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Grosser rat Aargau, 04.249
Postulat Dr. Dragan Najman, Baden, vom 14. September 2004 betreffend Neue Deutsche Rechtschreibung (NDR)
Text:
Der Regierungsrat wird beauftragt, mit dem Bundesrat Kontakt aufzunehmen, damit die Neue Deutsche Rechtschreibung gestoppt wird, zumindest so lange, bis klar wird, wie es in Deutschland mit der NDR weiter gehen wird. Im Oktober 2004 werden die deutschen Kultusminister über die Deutsche Rechtschreibung beschliessen.
Begründung:
Ich habe schon 1997 eine Interpellation und eine Motion und 2000 ein Postulat zu demselben Thema eingereicht. Nachdem nunmehr in Deutschland die Kontroverse über die NDR einen neuen Höhepunkt erreicht hat, wollte ich vorerst keinen vierten Vorstoss lancieren. Die Sendung "Zischtigsclub" vom 31. August 2004 hat mich aber doch bewogen, einen weiteren Versuch zu starten.
Damit die Grossratsmitglieder, die 1997 und 2000 noch nicht im Grossen Rat Einsitz hatten, über die Beweggründe meiner bisherigen drei Vorstösse Bescheid wissen, hier einige wenige Punkte aus diesen Vorstössen. Bereits 1997 war folgendes zu vermerken:
- 47 deutsche Bundestagsabgeordnete aus CDU, CSU, SPD und FDP, also aus allen grossen deutschen Parteien, hatten in einem Vorstoss einen Stopp der Rechtschreibereform gefordert.
- Mehr als hundert prominente Persönlichkeiten in Deutschland wie Günther Grass, Siegfried Lenz, Martin Walser kämpften in der "Frankfurter Erklärung" gegen die Reform an.
- Der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog (CDU) sagte zur NDR: "Die Reform ist so überflüssig wie ein Kropf ..... Ich werde so weitermachen wie bisher .... "
- In verschiedenen deutschen Bundesländern regte sich energischer Widerstand.
- Am 14. Mai 1997 hatte der Haushaltausschuss des Deutschen Bundestags mit deutlicher Mehrheit der CDU/CSU-, SPD- und FDP-Stimmen einem Antrag zugestimmt, Massnahmen zum Stopp der Rechtschreibereform in die Wege zu leiten.
- Diverse deutsche und schweizerische Buchverlage boykottierten schon damals die NDR, ebenso die beiden wohl renommiertesten Zeitungen in deutscher Sprache, die "Frankfurter Allgemeine" und die "Neue Zürcher Zeitung". Die NZZ erklärte, sie werde nur diejenigen Teile der NDR übernehmen, die sie vernünftig finde.
- Der damalige hessische Kultusminister Roman Holzapfel (SPD) empfahl dem Duden, seine neue Auflage zurückzunehmen und allen Käufern eine korrekte Neuauflage im Austausch anzubieten.
Ausserdem barg die NDR schon 1997 folgende Ungereimtheiten, die jeglicher Logik entbehrten. Hier nur eine kleine Auswahl der von mir in meiner Motion von 1997 erwähnten Fälle (es lohnt sich nicht, mehr zu zitieren, weil im folgenden gezeigt wird, dass die Schreibweise seither schon mehrmals geändert hat):
davor setzen, aber dazusetzen
fern liegen, fern stehen, aber fernbleiben
hier bleiben, aber weggehen
warm laufen, aber heisslaufen
wohl wollen, aber wohlwollend
Die Absurdität der NDR hat aber mit den obigen paar wenigen Beispielen (aus hunderten) noch lange kein Ende. Der Zischtigsclub vom 31.8.2004 zeigte einmal mehr überdeutlich, was einige Theoretiker mit dieser Sprachreform angerichtet haben. Ich kann hier natürlich nur ganz wenige Ausschnitte davon wieder geben. Wer interessiert ist, kann sich bei mir die Video-Aufzeichnung ausleihen.
Teilnehmer am Zischtigsclub waren: Christine Maier als Moderatorin; Adolf Muschg, u.a. Präsident der Akademie der Künste, Berlin; Stefan Stirnemann, Gymnasiallehrer, Forschungsgruppe Deutsche Sprache; Ruth Schweikert, Schriftstellerin; Doris Stump, Germanistin, Velegerin; Peter Gallmann, Prof. für Germanistik, Uni Jena, seit 1986 Mitglied der Kommission zur Ausarbeitung der Neuen Deutschen Rechtschreibung.
