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Aussenansicht der Ostfassade, undatiert. Familienbesitz
Mühlen sind in Selzach erst ab dem 14. und vor allem ab dem 15. Jahrhundert vermehrt archivalisch fassbar. Die alte Mühle, vormals «untere Mühle» genannt, ist einer von ursprünglich drei
Mühlbetrieben in Selzach. Eine zweite Mühle, die «obere Mühle», befand sich an der Stelle der heutigen Überbauung «Schild-Matte». Deren Betrieb wurde 1879 eingestellt, als Obermüller Urs Josef
Rudolf seinen Besitz an AntonGreder verkaufte, der das Gebäude in der Folge zu einer Uhrenfabrik umbauen liess. Eine dritte Mühle schliesslich lag im Weiler Haag. Von ihr ist nur noch ein kleiner
Nebenbau erhalten, sowie die Fruchtreibe des ehemaligen Mühlbetriebs, die heute beim Speicher Obrecht in Altreu aufgestellt ist.
Einst die untere Mühle
Verschiedene Nachrichten, die sowohl den Bau als auch den Betrieb der «unteren Mühle» betreffen, geben Auskunft über deren Besitzer oder auch deren Pächter, wobei der Standort der ersten
Ostansicht 2018. Foto Tina Bratschi «unteren Mühle» unklar bleibt. Im 16. und zu Beginn
des 17. Jahrhunderts ist die Familie Bielner und später die Familie Wyss als Besitzer und Pächter bekannt. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gelangte der Mühlbetrieb in den Besitz der Familie Rudolf, in deren Nachkommenschaft sie sich bis heute befindet. Der Mühlbetrieb, zeitweise auch von einem Lehnmüller geführt, wurde 1925 eingestellt.
Türrahmen des Speichers, datiert 1717. Foto Tina Bratschi 2013
Türrahmen zur Mühle von 1793, datiert 1698 das Erbauungsdatum der Mühle. Foto Tina Bratschi 2013
Die alte Mühle erhielt ihre heutige Ausdehnung und Erscheinung etappenweise vom Ende des 17. bis Ende des 18. Jahrhunderts, geht jedoch auf einen nicht zu datierenden Vorgängerbau zurück. Der älteste Teil der Mühle liegt im Süden und ist an der unmittelbar neben dem Mühlraum, hinter dem Haus, liegenden Tür mit 1698 datiert. Als damaligen Besitzer der Mühle ist Mathis Rudolf fassbar. Nach dessen Tod 1736 übernahm sein Sohn Mathias Rudolf die Liegenschaft und erneuerte ein Jahr später den Mühlraum, dessen Grundstrukturen erhalten sind und durch den bis heute der Lochbach fliesst. Kurz vor seinem Tod 1758 nimmt Mathias Rudolf eine Erweiterung der Mühle vor, wobei der Bau damals wohl auch um ein Geschoss erhöht wurde. Wie die Datierung und die Initialen J R am Türsturz des Eingangsportals neben dem Scheunentor verraten, erhielt das Haus schliesslich 1793 durch den damaligen Besitzer der Mühle Johann Josef Rudolf, Sohn des Mathias Rudolf, seine heutige Ausdehnung und Gestaltung.
Ofenhaus hinter dem Mühlengebäude. Foto Tina Bratschi 2013
Industriekanal, Einfluss ins Mühlengebäude auf Westseite. Foto Tina Bratschi 2017
Barocke Stichbögen
Der imposante zweigeschossige Bau besitzt eine Hauptfassade, die durch regelmässige Fensterreihen mit Stichbogen gegliedert wird und damit ein typisches Stilmerkmal des 18. Jahrhunderts aufweist. Hinter dem südlichen, spärlich mit Fenstern durchsetzten Fassadenteil befindet sich der ehemalige Mühlraum. In einer letzten Bauetappe kam es zu Beginn des 19. Jahrhunderts zum Bau des Ökonomieteils, der durch ein mächtiges, abgewalmtes Dach mit dem Wohnteil der Mühle zusammengefasst ist. Nachdem die Mühle 1977 im Zuge einer Dachsanierung unter kantonalen Denkmalschutz gestellt wurde, folgte 1983 eine umfassende Gesamtrestaurierung in mehreren Etappen. Zur alten Mühle gehören auch ein 1717 errichteter Speicher, sowie ein Ofenhaus, das sich hinter dem Mühlegebäude befindet und 1985 von störenden Anbauten befreit und saniert wurde.
2021 restaurierter Haupteingang zum Wohnhaus. Foto Tina Bratschi