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Miriam Feuersinger Sopran
Anna Nero Alt
Nino Aurelio Gmünder Tenor
Milan Siljanov Bass
Knabenkantorei Basel, Rolf Herter Choreinstudierung
Christian Knüsel Leitung
Die Damen wurden gebeten, keine Reifröcke zu tragen, und die Herren sollten ihre
Schwerter zu Hause lassen: Die Veranstalter rechneten mit grossem Andrang für
die Uraufführung von Händels Messias am 13. April 1742 in Dublin. Zu Recht, wie der
Zeitungsbericht mit den Schilderungen des übervollen Saals belegt.
Die Begeisterung darüber, wie Händels Werk «das Erhabene, das Grossartige und das Zarte» miteinander zu verbinden wusste, gipfelte bald schon in Superlativen: Noch im Jahr der Uraufführung notierte Bischof Edward Sygne: «Wie Händel in seinen Oratorien alle anderen Verfasser, die ich kenne, grossartig übertrifft, so scheint er in dem berühmten Messias sich selbst übertroffen zu haben.» Stefan Zweig zählte das Werk zu den «Sternstunden der Menschheit» und noch heute figuriert der Messias in Chormusik-Führern als «unüberbietbarer Höhepunkt» in der Geschichte des Oratoriums. Umso bemerkenswerter, dass Händel das gesamte Oratorium, vom ersten Entwurf bis zur vollständigen Instrumentierung, in lediglich 24 Tagen niederschrieb.
In London hatte es der Messias wesentlich schwerer als in Dublin und wurde als blasphemisches Machwerk kritisiert. Die Verwendung von Bibelworten für Aufführungen in profanen Theatern stiess auf Ablehnung. Dennoch vermochte diese Kritik den beispiellosen Siegeszug des Werkes nicht aufzuhalten. Zwischen 1742 und 1754 wurde der Messias in 36 Aufführungen unter Händels Leitung gespielt. Um das Werk den aktuellen Umständen und dem jeweiligen Bedarf anzupassen, überarbeitete Händel einzelne Sätze oder komponierte neue Stücke hinzu. Der Messias ist wohl das erste Werk der Musikgeschichte, das unmittelbar nach der Entstehung zu einem Repertoirestück wurde und seither – in ununterbrochener Aufführungstradition – die ganze Welt eroberte.
Karl Jaspers, der grosse Philosoph, der an der Universität Basel lehrte, sieht in der Geschichte von Jesus die Auseinandersetzung mit dem «Freiwerden von der Lebensangst » und mit der Frage, «wie man leben muss, um sich im Himmel zu fühlen». Dass diese Lebensgeschichte seit 2000 Jahren in verschiedenen Kulturen präsent ist, liegt in der existentiellen Bedeutung dieser Themen: Der Wunsch nach einem erfüllten Leben gehört zu den grossen Träumen der Menschheit.
Es liegt deshalb nahe, die Konzertsaison zum Thema Lebensträume mit Händels Meisterwerk zu lancieren. Denn auch dem Komponisten ging es ums Ganze: Anlässlich der ersten Aufführung in England wollte ihm ein gewisser Lord Kinnoul ein Kompliment machen und lobte das Werk als «noble entertainment» für die Zuhörer. «My Lord», antwortete Händel, „I should be sorry if I only entertained them. I wished to make them better.“
Milena Umiglia Violoncello
Christian Knüsel Leitung
Jeder ist seines Glückes Schmied.
Glaubt man dem alten Sprichwort, so liegt die Realisierung von Lebensträumen in den eigenen Händen. Das 2. Saisonkonzert präsentiert Werke, die für einen selbstbestimmten Aufbruch stehen: Carl Maria von Weber bezeichnete seine Ouvertüre Beherrscher der Geister „gewiss als das Kraftvollste und Klarste, was ich geschrieben habe“. Auch Robert Schumanns 2. Sinfonie wurde als „neuer Höhepunkt seines Schaffens“ gefeiert. Zuvor hatte er intensiv die Werke von Johann Sebastian Bach studiert. Tatsächlich erinnert die berückende Melodie des 3. Satzes an das Largo-Thema aus Bachs Musikalischem Opfer; wohl das schönste Beispiel in der Romantik für schöpferische Aneignung von Bachs Musik.
