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Endlich ist der Roman, den Roberto Bolaño schon 1989 abgeschlossen hatte, auch in deutscher Sprache zu lesen. Und wie! Die Lektüre von «Das Dritte Reich» befreit, weil sie immer wieder neue Assoziationsräume eröffnet.
Als der chilenische Autor Roberto Bolaño 2003 fünfzigjährig starb, hinterliess er neben zahlreichen publizierten Büchern nicht nur das beinahe vollendete «2666», das vor einigen Jahren die literarische Welt durcheinanderwarf, sondern auch einen riesigen Nachlass mit mindestens zwei weiteren umfangreichen Romanen: «Das Dritte Reich» ist soeben in deutscher Übersetzung erschienen, 2012 soll «Die Unannehmlichkeiten des wahren Polizisten» folgen.
Bolaño hatte «Das Dritte Reich» schon 1989 abgeschlossen, also noch vor den Romanen «Die Naziliteratur in Amerika» oder «Die wilden Detektive», die ihm ab Mitte der neunziger Jahre die erhoffte Anerkennung brachten. Dass er «Das Dritte Reich» nicht veröffentlicht hat, liegt nicht an seinem Werturteil über diesen Text. Man sah nach seinem Tod, dass er bereits begonnen hatte, das Manuskript in den Computer zu tippen. Aber seine schwere Krankheit liess ihm keine Zeit mehr.
Der sogenannte «Verbrannte»
In der Tat beeindruckt «Das Dritte Reich» formal wie inhaltlich so wie seine anderen Werke. Der Roman spielt in den achtziger Jahren dort, wo Bolaño damals lebte: im Touristenort Blanes an der Costa Brava. Udo Berger, ein deutscher Urlauber, Mitte dreissig, hat mit seiner Freundin Ingeborg das Hotel bezogen, in das er als Kind mit seinen Eltern gefahren ist. Der Hotelbesitzer und seine Frau, «Frau Lese», sind sogar noch da. Der Roman, es ist Udo Bergers Tagebuch, erzählt kammerspielartig von den Begebenheiten zwischen einer sehr begrenzten Zahl Menschen: von den Feriengästen Hanna und Charly, von El Lobo und El Cordero, zwei einheimischen Nichtsnutzen, von Frau Else und ihrem Mann, der sich gern verborgen hält – und vom «Verbrannten».
Der «Verbrannte», ein einzelgängerischer Tretbootverleiher, hat seinen Namen von den Narben, die ein Unglück in seinem Gesicht hinterlassen hat. Von Tag zu Tag wird Bergers Beziehung zu ihm umso spannungsvoller, je mehr er sich von den öden Unternehmungen mit Ingeborg, Hanna und Charly absondert. Nach Charlys Verschwinden und Hannas und Ingeborgs Abreise wird aus der Beziehung ein Zweikampf, ausgetragen mit den Mitteln des Kriegsspiels «Das Dritte Reich».
Berger ist Wargame-Profi und -Champion (auch Bolaño spielte und sammelte solche Kriegsspiele). «Das Dritte Reich», das 1974 tatsächlich auf den Markt kam, kombiniert Würfelglück und strategische Entscheidungen. Je nach Spielverlauf kann die deutsche Wehrmacht Moskau oder London einnehmen – oder aber viel rascher niedergerungen werden, als das im realen Zweiten Weltkrieg geschehen ist.
Viele Spuren, keine Antwort
Bolaño bietet kaum plausible Deutungen an. Das Spiel bleibt ein Spiel und die Handlung im Hotel ohne Pointe. Immer wieder legt der Autor Spuren: Erklärt sich die Verbissenheit im Spiel des «Verbrannten» aus seiner Verletzung? Steckt der Hotelbesitzer hinter dem Tod von Charly? Wird Berger von Frau Else, der er nachstellt, zurückgeliebt, oder ist sie Teil einer Intrige? Keine Antwort ist verlässlich. Statt ihrer bleiben die Vermutungen, Ahnungen, Interpretationen der LeserInnen, sie sind viel eher der Kern des Romans, als dass die Handlung auf eine schlüssige Lösung hinauslaufen würde.
Dass einen das nicht frustriert, sondern man Bergers Tagebuch atemlos folgt, ist der Schreibkunst Bolaños geschuldet. Glaubwürdig, wahr und treffend sind die einzelnen Passagen, und wie er sie zu einem Ganzen verflicht, ist kühn und befreiend, da sie immer wieder ungeahnte Assoziationsräume eröffnen. Wenn es möglich wäre, müsste man Bolaño zugleich rasch und ganz langsam lesen, damit sich die berauschende Wirkung entfalten kann – und einem dennoch die Denkanstösse und feinen Beobachtungen nicht entgehen.