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26.8. bis 12.11.2017
Kunstmuseum Winterthur
In der französischen Malerei des 20. Jahrhunderts ist der 1898 geborene Jean Fautrier eine singuläre Figur. Im Kunstmuseum Winterthur, wo die französische Malerei an der Schwelle zum 20. Jahrhundert so reich vertreten ist, drängte sich eine Ausstellung von Fautriers Werk auf, zumal das Museum als einziges in der Schweiz Gemälde und Zeichnungen des Künstlers besitzt und die letzten Retrospektiven – 1980 in Köln, 1989 in Paris, 2004 in Martigny – lange zurückliegen. Gezeigt werden 80 Gemälde und 20 Skulpturen, die hauptsächlich aus privaten Sammlungen in Deutschland und der Romandie stammen, ergänzt durch wichtige Werke aus Pariser Museen und Sammlungen. In zwei Arbeitsphasen – um 1928 und um 1940 – wandte sich Fautrier der Skulptur zu. Sein schmales und wenig bekanntes plastisches Werk wird hier beinahe vollständig gezeigt.
Zur Ausstellung erscheint ein zweisprachig (deutsch/französisch) konzipierter Katalog mit Beiträgen von Christophe Barnabé, Marianne Jakobi, Eduardo Jorge, Muriel Pic, Dieter Schwarz und mit zeitgenössischen Texten von Jean Fautrier und Edith Boissonas.
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"Der Landbote", 26.08.2017
Ausstellungsbesprechung von Adrian Mebold
Zum Anfang eine Anekdote. Als Jean Fautrier (1898-1964) den Grossen Preis der Biennale von Venedig 1960 zugesprochen wurde, soll er den amerikanischen Maler Franz Kline, Repräsentant des abstrakten Expressionismus, mit der Bemerkung beleidigt haben, seine Bilder würden stinken. Kline ohrfeigte Fautrier spontan und kraftvoll, dass der Franzose sich setzen musste.
Nun hat dieses Tableau über seinen Unterhaltungswert hinaus eine symbolische Bedeutung. Denn mit Fautrier war eigentlich auch die französische Malerei gedemütigt worden. Sie hatte nur noch nicht realisiert, dass sie ihre einstige Hegemonie an die New Yorker Szene und damit an Exponenten wie Jackson Pollock, Barnett Newman oder Kline abgetreten hatte. 1964 ist diese Kränkung dann auch bei Fautrier angekommen. In einer Bar soll er geweint haben, als er erfuhr, dass der Amerikaner Robert Rauschenberg mit dem Grossen Preis der Biennale von Venedig geehrt wurde – für den französischen Meister ein letzter Schock, bevor er starb.
Reanimation
Vor diesem Hintergrund ist es eine besondere Pointe, dass die Ausstellung im Kunstmuseum Winterthur auf die grandiose Sammlungsausstellung zur amerikanischen Kunst folgt. Und einzigartig an dieser Dialektik ist zudem die Ironie, dass Dieter Schwarz, der sich mit «seinen» Amerikanern vom Museum als Direktor verabschiedet hat, die Malerei des «Verlierers» Fautrier nochmals kurz in den Ring zurückholt, freilich nun in der Rolle des Gastkurators, der das Oeuvre Fautriers – kompensatorisch? – zu reanimieren versucht. Denn dieses ist trotz seiner Bedeutung für das Informel, die letzte bedeutende französische Avantgarde, aus dem Bewusstsein der Kunstöffentlichkeit weitgehend verschwunden.
Für die Liebhaber der Malerei könnte die Ausstellung also durchaus eine Entdeckung sein. Sie folgt einer chronologischen Ordnung und umfasst rund siebzig Werke aus allen Phasen. Darunter stammt eine kleine Gruppe aus der eigenen Sammlung, während die Hauptdotation auf Leihgaben aus schweizerischen und deutschen Privatsammlungen basiert, ergänzt durch Bilder aus Pariser Museen und Sammlungen. Das weniger bekannte plastische Schaffen vervollständigt den sehenswerten Ausstellungsparcours, wobei man die Arbeiten auf Papier in den Kabinetten nicht verpassen sollte: Virtuos die reduzierte Geste, bei der in der Schwebe bleibt, ob sie noch beim Gegenstand (dem Akt) weilt oder schon im Abstrakten angelangt ist.
Der Auftakt ist dem Frühwerk gewidmet. Düster und dunkel die Tonalität, selbst die in ein Sfumato gehüllten Akte wirken dämonisch, die Stillleben magisch aufgeladen und die gehäuteten Hasen gar verstörend. Erst gegen Ende der zwanziger Jahre hellte sich die Farbpalette auf, wurde sie farbiger und blühte geradezu. Vor allem aber gewann Fautrier nun die entscheidende Distanz zum mimetischen Abbild; Landschaften und Stillleben unterwarfen sich einer bewegten Gestik, als ginge ein Sturm über sie hinweg. Hier finden sich auch die Spuren von linearen Kerbungen im Farbfilm. Oftmals legt sich ein nervöser Lichtkranz um das Motiv.
