Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03655.jsonl.gz/317

Schweizerisches
Eisenbahn- & Handelsdepartement.
(Eisenbahnwesen.)
Gotthard-Inspektorat
Airolo , den 18 Sept. 1874.
Tit. Herrn Präsident Dr Alfr. Escher, Zürich
Hochgeachteter Herr!
Nach Besprechung mit den Sekt.Ingenieures & den Angestellten des Unternehmens in Goeschenen & Airolo bin ich so frei Ihnen betr. die Tunnelprofile 5a & 5b & betr. die Tunnelmündungen folgendes mitzutheilen.
Zunächst was die Profile betrifft, so sind den obgenannten Beamten die gleichen Punkte aufgefallen wie mir, d. h. das Einschreiben der zweierlei Dimensionen & sodann die mögliche Richtung der Gewölblager an den Widerlagern1 , deren äußere Fläche doch von einem Centrum aus beschrieben ist. – Das Profil 5a soll eine Verbesserung von Profil 7 sein & also auch in diesem Sinne behandelt werden. – Die drei untersten Lager in den Widerlagern müssen also nach dem gleichen Centrum laufen, wie die übrigen. – Der dadurch etwas vergrößerte Fußstein des Widerlagers ist nach der Ansicht der ausführenden Techniker wohl zu beschaffen, zumal dieses Profil 5a nicht auf einer sehr große Länge zur Anwendung kommen soll. – Die Vergrößerung der Basis des Widerlagers ist wünschbar, weil die Widerlager hier vor der Sohle ausgeführt werden & sich auf diese nicht stützen können. – Ich muß also in dieser Sache auf den früher ausgesprochenen Wünschen beharren, auch was die Konstruktion des Kanals2 betrifft. Die Sekt.Ingenieure wünschen ebenfalls sehr in dieser Beziehung bestimmte Weisungen zu erhalten. - In Goeschenen wird man den Kanal wahr scheinlich mit einem Gewölbe eindecken müssen, weil keine hinlänglich großen Platten zu finden sind; hier in Airolo dagegen wird man wohl durchweg Platten annehmen können. – Nicht zu vergessen sind sodann die Einstiegschächte zur Reinigung des Kanals: - (Auch über die Nischen3 sind noch keine neuen Weisungen gegeben worden). –
Ich habe die Frage der Vorsetzsteine im Widerlager berührt, weil bei der Besprechung in Luzern davon die Rede war, nicht um etwas Neues zu verlangen. – Immerhin habe ich mich in Goeschenen überzeugt, daß das Rauhmauerwerk | nicht so konstruktiv ist, wie sich Hr. Gelbcke 4 vorstellt, vielmehr für seinen Zweck als Unterlage zu einem Gewölbe aus Quadern als sehr ordinär bezeichnet werden muß. - Für den Gotthardtunnel, & bei Anwendung von Gewölben aus Quadern wären doch Widerlager mit Vorsetzsteinen & mit abgeglichnen Schichten weit entsprechender. Ich muß aber sagen, daß die Unternehmung kaum im Stande wäre nebst den Gewölbsteinen auch noch die Vorsetzsteine zu liefern, denn es geht selbst mit den erstren sehr langsam. Auf dem Gotthard traf ich nur noch 15 Steinhauer. – Selbst wenn die Maurer nur am Tage arbeiten, so wird der Vorrath an Steinen in Goeschenen wie in Airolo kaum bis zum Frühjahr genügen. - Der Wechsel der Steinlieferanten hat jedenfalls die diesjährige Leistung sehr beeinträchtigt.
Die 5Steinbrüche bei Piotta habe nicht besuchen können, aber vernommen, daß dort einstweilen wenig gearbeitet wird. – Die Benutzung der dortigen Brüche würde wohl am ehesten durch eine theilweise Korrektion der Kantonalstraße oberhalb Stalvedro & Verlängerung der Bahn vom Bahnhof Airolo bis zum Übergang der Kantonalstraße abwärts erleichtert. Die Ausführung der Bahn bis Piotta erfordert doch viel mehr Zeit, wenn sie definitiv an Hand genommen wird, als Hr. Favre sich vorzustellen scheint. Immerhin wäre es zu empfehlen, dieselbe bald zu beginnen.
Was die Angelegenheit des Tunnelportals in Goeschenen 6 betrifft, so bin ich nach nochmaliger genauer Einsichtnahme der Örtlichkeit zu der Ansicht gekommen, daß es gut wäre den Tunnel von 38,338 Kil. noch bis 38,316 zu verlängern & dort das Portal anzubringen. Nach einer vorläufigen approximativen Berechnung käme dieses Projekt eher noch billiger zu stehen als das jetzige & wäre damit aber an Sicherheit viel gewonnen. Die Verhältnisse in Goeschenen sind viel gefährlicher als in Airolo , weil man es dort auch mit Steinfällen & nicht blos mit Schnee zu thun hat. - Ich möchte daher empfehlen noch ein Projekt studiren zu lassen mit Tunnelanfang ungefähr bei 38,316 Kil. & vorläufig wenigstens den Tunnel bis dahin zu verlängern mit einer allmähligen Ausweitung bis 10 Meters, so daß die Anlage von Seitengeleisen nicht behindert wäre.7 – Das Portal selbst brauchte man nicht sofort zu erstellen, obschon dasselbe einen gefälligen Anblick gewähren würde. – Das Haus für die Aspiratoren müßte man mehr gegen die Reuß verlegen, da ich dasselbe an der projektirten Stelle für sehr gefährdet halte.|
Ich habe das Detail dieser Angelegenheit mit Herrn Renker 8 in Abwesenheit von Hrn. Mezger9 besprochen & könnte das angeregte neue Projekt bald beendigt sein. – Die Beseitigung des prov. Gewölbes von Favre scheint nicht durchaus nöthig zu sein, da dasselbe mit einem zweiten Gewölbe bedeckt ist & bei gehöriger Ausfugung ganz hinreichen dürfte. – Jedenfalls würde diese Beseitigung & Neuherstellung viel Zeit erfordern, während es zweckmäßiger wäre diese Zeit zur Verlängerung des Tunnels anzuwenden.
Wenn die Absicht ist hier in Airolo 10 bald den Einschnitt wieder einzudecken 11 , so sollte bei der Erstellung des Aquädukts darauf Rücksicht genommen werden, damit nachher nicht wieder ein Theil desselben abgebrochen werden muß. Ich habe Herrn Gruber12 vorläufig darauf aufmerksam gemacht, denn die Maurung des Aquädukts ist schon begonnen. – Als Tunnelportal würde sich dasselbe wohl kaum eignen, vielmehr müßte dasselbe dem Aquädukt vorangestellt werden.
Gern hätte alle diese Punkte mit Hrn. Gerwig selbst besprochen, aber er soll sich noch auf der Linie befinden & ich kann mich nicht wohl länger hier aufhalten.
Lege nun nochmals die Entwürfe der Profile 5a & 5b zu gefl. entsprechender Modifikation in Ihre Hände zurück.13
Mit vollkommener Hochachtung
G. Koller Ing