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s-Plural ist kein Sprachimport
Unis, Studis, CDs, Pkws, Aufs und Abs und Buddenbrooks: Die Pluralbildung auf „s“ ist originär deutsch und geht auf das 17./18. Jahrhundert zurück
Landauf, landab wird eine Anglisierung der deutschen Sprache beobachtet und zumeist als Überfremdung heftig kritisiert. Tatsächlich finden viele englische Wörter Eingang in unsere Alltagssprache: Wir buchen einen Adventure-Urlaub und kaufen Outdoor-Jacken, fahren mit dem Bike und backen einen Cake.
„Seit dem zweiten Weltkrieg nimmt der angloamerikanische Einfluss zu“, konstatiert auch Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling vom Deutschen Institut der Universität Mainz. Nicht davon betroffen ist allerdings – ganz entgegen der vorherrschenden Meinung – die Pluralbildung auf „s“, wie wir sie in CDs und DVDs, in Pkws und Lkws, in Limos und Kuckucks finden. Sie entstammt mitnichten dem Englischen, sondern ist originär deutsch. „Der s-Plural kommt zuerst bei die Müllers oder die Schmidts vor, lange bevor wir englische Wörter überhaupt entlehnen“, sagt die Mainzer Sprachhistorikerin. Ein schönes Beispiel für einen frühen s-Plural, der ganz bestimmt nicht aus dem Englischen stammt, sind die „Buddenbrooks“ von Thomas Mann.
Damaris Nüblings historischen Untersuchungen zufolge ist die Mehrzahlbildung mit „s“ im 17./18. Jahrhundert aufgekommen, und zwar zuerst bei den Familiennamen und wenig später bei den Ruf- und den Ortsnamen. Sie geht auf die Genitiv-Endung „s“ zurück: Müllers Familie zum Beispiel oder Meiers Leute. Durch eine Umdeutung entstand aus dem Genitiv-Singular-s im Laufe der Zeit das Plural-s. Eine Mischform, ein sprachlicher Archäopteryx vom Typ „’s Müllers sin do“, also wörtlich „des Müllers sind hier“, verkürzt aus „des Müllers Leute sind hier“, findet sich heute noch in manchen süddeutschen Dialekten.
„Der Sinn ist, dass der Name geschont wird“, erläutert Damaris Nübling. „Ein Name soll sich so wenig wie möglich verändern.“ Dies gelingt am ehesten durch die Nachsilbe „s“, die das Wort konstant hält und nicht so stark verformt wie andere Endungen. Aber nicht nur Namen, sondern auch Abkürzungen sollen im Plural gut zu erkennen sein: Unis, Studis, Limos, MTAs und CDs. Die deutsche Sprache ist reich an solchen Kurzwörtern, deren Bedeutung nicht immer bekannt ist und die oft schwierig zu memorieren sind, weil man die Vollform nicht immer kennt. Hier garantiert der s-Plural eine hohe Wiedererkennbarkeit und wahrt die Gestalt der Wortform. Ebendies gilt für Onomatopoetika wie Kuckucks und Kikerikis, Substantivierungen wie Aufs und Abs, Wenns und Abers und Ahas sowie für Fremdwörter, etwa Pizzas und Kontos. Erst wenn das Wort bekannt genug ist, wird „s“ durch „en“ ersetzt und wir sprechen von Pizzen und Konten. Es ist ein „Übergangsplural“ für die Zeit, bis das Fremdwort heimisch wird.
„Das Plural-s ist also genuin deutsch. Es kommt nicht aus dem Englischen und wird auch nicht neu importiert“, fasst Damaris Nübling zusammen. Wenn überhaupt, übernehmen wir nur englische Lexeme (ganze Wörter), aber keine englische Grammatik. Die Grammatik ist tiefer im Sprachsystem verankert und nicht so leicht durch Sprachkontakt veränderbar. Zudem hat die Verwendung von Anglizismen auch ihre Berechtigung: Wenn wir einen neuen Gegenstand wie zum Beispiel den Computer aus dem Ausland übernehmen, dann übernehmen wir mit der Sache selbst auch ihre Bezeichnung. Das war schon immer so: So stammen Wörter wie Mauer, Fenster, Tisch, Keller, Speicher aus dem Lateinischen, weil deren Gegenstände aus der römischen Kultur kamen. „Es gibt einen Bedarf für englische Ausdrücke, aber ihr Einfluss auf die deutsche Sprache wird gemeinhin überschätzt“, so die Mainzer Linguistin.
Weitere Informationen: Univ.-Prof. Dr. Damaris Nübling Deutsches Institut Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) D 55099 Mainz Tel. +49 6131 39-22611 E-Mail: <email-pii> http://www.germanistik.uni-mainz.de/265.php
Informationsdienst Wissenschaft vom 15.Dez.2011 http://idw-online.de/pages/de/news456428