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Music no longer brings people together – it separates them. (Gary Silverman, Financial Times, September 24th, 2005)
Eine Sache der Medien
Musikzimmer.ch handelt von «moderner Musik». Was heisst «moderne Musik»?
Moderne Musik ist Musik, die unter einer ganz bestimmten medialen Bedingung entsteht: Moderne Musik wird auf Tonträger aufgezeichnet und diese technische Möglichkeit verändert die Produktion und die Rezeption von Musik.
1. Mit «moderner Musik» kann zum einen einfach neuere Musik gegenüber älterer bezeichnet werden, wobei jene ältere Musik als aus der Mode gefallen gilt, als antikuiert, traditionalistisch (statt fortschrittlich) und konventionell (statt individuell, persönlich und unverwechselbar). Diese Sichtweise von «modern» hat etwas für sich: Ich möchte mich immer eher auf die moderne als auf die andere Seite schlagen. Aber diese Neigung verrät nichts darüber, was genau «modern» heisst.
2. Sodann wird «moderne Musik» im Feld der akademischen bzw. «klassischen» Musik für Strömungen verwendet, die im 20. Jahrhundert auftreten und gegen die kompositorischen Verfahren und ästhetischen Strukturen der Romantik gerichtet sind. Zu den Themen dieses Modernitätsverständnisses gehören zum Beispiel die Auflösung der Tonalität (Schönberg), das Verwenden nicht-musikalischer Klänge (Russolo), die Auflösung des Werks zugunsten des Aufführungs-Prozesses bzw. der Performance (Cage) oder die Komposition mit Blick auf das Fremde, auf andere musikalische Kulturen (Debussy, Cowell) oder auf die Volksmusik (Bartok).
3. Die englische Musikzeitschrift The Wire trägt den Untertitel «Adventures In Modern Music» und handelt somit ebenfalls von «moderner Musik». Dieser Gebrauch von «modern» erklärt denjenigen, den ich in Musikzimmer.ch verwende. Aber bleiben wir vorerst noch bei The Wire: Diese Zeitschrift ist bekannt für das Ignorieren von kanonisierter Mainstreammusik. Für The Wire sind die Beatles, die Rolling Stones und die meisten anderen Grössen der 60er Jahre kein Thema. Dafür lenkt The Wire den Blick auf Avantgarde, Jazz, Avantrock, Improvisation, Electronica und Dub. Doch warum soll gerade dieser Stilmix «modern» sein? Weil er erstens jenes akademische Verständnis von «modern» (siehe unter 2.) auf alle Stile der Musik ausdehnt – auch auf Jazz, Rock, Pop etc. Zweitens ist dieser Stilmix «modern», weil die von The Wire behandelte Musik unter einer medientechnischen Prämisse entsteht, die sich wie folgt formulieren lässt: «Modern» heisst eine Musik, die durch (zuerst mechanische, später elektrische und elektronische) Medien erzeugt, aufgezeichnet, vertrieben und reproduziert wird. Die uns modernen Menschen sehr vertrauten technischen Möglichkeiten stellen eine Entwicklung dar, die die Musik ein für alle Mal verändert hat und hinter die man nicht zurückgehen kann.
Die Bücher, die unten vorgestellt werden, handeln von so verstandener «moderner Musik». Die in ihnen gesammelten Artikel und Beiträge beleuchten diese medientechnische Sicht auf Modernität in unterschiedlichen Aspekten.
Musik unter Strom
Das Element so verstandener «moderner Musik» ist der Strom, die Elektrizität bzw. die Elektronik. Denn alle medialen Entwicklungen – und darunter sind neue Instrumente (z. B. elektronische Orgeln, Synthesizer, …), Effektgeräte (z. B. Verzögerung, Hall, Filter, …) Aufzeichnungs- (z. B. Mikrophone, Tonbandgeräte, …) und Wiedergabegeräte (z. B. Grammophon, CD-Spieler, …) zu zählen – funktionieren mittels elektrischen bzw. elektronischen Prinzipien. Technikgeschichtlich haben diese Geräte oft eine mechanische Anfangsphase, werden dann aber im Lauf des 20. Jahrhunderts elektrisch und gegen Ende dieses Jahrhunderts elektronisch bzw. digital.
