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Sibylle Ehrismann, Zürichsee-Zeitung (08.09.2007)
Das Opernhaus Zürich startet die Saison wie üblich am Stadttheater Winterthur. Das gewählte Stück, Paisiellos «Barbiere», ist im Laufe der Zeit von Rossinis «Barbiere» gänzlich verdrängt worden.
Weil praktisch das ganze Opernhaus-Ensemble zurzeit in Japan weilt, sprang die junge Garde in die Bresche. Sie machte aus Paisiellos erfolgreicher Buffa «Barbiere di Siviglia» in der subtilen Regie von Cesare Lievi ein quicklebendiges Stück Oper. Das Orchester des Musikkollegiums Winterthur stand unter der Leitung von Zsolt Hamar.
Giovanni Paisiello (1740-1816) war zu Lebzeiten nicht nur in Italien ein erfolgreicher und geschätzter Opernkomponist. 1776 nahm er die Berufung von Katharina der Grossen an den Hof von St. Petersburg an und komponierte hier auch seinen «Barbiere». Das Erfolgsstück ging um die Welt, es erlebte Aufführungen in englischer, französischer, deutscher, schwedischer und russischer Sprache. Als dann Rossini seine Version der bekannten Geschichte vorstellte, fiel sein «Barbiere di Siviglia» hochkant durch. Rossinis Uraufführung wurde, da man Paisiellos «Barbiere» liebte, zu einem eklatanten Misserfolg.
Heimspiel von Ruben Drole
Die Begegnung mit einem so bekannten Stoff in anderem Gewand hat etwas besonders Reizvolles. Das Theater Winterthur konnte jedenfalls 350 Karten über die Abonnemente hinaus verkaufen, eine kleine Sensation. Kommt dazu, dass mit dem jungen Spiel-Bariton Ruben Drole ein Winterthurer als Figaro auf der Bühne stand. Ihm und den beiden aus Mexiko stammenden Nachwuchshoffnungen Rebeca Olvera (Rosina) und Javier Camarena (Conte d'Almaviva) - alles Opernstudio-Absolventen und erst seit kurzem im Ensemble des Opernhauses Zürich - gelang eine anrührende, witzig heitere und erfrischend jugendliche Inszenierung. Das Stück von Paisiello ist deutlich komplexer als der «Barbiere» von Rossini, der Komponist hält sich strikte an die Theatervorlage von Beaumarchais. Das hat auch musikalische Konsequenzen. Paisiello steigert die Musik langsam, aber kontinuierlich in immer verstricktere und verzwacktere Gefilde. Die Charaktere sind feinfühlig und humorvoll porträtiert, die Dramatik gewinnt im zweiten Teil an Tempo und Dynamik. Das Orchester des Musikkollegiums Winterthur wirkte zu Beginn noch etwas schwerfällig, Zsolt Hamar forderte jedoch bis zum Schluss feine Detailarbeit mit klanglichen Nuancen und musikalisch aufblühenden Bläserkantilenen.
Zwischen gestern und heute
Auch wenn es am Premierenabend noch ein paar Koordinationsprobleme mit den Sängern gab, der feine Humor Paisiellos steckte auch die Orchestermusiker an. Regisseur Cesare Lievi ist das Paradestück gelungen, die naiv heitere Geschichte von anno dazumal mit modernen Mitteln geschickt zu brechen. So zeigt etwa Figaro, wenn er von seinen erfolglosen Künstlerreisen erzählt, Lichtbilder von den verschiedenen Orten auf einer Leinwand, die er genau im Rhythmus der Musik wechselt. Eine kluge, intensive Lichtregie (Hans Rudolf Kunz), die den Bühnenprospekt in stimmige Farben taucht, verbreitet Atmosphäre in dieser durchwegs weiss gehaltenen Bühne von Csaba Antal. Sie besteht aus zwei hohen weissen Wänden, die von Plastikrosen übersät sind. Sie können je nach Enge oder Weite, die Rosina empfindet, verstellt werden.
Der schwarze Flügel, den Figaro mitbringt, dient ebenfalls in jeder Situation: Ein kleiner Tisch herausgezogen, und schon kann Rosina einen Brief schreiben. Der Barbiere hat seinen Rasierschaum im Flügel versorgt, und Don Basilio sucht darin seine Dokumente. In dem Moment aber, in dem der Conte sich als Rosinas Klavierlehrer einschleicht, spiegeln sich lauter rote Rosen im geöffneten Flügel, ja sogar die Tastatur ist voller Rosen. In diesem lichten Ambiente gewann die Musik an eigentümlicher Plastizität. Anrührend die Auftrittsarie des gescheiterten Künstlers Figaro, in welcher sich Ruben Drole stil- und spielsicher vorstellte. Die Rosina von Rebeca Olvera ist alles andere als ein armes missbrauchtes Mündel. Ohne zu übertreiben wusste sie mit Temperament und quirligem Spiel eindrücklich zwischen Wutausbruch und Liebesgeplänkel hin und her zu pendeln, mit glockenrein intonierender heller Stimme, die auch dem dramatischen Zug im zweiten Teil mühelos standhielt.
Musik, für die Liebe geschrieben
Im Liebesduett mit dem Grafen Almaviva, dem Javier Camarena eine überraschend agile, in den Zwischentönen deutlich reicher gewordene Stimme verlieh, kam die echte Süsse von Paisiellos Musik zum Tragen. Von der älteren Garde sorgten Paolo Rumetz als Bartolo und Giuseppe Scorsin als lächerlicher Don Basilio für markante Rollenprofile. Sie alle schienen sich in den gut passenden, farbig modernisierten Commedia- dell'arte-Kostümen von Marina Luxardo besonders wohl zu fühlen.