Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/1908

Er ist einer der reichsten Männer der Ukraine und seit dem Mittag legitimer Präsident der Ukraine: Petro Poroschenko ist von der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) bestätigt worden, die seinen Wahlsieg als rechtmässig eingestuft hat. Der proeuropäische Oligarch Poroschenko soll die tief gespaltene Ukraine aus der Krise führen. Dem milliardenschweren Süsswaren-Fabrikanten trauen viele Ukrainer zu, Brücken in dem tief gespaltenen Land zu bauen und nach Monaten der Unruhen für eine gewisse Stabilität zu sorgen. Der Westen beäugt den Politiker etwas zurückhaltend, sieht aber derzeit keine Alternative an der Spitze des EU-Anrainers.
Der 48-Jährige, der wegen seines Pralinen-Imperiums den Spitznamen «Schokoladen-König» trägt, erkannte schnell die sich wandelnde Stimmung in seiner Heimat und stellte sich auf die Seite der Demonstranten auf dem Maidan in Kiew, die den prorussischen Staatschef Viktor Janukowitsch im Februar aus dem Amt trieben. Sein Fernsehsender Kanal 5 gab der Opposition ein Forum. Als Poroschenko sich entschied, die Proteste finanziell zu unterstützen, hatte er schon jahrelang in der ukrainischen Politik mitgemischt.
Mehrere Monate Aussenminister
Dabei wechselte er wiederholt die Lager, was ihm auch den Vorwurf einbrachte, er sei ein Opportunist. Er war unter anderem mehrere Monate Aussenminister unter der prowestlichen Führung der Galionsfiguren der Orangen Revolution, Präsident Viktor Juschtschenko und Ministerpräsidentin Julia Timoschenko. Während der Amtszeit Janukowitschs hatte er ein knappes Jahr das Wirtschaftressort inne. Weitere Spitzenämter waren Chef des Nationalen Sicherheitsrats sowie Ratsvorsitzender der Nationalbank.
Experten schätzen Poroschenko vor allem als flexibel ein – eine Fähigkeit, ohne die eine Führungspersönlichkeit in der Ukraine derzeit nicht auskomme. Sie halten Poroschenko für einen erfahrenen und gut vernetzten Politiker, der mit allen Lagern zusammenarbeiten und Gräben zwischen Ost und West überwinden kann. Er habe sich mit seinem prowestlichen Kurs ungeachtet aller Risiken letztendlich von Janukowitsch distanziert und damit politisches Profil bewiesen.
Genau diese Positionierung geriet dem laut Wirtschaftsmagazin Forbes siebtreichsten Ukrainer mit Universitätsabschluss in internationaler Ökonomie offenbar zum Nachteil. Im russischen Lipezk durchsuchten Polizisten unlängst eine Fabrik des Roshen-Konzerns von Poroschenko, legten sie still und froren die Konten ein. Für die ukrainische Führung ein klarer Fall von politischer Einflussnahme.
Poroschenko als Kompromisskandidat angesehen
Ob Poroschenko die Erwartungen der westlichen Regierungen erfüllen kann, muss sich noch zeigen. Bundeskanzlerin Angela Merkel, die zunächst den früheren Profiboxer Vitali Klitschko für das Präsidentenamt favorisiert habe, hat sich nach Einschätzung von Experten inzwischen mit Poroschenko arrangiert und sieht ihn als guten Kompromisskandidaten. Eine Alternative sei derzeit nicht in Sicht. Klitschko hatte auf seine Kandidatur bei der Wahl verzichtet und unterstützt nun den Unternehmer.
In der ukrainischen Bevölkerung geniesst Poroschenko, der aus der Nähe von Odessa im Süden des Landes stammt, mit einer Ärztin verheiratet ist und vier Kinder hat, grosses Ansehen. Er gilt als Pragmatiker und machte sich auch mit einer sozialen Stiftung beliebt, die sich um Bedürftige kümmert.
Poroschenko tritt mit dem Wahlkampfmotto «Auf neue Weise leben« an. Als Oligarch steht er aber auch für das alte System – für intransparente wirtschaftliche Strukturen, eine Symbiose von Politik und Wirtschaft. Einigen in der Maidan-Bewegung steht er damit möglicherweise nicht genug für Erneuerung. Doch andererseits dürften Wirtschaftsgrössen wie er und auch etwa der einflussreiche Magnat Rinat Achmetow aus der Ostukraine auch künftig eine Schlüsselrolle in der Ukraine spielen.
(reuters/me/sim)