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Wagners «Holländer» in Selzach
Selzach? Wer kennt Selzach? Das Dorf zwischen Solothurn und Grenchen am Jurasüdfuss kann tatsächlich nicht mit nationaler Bekanntheit angeben. Wer durch die Strassen spaziert, findet wenig mehr als eine lose Ansammlung von Häusern, selbst die Kirche scheint aus dem 19. Jahrhundert zu stammen. Ein Dorf ohne Gesicht, Profil, Geschichte. Doch halt, eine Geschichte gibt's: Ende des 19. Jahrhunderts gründeten Dorfbewohner die «Passionsspiele Selzach», bauten eine Scheune um und spielten in unregelmässigen Abständen den Leidensweg Jesu nach, gerade so wie im weltberühmten Oberammergau.
Die Spiele fanden 1895 zum ersten und 1972 zum letzten Mal statt, das Theater stand danach verwaist, bis initiative Geister auf die Idee kamem, im Holzbau im Sommer Oper zu spielen. 1989 startete man mit der «Zauberflöte», so erfolgreich, dass man im Jahr darauf die Produktion wieder aufnehmen konnte. 1992/93 folgte Mozarts «Entführung aus dem Serail», 1995 «Don Giovanni», 1997 dann Lortzings «Wildschütz».
13 Opernproduktionen wurden so mit viel Engagement der lokalen Bevölkerung auf die Beine gestellt, und zum 30. Geburtstag leistete man sich – nachdem man schon mit «Freischütz», «Hoffmanns Erzählungen» oder Gounods «Faust» Erfahrungen im romantischen Repertoire gesammelt hatte, ein noch etwas aufwändigeres und schwierigeres Stück: Wagners «Fliegenden Holländer». Vor allem die Chöre, die nach wie vor aus enthusiastischen Laien bestehen, verlangen einige Virtuosität und Intonationssicherheit, die aber in hohem Masse gegeben waren: lupenrein die Frauen im Spinnradchor, etwas gestresst, wenn's rasanter wurde, kräftig mit einem Schuss burschikosem Kern die Matrosenchöre.
Sonst lag die Produktion in professionellen Händen, angefangen beim Orchester, das sich auszeichnete durch klanglich profundes Blech und lupenreine Holzbläser und insgesamt kein bisschen hinter dem üblichen Niveau an den Schweizer Opernhäusern zurück blieb. Am Pult stand der mit den Opern Richard Wagners eng vertraute Constantin Trinks, der als GMD in Darmstadt unter anderem schon Wagners «Ring» und «Parsifal» dirigiert hatte, und auch in Selzach aus den zusammengewürfelten Musikern einen kompakten, präzisen und klanglich sehr farbigen Klangkörper geformt hat.
Seine Wagner-Handschrift ist deutlich: Er mag kräftige, kompakte Klänge, sucht aber auch die Differenzierung in den Tempi – manches eher getragen, anderes recht rasant – oder in der Dynamik, die in den Sturm- oder Massenszenen zupackend, bisweilen etwas plakativ klang, aber auch lange Passagen einem intensiven Piano anvertraute. Sehr schön gelang etwa etwa die Traum-Erzählung von Erik, gesungen von Ladislav Elgr, ein Tenor mit wunderbarem Stimm-Material aber an anderen Stellen leider auch der unseligen Neigung zum Forcieren. Die Senta sang die Russin Alexandra Lubchansky, auch sie durchaus mit variablen Ausdrucksmöglichkeiten, nur in der Höhe mit einem permanent deutlich zu starken Vibrato. Eindrucksvoll war Jordan Shanahan in der Titelrolle, den wir aus Bern und St. Gallen gut kennen, und der diese grosse Bariton-Partie mit Bravour und viel sängerischem Differenzierungsmöglichkeiten gestaltete.
Die Inszenierung besorgte Dieter Kaegi, der Intendant des Theaters Biel-Solothurn. Und setzt dabei einige individuelle Akzente neben einer diesem Ort und seinen Möglichkeiten geschuldeten Notwendigkeit der einfachen Nacherzählung dieser romantischen Schauergeschichte, die Wagner hier zum ersten Mal mit seinem lebenslang gepflegten Topos der Erlösung durch Liebe und Tod anreicherte. Eine veritable Spinnerei-Manufaktur zum Beispiel hat der Seefahrer Daland zuhause aufgebaut, Industriedesign mischt sich mit den Mechanismen eines Hühnerhofs, wenn die Frauen erst lieber ihre Pausenbrote auspacken als Sentas Ballade zuzuhören, dann aber immer gebannter ihren Strophen folgen. Der erste Aufzug ist Kaegi etwas gar dunkel und ziemlich statisch geraten, das Holländer-Schiff sieht man in seiner ganzen Schönheit eigentlich erst beim Schlusssapplaus. Aber der ist verdientermassen lang, man hat also noch viel Zeit, es zu betrachten.
Reinmar Wagner
Bild: Konstantin Nazlamov