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Fussball ist ein Milliardengeschäft, die Ökonomisierung des Sports ist weit fortgeschritten. Eine Entwicklung, die Opfer fordert und Widerstände weckt. Austria Salzburg ist keine Ausnahme mehr, die Zahl von Fussballvereinen, die von Fans mitverwaltet werden, steigt europaweit. Der wohl bekannteste Fanverein, der FC United of Manchester, tritt nächste Woche in Winterthur an.
Als der australische Medienmogul Rupert Murdoch 1998 Manchester United, den erfolgreichsten englischen Fussballverein der Gegenwart, kaufen wollte, platzte der Deal. Nach Protesten von PolitikerInnen und Fans verhinderte das Handelsministerium damals die Übernahme. Sieben Jahre später tauchte ein weiterer Milliardär auf, der US-Amerikaner Malcolm Glazer, und diesmal klappte die Übernahme. Mit fatalen Folgen: Aus dem einst reichsten Fussballverein der Welt ist ein hoch verschuldeter Klub geworden, der Jahr für Jahr Verluste schreibt. Im Gegensatz zu den postsowjetischen Oligarchen oder den Ölscheichs vom Golf, die ihre Klubs wie Chelsea, Paris Saint-Germain oder Manchester City als reizvolle und öffentlichkeitswirksame Freizeitbeschäftigung betrachten, behandelt Glazer, der Geschäftsmann aus Florida, Manchester United ganz unzimperlich als Investitionsobjekt.
Die enttäuschten United-Fans reagierten im Sommer 2005 auf den Verkauf an Glazer mit der Gründung eines eigenen Vereins, und zwar als Antithese ihres einstigen Lieblingsklubs: Der FC United of Manchester (FCUM) gehört ganz seinen Fans. Diese wählen den Vorstand, wichtige Entscheidungen werden nach dem Prinzip «ein Mitglied – eine Stimme» gefällt, und in den Statuten ist festgehalten, dass sich der Verein für moderate Ticketpreise einsetzt und sich gegen Kommerzialisierung und Diskriminierung jeglicher Art stellt. «Für mich ist der FCUM gleichbedeutend mit dem Kampf gegen das System und die Leute, die die Arbeiterklasse ausbeuten», fasst ein Fan die Vereinsphilosophie zusammen.
Über 4000 Menschen hatten sich im Sommer 2005 bereit erklärt, die Idee des Fanvereins finanziell zu unterstützen, und bereits im Herbst schlug die Geburtsstunde des FCUM – in der zehnthöchsten englischen Liga. Mittlerweile ist der Klub in der siebten Liga angelangt, seine Spiele trägt er vor mehreren Tausend ZuschauerInnen an der Gigg Lane aus, im Stadion des Bury FC, eines Manchester Vorortvereins. Das wird sich allerdings bald ändern, momentan entsteht im Nordosten der Stadt ein neues Stadion für 5000 ZuschauerInnen. Ein Drittel der Kosten von 5,5 Millionen Pfund haben die Mitglieder des Vereins finanziert.
Zukunftsträchtiges Konzept
Die Zahl von Fussballvereinen, bei denen die eigenen Fans ein Mitspracherecht besitzen, steigt in ganz Europa an. Neben Austria Salzburg (vgl. «Das Fanmärchen aus Salzburg») und dem FC United of Manchester gibt es weitere Beispiele wie den AFC Wimbledon in London oder BSG Chemie Leipzig. Dabei erinnert die Situation in der sächsischen Grossstadt an jene in Salzburg: Weil die traditionellen Stadtvereine sportlich allesamt in der Versenkung verschwunden waren, tauchte 2006 ein potenter Investor auf: Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz. Er kaufte einen Vorortverein auf und benannte ihn in RB Leipzig um, wobei RB offiziell für «RasenBallsport» steht. Mateschitz sah in Leipzig Potenzial, um im attraktiven deutschen Fussballmarkt Fuss zu fassen, auch weil in der Stadt ein neues, grosses Stadion stand, das extra für die Fussballweltmeisterschaften 2006 gebaut worden war. Sein Kalkül scheint aufzugehen, RB Leipzig wird nächste Saison in der Zweiten Bundesliga spielen – und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis der Verein erstklassig spielt, sein Budget ist es jedenfalls jetzt schon.
Auch in Spanien, Griechenland, Polen oder Israel gibt es mittlerweile Fanvereine. Die Gründe für deren Gründung sind dabei vielfältig und oft länderspezifisch. Die wohl sympathischste Entwicklung vollzieht sich ausgerechnet in Italien, wo Fussballfans – auch in den deutschsprachigen Medien – immer wieder einseitig als Sündenböcke dargestellt werden. Unter dem Begriff «Calcio Popolare» ist in den letzten Jahren eine Bewegung entstanden, die ihre Fanvereine als soziale Projekte begreift mit einer festen Verankerung im jeweiligen Stadtquartier. Selbstbestimmung, Antirassismus oder die bewusste Förderung des Frauenfussballs sind wichtige Eckpfeiler des Calcio Popolare. Ein Dutzend Mannschaften existiert zurzeit, viele davon im Süden des Landes. Sie tragen Namen wie Centro Storico Lebowski (Florenz), Spartak Lecce oder Stella Rossa 2006 (Neapel).
