Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03612.jsonl.gz/2074

Aufsätze zu Kellers Leben und Werk
Walter Morgenthaler:
"Thatsächlich- und Persönlichkeiten" - Realien in Gottfried Kellers "Züricher Novellen"
Referat am 30.11.1999 im Stadthaus Zürich anläßlich der Präsentation von HKKA. 6 und 22 (Züricher Novellen)
Inhalt
|I.||III.|
|II.||IV.|

I.

Im Staatsarchiv des Kantons Zürich liegen vier Briefe von Gottfried Keller an den Regierungsrat des Kantons Zürich. Von ihnen, als vier Momentaufnahmen, möchte ich in den anschließenden Überlegungen, ausgehen.
Der erste Brief datiert vom 6. Oktober 1848. Keller bedankt sich beim Bürgermeister (Alfred Escher) und bei den sonstigen "Hochgeachteten Herren" für ein Stipendium von 800 Franken, das ihm für einen einjährigen Studienaufenthalt in Heidelberg zugesprochen worden ist:
[...] so liegt es an mir und es sei mir vergönnt, Ihnen hierfür meinen tiefgefühlten Dank auszusprechen, sowie auch den Vorsatz und die Hoffnung, Ihnen einst, so weit meine persönliche Befähigung es erlaubt, ein Resultat vorlegen zu können, welches meinen Mitbürgern, in deren Namen Sie handeln, zu einiger Freude gereicht.
Aus dem einen wurden sieben lange Jahre, nach Heidelberg folgte Berlin, und jenes erste Stipendium wurde großzügig dreimal aufgestockt, ohne daß Keller allerdings davon hätte leben können. Am Ende hat er zwar kein Drama, wie beabsichtigt, heimgebracht, aber immerhin den Grünen Heinrich und den ersten Teil der Leute von Seldwyla. Es brauchte aber noch die Besprechung des Seldwyla-Bandes durch Berthold Auerbach in der Allgemeinen Zeitung, um dem Autor in Zürich einige Beachtung zu verschaffen.
Die einzige literarische Prosa, die Keller in den nächsten Jahren nach seiner Rückkehr aus Berlin bis zur Publikationsreife brachte, bestand - neben der ersten Niederschrift der Sieben Legenden - im Fähnlein der sieben Aufrechten, das in Berthold Auerbachs Deutschem Volks-Kalender auf das Jahr 1861 publiziert wurde.
Aus ebendiesem Jahr 1861 datiert der zweite erhaltene Brief an den Regierungsrat vom 11. September. Dieser enthält - außer den Anrede- und Grußformeln - nur einen einzigen Satz:
Hiermit erlaubt sich der ehrerbietigst Unterzeichnete, sich um die am 28. August ausgeschriebene Stelle eines ersten Staatsschreibers zu bewerben und sich dafür zu melden. (GB 4, S. 342)
Vielleicht der unpoetischste, aber wohl der folgenschwerste Satz in Kellers Leben. Er brachte ihm 15 Jahre staatliche Fronarbeit ein und für die ersten zehn Jahre außerdem Abstinenz von aller literarischen Tätigkeit.
Der dritte Brief vom 28. Juni 1874. Keller bittet um die Bewilligung für einen dreiwöchigen Urlaub, den zweiten und letzten innerhalb seiner gesamten Amtszeit. Er besucht die Familie Exner in Wien. Die "freie Muße" dort verwendet er für das Weiterschreiben am längst fälligen Manuskript der letzten Seldwyler Erzählung (Das verlorene Lachen), das er portionenweise an seinen ungeduldig wartenden Verleger Ferdinand Weibert schickt.
Der vierte und letzte Brief an den Regierungsrat datiert vom 30. März 1876. Auch er besteht, wie der zweite, aus einem einzigen Satz:
Der ehrerbietig Unterzeichnete sieht sich veranlaßt, noch vor Ende der laufenden Amtsdauer Ihnen die seit bald 15 Jahren von ihm bekleidete Stelle des Staatsschreibers zur Disposition zu stellen, um bei seinen vorgerückten Jahren noch Muße zur Ausübung seiner privaten Tätigkeit als Schriftsteller zu gewinnen, und er ersucht deshalb, ihm die Entlassung auf 1. Juli d. Js. erteilen resp. den Rücktritt auf diesen Zeitpunkt bewilligen zu wollen.
