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Autobiographische Praxis im Osmanischen Reich
Selbst Autoren wie Edward Said (1935-2003), die sich vehement gegen jeglichen Eurozentrismus verwahrten, kamen zu dem Schluss, die Autobiographie als Genre habe in der arabischen Literatur ein Schattendasein geführt. Jüngere Studien haben jedoch die Existenz autobiographischer Schriften im Osmanischen Reich seit dem späten 16. Jahrhundert belegen können. Einen Aufschwung erlebte das autobiographische Schreiben vor dem Hintergrund der sogenannten Tanzimat-Reformen ab 1839, die neue Formen individuellen und schichtenspezifischen Selbstbewusstseins unter den Reichsbewohnern hervorbrachten. Entscheidende Wendepunkt stellten die jungtürkische »Revolution« von 1908 bzw. die »Zweite Konstitutionelle Periode« der Jahre 1908-1918 dar. Erstmals lernte eine signifikante Gruppe der Reichsbevölkerung die Möglichkeiten politischer Partizipation kennen. Die starke Politisierung erfasste auch autobiographische Schriften. Auf den Rückgang autobiographischer Veröffentlichungen im Zuge einer immer restriktiveren Publikationspolitik und einer langen Abfolge von Kriegen seit 1912 folgte ab 1923 eine neue Konjunktur autobiographischen Schreibens in der Türkischen Republik. Hinsichtlich der literarischen Darstellungsmittel sowie der sozialen Kreise der Verfasser unterschieden sich die autobiographischen Schriften der frühen Republikzeit nicht wesentlich von der spätosmanischen Zeit. Im Mittelpunkt der Erinnerungen stand die politisch und gesellschaftliche unruhige Zeit seit der Jungtürkischen Revolution sowie die Politik der autoritären Modernisierung unter Mustafa Kemal (Atatürk) in den 1920er und 1930er Jahren. Die politischen Memoiren von ehemaligen Weggeführten Mustafa Kemals, die sich in den 1920er Jahren zu fundamentalen Kritikern seiner Politik wandelten (Kazım Karabekir, Ali Fuat Cebesoy, Rauf Orbay u.a.), konnten erst ab den 1950er Jahren publiziert werden. Trotz des enormen Aufschwungs der historischen Osmanistik in den letzten Jahrzehnten stellt die Geschichte der Autobiographie im Osmanischen Reich und der frühen türkischen Republik ein schmerzliches Desiderat dar. Die Bedeutung autobiographischer Schriften für die Auseinandersetzung mit der osmanisch-türkischen 'Achsenzeit', also der entscheidenden Zeit des Übergangs vom Osmanischen Reich zur türkischen Republik ist offensichtlich noch nicht hinreichend erkannt.