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Seit vielen Jahrhunderten wird im Emmental geschwungen. Ursprünglich aus einem Kräftemessen von Hirten und Sennen entstanden, fanden die ersten Schwingfeste an Dorf- und Älplerfesten statt. An einigen dieser Orte wurden dann jedes Jahr Wettkämpfe bestritten. Im Emmental ist der bekannteste alte Schwingplatz derjenige auf der Lüderen. Hier soll schon vor über 500 Jahren geschwungen worden sein. Ähnlich war es wohl mit dem Schwingfest auf dem Napf, das 1782 zum ersten Mal eine schriftliche Erwähnung fand.
Die grössten Feste, sozusagen die Zentralfeste, wurden in Unspunnen und auf der Schanze in Bern ausgetragen. Sie existierten schon Mitte des 18. Jahrhunderts und blieben über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus bestehen. Es scheint, dass die Bezeichnung „Schwingerkönig“ für den ersten Rang bei diesen Festen in Anwendung kam. Der Schanzenschwinget fand meist auf der kleinen Schanze statt (Platz der heutigen Bundesgasse und des Weltpostdenkmals). Viele Schwingfeste standen im Zeichen des Duells zwischen dem Oberland und dem Emmental.
Anders als heute wurde der Schwingerkönigstitel früher häufiger vergeben, teilweise sogar mehrmals pro Jahr. Insgesamt kamen 13 Truber zu Königsehren. Die Truber hatten noch zahlreiche weitere böse Schwinger. Vom Eidgenössischen 1887 wird etwa berichtet, dass von zwölf Schafen deren acht nach Trub gingen.
Christian Wüthrich („Milpacher Chrigel“), 1762-1806
Der riesenhafte Milpacher Chrigel soll eine ungeheure Kraft besessen haben, gepaart mit einem gewissen Temperament. Zu Ende des 18. Jahrhunderts war er während nicht weniger als 13 Jahren Sieger auf der grossen Schanze in Bern, Erfolge feierte er auch im Oberland. Noch als 43-Jähriger war er schwingerisch aktiv. 1805 stand er beim Unspunnenfest im vierten Rang. Zu Chrigels frühem Tod schrieb der Pfarrer in seinem Register: „Christen Wüthrich, ab dem Millbach, war der stärkste Mann von hier und der stärkste Schwinger gewesen, hatte aber durch Auschweifung seine Leibs- und Geisteskräfte, Ehre und Vermögen zu Grund gerichtet.“
Jakob Wüthrich („Seltenbach Jäggel“), 1790-1843
Jakob Wüthrich wuchs im Vorder Seltenbach auf. Wie es damals Brauch war, übernahm er als Jüngster den elterlichen Hof. Er blieb bis an sein Lebensende dort wohnhaft und ging wohl nur für die Schwingfeste in die Stadt. Schon früh zeigte sich Jäggels grosses schwingerisches Talent. Kaum aus der Schule, bodigte er an der Lüderenchilbi die bösesten Sumiswalder. Jäggels grösste und bekannteste Tat war wohl sein Sieg gegen den „grossen Waldibueb“ 1819 am Munischwinget in Kröschenbrunnen. „Waldi“ sei ein Ugrüüsel an Kraft gewesen und habe 350 Kilogramm Kartoffeln tragen können, wurde gesagt. Wie einen Bären führte man ihn an einer Kette herbei. Auch Jäggels Sohn „Fäy Sime“ und sein Enkel „Stauffe Sime“ holten später den Königstitel.
Peter Beer, 1796-1862
Peter Beer war der Cousin des bekannten Schwingerkönigs Johann Ulrich Beer. Er leitete durch seine Erfolge die eigentliche Glanzperiode der Truber Schwinger ein. Bekannt wurde er durch den erfolgreichen Kampf in den 1820er-Jahren mit dem bösesten Oberländer, Fritz Michel („Sandmattenfritz“). 1819 übernahm er den elterlichen Hof Bruch im Twärengraben, ab 1821 wohnte er dann in Eriz. Er war zweimal verheiratet und Vater von total zwölf Kindern. Es werden übrigens gleich vier Schwinger namens Peter Beer im „Alters- und Gedenkregister der Sennen- und Turnerschwinger“ aufgeführt.
Michael Uhlmann, 1804-1874
Die Uhlmanns vom Mittler Breitäbni waren eine bekannte Schwingerfamilie. Zusammen mit seinen Brüdern Christian und Mathias gehörte Michael Uhlmann bis in die 1840er-Jahre zu den Besten. Ihre Spezialität war der Langzug. Michael soll diesen Schwung jeweils an einem schweren Hartholztütschi geübt haben, da ihm die starken Gegner fehlten. Zudem war er eine durch Gestalt, Haltung und Kraft imponierende Schwingerfigur. Seine grössten Erfolge feierte er sowohl am Schanzenschwinget wie auch im Berner Oberland. Er besiegte unter anderem auch den legendären „Sandmattenfritz“. Michael Uhlmann arbeitete im Käsereibetrieb J. Lehmann in Langnau als Meistersalzer. Im Nachruf im „Emmenthaler Blatt“ steht, dass Michael Uhlmann nie besiegt worden sei.
