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„Milchverband“, Verband nordostschweizerischer Käserei- und Milchgenossenschaften
Archstrasse 2 - 18
8400 Winterthur
Der Verband wurde als Selbsthilfeorganisation 1905 gegründet. Er hatte sich bis weit in das 20. Jahrhundert hinein zu einer beachtenswerter Grösse und Stärke entwickelt. Im stürmischen Aufstieg der ersten 50 Jahre gab es aber auch Rückschläge und Krisen. Den 100. Geburtstag konnte das Unternehmen als Produktionsstandort Winterthur nicht mehr feiern. Die Entwicklungen des Milchmarktes haben gegen ihn gewirkt.
Gründung
Auch vor mehr als hundert Jahren stand bei den Milchbauern der Absatzpreis ihres Produktes im Zentrum ihrer Bemühungen, einen gerechten Lohn erzielen zu können. Zwar hatten sich verschiedene Zusammenschlüsse von Bezugsgenossenschaften zu Verbänden gebildet. Doch sie waren zu klein und zu uneinig, um ihre Interessen richtig wahrnehmen zu können. Im Winter 1904/05 gelang die Gründung des Verbandes der nordwestschweizerischen Käserei- und Milchgenossenschaften. Dies gab den Impuls auch in der Ostschweiz eine gleichwertige Organisation aufzuziehen. Am Milchtag vom 26. März 1905 im Casino Winterthur wurden dazu erste Beschlüsse gefasst. Am 1. Oktober 1905 versammelten sich die Vertrauensmänner von 133 Genossenschaften wiederum im Casino Winterthur. Einstimmig wurde beschlossen einen nordostschweizerischen Verband zu schliessen. Am 1. Februar 1906 berieten 552 Delegierte aus 295 Genossenschaften die Statuten und setzten diese in Kraft und am 23. Februar 1906 fand in der Militärkantine Zürich die konstituierende Versammlung statt. Den definitiven Beitritt gaben 237 Genossenschaften. Zum ersten Verbandspräsidenten wurde Oberstleutnant Baer aus Winterthur gewählt. Als sofortiges Ziel wurde stipuliert, für Konsummilch einen Einheitspreis von 17 Rappen im ganzen Verbandgebiet auszuhandeln. Diese Entwicklung blieb in den Wirtschaftskreisen und auch in der Öffentlichkeit nicht unbeachtet. Es fehlte nicht an Kritik an der neuen milchwirtschaftlichen Organisation, deren Tendenz, den Milchpreis den Gestehungskosten anzupassen, geradezu als Wucher bezeichnet wurde.
Entwicklung
Die Entwicklung folgte Schlag auf Schlag. Hinsichtlich Qualität, Verteilung und Bedarf griff die Organisation sofort und erfolgreich ein. Bereits im Frühjahr 1907 wurde auch mit dem Einkauf von Milchbeständen begonnen. Und die Kämpfe um den Milchpreis waren die Daueraufgabe. Bald waren eigene Räumlichkeiten notwendig. Per 1. November 1908 bezog man mietweise in der alten Brauerei Schöntal Büro- und Lagerräumlichkeiten. Mit der 1907 erfolgten Gründung des Zentralverbandes schlossen sich die Milchproduzenten auch schweizweit zusammen, was die gegenseitige Konkurrenz eliminierte und ihren Rückhalt stärkte.
Die bewegten Jahre der Vor-, Kriegs- und Nachkriegszeit um den ersten Weltkrieg waren schwierig und hart. Aber gerade in dieser Zeit hatten die Organisationen der vereinigten Milchproduzenten ihre Bewährungsprobe mehr als bestanden. Die Entwicklung nahm einen steten Fortgang. 1912 musste der Standort Schöntal aufgegeben werden. Ein Ökonomiegebäude an der Pflanzschulstrasse wurde gemietet. Auf Neujahr 1921 bezog der Verband auf dem Areal der „Blumenbleiche“ in Winterthur seine definitive Bleibe. Aber auch andernorts wurde neue Niederlassungen errichtet: 1.10.1919 Molkerei an der Militärstrasse in Zürich, 1921 Verbandsmolkerei in Chur, 1922 Ziegerfabrik in Oberurnen und 1926 eine Regulierstelle (später Verbandsmolkerei) in Schaffhausen.
