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Architektonische Bijoux zwischen Kraftwerk und Steckdose
Architektonische Bijoux zwischen Kraftwerk und Steckdose
«Zwischen Kraftwerk und Steckdose» heisst der Titel eines Buchs von Michael Neumann, das sich mit der Architektur von Transformatorenstationen befasst. Damit ist auch die Aufgabe angesprochen, welche Transformatorenstationen erfüllen müssen: Sie sind notwendig, weil der mit dem Mittelspannungsnetz angelieferte Strom für die Verteilung an die Kunden in Niederspannung (230/400 Volt) umgewandelt werden muss. In den Unterwerken wiederum, eine Stufe näher beim Kraftwerk, wird die im überregionalen Netz verwendete Hochspannung (50/110 Kilovolt) in Mittelspannung (16/20 Kilovolt) transformiert.
Das Netz der Trafostationen ist mit dem gestiegenen Stromverbrauch kontinuierlich gewachsen, und bereits bestehende Stationen müssen bei grösserem Bedarf ausgebaut werden. Errichtung, Ersatz und Umbau von Trafostationen gehören zum jährlichen Investitionsbedarf eines Elektrizitätsunternehmens. Im Geschäftsjahr 1989/90 waren im Versorgungsgebiet der SAK nicht weniger als 82 Stationen neu zu erstellen oder umzubauen. Dabei handelte es sich um 33 Freileitungsstationen auf Betonmasten-Elementen, 24 Kabelstationen in vorfabrizierten Gebäuden und 25 Kabelstationen in Gebäuden, die an Ort erstellt wurden. Teilweise wurden bisherige Stationen ersetzt oder um- und ausgebaut. Bei den Transformatoren- und Messstationen wird mit einer Nutzungsdauer von 25 bis 35 Jahren gerechnet, und entsprechend werden die Anlagen über diesen Zeitraum abgeschrieben. 2014 umfasste das Netz der SAK 1'211 Trafostationen. 1989 waren es erst 752 gewesen. Daneben gibt es Stationen, welche den EVU oder Gross- und Industriekunden gehören.
Verschandelung der Landschaft?
Wie viele (sichtbare) Neuerungen stiessen auch die Trafostationen schon früh auf Widerstand. Heimatschutzkreise wehrten sich gegen die Trafohäuschen, die ihrer Ansicht nach die Landschaft verschandelten. Um der Kritik zu begegnen, veranstalteten die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) bereits 1909 einen Architekturwettbewerb für Transformatorentürmchen. Ziel war es, wie es in der Ausschreibung in der Schweizerischen Bauzeitung hiess, «einerseits für die architektonisch gute Gestaltung, anderseits aber auch für eine nach Preis und Bauart günstige bauliche Ausführung von kleineren Transformatorenstationen gute Lösungen zu gewinnen». Der Wettbewerb brachte 124 Vorschläge, die von einer hochkarätig zusammengesetzten Jury beurteilt wurden. «Die EKZ spielten die Hauptrolle bei der Weiterentwicklung der urtümlichen Trafozylinder, aber auch bei der Normierung und ‹Massenproduktion›», schreibt Yvonne Scheiwiller in ihrer 2013 erschienenen Publikation «Trafoturm – Turmtrafo», die sich dem Thema überwiegend aus architektonischer Sicht widmet. Mit dem vor dem Ersten Weltkrieg aufkommenden Heimatstil, so Scheiwiller, «sollte die fremde Technik mit einer ‹wohligen› Haut überzogen werden, welche ‹anheimelt› und mithilft, die moderne Technik zu akzeptieren».
Durch die technische und wirtschaftliche Entwicklung wurden die Trafostationen teilweise überflüssig. Viele ausser Betrieb gesetzte Stationen hat man in jüngster Zeit umgenutzt, zum Beispiel durch die Montage von Brut- und Nistkästen. In einem Werk von Illo-Frank Primus über «Geschichte und Gesichter der Trafostationen» in Deutschland sind Fälle aufgelistet, in denen Trafostationen in Kappellen, Glockentürme, Solarkraftwerke, E-Bike-Ladestationen, Gefallenendenkmäler, Märchentürme, Cafés, Galerien, Kunstwerke oder Hotels verwandelt wurden. Für die Schweiz vermittelt die Website Swisstrafos Informationen über Geschichte, Standorte und Bautypen. Dass die Gebäude nicht einfach abgerissen wurden, verdanken sie neben der Nostalgie wohl zu einem guten Teil auch der Tatsache, dass der Architektur bei ihrem Bau ein besonderes Augenmerk geschenkt wurde. 08:15-Bauten hätten es schwerer gehabt.
