Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03233.jsonl.gz/534

Nachdem der Teufel den Urnern die Brücke übergeben hatte, an deren Bau sie selbst gescheitert waren, wartete er auf seinen Lohn: die Seele dessen, der als Erster die Brücke überqueren würde. Dass die listigen Urner statt eines Menschen einen Geissbock über die Brücke jagten, erregte den Zorn des Teufels so sehr, dass dieser sich anschickte, sein eigenes Werk mit einem riesigen Felsbrocken zu zerstören. Einer frommen Frau gelang es, noch schnell ein Kreuz in den Stein zu ritzen, so dass dieser sein Ziel verfehlte und als legendärer Teufelsstein in die Schöllenenschlucht hinabrollte.
Die Poyabrücke ist zum Glück nicht des Teufels, sondern Ausdruck höchster Ingenieurkunst, so dass die sieben Mitglieder der Freiburger Exekutive, die zwecks Regierungsfoto meines Wissens als Erste über die Brücke gingen, nicht Gefahr liefen, ihre Seele an den Teufel zu verlieren. Im Unterschied zur Teufelsbrücke sollte die Poyabrücke ja nicht mit Untergangs-, sondern mit staatsmännisch besiegelter Aufbruchsstimmung assoziiert werden.
Da steht sie nun also, die Poyabrücke, neu und noch unbenutzt, und wie jedes Kunstwerk lenkt sie den Blick des Betrachters zuerst einmal auf ihre eigene Schönheit. Je nach Blickwinkel und Naturstimmung scheint die Brücke allen Regeln der Schwerkraft zu trotzen, schwebt gleichsam über der Tiefe oder aber sie hängt wie ein weisses Spinnennetz in der Luft. Manchmal erhebt sie sich geisterhaft aus dem Nebel wie zwei am Himmel gestrandete Masten eines riesigen Segelschiffes, oder sie wirft sich in einem sanften Bogen über Wiesen und Wasser, als sei es ein Leichtes, Abgründe zu überwinden und Orte zu verbinden, die die Natur für immer getrennt zu haben schien. Zuzeiten kommt sie einem auch vor, wie ein dem Azurblau des Himmels anvertrauter Schriftzug der Moderne. War es nicht immer so, dass Brücken nicht bloss einem schönen Zweck, sondern auch dem Zweck des Schönen huldigten?
Dabei gibt es kaum ein Bauwerk, das die intuitiven Regeln der Kunst so sehr zu ignorieren scheint, um sich ganz den exakten Regeln der Statik zu unterwerfen. Die gigantische Eleganz, die sich unserem Blick darbietet, ist das Ergebnis von Millimeterarbeit. Jedes Gramm Material, das für den Bau der Brücke verwendet wurde, muss dem Bestimmungszweck folgen, der in ihm eingeschrieben ist: die Last auszuhalten, die das Bauwerk als Ganzes zu tragen hat. Die Berechenbarkeit der Technik als Antwort auf die Unberechenbarkeit der Natur. Und genau hier zeigt sich auch die Verwundbarkeit jeder Brücke, sei diese noch so genial konstruiert. Indem sie von Menschenhand geschaffen ist, trägt sie die Signatur der Vergänglichkeit in sich selbst. Ähnlich wie das Wasser der Saane, das unter der Poyabrücke vorbeirauscht, gemahnt sie uns daran, dass nichts auf Dauer gestellt ist. Brücken werden gebaut und stürzen irgendwann wieder in sich zusammen.
Manchmal ist es der Zahn der Zeit, manchmal sind es rohe Naturgewalten, die sie einreissen. Oder aber es ist der Mensch selbst, der in seelenlosem Zorn zerstört, was andere Menschen mühsam aufgebaut haben.
So werden Brücken zum doppelten Sinnbild: zum Sinnbild der Verbindung von Orten, Zeiten und Kulturen und zum Sinnbild der Fragilität, der Verwundbarkeit und des drohenden Falls. Ständig führen sie den Abgrund vor Augen, den sie durch ihr blosses Vorhandensein zu widerlegen trachten. Bei ihrem Anblick mag manchen derselbe metaphysische Taumel erfassen, den der Dichter Heinrich von Kleist beim Betrachten eines Gewölbes in die Worte fasste: «Das Ganze hält nur, weil alle Steine gleichzeitig stürzen wollen.»
Der tragischste Beweis für diese widersprüchliche Sinngebung ist der Mensch, der von der Brücke springt: Indem er sich in die Tiefe stürzt, die diese zu überwinden verspricht, führt er deren eigentlichen Zweck ad absurdum. Dadurch bezeugt er den doppelten Riss in der Schöpfung, in der natürlichen und in der von Menschen geschaffenen. Die Tiefe unter der Brücke rührt an die Tiefe in uns selbst. «Gott», sagt Paul Valéry, «hat alles aus nichts geschaffen, aber das Nichts scheint durch.»
«1973 wurde der rund 2000 Tonnen schwere Teufelsstein um 127 Meter verschoben, um der Gotthardautobahn Platz zu machen. Die Verschiebung des Teufelssteins wird in einer modernen Erweiterung der Volkssage für die unerklärliche Häufung von Verkehrsunfällen bei Kilometer vier des siebzehn Kilometer langen Gotthard-Strassentunnels verantwortlich gemacht.» (Wikipedia)
Zum Glück musste die alte Zähringerbrücke nicht verschoben oder gar abgerissen werden, um der neuen Brücke Platz zu machen. So bleibt Letztere hoffentlich von allem Aberglauben verschont.
Wie das Wasser darunter wird nun bald auch der Alltagsverkehr über die Poyabrücke rauschen. Er wird der Stadt die Fahrzeuge zuschwemmen, die diese nach dem geltenden Gesetz der Betriebsamkeit zu verdauen hat. Ohne Zweifel, die Poyabrücke ist ein neues Wahrzeichen der Stadt, aber auch Sinnbild für die Widersprüchlichkeit einer Zeit, die Zweckmässigkeit und Schönheit, Aufbruch und Abgrund, Fortschrittsgläubigkeit und Zukunftsangst in sich vereint.
Hubert Schallerunterrichtet Deutsch und Philosophie am Kollegium St. Michael und schreibt unter anderem Gedichtbände.
«Je nach Blickwinkel und Naturstimmung scheint die Brücke allen Regeln der Schwerkraft zu trotzen, schwebt gleichsam über der Tiefe oder aber sie hängt wie ein weisses Spinnennetz in der Luft.»