geh nach Hause, hatte er gesagt, du kannst hier nicht bleiben.
Das sah Boy ein, es war ihm auch zu laut, im Zelt spielte eine Musikkapelle und überall waren Menschen, viel zu viele Menschen.
Er trollte sich, wie die Menschen sagen, und machte sich auf den Weg nach Hause. Aber da er im Dorf war, wollte er sich noch ein bisschen umschauen, und tatsächlich es gab allerhand zu sehen und zu riechen, Gerüche, die er kannte und Gerüche, die er nicht kannte. Auch war da und dort eine unvorsichtige Katze, die man erschrecken konnte.
Und dann geschah es.
Er bog ahnungslos um eine Hausecke und stand auf dem Dorfplatz, als es zu krachen und zu donnern begann. Blitze schossen in die Luft und Feuerwerk zuckte am Himmel. Der Schreck war so gross, dass Boy zuerst einfach nur gelähmt war. Und dann rannte er los! Er rannte, ohne zu wissen wohin, nur um von diesem Schiessen und Krachen wegzukommen, er rannte und rannte, er rannte um sein Leben, wie er glaubte.
Erst als er sich im Dickicht eines Waldes verkrochen hatte, und die Schüsse nur noch vereinzelt und weit entfernt krachten, kam er zum Stillstand. Sein Herz schlug und schlug und seine Lunge pumpte und pumpte.
Es dauerte eine Weile, bis er sich beruhigte und hinlegte. Nach noch einer Weile schlief er schliesslich ein. Er schlief unruhig, immer wieder wachte er auf, horchte auf die Geräusche des Waldes, aber die Geräusche des Waldes erschreckten ihn nicht.
Am andern Morgen wachte er auf und wusste nicht, wo er war. Er streckte sich und schaute sich um. Dann stand er auf und hielt die Nase in die Luft. Das Erste, was er roch, war, dass da ein Bach in der Nähe sein musste. Und das war gut, denn er hatte Durst. Er machte sich auf zum Bach und füllte sich den Bauch. Dann folgte er dem Bach und kam schliesslich auf eine Wiese. Nicht weit davon waren Häuser zu sehen. Auf die ging er zu.
Besser wäre es gewesen, er wäre nicht dem Bach, sondern seinen eigene Spuren gefolgt. Die hätten ihn nach Hause geführt. Zu allem Unglück fing es nun auch noch an zu regnen, das heisst, wenn er jetzt nicht umkehrte, würden seine Spuren bald verwischt sein.
Er aber glaubte, dass er sich dem Dorf näherte, aus dem er am Abend Reissaus genommen hatte. Er dachte, von dort würde er nach Hause finden.
Aber er ging vorsichtig vor, einen Schrecken, wie er ihn erlebt hatte, wollte er nicht noch einmal erleben. Er machte immer wieder Pausen und horchte und steckte die Nase in den Wind. Dann war da eine Strasse, der er folgte, und die ihn zwischen die Häuser führte und schliesslich auf einen Platz mit einem Brunnen. Ringsum waren Häuser. Menschen gingen in die Häuser, verschwanden oder kamen mit Paketen und vollen Taschen wieder heraus. Aber es war niemand darunter, den er kannte. Es war auch nicht der Platz, auf dem er am Abend zuvor so erschreckt worden war. Er ging weiter, folgte den Gassen und merkte bald, dass dieses Dorf viel grösser war, als das Dorf, in dessen Nähe er wohnte. Er kam an den Dorfrand und suchte nach einem bekannten Weg, einem bekannten Geruch, nach etwas, das ihm den Weg nach Hause zeigte. Er strich in grossen Kreisen rund um das Dorf, aber da war nichts, was ihm einen Anhaltspunkt gab.
Den ganzen Tag war er unterwegs, schaute in alle Ecken, rannte auf Hügel, um besser zu sehen. Er wusste nicht, wie er nach Hause kam. Er wusste auch nicht, dass er sich bei seiner Suche noch weiter von zu Hause entfernte, immer noch weiter.
Am Abend fand er eine leere alte Scheune am Waldrand, in der er sich verstecken und ausruhen konnte. Zum ersten Mal in seinem kurzen Leben fühlte er sich in diesen Tagen elend, hundeelend, wie die Menschen sagen.
5
So irrte Boy drei Tage in der Gegend umher, ohne gross zu fressen. Langsam glaubte er nicht mehr, dass er ohne Hilfe nach Hause finden würde. Vielleicht konnten ihm die Menschen helfen. Als er am Morgen des vierten Tages sich wieder einem Dorf näherte, dachte er, dass er mindestens um ein bisschen Fressen betteln sollte. Beim ersten Menschen, dem er begegnete, traute er sich noch nicht, aber bei zwei Kindern, die von der Schule kamen, nahm er allen Mut zusammen und ging schwanzwedelnd auf die beiden zu. Er hatte den Kopf gesenkt und die Ohren angelegt, damit sie sahen, dass sie vor ihm keine Angst haben mussten.
Die Kinder merkten, dass er Hunger hatte und gaben ihm den Rest ihrer Pausenbrote. Er verschlang das Brot und auch die Gurkenscheiben darin, den Käse hatten die Kinder schon gegessen.
Er folgte den Kindern auf Distanz und sah, wie sie durch eine Gartentür auf ein Haus zugingen und darin verschwanden. Während der Nacht blieb Boy in der Nähe des Hauses. Er fand einen Laubhaufen in einer Ecke des Gartens und ruhte sich aus. Der Hunger nagte in seinen Eingeweiden. Und als der Mond so richtig hell am Himmel.
stand, hob er den Kopf, steckte die Nase in die Luft und begann zu heulen. Tief aus der Kehle kam das Heulen, ein schweres und wehmütiges Heulen.
Es dauerte nicht lange und es flammte Licht auf in einem der Fenster. Das Gesicht des Jungen war zu sehen. Dann verschwand es wieder, aber kurz darauf ging die Haustür auf und die beiden Kinder erschienen, begleitet von einem Mann. Boy näherte sich und wedelte mit dem Schwanz. Sie nahmen ihn mit ins Haus und gaben ihm zu fressen. «Wir können den Hund nicht behalten, das wisst ihr doch, nicht war, das wisst ihr, liebe Kinder, die Leute, denen er gehört werden ihn suchen.» «Wir müssen ihn ins Tierheim bringen,» sagte der Vater den Kindern, «gleich morgen machen wir das, und wenn ihn jemand sucht, wird er ihn dort finden.»
Im Tierheim gab es eine Menge Hunde, er musste sich erst an sie gewöhnen. Die meisten machten einen guten Eindruck auf ihn, aber nicht alle, einige fletschten die Zähne, wenn man an ihnen vorbeiging.
Boy wurde geimpft und gewaschen und kriegte zu fressen, er konnte sich nicht beklagen. Er kriegte auch einen Chip unter die Haut, auf dem stand, wer er war, und wo er hingehörte.
Und nun musste er warten. Vielleicht würden die Leute, mit denen er auf der Alp war, ihn ja abholen. Aber die Zeit verging. Und niemand liess sich blicken.
Fortsetzung folgt