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Opferkonstruktionen in der Entschädigungspolitik der Nachkriegszeit
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren fast alle europäischen Staaten mit Entschädigungsforderungen von Verfolgungsopfern konfrontiert, inklusive die kriegsverschonten Neutralen. In ihrer rechtlichen und moralischen Argumentation waren diese Ansprüche neuartig und entsprechend begründungsbedürftig. Für die ehemals Verfolgten hingegen boten sie die Möglichkeit, um auf eine politisch relevante und an die Debatten über Nachkriegsordnungen anschlussfähige Weise über Verfolgungserfahrungen zu sprechen. Als Diskurs war Wiedergutmachung somit konstitutiv für die Entstehung und Kommunikation neuer Vorstellungen von historischem Unrecht und den daraus resultierenden Erwartungen an Nachkonfliktgesellschaften. Als institutionalisierte Praxis brachte die Entschädigungspolitik Verfahren hervor, die Verfolgungsopfer als eine rechtliche Kategorie begründeten und deren Leiden offiziell als Unrecht qualifizierten – oder eine solche Anerkennung versagten. Auf diese Weise schuf die Wiedergutmachung in der Praxis nicht nur neue Rechtsansprüche, sondern sanktionierte bestimmte Narrative und produzierte eine offiziell beglaubigte Darstellung der Vergangenheit mit rechtlichen Konsequenzen, die für die Anspruchsberechtigten selbst zur Quelle von moralischer Autorität wurde. Entschädigung war damit massgeblich an der Genese der Opferkonkurrenz beteiligt, was im vergangenen Jahrzehnt wiederholt zu polemischen Debatten geführt hat.
In diesem Beitrag sollen Mechanismen der Opferkonstruktion am Beispiel von deutschen, französischen und schweizerischen Entschädigungsverfahren der unmittelbaren Nachkriegszeit aufgezeigt werden. Dabei geht es auch um die Frage nach der Bedeutung von Wiedergutmachungsverfahren für die Entstehung des Opferstatus als Subjektposition in Diskursen über vergangenes Unrecht und Menschenrechtspolitik.