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Frankreich verfolgt seit mehreren Jahren zahlreiche neue Tiefengeothermie-Projekte im Elsass, im Pariser Becken und im Zentralmassiv.
2016 ging das als Forschungsprojekt gestartete EGS-Projekt Soultz-sous-Forêts nach über 20 Jahren in den kommerziellen Betrieb über. Die von Éléctricité de Strasbourg (ÉS) kommerziell erstellte
Geothermieanlage im nahen Rittershoffen wurde 2016 eingeweiht. Dort erhöhten umfassende Stimulationsarbeiten die Effizienz und Wirtschaftlichkeit merklich. Im Juni 2017 startete Fonroche
Bohrarbeiten für ein Geothermieprojekt in Strasbourg-Vendenheim, das ab 2019 Strom für 7'000 und Wärme für 24'000 Haushalte bereitstellen soll. Die Bohrarbeiten zu einem weiteren Projekt von ÉS
in Illkirch-Grafenstaden (südlich von Strasbourg) begannen im Oktober 2017.
Auch im Pariser Becken sind in den letzten Jahren mehrere neue Wärmeprojekte realisiert worden bzw. in der Projektumsetzung begriffen.
Im Frühsommer
2017 beantragten TLC Geothermics und Storengy zwei Lizenzen für die Aufsuchung geothermischer Reservoire im Grundgebirge des Zentralmassivs.
Eine Leuchtturmregion für die Nutzung der Geothermie ist der Grossraum München. In und um die Stadt werden kontinuierlich Geothermieprojekte realisiert. Bis 2040 soll die gesamte
Fernwärmeversorgung der 1.5-Millionenstadt durch erneuerbare Wärme aus Geothermie bereitgestellt werden.
Nordrhein-Westfalen (NRW) will in den nächsten Jahren die Kohleenergie ablösen. Kohle ist nicht nur im Stromsektor relevant, sondern ist auch Energiequelle für das grösste Fernwärmenetz Europas,
das sich im Ruhrgebiet befindet. In dieser dicht besiedelten Region leben über 5 Millionen Menschen. Durch den Kohleausstieg droht weniger in der Strom-, sondern vielmehr in der Wärmeversorgung
eine zukünftige enorme Versorgungslücke. In NRW soll daher im Rahmen des Ende 2017 gestarteten Projektes TRUDI (Tief runter unter die Ruhr) das geothermische Potenzial erkundet und später
erschlossen und genutzt werden. In der ersten Phase sollen bis zu 1'500 m tiefe Bohrungen durchgeführt werden. In dieser Tiefe soll dann die Wasserzirkulation und die Nutzung des Untergrunds als
Wärmespeicher getestet werden. «Wärmespeicherung» ist für die dicht besiedelte Ruhrregion von grosser Bedeutung. In einem späteren Schritt wird dann der Untergrund bis 5.000 Meter erkundet. Das
durch das Land NRW und den deutschen Bund finanzierte Projekt wird durch das Geothermiezentrum Bochum GZB durchgeführt. Die Geo-Energie Suisse AG tauscht sich regelmässig mit dem GZB aus. Im
Rahmen von GEOTHERMICA wurde ein gemeinsames F&E Projekt beantragt
und im Mai 2018 bewilligt.
Die niederländische Regierung strebt eine zunehmende Unabhängigkeit von Erdgas an. Dies ist einer der Haupttreiber für die exponentielle Entwicklung der Geothermie in diesem Land. Dabei wurden
auch zahlreiche Projekte für den hohen Wärmebedarf in der Landwirtschaft entwickelt. Weitere sind in Planung. Daneben waren in den Niederlanden im Jahr 2015 bereits 2’500 geothermische
Wärmespeicher in Betrieb, die den Primärenergieverbrauch und damit auch die CO2-Emmissionen des Landes substanziell reduzieren.
Vito N.V. vergab 2015 einen Auftrag für fünf mögliche Geothermieprojekte in Belgien. Die ersten beiden Bohrungen sind mit einer Zieltiefe von 3'600 bzw. 4'600 m bereits erfolgreich realisiert und
stellen die erste tiefengeothermische Dublette in Belgien dar. Die Bohrarbeiten für die voraussichtlich 5'000 m tiefe dritte Bohrung begannen im Oktober 2017. Alle Projekte dienen der Versorgung
mit Strom und Wärme. Weitere Projekte sind in Planung.
