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Jo «Seppi» Siffert ist eine Legende des Rennsports. Als er 1971, auf dem Höhepunkt seiner Karriere, beim World Championship Race im englischen Brands Hatch ums Leben kam, glich seine Beerdigung einem Staatsbegräbnis: Über 50’000 Menschen säumten die Strassen seiner Heimatstadt Fribourg, um ihrem Helden die letzte Ehre zu erweisen.
Der aus dem Bündnerland stammende Regisseur Men Lareida, der 1998 die Filmklasse der HGK Zürich mit dem dokumentarischen Filmessay Pofonok abschloss, widmet sich in seinem ersten langen Dokumentarfilm dem Schweizer Formel-1-Star. Unterstützt vom Journalisten Reto Baumann, hat Lareida eine Menge rares Archivmaterial zusammengetragen und diverse Interviews geführt: Familie, Mechaniker, Konkurrenten, Freunde, Exfrauen und Sponsoren werden zu Sifferts ungewöhnlichem Leben befragt.
Der Mythos Siffert vermag dabei viel mehr zu bieten als die Faszination für laute Motoren und das schnelle Fahren im Kreis. 1936 als Angehöriger der deutschsprachigen Minderheit im Arbeiterquartier von Fribourg geboren, hat sich Siffert zum Formel-1-Star und zum «Sohn der Nation» («Blick») hochgearbeitet. Noch heute zählt er zu den zehn besten Rennfahrern aller Zeiten, obwohl er lediglich zwei Grand-PrixSiege errungen hatte. Eine Tellerwäschergeschichte aus dem Schweizer Mittelland: Als Lumpensammler und Gebrauchtwagenhändler verdiente sich der gelernte Karosseriebauer Siffert das Geld, um an den ersten Motorradrennen teilnehmen zu können. Lange fuhr er im Privatteam und galt auch später, als er für das englische B.R.M.-Team startete, im Rennzirkus als Aussenseiter. Sein früher Tod, nicht nur auf dem Höhepunkt seiner Karriere, sondern auch in den goldenen Siebzigerjahren der Formel 1, hat die Legende gefestigt, die begleitet wird von Benzingeruch, dröhnenden Motoren, schönen Frauen und der Risikobereitschaft. Der wortkarge Steve McQueen benannte dieses Lebensgefühl im Rennfahrerfilm Le Mans prägnant: «When you’re racing, it’s life, anything that happens before or after is just waiting.» Und Sifferts Schwester formuliert es in Lareidas Porträt folgendermassen: «Chaque être humain fait un choix. Et lui, il a fait le choix de vivre dangereusement. Je pense qu’il vaut mieux vivre dangereusement pendant 34 ans que s’emmerder pendant 80 ans.» Der Künstler Jean Tinguely, ein Freund von Siffert, meinte auf die Frage, was sie denn verband, dass sie sich nicht nur beide mit Maschinen, sondern dass sie sich als Künstler und Rennfahrer vor allem mit unnützen Dingen beschäftigt hätten.
Lareidas Dokumentarfilm Jo Siffert – Live Fast / Die Young ist der Wille zur Gestaltung nicht abzusprechen: Der exzessive Gebrauch der Split-Screens in Siebzigerjahre-Ästhetik ist nicht immer ganz einsichtig, wirkt aber sehr witzig und aussagekräftig, wenn den diversen Talking-Heads historisches Material zur Seite gestellt wird. Schwer verständlich bleibt aber, warum die Filmemacher einen österreichischen Schauspieler als Erzählstimme eingesetzt haben. Fans und Liebhaber des Rennsports mag Jo Siffert überzeugen, allen anderen Zuschauern würde man wünschen, dass sich der Dokumentarfilm weniger streng an den chronologischen Erzählfaden halten würde, um sich mehr auf den Mythos Siffert zu konzentrieren.