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Lage
Das alte Dorf von Prada, auch San Girolamo genannt, befindet sich auf 577 m ü. M. in einer windgeschützten Mulde oberhalb von Ravecchia zwischen den Bächen Dragonato und Guasta. Erreichbar ist es nur zu Fuß über einen Saumpfad von Ravecchia oder von Serta aus, das zu Giubiasco gehört und zur gleichen Zeit wie Prada ebenfalls besiedelt war. Auch von der Burg Sasso Corbaro führt ein Weg über Pian Laghetto nach Prada.
Entstehung und Niedergang
Man weiß nicht, wann sich die ersten Bewohner in Prada niedergelassen haben; wahrscheinlich Ende des 13. Jahrhunderts, vielleicht sogar früher. Unbekannt ist auch, wann und warum Prada aufgegeben wurde. Einer Überlieferung zufolge war der Grund die sogenannte „Federico Borromeo-Pest“ von 1629-1630 (auch von Alessandro Manzoni in seinem Roman „I promessi sposi“ [Die Brautleute] erwähnt), die das Tessin und sechs Monate später auch Mailand heimgesucht hatte. Es heißt, dass Prada als Lazarett für die Pestkranken diente; aber dies wurde nie glaubwürdig bestätigt. Als der protestantische Pastor Rudolf Schinz 1770 das Tessin besuchte, schrieb er in seinen Berichten, dass die Häuser von Prada in Eile erbaut worden waren, um der Bevölkerung während der Pestepidemie Schutz zu gewähren; er nannte aber nicht ausdrücklich, um welche Epidemie es sich handelte. Diesbezüglich ist zu erwähnen, dass Prada 1770 schon seit mehr als einem Jahrhundert unbewohnt war. Eines ist sicher: Die Häuser von Prada sind alles andere als in Eile erbaut worden; ihre Bauweise ist ausgesprochen solide: Es wurde fester Mörtel benutzt und die Steine sorgfältig bearbeitet und kunstgerecht eingefügt, wie man noch heute feststellen kann. Dieser Bauweise ist es zu verdanken, dass Prada heute nicht noch stärker zerfallen ist. Aus den Büchern der Bruderschaft des Heiligen Sakraments der Kirchgemeinde San Biagio von Ravecchia geht hervor, dass die letzten Eintragungen über Personen aus Prada aus den Jahren 1630–1640 stammen, also unmittelbar nach der oben beschriebenen Pestepidemie. Einer anderen Vermutung zufolge, vielleicht der glaubwürdigsten, wurde Prada aus bisher noch unbekannten Gründen schrittweise verlassen.
Zum geschichtlichen Hintergrund
Zusammen mit Ravecchia gehörte Prada (wie auch Montecarasso, Daro, Artore und Pedemonte) zur Gemeinde Bellinzona. Die Einwohner Pradas besaßen den gleichen Status wie die Leute, die innerhalb der Stadtmauern oder in den Vororten lebten. Dies zeigt auch die Tatsache, dass 1430 Giovanni Zanolo von Prada als Vertreter von Ravecchia und Daro ins Rathaus von Bellinzona berufen wurde; im November desselben Jahres wurde er auch Prokurator und Bürgermeister der Stadt. Im Verzeichnis der „Gebietsräte“, die zwischen 1629 und 1631, also zur Zeit der „Borromeo- Pest“, einen Sitz innehatten, befand sich auch ein gewisser Marietto del Grando aus Prada. Am 5. Januar 1498 gewährte der Rat verschiedene Zuschüsse für Kirchen, unter anderem auch für die schon bestehende in Prada. Am 12. November 1523 wurde, mittels entsprechender Urkunde, unter der Schirmherrschaft der Einwohner Pradas eine unbefristete Unterstützung festgelegt: Jährlich wurden 60 Lire Terzuole für einen Kaplan zur Verfügung gestellt, um an Festtagen die Heilige Messe zu lesen. Am 9. Dezember 1583 besuchte San Carlo Borromeo Prada; aus der Dokumentation dieses Besuchs wissen wir, dass damals 40 Familien das Dorf bewohnten; das heißt, zwischen 140 und 200 Personen. Zu jener Zeit hatte Bellinzona zwischen 1200 und 1400 Einwohner.
