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Peter Zürn zum Evangelium am 27. Sonntag im Jahreskreis: Lk 17,5–6 (statt 5–10), SKZ 38/2010
Wieder spielt ein Baum eine Hauptrolle im Lukasevangelium. Welche diesmal?
… was in den Schriften geschrieben steht …
«Wenn euer Glaube auch nur so gross wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deiner Wurzeln aus dem Boden und pflanz dich ins Meer! Und er würde euch gehorchen» (Lk 17,6). Vielen von uns ist das Bildwort aus Mt 17,20 vertrauter: «Wenn euer Glaube auch nur so gross ist wie ein Senfkorn, dann werdet ihr zu diesem Berg sagen: Rück von hier nach dort!, und er wird wegrücken.» Im Markusevangelium heisst es: «Wenn jemand zu diesem Berg sagt: Hebe dich empor und stürz dich ins Meer!, und wenn er in seinem Herzen nicht zweifelt, sondern glaubt, dass geschieht, was er sagt, dann wird es geschehen» (Mk 11,23). Bei Markus steht diese Aussage ebenfalls im Kontext der Begegnung mit einem (Feigen-)Baum, einem, der bis zu den Wurzeln verdorrt ist (Mk 11,20). Die Bildrede vom «Berge ausreissen» ist sprichwörtlich geworden.
Lukas spricht nicht von einem Berg, sondern von einem Baum, der seinen Ort wechselt. Wie bei Markus findet er seinen neuen Ort im Meer, wird aber nicht gestürzt, sondern neu eingepflanzt. Besondere Aufmerksamkeit gilt dabei den Wurzeln («samt deiner Wurzeln»), die das Weiterleben am neuen Ort ermöglichen. Die Vulgata übersetzt «eradicare et transplantare in mare». Der Vorgang ist radikal und zugleich eine lebenserhaltende Transplantation.
Es gibt auch die Vorstellung vom Entwurzeln eines Berges, die im rabbinischen Judentum sprichwörtlich geworden ist. Wer im Lehrhaus Berge entwurzelte und sie aneinander verrieb, verstand es, alle Schwierigkeiten bei der Auslegung eines Bibeltextes durch Scharfsinn zu beseitigen. Der «Bergentwurzler» wurde geradezu zu einem bestimmten Gelehrtentypus, nämlich einem, der scharfsinnig zu disputieren verstand. Ihm gegenüber stand ein anderer Typ, der über die umfassende Kenntnis der überlieferten Tradition verfügte, aber nicht so scharfsinnig im Streit war. Diesen Typ nannte man «Sinai», nach der Vorstellung, dass nicht nur die Tora, sondern auch die gesamte Auslegungstradition dem Mose bereits am Sinai offenbart worden war. Die rabbinische Tradition hält beide Typen für wichtig.
Auch das Entwurzeln eines Baumes spielt hier eine Rolle. Bei einem Streit zwischen Rabbinen befahl Rabbi Eliezer – zur Untermauerung seiner Position – einem Johannisbrotbaum, sich mit seinen Wurzeln aus dem Erdreich loszureissen. Nach dem Talmud sagte er: «Wenn die Halakha (die gesetzliche Bestimmung) so ist, wie ich sage, so möge dieser Johannisbrotbaum Beweis sein. Da wurde der J[ohannisbrotbaum] 100 Ellen weit von seinem Standort ausgerissen; einige sagen 400 Ellen weit» (Traktat Baba Mecia 59b. zitiert nach Strack/Billerbeck I, S. 127). Rabbi Eliezer kann sich trotz dieser wunderbaren Unterstützung nicht durchsetzen. Die anderen Rabbinen argumentieren: «Man bringt keinen Beweis von einem Johannisbrotbaum.»
Das Entwurzeln von Bergen im übertragenen Sinn gilt also als eine wirksame Form der Toraauslegung, das «reale» Entwurzeln von Bäumen als Ersatz für Argumente nicht. Ist die Rede vom eradicare et transplantare des Baumes in Lk 17 auch im übertragenen Sinn als Form der Toraauslegung zu verstehen? Transportiert die Vorstellung von einem Baum, der mit seinen Wurzeln ins Meer gepflanzt wird, eine Botschaft, die im Bild vom Berg nicht enthalten ist?
