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Autorinnenforum - Kulturserver
Appetitmacherin Sandra Wöhe
Die lesbische Schriftstellerin Sandra Wöhe isst gerne Exquisites. Die diplomierte Krankenschwester und gelernte Journalistin lebt und arbeitet seit 1999 als freie Autorin in Zürich. Ihr erster Frauenroman "Lass mich deine Pizza sein" erschien 2003 beim Ulrike Helmer Verlag.
Hallo Sandra!
Was wäre das Leben ohne die Liebe, den Tod und die stärkende Wirkung von Pizza? Nein, im Ernst: In welchem Alter hast Du Lesen und Schreiben gelernt?
Sandra Wöhe: Was ich nicht weiß, macht mich heiß. Schon als Kind. Mit drei Jahren lebte ich in den Niederlanden. Dort wurde damals das Kinderprogramm im Fernsehen mit holländischem Untertitel ausgestrahlt. Jede entzifferte die Geheimschrift, nur ich nicht. Das konnte ich nicht auf mir sitzen lassen: Ich nervte meine Mutter, meine Oma und meine Tanten so lange, bis ich alle Buchstaben zusammensetzen konnte. Lesen war für mich puzzeln. Dieses Spiel mochte ich von klein auf.
Wie viele Sprachen sprichst Du?
Sandra Wöhe: Meine Muttersprache ist Niederländisch. Ich schreibe in Deutsch. In den Ferien schlage ich mich mit Englisch durch. Erzogen wurde ich malaiisch. Das heißt: Wenn ich meine Mutter oder Oma zur Weißglut brachte, dann schimpften sie auf malaiisch mit mir. Ich verstand kein Wort, wusste aber, jetzt war die Grenze erreicht. Nie haben sie mir die indonesischen Wörter übersetzt. Da half kein Flehen.
Gibt es einen Roman, den Du immer wieder mal liest?
Sandra Wöhe: Herland von Charlotte Perkins Gilman. Die Utopie über ein seit zweitausend Jahren nur von Frauen bewohntes Land, in dem Frieden, Kinderliebe und weiser Gemeinschaftssinn herrschen, fesselt mich immer wieder neu.
Dein Frauenroman heißt: "Lass mich deine Pizza sein". Was brachte dich auf den Appetit anregenden Titel?
Sandra Wöhe: Meine Verlegerin Ulrike Helmer hat ihn als Titel vorgeschlagen. Als ich über ihren Vorschlag fertig gelacht hatte, weil ich nicht glauben konnte, dass jemand so etwas erfindet, habe ich gleich zugestimmt. Das Lachen ist mir aber vergangen, als Ulrike Helmer mir sagte, es sei ein Zitat aus meinem Buch und stamme also aus meiner Feder. Es steht in meinem Roman im Zusammenhang mit Parmesan und der Liebe.
Wie steht es mit Deinen Essgewohnheiten?
Sandra Wöhe: Sehr schlecht, und das ist nur der Vorname. Ich esse genau so wie ein Mensch, um sich gesund zu ernähren, nicht essen sollte. Beispielsweise besteht mein Frühstück momentan aus einer Flasche Coca Cola Light und einer Banane. Ich hoffe, diese Phase ändert sich bald wieder.
Kochst Du selbst?
Sandra Wöhe: Seit einem Jahr nicht mehr. Für 2006 habe ich mir vorgenommen, wieder einmal in die Woche auf dem Markt zu gehen, dreimal in der Woche zu kochen und mich an meine eigenen Empfehlungen aus meinem Kochbuch für Männer zu halten. Ich esse nämlich gern, gut und gesund.
Wie entstand die Geschichte "Lass mich deine Pizza sein"?
Sandra Wöhe: Ich hatte gerade das Kochbuch für Männer beendet. Zwei Jahre hatte ich dafür Männern beim Stammtisch auf den Mund geschaut, sie beim Einkaufen beobachtet und notiert, was sie in Restaurants bestellten.
Obwohl mir das Sachbuch großen Spaß machte und ich sehr viel Neues gelernt habe, brauchte ich danach etwas völlig anderes. Also habe ich mir einfach so aus Lust an der Freude eine Geschichte über Frauen ausgedacht, daraus wurde der Roman "Lass mich deine Pizza sein".
Wie hast Du "Deinen" Verlag gefunden?
