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Welche medizinischen Leistungen werden in der Schweiz in Anspruch genommen und in welchem Umfang? Gibt es signifikante regionale Unterschiede in der Inanspruchnahme? Welche Entwicklungen zeigen sich über die Zeit hinweg? Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Schweizer Atlas der Gesundheitsversorgung. Der Atlas in seiner aktuellen Form ging im April 2023 online. Im Januar 2024 erfolgte die erste Aktualisierung mit den aktuellsten verfügbaren Daten.
Der Atlas bietet einfach interpretierbare Grafiken: Das Beispiel in der untenstehenden Grafik zeigt den Indikator zu Gebärmutterentfernungen. Die Karte und die Balkengrafik zeigen Unterschiede in der Inanspruchnahme zwischen den Regionen auf. Anhand der Kennzahlen zur Variation am rechten Rand der Grafik lässt sich einordnen, ob die regionalen Variationen bedeutsam sind. Für alle stationär durchgeführten Hysterektomien weist der Atlas vergleichsweise geringe regionale Unterschiede aus. Betrachtet man allerdings die unterschiedlichen Methoden der Gebärmutterentfernung, nämlich die vaginale versus die laparoskopische Hysterektomie, zeigen sich hingegen deutliche Unterschiede.
Während klinische Forschung die Wirksamkeit neuer Behandlungen bei ausgewählten Patient:innen bzw. Proband:innen unter Studienbedingungen untersucht, fokussiert die Versorgungsforschung auf die «letzte Meile» des Gesundheitssystems und betrachtet die Patientenversorgung unter den tatsächlichen Bedingungen der täglichen Routine in der medizinischen Versorgung. Von bevölkerungsbasierter Versorgungsforschung ist die Rede, wenn verschiedene Populationen analysiert und verglichen werden, um etwas über die Versorgung zu lernen.
Dazu werden im Atlas nicht etwa Spitäler verglichen. Häufig behandeln Spitäler ein sehr unterschiedliches Patientenkollektiv (Patientenmix), was die Aussagekraft solcher Vergleiche erschwert. Im Atlas wird vielmehr die Inanspruchnahme zwischen Regionen bzw. Kantonen verglichen. Die Bevölkerung steht also im Zentrum, weshalb auch von bevölkerungsbasierter Versorgungsforschung gesprochen wird.
Der Vorteil dabei: der Versorgungsbedarf der Wohnbevölkerung unterscheidet sich nicht grundlegend zwischen den Kantonen. Durch die Standardisierung nach Alter und Geschlecht sind die im Atlas abgebildeten Raten noch besser vergleichbar, weil so Unterschiede in der Bevölkerungsstruktur als Ursache für regionale Unterschiede bei den Ausprägungen der Atlas-Indikatoren ausgeschlossen werden können.
Im Versorgungsatlas wird nicht nur die Inanspruchnahme zwischen Kantonen verglichen, auch weil administrative Regionen als Analyseregionen oftmals nicht am besten geeignet sind. Für viele Indikatoren bietet der Atlas zusätzliche Auswertungen nach Spitalversorgungsregionen (HSA, Hospital Service Areas). Die HSA bilden die Einzugsgebiete von Spitälern ab, so dass sich mit diesen Regionen sowohl die Inanspruchnahme als auch das entsprechende Angebot darstellen lassen. Das ermöglicht Rückschlüsse von regionalen Unterschieden bei der Inanspruchnahme auf die Versorgungsstrukturen.
Für seltenere Eingriffe bietet der Atlas zusätzliche Aggregationen der HSA, die Hospital Referral Regions (HRR). In den HRR sind mehrere HSA zusammengefasst, um den grösseren Einzugsgebieten von Zentrumsspitälern bzw. spezialisierten Leistungserbringern Rechnung zu tragen.
Der Atlas hilft, bedeutsame Unterschiede in der medizinischen Praxis zu identifizieren und dient so als Grundlage für eine evidenzbasierte Gesundheitspolitik. Der Atlas liefert aber keine abschliessenden Erklärungen der Ursachen solcher Unterschiede. Ebenso ungeklärt bleibt die Frage, ob nun in Regionen mit hohen Raten zu viel Leistungen erbracht werden oder in Regionen mit tiefen Raten Versorgungslücken bestehen.
Der Versorgungsatlas dient vielmehr als Grundlage für eine evidenzbasierte Auseinandersetzung mit den Ursachen regionaler Unterschiede in der Gesundheitsversorgung auf wissenschaftlicher, fachlicher und politischer Ebene. Im Sinne eines lernenden Systems werden die Indikatoren im Atlas laufend verbessert und ergänzt. Alle interessierten Fachpersonen sind eingeladen ihre Inputs einzubringen.
Beitragsbild: Canva.com