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Das Landkino als politisches Projekt: Josef Seiler und das Kino Seefeld
Postbeamter, Politiker, Kinobetreiber, Hotelier, Redakteur – Josef Seiler (1907-2000) lebte scheinbar zahlreiche Leben in einem. Nun ist sein umfangreicher Nachlass im Staatsarchiv Obwalden zugänglich – und damit auch das Archiv des Kino Seefeld in Sarnen.
Wenn es in einer Würdigung Josef Seilers zu seinem 80. Geburtstag heisst, "ein ungewöhnliches Ausmass an gesellschaftlichen, politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Aktivitäten" habe seinen Lebensweg geprägt und ihm gleichzeitig "heftigste Gegnerschaften seiner politischen Antipoden" (P.0163.12.06) eingebracht, so ist dies keineswegs übertrieben. Josef Seiler war Postbeamter in Sarnen, Besitzer des Hotel Hirschen, Mitbegründer und langjähriger Geschäftsführer des Kino Seefeld sowie des Obwaldner Anzeigers. Er schrieb für verschiedene Zeitungen, sass im Verwaltungsrat der Kraftwerk Sarneraa AG, war Mitbegründer des Kur- und Verkehrsvereins Sarnen und Vorstand der Wirtschaftsvereinigung Sarnen. Als überzeugter Liberaler engagierte er sich unter anderem als Sekretär der Fortschrittlich-Demokratischen Partei Obwalden, als Redakteur des liberalen "Unterwaldners", als Einwohnergemeinderat in Sarnen sowie im Obwaldner Verfassungsrat, wo er sich 1947 als einer der ersten Obwaldner Politiker für das Frauenstimmrecht aussprach. Seinen grössten politischen Erfolg feierte Seiler aber 1942 als Mitinitiant der kantonalen Volksinitiative gegen "Ämtlibeigerei und Sesselkleberei", die der Kumulation von politischen Ämtern entgegenwirkte und die maximale Amtsdauer auf 16 Jahre beschränkte. Die Initiative wurde deutlich angenommen, der heftige Abstimmungskampf brachte Seiler aber gleichzeitig in Konflikt mit konservativen politischen Schwergewichten wie Walter Amstalden oder Ludwig von Moos – ein Konflikt, der sich weit über die Abstimmung hinaus in verschiedenen Rechtsstreitigkeiten fortsetzte (P.0163.11).
Seilers aussergewöhnlich vielseitiges Engagement spiegelt sich in seinem umfangreichen Nachlass, der neben politischen und biografischen Unterlagen auch Akten aus den diversen Institutionen und Unternehmen umfasst, an denen Seiler beteiligt war. Dazu gehört etwa das Archiv des Kino Seefeld, das 1947 als erstes Kino in Sarnen eröffnet wurde und in dessen Geschichte Seilers Nachlass nun erstmals Einblick gewährt.
Das Kino als Politikum
Es ist kein Zufall, dass zu den Hauptinitianten des Kino Seefeld neben Josef Seiler auch Franz Müller gehörte, der gemeinsam mit Seiler bereits die Volksinitiative von 1942 lanciert hatte. Denn hinter der Gründung einer Lichtspieltheater AG stand laut Seiler nicht nur ein kulturelles und unternehmerisches, sondern auch ein politisches Anliegen: "Wir wollen mit uns selbst ehrlich sein", schrieb Seiler 1949 an Müller, "am Anfang stand die Politik! Der Kampf um das Zustandekommen eines Kinos in Sarnen war ein politischer Kampf! Wir wissen, dass Sein oder Nicht-Sein des Kino Sarnen von der Politik mitbestimmend (um es bescheiden auszudrücken) sein wird! […] 'Schuld' am Bestehen des Kino Sarnen ist der Politiker Müller & der Politiker Seiler!" (P.0163.09.03) Im Zusammenhang mit der Konzessionsvergabe durch den Regierungsrat trafen die Kinogründer denn auch auf einigen politischen Widerstand. Mit spitzen Bemerkungen mokierte sich Seiler unter anderem über einen Passus im Konzessionsentwurf, in dem vor "Augenkrankheiten und nervösen Störungen" durch das Kino gewarnt wurde. Erfolgreich wehrte er sich gegen eine Bestimmung im gleichen Entwurf, die dem Geschäftsführer des Kinos verbot, gleichzeitig in den Betrieb des Hotel Hirschen involviert zu sein. Als Besitzer des Hotels empfand Seiler diese Bestimmung - wohl nicht zu Unrecht - als Versuch, ihn aus dem Kinobetrieb auszuschliessen. Die Aufsicht über das Kinoprogramm legte der Regierungsrat schliesslich in die Hände des Sarner Einwohnergemeinderates, der laut Konzession alle "vorzuführenden Filme einschliesslich Beiprogramm" genehmigen musste (P.0163.09.03).
