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Duo Ryser+Schonfeldt
Hier in der Eingangshalle im Bahnhof Wiedikon befinden sich zwei Wandgemälde. Angebracht hat sie 1927 der Grafiker Otto Baumberger – als Werbung für das Warenhaus Jelmoli.
Das Wandgemälde auf der einen Seite zeigt im Zentrum drei gut gekleidete, weisse Frauen, die in ein Verkaufsgespräch verwickelt sind, und mit einem weissen Verkäufer einen Stoff betrachten. Es gibt ausserdem ein weisses Kind, das ein Buch liest und ein anderes, das mit einer Holzeisenbahn spielt. Das Wandgemälde auf der gegenüberliegenden Seite zeigt im Zentrum drei “Peopleof colour” die Kolonialwaren wie Tee, tropische Früchte und einen Teppich feilbieten. Dabei repräsentieren sie verschiedene Regionen, von denen die Schweiz in den 1920er-Jahren koloniale Waren bezogen hat. Im Gegensatz zum ersten Bild sind diese drei Figuren frontal dargestellt: Sie wenden sich direkt an die Betrachter*innen und preisen ihnen ihre Waren an.
In der Gegenüberstellung der beiden Bilder wird die Herstellung des sogenannten "Anderen" ersichtlich: Die weissen Figuren werden mit Büchern und Eisenbahn in Verbindung gebracht, die die angeblichen Fortschritte der “westlichen” Zivilisation, also Reichtum, Wissen, Technik und Freizeit, symbolisieren sollen. Davon ausgeschlossen bleiben die “People of colour“. Sie werden stattdessen auf ihre klischeehafte Funktion als “Teppichhändler” oder “Früchteverkäufer” reduziert. Ausserdem verfügen sie über einen geringeren Handlungsspielraum: Während die weissen Figuren als handelnde Teilnehmer*innen einer Gesellschaft dargestellt werden, können die People“of colour“ ausschliesslich passiv darauf warten, dass ihre Waren gekauft werden.
Die beiden Wandgemälde zeigen auf, wie vor dem Hintergrund der gewaltvollen imperialen Weltordnung auf rassistische Weise zwischen einem angeblich fortschrittlichen “Wir“ und einem vermeintlich exotisch “Anderen“ unterschieden wurde. Diesen Prozess nennt man “Othering” (auf Deutsch "Verandern“) und er hat sich bis heute in das Denken und Handeln der Schweizer Gesellschaft eingeschrieben. Wie tief das geht, zeigt die Tatsache, dass die Wandgemälde 1997 aufwändig restauriert und zusammen mit dem gesamten Bahnhof unter Denkmalschutz gestellt wurden.
Seit mehr als neunzig Jahren sind die Wandgemälde Teil der Eingangshalle des Bahnhofs – und damit auch des Quartiers Wiedikon. Ein Quartier, das seit den 1950er-Jahren vermehrt von Arbeitsmigrant*innen aus Italien und Spanien bewohnt wird und sich heute durch eine kulturelle Vielfalt auszeichnet.
Was bedeutet es heute, dass diese rassistischen Darstellungen von “People of colour” im Bahnhof Wiedikon hängen und welche Botschaft vermitteln diese stereotypen Bilder den Passant*innen, die jeden Tag daran vorbeigehen? Müssten sie als rassistische (Werbe-)Bilder aus dem öffentlichen Raum entfernt werden oder erlauben es uns gerade diese Bilder an die kolonialen Verstrickungen der Schweiz zu erinnern? Wer definiert, woraus unser Kulturerbe besteht? Und wessen Kulturerbe bleibt von dieser Definition ausgeschlossen?