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Meir Shalev, Aller Anfang. Die erste Liebe, das erste Lachen, der erste Traum und andere erste Male in der Bibel
Buch des Monats Juli 2010
Es liegt natürlich nahe, bei der Besprechung von Meir Shalevs Buch darauf einzugehen, dass er nach dem ersten Mal sucht, bei dem ein bestimmtes Wort in der Bibel auftaucht: die erste Liebe, der erste Traum, der erste König, das erste Weinen, die ersten Spione, das erste Tier, die erste Liebende, der erste Prophet, das erste Lachen, der erste Hass, das erste Gesetz. Denn das tut er ja auch und kommt mitunter zu überraschenden Erkenntnissen, die er selbst im Vorwort formuliert. «Der erste Tod der Bibel beispielsweise ist kein natürlicher Tod, Das erste Weinen ist weder das eines Neugeborenen noch das trauernder Eltern, die ein Kind verloren haben, noch das Weinen eines unglücklich Liebenden. Den ersten Traum träumt keine grosse Gestalt der Nationalgeschichte, sondern ein recht unbedeutender Philisterkönig» (S. 7) etc.
Aber das erste Mal herauszufinden, das ist selbst nur der Anfang. Denn anschliessend folgt Shalev diesem Wort bzw. Thema durch die entsprecende Geschichte und weiter durch die ganze Bibel. Er liest synchron und fragt nach den Veränderungen, die das Wort/Thema im Laufe der Bibel durchmacht und nach seinen Auswirkungen auf die beteiligten Personen. Er entwickelt daraus eine Art biblischer Theologie. Und er stellt auch Beziehungen über die Kapitelgrenzen hinweg her. Es entsteht ein ganzes Netzwerk biblischer Themen.
Im ersten Kapitel, «die erste Liebe» etwa, taucht das entsprechende Wort erst im 22. Kapitel des Buches Genesis auf. Die erste Liebe ist die Liebe eines Vaters zu seinem Sohn und im gleichen Satz, in dem von der Liebe Abrahams zu seinem Sohn Isaak die Rede ist, wird der Vater auch aufgefordert, diesen Sohn, seinen einzigen, den er liebt, zu opfern. Shalevs Meinung nach soll die Geschichte «nicht den Menschenopferkult bekämpfen, sondern zeigen, auf welch finstere Abwege der Gehorsam den gehorsamsten Gläubigen in der Bibel führte» (S. 16). Isaak ist das Opfer dieses finsteren Gehorsams und Shalev erkennt in Gen 22 einen radikalen Bruch in der Beziehung Isaaks zu seinem Vater Abraham, wiederum durch die fortlaufende synchrone Lektüre der Bibel: «Vom Tag der Opferung bis zu Abrahams Tod, viele Jahre später, finden wir die beiden kein einziges Mal mehr «miteinander» ... Isaak mied seinen Vater bis zu dessen Tod» (22). Shalev liest genau, wortgetreu und entdeckt so auch den Bruch zwischen Abraham und seiner Frau Sara. «Auch Sara finden wir künftig nicht mehr bei Abraham ... Die Bibel erzählt: «Abraham kam, um die Totenklage über sie zu halten ...». Er war also nicht bei ihr gewesen» (23). Und schliesslich entdeckt er noch einen weiteren Bruch: «Nach Isaaks Opferung hört man nichts mehr von Treffen und Gesprächen zwischen Abraham und seinem Gott ... Gott erschien Abraham künftig nicht wieder ... und Abraham rief ihn nicht an und suchte nicht seine Nähe ... Und wer weiss, vielleicht hatte auch Gott seine Nachgedanken. Vielleicht reute ihn, was er getan hatte, vielleicht hatte er kein Interesse mehr an einem solchen Gläubigen und einem solchen Glauben» (24). Shalev ist kein Freund von der Art des Glaubens, die von Abraham erzählt wird. Aber er bleibt ihm insofern treu, dass er seine Geschichte weiterliest und als von Abrahams Ehe mit Ketura die Rede ist (Gen 25) bemerkt Shalev «Jetzt, da Gott schweigt, Sara tot ist und Isaak sich mit seinr Liebe zu Rebekka getröstet hat, kümmert Abraham sich endlich auch um sein eigenes Wohl. Er ist ein aktiver und höchst fruchtbarer Greis geworden» (37).