"Einwandfreie Filme"
Schon vor der Eröffnung des Kinos hatten kritische Stimmen im Gemeinderat darauf gepocht, dass in Obwalden nur "einwandfreie Filme" gezeigt werden sollten, die "unserer Religion, der Wahrung guter Sitten und der Heiligkeit der Ehe Rechnung tragen". Befürchtet wurde insbesondere ein schädlicher Einfluss des Kinos auf die Obwaldner Jugend. Besonders aufschlussreich sind in diesem Zusammenhang die Akten der Sarner Filmzensurkommission (P.0163.09.07) – eine Kommission, die der Gemeinderat im Zusammenhang mit der Kinogründung schuf und der Seiler als Vertreter des einzigen Kinos zunächst ebenfalls angehörte. In ihren Entscheidungen stützte sich die Filmzensurkommission auf den "Filmberater", eine katholische Filmzeitschrift, die neue Filme hauptsächlich nach moralischen Gesichtspunkten bewertete. Wiederholt mussten nach der Vorzensur durch den "Filmberater" und die Filmkommission kontroverse Szenen – etwa Nacktszenen – aus den Filmen herausgeschnitten werden. Auch das Priesterkapitel schaltete sich immer wieder in den Zensurprozess ein, indem es in Briefen an Gemeinde- und Regierungsrat die Gefährdung der Sittlichkeit durch Kino und Kinoreklame beklagte und eine strengere Zensur forderte. Dass Seiler mit der Zensur oft nicht einverstanden war, zeigt sich nicht nur in seiner Korrespondenz mit der Zensurkommission, sondern auch darin, dass er die herausgeschnittenen Filmszenen auf Papier aufgeklebt und teilweise mit Kommentaren versehen aufbewahrte (P.0163.09.07).
Während Seiler die Filmzensur im Namen der Sittlichkeit kritisch sah, setzte er sich gleichzeitig aktiv für die Zensur von Filmen ein, die ihm aus politischen Gründen problematisch erschienen. Nachdem am Filmfestival Locarno 1957 sowjetische Filme gezeigt worden waren, schickte Seiler beispielsweise dem Nationalrat Kurt Bucher eine Dokumentation, die dieser im Parlament für eine kritische "kleine Anfrage" betreffend des Filmfestivals nutzte (P.0163.09.13).
Kino in der Krise
Das Archiv des Kino Seefelds wirft aber nicht nur ein Schlaglicht auf politische Debatten rund um das Medium Film, sondern erlaubt dank der Überlieferung von Korrespondenzen mit Filmverleihfirmen (P.0163.09.14), von Kinoverbandsakten (P.0163.09.10-13), Kinoprogrammen (P.0163.09.06) und Bilanzen (P.0163.09.20-21) gleichzeitig vertiefte Einblicke in den Betrieb eines Schweizer Landkinos. Das Geschäft lief zunächst gut an: Im ersten Jahr brachte das Kino Seefeld 94 Filme auf die Leinwand und konnte über 50,000 Besucherinnen und Besucher verbuchen. Wie viele andere Landkinos war das Kino Seefeld aber besonders von der Kinokrise in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts betroffen und geriet zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Erschwerend kam hinzu, dass laut Konzession Filmvorführungen an hohen Feiertagen verboten und während der Advents- und Fastenzeit nur eingeschränkt erlaubt waren. Zahlreiche Akten im Kinoarchiv zeugen von Versuchen, durch Diversifizierung – etwa durch ein Reisekino (P.0163.09.19), Gastspiele (P.0163.09.08), Vermietungen (P.0163.09.09) und durch die Eröffnung eines "Ciné-Sound-Clubs" (P.0163.09.29) – die Rentabilität des Kinos zu sichern. Die politischen Anliegen der Anfangszeit gerieten dabei, so scheint es, zunehmend in den Hintergrund.
Seilers Seefeld
Als das Kino Seefeld 2019 seine Türen schloss, konnte es auf eine über 70-jährige Geschichte zurückblicken. Die ersten rund vierzig Jahre dieser Geschichte sind in Josef Seilers Nachlass nicht nur reich dokumentiert, sondern zugleich untrennbar mit seiner Person und seinem vielseitigen Engagement verbunden - und werden dadurch als Teil einer grösseren Politik-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte greifbar, die Seiler in Obwalden massgeblich mitprägte.
Quellen:
StAOW P.0163: Nachlass Josef Seiler (1907-2000)
Literatur zum Thema:
Eberli, Martin: Gefährliche Filme – gefährliche Zensur? Filmzensur im Kanton Luzern im Vergleich mit den Filmkontrollen der Kantone Zürich und Waadt. Basel 2012.
Sidler, Christian: Gegen Ämtlibeigerei und Sesselkleberei. Die Geschichte eines erfolgreichen Volksbegehrens in Obwalden zur Zeit des Zweiten Weltkrieges. In: Obwaldner Geschichtsblätter, Heft 20: 1994, S. 189–236.