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«Schau mal, unabhängig davon, wo du lebst, ist der grösste Defekt, an dem wir Menschen leiden, unsere Kurzsichtigkeit. Wir sehn nicht, was wir sein könnten. Eigentlich sollten wir unser Potential erkennen und es ausschöpfen können.»
Und weiter findet Morrie: «Aber wenn du umgeben bist von Menschen, die sagen: «Ich will jetzt haben, was mir zusteht, und zwar sofort», dann endest du mit ein paar Leuten, die alles haben, und einer Armee, die die Armen daran hindert, etwas davon zu stehlen.»
AM ENDE
Ein Blick auf unsere globale wirtschaftspolitische Lage genügt, um auf den Gedanken zu kommen, wir wären an dem hier von Morrie Schwartz zitierten Ende angelangt. Der ehemalige Soziologieprofessor ist im Begriff zu sterben und einige Dienstage, seiner noch verbleibenden Zeit verbringt er philosophierend mit seinem ehemaligen Lieblingsstudenten Mitch Albom, der mittlerweile eine erfolgreiche Karriere als Sportjournalist gemacht hat. Die beiden nehmen in ihren Gesprächen die ganz grossen Fragen ins Visier und beschliessen aus diesen Gesprächen ein Buch zu machen.
Mit dem Vorschusshonorar, das Mitch Albom von seinem Verlag erhielt, konnte ein Teil der horrenden Arztkosten für die Behandlung seines ehemaligen Professors gedeckt werden. Morrie war am unheilbaren ALS erkrankt, und bereits im Endstadium, als sein ehemaliger Student per Zufall von seiner Krankheit erfuhr und erneut Kontakt zu ihm aufnimmt. Wie in den guten alten Zeiten treffen sie sich immer Dienstags, woraus dann die schöne «verschworene» Redewendung entsteht: «Wir sind Dienstagsleute.»
Doch nicht der kranke, alte Professor wird getröstet, sondern der erfolgreiche Sportjournalist Mitch entdeckt eine Welt jenseits des immer unbefriedigenderen Hamsterrads, und erhält von seinem alten Sparringspartner, die Lehre (s)eines Lebens, wie es im Untertitel des Buches heisst.
WIR SEHEN UNSERE ÄHNLICHKEIT NICHT
«Das Problem, Mitch, besteht darin, dass wir uns nicht klar darüber sind, dass alle Menschen einander sehr ähneln. Weisse und Schwarze, Katholiken und Protestanten, Männer und Frauen. Wenn wir mehr diese Ähnlichkeiten sehen würden, dann würden wir vielleicht in dieser Welt zu einer grossen menschlichen Familie zusammenwachsen wollen und uns um jene Familie genauso wie unsere eigene kümmern.»
«Dienstags bei Morrie» ist auch ein Buch zum Thema Mentorenschaft. Es ist ein grosses Glück, wenn man einem solchen Menschen begegnet, der das eigene Leben zu inspirieren vermag. Und eines Tages ist man vielleicht selbst einmal in der Rolle des Mentors. Ich weiss nicht was mehr beglückt, als die eigenen Erfahrungen (mit) zu teilen, wenn das Gegenüber offen dafür ist.
Die Kritik des Hamburger Abendblatts ist punktgenau: «Selten gibt es Bücher, die in so bestechender Klarheit und ungekünstelter Schlichtheit wider geben, worum es wirklich im Leben geht. Hier spricht der kleine Prinz, nachdem er erwachsen geworden ist.» Und neben dem kleinen Prinzen steht Morrie auch in meinem Bücherregal.
Zu guter Letzt möchte ich noch vom Film zum Buch abraten. Dieser ist zu «amerikanisch» geraten, schnell geschnitten und auf Tränendrüsenniveau verkürzt. Morries Weisheit lässt sich besser als Buch verkosten. Und das immer wieder!
BUCHTIPP
Dienstags bei Morrie. Die Lehre eines Lebens
Übersetzung: Angelika Bardeleben
Goldmann Verlag, München 1998
Lesen Sie die Buchkritik bei Dieter Wunderlich | mehr zur Entstehungsgeschichte des Buches | zum Goldmann Verlag