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Kurt wartet jeweils Montag bis Freitagabend um 17 h auf den Zug, der ihn von St. Gallen nach Wattwil bringt. Kurt wartet immer an der gleichen Stelle und zwar da, wo auch ich am liebsten warte. Er wartet nicht einfach so, wie die anderen Pendler, leise und in ihre Zeitungen versunken. Er wartet ziemlich laut, stösst regelmässig, alle ein oder höchstens zwei Minuten, einen ohrenbetäubenden Schrei aus. Die Leute schauen sich an, schmunzelnd. Eine abfällige oder ärgerliche Bemerkung habe ich nie gehört. Seine Schreie sind wie ein Medium zur Kontaktaufnahme zwischen den Wartenden.
Kurt wartet immer an der gleichen Stelle – dort, wo auch ich am liebsten warte.
Der Zug kommt, wir steigen ein. Kurt und ich setzen uns an unsere Lieblingsplätze im vordersten Abteil. Wir sitzen nebeneinander. In den Händen hält er einen Stapel Zeitungen. Ich beobachte ihn. Er ist ungefähr 50 Jahre alt, hager und gross. Er scheint ins Leere zu schauen. Ob er mich auch wahrnimmt? Zwischendurch stösst er seinen Schrei in das bis auf den letzten Platz besetzte Abteil aus. Die Leute schauen sich an, schmunzeln oder lesen einfach weiter, unterhalten sich. Der Schrei schmerzt mich in den Ohren. Ich möchte Kurt ansprechen, fühle mich aber sehr verunsichert. Wird er mich verstehen? Was ist wenn ich ins Leere spreche und alle mich neugierig anschauen? Kann er überhaupt sprechen?
Bei meiner dritten Begegnung mit Kurt fasse ich mir ein Herz. Ich sitze wieder neben ihm und versuche eine zaghafte Annäherung. Die Leute beobachten uns. Ich deute auf die Zeitungen und frage ihn, ob er mir sie mal zeigt. „Welche Zeitungen haben Sie denn bei sich?“ Er zeigt sie mir bereitwillig. Ich freue mich darüber, dass er reagiert. „Arbeiten Sie mit Zeitungen?“ Er schüttelt den Kopf. „Wollen Sie meine Zeitung auch.“ Er verneint. „Ich heisse Veronika, wie heissen Sie?“ Er sagt etwas, das nach Kurt klingt.
Dass er so undeutlich und für mich kaum verständlich spricht, bringt mich in Verlegenheit. Wir Menschen, die uns gewohnt sind uns verbal auszudrücken, haben ja immerhin die Möglichkeit uns hinter der Sprache verstecken zu können. Jetzt liegt meine Seele blank und mir wird bewusst, dass mein Selbstvertrauen vielleicht doch nicht ganz so gross ist, wie ich es mir immer einrede. Es ist Feierabend und der Zug ist voll. Alle schauen uns an.
Ich freue mich, als wir uns zwei Wochen später wieder begegnen. Ich bin neugierig und er beginnt mich immer mehr zu interessieren. Aber ich fühle mich immer noch verunsichert. Seine Körpersprache, seine Mimik wirken irgendwie unbeteiligt. Und seine Schreie tun mir wirklich weh in den Ohren. Ob er sich einsam fühlt? Was bedeuten seine Schreie? Ich frage ihn, wohin er fährt. Wattwil. Das habe ich verstanden. „Ach, in Wattwil? Ich fahre bis Degersheim. Kennen Sie Degersheim?“ Ja. „Arbeiten Sie in St. Gallen?“ Die Antwort verstehe ich nur sehr undeutlich.
Nach einer Pause des Schweigens stösst er plötzlich wieder seinen Schrei aus. Ich versuche ehrlich auf das zu schauen, was ich fühle und komme zum Schluss: Ich will es wagen zu sagen, dass seine Schreie mich schmerzen, aufs Risiko hin, dass ich nicht auf Resonanz stosse. Das macht mich ziemlich nervös, weil wieder das ganze Abteil zuhört. Ich bin mutig und beschreibe es ihm kurz, wie sich sein explosionsartige „ phhaaa“ für mich anfühlt und bitte ihn es doch sein zu lassen bis ich aussteige. „Wissen Sie, das würde mich wirklich sehr freuen würde!“ Zu meiner grossen Überraschung lässt er die ganze restliche gemeinsame Fahrt das Schreien sein. Mit Freude im Herzen bedanke ich mich bei ihm und sage Tschüss.
Von Veronika Kisling
Integration von Behinderten
“Ich möchte Kurt ansprechen, fühle mich aber sehr verunsichert. Wird er mich verstehen?Veronika Kisling
Initiantin ich-bin-da
“Was ist wenn ich ins Leere spreche und alle mich neugierig anschauen? Kann er überhaupt sprechen?”Veronika Kisling
Initiantin ich-bin-da