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In China wird die Wasserfrage immer akuter. Vor allem die Landbevölkerung leidet unter Wasserknappheit und verschmutztem Wasser. Schweizer Unternehmen bieten dem Riesenreich Abhilfe an, und hoffen dabei auf satte Gewinne.
Ma Jianguo's Lachen ist zahnlos, aber dafür umso herzlicher. Der 71-jährige Bauer und seine Frau haben ihr ganzes Leben in ihrem Dorf in der Provinz Hebei verbracht, die rund 100 Kilometer nördlich von Peking liegt.
Ma Jianguo ist zwar Rentner, aber eine solche hat er nie erhalten, er und seine Frau leben jährlich von umgerechnet 800 Franken. Trotzdem ist Ma zufrieden. "Das Leben ist viel besser als zu Zeiten der Volkskommunen und der Kulturrevolution."
Ein grosses Problem drückt ihn aber dennoch: "Es regnet nie!" Das ganze Dorf leidet unter Wasserknappheit. Um die Felder bewässern zu können, müssen die Bewohner mittlerweile über 100 Meter tief graben. Das bedeutet auch, dass die Pumpen immer mehr gefordert werden. Schlimmer noch: dass die Stromrechnungen immer mehr steigen.
Ironie des Schicksals: Mas Dorf liegt am Ufer des Guanting-Reservoirs. Der riesige, tiefblaue See wirkt wie eine Verhöhnung Mas und der übrigen Dorfbewohner. "Es ist uns verboten, Wasser aus dem See zu schöpfen", erzählen sie. Das Wasser aus dem Guanting-See ist ausschliesslich für die Bewohner Pekings bestimmt.
Beim letzten Haus beginnt die Wüste
Unmittelbar am südlichen Ende von Mas Dorf beginnt die Wüste. Ein starker Wind verfrachtet grosse Mengen von Sand aus der Inneren Mongolei hierher. So kommt es, dass sich nur ein Steinwurf von der Hauptstadt entfernt hohe Sanddünen auftürmen.
Die Gegend in der Provinz Hebei steht stellvertretend für die grossen Probleme, wie sie im Riesenreich vielerorts im Bereich Wasserversorgung akut sind: Dürre, Ausdehnung der Wüste, ungerechte Verteilung und Verschmutzung. Selbst das für Peking reservierte Guanting-Wasser ist von miserabler Qualität.
Zahlen verdeutlichen, vor welch riesiger Herausforderung China steht: Das Land stellt zwar 21% der Weltbevölkerung, verfügt aber nur über 7% der globalen Wasserreserven.
Die Schweiz, auch das Wasserschloss Europas genannt, wirft ihr geballtes, spezifisches Know-how in die Waagschale, um China bei der Lösung der Wasserprobleme zu unterstützen. Hunderte von spezialisierten Firmen sind bereits vor Ort, andere sind auf dem Sprung.
In Peking haben sich jüngst fünf Schweizer Unternehmen präsentiert, die sich mit ihrer Expertise in den riesigen Markt werfen wollen. Organisiert wurde die Tagung von der Handelskammer Schweiz-China.
"Wir sind erstmals in China", sagte Lars Willi, Direktor von Trunz Water Systems AG. Das junge Unternehmen aus St. Gallen entwickelt Systeme zur Aufbereitung von Trinkwasser mittels Solarenergie.
"Wir haben immerhin den stellvertretenden Wasserwirtschafts-Minister getroffen. Und zwei, drei Forumsteilnehmer haben Interesse an unserem Produkt signalisiert", bilanziert Willi. Die abgelegenen Dörfer in der Mongolei, auf dem Hochplateau Tibets oder auch auf Inseln erachtet der Schweizer als ideale Standorte für seine Anlagen.
Aufholjagd im grossen Stil
Bereits seit 2006 ist die Firma Angst + Pfister in China tätig. Das Zürcher Unternehmen beliefert den dortigen Markt mit Wasserversorgungs-Komponenten aus Europa. "Die Qualität der chinesischen Konkurrenz hat sich stark verbessert, sie unternimmt grosse Anstrengungen, um die europäischen Standards zu erfüllen", sagte Jenny Jin, bei den Zürchern für China zuständig.
