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Kopie der Zeitung "Unser Blatt" Nr. 1 vom Oktober 1925. (gotisch)
Kopie der Zeitung "Unser Blatt" Nr. 2 vom November 1925. (gotisch)
Meine Reise nach Turkestan.
Um die Mitte des Monats Mai erhielt ich durch den Vorsitzenden der Ksk, Bruder Ediger, die telegraphische Einladung nach Turkestan zu fahren zwecks Informationen der Gemeinden daselbst in Fragen des Dienstens unserer Jünglinge im Zusammenhange der Wehrlosigkeit. Beschlossen wurde gleich nach Pfingsten zu fahren. Am 3 Juni l.J. machte ich mich auf den Weg über Charkoff und Moskau, wo noch etliche Angelegenheiten zu regeln waren.
Den 9. Juni tags fuhren wir von Moskau ab nach Aulie-Ata. In Moskau hatte ich einen Reisegefährten dorthin getroffen, H.Löwen. Bis Orenburg geht die Fahrt ganz gut. Etliche hundert Werst nach der Stadt verändert sich alles. Wohl geht es noch immer durch ebene Steppen, doch der Graßwuchs wird spärlicher, bis schließlich nur noch der Wermut bleibt. Die Sonne fängt an immer mehr von ihrere „Güte“ darzureichen, so daß es von morgens an heiß ist. Durch endlose Ebenen fährt man hier. Endlose, unübersehbare, öde Ebene, hier und dadurch einen Hügelzug unterbrochen. Keine Dörfer, keine Städte; zerstreut nur sieht man einzelne Kirgisenjurten (Zelten – E.K.) aufgeschlagen. In kleinen Auls (Dörfer – E.K.) von 5-7 Hütten fristen sie mit ihrem Vieh hier ein kümmerliches Dasein. Die Stationen der Bahn nehmen (sehen aus? – E.K.) sich in dieser Gegend wie Oasen in der Wüste aus. Immer sandiger wird der Boden, bis wir in der Sandwüste sind, wo der Graswuchs aufhört und nur noch weit und breit gelber Sand und farbloser Himmel zu sehen ist. Die Hitze steigt mehr und mehr; schier unerträglich wird es. Durch Fenster und Türen bringt der lästige Sand; will man diese schließen, dann wird es unerträglich im Waggon. Nichts für das Auge. Vom S-O (Süd-Ost – E.K.) weht ein heißer Glutwind, welchen auch der Aralsee, an dessen Ufern wir eine Strecke hinfahren, nur unmerklich mildert. Doch da in der Ferne schimmert`s, da weit hat der Blick etwas entdeckt, das wenig zu diesem grau-gelben Einerlei paßt. Es ist die Syrdarja, der ruhige breite Strom, nach dessen Namen die ganze Gegend genannt ist. Ruhig, gemächlich schlängelt er sich durch den Sand, die Stationen und Kirgisenauls mit Wasser versorgend. An seinen Ufern ist nur hin und her ein grüner Platz zu erspähen, meistens auch nur Sand. Im Schilf birgt sich eine Unmasse Mükken, die zur Plage werden können. Mit dem Sinken der Sonne läßt die Hitze nach, doch ganz weicht sie nicht.
Um 9 Uhr morgens am 13. Juni kamen wir an Arös (Arys – E.K.) an. Das ist die Station, von der man nach der Ansiedlung abbiegt. Hier sollte ich die mittelasiatische Hitze kennen lernen. Den Tag lang mußten wir auf den Zug nach Aulie-Ata warten und hatten also Muße, alles näher in Augenschein zu nehmen. Arös ist ein kleines jämmerliches orientalisches Städtchen, auf ebene verdorrter Steppe wie hingekleckst. Ohne Baumwuchs, ohne Schatten liegt es dem Sonnenbrand preisgegeben da. Nur bei den Stationsgebäude sind etliche Bäume, die immer bewässert werden müssen, wenn sie nicht auch vertrocknen sollen. Eine Hitze von 50-60 Grad ist hier nichts außergewöhnliches. Um die Zeit, wo der Tag am heißesten war, sah ich die Eingeborenen fast vor ihrer Tür im Schatten auf ihren Betten liegen, viel mehr ist übrigens auch nicht zu tun. Alles Leben erstirbt in den mittelasiatischen Städten um diese Zeit; gegen Abend, wenn die Temperatur sinkt, beginnt es sich zu regen. Um...(unleserlich – E.K.) Uhr abends kam unser Zug und bald fuhren wir ab nach Aulie-Ata. Von hier biegt die Bahn ab ostwärts nach Pischkeck (heute Bischkek – E.K.), der Hauptstadt der Autonomen Kara-Kirgisengebiets. Als ich morgens erwachte, waren wir schon im Gebirge. In einem Tale „windet“ sich der Zug aufwärts, wobei es zweimal durch Tunnele geht. Langsam nur geht es vorwärts. Zum Abend kommt man nach Aulie-Ata.
