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Dem Begriff Energie begegnen wir im Zusammenhang mit Essen, Spiritualität oder Physik. Doch was ist Energie eigentlich? Mit dem Energiespezialisten Prof. Alexander Wokaun und dem Buddhisten Helmut Gassner wollen wir uns diesem Begriff von zwei verschiedenen Seiten nähern.
Entsprechend der Formel E=mc2 sind Masse und Energie zwei Seiten einer
Medaille. Doch während Masse direkt durch unsere Sinne erfahrbar ist,
verhält sich die Energie oft weniger unmittelbar.
Der Begriff Energie leitet sich aus dem Griechischen von en = in, innen
und ergon = Werk, Wirken ab. Somit bedeutet er eine den Objekten
innewohnende Wirksamkeit. Diese Definition orientiert sich am
Energiebegriff Aristoteles’, für den Energie die «Wirksamkeit»
bedeutete, die dem bloss «Möglichen zur Wirklichkeit verhilft».
Naturwissenschaftliche Definition von Laurent Kerbage mit Inputs von Prof. Alexander Wokaun
«Energie ist die Fähigkeit eines Systems, Arbeit zu leisten». Als
Erhaltungsgrösse bleibt sie in einem geschlossenen System konstant. So
kann Energie weder erzeugt noch vernichtet werden. Sie kann jedoch von
einer Form in eine andere umgewandelt werden, wie dies z.B. beim
Antreiben einer Turbine in einem Wasserkraftwerk geschieht, wo
potentielle (Lage-) über kinetische (Bewegungs-) schliesslich in
elektrische Energie umgewandelt wird.
DIE «GRUNDENERGIEFORMEN»
I Mechanische Energie – Die Energie eines mechanischen Systems kann
immer als Summe von potenzieller und kinetischer Energie dargestellt
werden. So ist zum Beispiel die Schwingungsenergie eines Pendels die
Umwandlung von potentieller in kinetische Energie und umgekehrt.
II Thermische und innere Energie – Thermische Energie ist die Energie,
die in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes
gespeichert ist. Ein Beispiel für die Auswirkung von thermischer
Energie auf einen Stoff ist der Entzug oder die Zugabe dieser Energie
auf Wasser. Bei beiden Vorgängen ändert sich die Phase des Wassers zu
Eis oder Wasserdampf.
III Elektrische und magnetische Energie – Magnetische und elektrische
Kräfte lassen sich auf die Bewegung von elektrischen Ladungen oder den
Drehimpuls von Elementarteilchen zurückführen. Sie zeichnen sich durch
anziehende oder abstossende Kraft auf Magneten, magnetisierbare
Gegenstände und strom- durchflossene Leiter aus. Während sich
elektrische Ladungen räumlich trennen lassen, weist auch der kleinste
Magnet stets zwei Pole auf.
IV Bindungsenergie – Bindungsenergie ist die Energie, die frei wird,
wenn zwei Teilchen einen neuen Komplex bilden. Um beide Teilchen wieder
zu trennen, muss die Bindungsenergie wieder aufgebracht werden. Bei
einer exothermen chemischen Reaktion wird Bindungsenergie freigesetzt.
Diese «chemische Energie» der Ausgangsmaterialien wird z.B. beim
Verbrennen von Öl als Wärme freigesetzt. Diejenige Energie, die bei
einer Kernspaltung oder -fusion freigesetzt wird, beruht auf der
Bindungsenergie zwischen den Kernbausteinen.
V Materie – Masse kann gemäss der Formel E=mc2 in andere Energieformen
umgewandelt werden und umgekehrt. Demnach ist Masse ebenfalls eine
Energieform. Die Kernspaltung und die Kernfusion sind mit einer
messbaren Massenabnahme verbunden (Masse wird in Energie umgewandelt).
In der Elementarteilchenphysik wird umgekehrt die Erzeugung von
Teilchen und damit von Masse aus anderen Energieformen beobachtet!
Buddhistische Definition von Energie von Helmut Gassner
In der tibetischen Sprache finden wir kein Wort, das exakt den
westlichen Definitionen von Energie entspricht. Die beste Entsprechung
für Energie ist das Wort Lung, das üblicherweise als Wind übersetzt
wird. Die Definition von Lung lautet in der buddhistischen Philosophie
«das Bewegende». Wenn von den vier Urstoffen – Erde, Wasser, Feuer und
Wind – gesprochen wird, ist Lung das Wort für Wind. Die Bedeutung von
subtilem Lung entspricht jedoch dem Wort Energie recht gut. Versuchen
wir unter dieser Voraussetzung folgende Aussagen zu formulieren:
Es wird zwischen äusserer und innerer Energie unterschieden: Innere
Energie wird definiert als «vom Kontinuum eines Wesens erfasste
Energie». Äussere Energie ist «Energie, die nicht vom Kontinuum eines
Wesens erfasst ist».
Unter Kontinuum versteht man eine Folge von artgleichen Zuständen.
Körper und Geist sind beide Kontinua, das heisst, eine Kette von
Zuständen, die sich von einem Augenblick zum nächsten ändern, aber in
ihrer Art gleich sind. Ein Wesen ist ein Objekt, das Geist besitzt; wie
zum Beispiel Mensch und Tier. Geist (oder Bewusstsein) ist als ein
Objekt zu verstehen, das frei von materieller Existenz ist und die
Eigenschaft hat, Objekte zu erfassen, zu erkennen.
ENERGIE, MATERIE UND GEIST
Jeder Zustand unseres Geistes ist von subtiler Energie begleitet. Man
kann auch sagen, dass Geist in seiner Natur Energie ist. Jede
Veränderung im Geist wird durch diese Energie bewirkt.
Materie ist ebenfalls in ihrer Natur Energie. Das Entstehen, Bestehen
und Vergehen aller materiellen Objekte, von den kleinsten Partikeln bis
zu ganzen Galaxien, wird von Energie bewirkt. Energie sieht man als die
eigentliche Natur jeder Substanz. Das Leben eines Wesens ist der
Zustand, in dem das Kontinuum des materiellen Körpers und das Kontinuum
des immateriellen Geistes eng miteinander verbunden sind. Der Aspekt
der Energie des Geistes verbindet diese beiden artverschiedenen
Kontinua. Mit Geburt bezeichnet man den Augenblick, in dem sich das
Kontinuum des Geistes mit der ersten Körperzelle verbindet. Der Geist
und seine Energie sind dann im subtilsten Zustand. Danach entstehen
gröbere Energien, die die Entwicklung der Zellen des Körpers steuern.
Die Vorgänge des Wachsens des Körpers, seine verschiedenen Funktionen
während des Lebens, ebenso wie Altern, Tod, Zwischenzustand und Geburt
treten durch Veränderungen der Energien im Kontinuum auf. Die Anwendung
des Buddhismus zielt letztlich darauf ab, mittels Kontrolle über den
eigenen Geist auch Kontrolle über die Energien zu gewinnen und damit
vollständige Kontrolle über sein eigenes Schicksal zu erlangen.
Prof. Dr. Alexander Wokaun studierte Chemie an der ETH Zürich. Seit
1994 leitet er den Forschungsbereich «Allgemeine Energie» am PSI und
ist als Professor am Laboratorium für Technische Chemie der ETHZ tätig.
Helmut Gassner hat Elektrotechnik an der ETH Zürich studiert. Heute
lebt und arbeitet er als Mönch und Software-Entwickler im
buddhistischen Kloster und Studienzentrum Letzehof in Feldkirch.