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SITUATION #190
Das DoppelGANger-Projekt von Mitra Azar besteht aus einer Reihe von Interventionen, bei denen Poster von vermissten Personen in den Strassen von Kuba, Paris, Mailand und anderen Städten der Welt verteilt werden. Die Porträts und Texte auf diesen Postern sind das Ergebnis von Algorithmen, die auf sogenannten generative adversarial networks (oder GAN) basieren – maschinelle Lernsysteme auf Basis künstlicher neuronaler Netzwerke. Nachdem sie mit umfangreichen Datensätzen, bestehend aus Fotografien bzw. schriftlichen Daten, trainiert werden, sind diese Algorithmen in der Lage, fotorealistische und dennoch vollständig fiktive Porträts und zusammenhängende Textpassagen von Grund auf neu zu erzeugen. Die Arbeit von Azar hinterfragt das indexikalische Verhältnis zwischen den fotografischen Porträts und ihren Referent_innen, also dem, was sie abbildet: DoppelGANger unterwandert den Anspruch der Fotografie, ein getreues Abbild von Wirklichkeit zu sein, um sie stattdessen einer präemptiven Logik unterzuordnen, die Realität simuliert und dadurch möglicherweise erst hervorbringt. Warten diese Bilder von vermissten Menschen darauf, dass wir ihren wahren Pendants auf der Strasse begegnen, oder darauf, dass diese erst geboren werden? Sind es Geister von maschinell erzeugten Vorstellungen, wie die Menschheit aussehen soll, oder sind es vielmehr digitale Doppelgänger_innen, blosse Stellvertreter_innen real existierender Individuen?