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“Gesegnet sind die Wissenschaftler, die im Labyrinth der Mythen darum kämpfen, den Faden, der zum Lichte führt, nicht zu verlieren” (1).
Wenn wir auf die Herkunft und Mythologie von Aletheia (Άλήθεια) zugehen, enthüllt sich uns die Geschichte von Äsop (2): Prometheus, der Titan, trug der Menschheit das Feuer der Götter zu und hat massgeblich an ihrer Entstehung mitgewirkt. Für diese Tat wurde er hart bestraft, und dennoch, berichtet Äsop, hat ihn Zeus gebeten, seine Tochter Aletheia aus Ton auszugestalten.
Nachts aber kam sein Gehilfe Dolos (Δόλος). Er repräsentiert die Täuschung, die List, den Betrug und seine Gefährtin ist Psedia, die Lüge. Er schuf, ebenso aus Ton, ein Abbild von Aletheia, aber das Material reichte nicht aus, um die Füsse zu formen.
Als Prometheus zurückkam und unschlüssig zuerst die beiden Gestalten in ähnlicher Vollkommenheit sah, beschloss er, sie beide zum Leben zu erwecken, denn in der Eile entging ihm der kleine Unterschied. Aletheia ging leichten Schrittes ihren Weg der Zukunft entgegen. Apathe aber, das Geschöpf von Dolos, konnte sich nicht fortbewegen und blieb an Ort und Stelle stehn.
Hesiod berichtet von Lethe (λήθη), einer Flussgöttin, Tochter der Erys, welche die Vergesslichkeit repräsentiert (3), aber auch die Undankbarkeit. Durch ihren Strom schreiten die Verstorbenen, wenn sie aus dem Leben treten, aber auch die Ungeborenen, bevor sie zur Welt kommen. Und beide vergessen, was sich vorher ereignet hat: die Vergangenheit des irdischen oder des vorgeburtlichen Lebens.
Aletheia verdankt ihren Namen der Lethe (4) – doch durch die Negation “A -” entsteht die Tatsache, dass ihr nichts vergessen geht, dass ihr nichts entgeht oder verborgen bleibt, weil sie sich an alles erinnern kann. Aus ihrer weiterschreitenden Übersicht und umfassenden Erinnerung heraus wird sie eine Göttin der Wahrheit, die nichts halbwegs vergisst oder etwas unterschlägt. Sie gilt als die Tagesmutter (τροφός) des Apollon, dem lichten Gott der Sonne und der Musik, der Liebe und der Poesie. Doch bleibt Aletheia eine stille Erscheinung im Hintergrund. Die Wahrheit prahlt nicht, sie kann an verborgenen Orten lange ruhen, für viele unerreichbar sein und warten, bis jemand sie findet in ihrem Licht und sie für die andern sichtbar macht, sie für die andern ans Licht bringt.
So hat Prometheus zwei Tatsachen ins Leben gerufen: die Wahrheit, die ohne Beine einen einzigen Standpunkt einnehmen kann und deshalb eine Teilwahrheit ist, und die Wahrheit, die von vielen verschiedenen Gesichtspunkten alles betrachtet und laufend erweitert und ergänzt. Vielleicht kommt durch Apathe das Sprichwort zustande: “Lügen haben kurze Beine”.
Sokrates (5) bezeichnet die Wahrheit als das “göttlich (θεία) Andere (άλλη = Richtung) des Geistes”: als ein göttliches Wort. Dieses ist Abbild der göttlichen Führung des menschlichen Geistes. Wenn der Mensch sie sucht, übt er sich in der Fähigkeit, dem göttlichen Denken zu folgen. Ist das Denken richtig, dann, sagt Sokrates, ist es rechtsdrehend, im heutigen Uhrzeigersinn. Gegen den Uhrzeigersinn dagegen gehe das Denken, das der göttlichen Erkenntnisrichtung entgegenwirkt und Verwirrung, Verwechslung und Täuschung bewirkt.
Deshalb steht uns Aletheia als Patin zur Seite auf dem Weg zur menschenwürdigen Medizin und Wissenschaft. Wer Wahrheit sucht, muss fragen, hinterfragen, in tiefen Wassern schwimmen können, auch wenn er im Lethestrom zu ertrinken droht. Er muss ein guter Schwimmer werden, aus dem Fluss herauszutreten und die vielseitigen Gesichtspunkte erfahren können, ohne die er einem egoistischen, engen Denken zum Opfer fällt – der Apathe folgend. Es ist wie der Weg des Odysseus, eine ganze Odyssee.
(1) Kostis Palamas (1853-1943 «über die Mythen», griechischer Dichter, der die Worte zur Olympischen Hymne schrieb)
(2) Fabeln des Äsop / altgriechische Literatur Myth. 303.1-307.1 Altgriechische Sprache und Schrift
(3) Grundlegendes Wörterbuch der altgriechischen Sprache
In der griechischen Mythologie ist Prometheus ein Titan, Gott des Feuers. Prometheus trug massgeblich zur Entstehung der Menschheit bei. Er trotzte den Göttern, indem er das Feuer stahl und es den Menschen gab, um ihnen zu helfen.
Dolos oder Dolus ist Lehrling des Prometheus, Geist und Meister der Täuschung, der List und des Verrats.
(4) «letho»: latent, i.S. «es entgeht mir»; Liddell und Scott Dictionary of the Ancient Greek Language
Lethe ist die Tochter der Eris, die Personifikation der Vergesslichkeit und der Undankbarkeit. Eine Quelle und einer der fünf Flüsse des Hades haben ihren Namen von Lethe, aus deren Wasser die hinabsteigenden Toten trinken, um die Vergangenheit, ihr irdisches Leben, zu vergessen.
(5) Plato in: «Kratylos» 421B