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«Kurz zusammengefasst», sagt Philomena Scherrer, «repariere ich an Autos alles, was mit der Karosserie zu tun hat.» Im Moment den Toyota eines Oberwalliser Eishockey-Fans. Sein Auto ist am Rand eines Spiels mit einem Schlüsselbund rundum zerkratzt worden.
Ausbeulen und mit dem Spachtel Form und Kanten rekonstruieren sei hier nicht nötig. Aber sonst das volle Programm: die Füller schleifen, das Blech grundieren und spritzen: zuerst den Basislack für den Farbton, dann den Klarlack für Glanz und Witterungsschutz; schliesslich polieren und allfällige Staubeinschlüsse aus dem Lack herausschleifen. «Um die zu finden, kriechst du mindestens eine Runde ums Auto», grinst sie.
Ein Chef macht sich lächerlich
Seit 2005, sie war damals 19, lebt Philomena Scherrer in Glis (VS) allein im Haus ihrer geschiedenen Eltern. Der Vater war 2000 ausgezogen, die Mutter ging später, als ihre drei Kinder beruflich selbständig geworden waren, nach Bern. Den Zins fürs Haus kann sie sich mit ihrem Lohn als Baumalerin problemlos leisten. Dann beginnt sie 2006 eine Zweitlehre als Autolackiererin. Jetzt, mit dem Lehrlingslohn wird das Geld knapp. Als ihr die Mutter in Bern anbietet, bei ihr in Bern zu wohnen, entscheidet sie, die Stifti dort fertig zu machen.
Bevor sie aber einen neuen Lehrvertrag für die Fortsetzung ihrer Lehre abschliessen kann, muss sie den alten kündigen. Dafür braucht sie ein Kündigungsdokument, das neben ihr auch der Lehrmeister und der Inspektor des kantonalen Lehrlingsamts unterzeichnen müssen.
Hier beginnt Philomena Scherrers Arbeitskampf: Ihr Lehrmeister weigert sich zu unterschreiben. «Obschon ja niemand die Alpen überquert, wenn er in die Garage will, hat er behauptet, ich wolle zu seiner Konkurrenz wechseln. Da mache er nicht mit.» In der Folge unterschreibt auch der Inspektor des Lehrlingsamts nicht und nimmt mit dem Chef Kontakt auf. «Danach hat mir der Inspektor ausgerichtet, wenn ich kündigen wolle, müsse ich auf die Forderungen des Chefs eingehen.»
So fragt sie den Chef nach dessen Forderungen und erfährt, dass er für seine Unterschrift 2000 Franken verlange – für die Stiftin exakt zwei Monatslöhne. «Ich habe mich gewehrt, woher ich das Geld nehmen solle, wenn ich schon zu wenig hätte, um weiterhin in Glis zu leben?» Dem Chef ist’s wurst. Scherrer informiert sich: Juristisch gesehen könnte er eine Geldforderung von «einem Viertel des Lohnes für einen Monat» geltend machen, wenn sie fristlos ginge (Art. 337d OR). Aber sie will ja nicht fristlos kündigen, sie will alles korrekt machen. Der Chef will trotzdem 2000 Franken.
Ein Chef rastet aus
Unterdessen hat eine Firma im Bernbiet Philomena Schwerrer die Fortsetzung ihrer Lehre angeboten und wartet darauf, dass sie den Lehrvertrag unterschreibt. «Aber ich musste ja zuerst aus dem alten Vertrag herauskommen!» Sie sucht Rat bei den Kollegen der Unia-Jugend Oberwallis. Die kommen gleich zu zweit in den Betrieb. «Der Chef ist völlig ausgerastet und hat den Zettel, den er hätte unterschreiben sollen, zerrissen. Ich habe losgeheult vor Wut. Die Unia-Kollegen haben mich zum Arzt gefahren. Der hat mich, mit Kopie ans Lehrlingsamt, krank geschrieben, wegen Unzumutbarkeit des Arbeitsverhältnisses.»
Am nächsten Tag ruft der Inspektor an. Er will eine Sitzung mit ihr und dem Chef – und falls jemand von der Unia auftauche, droht er, sei das Treffen geplatzt. So organisiert ihr die Unia einen Anwalt. An der Sitzung wird dann um die 2000 Franken gemärtet. Scherrer bekommt die Unterschrift des Chefs schliesslich unter der Bedingung, dass sie der Walliser Stiftung «Nachbar in Not» 1000 Franken spende. Sie folgt dem Rat des Anwalts und zahlt. Sonst wäre die Sache zum langwierigen Gerichtsfall geworden und sie hätte den zugesagten Lehrvertrag im Bernbiet nicht unterschreiben können.
Die Arbeitnehmerin hat eine Frage
In Toffen, ein paar Kilometer neben Bern, hat sie danach die Lehre als Autolackiererin abgeschlossen. «Der neue Lehrmeister hat den Lehrvertrag 1 zu 1 übernommen. Weil ich bei meiner Mutter wohnte, konnte ich nun vom Lohn leben.» Seit dieser Geschichte fragt sich Scherrer manchmal: Was nützt es, in der Schweiz die verfassungsmässig garantierte Niederlassungsfreiheit zu haben, wenn man sich als Angestellte freikaufen muss wie eine Leibeigene im Mittelalter?
Ein Grund, warum Philomena Scherrer nach der Baumalerinausbildung auch noch Autolackiererin lernen wollte, war der: «Auf dem Bau soll das meiste immer weiss werden.» Aber sie liebt eben die Farben: Ihre Haarfarbe zum Beispiel ändert sie alle paar Wochen. Zurzeit ist Violett angesagt. Und der zerkratzte Toyota wird nach der Mittagspause wieder glänzend schwarz.
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Die Rückkehrerin
Philomena Scherrer (* 1986) wächst in Brig-Glis (VS) auf. Sie möchte Schrift- und Reklamegestalterin werden, findet aber in diesem seltenen Beruf keine Lehrstelle. Darum absolviert sie in Leukerbad (VS) die dreijährige Ausbildung als Baumalerin.
Während dieser Zeit macht sie die Autoprüfung und interessiert sich zunehmend für die Schnittstelle zwischen ihrem Beruf und den Autos. 2006 beginnt sie in der Nähe von Brig eine Lehre als Autolackiererin. 2007 kämpft sie um ihr Recht, aus persönlichen Gründen nach Bern zu ziehen und die Lehrstelle zu wechseln. Sie setzt sich durch, beendet die Lehre bei der Marag Garagen AG in Toffen (BE) und bleibt dort bis Herbst 2012. Seit dem 1. Oktober arbeitet sie bei der Carosserie Adler wieder in Glis.
Philomena Scherrer ist Unia-Mitglied. Die Rückkehr ins Wallis hat ihr eine kleine Lohneinbusse, aber auch tiefere Lebenshaltungskosten gebracht. Sie lebt mit ihrem Freund und zwei Katzen in Glis. Als Hobbies nennt sie Snowboarden (im Winter), Spazieren, Velofahren und Inlineskaten (im Sommer).