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Der Pullover ist so deutsch, dass wir den Engländer in ihm kaum noch erkennen: Er kommt von pull over und ist wörtlich ein Überzieher. Während des zweiten Weltkriegs verbannten die Nationalsozialisten alles Englische aus dem Deutschen und versuchten, den Pullover in «Schwubber» umzubenennen. Vergeblich. Längst hatte sich der Pulli festgesetzt. (Der allerdings, der Pulli, war ursprünglich ein Pullunder, ein ärmelloser Unterzieher, den man über dem Hemd, aber unter der Jacke trug.)
So richtig durchgesetzt aber hat sich nur der Pullover, und das liegt daran, dass er zu allen Zeiten nicht bloss Kleidung war, sondern auch äusseres Zeichen der eigenen Weltanschauung. Im 19. Jahrhundert hatte der Pullover noch als unmodisch und unseriös gegolten, aber mit dem Aufkommen von Reformbewegungen und Sport im 20. Jahrhundert wurde er gesellschaftsfähig. Die minimalistische Mode der Existenzialisten liebte den schwarzen Rollkragenpullover, mit Jackett oder ohne. In den 70er-Jahren wurde der Pulli zum Markenzeichen der Öko-Szene, aus grober Wolle und vorzugsweise selbst gestrickt, danach, glatt gewoben, entdeckte ihn die Techno-Bewegung, mit Kapuze dann der Hip-Hop, die Skater, die Hooligans und die Autonomen. Und heute, als Pulli oder Sweatshirt, ist der praktische Überzieher aus den Kleiderschränken der Welt nicht mehr wegzudenken.
Aber nicht immer ging es dabei um Mode. Als in Frankreich ein Partygast einmal auf dem Arm der Politikerin und Holocaust-Überlebenden Simone Veil deren eintätowierte Häftlingsnummer entdeckte und tollpatschig nachfragte, ob das vielleicht ihre Garderobennummer sei, trug sie jahrelang nur noch langärmlige Pullover.