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30.05.2019 - Ruth Vuilleumier
30.05.2019
Ruth Vuilleumier
Von pulsierenden Städten
Auf alten Handelswegen in Spanien (4): Die Fahrt von Córdoba nach Sevilla zeigt die wechselvolle Geschichte des Landes, das nach den Römern und Westgoten von den Arabern erobert wurde. Nach der Reconquista teilten die christlichen Eroberer die Ländereien unter sich auf und gelangten durch die Entdeckung Amerikas zu unermesslichem Reichtum.
Die Mauren hatten im Jahr 711 einen Grossteil der iberischen Halbinsel erobert und Arabisch wurde zur Umgangssprache. Juden und Christen profitierten von der toleranten Haltung der neuen Herren. Es gab einen regen Handel untereinander und die Gelehrten übersetzten Texte aus den verschiedenen Sprachen und Kulturen. Die Zeit gilt als „Das Goldene Zeitalter Spaniens“, in der sich die jüdische Kultur entfalten konnte.
Die kleine Ausstellung in der Ruinenstadt Calatrava la Vieja – die Burg des Kalifen „Qal at Rabāh“, die Festung des „Rabah“ oder spanisch „Calatrava“ – wird die grosse Kultur der arabischen Herrscher deutlich. Mitten im Sumpfgebiet hatten sie eine Stadt aufgebaut mit hydraulischen Anlagen, Wassermühlen für Landwirtschft, Handwerk, Handel und im Zentrum stand die gut bewachte Burganlage.
Die Ruinenstadt Calatrava la Vieja ist heute eine wichtige archäologische Fundstelle für die islamische Kutur in Spanien.
Calatrava la Vieja gehörte zur strategisch wichtigsten Stadt des arabischen Emirats von Córdoba und war ein muslimischer Vorposten gegenüber christlicher Gebiete. Fünfhundert Jahre lang konnten die Mauren sich hier halten, dann ging die Burg an den dort gegründeteten Calatrava Orden über, nachdem das Kalifenreich bei Las Navas de Tolosa 1212 mit einem international bestückten Kreuzzug besiegt wurde – ein Museum gibt dort über diese entscheidende Schlacht Auskunft. Calatrava la Vieja wurde im 15. Jahrhundert nach der Übersiedlung des Grossmeister des Calatrava Ordens ins benachbarte Calatrava la Nueva aufgegeben.
Nach der Niederlage konnten sich die Muslime nicht mehr erholen, 1236 fiel Córdoba, 1248 Sevilla und zuletzt 1492 Granada. Die Christen galten als unbesiegbar und mit den Eroberungen in der Neuen Welt bekamen sie endgültig die Übermacht und vertrieben 1492 Muslime und Juden aus dem spanischen Reich.
Stadt der Gelehrsamkeit
Córdoba war ein Schmelztiegel der Kulturen. Viele Bauten sind maurisch geprägt aus der Zeit, als Córdoba Hauptstadt war und zugleich ein Zentrum der Gelehrsamkeit. In dieser damals grössten Stadt der Welt lebten Christen, Juden und Muslime meistens friedlich zusammen. Im Rahmen der Reconquista wurde sie 1236 von den christlichen Truppen erobert und transformiert.
Die zur Kirche umgebaute Moschee, die Mezquita-Catedral in Córdoba.
Die Moschee wurde zur Kirche geweiht, auf das Minarett setzte man das Kreuz. Die sogenannte Mezquita-Catedral oder Kathedralmoschee ist seit 1984 UNESCO Kulturerbe. Der berühmte Betsaal ist durch Hufeisenbögen in neunzehn etwa gleich hohe Schiffe aufgeteilt, die Säulen stammen aus einem römischen Tempel. Die Moschee wurde durch die Emire und Kalifen von Córdoba in mehreren Bauabschnitten immer wieder erweitert. Das Bauwerk gehört zu den grössten ehemaligen Moscheebauten weltweit. Im 16. und 17. Jahrhundert bauten die Christen im Inneren eine Kirche und das Minarett wurde durch einen Glockenturm ersetzt. Der Besuch der sogenannten Mezquita-Catedral ist beeindruckend, durch die zahlreichen sich kreuzenden Bogengänge jedoch recht verwirrend.
Neben dem Bronzedenkmal des berühmten jüdischen Gelehrten Maimonides lässt sich jeder Tourist gerne fotografieren.
In Córdoba hat mich das jüdische Quartier mit den engen Gassen am meisten beeindruckt. Noch heute kann man hier etwas vom einst quirligen Leben spüren. In der Nähe der Synagoge sitzt still und gelassen der weise Maimonides auf einem Sockel. Der jüdische Gelehrte und Arzt Moses Maimonides wurde um 1138 in Córdoba geboren und starb 1204 in Kairo, er gilt als einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten. Er schrieb zahlreiche Werke zu jüdischem Recht, Philosophie, Religion und Astronomie. Als Arzt genoss er auch in muslimischen Kreisen hohes Ansehen und schrieb gegen Ende seines Lebens in Kairo medizinische Abhandlungen in arabischer Sprache.
