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Rund ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung Tadschikistans arbeitet im Ausland. Die zurückbleibenden Ehefrauen sind oft auf sich selbst gestellt und hören nie mehr etwas von ihren Männern.
«Nie hätte ich gedacht, dass unsere Geschichte so endet», sagt die 34-jährige Dilya* nachdenklich. Sie sitzt im Büro der League of Women Lawyers (LWL) im Zentrum der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe. Die nichtstaatliche Organisation hilft Frauen gratis in Rechtsfällen. Dilya lebte zehn Jahre mit ihrem Mann zusammen, bevor dieser vor fünf Jahren Arbeit in Russland fand. Danach hat sie nichts mehr von ihm gehört. Immer wieder versuchte sie, Kontakt herzustellen. Irgendwann gelang es ihr, seine Telefonnummer ausfindig zu machen. Doch er ignoriert ihre Anrufe bis heute.
Geld hat Dilya von ihrem Ehemann nie erhalten. Dies ist aber nicht ihr Hauptproblem. Denn sie hat die Wohnung ihrer Eltern im Stadtzentrum Duschanbes geerbt und verfügt über ein eigenes Einkommen. Zudem kann sie auf die Unterstützung durch Familienmitglieder zählen. «Das Schlimmste für mich ist die Tatsache, dass er sich kein bisschen für seine Kinder interessiert», sagt sie. Das einstige Paar hat vier Töchter im Alter zwischen fünf und vierzehn Jahren.
Verbreitete Armut
Dilya möchte jetzt Alimente für ihre Kinder von ihrem Ehemann einfordern. Eine Scheidung ist hinfällig, da die Hochzeit nicht auf dem Standesamt registriert wurde. Die beiden haben sich nur durch das islamische Ritual Nikah verheiratet. Seit Ende der Sowjetzeit hat diese Form islamischer Eheschliessung immer mehr an Bedeutung gewonnen. Rechtlich anerkannt wird eine solche Verbindung allerdings nicht. Viele sind sich dieser Rechtslage nicht bewusst.
Offiziellen Schätzungen zufolge arbeitet etwa eine Million BürgerInnen Tadschikistans im Ausland – vor allem in Russland. Das ist rund ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung. Die Überweisungen der EmigrantInnen machen fast fünfzig Prozent des tadschikischen Bruttoinlandsprodukts aus.
Der Binnenstaat Tadschikistan befindet sich seit der Unabhängigkeit der Sowjetunion im Jahr 1991 noch immer im ökonomischen Wandel. Der fünfjährige Bürgerkrieg von 1992 bis 1997 hat darüber hinaus die Infrastruktur stark geschädigt. Die landwirtschaftliche und industrielle Produktion ist zurückgegangen. Knapp vierzig Prozent der Bevölkerung leben unter der Armutsgrenze.
Ein Hauptproblem Tadschikistans ist die weitverbreitete Korruption. Im Korruptionsindex der Organisation Transparency International findet sich das Land unter den korruptesten Staaten. Präsident Emomali Rahmon hat sein Amt seit Unterzeichnung des Friedensvertrags nach dem Bürgerkrieg 1997 inne und benutzt den Staatsapparat für private Zwecke. Im November 2013 übertrug er seinem 23-jährigen Sohn die Leitung des Handelskomitees, einen der wichtigsten Posten in der Regierung.
Die Arbeitsemigration ist für viele Familien nicht nur zur wichtigen Einnahmequelle, sondern auch zur Ursache grosser Probleme geworden: «Über neunzig Prozent der Fälle, die der League of Women Lawyers gemeldet werden, sind direkt oder indirekt auf die Migration zurückzuführen», sagt LWL-Direktorin Zebo Sharifova. Häusliche Gewalt, nicht gezahlte Alimente, Scheidung und Güteraufteilung seien die häufigsten Gründe der Frauen, die die Hilfe der LWL suchen. Die Zahl der Anfragen habe in den letzten fünf Jahren stark zugenommen.
Drei Wörter genügen
Dem staatlichen Komitee für Frauen- und Familienangelegenheiten zufolge ist allein innerhalb des Jahres 2012 die Zahl der Scheidungen um 14,3 Prozent angestiegen. Auch Scheidungen per SMS haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Unabhängige AnwältInnen gehen von über tausend SMS-Scheidungen pro Jahr aus. Nach einer alten Tradition des sunnitischen Islam ist nach der dreimaligen Wiederholung des Wortes «talaq» von der Seite des Ehemanns eine Scheidung gültig. So lassen sich viele tadschikische Männer, die in Russland arbeiten, per einzeiliger Textnachricht mit drei Wörtern scheiden, und die Ehe ist vorbei. Dieses Phänomen gibt es nicht nur in Tadschikistan, es geschieht hier jedoch besonders oft. Die offizielle Verurteilung dieser Scheidungsmethode durch Abdurahim Holikov, den Chef des staatlichen Religionskomitees, hat den Trend nicht abgeschwächt.
Geschieden zu werden, bedeutet für die verlassenen Frauen nicht nur, ihre Existenz irgendwie neu aufbauen zu müssen. Es ist auch eine psychische Belastung, da diese Frauen vor allem in ländlichen Gebieten von der Gesellschaft verachtet werden. Die Zahl der Selbstmorde nahm in den letzten Jahren unter ihnen deutlich zu. Laut der Internationalen Organisation für Migration sieht ein Drittel der Frauen ihre Männer nach deren Emigration nie wieder.
* Name geändert.