Auch dies ein folgenschwerer Satz, denn damit begann zum zweitenmal Kellers Existenz als freier Schriftsteller.

II.

Ab November desselben Jahres 1876 erschienen in der Deutschen Rundschau die ersten drei Züricher Novellen (Hadlaub, Der Narr auf Manegg und Der Landvogt von Greifensee), umgeben von der Rahmengeschichte, die damals noch als eigene Novelle (Herr Jacques), betitelt wurde. Die Deutsche Rundschau war die renommierteste deutschsprachige Kulturzeitschrift und das Hauptmedium der "poetischen Realisten" (ich nenne Namen wie Auerbach, Storm, Heyse, C. F. Meyer, Fontane, die alle hier ihre Werke vorabdrucken ließen). Ende 1877 folgte dann im Göschen-Verlag, Stuttgart das Buch nach: erweitert um die Reformations-Novelle Ursula und um jene Kalendergeschichte, die Keller als letzte literarische Arbeit vor Beginn seiner Amtszeit geschrieben und publiziert hatte: Das Fähnlein der sieben Aufrechten. Die Züricher Novellen umrahmen also, ihrer Entstehung nach, exakt die Zeit von Kellers Staatsschreibertum. Der Sache nach sind sie ein neue Auftakt, nachdem noch zuvor (1874) ein altes, ein sehr altes Pensum (der zweite Teil der Leute von Seldwyla), erledigt worden war.
Mit den Züricher Novellen hat Keller wohl endlich jenes im ersten zitierten Brief versprochene "Resultat" vorlegen können, welches seinen "Mitbürgern [...] zu einiger Freude gereicht". Wenn die Novellen auch der Stadt und dem Kanton und dem alten Stadtstaat gleichermaßen gelten mögen, so hat sich doch in erster Linie die Stadt darin erkennen wollen. Mit den Züricher Novellen hat sich Keller gleichsam vom Staatsschreiber zum Stadtschreiber durchgeschrieben. Am 28. April 1878, vier Monate nach Erscheinen der Buchausgabe, wurde Gottfried Keller, Bürger von Glattfelden, vom Stadtrat zum Bürger der Stadt Zürich ernannt. Begründung:
aus Freude über die ihm in und ausser seinem Vaterlande gewordene allseitige Anerkennung und aus besonderm Dank für die lebensfrischen Dichtungen, die er zum Gedächtniss Zürich's und eines strebsamen und thatkräftigen Bürgersinnes geschaffen hat.
Kellers Züricher Novellen wurden offensichtlich als wesentlicher Beitrag zur Festigung der zürcherischen Corporate identity aufgefaßt. Keller selbst hat sich postwendend, d. h. einen Tag danach, in bedenkenswerter Förmlichkeit dafür bedankt:
Ich habe mich stets als Angehöriger der Landschaft Zürich glücklich gefühlt und, ohne der Anhänglichkeit an die grundlegende Stadt und den Sinn für ihre geschichtliche Bedeutung zu entbehren, kein Bedürfniß empfunden, gerade auch Bürger derselben zu heißen. Um so unbefangener darf ich mich nun der freundlichen Aufnahme in Ihren Bürgerverband erfreuen und den hochlöbl. vorberathenden Behörden sowol, als der verehrlichen Gemeindeversammlung meinen aufrichtigen und herzlichen Dank geziemend darlegen.

III.

Soviel zu den Begleitumständen. Wenden wir uns nun etwas den mehr poetischen und poetologischen Dingen zu. Das Problem beginnt, wie immer, schon beim Titel. Keller hatte zuerst einige Zweifel an seiner Richtigkeit, wie aus der Anfrage an Julius Rodenberg, den Herausgeber der schon erwähnten Deutschen Rundschau, hervorgeht:
Würde der Titel Züricher Novellen Ihnen, namentlich auch für Ihre Zeitschrift, zu abgelegen, zu wenig versprechend u klingend, oder überhaupt nicht convenabel sein? Ich kann mir ganz gut denken, daß mir z. B. ein Titel "Frankfurter oder Stuttgarter Novellen" wenig interessant vorkommen würde.**
Rodenbergs Antwort darauf:
Den Titel "Züricher Novellen" finde ich so schön u. verheißungsvoll, als nur irgend möglich; bleiben Sie ja dabei! Denn es ist etwas Anderes, ob Hans oder Kunz "Frankfurter" oder "Stuttgarter Novellen", oder ob Gottfried Keller "Züricher Novellen" giebt.
