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Spotlight: Gottes weibliche Seite
Hämatitrollsiegel «Männlich und Weiblich» (1850–1720 v. Chr.)
bar stehen darin ein Mann und sein Sohn im Zentrum. Denn die Hauptfigur des Ersten Testaments heisst «der HERR». Das liegt an den alten Übersetzungen: Die männlichen Begriffe «Kyrios» (griechisch) und «Dominus» (lateinisch) werden immer dann verwendet, wenn im Hebräischen Gottes Eigenname steht (JHWH). Dann ist Gott also ein Mann und das Männliche steht ihm näher als das Weibliche? Weit gefehlt! Andere Meinungen sind nachgewiesen!
Zwei Beispiele:
Genesis 1,26: Der Mensch wird geschaffen als Gottes Bild – «Männlich und weiblich schuf er sie beide.» Mathematisch gesprochen: Gottes Bild = männlich und weiblich. Gott kann also nicht nur männlich oder nur weiblich gedacht sein – eine Seite würde fehlen.
Psalm 27,10: «Auch wenn mich Vater und Mutter verlassen: JHWH nimmt mich auf.» JHWH steht hier nicht für Vater oder Mutter, sondern für beide Elternteile. Für Chauvinisten wird die Angelegenheit übrigens unangenehm, wenn Gott auch noch sagt: «Gott bin ich und nicht Mann.» (Hosea 11,9)
O. Keel, S. Schroer und H. Schüngel-Straumann haben es in den letzten Jahrzehnten klar gemacht: Eine fundierte feministische Position kann aus den grossen Traditionen der biblischen Welt und den Heiligen Schriften gewonnen werden. Denn es gab eine Zeit, da waren männlich und weiblich im Himmel gleichberechtigt vertreten; und auch der Monotheismus schillert noch in vielen Facetten.
Text: Florian Lippke, Bibel+Orient Museum