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Romano Breitschmid sitzt seit seiner Verhaftung im Februar 1991 in Untersuchungshaft. Im Knast auf der Lenzburg versucht er, Klarheit über seine Identität und seine Herkunft zu gewinnen. Mit Hilfe der Schreibmaschine, in die er einen autobiographischen Text tippt. Und mit Hilfe von FreundInnen, die sich auf die Suche nach seinen leiblichen Eltern machen und seine Mutter finden.
In einem Gutachten, das die Psychiatrische Klinik Königsfelden im Januar 1994 über Romano Breitschmid erstellt hat, wird die damalige Beurteilung von Erna D. teilweise unhinterfragt übernommen: Sie habe «wegen ihres offensichtlichen ‘Sex-Appeals’ mit sehr vielen Männern verkehrt» und sei dabei «oft ‘nicht wählerisch’ gewesen», heisst es in den Akten. Trotz ihren «beschränkten intellektuellen Fähigkeiten» habe sie «über eine ‘praktische Intelligenz’ verfügt». Sie sei «unstet gewesen» und habe «ihren Wohnort oft gewechselt». Die Eltern seien «mit der Erziehung überfordert gewesen», so dass die Kinder «hätten fremdplaziert werden müssen». Auch ihr jüngstes Kind entstamme «einer dysfunktionalen Herkunftsfamilie, die nicht in der Lage war, für ihre Kinder zu sorgen, so dass Romano Breitschmid unmittelbar nach der Geburt in einem Kinderheim plaziert werden musste».
Eine fast heile Familie
Romano Breitschmids Adoptivvater, der Unternehmersohn Peter Breitschmid, Jahrgang 1929, war Mitbegründer jener bunten Liste, die anlässlich der Nationalratswahlen im Kanton Aargau 1967 zwecks Stimmenfang der Freisinnigen Partei bei den Jungen gegründet wurde. Das «Team 67» machte sich danach selbständig und wurde für das Aargauer Establishment zum roten Tuch. Vater Paul Breitschmid übertrug dem unangepassten Sohn Peter testamentarisch die Beteiligung an der von der Familie gegründeten Howag AG, Wohlen, nur mit Einschränkungen. Peter Breitschmid wurde wohl Direktor und Delegierter des Verwaltungsrates, hatte aber nie operative Funktionen. Statt dessen wurde er mit Sonderaufgaben im Bereich neuer Kundenbeziehungen und Produkteinnovation betraut. Starker Mann in der Firma blieb ein Freund des Vaters, der Aarauer Rechtsanwalt Fred Röthlisberger, Oberst und Regimentskommandant, ausserdem Verwaltungsrat in der Hayek-Engineering und Rivella. Peter Breitschmid war daneben zuständig für Öffentlichkeitsarbeit und schrieb unter dem Kürzel «pb» für die Fach- und Lokalpresse vorab über lokale Kultur- und Sportanlässe.
Beruflich, politisch und persönlich sass Peter Breitschmid zeitlebens zwischen verschiedenen Stühlen. Der alternative Unternehmersohn schloss sich wohl noch der Oppositionsbewegung «Eusi Lüüt» an, nicht aber wie andere namhafte ExponentInnen des «Team 67» (etwa die mit ihm befreundeten Silvio Bircher oder Ursula Mauch) der SP. Peter Breitschmid brach aber auch mit seiner Herkunft nie ganz und war Mitglied des Lions-Club. Zu Adoptivsohn Romano verbanden ihn höchst ambivalente Gefühle: Faszinieren musste Peter Breitschmid die Radikalität des Adoptivsohns im Bruch mit der wohlgeordneten Aargauer Welt sowie seine Kreativität im kulturellen Bereich, abgestossen hätten ihn indessen Bitten um finanzielle Unterstützung. So blieb Romano Breitschmid vorab mit der Mutter eng verbunden, der Adoptivvater behauptete später gar, ein Psychiater habe ihm damals von der Adoption abgeraten, weil Romano «irreparabel verhaltens- und beziehungsgestört» sei - eine Behauptung, die Heimarzt und Heimleiterin heute empört zurückweisen: «Romano war ein unproblematisches, liebenswürdiges Kind.»
Mit Romano verband Ursula Breitschmid laut übereinstimmenden Aussagen ein inniges Verhältnis. Ihm habe sie ihre Sorgen anvertraut, während sie Mühe gehabt habe, zu ihrem leiblichen Sohn Christian eine echte Beziehung herzustellen. Mit ihrer überschwenglichen Liebe und ihrer Erwartungshaltung habe sie Romano Breitschmid fast erdrückt.
Romano Breitschmid will sich weiterbilden. Er wird an der staatlichen Zirkusschule in Budapest aufgenommen. Dort erhält er ein befristetes Engagement in einer ungarischen Tanztruppe, die im bekannten Varieté «Scala» in Barcelona auftritt. Als nach einem halben Jahr von der vereinbarten Rückkehr nach Budapest immer noch keine Rede ist, schmeisst Breitschmid das Engagement und versucht sich in Barcelona mit Auftritten in kleinen Bars, Diskotheken und auf der Strasse über Wasser zu halten: «In einem Park in der Nähe meiner Wohnung übte ich jeden Tag. Es gab oft ein paar Kinder, die mir zugeschaut haben. Als ich ihnen erzählte, dass es mir sehr schlecht gehen würde und ich nur wenig zu essen hätte, gingen sie nach Hause und brachten mir einige grosse belegte Brötchen.» Völlig abgebrannt, ruft Breitschmid seine Eltern an, die ihm das Geld für den Heimflug überweisen.
Mitarbeit: Res Strehle.
Lesen Sie den Bericht über die ersten Prozesstage: Ein Clown am Ende seiner Kräfte.