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Ein Bevölkerungswachstum kommt entweder durch einen Geburten- oder einen Wanderungsüberschuss oder durch die Überlagerung beider Phänomene zustande. Die Zahl der Geburten war in Thun ab den 1870er-Jahren bis in die 1980er-Jahre mit wenigen Ausnahmen immer höher als jene der Todesfälle. Die Geburtenrate lag in den späten 1880er-Jahren bei über 30 Promille, 1920–1940 schwankte sie um 15 Promille. Grund für den Geburtenrückgang war die Familienplanung mit einfachen kontrazeptiven Methoden. Ausserdem wurden während des Ersten Weltkriegs und in der nachfolgenden Wirtschaftskrise weniger Ehen geschlossen, weshalb auch weniger Kinder zur Welt kamen. Erhöhte Geburtenraten gab es in den 1940er-Jahren, besonders ausgeprägt im ersten Nachkriegsjahr, sowie in den 1960er-Jahren. Der erste Anstieg war Ausdruck der Tatsache, dass mehr Frauen als zuvor heirateten und Kinder bekamen. Tatsächlich sank der Anteil der Ledigen von 59,4 Prozent (1920) auf 32,4 Prozent (1941). In den 1860er- und 70er-Jahren hatte er noch bei über 60 Prozent gelegen, was das Resultat einer restriktiven Heiratspolitik der Behörden war, die armen Heiratswilligen die Ehe verweigerten aus Angst, die jungen Familien würden der Gemeinde zur Last fallen. Ab der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre pendelte sich die Geburtenrate bei zehn Promille ein. Seit den 1990er-Jahrenliegt sie im Durchschnitt noch etwas darunter. Die Gründe für den nochmaligen Rückgang sind unter anderem wirksamere Verhütungsmittel, spätere Erstgeburten, mehr Scheidungen und die bessere Integration der Frauen in den Arbeitsmarkt.2
Hochzeitsgesellschaft im Park des Schlosses Schadau, 1955. Das Bild stammt aus einer Zeit, in der mit der Heirat noch der sprichwörtliche «Bund fürs Leben» geschlossen wurde. Scheidungen waren selten.
Schwierigkeiten zwischen den Ehepartnern kamen aber durchaus vor, weshalb die Fürsorgeverwaltung 1952 eine Eheberatungsstelle einrichten liess. Die Sprechstunden führte ein Spezialarzt. Fotografie von Hans Dubach.
Wie die Geburtenrate war auch die Sterberate in der Tendenz rückläufig. Traten bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts noch Sterblichkeitskrisen auf, die sich in einer signifikanten Zunahme der Todesfälle äusserten, wie zum Beispiel während der Hungerjahre 1817–1819 oder im Krisenjahr 1846, sorgte während der Industrialisierung eine bessere Hygiene zuerst in der Oberschicht, dann auch in der Arbeiterschaft dafür, dass die Sterblichkeit zurückging. Insbesondere verbesserten sich die Überlebenschancen von Kleinkindern. Die Abnahme der Kindersterblichkeit zeigte sich in der Gemeinde Thun mit der Einführung der Säuglingsfürsorge. 1924, ein Jahr nach der Eröffnung der für das ganze Amt zuständigen Beratungsstelle, waren die Todesfälle von Kindern im Alter von drei Wochen bis zu einem Jahr auf ein Viertel der Todesfälle in dieser Alters- gruppe der Jahre von 1920–1923 zurückgegangen.5
Einen vorläufig letzten grossen Ausschlag verzeichnete die Kurve der Todesfälle 1918, als die Spanische Grippe in Thun, wo die Epidemie besonders heftig wütete, ihre Opfer forderte. Ab den 1980er-Jahren überstieg die Zahl der Todesfälle jene der Geburten. Dass die Bevölkerung trotzdem wuchs, war nicht mehr dem Geburtenüberschuss, sondern der Zuwanderung zu verdanken.6
Kleinkind im Kinderwagen in der Hauptgasse, um 1900. Fotografie von Samuel Gassner. Die institutionalisierte Säuglingspflege über die Geburt hinaus war zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch kaum entwickelt. In Thun bot ab 1922 der Verein für Kinder- und Frauenschutz unentgeltliche Sprechstunden für das ganze Amt an.
Sie fanden aber wenig Anklang. 1923 stellte der neu gegründete Verband für Säuglingsfürsorge eine Säuglingsschwester an. Deren Hausbesuche lösten die Sprechstunden ab und wurden von den Müttern sehr geschätzt.