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Wer die Stirnfläche eines Stammes erblickt, der erhält auch gleich einen Einblick in das Tagebuch eines Baumes. Also lasst uns mal schauen, was die Bäume so alles in ihre Tagebücher schreiben und wie die Jahresringe überhaupt entstehen.
Jedes Jahr im Frühling, nachdem die Saftruhe beendet ist und der Strom der Säfte nach der Winterstarre wieder zu fliessen beginnt, pumpt dieser Strom alle Nährstoffe bis weit hinauf in die Krone, noch in das letzte Zweiglein. Das Wachstum hat damit auf einen Schlag begonnen. Es entsteht Zelle um Zelle, und bis in den Sommer hinein entwickelt sich eine ein- bis mehrere Millimeter dicke neue Holzschicht, das sind dann die Ringe, die wir sehen können.
Ist das Zellwachstum im Frühling noch wild und ungestüm, so beginnt dieses bereits in den ersten Augusttagen wieder auszuklingen. Damit versiegt der Nachschub an Nährstoffen, die für die Zellproduktion des Kambiums, der untersten Rindenschicht, benötigt werden, nach und nach.
Im Herbst schliesslich, wenn nur noch wenig Nährstoffe zur Verfügung stehen, werden einfach kleinere Zellen gebaut und dieses Spätholz, also die letzten Zellen, die im Jahr noch gebildet werden, sind entsprechend dichter, dunkler und zeigen so deutlich den Abschluss eines jeden Jahresringes.
Ein beeinflussender Faktor bei der Bildung der Jahresringe ist der Winddruck: Sind die Ringe einseitig viel dunkler, so musste der Baum auf dieser Seite viel mehr Winddruck aushalten, meistens aus der Hauptwindrichtung. Damit er sich abstützen kann, produziert er an dieser Stelle dementsprechend stärkere, viel dickwandigere Zellen. Umgekehrt hat ein Baum, dessen Kern im Stamm genau in der Mitte liegt und die Jahresringe sich gleichmässig um ihn herum gelegt haben, nie viel Winddruck erfahren.
Aber auch das Licht spielt bei der Bildung der Jahresringe eine Rolle, so sind bei Tannenbäumen, die fast gänzlich im Schatten aufgewachsen sind, die Ringe in der Mitte des Stammes so fein und eng beieinander, dass man sie mit dem blossen Auge kaum zu zählen vermag. Dann plötzlich ist wohl der Tag gekommen, wo die grossen, schattenspendenden Altbäume weggebrochen oder gefällt worden sind und schon werden die Jahresringe mehrere Millimeter breit, da der Baum nun ausreichend Licht erhalten hat.
Diese Jahresringe widerspiegeln in jedem Jahr die Wuchsbedingungen, Feuchte- und Trockenperioden sowie Klimaveränderungen und zwar so präzise, dass Wissenschafter heutzutage von jedem Stück Holz sagen können, unter welchen Wetterbedingungen und in welchem Jahrhundert ein Baum einst gewachsen ist, mehrere tausend Jahre zurück. Anhand der Wissenschaft der Dendrochronologie kann mittels neuesten Geräten jedes Holzstück der jeweils richtigen Zeitepoche zugeordnet werden. Es kann auch anhand der Zellstruktur des Hirnschnitts die Holzart erkannt werden und anhand der Isotopenbestimmung weiß man heute sogar wo der Baum gewachsen ist.
Quellen: Erwin Thoma «Die geheime Sprache der Bäume»