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Giorgetto Giugiaro war nach eigenen Angaben etwa 20 Jahre alt, als er den Grundentwurf des Chevrolet Corvair Testudo skizzierte. Zu jenem Zeitpunkt hatte er noch keine Vorstellung über die Einbaulage des Motors und anderer Details. Der Enwurf war einfach eine Fingerübung und sie sollte Nuccio Bertone überzeugen, dem er die Arbeit zeigte. Dies gelang offenbar auch, den ab jener Zeit arbeitete Giugiaro für den Karosseriemeister Bertone.
Vermutlich Ende 1962 kam dann die Gelegenheit, den Entwurf in ein komplettes Auto umzusetzen. Bertone arbeitete in jener Zeit eng mit General Motors und dessen Design-Chef Bill Mitchell zusammen und es kam die Idee auf, den Chevrolet Corvair in eine europäische Variante umzugestalten. Ein Chassis wurde an Bertone geliefert, der GM-Designer Chuck Jordan, der spätere Opel-Design-Chef, kam für drei Monate nach Europa, und so entstand in gerade einmal rund zwei Monaten ein Showcar, das die Designwelt aurtütteln sollte, der Testudo.
Gemäss Giugiaro konnte der Entwurf weitgehend ohne Anpassungen umgesetzt werden. Bei der Frontscheibe, die nicht korrekt geliefert wurde, mussten Änderungen vorgenommen werden.
Der Wagen war aber funktionsfähig und fahrbar. Dies musste er auch, den Bertone fuhr ihn mit Kennzeichen “TO 99” eigenhändig nach Genf zum Autosalon. Und diese Fahrt war nicht ohne, wie sich Giugiaro über 50 Jahre später noch gut erinnert: “Es gab sogar Schnee damals und der Testudo war nicht einfach auf der Strasse zu halten. Ich folgte im ebenfalls neuen Alfa Romeo 2600 HS und konnte Bertones Probleme gut beobachten.”
Doch alles ging gut, der Testudo konnte in Genf der staunenden Öffentlichkeit vorgestellt werden.
Premiere am Genfer Autosalon 1963
Anlässlich des Besuchs des Genfer Autosalons im März 1963 berichtete die Automobil Revue:
“Zum ersten Mal stellt Bertone in Genf sein Coupé Corvair Testudo (= Schildkröte) aus. Die Volumenverteilung und die gestreckte und doch gerundete Linienführung sind für diesen Wagen ebenso bemerkenswert wie einige Konstruktionsmerkmale, so z. B. der vollständig durchsichtige Karosseriepavillon und das Fehlen jeder Türen. Der Testudo von Bertone stellt einen Versuch dar, den Chevrolet Corvair mit Heckmotor bei auf 2,4 m verkürztem Radstand neu zu bekleiden. Die Lenksäule wurde verlängert und die Pedale etwas nach hinten versetzt, um auch den gesamten Dachaufbau nach hinten verschieben zu können. Die Karosserie weist eine lange vordere Haube auf. Die vorn gestreckten Linien lösen sich nach hinten auf und gehen allmählich in den Dachaufsatz und die Heckpartie über. Die Räder sind derart verschalt, dass der Wagen von vorn oder hinten den Eindruck erweckt, in der Luft zu schweben.
Der Einstieg zu den beinahe liegend angeordneten Sitzen des Fahrers und des Mitfahrers erfolgt durch Aufklappen der aus Dach und Seitenfenster bestehenden Haube. Vor dem Führer liegt das rechteckige Lenkrad sowie ein Armaturenbrett, dessen Tourenzähler und Geschwindigkeitsmesser hinter kleinen, rechteckigen Glasfensterchen nur eine einzige Zahl ersehen lassen. Ähnliche Instrumente besitzt bekanntlich der neue Lancia Fulvia. Die durch Gitter geschützten Scheinwerfer sind umklappbar und werden beim Einschalten automatisch in Stellung gebracht. Die Stadtlichter und die Richtungsanzeiger sind in der Stossstange eingebaut. Nach Angaben Bertones weisen diese aus Kunststoff hergestellten Teile mindestens so hohe Stossfestigkeitswerte auf wie Stahlteile. Die sehr grosse Windschutzscheibe ist aus Sicherheitsglas hergestellt und nicht etwa aus Plexiglas, wie man auf den ersten Blick meinen könnte.”
Im April 1964 wurde der Testudo auch noch an der Auto Show von New York gezeigt.
