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Walter Burk
Furgglenhöhle
Burks dritter Alpsteinkrimi beschäftigt sich auch mit dem Heilbeten. Chläus ist einer von rund 30 Gebetsheilern in Appenzell Innerrhoden, die mithilfe von Gebeten die Schmerzen oder das Fieber nehmen, das Blut stillen oder ‹Brand löschen›, schwere Verbrennungen und Entzündungen zum raschen Ausheilen bringen. Zu ihren Heilfähigkeiten gehört auch das Bekämpfen von Warzen und hartnäckigen Ekzemen, ebenso die Hilfestellung bei psychischen Problemen wie Prüfungsangst oder Heimweh.
Mehrere kleine Lichtpunkte bewegen sich im Dunkeln von der Alp Furgglen in Richtung Rainhütte, folgen zuerst dem Weg, um dann nach gut 500 Metern diesen zu verlassen, und steigen über das offene und steile Gelände Richtung Furgglenfirst hinauf. Die Punkte, deren unruhige Bewegungen auf Stirnlampen hinweisen, scheinen nicht zusammenzugehören, aber alle das gleiche Ziel anzusteuern. Sie bewegen sich in kleinen Gruppen von zwei bis fünf Personen, in verschiedenen Abständen und nach dem Verlassen des Weges auf nur geringfügig verschiedenen Routen. […]
Doch nicht die Alp selbst, sondern eine Öffnung in der Felswand, die 1907 entdeckte ‹Furgglenhöhle›, scheint das Ziel der Lichtpunkte zu sein. Ein Ort, wo sich vor allem in der Ferienzeit und während der Winterzeit tagsüber immer wieder Gruppen von kleinen und grossen Höhlenforschern tummeln. Der Einstieg in die Höhle ist dank eines geräumigen Hauptganges mit nur einer kurzen Engstelle, durch welche sich die Besucher einzeln zwängen müssen, und einigen Felsstufen nicht allzu schwierig und lässt sie ohne Probleme in den ‹Sayonaradom›, in eine der grösseren Hallen, vordringen.
Und dort trifft nun auch die altersmässig durchmischte Gruppe im Licht ihrer Stirnlampen zusammen und gruppiert sich um einen älteren, gross gewachsenen Mann mit beinahe schulterlangem, grauen Haar und einem mächtigen, grauweissen Bart, der schweigend wartet, bis sich die Ankömmlinge im Halbkreis um ihn postiert haben. Trotz seines schwarzen Umhangs ist er im Licht der zahlreichen Stirnlampen vor dem feucht glitzernden Felsen gut zu erkennen – nicht zuletzt auch dank der Tatsache, dass er seine Lampe gelöscht hat, um seine Zuhörer nicht zu blenden.
Langsam hebt er seine Arme seitlich in die Höhe und begrüsst die nächtlichen Wanderer mit einem eindringlichen: «Friede sei mit euch!»
«Friede sei mit dir», murmeln einige der Besucher, verstummen aber sofort, als der Mann vor ihnen seine Stimme wieder erhebt.
«Danke, dass ihr hier seid. Dass so viele gekommen sind, um diese Zeit, an diesen abgelegenen Ort, zeigt, wie wichtig auch euch unsere gemeinsame Sache ist. Diesen Ort habe ich bewusst gewählt, ein Kraftort, ein Ort der Ruhe, der uns durch die zahlreichen Höhlenforscheraktivitäten eine gute Tarnung bietet und von dem kein Wort nach aussen dringt. Und der uns ermöglicht, nach unseren Treffen noch in der ‹Bollenwees› einzukehren und den Eindruck zu erwecken, dass wir deswegen hier oben sind.»
Die Zuhörer bestätigen seine Aussage mit einem kurzen Lachen.
«Doch lasst uns zu dem kommen, weswegen wir hier sind», fährt der Redner fort. «Wir alle wissen, welche Kraft hier in dieser Höhle heute zusammengekommen ist – eine Kraft, die gottgegeben ist und die einigen Auserwählten, die heute dabei sind, verliehen wurde. Eine Kraft, die diese für Gutes einsetzen, um Menschen und Tieren zu helfen. Und alle anderen, die nicht zu diesen Auserwählten gehören und trotzdem hier sind, wissen um die Bedeutung dieser Menschen, die ihre Tätigkeit im Stillen, von der Öffentlichkeit unbemerkt, ausüben.
Doch heute werden dem Gebetsheilen, das Teil unserer Geschichte und Kultur ist, immer mehr Misstrauen und Vorbehalte entgegengebracht. Nicht zuletzt, weil viele Menschen keine Nähe mehr zu Gott haben und deshalb nicht glauben können, dass er uns solche Kräfte verleiht!»
Ein zustimmendes Raunen geht durch die Reihen.
«Und deshalb wird unser Wirken oft der schwarzen Magie zugeschrieben. Doch nur weil wir uns vereinzelt beim ‹Diebesbannen› auch böser Kräfte bedienen, heisst das nicht, dass wir Schlechtes tun. Denn die Wirkung, dass der Dieb erst wieder Wasser lösen kann, wenn er das Diebesgut zurückgegeben hat, dient aus Sicht der Bestohlenen einem guten Zweck!
Wir Gebetsheilenden in Innerrhoden sind ohne Ausnahme von Gott mit der Fähigkeit zum Heilen begnadet. Denn die von Jesus seinen Jüngern zugesprochenen Gaben sind auch heute noch nicht ganz erloschen – doch nur Menschen, die fest im christlichen Glauben stehen, vermögen Gleiches zu tun wie wir!»
Lydia Fuchs sucht die Hand von Anton, zieht ihn zu sich hin und flüstert ihm zu: «Hast du gehört, Toni, auch wir haben die Möglichkeit, mit unseren Gebeten zu helfen!» Toni Bischofberger nickt stumm und drückt fest die Hand seiner Freundin.
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 402–403.
Erstpublikation: Walter Burk: Doppelgott. Dritter Teil der Alpsteinkrimi-Trilogie. Messkirch: Gmeiner-Verlag, 2016. S. 24–27.