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Etrit Hasler auf den Spuren der französischen Eiskunstläuferin Surya Bonaly
Dass es schwarze AthletInnen grundsätzlich schwerer haben im Sport, ist nun nicht gerade eine Neuigkeit – und nein, Basketball und Leichtathletik alleine reichen nicht, um die Tatsachen zurechtzubiegen. Zum Beispiel, dass es für schwarze AthletInnen schier unmöglich ist, in Wintersportarten Erfolg zu haben. In der Eishockeyliga NHL gibt es vielleicht ein paar Dutzend schwarze Spieler, die meisten davon Kanadier, aber schwarze SkifahrerInnen, CurlerInnen? Fehlanzeige. Zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi reisten insgesamt 19 schwarze AthletInnen – von insgesamt 2850. 14 davon als Teil diverser Bobequipen und, ja, darunter auch das aus dem Disney-Kitsch «Cool Runnings» bekannte jamaikanische Team.
Dabei war und ist eine der aufsehenerregendsten Figuren des Eiskunstlaufs die schwarze Französin Surya Bonaly, die es in ihrer Profikarriere auf fünf französische und fünf europäische Meistertitel brachte (alle davon am Stück) und insgesamt auf drei Vizeweltmeistertitel. Für höhere Weihen reichte es ihr jedoch nie. So verpasste sie an den Weltmeisterschaften 1994 in Japan den Sieg mit einem 5 : 4-Stichentscheid der Jury, nachdem sie in den Punktwertungen gleichauf mit der haushohen Favoritin Yuka Sato gelegen hatte. Bonaly war so enttäuscht, dass sie sich weigerte, aufs Podium zu steigen, wofür sie vom Publikum ausgebuht wurde.
Surya Bonaly war vor allem dafür bekannt, eine der athletischsten Eiskunstläuferinnen zu sein – was ihr allerdings immer wieder als Nachteil ausgelegt wurde. Regelmässig erhielt sie von den PunktrichterInnen tiefe Stilnoten – wie es der ehemalige US-Teamcoach Frank Carroll einst formulierte: «Sie sah einfach nicht aus wie eine Eisprinzessin.» Beziehungsweise: Sie war zu kräftig, zu sportlich, zu wenig grazil. Die Kommentatorin Sandra Bezic bemerkte einst, Surya Bonaly trete mit so viel Kraft auf die Kufen, dass man in der Arena das Kratzen hören könne – was einfach nicht zu dem Sport passe.
Ob ihre Hautfarbe bei diesen Urteilen ebenfalls eine Rolle spielte, kann nur erahnt werden – und selber äusserte sie sich nur verhalten dazu. In einer Kurzdoku des US-Sportsenders ESPN sagte sie Anfang dieses Jahres: «Ich weiss nicht, ob es mir meine Hautfarbe schwerer machte, aber sie machte mich stärker. Ich wusste, dass ich einfach besser sein musste, dann hätte man keine Wahl, als mich zu akzeptieren, wie ich bin.» Ihre Antworten gab sie vor allem auf dem Eis: Als sie bei ihren dritten und letzten Olympischen Spielen 1998 in Nagano nach dem ersten Durchgang schon so weit abgeschlagen war, dass sie keine Medaillenchancen mehr hatte, baute sie kurzfristig ein Manöver in ihre Performance ein, das es so im Eiskunstlauf noch nie gegeben hatte: einen Rückwärtssalto.
Dazu muss vielleicht gesagt werden, dass nur jene Sprünge im Eiskunstlauf erlaubt sind, die auf einer Kufe gelandet werden können. Der Rückwärtssalto war bis dahin verboten, da noch nie jemand zuvor (auch kein männlicher Eiskunstläufer) auf die verrückte Idee gekommen war, diesen auf nur einem Schuh zu landen. Ausser eben Bonaly. Sie hatte den Salto in der Vergangenheit mehrfach geübt – 1992 war er ihr schon im Training verboten worden. Doch bei ihrer Abschiedsgala wollte sie ihn sich nicht nehmen lassen. Die Punktrichter waren so verblüfft, dass sie mehrere Minuten lang nach Rechtfertigungen suchen mussten, um den Sprung nicht in die Wertung aufnehmen zu müssen – schliesslich erntete sie einen Punktabzug für den spektakulärsten Sprung der Eiskunstlaufgeschichte.
Kurz danach beendete sie ihre Wettkampfkarriere – und trat bis 2015 in verschiedenen Eiskunstshows auf. Dort fand sie endlich ein Publikum, das ihre sportlichen Höhenflüge würdigte und mit Applaus statt Punktabzug belohnte.
Etrit Hasler widmet diesen Text einer Schweizer Autorin, die regelmässig auf ihre Hautfarbe reduziert wird, und hofft, dass sie weiterhin bei ihren verbalen Rückwärtssaltos bleiben wird – egal was die Leute davon halten.