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Wir freuen uns, Sie mit auf eine Reise durch die Geschichte des Schlossgarten Riggisberg zu nehmen. Aus Gründen der Authentizität werden hier zum Teil alte Begriffe verwendet, die im heutigen Sprachgebrauch nicht mehr Standard sind.
Missernten, Kriege, wachsende Bevölkerung und Industrialisierung haben Armut zur Folge. Kantone und Gemeinden versuchen, der Lage Herr zu werden, indem sie Anstalten für Arme, Straffällige oder Irre gründen.
Auf Initiative des Thurner Pfarrers Otto Güder beschliessen am 3. Juni 1879 die damaligen Ämter Bern-Land, Seftigen, Schwarzenburg und Konolfingen eine Armenanstalt für das Berner Mittelland zu gründen.
1880 können die Gründungsgemeinden von Robert Pigott das Schloss Riggisberg zusammen mit 41 Hektaren Land und 35 Hektaren Wald kaufen. Hier soll die Mittelländische Armen-Verpflegungsanstalt Riggisberg zu stehen kommen.
Der erste Insasse heisst Johann Amstutz. Ende 1881 leben bereits 165 Pfleglinge in der Anstalt. Sie werden von den Gemeinden zugewiesen, in denen sie heimatberechtigt sind.
Männer und Frauen schlafen getrennt in grossen Schlafsälen. Wer kann, arbeitet tagsüber auf dem Feld, im Wald, in der Schneiderei, Wäscherei, in der Küche oder als Schmied.
Die Menschen, die in der Armen-Verpflegungsanstalt in Riggisberg leben, sind krank und gebrechlich. Sie sind blind, stumm, lahm, leiden an Epilepsie oder Alkoholsucht oder sind geistig beeinträchtigt. Es besteht deshalb keine Arbeitspflicht für die Pfleglinge.
Der erste Verwalter der Mittelländischen Armen-Verpflegungsanstalt ist Johann Rohrbach. Er wird von seiner Frau sowie von acht Angestellten unterstützt.
Die Anzahl der Insassen wächst stark an. 1890 leben bereits 457 Pfleglinge in der Mittelländischen Armen-Verpflegungsanstalt. Sie ist überfüllt.
Einige Pfleglinge beklagen sich über das Essen. 1883 wird eine kräftigere Kost mit Eiern, Milch, Fleisch und Wein eingeführt. Branntwein gibt es nur noch als Medizin.
Verwalter Rohrbach muss fast alle acht Angestellten wegen Verfehlungen austauschen. Es herrscht akuter Personalmangel. Seine Tochter Louise hilft aus.
Die Landwirtschaft ist wichtig. Neues Land wird bewirtschaftet und Vieh dazugekauft.
Die bisherige Aktiengesellschaft wird in eine Genossenschaft umgewandelt. Die teilnehmenden Gemeinden halten Anteilsscheine an der Armen-Verpflegungsanstalt Riggisberg.
Mittelländische Armenpflegeanstalt Riggisberg.
Die Industrialisierung führt auch in Riggisberg und in der Armenpflegeanstalt zu technischen Neuerungen. 1893 erhält die Anstalt ein Telefon.
Über 400 Pfleglinge leben in der Armenpflegeanstalt. Sie ist überfüllt, die Hygiene leidet, obschon für die Frauen eine Badekammer mit sechs Badewannen eingerichtet wird.
1894 und 1896 wütet unter den Pfleglingen eine Grippe-Epidemie. Im heissen Sommer 1898 klagen viele Pfleglinge über Darmbeschwerden, wohl wegen der Hitze.
Eine grosse Zahl der Pfleglinge leidet an Alkoholismus. Im Anzeiger wird davor gewarnt, den Pfleglingen Alkohol auszuschenken. Für unfolgsame Pfleglinge wird eine heizbare Haftzelle eingerichtet.
1893 in Münsingen und 1899 in Bellelay entstehen psychiatrische Anstalten. Die Riggisberger Anstalt dient als Vorbild.
