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Der Sohn im Militär, die Eltern in Sorge: In seinem zweiten Spielfilm «Foxtrot» inszeniert Samuel Maoz eine griechische Tragödie auf israelischem Boden. Der Regisseur und Drehbuchautor aus Tel Aviv erlangte mit seinem Spielfilmdebüt «Lebanon» (2009) internationale Bekanntheit. Als erster israelischer Filmemacher gewann er mit dem Kriegsfilm den Goldenen Löwen der Filmfestspiele von Venedig.
SRF: «Foxtrot» ist, wie ihr erster Spielfilm, ein Kriegsdrama. Fühlen Sie sich verpflichtet, Krieg zum Thema Ihrer Filme zu machen?
Samuel Maoz: Überhaupt nicht. Nach diesen zwei Filmen kann ich getrost sagen: Ich bin fertig mit dem Militär. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich habe versucht, es laut zu sagen. Dabei gebe ich keine Antworten, sondern lege die israelische Gesellschaft auf den Operationstisch.
…um sie filmisch zu sezieren. Was haben Sie herausgefunden?
In einem einfachen und komplexen Sinn ist die israelische Gesellschaft eine traumatisierte. Unsere emotionale Erinnerung an vergangene Traumas – den Holocaust und die späteren Kriege – ist noch immer stärker als die gegenwärtige Realität.
Ich sage nicht, es gebe keine Hoffnung. Aber das Schicksal kann man nicht ändern.
Warum?
Das Trauma basiert auf dem Gefühl, dass wir in einer beständigen existenziellen Gefahr sind. Und es geht von Generation zu Generation weiter. Die Folge dieses Gefühls ist ein immerwährender Krieg. Obwohl diese existenzielle Gefahr heute nicht mehr da ist, gibt Israel noch immer lieber Geld für teure U-Boote aus, als eigene Bedürftige zu versorgen.
Was können wir von einem Tanz wie dem Foxtrott über die israelische Gesellschaft lernen?
Für die Geschichte, die ich erzähle, habe ich den Tanz wegen seinem Schrittablauf gewählt. In der Trauma-Spirale, in der sich die israelische Gesellschaft bewegt, tanzen wir den repetitiven Foxtrott. Jede Generation versucht, den Tanz anders zu tanzen, aber wir kommen immer wieder dort an, wo wir angefangen haben – wie bei der Schrittabfolge des Foxtrotts.
Das klingt resigniert.
Ich sage nicht, es gebe keine Hoffnung. Aber das Schicksal kann man nicht ändern. Nicht, weil es göttlich ist, sondern weil der traumatisierte Israeli das Wesen der israelischen Gesellschaft formt. Damit wir aus dieser Trauma-Spirale rauskommen, braucht es einen starken, mutigen Anführer, der eine Vision hat.
Braucht Israel einen neuen Tanz?
Zumindest eine Regierung, die einen grossen Schritt aus diesem Trauma-Kreis macht, in dem wir uns drehen.
Kurzkritik zu «Foxtrot»
Der Sohn leistet Militärdienst, die Eltern arbeiten in Tel Aviv. Mit einer irrtümlichen Todesmeldung schickt Regisseur Samuel Maoz seine Figuren auf eine emotionale Achterbahnfahrt, um sie später am Küchentisch lachend und weinend über das Schicksal nachdenken zu lassen.
«Foxtrot» ist eine komplex choreografierte Tragödie über Schuld und Schicksal, die nicht nur die Hauptakteure, sondern auch den Zuschauer überrascht – und ihn emotionale Pirouetten drehen lässt. In der Familiengeschichte spiegelt Maoz das Schicksal einer traumatisierten Gesellschaft, die sich im Kreis zu drehen scheint. Der cineastische Tanz kann gleichzeitig als Kritik am militärischen Gebaren Israels gelesen werden.
Ihr Film folgt einer strikten Drei-Akt-Struktur. Warum?
Aus drei Gründen. Der Film sollte wie eine griechische Tragödie aufgebaut sein, in der sich der Held gegen jegliche Hilfe stellt, und seine eigene Strafe herbeiführt. Er ist sich natürlich nicht bewusst, was seine Handlung auslösen wird. Das ist der Unterschied zwischen dem beiläufigen Zufall und dem Zufall, der aussieht, als wäre er vom Schicksal geplant.
Im Krieg wird das Reden nebensächlich.
Was waren die anderen Gründe?
Jede Sequenz sollte diejenige Figur reflektieren, die sie dominiert. Der Vater wird in seiner kühlen, die Mutter in ihrer warmen Umgebung gezeigt. Dazwischen ist der Sohn im Militär: eine Sequenz, die schweben sollte wie das Innenleben eines verträumten Künstlers.
Damit wollte ich die Zuschauer auf eine emotionale Reise schicken: Die erste Sequenz soll schockieren, die zweite hypnotisieren und die dritte berühren. Dieser emotionale Ablauf hat etwas in sich Geschlossenes. Die dreiteilige Struktur half mir, diesen Prozess zu kontrollieren.
Kontrolliert sind auch die Dialoge. Warum war Ihnen die Stille so wichtig?
Ich habe das gesprochene Wort tatsächlich als Feind angesehen. Hätte man es ganz weglassen können, ich hätte es gemacht. In einem extremen emotionalen Zustand – etwa im Krieg – wird das Reden nebensächlich. Man muss seinem Auge vertrauen, Körpersprache lesen und darum im Film der cineastischen Sprache vertrauen.
Wann wurden Sie das letzte Mal vom Schicksal geschüttelt?
Meine Tochter hat in ihrer Schulzeit oft verschlafen und den Bus zur Schule verpasst. Oft bat sie mich, ein Taxi für sie zu rufen, damit sie nicht zu spät kommt. Das hat uns ziemlich viel Geld gekostet und eines Morgens wurde ich wütend und sagte ihr, sie solle den Bus nehmen wie alle anderen auch. Damit sie es lernt.
Eine Stunde nachdem sie gegangen war, hörte ich im Radio, dass sich jemand im Bus Nummer 5, ihrer Buslinie, in die Luft gesprengt hatte. Dutzende Menschen wurden getötet. Ich versuchte sie anzurufen, aber das Netz war zusammengebrochen. Kurze Zeit später kam sie nach Hause.
Sie hatte den Bus verpasst, der explodiert war. Ich hatte die schlimmste Stunde meines Lebens. Ich fühlte mich, als hätte ich meine Tochter in den Tod geschickt.
Haben Sie diesen Schock in «Foxtrot» verarbeitet?
Das Erlebnis bildet tatsächlich den Kern des Films, und es bezieht sich auch auf das philosophische Motiv der Geschichte, auf Fragen wie: Ist das Leben das Ergebnis bedeutungsloser, chaotischer Zufälle? Oder gehört der Zufall selbst zu einem Plan? Einstein sagte: «Zufall ist Gottes Art, anonym zu bleiben». Dies ist der eleganteste Satz, den ich über «Foxtrot» sagen kann, aber ich kann es nicht. Einstein hat ihn zuerst gesagt.
Das Gespräch führte Ana Matijašević.
Kinostart: 5. April 2018