Das alte Prada
Prada lag, wie die meisten alten Siedlungen im Tessin-Tal (San Defendente oberhalb von Sementina, San Bernardo Curzutt oberhalb von Monte Carasso, Sassa oberhalb von Gorduno und Aragno oberhalb von Arbedo, nur um einige in der Umgebung von Bellinzona zu nennen) auf halber Höhe über dem Talboden. Der Fluss Tessin war noch nicht kanalisiert, deshalb wurde nicht an den Flussufern gebaut; es war wegen der wiederkehrenden Überschwemmungen zu gefährlich, weil ganze Dörfer weggeschwemmt werden konnten. Ein anderer Grund war, dass man in jener Zeit (Mittelalter) von Landwirtschaft und Viehzucht lebte und somit versuchte, jeden Landstrich auszunutzen, um Getreide und Reben anzupflanzen und das Vieh weiden zu lassen. 1457 zum Beispiel sprach man von der Magadinoebene als einen wunderschönen Ort mit Quellen und stehenden aber auch fließenden Gewässern. Nach der Gewässerkorrektion Anfang des 20. Jahrhunderts und der Kanalisierung des Flusses wurde die Ebene landwirtschaftlich bebaut. Aber auch schon vorher wurde die Ebene genutzt: Man durchquerte sie, man fischte, man brachte auch das Vieh zum Weiden. Den Ruf einer sumpfigen, ungesunden und von undisziplinierten Soldaten heimgesuchten Magadinoebene sollte man etwas relativieren. Kehren wir nach Prada zurück: Die Häuser waren einfach, mit zwei übereinanderliegenden Räumen, beide mit Außenzugang. Sie hatten weder einen Keller noch einen Rauchfang. Die Türen hatten entweder einen Bogen oder einen Steinbalken, aber auch dieser erinnert mit einer im oberen Teil leichten Abrundung an einen Bogen. Wie immer ist auf den Steinbalken der Türen und manchmal auch der Fensterchen ein eingehauenes, nicht datiertes Kreuz zu sehen. Leider befindet sich nur noch einer dieser Steinbalken an seinem ursprünglichen Ort, vier weitere, heute im Kirchhof zu sehen, fand man auf dem Gelände verstreut. Ein zusätzlicher wurde 2014 im oberen Teil von Prada entdeckt, auch dieser mit einem eingelassenen Kreuz. Wie schon erwähnt hatten die Häuser keinen Kamin, das Feuer wurde in einer Ecke entfacht und als Abzug diente ein etwa 25 cm großes, quadratisches Fensterchen in der Mauer. In den Dokumenten liest man von Ober-Prada und Nieder-Prada. Als Ober-Prada (für die Einheimischen „pra d’Zura“) bezeichnet man die Gruppe von Ruinen, die sich fünf Minuten oberhalb der Kirche auf dem Weg zu den Monti di Ravecchia befindet. Außer diesen zwei Dorfteilen kann man in der Umgebung noch andere Reste von Häusern und Stützmauern der Maiensäße finden, die auf Wanderweidewirtschaft (Transhumanz) hinweisen. Leider verschwinden, von der Vegetation überwuchert, die Überreste des Dorfes langsam aber unaufhaltsam. Aber mit der Zerstörung begann schon vorher der Mensch selber, als die Häuser in der Nähe der Kirche abgerissen wurden, um 1816 den Kirchturm zu errichten, wie schon im vorangehenden Kapitel erwähnt. Es ist auch nicht auszuschließen, dass man für den Bau des Chores, als die Kirche um 1680 ausgebaut wurde, die Steine der Häuser gebraucht hatte; ebenso zu Beginn des 20. Jahrhunderts, um den Saumpfad auf die Monti di Ravecchia anzulegen. Nicht zu vergessen sind auch Diebstähle der Steinbalken über den Türen. Laut einer Bestandsaufnahme der 1980er Jahre bestand das Dorf Prada aus ungefähr fünfzig Häusern, Ställen und Scheunen.
Naturalwirtschaft
Die Einwohner Pradas lebten vorwiegend von der Landwirtschaft, dem Weinbau und der Viehzucht. Sie nutzten alle Terrassierungen um das Dorf herum aus; noch heute kann man die Stützmauern dieser kleinen Felder sehen; vor allem in Ober-Prada hat es eine recht große Anzahl. Aber die Leute stiegen auch bis nach Ravecchia hinunter, um die Felder zu bestellen. Es gilt zu beachten, dass das Gebiet von Ravecchia bis Prada damals nicht so aussah wie heute. Dieses hügelige Gelände, wo vorwiegend Weinbau betrieben wurde, war damals nicht so bewaldet: Die Weinberge reichten bis zu den Häusern Pradas. Um 1500 war ungefähr ein Drittel des urbar gemachten Bodens für den Weinbau bestimmt. Man baute auch Getreide wie die Gerste, die Hirse und den Roggen an, die alle vor Ort gemahlen wurden. Auch Kastanien waren ein wichtiges Nahrungsmittel. Die beachtliche Menge an Weinbergen ist darauf zurückzuführen, dass sich die Familien mit dem Verkauf des überschüssigen Mostes das Getreide kaufen konnten, ohne sich mit dem Anbau abzumühen und einen eventuellen schlechten Ertrag zu riskieren. Es gab natürlich auch Produkte der Viehzucht wie Milch, Käse und Butter, die auch in den höher gelegenen Alpen wie in Arbino hergestellt wurden. Kurz gesagt waren die Bewohner Pradas, wie auch der anderen, an den Hängen gelegenen Dörfer der Tessiner Täler, Selbstversorger und völlig autonom.
