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Leonhard Widmer schrieb 1840 den „Schweizerpsalm“.
Werner Widmer schrieb den neuen Hymnen-Text im Frühjahr 2014
Am 12. September 2015 um 19.00 Uhr war es soweit. Nicolas Senn verkündete in der Sendung „Potzmusig“, welche live vom Kirchplatz in Aarau ausgestrahlt wurde, den Sieger. Für eine kleine Überraschung sorgte die Schweizerstrophe: Den Siegerbeitrag und Vorschlag für eine Neue Nationalhymne gibt es nämlich nicht nur in allen vier Landessprachen. Mit der Schweizerstrophe wurde eine Strophe geschaffen, welche alle vier Landessprachen vereint.
Anno 1841 wurde der Text der heutigen Schweizer Nationalhymne vom Zürcher Leonhard Widmer geschrieben. 174 Jahre später gewann sein Namensvetter, der Zürcher Werner Widmer, den Künstlerwettbewerb für eine Neuvertextung der Hymne-Melodie von Alberik Zwyssig.
Der 62-jährige Werner Widmer aus Zollikerberg studierte zunächst Musiktheorie am Konservatorium Bern, später Ökonomie an der Uni Basel. Heute leitet er die Stiftung Diakoniewerke Neumünster in Zollikerberg und lehrt an der Universität St. Gallen.
Werner Widmer ist Verwaltungsratspräsident des Kantonsspitals Baselland, Verwaltungsrat der SV-Group sowie Vorstandsmitglied von Curaviva Schweiz und IMPULSIS.
Die neue Strophe:
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
lasst uns nach Gerechtigkeit streben!
Frei, wer seine Freiheit nützt,
stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Schweizer Bund.
"Weisses Kreuz auf rotem Grund"
Am 12. September wurde der Siegerbeitrag des Künstlerwettbewerbs für eine neue Schweizer Nationalhymne gewählt. Der Autor des neuen Hymne-Textes heisst Werner Widmer. Der Ökonom aus dem zürcherischen Zollikerberg studierte zunächst Musiktheorie am Berner Konservatorium. Heute leitet er die Stiftung Diakoniewerke Neumünster und ist Verwaltungsratspräsident des Kantonsspitals Baselland. Die Melodie der heutigen Hymne-Melodie liess Widmer unverändert.
Herr Widmer, zunächst einmal gratuliere ich Ihnen im Namen der SGG herzlich zum Sieg im Hymne-Wettbewerb. Warum haben Sie an diesem Wettbewerb teilgenommen? Ich nehme nicht an, dass Sie es bei Ihren Ämtern im Gesundheitsbereich aus Langeweile taten.
Auch ich habe zu danken – der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft – dafür, dass dieser Wettbewerb lanciert und durchgeführt wurde. Teilgenommen habe ich, weil mich die Aufgabe interessiert hat, zur bestehenden Melodie des Schweizerpsalms einen neuen Text zu verfassen, der sich möglichst nahe an die Präambel der Bundesverfassung anlehnt. Die in der Präambel aufgeführten Werte sind für ein gutes Leben in unserer Gesellschaft zentral.
Wie haben Freunde und Kollegen reagiert, als sie hörten, dass Sie einen neuen Nationalhymne-Text verfasst und den Wettbewerb gewonnen haben?
Viele, die mich nur in meinen Funktionen im Gesundheitswesen kennen, waren verständlicherweise erstaunt. Einige Kollegen und Verwandte sagten sogar, sie seien stolz. Die extremste Reaktion kam von einem norwegischen Jugendlichen. Um sie zu verstehen, muss man wissen, dass die Nationalhymne in Norwegen einen höheren Stellenwert hat als bei uns, und dass der höchste Repräsentant des Landes der König ist. Frederick sagte: „Werner is fu..ing!“
Zwischen Januar und Juni 2014 haben Sie Ihren Beitrag verfasst und beim Hymne-Notariat eingereicht. Die Notarin sandte diesen mit 207 anderen Beiträgen anonymisiert an die 30-köpfige Jury. Im Dezember 2014 erfuhren Sie, dass Sie unter den besten 6 sind. Im Juni 2015 waren Sie unter den drei Finalisten. Und am 12. September wurden Sie vom Volksmusik-Virtuosen Nicolas Senn vor laufender TV-Kamera als Sieger bekannt gegeben. Wie haben Sie dieses Wettbewerbsprozedere insgesamt und in bestimmten Augenblicken erlebt?
Der Wettbewerb war fair, weil die Autorinnen und Autoren der Beiträge anonym blieben. Ich habe mich unglaublich gefreut, als der Beitrag unter die letzten sechs gekommen ist. Und als er dann einige Tage später bei einem Voting des Tages-Anzeigers an der Spitze stand, ahnte ich, dass er gewinnen könnte. Den 12. September 2015 werde ich kaum vergessen. So glücklich war ich noch selten. Es ist ein besonderes Gefühl, den Text verfasst zu haben, der vielleicht einmal zur offiziellen Nationalhymne bestimmt wird.
