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Perücken werden seit Jahrtausenden getragen, von Männern wie Frauen – im alten Ägypten, im alten Griechenland, im alten Rom. So richtig in Mode kam die Perücke aber im Barock, nicht aus modischen, sondern medizinischen Gründen. Mit einer künstlichen Haartracht liessen sich nämlich die kahlen Stellen verdecken, die auf durch Syphilis verursachten Haarausfall zurückzuführen waren – oder aber auf die brachiale Behandlung der Krankheit mit Quecksilber. Ausserdem war eine Perücke warm, was in den schlecht beheizten, zugigen Schlössern des 17. Jahrhunderts durchaus angenehm war.
Vorreiter der Perücke bei Hofe war, seines schütteren Haars wegen, Frankreichs König Ludwig XIV. Schon 1656 entstand in Paris die erste Perückenmacherzunft, und die grosse Allongeperücke mit ihren üppigen, mehr als schulterlangen Locken, wie sie auf barocken Gemälden zu sehen ist, wurde zum Statussymbol und zum Zeichen der Zugehörigkeit zur höfischen Gesellschaft.
Ohnehin war die Perücke nicht für jedermann gedacht. Die kunstvoll aus Pferde- oder Ziegenhaar gemachten Haarteile waren kostspielig, und sie mit Mehl weiss zu pudern, blieb dem Adel vorbehalten. Unteren Schichten mit ihren einfacheren, kurzen Stutzperücken war das Pudern verboten.
Heute dient die Perücke vor allem dem Kaschieren einer Glatze, oder aber sie ist Teil des jüdischen Glaubensbekenntnisses. Weil offenes Haar als etwas ausgesprochen Sinnliches gilt, gebietet die Tora, dass verheiratete Frauen ihr Haar bedecken – mit einem Hut, einem Kopftuch namens Tichel oder dem Scheitel, jiddisch für «Perücke».
1932 hatten die Siedler im westaustralischen Dorf Campion genug. Eine anhaltende Dürre hatte die im Bundesstaat Western Australia lebenden Emus grosse Herden bilden lassen. 20 000 Tiere hatten auf ihrer Suche nach Wasser und Futter ganze Felder kahlgefressen und das Getreide niedergetrampelt. Die Siedler – viele davon frühere Soldaten – riefen um Hilfe.
Der Emu ist ein flugunfähiger Laufvogel mit einer Grösse von 1.50 bis 1.90 Metern; zusammen mit dem Känguru ziert er das australische Wappen. In Herden stellte er für die Farmer durchaus eine Bedrohung dar, und am 1. November 1932 verlegte die Regierung daher drei Soldaten nach Campion. Der befehlshabende Major C. W. P. Meredith hatte den Befehl, die Emus zu dezimieren. Mit Maschinengewehren begannen die Soldaten auf die Emus zu feuern, und schon tags darauf berichteten erste Zeitungen über den «Grossen Emukrieg». Anfänglich trafen die Schützen kaum ein Tier, erst mit der Zeit stieg die Trefferquote etwas an. Doch dann wendete sich das Blatt. Emus sind bis 50 Stundenkilometer schnell – und schlau: Einzelne Vögel begannen das Gelände zu beobachten und bei ersten Anzeichen von Gefahr Warnrufe auszustossen. Immer seltener zeigten sich die Vögel, und bei der Verfolgung auf umgebauten Trucks kamen die durchgeschüttelten Soldaten kaum je zum Schuss.
Nach vielen Fehlschlägen meldete Major Meredith einen Monat später, dass pro Woche rund 100 Emus erlegt worden seien, was vermutlich noch ziemlich übertrieben war. Und so kommt es, dass Australien den Krieg gegen sein eigenes Wappentier, den Emu, schmachvoll verlor.
«Beginnen darf, wer eine 5 gewürfelt hat. Kommt ein Stein auf ein Feld, das von einem feindlichen Stein besetzt ist, so wird dieser geschlagen und muss noch einmal von vorne anfangen.» So steht es in der Anleitung zu «Eile mit Weile». «Eile mit Weile» ist ein Spiel mit einer langen Geschichte. «Dieses ausserordentlich interessante Spiel hat sich in kurzer Zeit so viele Freunde erworben, dass es als wirklich gediegene Unterhaltungsgabe jedermann aufs beste empfohlen werden kann», lobt eine Spielanleitung schon ums Jahr 1900.
