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Hochalpine Forschung
Ein Vorschlag des Präsidenten der Stiftung Hochalpine Forschungsstation Jungfraujoch.
Von A. v. Muralf
Mit 6 Bildern und 2 Skizzen.Sektion Bern ).
I. Die Vergangenheit.
Am 15. September 1894 um 3 Uhr morgens, « bei Vollmondschein im Halbnebel » ( sagt der Bericht ), verliess eine merkwürdige Kolonne das Dorf Zermatt. Etwa 60 Personen bildeten eine schweigsame nächtliche Karawane, die sich auf dem Weg nach dem Theodulpass hin bewegte. Sieben Teilnehmer sassen auf Maultieren, 42 Träger, schwer beladen mit wissenschaftlichen Apparaten, Tragsesseln, Decken und Proviant, folgten, und zwei Führer gingen im Halbdunkel voraus. « Der Ritt an steilen Abhängen im Nebel vor Sonnenaufgang war bedenklich, doch merkte die Mehrzahl der Versuchspersonen nichts von der Gefahr. Nach warmem Frühstück in der unteren Theodulhütte wurden die sieben Versuchspersonen auf die Tragsessel postiert und die Träger verteilt. Sechs Träger für jeden Sessel genügten bald nicht mehr. Ein Träger kehrte bergkrank um. Den einen schweren Herrn wollten die Männer nur tragen, wenn acht sich ablösen könnten, und auch am Stuhle des zehnjährigen Knaben wollten nicht weniger als sechs Männer tragen. So musste Dr. Asher auf dem Gletscher wandern. Die meisten Träger fanden, dass die Mühe des Tragens in solcher Höhe ( über 3000 m ) viel grösser sei als in Zermatt. An den letzten steilen Abhängen kamen wir sehr langsam vorwärts, so dass wir erst um 11 Uhr 30 Minuten auf dem Plateau anlangten. » So weit der Bericht. Wer waren die Herren? Was wollten sie?
Unser Bundesrat war vor eine schwierige Frage gestellt worden. Adolf Guyer-Zeller aus Zürich, Präsident der Nordostbahngesellschaft, die zürcherische Ausgabe eines amerikanischen Eisenbahnkönigs, hatte bei einer Schilt-hornbesteigung 1893 den kühnen und für die damalige Zeit unerhörten Entschluss zum Bau einer Bahn auf die Jungfrau gefasst und war mit einem Konzessionsgesuch an den Bundesrat gelangt. Dieser fragte bei dem Berner Professor der Physiologie, Hugo Kronecker, an, ob wohl die Erbauung und Benützung einer solchen Bahn « ohne ausnahmsweise Gefährdung von Menschenleben ( Gesundheit ) » möglich sei.
Kronecker hat, unter Mithilfe des grossen Berner Klinikers Sahli eine Expedition, die erste dieser Art, ausgerüstet, um die ihm vom Bundesrat vorgelegte Frage unter Prüfung aller in Betracht kommenden Erscheinungen beantworten zu können. So kam es zu dieser eigenartigen Karawane auf den Theodulpass, bei welcher der passive Transport in die Höhe, so wie er später durch die Bahn erfolgen sollte, durch Maultiere und Tragsessel verwirklicht wurde. Pulszahl, Pulskurve, Fassungsvermögen der Lunge ( Vital-kapazität ) und der Gehalt des Blutes an Blutfarbstoff ( Hämoglobin ) wurden auf das genaueste untersucht.
Die Alpen — 1942 — Les Alpes.12 Das Gutachten, das Kronecker, basierend auf den wissenschaftlichen Befunden seiner Expedition, abgab, war günstig. Die Konzession zur Erbauung der Jungfraubahn wurde Guyer-Zeller nach erbittertem Kampf im Ratssaal und in der Presse erteilt, und 1896 begann der Bau. 1898 wurde die erste Teilstrecke bis Eigergletscher ( 2323 m ) eingeweiht, 1903 diejenige bis Eigerwand ( 2868 m ), 1905 diejenige bis Eismeer, und 1912 war die ganze jetzt bestehende Strecke bis Jungfraujoch ( 3457 m ) beendet. Guyer-Zeller hat seine Schöpfung nur in den ersten Anfängen miterlebt. Er starb an Ostern 1899.