Der Erfolg - der heimatliche jedenfalls - hat Keller und Rodenberg wohl rechtgegeben.
Noch ein kleiner Exkurs zu "Zürcher" bzw. "Züricher" (Novellen). Die "Züricher" waren sicherlich eine Anpassung an die deutsche Leserschaft. Denn wie sogar der Duden vor und nach der neuesten Orthographie-Reform weiß, tolerieren die Schweizer die attributive Form nur ohne i, während dagegen die Deutschen zur i-Lautung verpflichtet werden. Mit seinen Züricher Novellen hat Keller seine Landsleute ganz schön in Verlegenheit gebracht. Dabei bevorzugte er selbst in seiner Korrespondenz ganz eindeutig, wenn auch nicht ausschließlich, die schweizerische Form. Sogar mit seinem Verleger (Ferdinand Weibert) verhandelte Keller stets über die Zürcher Novellen, und auch der Vertrag lautete entsprechend. Die Zürcher Gesellschaft der Feuerwerker hat Keller zum Dank für seine Zürcher Novellen zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. Ich möchte aber immerhin darauf hinweisen, daß es zu Kellers Zeiten auch in Zürich selbst die gegenteilige Schreibung gab: so nannte sich etwa der lokal-zürcherische Bürkli-Kalender, der im übrigen nicht immer gut auf Keller zu sprechen war, Züricher Kalender.
Bemerkenswert ist, daß innerhalb der Novellen-Texte selbst die Schreibart stark schwankt; während sie zuerst von den "Zürichern" dominiert wird, machen diese im Verlauf der Erzählungen immer mehr und am Ende fast ausschließlich den "Zürchern" Platz.
Eine real existierende (schweizerische) Stadt nicht nur in den Titel zu setzen, sondern auch noch zum Hauptschauplatz des Erzählens zu machen, ist zumindest bei Keller einmalig. In den sämtlichen übrigen Prosabänden der Gesammelten Werke kommen überhaupt kaum je Namen von schweizerischen Örtlichkeiten vor. Die geographischen Realien erscheinen sonst ausschließlich an der Peripherie: sie sind die spärlich angesiedelten Grenzsteine, die garantieren sollen, daß die erzählte Welt, die durch die dichterische Phantasie entfaltet wird, nicht ganz aus der realen Welt fällt. Es sind Städte wie Wien, Paris, Rom, Lissabon, New York, Rio de Janeiro und auch schon mal Augsburg oder gar Basel, das ja (nicht nur für die Zürcher) zum Ausland gehört und bei Grenzüberschreitungen nordwärts (etwa für Martin Salander) so unabdingbar ist wie südwärts der Sankt Gotthard (etwa in Spiegel das Kätzchen). Diese Städte vertreten die Realität von draußen, während drinnen, von Seldwyla bis Münsterburg, die Überall- und Nirgendwo-Orte das Terrain für die dichterische Phantasie zubereiten. Ich erinnere nur an den Eingang des Grünen Heinrich in der damals vorliegenden ersten Fassung, wo so ostentativ, daß man's wiederum nicht glauben darf, die Karten auf den Tisch gelegt werden:
Zu den schönsten vor Allen in der Schweiz gehören diejenigen Städte, welche an einem See und an einem Flusse zugleich liegen [...]. So Zürich, Luzern, Genf [...] Man kann sich nichts Angenehmeres denken, als die Fahrt auf einem dieser Seen, z. B. auf demjenigen von Zürich.
Es folgt hierauf eine spannende Fahrt auf der Limmat mitten durch die Stadt Zürich. Die ganze Inszenierung dient aber nur dazu, die Realien, die vorgeführt werden, sogleich wieder auszuschalten:
Die Zahl dieser Städte aber um eine eingebildete zu vermehren, um in diese, wie in einen Blumenscherben, das grüne Reis einer Dichtung zu pflanzen, möchte thunlich sein: indem man durch das angeführte, bestehende Beispiel [eben die Limmatfahrt] das Gefühl der Wirklichkeit gewonnen hat, bleibt hinwieder dem Bedürfnisse der Phantasie größerer Spielraum und alles Mißdeuten wird verhütet.
