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Die heutige Schweiz kann auf eine äusserst wechselvolle Geschichte zurückblicken. Die Festigung und Befriedung des heutigen Staatsgebildes dauerte viele Jahrhunderte. Während 500 Jahren wurde das Gebiet der heutigen Schweiz von Machtkämpfen, Intrigen und von vielen gegensätzlichen Entwicklungen geprägt.
Die Gegensätze zwischen ländlichen und städtischen, reformierten und katholischen, konservativen und liberalen sowie zwischen armen und reichen Gebieten führten immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen.
Demokratische Regierungsformen entwickelten sich eher in den ländlichen Gebieten. In den Städte herrschten autokratische Kreise.
Alte Eidgenossenschaft: Ein Zweckbündnis von Talgemeinschaften
Nach Ansicht von Historikern gewann die Sage vom Befreiungshelden Tell erst im 14. Jahrhundert an Populariät. Nach der Chronik im "Weissen Buch" von Sarnen, welches um 1470 erschien, erschoss Tell den Landvogt Gessler in der Hohlen Gasse bei Küssnacht am Rigi . Die Tellskapelle in der Hohlen Gasse wurde 1638 erbaut.
18. Jahrhundert: Heftige innere Auseinandersetzungen unter zahlreichen Beteiligten
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war die Eidgenossenschaft mit heftigen inneren Auseinandersetzungen beschäftigt.
Den Höhepunkt erreichten diese Auseinandersetzungen, welche als Zweiten Villmergerkrieg in die Geschichte eingingen. Der Waffengang fand im Sommer 1712 in den damaligen Freien Ämtern auf dem Gebiet des heutigen Kantons Aargau. Nach der Entscheidungsschlacht vom 25. Juli 1712 wurde am 11. August 1712 zwischen den Beteiligten in Aarau der Vierte Landfrieden geschlossen.
Bis Ende des 18. Jahrhundert bestand das Gebilde, das wir heute Schweiz nennen, aus einer Vielzahl von selbständigen Gebieten.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschlossen 9 weitere Kantone, sich der Schweizerischen Eidgenossenschaft anzuschliessen.
Die europäischen Grossmächte wie Russland, Preussen, Frankreich oder Österreich waren häufig in irgendeiner Form an den Ereignissen beteiligt.
Die Französische Revolution von 1789 bis 1799 führte in Europa zu tiefgreifenden macht- und gesellschaftspolitischen Veränderungen. Die Französische Revolutionäre bekannten sich zu den Menschenrechten und strebten gerechtere Gesellschaftsverhältnisse (égalité, fraternité - Gleichheit und Brüderlichkeit) an.
Im Jahr 1799 wurde die Schweizerische Eigenossenschaft in die militärischen Machtkämpfe zwischen den europäischen Grossmächten hineingezogen.
1798: Helvetische Republik - Das Ende der Alten Eidgenossenschaft
Französische Truppen eroberten 1798 die Stadt Bern. Weite Teile des Mittellandes kamen unter französischen Einfluss. Die französischen Besetzer riefen 1798 die Helvetische Republik aus und besiegelten damit das Ende der Alten Eidgenossenschaft, welche noch die alten Gesellschaftideale vom einfachen, von den "gnädigen Herren" abhängigen Volk pflegte. Die katholischen Urkantone (Uri, Schwyz, Unterwalden und Luzern) leisteten den fremden Herren erbitterten Widerstand. Nachblutigen Schlachten eroberten die Franzosen die Innerschweiz.
1798 gründeten Schweizer Revolutionäre mit Hilfe von Frankreichs Herrscher Napoleon die zentralistische Helvetische Republik. Die Ideen der Revolutionäre fanden in der Bevölkerung keinen Rückhalt. Die Helvetische Republik stand als von den französischen Truppen besetztes Land unter der Kontrolle von Paris.
Während der Helvetik (1798 bis 1802) wurde die Souveränität des Alten Eidgenössischen Stände zerschlagen. So wurde das Gebiet des Standes Schwyz den zwei helvetischen Kantonen (Waldstätten und Linth) zugewiesen. In der neuen Republik erhielten die Menschen nach dem französischen Vorbild mehr Rechte. Der ständische Unterschied zwischen städtischen und ländlichen Gebieten wurde aufgehoben.
