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Mit seiner Rede „Wahrheit, Freiheit und Friede“ zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1958 betrat Jaspers die politische Bühne als engagierter Kritiker der Bundesrepublik. In unmissverständlichen, für viele in ihrer Deutlichkeit überraschenden Worten kritisierte er das offizielle Festhalten an der Wiedervereinigung, das der seit 1949 konsequent verfolgten Politik der Westintegration widersprach, die zunehmende Inbesitznahme des Staates durch die Parteien sowie die Verdrängung der NS-Vergangenheit seitens einer materialistisch eingestellten, allein an wirtschaftlichem Wohlergehen interessierten Bevölkerung. Damit hatte er die Themen gefunden, die sein kritisches Engagement in den folgenden Jahren bestimmen sollten. Nachdem er in „Freiheit und Wiedervereinigung“ (1960) seine Kritik verschärft hatte, gab er mit dem Bestseller „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ (1966) jegliche Zurückhaltung auf und griff Parteien wie Politiker direkt an. Motiviert war dieser Angriff durch den für ihn enttäuschenden Ausgang der beiden Bundestagsdebatten über die Verjährung von NS-Verbrechen im März 1965 sowie die konkreter werdenden Pläne für eine Notstandsgesetzgebung, die elementare Grundrechte einzuschränken drohte. Bei aller Kritik ging es ihm aber nicht darum, die Bundesrepublik abzuschaffen, er wollte vielmehr mehr Demokratie einklagen.
So überraschend dieses politische Engagement den Zeitgenossen auch erscheinen mochte, es kam nicht von ungefähr und hatte einen langen Vorlauf. Jaspers, an sich unpolitisch, fand wie viele seiner Generation durch den Ersten Weltkrieg zur Politik. Dabei orientierte er sich an seinem Vorbild Max Weber, ohne freilich die gleichen Konsequenzen für die Praxis zu ziehen. Vielmehr übte er sich in existenzphilosophisch begründeter Zurückhaltung und trat erst 1931 mit seiner kleinen, aber viel beachteten Schrift „Die geistige Situation der Zeit“ an die Öffentlichkeit. Die Politik kam darin nur unterschwellig vor, Namen zeitgenössischer politischer Persönlichkeiten und Ereignisse fehlten fast völlig.
Unmittelbar nach der Befreiung von der NS-Diktatur ergriff Jaspers in Zeitungen, Zeitschriften und im Rundfunk das Wort, um zu einem geistig-politischen Neuanfang in der Universität, aber auch in der Gesellschaft insgesamt aufzurufen. Bleibendes Dokument dieser Jahre ist die 1946 erschienene Schrift „Die Schuldfrage“, in der er durch die Unterscheidung verschiedener Schuldbegriffe eine Selbstverständigung der Deutschen über die NS-Zeit anstossen wollte – eine Selbstverständigung, die ausbleiben sollte, und deren Ausbleiben dazu führte, dass Jaspers das Thema ab 1958 in verschärfter Form zur Sprache brachte.
Ab 1949, parallel zu seiner Arbeit an der „Weltgeschichte der Philosophie“, wandte sich Jaspers verstärkt den weltpolitischen Problemen zu, neben dem Totalitarismus vor allem dem nuklearen Wettrüsten. Als einzige Möglichkeit, diese Probleme dauerhaft zu lösen, erschien ihm die Errichtung einer supranationalen Weltordnung, deren Idee er in „Vom Ursprung und Ziel der Geschichte“ (1949) und „Die Atombombe und die Zukunft des Menschen“ (1958) skizzierte.