Gegenwart und Zukunft
Im gegenwärtigen Zeitalter von Internet, iTunes und iPod verändern diese digitalen Gerätschaften gerade mal wieder unsere Produktions- und Rezeptionsbedingungen: Die grossen Musikvertreiber, die in der Zeit von Schallplatten und CDs gewachsen sind, kommen mit dieser Digitalität nur noch schlecht zurecht. Musiker/-innen müssen wieder live spielen, um von der Musik zu leben, denn von Tonträgern zu leben wird schwieriger und schwieriger. Auf der Rezeptionsseite verändern sich die Bedingungen durch Filesharing. Früher mussten wir Musik im Radio und im Schallplattenhandel kennen lernen. Das waren im Wesentlichen fremdbestimmte Prozesse. Heute können wir praktisch alle verfügbare Musik im Internet zur Bemusterung herunter laden. Wir kaufen dadurch zwar weniger und weniger CDs (sagt die Industrie – ich stelle fest, dass ich noch nie so viel Musik gekauft habe wie seit es das Internet gibt), kennen dafür mehr und mehr Musik. Wir finden die Musik leichter, die unseren Geschmack individueller trifft. Schliesslich tragen wir in einem 150g schweren Gerätchen unser gesamtes Musikzimmer mit uns herum – oder mindestens einen grossen Teil davon.
Wer weiss, wo uns diese Entwicklung hin führt. Absehbar ist, dass wir zur völligen Digitalisierung der Musik unterwegs sind. In dieser digitalen Welt werden wir neue Ordnungstechnologien für das Suchen, die Aufbewahrung und die Wiedergabe von Musik finden müssen. Statt an ein Schallplatten- oder CD-Regal zu laufen, um auszusuchen, was wir hören wollen, werden wir im Internet nach unserer Musik suchen. Musikzimmer.ch arbeitet sich schrittweise in diese digitale Zukunft hinein. Dazu muss die Musik in einer Datenbank erfasst sein, die von von anderen bereits bestehenden (Online-)Ressourcen Gebrauch macht – von Datenbanken, Bestenlisten, Diskografien, Ratings usw.).
Lesetipp 1: Undercurrents
Undercurrents. The Hidden Wiring Of Modern Music (London, 2002) ist ein Sammelband mit englischsprachigen Artikeln bzw. Essays von Fachjournalisten, die für The Wire schreiben. Die meisten dieser Artikel sind 1999 in der Zeitschrift erschienen, die damals eine Reihe von zwölf Beiträgen unter dem Titel «Undercurrents» lancierte. Diese Reihe wurde gefolgt von einer nächsten, die unter dem Titel «Tangents» stand (2000–01).
Diese Artikel nehmen sich vor, die Kräfte bzw. Faktoren zu verstehen, die der modernen Musik ihre spezifische Gestalt gegeben haben (und immer noch geben). Dabei werden zwei Tendenzen von Herausgeber Rob Young hervorgehoben (p. 5):
- die Öffnung der Musik in Richtung Klang («Sound») und
- die Wirkung der elektrischen bzw. elektronischen (Medien-)Revolutionen, die völlig neue Bedingungen der Produktion, Distribution und Konsumption von Musik schaffen.
Zu 1: „Öffnung in Richtung Klang“ heisst dass Musiker, Komponisten und Produzenten extensiv mit Klängen als Gestaltungsmittel arbeiten. Klangfarben von Instrumenten, elektrisch und elektronisch verfremdete Instrumentalklänge, Räume, die einen starken Einfluss auf den Klang eines Instruments oder einer Stimme haben – alles das ist das Material, aus dem die moderne Musik gebaut ist. Eine exemplarische moderne Musikrichtung, die den Klang und den Raum zum primären Arbeitsgegenstand erhebt, ist die Ambientmusik.
Zu 2: Medienrevolutionen lassen neue Musikrichtungen und Spieltechniken entstehen. Die Entwicklung des Kondensatormikrophons zwischen den 20er und den 50er Jahren erlaubte es Sängerinnen und Sängern in Konzerten und Aufnahmen gegen ein Orchester zu bestehen und zudem einen persönlicheren Stil zu singen. Statt die ganze Energie und Gesangstechnik in die Lautstärke und Kraft der Stimme zu investieren können Sängerinnen und Sänger dank Mikrophonen die Feinheiten und Klangfarben ihrer Stimmen entwickeln. Exemplarisch hierfür ist das Crooning von Cole, Martin oder Sinatra. Noch viel offensichtlicher ist der Zusammenhang zwischen medien- bzw. instrumentaltechnologischer Entwicklung und Rockmusik: Über den Gebrauch von elektrischen Gitarren, elektronscher Instrumente und Effektgeräten in der Rockmusik lassen sich Bücher schreiben. Als exemplarische Beispiele können Twang, Surf und der Garagerock der 60er Jahre genannt werden, in denen Gitarreneffekte zum Stilprinzip erhoben werden.
