Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03262.jsonl.gz/720

Expressionismus Schweiz
Ausgerechnet Winterthur als Schauplatz für „Expressionismus Schweiz“? Das Verhältnis dieser Stadt zu einem der wichtigsten Exponenten dieser Kunst, zu Ernst Ludwig Kirchner, war ja lange Zeit getrübt. Wohl fand hier 1924 im Kunstmuseum eine Ausstellung mit Werken des in Davos lebenden Deutschen statt, doch die grossbürgerliche Wirtschafts- und Bildungselite der Stadt verweigerte seiner Kunst die Liebe. Sie bevorzugte Französisches und Postimpressionistisches, Bonnard zum Beispiel.
Mit einer Ausnahme: Georg Reinhart (1877–1955), Chef des Handelshauses Volkart und Vorstandmitglied des Kunstvereins, förderte die Kirchner-Ausstellung und wollte dem Museum ein gewichtiges Werk des Malers schenken: „Davos im Schnee“ (1923). Um die Schenkung schmackhaft zu machen, legte er Max Liebermanns „Pferderennen“ dazu.
Das Museum sagte ja zu Liebermann – und lehnte Kirchner ab. „Davos im Schnee“ ging nach Reinharts Tod ans Kunstmuseum Basel, zusammen mit Kirchners Skulptur „Die Freunde“, welche die Rot-Blau-Maler Hans Scherer und Albert Müller zeigt. Die Erben Georg Reinharts waren gegenüber dem Winterthurer Museum jedoch generös trotz dieser Episode, die Museumsdirektor Konrad Bitterli im Katalog rapportiert: Sie schenkten dem Haus 1955 eines von van Goghs zahlreichen Bildnissen des Posthalters Joseph Roulin.
Van Gogh und El Greco als Anreger
Das 1888 entstandene Porträt dieses Posthalters, eines stattlichen Herrn mit Vollbart und wachem Blick, angetan mit einer tiefblauen Jacke mit leuchtenden Goldknöpfen, steht am Anfang der Winterthurer Ausstellung „Expressionismus Schweiz“. Die Kuratorin Andrea Lutz und der Kurator David Schmidhauser wollen damit einen Ursprung expressiver Malerei ins Bewusstsein rufen: Van Goghs geniale Vorwegnahme späterer Ausdruckskunst war in der Schweiz des beginnenden 20. Jahrhunderts durchaus präsent: Cuno Amiet kannte ihn. Und die Solothurner Sammlerin Gertrud Müller erwarb bereits 1908 zu ihrem eigenen 20. Geburtstag van Goghs „Irrenwärter von Saint-Rémy“ von 1889 (heute Kunstmuseum Solothurn).
Es gab aber auch andere Ereignisse, die eine Abkehr von realistischer und Zuwendung zu neuer Sehweise förderten – zum Bespiel das Engagement des Kunsthistorikers Julius Meier-Graefe für El Greco, dessen Kunst in Deutschland bis zum Ankauf von „Die Entkleidung Christi“ durch die Bayerische Staatsgemäldesammlung (1909) und bis zur Münchner Ausstellung der Sammlung Nemes (1911) weitgehend unbekannt war, der aber auf Künstler wie Franz Marc und andere Mitglieder des Blauen Reiters wie eine Bombe wirkte.
Und die Schweiz? Im obersten Geschoss des Kunst Museums Winterthur am Stadtgarten breiten Andrea Lutz und David Schmidhauser einen ganzen Reigen von herausragenden Werken zum Thema „Expressionismus Schweiz“ aus, und einen Stock tiefer widmen sie den Beiträgen des Tessins und der Westschweiz je einen Raum. Sie geben damit Einblick ins Kunstgeschehen in der Schweiz in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und bereiten den Besucherinnen und Besuchern ein Fest der Farben, die geradezu zu explodieren scheinen. Die üppige Sinnlichkeit und der Malduktus der Werke werden das Publikum mit Sicherheit erfreuen.
Expressionismus als junge Kunst
Die Ausstellung macht ein Mehrfaches deutlich. Einmal: Expressive Kunst in der Schweiz in den Jahren kurz vor und nach dem Ersten Weltkrieg ist eine junge Kunst. Manche Schweizer Expressionisten entfachten ein jugendliches Feuerwerk, wurden in ihren Äusserungen mit zunehmendem Alter aber so solide und gemässigt, dass ihre Werke kaum mehr gross auffielen (Reinhold Kündig, Albert Pfister, Wilhelm Gimmi, Helene Dahm, teilweise auch Amiet) – oder sie starben, noch nicht einmal 35-jährig, auf dem Höhepunkt ihrer künstlerischen Potenz: Hermann Scherer, Albert Müller oder der in der Ausstellung nicht vertretene Walter Wiemken zum Beispiel.
Ferner zeigt die Schau: Expressionismus in der Schweiz ist, wie in Deutschland auch, heterogen und schwer zu definieren. Er nimmt Einflüsse aus den grossen Kunstzentren Europas auf. Maler der „Brücke“ und des „Blauen Reiters“ hinterlassen deutliche Spuren. Auch Französisches ist spürbar – zum Beispiel bei der Westschweizerin Alice Bailly oder bei Hans Berger, der zum Fauvismus neigte, und bei Amiet, der 1892/93 in der Künstlerkolonie Pont-Aven in der Bretagne weilte, wo er Denis, Sérusier und Bernard traf und später auch Mitglied der „Brücke“ war. Er läuft in der Winterthurer Ausstellung unter „Anfänge“ und ist mit dem beispiellos frischen Werk „Der gelbe Hügel“ (1903) präsent.
