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italienischen Familie Namens Arrighetto, welche 1267 als ghibellinisch aus Florenz [* 2] vertrieben worden war und sich in Frankreich niedergelassen hatte, wo ihre Güter von Ludwig XIV. zu dem Marquisat Mirabeau erhoben wurden. Mirabeau war ein eifriger Verteidiger des physiokratischen Systems und schrieb in diesem Sinn eine Menge Schriften, wie »Ami des hommes« (Par. 1755, 5 Bde.),
»La philosophie rurale« (das. 1763, 4 Bde.). Sein Lebenswandel war ein durchaus zügelloser. Er starb in Argenteuil.
Vgl. Loménie, Les Mirabeau (Par. 1878);
Oncken, Der ältere Mirabeau (Bern [* 3] 1886).
2) Honoré
Gabriel
Victor Riquetti,
Graf von, einer der bedeutendsten
Männer der französischen
Revolution,
Sohn des vorigen, geb. zu
Bignon in der
Provence, trat, 17 Jahre alt, als
Leutnant in das Ka
vallerieregiment
Berri,
führte jedoch in der kleinen
Garnison
Saintes ein so zügelloses
Leben, daß ihn der
Vater 1768 auf der
Insel
Ré bei La
Rochelle
gefangen setzen ließ und ihn sodann mit der französischen
Legion
Lorraine nach
Corsica
[* 4] sandte. Hier gewann
Mirabeau durch ausgezeichnetes Verhalten das Vertrauen seiner Vorgesetzten und die
Liebe seiner
Mannschaften. Da der
Vater ihm aber
den Ankauf einer
Kompanie verweigerte, verließ Mirabeau 1770 mit dem
Grad eines
Hauptmanns den
Dienst und begab sich auf ein
Familiengut in
Limousin, wo er das
physiokratische System ausüben sollte. 1772 verheiratete ihn der
Vater mit der einzigen
Tochter des
Marquis von Marignan, einer schönen, aber eiteln und oberflächlichen Weltdame, mit der er ein großes
Haus machte,
aber unglücklich lebte.
Seiner Schulden wegen ließ ihn der Vater im Mai 1773 erst in die Stadt Manosque, sodann auf das Schloß If bei Marseille, [* 5] endlich 1775 auf das Fort Joux bei Pontarlier bringen. Hier trat Mirabeau mit Sophie von Ruffey, der 18jährigen Gattin des greisen Präsidenten Marquis de Monnier, in ein Liebesverhältnis und flüchtete 1776 mit ihr nach Amsterdam, [* 6] wo er unter dem Namen Mathieu lebte. Nahrungssorgen zwangen ihn hier zur Schriftstellerei, namentlich zum Übersetzen aus dem Englischen.
Sein schon in Manosque begonnener, damals vollendeter »Essai sur le despotisme« machte durch kühne Freiheitsgedanken und kräftige Sprache [* 7] großes Glück. Inzwischen sprach das Gericht zu Pontarlier das Todesurteil über den Entführer aus, und sein Bildnis ward an den Galgen geheftet. Zufolge der auf Betrieb seines Vaters angestellten Recherchen ward auch bald entdeckt, im Mai 1777 von den Generalstaaten ausgeliefert und ins Schloß Vincennes in Haft gebracht, während man Sophie in das St. Klarakloster zu Gien sperrte.
Die Briefe, welche Mirabeau von seinem Gefängnis aus an seine Geliebte schrieb, wurden später von Manuel im Polizeiarchiv zu Paris [* 8] aufgefunden und unter dem Titel: »Lettres originales de Mirabeau, écrites du donjon de Vincennes« (Par. 1792, 2 Bde.) veröffentlicht. Sie wurden in Frankreich als ein klassisches Buch der Liebe viel gelesen. Daneben verfaßte Mirabeau während seiner Haft in Vincennes seinen durch gewaltigen Stil ausgezeichneten »Essai sur les lettres de cachet et les prisons d'État« (Hamb. 1782, 2 Bde.). Erst im Dezember 1780 wurde er aus seinem Gefängnis befreit.
