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Stefan Keller
Nägeli
Unter dem Titel Kellers Geschichten veröffentlicht der Thurgauer Historiker im Kulturmagazin Saiten monatlich eine Kolumne. Er lässt sich inspirieren von Bildern und Objekten aus seinem Privatarchiv: im vorliegenden Text von einer silbernen Kette mit Plakette «Für treue Dienste».
Über Nägeli sind kaum Dokumente vorhanden. Nur ein Brief liegt in den Akten, den Lina, die deutsche Magd, der Chefin im März 1955 in die Ferien sandte und den Nägeli mitunterzeichnete: «Nägeli, Schweinedirektor.»
Ferner eine Urkunde, in Holz eingerahmt, die noch Jahrzehnte nach seinem Tod in der Knechtekammer hing: «Nägeli, Ernst, von Gais, wird hierdurch für 5-jährige, treue Dienste als Knecht bei Frau F. E. in H. die Anerkennung und der Dank des Thurgauischen landwirtschaftlichen Kantonalverbandes ausgesprochen. – Der Sekretär. – Der Präsident.» Eine farbige Lithografie über dem Text zeigt ein grosses Heufuder. Zwei Männer unter einem schattigen Baum. Ein Mädchen mit Kopftuch und blauer Schürze, das ihnen den Mostkrug reicht.
Es wird, sagt Nägeli zu den Bauern, eine Zeit kommen, in der man das Heu in der Scheune trocknet.
Der spinnt, sagen die Bauern, den sollte man versorgen.
Und das Getreide, sagt Nägeli, wird auf den Feldern gedroschen werden. In Amerika machen sie es heute schon so.
Amerika ist dort, wo das Christkind kalbert, sagen die Bauern.
1936 erkundigte sich die Chefin beim Eidgenössischen Auswanderungsamt nach möglichen Zielen für ihren Schweineknecht: Nägeli sei «keiner von denen, die etwas auf dem Kerbholz haben und deshalb verschwinden möchten», schrieb sie. «Es steckt einfach ein unwiderstehlicher Drang in dem Menschen, fremdes Land zu sehen und Geld zu verdienen.»
Die Knechtekammer liegt im Nebengebäude über dem Rossstall. Die Magd wohnt in der Mansarde im Haus der Chefin. Thurgauer Dienstboten in den 1950er Jahren hätten keinerlei Aufstiegschancen und seien dazu verurteilt, ihr Leben lang ledig zu bleiben, hält eine zeitgenössische Studie des Bauernverbandes fest. Sehr treue Knechte bekommen ausser der Urkunde mit den mosttrinkenden Männern schliesslich eine Silberkette mit Plakette. Eine kleine Uhr an dieser Kette trägt Appenzeller Motive auf der Rückseite; ich habe sie auf dem Flohmarkt für Nägeli dazugekauft. 25 Jahre nach Aufhebung seines Grabes irgendwo im Ausserrhodischen.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 248.
Erstpublikation: Stefan Keller: Nägeli. In: Saiten 251, 22 (2015), 12 (Dezember), S. 79.