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– 17.06.2019 –
In der Luftkriegsführung gibt es eine bestimmte Art des Einsatzes gegen die gegnerische bodengestützte Luftverteidigung, in der Folge BODLUV genannt. Bei diesem Einsatz geht es darum, vorzugsweise zu Beginn einer Luftkriegskampagne, die gegnerische BODLUV so weit zu schwächen, dass sie für nachfolgende Angreifer aus der Luft keine Bedrohung mehr darstellt. Dieses Ziel kann neben der Störung von entsprechenden Radaranlagen vor allem durch die direkte Bekämpfung der BODLUV erreicht werden. Die Unterdrückung der gegnerischen BODLUV stellt bis heute eine sehr gefährliche Aufgabe für eine Luftwaffe dar. Denn es geht schliesslich darum, wer den Gegner als erster entdeckt und seine Waffen zum Einsatz bringen kann, bevor dies der Gegner tut.
Für die Bekämpfung von Radaranalagen der BODLUV werden vor allem spezielle Anti-Radar-Lenkwaffen wie z.B. die amerikanische AGM-88 HARM (High Speed Anti Radiation Missile) eingesetzt. In jüngster Vergangenheit werden auch mit einem Sprengkopf ausgerüstete Drohnen dafür verwendet. Sowohl die Anti-Radar-Lenkwaffen wie auch die Drohnen sind mit einem passiven Suchkopf ausgerüstet. Dieser Suchkopf wird auf ein spezifisches Frequenzband, in welchem die anvisierte BODLUV-Radaranlage sendet, eingestellt. Die dafür notwendigen Daten werden vorgängig durch die Aufklärung des elektromagnetischen Spektrums gewonnen. Moderne Anti-Radar-Lenkwaffen und –Drohnen erreichen die anvisierte gegnerische Radaranalage auch dann, wenn diese den Radarsendebetrieb einstellt. Dies wird durch satellitengestützte Ortungssysteme erreicht. Anti-Radar-Lenkwaffen sind teure Waffensysteme und wenn immer möglich wird deren Einsatz auf die bedrohlichsten Radaranlagen mit mittlerer und grosser Reichweite beschränkt. Für Feuerleitradaranlagen und Suchradaranalagen mit kurzer Reichweite werden heute die vorgenannten speziellen Drohnen oder auch konventionelle Abstandslenkwaffen und Lenkbomben eingesetzt.
(Angriff mit Anti-Radar-Lenkwaffe)
Verfügt eine Luftwaffe – wie es bei der Schweizer Luftwaffe der Fall ist – über keine solche speziellen Anti-Radar-Lenkwaffen oder Störsender zur Unterdrückung der gegnerischen BODLUV, ist sie gezwungen andere Einsatzverfahren anzuwenden. Dafür werden eine Annäherung im Tiefflug und das Ausnützen von Radarschatten, welche durch Erhebungen im Gelände entstehen, bevorzugt. Als Waffen für die Bekämpfung der BODLUV-Stellung werden Bordwaffen, ungelenkte Raketen und Bomben eingesetzt. Der Einsatz von Bordwaffen und Raketen ist für das Angriffsflugzeug für die Bekämpfung von kanonenbasierten BODLUV-Systemen sehr gefährlich, weil dadurch das Angriffsflugzeug dem direkten Kanonenfeuer ausgesetzt wird. Um dieser Gefährdung zu entgehen, besteht die Möglichkeit Bomben im Schleuderwurf aus einigen Kilometern Distanz vor der gegnerischen BODLUV-Stellung einzusetzen. Schwere Bomben, ausgerüstet mit einem barometrischen Zünder bewirken eine grosse Streuwirkung, wenn diese einige Meter über dem Boden zur Explosion gebracht werden. Die dadurch entstehenden Splitter und die Druckwelle haben eine verheerende Wirkung auf die BODLUV-Stellung, insbesondere deshalb, weil die wenigsten BODLUV-Systeme genügend gegen solche Waffenwirkung geschützt sind. Bei all diesen beschriebenen Angriffsverfahren wird grundsätzlich aus jener Richtung angegriffen, aus welcher angenommen wird, dass die gegnerische BODLUV nur eingeschränkt oder gar nicht wirken kann. Daher ist eine gründliche Umweltanalyse des entsprechenden Geländes und der Sichtbedingungen während der Einsatzplanung von entscheidender Bedeutung.
(Angriff mit konventionellen Waffen)
Die gegnerische BODLUV kann auf einige Gegenmassnahmen zurückgreifen. Zum einen ist die Tarnung und Täuschung ein wichtiges Mittel, um sich im Vorfeld eines Angriffs der Aufklärung zu entziehen. Ebenso ist ein striktes Regime für den Einsatz der Radar- und Kommunikationsanlagen einzuhalten. Denn der unvorsichtige Einsatz derer führt zu einer vorzeitigen Entdeckung durch den Gegner in der Luft und ermöglicht, wie oben beschrieben, den Einsatz von Anti-Radar-Waffen und elektronischen Gegenmassnahmen. Moderne BODLUV-Systeme sind mit einem ganzen Arsenal von elektronischen Gegen-Gegenmassnahmen ausgerüstet, welche die gegnerische Wirkung durch elektronische Gegenmassnahmen abmildern, oder sogar gänzlich aufheben. Je näher sich der Gegner in der Luft dem BODLUV-System befindet, je grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die BODLUV den Gegner entdeckt und ihre Waffen gegen diesen einsetzten kann. Es geht für den Gegner in der Luft darum, sich der BODLUV so lange wie möglich als Ziel zu verweigern, im Idealfall bis wenige Sekunden vor der Waffenauslösung.
Moderne BODLUV-Systeme werden im Verbund eingesetzt und werden so lange als möglich zentral von der Luftverteidigungseinsatzzentrale geführt. Dafür ist ein sehr hoher Vernetzungsgrad und ein entsprechend leistungsfähiges Kommunikations- und Datennetzwerk erforderlich. Solche Netzwerke sind wiederum anfällig auf Cyber-Angriffe eines potentiellen Gegners.
Aus Sicht eines Luftwaffenoffiziers wäre es wünschenswert, wenn die Schweizer Luftwaffe zusammen mit einem neuen Kampfflugzeug die Fähigkeit zur wirksamen Unterdrückung gegnerischer BODLUV miterlangen würde.
Text: Beat Benz / Titelbild: Panavia Tornado ECR der deutschen Luftwaffe mit AGM-88 HARM Anti-Radar-Lenkwaffen