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Von Kathrin Pavic (Text und Bild)
Heute ist der aus dem Englischen stammende Ausdruck „Expats“ in aller Munde. Besonders in der Wirtschaftswelt handelt es sich um einen geläufigen Begriff. Doch woher stammt dieser? Und wer wird darunter zusammengefasst und – noch interessanter – wer nicht?
Expat ist die Abkürzung von Expatriate und geht auf die lateinische Wendung ex patria und das dazugehörige Verb expatriare zurück. Laut dem Duden bedeutet «zu expatriieren» so viel wie ausbürgern, ausweisen, deportieren, verbannen und auswandern. Fast alle Synonyme weisen eine negative Bedeutung auf und stehen für ein erzwungenes Verlassen des Heimatlandes oder den gesetzlichen Verlust der Staatsbürgerschaft. Auch im englischen Sprachgebrauch war «Exil» lange die erste Definition von expatriation. Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung zu einem allgemeineren Verständnis im Sinne eines über einen längeren Zeitraum andauernden Auslandsaufenthalts verschoben. So gibt der Oxford Dictionary of Current English folgende Definition an: «A person who lives outside their native country».
Historischer Ursprung in den Vereinigten Staaten
Wie dieser Wandel zustande kam, darauf geht die englische Historikerin Nancy L. Green in einem Aufsatz ein. Für den amerikanischen Kontext spricht Green von mehreren Bedeutungsverschiebungen während der letzten zweihundert Jahre.1 Von der amerikanischen Revolution bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war ein Expatriate eine Person, die ihr ursprüngliches Heimatland verliess, um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Diese Art der Expatriation war dem Aufbau der amerikanischen Nation zuträglich. Sie basierte folglich auf einem inkludierenden Verständnis. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann sich diese Wahrnehmung allerdings zu wandeln. Nun handelte es sich bei Expatriates um bereits naturalisierte Amerikanerinnen und Amerikaner, die im Ausland heirateten oder aus geschäftlichen Gründen lange ausserhalb der Staaten lebten. Als Folge des «Expatriation Acts» von 1907 verloren sie ihre amerikanische Staatsbürgerschaft. Eine doppelte Staatsbürgerschaft zu haben war damals weder erwünscht noch erlaubt. Dieses exkludierende Verständnis dauerte bis in die 1960er Jahre an, als es wieder von einer integrativeren Definition abgelöst wurde.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert wurden die Menschen mobiler und die verschiedenen Nationalgesellschaften zunehmend globaler. Doppelte Staatsbürgerschaften waren nun nicht nur erlaubt, sie wurde auch nicht mehr als Zeichen mangelnder Loyalität dem Herkunftsland gegenüber betrachtet. Green spricht in der Folge von einem neuen Typus, dem globalisierten Expat – die umgangssprachliche Abkürzung Expat ist ihrer Meinung nach im britischen Kolonialkontext entstanden. Als globalized expats werden jetzt in erster Linie, Geschäftsleute verstanden, die im Auftrag eines multinationalen Konzerns (vorübergehend) im Ausland arbeiten. Sie finden sich zumeist in einer komfortablen und privilegierten Lage wieder, wie Green betont. Dazu gehören unter anderem Spesenkonten, Hilfe beim Umzug sowie Steuerausgleiche.
Nationalität und sozioökonomischer Status
In der Schweiz ist vor allem die letzte Definition von Expats geläufig. So werden in erster Linie englischsprachige Personen, die in internationalen Firmen arbeiten und eine Weile in der Schweiz leben, als Expats bezeichnet. Im Gegensatz zu anderen «ArbeitsmigrantInnen» – wie z. B. früher den Saisonniers und GastarbeiterInnen – werden Expats weitgehend positiv und kaum je als Bedrohung wahrgenommen. Ausser für die schnell steigenden Mieten, für welche die zahlungskräftigen Expats mitverantwortlich gemacht werden, bleiben sie von negativen Schlagzeilen weitgehend verschont. Sie werden vielmehr als eine Gruppierung mit einem hohen sozioökonomischen Status betrachtet und daher so gut wie nie als Zuwanderinnen und Zuwanderer im klassischen Sinne, sondern vielmehr als Kosmopoliten angesehen.
Doch nicht nur die sozioökonomische Stellung und der Bildungsstand scheinen bei der Etikettierung als Expat entscheidend, auch die Nationalität einer Person ist ausschlaggebend. Kürzlich habe ich auf der Webseite des Guardian einen Artikel mit dem Titel «Why white people are expats when the rest of us are immigrants» gelesen.2 Der Autor argumentiert, dass der Begriff Expat für weisse Personen aus dem Westen reserviert sei. Hierzu zitiert er einen Ausschnitt aus einem Blog des Wall Street Journals, der dem Leben von Expats in aller Welt gewidmet ist. In jenem Beitrag geht es um Hongkong, wo zum Beispiel Haushaltshilfen aus den Philippinen lediglich als Gäste gelten, unabhängig wie lange sie schon in der Metropole arbeiten. Neuankömmlinge aus westlichen Ländern seien jedoch automatisch Expats: «Some arrivals are described as expats; others as immigrants; and some simply as migrants. It depends on social class, country of origin and economic status».3
Auch in der Schweiz werden beispielsweise Amerikaner, Engländer und Kanadier von vorne herein als Expats etikettiert. Während Menschen aus Osteuropa, Afrika, dem Nahen Osten, Asien, Südamerika etc., die über die gleichen Qualifikationen verfügen und ebenfalls wegen der Arbeit in einem multinationalen Konzern in der Schweiz weilen, womöglich zunächst als «reguläre» Arbeitsmigranten oder gar Flüchtlinge abgestempelt werden. Diese Diskrepanz in der Wahrnehmung einer bestimmten Nationalität und dem damit verbundenen Status oder Prestige hat sich bei der Medienberichterstattung zur Wahl des Ivorers Tidjane Thiam zum neuen CEO der Credit Suisse deutlich gezeigt. Der Blick fragte beispielsweise verschiedene Politikerinnen und Politiker, ob Thiams Wahl gut für die Integration von Immigranten sei.4 Solche eine Frage wäre bei einem weissen CEO aus dem anglophonen Raum wohl niemals gestellt worden, obwohl es sich auch bei ihm faktisch um einen Zuwanderer handelt.