Das US Department of Energy fördert seit Jahrzenten die Erforschung von EGS-Projekten. Im Rahmen von FORGE (Frontier Observatory for Research in Geothermal Energy) wird die Entwicklung der
EGS-Technologie in Tiefbohrungen forciert. Das vorgesehene Budget beträgt rund 150 Mio. USD. Ziel ist nicht der Bau eines Kraftwerks, sondern einzig die Weiterentwicklung der Technologie, um sie
zur Industriereife zu führen. Zwei Projekte haben 2017 den Zuschlag für eine weitere Etappe erhalten: Utah (Milford Site) und Nevada (Fallon Site). Beide verfolgen das gleiche Konzept wie die
Geo-Energie Suisse AG.
Zurzeit wird in Finnland im Auftrag des Energieversorgungsunternehmens st1 ein EGS
Projekt durchgeführt, bei dem zwei bis 7'000 m tiefe Bohrungen im kristallinen Gestein erstellt werden. Geo-Energie Suisse Verwaltungsratspräsident Daniel Schafer und CEO Peter Meier haben
den Bohrplatz im Juni 2017 besichtigt. Dieser konnte auf einer Fläche von rund 3'000 m2 realisiert werden. Normalerweise benötigen solche 450 t Bohranlagen Bohrplatzgrössen von rund 15'000 m2.
Beim finnischen Projekt wurde ein innovatives Luft-Hammer-Verfahren erfolgreich erprobt. Gegenüber dem herkömmlichen Rotary-Bohrverfahren konnte damit eine 10-20-fache Geschwindigkeit erzielt
werden. Abgelenkte Bohrstrecken wurden noch konventionell abgeteuft. Zusätzlich ist ein Fluid-Hammer-Verfahren in Entwicklung, das eine 10-fache Bohrgeschwindigkeit erreichen soll. Dieses
Verfahren soll bei Bohrtiefen, bei denen das
Luft-Hammer-Verfahren nicht mehr einsetzbar ist, zum Zuge kommen.
Die Bohrungen in Finnland werden von der Firma H. Anger’s Söhne durchgeführt, die auch für die Bohrarbeiten von Geo-Energie Suisse AG in Haute-Sorne vorgesehen ist.
Um die geothermische Wärme aus dem festen Gestein erschliessen und nutzen zu können, musste bei diesem Projekt in der Tiefe ein Wärmetauscher geschaffen werden, durch den das Wasser fliessen
kann. St1 schloss die hierfür notwendigen hydraulischen Stimulationsmassnahmen Ende Juli 2018 erfolgreich ab. Es wurde – wie beim Multi-Stage-Stimulationssystem von Geo-Energie Suisse – in
Etappen abschnittsweise vorgegangen.
Während der Stimulationsphase pumpten Experten von St1 Wasser in das Bohrloch und überwachten diesen Prozess mit unterirdischen Geophonen, die im Stadtgebiet installiert sind. Darüber hinaus
verwendete das Institut für Seismologie der Universität Helsinki eigene Geophone, um die Stimulation unabhängig zu überwachen. Das stärkste Mikro-Erdbeben erreichte eine Magnitude von 1,9. Die
Behörden haben die Grenzwerte für die Mikro-Erdbeben auf ein viel niedrigeres Niveau festgelegt, als sie beispielsweise bei Sprengungen verwendet werden. Innerhalb dieser festgelegten Grenzen
wurde die Stimulation kontrolliert und sicher durchgeführt. Die Grenzwerte waren so niedrig angelegt, da sich das Projekt in der Stadt Espoo im Grossraum von Helsinki befindet. Störende
Auswirkungen sollen durch die niedrigen Grenzwerte minimiert werden und eine rasche Reaktion im Bedarfsfall möglich sein. Die mikroseismische Aktivität während der Stimulationsarbeiten konnte
nicht gespürt, jedoch als Grollen und Klopfen gehört werden. Die Geräusche wurden anhand von Anwohnerrückmeldungen und akustischen Messungen aufgezeichnet und dokumentiert.
Bohrplatz des finnischen EGS-Projektes in Espoo (Quelle: st1).