Mit Lukas im Gespräch
Von welchem Baum im Lukasevangelium die Rede ist, ist nicht eindeutig. Der griechische Ausdruck sykaminos in Lk 17,6 meint den Maulbeerbaum, einen Verwandten der Feigenbäume. In der Septuaginta bezeichnet der Ausdruck aber oftmals den Maulbeerfeigenbaum, der griechisch sykomorea (dt. Sykomore) heissen müsste. Beide Baumarten haben allerdings vieles gemeinsam. Sie waren aufgrund der Haltbarkeit ihres Holzes in biblischer Zeit begehrtes Bauholz und – das ist hier von entscheidender Bedeutung – sie sind aufgrund ihrer tiefen und starken Wurzeln nur sehr schwer auszureissen. Das verbindet sie übrigens mit dem Johannisbrotbaum. Entsprechend müssen Johannisbrot- und Maulbeer(feigen)bäume nach der rabbinischen Tradition doppelt so weit vom Brunnen des Nachbarn entfernt gehalten werden wie andere Bäume, damit ihre Wurzeln den Brunnen nicht gefährden. Ausserdem heisst es, dass ihre Wurzeln unendlich tief in die Erde eindringen. Die Rabbinen haben sich deswegen gefragt, woher die tiefen Wurzeln denn Feuchtigkeit beziehen, da das Regenwasser oftmals gar nicht so tief dringt. Die Antwort von Rabbi Chanina mit Bezug auf Jes 27,3: Alle dreissig Tage steigt einmal die Urtiefe auf und tränkt sie. Nach einer anderen Tradition reichen die Wurzeln der Bäume sogar bis zur Urtiefe hinab (nach Strack/Billerbeck II, 234).
Der Baum, der mit seinen Wurzeln die Verbindung zur Urtiefe herstellt, sich mit seinem Stamm in der Welt der Menschen befindet und mit seiner Krone bis in den Himmel reicht, ist nach Vorstellung der Bibel (und vieler anderer Kulturen) der Weltenbaum. Die Bäume in der Mitte des Gartens Eden in Gen 2 und im Zentrum des messianischen Jerusalems in Offenbarung 22 sind davon geprägt. Gen 2 und Offb 22 bilden in der christlichen Bibel gleichsam einen Rahmen aus dem Holz des Weltenbaumes um die Bibel. In Lk 17,6 ist der Weltenbaum ebenfalls sichtbar. Er wird ins Meer gepflanzt. Das Motiv des Meeres übernimmt Lukas aus dem Markusevangelium. Bei Markus symbolisiert es die feindlichen und lebensbedrohlichen Chaosmächte. An den Ufern des Sees Genezaret, des galiläischen Meeres, fanden während des Vormarsches der römischen Truppen im Jüdisch-Römischen Krieg Kampfhandlungen statt. Tausende sind in den Wassern des Meeres ertrunken. Verkörpert in den römischen Truppen, haben gleichsam die Chaosmächte, die Gott in der Schöpfung geordnet und zum Teil des Lebensraumes gemacht hatte, den Sieg davongetragen. Es ist fraglich geworden, ob das Leben als Volk Gottes und nach den Weisungen Gottes eine Zukunft hat. Dem Bild vom entwurzelten und ins Meer stürzenden Berg in Mk 11,22 spürt man das verzweifelte Ringen um den Glauben an diese Zukunft ab.
Das Lukasevangelium steht an einem anderen historischen Ort. Auch hier ist die Rede von Entwurzelung. Auch hier hat sich ein Bruch ereignet. Aber zugleich ist die Überzeugung da, dass die Wurzeln lebendig geblieben sind und der Baum einen neuen Ort zum Leben gefunden hat. Er wurzelt – ausgerechnet – im Meer, im Bereich der Chaosmächte, mitten im römischen Imperium, unter Heidinnen und Heiden. Dort wächst der Weltenbaum und hält die Schöpfung zusammen. Dort – radikal neu und doch tief verwurzelt – wird die Tora ausgelegt als Weisung zum Leben in Fülle. Vielleicht ist es kein Zufall, dass Lukas ab 17,5 die apostoloi, die Ausgesandten, ins Spiel bringt. Vorher in 17,1 war die Rede von mathätais, Schülerinnen und Schülern, gewesen. Es gilt Tora zu lernen, aber auch Tora weiterzugeben. Das ist das Mehr an Glauben, um das in 17,5 gebeten wird.
Peter Zürn, Theologe und Familienmann, ist Fachmitarbeiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks in Zürich.