"Qualitativ hochstehende Produkte aus China sind nicht viel billiger als die unsrigen, unser Nachteil sind aber die hohen Importzölle." Jin hofft deshalb, dass das Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern bald unter Dach ist. "Danach können wir in einem Klima des fairen Wettbewerbs arbeiten."
Ähnlich tönt es auch von David Chua, dem Direktor von Hilti China. "Die Konkurrenz wird jedes Jahr besser. Aber dank der Qualität unseres Services haben wir immer noch eine Länge Vorsprung", sagt der Vertreter der liechtensteinischen Firma, die auch im Bereich Trinkwasser-Aufbereitung tätig ist.
Surendra Muppana, Leiter der Sparte globaler Wassermarkt beim schweizerisch-schwedischen Elektrokonzern ABB, ist dagegen der Meinung, dass nicht nur die Elektromotoren seiner Firma, sondern Schweizer Produkte insgesamt viel effizienter seien als diejenigen chinesischen Ursprungs.
"Schweizer Produkte sind vielleicht etwas teurer im Ankauf. Aber während einer Betriebsdauer von 10 Jahren gewinnt man viel, weil die Betriebskosten viel tiefer sind", so Muppana.
Ein Stück vom Riesenkuchen abschneiden
Die Gelegenheit, sich in Peking zu präsentieren, nutzte auch Hydroswiss. Die junge Firma aus dem Tessin will mit ihren kleineren Trinkwasser-Aufbereitungsanlagen für Gemeinden mit bis 20'000 Einwohnern auf den Riesenmarkt.
"Ja, wir sind sehr teuer", gibt Chef Roberto Colosio zu. Aber während ländlichen Gebieten noch die Mittel fehlten, sehe es bei den Städten als mögliche Kunden viel besser aus.
Ob Startups wie Hydroswiss oder Big Player wie ABB, ob Qualitätsvorteil oder Kostennachteil: Den Schweizer Unternehmen dürfte das neue chinesische Gesetz zum Schutz der Gewässer und der Trinkwasser-Reserven in die Hände spielen.
Als Folge davon wird die Nachfrage nach Aufbereitungsanlagen nicht nur in den Zentren, sondern auch auf dem Land zunehmen, so die Erwartung der Branche. Schliesslich hatten sich die chinesischen Gesetzgeber an den entsprechenden Bestimmungen der Schweiz orientiert.
Trinkwasser für alle
In China haben rund 300 Mio. Menschen, die auf dem Land leben, keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.
In ihrem Fünfjahresplan 2011-2015 hat die chinesische Regierung versprochen, die Probleme mehrheitlich zu lösen.
Bis 2015 sollen 80% der ländlichen Bevölkerung Zugang zu Wasser in Trinkqualität haben, so die Vorgabe.
In der Pflicht stehen insbesondere die lokalen Behörden. Sie müssen die Qualität des Wassers, die aktuell als "schlecht" eingestuft wird, auf den Level "trinkbar" heben.
Die Verbesserung in der Wasserversorgung will sich Peking bis 2015 490 Milliarden Franken kosten lassen.
Die Investitionen betreffen die Bereiche Aufbereitung, Bewässerung und Klärung.
Heute wird erst die Hälfte des Wassers, das in den Städten verbraucht wird, gereinigt und wiederverwertet.Infobox Ende
Wasser-Abkommen
2009 unterzeichnete der damalige Bundesrat Moritz Leuenberger mit dem chinesischen Minister für Wasserwirtschaft ein Abkommen. Ziel war die Vertiefung der langjährigen Zusammenarbeit der beiden Länder im Bereich der Wasserbewirtschaftung.
Im Februar 2012 lud die Schweizer Umweltministerin Doris Leuthard den chinesischen Minister Chen Lei ein, die Kooperation weiter zu verstärken.
Dies namentlich in den Bereichen Risiken durch Naturgefahren, Überwachung und Sicherheit von Stauanlagen sowie Schutz vor Hochwassern.
Das neue Gewässerschutz-Gesetz Chinas orientiert sich an den entsprechenden gesetzlichen Bestimmungen der Schweiz.Infobox Ende
(Übertragen aus dem Französischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch