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Vor dreissig Jahren berichtete Jean-François Lyotard über «das postmoderne Wissen» im fröhlich mutierten Kapitalismus, und Jean Baudrillard bereitete sein Statement vor, der kommende «Golfkrieg hat nicht stattgefunden», oder zumindest nur im Fernsehen. Etwas später beschrieb Jürgen Habermas die «neue Unübersichtlichkeit», während Ulrich Beck nach Tschernobyl entdeckte, dass wir alle in einer «Risikogesellschaft» leben, und Ernesto Laclau und Chantal Mouffe den Zusammenhang von «Hegemonie und radikaler Demokratie» analysierten, um Letztere neu zu rekonstruieren.
Francis Fukuyama rief nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus aus, der Kapitalismus bedeute das «Ende der Geschichte», Axel Honneth versuchte mit dem «Kommunitarismus» als «moralischer Grundlage moderner Gesellschaften» zu retten, was zu retten war, und Michael Walzer empfahl den Intellektuellen «Zweifel und Einmischung». Später verbanden Maria Mies und Vandana Shiva zwei Herausforderungen der Moderne zum «Ökofeminismus», während Samuel P. Huntington den «Kampf der Kulturen» zum Angelpunkt der Weltgeschichte machte und sich der «dritte Weg» von Anthony Giddens im Gestrüpp der Realpolitik verlor.
Vor zehn Jahren entdeckten Michael Hardt und Toni Negri im «Empire» eine neue Herrschaftsform des Kapitalismus und in der Multitude ein neues revolutionäres Subjekt. Julia Kristeva analysierte die Ausgrenzungen, die die Individuen durchzogen, sodass wir «Fremde uns selbst» gegenüber blieben. Dann griff Giorgio Agamben das Konzept «Ausnahmezustand» auf und erklärte diesen zum biopolitisch fabrizierten Normalzustand, während Slavoj Zizek einen «parallaktischen Blick auf den Kommunismus» warf, bis sich alles in einem tollen Wirbel drehte.
2011 sah Sighard Neckel die «Refeudalisierung der Ökonomie», und Stéphane Hessel forderte «Empört euch!», was nicht wenige durchaus wörtlich nahmen.
Dem Kapitalismus aber scheint es gegenwärtig tatsächlich nicht so gut zu gehen.
Nachtrag zu 2342 Artikeln, die seit 1981 in der WOZ zum Thema «Kapitalismus» erschienen sind.