Wie unausgegoren die NDR von Anfang war, zeigte Hr. Stirnemann. Seit 1996 gab es vier Duden, allerdings nur drei davon wurden veröffentlicht. Die 1. Ausgabe 1996 musste gleich wieder eingestampft werden, weil deutsche Kultusminister sich weigerten, Frefel, Delfin oder Asfalt zu schreiben (mein PC streikte hier auch, er zeigte mit roten Zickzacklinien einen Schreibfehler an). In der zweiten Duden-Ausgabe 1996 wurden die Wörter viel sagend, viel versprechend und nichts sagend alle in zwei Worten geschrieben; in der Duden-Ausgabe 2000 wurden vielsagend und vielversprechend in einem Wort, nichts sagend noch in zwei Worten geschrieben; in der neuesten Duden-Ausgabe 2004 werden alle drei Wörter zusammen geschrieben. Und der Tiefpunkt: Alle diese Wörter dürfe man auch in 2 Worten schreiben. Solche Beispiele gibt es laut Stirnemann zu Hunderten. Hr. Gallmann behauptete hingegen, 99,9% der Wörter seien in allen drei Duden-Ausgaben gleich geblieben! Auf die Frage von Hrn. Stirnemann an Hrn. Gallmann, wie man "es tut mir Leid" schreibe, antwortete letzterer wörtlich: "Jetzt wieder gross geschrieben" (!). Hr. Stirnemann erklärte, das Korrigieren in der Schule sei doch kein Spass, er könne doch nicht z.B. nach dem 2004-er Duden korrigieren und der Schüler hat nach dem 2000-er Duden geschrieben. Wie solle er etwas falsch ankreuzen, wenn die NZZ oder prominente Schriftsteller es ebenso schreiben? Und wie soll er ganz allgemein seine Schüler unterrichten, wenn es von Duden zu Duden X Änderungen gibt? Frau Stump sagte darauf, "Hr. Stirnemann, sie nehmen die Sache viel zu ernst". Sie finde es falsch, wenn sie im Deutschunterricht Rechtschreibfehler korrigieren müsse!!
Auf den Vorwurf, warum die Schriftsteller und die Schulen nicht schon viel früher reklamiert hätten und nicht erst jetzt, wo die definitive Einführung der NDR kurz bevorstehe, antwortete Hr. Muschg, die Akademie für Deutsche Sprache, Darmstadt, hätte schon 1996/97 einen kompletten Gegenvorschlag unterbreitet, sei aber abgeschmettert worden. Auch verschiedene andere Akademien hätten schon längst reklamiert und seit mindestens 6 bis 7 Jahren gebe es auch Proteste aus den Schulen. Hr. Gallmann erklärte darauf, die NDR sei nur für Schulen und Ämter verbindlich! Ausserdem wurde erwähnt, dass nur Fachliteratur-Verlage die NDR übernommen haben, alle Literaturverlage drucken noch oder wieder nach der alten Rechtschreibung.
Darauf wurde diskutiert, was für einen Eindruck ein Schulabsolvent mache, wenn er bei einer Bewerbung nach der NDR schreibe. Ein Personalchef würde diesen Schüler als in Orthographie "schlecht" taxieren.
Frau Schweikert erzählte, wie oft sie von Müttern angefragt werde, ob sie jetzt ihre schönen alten Kinderbücher wegwerfen müssten, da ihre Kinder sie ja gar nicht mehr lesen könnten.
Die Gesprächsleiterin Chr. Maier erwähnte, dass neben den bereits erwähnten NZZ und Frankfurter Allgemeine neuerdings auch die Süddeutsche Zeitung, der Spiegel und die gesamte Springerpresse wieder auf die alte Rechtschreibung gewechselt haben - sie frägt: Wie soll das funktionieren, wenn man in der Schule etwas lernt, was man später in der Literatur oder beim Zeitung lesen nicht brauchen kann. In Deutschland protestieren nicht mehr nur Vereinzelte; heute sagen schon 2 von 3 Deutschen, dass die Reform nichts tauge. Hr. Muschg erklärte: "Die Erneuerung der Sprache muss von unten kommen, z.B. von den Schülern als direkt Betroffenen".
Zum Schluss fragte die Gesprächsleiterin, ob die NDR fallen werde. Hr. Stirnemann: "Es kann doch nicht sein, dass der Staat via eine Kommission bestimmt, wie die Sprache sich entwickeln soll. Ich hoffe, dass ein Hr. Gallmann nicht mehr bestimmen darf, wie geschrieben werden soll." Und Adolf Muschg: "Die NDR ist schon gefallen, wenn alle paar Jahre Neuerungen kommen. Sie hat Null Akzeptanz".
Ich hoffe, dass unser BKS-Chef, Herr Rainer Huber, endlich ebenfalls zur Erkenntnis von Adolf Muschg kommt. Allerdings ist diese Hoffnung nicht sehr gross, wenn man sich vergegenwärtigt, was Herr Huber vor einigen Wochen im Fernsehen gesagt hat: Ein Zurück komme nicht in Frage, man habe schon viel zu viel Geld in die Änderungen investiert. Hätte der Regierungsrat mein Postulat vom 29. August 2000 betreffend Denkpause in der Rechtschreibreform übernommen, wäre es gar nicht so weit gekommen. Ich verlangte damals lediglich, dass nicht weiterhin aargauische Lehrbücher in die neue Form umgeschrieben werden sollen. Und wörtlich: "Dadurch soll eine eventuelle Verschleuderung von Steuergeldern verhindert werden, falls sich die Rechtschreibreform schlussendlich als Flop erweist."
Und in derselben Fernsehsendung sagte Herr Huber schliesslich: Man denke an die vielen Schüler, die bei einer Rückkehr zur alten Rechtschreibung plötzlich wieder etwas anderes lernen müssen (!!!). Was aber ist, Herr Regierungsrat, mit den wohl über 90% der übrigen Schüler, die noch richtiges Deutsch gelernt haben und jetzt auf dieses "Zeug" umlernen müssen, das dazu noch alle paar Jahre wechselt? Und in der Gesamtbevölkerung sind es sicher 95%, die umlernen müssten!
Fazit: Die Sprache kann man nicht von oben diktieren, sie muss organisch wachsen. In der Schule kann man doch nicht irgend etwas lernen, was nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat! Non scholae, sed vitae discimus. (= Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir).
Mitunterzeichnet von 5 Ratsmitgliedern
Original: word, pdf.