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Der Begriff K. bezeichnet die Geschäftslage, v.a. die Nachfragesituation, in einem Teil- oder Gesamtmarkt (Marktwirtschaft). Die Wirtschaftswissenschaften und die Wirtschaftsgeschichte untersuchen die Entwicklung und die Schwankungen der K. einzelner Betriebe und Branchen, die Nationalökonomie v.a. diejenige von Volkswirtschaften. Statist. Erhebungen ermöglichen seit dem 19. Jh. die Beobachtung period. Fluktuationen von Preisen, Löhnen, Produktionsvolumen, Beschäftigungsgraden, Umsätzen, Zinsen, Geldmengen, dem jährl. Wirtschaftswachstum usw. Für das industrielle Zeitalter unterscheidet die Konjunkturforschung lange Wellen von 50 bis 60 Jahren (nach Nikolai Kondratjew), mittlere Wellen von 8 bis 11 Jahren (nach Clément Juglar) und kurze Wellen von ca. 40 Monaten (nach Joseph Kitchin). Eine Konjunkturwelle besteht aus mehreren Phasen: Aufschwung, Hochkonjunktur, Krise, Abschwung und Reprise.
Autorin/Autor: Martin Körner
In der Wirtschaftsgeschichte des MA und der frühen Neuzeit lassen sich dank protostatist. Daten konjunkturempfindl. Indikatoren seriell erfassen, aus denen sich ansatzweise Konjunkturverläufe früherer Jahrhunderte interpretieren lassen. Diese Möglichkeit besteht, seit sich allmählich eine Arbeitsteilung zwischen Stadt und Land, ein marktorientierter Austausch von Gütern (Märkte) und eine allg. Geldwirtschaft herausgebildet haben. Überregionale bzw. regionale K.en lassen sich mit Hilfe von Zollrödeln erkennen.
Zwischen 1281 und 1450 sind für den Walliser Warenverkehr am Zoll von Saint-Maurice drei Phasen zu unterscheiden: Die erste Phase bis 1310 darf für den Handel als Hochkonjunktur bezeichnet werden. 1311-60 bewegte sich der durchschnittl. Umsatz nur mehr auf der Hälfte des Niveaus der ersten Phase. 1361-1405 und dann bis 1450 reduzierte er sich nochmals je um die Hälfte. Die Hochkonjunktur der ersten Phase gründete hauptsächlich im Handel mit Wolltuch aus Frankreich und der Lombardei, mit Wolle sowie mit Pferden, während der übrige Handel mit Merceriewaren, Wachs, Eisen, Häuten und Fischen den konstanten Verkehr in bescheidenerem Ausmass ausmachte.
Für die Genfer Messen stellte die 1. Hälfte des 15. Jh. eine Phase der Hochkonjunktur dar. Nach 1460 löste der Boykott durch den franz. Kg. Ludwig XI. eine Krise aus, die sich in rückläufigem Handelsvolumen äusserte. Stabiler gestaltete sich die konjunkturelle Entwicklung für Basel 1386-1530, was jedoch nur für den Importzoll gilt. Abgesehen von den üblichen kurzfristigen Schwankungen fallen drei Ausschläge auf (noch deutlicher beim Transitverkehr): Der gleich zu Beginn auftretende Aufschwung ist vielleicht noch auf den Wiederaufbau der Stadt nach dem Erdbeben von 1356 zurückzuführen. Die Hochkonjunktur der 1430er Jahre kann u.a. mit dem Konzil erklärt werden, das 1431-48 in Basel tagte: Die von der Kurie ausgelöste Nachfrage führte zu einer konjunkturellen Überhitzung nicht nur der wirtschaftl. Aktivitäten, sondern auch der Preise für Konsumgüter, was sich auch auf den Transithandel auswirkte. Negativ beeinflussten die krieger. Ereignisse in den 1440er und 50er Jahren den Konjunkturverlauf. Das Vorkriegsniveau wurde erst wieder um 1500 nach dem Ende des Schwabenkriegs erreicht. Einen wichtigen Hinweis darauf, dass die konjunkturelle Entwicklung in Basel überregionale Gültigkeit haben könnte, liefert der ähnlich verlaufende Geschäftsgang der Diesbach-Watt-Gesellschaft mit Niederlassungen in Bern, St. Gallen und Nürnberg.
