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Sharon Ya’ari (geb. 1966 in Holon) zählt zu den bekanntesten Künstlern Israels. Seine Fotografien wurden in zahlreichen Museen und Galerien in Israel und im Ausland gezeigt (u.a. Herzliya Museum of Art, 1999; Lombard Freid Fine Arts, New York, 2001, Tel Aviv Museum of Art, 2006; Sommer Contemporary Art Gallery, 2009; Galerie Martin Janda Wien, 2009). Ebenso hat Ya‘ari zahlreiche Preise (u.a. Constantiner Photography Award, 2010; Creative Encouragement Award, 2009) gewonnen und unterrichtet seit 1994 im Departement für Fotografie an der Bezalel Academy of Arts and Design in Jerusalem. Das Kunsthaus Baselland freut sich, die erste Ausstellung des Künstlers in der Schweiz zeigen zu können.
In der Ausstellung Jerusalem Blvd. II bezieht sich Sharon Ya’ari auf ein ähnliches Konzept wie in jener, die in der Sommer Contemporary Art Galerie in Tel Aviv im Jahre 2009 gezeigt wurde. Er präsentierte dort erstmals eine Auswahl von Fotografien, entstanden zwischen 2005 und 2010, welche speziell für die dortige Präsentation zusammengestellt wurden. Für die Ausstellung im Kunsthaus Baselland änderte er die Zusammenstellung erneut und ergänzte sie mit aktuellen Fotografien von 2011. Je nach räumlicher Gegebenheit, nimmt der Künstler die Auswahl vor und konzipiert — darauf abgestimmt — die Gesamthängung. Die vierzig Meter lange Wand in einem schlauchartigen Raum des Kunsthaus Baselland wird mit den bis zum Boden reichenden Fenstern zur Ausstellungsfläche per se. Ya’ari entwickelte ein Konzept, bei welchem die Bilder wie in einem langen, visuellen Satz platziert sind. Der bildsprachliche Satz kann von vorne nach hinten und von hinten nach vorne gelesen werden. Obwohl die Bilder Einzelwerke sind, können sie in ihrer Zusammenstellung auch als eine Momentaufnahme eines grösseren Ganzen verstanden werden. Ya’ari fotografiert mit grossformatigen Kameras mit den Negativgrössen 4x5 inch und 8x10 inch, scanned die Bilder und druckt sie als Inkjetprint. Seine Aufnahmen sind häufig in s/w, aber auch vereinzelt in Farbe entstanden und ausgearbeitet. Ya’ari hat sich Anfang der 2000er-Jahre als Reaktion zur Überfülle an Farbfotografien bewusst mit der s/w-Fotografie auseinandergesetzt. Die bestimmende Wahl, ob ein Motiv in Farbe oder s/w fotografiert und entwickelt wird, hängt letztlich vom Motiv selbst ab. Mit grosser Sensibilität entscheidet der Künstler, ob Farbigkeit oder Nichtfarbigkeit die jeweilige Stimmung, Motivik oder inhärente Erzählung unterstreicht.
Die ausgestellte Bilderfolge beinhaltet u.a. Bilder von merkwürdigen, utopisch anmutenden gebauten Architekturen, die als Überwachungstürme fungieren. Ein Militärnetz blieb an einem dieser Bauten hängen (Anzac, 2009—2011) — ein gefrorener zeitlicher Moment, dessen Entstehung in der Vergangenheit und dessen Weiterbestehen in der Zukunft wir nur unserer Phantasie überlassen können. Atit (2011), ein weiterer Überwachungsturm, wirkt wie ein gebasteltes Provisorium, das hoch über die Landschaft hinausragt und gleichsam den Stellenwert eines Mahnmahls einnimmt. Rashi Street (2008) zeigt drei verschiedene Blickwinkel von Staubwolken, die sich ihren Weg durch die Strasse bahnen. Unklar bleibt die Ursache für die Staubwolke: Attentat? Abbruch eines Hauses? Sandsturm? Das Diptychon Untitled (2009) zeugt vom zeitlichen Vergehen, vom gleichzeitigen Wachstum und Zerfall. Eine Raststätte mit Esstisch und zwei Sitzbänken ist in der ersten Momentaufnahme von einem Baum umgeben, von dem sich ein Teil loslöst; der nächste festgehaltene Moment zeigt das Mobiliar, vom herabstürzenden Ast getroffen und von Pflanzen überwuchert, selbst als Teil des Zerfallsprozesses. Thicked (2009) wiederum ist das Bild einer unentwirrbaren Verwachsung bzw. Vernetzung. Den Bildern haftet immer wieder ein melancholischer Grundton an. Sie können symbolisch, politisch oder schlichtweg faktisch gelesen werden — doch genau das Schwanken zwischen diesen Interpretationsebenen gibt Raum für Zwischentöne und subtile Stimmungen. Die zwei Bilder Road 6 (2010) und Untitled (2010) sind Farbbilder, deren Inhalt sich sinnfällig über die Farbtöne erschliesst. Der verhalten leuchtende Abendhimmel und seine singuläre, plastisch ausufernde Wolke lassen letztere zu einem «Zeichen von oben» werden. Ihre strahlende Kraft wirkt ebenso wie der blühende Baum vor dunstigem Himmel in Untitled verheissungsvoll und löst einen Moment voll zukunftsbezogener Zuversicht aus. Sharon Ya’aris jüngste Fotografien sind eine Auseinandersetzung mit Ruinen und archäologischen Stätten (Shivta Ruins, 2010; Untitled, 2010—2011). Ihn interessieren die Reste von Spuren aus längst vergangener Zeit, welche mit Historie und Politik aufgeladen sind und deren Lesbarkeit aus Details erahnbar wird.
Ya’aris Fotografie wird immer wieder eine «sublime Theatralität» bescheinigt (Ouzi Zur), seine Werke werden als «leise aber nicht still, stoisch aber nicht leer» (Sarah Thornton) bezeichnet. Er teilt mit Walker Evans die Ablehnung gegenüber dem Fotojournalismus, ebenso wie die Zuneigung zum subtilen Blick auf Wesentliches — auch wenn es, wie bei Sharon Ya’ari in den Spuren des «Kleinen» bzw. den Andeutungen des Vergangenen oder Zukünftigen zu finden ist.
Text von Sabine Schaschl