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11.
23.11.2013
Zu guter Letzt werde ich zu 15 Jahren Kerker verurteilt.
Wenn ich alle meine Strafen zusammenzähle, komme ich auf 21 Jahre. In Chateau Thierry, einer Anstalt, die besonders für Narren meiner Spezies (mit einem allzu stark ausgeprägten Freiheitsdrang) eingerichtet ist, sagt mir der Direktor zur Begrüßung: „Hier wirst du spuren oder krepieren“. Als Antwort habe ich sein Büro auf den Kopf gestellt!
Ich habe lange Monate, lange Jahre an diesem Ort verbracht. Aber es gab da einen, der mir nachgefolgt ist, mein guter Pfarrer. Einmal im Monat schreibt er mir einen Brief, spricht dabei nicht viel von Gott, nur ein Wort oder zwei. „André, Gott lebt!“
Einmal habe ich mich beschwert: „Ich gehe in meiner Zelle im Kreis. Ich sehe nichts als meine vier Wände.“ Darauf antwortet er mir: „Ich schicke Dir ein großes Büchel. Das kannst du während deiner ganzen Gefangenschaft lesen — aber auch dann, wenn du freikommst.“
Das Büchel kommt zu guter Letzt: Vier große, gebundene Evangelien. Hast du das Buch schon aufgemacht, fragt mich der Pfarrer später einmal. Natürlich nicht. „Um was geht es denn darin?“, wollte ich wissen. „Es handelt von Gott“, war seine Antwort. „Da hat mir der Pfarrer seinen Herrgott in die Zelle geschmuggelt“, dachte ich.
Eines Tages nach Jahren schlage ich das komische Buch, von dem man mir gesagt hatte, man könne es an jeder Stelle zu lesen beginnen, irgendwo auf. Ich gerate an die Hochzeit von Kanaa... Da hab‘ ich mir gesagt: „Mein Pfarrer hat recht, dass Büchel ist klass!“ Ich bin zum kleinen Wasserhahn in meinem Zimmer gegangen, habe ihn aufgedreht und gesagt: „He, Kumpel, lass Wein raus rinnen!“ Aber es kam nur Wasser. Als ich mich beim Pfarrer beschwerte, gab er zur Antwort: „André, du liest es falsch, es ist nicht ganz so gemeint.“
An einem Tag fällt mir wieder das Buch ein. Und da fordere ich diesen Jesus heraus. „Wenn es dich wirklich gibt, wenn du all das, was in diesem Buch steht, auch wirklich tust, na gut, dann komm mich besuchen. Ich schlage dir ein Rendezvous vor: Komm heute um zwei Uhr nachts, dann haben wir Ruhe, um zu diskutieren. Und wenn du so stark bist, will ich nur eines von dir: Öffne dieses Gitter, und ich hau‘ ab.“
Dieser Jesus, den ich zum Komplizen meiner Flucht machen wollte, wird mir antworten, und ich werde mit ihm fliehen — aber in meinen vier Wänden bleiben. Und das kam so: In der Nacht vom 11. auf den 12. Juni, es war im Jahr 1960, schlafe ich wie üblich mit Blick auf meine Gitterstäbe ein. Ich schlafe tief. In dieser Nacht rüttelt mich jemand aus meinem Schlaf auf. Ich springe aus dem Bett, bereit, den Eindringling niederzuschlagen. Aber da ist niemand.
Da höre ich folgende Worte, die ganz tief in mir widerhallen, ganz stark in meinem Innern, wie in einem Tunnel: „Es ist zwei Uhr, André, wir haben ein Rendezvous!“ Ich mache einen Satz zur Tür meiner Zelle, der Aufseher kommt, und ich sage. „Warum pflanzt du mich?“ Er antwortet: „Ich habe kein Wort gesagt. „Da frage ich ihn: „Wie spät ist es?“ — „Zwei Uhr“ — „Punkt zwei.“
Mir bleibt keine Zeit zum Nachdenken, denn die Stimme meldet sich wieder, noch stärker, in meinem Inneren: „Ich bin dein Gott, der Gott aller Menschen.“ Ich balle die Faust, schreie: „Aber — wie kannst du in meinen Ohren sprechen, wo ich dich nicht sehe, dich nicht kenne! Wer bist du? Lass mich in Ruh‘, verschwind‘ — oder zeig‘ dich!“ Und da sehe ich — dort bei den Gitterstäben, die ich mir immer gesprengt ausmalte, um freizukommen — ein herrliches Licht. Worte reichen nicht, um es zu beschreiben. Der Plafond ist weg, die Wände — es war der Himmel in meiner Zelle. Und in dem Licht ein Mann, den ich nicht kenne, niemals gesehen habe. Er zeigt mir seine durchbohrten Hände, seine durchbohrten Füße, seine geöffnete Seite. Und ich höre die Worte, durchdringend, da in meiner Zelle: „Das ist auch für dich.“
Erst in diesem Augenblick fällt es wie Schuppen von meinen Augen. Die von 27 Jahren Sünden schweren Schuppen werden endlich abfallen und ich sehe klar. Blitzartig begreife ich, dass ich ein Sünder bin und dass Er der Retter ist! Zum ersten Mal in meinem Leben beuge ich den Nacken und falle auf die Knie. Zum ersten Mal in meinem Leben weine ich, zum ersten Mal will mich jemand lieben!
Und von zwei bis sieben Uhr morgens, bis zur Öffnung der Zellen, in diesen fünf Stunden werde ich auf den Knien den Rückweg durch all das Böse, dass ich getan hatte, antreten, damit es aus mir herausplatzt wie ein überreifes Abszess.
Nach dieser Begegnung habe ich noch sechs Jahre abgesessen, eine Zeit, die Gott, dieser göttliche Künstler, genutzt hat, um aus dem Felsblock aus Hass, aus Atheismus, den kleinen, ja wirklich unbedeutenden Zeugen, der ich sein werde zu machen…
Andre Levet
Auszug aus seinem Vortrag auf dem Kongress „Apotres pour l ‘an 2000“ 1988 in Versailles.
Aus „Vision 2000“