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«Das ist doch einfach ein Paradies.» Mary Leibundgut bückt sich über einen Moosteppich. Am Boden überlagern sich Grüntöne und rostbraune Kreise. Links des flachen Tals ragen die Felswände des Vorder Zinggenstocks in die Höhe. Sie wurden vom Unteraargletscher, dem viertgrössten Gletscher der Schweiz, über Jahrtausende abgeschliffen. Im Hintergrund rauscht die Aare. Sie ist hier erst ein paar Hundert Meter alt. Dann fährt die sechzigjährige Biologin mit der Hand über den Boden und schaut sich die Pflanzen mit der Lupe an. «Allein das Moos hier wäre Grund genug, diesen Ort zu schützen.»
Dieses Paradies gehört zu den jüngsten Ökosystemen der Schweiz. Gletschervorfelder wie hier unweit des Grimselpasses lagen bis vor wenigen Jahren noch unter dem Eis verborgen. Es sind Landschaften, in denen sich dank der Gletscherschmelze neues Leben ansiedelt. Kontinuierlich wachsende Gebiete, ständig im Wandel.
Als Gletschervorfeld bezeichnet man die Landschaft zwischen dem heutigen Ende des Gletschers und den Moränen, die durch den letzten grossen Eisvorstoss während der kleinen Eiszeit bis 1850 entstanden sind. Seither ziehen sich die Gletscher kontinuierlich zurück, beschleunigt durch die Klimaerhitzung, und geben Landschaften frei, die jahrtausendelang unter dem Eis lagen. In einigen der rund 2000 Gletschervorfelder in der Schweiz befinden sich alpine Schwemmebenen, die ökologisch besonders wertvoll sind.
Bis dorthin, wo Leibundgut an diesem Tag Ende September steht, reichte bis etwa 1985 noch der mächtige Unteraargletscher. Heute ist hier ein Mosaik aus Gebüschen, sandigen Flächen, Moosteppichen, Bächen und kleinen Grasflächen. Überall lugen Pionierpflanzen wie Fleischers Weidenröschen, Alpenleimkraut, Gletscherhahnenfuss und Steinbrech zwischen Steinen hervor, die einmal von den steilen Wänden des Lauteraarhorns, des Schreckhorns oder des Finsteraarhorns auf den Gletscher gedonnert und mit der Zeit ins Vorfeld transportiert worden sind. In den Seen und Tümpeln tummeln sich Kaulquappen und Grasfrösche. Heckenbraunellen, Rotkehlchen, Bergpieper und Steinschmätzer schwirren durchs Weidengebüsch und singen in den jungen Lärchen.
Zwischen Moränen und Toteislöchern
«In einem Gletschervorfeld ist das Angebot an unterschiedlichen Lebensräumen aussergewöhnlich gross», sagt Leibundgut. Die verschiedenen Landschaftsformen – Moränen, Toteislöcher, Rundbuckel, Schutthaufen – böten diverse Lebensräume für Pflanzen und Tiere. «Und es ist auch einfach eine eindrückliche Landschaft.»
Diese junge Landschaft ist bedroht. Wo eben erst neues Leben aufgetaucht ist, könnte es schon bald wieder verschwinden. Wie schnell der Naturschutz in Bedrängnis kommt, wenn er dem Ausbau von erneuerbaren Energien in die Quere kommt, zeigt sich am Unteraargletscher exemplarisch.
Seit Jahren wird hier um die Erhöhung der Staumauer am Grimselsee gestritten. Die Kraftwerke Oberhasli wollen sie um 23 Meter erhöhen. Die Konsequenz: Rund die Hälfte des heute rund 250 Hektaren grossen Gletschervorfelds würde im See verschwinden. Das gleiche Schicksal droht den Vorfeldern des Triftgletschers oder des Gornergletschers, wo neue Kraftwerke geplant sind.
