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Jovan Belchers Bluttat erschüttert die Kansas City Chiefs und die gesamte NFL. Die sich häufenden Suizide werfen Fragen auf. Freunde und Verwandte sind nach der Tat sprachlos.
Jovan Belcher spielte seit 2009 als Linebacker für die Kansas City Chiefs
Von Eric Böhm
München/Kansas City - Auch Stunden nach dem Drama standen die Kansas City Chiefs und die gesamte NFL unter Schock.
Der Mord des Linebackers Jovan Belcher an seiner 22-jährigen Freundin und sein anschliessender Selbstmord auf dem Parkplatz des Arrowhead Stadiums bleiben unbegreiflich.
Kansas Citys Coach Romeo Crennel und Manager Scott Pioli waren Zeugen des Suizids. Unmittelbar davor hatte sich Belcher noch bei beiden Männern für ihre Unterstützung bedankt.
"Die gesamte Chiefs-Familie ist von den heutigen Ereignissen tief betroffen. Unsere Gedanken und Gebete sind bei Familienangehörigen und Freunden, die durch diese unvorstellbare Tragödie betroffen sind", sagte Chiefs-Boss Clark Hunt.
Beschwichtigung scheitert
Belchers Mutter hatte nach dem Mord an der Lebensgefährtin ihres Sohnes die Polizei verständigt und kümmerte sich um die drei Monate alte Tochter.
Als die Beamten zum Trainingskomplex der Chiefs gerufen wurden, versuchten Crennel, Pioli und Linebacker-Coach Gary Gibbs Belcher den Selbstmord noch auszureden.
"Als die Kollegen eintrafen hielt sich der Verdächtige die Pistole an den Kopf und schien, mit den Offiziellen der Chiefs zu reden. Dann hörten die Beamten den Schuss", bestätigte Polizei-Sprecher Darin Snapp.
Freunde sind sprachlos
Freunde und ehemalige Weggefährten können sich die Tat des 25-Jährigen, der 2009 als Rookie nach Kansas City gekommen war, nicht erklären.
"Ich bin sprachlos. Ich hätte so etwas in einer Million Jahre nicht erwartet. Wir hatten zuletzt noch über eine Reise nach Maine gesprochen. Dort wollten wir uns nach der Saison treffen", erzählte St. Louis' Tight End Matthew Mulligan.
Er hatte mit Belcher an der University of Maine zusammengespielt und den Aufstieg seines Freundes von einem Namenlosen zum NFL-Stammspieler verfolgt.
Obwohl er im Draft nicht ausgewählt worden war, schaffte der athletische Verteidiger den Sprung in den Kader der Chiefs und stand in der laufenden Saison bei zehn von elf Partien in der Startformation.
"Gehofft, es wäre nicht wahr"
"Ich habe gehofft, es wäre nicht wahr. Er war zu einem besonderen, jungen Mann gereift. Ich bin schockiert. Er war immer so voller Energie" sagte sein ehemaliger College-Trainer Dwayne Wilmot den "Sporting News".
Der gebürtige New Yorker hatte zu seiner Schulzeit in Long Island neben Football auch als Ringer geglänzt.
"Er war der letzte Mensch, von dem ich das erwartet hätte. Das entspricht nicht seinem Charakter. Er war immer voller Mitgefühl für andere Menschen. Irgendetwas muss furchtbar falsch gelaufen sein", erklärte sein Berater Joe Linta - er betreut auch Coach Crennel.
Spiel gegen Carolina findet statt
Die Chiefs werden ihre Partie des 13. Spieltages gegen die Carolina Panthers nur wenige Meter von dem finalen Schauplatz entfernt austragen. Liga und die Chiefs verständigten sich darauf.
Wie sich die Spieler auf Football konzentrieren sollen, bleibt fraglich. Belchers ehemalige Teamkollegen drückten ihr Gefühle zunächst nur via Twitter aus.
"Bin am Boden zerstört. Ein grossartiger, grossartiger, grossartiger Mitspieler. Wir werden ihn für immer vermissen", schrieb Tight End Tony Moeaki.
Streits mit Freundin
Die Gründe liegen aktuell noch völlig im Dunkeln. Die sportliche Krise der Chiefs (schwächstes NFL-Team) kann ausgeschlossen werden. Belcher spielte eine starke Saison und war im Team anerkannt.
Die Mutter berichtete der Polizei nach der Tragödie von zuletzt häufigen Streits des jungen Paares. Auch deshalb war sie aus New York zu einem Besuch nach Missouri gereist.
Da Belcher aber bereits der zweite NFL-Profi in diesem Jahr ist, der sich das Leben nimmt, kann auch ein medizinischer Grund zum jetzigen Zeitpunkt nicht ausgeschlossen werden.
Nächster Selbstmord
In den vergangenen Jahren häufen sich Selbstmorde bei Football-Spielern jeden Levels bei denen später Hirnschädigungen diagnostiziert wurden.
Teilweise waren unbehandelte oder nicht erkannte Gehirnerschütterungen, die bereits Jahre zurücklagen, ausschlaggebend für die Traumata.
Tennessees O. J. Murdoch erschoss sich im Juli, NFL-Legende Junior Seau nahm sich im Mai auf die gleiche Weise das Leben. Beide Familien stellten die Gehirne der Forschung zur Verfügung.
Vorwürfe von Ex-Profis
Trotz ihrer Anstrengungen in Sachen Spieler-Sicherheit müssen sich auch die Liga und Commissioner Roger Goodell unangenehme Fragen gefallen lassen.
"Die NFL hat früher alles getan, um dieses Problem zu verschleiern und Spieler im Unklaren zu lassen", heisst es in der Klageschrift ehemaliger Profis um Jamal Lewis, die die NFL im Dezember 2011 vor Gericht brachten.
SPORT1