Seine Suche nach den ersten Träumen in der Bibel führt Shalev schliesslich zu Jakob. Und von ihm aus wirft er dann noch einmal einen Blick zurück auf Abraham und die gesamte Vorgeschichte. Denn Jakob geht nach seinem Traum von der Himmelsleiter ganz anders mit Gott um als Abraham zuvor. Er stellt in kühnen Worten Forderungen für seinen Glauben (Gen 28). Und Shalev versetzt sich in Gott. «Zu Gottes Gunsten sei gesagt, dass er Jakobs kühne Worte bei aller Überraschung nicht mit einem Donnerwetter quittierte. Er hat, meine ich, nach dem ersten Schock sogar einige Sympathie für ihn empfunden. Bisher kannte er dumme und kindische Gläubige wie Adam und Eva, beleidigte und mörderische wie Kain, gerechte und gehorsame wie Noah und Abraham, unverfrorene wie die Erbauer des Turms zu Babel, böse und sündige wie die Generation der Sintflut und die Einwohner Sodoms – und plötzlich solch ein skeptischer und anspruchsvoller Gläubiger, der ganz anders tickte, dreist beinahe, aber doch so kühn und originell und interessant» (51). Den Gläubigen nach dem Modell Jakob gehört Shalevs Sympathie.
Immer wieder bringt Shalev für seine Auslegungen auch die Tradition der jüdischen Gelehrten ins Spiel. Er spricht mit im Gespräch der Weisen. Dabei bringt er sich als genauer Leser ein – und als Schriftsteller. Er als Schriftsteller wirft immer wieder einen ganz besonderen Blick auf die Schrifsteller, die die biblischen Geschichten gestaltet haben.
Bei seiner Suche nach den ersten Malen bestimmter Motive in der Bibel und von dort aus nach ihren weiteren Vorkommen, stellt Shalev auch fest, was dabei in der Bibel nicht oder nur ganz selten vorkommt. So gibt es in der Bibel nur drei liebende Frauen, Rebekka, Ruth und Michal. Und nur eine einzige dieser Frauen liebt einen Mann. Es ist Michal, die David liebt. Wiedergeliebt wurde sie von ihm nicht. Dafür wohl von einem anderen Mann, Paltiel, dessen Geschichte Shalev im Kapitel über das erste Weinen beschreibt. Von ihm berichtet die Bibel nur in einem einzigen Vers. Er ging weinend hinter Michal her, heisst es in 2 Sam 3. «Ein ganzer Roman verbirgt sich hier, eingebunden in einen einzigen Vers, und wenn ein Leser mit Herz ihn liest, öffnet er seine Seiten» (144). Meir Shalev ist ein solcher Leser mit Herz.
Shalev entdeckt mit seiner synchronen Suche nach bestimmten Worten viele unbekannte Geschichten und Personen der Bibel, wie im Falle Paltiels. Oftmals entdeckt er aber auch gerade die bekanntesten Geschichten und Personen, die Abrahams- und Jakobsgeschichte haben wir bereits gesehen, auch die Josefs und die Davidsgeschichte nehmen einen grossen Raum ein. Der besondere synchrone Blick, den Shalev auf diese altbekannten Geschichten wirft, entlockt ihnen aber ganz neue, bisher nicht gesehene Bedeutungen. So auch im letzten Kapitel des Buches, wo es um das erste Gesetz und die Gesetze der Bibel, insbesondere den Glauben an nur einen einzigen Gott geht. Shalev betrachtet dieses Gesetz wieder, indem er sich in Gott und die Menschen einfühlt. «Für ihn scheint der Monotheismus eine einzige Not zu sein. Vielleicht ist er das Grausamste, was seine Gläubigen ihm angetan haben ... Gott hat uns aus dem Paradies vertrieben und zu einem Leben der Arbeit und des Schmerzes veurteilt, aber wir haben den Monotheismus erfunden und ihn zu einem Leben in Einsamkeit und Kinderlosigkeit verurteilt ... Wir haben uns einen einsamen Gott geschaffen, damit er sich nur mit uns befasst» (364-367).
Shalev Buch «Aller Anfang» ist leicht zu lesen, beschenkt mit unerwarteten Funden und geistreichen Formulierungen. Es fordert aber auch heraus, den eigenen Glauben neu zu bedenken. Unbedingt lesen!!
Peter Zürn
Meir Shalev, Aller Anfang. Die erste Liebe, das erste Lachen, der erste Traum und andere erste Male in der Bibel. Diogenes Verlag Zürich 2010, 380 S., ISBN 978-3-257-06748-4, Euro 22.90 CHF 40.90