Anstelle des verhinderten Neil Tarabulsi konnte die Schweizer Cellistin Milena Umiglia als Solistin in Haydns 1. Cellokonzert gewonnen werden. Das brilliante Werk bietet der 18Jährigen, die bereits verschiedene Wettbewerbserfolge errungen hat, vielfältige Gelegenheit, ihre sprühende Virtuosität und sensible Musikalität unter Beweis zu stellen.
Noa Wildschut Violine
Christian Knüsel Leitung
Sind unsere Handlungen frei?
Es ist eine alte Frage und jede Zeit gibt ihre eigenen Antworten darauf. Es gehört zu unserem Selbstverständnis, dass wir den Eindruck haben, die Gegenwart mit unseren Entscheidungen frei gestalten zu können. Oder ist selbst unser Wille durch genetische Voraussetzungen und neuronale Vorgänge determiniert oder gar schicksalshaft vorbestimmt?
Das 3. Abonnementskonzert zum Thema «Schicksal» spürt den Bedingtheiten nach, die im Leben bestehen und als Grenzen der Gestaltungsfreiheit wahrgenommen werden. Unvermeidliche Tragik prägt die Handlung von Verdis Oper «La Forza del Destino». Die Ouvertüre beginnt mit einem Schicksalsmotiv, das sich wie ein Leitfaden durch das ganze Werk zieht. Als Kontrast erklingen im Orchestervorspiel auch die sehnsuchtsvollen, lyrischen Themen der Oper, wie sie für Verdi typisch sind. Dabei offenbart der Komponist seinen Sinn für musikalische Dramaturgie, wenn immer wieder dunkle Schatten die fragile Schönheit lichter Momente bedrohen. Überaus erfolgreich und doch bedrohlich – ambivalent war auch das Schicksal von Max Bruchs 1. Violinkonzert, das der Jahrhundertgeiger Joseph Joachim als «reichstes und bezauberndstes Violinkonzert überhaupt» bezeichnete. Wie es im Leben gilt, aus der gegebenen Situation das Beste zu machen, so ist auch für die Wirkung eines Konzertstücks entscheidend, wie der Komponist mit den spezifischen Möglichkeiten und Grenzen des Soloinstrumentes umzugehen weiss.
Trotz gelungener Uraufführung seines g-moll-Violinkonzerts erkannte Max Bruch die Notwendigkeit, das Werk gründlich zu überarbeiten. Der Erfolg des Werkes war überwältigend - mit der Konsequenz, dass sich kaum jemand noch für andere Werke Bruchs interessierte. Dieses besondere Schicksal liess den Komponisten fast verzweifeln, in einem satirischen Vers verfügte er gar, «dass wir besagtes Concert hierdurch verbieten mit Ernst.» Bruch hatte den schicksalshaften Fehler begangen, die Rechte an diesem Werk dem Verleger August Cranz für bescheidene 250 Taler zu überlassen. Kurz vor seinem Tod - vereinsamt und mittellos - hoffte der Komponist, mit dem Manuskript dieses Konzerts zumindest in den USA zu Geld zu kommen. Als die Tantiemen nach Bruchs Tod endlich bei seinen Schwestern eintrafen, war die Summe durch die Inflation wertlos.
Mit aller Wucht hat auch Tschaikowski das «Fatum, die verhängnisvolle Macht, die unser Streben nach Glück behindert», zu spüren bekommen. Sein Leben und Werk ist geprägt vom Gegensatz zwischen Sehnsucht und schicksalshafter Fremdbestimmung. Dieses Spannungsfeld musikalisch auszuloten, von Zuversicht und Tätigkeitsdrang über Liebe, Enttäuschung bis hin zum Ersterben, war Tschaikowskis Leitgedanke hinter seiner sechsten und letzten Sinfonie. Sie entstand aus Skizzen zu einer Sinfonie «Das Leben», mit einem Programm «von der Art, dass es für alle ein Rätsel bleiben wird». Tschaikowski konzipierte die Pathétique als Schlussstein seines gesamten Schaffens. Ob sein plötzlicher Tod an Cholera wenige Tage nach der Uraufführung frei gewählt oder schicksalshafte Fügung war, bleibt Spekulation. Jedenfalls hielt er diese Sinfonie «für das beste - und, was von besonderer Bedeutung ist, d a s a u f r i c h t i g s t e — all meiner Sachen. Ich liebe sie, wie ich noch nie eines meiner musikalischen Kinder geliebt habe.» Vielleicht verdankt die Sinfonie gerade diesem aufrichtigen Bekenntnis zur Fragilität des Lebens ihre besondere Wirkung.
