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Die chronische Krankheit Adipositas ist nicht gleichzusetzen mit ein wenig Übergewicht an Problemzonen. Adipositas liegt bei einem Körpermasseindex (BMI) ab 30 vor. Derzeit sind ca. 18 % der Männer und 20 % der Frauen in Deutschland adipös. Mit der Ausprägung der Fettleibigkeit steigt auch das Risiko für Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Typ-2-Diabetes, Gicht, Koronare Herzkrankheit und Krebs.
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Was ist Adipositas?
Unter Adipositas versteht man eine über das Normalmass hinausgehende Vermehrung des Körperfetts. Zur medizinischen Beurteilung des Gewichts wird der Body-Mass-Index (BMI) herangezogen. Der BMI wird berechnet als Quotient des Körpergewichts [kg] und der Körpergrösse zum Quadrat [m²].
Ein Beispiel:
Gewicht = 87 kg, Grösse = 1,69 m
BMI = 87 kg / (1,69m x 1,69m) = 87 / 2,86 m² = 30, 4 kg/m²
Auf Grundlage des BMIs klassifiziert die WHO Übergewicht folgendermassen:
- Normalgewicht: BMI 18,5 – 24,9
- Übergewicht: BMI ≥ 25,0 und Präadipositas: BMI 25 - 29,9 kg/m²
- Adipositas Grad 1: BMI 30 - 34,9 kg/m²
- Adipositas Grad 2: BMI 35 - 39,9 kg/m²
- Adipositas Grad 3: BMI ≥ 40 kg/m²
Studien belegen, dass ein steigender BMI mit einer zunehmenden Verkürzung der Lebenserwartung verbunden ist.
Das jeweilige Gesundheitsrisiko wird allerdings nicht nur vom Ausmass der Adipositas, sondern auch der Verteilung des Körperfetts bestimmt. So ist es vor allem ein Taillenumfang von ≥ 88 cm bei Frauen und ≥ 102 cm bei Männern, der das Risiko für metabolische und kardiovaskuläre Komplikationen deutlich erhöht. Weniger problematisch ist der eher weibliche Fettverteilungstyp mit Fettdepots hauptsächlich an Hüften und Oberschenkeln (sog. Birnenform).
Zu beachten ist auch die prozentuale Verteilung von Fett und Muskeln. So kann hinter einem hohen BMI auch ein sehr muskulöser Mensch mit nur geringem Körperfettanteil versteckt sein.
Welche Ursachen liegen Übergewicht und Adipositas zugrunde?
Die Grundregel ist: Übergewicht entsteht, wenn die Energiezufuhr dauerhaft höher als der Energiebedarf des Körpers ist (positive Energiebilanz). Auf die Energiebilanz wirken verschiedene Faktoren ein:
- Ein wesentlicher Faktor für die Entstehung von Adipositas ist der moderne Lebensstil mit wenig Bewegung (sitzende Tätigkeiten in Beruf und Freizeit) und Fehlernährung. Bei wenig körperlicher Aktivität liegt ein geringer Energieverbrauch vor. Und wenn dann noch viele fett- und zuckerreiche Lebensmittel (auch Getränke) konsumiert werden, besteht eine grosse Gefahr für Übergewicht.
- Aber auch die familiäre Veranlagung spielt bei der Entwicklung einer Adipositas eine Rolle. Der sog. Grundumsatz, also die Kalorienanzahl, die in völliger Ruhe verbrannt wird, scheint genetisch festgelegt zu sein. Das bedeutet, dass die Menschen unterschiedlich viel essen können ohne adipös zu werden.
- Daneben kann die Psyche Bedeutung haben. Stress, Frustration, Angst, Langeweile usw. können Heisshungerattacken auslösen und damit zu Adipositas führen. Ausserdem steigt bei Stress der Cortisolspiegel im Blut, wodurch ebenfalls eine Gewichtszunahme bis hin zur Adipositas begünstigt wird.
- Auch Essstörungen wie Bulimie, Binge-Eating-Disorder, Night-Eating-Disorder können Auslöser von Übergewicht und Adipositas sein.
- Sehr selten (in ca. 3-5 %) liegen Adipositas organische Ursachen, endokrine Erkrankungen zugrunde (z.B. Schilddrüsenunterfunktion, Cushing-Syndrom).
- Adipositas kann auch durch Medikamente wie manche Antidepressiva, Neuroleptika, Antidiabetika, Glukokortikoide und Betablocker begünstigt werden.
