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«Wutbürger» ist eines der netteren Wörter, mit denen Roland Wyler in Greng betitelt wird. Der 70-jährige Einwohner der Gemeinde richtete zahlreiche Beschwerden und Anfragen per E-Mail an den Gemeinderat. Dieser gab Anfang Dezember seinen Rücktritt in corpore bekannt. Die Anfragen hätten einen grossen Zeitaufwand verursacht und die Exekutive in ihrer Handlungsfähigkeit eingeschränkt, begründete Ammann Rico Martinelli diesen Schritt (die FN berichteten). Zudem sei der Gemeinderat das Ziel von Beleidigungen und Beschimpfungen einzelner Bürger. Wyler, der – so hören die FN in Greng – ein halbes Dutzend Sympathisanten hinter sich hat, sagt, was er denkt. Das zeigen diverse E-Mails, die den FN vorliegen.
In Greng und Umgebung ist Wyler häufig auf dem Rennrad anzutreffen. «Vielen in der Gemeinde ist bekannt, dass ich sehr gerne Velo fahre», sagt er den FN in einem Gespräch bei sich zu Hause. «Aber hier weiss niemand so recht, wer ich bin und was ich in meinem Leben gemacht habe.»
Eine berufliche Station des im Baselbiet aufgewachsenen Mannes war die Galactina AG, ein Hersteller von Kindernahrung. 1994 beschäftigte das Unternehmen mit Sitz in Belp 230 Mitarbeiter, und die Holding erzielte einen Umsatz von 65 Millionen Franken. Wyler hatte die Funktion des geschäftsführenden Direktors.
«Ich brachte die ganze Gemüseindustrie gegen mich auf. Ich wurde als Spinner bezeichnet.»
Das Schweizer Wirtschaftsmagazin «Bilanz» bezeichnete ihn damals in einem Artikel als «Radikal-Reformer» und bescheinigte ihm ein «aggressives Ökomarketing». Wyler blickt auf die Ausgabe vom Mai 1994 und erzählt: «Ich habe auf Bioproduktion umgestellt und damit geworben, dass für Kindernahrung gesetzlich zehnmal weniger Pestizidrückstände gefordert werden. Damit brachte ich die ganze Gemüseindustrie gegen mich auf.» Zu diesem Zeitpunkt war Wyler auch im Verwaltungsrat der Biogemüse Galmiz AG. Ein weiteres Verkaufsargument gemäss der Handelszeitung vom März 1994: Pro verkauften Bio-Gemüseteller gehen 20 Rappen an eine Hecken-Pflanzaktion in Zusammenarbeit mit dem Naturschutzbund. «Ich wurde als Spinner und als Grüner bezeichnet. Die Hecken pflanzten wir im Seeland. Und die stehen immer noch. Regelmässig fahre ich mit dem Velo an diesen Hecken vorbei.»
Sein früherer Arbeitgeber, die Wander AG, sei auf die Marketingstrategie aufmerksam geworden und habe schliesslich das Konkurrenzunternehmen Galactina übernommen. Nach dem Abschluss der Verhandlungen habe er sich selbständig gemacht, sagt Wyler. Sein Unternehmen nannte er «Turnaround Management Dr. Roland Wyler & Partner GmbH». Turnaround bedeutet, Unternehmen aus der Verlust- in die Gewinnzone zu führen. Als Berater habe er beispielsweise das Berner Inselspital im Departementalisierungsprozess begleitet. «Hier wurden 30 unterschiedliche Kliniken auf neu zehn Departemente zusammengeführt. Ein kommunikativ anspruchsvoller Job», sagt Wyler.
Kundert Ingenieure AG, wo Wyler im Verwaltungsrat sass, baute als Generalunternehmer für den deutschen Wursthersteller Kemper eine voll automatisierte Salamifabrik. «Der Produktionsstart litt unter gravierenden Anfangsschwierigkeiten. Ich kämpfte mich durch einen Stapel von 14 Meter technischer Pflichtenhefte und führte nach einem Jahr die Produktion auf 80 Prozent der garantierten Leistung», so Wyler.
