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Warum Deutschland wieder stark wurde
Die jüngsten Zahlen bestätigen es: Deutschland hat die stärkste Wirtschaft Europas, und gemäss den neusten Wirtschaftsaussichten wird sich der Aufschwung fortsetzen. Die französische Wirtschaft setzt hingegen ihren Kriechgang fort. Die Grafik zeigt den Einkaufsmanagerindex, der als vorlaufender Konjunkturindikator erhoben wird (Quelle: Markit).
Die Politik ist ein Spiegelbild dieses Ungleichgewichts. Während die AfD als kleine Oppositionspartei agieren muss, erzielte der Front National bei den gestrigen EU-Wahlen ein Rekordergebnis.
Es ist heute kaum mehr vorstellbar, dass Deutschland noch vor zehn Jahren als «kranker Mann Europas» betitelt wurde. Woran liegt es, dass sich Deutschlands Wirtschaft innerhalb von wenigen Jahren wieder erholen konnte?
Die populärste Antwort ist, dass die Hartz-Reformen (2003–05) unter dem SPD-Kanzler Gerhard Schröder entscheidend gewesen seien. In einem neueren Artikel von Dustmann, Fitzenberger, Schönberg und Spitz-Oener (2014) wird dies jedoch vehement bestritten (hier Aufsatz, hier Kurzform). Ihr Hauptargument ist, dass die Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit bereits Jahre vor den Hartz-Reformen begonnen hatte. Die deutsche Exportindustrie verbesserte ihre Position bereits ab Mitte der 1990er-Jahre, nicht erst in der Mitte der 2000er-Jahre.
Wenn nicht die Hartz-Reformen entscheidend waren, was war es dann? Die Autoren sehen drei Gründe.
Der erste Grund wurde schon oft genannt:
Der Produktivitätsfortschritt der Exportindustrie war ab Mitte der 1990er-Jahre höher als der Reallohnzuwachs. Oder anders gesagt: Die Beschäftigten hatten weniger Anteil an der Ernte als früher. Grund dafür war der starke Rückgang von sogenannten Flächentarifen, d. h. von Gesamtarbeitsverträgen, die für die ganze Branche gelten. Die Autoren simulieren mit ihrem Modell, was passiert wäre, wenn es 2008 genau gleich viele Flächentarife wie 1995 gegeben hätte. Das Resultat sieht folgendermassen aus:
Der Unterschied ist beträchtlich, vor allem in Bezug auf die niedrigen Löhne (bis zum 35. Perzentil, d. h. für das unterste Drittel).
Die beiden anderen Gründe wurden bisher weniger diskutiert:
- Mehr als die französische oder italienische Industrie hat die deutsche Industrie Teile ihrer Produktion nach Osteuropa ausgelagert. Zwischen 1995 und 2007 stieg der Anteil der in Osteuropa produzierten Inputs von 14,5 Prozent auf 21,5 Prozent (gemessen am gesamten Output der deutschen Industrie). Heute dürfte der Anteil bei etwa 25 Prozent liegen.
- Die Produktionskosten der Exportindustrie sanken, weil die Dienstleistungen und die einheimische Wirtschaft, von der die Exportindustrie viele Leistungen und Produkte bezieht, ihre Produktivität erhöhten.
Die folgenden Grafiken versuchen die Bedeutung der inländischen Dienstleistungen für die verbesserte Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie zu messen. Das Resultat sieht so aus:
Am besten, man schaut sich zuerst die Grafik B an. Dort sieht man, wie stark die Lohnstückkosten der Exportindustrie gesunken sind (Unit labor costs: „End product“). A und C zeigen, dass die Kosten der Dienstleistungen und der inländischen Wirtschaft für die Exportindustrie deutlich gesunken sind. Das half entscheidend mit, dass die deutschen Exporte günstiger wurden.
Zusammengefasst heisst das: Deutschlands Erfolg kann zu einem grossen Teil durch das schwache Lohnwachstum der Industriearbeiter seit 1995 bzw. durch die Schwäche der Gewerkschaften erklärt werden. Aber das ist nicht alles. Ein wesentlicher Teil des Erfolgs beruht auch auf der Produktionsauslagerung nach Osteuropa und der Produktivität der Dienstleistungen und der einheimischen Wirtschaft (teilweise dank starker Lohnsenkungen).
Ob diese Diagnose zutreffend ist? Darüber kann man lange streiten. Aber eines scheint doch klar zu sein: Der deutsche Erfolg lässt sich nicht durch ein paar Reformen kopieren. Das Ungleichgewicht in Europa ist viel fundamentaler.