Die Jahre 1900 bis 1906 bescheren der Mittelländischen Armenpflegeanstalt reiche Ernten. Die Anstalt kauft Wald und Ländereien hinzu. Die unterdessen beinahe 500 Pfleglinge sind oft besser ernährt als die Dorfbewohner von Riggisberg.
1901 legt ein Pflegling einen Brand im Kornhaus. Vorräte verbrennen. Der Pflegling kommt ins Zuchthaus.
Seit 1901 verbindet die Gürbetalbahn Bern mit Thun. Auch Riggisberg ist mit der Bahn besser an die Städte Bern und Thun angebunden. Die vereinfachte Anreise führt Vereine in die Armenpflegeanstalt. Sie singen für die Pfleglinge, führen Theater auf oder leisten Freiwilligenarbeit. Die Frau von Nationalrat Johann Hirter spendet 150 Paar Strümpfe.
1907 erhält die Mittelländische Armenpflegeanstalt Riggisberg eine neue Anstaltsküche, der Speisesaal wird ausgebaut. Es entstehen acht neue Schlafzimmer für 30 Frauen. Die ganze Anstalt wird elektrifiziert. Es gibt eine Warmwasserheizung. Neu schmücken Wanduhren und Gemälde die Gänge.
Die Pfleglinge schlafen auf Betten mit Rosshaarmatratzen. Buchspenden ermöglichen eine Bibliothek. Landwirte aus Worb und Bolligen versüssen 1908 mit einer Obstspende das Leben der Pfleglinge.
In allen bernischen Anstalten herrscht akuter Platzmangel. Es kommen immer mehr kranke und arbeitsunfähige Menschen in die Armenpflegeanstalt Riggisberg. Einige sind so schwach, dass sie kurz nach der Ankunft sterben.
"Wie kann das Los der Pfleglinge in bernischen Verpflegungsanstalten verbessert werden?", diskutieren mehrere Anstaltsdirektoren in einer Sitzung 1913.
1914 bricht der Erste Weltkrieg aus. Der Anstaltsarzt rückt in die Armee ein. Ohne Arzt sterben mehr Pfleglinge. Auch der Knecht, der Karrer und zwei Pferde sind im Krieg. Sie fehlen in der Landwirtschaft. Zu allem Überfluss zerstört ein Orkan die Obsternte.
Um den Umständen entgegenzuwirken, werden neue Statuten aufgestellt. Die Mittelländische Armenpflegeanstalt nimmt nur noch Personen auf, die der "öffentlichen Armenpflege anheimgefallen sind und geschlossener Fürsorge bedürfen". Die individuelle Arbeitstherapie wird eingeführt.
"Das Wartepersonal soll die Kranken mit Freundlichkeit, Geduld und Liebe behandeln und besonders darauf achten, dass die Anordnungen des Arztes befolgt werden."
1916 geht der Verwalter Johann Rohrbach nach 35 Dienstjahren in Pension.
Weil Krieg herrscht und die Nahrungsmittel knapp sind, muss die Anstalt mehr produzieren. Sie heizt die Gebäude mit eigenem Torfmoos. Das Gewerbe der Pfleglinge wächst und besteht aus: Bäckerei, Schuhmacherei, Schneiderei, Holzarbeiten, Korbflechterei und Schmiede. Sie arbeiten fast ausschliesslich für den Bedarf der Anstalt.
Es gibt 430 Pfleglinge und 13 Angestellte.
Die Armenpflege wird moderner und professioneller. Deshalb wird die Anstalt renoviert. Es entstehen eine neue Badeeinrichtung, Aborte (WC) und ein Frauenarbeitssaal. Die Anstalt wird an die Kanalisation angeschlossen.
1917 übernimmt Fritz Gäumann das Amt des Verwalters.
1918 wird die Anstalt unbenannt in: Mittelländische Armen-Verpflegungs-Anstalt Riggisberg
1919 beherbergt die Armen-Verpflegungs-Anstalt drei Kategorien von Armen:
Geistige Störung, Vagantität (Landstreicherei), Trunksucht, Erwerbsunfähigkeit, Altersschwäche, Lähmung, Schwachsinn, Neurasthenie (Psychose).