In den 30er und 40er-Jahre standen die Begriffe Finanz- und Währungskrise, Zolleinfuhr- und Kontingentierungsmassnahmen, Bundesregulierungsmassnahmen, Milchpreis-Stützung, Buttereinfuhrregelung, produktionseinschränkende Massnahmen, Milchkontingentierung, Nassmalzfütterungsverbot, Duttweilers Käse/Butterplan, Maul- und Klauenseuche (1938/39) im Vordergrund.
Bau des Traditionshauses an der Archstrasse
1938 kaufte der Verband die an das Verwaltungsgebäude angrenzende Liegenschaft „Helvetia“ und am Vorabend des Ausbruches des zweiten Weltkrieges bewilligte die Delegiertenversammlung den Kredit für die Erstellung eines neuen Bürotraktes. In den ersten Kriegsjahren 1940/41 wurde der Bau ausgeführt (Architekt Franz Scheibler). Der Neubau war einer der wenigen, der während dem 2. Weltkrieg ausgeführt wurde. Der repräsentative Verwaltungsbau hatte nicht nur Büros, sondern auch ein Kino und ein Restaurant. Selbstverständlich fehlte auch ein Milchladen nicht. Das als Kopfbau erstellte neue Gebäude wird dem Regionalismus zugeordnet (verschiedene Stile zusammengeführt). Es ist in Mischbauweise (Beton und Backsteine) mit Sockel, kleinen Fenstern und einem flachen ruhigen Dach erstellt.
Das Ende der Genossenschaft
Die Zeit schaffte in der zweiten Hälfte des 20. Jhdt. gegen den „Milchverband“. Die Finanzen mit den eigenen Produktionsstätten kamen in den 1980er-Jahren in Schwierigkeiten, die Produktekonkurrenz nahm ständig zu. Es folgten verschiedenste Zusammenschlüsse und Vereinigungen. Bis man schliesslich glaubte, mit einer Gesamtfusion zu der Swiss Dairy Food AG (SDF) die Rettung zu erzielen. 1998 kam diese schwierige Vereinigung unter der Leitung des Sanierers Peter Arbenz (Alt Stadtrat Winterthur) endlich zu Stande. Schnell zeigte sich aber, dass das neue Unternehmen mit zu vielen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Wegen Überschuldung brach das Unternehmen Mitte 2002 zusammen und es folgte eine Gesamtliquidation.
EIN RÜCKBLICK AUF TURBULENTE ZEITEN
2016 publiziert die VMMO-Geschäftsführerin der Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost, Rebecca Scheidegger folgenden Text in Sinne eines Blicks zurück:
Der Winterthurer Milchverband schloss sich am 22. November 2006 mit demjenigen von St.Gallen-Appenzell zur Vereinigten Milchbauern Mitte-Ost (VMMO) zusammen. Das Ziel: den Einfluss der Milchverbände zu stärken. Obwohl sich die Aufgabe der neuen Vereinigung im Kern nicht veränderte, hat die VMMO in den zehn Jahren seit der Gründung eine grosse Entwicklung durchlebt.
Denn nicht nur die Organisation der Verbände hat sich verändert, sondern auch der Milchmarkt. Die Milchproduktionsbetriebe sind in den vergangenen 15 Jahren in der Ostschweiz um 47,6 Prozent zurückgegangen. Zusätzlich haben die tiefen Milchpreise der EU jene der Schweizer nach unten gedrückt. Obwohl höhere Standards und Nachhaltigkeit beim heutigen Konsumenten wichtig scheinen, ist er oftmals nicht bereit, einen höheren Milchpreis in Kauf zu nehmen. Die Milchproduzenten sowie die VMMO setzen sich für einen stabilen Milchpreis ein und verfolgen das Ziel, diesen wieder zu erhöhen. «Wir wollen den Wert der Milch in Zukunft wieder höher gewichten», meint VMMO-Geschäftsführerin Rebecca Scheidegger optimistisch.
