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Drei Sätze zur Salutogenese
Was Mutter und Kind gesund erhält
Von Ursula Walter
Je besser Mütter in der Lage sind, sich und ihre Situation zu reflektieren, desto besser sind sie in der Lage, ihren Kindern Sicherheit zu geben. Mütter haben in der Gesellschaft wenig äussere Macht; sicher ist im Bezug auf ihre Stellung und Rechte noch viel zu tun. Sie haben aber immer Macht über ihre Kinder. Wenn sie diese eigene Macht anerkennen und sorgfältig einsetzen, nützen sie ihren Kindern und sich selbst und tragen zur Gesundheit bei: Wenn sie sie verleugnen oder missbrauchen, entsteht eine Verdoppelung der Ohnmacht, die sich oft in Hass, Gewalt, Krankheit und Tod verwandelt.
1951 hatte die Weltgesundheitsorganisation WHO den Kinderpsychiater John Bowlby beauftragt, die Bedingungen gesunder kindlicher Entwicklung zu erforschen. Bowlby kam dazu, dass nur Bindungen, also die Erfahrung von verbindlichen emotionalen Beziehungen, Kindern eine gesunde Entwicklung ermöglichen. Ohne menschliches Gegenüber, dem man etwas bedeutet, gibt es keinen Grund zu leben, sich zu interessieren, zu essen, sich zu bewegen, zu sprechen, sich selbst Sorge tragen zu lernen – und selbst Bindungen herzustellen. Diese Einsicht verpflichtet die Gesellschaft, Kindern eine emotional tragfähige Betreuung zukommen zu lassen.
Der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky ist durch seine Forschung und die Formulierung der Salutogenese („wie Gesundheit entsteht“) bekannt geworden. Die Salutogenese wurde in den 80er Jahren zur Wissenschaft. Ihre Kernpunkte sind nicht Hygiene, Ernährung und medizinische Versorgung, sondern Aspekte, die davor – oder dahinter – liegen und sehr viel mehr mit dem Selbstgefühl und der psychischen Sicherheit zu tun haben. Das Gefühl von Kohärenz (sense of coherence) mit den Gefühlen der Verstehbarkeit (sense of comprehensibility), der Kompetenzerfahrung (sense of manageability) und der Sinnerfahrung (sense of meaningfulness) sind nach Antonovsky die Grundlagen gesunder Entwicklung und der Gesundheit überhaupt. Die Verstehbarkeit bringt Erfahrungen in einen Zusammenhang. Die Kompetenzerfahrung vermittelt, dass ich gezielt auf das Geschehen Einfluss nehmen kann, und die Erfahrung der Sinnhaftigkeit bedeutet: ja, das Leben, mein Leben hat einen Sinn. Das Kohärenzgefühl führt somit dazu, dass ein Mensch flexibel auf Anforderungen reagieren kann. Es aktiviert die Ressourcen und die angemessenen Verarbeitungsmuster (coping strategies).
Die englischen Psychoanalytiker Peter Fonagy und Mary Target haben diverse Studien zu den Bedingungen gesunder Entwicklung, der Interaktion von Mutter und Kind und auch der Auswirkung von Traumata und deren bestmöglichen Überwindung selbst durchgeführt und auch mit älteren Studien verglichen. Fonagy und Target konnten herausarbeiten, wie sehr die persönliche Vorstellung und Erwartung der Mutter im Bezug auf ihr kleines Kind dessen Selbstgefühl prägt: Je mehr eine Mutter ihr Kind als eigenständiges Wesen mit eigener Urteils- und Erlebnisfähigkeit anspricht, das den Wunsch und die Fähigkeit hat, sich und andere verstehen zu lernen, desto leichter hat es das Kind, sich in seiner Umgebung mit seinen Erfahrungen selbst zu orientieren. Mütter, Eltern, allgemein die primären nahen Bezugspersonen, die in der Lage sind, sich selbst und ihr Verhalten gegenüber dem Kind zu reflektieren, bedeuten für das Kind eine grosse Sicherheit. Sie können ihm helfen, die elementare Orientierung zu gewinnen oder wieder zu finden: wer bin ich, wer ist die Mutter, was kommt von aussen, was von innen, was ist Phantasie, was Realität...
