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Herr Hübl, glauben Sie an Gott?
Nein.
Woher wissen Sie, dass es ihn nicht gibt?
Das kann niemand sicher wissen. Die Frage muss eher umgekehrt lauten: Wie kommen die Gläubigen zu ihrer Überzeugung? Existenzannahmen sind eine Bringschuld. Wer zum Beispiel behauptet, Zeus schleudere Blitze, ist in der Pflicht, zu zeigen, dass dieser Gott existiert. Und wer behauptet, Blitze seien elektrische Entladungen, muss nachweisen, dass Elektronen existieren. Bei Elektronen ist das der Wissenschaft gelungen, bei Zeus und anderen Göttern bisher nicht.
Sollten Sie nicht besser Skeptiker oder Agnostiker sein anstatt Atheist? Schliesslich wissen Sie ja nicht mit Sicherheit, dass es Gott nicht gibt.
Agnostiker und Skeptiker sind Atheisten, denen der Mut fehlt, konsequent zu sein. Bei Wotan, Osiris oder Manitu ist doch auch niemand Agnostiker. Warum dann bei dem Gott der abrahamitischen Religionen?
Dürfen wir nur an Dinge glauben, die wir beweisen können?
Strenge Beweise gibt es nur in den formalen Wissenschaften, also der Mathematik und Logik. Wenn wir über Gott sprechen, geht es vielmehr um Hinweise, also um die Frage: Was spricht dafür? «Glauben» heisst im Alltag «für wahr halten». Das zeigt sich in Sätzen wie «Ich glaube, es schneit». Die Wendung «glauben an» kennen wir eher aus Sätzen wie «Jogi Löw glaubt an seine Mannschaft». An Gott zu glauben, muss heissen, es für wahr zu halten, dass er existiert. Vor dem «glauben dürfen» stellt sich also wieder die Frage: Warum sollte man Gottes Existenz annehmen?
Es gibt Menschen, die von Visionen berichten und behaupten, ihnen sei Gott erschienen oder er habe zu ihnen gesprochen. Sind das aus Ihrer Sicht Scharlatane oder gar psychisch Gestörte?
Ein Aphorismus sagt: «Wenn du zu Gott sprichst, dann ist das ein Gebet. Wenn Gott zu dir spricht, dann ist das Schizophrenie.» In einer Psychose hören Schizophrene tatsächlich «fremde» Stimmen und schreiben sie dann dem Fernseher, Ausserirdischen oder Gott zu. Für solche Zuschreibungen bedarf es nicht einmal einer Krankheit.
In vielen Religionen deuten Gläubige ihre spirituellen Erfahrungen als Anwesenheit eines höheren Wesens. Dahinter steckt der Irrglaube, wir hätten eine Art inneren Sinn, um mit anderen zu kommunizieren. Wie die Forschung zeigt, bringt Wunschdenken Menschen dazu, ihre Erlebnisse bei der Meditation umzudeuten. Und ja, auch Betrüger nutzen solche Vorstellung für ihre Zwecke aus. Bei George W. Bush lag vielleicht beides vor, als er meinte, Gott habe ihm den völkerrechtswidrigen Irakkrieg empfohlen.
Wenn uns der Glaube Kraft und Hoffnung gibt, dann sollten wir doch an ihm festhalten – oder etwa nicht?
Ich frage mich, ob es sich wirklich um Kraft und Hoffnung handelt und nicht vielmehr um Verdrängung und Selbsttäuschung. Das Leben ist sinnlos, weil es keinen «höheren» Sinn gibt neben jenem, dem man selbst dem Leben gibt.
Statt sich dem zu stellen, verdrängen viele Menschen ihre Sterblichkeit und wiegen sich in der Hoffnung, es gäbe ein Leben nach dem Tod. Nietzsche würde sagen, sie fühlen sich nicht als die «Brüderschaft des Todes», weil sie einer existenziellen Illusion unterliegen.
Wie lebt es sich in einem gottlosen Universum ohne Sinn und Zweck?
Das Universum ist so faszinierend, dass es da nicht noch mehr geben muss. Als Beleg für einen höheren Sinn nennen Gläubige oft besondere Erlebnisse wie Liebe, Schönheit oder die Ehrfurcht vor den unendlichen Weiten des Universums. Doch warum sollten gerade diese Phänomene auf Gott oder einen Sinn hindeuten?
Warum sprechen Leid und Schmerz nicht gegen Gott? Die Suche nach höheren Zwecken ist ein Anthropomorphismus: Der Mensch baut Uhren zu einem Zweck, aber Tiere oder Planeten sind nicht nach einem Bauplan entworfen. Sie sind durch die Evolution oder andere kausale Prozesse entstanden. Wir neigen zwar dazu, die sinnfreie Natur zu vermenschlichen, doch zum Glück hilft uns die Vernunft, das als Denkfehler zu erkennen.
Angenommen, Sie könnten eine Pille schlucken und würden danach an Gott glauben: Sie würden sich geborgen fühlen und hätten keine mehr Angst vor dem Tod. Würden Sie die Pille schlucken?
Ich habe keine Angst vor dem Tod, denn den Tod erlebt man nicht, sondern Angst, danach nicht mehr zu existieren. Wenn die Pille mir also ewiges Leben sicherte, würde ich sie sofort schlucken. Wenn sie mich aber daran hinderte, mein Leben am sicheren Tod auszurichten, käme sie einer bewusst gewählten Selbsttäuschung gleich. Viele Menschen mussten diese bittere Medizin unter dem Namen «Religion» schlucken, und zwar oft, ohne ihre Zustimmung gegeben zu haben. Ich ziehe einen depressiven Realismus der Seligkeit durch Unwissen vor.
Das Interview wurde schriftlich geführt.
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Philipp Hübl
Philipp Hübl ist Juniorprofessor für Philosophie an der Universität Stuttgart und Autor des Buches «Folge dem weissen Kaninchen … in die Welt der Philosophie» (Rowohlt 2012). Zuletzt erschien von ihm: «Der Untergrund des Denkens. Eine Philosophie des Unbewussten» (Rowohlt 2015)“