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Nina Schmid-Schriber aus Kriens gehörte dem ersten Verwaltungsrat der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt an. Während 36 Jahren, bis 1948, vertrat sie die christlich-sozialen Arbeitnehmer der Zentralschweiz, 30 Jahre davon als einzige Frau im Verwaltungsrat. Über die Lehrerin und Gewerkschaftssekretärin ist wenig bekannt. Klar ist aber, dass sie eine bemerkenswerte Frau war.
Der Anspruch des Bundesrates tönte fortschrittlich: Bei der Wahl des ersten Verwaltungsrates der Schweizerischen Unfallversicherung habe er «Bedacht» darauf genommen,
«dass die weibliche Arbeiterschaft Berücksichtigung erfahre».
Das Resultat war dann bescheiden. Es beschränkte sich darauf, die Mindestanforderungen der Zeit zu erfüllen. Der Bundesrat wählte zwei Frauen in den vierzigköpfigen Verwaltungsrat: Susanne Jeanrenaud, eine Fabrikarbeiterin aus Genf, und Nina Schriber, die Arbeitersekretärin der Zentralschweiz aus Kriens. Ob von den Arbeitnehmer- und Arbeitgeberorganisationen überhaupt mehr Frauenvorschläge eingegangen waren, ist nicht bekannt.
Susanne Jeanrenaud trat bereits nach einer Amtszeit, im Jahre 1918, aus dem Verwaltungsrat zurück. Nina Schriber, die 1913 heiratete und fortan Nina Schmid-Schriber hiess, verblieb als einzige Frau im obersten Führungsgremium der Versicherungsanstalt – bis 1948, als sie aus Altersgründen zurücktrat. Sie war damals – zusammen mit Gabriel Amiguet, der als Landwirt die freiwillig Versicherten im Verwaltungsrat vertrat – das dienstälteste Mitglied.
Nina Schriber wurde 1876 geboren, sie war Bürgerin von Dietwil, aber in Kriens beheimatet. Dort war sie Lehrerin und engagierte sich offenbar schon früh in der Arbeiterbewegung.
Sie vertrat den Verein katholischer Lehrerinnen der Schweiz und sorgte dafür, dass sich der Verein als Teil des katholischen Frauenbundes auch dem Schweizerischen Katholischen Volksverein anschloss.
Das war 1906. Bereits zwei Jahre zuvor hatte sie den Arbeiterinnenverein in Kriens gegründet. Offiziell hiess er «Verein katholischer weiblicher Angestellter und Arbeitnehmerinnen Luzerns und Umgebung», Nina Schriber beziehungsweise Schmid-Schriber präsidierte ihn bis 1937. Inspiriert hatte sie Johann Baptist Jung, Kanonikus in St. Gallen, der in der Ostschweiz bereits mehrere Arbeiterinnenvereine gegründet hatte.
Zweck der Vereine war die «Weiterbildung der Frauen und Töchter, damit sie zum Wohle der Familie als tüchtige Hausfrauen walten konnten». So wurden Kurse für Weissnähen (damit sich die Töchter die Aussteuer selbst anfertigen konnten), für Kleidermachen, Flicken und Bügeln angeboten.
Nina Schriber engagierte sich aber schon um die Jahrhundertwende in politischen Fragen. Sie trat für das Frauenstimmrecht ein und nahm regelmässig als Referentin an Versammlungen des Arbeitervereins teil. Auch in Kriens galt ihre Arbeit der gerechten Entlöhnung der Arbeiterinnen, dem Arbeitsklima und den Arbeitszeiten. Jede Arbeiterin bekam eine Ausweiskarte, die sie berechtigte, einmal pro Jahr unentgeltlichen Rechtsschutz bei einem Anwalt zu suchen.
1905 schloss sich der Verband der christlich-sozialen Arbeiterorganisationen, den Nina Schriber als Vorstandsmitglied vertrat, dem Schweizerischen Arbeiterbund an. Schriber gehörte nun auch dem Bundesvorstand der Dachorganisation der schweizerischen Gewerkschaften an. Die christlich-sozialen Arbeiterorganisationen stellten damals 5 der 75 Vorstandsmitglieder. Mit einem «sachkundigen kernigen Votum» zur Revision des Fabrikgesetzes, wie es in der «Arbeiterzeitung» hiess, sorgte sie am Arbeiterkongress in Olten dafür, dass «man den christlich-sozialen Arbeiterinnen gerne eine Vertretung in der vorbereitenden Kommission» zusagte. 1907 wurde Schriber als eines von zwei weiblichen Mitgliedern in die eidgenössische Expertenkommission zur Revision des Fabrikgesetzes gewählt.
