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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

16. Buch
3. Die Geschlechtsfolgen der Söhne Noes.
Die Geschlechtsfolgen der Söhne Noes sind nun zunächst vorzunehmen; es soll diesem Werke, das den zeitlichen Verlauf der beiden Staaten, des Welt- und des Himmelsstaates aufzuzeigen hat, das Wissenswerteste über sie eingefügt werden. Den Reigen der Geschlechtsfolgen1 eröffnen die des jüngsten Sohnes, namens Japheth; von ihm sind acht Söhne genannt und sieben Enkel aus zwei von seinen Söhnen, drei von einem, vier vom andern; die Gesamtsumme macht also fünfzehn. Von Cham, dem mittleren Sohne Noes, werden vier Söhne aufgeführt, dazu fünf Enkel aus einem seiner Söhne und zwei Großenkel aus einem der Enkel; zusammen elf. Nach deren Aufzählung wird wieder auf das Haupt zurückgegriffen und erzählt: „Chus aber erzeugte den Nebroth; dieser begann gewaltig zu sein auf Erden. Er war ein gewaltiger Jäger wider Gott den Herrn. Weshalb man sagt: Wie Nebroth, ein gewaltiger Jäger wider den Herrn. Und der Anfang seines Reiches wurde Babylon, Orech, Archad und Chalanne im Lande Senaar. Von diesem Land ging Assur aus und erbaute Nineve und die Stadt Roboth und Chalach und Dasem in der Mitte zwischen Nineve und Chalach: es ist eine große Stadt“. Dieser Chus nun, der Vater des gewaltigen Nebroth, ist an erster Stelle genannt unter den Söhnen Chams, und von Nebroth ist erst die Rede, nachdem bereits fünf Söhne und zwei Enkel des Chus aufgezählt sind. Entweder hat also Chus den gewaltigen Nebroth erst nach der Geburt seiner Enkel gezeugt, oder die Schrift hat von Nebroth wegen seiner hervorragenden Bedeutung außer der Reihe gesprochen, und das ist eher anzunehmen; denn es ist ja selbst ein Reich von ihm genannt, das seinen Ausgang nahm von der berühmten Stadt Babylon und den anderen daneben genannten Städten oder Gebieten. Wenn es aber heißt, daß von dem Lande, das zum Reiche Nebroths gehörte, vom Lande Senaar nämlich, Assur ausgegangen sei und Nineve erbaut habe und andere, im Zusammenhang damit genannte Städte, so handelt es sich hier um ein viel späteres Geschehnis, das der Verfasser bei dieser Gelegenheit nur streifte wegen der Berühmtheit des Assyrerreiches, das Ninus unglaublich weit ausgedehnt hat, der Sohn des Belus, der Gründer der großen Stadt Nineve, deren Namen von seinem Namen abgeleitet ist, indem sie Nineve benannt ward nach Ninus. Assur dagegen, von dem die Assyrer abstammen, war nicht ein Nachkomme des mittleren Noesohnes Cham, sondern findet sich unter den Söhnen des ältesten Noesohnes Sem. Daraus erhellt, daß späterhin Nachkommen Sems das Reich jenes Gewaltigen innehatten und von dort aus andere Städte gründeten, deren erste nach Ninus Nineve genannt wurde. Nun wendet sich die Erzählung zurück zu einem andern Sohne Chams, namens Mesraim, und es werden seine Abkömmlinge erwähnt, nicht als Einzelmenschen, sondern als sieben Völker; und das sechste Volk, gleichsam der sechste Sohn, wird wieder als Stammvater eines Volkes bezeichnet, nämlich der Philister; damit werden es acht Völker. Von da kehrt die Erzählung zu Chanaan zurück, jenem Sohne Chams, in welchem Cham verflucht ward, und es werden von Chanaan elf Söhne genannt. Dann wird ihre räumliche Ausdehnung angegeben unter Erwähnung gewisser Städte. Und sonach ergibt die Summe der Söhne und Enkel Chams einunddreißig Abkömmlinge.
