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Ruraler Kontext
Das Val Lumnezia ist ein Tal in der Bündnerischen Surselva. Die Region ist einerseits von der Abwanderung bedroht, anderseits besteht die Gefahr einer Zersiedelung. Wir entwickeln eine Idee für das Tal. Das Wesentliche dieser Idee soll in einem Dokument deutlich werden, das im Zuge der Wahrnehmung verschiedener lokaler Interessen und ihrer Perspektiven entsteht.
Im städtebaulichen Portrait der Schweiz vom Studio Basel wird das Land in fünf unterschiedliche Typologien geteilt. Das Projekt solle nichts anderes als die Großformen der beobachteten Trends und Transformationsprozesse aufzeigen in einem Land, wo diese tabu und kaum lenkbar sind. In der Vorstellung einer zukünftigen Siedlungstopographie der Schweiz macht die Alpine Brache flächenmäßig den größten Teil aus. Diese Alpine Brache wird als Zone des Niedergangs und der langsamen Auszehrung bezeichnet und die mangelnde Perspektive liegt weniger in dem möglichen Anschluss an die urbane Welt als vielmehr in der fehlenden physischen Präsenz des Urbanen. Das führe zu einer anhaltenden Abwanderung. Mit Subventionen und Transferleistungen konnte dieser Niedergang nicht gestoppt, sondern höchstens verlangsamt werden. Das Studio Basel spricht von einem Paradigmenwechsel, indem diese Nullperspektive als Handlungsspielraum für spätere, alternative Entwicklungen betrachtet wird.
Dieser Gedanke mag als Metapher stimmen, in der Realität sieht es anders aus. Die zum Teil noch immer stark besiedelten Täler werden sich auch ohne Förderungsgelder nicht entleeren und zu Wildnis werden. Ganz im Gegenteil; das spekulative Interesse von außen für solche Regionen wird zunehmen und zu einer gegenteiligen Entwicklung führen. Es ist darum unerlässlich die Entwicklung zu lenken und zwar aus einer Gesamtperspektive unseres Landes und nicht als Konzept der bisherigen Regionalpolitik die das Ziel hatte, Differenzen zu nivellieren.
Wir führen den Begriff des ruralen Kontextes ein.
Kontext ist ein vielschichtiges Gewebe von Beziehungen. Rurale Kontexte sind - ähnlich den alpinen Resorts vom Studio Basel - Gebiete, die nicht Teil von Städtenetzen oder Metropolitanregionen sind. Im Gegensatz dazu ist die Ökonomie des ruralen Kontextes aber nicht nur die des Tourismus. Die Bezugsfäden werden vorerst nicht nach außen gespannt. Gesucht werden innere Netzwerke. Die Idee der drei Pole als Ausgangspunkt für die Produktion des Raumes nach Lefebvres (desjenigen der materiellen Produktion, desjenigen der Produktion von Wissen und desjenigen der Produktion von Bedeutungen) lässt sich auch im ruralen Kontext überschaubar realisieren. Für die Bildung des ruralen Kontextes spielt das Spezifische des Lokalen eine wesentliche Rolle. Ganz im Gegensatz zu jenem Einheitsdenken, bei dem nur eine Perspektive als die einzig Richtige gesucht und gelebt wird, darf die Wahrnehmung des Lokalen sich nicht auf einige wenige Aspekte beziehen. Es sollen möglichst viele Perspektiven im Besonderen des Lokalen gesucht werden, die zu einem Gesamtbild hinführen.
Ruraler Kontext bilden ist keine Anti-Globalisierungsthese sondern steht für die Meinung, dass sich das Entscheidende im Leben nur innerhalb des überschaubaren Raumes ereignet, in der Art einer Liebesbeziehung. Kontext meint auch nicht eine autarke, nur auf sich bezogene Sicht der Situation. Mit einer solchen würde der Blick auf die eigentliche Problematik weitgehend verstellt. Den Kontext ins Blickfeld zu rücken, bedeutet eine Balance suchen zwischen Erhaltung und Entwicklung eines Lebens- und Wirtschaftsraumes. Balance für einen Raum, in dem das notwendige Selbstwertgefühl erwacht um als ernstzunehmender Partner nach außen gehen zu können. Im Gegensatz zu den schnelllebigen Metropolitanregionen sind rurale Kontexte Räume der Langsamkeit. Diese Unterschiede muss man nicht polarisieren, man kann sie als einander bedingend ansehen. Das größte Potenzial eines jeden Kontextes ist dessen Differenz. Diese Erkenntnis muss als Strategie zur Bildung und Stärkung auch beim ruralen Kontext konsequent eingesetzt werden. Ruraler Kontext ist auch eine stille Rebellion gegen das weitläufig Uniformierte in Wirtschafts-, Gesellschafts- und Politikfragen. Und trotzdem soll dieses Potenzial der Orientierung und der Sinnstiftung ökonomische Perspektiven bieten. Die Idee der Wahrnehmung des Kontextes steht für die Suche nach Stabilität und Sicherheit im Prozess der Identitätsfindung, und dies in räumlicher, sozialer und ideeller Hinsicht. Angesichts der nivellierenden Globalisierungsprozesse kann und soll das Wahrnehmen von Kontexten den zugehörigen Begriff der Identität klären.
