Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03440.jsonl.gz/351

FE SchEC
Schulwissen: Ecole comme Culture
«Wissen» ist ein zentraler Begriff im Kontext von Schule und Unterricht. Die Forschungseinheit «Schulwissen : Ecole comme Culture» versteht unter «Wissen» ein Repertoire an sozial und kulturell geformten Bedeutungen, welche das bewusste Wahrnehmen übersteigen und das individuelle Handeln leiten. Wissen ist in dieser Lesart historisch bedingt und veränderungsoffen (Berger & Luckmann, 2021 [1966]). Es kann eine explizite, über Kommunikation geteilte und verhandelbare Form annehmen, die im Unterricht etwa anhand von Erklärungen einer Lehrperson sichtbar oder in Texten, Medien und Gegenständen wie Lehrmittel, Literatur oder Musikinstrumente erfassbar ist. Wissen kann darüber hinaus implizit und «schweigend» sein (Polanyi, 1985 [1966], Kraus et al., 2021), es ist nicht artikuliert oder nicht artikulierbar und kognitiv nur begrenzt oder gar nicht zugänglich. Implizite Heuristiken oder Körperwissen in der Urteils- und Entscheidungsfindung von Lehrpersonen sind hierfür Beispiele (vgl. Viehhauser, 2020). Wissen kann als Ergebnis der Herstellung von Ordnung in der Welt (Kuhn, 1976) verstanden werden. Der Fokus liegt dabei nicht auf individuellem Wissen oder Wissensbeständen, sondern auf Mustern, die diesem Wissen zugrunde liegen und die Basis dafür bieten, was im Einzelnen zum Wissensbestand werden kann (Reckwitz, 2006, S. 164). Dieser kulturwissenschaftlich fundierte Wissensbegriff ermöglicht einen mehrdimensionalen Blick auf das Wissen, das in der Forschungseinheit programmatisch auf schulisches Wissen fokussiert wird.
Was das explizite Wissen im Zusammenhang von Schule und Unterricht anbelangt, wird insbesondere das im Fachunterricht konstituierte spezifische Schulwissen in das Blickfeld gerückt (Knoblauch, 2013). Das Interesse für die impliziten Dimensionen des Schulwissens wiederum richtet sich auf das Unterrichtshandeln als Ausdruck von den diesem zugrundeliegenden Wissensordnungen. Die Frage, inwiefern sich in diesem Spannungsfeld von explizitem und implizitem Wissen, von Möglichem und Gegebenem ein spezifisches schulisches Wissen konstituiert, bildet die zentrale Problemstellung des Forschungsprogramms.
Die kulturwissenschaftlich entfaltete Konzeption des Wissens beinhaltet im schulischen Kontext grundlegend auch die Problematik der Normativität. Als staatliche Institution ist die Schule demokratischen Prozessen verpflichtet und bildet einen sozialen und kulturellen Lebensraum, der von verschiedenen Wissensordnungen und von spezifisch geprägten normativen Ordnungen durchzogen ist. Normativität betrifft als implizites Wissen die Entscheidungen darüber, was als Wissen in der Schule Anerkennung finden kann. In Form expliziten Wissens bestimmen Normen und Werte, welches Wissen in der Schule erwünscht, geduldet oder sanktioniert wird. Sichtbar wird Normativität beispielsweise in Schulgesetzen, Lehrplänen, Regeln oder Konflikten. Auch Normativität ist sozial und kulturell konstituiert, insofern Normen und Werte von einer Gemeinschaft anerkannt und durchgesetzt werden, auch wenn Normen in der Regel ein universeller Anspruch inhärent ist (Willaschek, 2021). Normen stellen insbesondere in ihrer performativen Dimension eine entscheidende Herausforderung dar, sobald sich die Frage der Anerkennung gleicher Rechte als Prinzip einer demokratischen Gesellschaft und damit auch der Schule stellt (Butler, 1994). Diese Perspektive schliesst die kritische Fragen mit ein, welches Wissen sowie, im Butlerschen Sinn, welche Subjekte im schulischen Kontext anerkennbar sind und Legitimität geniessen.
Die skizzierte pragmatische Perspektive (Brandom, 1994) in Bezug auf Normativität definiert eine Beziehung zum Wissen, die sich durch ständige Aushandlungsprozesse durch Akteur·innen auszeichnet. Dabei blickt die Forschungseinheit auch auf Widerstandspraktiken – taktische Manöver im Sinne de Certeaus (1980) – von Lehrpersonen und Schüler·innen. Normen und Werte werden nicht einfach befolgt oder angewendet. Die Schule ist vielmehr als ein spezifischer, kultureller Raum der Aushandlung zu betrachten, in dem die Gemeinschaft durch eine Reihe von Vorgaben in Form von Normen, Werten und erklärten Zielen bestimmt wird, die insbesondere die Möglichkeit einer egalitären Bildung in Frage stellen (Heinzen, 2017).