Als die Brüder J. R. und H. Meyer am 3. August 1811 als erste die Jungfrau bestiegen und damit den Auftakt zur Erschliessung des grossartigen Jungfraugebietes gaben, da ahnte noch niemand, dass dieses Gebiet dereinst nicht nur ein Zentrum der internationalen Touristik, sondern auch eine ganz einzigartige Stätte wissenschaftlicher Forschung werden würde. Und doch sind es heute schon hundert Jahre her bis zu den ersten Anfängen wissenschaftlicher Forschung im Jungfraugebiet. Der ersten folgte die zweite Besteigung durch Johann Rudolfs Sohn Gottlieb Meyer am 3. September 1812. Darauf vergingen sechzehn Jahre, bis wieder ein Versuch unternommen wurde, und anschliessend abermals dreizehn Jahre bis zur denkwürdigen vierten Besteigung der Jungfrau durch unseren grossen Schweizer Naturforscher L. Agassiz am 28. August 1841. Agassiz, Mann von Format, durch sein Wirken an der Universität Neuchâtel und nach 1846 an der Harvard Universität in Cambridge ( USA .) weit über unser Land hinaus bekannt, ist mit Horace Benedict de Saussure ( 1740—1799 ) Schweizer Pionier hochalpiner Forschung. Angefeuert durch das Beispiel de Saussures, hat Agassiz, gemeinsam mit seinem Freund und Nachfolger Desor, von 1838—1841 die ersten wissenschaftlichen Expeditionen auf dem Aaregletscher und im Jungfraugebiet organisiert und angeführt. Zuerst bot den Forschern eine Eishöhle, dann ein primitiver Unterschlupf unter einem grossen Felsblock, auf einer Seite notdürftig zugemauert, Schutz und Unterkunft. Sie bezeichneten diese Unterkunft als « Hôtel des Neuchâtelois » und benützten sie als Schlaf- und Kochraum und gleichzeitig auch als erstes hochalpines Laboratorium. Ein etwas solideres Blockhaus trat schliesslich an die Stelle des « Hôtel », da der Block, der bisher als Dach gedient hatte, eines Tages zerbarst. Agassiz und seinen Mitarbeitern verdanken wir wichtige Daten über die Verschiebung der Gletscher, ihre Wanderung und die Verformung im Innern der Eisschichten. Die Ergebnisse seiner Beobachtungen führten Agassiz dazu, sich der von Charpentier und Venetz aufgestellten Theorie der vorzeitlichen kontinentalen Ausbreitung der Gletscher anzuschliessen und ihr durch das Ansehen seiner international beachteten Persönlichkeit die nötige Durchschlagskraft zu sichern.
In der Regel wird de Saussures Mont-Blanc-Besteigung ( die dritte !) am 3. August 1787 als Beginn der wissenschaftlichen und bergsteigerischen Erforschung der Alpen bezeichnet. Durch die Zähigkeit seiner Anläufe auf den Mont Blanc und die Fülle seiner meteorologischen, physikalischen und geologischen Beobachtungen hat er auf seine Zeit tiefen Eindruck gemacht und über seinen Tod hinaus der wissenschaftlichen Erforschung hochalpiner Regionen einen ungeheuren Anstoss gegeben. Von Agassiz wurde dieses wissenschaftliche Erbe im Jungfraugebiet, von Alexander v. Humboldt ( 1769 bis 1859 ) in den Anden von Südamerika, im Ural und Altai in Erstbesteigungen und wissenschaftlichen Forschungsreisen weitergepflegt. Die Verbindung des klassischen Idealismus jener Zeit mit dem aufblühenden Interesse an exakter naturwissenschaftlicher Beobachtung der gesamten Umwelt charakterisiert diese erste Epoche hochalpiner Forschung, in welcher neben Humboldt und Agassiz der englische Physiker Tyndall und die französischen Akademiker Bouguer, la Condamine und Godin genannt seien.