1920 sind die Pfleglinge der Mittelländischen Armen-Verpflegungs-Anstalt zwischen 18 und 88 Jahre alt.
1921 ist die Arbeitslosigkeit in der Schweiz gross. Einige Pfleglinge sind deshalb nur kurz in der Anstalt.
Immer wieder finden Pfleglinge zurück in ein selbständiges Leben.
Die Anstalt hat eine eigene Kirche und einen eigenen Friedhof. Einmal im Monat gibt es einen Gottesdienst mit dem Anstaltspfarrer. Die Seelsorge des Pfarrers dient oft als Psychotherapie. Es gibt noch kein geschultes Personal dafür. Der Pfarrer hat daher eine wichtige Rolle.
Zitat aus dem Jahresbericht:
"Die Anstaltskirche Riggisberg - eine Musterkirche wie es noch keine andere gibt."
Ohne Beschäftigung geht es den Menschen nicht gut. 1930 führt die Anstalt deshalb eine neue Arbeitsmethode ein. Die Pfleglinge können nun eine Arbeit machen, die ihren Kräften entspricht. Der kantonale Inspektor findet sie gut, er findet aber auch, das Essen sollte mehr Fett haben. Dreimal pro Woche gibt es Fleisch.
1930 nennt sich die Anstalt Mittelländische Verpflegungs-Anstalt, 1932 fällt der Bindestrich weg: Mittelländische Verpflegungsanstalt Riggisberg.
Ab 1933 verlangt das Kantonale Armeninspektorat, dass auf zwanzig Pfleglinge ein Wärter oder eine Wärterin kommt. Bisher betreute ein Wärter 80 Insassinnen und Insassen.
Mit dieser neuen Regelung kommt die Personalpolitik ins Rollen. Um genügend qualifizierte Mitarbeitende zu finden, erhalten die Angestellten jährlich 10 Tage Ferien.
Ab 1935 erhalten arbeitende Pfleglinge eine Aufmunterung in Geld und Natura. Jeweils am Montag holen sie ihren Fünfliber ab.
1937 leben 486 Pfleglinge in der Anstalt. Das ist der absolute Höchststand in der Geschichte der Anstalt.
1939 wird der alte Schlossteil abgerissen und ein Neubau für eine Krankenabteilung errichtet. 1941 folgt der Umbau des Frauenspeisesaals. Männer und Frauen schlafen, essen und arbeiten getrennt. Ein Jahr später entstehen Wohnungen für Angestellte, Aufenthaltsräume für Frauen sowie Wohnungen für ruhige Ehepaare.
Im Krieg muss sich die Verpflegungsanstalt selbst versorgen. 14 Aren Kulturland ernähren rund 500 Personen.
1941 wird der Rasenplatz zur sogenannten Anbauschlacht verwendet. 1943 prüfen die Behörden, ob die Anstalt unproduktives Land ausscheiden kann. Überall gilt eine erhöhte Anbaupflicht, um die Schweizer Bevölkerung zu ernähren.
Am 13. Juli 1943 werfen die Briten 200 Bomben über Riggisberg ab. Sie waren für Italien bestimmt. Auch die Verpflegungsanstalt erleidet Schäden.
Während die Bevölkerung das Kriegsende feiert, kämpft die Mittelländische Verpflegungsanstalt mit einer Typhus-Epidemie. Ein Pflegling hat das Bakterium eingeschleppt. Die umliegenden Spitäler weigern sich, die Patientinnen und Patienten aufzunehmen. Nur das Spital Belp erklärt sich bereit dazu. 15 Pfleglinge sterben an der Krankheit.
Die Presse wirft der Anstalt vor, die Fälle zu verheimlichen. Die Kranken werden jedoch vorschriftsgemäss gemeldet.
Abort- und Toilettenräume werden umgebaut, um weitere Ansteckungen zu vermeiden.
Die geplanten Bildungsvorträge für die unterdessen 23 Angestellten müssen verschoben werden.
