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Shpresa Jashari wollte nicht mehr tatenlos zusehen, wie ihre Rechte als Zugewanderte immer mehr abgebaut werden. Also erfand sie einen lebenden Adventskalender und rief Massenwanderungen durch die Schweiz ins Leben.
WOZ: Frau Jashari, diese Frage muss ich in diesen Zeiten gleich als Erstes stellen: Haben Sie einen Schweizer Pass?
Shpresa Jashari: Nein. Ich bin jetzt 34 Jahre alt und lebe seit 31 Jahren in der Schweiz, aber ich habe noch keinen Schweizer Pass.
Wieso nicht?
In meiner Kindheit war es zunächst kein Thema. Mein Vater kam Ende der siebziger Jahre als Gastarbeiter aus Mazedonien in die Schweiz – mit dem Vorsatz, ein paar Jahre hier zu bleiben und dann wieder zu gehen. Meine Mutter und ich kamen 1983 nach. Als dann Anfang der Neunziger der Krieg in Exjugoslawien ausbrach, wussten wir nicht, was passieren würde, also blieben wir. Dieser Krieg war lange Zeit das beherrschende Thema bei uns. Eigentlich dachte ich erst beim Beginn meines Germanistik- und Völkerrechtsstudiums Anfang der nuller Jahre daran, mich einbürgern zu lassen.
Und wieso haben Sie es dann nicht gemacht?
Für mich begann ein neuer Lebensabschnitt. Ich hatte in Hallau, einem Dorf im Kanton Schaffhausen, nicht unbedingt die besten Erfahrungen gemacht, also habe ich mich dort abgemeldet und in Zürich angemeldet. Das war natürlich ein Fehler, weil man ja mehrere Jahre zusammenhängend in einem Kanton und in derselben Gemeinde wohnen muss, um sich einbürgern zu können. Nach dem Studium habe ich eine Stelle in Bremen gefunden, da war es wieder vorbei.
Haben Sie keine Angst vor der Abstimmung über die «Durchsetzungsinitiative» Ende Februar?
Nein, ich habe keine Angst. Ich werde natürlich mitfiebern, und ich hoffe, dass sie abgelehnt wird, auch wenn ich diesbezüglich pessimistisch bin. Aber ich kann mich nach all den negativen Erfahrungen mit politischen Vorstössen im Migrationsbereich, die ich in den letzten Jahren gemacht habe, nicht mehr darauf verlassen, dass sich die Gesellschaft hier für meine Rechte und meine Anerkennung einsetzt. Ich will mich nicht abhängig davon machen, was bei dieser Initiative herauskommt.
Welche Erfahrungen meinen Sie?
Meine Familie gehört zur albanischen Minderheit in Mazedonien, die sich für ihre eigenen Rechte einsetzen musste, für die Anerkennung der eigenen Sprache etwa. Als Jugendliche sah ich die Schweiz als eine Art Vorbilddemokratie, in der auch Zugewanderte wie ich mit Rechten ausgestattet sind. Aber dann kam eine Initiative nach der anderen, die diese Rechte systematisch abgebaut hat, bis hin zur aktuellen «Durchsetzungsinitiative».
Es ist noch nicht lange her, dass offizielle Vertreter der Schweiz oder der EU von den Ländern Exjugoslawiens verlangt haben, ihre Minderheiten zu schützen und etwa deren Sprachrechte zu respektieren, falls sie auch zu Europa dazugehören wollten. Und mittlerweile sind wir so weit, dass in Egerkingen auf dem Pausenplatz ein Deutschzwang durchgesetzt werden soll. Die Botschaft an uns Ausländerinnen und Ausländer ist längst amtlich geworden: Wir haben hier nicht die gleichen Rechte, wir haben nicht den gleichen Wert wie die Schweizer.
Wie gehen Sie mit dieser Botschaft um, die ja auch eine Bedrohung für Sie ist?
Es war ein langer Prozess, ehe ich nun in diesem Interview sagen kann: Ich habe keine Angst. Nach der Ausschaffungsinitiative war bei mir der Punkt erreicht, an dem ich das nicht mehr einfach schlucken wollte. Ich gründete auf Facebook eine Gruppe und später einen Blog, um die sogenannten «Adventsausländer» zu lancieren, eine Plattform, auf der jeden Tag ein migrantisches Porträt oder eine kleine Geschichte mit Migrationsbezug erschien. Da begann eine erste zaghafte Vernetzung über die Suche nach Autoren und Geschichten.
Nach der «Masseneinwanderungsinitiative» reichte mir die ruhige Warte der Literatur nicht mehr, ich gründete mit Freunden die Aktion bewanderte Schweiz, um Massenwanderungen durch die Agglo zu organisieren. Wir wollten zeigen, dass es auch unaufgeregtere Sichtweisen aufs Thema Einwanderung gibt. So habe ich weitere Leute kennengelernt, die die Migration als Tatsache akzeptieren, als Normalität. Aus der weiteren Vernetzung entstand im Herbst ein Migrantenkongress in Bern, und nun, am 7. Februar, gibt es den nächsten Vernetzungskongress: «Wir alle sind Zürich».
Geht es bei «Wir alle sind Zürich» nur um die Vernetzung? Das reicht doch nicht, um etwas zu verändern.
Die Vernetzung war und ist für mich sehr wichtig. Es ist eine Plattform entstanden, ein Sprachraum auch, wo ich mich von den dominanten Fremdzuschreibungen, denen ich als albanische Frau aus einer muslimischen Familie ohne Schweizer Pass ausgesetzt bin, lösen kann. Und vor allem geht es bei «Wir alle sind Zürich» auch darum, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen. Zu agieren, statt immer nur zu reagieren.
Wir starten vorläufig als lokale Initiative und werden beispielsweise das Konzept von Urban Citizenship diskutieren, einer Stadtbürgerschaft für alle hier lebenden Menschen mit entsprechenden Rechten, so wie es das beispielsweise in New York bereits gibt. Wir wollen unseren eigenen Weg gehen.
Shpresa Jashari wurde in Jugoslawien geboren und lebt in der Schweiz – wo man sagt, sie komme aus Mazedonien. Sie ist Aktivistin, Sozialwissenschaftlerin und Autorin. Jashari ist Mitorganisatorin des öffentlichen Vernetzungskongresses «Wir alle sind Zürich», der am Sonntag, dem 7. Februar 2016, in der Zürcher Shedhalle stattfindet.