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Der vorliegende Essay wird sich auf Grundlage des 1883 von Paul Lafargue in einer Brochüre veröffentlichten Textes Recht auf Faulheit an der komplexen Debatte um das bedingungslose Grundeinkommen beteiligen. Lafargue diskutiert die Ursachen und Auswirkungen der Industrialisierung und der von ihm so bezeichneten Sucht zur Arbeit, wobei er das Bild der Manufakturen des 19. Jahrhunderts mit Kinderarbeit, Arbeitszeiten zwischen 12 und 16 Stunden pro Tag und der mit den vorherrschenden Bedingungen einhergehenden physischen wie psychischen Schädigung der Proletarier zeichnet. Es ist daher anzumerken, dass wesentliche Unterschiede zur heute zu beschreibenden Arbeitswelt vorliegen; dennoch soll die These ausschlaggebend sein, dass es auch wesentliche Gemeinsamkeiten und Folgebeziehungen zwischen den situativen Ausgangsbedingungen gibt.
Die Schlussfolgerung, die sich für Karl Marx` Schwiegersohn aus seinen Betrachtungen ergibt, ist eine radikale; sie fordert ein Gesetz, das Arbeit, die über drei Stunden pro Tag hinausgeht, verbieten soll. Es soll bereits hier angemerkt werden, dass dieser Punkt nicht geteilt wird und es meiner Meinung nach in besonderem Maße Sinn ergibt, einige Kernmomente in Lafargues Argumentation unvoreingenommen in Hinblick auf die bereits erwähnte Debatte um das Grundeinkommen und unter Vernachlässigung seiner radikalen Forderung zu betrachten. Dabei wird die These im Vordergrund stehen, die Phänomene der angesprochenen Problematiken seien zwar heute andere, es könne deshalb aber nicht von einer Bewältigung gesprochen werden. Dieser Essay wird daher untersuchen, ob das bedingungslose Grundeinkommen in Bezug auf die Lohnarbeit bestehende Probleme zu lösen beitragen kann.
Hierzu soll zunächst eine Erarbeitung für die Diskussion relevanter Punkte erfolgen, um im Anschluss durch Transfer deren Bedeutung zu begründen.
Lafargues Darstellung
Für Lafargue stellt die Fabrikarbeit in der von ihm beschriebenen Ausprägung das Ende all dessen dar, was das Leben lebenswert macht. Sie tötet Freude, Gesundheit und Freiheit. Mehrfach zeigt er auf, dass seiner Ansicht nach im Kapitalismus Priester, Ökonomen und Moralisten in Zusammenarbeit Vorurteile verankert haben und reproduzieren, die den Arbeiter den Sinn des eigenen Lebens im Arbeiten (im Leiden) ansiedeln lassen. Dieses Dogma der Arbeit und des Leidens ist so tief verankert, dass der Proletarier selbst mehr Arbeit fordert, insbesondere in Zeiten, da selbige knapp ist, anstatt seine eigene Arbeitskraft als Ware zu begreifen. Während sich der Arbeiter so freiwillig versklavt, gilt der Arbeitgeber als Menschenfreund, weil er „um sich auf die leichte Art zu bereichern, den Armen Arbeit“ (Lafargue 1883, S. 10) gibt.
Statt in den Zeiten der Krise eine Verteilung der Produkte und allgemeine Belustigung zu verlangen, rennen sich die Arbeiter vor Hunger die Köpfe an den Toren der Fabriken ein. Mit eingefallenen Wangen, abgemagerten Körper überlaufen sie die Fabrikanten mit kläglichen Ansprachen: »Lieber Herr Chagot, bester Herr Schneider, geben Sie uns doch Arbeit, es ist nicht der Hunger, der uns plagt, sondern die Liebe zur Arbeit!«- Und, kaum imstande sich aufrechtzuerhalten, verkaufen die Elenden 12 bis 14 Stunden Arbeit um die Hälfte billiger als zur Zeit, wo sie noch Brot im Korbe hatten. Und die Herren industriellen Menschenfreunde benutzen die Arbeitslosigkeit, um noch billiger zu produzieren. (ebd., S. 11)
In einer langen diesem Zitat vorangestellten Passage verleiht Lafargue der Ansicht Ausdruck, dass es nur gerecht wäre, würde der Kapitalist dem notleidenden Arbeiter in Krisenzeiten einige der überproduzierten Waren zur Verfügung stellen, da sein Reichtum durch eben diese Produktion zu Stande kam. Es stellt hier keine Wohltätigkeit dar, den Arbeitern etwas zukommen zu lassen, vielmehr handelt es sich um eine zeitverzögerte Ausgleichshandlung. „Seit sie ihre Milchzähne verloren, haben sie für euch Reichtümer geschaffen und selbst dabei verzichtet; jetzt haben sie Pause und wollen daher auch ein wenig von den Früchten ihrer Arbeit genießen.“ (ebd., S. 11) So sollte es nach Lafargue sein. Der Arbeiter verdient seiner Ansicht nach augenscheinlich wesentlich mehr, als er für seine Arbeit bekommt.