Wir fuhren sogleich von der Station per Achse los und kamen noch bis zur sog. „Musterwirtschaft“, wo wir etliche Zeit rasteten und dann weiter fuhren. Mit Sonnenuntergang waren wir beim „Kap“, dem Engpaß, der in das Tal führt, wo die Auszugsgemeinde ihren Wohnort gefunden haben. Von weit schon ist er zu sehen. Es ist eine ganz schmale Durchfahrt. Ein Gebirgsfluß, der Talaß, hat sich hier sein Bett gegraben. Etwas höher führt der Weg, der oft so schmal ist, daß sich zwei Wagen nicht vorbei fahren können. Zudem ist er noch abschüssig, so daß es schon vorgekommen ist, daß ganzen Fuhrwerke mit Mann und Gespann abgestürtzt sind. Rechts erhebt sich die steile Felswand mit ihren verschiedenen Gebilden aus Stein, links rauscht der Fluß. An einer Stelle dieses Engpasses nehmen die überhängenden Felsen die Umrisse eines Löwenkopfes an, weshalb sie auch von den Ansiedlern den Namen „Löwenkopf“ erhalten haben. Ist man durch den „Kap“ durch, so breiet sich das Tal vor uns aus. Am Eingange liegen due Trümmer einer uralten Festung, welche zu ihrer Zeit dieses Streifchen Land vor dem Eindringen feindlicher Horden hat schützen sollen. Drei zerfallene Türme sprechen von längst entschwundener Macht, der breite Festungsgraben nimmt jetzt friedlich weidende Kälber und Rinder auf.
Das Tal ist minimum 7 Werst und maximum 20 Werst breit; die Länge erstreckt sich auf ungefähr 180 Werst. Man muß es sich nicht als eine glatte und platte Ebene vortsellen; mancher niedere Zug durchschneidet dieses Tal und hindert die freie Aussicht, die hier von allen Seiten sehr eingeschränkt ist. Wohin man auch schaut, der Blick stößt immer auf Gebirge. Von einer Seite zieht sich der Ala-Tau mit seinen schneegekrönten Gipfeln, an der andern ist es die Alexanderkette, die das Tal abgrenzt. Ungefähr 130 Werst nach den mennonitischen Dörfern vereinigen sich diese zwei Züge. Das Tal durchrauschen 2 Flüsse: Talaß – der größere, Urum-aral (Urmaral – E.K.)– der kleinere. Es sind richtige Gebirgsflüsse und benehmen auch als solche. Rauschend schießen sie dahin, die Hindernisse in ihrem Lauf schäumend und tobend bekämpfend und überwältigend. Sind sie ihnen doch zu stark, so biegen sie grollend abseits und schießen weiter. Von zahlreichen Quellen werden sie genährt, und sie in ihrem Teil nähren die dortigen Ansiedlungen, denn diese Flüsse geben das Wasser zur Bewässerung der Felder, Wälder und Gärten. Das Land ist von unzähligen Kanälen durchzogen und wo diese nicht sind, da ist die Vegitation grau, farblos oder fehlt ganz. 35 Werst tief in das Tal hinein liegen die mennonitischen Dörfer; in einer Gruppe sind es 4: Gnadental, Gandenfeld, Nikolaipol und Köppental. 7 Werst weiter ab liegt Ohrloff mit gemischter Bevölkerung: Mennoniten, Lutheranern und Adventisten. 25 Werst von der ersten Gruppe liegt ein kleines mennonitisches Dörfchen – Hohendorf, welches in seinen Mauern Auszügler aus der Chivinischen Mennonitengemeinde birgt.