So das Grundprinzip von Kellers "poetischem Realismus". In der zweiten Fassung des Grünen Heinrich hat er dann die ganze programmatische Einleitung ersatzlos getilgt. Damit ist auch Zürich selbst vollständig aus Kellers Prosawerk verschwunden - mit zwei Ausnahmen: den Züricher Novellen eben und einer bemerkenswerten Stelle in den Leuten von Seldwyla. Dort zählt Züs Bünzlin ihren drei Verehrern, den gerechten Kammachern, in einer wunderbar unsinnigen Rede alle Städte der großen Welt als Werke der grenzenlosen "menschlichen Erfindungsgabe" auf, um explizit mit dem "schönen Zürich" zu enden.
Daß durch das zu Beginn des Grünen Heinrich vorgeführte Verfahren "alles Mißdeuten [...] verhütet" werde, ist mehr als fraglich geblieben. Von Anbeginn bis heute wird nämlich von Lesern und Interpreten nach den Realien gefahndet, die Kellers Erfindungen könnten zugrunde gelegen haben. Keller selbst hat in der Einleitung zum zweiten Teil der Leute von Seldwyla auf solches "Mißdeuten" reagiert und dem Leser nahegelegt,
es rage in jeder Stadt und in jedem Thale der Schweiz ein Thürmchen von Seldwyla, und diese Ortschaft sei mithin als eine Zusammenstellung solcher Thürmchen, eine ideale Stadt zu betrachten.
Seit dieser Bekanntgabe wird zwar vielleicht weniger nach der ganzen Stadt, aber umso mehr nach den einzelnen Türmchen gesucht.
Mit den Züricher Novellen startet nun Keller gleichsam ein Gegenprogramm, die Dinge frontal angehend. Der Titel setzt das Signal. Exponiert wird die neue Taktik dann gleich mit dem allerersten Satz der Rahmenhandlung:
Gegen das Ende der achtzehnhundert und zwanziger Jahre, als die Stadt Zürich noch mit weitläufigen Festungswerken umgeben war, erhob sich an einem hellen Sommermorgen mitten in derselben ein junger Mensch von seinem Lager [...]
Wir befinden uns also wirklich in Zürich, zu einem ganz bestimmten kalendarischen (1820er Jahre) und politischen Zeitpunkt (zur Restaurationszeit; vor der Schleifung der Festungswerke als einem Symbol der alten Zürcher Herrschaft). Und was die Figuren und Geschehnisse anbelangt, so faßt Keller, wiederum in dem schon zitierten Brief an Julius Rodenberg (Deutsche Rundschau), knapp zusammen:
es sind Thatsächlich- u Persönlichkeiten aus dem 13, 14 u 18t. Jahrhundert, mit der Rahmennovelle aus dem 19t.
Die Persönlichkeiten: Sie werden dem dummen Tor aus der Rahmengeschichte, der ironischerweise Meister Jacques genannt wird, zur Belehrung vorgeführt: als Originale mustergültigen Lebens, eine paradoxe Einheit, ein bürgerliches Ideal, wie es höchstens die Literatur dem Leben abzuzwingen vermag.
Wie aber steht es tatsächlich um diese Persönlichkeiten, oder, um es mit den Zürcher Stadtvätern von 1878 zu formulieren: Wie steht es mit der Darstellung des "strebsamen und thatkräftigen Bürgersinnes"?
Sicherlich kann man ihn manchenorts verkörpert sehen. Da ist der Kreis um Rüdiger Manesse im 13. Jahrhundert; da ist nochmals ein Manesse im 14. Jahrhundert, der in der Schlacht bei Dätwyl Zürichs Ehre rettet; da ist vor allem auch Huldrych Zwingli, der Prediger, Staatsmann und mutige Kämpfer; dann im 18. Jahrhundert Johann Jakob Bodmer, der als weiser "Bürger, Politiker und Sittenlehrer" dargestellt wird, und Salomon Geßner, der für den literarischen Ruhm sorgt. - Sie alle sind es, die Zürichs Geschichte mitgeprägt haben. Das gibt es nur in den Züricher Novellen: diese Fülle, ja Überfülle an Persönlichkeiten mit Namen erster Güte.
