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Amphibiens et reptiles dans la médecine traditionnelle
Von Regula Odermatt-Bürgi, Oberdorf (NW)
Protokolle von Hexenprozessen berichten, wie die Unholdinnen Schlangen, Kröten und andere giftige Tiere und Pflanzen zu einem Gebräu oder einer Salbe einkochten und diese für ihren Schadenzauber - Missernten, Krankheit und Tod bei Mensch und Vieh - verwendeten. Doch je nach Menge und Zusammensetzung können diese Ingredienzen auch heilend wirken. Gift und Gegengifte, Schlangen, Kröten und Echsen spielten schon in der antiken Medizin eine zentrale Rolle, und es fasziniert, dass damals formulierte Vorstellungen über Jahrhunderte weiterlebten und noch in den Volksmedizinbüchern des 19. Jahrhunderts einen fernen Nachhall fanden.
Als effizienteste Mittel gegen die Pest galten bis ins 18. Jahrhundert. Mithridatium, das neben pflanzlichen und mineralischen Zutaten Echsenfleisch enthielt, und der noch viel wirksamere Theriak, der anstelle der Echsen Vipern verwendete und bei Vergiftungen und allen erdenklichen Krankheiten Heilung versprach. Beide Rezepte verdanken wir Galen (um 129-200 n. Chr.), der als Arzt am Hofe des Kaisers Marc Aurel arbeitete und Medikamente aus den Werken der berühmtesten Wissenschaftler der Antike zusammenstellte. Galens Rezept für Theriak, das 64 sorgfältig abgewogene Zutaten enthält, schreibt vor: fange die Vipern am Ende des Frühlings oder am Anfang des Sommers, wenn ihr Gift noch nicht so stark ist. Schneide ihnen Kopf und Schwanz ab, häute und weide sie aus, koche sie auf rauchlosem Feuer, forme aus der so entstandenen Masse Kügelchen. Zerstosse diese Vipernpastillen mit den anderen Ingredienzen im Mörser, rühre und erhitze die Masse während zweier Monate oder mindestens 40 Tagen. Dann folgt der Reifungsprozess, der mindestens 12 Jahre dauern muss. Wegen der aufwändigen Herstellung war Theriak ein teurer Exportarikel, der vor allem Venedig, dem führenden Zentrum der Produktion, Reichtum brachte. Nach Ansicht der antiken Medizin birgt Gift Kälte in sich und stört dadurch das Gleichgewicht der vier Körpersäfte. Um dieses Gleichgewicht, also die Gesundheit, wieder herzustellen, sind bei Vergiftungen Heilmittel von „heissem“ Charakter nötig wie eben Vipernfleisch und bestimmte Kräuter. Wir haben es also mit dem Prinzip des Heilens durch das Gegenteil – kalt durch heiss – zu tun. So macht man beispielsweise in Schmerikon gegen Muskelschwund, Kinderlähmung und andere Lähmungszustände ein Amulett aus den Hinterbeinen eines Teichfrosches (Rana esculenta), der ja bekanntlich fröhlich und kraftvoll herumhüpft, und bindet es – am besten bei wachsendem Mond – auf die schmerzende Stelle.
Bei der Verwendung von Vipernfleisch gegen Vipernbisse kommen jedoch auch sympathetische Ansätze – Gleiches mit Gleichem kurieren – zum Tragen. Beide Vorstellungen prägen gleichermassen die Heilverfahren der Volksmedizin. Auch in der Schweiz existiert eine überwältigende Zahl von Rezepten, welche die Wirkung von Schlangenbouillon und Viperfleisch, Krötensud und Echsenöl beschreiben. Verschiedene Dinge fallen beim Lesen dieser Arzneien auf. Kröten – seltener Echsen, Frösche und Schlangen – werden häufig durchbohrt, aufgespiesst und auf eine langsame, qualvolle Art getötet oder lebend in Tuch oder Leder eingenäht und als Amulett prophylaktisch gegen Ansteckungen getragen oder therapeutsich auf die erkrankte Stelle gebunden, bis diese geheilt und das Tier tot ist. Das Einbinden erinnert an das Verpflocken der Pest in ein Loch im Türpfosten oder in der Wand. Das merkwürdige Vorgehen hat vielleicht auch mit dem Wissen zu tun, dass das Böse, Krankheit und Tod zu dieser Welt gehören und sich nicht endgültig besiegen, wohl aber bis zu einem gewissen Grad eindämmen, zurückbinden, bannen lassen. Im Sinne des Analogiezaubers gilt wohl: je grösser der Schmerz der Kreatur, um so grösser die Wirkkraft des Heilmittels. Jeder Gesundungsprozess braucht zudem seine Zeit, und je mehr sich das Tier dem Sterben nähert, um so weiter entfernt sich Schmerz und Tod vom Patienten. So heisst es in Genf, man solle einen grünen Frosch an den Hals eines Fiebernden binden, die Krankheit heile so schnell, wie er verende. Das Tier stirbt also stellvertretend für den Kranken.
