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Nachfolgend ein Auszug aus dem Schreiben der Giordano-Bruno-Stiftung gbs an den deutschen Bundespräsidenten vom 15. Dezember 2009 (veröffentlicht auf der gbs-Webseite):
” … Der Grund für unser Schreiben ist, dass Sie in Ihrer Rede empfehlen, Kindern die Bibel vorzulesen, weil dies angeblich ein „wertvoller Beitrag für die frühkindliche Erziehung“ sei.
An dieser Stelle müssen wir energisch widersprechen! Denn die Bibel hat auf Kinder vor allem eine desorientierende Wirkung. Denn sie vermittelt falsche Ansichten über die „Natur der Dinge“ (etwa bezüglich der Entstehung der Welt). Zudem enthält sie ethisch höchst problematische Anweisungen, die dem mittlerweile erreichten Stand unserer kulturellen Evolution nicht mehr entsprechen (beispielsweise die durchgängige Diskriminierung von ungläubigen, andersgläubigen oder homosexuellen Menschen in den Texten des Alten und Neuen Testaments).
Wir bestreiten dabei keineswegs, dass die Bibel sehr wohl auch in einem aufklärerischen, humanen und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen kompatiblen Sinne gelesen werden kann. Allerdings setzt dies einiges Vorwissen voraus:
Man muss beispielsweise die Evolutionstheorie verstanden haben, um die kreationistischen Konzepte der Bibel relativieren zu können. Ebenso muss man den Prozess der menschlichen Kulturentwicklung begriffen haben, um die oft grausamen, biblischen Normen historisch-kritisch einordnen zu können.
Das Problem ist, dass Kinder über derartiges Vorwissen nicht verfügen. Sie besitzen daher auch nicht die Möglichkeit, die an sie herangetragenen Glaubensaussagen zu relativieren. Stattdessen nehmen sie die kreationistischen Vorstellungen der Bibel wörtlich, im schlimmsten Fall entwickeln sie irrationale Ängste gegenüber einem strafenden Schöpfergott, der, wie sämtliche Kinderbibeln bildreich berichten, dereinst keine ethischen Bedenken dagegen hatte, nahezu alle Menschen und Tiere im Zuge der „Sintflut“ zu ertränken.
Führt man sich die verheerenden Konsequenzen einer vorkritischen Aneignung von Glaubensaussagen vor Augen, so erscheint Ihr Ratschlag, schon den Kleinsten die Bibel vorzulesen, als eine „Anstiftung zur weltanschaulichen Indoktrination von Kindern“! Selbstverständlich ist uns klar, dass eine derartige weltanschauliche Beeinflussung in der Regel in allerbester Absicht geschieht. Die Tradition der religiösen Indoktrination ist so etabliert, dass sich gemeinhin niemand bewusst macht, was wir unseren Kindern antun, wenn wir sie mit Glaubensaussagen konfrontieren, ohne ihnen zuvor die Kenntnisse vermittelt zu haben, mit deren Hilfe sie diese Aussagen angemessen
einordnen können.
Es kann doch nicht richtig sein, dass wir unsere Kinder schon im frühsten Alter mit kreationistischen Vorstellungen konfrontieren, während ihnen das wissenschaftlich akzeptierte Weltbild der Evolutionstheorie erst sehr viel später nahe gebracht wird (in den meisten Lehrplänen taucht sie als eigene Lerneinheit erst im 10. Schuljahr auf!)! Wäre es nicht besser und einer modernen, pluralen Gesellschaft auch weit angemessener, wenn wir den Kindern zunächst einmal das vermitteln würden, was wir mehr oder weniger gesichert über die „Natur der Dinge“ wissen, bevor wir zusätzliche religiöse Weltdeutungen an sie herantragen? … (ganzer Text). “