- Daneben sind noch eine Reihe anderer Ursachen von Adipositas möglich, z.B. Immobilisierung, Schwangerschaft, Operationen in der Hypothalamusregion, Nikotinverzicht.
Die konservative Behandlung von Adipositas (Fettsucht, Fettleibigkeit)
Übergewicht sollte behandelt werden bei einem BMI ab 30 oder einem BMI zwischen 25 und 29,9 mit gleichzeitigem Vorliegen von:
- übergewichtsbedingten Begleiterkrankungen (z.B. Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes) ODER
- einem abdominalen Fettverteilungsmuster oder
- Erkrankungen, die durch Übergewicht verschlimmert werden, oder
- einem hohen Leidensdruck.
Bereits eine moderate Gewichtsabnahme von unter 10 % bedeutet eine Verbesserung vieler Adipositas-Begleiterkrankungen und -Komplikationen.
Die Behandlung von Adipositas sollte auf den drei Säulen Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapie basieren.
Ernährungstherapie bei Adipositas
Im Vergleich zur bisherigen Ernährung sollten Adipositas-Patienten 500 bis 1000 kcal weniger pro Tag konsumieren. Sinnvoll ist eine Bevorzugung von Lebensmitteln mit geringer Energiedichte, d.h. niedrigem Fett- und Zuckergehalt, aber hohem Wasser- und Ballaststoffgehalt. Viel Gemüse und Obst bereichern den Speiseplan, sorgen für eine gleichmässige Sättigung und liefern Vitamine sowie gesunde sekundäre Pflanzenstoffe. Langfristig empfiehlt sich eine ausgewogene Mischkost gemäss den Richtlinien der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Extrem einseitige Diäten (z.B. totales Fasten) bergen ein hohes medizinisches Risiko in sich und bringen keinen Langzeiterfolg. Bei Personen mit Adipositas kann zur initialen (also zeitlich begrenzten) Gewichtsreduktion eine Formula-Diät (unter ärztlicher Aufsicht) angebracht sein. Die dabei mögliche hohe Gewichtsabnahme ist allerdings nur von Dauer, wenn gleichzeitig und längere Zeit danach eine Verhaltens- und Bewegungstherapie stattfindet.
Bewegungstherapie bei Adipositas
Die durch körperliche Aktivität erzielte Erhöhung des Energieverbrauchs trägt zur Gewichtsreduktion und – noch stärker – Gewichtserhaltung bei. Ein guter Beginn für einen Adipositas-Erkrankten ist eine sportliche Aktivität von 30 bis 50 Minuten an drei bis fünf Tagen in der Woche. Neben strukturierten Bewegungsprogrammen begünstigt auch eine vermehrte Bewegung im Alltag die Gewichtsstabilisierung. Einfaches aber regelmässiges Spazierengehen kann schon einen positiven Effekt haben.
Verhaltenstherapie bei Adipositas
Eine Verhaltenstherapie macht vor allem im Hinblick auf die langfristige Gewichtsreduzierung und -stabilisierung Sinn. Meistens im Rahmen von wöchentlichen Sitzungen über mehrere Monate hinweg werden dabei u.a. Methoden der Selbstbeobachtung des Ernährungs- und Bewegungsverhaltens (z.B. mittels Tagebuch), eine flexible (statt rigide) Verhaltenskontrolle, ein veränderter Umgang mit Stress, Druck und Frustrationen sowie ein Rückfallmanagement erarbeitet.
Medikamentöse Adipositas-Therapie
Wenn es mit diesem Basisprogramm nach drei bis sechs Monaten nicht zu einer Gewichtsreduzierung des Adipositas-Patienten von mindestens 5 % gekommen ist, können die weiteren Bemühungen im Bereich Ernährung und Bewegung durch bestimmte Medikamente unterstützt werden. Laut den Empfehlungen der interdisziplinären Leitlinie zur „Prävention und Therapie der Adipositas“ (Herausgeber: Deutsche Adipositas-Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Ernährung, Deutsche Diabetes Gesellschaft, Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin) kommt dafür das Medikament Orlistat in Frage. Der Wirkstoff hemmt die Fettverdauung, indem Verdauungsenzyme, die sogenannten Lipasen, blockiert werden. Orlistat darf ab einem BMI von 28 ärztlich verordnet werden und nur mit dem beschriebenen Basisprogramm die Adipositastherapie ergänzen.
