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| Eusebius von Cäsarea († um 340) - Kirchengeschichte (Historia Ecclesiastica)

Erstes Buch
13. Kap. Ein Bericht über den Herrscher der Edessener.
13. Der Fall Thaddäus verlief also:
Da die Gottheit unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus infolge ihrer wunderbaren Machtentfaltung bei allen Menschen bekannt wurde, gewann sie auch von denen, welche im Auslande, weit weg von Judäa, wohnten, viele Tausende für sich, weil sie auf Heilung von Krankheiten und vielen anderen Beschwerden hofften, König Abgar z. B., welcher ruhmreich über die Völker jenseits des Euphrat regierte und an einer schweren körperlichen, mit menschlicher Kraft nicht zu heilenden Krankheit litt, wandte sich, als er von dem berühmten Namen Jesus und von seinen allgemein beglaubigten Wundern hörte, in einem Briefe hilfeflehend an ihn mit der Bitte, geheilt zu werden. Auf sein Verlangen, zu kommen, ging Jesus damals allerdings nicht ein, doch würdigte er ihn eines eigenen Briefes,1 in welchem er versprach, einen seiner Jünger an ihn zu schicken, um ihn von der Krankheit zu befreien und zugleich ihm und allen seinen Angehörigen das Seelenheil zu geben. Und nicht lange stand es an, da erfüllte sich das Versprechen. Nach der Auferstehung und Himmelfahrt Jesu nämlich schickte Thomas, einer von den zwölf Aposteln, auf göttlichen Antrieb hin den Thaddäus, der ebenfalls zu den siebzig Jüngern Christi gehörte, als Prediger und Verkündiger der christlichen Heilslehre nach Edessa, so daß durch [S. 54] ihn das Versprechen unseres Erlösers in Erfüllung ging. Für diese Tatsache gibt es ein schriftliches Zeugnis, das den Archiven der damals königlichen Stadt Edessa entnommen ist. In den dortigen amtlichen Urkunden, welche über die früheren Ereignisse und auch über die Geschichte des Abgar berichten, ist auch die erwähnte Begebenheit bis auf den heutigen Tag aufbewahrt. Am besten ist es, die Briefe selbst zu hören, die wir dem Archiv entnommen und wörtlich aus dem Syrischen übersetzt haben. Sie lauten wie folgt.
Abschrift des Briefes, welchen der Fürst Abgar an Jesus geschrieben und durch den Schnelläufer Ananias an ihn nach Jerusalem gesandt hatte: „Abgar Ukkama,2 der Fürst, entbietet Jesus, dem guten Heilande, der in Jerusalem erschienen ist, seinen Gruß. Ich habe von dir und deinen Heilungen Kunde erhalten und erfahren, daß diese ohne Arznei und Kräuter von dir gewirkt werden. Du machst nämlich, wie erzählt wird, Blinde sehend, Lahme gehend, Aussätzige rein, treibst unreine Geister und Dämonen aus, heilst die, welche schon lange von Krankheiten gequält werden, und erweckst Tote.3 Auf alle diese Nachrichten hin sagte ich mir: entweder bist du Gott und wirkst diese Wunder, weil du vom Himmel herabgestiegen bist, oder du bist, weil du dieses wirkst, der Sohn Gottes. Daher wende ich mich in diesem Briefe an dich mit der Bitte, dich zu mir zu bemühen und mich von meinem Leiden zu heilen. Ich habe nämlich auch gehört, daß die Juden wider dich murren und dir Böses tun wollen. Ich habe eine sehr kleine, würdige Stadt, welche für uns beide ausreicht.“