Aufgrund der regionalen Unterschiede kann für die Schweiz des MA und der Frühen Neuzeit nicht von einer einheitlichen konjunkturellen Entwicklung gesprochen werden, abgesehen von wenigen Ausnahmen und langfristigen Trends. Dies zeigt sich deutlich an den Staatseinnahmen von Schaffhausen, St. Gallen, Zürich, Luzern, Solothurn, Basel, Bern, Freiburg und Genf im 16. Jh.: Nach einem unruhigen und uneinheitl. Konjunkturverlauf in den drei ersten Jahrzehnten und den sich auf die K. negativ auswirkenden polit. Krisen der Reformationsjahre und der schweiz. Konfessionskriege ist im Lauf der 1530er Jahre eine gewisse Stabilisierung sichtbar. Von 1540 an setzte eine Phase der Hochkonjunktur ein: Die innerschweiz. Befriedung wie auch diejenige des Herzogtums Mailand führten zu einer Zunahme des internat. Warentransits sowie zu einem raschen Bevölkerungswachstum und einer dementsprechend steigenden Nachfrage in der Schweiz. Nach 1570 verlangsamte sich die konjunkturelle Entwicklung wieder, in Genf bereits ab 1560. Die Wirtschaft spürte nach dem etwa vierzigjährigen Aufschwung eine gewisse Sättigung; eine wachsende Unsicherheit sowie der Krieg zwischen Bern und Genf 1589 verstärkten diese Tendenzen in der Westschweiz. Die ab den späten 1580er Jahren sich bemerkbar machende Klimaverschlechterung und die gleichzeitig auftretende Pest zogen einen Stillstand des Bevölkerungswachstums und dadurch auch eine Verlangsamung der Nachfrage nach sich. Branchenspezifische und regionale Unterschiede werden deutlich: Während in St. Gallen die Leinwandproduktion und in Zürich die Wolltuch- und Seidenproduktion kontinuierlich zunahm, war in Freiburg der Niedergang der traditionellen Wolltuchproduktion mangels Vermarktungsmöglichkeiten nicht aufzuhalten. Fortan setzte Freiburg auf die grosse Gewinne versprechenden fremden Dienste sowie auf Viehzucht und die zukunftsträchtige Produktion von Hartkäse. Teilweise divergierende Konjunkturverläufe lassen sich selbst innerhalb einzelner Regionen feststellen, z.B. in der Waadt, wo sich Wachstum und Einnahmeschwund in der 2. Hälfte des 16. Jh. an etwa elf Zollstellen teilweise unterschiedlich verhielten.
Vom Ende des 16. Jh. an bis etwa 1630 erholte sich der Handel. Auf den Strassen und an den meisten Zollstellen nahm der Betrieb trotz zykl. Einbrüche insgesamt zu. Das gilt v.a. auch für den Verkehr über den Gotthard, den Simplon und die Bündnerpässe, wobei jedoch die Bündner Wirren der 1620er und 30er Jahre viele Kaufleute und Spediteure auf sicherere Passstrassen vertrieben. Fortan beeinflussten hauptsächlich kriegerische Ereignisse rund um die Schweiz sowie die Pest bis zu ihrem Verschwinden in den späten 1660er Jahren den Konjunkturverlauf: Der Dreissigjährige Krieg wirkte sich auf die K. in der Schweiz mehrheitlich positiv aus. Die Landwirtschaft profitierte von der Nachfrage aus den benachbarten Kriegsgebieten; vergleichbar waren die Profite, welche die Städte aus den Geschäften mit den Krieg führenden Parteien zogen. Die Hochkonjunktur wurde zyklisch beinahe im Juglar-Rhythmus unterbrochen, was auf den Märkten zu starken Preisstürzen führte. Am schlimmsten wurde die Schweiz von der Depression der 1650er Jahre getroffen, die im Bauernkrieg von 1653 zu zahlreichen Konkursen führte. Im St. Galler Leinwandgewerbe setzte der Abschwung bereits um 1611 ein und dauerte bis zum allg. Tiefpunkt um 1650. Danach war zumindest im Handel und bei der Leinwand die Reprise erkennbar: Um 1700 war das alte Niveau bereits wieder erreicht.
