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Miniatur aus dem so genannten Lucca-Codex desLiber divinorum operum: Hildegard am Schreibpult, um 1220/1230, Biblioteca Statale inLucca
Hildegard wurde als zehnte Tochter des rheinfränkischen Edelfreien Hildebert von Bermersheim-Alzey und seiner Frau Mechthild geboren. Schon als kränkliches Kind hatte sie Visionen; sie behielt diese prophetische Gabe, Vorauszusehen und Gegenwärtiges im Blick auf die Zukunft richtig zu deuten, ihr Leben lang. Hildegard wurde ab ihrem achten Lebensjahr bei ihrer Verwandten Jutta von Sponheim in deren Klause erzogen, aus der dann das Benediktinerinnenkloster Disibodenberg wuchs. Auch hier war Hildegard immer wieder krank, kaum fähig zum Gehen, oft auch durch Sehbehinderungen eingeschränkt. Nach Juttas Tod 1136 wurde Hildegard deren Nachfolgerin als Priorin, entschied aber, 1147/48 ihr eigenes Kloster über dem Grab von Rupert von Bingen zu gründen.
Hildegard zog 1151 mit 18 Schwestern in dieses heute nicht mehr vorhandene Kloster auf die Rupertsberg genannte Anhöhe bei Bingen und war die Äbtissin. Männer und Frauen aller Stände des Volkes suchten sie in ihrem Kloster auf oder baten schriftlich um ihren Rat; mit Kaiser Friedrich Barbarossa führte sie einen ausführlichen Briefwechsel. Da sie selbst nicht perfekt Lateinisch konnte, diktierte sie alle ihre Schriften. 1165 gründete sie das heute noch bestehende Tochterkloster Eibingen bei Rüdesheim.
Im Vorwort zu Scivias schrieb Hildegard:
Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich zweiundvierzig Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehirn, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt. Und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testamentes.
Man nannte die wohl größte Mystikerin Deutschlands ehrfurchtsvoll Tischgenossin Gottes. Hildegard war Künstlerin und Wissenschaftlerin, Mystikerin und Ärztin, Dichterin und politisch engagiert, dennoch von zartem und gebrechlichem Wesen und dies in einer von Männern dominierten Welt. Ihre Regeln für eine gesunde Lebensführung klammerten auch die Sexualität nicht aus, ihre Gedanken zur Rolle der Frau waren mutig und richtungsweisend. Unter dem ständigen Druck der über sie kommenden Gesichte begann Hildegard 1141, ihre Visionen schriftlich festhalten zu lassen; dabei half ihr der Mönch Volmar, der sie schon bei ihrer Ausbildung im Kloster als Magister begleitet hatte. Sie wurde darin von Bernhard von Clairvaux unterstützt; er erreichte bei Papst Eugen III. die Erlaubnis zur Veröffentlichung der Schriften, als dieser 1148 auf der Synode von Trier weilte, auf der Teile von Hildegards Scivias Wege (Gottes) verlesen wurden.
Hildegard predigte auch auf dem Marktplatz in Trier und öffentlich auf vier Reisen, sie beriet Kaiser Barbarossa in Ingelheim am Rhein, ritt noch in hohem Alter ins Kloste nach Maulbronn und ins Kloster Zwiefalten, von innerem Licht beauftragt, ihre himmlische Belehrung mitzuteilen. Nach Aufstellung des dritten Gegenpapstes, Callistus III., durch Kaiser Barbarossa bezog Hildegard in einem Brief an ihn eindeutig Stellung, bekannte sich zu Papst Alexander III. und schriebfreimutig: Gib acht, dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt!
Kraftvoll protestiert hat Hildegard auch gegen Bischöfe und Papst, wie Papst Benedikt XVI. 2006 in einem Fernsehinterview lobte: Sie hatte einen exkommunizierten Edelmann, der sich aber mit der Kirche wieder ausgesöhnt hatte, auf dem Klosterfriedhof Rupertsberg bei Bingen in geweihter Erde begraben; der Bischof von Mainz verlangte, dass er ausgegraben und auf den Schandacker geworfen werde. Hildegard aber schrieb ihm, dass sie seiner Aufforderung nicht nachkommen werde, denn die Gerechtigkeit stehe über dem Gehorsam. Darauf verhängte der Bischof das Interdikt, wonach keine Sakramente mehr gespendet werden dürfen, sodass ihr ganze Kloster von jeder sakramentalen Handlung ausgeschlossen war; Hildegard blieb dennoch bis zu ihrem Tod dem Grundsatz treu, denn es brannte in ihrer Brust eine Liebe, die keinen Menschen ausschloss, so Hildegards Biograf, der Mönch Gottfried Theoderich.