Man halte sich dagegen Kellers andere Werke vor Augen:
- den Grünen Heinrich, der sich vorwiegend mit seiner eigenen problematischen Innerlichkeit abquält, nicht zwischen Leben und Phantasie zu unterscheiden und zu entscheiden vermag und schließlich auch selbstverschuldet zugrunde geht (so in der Fassung, die bis dahin vorlag);
- oder die Leute von Seldwyla: Falliten, Auswanderer und Querulanten, die am liebsten ihr eigenes Süpplein kochen, es aber zu nichts bringen und dennoch am Ende, sofern sie nicht Selbstmord begehen oder sich eine böse Frau einhandeln, ganz gemütlich und arbeitsam dahinleben. Alles namenlose Gesellen, weshalb sie auch sosehr auf Namen erpicht sind, die ihnen der Autor im übrigen bereitwillig verleiht.
Verkappte Seldwyler gibt es allerdings auch in den Züricher Novellen viele; am extremsten bei den Wiedertäufern in Ursula, wo Figuren wie Enoch Schnurrenberger, der kalte Wirtz von Goßau, Jakob Rosenstil und der Schneck von Agasul herumlaufen und vom Autor mit aller erdenklichen Boshaftigkeit porträtiert werden.
Aber es geht gar nicht so sehr um diese ausgefallenen Figuren, die ihre Gegend unsicher machen. Auch die Seriosität und Vorbildhaftigkeit der positiven Persönlichkeiten ist meistens nicht so gewiß. Selbst ein Johann Jakob Bodmer etwa erscheint weniger als der würdige Politiker und Sittenlehrer, als der er eingeführt wird, denn als einer, der in Eitelkeit abzufangen versucht, daß seine Zeit vorüber ist.
Überhaupt, einmal mißtrauisch geworden, scheint plötzlich alles irgendwie aus seiner Mitte gerückt, dezentriert:
- Die erste Novelle (13. Jh.), die vielleicht ursprünglich dem mächtigen Geschlecht der Manesse zugedacht war, gehört schließlich nicht dem gesellschaftlich einflußreichen Rüdiger Manesse, sondern dem im Leben, in der Literatur und in der Liebe dilettierenden Hadlaub;
- die zweite (14. Jh.) gilt vor allem einem, der aus Selbstverschulden alles verpaßt und einem eingebildeten Narren;
- die dritte und beliebteste (18. Jh.) zieht aus dem reichen Leben eines Salomonen die Absonderlichkeiten heraus und spinnt sie zu eigenen Geschichten und Seldwylereien weiter;
- die vierte, das Fähnlein, ist, nach Kellers eigenen Worten, inzwischen ein "antiquirtes Großvaterstück" geworden (an Theodor Storm, 25.6.1878);
- und die letzte (16. Jh.) folgt nicht Huldrych Zwingli, der vielleicht einzigen zugleich originellen und mustergültigen Figur der Züricher Novellen, sondern dessen etwas beschränktem, aber gutmütigem Widerschein, dem Reisläufer Hansli Gyr; benannt aber ist sie nach Hanslis Geliebter, Ursula, die eigentlich Schnurrenberger heißt und fast die ganze Novelle hindurch der Wiedertäuferei und sogar dem drohenden Wahnsinn verfallen ist. Zwingli selbst aber, dem Kellers Verehrung gilt, ist kein Zürcher, sondern ein Toggenburger, dessen "helle" und "bewegliche" Sprache "anmutig" gegen den "dumpfen" und "ungefügsam breiten" Dialekt der Zürcher absticht.
Etwas viel Unergründlich- und Hintergründigkeit also, womit die Züricher Novellen noch im nachhinein das Lob der Stadtväter grundieren. Was fehlt, sind (außer Zwingli) die großen historischen Persönlichkeiten, die Stadtväter, welche die Zürcherische Geschichte wirklich wesentlich geprägt haben, wie Rudolf Brun (der nur einmal kurz als Feigling auftritt) und Hans Waldmann. Als problematische Macht-Charaktere, die sie waren, hätte sich ihrer wohl eher Conrad Ferdinand Meyer angenommen. Kellers Terrain war das nicht.