Peter Bächler, 1826-1910
Peter Bächler wurde in Luthern im Kanton Luzern geboren und zog als Knabe mit seinem Vater nach Trub. Er war zwar eher schmächtig, dafür aber ein äusserst gewandtes Bürschchen. Im Sonderbundskrieg 1847 im Berner Feldlager in Grosswangen wurde er vom viel grösseren Tambourmajor Haldemann zum Schwingen herausgefordert. Um 100 Franken wollte dieser kämpfen. Peter Bächler nahm an, jedoch nur um die Ehre und ein Glas Wein, da er das Geld nicht besass. Und siehe da: Er gewann. Im Sonderbundskrieg wurde Bächler als Spion in den Kanton Luzern geschickt, den er gut kannte. Schwingerisch machte er als Schönschwinger von sich reden. 1851 schwang er auf der Schanze obenaus. Auch später verlor er nur wenige Gänge.
Johann Ulrich Beer, 1827-1907
Hans Uli Beer stammte aus einer grossen und erfolgreichen Schwingerfamilie. Er und seine vier Brüder sollen alle den Klöppel der grossen Glocke im Berner Münster gehoben haben. Dies sei ein bekanntes Kraftmass gewesen. Hans Uli Beer war gross und für einen Emmentaler relativ schlank, doch von überragender Körperkraft. Er soll auch ein hervorragender Schwinglehrer gewesen sein; in seiner Zeit nahm die Zahl der guten Truber Schwinger stark zu. Bereits in jungen Jahren sorgte er für Aufsehen. Auf der Lüderen hatte er gegen den Schangnauer Samuel Grimm einen Gang verloren. Da Hans Uli glaubte, durch einen unerlaubten Kniff verloren zu haben, gab er seinem Gegner ein paar Fausthiebe auf den Kopf. Grimm gab zurück und schon bald sei die schönste Schlägerei zwischen den anwesenden Trubern und Schangnauern im Gang gewesen. Von 1850 bis 1863 war Hans Uli Beer insgesamt neun Mal Schwingerkönig. 1879 wanderte er nach Amerika aus, wo er als Farmer arbeitete. Obwohl bereits 50-jährig, soll er sich noch an Schwingfesten in den Schweizer Kolonien beteiligt haben. 1907 verstarb er in Oregon und wurde in Manor im Staat Washington beerdigt.
Simon Siegenthaler, 1829-1901
Mit 14 Jahren verlor Simon Siegenthaler seinen Vater. Darauf übernahm er bereits den elterlichen Hof. 1861 gewann er den Schanzenschwinget – an jenem Fest besiegte er unter anderem den schlanken Abplanalp und das Oberländische Brüderpaar Furrer. Als Preis erhielt er ein Schaf. Nach dem Rücktritt als Aktiver war Simon Siegenthaler als Kursleiter und Kampfrichter im Einsatz. Sein Bruder war der Ururgrossvater der Schwingerfamilie Siegenthaler, Mittler Mettlen. Einen schweren Schicksalsschlag erlitt Simon Siegenthaler, als er mit seinem Fuhrwerk in Trub in den Bach stürzte und dabei seine Beine verstümmelt wurden.
Simon Wüthrich („Fäy Sime“), 1840-1921
Bereits mit drei Jahren verlor „Fäy Sime“ seinen Vater, den „Seltenbach Jäggel“. Mit 18 Jahren nahm Sime zum ersten Mal am Schanzenschwinget teil. Schwingerkönig war er von 1867 bis 1873. Die Schwingerzeitung berichtet von einer interessanten Episode aus seinem Leben: „Im Jahre 1863 kam um Mitternacht bei Nebelwetter ein Herr von Basel und forderte mich auf, nebst Hirsbrunner und Fankhauser von Sumiswald mit ihm nach Basel zu kommen, wo wir in einem Zirkus als Nachspiel schwingen sollten. Die Geschichte kam den betreffenden Müttern ganz bedenklich vor. Doch wurde meine Mutter für ihre Angst entschädigt, als ich mit einem zweizentrigen Mailänderschaf, das ich als ersten Preis erhalten, heimkehrte.“ Auch politisch machte „Fäy Sime“ Karriere: Er war Gemeindepräsident von Trub.