Ein zykl. Wachstum lässt sich auch bei der Analyse der fremden Dienste, einer der wichtigsten Auslandtätigkeiten, feststellen. Bis um 1630 standen höchstens 10'000 Söldner im Krieg mit Ausnahme der 20'000 Mann beim Ausbruch des Dreissigjährigen Krieges 1619. An dessen Ende kämpften meist um die 30'000 Schweizer für auswärtige Mächte. Nach der Jahrhundertmitte liessen sich schubweise immer mehr Söldner anwerben, vom Devolutionskrieg 1667-68 bis zum Franz.-Pfälz. Krieg 1688-97, als über 60'000 Schweizer fremden Sold bezogen, der allerdings nur knapp zum Überleben reichte. Das Kriegshandwerk war für die Schweizer Wirtschaft eine Quelle zusätzl. Reichtums, wenn auch das 17. Jh. generell als das Zeitalter des Merkantilismus bezeichnet wird. Trotz schwindender Gewinnaussichten hielt die Hochkonjunktur an, und Schweizer Soldunternehmer standen auch noch im 18. Jh. stets mit 30'000 bis 50'000 Mann im Dienst auswärtiger Mächte.
Ein durch den Handel verursachtes, ausgeprägtes Wachstum charakterisiert das 18. Jh. In der ganzen Schweiz von Genf bis St. Gallen herrschte Hochkonjunktur. Dies steht nicht im Widerspruch zur Tatsache, dass sich einzelne Branchen regional rückläufig entwickelten. Die Unternehmer waren gefordert: Sie mussten rasch den jeweils nötigen Strukturwandel erkennen und einen veralteten Fabrikationszweig allenfalls durch einen neuen ersetzen. Während in der 2. Jahrhunderthälfte die Leinwandproduktion in der Ostschweiz bis zur Bedeutungslosigkeit absank, war jene im Kt. Bern im Aufwind. Dafür verlegte man sich in der Region St. Gallen und Appenzell Ausserrhoden auf die Verarbeitung neuer Gewebe wie Baumwolle, Mousseline und Barchent. Vergleichbare Beispiele lassen sich in den versch. Regionen der Schweiz finden. Besonders hart trafen Strukturwandel und kurzfristige Beschäftigungskrisen in zykl. Abständen die vom Grossunternehmertum abhängigen Zwischenverleger, die Heimarbeiterinnen und Heimarbeiter, welche wegen des Preis- und Lohndrucks jeweils unter das Existenzminimum absanken. Die letzte konjunkturelle Krise der vorindustriellen Zeit traf die Schweiz nach dem Zusammenbruch des Aussenhandels mit dem revolutionären Frankreich.
Autorin/Autor: Martin Körner
Liegen für die 1. Hälfte des 19. Jh. quantitative Schätzungen nur für einzelne Jahre und wirtschaftl. Teilbereiche vor, kann für die Zeit von 1850 bis 1959 bzw. 1965 auf Schätzungen der Forschungsstelle für schweiz. Sozial- und Wirtschaftsgeschichte der Univ. Zürich und die amtl. Statistik der Schweiz (1924, regelmässig seit 1929) zurückgegriffen werden. Auf die in den Wirtschaftswissenschaften gebräuchl. Unterscheidung zwischen Wachstumstrend und konjunkturellen Abweichungen wird im Folgenden verzichtet, da das entsprechende Datenmaterial fehlt und ein solches Vorgehen aus wirtschaftshist. Perspektive wenig Sinn macht. Fest steht, dass die Schweiz analog zu einer Reihe von anderen Ländern der westl. Hemisphäre schon im Verlauf des 19. Jh. einen relativ hohen Entwicklungsstand erreichte und zu halten vermochte.
Autorin/Autor: Heiner Ritzmann-Blickenstorfer
Die Schweiz fand bereits in der 1. Hälfte des 19. Jh. den Anschluss an die Industrialisierung, obschon damals eine ungünstige, durch Mangel an Rohstoffen und hohe Transportkosten gekennzeichnete Wirtschaftslage mit unüberschaubaren polit. Verhältnissen (weitgehend autonome Kantone mit einer Vielfalt an Zöllen und Währungen) herrschte. Dieser frühe industrielle Take-off lässt sich mit der ungewöhnlich weit fortgeschrittenen Protoindustrialisierung der schweiz. Textilindustrie im 18. Jh. erklären.