Anfang der 2000er kaufte er dem Konzern Valora die Betten- und Matratzenhersteller Femira und Doerfert ab. Diese machten damals einen Umsatz von 180 Millionen Deutsche Mark und einen Verlust von 15,4 Millionen Mark. Wyler sagt, er habe sehr riskante Projekte gemanagt, aber stets nach dem Prinzip «manage the risks».
Ausschweifend und angereichert mit zahlreichen Anekdoten erzählt er von seinen beruflichen Stationen. Sein Gegenüber lässt er kaum zu Wort kommen. Dazu passt ein Zeugnis, das er den FN vorlegt. Darin steht, dass Roland Wyler sich regelmässig durchsetze; eine «starke, gelegentlich unerbittliche Persönlichkeit» und «offen für den Dialog» sei. Das Zeugnis habe ihm Spartenchef Hans Widmer unaufgefordert ausgestellt, als dieser die Sandoz verliess.
Greng war zu weit weg vom Schuss
Aufgrund seines Jobs bei der Wander AG kommt Wyler Mitte der 80er-Jahre mit seiner damaligen Frau und seiner Tochter von Zürich nach Neuenegg. Später wollen sie erneut zügeln und entdecken bei ihrer Suche nach einer Liegenschaft die Gemeinde Greng. «Damals war die Gemeinde noch am Entstehen. Aber meine Frau wollte nicht hierhin. Ihr war Greng zu weit weg vom Schuss.» Die Familie zügelt schliesslich nach Belp. Als sich das Ehepaar trennt, erinnert sich Wyler an Greng. Er zieht Mitte der 90er in eine Mietwohnung neben dem Schloss. 2005 kauft er ein Haus beim Eingang des Schlossquartiers. «Ich wollte in Greng bleiben, weil die Gemeinde mir gefällt und ich hier mein Beziehungsnetz habe.» Noch heute wohnt er in diesem Haus.
Veränderte Kommunikation
20 Jahre lang habe er in Greng keine Probleme mit den Behörden gehabt. Als Eduard Scherz und später Peter Goetschi Gemeindepräsidenten waren, habe er Angelegenheiten mit ihnen bilateral besprochen und gelöst. Der heutige Gemeindepräsident Rico Martinelli habe sein Amt enthusiastisch angetreten. «Allerdings ist es ihm nicht gelungen, die Bürger mitzunehmen», so die persönliche Einschätzung Wylers. Die Kommunikation vonseiten der Gemeinde habe sich im Laufe der Zeit verändert. Es sei weniger informiert worden, und der Gemeinderat habe weniger auf die Bürger gehört, meint der zweifache Grossvater. Unzufriedenheit sei entstanden. «Die Leute haben begonnen, gegen den Gemeinderat zu opponieren.» Die Oppositionsgruppe sei sich einig gewesen, dass dieses Problem nur politisch mit Neuwahlen gelöst werden könne. Ursprünglich habe er nicht geplant, die Gemeinderäte mit zahlreichen Anfragen und Beschwerden zu überschwemmen. «Doch dann realisierte ich, dass sie kollabieren, wenn ich das durchziehe.»
Wie aus Greng zu hören ist, ist bei manchen Bürgern aber auch die Wut auf die kleine Oppositionsgruppe gross. «Es ist nicht alles falsch, was Wyler vorbringt», sagt eine Person, die anonym bleiben möchte. Allerdings sei seine Art und Weise nicht ganz richtig gewesen. «Die Auseinandersetzung mit dem Gemeinderat wurde persönlich, und die Sache lief aus dem Ruder.»
Wyler, der noch nie ein öffentliches Amt bekleidet hat, möchte nun erreichen, dass die Gemeinde besser geführt werde. Momentan entwerfe er ein Konzept und bereite sich mit anderen Bürgern auf die Ersatzwahl vor, deren Datum noch nicht bekannt ist.
