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Ein neues Leben beginnt, ein anderes geht zu Ende. Dass Mütter bei der Geburt ihrer Kinder sterben, gehört in entwickelten Ländern grösstenteils der Vergangenheit an. Mit einer besorgniserregenden Ausnahme: den USA.
In den Vereinigten Staaten lag die Müttersterblichkeitsrate im Jahr 2015 bei 26,4. Das bedeutet: Bei 100'000 Lebendgeburten verlieren im Schnitt gut 26 Mütter ihr Leben, rund eine von 4000 Geburten überlebt die Mutter nicht. Das ergab eine Studie im Rahmen des Projekts «Global Burden Disease» der Universität Washington in Seattle.
So definiert die WHO die Müttersterblichkeitsrate
Die Weltgesundheitsorganisation WHO versteht unter Müttersterblichkeit den «Tod einer Frau während der Schwangerschaft oder 42 Tage nach Schwangerschaftsende, [...] jedoch nicht wenn die Todesfälle auf Zufälle oder Versagen zurückzuführen sind.»
Die Müttersterblichkeitsrate misst die Zahl der Todesfälle von Müttern pro 100'000 Lebendgeburten. In Westeuropa liegt sie im Schnitt bei 7,2, in Nordamerika (insbesondere wegen der hohen Rate in den USA) bei 24,7, weltweit bei 195,7.
Eine Rate von rund 26, das sind Werte, wie sie in weitaus ärmeren und weniger entwickelten Ländern wie Kasachstan oder Costa Rica üblich sind. Zum Vergleich: Die Müttersterblichkeitsrate im Nachbarland Kanada liegt bei 7,3, in der Schweiz bei 5,8.
Für die USA zeichnet auch der Mehrjahrestrend ein düsteres Bild. 1990 lag die Sterblichkeitsrate bei 16,9 – bei 100'000 Geburten starben also fast zehn Mütter weniger als 25 Jahre später. In derselben Zeitspanne ist die Rate weltweit gesunken, und zwar in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern.
Die Gründe für die hohe Müttersterblichkeitsrate in den USA seien vielfältig und noch nicht abschliessend untersucht worden, sagt Serina Floyd. Die amerikanische Gynäkologin sieht das Hauptproblem im Gesundheitssystem des Landes. Viele angehende Mütter hätten keine Versicherung oder seien unterversichert. So fehle der Zugang zu pränatalen Untersuchungen, welche überlebenswichtig sein können.
2016 verstarb die 38-jährige Kira Johnson kurz nach der Geburt ihres zweiten Kindes. In einem renommierten Spital in Los Angeles soll es zu Komplikationen beim Kaiserschnitt gekommen sein. Johnson verlor literweise Blut, zehn Stunden nach der Geburt war sie tot.
Ihr Mann Charles Johnson ist noch immer fassungslos. Nach dem Tod seiner Frau gründete er die Lobby-Organisation «4Kira4Moms». Seither zieht er durch die Staaten und wirbt auf dem politischen Parkett für eine bessere Gesundheitsversorgung von Müttern.
Er sieht die Ursache für die hohe Sterberate ebenfalls im US-amerikanischen Gesundheitswesen. Dieses konzentriere sich zu sehr auf den Profit und zu wenig auf die Patienten.
Kira Johnson war versichert, sie gehörte der gut situierten oberen Mittelschicht an. Und sie war Afroamerikanerin – und damit Teil einer Bevölkerungsgruppe, bei der die Müttersterblichkeitsrate besonders hoch liegt. Bei afroamerikanischen Frauen werden 44 Todesfälle pro 100'000 Geburten verzeichnet. Bei Frauen lateinamerikanischer Herkunft sind es 14, bei weissen Frauen 13 Todesfälle.
Woran sterben Mütter in der Schweiz? Das sagt die Expertin
Dr. med. Katharina Quack Lötscher ist Ärztin am Universitätsspital Zürich. Sie befasst sich in ihrer Forschungsarbeit mit Perinataler Epidemiologie, unter anderem mit mütterlicher Sterblichkeit in der Schweiz. Die Expertin für öffentliche Gesundheit weiss: Die Müttersterblichkeitsrate in der Schweiz nimmt dank medizinischer Fortschritte laufend ab.
SRF News: Wie viele Mütter sterben jedes Jahr in der Schweiz bei oder kurz nach der Geburt?