Sandra Wöhe: Ich bin ins Schema F gegangen, das ist die Lesben- und Frauenbibliothek in Zürich. Dort habe ich alle Bücher mit lesbischem Inhalt herausgesucht und deren Verlage notiert. Im Internet habe ich die Adressen herausgesucht und einen Verlag nach dem anderen angeschrieben. Nach einem Jahr hatte ich "meinen" Verlag gefunden, den Ulrike Helmer Verlag. Ich wurde wohlwollend ins Team aufgenommen und das spornte mich während des folgenden Lektorats zu Hochleistungen an.
Dein Roman verkauft sich gut. Bereits nach wenigen Monaten war die zweite Auflage in Druck. Bist Du eine Senkrechtstarterin?
Sandra Wöhe: Wow, eine Senkrechtstarterin! Was für ein schönes Wort. Mit Verlaub: Ich wäre gern eine. Wer nicht? Aber ich glaube, dazu braucht es mehr als für 15 Minuten in der Öffentlichkeit zu stehen.
Hat sich Dein Schreiben durch den Erfolg deines Romans geändert?
Sandra Wöhe: Vor der Veröffentlichung meines Romans war ich eine Hobbyschreiberin, die schrieb, wann und worauf sie Lust hatte. Ich schüttelte meine Ideen aus dem Ärmel und hielt mich an nichts, weder an Schreibzeiten oder an Stilregeln. Das hat sich geändert.
Seitdem "Lass mich deine Pizza sein" veröffentlicht ist, nehme ich z.B. Auftragsarbeiten an. Das heißt: Ich habe mich an Deadlines zu halten. Um die Termine einzuhalten, habe ich meinen Tagesablauf kasernenmäßig strukturiert.
Das liest sich jetzt einfacher als es ist, denn mein innerer Schweinehund liegt auf der Schwelle, an ihm muss ich täglich mehrmals vorbei, und der hält sich nicht gern an Regeln.
Wann küssen Dich die Musen? Eher tagsüber, lieber nachts?
Sandra Wöhe: Die Zeit darauf zu warten, dass mich die Muse inspiriert, ist leider vorbei. Immer, wenn mein Kühlschrank gefüllt ist, sitze ich am Computer und denke mir eine Geschichte aus. Der Druck steigt, wenn der Inhalt meines Kühlschranks zur Neige geht.
Im ersten Absatz Deines Buches erzählst Du einen Witz über Homosexuelle, der endet: "und was nimmt eine Lesbe zum nächsten Date mit? Einen Möbelwagen" *schmunzel* Sag, sind die Schwestern wirklich so?
Sandra Wöhe: Wenn ich mich verliebe, dann bin ich unzurechnungsfähig. Ich habe mich in meinem fast dreißigjährigen aktiven Liebesleben einmal in eine Frau verliebt, bei der ich nach der ersten gemeinsam verbrachten Nacht meine Wohnung gekündigt habe.
Es ist mir auch schon passiert, dass ich nach einer Woche im Zustand der Geistesverwirrung einen ernst gemeinten Heiratsantrag gemacht habe.
Nach einem Monat hatten wir die Heiratsdokumente zusammengestellt. Dann kam es doch anders.
In einem bin ich mir sicher, einen Heiratsantrag mache ich nie wieder, davon bin ich geheilt. Ansonsten garantiere ich für nichts während der Zeit der hormonellen Achterbahnfahrt.
Ist das richtig, dass Du Dich insgesamt, Kindheit in Holland, Schulzeit in Deutschland, bisheriges Berufsleben in der Schweiz, Richtung Süden bewegst? Und: Hast Du dabei geografisch ein bestimmtes Ziel vor Augen?
Sandra Wöhe: Ich würde gern meinen Koffer in Berlin lagern. Eine Freundin und ich suchen eine Altersresidenz in dieser Umgebung. Weil wir beide noch vor den Wechseljahren sind, lassen wir uns Zeit bei der Suche für unsere Wohngemeinschaft der Schriftstellerinnen. Wir brauchen sie auch: Wir müssen noch einige Bücher veröffentlichen, bis wir uns unser Hirngespinst auch leisten können.
Was hat Dich in die Schweiz gebracht?
