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Die Inuitvölker, die seit Jahrhunderten und Jahrtausenden in den arktischen Regionen leben, haben sich sowohl physiologisch wie auch kulturell und sozial an die harschen Bedingungen des Nordens angepasst. Und trotz der Unterschiede der verschiedenen Völker, haben sich einige Aspekte wie ein roter Faden durch die Kulturen durchgezogen. Dazu zählt auch die Bekleidung aus Rentierfellen, die von Russland bis Norwegen überall in der Arktis von den einheimischen verwendet wird. Forscher haben nun wissenschaftlich bewiesen, dass diese traditionelle Kleidung den menschlichen Körper besser vor Auskühlung schützt als die vom Militär verwendete teure Ausrüstung.
Das Team um Richard Hill von der Michigan State Universität verglich mit Hilfe von Wärmebildkameras die isolierende Wirkung von traditionell hergestellter Rentierkleidung mit derjenigen von modernen Daunenjacken und -hosen und militärischer Kleidung, wie sie beispielsweise von den in der Arktis tätigen Soldaten verwendet wird. Dabei zeigte sich, dass die moderne Polarkleidung den Körper nur leicht schlechter vor dem Wärmeverlust schützt, als die Rentierkleidung. Wirklich überraschend war aber das Ergebnis beim Vergleich der Fellkleider mit der teuren militärischen Ausrüstung. Hier zeigte sich, dass eine Person in militärischer Ausrüstung mehr als 12 Prozent schlechter isoliert war als dieselbe Person in Rentierkleidung. Die Wärmebildaufnahmen zeigten auch deutlich, wo der Wärmeverlust in erster Linie stattfindet: am Kopf und an den oberen Körperbereichen. Die Forscher schreiben auch in ihrer Arbeit, dass zwar bei allen drei Kleidungstypen der Kopfbereich derjenige mit dem grössten Wärmeverlust war.
Die Forscher setzten jeweils einen Mann und eine Frau unter standardisierten Bedingungen einer Kälte von rund -22°C für eine Stunde aus. Dabei trugen die Probanden die entsprechende Kleidung während sie mit Wärmebildkameras fotografiert wurden und so den Wärmeverlust über die Oberfläche der Kleidung dargestellt werden konnte. In ihrer Arbeit zeigten Hill und seine Kollegen, dass die Reissverschlüsse an den modernen Bekleidungsstücken, vor allem am Oberkörper wesentlich für den Wärmeverlust verantwortlich sind. Im Kopfbereich ist vor allem die Kapuze der wesentliche Bestandteil, der vor Wärmeverlust schützen sollte. Auch hier zeigte sich die Überlegenheit der traditionell als Einheit getragenen Rentierfellkapuzen mit Fellrand gegenüber den modernen Parkas mit abnehmbarer Kapuze. Die Aussentemperatur der Rentierkapuze entsprach praktisch der Umgebungstemperatur, während bei der Militärausführung am Kopf eine bis zu 8°C höhere Temperatur gemessen wurde. Das bedeutet, dass ein wesentlicher Teil der Körperwärme über den Kopf abgegeben wird bei der militärischen Kleidung, trotz der Kapuze. Ein anderer Ort des Wärmeverlustes zeigte sich bei der Innenseite der Arme. Hier waren alle drei Typen von Kleidung davon betroffen. Die Forscher erklären dies mit der Komprimierung der Daunen bei den modernen Parkas und durch das Auseinanderziehen des Fells bei Bewegungen.
In der Studie, die in der Fachzeitschrift Arctic diese Woche veröffentlicht worden war, kommen die Wissenschaftler zum Schluss, dass sowohl physiologisch wie auch funktionell die traditionelle Rentierbekleidung den modernen Versionen und vor allem der militärischen Bekleidung klar im Vorteil ist. Zum einen isoliert sie besser an den sensiblen Stellen, ist aufgrund der Dicke des Fells und der Verarbeitung mit weniger Schwachstellen ausgestattet und auch der Abtransport von Körperfeuchtigkeit ist besser gelöst als bei vielen modernen Bekleidungsstücken. Die Forscher schreiben jedoch auch, dass weitere Vergleiche in Bezug auf Winddichte und bei grösseren Bewegungsabläufen wie Rennen oder Arbeiten noch ausstehen. Auch stellt sich die Frage, ob Rentierkleidung aus frischen Fellen besser sind als ältere, vorsichtig gelagerte Kleidungsstücke und wie die Unterschiede zwischen den Fellen von verschiedenen Tierarten sind.
Quelle: Hill et al. (2020) ARCTIC 73(1) 40-52, Thermal Imaging and Physiological Analysis of Cold-Climate Caribou-Skin Clothing
Zum Originalartikel: https://doi.org/10.14430/arctic69909