Ihr erstes, 1141 bis 1147 verfasstes visionäres Werk Liber Scivias Domini, Wisse die Wege Gottes, schrieb Hildegard zusammen mit Propst Volmar von Disibodenberg, den sie symmista, Miteingeweihten, nannte. Das schwer verständliche Buch ist durchweg prophetisch und mahnend in der Art von Ezechiel und der Offenbarung des Johannes. Hildegard schlägt einen großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Schöpfung der Welt und des Menschen über das Werden und Sein der Kirche bis zur Erlösung und Vollendung am Ende der Zeiten. Die ewige Geschichte von Gott und Mensch, von Abkehr und Hinwendung des Menschen zu seinem Schöpfer, wird in immer neuen Bildern anschaulich gemacht. Das ihr oft zugeschriebene Zitat Werde was du bist — Mensch, werde Mensch stammt zwar nicht von Hildegard, charakterisiert aber ihre Denkweise.
Die heilige Gottheit kann keiner je begreifen, nicht einmal berühren mit seinem Verstand, so hoch er ihn auch emporrecken mag. Gott ist höher als alles, schrieb sie knapp hundert Jahre, bevor Thomas von Aquin genau dies in unübertroffener Meisterschaft versuchte — bis auch er nach einer mystischen Erfahrung ein Jahr vor seinem Tod dieses Bemühen einstellte. Das Geheimnis des Geistes Gottes ist für Hildegard aber in der Schöpfung erfahrbar: Alles durchdringst Du, die Höhen, die Tiefen, jeglichen Abgrund. Das Obere begegnet dem Unteren, der Schöpfer in der Schöpfung, in jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein lässt er sich lesen, Belebtes und Unbelebte klingen zusammen in einer großen Symphonia. Die Erde ist nicht die endgültige Heimat des Menschen, aber sie ist viel mehr als wertlose Hülle.
Das Grundübel des Menschen besteht für Hildegard darin, dass er — mit dem schwarzen Engel — immer nur Ich und Ich sagt und sich anmaßend selbst das Gesetz gibt, so als ob er sein eigener Gott sei. Die Lösung sei, sich selbst zu verlassen, die eigene Unordnung — dann erst den Leib — zu kurieren durch Reue: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel. Das heißt: gegen das himmlische Kunstwerk, das ich selbst bin. Der einzige, der wirklich den Namen Arzt verdiene, Christus, vermittelt die Einsicht und öffnet den Weg zum Vater.
Hildegards seelsorgliche Arbeit galt vor allem dem Klerus, der damals zu verweltlichen drohte. Alle, die ein Vorsteheramt zu verwalten hatten, warnte sie vor Härte und empfahl Barmherzigkeit und Maßhaltung. In Köln sprach sie öffentlich zum Klerus, die Predigt ist erhalten: Ihr seid eine Nacht, die Finsternis ausatmet, und wie ein Volk, das nicht arbeitet. Ihr liegt am Boden und seid kein Halt für die Kirche, sondern ihr flieht in die Höhle eurer Lust. Und wegen eures ekelhaften Reichtums und Geizes sowie anderer Eitelkeiten unterweist ihr eure Untergebenen nicht. Ihr solltet eine Feuersäule sein, den Menschen vorausziehen und sie aufrufen, gute Werke zu tun.
Hildegard-Schrein in der Pfarrkirche in Eibingen
1632 wurde das Kloster Rupertsberg zerstört, Hildegards Reliquien wurden nach Köln, später nach Eibingen gebracht. Theodor Schnitzler nannte sie Deutschlands größte Frau. In neuerer Zeit hat Hildegard besonders mit ihren Vorstellungen von Naturheilkunde und Ernährung wieder große Beachtung gefunden.
Kanonisation: Schon Papst Gregor IX. leitete um 1235 ein Heiligsprechungsverfahren ein, das aber nie zu Ende geführt wurde, weil das Bistum Mainz immer wieder Widerstand leistete; es ging dabei um die damals noch nicht endgültig geklärte Frage, ob der Bischof oder nur der Papst für die Kanonisation zuständig ist. Ein letztes ordentliches Kanonisationsverfahren unter Papst Innozenz IV. führte auch noch 1244 deshalb zu keinem Ergebnis. Dennoch wurde sie 1584 ins Martyrologium Romanum aufgenommen; allerdings wurde auch oft darauf verwiesen, dass Hildegard nie eine offizielle Heiligsprechung zuteil wurde.
1979 leitete die AG Katholischer Frauenverbände und –gruppen eine neue Initaive ein. Die Deutsche Bischofskonferenz stellte in Rom den Antrag, Hildegard als Kirchenlehrerin anzuerkennen; Voraussetzung dafür ist ab eine offizielle Heiligsprechung. Deshalb wurde wieder eine Prüfung eingeleitet. Am 10. Mai 2012 hat Papst Benedikt XVI. schließlich angeordnet, dass sie ohne förmliches Verfahren in den Heiligenkalender aufgenommen werde; dies ist aber keine Heiligsprechung im üblichen Sinn, denn dazu braucht es einen liturgischen Akt in einem Gottesdienst; Benedikt XVI. hat also eigentlich nur angeordnet, was seit 1584 gilt.
Am 7. Oktober 2012 wurde sie von Papst Benedikt XVI. zur Kirchenlehrerin erhoben.
Patronin der Esperantisten, Sprachforscher und Naturwissenschaftler