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Konzert mit dem Lucerne Festival Academy Orchestra
Die Bühne ist bis auf den letzten Platz besetzt mit jungen Musikern, die sich aufs Konzert einstimmen. Sie üben ihre Läufe, ihre Solis, es wird immer lauter, hektischer, aufgeregter, ein Vorgeschmack auf das kommende Programm? Erstaunlicherweise – für einen Laien der zeitgenössischen Musik mindestens – ist der Saal gut besetzt, obwohl Pierre Boulez wegen eines Augenleidens nicht dirigieren wird und auch der Altersdurchschnitt scheint nicht tiefer zu liegen als sonst. Auf dem Programm stehen Philippe Manourys „Sound and Fury“ (1998/1999), Jonathan Harveys „Speakings“ (2007/2008) und Arnold Schönbergs „Erwartung“ (1909).
Das Programm beginnt mit „Sound and Fury“ von Manoury. Das Werk basiert auf dem gleichnamigen Roman von William Faulkner und erweist sich als erstaunlich melodisch, mit spannenden Passagen, wo brummende Bässe, sirrende Streicher und schreiende Bläser den Saal füllen. Spannungen bauen sich auf, bleiben in der Schwebe, scheinen vorübergehend in ein Chaos zu verfallen, um sich wieder in unerwarteter Harmonie aufzulösen. Das Stück endet mit einem unerwarteten Akzent, der durchaus wieder Beginn sein könnte. Genau das habe er beabsichtigt, erklärt der anwesende Komponist während des kurzen Pausen-Gesprächs, eine nicht endende Geschichte solle es sein, mit einem Fragezeichen aufhören, ein Schnitt wie im Film, der es dem Publikum überlasse, sich den weiteren Verlauf auszudenken. Er öffne lieber Türen als dass er sie schliesse. Mit der Aufführung des jungen Orchesters sei er sehr zufrieden gewesen. Er habe nun 3 Wochen mit den Musikern gearbeitet und gesehen, wie das Orchester von morgen aussehen werde.
Als zweites Stück folgte Jonathan Harveys „Speakings“, eine musikalische Auseinandersetzung mit dem Spracherwerb. Er versucht, das Orchester gleichsam sprechen lernen zu lassen, von den ersten Babylauten im ersten Satz über die Erwachsenensprache im zweiten bis hin zum Tod, zur Läuterung und Erlösung im dritten Satz. Dazu setzt er elektronische Mittel ein, welche er am Pariser Forschungsinstitut IRCAM kennenlernte. Auch dieses Stück erweist sich in weiten Teilen einfacher im Zugang als erwartet. Geigen flüstern, Blasinstrumente hauchen, die Töne werden durch die Elektronik aufgenommen und über die Bühne hin und hergeschoben, dazu über 8 Lautsprecher im Saal verteilt. Faszinierend, wie sie sich teilweise im Kreis zu bewegen scheinen und sich verweben mit dem Orchester, sodass oft nicht mehr zu erkennen ist, wo die Instrumente aufhören und die Elektronik beginnt. Eine Diskussion entsteht, unendliche Glissandis driften seufzend ab und verlieren sich im Nichts, streckenweise furiose Dissonanzen, der Klangteppich schwillt an bis ins beinahe Unerträgliche, überrollt den Saal wie eine riesige Welle, zieht sich zurück und löst sich auf in einer Art Violinzittern. Die Überlagerungen sind spannend, die Dialoge zwischen Instrumenten und Elektronik Neuland, ein spezielles Erlebnis, auch dies ein Werk, welches sich einem ungeübten Zuhörer nicht verschliesst.
Nach der Pause dann Schönbergs „Erwartung“ , ein Monodram in einem Akt für Sopran und grosses Orchester mit der Sopranistin Deborah Polaski. In diesem Werk sucht eine Frau nachts ihren untreuen Geliebten im Wald und findet ihn schliesslich tot auf. Ein sehr viel anspruchsvolleres Stück, für Laien schwer zugänglich, klar erkennbar aber trotzdem die Anforderungen an Orchester und Solistin. Deborah Polaskis Sopran ist klar, satt, ausdrucksvoll und eindrücklich, trotzdem verliert sie sich phasenweise in diesem Meer von weit über 100 Musikern, vielleicht kommt es auch daher, dass sie in der Sektion der ersten Geiger steht und nicht am Bühnenrand.
Der junge britische Dirigent Clement Power hatte das Orchester fest in der Hand. Die drei Wochen intensiver Zusammenarbeit mit Pierre Boulez und dem Orchester trugen nun schneller als erwartet Früchte.
Text: Gabriela Bucher- Liechti Fotos: Lucerne Festival