Katharina Quack Lötscher: Da muss man unterscheiden zwischen direkten, indirekten und Schwangerschafts-unabhängigen Todesfällen. Direkte Todesfälle resultieren als Folge von Komplikationen während Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett. Hier rechnen wir mit einer Sterblichkeitsrate von 3,05 pro 100'000 Lebendgeburten.
Das heisst, es handelt sich um eine tiefe einstellige Zahl an Müttern, etwa zwei bis drei pro Jahr. Die Ursachen sind Blutungen, Fruchtwasserembolien, Schwangerschaftsvergiftungen, Thrombo-Embolien und Infektionen.
Die Müttersterblichkeitsrate in der Schweiz ist sehr tief, sie ist mancherorts in Europa allerdings noch tiefer, etwa in Skandinavien, in Österreich oder in Italien. Gibt es dafür bekannte Gründe?
Nein. Wir haben ein sehr gutes Gesundheitssystem, die Schwangerschaft ist von Franchise und Selbstbehalt befreit. Daran sollte es nicht liegen. Es ist manchmal schwierig festzustellen, worin wirklich die Ursache für den Tod lag. Der Beurteilungsprozess wird in anderen Ländern unterschiedlich gehandhabt, was zu kleineren Unterschieden führen kann.
Welche Massnahmen gäbe es, um diese Quote weiter zu senken?
Bei Blutungen ist es wichtig, möglichst schnell zu reagieren, den Blutverlust richtig zu messen, die Handlungswege zu verkürzen. Hier wird viel unternommen. Auch bei der Thrombose-Prophylaxe gab es Verbesserungen. Wir haben in der Schweiz Fortschritte gemacht und Lehren aus den früheren Untersuchungen gezogen. Das zeigt sich auch an der Sterblichkeitsrate, die weiter abnimmt.
Bei welchen Frauen ist das Risiko am grössten?
Wir haben beobachtet, dass ältere Frauen häufiger betroffen sind. Grundsätzlich ist der Körper dazu ausgelegt, jünger schwanger zu werden. Zudem bekommen heute Frauen Kinder, welche früher gar nicht ins geburtsfähige Alter gekommen wäre, etwa Frauen mit Krankheiten oder Vorbelastungen. Sie gelten, je nach Vorerkrankung, als Risikogruppe.
Was kann eine schwangere Frau tun, um das Risiko zu senken?
Ich würde allen Schwangeren an Herz legen: Wenn Sie feststellen, dass Sie schwanger sind, kontaktieren Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin frühzeitig, nehmen Sie die Schwangerschafts-Kontrollen wahr und halten Sie sich an die Empfehlungen Ihres Arztes oder Ihrer Ärztin. So lassen sich meist zeitnah Probleme erkennen, die Methode hat sich bewährt.
Das Gespräch führte Felix Bartos.
Für Hakima Payne ist die hohe Sterblichkeitsrate unter Afroamerikanerinnen Ausdruck eines systematischen Problems. Payne gründete die Hilfsorganisation Uzazi Village, sie bietet Gratiskurse für werdende Mütter an. Rund ein Drittel der Bevölkerung von Kansas City ist afroamerikanisch, überdurchschnittlich viele davon sind arm und unterversichert.
Der alltägliche Rassismus wirke sich auf afroamerikanische Mütter aus, so Payne. Das sei auch wissenschaftlich erwiesen worden. Diskriminierung löse Stress aus, welcher dazu führe, dass die Organe schneller altern. Das gelte auch für die weiblichen Geschlechtsorgane, was zu Komplikationen während der Schwangerschaft und bei der Geburt führen könne.
Auch Charles Johnson weiss um die hohe Müttersterblichkeitsrate unter Afroamerikanerinnen. Er zeigt sich resigniert: «Die Tatsache, dass man mich fragen muss, ob meine Frau sterben musste, weil sie Afroamerikanerin war. Das alleine ist schon ein Problem.»
Die Frage nach der ethnischen Zugehörigkeit der verstorbenen Mütter ist für Johnson jedoch zweitrangig. Der Aktivist möchte die Gesundheitsvorsorge für alle werdenden Mütter in den USA verbessern. «Es gibt zwei Arten von Menschen, entweder du bist eine Mutter oder du hast eine», fasst Johnson zusammen. «Wenn wir die Mütter und Kinder in unserem Land nicht schützen können – was tun wir dann?»