Vokalensemble pourChoeur
Samuel Strub, Marco Beltrani Einstudierung pourChoeur
Christian Knüsel Leitung
Pannen verändern die Welt: Viele Errungenschaften verdanken wir missglückten Experimenten,
Irrtümern oder schlicht dem Zufall. Das gilt für den wichtigsten Arzneistoff
des 20. Jahrhunderts, das Penicillin, für die Entdeckung Amerikas, für Impfung,
Herzschrittmacher, Mikrowelle oder Silizium-Solarzelle; ja sogar ein so rationales
Konstrukt wie die Relativitätstheorie entstammt einem misslungenen Experiment.
Auch aus der Musik kennen wir solche Versuche, die nicht zum gesuchten Resultat
führten und abgebrochen wurden, das bekannteste Beispiel ist wohl Franz
Schuberts Sinfonie-Torso, genannt «die Unvollendete». Das Werk entstand in einer
Schaffenskrise, als sich Schubert Anfang Zwanzig intensiv mit den Werken Ludwig
van Beethovens auseinanderzusetzen begann. Zahlreiche fragmentarische Werke
zeugen von dieser Schreiblähmung.
Im Jahre 1824 scheint Schubert die Krise überwunden zu haben, insbesondere durch die Komposition des Oktetts. Ein regelrechter Schaffensrausch ist dokumentiert. Seine Freunde schildern die euphorisch-fiebrigen Ekstasen beim Komponieren und wie er sich stets mit Brille zu Bett legte, damit er auch nachts rasch aufschreiben konnte, was ihm einfiel. Schubert war damals, so erzählte der Maler Moritz von Schwind, «unmenschlich fleissig»: «Jetzt schreibt er schon lang an einem Oktett mit dem grössten Eifer. Wenn man unter Tags zu ihm kommt, sagt er grüss dich Gott, wie gehts?, gut’, und schreibt weiter, worauf man sich entfernt.» Die Komposition des Oktetts steht im Zusammenhang mit Schuberts Lebenstraum, sich Anerkennung zu verschaffen als Komponist von Instrumentalmusik: «überhaupt will ich mir auf diese Art den Weg zur grossen Symphonie bahnen», schreibt er in einem Brief. In Schuberts Leben scheint das Spannungsfeld zwischen Wunsch und Wirklichkeit besonders ausgeprägt gewesen zu sein. Reibungsflächen gab es viele: Auseinandersetzungen mit dem Vater, der den 14-Jährigen Schubert mit einem Haus- und Komponierverbot belegte, der frühe Tod der Mutter im darauffolgenden Jahr oder die Herausforderung, ohne festes Einkommen über die Runden kommen zu müssen, nachdem Schubert den ungeliebten Dienst als Schulgehilfe quittiert hatte, um sich ganz dem Komponieren zu widmen. Schliesslich kamen auch noch gesund - heitliche Probleme hinzu wegen einer unheilbaren venerischen Krankheit, die er sich als 25-Jähriger zugezogen hatte. Auch wenn Schubert zu Lebzeiten eine gewisse Anerkennung als Komponist erfuhr, so gab es doch nur ein einziges öffentliches Konzert ein halbes Jahr vor seinem Tod.
Die Bedingungslosigkeit, mit der sich Schubert der Musik verschrieb, wirkt wie eine Flucht. Der Komponist Johann Nepomuk Hummel schrieb nach einem Besuch bei Schubert: «Offenbar tat er eigentlich nur Musik - und lebte so nebenbei.» Von Schubert selbst ist die Bemerkung überliefert, dass er «nur fürs Komponieren auf die Welt gekommen» sei.
