Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/2798

Reisebericht 2011
13 Jahre HOPE FOR ALL Clinic
Als die HOPE FOR ALL Clinic im Jahr 1998 den Betrieb aufnahm, hatte das Land dreissig Jahre Krieg und Bürgerkrieg hinter sich. In ländlichen Gegenden gab es kaum Ärzte und in den Spitälern fehlte es an Einrichtungen, an Medikamenten und an geschultem Personal. Es galt als Sensation, als der Ministerpräsident seinen Blinddarm in Kambodscha und nicht im Ausland operieren liess.
In den ersten Jahren leistete die Clinic vor allem Nothilfe. Viele Menschen bekamen dort zum ersten Mal überhaupt einen Arzt zu Gesicht. Wenn sie wegen Zahnschmerzen erschienen, blieb meistens nur eine Extraktion übrig, denn die faulen Zähne liessen sich nicht mehr retten.
Heute ist die medizinische Versorgung in Kambodscha etwas besser geworden, aber immer noch bescheiden. Das staatliche Gesundheitsbudget beträgt weniger als zehn US-Dollars pro Person. In grösseren Orten gibt es Polikliniken. Dort sind die Behandlungen billig, doch die unterbezahlten Ärzte verlangen von den Patienten ein zusätzliches Honorar. Wer kein Geld mitbringt, wird mangelhaft oder gar nicht behandelt. In der HOPE FOR ALL Clinic müssen bedürftige Menschen nichts bezahlen.
Praxisschild eines traditionellen Zahnheilers | Zahnärztlicher Behandlungsplatz an der HOPE FOR ALL Clinic
Erweiterung der zahnärztlichen Abteilung
Viele Kambodschaner haben sehr schlechte Zähne und die zahnärztliche Versorgung in Kambodscha ist mehr als prekär. Auf dem Land gibt es keine Zahnärzte nach westlichem Muster. Leute mit Zahnschmerzen gehen zu traditionellen Zahnheilern, die ausser Zähne ziehen und Kräuterbehandlungen nicht viel ausrichten können.
Die HOPE FOR ALL Clinic legt ihr Gewicht zunehmend auf zahnärztliche Tätigkeiten. Zwei diplomierte Zahnärzte, ein angehender Zahnarzt und eine erfahrene Assistentin arbeiten an vier Behandlungsplätzen, die sich mit europäischen Standards vergleichen lassen. Der Ruf der Clinic ist so gut, dass auch vermögende Patienten zur Behandlung erscheinen. Ihre Honorare tragen dazu bei, dass arme Patienten gratis behandelt werden können.
Pro Tag werden bis 60 Patienten zahnärztlich behandelt. Sie erscheinen unangemeldet und werden in der Reihenfolge ihres Eintreffens auf den nächsten freien Behandlungsplatz verteilt. Dies führt nicht selten zu Engpässen. Bei manchen Patienten muss ein Zahn gezogen werden, andere brauchen eine Wurzelbehandlung, andere nur eine kurze Kontrolle und andere eine gründliche Zahnreinigung. Weil die Zahnarztstühle unterschiedlich eingerichtet und nicht alle Zahnärzte gleich ausgebildet sind, müssen die Patienten oft umplatziert werden und es entstehen lästige Wartezeiten.
Dieses Problem wurde anfangs Jahr durch die Einrichtung eines eigenen Raums für Erstuntersuchungen gelöst. Dort wird abgeklärt, wo eine Behandlung stattfinden kann und wer sie durchführt. Die Kosten für diese Erweiterung wurden von einer Schweizer Firma übernommen.
Die Clinic wird eigenständig
„Hilfe zur Selbsthilfe“ war immer ein grosses Anliegen von HOPE FOR ALL. Der Verein hat mit Mikrokrediten bereits vielen Menschen geholfen, eine eigenständige Existenz zu gründen. Manchmal genügten 100 oder 200 US-Dollars zur Gründung eines eigenen kleinen Unternehmens. Da lag es nahe, die Clinic in einen selbst verwalteten Betrieb umzuwandeln.
Seit diesem Jahr arbeitet die HOPE FOR ALL Clinic auf eigene Rechnung. Der Verein stellt Gebäude und Einrichtung zur Verfügung und bezahlt weiterhin kostendeckende Beiträge, damit bedürftige Patienten gratis oder für ein symbolisch geringes Entgelt behandelt werden können. Pro Jahr müssen mindestens 15‘000 kostenlose oder kostengünstige ärztliche oder zahnärztliche Konsultationen angeboten werden. Wir sind überzeugt, dass dieses Konzept den Fortbestand der Clinic und ihre nachhaltige Tätigkeit zugunsten der armen Bevölkerung sicherstellen wird.
Das Schulgeld-Programm wird ausgebaut
Pastor Meas Thavy, unser Betreuer vor Ort in den Slums von Phnom Penh, nimmt laufend weitere Kinder aus ärmsten Verhältnissen in das Schulgeld-Programm auf. Er kontrolliert den regelmässigen Schulbesuch und zahlt die Schulgelder aus. Nicht selten braucht es einige Überzeugungsarbeit, wenn Eltern oder Betreuende den Wert einer schulischen Grundausbildung nicht einsehen wollen oder die Kinder stattdessen zur Arbeit schicken. Manche Eltern trauen sich nicht, ihre Kinder bei den Schulbehörden anzumelden, denn sie haben weder für sich noch für ihre Kinder Identitäts- oder Geburtsdokumente. Pastor Thavy traf schon auf 13-jährige Jugendliche, die noch nie Schulunterricht hatten.
Links: Der erste Schultag
Rechts: Der 12-jährige Kean Rasmey mit seinem Schulmaterial. Durch Unfall hat er einen Arm verloren.