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Die Stilllegung einer einst lukrativen Schmelzhütte in Peru hat einen erbitterten Kampf darum ausgelöst, wer die Anlage weiterführen darf. Dem Schweizer Rohstoffkonzern Trafigura tritt dabei im Hintergrund sein Schweizer Konkurrent Glencore entgegen.
Hinter einem unauffälligen Tor in einem übel beleumdeten Viertel der peruanischen Hafenstadt Callao lagern die Schätze Perus: Kupfer, Blei, Zink. Grosse Lastwagen liefern die Erze nachts an und bringen sie vom Depot zur Mole, wo sie in alle Welt verschifft werden. Lagermeister sind die Schweizer Rohstoffhändler Trafigura und Glencore. In Peru kennt man sie unter den Namen Cormin (Trafigura) und Perubar (Glencore). Wie sie da so einträchtig Tor an Tor im Hafen von Callao nebeneinander werken, würde man nicht meinen, dass sie Konkurrenten sind im lukrativen Rohstoffgeschäft. Längst jagen sich die beiden grossen Trader nicht nur die Ware ab, sondern graben auch selbst nach den begehrten Metallen. In Peru haben beide ein Auge geworfen auf ein besonderes Kleinod der lateinamerikanischen Bergbauindustrie: die Hüttenanlage in La Oroya, einer Stadt in den peruanischen Zentralanden, die zweifelhaften Ruhm erlangte, weil ihre Kinder zu viel Blei im Blut haben.
In La Oroya steht der höchste Industrieschornstein Lateinamerikas. Im Hintergrund glänzen weisse Berge. Es ist kein Schnee, der dort liegt, die Bergkuppen sind verätzt von Tonnen von Schwefelsäure, die seit neunzig Jahren ungefiltert in die Luft gepustet werden und als saurer Regen wieder auf die Erde fallen. 1922 hatte die US-amerikanische Cerro de Pasco Mining Corporation die Hüttenanlage gebaut, um die in der nahegelegenen Mine geförderten Kupfer-, Blei-, Silber- und Golderze vor Ort verarbeiten zu können. Die Gewinne bei gereinigtem Erz sind um ein Vielfaches höher als beim Rohmaterial, und die Anlage in La Oroya ist eine der wenigen Metallhütten weltweit, in der aus stark verunreinigten Erzen reine Edelmetalle gewonnen werden können – zur Freude der Mineure und zum Schaden der Umwelt.
Ein Kapitalist, wie er im Buche steht
Als 1970 die Hüttenanlage verstaatlicht wurde, war Umweltschutz noch ein unbekanntes Wort. Erst als 1997 die peruanische Regierung einen Käufer für die Anlage suchte, kam die Frage auf, wer für den mit Blei verseuchten Boden und die umwelttechnische Aufrüstung zahlen sollte. Schliesslich bekam die US-amerikanische Firma Doe Run aus Missouri den Zuschlag mit der Auflage, die Hütte innerhalb von zehn Jahren mit 125 Millionen US-Dollar umwelttechnisch aufzurüsten.
Wenn James Bond heute einen kapitalistischen Bösewicht jagen würde, könnte man diesen Ira Rennert nachempfinden. Der medienscheue US-amerikanische Multimilliardär – sein Vermögen wird auf 5,9 Milliarden US-Dollar geschätzt – ist noch ein Kapitalist, wie er bei Marx im Buche steht, einer, der sein Geld mit Firmenübernahmen und handfester Umweltverschmutzung gemacht hat. Rennert ist Alleinbesitzer der Renco Group, der ein Imperium aus Rohstofffirmen gehört. Einer Klage gegen die von ihm kontrollierte Firma U.S. Magnesium in Utah kam er mit dem Konkurs des Unternehmens zuvor. In Herculaneum im Staat Missouri zahlte seine Firma Doe Run bereits 2006 10 Millionen US-Dollar Schadenersatz aus; und im Oktober 2010 willigte er in eine Entschädigungszahlung von 72 Millionen US-Dollar ein.