In den Wirren um die Wende des 18. und 19. Jahrhunderts zogen grosse französische und russische Heere (wie jenes 1799 unter der Führung des Generals Suworow) durch die Schweiz. Aarau war für kurze Zeit die Hauptstadt der Republik. Es war eine besonders leidvolle Zeit für die Bevölkerung. Im Sommer 1799 standen am östlichen Limmatufer und am Unterlauf der Aare die österreichischen und russischen Truppen, am westlichen Ufer der Limmat das französische Besatzungsheer. Den Franzosen gelang es, an einem Brückenkopf den Fluss zu überqueren. Das von Süden heran marschierende Heer von General Suwarow war durch diesen militärischen Erfolg der Franzosen gezwungen, bereits in den Alpen nach Osten abzudrehen.
19. Jahrhundert: Nach dem Sonderbundskrieg entsteht die "moderne"Schweiz
Im Friedensabkommen von Lunéville erreichte Napoleon 1801, dass die Österreicher das heute aargauische Fricktal an die Franzosen abtreten mussten. 1803 wurde das Fricktal mit französischer Hilfe an den neuen Kanton Aargau angegliedert.
In der Folge erhielt die Eidgenossenschaft 1803 unter dem Diktat von Napoleon eine föderalistische Verfassung (Mediationsverfassung), in welcher die Kantone Aargau, Thurgau, St. Gallen, Tessin, Waadt und Graubünden endlich als gleichberechtigte Mitglieder verankert wurden.
Die Mediationsverfassung von 1803 korrigierte Korrektur die zentralistische helvetischen Ordnung. Die von Frankreich zuvor annektierten Kantone Genf und Wallis sowie Gebiete im Jura wurden in die Eidgenossenschaft eingegliedert. Die von Frankreich zuvor annektierten Kantone Genf und Wallis sowie Gebiete im Jura wurden in die Eidgenossenschaft eingegliedert.
Napoleons Feldzug gegen Russlands Zarenreich erwies sich als Pyrrhussieg. Napoleon musste 1812 seine mehr als 140'000 Soldaten zählende Streitmacht mit dem Beginn des harten russischen Winters wieder nach Osten abrücken lassen. Trotz einigen militärtaktischen geschickten Schachzügen wurde der Rückkzug für Frankreichs mächtige Armee zum Desaster.
Napoleon geriet in seinem Heimatland unter den politischen Druck von Kreisen der Oberschicht. Im Volk blieb das Ansehen des grossen Führers nach seinen vielen militärischen Erfolgen in der Vergangenheit intakt. Napoleon setzte sich heimlich mit seinen engsten Vertrauten von seinen auf dem Rückzug befindenden ausgebluteten Truppen nach Frankreich ab, wo er den aufkeimenden Unmut im Keime ersticken wollte. Der Rest der militärischen Führungsstäbe gelang ein wenig später zusammen mit einigen Tausend ausgehungerten Soldaten vor den drei bedrohlich nachrückenden russischen Heeren ins Heimatland zu flüchten. Der Russlandfeldzug kostete nach Einschätzung von Historikern über 600'000 Menschenleben von Zivilisten und Soldaten.
Auf der Basis seiner alten militärischen Führungsstäbe baute Napoleon 1813 eine neue Armee auf, welche 1815 bei Waterloo endgültig vernichtet wurde. Die Schlacht bei Waterloo (auch Schlacht bei Belle-Alliance) vom 18. Juni 1815 war die letzte Schlacht Napoleon Bonapartes. Napoleons und damit Frankreichs Macht in Europa war gebrochen. Die "Grande Nation" verlor ihren Einfluss in Europa. Russland wurde wieder zu einem entscheidenden Machtfaktor in Europa.
Die helvetischen Revolutionäre verloren mit Napoleon ihren wichtigsten Ideengeber und Mentor. Die Phase der Helvetischen Revolution und ihrer Republik wurde unter dem militärischen Druck der 16 Stände der Schweizerischen Eigenossenschaft beendet. Die Eidgenossen entrissen dem geschwächten Frankreich noch einige Gebiete im Westen der Bundesgebiete und gliederten diese als Untertanenbiete dem Staatenbund an.
