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Der «pencil test» diente im Südafrika der Apartheid dazu, festzustellen, ob «coloured people» eher der schwarzen oder der weissen Bevölkerungsgruppe zuzurechnen waren. Blieb der Bleistift im Haar stecken, deutete dies auf Schwarz hin, fiel er heraus, auf Weiss. Die drei Rapperinnen von Godessa aus Kapstadt wissen ohne «pencil test», woher sie kommen. Sie sind in den Cape Flats aufgewachsen - den Townships, die in ihrer Gesamtheit flächenmässig grösser sind als der Rest von Kapstadt. Sie haben Diskriminierung und Unterdrückung schon früh kennen gelernt. Elend, Kriminalität, Gewalt, Probleme mit Arbeitslosigkeit und Aids/HIV sind Teile ihres Alltags. Die Spoken-Word-Poetin Burni Aman (Bernadette Amansure) stammt aus Steenberg. Die Rapperin und Produzentin Eloise Jones, die sich EJ von Lyrik nennt, ist in Mitchell’s Plain aufgewachsen. Dort verbrachte auch die Rapperin und Aktivistin Shameema Williams, kurz Shame, einen Teil ihrer Kindheit.
Alle drei sind engagiert in der Jugendarbeit. Shame, Burni Aman und EJ von Lyrik pflegen einen militanten Hip-Hop-Ansatz, verbinden ihre Musik mit relevanten Texten. Sie leiten Workshops, in denen sie ihr Wissen nach dem Motto «each one teach one» weitergeben: Tanz, Theater, Raplyrics geben den Township-Jugendlichen neue Perspektiven. Ohne staatliche Unterstützung entsteht ein Skate Park, und alte Bücher bilden den Grundstock für eine Bibliothek. Ein Haus für alleinstehende Frauen soll folgen sowie ein System, das die Gründung von KMUs erleichtern soll.
Freundschaftliches Hin und Her
Im Jahr 2004 - Südafrika feierte zehn Jahre Freiheit - waren Godessa als rappende Botschafterinnen am Festival Afro-Pfingsten in Winterthur zu hören. Damals entstanden erste Kontakte zur schweizerischen Hip-Hop-Szene. Mit dem Berner Produzenten Sad nahmen Black Tiger aus Basel und Rennie von Sektion Kuchikäschtli erste Tracks mit Godessa auf. Letzten Herbst reisten die beiden Berner Rapper Greis und Pan auf Einladung von EJ von Lyrik, Burni Aman, Shame und mit Unterstützung von Pro Helvetia nach Kapstadt. Dort gaben sie Konzerte und beteiligten sich an Workshops für Jugendliche. Sie trafen sich mit Jitsvinger und Mr. Dmus vom High Voltage Entertainment, lernten Perspektif, Cross und andere Rapper und Produzenten kennen. Pan und Greis reimten auf Schweizerdeutsch und seltener auf Englisch für ein südafrikanisches Publikum, das begeistert «die Form und nicht den Inhalt bewertete», wie Greis dazu bemerkt. Gemeinsame soziale Anliegen verbinden Teile der Rapszene von Kapstadt mit jener der Schweiz. Das Projekt einer gemeinsamen CD-Produktion reifte heran, in privatem Rahmen wurden Ideen gesammelt, Beats und Reime getestet. Bevor es - je nach Gelegenheit in Bern oder Kapstadt - in ein Studio ging, wurden unzählige E-Mails und SMS getauscht sowie auf elektronischem Weg Soundfragmente getauscht und neu bewertet.
In bester Old-School-Manier
Nun sind EJ von Lyrik, Burni Aman und Shame wieder in der Schweiz. Sie und ihre einheimischen Freunde haben vor drei Wochen am Openair in Frauenfeld und im Kofmehl Solothurn gespielt und waren an der Demonstration zum Flüchtlingstag auf dem Bundesplatz in Bern.
Am Gurten-Festival wird nun ihre CD «Rogue State of Mind» von The Rogue State Alliance getauft. «Rogue State» für Schurkenstaat, «State of Mind» für Bewusstsein - ein ironischer Bruch in bester Old-School-Manier. Gegen dreissig Leute, darunter natürlich Godessa, Pan, Greis und Black Tiger, aber auch Dubmasta China von Warrior Clan Productions aus Kapstadt und Baze von Chlyklass sind in unterschiedlichsten Kombinationen an den neunzehn Takes der CD beteiligt. Eine ganze Reihe weiterer KünstlerInnen hat mitgeholfen, dass die mit minimalem Budget und viel Gratisarbeit realisierte ambitiöse CD von The Rogue State Alliance ausser grossartiger Musik auch ein liebevoll gestaltetes Booklet mit Liner Notes zu den beteiligten MusikerInnen enthält. Das Werk steht bei uns - und bald zu einem erschwinglichen Preis auch in Südafrika - in den Läden. Sein Erlös geht vollumfänglich an das Selbsthilfeprojekt Party with a Purpose Productions (PPP), zu dessen Gründungsmitgliedern Shame gehört.
Weder Alphorn noch Djembé
Die Rogue State Alliance singt, reimt und rappt auf Englisch, Afrikaans, Schweizerdeutsch und Französisch. «Pencil Test» wurde zu einem Songtitel, Godessa und Greis überzeichnen weisse und schwarze Stereotype, lassen europäische mit südafrikanischer Geschichte kollidieren. «2gether» von Mr. Dmus und Pan kommt mit brasilianischer Leichtigkeit daher, die Sprachen überlagern und ergänzen sich wie die Inhalte, sprengen die Grenzen. Die Musik ist weder südafrikanisch noch schweizerisch, einzig von der Hip-Hop-Geschichte inspiriert. Kein Ethnotouch, weder Alphorn noch Djembé, weder Township-Jive noch Jodel sind zu hören. Auf «Pacifiers» von Burni Aman und Greis sind fiktive Werbespots eingebaut, die klingen, als wären sie über einen verwehten Kurzwellensender empfangen worden; die Texte erzählen, wie Widerstand vom Mainstream institutionalisiert wird und oppositionelle Bewegungen vereinnahmt werden. «Es genügt halt nicht, ‹Das Kapital› zu lesen und ab und zu Bioprodukte zum halben Peis zu kaufen, damit sich etwas ändert», sagt Greis. Er arbeitet sich weiter in die Geschichte Südafrikas ein und damit in die Beziehungen von Schweizer Wirtschaft und Politik zum Apartheidstaat und die dabei getätigten Geschäfte. The Rogue State Alliance wird als Band zwischen Süd und Nord weiterbestehen. Da werden wohl noch einige weitere Songs auf uns zukommen, an denen weder Christoph Blocher noch Hans-Rudolf Merz ihre Freude haben werden.
The Rogue State Alliance presents: «Rogue State of Mind». Otravez / Nation Music.