Zum Verhältnis von 1 und 2: Man kann dafür argumentieren, die erste der genannten Charakterisierungen (Öffnung in Richtung Klang) von der zweiten (Einfluss von Medienen- und Instrumenten-Entwicklungen) her zu verstehen. Die Erweiterung von Musik durch Klang kann damit als direkte Folge medientechnologischer Entwicklungen aufgefasst werden. Letztlich ist sie die Folge der Mechanisierung, Elektrifizierung und schliesslich Elektronifizierung der Instrumente, Aufnahme-, Speicher- und Wiedergabetechnologien.
Lesetipp 2: Pop Sounds
Pop Sounds (Bielefeld, 2003) ist ebenfalls ein Sammelband mit vorwiegend in deutscher Sprache verfassten Artikeln bzw. Essays, die dem Phänomen «Sound» in der Popmusik nachspüren. Die Autoren sind Wissenschaftler verschiedener Richtungen: Musik-, Sozial- oder Literaturwissenschaftler.
Pop Sounds ist keineswegs ein Werk aus einem Guss – sowenig wie Undercurrents dies ist. Beide Bücher leuchten Aspekte von Modernität in der Musik aus. Sie tun das überdies aus verschiedenen Blickwinkeln. Das zentrale Thema von Pop Sounds ist der Sound. Dass der Begriff «Sound» sehr unterschiedliche Bedeutungen hat, wurde in der Fachliteratur vielfach bemerkt: «Sound» kann bedeuten:
- Klangfarbe eines Instruments
- die durch Effektgeräte und andere Aufnahmetechniken erzeugte Ausprägung des Klangs eines Instruments, eines Musikers bzw. einer Band
- die individuelle Spielweise eines bestimmten Musikers (ein Synonym von «Stil»)
Über Sound wurde und wird viel geschrieben, aber fast nichts Systematisches. Deshalb ist dieses Buch ein erster Versuch der deutschsprachigen Wissenschaft, sich dem Phänomen zu nähern. Methodisch geht man das geistes- und sozialwissenschaftlich an und theoretisch bewegen sich die Autoren dieses Buchs zwischen verschiedenen Auffassungen des Konstruktivismus: Man findet radikal konstruktivistische Auffassungen von Sound (beispielsweise bei Thomas Phleps, der schreibt: «Sound gibt es weder auf Vinyl noch CD –: Sound gibt es nur im Kopf» (S. 12f.), nämlich als Soundzuschreibung. Ebenso findet man im gesamten Buch Autoren, die sich für die Geschichte des «Sounds» als einer durch Medien mitgeprägten Ästhetik interessieren.
Ergologischer Konstruktivismus
Man kann meine Auffassung als «ergologischen Konstruktivismus» bezeichnen (mein Begriff), der davon ausgeht, dass «Sound» durch die Instrumente, Effektgeräte, Technologie einer Zeit mitbeeinflusst wird. Und zwar so: Werkzeuge, Technologien und Instrumente bilden Praktiken, Umgangsweisen heraus, die nicht allein bewusste Entscheidungen von Menschen darstellen. Es geht dabei nicht darum, dass die Technologie der Zeit die Ästhetik und damit den «Sound» bestimmt, sondern vielmehr darum, dass man viele zeitgenössische ästhetische Stile als Folgen medialer Entwicklungen verstehen kann und dass dieses Verständnis verblüffend und erhellend ist.
Ein früher Gebrauch des Ausdrucks
Paul Whiteman, der erfolgreiche Bandleader ab den späten 20er Jahren finanzierte George Gershwins Rhapsody In Blue, um sie im Rahmen eines Konzertes aufzuführen, dessen Titel
An Experiment In Modern Music lautete und das zum Zweck hatte, zu zeigen wie die Amerikanische Populäre Musik sich zu etwas Anspruchsvollem entwickelt habe. Am 12. Februar 1924 wurde dieses Konzert aufgeführt und die Rhapsody In Blue wurde ein Instant-Klassiker.
Veranstaltungsplakat von 1924 (zur Quelle)
Was Whiteman hier als
Moderne Musik bezeichnet, ist jene (damals) spezifisch amerikanische Musik, die zwischen Pop und Klassik angesiedelt war – Amerikas originaler Beitrag zur Musikgeschichte. Eine Musik, die den High-Low-Gegensatz unterlief; raffinierte Popmusik, Akademica für die Massen. Die Raffinesse der Musik macht teils die Komposition (American Songbook) aus und teils die Produktion, die die Technologie der Zeit bejaht.