Nach jahrelangen Gerichtsverfahren und Protesten steht der Überflutung am Unteraargletscher nun nicht mehr viel im Weg. Denn mit dem jüngst verabschiedeten «Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien» wurde der Naturschutz stark eingeschränkt (siehe WOZ Nr. 40/23). Gletschervorfelder und alpine Schwemmebenen, die bisher noch nicht geschützt waren, dürfen dem Ausbau von Wasserkraft, Solar- und Windenergie geopfert werden. Selbst dann, wenn sie sämtliche Naturschutzkriterien erfüllen.
Genau dies prognostizierte der Grimselverein, der sich gegen den Ausbau am Grimselsee wehrt, bereits vor sechzehn Jahren. Man wolle verhindern, «dass nur noch die inventarisierten Objekte geschützt, die übrigen Naturwerte quasi jedoch zum ‹Abschuss› freigegeben werden», heisst es in einer Einsprache gegen die Erhöhung der Staumauer von 2007.
Das darf nicht passieren, findet Mary Leibundgut. Sie ist Mitglied des Vereins und arbeitet als freiberufliche Botanikerin für Bund und Kantone. «Wir haben schon genug zerstört», sagt sie und erwähnt die grosse alpine Schwemmebene, die 1935 mit dem Bau der ersten Grimselstaumauer überflutet wurde. «Wenn ich daran denke, wird mir fast schlecht.» Sie gesteht, dass es ihr schwerfällt, angesichts der politischen Realitäten ihr Engagement und ihre Hoffnung aufrechtzuerhalten. «Aber es geht um die Sache, nicht um mich.» Ein Satz, den sie im Gespräch immer wieder sagt.
«Ich kann nicht verstehen, wie wir diese Orte zerstören können – im Wissen darüber, wie selten ihre natürliche Dynamik in der Schweiz ist.» Diese Dynamik zeichnet Gletschervorfelder aus. Durch den Rückzug der Gletscher werden verschiedene Prozesse ausgelöst, das System gerät aus dem Gleichgewicht, und es dauert Jahrzehnte, bis es sich wieder eingependelt hat. Felswände, die einst vom Eis stabilisiert wurden, bröckeln und krachen ins Tal. Von Schutt bedecktes Toteis schmilzt und hinterlässt Seen. «Und der Pegel des Gletscherbachs schwankt im Tagesverlauf enorm», sagt Leibundgut. «An heissen Tagen steigt er so stark an, dass die Überquerung fast unmöglich wird.»
«Wir könnten am Gletschertor stehen und hundert Jahre warten, um zu beobachten, wie sich die Landschaft verändert», fährt die Botanikerin fort. «Oder wir können vom Gletscher zum Stausee hinunterlaufen und die Veränderung im Zeitraffer erleben.» Dabei liessen sich viele Prozesse beobachten, die die Landschaft seit der letzten Eiszeit vor 12 000 Jahren geprägt hätten. «Gletschervorfelder sind Zeugen der Erdgeschichte und Naturdenkmäler.»
Recht gewöhnliches Zeug
Bereits 1988 wurde die Bedeutung von Gletschervorfeldern und alpinen Schwemmebenen in der ersten Auenverordnung anerkannt. Sie seien in der Auenvegetation Europas einmalig. In den neunziger Jahren war Leibundgut an der Ausarbeitung des ersten Inventars für Gletschervorfelder und alpine Schwemmebenen von nationaler Bedeutung beteiligt. «Damals war das eisfreie Gebiet zwischen dem Grimselsee und der Zunge des Unteraargletschers noch zu klein, um die Auswahlkriterien zu erfüllen», erinnert sie sich.
Im Jahr 2001 wurden stattdessen 52 andere Gletschervorfelder und 14 alpine Schwemmebenen unter Schutz gestellt. Gemäss Artikel 4 der Auenverordnung sollen sie «ungeschmälert erhalten werden». Die Pflanzen- und Tierwelt sowie deren «ökologische Voraussetzungen» sollen gefördert werden und die «natürliche Dynamik des Gewässer- und Geschiebehaushalts» erhalten und wiederhergestellt werden. Die Hoffnung war, dass mit der Zeit weitere Gebiete dazukommen würden – immerhin nimmt ihre Fläche jährlich um rund zehn Quadratkilometer zu, und sie wandeln sich ständig. So ist der Bund verpflichtet, die Liste regelmässig zu aktualisieren. Geschehen ist dies jedoch fast nie. Bei der letzten Revision 2017 wurden lediglich zwei Gletschervorfelder ins Inventar aufgenommen. Der Unteraargletscher war nicht dabei.
