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Linthkorrektion: Hans Conrad Eschers Erbe
Vor 200 Jahren wurde die Linthkorrektion fertiggestellt: Das Werk von Hans Conrad Escher befreite das Glarnerland vor Hochwasser und Malaria. Und es wurde zum Vorbild für zahlreiche andere Wasserbauwerke in der Schweiz. Sein Erbauer sollte die Vollendung indes nicht mehr erleben.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Leuenberger, Heinz / DES_98-0348-03 / CC BY-SA 4.0
Auch 200 Jahre später noch nützlich: der LInthkanal bei Benken ZH.
Wie so oft: Das Malheur hatten sich die Menschen selber bereitet: Anfang des 18. Jahrhunderts begann man, die Berghänge im Glarnerland systematisch abzuholzen, um Brenn- und Baumaterial zu gewinnen. An den in der Folge kahlen Berghängen kam es immer öfter zu Murgängen, die sich in den Fluss Maag und die Linth ergossen. Das Material lagerte sich in den Flussbetten ab: Wo die Maag in die Linth floss, hob sich die Sohle um bis zu drei Meter und staute auch den Abfluss aus dem Walensee.
Die Folge: Die Region, in der immerhin rund 60 000 Menschen lebten, wurde wiederholt von Hochwassern heimgesucht: «Weesen und Walenstadt stehen den Sommer über regelmässig unter Wasser. Die Dörfer gleichen einem armseligen Venedig», beschreibt es die «Linth-Zeitung». Ein Pfarrer nannte die Linthebene «eine öde Fläche, weder See noch Land, voll Modergeruch und Froschgeschrei».
Malaria und Gelbfieber
Die Überschwemmungen vernichteten zahlreiche Ernten, dazu kam es zum Ausbruch von Malaria und Gelbfieber. Deshalb handelte die Tagsatzung, die Vorläuferin der späteren Bundesversammlung. 1783 wurde der Berner Ingenieur Andreas Lanz mit einem Plan beauftragt, um die Linth in den Walensee umzuleiten, und damit auch das Geschiebe. Zwischen Walensee und Obersee sollte der Fluss in einem Kanal fliessen.
Die politisch turbulenten Zeiten verunmöglichten aber vorerst die Umsetzung des Vorhabens. Erst 1804 kann die Tagsatzung die Korrektion der Linth beschliessen. Der Zürcher Politiker und Geologe Hans Konrad Escher wurde Präsident der Linthkommission, womit er sowohl die tech-nische als auch die geschäftliche Leitung des Mammutprojekts innehatte. So verkauft Escher zur Finanzierung des Projekts Aktien, mit denen man in den Verkauf des trockengelegten Landes investieren konnte.
Quelle: Linthwerk
Die geniale Lösung des Doppeltrapezprofils in einer Zeichnung von 1820: Das separate Flussbett fürs Hochwasser liegt erhöht auf dem Damm.
Doppeltrapezprofil
Die Pläne für die Linthkorrektion waren vom deutschen Ingenieur Johann Gottfried Tulla überarbeitet worden, der seinerseits den Rhein begradigte. Sie sahen als Lösung ein Doppeltrapezprofil vor: Die Linth erhielt neben ihrem eigentlichen Flussbett ein zweites, auf einem Damm erhöht liegendes. Dieses soll bei Hochwasser als Überlaufbecken dienen. Oder in Eschers eigenen Worten «ein doppeltes Bett, eines für den gewöhnlichen Wasserstand, und ein höheres und breiteres für das ausserordentliche Ueberwasser, wodurch also die Gegend für alle gedenkbaren Unfälle gesichert bleibt.»
Die Arbeiten beginnen 1807 und werden weitgehend mit Pickel und Schaufel ausgeführt. Arbeitskräfte gab es genug: Die Spinnmaschine hatte die Heimarbeit verdrängt und eine Wirtschaftskrise ausgelöst. Bemerkenswert modern dabei: Eschers Unternehmen versteigerte 30 Meter lange Abschnitte an Subunternehmer. Trotzdem griff Escher in die eigene Tasche, wenn Löhne nicht rechtzeitig eintrafen.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Friedli, Werner / LBS_H1-014923 / CC BY-SA 4.0
Das Gesamtwerk in einer seltenen historischen Aufnahme von 1951: rechts der Linthkanal, links der Molliserkanal, der später in Escherkanal umgetauft wurde.
