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|DAS KULTURKABINETT|

Protokoll vom 24. September 98
Nachtessen am Gartenweg
Nach dem 21. zusammenstoss vom 24. September hier das Protokoll des Abends und eine Einladung zum Nachtessen vom Freitag, 6. November, 19 Uhr. Ich verspreche grössere Regelmässigkeit für die zweite Herbsthälfte. Wer sich die Daten für das Nachtessen notieren will bis Jahresende: Freitag, 27. November und Freitag 18. Dezember, jeweils 19.00 Uhr.
Es ist trotz Funkstille nicht wenig gelaufen. In der ersten Septemberwoche erarbeiteten wir (Adi Blum, Hannes Koch, Rafael Iten, Pius Portmann, und Katharina Schneebeli = zusammenstoss) für die NLZ eine Rahmenveranstaltung zum Thema "150 Jahre Eidgenossenschaft". Für den 31. Oktober bereiten wir eine szenische Lesung vor für den Surseer Gedenktag "Hans Salat" (Daniel Kasztura, Severin Perrig, Jan Schacher und Katharina Schneebeli = zusammenstoss).
Am 24. September trafen sich Adi Blum, Daniela Bühler und Daniel Kasztura zu einem Pilzrisotto. Diskutiert haben wir die Publikumsbilder, die dem letzten Protokoll beilagen.
1. Bild: Gastspiel einer Comödienbande um 1700
Beobachtungen: -Diese "Comödienbande" muss einen enormen Aufwand betrieben haben, um ihr Stück vor diesem Publikum darzubringen. -Wofür sind diese Tücher überhalb der Bühne? Regenschutz? Installation? -Die Menge scheint sich nicht sehr fürs Spiel auf der Bühne zu interessieren. Da gibt es ein schäkerndes Liebespaar. Stühle werden herumgeboten. Vorne spielt jemand mit einem Hund. Es ist eine "Chilbi". Wenige schauen auf die Bühne. Ist Pause? -Von welcher Art müsste dass Spiel sein, damit es einem solch "unkonzentrierten" Publikum gefallen könnte? - Auffallend sind diese Logen rechts und links der Bühne. Die hier sitzenden Leute haben Sicht auf die Bühne und Sicht aufs "Publikum". Sie selber sind aber auch im Blickfeld der Menge.
Die Bilder stammen alle aus dem Buch "Von der Schaubühne zur Sittenschule" (Roland Dressler, Henschel Verlag, Berlin. 1993.) Daniela vermutet, dass die Auswahl der Bilder vom Autor heimlich "inszeniert" worden ist, um seine These zu stützen (Dresslers These: das Theater ist bewusst zu einer Sittenschule gemacht worden. Deshalb hat das Publikum "diszipliniert" werden müssen.). Das erste Bild zeigt pralles Leben im Publikumsraum. Das Publikum ist vergleichbar mit heutigem Open-Air Publikum oder Rave-Publikum. (Wie wichtig ist an solchen Anlässen das Dargebotene? Wie wichtig ist die "spezielle Atmosphäre"?) Im krassen Gegensatz dazu steht Bild 2.
2. Bild: Das wissenschaftliche Theater der URANIA zu Berlin (1890)
Die Zuschauer sitzen in geordneten Reihen. Alle ausser eine Frau, die als Ausnahme die Regel bestätigt, schauen nach vorne, wo eine uns bekannte Guckkastenbühne zu sehen ist. -Der Raum ist aufwendig dekoriert. -Eine Frau liest (wahrscheinlich das Programmheft oder den Stücktext). -Links von der Bühne (realistisches Bühnendekor) steht ein Mann in schwarzem Anzug hinter einem schwarzen Pult. Er sieht seriös aus. Hier in diesem Raum gibt es nichts zum Lachen.
A propos Lachen. Das Planen der Lacher des Publikums ist auch heute Teil der Arbeit der Bühnenleute. Lacher am falschen Ort können Inszenierungen "kippen" lassen. Wenn während den Proben mit "Applaus" am falschen Ort gerechnet werden kann, greift man in die Trickkiste, um auch den Applaus zu steuern. Die MacherInnen haben also immer einen Vorsprung.
Die "Comödienbande" hätte, dem Bild nach zu urteilen, wahre Mühe gehabt, das Publikum zu steuern. Im URANIA braucht es aber ein "Foyer", damit das Publikum bei Laune bleibt. Ohne einen Ort zu haben, wo man sich bewegen und schwatzen kann, sind die Vorstellungen kein Vergnügen mehr. Es gibt beides: MacherInnen, die aufs Publikum hin produzieren und die Erwartungen des Publikums zu befriedigen suchen, und MacherInnen, die kein Publikum zu haben brauchen.
Für wen wird produziert? Hier sind wir wieder bei der Schlüsselfrage angelangt. Daniela bezog da eine der möglichen "Extrempositionen": das Publikum ist Kundschaft, d.h. die Stücke sollen "ansprechen". Adi glaubt an eine "Schauerschaft" im Sinne einer "Leserschaft", potentielle Freunde und Freundinnen, seinesgleichen, die ähnliche Ziele verfolgen. Daniel verlangt von den MacherInnen Bescheidenheit. Wenn ein Publikum nicht mehr mitkommt, weil der Vorsprung (intensive Vertiefung, thematisch und in den Probearbeiten) der MacherInnen zu gross ist, steckt da eine Art "Verachtung" der ZuschauerInnen drin.
Was könnte das Publikum sonst noch sein? Jury? Schülerschaft? Fangemeinde? Zum Schluss diskutierten wir noch, was wir an den folgenden Nachtessen angehen wollen. Daniela bereitet den 6. November vor. Sie will aus der journalistischen Praxis erzählen. Was für eine Leserschaft versucht die LUHEU, welche die COOP-Zeitung anzusprechen. Was heisst das für die Produzierenden? Für den 27. November versuchen wir, jemanden, der oder die aktiv im "Performance-Bereich" mitmischt, einzuladen, um einmal die Unterschiede Bühne versus Performance abzuwägen.
Wer dieses Protokoll nicht mehr erhalten will, soll mir doch das mitteilen. Mit lieben Grüssen, Adi.