Der Bundesrat weiss zwar, dass sich die Landschaft nirgends so schnell wandelt wie in den Gletschervorfeldern und dabei auch neue Schutzbedürfnisse entstehen. «Der schnelle Gletscherrückzug führt zu einer Zunahme der Gletschervorfeld-Fläche», schrieb er Anfang Jahr in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage von Martina Munz, SP-Nationalrätin und Präsidentin der Gewässerschutzorganisation Aqua Viva. «Daraus ergibt sich ein Potenzial für neue ökologisch wertvolle Lebensräume.»
Bereits 2015 machte sich Mary Leibundgut auf eigene Faust auf den Weg ins Gebiet am Unteraargletscher, um es zu kartieren. Bisher kannte man den ökologischen Wert des Vorfelds nicht genau. Ihre Vermutung: Es hat sich im Verlauf der Jahrzehnte so stark verändert, dass es mittlerweile die Kriterien für ein Biotop von nationaler Bedeutung erfüllt und ins Inventar aufgenommen werden müsste.
«Wenn es um Biotope von nationaler Bedeutung geht, ist die Seltenheit der dort lebenden Arten politisch entscheidend», sagt sie, während sie ein Foto von einem der unzähligen Tümpel schiesst. In Gletschervorfeldern fände sich jedoch oft «recht gewöhnliches Zeug». Je nach geologischen Grundvoraussetzungen wachsen einzelne seltene Arten wie die Zweifarbige Segge, eine arktisch-alpine Grasart. Am Unteraargletscher ist das jedoch nicht der Fall. Dennoch kam eine von Pro Natura 2021 in Auftrag gegebene Studie zum Schluss, dass das Vorfeld des Gletschers einen «stark erhöhten Schutzbedarf» aufweist. Ein Grund dafür ist auch, dass es mittlerweile zu einem der grössten der Schweiz angewachsen ist. Und auch ein 2021 vom Bundesamt für Umwelt in Auftrag gegebener Bericht bestätigte die Vermutung von Leibundgut.
«Natürlich habe ich auch Freude an seltenen Arten», sagt Leibundgut, die Woche für Woche überall in der Schweiz die Flora erfasst. An einem kleinen Bach entdeckt sie prompt eine spezielle Weidenart. «Aber seltene Arten sind bloss ein kleiner Bestandteil des Ganzen. Wert hat das gesamte Mosaik. Die Vielfalt, die Prozesse.»
«Sehr hohe Bewertung»
Mauro Fischer sitzt in seinem Büro an der Hallerstrasse in Bern. Der 37-jährige Geomorphologe und Gletscherforscher trägt ein T-Shirt und eine Mütze der Marke Patagonia. An der Wand hängt eine Fahne der Gletscherinitiative. Gletscher faszinieren ihn, weil sie die Landschaft in der Schweiz so stark geprägt haben und sie noch immer verändern. Und weil sie gute Indikatoren für die Klimakrise seien: «Was in der Atmosphäre geschieht, wirkt sich sehr direkt auf die Gletscheroberfläche aus. Das kann jede Person selber nachvollziehen.»
Fischer ist oft auf Gletschern unterwegs. Er berechnet für das nationale Messnetzwerk Glamos die sogenannte Massenbilanz für verschiedene Gletscher in der Südwestschweiz: Wie viel Eis verliert oder gewinnt ein Gletscher in einem Jahr? «Was ich in den letzten beiden Jahren gesehen habe, hat mich sehr bewegt», sagt er. «Ich konnte in wenigen Wochen Veränderungen erkennen, die ich sonst über ein ganzes Jahr hinweg beobachtete.»
