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Welche Bilanz ziehen Sie als Studienleiterin der Osteuropa-Studien Bern-Fribourg zum zehnjährigen Bestehen?
Julia Richers: Nach der Wende wurden Professuren, die sich während des Kalten Kriegs mit dem «Feind» beschäftigt hatten, meist als überflüssig erachtet und abgebaut. Die wissenschaftliche Vernachlässigung von Osteuropa zeigte, dass der Westen noch immer sehr wenig über Osteuropa weiss. Deshalb bündelten die Universitäten Bern und Fribourg 2009 ihre Kompetenzen und schufen die Osteuropa-Studien. Die Bilanz ist sehr positiv: Wir starteten mit einer Handvoll Bachelor-Studierender, führten kurz darauf den Master ein und verzeichnen seither eine ungebrochen wachsende Studierendenzahl. Wir vermitteln den Studierenden sehr gefragte Kompetenzen über einen extrem komplexen Raum, der vor unserer Haustür liegt.
Wieso gibt es in Osteuropa heute teils neue Formen autoritärer Systeme?
Einerseits liegt es am Demokratieverständnis der einzelnen Länder: Die wenigsten, die 1989 in die Demokratie entlassen wurden, hatten demokratische Erfahrungen, auf die sie sich hätten stützen können. Demokratie ist aber praxisbezogen, muss gelebt werden. In Ungarn etwa kam es zwar 1918 kurzfristig zu einer Republikgründung. Doch bereits ein Jahr später wurde das Land in ein autoritäres System überführt, das enge Allianzen mit Hitlerdeutschland pflegte und dann nach dem Zweiten Weltkrieg kommunistisch wurde. Andererseits haben im Westen viele Menschen eine kognitive Karte vom rückständigen Osteuropa und dem progressiven Westen. Zwar vollzieht Ungarn momentan eine illiberale Wende, aber in Westeuropa finden ebenso illiberale Wenden statt, die die Grundwerte in Frage stellen – etwa durch den Front National in Frankreich oder die AfD in Deutschland.
Warum gibt es grosse wirtschaftliche Unterschiede zwischen einzelnen Ländern Osteuropas?
Nach der «Wende» fand in Osteuropa ein grosser «Ausverkauf» von Staatsbetrieben statt, was zu einer wirtschaftlichen Schwächung führte. Nach der Komplett- oder Teilprivatisierung grosser Konzerne durch westliche Firmen floss das Geld aus den Ländern. Strukturschwächere Regionen, die über keine Schwerindustrie, Ressourcen oder High-Tech-Sektor verfügen, sind deshalb die klaren Schlusslichter in Europa.
Ungarn schreibt gerade seine eigene Geschichte um. Wie beurteilen Sie diesen Vorgang?
In Ungarn findet derzeit auf fatale Art und Weise eine Geschichtsverzerrung statt. Indem die Ereignisse während des Zweiten Weltkriegs umgeschrieben werden, will man sich aus der Verantwortung nehmen und die Beteiligung am Holocaust relativieren. Aber auch der Kommunismus bleibt nicht unangetastet: Kürzlich wurde die Figur von Imre Nagy, Reformkommunist und Protagonist der Revolution von 1956, vom Parlamentsplatz in Budapest entfernt. An dessen Stelle plant man ein Denkmal einer antisemitischen und antikommunistischen Organisation der 1930er Jahre zu rekonstruieren, um an den «roten Terror» der ungarischen Räterepublik von 1919 zu erinnern. Bei dieser verqueren Interpretation von Geschichte stehen jeder seriösen Historikerin die Haare zu Berge. Die EU sieht relativ tatenlos zu, was teils auch mit Sprachbarrieren zu tun hat. Denn in Brüssel wird nicht alles aus dem Ungarischen übersetzt. Geschichte hat für osteuropäische Länder grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Jedoch wird sie auch rege als politische Ressource missbraucht.
Wie erinnern Menschen aus Osteuropa 1989?
Mein Eindruck aus Oral History-Interviews ist, dass den Menschen damals sehr bewusst war, dass sie gerade Weltgeschichte schreiben. Es waren die «kleinen Leute», die den ewigen Eisernen Vorhang flächendeckend zerbröckeln liessen. Eindrücklich ist beispielsweise der Baltische Weg: Über eine Million Estinnen, Litauer und Lettinnen schlossen sich 1989 zu einer menschlichen Kette zusammen, um für die Unabhängigkeit von der Sowjetunion zu demonstrieren. Doch schon ein paar Monate nach 1989/1991 machte sich vielerorts Ernüchterung breit. Zwischen einem vormals glorifizierten «Westen» und dem unliebsamen «Osten» entdecken heute viele wieder die Mitte Europas: Der Westen ist vielen zu liberal, demokratisch, multikulturell und dem alten Osteuropa mit Putin traut man nicht. Mit Polen und Ungarn soll eine starke Mitte formiert werden, die gerade auch alte christliche Werte betont.
Wie steht es um das Verhältnis zwischen Osteuropa und der Schweiz?
Die Kontakte der Schweiz nach Osteuropa sind vielfältig. Zum einen leben viele osteuropäische Menschen in der Schweiz, darunter auch Oligarchen. Zum anderen investiert die Schweiz sehr intensiv in die osteuropäischen Staaten – etwa Pharmaunternehmen oder der Zugbauer Stadler Rail. Die Schweiz hat zudem schon in einigen Konfliktsituationen wie zum Beispiel der Ukraine-Krise vermittelt. Weiter gibt es vielzählige kulturelle Kontakte zwischen der Schweiz und Osteuropa. Der «wilde Osten» fasziniert Schweizerinnen und Schweizer.
Wie könnte es in Osteuropa weitergehen?
Der Blick in die Geschichte hat gezeigt, dass diese weder zyklisch noch linear verläuft. Autoritäre Regimes finden oft ein abruptes Ende. Wir können deshalb nur hoffen, dass die autoritären und undemokratischen Bewegungen wieder ein Ende finden, wie es im 20. Jahrhundert oft der Fall war. Die Art und Weise, wie Jugendlichen in autoritären Systemen Geschichte vermittelt wird, und der grosse Brain Drain machen mir aber grosse Sorgen. Wo bleibt die kritische Masse, die die demokratische Wende vollziehen könnte?