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Der Mariendistel-Wirkstoff Silymarin ist in der Behandlung der chronischen therapieresistenten Hepatitis-C-Virus-Infektion offenbar nicht wirksamer als Placebo. In einer randomisierten Studie verminderte sich zumindest die Aktivität des Leberenzyms ALT nach sechsmonatiger Behandlung nur minimal.
Zahlreiche Patienten mit chronischer Hepatitis C, die auf eine Standardbehandlung mit Peginterferon alfa-2a plus Ribavirin nicht ansprechen, suchen Hilfe in der Phytotherapie. Das bei Lebererkrankungen am häufigsten eingesetzte pflanzliche Präparat ist Silymarin, ein Mariendistel-Wirkstoff. Für das Flavonoid-Gemisch konnten antioxidative, entzündungshemmende und antifibrotische Eigenschaften gezeigt werden. Zugelassen ist Silymarin zur unterstützenden Therapie bei chronisch-entzündlichen Lebererkrankungen und Leberzirrhose. Jeder dritte Patient mit chronischer HCV-Infektion und schon bestehender Leberzirrhose hat das Phytotherapeutikum bereits einmal genutzt. Umso enttäuschender sind die Resultate einer im Fachblatt „JAMA“ veröffentlichten randomisierten kontrollierten Studie mit total 154 Interferon-refraktären Patienten: In dieser Studie blieb die Wirksamkeit von Silymarin, festgestellt anhand der Serumkonzentration des Leberenzyms ALT (Alanin-Aminotransferase), auf Placeboniveau, und zwar unabhängig von der Silymarin-Dosis. Die Ausgangswerte der Alanin-Aminotransferase lagen jeweils über 65 U/l.
Im Studienverlauf über insgesamt 24 Wochen sank die ALT-Aktivität im Serum unter 420 mg Silymarin im Mittel um 14,4 U/l, unter 700 mg des Phytotherapeutikums um 11,3 U/l und unter Placebo um 4,3 U/l; diese Unterschiede waren nicht signifikant. Insbesondere wurde der primäre Endpunkt, ein Zielwert von weniger als 45 U/l oder ein mindestens 50%iger Abfall des ALT-Werts, mit den beiden Silymarin-Dosierungen nicht häufiger erreicht als mit dem Scheinpräparat. Nur jeweils zwei Patienten aus jeder der drei Gruppen – auch der Placebogruppe – hatten nach 24 Wochen Behandlung dieses Ziel erreicht. Und auch die mittleren HCV-RNA-Werte veränderten sich in den beiden Interventionsgruppen kaum, ebenso wie unter Placebo.
Der Mariendistel-Inhaltsstoff verbesserte auch das subjektive Befinden der Patienten nicht: In verschiedenen Fragebögen zur Lebensqualität (SF-36, Chronic Liver Disease Questionnaire) oder zu Depressionen (Center for Epidemiologic Studies – Depression) wurden keinerlei signifikante Veränderungen festgestellt. Immerhin kam es unter der Silymarin-Therapie im Vergleich zu Placebo nicht häufiger zu Nebenwirkungen. Am häufigsten traten leichte oder allenfalls mäßige Verdauungsbeschwerden auf.
Die Forscher um Dr. Michael W. Fried von der Universität North Carolina sehen in der Veränderung der ALT-Werte einen relativ verlässlichen Surrogatparameter für das Ansprechen der Behandlung. Dass sich beispielsweise der histologische Befund trotz nahezu unverändert hoher ALT-Werte gebessert haben könnte, sei unwahrscheinlich, schreiben die Autoren.
Quelle:
http://www.springermedizin.de/mariendistelextrakt-ohne-nutzen-bei-refraktaerer-hepatitis-c/3101418.html
Fried MW et al. Effect of Silymarin (Milk Thistle) on Liver Disease in Patients With Chronic Hepatitis C Unsuccessfully Treated With Interferon Therapy.JAMA 2012; 308(3): 274-282
Kommentar & Ergänzung:
Mariendistelextrakt bzw. Silymarin / Silibinin werden in der Phytotherapie als Leberschutzmittel empfohlen bei Zufuhr leberbelastender Stoffe (Alkohol, gewisse Medikamente) und als Begleittherapie bei chronischen Lebererkrankungen (Leberentzündung, Leberzirrhose, Fettleber).
In den letzten Jahren interessierte sich die Forschung zudem auch für eine möglicherweise vorhandene, direkte antivirale Wirkung.
Diese Studie ist ein Rückschlag für Silymarin bzw. die Heilpflanze Mariendistel, auch wenn festzuhalten ist, dass Probanden gewählt wurden, die nicht auf die Interferonbehandlung angesprochen haben. Es ist ein Teilbereich der Mariendistel-Anwendung, der durch die Studie in Frage gestellt wird.
Zu Mariendistel siehe auch:
P. S.:
Ich werde nach solchen Berichten über Misserfolge in der Phyto-Forschung immer wieder mal gefragt, weshalb ich derart „negative“ Meldungen über Heilpflanzen bringe.
Darum hier gleich präventiv folgende Feststellung:
Man muss positive und negative Studienergebnisse gleichermassen zu Kenntnis nehmen, darüber nachdenken, sie diskutieren und daraus Schlüsse ziehen.
Alles andere ist tendenziös und unlauter.
Wer ausschiesslich bestätigende Ergebnisse sammelt und Misserfolge unter den Tisch wischt, verhält sich meines Erachtens ähnlich wie Sektenmitglieder. Fundamentalistische Gläubige rezipieren selektiv.
Man kann diesen sehr fragwürdigen Umgang mit Kritik in manchen Bereichen der Komplementärmedizin gut beobachten. Jeder Hauch eines Beweises für die Wirksamkeit der eigenen Methode wird sofort zur Kenntnis genommen und in alle Welt hinaus posaunt. Jede In-Frage-Stellung der eigenen Verfahren wird dagegen ignoriert oder als Produkt einer bösen Pharmamafia hingestellt.
Betreffend Umgang mit Kritik jedenfalls müssen viele Bereiche der Komplementärmedizin meines Erachtens noch einiges dazulernen, wenn sie ernster genommen werden wollen.
Peinlich war beispielsweise ein Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ unter dem Titel: „Homöopathie-Lobby im Netz – Die schmutzigen Methoden der sanften Medizin“
Da finanzieren doch der Deutsche Zentralverein homöopathischer Ärzte (DZVhÄ), die Anthroposophika-Hersteller Weleda und Wala, soviel die Homöopathika-Hersteller Heel, Staufen Pharma, Hevert und DHU einen Journalisten, der mit diesem Geld im Internet Kritiker ihrer Produkte persönlich diffamiert.
Die „Süddeutsche“ schreibt dazu:
„Arzneimittelhersteller finanzieren einen Journalisten, der die Kritiker ihrer Produkte anschwärzt – bei jedem herkömmlichen Pharmakonzern wäre dies ein Skandal. Das zeigte beispielsweise der Fall des Lobbyisten Adel Massaad, der 2006 offenbar im Auftrag mehrerer Konzerne versuchte, den damaligen Leiter des Arzneimittelprüfinstituts IQWiG, Peter Sawicki, zu diskreditieren.“
Offenbar haben inzwischen immerhin DHU und Weleda die Finanzierung dieser Schmutzkampagnen eingestellt.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterexkursionen in den Bergen / Heilkräuterkurse
Weiterbildung für Spitex, Pflegeheim, Psychiatrische Klinik, Palliative Care, Spital:
Interessengemeinschaft Phytotherapie und Pflege: www.ig-pp.ch
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