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Angola-Guereza
Colobus angolensis
© 2005 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Sämtliche Affenarten, welche in der Alten Welt zu Hause sind und weder zu den Menschenaffen noch zu den Halbaffen gehören, werden in einer einzigen Familie zusammengefasst: der Familie der Meerkatzenverwandten (Cercopithecidae). Wie viele Arten die Familie insgesamt umfasst, ist schwierig zu sagen, da deren Zahl ständig wächst. Dieser Zuwachs hat nicht etwa mit der Entdeckung bisher unbekannter Arten zu tun, sondern ist allein auf die Tätigkeit der modernen Taxonomen zurückzuführen, also jener Wissenschaftler, welche für die Einordnung der Lebewesen in das biologische System zuständig sind. Sie spalten immer wieder die bestehenden Arten in zwei, drei oder noch mehr neue Arten auf. In einigen Fällen sind diese Aufspaltungen gerechtfertigt, weil neue wissenschaftliche Erkenntnisse vorliegen; vielfach sind sie jedoch einzig und allein die Folge einer Modeströmung, welche dieses Fachgebiet erfasst hat. Das Resultat im Hinblick auf die Familie der Meerkatzenverwandten ist, dass diese heute bald hundert Arten umfasst, während es vor ungefähr zwanzig Jahren nur etwa achtzig waren...
Unabhängig von der Artenzahl wird die Familie von alters her in zwei Unterfamilien gegliedert: erstens die Meerkatzenartigen (Cercopithecinae), welche die eigentlichen Meerkatzen, die Makaken, die Paviane und die Mangaben umfasst, und zweitens die Schlankaffen (Colobinae), zu welcher die Stummelaffen, die Languren, die Kleideraffen, die Stumpfnasenaffen und der Nasenaffe gehören.
Die Schlankaffen kommen als Sippe sowohl in Afrika als auch in Asien vor: Vom indischen Subkontinent ostwärts bis zu den indonesischen Inseln Borneo und Java gibt es rund dreissig Arten in sieben Gattungen, während in Afrika südlich der Sahara ungefähr ein Dutzend Arten in zwei Gattungen vorkommen.
Alle afrikanischen Schlankaffen werden als «Stummelaffen» bezeichnet, da sie an beiden Händen stark rückgebildete Daumen aufweisen. Wie viele Arten insgesamt zu unterscheiden und welchen Gattungen sie zuzuordnen sind, ist in Fachkreisen umstritten. Klar ist einzig, dass sie sich anhand ihrer Färbung in vier verschiedene Typen einteilen lassen: erstens olivgrüne, zweitens rostrote, drittens schwarze und viertens schwarzweisse. Gemäss einer derzeit gängigen Einschätzung gibt es 1 olivgrünen, 4 rostrote, 1 schwarzen und 4 schwarzweisse Stummelaffen, wobei der olivgrüne und die rostroten der urtümlicheren Gattung Procolobus
zugewiesen werden, während der schwarze und die schwarzweissen in die modernere Gattung Colobus
gestellt werden.
Eine der vier schwarzweissen Stummelaffenarten ist der Angola-Guereza (Colobus angolensis)
, von dem hier berichtet werden soll. Wie seine Vettern ist er ein recht grosser Affe: Erwachsene Individuen wiegen normalerweise zwischen 7 und 10 Kilogramm und weisen eine Kopfrumpflänge von 45 bis 65 Zentimetern auf. Der Schwanz ist länger als der Körper und kann bei grossen Individuen eine Länge von mehr als 90 Zentimetern erreichen. Das Fell ist zur Hauptsache glänzend schwarz, doch sind die Wangen und die Kehle weiss, und dasselbe gilt für den Schulterbereich der umhangartigen «Seitenmähne» sowie die Schwanzspitze.
Ein daumenloser Baumbewohner
Das Verbreitungsgebiet des Angola-Guerezas erstreckt sich in einem breiten Band quer durch Zentralafrika - vom südlichen Kenia und östlichen Tansania westwärts durch Südwestuganda, Teile Ruandas und Burundis sowie weite Bereiche Kongo-Kinshasas bis ins nordöstliche Angola. Vereinzelt wurden Angola-Guerezas ferner ganz im Norden Malawis und im äussersten Nordwesten Sambias gesichtet.
