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Schon in Patricia Highsmiths erstem Roman, der von Alfred Hitchcock verfilmt wurde, zeigt sich, dass Psychopathen und Neurotiker ihre Lieblingskinder waren. So auch Tom Ripley, ihre wohl bekannteste Figur, die es auf fünf Romane, fünf Filme und neun Morde brachte. Aus Anlass von Patricia Highsmiths hundertstem Geburtstag zeigen wir 17 der gelungensten Verfilmungen ihrer abgründigen Romane.
Nicht schlecht, dieser Karrierestart: Gleich der erste veröffentlichte Roman der 29-jährigen Patricia Highsmith, «Strangers on a Train» (1950), wurde 1951 von keinem Geringeren als Alfred Hitchcock verfilmt. Ihr zweiter Roman, «The Price of Salt», die wohl erste lesbische Liebesgeschichte mit einem Happy End, erschien 1952 unter dem Pseudonym Claire Morgan und verkaufte sich im Taschenbuch fast eine Million Mal. Glücklich machte dies die am 19. Januar 1921 in Fort Worth, Texas, Geborene aber nicht. Zu früh hatte sie erfahren, dass nichts von Dauer ist und man sich auf niemanden verlassen kann: Ihre Eltern liessen sich fünf Monate vor Patricias Geburt scheiden. Das Kind wuchs bei der Grossmutter mütterlicherseits auf, spielte mit schwarzen Kindern aus den Häuschen, die die Grossmutter vermietete, und wurde dafür von ebendieser zusammengestaucht.
Die Mutter heiratete dann den Grafiker Stanley Highsmith; 1927 zogen sie mit der kleinen «Patsy» nach New York, doch bereits zwei Jahre später ging es zurück nach Fort Worth. Bald entdeckte die Neunjährige ein Buch, das sie fürs Leben prägen sollte: «The Human Mind» von Karl Menninger. Es waren Fallstudien von Kleptomanen, Pyromanen, Massenmördern, die äusserlich normal wirkten, woraus die Frühreife schloss, dass es auch um sie herum solche gestörten Menschen geben müsse.
Die Macht des Wortes
Was die Macht des Wortes bewirken konnte, erfuhr die schüchterne Patricia, als sie vor der versammelten Klasse auswendig einen Text darüber vortragen musste, was sie in den Ferien erlebt hatte, nämlich den Besuch in einer Höhle. «Plötzlich hörten alle zu, konnte ich sie unterhalten.» 1934 zog die Familie wieder nach New York, wo Patricia erste Gedichte und Geschichten in der Zeitschrift ihrer Highschool veröffentlichen konnte. Während ihres Studiums (Englisch, Latein, Griechisch und Zoologie) schrieb sie weiter; 1944 druckte «Harper’s Bazaar» ihren Text «The Heroine», der danach sogar in eine Anthologie der besten Kurzgeschichten aufgenommen wurde.
Die ganze Zeit litt Patricia darunter, dass sie sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlte, was ausgerechnet ihr Gewährsmann Menninger in derselben Kategorie klassifizierte wie Fetischismus, Pädophilie und Satanismus. Gleichzeitig verachtete sie die meisten Frauen und fühlte sich intellektuell viel wohler in Gesellschaft von Männern.
Am 22. Dezember 1945 schrieb sie in ihrem abenteuerlichen Deutsch den Satz ins Tagebuch: «Denke an einen Roman, aus meiner Idee der zwei Seelenbrüder.» Deutsch war die Sprache der Vorfahren ihres Vaters Jay Plangman, und sie lernte sie seit der High School. Literarische Ideen bezeichnete sie mit dem deutschen Wort «Keime», und aus dem Seelenbrüder-Keim entstand im Lauf von vier Jahren «Strangers on a Train». (Solch kostbare Informationen bergen Paul Ingendaays exzellente Nachworte der Highsmith-Gesamtausgabe bei Diogenes.)
Hitchcock liess die Filmrechte des Romans von einem Strohmann für 7500 Dollar kaufen, da er befürchtete, sein Name könnte die Forderungen von Highsmiths Literaturagentin hochtreiben. Raymond Chandler schrieb das Drehbuch, doch wie wenig er begriff, was die literarischen Qualitäten von Patricia Highsmith ausmachte, zeigt sein Satz in einem Brief vom September 1950: «In dem Buch gab es eine einzige Idee, das war alles.» Von Chandlers Ideen wiederum blieb kaum etwas übrig, Hitchcock liess das Skript komplett umschreiben. So ist Strangers on a Train (1951) weniger eine werkgetreue Highsmith-Verfilmung als ein typischer Hitchcock-Film, mit Kunststücken wie dem in den Gläsern einer heruntergefallenen Brille gespiegelten Mord und einem eher plumpen retardierenden Moment wie dem Tennismatch.