Das Antwortschreiben Jesu, vermittelt durch Ananias, den Eilboten des Fürsten Abgar: „Selig bist du, weil du an mich glaubst, ohne mich gesehen zu haben. Es ist nämlich über mich geschrieben,4 8 daß die, welche mich [S. 55] gesehen haben, nicht an mich glauben, und daß die welche mich nicht gesehen haben, glauben und leben sollen. Bezüglich deiner schriftlichen Einladung, zu dir zu kommen, mußt du wissen: es ist notwendig, daß ich zuerst all das, wozu ich auf Erden gesandt worden bin erfülle und dann, wenn es erfüllt ist, wieder zu dem zurückkehre, der mich gesandt hat. Nach der Himmelfahrt werde ich dir einen meiner Jünger senden, damit er dich von deinem Leiden heile und dir und den Deinigen das Leben verleihe.“
Mit diesen Briefen ist noch folgender Bericht in syrischer Sprache verbunden: „Nach der Himmelfahrt Jesu sandte Judas, der auch Thomas genannt wurde, den Apostel Thaddäus, einen der Siebzig, zu Abgar. Er kam und wohnte bei Tobias, dem Sohne des Tobias. Sobald man davon erfuhr, wurde dem Abgar mitgeteilt: ‚Ein Apostel Jesu ist gekommen, wie er es dir im Briefe angekündigt hatte.’ Thaddäus begann nun, in der Kraft Gottes jede Krankheit und Schwachheit zu heilen, so daß sich alle verwunderten. Als Abgar von seinen herrlichen, wunderbaren Taten und den Heilungen hörte, da kam er auf die Vermutung, daß dieser es ist, von dem Jesus im Briefe gesagt hatte: ‚Nach der Himmelfahrt werde ich dir einen meiner Jünger senden, damit er dich von deinem Leiden heile.’ Er ließ daher den Tobias, bei dem jener wohnte, zu sich kommen und sprach zu ihm: ‚Ich habe gehört, daß ein wundertätiger Mann zu dir gekommen ist und in deinem Hause wohnt. Führe ihn zu mir!’ Tobias ging nun zu Thaddäus und sagte ihm: ‚Der Fürst Abgar hat mich zu sich kommen lassen und mir befohlen, dich zu ihm zu führen, auf daß du ihn heilest.’ Thaddäus erwiderte: ‚Ich komme, denn in Kraft bin ich zu ihm gesandt’. Am folgenden Tage in der Frühe machte sich Tobias auf, nahm den Thaddäus mit sich und ging zu Abgar. Als er kam, da zeigte sich sofort schon beim Eintreten dem Abgar in Gegenwart der [S. 56] umstehenden hohen Würdenträger ein deutliches Gesicht im Antlitz des Apostels Thaddäus. Kaum sah es Abgar, da fiel er vor Thaddäus nieder, und Staunen ergriff alle, welche es sahen. Das Gesicht allerdings sahen sie nicht, es erschien nur dem Abgar. Dieser fragte den Thaddäus: ‚Bist du wirklich ein Jünger Jesu, des Sohnes Gottes, der mir gesagt hatte: Ich werde dir einen meiner Jünger senden, damit er dich heile und dir das Leben verleihe?’ Thaddäus erwiderte: ‚Weil du vertrauensvoll an den geglaubt hast, der mich gesandt hat, darum wurde ich zu dir geschickt. Und wenn du wiederum glaubst, werden deinem Glauben entsprechend die Wünsche deines Herzens in Erfüllung gehen.’ Abgar sagte zu ihm: ‚Ich habe so sehr an ihn geglaubt, daß ich bereit gewesen wäre, mit einem Heere die Juden, welche ihn gekreuzigt hatten, niederzuhauen, wenn nicht die Herrschaft der Römer mich daran gehindert hätte.’ Thaddäus entgegnete: ‚Unser Herr hat den Willen seines Vaters erfüllt und ist dann zu seinem Vater aufgefahren.’ Abgar sagte zu ihm: ‚Auch ich habe an ihn und seinen Vater geglaubt.’ Thaddäus sprach: ‚Daher lege ich in seinem Namen meine Hände auf dich.’ Nachdem er dies getan hatte, wurde Abgar sofort von seiner Krankheit und seinem Leiden geheilt. Abgar wunderte sich, daß das, was er über Jesus gehört hatte, dem entsprach, was er an seinem Jünger Thaddäus beobachtete, welcher nicht nur ihn ohne Arznei und ohne Kräuter heilte, sondern auch Abdus, den Sohn des Abdus, welcher an Podagra litt. Dieser kam ebenfalls zu ihm, fiel ihm zu Füßen nieder und wurde unter Gebet und Handauflegung geheilt. Auch noch viele andere Bürger heilte er; er wirkte große Wunder und predigte das Wort Gottes. Hierauf erklärte Abgar: ‚Du, Thaddäus, wirkst dieses in der Kraft Gottes, auch wir haben dich bewundert. Doch ich bitte dich nun auch, mir über die Erscheinung Jesu und über seine Wunder zu berichten und mir zu sagen, in welcher Kraft er die Taten verrichtete, von welchen ich [S. 57] gehört habe.’ Thaddäus antwortete: ‚Jetzt will ich schweigen. Da ich aber gesandt bin, das Wort zu verkünden, versammle mir morgen alle deine Bürger! Vor diesen werde ich predigen und in ihnen werde ich das Wort des Lebens aussäen, indem ich berichte von dem Erscheinen Jesu, von seiner Sendung, von dem Zwecke, zu welchem ihn der Vater geschickt hat, von seiner Kraft, seinen Wundern und den Geheimnissen, die er der Welt mitteilte, von der Art und Weise, in der er die Wunder wirkte, von seiner neuen Lehre, von seiner Erniedrigung und Demütigung und von der Art, wie er sich verdemütigte, selbst entäußerte und seine Gottheit klein machte,5 von seiner Kreuzigung, seinem Abstieg in den Hades, vom Niederreißen des Zaunes, der von Urzeit her nicht niedergerissen wurde, von der Auferstehung von den Toten und davon, daß er, während er allein herabgestiegen war, in Begleitung einer großen Schar zu seinem Vater auffuhr.’ Abgar erteilte nun den Befehl, die Bürger sollten sich am kommenden Morgen versammeln und die Predigt des Thaddäus anhören. Sodann gab er die Weisung, dem Thaddäus Gold und Edelmetalle zu schenken. Doch dieser nahm es nicht an mit dem Bemerken: ‚Wie sollen wir, nachdem wir eigenes Vermögen aufgegeben haben, fremdes Gut annehmen?’ Dies geschah im Jahre 340.“6
Diesen Bericht habe ich nicht ohne Nutzen wörtlich aus dem Syrischen übersetzt. Er möge hier seinen geeigneten Platz finden!7 [S. 58]
1: Der Briefwechsel zwischen Abgar und Jesus ist nicht historisch. Die Absicht, die Kirche von Edessa an die Apostel anzuknüpfen und ihr apostolisches Ansehen zu verleihen, mag zur Erfindung dieses Briefwechsels und der ganzen Abgarlegende Anlaß gegeben haben. Vgl. Edgar Hennecke, Handbuch zu den neutestamentlichen Apokryphen“ (Tübingen 1914) S. 153—165: „Abgarsage“ v A. Stülcken, Ders., „Neutestamentliche Apokryphen“ (Tübingen 1904) S. 76-79.
2: = der Schwarze.
3: Vgl. Matth. 11, 5; Luk. 7, 22.
4: Vgl. Is. 6, 9ff; 52, 15; Matth. 13, 14 ff.; Joh. 12, 39ff.; Apg. 28, 25 ff.
5: ἐσμίκρυνεν αὐτοῦ τὴν θεότητα
6: Die Jahreszahl ist nach der mit dem 1. Oktober 312 v. Chr. beginnenden seieucidischen ִÄra angegeben. Nach unserer christlichen Zeitrechnung fällt somit die erwähnte Geschichte in das Jahr 28/29, das bis auf Eusebius als das Todesjahr Jesu galt; erst nach Eusebius wird unter der Annahme der dreijährigen Wirksamkeit Jesu sein Tod in den Nisan 32 verlegt.
7: Die Abgarsage liegt in erweiterter und veränderter Gestalt vor in der syrischen Doctrina Addai, welche auch in armenischer Übersetzung überliefert ist. Die syrische Ausgabe mit englischer Übersetzung besorgte G. Phillips, „The Doctrine of Addai the Apostle“ (London 1876), Diese Doctrina Addai weiß u. a, noch zu berichten, daß der Archivar und Hofmaler Abgars das Bildnis des Herrn mit auserlesenen Farben gemalt und Abgar dasselbe in einem seiner Paläste aufgestellt habe. Über eine noch weitere Ausgestaltung der Abgarsage vgl. v. Dobschütz, „Christusbilder“, in TU 18 (Leipzig 1899) S. 102 ff. — Die Briefe Jesu und Abgars wurden am Stadttor und an Privathäusern zu Edessa als Schutzmittel gegen das Böse angeschlagen. Selbst noch bis ins 19. Jahrhundert wurden sie an den Türpfosten englischer Bauernhäuser zur Abwehr des Bösen befestigt.