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In der Regel sind humanitäre Hilfskräfte während einer Naturkatastrophe oder eines bewaffneten Konflikts im Einsatz, um Hilfsgüter zu verteilen und beim Wiederaufbau der Infrastruktur zu helfen. Sobald es die Lage jedoch erlaubt, ziehen sie sich zurück und überlassen das weitere Vorgehen der «Entwicklungszusammenarbeit».
In Haiti aber setzt die DEZA die Experten der Humanitären Hilfe und jene der bilateralen Zusammenarbeit gleichzeitig ein. Seit dem Erbeben von 2010 arbeiten sie eng zusammen, was als «umfassender Ansatz» bezeichnet wird.
Synergien und Ergänzung
«Im Klartext heisst es, dass humanitäre Hilfe und längerfristige Entwicklungszusammenarbeit auf Synergien und Ergänzung ausgelegt sind», erklärt Corinne Conti, Programmbeauftragte für Haiti bei der Humanitären Hilfe. Für Bernard Zaugg, stellvertretender Leiter der DEZA in Port-au-Prince, ist es unerlässlich, «die eigene Betrachtungsweise zu erweitern und Gewohnheiten zu hinterfragen».
Wer einen solchen umfassenden Ansatz im Alltag anwenden will, sieht sich mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Die Akteure müssen Flexibilität beweisen und offen für neue Verhaltensweisen sein. Die Humanitäre Hilfe muss ihre punktuellen Projekte anders und längerfristig planen und «strukturelle Wirkung» anstreben. Die Programme der Entwicklungszusammenarbeit müssen die Arbeit der humanitären Mitarbeitenden mitberücksichtigen und erleichtern. In einem Land wie Haiti, das Naturgefahren und instabile Institutionen kennzeichnet, ist die Koordination für die Nachhaltigkeit der Projekte äusserst wichtig.
Musterpläne für den Schulhausbau
Zwei Beispiele verdeutlichen den Mehrwert des umfassenden Ansatzes: Erstens das erfolgreiche Programm für den Wiederaufbau von Schulen las zweiter Schritt nach der unmittelbaren Nothilfe nach dem Erdbeben. «Es ging von Anfang an nicht nur darum, die Schulgebäude nur instand zu setzen. Die von der Humanitären Hilfe der Schweiz entsandten Expertinnen und Experten engagierten sich dafür, das katastrophensichere Bauen zu fördern und entsprechendes Knowhow zu vermitteln», erklärt Bernard Zaugg.
Um mit dem haitianischen Bildungsministerium und der Interamerikanischen Entwicklungsbank (IDB), der grössten Geldgeberin, Kontakt aufzunehmen, zählten die Mitglieder des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe (SKH) auf das Knowhow und die Beziehungen der Kollegen, die für die bilaterale Zusammenarbeit zuständig sind. «Dank unserem umfassenden Ansatz ist die IDB jetzt erstmals eine Partnerorganisation der Humanitären Hilfe», stellt Gardy Letang, nationaler Verantwortlicher des humanitären Programms im DEZA-Kooperationsbüro in Port-au-Prince, erfreut fest. Die Integration des Büros in die Schweizer Botschaft vor Ort 2011 erleichtert die Arbeit zusätzlich: «Natürlich ist es für einen Botschafter einfacher als für einen Projektleiter, einen Termin bei einem Minister zu erhalten», so Bernard Zaugg.
Ende 2014 kann die Schweiz durchaus stolz sein: Neun Schulen sind fertig gebaut oder noch im Bau. Ausserdem hat die haitianische Regierung im April 2014 die Musterpläne für nachhaltiges Bauen, die die Schweiz mitentwickelt hat, zur verbindlichen Norm erklärt. Auch die IDB hat sie in ihre Praxis aufgenommen. Sie will nach den schweizerischen Musterplänen 60 Schulen wiederaufbauen. Nach Berechnungen der DEZA können so pro Schule 15‘000 bis 40‘000 Franken für Baustudien (und über 300‘000 US-Dollar pro Gebäude) eingespart werden. Das Potenzial für weitere Kosteneinsparungen ist gross: Laut Schätzungen der haitianischen Behörden warten 1000 Schulen auf den Wiederaufbau.
Trinkwasser und sanitäre Grundversorgung
Der zweite Erfolg der DEZA-internen Zusammenarbeit betrifft den Bereich Wasser und sanitäre Infrastruktur. Das Schweizer Kooperationsbüro in Haiti erklärte die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung zu einer der Prioritäten in der Strategie 2014–2017: Dies geht teilweise auf die Vorarbeiten des SKH aus dem Jahr 2010 zurück.
Acht Monate nach dem Erdbeben war im Landesinnern eine Cholera-Epidemie ausgebrochen. Die haitianischen Behörden baten die Humanitäre Hilfe der Schweiz, die Verfahren bei der Trinkwasseraufbereitung und -kontrolle in den besonders betroffenen Regionen zu verbessern und lokale Ingenieure auszubilden. Sie schätzten vor allem auch Zuverlässigkeit und Professionalität der SKH-Experten. Die positive Erfahrung war Bestätigung für das Fachwissen der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit in diesem Bereich. Die DEZA finanziert bereits seit 1998 ein Trinkwasserprojekt, das Helvetas umsetzt.
2012 beschlossen die haitianische Regierung und die DEZA, das Engagement der Humanitären Hilfe fortzusetzen: Die DEZA soll insbesondere zur Verbesserung des nationalen Trinkwassersystems beitragen. Bislang wurden 11 Labors für die Wasseranalyse eingerichtet und 48 Wasserversorgungsanlagen so ausgerüstet, dass sie dem Trinkwasser Chlor beimischen können. Davon profitieren 200‘000 Personen. In strategischer Hinsicht half die DEZA der nationalen Direktion für Trinkwasser und Sanierung (DINEPA), ein neues «nationales Referenzdokument für die Technik» zu erstellen.
Entscheidend ist dabei, dass sich der umfassende Ansatz der DEZA mit den Vorstellungen des Partnerlandes deckt. «Für uns war es immer klar, dass die humanitäre Hilfe der Geberstaaten über die akute Notlage hinausreichen und mit Blick auf die Institutionalisierung der Reformen geleistet werden muss», erklärt Lesly Dumont, Leiter der Abteilung «strategische Ausrichtung» der DINEPA.
Funktionierende und nachhaltige Dienstleistungen
Wie beim Wiederaufbau der Schulen will die DEZA auch im Bereich Wasser und sanitäre Infrastruktur grundsätzlich den Staat stärken, damit er die Grundversorgung der ärmsten Bevölkerungsgruppen sicherstellen kann. Um in Haiti funktionierende und nachhaltige öffentliche Dienstleistungen zu gewährleisten, müssen jedoch drohende Naturgefahren vor dem Hintergrund eines fragilen institutionellen Kontexts mitberücksichtigt werden.
Zur besseren Verankerung des Grundsatzes der präventiven und reaktiven humanitären Hilfe lancierte das SKH im Frühling 2014 ein Projekt zur Risikominderung: «Die Stärkung der lokalen Gouvernanz im Risikomanagement ist prioritär», so Gardy Letang. Durch den Einbezug der Bevölkerung in staatliche Massnahmen wird auch der Rechtsstaat gestärkt. Die gemeinsame, koordinierte Vorgehensweise der Humanitären Hilfe und der bilateralen Entwicklungszusammenarbeit dient der Nachhaltigkeit und macht es möglich, dass sich die DEZA-Projekte gegenseitig verstärken.