Mit dem Jahre 1860, besonders mit Whympers unglücklicher Matterhorn-bezwingung vom 14. Juli 1865, beginnt eine neue Epoche, die Epoche der sportlichen Besteigungen, die mit der Bezwingung der Eigernordwand in den europäischen Alpen in gewissem Sinne ihren Abschluss gefunden hat. Die Pioniere dieser Zeit zeichnen sich dadurch aus, dass keine noch so steile Wand sie zurückzuschrecken vermag und dass jedes Problem der Alpen unter Einsatz entsprechender technischer Hilfsmittel schliesslich lösbar geworden ist. Es gibt keine unbegangene oder unbegehbare Stelle mehr; für diese Pioniere ist den Alpen das letzte Geheimnis entrissen. Der Glanz, den schwierige Erstbesteigungen und die Erschliessung neuer, bisher für unmöglich gehaltener Routen umgibt, führt dazu, dass in dieser Epoche das wissenschaftliche Interesse hinter der bergsteigerischen Leistung ganz zurücktritt. Heute, wo wir auch diese Entwicklung als abgeschlossen betrachten können, dürfen wir mit Genugtuung feststellen, dass in der Zwischenzeit in aller Stille von wissenschaftlicher Seite aus weitergearbeitet wurde und in den hochalpinen Regionen unserer Alpen Forschungsstätten entstanden sind, die den Männern, die mit Weitblick diese Entwicklung förderten, ein glänzendes Zeugnis ausstellen. Für die Wissenschaft hat die Bergwelt den vollen Zauber geheimnisvoller und unerforschter Möglichkeiten behalten. Ebenso wie der S.A.C. seine Klubhütten als Standlager für Hochtouren in die hochalpinen Regionen vorgeschoben hat, haben auch die Wissenschafter Standlager der hochalpinen Forschung vorgeschoben.
Der Schöpfer und Animator dieses Gedankens ist der italienische Physiologe Angelo Mosso, der mit einer Expedition von zwölf Gelehrten auf die Capanna Regina Margherita ( 4560 m ü. M. ) auf dem Monte Rosa im Jahre 1894 ( im Jahre der Kroneckerschen Expedition ) den ersten grossen und nachhaltigen Anstoss zur wissenschaftlichen Tätigkeit in den Hochalpen gegeben hat. Die Folge waren der Ausbau der Capanna Margherita zu einem wissenschaftlichen Laboratorium im Jahre 1901 und die Gründung des internationalen Höhenlaboratoriums auf dem Col d' Olen ( 2900 m ü. M. ), welches am 27. August 1907 eröffnet wurde. Es trägt heute den Namen Istituto Angelo Mosso zu Ehren des grossen italienischen Höhenphysiologen, der zusammen mit dem Franzosen Paul Bert die Höhenphysiologie begründet hat. Vierhundert Forscher haben in den dreissig Jahren des Bestehens auf dem Col d' Olen Unterkunft gefunden und dort und in der Capanna Regina Margherita wesentliche Beiträge zur Vertiefung unseres Wissens geleistet.
Mit gleichzeitigem Beginn, aber ungleich rascher, war aber auch in Österreich unter dem Einfluss der dominierenden Kraft des Meteorologen v. Hann am 2. September 1886 eine wissenschaftliche Station auf dem Gipfel des Sonnblicks ( 3106 m ü.M. ) entstanden, die vor allem meteorologischen und physikalischen Beobachtungen dient. Die Station blickt heute mit Stolz auf 55 Jahre lückenlos geschlossener Beobachtungsreihen zurück.
Die Vallothütte am Mont Blanc, auf 4362 m errichtet, hat schon 1893 Mosso und seither mehrfach als Unterkunft für wissenschaftliche Untersuchungen gedient. Ein ständiger Dienst auf dieser Höhe wäre aber undurchführbar. Eine besondere Bedeutung kommt dem ausserhalb der Alpen gelegenen Observatorium auf dem Pic du Midi ( 2884 m ) zu, das besonders von französischen Forschern aufgesucht wird.