Heute, aus der geschichtlichen Distanz, erscheint uns Schuberts kompromissloses «Streben nach dem Höchsten in der Kunst» selbstverständlich, sein Werk und sein Lebenslauf sind uns vertraut. Die Brüche und missglückten Experimente fügen wir aus unserer Perspektive zu einem scheinbar abgerundeten Ganzen zusammen. Doch zeigt sich gerade bei Schubert die besondere Bedeutung des Bruchstückhaften. Das Konzert greift dieses Spannungsfeld auf. Der Komponist David Lichtsteiner - mit 27 Jahren gleich alt wie Franz Schubert, als er sein Oktett schrieb - verwendet in seiner Komposition Fragmente und Skizzen Schuberts und fügt sie zusammen zu einem Kaleidoskop, das Schuberts Lebensträumen nachspürt.
Corbin Beisner Klavier
Christian Knüsel Leitung
So unterschiedlich unsere jeweiligen Lebensträume entworfen sind, nicht selten treffen sie sich in einem Punkt: im Bestreben, aus dem Leben das Beste zu machen,
ein Leben zu führen ganz nach eigenem Geschmack. Oder wie Oscar Wilde überspitzt
formuliert: «Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem
Besten zufrieden.»
Die besten Kompositionen in der Musik bestimmen zu wollen, ist ein sinnloses Unterfangen. Ranglisten entsprechen nicht dem Wesen der Kunst. Eine unumstrittene Sonderstellung auf seinem Gebiet nimmt jedoch der «Walzerkönig» Johann Strauss Sohn ein: er führte den Walzer zu Weltruhm. Seine Werke bestechen durch Schwung, Melodienreichtum und ihren ganz eigenen Charme. Dem Walzer hat denn auch die Wiener Operette ihre charakteristische, bittersüsse Atmosphäre zu verdanken. Als Höhepunkt der Goldenen Operettenära gilt Strauss’ Die Fledermaus. Die Ouvertüre fasst die musikalischen Glanzstücke des Werkes zusammen und spiegelt so die ganze Handlung.
Die Zusammenstellung berühmter Walzer zeigt die Vielseitigkeit dieses Genres: von zartschmelzender Melancholie über heimliche Leidenschaft bis hin zur sentimentalen Doppelbödigkeit wie in Schostakowitschs Walzer aus der Jazz Suite No. 2. Heute mag erstaunen, dass es der Walzer zunächst nicht leicht hatte: Als unzüchtige Musik war er verpönt, weil man bei den Damen beim Tanzen den F ussknöchel sehen konnte. Auch der Jazz wurde im Vergleich zur Kunstmusik zunächst als minderwertig betrachtet. Vielleicht deshalb, weil er als Sinnbild wahrgenommen wurde für den Traum der Schwarzen Bevölkerung auf ein selbstbestimmtes Leben, wie es in der Improvisation exemplarisch zum Ausdruck kommt. Gershwin strebte in seiner Rhapsody in Blue eine Synthese von sinfonischer Musik und Jazz-Elementen an. Schon das spektakuläre Klarinetten-Glissando - übrigens eine Erfindung des Klarinettisten in der ersten Probe - weckt besondere Erwartungen. Im weiteren Verlauf gelingt es Gershwin, die eingängigen, inzwischen weltbekannten Melodien wie Leitmotive immer wieder aufblitzen zu lassen und so die vielfältigen Abschnitte zu einem grossen Ganzen zusammenzufügen.
Das Konzert schliesst wie bei der vielbeachteten New Yorker Uraufführung der Rhapsody in Blue mit Edward Elgars Pomp and Circumstance No. 1. Der euphorische Charakter der Musik korrespondiert mit dem Text «Land of Hope and Glory», der dem Marsch zugrunde liegt.
Severine Schmid Harfe
Kaspar Zehnder Flöte und Leitung
Die Schweiz gilt als das innovativste Land der Welt. Im Global Innovation Index 2017
hat sie zum siebten Mal in Folge den ersten Platz erreicht. Lässt sich diese Einschätzung
aus unternehmerischer Perspektive auch auf den privaten Bereich übertragen?
Sind Schweizer in der Gestaltung ihres Lebens besonders fantasievoll?
