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Literatur
Türkische Sagen
Wenn man an die umfangreichen Sammlungen deutscher Märchen und Sagen aus dem 19. Jahrhundert denkt, mag man erstaunt sein, ein dünnes Buch wie "Die weinenden Tannenbäume" in den Händen zu halten und dort zu lesen, dass mit dem Aufschreiben türkischer Sagen jetzt erst begonnen wird. Umso anerkennenswerter ist dieses Projekt von Prof. Necati Demir. Das Buch enthält 115 Sagen aus unterschiedlichen Regionen, wobei Zentral- und Ostanatolien überwiegen. Erzählt wurden diese von namentlich genannten Gewährspersonen.
Interessant ist dabei, dass gewisse Themen offenbar kulturübergreifend vorkommen, so die Verwandlung in Stein, besonders von Lebensmitteln, wenn einem Hungernden die Hilfe verwehrt wird. Aber auch das Motiv, dass junge Leute zu Stein verwandelt werden, weil die Mutter, Schwiegermutter oder ein abgewiesener Liebhaber mit der Hochzeit nicht einverstanden ist, findet sich wie in einigen türkischen, so auch in deutschen Sagen.
Bedauerlich ist, dass die Übersetzungen teilweise nicht sehr glücklich sind. Manche Stellen sind dadurch etwas schwer verständlich. Bei einer neuen Auflage sollte ein deutscher Muttersprachler die Übersetzungen überarbeiten.
Ebenfalls vom Zwiebelzwerg Verlag sind nun die drei ersten Bändchen einer neuen Reihe erschienen. Jeden Monat ist zukünftig ein neues Büchlein mit ein bzw. zwei kurzen türkischen Sagen geplant.
"Die Ähre und Keçili Baba" enthält zwei Sagen, beide in türkischer und deutscher Sprache erzählt und aufwändig illustriert. Die Büchlein dieser Reihe können auch im Schulunterricht eingesetzt werden. Am Ende jeder Sage findet sich eine Reihe von Verständnisfragen, so dass man die Kinder nach der Lektüre erzählen lassen kann.
Diese Bücher könnte man auch zur Sprachförderung für türkische Kinder einsetzen. Dazu wäre jedoch wünschenswert, wenn die Übersetzung nur dort von der türkischen Vorlage abwiche, wo dies unvermeidlich ist.
"Die Ähre" erzählt die Geschichte des Weizens, und zwar "erklärt" sie das Phänomen, dass nicht der ganze Halm mit Körnern besetzt ist, sondern das Getreide nur am oberen Ende des Halmes eine Ähre besitzt. Die für unsere Kultur überraschende Enthüllung, die für Kinder sicherlich erklärungsbedürftig ist: Eine Mutter hat ihrem Kind das schmutzige Gesicht mit Weizenpflanzen abgewischt, worüber Gott in Zorn geriet.
Der zweite Band der zweisprachigen Reihe erzählt mit "Die Ameise und das Salz" eine amüsante Sage, in der man erfährt, wie die Menschen das Salz kennen lernten. Zunächst nämlich war das einzige Lebewesen, das schon einmal Salz probiert hatte, die Ameise. Als die Tiere einmal zu Ehren eines sehr gnädigen Sultans ein Festmahl kochten, würzte nur die Ameise ihre Speisen mit Salz. Damit hob sich das von ihr zubereitete Essen von allen anderen Speisen ab und das Salz erlangte schließlich auch bei den Menschen Berühmtheit. Leider konnte die Ameise den Namen des von ihr verwendeten Gewürzes nicht richtig aussprechen, wohl, weil sie für den Sultan ein Salzkorn im Munde trug. Nun überträgt der Übersetzer İbrahim Özbakır das Ausspracheproblem der Ameise aus Sicht eines türkischen Muttersprachlers nachvollziehbar mit "Sılzzz" ins Deutsche. Woher Deutschsprechende allerdings wissen sollen, wie sie das türkische Sonderzeichen korrekt auszusprechen haben, bleibt sein Geheimnis. Auch sonst lässt die Übersetzung teils zu wünschen übrig, an einzelnen Stellen ist sie sogar fehlerhaft - schade um das an sich gut gemeinte Projekt.
Die im dritten Bändchen erzählte Geschichte, "Halbmond und Stern-Felsen", ist wohl kaum als echte Sage zu bezeichnen, sondern dürfte eine neuere Geschichte sein; sie ist lediglich aus türkisch-patriotischer Sicht interessant.
Leider sind diese kleinen Büchlein mit 10,- Euro etwas teuer, was zwar angesichts der zahlreichen farbigen Illustrationen verständlich erscheint, doch hätte man besser vier statt nur ein bis zwei Sagen in einem Buch untergebracht und die einzelnen Seiten mit etwas mehr Text bedruckt. Auf vielen Seiten finden sich nur ein oder zwei Sätze.