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30.05.22 – Aktuell fordern diverse Seiten die Aufgabe von Biodiversitätsförderflächen, um die Nahrungsmittelproduktion zu erhöhen. Dies greift zu kurz und bringt wenig. Um die Ernährungssicherheit wirklich zu stärken, müssen wir eine nachhaltige und resiliente Land- und Ernährungswirtschaft fördern. Die dazu nötigen Ansätze sind bekannt.
Der Beitrag gibt die persönliche Meinung des Autors wieder und muss nicht mit der Haltung der SCNAT übereinstimmen.
Ernährungssicherheit beinhaltet gemäss FAO die vier Dimensionen Verfügbarkeit, Zugang, Verwendung und Stabilität. Angestrebt wird somit eine ausreichende, erschwingliche und gesunde Ernährung ohne Unterbruch. Diese Grundbedürfnisse wurden bislang vorwiegend bezogen auf weniger entwickelte Länder diskutiert. Die Ukraine-Krise zeigt uns, dass die Ernährungssicherheit auch in reicheren Ländern gefährdet sein kann. Diverse Seiten fordern nun, den Selbstversorgungsgrad durch intensivere Produktion oder zulasten von Biodiversitätsförderflächen zu erhöhen. Solche Massnahmen hätten jedoch nur eine beschränkte Wirkung auf die Produktionsmenge. Gleichzeitig gefährden sie andere wichtige Ziele wie den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren oder die Biodiversität zu fördern. Zudem müssten Düngemittel, Energie und andere Produktionsmittel weiterhin importiert werden.
Verhaltensänderungen mit grosser Wirkung
Wie die Ernährungssicherheit mit einer umweltschonenden und gesunden Ernährung gestärkt werden kann, ist bekannt. Ein erster Hebel sind die vermeidbaren Nahrungsmittelverluste: In der Schweiz geht rund ein Drittel der Nahrungsmittel durch Food Waste verloren oder wird verschwendet. Dies entspricht 330 kg Nahrungsmittel pro Person und Jahr. Rund die Hälfte davon entfällt auf den Konsum in den Haushalten oder in der Gastronomie.
Ein zweites Potenzial besteht im Speiseplan: Würden wir mehr pflanzliche Nahrungsmittel essen, könnte auf derselben Fläche eine wesentlich höhere Menge an Kalorien erzeugt werden. Studien zeigen, dass damit der Selbstversorgungsgrad der Schweiz von aktuell rund 60% auf ca. 75% steigen würde. Der Konsum von Getreide, Kartoffeln und Hülsenfrüchten wäre um rund einen Drittel zu erhöhen und jener von Fleisch um rund zwei Drittel zu reduzieren. Dabei könnte der Konsum von Milch unverändert hoch blieben, wenn diese vor allem auf den Wiesen des Schweizer Dauergrünlands produziert würde.
Ein dritter, genereller Ansatz ist die Vielfalt und Diversifikation: Standortangepasste Systeme, welche die lokalen Kreisläufe nutzen, reagieren in der Regel besser auf Veränderungen als Systeme mit äusseren Abhängigkeiten. Beispiel: Schonen Landwirte beim Anbau Nützlinge und nutzen sie den eigenen Hofdünger effizient, reduziert dies das Risiko eines Lieferausfalls von Hilfsstoffen, die nur bei wenigen Grosskonzernen erhältlich sind.
Zusammenspiel verschiedener Massnahmen
Uneinigkeit besteht darüber, mit welchen Massnahmen ein solch nachhaltigerer Konsum gefördert werden kann und soll. Die Agrarpolitik stösst hier an Grenzen: Modellrechnungen belegen, dass agrarpolitische Massnahmen die Wirtschaftlichkeit der Fleischproduktion nur in beschränktem Masse beeinflussen. Die Produktion richtet sich nach der Nachfrage der Konsumierenden. Massnahmen im Bereich des Konsums und der Ernährung stossen jedoch auf wenig Akzeptanz, besonders wenn es um neue Steuern oder Ernährungsvorschriften geht.
Agroscope untersucht laufend, wie die Ernährung nachhaltiger werden könnte. Solche Massnahmen müssen umsetzbar und wirkungsvoll sein. Gleichzeitig sind auch die Wirkungen auf weitere Aspekte der Nachhaltigkeit miteinzubeziehen. Zum Beispiel, dass die Landwirte angemessene Einkommen erzielen oder die Bevölkerung bedarfsgerechte und erschwingliche Nahrungsmittel kaufen kann. Zu prüfende Massnahmen sind unter anderem eine verstärkte Förderung der standortgerechten Produktion, Deklarationsvorschriften hinsichtlich der Produktionsbedingungen oder Informationen zu nachhaltiger Ernährung.
Entwicklung stimmt optimistisch
Verschiedene Entwicklungen laufen bereits in Richtung Nachhaltigkeit. So nimmt zum Beispiel der Fleischkonsum in der Schweiz seit einigen Jahren kontinuierlich ab. Weil dies vor allem jüngere Generationen betrifft, ist zu erwarten, dass sich diese Ernährungsgewohnheiten weiter verändern werden. Gleichwohl ist zu beachten, dass Transformations- und Anpassungsprozesse sowohl beim Konsum als auch bei der Produktion eine gewisse Zeit brauchen. Investitionen in Anlagen und Maschinen können nicht innert kurzer Frist wieder ersetzt werden. Langfristig können diese Entwicklungen die Selbstversorgung stärken und gegenläufige Trends, wie sie sich mit der weiteren Ökologisierung der Landwirtschaft und der steigenden Einwohnerzahl ergeben, mehr als wettmachen. Darüber hinaus dürften die Krisenerfahrungen der letzten Zeit die Bereitschaft der Bevölkerung erhöht haben, sowohl die öffentliche als auch die persönliche Vorsorge zu stärken, zum Beispiel mit gewissen Lebensmittelvorräten. Obwohl die Herausforderungen zunehmen, gibt es somit durchaus Anlass zur Hoffnung, dass Nachhaltigkeit und Resilienz des Landwirtschafts- und Ernährungssystems in der Schweiz zukünftig gehalten oder erhöht werden können.
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Albert von Ow ist Agrarwissenschaftler und forscht bei Agroscope zu den Themen Versorgungssicherheit und Nachhaltigkeit der Agrar- und Ernährungswirtschaft.