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Man kann keinen Slam schreiben. Nur an einem teilnehmen. Ein Poetry Slam ist eine offene Bühne, bei der jede erdenkliche Form von Text präsentiert werden darf, sei es Gedicht, Monolog, Speisekarte oder etwa ein 17-silbiger Haiku:
«Der Frühling erwacht
Wärmend, feucht und einladend
Wie deine Mutter»
Was an einer traditionellen Lesung für gerümpfte Nasen und Kopfschütteln sorgt, muss an einem Poetry Slam vorgetragen werden. Als der erste Poetry Slam anfangs der 90er Jahre von Marc Kelly Smith in Chicago gegründet wurde, sollte er genau diese Antithesen-Funktion übernehmen. Ziel war es, die Poesie auf einem höheren Podest zu stellen bzw. zurück zur Basis zu bringen.
Auch heute erfüllen traditionelle Lesungen bei Wasserglas (und dem gelegentlichen Cüpli) weitgehend die soziologische Funktion eines Apéros. Poetry Slam will mehr. Der Ausdruck einer persönlichen Auseinandersetzung – fern von gesellschaftlichen Konventionen und literarischen Formen – soll an oberster Stelle stehen. Dafür muss der Dichter allerdings die Bewertung des Publikums über sich ergehen lassen. Der Bestbewertete nimmt eine Flasche Schnaps heim.
Zwischenrufe erlaubt
Der traditionelle Siegerwhiskey ist kennzeichnend. Er ist Teil des verruchten, urchigen Charakters, der dem Poetry Slam zu seinem Aufstieg im deutschsprachigen Raum verhalf. Der Preis der Popularität war allerdings die Kommerzialisierung. Inzwischen gibt es Poetry Slam-Verlage, Poetry Slam-Shows an Firmenfesten und Poetry Slam-Workshops in den Schulen. Durch diese Medien wird «Slam» als Textart mit einem bestimmten Stil vermittelt, obwohl er eigentlich nur eine Plattform ist. Wie gesagt, man kann keinen Slam schreiben. Nur an einem teilnehmen.
Mit diesen Entwicklungen spalteten sich die Poetry Slams In «High-Class Slams» und «Open List Slams». Bei ersterem werden ausschliesslich Slammer nach einem subjektiven (und damit nicht nachvollziehbaren) Massstab an Qualität eingeladen. Sie erhalten Gagen, und das Publikum bezahlt Eintritt mit dem Anspruch, unterhalten zu werden. Beim Open List Slam darf jeder teilnehmen. Das Publikum zahlt (weniger) Eintritt, welcher der Finanzierung von Reisespesen und Alkohol der Slammer dient. Dafür darf wiederum reingeschrieen, -gestöhnt, -gelobt und -gebuht werden. Das Publikum ist ein Teil des Poetry Slams.
Der Open List Slam lebt von der Verruchtheit und den Ablehnungshaltungen, die dem Poetry Slam zugrunde liegen. Ein Beispiel aus eigener Erfahrung: Beim Open List Slam des TapTab Schaffhausens, den ich einige Zeit selbst organisiert und moderiert habe, haben wir uns einiges erlaubt. Sei es die Übertragung des Slams auf Chatroulette samt Ausstrahlung der exhibitionistisch veranlagten Chat-Partner, oder unsere Aktion nach Annahme der Minarett-Initiative: Nachdem wir erst ein Kartonminarett auf der Bühne verprügelten und mit Gürtel traktierten, schwenkten wir nach jeder guten Bewertung des Publikums eine sarkastisch überdimensionale Schweizer Fahne.
Zurück zur Dichtung
Das Publikum will lachen. Oft werde ich gefragt, wo jetzt eigentlich der Unterschied zwischen Comedy und Poetry Slam liegt. Zu Recht! Die Grenzen sind teilweise fliessend geworden. Viele Leute haben Poetry Slam-Auftritte als Anreihungen kurioser, zusammenhangsloser Pointen erlebt. Es ist eben einfacher auf diese Weise Lacher und damit Punkte aus dem Publikum herauszukitzeln. Erfolgserlebnis garantiert!
Gerade an der letzten Schweizer Meisterschaft vor einem Monat in Basel schien sich jedoch ein Paradigmenwechsel bemerkbar zu machen. Mit einem sehr ernsten, reflektierten und nüchternen Text wurde Christoph Simon der neue Schweizer Meister im Poetry Slam. Bei einem Open List Slam weiss man nie so recht, was textmässig auf einen zukommt. Am besten lässt man sich überraschen oder wagt sich gleich selbst auf die Bühne.