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Die Brüder Grimm haben das Märchen aus einem Text von Th. Pescheck in Büschings Wöchentlichen Nachrichten 2, 17–26 (1816) übernommen. Geografische Herkunft: Oberlausitz. Vergleicht man die KHM-Ausgaben von 1819 und 1857 stellt man fest, dass Wilhelm Grimm an diesem Text praktisch keine weiteren Veränderungen vorgenommen hat. Aufgefallen ist mir nur, dass die Mutter in der Erstausgabe „zornig“ und in der Ausgabe letzter Hand „neidisch“ war, als sie die Ziege schlachtete.
Die folgende Betrachtung entstand in einem Märchenkreis gemeinsam mit acht Erzählkolleginnen. Ich nenne es bewusst „Betrachtung“: Das Märchen wurde zuerst erzählt und darauf entspann sich ein lebhafter Gedankenaustausch über die Assoziationen und Fragen, die dieses zu Unrecht eher verkannte Märchen auslöst. Eine systematische Interpretation strebten wir nicht an. Hinweis: Meine Rezeption der anthroposophischen Sichtweise dieses Märchens ist in einem separaten Artikel veröffentlicht.
Wieviele Augen hat die Mutter ?
Natürlich zielt diese Frage nicht auf den Kern des Märchens, aber weckte dennoch eine Diskussion. Betrachtet man die Mutter weniger von ihrer symbolischen Bedeutung als vielmehr von der „Story“ her, so kann man tatsächlich die Frage stellen: „Wieviele Augen hat die Mutter ?“
Ist sie stirnäugig und solidarisiert sich deshalb mit ihren ebenfalls stirnäugigen Töchtern Einäuglein und Dreiäuglein ? Oder ist sie zweiäugig, und Zweiäuglein spiegelt die Minderwertigkeitsgefühle der Mutter, weil „das gemeine Volk“ zwei Augen hat ?
Auf dem Buch-Cover rechts oben sind die Augen der Mutter verdeckt, wie wenn sich der Künstler nicht festlegen möchte. Die Schwarz-weiss-Zeichnung hingegen zeigt die Mutter eindeutig auch als Zweiäuglein.
Persönlichkeitsstärke von Zweiäuglein
Durch die ganze Geschichte hindurch fällt auf, dass Zweiäuglein keineswegs so hilflos ist, wie es zuerst den Anschein macht. Zwar wird sie von ihrer Familie aufs Übelste gemobbt und hungern gelassen, was ihr schon ans Lebendige geht. Aber Zweiäuglein verfällt deswegen nicht in Depression. Sie kennt deutlicher noch als Aschenputtel ihren Wert und ihre Kräfte, die sie nach und nach weiterentwickelt.
Sie mobilisiert und vertraut ihrer inneren Stimme in Gestalt der alten weisen Frau, die ihr für die nächsten Schritte weiterhilft. Die Idee, ihre spionierenden Schwestern einzuschläfern, hat sie selber, wie sie auch deren Absicht mit ihren erkennenden zwei Augen durchschaut. Zweiäuglein ist also schlau, kann aber dennoch in ihrer (kindlichen) Naivität nicht alles „im Griff haben“.
Auch im nächsten Teil der Geschichte weiss sie, dass der wundersame Apfelbaum und dessen goldenen Früchte ausschliesslich ihr gehören. Sie macht sich schliesslich selbstbewusst bemerkbar, als der Ritter da ist. Auch wenn ihr Wunsch an den Ritter nach einer klagenden Bitte tönt, Zweiäuglein weiss, was sie will.
Erheiternd war, dass alle sich als inneres Bild explizit eine weisse Ziege vorstellten, obwohl das keineswegs der häufigste Typ ist.
Die Ziege verhilft Zweiäuglein zu Nahrung, natürlich nicht nur physischer.
Die griechische Sage erzählt dass Zeus von der Ziege Amaltheia ernährt wurde, als er auf Kreta vor seinem Vater Kronos versteckt werden musste. Dies erinnert natürlich wieder stark an die Deutung von Friedel Lenz: Zeus gehört der „modernen“ zweiäugigen Göttergeneration an, während sein Vater Kronos aus dem archaischen Titanengeschlecht stammt, also zur selben Generation wie die einäugigen Zyklopen gehört.
Die Ziege soll auch das erste Haustier der Menschen gewesen sein. Die Ziege ist oft das Tier der Urmutter und wird mit typisch weiblichen Eigenschaften dargestellt (der Geissbock hat da ganz andere Bedeutungen). In Mesopotamien weiden die Ziegen unter dem Lebensbaum.
Mit dem Bild der Ziege verbinden wir ein keckes Wesen, dass neugierig alles ausprobiert und etwas riskiert, gerne auch von erhöhter Warte die Welt erspäht, ihre Erkenntnisse aber dann in wählerisches Verhalten umsetzt.
