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Meine zwei Chiffredepeschen2 hoffe ich in Ihrem Besitz. Ich muss leider bestätigen, dass ich deprimiert bin infolge der Situation, welche ich hier getroffen habe!
Hatte ich in Wien den Eindruck bekommen, dass ich mit Ausnahme des Holzes mit meinem Vorschläge durchdringen werde und damit eine Erleichterung des Verkehrs erzielen werde, so war ich überrascht, hier zu vernehmen, dass auf hierseitiges Verlangen jedenfalls, die Österreicher nächster Tage kommen werden, um gemeinsam zu verhandeln. Das Ziel dieses Zusammengehens ist nach meinem Gefühl das folgende: Beide Mächte werden uns alles und jedes sperren, was sie glauben, dass die Entente uns nicht oder nur zu viel teureren Bedingungen liefern werde und sie werden dafür als Kompensationen nur Waren annehmen, welche wir von der Entente beziehen müssen! ich erklärte, dass es natürlich ausgeschlossen sei, dass die Entente uns in diesem Masse entgegenkommen werde, da es zu grosse Posten umfasse und dass wir dabei ungemein leiden würden und dies nicht als freundschaftlichen Akt empfinden könnten. Dr. Johannes im Auswärtigen Amt kam dann auf die Kohlenfrage zu sprechen, welche Äusserungen dann meine zweite Depesche veranlassten. Ich erwiderte ihm, dass die Kohlenlieferung uns ja zugesichert sei durch Abmachung vor dem Krieg. Er holte dann eine Kopie der bezüglichen Note3 und sprach (streng juristisch) die Meinung aus, die Zusicherung spreche nur von freier Durchfuhr, nicht von Lieferung. Ich erwiderte, dass jedenfalls ausser der schriftlichen Mitteilung über diesen Gegenstand auch mündliche Zusicherungen gemacht worden seien, die zweifellos weiter gingen. Er meinte, es sei nie eine Verpflichtung zur Lieferung gemacht worden, dagegen könnten wir frei englische oder amerikanische Kohlen durch den Rhein, oder soweit der Kriegsbetrieb es zulasse, auf deutschen Bahnen befördern! Ich war sehr überrascht von diesen mir als Drohung erscheinenden Äusserungen, dass ich ganz wirr fragte: «Ja wollen Sie uns eigentlich in den Krieg treiben?» Dies verneinte Dr. Johannes energisch und sagte, ich müsste das mehr so auffassen, dass Deutschland uns den Rücken stärken wolle gegen die Entente. Ich lasse dahingestellt, ob wirklich eine eventuell eingestellte Kohlenlieferung, die den gewollten Zweck nicht erreichte, wieder in Fluss käme, wenn Deutschland überzeugt wäre, oder ob die Einstellung nicht so lange dauerte, bis wir in der allerbittersten Not wären, denn der Druck würde ja bei der Entente auch erst wirken, nachdem bei uns eben wirklich Kohlennot herrschte.
Bezüglich des Zuckers wird verlangt werden, dass wir sämtliche Waren, die der Zentraleinkauf in der Schweiz besitzt und die er noch erwerben und in die Schweiz herein bringen kann, ohne dass sie durch Servitute belastet sind, frei ausführen lassen bis Ende des Jahres, wogegen Deutschland und Österreich-Ungarn (das letztere müsste auch noch allerlei kriegen) uns bis Ende 1915 ausreichend mit Zucker versorgen. Nach den leider noch nicht genau erhältlichen Informationen ist der heutige Besitz des Zentraleinkaufs in der Schweiz mehr als 2000 Wagen Bannware aller Art! Die Kriegslieferungen für uns (zurzeit etwa 1 Million Mark als dringendst bezeichnet) müssten mit Kupfer, Nickel, Wolle und dgl. kompensiert werden! Ich werde Ihnen einen definitiven Vorschlag telegraphieren, sobald er da sein wird, was evtl. auch einige Tage dauert.