Schwerpunkte des Forschungsprogramms
Für das Forschungsprogramm 2022-26 hat sich die Forschungseinheit die folgenden vier Schwerpunkte gesetzt, die eng miteinander verwoben sind:
- Praktiken im Unterricht: Dieser Schwerpunkt stellt Praktiken im Fachunterricht ins Zentrum. Es wird davon ausgegangen, dass implizite Wissensordnungen über die Praktiken erschliessbar sind. Mittels Praktiken (z.B. von Lehrpersonen und Schüler·innen) wird intersubjektiver Sinn geordnet und die Wirklichkeit damit erfahrbar gemacht. Hierzu wird der Fachunterricht in der Volksschule, aber auch die fachdidaktische Lehre an Pädagogischen Hochschulen in den Blick genommen. Die Projekte in den nächsten vier Jahren fokussieren auf den Hochschulunterricht in Musikdidaktik sowie die Schulfächer Deutsch (mit Fokus Literaturunterricht) und Natur-Mensch-Gesellschaft (NMG inkl. RZG und ERG; mit Fokus auf politische Bildung, Geschichte, Religionskunde und Ethik).
- Vorstellungen mit Bezug zum Fachunterricht: Dieser Schwerpunkt nimmt Wissensbestände sowie Wissensordnungen und normative Ordnungen von Lehrpersonen, Schüler·innen und Studierenden in den Blick, die in engem Bezug zum Fachunterricht stehen. Vorstellungen – als Aspekt impliziten Wissens – verstehen wir für Unterricht als konstitutiv. Im Unterricht wirken sie aufeinander ein. Dabei fokussieren die Projekte in den nächsten vier Jahren auf den Unterricht in NMG (inkl. RZG und ERG), insbesondere politische Bildung und Religionskunde. Die Projekte erkunden, inwiefern Vorstellungen der Akteur·innen aufeinander einwirken und prüfen, wie diese Vorstellungen in die Reflexion fachdidaktischer Theoriebildung einfliessen.
- Berufsethik: Dieser Schwerpunkt geht vom Handeln von Lehrpersonen aus und beschäftigt sich vertieft mit den normativen Aspekten von Handlungen, Verhaltensweisen und Entscheidungsfindungen von Lehrpersonen. Lehrpersonen stehen dabei in einem Spannungsfeld mit dem rechtlichen Rahmen der Schule (Bundesverfassung, Schulgesetze, Lehrpläne), bildungspolitischen Forderungen und sozialer Erwünschtheit. Die Berufsethik stellt ein Untersuchungsfeld dar, in dem philosophische Konzepte und konkrete Probleme eng miteinander verflochten und Innovationen gefordert sind, um die zunehmende Nachfrage der Akteur·innen in pädagogischen Feldern nach Tools zu befriedigen. In diesem Schwerpunkt sind Entwicklungsprojekte angesiedelt, die die diskursiven Kompetenzen von Lehrpersonen stärken und sie damit professionalisieren. In den nächsten vier Jahren fokussieren Projekte auf die Erforschung der gelebten ethischen Vielfalt und deren Übereinstimmung mit den Annahmen, die den normativen Rahmen der Schule bilden.
- Unterrichtsmittel: Dieser Schwerpunkt stellt die Unterrichtmaterialien (z.B. Lehrmittel, Bücher) und Gegenstände ins Zentrum. Sie werden als Teil von Wissensordnungen verstanden und sind immer auch in öffentliche Diskurse eingebettet. In den nächsten vier Jahren fokussieren sich die Projekte darauf, bestehende Materialien daraufhin zu prüfen, inwieweit sie für einen geschlechtersensiblen und rassismuskritischen Unterricht geeignet sind. Auf dieser Grundlage werden Modellierungen für den Fachunterricht vorgeschlagen, welche Diskursivität und damit Teilhabe von Schüler·innen an der Aushandlung von Wissen, Werten und Normen ermöglichen und fördern.
Die Forschungseinheit Schulwissen: Ecole comme Culture (SchEC) interessiert sich insbesondere für das im Fachunterricht konstituierte spezifische Schulwissen, die Problematik der Normativität im schulischen Kontext und die ständigen Aushandlungsprozesse durch Akteur·innen der Scule.
Ordentliche Professorin und Leiterin der FE SchEC
<email-pii>