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Alex Miescher, Generalsekretär des Schweizerischen Fussballverbandes, hat mit seinen Aussagen, dass die Schweiz künftig keine Doppelbürger mehr in der Nationalmannschaft will, für Chaos gesorgt. Verbands-Präsident Peter Gilléron entschuldigt sich nun für seine Aussagen. Im Interview erklärt er, wie der Verband wirklich zum Thema steht:
Kannten Sie den Inhalt von Alex Mieschers Interview vor der Publikation?
Peter Gilliéron: Nachdem das Interview autorisiert worden ist, konnte ich noch kurz drüber lesen.
Haben Sie mit dem Gedanken gespielt, die Publikation zu verhindern?
Nein, das hätte auch nichts gebracht. Es wäre wohl auch sehr schwierig geworden. Hätte ich eingegriffen, wären die Folgen wohl auch nicht überall goutiert worden.
Hätten Sie die Publikation verhindert, wenn Sie früher Kenntnis gehabt hätten?
Auch wenn die Frage hypothetisch ist: Wahrscheinlich schon.
Aus welchen Gründen?
Weil ich dachte, dass vieles von dem, was Alex Miescher sagte, falsch verstanden werden könnte. Aber auch, dass die Dimension des Interviews überhöht würde und die positiven Absichten unseres Generalsekretärs missgedeutet würden. Mit Verlaub: Das hat sich dann ja alles auch bewahrheitet.
Mieschers Aussagen sind unmissverständlich, wenn er sagt: „Mit Doppelnationalitäten schaffen wir Probleme.“ Welche Aspekte des Interviews wurden falsch verstanden?
Er hat viel Einordnendes und Weiterführendes auch noch gesagt. Es ist aber der allgemeine Eindruck entstanden, dass wir angeblich keine Doppelbürger wollen, wir diese nicht gern haben und nur noch Fussballer wollen, die ausschliesslich den Schweizer Pass haben. Das entspricht jedoch überhaupt nicht der Haltung des Verbandes.
Hat das Konsequenzen für Alex Miescher?
Wir werden in den nächsten Tagen und Wochen die Analyse vornehmen, wie wir das nach einer Endrunde immer tun. Alex Mieschers Interview hat insofern Konsequenzen, als dass wir auch die Rollenverteilung in der Verbandsspitze noch etwas genauer überprüfen werden als vielleicht vor zwei Jahren nach der EURO in Frankreich.
Welche Reaktionen haben Sie auf Mieschers Vorstoss erhalten?
Die Spieler haben mit Ausnahme von Granit Xhaka, der ein Interview gab und sich dabei am Schluss gar versöhnlich zeigt, nicht gross reagiert. Wir sind von verschiedenen Stellen auf unterschiedlichen Wegen proaktiv auf die Spieler zugegangen und haben ihnen mitgeteilt, dass es sich bei den publizierten Aussagen nicht um die Meinung des Verbandes handelte. Das wichtigste in dieser Situation ist, dass wir uns entschuldigen und die Aussagen bedauern, sollte ein falscher Eindruck entstanden sein.
Wie kann es sein, dass der Generalsekretär so unbedarft handelt? Was hat ihn dazu bewogen?
Ich habe natürlich mit ihm darüber gesprochen. Seine Absicht war gut und positiv. Er wollte sich abermals für die Doppelbürger in unserem A-Team einsetzen, die schnell in die Kritik geraten, wenn es dem Team nicht top läuft. Es ist einfach falsch rausgekommen. Es ist wie bei einem Spieler, der einen Fehlpass spielt. Alex Miescher wollte nicht Doppelbürger und Doppelbürgerinnen diskreditieren. Er wollte das Thema aufs Tappet bringen, damit man sich damit auseinandersetzt. Das hat nicht wunschgemäss funktioniert, dafür entschuldigen wir uns und bedauern die Aussagen.
Befürchten Sie einen Kollateralschaden nach den Äusserungen von Alex Miescher?
Ich glaube nicht, dass alles kaputt gegangen ist. Ja, manchmal braucht es wenig für einen Imageschaden. Man kann das Passierte nicht ungeschehen machen. Aber wir können sagen: Tut uns aufrichtig Leid, es war ein Fehler. Entschuldigt bitte. Die Integration und Förderung von allen Fussballern, egal woher sie kommen, ist für uns ein wichtiges Leitprinzip im Verband – und dazu stehen wir. Wir leisten auf vielen Stufen sehr gute Arbeit, darum sollte man jetzt auch nicht gleich alles schlechtreden.
