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Die mediale Diskussion um Political Correctness wurde spätestens im vergangenen amerikanischen Wahlkampf wieder neu entfacht. Es geht grundsätzlich um die Frage: Was darf eigentlich gesagt werden? Einige sehen Political Correctness als Maulkorb, für andere bezeichnet der Ausdruck ein grundlegendes Prinzip, das vor Diskriminierung und Ungerechtigkeiten schützen soll. Ein Blick auf die Entstehung und Widersprüche des Begriffs.
Wer sich im Herbst 2016 an der Universität von Chicago eingeschrieben hatte, erhielt neben den üblichen Tipps zum zukünftigen Unialltag einen Brief mit eher unerwartetem Inhalt: Einer Stellungnahme der Universität zum Thema political correctness. Der Brief ist eine Antwort auf jüngere Ereignisse und Proteste an amerikanischen Universitäten, die nicht zuletzt durch die mediale Berichterstattung zu einem political correctness-Kampf stilisiert wurden. In dem Konflikt geht es in erster Linie um die universitäre Institutionalisierung von Regelungen gegen die Diskriminierung bestimmter Gruppen. Die Gegner solcher Massnahmen sprechen von Zensur und einer Einschränkung der Meinungsfreiheit. In ihrem Schreiben macht die Universität von Chicago klar, dass sie ihre Studenten nicht vor allem beschützen will, was ihnen unangenehm sein könnte. Die Universität lehnt das Ausladen von kontroversen Rednerinnen oder die Schaffung von «intellektuellen ‹safe spaces›, in die Einzelne sich zurückziehen können vor Ideen oder Perspektiven, die nicht im Einklang stehen mit den ihren» ab. Eine klare Ansage also in einer Debatte, die nicht nur Studenten auf dem Campus, sondern die ganze amerikanische Gesellschaft zu spalten scheint.
Im Grunde basiert political correctness auf dem Gedanken, dass Sprache eine gesellschaftliche Wirkung hat und deshalb bewusst verwendet werden sollte. Der Begriff ist jedoch längst zu einem Schlagwort in gesellschaftlichen und politischen Debatten avanciert. Jemanden der politischen Korrektheit zu bezichtigen, wird oft als Totschlagargument verwendet, um gegen die andere Seite zu polemisieren. Trumps Erfolg zeigte, dass sich damit im Moment ziemlich gut Politik machen lässt. Immer wieder sprach er davon, political correctness zu zerstören und endlich einmal auszusprechen, was viele denken würden. Auch in Europa taucht der Begriff derzeit häufig in den Medien auf. Als Kampfbegriff der konservativen Rechten wurde er jedoch in erster Linie in den USA der 80er- und 90er- Jahre populär.
In einer Zeit, die durch soziale Bewegungen von Minderheiten und Frauen geprägt war, machten sich vor allem Konservative den Begriff zunutze, um pauschal gegen eine linksliberale Agenda zu wettern. Mit Texten wie The Closing of the American Mind (1989) von Alan Bloom oder einer Reihe von New York Times Artikeln wie The Rising Hegemony of the Politically Correct(1990) von Richard Bernstein wurden verschiedene Antidiskriminierungsbewegungen wie der sogenannte «Multikulturalismus» oder Anliegen zur Geschlechtergleichstellung kritisiert und zum Teil ins Lächerliche gezogen. Dieser Konflikt wurde bald als culture warbezeichnet. In einer bekannten Rede an der Republican National Convention von 1992 rief der konservative Politiker zum Festhalten an den traditionellen amerikanischen Werten auf und befeuerte den «Wertekampf» zwischen Konservativen und liberals, wie in den USA die progressive Linke bezeichnet wird. Heute sind es ähnliche Diskussionen, welche die amerikanische Gesellschaft und Politik prägen: Im August 2015 sagte Buchanan in einem Interview mit CNN, in welchem er auch Trump verteidigte, in noch klareren Worten als 23 Jahre zuvor: «Political correctness is killing this country!»
Auch manche linke und liberale Politikerinnen und Journalisten behaupten inzwischen, dass die Kritik am Ton zum Teil übertriebene Formen angenommen hätte – so auch einige deutsche Politiker wie Sigmar Gabriel oder Winfried Kretschmann, Grüner Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Diese unterstützen zwar meistens die hinter einer solchen Sprachpolitik stehenden Absichten, bestreiten aber die erwünschte Wirkung. Gleichzeitig üben sie scharfe Kritik an dem «Verbalradikalismus», welchem sich vor allem rechtspopulistische Politikerinnen und Politiker bedienen. Die negative Konnotation und die polarisierende Wirkung des Begriffes political correctness hängen mit seiner Geschichte zusammen. Von Beginn an wurde ihm das Potenzial als positives Konzept entzogen.
