Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03337.jsonl.gz/2539

Mehr und mehr Arbeitgeber werden auf die besonderen Merkmale von Menschen mit autistischen Störungen aufmerksam. Sie hoffen, deren Fähigkeiten wie absolute Fokussierung und stundenlange Konzentration in Wettbewerbsvorteile umzumünzen.
Personalrekrutierer weisen immer stärker auf die Ähnlichkeiten hin, die zwischen einem guten Programmierer und einer Person mit dem Asperger Syndrom bestehen, einer Form von hochfunktionalem Autismus.
Dieser äussert sich darin, dass sich jemand ausschliesslich mit einem einzigen Thema befasst und eine Vorliebe für Zahlen, Muster und repetitive Aufgaben aufweist.
"Viele Menschen mit der Autismus-Störung ASD haben eine Affinität zum Testen von Software, zur Entwicklung von Anwendungen und zum Programmieren", sagt Thomas van der Stad, Geschäftsführer der Firma Specialisterne Schweiz, gegenüber swissinfo.ch. "Im IT-Bereich denkt man in den Kategorien Ja und Nein. Der Bereich ist sehr analytisch und klar strukturiert, was autistischen Personen sehr entgegen kommt."
"Not fitting in is a good thing", übersetzt etwa mit "Es ist gut, nicht hinein zu passen", lautet die Devise des 2011 gegründeten Unternehmens, einer Lizenznehmerin der People Foundation Denmark, einer Stiftung, die Jobs für über eine Million Menschen mit Autismus schaffen will.
Genau jene Merkmale, die Menschen mit Autismus üblicherweise vom Arbeitsmarkt ausschliessen, machten sie zu wertvollen Mitarbeitern, so die Überzeugung der Organisation.
Massgeschneidertes Umfeld
Bei Specialisterne arbeiteten die Menschen in einem strukturierten, persönlich zugeschnittenen Umfeld, das ihnen so ermöglicht, das Maximum aus ihren Fähigkeiten herauszuholen und hochqualitative Arbeit zu leisten, ohne in Stresssituationen zu geraten, erklärt van der Stad.
"Sie müssen sich am Arbeitsplatz nicht an die üblichen Normen halten wie ein guter Team-Player, emphatisch oder flexibel zu sein und gut mit Stress umgehen können", illustriert er weiter.
Immer mehr Firmen entdecken das Potenzial von Menschen mit autistischen Störungen, das diese zu guten Mitarbeitern macht.
Im Mai startete der deutsche Software-Hersteller SAP ein Programm, autistisch veranlagte Menschen als Tester zu engagieren. Bis 2020 will SAP 650 Autisten beschäftigen, was einem Prozent aller Beschäftigten entsprechen würde.
Eine Woche später lancierte die US-Hypothekenbank Freddie Mac ein Programm mit bezahlten Praktikumsstellen, das sich spezifisch an Studentinnen und Studenten mit autistischen Störungen richtet. Beide Firmen stellten heraus, dass sie einerseits die Talente dieser Menschen nutzen wollten. Andererseits gehe es darum, diesen, die sonst auf dem Arbeitsmarkt eher marginalisiert würden, eine gute Stelle anzubieten.
Nur mit der Anstellung von Menschen, die anders und innovativ denken würden, sei SAP in der Lage, die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern, sagte die Personalverantwortliche Luisa Delgado bei der Ankündigung des Programms.
Specialisterne
Der Name ist dänisch und steht für "Spezialisten". Es ist ein soziales Unternehmen, in dem die Mehrheit der Beschäftigten ASD aufweisen.
Gründer war 2004 Thorkil Sonne, ein dänischer IT-Manager, bei dessen Sohn 1999 Autismus diagnostiziert worden war.
Specialisterne Schweiz existiert seit 2011.
Die Angestellten testen hauptsächlich Software, entwickeln neue Applikationen und Computerprogramme für private und öffentliche Kunden.
Als Dach fungiert die dänische Specialist People Foundation, die Konzept und Rechte am Gechäftsmodell besitzt. Ziel ist die Schaffung von 1 Mio. Stellen für Menschen mit Autismus.Infobox Ende
Alles rundherum vergessen
"In den Wochen danach haben wir zahlreiche Anfragen von Kunden erhalten, was wir diesbezüglich für sie tun könnten", berichtet van der Stad. Er ist wie die meisten seiner Manager-Kollegen bei Specialisterne so genannt neurotypisch. So nennen Menschen mit Autismus jene, die keine solchen Symptome aufweisen. Also "normal" sind.
