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Am 13. November 1919 schrieb ein gewisser Jan Bennenbroek (1861-1918) aus dem im Süden Hollands gelegenen Dorf Someren seinem Bruder Simon, der als Pater in einem Kloster in Gorichem lebte, wo er auch Pfarrer war. Einen Brief über die Spanische Grippe, die in auch Someren herrschte. Er hatte gerade seine drei Schwestern besucht. Der Brief umfasst nur eine Seite. Hierin beschreibt er seinen Besuch an seiner Schwester Miet in Stipdonk, verheiratet mit dem Müller Johannes van den Boomen. Er schreibt: «Alle sind krank, ausser Mathieu (CM: der Sohn). Miet war noch auf den Beinen. Nicht gefährlich. « Auch geht er zu Drieka, die diesen Brief aufbewahrt hat und ihrem Enkel Ton van der Graft vermacht hat, der uns diesen Einblick in das Leben mit der spanischen Grippe gemacht hat. Drieka ist verheiratet mit Metzger Van der Goor an der Postelstraat (CM: Someren). Er schreibt: «Van de Goor und Drieka beide im Bett. Sind genesend. Auch die Magd ist krank. Und es sind zwei Fremde im Haus.» Die dritte Schwester ist Tonia, die mit ihrem Mann, Hein Rooijmans in der Speelheuvelstraat (CM: Someren) eine Bäckerei hat. Er schreibt:» Tonia ist beinahe genesen. Zu Hause sind alle genesen, ausser Mietje. Dr Level hat ihr besucht».
Jan Bennenbroek erzählt seinem Bruder auch über die Situation im Dorf: «Kaplan van Tilborgh ist gestorben. Es gibt 21 Tote im Dorf. Meist junge. Von hier bis zu unserem Haus wiederum 5 Schilder. Die Geistlichen sind überfordert und werden nervös. Morgen schreibe ich mehr.» In der Randlinie schreibt er noch: »Heute den 12. die letzten Sakramente erhalten.»
Jan Bennebroek scheibt über die Folgen der «Spanischen Grippe», die in jener Zeit die ganze Welt heimsucht. Die Grippe lässt jeden dritten weltweit erkranken. In den Niederlanden sterben etwa 60000 Menschen.
Die Spanische Grippe ist keinenfalls eine Grippe aus Spanien, wie der Name vermuten lässt. Wo sich die Spanische Grippe zuerst manifestierte, ist nicht völlig gesichert. Dies ist weitgehend vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges zu sehen. Bei den Kämpfen in Europa, vor allem an der Westfront, starben zu dieser Zeit wöchentlich tausende von Soldaten. Sowohl die Presse als auch die lokalen Gesundheitsbehörden konzentrierten sich daher wenig auf die ersten Grippefälle im Frühjahr 1918, zumal während der ersten Welle nur wenige Menschen der Krankheit erlagen.
Die These, dass es zu den ersten virulenten Grippeausbrüchen in den USA kam und sie von dort aus durch Truppenbewegungen – die American Expeditionary Forces in Europa wurden gerade zu dieser Zeit massiv verstärkt – weltweit verbreitet wurde, ist schon in den 1970er Jahren durch den australischen Medizin-Nobelpreisträger Frank Macfarlane Burnet aufgestellt worden. Heute vermutet eine Reihe von Wissenschaftlern, dass die Grippewelle in Haskell County im US-Bundesstaat Kansas ihren Ausgang nahm.[19] Zum Jahresanfang 1918 behandelte dort der Landarzt Loring Miner zahlreiche Patienten, deren Grippesymptome das bisher Bekannte an Heftigkeit erheblich übertrafen. Den Krankheitsverlauf schilderte Miner als rasend schnell und gelegentlich tödlich. Die Grippe begann schlagartig mit Schüttelfrost, sich todkrank fühlen, heftige Stirnschmerzen und Albträumen. Schmell kamen Lungenprobleme dazu und man spuckte Blut. Die Sterbensrate war sehr hoch. Etwa 10-15% der jungen Erkrankten starben innerhalb weniger Tage, sogar Stunden durch Atemnot. Nach einer Woche nahmen die Grippensymptome ab, aber bei einem Grossteil der Genesenden trat eine zweite Fieberwelle auf, durch eine sekundäre bakteriellen Lungeninfektion.
Miner war über diesen Krankheitsausbruch so beunruhigt, dass er sich an den United States Public Health Service wandte, wo man jedoch auf seine Bitte um Unterstützung nicht reagierte. Seine Warnung vor einer Grippeform mit ungewöhnlich heftigem Verlauf wurde dennoch im Frühjahr 1918 im Public Health Report veröffentlicht. Dank dieses Berichts konnte die Medizingeschichte einen möglichen Ansteckungsverlauf konstruieren. Belegt ist, dass mindestens drei Personen aus Haskell County Ende Februar in das US-Army-Ausbildungslager Camp Funston eingezogen wurden. Am 4. März erkrankte der Küchenunteroffizier (mess sergeant) Albert Gitchell an der Grippe. Er litt unter Halsschmerzen, Fieber und Kopfschmerzen, den typischen Anzeichen einer Grippe. Hunderte weitere Soldaten zeigten dieselben Symptome und füllten innerhalb von wenigen Stunden das Notlazarett. Gitchell war nicht der erste Patient, den die Spanische Grippe infiziert hatte, aber der erste, der registriert wurde. Er gilt deshalb als Patient Null. Drei Wochen später waren in dem Ausbildungslager, in dem sich durchschnittlich 56.000 Rekruten befanden, 1100 Schwerkranke und 38 Todesfälle zu beklagen. Die Soldaten bezeichneten die Erkrankung als three-day fever oder knock-me-down fever. Von dem zur Militärbasis Fort Riley gehörenden Ausbildungslager breitete sich die Krankheit sehr schnell weiter aus. Am 18. März wurden Grippefälle auch in zwei Ausbildungslagern in Georgia gemeldet.
Vom Zeitpunkt des Ausbruchs der Grippe in Kansas bis August 1918 trafen mehr als eine Million amerikanische Soldaten in Europa ein, einen derartig regen Verkehr zwischen Neuer und Alter Welt hatte es zuvor nie gegeben. Der Erste Weltkrieg beschleunigte so die weltweite Ausbreitung. Innerhalb Europas war die Mobilität durch den Krieg vor allem zwischen Deutschland und Frankreich stark eingeschränkt, was die Ausbreitung der Epidemie von Westen nach Osten jedoch nicht abbremste. Mögliche Erklärungen sind unter anderem die Verbreitung über neutrale Staaten wie die damals stark betroffene Schweiz, durch Kriegsgefangene und Plünderung von alliierten Gefallenen oder durch Luftströme zu den damals oft nur wenige Meter auseinanderliegenden Frontlinien
In der ganzen Welt erlagen in der Folge 50 bis 100 Millionen Menschen der Grippe. In den Niederlanden wurde die Grippe zum ersten Mal im Mai 1918 in Garnisonen in den nördlichen Niederlanden diagnostiziert. In dem Moment waren rund 20.000 Soldaten mobilisiert und zusammen in engen Räumen stationiert. Die Grippe verbreitete sich schlagartig durch das ganze Land und erreichte seinen Höhenpunkt im November und Dezember. In Someren, wo Jan. wohnte, starben 160. Jan, der nach dem Besuch an seinen Schwestern erkrankte, ist einer von ihnen. Die drei Schwestern erholten sich.