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Kate Elizabeth Russells Roman «Meine dunkle Vanessa» ist der Versuch, die Geschichte einer «Lolita» nicht wie in Nabokovs Klassiker aus der Sicht des pädophilen Mannes, sondern aus jener des Opfers zu erzählen. Im Roman beschreibt die 32-jährige Vanessa Wye, wie sie als 15-jähriges Mädchen auf dem Internat mit ihrem Literaturlehrer Mr. Strane ein Verhältnis einging.
Das Tragische an dem Roman ist, wie lange Vanessa daran festhält, dass diese Beziehung nicht Missbrauch, sondern Liebe war – selbst dann noch, als für die Leserinnen und Leser längst klar ist, dass es das nie war.
«Lolita» als Folie
Was den Roman nicht nur psychologisch, sondern auch literarisch interessant macht, ist die Art und Weise, wie Mr. Strane die Beziehung vorbereitet: Als Hausaufgabe gibt er Vanessa suggestive Bücher und Gedichte zu lesen, darunter auch Nabokovs «Lolita».
Wiederholt vergleicht er Vanessa mit Dolores Haze, dem Mädchen aus «Lolita». Er beschreibt ihr, welch unwiderstehlichen Reiz sie auf einen Mann wie Strane ausübe. Mit «Lolita» gibt er ihr den Plot ihrer zukünftigen Beziehung vor, bezeichnet sie als «Liebesgeschichte», wenngleich seine Taten später etwas anderes erzählen.
Der Roman beginnt 2017, 17 Jahre nach diesem ersten Missbrauch, als #MeToo gerade die Welt auf den Kopf stellt. Vanessa arbeitet als Angestellte in einem Hotel. Immer wieder hat sie Flashback aus der Zeit mit Strane, die sie mit Hasch und Alkohol zu vertreiben versucht.
Auf Facebook verfolgt sie, wie eine andere ehemalige Schülerin des Internats Strane der sexuellen Belästigung beschuldigt. Der Post geht viral, kurz darauf wird auch Vanessa von einer Journalistin kontaktiert, die ihre Geschichte an die Öffentlichkeit bringen will. Erst dann beginnt Vanessas Bild von der «einmaligen, besonderen Liebe» zwischen Mr. Strane und ihr langsam zu bröckeln.
Nicht nur Fiktion
Wie ihre Romanfigur ist Kate Elizabeth Russell in Maine aufgewachsen und hat eine Privatschule besucht. Im Vorwort schreibt die Autorin, dass der Roman trotz der Parallelen zwischen Vanessa und ihr Fiktion sei. Nach Plagiatsvorwürfen hat sie diese Aussage auf ihrer Website widerrufen, Link öffnet in einem neuen Fenster: Eigene Erlebnisse hätten sie veranlasst, den Roman zu schreiben.
Auch wenn sich beim Lesen schnell das Gefühl einstellt, dass es sich um mehr als Fiktion handeln muss: Mit einer voreiligen Unterstellung – ähnlich, wie die Journalistin im Roman – würde man Gefahr laufen, ihr die Geschichte zu entreissen.
Dabei geht es genau darum: Dass alle «Dolores Hazes oder Vanessa Wyes im wirklichen Leben», denen Russell den Roman widmet, selbst die Möglichkeit haben sollen, ihre Geschichte zu erzählen. Und dass es ihre Geschichten sind, die in Zukunft gehört und geglaubt werden sollen.