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Komponistin und Performerin Du Yun im Gespräch mit Dramaturgin Johanna Mangold.
Johanna Mangold: Du Yun, du lebst und arbeitest seit mehr als 20 Jahren in New York City, kommst ursprünglich aber aus China. Was waren deine ersten Lebensjahre?
DY – Ich bin in Shanghai geboren und aufgewachsen. Mit sechs Jahren nahm ich das erste Mal Klavierunterricht, strenge acht Stunden am Tag, und mit elf begann ich, Komposition an der Mittelschule des Shanghaier Musikkonservatoriums zu studieren. Als ich zwanzig war, kam ich in die Vereinigten Staaten, um mein Studium am Oberlin Conservatory of Music in Ohio fortzusetzen und dann in Harvard zu graduieren. Mit dem Komponieren von «Zolle» habe ich in Harvard angefangen, es wurde übrigens als meine Doktorarbeit gezählt. Man könnte sagen, bevor ich in die USA ging, war meine Zeit des Erwachsenwerdens vorbei, ich war ein ausgewachsener Mensch mit eigener Weltanschauung und Philosophie. Das ist mir wichtig zu erwähnen.
Nach Harvard ging ich nach New York, wo «Zolle» 2005 in einer Produktion von Lydia Steier uraufgeführt wurde. Die Geschichte von «A Cockroach’s Tarantella» entstand am Ende des Schreibens von «Zolle». Ich wollte «Zolle» eine «Pre-Life»-Geschichte geben. Die Musik zu «Cockroach» entstand in meiner ersten New Yorker Wohnung, die klein und alt war und in der ich mit vielen Kakerlaken zusammenlebte. Also ging ich ziemlich oft zwischen der echten Kakerlake und der erfundenen Geschichte hin und her. «Cockroach» spiegelt auch meinen Übergang vom Studenten zur professionellen Komponistin wider.
JM – Du gehörst zu den bedeutendsten zeitgenössischen Komponistinnen unserer Zeit mit Engagements auf der ganzen Welt und hast 2017 den renommierten «Pulitzer Prize» für Musik erhalten. Was ist das Geheimnis deiner Karriere?
DY – Sei immer freundlich (lacht). Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass es ein Geheimnis gibt, aber ich habe das Gefühl, dass ich definitiv Glück hatte. Glück bedeutet für die Menschen verschiedene Dinge. Abgesehen davon, wie ich mich selbst «fühle», war ich immer aktiv, ich habe nie darauf gewartet, dass etwas passiert. 2002 gründeten wir mit ein paar Freunden das International Contemporary Ensemble (ICE) und organisierten selbst Shows. 2022 ist übrigens das 20-jährige Bestehen des Ensembles! Ich war immer aktiv, neugierig, habe viel ausprobiert und bin genauso oft gescheitert. Scheitern ist aber kein Grund aufzuhören, Scheitern ist für mich ein Ansporn, neue Wege zu finden, um meine Vision trotzdem zu verwirklichen. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, seinen Weg zu finden. Also, ich denke, Geduld und Ausdauer sind das Geheimnis?
JM – In Luzern stehst du als Erzählerin in beiden Stücken auf der Bühne. Welcher Stellenwert hat für dich das Performen auf der Bühne?
DY – Das ist sehr wichtig für mich. Ich sehe mich selbst nicht nur als Komponistin, sondern als «composer-performer». Das ist Teil meiner künstlerischen Identität.
JM – Du deckst als Komponistin ein breites Spektrum an Werken ab – von Kammermusik über grosse Orchesterwerke bis hin zu Live-Performances mit Video und Elektronik. Was ist dein Impuls zu komponieren?
DY – Ich möchte mit der Welt in Kontakt treten. Ich möchte Geschichten erzählen. Diese müssen nicht linear sein. Wenn ich an dramaturgischen Strukturen für meine Arbeiten arbeite, verwende ich manchmal Schnitttechniken wie vom Film, verliere aber nie das grosse Ganze aus den Augen. Ich lasse mich auch davon inspirieren, wie bildende Künstler Schichten ihrer Werke erstellen. Aber grundlegend ist für mich der Grund, warum ich etwas erzähle. Ich brauche einen dringenden Grund, etwas zu schaffen. Die Beziehung meiner Arbeit zur gegenwärtigen Welt ist für mich entscheidend.
JM – Wie siehst du als Künstlerin dein Verhältnis zur Welt?
