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Die meisten Menschen finden, man darf Tiere essen. Aber kaum jemand findet, man darf Menschen essen. Warum eigentlich? Der deutsche Philosoph Richard David Precht hat ein Gedankenexperiment entwickelt, das unseren Umgang mit Tieren radikal in Frage stellt.
Aliens überfallen die Erde
Stellen Sie sich vor: Aliens überfallen die Erde. Sie sind uns Menschen körperlich und geistig weit überlegen. Sie nehmen uns gefangen, lassen uns für sie arbeiten und pumpen den frisch gewordenen Müttern die Milch ab, um daraus leckere Drinks zu machen. Unsere Kinder werden gemästet, geschlachtet und genüsslich verspeist. Kurz: Die Aliens machen mit uns, was wir mit Tieren tun.
Gilt das Recht des Klügeren?
Ihr grausames Verhalten rechtfertigen sie damit, dass sie uns geistig überlegen sind und unser Menschenfleisch angeblich vorzüglich schmeckt. Für uns Menschen sind das wenig überzeugende Gründe, schliesslich haben wir eigene Bedürfnisse.
Aber haben Tiere nicht auch ihre eigenen Bedürfnisse, obwohl sie vielleicht weniger klug sind als wir? Wie also können wir unser Verhalten gegenüber Tieren rechtfertigen?
Peter Singer: Auch die Interessen von Tieren zählen
Diese Fragen stehen im Zentrum der Tierethik. Die Anfänge der modernen Tierethik gehen auf den australischen Philosophen Peter Singer zurück, der in seinem 1975 erschienenen Buch «Animal Liberation» ein Umdenken zugunsten der Tiere fordert.
Singer argumentiert, dass auch Tiere Empfindungen und Interessen haben und dass diese nicht weniger wert sind als menschliche Empfindungen und Interessen. Er kritisiert die Massentierhaltung ebenso wie unseren Umgang mit Menschenaffen. Es sei falsch zu glauben, Menschen seien grundsätzlich mehr wert als Tiere.
Manche Tiere sind klüger als manche Menschen
Nach Singer zählt nicht, welcher Spezies ein Lebewesen angehört, sondern welche Interessen und Fähigkeiten es besitzt. So gibt es keine guten Gründe, einen Schimpansen schlechter zu behandeln als einen Säugling oder eine demente Person.
Jedoch gibt es einen Grund, einen Schimpansen besser zu behandeln als eine Kuh, da der Schimpanse im Unterscheid zur Kuh höher entwickelte kognitive Fähigkeiten, ein Selbstbewusstsein und Zukunftspläne hat.
Immanuel Kant: Das Denken adelt den Menschen
Die Ansicht, dass unser Denkvermögen uns moralisch von den Tieren abhebt, hat eine lange Tradition. So vertrat bereits Immanuel Kant die These, Tiere seien weder zu vernünftigem noch zu moralischem Denken in der Lage und darum auch moralisch weniger wert als Menschen.
Tiere haben nach Kant, anders als der Mensch, keine Würde. Eine These, die viele christliche Denker bereits vor Kant mit der fehlenden «Gottesebenbildlichkeit» der Tiere begründet haben.
Tom Regan: Tiere haben moralische Grundrechte
Gegen diese moralische Abstufung innerhalb der Tierwelt wendeten sich einige Tierethiker, allen voran der US-amerikanische Philosoph Tom Regan mit seiner Schrift «The Case for Animal Rights».
Nach Regan haben Tiere moralische Grundrechte, die uneingeschränkt gelten und keiner Interessenabwägung zum Opfer fallen dürfen, wie etwa ein Lebensrecht oder ein Recht auf Freiheit. Diesen inhärenten Wert haben nach Regan alle Wesen, die «Subjekt eines Lebens» sind; Wesen also, die sich selbst und die Welt erleben sowie Dinge erstreben oder meiden.
Was tun?
Regans Kriterium erfüllen nicht nur Menschen, Säuglinge und Demenzkranke, sondern auch ein Grossteil der Tiere. Angesicht der Tatsache, dass wir Menschen hierzulande auch ohne Fleisch gut leben können, stellt sich also die Frage: Dürfen wir Tieren etwas antun, das man uns Menschen nicht antun darf?
Filosofix – die neuen Filme
SRF setzt die Filosofix-Reihe fort – mit vier neuen Animationsfilmen:
- «Menschenfleisch»: Dürfen wir Tiere essen?
- «Gavagai»: Können wir jemals mit Sicherheit wissen, was andere mit ihren Worten meinen?
- «Grossvaterparadox»: Sind Reisen in die Vergangenheit logisch möglich?
- «Gauguin»: Gibt uns der Erfolg immer Recht?
Alle bisherigen Filme finden Sie hier.
Buchhinweis
Richard David Precht: «Tiere denken. Vom Recht der Tiere und den Grenzen des Menschen». Goldmann, 2016.