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Patrick Chappatte, der international tätige Zeichner aus Genf, hat sich mit Pressekarikaturen einen Namen gemacht. Mit „gezeichneten Reportagen” wagt sich der „Comic-Reporter” an neue journalistische Formate.
Ein Porträt von Helen Brügger
Patrick Chappatte, 44, ist in vielen Welten zu Hause. In Pakistan geboren, aufgewachsen in Singapur und Genf, arbeitet er nach verschiedenen Auslandaufenthalten seit vielen Jahren in Genf. Seine Cartoons mit der typischen „patte à Chappatte” erscheinen regelmässig in „Le Temps”, der „NZZ am Sonntag” und der „International Herald Tribune”. Eine gute Zeichnung, sagt er, zeichne sich durch das subtile Gleichgewicht zwischen Form und Inhalt aus. Leicht in der Form müsse sie sein und doch tiefgründig, weder didaktisch noch grobschlächtig, sondern „subtil und komplex wie ein Delfin”. Leider gebe es Menschen, die sogar Delfine zum Töten anleiten würden, die Karikaturen als Waffe gegen andere zu verwenden suchten. Dieser Häme, die verletzt, blossstellt und ausgrenzt, hat Chappatte den Kampf angesagt. „Es ist der erniedrigendste Gebrauch der Karikatur, den ich mir vorstellen kann.”
Neben seinem Vollzeitjob als Pressezeichner übt er noch einen zweiten Beruf aus: Er ist Reporter. Aber ein Reporter der besonderen Art. Was er in Krisen- und Kriegsgebieten sieht, hört, notiert und fotografiert, verwandelt er, zurück in Genf, in eine „gezeichnete Reportage”. Chapatte verwendet zeichnerisch verfremdete Fotos, gezeichnete Bilder, Sprechblasen, eingefügte Texte, Bildunterschriften oder Panoramabilder. „Man nennt solche Geschichten auf Französisch ‚une BD, une bande dessinée’” – einen Comic –, aber für ihn sei es „eine Multimedia-Montage”. Mit der Technik des Comics erzählt er die erlebte Realität realistisch, persönlich und direkt und erzielt damit eine eindringliche Wirkung.
„Le Temps” veröffentlicht Chappattes Reportagen, die über zwei oder drei Seiten gehen können, jeweils auf den ersten Seiten der Zeitung – „weltweit einzigartig”, lobt er.
Chappatte ist überzeugt, dass der Journalismus neue Formen braucht, um ein überfüttertes Publikum zu interessieren. Und schwört auf die Überlegenheit der gezeichneten Reportage im Vergleich zu Text und Foto. „Ich kann in einem einzigen Bild darstellen, wofür ich als Textjournalist ganze Spalten Beschreibung brauchen würde”, sagt er. Auch der Fotografie sei die gezeichnete Reportage überlegen, weil er verschiedene, zeitlich verschobene Elemente eines Ereignisses zusammenfügen und das Wesentliche herauskristallisieren könne: „Das erlaubt mir eine gleichzeitig schnellere, einfachere und globalere Annäherung an das Geschehen.”
Reportage-Reisen. Immer wieder reist Chappatte in Krisengebiete, um die Aufmerksamkeit des Publikums auf offene Wunden der Welt zu lenken. Seine Reportagen zeichnen sich durch Nähe und gleichzeitige Distanz aus: „Wenn der Reporter in einem Konfliktgebiet unterwegs ist, kommt er unweigerlich in Situationen, wo Fotos oder Filmsequenzen einen gewissen Voyeurismus nicht vermeiden können.” Mit der gezeichneten Reportage vermeidet der Comic-Reporter diese Peinlichkeit. Das Publikum könne hinsehen, ohne vom Übermass des Grauens überwältigt zu sein, ohne durch die Flut der optischen Reize abgestumpft zu werden. Auf diese Weise stellt sich Chappatte dem Trend zur Boulevardisierung entgegen. Er entbanalisiert die Gewalt und macht damit den Konsumenten zum handelnden Subjekt.
Dem gleichen Ziel dient die Figur des Reporters Chappatte, die in seinen Zeichnungen allgegenwärtig ist. „Man verlangt vom Berichterstatter, unparteiisch, objektiv und erschöpfend zu informieren. Die Realität vor Ort ist anders.” Der Journalist zweifle, habe Angst, sei hin- und hergerissen, müsse das aber alles herausfiltern. „Ich kann es mit hineinbringen. Damit erreiche ich vielleicht nicht journalistische Objektivität, aber vollständige Aufrichtigkeit und Transparenz.” Er eröffnet dem Betrachter neue Sichtweisen, indem er die Grenzen des Journalisten aufzeigt und den Journalismus demystifiziert. Chappatte bewegt sich mit seiner Arbeit im Grenzbereich zwischen Kunst und Journalismus. Aber er sieht sich nicht als Künstler, sondern „ganz klar als Journalist”, und hält sich an die gleichen journalistischen Standards wie jeder, der journalistisch arbeitet.