Zeugen aus römischer Zeit im Archäologischen Museum von Sevilla.
Auf dem Weg in die Zukunft
Auf der langen Busfahrt weiter gegen Süden bewunderten wir die grossen Rebgebiete, wo die Reben Ende April gerade erste Knospen entwickelten. Die nicht enden wollenden Olivenhaine, die saftigen Wiesen, die weissblühenden Zistrosen – eine Landschaft die im Hochsommer ausgetrocknet und braun erscheint. Auffallend waren auch die zahlreichen Felder mit tausenden von Solarpanels, die auf die Sonne ausgerichtet sind.
Gemasolar ging als erstes solares Turmkraftwerk 2007 ans Netz. Foto: Torresol Energy
Rund sechzig Kilometer vor Sevilla fragten wir uns, was der schlanke, hell leuchtende Turm mitten in der Ebene sein soll. Um den hundertvierzig Meter hohen Turm herum sind wie eine Art riesiges Freiluftmandala 2600 bewegliche Spiegel aufgestellt, welche das Sonnenlicht reflektieren und dieses zur Turmspitze hin sichtbar machen, fast wie ein Heiligenschein. Es ist das erste kommerzielle europäische Solarwärmekraftwerk, das 2007 den Betrieb aufnahm. Spanien gehört im Bereich alternativer Energien zu den fortschrittlichsten Ländern in ganz Europa.
Andalusiens Metropole
Sevilla war zu allen Zeiten bis heute ein wichtiges Handelszentrum. Von der einstigen Moschee ist nur noch die Giralda erhalten, das Minarett, das als Glockenturm für die im 15. Jahrhundert neu errichtete Kathedrale umgebaut wurde. Die Giralda ist heute das bedeutendste Wahrzeichen Sevillas neben dem jüdischen Quartier und dem in der Nähe befindliche Alcázar, dem Königspalast.
Der Alcázar gleicht einem Märchenschloss.
Der Alcázar wird noch heute von der Königsfamilie benutzt, wenn sie sich in Sevilla aufhält. Er wurde im Stil der Mudéjar-Architektur erbaut als unter christlicher Herrschaft entstandenes Gebäude mit islamischem Einfluss. Die zahlreichen Räume mit farbigen Fliesen, Wandteppichen, maurisch verzierten Bögen und der weitläufige Park mit Springbrunnen, blühenden wohlriechenden Büschen und Blumen gehören ins Märchenreich von 1001 Nacht.
Die alte Werft, wo schon zur Römerzeit Schiffe gebaut und überholt wurden, stand ursprünglich direkt am Guadalquivir. Der Fluss mit seinem Hafen reichte früher viel weiter in das heute überbaute Stadtgebiet hinein. Von hier aus planten und starteten die Entdecker Amerikas, Amerigo Vespucci und Magellan, ihre Reisen und Sevilla besass das Monopol über den Handel mit Übersee.
Gleich neben der Werft befindet sich die Caridad, das Armenhaus. Die Laienbrüder der Caridad kümmerten sich um die vom Hochwasser Betroffenen oder zum Tod Verurteilten, die sie begleiteten und beerdigten. Ein schmaler Sarg in der Kirche zeigt, wie ausgemergelt diese Ärmsten gewesen sein mussten.
In der Caridad haben auch die Armen ein Anrecht auf einen eleganten Innenhof.
Ein Mönch des Calatrava Ordens aus vornehmer Familie machte es sich zur Aufgabe, die Caridad Bruderschaft zu unterstützen, baute ein Krankenhaus und 1674 eine Kirche, für die er nur die besten Künstler der Zeit verpflichtete. Die Laienbrüder sind bis heute der karitativen Idee treu geblieben.
Metropol Parasol, das neue Wahrzeichen der Stadt.
Sevilla ist eine pulsierende Stadt. In den engen Gassen flaniert man an Cafés und Bars vorbei, an Schaufenstern mit bunten Fächern, kostbaren Stoffen, schweren von der Decke hängenden Schinken, süssem Gebäck. Anstelle der früheren Markthalle steht seit 2011 die futuristische Holzkonstruktion Metropol Parasol. In luftiger Höhe kann man darüber spazieren und die Stadt von oben bewundern.
Zum Abschluss der Reise durfte natürlich auch ein Flamenco-Abend nicht fehlen. Auch wenn das Etablissement direkt neben der Stierkampfarena hauptsächlich von Touristen besucht wird, sind die intensiven Flamenco Gesänge und Tänze mitreissend und berühren mich als Ausdruck des Schmerzes der allzu dramatischen Geschichte Spaniens.
Flamencotänzerin auf der Strasse
Fotos: Ruth Vuilleumier