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Wir sehen Simon erstmals an Heiligabend, nachdem die Besitzer ihn wenige Tage zuvor von einer Tierrettungsorganisation aus Spanien kommend übernommen haben. Laut Organisation sei der Hund 6-jährig und würde deshalb gut zum zweiten, ähnlich alten Hund der Besitzer passen. Bekannt ist, dass der Hund ein nicht näher definiertes Herzproblem habe und Medikamente brauche - leider sind diese aber nicht mit dem Hund mitgereist.
Vorgestellt wird uns der Hund wegen starkem, vor allem im Liegen auftretendem Husten.
Beim Untersuch scheint der Hund deutlich älter als die angegebenen 6 Jahre und weist neben dem fortwährenden Husten ein deutliches Herzgeräusch und eine Herzrhythmusstörung auf. Das Bruströntgen zeigt ein generalisiert massiv vergrössertes Herz, eine vergrösserte Leber und ein leichtes Lungenödem; in einem zweiten Untersuchungsschritt zeigt ein EKG ein Vorhofflimmern mit einer folgenden Herzfrequenz von über 200 arrhythmischen Schlägen pro Minute, der Ultraschall massiv vergrösserte Herzkammern und nicht mehr korrekt schliessende Herzklappen, und zu allem Überfluss testet der Hund auch noch positiv auf Herzwürmer.
Ganz offensichtlich leidet Simon an einem massiven, weit fortgeschrittenen Herzproblem, welches trotz der schon zuvor verabreichten Medikamente nicht unter Kontrolle ist. Wir versuchen, mit diversen Medikamenten zur Unterstützung der Herz-Pumpfunktion, Kontrolle des Lungenödems und der Rhythmusstörung sowie Hustenbekämpfung das Problem einigermassen in den Griff zu bekommen.
Leider verbessert sich die Symptomatik nicht, Simon verliert zunehmend den Appetit und kann wegen des fortwährenden Hustens kaum schlafen. Drei Wochen nach Adoption des Hundes entscheiden sich die Besitzer schweren Herzens zur Euthanasie des Hundes. Nun kann auch eruiert werden, dass der Hund offenbar etwa 13 Jahre alt war, was zum weit fortgeschrittenen Problem deutlich besser passt als die zuvor angegebenen 6 Jahre. Es ist zu befürchten, dass die Altersangabe zum Zwecke einer besseren Vermittelbarkeit beschönigt worden war.
Einer Schätzung zufolge leben ca 20-40 Millionen Hunde in Europa insbesondere in Mittelmeerländern besitzerlos streunend auf der Strasse (CAROdog, 2014). Das folgende Tierelend durch Krankheit, Mangelernährung und unkontrollierte Vermehrung ist ein auch 2019 ungelöstes Problem. In vielen Ländern werden herrenlose Hunde durch den Staat oder durch ihn beauftragte Organisationen eingefangen, in Heime verbracht und (wenn nicht innert Kürze ein Platz vermittelt werden kann) euthanasiert.
Eine stetig zunehmende Anzahl von Hilfsorganisationen hat es sich zur Aufgabe gemacht, betroffene Tiere vor diesem Schicksal zu bewahren und an Besitzer in z.B. der Schweiz oder Deutschland zu vermitteln. Diese auf den ersten Blick lobenswerte Anstrengung bringt aber eine ganze Serie von Problemen mit sich:
- Der Druck auf die Regierung der betroffenen Länder, das Strassenhunde-Problem an der Wurzel zu packen, wird durch die privat agierenden Hilfsorganisationen vermindert.
- Die Vermittlung von individuellen Hunden ist kostenintensiv (Abklärungen von Krankheiten vor der Reise, Transport); mit den verwendeten Mittel für ein Individuum könnte stattdessen vor Ort einer grossen Anzahl von Hunden geholfen werden.
- Die Strassenhunde sind häufig traumatisiert und an das harte Leben auf der Strasse und im Rudel gewöhnt. Der Rollenwechsel zu einem Familienhund kann schwierig bis unmöglich sein und Probleme im Umgang mit Menschen und anderen Hunden mit sich ziehen.
- Wie in einem früheren Fall besprochen kann der Import insbesondere von Hunden mit der in Mittelmeergebieten häufigen Leishmaniose zu einem Risiko für Hunde (und allfälligerweise auch Menschen) in zuvor leishmaniosefreien Ländern führen.
Wenn auch zweifellos viele Hilfsorganisationen seriös arbeiten, ist Simon's Fall unter falsch verstandener Tierliebe der Vermittlungsorganisation abzubuchen: Die Idee, einen Hund mit terminalem Herzversagen unter Verwendung einer falschen Altersangabe auf die lange Reise zu einem gutgläubigen Besitzer zu schicken hat das Tier einer nicht zu verantwortenden Belastung ausgesetzt, dem neuen Besitzer neben viel Kummer eine knapp vierstellige Summe an Tierarztkosten verursacht sowie den Ruf der Institution selbst beschädigt.
Der Schweizerische Tierschutz STS hat kürzlich eine hochinteressante Recherche zum Thema illegaler Welpenhandel und Strassenhunde-Import publiziert. Darin untersuchen die Autoren die gegenwärtige Situation und Lösungsansätze in diversen Ländern Europas. Wir legen die Lektüre der Studie allen an der Thematik interessierten Tierfreund/innen sowie Personen, welche sich die Adoption eines Strassenhundes überlegen, wärmstens ans Herz.
Eine etwas kürzere Version des Reports kann hier heruntergeladen werden.
Die Quintessenz: Die Strassenhundproblematik kann nachhaltig nur mittels einer von zwei Strategien gelöst werden:
1. Neuter and Release: Die Strassenhunde werden eingefangen, medizinisch versorgt/geimpft, gekennzeichnet, registriert, kastriert, und wieder als "Platzhalter" auf die Strasse entlassen.
2. Neuter and Local Adoption Program: Die Strassenhunde werden eingefangen, medizinisch versorgt/geimpft, gekennzeichnet, registriert, kastriert und via lokale Tierheime an lokale Besitzer vermittelt.
Beide Varianten basieren auf einer zu erarbeitenden tierfreundlichen Gesinnung der lokalen Regierung und Bevölkerung.
Wer trotzdem unbedingt einen Hund aus dem Ausland zu sich in die Schweiz holen will, sollte dies laut STS nach einer genügend langen Kennenlernphase vor Ort selbst und auf legalem Weg bewerkstelligen. Andere Adoptionen sollten nur nach sorgfältiger Untersuchung der Seriosität der vermittelnden Organisation (Ansprechspersonen auch nach der Übergabe, Rückgabemöglichkeit, Abgabe erst nach Eingewöhnung in einer Pflegestelle, transparente Struktur und Website der Organisation, Schwerpunkt der Organisation liegt vor Ort im Ausland etc.) vorgenommen werden.