Die Schweiz hat mit de Saussures Expedition den Auftakt zu einer grossen wissenschaftlichen Entwicklung gegeben. Die Kroneckersche Expedition ist die erste gut ausgerüstete Expedition in der Geschichte der Höhenphysiologie. Dann aber bleibt es in unserem Lande merkwürdig ruhig bis zum Jahre 1907. In mittlerer Höhe, in Davos, entsteht das physikalisch-meteorologische Observatorium, in dem der deutsche Gelehrte C. Domo bahnbrechende Untersuchungen über die Heilfaktoren des Hochgebirgsklimas unternimmt. Aus dem Observatorium wird 1922 als unabhängige öffentliche Stiftung das schweizerische Forschungsinstitut für Hochgebirgsklima und Tuberkulose mit zwei Abteilungen, einer klimatischen und einer medizinischen. Dem Institut angegliedert sind zwei kleinere Aussenstationen auf Muottas Muraigl ( 2450 m ) und Gornergrat ( 3100 m ).
1921 entsteht in dem benachbarten Arosa ein lichtklimatisches Observatorium mit rein physikalisch-meteorologischer Arbeitsrichtung.
Neuer Impuls und tatkräftige Unternehmung zu weiteren Gründungen gingen von unserem grossen Meteorologen, A. de Quervain, aus. Die erste Durchquerung Mittelgrönlands mit einer Schweizer Expedition ( 1912 ) hatte ihn berühmt gemacht, und als Naturforscher von Format erkannte er Bedeutung und Vorteil des inzwischen durch die Bahn so leicht zu erreichenden Jungfraujoches. 1926 wurde als sichtbares Zeichen der seit 1922 keimenden Bestrebungen der Jungfraujochkommission der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft ( S. N. G. ) ein im Eis des Jochfirnes « schwimmendes » Holz-türmchen für meteorologische Zwecke errichtet. Im gleichen Jahr entsandte das astronomische Institut Genf unter der Direktion von Raoul Gautier eine astronomische Expedition auf das Joch. Das Interesse an der von V. Hess entdeckten kosmischen Strahlung brachte die Physiker Kolhörster und v. Salis mit ihren Apparaten auf das Joch und 1927 sogar bis auf den Gipfel des Mönchs ( 4100 m ), wo in einer Eishöhle eine ständige Unterkunft geschaffen wurde. Die Wissenschaft siedelt sich auf dem Jungfraujoch an!
A. de Quervain wurde in diesem Augenblick ( 1927 ) viel zu früh durch den Tod der weiteren Verfolgung seiner Pläne entrissen. Der Zürcher Physiologe W. R. Hess trat an seine Stelle als Präsident der Jungfraujoch-kommission und hat mit bewundernswertem Weitblick die ganze Tragweite und Bedeutung der hochalpinen Forschung für uns Schweizer erkannt. In folgerichtiger Verfolgung seiner Gedanken gelang es ihm in zwei Jahren, ein festes Bauprojekt mit fertigen Plänen auf gesicherter finanzieller Grundlage und eine internationale Stiftung grossen Ausmasses zu verwirklichen. Am 20. März 1929 konnte der Bauvertrag unterzeichnet werden, am 5. September 1930 die Stiftungsurkunde, und schon am 4. Juli 1931 wurde auf dem Jungfraujoch eine einzigartige Forschungsstation auf internationaler Grundlage dem Betrieb übergeben. Heute blickt diese Station auf zehn Jahre ihres Bestehens zurück, ist international bekannt und hat der hochalpinen Forschung die grössten Dienste geleistet. 469 Forscher aus zehn Ländern haben in diesen zehn Jahren die Station besucht und in über 150 Arbeiten und Veröffentlichungen ihre Ergebnisse allgemein zugänglich gemacht. Was die Schweiz als geistige Mittlerin durch diese internationale Forschungsstation an kulturellen Werten geschaffen hat, vermögen die trockenen Zahlen der Statistik nicht wiederzugeben.
