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Publiziert in: normal. 19 kurze Geschichten. Pendo Verlag, Zürich, 1983
1
Er verzog sein Gesicht. Die Mundwinkel nach unten, die linke Wange leicht nach oben, die Augenlieder flatterten. Sorgfältig fuhr er mit dem Lippenstift der Oberlippe nach. Dann der Unterlippe. Kleine Aufwärtsbogen an den Mundwinkeln. Ein prüfender Blick, dann ein sanftes Zurückziehen der Lippen, Hinundher-Bewegungen, ein leichtes Schmollen…gut so. Ein kleiner Fleck, hoch an der rechten Wange, Wimperntusche, ein letztes Zupfen an der Augenbraue.Fertig.
Im Wohnzimmer setzte er sich erst mal hin. Besah seine unbehaarten Beine, die grünen Zehennägel. Stand dann wieder auf, warf sich einen leichten Bademantel über, schenkte sich einen Martini ein. Nippte daran, vorsichtig, stellte das Glas dann auf den Rauchtisch. Die Gustav-Mahler-Symphonie gefiel ihm. Er drehte das Licht ab, sass im Dunkeln da, lauschte.
Irgendwann würde er es schaffen.
2
Anderntags im Geschäft, einem grossen Werbebüro, malte er sich in der Kaffeepause einen kleinen Schönheitsfleck auf die Wange. Er bedauerte, dass es Winter war. Sonst wöre er heute in offenen Sandalen im Geschäft erschienen. So dass seine grünen Zehennägel zur Geltung gekommen wären.
Der Schönheitsfleck wurde nicht beachtet. Seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hetzten wie üblich den ganzen Tag herum; Akten hier, Akten dort, wo bleiben die Unterlagen? Etc. Keine Bemerkung. Nichts.
In der Mittagspause überlegte er sich, ob er die Lippen schminken solle. Nach langem Hin und Her verwarf er aber den Gedanken. Es erschien ihm zu gewagt.Zu auffällig. Ueberhaupt, was sollte das Ganze eigentlich. Es war ohnehin besser, das Privatleben vom Geschäftsleben zu trennen. Niemand in der Firma hatte doch das Recht zu wissen, wie er privat lebte, wie er war.
3
Am gleichen Abend, nach der Verkleidungszeremonie, überkamen ihn aber wieder Zweifel. Warum nur zu Hause? Sein Recht war doch, sich so zu geben, wie er sich fühlte, wie er war. Er beschloss, es am nächsten Tag mit Lippenrot und Make-up zu versuchen. Am nächsten Morgen erschien er dann tatsächlich mit rotgeschminkten Lippen. Auch Lidschatten hatte er aufgelegt. Er ging ziemlich schnell mit gesenktem Kopf in sein Büro, vermied es, unnötig aufzusehen. Schliesslich wurde es bemerkt. Und er erntete Gelächter. Grosses Gelächter.Er hatte halt wieder mal Pech gehabt, heute war nämlich der 11. November, Fasnachtsbeginn.
Doch er spielte das Spielchen mit. Begann auch, sich wieder sicherer zu bewegen. Wurde von Kolleginnen und Kollegen für sein gekonnt feminines Auftreten gerühmt. Wurde auch gefragt, an was für ein Fest er gehe und wer ihn geschminkt habe. Er erfand irgendetwas, fühlte sich aber schlecht bei der Sache.
4
Am Abend sass er wieder in seiner Wohnung herum. Ungeschminkt. Die Schminksachen waren ordentlich verräumt. Seine Frau, die morgen aus ihren Ferien zurückkommen würde, wird nichts merken.
Morgen würde er wieder der ganz normale Enddreissiger sein. Sich lichtendes Haar, grauer Anzug, kleiner Bauch. Vorliebe für Lamm-Koteletts, Fussball und Stammtisch am Donnerstag Abend.
Er hatte es versucht und nicht geschafft.
5
Sie schaffen es nie.