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Viele wollen nach Hollywood, Jim McKay wollte zu HBO: Der amerikanische Regisseur hat bei unzähligen Erfolgsserien mitgewirkt. Normalerweise ist er grumpy, doch der aktuelle Zustand der Serienwelt begeistert ihn.
Er dreht Folgen von so unterschiedlichen Serien wie «Mr. Robot», «Law & Order», «Criminal Intent», «The Wire», «The Americans», «Better Call Saul», «The Good Wife», «The Good Fight», «Treme», «Breaking Bad». Er macht selbst Independent-Filme, die in Sundance und Locarno laufen. Zusammen mit Michael Stipe von R.E.M. besitzt er eine Produktionsfirma. Jim MacKay, 58 und Amerikaner, war an den Solothurner Filmtagen zu Gast. Wo er viel redete und wenig verstand.
Wie geht es Ihnen? Sind Sie erschöpft von den vielen Interviews?
Jim McKay: Mein Kiefer schmerzt etwas. Abgesehen davon ist die Schweiz für mich wie eine Schweigemeditation. Ich rede ja kein Deutsch. Ich versteh’s auch nicht. Aber ich beobachte. Allerdings nichts Besonderes. Es ist hier nicht anders als anderswo.
Welche Eigenschaft ist für Sie überlebenswichtig?
Zynismus.
Ausgerechnet?
Man darf sich der Realität, in der wir uns befinden, ausschliesslich zynisch nähern.
Sind sie ein Zyniker?
Ich will keiner sein, aber ich denke, wir leben in der schlechtesten aller Zeiten. Gut, das denken die Leute wahrscheinlich immer.
Ja, immer. Und wie nähern Sie sich den bevorstehenden Oscars?
Gar nicht. Der neue Tarantino zum Beispiel: Man könnte mir Geld geben und ich würde ihn mir trotzdem nicht ansehen. Ich weiss, was mich erwartet, ich weiss, dass ich es nicht mag. Ein einziges Mal habe ich einen Film, der bei den Oscars gross rauskam, richtig gemocht. Das war ...
Das war?
«Moonlight»! Genau «Moonlight». Von Barry Jenkins. Der hat mir wahnsinnig gut gefallen. Aber dass er zum besten Film gekürt wurde, war natürlich fatal.
Wieso das?
Man unterschätzt den Einfluss, den die Oscars haben. Sobald ein Independent-Film wie «Moonlight» gewinnt, suchen alle Geldgeber für weitere Independent-Projekte nur noch nach deren Oscartauglichkeit und eine ganze Filmszene ist am Arsch und nicht länger unabhängig. Deshalb will ich mit den Oscars nichts zu tun haben.
Reden wir über jemanden, mit dem Sie gern zu tun haben: Christine Baranski. Weltweit bekannt als gnadenlose Psychologin und Mutter von Leonard Hofstadter in der «Big Bang Theory» und aus den «Mamma Mia!»-Filmen. Sie drehten mit ihr viele Folgen der Anwaltsserien «The Good Wife» und «The Good Fight». Für mich ist sie sowas wie die Meryl Streep des kleinen Bildschirms.
Ja, so könnte man sie nennen. Eine unglaubliche Frau: Sie bringt eine Integrität mit, die sich auf den Bildschirm überträgt, wenn sie spielt, sind alle ganz gebannt, da geschieht kein Bullshit, es gibt niemanden, der irgendwas Negatives über sie sagt, die Frau ist ein Traum. Sie kriegt jetzt auch ihre eigene HBO-Serie, «The Gilded Age». Irgendwas über Millionäre um 1800 und mit Kostümen. Das mag seltsam klingen, aber Christine kann alles.
Ich erwähnte sie, weil sie eins der herausragenden Beispiele dafür ist, wie das Serienschaffen die Sehgewohnheiten revolutioniert hat. Plötzlich gab es Frauen wie sie in Hauptrollen, die das Hollywood-Verfallsdatum über- und die gängigen Beauty-Standards unterschritten hatten. Plötzlich übernahmen afroamerikanische Schauspielerinnen und Schauspieler den Lead in Drama-Serien wie «The Wire». Queere Charaktere wurden geschrieben und so weiter.
Und das ist eine Entwicklung, die mich ungeheuer positiv stimmt. Normalerweise bin ich nämlich ein negativer Mensch.
Das wäre mir jetzt gar nicht aufgefallen ...
Doch, doch. Und zwar in Bezug auf alles. Trump, Amerika, Kino, Fernsehen, alles. Aber die jetzige Entwicklung im Serienuniversum halte ich für total aufregend. Wir haben einerseits eine allgemeine Aufklärung, was Diversität betrifft, und wissen, dass die Gesellschaft nicht nur aus den alten Männern besteht, die zu lange an der Macht waren. Andererseits formieren sich die diversen «Bubbles», und die verlangen allesamt lautstark nach eigenen Geschichten, nach Erzählungen, in denen sie sich gemeint sehen. Und so braucht es plötzlich Abertonnen von neuen Stoffen.
«Bubble» ist ja normalerweise eher negativ konotiert, bei Ihnen nicht?
Alle verdienen es, sich in Geschichten wiederzuerkennen. Als ich jung war, war es mir sehr bewusst, dass einer wie ich in jedem Film, in jeder Serie vorkam. Ich hatte keine Probleme, mich überall wiederzuerkennen. Andere konnten das nicht. Ganze Bevölkerungsgruppen konnten das nicht. Deshalb machte ich meinen ersten Film «Girls Town» über junge schwarze Frauen.
