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Im Rahmen des digitalen P-8 Projekts «Hub Viscosi»,das den Aufbau eines interdisziplinären Kompetenzzentrums für professionelle Lernvideos am Departement Design & Kunst (D&K) verfolgt, wurde ein Konzeptpapier verfasst, das den aktuellen Stand der Forschung zum Einsatz von Videos in der Hochschullehre aus didaktischer Sicht beleuchtet.
In einer Blog-Reihe möchten wir die grundlegenden didaktischen Überlegungen des Konzeptpapiers für Interessierte zusammen fassen. Dieser erste Beitrag widmet sich den Vorteilen und Herausforderungen des Mediums Videos und geht der Frage der Lernwirksamkeit nach. Ausserdem wird aufgezeigt, welche Aktivierungen mit Videos ausgelöst werden können, um bestimmte Lernzielstufen zu erreichen. Der zweite Beitrag stellt wirksames Lernen mit Videos in Bezug auf die Gestaltungsprinzipien der kognitiven Theorie des multimedialen Lernens vor. Der dritte Beitrag vertieft didaktische Aspekte und spannt einen Bogen von der didaktischen Einbettung eines Videos in eine Lehrveranstaltung zur Didaktisierung eines Videos während der vierte Beitrag didaktische Einsatzmöglichkeiten mit interaktiven Videos vorstellt. Abschliessend werden im letzten Blogbeitrag verschiedene Videoformate vorgestellt und Überlegungen in Bezug zum eigenen Videoprojekt gemacht.
Ideale Lernszenarien für Videos
Aus der Grundlagenforschung ist bekannt, dass sich Videos besonders gut für die Darstellung von räumlichen und zeitlichen Sachverhalten eignen bei für sukzessiv aufgebauter Erläuterung oder Argumentation. Auch sind Videos hilfreich bei der Visualisierung dynamischer Prozesse, die in der Realität nicht beobachtet werden können, da sie schwierig nachzubilden sind oder sich mit Worten nur schwer beschreiben lassen. Studien belegen, dass Studierende durch die Nutzung von Videos über höheres prozedurales Wissen verfügen als Studierende, die sich papierbasierte Unterlagen erarbeitet haben (H. und J. van der Meij 2014. Lloyd und Robertson 2012, aus Schwan und Merkt). Videos sind besonders geeignet, psychomotorische Fähigkeiten zu fördern, indem Fertigkeiten demonstriert werden und leichter nachgeahmt werden können (Schwan, Merkt 2015).
Hansch et al (2015) definieren acht ideale Lernszenarien – affordances of video –, in denen die Vorteile von Videos besonders zum Tragen kommen:
- Aufbau einer emotionalen Bindung
- Aufzeigen einer Tätigkeit (Vormachen)
- Einblick in andere Welten, wo man normalerweise keinen Zugang hat
- Historisches Archivmaterial
- Geschichten erzählen und Lernende mit auf eine Reise nehmen
- Lernende motivieren (durch Bild und Ton Enthusiasmus für ein Thema demonstrieren)
- Zeit und Raum manipulieren mit Makro-/Mikroaufnahmen
- Multimedia-Präsentation mit Kombination aus visuellen und auditiven Elementen.
Diese Lernszenarien findet man bei Koumi in vier Bereichen:
- facilitating cognition: kognitive Prozesse erleichtern mit visuellen Strategien und Demonstrationen von Prozessen mit Animationen
- providing realistic experiences: realitätsnahe Erfahrungen erlebbar machen wie mit Exkursionen oder Makro- oder Mikroaufnahmen
- nurturing affective characteristics: affektive Charakteristiken hervorrufen zur Motivierung und emotionalen Bindung zu den Lernenden
- demonstrating skills: Fertigkeiten demonstrieren
Es scheint erwiesen, dass Lernvideos die Aufmerksamkeit, Bedeutsamkeitsempfinden und das Engagement der Lernenden positiv beeinflussen (Hartsell und Yuen, in Findeisen, Horn, Seifrid 2017). Es kommt allerdings, wie beim Gebrauch von jedem Lerngegenstand, auf den geeigneten Einsatz im gesamten Lehrkontext, den Aufbau des Videos sowie die Ausschöpfung der audio-visuellen Stilmittel an. Auf die gestalterischen und didaktischen Prinzipien, die eine wichtige Rolle für die Lernwirksamkeit spielen, wird in den weiteren Blogbeiträgen näher eingegangen.
