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In jeder Messe vor der Kommunion beten wir: «Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach». Ich habe mit diesen Worten Mühe, denn ich fühle mich durch sie degradiert und wertlos. Muss mir die Liturgie ständig und auch an dieser Stelle noch einmal mein Ungenügen, meine Sünde in Erinnerung rufen?
Diese liturgische Formel geht auf eine Erzählung im Neuen Testament zurück: der Hauptmann von Kafarnaum begegnet Jesus und bittet ihn, seinen gelähmten Diener zu heilen.
Das ist mir bekannt, aber was soll dieser Satz in der Messe?
Dieser Satz will sie sicher nicht klein machen oder ihnen die Würde nehmen. Von seinem Ursprung her bedeutet er auch keine moralische Disqualifizierung. Mit dem Stehen zu meinen menschlichen Grenzen und Fehlern wird vielmehr die Würde und Grösse Gottes und seines Messias gepriesen.
Foto Kirchgemeinde Wohlen
Der Satz geht aber noch weiter: «…aber sprich nur ein Wort, so wird meine Seele gesund!» ich bin aber nicht seelisch, sprich psychisch krank.
Wir müssen den Begriff «Seele» in diesem Zusammenhang weiter fassen. «Seele» bedeutet hier unsere ganze menschliche Person, die geheilt werden soll. Jeder braucht eine solche Heilung, da kein Mensch ohne Wunden durchs Leben geht.
Könnte man dieses Gebet nicht umformulieren, damit es verständlicher wäre?
Man könnte schon, denn dieses Gebet zeigt, dass der menschenfreundliche Gott umfassende Befreiung und das Heil der Welt ermöglicht. In moderner Sprache könnte man dieses Gebet wie folgt umformulieren: «Christus Jesus, mein Bruder und mein Herr, ich bin nicht imstande, dich bei mir aufzunehmen, doch schon ein Wort von dir schenkt mir Frieden mit den Menschen und göttliches Heil!»
Eine gute Erklärung zu diesem Gebet gab der Theologe Ralf Staymann mit einer an–gepassten Formulierung des Gebetes: «“Ich bin ja nicht genug, dass du unter mein Dach kommst.” Diese Übersetzung hilft mir, das Gebet annehmen zu können, es zu meinem Gebet werden zu lassen. Ich bin nicht genug. Ich bin mir selber nicht genug. Ich weiss um meine Unvollkommenheit. Ich bin nicht genug, so kann ich gut beten. Ich bin nicht genug, aber wenn du, Herr, das, was mir zum Menschsein noch fehlt, auffüllst, dann erfahre ich Heilung. “Herr, ich bin nicht würdig.” Dieses kurze Gebet macht mir immer wieder neu bewusst, wer ich bin und wer Gott ist. Es ist ein Gebet des Vertrauens in Gottes heilendes Wirken – hinein in mein unvollkommenes und unvollendetes Leben. Die-ses Leben ist mir geschenkt, um es zu gestalten. Aber, sei es noch so schön, es bleibt eine Lücke, etwas Unvollendetes und Unheiles in meinem Leben. Und in diesem Gebet bitte ich Gott, diese Lücke aufzufüllen: “Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, sprich nur ein Wort so wird meine Seele gesund.”»
Besten Dank für die Auskunft. pam