Haben Sie mit Alex Miescher darüber geredet, ob es sinnvoll wäre, wenn er seinen Posten zur Verfügung stellen würde?
Nein, ich habe das Gespräch nie in diese Richtung geführt. Weil ich die Überzeugung hatte, dass er es gut gemeint, aber schlecht durchgeführt hatte. Einen Fussballer, der halt in Gottes Namen einen schönen öffnenden Pass spielen will, diesen aber ins Out setzt, den stellt man deswegen auch nicht gleich vom Platz. Ich habe mit ihm ernsthaft geredet und gespürt, wie sehr bedauert, was aus der guten Absicht geworden ist.
Dabei ist das Doppelbürgertum absolut vernachlässigbar. Seit etwa 20 Jahren betreibt der Verband eine professionelle Ausbildung. In diesen 20 Jahren haben sich mit Mladen Petric und Ivan Rakitic nur zwei Spieler für eine andere Nationalmannschaft entschieden, die für die Schweiz ein Gewinn gewesen wären.
Ich bin da weit gehend einverstanden. Nur werden wir immer wieder kritisiert, wenn sich ein Doppelbürger gegen die Schweiz entscheidet. Effektiv haben wir sehr wenige Spieler verloren, die für uns einen Verlust bedeuten. Was auch auf die gute Arbeit des Verbandes zurückzuführen ist.
Der Verband könnte in dieser Sache durchaus selbstbewusster auftreten.
Das tue ich durchaus. Ich trete sehr selbstbewusst auf, weil ich auch so fühle. Aber jetzt ist auch der Zeitpunkt, sich zu entschuldigen und zu sagen: Wir sind froh und stolz, dass so viele Doppelbürger für die Schweiz spielen wollen. Das ist das wichtigste.
Wie kommt man aus dieser Sache raus? Bereits im September trifft man sich wieder, begegnen die Spieler Alex Miescher.
Wir werden dieses nächste Zusammentreffen sicher vorbereiten. Das und die Rollenverteilung und die Zuständigkeiten werden wir schon bald gemeinsam besprechen.
Brüskiert dürfte sich auch Trainer Vladimir Petkovic fühlen, der sogar drei Pässe hat.
Ich weiss, dass sich der Trainer von dieser Diskussion nicht betroffen fühlt.
Was macht Sie da so sicher?
Das Doppelbürgertum ist ein latentes Thema. Die Diskussion ist nicht allein durch Alex Miescher angezettelt worden. Das weiss auch Vladimir Petkovic. Letztlich ist es immer positiv, wenn man Fragen stellt, diese offen diskutiert.
Wie würden Sie die Beziehung zwischen dem Nationalteam und der Bevölkerung beschreiben?
Das ist eine gute Frage. Sie beschäftigt mich sehr. Manchmal habe ich das Gefühl, das Verhältnis ist gespalten. Man freut sich nach Siegen, bisweilen fast zu euphorisch, stellt dann aber sofort Fragen, wenn es nicht wunschgemäss läuft. Trotzdem denke ich, die grosse Mehrheit unseres Landes steht hinter dieser Nationalmannschaft und unterstützt diese. In der lateinischen Schweiz ist diese Unterstützung noch etwas grösser.
Im vergangenen November gab es in der Barrage die Pfiffe gegen Haris Seferovic. Was haben diese in Ihnen ausgelöst?
Ich habe mich geärgert über die Pfiffe. Und mir natürlich Gedanken gemacht darüber. Klar ist: Es ist wichtig, dass die Leistung auf dem Platz stimmt. Ich bin schon zu lange im Fussball, um nicht zu wissen, dass alles besser geht, wenn der Erfolg da ist. Und dass man alles in Frage stellt, wenn der Erfolg ausbleibt. Im Fussball ist diese Abhängigkeit gross. Und hat einen direkten Einfluss auf das Verhältnis zwischen dem Team und dem Volk.
Die Aussagen über die Doppelbürger waren doch auch ein Eingeständnis, dass das Verhältnis nicht ganz unbelastet ist. Wir sehen darin einen Versuch, mehr Nähe und Identität zu schaffen. Das ging schief. Wie sieht der nächste Versuch aus?
