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1% mehr oder weniger haben, macht die Wurst im Prinzip nicht fett. Überhaupt, Prozentrechnen ist ja einfach: „Ein Drittel ist mir zu wenig, ich will mindestens ein Viertel, 10% sind ein Zehntel und 5% sind ein Fünftel oder klassisch: die Chancen stehen 70:70.“
Bevor wir uns mit den 1% auseinandersetzen, zuerst ein paar Gedanken zu 80/20 und einem Mann dahinter. Sein Name: Wilfried Fritz Pareto, Sohn des Marquis Raffaelle Pareto (ein einer Genueser Kaufmannsfamilie entstammender adeliger italienischer Emigrant), geboren in Paris am 15. Juli 1848. Seinen Namen erhielt er in Anspielung auf die deutsche Revolution 1848/49. Er war Ingenieur, Ökonom und Soziologe und galt später als Vertreter der Lausanner Schule der volkswirtschaftlichen Neoklassik. Uns ist er eher unter dem Namen Vilfredo Pareto und für das Pareto Prinzip bekannt:
Pareto untersuchte die Verteilung des Grundbesitzes in Italien und stellte fest, dass etwa 80% der Ländereien im Besitz von circa 20% der Bevölkerung waren. Pareto setzte seine Studien in anderen Nationen fort und es entstand ein Muster. Zum Beispiel stellte er fest, dass circa 30% der Bevölkerung Grossbritanniens etwa 70% des Gesamteinkommens vereinnahmten. Als er weiter forschte, fand er heraus, dass zwar die Zahlen nicht unbedingt in Stein gemeisselt sind, dass die Zahlen nie ganz gleich waren, aber ein bemerkenswerter konsistenter Trend zu erkennen war, der uns als Pareto Prinzip oder 80/20 Regel bekannt ist:
80% von Ergebnissen können mit 20% des Gesamtaufwandes erreicht werden. Die verbleibenden 20% der Ergebnisse benötigen mit 80% die meiste Arbeit.
Beispiele:
In vielen Unternehmen werden 80% der Umsätze mit 20% der Produkte oder Kunden erzielt.
80% des Verkehrs spielen sich auf 20% der Strassen ab.
80% unserer Telefongespräche führen wir mit 20% der gespeicherten Kontakte durch.
Zu 80% tragen wir 20% aller Bekleidung aus dem Kleiderschrank
Also, bei richtiger Verteilung der Prioritäten lassen sich mit 20% Aufwand häufig 80% der gesamten Ergebnisse erreichen. Nun, 80/20 als Anhaltspunkt, als Richtlinie mit natürlichen Abweichungen, kann zum Nachdenken anregen. Zeitmanagement ist meiner Meinung nach zwar häufig zuerst ein Problem, das mit dem Trainieren der Nein-Sage-Fähigkeit in den Griff zu bekommen ist – und mit dem 80/20-Gedanken, als eine Art Checkliste, mit der man die Prioritäten im Tagesgeschäft (oder im Leben) in Hinblick auf Zeitmanagement überdenken und effizienter gestalten kann.
80/20 lässt sich als Ungleichheit betrachten. Paretos Arbeit wurde zum Evangelium für Ökonomen. Ist auch im Sport zu erkennen, wenn nicht noch extremer: 77 verschiedene Nation haben an den Weltmeisterschaften für Fussball teilgenommen, aber nur drei Länder – Brasilien, Deutschland und Italien – haben 13 der ersten 20 Weltcup-Turniere gewonnen. Oder, obwohl sich die Zahlen seit der Untersuchung geändert haben, im Jahr 2013 kontrollierten 8% der Weltbevölkerung circa 83.3% des Weltreichtums.
Warum ist das so, dass ein paar Leute, Teams und Organisationen den Grossteil des Vermögens (im Sinne von Belohnung) einheimsen?
Malcolm Gladwell hat darüber ein Buch „Überflieger: Warum manche Menschen erfolgreich sind – und andere nicht“ geschrieben. Persönlichkeit, IQ, Talent und Fleiss sind nicht alles. Der „akkumulierende Vorteil“, so nennen es die Soziologen, hilft zusätzlich. Betrachten wir professionelle Eishockeyspieler in Kanada:
Erfolg im Hockey mag auf die jeweiligen individuellen Verdienste des Spielers basieren und trotzdem, der Psychologe Roger Barnsley untersuchte mehrere Eishockey Mannschaften und in jeder beliebigen Gruppe waren die besten Hockeyspieler in den folgenden Monaten geboren:
40% zwischen Januar und März
30% zwischen April und Juni
20% zwischen Juli und September und
10% zwischen Oktober und Dezember
Scheint, als ob doch was dran ist, an den Sternzeichen? Nein, weit gefehlt, es hat auch nichts mit Zufall oder Magie zu tun. Es gibt eine einfache Erklärung:
Faktum ist, dass in Kanada der Stichtag für die Zulassung für eine Altersgruppe der 1. Januar ist. Ein Junge, der am 1. Januar 10 Jahre alt ist, spielt in einer Altersgruppe mit Jungen, die dieses Alter erst im Laufe des Jahres erreichen werden. Der Unterschied vom Januar zum Dezember ist im Extremfall ein ganzes Jahr, und im Alter von 10 Jahren macht ein Jahr einen erheblichen körperlichen und geistigen Reife-Unterschied aus (…10% mehr Leben). 10 Jahre ist das Alter, indem die Hockey-Talente gesucht, am meisten gefördert, gecoacht und rekrutiert werden.