Die Kirche von San Girolamo und San Rocco
Auch nachdem Prada schon verlassen war, musste der Pfarrer von Ravecchia jährlich 12 Messen halten, 4 davon an vorbestimmten Festtagen. Dies geschah noch bis Ende des 19. Jahrhunderts. In der Folge wurden sie zuerst auf 4 und dann auf 2 beschränkt, wie es heute noch Brauch ist: an Pfingstmontag und an San Rocco (2. Sonntag im August). Bis in die 1950er-Jahre gab es an diesem Sonntag von der Kirche San Biagio in Ravecchia nach Prada eine Prozession. Die ursprüngliche Kirche war nicht so, wie wir sie heute kennen; sie war kleiner. Der Chor wurde gegen Ende des 17. Jahrhunderts angefügt (1680-1690). Auf der Lünette, die den Heiligen Girolamo darstellt und sich über dem Chorfenster befindet, sehen wir das Datum von 1686. Der Glockenturm wurde 1816 gebaut. Dies sind spürbare Zeichen der besonderen Zuneigung seitens der Bevölkerung Ravecchias für diesen Ort, auch wenn das Dorf schon lange verlassen war. Der heutige Glockenturm, wie schon erwähnt 1816 errichtet, kostete 993,13 Mailänder Lire. Zum Bau wurden Steine der Häuser verwendet; dies bezeugen zwei schön verarbeitete Blöcke: einer in der südlichen Wand, der andere in der nördlichen ungefähr auf halber Höhe des Turms. In diesen Blöcken sieht man deutlich das Loch, wo die Spitze des Türriegels eingesetzt wurde, was darauf hindeutet, dass sie von den Türen der alten Häuser stammen. Andere Blöcke findet man auch im Turminneren. Im gleichen Jahr wurden auch zwei Glocken erworben. 1938, während der Bauarbeiten des neuen Krankenhauses San Giovanni Battista (Johannes der Täufer) fand man eine fein bearbeitete Steinplatte mit folgender Inschrift: „Haec sacra turris edificata est a fundamentis anno Domini MDCCCXVI“, d.h. „Dieser heilige Turm wurde von Grund auf im Jahre des Herrn 1816 erbaut“. Heute befindet sich die Platte an der Innenmauer des Kirchhofs neben dem Eingangsportal. Laut Berichten von Pastoralbesuchen gab es vor dem jetzigen Turm einen kleinen Glockengiebel über dem Haupteingang. 2010, während Reinigungs- und Aufräumarbeiten, entdeckte man zufälligerweise unter einer Blätter- und Humusschicht zwei halbkreisförmige, perfekt verarbeitete Türbalken aus Stein. Es ist das erste Mal, dass Tragbalken in dieser Form gefunden wurden. Sie stammen von zwei Hintereingängen und weisen keine Inschrift auf. Sie wurden im einzigen Haus gefunden, dessen Tragbalken des Haupteingangs noch an seinem ursprünglichen Platz war, dreiecksförmig mit einem eingemeißelten Kreuz.
Votivkunst
Spätmittelalterliche Malereien wurden 2007 während der Restaurierungsarbeiten der Wandgemälde im Chor unter einer Verputzschicht entdeckt. Dank dieser letzten fachspezifischen Arbeit konnten weitere wichtige Informationen zur Geschichte dieser Kirche gewonnen werden. Wie schon erwähnt wurde der Chor, dort wo sich heute der Altar befindet, um 1680 hinzugefügt. Demzufolge war die ursprüngliche Kirche kleiner und reichte bis zum Triumphbogen, der auch als Abschlussmauer diente. Beweis dafür ist das noch heute vorhandene, kreuzförmige Fensterchen, das aber nur vom Dachboden der Kirche aus sichtbar ist. Um mehr zu erfahren, müsste eine archäologische Untersuchung unter dem Fußboden durchgeführt werden. Wahrscheinlich war die Altarmensa klein, an die Wand gelehnt und fast sicher dekoriert. Längs der inneren, unteren Ränder der Bogenlaibung (beidseitig) und der ursprünglichen Abschlussmauer (demoliert, um den Chor anzufügen) sieht man die Reste einer architektonischen Abstufung. Im Mörtel auf der linken Seite der Bogenlaibung wurde ein Stück bemalten Verputz gefunden, der wahrscheinlich diese Abstufung auffüllte. Laut den Restauratoren enthielt dieses Fundstück, das nicht mehr vorhanden ist, ein Dekorationsfragment mit einem spiralförmigen Motiv, das den Jessebaum darstellen könnte und die Figuren in der Bogenlaibung begleitete. Diese 10 Figuren stellen Propheten und Könige dar, Vorfahren Jesu, darunter auch Moses, mit ein Paar Hörnern dargestellt. Zu jeder dieser Figuren hat es einen Schriftzug, der schwierig zu deuten ist, da die Buchstaben fast gänzlich verblichen sind. Es gibt noch zwei andere Figuren, die sind aber vom Verputz unter der Konsole verdeckt. Ursprünglich hatte es wahrscheinlich keine Kapitelle sondern nur glatte, bemalte Kämpfer (Impost). Für die Restauratoren drängt sich ein Vergleich mit der Nord-Apsis (Seregneser Schule) der Kirche S. Ambrogio in Negrentino-Prugiasco auf.
Text und Fotos aus dem Buch
"Prada una chiesa un villaggio"
von Pierluigi Piccaluga