Johann Salzmann, 1844-1904
Johann Salzmann holte sich 1866 am Schwingfest in Langnau den Königstitel, den er bis gegen Ende der Siebzigerjahre beinahe ununterbrochen behielt. Ein einziges Mal, es war in Interlaken, unterlag er einem ausgezeichneten Oberländer, dem langen Abplanalp. Nach seinem Rücktritt war er noch viele Jahre als Kampfrichter tätig. Drei Jahre nach dem Ende seiner Aktivzeit trat er 1880 nochmals an einem Schwingfest in Langnau an, wo ihn die Nähe des Festplatzes lockte. Von Beruf war Johann Salzmann Käser, 1867 bis 1900 arbeitete er in der Käserei Mühlekehr in Trub. Zudem war er Gründungsmitglied des Eidgenössischen Schwingerverbandes.
Christian Schneider, 1851-1925
Geschwungen hatte Christian Schneider schon als Bub, aber nicht so viel wie andere. An einem grösseren Fest nahm er erst teil, als er 24-jährig und sich seiner Sache sicher war. Es war das Eidgenössische Schwingfest in Signau 1875, wo er auf Anhieb Zweiter wurde. Am Schwingfest in Unspunnen 1876 war er dann bereits Erster. Zehn Jahre konnte ihm keiner die Schwingerkönigehre streitig machen. 1883 am Eidgenössischen in Bern erhielt er als ersten Preis ein vom Bundesrat gestiftetes Vetterligewehr. Dieses hängte Christian noch auf dem Festplatz seinem Vater über die Schulter und sagte: „Dä da, mi Vater, muess es zerscht trage, dä hets am beschte verdienet!“ An diesem Schwingfest soll eine vorher noch nie gesehene Zuschauerzahl von 20’000 gezählt worden sein.
Simon Wüthrich („Stauffe Sime“), 1861-1940
Sime stammte von Oberstauffen im Seltenbach. „Seltenbach Jäggel“ war sein Grossvater und „Fäy Sime“ sein Onkel. Schon zu Schulzeiten soll „Stauffe Sime“ ein äusserst kräftiger Knabe gewesen sein. Auch später wird von fast übermenschlichen Kraftproben berichtet. Mit 19 Jahren belegte er am Kantonalen in Biglen den achten Rang, von da an eilte er von Erfolg zu Erfolg. Fünf Mal holte er sich den Königstitel. Nach seiner Aktivkarriere war er noch lange als Kampfrichter tätig und verpasste später auch als Zuschauer kein grosses Schwingfest. Ab 1902 war „Stauffe Sime“ in Rachholtern ob Steffisburg wohnhaft.
Rudolf Schneider, 1861-1950
Rudolf Schneider erlernte den Beruf des Käsers. Daneben wanderte er, so oft er es einrichten konnte, zu seinem schwingerischen Lehrmeister. Dieser riet ihm, sich nicht allzu früh mit den Besten zu messen. Den Königstitel holte er sich 1889, 1890 und 1891. Bereits 1886 ereignete sich folgende Episode: Rudolf Schneider wurde von einem „unüberwindlichen Kraftmenschen“, dem Variétédirektor Kaiser, mehrmals zu einem Ringkampf herausgefordert. Als Schneider, der vorerst ablehnte, endlich die Einladung annahm, warf er den Grosshans in ersten Anlauf so sauber auf den Boden, dass diesem die Lust zu weiteren Kämpfen verging. Dem nach Schwingerbrauch von Schneider gebotenen üblichen Handschlag wies der unterlegene Kraftmensch mit der Bemerkung „Sie haben mich ruiniert“ zurück.
Albrecht Schneider, 1882-1941
Schwingerkönig Christian Schneider war Albrechts Vater und später auch sein erster Lehrmeister im Schwingen. Obwohl Albrecht Schneider den meisten Gegnern in körperlicher Beziehung weit überlegen war, machte er von seiner Riesenkraft nicht immer Gebrauch. Er war ein loyaler Gegner, gewohnt, in festen Griffen zu schaffen. 1904 holte er sich seine ersten grossen Siege. Am Eidgenössischen 1905 in Interlaken belegte er zusammen mit Hans Stucki den ersten Rang. Der Königstitel wurde aber nur an Stucki vergeben; bei Punktegleichheit wurde nach damaligem Reglement derjenige Schwingerkönig, der mehr gewonnene Gänge verzeichnete. Stucki und Schneider waren auch die grossen Favoriten für das Eidgenössische 1908 in Neuenburg. Beide kamen in den Schlussgang. Die Berichterstatter beschreiben die Entscheidung wie folgt: „Schon wogt der Kampf eine Viertelstunde. Mit Anspannung all seiner Kraft sprengt Schneider den Gegner nochmals im Kurzen auf; umsonst ist diesmal aller Widerstand. Auf die linke Hüfte geladen wird Stucki im gewaltigen Bogen rechtshin auf den Rücken geworfen.“ Damit war Albrecht Schneider 25 Jahre nach seinem Vater ebenfalls Schwingerkönig geworden.
Texte: Marcel Reber
Bilder: Archiv Marcel Reber