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Wohnungsnot in der Schweiz: Hysterie oder Realität?
Das Thema «Wohnungsnot» ist derzeit weit verbreitet und wird viel diskutiert. Besteht in der Schweiz eine Wohnungsnot oder steuert sie darauf zu? Oder handelt es sich lediglich um eine Wohnungsknappheit? Um dies zu klären müssen die beiden Begriffe zuerst definiert werden. Was genau bedeutet Wohnungsnot und was ist der Unterschied zur Wohnungsknappheit?
Robin Wagner, 12. Februar 2024
Was bedeutet «Wohnungsnot»?
Gemäss einem aktuellen Artikel der NZZ existiert auf Bundesebene keine gesetzliche Festlegung für den Begriff «Wohnungsnot». Nur der Kanton Basel-Stadt hat den Terminus kürzlich in seinem neu verabschiedeten Gesetz zur Förderung von Wohnraum festgelegt. Eine Wohnungsnot besteht gemäss diesem Gesetz ab einem Leerwohnungsbestand (Leerwohnungsziffer)von 1.5% oder weniger. Das BWO hingegen spricht erst bei einer Leerwohnungsziffer von 1% oder weniger von einer Wohnungsnot, was aber nur einem Richtwert entspricht.¹
¹Quelle: NZZ Artikel «Wohnungsnot – mehr Wahlkampf als Tatsache» von Andrea Martel, veröffentlicht am 22.03.2023
Eine genaue schweizweite Definition des Wortes gibt es also nicht. Grundsätzlich lässt sich jedoch sagen, dass sich der Begriff Wohnungsnot auf eine akute und dringende Lage bezieht, in der Menschen Schwierigkeiten haben, angemessenen Wohnraum zu finden. Es impliziert oft eine kritische Situation, in der die Verfügbarkeit von Wohnungen nicht ausreicht, um die Bedürfnisse der Bevölkerung zu decken. In einer Situation der Wohnungsnot können Menschen obdachlos werden oder in unzumutbaren Verhältnissen leben.
Was bedeutet «Wohnungsknappheit»?
Wohnungsknappheit beschreibt generell einen Mangel an verfügbarem Wohnraum, jedoch nicht unbedingt in einem akuten oder krisenhaften Ausmaß. Es weist darauf hin, dass die Nachfrage nach Wohnungen das Angebot übersteigt, was zu einem allgemeinen Engpass führt. Dies kann verschiedene Gründe haben, wie steigende Bevölkerungszahlen, begrenzte Bautätigkeit oder unzureichende Planung.
In welcher Lage befindet sich die Schweiz?
Im Juni 2023 waren nach Angaben des Bundesamts für Statistik (BFS) insgesamt 54.765 Wohnungen unbesetzt. Dies entspricht im Vergleich zum Vorjahr einem Rückgang der Leerstandsquote um 6.731 Wohnungen. Es handelt sich um den dritten Rückgang der Leerwohnungen in Folge.
Betrachtet man die verschiedenen Angebote gibt es jedoch Unterschiede. So ist beispielsweise der Leerstand bei Mietangeboten und Neubauwohnungen gesunken, bei Eigentumswohnungen und Einfamilienhäuser jedoch gestiegen.²
²Quelle: BFS , Leerwohnungszählung 2023, Medienmitteilung: Erneuter Rückgang der Leerwohnungsziffer im Jahr 2023
Befindet sich die Schweiz in Wohnungsnot?
Gemäss dem definierten Richtwert des BWO herrscht Wohnungsnot erst dann, wenn die Leerwohnungsziffer unter 1% rutscht. In der Leerwohnungszählung vom Juni 2023 befindet sich die Schweiz jedoch bei knapp 1.15%
Obwohl es sich um den dritten Rückgang der Leerwohnungen in Folge handelt, kann man auf der untenstehenden Grafik klar erkennen, dass die Situation schon einige Male prekärer war als sie heute ist.
Natürlich ist zu beachten, dass die Situation des Wohnungsmarktes je nach Region stark variiert. In grossen Städten und Ballungszentren ist der Wohnungsmarkt meist angespannter als in ländlicheren Regionen. In der Stadt Zürich zum Beispiel beträgt die Leerwohnungsziffer gerade mal 0.06%. In der Gemeinde Martigny 7.35%.³
³Quelle: BFS , Statistischer Atlas der Schweiz: Leerwohnungsziffer 2023
FAZIT: Da es keine klare schweizweite Definition der Begriffe «Wohnungsnot» & «Wohnungsknappheit» gibt, ist die Frage, ob sich die Schweiz in einer Wohnungsnot befindet, schwierig zu beantworten. Zudem variieren die Leerwohnungsziffern von Gemeinde zu Gemeinde stark, was eine Antwort auf die Frage zusätzlich herausfordernd gestaltet, wenn man die gesamte Schweiz betrachtet.
Möchte man die Frage trotzdem über die gesamte Schweiz beantworten, so lässt sich sagen, dass die Leerwohnungsziffer sich in 2023 bei 1.15% befindet. Gemäss dem Richtwert des BFS, der besagt, dass Wohnungsnot herrscht, wenn sich die Leerwohnungsziffer unter 1% sinkt, befindet sich die Schweiz also nicht in einer Wohnungsnot. Da einzelne Gemeinde jedoch an einem starken Wohnungsmangel leiden, kann man im 2023 über eine prägnante Wohnungsknappheit sprechen, die vom Bund auf jeden Fall ernst genommen werden sollte.
EXKURS – Ist die Leerwohnungsziffer überhaupt die geeignete Kennzahl für die Messung der Wohnungsknappheit?
Im Artikel der NZZ «Wohnungsnot – mehr Wahlkampf als Tatsache» stellen Donato Scognamiglio, CEO des Immobilienberatungsunternehmens Iazi und Jurist und Immobilienexperte Urs Hausammenn die Leerwohnungsziffer als geeigneten Indikator für die Wohnungsknappheit in Frage.
Laut Scognamiglio zeigt die Kennzahl nicht die tatsächliche Wohnungsknappheit auf, sondern umfasst vor allem Wohnungen, die keiner haben möchte. Ein besser geeigneter Indikator wäre die Insertionsdauer von ausgeschriebenen Wohnungen, die man dank der Digitalisierung auch ganz einfach messen kann. Je kürzer die Insertionsdauer der Wohnungen, desto angespannter ist der Markt.
Momentan wird die Wohnungsknappheit in der Schweiz aber in der Regel immer noch von der Leerwohnungsziffer abgeleitet, was sich in Zukunft eventuell bald ändern könnte.⁴
⁴Quelle: NZZ Artikel «Wohnungsnot – mehr Wahlkampf als Tatsache» von Andrea Martel, veröffentlicht am 22.03.2023
Robin ist unser Marketing & Growth Specialist. Er kommt aus Arbon am Bodensee und ist ein richtiges Seekind. Bei emonitor ist für diverse Marketing-Aufgaben wie die Pflege und Optimierung der Website oder die Erstellung & Distribution verschiedenster Content-Pieces zuständig. In seiner Freizeit liebt er es, sein eigenes Craft Beer zu brauen und es mit Freunden zu verkosten.