Die für seinen Feuergeist unerträgliche Kerkerhaft war eine harte Prüfung für ihn; aber er ging nicht unter, nur sog sein Geist Haß und Rachegefühl gegen das grausame System ein, unter dem er so furchtbar gelitten. Nicht nur hatte er die sprudelnde Frische und die unverwüstliche Spannkraft seines Wesens behalten, sondern auch seine Kenntnisse erweitert und sein Urteil gebildet. Sofort begann er durch kühne Prozesse seine Wiederherstellung in der Gesellschaft. Im September 1782 erwirkte er durch seine Selbstverteidigung vor dem Gericht zu Pontarlier die Aufhebung des gegen ihn und Sophie ergangenen Urteils.
Den Prozeß gegen seine Gemahlin aber verlor er (1783), obwohl er sein Verhalten glänzend rechtfertigte. Auch entzweite er sich mit seiner Geliebten, die ihm untreu wurde und 1789 durch Selbstmord endete. Auf sich selbst angewiesen, in tiefer, bitterer Geldnot, mußte er von seiner Feder leben. Er schrieb zahlreiche Schriften gegen die politischen und sozialen Schäden seiner Zeit. Nach einem kurzen Aufenthalt in England verließ er 1785 Paris wieder, um nach Berlin [* 9] zu gehen, wo er Friedrich II. vorgestellt wurde. Im Mai 1786 nach Paris zurückgekehrt, reichte er ein Memoire über die Lage der europäischen Staaten ein, worin er mit Freimut die mißliche Stellung Frankreichs, namentlich zu Preußen, [* 10] beleuchtete, und ward hierauf abermals nach Berlin gesandt.
Bei seinem frühern Aufenthalt daselbst mit dem Major Mauvillon bekannt geworden, benutzte er die von diesem gesammelten Materialien und seine eignen Erfahrungen zur Abfassung seines Werkes »Sur la monarchie prussienne sous Frédéric le Grand« (Par. 1787, 4 Bde.; Lond. 1788, 8 Bde.; deutsch von Mauvillon und Blankenburg, Braunschw. u. Leipz. 1794-96, 4 Bde.), das die Mängel des preußischen Staats und die notwendigen Reformen mit überraschendem Scharfblick darlegte.
Bei den Wahlen für die Generalstände 1788 wiesen die Stände der Provence seine Kandidatur wegen seiner Vergangenheit zurück. Jetzt bewarb er sich um eine Vertretung des dritten Standes, ward in Aix und Marseille zugleich gewählt, entschied sich für Aix und ging 1789 als Deputierter nach Versailles. [* 11] Hier gründete er 7. Mai das »Journal des États-Généraux«, das zwar unterdrückt, aber von ihm unter dem Titel: »Lettres du comte de à ses commettants« fortgesetzt wurde.
In der Versammlung selbst verhielt er sich anfangs beobachtend; bald aber lösten ihm der Übermut der Aristokratie und der Haß gegen den Despotismus die Zunge, und in der königlichen Sitzung vom 23. Juni sprach er das entscheidende Wort, mit welchem die Revolution ihren Anfang nahm, indem er im Namen der Deputierten des dritten Standes erklärte, daß sie dem Befehl des Königs, auseinander zu gehen, nicht gehorchen, sondern nur der Übermacht der Bajonnette weichen würden.
Übrigens war das Auftreten Mirabeaus zwar kühn, ja herausfordernd, sein eigentliches Ziel aber gemäßigt. Er wollte den Umsturz des alten despotischen, verrotteten Systems und eine freie, aber monarchische Verfassung. Darum suchte er sich dem König zu nähern und vor allem einen Staatsstreich zu verhindern. Diesen Zweck hatte auch die 8. Juli von ihm beantragte und angenommene Adresse, in welcher der König um Entfernung der um Versailles zusammengezogenen Truppen gebeten wurde. Zu diesem Behuf verfaßte er ferner 15. Okt. eine Denkschrift für den König; zwar verlangte er unbedingte Anerkennung der Reformen vom 4. Aug., sonst jedoch wollte er behilflich sein zur Aufrichtung einer festen Ordnung und einer starken monarchischen Gewalt und riet sogar zur Übersiedelung nach Rouen, [* 12] um der verderblichen Einwirkung des Pariser Pöbels zu entgehen. Mirabeau setzte auch zu diesem Zweck in der Nationalversammlung das Martialgesetz durch, verteidigte die vollziehende Gewalt und suchte 6. Nov. den Ministern eine beratende Stimme in der Versammlung zu sichern. Jedoch ¶
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erregte er nur das Mißtrauen der Versammlung, die durch ihren Beschluß vom 7. Nov., daß kein Mitglied Minister werden dürfe, eine parlamentarische Monarchie und ein Ministerium Mirabeau unmöglich machte. An den großen Verfassungsdebatten nahm Mirabeau lebhaften Anteil im Sinn der Mäßigung; berühmt waren namentlich seine zwei Reden im Mai 1790 für das Recht des Königs, Krieg zu erklären und Frieden zu schließen, durch die er einen glänzenden Sieg erfocht. Aber der König schenkte ihm kein Vertrauen trotz aller Denkschriften, in denen Mirabeau immer wieder seinen Plan entwickelte und den König zu einem Entschluß zu ermutigen suchte.
