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Bevor Uhren, Schokolade und Textilien zum Schweizer Exportschlager wurden, war die Schweizer Eidgenossenschaft für ein anderes Produkt bekannt: Das Entsenden von Söldnern in fremde Kriegsdienste. Als überregionales Zentrum dieses profitablen Wirtschaftszweigs etablierte sich die Stadt Luzern – und darunter vor allem die Luzerner Patrizier.
Um nachvollziehen zu können, wie Luzern seine herausragende Stellung im Schweizer Söldnerwesen etablieren konnte, muss man verstehen, wie Kriege bis ins 19. Jahrhundert geführt wurden: Anders als heute, wo Staaten eigene nationale Armeen besitzen, waren früher ausländische Soldaten in den eigenen Reihen keine Seltenheit. Statt ausgehobener Soldaten dominierten angeworbene fremde Söldner die Kriegsschauplätze Europas. Und Krieg wurde im «siècle de fer» von 1550 bis 1650 gewissermassen konstant geführt.
Frankreich als Hauptabnehmer
Ausgangspunkt für den Anstieg der Schweizer Regimenter und Garden im Dienste fremder Staaten waren Bündnisse mit verschiedenen europäischen Mächten im 16. und 17. Jahrhundert. Insbesondere das Königreich Frankreich stieg zum Hauptabnehmer der sogenannten «Reisläufer» auf. Aber auch aufseiten des Herzogtums Savoyen in Norditalien, der Republik Venedig, des Königreichs Neapels oder Spaniens waren Schweizer Söldner im Einsatz. Dies führte mitunter zur kuriosen Situation, dass sich Eidgenossen auf verschiedenen Seiten des Schlachtfeldes gegenüberstanden.
Ausserdem gab es neben den zeitlich limitierten Einsätzen für Feldzüge auch dauerhafte Erwerbsmöglichkeiten für Söldner: Europäische Fürsten rühmten sich gerne mit dem Besitz einer renommierten Schweizergarde. Diese Einheiten waren oft kleiner, wurden besser entlohnt und blieben über längere Zeit am selben Ort stationiert. Das letzte Überbleibsel dieser Söldnertätigkeit ist die Schweizergarde beim Papst in Rom.
Wer profitierte in Luzern vom Söldnerwesen?
Wie so oft in der Geschichte waren es nicht die Unteroffiziere oder einfache Soldaten, die zu Geld, Macht und Prestige gelangten, obwohl es natürlich auch da Ausnahmen gab. Der Aufstieg des Luzerner Patriziats, das heisst einiger weniger, mächtiger Familien, die die politische Macht untereinander teilten, ging im Gleichschritt mit deren Beteiligung am Söldnerwesen. Neuen Familien oder Emporkömmlingen wurde der Zugang zur politischen Macht im kleinen und im grossen Rat und damit die Chance auf die ertragreichen Offiziersposten verwehrt.
Denn die Hauptmänner der Schweizer Söldnerregimenter waren oft Mitglieder dieser einflussreichen Patrizierfamilien. Bekannteste Beispiele im 16. Jahrhundert waren Ludwig Pfyffer, der Mitglied des kleinen Rats und späterer Schultheiss war, und dessen Bruder Rudolf Pfyffer. Letzterer war aber aufgrund der Regelung, dass Brüder im Rat verboten seien, nicht Mitglied des Rats, gelangte aber trotzdem zu grosser Macht, dank seines militärischen Engagements.
Korruption und Absprachen unter Patriziern
Die Hauptmänner waren für die Anwerbung der Soldaten sowie deren Verpflegung und die Dienstherren zuständig. Korruption und Absprachen führten dazu, dass die Erträge aus dem Söldnerwesen in der Luzerner Oberschicht konzentriert blieben.
Durch diese Konzentration der Macht in den Händen weniger einflussreicher Familien, stieg gegen Ende des 17. Jahrhunderts die Anzahl Mitglieder, welche militärische Erfahrungen im Ausland vorweisen konnten, sowohl im kleinen als auch im grossen Rat in Luzern. Aus der Gewerbestadt wurde mit der Etablierung des Luzerner Patriziats eine Stadt, die stark auf das Söldnerwesen ausgerichtet war.
Stadt-Land-Gefälle in der Beteiligung am Söldnerwesen
Nebst den Patrizierfamilien, die sich vom Söldnerwesen mehr politische Macht und Einfluss versprachen, war es vor allem die einfache Bevölkerung, die von Luzerner Gebiet aus in den Krieg für fremde Mächte zog. Aufschluss darüber, wie sich Innerschweizer Söldnereinheiten überhaupt zusammensetzten, geben Mannschaftslisten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert für den Militärdienst in Frankreich, die im Staatsarchiv Luzern zu finden sind.
