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das offene und gesetzliche wie auch das heimliche Verlassen des Landes, welchem man
durch Geburt oder festen Wohnsitz angehört, in der Absicht, unter völligem Aufgeben des bisherigen Vaterlandes und der staatsbürgerlichen
und heimatlichen Rechte sich in einem neuen Vaterland anzusiedeln. Hiernach unterscheidet sich die Auswanderung vom länger dauernden
Reisen dadurch, daß bei ihr, sei es infolge förmlicher Entlassung aus dem Staatsverband, oder sei
es wegen über eine bestimmte Zeitdauer hinaus fortgesetzten ununterbrochenen Aufenthalts im Ausland, die seitherige Staatsangehörigkeit
verlorengeht. So wird die deutsche Staatsangehörigkeit durch einen zehnjährigen Aufenthalt in der Fremde eingebüßt.
Die Auswanderer beabsichtigen, sich im neuen Heim eine dauernde Existenz zu gründen. Hierdurch unterscheiden
sie sich von den Emigranten, unter welchen politische Flüchtlinge verstanden werden, die im Ausland eine vorläufige Zufluchtsstätte
suchen. In der angegebenen Begrenzung wäre die Auswanderung aus Kolonialstaaten nach deren Besitzungen eine Auswanderung im
eigentlichen Sinne nicht zu nennen, vielmehr eine Kolonisation; dennoch schließen wir auch diese Art von
in unsre Betrachtung ein, weil nur ein Zusammenfassen aller Richtungen einen klaren Einblick in das Getriebe
[* 5] einer überall
regsamen Völkerbewegung geben kann.
In älterer Zeit, in welcher die Einzelwanderung durch Hemmnisse rechtlicher Art und durch mangelnde Verkehrsentwickelung
(Schwierigkeit des Reisens, Unkenntnis fremder Länder) erschwert war, kamen Auswanderungen mehr in der
Form von Massenwanderungen vor. Das Mutterland gab einen Teil seiner Bewohner zur Gründung von Kolonien ab, besiegte Völker
wurden von den Siegern nach einer andern Gegend verpflanzt (Juden), ein Volk wurde durch ein andres aus seinen Wohnsitzen verdrängt,
oder es wanderte, um anderwärts ein besseres Heim zu finden (Völkerwanderung, eine derselben ähnliche
Erscheinung weist die moderne Zeit im »Trekken« der Boers in Südafrika
[* 6] wie in der Wanderung der Mormonen von Nauvoo nach Utah
auf).
Beispiele erzwungener Auswanderung aus späterer Zeit sind die Verjagung der Mauren aus Spanien,
[* 7] der französischen Protestanten unter
Ludwig XIV., der Salzburger unter ErzbischofFirmian. In der neuern Zeit ist der Besuch fremder Länder durch
Erweiterung der persönlichen Freiheitsrechte (Aufhebung der Hörigkeit, Gewährung freien Reiserechts, Wegfall einer großen
Zahl polizeilicher Reiseerschwerungen) sowie durch eine großartige Verkehrsentwickelung außerordentlich erleichtert, und
es trägt infolgedessen die moderne Auswanderung fast ausschließlich den Charakter der freiwilligen Einzelwanderung.
Die Motive, welche zum Aufgeben der Heimat veranlassen, können sehr verschiedene sein: religiöse, politische, ökonomische.
Während die beiden ersten in früherer Zeit mächtige Triebfedern waren, ist in der Jetztzeit fast ausschließlich der Wunsch
nach Verbesserung der wirtschaftlichen Verhältnisse maßgebend. Die Stärke
[* 8] der Auswanderung wird hiernach zunächst bedingt durch
die Schwierigkeit, sich in der Heimat eine befriedigende Existenz zu schaffen. So kann eine länger dauernde
Notlage ganze Scharen von Auswanderern über die Grenze treiben.
ist die Ziffer der Einwanderer aus Europa
[* 16] gestiegen oder gefallen. Von großem Einfluß auf die Auswanderung ist die ganze geschichtliche
Entwickelung eines Volks. So zeichnet sich die kinderreiche germanische Rasse durch einen traditionellen Wandertrieb aus, während
der größte Teil der Slawen zwar zum Wandern innerhalb der Grenzen
[* 17] des eignen Landes geneigt genug ist,
zum Auswandern sich aber nur schwer entschließt. Von den romanischen Völkern sind die seßhaftesten die Franzosen, während
der Italiener wieder leichter sein Vaterland verläßt.