Die Welt ist gross und vielfältig.
Und mit jedem Stück, das wir von dieser fantastischen Vielfalt kennenlernen, realisieren wir auch, wie bedroht sie ist. Aber man kann Fortschritt zum Glück nicht rückgängig machen, der Wandel vollzieht sich.
Sie schleppen ein offensichtlich antiquarisches Buch mit sich herum. Was ist das?
Es ist sehr lustig, ich habe es vor einem Jahr gekauft und jetzt per Zufall eingepackt, es ist die Inside-Story von «The Wire».
Also die HBO-Serie über Drogenkriminalität in Baltimore.
Ich lese in diesem Buch gerade Interviews mit Schauspielern und Autoren, mit denen ich vor 15 Jahren eine Folge drehen durfte. Und ich erinnere mich, wie sie mir von den Anfängen von «The Wire» erzählten. Man muss sich vorstellen, das war eingangs der Nullerjahre, das Team begann zu arbeiten und plötzlich sagten sie sich: Verrückt, so viele Schwarze haben wir noch nie auf einem Dreh gesehen! «The Wire» war wirklich revolutionär, in mehrfacher Hinsicht.
Das müssen Sie ausführen.
Es hatte schon früher schwarze Leads in seriellen Formaten gegeben, aber das waren meist Sitcoms, «The Cosby Show», «The Fresh Prince of Bel-Air», sowas. «The Wire» war der Beginn einer neuen Ära. Plötzlich klafften da riesige Lücken, die mit neuen Stoffen gefüllt werden mussten. Aber an wen wendet man sich für neue Stoffe? Nicht an die immer gleichen 20 alten weissen Männer! Nein, plötzlich suchte man in der Independent-Szene. Junge Leute, die gerade mal einen einzigen Kurzfilm realisiert hatten, wurden plötzlich als Serien-Showrunner engagiert! Man wollte, dass sie Regeln brechen! Märchen wurden möglich. «Atlanta» ist so ein Fall, «SMILF» oder natürlich «Fleabag». Einiges davon ist Mist, einiges ist grossartig. Aber insgesamt können wir davon nur profitieren.
HBO machte damals Basisarbeit. In diesem ersten grossen Golden Age des Serienschaffens. Obwohl ich es lieber das zweite Golden Age nennen würde. Das erste gehört für mich nun mal einfach David Lynch mit «Twin Peaks».
«Twin Peaks» war vorher?
Die «Sopranos» waren 1999, «Twin Peaks» war 1990.
Oh mein Gott, ja. Wie war sowas Grandioses wie «Twin Peaks» überhaupt möglich! Wow, «Twin Peaks». Ich kann nicht glauben, dass ich «Twin Peaks» vergessen habe!
Zurück zum Golden Age.
Früher war Fernsehen so unschuldig. Und dann geschah diese Entwicklung, und erwachsene Menschen realisierten, dass sich das lohnt, dass das interessant und gesellschaftlich relevant ist.
Wie war das, als Sie zu HBO kamen? Muss man sich das als eine Art Heiligen Gral der Innovation vorstellen? Als Kult, als Kirche?
Ja. Das war schon so. Bei den Serien war ich nur ein kleines Rädchen, das in bereits laufenden Projekten mitwirkte. Aber ich realisierte für HBO auch ein paar Filme, und das war anders als mit jedem Studio. Leute wie Gus Van Sant und ich kamen mit ihren Ideen und kriegten von HBO ein paar Millionen Dollar. Aber das änderte sich vor ein paar Jahren. Heute ist HBO auch Teil der Hollywood-Fabrik. Allgemein denke ich, dass das Gerede vom Golden Age übertrieben und unsorgfältig ist. Ich finde nicht, dass die Qualität der richtig, richtig guten Serien abgenommen hat. «Fleabag» liebe ich, «Atlanta», «High Maintenance». Letzteres halte ich für etwas vom Schönsten und Menschlichsten, was es gibt. Mein Problem, und ich arbeite daran, ist, dass ich fast nichts schauen kann, was länger als eine halbe Stunde dauert.
Wieso denn das?
Ich glaube, daran ist mein Smartphone schuld. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren! Ich kann kaum mehr ein Buch lesen. Ich muss das jetzt wieder trainieren. Aber die Schweiz ist gut dafür, ich habe eine Schweizer SIM-Karte in mein Telefon gemacht, jetzt funktioniert es nicht. Das ist wie Ferien.
Was halten Sie als Serien-Regisseur eigentlich von Binge-Watching?
Nichts! Dieses «Letzte Nacht habe ich zehn Folgen geschaut!» ist doch reiner Sport, reine Angeberei. Ist man da noch irgendwie aufnahmefähig? Serien leben ja von komplexen Erzählungen, denen man Zeit gibt. Und dann macht es mich als Regisseur natürlich auch traurig, wenn Leute beim Bingen Vor- und Abspann überspringen. Da stehen doch die Namen all derer, die dafür gearbeitet haben!
Ist es nicht Ihr Job, die Leute in die Sucht zu treiben?
Ich bin mir dessen bewusst. Ich kenne die Sucht, ich habe sie nicht und ich will sie nicht. Der Sozialist in mir würde etwas weniger Sucht bevorzugen, auch wenn ich dann etwas weniger Arbeit hätte. Das wäre okay.