Gut untereinander vernetzt und finanzstark
Bei den Expats handelt es sich nicht nur um privilegierte «Zuwanderer», sondern auch um eine untereinander gut vernetzte Gruppierung. So gibt es in der Schweiz mittlerweile neben zahlreichen Expatsklub sogar eine «Expat-Expo», die neben Basel auch in weiteren Schweizer Städten wie Zürich, Zug und Genf stattfindet. An dieser extra auf englischsprachige Einwohner ausgerichteten Messe präsentieren sich 400 verschiedene Anbieter, u. a. Geschäfte, Museen, Klubs und internationale Schulen. Es existiert folglich bereits ein Markt der eigens auf Expats und deren Bedürfnisse ausgerichtet ist. Kaum eine andere Zuwanderergruppe in der Schweiz kann auf ein derartiges Angebot zurückgreifen. Dies liegt einerseits daran, dass es sich bei den Expats im Grossen und Ganzen um eine finanzstarke und darum auch attraktive Gruppierung handelt. Andererseits können sie durch ihre Netzwerke auch selbst aktiv werden und solche Anlässe organisieren.
Aktivitäten und Anlässe, die extra auf Expats ausgerichtet sind, begünstigen wiederum die Entstehung einer Expat-Subkultur. In der Regel wird dort Englisch gesprochen und der britischen oder angloamerikanischen Kultur gefrönt. Dies kann im Extremfall zu einer Art von «Ghettoisierung» oder Parallelwelt im Aufnahmeland führen. Interessanterweise stellt sich bei Expats die Integrationsfrage kaum. In Bezug auf Arbeitsmigranten und Asylanten aus anderen Regionen der Welt werden gerade aus rechtspopulistischen Kreisen rasch Stimmen laut, die von einer Bedrohung für die Kultur des Ankunftslandes sprechen.
Wo ist zu Hause?
Bisher konnte eine klare Trennung in der Wahrnehmung von Expats und weniger gut gestellten Zuwanderinnen und Zuwanderern aus nicht-westlichen Ländern ausgemacht werden. Auf einer anderen Ebene bestehen aber durchaus Ähnlichkeiten zwischen den beiden Gruppierungen: Und zwar, wenn es um die Frage der nationalen und kulturellen Zugehörigkeit geht – oder einfacher gesagt: Wo fühlen sie sich zugehörig, respektive zu Hause? Bei Expats zeigt sich ein ähnliches Phänomen, wie es bereits von den (ehemaligen) GastarbeiterInnen in der Schweiz bekannt ist: Sie leiden unter einer gewissen Heimatlosigkeit. Den Anschluss an ihr Herkunftsland haben sie bis zu einem gewissen Grad verloren. In der Schweiz sind sie aber (noch) nicht richtig angekommen, was damit zusammenhängen kann, dass dieses Land lediglich als eine weitere Zwischenstation betrachtet wird. In einem Artikel auf NZZ Online beschreibt Joanne, eine Amerikanerin, diesen Zwischenstatus äusserst treffend: «Früher fragte ich mich immer: ‚Will ich hier bleiben oder will ich nach Hause?‘, aber nach einer Weile verschwimmt der Begriff. Man weiss nicht mehr, wo zu Hause ist».5
Hier zeigt sich ein weiterer Aspekt des Lebens eines Expats, der jenseits eines auf den ersten Blick vielleicht gar beneidenswerten kosmopolitischen Lebenstils liegt: Ein Dasein zwischen verschiedenen Gesellschaften und Kulturen, die nicht immer einfach zu vereinbaren sind.
Kathrin Pavic hat an der Universität Basel Geschichte, Soziologie und Englische Literatur studiert und in Soziologie promoviert. Ihr Doktoratsprojekt hat sie u.a. als administrative Assistentin in einem internationalen Unternehmen finanziert. Zu ihren Forschungsinteressen gehören Europäische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Migration und Integration sowie Konflikt- und Ungleichheitsforschung.
Verwendete Literatur und Links
1 Nancy L.Green (2009): „Expatriation, Expatriates, and Expats: The American Transformation of a Concept”, in: American Historical Review, April, S. 307–328 (S. 310, 323–324).
2 Mawuna Remarque Koutonin: „Why are white people expats when the rest of us are immigrants”, <http://www.theguardian.com/global-development-professionals-network/2015/mar/13/white-people-expats-immigrants-migration> (Zugriff: 11.06.2015).
3 Christopher Dewolf (2014): „In Hongkong, Just Who is an Expat, Anyway?”
(Zugriff: 6.6.2015).
4 Blick Online (2015): „Ich bin schwarz, Afrikaner, frankophon“, 10. März,
5 NZZ am Sonntag Online (2015): „Expats in der Schweiz: Jetlag in der Seele“, 26. März, <http://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/jetlagder-seele-1.18510475> (Zugriff: 12.06.2015).
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