Dann sank letztere wieder, bis die Reaktionsperiode der 30er Jahre eine neue Steigerung brachte, die 1847 ihren Kulminationspunkt
erreichte. Einen plötzlichen Sprung machte die Auswanderung abermals 1852, gelangte 1854 zu einer früher nicht annähernd dagewesenen
Ziffer (127,694), um dann wieder rasch zu sinken, bis sie infolge des amerikanischen Bürgerkriegs 1861 auf
die niedrigste Stufe (30,939) herabging. Die Beendigung dieses Kriegs ließ die Auswanderung schnell steigen, einen noch mächtigern
Anstoß gab der Krieg von 1866, während der von 1870 bis 1871 ein schnelles Nachlassen zur Folge hatte. Kaum aber war der Krieg
beendet, so hob sich die Auswanderung wiederum, bis sie 1872 das Maximum von 125,650 erreichte. Die auch Amerika
[* 20] heimsuchenden Krisen hemmten den Auswanderungsstrom von neuem, bis der wunderbare wirtschaftliche Aufschwung der Union 1880 denselben
zu einer alles früher Dagewesene überbietenden Mächtigkeit anschwellte (s. unten).
Die britische Auswanderung hat ihren Grund zwar zum Teil in ähnlichen Verhältnissen gehabt, zuerst in religiöser
Unterdrückung, Hungersnot (1846); vornehmlich aber ist sie gefördert worden durch den britischen Kolonialbesitz
[* 21] und durch
die mit Nordamerika bestehende Stammesverwandtschaft. Seit 1863 sank die britische Auswanderung nur einmal (1877)
unter 100,000. Nicht absolute Bevölkerungsdichtigkeit, wohl aber das Unvermögen einer sich schneller als andre mehrenden
Volkszahl, unterstützt durch große Vertrautheit mit dem Meer, veranlaßt die skandinavischen Völker
zur Übersiedelung nach überseeischen Ländern.
Und wenn die Schweiz
[* 22] und Italien
[* 23] jährlich verhältnismäßig hohe Kontingente zur Auswandererziffer liefern, so ist der Grund
bei den einen wohl in dem höher entwickelten Unternehmungsgeist, bei den andern in einer gewissen Beengtheit und dadurch
geschaffenen mißlichen Lage zu suchen. Österreich-Ungarn
[* 24] hat noch weite Striche innerhalb seiner Grenzen
zu bevölkern, noch mehr Rußland, bei welchem die Auswanderung sogar durch die Einwanderung übertroffen wird, während Frankreichs
geringe Bevölkerungszunahme fast vollständig Raum findet in der durch stetige Kapitalbildung erweiterten und verbesserten
Werkstatt des Volkslebens. Diese günstigen Bedingungen haben dem industriereichen Belgien
[* 25] sogar schon
seit Jahren eine beträchtliche Zuwanderung verschafft. Der beschränkte Raum der Heimat sendet alljährlich Scharen chinesischer
Auswanderer nach allen Richtungen ins Ausland, wo diese mäßigen und arbeitsamen Menschen in erfolgreiche, ja bedrohliche
Konkurrenz
mit europäischer Arbeit treten.
Wie die beiden Faktoren: Volksvermehrung und die Möglichkeit, den Anforderungen zu genügen, welche eine
steigende Bevölkerung an das Leben stellt, die Auswanderung beeinflussen, mag nachstehende Tabelle zeigen:
Geburtenüberschuß und Auswanderung in neun Hauptgebieten.