Die sektorale Erwerbsstruktur und die regionalen Schwerpunkte der Hauptbranchen scheinen sich in der 1. Hälfte des 19. Jh. nur wenig verändert zu haben. So absorbierten die landwirtschaftl. Produktionszweige um 1850 noch immer weit über die Hälfte der Beschäftigten, Industrie und Gewerbe dagegen bloss knapp ein Drittel und der 3. Sektor weniger als 15%. Die Textilindustrie, deren Betriebe mehrheitlich Halb- und Fertigwaren aus Baumwolle, Seide und Wolle produzierten, konzentrierte sich auf die Kantone der Nordwest- und Nordostschweiz (z.B. Leinen im Berner Mittelland), die Stroh- und Hutflechterei auf Freiamt, Onsernonetal und Freiburg, die Maschinenindustrie lange Zeit auf den Grossraum Zürich, die Uhrenindustrie auf die Gemeinden des Waadtländer, Neuenburger, Berner und Solothurner Jura sowie die Schmuckindustrie in der Stadt Genf. In den agrarisch geprägten Kantonen des Mittellands, in der Innerschweiz und in den drei grossen Kantonen des Hochgebirges verbreiteten sich industrielle Wachstumsformen erst ab der 2. Hälfte des 19. Jh. Unregelmässige Auf- und Abschwünge kennzeichneten die wirtschaftl. Entwicklung. Anhand einer Schätzung der Hochbauinvestitionen, welche die Nachfrage nach Wohnraum und damit auch die Einkommenslage reflektieren, lässt sich zeigen, dass die Jahre 1814-20, 1833 und 1851 konjunkturelle Tiefpunkte bildeten. Besonders ausgeprägt waren Wachstumsschübe und Konjunktureinbrüche in den Zentren der Textilindustrie. Nicht zu unterschätzende Impulse gingen aber auch noch vom 1. Sektor aus. So bewirkten die Missernten der Jahre 1816, 1845-46 und 1850-53, die massive Preissteigerungen für Grundnahrungsmittel zur Folge hatten, in einigen agrarisch geprägten Kantonen der Deutschschweiz grosse Auswanderungswellen in die USA und andere Länder in Übersee.
Zu Beginn des 19. Jh. herrschte eine ausgesprochene ökonom. Baisse, die durch die Modernisierung der engl. Textilindustrie, die napoleon. Kriege sowie die polit. Umwälzungen innerhalb der Schweiz hervorgerufen wurde. Eine günstigere Entwicklung erfuhr die schweiz. Wirtschaft im Schutz der franz. Kontinentalsperre 1806-14. Nach dem Zusammenbruch des napoleon. Kaiserreichs wurde das Land dann allerdings von billigen engl. Textilerzeugnissen überschwemmt, was unzählige Handspinnerinnen und Handweber in den Ruin trieb. In den 1820er und 30er Jahren setzte erneut ein von einem Rückschlag 1830-33 kurzzeitig unterbrochener Aufschwung ein, der in der weiteren Expansion der Baumwollbranche, in der Entstehung und Ausbreitung neuer Industriezweige und in der Erschliessung von Absatzmärkten in Übersee gründete. Der Verlauf der wirtschaftl. Entwicklung in den 1840er Jahren ist umstritten. Auf gesamtschweiz. Ebene durchgeführte Erhebungen zeichnen ein eher positives Bild der Lage. Den Zollstatistiken ist zu entnehmen, dass der Aussenhandel ausgebaut werden konnte, und andere Quellen zeigen eine gleichzeitige Belebung des Binnenhandels. Andererseits kämpften die Roheisenproduzenten, die Wollindustrie und die Baumwollwebereien mit Absatzschwierigkeiten, hatte doch in der Schweiz im Unterschied zu anderen Ländern das Zeitalter der Eisenbahnen noch nicht begonnen. 1845-47 sorgten eine schwere gesamteurop. Agrarkrise (Missernten im Getreidebau, erstmaliges Auftreten der berüchtigten Kartoffelkrankheit), der zunehmende Protektionismus der Nachbarstaaten und die verschärften polit. Auseinandersetzungen im Innern dafür, dass die wirtschaftl. Auftriebskräfte vorübergehend gebremst wurden. Nach der Zerschlagung des konservativen Sonderbunds und der Gründung des schweiz. Bundesstaates 1848 gelang es den liberalen Kräften innert kürzester Zeit, stabile institutionelle Rahmenbedingungen zu schaffen (Binnenmarkt), die das Wirtschaftswachstum fraglos begünstigt haben.
