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Geschichte
Universelles Vaterland aller Matrosen und Abenteurer
Auf die Idee zu kommen, eine Biographie über eine Stadt zu schreiben, ist allein schon vermessen, aber, wenn es sich dabei um Venedig handelt, durchaus angebracht. Denn die Stadt, die - laut Legende - am 25. März 421 gegründet wurde, ist tatsächlich ein eigenes Lebewesen, dessen Körper auf Millionen ehemals grüner Bäume ruht und mit der Lagune ein eigenes Biotop bildet, das von Ebbe und Flut des Meeres täglich bewässert wird. Bei der Rialto-Brücke wurden ca. 1'2000 Ulmenstämme verbaut, die Kirche Santa Maria Della Salute steht auf 1'156'657 Pfählen aus Eichen und Lärchenholz, wie Ackroyd in seiner atemberaubenden Biographie schreibt. Der Canal Grande mit seinen 3,2 km ist die breiteste und längste Wasserstraße durch den "Bauch" der Stadt, aber weitere 170 Kanäle mit einer Gesamtlänge von 500 km durchsäumen den Corpus der Stadt, der von oben wie ein Fisch aussieht. Zudem halten 450 Brücken das filigrane Ensemble dieser Stadt zusammen, deren Name nicht umsonst an die Göttin der Liebe, Venus, erinnert. Der Campanile auf dem Markusplatz wiegt ganze 14'170 Tonnen, ein versteinerter Wald unter ihm stemmt das ganze Gewicht.
Grand Tour der "gentlemen"
Von den Wundern der Stadt zeugen schon seit mindestens dem 15. Jahrhundert auch schriftliche Quellen, denn der Buchdruck wurde quasi in Venedig erfunden, oder zumindest das erste Copyright-Gesetz der Welt stammt aus der Stadt, die im 16. Jahrhundert 200 Druckereien hatte. Ein Sechstel aller in Europa veröffentlichten Bücher wurde damals in Venedig produziert. Heute wird wohl ein Sechstel aller Bücher über Venedig verfasst - könnte man glauben - und das obwohl schon Ende des 15. Jahrhunderts ein gewisser Pietro Casola schrieb, dass über die Stadt eigentlich schon alles Wesentliche gesagt sei: "eine Stadt, über die so viel erzählt und geschrieben worden ist, dass es mir so scheint, als könnte man nichts mehr über sie sagen". Das Lateinische Veni etiam kann auch als Drohung verstanden werden: "Komm wieder!" oder "Du kommst wieder!", je nachdem ob es aus dem Mund einer Kurtisane stamme oder dem eines ...Priesters. Denn erstere erfreuten sich großer Beliebtheit in ganz Europa, waren sie doch mithin ein Grund für die gentleman des 18. Und 19. Jahrhunderts der Lagunenstadt einen Besuch auf ihrer Grand Tour abzustatten.
Poesie der Maler
Auch wenn Venedig - außer Casanova und Marco Polo, Ackroyd vergisst dabei Goldoni - wenig zur Weltliteratur beigetragen habe, gibt es doch eine Vielzahl von Büchern, die zwar nicht unmittelbar in ihr, dafür aber über sie geschrieben wurden. Venedig hätte andererseits aber eine Vielzahl von Sprichwörtern zu bieten und außerdem sei vielmehr die Malerei ihre Sprache: Tizian, Tiepolo, Veronese, Canaletto, Guardi und viele andere mehr haben sie in ihren Liedern wenn nicht besungen so doch zumindest porträtiert und so zum Mythos der Stadt wesentlich beigetragen. Oder wie drückte es Otto Julius Bierbaum aus: "Alles in Venedig - mit Ausnahme des Wassers - ist Kunst." Und wie wird die Farbe genannt, die aussieht wie das Blut Christi? Natürlich "Venezianisch Rot", denn auch darin war die Stadt führend, die Farben wurden hier quasi erfunden: Kermes, Cochinelle, Blauviolett aus Lapislazuli, Safran, etc etc: "Das Wasser der Kanäle ist abwechselnd jadegrün, lila, blassblau, rauchigrosa, lavendelblau, violett, heliotro oder taubenblau", zählt Ackroyd die Namen auf, die ihm schon gegeben wurden.
Fleisch zählt
Natürlich muss, wer von den Farben spricht, auch vom Karneval sprechen und dieser dauerte alsbald nicht mehr die vorgesehenen 40 Tage, sondern vielmehr sechs Monate, in denen sich hinter den vielzitierten Masken die wahren Illusionen abspielten: "Der Karneval bot die Möglichkeit, in eine andere Welt, eine andere Wirklichkeit einzutauchen. Er stellte für diejenigen eine zweite Welt dar, die in der ersten zu kurz gekommen waren." Selbst sein Name ist doppeldeutig: "Carne vale" kann sowohl heißen "Das Fleisch zählt", als auch "Fleisch, ade!". Egal ob man eine Bauta oder Larva trug, die Stadt als Ort von proteischer Identität ermöglichte jedem ein ausgefülltes Schmetterlingsdasein, vor oder hinter der Maske. Der Autor erklärt sich mit der Institution Karneval auch die Abwesenheit von Rebellionen in Venedigs Geschichte.
"Fleischbank" Europas
Aber auch das Glücksspiel stammt aus Venedig: es ahmt die essenziellen Mysterien ökonomischer Fluktuationen in einem kleinen Rahmen nach und kann somit auch als Brutstätte des Kapitalismus gelten, so Ackroyd. Die "Fleischbank Europas" beschenkte jahrhundertelang junge Europäer auf ihrer Grand Tour mit der Syphilis und hatte zwar keine Liebenden wie Verona (Romeo & Julia) vorzuweisen, dafür aber etwa 20'000 Kurtisanen bei einer Bevölkerung von 100'000. Aber schon damals besuchten mehrere Tausend Touristen pro Tag die Stadt und so wurde der eigentlich Schutzpatron der Venezianer nicht San Marco, sondern San Niccoló, der Schutzpatron der Seeleute und Prostituierten, beide in einem Gewerbe tätig, "auf die Venedig nicht verzichten konnte", so Ackroyd. Um den Campo S. Cassiano - auch als Carampane bekannt - soll es dreißig bis vierzig Straßen mit Bordellen gegeben haben, wo die meretrice sich feilboten. Casanova habe dort zehn Zechinen für eine Entjungferung bezahlt, aber nicht etwa an einen Strizzi, sondern an die Mutter der Jungfrau.
Aber auch der Karneval fand sein jähes Ende. Spätestens mit der Eroberung durch Napoleon und später die Österreicher, die die Stadt sogar beschossen. Venedig hat das alles überlebt und auch die heutigen Touristenströme von 20 Millionen/Jahr (Tagestouristen und Nächtigungen zusammen). Die Venezianer sind auf 60'000 Bewohner geschrumpft (einst war Venedig mit 150'000 Bewohnern die viertgrößte Stadt Europas/der Welt) und werden bis ins Jahr 2030 die Stadt auch verlassen haben. Dann steht der Musealisierung und Disneyisierung nichts mehr im Wege. Die Stadt als Lebewesen wird damit endlich ihr Begräbnis feiern können, denn ohne venexiani ist auch Venedig tot. Aber als universelles Vaterland aller Matrosen und Abenteurer wird es als Mythos ewig weiterleben.