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VON PATRIK MÜLLER, FELIX BINGESSER (TEXT) UND STEFAN BOHRER (FOTOS)
Xherdan, Sie sind Schweizer Meister, Cupsieger und WM-Teilnehmer. Glauben Sie manchmal: Das ist alles nur ein Traum?
Xherdan Shaqiri: Schon, ja. Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen. Aber ich weiss auch, dass ich aufpassen muss. Ich will Xherdan bleiben und den Boden unter den Füssen nicht verlieren.
Was tun Sie, damit das nicht passiert?
Ich versuche gelassen zu bleiben. Meine Familie und mein Umfeld schauen für mich, ich bin in guten Händen.
Aber es gibt so viele Verlockungen für Sie: Geld, Frauen, teure Autos.
Ich habe gelernt, mit Geld umzugehen. Ich spare auch einiges, sodass ich auch nach meiner Zeit als Fussballer leben kann. Zu Hause habe ich gelernt, dass man sich alles verdienen muss. Mir wurde nie etwas in den A. . . geschoben. So wurde ich erzogen, und das hilft mir jetzt. Ich stamme ja nicht gerade aus der reichsten Familie.
Wie viel Sackgeld bekamen Sie früher?
Gar keines. Meine Eltern kauften mir das, was ich brauchte. Viel war das nicht. Mein Vater arbeitete hart, verdiente vielleicht 5000 Franken, musste damit eine Familie ernähren und auch Verwandte in Kosovo unterstützen.
Haben Sie an der Schule darunter gelitten, dass Sie aus bescheidenen Verhältnissen kamen?
Ein wenig schon. Wenn du siehst, dass andere Kinder immer Geld dabei haben und sich alles leisten können, ist das manchmal hart.
Wurden Sie an der Schule gehänselt, weil Sie aus Kosovo stammen?
Nein. Ich war bis in die fünfte Klasse der einzige Ausländer. Mit dem Vorteil, dass ich gut Schweizerdeutsch lernen konnte.
Ihre Familie wanderte kurze Zeit nach Ihrer Geburt in die Schweiz aus. Was haben Sie für eine Beziehung zu Kosovo?
Auch wenn ich im Baselbiet aufgewachsen bin, bleibt mein Geburtsort für immer Kosovo. Ich gehe sehr gern dorthin, wo meine Wurzeln sind.
Sie haben plötzlich ganz viele Cousins und Coucousins?
(lacht) Genau. Es tauchen Verwandte auf, die ich gar nicht kannte. Aber meine Familie hier kann damit gut umgehen. Ich weiss, wem ich vertrauen kann.
Kosovaren haben nicht den besten Ruf. Sie gelten als Raser und Dealer. Warum?
Ich weiss es nicht. Sie kommen aus einer anderen Kultur, haben eine andere Erziehung, nicht alle können sich anpassen. Das gilt ja nur für wenige, aber dann haben alle ein schlechtes Image. Ich finde: Wer kriminell ist, gehört nicht in die Schweiz und soll zurück in seine Heimat.
Vielleicht werden sie auch kriminell, weil sie in der Schweiz nichts zu verlieren haben.
Kann sein. Oder sie haben Freude, wenn sie es mit Dummheiten in die Zeitung schaffen. Sorry, aber ich schäme mich für solche Leute.
Worin unterscheiden sich die Mentalitäten der Schweizer und der Kosovaren?
Ein Unterschied ist sicher der Umgang mit Frauen. Es gibt immer noch Familien, die aus Kosovo hierher kommen – und leben wie dort. Der Mann hat mehr zu sagen als die Frau. Ich glaube aber, das bessert sich langsam. Man darf doch einer Frau nicht zu wenig Freiheit lassen.
Sie selber sind aber auch ein kleiner Macho, oder?
(erstaunt) Ein Macho? Nein, nein.
Aber im Ausgang sind Sie ein Mädchenschwarm.
Schon, aber das ist halt irgendwie logisch. Die Mädchen sehen mich im Fernsehen und dann stehe ich plötzlich vor ihnen. . . Dann schauen sie halt.
Haben Sie eine Freundin?
Nein. Und im Moment fehlt mir das auch nicht. Aber vielleicht schenkt mir Gott eine Frau, die ich liebe – und dann sehe ich das anders. . .
Sind Sie gläubig?
Mein Vater geht recht häufig zum Gebet. Auch ich glaube an Gott, aber ich nehme es nicht so streng.
Sie dürfen Alkohol trinken?
Ja.
Wie stellen Sie sich Ihre Traumfrau vor?