DY – Ich sehe mich als Spiegel der Gesellschaft: Ich reagiere, ich fordere heraus, gehe ständig in der Geschichte hin und her und habe Fragen für die Zukunft. Ich wurde in einen weiblichen Körper hineingeboren und wuchs in einer traditionellen chinesischen Familie auf. Diese Fakten bereichern mich. Ich bin auch ein Immigrant, der nach seinen Teenagerjahren in die USA kam. Zuerst fühlte ich mich wie ein Ausländer (das Gesetz kategorisiert dich so), der aufgrund der Einschränkungen, die man als Ausländer hat, von vielen Dingen ausgeschlossen wurde. Dann fühlte ich mich als Einwanderer. Trotzdem hatte ich aufgrund meiner Ausbildung und meiner Gemeinschaften Ressourcen. Ich hatte also das Glück, diese Möglichkeiten zu haben. Stellen Sie sich all die Menschen vor, die in ein fremdes Land kommen und zunächst nichts haben. Keine Familie, keine Freunde, kein Staat, der dich unterstützt. Und dabei geht es nicht nur darum, sich «anzupassen». Das Thema Flüchtling und Fremd-Sein bewegt mich sehr, was sich auch in meinen anderen Arbeiten widerspiegelt. Meine Erfahrungen haben mich bereichert. Sie lehren mich, mitzufühlen. Ich bin ihnen dankbar.
JM – Das Gefühl des Fremd-Seins ist auch in «Zolle» und «Cockroach» sehr präsent. Im weitesten Sinne geht es in beiden Stücken um Zugehörigkeit und Heimat. Was bedeutet Heimat für dich?
DY – Ich denke ungern von einem Land oder einer Heimat als einer statischen Idee. Die Idee von Heimat verändert sich ständig. In den USA war ich zuerst «international student», dann habe ich irgendwann die Green Card erhalten und nun bin ich im Besitz der amerikanischen Staatsbürgerschaft. Ich bin «asian-american» und ich sehe China nicht mehr als meine einzige Heimat an, da ich diese Dualität in mir habe. Als ich zum Beispiel an «Zolle» gearbeitet habe, ging es mir um das Narrativ, dass jeder ein Immigrant in seinem eigenen Leben ist. So wie Hemingway sagte: «Jeder ist seine eigene Insel». Das Verhältnis zu seinem Land und seinem kulturellen Erbe ist also weitaus komplexer, als es eine feste Definition von Heimat jemals hergeben würde.
JM – Sind «Zolle» und «Cockroach» autobiografisch geprägt?
DY – Ja. Je mehr ich zum Beispiel über «Cockroach» nachdenke, desto mehr erkenne ich mich in der Kakerlake Oudfy wider. Mir wurde als Teenagerin auch immer gesagt, ich solle mich so und so verhalten. Ich wollte aber immer etwas Anderes. Aus diesem Grund bin ich auch in die USA, um zu studieren. Ich hatte keine Ahnung, wie es dort «wirklich» war, aber ich wollte es am eigenen Leib erfahren.
Und in «Zolle» gibt es drei Szenen, die sogar direkt aus meinem Leben kommen: Die Rückkehr in mein Heimatdorf und der Zusammenbruch am Grab meiner Grosseltern. Obwohl ich meine Grosseltern nie kennengelernt habe, war dieser Moment sehr traurig für mich. Daher die vielen Tränen. Auch die Stammbaum-Szene ist autobiografisch. Alles andere ist erfunden, es ist quasi eine Fantasy-Doku.
JM – In Luzern wird «Zolle» das erste Mal im Zusammenhang mit «Cockroach» aufgeführt. Was ist der Zusammenhang zwischen den beiden Stücken?
DY – Beide Stücke eint das Fremd-Sein, das Gefühl, nicht zu wissen, wohin man gehört. Selbst meine Eltern kamen als Einwanderer nach Shanghai. Sie lebten vorher auf dem Land. Und obwohl Shanghai multikulturell geprägt ist, haben sie nie in die Stadt gepasst. Und um dieses Gefühl geht es in beiden Stücken. In «Cockroach» wünscht sich die Kakerlake nichts sehnlicher als ein Mensch zu werden, um eine neue Identität und Zugehörigkeit zu finden. In «Zolle» ist das Gefühl des Fremd-Seins noch stärker, da der Geist weder Teil der Menschen- noch der Geisterwelt sein kann.
JM – «Cockroach» und «Zolle» sind also als Einheit zu denken, in dem sie das Leben aus zwei unterschiedlichen Perspektiven beleuchten?
DY – Ja. Im Endeffekt hinterfrage ich in beiden Werken das menschliche Wollen und Wünschen: Wir wollen immer etwas Anderes, als wir haben und sind, wir wollen einen neuen Job, einen anderen Mann/ Frau, Kinder, heiraten, Single sein, etc. Wir alle wollen in den Himmel, wie oder was auch immer dieser ist. So denkt auch die Kakerlake Oudfy. Blind für ihre Gegenwart, projiziert sie alle Hoffnungen in eine bessere Zukunft. Und in «Zolle» steht am Ende die Erkenntnis, dass sich alles Hoffen nicht eingelöst hat, dass es die Gemeinschaft und Zugehörigkeit, nach der sie gesucht hat, nicht gibt. Weder in der Menschen- noch in der Geisterwelt.
