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1924–2000
Vizepräsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Brauerei A. Hürlimann AG
1924–2000
Vizepräsident und Delegierter des Verwaltungsrates der Brauerei A. Hürlimann AG
Die Brauerei Hürlimann besass oder pachtete in Zürich Anfang 1970er Jahre etliche Liegenschaften und Restaurants. Ich hatte einmal eine Liste mit zirka 70 Objekten in den Händen. Zum Teil war das an prominentester Lage, wie das «Du Nord» beim Hauptbahnhof.
Beim Restaurant «Weisser Wind» im Oberdorf war nicht ganz klar, ob Hürlimann Pächter oder Besitzer war. Der Weisse Wind hatte einen der grössten Beizen-Säle der Innenstadt, die man auch als junger Mensch mieten konnte. Der Weisse Wind wurde unter Musikfans bekannt, weil dort nach Andre Berner’s Zürcher Jazzfestival jeweils legendäre Jam-Sessions stattfanden. Unser erstes Bazillus-Konzert fand da am 19. Dezember 1969 statt. Es folgten weitere Konzerte bis 1971. Der Beizer freute sich immer, wenn Marcel Bernasconi und ich den Saal mieteten. Der Brauereidirektor Dr. Martin Hürlimann war öfters im kleineren Säli im selben Stockwerk. Das war nämlich auch die Zunft-Stube «Zunft zum Weggen» (der Bäcker und Müller) wo Hürlimann Mitglied war.
Am 27. April 1971 fand das erste Konzert mit dem «Wiebelfetzer Workshop I» statt. Mein Bruder Raymund machte die Kasse. Da kam ein Herr in Anzug und Krawatte an die Kasse und fragte, ob er den Herr Kennel sprechen könne. Remo sagte, er sei der Bruder von Beat Kennel. Hürlimann kam gerade von der Zunftstube auf der selben Etage. Er streckte meinem Bruder ein Couvert hin und bat ihn, mir das Couvert auszuhändigen. Es waren Fr. 1'000.- drin. Viel Geld, einfach so, für ein paar junge, langhaarige Leute! Das war ein totaler Aufsteller.
Hier begann eine Art Freundschaft mit Martin Hürlimann. Er war ein äusserst interessanter Mensch, historisch informiert, humorvoll und immer für einen guten Spruch zu haben. Im Betrieb wurde er von Mitarbeitern für seine Art sehr geschätzt. Ein gut geerdeter Brauerei-Direktor eben!
Er machte mit seiner Frau Reisen in ganz Europa und suchte alte Kirchen auf, um fünfzackige Sterne an Böden und in Seitenräumen zu finden. Der fünfzackige Stern war das Markenzeichen der Brauerei Hürlimann. Er war auch sehr interessiert an allem, was mit Hexen zu tun hatte. Naheliegend, dass es deshalb im Sortiment der Brauerei das "Häxli-Bier" gab ?
Einmal kam unverhofft Post aus Frankreich…
Eine liebevoll von der Weinflasche gelöste Etikette, zwischen zwei Kartons gesendet.
Hürlimann war auch gut befreundet mit Sergius Golowin (Mythenforscher und Publizist). Er liebte Musikanten. Mario Feurer von den Minstrels erzählte lustige Geschichten von feucht-fröhlichen Abenden mit dem Brauereichef in Bierzelten. Wenn er wieder einmal in den unteren Ställen bei seinen Bier-Mannen (die mit den riesigen Hürlimann-Rössern) auftauchte, herrschte immer grosse Freude. Einmal war ich dabei.
Martin Hürlimann war Spross einer alteingesessenen Familie (Brauerei seit 1836) und es ist bezeichnend, dass mir genau dieser philanthropische Mensch anfangs am meisten geholfen hatte, mit unserem Projekt überhaupt in Gang zu kommen!
1972 lancierte ich mit meinem alten Freund, dem Bazillus-Mitinitianten Dieter Schärer erstmals das Projekt «Ein Musikzentrum für Zürich». Wir waren auf der Suche nach einem Lokal für einen Jazzklub, der auch Zusatzräume aufwies. Schärer und ich hatten dann im Zeitraum 1972 bis 1975 insgesamt 34 Restaurants geprüft. Martin Hürlimann half uns, in dem wir Zugang zu seinem Liegenschaften-Portefeuille hatten. Wir bekamen sogar interne Pläne und ich konnte schon mal anfangen, die Bestuhlung symbolisch einzuzeichnen. Er schlug uns den «Hubertus» vor, dann auch sein grosses Restaurant am Beatenplatz. Fast am Ziel angelangt waren wir im Dezember 1973 beim Restaurant «Du Nord» am Bahnhofplatz(!). Der erste Stock rentierte nicht und von der Infrastruktur her, war alles bestens geeignet.
Alles war auf bestem Weg. Aber dann kam die Gesundheitspolizei und wollte einen Akustiktest machen. So spielten Jürg Grau (tp), ein Gitarrist, ein Kontrabassist und ich am Schlagzeug ein Ständchen. Die Akustiker von der Gesundheitspolizei machten in den oberen Stockwerken Messungen und auch draussen im Verkehr(!).
Der Entscheid der Behörde war niederschmetternd. Wegen den Angestellten im obersten Stock könnten sie uns keine Bewilligung geben. Die Gesundheitspolizei machte uns wieder einmal krank!
Dieter Schärer war damals die Projekt-Bürozentrale für alles, was mit Institutionen wie Behörden zu tun hatte, und er war auch für alle Donatoren zuständig. Dieser erste, negative Entscheid von behördlicher Seite, gelangte also zu Dieter, der mir dann die Hiobsbotschaft sofort telefonisch mitteilte: das Du Nord-Projekt sei «bachab» .
