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«Er liebte die Berge ohne Schnickschnack» Erhard Loretan aus der Sicht eines jungen Alpinisten
Vor zehn Jahren verstarb der aus dem Greyerzerland stammende Bergsteiger Erhard Loretan. Wie sieht ein 25-jähriger Alpinist diese Bergsteigerlegende? Ein Interview mit Johannes Konrad, dem Präsidenten der Jugendorganisation der SAC-Sektion La Gruyère.
Johannes Konrad, du warst 15 Jahre alt, als Erhard Loretan starb. Erinnerst du dich an ihn, als er noch lebte?
Nein. Ich hörte das erste Mal von Loretan, als er starb. Es ist eigentlich seltsam, aber ich erinnere mich genau daran, wo ich in jenem Augenblick war: Ich befand mich in einem JO-Kletterlager in den Calanques, und plötzlich rief die Leiterin: «O mein Gott, Loretan ist tot!» Mehrere von uns fragten: «Wer ist Loretan?» Der Rest des Tages war von einer merkwürdigen Atmosphäre geprägt, als spürten wir alle, dass etwas wirklich Ernstes und Wichtiges geschehen war.
Danach wolltest du mehr über diese Figur des Schweizer Alpinismus erfahren.
Jean Ammann, Loretans Co-Autor des Buches Den Bergen verfallen (1997 im Paulusverlag erschienen und Erhard Loretans Exploits gewidmet), ist ein Freund meiner Familie. Er gab mir das Buch, und ich las es mindestens fünfmal durch. Es hat mich gefesselt.
Warum diese Faszination?
Ich würde eher von Identifikation reden. Ich stamme ursprünglich aus Deutschland, und ich kannte die unglaubliche alpinistische Karriere Reinhold Messners. Aber seine grossen Leistungen schienen mir so weit weg zu sein. Plötzlich entdeckte ich, dass ein Typ, der keine zehn Minuten von mir entfernt gewohnt hatte, alle Achttausender der Welt bestiegen hatte.
Eine nachbarschaftliche Verbindung, die wohl noch dadurch verstärkt wurde, dass Loretan oft in den Freiburger Voralpen unterwegs war …
Ja, sicher. Als ich mich für Loretans Laufbahn zu interessieren begann, stiess ich dauernd auf Namen von Bergen, die ich selbst gut kannte. Zum Beispiel den Dent de Broc, den man vom Balkon meines Elternhauses aus sieht. Auf seinem Westgrat unternahm der damals elfjährige Loretan mit seinem Mentor Michel Guidotti seine erste Klettertour. Der Dent de Broc als Sprungbrett für die Achttausender der Welt, das war für einen jungen Bergsteiger aus dem Greyerzerland wie mich eine enorme Inspiration. Es hat mir auch grossen Spass gemacht, im Dokumentarfilm Du Pommier aux 8000 (Anm. d. Red.: erschienen 2016) die Rolle des Michel Guidotti zu übernehmen, der diese erste Klettertour nacherzählt.
Die Verbindung zwischen dir und Erhard Loretan kann man gut verstehen. Aber hat er auch über das Greyerzerland und den Kanton Freiburg hinaus einen Eindruck hinterlassen? Und ist sein Einfluss noch spürbar?
Ja, er ist eine symbolische Figur in der Geschichte des Alpinismus überhaupt. Loretan war der Wegbereiter eines neuen alpinistischen Stils, bei dem man leicht und schnell unterwegs ist und der sich noch heute weiterentwickelt. Logischerweise ist Loretan für jüngere Alpinisten ein ideales Vorbild, an dem sie sich messen können. Natürlich gibt es da auch noch andere, zum Beispiel Doug Scott oder Riccardo Cassin, beides Visionäre der vorherigen Epoche. Ich muss wohl auch daran erinnern, dass Loretan etwas im Schatten der nachfolgenden Generation von Superperformern wie Ueli Steck, Dani Arnold, Kílian Jornet oder Tommy Caldwell steht. Nicht zuletzt, weil diese Athleten in den Medien und in den sozialen Netzwerken sehr präsent sind. Soweit ich weiss, stand Loretan nicht gerne im Rampenlicht. Er betrieb das Minimum an Werbung, das nötig war, um Sponsoren zu gewinnen und seine Expeditionen zu finanzieren.
Loretan ist vor allem für seine Leistungen als Alpinist bekannt, besonders für seine Besteigung des Everest über die Nordwand in 43 Stunden zusammen mit Jean Troillet. Wie bewertest du seine Fähigkeiten als Kletterer?
Ich würde ihn als hervorragenden Alpinisten und guten Kletterer bezeichnen. Dank seiner unglaublichen mentalen Stärke konnte er auch im Klettern grosse Herausforderungen meistern. Die Route Les trapézistes an der Waldeckspitze in den Gastlosen ist haarsträubend (lacht)! Man darf nicht vergessen, dass die Kletterausrüstung damals eine komplett andere Sache war. Man setzte zum Beispiel viel weniger Bohrhaken in den Fels, sodass man es sich nicht erlauben konnte, das Risiko eines Sturzes einzugehen. Heute erarbeitet man sich eine Route, man klettert sie immer wieder, bis man es ohne Sturz nach oben schafft. Klar, dass das Niveau nun viel höher ist.
Man muss dazu sagen, dass das Sportklettern damals noch nicht für alle zugänglich war.
Die Kletterer waren in der Regel Bergsteiger. Für Loretan war das Klettern wahrscheinlich ein Training für das Bergsteigen, oder dann ein Vergnügen. Auch heute gibt es noch junge Bergsteiger, die vielseitig sind. Ich selbst gehe eher gegen Ende der Saison klettern, wenn ich die Nase voll habe vom Schnee und von langen Touren. Aber im Allgemeinen hat sich die Welt des Bergsports spezialisiert, wahrscheinlich weil das Niveau in jeder Disziplin so unglaublich zugenommen hat, dass es unmöglich geworden ist, überall gut zu sein. Und mit dem Boom der Kletterhallen und des Sportkletterns ist eine Generation reiner Kletterer herangewachsen. Manchmal kennen sie vom Berg nur den Fels oder gar nur die Kletterwand in der Halle. Dieser Zugang unterscheidet sich stark von Loretans Vision.
In Bezug auf Loretans Vision: Ist es nicht gerade seine besondere Philosophie des Bergs, die ihn berühmt gemacht hat?
Loretan liebte die Berge ohne Schnickschnack. Und ich mag das Video (verfügbar auf YouTube), in dem man ihn auf einem Felssporn sitzen sieht und er sich Speck und Käse gönnt und das Ganze mit Aprikosenschnaps begiesst. Ich bin ein Anhänger dieser Bonvivant-Philosophie. Aber man muss auch zugeben, dass die Leistungen, zu denen ein Kílian Jornet fähig ist, mit Loretans Sportdiät wahrscheinlich nicht kompatibel wären.
Denkst du, dass im Zeitalter der Ultraspezialisierung, der Ultraperformance und des Ultratrainings diese wilde Natur der Berge noch einen Platz hat?
Ich fände es schade, wenn diese kollegiale, geniesserische Seite völlig verloren ginge. Meiner Meinung nach schliesst das eine das andere nicht aus. Loretan ist selbst ein Beweis dafür. Ein anderer Beweis sind die Gruppen junger Kletterer, die man am Fuss der Gastlosen lachen hört, wenn man dort vorbeikommt. Schliesslich sollte der Berg eine Lust sein, nicht eine Pflicht!