Autorin/Autor: Heiner Ritzmann-Blickenstorfer
Dieser Zeitraum lässt sich in vier Abschnitte einteilen: eine lange, sich von der Mitte des 19. Jh. bis zum 1. Weltkrieg hinziehende, nur von der sog. Grossen Depression unterbrochene Phase, die ein vorerst gemächliches, dann immer ungestümer werdendes Wachstum kennzeichnet, hierauf ein drei Jahrzehnte währender Stillstand, der allerdings in den 1920er Jahren von einem intensiven Wachstumsschub unterbrochen wurde, anschliessend die bis zur Erdölkrise von 1973-75 andauernde legendäre Hochkonjunktur der Nachkriegsjahre und zuletzt noch ein Vierteljahrhundert abgeschwächtes, in den 1990er Jahren erneut in eine Stagnationsphase übergehendes Wachstum. Für die z.T. markanten mittelfristigen Veränderungen der Wachstumskurve kann eine Vielzahl von Faktoren genannt werden, deren Stellenwert noch nicht ausreichend geklärt ist.
In der 2. Hälfte des 19. Jh. verstärkte sich die wirtschaftl. Abhängigkeit der Schweiz vom Ausland (Aussenwirtschaft). Mit dem anhaltenden Bedeutungsverlust des Agrarsektors, der gleichzeitig einem permanenten Strukturwandel wie z.B. der Verdrängung des Pflanzenbaus durch die Viehzucht unterworfen war, ging ein intensives Wachstum jener industriellen Branchen einher, deren Produkte mehrheitlich im Ausland abgesetzt wurden. Dadurch verstärkte sich die doppelte Abhängigkeit des liberal-föderalist. Kleinstaats von Rohstoffimporten (Rohtextilien, Roh- und Edelmetalle, chem. Rohstoffe, Nahrungsmittel zur industriellen Verarbeitung) und der ausländ. Nachfrage nach Halbfabrikaten und Fertigwaren. Typ. Exportbranchen waren, wie schon in früheren Jahrzehnten, die Baumwoll-, die Seiden-, die Stroh-, die Hutgeflechts- und die Uhrenindustrie (in der Vorkriegszeit v.a. goldene und silberne Taschenuhren, später Armbanduhren aus Nickel) sowie die Käseproduktion. Darüber hinaus begann man sich im Ausland nunmehr in wachsendem Masse auch für die Produkte der Nahrungsmittel- (Schokolade, Kondensmilch, Kindermehl), der Maschinen-, der Stickerei-, der Schuh-, der Farben- und nicht zuletzt der Fremdenverkehrsindustrie zu interessieren. Dies führte dazu, dass in einigen Regionen neue wirtschaftl. Schwerpunkte entstanden. So erhielt die wirtschaftl. Entwickung in der Nordostschweiz 1870-1910 entscheidende Impulse durch die Ausbreitung der Stickereiindustrie. In der Region Basel fasste die Farbenindustrie Fuss, in Graubünden und im Berner Oberland sowie am Vierwaldstätter-, am Genfer- und am Luganersee blühte die Hotellerie auf. An der Wende vom 19. zum 20. Jh. bildete sich in der Schweiz der Prototyp einer sog. Small Open Economy heraus. Als Beleg dafür lässt sich die Aussenhandelsquote anführen - d.h. das auf das Bruttoinlandprodukt (BIP) bezogene wertmässige Aussenhandelsvolumen -, die 1891-1916 durchschnittlich 67% betrug. In der 2. Hälfte des 19. Jh. gewann jedoch auch die schweiz. Binnenwirtschaft an Bedeutung mit u.a. der Bekleidungs-, Papier-, Holz-, Zement- und Metallindustrie, dem graf. Gewerbe, dem Bau- und Energiewesen und dem Kleinhandel. Steil nach oben wies die gesamtwirtschaftl. Wachstumskurve v.a. Anfang der 1870er Jahre, als ein starker Aufschwung neben einem Grossteil der Industrie auch den Hoch- und Tiefbau, z.B. mit dem Eisenbahnboom, erfasste.
1876 begann die Grosse Depression, die sich in einer zwei Jahrzehnte währenden Phase sinkender Produktions- und Preisziffern äusserte. Krisenerscheinungen in der Industrie, ein lang anhaltender Abwärtstrend bei den Hochbauinvestitionen und der Konkurs der Nationalbahn trugen dazu bei, dass sich das reale BIP auch in der Schweiz rückläufig entwickelte (Bruttosozialprodukt). Anfang der 1880er Jahre konnte indessen wieder ein kräftiges reales Wachstum erzielt werden, und in den nachfolgenden zehn Jahren resultierten immerhin mittlere Wachstumsraten. In den ausgehenden 1890er Jahren expandierte die schweiz. Wirtschaft stark; zugleich nahm die Einwanderung aus den Nachbarländern Italien und Deutschland zu. Der Rückschlag unmittelbar nach der Jahrhundertwende konnte rasch überwunden werden.
