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Was ist ein Name? Was uns Rose heisst,
Wie es auch hiesse, würde lieblich duften.
William Shakespeare
Da hat also Joanne K. Rowling, die Königin aller Bestsellerlisten, einen Krimi geschrieben, und davon wurden im ersten Vierteljahr gerade mal 1500 Exemplare verkauft, Weniger als nichts für jemanden, von dessen Harry-Potter-Romanen fast eine halbe Milliarde Exemplare über die weltweiten Ladentische gingen.
„The Cuckoo’s Calling“ heisst das Buch, und Frau Rowling hat sich damit ganz bewusst selber ein Kuckucksei ins Nest gelegt. Sie liess den Roman nämlich nicht unter dem umsatzbefördernden eigenen Namen erscheinen, sondern unter dem Pseudonym Robert Galbraith. Und für Herrn Galbraith interessierten sich weder Literaturkritiker noch Bücherkäufer.
Bis dann durchsickerte (oder wäre die korrekte Verbform „durchgesickert wurde“?), wer sich hinter diesem unbekannten Mr. Galbraith verbarg. Worauf der Krimi sofort in den Bestsellerlisten landete. Für die deutsche Übersetzung wird eine Startauflage von 200.000 Exemplaren angekündigt.
Was bewegt eine erfolgreiche Autorin dazu, auf den Startvorteil ihres bekannten Namens zu verzichten und sich gewissermassen ohne Kopfschutz und Ellbogenschoner ins Getümmel des heiss umkämpften Büchermarktes zu stürzen? Wer sich mit hartem Training in die Weltspitze der Langstreckenläufer vorgearbeitet hat, startet beim New Yorker Marathon ja auch nicht freiwillig aus der achtundzwanzigsten Reihe.
Warum also? In den Potter-Romanen wird der Bösewicht aller Bösewichte immer mit „Jener, dessen Name nicht genannt werden darf“ bezeichnet. Aber damit wird es wohl nichts zu tun haben.
Ich vermute, dass hinter der scheinbaren Bescheidenheit eines unbekannten Namens in Wirklichkeit eine gehörige Portion Eitelkeit steckt. Vielleicht wollte sich Frau Rowling beweisen, dass sie es auch unter anderem Namen schaffen würde, einen Bestseller zu landen. Wie wenn Usain Bolt die Behauptung aufstellte: „Ihr könnt mir auch einen Mehlsack auf den Rücken binden, und ich laufe die hundert Meter immer noch schneller als ihr!“
Wenn es so war, hat es nicht geklappt. Zu Harry-Potter-Zeiten hat sie wahrscheinlich 1500 Exemplare als Leseexemplare an die Buchhandlungen der Fiji-Inseln verschickt.
Übrigens: Wenn Sie Ihren Namen nicht mehr brauchen, verehrte Mrs. Rowling, würden Sie ihn mir dann vielleicht für mein nächstes Buch ausleihen? Ich bin sicher, er wäre dem Umsatz sehr förderlich.
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 25. August 2013,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«