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Theaterkritik
Finzi serviert Leckerbissen für Radikal-Veganer
Donnerstag, 7. Januar 2010 03:19 - Von Anne Peter
Eigentlich sollte es ein delikates Stück Feinschmecker-Lektüre werden. Im Sommer 2003 schickte das amerikanische Magazin "Gourmet" einen der renommiertesten Schriftsteller des Landes in das Ostküsten-Städtchen Rockland, um eine Reportage über das "Maine Lobster Festival", eine massenspektakelige Touristenattraktion rund um den weltgrößten Hummerkochtopf, zu schreiben.
Der Text liest sich allerdings alles andere als Appetit anregend. Eher mag man darüber zum Radikal-Veganer werden.
David Foster Wallace, der sich 2008 das Leben genommen hat, wurde mit der Veröffentlichung seines Romans "Infinite Jest" weltberühmt; das Erscheinen der deutschen Übersetzung "Unendlicher Spaß" war hierzulande das Top-Ereignis des vergangenen Literatur-Herbstes. Kein Wunder, dass auch das Theater Wallace für sich entdeckt. So brachte der bulgarische Regisseur Ivan Panteleev jetzt im Volksbühnen-Prater im Verbund mit seinem schauspielernden Landsmann Samuel Finzi Wallace' Hummer-Reportage heraus, in den er eines von dessen "Kurzen Interviews mit fiesen Männern" hineingeschnitten hat.
"Am Beispiel des Hummers" handelt vor allem vom endlichen Unspaß des Hummers bei der Berührung mit heißem Wasser und von der moralischen Fragwürdigkeit unserer kulinarischen Gewohnheiten. Eine brillant bissige Ins-Gewissen-Redung um die berechtigte Frage, ob es eigentlich in Ordnung ist, "aus reiner Freude am Genuss ein fühlendes Wesen in einen Topf mit kochendem Wasser zu werfen".
Bei Samuel Finzi wird daraus kein Moralpredigts-Monolog, sondern die süffisante Solo-Nummer eines dekadenten Entertainers im weißen Anzug. Schwer zu sagen, was hier Panteleevs Regie zu verdanken ist. Er lässt seinen Star gewähren, der Abend ist eine Show für Finzi-Fans. Vor Stars-and-Stripes aus Neon-Röhren und auf einem schmalen Laufsteg legt er immer wieder kleine Song- und Tanznummern zum wohl dosierten Stepptanz-Gedudel Sir Henrys ein.
Dazwischen schlendert, schmalzt und schmiert sich Finzi genüsslich durch die Sätze. Während er von der Massenverköstigung im Festival-Fresszelt sowie vom qualvollen Todeskampf der Hummer erzählt, verzieht er das Gesicht zu immer neuen Grimassen der Distinguiertheit - und hält so auch den Widerspruch zwischen Gourmet-Genuss und Hummer-Schmerz präsent. Der Kontrast entbehrt natürlich nicht einer gewissen Komik. Wodurch der unterhaltsame, in Maßen irritierende Abend mitunter, gegen Wallace, zum allzu kulinarischen Theater-Leckerbissen gerät.
Volksbühne im Prater , Kastanienallee 7-9, Prenzlauer Berg. Tel. 24 065 777. Termine: 12. Januar; 6. und 20. Februar, jeweils 20 Uhr; 22. Januar um 21 Uhr.
http://www.morgenpost.de/printarchiv/kultur/article1234598/Finzi-serviert-Leckerbissen-fuer-Radikal-Veganer.html