Zu den Bildern von den Eingeweiden und vom Baum siehe unten.
Der Ritter
Wieso taucht da ein Ritter als männliches Wesen auf, und nicht etwa ein Prinz ? Im Gegensatz zu den Prinzen, die in vielen Märchen noch erhebliches Entwicklungspotenzial aufweisen (z.B. bei Rapunzel) symbolisiert der Ritter eher eine entwickelnde Männlichkeit; er hat eine strenge Ausbildung hinter sich, tritt oft als loyaler Beschützer auf und ist es gewohnt, sich treu zu verpflichten. Etymologisch ist das zwar falsch, aber Ritter und Retter tönen irgendwie verwandt.
Als subjektstufiger Anteil von Zweiäuglein repräsentiert der Ritter ihr Selbstbewusstsein, ihr erstarktes Ich, ihre Selbstakzeptanz und nicht zuletzt ihre Fähigkeit zu handeln.
Adam und Eva
Die Reminiszenz an Genesis 3 ist unübersehbar. Während aber die Bibelautoren die starke Geschichte von Adam, Eva und dem Apfel vom Baum der Erkenntnis aus theologischen Gründen zum Sündenfall, das heisst zur Trennung von Gott umdeuteten, sind wir im Märchen noch näher an der ursprünglichen Bedeutung: Die im alten Testament verbotene Frucht wird zum Symbol der Mensch-Entwicklung. Die Frau, die aus der Kraft der tiefen Lebensenergien schöpft (der Baum wuchs aus den Eingeweiden der Ziege heraus) und die für das Leben nötigen Erfahrungen gemacht hat, kann dem Manne die Früchte ihres Dienstes weiterreichen. Das Umsetzungsprinzip, der Mann, ist jetzt gefordert, die Erkenntnis in das Beste für die Welt zu verwenden.
Mobbing
Die familiäre Situation zuhause kann als Mobbingsituation beschrieben werden.
Als Mobbinggrund steht offensichtlich die Andersartigkeit von Zweiäuglein im Vordergrund. Das Normale gilt nichts, man möchte etwas Besseres sein.
Einen im Wiederspruch zum vorherigen stehender Grund sind die Minderwertigkeitsgefühle der Mutter, die in ihrem zweiäugigen Kind einen Spiegel vorgehalten bekommt. Bekanntlich ärgert einem an seinem Nächsten genau das am meisten, was einem an sich selber stört.
Das Mobbing wird verschärft, weil die mobbenden Schwestern mit der Chefin der Familie verbündet sind. Das Mobbing geht vom Herumschubsen (physisch und psychisch) über Abwertung und Image (schlechte Kleider) bis zur existenziellen Bedrohung (Hunger).
Ebenfalls typisch für eine Mobbingkonstellation kann sein, dass nach der Kündigung des Familienverhältnisses durch das Mobbingopfer, das ja mit dem rettenden Ritter davongeht, die beiden Schwestern in ein Loch fallen und ihre Identität nicht mehr weiter durch das Mobben der Schwester stützen können.
Versuch einer Zuordnung der Märchenepisoden zu der Entwicklung des Menschen
Einäuglein und Dreiäuglein entsprächen dann einem frühkindlichen Stadium, wo das Kind noch stark die Erinnerung an die geistige Welt hat und stark in einem Traumbewusstsein lebt.
Die Ziege symbolisiert das erwachende Kinde, dass bis weit ins Jugendalter die Welt erforscht und dessen Denk- und Vorstellungskraft durch dieses Ausprobieren und die Aussenorientierung genährt werden.
Der innere Reichtum (Eingeweide) muss entdeckt werden, weil daraus Neues entsteht. Eingeweide sind gleichzeitig auch die Organe der Umwandlung.
Nach Wilhelm Grimms Anmerkungen (1856) symbolisieren die Eingeweide übrigens das Herz des Menschen.
Der Baum entspräche dann der gewachsenen und gereiften Erkenntnis und der Willenskraft des Erwachsenenalters. Schliesslich löst sich Zweiäuglein von ihrer Herkunftsfamilie und geht mit dem Ritter endgültig hinaus in die Welt. Ihren Erkenntnisbaum muss sie dabei nicht zurücklassen.
Nach dieser expansiven Phase kommt sie zur Ruhe, wendet sich mehr inneren Prozessen zu und kann so sogar ihre „feindlichen“ Anteile integrieren, indem sie ihre Schwestern aufnimmt.
Während ihrer Entwicklungszeit kämpft Zweiäuglein mit der Abspaltung gewisser Anteile: Bin ich als normales Mädchen attraktiv genug ? Ich möchte etwas Besseres sein ?! Am Ende gelingt es ihr aber, alles zu integrieren.