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Wildes Leben: Der Schweizer Künstler Pierre Keller (73) in New York
Der Schweizer Künstler Pierre Keller lebte in jungen Jahren in New York. Nan Goldin, Andy Warhol, Keith Haring und Robert Mapplethorpe waren seine Weggefährten. Immer mit dabei auf seinen Streifzügen: die Sofortbildkamera SX-70. Die Polaroids sind jetzt als Bildband erschienen.
Als Pierre Keller (73) vor zwei Jahren gefragt wurde, was aus dem Provokateur der 1970er Jahre geworden wurde, sagte er: «Aktuell sortiere ich mein Archiv: Bücher, Gemälde, Polaroids. Es gibt viel zu bearbeiten, zu organisieren. Ich mag die Idee, bereit zu sein, alles, was ich gemacht habe, nochmals Revue passieren zu lassen. Wofür weiss ich noch nicht genau.»
Flucht aus der Enge der Heimat
Als Sohn eines Maler- und Gipsermeisters kam Keller vor 73 Jahren im Weindorf Gilly zur Welt. Sein Vater ist politisch rechts und will aus seinem Sohn, der früh künstlerische Neigung zeigt, einen ordentlichen Menschen machen - zum Beispiel Maler und Gipser.
Der junge Pierre aber flieht aus der Enge des Waadtlandes. Die Künstlerszene im Big Apple der 1960er-Jahre empfängt den kreativen Schweizer mit offenen Armen. Er wohnt bei Christo und Jeanne-Claude. Ist Groupie von Andy Warhol, befreundet sich mit David Bowie, Keith Keiring, Robert Mapplethorpe, Nan Goldin und anderen Künstlern.
Keller fotografiert, arbeitet als Grafiker und Bildhauer. Reist bald nach Italien, England, Kanada. Repräsentiert die Schweiz bei Ausstellungen wie der Internationalen Biennale von São Paulo. Ende der 1980er Jahre kommt er in die Schweiz zurück. Er bleibt Bohémien und wird Pragmatiker. Zuerst als Mitglied der eidgenössischen Kommission für Kunst und Gestaltung in Bern, später als Direktor der Kunstschule ECAL in Lausanne.
Schöne Männer, lukullische Freuden
Mit dem Bildband «My Colour Life» wirft Keller eine Blick zurück. Erinnerungen an Erlebnisse mit seinen New Yorker Freunden, aber auch an die Tode der Menschen in seinen Bildern tauchen in seinen Fotografien in alle Farben des Regenbogens auf. Sie zeigen das ganze Spektrum des schwulen Lebens: Braune Haut, milchiges Fleisch, blanke Ärsche, freche Statements, die neongrüne Heimlichkeit der Saunas und Augenblicke nachdenklicher Poesie.
Anders als Kollege Mapplethorpe arbeitete Keller nicht mit professionellen Modellen. Er fotografierte die Männer dort, wohin er ihnen gefolgt war, wohin sie ihm gefolgt waren. Seine faltbare SX-70 in der alten US-Armeehose stets bei sich beschreibt Keller das Fotografieren als sexuellen Akt. Manchmal ging beides auch Hand in Hand. Selbstzensur kam nie in Frage, Genuss stand im Vordergrund: Schöne Männer, lukullische Freuden.
Sein Blick ist durchaus auch ein kulinarischer. «Antiporno», wie sein verstorbener Kumpan Jean Tinguely meinte, den Keller noch heute bewundert: Bilder für das Kino im Kopf. Doch diese pralle Fülle fand damals keinen Anklang. Fotografie war noch nicht Galerienkunst.
Im grossformatigen Bildband «My Colour Life» kommen die Polaroids von Pierre Keller endlich zu ihrem verdienten Ruhm. Und das ist gut so.
Buchhinweis: «Pierre Keller - My Colour Life», Gestaltung Nicolas Pages und Gilles Gavillet, mit Texten von Hans Ulrich Obrist und Stephanie Moisdon, Edition Patrick Frey, gebunden, 408 Seiten, 396 Abbildungen, 29 x 29 cm, ISBN 978-3-906803-55-5, 90 Fr.Zurück zur Startseite