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Müdigkeit, Gereiztheit, Konzentrationsstörungen, Kältegefühl, Schwindel, brüchige Nägel, Haarausfall — wer unter mehreren dieser Symptome leidet und leere Eisenspeicher hat, bekommt heute ein Eisenersatzpräparat verschrieben. Besonders häufig wurde das Spurenelement in den letzten Jahren per Infusion direkt ins Blut gegeben. Landauf, landab schossen Eisenzentren aus dem Boden, und viele Hausärzte verabreichen gerne Eisenspritzen. Meistens sind die Patientinnen im gebärfähigen Alter, da Menstruieren ein Risikofaktor für Eisenmangel bedeutet. «Jede fünfte Frau leidet daran», sagt Pierre A. Krayenbühl, Oberarzt am Universitätsspital Zürich (USZ).
Unbestritten ist, dass Patientinnen, bei denen der Eisenmangel zu Blutarmut (Anämie) führt, behandelt werden müssen. Allerdings leiden viele Frauen bereits unter Beschwerden, bevor eine Anämie auftritt. Uneinigkeit herrscht unter Fachleuten darüber, ob die Eisensubstitution schon bei einem Ferritinwert von weniger als 50 µg/l sinnvoll ist. Beat Schaub, Begründer der Schweizer Eisenzentren, spricht sich ganz klar für diesen Grenzwert aus. Krayenbühl vom USZ betrachtet Ferritinwerte zwischen 15 und 30 µg/l als Grauzone, wo «individuell über einen Therapieversuch mit Eisen diskutiert werden kann. Über 30 µg/l ist es wenig wahrscheinlich, dass der Eisenmangel zu Müdigkeit führt.»
Was sicher ist: Frauen mit einem sehr tiefen Wert profitieren
Dies hat seine Gründe: Am Universitätsspital Zürich wurde untersucht, wie sich Eiseninfusionen auf die Müdigkeit auswirken. Die Resultate haben gezeigt, dass mit dieser Therapie die Müdigkeit auch bei Patientinnen zurückgeht, die keine Blutarmut aufweisen. Allerdings: «Nur Frauen mit tatsächlich leeren Eisenspeichern, also einem Ferritinwert von 15 µg/l oder darunter profitieren von der Behandlung», sagt Studienleiter Krayenbühl. Die Patientinnen mit einem Wert zwischen 15 und 50 µg/l zeigten keinen Rückgang der Müdigkeit, verglichen mit einer Behandlung mit einem Scheinmedikament. Der Mediziner bezweifelt deshalb, dass die Behandlung bei dieser Patientengruppe in jedem Fall nötig ist, jedoch wurde dies nie in einer sogenannt prospektiven doppelblinden Studie untersucht. Hingegen bestätigt eine Studie des Universitätsspitals Lausanne, die demnächst publiziert wird, die Wirksamkeit von Eiseninfusionen bei Patientinnen mit Müdigkeit und einem Ferritinwert unter 15 µg/l. Wichtig ist in jedem Fall, dass nach der Ursache für den Eisenmangel gesucht wird.
Gut zwei Jahre war es her, als Pflegefachfrau Nathalie Trümpler-Piraud (40) auffiel, dass sie starken Haarausfall und brüchige Nägel hatte. Sie fühlte sich nicht mehr belastbar, dünnhäutig, war schnell am Anschlag. «Wenn ich in den Spiegel schaute, war ich weiss wie eine Wand», erinnert sich die Mutter von drei Kindern. Eine Blutanalyse ergab, dass ihr Ferritinwert gerade noch 7 µg/l betrug.
Kurzfristig haben Eiseninfusionen gewirkt, dann fiel der Wert wieder
Nathalie Trümpler erhielt Eisentabletten, doch diese verursachten Verstopfung und ständige leichte Übelkeit — häufige Nebenwirkungen von Tropfen und Tabletten. Schliesslich riet der Arzt zur Infusion. Die Therapie schlug an: Der Ferritinwert kletterte auf 30 µg/l, Energie und Vitalität kehrten zurück. Doch knapp anderthalb Jahre später war alles wieder beim Alten und das Ferritin wieder gesunken, auf 13 µg/l. Das gefiel Nathalie Trümpler nicht: «Ich wollte wissen, was die Ursache dieses Mangels war.» Denn ganz geheuer waren ihr die Infusionen nicht. 200 bis 500 mg Eisen werden ins Blut geschleust. Als Pflegefachfrau weiss sie, dass der Körper überschüssiges Eisen nicht ausscheidet, sondern ablagert, vornehmlich in der Leber. «Eisen ist ein Schwermetall. Es wundert mich, dass es so bedenkenlos verabreicht wird.» Inzwischen versucht sie, Eisen vermehrt übers Essen aufzunehmen. Fleisch, Linsen oder Kichererbsen stehen jetzt häufiger auf ihrem Speiseplan.
Eisenmangel wie -überschuss schwächen die Immunabwehr
Der Körper braucht Eisen in erster Linie für die Sauerstoffversorgung im Blut. Das Spurenelement ist aber auch mitverantwortlich für Wachstum und Überleben verschiedener Zelltypen. Experimente haben gezeigt, dass sowohl ein Mangel als auch ein Überschuss an Eisen die Fähigkeit des Körpers beeinträchtigt, bakterielle Erreger zu kontrollieren, und Infekte begünstigt. Sogar Gewebe- und Organschäden können entstehen.
Die Giftigkeit einer Eisentherapie ist ein wenig erforschtes Thema.
«Die Giftigkeit einer Eisentherapie ist ein bisher wenig erforschtes Thema», gibt Krayenbühl vom USZ zu bedenken. Dies ist ein Grund, wieso der Mediziner empfiehlt, Eisenmangel mit oralen Präparaten zu therapieren, die niedrig dosiert über längere Zeit eingenommen werden. «Eiseninfusionen sollten Patientinnen mit leeren Eisenspeichern und Unverträglichkeit für das orale Medikament vorbehalten sein.» Nicht zuletzt, weil sie teurer sind. Eine 500-mg-Dosis kostet rund 240 Franken, eine 100er-Packung Tabletten rund 40 Franken.
Nathalie Trümpler hofft, dass sie bald keine Eisensubstitution mehr braucht. Ihr Arzt hat den Grund für den Mangel gefunden: das Blutspenden. «Schade, aber so macht es keinen Sinn», sagt sie — und hat sich für die Stammzellen- und Knochenmarkspende angemeldet.
Autor: Veronica Bonilla Gurzeler
Fotograf: Vera Hartmann