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Die bevorzugte Linke
Maurice Ravel schrieb sein «Konzert für die linke Hand» im Auftrag des kriegsversehrten Paul Wittgenstein. Die vorliegende Neuausgabe dokumentiert auch die Änderungen, die der Pianist zum Ärger des Komponisten vornahm.
Weshalb eigentlich ist die Klavierliteratur für die linke Hand allein um vieles umfangreicher als jene für die rechte?
Es gibt Gründe der Anatomie: Die Linke ist mit dem Daumen als Melodieführer weitaus besser in der Lage, die ganze Breite der Klaviatur zu bedienen. Zudem verletzen sich Pianisten durch unsachgemässes Üben offenbar eher an der Rechten und sind dann gezwungen, sich eine Zeitlang auf die Linke zu beschränken. Alexander Skrjabin beispielsweise hat in einer solchen Situation sein Prélude et Nocturne für die linke Hand komponiert.
Vor allem aber haben wir den Grossteil dieser Werke Paul Wittgenstein zu verdanken. Der Wiener Pianist verlor im Ersten Weltkrieg seinen rechten Arm und war dennoch entschlossen, seine Karriere gegen alle Widerstände (auch seitens seiner Familie) fortzusetzen. Von Hause aus begütert war es ihm möglich, die berühmtesten Komponisten jener Zeit für Auftragswerke zu gewinnen. Prokofiew, Hindemith, Britten, Richard Strauss, Franz Schmidt und viele andere schrieben Klavierkonzerte für seine Bedürfnisse, letzterer sogar Kammermusik. Keines aber wurde so berühmt und wird so oft gespielt wie jenes von Ravel.
Das war anfänglich nicht vorhersehbar: Wittgenstein realisierte offenbar erst mit der Zeit, was für ein Meisterwerk er da erhalten hatte. Und als Auftraggeber sah er sich berechtigt, ganze Passagen nach seinem Gusto abzuändern, was Ravel natürlich in Rage brachte. Diese Auseinandersetzung und vieles mehr über die Entstehung und Rezeption des aussergewöhnlichen Werkes weiss Christine Baur in ihrer Einführung zur neuen Bärenreiter-Ausgabe spannend zu vermitteln. Die vorzügliche Edition korrigiert nicht nur einige langlebige Irrtümer der Durand-Ausgabe, sondern bringt auch zahlreiche wissenswerte Zusatzinformationen aufgrund der Quellen aus dem Privatbesitz Wittgensteins, die Herausgeber Douglas Woodfull-Harris einsehen konnte. Gerade der Einblick in Wittgensteins Änderungswünsche bestätigt, dass er Ravels geniale Schreibweise für die linke Hand nicht wirklich nachvollziehen konnte.
Wer mehr über Wittgensteins Schicksal erfahren möchte, dem sei der Band Empty Sleeve. Der Musiker und Mäzen Paul Wittgenstein (Studien-Verlag, Innsbruck u. a. 2006), vor allem aber Konzert für die linke Hand von Lea Singer (Hoffmann und Campe, Hamburg 2008) empfohlen: ein spannend und fundiert geschriebener Künstlerroman!
Maurice Ravel, Konzert für die linke Hand
für Klavier und Orchester,
hg. von Douglas Woodfull-Harris;
Partitur, BA 7881, €, 48.95;
Klavierauszug, Stimme(n), BA 7881-90, € 36.95;
Bärenreiter, Kassel 2016