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Als entscheidend betrachtet er in diesem Zusammenhang die Möglichkeit einer kulturellen Weitergabe verschiedenster Sozialtechniken, zu der andere Primaten in nur eingeschränkter Weise fähig sind, wobei hier der Sprache eine wesentliche Rolle zukommt. Sie ermöglicht (bei Kindern ab dem 1. Lebensjahr) eine sukzessive Perspektivenübernahme bzw. Kausalbetrachtung, zu der andere Primaten nur begrenzt fähig sind. (Die sehr einfach anmutende Frage, was denn ein anderer mit unterschiedlichem Blickwinkel sehen bzw. erkennen kann zu beantworten, gelingt auch Kleinkindern selten vor dem dritten oder vierten Lebensjahr; von den sprachlichen Beschreibungsmöglichkeiten abgesehen kann aufgrund von Versuchen nicht angenommen werden, dass Schimpansen oder Bonobos zur Übernahme eines fremden Standpunktes in der Lage sind.) Zusätzlich lernen Kinder auch die Intentionen ihrer „Mitlebewesen“ zu erkennen, indem sie ihnen ein dem eigenen Innenleben analoges Sein zuerkennen.
Dieses Potential macht sich der Mensch durch den sogenannten „Wagenhebereffekt“ in seiner Entwicklung zunutze: Kulturelle Kenntnisse, erworbenes Wissen, Erfahrungen müssen nicht in jeder Generation von neuem erworben werden, sondern werden weitergegeben und ermöglichen es den Menschen deshalb „weiter zu sehen, weil sie auf den Schultern von Riesen [d. h. ihrer kulturellen Vorfahren] stehen“ (Newton). Erst durch eine solche Betrachtungsweise erscheint die menschliche Entwicklung der letzten zehntausend Jahre verständlich, für eine entsprechende – auf Evolution und Selektion aufbauende Änderung – wäre dieser Zeitrahmen viel zu kurz.
So sind es drei hauptsächliche Faktoren, die diese Entwicklung bestimmt haben:
1. Die Phylogenese, die in Jahrmillionen uns eine gewisse neuronale Grundausstattung erwerben ließ, die uns zu bestimmten (etwa sprachlichen) Leistungen befähigt hat. Dieser phylogenetische Prozess muss als ein kontinuierlicher Prozess betrachtet werden: Tomasello wendet sich in diesem Zusammenhang (m. E. zu Recht) gegen die „modularen Theorien“, die – wie beispielsweise Chomsky in Bezug auf die Sprache – bestimmte kognitive Module für die Entwicklung verantwortlich machen. Nicht nur steht dafür in evolutionärer Hinsicht zu wenig Zeit zur Verfügung, es konnten im Gehirn des Menschen auch keinerlei entsprechend spezialisierte Areale aufgefunden werden. So scheint es sehr viel wahrscheinlicher (wie etwa Dehaene anhand seiner neurologischen Untersuchungen zeigt), dass bereits vorhandene Areale für das Sprechen bzw. die symbolische Schrift zweckentfremdet wurden (es sind jene Areale, die bei Primaten oder indigenen Völkern bei der Spurensuche aktiviert werden). Wenn zu dieser Zweckentfremdung jener kulturelle „Wagenhebereffekt“ kommt, so steht eine sehr viel bessere Erklärung zur Verfügung als die über bislang ungreifbare „Module“.
2. Dies führt zu den kulturell-historischen Prozessen der Soziogenese. Die Kumulation von Wissen bzw. der Lehr- und Lernvorgang lässt uns eine Form von Wissen erwerben, durch die wir uns von anderen Primaten wesentlich unterscheiden. Tomasello ist der Überzeugung, dass es weder für die Sprache noch für die Mathematik entsprechende modulare Einheiten gibt (ebensowenig wie z. B. für das Schachspiel), sondern dass wir vorhandene Fähigkeiten – unterstützt durch kulturelle Unterweisung – entsprechend nützen. Dies zeigt sich auch darin, dass die Mathematik bei indigenen Völkern häufig nur höchst rudimentär ausgebildet ist (und es noch nicht einmal Zahlbegriffe für Mengen größer vier gibt), diese Menschen sich bei entsprechender Unterweisung hingegen als fähig erweisen, unsere „höhere Mathematik“ zu verstehen und anzuwenden.
3. Der ontogenetische Prozess, der eben jene bereits erwähnten Besonderheiten der Perspektivenübernahme (und damit verbunden der Zuschreibung von Intentionen an andere Mitglieder der Gruppe) und die Kausalbetrachtung aufweist. Dabei muss noch besonders auf das Imitationslernen des Menschen hingewiesen werden (wobei Menschen diesen Imitationsvorgang auch dann weiter beibehalten, wenn dieser für das zu erreichende Ziel sich als ineffizient erweist; allerdings ist diese Fähigkeit konstituierend für den Umgang mit Symbolen), das sich vom Emulationslernen der Primaten unterscheidet. Diese scheinen nur Zustandsänderungen zu erkennen, während Menschen in der Lage sind, die Intention bzw. das Ziel von Aktionen zu verstehen.
Die Aussagen dieses Buches sind ungleich plausibler als jene der erwähnten Modultheoretiker, weil Tomasello sich auf die soziogenetischen Entwicklungen für sein Erklärungsmodell beschränkt und keine Entitäten postulieren muss, die sich weitgehend der wissenschaftlichen Untersuchung entziehen. Die unzähligen Verhaltensexperimente an Primaten und Kindern, die er für seine These anführt, sind jedoch auf die Dauer ermüdend und tragen auch nicht immer zum besseren Verständnis des eigentlichen Anliegens bei. So liest man denn auch Trivialitäten wie „Interessanterweise kamen Perner und Lopez in diesem Zusammenhang zu dem Ergebnis, dass kleine Kinder besser vorhersagen konnten, was eine andere Person in einer bestimmten Situation sehen würde, wenn sie zuvor selbst in dieser Situation waren.“ Diese Erkenntnis scheint mir beschränkt „interessant“ zu sein, viel eher von einiger Banalität (leider muss man sich in der Literatur häufig mit derlei „Interessantem“ herumschlagen). Von solchen Leerläufen abgesehen ist das Buch aber äußerst lesenswert und sehr klug geschrieben: In jedem Fall eine Empfehlung wert.
Michael Tomasello: Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2002.