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Die Wüste Namib, die älteste Wüste der Welt, ist ein beliebtes Reiseziel vor allem für deutsche und Schweizer Touristen. Doch birgt sie nicht nur zahlreiche Wunder, was Fauna und Flora betrifft; sie ist auch ein riesiges Massengrab und der Sand bedeckt ein Leid, von dem bis heute viele nicht hören wollen.
Herero-Aktivist Laidlaw Peringada kämpft gegen das kollektive Vergessen und für die Würde seiner Vorahnen, die zu Tausenden an Hunger und Durst gestorben sind. Er schüttet immer wieder ihre Gräber auf, die am Rand der Wüste liegen, bedeckt nur von einer dünnen Schicht Sand. «Ab und zu sehen wir einen menschlichen Knochen aus einem Grab herausragen, kürzlich haben wir sogar einen Schädel gefunden. Das alles bedrückt mich sehr», sagt der hochgewachsene Mann mit langen Rastazöpfen.
Er legt seine Schaufel weg und zeigt auf den Friedhof nebenan, begrünt und mit Palmenreihen verschönert. Dort lägen die Nachkommen der Deutschen, die sogenannten Deutschnamibier, oder immer noch Soldaten, die im Krieg gegen die Herero gefallen sind und mit imposanten Grabsteinen für ihre heldenhaften Taten geehrt würden.
Deutschlands Vergangenheit als Kolonialmacht
Deutschland hatte sich ab 1884 Kolonien in Afrika, Ozeanien und Ostasien angeeignet. Es verfügte damit über das viertgrösste koloniale Gebiet und war Besatzungsmacht nicht nur in Deutsch-Südwestafrika (Namibia), sondern auch in Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika (Tansania), im chinesischen Tsingtao und auf Pazifikinseln. Die gewaltvolle Herrschaft der Deutschen führte zu Aufständen und Kriegen. Mit der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg wurden ihre Kolonien unter den Siegermächten aufgeteilt.
Das heutige Namibia war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie (auch deutsches Schutzgebiet genannt). Es war ungefähr anderthalbmal so gross wie das damalige Deutsche Kaiserreich. Deutsch-Südwestafrika war die einzige der deutschen Kolonien, in der sich viele deutsche Siedler niederliessen. Die Kolonialisten verübten an den Stämmen der einheimischen Hereros und Nama Gräueltaten, sie töteten zwischen 1904 und 1908 Zehntausende.
An diesem Teil der Atlantikküste, gleich neben den Gräbern, liegt die wohl deutscheste Stadt Namibias, Swakopmund. Als Deutschland Namibia oder damals Südwestafrika eroberte und zu seiner Kolonie erklärte, war Swakopmund der Haupthafen. Im pittoresken Städtchen mit deutschen Namen existierten damals zahlreiche kleinere Konzentrationslager.
Während die deutsche Geschichte mit einer Bismarck-Apotheke und einem Hotel namens Kaiser weiterlebt, ist vom anderen Teil der deutschen Kolonialgeschichte in Swakopmund nichts zu spüren. Die ehemaligen Konzentrationslager wichen Grünflächen, wo schwarze Kindermädchen weisse Kinder überwachen und ein deutsches Museum dem deutschen Erbe gedenkt.
Das alles macht Laidlaw Peringada wütend. Er kämpft auf allen Ebenen dafür, dass es mehr Gedenkstätten für die Opfer gibt und jene für die Täter von öffentlichen Plätzen entfernt werden. Dass eine Apotheke immer noch nach Bismarck benannt ist, hält er für eine Unverschämtheit.
Der grösste Schandfleck in seinen Augen ist jedoch das sogenannte Marinedenkmal, ein grosser Felsen mitten in der Stadt, wo ein Soldat zuoberst Ausschau nach dem Feind, sprich den Herero und Nama, hält, und ein anderer an Sterben ist. Hier halten die Deutschnamibier jährlich eine Gedenkfeier ab. «Das darf doch nicht sein», meint der Herero-Aktivist. Auf die Frage, warum das immer noch so sei, sagt er: «Die Deutschnamibier gehören nach wie vor zur reichsten und einflussreichsten Bevölkerungsgruppe in Namibia. Swakopmund ist in ihrer Hand, sie haben das Sagen im ganzen Land.»
Dass das Land schon lange nicht mehr den Herero oder den Nama gehört, zeigen die Hütten aus Wellblech, Holzplanken oder Karton, die wenige Kilometer ausserhalb des schmucken Stadtzentrums liegen. Sie formen eine riesige Siedlung in der Halbwüste, in der eine unbekannte Zahl von Menschen ohne fliessend Wasser lebt. Die meisten gehören diesen beiden Stammesgruppen an.
Laidlaw Peringada lebte selbst jahrelang hier. Er besucht regelmässig einen Mitstreiter, Lorens Ndusa. Dieser teilt mit über zehn Familienangehörigen zwei Hütten. Während er mit seiner Hand über die zerfetzte Plastikblache fährt, die das Dach bedeckt, meint er: «Etwa so haben bereits unsere Vorfahren in den Konzentrationslagern gelebt. Sie lebten auch in Hütten, die sie selbst irgendwie zusammengebaut haben. Natürlich ging es ihnen noch viel schlechter als uns, doch denke ich oft an meine Ururgrosseltern, die in einem Konzentrationslager gestorben sind.»
