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Amy-Jill Levine, emeritierte Professorin für Jüdische Studien und Neues Testament, erhält am Sonntag in Frankfurt den erstmals verliehenen “Seelisbergpreis”. Die 1956 geborene Wissenschaftlerin wird für ihre jahrzehntelange Rolle beim Aufbau einer neuen und bereichernden Beziehung zwischen Juden und Christen geehrt, wie der Internationale Rat der Christen und Juden (ICCJ) mitteilte. Als Jüdin habe sie die Texte des Neues Testament aus ihrem jüdisch-messianischen Kontext der Zeit kommentiert.
Der mit 20.000 Euro dotierte Preis erinnert an die “Internationale Dringlichkeitskonferenz zur Bekämpfung des Antisemitismus”, die vor 75 Jahren, vom 30. Juli bis 5. August 1947, im schweizerischen Seelisberg stattfand. Die gemeinsame Auszeichnung des ICCJ und des Zentrums für Interkulturelle Theologie und Religionswissenschaft der Universität Salzburg soll fortan jährlich eine Person ehren, die durch wissenschaftliche Exzellenz zur jüdisch-christlichen Verständigung beigetragen und ihre Forschung einem breites Publikum vermittelt hat. Man wolle Vorbilder des interreligiösen Dialogs ins Rampenlicht rücken, sagte der Salzburger Theologe Gregor Maria Hoff.
Levine, die vor ihrer Emeritierung unter anderem an der Vanderbilt University in Nashville/Tennessee lehrte, hatte 2012 zusammen mit Marc Z. Brettler erstmals eine komplette Ausgabe des Neuen Testaments mit Anmerkungen aus jüdischer Sicht vorgelegt. 2019 war sie die erste Jüdin, die Neues Testament im Päpstlichen Bibel-Institut in Rom lehrte. 2021 wurde sie in die Amerikanische Akademie für und Kunst und Wissenschaft gewählt. Darüber hinaus legte sie fast zwei Dutzend Bücher vor und war Herausgeberin eines 13-bändigen feministischen Kommentars zum Neuen Testament und zu frühchristlichen Schriften. Ebenso ist Levine Herausgeberin des Neuen Testaments der neuen Oxford- Bibelkommentare.
Christian Rutishauser, Berater für jüdisch-christliche Angelegenheiten der Schweizer und der Deutschen Bischöfe sowie des Heiligen Stuhls, erklärte in einem Gastkommentar für das Schweizer Portal kath.ch, eine besondere Frucht von Levines Schaffen sei “Das Neue Testament. Jüdisch erklärt”, das seit 2021 auch auf Deutsch vorliegt. Das 2022 erschienene “The Pharisees” dürfte ein Standardwerk für eine Neubeurteilung der Pharisäer werden. “Mit ihren Beiträgen, die Bibel mit jüdischen wie mit christlichen Augen vergleichend zu lesen, ist sie einem breiten, englischsprachigen Publikum bekannt geworden”, so der Schweizer Jesuit und Judaist.
KNA/sky/joh