Zu gravierenderen ökonom. Problemen kam es in der Schlussphase des 1. Weltkriegs und während der kurzen, aber überaus heftigen Depression der frühen 1920er Jahre. Geschwächt wurden v.a. die traditionellen Leichtindustrien, der Bausektor und die Tourismusbranche. Der Aufstieg der chem. Industrie sowie der Metall- und Maschinenindustrie setzte sich dagegen fort und beschleunigte sich noch, als die K. nach 1922 wieder anzog. Das Finanz- und Versicherungswesen begann, ausländ. Märkte zu erschliessen. Die Baubranche kam wieder in Schwung und fungierte ab Ende der Dekade als Leitsektor der Binnenwirtschaft.
Die Weltwirtschaftskrise führte in der Schweiz zwar zu einem weniger heftigen Einbruch als anderswo, dauerte dafür aber länger (Mitte 1929 bis Mitte 1936). Am härtesten traf die Krise den Exportsektor und hier wiederum jene Branchen, die das Ausland mit Luxusartikeln belieferten (Stickerei-, Seiden-, Hutgeflechts- und Uhrenindustrie), aber auch Teile der chem. Industrie und der Maschinenindustrie. Dementsprechend sank die Aussenhandelsquote von nicht ganz 50% in den 1920er Jahren auf ein Minimum von 26% im Jahr 1936. Auch die Tourismusbranche litt unter der Krise. Weniger stark betroffen waren die Landwirtschaft und die primär auf den Binnenmarkt ausgerichteten Industrie- und Dienstleistungsbranchen. Demgegenüber befand sich die Bauwirtschaft bis in die frühen 1930er Jahre in einer beispiellosen Hausse, um in den folgenden Jahren fast vollständig einzubrechen. Die Gründe für die auffallend lange Dauer der Depression sind umstritten: Die einen verweisen darauf, dass die wichtigsten Handelspartner der Schweiz eine ausgesprochen protektionist. Politik (Einfuhrkontingente, Devisenbewirtschaftung) betrieben und durch Währungsabwertungen die Disparität zwischen dem eigenen Preisniveau und demjenigen anderer Länder vergrösserten; andere betonen die lähmende Wirkung, die von den innenpolit. Auseinandersetzungen um die angemessene Wirtschaftspolitik und die zukünftige Wirtschaftsordnung (Finanz-, Währungs- und Arbeitsmarktpolitik, Kriseninitiative) auf die Investitionstätigkeit ausging. Sicherlich hat sich die Erholung dadurch verzögert, dass die Landesregierung - im Einverständnis mit breiten Bevölkerungskreisen - keine Abwertung des Schweizer Frankens vornehmen wollte. Als diese im Sept. 1936 doch vollzogen werden musste (Abwertung 1936), waren die Exportindustrie und die Tourismusbranche auf einen Schlag wieder konkurrenzfähig.
Ein kurzer, bereits von der Rüstungskonjunktur im Ausland geprägter Aufschwung mündete ab 1940 in eine Art Kriegskonjunktur, von der indessen bloss einige wenige Branchen wie die Holzwaren-, die Eisen- und Stahlwaren- sowie die Munitions- und Waffenindustrie profitierten. Insgesamt nahm das reale BIP während des 2. Weltkriegs in begrenztem Umfang ab. Im Vergleich dazu scheinen die Menschen im ebenfalls neutral gebliebenen Schweden etwas weniger, in dem von Nazideutschland besetzten Dänemark hingegen sehr viel mehr unter den ökonom. Auswirkungen des Krieges gelitten zu haben.
Das Kriegsende 1945 leitete eine Phase starken und nachhaltigen Wachstums ein. Während des Kriegs waren im Ausland neue und wachstumsfördernde Technologien entwickelt worden, die nun weltweit ihren Siegeszug antraten. Die schweiz. Exportindustrie litt in den 1950er Jahren zwar noch unter Importbeschränkungen versch. Länder; die Zollsenkungsrunden im Rahmen der Gatt-Verhandlungen stellten die Weichen dann aber definitiv in Richtung einer Liberalisierung des Welthandels. Zudem verhalf auch der Zustrom südeurop. Fabrikarbeiter dem 2. Sektor zu einer lange anhaltenden Spätblüte.