Die Mittelländische Verpflegungsanstalt Riggisberg entwickelt sich zunehmend zu einem Asyl für körperlich und geistig kranke Menschen. Der häufigste Eintrittsgrund ist Alter und Gebrechlichkeit. Die Anstalt verpflegt ein "Sammelsurium von Insassen", die andere Institutionen nicht aufnehmen möchten.
«Sie haben ja so viel erlebt, und ihr Leben ist ein Gewirr von eigener und fremder Schuld, so dass es oft schwer ist, beides voneinander zu trennen. Über die letzten und tiefsten Ursachen der Anstaltsversorgung liesse sich überhaupt manches sagen, und als grösster Angeklagter steht immer wieder der Alkohol vor uns, sind doch mindestens die Hälfte der Insassen unserer Verpflegungsanstalt direkt oder indirekt Opfer der Alkoholsucht.»
Zitat Pfarrer Joss (1945)
1952 entsteht eine geschlossene Abteilung auf dem Grund des bisherigen Friedhofs. Hier werden "Schwachsinnige" untergebracht. Das Wärterehepaar lebt in einer Wohnung auf der Abteilung.
1949 findet der erste richtige Personalausflug für die 30 Angestellten statt. Mit dem Autocar geht es durchs Simmental über den Jaunpass bis ins Greyerzerland.
1952 machen 200 Pfleglinge einen Ausflug an den Blausee.
1947 gibt der Verwalter Fritz Gäumann sein Amt wegen Krankheit ab. Ernst Staub wird neuer Verwalter.
Nach 75 Jahren des Bestehens wird die Anstalt modernisiert, die Anstalts-Atmosphäre soll verschwinden. Die grossen Schlafsäle entsprechen nicht mehr den Anforderungen. Sechs-Bett-Zimmer sollen sie ersetzen.
1959 eröffnet das Alleehaus. Es ist eine geschlossene Abteilung für besonders pflegebedürftige und schwer führbare Patientinnen und Patienten.
Die Anstalt verfügt über eine Viehherde von 137 Stück. Die Tiere gewinnen auf Viehschauen immer wieder Preise für ihre Schönheit. Dazu kommen 15 Pferde, 245 Schweine, 15 Schafe und 660 Hühner. Um das Vieh zu sömmern, pachtet die Anstalt 1958 die Gantrisch- und Wyssbachalp. Auch der Umfang des Maschinenparks nimmt zu, sodass eine neue, grössere Einstellhalle benötigt wird.
1960 tritt in der Schweiz die Invalidenversicherung (IV) in Kraft. Mit ihr sollen minderbemittelte Greise und Invalide vor der Verarmung bewahrt werden. 180 Pfleglinge werden angemeldet. Ein Jahr später tritt im Kanton Bern das neue Fürsorgegesetz in Kraft: "Gesunde Wohnverhältnisse" und geschultes Personal sollen Bedürftigen ein menschenwürdiges Dasein ermöglichen.
1962 startet das Projekt zur gesamten Um- und Neugestaltung der Anstalt. Schon ein Jahr später öffnen zwei neue Personalhäuser für die unterdessen 50 Angestellten. Von 1965 bis 1970 ist die Anstalt eine grosse Baustelle.
1970 erfolgt die Einweihung der Neubauten. Aus den bisherigen allgemeinen Abteilungen entstehen sieben Wohneinheiten für je 30 Personen. Ihnen stehen Einer- bis Viererzimmer mit fliessend Wasser zur Verfügung. Zu jeder Wohneinheit gehören ein Essraum, ein Wohnraum, ein Bad und Nebenräume.
Die Anstalt wird zum Heim und erhält deshalb 1968 den Namen: Mittelländisches Pflegeheim Riggisberg. Die Pfleglinge werden zu Pensionärinnen und Pensionären.
Immer mehr Pensionärinnen und Pensionäre erhalten Pflege. Qualifiziertes Personal zu finden, ist äusserst schwierig. Attraktive Arbeitsbedingungen sollen Mitarbeitende anziehen.
Noch 1970 wird die 5-Tage-Woche für das Pflegepersonal eingeführt, Mitarbeitende in der Landwirtschaft erhalten fünf (bisher vier) freie Tage pro Monat. 1972 kommt die 5-Tage-Woche für alle Angestellten.