Da mit der Therapie das Ziel einer Lebensstilveränderung verfolgt wird, kann eine jahre- oder lebenslange Betreuung der Adipositas-Patienten durch Ärzte, Ernährungsberater, Physio- und Verhaltenstherapeuten angebracht sein.
Die chirurgische Therapie der Adipositas
Die Voraussetzungen für eine chirurgische Adipositas-Therapie (Adipositaschirurgie oder auch bariatrische Chirurgie) werden in ärztlichen Leitlinien der zuständigen Fachgesellschaften definiert. Haben die konventionellen (nicht-chirurgischen) Massnahmen über einen Zeitraum von mindestens 24 Monaten nicht zum erwünschten Erfolg beim Adipositas-Erkrankten geführt, kann ein operativer Eingriff empfohlen werden. In Deutschland gelten folgende Indikationen für Adipositaspatienten:
- Adipositas Grad 3 (BMI ≥ 40) oder
- Adipositas Grad 2 (BMI ≥ 35) mit schwerwiegenden weiteren Krankheitsbildern (z.B. Diabetes mellitus Typ 2)
In der Schweiz dürfen Patienten bereits mit einem BMI ab 35 bariatrisch operiert werden. Dem Eingriff sollte eine zweijährige Basistherapie vorausgegangen sein, so bestimmt es die Leitlinie der SMOB (Swiss Society for the Study of morbid Obesity and metabolic disorders). Patienten mit einem BMI ab 50 sollen eine 12 Monate andauernde nichtoperative Therapie vor einer Operation absolvieren.
Kontraindikationen für eine Operation als Adipositas-Behandlung sind eine Abhängigkeit von Drogen und Alkohol, konsumierende und immundefizitäre Erkrankungen, Bulimia nervosa sowie evtl. Psychosen, Persönlichkeitsstörungen.
Nach dem Mechanismus, wie der Gewichtsverlust erreicht wird, können zwei Gruppen von adipositaschirurgischen Verfahren unterschieden werden:
- Adipositaschirurgische Methoden mit dem hauptsächlichen Ziel der Restriktion, also der quantitativen Einschränkung der Aufnahme von festen Nahrungsmitteln (z.B. bei Magenballon, Bandgastroplastik, Schlauchmagen). Vereinfacht gesagt wird das Magenvolumen deutlich reduziert.
- Adipositaschirurgische Methoden mit dem Ziel der Malabsorption, das heisst die verminderte Aufnahme von Nährstoffen (z.B. der Magenbypass oder die biliopankreatische Diversion (BPD) nach Scopinaro).
Bei 1-2 % der Adipositas-Patienten kommt es zu Komplikationen nach der Adipositas-OP (v.a. Wundheilungsstörungen, Thrombosen, Lungenembolien). Eine langfristige Nachbetreuung der Adipositas-Patienten ist unerlässlich, um möglichen Spätkomplikationen entgegenzuwirken. Dies geschieht durch eine lebenslange Betreuung durch das Adipositaszentrum bzw. das interdisziplinäre Ärzte- und Therapeutenteam der behandelnden Klinik.
Ziel ist dabei, das Wohlbefinden der Patienten und einen langfristigen Therapieerfolg zu sichern. Dazu gehört eine optimale Nährstoff- und Vitaminversorgung, um Mangelerscheinungen zu auszuschliessen. Vor allem soll das Gewicht dauerhaft stabilisiert und Rückfälle in frühere adipositasfördernde Gewohnheiten verhindert werden. Hand in Hand arbeiten spezialisierte Fachärzte und Adipositaspatienten zusammen.
Quellen:
- WHO. Obesity: preventing and managing the global epidemic. WHO Technical Report Series 894, Genf 2000
- https://www.adipositas-gesellschaft.de/index.php?id=39
- https://www.adipositas-gesellschaft.de/fileadmin/PDF/Leitlinien/S3_Adipositas_Praevention_Therapie_2014.pdf
- https://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/088-001m_S3_Chirurgie-Adipositas-metabolische-Erkrankugen_2018-02.pdf
- https://www.ksa.ch/sites/default/files/cms/edm/pocketguide/appendix/15_smob_richtlinien_adipositaschirurgie.pdf
- https://easo.org/wp-content/uploads/2018/12/2015-OMTF-European-Guidelines-for-Obesity-Management.pdf
Zuletzt aktualisiert am 02.10.2019