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Es ergeben sich an der Spitze eines riesigen Eisbergs zwei terminologische Konsequenzen: Erstens, was wir einen sprachlichen Zweifelsfall nennen, beruht in aller Regel auf systematischen Zielkonflikten. Zweifelsfälle sind eine Quelle für Sprachwandel und grammatisch fundiert. Zweitens, Normkonflikte beruhen in der Regel auf Zweifelsfällen, die im öffentlichen Sprachdiskurs thematisiert werden. Was nicht im Diskurs aufscheint, hat auch nicht den Status eines Normkonflikts. Den Grammatikern sind in großer Zahl Zweifelsfälle bekannt, die bisher nicht zu Normkonflikten geführt haben. Sie sind gnädig mit Nacht und Grauen bedeckt. Natürlich muss es nicht dabei bleiben. Unruhestifter gibt es immer wieder. Abschreckende Beispiele sind die Getrennt- und Zusammenschreibung, deren Neuregelung von 1996 zahlreiche schlafende Hunde geweckt hat[,] oder all jene Normbücher, die Normprobleme aufwerfen, die ohne sie kaum jemand hätte.
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Eisenberg, Peter
Der Duden folgt oft nicht mehr offiziellen Regelungen, sondern weicht viel zu häufig davon ab und pflegt eine eigene Duden-Schreibung, was seine Brauchbarkeit einengt. […] Die Grünen können so viele Gendersterne, Unterstriche und Binnen-Is verwenden, wie sie möchten. Dasselbe gilt für die Heinrich-Böll-Stiftung, die "taz", Bayern München, die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), den ADAC oder die SPD. Alle vergreifen sich damit allerdings an der Einheitsorthographie. Nicht verwenden dürfen solche Gebilde die Gleichstellungsbeauftragten öffentlicher Einrichtungen, Bundesbehörden, Lehrer und Schüler öffentlicher Schulen, die DFG, die ARD oder die KMK sowie der Senat von Berlin.
Die DFG ist ein verein, die ARD ist eine firma; die dürfen sich vergreifen.
Laut dem Berliner "Tagesspiegel" hat sich die Justizministerin Katarina Barley unlängst für die Aufnahme des Zeichens * in den Rechtschreibduden ausgesprochen. […] Frau Barley richtet Schaden für die Regierung und ihre Partei an, sie setzt unabhängige Institutionen wie den Rechtschreibrat und den Duden unter Druck; ihre Äußerung läuft auf eine Beschädigung der deutschen Sprache hinaus.
Es begann mit der Neuregelung der Orthographie. Warum eine der einfachsten europäischen Orthographien überhaupt verändert wurde, ist inzwischen bekannt: Die Regierung Brandt war im Rahmen ihrer Politik des Wandels durch Annäherung auf der Suche nach Themen. Schon im Frühjahr 1973 hat Egon Bahr bei seinem Gegenüber Michael Kohl angefragt, wie die DDR zu einer Neuregelung stehe. Das war Politik und hatte mit der Sache nichts zu tun.
Abgesehen von der interessanten tese, dass politik «mit der sache nichts zu tun» hat – haben die beiden politiker auch unseren 1924 gegründeten Bund für vereinfachte rechtschreibung erfunden?
Wie kann man Frauen in der Sprache sichtbarer machen? Muss man sich dafür zum Herren oder zur Herrin über die Grammatik aufschwingen? Mit dem Gendern gehen sprachpolizeiliche Allüren einher. […] Der nächste Schritt in Richtung eines konsequenten Genderns bestand in der Propagierung der Schreibweise BäckerInnen, die dann vielfältig ausgebaut wurde, etwa zu Bäckerinnen, Bäcker/innen, Bäcker_innen und Bäcker*innen. Von vornherein blieb unklar, wie all das ausgesprochen werden konnte. Aus dieser großen Not versucht man eine kleine Tugend zu machen mit dem Hinweis, die Fixierung auf das Geschriebene sei umso richtiger, als die Sprecher dadurch ins Grübeln kämen. Man sollte sich wohl an solche Formen gewöhnen, aber dennoch niemals aufhören, jedesmal wieder überrascht zu sein. […] Der Unterstrich hat nach einer verbreiteten Lesung über sich einen Abgrund von Leere und soll verwendet werden, wenn man gar kein Geschlecht mehr will, der über allem sich erhebende Stern (Asterisk) dagegen soll die ungefähr sechzig Geschlechter überstrahlen, die man heute individuell oder gruppenbasiert in Anspruch nimmt. Die Sprache muss ja mit nur drei Genera auskommen. Alle genannten Formen, das darf man nicht vergessen, gibt es im Deutschen nicht. Sie stellen einen Eingriff in unsere Grammatik dar, in der sie keinen Platz finden.