Wie political correctness vor seiner Popularisierung verwendet wurde, ist ziemlich schwierig zu rekonstruieren. Die Anfänge des Begriffs werden oft mit der Verwendung seiner Adjektivform politically (in)correct unter linksradikalen Gruppen in Verbindung gebracht. Einige führen ihn auf Maos Rotes Buch zurück: Während der Kulturrevolution soll der Begriff die Kontrolle über die Sprache und das Verhalten von Parteimitgliedern bezeichnet haben. Eine weitere Auffassung geht davon aus, dass der Begriff als erstes in sozialistischen Gruppen in den 1930er- und 1940er-Jahren gebraucht wurde – ebenfalls im Zusammenhang mit von der Parteilinie abweichendem Verhalten. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde er, immer noch als Adjektiv, vermehrt innerhalb von links ausgerichteten sozialen Bewegungen gebraucht – meist ironisch als (Selbst-)kritik an eben solchem dogmatischem Hardlinertum. In den stark aufgeladenen Texten konservativer Akademikerinnen, Journalisten und Politiker tauchte später vermehrt der negativ konnotierte Oberbegriff political correctnessauf, der jegliche Ironie verloren hatte. Anfangs bezog sich diese Kritik vorwiegend auf Entwicklungen in der Akademie, bald wurde daraus jedoch eine breitere nationale Debatte.
In den 1980er-Jahren setzten sich an vielen amerikanischen Universitäten einzelne Gruppen für eine Reform der Bildungsinhalte, besonders in den Geisteswissenschaften, ein. Überlieferte Vorstellungen von Geschlecht, Rasse oder sexueller Orientierung wurden in Frage gestellt und sollten neu definiert werden. In diesem Zusammenhang wurden Richtlinien und Reformen wie affirmative action und speech codes eingeführt. Ziel war es auch, Themen wie Diskriminierung oder die Geschichte von Minderheiten in die Lehrpläne aufzunehmen. Dabei gewannen die Kulturwissenschaften und die Gender Studies an Bedeutung. Diese Bestrebungen, die bald unter dem Schlagwort political correctness zusammengefasst wurden, stiessen innerhalb der Universitäten auf heftige Abwehr. Es wurden konservativ ausgerichtete Studentenzeitungen gegründet, die gegen die strukturellen Veränderungen und gegen eine angebliche Einschränkung der Freiheit anschrieben. Diese übten einen erheblichen Einfluss auf die nationale Presse aus und bedingten damit die Entstehung des Kampfbegriffs. Laut dem marxistischen Soziologen Stuart Hall waren die Entwicklungen in den Geistes- und Sozialwissenschaften, in denen political correctness als Begriff an Bekanntheit gewann, bedeutend für die gesamte politische Landschaft seit den 90er-Jahren – nicht nur in den USA. In einem Essay von 1995 spricht er von einem breiteren historischen Trend, den er beobachte. Besonders die Rolle der Sprache in diesen Entwicklungen sah Hall als zentral an: «We may say that PC [Political Correctness] arises in an intellectual culture which has undergone what the philosophers call ‹the linguistic turn›». Hall betont einerseits die Wichtigkeit, Themen wie Sexualität, Ethnizität und Sprache oder den Lehrplänen von Universitäten politische Relevanz zu geben, andererseits sieht er in political correctness die Gefahr, dass politische Auseinandersetzung zu sehr als das Entlarven von falschen Ideen und Bedeutungen aufgefasst wird und nicht auch als Aushandeln von Differenzen. Der Zusammenhang der medial so präsenten Debatten um political correctness und universitären Entwicklungen ist deshalb besonders interessant, da die Debatte oft auch als ein Konfliktfeld zwischen Intellektuellen und Vertretern eines gewissen «Antiintellektualismus» erscheint.
Debatten um Sprach- und Verhaltensnormen sind Ausdruck der wesentlichen Rolle, welche die Sprache in gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen spielt – besonders bei Themen wie der sozialen und ökonomischen Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihres Geschlechts oder ihrer sozialen Stellung. Neben den Inhalten geht es dabei immer auch um die Frage, wie der öffentliche Diskurs in einer Gesellschaft aussehen sollte. Es gibt Konflikte zwischen verschiedenen Gruppen, welche diesen Diskurs mitbestimmen oder in ihm vertreten sein wollen. Eine Aufgabe – insbesondere von Personen der Öffentlichkeit – sollte es sein, eine kritische Sprache für das Aushandeln von Meinungs- und Interessenskonflikten zu finden, die Probleme und Missstände anspricht, jedoch keine diskriminierende oder polarisierende Wirkung in der Gesellschaft hat.