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Gestelle auffüllen im Supermarkt, Spitäler reinigen oder Pakete ausliefern: Schwarze verrichten in den USA überproportional häufig Tätigkeiten, die nicht im Homeoffice erledigt werden können. Damit seien sie während der Pandemie viel grösseren Risiken ausgesetzt, sagt Dr. Hansel Tookes. Der Afroamerikaner ist Infektiologe im Jackson Memorial Hospital in Miami, Florida.
Das Risiko, dass ein schwarzer Covid-19-Patient an der Infektion sterbe, sei dreieinhalb Mal höher als bei einem weissen Patienten, sagt Tookes. Trotzdem werden Schwarze anteilsmässig viel seltener geimpft. In Miami befinden sich unter den Geimpften bloss acht Prozent Schwarze – ihr Bevölkerungsanteil ist aber mehr als doppelt so gross.
Termine via Twitter
Das liege zunächst daran, wie Impftermine vergeben werden, sagt Tookes. Dafür müsse man auf Twitter der Vorsitzenden des Bezirks folgen, um zu erfahren, auf welchen Websites Termine vergeben werden – für viele eine hohe Hürde.
Die meisten Schwarzen aus der Unterschicht verfügten nicht über einen Twitter-Account oder Internetanschluss, sagt Tookes. Hinzu komme aber auch ein tiefes Misstrauen in der afroamerikanischen Gemeinde gegenüber dem Gesundheitswesen.
Medizinische Experimente
Dieses Misstrauen habe tiefe historische Wurzeln, sagt Dan Royles, Link öffnet in einem neuen Fenster, Professor für afroamerikanische Geschichte an der Florida International University.
Schwarze Menschen seien immer wieder missbraucht worden für medizinische Forschungsprojekte. Zum Beispiel von J. Marion Sims, dem Vater der modernen Gynäkologie. Er entwickelte im 19. Jahrhundert Möglichkeiten zur Behandlung von Unterleibs-Fisteln. Sims experimentierte dabei an Sklavinnen – aber ohne deren Einwilligung und ohne Betäubung.
Auch später wurden Schwarze in staatlichen Forschungsprojekten missbraucht. Zum Beispiel im «Tuskegee Syphilis Project, Link öffnet in einem neuen Fenster». Bei diesem wurden nach 1930 rund 400 schwarze Landarbeiter mit Syphilis angesteckt, um zu beobachten, wie sich die Krankheit unbehandelt entwickelt.
Obwohl die Krankheit längst heilbar war, wurde das Projekt bis 1972 weitergeführt, bis ein Zeitungsbericht darüber eine Welle der Empörung auslöste.
Diskriminiert im Gesundheitswesen
Aber selbst heute noch würden Schwarze im US-Gesundheitswesen diskriminiert, sagt Historiker Dan Royles. Er verweist auf eine Studie von 2016, die Vorurteile von Medizinstudierenden offenlegt.
Eine Mehrheit der Befragten zeigte sich überzeugt, das schwarze Menschen weniger schmerzempfindlich sind. Deshalb werde ihnen – statistisch nachgewiesen – weniger Schmerzmittel verabreicht. Zudem würden Behandlungen oft später angeordnet – mit fatalen Folgen, sagt Royles.
Deshalb sei zum Beispiel das Risiko, beim Gebären zu sterben, für eine schwarze Mutter dreimal höher als für eine Weisse. Diese Fakten und die menschenverachtenden Versuche in der Vergangenheit seien in der schwarzen Gemeinde sehr wohlbekannt, sagt Dr. Hansel Tookes.
Skepsis gegenüber Covid-19-Impfung
Das führe dazu, dass viele Schwarze auch skeptisch seien gegenüber der Covid-19-Impfung. Nur gut 40 Prozent der Schwarzen seien bereit, sich impfen zu lassen, sagt Tookes. Bei den Weissen seien es 70 Prozent. Er versuche deshalb, als Vertrauensperson der schwarzen Gemeinde, diesem Misstrauen entgegenzuwirken – indem er sich etwa öffentlich im Fernsehen habe impfen lassen.
Zusammen mit anderen vertrauensbildenden Massnahmen sei es in den letzten Tagen denn auch gelungen, in Miami mehr Schwarze dazu zu bewegen, sich impfen zu lassen.