Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/464

Medwedew schrieb die interessanteste Story des US Open 2019: Er schaffte es im Final gegen Rafael Nadal nach scheinbar hoffnungslosem Rückstand, dass die Fans im Arthur-Ashe-Stadium bis zum packenden Ende (7:5, 6:3, 5:7, 4:6, 6:4 für Nadal) wie ein Mann hinter ihm standen, nachdem er noch als «Staatsfeind Nummer 1» in den Final eingezogen war.
Letzten Herbst beleidigte Medwedew im Drittrundenspiel gegen Feliciano Lopez einen Ballboy und legte sich mit dem Schiedsrichter und dem Publikum an. Er zeigte den Fans den Finger. Er wurde gnadenlos ausgebuht. Nach dem Sieg über Lopez ging er im Platzinterview gar nicht auf die gestellten Fragen ein, sondern wandte sich direkt an die Zuschauer: «Nur dank euch bin ich noch im Turnier. Ich war am Ende meiner Kräfte. Doch ihr habt mir die Energie gegeben, mich zurückzukämpfen. Danke, vielen Dank.»
Später entschuldigte sich Medwedew öffentlich («Ich war ein Idiot»); aber erst im Final, als er gegen Nadal nach einem 0:2-Satzrückstand und Breakrückstand im dritten Durchgang noch fast gewann, verziehen ihm die Amerikaner.
Seit dem letzten US Open gilt Daniil Medwedew (ATP 5) als derjenige der Jungen, die am ehesten Roger Federer, Rafael Nadal und vor allem Novak Djokovic den Rang ablaufen können. Seit dem Sieg von Stan Wawrinka am US Open 2016 haben nur die «Grossen 3» noch Grand-Slam-Turniere gewonnen.
Medwedews Stärken sind die Variationsmöglichkeiten. Auf den ersten Blick wirkt Medwedew nicht wie ein Weltklassespieler. Die Ausholbewegung seiner Vorhand sieht nicht professionell aus. Der 24-jährige Moskauer könnte von der Grösse her Basketballer sein; für einen grossen Mann bewegt sich der Russe aber ungemein schnell. Dank seiner Trickkiste (Stoppbälle, unorthodoxe Schläge, Show) gelingt es ihm immer wieder, Rivalen aus der Balance zu werfen. Medwedews Coach sagt, sein Schützling sei ein Genie, welches man nicht immer verstehen könne, denn «Genies denken in anderen Sphären».
Tatsächlich mangelt es Medwedew nicht an Intelligenz. Er ist ein begnadeter Schachspieler. Bevor er sich ganz auf die Tenniskarriere konzentrierte, besuchte er Mathematik- und Physikstunden für Hochbegabte. Nach dem Umzug in eine französische Tennisakademie lernte er innerhalb weniger Monate perfekt Französisch. Und wie früher der Schweizer Olympiasieger Marc Rosset wächst Medwedew an Widerständen: Er spielt dann am besten, wenn die Emotionen überkochen.
Die Emotionen fehlen diesmal am US Open. Dennoch marschierte Medwedew gegen Federico Delbonis (6:1, 6:2, 6:4) und Christopher O'Connell (6:3, 6:2, 6:4) äusserst souverän durch die ersten zwei Runden. Daniil Medwedew scheint sich wieder auf Kurs zu befinden, nachdem er sich letzten Oktober mit Stefanos Tsitsipas angelegt («Den kann man nicht ernst nehmen»), die letzte Saison mit vier Niederlagen beendet und am bislang einzigen Major-Turnier dieser Saison in den Achtelfinals gegen Stan Wawrinka verloren hat.
Normalerweise sind die Favoritenrollen am US Open klar vergeben. Man weiss, wer an den ersten drei Grand-Slam-Turnieren und während der Hartplatzsaison gross aufgespielt hat und über die besten Aussichten verfügt. Diesmal ist alles anders: Bekannt ist primär, wer positiv auf Covid-19 getestet worden ist und wer nicht. Das US Open im Pandemiejahr 2020 wirkt unberechenbar und unbequem - wie Medwedew.