Aus diesen Grundlagen sowie aus weiteren Forschungsresultaten ergeben sich einige Thesen für alle, die sich mit Mutter-Kind-Fragen irgendwo auf der Welt befassen:

Die Nähe der vertrauten Person(en) ist für ein kleines Kind wichtiger als alles andere.
Im Zweiten Weltkrieg wurde durch Dorothee Burlingham und Anna Freud festgestellt, dass Kinder, die mit ihren Müttern im bombenbedrohten London blieben, sich besser entwickelten als diejenigen, die „zu ihrer Sicherheit“ von ihren Müttern getrennt aufs Land evakuiert worden waren. Die Sicherheit, die eine vertraute Bezugsperson vermitteln kann, wenn sie auch in der eigenen Bedrohtheit nicht dekompensiert, sondern in der Beziehung zum Kind erkennbar dieselbe bleibt, ist für das Kind die grösste Beruhigung, um sich wieder in sich orientieren zu können. Das bedingt allerdings, dass diese Bezugspersonen emotional verfügbar sind und sich um den innern Zustand des Kindes kümmern.
Die Körperlichkeit der Mutter vermittelt Vertrautheit. Ihre Nähe heisst auch, dass die Mutter innerlich nahe ist, dem Kind vermitteln kann, dass sie seinen Zustand wahrnimmt. Es geht nicht darum, dass sie äusserlich alles verbessern kann, aber sie kann innerlich helfen, Ordnung zu schaffen, wenn alle gewohnten Bezüge aus den Fugen geraten.
Es gibt dazu Erfahrungsberichte von Caroline Eliacheff aus einem Kinderspital für schwer vernachlässigte Kindern. Die Autorin beschreibt in ihrem Buch „Das Kind, das eine Katze sein wollte“, wie Kleinkinder, die apathisch oder hypererregt jeden Kontakt verunmöglichten, sich beruhigten, wenn sich die Kinderpsychiaterin in ihrer unmittelbaren Nähe von der Pflegenden die meist in groben Zügen bekannte Geschichte des Kindes berichten liess, dann mit der Betreuerin laut über das Berichtete nachdachte und das Kind schliesslich selbst ansprach und ihm vermittelte, dass sie zwischen seiner Geschichte und seinem schwerkranken Zustand einen Zusammenhang sah. Die Fallgeschichte, die den Titel des Buches abgab, ist ein ausgesprochen berührender Bericht darüber, was diese Vermittlung von Anteilnahme und Verstehbarkeitbewirken kann.

Die Mutter respektive die primäre Bezugsperson vermittelt dem Kind die Erfahrung von der eigenen Sicherheit (Kohärenz) – oder deren Unverlässlichkeit.
Es ist die Mutter oder eine nahe primäre Betreuungsperson, die dem Kind die elementare Deutung der Welt vermittelt: Ist dieser Vorgang stimmig, werden die Erfahrungen der Aussenwelt und der eigenen innern Regungen zunehmend verständlich, und das Kind kann sie schon ganz früh überprüfen und sie sich durch die körperlichen und sozialen Erfahrungen aneignen. So wird ein Kind zunehmend sicher in der eigenen Wahrnehmung und damit auch unabhängiger von der Mutter. Wird es hingegen in elementaren Erfahrungen verwirrt, bleibt es völlig abhängig von der fremden Deutung, oder es wird selbst unverständlich wie das Kind, das eine Katze sein wollte.
