Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03151.jsonl.gz/2275

Sibylle Ehrismann, Zürichsee-Zeitung (24.11.2009)
«Il Corsaro» ist eine frühe und kaum je gespielte Kurzoper von Giuseppe Verdi. Die Schweizer Erstaufführung im Opernhaus wartet mit einem fantastischen Bühnenbild von Paolo Fantin auf.
Verdis «Il Corsaro», diese Geschichte um den einsam umherirrenden Piraten, den des Lebens überdrüssigen romantischen Antihelden aus der Erzählung von Lord Byron, ist reichlich stereotyp gestrickt: Der Korsar Corrado lässt seine Geliebte Medora zurück und kämpft gegen den Pascha Seid, der mit seinem Harem und seinem eigenen Gott eine andere Kultur lebt. Corrado gerät jedoch in Gefangenschaft und wird von Seids Hauptsklavin Gulnara befreit, die selber fliehen will. Als Corrado zu seiner Medora zurückkehrt, hat diese jedoch bereits den Giftbecher getrunken, da sie glaubte, Corrado sei tot. Sie stirbt in seinen Armen, und er stürzt sich ins Meer.
Verdis Musik wirkt ähnlich schematisch. Dennoch hört man in gewissen Arien die melodische Kraft des späteren Meisters, und auch die Chöre haben bereits eine durchschlagende Wirkung. Die Orchesterbegleitung ist jedoch reichlich einfach, das Drama wirkt rhythmisch und formal starr. Der junge Dirigent Eivind Gullberg Jensen, der erstmals einen Verdi dirigiert, hat aus dieser Partitur eine leichte, transparente und rhythmisch federnde Musik gestaltet. Das Opernorchester trumpfte nicht auf, sondern begleitete mit angenehmer Zurückhaltung.
Lyrischer italienischer Tenor
Dies ermöglichte den Sängern, allen voran dem jungen italienischen Tenor Vittorio Grigolo, sich musikalisch frei zu entfalten. Grigolo verkörpert den Corsaro, den Regisseur Damiano Michieletto als autobiografische Reflexion von Lord Byron darstellt, mit grosser Stimme und dramatischer Kraft. Daneben gelangen ihm am Premierenabend aber auch die lyrischen Momente im Dialog mit dem weiblichen Geschlecht mit überzeugend leidendem Unterton. Kommt dazu, dass Grigolo eine starke Bühnenpräsenz mitbringt und trotz der etwas stereotypen Figur, die er verkörpert, auch schauspielerisch differenziert und echt wirkte.
Bühne unter Wasser
Das Ganze spielt sich in einem grandiosen, von Paolo Fantin gestalteten Bühnenraum ab. Die Bühne ist geflutet. Der Chor watet durchs Wasser, und die Protagonisten sitzen oder liegen auf ihren im Wasser schwimmenden «Inseln». Nur die Welt des Paschas liegt auf einem roten Steg über dem Wasser. Der Bühnenprospekt besteht aus einer gewinkelten Spiegelwand, welche die ganze Wasserszenerie spiegelt. Das Widerspiel des ruhigen Wasserspiegels mit dem Licht ist traumhaft. Unglaublich auch die sanfte Drehung des Bettes, in dem sich Corrado von seiner Braut verabschiedet. Kurz: Man kann sich an wunderschönen, traumhaften Bildern ergötzen – und das Libretto vergessen.
Vom stimmlichen Timbre her gut aufeinander abgestimmt sind die beiden Frauenpartien. Elena Mosuc hat die undankbare Aufgabe, den ganzen Abend lang die sehnsüchtig liebende und wartende Medora zu singen, in weissem Nachthemd auf einem grossen weissen Bett liegend. Trotzdem gelang es ihr, dieser einförmigen lyrischen Partie rein stimmlich so viele Schattierungen und Farbtöne abzugewinnen, dass sie musikalisch tief berührte.
Ihr gegenüber brachte Carmen Giannattasio als Gulnara ein beeindruckendes dramatisches Temperament mit. Sie steigerte sich als anfangs eher passive gefangene Liebessklavin bis zur Mörderin des Paschas mit mitreissender stimmlicher Virtuosität und fand als unglücklich in Corrado Verliebte zu abgründiger Verzweiflung. Der ruhende Pol in diesem stereotypen Drama ist Juan Pons als böser Pascha Seid, dem man den Barbaren aber gar nicht abnimmt. Er führt seine warme Stimme mit überlegter Weitsicht, hat als Figur aber wenig Entfaltungsmöglichkeiten.
Originell eingekleideter Chor
Der stattliche Chor wurde von Carla Teti in wasserfeste rote Ringröcke für die Frauen und weisse Anzüge für die Herren eingekleidet. Rot ist auch das Kleid der gefangenen Gulnara. Das gibt stimmige bildnerische Verbindungen, die etwas darüber hinweghelfen, dass die Chöre musikalisch noch recht einförmig und pathetisch wirken. Das Schlussbild mit der sterbenden Medora ist unvergesslich: Der Chor streut bei der Todesnachricht von Corrado weisse Rosen ins Wasser, sie schwimmen um die Sterbende und geben dem sich schliesslich in die Fluten stürzenden Corrado das letzte Geleit.