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Typisch für Lispeln ist, dass ein Kind Zischlaute wie «s» und «z» nicht richtig ausspricht (Sigmatismus). So liegt die Zunge normalerweise ein Stück hinter den Zähnen, wenn das «s» gebildet wird. Beim Lispeln stösst sie an die Vorderzähne, sodass das «s» wie «f» oder ähnlich wie das englische «th» klingt. Das betrifft auch die Lautverbindungen «ts» und «ks», die im Deutschen in den Buchstaben «z», «x» oder «chs» vorkommen. Lispeln kann aber auch das «ch» und das «sch» betreffen (Chitismus bzw. Schetismus): Das «ch» wird dann wie «sch» oder «s», das «sch» wie «s», «ch» oder «t» gesprochen.
Ursachen sorgfältig abklären
«Im Alter von fünf bis sechs Jahren wird der sprachliche Entwicklungsstand in den meisten Kindergärten bei der Sprachstandserfassung untersucht», erläutert Vanessa Braun, Leiterin des Logopädischen Dienstes Andelfingen ZH. «Sie dient dazu, mögliche Auffälligkeiten beim Sprechen frühzeitig zu erkennen.» Anschliessend werden die Eltern über die Ergebnisse der Untersuchung informiert.
Wichtig zu wissen: Das «s», «sch» und «r» sind die motorisch anspruchsvollsten Laute der deutschen Sprache. Deshalb können Kinder sie oft erst gegen Ende ihrer Sprachentwicklung, mit etwa fünf Jahren, richtig aussprechen. «Darüber hinaus hängt Lispeln in diesem Alter mit dem Wachstum von Zähnen und Zunge zusammen», erläutert Braun. «Die Zunge wächst jetzt relativ stark, während die Milchzähne im Vergleich dazu noch klein sind. Deshalb werden Zischlaute häufig falsch ausgesprochen.»
Eine andere Ursache des Lispelns können ungünstige Lutschgewohnheiten sein, etwa wenn ein Kind viel am Nuggi oder am Daumen lutscht. «Dadurch entsteht ein falsches Schluckmuster. Ausserdem wird die Zunge zwischen die Zähne oder die Lippen gepresst, was zu Zahnfehlstellungen führen und so Lispeln begünstigen kann», erklärt die Logopädin.
Hörstörungen, Fehlbildungen oder psychische Gründe als Ursache für Lispeln?
In seltenen Fällen sind es Lähmungen der Muskulatur, Tumore oder Fehlbildungen der Zunge oder des Gaumens, die zur beeinträchtigten Aussprache des Kindes führen. «Hier ist es neben einer logopädischen Behandlung wichtig, die zugrunde liegenden körperlichen Ursachen zu behandeln», so Haid.
Schliesslich gibt es den eher speziellen Fall, dass ein Kind plötzlich lispelt, obwohl es den Laut «s» eigentlich schon beherrscht. «Das kann zum Beispiel vorkommen, wenn ein Geschwisterkind geboren wird», berichtet Haid. «Das Kind lispelt dann, um jünger zu wirken und so mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung zu bekommen.» Folglich müssen bei der Diagnostik eine Reihe unterschiedlicher Komponenten berücksichtigt werden, sagt die Logopädin.
Wann ist eine logopädische Therapie sinnvoll?
Manche Experten plädieren dafür, Lispeln ab einem Alter von sechs oder sieben Jahren zu behandeln – andere bereits ab dem fünften Lebensjahr. «Mit fünf bis sechs Jahren kommt es durch den Zahnwechsel und damit verbundene Zahnlücken häufig zum Lispeln, das anschliessend oft von alleine verschwindet», sagt Vanessa Braun.
«Lispelt ein Kind jedoch noch in der ersten Klasse beziehungsweise mit sieben Jahren, sollte man eine logopädische Therapie beginnen. Bei Schuleintritt sollten die Kinder alle Laute korrekt bilden können, damit sie diese auch richtig schreiben können.»
Andrea Haid plädiert dafür, die logopädische Therapie mit fünf Jahren zu beginnen, wenn ein Kind den s-Laut zwar konstant falsch ausspricht, aber schon in der Lage ist, das «s» korrekt zu bilden. «So wird verhindert, dass sich die falsche Aussprache weiter verfestigt», sagt die Logopädin. Ein frühzeitiges Üben ist auch deshalb sinnvoll, weil Lispeln bei älteren Kindern nicht mehr als süss, sondern eher als Makel wahrgenommen wird. «Wenn ältere Kinder oder Jugendliche noch lispeln, hinterlässt dies unterschiedliche Eindrücke bei den Gesprächspartnern», sagt Haid.
Egal, welcher Weg gewählt wird: Die Prognose ist bei jungen Kindern in der Regel sehr gut – bei den meisten kann das Lispeln mit einer logopädischen Therapie erfolgreich behandelt werden.
