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Der dritte Advent
Heinrich stand vor seinem Bücherregal und liess den Blick über die Bücherrücken schweifen. Er suchte die Horazischen Oden. Es war eine ganze Weile her, seit er zum letzten Mal darin geblättert hatte, und er konnte sich nicht mehr erinnern, wo genau er das Buch eingereiht hatte. Mit einem Ruck hielt er inne. Da stand es, am äussersten linken Rand des zweitobersten Tablars. Heinrich rückte die Regalleiter an die richtige Stelle, stieg hoch und zog das Buch heraus.
Er setzte sich auf den Lesesessel beim Fenster, wischte ein paar Brotkrümel von der Platte des Beistelltisches und begann zu lesen. Heute zog es ihn zur zweiten Ode des dritten Buches hin, diesem Hochgesang auf männliche Tugend, die sich unerschrocken auch den grössten Gefahren stellt, klaren Auges und kühner Stirn. Am Ende des dritten Verses stand er mühsam auf, streckte den Rücken durch, räusperte sich und hob die linke Hand in die Luft; mit der rechten hielt er das Buch.
„Dulce et decorum est pro patriae mori, mors et ...“
„Genug! Das ist ja unerträglich. Es weht einen an wie Moder aus der Gruft. Ausserdem heisst es pro patria, nicht patriae.“
„Was?“ Tatsächlich, da hatte sich Heinrich vertan. Das musste er sich ausgerechnet von diesem zwergwüchsigen Zirkusaffen sagen lassen, der leider sein Halbbruder war. Heinrich bewohnte mit ihm das baufällige Holzhäuschen am Dorfrand, das ihnen ihr gemeinsamer Vater hinterlassen hatte. Er holte Luft und wollte erneut zu seiner Deklamation ansetzen.
„Halt!“ Halbbruder Ludwig schloss seine Übungseinheit auf dem kleinen Trainingstrampolin mit einem Rückwärtssalto ab, stieg auf den Beistelltisch und funkelte Heinrich scharf an. „Halt, hab ich gesagt! Es ist genug. Leg bitte dieses öde Buch weg, und schau dich mal in der Gegenwart um. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert. Kein Mensch spricht heute mehr Latein; kein einziger, ausser dir. Es wird Zeit, den Sprung über zweitausend Jahre hinweg zu wagen. Wie heisst es doch in dieser zerfallenen Sprache, die du so liebst: Sapere aude! Öffne die Augen, verlorener Bruder!“
Heinrich liess die Oden sinken. Der Kerl wurde lästig. Immerhin: auch von Horaz, das Zitat. Trotzdem. Was fiel dem Zwerg ein, ihn in seinem Vortrag zu stören?
Ludwig sprang vom Beistelltisch auf den Ledersessel. „Heute ist der dritte Advent. Bald ist Weihnachten. Wir sind Christen. Hast Du das vergessen? Wir wollen feiern. Gleich kommt Igor. Er bringt eine Flasche Sekt, damit wir zusammen auf die heilige Zeit anstossen. Igors Frau ist nach St. Petersburg gefahren, ihre Mutter liegt im Sterben. Da hab ich ihn zu uns eingeladen. Man soll seine Mitmenschen nicht allein lassen, vor allem nicht in der Weihnachtszeit.“
Heinrich legte Horaz auf den Beistelltisch. Igor der Messerwerfer. Was hatte der hier zu suchen? Warum hatte Ludwig ihn, seinen Bruder, nicht wenigstens vorher um seine Zustimmung gebeten?
Es klopfte an der Tür.
Ludwig öffnete.
Draussen stand Igor, mit einer Sektflasche. Er stellte die Flasche auf den Boden und hob Ludwig zu sich empor. „Mein Bruder!“ Er herzte ihn so kräftig, dass Heinrich um das Leben seines Halbbruders bangte. Igor stellte Ludwig behutsam auf den Boden zurück, nahm die Sektflasche und näherte sich Heinrich, der ängstlich zurückwich. „Keine Bange, Ludwigs-Bruder“, sagte Igor und reichte Heinrich die Hand. „Ich bin gekommen, um zu feiern. Ludwig hat mir erzählt, etwas feiern tut euch gut. Mir auch. Meine Olga ist weg, ich bin ein wenig traurig, auch wegen Olgas Mutter, die nicht mehr lange lebt. Was ist der Mensch, was ist das Leben? Lasst uns feiern die heilige Zeit, meine Brüder.“ Er stellte den Sekt auf den Beistelltisch, neben Horaz. „Wo sind Gläser?“
Ludwig holte drei Sektgläser. Igor liess den Korken knallen und schenkte sich und den beiden Halbbrüdern ein. Sie stiessen an.
„Nunc est bibendum!“, rief Heinrich; „Nastrovje!“ Igor und „Skol!“ Ludwig.
Sie leerten die Gläser in einem Zug. Ludwig schenkte nach und zündete ein paar Kerzen an. Als sie die Flasche geleert hatten, setzte sich Igor ans Klavier und spielte russische Lieder. Igors kräftiger Anschlag und sein volltönender Bariton füllten den Raum mit einer seltsam melancholischen Stimmung. Verwundert flogen die Fledermäuse herbei, hängten sich an die Dachbalken über dem Klavier und lauschten andächtig den unbekannten Klängen.
Auch Gott und sein gefallener Engel, die zufällig auf dem Heimweg von ihrem alljährlichen Versöhnungsumtrunk vorbeikamen, wurden von der Musik verzaubert. Sie setzten sich auf die Verandabank und wiegten das Haupt zu den östlichen Weisen. Der liebe Gott sah mit Wohlgefallen auf die kleine menschliche Gemeinschaft im Haus, und auch der Teufel lächelte und reichte Gott eine Handvoll Erdnüsse, die sie einträchtig knackten.
© Jost Aregger - veröffentlicht in: Snezanas Lied. Neue Wintergeschichten aus der Schweiz, Verlag Sage und Schreibe 2017