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Kaiserpinguine teilen mit den Eisbären nicht nur den Titel als Ikonen der jeweiligen Polarregionen, sondern auch die Tatsache, auf Meereis stark angewiesen zu sein. Und genau dieser Lebensraum, der sich lange Zeit als ziemlich resistent gegenüber der Erwärmung der Polarregionen gezeigt hatte, ging in den vergangenen Jahren in weiten Teilen rund um Antarktika zurück. Das führt zu einem massiven Brutverlust im letzten Jahr bei den Kaiserpinguinen in der Bellingshausensee, wie eine Studie zeigt. Und die Aussichten auf mehr Erfolg in dieser Brutsaison dürften kaum besser sein.
Was Dr. Peter Fretwell, Dr. Norman Ratclliff, und Audet Boutet vom British Antarctic Survey BAS bei der Auswertung von Satellitenbildern aus der östlichen Bellingshausensee entdeckt hatten, schockierte die drei Forschenden trotz ihrer langjährigen Erfahrung mit Kaiserpinguinen: Vier der fünf bekannten Brutkolonien verschwanden im Laufe der Brutsaison noch vor dem Flüggewerden der Küken komplett. Das dürfte nach Meinung der Expertin und Experten einen kompletten Brutausfall der Vögel dieser Kolonien und den Verlust von mehreren tausend Küken bedeuten, da letztere noch zu klein sind, um in den eisigen Gewässern überleben zu können. Der Grund für den Ausfall ist nach Analyse der Satellitenbildern und Meereisdaten der Verlust des Meereises in der Region, der im Südwinter 2022 während der Brutzeit bis zu 100 Prozent betrug. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte das Team nun in der Fachzeitschrift Nature Communications Earth & Environment.
Die Auswertung der Satellitenbilder, die im Laufe des Südwinters 2022 in der Region von den Sentinel-2-Satelliten im Rahmen der „Copernicus“-Mission der European Space Agency ESA aufgenommen worden waren, zeigten, dass das Meereis an einigen Stellen schon bald nach seiner Bildung wieder aufgebrochen war. Die Kaiserpinguine, die an diesen Orten brüteten, verloren damit den festen Untergrund, den sie für die Küken benötigen. Diese schlüpfen in der Regel zwischen Juli und August. Das Meereis brach aber bereits zwei Monate später wieder auf, was für die kleinen Küken viel zu früh war. Ihr Gefieder schützt sie zu diesem Zeitpunkt ihrer Entwicklung vor Wind, aber nicht vor eisigen Wassertemperaturen. Dr. Peter Fretwell, der schon seit Jahren die Kaiserpinguine untersucht, meint dazu: „Der Verlust des Meereises in dieser Region während des antarktischen Sommers machte es sehr unwahrscheinlich, dass die Küken überleben würden.“ Gemäss dem Autorenteam könnten sich einzelne Jungvögel auf gestrandete Eisberge gerettet haben, was aber aufgrund der geringen Bildauflösung der Satellitenaufnahmen nicht zu verifizieren sei.
Die vier betroffenen Kolonien gehören nach Angaben des Autorenteams zwar nicht zu den grössten Kolonien, umfassen aber dennoch schätzungsweise zwischen 630 und 3’500 Brutpaare. Ausserdem ist nicht viel über die Kolonien bekannt. Ihre abgelegene Lage und die bisher sehr dichten Eisbedingungen hatten direkte Besuche kaum erlaubt. Nur die Kolonie bei Rothschild Island war bisher direkt besucht worden. Die restlichen Kolonien waren in den letzten 14 Jahren nur aus der Luft oder auf Satellitenbildern als braune Flecken gesehen worden.
Doch für Dr. Peter Fretwell und seine beiden Teammitglieder ist klar, dass der Meereisverlust alle vier Kolonien ins Elend gestürzt hat, ein Ereignis, das in diesem Ausmass noch nie zuvor beobachtet worden ist. Man habe seit dem Beginn von Beobachtungen der Kolonien mittels Satelliten im Jahre 2009 komplette Brutausfälle bei einzelnen Kolonien verzeichnet, schreiben Fretwell, Ratcliff und Boutet. „Bisher gab es keine Aufzeichnungen über einen weit verbreiteten Brutausfall bei Kaiserpinguinen aufgrund eines regionalen Meereisverlustes, der mehrere Standorte vor dem Flüggewerden Anfang Dezember betraf“, schreiben sie in der Studie. „Unsere Ergebnisse über wahrscheinliche Brutausfälle an mehreren (…) Standorten in einer einzigen Saison sind beispiellos.“
Ausweichen oder Verschwinden – Was passiert 2023?
Die Resultate der Studie verheissen nichts Gutes für den Bruterfolg der Kaiserpinguine in diesem Südwinter. Denn das antarktische Meereis ist auf bestem Weg zu einem Tiefststand, der bisher unbekannt war. Zwar dauert es noch einige Wochen, bis die maximale Meereisausdehnung erreicht ist, (etwa Mitte September, Anm. d. Red.), doch schon jetzt ist klar, dass die Fläche weiter unter dem 30-Jahre-Durchschnitt liegen wird. Für Meereisexpertinnen und -experten ist der Rückgang keine Überraschung, das Ausmass jedoch schon. Schon seit 2016 jagen sich die Negativrekorde, nach Jahren stabiler Entwicklung. Die Gründe dafür sind sehr divers. „Die jährlichen Veränderungen der Meereisausdehnung sind mit natürlichen atmosphärischen Mustern wie der El-Niño-Südlichen Oszillation, der Stärke des Jetstreams auf der Südhalbkugel und regionalen Tiefdruckgebieten verbunden“, erklärt Dr. Caroline Holmes von der BAS. Darum viel stärker in die Forschung des Südlichen Ozeans investiert und breitere Zusammenarbeiten gesucht werden, ein Aufruf den rund 300 Forschenden am kürzlich zu Ende gegangenen SOOS-Symposium getätigt hatten.
Der diesjährige Negativrekord dürfte sich auf viele der Kolonien, die auf stabile Eisbedingungen angewiesen sind, ausgewirkt haben. Dabei sind mehrere Szenarien möglich, denn in einigen Gebieten hatte sich schon kaum Meereis gebildet. Dort könnte es durchaus sein, dass sich die Grosspinguine neue Standorte gesucht haben. Doch in anderen Regionen dürften die Kaiserpinguinen mitten im Brutgeschäft von aufbrechendem Meereis überrascht worden sein und ein ähnliches Schicksal wie diejenigen der Bellingshausensee erlebt haben. Klarheit werden Forscherinnen und Forscher wie Dr. Peter Fretwell erst erhalten, wenn sie die Satellitenbilder ausgewertet haben, was angesichts der Menge noch eine Weile dauern dürfte. Die Aussichten für die Ikonen der Antarktis sind auf jeden Fall düster.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal