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Jenseits der Formenlehre. Indogermanische Morphologie mit Grauzonen- und Schnittstellenphänomenen
1 Themenstellung
Die XVI. Fachtagung der Indogermanischen Gesellschaft wird vom 7. bis 10. September an der Universität Zürich unter dem Titel „Jenseits der Formenlehre. Indogermanische Morphologie mit Grauzonen- und Schnittstellenphänomenen“ stattfinden. Die Untersuchung zur Morphologie der indogermanischen Sprachen und ihre Rekonstruktion für das Urindogermanische gehören zu den Kernaufgaben indogermanistischer Forschung. Gerade auch auf dem Gebiet der Rekonstruktion von Flexionsparadigmen und derivationellen Strukturen hat die historisch-vergleichende Methode ihre Stärken voll ausspielen können: Das Formeninventar der altindogermanischen Einzelsprachen darf im Vergleich als mustergültig erforscht gelten, und das Urindogermanische kann in morphologischer Hinsicht genauer rekonstruiert werden als alle anderen Ursprachen . Die Ausrichtung auf die Beschreibung und Rekonstruktion von Einzelelementen in Derivation und Flexion sowie daran anschließend der systemischen Merkmale hat jedoch auch zur Vernachlässigung verschiedener Bereiche und Prozesse innerhalb der Morphologie geführt und diese bisweilen als autarkes und hermetisch geschlossenes Subsystem der Sprache erscheinen lassen. Kann aber Morphologie (mit Booij 2012) als die „Grammatik von Wörtern“ gelten, so ist evident, dass dieser Teilbereich einer Kontextualisierung innerhalb der Gesamtgrammatik bedarf, umso mehr als rezente Arbeiten den Wortbegriff teilweise gänzlich verwerfen (vgl. die Schlussfolgerungen bei Haspelmath 2018), oder – wie etwa im theoretischen Rahmen der Distributed Morphology – Morphologie als Teil der Syntax beschreiben (vgl. Embick und Noyer 2007). Auch innerhalb der indogermanistischen Forschung wird unabhängig die systematische Untersuchung von Univerbierungsprozessen in Einzelsprachen verstärkt vorangetrieben (vgl. Opfermann 2016 für das Lateinische), und morphosyntaktische Faktoren werden in umfassenden Rekonstruktionsmodellen vermehrt berücksichtigt (bei Willi 2018).
Hier setzt die Tagung über multiple Zugänge an, indem sie Beiträgen zu den Themenkomplexen von morphologischen Grauzonen und Schnittstellen aus indogermanistischer Perspektive ein Forum bieten will. Neben grundsätzlichen Überlegungen zu der Problematik des Konzeptes „Wort“ als grammatischer Einheit und dem Abgleich mit phonologischen Einheiten (vgl.Bergmann 2018 für Forschungsstand und eine Untersuchung anhand des Deutschen), sind vor allem Beiträge zu Grauzonenphänomenen und klassifikatorischen Problemfällen erwünscht, sei es innerhalb der Morphologie, sei es an deren Rändern. Für den ersteren Fall lassen sich außer Segmentierungsfragen insbesondere Untersuchungen zum Verhältnis von Derivation und Flexion als potentielle Themen nennen, für den zweiten können Klitika im Sinne von „Phrasenmorphologie“ (vgl. Anderson 2005) und darüber hinaus als exemplarischer Untersuchungsgegenstand gelten. Hier bietet sich die Möglichkeit, an bahnbrechende indogermanistische Arbeiten wie Jacobsohn 1920 und Wackernagel 1892 anzuknüpfen. Zu typologisch orientierten deskriptiven Ansätzen kann hier bei einer modularen Konzeption von Schnittstellen auch die indogermanistische Implementierung theoretischer Morphologiemodelle, die auf diesem Gebiet explanatorische Kraft beanspruchen können, treten. Darüber hinaus sind ausdrücklich auch methodologische Reflexionen zu traditionellen Konzepten mit Anknüpfungspotential an das Tagungsthema (etwa Ablautmodelle und Auslautgesetze) oder deren modelltheoretische Fundierung erbeten.
2 Organisation
Um innerhalb dieses weitgespannten Rahmenthemas mit seinen vielfältigen Umsetzungsmöglichkeiten die Forschungsinteressen der Indogermanistik adäquat abbilden zu können, haben sich die Organisatoren für die Ausschreibung von 4 extern konzipierten thematischen Sektionen (‚Workshops‘) entschieden, die bestimmte Zugänge zur Thematik bzw. ausgewählte Teilaspekte derselben fokussieren. Diese Sektionen sollen nicht zuletzt auch den fachinternen Austausch fördern und die Diskussion anregen, weshalb neben einem Hauptvortragenden pro Sektion jeweils noch ein Diskutant eingeladen werden soll, und Einleitungsreferate der Workshop-Leitung einen Überblick über die Materie und den Stand der Forschung bieten werden.
Die Tagungsorganisation bittet bis zum 1. Juli um die Einsendung von Vorschlägen für thematische Sektionen (an: <email-pii>). Beinhalten sollen diese den Titel der Sektion mit einer Skizze zur Aktualität und Relevanz sowie einer allgemeinen Einbettung der Fragestellung sowie die Namen der Hauptvortragenden (mit provisorischem Vortragsthema) und Diskutanten. Alle Einreichungen werden von Mitgliedern des Tagungsbeirats bewertet und im Anschluss von der Tagungsorganisation im Hinblick auf ein ausgewogenes Programm geprüft. Die Entscheidung über Annahme bzw. Ablehnung wird am 1. September mitgeteilt. Reise- und Aufenthaltskosten der Hauptvortragenden und Diskutanten werden von der Tagungsorganisation übernommen.
Am 9. September wird das 2. Rundschreiben mit einer Liste der thematischen Sektionen und der Bitte um Einsendung von Vortragsvorschlägen verschickt. Zusätzlich zu den thematischen Sektionen wird außerdem eine allgemeine Sektion Beiträge aufnehmen können, die sich den nicht durch die Workshops abgedeckten Facetten der Fragestellung widmen.
Die Arbeitssprachen für die gesamte Tagung sind wie gewohnt Deutsch, Englisch und Französisch.
Literatur
Anderson, Stephen R. (2005). Aspects of the Theory of Clitics. Oxford: Oxford University Press.
Bergmann, Pia (2018). Morphologisch komplexe Wörter. Prosodische Struktur und phonetische Realisierung. Berlin: Language Science Press.
Booij, Geert (2012). The Grammar of Words. 3. Aufl. Oxford: Oxford University Press.
Embick, David und Rolf Noyer (2007). „Distributed Morphology and the Syntax–Morphology Interface“. In: The Oxford Handbook of Linguistic Interfaces. Hrsg. von Gillian Ramchand und Charles Reiss. Oxford: Oxford University Press, S. 289–322.
Haspelmath, Martin (2018). „The last word on polysynthesis: A review article“. In: Linguistic Typology 22.2, S. 307–326.
Jacobsohn, Hermann (1920). „Zwei Probleme der gotischen Lautgeschichte. II. Zum gotischen Satzsandhi“. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung 49, S. 129–218.
Opfermann, Andreas (2016). Univerbierung. Der passive Wortbildungsmechanismus. Hamburg: Baar.
Wackernagel, Jacob (1892). „Über ein Gesetz der indogermanischen Wortstellung“. In: Indogermanische Forschungen 1, S. 333–436.
Willi, Andreas (2018). Origins of the Greek Verb. Cambridge: Cambridge University Press.