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Die Alkohol-Abstinenzbewegung gehörte Ende des 19. und Anfang des 20. Jh. zu den wichtigen sozialen Bewegungen der Schweiz und umfasste auf ihrem Höhepunkt rund 60'000 Mitglieder. Im Totalverzicht auf Alkohol durch den Einzelnen sah die Bewegung nicht nur den Ansatz zur Heilung von Trinkern (Alkoholismus), sondern auch zur Lösung gesellschaftl. Probleme und zur sittl. Reform der gesamten Gesellschaft (Sittlichkeitsbewegung).
Die Idee der Alkohol-Abstinenz ging urspr. von puritan. ausgerichteten kirchl. Gemeinschaften Nordamerikas aus und verbreitete sich ab etwa 1830 rasch in der Alten Welt, v.a. in skandinav. Ländern und in England. Beeindruckt durch die engl. Bewegung gründete der freikirchl. Waadtländer Pfarrer Louis-Lucien Rochat 1877 in Genf den ersten Verein des Blauen Kreuzes. Hintergrund war der stark gestiegene Alkoholkonsum in der Schweiz: Vorab der Schnapsverbrauch hatte sich in der 2. Hälfte des 19. Jh. stark erhöht, was u.a. mit der Verbreitung der Kleinbrennerei unter Bauern und der damit verbundenen billigen Herstellung von Kartoffelschnaps, dem sog. Härdöpfeler, zu tun hatte (Branntwein).
Das Schweiz. Blaue Kreuz verband die christl. Mission und die "Rettung" von Trinkern und arbeitete dabei sowohl mit der Evang.-ref. Landeskirche wie auch mit Freikirchen zusammen. Nicht nur der Alkohol, sondern auch das Wirtshaus an sich und die "Genusssucht" wurden vom Blauen Kreuz als Bedrohung für die gesellschaftl. Moral gegeisselt. 1895 erhielt das Blaue Kreuz eine kath. Entsprechung, die Schweiz. Kath. Abstinenten-Liga (SKAL), welche weitgehend innerhalb der kirchl. Strukturen arbeitete, aber nie die Bedeutung des Blauen Kreuzes erreichte.
Einen wichtigen Impuls erfuhr die Abstinenzbewegung Mitte der 1880er Jahre durch den Basler Prof. Gustav von Bunge, der die sog. sozialhygien. Richtung begründete: Die Volksgesundheit und die Angst vor der Schädigung des menschl. Erbguts standen für ihn im Mittelpunkt des Abstinenzgedankens. Bunge verlangte Abstinenz nicht nur für ehem. Trinker und sozialpädagogisch tätige "Trinkerretter", sondern für die gesamte Bevölkerung, würden doch Trinker gerade durch die "Mässigen" verführt. Zweiter Gründungsvater der sozialhygien. Richtung war Auguste Forel, der mit der Gründung der Heilanstalt Ellikon an der Thur 1888 wesentlich zu den Fortschritten in der Trinkerbehandlung beitrug. Aus der sozialhygien. Bewegung gingen der Alkoholgegner-Bund (Organ: "Die Freiheit"), der Bund abstinenter Frauen, der sozialist. Abstinentenbund sowie die Schweizer Grossloge des internat. Guttempler-Ordens hervor.
Die Wandlung der Konsumgewohnheiten weg von Wein und Schnaps hin zu Bier und alkoholfreien Getränken, aber auch die Veränderung der gesellschaftspolit. Situation führten zu einem Bedeutungsverlust der Abstinenzbewegung nach dem 1. Weltkrieg. Noch 1908 stimmte das Volk der Initiative zum Verbot des Absinths mit 63% Ja-Stimmen zu. Ein Volksbegehren, welches den Gem. die Möglichkeit geben wollte, die Prohibition einzuführen (Gemeindebestimmungsrecht), wurde hingegen 1929 mit 67% Nein-Stimmen verworfen. Insgesamt war die Abstinenzbewegung gesellschaftl. erfolgreicher als politisch. Sie trug wesentl. dazu bei, dass der Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit problematisiert, der gesellschaftl. Trinkzwang gemildert und Behandlungssysteme für Alkoholiker entwickelt wurden.
Literatur
– U. Tecklenburg, Abstinenzbewegung und Entwicklung des Behandlungssystems für Alkoholabhängige in der Schweiz, 1983
– R. Trechsel, Die Gesch. der Abstinenzbewegung in der Schweiz im 19. und frühen 20. Jh., 1990
Autorin/Autor: Rolf Trechsel