Die Frage ist berechtigt, denn unternehmerische Innovation sichert wohl materiellen Wohlstand, zu einem erfüllten Leben trägt aber die Fantasie wesentlich bei. Oder wie Albert Einstein erkannte: «Fantasie ist wichtiger als Wissen».
Mit der Fantasy upon one Note forderte Henry Purcell seine eigene Fantasie regelrecht heraus, indem er einen Liegeton wählte, ein C, das von der Bratsche von Anfang bis Schluss durchgehalten wird. Purcell bettet diesen Liegeton so originell in verschiedene Harmonien ein, dass der Hörer spontan nichts von der Kunstfertigkeit des Stückes ahnt.
Mozarts Konzert für Flöte und Harfe besticht durch Fantasie und Erfindungsreichtum. Diese Qualitäten lernt man erst richtig schätzen, wenn man die Umstände der Entstehung kennt: Die Reise nach Paris, wo das Konzert 1778 entstand, war für Mozart ein Fiasko: ein Zimmer wie ein Dreckloch, Liebeskummer, kaum Anerkennung für seine musikalischen Leistungen und schliesslich der Tod der Mutter. Trotzdem gelang ihm ein strahlendes Werk mit eingängigen Melodien, notabene für einen Grafen, der den Auftrag nie bezahlte.
Ganz anders die Situation von Joseph Haydn auf dem Landsitz Esterhazy: «Ich war von der Welt abgesondert, niemand in meiner Nähe konnte mich quälen, und so musste ich original werden.» Sein Einfallsreichtum zeigt sich in der Lust am Experimentieren mit der Form, in humorvollen, unerwarteten Wendungen oder schlicht in der Fülle der Werke, die er komponierte. Ob das Finale der Abschiedssinfonie wirklich als musikalischer Warnstreik für geregelte Ferien gedacht war, indem die Musiker nach und nach die Bühne verliessen bis nur noch zwei Geigen im pianissimo übrig blieben, lässt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Fantasievoll ist es auf jeden Fall. Haydns Werk inspirierte Johannes Matthias Sperger zur Komposition seiner Ankunftssinfonie, die umgekehrt mit nur zwei Violinen beginnt. Von diesem Werk ist nur ein Teil erhalten geblieben, den Rest ergänzen wir mit unserer Fantasie.
Solisten des NOB
Christian Knüsel Leitung
Kontraste prägen unser Leben, unsere Wahrnehmung, unsere Persönlichkeit.
Die verschiedenen Facetten, die in einer Person mitschwingen und wie sie in Einklang gebracht werden können, beschäftigte viele Denker: Goethe spricht von zwei Seelen in unserer Brust, Montaigne von buntscheckigen Fetzen, die flattern wie sie wollen, Pessoa von einem Übermass von Selbsten. Am bekanntesten ist heute wohl das Bonmot: Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?
Vom Spiel mit verschiedenen Charakteren und Rollen lebt die Oper. Rossinis Ouvertüre zur Opera buffa «L’Italiana in Algeri» besticht durch das spannungsvolle Wechselspiel von fulminanter Virtuosität und lyrisch-zarter Empfindsamkeit. Zwischen diesen beiden Polen pendelt Isabella, die emanzipierte, temperamentvolle Italienerin, die sich mit Witz und Raffinesse gegen die aufdringlichen Annäherungsversuche des eingebildeten Herrschers behauptet.
Ein grösserer Kontrast von Rossinis effektvoller, extrovertierter Musik zur inneren Ruhe von Arvo Pärts «Spiegel im Spiegel» lässt sich kaum denken. Umso reizvoller erscheint es, die beiden Werke direkt nebeneinander zu stellen. Rollenspiele und Spiegelungen stehen auch im Zentrum von Igor Stravinskys Ballett «Pulcinella». Stravinsky griff in diesem Werk auf die Musik von Giovanni Battista Pergolesi (1710-1736) zurück, sehr zur Verwunderung der Musikwelt, denn bis zu diesem Zeitpunkt hatte Stravinsky als Avantgardist für Aufsehen gesorgt. «Pulcinella war meine Entdeckung der Vergangenheit», bekannte er, «die erste von vielen Liebesbeziehungen in diese Richtung - aber es war gleichzeitig auch ein Blick in den Spiegel.»
