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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1977 von Oskar Schudel / Felix Schudel
Aus der Geschichte des Kammerorchesters
Das heutige Kammerorchester Wädenswil darf im Spätherbst 1978 auf eine achtzigjährige Geschichte zurückblicken. So ist es wohl angebracht, der Entwicklung dieses Dorf-Vereines einige Zeilen zu widmen.
Wädenswil befand sich während der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts in stetigem wirtschaftlichem Wachstum; gewerbliche und industrielle Unternehmen blühten auf – und wohl nicht ganz unbegründet entstand in jenen Tagen der ironische und gleichzeitig schmeichelnde Kosename «Klein-Paris» für die damals so mächtig aufstrebende Dorfgemeinschaft.
Wädenswils Lage, durch genügende Entfernung vor allzu grossen Einflüssen der Stadt Zürich geschützt, bestimmte schon früh in kulturellen Belangen die bis heute bewahrte Eigenständigkeit. Nachdem 1851 der Männerchor «Eintracht» gegründet worden war, 1883 die Gründung des Musikvereins «Harmonie» und 1888 diejenige des Kirchengesangvereins erfolgten, nachdem 1892 der «Sängerbund Gemischter Chor» entstanden war, wurde das Bedürfnis nach einem Orchester mit sinfonischer Besetzung im eigenen Dorfe immer ausgeprägter.
Der Impuls zur Vereinsgründung erfolgte schliesslich von industrieller Seite her sowie aus Kreisen des Handels und des Gewerbes: Im November 1898 gründeten Fritz Weber-Lehnert(Brauerei Wädenswil), der Kaufmann J. Schubiger zur Fortuna und H. Blattmann zur Eichmühle nach mannigfachen Vorarbeiten den «Orchesterverein Wädensweil», «der sich die Aufgabe stellt, die Instrumentalmusik zu pflegen, Konzerte zu veranstalten und durch Mitwirken bei gesellschaftlichen Anlässen und öffentlichen Festlichkeiten das gesellige Leben der Gemeinde zu heben und zu fördern», wie der Zweckparagraph der ersten Vereins-Statuten vom 5. November 1898 bestimmt.
Als erster Präsident wirkte Spenglermeister Paul Blattmann; erster musikalischer Leiter war der Wädenswiler Musikdirektor Max Ringeisen.
Eine wohlerhaltene Grossaufnahme aus dem einstigen Photo-Atelier E. Schlenker zeigt den Orchesterverein Wädensweil im zweiten Jahr seines Bestehens. Es wird für manchen Einwohner unserer heutigen Stadt eine Augenweide sein, in den Reihen der wackeren Musikanten diesen oder jenen Wädenswiler von altem Schrot und Korn zu erkennen ...
Der Orchesterverein Wädenswil, um 1900 (Foto von E. Schlenker, Wädenswil, im Besitz des Kammerorchesters Wädenswil).
Beeindruckend ist, dass die 34-köpfige Orchesterformation aufgrund der instrumentalen Besetzung durchaus in der Lage war, zahlreiche Werke aus dem klassisch-sinfonischen Bereich wie aus der Unterhaltungsliteratur mit eigenen Kräften zu interpretieren.
Alter Vereinskorrespondenz ist zu entnehmen, dass der Orchesterverein Wädensweil (später Orchesterverein Wädenswil) recht aktiv war. Während der ersten Jahrzehnte strebte man eine enge Zusammenarbeit mit dem Männerchor «Eintracht» an, der damals unter der Stabführung des unvergesslichen Wädenswiler Musikdirektors Fritz Stüssi stand. Aber auch in eigener Sache wurden Konzerte − teils mit namhaften Solisten − organisiert und durchgeführt, ebenso wirkte der Orchesterverein alljährlich mit bei verschiedenen gesellschaftlichen Anlässen im Leben der Gemeinde.
Zahlreich waren indessen die Klippen, die das Vereinsschiffchen zu umsegeln hatte: Neben häufigen finanziellen Schwierigkeiten gab es zuweilen auch personelle Spannungen aller Art zu überbrücken. Jede Krise aber konnte endlich dank des Einsatzes musikbegeisterter Idealisten überwunden werden, was den Fortbestand des Vereins bis in die heutige Zeit hinein sicherte.
In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde aus dem einstigen Orchesterverein das heutige Kammerorchester Wädenswil, eine reine Streicherformation, die bewusst andere Ziele anstrebt als ihr Vorgänger. Ich verweise auf die nachstehenden Ausführungen des gegenwärtigen Dirigenten des Kammerorchesters.