Innerhalb seines Verbreitungsgebiets kommt der Angola-Guereza ausschliesslich in Wäldern und in dichten Waldsavannen vor, denn er ist - wie alle afrikanischen Schlankaffen - ein spezialisierter Baumbewohner, der kaum je auf den Boden hinuntersteigt. Im Laufe seiner Stammesgeschichte hat er sich körperbaulich gut an das Leben in den Baumkronen angepasst. Seine Gliedmassen sind lang und haben dadurch eine grosse Reichweite. Seine Knochen sind leicht und sein Körpergewicht darum verhältnismässig gering, was für ein Klettertier vorteilhaft ist. Sein langer Schwanz ist als Balancierhilfe bei der Fortbewegung entlang von Ästen sowie als Steuerruder bei Sprüngen von Ast zu Ast dienlich. Seine Seitenmähne wirkt wahrscheinlich als eine Art Gleitschirm, wenn er seine oftmals spektakulären Weitsprünge von Baumkrone zu Baumkrone ausführt. Und auch seine zu Stummeln zurückgebildeten Daumen sind eine Anpassungserscheinung an das Baumleben: So können dieselben bei der schnellen, teils hangelnden Fortbewegung im Geäst nicht in die Quere kommen.
Magen mit Gärkammern
Die Schlankaffen, so auch der Angola-Guereza, unterscheiden sich von den Meerkatzenartigen dadurch, dass sie sich mehrheitlich von Blättern ernähren. Auf den ersten Blick scheint diese Nahrungswahl eine gute Idee zu sein, da Blätter in den tropischen und subtropischen Wäldern jederzeit im Überfluss vorhanden sind und ihre Beschaffung überaus leicht fällt. Beim genaueren Hinsehen erweist sich die Idee jedoch als eher mässig, da Blätter im Vergleich zu anderen Pflanzenteilen wie Blüten, Früchten und Samen zum einen sehr nährstoffarm und zum anderen sehr schwer verdaulich sind, da sie einen hohen Gehalt an Zellulose aufweisen. Ausserdem sind in den Blättern der Tropenwälder vielfach Giftstoffe eingelagert, welche vor Fressfeinden schützen sollen. Wer sich von Blättern ernähren will, muss sich deshalb etwas einfallen lassen - und genau das haben die Schlankaffen im Laufe ihrer Stammesgeschichte getan: Sie haben einen Verdauungstrakt entwickelt, der demjenigen der Rinder und der anderen Wiederkäuer unter den Huftieren von der Wirkungsweise her sehr ähnlich ist.
Der Magen der Schlankaffen ist gross und komplex gebaut. Er umfasst drei oder vier Kammern und weist viele Falten und Taschen auf. Die letzte Kammer ist wie bei den meisten Säugetieren stark säurehaltig, doch die vorderen Kammern, die man als «Gärkammern» bezeichnet, sind mehr oder weniger pH-neutral. In ihnen leben gutartige Bakterienstämme, welche die Zellulose der verspeisten Blätter chemisch aufspalten und viele der Giftstoffe unschädlich machen. Erst wenn dies erledigt ist, gelangt der Nahrungsbrei in die letzte Kammer, wo er mittels Magensäure weiter zersetzt wird, bevor er schliesslich zwecks Nährstoffgewinnung in den Darm weiterbefördert wird. Die Unterteilung des Magens in separate Kammern dient dazu, die Bakterienkolonien in den vorderen Kammern vor der Magensäure in der letzten Kammer zu schützen, denn unter sauren Bedingungen können sie nicht überleben. Die komplexe Faltung des vorderen Magenbereichs wiederum bewirkt, dass die Passage der Nahrung verlangsamt wird und die Bakterien genügend Zeit zur Verrichtung ihrer Arbeit erhalten.