Wenn ein Säugling etwa hungrig und unruhig wird und die Mutter ihm vermittelt, dass es bald Zeit sei und es bald zu trinken bekomme, und wenn das Kind danach auch die befriedigende Sättigung erfährt, so lernt es die Zuordnung seiner Spannung zu „Hunger“ und „gestillt werden“ und kann sich zunehmend auf die Mutter und die eigene Empfindung verlassen. Wenn die Unruhe des Kindes aber nicht durch Hunger ausgelöst ist, sondern weil es einen Stress der Mutter spürt, diese es jedoch so behandelt, wie wenn es hungrig wäre und ihm dann auch zu trinken gibt, so kann das „falsche Verknüpfungen“ geben, welche mit dem Erleben des Kindes längerfristig nicht stimmig sind: Darf es die Spannungen der Mutter nicht kennen? Soll es lernen, jede Spannung der Mutter mit der Forderung nach Essen zu beantworten, das heisst, die fremde Sinngebung übernehmen? Je verwirrender die fremden Deutungen sind, desto unsicherer muss das Kind in der eigenen Wahrnehmung werden. Aber auch umgekehrt: je stimmiger und klarer die Kommunikation zwischen Mutter und Kind ist, desto leichter wird es dem Kind fallen, sich mit sich und mit andern zu orientieren und seine Wahrnehmungs- und Einsichtsressourcen voll zu nutzen.

Kein einfacher Satz: Mütter haben Macht.
Das Cliché besagt: Frauen, Kinder und Alte sind immer wieder besonders hilflos dem Geschehen von Krieg, Verfolgung und Katastrophen ausgesetzt. Männer, vor allem junge Männer, werden oft dazu gebracht, sich als „Akteure“ einspannen zu lassen, oder sie wählen selbst diese aktive Rolle, Männer mittleren Alters bemühen sich, nicht als unmännliche Zauderer aufzufallen, während alte Herren die Fäden ziehen. Auch bei der Ausschreibung zu dieser Bulletin-Nummer verstand ich den Satz, dass die Gesundheit von Mutter und Kind das Spiegelbild der Gesundheit und der Rechte der Frauen darstelle, wie einen Hinweis auf deren Ausgeliefertsein.
Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Wenn das oben Ausgeführte stimmt, dann hat nie jemand so viel Macht über andere wie eine Mutter über ihr Kind. Das gilt auch, wenn sie die Verantwortung, die damit zusammenhängt, nicht wahrnimmt.
Mütter, die ihre Kinder einfach machen lassen, was sie wollen, oder sich sogar deren Diktat unterziehen, sind kein Gegenbeweis, denn damit verweigern sie ihren Kindern den elementaren Schutz und die elementare Anleitung, wie man ein Leben und Zusammenleben gestalten könnte, und prägen das chaotische Ausgeliefertsein ihrer Kinder. Ob eine Mutter das Kind wollte oder nicht, ob es zur Zeit oder zur Unzeit kommt, ob es den Wunschphantasien der Mutter entspricht oder nicht: Es braucht eine Mutter, die ihre Verantwortung übernimmt, die es nicht als Depot für eigene Frustrationen und Phantasien missbraucht, sondern ihm dazu verhilft, sich in der oft schwierigen Realität zurechtzufinden.
Mütter haben ihrerseits in ihren Kindern die allerwichtigste Ressource. Sie können mit ihrem Kind, mit ihren Kindern, die Welt gestalten. Nicht in einer aggressiv-omnipotenten oder aggressionsverleugnend-romantischen Phantasiewelt, sondern in der je realen Umgebung. Jemand muss dem Kind beistehen, die Realität einigermassen realistisch einschätzen. Eine Mutter, die in einer Situation ist, in der sie ihren Kindern nicht das geben kann, was sie möchte, und selbst unter ihrer Situation leidet, muss lernen, vom realen Boden aus zu handeln: „Das ist, was ich gern würde. Das ist, was ich real kann. Das ist, was ich daraus mache“. Das gilt dann auch für die Kinder.