Die Wege in Turkestan sind holperig und halsbrecherisch: viele Steine, große kleine, dazu noch die Bewässerungskanäle, welche nur selten überbrückt sind und dann noch auf solche Art, daß der Turkestaner selbst es vorzieht neben der Brücke durchs Wasser zu fahren. Die Die Häuser der Ansiedler sind hier nicht ganz so groß und schön gebaut wie bei uns in Süden, die Einrichtung von innen ist aber dieselbe, die Ausstatung nicht schlechter. Die meisten Häuser sind aus Luftziegeln, weil bis kurz vor dem Kriege keine Ziegeleien da waren; man findet aber auch solche aus gebrannten Ziegeln. Auf jeden Hof führt eine Brücke, weil die Straße entlang an jeder Seite der Bewässerungskanal geht, an beiden Seiten von hohen Pappeln bestanden. Der Baumwuchs ist hier gut. Die zwei Doppereihen hoher Pappeln (bis 12 Faden hoch) geben dem Dorfe ein schönes und frisches Aussehen. Oft verschwinden die Wohn- und Wirtschaftsgebäude beinahe im Grün der Bäume. Von diesem üppigen Grün brauchr man nur den Blick zur Seite zu lenken, um in nicht zu weiter Entfernung den glizernden Schnee auf den Gebirgskuppeln zu sehen.
Der Boden ist hier nicht vielversprechend: gelber staubiger Lehmboden. Die Bewässerung desselben kostet viel Arbeit. Die Kanäle in Stand halten, die kleinen Furchen auf dem Acker selbst herstellen, wobei der Betreffende fortwährend im Wasser und Schlamm watet – alles fordert den ganzen Mann. Es bietet ja das Bewässerungssystem einige Garantie gegen Mißernten, doch sicher geht man auch dabei nicht, die Turkestaner hatten 1917 ein Hungersnot, in welcher mancher Kirgise seinen Tod fand. In solchen Tagen findet sich viel Gelegenheit rechten Christensinn zu beweisen und zu pflegen. Zur Ehre der Turkestaner Gemeinden muß gesagt werden, daß sie das auch getan haben, denn damals haben sie nicht nur ihre hungernden Glaubensgenossen unterstützt, sondern auch noch recht viel Kirgisen.
Von den Turkestaner Geschwistern wurde ich sehr freundlich aufgenommen und aufs beste beherbergt. Gleich abends nach meiner Ankunft fing auch die Arbeit an. Die Brüder aus dem Gemeinderat aller drei Gemeinden kamen zusammen, um auf einer Vorberatung das Programm für die folgende Arbeit festzulegen.
13 Mennonitenjünglinge waren auf Grund von Gerichtssprüchen zu den militärischen Vorübungen eingezogen worden und standen im Dienst nicht weit entfernt in dem Sammelplatz Dmitrowka. Dieses beunruhigte die Gemeinden sehr. Um die nötigen Erkudigungen einzuziehen, wurde beschlossen nach Dmitrowka zu fahren und bei dem Militärinstrukteur vorzusprechen. Dazu wurden die Brüder P.Pauls und P.Dyck und ich herausgesetzt. Die Tage, an welchen Versammlungen sein sollten, wurden auch sogleich bestimmt.Wenn möglich, sollte in jedem Versammlungshaus wenigstens eine Versammlung sein, weil das Nikolaipoler Versammlungshaus aber so klein ist, wurde die Versammlung nach Gnadental übertragen. Die Sache der Jünglinge ging hier nicht zur Entscheidung zu bringen, auch nicht später in der Hauptstadt des Gebietes – Pischpeck, dazu gehört die Autorität Moskaus. Von Seiten der Militär- wie auch Zivilbehörde erfuhren wir das freundlichste Entgegenkommen, doch wurden wir immer wieder nach Moskau gewiesen. Das Leben der Gemeinden im Großen und Ganzen gefiel mir. Es sind hier drei Gemeinden: die Köppentaler Mennonitengemeinde mit 197 Gliedern, die Gnadentaler Brüdergemeinde mit 185 Gliedern und die Nikolaipoler freie Gemeinde mit 155 Gliedern. Die zwei erstgenannten Gemeinden haben vor einigen Jahren eine Reorganisation durchgemacht, bei welcher Gelegenheit die Köppentaler Gemeinde die Tauchtaufe hinführte und jetzt praktiziert.