TRADITIONEN UND MODERNE
Die Kernkompetenzen der VMMO liegen in den Interessenvertretungen gegenüber Dritten sowie in Beratung und Unterstützung für die Mitglieder. Im ständigen Wandel der Vorstellungen von der heutigen Gesellschaft sieht sich die Genossenschaft als Vermittler zwischen involvierten Gruppen. «Traditionen lässt die VMMO nie ausser Acht und verbindet sie mit der Modernität der Gegenwart. So sollen sich alle Beteiligten weiterentwickeln», betont Rebecca Scheidegger. Erneuerungen und Innovationen würden als Chance gesehen, sich auf dem, Markt zu behaupten. Des Weiteren werde das gesellschaftlich( und politische Umfeld zugunsten der Milchbauern beeinflusst.
So kämpfe die VMMO auch für alle Bauern, die trotz dem sich stetig verändernden Marktumfeld für kleines Geld den Mut nicht verlieren. «Wir achten darauf, dass auch die kleinen Bauernbetriebe von uns unterstützt werden», so Rebecca Scheidegger. In der heutigen Zeit müsse aufgezeigt werden, was die Milchwirtschaft für die Schweiz bedeute. Für diese Sensibilisierung stehe die VMMO ganz klar ein. Um eine Weiterentwicklung auch in Zukunft zu ermöglichen, soll er die Errungenschaften und Ideen aus den beiden Gründerverbände weitergegeben werden. So mein: Rebecca Scheidegger: «Wir gehen vorwärts und setzen ein klare: Zeichen für die gesamte Milchwirtschaft.» Die VMMO werde sich weiterhin für eine faire Milchproduktion und das Wohl von Tier und Mensch einsetzen. Dafür sei die Genossenschaft auch offen für neue Wege. (Artikel aus STADI vom 24.11.2016)
Das Restaurant Chässtube
Mit dem Bau des Verwaltungsgebäudes und der Produktionsräume wurde an prominenter Stelle gegen den Bahnhofplatz auch ein Restaurationsbetriebmit dem sinnigen Namen „Chässtube“ errichtet. Die Innenausstattung des Restaurants "Chässtube" wurde im Landistil entworfen, das heisst in einer mit regionalen, heimatlichen Stilelementen eingefärbten Moderne (Kachelofen, Holztäfer usf.). 1955 folgte ein Um- und Erweiterungsbau des ganzen Gebäudekomplexes an der Archstrasse. Da es sich bei diesem Bau um einen wichtigen Zeitzeugen für den Landistil in Winterthur handelt und sich die Innenausstattung des Restaurants in einem weitgehend originalen Zustand befindet, wurde der Komplex 2006 vom Stadtrat in das Inventar der schutzwürdigen Baudenkmäler von kommunaler Bedeutung aufgenommen.
Das "Restaurant Chässtube" wird zur "Arch Bar"
Bis 2008 wurde diese Gaststätte als letztes Überbleibsel des Milchverbandes betrieben. Der Restaurant- und Saal-Bereich wurde umgestaltet. Dabei mussten die Anliegen der Denkmalpgflege und eines modernen Gastwirtschaftsbetriebes unter einen Hut gebracht werden. Das gelang vorbildlich. Die heutige "Arch Bar" ist modern und gemütlich zugleich. Allerdings ist jetzt weder ein Chäsküechli noch ein Fondue zu haben und auch ein Jass kann nicht mehr geklopft werden.
Herbst 2016: Die Chässtube-Nachfolge „Arch Bar“ wird neu aufgestellt
Die Arch Bar soll gemütlicher werden. Die Bar beim Hauptbahnhof hat im Juli 2016 die Besitzer gewechselt. Diese starten mit verändertem Konzept. «Die Atmosphäre wird heimeliger, wir wollen weg vom Hochglanz-Chic», sagt ein Sprecher der neugegründeten Arch Gastro AG. Das Team von 12 Angestellten und um die 80 Freelancer betreibt bereits den Hangar 11 Club in Winterthur, den Floor Club in Kloten und den Kursaal in Arosa. Die Arch Bar ist weiterhin von Montag bis Samstag geöffnet und der Gratis-Eintritt wird beibehalten. Am Wochenende wird ein DJ Musik aus den 80ern, 90ern bis hin zu aktuellen Charts und Schweizer Musik auflegen. Im ersten Stock soll zudem der schon bestehende Saal vermehrt für Business- und Gruppenevents genutzt werden, auf Wunsch auch mit hauseigenem Catering. Ende 2016 kommt dann die grosse Neuerung: Ein Club in den alten Kellergewölben des ehemaligen Gründungsgebäudes des Milchbauernverbandes der Nordostschweiz.