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Ein Interview mit Zaher Hashemi über seinen Bildungsweg und dessen Blockaden und Beschränkungen. Interview: Paul Leuzinger
Paul Leuzinger: Aus welchem Land kommst du? Welche Schulen hast du besucht?
Zaher Hashemi: Ich komme aus Afghanistan. Ich habe die Primarschule angefangen, aber nicht abgeschlossen. Denn es hat Krieg gegeben. Ich musste zu Hause lernen und den Unterricht privat organisieren. Auch Verwandte und meine Eltern haben mich unterrichtet.
PL: Hast du in einem Dorf oder in der Stadt gewohnt?
ZH: Zuerst wohnten wir in einem abgelegenen Dorf. Es gab dort eine staatliche Schule. Sie war gratis und gut
PL: Kannst du dich erinnern: Was wolltest du als Kind werden?
ZH: Ich wollte Elektro-Ingenieur werden.
PL: Wie ging dein Bildungsweg dann weiter?
ZH: Wir zogen in eine Stadt. Dort besuchte ich eine Privatschule, für die wir selber bezahlen mussten. Dann habe ich Elektriker gelernt, wollte auch Elektrotechnik studieren, aber das hat nicht geklappt, weil ich Geld verdienen musste. Ich arbeitete etwa fünf Jahre in diesem Bereich. Die Ausbildung ist vergleichbar mit einer Anlehre hier. Man arbeitet in einer Firma; dort werden Fertigkeiten und Kenntnisse vermittelt. Also eher praktisch orientiert und begleitet von einem Meister. Man bleibt dann als Ausgebildete*r in der Firma und bekommt Zeugnisse und Arbeitsbestätigungen. Nach ungefähr drei Jahren sagten sie zu mir: Du hast jetzt genug Erfahrung und kannst selbständig arbeiten. Etwa ein Jahr vor meinem Aufbruch bereitete ich mich auf die Aufnahmeprüfung an der Universität vor. Aber es kam nicht dazu, ich musste Afghanistan verlassen.
PL: Wohin bist du geflüchtet?
ZH: Ich wollte erst nicht zu weit weg, meine Eltern wollten das nicht. So ging ich in den Iran wie viele andere Afghan*innen und hoffte, dass die Situation besser würde. Aber es war schlimm, als Afghane im Iran zu leben. In jenem Jahr war der Krieg in Syrien, Irak und Afghanistan heftig. Die Situation wurde immer aussichtsloser. So landete ich Ende 2015 über die Balkanroute in der Schweiz.
PL: Damals haben wir uns ja kennengelernt …
ZH: Das war eine schöne Zeit für mich. Ich vergesse das nie. Am Anfang war es natürlich schwierig. Aber die Leute in Witikon haben uns sehr gut empfangen. Wir waren aus verschiedenen Ländern in der Notunterkunft (NUK). Die Menschen besuchten uns und luden uns ein in die Gaststube im Gemeindezentrum, zum Spaziergang usw. Sie richteten einen Deutschkurs ein und motivierten uns, Deutsch zu lernen, damit wir uns besser zurechtzufinden. Wir wurden dann in verschiedene Gemeinden verteilt, so besuchte ich auch andere kostenlose Deutschkurse. Auch an der ASZ. Das ist ein wichtiger Ort für Leute wie mich. Die Gemeinde gab mir am Anfang auch zwei Mal pro Woche Deutschkurse. Aber das Niveau war nicht angemessen. So fragte ich, ob sie mir stattdessen die Fahrt nach Zürich bezahlen, wo ich täglich Kurse an der ASZ besuchen konnte, um die Sprache schneller zu lernen.
PL: Abgesehen vom Deutschlernen – was waren deine Vorstellungen, was du hier arbeiten oder lernen könntest?
ZH: Ich habe immer selber Geld verdient. Es ist für mich unannehmbar, von der Gemeinde Unterstützung zu bekommen. Ich habe versucht, Arbeit zu finden. Es gibt in meinem Bereich zwar viele Stellen, aber ich musste erfahren, dass es ohne Bewilligung nicht möglich sei zu arbeiten. Ich wollte eine abgekürzte Lehre als Elektriker machen. Aber das hat wegen meines Status N nicht geklappt. Ich habe ein Jahr Berufsintegrationsschule und mehre freiwillige Praktika und Technikkurse gemacht und da und dort meine Hilfe angeboten. Ich arbeitete fast ein Jahr in unserem Dorf für die Gemeinde. Seit zwei Jahren übersetze ich für einen Newsletter. So habe ich Arbeitgeber*innen kennengelernt, die zu mir sagten: Falls deine Bewilligung kommt, komm zu uns! Wir haben eine Stelle für dich. Dann habe ich über die Leute in der ASZ die F & F (Schule für Kunst und Design) entdeckt und seit letztem Sommer bin ich im Gestalterischen Vorkurs. Ich habe mich für einen Studienplatz für Fine Arts an der ZhdK beworben und hoffe, dass ich ihn bekomme …
PL: Vieles hängt also vom Aufenthaltsstatus ab. Wie sieht der bei dir aus?
ZH: Ich habe den Ausweis N für Asylsuchende und einen Negativentscheid. Sie haben mir auch keine vorläufige Aufnahme gegeben. Sie sagen, meine Stadt sei sicher …
PL: Was würdest du dir an besseren Bildungsmöglichkeiten für geflüchtete Menschen wünschen?
ZH: Mit einem Negativentscheid bleiben dir die meisten Chancen und Zugänge zu Bildung verschlossen. Aber es gibt Schulen wie die ZHdK oder die F&F, die dir eine Ausbildung unabhängig vom Aufenthaltsstatus ermöglichen. Mit einem Negativentscheid darfst du nicht arbeiten und dich kaum ausbilden, du darfst nichts tun ausser warten … aber auf was? So verliert man nur Zeit. Dabei gibt es Menschen, die von ihrer Familie motiviert wurden, sich auszubilden, etwas zu unternehmen … Die Gemeinden könnten solche motivierten Menschen unterstützen.
PL: Zählst du dich zu diesen motivierten Menschen? Hat dich deine Familie so geprägt?
ZH: Meine Mutter ist Lehrerin, mein Vater ist Schmied. Meine Mutter sagte immer zu mir: Lernen ist besser als Herumhängen. Ich glaube, die meisten jungen Afghan*innen sind motiviert. Sie haben so viel Schlimmes gesehen. Deshalb sind sie geflohen. Viele schaffen es, Arbeit zu finden und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Vielleicht gibt es auch viele, die verzweifelt sind, weil ihnen hier keine Chance gegeben wird und sie zurückmüssen.