Was einen Sprachwissenschaftler am etablierten Gendern selbst dann beunruhigt, wenn er die sprachliche Sichtbarmachung von Frauen freudig begrüßt, ist dreierlei. Erstens: Die Sprache wird nicht akzeptiert, wie sie ist, sondern sie gilt als manipulierbarer Gegenstand mit unklaren Grenzen dieser Manipulierbarkeit. Zweitens: Die Kenntnis des Gegenstandes, an dem man Veränderungen vornimmt, geht nicht sehr weit. Drittens: In vielen Fällen stigmatisiert man Wörter, ohne dass es brauchbare Alternativen gäbe. Haben wir denn nichts aus dem Desaster der Orthographiereform gelernt, die im Kern ja auch nichts anderes als ein unüberlegter Eingriff ins Sprachsystem war?
Was uns beunruhigt: «Die heillose Verquickung von Sprache und ihrer Schreibung, die sich von allem Anfang durch die gesamte Kontroverse zieht …» (Lötzsch, 1997).
Jetzt möchte ich noch einige wenige Sätze über Deutsch als Wissenschaftssprache sagen. […]. Das Deutsche war als Wissenschaftssprache eine mächtige Sprache. […] Das ist vorbei. […] Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, was wir tun können. […] Das Schwedische hat ein Sprachgesetz […]. Ich glaube, ehrlich gesagt, dass die deutsche Sprachgemeinschaft vom letzten Eingriff des Staates in die deutsche Sprache so traumatisiert ist – das ist meine ehrliche Überzeugung –, dass wir von einem Sprachgesetz besser die Finger lassen. […] Was können wir tun? Diese Kultusministerkonferenz könnte doch auch mal etwas Vernünftiges tun. […] Ich schließe mich hier […] an eine Forderung der Rektorenkonferenz an […]: Während der ersten Phase des Studiums […] wird die gesamte Lehre an den deutschen Universitäten auf Deutsch veranstaltet. […] Ich habe dies […] einmal zu Gehör gebracht, und dann ging es gleich los: „Das kann die KMK [Kultusministerkonferenz] niemals durchsetzen!“ – Nun, wer die Rechtschreibreform und den Bologna-Prozess durchsetzen kann, der kann das auch, wenn er will.
Vor gut fünf Jahren hat die Ständige Konferenz der Kultusminister den Rat für deutsche Rechtschreibung ins Leben gerufen. […] Trotz aller Rechtschreibfrustration verliert die Frage, wer die orthographische Norm künftig wie bearbeitet und entwickelt, nichts von ihrer Tragweite. Einheitlichkeit der Schreibung bleibt das stärkste Band im vielfältig gegliederten deutschen Sprachgebiet. Auch nimmt seine Bedeutung eher zu als ab. […] Der Rat sollte die Kastanien aus dem Feuer holen - und wider alle Erwartung tat er das. […] Drei Hauptgründe ermöglichten den Erfolg. Der erste ist in der Person des Ratsvorsitzenden Hans Zehetmair zu sehen. […] Mehrfach hatte sich der Rat unter Mühen auf seine eigentliche Aufgabe zu besinnen. Die orthographische Norm entsprechend dem allgemeinen Schreibgebrauch zu erfassen und zu entwickeln ist etwas anderes, als sie den Bedürfnissen bestimmter Institutionen anzupassen. Um es ganz einfach zu sagen: Die Orthographie ist weder dazu gemacht, dass man mit ihr erfolgreich Wörterbuchverlage betreibt, noch dazu, in der Schule gelehrt zu werden. Sie ist, wie sie ist. […] Jede noch so gutwillige, gutgemeinte Manipulation am Gegenstand hat zu unterbleiben.
Es ist interessant, dass ein sprachwissenschafter ein laiengremium mit einem laienvorsitzenden preist. – Einheitlichkeit der schreibung ist nicht das oberste ziel. Das war es vorher nicht, und der rat hat es auch nicht erreicht. Die ortografie ist nicht, wie sie ist; sie ist eine junge menschliche schöpfung (sie ist im gegensatz zur sprache eben «gemacht»), die gemäss dem ursprünglichen konzept gepflegt werden muss. Sie ist unter anderem auch dafür gemacht, gelernt zu werden.
Kernstück der Vorschläge des Rates ist die Neuformulierung von Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung. […] Die Künstlichkeit wird in Regelformulierungen wie der folgenden unmittelbar sichtbar: Bei der Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung wird davon ausgegangen, dass die getrennte Schreibung der Wörter der Normalfall und daher allein die Zusammenschreibung regelungsbedürftig ist. ... Soweit dies möglich ist, werden zu den Regeln formale Kriterien aufgeführt, mit deren Hilfe sich entscheiden lässt, ob man im betreffenden Fall getrennt oder ob man zusammenschreibt. […] In der Neuformulierung des Rates liest sich die entsprechende Passage so: Einheiten derselben Form können manchmal sowohl eine Wortgruppe (wie schwer beschädigt) als auch eine Zusammensetzung (wie schwerbeschädigt) bilden. Die Verwendung einer Wortgruppe oder einer Zusammensetzung richtet sich danach, was jeweils gemeint ist, und was dem Sprachgebrauch und den Regularitäten des Sprachbaus entspricht. […] Der jetzt vorgeschlagene Text beruht auf einem Entwurf der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Also Eisenbergs. Wir sind immer noch für das erste.
