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Die Kinderpflegerinnen Marianne Rudin und Hedwig Geissbühler liessen 1933 in Riehen ein privates Kinderheim bauen. Das Gebäude des jungen Architektenduos Otto Meier und Ernst Mumenthaler wurde mit neuartigen Bautechniken und -materialien errichtet und kurz nach seiner Fertigstellung vom Kunsthistoriker Georg Schmidt als «wahrhaft modern» bezeichnet.
Nachdem 1930 oberhalb des Friedhofs am Hörnli die Strasse ‹Im Baumgarten› angelegt worden war, entschlossen sich die beiden Kinderpflegerinnen Marianne Rudin und Hedwig Geissbühler, dort ein privates Säuglingsheim errichten zu lassen. Damit beauftragten sie 1932 die jungen Architekten Otto Meier (1901–1982) und Ernst Mumenthaler (1901–1978), die mit ihrem Typenmöbel-Programm ‹3m-Möbel› bereits Bekanntheit erlangt hatten.
Beide hatten eine Ausbildung als Bauhandwerker absolviert und fühlten sich der Architekturbewegung Neues Bauen zugehörig. Seit 1926 führten sie ein gemeinsames Büro, in dem sie die Leitlinie verfolgten, Gebäude zu typisieren, zu rationalisieren und handwerklich solide auszuführen. In ihrer frühen Werkphase widmeten sie sich sozialen Anliegen und politischen Visionen, die sich im Bau von genossenschaftlichen Wohnungen und Heimen manifestierten. Gemeinsam mit anderen Architekten wie Paul Artaria (1892–1959) oder Hans Schmidt (1893–1972) und Kunstmalern wie Otto Abt (1903–1982), Walter Bodmer (1903–1973) und anderen bildeten sie die für das Basler Kunstleben bedeutende Vereinigung ‹Gruppe 33›.
Das 1933 in der Tradition des Neuen Bauens errichtete Kinderheim hat ein Sockelgeschoss und zwei Wohngeschosse. Der klare, geschlossene Baukörper in der Form eines Kubus ist von einem minimal geneigten und moderat vorkragenden Pultdach bedeckt. Die tragende Struktur des Hauses bildet ein Skelettbau in Eisenbeton, der mit Backsteinen ausgefacht ist. Meier und Mumenthaler entwickelten in diesem Projekt eine eigene architektonische Sprache und fanden hier zur Konstruktionsart und zu den Materialien, die sie ein Jahr später auch beim in der Nähe liegenden Haus Aeschlimann verwendeten. Im Gegensatz zu letzerem durften die Architekten jedoch beim Kinderheim die Skelettkonstruktion nicht direkt sichtbar belassen, da die Baupolizei darauf bestand, dass die Eisenträger mit unbrennbarem Material ausgerollt wurden. Zum Schutz der Kinder wurde in den von ihnen benutzen Zimmern Brüstungen angebracht.
Der Grundriss des Hauses bildet ein doppelt so langes wie breites Rechteck. Im Obergeschoss lagen auf der dem Wald zugewandten Ostseite fünf Schlafzimmer für je drei Kinder. Die Architekten liessen sich beim Raumprogramm von der Ansicht leiten, dass Kindern weit weniger an Fern- oder Aussicht liege als Erwachsenen und dafür Morgensonne wichtiger sei. Auf der westlichen Hausseite befanden sich zwei Schwesternzimmer und sanitäre Räume. Das Erdgeschoss wurde von einem Mittelgang erschlossen, an dessen östlicher Seite ein Büro sowie die Küche und gegen Westen ein weiteres Büro, Toiletten und das Treppenhaus lagen. Am Kopfende des Ganges befand sich ein grosser Wohn- und Essraum, der die gesamte Breite des Hauses und beinahe die Hälfte des Geschosses einnahm. Über ihn liess sich der an der südlichen Schmalseite gelegene und mit einer Sonnenterasse überdachte Sitzplatz betreten, der einst offen war, heute aber verglast ist.
Der Kunsthistoriker und spätere Direktor des Basler Kunstmuseums Georg Schmidt (1896–1965) würdigte den Bau 1933 in der Basler ‹National-Zeitung› und hob dessen handwerkliche und technische Qualität hervor.
Das Kinderheim wurde bis 1998 zur Unterbringung von Pflegekindern genutzt. Von 1934 bis 1964 führten Marianne Rudin und Hedwig Geissbühler das Heim privat. Bis zu 24 Kindern, die zwischen wenigen Monaten und vier Jahren alt waren, wurden von ihnen und vier Angestellten betreut. Nach dem Tod Rudins verkaufte Geissbühler das Haus 1964 an den Kanton Basel-Stadt. Dem Basler Frauenverein wurde die Aufgabe übertragen, das Kinderheim weiterzuführen. Zwischen 1964 und 1980 nahm die Zahl der untergebrachten Kinder ab, worauf der Frauenverein ein neues Konzept ausarbeitete. Das heilpädagogisch geschulte Ehepaar Hans und Christine Kästli zog 1980 mit zwei eigenen Kindern ein und kümmerte sich um sechs Pflegekinder, von denen das letzte 1998 das Haus verliess. Seitdem wird das Haus für private Wohnzwecke genutzt.
Insbesondere in den 1980er- und 1990er-Jahren wurden bauliche Veränderungen am Gebäude vorgenommen. In einem Brief an die Vormundschaftsbehörde begründete der Frauenverein dies folgendermassen: «Das Haus ist an sich ein ‹kaltes Haus›, nicht nur wegen der vielen Fensterfronten und der schlechten Isolierung, auch atmosphärisch strömt es keine Wärme aus. Der Wunsch nach ‹Holz› ist mehr als verständlich.» Die Hauseltern gestalteten das Haus um, indem sie Holzdecken einzogen, Wände einrissen und die Veranda zum Wintergarten ausbauten.
Autorin / Autor: Felix Steininger | Zuletzt aktualisiert am 6.1.2023
Kinderheim «Im Baumgarten», Riehen. Unterlagen zum Bau und zur Architektur: PA 1242.
Gessler, Christoph: Zwischen Pragmatismus und Avantgarde. Neues Bauen in Riehen von 1925 bis 1935. In: Jahrbuch z’Rieche 1996. S. 106–119.
Kaufmann, Brigitta: Vom Säuglingsheim zur Grossfamilie. In: Jahrbuch z’Rieche 2011. S. 35–39.
Anselmetti, Romana: 11. Kinderheim. In: Heimatschutz Basel und Gemeinde Riehen (Hg.): Baukultur entdecken. Neues Bauen in Riehen. Riehen / Basel 2005.
Jehle-Schulte Strathaus, Ulrike: Ernst Mumenthaler und Otto Meier. In: Höfliger-Griesser, Yvonne et al. (Hg.): Gruppe 33. Basel 1983. S. 385–392.
Kräuchi, Ueli: Werkkatalog. In: Architekturmuseum Basel (Hg.): Ernst Mumenthaler und Otto Meier. Basel 1995. S. 24–71.
Nagel, Anne und Klaus Spechtenhauser: Riehen. Kanton Basel-Stadt. Hg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte. Bern 2014. S. 65f.
Schmidt, Georg: Neues Bauen in Riehen. In: National-Zeitung, 22.10.1933.