Bezahlbarer Fussball für alle
Die vielen neu entstandenen Fanvereine sind als Ausdruck der Unzufriedenheit mit den Zuständen im modernen Profifussball zu begreifen. Der hat sich – besonders in England – zu einem milliardenschweren Business entwickelt, in dem die Interessen von Sponsoren und privaten Fernsehstationen gewichtiger sind als jene der Fans. Das hat zu steigenden Eintrittspreisen, häufigen BesitzerInnenwechseln und einem völlig zersplitterten Spielplan geführt, der es den TV-Stationen erlaubt, möglichst viele Spiele nacheinander zu zeigen. Schlimmstenfalls ändert ein Sponsor oder eine Klubchefin auch mal den Vereinsnamen, das Wappen oder zügelt den Klub gleich ganz in eine andere Stadt – wie 2002 der neue Besitzer des Londoner Traditionsvereins Wimbledon, der den Klub kurzerhand nach Milton Keynes verfrachtete.
Das Modell der Fanvereine zeichnet sich durch Mitbestimmung der Fans, demokratische Entscheidungsprozesse, moderate Ticketpreise und eine gewisse soziale Verantwortlichkeit aus. Bisher hat es noch keinen Meister oder Champions-League-Teilnehmer hervorgebracht, aber das muss es auch gar nicht. Natürlich sehnen sich auch die Fans des FCUM oder von Austria Salzburg nach sportlichem Erfolg, aber diesem wird nicht alles untergeordnet. Nicht zuletzt dieser Umstand macht das Modell Fanverein zukunftsfähig. «Unser Konzept ist nicht aufzuhalten», sagte Andy Walsh, der Geschäftsführer des FCUM, letztes Jahr im österreichischen Fussballmagazin «Ballesterer». «Wenn wir als kleiner Verein mit ein paar Tausend Fans aufsteigen, ist das ein starkes Signal für alle, die den Fussball anders gestalten wollen», so Walsh. «Viele Klubbesitzer und Manager meinen, sie haben etwas, das nur 90 Minuten in der Woche stattfindet. Aber es geht nicht nur um Fussball. Es geht um soziale Werte, um das Miteinander. Ein Verein ist kein Unternehmen, er ist nicht so etwas wie eine Keksfabrik», sagt Antonia Hagemann von Supporters Direct Europe, der offiziellen Lobbyorganisation für Fanvereine.
In der Schweiz gibt es noch keinen Fanverein. Die Entfremdung zwischen Fans und Verein hat hierzulande bisher kein problematisches Ausmass angenommen. Der FC Winterthur weist zumindest Ansätze eines Fanvereins auf. Diese zeigen sich einerseits in Mitbestimmungsrechten der Fans, die beispielsweise die Libero Bar und den Salon Erika im Stadion betreiben. Und einen Fanrat stellen, der in einen Teil der Entscheidungen des Klubs einbezogen wird. Ausserdem spricht sich der Klub deutlich gegen Rassismus und Diskriminierung aus.
Dieses Jahr kommt nun der FCUM als Gast nach Winterthur und wird am Samstag, 24. Mai, im Stadion Schützenwiese auflaufen. «Wir haben den FCUM eingeladen, weil wir die Philosophie des Vereins unterstützungswürdig finden», sagt Andreas Mösli, der einst in der Fankurve stand und heute Geschäftsführer des FC Winterthur ist. Der Fussball habe wegen seiner grossen Beliebtheit eine wichtige gesellschaftliche Funktion, die nicht durch die grenzenlose Verkommerzialisierung kaputt gemacht werden dürfe, findet Mösli. «Der Fussball muss für alle bezahlbar bleiben.» Schliesslich gehe es beim Freundschaftsspiel auch um die Vernetzung von Verantwortlichen und Fans, um «ein Gemeinschaftsgefühl über den eigenen Tellerrand hinaus».
Die WOZ verlost 2 × 2 Stehplatztickets für das Schlagerspiel zwischen dem FC United of Manchester und dem FC Winterthur vom 24. Mai 2014, 17.45 Uhr, auf der Winterthurer Schützenwiese. Im Anschluss an das Spiel steigt eine Party mit einem DJ aus Manchester. Greifen Sie schnell zu! Melden Sie sich unter Angabe Ihrer Postadresse bis zum 19. Mai 2014, 12 Uhr, per E-Mail an <email-pii>.