IV.

Die Züricher Novellen leben vielleicht nicht von den Realien, aber sie zehren davon und bauen darauf. Woher aber beziehen sie diese Realien, die Persönlich-, Örtlich- und Thatsächlichkeiten überhaupt?
Vorwiegend aus historischen und literarischen Quellen, also wiederum aus Texten.
Lassen Sie mich darauf zum Schluß noch etwas eingehen.
Vielen von Ihnen dürfte der Codex Manesse, die sogenannte Große Heidelberger Liederhandschrift, bekannt sein, und vielleicht auch die kolorierte Miniatur, die darin Meister Johans Hadloub gewidmet ist und zwei Szenen aus dessen Gedichten illustriert. Keller hat die Liederhandschrift, die damals noch in Paris lag, nie mit eigenen Augen gesehn. Dagegen kannte er die 1840 erschienene Sammlung der Hadlaub-Gedichte von Ludwig Ettmüller. Dieser Edition war eine Schwarz-Weiß-Reproduktion der Miniatur beigegeben, die wir auch in die CD-Rom übernommen haben. - (Daneben gab es noch - ohne Abbildungen - die Minnesinger-Ausgaben von Bodmer, die Keller besessen hat, von Friedrich Heinrich von der Hagen, die er mitverwendet hat und eine Abhandlung von Ludwig Uhland, die Keller vielleicht am stärksten angeregt hat. Ich beschränke mich hier auf Ettmüller und muß Sie für das weitere auf unseren Apparatband und die CD verweisen).
Die untere Hälfte der Miniatur zeigt, wie Hadlaub, als Pilger verkleidet, einer Dame mit Hündchen, welche die Messe besucht, einen Brief (mit der Minneklage) an den Mantel heftet. Das Gedicht, das der Miniatur zugrunde liegt, beschreibt dies in analoger Weise, allerdings mit zwei enscheidenden Varianten:
- daß die Dame im Gedicht die Messe verläßt, während im Bild diese eben eingeläutet wird.
- daß das Hündchen, das die Dame im Bild bei sich trägt, im Gedicht gar nicht erwähnt wird.
Die entsprechende Stelle bei Keller lautet folgendermaßen:
Nach dem Gedichte, in welchem Hadlaub später das Abenteuer beschrieben, und auch nach dem Bilde, das er für die Sammlung dazu gemalt, war Fides allein und trug als einzige Hut bloß ein kleines Wachtelhündchen unter dem mit Grauwerk gefütterten Kapuzenmantel und dem schwarzen Schleier, welche ihr Haupt und Gestalt dicht umhüllten. Und so schritt die edle Gestalt wirklich mit raschem Gange über die Brücke durch das Zwielicht des dicken Herbstnebels und der rötlich durchscheinenden Mondscheibe, die gerade im Westen unterging.
Der dunkle Pilgrim eilte ihr behutsam auf dem Fuße nach und streckte die Hand aus, um den Brief mit der Angel an ihren Mantel zu heften. Sie merkte wohl, daß ihr jemand folgte, allein sie beschleunigte bloß ihre Schritte, ohne sich umzusehen. Aber das wachsame Hündlein bellte heftig, als einer da leise am Mantel zu zupfen schien [...]
Die von Hadlaub besungene Dame wird bei Keller zu Fides, der unehelichen Tochter der Fraumünster-Äbtissin. Ich will aber nicht von diesen Dingen der großen poetischen Freiheit reden, sondern lediglich auf die kleinen Freiheiten hinweisen: auf die Schnittstellen zwischen den unscheinbaren Realien und der ihnen aufsitzenden Fiktion.
Keller schreibt Gedicht und Bild den gleichen Inhalt zu. Allerdings folgt er tatsächlich dem Gedichttext, nicht dem Bild, wenn er den Hadlaub der Fides erst nach der Messe auflauern läßt. Umgekehrt entnimmt er das "wachsame Hündlein" aus dem Bild, nicht aus dem Gedichttext, wo es ja gar nicht vorkommt. Editorisch nennt man das eine Kontamination zweier Zeugen, poetologisch das freie Spiel mit den Materialien.