Im Jahre 1937 erfuhr die Station durch die Eröffnung des Observatoriums auf dem Sphinxgipfel eine wesentliche und wertvolle Erweiterung. Der S.A.C. hatte sich in grosszügiger Weise an diesem Ausbau mit Fr. 25 000 beteiligt, eine Unterstützung und Förderung, die in den Kreisen der Wissenschaft unvergessen bleiben wird.
II. Die Zukunft.
Nicht der Vergangenheit, der Zukunft sind diese Zeilen gewidmet! Der Rückblick war notwendig, um zu zeigen, welche ausgezeichneten Grundlagen in der Schweiz vorhanden sind, auf was wir stolz sein dürfen und was uns gleichzeitig verpflichtet. Die grosse Station auf dem Jungfraujoch, die Institute in Davos und Arosa haben ihren Zweck nicht erfüllt dadurch, dass sie errichtet wurden, dadurch dass bei ihren Gründungsfeiern hoffnungsvolle Reden gehalten wurden, dadurch dass man fähige Köpfe zur Leitung eingesetzt hat. Was sie brauchen, ist Leben, pulsierendes Leben, den Schwung junger Menschen, die in diesen Stätten der hochalpinen Wissenschaft ihrem Drang und ihrer Berufung zur Forschung folgen. Erst durch die Fülle der Arbeit, durch den Reichtum der Gedanken und die Nähe an den Problemen werden diese Institute zu dem, was ihren Gründern vorschwebte.
In den friedlichen Jahren war die Schweiz ein Land mit vielverzweigten internationalen wissenschaftlichen Verbindungen. Die Männer, die heute als akademische Lehrer, als Vorsteher von Forschungs- und Industrielaboratorien in unserem Lande tätig sind, hatten alle Gelegenheit, im Ausland zu lernen, und standen in regem Gedankenaustausch mit den grossen internationalen Zentren der Wissenschaft. Die geistige Grenze unseres Landes ging weit über die politische Grenze hinaus. Aber auch das Ausland schätzte die Verbindung mit der Schweizer Wissenschaft und ganz besonders die Möglichkeiten hochalpiner Forschung, die die Schweiz so grosszügig bot. Gerade auf diesem Gebiet war die Schweiz durch die geographische Lage und den Unternehmungsgeist der Gründer unserer Forschungsstellen zum Zentrum hochalpiner Forschung berufen.
Der Krieg hat auch auf diesem Gebiet seine Härte spürbar werden lassen. Der ausländische Zustrom von Forschern ist so gut wie versiegt, und die geistigen Verbindungen sind teilweise abgerissen, teilweise haben sie nicht mehr die Bedeutung, die sie hatten. Die kriegführenden Länder haben ihre Wissenschaft in den Rahmen der grossen Auseinandersetzung einspannen müssen. Die Feststellung der Temperatur eines Fixsterns ist bedeutungslos geworden neben Ersatzstoff- und Ernährungsfragen.
Unter der Gunst eines gnädigen Schicksals ist uns Schweizern vergönnt, die idealen Ziele reiner Forschung weiter verfolgen und pflegen zu dürfen. Es gilt zu zeigen, was die schweizerische Wissenschaft, auf sich selbst gestellt, zu leisten imstande ist. Der Strom geistiger Entwicklung und die Arbeit an der Vertiefung unseres Wissens darf in unserem Lande, das von der Auseinandersetzung verschont ist, unter keinen Umständen abreissen! Wir müssen alle Kräfte mobilisieren, um ein uns anvertrautes Gut zu hüten und durch die Arglist der Zeit zu retten. Man hat in diesem Sinne schon von einem « Roten Kreuz der Wissenschaft » gesprochen und damit angedeutet, dass die Schweiz als Hüterin hoher kultureller Werte, als Asyl reiner Wissenschaft, eine europäische Aufgabe hat.