Zu viele Sprecher, Schreiber, Leser und Lerner der größten Sprache Europas sind auf eine im ganzen einigermaßen stabil geregelte Orthographie angewiesen, als dass man eine Lösung weiter vor sich und einer längst total ermüdeten Öffentlichkeit herschieben könnte.
Die grösste sprache Europas ist russisch mit etwa 123 millionen menschen.
Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung hat nun unter dem Titel "Zur Reform der deutschen Rechtschreibung" ihren Kompromißvorschlag vorgestellt […]. Kern und umfangreichsten Teil des Buches bildet die Wörterliste mit den geänderten Wortschreibungen. […] Das Ergebnis der Riesenarbeit ist in mehr als einer Beziehung von Interesse für die Bewertung der Neuregelung und den weiteren Umgang mit ihr. […] Der Kompromißvorschlag der Akademie ist inhaltlich substantiell, insofern er wesentliche Teile der Neuregelung akzeptiert und wesentliche Teile zurückweist. […] Häufig wird die Frage gestellt, warum die Akademie Mühe und Risiko eines Kompromißvorschlages auf sich nimmt, wo doch "Ruhe an der Rechtschreibfront" eingekehrt sei. Aber die Ruhe ist trügerisch. […] Die Nachricht an die Sprachgemeinschaft mit ihren Millionen von kompetenten Schreibern muß sein, daß man wieder zusammenschreiben darf, wenn man das Gefühl hat, man schreibe ein Wort. Daß man klein schreiben darf, wenn man das Gefühl hat, man schreibe ein Wort, das nicht ein Substantiv ist. Und daß man alles traditionelle Wissen über die Schreibung von Fremdwörtern auch anwenden darf. […] Wir haben bis zum Ende der Übergangsfrist im Jahre 2005 noch ungefähr zwei Jahre Zeit. Genug, um zu einem in Ruhe geplanten teilweisen Rückbau zu kommen. […] Die Forderung nach dem Status quo ante ist inzwischen nicht nur politisch unrealistisch, sondern auch der Sache nach. Die reine Lehre stellt nicht in Rechnung, was seit 1996 im deutschen Sprachraum geschehen ist. Mir wäre eine Reform von der alten Orthographie aus lieber als eine auf Grundlage der neuen. Was wir propagieren, ist die zweitbeste Lösung.
Das Deutsche integriert die weitaus meisten Anglizismen schnell und reibungslos auf allen Ebenen, es integriert sie phonologisch, morphologisch und syntaktisch. Etwas träger ist die Rechtschreibung, aber auch hier entwickelt das Deutsche häufig einen starken Integrationsdruck es sei denn, man verhindert das durch eine unausgegorene Rechtschreibreform.
Die orthographische Eindeutschung als Zent kommt nicht infrage, weil im Geschriebenen Internationalität gefordert ist und das "z" in keiner europäischen Orthographie so belegt ist wie in der deutschen.
«Internationalität» ist weder gefordert (geschriebenes ist primär für die eigene sprache da) noch praxis (centesimo, céntimo, cêntimo, sentti, lepton). Es gibt sie ja auch nicht in der gesprochenen sprache; wir könnten sent oder tschent oder sogar pfennig sagen und auch schreiben. Was das (unerhebliche) argument mit dem z und «keiner europäischen Orthographie» betrifft: hier irrt der professor (ebenfalls).
Die bisher vorliegenden punktuellen Erfahrungen reichen nicht aus, wenn das Ziel darin bestehen soll, den Rechtschreibfrieden wieder herzustellen. […] Die Ergebnisse einer empirischen Erhebung müssten dazu führen, dass im Jahr 2005 gezielt Änderungen an den amtlichen Schreibweisen vorgenommen werden. […] Und die Kritiker könnten sicher sein, dass ein Um- und Rückbau in die richtige Richtung ginge, selbst wenn er nur die größten Absurditäten beseitigte.
Oder ein weiterausbau in die richtige richtung?
Wie soll es mit der deutschen Orthographie weitergehen? In großen Worten wird sie mit der Steuer-, der Gesundheits- oder der Rentenreform verglichen, und mit genauso großen Worten wird sie zum Nullproblem erklärt. Fast alle sind das Thema leid. Währenddessen läuft die Zeit davon und mit ihr einfache Lösungen. […] Dritte Wege sind selten gefragt. Trotzdem plädiere ich erneut für eine Überarbeitung des beschlossenen Regelwerks.
Stellungnahme
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