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Seit der Gründung der Vereinten Nationen vor 60 Jahren hat die Schweiz einen grossen Nutzen aus dem europäischen UNO-Sitz in Genf gezogen.
Laut dem Direktor des Studienzentrums Casin, Jean Freymond, müssten sich die Behörden für das "internationale Genf" aber viel stärker ins Zeug legen.
New York feiert diese Woche den 60. Geburtstag der Vereinten Nationen. In dieser Stadt liegt das Hauptquartier der UNO, dort schlägt auch das politische Herz dieser Organisation.
In Genf hingegen, wo sich die spezialisierten und operationellen UNO-Agenturen befinden, legt man die Festlichkeiten eher darauf aus, die lokale Bevölkerung und die "Internationalen" einander näher zu bringen.
Dieser Annäherung komme eine hohe Priorität zu, sagt Jean Freymond, Direktor des Casin, dem Genfer Zentrum für angewandte Studien für internationale Verhandlungen.
swissinfo: Wann hat sich die UNO in Genf niedergelassen und weshalb?
Jean Freymond: Ende der 40er-Jahre. Zwischen dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Etablierung der UNO hatte Genf einige schwierige Jahre zu überwinden.
Zeitgenossen von damals bestätigen, dass Genf in jener Zeit ohne die UNO, ihre Unterorganisationen und ohne die anderen internationalen Organisationen ziemlich einer Wüste glich.
Die Gründernationen der UNO hatten sich für New York als Hauptquartier entschieden - als Reaktion auf den Misserfolg des Völkerbunds, der ja in Genf beheimatet gewesen war.
Mit dem UNO-Hauptsitz in New York, einer Stadt in den USA, wollte man sich die aktive Präsenz der Vereinigten Staaten in der neuen Organisation sichern. Obwohl die USA Mitbegründer des Völkerbundes waren, hatten sie den Gründungsvertrag nicht ratifiziert.
swissinfo: Wie haben sich in diesen 60 Jahren die Beziehungen zwischen dem so genannten internationalen Genf und der Schweiz entwickelt?
J. F.: Die Schweiz gab sich immer grosse Mühe, ihre Rolle als Gastgeberstaat internationaler Organisationen gut zu erfüllen. In einer ersten Phase galt es als gegeben, dass sich diese Organisationen nirgendwo anders als in Genf selbst oder in der Umgebung niederliessen.
Dann kam die Konkurrenz vom Standort Wien dazu, nachdem der Österreicher Kurt Waldheim 1972 zum Generalsekretär der UNO gewählt worden war. Seither existiert eine Art Übereinkunft zwischen Wien und Genf, wonach beide Städte jeweils ihre Organisationen behalten. Doch um den Standort neuer Organisationen wird weiterhin gerungen.
swissinfo: Zwischen den ansässigen Genfern und den "Internationalen" gibt es einen gewissen Graben. War das immer schon so?
J. F.: Das "internationale Genf" ist in den letzten 60 Jahren beträchtlich gewachsen. Es umfasst nicht nur die Diplomaten und internationalen Funktionäre, sondern einen weiteren wichtigen eingewanderten Bevölkerungsteil. Darin nicht berücksichtigt sind die Mitarbeitenden der multinationalen Unternehmen, die in Genf eine Niederlassung haben.
Der Anteil echter Genferinnen und Genfer an der Bevölkerung hat sich somit stark reduziert. Das zieht doch gewisse Identitätsprobleme nach sich. Ausserdem beachten die Genfer und die anderen Schweizer, die in Genf leben, oft nur wenig, was im "internationalen Genf" passiert.
Deshalb ist es unerlässlich, die "Internationalen" besser in der Bevölkerung zu verankern und dieser zu erklären, was auf dem Spiel steht. Die internationalen Organisationen sind ein Angelpunkt der Stadt und machen 20 bis 25% des Genfer Bruttosozialprodukts aus.
Die wirtschaftliche und touristische Attraktivität der Region ist ebenfalls zu einem grossen Teil an die Präsenz der UNO und der internationalen Organisationen gebunden.
swissinfo: Bemühen sich die Genfer und die Schweizer Behörden um eine Entwicklung der Rolle des "internationalen Genf"?
J. F.: Man wird den Eindruck nicht los, dass die städtischen, kantonalen und eidgenössischen Behörden jeweils für sich agieren. Man kann nicht wirklich von einer Koordination oder von Abstimmung sprechen, besonders nicht im Fall von Stadt und Kanton Genf.
Genf sollte auch in Bern viel präsenter sein und sich in der Bundeshauptstadt besser verkaufen. Die weitere Entwicklung des "internationalen Genf" ist auf die Unterstützung der Bundesbehörden angewiesen.
swissinfo: In welchen Richtungen sollte diese Verstärkung erfolgen?
J. F.: Die UNO steckt mitten in Reformen. In New York wird von oben über schwierige Umwandlungen verhandelt. In Genf hingegen geht die Reform von unten aus, was viel verspricht.
Genf ist auch ein Zentrum für Gesundheitsfragen geworden. Diese gehen von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und einigen anderen Organisationen aus.
In der Rhonestadt schält sich somit eine neue Form internationaler Regierungstätigkeit heraus, die neben den traditionellen Regierungsorganisationen auch den Privatsektor und die nichtstaatlichen Organisationen (NGO) umfasst.
Dieser Entwicklungsprozess zeichnet sich auch ab in den Informations-, Welthandels- oder Entwicklungs-Bereichen und in der humanitären Arbeit.
Um dem Vorschub zu leisten, sollten die Schweizer Behörden ein wachsames Auge auf gewisse Rahmenbedingungen werfen, besonders beim Verkehr, im Wohnungsbau, Schulen oder beim kulturellen Angebot.
Auch haben rund 30 Länder keine diplomatische Mission in Genf. Es liegt an der Schweiz, Bedingungen zu schaffen, dass auch diese Staaten in der Rhone-Stadt zu einer Vertretung kommen.
Interview swissinfo, Frédéric Burnand in Genf
(Übertragung aus dem Französischen: Alexander Künzle)
In Kürze
Dieses Jahr feiert man den 60. Geburtstag der Vereinten Nationen.
In der Rhonestadt haben sich die ständige Schweizer UNO-Mission in Genf, Stadt und Kanton Genf, die Stiftung für Genf und das Museum des Roten Kreuzes zusammengeschlossen.
Für den 25. September ist ein spezieller Tag vorgesehen, der dazu dient, die Bande zwischen den Genfern und den 40'000 "Internationalen" zu stärken, die in den internationalen Organisationen arbeiten.
Weitere Ausstellungen, Kolloquien und Konzerte finden bis Ende Jahr statt.