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Wenn Rudi vorbeigeht, dann weiss man, dass es Rudi ist, weil aus seinem Handy dieser Schlagerstar, da, Helene Fischer, dröhnt.
Rudi hat keine Haare auf dem Kopf, doch meistens eine Dose Bier in der Hand. Die Hand besitzt einen Tremor.
Ich kann an Rudis haarlosem Schädel erkennen, ob er schon ein Bier gehabt hat oder nicht.
Tagsüber arbeitet Rudi auf einem Depot etwas mit Sperrgut. Er nimmt Altwaren entgegen, sortiert sie, schaut, was noch brauchbar ist.
Nach Feierabend grüsst Rudi jede Person, die auf der Strasse vorbeigeht. „Hallo, wie geht’s?“, ruft er und: „Einen schönen Feierabend!“
Rudi sitzt mit einem Bier auf seiner Terrasse und ruft querbeetein: „Du arbeitest nichts, oder? Das ist schlimm, oder?“
Auf der Strasse geht eine Person vorbei und man hört Rudi laut reden: „Ja, sie dort im Liegestuhl arbeitet nichts, manchmal grüsst sie mich, manchmal nicht, gestern war sie bei mir drüben. Ich habe ihr meinen Teddy gezeigt! Weisst du, meine Mutter ist gestorben.“
Als ich hier einzog, kam Rudi rüber und wollte alles von mir wissen. Ich habe ihm gesagt, dass ich nichts arbeite, es aber nicht die Arbeit als solches ist, die ich vermisse. Es stellte sich heraus, dass Rudis Familie Landwirte waren aus derselben Gegend, aus der auch ich komme. „Es ist schön dort, nicht?“, sage ich. Und Rudi sagt: „Der Arm meines Vaters ist in die Mähmaschine geraten.“ – „Das tut mir leid, wann geschah das?“ – „Und du arbeitest nichts? Das ist sicher schlimm für dich …“
Neulich rief Rudi über den Rasen: „Ich habe Pommes Frites gemacht. Sie wurden nicht hart. Also habe ich sie noch einmal gemacht. Dann waren sie immer noch nicht gut. Du, willst du eine Foto von meiner Mutter sehen! Meine Mutter ist gestorben, weisst du!“
Er kommt mit dem Handy zu mir rüber und will mir eine Foto seiner toten Mutter zeigen. Ich sage: „Nein, Rudi, das möchte ich nicht sehen!“ Und mache einen Schritt zurück. Rudi macht einen Schritt auf mich zu: „Willst du ein Bild von meiner Mutter sehen! Es ist nicht schlimm.“
Ich gehe in meine Wohnung und zeige Rudi meinen flauschigen Teddy, worauf er ausruft: „Ich zeige dir meinen Teddy, komm!“ Ich gehe mit meinem Teddy rüber in Rudis Wohnung.
Es riecht nach Bier und Urin. Auf dem frisch gemachten Bett sitzt ein etwa siebzigjähriger Teddy mit ganz steifen Gliedern. Sein Fell ist ganz rauh, wie bei einem echten Teddy. Um den Hals trägt er ein SCB-Tuch. Wir setzen die Teddies nebeneinander. Ich sage, dass ich meinen Teddy noch nie umarmt habe, obwohl er ganz neu ist. Ich sage: „Ich habe meinen Teddy vor wenigen Wochen bei Amazon gekauft. Zuerst wollte ich einen lebensgrossen, aber sowas liefern sie nicht. Wenn man einen Teddy möchte, der unsere Grösse hat, kann man ihn nicht per Post bestellen! Also habe ich einen Kleineren gekauft. Ich dachte, ich kann ihn vielleicht gut gebrauchen, wenn ich traurig bin. Aber nun bedeutet er mir nichts. Was bedeutet dir dein Teddy?“
Rudi sieht jemanden vorbeigehen und ruft: „Hallo! Wie geht’s? Schönen Feierabend!“
Manchmal kreuzen wir uns auf der Strasse, ich sage: „Hallo Rudi!“ Rudi schaut mich an. Er erkennt mich nicht.