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Im umverkehR-Magazin kritisieren Sie, dass die Städteplanung in den letzten Jahrzehnten mehrheitlich männlich dominiert war. Was ist daran problematisch?
Tonja Zürcher: Das Problem daran ist, dass die Planung von nur einem Teil der Bevölkerung gemacht wurde. Und wenn Männer, meist im erwerbsfähigen Alter und ohne körperliche Beschwerden eine Stadt planen, dann planen sie aus ihren Erfahrungen. Dabei denken Sie weniger an Kinderbetreuung oder daran, wie man mit zwei Kindern an den Händen eine gewisse Strecke zurücklegen kann. Für den Verkehr heisst diese Planung, dass sie sehr stark am Auto orientiert worden ist.
Wie äussert sich das?
Verkehrswege wurden so geplant, dass man mit dem Auto schnell von A nach B kommt. In den 50er-, 60er- und 70er-Jahren wurde breite Strassen mitten durch bestehende Quartiere gebaut. Menschen, die andere Mobilitätsformen nutzen, müssen diverse Umwege in Kauf nehmen. Ältere Menschen müssen die Strasse fast rennend überqueren, weil die Grünphase so kurz ist. Der ganze Verkehr muss sich den Autos unterordnen.
Heute sind mehr Frauen berufstätig als noch vor 20 Jahren. Sie profitieren doch auch vom Strassennetz.
In den 80er- und 90er-Jahren war der Anteil an Frauen, die mit dem Auto unterwegs waren, sicherlich kleiner. Auch übernehmen Männer heute mehr Care-Arbeiten. Mit zwei Kindern eine stark befahrene Strasse entlangzulaufen ist letzten Endes aber unangenehm, egal ob dies eine Frau oder ein Mann tut.
Wie sähe denn eine Städteplanung aus, die den Bedürfnissen aller gerecht wird?
Dabei würde man mehr auf langsamere Verkehrsformen setzen. Zudem hätte der öffentliche Verkehr einen grösseren Stellenwert. Kurz gesagt: Es sind die Formen, die alle Menschen von fünf bis 95 nutzen können. Dazu muss man den Platz in den Städten umverteilen. Zum jetzigen Zeitpunkt ist der grösste Teil unseres Strassenraums für den Strassenverkehr reserviert. Hier braucht es eine Verschiebung hin zu anderen inklusiven Verkehrsformen.
Können Sie das anhand eines Beispiels erklären?
Schaut man sich eine Strasse an, ist das Trottoir quasi «der Rest». Das wollen wir umdrehen: Unsere Vision ist eine Stadt, in der die Fortbewegung zu Fuss normal ist und sich der Strassenverkehr danach ausrichten muss. Wer schneller unterwegs ist, muss auf die langsameren Verkehrsteilnehmenden Rücksicht nehmen.
Im umverkehR-Magazin beschreiben Sie das Phänomen «Arrogance of Space». Was liegt dem zu Grunde?
Der Grossteil von öffentlichem Raum in Städten wird vom Autoverkehr beansprucht. Und das, obwohl der grösste Teil der Bevölkerung nicht mit dem Auto unterwegs ist. Autofahrerinnen und Autofahrer erheben aber Anspruch auf diese Infrastruktur: ihre Strassen, ihre Parkplätze. Hebt man zum Beispiel ein paar Parkplätze auf, um eine sichere Veloroute zu ermöglichen, kommt es zu einer Welle der Empörung. Es ist die Arroganz der Privilegierten.
Sie haben in mehreren Städten Stadtklima-Initiativen eingereicht. Was fordern Sie darin?
Mit der Stadtklima-Initiative wollen wir zwei Ziele erreichen. Das erste Ziel: Die Förderung von klimafreundlichen Mobilitätsformen, insbesondere der Umstieg vom Auto auf den öffentlichen Verkehr, den Velo- und den Fussverkehr. Das zweite Ziel ist, dass wir in unseren Städten mehr Bäume haben. Wir möchten einen Teil der Strassen in Grünraum mit vielen Bäumen umwandeln.
Wie sieht denn ihre Vision für Städte in 30 Jahren aus. Sind das komplett autofreie Städte?
Es wird auch dann noch Autos in den Städten geben, zum Beispiel Taxis, Lieferwagen oder Fahrzeuge für Personen, die wegen einer Beeinträchtigung darauf angewiesen sind. Ich erwarte und hoffe aber, dass es kaum noch privaten Autoverkehr geben wird.