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Über den Anteil der asymptomatischen Sars-CoV-2-Infektion besteht grosse Uneinigkeit. Die WHO erklärte schon früh: «Der Anteil wirklich asymptomatischer Infektionen ist unklar, scheint jedoch relativ selten und kein wesentlicher Treiber für die Übertragung zu sein.» Diese Aussage wurde durch eine Studie über den gut dokumentierten Covid-19-Ausbruch in einem südkoreanischen Callcenter bestätigt, die zeigte, dass nur 1,9% der Infizierten während der 14-tägigen Quarantäne keine Krankheitszeichen entwickelten. Andere Beiträge und Studien kamen hingegen zum Schluss, dass hohe Anteile an infizierten Personen keine Symptome entwickeln würden. Eine Analyse bei Japanern, die nach dem Corona-Ausbruch in Wuhan in ihr Land zurückgeholt worden waren, ergab einen Anteil von 33 Prozent Infizierten, die keine Symptome aufwiesen. Im Zusammenhang mit den Ausbrüchen auf den beiden Flugzeugträgern Charles de Gaulle und USS Theodore Roosevelt wurden Raten von symptomlosen Infizierten von 63% beziehungsweise 50% kommuniziert. Etwa die Hälfte der Menschen, die sich angesteckt hatten, würden das gar nicht merken, sagte beispielsweise auch Lothar Wieler, Chef des deutschen Robert-Koch-Instituts: «Die sehen wir gar nicht.»
Eine Auswahl an Studien zu asymptomatischen Verläufen mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen
Nach dem ersten Covid-19-Todesfall in Italien im Februar wurden während der zweiwöchigen Abriegelung der Gemeinde Vo’ an zwei Zeitpunkten 85,9% respektive 71,5% der Bevölkerung getestet.
Am 3. Februar wurde das Kreuzfahrtschiff Diamond Princess in Japan unter Quarantäne gestellt. Am 5. Februar wurden die Passagiere in ihren Kabinen isoliert. Passagiere mit positiven Testergebnissen wurden ausgeschifft und ins Krankenhaus eingeliefert. Die Tests wurden später ausgeweitet, um eine schrittweise Evakuierung der Passagiere zu ermöglichen.
In der besonders betroffenen Gemeinde Gangelt in Nordrhein-Westfalen wurden per Stichprobe 919 Menschen aus 405 Haushalten auf eine akute oder überstandene Covid-19-Infektion untersucht - unabhängig davon, ob sie Symptome hatten oder nicht.
Am 9. März wurde ein Bürogebäude nach ersten Infektionsfällen geschlossen und daraufhin Tests an Mitarbeitern und Bewohnern durchgeführt. Bei den positiv auf Sars-CoV-2 getesteten Personen handelte es sich zu 97% um Mitarbeiter eines Callcenters (94 von 97 Infizierten), das sich im 11. Stock des Gebäudes befindet.
Zwischen dem 29. und 31. Januar wurden insgesamt 565 japanische Staatsbürger aus der Provinz Wuhan in China mit drei von der Regierung gecharterten Flügen evakuiert. Alle Passagiere wurden bei der Ankunft in Japan auf Krankheitssymptome untersucht und auf Sars-CoV-2 getestet.
Woher kommen diese Unterschiede? Die Gründe liegen in den Datenquellen, den Studienanordnungen und der Interpretation der Ergebnisse. So wurden in vielen Publikationen Infizierte als asymptomatisch deklariert, die eigentlich vorsymptomatisch waren, also im späteren Verlauf der Infektion doch noch Symptome entwickelten. So war das auch in Zürich nach Ostern, als die ärztliche Direktorin der Stadtzürcher Alters- und Pflegezentren, Gabriela Bieri-Brüning, sagte, dass in einer Abteilung 40% der positiv getesteten Personen symptomfrei blieben (32 von 80). Viele Medien titelten auf diese Zahl und schrieben: «Bisher galt die Erkenntnis, dass nur junge Infizierte asymptomatische Verläufe haben, nicht aber Senioren.» Eine Rückfrage bei Bieri-Brüning nach einigen Wochen ergab dann allerdings, dass mindestens die Hälfte der 32 Personen dann doch noch Symptome entwickelte - womöglich noch mehr.
