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Seltsame Grenzverläufe gibt es auf allen Erdteilen. Nachdem wir einige Beispiele aus der Schweiz und aus Europa vorgestellt haben, ist nun Afrika an der Reihe. Viele Grenzen auf diesem riesigen Kontinent wurden einst von den Kolonialmächten gezogen – ohne jede Rücksicht auf Land und Leute.
Was für ein merkwürdiges Gebilde! Gambia, der kleinste Staat auf dem afrikanischen Festland, gleicht einem Wurm, der sich vom Atlantik her ins Landesinnere schlängelt. An der schmalsten Stelle ist das Land von Nord nach Süd nur gerade zehn Kilometer breit. Die ehemalige britische Kolonie ist zudem bis auf ihren Meereszugang komplett von Senegal umgeben, das seinerseits eine ehemalige französische Kolonie ist. Die merkwürdigen Grenzen wurden denn auch – wie so oft in Afrika – von den Kolonialmächten ohne Rücksicht auf die einheimische Bevölkerung ausgehandelt.
Die schlangenförmige Gestalt Gambias verdankt sich dem gleichnamigen Fluss – und dem atlantischen Sklavenhandel. Der Gambia war für grosse Schiffe bis weit ins Landesinnere schiffbar, das machte den Strom für die Briten interessant, die entlang der westafrikanischen Küste nur einige Handelsstützpunkte besassen. Über das Einfallstor des Gambia konnte die Royal African Company sich einen kräftigen Anteil am lukrativen Menschenhandel sichern – was freilich die französische Konkurrenz nicht eben begeisterte.
1889 konnten die rivalisierenden Mächte sich auf einen Kompromiss einigen: Die Briten erhielten links und rechts des Gambias einen Streifen Land, der so breit war, dass die britischen Schiffe nicht von französischem Territorium aus beschossen werden konnten. Zur Feststellung des Grenzverlaufs feuerten britische Kanonenboote vom Fluss aus zu beiden Seiten ins Land hinein – worauf Kolonialbeamte die Kugeln suchten und die Grenze festlegten. Die verläuft heute noch so wie damals, als Gambia noch «Madame Grossbritanniens Blinddarm» war.
«Panhandle» – Pfannenstiel – nennen Geographen lange, dünne Landzipfel, die sich zwischen fremdes Gebiet schieben. Einer der bekanntesten Panhandels ist der sogenannte Caprivizipfel. Das heisst, so hiess das «kartografische Kuriosum» bis vor wenigen Jahren, dann wurde es im Zuge der Dekolonialisierung in «Sambesi» umbenannt. Der Strom bildet die Grenze zu Sambia.
Der 450 Kilometer lange und an der schmalsten Stelle nur 32 Kilometer breite Landzipfel verdankte seinen Namen dem deutschen Reichskanzler Graf Georg Leo von Caprivi. Der Nachfolger Bismarcks setzte 1890 seine Unterschrift unter einen Vertrag, der einen Landabtausch zwischen dem Deutschen Reich und Grossbritannien besiegelte: Die Deutschen verzichteten auf alle Ansprüche auf Sansibar und in Kenia, dafür erhielten sie von den Briten die Nordsee-Insel Helgoland und eben jenen Zipfel, den man heute gern als «feuchte Nase» des ansonsten wüstentrockenen Namibias bezeichnet.
Namibia war damals noch Deutsch-Südwestafrika, und Berlin hoffte mit dem Gebietstausch, mittelfristig eine territoriale Verbindung dieser Besitzung mit Deutsch-Ostafrika (heute die Staaten Tansania, Ruanda und Burundi) und ein zusammenhängendes Kolonialgebiet zu schaffen. Der Zugang zum Sambesi sollte zudem alle Optionen für eine zukünftige «panafrikanische Wasserautobahn» offen halten. Keine der Hoffnungen erfüllte sich: Der Sambesi war als Wasserstrasse ungeeignet, wie sich zeigte, und das deutsche Kolonialreich erlebte keinen Ausbau, sondern ging im Ersten Weltkrieg verloren.
Der Caprivizipfel ist nicht der einzige afrikanische Landzipfel, der seine Existenz den expansiven Bestrebungen der Kolonialmächte verdankt. Auch der Katanga-Sporn – französisch Botte de Katanga (Katanga-Stiefel), englisch Congo Pedicle (Kongo-Stiel) genannt – ist ein Produkt des «Scramble for Africa», des Wettlaufs um Afrika, in den sich die Kolonialmächte Europas in der Hochphase des Imperialismus stürzten.
Indem er die Rivalität der Grossmächte ausnützte, war es dem belgischen König Leopold II. 1885 gelungen, sich das riesige Kongobecken unter den Nagel zu reissen. Leopold regierte den Kongo-Freistaat in Personalunion mit Belgien. Dieser Privatbesitz – 80-mal grösser als Belgien – machte ihn zum grössten Landeigentümer der Welt. Und dieser Eigentümer installierte ein unmenschliches System, um die Reichtümer des Landes, vor allen Dingen den Kautschuk, erbarmungslos auszubeuten.
Weiter südlich, in der heutigen Provinz Katanga, lockten zudem reiche Kupfervorkommen. Zwischen den Belgiern im Nordwesten und den Briten, die im Südosten von Rhodesien her vorrückten, befand sich das unabhängige Königreich Yeke. Nachdem Soldaten aus dem Kongo-Freistaat den König getötet hatten, konnten die Belgier weit nach Süden vordringen. Sie brachten das Gebiet zwischen der Kongo-Sambesi-Wasserscheide und dem Fluss Luapula unter Kontrolle – den Katanga-Sporn. Heute trennt der Landzipfel, der etwa so gross wie Sardinien ist, den Nachbarstaat Sambia beinahe in zwei Teile. Da in der Provinz Katanga oft Unruhen herrschten, gab es oft keine direkte Verbindung über den Sporn hinweg – der Umweg über sambisches Gebiet ist fast siebenmal länger.
