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Das ist wohl die wortwitzigste Polemik (Dank den freien Lektorinnen für den Hinweis), die je über die Missverständnisse im Buchhandel geschrieben worden ist und auch die Kommentare lohnen der Lektüre. Kundenblüten ebenso wie buchhändlerische Bildungslücken sind seit Ewigkeiten für Lacher gut.
Warum ärgere ich mich dann?
Es gibt zahlreiche Buchhändlerinnen, die nicht besonders belesen sind, es gibt zahlreiche Journalisten, die nicht speziell gut recherchieren können, es gibt PR-Leute, denen man nichts abkauft, Lehrerinnen, die zu spät kommen, Bibliothekarinnen, die keine Bücher verleihen mögen und Banker, die Milliarden in den Sand setzen. Die Welt ist aus individueller Sicht ganz allgemein sehr inkompetent.
Mich enerviert, dass die Buchhändlerin von der Presse und darüber hinaus mit Vorliebe daran gemessen wird, ob sie Klassiker und Philosophen kennt. Ich kann dem werten Publikum aus erster Hand versichern, dass solche Fragen sich an einem durchschnittlichen Arbeitstag in einem allgemeinen Sortiment im 1%-Bereich bewegen. Es käme mir also sehr gelegen, wenn man den Buchhändlerinnen-Gütetest zur Abwechslung in eine andere Richtung lenkte.
Vielleicht wüsste die Buchhändlerin, die nicht „Kant“, sondern „Kannt“ in die Suchmaske eingibt, in welchem Buch Mama Muh auf den Baum klettert und in welchem Petterson das Bein gebrochen hat und wie das Mädchen heisst, das sein Schweinchen „Teddy“ nennt. Vielleicht ist die Buchhändlerin, die anstelle von „Foucault“ nach „Fuckoh“ sucht, die, die schwer atmende Kunden am Telefon angemessen behandeln kann. Vielleicht hat die, die „Rambo“ anstatt „Rimbaud“ eintippt, das Adlerauge, das man braucht, um die zahlreichen von Kunden falsch eingeräumten Titel wieder zu finden. Und die Buchhändlerin, die die Rowohlt Monographie von Martin Luther King mit der von Martin Luther verwechselt, kann sieben Geschenke flugs ansehnlich verpacken und – ohne ein zweites Mal nachzufragen – unauffällig mit dem Namen der Beschenkten versehen.
Auch wenn es schwer zu glauben ist: Die Buchhändlerin hat neben der wünschenswerten Kenntnis grosser Namen noch ein paar andere Kompetenzen, die dem Wohl der Kunden dienen.
1. Auch die anderen Beispiele im Titel sind aus Presseartikeln der letzen beiden Jahre aber nicht online.
2. Allensbach hat es wieder bestätigt: wer aus siebzehn Berufen Ansehen auswählen kann, wählt seltenst den Buchhändler.
Kannt, Fuckoh, Rambo
Das ist wohl die wortwitzigste Polemik (Dank den freien Lektorinnen für den Hinweis), die je über die Missverständnisse im Buchhandel geschrieben worden ist und auch die Kommentare lohnen der Lektüre. Kundenblüten ebenso wie buchhändlerische Bildungslücken sind seit Ewigkeiten für Lacher gut.
4 Gedanken zu „Kannt, Fuckoh, Rambo“
Es ist eine uralte Tatsache, dass wir BuchhändlerInnen Generalisten sind und sein müssen – ausser wir betreiben eine Fachbuchhandlung! Unsere mangelnde Kenntnis in einem Gebiet können wir nachholen, indem wir erstens fragen, fragen, fragen und zweitens ein kombinationsfähiges Hirn einsetzen.
Leider geht diese Kombinationsfähigkeit gewissen Maschinen und Programmen, die wir alltäglich benutzen, vielfach abhanden. Mit dem guten alten Bibliographieren konnten wir diese noch einsetzen, vor- und zurückblättern, uns in Schlagwörtern und Unter-unter-Schlagwörtern tummeln, es war grossartig, es machte neugierig, es trieb zu sportlichem Bibliographieren an. Heute höre ich Menschen hinter Maschinen fluchen und schimpfen: Warum finde ich es nicht!! Scheisse! Muss doch drin sein! Blödes Programm! etc.etc.pp. (Natürlich gibt es da Tricks, ich weiss…)
In diesem Sinne fühle ich mich manchmal alt. Sehr alt. (siehe andere Rubrik)
In dem Maße, wie Suchhilfen wie Google immer besser werden, sind die Leute hinter der buchhändlerischen Suchmaschine immer schlechter dran. Denn das ist da doch so einfach!
Ich habe schon auf beiden Seiten der Theke gestanden, allerdings auf der einen Seite nur in einer theologisch-philosophischen Fachbuchhandlung. Wenn man dann selbst mal in einer solchen einkauft, möchte man nicht auf die Frage „Haben Sie „Sense and sensibilia“ von John Austin?“ die Antwort „Sie meinen „Sense and Sensibility“ von Jane Austen?“ gestellt bekommen. In allen anderen Buchhandlungen finde ich die Rückfrage allerdings in Ordnung, und ein simples „Wie schreibt man das?“ wäre es auch.
Dass die Kund(inn)en ihre Fragen nicht präzise formulieren, habe ich selbst hinter der Theke einer theologisch-philosophischen Fachbuchhandlung erlebt. Vor der Theke, selbst als Kunde, habe ich allerdings auch schon erlebt, dass viele Buchhandlungen unter dem ökonomischen Druck der großen Ketten etc. nicht mehr ausgebildete Buchhändler(innen) beschäftigen, die dann auch umgehen können mit ihren Auskunftsmitteln, selbst wenn sie zufällig nicht wissen sollten, wer dieser oder jener Autor sein könnte, sondern Aushilfskräfte. Denen schaut man dann bei der Suche bei KNOe über die Schulter und möchte am liebsten selbst die Sache schnell erledigen. Oder bringt nächstesmal den buchhandel.de resp. amazon-Ausdruck mit.
Ernesto, genau. Es gibt etliche Anlässe, sich alt zu fühlen.
jge, das mit dem Korrigieren falscher Kundenaussagen braucht Feingefühl, das ist richtig. Am Schlimmsten für mich war es, wenn sie einen falschen Autor einem richtigen Titel zurodnen, aber ich habe gemerkt, dass in 99% der Fälle das Buch mit diesem Titel gwünscht und der Autor unerheblich ist. Ich rate den Buchhändlerinnen immer, in dem Fall einfach auf den bibliografischen Eintrag zu zeigen und nicht laut zu posaunen, dass „Effi Briest“ von Fontane und NICHT von Goethe sei.