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Skitouren im Kiental zwischen Schilthorn und Hohtürli
Geheime Gipfel im Schatten des Piz Gloria
Skitouren im Kiental zwischen Schilthorn und Hohtürli
Text: DANIEL ANKER*
Seit auf dem Schilthorn der Bond-Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät» gedreht wurde, heisst der höchste Gipfel (2970 m) der Berner Voralpen auch Piz Gloria. Gegen einen solch königlichen Namen können das währschafte Drättehorn (2793 m) und das weisse Schwarzhorn (2786 m) nichts ausrichten. Ihre Hänge jedoch sind so majestätisch wie diejenigen am Schilthorn.
Im 1931 war die Skiwelt noch in Ordnung – wenigstens für die Schweizer. An der ersten alpinen Skiweltmeisterschaft feierten die Herren einen vierfachen Sieg, der beste Österreicher landete mit einer halben Minute Rückstand auf Sieger Walter Prager auf dem fünften Platz. Auch den Slalom gewann ein Schweizer: David Zogg vor dem Österreicher Toni Seelos. Überraschung hingegen bei den Damen: Doppelweltmeisterin wurde die erst 17jährige Engländerin Esmé MacKinnon – zur grossen Freude des Ski Club of Great Britain, der die Rennen im Auftrag des internationalen Skiverbandes FIS organisiert hatte. Sie fanden – kein Zufall – in Mürren im Berner Oberland statt. Mürren war der alpine Wohnort des damaligen Skipapstes, des Engländers Sir Arnold Lunn (1888–1974).
Arnie, wie ihn seine Freunde nannten, war als 10jähriger Knabe einer der ersten, der in Chamonix Ski fuhr. Später war Lunn Skierstbesteiger vieler Gipfel, Verfasser der beiden ersten Skitourenführer fürs Berner Oberland (1911 und 1920), unermüdlicher Schriftsteller, Ehrenpräsident zahlreicher (ski)alpiner Vereine sowie Erfinder der modernen Skirennen. In Mürren setzte Arnold Lunn neben dem Hotel «Jungfrau» im Jahre 1922 den ersten modernen Slalom in der Geschichte des alpinen Skirennsportes. Der Österreicher Matthias Zdarsky aus Lilienfeld hatte zwar schon viel früher einen Torlauf ausgesteckt, führte jedoch sein Projekt nach wenigen Läufen nicht weiter aus. Um seine Auffassung vom alpinen Skilauf mit Slalom und Abfahrt bekannt zu machen, führte Lunn Wettkämpfe durch. Am 4. und 5. Januar 1924 organisierte er in Grindelwald und Mürren die ersten internationalen Skirennen mit Abfahrt, Slalom und Kombination. Ende Januar rief er in Mürren den Kandahar Ski Club ins Leben.
Im gleichen Winter fanden in Chamonix die ersten olympischen Winterspiele statt (allerdings ohne alpine Skiwettkämpfe), wurde der FIS gegründet und es wurde zum ersten Mal das Parsenn-Derby in Davos durchgeführt. Und schliesslich, im November 1924, hielten der Mürrener Hotelierssohn Walter Amstutz und sein Berner Universitätskollege Willy Richardet zusammen mit Hermann Gurtner die erste Sitzung des Schweizerischen Akademischen Ski-Clubs ab. Die Gründung des SAS war am 18. Mai 1924 auf dem Nördlichen Eigerjoch (3614 m) beschlossen worden.
Wo’s starke Nerven braucht
Ein paar Jahrzehnte später fanden gegenüber des Eigers, auf der andern Seite des Lauterbrunnentales, wieder ungewöhnliche Skirennen statt. James Bond wedelte im sehr geheimen und sehr werbewirksamen Auftrag Ihrer Majestät den Bösewichtern davon und erholte sich von diesen Strapazen in eher horizontaler Lage. Seither heisst das Schilthorn Piz Gloria. Dieser glorreiche Name passt auch besser für den berühmten Aussichtsberg, auf dessen Spitze ein Drehrestaurant den vielen Gästen die Köpfe verdreht. Doch gerade Tourenskifahrer sollten dort oben einen klaren Kopf behalten. Der Start der Tourenabfahrt vom Schilthorn ist nämlich brandschwarz: Die Schrägfahrt auf dem verdammt abschüssigen, mit Felsen gespickten Hang entlang dem Westgrat erfordert gute Nerven und sichere Technik Qualitäten, die die Skilehrer zeigten, als sie mit Bond um die Wette fuhren. Wer nicht den Helden spielen will, steigt zu Fuss über den versicherten Westgrat ab. Und dann steht allen eine weisse Arena offen, die zu den besten im Berner Oberland zählt.
