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Mickrige 258 cm2 misst die bedruckbare Fläche mitsamt Deckel eines 150-Gramm-Bechers mit Joghurt von Coop. Auf dieser Fläche sind 23 Informationen untergebracht - plus 27 noch weitergehende Angaben.
Insgesamt richten sich 50 Aussagen an die verschiedenen Segmente von Jogurtkäufern, 40 davon in drei Sprachen. Teilweise sind sie auch noch erklärungsbedürftig. Die Prozentzahlen in der Nährwerttabelle werden als Prozente des Richtwertes für die Tageszufuhr erläutert. Andere Produzenten sprechen von der empfohlenen Tagesdosis ETD oder von «Prozent des Richtwertes für die Tageszufuhr einer erwachsenen Person, basierend auf einer Ernährung von täglich 2000 kcal». Das könnte auch für ernährungsbewusste Leute zu viel des Guten sein.
Schwierige Rechenübungen
Bei gewissen Ernährungswissenschaftlern und Verbraucherschützern besteht die Illusion, der Konsument werde sich anhand dieses Zahlensalates Tag für Tag eine ausgewogene Ernährung zusammenstellen. Er kann den Listen entnehmen, wo er zum Übermarchen tendiert und welche wichtigen Nährstoffe ihm noch in welcher Menge fehlen, nachdem er eine Portion eines Produkts vertilgt hat. Allerdings müsste er alles vom Modell des Erwachsenen mit täglich 2000 kcal Energieaufnahme auf sein eigenes Alter und seine Sollkalorienaufnahme umrechnen.
Die Lust und Fähigkeit des Konsumenten zum Denken und Rechnen wird von diesem sogenannten GDA-System - Guideline Daily Amount - überstrapaziert. Es mutet ihm zu, anhand der Zahlen herauszufinden, von welchen anderen Produkten er noch wie viele Portionen essen darf oder muss, um das optimale Tagssoll nicht zu überbieten oder zu unterschreiten.
Die Labelflut wächst
Das in Grossbritannien verwendete viel einfachere Ampelsystem mit rot, gelb oder grün untermalter Kennzeichnung des Fett-, Zucker- und Salzgehalts eines Lebensmittels auf der Frontseite der Verpackungen dürfte bei den Konsumenten grössere Chancen haben. Für die Verpackungsdesigner sind die Ampeln leichter auf dem knappen Platz unterzubringen als die GDA-Tabellen. Doch die EU ist auf dem besten Weg, das Ampelsystem zu verbieten. Erfahrungsgemäss zieht die Schweiz bei der Lebensmittelregulierung jeweils sofort nach.
Die Labelflut wächst und wächst. Es hat sich ein eigentliches Wettrennen der Grossverteiler und Produzenten hinsichtlich der Bio- und Oekolabel für Food und Non-Food entwickelt. Eine Liste des Eidgenössischen Büros für Konsumentenfragen (bfk) vom März 2009 zeigt, dass die Verbraucher auf den Produkten bereits über 170 Umwelt-, Bio-, Sozial-, Qualitäts- und Herkunftslabels finden, die ihnen ein Plus an Qualität, Gesundheit und gutem Gewissen verheissen. Wenn man schon ständig von allen Seiten Konsumschelte einheimsen muss, ist man dankbar für die Absolution, die von solchen Symbolen auf der Verpackung gewährt wird.
Die Liste «Labels und labelähnliche Zeichen in der Schweiz» ist gemäss einem Disclaimer des bfk weder vollständig noch abschliessend, da sie ja permanent Zuwachs erhält. So will jetzt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zusätzlich zur Nährwertdeklaration ein freiwilliges Healthy Choice Label einführen, das innerhalb bestimmter Lebensmittelkategorien die gesünderen Alternativen aufzeigt.