Ab Ende der 1960er Jahre zeigte die Hochkonjunktur allerdings erste Anzeichen einer sog. Überhitzung (steigende Inflationsraten, durch die Ausländerbeschlüsse der 1960er Jahre bedingte Knappheit an ausländ. Arbeitskräften). Mitte der 1970er Jahre führten nachhaltige Veränderungen der weltwirtschaftl. Rahmenbedingungen (Zusammenbruch des internat. Währungssystems, Erdölpreisschock, verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der sog. Schwellenländer) zu einem ausserordentlich schweren wirtschaftl. Einbruch. Da im Anschluss an diese Krise keine protektionist. Massnahmen ergriffen wurden, gelang es der schweiz. Exportwirtschaft - mit Ausnahme der strukturelle Defizite aufweisenden Uhrenindustrie - trotzdem, ihren Anteil am BIP zu erhöhen. Demgegenüber sah sich die Bauindustrie, die lange Zeit enorme Wachstumsraten hatte verzeichnen können, mit einer durch die demograf. Trendwende (sinkende Geburtenrate, Gastarbeiter-Rückwanderungswelle) bedingten Abnahme der Wohnungsnachfrage konfrontiert.
Das in den 1980er Jahren von neuem einsetzende Wirtschaftswachstum wurde in erster Linie durch die rasch voranschreitende Tertiarisierung des Landes ermöglicht. Die Wirtschaftskrise der 1990er Jahre traf die Schweiz in besonderem Mass, wobei es von Branche zu Branche grosse Unterschiede gab. In Arbeitgeberkreisen beklagte man den Verlust der internat. Wettbewerbsfähigkeit und drängte auf eine Reduktion der Kosten (Löhne, Sozialleistungen, Steuern). Auf gewerkschaftl. Seite prangerte man im Gegenzug die restriktive Geldpolitik an und verlangte eine aktivere Wirtschaftspolitik sowie Massnahmen zur Arbeitsbeschaffung.
Autorin/Autor: Heiner Ritzmann-Blickenstorfer
Konjunkturpolitik nennt man den Bereich der Wirtschaftspolitik, der darauf abzielt, übermässige Schwankungen der Konjunktur zu vermeiden und Wirtschaftskrisen vorzubeugen bzw. deren Folgen zu lindern. Wichtigste Akteure sind Staat und Nationalbank, wichtigste Teilziele Vollbeschäftigung, Preisstabilität und Gleichgewicht in der Aussenwirtschaft. Da sich das Angebot kurzfristig kaum steuern lässt, setzt die Konjunkturpolitik bei der Nachfrage an. Diese versucht die öffentl. Hand durch Erhöhung oder Senkung ihrer Ausgaben zu beeinflussen.
Massnahmen mit konjunkturpolit. Wirkung gibt es in der Schweiz seit Ende des 19. Jh. Zuerst waren dies kommunale Notstandsarbeiten, später von Bund und Kantonen unterstützte Arbeitsbeschaffung und Stützungsaktionen. In der Weltwirtschaftskrise forderten v.a. die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie eine aktive Konjunkturpolitik, lange jedoch erfolglos. Erst Ende der 1930er Jahre setzte sich dieses Anliegen auf breiter Ebene durch. Der für 1939-41 vorgesehene Sonderkredit von 400 Mio. Fr. deckte gleichwertig den Ausbau der Landesverteidigung und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Dieses Programm setzte erstmals an Stelle der Linderung von Krisenfolgen die Aufrechterhaltung der Beschäftigung. Im 2. Weltkrieg gewann die Konjunkturpolitik stark an Bedeutung. Die Erhaltung und Erweiterung bestehender und die Schaffung neuer Arbeitsgelegenheiten (Bundesratsbeschluss vom 29.7.1942) sowie die Verhinderung der Inflation standen dabei im Vordergrund. Ihren institutionellen Niederschlag fand die neue Wirtschaftspolitik 1940 in der Kommission und 1941 im Delegierten für Arbeitsbeschaffung.
