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So undurchsichtig wie Nebel beginnt der erste Spielfilm von Nicolas Humbert. Wir werden konfrontiert mit der Nahaufnahme eines Männergesichts. Wie wir später erfahren, handelt es sich um Philip Grossmann, einen der drei Protagonisten des Films. Es folgt eine Rückblende, drei Leute rennen durch die Strassen einer Stadt, schnell, als würden sie verfolgt. Sie verabschieden sich hastig, trennen sich, verschwinden in verschiedene Richtungen.
Im Lauf der Geschichte erfahren wir, dass etwas passiert sein muss. Ein perfekter Plan ist misslungen. Die Aktion hat drei Geschwistern „Kopf und Kragen“ gekostet. Sie mussten untertauchen, sich verstecken, durften sich zwangsläufig nicht mehr sehen. Nach eineinhalb Jahren hält es Philip Grossmann nicht mehr aus, er kommt zurück in die Stadt. Bei ehemaligen Freunden versucht er etwas über den Aufenthaltsort seines Bruders Max zu erfahren. Schliesslieh findet er ihn, draussen auf dem Land, wo er am Rand einer Flughafenpiste in einem verlotterten Fabrikgebäude haust; er sei nur am Anfang gerannt, sagt er, bis er gemerkt habe, dass er ebensogut stehenbleiben könne, stehenbleiben und alles genau betrachten. Seither vertreibt er sich die Zeit mit seiner Bassgitarre. Einmal im Winter spielte er vier Tage lang denselben Ton, und erst als der Ton weg war, merkte er, dass ihm etwas fehlte. „Ich bin eineinhalb Jahre gerannt, habe eineinhalb Jahre Strategie gelebt. Nach drei Monaten war ich müde“, wirft Philip seinem Bruder vor. Sie sind sich fremd geworden in dieser Zeit. Ihre Annäherung ist schwierig, vorbelastet durch die vorangegangenen Ereignisse, ihre erzwungene Isolation. Julia, die Schwester der beiden, hat am härtesten für den undurchsichtigen Coup der drei gebüsst. Ihr Schicksal ist das Damoklesschwert, welches über der Beziehung der beiden Brüder lastet. Julia ist in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert worden. Dafür schieben sich Max und Philip gegenseitig die Schuld zu. Endlich entscheiden sie sich: Sie beschliessen, ihre Schwester aus der Anstalt herauszuholen.
Nicolas Humbert schildert diese Geschichte mit raffiniert verwobener Erzählstruktur. Er verstrickt dabei verschiedene Zeitebenen, ködert uns mit scheinbar logischen Szenenfolgen, um gleich darauf wieder alles zu verwerfen und uns eine lange Nase zu drehen. Er bricht die reale Ebene mit Rückblenden oder gar mit eingeschobenen ethnographischen Filmbildern. Kurze, aber prägnante Stimmungsbilder einer kargen, von der Zivilisation gezeichneten Landschaft dringen in uns, lassen den Atem vorübergehend erstarren. Parallel geschnittene Szenen aus Julias Klinik-Dasein und vorgezogene Ereignisse geben uns Anhaltspunkte in diesem Puzzle... und stellen es zugleich in Frage. Als zusätzlich eigenständige Ebene hat Nicolas Humbert den Ton überzeugend neben die bildliche Ebene gesetzt. Der Ton ist zwar in technischer Hinsicht nicht perfekt, aber Nicolas Humbert hat ihn bewusst verwendet: er gestaltet den Film in inhaltlicher wie stilistischer Weise massgeblich mit. Die kontrastreiche Schwarzweiß-Fotografie vermittelt uns zusammen mit dem Ton diese skurrile, beklemmende Welt der drei Geschwister. Die eigentliche Meisterleistung ist jedoch die eigenwillige Montage. Sie zeichnet, suggeriert und vermittelt treffend diese diffuse, unfassbare, dadurch faszinierende und anziehende Atmosphäre.
Eine weniger glückliche Hand hatte Humbert in der Wahl seiner Darsteller. Max und Philip wirken oft sehr theatralisch. In ihrer Art werden sie der inhaltlichen Situation des Films nicht immer gerecht, wirken zeitweise wie verhinderte Profis. Schwerfälig, kompliziert, wie eingeblasen, sprechen sie den sparsam verwendeten Text. Der Dialog ist die grösste Schwachstelle des Films. Obwohl sparsam verwendet, lähmt er den Fluss. Trotzdem, der Gesamteindruck des Films überzeugt, bleibt stark in Erinnerung. Wenn gegen Schluss die drei ein Lied singen mit dem Text: „Ein sehr harter Winter ist, wenn ein Wolf, ein Wolf, ein Wolf den andern frisst“, so erinnern sie uns wohl, dass wir solch harte, kalte (Winter-)Zeiten gemeinsam überwinden können. Der Regisseur belässt es nicht bei diesem symbolisch pathetischen Lied. Nicolas Humbert gibt den Ball an die Zuseherinnen zurück, lässt uns sitzen vor dem Nichts, im Staube eines gesprengten Gebäudes, mit dem Plätschern des Flusswassers in den Ohren.