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Wie Prof. Dr. Tobias Derfuss, Universitätsspital Basel, erklärte, konnten als Risikofaktoren für einen schweren Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion bei Personen mit MS, ähnlich wie in der Allgemeinbevölkerung, das männliche Geschlecht, ein hohes Alter und chronische Krankheiten wie Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit identifiziert werden. Darüber hinaus geht bei MS-Betroffenen ein höherer Grad der Behinderung sowie eine Behandlung mit einem Anti-CD20-Antikörper oder einem Steroidstoss mit einem erhöhten Risiko für einen schwereren Verlauf einher. «Etwa 20% der MS-Betroffenen müssen nach einer Ansteckung ins Spital, 3 bis 5% werden auf der Intensivstation behandelt und 2 bis 3% versterben schliesslich», berichtete Prof. Derfuss.
Wie er weiter erklärte, würden seit Kurzem auch Medikamente zur Verfügung stehen, die unter bestimmten Voraussetzungen zur Verhinderung von Symptomen und schweren Verläufen einer Corona-Infektion eingesetzt werden können. «Wir können diese Medikamente zum Beispiel bei an Corona erkrankten MS-Betroffenen einsetzen, die aufgrund ihrer MS-Therapie einen ungenügenden Impfschutz haben» sagte er.
Covid-Impfung bei MS
Anschliessend präsentierte Prof. Derfuss einen Überblick über die aktuell verfügbaren Covid-Impfstoffe und erläuterte ihre Wirksamkeit gegen die verschiedenen Virusvarianten. Er zeigte zudem auf, wie durch eine dritte Impfung (Booster) die Schutzwirkung der mRNA-Impfstoffe gegenüber der Omikron-Variante verbessert werden kann. In Bezug auf die MS-Behandlung mit bestimmten Substanzen (Fingolimod, Ozanimod, Siponimod, Ponesimod, Ocrelizumab, Alemtuzumab, Ofatumumab und Rituximab) erinnerte er daran, dass diese die Schutzwirkung der Impfung reduzieren kann. «In der Praxis achten wir daher darauf, Impfungen und MS-Therapien so zu planen, dass so viel Zeit wie möglich dazwischen liegt», erklärte Prof. Derfuss.
Zudem würde vier Wochen nach Abschluss der Impfungen getestet, wie gut die Impfantwort ausgefallen ist. Bisher verfügbare Daten sprechen ausserdem dafür, dass eine Covid-Impfung keinen Einfluss auf das Risiko eines MS-Schubs hat. «Das heisst, Schübe traten vor und nach Impfungen gleich häufig auf», so Prof. Derfuss.
Anhaltende gesundheitliche Einschränkungen
Den zweiten Teil des Workshops bestritt PD Dr. Anke Salmen, Inselspital Bern. Ihre Ausführungen konzentrierten sich insbesondere auf das Post-Covid-19-Syndrom. «Dieses Syndrom ist, genau genommen, nichts Neues», erklärte sie. «Es gibt sowohl im Zusammenhang mit Epidemien im 16. Jahrhundert als auch mit der Spanischen Grippe im 20. Jahrhundert Berichte über ähnliche Phänomene.» In jüngerer Zeit wurden Infektionen mit dem «MERS (Middle East Respiratory Syndrome) Coronavirus» und dem Epstein-Barr-Virus als mögliche Auslöser von anhaltenden gesundheitlichen Einschränkungen beschrieben.
Von einem Post-Covid-19-Syndrom wird gesprochen, wenn 12 Wochen nach Auftreten der ersten Erkrankungssymptome noch gesundheitliche Einschränkungen wie Erschöpfung, Atemnot, Husten, Schlafstörungen, Angstzustände, Depressionen oder Beeinträchtigungen des Gedächtnisses bestehen. Es kann sich dabei um Beschwerden handeln, die nach der akuten Phase der Erkrankung nicht verschwunden sind, aber auch um neu auftretende Symptome, die sich nicht durch eine andere Erkrankung erklären lassen. «Wir haben in Bern die Daten von 42 Personen mit Post-Covid-19-Syndrom ausgewertet. Als häufigstes Symptom fand sich dabei die so genannte Fatigue, also eine anhaltende Müdigkeit und Erschöpfung», erläuterte Dr. Salmen. «Während wir MS-Betroffenen zur Verbesserung einer Fatigue Bewegung empfehlen, müssen Menschen mit Covid-19-bedingter Fatigue erst lernen, wie sie am besten mit ihrer Energie umgehen sollen», sagte Dr. Salmen. «Dazu gehört auch, die Batterie nicht immer bis zum Limit auszuschöpfen.»
Bei insgesamt guter Prognose – soweit bisher einschätzbar – kann bei einigen Personen mit einem schweren und lang anhaltenden Post-Covid-19-Syndrom ein spezifisches Rehabilitationsprogramm erwogen werden.