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| Gregor v. Nyssa (†394) - Gespräch mit Makrina über Seele und Auferstehung (Dialogus de anima et resurrectione)

§17. Einwände gegen die Auferstehung.
1.
„Allein das war nicht der Fragepunkt,“ wendete ich ein, „denn die Tatsache, daß die Auferstehung dereinst erfolgen und der Mensch vor einem unbestechlichen Gerichtshof erscheinen werde, dürften auf Grund der Schriftbeweise und der bereits gegebenen Erwägungen die meisten anerkennen, die sie hörten. Dagegen sollte noch die Frage untersucht werden, ob das Leben, auf das wir in der Zukunft hoffen, dem jetzigen ähnlich sein werde. Wenn dies der Fall wäre, so sollten, möchte ich sagen, die Menschen die Hoffnung auf eine Auferstehung von sich werfen. Wenn nämlich die menschlichen Leiber in dem nämlichen Zustande, in welchem sie am Ende des Lebens sich gerade befanden, wieder ins Leben zurückgerufen werden, so würde den Menschen durch die Auferstehung ein Unglück ohne Ende in Aussicht stehen. Denn welch kläglicheren Anblick könnte es geben, wenn die von hohem Alter gekrümmten Leiber wieder in Häßlichkeit und Ungestalt auferweckt würden, mit einem Fleisch, das durch die Zeit zusammenschrumpfte, und mit einer Haut, die runzelig geworden und bis an die Knochen verdorrt war. Denn, wenn die Sehnen, sobald sie nicht mehr durch die natürliche Feuchtigkeit geschmeidig erhalten werden, sich zusammenziehen und infolgedessen der ganze Körper gekrümmt wird, so bietet sich uns ein ungefüger und bedauernswerter Anblick dar, in dem der Kopf in der Richtung nach den Knien niedergebeugt ist und die Hände zu beiden Seiten in steter unwillkürlich zitternder Bewegung sind, weil sie zu ihrer naturgemäßen Tätigkeit unfähig wurden. Um ein anderes Beispiel anzuführen, wie sind die Leiber von durch [S. 321] langwierige Krankheit aufgezehrten Menschen beschaffen, die sich von bloßen Knochengerippen nur dadurch unterscheiden, daß sie noch von einer spröden, dünnen Haut bedeckt sind? Und wie sehen die Leiber der von Wassersucht Angeschwollenen aus? Und vollends die Leiber der vom Aussatz Befallenen1, welche Rede könnte ihre schreckliche Verunstaltung schildern, wie die immer mehr um sich greifende Fäulnis allmählich sämtliche organische Glieder und Sinneswerkzeuge anfrißt! Oder was soll man von denen sagen, welche durch Erdbeben, im Krieg oder durch sonst einen widrigen Zufall verstümmelt wurden und nachher noch eine Zeitlang in ihrem Elende weiterlebten? Was von denen, die von Geburt aus an dem einen oder anderen Gliede verkrüppelt sind und so aufwachsen müssen? Welche Vorstellung sollen wir uns dann von den Kindern machen, die ausgesetzt oder erstickt werden oder auch so sterben? Werden sie bei der Auferstehung in der Kindheit verbleiben ― was wäre trauriger als so etwas ― oder aber werden sie in ein höheres Alter versetzt? Mit welcher Milch wird die Natur sie alsdann ernähren?“
„Mithin stellt sich, falls wir genau mit dem nämlichen Leib auferstehen, unsere Hoffnung als ein Elend dar, oder aber wenn es nicht der nämliche Leib ist, so wird der auferstandene ein anderer sein als der tote. Denn wenn jemand als Kind stirbt und als Erwachsener aufersteht oder umgekehrt, wie kann man noch sagen, der nämliche, der gestorben, sei auferweckt worden, da doch hinsichtlich des Alters der Verstorbene von dem Auferstandenen sich so sehr unterscheidet? Falls man statt eines Kindes einen Mann oder statt eines Greises einen Jüngling sieht, so sehen wir eben an Stelle des einen einen ganz anderen. Das gleiche ist der Fall, wenn man statt eines Gekrümmten einen Aufrechtstehenden sieht oder statt eines Ausgezehrten einen Wohlbeleibten usw., um nicht durch Aufzählung aller Einzelheiten lästig zu werden. Wenn demnach der Leib nicht so aufersteht, wie er beschaffen war, als er mit [S. 322] der Erde vermischt wurde, so wird nicht der Verstorbene auferstehen, sondern die Erde wird wiederum zu einem neuen Menschen gebildet werden. Was kümmert mich alsdann die Auferstehung, wenn statt meiner ein anderer auferstehen wird! Und wie soll ich mich als mich selbst anerkennen, wenn ich mich nicht in mir sehe? Denn ich würde tatsächlich nicht ich sein, wenn ich nicht in allen Stücken mit mir selbst identisch wäre. Denn wenn ich z. B. das Bild jemands, wie er in diesem Leben war, im Gedächtnis hätte, etwa daß er dünnhaarig, dicklippig, stumpfnasig, blaßfarbig, blauäugig, weißköpfig und voll Runzeln war, und träfe nun, während ich den soeben Beschriebenen suchte, einen Jüngling mit vollem Haar, mit Adlernase, dunkler Hautfarbe und so in allen übrigen Eigenschaften seines Aussehens verschieden, werde ich diesen für jenen ansehen?“
1: Andere verstehen unter ἡ ἱερὰ νόσος [hē hiera nosos] ═ morbus sacer die Epilepsie oder auch die Elefantiasis.