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Die Wände seines Arbeitszimmers sind voller Auszeichnungen, Preise, Ehrungen. Aharon Appelfeld ist einer der bekanntesten Schriftstellers Israels, seine Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden. Aber glücklich konnten sie ihn wohl nicht machen. Der Schmerz, der Krieg, so schreibt der 1932 Geborene an einer Stelle in seiner Biografie, hat im Kopf nie aufgehört.
Er freut sich über unseren Besuch sichtlich. In Kürze wird ein neuer Roman von ihm erscheinen: „Auf der Lichtung“ heisst er. Das Buch handelt vom Krieg und von einer Gruppe von Widerstandskämpfern in den Wäldern. Wo und wann, erfahren wir nicht. Es ist kein Tatsachenbericht sondern Fiktion – und doch verarbeitet es die ungewöhnliche Lebensgeschichte von Aharon Appelfeld. Ungewöhnlich? – Ungewöhnlich schrecklich, als ob es nicht schon genug ungewöhnlich schreckliche Lebensgeschichten aus dieser Zeit gäbe. Eine wichtige Rolle im Buch spielt ein Kind. Es wird zum unsichtbaren Angelpunkt der Gruppe.
In der Figur dieses Kindes hat Aharon Appelfeld sein eigenes Leben verarbeitet. Geboren wurde er 1932 in eine bürgerliche jüdische Familie in Czernowitz, das damals für kurze Zeit zu Rumänien gehörte und heute in der Ukraine liegt. Kaum 8 Jahre alt war er nämlich, als er Zeuge wurde, wie seine Mutter ermordet wurde. Sein Vater und er wurden in ein Lager nach Transnistrien verbracht. Als er von seinem Vater getrennt wurde, konnte der kleine Junge fliehen. Er lebte fortan in den Wäldern, mal bei einer Prostituierten, mal bei Räubern. Geredet hat er offenbar bis ans Ende des Krieges kaum.
Das Thema seines Lebens ist seine Geschichte, das Erinnern. Aber welche Erinnerung hat ein 8jähriges Kind? – Die Antwort des Schriftstellers: Was ich nicht weiss, versuche ich zu erfinden. Dafür braucht es aber zuerst eine Sprache, wie er beim Durchblättern eines alten Tagebuches merkt.
„Es ist das Jahr 1946, das Jahr meiner Einwanderung nach Palästina; das Tagebuch zeigt ein Mosaik aus deutschen, jiddischen, hebräischen und sogar rumänischen Wörtern. Ich sage ‚Wörter‘ und nicht ‚Sätze‘, denn zu dieser Zeit war ich noch nicht in der Lage, Wörter zu Sätzen zusammenzufügen. Diese Wörter waren zurückgehaltene Schreie eines Vierzehnjährigen, dem alle Sprachen, die er gekannt hatte, verloren gegangen waren, sodass er keine mehr hatte. […]Wenn man keine Sprache hat, ist alles Chaos und Durcheinander und man hat Angst vor Dingen, vor denen man sich nicht zu fürchten braucht. […] Ohne Muttersprache ist der Mensch verstümmelt. […] Die Anstrengung, die Sprache meiner Mutter in einer Umwelt zu bewahren, die mir eine andere Sprache aufzwang, fruchtete nicht. Von Woche zu Woche wurde die Sprache meiner Mutter weniger, und am Ende des ersten Jahres bleib kaum noch etwas von ihr übrig. Meine Mutter war am Anfang des Krieges ermordet worden, und den ganzen Krieg über trug ich ihr Bild in mir, in dem Glauben, sie am Ende des Krieges wiederzutreffen. Dann, dachte ich, würde unser Leben wieder werden wie früher. Die Sprache meiner Mutter und meine Mutter wurden eins. Als nun ihre Sprache in mir verlosch, spürte ich, dass meine Mutter ein zweites Mal starb. Dieser Schmerz drang wie eine Droge in mich ein, nicht nur im Wachen, sondern auch im Schlaf. Im Schlaf zog ich mit Kolonnen von Flüchtlingen herum, alle stotterten, und nur die Tiere, die Pferde, Kühe und Hunde am Wegrand, sprachen ihre Sprache fliessend, als hätte sich alles verkehrt.“
Aharon Appelfeld hat in Palästina 1946 – Israel wurde erst 1948 gegründet – nicht das gelobte Land gefunden. Zu gross war sein Schmerz. Das wollte aber damals keiner hören. „Israel war damals ein heroisches Land voller Ideologie und Pathos. Starke Arme und braungebrannte Körper sollten das neue Land bauen. Ich war weder stark, noch braungebrannt“, erzählt er uns im Gespräch. Wie denkt er über das heutige Israel: „Israel ist heute ein normales Land, man spürt nichts mehr von dieser Ideologie der Stärke. Darüber bin ich froh“.
Erwähnte Bücher
Aharon Appelfeld: Geschichte meines Lebens. Hamburg 2011. (Erstausgabe 1999)
Aharon Appfeld: Auf der Lichtung. Erscheint voraussichtlich anfang 2014 in Berlin bei Rowohlt.