JM – «Zolle» ist dein erstes Werk für Musiktheater, es wurde 2005 in New York uraufgeführt. Im Titel findet man die Bezeichnung «chamber opera». Was bedeutet Oper für dich?
DY – Das ist eine gute Frage: Denn was genau bedeutet «Oper»? Meine Erfahrungen mit Oper sind nämlich nicht die eines westlichen Europäers, wir haben eine eigene, lange Opern-Tradition in China. Es gibt ca. 350 unterschiedliche Formen von Oper, entstanden und beeinflusst durch die unterschiedlichen Dialekte und Sprachen in unserem Land. Unsere Oper ist also nicht vergleichbar mit der traditionellen italienischen Oper. Wir haben zum Beispiel keine Librettos, unsere Texte basieren auf Poesie, die Arien sind Gedichte. Wir erzählen eine Geschichte durch Poesie, teilweise mehrere Stunden lang. Ich weigere mich also etwas, meine Werke als «Opern» zu bezeichnen, da diese nichts mit der Oper aus Europa zu tun haben.
JM – Inwiefern unterscheiden sich deine Werke also zur «traditionellen» Oper?
DY – Zeit und Sprache funktionieren in meinen beiden Werken anders. Ich erzähle meine Handlung zum Beispiel nicht über Rezitative, sondern über eine Erzählerin. In «Cockroach» wird nicht einmal gesungen. In «Zolle» gibt es zwar einen Sopran und einen Tenor, aber beide singen in einer Fantasiesprache. Und die beiden Tenor-Arien in «Zolle» sind ein Versuch, mich der traditionellen italienischen Oper anzunähern. In der Handlung ist der Tenor der «andere» Mann, der mir sein Land zeigt, das für mich fremd ist. Dieses «andere» Land ist die Kultur der westlichen klassischen Musik. Das Italienisch, das in der italienischen, westlichen Oper ja die gängige Sprache ist, wird in «Zolle» zum Exotismus. Die Perspektive ändert sich also je nach Standpunkt. Es ist wie die Seidenstrasse: Für die Chinesen beginnt sie in China, für die Europäer in Venedig.
JM – Wie kam es zu der Idee, «Cockroach» als Streichquartett zu komponieren?
DY –Wie bereits gesagt, wollte ich «Zolle» eine Vorgeschichte geben. Auch musikalisch wollte ich dem Stück etwas entgegensetzen. In «Zolle» gibt es zwar nur sieben Musiker, aber es ist nicht kammermusikalisch gedacht. Die Musik fühlt sich gross an, arbeitet mit unterschiedlichen Instrumenten, hat viele Ausbrüche und ist stellenweise sehr laut. «Cockroach» ist dagegen eng, klein und kompakt. Während «Zolle» episch in die Breite geht, ist «Cockroach» als Einheit gedacht. Daher die Idee mit dem Streichquartett, das bereits durch den reinen Streicherklang klanglich eine Einheit schafft.
JM – In der Luzerner Inszenierung unterteilt die Regisseurin Roscha A. Säidow die Hauptfigur in «Zolle» in einen Sopran und einen Mezzosopran. Wie ist das für dich?
DY – Ich finde es spannend, dass Roscha die Idee hatte, die Figur in drei unterschiedliche Zustände aufzuteilen. Der Geist ist ja wirklich zwischen seiner Vergangenheit und Zukunft hin- und hergerissen, er weiss nicht, wohin er gehört und wohin seine Reise geht. Und durch die Aufspaltung kann dieser kräftezehrende Prozess viel stärker beleuchtet und herausgestellt werden, als wenn man es nur mit einer Figur zu tun hätte.
JM – In beiden Stücken herrscht jeweils eine andere Grundstimmung. Wie schlägt sich dieser Unterschied in der Inszenierung nieder?
DY – Roscha findet für beide Grundstimmungen sehr passende Setzungen und Bilder. In «Cockroach» treibt sie das humoristische Element bis ins Groteske. Und in «Zolle» wird die Melancholie durch den Zustand des Wartens abgebildet. Ein Zustand, der sich am Ende auflöst, und zwar in einer Weise, die zu Beginn der Handlung noch nicht möglich gewesen wäre. In beiden Stücken ist die Transformation also eine ganz andere, was Roscha in der präzisen Auswahl der Besetzung, der darstellerischen Gesten sowie des Bühnen- und Kostümbildes betont.
«A Cockroach's Tarantella / Zolle»: ab 27. Oktober in der Box des Luzerner Theaters.