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Vier Fünftel aller verfügbaren Vakzine gegen das Coronavirus wurden bisher in nur zehn Ländern verabreicht.
Während der letzten Juliwoche starben in Indonesien täglich mindestens 1723 Menschen an Covid. Im westafrikanischen Guinea-Bissau stehen für 100 Personen 1,2 Impfdosen zur Verfügung. Ähnlich verzweifelt ist die Situation in Bangladesh, in der Demokratischen Republik Kongo, in Südafrika und in Vietnam.
Das Wesen des Kapitalismus offenbart sich in der Pandemie in selten deutlicher Weise.
DRITTE IMPFUNG FÜR REICHE? 5. August 2021: Anlässlich einer Investorenkonferenz in New York forderte ein Sprecher des Pharmagiganten Moderna angesichts der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante des Virus sogleich eine Booster-Impfung. Das heisst: Die in den letzten sechs Monaten doppelt Geimpften sollten eine dritte Impfung erhalten. Zwei Tage später verlangte das auch das Unternehmen Pfizer.
Pfizer/Biontech, Moderna und die anderen Impfstoffhersteller haben dank der Pandemie astronomische Profite eingefahren. Beispiel: Die Moderna-Aktie figurierte im Januar dieses Jahres an der New Yorker Börse mit knapp 111 Dollar. Sechs Monate später wurde die Aktie für über 400 Dollar gehandelt. In diesem Jahr rechnet Moderna mit einem Profit von 19 Milliarden Dollar. Pfizer, der andere Besitzer des mRNA-Patents, erwartet gar einen Profit von 33 Milliarden Dollar.
Christoph Berger, der Chef der schweizerischen Impfstoffkommission, sagt: «Wir müssen die Bevölkerung nicht darum zusätzlich impfen, weil zwei Hersteller von Vakzinen das per Communiqué verlangen.» Virginie Masserey, Chefin der Infektionskontrolle beim Bundesamt für Gesundheit, wird noch deutlicher: «Wir verabreichen keine dritte Impfdosis ohne wissenschaftliche Grundlage.» Und Tedros Ghebreyesus, der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, erklärte zu den Ansagen von Moderna und Pfizer: «Reiche Länder schützen ihre Bewohnerinnen und Bewohner, arme und ärmste Länder, in denen drei Viertel der Erdbevölkerung leben, gehen leer aus. Das ist inakzeptabel.»
PROFITWUT. Das Wesen des Kapitalismus – als Produktionssystem und als Gesellschaftsordnung – offenbart sich in der Pandemie in selten deutlicher Weise. Einerseits ist da die unerhörte Kreativität, das wissenschaftliche und technologische Können des kapitalistischen Produktionsmodus. In 18 Monaten schuf dieses System viele Millionen von lebensrettenden Vakzinen. Andererseits aber ist die kapitalistische Gesellschaftsordnung unfähig, das Gemeininteresse gegen die individuelle Profitwut durchzusetzen.
Gelingt es nicht, die Menschen in den Entwicklungsländern zu impfen – indem Millionen von Impfdosen gratis abgegeben werden –, dürften sich in der ungeschützten Bevölkerung immer neue, immer gefährlichere Virusvarianten entwickeln. Diese wiederum werden die Seuche verstärken … und dann auch die geimpfte Bevölkerung der reichen Länder mit neuer Wucht bedrohen.
Der Kapitalismus tötet. Wollen wir alle überleben, müssen wir sein Grundprinzip – die Profitmaximierung in kürzester Zeit und zu jedem Preis – schleunigst ausser Kraft setzen.
Jean Ziegler ist Soziologe, Vizepräsident des beratenden Ausschusses des Uno-Menschenrechtsrates und Autor. Im letzten Jahr erschien im Verlag C. Bertelsmann (München) sein neustes Buch: Die Schande Europas. Von Flüchtlingen und Menschenrechten.