Nirgend habe ich die Einheit der Kinder Gottes äußerlich so verkörpert gefunden, wie eben hier in Turkestan. Doch schien es mir so, als wolle man hier einen Schritt zu weit gehen, indem eine bestimmte Strömung da war, die für Verschmelzung der drei Gemeinden Stimmung machte. Wo die brüderliche Liebe zu einander so groß ist, daß sich eine Verschmelzung von selbst ergibt, soll ihr nicht gewehrt werden; wo aber eine solche durch Zusammenkünfte und dergleichen künstlich zustande gebracht werden soll, kommt mir die Sache doch bedenklich vor. Die Einheit der Kinder Gottes besteht ja nicht darin, daß sie alle zu einem Verbande, d.h. einer Gemeinde gehören, sondern daß sie sich eins fühlen und betrachten und einander lieben.Nicht auf dem Boden der Gemeindezugehörigkeit oder des Gemeindebaues wird die Einheit der Kirche Christi hergestellt werden können; nur auf dem Boden von Golgatha. Wer auf diesem Grunde steht, den neuen Menschen angezogen hat, der gehört zur Gemeinde des Herrn, zu seiner Herde, wenn er auch in einem andern Gemeindebuche registriert ist. Die große Zahl der Gläubigen in Turkestan ist ein gutes Zeichen für das innere Leben desselben. Es hat ja der Teufel auch hier kein Werk, doch wo hat er es nicht?
Schon gleich nach meiner Ankunft priesen die Brüder immer wieder die Herrlichkeiten eines Gebirgsritten. Wir blieben für solches Vergnügen zwei Tage übrig. Es hatte sich bald eine Gruppe von sechs Mann zusammengefunden: der 65-jährige Aelteste der Köppentaler Gemeinde Br. Gerh.Kopper, Br. Wall, die Br. Abraham und Kornelius Dück, ein Absolvent der Tschongrauer Bibelschule Br. Schirling und ich.
An einem Freitag um 19 Uhr morgens ritten wir aus Köppental. Mir hatte man einen kleinen, aber zahmen und mit Gebirgsstegen wohlvetrauten kirgisischen Klepper (ein Pferd – E.K.) gegeben. Von hoher Begeisterung fühlte ich nichts in mir, als ich so hoch zu Roß saß, denn ich rechnete mit allerhand möglichen Möglichkeiten und maß mit den Augen öfters den Abstand vom Rücken des Pferdes bis auf den harten Lehmboden. Zu Anfang ging es über grauer Steppe und schmale Kanäle vorwärts dem Gebirge zu, und nach ungefähr anderthalbstündigem Ritt waren wir im „Steintal“angekommen. Unser Ziel war das schmale Gebirgstal oder besser die Schlucht „Karagoin“, von Nadelwald dicht bestanden. Wir ritten am Ufer des Gebirgsbaches Urumaral (Urmaral – E.K.), von welchem die Dörfer das Wasser zur Bewässerung nehmen. Eine nie gesehene Welt tat sich mir auf, als wir in die enge Spalte der Schlucht einritten. Mächtig hohe Felsen ragten weit empor, hingen über den Weg, als müßten sie im nächsten Augenblicke mit furchtbaren Getöse herunterstürzen. Zur Rechten wie zur Linken waren sie da, und inmitten rauschte der abstürzende Bach. Um den besten Weg für die Pferde zu haben, mußten wir sehr oft durch das Wasser reiten, um an das gegenseitige Ufer zu gelangen, wo für den Augenblick der Weg besser war. An weiten Höhlen kamen wir vorbei, zu denen ganz niedrige und enge Eingänge führten. In so einem engen Höhlengange soll sich hier vor Kurzem ein kirgisischer Jäger mit einem Bären begegnet sein, wobei es beiden schlimm erging. Auf den Ruf des Jägers eilten andere herbei uns erschlugen Pe.. (unleserlich – E.K.), aber bei der Umarmung hatte der Nimrod (so hiess wahrscheinlich der Kirigise – E.K.) auch soviel wegbekommen, daß er bald starb.
