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Versuchskarnickel?
Das Gesundheitssystem ist auch heute noch obrigkeitlich und hierarchisch.
Wir wissen seit kurzem, dass es in der psychiatrischen Klinik Münsterlingen (TG) bis 1980 zu offiziell nicht bewilligten Medikamentenversuchen kam. Auch die betroffenen Patienten wussten nichts davon. Der Verdacht liegt nahe, dass Vergleichbares auch in anderen psychiatrischen Kliniken geschah. Dies führt zur Frage, wie selbstbestimmt Patienten in unserem Gesundheitssystem sind.
Ein Blick zurück lohnt sich. Am Anfang steht der englische Philosoph Francis Bacon (1561–1626). Er lehrte, dass wir aus Erfahrungen lernen können und führte als Mittel dazu das methodisch sauber durchgeführte Experiment ein. Die ethische Grundlage für Versuche aller Art war damit gelegt und kam auch dem zunehmenden Interesse an Vorgängen in der Natur, mithin auch im menschlichen Körper, entgegen.
Im 18. und noch stärker im 19. Jahrhundert beschleunigte sich dieser Prozess. Im Zuge dessen entwickelte sich die Schulmedizin. Sie orientierte sich an den Naturwissenschaften und professionalisierte sich. Das war auch notwendig, denn weite Teile der Bevölkerung waren medizinisch überhaupt nicht versorgt. Krankheiten und Seuchen breiteten sich schnell aus. Mit der Industrialisierung verschärfte sich die Lage, denn in den düsteren Zechen, Fabrikhallen und Produktionsverliessen brachen Krankheiten leicht aus, und die Erkrankten steckten andere schnell an.
1848/49 setzte in Deutschland die «Medizinalreformbewegung» ein. Ziel war es, die Arbeits- und Vorgehensweise der Mediziner zu vereinheitlichen. In der Schweiz führten dieselben Bestrebungen 1877 zur Einführung der «Medizinalprüfung». Seither darf sich nur noch «Arzt» nennen, wer diese Prüfung bestanden hat. Zuvor waren wirtschaftlich schlecht gestellte Patienten Quacksalbern, Heilslehrern und anderen unqualifizierten Schwadroneuren schutzlos ausgeliefert.
Die hohe Hürde der staatlich anerkannten Prüfung diente allerdings auch den Ärzten selbst. Sie bekamen dadurch eine Monopolstellung und entwickelten sich innerhalb der Standesgesellschaft nach und nach zum eigenen Stand mit immer höherem Sozialprestige.
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es ihre sozialpolitische Mission, den «Armen» zu helfen. Der Impuls dazu ging vom liberalen Bürgertum aus, das auf gesunde und disziplinierte Arbeitskräfte mit einer minimalen Bildung angewiesen war. Von den wohlhabenden Grossbürgern übernahmen die sozial orientierten Ärzte das Konzept des spezifisch ausgerichteten Kurhauses. Daraus leiteten sie das Angebot für ihre Patienten ab und bauten die Anstaltsmedizin auf.
Seit jeher bekannt und berüchtigt waren die Irrenanstalten, deren Anfänge allerdings auf Zuchthäuser zurückgehen und wenig mit Medizin zu tun hatten. Neu waren dagegen die entstehenden Heime für kränkliche, geschwächte und zu Tuberkulose neigende Kinder und Jugendliche. Für bereits Erkrankte gab es nun die Heilstätten, die zu den Volkssanatorien zählten. Die Rehabilitationszentren, wie wir sie als Rückenmarkverletzte von aussen und von innen kennen, sind die Weiterentwicklung dieser verschiedenen ‹Anstalten›.
Dieses Anstaltsangebot war freilich auch Ausdruck bürgerlicher Barmherzigkeit und kein Rechtsanspruch im modernen Sinne. Junge Menschen waren die bevorzugte Zielgruppe, weil sich bei ihnen der Aufwand am meisten lohnte. Sie hatten das Leben noch vor sich und konnten in der Anstalt auch anständig erzogen werden. Das Konzept beinhaltete also, wohlmeinende medizinische Versorgung mit einem gesellschaftskonformen Erziehungsauftrag zu verknüpfen. Die Patienten hatten das hinzunehmen, ohne zu mucken. Sie waren den Anstaltsärzten, die sie im Namen der bürgerlichen Gesellschaft aufnahmen, ausgeliefert – im schlimmsten Falle auch für Experimente.
An dieser Grundkonstellation hat sich, salopp formuliert, nichts geändert. Ihre Entstehungsgeschichte prägt die Schulmedizin und den Auftritt ihrer Vertreter bis heute. Mitunter erlauben es sich Ärzte noch immer, uns als ihre Patienten schamlos in den Senkel zu stellen, uns süffisant zu belehren und Wahrheiten zu verschweigen oder zu verdrehen.
Auch Hoteldirektoren, Wellness-Trainer, Frisöre oder Restaurateure sind eingeladen, zu unserem Wohle alles zu geben. Sie getrauen sich deshalb nicht, uns als ihre Kunden so zu vergraulen, wie das die Dienstleister in Weiss und mit Stethoskop zuweilen tun.
Das Gesundheitswesen ist ein obrigkeitliches und streng hierarchisches System geblieben. Es ermöglicht gelegentlichen Macht- und Vertrauensmissbrauch.