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In diesen Tagen haben sich unsere Studienabgänger nebst vielem anderen auch über ihr literarisches Wissen auszuweisen. Wer ist es, der bestimmt, worüber sie Bescheid zu wissen haben?, fragt unsere Blog-Leserin Jolanda Brigger. Die Frage ist sehr berechtigt. Nur zu gerne möchten einige Kreise in Staat, Politik und Wirtschaft vorschreiben, welche Inhalte die Lehrpersonen zu unterrichten haben. Es scheint, als könnten Lehrer, Professoren und Dozenten im Literaturunterricht noch ein letztes Stück von akademischer Freiheit bewahren.
Akademische Freiheit. Wer vor ein paar Jahrzehnten als Professor für Sprache und Literatur zu arbeiten begann, der kam direkt von der Universität. Er hatte einen akademischen Titel im Gepäck, ein Lizentiat zumindest als lic. phil. oder gar einen Dr. phil. Ein Doktorat oder auch ein Lizentiat beinhaltet aber gleichzeitig auch die Berechtigung, dass der Träger des Titels befähigt ist, wissenschaftlich und selbstständig zu arbeiten. Er war eine praktisch unantastbare Autorität, der man Respekt entgegenbrachte und dem man vollstes Vertrauen schenkte. Im Unterricht von Sprache und Literatur hatte er freie Hand. Es bestand lediglich ein sehr allgemein gehaltener Rahmenlehrplan. In der Auswahl der literarischen Werke und in der Methode der Literaturvermittlung war man absolut frei.
Freie Wahl der literarischen Werke. Auch heute noch haben Professoren an den Mittelschulen eine freie Wahl der literarischen Werke, die sie mit den Studierenden lesen und behandeln wollen. Es besteht lediglich eine Empfehlung, den Literaturunterricht auf die vergangenen zweihundert Jahre zu beschränken. So beginnt der Literaturunterricht an den Walliser Kollegien grundsätzlich in der Biedermeierzeit um 1800, und er endet mit aktuellen Werken aus unseren Tagen. Noch in den 70er- und 80er- Jahren startete der Literaturunterricht mit den ersten schriftlichen Zeugnissen der Menschheit, wobei auch althochdeutsche und mittelhochdeutsche Texte zur Pflichtlektüre gehörten. Aber damals dauerte das Gymnasium auch noch acht Jahre, weil die Studierenden bereits nach der 5. Primarklasse mittels einer Aufnahmeprüfung ins Kollegium wechselten. Nach der Einführung der Orientierungsschule verkürzte sich die Kollegiumszeit auf fünf Jahre , was auch für den Literaturunterricht eine Kürzung und Straffung zur Folge hatte.
Nach welchen Aspekten auswählen? Die Professoren wählen die literarischen Werke für den Unterricht nach unterschiedlichen Kriterien aus. Sicher spielen persönliche Vorlieben eine grosse Rolle. Während die einen beispielsweise keine Scheu davor haben, auch einen erotisch aufgeladenen Roman wie „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink zu behandeln, greifen andere lieber zu einem etablierten Bildungsroman. Als vor wenigen Jahren ein Professor in der Deutschschweiz mit seinen Studenten Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ las, da verklagten ihn religiös motivierte Eltern. Tatsächlich sind es die Studierenden allein, die bestimmen, ob ein Professor mit der Wahl der literarischen Stoffe eine glückliche Hand hat oder nicht. Ein weiteres Auswahlkriterium kann die Aktualität sein. Viele Probleme der Gegenwart lassen sich diskutieren und aufarbeiten mit Hilfe eines passenden Buches.
