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Anlässlich von Baltiques, der ersten institutionellen Übersichtsschau von Denis Savary, hat die Stiftung Kunsthalle Bern ein Ensemble aus fünf wichtigen Werken, die von 2007 bis 2012 datieren, angekauft. Sowohl mit faktischen als auch mit fiktiven Fragementen der Kunstgeschichte arbeitend, verwebt Denis Savary Geschichten, die von Verlangen und nichterwiderter Liebe handeln. Das System der Zitate, um das es hier geht, ist getrieben von einer Art bibliophilem Wandern – dem Drift von einer Buchauflage zur nachfolgenden, von einem Autoren zum Nächsten.
Einige Szenarien erscheinen zyklisch und immer wieder in dem Werk des Künstlers, wie zum Beispiel Narrationen von erotischem Verlangen, Häuslichkeit und Enthauptung. Intimités (After Vallotton), eine Serievon zehn Siebdrucken, nimmt als Ansatzpunkt eine gleichnamige Werkserie an Holzschnitten von Félix Vallotton, welche Misia Godebska zu Hause mit ihrem Ehemann zeigen. Sie war sowohl eine bekannte Persönlichkeit, als auch eine Muse vieler Künstler ihrer Zeit. Ihr erster Mann, Tadeusz Natanson, war ein guter Freund und früher Gönner Vallottons. Der Schweizer Künstler verbrachte eine wesentliche Zeit seines Erwachsenenlebens mit einem geheimen, sehnsüchtigen Verlangen nach der Frau seines Mäzens. Als der Zeitpunkt kam, die Druckplatten zu zerbrechen, - wie es damals üblich war, um die begrenzte Druckauflage zu garantieren -, behielt der Künstler Ausschnitte, die den Kopf seiner Geliebten zeigten. Denis Savary druckte die Serie von Félix Vallotton nach, liess aber die Teile des Bildes, die eigentlich vor der Zerstörung gerettet wurden, leer und schuf somit dort, wo der Kopf der Hauptfigur einmal war, eine geometrische Leerstelle.
Direkt gegenüber von Intimités (After Valloton), in einem der Seitenräume der Kunsthalle Bern, liegt ein weiterer Kopf auf einem Diwan in marokkanischem Stil. Diese Arbeit, die 2010 entstand, ist mit Ostende (After Ensor) betitelt. Sie ist eine Reproduktion einer Komposition, die der Künstler im Atelier von James Ensor in Ostende gesehen hatte. Leergeräumt von tatsächlichen Arbeiten, beherbergt der rekonstruierte, historische Raum einige der unheimlichen Papiermaché-Masken, die auf den Malereien des belgischen Meisters abgebildet sind. Denis Savary produzierte eine Replik einer Maske mit einer besonders hervorstehenden Nase, die in Ostende auf einem Sofa gezeigt wurde. Nun in Gummi gegossen, scheint dieses scheinbar schlaffe Körperteil umso obszöner. Die Paarung eines solch suggestiven Objekts mit einem Sofa ruft den Geist der Psychoanalyse, mit seinem Festzug der unbewussten Assoziationen, ins Gedächtnis, während der "orientalische" Diwan an den Schmutz der Wende zum 20. Jahrhundert, an Bordelle der Belle-Epoque, die als Harems oder andere theatralischen Luxuskonstrukte getarnt sind, erinnert.
Denis Savarys Zuneigung für die äusseren Zeichen des Theaters ist allgegenwärtig. Werke von verschiedenen Perioden werden kombiniert, wie um eine Bühne zu schaffen. Aus dem Hauptraum der Kunsthalle Bern wurden zwei Arbeiten von 2012 von der Stiftung Kunsthalle Bern erworben: Alexandre, eine herabhängende Metallmaske, die über 1.70 Meter lang ist, und Georgia, neun Wandvitrinen, die 200 gefaltete Servietten und gleich viel Champagnergläser ausstellen. Diese beiden Skulpturen spielen in einem Ensemble, das sich ausserdem aus kinetischen Palmen, zwei gesichtslosen, kokosnussartigen Riesenkreaturen, einem Konzertflügel und einem undefinierbaren Kopf eines Säugetiers zusammensetzt, ihre Rolle. Gemeinsam verwirklichen diese Arbeiten einen tropischen Wald, während zwei monsterartige Türsteher seinen Eingang bewachen und ein Unheil verkündender Kopf einer Gottheit hoch über den Bäumen thront, die Abenteurer verscheuchend, fort von der neugeborenen Kreatur in ihrer Mitte. Gleichzeitig bringen die Anwesenheit des Flügels und der Champagnergläser dieses Tableau zurück in einen häuslichen, bourgeoisen Innenraum und in eine Epoche, in welcher, im Gefolge von Autoren wie Jules Verne, Sagen über unentdecktes Neuland zu einem Genre der Belletristik wurden.
Diese Kunstwerke lassen sich neu kombinieren, um andere, längere Narrationen zu konstruieren. Sie sind von Beginn an unabhängig konzipiert, als Ort heterogener Referenzen, und können deshalb ebenso gut alleine gezeigt werden. Für Alexandre hat Denis Savary mit dem Bild der Schauspielmaske des 19. Jahrhunderts gearbeitet, das er, mit den Mobiles von Alexander Calder vor Augen, vergrössert und neu gefärbt hat. Diese Arbeit rückt die Liebe des amerikanischen Künstlers zum Zirkus und dem Karnevalesken in den Vordergrund. Georgia, zum Teil als Hommage an Georgia O’Keeffes stromlinienförmig neugestalteten Naturformen geschaffen, ist zum Schluss sowohl ein konzeptuelles Spiel im Bezug auf Unterschied und Wiederholung, als auch eine mehr existentielle Darstellung der gelangweilten Sonntagsarbeit einer Kellnerin.
Denis Savarys Arbeiten sind weniger nach jemanden als mit jemandem gemacht. Etourneaux, eine Klanginstallation, deren Prototyp in der Kunsthalle Bern gezeigt wurde und deren endgültige Version einige Monate später, im Jahr 2013, fertig gestellt wurde, nimmt als Ausgangslage eine Geschichte, die über Kurt Schwitters berühmte Sprechoper erzählt wird, die Ursonate (1921-1932). Schwitter komponierte sie während eines Aufenthaltes auf einer Insel vor Norwegen, wo eine einheimische Art des Stars angeblich nicht nur menschliche Gesänge nachahmt, sondern diese Lieder ihren Jungen – der nächsten Generation also – auch weitergibt. Einer Legende zufolge wird die Ursonate bis heute auf dieser Insel von den Vögeln gesungen.