In den betriebseigenen Personalwohnungen leben 25 Angestelltenfamilien. Die Frauen der Angestellten sind gebeten, ebenfalls im Betrieb mitzuarbeiten. Im neu eingerichteten Kinderhort können sie die Kinder betreuen lassen. Auch 20 Ausländer arbeiten im Pflegeheim.
Dank der Massnahmen arbeiten im Jahr 1971 bereits 105 Personen im Pflegeheim (1970 waren es noch 70).
1973 tritt das Verwalter-Ehepaar Staub zurück und ihr Sohn Peter Staub tritt die Nachfolge an. Neue Statuten werden gültig.
Nach dem Neu- und Umbau der Hülle des Pflegeheims erfährt nun auch die interne Struktur eine Neuorganisation. Sie hat die Verbesserung der Lebensbedingungen der Pensionäre zum Ziel.
Die Mitarbeitenden lernen in Schulungen, wie sie für die Pensionärinnen und Pensionäre eine möglichst natürliche Gemeinschaft und ein abwechslungsreiches Leben gestalten können. Das erste Leitbild der Institution unterstützt sie dabei.
Die Wohngruppen sind nun kleiner und nicht mehr nach Geschlecht getrennt. Auch Ehepaare können zusammenleben. Mit dem neuen Videorecorder können Pensionärinnen und Pensionäre, die früh zu Bett gehen, Sendungen aufnehmen. Auch Pensionärinnen und Pensionäre benötigen Ferien. 1977 machen sie zum Beispiel eine Reise nach Grindelwald.
Aktivierungstherapie
Als eine der ersten Institutionen der Schweiz führt das Pflegeheim Riggisberg die Aktivierung ein. Die Landwirtschaft und der Gartenbau lassen sich ideal therapeutisch nutzen.
Zur Feier des 100-jährigen Bestehens des Pflegeheims reisen 60 Pensionäre gemeinsam in die Ferien ins Ausland. Die Reise findet so grossen Anklang, dass fortan immer wieder Reisen ins In- und Ausland stattfinden.
Die Pensionärinnen und Pensionäre leben auf dem Schlosshügel ausserhalb des Dorfes. Unter dem Jubiläumsmotto "Integriert bleiben in der Gesellschaft" und vielen Aktivitäten lernen sich die PensionärInnen und die Dorfbewohnenden kennen.
Vereine, die von Anfang an für Musik, Theater oder andere Unterhaltungen ins Pflegeheim kommen, spielen eine wichtige Rolle. Ebenso die Freiwilligen, die ab 1983 ein Blüte-Abzeichen zum Dank für ihre wertvollen Dienste erhalten.
Die Aktivierung gewinnt an Bedeutung. 1986 entsteht eine Pensionärswerkstatt für angepasste Montage- und Fertigungsarbeiten. 1988 ist das Werkhaus fertig gebaut.
Ins 1988 fertiggestellte Heimzentrum zieht eine Physiotherapiepraxis. Ebenso wird darin das öffentliche Restaurant Brunnen untergebracht.
Das neue Pflege- und Betreuungsverständnis fördert neue Berufe wie Betagtenbetreuende, Behindertenbetreuende, SozialpädagogInnen, Psychiatriepflegende, AktivierungstherapeutInnen oder hauswirtschaftliche Spitalangestellte. Die Einführung der 42-Stundenwoche, Teilzeit- und Einstiegsjobs sollen dem Personalmangel entgegenwirken.
«Unser Heim ist eingebettet im gesellschaftlichen Gefüge, welches sich in einem steten Wandel befindet. Das Heim will ein Ort sein, an welchem sich die Bewohner ihrer Individualität entsprechend zu Hause fühlen und soziale Beziehungen aufrechterhalten und/oder neue aufbauen können.»
Jahresbericht 1986
Der neue Name Wohn- und Pflegeheim Riggisberg umschreibt das Zusammenleben von Jung und Alt auf dem Schlosshügel. Die Bewohnenden haben mehr individuellen Lebens- und Gestaltungsraum und eine bessere Lebensqualität.