Daß die den Staaten, zu denen sie sich wendet, in der Regel einen Vorteil bringt, ist leichtverständlich. Zur Auswanderung entschließen
sich vorwiegend jüngere und kräftigere Elemente. So war in den 70er Jahren das Verhältnis des männlichen Geschlechts zum weiblichen
bei den Auswanderern = 126:100, bei der Reichsbevölkerung nur 103:100, und es kamen von je 1000 Auswanderern
der Jahre 1880 und 1881:
Das Erziehungskapital ist freilich verloren, oder es hätten die Eltern der Auswanderer ohne den Erziehungsaufwand ein bequemeres
Leben führen können. Nachdem nun aber einmal die Kinder erzeugt und erzogen sind, fragt es sich nur,
ob ihre Kräfte anderweit hätten wirtschaftlich verwandt werden können. Ist dies nicht der Fall, wären sogar die Auswanderer
der Gesellschaft zur Last gefallen, so ist der durch die Auswanderung entstehende Verlust an Erziehungskapital nicht weiter zu beklagen.
Wird zwar die augenblickliche Bevölkerungszahl durch die Auswanderung gemindert, so wird oft, und zwar gerade bei
den wanderlustigsten Nationen, die entstandene Lücke rasch wieder ausgefüllt. Einen positiven Gewinn kann die Auswanderung dem Mutterland
dadurch bringen, daß sie die Grundlage einer dauernden Handelsverbindung bildet. Dies wird insbesondere dann leicht der
Fall sein, wenn die Auswanderer sich Ländern zuwenden, in welchen eine verwandte Nationalität mit gleicher
Sprache,
[* 30] Sitte und Kultur vorherrscht, oder wenn sie auch nur unter fremden Völkern durch festes, selbstbewußtes Auftreten
und wachsende Zahl ihrer Nationalität mehr und mehr Geltung zu verschaffen wissen. Dies haben insbesondere die Briten verstanden
und dadurch ihre Weltmachtstellung über alle Meere ausgebreitet, während leider die Deutschen in der
Regel nach kürzerm oder längerm Verweilen in den sie umgebenden fremden Nationalitäten gänzlich aufgegangen sind.
Heute dagegen ist die in den Kulturländern ganz freigegeben, sofern nicht durch dieselbe die gegen den Staat zu erfüllenden
Pflichten (Militärpflicht) verletzt werden. Der Grundsatz der Auswanderungsfreiheit ist im deutschen Bundes- (jetzt Reichs-)
Gesetz vom ausdrücklich anerkannt. Der von einem Lande des Reichs in das andre (gewöhnlich Überwanderung
genannt) werden überhaupt keine Schwierigkeiten in den Weg gestellt. Auch die Entlassung aus dem Reichsverband darf in Friedenszeiten
niemand versagt werden, der seinen Pflichten als Angehöriger des Militär- oder des Beamtenstandes genügt hat.
AktivenMilitärpersonen ist die Entlassung unbedingt zu versagen, andern kann dieselbe nur unter gewissen
Voraussetzungen erteilt werden. Heimliche Auswanderung solcher Personen bedrohen die § 140 u. 360, Abs. 3 des Reichsstrafgesetzbuchs
mit Strafe. Ebenso ist die geschäftsmäßige Verleitung zum Auswandern durch Vorspiegelung falscher
Thatsachen und durch Täuschung
strafbar (§ 144). Die heutige Auswanderungspolitik ist mehr darauf gerichtet, im Interesse der Auswanderer
selbst geeignete Maßregeln zu ergreifen durch gesetzliche Bestimmungen über die Thätigkeit von Auswanderungsagenten, Anstellung
von Beamten zur Beaufsichtigung des Auswanderungswesens an Seeplätzen, Schutz der Ausgewanderten in fremden Ländern etc.
Dazu tritt noch in der neuern Zeit das Bestreben, den Auswandererstrom dahin zu leiten, wo er dem Mutterland
ersprießliche Dienste
[* 31] leisten könne (vgl. Kolonien).
In den Bereich der Staatsthätigkeit gehört auch die Führung einer geordneten Auswanderungsstatistik, wie sie auf Grund der
Listen von Auswandererschiffen, dann auf Grund ausgestellter Pässe und Entlassungsurkunden aufgestellt werden kann. Allerdings
muß, da Reisende und Auswanderer nicht immer streng zu scheiden sind, auf volle Genauigkeit verzichtet
werden, wie denn auch die in Nordamerika geführten Listen mit den europäischen keineswegs immer übereinstimmen.