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Könnte George Clooney eine in die Fresse hauen. Nicht weil er besser aussieht als ich. Vielmehr weil er für Nespresso Werbung macht. Das Symbol der zivilisatorischen, westlichen Dekadenz.
Versuche in der Haushaltsabteilung eines Warenhauses einer jungen Verkäuferin hinter einem eigens dafür aufgestellten Verkaufsstand klarzumachen, ich wolle keine Kaffee-, pardon, Nespresso-Maschine kaufen. Sie versucht mich seit zehn Minuten davon zu überzeugen, mein Leben würde besser werden mit Nespresso-Kapseln. Als ob sich die menschliche Individualität in der freien Wahl farbiger Kaffeekapseln manifestieren würde. Welcher Gehirnwäsche wurde das arme Ding unterzogen? «Kaffeemaschinen sind der Inbegriff westlicher Dekadenz!», schreie ich Carmen an. Ihr Name steht auf einem bronzefarbenen Schildchen an ihrer Bluse. Sie mache diesen Job nur, um ihr Wirtschafts-Studium zu finanzieren, rechtfertigt sich Carmen.
Ich bin entsetzt! Eine junge Frau muss sich im reichsten Land der Welt zur Hure von einem Grosskonzern machen, damit sie sich ihr Studium finanzieren kann. Wie krank ist das denn? Sie sei nicht krank, sagt Carmen, und sie hätte Spass an ihrem Job und ob ich vielleicht einen Kaffee möchte. Lehne dankend, aber entschieden ab. Was mich an Nespresso störe, will sie wissen. Die Umweltbelastung, erkläre ich. «Sind Sie so ein Öko-Fundi?», fragt mich Carmen und beginnt einen Vortrag über Recycling. Ich halte dagegen, es sei völlig unnötig, ein Produkt herzustellen, welches in der Produktion Unmengen von Energie verschlingt, um es danach mit noch mehr Energie zu recyceln. Nespresso verkauft jährlich acht Milliarden Kaffeekapseln. George Clooney sei Dank. Das muss man sich mal vorstellen.
Jede Minute werden weltweit 12?300 Nespressokapseln verbraucht. Unterm Strich macht das achttausend Tonnen Aluminium jährlich, die geschmolzen, verarbeitet und mit Lastwagen durch die Welt gekarrt werden. Recycling hin oder her. Rede mich in Rage. Dazu kommen die Kaffeemaschinen. Sie gehören nicht nur zu den grössten Stromfressern im Haushalt, für ihre Herstellung werden wiederum verschiedene Rohstoffe, allen voran umweltbelastendes Plastik, verarbeitet. Dabei hält Nespresso lediglich einen Marktanteil von gut 20 Prozent. Man müsste die Zahlen also mindestens noch verfünffachen.
Carmen schaut mich verwundert mit grossen Augen an. «Wenn aber niemand mehr Kaffee trinkt, dann gehen viele Arbeitsplätze verloren», gibt die junge Frau zu bedenken. «Kein Mensch hat gesagt, man soll keinen Kaffee mehr trinken!», schreie ich so laut, dass die Nespressokapseln in ihren Schachteln zittern. «Wie soll das gehen?», will Carmen wissen. Wie ich denn meinen Kaffee zubereite.
Schon mal was von einer italienischen Caffettiera gehört? Diese Kaffeekanne, in welche man unten Wasser füllt, darüber den gemahlenen Kaffee in ein Sieb gibt, den Krug daraufschraubt und das Ganze direkt auf den Herd stellt? So ein Gerät schafft man sich einmal im Leben an. Kann nichts kaputtgehen, hat keine Verschleissteile und der Kaffee schmeckt hervorragend.
Ob ich glaube, damit die Welt zu retten, fragt mich Carmen. «Es ist ein Anfang», sage ich. Und allemal besser, als auf George Clooney hereinzufallen. Der müsste eigentlich längst von Umweltaktivisten entführt und irgendwo auf der Welt versteckt werden, wo er in einem modrigen Loch tagein, tagaus mit blossen Händen Kaffee aus Kapseln kratzen müsste – what else?
Während wir uns unterhalten, geben unsere Smartphones Laute von sich. Pushmeldungen verkünden, der Schweizer Franken sei stark wie nie. Was das bedeutet, will ich von Carmen wissen. Dass jetzt alles billiger wird, erklärt mir die Wirtschafts-Studentin, ich könnte die Nespressomaschine jetzt günstiger haben, erst recht im nahen Ausland, dafür ginge die Wirtschaft den Bach runter, die Arbeitslosigkeit steige, die Zinsen kollabieren. Das Ganze könnte so schlimm werden, dass wir uns schon bald keine Nespressomaschinen mehr leisten könnten, geschweige denn die überteuerten Nespressokapseln, erklärt Carmen und bricht herzergreifend in Tränen aus.
Ich nehme sie in den Arm und versuche sie zu trösten. Wische Carmen eine Träne von der Wange und kaufe mir eine Nespressomaschine. Benutzen werde ich das verdammte Ding nie. Vielleicht hilft es aber Carmen, ihr Wirtschaftsstudium fertig – und daraus etwas – zu machen, das die Welt verbessert.