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«Less is More» lautet der Titel eines Buches von Jason Hickel. Es hat das Zeug, zur Bibel der neuen Klimabewegung zu werden.
1972 veröffentlichte der «Club of Rome», ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern, ein Buch mit dem Titel «Die Grenzen des Wachstums». Es machte bald weltweit Schlagzeilen, denn es zeigte auf, wie das grenzenlose Wachstum der Wirtschaft im Begriff war, die Lebensgrundlage der Menschen zu zerstören: Mit Chemikalien verschmutzte Flüsse begannen zu brennen, Fische starben in mit Gülle verdreckten Seen, Menschen konnten in den Städten wegen Smogs kaum mehr atmen.
Die Mahnschrift des «Club of Rome» wurde ein Paradebeispiel dessen, was man als eine sich selbst zerstörende Prophezeiung nennt. Aufgeschreckte Regierungen begannen zu handeln: Kläranlagen sorgten bald für sauberes Wasser, Katalysatoren und effizientere Ölheizungen für saubere Luft. Ein Ökokollaps konnte so abgewendet werden. Umweltschützer wurden bald als naive Baum-Umarmer belächelt.
Ein knappes halbes Jahrhundert später ist das Thema eines grenzenlosen Wirtschaftswachstums aktueller denn je, und eine neue Generation von Umweltaktivisten macht erneut Furore. Greta Thunberg, Fridays for Future, Extinction Rebellion, sie alle setzen sich mehr oder weniger militant dafür ein, dass mit mehr oder weniger radikalen Massnahmen die Klimaerwärmung gestoppt wird.
Nun hat Jason Hickel dazu ein Buch mit dem passenden Titel «Less is More» veröffentlicht. Hickel hat Ökonomie und Anthropologie studiert, stammt aus Swaziland und lebt heute als vielbeachteter Publizist in London. Sein Buch ist eine gnadenlose Abrechnung mit dem Kapitalismus und dem ihm eigenen Wachstumszwang.
Wie seinerzeit der «Club of Rome» trifft Hickel den Nerv der Zeit. Seit den Siebzigerjahren hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt. Wir leben heute in einem sogenannten Anthropozän, einem Zeitalter, in dem der Mensch einen entscheidenden Einfluss auf den Planeten Erde hat.
Dieser Einfluss ist alles andere als segensreich. Wissenschaftler sprechen von einem «sechsten Massensterben». Täglich verschwindende Tausende von Pflanzen- und Tierarten, rund 40 Prozent der fruchtbaren Erde ist ausgelaugt, gar 85 Prozent der Fischbestände sind stark ausgedünnt oder vom Aussterben bedroht.
«Die ökologische Krise, die sich um uns herum abspielt, ist weit gravierender, als wir vermuten», stellt Hickel fest. «(…) Es geschieht ein Zusammenbruch von zahlreichen miteinander verbundenen Systemen, auf welche die Menschen fundamental angewiesen sind.»
Die wohl grösste Bedrohung stellt die Klimaerwärmung dar. Die Szenarien, was passieren wird, wenn die Erwärmung die Zwei-Grad-Grenze überschreitet, sind sattsam bekannt: Der steigende Meeresspiegel überflutet Städte und ganze Landstriche, fruchtbare Äcker verwandeln sich in Wüsten etc. Bekannt ist auch die Ursache, der steigende CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Diese verheerenden Entwicklungen sind gemäss Hickel weder gott- noch naturgegeben, sie haben einen gemeinsamen Nenner: den Kapitalismus.
Kapitalismus ist dabei nicht gleichbedeutend mit Markt und Wettbewerb. «Märkte und Händler gab es Jahrtausende, bevor es einen Kapitalismus gab, und sie waren harmlos», so Hickel. «Was den Kapitalismus von den meisten anderen Wirtschaftssystemen in der Geschichte unterscheidet, ist der Umstand, dass er mit einem permanenten Wachstumszwang ausgestattet ist.»
Die Saat des Kapitalismus wurde nicht erst in der Industrialisierung gesät, sondern bereits mit der Vertreibung der Bauern von ihrem Land. Das geschah auf sehr brutale Art und Weise. Einst freie Bauern wurden abhängig von der Gunst ihrer Feudalherren. «Die Periode zwischen 1500 und 1800 (…) war eine der blutigsten und turbulentesten in der Geschichte», so Hickel.
Die Gewalt gegen die eigenen Bauern wurde noch um ein Vielfaches übertroffen von der Gewalt gegen fremde Völker. Sklaverei und Kolonialismus gehören zu den schlimmsten Kapiteln der Geschichte des Westens. Nur auf dieser Basis war die industrielle Revolution überhaupt möglich, denn sie war abhängig von «Rohstoffen, die von Sklaven produziert, von Land, das Einheimischen geraubt und verarbeitet von Bauern, die enteignet wurden», so Hickel.
