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Bleiben wir doch noch ein wenig bei den Vögeln, genauer beim Zaunkönig und damit bei einem etwas anderen Weihnachts- oder Winterfest:
„Zaunkönige findet man überall; sie fressen nahezu alles; sie passen sich so gut wie allen klimatischen Bedingungen an – so wechseln sie zum Beispiel in Zeiten von Futterknappheit von Polygamie zu Monogamie. Sie bauen ihre Nester nahezu überall … Der Pfarrer und Naturforscher Reverend Edward A. Armstrong schrieb, er habe einmal ein Nest in einem menschlichen Schädel gefunden; wie, das schrieb er nicht.
Doch gar so schlicht ist der fruchtbare und unbekannte Zaunkönig keineswegs. In vielen europäischen Sprachen heisst er „Vogelkönig“ oder „Winterkönig“. Einen davon zu töten, brachte Unglück: Man brach sich die Knochen, bekam Ausschlag, wurde vom Blitz getroffen; die Finger der Hand, die die Untat vollbracht hatten, verdorrten und fielen ab; die eigenen Kühe hatten Blut in der Milch.
Einmal im Jahr machte man eine Ausnahme. In grossen Teilen Frankreichs, Irlands und der Britischen Inseln gab es, mittelalterlichen Schriften zufolge, eine ritualisierte Jagd auf den Zaunkönig, doch ist sie zweifellos viel älteren Ursprungs und war bis in die Neuzeit weit verbreitet …:
Etwa um die Zeit der Wintersonnenwende – zu Weihnachten oder am Stefanstag, dem 26. Dezember, zu Silvester, Neujahr oder am Dreikönigsabend – schwärzten sich die Knaben oder jungen Männer die Gesichter, kleideten sich verrückt – in Frauenkleidern, Nachtgewändern oder Strohkostümen – und zogen unter dem Klang von Querpfeife und Trommeln los, um auf der Jagd nach einem Zaunkönig auf die Büsche zu klopfen.“
Ob es im Alpenraum ähnliche alte Geschichten über den Zaunkönig, den „Druidenvogel“, gibt?
Und noch eine Geschichte zum Zaunkönig, diesem „Vogelzauberer“: „Als der heilige Stefan aus dem Gefängnis fliehen wollte, landete ein Zaunkönig auf dem Gesicht des Wärters und weckte ihn, was das Martyrium des Heiligen besiegelte.“
Die beiden obigen Passagen entnehme ich dem Buch „Das Wesentliche“ von Eliot Weinberger. 2008 Berenbergverlag, Berlin. In vierunddreissig Essays breitet Weinberger ein unerhört dichtes Geflecht aller möglichen Weltdeutungen aus allen Zeiten und fast allen Kulturen aus. Was da an Konzepten, Konstrukten, Mythen und Legenden, an Anekdoten und Weltbeschreibungen zusammen kommt, erschlägt mich fast. Für einmal trifft der Vorwurf der Europazentrizität, der einseitig christlichen Sicht auf die Welt überhaupt nicht zu. Von Essay zu Essay werde ich gespannter, was denn nun noch kommen wird. Azteken, Inkas, die Nazca, die Chinesen, Inder, Araber, aber auch Europäer wie Empedokles, Descartes, Blake haben ihren Auftritt. Ein unerhörtes Buch, und zudem auch ein sehr poetisches.
The wren, the wren, the king of all birds,
St. Stephan’s Day was caught in the furze;
Although he is little, his family’s great,
I pray you, good landlady, give us a treat.
Zaunkönig, Zaunkönig, König der Vögel / Ward an Stefani gefangen im Ginster / Zwar ist er klein, doch die Familie ist gross / Ich bitt’ Euch, gute Hausfrau, um eine Gabe.