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Das Salz aller Lebensläufe
Manchmal sagt jemand zu jemand anderem: «Das ist René Schweizer - der mit den verrückten Briefen», und ich denke zurück an die Zeit, da ich noch von Bühne zu Bühne zog, meine Nonsensbriefe vorlas, schräge Nummern abzog und Anekdoten erzählte. Wie jene, als ich Salvador Dalí eine Karte schrieb: «Mon cher Dalí, j'ai l'honneur de vous informer de mon arrivée» - und er anderntags in meine Pension in Cadaques kam und mich in sein Haus einlud und ich eine schöne, junge Baslerin mitnahm, für die er sich dann weit mehr interessierte als für mich.
Und meine Gedanken fliegen über die Jahre hinweg und ich frage mich, was es gebracht hat, Hawaii zu verlassen und auf einer Reise durch die USA in unzähligen Motels jedes Wort in Dürrenmatts Physikern zu ersetzen, um ein eigenes Stück zu bekommen - wenn diese Arbeit jetzt unter dem Namen «Die umgekehrte Null» in meinem Aktenschrank verstaubt. Und was Diane treiben mag, frage ich mich, in deren Haus in Pacific Palisades ich wohnte, und die mich nach mehreren «Cuba libres» regelmässig «Sweetee Pie» nannte und in ihre Federn zu locken versuchte. Ich sehe den Kreis, der sich geschlossen hat, seit ich vor dreissig Jahren mit einer Handvoll Kollegen in der Kunsthalle ASS gegründet habe, die «Organisation zur Verblüffung des Erdballs und zur Vereinigung der Menschheit», um der Sehnsucht nach einer besseren Welt ein Vehikel zu geben. Und ich sehe die Storys, die sich nebenher ergeben haben, und die das Salz aller Lebensläufe sind.
Und mir wird klar, dass es nicht wichtig ist, ob Visionen realisiert werden, sondern dass allein die Storys zählen, diese Steinchen in dem Mosaik, das wir Geschichte nennen, Welt-Geschichte.
Kolumne im Baslerstab vom 08.06.2001