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MICHAEL HUG
EXVATERLAND. Es begann mit meiner Mutter. Sie ist Österreicherin, Niederösterreicherin um genau zu sein (in der Region Wien muss man mit Herkunftsangaben sehr exakt umgehen). Nach dem Krieg, damals so um 1950, kam sie als nicht mehr ganz junge Frau in die Schweiz, als Haushalthilfe zu einem Pfarrer in der Innerschweiz. Sie war damit ein «Expat», den Begriff gab es damals aber noch nicht. Immigrantin, der immer öfter angewandte Begriff für ebensolche, stimmte bei meiner Mutter auch nicht wirklich, denn sie wollte ja eigentlich nicht auf ewig bleiben. Meine Mutter war schlicht und einfach eine Ausländerin. Eine jener Personen, die man im Rahmen der damals schon existierenden Freizügigkeit, allerdings saisonal begrenzten, aus dem Ausland holte, um in der Schweiz Jobs zu erledigen, die Schweizer oder Schweizerinnen nicht oder ungern erledigten. Saisonnière war sie, meine Mutter, Arbeitsmigrantin oder eben «Expat».
Von der ersten Sekunde Schweizer
Zirka 10 Jahre später wurde ich geboren. Da mein Vater schweizerisch war, war ich von der ersten Sekunde an auch Schweizer. Wie mein Vater, der Handelreisender für Milchersatzprodukte für Jungvieh (eine Goldgrube damals wegen noch nicht existierender Milchkontigentierung) war, meine Mutter, die Angestellte eines Pfarrers war, traf, ist mir bis heute ein Rätsel. Ich werde sie wohl bald mal fragen, noch ist ja Zeit, sie ist erst 92. Mein Vater war Patriot, hatte aber überhaupt keine Probleme, eine Ausländerin zu heiraten. Nicht allen Nachbarn und MitschweizerInnen in der Nachbarschaft gefiel das. Ausgerechnet eine Österreicherin! Die, die mit Hitler! Nun bin ich also kein richtiger Eidgenosse, sondern nur halber, vom Geblüt her. Meine Schwester (eine von vieren) heiratete einen Deutschen, ein Expat (wie alle Expats in meiner Familie auch er kein Banker oder Pharmarieseverwaltungsrat). Der suchte in der Schweiz sein Glück und träumte sein Leben lang von einem «richtigen Auto», einem Mercedes oder so oder einem SUV (diesen Begriff gab es zu jenen Zeiten auch noch nicht). Vermutlich träumt er noch immer, ist aber nicht mehr Mitglied unserer Familie.
Zu einem Viertel Schweizer
Meiner Schwesters Erstgeborener (von vieren) ist somit vom Geblüt her nur zu einem Viertel Schweizer, 50 Prozent sind deutsch, 25 Prozent österreichisch. Er ist trotzdem Schweizer und ausserdem Mitglied einer rechtsgelagerten Partei im Kanton St.Gallen. Seine Tochter (die erstgeborene, weitere folgen vielleicht) ist Schweizerin, vom Geblüt her zu 75 Prozent (seine Frau ist Schweizerin, glaube ich), aber sonst Schweizerin von der ersten Sekunde an. Meine jüngste Schwester wiederum heiratete einen Schweizer, der Sohn eines Mannes aus Ex-Jugoslawien ist. Ein Expat. Aber, siehe oben, damals hiessen solche Leute eben noch nicht Expatrioten, sondern Saisonniers, eventuell später erhielten sie die Bezeichnung Niedergelassene, was soviel heisst wie Ausländer. Meine dritte Schwester hat einen Sohn von einem Sohn eines italienischen Einwanderers, wahrscheinlich war auch er Saisonnier (die genaueren Umstände sind mir nicht bekannt). Also ein Expat. Jedenfalls trägt dieser Sohn auch nur 25 Prozent Schweizer Blut in sich, ist aber trotzdem Schweizer.
In die Familie integriert
Meine vierte Schwester, nebenbei erwähnt, ist ausnahmsweise nicht mit einem Ausländer liiert, sondern mit einem Ex-Schwinger. Und auch die Lebensabschnittspartnerin meines Bruders ist Schweizerin. Meine Tochter (die erstgeborene) hat einen Mann aus Afrika geheiratet. Er ist jetzt noch nicht Schweizer, aber ein niedergelassener Ex-Flüchtling, somit auch Expat. Mein Vater selig, der Patriot, hätte alle diese Zugezogenen in seine wahrlich riesige Familie integriert, aber er hätte sie wahrscheinlich lebenslänglich Ausländer genannt. Heute darf man nicht mehr «Ausländer» sagen, politisch und gesellschaftlich ist das so unkorrekt wie «Zigeuner» oder «Neger». Wobei, warum eigentlich? Expat ist die heute gebräuchliche Bezeichnung für Arbeitsmigranten, aber ausserhalb von Zug, Zürich oder Genf kennt diesen Begriff niemand. Und mein Vater hätte ihn sowiso falsch verstanden. Für ihn gab es nur Patrioten, mit Expatrioten hätte er nichts anzufangen gewusst. Und «Expatriate» hätte er schon gar nicht verstanden, er beherrschte keine Fremdsprachen.
Erschienen am 1. März 2020 im Nebelspalter