Zuerst muss sie meine Familie respektieren. Sie soll nicht nur an sich selber denken. Und klar, sie sollte auch schön sein. . . Ob blond oder dunkel, ist egal. Ich muss sie einfach lieben und gern Zeit mir ihr verbringen können.
Waren Sie schon mal richtig verliebt?
Eigentlich nicht. Aber das heisst nicht, dass ich nicht auch schon meine Erfahrungen habe. . .
Wünschen Sie sich später eine Familie?
Auf jeden Fall. Ich hoffe, ich treffe auf die richtige Frau, und dann möchte ich mit ihr eine schöne Familie gründen. Und vielleicht wird der Sohn dann genau gleich wie der Vater.
Was ist das Wichtigste, das Sie von Ihren Eltern mitbekommen haben?
Der Respekt vor anderen Menschen.
Und das Talent für Freistösse!
(lacht) Der Respekt ist das Wichtigste. Überhaupt, wie man mit Menschen umgeht. Es gibt viele Eltern, die schlecht mit ihren Kindern umgehen, sie sogar schlagen. Das war bei mir nie der Fall. Meine Eltern sind auch im Kopf stark, und das bin ich auch – was im Fussball sehr wichtig ist. Ich halte viel aus. Ich habe Spass am Fussball und bin eigentlich nie nervös, auch wenn das Stadion voll ist.
Sie finanzieren Ihre Familie, dank Ihrem Lohn konnte sie in eine grosse Wohnung umziehen. Was ist das für ein Gefühl?
Ich gebe gern den Menschen etwas zurück, die mir geholfen haben. Und niemand hat mir mehr geholfen als meine Familie. Deshalb ist es ein gutes Gefühl, dass ich sie jetzt unterstützen kann. Meinen Eltern habe ich ein schönes Auto gekauft, mit dem sie jetzt in die Ferien nach Albanien ans Meer und dann nach Kosovo fahren. Ich bin stolz auf meine Eltern.
Wenn die Familie in den Ferien ist, essen Sie dann abends allein Büchsenravioli?
Mein älterer Bruder Erdin ist auch da, und wir kochen meistens. In der Schule hatten wir Hauswirtschaft und haben viel gekocht. Kennen Sie den «Tiptopf»?
Das ist das Schul-Kochbuch.
Ja, ich hab das zu Hause, und wenn ich ein Rezept nicht mehr weiss, schaue ich dort nach.
Interessiert Sie, was in der Schweiz geschieht?
Klar, ich lese jeden Tag Zeitung und schaue oft Schweizer Fernsehen. Mir gefällt, dass die Schweiz ein soziales Land ist, das funktioniert und das Ausländer aller Nationalitäten respektiert. Anderswo herrscht Chaos, hier klappt alles.
Wie halten Sie es mit der Politik?
Mit den Parteien habe ich es noch nicht so im Griff, und ich bin auch noch nicht abstimmen gegangen, obwohl ich jetzt volljährig bin. Aber die Schweiz hat gute Politiker. Besonders gefallen mir Doris Leuthard, die ich in Südafrika treffen konnte, und Ueli Maurer.
Werden Sie in die RS gehen? Die meisten Spitzenfussballer entkommen ja der Armee.
Ich weiss es noch nicht. Vielleicht mache ich die Sportler-RS. Aber ich habe die Aushebung noch vor mir.
Beherrschen Sie eigentlich den Schweizer Volkssport Skifahren?
Klar, ich kann das recht gut. Wir gingen mit der Schule ins Skilager. Meine Lieblingssportart ist – neben Fussball – aber Tischtennis. Das kann ich mit meinen Brüdern stundenlang machen.
Und gewinnen auch da?
Ja, meistens. Auch dort können mich meine Brüder nicht schlagen (lacht).
Im Fussball haben nur Sie den Durchbruch geschafft. Warum nicht auch Ihre Brüder?
Ihnen fehlt das Talent. Dazu braucht es auch Glück. Aber wir unterstützen uns gegenseitig, mein Bruder Erdin ist mein Manager.
Er übernahm den Job von Max Urscheler, den Sie in die Wüste geschickt haben. Vertrauen Sie nur Familienangehörigen?
Mit meinem früheren Manager passte es einfach nicht mehr, und wenn es so weit kommt, dann sag ich halt: Geh. Meinem Bruder kann ich voll vertrauen. Das ist doch bei Ihnen auch so: Der Familie können Sie vertrauen, bei vielen anderen wissen Sie nie.