Überdies ließ er sich, da er trotz des Todes seines Vaters, der ihm 50,000 Frank Rente brachte, in steter Geldnot war, vom Hof [* 14] bezahlen. Diese neue Schuld lastete auf seinem Gewissen und lähmte seine Thätigkeit, wie sie auch das Mißtrauen der Nationalversammlung steigerte. Dazu kam der Fluch seiner Vergangenheit. Er sah sich, vom Hof und von der Versammlung zurückgestoßen, zur Unthätigkeit verurteilt, und dies rieb ihn auf. Die Anfälle seiner Unterleibskrankheit steigerten sich, und ihnen erlag endlich sein riesenhafter Körper.
Seine Gebeine wurden bei einem glänzenden Leichenbegängnis im Panthéon beigesetzt, zwei Jahre später aber vom Pöbel herausgerissen und zerstreut. Mit Mirabeau starb der einzige Mann, der die Revolution hätte beherrschen und in das Geleise einer friedlichen Entwickelung zurückführen können. Etienne Méjean veröffentlichte eine »Collection complète des travaux de Mirabeau l'aîné à l'Assemblée nationale« (Par. 1792, 5 Bde.),
Barthe die »Œuvres oratoires de Mirabeau« (das. 1819, 3 Bde.). Die erste vollständige Ausgabe sämtlicher Schriften Mirabeaus veranstaltete Mérilhou (Par. 1825-27, 9 Bde.). Die zuverlässigsten Nachrichten über sein Leben und Wirken teilte sein Adoptivsohn Lucas Montigny mit in den »Mémoires biographiques, littéraires et politiques de Mirabeau« (Par. 1835; 2. Aufl. 1841, 8 Bde.). Sehr wichtig ist die »Correspondance de Mirabeau avec le comte de La-Marck« (hrsg. von Bacourt, Par. 1851, 3 Bde.).
Vgl. Pipitz, eine Lebensgeschichte (Leipz. 1850, 2 Bde.);
Reynald, et la Constituante (2. Aufl., das. 1872);
Lewitz, Mirabeaus Jugendleben (Bresl. 1852);
Guibal, et la Provence en 1789 (Par. 1887);
Aulard, L'éloquence parlementaire pendant la Révolution française (das. 1882).
ist auch der Held eines historischen Dramas von Raupach und eines Romans von Th. Mundt.
3) André Boniface Riquetti, Vicomte de, Bruder des vorigen, geb. zu Bignon, ergab sich früh einem ausschweifenden Leben und erhielt wegen seiner ungewöhnlichen Dicke den Beinamen Tonneau. Nachdem er im amerikanischen Befreiungskampf mitgefochten, bekam er vom Hof ein Dragonerregiment. Nach dem Ausbruch der Revolution ward er vom Adel von Limoges in die Versammlung der Generalstaaten gesandt und trat hier als heftiger Aristokrat auf. Nach dem Tod seines Bruders verließ er Frankreich und errichtete am Rhein die unter dem Namen Hussards de la mort bekannt gewordene Emigrantenlegion, mit der er 1792 einen blutigen Parteigängerkampf gegen sein Vaterland begann; doch starb er schon 15. Sept. d. J. in Freiburg [* 15] i. Br.