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Léon Spilliaert. Avec la mer du Nord…
27.01 – 29.05.2023
Im ersten Halbjahr 2023 widmet die Fondation de l’Hermitage einem der wichtigsten belgischen Künstler zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine grosse Retrospektive: Léon Spilliaert (Ostende 1881–1946 Brüssel). Als Autodidakt, der seine Bildung aus der Literatur seiner Zeit bezieht und von seiner Bestimmung als auserwählter Künstler überzeugt ist, schafft Spilliaert ein Werk von hoher Eigenständigkeit, das von metaphysischen Fragen und der flämischen Kultur geprägt ist und fast ausschliesslich auf Papier entsteht. Er vermischt die Zeichentechniken und knüpft Bande zum zeitgenössischen Symbolismus und Expressionismus. In seinen radikalsten, extrem vereinfachten Landschaften scheint er die geometrische Abstraktion und den Minimalismus anzukündigen.
Avec la mer du Nord…
Léon Spilliaert ist von schwächlicher Gesundheit und hat einen introvertierten, verträumten Charakter. Er stammt aus einer wohlhabenden Familie in Ostende, einem Badeort, der Mitte des 19. Jahrhunderts sehr beliebt ist. Sein Vater ist Parfümeur und Hoflieferant König Leopolds II. Seine Schulhefte füllt Léon mit merkwürdigen Zeichnungen, erfindet seine Umwelt neu, indem er ihr einen seltsamen, unheimlichen Charakter gibt, und geht auf den Deichen spazieren, um die Lichteffekte zu studieren, die er in seinen Seestücken wiedergibt.
Nach einem kurzen Besuch der Akademie in Brügge um die Jahrhundertwende entwickelt Spilliaert schnell seinen eigenen Stil, der von seiner Lektüre – Maurice Maeterlinck, Émile Verhaeren, Arthur Schopenhauer und Friedrich Nietzsche –und von den Werken von James Ensor, Edvard Munch, Odilon Redon, den Nabis und Fernand Khnopff geprägt ist.
Zwischen Spiegelbild und Realität
Bis zum Ersten Weltkrieg arbeitet Spilliaert vor allem mit lavierter Tusche, Aquarell, Pastell sowie Buntstift und schafft nüchterne, an Abstraktion grenzende Landschaften, in denen Himmel, Meer und Deichkonturen in einem gedämpften Licht vibrieren. Die wenigen Figuren, die diese melancholischen Küstenstriche bevölkern, sind meist Frauen – eine Halbweltdame mit distanziertem Blick, eine Fischerfrau, die auf die Rückkehr der Schiffe wartet –, deren gemeinsamer Nenner ein tiefes Gefühl der Verlorenheit zu sein scheint.
Die Personendarstellungen gipfeln in den besonders ergreifenden Selbstbildnissen, in denen Spilliaert seinen Status als Künstler ebenso hinterfragt wie die Grenze zwischen Spiegelbild und Realität. Schlafzimmer, Wohnzimmerecken oder Wintergarten werden zu verlassenen Orten, die paradoxerweise von einer ungreifbaren Präsenz erfüllt sind. In seinen Stillleben werden seltsame Fläschchen vor einem Spiegel und unheimliche Puppen zu stillen Begleitern des Künstlers.
Nach 1920 verwendet Spilliaert intensiv Aquarell und Gouache, um funkelnde, äusserst lyrische Seestücke zu schaffen, von denen einige zur Abstraktion neigen. In den 1930er- und 1940er-Jahren kehrt er anlässlich ausgedehnter Waldspaziergänge zu einem Jugendthema zurück: den Bäumen. In diesen Werken, die ein merkwürdiges, mit einem Hauch Ruhelosigkeit vermischtes Gefühl des Friedens ausstrahlen, bietet der Künstler zeitlose Bilder der Natur, die durch ihre virtuose Komposition und die Einfachheit der eingesetzten Mittel faszinieren.
Themen der Ausstellung
Die thematisch und chronologisch gegliederte Ausstellung vereint rund 100 Werke und deckt die gesamte Karriere des Künstlers ab: Tuschzeichnungen, existentielle Einsamkeit | Seestücke 1900–1910 | Ostende, Nacht, Architektur | Fischerfrauen und Badende | Warten, Innenräume | Stillleben | Luftschiff | Literatur | Selbstbildnisse | Bäume, Landschaften | Farbige Seestücke.
Begegnung mit Léon Spilliaert
Im Rahmen ihres Kulturvermittlungsprogramms startet die Fondation de l’Hermitage eine Partnerschaft mit der Primar- und Sekundarschule Isabelle-de-Montolieu, die unweit des Museums liegt. Eine Klasse von Schüler:innen im Alter von 13 und 14 Jahren, die von ihren Französisch- und Kunstlehrpersonen betreut wird, schafft innert sechs Monaten eine persönliche Arbeit zwischen Schreiben und Zeichnen, die von Spilliaerts Selbstbildnissen inspiriert ist. Die Schüler:innen beteiligen sich anschliessend an der Accrochage ihrer Werke inmitten der Ausstellung und bieten so dem Publikum der Hermitage einen neuen Blick auf das Werk des belgischen Künstlers.