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Zuerst hatte sie gelacht. Dann die Stirn gerunzelt. Jetzt war sie hier, kurz vor Mitternacht, auf dem Friedhof. Ein feiner Nieselregen legte sich auf ihre Schultern und ihre Kapuze, die sie tief ins Gesicht gezogen hatte. Nebelfetzen tauchten die Grabsteine in milchiges Licht. Der Kegel ihrer Stirnlampe huschte über den schmalen Weg. Kies knirschte unter ihren Turnschuhen und dröhnte in ihren Ohren.
Der Spaten in ihrer Hand wog schwer. Sie umfasste den hölzernen Griff mit der anderen Hand, dann wischte sie sich über die Augen. Da vorne war es, das Familiengrab. Der schwarze Marmorstein glänzte, es roch nach frischer Erde. Sie ging in die Hocke und betrachtete die ordentlich mit dem Rechen bearbeitete Oberfläche. Der Spaten glitt mühelos in die Erde, das Loch wurde rasch grösser. Ein dumpfes Geräusch kündigte an, dass sie fündig geworden war. Sie blickte sich rasch um, schaltete ihre Lampe aus und horchte in die Finsternis. Der Schein der Strassenlampen drang nur schwach über die Friedhofsmauer.
Dann griff sie in das Erdloch, fasste die Urne und zog sie langsam heraus. Der Deckel löste sich rasch. Sie zog den Metallbehälter heraus und schob ihn in ihre Jackentasche. Zwei Minuten später war das Loch gefüllt und nur ein paar Erdklumpen ausserhalb der steinernen Grabumrandung zeugten von ihrem Besuch. Sie packte den Spaten und eilte Richtung Ausgang. Eine Krähe flatterte auf, dann war das Knirschen von Schritten zu hören. Sie blieb stehen und leuchtete die Wege ab. Ein Schatten näherte sich.
Sie blieb, wo sie war und umschloss den Spatengriff. Der Schatten baute sich vor ihr auf. Atemwölkchen nahmen ihr die Sicht.
"Frau Kollwitz, was machen Sie denn hier?" Sie erkannte die Stimme von Alfons. Er war schon Küster gewesen, als sie noch ein Kind war. Sie beugte sich nach vorne und blickte in seine Bernhardineraugen, die immer zu triefen schienen.
"Ich hatte einen schlechten Traum und wollte sicher gehen, dass hier alles in Ordnung ist."
Alfons deutete auf den Spaten. "Haben Sie etwa gegraben?" Seine Stimme nahm eine höhere Tonlage an.
"Ach, woher. Den Spaten habe ich zur Verteidigung dabei. So allein nachts auf dem Friedhof, da kann man nie wissen."
Der Küster blickte sie lange an. "Dann gehen Sie jetzt besser nach Hause, ich schaue hier nach dem Rechten."
Sie nickte und ging um ihn herum auf den Friedhofsausgang zu. Dabei befühlte sie das Metallgefäss, das schwer in ihrer Jackentasche wog. Glück gehabt. Die Asche ihres verstorbenen Mannes war da und niemand würde sie vermissen. Hoffentlich. Denn: Leichenfledderei war verboten. Eine leere Urne zu bestatten ebenso. Ihr Mann war überzeugter Katholik gewesen. Das Familiengrab war obligatorisch. Trotzdem wollte er, dass seine Asche in den Bergen verstreut würde. Die Bestatterin hatte ihr den Vorschlag gemacht, die Urne auszugraben und die Aschephiole zu entnehmen. Sie hatte erst an einen Scherz gedacht.
Friedhof der Kuscheltiere war eines ihrer Lieblingsbücher. Doch nur in der Theorie, nicht in der Praxis.