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Sanatorio del Gottardo im Tessin: Die unheimlichste Ruine der Schweiz?
Oberhalb der Gemeinde Quinto TI steht die wohl unheimlichste Ruine der Schweiz: Das «Sanatorio del Gottardo». Eigentlich sollte es zu einer Wintersport-Akademie umgebaut werden. Bis heute sind die Bauarbeiten aber nicht gestartet – trotz Baubewilligung.
Quelle: Gemeinfrei
Eine historische Aufnahme von 1919 zeigt das Sanatorium (oben links) am Berghang.
Das «Sanatorio del Gottardo» wurde 1905 von der Aktiengesellschaft gleichen Namens eröffnet und während rund 57 Jahren als Spital genutzt. In der Blütezeit bestand die Klinik aus einem Hauptgebäude, einem Ärztehaus und einem Waschhaus. Während dem ersten Weltkrieg diente sie ab 1918 als Militärspital und nahm verwundete und pflegebedürftige Soldaten auf, sie blieb auch nach dem Kriegsende in Betrieb.
1920 ging das fünfstöckige Bauwerk dann an den Kanton Tessin über und wurde bis in die frühen Sechzigerjahre unter dem Namen «Sanatorio Popolare Cantonale di Piotta» für Tuberkulosekranke genutzt. In Folge des Rückgangs der Lungenkrankheit wurde der Betrieb 1962 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Seither steht der Jugendstil-Bau leer und scheint einen leisen, langsamen Tod zu sterben.
Denn mittlerweile ist das Sanatorio praktisch eine Ruine, die von der Natur zurückerobert wird. Türen hängen nur noch vereinzelt in den Angeln, Eingänge und Fenster sind grösstenteils mit Holzverschlägen verbarrikadiert und die Tapete schält sich unter Spinnweben und Staub wie lose Haut von den einst prachtvollen Mauern. Gerätschaften und das Inventar wurden längst entfernt.
Illegale Besucher im «Lost Place»
Mit der Schliessung des Spitals kamen die Gruselgeschichten.
Schenkt man diesen Glauben, soll unter anderem ein Doktor Mabuse im Sanatorium
dämonische Experimente an Patienten durchgeführt haben. Allerdings: Der Wissenschaftler dürfte eine fiktive Gestalt sein, erfunden vom luxemburgischen Schriftsteller Norbert Jacques. Doktor Mabuse war ein Psychoanalytiker mit hypnotischen Fähigkeiten, der von einer neuen Weltordnung träumt.
Eine andere Geschichte besagt, dass ein Poltergeist, der nachts einmal das Auto eines Besuchers quer gestellt haben soll, durch den verlassenen Ort spukt.
Dass das Bauwerk laut Berichten in diversen «Lost Places»-Foren auch über einen Leichenkeller verfügen soll, dürfte der Beliebtheit des Objektes hinsichtlich der Erkundung keinen Abbruch getan haben. Im Gegenteil: Illegale Besucher des verlassenen Anwesens scheinen für möglichst gruselige Fotos keine Grenzen zu kennen.
Gekonnt platzierte Rinderknochen, eine mit Schweineblut gefüllte Badewanne sowie ein gestreuter Salzkreis sind einige, äusserst makabre Beispiele, wie die «NZZ» 2017 in einem ausführlichen Beitrag zum verlotterten Bauwerk berichtete.
Ein Video von 2017 gibt einen Einblick in den Zustand des Sanatoriums. (Quelle: KennyRubick)
Sanatorium sollte Wintersport-Akademie werden
Vor über fünf Jahren wurde die Anlage schliesslich für 750‘000 Franken vom Kanton Tessin an die Ice Sport International Academy SA verkauft, die das einstige Krankenhaus für rund 40 Millionen Dollar in ein Ausbildungszentrum für Wintersport mit Platz für bis zu 320 Schüler verwandeln wollte. Beim Unternehmen – das bis heute Eigentümer des Sanatoriums ist – handelt es sich laut einem Bericht der Tageszeitung «Corriere del Ticino» um eine private Gesellschaft aus kasachischen Investoren.
Neben der Sanierung des alten Gebäudes sah das Projekt unter anderem auch einen siebengeschossigen Neubau auf einer angrenzenden Parzelle vor, in dem Studentenzimmer, eine Mensa sowie Turn- und Schwimmhallen Platz finden sollen. Das Vorhaben wurde vor rund vier Jahren mit konkreten Entwürfen des Architekturbüros Fabio Trisconi SAGL aus Biasca vorgestellt.
Aus dem Bericht der Zeitung geht zudem auch hervor, dass das Vorhaben eng mit einem anderen, damals geplanten Bauprojekt in der Leventina verbunden war: Einer neuen Eishalle des Eishockeyclubs Ambri-Piotta. Das neue Stadion «Nuova Valascia» aus der Feder von Architekt Mario Botta feierte im September dieses Jahres nun auch feierlich seine Eröffnung.
Quelle: Gemeinfrei
Das Sanatorio del Gottardo als Motiv einer Postkarte zu Piotta von 1921.
Gemeinde ist ratlos: Baubewilligung erteilt
Beim Sanatorium hat sich indessen nichts getan. Weder sind die Bagger aufgefahren, noch Arbeiten zum Erhalt des historischen Baus erfolgt. Und dies trotz dem Umstand, dass eigentlich seit 2016 eine Baugenehmigung der Gemeinde Quinto für die Akademiepläne vorliegt. Weshalb die Bauarbeiten bis heute nicht gestartet sind, ist unklar. Selbst bei der Verwaltung von Quinto ist man auf Anfrage ratlos und verweist darauf, dass die Bewilligung aufgrund ihres Alters kürzlich sogar noch einmal erneuert worden sei.
Ob das prunkvolle Gebäude nach so vielen Jahren des Verfalls überhaupt noch gerettet werden kann, ist fraglich: Laut der Facebook-Seite einer Gruppe, die sich der Rettung des Objekts verschrieben hat, ist 2017 bereits ein Teil des Treppenhauses im Gebäudeinneren eingestürzt. Des weiteren veröffentlichte die Gemeinde Quinto im Mai 2021 eine Warnung: Sie wies die Bevölkerung darauf hin, dass sich das Sanatorium in Privatbesitz befindet und das Betreten der Struktur strengstens untersagt sei. Dies auch, weil das Gebäude nun einsturzgefährdet ist.
Inzwischen wird das Anwesen regelmässig von der Polizei kontrolliert und überwacht. Besuch aus der «Lost Places»-Szene hatte das alte Gebäude deshalb seit längerem keinen mehr. Wie es mit dem Sanatorio del Gottardo nun weitergehen wird, wird wohl die Zukunft zeigen.