Doch «Eile mit Weile» ist viel älter: Es stammt vom altindischen «Pachisi» ab, einem Spiel, das schon im 6. Jh. gespielt wurde. «Pachisi» ist komplexer, weil es stärker auf Strategie und Taktik fokussiert. Die vier Spieler bilden zwei gegnerische Teams, und gespielt wird nicht mit Würfeln, sondern mit fünf, sechs oder sieben Kaurischnecken, bei denen die oben liegenden Öffnungen gezählt werden. Weil in «Pachisi» die Spieler in der Mitte beginnen, das Brett im Gegenuhrzeigersinn umrunden und am Ende wieder im Zentrum ankommen, vermuten Spieleforscher fernöstliche Symbolik: Menschen werden geboren und ziehen in die Welt hinaus, erleiden Schicksalsschläge, werden wiedergeboren – und gelangen am Ende ins Paradies.
Auch «Pachisi» zog in die Welt hinaus und kam im 17. Jh. nach Grossbritannien. Mit etwas einfacheren Regeln wurde das Spiel nach 1900 in der Deutschweiz zu «Eile mit Weile», in der Romandie zu «Hâte-toi lentement», in Norditalien zu «Chi va piano va sano» oder in Deutschland zu «Mensch ärgere dich nicht» – und eroberte so die Familientische Europas.
Wenn wir am Morgen verschlafen zur Brille greifen, dann verschwenden wir keinen Gedanken daran, welche Bedeutung ihre Erfindung gehabt haben muss. Das ist ja auch schon eine Weile her: Das erste Gemälde, auf dem eine Brille zu sehen ist (auf der Nase eines Kirchenfürsten in Frankreich), stammt aus dem Jahr 1352. Doch Augengläser gab es schon lange vorher: Dass eine Linse das Licht auf ganz besondere Weise bricht, war schon in der Antike bekannt; angeblich soll bereits im 3. Jh. v. Chr. der griechische Gelehrte Archimedes einen Kristall zur Sehkorrektur benutzt haben. Nachahmer fand er noch keine – zwar soll Kaiser Nero im 1. Jh. n. Chr. Gladiatorenkämpfe durch Gläser aus grünem Smaragd verfolgt haben, doch die dienten nicht zur Sehkorrektur, sondern nur zum Schutz der Augen vor dem gleissenden Sonnenlicht. Bekannt waren dagegen Linsen, die das Licht bündelten, um Feuer zu entfachen. Neros Berater Seneca wiederum wusste, dass sich kleine Buchstaben mithilfe einer wassergefüllten Glaskugel vergrössern liessen. Die Wikinger schliesslich entdeckten, dass das Ergebnis noch besser war, wenn man geschliffene Kristalle auf Buchseiten legte – auf diese Weise wurde die Schrift auch für Weitsichtige lesbar.
Das Schleifen von Linsen setzte Glas oder durchsichtige Halbedelsteine voraus – Bergkristall oder auch das häufig vorkommende Silikatmineral Beryll. Aus Beryll wurden im Mittelalter die Sichtfenster von Reliquiaren und Monstranzen geschliffen, Linsen, durch die man die eingeschlossenen Reliquien sehen konnte. Und so wurde der Kristall namens Beryll zum Inbegriff alles Durchsichtigen – und am Ende zu unserem heutigen Wort «Brille».
Das Gebäck namens «Spekulatius» ist staubtrocken, flach, rechteckig, schmeckt nach Kardamom, Gewürznelken, Zimt – und, je nach Sorte, ein bisschen nach Karamell. Diese seltenen Gewürze waren es, die den Spekulatius im Zweiten Weltkrieg zum exotischen Luxusgut machten. Ursprünglich war Spekulatius ein traditionelles Adventsgebäck, doch heute ist er jederzeit und überall zu kaufen, als fertiges Gebäck oder auch als Gewürzmischung zum Selberbacken.
Bleibt die Sache mit dem seltsamen Namen. Nomen est omen – die Herkunft von «Spekulatius» bleibt bis heute Spekulation. Eine Theorie besagt, dass das niederdeutsche Spikelatsjie vom lateinischen speculum herkommt, das «Spiegel» oder «Abbild» bedeutet (und von dem auch unser heutiger «Spiegel» abstammt). Der Keks soll so heissen, weil bei seiner Herstellung mit einem Model ein Motiv in den Gewürzteig gepresst wird, so dass der Spekulatius zum Beispiel das Abbild des heiligen Nikolaus trägt. Beliebte Sujets sind auch Pferde oder Elefanten, Bauernhäuser oder Windmühlen. Andere Quellen behaupten, dass das Gebäck seinen Namen Nikolaus selbst verdankt. Der trägt nämlich den lateinischen Beinamen speculator, auf Deutsch «der Umschauende», «der Behüter». Und weil Spekulatius in Belgien und den Niederlanden vor allem am Nikolaustag gegessen wurde, soll das Gebäck den heiligen Beinamen bekommen haben.
Die fromme Herkunft und der Sinn des Gebäcks als vorweihnachtliche Leckerei sind längst in Vergessenheit geraten. Was bleibt, ist der Keks mit dem unverwechselbaren Geschmack und dem altmodischen Namen.