Nachdem die Freizügigkeit der akademischen Beweglichkeit eingeschränkt ist, müssen wir unseren jungen Leuten jede nur mögliche Gelegenheit geben, sich im eigenen Lande zu entwickeln, zu arbeiten, zu lernen und durch diesen jungen Nachwuchs unsere schweizerische Wissenschaft zu befruchten.
An Stätten der Wissenschaft und an Möglichkeiten fehlt es nicht. Unsere Berge, unsere Gletscher, die Fauna und Flora unserer hochalpinen Regionen, unsere meteorologischen, astrophysikalischen und astronomischen Forschungsstellen, sie alle bieten sämtlichen Zweigen der Naturwissenschaft und Medizin ein reiches Betätigungsfeld. Für die Ausnützung und Auswertung dieser ungehobenen Schätze müssen wir unsere wissenschaftliche Jungmannschaft anspornen und begeistern!
III. Lieber S.A.C. was nun?
Wie ist das Problem zu lösen? Wie begeistern wir junge Leute, Wissenschafter und weitere Kreise für die Vertiefung und Intensivierung der Forschung in hochalpinen Regionen? Was notwendig ist, ist wie immer das Geld: finanzielle Unterstützung für Ausrüstung und Durchführung hochalpiner Forschung.
Ob ein Forscher im lichtklimatischen Observatorium Arosa, im Nationalpark, im Aletschwald oder in der Forschungsstation Jungfraujoch arbeitet, immer wird jede derartige Untersuchung mit besonderen Kosten und Aufwendungen verbunden sein, die durch die Höhenlage und die Materialbeschaffung bedingt sind. Ein Zuschuss, eine finanzielle Förderung, ein Stipendium ist daher nicht nur nötig, sondern wird durch sein Bestehen manchen Blick in eine Richtung lenken, die bisher als aussichtslos galt. Ich schlage dem S.A.C. vor, sich dieser Sache anzunehmen, im Sinne einer Förderung und Vertiefung der hochalpinen Forschung und damit seiner eigenen hohen Ziele!
Der Vorschlag ist nicht neu. Er schwebte schon den Verfassern der Zentralstatuten vor, die « Unterstützung alpinwissenschaftlicher Forschungen » zum Zweck unseres Klubs erhoben.
R. Campell hat 1935 den Gedanken erneut aufgenommen und einen Vorschlag eingereicht, dessen Begründung heute mehr denn je aktuell ist und daher auszugsweise wiedergegeben sei:
« Ein Teil der schönen Ziele, die sich der S.A.C. bei seiner Gründung gesteckt hat, dürfte heute als erreicht betrachtet werden: die Alpinistik ist Volksgut geworden; über ihren Wert zweifelt heute wohl niemand mehr. Die Berge unserer Heimat sind erschlossen. Praktische Klubführer vermitteln jedem Interessenten die gewünschten Auskünfte. Der Klubhüttenbau ist verwirklicht. Die vorhandenen C. Hütten dürften mit wenigen Ausnahmen für die Besteigung unserer Berge genügen. Die Alpinistik hat gerade in den letzten Jahren grosse Wandlungen durchgemacht; sie wird sich auch in Zukunft weiter verändern und entwickeln, wie jede lebenskräftige Bewegung. Wir müssen Schritt halten. Selbst ein grosser Verband mit idealen Grundsätzen ist in Gefahr, zu verfallen, wenn er nach Verwirklichung seiner Programmpunkte nicht stets nach neuen, erstrebenswerten Zielen Umschau hält.
Zu diesen Zielen gehört in unserem Falle auch die wissenschaftliche Forschung des Hochgebirges. » Die Begründung führte Dr. Campell zum Vorschlag einer wissenschaftlichen Kommission, die von der Abgeordnetenversammlung am 17. November 1935 abgelehnt wurde. Dem Gegenantrag des C. C, dem sich auch Dr. Campell anschloss, wurde dagegen zugestimmt. Er lautet:
« Der S.A.C. betrachtet als zu seinem Aufgabenkreis gehörend die Förderung der sein Tätigkeitsbereich streifenden wissenschaftlichen Bestrebungen und Probleme auf dem Gebiete der Geologie, Botanik, Zoologie, Hochgebirgsphysiologie, Medizin, Mineralogie, Lawinenforschung, Photographie usw.
