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Gross war die Ausbeute ja nicht gerade, und von den 5 Zürchern war nur einer online. Er nannte sich "Teddy" und dieser Nickname war für mich eigentlich schon Grund genug, ihn nicht an zu klicken. Männer, die sich nach Kuscheltieren benennen, sind entweder genauso behaart oder aber in einem Stadium, von denen ich schon drei liebenswerte Persönchen zuhause hatte.
Naja. Ich klickte ihn trotzdem an und fragte ihn, ob er Lust auf Kino habe.
"Sorry, ich gehe mit meinen Freunden aus", schrieb er zurück.
Ich war davon überzeugt, dass einer, der sich Teddy nennt, keine Freunde hat und wenn, dann höchstens ....eeh.... Kuscheltiere.
Meine Freundin und ich lachten und gingen allein ins Kino. Ich weiss noch genau, für welchen Film wir uns entschieden: "Shakespeare in love".
Zwei Tage später sass ich am PC und hörte das * AH OU * ICQ Geräusch.
Hmmm...da meldete sich doch tatsächlich dieser "Teddy".
"Hey sorry wegen Samstag, aber ich hatte echt schon etwas los"
Hmmm. Nett.
"Darf ich dich etwas fragen? WIESO nennst du dich TEDDY?"
Er erklärte mir, dass sein Nachname Tedaldi lautete und dass ihn halt schon immer alle "Teddy" genannt hätten.
Aha.
Nett.
Irgendwie.
Teddy und ich chatteten den ganzen Abend. Und später chatteten wir nächtelang. Naja, nicht ganz. Als allein erziehende Mama von 3 Kindern hatte ich einen tollen, aber anstrengenden Job als Zeitungszustellerin. Morgens ab 3.15 Uhr. Kurz nach Mitternacht teilte ich "Teddy" also jeweils mit, dass ich Schluss machen müsse. Meinen frühmorgendlichen Job konnte ich ihm einige Wochen lang verschweigen. Er reagierte auf mein Geständnis dann genauso wie ich es befürchtet hatte: Er hörte um 22.00 Uhr zu chatten auf "damit du noch etwas Schlaf bekommst"
4 Monate nach unserem ersten ICQ-Kontakt trafen "Teddy" und ich uns im "echten" Leben. Ich hatte bei mir zuhause eine Chatparty organisiert. Ach ja, anno 1999 konnte man noch guten Gewissens die Wohnadresse in den Chat hineinschreiben. DAS waren noch Zeiten, es war eine tolle Party...ich lernte ganz nebenbei "Teddy" kennen und auch ganz viele andere Leute vom Chat, in dem ich mich damals regelmässig aufhielt.
Um eine lange Geschichte kurz zu machen: Der aufmerksame Leser und die aufmerksame Leserin stellen mit einem Blick auf mein Profil fest, dass ich heute denselben Nachnamen trage wie "Teddy".......
Mittlerweile sind wir seit gut 13 Jahren glücklich verheiratet.
Zu unserer Hochzeit luden wir auch Leute ein, die wir noch niemals zuvor gesehen hatten. Teddys Eltern fanden das mehr als seltsam. Für uns aber war klar, dass wir unsere Onlinefreunde an unserem grossen Tag mit dabei haben wollten. Während wir die Hochzeitsreise in vollen Zügen genossen, wohnte eine kleine niederländische Familie in unserem Häuschen. Auch diese Mama mit ihren 2 Kindern hatte ich über eine Mailingliste kennen gelernt.
Irgendwann lernte ich Teunie kennen. Online. Teunie ist eine Niederländerin und in meinem Alter. Und das waren auch schon alle Gemeinsamkeiten.
Teunie hat 10 Kinder, ich habe 3.
Teunie ist mit ihrem Willem zusammen, seit sie 16 ist, ich lernte meinen Teddy erst mit 33 kennen.
Teunie ist orthodox reformiert, ich bin ziemlich liberal evangelisch.
Teunie hat keinen Garten, aber baut ihr Gemüse auf der Dachterasse und auf jedem freien Zentimeter rund ums Haus an. Und sie hält sich Bienen! Ich habe einen Gemüsegarten, aus dem ich viel zu wenig mache.
Teunie bäckt jedes Brot selbst. Jeden Kuchen, jeden Keks ... alles was an Backwaren auf den Tisch kommt. Ich backe regelmässig selbst Brot, aber nicht im Entferntesten so konsequent wie Teunie.
Teunie hat einen Blog, in dem sie über ihr Leben schreibt. Wie sie bewusst einfach lebt. Wir haben einige Jahre lang regelmässig gemailt, bis wir sie und ihre Grossfamilie 2010 in die Schweiz einluden. Die Kinder waren noch nie im Ausland gewesen und freuten sich riesig. Sie waren kaum über die NL Grenze als Willem schrieb: "Die Kinder sehen zum ersten Mal im Leben die Berge!"
Berge?
Ah.
Er meinte die Maulwurfhäufchen in Deutschland.
Wartet nur....
Als die Grossfamilie spätabends im Dunkeln in Linthal ankam, war ich schon dort. Ich hatte Abendessen gekocht, den Kühlschrank gefüllt und eine NL Fahne ins Fenster gehängt. Teunie und ich sahen uns da zum ersten Mal und beide hatten wir vom ersten Moment an das Gefühl, uns schon immer zu kennen. Als die Kinder im Bett lagen, haben wir zwei bis tief in die Nacht zusammen gesprochen.