Obschon die Bakterien sehr effizient sind, enthalten die Zellen der Blätter, deren stark zellulosehaltigen Wände sie knacken, verhältnismässig geringe Nährstoffmengen. Die Schlankaffen müssen darum erhebliche Mengen an Blättern verzehren, um ihren Nährstoffbedarf zu decken. Tatsächlich nehmen die meisten Arten Tag für Tag zwischen einem Drittel und der Hälfte ihres Körpergewichts an Nahrung zu sich. Der Magen eines erwachsenen Schlankaffen einschliesslich Inhalt kann darum bis zu 25 Prozent des Gesamtgewichts des Tiers ausmachen.
Obschon Blätter das «Grundnahrungsmittel» bilden, ergänzen die meisten Schlankaffen, so auch die Angola-Guerezas, ihre Kost mit verschiedenen anderen, nährstoffreicheren Pflanzenteilen, darunter Blüten, Flechten, Knospen, Samen und unreife Früchte. Reife, zuckerhaltige Früchte verschmähen sie hingegen, denn diese entwickeln bei der Vergärung im Magen erhebliche Mengen an Gasen, was zu schmerzhaften bis tödlichen Blähungen führen kann. Sie geben im Übrigen jungen, zarten Blättern und Blatttrieben klar den Vorzug gegenüber reifen, zähen Blättern.
Aufgrund ihres grossen Nahrungsbedarfs müssen die Angola-Guerezas viel Zeit für ihre Mahlzeiten aufwenden. Gewöhnlich suchen sie zunächst nach Futterbäumen, welche junge Blätter getrieben haben. Dabei bevorzugen sie grosse, hohe Bäume, insbesondere so genannte «Überständer», welche über das restliche Kronendach hinausragen. Sind sie fündig geworden, so lassen sie sich in deren Krone nieder und nehmen zumeist während mehrerer Stunden Blatt für Blatt zu sich. Dabei sitzen sie ruhig auf einem Ast, ziehen mit den Händen die Zweige heran und beissen die Blätter mit den Zähnen ab. Zwischen den Essphasen machen sie jeweils längere Pausen, in denen sie über das Kronendach hinweg blicken und sich der Verdauung widmen.
Neugeborene sind weiss
Wie die meisten Affen sind die Angola-Guerezas gesellige Tiere. Sie leben in Gruppen von bis zu 15 Individuen, welche in der Regel aus einem einzelnen erwachsenen Männchen und einer kleinen Anzahl miteinander verwandter Weibchen und deren Jungen bestehen. Die Gruppen verhalten sich territorial: Jede von ihnen beansprucht einen gewöhnlich etwa 15 Hektaren grossen Ausschnitt aus dem lokalen Lebensraum für sich allein und duldet keine fremden Artgenossen in diesem Territorium. Mittels lauter Distanzrufe gibt sie jeweils in der Morgen- und in der Abenddämmerung ihren territorialen Anspruch kund.
Neben den territorialen Rufen verfügen die Angola-Guerezas über ein recht breites Spektrum unterschiedlicher Lautäusserungen, welche der Verständigung innerhalb der Gruppe dienen. Einzelne warnen vor Leoparden oder Adlern, gewisse zeigen an, dass sich die Gruppe in Bewegung setzt, und nochmals andere bedeuten, dass sich ein Individuum von anderen Gruppenmitgliedern bedrängt fühlt und in Ruhe gelassen werden will. Insgesamt verhalten sich die Guerezagruppen jedoch erheblich leiser, als wir dies von anderen «Affenhorden» her kennen, und sie scheinen auch tatsächlich untereinander sehr friedfertig zu sein. Ein wichtiger Grund für das weitgehende Fehlen von Streitereien dürfte ihre spezielle Kost sein. Da Blätter stets reichlich vorhanden und leicht zu beschaffen sind, gibt es kaum Anlass zu Futterneid zwischen den Gruppenmitgliedern.
Die Fortpflanzung ist bei den Angola-Guerezas nicht an eine bestimmte Jahreszeit gebunden. Die Weibchen bringen jeweils nach einer Tragzeit von fünf bis sechs Monaten ein einzelnes Junges zur Welt. In den letzten Tagen vor der Geburt ziehen sich die werdenden Mütter etwas von der Gruppe zurück und gebären ihr Junges schliesslich abgesondert. Wenige Stunden nach der Geburt schliessen sie sich aber ihrer Gruppe wieder an.
