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In Wädenswil um 1900
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1982 von Peter Ziegler
Adolf Stutz, am 7. Oktober 1895 in Wädenswil geboren und hier aufgewachsen, absolvierte 1909 bis 1913 die Setzerlehre im elterlichen Geschäft, bestand 1916 die Extern-Matura an der Universität Zürich und erwarb sich hier 1921 den Doktortitel. 1922 übernahm er zusammen mit seiner Schwester die Buchdruckerei des Vaters und betätigte sich redaktionell an den im Eigenverlag bis 1936 herausgegebenen «Nachrichten vom Zürichsee». Von 1928 bis 1931 präsidierte Dr. Stutz die Rechnungsprüfungskommission; von 1931 bis 1942 gehörte er dem Gemeinderat Wädenswil an, wo er der Werkkommission und dem Waisenamt vorstand. Von 1955 bis zum Tode am 7. April 1967 bekleidete er mit viel Geschick und Einfühlungsvermögen das Amt des Friedensrichters für das Dorf und die Sektion Ort. Auch die Lesegesellschaft
, der Fürsorgeverein, die Altersheimkommission des Asylvereins und weitere Institutionen profitierten von seinen Kenntnissen und Fähigkeiten.
Dr. Adolf Stutz, 1895-1967.
Die grosse Leidenschaft von Dr. Stutz war der Männergesang. Über 50 Jahre lang gehörte er dem Männerchor Eintracht
als Aktivsänger an; dem Sängerverein am Zürichsee diente er während 20 Jahren als Präsident, und während 15 Jahren war er Mitglied des Zentralvorstandes des Eidgenössischen Sängervereins.
Dr. Adolf Stutz war ein guter Erzähler. Besonders spannend waren seine Vorträge über das alte Wädenswil. In seinen nachgelassenen Papieren fanden sich Notizen einer in den 1940er Jahren gehaltenen Mundartplauderei. Der Inhalt wird nachstehend zusammengefasst.
Wie freute man sich früher auf Festtage, beispielsweise auf Ostern! Bei schönem Wetter blieb niemand zuhause. Durften Kinder gar mit ihren Eltern Dampfschiff oder Eisenbahn fahren, waren sie überglücklich. Aber auch ein Spaziergang zählte – vor allem wegen des Nussgipfels und der Limonade, die man unterwegs im Wirtshaus genoss – zu den Jugendfreuden. Einen alten Osterbrauch gilt es zu erwähnen, der heute – um 1950 – fast ganz verschwunden ist: das Eiertütschen in der Öffentlichkeit. Über Ostern war in Wädenswil der Hirschenplatz der Tütschplatz. Bevor man sich ins Tütsch-Duell einliess, klopfte man mit seinem Ei gegen die Zähne, um zu prüfen, ob man dem Gegner wohl gewachsen sei. Schon beim Eiersieden achtete man übrigens darauf, dass die Eier flach lagen, damit «Spitz» und «Gupf» mit Eiweiss gefüllt waren. Hatte man beim Tütschen Glück, gewann man ein Ei; hatte man Pech, verlor man es an den Gegner. – Am Osterdienstag eröffnete «Gütterlimeier» am Seeplatz die Jahrestournee seiner «Föifermüli». Wer hätte die ersten Fahrten auf dem Karussell verpassen wollen!
Ging Tante Alice um die Jahrhundertwende mit der «Gfätterlischuel» spazieren, befand man sich rasch ausserhalb des Dorfes. Man musste nur den Schulhausplatz in der Eidmatt überqueren und die Leihgass hinaufsteigen, und schon stand man beim Krankenasyl an der Peripherie des Dorfes. Wanderte man dann gegen die Fuhr weiter, war der Leihof ein gutes Stück weit das einzige Haus oberhalb der Strasse. Dann tauchten bergwärts das alte Bühl und das Riegelhaus am Rotweg auf, und bis zur hinteren Fuhr sah man nichts als Wiesen und hie und da ein Stück Reben. Schaute man zwischen vorderer und hinterer Fuhr vom Bänklein beim Hause Schellhaas – später baute dort Herr Wellinger sein Haus – auf Wädenswil hinunter, hatte man das Gefühl, die neuerstellten Häuser im Neudorf stünden weit ausserhalb des Dorfes. Über einer grossen Wiese – auf der 1907/09 das Glärnischschulhaus mit Konzerthalle gebaut wurde – tauchte die Silhouette des Bürglis auf.