Und sie sagte: "Heute Morgen dachte ich noch, wir fahren zu fremden Menschen. Und jetzt sag ich einer Freundin gute Nacht"
Genauso fühlte es sich für mich an.
Die Berge sahen die Kinder erst am nächsten Morgen. Was gibt es Schöneres als strahlende Kinderaugen?
So oft es nur irgendwie möglich ist, treffen wir Teunie und Willem mit ihrer Kinderschar. Ob in der Schweiz oder in den Niederlanden, wir fühlen uns in der jeweils anderen Familie wie zuhause. Willem und "Teddy" verstehen sich nämlich auch blendend. Und die Kinder auch. Da ist eine tiefe Freundschaft entstanden.
Im Frühling 2010 war meine Tochter Svenja auf der Suche nach einer speziellen Handtasche. Diese Tasche gab es nur in den Niederlanden. Teunie geht nur wenn absolut nötig mal in die Stadt, also wollte ich sie nicht fragen. Aber ich fragte in meinem NL Blog nach, ob jemand vielleicht eine solche Tasche für mich kaufen würde. Es meldete sich eine Frau, Ria. Sie kaufte die Tasche und schickte sie zu uns in die Schweiz. Als wir einige Wochen später in den Niederlanden im Urlaub waren, schrieb Ria, dass sie ganz in der Nähe wohnen würde und dass sie und ihr Mann Piet uns gerne kennenlernen würden.
Die beiden besuchten uns im Ferienhäuschen. Es stellte sich heraus, dass ihre Tochter eine alte Bekannte von Teunie ist. Ria und Piet sind im Pensionsalter, wunderbare Menschen. Als Piet sah, dass Svenja massenhaft Muscheln gesammelt hatte, erklärte er ihr, wie die Muscheln alle heissen. Er war früher Biologielehrer gewesen, Svenja war fasziniert und während Ria und ich den ganzen Abend plauderten, gingen Piet, "Teddy" und Svenja Muscheln suchen.
Seit diesem Sommerabend waren wir mehrmals in den Niederlanden- jedesmal übernachten wir mehrere Nächte bei Ria und Piet. Durch unser gemeinsames Hobby, der Genealogie, stellten wir fest, dass Piet und ich gemeinsame Vorfahren haben. Ria und Piet wohnen noch heute im Dorf, in dem viele meiner Vorfahren aufgewachsen sind.
Ich könnte noch 5 oder 6 ganz ähnliche Geschichten erzählen. Die Geschichte von Wendy zum Beispiel, deren Mann Feuerwehrmann ist und in deren Familie kurz vor Weihnachten 2011 alles drunter und drüber ging. Ich gab ihr den Rat, doch mal wieder Urlaub zu machen. Ach, wegfahren an Weihnachten ..... diese Tage in einem anonymen Hotel verbringen? Lieber nicht!
Meine Liebsten und ich hatten zu dieser Zeit Urlaub in den Niederlanden geplant. Unsere Wohnung stand also leer...Wendy schrieb mir später: "Ich habe dich noch nie gesehen, aber ich habe schon in deinem Bettchen geschlafen und aus deinem Becherchen getrunken"
Wir lernten uns erst "richtig" kennen, nachdem unsere Familie 2 Wochen in Wendys Haus verbracht hatte.
Es gibt auch noch die Geschichte von Joel und jene von Gwendolyn. Auch diese lieben, wundervollen Frauen habe ich übers Internet kennengelernt. Und auch diese Frauen möchte ich in meinem Leben nicht mehr missen.
Morgen fahren wir in den Urlaub. Wieder kommen Teunie und ihre Familie mit uns in die Berge.
Morgen kommt NOCH jemand mit. Er heisst Shawn und ich hab ihn noch nie gesehen. "Teddy" hat ihn schon einmal getroffen. Kurz. Shawn kommt aus den USA und hat ab und zu beruflich in Zürich zu tun. Bei einem seiner letzten Besuche hatte er dort seine Toilettensachen im Hotel liegen gelassen. Das Paket mit Zahnbürste, Shampoo und Co landete bei uns zuhause. Nun ist Shawn wieder in der Schweiz, er wollte seine sieben Sachen am Wochenende bei uns in St. Gallen abholen. Schade eigentlich - am Wôchenende muss er nicht arbeiten, da könnte er doch gleich mit uns..... ja. Genau so.
Shawn wird morgen in Zürich zu uns in den Zug steigen und gemeinsam mit uns in die Berge fahren. Wir freuen uns schon sehr auf diese Begegnung.
Frau Merkel sagte vor rund einem Monat: "Das Internet ist für uns alle Neuland."
Liebe Frau Merkel. Ich weiss nicht, wo Sie die letzten 18 Jahre gelebt haben. In dieser Zeit habe ich unzählige wertvolle Freundschaften geschlossen.
Ich habe meinen Mann kennen gelernt viele und andere Menschen, die mein Leben geprägt haben. Die mein Leben farbiger gemacht haben.
Abseits der Eitelkeiten
-fallen die Fassaden
-werden Masken abgenommen
-zählen Statussymbole nichts
-können wir Beachtung nicht kaufen
-kommen wir uns wieder näher.
Abseits der Eitelkeiten
wärmt uns das Feuer
der Mitmenschlichkeit.
(Kristiane Allert-Wybranietz)
...Mensch: Du bist geschaffen
nach dem Bild eines Gottes,
der Liebe ist.
Mit Händen, um zu geben,
mit einem Herzen,
um zu lieben,
und mit zwei Armen-
die sind gerade so lang,
um einen anderen zu umarmen.
(Phil Bosmans)