Die Idee der „stellvertretenden Busse“ ist weit verbreitet. In Obwalden fürchtete man sich vor Kröten, weil man glaubte, sie seien verwunschene Menschen. Um diese zu erlösen, warf man die Tiere auf ein Hausdach, damit sie dort verdorren und aus der Hülle die gefangene Seele freigeben. Auf einer ähnlichen Vorstellung beruht das „Verjagen“. Schon im Judentum wurde ein „Sündenbock“ symbolisch mit der Schuld und allem Übel beladen und in die Wüste gejagt. Um sich vom Husten zu befreien, spuckte man in Genf einem Frosch ins Maul und liess ihn weghüpfen. Vor allem bei Augenkrankheiten empfahl es sich, Schlangen, die sich durch ihren hypnotisierenden Blick auszeichnen, aber auch Kröten oder Frösche zu blenden und sie dann wieder auszusetzen. Das rechte Auge einer Schlange, das man auf die erkrankte Stelle bindet, hilft gegen Tränenfluss, wenn man die Schlange freilässt. Im Kanton Solothurn heilt man dagegen Augenkrankheiten, indem man einer lebenden Kröte die Augen aussticht und das Tier in einem Zwilchsäcklein auf die Brust hängt. Andererseits soll man, um wach zu bleiben, vor dem Sonnenaufgang Frösche fangen, ihnen die Augen ausstechen und sie blind wieder ins Wasser springen lassen. Die Augen wickle man mit dem Fleisch einer Nachtigall in eine Hirschhaut und hänge sie an, dann bleibt man wach.
Dass bei Vergiftungen aller Art und bei Wundversorgungen Heilmittel aus Bestandteilen von „giftigen“ Schlangen und Kröten Verwendung fanden, liegt auf der Hand. In einem Schwyzer Medizinbuch steht: um Wunden zu heilen, fang eine Schlange, zieh ihr die Haut ab, schlag ihr Kopf und Schwanz ab, nimm das Eingeweide heraus, dörre den Leib, stoss ihn zu Pulver, säe das Pulver in die Wunde, wasche sie anschliessend mit warmem Wein aus und trockne sie, streu dann nochmals Pulver hinein, dann wird die Wunde schnell heilen. Wenn ein Mensch tödliches Gift zu sich genommen hat, kann ihm geholfen werden, wenn man eine Kröte fängt, sie aufreisst, ihre Leber fein hackt und sie dem Kranken in einer Suppe zu essen gibt, aber so, dass er es nicht bemerkt. Im Sarganserland heisst es: wenn ein Mensch oder ein Vieh von einem giftigen Tier gebissen wurde, fange man eine Kröte am Dreissigsten zwischen den zwei Frauentagen (also zwischen den Festen Mariae Himmelfahrt am 15. August und Mariae Geburt am 8. September), spiesse sie auf und lasse sie an der Sonne dörren. Dann lege man sie auf die vergiftete Stelle und sie zieht das Gift an sich. Sie vertreibt auch jeden Geschwulst und heilt sogar Pestbeulen.
Die Pest, die grosse Geisel der Menschheit, versuchte man vergebens mit mehr oder weniger komplizierten Rezepten einzudämmen. In einem Schwyzer Arzneibuch liest man: man fange im Juni oder Juli eine Kröte, hänge sie an den Füssen neben einem kleinen Feuer auf und stelle drei Schüsselchen mit Wachs darunter. Man lasse sie dort, bis sie tot ist und Würmer und Fliegen ausgeworfen hat. Dann pulverisiert man sie, nimmt das Wachs und alles, was hineingefallen ist, lässt das Ganze drei mal aufsieden und dann erkalten. Aus der Masse macht man ein Amulett und trägt es als Abwehr gegen die Pest vorbeugend auf der linken Brustwarze, falls man bereits infiziert ist, auf der Beule. Man kann aber auch eine gedörrte Kröte in warmem Wasser aufweichen, eine Stunde über die Pestbeule legen, sie dann durch einen toten grünen Frosch ersetzen, der das Gift noch vollends aussaugt.
