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«Marianne von Werefkin – sulle tracce di San Francesco», so heisst eine kleine, gediegene Ausstellung im Museo Comunale d’Arte Moderna von Ascona.
Die Ausstellung der russischen Künstlerin, die als eine der interessantesten und einflussreichsten Frauen im Bereich der modernen Kunst gilt, ist noch bis 13. Oktober 2019 zu sehen. Marianne von Werefkin, Tochter eines Generals der russischen Infanterie und 1860 südlich von Moskau geboren, hat ein bewegtes und lange Jahre nomandenhaftes Leben gelebt. Künstlerisch früh gefördert, studierte sie Malerei an der Moskauer Kunstakademie und bildete sich später in Petersburg als Privatschülerin weiter. Sie verliess Russland 1896 mit dem expressionistischen Maler Alexej von Jawlensky und machte zuerst länger Station in München, wo sie 1909 Mitbegründerin der Neuen Künstlervereinigung München und 1912 Mitglied des «Blauen Reiters» wurde. Diese Gruppierung ist wohl eine der wichtigsten Wegbereiter des deutschen Expressionismus. Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges mussten Werefkin und Jawlensky am 1. August 1914 überstürzt Deutschland Richtung Schweiz verlassen. Werefkin fand schliesslich 1918 – nach kurzen Zwischenstationen in Saint-Prex und Zürich –in Ascona am Lago Maggiore einen Ort, wo sie sich für immer niederliess und dem sie sich zunehmend heimatlich verbunden fühlte.
Oft von finanziellen Sorgen geplagt
Marianne von Werefkin war zwar von adliger Herkunft, lebte in der Schweiz aber als Staatenlose und war zeitlebens von finanzieller Not geplagt, denn die russischen Kommunisten hatten ihr nach der Oktoberrevolution die stattliche zaristische Pension gestrichen. So musste sich die leidenschaftliche Malerin, die bis heute als eine der zentralen Gestalten des Expressionismus gilt, in Ascona ihren Lebensunterhalt auch mit dem Malen von Plakaten und Bildpostkarten sowie mit Schreiben von Artikeln, etwa für die NZZ, aufbessern. Sie wurde in Ascona zu einer Schlüsselfigur der Künstlerkolonie im Umkreis des Monte Verità und war 1922 Mitbegründerin des Kunstmuseums von Ascona. Der grösste Teil ihres Werkes verwaltet heute die Fondazione Marianne Werefkin, die dem Museo Comunale d’Arte Moderna angegliedert ist.
Eine mit mystisch-religiösen Elementen verstärkte Malerei
Ehe zufällig bin ich bei einem Besuch von Ascona und des Monte Verità auf die laufende, kleine Werefkin-Ausstellung «Auf den «Spuren des Heiligen Franziskus» («Sulle tracce di San Francesco») gestossen. Die Bilder zeigen eine wichtige Facette im Werk der Künstlerin, die ich bis dato nicht kannte, nämlich ihre tiefe Religiosität und Liebe zum Heiligen Franziskus. Werefkin, russisch-orthodoxen Glaubens, wandte sich in der Schweiz zunehmend einer mit mystisch-religiösen Elementen verstärkten Malerei zu. Darin behandelt sie, ab den 1920er Jahren, wesentlich drei Themenbereiche: Religiöse Seelenlandschaften, die Bedrängtheit der Menschen in ihrer Arbeitswelt und in ihrem sozialen Umfeld sowie der Heilige Franziskus. Das Lexikon zur Kunst in der Schweiz (SIKART) schreibt dazu: «Anstelle einer pessimistischen Grundstimmung treten zunehmend franziskanisch inspirierte Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit (Mystische Braut, ca. 1924; Ave Maria, 1927). Schliesslich wird der heilige Franziskus zum zentralen Bildgegenstand, in dem sich ein Gegenpol zu einer Welt ohne Transzendenz symbolisiert findet (Der Mönch, 1920–1930; Cyclus der Liebe N°1, San Francesco und der Wolf von Gubbio; Cyclus der Liebe N° 2, San Francesco und die Armut; Cyclus der Liebe N° 3, S. Francesco und Sta. Chiara, 1920–1930).»
Besonders beinflusst in ihrer Verehrung des Heiligen Franziskus hat sie eine Italien-Reise, die sie 1925 mit dem Konzertsänger Alfred Ernst Aye unternahm. Sie hatte Aye kurz vorher in Ascona kennengelernt, nachdem sie 1921 von Jawlenski verlassen worden war und darunter jahrelang gelitten hatte. In Italien ist Werefkin von Assisi und dem Heiligen Franziskus total begeistert: «Ich ahne die grosse Kunst von Assisi und sage mir: das alles ist gross, ungeachtet der Dimensionen, weil gross und heilig der Wille, der sie geschaffen. In sich gekehrt seinen Gott schauend, nicht im Dienste menschlicher, noch so herrischer Gelüste stehend. Diesen Weg zu gehen, demütig wie ein Mönch, einfältig wie ein Kind. Gläubig stecke ich die Hände zu neuen künftigen Zielen.» (zitiert aus Bernd Fäthke, Marianne von Werefkin, 1988).
Das ganze Dorf gab der «Nonna» das letzte Geleit
Im Herbst 1936 verschlechterte sich Werefkins Gesundheitszustand, am 5. Februar 1938 starb Marianne Werefkin in Ascona nach längerem Leiden. Sie wurde in ihrem Haus aufgebahrt, eine Wand geschmückt mit ihrer Franziskus-Trilogie «Zyklus der Liebe». Bei der feierlichen Beerdigung war fast das ganze Dorf anwesend, um seiner verehrten und geliebten «Nonna» das letzte Geleit zu geben.» (aus Hildegard Möller, Malerinnen und Musen des »Blauen Reiters«, 2009,S. 162).
Beat Baumgartner