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Er kam 1850 als dreizehntes Kind einer Schweizer Bauernfamilie auf die Welt. Was dachte die fromme Mutter wohl, als sie ihren Jüngsten auf den heidnischen Namen taufen ließ? Ahnte sie etwas von seinem zukünftigen Triumphzug? Wir werden es nie erfahren.
Kinderjahre im Wallis
Die Eheleute, Anton und Kreszentia, gehörten zu den alteingesessenen katholischen Familien in Niederwald, die nicht nur gute Bauern stellten, sondern auch in künstlerischen Berufen tätig waren. Ihre nahen Verwandten verschönerten die Gotteshäuser in der Gegend mit Altarbildern und Kruzifixen.
Die Familie von Cäsar war nicht bedürftig – es gab das ganze Jahr durch genug Nahrung und im Winter warme Kleider für alle. Das stattliche Bauernhaus mit den kleinen, niedrigen Zimmern erbten sie von den Vorfahren, man ass, was die Viehwirtschaft und der Garten hergaben, und in schwierigen Zeiten, wie im Kindbett oder bei Krankheiten, half die Verwandtschaft aus. So verlangten es die Sitten im oberen Rhone-Tal des Kantons Wallis, so konnte der Bauernstand auf dem kargen Boden überleben.
Die Schule dauerte für die Dorfkinder sechs Monate; vom Frühling an mussten sie hart arbeiten, die Älteren auf dem Feld und im Stall, die Jüngeren bei den Kleintieren. Eine andere Ausbildung für ihre Nachkommen kam den Eltern selten in den Sinn; einen Jungen in die Lehre zu schicken hätte die knappen Einnahmen geschmälert.
Cäsar sollte jedoch die Möglichkeit haben aufzusteigen; so hoffte es wenigstens die Mutter, die ihr jüngstes Kind von der harten Bauernarbeit verschonen wollte. Ein höherer Beruf, natürlich im Wirkungsfeld der Kirche, das war ihr Wunsch gewesen: Ein Holzschnitzer, Altarbildmaler oder sogar Priester, wenn er einen hellen Verstand besässe!
Zuallererst sollte der Junge eine gute Schule in der nächsten Stadt besuchen. Kost und Logis bei einem Meister, der eventuell sein handwerkliches Talent erwecken und fördern könnte, waren auch erforderlich. Sie redete ihrem Ehemann unentwegt zu, und ihre Argumente fruchteten – er gab nach. Ein Kunstschlosser in Sitten erklärte sich bereit, den zwölfjährigen Buben zu sich zu nehmen – so konnte Cäsar bald die Ausbildung antreten, die ihn aus dem bäuerlichen Stand hinausführen sollte.
Pleiten und Pannen
Nun, die Zeit verging und die Eltern hörten keine guten Nachrichten aus der Stadt. Nach drei Jahren waren die Träume der Mutter verflogen, dass Cäsar für die Wissenschaft, die Religion oder für irgendwelches Handwerk Veranlagung gehabt hätte. Auch der Vater verlor die Geduld und fand, dass ein Fünfzehnjähriger sein tägliches Brot schon selbst verdienen müsste – er holte den Jungen aus Sitten ab und brachte ihn kurzentschlossen nach Brig zu einem Wirt, mit der Bitte, seinen Sohn im Hotelgewerbe auszubilden. Das Lehrgeld, was er diesmal zahlte, sei das letzte finanzielle Opfer der Familie, teilte er dem Filius mit.
Cäsar wurde im Gasthof als Gehilfe überall eingesetzt, wo es Arbeit gab – er machte jedoch ebendiese Arbeiten so lustlos und ungeschickt, dass der Patron ihn bald auf die Strasse setzte. Nach Hause reisen wollte er nicht – die Vorwürfe des Vaters waren leicht vorstellbar. Er schaute sich lieber selbst nach einer Verdienstmöglichkeit in der Stadt um und wurde fündig: Das Briger Priesterkollegium suchte gerade einen Hilfsabwart für den Speisesaal. Er bekam die Stelle und strengte sich diesmal an, damit er nicht wieder auf der Strasse stehe. Nach kurzer Zeit jedoch wiederholte sich die leidige Geschichte! Die Entlassung war diesmal damit begründet, dass er die tägliche Messe nicht besuche und im Benehmen keine Frömmigkeit zeige.
Was nun? Cäsar hatte die Unverfrorenheit, sich beim besagten Kollegium gleich für eine andere offene Stelle zu bewerben, nämlich als Sakristan!
Die Herren wunderten sich und sträubten sich gewiss, eine gottlose Küchenhilfe als Messdiener in der Kirche arbeiten zu lassen. Wie das Schicksal jedoch so spielte, gab es zu der Zeit keinen anderen Kandidaten. Die Geistlichen mussten das Risiko eingehen und stellten Cäsar in der neuen Funktion wieder an – diesmal wurden sie nicht enttäuscht. Er läutete pflichtbewusst die Frühmessen ein, half vor der Liturgie den Professoren in das Messgewand und auch sonst benahm sich tadellos in jeder Lebenslage. Die guten Nachrichten aus Brig gaben der Mutter erneut Hoffnung, dass ihr Söhnchen doch noch für eine Ordenslaufbahn taugen würde. Cäsar entschied sich anders.
Der Aufbruch
Eines Tages packte er seine Holzkiste und reiste in die Stadt, die damals als der Mittelpunkt der Welt galt und eine magische Anziehungskraft auf alle jungen Menschen ausübte: Paris.