Tiere, die anstelle eines Fells Schuppen oder eine nackte Haut aufweisen, drängen sich als Mittel gegen Kahlköpfigkeit auf. Pulversierte Vipernhaut, Schlangenschmalz, Fröschenpulver lassen Kopf- und Barthaare wachsen. Andererseits kann der unerwünschte Haarwuchs gestoppt werden, wenn man das Öl, in dem eine Echse, eine Viper oder ein Molch gesotten oder gebeizt wurde, auf die betreffende Stelle streicht. Aus analogen Vorstellungen dienen Amphibien und Reptilien, insbesondere Kröten, die bei einer Berührung ein Sekret ausscheiden, das Hautreizungen hervorruft, als Grundlage für Rezepte gegen Hautkrankheiten. Schlangenblut, der Kot einer bestimmten Echsenart, in Baumöl gekochte Kröten oder Frösche verwendet man gegen Märzentupfen, Hautflecken und Runzeln. Rötungen und Hautauschläge heilt man in Schwyz, indem man bei Vollmond eine Blindenschleiche nimmt, ihr den Kopf abhaut, diesen in ein Leder einnäht, dass nur noch das „Müli“ herausragt und das Amulett um den Hals trägt.
Pulversierte Schlangen heilen Schorf und Fisteln, Vipernbrühe oder –öle Aussatz und Syphilis. Vor allem Kröten besitzen die Fähigkeit, Gift aus kranken Körperstellen zu ziehen. Man legt das lebendige Tier auf das Geschwür oder wie in Uri und Obwalden auf die eiternde Beinwunde, wo es sich vollsaugt, bis es zerplatzt. Besonders wirksam erweisen sich Kröten bei Krebserkrankungen. Eine alte Frau in Einsiedeln, die schon lange an Brustkrebs litt, akzeptierte widerwillig den Rat, eine lebende Kröte auf die Brust zu legen und sie so lange dort zu lassen, wie sie darauf bleibe. Besonders unangenehm war, dass die Kröte bisweilen ihren Gesang ertönen liess, aber die Frau hielt durch und wurde geheilt. Daneben waren Arzneien aus pulversierten Kröten in Gebrauch. Man kann Krebs in sechs Stunden „töten“, wenn man eine Kröte und vier Lot Schwefel nimmt, in einem Hafen kocht, bis nur noch Pulver übrig bleibt, das man auf den Krebs sät. Im Unterwallis wurde ein Rheumakranker geheilt, als er sich unabsichtlich auf einige Kröten setzte und im Kanton Bern trägt man gegen Rheumatismus eine lebende Kröte in einem Säcklein auf der Brust.
Die Schlange, die im Frühjahr ihre alte Haut abstreift, sich also stets erneuert, galt schon in der Antike als Symbol der Unsterblichkeit. Der abgelegten Haut aber wurde eine grosse Heilkraft zugesprochen. Sie wird, angereichert durch andere Zutaten, bei Wundbehandlungen, Augen-, Zahn- und Ohrenproblemen, gegen Koliken, Lepra, Hautkrankheiten, Vergiftungen, Ruhr, Durchfall, Fieber eingesetzt. Den Gebärenden umgelegt, erleichtert sie die Geburt, wurde im Kanton Zürich aber auch zur Auslösung eines Abortes eingesetzt. Der Wunsch, Schmerzen zu lindern und den Tod hinauszuzögern, hat die Menschen seit jeher begleitet und zu Wissenschaft und Forschung angeregt. Die zahllosen Rezepte, von denen hier eine kleine Auswahl geboten wird, mögen uns bizarr erscheinen - Zeugnisse eines längst überholten Weltbildes oder eines kruden Aberglaubens. Doch vergessen wird nicht, dass viele von ihnen auf der Kenntnis von Heilkräutern und auf Naturbeobachtungen beruhen, die immer noch ihre Gültigkeit haben und wieder vermehrt Interesse wecken. Auch wenn es im 19. und 20. Jahrhundert gelungen ist, durch wirksame Impfstoffe und die Entdeckung des Penicillins Krankheiten zu bekämpfen, denen man früher hilflos ausgeliefert war, greifen nicht nur Homöopathie und alternative Medizin auf alte Heilverfahren zurück, sondern auch modernste Kliniken, die beispielsweise für Wundbehandlungen Honig oder Maden einsetzen.