Dies zur Ausgangslage tritt ob der Überarbeit die Überproduktion ein. Denn der Arbeiter hat weder Zeit noch ausreichendes Einkommen, um die vielen durch seine Tätigkeit produzierten Waren auch zu konsumieren. Dies ist insbesondere auch den Maschinen geschuldet, die die Arbeit des Menschen wesentlich effektiver in sehr viel kürzerer Zeit erledigen. Diese könnten zum Befreiungsinstrument für den Menschen werden, da dieser jedoch seine Arbeit im Wetteifer mit der Maschine noch günstiger anbiete, befördere sie vielmehr dessen Knechtung. (Vgl.: ebd., S. 13)
Und so besteht, angesichts der doppelten Verrücktheit der Arbeiter, sich durch Überarbeit umzubringen und in Entbehrungen dahinzuvegetieren, das große Problem der kapitalistischen Produktion nicht darin, Produzenten zu finden und ihre Kräfte zu verzehnfachen, sondern Konsumenten zu entdecken, ihren Appetit zu reizen und bei ihnen künstliche Bedürfnisse zu wecken. (ebd., S. 17 f.)
Nach Lafargue treibt dies nun den Imperialismus voran, der vor allem eines zum Ziel hat: Export, also Absatz.
Darüber hinaus komme es zur Verfälschung der Produkte, deren Absatzfähigkeit erleichtert und deren Haltbarkeit gemindert werde, was selbstredend wiederum neue Absatzmöglichkeiten schafft. Dies wird zudem als „unerschöpfliche Quelle von Vergeudung menschlicher Arbeit“ beschrieben. (Vgl.: ebd., S. 18)
Die Vergeudung menschlicher Arbeit macht Lafargue jedoch am Eindringlichsten durch den letzten der für die Debatte herausgegriffenen Punkte deutlich. Er bedient sich des bedeutenden Philosophen Aristoteles, den er wie folgt zitiert:
Wenn jedes Werkzeug auf Befehl oder auch vorausahnend das ihm zukommende Werk verrichten könnte, wie des Dädalus' Meisterwerke sich von selbst bewegten, oder die Dreifüße des Hephaistos aus eigenem Antrieb an die heilige Arbeit gingen, wenn so die Webschiffchen von selbst webten, dann bräuchte der Werkmeister keinen Gehilfen, die Herren keine Sklaven. (Aristoteles zit. n. Lafargue 1883, S. 27) Tansfer
Nachdem die für uns relevanten Punkte eine kurze Erläuterung erfahren haben, können wir diese nun wie angekündigt ob ihrer Aktualität mit Hinblick auf das bedingungslose Grundeinkommen als Lösungsmöglichkeit betrachten.
Weder darf der Eindruck entstehen, es solle eine Gleichsetzung der Arbeitsverhältnisse und –bedingungen des 19. mit denen des 21. Jahrhunderts vorgenommen werden, noch gilt es, der Versuchung nachzugeben, in Angesicht der dramatischen Darstellung der früheren die heutigen Missstände zu übersehen. In einer Zeit enormen technologischen Fortschritts befinden wir uns erneut in der Situation intensiven (globalen) Lohndumpings. Die Gesellschaft spaltet sich auf in eine Elite und diejenigen, die – da die Arbeitszeit durch (z. B. in Deutschland) das Arbeitsschutzgesetz beschränkt ist – mehrere Arbeitsstellen gleichzeitig innehaben. (Bspw. das alleinerziehende Elternteil)
Die Überproduktion zwingt die Industrie, stetig günstiger zu produzieren, um im globalen Preisdumping überhaupt Absatz zu erzielen, was das Lohndumping weiter zuspitzt. Was über ist, wird vernichtet. Noch immer leiden im harten Kontrast zu dieser Überproduktion viele Menschen, wobei das Leid abhängig von der jeweiligen staatlichen Ausprägung ist: Manche verhungern, andere haben dank der sozialen Hilfeleistungen ihrer Nation (weil sie zufällig das Glück hatten, dort geboren zu werden) lediglich das Leid der Stigmatisierung und der Selbsterniedrigung zu ertragen.