Zum freien Spiel kommt die freie Erfindung. Frei erfunden etwa und ein Wortspiel ist Kellers scheinbar präzise Angabe, das besagte "wachsame Hündchen" sei ein Wachtelhündchen (ein Wachtelhund ist zudem eigentlich ein Jagdhund und somit ein Angreifer und nicht ein Verteidiger). Und wenn dann noch im gleichen verworrenen Moment die Verfolgte "durch das Zwielicht des dicken Herbstnebels und der rötlich durchscheinenden Mondscheibe schreitet", die zufällig eben gerade im Westen untergeht, so sind diese Dinge in Kellers Text längst zum Spiel von dessen eigener Metaphorik geworden.
Und wo findet all dies statt: nicht vor dem Eingang der Kirche, wie in Gedicht und Bild, sondern als Verfolgungsszene auf der Brücke, einer Brücke, die vorher gar nicht da war. Natürlich ist es die Münsterbrücke, die Sie alle kennen. Sie verläuft, folgt man den Beiden, von Westen nach Osten; das bedeutet, daß die Mondscheibe hinter dem Rücken der Beiden untergeht - wahrgenommen einzig von Gottvater, dem Erzähler, der im Hinterhalt die Gestirne regiert und ironisch das Schicksal spielen läßt. Er läßt den Leser an dieser Ironie teilhaben; aber nur sofern dieser einerseits die (lokalen) Realien kennt und andererseits das Spiel der Fiktion mitzumachen vermag.
Sie können die Brücke auch auf dem Stadtplan von Josias Murer sehen. Er zeigt das alte Zürich um 1576, dessen Stattbild in seinen Grundzügen noch demjenigen des 13. Jahrhunderts entsprach. Sie sehen auch sogleich, daß die Brücke, über die Fides in den zwielichtigen Nebel hineinschreitet, doch nicht die historische gewesen sein kann: die historische mit dem abschrankenden Helmhaus und den Überdachungen im Hintergrund und dem vielleicht damals schon klappernden Wasserrad zur Seite.
Doch da kommen eben, ein paar Schritte vom beschriebenen Schauplatz entfernt, Martin Leu und Salomon Landolt angerannt, auf der Flucht vor den spionierenden Sittenwächtern des achtzehnten Jahrhunderts. Sie verziehen sich in die Meisenzunft, um sich daselbst auf die "kleinen Bratwürstchen, Pastetlein, Muskatwein und Malvasier" zu stürzen, die ihnen die Gesellschaft für Vaterländische Geschichte verbieten will. Ihr Fluchtweg hat ein paar Häuser vom Manessenturm entfernt begonnen, fast genau dort also, wo derjenige von Fides (nur etwa 500 Jahre früher) geendet haben dürfte. Wer's nicht glaubt, höre sich's selber an:
Landolt begab sich unbefangen mit ihm hinweg, wunderte sich aber, wie der andere auf der Straße plötzlich querüber sprang, ihn mitziehend, die Steingasse hinauf lief, was sie vermochten, dann durch die Elendenherberge, ein labyrinthisches Loch, nach dem dunkeln Löwengäßlein strebte, von diesem beim Roten Hause nach dem Eselgäßlein hinübersetzte, wie ein gejagter Hirsch über eine Waldlichtung, hinter der Metzg herum und über die untere Brücke und den Weinplatz rannte, die Weggengasse hinauf, durch die Schlüsselgasse, beim roten Mann die Storchengasse durchschnitt, die Kämbelgasse zurücklegte, dann wieder an der Limmat angekommen rechts abbog und endlich in das stattliche neue Palais der Meisenzunft eintrat.
Meine Damen und Herren,
ich überlasse es Ihnen, als Lesenden, den Seitenpfaden und Winkelzügen Kellers weiter zu folgen und den Vexierbildern nachzuspüren, die entstehen im Zusammen- und Widerspiel von dichterischem Text und Quelle, von Fiktion und Realität.
------------------
** An Rodenberg, 31.5.1875 ; übrigens soll es die "Frankfurter Novellen" schon seit 1858 gegeben haben, sie stammen - ob Hans oder Kunz bleibe dahingestellt - von dem Frankfurter Advokaten Georg Wilhelm Pfeiffer.