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Die genauen Ursachen von Flugzeugabstürzen werden von Unfallermittlern monate- oder gar jahrelang untersucht und schliesslich in einem Bericht detailliert festgehalten. Die Börsen reagieren da schneller.
Allein der Verdacht, dass der Ethopian-Airlines-Flug 302 am vergangenen Sonntag wegen eines Steuerungsproblems in der Sicherheitssoftware des Jets abgestürzt ist, schickte die Aktie des Herstellers Boeing nach unten. Der Kurs des Dow-Jones-Unternehmens ist innerhalb von zwei Handelstagen um 12 Prozent gesunken, weil vordergründing Parallelen zu einem Absturz im vergangenen Oktober in Indonesien bestehen.
Die Piloten einer Maschine der "Lion Air" konnten damals einen fehlerhaft ausgelösten Sinkflug ihres Jets nicht aufhalten. Beide Male verunglückte ein fast neues Mittelstreckenflugzeug des Typs Boeing 737 Max 8. Bei beiden Unglücken verloren insgesamt 330 Passagiere und 16 Besatzungsmitglieder ihr Leben.
Die Boeing-Aktie in den vergangenen 24 Monaten: Der Rückgang der letzten Tage von 446 auf 375,40 Dollar ist oben in der Grafik deutlich sichtbar (Darstellung: cash.ch).
Die Nachricht eines Flugunglücks belastet Aktienkurse in aller Regel unmittelbar. Der Crash eines Germanwings-Flugzeugs im März 2015 liess die Aktien des Lufthansa-Konzerns wie auch des Herstellers der betroffenen Maschine, Airbus, in die Tiefe rauschen. Das Horrorereignis war aber durch den Piloten absichtlich verursacht worden, wie schnell klar wurde. Weil weder die Airline noch der Flugzeugbauer eine direkte Verantwortung trugen, normalisierten sich die Kurse schnell.
"Der Einfluss von Unfällen auf Aktienkurse hängt davon ab, was für ein Problem den Unfall verursacht hat", sagt Luftfahrtexpertin Ruxandra Haradau-Döser vom Broker- und Analysehaus Kepler Cheuvreux. "Wenn Unternehmen und ihre künftigen Gewinne betroffen sind, wird ein negativer Einfluss auf den Kursverlauf sehr wahrscheinlich bestehen."
Flugausfälle führen zu hohen Kosten
Ein potentielles Problem mit der künftigen Gewinnentwicklung hat beispielsweise der in England beheimatete Triebwerksbauer Rolls-Royce. Materialermüdung an den Turbinenschaufeln des Trent-1000-Triebwerks führten letzten Herbst dazu, dass Fluggesellschaften den beliebten Langstreckenjet Boeing 787 "Dreamliner" am Boden lassen und mit Mehraufwand Ersatzjets einsetzen mussten.
Das Problem: Der Dreamliner lässt sich auch mit einem Triebwerk des Rolls-Royce-Konkurrenten General Electric ausrüsten. Den Briten drohen also Auftragsverluste, was klar Auswirkungen auf die Gewinne des Unternehmens hätte. Zudem hat Rolls-Royce bekannt gegeben, wegen dieser Probleme als Ausrüster nicht für ein noch zu entwickelndes Boeing-Flugzeug mitzubieten. Die Aktie hat in den letzten Monaten zwischen Preisen von über 1100 und unter 750 Pfund hin- und hergeschwankt. Für Rolls-Royce ein Problem mit einem Produkt, das Auswirkungen auf die Flugsicherheit von Flugzeugen hat.
Bei Boeing ist es im Grunde genommen genauso: Inzwischen haben zahlreiche Länder der Boeing 737 Max die Start- oder Überflugerlaubnis entzogen, als vorsorgende Sicherheitsmassnahme. Dies führt bei Airlines und auch bei Boeing selber zu hohen Kosten. Knapp 400 Stück der Boeing 737 Max sind schon ausgeliefert worden, die Bestellungen summieren sich auf 5000 Einheiten. Das Risiko, dass Fluggesellschaften Aufträge stornieren und sich stattdessen vergleichbare Jets beim Konkurrenten Airbus anschaffen, besteht. Oder Fluggesellschaften wie der Low-Cost-Carrier Norwegian wollen Schadenersatz von Boeing.
Norwegian vows to bill Boeing for 737 Max groundings https://t.co/pewIow9RDz
— Telegraph Business (@telebusiness) March 13, 2019
Sowohl bei Airbus als auch bei Boeing erging es den Aktionären lange gut. Bis Anfang März betrug die 24-Monate-Performance von Boeing 82 Prozent, bei Airbus 64 Prozent, in beiden Fällen getrieben durch das Wachstum des Luftverkehrs. Ob Boeing nach den zwei 737-Abstürzen nun ein längerfristiges Problem bekommt, kann im Moment noch nicht abgeschätzt werden. Genausogut kann im Übrigen eine schwere technische Komplikaiton bei einem Airbus-Modell auftauchen.
Bei den Herstellern technologisch hochkomplexer Flugzeuge oder Triebwerke können Produktprobleme dazu führen, dass sich die Kursaussichten eintrüben. Vor allem dann, wenn sie nicht schnell gelöst werden. Verschärft wird dies, weil Behörden bei Sicherheitsproblemen im Luftverkehr extrem streng sind und Flugverbote schnell hohe Kosten bewirken. Boeing etwa muss die Sicherheitsprobleme der 737 Max schnell in den Griff bekommen, damit die Airlines ihre Jets wieder in Betrieb nehmen können und keine Auftragsstornierungen erfolgen.
Langfristprobleme sind Gift für die Aktie
Und was bedeutet dies nun für Investoren? Es müsse jeder Fall einzeln beurteilt werden, und historische Erfahrungen in so einem Fall liessen meist keine Rückschlüsse auf die künftigen Kursverläufe zu, sagt Analystin Haradau-Döser.
Angesichts von Hunderten von Absturzopfern ist es natürlich eine etwas zynische Überlegung: Wenn Boeing das Problem in den Griff bekommt, besteht eine Einstiegschance bei der Aktie, weil der Kurs aller Voraussicht nach dann wieder steigen würde. Auch Langfristanleger können damit rechnen, dass der Konzern alles unternehmen wird, um Marktanteilsverluste zu verhindern.
So gesehen führen Katastrophen-News in den Kursverläufen von betroffenen Unternehmen eher zu Kursdellen. Offensichtlich langwierigere technische Probleme wie bei Rolls-Royce hingegen mahnen aus Investorenoptik zur Vorsicht.