Zukunftsweisender Entwurf
Auch über 50 Jahre später beeindruckt der Chevrolet Corvair Testudo die Betrachter. Mit seiner geringen Höhe von 1.06 Metern reicht er den meisten Leuten gerade einmal bis zur Taille. Die Glaskuppel erlaubt den Einblick in das Interieur. Die Gürtellinie liegt tief. Designdetails erinnern an spätere Entwürfe auch anderer Designer. Die Lufteinlässe hinter der Glaskuppel etwa findet man auch beim Lamborghini Miura wieder. Porsche-Designer Anatole Lapine gehört zu den Fans des Testudo und so findet man auch an einigen Zuffenhausener Entwürfen Linien, die durchaus an das Showcar von 1963 erinnern lassen.
Giugiaro selber erinnert sich auch gerne an seinen damaligen Entwurf. In einem Interview im Jahre 1989 erwähnte Giugiaro: “Eine besondere Schwäche habe ich für den 1963 entstandenen Corvair Testudo. Er nahm während eines drei Monate dauernden Besuchs des GM-Mannes Chuck Jordan bei Bertone Form und Gestalt an. Ich hatte dabei Gelegenheit, als junger Designer gewissermassen eine geballte Ladung meiner Ideen nutzbar zu machen.”
Giugiaro war nicht nur für die Aussenhülle, sondern auch für das Interieur verantwortlich.
Und er fuhr den Testudo auch vom Genfer Autosalon nach Turin zurück, verfolgt von Fotografen, die den Wagen in freier Wildbahn ablichten wollten. Es wird auch die Geschichte erzählt, dass Giugiaro eines Abends seine Braut Maria Teresa, die im Fiat-Design-Studio arbeite, mit dem Testudo abholen wollte. Sie musste sich richtiggehend zum Auto durchkämpfen, das von Hunderten Fiat-Angestellter umringt war.
Ursprünglich war der Testudo übrigens silber-metallic gespritzt, später wechselte die Farbe in ein perlmuttartiges Weiss. Auch die ursprünglich montierten Corvair-Räder wurden schon früh durch Speichenräder ausgetauscht.
Der Einstieg ist natürlich nicht ganz unproblematisch, aber die Kuppel lässt sich mit deutlich weniger Kraft als befürchtet öffnen. Die Rundumsicht ist für einen Sportwagen hervorragend, allerdings dürften die Temperaturen damals auch schnell in unangenehme Höhen gestiegen sein.
Verunfallt und weggestellt
Nach seiner Tour durch die Autosalons landete der Prototyp wohl in einem Abstellraum, bis er Shell zusammen mit dem Alfa Romeo Canguro für Drehaufnahmen zu einem Werbefilm zur Verfügung gestellt wurde. Bei den Dreharbeiten kam es zum Unfall zwischen den beiden Konzeptfahrzeugen, der Canguro schien unreparierbar, der Testudo erlitt einen Heckschaden. Bertone war zurecht sauer, kostete der Aufbau derartiger Fahrzeuge doch 15’000 Stunden. Eine Reparatur des Testudo lohnte sich aus seiner Sicht nicht, der Unfallwagen wurde irgendwo abgestellt.
Restauriert nach Pebble Beach
Im Jahr 1974 versuchte Bertone, den Corvair Testudo für USD 10’000 zu verkaufen, doch ohne Erfolg. Viele Jahre später, in den frühen Neunzigerjahren, wurde das Konzeptfahrzeug bei Bertone restauriert, der neue Chefdesigner Luciano d’Ambrosio überwachte die Arbeiten. 1996 wurde der nun in alter Schönheit erstrahlende Wagen dann in Pebble Beach gezeigt.
Versteigert
Am 21. Mai 2011 wurde ein Teil der Bertone-Sammlung versteigert. Der Testudo war Teil dieser RM-Auktion . Geschätzt wurde der Wagen auf faire EUR 500’000 bis 800’000, doch das Höchstgebot lautete EUR 300’000. Und dieses kam wohl von Giorgetto Giugiaro selber, denn er ist seither stolzer Besitzer seines frühen Entwurfs.
Damit gelangte ein Meisterwerk zurück zu seinem Gestalter und Giugiaro zeigt es von Zeit zu Zeit gerne der Öffentlichkeit. So war das Auto 2016 im Automuseum von Turin anlässlich einer Giugiaro-Retrospektive zu sehen.
Und beim Preview der neuen Oldtimermesse “Grand Basel” war dann der Testudo gleich zusammen mit seinem Schöpfer zu Gast. Dieser erzählte allerdings, dass Autos zwar sein Beruf gewesen seien, dass seine Passion aber die Portraitmalerei sei. Man kann nur beeindruckt sein von soviel Talent in einem Manne.