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Dass er ein Essproblem hat, darauf ist Herr Keller nicht selber gekommen. Während einer ambulanten Psychotherapiebehandlung, die er aufgrund seiner Angst- und Panikzustände und der Suizidgedanken besuchte, erlitt er einen Zusammenbruch. Er hatte kein Interesse mehr an gar nichts, keine sozialen Kontakte, schlief nur noch und konnte seiner Arbeit als Sachbearbeiter nicht mehr nachgehen. Er hatte eine Depression. So kam er auf eine Akutstation, wo sein Übergewicht erstmals thematisiert wurde. Nach einer Odyssee an stationären Behandlungen in verschiedenen Kliniken ist Herr Keller in die Clienia Littenheid eingetreten. Die Station «Pünt Nord» hat sich auf Patientinnen und Patienten im jungen Erwachsenenalter spezialisiert und behandelt das gesamte Spektrum an Störungen, bei denen eine intensive und veränderungsorientierte Psychotherapie wirksam ist. Dort fühlt sich Herr Keller zum ersten Mal in seiner Leidensgeschichte gut aufgehoben, am richtigen Ort.
Herr Keller war schon als Kind korpulent, seine Eltern ebenso. Seit er 14 oder 15 Jahre alt ist, leidet er zudem an einem «essentiellen Tremor», einer Störung des Nervensystems, die mit einem rhythmischen Zittern eines Körperteils verbunden ist. Bei ihm sind es die Hände. Wegen seines Übergewichts und seines Zitterns, aber auch, weil er Mühe hat, Verbindungen mit andern Menschen aufzubauen, war er in seinem Leben steter Aussenseiter. «Irgendwie hat sich dann eine Essstörung entwickelt», sagt er. Die Kontrolle über sein Essverhalten hat Herr Keller längst verloren, seine Essattacken dauern schon seit zehn Jahren an, in seiner schlimmsten Zeit bis zu dreimal pro Tag. Nach den so schon sehr üppigen Hauptmahlzeiten kann er ohne Weiteres noch fast ein Kilogramm Gummibären verschlingen, Erdnüsse, Pommes-Chips, Salzstängeli. Die Essattacken helfen bei Einsamkeitsgefühlen, bei Druck und Stress. Nach der Attacke sind die Gefühle taub und wie weggefegt. Bis sie nach ein paar Stunden wieder in aller Stärke zurückkehren.
Herr Keller hat mit seiner Therapeutin Ziele vereinbart, die er während seines 12-wöchigen stationären Aufenthalts in Littenheid erreichen möchte. Zum Beispiel lernen, mit seinen Gefühlen umzugehen. Oder Skills finden, um die Einsamkeit nicht mehr mit Essen betäuben zu müssen. Das nachhaltige Aneignen von gesünderem Essverhalten. Sich mehr bewegen. Mit fremden Menschen Kontakt aufnehmen können. Und auch, wieder Freude am Leben zu gewinnen. Das Abnehmen ist dabei eher ein Nebeneffekt, wenn auch ein wesentlicher. Denn Herr Keller befindet sich in Vorbereitung zu einer Magen-Bypass-Operation, die in ein paar Monaten durchgeführt werden soll. Dazu muss er zuerst 10% seines Körpergewichtes abnehmen.
Seit seinem Klinikeintritt in Littenheid hatte er keine Essattacken mehr. Am meisten helfen ihm die therapeutischen Einzelgespräche, das Adipositas-Programm mit dem gemeinsamen Esstisch, die Morgentreffs mit den anderen Patienten, seinen Peers, mit denen er sich gut versteht und akzeptiert fühlt, so, wie er ist. «Ein ganz neues Erlebnis für mich», sagt er. Die grösste Herausforderung im Kampf gegen seine Krankheit ist, der permanenten Verfügbarkeit und der einfachen Beschaffung von Essen zu widerstehen.
Seine Eltern hatten hohe Erwartungen an ihn und erzogen ihn sehr leistungsbezogen. Ihrer Ansicht nach ist nur krank, wer Fieber hat. «Man hat keine psychischen Krankheiten», ist ihr Credo. Auf die Frage, was er anderen Betroffenen aus seiner Erfahrung mit auf den Weg geben möchte, sagt er: «Obwohl es anstrengend ist, alte Wunden aufreisst und viel von einem abverlangt: Ich würde mir heute schneller eingestehen, eine psychische Krankheit zu haben und mir viel früher Hilfe suchen, anstatt die Probleme zu überspielen».
*Name geändert