Viel Mindungen mach diese Steinschlucht; nicht weit voraus kann man da sehen, doch nach einer „Ecke“ erweitert sich die Schlucht zu dem sogen. „Weiten Tal“, wo die Felsen zurückbleiben und ungeheure Erdmassen auftreten. Hier grünt es an beiden Seiten des Baches, und wo nur eine mehr ebene Fläche ist, wird sie von Kirgisen bewässert und besät. Hier sind auch öfters Kirgisenwohnungen anzutreffen, die jetzt aber in Sommerzeit verlassen sind, wo jedermann im Gebirge ist, dihi. Hoch oben bei den Herden. Nur die bleiben zurück, welche die Bewässerung besorgen müssen. Die Stege sind hier im „Weiten Tale“ auch besser. Am Rande findet man Grabmäler verstorbenen vornehmer Leute aus den Kirgisen. Absichtlich sind sie dicht am Wegesrand begraben, damit Mohamed sie beim Weltende, wenn er durch die Welt reitet, auch finde...
Das „Weite Tal“ wis nach einiger Zeit schmäler und schmäler und bald ist es wieder eine Schlucht. Am Ufer des Urmaral findet sich auch schon Gesträuch, hin und her ein Baum, man nähert sich bewaldeten Gegenden. Karagoin ist nicht mehr weit. Die Sonne war im Sinken. Vor Nacht noch wollten wir die Sennhütte erreichen, wo die Mennoniten im vorigen Jahr ihr Vieh geweidet hatten. Ganz mit dunkelwerden kamen wir da an. Eine bange Fragewar der Teekessel; wir hatten keinen mit, hatten uns auf gastfreie Kirgisen verlassen, und die waren nicht da. Während wir Reisig zusammentrugen, um ein Feuer gegen Kälte und Wölfe anzuschüren, ritten die beidn Brüder Dück noch weiter, Kirgisen mit einem Teekessel aufzusuchen. Nach anderthalb Stunden kamen die zurück, und glücklich schwang der eine in seinen Rechten einen furchtbar schwarzgeräucherten Kessel. Als man den Deckel abhob und mit der Nase zu dicht an den Kessel kam, ließen sich allerhand „Dünste“ vernehmen, aber etliche Werst über sogenannter Kulturwelt mit ihren Ansprüchen ist man nicht wählerisch. Rasch wurde der Kessel mit kaltem Wasser gefüllt und aufs Feuer gesetzt. Es gelang herrlich. Bald dampfte es aus demselben. Die Schnetke und Zwieback wurden zurechtgeteilt und das Gelage begann. Wenn man einen Tag lang auf dem Pferde gehangen hat und dann noch zuletzt auf die Mahlzeit circa 2 Stunden warten muß, da hat man schon guten Appetit. So ist es auch erklärlich, daß der Kessel immer wieder mit klarem Wasser gefüllt wurde und aufs Feuer gestellt. Nach Mitternacht machten wir es uns in der Sennhütte bequem und rüsteten zum Schlafengehen. Fürsorgliche Freunde hatten mir eine dicke Wattendecke auf den Sattel geschnallt, aber so hoch oben war es doch empfindlich kalt, daß ich wenig und schlecht schlafen konnte. Morgens nach Tee setzten wir die Reise fort. Ich hatte mir zum Ziele gesetzt, noch an demselben Tage auf Schnee zu treten, und die Brüder waren freundlich genug, auf meine Kaprisen einzugehen.
An tiefsten Abgründen und steilen Felsenwänden vorbei ging es weiter. Besonders schwierig war eine Stelle. Zur Rechten ein bodenloser Abgrund, zur Linken hohes Gebirge und ein schmaler Steg, gerade breit genug für ein Pferdchen. Ein Rückwärts oder Ausbiegen gibt es nicht. Zuweilen hing wein rechter Fuß über den tiefen Abgrund. Anfangs bewahrte ich meine Ruhe, als aber der Steg nicht breiter wurde, der Abgrund nicht weiter abrückte, wurde mir sehr „wackelig“ zu Mute. Die anderen hatten auch wenig oder nichts zu sagen, so daß die kleine Kavalkade recht still dahin zog. Ich schaute weder zur Rechten noch zur Linken, nur unverwandt auf die Ohrenspitzen meines Pferdes. Eis Seufzer der Erleichterung entrang scih der Brust, als man die gefährliche Passage hinter sich hatte. Wir stiegen noch immer bergan, setzten noch einmal über den Fluß und sahen rechts vor uns ein Schneefeld liegen. Weil wir mit den Pferden nicht mehr vorwärts konnten, banden wir sie fest und kletterten auf