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«Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden» (1. Joh 4,9). Das ist keine abstrakte Vorstellung über die Liebe. Es wird nicht einfach gesagt: «Hierin ist die Liebe Gottes offenbart worden», sondern: «Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden.» Der Verstand und die Gedanken des Menschen können Gott nicht ermessen. Der menschliche Verstand kann Gedanken beurteilen. Aber niemals kann er die Liebe erfassen; denn Liebe kann man nur kennen lernen, indem man liebt und geliebt wird.
Wenn der menschliche Verstand ein kompetenter Beurteiler von dem wäre, was Gott ist und wie Er sein sollte, dann wäre Gott nicht mehr Gott. Doch wie kann dann die Liebe Gottes erfahren werden? Es kann nur auf eine ganz demütige Weise geschehen, indem die Seele zutiefst das Bedürfnis und ein Verlangen nach dieser Liebe empfindet. Wenn dies auf andere Weise möglich wäre, dann würde die Seele gar nicht nach Gott verlangen.
In dem Augenblick, da einem Menschen sein Bedürfnis nach Gott bewusst wird, ist Gott zugegen. Dann steht Er sozusagen bereit, diesem Bedürfnis zu entsprechen. Dies war der Fall bei der Syrophönizierin. Sie kam so weit, dass der Herr Jesus zu ihr sagte: «O Frau, dein Glaube ist gross; dir geschehe, wie du willst» (Mt 15,28). Der grosse Glaube kennt die Bedürfnisse des Glaubenden und rechnet mit der Willigkeit Gottes, ihnen zu entsprechen.
Alles mag sehr vage sein. So war es bei der Frau, die in das Haus Simons, des Pharisäers, kam (Lk 7). Und doch war Glaube vorhanden. Wenn ich das in Gott offenbart finde, was meinen Bedürfnissen entspricht, dann ist das Glaube. Ich werde nie dahin kommen, wo Gott meinen Bedürfnissen entspricht, bevor ich weiss: Gott ist Gott und ich bin ein Sünder. Wenn wir uns an unserem Platz befinden, werden wir merken, dass Gott an seinem Platz ist. Wenn ich so weit komme, dass mir bewusst wird, dass ich nichts als meine Sünden vorzuweisen habe, dann kann Gott handeln. «Da wir kraftlos waren», handelte Gott «zur bestimmten Zeit» (Röm 5,6). Gott ist der Handelnde und Er handelt in der Vollkommenheit seiner eigenen Liebe und zu seiner Zeit.
«Hierin ist die Liebe Gottes zu uns offenbart worden.» Ich kann vor Gott stehen und mit Sündern reden und zu ihnen sagen: Ich kenne Gott auf eine Weise, wie Engel Ihn nicht kennen. Die Liebe Gottes zu uns ist etwas, in das Engel hineinzuschauen begehren. Ich sage nicht, die Liebe Gottes zu mir, sondern zu uns und umfasse damit alle Erlösten. Das kleine Wörtchen «uns» ertönt durch den Heiligen Geist ständig in unseren Ohren. Es bringt uns zum Bewusstsein, welch eine Gunst uns Gott erweist, «damit wir durch ihn leben möchten».
Die Liebe Gottes offenbarte sich nicht nur, als sie dringend benötigt wurde, sondern da, wo sie ihre eigene Vollkommenheit entfalten kann. Dieser Fall tritt dann ein, wenn nichts mehr vom Menschen abhängig ist, um sie ans Licht zu bringen oder klar zu machen. Sie offenbarte sich, als wir tot waren, «damit wir durch ihn leben möchten». Wenn ich mein eigenes Herz untersuche, werde ich nie so etwas herausfinden. Ich kenne also Gottes Herz besser als mein eigenes. Mein eigenes Herz ist so unergründlich, dass ich nie auf seinen Grund komme. Denn «arglistig ist das Herz, mehr als alles, und verdorben ist es; wer mag es kennen?» Der beste Mensch, der auf der Erde lebt, wird der erste sein, dieser Tatsache zuzustimmen.
Ich werde den vollen Charakter Gottes in Bezug auf meine Seele erst erfassen, wenn ich sehe, wie er sich am Kreuz gezeigt hat. Im Menschen gab es nichts als Sünde. Und als dieser Sünde begegnet wurde, gab es nichts zwischen Gott und seinem Sohn. Gott war also allein in diesem Werk, und das ist der Beweis für das, was Er für mich, der ich tot war, getan hat.
Er sandte seinen Sohn, damit ich durch Ihn leben möchte. Aber nicht nur durch Ihn leben, sondern nachdem alle meine Sünden weggetan sind, sehe ich ewiges Leben für mich, und zwar durch Ihn. Und indem Er die Sühnung für meine Sünden geworden ist, finde ich, dass meine Sünden verschwunden sind und Leben hineingekommen ist.
Nach einem solchen Beweis der Liebe Gottes, wollen wir nicht an unsere Liebe zu Gott denken. Wer bin ich, dass ich meine Liebe mit der Liebe Gottes verbinden wollte? Reden wir nicht darüber, Gott zu lieben. Das ist ja eine so armselige Sache (obwohl wir Ihn bestimmt aufrichtig lieben). Wir wollen lieber davon reden, dass Gott uns liebt. In dem Augenblick, da ich anfange, an meine Liebe zu Gott zu denken, habe ich die Liebe Gottes aus den Augen verloren. Ich habe aufgehört, sie zu geniessen; sie ist mir entschwunden. Das Manna, das ich gestern gesammelt habe, ist verdorben.
Der Himmel ist dann Wirklichkeit geworden, wenn ich mich ganz vergessen habe und von Gott erfüllt bin. Die Liebe, die den Himmel füllt, ist am Kreuz offenbart worden. Dort wurden alle meine Sünden hinweggetan, und im Himmel gibt es keine Sünde mehr. Ich brauche etwas, worauf sich meine Seele stützen kann. Nun, Gott liebt mich. Und woran erkenne ich, dass Er mich liebt? Darin, dass Er seinen Sohn für mich ans Kreuz und in den Tod gegeben hat.
Und sobald meine Seele in dieser Liebe Gottes ruht, gibt es kein Mass von Verfehlung mehr, das so gross wäre, um mein Vertrauen zu erschüttern. Ich messe Gottes Liebe an der Gabe seines Sohnes. Seine Liebe erschöpft sich nicht, auch wenn meine Bedürfnisse noch so gross und meine Verfehlungen noch so zahlreich wären. Ich habe einen ständigen und bleibenden Beweis, der mir während meines ganzen Lebens folgt.
Wie sehr Er mich geliebt hat, zeigt sich in der Gabe seines Sohnes. Meine Seele ruht im Frieden auf dieser Liebe, die sich am Kreuz offenbart hat. Sie bleibt die gleiche gestern und heute und in Ewigkeit. Sie hat sich am Kreuz erwiesen, und sie bleibt bestehen. Was dort in der Welt geschah, spielte sich völlig ausserhalb von uns ab. Doch es wurde uns mitgeteilt, als wir diese Liebe nötig hatten, um Leben zu bekommen. Es gab ja in uns nichts als das Bedürfnis, das ganz davon abhängig war.
Der Genuss dieser Liebe ist eine andere Sache. Der Heilige Geist in uns wird ihn uns schenken, wenn wir täglich und stündlich in Gemeinschaft mit Gott, unserem Vater, vorangehen.