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In den achtziger Jahren produzierte sie gefeierte Protestshirts, heute setzt sie sich mit Nachdruck für nachhaltige Modefabrikation ein. Die hochdekorierte britische Designerin Katharine Hamnett hat in der Fashionwelt wenige Freundschaften, aber viele Spuren hinterlassen.
Katharine Hamnett setzt sich, zündet eine Zigarette an, beginnt zu reden und hört erst nach einer knappen Stunde wieder auf. Hamnett, 63, die britische Modedesignerin, die sich in den späten achtziger Jahren als eine der Ersten ihrer Branche um die ethisch-ökologisch nachhaltige Produktion ihrer Kollektionen zu kümmern begann, kann aus einem reichen Leben schöpfen. Aber zuerst spricht sie über die Schweiz. Hamnett mag die Schweiz, sie mag ein politisches System, das «keine Führer, sondern nur Repräsentanten wählt», sie mag die Vorstellung, dass man hier ein Referendum ergreifen kann gegen politische Entscheide zur Atomenergiefrage. «Weiter so, ihr Schweizer!», sagt sie forsch, und damit ist man bereits mitten drin in ihrem Thema, und auch wenn Katharine Hamnett sich bereits wieder über etwas anderes aufregt, diesmal über die britische Grüne Partei und ihre «lächerlichen ökologischen Standards», so hat man ihr Credo doch aufgeschnappt: Das Gute kommt von unten. Von den BürgerInnen. Den KonsumentInnen.
Protest wird «fashionable»
Woher kommt diese Überzeugung? Sicher nicht aus ihrer Erziehung, sagt Hamnett: Ihr Vater arbeitete für das Verteidigungsministerium und repräsentierte die Armee und die Rüstungsindustrie, ihre Mutter verbot ihr als Mädchen Yoga aus Angst vor kommunistischer Infiltration. Was sie aber aus ihrem Elternhaus mitnahm, war Ehrgeiz: «Während ich in London Fashion Design studierte, begannen dort die Studentenunruhen. Die 68er-Zeit. Das hat mich am Anfang eher genervt. Ich wollte studieren. Etwas lernen. Und nicht meine Zeit mit Protesten verbringen, die meine Schulzulassung gefährdeten.» Doch dann kamen die Achtziger, die Thatcher-Jahre, die soziale Ungleichheit, der Marktfundamentalismus, der Falklandkrieg, und Hamnett, die sehr schnell sehr erfolgreich Kleider entwarf, ihre Kollektionen in vierzig Ländern verkaufte und in Paris, New York und Hongkong arbeitete, bedruckte 1983 erstmals ein übergrosses Baumwollshirt mit einem politischen Slogan, in schwarzen Blockbuchstaben. «Choose Life», oder «Save the World», oder «Worldwide Nuclear Ban Now». Hamnett sympathisierte mit den ausserparlamentarischen Protestbewegungen, «aber das war alles sehr rustikal, ein paar handbemalte Banner, mit denen man durch die Strassen zog, mehr nicht. Der Politbetrieb hingegen verfügte über professionelle PR-Beratung. Ich fand: Man muss den Protest aufpolieren.» Ihn «fashionable» machen. So gerieten Hamnetts Shirts vor die Kameras der FotografInnen und Fernsehanstalten und gingen von dort um die Welt. Sie wurden sehr schnell «fashionable», aber anders, als Hamnett sich das gedacht hatte. Die Popgruppe Wham! trug sie in ihrem Hitvideo «Wake Me Up Before You Go-Go», und in Japan verkauften sich nur die englischen Originale, nicht die Übersetzungen in die Landessprache.
Zurück an den Anfang
Seither gehören diese Shirts zur Popkultur, und auch wenn sie noch weiterhin produziert werden, so hat sich Hamnett schon in den späten achtziger Jahren anderen Themen zugewandt – nicht mehr dem plakativen Protest, sondern der Ökologie und der Entwicklungshilfe. «Bis dahin hatte ich keine Ahnung, dass Kleider irgendetwas mit sozialen oder ökologischen Fragen zu tun haben», sagt sie. Bis Organisationen wie Greenpeace oder Pesticide Action Networks sie aufklärten: dass für den Baumwolleanbau weltweit am meisten Pestizide verwendet werden. Dass an den direkten Folgen der Pestizide jährlich 10 000 Menschen sterben. Und dass auf den Baumwollplantagen in Afrika und Asien die Menschen wie Sklaven gehalten werden.
Die nächsten fünfzehn Jahre versuchte Hamnett, «die Fashionszene von innen zu ändern». Sie sprach vor der Uno in New York, sie finanzierte Nachhaltigkeitsprogramme und Aufklärungsfilme. Mit frustrierendem Resultat: Nachdem ihre Fabrikanten nicht in der gewünschten Form auf umweltverträgliche und menschenwürdige Produktion umstellten, kündigte Hamnett 2004 den Grossteil ihrer Lizenzverträge und ging nochmals zurück an den Anfang. Sie entwarf eine neue Linie, «Katharine E Hamnett» – das «E» steht für eine grösstmöglich sozial- und umweltverträgliche Kollektion – und produziert seither die Kleider selbst: aus indischer Baumwolle, die zu hundert Prozent biologisch angebaut wird.
Es war ein langer Weg für Katharine Hamnett, und die einst gefeierte Designerin hat sich mit ihrem beharrlichen Kampf für korrekte Produktionsstandards in der Modewelt nicht viele Freunde gemacht. Aber Spuren hinterlassen. «Vor zwanzig, dreissig Jahren gab es ökologisch hergestellte Kleidung, aber sie war grässlich und wurde von Menschen mit grossem Herzen, aber wenig ästhetischem Bewusstsein für Mode hergestellt. Heute ist das anders. Der Anzug, die Schuhe, das Hemd, all das kann sehr ‹sophisticated› aussehen – aber aus nachhaltig produziertem Material sein. Das ist heute möglich.» Doch dafür müsse man nicht auf die Designerinnen oder die Manufakturbosse losgehen, sondern auf die KundInnen setzen. Auf Menschen, denen solche Fragen wichtig sind: Wo kommt meine Hose her? Unter welchen Bedingungen werden sie hergestellt? «Die Menschen, denen ethische Standards nicht egal sind, können sich dank des Internets heute viel einfacher austauschen. Darauf setze ich meine Hoffnung.»