Kurt Jäger
Blitzschlag auf dem Säntis und eine Fronleichnamsprozession
Der Kanton Appenzell ist ein besonderes Terrain. Das stellte auch Kurt Jäger, Leiter Anlagenengineering, fest. Beispielsweise, weil die Freileitung von Urnäsch auf den Säntis zu den störungsintensivsten gehört oder weil man bei der Planung einen katholischen Feiertag nicht berücksichtigt hatte.
Kurt Jäger
«Als bei der SAK die digitale Prozesssteuerung eingeführt wurde und damit der Wechsel von elektromechanischen auf digitale Schutzgeräte begann, besuchten wir, um uns mit der Materie vertraut zu machen, Kurse in Deutschland. Wir lernten dabei Spezialisten aus Elektrizitätswerken kennen, die schon Erfahrung mit der neuen Technologie hatten. Sie erzählten uns, dass sie die neuen Geräte schon Jahre in Betrieb hätten, allerdings immer noch parallel zu den alten, weil bis dahin keine Ereignisse festgestellt werden konnten, die den Beleg erbrachten, dass die neuen Geräte zuverlässig funktionierten. So warteten sie jahrelang auf eine Störung, damit sie die alten Geräte endlich abbauen konnten. Wir kauften die Geräte und bauten sie als erstes im Unterwerk Urnäsch ein. Von diesem Unterwerk führt eine Freileitung über die Schwägalp zum Säntis. Fährt man zur Schwägalp hoch, sieht man von Zeit zu Zeit die Holzmasten der Leitung. Von der Schwägalp zum Säntis hinauf hängt die Leitung an Gittermasten, ähnlich wie die Tragseile der Luftseilbahn. Schon in der Vergangenheit hatten wir in dieser Leitung den Sommer über regelmässig zwei Fehlermeldungen pro Monat. Sie rührten meist von Blitzen her, die oben auf dem Berg einschlugen. Mit den neuen Schutzgeräten konnten wir nach einem Ereignis genau feststellen, wie weit entfernt sich der Fehler zugetragen hatte. Es bestätigte sich, dass sich die Störungen fast immer auf dem Gipfel ereigneten. Erst später wurde uns bewusst: Unsere Leitung hoch zum Säntis wäre für unsere Kollegen aus dem Kurs das perfekte Testterrain gewesen.
Nach Jahren erfuhr ich, dass Fachleute der Swisscom, die auf dem Säntis stationiert waren, immer ein Notstromaggregat laufen liessen, wenn sich ein Gewitter auf den Berg zubewegte. Es sollte Stromunterbrüche nach einem Blitzschlag überbrücken. Manchmal gab es nach einem Einschlag nur einen kurzen Lichtbogen, eine Störung von einer halben Sekunde, die von Laien nicht feststellbar und in der Regel auch kein Problem ist. Für Fachleute allerdings waren sie lange feststellbar: Als ich zu Hause Fernsehen noch terrestrisch empfing, gab es während starker Gewitter manchmal ein kurzes Rauschen. Da wusste ich: Auf der Säntisleitung fand eine Kurzunterbrechung statt und die Swisscom hatte es versäumt, das Notstromaggregat anzuwerfen.
Überhaupt brachte das Appenzellerland immer mal wieder besondere Momente in mein Berufsleben. So lieferte man uns aus dem Aargau einmal neue Schaltanlagen ins Unterwerk Appenzell. Wir hatten gerade den Lastkran fürs Abladen in Position gebracht, als eine Frohnleichnamsprozession an uns vorbeizog. Bei der Planung hatten wir schlicht nicht berücksichtigt, dass im katholischen Kanton Appenzell Feiertag war und in den Kantonen St.Gallen und Aargau nicht. Der Liefertermin war also alles andere als perfekt. Dass keine Reklamationen eingingen, bewies, dass man in Appenzell beide Augen zugedrückt hatte.»
Zahlen und Fakten
248
2’325 km2
380’000
2’181 Mio. kWh
7 Kraftwerke
38 Unterwerke 816
Trafostationen
ca. 3’500 km Stromnetz