Sandra Wöhe: Mit Zwanzig war ich in einen Mann verliebt. Obwohl ich ihn geliebt habe, sah ich nicht ein, warum ich ihn heiraten sollte. Nur Kinder oder ein Auslandsaufenthalt wären ein Grund, habe ich auf seinen Antrag geantwortet. Mein damaliger Gefährte, nicht auf dem Kopf gefallen, fand eine Anstellung in der Schweiz. Wir heirateten. Bald darauf ließen wir uns wieder scheiden. Ich zog nach Zürich und lernte die Frauenwelt kennen, von der ich heute noch begeistert bin.
Ich habe eine Lieblingsstelle in Deinem Roman, die geht so: "Ich sehe Menschen, die mich mit Lob und Tadel getrimmt haben wie einen Hund. Wenn ich ihre Erwartungen nicht erfüllte, fühlten sie sich betrogen, waren außer sich oder enttäuscht und drehten mir den Rücken zu. Ich habe gelernt, ihren Stimmen zu folgen, obwohl sie schon lange aus meinem Leben verschwunden sind und mich vor langer Zeit verlassen haben. Nervös zupfe ich an meinem Wonderbra."
Frage: Was wünschst Du Dir im Leben?
Sandra Wöhe: Mein Traum, einen Roman zu veröffentlichen, ist in Erfüllung gegangen. Mein nächstes Ziel ist, vom Schreiben leben zu können.
Darüber hinaus habe ich mir die Erwartungen und Wünsche an das Leben abgewöhnt. Es kommt immer anders, als ich mir es erhoffe. Zudem bin ich im Nachhinein nicht mehr so begeistert über manche Sehnsüchte, die mir erfüllt worden sind. Ich habe dafür einen Preis gezahlt, der manchmal zu hoch war.
Ich lasse mich deswegen lieber vom Leben überraschen. Dabei nehme ich mir aus seinem Strauß diejenigen Blumen, die so wunderbar riechen. Manchmal stelle ich schamlos die ganze Pracht in eine Vase.
Du hast 2004 bei in der Anthologie "Bisse und Küsse III" mitgeschrieben. Auch hier kommt der Titel aus dem Bereich Ernährung. "Gänse braten" lässt vermutlich vielen Leserinnen das Wasser im Mund zusammen laufen. Ist das Kalkül?
Sandra Wöhe: Als ich die erotische Geschichte "Gänse braten" schrieb, war Weihnachten. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich zum Fest eine Gans gekauft. So ein nacktes Federvieh. Totenblass und starr. Ehrlich gesagt, ich konnte nichts mit dem Vogel anfangen.
Meine Partnerin war mutiger. Sie band sich eine Schürze um, holte ein Kochbuch aus dem Regal, schlug die Seite über Gänse auf und bat: "Bitte lies mir Punkt für Punkt vor, was ich zu tun habe."
Gesagt, getan. Dieser Aufgabe fühlte ich mich gerade noch gewachsen. Während sie sich des Zweifüßlers annahm, beobachtete ich sie bei ihrer Tätigkeit. Völlig vertieft säuberte sie die Tierleiche unter fließendem Wasser. Das war der Moment, in dem ich dachte: Ich werde für immer dein sein.
Sechs Stunden später und lange nach Mitternacht, wir hatten die Wartezeit vor der Backröhre verbracht, fielen wir ausgehungert über die gegarte Gans her, die dazugehörige Orangensoße verschoben wir auf den nächsten Tag.
Das Erlebnis war so intensiv. Ich musste das Abenteuer abgeändert in der zu schreibenden erotischen Geschichte verbraten.
Kurz: Es war kein Kalkül, sondern ein Ereignis, an das ich in allen Einzelheiten gern zurückdenke, dabei wird mir immer noch warm ums Herz.
Was schreibst Du im Moment? Dürfen wir uns auf einen neuen Roman von Dir freuen?
Sandra Wöhe: Momentan befinde ich mich in einer Art Warteschleife. Ich warte auf die Verträge für zwei Romane und ein Hörspiel. Zudem warte ich auf die Veröffentlichung von drei Anthologien, in denen je eine Kurzgeschichte von mir steht. Obendrein warte ich auf eine Idee für einen Wettbewerb, an dem ich gern teilnehmen würde.
Während ich warte, schreibe ich an einer Familiensaga: Eine Witwe mit drei Töchtern zieht von Indonesien nach Deutschland. Wie die Geschichte enden wird, weiß ich noch nicht.
Herzlichen Dank für das Gespräch! Ich wünsche Dir Erfolg bei all Deinen Unternehmungen!
Diana, AutorInnenforum, Dezember 2005