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Sébastien S. hätte im Auftrag von Securitas und Nestlé zum Spitzel werden sollen. Er weiss, mit welchen Methoden die Schnüffelabteilung der Securitas ihre MitarbeiterInnen rekrutiert.
Noch immer nicht aufgetaucht ist die Spionin mit dem Decknamen «Sara Meylan», die im Auftrag von Nestlé und Securitas die globalisierungskritische Gruppe Attac ausspioniert hat (siehe WOZ Nr. 25/08). Die WOZ konnte aber einen Mann befragen, der offenbar vor «Meylan» für diese «Mission» vorgesehen war. Sébastien S.* sagt: «Im Herbst 2003 hat ein Mitarbeiter der Abteilung Investigation Services der Securitas mit mir mehrere Rekrutierungssgespräche geführt.» Das Ganze sei abgelaufen «wie in einem Spionageroman».
Wir sitzen am Ort, wo auch seine Bewerbungsgespräche mit dem Securitas-Agenten stattgefunden haben: im Café Pirate an der Lausanner Seepromenade. Obwohl sich halb Lausanne wegen der Hitze am See tummelt, hat es hier kaum Gäste, und man kann sich ungestört unterhalten. Wahrlich ein Ort, der sich für die Rekrutierung von Spionen anbietet. Der 28-Jährige trägt lange Haare und einen gepflegten Dreitagebart. Optisch hätte er bestens in die Attac-Gruppe gepasst, und auch die Mitarbeit am Buch über die Machenschaften von Nestlé hätte ihn, der zu dieser Zeit ein Studium der Politologie begann, wohl kaum überfordert.
Sébastien S. beginnt zu erzählen, wie alles angefangen hat, damals im Herbst 2003, als er unbedingt einen Teilzeitjob brauchte, um sein Studium zu finanzieren. «Ein Freund arbeitete als Nachtwächter bei der Securitas und wurde ziemlich gut bezahlt», sagt Sébastien. Deshalb habe er, neben anderen Firmen, auch Securitas eine Blindbewerbung geschickt. «Zwei oder drei Wochen darauf hat mich ein Mann angerufen. Er bot mir einen Job bei Securitas an, für dreissig Franken in der Stunde.» Der Mann habe gesagt, dass es sich um «einen speziellen Job» handle und dass er ihn im Café Pirate treffen wolle.
Verhör im Café
Sébastien traf hier auf einen kräftigen, älteren Mann mit «hartem Blick» und grauen Haaren. «Vom ersten Moment an versuchte er mich zu beeindrucken. Er sagte, dass er nicht unbedingt mit seinem echten Namen auftrete und dass der Inhalt des Gesprächs unter uns bleiben solle.» Daraufhin habe der Mann erklärt, er sei Teil einer speziellen Abteilung der Securitas. Diese betreibe Nachforschungen, habe Zugang zu allen Akten des Unternehmens und somit auch zu den Bewerbungsschreiben. Die Abteilung sei nicht in die offizielle Hierarchie des Unternehmens eingebunden, sondern funktioniere parallel. «Er hat mich intensiv beobachtet und war offenbar sehr interessiert daran, wie ich auf seine Geheimnistuerei reagiere.» Vor dem Securitas-Mitarbeiter auf dem Tisch seien Sébastiens Bewerbungsunterlagen gelegen. «Dass ich die Rekrutenschule als Aufklärer absolviert habe, hat ihm besonders gefallen», erinnert sich Sébastien.
Nicht mehr erinnern kann er sich hingegen an den Namen des Mannes. «Es ist einfach zu lange her», sagt er entschuldigend und bereut es sichtlich, seine Erlebnisse nicht früher aufgeschrieben zu haben. Vor ihm auf dem Tisch liegt immerhin ein zwei Seiten umfassendes Erinnerungsprotokoll, das er vor zwei Jahren geschrieben hat. «Ich habe damals meine Erlebnisse jemandem erzählt, der mir empfohlen hat, das Ganze aufzuschreiben.» Doch für einige Details sei es da schon zu spät gewesen.
«Jedenfalls begann der Mann, mich zu politischen Themen auszufragen. Er wollte wissen, was ich von der Armee und von multinationalen Konzernen halte. Nebenbei sagte er, die Grünen seien Extremisten», so Sébastien. «Ich war neugierig und habe ihm die Antworten gegeben, von denen ich annahm, sie würden ihm gefallen. Dies, um herauszufinden, was der überhaupt von mir wollte.» Zu diesem Zeitpunkt sei ihm alles «wie ein seltsames Spiel» vorgekommen.
