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Der langfristige Einsatz von Opioden induziert eine pharmakodynamische Toleranz, physische und psychische Abhängigkeit. Ein Opiodentzug (OE), entweder als Einstellung einer entsprechenden Behandlung bzw. dem Konsum opioidhaltiger Mittel oder als Reduktion der Dosis, führt daher zu Entzugserscheinungen wie Unruhe, Angst und Störungen des vegetativen Nervensystems.
Ein OE läuft in zwei Phasen ab. In der ersten Phase prädominieren psychiatrische Symptome. Die Patienten zeigen vermehrte Unruhe, Angst, verlieren den Appetit und leiden an Insomnie [1]. Diese Kondition wird durch einen erhöhten Sympathikotonus weiter verstärkt, der das Schwächegefühl intensiviert und selbst Reizbarkeit und Rastlosigkeit auslöst. Weitere Symptome können teilweise durch Imbalanzen zwischen parasympathisch und sympathisch vermittelten Funktionen des vegetativen Nervensystems, teilweise auch durch eine generelle Erregung des zentralen Nervensystems erklärt werden. Charakteristische Befunde diesbezüglich sind Mydriasis, leichte Tachykardie und Hypertension. Auch gastrointestinale Beschwerden treten auf; sie umfassen auch abdominelle Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Diarrhoe. Obwohl eine Hypothermie nur selten festzustellen ist, geben die Betroffenen oft an, dass ihnen kalt ist. Sie zittern, schwitzen aber gleichzeitig. In manchen Fällen kann ein Tremor beobachtet werden und die OE-Patienten können an einer Myalgie und Muskelkrämpfen leiden. Zuweilen ist der Tränenfluss und die Schleimhautsekretion merklich erhöht.
Weder die Abhängigkeit noch der Entzug von Opioden sind Krankheitsbilder, die bei sonst gesunden Patienten zu erwarten wären. In vielen Fällen besteht auch eine Abhängigkeit zu anderen Substanzen: Die Mehrzahl der OE-Patienten raucht, einige konsumieren größere Mengen Alkohol, sind von Medikamenten oder illegalen Rauschmittel abhängig. Es ist zu beachten, dass der Konsum von Tabak die OE-assoziierten Symptome verstärken kann und dazu führt, dass die Patienten schlechter auf eine Therapie ansprechen. Eine OE-Behandlung kann weiter erschwert werden, wenn die Patienten zur gleichen Zeit den Entzug von anderen Substanzen erleben. Psychische Erkrankungen sind ebenfalls häufige Komorbiditäten. Angst und Panikattacken, Depression, Persönlichkeitsstörungen und Stress treten regelmäßig in Verbindung mit dem OE auf [2]. Es ist noch nicht abschließend geklärt, warum die Prävalenz psychischer Störungen unter Personen, die von Opioden abhängig sind, bis zu dreimal höher ist als in Allgemeinbevölkerung [3].
Patienten, die an chronischen Schmerzen leiden und/oder über längere Zeiträume Opiode anwenden, haben zudem ein höheres Suizidrisiko [4]. Es wurde vorgeschlagen, dass dies auch für Personen im OE gilt, obwohl derartige Studien bislang nicht realisiert wurden.
Die (medizinische) Vorgeschichte des Patienten spielt eine entscheidende Rolle bei der Diagnose des OE. In diesem Kontext ist es wichtig, dass eine jüngst realisierte Dosisanpassung in der Opioidtherapie chronischer Schmerzen als möglicher Auslöser in Betracht gezogen wird. Derartige Angaben werden vom Patienten in der Regel freiwillig gemacht. Das gilt allerdings nicht für die Abhängigkeit zu Medikamenten oder illegalen Rauschmitteln, die oft zu verdecken versucht wird. Konkrete Nachfragen sind außerdem notwendig, weil die Patienten grippeähnliche Symptome in der Regel nicht als Entzugserscheinungen verstehen.
Die American Psychiatric Association hat zur Diagnose des OE klare Kriterien definiert [5]. Wie bereits erwähnt, wird ein OE durch die Einstellung oder Reduktion einer bis dato hochdosierten, langfristigen Opiodbehandlung bzw. des Konsums opioidhaltiger Drogen ausgelöst. Dieser Umstand ist damit Voraussetzung für die Diagnose eines OE. In wenigen Fällen entwickeln Patienten OE-assoziierte Symptome, wenn die Wirkung fortgesetzt angewandter Opiode durch die Applikation von Opioidantagonisten wie Naloxon oder Naltroxen gehemmt wird. Es muss ein zeitlicher Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und der Manifestation charakteristischer Symptome bestehen. Mindestens drei der folgenden Symptome müssen festgestellt werden:
OE-assoziierte Symptome sind unspezifisch. Deshalb sollte neben einer gründlichen Allgemeinuntersuchung auch eine Analyse von Blut- und Urinproben durchgeführt werden. Die Diagnose des OE erfordert zudem den Ausschluss einer Abhängigkeit und eines Entzugs von anderen Substanzen sowie die Abgrenzung von psychischen Erkrankungen, intrinsischen Pathologien des vegetativen Nervensystems und Leiden, die anhand der Ergebnisse der vorgenannten Laboruntersuchungen zu vermuten wären.