Die Demokratische Republik Kongo ist nach Algerien der zweitgrösste Flächenstaat des afrikanischen Kontinents, doch das riesige Land besitzt nur einen extrem schmalen Zugang zum Atlantik. Der komplizierte Grenzverlauf im Mündungsgebiet des Kongos ergab sich nicht zuletzt durch den Umstand, dass hier schon früh mehrere europäische Seemächte ihre Ansprüche anmeldeten – die Niederländer, später dann auch die Franzosen, als erste aber die Portugiesen. Sie blieben vorerst in ihren Stützpunkten, die sie entlang der afrikanischen Küste errichtet hatten, und drangen erst im 19. Jahrhundert ins Landesinnere vor.
Portugal versuchte, seine Besitzungen im südwestlichen Afrika – Cabinda und Angola – zu arrondieren, scheiterte aber 1885 mit seinem Anspruch auf Belgisch-Kongo am Widerstand Deutschlands. Der belgische König Leopold konnte sogar einen schmalen Zugang zum Atlantik durchsetzen, was Cabinda von Angola trennte. Portugiesische Hoffnungen auf eine Landverbindung zwischen Angola und Moçambique zerschlugen sich ebenfalls. In allen drei Kolonien begann Mitte des 20. Jahrhunderts der Kampf gegen die portugiesische Herrschaft, der 1975 mit der Unabhängigkeit von Angola und Moçambique endete.
Noch vor dem Ende des Befreiungskrieges besetzte Angola auch Cabinda, obwohl dieses Gebiet nie zu Angola gehört hatte und keine Verbindung zu dieser Kolonie hatte. Die Befreiungsbewegung in Cabinda bekämpfte nun die Angolaner statt die Portugiesen, jedoch ohne Erfolg. Heute ist das knapp 8000 km2 grosse Gebiet, in dem rund 700'000 Menschen leben, eine Provinz Angolas. Der Widerstand in der Exklave gegen die angolanische Besetzung ist mittlerweile nahezu erloschen.
Schnurgerade von West nach Ost verläuft die Grenze zwischen Ägypten und dem Sudan – nur ganz im Osten, am Roten Meer, gibt es ein umstrittenes Gebiet. Beide Staaten beanspruchen das sogenannte Hala’ib-Dreieck, weil sie sich auf unterschiedliche Grenzabkommen berufen. Die ursprüngliche Grenze, die Ägypten heute als massgeblich betrachtet, wurde 1899 zwischen dem Anglo-Ägyptischen Sudan – einem britisch-ägyptischen Kondominium – und dem britischen Protektorat Ägypten gezogen; sie folgte strikt dem 22. Breitengrad. 1902 teilten die Briten das Dreieck aber dem Sudan zu, schlugen westlich davon jedoch zugleich das kleinere Landstück von Bir Tawil Ägypten zu. Auf diese Grenze beruft sich der Sudan.
Als Folge davon beanspruchen heute weder der Sudan noch Ägypten das rund 2000 km2 grosse Bir Tawil – es ist ein Niemandsland in der Wüste. Das herrenlose Gebiet erinnert – allerdings in viel grösserem Massstab – an Liberland, ein Niemandsland zwischen Kroatien und Serbien, dem wir in Teil II dieser Reihe begegnet sind.
1902 hatten die Briten die Grenze auch im Niltal geändert; der sogenannte Wadi Halfa Salient bildete danach eine kleine fingerartige Ausbuchtung von sudanesischem Gebiet entlang des Nils. Auch dieses Gebiet ist an sich umstritten; weil es nach dem Bau des Assuan-Staudamms grösstenteils im Wasser versank, blieben Auseinandersetzungen jedoch aus. Beim Hala'ib-Dreieck hingegen kam es zu teilweise gewalttätigen Konflikten. Derzeit kontrolliert Ägypten das Territorium.
An der marokkanischen Küste liegen, 250 Kilometer voneinander entfernt, zwei Aussenposten der EU. Ceuta und Melilla sind spanische Exklaven, die wie ihr Mutterland zur EU gehören, nicht aber zur Nato. Die beiden landseitig von Marokko umschlossenen Städte, die beide weniger als 20 km2 gross sind und rund 85'000 Einwohner haben, sind Reste des einst weltumspannenden spanischen Kolonialreiches. Sie wurden zu Exklaven, als Marokko 1956 seine Unabhängigkeit erlangte. Der nordafrikanische Staat beansprucht die spanischen Besitzungen – neben den beiden Städten sind es noch einige winzige sogenannte Plazas de soberanía –, unternimmt derzeit aber nichts, um den Status quo zu ändern.
Heute tauchen Ceuta und Melilla regelmässig in den Nachrichten auf: Um die Städte verläuft die einzige Landgrenze der EU zu Nordafrika; sie sind daher ein begehrtes Ziel für Flüchtlinge aus Afrika, die hier versuchen, in die EU zu gelangen. Dramatische Szenen spielen sich jeweils ab, wenn ganze Gruppen von Migranten die Grenzzäune stürmen. Jene, denen es gelingt, die Sperranlagen zu überwinden, werden entweder in ihre Heimatländer abgeschoben oder auf das spanische Festland gebracht.