Der heutige Hymne-Text stammt von Ihrem Namensvetter Leonhard Widmer. Dieser schuf den sogenannten „Schweizerpsalm“ vor 175 Jahren. Ihr Text spricht nicht mehr vom hehren Vaterland und vom Sternenheer, vom Nebelflor und vom allmächtigen Herrgott. Ihr Hymne-Text lautet:
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Bund:
Freiheit, Unabhängigkeit, Frieden.
Offen für die Welt, in der wir leben,
lasst uns nach Gerechtigkeit streben.
Frei, wer seine Freiheit nützt,
stark ein Volk, das Schwache stützt.
Weisses Kreuz auf rotem Grund,
unser Zeichen für den Schweizer Bund.
Warum haben Sie gerade diese Worte und diesen Aufbau für die künftige Nationalhymne gewählt?
Die Nationalhymne soll die Menschen in der Schweiz verbinden und auf das hinweisen, was uns gemeinsam ist. Uns verbindet keine gemeinsame Sprache, keine gemeinsame Religion und wir leben auch nicht auf einer Insel, die durch das Meer von allen andern Ländern getrennt ist. Der Vorschlag für eine neue Nationalhymne richtet den Blick auf Gegenwart und Zukunft. Niemand weiss, wie diese Zukunft sein wird. Wir können sie heute mitgestalten und uns dabei an Werten orientieren, die wir schätzen und hochhalten. Gerade wegen der Vielfalt und der vielen Unterschiede wollen wir ein Land sein. Die Schweiz wird durch einen gemeinsamen Willen zusammengehalten, der auf gemeinsamen Werten beruht. Diesen Willen muss jede Generation aufs Neue aufbringen. Dazu will der neue Text für die Nationalhymne beitragen.
Die SGG betreibt das Projekt Neue Nationalhymne mit einigem Aufwand. Dafür erhält sie nicht wenig Kritik im Sinne von: „Seht Ihr keine wichtigeren Probleme mehr im Land?“ Was antworten Sie, wenn Sie mit diesem Killerargument konfrontiert werden?
Zweifellos haben wir grössere Probleme als eine neue Nationalhymne zu schaffen. Die Nationalhymne soll auch gar nicht als Problem betrachtet werden, sondern vielmehr als Beitrag zu Lösungen: Der neue Text stützt sich auf die Präambel der Bundesverfassung und ruft die darin beschriebenen Werte in Erinnerung. Diese Werte sind eine gute Grundlage, um gemeinsam Lösungen für grössere Probleme zu erarbeiten. Gemeinsame Werte sind wichtig, weil sich die Schweiz wesentlich von andern Ländern unterscheidet. Ein bewusster Bezug zu gemeinsamen Werten könnte verhindern, dass es nicht zu Abstimmungsergebnissen kommt, die sich kaum mit bestehendem Recht vereinbaren lassen. Und gerade weil die Schweiz kein Verfassungsgerichtbesitzt, ist es umso wichtiger, dass wir uns der Werte der Verfassung bewusst sind.
Wahrscheinlich werden Sie von religiösen Personen und Gruppierungen auch gefragt, warum Sie die erste Zeile der Präambel nicht in den neuen Hymne-Text integriert haben. Warum blieb „Gott, der Allmächtige“ aussen vor?
Die Nationalhymne soll den Zusammenhalt der Menschen in der Schweiz fördern. In unserem Land bekennt sich über ein Viertel der Bevölkerung zu keinem religiösen Glauben. Der Hymnentext sollte aber möglichst von allen Menschen in der Schweiz aus Überzeugung und gemeinsam gesungen werden können. Eine Nationalhymne kann heute kein Glaubensbekenntnis mehr sein. Gott kommt deshalb im Text als Wort nicht explizit vor. Aus jüdischer und christlicher Sicht beinhaltet der Text mit Freiheit, Gerechtigkeit, Frieden und die Schwachen stützen Begriffe und Werte, mit denen Gottes Wille in der Bibel beschrieben wird. All diese Werte können auch von nicht religiösen Menschen gesungen werden.
Die SGG wird Ihren Text nun landesweit verbreiten. Sobald der Text die nötige Zustimmung in der Bevölkerung findet, wird ihn die SGG den verantwortlichen Bundesbehörden unterbreiten. Worin sehen Sie die grössten Herausforderungen? Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass eines Tages am 1. August und an Fussballweltmeisterschaften „Weisses Kreuz auf rotem Grund“ gesungen wird?
Die Chance ist gross, dass der Text offiziell zur Nationalhymne bestimmt wird. Erstens, weil sich die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer wenig mit dem Schweizerpsalm identifizieren kann. Zweitens, weil die bisherige Melodie bleibt. Drittens, weil die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer hinter den Werten steht, die im neuen Text stehen. Viertens, weil „Weisses Kreuz auf rotem Grund“ bei dem anknüpft, was man sieht, wenn die Nationalhymne am 1. August oder bei internationalen Sportanlässen gespielt oder gesungen wird, nämlich bei der Schweizerfahne, dem bekanntesten Symbol unseres Landes.
Werner Widmer hat ein sehr ansprechendes Büchlein gestaltet. Darin erläutert der die Wahl seines Hymnetextes, die Wichtigkeit des Präambel-Textes sowie seine Motivation zur Teilnahme am Hymne-Wettbewerb.