Die Welt durch die Augen der Figuren
Doch lässt sich Highsmith überhaupt werkgetreu verfilmen? Nehmen wir ihren Roman «The Cry of the Owl» (1962). Darin ertappt eine junge Frau, die allein in einem abgelegenen Haus wohnt, einen Mann, der sie nachts beobachtet. Statt kreischend ins Haus zu laufen, was eine verständliche Reaktion wäre, beginnt sie ein Gespräch mit dem Spanner, in dessen Verlauf er ihr gesteht, einsam und deprimiert zu sein, sie hingegen wirke glücklich, und sie so zu sehen, habe ihm gutgetan. Da sie selbst nach dem Tod ihres kleinen Bruders depressiv geworden war, tut ihr der Mann leid, sie bittet ihn ins Haus, und die Dinge nehmen ihren Lauf: Wir erleben mit, wie die Figuren langsam, aber unaufhaltsam aus der Normalität in den Wahnsinn driften.
In Le cri du hibou (1987) hält sich Claude Chabrol eng an die Vorlage, aber spätestens das Verhalten der Polizei wirkt in seinem Film unverständlich. Sehr viel freier verfährt der Engländer Jamie Thraves in The Cry of the Owl (2009): Er lässt Nebenfiguren weg und macht die Exfrau des Protagonisten menschlicher. Und siehe da, wir verstehen die Figuren besser. Das Grundproblem jeder Literaturverfilmung, dass wir nur sehen und hören, was die Figuren tun, nicht aber wissen, was in ihnen vorgeht, verschärft sich in Highsmiths Fall: Denn ihre Figuren verhalten sich von aussen gesehen oft völlig unlogisch, wir Leserinnen und Leser nehmen aber die Welt durch ihre Augen wahr und bekommen ihre sonderbaren Gedanken mit. Von der Lektüre der besten Highsmith-Romane wird man gleichsam infiziert, man fühlt sich krank, oder wie wenn man vergiftet worden wäre. Quasi verkatert, schwört man sich nach der Highsmith-Lektüre: «Nie wieder», aber diese Bücher machen eben auch süchtig, und so erliegt man immer wieder ihrem bittersüssen Gift.
Patricia Highsmith interessierte sich mehr für Malerei und Musik als für das Kino und fand selbst, als Jurypräsidentin der Berlinale 1978 habe sie ihre Arbeit nicht gut gemacht. Doch was hielt sie von den Verfilmungen ihrer Bücher? Über Strangers on a Train sagte sie 1988 im Interview mit «Sight & Sound», er sei «ganz unterhaltsam», und von Robert Walker, der den Psychopathen Bruno spielte, war sie so begeistert, dass sie meinte, er wäre wohl der beste Ripley-Darsteller gewesen, wenn er nicht schon 1951 gestorben wäre. Alain Delon in Plein soleil (1959) gefiel ihr gut, Dennis Hopper mit Cowboyhut in Der amerikanische Freund (1977) dagegen hatte «nichts mit der Figur zu tun, die ich mir ausgedacht hatte». Von Dites-lui que je l’aime (1977) nach «This Sweet Sickness» war sie «nicht begeistert», dagegen mochte sie Franz Peter Wirths TV-Zweiteiler Tiefe Wasser, und Le meurtrier (1962) nach «The Blunderer» fand sie «jolly good», Ediths Tagebuch (1983) wiederum «furchtbar», was sie erstaunte, da sie Die gläserne Zelle (1977), ebenfalls von Hans W. Geissendörfer, als «anständig» und «einfühlsam» empfunden hatte.
Es ist ein Jammer, dass sie die beste Ripley-Verfilmung, Anthony Minghellas The Talented Mr Ripley (1999), so wenig gesehen hat wie Todd Haynes’ wunderbare Carol (2015) nach dem Roman «The Price of Salt», der 1984 endlich unter dem wahren Namen der Autorin erschienen war. Am 4. Februar 1995 starb die Wahleuropäerin Patricia Highsmith in Locarno. Minghella oder Haynes hätte sie aber auch zu Lebzeiten nicht kennenlernen wollen. «Ich will den Regisseuren, die meine Bücher verfilmen, nicht zu nahekommen», erklärte sie 1988: «Ich will ihnen nicht ins Handwerk pfuschen. Und ich will nicht, dass sie mir ins Handwerk pfuschen.»
Thomas Bodmer
Thomas Bodmer war von 1978 bis 1983 Lektor von Patrica Highsmith und arbeitet heute als Übersetzer und Journalist.