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Schwarzes Quadrat
Als Kasimir Malewitsch sein ‹Schwarzes Quadrat› in der Ausstellung ‹0,10› in St. Pe- tersburg im Dezember 1915 zeigte, wollte er etwas retten. Doch das Bild und die ganze Ausstellung wurde zum Skandal und der Lärm darum lenkt bis heute von der Stille ab, die damit gesucht war. Er hängte das Bild in die östliche Ecke des Ausstellungsraumes: dorthin wo in Häusern von russischen Bauern die Ikone hing. Malewitsch wollte eine neue Ausdrucksform für das Erhabene, für das Göttliche finden, die dem Geist seiner Gegenwart entspricht. Das ‹Schwarze Quadrat› sollte die ‹ungerahmte Ikone meiner Zeit› sein.
Die Ikone ist das heilige Bild, in dessen Gegenwart der Bezug zum Göttlichen sich aktualisieren soll. Es ist das Antlitz Gottes, das die Ikone zeigt. An der gegenständlichen Darstellung der Madonna mit dem Kind erweckte die klassische Ikone eine Empfindung von der Allgegenwart des Göttlichen. Doch Malewitsch setzt an die Stelle der klassisch-orthodoxen Ikonografie ein schwarzes, nicht ganz exaktes Quadrat auf weißgrauem Grund. Allein durch das Spiel von Abwesenheit und Anwesenheit, das sich zwischen Schwarz und Weiß vollzieht, sollte eine Empfindung des Nicht-Gegenständlichen möglich sein: «Das schwarze Quadrat auf dem weißen Feld war die erste Ausdrucksform der gegenstandslosen Empfindung: das Quadrat = die Empfindung, das weiße Feld = das Nichts außerhalb dieser Empfindung.» So ging es Malewitsch um die Wiedergewinnung einer «gegenstands- losen Empfindung», einer Erfahrung, die kein Gegenständliches zum Inhalt hat und die auch nicht durch einen Gegenstand aus- gelöst werden kann. Durch diesen radikalen Verzicht auf Gegenständlichkeit blickt das Auge in Schwärze, getragen von Helle, an- statt ein Bild des Kindes zu sehen, das von der Madonna getragen wird.
So ist das Auge auf sich selbst zurückgeworfen, auf die Bedingungen des Sehens selbst.
Und indem das dargestellte Göttliche so der dinglichen Darstellung entzogen wird, konnte die Hoffnung entstehen, diesem Göttlichen viel näher zu sein, als es jede explizite Darstellung könnte. Gerade das Verhüllen des Antlitzes eines Göttlichen sollte es für die Empfindung nähertreten lassen. Es war solche Nähe, die Malewitsch mit seiner Kunst retten wollte. Nicht ohne Anspruch nannte er solchen Vorrang der ‹gegen- standslosen Empfindung› vor jeder gegen- ständlichen Darstellung ‹Suprematismus›.
In diesem Anliegen kann uns Malewitsch einhundert Jahre später wieder nah sein. Da, wo damals in der Kunst die Gegenständlich- keit des Natürlichen und Göttlichen zum Problem geworden war, ist heute die Person und ihr Antlitz zum Problem geworden. In unserer digitalen Lebenswelt ist es nicht mehr das Antlitz Gottes, das keine Empfin- dung des Erhabenen mehr mit sich bringt, sondern das Antlitz des Menschen.
Das digitale Leben ist in weiten Teilen Selbstdarstellung. Im ‹post› ist der menschliche Ausdruck Selbstinszenierung. Im ‹Selfie› ist das Gesicht eine Maske, die eine Anspielung auf ein Echtes simuliert oder ironisch damit spielt. Die Logik des Digitalen besagt, dass es keinen Unterschied von Original und Kopie gibt. Denn eine Kopie unterscheidet sich hier in nichts vom Original. Doch wo es keinen Unterschied von Original und Kopie gibt, zerfällt der Wert des Authentischen. Das Authentische misst sich am Abstand des Erscheinenden vom Wesen, der Kopie vom Original. Das Bild ohne Bezug auf ein Authentisches wird dann zum Bild ohne Antlitz. Ein Gesicht wird erst zum Antlitz im Spiel von Offenheit, Transparenz, Durchlässigkeit mit dem Verschlossenen, Opaken und Un- durchdringlichen, um darin die Gegenwart eines Wesens zu bezeugen. Das digitale Ge- sicht ist ein Spiel einer Maske, die kein Aus- druck von einem Erhabenen ist, dessen Nähe empfunden werden könnte, sondern eines beliebig Gefälligen. Es wird zum Gegenstand ohne Empfindung. Es hat keine Aura, so wie die Ikone einst ihre Aura verloren hatte. So stellt das digitale Gesicht die Frage nach ei- ner gegenstandslosen Empfindung neu. Das Digitale macht die Frage nach der Person und ihrem Antlitz heute zur Existenzfrage.
Anti-Selfie
In der Ausstellung ‹Auf der Suche nach 0,10 – Die letzte futuristische Ausstellung der Malerei› in der Fondation Beyeler in Riehen bei Basel kann man das ‹Schwarze Quadrat› und die anderen erhaltenen Werke der vor 100 Jahren gezeigten Ausstellung noch bis zum 10. Januar 2016 sehen. Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung wurde ein ‹Anti-Selfie Club› gegründet. Man kann auf dessen Website von sich ein Selfie machen, bei dem das eigene Gesicht mit dem ‹Schwarzen Quadrat› verdeckt wird. Die heutige Existenzfrage des Antlitzes ist damit plakativ gestellt. – Ein ‹Suprematismus› des Menschen, eine Kultur, die die stille Sprache des Antlitzes innerhalb der Bedingungen der digitalen Gegenwart zu eröffnen vermag, so wie es die Malerei in der Folge des ‹Schwarzen Quadrats› für das Göttliche und die Natur versucht hat, liegt heute als Problem offen vor uns.
In Anlehnung an Malewitschs Anliegen kann man einem Anti-Selfie-Club beitreten: https://www.antiselfie.club