Es erübrigt noch, die Söhne des ältesten Noesohnes Sem zu erwähnen. Zu ihm gelangt zuletzt der stufenweise voranschreitende Bericht über diese Zeugungen, der mit dem jüngsten anhebt. Es ist jedoch nicht recht klar, wo mit der Nennung der Söhne Sems der Anfang gemacht wird; das muß durch Auslegung ins rechte Licht gesetzt werden, zumal es eng mit dem Gegenstand unserer Untersuchung zusammenhängt. Es heißt nämlich wörtlich: „Auch dem Sem wurde geboren, auch ihm, dem Vater aller Söhne, Heber, dem älteren Bruder Japheths“. Die richtige Wortfolge ist: Auch dem Sem wurde geboren Heber, auch ihm, d. i. dem Sem selbst, der der Vater aller Söhne ist, wurde Heber geboren. Der Berichterstatter wollte also Sem als den Patriarchen aller aufgefaßt wissen, die aus seinem Stamme entsprossen sind und in der Schrift genannt werden, seien es Söhne, Enkel, Großenkel oder Abkömmlinge von solchen. In der Tat hat Sem den genannten Heber nicht gezeugt, sondern Heber findet sich in den von Sem ausgehenden Zeugungsreihen an fünfter Stelle. Sem zeugte neben anderen Söhnen den Arphaxat, Arphaxat zeugte den Cainan, Cainan zeugte den Sala, Sala zeugte den Heber. Wenn also Heber Urgroßenkel Sems ist und gleichwohl an der Spitze der Nachkommenschaft Sems, sogar vor dessen Söhnen, genannt wird, so ist das nicht ohne Grund geschehen, sondern deshalb, weil es seine Richtigkeit hat mit der Überlieferung, wonach die Hebräer nach ihm benannt sind als die Hebersippe; da man doch auch die Meinung vertreten könnte, sie hätten nach Abraham als Abrahamiten bezeichnet werden können; aber sie wurden eben nicht so, sondern Hebersippe, Heberäer, genannt, und in der Folge nach Abschleifung eines Buchstabens Hebräer, [ein eigenes Volk mit eigener] Sprache, die ausschließlich das Volk Israel beibehalten konnte2 , in dessen Heiligen der Gottesstaat auf Erden pilgerte und in dessen Gesamtheit er geheimnisvoll seinen Schatten vorauswarf. Zuerst also werden sechs Söhne Sems genannt, dann gingen aus einem davon vier Enkel Sems hervor, und ebenso zeugte ein anderer von den Söhnen Sems diesem einen Enkel, und aus diesem wieder ging ein Großenkel hervor und weiterhin folgt ein Urgroßenkel und das ist Heber. Heber aber zeugte zwei Söhne, und einen davon nannte er Phalech, was soviel heißt wie der Teilende. Und die Schrift sagt im Anschluß daran und zur Begründung dieser Benennung: „Weil in seinen Tagen die Erde aufgeteilt ward“. Was damit gemeint ist, wird sich später ergeben. Der andere Sohn Hebers aber zeugte zwölf Söhne. Und somit macht die Gesamtzahl der Abkömmlinge Hebers siebenundzwanzig aus. Alle Abkömmlinge der drei Söhne Noes also betragen in Summe dreiundsiebzig, nämlich fünfzehn von Japheth, einunddreißig von Cham und siebenundzwanzig von Sem. Darauf läßt die Schrift die Worte folgen: „Das sind die Söhne Sems in ihren Stämmen, nach ihren Sprachen, in ihren Gebieten und in ihren Völkern“. Und endlich zusammenfassend: „Das sind die Stämme der Söhne Noes nach ihren Zeugungen, nach ihren Völkern. Von ihnen aus verbreiteten sich die Völkerinseln über die Erde nach der Sündflut“. Daraus läßt sich schließen, daß es damals dreiundsiebzig oder vielmehr [wie nachher dargetan werden soll]3 zweiundsiebzig Völker, nicht Einzelmenschen, gab. Denn auch vorher schon, bei Erwähnung der Söhne Japheths, lauten die Schlußworte: „Von diesen aus sonderten sich die Völkerinseln in ihrem Lande, ein jeder nach seiner Sprache in seinen Stämmen und seinen Völkern“.
Bei den Söhnen Chams jedoch ist an einer Stelle deutlicher gesagt, daß es sich um Völker handle, wie ich oben gezeigt habe. „Mesraim zeugte die, die Ludiim heißen“; und so auch von den übrigen Völkern, sieben an der Zahl. Und nach Aufzählung aller folgt dann das Schlußwort: „Das sind die Söhne Chams in ihren Stämmen, nach ihren Sprachen, in ihren Gebieten und in ihren Völkern“. Wenn also bei einer großen Zahl von Söhnen dieser drei Noesöhne keine weiteren Söhne angegeben werden, so hat dies seinen Grund darin, daß sie keine Völker zu bilden vermochten, während die übrigen zu Völkern erwuchsen. Deshalb also werden nur von zwei Söhnen Japheths die Söhne erwähnt, obwohl acht Söhne Japheths aufgezählt sind, und nur von drei Söhnen Chams die Sprößlinge beigefügt, obwohl vier Söhne Chams genannt werden, und nur von zwei Söhnen Sems die Nachkommen entwickelt, obwohl sechs angegeben sind. Sind die übrigen etwa kinderlos geblieben? Das ist sicher nicht anzunehmen; nur eben Völker, um deren willen sie angeführt zu werden verdienten, haben ihre Söhne nicht gebildet, weshalb sie anderen Völkern zugeteilt wurden.
1: Vgl. Gen. 10.
2: Vgl. unten XVI 11, 1. Absatz.
3: Unten XVI 11.