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Irene Jungmann war sich sicher: Es ging noch schneller. Sie blickte keuchend auf ihre Sportuhr, wischte sich mit dem Handrücken über die schweissnasse Stirn. 1 Stunde und 10 Minuten hatte sie für ihren Lauf gebraucht. Nur zwei Minuten schneller als letztes Mal. Sie verzog den Mund.
Jede Woche, immer am Sonntagvormittag, schlüpfte Irene Jungmann in ihre Nike-Laufschuhe und rannte den Wanderweg hoch in das Nachbardorf, das sich über dem Talboden an den Berg schmiegte. Der Pfad war gut, an manchen Orten schraubte er sich in steilen Serpentinen nach oben. Zwei Mal verlief der Wanderweg auf der flachen Strasse, zum grossen Missfallen der Läuferin. Sie hatte bereits mehrmals die Karte studiert, ob man diese zeitraubenden Passagen umgehen könnte.
Beim lockeren Hinabtraben (der Rückweg zählte nicht zur Joggingrunde, sondern war für Irene Jungmann nur Mittel zum Zweck, nämlich, nach Hause und unter die Dusche zu kommen) suchte sie in der Umgebung nach möglichen, kaum sichtbaren Trittspuren im Wald, die ihr die Möglichkeit einer Abkürzung böten.
Mehrmals verliess sie beim Hochlaufen den bekannten Weg und tauchte ins Unterholz ab. Wenn sich ein Weg als Sackgasse erwies, drehte sie jedoch nicht um, sondern rannte unerschrocken weiter, benutzte ihre Hände, um sich an Zweigen und Wurzeln festzuhalten und arbeitete sich verbissen im steilen Wald nach oben.
Im Laufe der Zeit schuf sie auf diese Weise Pfade, die sich immer tiefer ins Erdreich eingruben. Sobald Irene Jungmann aus dem Wald auftauchte und beim Brunnen des Nachbardorfes angekommen auf die Stoppfunktion ihrer Uhr drückte, waren ihre Haare zerzaust, Zweige und Blätter steckten darin, die Erde an ihren Händen trocknete bereits.
Viele Jahre ging dies so. Manche Bewohner des Bergdorfes, das Irene Jungmann als Ziel ihrer Läufe auserkoren hatte, nahmen das sonntagvormittägliche Schauspiel, das die ehrgeizige Sportlerin ihnen bot, schmunzelnd, später dann spöttisch zur Kenntnis. An manchen Tagen ähnelte sie mehr einem Tier als einem Menschen, wenn sie schlammverkrustet den Wald verliess und sich nach Beendigung ihres Laufs flüchtig am Dorfbrunnen wusch.
Eines Sonntags tauchte sie nicht mehr im Nachbardorf auf. Die Suche nach ihr entlang der Schneisen, die sie in den Wald gegraben hatte, verlief erfolglos. Manche behaupteten, sie hätte die Strecke zuletzt unter 30 Minuten geschafft. Trotzdem sei sie weiterhin auf der Suche nach einer Abkürzung gewesen. Wahrscheinlich hat sie sie gefunden.