Es gab mehr als genug Arbeitsmöglichkeiten am Seine-Ufer, wenn auch nur in den unteren Chargen für jemanden, der ohne richtige Ausbildung und mit geringen Sprachkenntnissen dastand. Aber in Cäsar war ein unglaublicher Ehrgeiz erwacht: Er wollte das Gastgewerbe von Grund auf erlernen. Er fing als Schuhputzer an und arbeitete sich in verschiedenen Lokalen hoch: als Schankbursche, Hilfskellner, Kellner und Oberkellner. Am Anfang hatte er in seinem Eifer viel Geschirr zerschlagen, aber er lernte, wie kein anderer: gierig und besessen, die Gäste und ihre Wünsche ständig beobachtend. Er, der Faule und Ratlose, hatte endlich sein Ziel erkannt und war zu jedem Opfer bereit, um es zu erreichen.
Schön und gut – aber wie wird daraus ein Triumphzug? Geduld. Wir sind nicht mehr weit entfernt davon.
Meine eigene Fantasie schmückt die folgende Szene aus, die unseren Helden zu ungeahnten Höhen führen wird. Man wäre gern dabei gewesen!
Cäsar wagte es endlich, im vornehmsten Restaurant der Stadt anzuklopfen. Das ›Voisin‹ war damals der Inbegriff der Restaurant-Hochkultur, in seinen Sälen verkehrten die höchsten Kreise von Paris, Politiker, Künstler und Aristokratie gleichermassen. Unter den Gästen befanden sich Sarah Bernhardt, Emile Zola und Théophile Gautier. Demzufolge musste der Chef den jungen Schweizer, der die vollendeten Weltstadtmanieren noch nicht ganz beherrschte, ein wenig skeptisch gemustert haben. Monsieur Bellanger fragte ihn über seine Erfahrung aus und machte von vornherein klar, dass er in den geweihten Hallen wieder als Hilfskellner antreten müsste. Der Neunzehnjährige war mit allem einverstanden. Der Chef war gnädig und wollte sich auf einen Versuch einlassen. Er nahm das Personalregister, um die persönlichen Angaben des Schweizer Landburschen einzutragen.
„Votre nom, Monsieur?“
„Cäsar … Cäsar Ritz“
Wahrscheinlich erlaubte sich Bellanger angesichts des pompösen Namens und der bescheidenen Perspektiven des Jungen ein Lächeln. Er notierte seinen Vornamen in französischer Rechtschreibung – wie es bis heute geblieben ist! – und schickte ihn gleich in die Küche, um den Boden zu wischen und Gemüse zu rüsten. So musste Cäsar/César wieder einmal ganz unten anfangen.
Ein Name wird Begriff
Ritz blieben nur 33 Jahre, seinen Lebenstraum zu erfüllen, und mehr noch: ein Imperium aufzubauen. Nach der Lehre im ›Voisin‹ ging es mit seiner Karriere steil nach oben, und an seiner ersten Stelle als Hoteldirektor setzte er noch nicht da gewesene Massstäbe für die Gastwirtschaft. Das Publikum – die europäische Aristokratie und der amerikanische Geldadel – reagierte euphorisch auf den perfekten Service und den ungewohnten Luxus. Die grösste Werbung für ihn machte Escoffier, der berühmteste Koch der Welt, der fortan nur mit Ritz zusammenarbeiten wollte. Die Anfragen flogen ihm zu, gleichzeitig war er in verschiedenen Häusern tätig als Manager, Ratgeber, bald auch als Teilhaber. Was er auch anfasste wurde zu Gold, die Presse verglich ihn sogar mit König Midas! Er prägte auch die Innerschweizer Hotellerie massgebend: die besagte erste Direktorstelle wurde ihm auf der Rigi angeboten, wo er das Hotel Rigi Kulm mit grossem Erfolg führte. Darauf kam das Angebot aus dem neu erbauten Grandhotel National in Luzern. Maximilian Pfyffer, seines Zeichens Hotelier, Architekt und Generalstabschef, übertrug ihm die Leitung des ersten Luxushauses in der Stadt. Die Zimmer waren u. a. mit privaten Badewannen, elektrischem Licht, Zimmertelefonen und schönen Möbeln ausgestattet. Zusammen mit Auguste Escoffier führte er das Hotel zwischen 1878 und 1890 so erfolgreich, dass zahlungskräftige Gäste aus ganz Europa in Scharen kamen. Unterdessen entstanden unter seiner Aufsicht Häuser in London, Rom, New York, Budapest und Kairo, nicht zu sprechen von seinem Lieblingskind, dem Hôtel Ritz in Paris. Sein Name ist bis heute ein Gütezeichen ersten Ranges und bürgt für höchste Qualität.
1986 wurde eine neue gegründete Hotelfachschule nach ihm benannt, das Hôtelier César Ritz in Le Bouveret, das spätere César Ritz Colleges Switzerland.
Mit 52 Jahren war er schon eine Legende – und ein gebrochener Mann. Die ungeheuerlichen Anspannungen und ständiges Reisen führten zu einem Nervenzusammenbruch. César Ritz, „le Roi des hôteliers, l`hôtelier des Rois“ konnte nicht mehr arbeiten – lebte aber noch 16 Jahre, immer tiefer in Depression und geistige Umnachtung versinkend. Seine Frau Marie-Louise Ritz verstarb erst am 8. Januar 1961 im Alter von 93 Jahren. Auf ihren Wunsch hin wurde sie zusammen mit ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn am 14. Januar 1961 an seinem Geburtsort in Niederwald beigesetzt.
César Ritz – sein Platz in der Hotelgeschichte ist gesichert. Ganz, ganz oben.
Kleine Fotodiashow zum Essay von Anna Rybinski
Text: www.annarybinski.ch
Fotos. Homepage Ritz Paris https://www.ritzparis.com/
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