Mit den Wollgeschäften, die Oberst Obrecht im Einverständnis mit Oberst von Sprecher machte und deren Verträge man mir hier vorlegte (mit Deutschland und Österreich-Ungarn), geht es auch wie ich dachte; man erwartet für das bestimmteste, dass wir die 2 A eben herauslassen, trotzdem natürlich keine Verpflichtung besteht. Ich bestritt energisch jede Pflicht, allein es ist klar, dass uns Deutschland nicht % gibt und dazu noch eine Million schenkt, nur um die Wolle bis Kriegsende in der Schweiz zu lassen, sondern dass es eben den Druck durch alle Mittel steigern wird, bis wir Wolle freilassen.
Dasselbe wird Österreich machen im Verein mit Deutschland, was für Folgen dies bei der Entente auslösen wird, wage ich nicht auszudenken, denn solche Quantitäten können nicht unbesehen das Land verlassen. Je mehr aber Deutschland und Österreich militärische Erfolge aufzuweisen haben, um so mehr werden sie sich erlauben zu drücken!
Es wird hier behauptet und dürfte Ihnen durch die deutsche Gesandtschaft mitgeteilt werden, dass Deutschland im Falle ist, für uns Cambries zu liefern; ich erwiderte, das sei ja ganz schön, allein wenn von England und Frankreich uns die Ausfuhr unserer Stickereien unterbinde, was es ja durch Schikanen tun könne, so nütze uns auch dies nicht viel; ich erklärte, an der Stickerei hingen 150000 Arbeiter, woraus man die Wichtigkeit der bezüglichen Interessen ermessen wolle!
Hier erfuhr ich auch, dass Dr. Landolt, der Präsident der Chemischen Industriellen, dem Handelsattaché Schmitz von der deutschen Botschaft erklärt habe, sie wollten sich weder seiner Handelskontrolle unterwerfen als derjenigen eines Usteri und seiner Gehilfen, da hat es allerdings keinen grossen Zweck, wenn wir uns grosse Mühe geben, nur durch Schweizer Kontrolle auszuüben, wenn unsere eigenen Leute uns derartig in den Rücken fallen.
Hier ist auch Herr Egli vom Farbstoffkonsumentenverband; er bzw. seine Leute sind der wirren Meinung, sie bekämen doch noch Farbstoffe, nach unseren Informationen ist das ausgeschlossen, solange wir an England und besonders Italien en masse liefern.
Ich erwarte nun Ihre weiteren Instruktionen, denn mit leeren Händen, mit denen ich dastehe, kann ich natürlich gar nichts erreichen. Überhaupt drückt mich das Gefühl der Verantwortung bei der Wendung, welche die Dinge jetzt nehmen, und bei der Unmöglichkeit, mich mit jemand beraten zu können. So werde ich hier die Verhandlungen abbrechen und sofort nach Bern reisen, um Instruktionen zu holen und wieder hierher zurückkehren. Ich bitte auch hierüber um Ihre Befehle. Seit meiner Abreise erhielt ich nichts von Ihnen, ich melde dies für den Fall als etwa Depeschen aufgehalten worden sein sollten, was jetzt oft zu geschehen scheint, wie mir auch Herr von Claparède mitteilte.
P. S. Noch ist nachzuholen, dass hier der Standpunkt eingenommen wird, dass amerikanische Baumwolle zu Unrecht zurückgehalten werde, sie sei klauselfrei in die Schweiz gekommen und keine Contrebande und in grössten Mengen in der Schweiz. Ich erwiderte, dass solange wir nicht wüssten, ob der Trust uns sicher Zufuhr gebe, wir unter ändern Gründen auch mit Rücksicht auf unsere eigene Versorgung keine Baumwolle ausführen lassen könnten!
- 1
- Lettre: E 2001, Archiv-Nr. 921.↩
- 2
- Non retrouvé.↩
- 3
- Non retrouvé. A ce sujet, le Conseil fédéral, dans son premier rapport de neutralité du 1er décembre 1914, précise: En même temps [le printemps dernier]nous nous sommes entendus avec l’Allemagne pour que, dans le cas où une guerre éclaterait, elle renonçât à mettre la main sur les approvisionnements de blé de la Suisse entreposés en Allemagne, et ne s’opposât point aux transports de blé et de charbon destinés à l’Etat suisse, mais les effectuât au contraire par ses propres moyens de transport ou par des moyens de transport suisses. Cf. FF 1914, vol.4, p. 761.↩
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