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Die Adoption eines Kindes ist für einige Paare und Familien ein Traum. Doch die Realität entspricht ihren Vorstellungen häufig nicht. Denn so problemlos, wie es sich viele Adoptiveltern vorstellen, verläuft eine Adoption meist nicht. Im Gespräch mit den ZiG-Reportern erzählte Samuel Meyer-Bisch aus Granges-Paccot seine Erlebnisse als Adoptivkind. Er kam in Indien zur Welt und lebte vor seiner Adoption in einem Waisenhaus. Von der Zeit in Indien hat er nur noch kleine Bruchstücke an Erinnerungen: «Ich erinnere mich noch vage an Orte und Gerüche», sagt der heute 39-Jährige.
Eine ganz normale Familie
Die Adoptiveltern von Samuel Meyer-Bisch trafen die Entscheidung, ihn zu adoptieren, als sie erfuhren, dass sie keine eigenen Kinder bekommen konnten. Sie unternahmen eine lange und schwierige Prozedur, bis sie ihren Adoptivsohn endlich aufnehmen konnten. Überraschenderweise erweiterte sich die Familie schliesslich doch noch und Samuel wuchs mit zwei Geschwistern, den beiden jüngeren biologischen Kindern seiner Adoptiveltern, auf. Alle Geschwister hatten immer einen guten Kontakt zueinander und fühlten sich wie eine ganz normale Familie.
Mit Rassismus gekämpft
Die Beziehung zu seinen Adoptiveltern war für Samuel Meyer-Bisch aber komplizierter. Denn als verlassenes Kind fühlte er sich nutzlos. Er verstand nicht, warum seine Adoptiveltern ihn aufgenommen hatten. «Da mich meine leiblichen Eltern aufgegeben hatten, ging ich davon aus, dass ich für sie wertlos gewesen sein musste», sagt er heute. In der Schule war es für ihn auch nicht leicht. Aufgrund seiner indischen Herkunft hatte er mit Rassismus zu kämpfen. Das verdeutlichte ihm noch zusätzlich, wie verschieden er von anderen Kindern war.
Scheinbild der Perfektion
Mit der Zeit entwickelte Samuel Meyer-Bisch deshalb eine Art Überlebensstrategie, um von allen akzeptiert zu werden. Er versuchte stets den Erwartungen der anderen zu entsprechen. Er wurde zum perfekten Schüler, Kind und Kumpel. Um das Scheinbild von Perfektion am Leben zu erhalten, fing er an, die Menschen in seinem Umfeld anzulügen. Er zeigte ihnen eine verbesserte Version seiner selbst, die aber nicht mit seiner wahren Identität übereinstimmte. Innerlich habe er aber darunter gelitten, erzählt er. Eines Tages wurden seine Lügen schliesslich entlarvt. Zu diesem Zeitpunkt dachte er, dass ihn seine Freunde verstossen würden. Zu seiner Überraschung hielten seine wahren Freunde aber weiter zu ihm. So fing eine positive Entwicklung seiner Identität an. Er verstand langsam, dass es ausreicht, sich selbst zu sein.
Dass Meyer-Bisch schliesslich selbst eine Familie gründete, half ihm zusätzlich, seine eigene Identität zu akzeptieren. Schliesslich hat er mit seinen Töchtern jemanden, mit dem er seine Herkunft teilt.
Reise in die Vergangenheit
Vor einiger Zeit unternahm Samuel Meyer-Bisch mit seiner Familie eine Reise und besuchte das Waisenhaus in Indien, in dem er einst gelebt hatte. Als kleines Ritual nahm er ein Marmeladenglas voll mit Erde seiner Heimat mit nach Hause. Heute hat er mit seiner Vergangenheit Frieden geschlossen. Er sieht es als ein grosses Glück an, adoptiert worden zu sein. Seine Verschiedenheit zu anderen empfindet er heute als Vorteil. Er ist stolz auf seine Herkunft. Wenn Samuel Meyer-Bisch künftigen Adoptiveltern einen Rat geben müsste, wäre dies, geduldig zu bleiben. Denn er hat aus seiner Geschichte gelernt, dass es nun mal Zeit braucht, um seine eigene Identität aufzubauen. Auch wenn Adoptiveltern ihrem Kind alles geben, müssen sie ihm diese Zeit lassen. «Die Adoption ist ein Geschenk des Herzens, aber eines, das auf Gegenseitigkeit beruht», so Meyer-Bisch. An dieses Geschenk sollten die Adoptiveltern denken. Denn schliesslich seien es nicht nur die Eltern, die das Kind adoptierten; das Kind müsse gewissermassen auch die Eltern adoptieren.
Geschichte
Adoption war lange schlecht geregelt
In der Schweiz dauerte es viele Jahre, bis das neue Adoptionsrecht in Kraft getreten ist. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts war die Adoption nur unter strengen Bedingungen möglich. Dazu kam, dass das Verhältnis zwischen den Adoptivkindern und den leiblichen Eltern bestehen blieb. Das erschwerte die Integration der Kinder in die neue Familie. 1973 wurde das Adoptivrecht geändert. Die wichtigste Änderung war, dass die Adoption als Volladoption gestaltet wurde. Diese neue Form löst das Kind aus den vorherigen Familienverhältnissen und ermöglicht eine komplette Eingliederung in die Adoptivfamilie. Zudem wurden die Voraussetzungen für eine Adoption geändert und dafür gesorgt, dass das Kind in eine geeignetere Familie aufgenommen werden kann.
Zur Prämierung
Drei Gewinner aus rund 70 Artikeln
Drei von rund 70 Schülerartikeln gewannen gestern die Preise für die beste journalistische Arbeit.
1. Platz: Sven Krattinger, Céline Bart und Maureen Carrel, «Language valley statt Röstigraben» (FN vom 27. März).
2. Platz: Maël Krieg und Julia Beglinger, «Das Handy als wichtiger Fluchtbegleiter» (FN vom 31. Mai).
3. Platz: Lena Schiffmann und Maëlle Bangerter, «Adoption ist ein Geschenk des Herzens» (FN vom 23. Mai).