Herausforderungen von Videos
Lernende erliegen bei Videos eher die Illusion, den Inhalt verstanden zu haben als bei Texten. Es entsteht schneller der Eindruck, dass die Rezeption bei Videos einfacher wäre als beim Lesen von Texten.* Da Videos gerne mit einem bestimmten Unterhaltungswert assoziiert werden, besteht das Risiko, dass sich Lernende mit der Aufmerksamkeit schwer tun und Inhalte nur oberflächlich verarbeiten (Reinmann, 2015). Um zu erkennen, ob Inhalte verstanden wurden, ist es notwendig sich produktiv damit auseinanderzusetzen. Daher empfiehlt es sich zusätzliche Lernmaterialien zu dem Lernvideo zur Verfügung zu stellen: Leitfragen, Arbeitsaufträge oder Reflexionsfragen. Solch didaktische Anleitungen und Hilfestellungen weisen auf inhaltliche Schwerpunkte hin, fokussieren die Aufmerksamkeit und laden zu einer vertieften Auseinandersetzung mit den Inhalten ein.
Aktivierung beim Lernen mit Lernvideos
Wie bei der Vorbereitung mit Texten auf eine Präsenzveranstaltung, braucht es auch für im Selbststudium eingesetzte Lernvideos, eine aktive Verarbeitung der selbst erarbeiteten Lerninhalte, damit der Selbstlernprozess intensiviert wird. Verständniskontrollen durch Fragen ermögliche es Lernenden, selbständig zu überprüfen, ob die wichtigsten Konzepte verstanden wurden. Reflexionsfragen am Anfang oder Ende eines Lernvideos, die Analyse einer Lernsituation im Video oder kollaborative Formen durch Videoannotation sind weitere Möglichkeiten zur aktiven Auseinandersetzung und Elaboration von Lerninhalten. All die aufgezählten Einsatzmöglichkeiten sind technisch einfach mit dem «interaktiven Video» auf ILIAS umsetzbar.
Das Modell von der Université Catholique de Louvain veranschaulicht, unter Einbezug verschiedener Lernmodelle (Heuristik von Chi und Wylie, Taxonomie von Bloom, IMPAI Modell nach Marcel Lebrun), welche Aktivierungen mit Videos ausgelöst werden können, um bestimmte Lernzielstufen zu erreichen. Mit entsprechenden Lernaufgaben lassen sich mit Lernvideos auch höhere Lernzielstufen erreichen.
Abschliessend lässt sich festhalten, dass mit Videos alleine noch nicht gelernt wird. Das gesamte didaktische Szenario spielt beim Lernen mit Videos eine Rolle. Alle Seiten des Lernens des didaktischen Dreiecks (Vermittlung, Aktivierung, Betreuung) sollten mitgedacht und zu einem kohärenten Gesamtgefüge kombiniert werden (Reinmann 2015). Je interaktiver Lernvideos sind, je mehr didaktische Einbettung in die Lehrveranstaltung das Lernvideo rahmt, je mehr didaktische Relevanz davon ausgeht, desto höher wird die Chance auf positive Effekte in Bezug auf die Lernwirksamkeit sowie auf die Motivation und Engagement der Studierende (vgl. Perseke, S. 32).
Thematische Vertiefung
Das ZLLF bietet verschiedene 2-stündige Kurzkurse zum Thema Video an:
- Interaktive Videos mit ILIAS erstellen
- Screencastings am eigenen Computer erstellen
- Den eigenen Unterricht filmen
Im August findet der 8-wöchige Kompaktkurs «Produktion eines Lernvideos» statt.
Falls Sie Fragen zu Lernvideos haben oder Unterstützung bei der Umsetzung benötigen, dann wenden Sie sich gerne ans ZLLF: email hidden; JavaScript is required. Für die Produktion des eigenen Lernvideos kann die Infrastruktur des MediaLab genutzt werden.
Fussnote
- *Schon 1984 untersuchte Salomon, wie viel Anstrengung Schulkinder in das Lernen mit Bildungssendungen im Fernsehen oder mit Texten investierten. Kinder nahmen das Fernsehen als einfaches Medium wahr und gaben sich weniger Mühe, damit zu lernen. Texte hingegen stuften sie als schwierig ein und waren bereit, sich beim Lernen mehr anzustrengen. Entsprechend besser fielen die Lernleistungen aus.
Literatur:
- Merkt, M. & Schwan, S. (2020). Lernen mit Bewegtbildern: Videos und Animationen. in: Handbuch Bildungstechnologien
- Koumi, J. (2014): Potent Pedagogic Roles for Video, Educational Media Production Training
- Hansch, A., Newman, C., Hillers, L., Shildhauer, T., McConachie, K., & Schmidt, P. (2015). Video and online learning: Critical reflections and findings from the field.
- Findeisen, Horn, Seifrid (2017). Lernen durch Videos – Empirische Befunde zur Gestaltung von Erklärvideos, In: Medienpädagogik – Zeitschrift für Theorie und Praxis der Medienbildung
- Reinmann (2015). Studientext Didaktisches Design
- ICAP Rahmenmodell von Chi und Wiley
- Perseke, M. (2020): Videos in der Lehre – Wirkungen und Nebenwirkungen. In: Niegemann,
H.; Weinberger, A. (Hrsg.): Lernen mit Bildungstechnologien. Konzeption und Einsatz digitaler
Lernumgebungen (S. 272 – 301). Berlin, Heidelberg: Springer