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Im Jahre 1941, ein halbes Jahr nachdem der spätere Bundesrat Friedrich Traugott Wahlen die Schweizer Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg zur „Anbauschlacht“ aufgerufen hatte, erwarb die zu diesem Zweck gegründete Landgut Pfyn AG mit Sitz in Brig, vertreten durch deren Verwaltungsratspräsidenten Karl Weber aus Zollikon bei Zürich, vom Verkäufer Paul Guye aus Lausanne, Sohn des George Arnold Guye, die Pfyndomäne. Der Vater des Käufers war der Industrielle Oscar Weber aus Zug, Gründer der Verzinkerei Zug und späterer Eigentümer der beiden Warenhausgruppen Oscar Weber und EPA. Dies ermöglichte dem Sohn Karl Weber, die Landgut Pfyn AG mit dem nötigen Kapital auszustatten, um die für die Landesversorgung in Notzeiten vorgesehene Vergrösserung der landwirtschaftlich nutzbaren Fläche voranzutreiben.
Der neu gegründete Landwirtschaftsbetrieb, die Landgut Pfyn AG, umfasste damals 320 Hektaren, wovon 55,5 Hektaren bereits aus Kulturland, der Rest aus Wald und Auenlandschaft bestand. Im Rahmen der vier Jahre dauernden „Anbauschlacht“ wurden zusätzliche 45.5 Hektaren des Waldbestandes gerodet und zu Kulturland gemacht. Insgesamt 500 Arbeiter trugen dazu bei, dass in den Kriegsjahren 1941-1944 mit dem Einsatz moderner Planierungsraupen, mit dem Verlegen von Drainagenrohren und dem Bau eines Entwässerungskanals der Grundstein für den heutigen Landwirtschaftsbetrieb gelegt werden konnte. Nach der Urbarmachung bestand das Landgut aus 101 Hektaren Kulturland und 219 Hektaren Wald und Auenlandschaft.
Mit einem Besuch des Landguts durch General Henri Guisan im Jahre 1945 und mit einer amtlichen Ehrenurkunde der schweizerischen Eidgenossenschaft zollte der Staat seinen Respekt gegenüber den Initianten dieses Beitrages zur Versorgungssicherheit des Landes; dem damaligen Motto entsprechend: „Trutz der Not durch Schweizer Brot“. Seither hat das Landgut Pfyn sein Kulturland, sein Wald- und Augengebiet schon über ein halbes Jahrhundert lang erfolgreich bewirtschaftet.
Unter der Leitung von vier Verwaltern (Armin Diehl 1941-1956, Jakob Willa 1957-1973, Fritz Bieri 1974-2002, Thomas Elmiger seit 2003 und seit 2010 Pächter) hat sich die Landgut Pfyn AG von einem kriegswirtschaftlich orientierten Betrieb mit grossem Personalbestand und bescheidener Mechanisierung im Verlauf von sieben Jahrzehnten zu einem ökonomisch und ökologisch orientierten Betrieb mit kleinem Personalbestand und ausgeprägter Mechanisierung entwickelt. Während 1945 noch 58 Personen für den Landwirtschaftsbetrieb benötigt wurden, so sank deren Zahl in der Folge kontinuierlich: 1959 noch 25, 1979 deren 18, 1999 deren 10, 2009 noch 5 Mitarbeitende.
Im Stall und auf dem Felde herrschte in der Anfangsphase eine grosse Vielfalt an Tier- und Pflanzenarten, die mit viel Experimentierfreude und ohne einengendes ökonomisches Korsett gehegt und gepflegt wurden. Kühe, Pferde, Esel, Schweine und Schafe bevölkerten verschiedene Stallungen. Das Federvieh war mit Hühnern, Truten und Gänsen vertreten. Auf dem Kulturland wurden alle erdenklichen Getreidesorten angepflanzt, darunter auch Reis, und neben einheimischen Hülsenfrüchten auch Sojabohnen sowie Tabak und Hanf. Zum Wallis-typischen Aprikosenspalier gesellte sich allerlei Gemüse, auch in Treibhäusern. Neben dem Pumpenseeli entstand eine Fischzucht und am Waldrand standen die Bienenhäuser des Imkers. Mit dem Rodungsholz wurde eine Köhlerei betrieben.
Der Wald wurde wie heute genutzt, aber auch ständig erneuert. So erholte er sich im Bereich des Landguts schneller von den gravierenden Schäden durch die Fluorimmissionen der Aluminiumwerke Chippis in den 60’er und 70’er Jahres des vergangenen Jahrhunderts. Schwer zu schaffen machten dem Landgut Pfyn auch die beiden grossen Überschwemmungen in den Jahren 1987 und 1993, als die hochgehende Rhône enorme Flurschäden im Kulturland anrichtete. Anstelle einer Reparatur des eingebrochenen, alten Rhônedammes wurde vom Staat ein zurückversetzter Damm unmittelbar hinter den äussersten Feldern und Wohnhäusern des Landguts errichtet. Damit sollte dem frei mäandrierenden Rotten sein altes Auenbett zurückgegeben werden.
Die Auenlandschaft entlang der Rhône und die Waldseen innerhalb des Perimenters des Landgutes blieben – im Gegensatz zu den Zonen mit Kiesabbau an der Rhône bzw. mit Abwasserverunreinigung im Rosensee – während Jahrzehnten naturbelassen. Die frühe Wiederansiedlung des Bibers ist mit seinen Behausungsspuren entlang des Büttenbachs ein anschauliches Beispiel für den schonungsvollen Umgang mit der Natur auf dem Landgut Pfyn. Einzig beim kleinsten Waldsee, dem Pfafforetsee, war ein Badehäuschen und ein Badesteg installiert worden, zur Musse der Pfynbewohner und ihrer Gäste, ohne dass dadurch dieses berühmte Libellenbiotop je gestört worden wäre: Die gefährdete Libellenart „Östliche Moosjungfer“ (Wikipedia) hat hier nicht trotz sondern wegen dem Landgut Pfyn überleben können.
Als sogenannte Kompensationsmassnahme für den Bau der Autobahn A9 durch den Pfynwald – wurde die Landgut Pfyn AG genötigt , im Jahre 1999 annähernd zwei Drittel ihres Gebietes an den Staat zu verkaufen, nämlich das Gebiet der Auenlandschaft und das emotionale Herzstück der Waldseen. In Zukunft sollte der Tatsache, dass innerhalb eines ökologischen Vernetzungskonzeptes auch eine grosse Kulturlandfläche für die Biodiversität gewinnbringend ist mehr Rechnung getragen werden. Denn Landschaftsvielfalt schafft Artenvielfalt.
Auszug aus: Cahiers d’Archéologie Romande 121 / Archeologia Vallesiana 4
Mit freundlicher Genehmigung, TERA sàrl, Sion www.terasarl.ch