Er unterstützt moralisch und soweit möglich auch finanziell die Tätigkeit der diese Gebiete bearbeitenden Vereine, Institute und Einzelpersonen.
Die Redaktion unserer Zeitschrift „ Die Alpen " wird eingeladen, für die allgemeinverständliche Veröffentlichung der wissenschaftlichen Publikationen auf genannten Spezialgebieten bestmöglich besorgt zu sein. » Mein Vorschlag der Schaffung und Ausschreibung von C. Stipendien für hochalpine Forschung knüpft unmittelbar an diesen Antrag des C. C. vom 17. November 1935 an. Um eine Grundlage zur Diskussion zu schaffen, seien die Grundzüge der Durchführung einer derartigen Förderung hochalpiner Forschung kurz skizziert.
Zu Beginn des Jahres schreibt der S.A.C. in den « Alpen », in den Sektionsorganen und an sämtlichen Hochschulen der Schweiz durch gedruckten Anschlag das Stipendium zur freien Bewerbung aus.
Die Bewerbungen sind mit klarer Fragestellung, Forschungsplan, den erforderlichen personellen Ausweisen und eventuellen Gutachten bis 1. April des Jahres an einen vom S.A.C. bezeichneten Beauftragten einzureichen.
Die Bewerbungen werden von einer geeigneten Kommission geprüft, in der das C. C, die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft und die verschiedenen Hochschulen und Fachgebiete vertreten sind.
Nach Massgabe der jährlich verfügbaren Mittel entscheidet die Kommission unter den Bewerbungen über Zuteilung und Höhe des Stipendiums.
Die Stipendiaten haben ihre Ergebnisse mit dem Hinweis auf das S.A.C.-Stipendium in einer wissenschaftlichen Zeitschrift zu veröffentlichen. Sie haben ausserdem eine gemeinverständliche Darstellung über ihre Arbeit oder Teile ihrer Arbeit für die Veröffentlichung in den « Alpen » zur Verfügung zu stellen.
Der Betrag des Stipendiums kann der Ausrüstung und dem besonderen Aufwand bei hochalpinen Untersuchungen dienen. Die Bewerbung soll Schweizern und Ausländern, die seit fünf Jahren in der Schweiz wissenschaftlich tätig waren, offen stehen. Um über den Verlauf und die ernste Durchführung der Arbeiten unterrichtet zu sein, kann die Kommission einzelne Vertrauensmänner oder einen Arbeitsausschuss mit der Überwachung oder eventuellen Leitung der Arbeiten betreuen. Dieses Vorgehen wird besonders bei vielversprechenden jungen Stipendiaten gute Früchte tragen.
Möge dieser Vorschlag auf guten Boden fallen! Wir müssen unsere wissenschaftliche Jungmannschaft nicht nur für hochalpine Forschung begeistern, sondern sie auch tatkräftig fördern. Der Nachwuchs, den wir so heranbilden, wird unseren bestehenden bedeutenden Forschungsstellen zur Ehre gereichen, und die Anregung, die von dieser Vertiefung unserer Bestrebungen zur Erschliessung der Alpen ausgeht, wird dem S.A.C. zum Nutzen und zur Zierde gereichen! Die Förderung einer relativ kleinen Zahl von Wissenschaftern durch die grosse Zahl der Klubmitglieder entspringt einer idealen Gesinnung über die hohen Ziele unseres Klubs. Sie wird zu einer Bereicherung des Wissens um unsere Berge werden, und die Früchte der Arbeiten werden jedem Bergfreund auf seinen Wanderungen Quellen der Naturerkenntnis erschliessen, die er bisher nicht kennen konnte.
( Résumé in französischer Sprache siehe im Variateil dieser Nummer. )