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Ein Projekt der Jazzabteilung der MHS Luzern in Zusammenarbeit mit
Judith Estermann, Beauftragte für Gleichstellung
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1. Ausganglage/Hintergrund
Statistische Daten:
Im Studienjahr 05/06 studieren an der Abteilung Jazz der Musikhochschule Luzern (MHS) 16% Frauen. Beim Blick auf die Instrumentalisten/innen (ohne Sänger/innen) sieht es jedoch etwas anders aus: 4% Frauen. Das gleiche Bild zeigt sich auch bei den Dozierenden und auf der Bühne.
Ähnliche Verhältnisse also wie in der Hochschule für Technik und Architektur (HTA), wo seit längerem eine gezielte Förderung des weiblichen Nachwuchses praktiziert wird.
Was sind die möglichen Gründe für diese Situation? Eine Sammlung.
Ein kurzer Blick auf die Sozialisation:
Im Jazz stehen, neben rein musikalisch-handwerklichen Fertigkeiten, die Fähigkeit zur Improvisation, die Lust am freien Spiel und der Reiz am Experiment im Mittelpunkt. Mädchen werden noch immer eher dazu erzogen, sich fremdem Willen unterzuordnen und sind stärker auf die Anerkennung von Erziehungspersonen angewiesen. Dadurch wird verhindert, dass sie eine eigenständige Interpretation der Musik entwickeln und dass sie sich auf das Risiko des Scheiterns einlassen, welches in der Improvisation, besonders in der Live-Situation, immer gegeben ist.
Selbstvertrauen und Durchsetzungsvermögen sind notwendig, um sich in einem Jazzensemble behaupten zu können. Die Erziehung von Mädchen dazu, sich zurückzunehmen und in den Hintergrund zu treten, steht jedoch im Widerspruch dazu.
Instrumente für Frauen, Instrumente für Männer?
In ihrer Studie vom Januar 2004 schreibt Gina Häusermann, dass die Instrumentenwahl bis heute geschlechtsspezifisch sei: So gehören zu den Fraueninstrumenten“ beispielsweise Blockflöte, Querflöte, Klarinette, Cello, Viola, Violine, Gesang, Harfe, Klavier, Cembalo und Akkordeon. Bei den Männern sind dies: Cornet, Euphonium, Trompete, Posaune, Tuba, E-Bass, E-Gitarre, Kontrabass und Schlagzeug/Perkussion. Die Zuordnung der Instrumente ist auf Vorurteile zurückzuführen, die jeder Geschlechterrolle stereotype Merkmale zuschreiben. Entscheidend dafür sind Klangfarbe des Instruments, mögliche Lautstärke, der Anteil elektronischer Technik und der Körperausdruck, der beim Spiel entsteht. Die musikalische Sozialisation führt Mädchen bevorzugt an Instrumente heran, die sich wenig für eine im Jazz angestrebte Ausdrucksweise eignen. Damit sind die Musizierenden oft von vorne herein auf eine musikalische Sparte festgelegt.
Der Musikunterricht
Durch die stärkere Fixierung von Mädchen auf ihre Lehrpersonen und den Umstand, dass bislang die Mehrheit der Lehrpersonen an Musikschulen einen klassischen Hintergrund hat und auch im Unterricht vor allem klassische Musik vermittelt und Improvisation nicht selbstverständlich Teil davon ist, liegt es nahe, dass sich junge Frauen bei der Berufswahl Musikerin“ auch für eine klassische Laufbahn entscheiden.
Die Banderfahrung
Viele junge Männer gründen als Teenager Bands und können so ihrem Bedürfnis nach Gruppenzugehörigkeit entsprechen. Junge Frauen hingegen spielen nur ganz selten in Bands, und wenn doch, dann in der Regel als Sängerinnen. Mögliche Erklärungsansätze sind die, dass sich junge Frauen in dieser Phase stärker auf die beste Freundin“ beziehen, als auf eine Gruppe oder, dass sich Proberäume oft in Luftschutzkellern mit schlecht beleuchteten Zugängen befinden, was abschreckend wirken kann. Ohne Banderfahrung ist der Einstieg in den Jazz aber nur schwer vorstellbar.
Die Vorbilder:
Es fehlen sichtbare weibliche Jazzinstrumentalistinnen als Identifikationsmöglichkeit. Ohne Vorbilder können heranwachsende Mädchen nur schwer auf die Idee kommen, Jazzmusik zu spielen. Auch in der Sparte Pop/Rock sind aktive Instrumentalistinnen kaum sichtbar. Auf Musiksendern und in Musikzeitschriften, die bei Jugendlichen angesagt sind, haben Frauen ihren Platz als Sängerinnen oder Tänzerinnen. Die Pop/Rock-Musiksparte ist jedoch häufig der erste Schritt auf dem Weg zum Jazz. Zudem erfahren die wenigen existierenden Vorbilder in den Medien oft eine Darstellung, die unabhängig von den musikalischen Fähigkeiten stark mit dem Geschlecht in Verbindung gebracht wird, so spielt das Aussehen und Auftreten eine überproportional grosse Rolle.
Das Berufsbild:
Jazz wird mit sogenannt männlichen Attributen wie aggressiv, wild, ekstatisch“ in Verbindung gebracht, die konträr zu dem immer noch gängigen Frauenbild stehen. Mit anderer Wortwahl, zum Beispiel uneingeschränkte Ausdrucksmöglichkeit“ oder intensives Zusammenspiel“ könnten mehr Frauen angesprochen werden.
Und trotzdem...
Seit Jazz existiert hat es schon immer Jazzmusikerinnen gegeben. Z. B. in den Frauen-Bigbands, die in den Kriegsjahren, als die männlichen Kollegen eingezogen wurden, sehr erfolgreich waren. Sobald sich aber die Männer wieder zurück meldeten, wurden sie, wie in so vielen anderen Bereichen auch, wieder in den Hintergrund verdrängt. Und dann gab und gibt es natürlich all die Einzelmusikerinnen, die in der Geschichte des Jazz, trotz aller Widerstände, ihren Weg gegangen sind. Oftmals waren und sind das Frauen mit einem stark ausgeprägten Sinn für Freiheit, Kreativität und Individualität. Und sie sind bereit zu kämpfen –obwohl es ihnen lieber wäre, wenn sie sich einfach auf das konzentrieren könnten, was ihnen das Wichtigste ist: Die Musik! (Siehe das Buch it’s gotta be music first“ von Ursula Schlicht)
Stand März 2006, Judith Estermann
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