Mit den Wirtschaftsartikeln wurde das Instrumentarium 1947 ausgebaut. Der Art. 31quinquies der damaligen Bundesverfassung (Art. 100 BV 1999) gab dem Bund die Kompetenz für Massnahmen zur Verhütung von Wirtschaftskrisen und zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Darauf baute das Bundesgesetz (BG) über die Vorbereitung der Krisenbekämpfung und Arbeitsbeschaffung 1954, das BG über die Bildung von Arbeitsbeschaffungsreserven 1951 und das BG über die Exportrisikogarantie 1958 auf. Vorbeugende Massnahmen gegen die Krise waren allerdings zunächst wenig hilfreich, stand doch bis Mitte der 1970er Jahre wegen der Inflation die Dämpfung der K. im Vordergrund. Dazu fehlte aber die Verfassungsgrundlage, so dass 1964 mit dringl. Bundesbeschlüssen die Bautätigkeit sowie Geld- und Kreditschöpfung eingedämmt werden mussten. 1971-72 folgte ebenfalls auf extrakonstitutionellem Wege eine zweite Welle von Massnahmen zur Konjunkturdämpfung. Angesichts der veränderten Aufgabe wurde der Delegierte für Arbeitsbeschaffung ab Mitte der 1960er Jahre zum Delegierten für Konjunkturfragen. Weil die für eine Globalsteuerung im Sinne des Keynesianismus notwendigen Instrumente nie ausgebaut wurden, blieb die schweiz. Konjunkturpolitik hauptsächlich Ausländerpolitik. Gestützt auf die sog. Puffertheorie sollte der Abbau ausländ. Arbeitskräfte Konjunktureinbrüche auffangen. So ging die Zahl der ausländ. Arbeitskräfte 1948-50 wegen der Rezession um fast ein Viertel zurück. Angesichts der überhitzten K. stand in den 1960er Jahren die Drosselung der Einwanderung im Vordergrund. Nachdem Aufrufe zur Mässigung keinen Erfolg gezeitigt hatten, verfügte der Bundesrat 1963 und 1965 die betriebl. Plafonierung, 1970 die Globalplafonierung ausländ. Arbeitskräfte (Arbeitsmarkt).
Weil eine Konjunkturbeobachtung weitgehend fehlte, nahm niemand die Frühindikatoren der Krise von 1974-76 wahr. Die Hauptlast hatten wiederum ausländ. Arbeitskräfte zu tragen, deren Bestand 1974-77 um ca. 250'000 abnahm. Daneben fiel die Wirkung der nachfrageorientierten Investitionsprogramme 1975-76 vergleichsweise bescheiden aus. Schliesslich verpflichtete - nachdem 1975 eine erste Fassung am Ständemehr gescheitert war - ab 1978 der veränderte Art. 31quinquies (Konjunkturartikel ) den Bund, Vorkehren für eine ausgeglichene konjunkturelle Entwicklung zu treffen. Die Stelle des Delegierten wurde 1979 zum Bundesamt für Konjunkturfragen ausgebaut.
Ab Ende der 1970er Jahre gewannen neoliberale Strömungen an Bedeutung. Sie propagierten eine Finanz- und Geldpolitik (Geldmenge, Geld- und Währungspolitik), die nicht Konjunkturschwankungen auszugleichen versucht, sondern eine kontinuierl. Entwicklung von öffentl. Haushalten und Geldmenge anstrebt (Monetarismus). In der Rezession der 1980er Jahre fielen deshalb die Programme (1982 Freigabe der Arbeitsbeschaffungsreserven, 1983 Impulsprogramm) bescheiden aus. Einen noch schwereren Stand hatten Verfechter einer aktiven Konjunkturpolitik in der Krise der 1990er Jahre, da jahrelange Kritik am Etatismus die Zustimmung zu Staatsinterventionen untergraben hatte. Das Bundesamt für Konjunkturfragen wurde 1997 aufgelöst und ins Staatssekretariat für Wirtschaft integriert. Weil sich die Krisenfolgen nicht mehr auf ausländ. Arbeitskräfte abwälzen liessen, erreichte die Arbeitslosigkeit ein Ausmass wie zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. Für antizykl. Programme (Investitionsbonus und Förderung des Hochbaus 1993, Investitionsprogramm 1997) standen wenig Mittel zur Verfügung. Bis 1996 wurde die Geldpolitik sogar als prozyklische kritisiert. In der 2001 einsetzenden Rezession erfolgten keine konjunkturpolit. Massnahmen; die Doktrin des Budgetgleichgewichts wurde Ende 2001 mit dem neuen Art. 126 BV (sog. Schuldenbremse) gefestigt.
Autorin/Autor: Bernard Degen