Das Val Lumnezia ist ein Seitental, dessen ökonomische Grundlage die Landwirtschaft, der Tourismus und das lokale Gewerbe sind. Vor allem die Randdörfer sind von Abwanderung betroffen. Die einzelnen Gemeinden sind zu klein um langfristig die Infrastrukturen für die funktionierende Dorfgemeinschaft sicherzustellen. Und genau an diesem Punkt möchten wir ansetzen. Wir stellen die Frage nach der ruralen Lebensqualität und nach den baulichen Infrastrukturen, um diese weiter zu entfalten. Was für Einrichtungen und Anlagen sind notwendig und wo sollen diese zustande kommen? Dieser Frage geht eine präzise Analyse der Eigenarten, der Gemeinsamkeiten und der Unterschiede zwischen den einzelnen Dörfern voraus. Bei der Standortwahl für ihre Anlagen werden Nähe und Distanz, die Zentrumsfunktion, die Bedeutung im Tal und Funktionen, die über die Grenze hinausweisen, entscheidend sein.
Die Sicherstellung dieser Infrastrukturen kann nur über Kooperationen erfolgen. Bisher wurden solche Fusionsfragen lediglich aufgrund von ökonomischen Kriterien geführt. Fragen der inneren Identitäten standen nicht zur Diskussion. In diesem Findungsprozess muss es gelingen Grenzen, abzubauen ohne Differenzen zu vernichten.
Themen wie die der Entwicklung von Dorfstrukturen, die des Verhältnisses zwischen Siedlungskörper und Freiraum, die Frage nach möglichen neuen Wirtschaftsstandorten und die der Kenntlichkeit und der Neugestaltung der Kulturlandschaft werden diskutiert. Aber auch die Rückbildung von baulichen Strukturen. Die erkannten Unterschiede und die Wertschätzung der Vielfalt sollen zu einem stärkeren Zusammengehörigkeitsgefühl führen. Auch die Fragen des Zweitwohnungsbaus und die Suche nach neuen Modellen für den Tourismus sind relevant. Und wie lassen sich die Regeln für die neue Architektur . nden? Können diese aus den Konstanten des Ortes und aus dessen Netzwerken heraus entwickelt werden? Dazu werden wir das Spezifische der lokalen Standorte beschreiben und daraus Entwicklungsstrategien für das Neue ableiten. Wir wollen mit neuen Architekturen die vorgefundenen Strukturen stärken. Dabei geht es nicht um die Beschreibung des rein Traditionellen. Es ist auch ein Experimentierfeld für eine eigenständige Zukunftsgestaltung. Für Nostalgie hat es dabei keinen Platz, aber auch nicht für eine schematische Übernahme universeller Konzepte.
Die Strategie zur Wahrnehmung des (ruralen) Kontextes zielt darauf hin, zuerst einmal die vorhandenen Potenziale zu erkennen und diese zu stärken. Erst ein solcher Bewusstseinszustand führt zu einer erfolgsversprechenden Beziehung zwischen Zentrum und Peripherie. Es gilt eine Gesprächskultur zu entwickeln, die alle Akteure zu Gewinnern werden lässt; die Schweiz ein Land der Vielfalt, gebildet aus starken Räumen.
Wintersemester 2006/07
10 Studierende - 10 Dörfer. Je ein Studierender übernimmt die Verantwortung für ein Dorf. Nach einer bestimmten Methode werden die Dörfer auf verschiedenen Ebenen analysiert. Daraus lassen sich Differenzen zwischen den Dörfern aber auch innerhalb dieser beschreiben.
Entworfen werden Strategien, um das Spezifische an den vorgefundenen Strukturen weiter zu bauen. Schlussendlich werden die von einem einheimischen Gremium vorgeschlagenen Infrastrukturen in den einzelnen Siedlungskörpern platziert. Diese Karte dient als Diskussionsebene zu den Themen Fusion und Identität. Das Semester wird von Fachspezialisten begleitet. Wir werden uns mehrere Tage im Val Lumnezia aufhalten.
Arbeitsort: Atelier Gisel, Streulistrasse 74a, 8032 Zürich
Anzahl Studierende: 10
Aufgabentyp: O/P
Einführung: Dienstag, den 24. Oktober 2006, 10:00 im Atelier Gisel
Download: PDF
08.09.06 webmaster@arch