Auch in Mozarts letzter Sinfonie KV 551 spiegelt sich die Auseinandersetzung des Komponisten mit der musikalischen Tradition, insbesondere mit Werken von J.S. Bach. Die Jupiter-Sinfonie kulminiert in einer komplexen Schlussfuge mit fünf Themen im doppelten Kontrapunkt: Bereits die umständliche Formulierung lässt erahnen, welch handwerkliches Kunststück dahintersteckt. Die kompositorische Raffinesse, mit der Mozart verschiedene musikalische Gedanken zueinander in Beziehung setzt, wie er die komplexe Faktur mit spielerischer Leichtigkeit in seine Musiksprache integriert und ganz in den Dienst des dramaturgischen Verlaufs stellt, wurde schon bald nach Mozarts Tod als «höchster Triumph der Instrumentalkomposition » gefeiert. Die besondere Bedeutung dieser Fähigkeit, scheinbar Gegensätzliches zu vereinen, erkannte der griechische Philosoph Heraklit bereits vor 2500 Jahren: «Die schönste Harmonie entsteht durch das Zusammenbringen der Gegensätze.»
Publikumsnähe und der aktive Einbezug des Publikums liegen dem NOB am Herzen. Ein Mitsinganlass im Vorfeld des 1. Abonnementskonzerts ermöglicht interessierten Laien, bei Händels Messias selber mitzusingen, zusammen mit den Jugendlichen der Knabenkantorei und begleitet vom NOB. Der Stimmenperformer Christian Zehnder wird dem Publikums neue überraschende Zugänge zur eigenen Stimme eröffnen.
Ambrosius Stierlin: Messe
Sind unsere Handlungen frei?
Die Geschichte „Der Fatalist“ des jiddischen Literaturnobelpreisträgers Isaac Singer beschreibt einen jungen Mann, der als Fremder in eine Kleinstadt kommt und sich dort in das begehrteste Mädchen verliebt. Er ist fest überzeugt, dass sie – obwohl bereits verlobt – vom Schicksal für ihn bestimmt ist. Seine leidenschaftliche Überzeugung fordert eine ganze Kleinstadt heraus. Singers brillante Erzählung wird eingebettet in Klezmerklänge. Im Anschluss an die konzertante Lesung findet ein Umtrunk statt, und es besteht die Möglichkeit, in einer Gesprächsrunde mit Peter Stein, Dr. Alexander Höhne und Christian Knüsel das Thema zu vertiefen.
Sonntags-Brunch mit Kammermusik. Das NOB führt die Kooperation mit dem Caffè Kultur Bar ZUM KUSS weiter. Der Sonntags-Brunch wird durch die Kammermusiker des NOB bereichert. Zu den Gaumenfreuden beim Sonntags-Brunch fügen die NOB Kammersolisten musikalische Leckerbissen dazu.
Der direkte Kontakt mit dem Publikum gehört zu den Träumen, wie sich das NOB lebendiges Musizieren vorstellt. Was liegt da näher, als die Idee des früher gepflegten Hauskonzerts mit dem Publikum zusammen wieder aufleben zu lassen? Wir suchen interessierte Abonnenten und Fördervereins-Mitglieder, die Freude daran haben, wenn ihre Räumlichkeiten zum Klingen gebracht werden. Sie stellen Ihren Raum zur Verfügung und haben die Möglichkeit, Freunde und Gäste einzuladen. Gemeinsam wählen wir das Programm, je nach Verfügbarkeit der Musiker, und legen fest, wieviele weitere Plätze zur Verfügung stehen. Ausserdem bieten wir organisatorische und logistische Unterstützung an.
Nach dem gemeinsamen Erfolg im März 2017 findet die Kooperation zwischen der Basler Eule und dem NOB eine Fortsetzung: Auch 2018 werden die Siegergeschichten des Schreibwettbewerbs der Basler Eule von Jugendlichen aus der Region Basel vertont. Die Kompositionswerkstatt unter der Leitung von David Lichtsteiner, NOB Composer-in-Residence 17/18, gipfelt wieder im Auftritt an der Siegerehrung und Buch-Präsentation im Gare du Nord - unterstützt von Musikern des NOB. Wir dürfen gespannt sein auf die literarischen und musikalischen Werke der jungen Menschen!