Um den individuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, werden 1995 alle Sechser-, Vierer oder Dreierzimmer im Alleehus, Landhus und Boumgarte zu Zweier- oder Dreierzimmern umgebaut und die Gesamtzahl der Bewohnenden verringert.
Die neuen Beschäftigungsateliers geben ab 1997 eine Tagesstruktur und eine individuelle, sinnvolle Beschäftigung ohne Auftrags- und Ertragsdruck.
Alle Menschen, auch die Bewohnenden, sind gleichwertig, sie haben ein Recht auf Selbstbestimmung. Das Heim richtet sich neu aus: Es ist eine Wohn- und Lebensgemeinschaft für Erwachsene mit geistiger und/oder psychischer Behinderung. Hier erhalten sie "Hilfe zur Selbsthilfe".
Im Jahr 2002 finden über 360 Freizeit-Veranstaltungen für die Bewohnenden statt: Bibellesen, Fit-Klub, Tanzgruppen, Singen, Wassergymnastik, Fyrabe-Träff sowie Ferien im Heimaustausch.
Der Freiraum zeigt sich in den grosszügigen Platzverhältnissen, die durch die Verringerung der Anzahl Bewohnenden geschaffen wurden. 2002 leben nur noch 253 Personen im Heim.
Die neue Ausrichtung zeigt sich 2002 im neuen Namen Wohnheim Riggisberg. Der Verwalter Peter Staub geht nach 29 Jahren in Pension.
Die Berufsbilder entwickeln sich weiter. Die rund 200 Mitarbeitenden bilden sich kontinuierlich fort. 2005 befassen sie sich u.a. mit Burnout und Psychohygiene, 2008 mit gewaltfreier Kommunikation, dem Umgang mit Suchtkranken oder damit, wie man Energie spart.
Auch Bewohnende bilden sich weiter, zum Beispiel 2008 in Veloflicken, Schweizer Geschichte, Verkehrssicherheit oder Energiefragen.
Im 2007 fertig umgebauten Werkhaus sind 64 Bewohnende beschäftigt, die ihre Fertigkeiten in verschiedenen Arbeitsfeldern anwenden.
2003 tritt zum ersten Mal eine Frau das Amt der Direktorin an: Suzanne Jaquemet.
Die Zufahrt und der Platz vor dem Restaurant Brunnen sind neu und offen gestaltet. Die öffentliche Gaststube erstrahlt in neuem Glanz. Dies freut auch die Pilgernden vom nahen Jakobsweg.
Besuchende werden seit 2010 im neuen Empfangsgebäude willkommen geheissen.
2015 arbeiten 309 Mitarbeitende für 256 Bewohnende.
Netzwerke sind wichtig. Das Wohnheim Riggisberg arbeitet mit verschiedenen Organisationen zusammen. 2016 besiegelt es die Kooperation mit der Interessensgemeinschaft Sozialpsychiatrie (igs Bern). Die igs begleitet Bewohnende, welche in eine eigene Wohnung ziehen möchten.
Die Forschung rund um die Betreuung wird gefördert, dank der Zusammenarbeit des Wohnheims Riggisberg mit der Abteilung für angewandte Pflegeforschung und -entwicklung der Berner Fachhochschule.
Im Bewohnendenrat erhalten die Bewohnenden ein Mitsprach- und Mitwirkungsrecht.
Die Direktorin Suzanne Jaquemet wird 2015 pensioniert. Regula Mader übernimmt das Amt der Direktorin. Die Institution heisst ab 2017 „Schlossgarten Riggisberg“ und ihr neues Motto lautet: «Begegnen. Bewegen. Leben.»
Menschen mit Beeinträchtigung sollen ein möglichst selbstbestimmtes Leben führen können. Die Bewohnenden werden begleitet, möglichst selbstbestimmt und selbstwirksam zu leben.
2017 öffnet das neue Brunnenzentrum mit Physio- und medizinischer Trainingstherapie, einer Arztpraxis, einem Coiffeursalon, einer Podologiepraxis und der Seelsorge.
