Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03250.jsonl.gz/1448

Frühwerke editorisch eingebettet
Der erste Band der Gesamtausgabe von César Francks Orgelwerken bringt nicht wirklich neues Repertoire, erschliesst aber Zusammenhänge rund um die Werkentstehung auf Deutsch.
Dieser erste von acht geplanten Bänden mit César Francks gesammelter Orgel- und Harmonium-Musik präsentiert vier Frühwerke sowie zwei Fragmente. Für viele Orgelspielerinnen und -spieler handelt es sich sicher um Neuentdeckungen, da die Werke nicht im Kanon der zwölf «grossen» Orgelwerke des Komponisten stehen.
Die Fantaisie (Pièce) in A-Dur wurde 1990 von Joël-Marie Fauquet (Editions musicales du Marais) und 2008 in einer um gewisse Druckfehler bereinigten Ausgabe von Bernhard Haas (Butz-Verlag) herausgegeben; zwei Fassungen einer Fantaisie en ut majeur (frühe Stadien der späteren C-Dur-Fantasie aus den Six Pièces) sowie eine Pièce en mi bémol majeur erschienen bereits 1973 bei Schola Cantorum in einer Ausgabe von Norbert Dufourcq. Das charmante Andantino in g-Moll wurde zu Lebzeiten Francks in einer Anthologie publiziert, später auch als Einzelausgabe, erhielt aber von ihm keine Opuszahl. Insofern stellen also nur die fragmentarisch überlieferten und für eine Aufführung leider zu wenig «kompletten» Werke – ein Stück in Es-Dur, von dem nur die letzten fünfeinhalb Seiten erhalten sind, sowie der Anfang einer Prière (ohne Schluss) – wirkliche Neuentdeckungen dar. Dennoch handelt es sich um hochinteressante Zeugnisse des Komponisten, dessen biografische Hintergründe (zum Beispiel sein «Karrierestart» als klavierspielendes Wunderkind bis zu einem fundamentalen Zerwürfnis mit seinem Vater) und kompositorische Entwicklung vom mondänen Salonmusiker zum Mystiker nach wie vor zu wenig zur Kenntnis genommen werden. So ist klar erkennbar, dass Franck diese Werke noch für frühromantische Instrumente (Saint-Roch 1842, Saint-Eustache 1853) konzipiert und sichtlich damit gerungen hat, seine klanglichen Intentionen zu formulieren, weil diese noch nicht dem späteren Standard Cavaillé-Colls und den damit möglichen, einigermassen schematischen «Registrierungs-Szenarien» entsprechen. Auch die Klangsprache des Komponisten wirkt gelegentlich noch etwas ungelenk und (zum Beispiel in nachschlagenden Begleitfiguren) stark vom Klavier inspiriert, aber da und dort schimmern schon gewisse «typische» Franck-Wendungen durch.
Das ausgezeichnete Vorwort der Herausgeberin erschliesst diese Zusammenhänge nun auch für ein deutsch- und englischsprachiges Publikum, da Joël-Marie Fauquets massstabsetzende Biografie (Fayard 1999) nur in französischer Sprache erhältlich ist. Der mustergültig aufgemachte Notentext und der ausführliche Kritische Bericht liefern eine Fülle von Details zu den Werken, ihrer Entstehungsgeschichte und Realisierung und dokumentieren herausgeberische Entscheide auch im Spiegel der bereits bekannten Editionen. Man darf also gespannt sein, ob aus den Folgebänden auch neue Erkenntnisse zu den bereits in Originalausgaben (frz. Verlage, Nachdruck bei Butz) und Kritischen Neueditionen (Wiener Urtext, Henle) erhältlichen «kanonischen» Werken Francks zu gewinnen sind.
César Franck: Sämtliche Orgel- und Harmoniumwerke, Band I: Frühe Orgelwerke / Fragmente, hg. von Christiane Strucken-Paland, BA 9291, € 29.95, Bärenreiter, Kassel
Foto von Braun & Co. eines Gemäldes von Jeanne Rongier (1852–1934) / wikimedia commons