Eine Ausnahme ist Gerhard Gaudard. Beim IT-Projektmanager wurde das Asperger Syndrom vor zwei Jahren diagnostiziert. "Eine der wichtigsten Eigenschaften von autistischen Menschen ist die enorme Konzentrationsfähigkeit auf eine Aufgabe. Wir können uns für Stunden fokussieren und dabei die Zeit und die Umwelt vergessen", sagt Gaudard, der ein 80%-Pensum absolviert.
Autisten könnten auch extrem schnell und anders denken, als dies neurotypische Personen tun könnten. "Wir finden Lösungen, die normale Menschen nie finden würden. Aber nur, wenn das Umfeld stimmt. Falls nicht, können wir diese extreme Arbeit nicht leisten", so Gaudard.
Persönliche Unterstützung und Struktur seien sehr wichtig, bestätigt van der Stad, die Kommunikation und das Gespräch mit autistischen Menschen müssten sehr strukturiert sein.
Die Strukturen könnten jedoch nicht für alle dieselben sein. "Wir behandeln alle individuell und klären ab, was genau sie benötigen. Einige sagen kein Wort, andere sprechen sehr viel – wir bieten ihnen die beste Unterstützung, damit sie ihr Potenzial ausschöpfen können."
ASD
Die Abkürzung steht für Autistic spectrum disorders. Weltweit weist rund 1% aller Menschen solche Störungen auf, inkl. dem Asperger Syndrom.
In der Schweiz leben laut Autismus Schweiz rund 50'000 Menschen mit ASD, 10'000 von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Laut jüngsten Studien weisen 0,7% aller Kinder Anzeichen von ASD auf.
ASD ist bei Knaben fast fünfmal häufiger als bei Mädchen (1 von 54 gegen 1 von 252).
Ursache der Störungen ist eine Kombination von genetischen und Umweltfaktoren.
Die Störungen reichen von geistiger Zurückgebliebenheit über die Unfähigkeit zur Kommunikation bis zu leichteren Symptomen in Kombination mit einigen hochausgebildeten Funktionen, wie sie Menschen mit dem Asperger Syndrom aufweisen.
Zentrale Defizite bestehen bei Kommunikation und Sozialkompetenz.
Hochfunktionaler Autismus zeigt sich in intensiver oder gar obsessiver Fokussierung und hartnäckiger Detail-Versessenheit.
Solche Fähigkeiten wie diese machen autistische Menschen potenziell attraktiv als Beschäftigte in grossen Unternehmen.Infobox Ende
Eltern oft alleine gelassen
In Sachen Integration von Menschen mit ASD in die Arbeitswelt zähle die Schweiz nicht zu den Pionieren, relativiert Van der Stad. Nur wenige seien in den Arbeitsmarkt integriert, exakte Zahlen gebe es aber keine.
Ray Pierce, Mitbegründer einer Zürcher Vereinigung zur Unterstützung von Eltern mit autistischen Kindern betont, dass rund 75% der Betroffenen oder mehr keine speziellen Talente im IT-Bereich aufweisen würden.
Sein 19-jähriger Sohn hatte insofern Glück, als dass er in der halbgeschützten Umgebung einer Stiftung als Gärtner arbeiten kann. Nach Beendigung der Schule halfen ihm Fachleute mit der Karriereplanung und machten ihn auf spezielle Ausbildungsprogramme aufmerksam.
Andere Familien hätten da nicht so viel Glück gehabt und wären auf sich allein gestellt, sagt Ray Pierce. Zudem seien die speziellen Lehrlingsprogramme praktisch ausgebucht. "Eine andere Unterstützung gibt es nicht. Eltern müssen sehr starke Anwälte ihrer Kinder sein", lautet seine Einsicht.
Der Vater würde vermehrte Anstrengungen zur Gewinnung neuer Unternehmer begrüssen, die bereit sind, Menschen mit Autismus zu beschäftigen. "Es lohnt sich, in sie zu investieren. Finden junge Menschen eine Stelle, die auf sie zugeschnitten sind, hilft dies, die Kosten für die finanzielle Unterstützung zu senken, die sie benötigen."
Specialisterne Schweiz bietet Menschen mit ASD eine vierjährige Berufsausbildung im IT-Bereich an. Dieses Beispiel könnte anderen als Modell dienen. "Wir wollen in den nächsten vier bis fünf Jahren 50 bis 60 Absolventen auf den Arbeitsmarkt bringen", umreisst van der Stad die Zielsetzung.
Die Ausbildung umfasst Theorie und Praktika-Einsätze und wird mit einem eidgenössischen Fähigkeitsausweis abgeschlossen. Der erste Lehrgang startet im August und wird von der Schweizer Invalidenversicherung getragen.
(Übertragung aus dem Englischen: Renat Kuenzi), swissinfo.ch