Drohungen und Namen
Im Café Pirate sollten in der Folge noch zwei weitere Treffen stattfinden, jeweils nach einem Unterbruch von wenigen Tagen. Der Securitas-Mitarbeiter sei mit der Zeit etwas konkreter geworden: «Er sagte, eine grosse Firma habe die Securitas beauftragt, eine Organisation zu infiltrieren, um über deren Aktivitäten informiert zu sein», so Sébastien. Es seien dann auch Namen von Firmen und Organisationen gefallen. Er könne sich nicht mehr an alle erinnern, sicher sei er sich lediglich, dass von Nestlé, Novartis, Roche und Attac gesprochen worden sei. Allerdings seien diese Namen mehr als Beispiele denn als konkrete Auftraggeber oder Zielgruppen zu verstehen gewesen. Der Securitas-Mitarbeiter habe nun auch gedroht: «Er sagte, dass er Mittel habe, Druck aufzusetzen, falls ich ihm Probleme bereiten würde», erinnert sich Sébastien. «Und es gab auch indirekte Drohungen.» Zudem sei seine Sprache militärischer geworden, er habe etwa vermehrt von «der Mission» gesprochen.
Rückblickend hält Sébastien die Vorgehensweise des Securitas-Mitarbeiters für sehr durchdacht und professionell: «Die Gespräche waren methodisch aufgebaut. Er analysierte mich, versuchte mich zu provozieren und schliesslich auch zu destabilisieren.» Den Versuch der Destabilisierung erlebte Sébastien beim letzten Treffen, das nicht wie gewohnt im Café stattfand. «Der Mann brachte eine Frau mit, die er als seine Chefin vorstellte. Sie holten mich in einem Minibus ab und fuhren aufs Land.» Er sei im Laderaum gesessen und habe die Orientierung verloren. Dann, irgendwo in den Rebbergen des Lavaux, hätten sie ihn in ein Bistro geführt. «Die beiden gaben mir dann viel genauere Informationen. Ich müsse Sitzungen einer Arbeitsgruppe von Attac Waadtland besuchen, die den Geschäften grosser Firmen nachforschte. Über die Sitzungen, die etwa einmal wöchentlich stattfinden würden, hätte ich Berichte zu schreiben.» Den Namen des Auftraggebers der «Mission» hätten sie ihm nicht gesagt. Vor ihm sei ein Dossier gelegen, das er aber nur flüchtig angeschaut habe: «Darin waren Informationen über Attac Waadtland, möglicherweise Texte von der Attac-Website.» Ihm sei gesagt worden, er könne mit seinem echten oder einem falschen Namen arbeiten. «Offenbar waren sie gestresst, es tönte, als müsste ich schon in der folgenden Woche damit beginnen.» Die Frau habe ihn dann gefragt, ob er den Job noch immer wolle. Sébastien: «Ich habe den Job abgelehnt. Der Mann reagierte aufbrausend und sagte, jetzt sei ich so weit gegangen, dass ich annehmen müsse.» Die Frau habe interveniert und seine Absage akzeptiert. Dann hätten sie ihn zurück nach Lausanne gefahren, und seither habe er nie mehr etwas von den beiden gehört.
Securitas schweigt
Wieso hat Sébastien diesen Vorfall erst jetzt publik gemacht? «Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einerseits gab es Drohungen, andererseits hatte ich nichts in der Hand, das meine Geschichte belegt hätte.» Zudem sei er jünger gewesen, habe andere Probleme gehabt, und mit der Zeit hätten ihn auch andere Sachen beschäftigt. Damals sei er kaum politisiert gewesen, habe nur sehr vage gewusst, was Attac sei. Nun habe er von der Nestlégate-Affäre gelesen, und da sei der Moment gekommen, an die Öffentlichkeit zu treten. Vor dem Interview hat er allerdings zuerst die Direktbetroffenen von Attac Waadtland informiert.
Und was sagt die Securitas? Ihr Generalsekretär Reto Casutt will sich zu den Aussagen von Sébastien S. nicht äussern. Er habe von dieser Angelegenheit keine Kenntnis.