Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03257.jsonl.gz/916

Die Modern Monetary Theory (MMT) ist weder modern, noch monetär, noch eine Theorie – was ist sie dann?
Die Idee hinter der Modern Monetary Theory
Bei der Modern Monetary Theory handelt es sich weniger um eine ausformulierte Theorie, als vielmehr um eine Sammlung vager Ideen, welche zu einem Gesamt-Konstrukt zusammengestellt wurden. Dabei sind viele der Ideen nicht ökonomisch sondern politisch motiviert – was auch dazu führt, dass die Interpretationen im politischen Spektrum divergieren.
Gemeinsamer Nenner all dieser Strömungen ist die Überzeugung, dass eine Regierung bei der Erledigung ihrer Aufgaben keine Rücksicht auf das Budget zu nehmen braucht. Eigentlich müsste der Staat nicht einmal Steuern erheben oder Kredite aufnehmen – er kann das Geld ja einfach drucken. Oder zumindest von der eigenen Notenbank drucken lassen. Diese finanziert dann direkt den Staat und alle sind glücklich. In einem solchen Szenario müssen die Aufgaben des Staates eigentlich zwangsläufig ausufern: Vollbeschäftigung ist eines der am häufigsten genannten Ziele. Aber auch Klimaschutz, mehr Militär oder kostenlose medizinische Versorgung für alle stehen weit oben auf der Liste.
Ist das nicht alles schon bekannt?
Die Idee, dass der Staat für Vollbeschäftigung sorgen sollte, oder zumindest Konjunkturdellen auszugleichen versuchen sollte, ist ziemlich alt – und beispielsweise im Keynesianismus zu finden. Keynes hat aber auch gefordert, dass der Staat eine Wirtschaft im Boom einbremsen und damit seine Staatsfinanzen wieder sanieren soll. Diesen Teil lassen die Anhänger der MMT geflissentlich weg. Mit den Ideen des mit dem Keynesianismus konkurrierenden Monetarismus hat die MMT nichts gemeinsam, da es hier die Notenbank – und nicht der Staat – ist, welche die Steuerung der Konjunktur übernehmen und unter anderem nach Möglichkeit für Vollbeschäftigung sorgen soll. Hierzu wäre gerade die Unabhängigkeit der Notenbank von der Regierung sehr wichtig, welche gemäss MMT jedoch abgeschafft wird: Die Notenbank ist nur noch dazu da, die richtige Menge Geld für einen ausgeglichenen Staatshaushalt zu „drucken“.
Was passiert, wenn der Staat einen Schuldenberg anhäuft?
Keine Privatperson und kein Unternehmen können sich beliebig hoch verschulden. Die Gläubiger werden immer höheren Zinsen verlangen – als Entschädigung für das steigende Konkursrisiko bei erhöhter Verschuldung. Die Gläubiger werden nur ein gewisses Verhältnis von Eigenkapital zu Fremdkapital und von Gewinn zu Fremdkapital akzeptieren – sonst wird kein Kredit mehr gewährt.
Bei einem Staat kann dies in der Tat anders sein. Zumindest Staaten mit eigener Währung haben die Möglichkeit, von ihrer Notenbank einfach mehr Geld „drucken“ zu lassen und so die eigenen Schulden zu begleichen. Solange die Gläubiger das neu gedruckte Geld als werthaltig akzeptieren, kann dieses Vorgehen funktionieren.
Risiken und Nebenwirkungen
Was auf den ersten Blick verlockend klingen mag, birgt enorme Risiken und Nebenwirkungen: Wie bei anderen Gütern auch, lässt sich der Wert von Geld als Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage definieren. Im Szenario einer Staatsfinanzierung durch die Notenpresse steigt das Angebot dieser Währung an – während dies für die Nachfrage kaum gelten dürfte. Im Gegenteil: Wer möchte schon Guthaben in einer Währung besitzen, von der er genau weiss, dass es morgen mehr davon geben wird – der Wert also fallen wird. Sinkender Wert einer Währung ist aber nichts anderes als Inflation. Die Anhänger der MMT behaupten nun, dass Inflation erst dann einsetze, wenn der Staat seine Ressourcen aufgebraucht habe, da diese sozusagen als Sicherheit hinter dem neu geschaffenen Geld stehen. Unter Ressourcen können Bodenschätze oder nachwachsende Natürliche Ressourcen verstanden werden, aber natürlich auch Arbeit. Und die Arbeitskräfte werden vermutlich das erste sein, was knapp werden wird.
Wann kommt die Inflation?
Vertreter der MMT argumentieren, dass in den letzten Jahren zumindest in den USA die Geldmenge schon kräftig ausgeweitet wurde – und trotzdem keine nennenswerte Inflation entstanden ist. Dies ist ein Trugschluss: Es handelt sich im Moment ganz einfach nicht um eine Inflation der Konsumentenpreise, sondern um eine Vermögenswertinflation. Immobilien, Aktien und weitere Finanzanlagen haben in diesen Jahren dramatisch an Wert gewonnen. Und diese Vermögenswertinflation welche sich für die Betroffenen – im Gegensatz zu einer Konsumentenpreisinflation – sehr angenehm anfühlt, wird früher oder später zwangsläufig auf die Konsumentenpreise durchschlagen. Am direktesten ist dieser Effekt bei den Immobilienpreisen, welche in der mittleren bis längeren Frist immer auf die Mieter abgewälzt werden und so auf die Konsumentenpreisinflation durchschlagen. Aber auch die Wertsteigerungen von Aktien und anderen Finanzanlagen werden sich via ein gefühlt grösseres Vermögen und nachfolgend höhere Ausgaben auf die Konsumentenpreise auswirken. Das alles kann aber natürlich einige Jahre dauern – was es umso gefährlicher macht, da das Problem lange unentdeckt bleibt.
Fazit
Die MMT ist ein gefährliches Experiment, welches fast zwangsläufig in einer hohen Inflation enden muss. Vermögende Privatpersonen und Unternehmen können sich dagegen mittels geeigneter Finanzanlagen gut wappnen – die Verlierer werden jene sein, die durch die versprochene Vollbeschäftigung eigentlich von der MMT hätten profitieren sollten. Sie werden zwar wohl einen Job haben, das so erzielte Einkommen wird zum Leben aber nicht ausreichen.