Zur Person
Leitungsfunktionen in der Lebensmittelbranche
Roland Wyler wird 1948 geboren als Sohn einer Unternehmerfamilie. Mit seinem Bruder und seiner Schwester wächst er im Kanton Baselland auf. Er macht einen landwirtschaftlichen Lehrabschluss in Molondin VD, ehe er die eidgenössische Matura Typ C (mathematisch-naturwissenschaftlich) absolviert. An der ETH studiert und doktoriert er in Lebensmittelwissenschaften und -technologie. Anschliessend arbeitet er bei der Migros-Bäckerei Jowa im Kanton Zürich als Produktionsassistent sowie als Leiter der Abteilung Produktentwicklung und Qualitätssicherung. Bei der Sandoz Ernährung AG in Bern ist er Forschungs- und Entwicklungschef, bei der Wander AG Mitglied des Direktoriums, ehe er zur Galactina AG in Belp wechselt als geschäftsführender Direktor. Später ist er Mitglied in verschiedenen Verwaltungsräten und VR-Präsident der Easy Sleep Holding AG. Heute trifft man Wyler häufig auf dem Velo an. Er fahre während der Tour de France einen Grossteil der Strecke ab. In den 80ern habe er an Ironman Triathlons teilgenommen. Zudem sei er Gründungsmitglied des Schweizer Triathlonverbandes und Vorstandsmitglied gewesen.
Zukunftsprogramm
Für Roland Wyler entscheiden drei Fragen über die Zukunft von Greng
Drei Fragen müssen sich der Gemeinderat und die Stimmbürger von Greng laut Roland Wyler stellen: «Wollen wir die Unabhängigkeit der Gemeinde erhalten? Haben wir dafür die Manpower? Können wir das finanzieren?» Wyler antwortet auf diese Fragen mit einem überzeugten Ja.
Um die Unabhängigkeit von Greng zu bewahren, benötige es eine andere Finanzpolitik. «Denn momentan baut die Gemeinde ihr Vermögen ab. Wenn das Geld aufgebraucht ist, müssen wir fusionieren oder die Steuern drastisch erhöhen», erklärt er. Die Bilanzsumme der Gemeinde solle auf einem Niveau von mindestens zwei bis drei Millionen Franken stabilisiert werden. «Dafür müssen wir entweder die Steuern von 32 Rappen pro Franken Kantonssteuer sukzessiv auf 54 Rappen steigern oder potente Steuerzahler anziehen.» Denn die vorherrschende Annahme, Greng sei eine reiche Steueroase, sei falsch. Die Gemeinde lebe seit 15 Jahren von ihrer Substanz mit einem durchschnittlichen Bilanzschwund von 450 000 Franken pro Jahr. «Die bisherige Finanzstrategie war: Vermögen abbauen durch sinnvolle Investitionen in die Infrastruktur und den Steuersatz tief halten.»
In punkto Manpower ist Wyler zuversichtlich. Er habe fünf Bürger gefunden, die bereit seien, für den Gemeinderat zu kandidieren. Auch könne er sich vorstellen, sich selbst für das Amt zur Verfügung zu stellen. Die Kommissionen könne er ebenfalls besetzen. Namen will Wyler öffentlich noch nicht nennen. Zuerst müsse klar sein, wie das Wahlprozedere aussehen wird. Zudem sei noch offen, ob die Kandidaten auf einer Liste oder einzeln kandidieren.
Wyler findet, dass ein neuer Gemeinderat den Bürgern mehr Verantwortung übertragen müsse. Als Beispiel nennt er den Badeplatz. «Man kann eine Bürgergruppe mit dessen Unterhalt und Organisation beauftragen. Die Gruppe bekommt dafür von der Gemeindeversammlung ein Budget zugesprochen, das sie selbständig verantworten muss.» Auch will Wyler, angesichts der Grösse von Greng, für anspruchsvolle Aufgaben Fachleute hinzuziehen oder Aufgaben outsourcen. Für die neue Rechnungslegung der Gemeinden (HRM2) müsse Greng Infrastruktur anschaffen und Schulungen durchführen. «Stattdessen können wir Murten gegen Bezahlung bitten, die Rechnung für uns auszuführen.»