Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/2041

Äusserlich ist der Vogel unscheinbar. Doch sein Gesang hat Dichter zu poetischen Höhenflügen verführt. Die Nachtigall-Männchen sind die Boten des Frühlings. Sie werben anders als viele andere Vogelarten auch in der Nacht mit sehr komplexen Strophen um Weibchen und locken Menschen an, die den Gesang als äusserst wohlklingend empfinden. Da sich Verliebte auch gerne nächtens treffen, wurde die Nachtigall zum Symbol der Liebe.
Wie die Liebe soll die Nachtigall ewig leben, schrieb der englische Romantiker John Keats (1795 bis 1821) in seiner “Ode an eine Nachtigall”:
“Du stirbst nicht, Vogel, du lebst ewiglich!
Nein, dich zertritt kein hungriges Geschlecht.”
Doch nun könnte tatsächlich ein “hungriges Geschlecht” die Nachtigallen “zertreten”. Gerade in Keats Heimatland: Denn Lodge Hill in Kent soll überbaut werden.
Lodge Hill ist einer der wichtigsten Brutplätze für die Nachtigall im ganzen Vereinigten Königreich. Rund ein Prozent des Gesamtbestandes Grossbritanniens findet sich dort jeden Frühling ein. Dann singen die Männchen, um die Weibchen für sich zu gewinnen, die jedes Jahr ein paar Tage nach den Männchen aus dem Süden eintreffen. Lodge Hill wurde der Status einer „Site of Special Scientific Interest (SSSI)“ anerkannt – die einzige SSSI in Grossbritannien, die den Nachtigallen zugute kommt.
Doch in Lodge Hill sollen auch 5000 Häuser gebaut werden, um die lokale Wirtschaft anzukurbeln. Die Bebauung würde die Fläche von 200 Fussballfeldern in Anspruch nehmen. Dies aber setzte die Nachtigall einem zu grossen Risiko aus. Der Bestand der Nachtigallen ist in Grossbritannien in den letzten 40 Jahren um 90 Prozent gefallen.
Der Schriftsteller und Keats-Biograf Andrew Motion sieht die englische Kultur in Gefahr. Häuser könne man in alten städtischen oder industriellen Gebieten erstellen. Wenn man grüne Flächen zubetoniere, werde das traditionelle England, zu dem eben auch die Nachtigall gehört, verschwinden.
Die potenziellen Bauherren sind sich des Problems durchaus bewusst. Sie wollen wirtschaftliche Entwicklung und Naturschutz in Einklang bringen und das durch den Häuserbau zerstörte Habitat durch ein neues ersetzen. Im Fall der Nachtigall ist dies allerdings vergebliche Liebesmüh. Denn diese kehrt nach ihrem Winteraufenthalt in Afrika zum Brüten immer zum selben Territorium im Norden zurück. Nachtigallen lassen sich nicht so einfach nach menschlichem Belieben umsiedeln. Würde Lodge Hill zugebaut, könnten 80 Prozent des dortigen Nachtigallen-Bestandes verschwinden.
Die Vogelschützer konnte die Regierung in einem ersten Schritt überzeugen. Eine öffentliche Untersuchung soll durchgeführt werden. Doch das Bauvorhaben ist damit nicht vom Tisch. Es wird zum Testlauf: Sollte Lodge Hill gebaut werden, wäre dies ein Präzedenzfall für andere geschützte Gebiete. Die Royal Society for the Protection of Birds sammelt daher weiterhin Unterschriften, um das Vorhaben zu stoppen.
Der Nachtigallen-Bestand steht in Grossbritannien unter grossem Druck. Wird auch der wichtige Brutplatz in Kent menschlichen Bauten geopfert, besteht die Möglichkeit, dass sich Keats Frage klärt, die er am Ende seines Gedichts stellt. Der Nachtigallen-Gesang, eine Vision:
„Adieu! – die Phantasie täuscht nicht so lang
Wie man ihr nachrühmt, trügerische Fee.
Adieu! adieu! – dein Klagelied verklingt
Jenseits nahn Wiesen, überm stillen Bach,
Hangaufwärts; und ins nächste Tal gräbt’s sich
Tief ein jetzt und versinkt:
War es Vision? Ein Traum und ich doch wach?
Fort die Musik – Wach oder schlafe ich?“
P.S.: In der Schweiz hat sich der Bestand der Nachtigall in den vergangenen Jahren positiv entwickelt. 2000 bis 2500 Paare leben hier. Sie gelten in der Schweiz aber nach wie vor als potenziell gefährdet. Zu hören bekommt man die Nachtigall in der Nähe von Feuchtgebieten, etwa im Neeracherried im Kanton Zürich oder in der Petite Camargue Alsacienne bei Basel.
© Markus Hofmann