Das BAG beauftragte die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung (SGE) mit einer Bestandesaufnahme von Label-Organisationen. Das BAG rechnet damit, dass im Sommer die Grundlagen vorliegen, damit es über das Healthy Choice Label entscheiden kann. Das würde dann die Lebensmittelverpackungen mit einem weiteren, wenn auch fakultativen Symbol bereichern und den Platz für die obligatorischen Angaben noch mehr beengen. Es ist schon heute nicht mehr möglich, die vorgeschriebenen Angaben gut sichtbar und deutlich lesbar auf den Verpackungen anzubringen, wie es die Gesetze verlangen.
Nur schon die Verordnung des EDI über die Kennzeichnung und Anpreisung von Lebensmitteln (LKV) schreibt für vorverpackte Lebensmittel 19 verschiedene Angaben vor. Davon ist knapp ein halbes Dutzend jeweils für ein Lebensmittel obligatorisch. Die angestrebte umfassende Information des Konsumenten, die ihm lückenlose Transparenz für einen in gesundheitlicher Hinsicht optimalen und auch ökonomischen Kaufentscheid liefern soll, kollidiert mit der ökologischen und ökonomischen Minimierung von Verpackungsmaterial. Das Ergebnis ist die permanente Schelte über zu grosse Verpackungen und gleichzeitig auch über viel zu kleine, unleserliche Beschriftungen.
Dass auch eine Verpackung nicht zwei Herren gleichzeitig dienen kann - nämlich dem Gesundheitsapostel und dem Oekopapst - scheint noch nicht in den Köpfen der Verbraucherschützer angelangt zu sein. Eine Lösung, bei der sich die Information auf der Verpackung auf den Barcode beschränken würde, offeriert die Migros in ihrem Magazin vom 22. Februar 2010.
Sprechendes Produkt als Lösung
Ein für Blinde und Sehbehinderte entwickeltes Barcode-Speech-Gerät liest den Strichcode und informiert mit einer künstlichen Stimme, um welchen Artikel es sich handelt. Die Migros hat bereits die Daten von rund 50000 Artikeln eingespiesen und damit den ersten Schritt zum sprechenden Produkt gemacht.
Auch im Non-Food-Bereich können die vorgeschriebenen Informationen zu Platzknappheit auf der Verpackung führen. Dass man das Heil vermehrt bei Symbolen sucht, drängt sich bei gefährlichen Produkten auf. Es herrscht Konsens darüber, dass dem Sicherheitsbedürfnis des Konsumenten und insbesondere fremdsprachiger Personen am besten mit eindrücklichen Bildzeichen gedient ist. Doch das hat sich bei zahlreichen gefährlichen Haushaltprodukten als Irrglaube erwiesen, insbesondere auch bei Backofenreinigern, Fleckensprays und Abflussreinigern.
Die Zahl der Unfälle mit chemischen Haushaltprodukten wird mit jährlich 56000 beziffert. Nachdem diese Produkte früher in Giftklassen eingeteilt waren, sind sie seit 2005 mit Piktogrammen auf orangem Grund ausgestattet.
Schwierig zu interpretieren
Zusätzlich sind auf den Verpackungen auch noch sogenannte Gefahrensätze (R-Sätze) und Sicherheitsratschläge (S-Sätze) aufgedruckt. Doch alldas scheint der Aufmerksamkeit der Konsumenten zu entgehen, was auf Überfütterung mit Informationen schliessen lässt. Produkte, die man in Selbstbedienung erwirbt, werden für ungefährlicher gehalten als solche aus dem Fachmarkt oder der Drogerie. Auch eine Produktekennzeichnung als «ökologisch» verführt zur Annahme, das Erzeugnis sei harmlos.
Die S- und R-Sätze werden von der grossen Mehrheit nicht gelesen, und falls sie ausnahmsweise gelesen werden, nicht beachtet. Sie sind eben oft zu klein gedruckt und an wenig auffälliger Stelle platziert. Es zeigte sich, dass das jetzige Kennzeichnungssystem für Laien schwieriger zu interpretieren ist als die früheren Giftklassen. Doch bereits am 1. Juni 2015 werden die heutigen Gefahrensymbole gleichzeitig mit der EU durch neue Symbole auf weissem Grund mit rotem Rahmen ersetzt.