Ja, das Bürgli! Wie geheimnisvoll kam es Kindern vor. Man wusste zwar, das Fräulein Gessner darin wohnte. Aber sooft man auch durch das Schlüsselloch in der eisernen Gartentüre spähte, man sah sie nie. Oberhalb des Sagenrains standen noch viele Reben, wie übrigens auch ausserhalb der katholischen Kirche, am Gigehälsli und im späteren Schlossbergquartier.
Stieg man den Bürglirain hinunter, kam man zur alten Sagerei. Dort verfertigten Säger Pfister und seine Männer aus gewaltigen Baumstämmen schöne Bretter. War Pfister gut gelaunt, durften Kinder nach beendetem Sägegang auf dem «Sagichare» zurückfahren. Welch Vergnügen!
Die Anlage bei der Weinrebe war ein beliebter Aufenthaltsort. Zum Ärger des weissbärtigen Anlagegärtners Harlacher kletterten die Buben hier auf die grosse Wellingtonia oder tummelten sich auf der Wiese, nachdem die niedrigen Zäune der Wegeinfassungen übersprungen waren.
Am Zentral erhob sich anstelle der heutigen Garage der Kronengarten mit prächtigen alten Bäumen. Ging man von da aus Richtung Post, kam man zum Laden von Arnold Eschmann. Der Inhaber war ein guter Psychologe. Er schenkte Kindern und Dienstboten stets eine Handvoll «Zeltli» und erreichte damit, dass seine Kunden wiederkehrten.
Dann kam der Laden von Messerschmied Schnyder und daran anschliessend die Schlosserei Züger. Die Ambosse standen auf dem Trottoir. Musste ein grosses Eisenstück bearbeitet werden, hatten die Fussgänger auf die Strasse auszuweichen. Glücklicherweise fuhren zu jener Zeit noch keine Autos.
Seestrasse zwischen Post und «Du Lac», um 1900.
Eschmanns Laden gegenüber verkaufte der Zuckerbäcker Steiger seine bekannten Spanischbrötli. Wandte man sich seewärts, kam man am Haus des Buchbinders Theiler vorbei zum Weinrestaurant «Schiffli» des Herrn Gattiker und stand dann vor dem Zaun, der das Bahngeleise schützte. Die beiden Merkurhäuser waren noch nicht gebaut. An ihrer Stelle lag mehr oder weniger gepflegtes Gartenland, und mittendrin befand sich ein altes Haus mit Fotograf Grossmanns Atelier. Ginge man vom «Schiffli» gegen den «Engel», kam man beim Zuckerbäcker Schärer in der «Akazie» vorbei. Hier zweigte bergseits die Kronengasse ab, wo Schirmmacher Rusterholz seine Werkstätte hatte. Wie spannend war es, dem alten weisshaarigen Handwerker bei der Arbeit zuzuschauen!
Und erst der Kronenbrunnen mit seinen vier Röhren! Wie herrlich eignete er sich zum «Götsche». Im grossen Trog verschwellten die Anwohner jeweils ihre hölzernen Wäschezuber. Einmal wäre ich beim Versuch, den Zuber als Schifflein zu benützen, fast ertrunken. Eine starke Hand packte mich im letzten Moment. Es war Frau Rothmund. Zur Strafe musste ich dann meiner Lebensretterin bei Arnold Eschmann für einen Fünfer «roten Schnupf» holen.
Nachdem der kleine Arthur Schubiger im See ertrunken war, mussten die Kinder zuhause versprechen, nie allein an den See hinunter zu gehen. Die Väter an der Seestrasse wussten freilich, was sie von Versprochenem zu halten hatten. Sie beauftragten deshalb den Schiffsanbinder Daniel Streuli, jedes Kind zu «tünkle», das sich ans Wasser wagte. Vor diesem Untergetauchtwerden hatte man sehr grossen Respekt.
Konnte man schwimmen, wurde das Seeplatzverbot gelockert. Nun war der Uferstreifen seeseits der Bahn das Eldorado der Buben. Mit Fischen, Spielen, Stelzenlaufen und Turnen am Gerüst der Passerelle vertrieb man sich die Zeit. Hoch zu und her ging es auf dem Seeplatz vor der Chilbi. Dann musste man nach der Schule überprüfen, ob wieder neue Chilbiwagen eingetroffen waren.
Chilbi und Fasnacht waren Höhepunkte im Dorfleben. Sie waren mehr oder weniger die einzigen Feste in Wädenswil. Schon lange voraus sparten Kinder und Erwachsene Geld, damit man sich an diesen Tagen etwas Besonderes leisten konnte.
Passerelle zwischen Restaurant «Schiffli» und Seeplatz, 1930.