Grosse persönliche Opfer
Auch sonst nahm Escher grosse persön-liche Opfer auf sich, um das Rettungswerk durchzuführen. «Monatelang verzichtete er auf das Familienleben (...). Wenn er auf der Baustelle anwesend sein musste, nahm er im Kloster Schännis Quartier», heisst es in der Biographiensammlung «Die grossen Helvetiker». Dort wird auch berichtet, der Projektleiter habe sich um «die meisten administrativen Arbeiten, Rechnungsführung, Berichte an Tagsatzung und Aktionäre, Verhandlungen über Gebietsabtretungen etc.» gekümmert.
Ein damals zentrales Baumaterial im Wasserbau sind Faschinen: Rutenbündel, die wasserabweisend wirken. Mit ihnen lenkt Escher den Fluss in engere Bahnen und verstärkt damit die Strömung. So wird mehr Geschiebe vom Grund wegtransportiert und das Flussbett von selbst vertieft. Dazu werden an den Rändern weitere Faschinen schräg zur Fliessrichtung platziert: Diese halten Geschiebe zurück und stauen ein neues Ufer auf – wiederum von selbst. «Escher lässt die Kräfte der Natur arbeiten, um ebendiese zu bändigen», fasst es die Linth-Zeitung zusammen.
Quelle: wikipedia
Hans Konrad Escher (1767-1823): Für seine Verdienste erhielt er posthum den Ehrentitel «von der Linth».
Meilenstein 1811
Im Jahr 1811 ist ein erster Meilenstein erreicht: Der sechs Kilometer lange Molliserkanal wird eröffnet, der gemäss Escher «den wilden, zerstörenden Fluten der Linth den Weg in den Walensee» bereitet. Wegen des sumpfigen Geländes schwieriger gestalten sich die Arbeiten am zweiten Bauwerk, dem Linthkanal. Dieser ist sechzehn Kilometer lang und verbindet den Walen- mit dem Obersee. 1823, also vor 200 Jahren, konnte auch dieser zweite Teil fertiggestellt und damit das Projekt Linthkorrektion vollendet werden. Für seinen Schöpfer Hans Conrad Escher kam dieser grosse Moment zu spät: Er starb wenige Monate vor der Eröffnung an Krebs.
Doch Eschers Bauwerk erfüllte seinen Zweck, befreite das Glarnerland von den Hochwassern, und wurde laut dem «Historischen Lexikon der Schweiz» zum Vorbild für viele weitere wasserbauliche Anlagen der Schweiz. Die Tagsatzung verlieh im posthum den erblichen Ehrentitel «von der Linth». Und der Molliserkanal wurde in Escherkanal umgetauft. Unter diesem Namen wird heute wieder um ihn gestritten.
Quelle: Linthwerk
Das Linthwerk im Überblick: Der Escherkanal führt das Geschiebe in den tiefen Walensee; der Linthkanal sichert dessen Ablauf in den Obersee und Zürichsee.
Knatsch um Kanal
Anfang dieses Jahrtausends wurde das Linthwerk im Rahmen des Projekts «Hochwasserschutz Linth 2000» saniert. Im Zuge dieser 127 Millionen Franken teuren Arbeiten hätte auch der Escherkanal beim so genannten Kun-dertriet aufgeweitet und renaturiert werden sollen. Da es damals heftigen Widerstand aus der Gemeinde Mollis gab, verzichetet man aber auf diese Massnahme, wogegen wiederum der Kanton und die Umweltverbände protestierten. Kam entschied, die Aufweitung des Kundertriet spätestens 2020 wieder zu prüfen.
Also erging ein entsprechender Auftrag an ein Ingenieurbüro, dessen fertige Pläne bald vorliegen sollten. Doch dagegen regt sich massiver Widerstand. Die Gemeindeversammlung Glarus Nord erliess diesen Sommer ein Reglement zum «Erhalt des Linthwerks»: Der Gemeinderat erhält hierin den Auftrag, sich gegen die Aufweitung einzusetzen und hierfür «sämtliche ihm zur Verfügung stehenden Massnahmen» zu ergreifen.
Weil der Hochwasserschutz aber nicht in der Kompetenz der Gemeinde liegt, könnte dieses Reglement womöglich übergeordnetem Recht widersprechen und damit nicht sein. Eine entsprechende Beschwerde gegen diesen Versammlungsbeschloss ist beim Kanton eingegangen. Fortsetzung folgt.(bk)