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Der amerikanische Komponist und Literat Paul Bowles (1910–1999) zählt zum innersten Zirkel der anarchischen, avantgardistischen Intelligenzia seit Ende der zwanziger Jahre. Über sein künstlerisches Schaffen hinaus wurde er auch als Privatperson zur mystischen Stilikone. Und zum Inspirator, Motivator, Animator von Künstlerzeitgenossen wie Tennessee Williams, Gore Vidal, Truman Capote und den Wegbereitern der Beatgeneration Jack Kerouac, Allan Ginsberg, William Burroughs. Dies vor allem ab den vierziger Jahren, als Bowles – notabene ein Protegé der Bohémienne Gertrude Stein – in die nordafrikanische Kultur eintauchte, von der libertären Stadt Tanger aus. Dort, wo 1949 sein Opus magnum, der Roman «The Sheltering Sky», entstand.
Die Entstehungsgeschichte von Paul Bowles: The Cage Door Always Is Open begann 1998, als der schweizerisch-amerikanische Filmschaffende Daniel Young Gelegenheit fand, den Autor zu interviewen. Umlagert von Medikamenten, Pflegeutensilien, Lesestoff sieht man den schwerkranken Bonvivant, dem das Hören wie das Sprechen schwerfällt. Young zeigt im Film nur wenige Momente aus diesem Gespräch, aber es erschliesst sich, dass das Treffen die Initialzündung für seinen ambitionierten Plan gewesen sein muss: den Versuch, einem bis in den Exzess freigeistigen Solitär der Kulturszene, der sich zeitlebens jeden Vereinnahmungen und Zuordnungen zu entziehen wusste, Reverenz zu erweisen. Das Projekt nahm aber erst richtig Fahrt auf, als Young 2006 mit dem extravaganten US-Schriftsteller Gore Vidal (1925–2012) einen intimen und kritischen Wegbegleiter von Bowles traf.
Ein zentrales Thema in Paul Bowles: The Cage Door Is Always Open bildet die 1937 anhebende, in allem extreme Liebes- und Lebensbeziehung zwischen dem bisexuellen Bowles und der lesbischen Jane Auer (1917–1973), einer jüdischen New Yorker Autorin. Young folgt den Spuren des Paars, setzt markante Stationen als Bojen in eine Chronique scandaleuse, die über das Nachbeten biografischer Fakten und Episoden hinausreicht. Zwar darf gesagt sein, dass nicht alle Statements von Bowles-Experten zwingend sind. Doch porentief berührend sind, wegen ihrer emotionalen Parteilichkeit, die Einlassungen von Bowles-Gefährten marokkanischer Provenienz. Oder von westlichen Zeitgenossen – neben Vidal wären der blitzgescheite, schalkhafte US-Filmer John Waters, die analytische New Yorker Autorin Ruth Fainlight zu nennen. Und der italienische Regiemaestro Bernardo Bertolucci, der 1990 mit Bowles «The Sheltering Sky» verfilmte, der Magie der literarischen Vorlage aber auch in den Augen von Bowles nicht gerecht wurde.
Youngs Film ist das Ergebnis eines über zehnjährigen Schaffensprozesses und eine komplexe, dramaturgisch elegant angelegte Choreografie aus Landschaftsszenen, historischem Archivmaterial, symbolstarken Animationscollagen und Textzitaten. Zudem setzt Bowles’sche Musik atmosphärisch dichte Akzente. Und so ist diese bis anhin essenziellste Annäherung an den Autor gelungen – poetisch, informativ und intelligent unterhaltend.
Eine kleine Szene mag das beispielhaft verdeutlichen: Daniel Young fragt den moribunden Patienten Bowles nach der Bedeutung des Universums. Der lässt sich die Frage wiederholen, repliziert: «Was ist das für eine törichte Frage!» Zum Ende aber erkennen wir, dass die grosse Frage so wenig töricht war wie Bowles’ Antwort, die Young so stehen lässt – aus distanziertem Respekt und weil der Kotau seine Sache nicht ist. Und also erfahren wir durch das Gezeigte und das Ausgelassene endlich mehr über einen unbekannten Bekannten. Über einen reisenden Suchenden, sein Werk und den Mythos, der zeitlos ins Hier und Jetzt ausstrahlt.