Ein interessantes Detail ist, dass nicht nur Luzerner aufgeführt sind, sondern auch Personen aus anderen Orten der alten Eidgenossenschaft oder sogar aus dem Ausland. Zumindest die Hälfte des Bestandes waren Luzerner. Aber auch hier gab es ein grosses Stadt-Land- beziehungsweise ein politisches und soziales Herrschaftsgefälle:
Die ländlichen Gegenden des Mittellandes Ruswil, Willisau oder Rothenburg stellten den Grossteil der Luzerner Mannschaft. Untervertreten war dabei das ländliche Entlebuch. Aus den städtischen Gebieten wie Luzern, Sursee oder Sempach kamen hingegen nur etwa ein Zehntel der Männer und diese stellten häufig die höheren Dienstgrade, wie die Offiziere.
Wirtschaftliche Motivationen, um in den Krieg zu ziehen
So weit zu den machtpolitischen Interessen der Luzerner Eliten und deren Motivation, als Söldner aktiv zu werden. Aber was ist mit der einfachen Bevölkerung, dieser Mehrheit aus Männern aus dem ländlichen Luzern? Wovon waren sie getrieben und weshalb waren sie bereit, ihr Leben für eine fremde Macht aufs Spiel zu setzen?
Einerseits gab es natürlich für jeden individuelle Gründe, über die wir aus heutiger Sicht nur spekulieren können. Andererseits sind strukturelle Ursachen zu erwähnen: Für uns ist es heute selbstverständlich, dass wir unsere berufliche Karriere selbst bestimmen können und soziale Hindernisse dabei kaum mehr eine Rolle spielen.
Vor 400 Jahren sah das aber anders aus: Je nach sozialer Herkunft gab es erhebliche Einschränkungen in der Berufswahl und entsprechend unterschiedlich waren die Motivationen, sich für eine Militärkarriere zu entscheiden.
Der offensichtlichste Grund war der Wunsch nach materiellem Aufstieg und dem, was wir heute Jobsicherheit nennen würden. Als Söldner hatte man nämlich Anspruch auf ein regelmässiges und konjunkturunabhängiges Einkommen. Gleichzeitig waren Verpflegung und Unterkunft gewährleistet.
Familiäre Traditionen als Beweggrund
Besonders für junge Männer hatte das Söldnerwesen deshalb eine hohe Anziehungskraft. Die Mehrheit der angeworbenen Luzerner um 1800 war zwischen 16 und 30 Jahre alt. An dieser wirtschaftlichen Motivation hat sich bis in die Gegenwart wenig geändert: Private Sicherheitsfirmen locken heute noch mit überdurchschnittlich hohen Löhnen für ihre Mitarbeiter.
Oftmals basierte der Entscheid auch auf Familientraditionen: Ging ein Vater in den Solddienst, so war es häufig der Fall, dass seine Söhne nachzogen. So beispielsweise im Engelberg des 17. Jahrhunderts: Sowohl der Vater Müller als auch fünf seiner Söhne dienten in Frankreich.
Zu Ruhm und Ehre dank dem Solddienst
Die Aussicht auf soziales Ansehen war besonders für Offiziere ein weiterer Grund für den Entscheid, in den Solddienst zu treten. Wie im Falle des Luzerner Patriziats gingen Prestige, Macht und Reichtum oft Hand in Hand. Hatte sich ein Mitglied einer einflussreichen Patrizierfamilie als Hauptmann bewährt, so hatte dies Auswirkungen auf das Ansehen der gesamten Familie sowie deren gesellschaftliche Position.
Schnell übers Wochenende nach London oder in den Winterferien nach Süditalien, das ist für uns im 21. Jahrhundert nichts Aussergewöhnliches mehr. Im 16. und 17. Jahrhundert war die individuelle Mobilität aber extrem eingeschränkt und der Solddienst war die Chance, um aus dem Heimatort aufbrechen und die Welt zu entdecken.
Getrieben von Abenteuerlust
Unabhängig vom Dienstgrad haben sich deshalb Luzerner aus Abenteuerlust als Söldner anwerben lassen. Genutzt wurde diese Zeit im Dienst auch oft, um sich sprachliche Kenntnisse oder höfische Umgangsformen anzueignen, die für die Karriere der jungen Männer bei der Heimkehr von grossem Nutzen sein konnten.
Aber nicht alle kehrten aus dem Solddienst heim. Nebst den unzähligen Schweizern, die auf den europäischen Schlachtfeldern, oder schon auf dem Marsch dorthin, ihre Leben liessen, entschieden sich viele dazu, im Ausland zu bleiben und erst für ihren letzten Lebensabschnitt in ihre Heimat zurückzukehren.
Während das Wort Söldner heute oft negativ behaftet ist (teilweise aus gerechtfertigten Gründen, siehe Blackwater USA), war das Söldnerwesen in der frühen Neuzeit ein weitverbreiteter und gesellschaftlich akzeptierter Berufszweig. Dieser ermöglichte es jungen Männern, von zu Hause aufzubrechen, ökonomische Chancen wahrzunehmen, einen sicheren Beruf auszuüben oder zu Ruhm und Ehre zu kommen.
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