Mit Logopädie und individuellen Übungen das Hören und die Aussprache verbessern
Die Übungen sollten dabei individuell auf die Kinder abgestimmt sein. «Manche tun sich beim korrekten Hören und Erkennen der s-Laute schwer, bei manchen ist die Lippen- und Zungenmuskulatur schlaff, bei anderen klappt die richtige Stellung von Zunge oder Kiefer noch nicht gut», erläutert Haid. «Die Übungen werden daher so ausgewählt, dass genau diese Aspekte trainiert werden.»
Ganz am Anfang müssen die Kinder den s-Laut noch bewusst bilden, was viel Konzentration erfordert. «Das Ziel ist jedoch, dass sie das ‹s› spontan und ohne Mühe richtig aussprechen können», so die Logopädin.
Manche Kinder lispeln – und sie stören sich daran überhaupt nicht. Andere schämen sich jedoch wegen der falschen Aussprache, ihr Selbstvertrauen leidet. Das verstärkt sich oft noch, wenn Schulkameraden sie wegen des Lispelns hänseln oder wenn die Eltern die falsche Aussprache häufig kritisieren oder verbessern.
Stärker belastend könne das Lispeln etwa ab der 3. Klasse sein. «Hier wird es als nicht mehr altersgemäss wahrgenommen. Dazu kommt, dass die Kinder nun oft alleine oder in der Gruppe kleine Präsentationen halten müssen, wo das Lispeln besonders auffällt», so Braun. Mädchen würden häufig mehr unter dem Lispeln leiden als Buben – allerdings seien Störungsbewusstsein und psychische Belastung individuell sehr unterschiedlich.
Toleranz für Abweichungen fördern!
Ausserdem komme es auf die Haltung von Klassenkameraden, Eltern und Lehrpersonen an, betont Andrea Haid. «Lehrer und andere Bezugspersonen sollten eine Atmosphäre schaffen, in der Toleranz für Andersartigkeit selbstverständlich ist», sagt die Logopädin. «Das ist ja für alle Arten von Auffälligkeiten wichtig – von denen viele schwerwiegender sind als Lispeln.»
Logopädin Vanessa Braun im Gespräch über Diagnosen und Trainingsmöglichkeiten
Frau Braun, wie diagnostizieren Logopädinnen das Lispeln?
Was lässt sich dabei über die Ursachen des Lispelns aussagen?
Wie sieht das Training in der s-Gruppe aus?
Worauf kommt es beim Training noch an?
Wo können Eltern mit sehr jungen Kindern sowie Jugendliche und junge Erwachsene Unterstützung finden?
Zur Autorin:
Praxistipps: So unterstützen Sie Ihr Kind beim Üben des «verflixten S»
- Sprechen Sie die s-Laute selbst klar und deutlich aus, um die richtige Aussprache Ihres Kindes zu fördern. Und lassen Sie sich nicht dazu verleiten, das Lispeln Ihres Kindes – bewusst oder unbewusst – nachzuahmen, etwa, weil es so «herzig» klingt.
- Um die Mund- und Zungenmotorik zu trainieren, können Sie mit Ihrem Kind verschiedene Übungen machen: etwa Gegenstände wie kleine Papierbildchen mit dem Strohhalm ansaugen, mit der Zunge schnalzen oder Luftküsse machen. Pustespiele wie Kirschkernweitspucken oder Seifenblasenmachen können die richtige Atmung verbessern.
- Kann das Kind das «s» bereits sprechen, sind Zungenbrecher unterhaltsame Übungen. Etwa: «Sieben Schneeschaufler schaufeln sieben Schaufeln Schnee» oder «Susi isst süsse Sauce».
- Motivieren Sie Ihr Kind durch Feedback: Loben Sie es bei Fortschritten, aber kritisieren oder schimpfen Sie nicht bei Fehlern. Sonst zieht es sich eventuell zurück oder übt nur noch ungern.
- Statt einen Fehler zu korrigieren, greifen Sie das falsch ausgesprochene Wort in einer Gegenfrage oder einer Antwort auf und sprechen es dabei klar und deutlich aus.
- Insgesamt ist es günstig, ein sprechfreudiges Klima zu schaffen. Wenn Eltern viel mit ihrem Kind sprechen, singen oder spielen, fördert das die Sprachentwicklung und damit auch eine korrekte Aussprache.
Links zum Thema Lispeln bei Kindern:
- Der Deutschschweizerische Logopädinnen- und Logopädenverband (DLV) bietet Informationen über Störungen der Sprache und des Sprechens, Tipps für Eltern zum Umgang mit Sprechstörungen sowie eine Liste spezialisierter Logopädinnen und Logopäden in der Schweiz: www.logopaedie.ch
- Die Website «kindersprache.ch» gibt Informationen zum Spracherwerb, zu Sprachstörungen bei Kindern und zu Möglichkeiten der Sprachförderung: www.kindersprache.ch
- Auf der Website des Zürcher Berufsverbands der Logopädinnen und Logopäden (zbl) finden sich Informationen über die Sprachentwicklung und über Sprechstörungen sowie nützliche Links: www.zbl.ch