Nebst der Gewalt ist der permanente Mangel eine weitere zentrale Eigenschaft des Kapitalismus. Weder Misswirtschaft noch unwirtliche Bedingungen sind Schuld an diesem Mangel, er wird gemäss Hickel künstlich erzeugt, um die Menschen im Hamsterrad des Kapitalismus gefangen zu halten.
Die rücksichtslose Ausbeutung von Natur und Menschen brauchte natürlich einen ideologischen Überbau. Diesen lieferten primär zwei Denker des Mittelalter, Francis Bacon und René Descartes. Der Engländer Bacon gilt als «Vater der modernen Wissenschaften». Er hat die philosophischen Grundlagen geschaffen, welche die Beherrschung der Natur rechtfertigen.
Der Franzose Descartes seinerseits zerbrach das Band zwischen Mensch und Natur. Sein berühmtes Credo «Ich denke, also bin ich» gilt nur für den Homo sapiens. «Pflanzen und Tiere haben keine Seele, sie haben keine Absichten und Motivationen; sie sind bloss Automaten und funktionieren wie eine Uhr nach vorhersagbaren mechanischen Gesetzen», fasst Hickel Descartes' Denken zusammen.
Mit der industriellen Revolution hat sich der Kapitalismus in eine Dampfwalze verwandelt, welche allmählich die gesamte Welt überrollt hat. Er wurde, so Hickel, «zu einer nicht mehr zu bremsenden Maschine, die für eine endlose Expansion programmiert ist».
Diese Maschine lässt sich nicht ökologisch umprogrammieren. «Grüner Kapitalismus» ist gemäss Hickel eine Illusion. In einem kapitalistischen System ist daher etwa der rasante Fortschritt von Sonnen- und Windenergie nur beschränkt zu begrüssen. Denn, so Hickel, «diese saubere Energie ersetzt nicht die dreckige, sie wird dieser aufgesetzt».
Heisst das, dass wir in die Steinzeit zurückkehren müssen, um einen Öko-Kollaps zu verhindern? Im Gegenteil: «Wir werden alle technische Innovation und Effizienzsteigerung brauchen, um unseren Ressourcenverschleiss drastisch zu reduzieren», stellt Hickel klar. Wir müssen jedoch den dem Kapitalismus immanenten Wachstumszwang überwinden. Geht das überhaupt?
Ja, antwortet Hickel und führt als Beispiel Costa Rica an. Dieses mittelamerikanische Land ist nicht nur – was für diese Gegend atypisch ist – eine funktionierende Demokratie, es hat auch eine hohe Lebensqualität für die Menschen. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist höher als in den um ein Vielfaches reicheren USA. Hickel schreibt:
Das Beispiel von Costa Rica lässt sich selbstredend nicht beliebig anderen Ländern überstülpen. Es relativiert jedoch die These der Notwenigkeit einer permanent wachsenden Wirtschaft.
Es wäre jedoch eine Illusion zu glauben, der Wachstumszwang lasse sich ohne Verzicht überwinden. Unser Fleischkonsum beispielsweise ist in der aktuellen Form nicht mehr tragbar. Er ist nur mit einer industriell gemanagten Landwirtschaft möglich, einer der schlimmsten Umweltsünden. Oder wir werden wohl auf Privatautos verzichten lernen, auch wenn sie elektrisch angetrieben sind.
Massnahmen zur Eindämmung des Food Waste sind genauso nötig wie gegen die Unsitte, dass Produkte so gebaut werden, dass sie nach einer bestimmten Zeitdauer kaputt gehen. Über solche und ähnliche Massnahmen wird inzwischen breit diskutiert.
Einzelne Länder wie beispielsweise Neuseeland verzichten bereits darauf, ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts als Ziel ihrer Politik anzuführen. Ähnlich haben sich die Regierungen von Schottland und Island geäussert. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass diese drei Länder derzeit von Frauen regiert werden.
Entscheidend ist letztlich, dass in unseren Köpfen ein Umdenken stattfindet. Die Kardinalsünde des Kapitalismus besteht darin, dass er das Gegenseitigkeitsprinzip zwischen Mensch und Natur aufgehoben hat. Die Denkweise von Bacon und Descartes hat eine unbeschränkte und – wie es sich nun zeigt – verheerende Ausbeutung der Natur erst ermöglicht.
Dieses Denken zu überwinden und das Prinzip der Gegenseitigkeit wieder einzuführen, ist die Voraussetzung zur Verhinderung eines Öko-Kollapses. Das bedeutet keineswegs totalen Verzicht und Askese. Oder wie Hickel es formuliert: