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Die Kopie einer von Marco Polo gezeichneten Karte zeigt die Küstenlinie Alaskas. Kannte der venezianische Weltreisende den amerikanischen Kontinent – schon im 13. Jahrhundert?
Muss die Geschichte der Entdeckung Amerikas neu geschrieben werden? Eine mysteriöse Karte aus den Archiven der US-Kongressbibliothek gibt Anlass zu Spekulationen – sollte sie sich als echt erweisen, müsste man in der Tat davon ausgehen, dass Marco Polo (1254–1324) Kenntnis von der amerikanischen Westküste hatte.
Der venezianische Abenteurer hätte dann den amerikanischen Kontinent schon gut zweihundert Jahre vor Kolumbus gekannt und die Beringstrasse zwischen Sibirien und Alaska über vierhundert Jahre vor dem dänischen Entdecker Vitus Bering, der die Seestrasse 1728 in russischen Diensten erkundete.
Bei dem Fund handelt es sich laut einem Bericht des Smithsonian Magazine um eine 14-teilige Pergament-Sammlung – zehn Karten und vier Texte –, die sich bereits seit den 1930er-Jahren im Besitz der Kongressbibliothek in Washington D.C. befindet. Doch erst in letzter Zeit wurden die Dokumente wieder genauer untersucht.
Bei der «Map with Ship» («Karte mit Schiff») soll es sich um die Kopie eines Originals handeln, das tatsächlich von Marco Polo selbst stammen soll. Auf der Karte ist eindeutig die Beringstrasse mit dem Küstenverlauf der sibirischen Halbinseln Kamtschatka und Tschuktschen sowie jenem Alaskas zu erkennen. Polo habe die Karte, so vermuten Experten, auf ein Schafsfell gezeichnet, nachdem er die Beringstrasse durchfahren hatte.
Die Seefahrer-Karte wurde, zusammen mit anderen Unterlagen, von Polos Tochter Bellala archiviert. Sie beschreibt zudem in den Dokumenten, wie ihr Vater auf mit Lanzen bewaffnete Frauen in Hermelinpelzen traf, einem syrischen Seefahrer begegnete und auf einer Halbinsel – «zweimal so weit wie China» – Menschen sah, die Robbenfelle trugen, von Fisch lebten und in Häusern «unter der Erde» wohnten.
Die Pergamente gelangten im Koffer eines italienischen Immigranten nach Amerika. Marcian Rossi kam 1887 als Teenager nach Ellis Island und liess sich danach im kalifornischen San José nieder. Als er die Dokumente der Library of Congress übergab, behauptete er, ein Vorfahre der Familie, ein Admiral, habe die Karten von Marco Polo selbst erhalten.
«Dies würde bedeuten, dass ein Italiener von der Existenz der Küste Nordamerikas Kenntnis hatte oder dass er von Arabern oder Chinesen davon erfuhr», sagt Professor Benjamin B. Olshin von der Universität Philadelphia. Der Historiker will im November ein Buch über diesen Kartenfund mit dem Titel «The Mysteries of Marco Polo's Maps» («Die Geheimnisse um Marco Polos Landkarten») veröffentlichen.
Auch Olshin gibt allerdings zu, dass die Echtheit der Dokumente nach wie vor umstritten sei. Der Einband aus Schafshaut stammt gemäss einer ersten Datierung aus dem 15. oder 16. Jahrhundert, doch dies ist für Olshin lediglich ein Hinweis darauf, dass es sich bei den Karten um Abschriften älterer Originale handelt. Die verwendeten Tinten seien nicht fertig analysiert, sagt Olshin, und auch die Ergebnisse der Radiokarbondatierung der wichtigsten Karten stünden noch aus.
Ein weiterer Grund, dass Experten die Karten mit Skepsis betrachten, liegt darin, dass sie kaum zu den damals gängigen Karten-Stilen – portolanische Seekarten, ptolemäische Projektionen und die mittelalterlichen Weltkartendarstellungen mappae mundi – passen.
Wie auch immer der Befund der Experten schliesslich ausfallen wird – sicher ist, dass erst die Entdeckung Amerikas durch Kolumbus 1492 zur europäischen Besiedlung der riesigen amerikanischen Landmasse und all deren Konsequenzen führte. Frühere Entdeckungen, auch historisch sicher belegte, wie jene durch die Wikinger um das Jahr 1000 herum, blieben dagegen weltgeschichtliche Randnotizen. (dhr)