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Von Glocken und Würfeln
Glocken schaffen, was den Kirchen sonst immer schwerer fällt: Sie wecken Emotionen. Oft sind es Neuzuzüger, die sich nach den ersten Monaten in einer Gemeinde gegen die nächtlichen Stundenschläge oder frühe Geläute wehren, weil diese sie aus dem Schlaf reissen. Andere Einwohner wehren sich jedoch für diese Begleitung, die ihnen gefällt oder die sie vielleicht nur deshalb vermissen würden, weil sie sich schon so an sie gewöhnt haben. Das führt mitunter zu hitzigen Auseinandersetzungen, zumal es keine gesetzliche Regelung gibt, sondern jede Kirchgemeinde mit der Bevölkerung eine individuelle Lösung suchen muss.
«Tschäddere» früher erwünscht
«Während die Kirchen in den 1960er- und 1970er-Jahren forderten, dass die Geläute lauter werden, dass sie ‹tschäddere› sollten, klingen moderne Glocken leiser und feiner», erklärt Rüetschi-Verkaufsleiter Christian Thesen.
«Für diesen Zweck werden dem Lehm Pferdemist, Rinderhaare und Gerstengrannen beigefügt.»
«Das macht sie langlebiger, führt doch das harte Anschlagen zu Deformationen und Vibrationen, welche über die Jahrzehnte und Jahrhunderte zu Rissen und letztlich zum Verstummen der Glocken führen.» Obwohl eine Reparatur durch aufwendiges und teures Schweissen möglich ist, wird der Schaden wieder auftreten, wenn die Ursache nicht beseitigt wird.
Computer berechnet Klöppelform
Schäden bremsen die mithilfe von Computersimulationen entwickelten «ProBell»-Klöppel, die nur noch halb so schwer und statt achteckig stromlinienförmig sind. Diese sind auch Folgen des seit den 1920er-Jahren üblichen elektroangetriebenen Läutens. «Interessanterweise hat die wissenschaftliche Untersuchung erwiesen, dass das immer gleiche Anschlagen für die Glocken schlechter ist als das manuelle Läuten durch Menschen, die, Sensoren gleich, deren Schwingungen aufnehmen. Zudem bewirken die modernen Klöppel eine Lautstärkenreduktion von vier bis zehn Dezibel, wobei schon vier Dezibel weniger gefühlt einer Halbierung gleichkommen.»
Gegossen in Lehm und Pferdemist
Die Glocken werden noch auf die gleiche Art produziert wie 1367, als ein Walter Reber am Rain in Aarau, bis heute der Firmenstandort, Glocken für die Kathedrale St. Nicolas in Fribourg gegossen hat. Die Gussform besteht aus drei Teilen: Die innere Glocke wird aus Ziegelsteinen gemauert und darauf werden mehrere mit der Glockenschablone geformte Lehmschichten aufgetragen. «Für diesen Zweck werden dem Lehm Pferdemist, Rinderhaare und Gerstengrannen beigefügt und das Ganze nicht mehr mit Muskelkraft, sondern einem industriellen Backrührwerk vermengt», erzählt Thesen schmunzelnd. «Zwei dünne Trennschichten aus Graphit und Rindertalg oder Kolofonium ermöglichen es, die falsche Glocke herauszuheben, den Mantel wieder aufzusetzen und die Bronze durch die Krone (Glockenaufhängung) in den Hohlraum zu giessen.» Alle Details wären im Standardwerk «Der Glockenexperte» nachzulesen, das der evangelische Pfarrer Theo Fehn nach dem Zweiten Weltkrieg verfasst hat.
Rüetschi ist zwar die letzte Glockengiesserei der Schweiz, generiert den Hauptanteil ihres Umsatzes jedoch mangels kirchlichem Bedarf schon seit zwanzig Jahren nicht mehr aus dem Glockenguss allein. Der Betrieb mit 24 Mitarbeitenden macht seinen Umsatz nun vor allem mit der Gebäudeautomation in Kirchen und der Kunstgiesserei. Das Objekt, das international Schlagzeilen machte, ist der 186 Kilo schwere Goldwürfel des deutschen Künstlers Niclas Castello, der auf der Zürcher Rathausbrücke sowie in Venedig und New York ausgestellt wurde. «Der Auftrag war für uns eine grosse neue Herausforderung, weil der Würfel hohl sein sollte und wegen des Materialwerts von 12 Millionen Franken ein umfassendes Sicherheitsdispositiv nötig war, doch wir nutzten die Chance, um der breiten Öffentlichkeit zu zeigen, dass ein altes Metier moderner ist, als viele denken.»