Die Jungen wiegen bei der Geburt etwa 40 Gramm und weisen eine Kopfrumpflänge von ungefähr 20 Zentimetern auf. Ihre Augen sind von Anfang an geöffnet, und sie vermögen sich bereits mit ihren Händen und Füssen im Bauchfell der Mutter festzuklammern. In ihrem Aussehen unterscheiden sie sich stark von den erwachsenen Individuen, denn ihre Haut ist rosa und ihr Fell weiss und gelockt. Etwa einen Monat nach der Geburt beginnen die Jungen sich umzufärben: Ihr Fell nimmt zunächst eine graue Färbung an, und nach drei bis vier Monaten ist es dann schwarzweiss. Das lange Schulter- und Rückenfell entwickelt sich jedoch erst viel später.
Während der ersten etwa acht Lebensmonate werden die jungen Angola-Guerezas die meiste Zeit von ihrer Mutter umhergetragen, und nachts schlafen sie fest angeklammert zwischen ihren Schenkeln. Danach nimmt die Mutter ihr Junges nur noch bei akuter Gefahr auf, und die Jungen werden allmählich selbstständiger. Die Geschlechtsreife erreichen die männlichen wie die weiblichen Jungtiere mit drei bis vier Jahren. Die jungen Weibchen bleiben gewöhnlich auch nach der Geschlechtsreife in ihrer Geburtsgruppe, während die jungen Männchen in der Regel vom erwachsenen Männchen dazu gedrängt werden, diese zu verlassen. In Menschenobhut haben einzelne Guerezas ein Alter von beinahe dreissig Jahren erreicht, was in der freien Wildbahn wohl selten der Fall sein dürfte.
Langsam schwinden die Bestände
Die Schlankaffen sind eine sehr erfolgreiche Affensippe, denn zum einen haben sie in den tropischen und subtropischen Wäldern der Alten Welt eine überaus weite Verbreitung erreicht und zum anderen weisen sie aufgrund ihrer Fähigkeit zur Verwertung von Blättern als Nahrung vielfach recht hohe Bestandsdichten auf. Die meisten Schlankaffenarten sind deshalb nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht.
Von den fünf Guerezas (Gattung Colobus
) werden derzeit zwei als «verletzlich» eingestuft. Es handelt sich um den in Äquatorialguinea, Kamerun und Gabun heimischen Schwarzen Guereza (Colobus satanas)
und um den in Westafrika zwischen der Elfenbeinküste und Nigeria vorkommenden Geoffroy-Guereza (Colobus vellerosus)
. Eine weitere Art, der Westliche oder Königs-Guereza (Colobus polykomos)
, der in Westafrika zwischen Gambia und der Elfenbeinküste beheimatet ist, gilt als «nahezu gefährdet». Die beiden restlichen Arten, der Angola-Guereza und der Östliche oder Abyssinische Guereza (Colobus guereza)
, der von Nigeria im Westen bis Äthiopien im Osten verbreitet ist, werden als nicht gefährdet betrachtet.
Das Gesagte darf nicht darüber hinweg täuschen, dass alle Guerezas in mehr oder weniger starkem Ausmass unter dem Menschen leiden. Letzterer bejagt die grossen, auffälligen Affen ihres Fleischs und auch ihres prächtigen Fells wegen, und er holzt zudem die Wälder ab, in denen sie leben. Da wegen des ständigen Anwachsens der menschlichen Bevölkerung sämtliche natürlichen Lebensräume Afrikas - und speziell die Waldgebiete - mehr und mehr unter Druck geraten, sind längerfristig alle Guerezas in ihrem Fortbestand gefährdet. Immerhin finden sie hier und dort in gut geführten Schutzgebieten sichere Rückzugsgebiete. Entsprechend wichtig ist es, dass wir der Erhaltung dieser Refugien die nötige Aufmerksamkeit schenken.
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