Sie werden sicher auch von luschen Figuren angegangen, die mit Ihnen Geld verdienen möchten.
Ja, das ist mühsam. Dauernd klingelt das Handy und es heisst: «Ich will dich kennen lernen.» Ich möchte mir deshalb eine neue Nummer besorgen. Wer etwas von mir will, soll meinen Bruder anrufen. Fertig.
Es gibt immer wieder Gerüchte, dass Sie den FCB verlassen. Mal ist es Fiorentina, Arsenal, Tottenham, Dortmund – und jetzt der Hamburger HSV. Was ist da dran?
Momentan bin ich beim FC Basel. Hier habe ich einen Vertrag bis 2014. Ich will mit dem FCB wieder Meister werden und in der Champions League weiterkommen.
Aber wenn der HSV Millionen bietet, wird doch ein 18-Jähriger schwach.
Natürlich muss man Angebote immer genau anschauen. Wenns für den Klub und für mich stimmt und ich in eine noch bessere Liga wechseln kann: Warum nicht?
Man muss Chancen ergreifen, wenn sie da sind.
Genau. Wenn es gut läuft, wollen dich alle, und wenns mal nicht gut geht, heisst es: Ciao. Mein Bruder und mein Berater – ein Kollege von mir, der drauskommt – kümmern sich um solche Dinge, damit ich mich auf den Fussball und den FCB konzentrieren kann.
Welchen Eindruck haben Sie von Südafrika?
Mir bleiben die netten Menschen in Erinnerung. Die WM war wichtig für das Land, ein solches Ereignis haben sie vielleicht nie wieder – deshalb wollten sie das Beste rausholen, und das ist gelungen. Für mich persönlich war die Reise eindrücklich, ich war noch nie so weit weg. Wir haben nicht nur die tollen Stadien und die neuen Strassen gesehen, sondern auch Armenviertel und Menschen, die in Containern leben.
In Kosovo hat man Ihre WM-Teilnahme auch registriert.
Ja, ich komme dort momentan fast täglich in der Zeitung. Die Journalisten rufen mich die ganze Zeit an. . . Ich gebe das Handy dann meinem Bruder weiter.
Und versucht man auch, Sie für die Kosovo-Nationalmannschaft zu gewinnen?
Kosovo hat noch keine eigene Nati, sie wollen jetzt eine zusammenstellen. Aber das kann noch dauern. Vielleicht bin ich bis dann schon nicht mehr Fussballer. . .
Ottmar Hitzfeld setzte Sie gegen Honduras erst am Schluss ein. Wäre es für die Nati besser herausgekommen, wenn Sie länger gespielt hätten?
Das ist eine Entscheidung des Trainers. Ich hätte sicher alles gegeben, wenn ich mehr gespielt hätte, ich war topmotiviert. Mir wurde immer beigebracht: Hab nie Angst vor dem Gegner! Mit dieser Einstellung gehe ich aufs Spielfeld, egal wo und gegen wen. Ich versuche jeden auszudribbeln, auch wenn ein Weltstar im Weg steht. Auch der hat nur zwei Füsse. Ich spiele wie ein Strassenfussballer und möchte das bleiben.
Eine Zeitung schrieb sogar mal, Sie seien auf dem Feld ein richtiger Kosovo-Krieger.
Na gut, nur weil ich so bullig aussehe, bin ich kein Krieger. Ich steige nicht in jeden Zweikampf ein. Aber ich bin kräftig, dank den Genen meines Vaters (lacht).
Sie sind nur 169 Zentimeter gross. Trainer Thorsten Fink sprach auch schon von «dem Kleinen».
Damit hat er ja nicht unrecht. Vielleicht wachse ich noch zwei, drei Zentimeter. Das wäre gut, aber ich bin auch mit 169 Zentimetern zufrieden.
Was wollen Sie noch erreichen?
Ich stehe noch am Anfang, will gesund bleiben und so lange wie möglich Fussball spielen. Und eben, später mal eine Familie. Mein Idol ist Lionel Messi. Aber ich nehme es, wie es kommt.
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Er ist 18-jährig, 169 Zentimeter klein – aber auf dem Fussballplatz ein ganz Grosser. Xherdan Shaqiri, der Shootingstar des FC Basel, spricht offen über seinen Glauben, die Liebe zu Frauen und zur Schweiz, die Dankbarkeit gegenüber seinen Eltern – und über die Gerüchte, er wechsle in die Bundesliga.
VON PATRIK MÜLLER, FELIX BINGESSER (TEXT) UND STEFAN BOHRER (FOTOS)