Dazu gehört, dass sich Mütter auch in traumatischen Situationen, im Krieg, auf der Flucht, bezüglich ihrer Hilflosigkeit einigermassen realitätsgerecht orientieren und von dieser Einschätzung aus ihre Kinder betreuen. Diese Klärung ist der entscheidende Punkt, ob die Mütter ihre Macht, die sie über das Schicksal ihrer Kinder, über sich selbst und ihre Familien haben, optimal einsetzen und gestalten können. Fonagy/Target haben festgestellt, dass Mütter, die sich mit eigenen Schwierigkeiten in ihrer Geschichte bewusst auseinandergesetzt hatten, ihren Kindern mehr Selbstvertrauen vermitteln konnten als Mütter, die unvorbereitet auf eigene Verunsicherungen sind. Diese ziehen ihre Kinder öfter in ihre Verunsicherung hinein.
Wer stark genug ist, um das eigene und das fremde Ungenügen klar wahrzunehmen, gibt in kritischen Situationen verlässlichere Sicherheit. Es hilft, wenn Mütter mit jemandem über ihre Situation sprechen können. Es hilft, wenn sie altersadäquat mit ihren Kindern sprechen und beitragen, dass das Geschehen einen Sinn und ein Mass bekommt, dass es verständlich wird und nicht der masslosen Phantasie überlassen bleibt. Auch für die Kinder ist es ungeheuer wichtig und hilfreich, Gelegenheit zu bekommen, ihre Situation und Geschichte zu erzählen, zu reflektieren und zu gestalten. Zurzeit wird zum Beispiel „Memory Work“ (s. Bulletin von Medicus Mundi Schweiz Nr. 97, 2005) dafür eingesetzt; es gibt viele weitere Methoden. Nötig ist die Auseinandersetzung mit dem, was war, dem, was man möchte, und dem, wofür man realistischerweise die Verantwortung übernehmen kann.
Die nahe Bezugsperson muss nicht immer die Mutter sein. Wie Studien von stabilen Kindern zeigen, kann selbst eine einzige sicher-verstehende Beziehung für die Entwicklung reflexiver Prozesse genügen und das Kind „retten“. Ein eindrückliches Beispiel findet sich im autobiographischen Bericht „Das Geheimnis“ von Philippe Grimbert.
Wenn sichere Beziehungen fehlen oder – besonders unheimlich – Misshandlungs- und Missbrauchserfahrung in einer intimen Beziehung erfolgt, kann die Suche nach der eigenen Orientierung zerstört werden. Destruktive Un-Beziehungen zwischen Mutter und Kind werden oft zu lange verleugnet, weil es „nicht sein darf“. Eine Mutter ist nicht per se die „liebe Mutter“. Jedes Kind braucht für seine gesunde Entwicklung eine „genügend gute Mutter“, sei es die biologische, sei es jemand, der diese Funktion übernimmt.
* Ursula Walter ist Psychoanalytikerin in Basel und langjähriges Einzelmitglied des Netzwerks Medicus Mundi Schweiz. Kontakt: <email-pii>.
A suivre...
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Literatur und Quellen
Aaron Antonovsky: Health, Stress and Coping. New Perspectives on Mental and Physical Well-Being. San Francisco: Jossey Bass 1979.
Aaron Antonovsky: Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Dgvt-Verlag 1997.
Jürgen Bengel u.a.: Was erhält Menschen gesund? Antonovskys Modell der Salutogenese. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Köln 2001, Bestellnummer 60 606 000, englisch 60 804 070.
John Bowlby: Bindung und menschliche Entwicklung. Stuttgart: Klett-Cotta.
Caroline Eliacheff: Das Kind, das eine Katze sein wollte. Psychoanalytische Arbeit mit Säuglingen und Kleinkindern. Dtv.
Peter Fonagy und Mary Target: Frühe Bindung und psychische Entwicklung. Giessen: Psychosozial-Verlag 2003, 2. Auflage 2005.
Philippe Grimbert: Das Geheimnis, Suhrkamp 2005.
Memory Work: siehe Bulletin von Medicus Mundi Schweiz Nr. 97, 2005.