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«Hähähä … hihihihi … haaatschi … haaatschi», macht der Handpuppen-Chaschperli, der hinter dem schwarzen Mantel des dicken Mannes mit den Schweineäuglein hervorlugt. Der Mann heisst Schrott und ist der Inbegriff des abgründigen und unberechenbaren Psychopathen. Die Szene spielt an einem Bach im Fürstenwald bei Chur, durch das Blätterwerk der Laubbäume dringt fahl das gefilterte Sonnenlicht. Die siebenjährige Annemarie schaut gebannt zu und fragt den Mann: «Bist du ein Zauberer?» Das kleine, blonde Mädchen weiss weder, in welcher Gefahr es sich befindet, noch, dass es vom Polizisten Dr. Matthäi als Lockvogel benutzt wird.
Erst vor 20 Minuten sind Reto (41) und ich (43) in Chur losgefahren, und schon befinden wir uns mitten im Fürstenwald — einem der Drehorte des Films «Es geschah am hellichten Tag» aus dem Jahr 1958. Gert Fröbe, der spätere James- Bond-Bösewicht Goldfinger, spielt den Psychopathen Schrott meisterlich. Seinen Gegenspieler, Dr. Matthäi, verkörpert Heinz Rühmann in einer seiner wenigen ernsten Rollen.
Wo früher Benzin getankt wurde, gibts heute Milch zu kaufen
Wir radeln aus dem Wald, fahren entlang von Wiesen und Feldern und erreichen Trimmis, wo wir unterhalb der reformierten Kirche zu einem weiteren Drehort gelangen: Hier trifft Matthäi zum ersten Mal auf die kleine Annemarie. Sie sieht den drei Mädchen sehr ähnlich, die alle auf die gleiche Weise umgebracht wurden. Sämtliche Morde geschahen entlang der Strecke von Chur nach Zürich, deshalb mietet Matthäi eine Tankstelle an der Strasse und bittet Annemarie und ihre Mutter, bei ihm zu wohnen — Annemarie soll der Köder für den Serientäter sein. Diesen zu erwischen hat Matthäi den Eltern des zuletzt ermordeten Mädchens «bei seiner Seligkeit» versprochen.
Der Weg zur Socal-Tankstelle aus dem Film führt uns von Trimmis zum Talboden hinunter. Er steht immer noch da, der Bauernhof, an dessen Front für die Dreharbeiten vom Dorfschreiner extra eine Tankstelle angebaut wurde. Heute werden hier Kürbisse feilgeboten — und statt Benzin kann man an einem Kästchen Milch frisch ab Hof «tanken». Nun radeln wir entlang des Talbodens, mal unter der Autobahn hindurch, dann entlang von gesichtslosen Industriebauten — nicht gerade idyllisch, aber typisch für die Gegend und passend zur düsteren Stimmung des Films.
Die Tardisbrücke, die bei Landquart über den Rhein führt, ist der letzte Filmschauplatz auf unserer Tour. Direkt am Brückenende steht das Haus mit dem gemalten Steinbock und der Aufschrift «Graubünden» auf der Fassade. Hier steigt Matthäi auf der Fahrt ins Bündnerland kurz aus seinem Wagen. Und hier beginnt sozusagen seine Jagd nach dem Psychopathen — ein Unterfangen, das ihn selbst beinahe in den Wahnsinn treibt. So wie es der Drehbuchautor Friedrich Dürrenmatt eigentlich gewollt und später in seiner Erzählung «Das Versprechen » auch umgesetzt hat. Doch der Film endet versöhnlicher.
Nun entfernen wir uns vom industriell geprägten Talboden und pedalen hinauf zu den Weindörfern der Bündner Herrschaft — die mit der düsteren Stimmung des Films wenig gemein haben. Bis Malans sind einige Höhenmeter auf Feldwegen zu bewältigen. Wir überqueren eine Weide mit Rindern, lassen das schmucke Malans hinter uns und nehmen den letzten Anstieg in Angriff.
Nach dem «Kistenpass» ein Glas Wein in einem «Torkel»
Der Abschnitt von Malans nach Jenins wird von Eingeweihten auch «Kistenpass » genannt. Die Bezeichnung rührt aus alten Zeiten und soll zwei Hintergründe haben: Erstens wurde damals wohl tatsächlich kistenweise Wein vom einen ins andere Dorf transportiert, und zweitens soll manch einer auf dem nächtlichen Heimweg eine alkoholbedingte, sprichwörtliche «Kiste» gehabt haben. Dazu passt auch die Bezeichnung der zahlreichen Weinkeller in dieser Gegend: «Torkel». Wobei der Name eigentlich aus dem Lateinischen kommt und «Presse» bedeutet.Die Bündner Herrschaft ist das grösste Weinbaugebiet Graubündens — unter anderem dank des günstigen Klimas mit viel Sonnenschein und dem südlichen Föhnwind, der sinnigerweise auch «Traubenkocher» genannt wird.
Von Jenins bis Fläsch befinden wir uns auf dem schönsten Abschnitt der Tour. Auf schmalen Strässchen ohne Autoverkehr führt uns der Veloweg durch die Rebberge. Links haben wir das Rheintal im Blick, rechts die Gipfel von Falknis und Vilan. Fläsch ist einen Zwischenhalt wert. Das Dorf ist 2010 vom Schweizer Heimatschutz mit dem Wakkerpreis ausgezeichnet worden und zeigt, wie man einen Ort baulich weiterentwickelt, ohne die charakteristischen Wein- und Obstgärten im Dorfkern aufzugeben. Das Schlussbouquet unserer Velotour bildet der Rheindamm nach Sargans. Obwohl uns ein strammer Wind entgegenbläst, geniessen wir die letzten Kilometer auf dem pfeilgeraden Damm entlang des rauschenden, graublauen Wassers.
MIT DEM VELO VON CHUR NACH SARGANS
An- und Rückreise: Mit Bahn nach Chur und retour ab Sargans.
Tour: Chur–Fürstenwald–Trimmis–Landquart–Malans–Jenins–Maienfeld– Fläsch–Sargans
Länge/Höhenmeter: ca. 36 km / ca. 300 m hinauf, 400 m hinunter
Schauplätze: Fürstenwald, Trimmis (unterhalb der reformierten Kirche), Bauernhof, der im Film als Tankstelle genutzt wurde (Deutsche Strasse), Tardisbrücke mit Gebäude
Dauer: reine Fahrzeit ca. 2½ Stunden
Anforderung: Durchschnittliche Kondition
Saison: Ganzjährig (solange schneefrei)
Ausrüstung: Fahrrad, Velohelm
Velomiete: Übernahme Bahnhof Chur, Rückgabe Bahnhof Sargans: bei Rent a Bike für Fr. 40.– (mit Halbtaxabo, GA und für Kinder bis 16 Jahre Fr. 35.–) pro Velo inkl. Helm: www.rentabike.ch Mehr Infos: Heidiland Tourismus, www.heidiland.com Karte: Velokarte «Sarganserland», Nr. 13, Kümmerly+Frey
Autor: Üsé Meyer
Fotograf: René Ruis