Dieter leitete den amtlichen Entscheid sofort an Hürlimann weiter. Hürlimann antwortete umgehend. Kurz darauf kam der «Hürlimann-Kultbrief» an uns Initianten und eine Kopie desselben an den Stadtpräsidenten Sigmund Widmer. Wenn man den heute liest, wird klar, was für ein Kaliber Hürlimann war.
Am 11. Juli 1974 erfuhr ich von Jürg Grau vom grossen Keller-Raum am Albisriederplatz 6. Ende September 1974, hatte ich den Mietvertrag mit dem Vermieter ACAR AG-Autozubehör unterschrieben.
Uns fehlte schnell mal das nötige Geld, um den ersten Bazillus-Workshop für Musiker zu eröffnen.
Ich ging am 26. August 1974 zu Martin Hürlimann in die Brauerei und erzählte ihm, dass wir finanzielle Schwierigkeiten hätten, weil uns die von den Ämter bauliche Auflagen aufbrummten, die ich als Privatmann nicht bezahlen konnte. Wir bauten den Raum in Fronarbeit um. Hürlimann verschwand an diesem Meeting (7 Uhr früh! - oh weh!) aus dem Konferenzraum und liess mich für eine halbe Stunde warten. Er entschuldigte sich, es habe in der Buchhaltung etwas länger gedauert, setzte sich und sagte, «Herr Kennel; damit sie jetzt überhaupt weiter machen können, gebe ich jetzt dieses Couvert» (Ich vergesse den Augenblick nie mehr, wie er das Couvert aus seiner edlen Herren-Jacke hervorzog…) Ich öffne es und da waren fünf «AMEISEN» drin! (Also 5 Tausendernoten, die mit der Ameise aufgedruckt!) Ohne diesen Betrag hätte ich es nie geschafft, den ersten Klub zu realisieren. Die Miete war für acht Monate gesichert und wir konnten in Ruhe weiter arbeiten!
Dann sagte er noch, «Jetzt gehen wir runter zum Lagerchef und schauen mal, was er an Mobiliar abgeben könnte».
Für uns war somit das ganze Problem der Klub-Bestuhlung gelöst!
In dieser Zeit liess er auch einen humorvollen, zünftigen Zünftler-Spruch los. Er, Dr. (Agrar) Hürlimann meinte das Problem mit dem Bazillus zu kennen:
«…wissen sie, Herr Kennel, warum sich die ganze Bazillus-Idee so schwierig gestaltet?»
Ich: «Äh, nein.»
Er: «Wenn alle Mais anbauen und es kommt einer, der will Roggen anbauen, dann gibt’s Meis*…»
(* Aus dem Zürichdeutschen frei übersetzt Meis = Lärm, Umstände, Probleme, Stunk.)
Immerhin hatten wir am Albisriederplatz bis Ende 1979 unseren ersten Bazillusklub. Zwar ohne Ausschank mit Bar, aber wenigstens mit guter Musik! Und die Bazillus-Idee wurde bekannt in der Szene.
Als wir dann Ende 1979 das Bazillus-Musikrestaurant planten, war es für uns klar, dass wir das Bier bei Hürlimann bestellen würden. Ich schickte ihm diese Zeichnung in der Hoffnung, dass er bei uns mitmachen würde.
Das Bazillus Hotel Hirschen war noch nicht fertig eingerichtet, da kam Martin Hürlimann kurz reinschauen. Er wusste, dass wir ein Gönnermeeting hatten. Hürlimann hatte ziemlich einen sitzen und war in Begleitung seines Finanzchefs, Herrn Spühler. Anwesend war auch die Kulturchefin der Migros, Arina Kowner. Es war Hochsommer und der Alkohol machte sich mitten am Tag schnell bemerkbar. Ich machte mit beiden eine Hausbesichtigung. Im Keller zeigte uns Herr Hürlimann eine Schachttüre. Er erzählte, dass vom Spätmittelalter an im Untergrund die Waren von den Limmatschiffen angeliefert wurden und dass dieses Tunnelsystem bis zur Marktgasse geführt habe. Zünftler wissen so etwas. Dann gings rauf zur Zimmerbesichtigung. Im Zimmer 2 (das Chianti-Zimmer) hatte es mitten im Raum eine Sitzbadwanne auf einem Podest. Er wollte gerade Arina Kowner etwas erklären und zeigte zu der Deckenlampe hoch, übersah das Podest, fiel rücklings in die Sitzbadewanne und schlug ganz vehement seinen grossen Brauerei-Direktor-Schädel an. «Hat es Ihnen etwas gemacht, Herr Hürlimann?» Er meinte nur, er habe einen Schädel wie ein Hürlimann-Ross. Arina und ich schafften es fast nicht, diesen schweren Mann da wieder rauszukriegen. Diese Geschichte wurde später immer wieder erzählt.
Martin Hürlimann spendete zum letzten Mal CHF 40'000. für u.a. Klubeinrichtung, Hotelbetten und -Wäsche.
Frau Kowner spendete über Micasa einen grossen Teil für die Hoteleinrichtung.
Gesehen habe ich ihn zuletzt anlässlich der Moods-Eröffnung im Selnau. Er war traurig über die Scheidung von seiner Frau. Wir wollten uns nochmals auf der Allmend zu einem Spaziergang treffen. Er hatte aber Probleme mit den Beinen. Es ging ihm damals nicht mehr gut.
Wir waren alle sehr traurig, als wir später von seinem Tod erfuhren (am 24.12.2000).