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Novalis gilt – nicht ganz zu Unrecht – als dunkler, schwer verständlicher Autor. So ist es wohl kein Zufall, wenn Bernhard seinem Drama einen Satz dieses Mannes voran stellt:
Das Märchen ist ganz musikalisch.
So, aus jedem Zusammenhang gerissen, ist der Satz definitiv dunkel. Ausser man bezieht ihn auf die im wahrsten Sinn des Wortes als Hintergrundmusik eine Rolle spielende Zauberflöte, hat der Satz nichts mit dem Stück zu ttun.
Ich hatte und habe immer noch mit Bernhard so meine Probleme. Seine Stücke (seine Prosa kenne ich nicht) stehen für mich einigermassen erratisch in der literarischen Landschaft. Anders als bei William Faulkner, mit dem ich lange Zeit (bis hin zu meiner Lektüre von The Sound and the Fury) auch nicht warm werden konnte, wo ich aber überzeugt war, dass hier ein ganz grosser Autor schrieb, bin ich mir bei Bernhard nicht so sicher. Daran hat auch eine erneute Lektüre von Der Ignorant und der Wahnsinnige nichts geändert.
Fünf Personen treten in diesem Stück auf: Königin der Nacht, Vater, Doktor, Frau Vargo, Kellner Winter. Es fällt auf, dass drei davon keine eigenen Namen tragen, sondern nur mit ihrer Rolle, ihrer Funktion, bezeichnet sind – Königin der Nacht gleich doppelt, weil die Frau, die Bernhard so bezeichnet, eine Opernsängerin ist, deren Paraderolle die Königin der Nacht in Mozarts Zauberflöte ist. Es sind die subalternen Figuren, der Kellner und die Garderobière, die einen eigenen Namen tragen dürfen. Der erste Aufzug spielt In der Oper (genauer in der Garderobe von Königin der Nacht [ich verwende Bernhards Personenbezeichnungen als Eigennamen]), der zweite Bei den drei Husaren (offenbar ein Restaurant). Jede der drei Hauptpersonen lebt abgeschottet in einer eigenen Welt. Wenn diese Menschen-Monaden Fenster haben, dann nur, um etwas herausrufen zu können, nicht, um etwas von aussen hinein zu nehmen. So doziert Doktor des langen und breiten über die Sezierung einer Leiche – ohne weiteren Zusammenhang mit dem, was sonst auf der Bühne vorgeht. Er tut dies offenbar im Glauben, Vater interessiere sich dafür – ja, Vater wäre unter andern Umständen selber Arzt geworden. Vater aber ist Alkoholiker und sitzt nur hinter seiner Flasche, von Zeit zu Zeit sinnlos einen Satz von Doktor laut wiederholend. Er hat einmal die im Grunde genommen wenig, ja gar nicht, begabte Tochter zu einem Gesangsstudium gezwungen, um sich in ihrem Ruhm sonnen zu können. Jetzt ist die Tocher weltberühmt für ihre Koloraturen, aber im zweiten Aufzug erscheint ihr Hass auf diese ihre Berühmtheit: Sie will weder Autogramme mehr geben, noch in Stockholm und Kopenhagen auftreten, wo sie doch offenbar schon zugesagt hat. Zum Schluss löscht Winter das Licht im Restaurant und die Hauptfiguren tappen sich nun auch physisch in jenem Dunkeln, in dem sie psychisch schon lange tappen.
Im Dunkeln tappt auch der Leser / Zuschauer. Wer ist nun der Ignorant, wer der Wahnsinnige? Ist er, der Rezipient, der Ignorant? Der Künstler der Wahnsinnige?
Ich weiss nicht. Wenn ich absurdes Theater will, fühle ich mich mit Beckett besser bedient. Der ist wenigstens noch komisch. Bernhard selber scheint, ähnlich wie Königin der Nacht, sein Publikum ordentlich zu hassen, wenn er ihm solche Stücke vorsetzt.