Gletschervorfelder haben in seiner Forschung einen hohen Stellenwert. Nicht nur, weil der Weg zum Gletscher jedes Jahr länger wird und sich verändert: durch Steinschläge, Murgänge, mäandernde Bäche wie am Glacier d’Otemma. Fischer hat an einer neuen Studie zur Bedeutung von Gletschervorfeldern mitgearbeitet, die in der prestigeträchtigen Fachzeitschrift «Nature» erschien. «Es ist unglaublich wichtig, diese Gebiete zu schützen», sagt Fischer. «Wir finden dort wertvolle Landschaften und Perlen der Biodiversität. Oft handelt es sich auch um Rückzugsgebiete für spezialisierte Arten.»
In der Studie prognostizieren Fischer und seine Mitautor:innen, dass bis 2100 weltweit eine Fläche so gross wie Finnland eisfrei werden könnte. Lauter Gletschervorfelder, deren ökologische Bedeutung noch zunehmen werde, wenn die «meisten Ökosysteme über ihre Belastbarkeit hinaus beeinträchtigt werden».
Auch der Unteraargletscher wird bis dann fast komplett verschwunden sein – obwohl er heute zu den längsten der Alpen gehört und seine Schuttbedeckung die Schmelze noch verlangsamt. «Doch auch hier sieht man Kollapsstrukturen und Zerfallserscheinungen», sagt Fischer. Weil das Eis momentan so schnell schmilzt, muss er manchmal mitten im Sommer neue Messstangen ins Eis bohren.
Wenn so viel neues Land zum Vorschein kommt: Können wir da nicht ein paar Hektaren opfern, um unsere Stromversorgung zu sichern? Schliesslich könnte dies auch dabei helfen, die Klimakrise in den Griff zu bekommen. Fischer kennt das Argument und ist kritisch. Er erwähnt das grosse Einsparpotenzial. Noch immer werde viel zu viel Strom verschwendet. «Wir haben uns in der Vergangenheit zu oft erlaubt, den Vorrang gegenüber der Natur einzunehmen.»
Dennoch werden am Unteraargletscher die Energieinteressen den Interessen der Natur übergeordnet. Die Erhöhung der Staumauer am Grimselsee ist Teil einer Liste von fünfzehn Wasserkraftprojekten, die unter Altbundesrätin Simonetta Sommaruga mit den Umweltschutzorganisationen ausgehandelt wurden. Das Parlament hat sie ins Bundesgesetz über eine sichere Stromversorgung mit erneuerbaren Energien integriert; sie lassen sich kaum noch verhindern. SVP-Energieminister Albert Rösti hat die Gesetzesänderung 2016 als Nationalrat aufgegleist, er war bis vor seiner Wahl in den Bundesrat Präsident des Schweizerischen Wasserwirtschaftsverbands.
Der Bundesrat schliesst eine Aufnahme von umstrittenen Gebieten ins Inventar der Gletschervorfelder kategorisch aus. In seiner Antwort auf die erwähnte Anfrage von Nationalrätin Munz schreibt er: «Die Speicherwasserkraft-Projekte in diesen Gebieten haben eine sehr hohe Bewertung bezüglich der Versorgungssicherheit mit Strom im Winter und stehen bereits in Planungs- und Bewilligungsverfahren.» Geht alles nach dem Plan der Kraftwerke Oberhasli, könnte 2027 mit dem Bau an der Grimselstaumauer begonnen werden.
Vom Gletschervorfeld läuft man rund zwei Stunden zurück zum Parkplatz an der Passstrasse. Der Weg führt den milchig-graugrünen Stausee entlang. Kletter:innen hängen in den Wänden, in denen auch Mary Leibundgut in ihrer Jugend kletterte. Noch eine Weile ist der dunkelgraue Gletscher im Hintergrund sichtbar. Kurz bevor er hinter einem Felsen verschwindet, dreht sich Leibundgut noch einmal um und schiesst ein Foto.