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In Mailand ist ein Schrei im Raum. Im ersten Moment ist nicht klar, wem der Schrei gehört. Er dringt aus einem roten Knäuel hervor, rot von den Westen der Helferinnen, die sich über den Schrei beugen. Am Boden sind zwei kleine Füsse zu sehen, die strampeln.
In der Schweiz reibt sich mein Sohn wohl gerade den Schlaf aus den Augen. Und rennt sicher bald den Flur hinunter in mein Büro, wo er mich heute nicht finden wird. Ich bin in einem Flüchtlingszentrum von «Save the Children» im Hauptbahnhof Mailand.
Ich schaue den kleinen Füssen zu, die sich langsam beruhigen. Die Schreie verstummen und aus dem roten Knäuel tritt ein kleiner Junge. Seine Haut erinnert an gebleichtes Papier. Das rote Knäuel löst sich auf. Hinten an der Wand steht ein Stuhl, auf dem sitzt ein alter Mann. Er sagt, er sei der Grossvater des Jungen. Er hat lange Beine, die vom Knie bis zum Sprunggelenk von Narben übersät sind. Der Mann sagt, sie seien Syrer, seien durch Nordafrika gereist, hätten in Libyen ein Boot über das Mittelmeer bestiegen und gestern Abend in Süditalien den Nachtzug nach Mailand genommen.
Vermutlich sitzt mein Sohn jetzt im Tripp Trapp und schaut dem Joghurt zu, das vom Löffel tropft. Für einen kurzen Moment, während dem das Bild anhält, bin ich bei ihm. Es ist das erste Mal, dass ich beruflich mit Kindern zu tun habe. Normalerweise bin ich entweder Reporter oder Vater. Jetzt bin ich plötzlich beides gleichzeitig. An der Wand hängen Zeichnungen von Kindern, die eine Weile im Flüchtlingszentrum verbrachten, bevor sie im Zug weiter in den Norden fuhren. Da ist eine blaue Wolke zu sehen, so gross, dass sie fast das Blatt ausfüllt, darunter schwarzes Meer. Da sind quadratische Häuser mit kleinen vergitterten Fenstern. Oder ein Kind im Rock, vor dessen Füssen sich die Wellen brechen.
Ich denke an meinen Sohn, der wahrscheinlich gerade unter den Achseln gekitzelt wird und sich kugelt vor Lachen.
Der Arzt kommt. Er trägt ein weisses Hemd und Gesundheitsschuhe. Er sagt, der Junge sei massiv dehydriert. So stark dehydriert, dass der Magen kein Wasser mehr aufnehmen könne. Der Junge müsse ins Spital. Der Grossvater schüttelt den Kopf. Er wolle in dreissig Minuten den Zug nach München erwischen. Sie hätten Verwandte in München. Da fällt mir auf, dass der Grossvater ganz anders aussieht als der Enkel, fast so, als kämen sie von zwei verschiedenen Erdteilen.
Mein Sohn streunt jetzt wohl durch den Garten, beugt sich über Blumen und sagt: «Mmmh».
Vor zwei Jahren, als ich noch nicht Vater war, hätte ich in Mailand die Duplosteine, Plastikflugzeuge und Frosch-Rasseln gesehen und gedacht, viel mehr brauche ein Kind nicht. Jetzt weiss ich, dass hier ganz vieles fehlt: verbeulte Plastikflaschen voll warmer Milch. Zerwühlte Betten mit Schaffell. Und eine Mutter.
Der syrische Junge stolpert über eine gummierte Spielmatte, wackelt seltsam mit dem Kopf, dann kippt er nach hinten weg und windet sich. Eine der Frauen in roter Weste hebt ihn hoch und drückt ihn an sich. Der Arzt sagt, es sei wirklich sehr wichtig, der Junge müsse ins Spital.
Der Arzt könnte die Polizei rufen. Aber das würde alles noch schlimmer machen. In München könnten tatsächlich Verwandte warten. Die Polizei würde den alten Mann daran hindern, dorthin zu kommen. Der alte Mann nimmt den Jungen an der Hand und verlässt den Raum. Der Arzt schaut ihnen nach, er scheint der Ansicht zu sein, dass der Junge die Reise nach München überlebt. Es wird plötzlich ganz still.