Ähnliche Beispiele finden sich in der Natur. Die höchste Eiche im Wald ist die höchste nicht nur, weil es natürlich eine gesunde Eichel war, die vor zig Jahren gepflanzt wurde; sie ist die höchste auch, weil keine anderen Bäume ihr Sonnenlicht blockierten, der Boden fruchtbar ist. Kein Kaninchen nagte an ihrer Rinde als Bäumchen und kein Förster stutzte oder fällte sie.
Stellen Sie sich zwei Pflanzen vor, die nebeneinander wachsen. Jeden Tag werden sie um Sonnenlicht und Nahrung aus dem Boden konkurrieren. Wenn nur eine Pflanze ein bisschen schneller wächst als die andere, dann kann sie sich grösser ausbreiten, mehr Sonnenlicht einheimsen und mehr Regen aufnehmen. Am nächsten Tag lässt diese zusätzliche Energie die Pflanze noch mehr wachsen, und dieses Muster setzt sich fort, bis sie den Löwenanteil von Sonnenlicht, Boden und Nährstoffen erhält.
Die Macht des einen Prozents
Ähnlich ist es in unserem Leben und unserer persönlichen Entwicklung. Wir wollen uns Fertigkeiten aneignen, und trotzdem, so manches bleibt auf der Strecke, oft, weil wir unsere Schritte zu gross wählen. Aber Hand aufs Herz, uns in einer Sache um 1% pro Tag zu verbessern, sollte machbar sein.
Sich jeden Tag um 1% verbessern sieht graphisch so aus:
Nach einem Jahr hat man, was auch immer man tat, versiebenunddreissigfacht (x37).
Zugegebenermassen, dieses eine Prozent zu definieren, ist in der Praxis nicht einfach und meistens gar nicht möglich. Statt 20 Minuten (1.200 Sekunden), 1% länger zu Walken, also 12 Sekunden länger zu laufen macht keinen Sinn. Was macht aber Sinn?
Es macht Sinn, sich dieses Prinzip zu verinnerlichen, denn letztendlich sind es die kleinen Schritte, die kumulativ zu einem Ergebnis führen. Es braucht seine Zeit, um eine Fertigkeit zu entwickeln und weil wir zu oft zu ungeduldig sind, lassen wir uns entmutigen und geben auf: Weil wir uns einfach in unserer Willensstärke überschätzen, unser Ziel zu hoch ansetzen, damit Misserfolg vorprogrammieren und uns, ohne es bewusst zu erkennen, dann frustriert fühlen.
Nicht gegen grosse, haarige, sportliche Ziele, aber jedes Ziel bedingt, um es zu erreichen, es in kleinste Aktionsziele aufzuteilen. Wir glauben, metaphorisch betrachtet, dass wir den Marathon mit einer Vorbereitungszeit von einem Monat schaffen werden, aber davor kann ich nur abraten.
In Malcoms Buch geht es um Erfolg. Den gilt es als erstes für sich zu definieren. Mir gefällt die Definition von John Wooden:
„Seelenfrieden, ausgelöst durch die Genugtuung zu wissen, dass man sich angestrengt hat, sein Bestmöglichstes zu leisten. Ich glaube, das stimmt. Wenn man bereit ist, alles zu geben und immer wieder versucht persönlich voranzukommen, dann ist das für mich Erfolg. Es ist wie mit dem Charakter und dem Ruf. Der Ruf ist das, wofür einen die anderen halten. Und der Charakter ist das, was man wirklich ist. Ich glaube, der eigene Charakter ist viel wichtiger als das Bild, das andere von einem haben. Man will natürlich, dass beides gut ist. Aber beide sind eben nicht unbedingt identisch.“
Für mich ist der Punkt, „persönlich voranzukommen“ von grosser Bedeutung und so hoffe ich, dass sich der Kreis jetzt schliesst. Nachdem man zwar seinen Persönlichen-Entwicklungs-Plan (PEP) festgelegt hat, könnte es trotzdem sein, dass man, in der Hektik des Tagesgeschäfts, in 80/20 abgerutscht ist, nämlich nur zu 20% in Hinblick auf die eigene Entwicklung und das eigene Leben aktiv ist, und sich eventuell zu 80% im Lager jener befindet, die auf dem Sterbebett ( Bronnie Ware: 5 Dinge, die Sterbende am meisten) bereuen:
„Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarteten.“
Alles was gut ist, bedeutet Aufwand. Wir kennen die Zahl der 10.000 Stunden, die es braucht um etwas zu meistern. Mag die Zahl 10.000 eine Faustregel sein, aber im Grunde finden wir etwas Wahres daran. Und für mich gilt, die Wissenschaft bestätigt das, kleine Schritte, wenn regelmässig ausgeführt, führen zum Erfolg – und selbst wenn es jeweils nur 1% Verbesserung pro Tag ist, kann sich das Ergebnis nach einem Jahr sehen lassen.