Auf abenteuerhungrige Nachfolger von Lunn, Amstutz & Co. warten bekannte Ziele wie das Hundshorn und die Schwalmere, Geheimtipps wie der Wild Andrist und das Drättehorn. Sir Arnold hat das Drättehorn als Skitour entdeckt. «The Drettenhorn is an attractive run», schrieb er im zweiten Band von «The Alpine Ski Guides – The Bernese Oberland». Das Drättehorn bietet wirklich eine attraktive Skitour, auch wenn sie eine Spur schwieriger ist als Mister Lunn sie eingeschätzt hat. Aber er gab ja auch nicht an, über die 400 Meter hohe, durchschnittlich 30 Grad steile Südwestflanke abzufahren, weder in seinem Führer noch auf seiner «Skikarte Berner Oberland: Gadmen – Bietschorn», die der Schweizer Alpen-Club 1922 publizierte. Genau in dieser Flanke setzen wir genussvoll Schwung an Schwung, wenn die Schneeart mitmacht. Spätestens im Spiggegrund unten hat das Downhill only ein vorläufiges Ende. Der Spiggegrund ist ein Seitenast des Kientals – und ziemlich flach. Als Skigelände also nicht sehr attraktiv. Deshalb ziehen wir nochmals die Felle auf und steigen gegen die Chanzel hoch. Ganz zum Gipfel müssen wir nicht gehen; schon beim Sattel unterhalb davon können wir die Bindungen wieder auf Abfahrt stellen und gegen die Griesalp hinuntersausen. Dann treten wir in die Gaststube des Naturfreundehauses Gorneren, hungrig und happy.
Ab Griesalp: mit dem NF-Haus als Basislager
Mit einer Reihe von leichten bis schwierigen Skitouren wartet die Griesalp, das skitouristische Zentrum im Kiental, auf. Auch Lunn war dort im Winter, allerdings nur einmal und nur halbwegs zum Skifahren. Am 12. Januar 1912 bestieg er zusammen mit dem Führer Michel Crettex das Gspaltenhorn. Der wild gezackte Gipfel zuhinterst im Kiental war schon damals keine Skitour, und ist es auch heute nicht. Aber es spricht für Lunn, als er in dem von ihm herausgegebenen «Alpine Ski Club Annual» notierte: «The Griesalp is destined to be one of the finest ski-ing centres of the future.»
Und in seinem Skitourenführer von 1920 bat er die Leser, sie sollten ihm doch für eine zweite Auflage Mitteilungen über die dortigen Skitouren angeben. Das holen wir hiermit gerne nach und empfehlen das Kientaler Schwarzhorn. Es liegt zwischen dem Bundstock und dem Hohtürli. Dieser Pass ist im Sommer und Herbst so beliebt wie das Berner Marzili als Badeanstalt. Im Winter und Frühling freilich zieren den Hohtürlihang kaum menschliche Spuren; diese finden sich dafür drüben am Bundstock, dessen Normalroute von der Griesalp ab Winterbeginn jeweils zur Piste eingefräst ist. Nach dem Frühstück im Naturfreundehaus müssen wir uns keine Gedanken über die richtige Route machen: von der Griesalp einfach dem Haupttrassee nachgleiten. Auf dem Bundstocksattel klinken wir uns jedoch aus und gehen aufs Schwarzhorn. Wir sind die ersten. Keine Spuren vor uns. Die Ski müssen auf den Rucksack geschnallt werden, weil das Gelände zu stotzig und teilweise zu felsig ist. Doch schon bald stehen wir beim grossen Steinmann auf dem Westgipfel des Schwarzhorns. Der Ostgipfel drüben ist noch ein paar Meter höher. Also nichts wie hin. Dann blicken wir senkrecht hinunter auf den riesigen Hohtürlihang: welch eine Abfahrt, welch ein Versprechen, wenn der Schnee sicher genug ist! Nur etwas ist erstaunlich: Der grosse Arnold Lunn fand genau diesen Hang «excessively steep and unskiable». Er hätte unsere Spuren sehen sollen.
*Daniel Anker (Jg. 1954, NFS-Mitglied) arbeitet als freier Reise- und Bergsportjournalist; er hat zahlreiche Skitouren-, Velo- und Wanderführer sowie Bergmonografien verfasst.
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Von: Herbert Gruber