Ohrenzeuge von Verbrechen
Fautrier selbst gestand einmal ein, dass es ihm an Radikalität fehle. Und als er nach einer wirtschaftlich bedingten Auszeit in den Savoyer Alpen als Skilehrer und Hotelier um 1939 die Malerei in Paris wiederaufnahm, schuf er zunächst farblich betörend schöne Bilder. War es die Okkupation der Deutschen, die eine entscheidende Wende in seinem Schaffen brachte? Jedenfalls begann er mit einem formbaren Farb- und Gipsteig zu experimentieren.
Zwei «Landschaften» geben Zeugnis davon. Ein schmutzig farbener, pastoser Auftrag legt sich über den Himmel, im helleren Zentrum erkennt man nur noch Schemen. Aber das war nur die Vorstufe zur «Otages»-Serie, die ihn als bedeutenden Vorläufer der abstrakten französischen Nachkriegsmalerei, dem Informel, etablierten. Die Geschichte soll sich so zugetragen haben: Fautrier war wegen Verdacht auf «Pornographie» von der Gestapo verhört worden. Darauf hielt er sich in einer privaten Klinik ausserhalb Paris versteckt. Dort wurde er Ohrenzeuge der Erschiessung von Geiseln in der Nachbarschaft.
Bemerkenswert, wie er dieses traumatische (Hör)-Erlebnis im visuellen Medium verarbeitete. Folgt man den Bildtiteln, dann identifizierte er sich mit den Opfern. Malerisch war der Schritt hingegen ein Rückzug aus der mimetischen Darstellung. Er verstrich mit dem Spachtel meist bildmittig seine pastose Masse, die vielleicht noch einen Schädel oder Rumpf andeutete. Farbspuren durchziehen wie Kapillaren oder Schlieren diese Reliefs. Auch geriebene Pastellfarbe streute er über das gefurchte Feld, das er mit einem Firnis überzog.
Der Effekt ist wie bei einem Kippbild: Je nach Blick erkennt man noch reale Referenzen oder man liest das Bild als abstrakte Erscheinung. Nun aus zeitlicher Distanz betrachtet, pendelt die Reaktion des Betrachters zwischen leichter Verstörung und ästhetischem Wohlgefallen.
Ein Hauch von Salonkultur
Das Spätwerk, das auf den in der «Otages»-Gruppe gewonnen Verfahren basiert und letztlich zu seinem Stil wurde, wandert zwischen wilder abstrakter Geste, verspielter Andeutung, leicht parfümierter Farbpalette und linearer Koketterie mit Gläsern, Tintenfässern oder Kartonschachteln. Ein Hauch von französischer Salon-Kultur liegt über diesen Bildern. Einen wilden, gar zerstörerischen Furor ahnt man vielleicht noch; seine «erotischen Obsessionen» (Schwarz) versteckt Fautrier diskret hinter Andeutungen. Sein Werk ist nur halb so wütend, wie sein Leben und Sterben war, das Paulhan in einem Brief beschrieben hat. Auch Franz Klines Beleidigung, Fautrier sei ein «French cook», hat einen Kern Wahrheit. Als würde er Buttercreme auf einen Tortenboden auftragen, so sieht man Fautrier auf Fotos. Seinem Werk ist eine optische Kulinarik durchaus eigen.
Im Falle von Fautrier mischen sich Werkentwicklung, Legenden und Person zum Mythos. Auch der Künstler selbst hat in Filmen, Briefen und Texten dazu beigetragen. Massgeblich daran gewoben haben vor allem Kunstschriftsteller, Dichter und Philosophen wie André Malraux, Francis Ponge und Jean Paulhan. Die mitunter chauvinistisch gefärbte Heroisierung der französischen Nachkriegskunst lässt sich als ein kompensatorischer Akt nach den Demütigungen durch die deutschen Invasoren gut nachvollziehen. Fautrier wuchs in eher mondänen Verhältnissen auf und galt als Wunderkind, als er schon mit vierzehn Jahren die Schule der Royal Academy in London besuchte. Er starb 1964 kurz nach seiner ersten Retrospektive in Paris. So musste er den endgültigen Triumph der amerikanischen Kunst nicht mehr erleben.
Von Winterthur nach Paris
Die Ausstellung wird im nächsten Jahr Station im Musée d’Art Moderne in Paris machen. Sie wird von einem zweisprachigen, reich bebilderten und gut lesbaren Katalog mit Beiträgen von Christophe Barnabé, Marianne Jacobi, Eduardo Jorge, Muriel Pic und Dieter Schwarz begleitet.