So war es auch auf dem Kreuzfahrtschiff Diamond Princess, als zuerst berichtet wurde, über 50% seien ohne Symptome; am Schluss waren es dann noch 16,1% der Infizierten, die angeblich symptomlos blieben.
Für Epidemiologin Nicola Low von der Universität Bern, die zu diesem Thema für die Covid-19-Task-Force des Bundes einen Übersichtsarbeit verfasst hat, kommt das nicht überraschend: «Der Anteil symptomloser Infizierter wird stark überschätzt.» Das Team um Low hat bisher über 200 Studien untersucht zum Thema, und aktualisiert die Analyse fortlaufend. «Wir schätzen aufgrund der bis heute berücksichtigten Studien , dass 20% bis 30% der Personen, die sich mit Sars-CoV-2 infizieren, keine Symptome entwickeln», so Low. Dies sei aber wirklich ein Maximalwert, die tatsächliche Zahl liege wohl eher noch tiefer. «Ich denke, es sind noch weniger. Das Problem ist, dass es bisher nur wenige Studien gibt, welche dem Anteil von Symptomlosen wirklich seriös auf den Grund gingen. In den meisten Studien waren die Personen einfach zum Zeitpunkt des Tests ohne Symptome, später wurden sie aber dann doch krank.» Problematisch sei beispielsweise jener viel zitierte Beitrag von Michael Day, der im renommierten British Medical Journal publiziert wurde und von bis zu 79% asymptomatisch Infizierten in China berichtet. Low hat dazu eine Antwort publiziert, in welcher sie schreibt: «Die angegebenen Zahlen zeigen nicht, dass die grosse Mehrheit der Coronavirus-Infektionen keine Symptome hervorruft. Der Beitrag ist ungenau und irreführend. Eine asymptomatische Infektion kann nur durch Beobachtung von infizierten Personen während der gesamten maximalen Inkubationszeit von 14 Tagen festgestellt werden.»
Low nimmt an, dass die Gruppe der wirklich Asymptomatischen einen kleinen Teil aller mit Sars-Cov-2 infizierten Personen ausmacht. «Wir brauchen bessere empirische Belege und eine genauere Kommunikation der Ergebnisse, damit die Öffentlichkeit realistisch einschätzen kann, bei wie vielen Infizierten die Krankheit tatsächlich nicht ausbricht.»
Was Low mehr Sorgen bereitet, ist jene Gruppe, welche einige Tage vor Ausbruch der Krankheit schon infektiös ist, also bevor sich Symptome dann äussern. Welcher Anteil der Infektionen wird von diesen Personen verursacht? Eine Studie fand heraus, dass es in Singapur 48% und in Tianjin, China, 62% waren. «Modelle berechnen, dass 50-60% aller Ansteckungen von asymptomatischen oder vorsymptomatischen Personen ausgehen», so Low. «Das ist die Stärke des Virus, welches im evolutionären Prozess diese Strategie entwickelte, um sich leichter verbreiten zu können.»
Daher ist das Social Distancing und ein konsequentes und schnellesContact-Tracing wichtig, damit Infektionsketten so schnell wie möglich unterbrochen werden könnten. Hier kann die neue App einen wichtigen Beitrag leisten, die jetzt aber doch erst im Sommer kommt. Wenn nämlich das Umfeld eines Infizierten mit Krankheitssymptomen in Quarantäne gesetzt werde, könnten auch die Vorsymptomatischen das Virus nicht mehr verbreiten. «In der Schweiz gibt es nur noch weniger als 100 neue bestätigte Fälle pro Tag; mit systematischem Testen, Kontaktverfolgung, Hygienemassnahmen und Social Distancing können wir eine zweite Welle verhindern.»