Nina Schriber war die erste Vertreterin der Christlich-Sozialen, die in Bundesgremien berufen wurde. Sie kämpfte um die Anerkennung der christlich-sozialen Arbeiterbewegung, was keine leichte Aufgabe war: Gesuche der Arbeiterinnenvereine um Bundessubventionen lehnte der Bundesrat mit der Begründung ab, der Bund könne keine konfessionellen Institutionen unterstützen. Auch in späteren Jahren war sie ein wichtiges Bindeglied zwischen den Arbeiterinnen und der christlich-sozialen Bewegung. Sie trat an internationalen Kongressen auf und zählte in der Schweiz zu den konsequentesten Verfechterinnen des Frauenstimmrechts.
1907 wurde Schriber als Sekretärin des Katholischen Frauenbundes angestellt mit dem Zweck, «die Mitgliederzahl der weiblichen Abteilung des Volksvereins, d.h. die Sektionen des Schweizerischen Katholischen Frauenbundes zu vermehren und Neugründungen derselben so viel als möglich in die Wege zu leiten und zu fördern». Allerdings kündigte sie den Vertrag bereits Ende 1907, das Frauenbund-Sekretariat wurde 1909 aufgelöst.
Sie kündigte, um Redaktorin der «St. Elisabeths-Rosen» zu werden. Die Zeitschrift des Frauenbundes, die an die Stelle der «Katholischen Frauenzeitung» trat, berichtete einerseits über Themen wie «Von der christlichen Kinderzucht» oder «Messt und wiegt euere Kinder», andererseits über «Die katholische Frau und die Frauenbewegung unserer Tage» oder «Wie organisiert man Frauenbundsektionen?»
Gleichzeitig übernahm sie im Nebenamt die Aufgabe der Arbeiterinnensekretärin für die Zentralschweiz. In dieser Funktion wurde sie als Kandidatin für den Verwaltungsrat der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt vorgeschlagen.
1912 wurde Nina Schriber in den Verwaltungsrat gewählt – wohl etwas ungewohnt für die Protokollführer, denn in den Aufzeichnungen der ersten Verwaltungsratssitzung vom 2. Oktober 1912 wurde sie noch unter den «Herren» aufgeführt.
In ihren Voten, die sie zunächst als «Fräulein», dann – nach ihrer Verheiratung mit Louis Schmid, einem Zimmermann aus Kriens – als «Frau» hielt, setzte sie sich vor allem für das Personal ein, dabei immer wieder für die weiblichen Angestellten und für die unteren Lohnklassen. Schon früh forderte sie beispielsweise, dass sich die Wohnsitzpflicht nicht auf die Stadt Luzern beschränken sollte, sondern dass
«zugunsten der finanziellen Besserstellung der unteren Beamten … unter allen Umständen wenigstens Kriens und Emmenbrücke noch in den Wohnrayon des Anstaltspersonals einbezogen werden sollten».
Auch wehrte sie sich – erfolgreich – gegen das Verbot von Nebenbeschäftigungen: «Gewisse Nebenbeschäftigungen geringern Umfangs, welche auch finanziell etwas abwerfen, sollten besonders untern, weniger bezahlten Angestellten zur Verbesserung ihrer Lebenshaltung nicht verwehrt werden.»
Schmid-Schriber sprach sich auch gegen die Abschaffung des arbeitsfreien Samstagnachmittags aus und sagte, «der Faktor der Arbeitsfreudigkeit und der Arbeitswilligkeit» dürfe bei der Bewertung der Arbeitsleistung «nicht allzusehr hinter der denjenigen der Stundenzahl zurückgesetzt werden». Selber führte sie ein unkonventionelles Leben. 1915 starb ihr Sohn noch als Kleinkind, 1916 gebar sie eine Tochter, die von der Grossmutter und einer Tante betreut wurde, damit Nina Schmid-Schriber sowohl ihre politisch-sozialen Ziele verfolgen als auch weiterhin als Lehrerin arbeiten konnte.
