Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03280.jsonl.gz/583

... und wieder so ein komischer Satz!
Sollte man es vielleicht so interpretieren:
was manchesmal, UM uns zu bemühn, geruht (oder?)
sowohl das Wort "geruhen" (etwa: sich bequemen, sich herablassen, etwas zu tun) als auch die transitive Form des Wortes "bemühen" (etwa: jemanden/etwas in Anspruch nehmen) werden heute kaum mehr gebraucht, und wenn doch, dann meist ironisch, etwa so:
Wann wirst Du geruhen, aufzustehen?
Ich bemühe Dich ungern, aber würdest Du mir bitte das Salz reichen?
Insofern finde ich nicht, daß Rilkes Satz ein "um" braucht:
Daß die Stadt sich morgens im Spiegelbild der Kanäle "bildet ohne irgendwann zu sein", dieser Anblick, den die Fenster der Palazzi jeden Morgen "sehen", beschäftigt/"bemüht" auch uns manchmal.
Was mich gerade "bemüht", das ist die Form dieses Gedichtes:
3 Strophen unterschiedlicher Länge:
ABAB
CDCDDC
EFFE
Und die letzten Zeilen der ersten und zweiten Strophe bilden erst mit der ersten Zeile der folgenden Strophe einen ganzen Satz.
Hat jemand eine Erklärung dafür?
LG stilz
Venezianischer Morgen
Fürstlich verwöhnte Fenster sehen immer,
was manchesmal uns zu bemühn geruht:
die Stadt, die immer wieder, wo ein Schimmer
von Himmel trifft auf ein Gefühl von Flut,
sich bildet ohne irgendwann zu sein.
Ein jeder Morgen muß ihr die Opale
erst zeigen, die sie gestern trug, und Reihn
von Spiegelbildern ziehn aus dem Kanale
und sie erinnern an die andern Male:
dann giebt sie sich erst zu und fällt sich ein
wie eine Nymphe, die den Zeus empfing.
Das Ohrgehäng erklingt an ihrem Ohre;
sie aber hebt San Giorgio Maggiore
und lächelt lässig in das schöne Ding.