Renco ist auch Alleinbesitzerin der peruanischen Doe Run Mining. Der Einkauf im fernen Peru war für Ira Rennert ein Bombengeschäft. Die grosse Nachfrage nach Erzen liess die Bergwerke in den peruanischen Zentralanden auf Hochtouren laufen und die Hüttenanlage in La Oroya gleich mit. Die neunzig Jahre alten Schornsteine in La Oroya bliesen Tag und Nacht ihr Schwefeldioxid-Blei-Cadmium-Arsen-Gemisch in die Luft und füllten dem Unternehmer Rennert die Taschen. Rund die Hälfte seiner Einkünfte der letzten Jahre kamen aus Peru. Dennoch konnte Doe Run Peru beim peruanischen Staat dreimal einen Aufschub für die Umweltschutzmassnahmen erreichen. Angeblich liessen Liquiditätsengpässe die Investition nicht zu. Die Finanzkrise 2008 brachte schliesslich eine Wende: Weil Doe Run seine Schulden nicht mehr bezahlte, kappten die Banken ihre Kreditlinien. Mitten im peruanischen Jahrhundert-Bergbau-Boom stellte die Schmelzhütte in La Oroya ihren Betrieb ein.
Für den Rohstoffhändler Cormin-Trafigura bot dies eine Gelegenheit, in La Oroya einzusteigen. Seit 1993 gehört Cormin zum Imperium des Schweizer Rohstoffmultis Trafigura. Jahrelang verstanden sich Cormin und Doe Run Peru bestens. Cormin kaufte den umgebenden Bergwerken ihr Rohmaterial direkt aus dem Berg ab, liess es im nahen La Oroya zu reinem Erz aufbereiten und verschiffte es dann von Callao aus an die Endabnehmer. Heute wird das Erz zur Verhüttung nach Asien geschippert – direkt an den Toren der benachbarten Anlage von La Oroya vorbei.
Als im Juni 2009 Doe Run Peru das Geld ausging, unterbreitete Cormin der Firma ein Finanzierungsangebot, das sie, so meinte Cormin, eigentlich nicht ablehnen konnte. Aber Cormin hatte die Rechnung ohne die Konkurrenz gemacht.
In Peru ist Glencore auf Diskretion bedacht. Obwohl der Rohstoffgrosshändler aus Baar ZG zwei Bergwerke in den Zentralanden und ein Rohstoffdepot im Hafen von Callao betreibt, sind diese auf der Firmenwebsite nicht zu finden. Die Metallhütte in La Oroya ist seit langem im Blickfeld der Baarer. Bereits bei der Privatisierung 1997 bot Glencore mit, unterlag aber der Renco Group beziehungsweise ihrer Tochter Doe Run Peru. Dreizehn Jahre später ergab sich aber eine neue Gelegenheit: Am 1. März 2010 gab Doe Run Peru zur Überraschung aller – vor allem zur Überraschung von Cormin-Trafigura – bekannt, dass Glencore mit 100 Millionen US-Dollar bürgen werde, damit in La Oroya der Betrieb wieder aufgenommen werden könne. Diese Abfuhr liess sich Cormin nicht bieten und strengte, als einer der Gläubiger von Doe Run, ein Konkursverfahren an. Der folgende Streit zwischen Cormin-Trafigura und Doe Run Peru wurde erbittert und vor den Augen der peruanischen Öffentlichkeit geführt.
In ganzseitigen Zeitungsanzeigen protestierte Cormin seit Mai 2011 gegen die Zusammensetzung der Gläubigerversammlung. Die Muttergesellschaft Doe Run Cayman Ltd. mit Sitz auf den Cayman Islands hatte beim Konkursgericht 125 Millionen US-Dollar Ansprüche gegenüber der Tochtergesellschaft geltend gemacht. Damit wäre die Muttergesellschaft zur grössten Gläubigerin der bankrotten Tochter Doe Run Peru geworden und hätte die Anlage weiterführen können – obwohl diese zahlungsunfähig war. Cormin-Trafigura warf Doe Run vor, dass diese Schuld durch betrügerische Machenschaften zustande gekommen sei. Wäre Doe Run Cayman Ltd. als Gläubigerin aus dem Rennen, wäre für Cormin der Weg frei, eine Neustrukturierung von La Oroya ohne Doe Run in die Wege zu leiten.