Der Bundesvertrag von 1812 fasst die verschiedenen eidgenössischen Bündnisse der 22 beteiligten Kantone zu einem einzigen Staatenbund zusammen.
Die Vertreter der alten Ordnung aus den konservativ-katholischen Kanton und die liberalen Kräfte konnten sich bei Fragen zur Ausgestaltung der neuen Verfassung nicht einigen. Von 1847 bis 1849 bekämpften sich die beiden Seiten im Sonderbundskrieg, einem Bürgerkrieg.
Im Nachgang zum Bundesvertrag von 1812 begannen die konservativen Kantone Zug um Zug die Ende des 18. Jahrhunderts herrschende Ordnung wieder einzuführen. Diese Restauration stiess auf das Missfallen anderer Kantone.
Im Kanton Schwyz führten die Auseinandersetzungen zwischen den restaurativ organisierten Alt-Schwyzern im Kernland und den Bezirken des "äusseren Kantons" zu einer kurzzeitigen Trennung der beiden Kantonsteile. Die eidgenössische Tagsatzung verfügte die Wiedervereinigung der beiden Kantonsteile. Trotz den Gleichstellungsfomulierungen in der Schwyzer Verfassung von 1833 blieb die Vormachtstellung der Alt-Schwyzer, den Leuten aus dem Alten Land oder dem Bezirk Schwyz, bis zur Inkraftsetzung der neuen Bundesverfassung 1848 erhalten.
Am 11. Dezember 1845 schlossen sich die Kantone Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Luzern, Zug, Freiburg und Wallis zu einer sogenannten Schutzvereinigung zusammen, den Kern des späteren Sonderbunds. Die Schutzvereinigung wollte keinen Bund akzeptieren, in welchem ihre Gebiete und ihre Souveränität geschmälert wurde.
Die Absicht der Schutzvereinigung widersprach dem Geist des Bundesvertrages von 1815. Dort stand geschrieben, dass die Bundesmitglieder keine Verträge oder Bündnisse zum Nachteil anderer Kantone abschliessen und keine Aktivitäten gegen die Interessen anderer Partner auslösen dürfen.
Der Konflikt zwischen den Konservativen (die Unitarier) und den Liberalen (die Föderalisten) eskalierte Schritt für Schritt zum Sonderbundskrieg. Am 24. Oktober 1847 bestimmte die eidgenössische Tagsatzung den strenggläubigen Genfer Protestanten Guillaume Henri Dufour zum General einer rund 50'000 Soldaten umfassenden eidgenössischen Armee. Die Stände Neuenburg und Appenzell IR stellten keine Truppenkontingente zur Verfügung. Die Sonderbundskantone, welche mit militärischer Hilfe aus Österreich rechneten, übertrugen dem protestantischen Graubündner Obersten Johann Ulrich von Salis-Soglio unter Ernennung zum General das Oberkommando für ihre Truppen.
Der Waffengang im Sonderbundskrieg begann am 3. November 1847 mit Vorstössen der eidgenössischen Truppen ins Tessin und ins Freiamt (Freie Ämter). Am 14. November 1847 kapitulierte als erster Sonderbundskanton Freiburg. In rascher Folge kapitulierten darauf Zug, Ob- und Nidwalden, Schwyz und Wallis. Am 24. November 1847 wurde der Bürgerkrieg mit der Kapitulation der Walliser beendet. Der Konflikt fordert knapp über 100 Todesopfer und fast 400 Verwundete. In der Folge wurde die Sonderbundskantone angewiesen, alle Jesuiten auszuweisen. Das Kloster- und das Jesuitenverbot waren wichtige Ankerpunkte im angestrebten eidgenössischen Bundesverfassung.
Zu Beginn des Jahres 1848 versuchten die europäischen Mächte Frankreich, Österreich und Preussen, nochmals Einfluss auf die Innenpolitik der Eidgenossenschaft zu nehmen.
Am 12. September 1848 nahm die Tagsatzung nach erfolgreichen Volksabstimmungen in den Kantonen die neue eidgenössische Bundesverfassung an. Die Annahme erfolge nicht einstimmig: von den 22 Kantonen stimmten 15,5 Stände für die neue Verfassung. Widerstand gegen das neue Werk kam vor allem aus der Innerschweiz, von Appenzell Innerhoden und von Bern. Nidwalden stemmte sich am längsten gegen die Einführung der neuen Bestimmungen.