Es ist kein Versuch mehr geplant oder angedacht. Aber wenn wir von den Pfiffen sprechen – sie betrafen ja nicht nur Haris Seferovic, sondern in der Vergangenheit auch Spieler, die keine doppelte Nationalität haben. Wir müssen das gründlich analysieren. Aber manchmal kann man dem Fan tatsächlich nicht vorschreiben, wie er denken muss. Das ist nicht so einfach. Liebe kann man nie befehlen.
Zurück zum Sport. Warum haben Sie Nationaltrainer Vladimir Petkovic unmittelbar nach dem WM-Aus eine Job-Garantie gegeben?
Wie definieren Sie eine Job-Garantie? Haben wir ihm einen Vertrag bis 2037 gegeben?
Nein, aber bis Ende 2019. Wir haben nicht gesagt: Unbeschränkt.
Egal, es ist trotzdem keine Job-Garantie. Wir haben den Vertrag im letzten August verlängert, weil wir von seiner Arbeit überzeugt sind. Und ich erinnere daran, dass es Länder gibt, die Nationaltrainer mit längeren Verträgen ausstatten. Und bei der WM früher ausgeschieden sind.
Wir sagen das wertfrei. Aber: Warum sagten Sie, der Trainer sei gar kein Thema bevor Sie überhaupt seine Analyse gehört haben?
Nein, Moment, wir haben es noch viel früher gemacht, im letzten August. Mit anderen Worten: Wir hätten auch an Petkovic festgehalten, wenn wir uns gar nicht für die WM qualifiziert hätten. Weil wir von seiner Arbeit überzeugt sind und wir eine Fortsetzung wünschen.
Alex Miescher hat angetönt, dass er im Vorfeld des WM-Achtelfinals das Gefühl hatte, es stimme etwas nicht im Team. Hatten Sie denselben Eindruck? Und wie kann das künftig verhindert werden?
Inwiefern das so war, kann ich nicht direkt und sauber beantworten. Aber auch das gehört in die gründliche Analyse.
2006 verlor die Schweiz den WM-Achtelfinal gegen die Ukraine, 2018 ist sie im Achtelfinal gegen Schweden gescheitert. Zweimal also gegen den schwächsten verbliebenen Gegner im Tableau. Man kann also sagen: Die Schweiz ist in 12 Jahren keinen Schritt weiter. Ist Ihnen das ein Dorn im Auge oder auch ein bisschen egal, weil es ja immerhin der Achtelfinal war.
Wenn man mir 2006 gesagt hätte: Die Schweiz kann Weltmeister werden, aber danach verschwindet sie von der Bildfläche. Oder aber: Die Schweiz kommt in den Achtelfinal und qualifiziert sich danach drei Mal in Serie für eine WM, zum Teil auch wieder mit Achtelfinal, dann hätte ich im langfristigen Interesse des Verbandes ganz klar gesagt, ich nehme die zweite Variante. Für uns ist Konstanz sehr wichtig.
Wenn wir 2006 Weltmeister geworden wären, wäre das wohl schon ziemlich in Vergessenheit geraten. Es ist also kein Stillstand, sondern etwas, das wir uns immer wieder erarbeiten müssen. Die WM-Qualifikation ist keine Selbstverständlichkeit. Und drei Achtelfinals an grossen Endrundenturnieren in Folge sind eserst recht nicht.
Es gäbe ja auch die Möglichkeit für einen Ausreisser nach oben, ohne zuvor und danach von der Bildfläche zu verschwinden.
Selbstverständlich. Und klar: Auch der Präsident hätte sich über einen Viertelfinal-Einzug gefreut. Nur, es gibt auch ein paar andere Teams, die dasselbe wollen. Ich erinnere, alle der 32 Teams stellten Ansprüche und wollten weiterkommen. Ich weiss, man hat es schon oft gehört, aber ich wiederhole es trotzdem gerne: Ich war in Italien, nachdem sich unsere Nachbarn nicht qualifiziert hatten. Es war ein Gejammer.
Ich traf die Holländer, ich traf den Präsidenten des Deutschen Fussball Bundes, habe mit allen geredet. Ich weiss, es ist nicht gut, wenn man sich an den Niederlagen der anderen labt, das tue ich auch nicht, aber ich muss einfach sagen: Es können nicht alle Weltmeister werden. Nur einer. Und am Ende wird nur dieses Team alles richtig gemacht haben. (aargauerzeitung.ch)