In Dankbarkeit sei hier aber zum Schluss noch aller musikalischer Leiter gedacht, welche den Orchesterverein Wädenswil und das Kammerorchester durch die vergangenen acht Jahrzehnte führten: Während der Gründerjahre war dies Max Ringeisen. Von 1907 bis in die dreissiger Jahre hinein stand der Orchesterverein Wädenswil unter der Stabführung des bekannten Musikdirektors J. H. Müller, dem der begnadete Organist Heinrich Funk im Amte nachfolgte. Von 1955 bis 1976 stand das Orchester unter der Leitung unseres nimmermüden Organisten und Musikdirektors Rudolf Sidler.
Sie alle haben − um mit einem Zitat aus einem Brief Fritz Stüssis an den Orchesterverein Wädenswil zu schliessen − «sich eine Ehre daraus gemacht, mitzuhelfen, in unserer grossen, schönen Gemeinde den Boden für gute Musik immer mehr zu ebnen und bisweilen nicht auf die vielen Menschen zu hören, denen die Musik nur eine billige Unterhaltung ist, sondern auch auf die wenigen, die in der Musik Kraft, Trost und Lebensinhalt suchen».
Oskar Schudel
Das Kammerorchester heute
Dass es heute in Wädenswil und Umgebung nicht so wenige sind, die um mit Fritz Stüssis trefflichen Worten zu reden, in der Musik Kraft, Trost und Lebensinhalt suchen, beweisen die Bilder zu einem Beitrag. Diese entstanden anlässlich eines Probe-Wochenendes anfangs September 1977 in der reformierten Kirche.
Das Kammerorchester Wädenswil probt in der reformierten Kirche unter der Leitung seines Dirigenten, Felix Schudel, September 1977.
Es ist im Kammerorchester Wädenswil seit einem Jahr zur herrlichen Tradition geworden, etwa vierzehn Tage vor einem Konzert neben den regulären wöchentlichen Proben zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen: An einem Wochenende soll die musikalische Arbeit in drei besonders intensiven Proben vertieft werden. Ich erachte es als wunderbar, dass sich in unserer rastlosen, schnelllebigen Zeit Leute finden, die jene grenzenlose Begeisterung und Hingabe der Orchestergründer in unsere Tage herüberretten konnten. Es sind Mitstreiter, die mit bewunderungswürdigem Ernst neben dem wöchentlichen Probeabend ganze Wochenenden opfern, um dort während rund zehn Stunden gemeinsam im Dienst am Werk um die Verwirklichung einer Klang- und Darstellungsidee zu ringen. Wie manche technische Unebenheit tritt so völlig in den Hintergrund, da der Laienspieler in seiner Aufgabe völlig aufgeht, jeder an seinem Platz im Orchester, denn es wird über allem ein sehr tief gehendes Bemühen um das Ziel spürbar. Diese Fähigkeit hat der Laienmusiker, dem sein Tun Passion bedeutet, den Berufsmusikern in vielen Fällen voraus. Konzerte mit Liebhabermusikern können sehr viel mehr als gespielter Notentext darstellen, ja der Laienmusiker ist fähig, viel tiefer in den Geist eines Werkes einzudringen, als man vielleicht annimmt; auch er kann zum echten Interpreten werden. Allerdings braucht er einerseits sorgfältige Anleitung und methodische Erklärungen durch den Fachmann, was beim Berufsmusiker nicht nötig sein sollte, anderseits muss er sich mit geeigneter Spielliteratur auseinandersetzen können. Es gehört mit zu den Hauptaufgaben eines Amateurorchester-Dirigenten, technisch realisierbare Werke zu wählen, da sich die Verhältnisse im Konzertbetrieb grundlegend sehr verändert haben.