Obgleich es in vielen Sparten enormen technologischen Fortschritt zu beobachten gibt, die Wissensbestände exponentiell wachsen und die Automatisierung gewisser Arbeitsvorgänge beständig ausgebaut wird, werden die niederen Arbeiten kaum erleichtert. Soll es tatsächlich realistisch sein, dass es hier aktuell keine Möglichkeit zur Automatisierung gibt, während Amazon die Möglichkeit der Produktlieferung via Drohne ins Auge fasst? Hier stellt sich eher die Frage nach monetären Vorteilen als die nach der Machbarkeit, wie mir scheint. So ist es wesentlich günstiger die gedrückten Löhne zu zahlen, als in die Entwicklung entsprechender Maschinen zu investieren. Selbstredend fordern die Arbeiter auch heute noch Arbeit, sodass auch auf dieser Seite eine regelrechte Panik vor besagten Neuerungen besteht.
Nun erfordert es immer etwas Mut, sich auf ein scheinbar utopisches Gedankenspiel einzulassen. Andererseits sind echte Veränderungen selten ohne Mut geschehen. Man stelle sich also für einen Moment vor, ein jeder erhalte ein bedingungsloses Grundeinkommen und befinde sich in der komfortablen Lage, seine Arbeit ohne Existenznot im Hintergrund zusätzlich als Ware anbieten zu können. Es sei des Weiteren unterstellt, man sei bereits heute theoretisch befähigt, Arbeiten zu automatisieren, die zur notwendigen Arbeit gehören und die eventuell auch nur unter Zwang ausgeführt werden. Darüber hinaus teile man für einen Moment ein besonderes Menschenbild, das diesem Essay zugrunde liegt und darin besteht, dass der Mensch sich in produktiver Tätigkeit verwirklich.
Ich wage zu behaupten, dass sich daraus eine Reihe außergewöhnlicher Möglichkeiten für die Menschheit ergäbe. Es wäre plötzlich sinnvoll, auf lange Sicht Forschung zu betreiben, die sich nicht innerhalb kürzester Zeit in Form monetärer Werte amortisieren müsste. Dies würde das Leid in der Welt zu mindern befördern, den Umweltschutz vorantreiben und manch einer Tätigkeit, die nicht im monetären Sinn produktiv ist, einen eigenen Wert zusprechen (Kunst, Kindererziehung, Ehrenamt). Es versteht sich allerdings von selbst, dass der Elite der Kapitaleigner hierbei effektiv weniger Überfluss zur Verfügung stünde, als es derzeit der Fall ist. Weswegen hier auch weiterhin bestehende Vorurteile geschürt würden. (Das Reziprozitätsargument könnte als eines davon angesehen werden. Man erklärt immer wieder, ein bedingungsloses Grundeinkommen sei denjenigen, die mehr haben und/ oder mehr arbeiten gegenüber ungerecht. Betrachtet man Lafargues Argumentation ergibt sich die privilegierte Stellung ebendieser jedoch nur aus der Arbeit der weniger Begünstigten.)
So scheint es mir effektiv nur auf eine Glaubensfrage anzukommen: Was geschieht, wenn der Mensch nicht mehr in Existenznot steht? Hier ist das Menschenbild entscheidend und während der Kapitalismus definitiv den Menschen als ein Wesen sieht, das ohne Zwang in Faulheit verfällt, bin ich gewillt zu glauben, dass der Mensch sich in seiner Arbeit verwirklicht und ohne Zwang in der Lage wäre, sich noch stärker als moralisches Wesen zu beweisen und echten Fortschritt auf humanitärer Ebene anzustreben. In einer Gesellschaft, die zur Konsumsteigerung aber auch die Angst und zu dessen Zweck die Antizipation des Schlechten im Gegenüber schürt, wird dieser Gedankengang aber wohl vorwiegend als utopisch verstanden werden.
Literatur
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Lafargue, Paul (1883): Das Recht auf Faulheit, in: http://www.wildcat-www.de/material/m003lafa.htm; Stand: 12.04.15 13:01