© Daniel Thalmann, Aarau
Aber auch ausländische Künstler, die in die Schweiz zogen, prägten das Klima. Bedeutendstes Beispiel ist Kirchner in Davos, der Freund der Rot-Blau-Künstler. Beispiel ist auch der Kanton Tessin, der bald zum Sehnsuchtsort nördlicher Sinnsuchender wurde: Marianne von Werefkin, Alexej von Jawlensky, Gordon McCouch, Walter Helbig oder der spätere Klassizist Richard Seewald sind zu nennen. In der Schweiz entstandenen Werken dieser Künstler ist in Winterthur denn auch ausführlich zu begegnen. Folgerichtig heisst der Ausstellungstitel „Expressionismus Schweiz“ und eben nicht „Schweizer Expressionismus“.
Landschaft und Politik
Deutlich macht die Ausstellung, was das Thematische betrifft, zweierlei. Auffallend oft widmeten sich die Künstler Landschaftsmotiven. Das hat wohl mit dem Überdruss zu tun, der manche Künstler aus der wirblig-umtriebigen Stadt aufs Land ausweichen liess: Die Rot-Blau-Künstler Scherer, Camenisch, Müller zog es in die Gegend von Mendrisio, Schürch nach Ascona, die Brüder Gubler ins urnerische Riedertal. Ähnliches gilt auch von Kirchner, der zwischen 1912 und 1916 neben den wilden Berliner Grossstadtbildern die freizügige Idylle der Ostseeinsel Fehmarn thematisierte und später in Davos die Schönheit der heilen Landschaft suchte.
Dazu setzen die Kuratoren der Winterthurer Ausstellung aber – unter dem Motto „Mensch und Moderne“ – auch einen Schwerpunkt bei politischen Themen, die als Ausdruck sozialer Unrast auch in der vom Ersten Weltkrieg weitgehend unberührten Schweiz an Bedeutung gewannen. Prägnant sind Otto Morachs kubistisch anmutende Werke „Sterben im Krieg“ oder „Asphaltarbeiter“ oder Bilder von Ignaz Epper und Arnold Brügger („Industrie, Fabrikbau“). Sozialkritisches überwiegt in der Grafik – in Eduard Gublers Serie „Die Revolte“ zum Beispiel oder in Tuschezeichnungen von Johann Robert Schürch. Diesem Aspekt des Politischen im Expressionismus in der Schweiz widmet David Schmidhauser im Katalog einen informativen Essay.
Erneut Gesamtschau
„Expressionismus Schweiz“ erfindet das Thema nicht neu und zeigt in etwa, was schon 1991 Gegenstand der Ausstellung „Un certo Espressionismo“ in der Casa Rusca in Locarno war. Damals wurde der Expressionismus zeitlich aber nicht so eng auf die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts begrenzt, und der Katalog spannte auch den Bogen über die bildende Kunst hinaus und blickte auf verwandte Themen wie Literatur, Musik und Kulturpolitik.
In Winterthur gibt es kaum Entdeckungen, wohl aber setzen die Kuratoren teils überraschende Akzente. Vor allem sehen sie die Schweiz, was den Expressionismus angeht, nicht als Insel und machen Beziehungen nach aussen sichtbar. Sie gliedern das Material und fassen die Werke in Themengruppen wie Stillleben, Selbstporträts, Landschaft zusammen. Sie richten ihr Augenmerk auch auf Politisches und widmen ihre Aufmerksamkeit (wohl erstmals) dem Expressionismus in der Westschweiz und im Tessin.
Dass das, im Vergleich zur Deutschschweiz, weniger ergiebig ist, ist nicht ihre Schuld: Expressionismus bleibt eben doch weitgehend mit Deutschland verbunden. So förderten die Kuratoren zum Beispiel schlicht keinen Tessiner Expressionisten zu Tage, wohl aber Ausländer, die im Tessin arbeiteten. Und sie schlugen Louis Moilliet zur Westschweiz, wohl weil er anderswo schwer zu platzieren ist. Doch Moilliet, Freund Paul Klees und August Mackes, war Berner, studierte u. a. in Worpswede und Stuttgart, unterhielt Beziehungen zum Blauen Reiter und verlegte erst 1939 seinen Lebensmittelpunkt in die Umgebung von Vevey.
Das wichtigste Verdienst der Winterthurer Ausstellung ist zweifellos, dass sie das Thema „Expressionismus Schweiz“ einer neuen Generation erschliesst und mit Sinn für Qualität bedeutende Werke aus verschiedenen Schweizer Museen und Privatsammlungen so zusammenführt, dass erneut eine Begegnung mit bedeutenden Originalen und damit auch eine Gesamtschau möglich wird.
Kunst Museum Winterthur – Reinhart im Stadtgarten. Bis 16. Januar. Katalog 49 Franken (Verlag Hirmer München). Die Ausstellung wird später in veränderter Form im Städtischen Museum Heilbronn gezeigt.
Kommentare
Die Redaktion von Journal21.ch prüft alle Kommentare vor der Veröffentlichung. Ehrverletzende, rassistische oder anderweitig gegen geltendes Recht verstossende Äusserungen zu verbreiten, ist uns verboten. Da wir presserechtlich auch für Weblinks verantwortlich sind, löschen wir diese im Zweifelsfall. Unpubliziert bleiben ausserdem sämtliche Kommentare, die sich nicht konkret auf den Inhalt des entsprechenden Artikels oder eines bereits aufgeschalteten Leserkommentars beziehen. Im Interesse einer für die Leserschaft attraktiven, sachlichen und zivilisierten Diskussion lassen wir aggressive oder repetitive Statements nicht zu. Über Entscheide der Redaktion führen wir keine Korrespondenz.