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SRF: Sie sagen, dass Straftaten dem Muster von Erdbeben folgen. Weshalb?
George Mohler: Wenn ein Erdbeben vorkommt, so ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass es in der selben Region in den folgenden Tagen zu Nachbeben kommt. In der Kriminalität gibt es ähnliche Muster: Wenn eingebrochen wird, so ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass in der nächsten Zeit im näheren Umfeld wieder eingebrochen wird. Das hat psychologische Gründe: Räuber wiederholen Erfolge, brechen vielleicht in einem Nachbarhaus ein, nachdem sie erfolgreich bei einem Einbruch waren.
Mit welchen Faktoren sagen Sie Kriminalität voraus?
Die beste Prognose für zukünftige Straftaten liefern jene, die schon begangen worden sind. Wir verwenden hauptsächlich Statistiken zu Straftaten – also Daten darüber, wann und wo sie begangen worden sind. Die Krux an der Sache ist, wie etwas gewichtet wird. Ein Einbruch, der vor fünf Jahren erfolgt ist, sollte ein anderes Gewicht haben als einer, der gestern geschah. Aber er muss immer noch in die Wahrscheinlichkeitsrechnung einfliessen. In manchen Modellen beziehen wir auch die lokale Geographie ein, etwa wie dicht eine Gegend gebaut ist.
Wie wichtig ist die Datenmenge?
Sie ist zentral. Wir verwenden in der Regel Daten aus fünf bis zehn Jahren. Je mehr Daten zu einer bestimmten Straftat vorhanden sind, desto genauer wird die Prognose. Handkehrum können ganz seltene Ereignisse, wie etwa Schiessereien in Schulen, nicht vorhergesagt werden. Dazu gibt es zu wenig Daten.
Was macht Ihre Software anders als andere Computerprogramme?
Viele machen einfach vergangene Kriminalität sichtbar. Das ist hilfreich. Aber mit der Prognose, die wir in unser Programm eingebaut haben, gibt die Software zwei bis drei Mal genauer an, wo etwas geschehen wird.
Wie wirksam ist das?
Die Polizeikorps in Seattle und Los Angeles haben das Programm kontrolliert eingeführt, einen Tag benutzt und einen Tag nicht. Es zeigte sich, dass die Kriminalität an den Tagen, an denen die Polizeioffiziere nach den Angaben von Predpol patrouillierten, tiefer lag.
Es gibt Computerprogramme, die versuchen, das Verhalten von Individuen zu prophezeien. Werden Sie auch in diese Richtung gehen?
Nein, wir beziehen uns mit unseren Prognosen nur auf Orte. Wir beziehen also keine Angaben zu Menschen ein. Damit gehen wir all den Fragen um den Persönlichkeitsschutz aus dem Weg. Und es funktioniert gut.
Wäre es aber möglich, dass vorhergesagt werden kann, ob ein Mensch in Zukunft kriminell wird?
Wenn Sie genug Angaben zu einer Person haben, zu einer Gruppe von Personen, so können Sie deren Verhalten voraussagen. Das wird ja im Konsumbereich beim Kaufverhalten bereits gemacht. Diese Algorithmen können aber nur Wahrscheinlichkeiten angeben, es wird immer Falschprognosen geben. Sie können aber als Entscheidungshilfe dienen, etwa bei der Frage, ob jemand aus dem Gefängnis entlassen werden oder wie lange er oder sie verwahrt werden soll. Das wird heute in verschiedenen US-Staaten gemacht.
Ist das nicht gefährlich?
Das muss das Rechtssystem entscheiden. Aber Algorithmen können präziser sein als Menschen. Menschen haben Vorurteile: rassistische oder andere. Das führt dazu, dass hier in den USA verschiedene Menschen für die gleiche Straftat höchst unterschiedlich bestraft werden. Ein Computerprogramm könnte die menschlichen Entscheidungen unterstützen, nebenher laufen sozusagen. Es geht nicht darum, dass der Computer eines Tages alleine entscheidet.hier.