dem Steingeröll aufwärts. Bald erreichten wir den Schnee, eine dicke Schicht, unter welcher das Wasser dem Fluß zuströmte. Weiter nach oben, auf sonnenbeschienener Fläche, blühten die allerverschiedensten roten, gelben, blauen Blumen. Mit Br. Kopper stiegen wir dahin, doch blieb er bald zurück; ich hatte aber im Sinn, meiner Frau und meinen Kleinen Blumen von hier mitzubringen. Steil ging es bergauf, doch es war nicht mehr weit. Wie hier auf solcher Höhe noch Blumen gedeihen! Wundersam nimmt sich im Schneegefilde ein buntes Blumenfeld aus. Nachdem ich eine Hand voll Blumen gepflückt hatte, stiegen wir ab bis zu den Pferden und begaben uns auf den Rückweg. Längere Strecken ritten wir auf bekanntem Wege. Dann bogen wir in eine Schlucht ab, um über den Bergrücken einen kürzeren Weg zu nehmen. Tiefe Abgründe und steile Felswände hatte man hier nicht, aber einen recht hohen und dazu steilen Berg zu erklimmen. Die Kirgisen nennen diesen Weg den „kriggeligen“, und im Zick-Zack kommt man hier nur vorwärts, wobei die Pferde so sehr nach der einen Seite überneigen, um das Gleichgewicht zu behalten, daß man sich oft im Sattel zurechtrücken muß. Die Turkestaner Brüder fühlten sich wie echte Bergvölker recht wohl in solcher Situation, Bruder Schirling und ich fühlten uns weniger gehoben. Ich freute mich auf den Bergrücken selbst, wo man doch wenigstens wieder für etliche Augenblicke festen Boden unter den Füßen haben würde. Aber als Bruder Schirling den Berg erklommen hatte und oben hielt, rief er mir zu: „Jag` blos nicht zu stark herauf, sonst fährst rasend schnell an der andern Seite hinab.“ Ich hatte mit ein weites Plateau gedacht, wo man vor jeglichem Schwindelanfall sicher sei und fand einen kaum 2 Faden breiten Raum. Ich hatte in meiner Enttäuschung nur das eine Gefühl, als müsse ich zu der einen Seite des erklommenen Berges hinunterkollern. Dieses Empfinden schmälerte der Genuß der herrlichen Aussicht von diesem erhöhten Standpunkte aus. Vor uns das besiedelte Tal mit den Dörfern und Auls und dem vielen Baumwuchs, hinter uns die mächtigen Berggipfel mit ihren weißen Turbanen und die sinkende Sonne. Wenn man ein Stück Welt auf einmal so überschauen kann, scheint der Mensch doch nur ein winzig kleines Wesen. Der Abstieg machte sich ganz prosaisch: wir mußten von den Pferden hinunter und dieselben führen, wobei mein Gaul bergab laufen wollte. Als sich der starke K.Dück an seinen Schwanz hängte, verging ihm solches Gelüste, er blieb in Reih und Glied. Spät um 10 Uhr abends kamen wir nach Hause, zum Umfallen müde, doch reich an neuen Eindrücken. Den Brüdern, die mich zu diesem Ritt drängten, bin ich sehr dankbar dafür und möchte es jedem raten, der nach Turkestan kommt, unbedingt in die Berge zu reiten, denn es lohnt sich, Gottes herrliche Natur und Seine Schöpfermacht näher kennen zu lernen. Am nächsten Sonntag war ich zum letzten Male unter den versammelten Geschwistern im Versammlungshause in Gnadental. Montag schied ich von der Ansiedlung, wo ich eine Woche lang Gastfreundschaft, warmes Entgegenkommen und Liebe genossen hatte. Gott segne die Ansiedlung samt Ansiedlern...
Mehrere Male hatte ich die Auszugsgeschichte von Bartsch gelesen. Alles dieses lebte in mir jetzt auf. Manches war hier von alten Brüdern, die als Familienväter oder doch als 20-jährige Jünglinge den Auszug mitgemacht hatten, zu erfahren. Denkt man an die 17-wöchentliche Reise; an die Mühsale der Fahrt durch die Sandwüste oder über die flache Steppe ohne Wasser, die sehr unbestimmte Zukunft, dann staunt man über den Glaubensmut der Brüder. Für ihre Erkenntnis in punkto Wehrlosigkeit haben sie viele und schwere Opfer gebracht.
Mein Rückweg führte mich über Pischpeck und Taschkent nach Moskau. Am 3. Juli kam ich wohlbehalten bei den Meinen an.
Ad.