Am 22. September 1848 fand die letzte Tagsatzung statt.
Mit der Bundesverfassung von 1848 begann die Epoche der modernen Schweiz. In die Verfassung wurden Elemente der direkten Demokratie sowie viel liberales Gedankengut eingebaut.
Mit der neuen Verfassung konnten der Kulturkampf zwischen den liberalen und den konservativen Kreise entschärft werden. Die Wahl von Bern als neue Bundeshauptstadt war eine Kompromisslösung, welche dem neuen "eidgenössischen Geist" förderlich war.
Das Verhandeln der verschiedenen Interessensgruppen "auf Augenhöhe" und das Suchen nach Kompromislösungen blieb bis heute das prägende Element in der Politik der Schweiz, der Schweizerischen Eidgenossenschaft.
1979 spalteten sich nach einigen nationalen und kantonalen Volksabstimmungen einige Gebiete im Berner Jura vom Kanton Bern ab und bildeten einen eigenen Kanton Jura innerhalb der Schweizerischen Eidgenossenschaft. Der nachfolgende Prozess der Loslösung dauerte bis weit ins 21. Jahrhundert hinein.
Bis 1866 genossen die Juden in der Schweiz keine Niederlassungsfreiheit. Zuvor wurde die jüdische Bevölkerung in den zwei Dörfern Lengnau und Endingen im Kanton Aargau angesiedelt. 1874 unterzog die neue Schweiz ihre Bundesverassung einer Totalrevision. Die Religionsfreiheit wurde u.a. in der Bundesverfassung verankert.
Vor 200 Jahren wurden im Rahmen des Wiener Kongresses (September 1814 - Juni 1815) Grundsätze verankert, die noch heute die internationale Politik bestimmen. Wesentlich zur Neuordnung Europas beigetragen haben dabei der Walzer und die Diplomatie.
Der Genfer Charles Pictet de Rochemont hatte am Kongress die Anerkennung der Schweizer Neutralität erreicht. Gabriel Eynard war sein persönlicher Sekretär. Der Freiburger Jean de Montenach war einer der drei Schweizer Gesandten am Wiener Kongress.
Anna Eynard-Lullin, der Ehefrau von Jean-Gabriel Eynard, und Jean de Montenach hattenihre Erlebnisse am Kongress je in Tagebüchern aufgezeichnet. Die beiden Tagebücher zeigen deutlich, welchen Stellenwert das gesellige Rahmenprogramm des Kongresses hatte: Die Musik, die Bälle und die Bankette sorgten für Möglichkeiten des Austausches und der Diskussionen, von welchen gerade die "kleinen Staaten" wie die Schweiz zu profitieren versuchten, um ihre politischen Positionen voranzubringen. Jean de Montenach und Anna Eynard-Lullin waren zugegen in den Wiener Palästen, wo die Siegermächte die Karte Europas neu zeichneten. Sie hielten ihre Erinnerungen und Eindrücke für die Nachwelt fest und lieferten uns damit eine stereoskopische Betrachtung der Neuerschaffung Europas durch einen Kongress, der nicht zuletzt im Zeichen des Amusements stand.
Am 18. Juni 1815 wurde die Schlussakte des Wiener Kongresses (Acte final) ratifiziert. In der Schweiz werden die Ergebnisse des Wiener Kongresses auf die "Kantonsgeschichte" reduziert wird (der Wiener Kongress als Erfolg für die Kantone Waadt und Genf und als Katastrophe für den Jura, der dem Kanton Bern zufiel).
Zusammen mit Alexandre Dafflon des Freiburger Staatsarchivs hat sich Benoît Challand, Professor am französischsprachigen Bereich für Zeitgeschichte der Universität Freiburg mit den täglichen Aufzeichnungen von Anna Eynard-Lullin und Jean de Montenach befasst. Die bisher unveröffentlichten Aufzeichnungen wurden im Buch «Journaux du Congrès, Vienne 1814 -1815, "J'ai choisi la Fête"» zusammengetragen. Das Buch ist in französischer Sprache bei der Société d'histoire du canton de Fribourg SHCF erhältlich.