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Der Ruf der Nationalbank ist ungefährdet
Es ist das erste Mal in der Geschichte der Schweizerischen Nationalbank, dass der Präsident des Direktoriums wegen öffentlicher Kritik demissionierte. Es gab höchstens Querelen bei der Besetzung des Präsidentenamtes. So wurde zum Beispiel 1947 mit Paul Keller ein Externer gekürt, obwohl Paul Rossy und Alfred Hirs bereits zehn bzw. fünf Jahre Mitglieder des Direktoriums gewesen waren (siehe hier). Es hatte wohl damit zu tun, dass die Nationalbank im Zusammenhang mit den Goldkäufen von der Reichsbank unter Druck gekommen war (siehe hier). Doch das müsste man alles genauer erforschen. Die genauen Umstände der Ernennungen sind meines Wissens noch nie untersucht worden.
Wie geht es nun weiter? Ist die Glaubwürdigkeit der Nationalbank wegen des Rücktritts gefährdet? Das ist eher unwahrscheinlich. Die Nationalbank hat sich seit ihrer Gründung vor etwas mehr als hundert Jahren einen Ruf aufgebaut, der sich kaum zerstören lässt. Die Tatsache, dass der Schweizer Franken in Krisenzeiten immer zum sicheren Hafen für Anleger wird, ist ein Ausdruck der hohen institutionellen Glaubwürdigkeit. Im Gegensatz zur Geschichte anderer Zentralbanken gab es kaum eine Periode, in der die Nationalbank vom Finanzministerium unter Druck gesetzt wurde. Man muss zurückgehen bis zum Ersten Weltkrieg, als die Nationalbank die Staatsschulden der Eidgenossenschaft finanzierte. Und nach dem Ersten Weltkrieg versuchte der Finanzminister die Nationalbank daran zu hindern, die Schuldenfinanzierung schnell zu normalisieren, allerdings ohne Erfolg (siehe hier, S. 49).
Auch die Einführung der Untergrenze von «deutlich über 80 Rappen» pro D-Mark im Herbst 1978 gefährdete den Ruf der Nationalbank nicht, obwohl die Massnahme inflationäre Wirkungen hatte. Indem das Direktorium damals klar machte, dass es sich nur um eine temporäre Massnahme handelte, blieb die Geldpolitik glaubwürdig. Selbst die hohe Inflation der späten 1980er Jahre, die auf eine Fehleinschätzung in Bezug auf die Entwicklung der Geldmenge zurückzuführen war, schadete dem Ruf nur vorübergehend. In den 1990er Jahren brachte man die Inflation wieder unter Kontrolle – wenn auch viel zu rigoros – und zog die Lehren aus den Fehlern, indem man ein neues geldpolitisches Konzept umsetzte.
Im Zusammenhang mit dem Rücktritt Hildebrands ist die Sorge geäussert worden, dass die Schweiz nun in der internationalen Finanzwelt untervertreten sein wird. Auch hier ist Gelassenheit angebracht. Die Schweizerische Nationalbank ist und wird immer Mitglied der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel sein. Dort treffen sich die obersten Notenbanker regelmässig. Auch der Sitz beim Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington hat nichts mit den exzellenten internationalen Kontakten Philipp Hildebrands zu tun. Nur seine Position als Vizepräsident des Financial Stability Board geht mit seinem Rücktritt verloren. Aber deswegen zu glauben, die Schweiz ziehe sich nun ins Réduit zurück und nehme Abschied von internationalen Parkett, ist völlig übertrieben.
So dürfte auch die Untergrenze von CHF 1.20 pro Euro leicht zu verteidigen sein. Die neue Führung muss nur möglichst schnell öffentlich klar stellen, dass der Rücktritt Hildebrands keinem geld- und währungspolitischen Kurswechsel gleichkommt. Eine Gefährdung der Untergrenze ergibt sich durch die Euro-Krise, die täglich weiter eskaliert, nicht durch personelle Rochaden im Direktorium.