Sorge um Arbeitsplätze
Am 9. November 2011 fand in Lima die richterliche Anhörung vor dem Konkursgericht statt, die sich um die Frage drehte, ob Doe Run Cayman rechtmässige Gläubigerin ihrer Tochterfirma sei. Vor dem Gerichtsgebäude protestierten lautstark rund 500 ArbeiterInnen aus La Oroya. Sie fürchteten um ihren Arbeitsplatz, sollte Doe Run Peru die Schmelzanlage nicht weiterführen können. Denn wie sehr Doe Run auch den peruanischen Staat, die Umwelt und sogar seine Lieferanten betrogen haben mag – auf ihre MitarbeiterInnen lässt die Pleitefirma nichts kommen. Seit drei Jahren, in denen die Hütte schon stillsteht, erhalten die ArbeiterInnen weiterhin siebzig Prozent ihres Lohns. Die Loyalität der 3500 ArbeiterInnen gegenüber Doe Run ist deswegen ungebrochen, und die Firma hat ihnen eingetrichtert, dass sie nur eine Wahl hätten: die zwischen sicherer Arbeit und sauberer Umwelt.
Bei der Anhörung legte der Anwalt Cormins minutiös dar, wie die US-amerikanische Renco Group 1997 das vereinbarte Kapital von 125 Millionen US-Dollar zuerst in die eben aufgekaufte Firma steckte, um es am Tag darauf wieder in die USA zurückzutransferieren. Nach mehreren Fusionen von Renco-Unterfirmen stand letztlich Doe Run Peru als Schuldnerin der Mutterholding auf den Cayman Islands da. Cormin-Trafigura zweifelt an der Rechtmässigkeit dieser Transaktion. Doe Run hingegen weist die Klage zurück mit dem Argument: Es war nicht verboten. Nirgendwo habe der peruanische Staat damals Vorschriften gemacht, dass das injizierte Kapital in der Firma verbleiben müsse.
Auch das peruanische Bergbauministerium wollte als Gläubiger anerkannt werden. Es möchte 163 Millionen US-Dollar Schulden geltend machen, weil Doe Run Peru die Umweltauflagen nicht eingehalten habe.
Der nächste Aufschub
Cormin hatte mit seiner Klage keinen Erfolg. Am 30. November 2011 erkannte das Konkursgericht sowohl Doe Run Cayman als auch das peruanische Bergbauministerium als rechtmässige und grösste Gläubiger an.
Die entscheidende Stimme lag nun beim Hauptgläubiger, dem peruanischen Staat: Sollte dieser der Firma, die ihn jahrelang betrogen hatte, eine weitere Chance geben?
Er tat es. Am 18. Januar 2012 gab die Gläubigerversammlung bekannt, dass Doe Run Peru einen Restrukturierungsvorschlag für La Oroya unterbreiten dürfe. Doe Run Peru liess noch am selben Tag verlauten, dass sie La Oroya nur weiterführen könne, wenn der Staat einen weiteren Aufschub für den Einbau der Schwefelkontaktanlage gewähre. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, reichte Doe Run Klage ein gegen die Entscheidung des Konkursgerichts, den peruanischen Staat als Gläubiger anzuerkennen. Die Doe Run gewogene Stimmung im Bergbauministerium hat sich seitdem merklich abgekühlt. Umweltgruppen setzen sich medienwirksam dafür ein, dass die Schmelzanlage erst wieder in Betrieb genommen wird, wenn alle Umweltauflagen erfüllt sind. Pedro Barreto, katholischer Erzbischof von Huancayo und einer der profiliertesten Verteidiger der Gesundheit der Bevölkerung von La Oroya, hat deswegen bereits anonyme Todesdrohungen erhalten. Inmitten dieser aufgeladenen Stimmung soll das peruanische Parlament noch diesen Monat darüber abstimmen, ob Doe Run Peru einen weiteren Aufschub für die Umweltschutzmassnahmen erhält.
Ganz egal, wann La Oroya den Betrieb wieder aufnehmen wird: Ohne neues Betriebskapital wird der Schornstein in La Oroya nicht mehr rauchen. Als Financier ist weiterhin Glencore im Gespräch. Der Rohstoffmulti hüllt sich in Schweigen. Aber im Hafen von Callao dürfte Perubar alias Glencore wohl bald sein Depot erweitern.