In der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt kämpfte sie für Frauenanliegen, viele Vorstösse blieben aber erfolglos: So wurde ihr Vorschlag, die fünfjährige Karenzzeit für Witwen- und Waisenrenten in der Fürsorgekasse aufzuheben, vom Verwaltungsrat abgelehnt, ebenso der Vorschlag, das Versicherungsgesetz auf die Heimarbeit, das Gastwirtschaftsgewerbe und das Personal der Hauswirtschaft auszudehnen. Gerade die Dienstmädchen, die durch den «Widerstand der Dienstherrschaften» auch in keiner Gewerkschaft vertreten seien, hätten den Schutz nötig.
Vehement und mehrfach setzte sie sich gegen die Bestimmung ein, dass Frauen mit der Verheiratung aus dem Dienst der Anstalt ausscheiden müssen – ebenfalls erfolglos. Dies sei in einer Zeit, da «immer mehr Frauen ins Erwerbsleben treten müssen, weniger denn je angebracht». Sie zitierte auch einen ihr bekannten Fall aus Luzern: Eine ähnliche Bestimmung beim Konsumverein Luzern habe «einer langjährigen Angestellten unverdientermassen ihr Vorwärtskommen unterbunden».
Nina Schmid-Schriber profilierte sich auch mit Voten für die Förderung der Unfallmedizin, der Unfallverhütung und der Rehabilitation. 1914 regte sie an, dass Kurse in Unfallmedizin für praktizierende Ärzte von der Anstalt organisiert würden. Sie erhielt Zustimmung von allen Seiten. Ab 1926 äusserte sie sich verschiedentlich und positiv zu den Bemühungen der Versicherungsanstalt im Bereich der Unfallverhütung.
«Auch wenn … im Rate über die Unfallverhütung noch wenig gesprochen wurde», votierte sie dafür, dass neben technischen und erzieherischen Massnahmen auch die «Untersuchungen vor der Anstellung» geprüft würden, speziell mit Blick auf die möglichen Unfallgefahren. Die Unfallverhütung sei «die vornehmste Aufgabe der Anstalt».
Aufgrund einer persönlichen Erfahrung entdeckte sie zu Beginn der Dreissigerjahre auch den Wert der Rehabilitation. Im November 1932 erlitt sie einen schweren Oberarmbruch, worauf sie drei Wochen in der Bäderheilanstalt der Unfallversicherungsanstalt in Baden verbrachte. Nach ihrer Rückkehr in den Verwaltungsrat lobte sie den «Quellenhof» und machte gleich Anregungen für kleinere Verbesserungen.
1938, als der Verwaltungsrat über die Bedeutung der Arbeitsheilstätten diskutierte, befürwortete sie den Ausbau: «Zur Wiederangewöhnung an die Arbeit, sowie zur Gewöhnung an das Tragen von Prothesen, kann die gut eingerichtete Bäderheilanstalt zum Schiff viel beitragen. Mit einem weiteren Ausbau derselben nach dieser Richtung könnte man der Sache offenbar noch wertvolle Dienste leisten.» Tatsächlich trug sich die Anstalt bereits seit 1936 mit dem Gedanken, Prothesen selber herzustellen.
Am 17. Dezember 1948 wurde Nina Schmid-Schriber «wegen Erreichen der Altersgrenze», im Alter von 72 Jahren, aus dem Verwaltungsrat verabschiedet – immer noch als die einzige Frau im vierzigköpfigen Gremium. Auf sie folgte Frl. Louis Rosa, Zentralsekretärin des Verbandes der katholischen Arbeiterinnenvereine der Schweiz, St. Gallen. Auch sie und ihre Nachfolgerinnen waren die einzigen Frauen – bis 1972, als zwei Frauen gewählt wurden. Ab 1984 waren es drei, heute sind es zehn Frauen im Suva-Rat.
Titelbild: Verwaltungsratssitzung vom 10. September 1948 (Nina Schriber in der ersten Reihe, Zweite von links)
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