Herero und Nama sind heute ethnische Minderheiten
Die Deutschnamibier machen nur ein Prozent der namibischen Bevölkerung aus, die rund 2.5 Millionen Menschen umfasst. Doch bis heute besitzen sie und andere Weisse rund 70 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes, das sie einst den Herero und Nama gestohlen haben. Letztere waren berühmt für ihre grosse Zahl an Vieh und Ländereien. Die heutige Regierung hat an diesen Besitzverhältnissen nichts geändert, die Herero und Nama, einst die mächtigsten Stämme in Namibia, sind heute ethnische Minderheiten – und das ist der Regierung recht so.
Dass der Völkermord von Deutschland überhaupt anerkannt worden ist, liegt nicht an der namibischen Regierung, sondern am steten Lobbyieren von Aktivisten wie Laidlaw Peringada. Die namibische Regierungspartei Swapo ist nicht daran interessiert, den Aufstand der Herero an die grosse Glocke zu hängen. Sie betont ihren eigenen Widerstandskampf, der zur Befreiung von der nächsten Besetzungsmacht Südafrika führte. Das erklärt, warum der Völkermord an den Herero nicht zum Schulstoff der Kinder gehört und quasi aus der eigenen Geschichte gelöscht worden ist – wie das bis vor kurzem auch in Deutschland der Fall war.
Wie viele Herero will auch er das Land zurück, das die Deutschen gestohlen haben. Nicht nur, um wieder Vieh zu halten, sondern auch um Landwirtschaft zu betreiben. «Es ist das Land unserer Vorfahren, viele Höfe der Weissen sind immer noch nach ihnen benannt. Es ist unser verbrieftes Recht. Wir wollen eines Tages dort begraben werden, wie sich das in der afrikanischen Kultur gehört», betont Lorens Ndusa.
Seine Freundin Karingo Herunga hat ihr Dorf schon lange verlassen. Ihre Mutter konnte ihr keine Ausbildung finanzieren, Arbeit gab es im Dorf nicht und auch in Swakopmund hat sie keine Anstellung gefunden. Sie kocht für die Familie einmal pro Tag Maisbrei. Für mehr reicht der Lohn ihres Freundes, der in einer von Chinesen geführten Mine arbeitet, nicht. Karingo Herunga ist überzeugt, dass der Völkermord zur permanenten Entwurzelung ihres Stammes geführt hat. «Viele sind damals in andere Länder geflohen, wir haben bis heute keine Ahnung wohin. Wir haben keinen Zusammenhalt mehr.»
Sie ist wie viele Afrikanerinnen und Afrikaner in Jeans und T-Shirt gekleidet, natürlich Secondhand. Die berühmte Tracht der Herero-Frauen trägt sie nicht. Sie habe kein Geld für Waschpulver, erklärt sie, während sie fünf ihrer Trachten auf dem Bett in der Hütte ausbreitet.
Jedes Kleid bestehe aus mehreren Schichten, erklärt sie, zudem liebe sie dieses Markenzeichen der Herero-Frauen nicht. «Es sind die Kleider, die unsere Vorfahren von den deutschen Besetzern übernommen haben, Kleider der deutschen Frauen, Kleider der Unterdrücker. Doch sind sie das einzige, was uns noch mit unseren Urgrossmüttern verbindet.»
Laidlaw Peringada verknüpft seinen Kampf gegen das Vergessen mit seiner Aktivität als Reiseführer. Statt die fünf kleinen Tiere in der Wüste Namib oder die spektakulären roten Dünen zeigt er die nicht so schöne Seite Namibias wie eben die Gräber im Sand. Dafür interessieren sich immer mehr Besucherinnen und Besucher, vor allem solche aus Deutschland.
Wir können die Toten nicht zurückbringen. Doch ist es Zeit, dass die Deutschnamibier ihr Land mit uns teilen
Ein junger deutscher Ethnologe, den Peringada auf der Grabstätte herumführt, meint: «Ich habe in Deutschland auch Konzentrationslager und ich bin der Meinung, dass wir Deutsche uns mit unserer Geschichte auseinandersetzen müssen. Hier geschah ein grosses Leid, jedes einzelne Grab erzählt davon.»
Laidlaw Peringada freut sich über solche Worte. Er hat vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie regelmässig junge Herero und Deutsche zusammengebracht und will vor allem eine friedliche Lösung für alle: «Wir können die Toten nicht zurückbringen. Doch ist es Zeit, dass die Deutschnamibier ihr Land mit uns teilen. Da unsere Regierung sehr korrupt ist, darf Deutschland das versprochene Schadensgeld von einer Milliarde Euro nicht ihr übergeben, sondern muss dafür sorgen, dass wirklich die betroffenen Gemeinschaften davon profitieren.»
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