Das Interesse der Studierenden sollte bei der Auswahl einer passenden Lektüre zumindest hin und wieder berücksichtigt werden. Persönlich habe ich damit oftmals bei meinen Schülerinnen viel Motivation und Begeisterung freisetzen können. Ein Beispiel? Vor drei Jahren verbrachte ich mit 18 jungen Damen einen Abenteuertag am Gleitschirm. Der Gleitschirmflug war Auslöser und Stimulus für Glücksmomente, die wir in einer Schreibwerkstatt festhielten. Aus der Schreibwerkstatt ging ein Buch hervor mit dem Titel „abheben – wegfliegen. Wo Träume Flügel haben“. In einem Tal, wo die Felswände oft so nahe zusammenrücken, dass die Seele fast verkümmert und Schaden zu nehmen droht, in einem Tal, wo die Sehnsucht nach Ferne und Freiheit die jungen Menschen hinaus treibt in die weite Welt, erhält die Thematik „abheben – wegfliegen“ eine eigene Bedeutung. Nach der Vernissage im rro-Studio Barrique (Bild oben) war ich sicher, 18 begeisterte Literatinnen gewonnen zu haben.
Und die literarische Freiheit auf unteren Schulstufen? In der Orientierungsschule hat man vor wenigen Jahren das breit angelegte und umfassende Lehrmittel „Die Sprachstarken“ eingeführt. Viele OS-Lehrer haben wenig Freude daran. Lehrmittel sollten lediglich unterstützende Hilfen sein. Die Kreativität und die Souveränität von Lehrpersonen sollten keinesfalls untergraben werden. Doch, so wird mir immer wieder versichert, wenn einmal die Türe zum Klassenzimmer ins Schloss fällt, hat eine Lehrperson immer noch viel Eigenverantwortung. Kontrollen gibt es kaum. Eine Kollegin, die in der PH Wallis für die Weiterbildung besorgt ist, hat mir noch diese Woche versichert, dass die Lehrpersonen auch in der OS viel literarische Freiheit haben. Die Lehrpersonen werden lediglich angehalten, gewissen Leitlinien und Spuren zu folgen. Sie müssen im Sprach- und Literaturunterricht ein Grobziel erreichen. Wie sie dahin kommen, das bleibt der Kompetenz und der Verantwortung der einzelnen Lehrperson überlassen.
Freiheit nur noch im Sprach- und Literaturunterricht? Möglicherweise halten Sprachenlehrer und Literaturvermittler noch die letzte Bastion der akademischen Unterrichtsfreiheit. In Fächern wie „Mensch und Umwelt“ oder in der Naturlehre dürfte es ähnlich freiheitlich zugehen. Nicht so im Mathematik-Unterricht. Hier herrscht – insbesondere auf dem Weg zur gymnasialen Matura – ein eisernes und teils auch abschreckendes Regime. Als Experte für deutsche Sprache und Literatur kam ich in den letzten Tagen hin und wieder ins Gespräch mit Maturandinnen. Den Literaturunterricht haben fast alle mit Freude und mit grossem Gewinn besucht. Schlecht kommen jedoch die naturwissenschaftlichen Fächer weg. Da werde knallhart ein Programm durchgepaukt, ohne Rücksicht auf Verluste, war vielerorts zu hören. Eine Maturandin meinte: „Die Lehrer in den naturwissenschaftlichen Fächern kommen nicht klar damit, dass nicht jede und nicht jeder in Mathe interessiert ist. Sie begreifen nicht, dass die Mathe für viele von uns ein traumatischer Drill ist.“
Die Hoffnung stirbt zuletzt. Möge ein letztes Stück der vormalig grossartigen akademischen Freiheit auch weiterhin am Leben bleiben. Liebe Lehrpersonen für Sprache und Literatur, tragt Sorge zu dieser letzten Bastion der Lehrfreiheit. Wer sonst sollte die grössten Werte der Menschheit hochhalten, wenn nicht die Abgänger der philosophischen Fakultät? Liebe Kolleginnen und Kollegen, lasst euch nicht zu Funktionären und Beamten degradieren. Haltet sie hoch, die Unterrichtsfreiheit! Macht den Beruf der Lehrerin und des Lehrers wieder zu dem, was er immer war und immer sein wird, zu einem Traumberuf!
Text und Foto: Kurt Schnidrig