Wenn der «Orchesterverein Wädensweil» mit allen Registergruppen des klassisch-romantischen Sinfonieorchesters (Streicher, Holz- und Blechbläser, Schlagzeug) regelmässig Werke der grossen Literatur spielte, erfüllte er in einer Zeit ohne Radio und Stereoanlage eine sehr wichtige kulturelle Aufgabe auf dem Land: Er vermittelte der Bevölkerung praktisch den einzigen Zugang zur grossen sinfonischen Orchesterliteratur. Dass dies heutzutage niemals mehr Aufgabe des Kammerorchesters Wädenswil sein kann, liegt auf der Hand in einer Zeit, wo die Distanz zwischen der Stadt Zürich und unserer Gegend dank den Errungenschaften der Technik immer rascher und müheloser zurückgelegt werden kann und der Besuch von erstklassigen Konzerten in der Stadt ohne nennenswerten Aufwand möglich ist. Wem auch diese Anstrengungen zuviel sind, dem hilft ebenfalls die Technik weiter: Zu jeder Tages- und Nachtzeit kann man sich heute im Lehnstuhl perfekte Wiedergaben fast aller Werke, neuerdings in Quadrophonie, servieren lassen. Doch die gewisse eisige Kälte, etwas dem Menschen nicht mehr Angemessenes, das der Technik innewohnt, hat damit notwendigerweise auf die Kunst selbst übergegriffen und das Publikum im Laufe der Jahrzehnte sehr spürbar umgeformt; sicher nicht im erstrebenswertesten Sinne, wie ich meine. Die Zuhörer von heute sind sehr heikel geworden, da sie mit Spitzenleistungen verwöhnt werden, gleichzeitig besitzen sie aber immer weniger die Fähigkeit, ganzheitlich, werkbezogen und in die Tiefe zu hören. Der gesunde Maßstab ist leider weitgehend verlorengegangen. Es ist noch gar nicht so lange her, dass manches Amateurorchester mit Sinfonieorchesterbesetzung diese Entwicklung klar realisierte und ratlos um seine Existenz zu bangen begann. Zum Glück erkannten die Musikverlage in den letzten Jahrzehnten die besondere Situation der Laien- und Schulorchester und trugen auf sehr willkommene Art zu deren neuerlichen Entwicklung bei: Es wurde eine unerhörte Fülle von früher absolut unzugänglichen kleineren Werken aus vielen Epochen herausgegeben, die nun besetzungsmässig mit weit einfacheren Mitteln realisierbar sind. Die neue Literatur wurde das Betätigungsfeld für Ensembles in der Art unseres Kammerorchesters. Parallel dazu veränderte sich die Instrumenten-Zusammensetzung: Heute ist unser Verein ein reines Streichorchester, und wir ziehen nach Bedarf Contrabassist, Bläser und Cembalo- oder Orgelspieler bei. Die gegenwärtig klanglich sehr ausgewogene Besetzung mit sechs bis sieben ersten Violinen, sieben zweiten Violinen, vier Bratschen und drei Celli erlaubt die Einstudierung von recht dicht komponierten kammermusikalischen Werken.
Das Liebhaberorchester von heute kann bei vernünftiger Werkwahl durchaus sein eigenständiges Dasein führen und jederzeit gültige Aufführungen seiner Literatur zustande bringen. Lassen wir doch den grossen Berufsorchestern ihre grosse Literatur, und wenden wir uns den etwas versteckteren, weniger spektakulären Kunstwerken zu! Wie ist es doch in der Kirchenbaukunst: Vermag da nicht manche kleine Landkirche im eigenen besonderen Glanz neben einer Kathedrale zu bestehen?
Nun hat aber das Kammerorchester Wädenswil neben der Einstudierung von eigenen Konzertprogrammen auch in seiner Funktion als Kirchenorchester eine sehr dankbare Aufgabe. Der systematische Ausbau der musikalischen Möglichkeiten in der reformieren Kirche nach dem Krieg ist den beiden initiativen Organisten Heinrich Funk und Rudolf Sidler zu verdanken, die ja beide auch die jeweiligen Orchesterleiter waren und das Ensemble mehr und mehr in Zusammenarbeit mit dem Kirchengesangverein einsetzten. Wie manches wertvolle Juwel haben wir in dieser Zeit aus Johann Sebastian Bachs Kantatenschaffen kennengelernt! Die heute noch sehr starke Verbindung mit der reformierten Kirchgemeinde ist geschichtlich bedingt, bedeutet aber keineswegs, dass das Kammerorchester ein konfessioneller Verein ist! Wir schätzen es, in unseren Reihen seit Jahrzehnten auch Katholiken zu wissen.
Zweifellos gebührt den bisherigen Dirigenten grosser Dank für ihren gewiss nicht immer leichten Einsatz! Dank verdienen aber vor allem auch die Spieler, die ja in erster Linie ein Orchester ausmachen, meine Schar begeisterungsfähiger Idealisten, die teilweise seit Jahrzehnten bei der Stange sind und gerade in letzter Zeit weitere, neue Kräfte zum Mitspielen ermuntern konnten. Es freut uns, dass unser Ziel, gute Musik mit dem nötigen Ernst und Einsatz zu pflegen, weitherum verstanden wird; schon lange hat das Einzugsgebiet die Grenzen Wädenswils gesprengt. Von den Nationalitäten und Muttersprachen der Orchestermitglieder her gesehen sind wir sogar eine kleine europäische Gemeinschaft. Für mich als Dirigent ist das Arbeitsklima zweifellos ideal; meine Musiker wollen lernen, besitzen den nötigen musikalischen Schwung und ermöglichen so auch mir wieder die Fragestellung nach einem anderen Wie. Der lange Weg zum Finden einer gemeinsamen musikalischen Sprache fasziniert mich, und ich hoffe, es sei uns vergönnt, weiterhin unter so herrlichen Bedingungen im Blick auf ein gemeinsames Ziel arbeiten zu können.
Das Kammerorchester ist ein reines Streichorchester mit 7 ersten und 7 zweiten Violinen (oben), 4 Bratschen und 3 Celli (unten).