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Glass Marcano
Glass Marcano wurde in Venezuela geboren und begann ihre musikalische Ausbildung im Alter von vier Jahren im nationalen Netzwerk venezolanischer Kinder- und Jugendorchester/Chöre (El Sistema). Nachdem sie zunächst an der Zentral-Universität Veneuzelas Jura studierte, begann sie 2015 ein Dirigier-Studium und setzte dies ein Jahr später an der Universidad Nacional Experimental de las Artes fort.
Dank ihrer übersprudelnden Energie, ihrer Leidenschaft, Liebe und Kraft, wurde Marcano 2018 zur Leiterin des Jugendsinfonieorchesters des Simón-Bolívar-Konservatoriums ernannt. 2019 wurde sie als eine von 12 Finalisten für die Teilnahme an der ersten Ausgabe des «La Maestra»-Dirigentinnenwettbewerbs ausgewählt, erreichte das Halbfinale und wurde mit dem «Prix d’Orchestre» ausgezeichnet. Derzeit setzt sie ihr Studium am Conservatoire à rayonnement régional de Paris fort. In jüngster Zeit dirigierte sie das Orchestre Symphonique Région Centre-Val de Loire/Tours, das Gulbenkian Orchestra, das Bogota Philharmonic Orchestra, das Paris Mozart Orchestra und Le Balcon und nahm an «Les Victoires de la Musique 2020» teil, wo sie das Orchestre national de Lyon dirigierte.
2020 haben Sie den Prix de l’Orchestre beim «La Maestra»-Dirigentinnenwettbewerb gewonnen. Finden Sie die Durchführung solcher Wettbewerbe, die sich ausschliesslich an Dirigentinnen richten, wichtig?
Ja, zweifellos! Ich denke, diese Art von Wettbewerben verhilft allen talentierten Dirigentinnen, unabhängig von ihrem Alter, zu grosser Sichtbarkeit. Die erste Ausgabe von «La Maestra» hat einen grossen Einfluss auf die Musikszene gehabt; zum ersten Mal überhaupt richtete sich ein Wettbewerb ausschliesslich an Frauen. Sie wurde zum richtigen Zeitpunkt durchgeführt und teilt die Geschichtsschreibung in ein «davor» und ein «danach».
Nach Ihrem Gewinn zogen Sie von Caracas nach Paris. Was ist der grösste Unterschied im musikalischen Leben dieser beiden Städte?
Vom Leben in Caracas zum Leben in Paris – das war für mich eine komplette Veränderung. Ich denke fast, dabei ein paar Zwischenschritte übersprungen zu haben! Vielleicht hätte ich vor Paris zwei oder drei weitere Stopps einlegen können, aber das Leben ist halt voller Überraschungen, hahaha!
Der grösste Unterschied liegt in der Energie und der Leidenschaft, mit welcher wir Musiker*innen in Venezuela jeder Komposition begegnen. Sie sind diesem Land einzigartig.
Jeder Ort ist für sich sehr interessant, aber in Paris zu leben ist wirklich ein grosses Glück. Die Kultur der Stadt, aber insbesondere die Musik … dieser Stadt wohnt eine musikalische Kraft inne. Ich denke, meine grösste Herausforderung ist, mich anzupassen und hier in Europa so viel wie möglich zu lernen – aber ohne darüber zu vergessen, wer ich spirituell bin und was mich ausmacht.
Sie arbeiten mit vielen Jugendorchestern, aber auch mit Ensembles wie dem Paris Mozart Orchestra zusammen. Worin liegen die Unterschiede zwischen dem Dirigat von Erwachsenen und von einem Orchester sehr junger Musiker*innen?
Aus meiner persönlichen Erfahrung mit Jugend- und Erwachsenenorchestern kann ich berichten, dass man für beide die gleiche Professionalität braucht. Das Hauptziel ist, gute Musik zu machen. Aber ich denke, man braucht eine andere Attitüde: Jugendorchester haben viel mehr extrovertierte Energie als Erwachsenenensembles, man muss mit beidem umgehen können. Begegnet man dem mit Sympathie und Respekt, kann eine erfolgreiche Atmosphäre geschaffen werden. Spüren die Musiker*innen, dass man sein Bestes für ein gutes Resultat gibt, hilft das, die Verbindung zu stärken, die man mit beiden Arten von Orchestern haben muss.
Mehrere schwarze Musiker*innen, die wir für diese Serie interviewt haben, sprachen davon, wie wichtig es ist, einen Raum zu schaffen, in dem sich alle willkommen fühlen. Haben Sie schon Situationen erlebt, in denen Sie sich nicht willkommen gefühlt haben – sei dies aufgrund Ihres Geschlechts oder Ihrer Hautfarbe? Und wie können wir als Festival für Sie die bestmöglichen Rahmenbedingungen schaffen?
Ja, für uns ist es nicht ungewöhnlich, in solche Situationen zu geraten. Ich habe das einige Male in meinem Heimatland erlebt. Aber hier in Europa empfinde ich es anders – vielleicht, weil die Idee, schwarze Dirigent*innen vor einem Orchester zu sehen, noch so ungewohnt ist. Und in meinem Fall ist es noch ausgeprägter: Ich bin schwarz, eine Frau und Latina – eine grossartige Kombination!
Wichtig ist, was aus unserer Darbietung entsteht, ganz besonders während des Festivals. Schlussendlich geht es nicht um Hautfarbe, Geschlecht oder sozialen Status. Das Ziel ist vielmehr, dass man in einem Konzert sitzt und die Augen schliesst, gute Musik hören und geniessen kann. Äusserlichkeiten haben mit musikalischer Qualität nichts zu tun.
Durch die Werbung und Berichterstattung über die Festival-Auftritte der Chineke! Orchester und mich selbst in den sozialen Medien kann ich einen Beitrag leisten, Menschen, die sich sonst ausgeschlossen fühlen, zu inspirieren und aufzuzeigen, dass alles möglich ist. Dass Hingabe und ein gutes Herz das Wichtigste im Leben sind.
Das Programm, das Sie mit dem Chineke! Junior Orchestra am 9. August bei Lucerne Festival aufführen werden, beinhaltet Werke zweier schwarzer Komponisten. Worauf kann sich das Publikum besonders freuen?
Auf grossartige Musik. Das Orchester und ich werden mit Herz und guter Technik für ein begeisterndes Musikerlebnis sorgen. Dafür werden wir hart arbeiten, und mit Gottes Hilfe wird es uns gelingen. Wissen Sie, es geht nicht um Gender, es geht nicht um Hautfarben. Es ist einfach gute Musik – geniessen Sie sie!