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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

IV. Rede
106.
Die Sache verhält sich ― um dir in diesen Fragen ein tieferes und vollkommeneres Verständnis zu geben ― also. Wenn wir annehmen würden, es seien gewisse Worte, die durch die Sprachorgane ausgesprochen werden, in die Luft austreten und ins Ohr gelangen, göttlich und besser und vorzüglicher als unsere Worte, obwohl ich über die Ausdrücke μῶλυ, Ξάνθος, Χαλκίς [mōly, Xanthos, Chalkis] eurer ehrwürdigen Götter lachen muß1, oder wenn wir annehmen würden, die Götter verkehren miteinander durch die leeren Gedanken und Zeichen, dann käme es uns nicht zu, (solche Worte und Zeichen) auszusprechen. Unsere Anschauung ist die: Die Sprache gehört nicht nur ihren Erfindern, sondern allen, die sich ihrer bedienen; eine Kunst, ein Studium gehört, wenn du ihr Erfinder sein willst, gleichwohl nicht dem Erfinder. Gleichwie vielmehr in Kunst und Musik zwar jeder Ton einer anderen Saite angehört, welcher er bald durch Anspannen, bald durch Nachgeben entlockt wird, das Ganze (als solches) aber, das zu harmonisch-schöner Einheit verbunden ist, das Werk des einen Dirigenten und Künstlers sein will, ebenso mag in unserem Falle die schaffende, gewaltige Sprache für die Termini des verschiedenen Bestrebens [S. 143] und Formens verschiedene Erfinder aufweisen, aber das Ganze ist es, was sie uns bietet, um uns allen, wenn wir guten Willens sind, durch das Gemeinsame und Beglückende (der Sprache) das Leben zu einen und zu veredeln.
1: Als göttlich galten die Worte alter Dichter.