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Eigentlich hatte unser Rezensent versprochen, zum «Buch der Woche» stets höchstens zwei Werke zu besprechen. Übernachten und Überleben im Gebirge ist aber doch ein zu breites Thema, als dass ein einziges Werk die historischen, architektonischen, kulinarischen, alpinistischen und psychologischen Aspekte behandeln könnte – hier also ein bunter Dreiklang, gelegentlich mit Zähneklappern.
„An dem Ort namens La Cravatta auf einer Höhe von über 4000 Metern habe ich 1866 fünf Nächte an einem Felsvorsprung verbracht, der einige Meter hervorstand. Ich habe eine kleine Schutzhütte gezeichnet, die in Trockensteinbauweise errichtet werden soll. Letztes Jahr, 1867, wurde diese Hütte dank der Arbeit der Bergführer von Valtournanche und eines Zuschusses des Alpenclubs unter grosser Anstrengung gebaut und mit einer Tür, einem kleinen Fenster und Schaffellen als Betten sowie einigen Haushaltutensilien ausgestattet. Diese Hütten sind ungeheuer nützlich, da sie dem Bergsteiger die grosse Mühe ersparen, Decken und anderes Gewicht mit sich zu tragen, und ihm bei schlechtem Wetter Schutz bieten.“
Die Balma della Cravatta auf etwa 4130 Meter war die erste Hütte, die am Matterhorn gebaut wurde, ein Jahr vor der alten Hütte am Hörnligrat auf gut 3800 Meter. Von beiden Hütten sind nur ein paar kümmerliche Mauerreste geblieben. Für die Balma della Cravatta wurde, wie der Name „Balm“ schon verrät, eine natürliche Grotte auf dem Cravatta genannten Schneeband am Pic Tyndall (4241 m) am Liongrat des Cervino zu einer sehr einfachen Schutzhütte ausgebaut, mit Platz für fünf Alpinisten. Ein ziemlich ausgesetzter Ort, aber sicher „ungeheuer nützlich“, wenn man sich vorstellt, wie der italienische Ingenieur und Geologe Felice Giordano dort oben fast schutzlos fünf Nächte verbrachte. Den Bericht über „seine“ Hütte am Berg der Berge schickte er 1868 dem Club Alpino Italiano, zu dessen Mitbegründern er zählt. Den hier zitierten Ausschnitt findet sich Luca Gibellos Darstellung über den „Hüttenbau im Hochgebirge“, die vor drei Jahren unter dem Titel „Cantieri d’alta quota“ erstmals erschien und nun in deutscher Sprache vorliegt.
Eine verrückte Hütte, diese Balma della Cravatta, nur zwei Jahre nach der heftig umkämpften Erstbesteigung des Matterhorns fast zuoberst erbaut. Mehr Notunterkunft wie heute das Solvaybiwak (4003 m) als ein komfortabler Übernachtungsplatz für eine Besteigung, wie es die Hörnlihütte (3260 m) war. Nun wird sie neu erbaut, um dann im nächsten Jahr, wenn 150 Jahre Erstbesteigung Matterhorn gefeiert wird, eröffnet zu werden. Zur Zeit kann auf dem Hirli, 400 Meter unterhalb der Hörnlihütte, in temporär erstellten Zweierzelten übernachtet werden. Alles weitere zum sogenannten Base Camp am Matterhorn auf www.hoernlihuette.ch/basecamp.html. Eine schöne Hommage an den Matterhorn-Erstbesteiger Edward Whymper, der für seine Matterhorn-Belagerung ein Bergsteigerzelt konstruierte und dieses in seinem Beststeller „Scrambles amongst the Alps“ ausführlich im Kapitel „Neue Versuche am Matterhorn“ beschreibt.
Zurück zu den Hütten im Hochgebirge: Wer sich für ihre Baugeschichte insbesondere in den Westalpen Italiens und der Schweiz interessiert, wird im Buch von Luca Gibello viel erfahren, überzeugende und weniger gemütliche hochalpine Unterkünfte, Berggasthäuser und Biwakschachteln kennenlernen. Die mit vielen meist schwarzweissen Fotos und einigen Plänen illustrierte Publikation gliedert sich in vier Teile und gibt einen Überblick vom 1779 erbauten „Hôtel“ am Montenvers ob Chamonix bis zum 2012 eingeweihten Refuge du Goûter am Mont Blanc.
Hüttenarchitektur ist das eine, Hüttenarbeit aber etwas anderes. Wer nur kurzfristig ein Dach über dem Kopf benötigt, um am nächsten Morgen weiter gegen den Gipfel zu steigen, erlebt und braucht die Hütte ganz anderes als diejenigen Personen, die wochenlang in der Hütte bleiben und zu ihr und den Gästen schauen: der Hüttenwart, die Hüttenwirtin und ihre Gehilfen. Was man dabei erleben kann, schildert Nicola Reiter im Buch „Firn. Aufzeichnungen am Gletscher“. Um ihr Auskommen als freie Gestalterin aufzubessern, verbrachte Nicola Reiter einen Sommer als Saisonkraft in der Hüfihütte oben im Maderanertal in den östlichen Urner Alpen. Als es nach tagelangem Nebel bereits Anfang August schneit (schlechte Sommer gab es also schon früher!), wird der Aufenthalt im Gebirge und die Zusammenarbeit mit dem knorrigen Hüttenwart zu einer Belastungsprobe. Ihren Alltag protokollierte Nicola Reiter in Form eines literarischen Tagebuchs. Der Eintrag vom 11. August beginnt so: „Keine Gäste, noch 20 Tage. Schneefall den ganzen Tag. Nebel, nasskalt.“ Und ein paar Zeilen weiter unten: „Aufgrund der seit Wochen konstant niedrigen Temperatur ist alles gefroren, und es kommt kein Wasser mehr vom Gletscher.“ Dem erfrorenen Gebirge stellt Nicola Reiter ihre Neugier, ihr Lebenswille, ihre Jugendlichkeit – und ihr Schreiben entgegen. Letzter Satz im privaten Hüttenjournal: „Als ich weiterlaufe, spüre ich, wie mit der Bewegung die Kälte langsam weicht.“
Wer in den Bergen nur eine warme Suppe und Schutz vor schlechtem Wetter sucht, wird hier fündig: im Berg-Beizli-Führer von Richi Spillmann. 1270 Hütten, Bergrestaurants, Alp- und Bergwirtschaften, Buvettes , Métairies und Grotti sind aufgelistet. Wir wär’s mit dem Restaurant Paradies in Findeln ob Zermatt, mit Ravioli di coda di manzo und freiem Blick auf den Cervino? Felice Giordano wäre entzückt.
Luca Gibello: Hüttenbau im Hochgebirge. Ein Abriss zur Geschichte der Hüttenarchitektur in den Alpen, SAC Verlag, Bern 2014, Fr. 59.-
Nicola Reiter. Firn. Aufzeichnungen am Gletscher, Spector Books, Leipzig 2012, Fr. 34.40
Richi Spillmann: Berg-Beizli-Führer 2014/15, Spillmann Verlag, Oetwil 2014, Fr. 39.-