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Bis zum Ende
Über Auffahrt haben wir mit den Kindern «King Kong» geschaut, die schwarzweisse Version von 1933, den unsterblichen Film über die Macht der schönen weissen Frau über das brutale Biest. Wir sassen gebannt im verdunkelten Wohnzimmer, als der Riesengorilla aus dem Dschungel elegant den Wolkenkratzer in New York hochkletterte, während er die Schöne mitschleppte wie ein Kind seine Puppe. Vorher hatten wir gesehen, wie der Gorilla einen Dinosaurier zerfetzte, die Natur kennt keine Gnade.
Der Film muss den Leuten einen gewaltigen Schrecken eingejagt haben, als er das erste Mal gezeigt wurde. Vielleicht sind sie aus dem Kino gerannt, aber sicher haben sie am nächsten Tag von nichts anderem geredet, und die Menschen sind stundenlang angestanden für den Film. Die erste Woche war jede Vorstellung in New York ausverkauft, wahrscheinlich auch im American Theatre in der Bronx.
Jetzt sei das Kino abgerissen worden, eines der letzten im Quartier, schrieb die «New York Times». In der ganzen Bronx mit seinen 1,4 Millionen Einwohnern gebe es noch zwei Kinos, mit zusammen etwa 20 Sälen; zwei Kinos im Herzland der Filmindustrie, für ein Stadtviertel so gross wie Wien. «Unser Quartier hat seine Geschichte verloren», sagt ein Anwohner, «jeder hat hier geweint, geknutscht, gelacht.»
Es sieht aus, als ob die Kinos aussterben würden, wie die Dinosaurier, wie die Plattenläden, wie die gedruckten Zeitungen. Denn was in Amerika beginnt, gelangt auch unweigerlich in die Schweiz. Die Frage ist bloss, ob man das hinnehmen soll. Klar sieht es schlecht aus für die Kinos, wenn man im Internet Filme herunterladen kann. Gleichzeitig hat die Digitalisierung ihre guten Seiten: Man braucht keine schweren Filmprojektoren und Filmkopien, man kann fünf Säle mit einem einzigen Vorführer betreiben und vor allem: Man kann jederzeit jeden beliebigen Film auf der Welt abspielen, solange man die Rechte besitzt.
Man soll die Bronx nicht mit der Zürcher Innenstadt vergleichen. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass es das Kino Riffraff wagt, gegen den Strom zu schwimmen und in der Überbauung Kalkbreite fünf neue Säle aufzumachen, am 21. August ist Eröffnung. Wie gesagt, Filme ansehen kann man auch zu Hause, dafür muss man nicht ins Kino. Aber man will ja mal unter die Leute. So wie man selbst als stiller Geniesser mal ein Fussballspiel in einer WM-Bar anschaut. Aber dann wird es wichtig, welche Bar – oder eben: welches Kino. Man will dort die richtigen Leute treffen und das richtige Bier trinken. Und deshalb werden in Zukunft der Look eines Kinos, seine Lage, sein Sex-Appeal, seine Bar und seine Tapas immer wichtiger.Wobei, es geht immer noch um Filme. Im Houdini, so heisst das neue Kino in der Kalkbreite, werden die Säle klein sein, etwa fünfzig Sitze pro Kino, da kann man was riskieren und Filme ins Programm nehmen, die still anlaufen und Zeit brauchen, sich ein Publikum zu erkämpfen. Zeit für die Mundpropaganda. Wie damals, als man sich vom Riesengorilla erzählte und davon, wie mutig man gewesen sei, im Kinosessel sitzen zu bleiben, bis zum Happy End.
Miklós Gimes ist Reporter beim «Magazin», Kolumnist beim «Tages-Anzeiger» und Filmemacher («Bad Boy Kummer»). Jeden Donnerstag lesen Sie seine Stadtgeschichten hier bei uns im Stadtblog und auf der Bellevueseite in der Printausgabe.