Die öffentlichen Angebote wie das Fitnesszentrum nutzen auch Dorfbewohnende und andere Externe.
Das neu eröffnete Wiesenhaus bietet acht Plätze für Menschen mit besonders anspruchsvollem Betreuungsbedarf («KBS»-Plätze). Die Bauarbeiten legen historische Gräber frei. Der Archäologische Dienst dokumentiert sie.
Das Bed and Breakfast im Schloss lädt zu neuen Begegnungen ein, ebenso die Begegnungszone im Arealkern, auf dem vormaligen Mitarbeitenden-Parkplatz. Die Social-Media Kampagne #unbeschränkt ermöglicht einen Dialog mit der Öffentlichkeit und so ein virtuelles Kennenlernen.
Die neue Unternehmensstrategie 2018+ erlaubt es, auf sich wandelnde Bedürfnisse zeitnah und individuell einzugehen. Die agile Entwicklung ermöglicht mehr Mitbestimmung von Mitarbeitenden und Bewohnenden. Auch das Sommerfest, das zusammen mit klangantrisch durchgeführt wird, bewegt und belebt.
Bewohnende können sich in Recovery-Weiterbildungen stärken und entwickeln. Zwei Peers begleiten die Bewohnenden. Die Beratungsstelle für Bewohnende wird eröffnet. Die traditionelle Landwirtschaft wird weiterhin gepflegt und soll mittelfristig auf biologischen Landbau umgestellt werden. Neu findet ein Stammtisch für Bewohnende im Restaurant Brunnen statt.
Der Schlossgarten Riggisberg aktualisiert seine Unternehmensstrategie regelmässig. Angebotsseitig stützt sich diese wesentlich auf die Forderungen der UNO-Behindertenrechtskonvention (UNO-BRK), also darauf, Menschen mit Beeinträchtigungen gleiche Rechte und Pflichten zuzugestehen. Gestützt auf die Unternehmensstrategie baut der Schlossgarten Riggisberg seine Unterstützungsangebote konsequent aus. Die jüngste Angebotserweiterung umfasst die Beratungsstelle «Integration» mit Peerberatung, Fallbesprechungen, unterstützter Kommunikation, psychosozialer Beratung und Job Coaching. Daneben entsteht ein modernes Angebot im Leistungsbereich begleitetes Wohnen, das die Bezeichnung «BeWo 2.0» trägt. Und in Zusammenarbeit mit der igs Bern baut der Schlossgarten Riggisberg ein Wohnangebot in der Stadt Bern in der Wohnbaugenossenschaft Huebergass auf.
Im Kanton Bern erhalten Menschen mit Beeinträchtigungen im «Berner Modell» mehr Wahlfreiheiten, wo und wie sie wohnen und arbeiten und überhaupt ihr Leben verbringen wollen. Der Schlossgarten Riggisberg steht voll und ganz hinter dieser Entwicklung und richtet seine Angebote – auch in Zusammenarbeit mit Partnerinstitutionen – auf die neuen Kundenbedürfnisse aus.
Laut seinem Motto «Begegnen.Bewegen.Leben.» öffnet sich der Schlossgarten Riggisberg für die Gesellschaft. Dazu schaffte und schafft er unterschiedliche Begegnungsräume: öffentliche Gesundheitsangebote im Brunnenzentrum, eine Kita sowie ein Bed and Breakfast im Schloss, öffentliche Film- und sonstige Veranstaltungen. Auch stellt er das einmalige Areal als Naherholungsgebiet oder seine Räumlichkeiten für besondere Anlässe, wie etwa Hochzeitsfeiern oder das Festival klangantrisch, Begegnungs- und Bewegungsplatz mit Sinnesparcours, etc. zur Verfügung.
Mit der Kampagne #unbeschränkt tritt der Schlossgarten Riggisberg in einen Dialog mit der Gesellschaft. Auf www.unbeschränkt.ch erzählt er Geschichten, die Mut machen, Menschen mit Beeinträchtigungen unbeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben und sie auch teilgeben zu lassen.