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Er war der Star des Abends gewesen an jenem vorweihnachtlichen Essen unten am See. Unter mehreren anderen musikalischen Interpreten hatte man Christoph Pfändler eingeladen, auf seinem Hackbrett ein Stück zu spielen. Der junge Mann, 15 jährig, Sekundarschüler, sass unauffällig am Ende eines Tisches, die langen Haare zusammengebunden, weisses Hemd, welches er, wie er später schilderte, mit Sauce des Nüsslisalats bekleckerte, was ihn fürchterlich genervt habe, wie er am Tag unseres Treffens schildert.
Ihn aber nicht davon abhalten sollte, wenig später den Platz zu wechseln, seine zwei «Ruten», oder Klöppel, zu behändigen und loszulegen. Was nun folgte, war eine Art Vulkanausbruch, ein Feuerwerk von Synkopen in feurigen Tempi und Intervallen, ein Potpourri zwischen Soul, Ländler und Pop. Aus dem einen Stück, das er spielen sollte, wurde eine sich überschlagende, aufschäumende, dann wieder ruhig plätschernde Welle, Christoph Pfändler schien über sich hinauszuwachsen, die Abfolge von Melodien und Stilen gelangen ihm wie Hohlsäume, nahtlos, mit weichen Übergängen.
Und nun, an seinem freien Mittwochnachmittag im Elternhaus in Tübach, wohin die Familie vor kurzem zog und Christoph erneut nicht das von ihm ersehnte Zimmer für seine Modelleisenbahnen, sondern eines für Hackbrett erhielt, findet man beim Gespräch mit ihm bestätigt: Der motorische Schnellgang ist ein Teil seines Wesens, es drückt sich aus in Gestik, Sprache und – natürlich – im Gefühl für das Saiteninstrument, welches sich aus der persischen Santur entwickelte und während Jahrhunderten über die Erdteile verbreitet und unterschiedlich weiterentwickelt wurde. Auch Christoph Pfändlers Vater war und ist bis heute ein begeisterter Hackbrettspieler. Heiri Pfändler war Mitglied einer Ostschweizer Hackbrettformation, arbeitete bis zu seiner Pensionierung als Primarlehrer und war derjenige, der seinem Sohn «zum Ausprobieren», wie dieser sagt, ein Hackbrett überliess.
Tobler als Vorbild
Zum Zeitpunkt, als seine Mutter, die neben ihrer Lehrertätigkeit den Frauenchor Rorschacherberg sowie den Männerchor Oberegg/Rehetobel leitet, fand, ihr Sohn solle ein Instrument spielen. «Ein Instrument», stöhnt Christoph heute, als ob er das Leiden über diesen mütterlichen Entschluss noch einmal durchexerzieren wollte.
Indes, das Leiden verwandelte sich bald in Leidenschaft. Damals war er Primarschüler der vierten Klasse in Rorschach; im Musikschulunterricht wurde er dem dort unterrichtenden Töbi Tobler zugeteilt und bekam als erstes ein Hackbrettbuch mit auf den Weg und dazu die Aufgabe, zu Hause den Dur-Dreiklang zu üben. Bald kamen die ersten Stücklein dazu; das von Tobler komponierte «Ballon rouge», welches er in den 70er- Jahren mit seiner damaligen Formation «Tobler Mit» etwa am Gurten Festival spielte, gehört heute noch zu Christophs Favoriten.
Er verwirft die Hände und schüttelt vehement den Kopf, wenn man ihn auf sein Talent, auf seine aussergewöhnliche Begabung für Rhythmen, Harmonien und musikalische Crossovers anspricht. Er sei noch lange nicht so gut wie andere, sagt er und verweist auf einen Zimbal-Spieler, der es pro Sekunde auf 24 Schläge bringe.
Passion und Metal
Dass er nebst seiner Schnelligkeit auch über eine hohe Musikalität und ein Einfühlungsvermögen verfügt, haben auch schon andere gemerkt: Wenn in der kommenden Karwoche Peter Roths Toggenburger Passion, komponiert nach Bildern des Kunstmalers Willy Fries, zur Aufführung gelangt, ist Christoph Pfändler mit dabei. Auf der Suche nach einem geeigneten Hackbrettspieler fragte der Chorleiter Erich Stoll auch in der von Urs Bösiger und Barbara Schirmer geleiteten Schweizer Hackbrett-Jugendformation nach. Es gab ein Auswahlverfahren, an dessen Ende für die einzige Hackbrettstimme in dem Werk nur einer siegen konnte. «Ich bekam den Job», sagt Christoph Pfändler, und jetzt ist der Stolz in seiner Stimme nicht zu überhören.
An sämtlichen vier Konzerten in Bern, Solothurn, Salzburg und Innsbruck wird der 15jährige neben gemischtem Chor und Solisten, den Bläsern und Streichern mit dabei sein. Zurzeit ist er damit beschäftigt, das Werk einzustudieren – neben der Schule und neben seiner Band Tumba Zaffa, (drei Hackbretter, ein Schlagzeug), mit welcher er mit Vorliebe Musik von Metallica, Nightwish oder AC/DC einübt.
Erst Lehre, dann Studium
Am «Haus des Lernens» in Herisau, welches Christoph Pfändler seit dem Abbruch des Untergymnasiums besucht, hat er die Möglichkeit, seine besondere Begabung im Rahmen eines künstlerischen Weiterbildungsjahres zu vertiefen. Selbstredend gefalle ihm – nebst den angebotenen Fächern Theater, Gestalten, Tanz und Raumkunst – die Musik am besten. Das von Roman Rutishauser geleitete Jahr bestärkte Christoph in seinem klarformulierten Wunsch, Musiker zu werden. Doch zweifelt er daran, dass er mit seinen noch nicht sehr weit reichenden theoretischen Kenntnissen auf Anhieb die Aufnahme an eine Höhere Musikschule schaffen würde. Und hat keine Mühe mit der Aussicht, sich ab kommendem Sommer erst mal während vier Jahren mit Elektronik zu befassen; die Lehrstelle ist gebongt.
Nebenher wird er weiterhin an Gottesdiensten und anderen Anlässen aufspielen und ab und zu sein Lieblingsstück «Töbi in Caracas» hämmerlen. Damit windet er nicht nur seinem Lehrer, sondern auch seinem Vertrauten und grössten Vorbild ein Kränzchen. Dieser fasst auf Anfrage die Qualität seines 15jährigen Schülers auf zwei prägnante Worte zusammen: «ein Angefressener».