Solidarität. Ist Chappatte für seine Reportagen in Krisengebieten unterwegs, im Libanon, in Kenia, Südossetien oder Côte d’Ivoire, versucht er, unterstützt vom Eidgenössischen Departement für Auswärtige Beziehungen, zeichnende Kolleginnen und Kollegen hüben und drüben der Schützengräben für ein gemeinsames Projekt zu gewinnen, eine Buchpublikation etwa oder einen Videoclip. „Wenn man Cartoonisten verschiedener Lager zusammenbringt, die im Alltag von ihren Zeitungen als Propagandisten missbraucht werden, dann schreien sie sich am ersten Tag noch an. Doch bereits am zweiten merken sie, dass zwischen ihnen mehr Gemeinsames als Trennendes ist, und am dritten, dass eine Brüderlichkeit entstehen könnte, die Hassbotschaften überflüssig macht.”
Chappattes Vater ist Jurassier, seine Mutter Libanesin. Einzelne Familienmitglieder wären in den libanesischen Kriegen vielleicht ums Leben gekommen, hätten sie nicht in der Schweiz Aufnahme gefunden. „La mort est dans le champ” heisst eine seiner Reportagen aus dem Süd-Libanon. Sie gibt Opfern von Streubomben das Wort: „Mich interessieren nicht ministeriale Stellungnahmen, sondern die Menschen, die Geschichte an ihrem eigenen Körper erfahren müssen.” Mit Unterstützung des IKRK hat er daraus einen Film gemacht, ein Konzentrat seines multimedialen Experimentierens. „Ich habe mir gesagt, wenn eine gezeichnete Reportage im Print funktioniert, funktioniert sie vielleicht auch im Fernsehen.” Was daraus entstanden ist, könne man nicht als Animationsfilm bezeichnen. „Es hat sehr wenig Animation dabei, es ist eher eine gezeichnete Reportage, die sich bewegt.”
Denn Chappatte will nicht in den Bereich der Animationsfilme vordringen – „das gibt für ein journalistisches Format zu viel Arbeit” –, sondern im Bereich der Informationsreportage bleiben. Trotz des langsamen, kontemplativen Rhythmus und des vollständigen Verzichts auf Spezialeffekte wurde „La mort est dans le champ” im April 2011 am Westschweizer Fernsehen zur Primetime ausgestrahlt, und zwar in einem Newsmagazin, wie es sich Chappatte gewünscht hatte. „Ich hatte Angst, wegen dieses langsamen, für das Medium Fernsehen untypischen Rhythmus von den Spezialisten zerzaust zu werden, aber sie haben im Gegenteil gut reagiert”, freut er sich.
Patrick Chappattes Zeichnungen nehmen Stellung. Will er mit seiner Arbeit die Welt verändern? „Die Welt nicht, aber meine Welt, die Welt des Journalismus”, sagt er. „Ich habe Lust am Experimentieren mit neuen Formen. Ich habe Lust daran, die Welt des Möglichen zu erweitern.”
Patrick Chappatte ist 1967 im pakistanischen Karatschi geboren. Einen Teil seiner Kindheit verbringt er in Singapur. Die Schulen besucht er in Genf, als Gymnasiast veröffentlicht er seine ersten Zeichnungen in Zeitungen. Schon mit 21 Jahren wird er Karikaturist bei der Genfer Zeitung „La Suisse”. Mehreren Reisen nach Süd- und Nordamerika folgt ein dreijähriger Aufenthalt in New York, wo er für die „New York Times” zeichnet. Seit 1998 arbeitet er als Pressezeichner für „Le Temps”, aber auch für die „NZZ am Sonntag” und die „International Herald Tribune”. Die angelsächsische, von der Situationskomik lebende Pressekarikatur ist sein Vorbild. Parallel zu Comic-Zeichnern wie Joe Sacco und anderen entwickelt er die „gezeichnete Reportage” oder „Comic-Reportage”, die die Aktualität mit hilfe einer Folge von gezeichneten Bildern wiedergibt. Chappatte ist mit einer Journalistin verheiratet und hat drei Kinder.
> AUSSTELLUNG: „BD Journalisme – Quand les dessinateurs se font reporters”. Mit Cabu, Chappatte, Chavouet, Davodeau, Meurisse, Sacco, Riss, Sapin, Sattouf. 28. September bis 26. November, Forum Théâtre Meyrin, Genf.
> BUCH: Patrick Chappatte: „BD reporter – Du printemps arabe aux coulisses de l’Elysée”. Eine Sammlung von sechs gezeich-neten Reportagen. Erscheint am 15. November 2011 bei den Editions Glénat in Nyon.
> WWW: Homepage von Chappatte
> VIDEO: "La mort est dans le champ"
© EDITO+KLARTEXT 2011