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«Liebe Mama, lieber Papa. Ich weiss, dass es euch nicht gut geht. Mir geht es auch nicht gut.» Im Video «Voice of the Child of Divorce» schreibt ein Junge einen Brief an seine Eltern, die sich scheiden lassen. Natürlich ist er imaginär, aber vermutlich hätte der Bub ziemlich genau das gesagt, wenn er sich so hätte ausdrücken können. Und ich auch, damals.
«Ich fühle mich nicht sicher. Bitte geht nicht davon aus, dass ich belastbar bin.» Es gab sie tatsächlich in meinem Leben, die klassische Szene, in der sich die Eltern in der Küche streiten, und das Kind weinend in der Ecke seines Zimmers sitzt, ein Stofftier umklammernd. Das Bemerkenswerteste daran: Ich war nicht sechs sondern sechzehn. Ein selbstbewusster Teenager, gut in der Schule, viele Freunde, keine grossen Probleme. Alle gingen davon aus, jemandem wie mir könne man das alles erklären, ich würde schon verstehen. Sie lagen alle falsch. Alles was ich verstand, war, dass mein gesamtes bisheriges Leben in Scherben vor mir lag, und ich versuchte, mich so wenig wie möglich an diesen zu schneiden.
Heute, da ich älter bin als meine Eltern damals waren, kann ich sehr vieles nachvollziehen. Vor allem weiss ich inzwischen, dass die Tatsache, dass sich meine Eltern trennten, die Zeit davor, die wir als Familie hatten, nicht in Frage stellt. Meine Mutter war gerade mal 17, als sie meinen Vater kennen lernte, er etwas über zwanzig, sie waren blutjung, als sie eine Familie gründeten. Kein Wunder, dass man sich irgendwann auseinanderlebt. Und ich begreife heute, dass es Zeiten gibt, in denen man so verletzt ist, dass man sich über viele Dinge einfach keine Gedanken macht. Zum Beispiel darüber, dass ein Kind, und das war ich auch mit 16 noch, niemals darüber entscheiden müssen sollte, welcher Elternteil sein Sorgerecht bekommt. Denn selbst wenn jemand zu mir gesagt hätte: «Deine Entscheidung heisst nicht, dass du den einen weniger liebst», was nie jemand getan hat, war es genau das: Ich musste mich für den einen und gegen den anderen entscheiden.
Ich blieb bei meinem Vater. Vielleicht, weil klar war, dass mein Bruder mit meiner Mutter ging, und ich nicht wollte, dass er allein war. Vielleicht, weil meine Mutter auszog, und ich so wenigstens in meiner gewohnten Umgebung blieb. Vielleicht, weil meine Mutter mit ihrem Auszug in meinen Augen nicht nur meinen Vater verliess, sondern auch mich. Und vielleicht auch ein bisschen, weil mein Vater in seinem unendlichen Schmerz etwas zu mir sagte, das mich bis heute verfolgt, auch wenn ich weiss, dass er später wohl alles darum gegeben hätte, seine Worte rückgängig zu machen: «Wenn du dich für deine Mutter entscheidest, will ich dich nie mehr sehen.» Ich bin ehrlicherweise nicht mehr sicher, ob er tatsächlich diese Worte gewählt hat. Aber wie immer er es auch gesagt hat: Das ist es, was bei mir angekommen ist. Ich lebte wie auf Eiern in der folgenden Zeit, versuchte möglichst, den einen Elternteil vor dem anderen nicht zu erwähnen. Irgendwann wollte ich dann nur noch weg, und zwar so weit wie möglich. Mein Austauschjahr in Australien hat mir wohl ein Stück meiner Seele gerettet, mit dem Abstand kam mein Selbstvertrauen zurück, das Bewusstsein, dass es eigentlich nichts mit mir zu tun hat, dass meine Eltern
nicht mehr miteinander können. Und die langen Briefe, die ich sowohl mit meinem Vater als auch mit meiner Mutter austauschte - Anfang der Neunziger schrieb man noch keine Mails oder SMS - brachten uns einander wieder näher.
Ich habe mir sehr lange überlegt, ob ich meine Eltern in diesem Blog derart exponieren möchte. Würde mein Vater noch leben, hätte ich es vermutlich nicht getan. Und meine Mutter kennt meine Narben wohl besser, als ich ahne. Dieser Blog ist kein Vorwurf an meine Eltern. Weder dafür, dass sie sich getrennt haben, noch für die Art und Weise, wie sie das getan haben. Sie hätten später ziemlich sicher vieles anders gemacht, aber damals ging das einfach nicht. Dieser Blog ist ein Appell an alle Eltern, egal ob getrennt oder nicht: Denkt zuerst an eure Kinder, immer, überall, in jeder Situation. Geht niemals davon aus, dass sie verstehen. Geht niemals davon aus, dass sie stark sind. Sie sind immer schwächer als ihr.
«Gute Dinge passieren guten Leuten. Ich muss schlecht sein.» Lasst nicht zu, dass eure Kinder so denken.