Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03257.jsonl.gz/1260

Das Minimum-Gesetz
Mein Name ist Milena Davids und ich heisse euch heute herzlich willkommen zum Einblick in mein minimalistisches, aber erfülltes und glückliches Leben.
Seit 10 Jahren lebe ich nun minimalistisch, was bedeutet das konkret? Ich besitze 38 Gegenstände und brauche auch nicht mehr. Das sind: eine Seife, für Haar und Körper, eine Zahnbürste, die ich bei Bedarf auch wechsle, eine Zahnpaste, die ich auffülle, eine Haarbürste, drei Unterhosen, eine lange Hose für den Winter und eine kurze für den Sommer, drei T-Shirts und zwei Pullover, davon ist einer dünn, der andere dick, drei paar Socken und zwei paar Schuhe, eine dicke und eine dünne Jacke, ein Buch, mein Lieblingsbuch, ein Schweizer Taschenmesser und ein Feuerzeug, ein Gasbrenner, eine kleine Pfanne dazu, eine Feldflasche, ein Schlafsack, ein Navigationsgerät, eine Luftmatratze und ein Auto, den Schlüssel dazu und ein Portemonnaie mit Pass, Karte und Bargeld, und einen Stift.
Jeder Gegenstand mehr wäre Ballast. Denn meine Kleidung wasche ich in fremden Waschküchen, manchmal nicht ganz legal, aber sauber. Meine Nahrung kaufe ich und bereite sie mir auf dem Gasbrenner zu und schlafen tue ich auf meiner Luftmatratze im Auto. Was will man mehr?
Meine Grundbedürfnisse sind gedeckt und das ist das Minimum. Und mit dem habe ich mein Glück und meine Erfüllung gefunden.
Nun fragt ihr euch: Und was ist mit Luxusgütern wie Mobiltelefon, Laptop, Fernsehen und Internet?
Diese Dinge sind nicht lebensnotwendig. Sie würden das Minimum übersteigen. Und das, verehrte Zuhörer, entspricht nicht meiner Überzeugung.
Meine Überzeugung? Das Gesetz des Minimums. Ist kein Witz, gibt es wirklich. Zwar steht es in keinem Gesetzestext und wird bei Übertretung auch nicht geahndet, aber es existiert und wird seit über 475 Millionen Jahren ausgeführt. Ohne dieses Gesetz gäbe es kein Leben, keine Menschheit. Der Schreiber dieses Gesetzes ist die Natur.
Um es zu verstehen, habe ich Jahre gebraucht. Euch möchte ich es einfacher machen:
Was geschieht mit einer Pflanze, die kein Wasser bekommt? – Richtig, sie vertrocknet.
Was geschieht mit einer Pflanze, die kein Licht bekommt? – Zuerst sucht sie es, im Fachjargon nennt man dies «vergailen», doch schlussendlich stirbt sie. Was geschieht mit einer Pflanze, die keine Erde, also Nahrung bekommt? – Sie verkümmert und stirbt. Doch diese Dinge müssen alle erfüllt sein, um zu leben. Es bringt der Pflanze nichts, wenn sie Wasser aber kein Licht hat, es bringt auch nichts, wenn sie Erde, beziehungsweise Nahrung hat, aber kein Wasser. Es ist das Minimum, welches uns am Leben erhält. Alles andere ist Beilage.
So sind die 38 Gegenstände, die ich bei mir führe, mein Minimum, meine lebensnotwendigen Dinge.
Wenn ich in die Menge schaue, sehe ich fragende Gesichter auf deren Stirn steht geschrieben: Okay, und was hat das jetzt mit Erfüllung und Glück zu tun?
Ich habe auch eine Frage an euch: Was ist Erfüllung? Und was ist Glück? Wieso sollten 38 Gegenstände nicht zum Glück reichen? Wieso muss man immer mehr haben? Mehr als die anderen? Reicht nicht das, was man bereits hat, um glücklich zu sein, um erfüllt zu sein und um zu leben? Wenn man sich diese Fragen immer wieder stellt, muss man feststellen, dass es keine richtige und keine falschen Antworten gibt. Man stellt fest, dass die Antworten nur für einen selbst richtig oder falsch sein können. Denn Erfüllung und Glück ist individuell.
Ich habe meine Antworten gefunden und lebe seitdem mit meinem Minimum von 38 Gegenständen und was ist mit euch?