Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03575.jsonl.gz/2889

Das weitgehend original ausgestattete Schloss Arenenberg ist eng mit der Familie Napoleon verbunden. Heute ein Museum steht es mitten in einem Landschaftsgarten mit atemberaubender Aussicht auf den Bodensee.
Schloss Arenenberg war ein Treffpunkt von Weltruf. Kaiser Napoleon I. Bonaparte war nie dort. Es war das Refugium seiner Stieftochter und Schwägerin Hortense de Beauharnais, die mit Napoleons jüngerem Bruder Louis unglücklich verheiratet war. Sie hatte das Anwesen gekauft und ihr jüngster Sohn Louis, später Napoleon III., Kaiser von Frankreich, wuchs dort auf und sprach perfekt Schweizerdeutsch.
Das Schlossmuseum Arenenberg mit Blick auf den Bodensee.
Zum zweihundertjährigen Todesjahr von Napoleon I. zeigt das Museum im sogenannten Prinzenflügel die Sonderausstellung «Napoleons Ende: St. Helena, Arenenberg und die Geburt einer Legende». Im Zentrum steht ein grosser gläserner Sarkophag mit Exponaten rund um sein Leben im Exil auf St. Helena. Hauptattraktion ist das Bett, das Napoleon auf seinen Feldzügen stets begleitet hatte und in dem er starb.
Napoleons Feldbett. Napoleon verbrachte zwei Drittel seiner Regierungszeit auf Feldzügen, dabei folgte ihm sein faltbares Feldbett überallhin, auch nach St. Helena.
Über Napoleons Tod kursierten viele Legenden. Heute weiss man, es war ein Ärztefehler. Sein Arzt hatte ihm gegen seine anhaltenden Schmerzen Quecksilberchlorid verabreicht, was zu Magenblutungen führte und den Tod beschleunigte. Am 5. Mai 1821 starb er einundfünfzigjährig. Erst 1840 wurden seine sterblichen Überreste auf französischem Boden im Invalidendom in Paris beigesetzt.
Andenken an Napoleon aus St. Helena: Zypressenzweig vom Baum, an dem sein Pferd angebunden war und Flasche mit Wasser aus seinem Brunnen.
Von Beginn an wurde Napoleon wie ein Heiliger verehrt. Haare wurden als Reliquien verteilt, Zementbrocken von seinem Grab, Medaillons, Ringe und Miniaturen, auch ein Stück Tapete aus seinem Sterbezimmer. Wie nun in der Museumsausstellung präsentierte schon Hortense zahlreiche solcher Andenken in Vitrinen, um sie ihren Gästen vorzuführen. Sie hielt die Legenden um Napoleon lebendig, er war in ihrem Umfeld omnipräsent. So kopierte sie in Arenenberg für den Zeltsalon Napoleons Pariser Arbeitszimmer, das einem römischen Kommandeurszelt nachempfunden war. Auch Porträts, Skulpturen und Nippes erinnern an ihn. Ihr Sohn Prinz Louis wurde zum rechtmässigen Nachfolger des Kaisers erzogen.
Hortense war die Tochter von Joséphine Beauharnais und deren ersten Ehemann Alexandre, der ein Opfer der Revolution wurde. 1796 verliebte sich Napoleon in die verwitwete Joséphine und heiratete sie. Ihr verdankte er seinen gesellschaftlichen Aufstieg, durch sie lernte er die ranghohen Politiker aller Couleurs kennen. Doch als kein Sohn zur Welt kam, trennte er sich von ihr, anerkannte aber Hortense und ihren Bruder Eugène Beauharnais als seine Stiefkinder.
Der Zeltsalon von 1824 war ursprünglich das Esszimmer, ab 1835 ein Salon für Gäste. Nach dem Essen bat man Königin Hortense (Porträt oben links), am Tafelklavier einige ihrer selbst komponierten Romanzen zu singen.
Hortense (1783-1837) wurde 1802 mit Napoleons jüngerem Bruder Louis (1778-1846), dem späteren König von Holland, verheiratet. Doch schon 1810 trennte sich das Paar. Hortense hielt Napoleon die Treue auch nach dessen Sturz und musste ebenso ins Exil. Nach Reisen durch Deutschland und Italien kaufte sie 1817 das Schloss Arenenberg, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.
Im Esszimmer, als Zelt gestaltet, hatte Prinz Louis als Kaiseranwärter das Vorrecht, die Gäste zum Tisch zu führen.
Hortenses Sohn Prinz Louis Napoleon (1808-1873) kam mit seiner Mutter 1815 an den Bodensee und wuchs auf dem Arenenberg auf. Er galt als der unbestrittene Anwärter auf den französischen Kaiserthron. Nach einem ersten Putsch in Frankreich verbannte man ihn in die USA, von wo aus er wieder an den Bodensee zurückkehrte. Nach vielen Umwegen wählte ihn Frankreich 1848 zum Präsidenten und 1852 proklamierte er sich zum Kaiser Napoleon III. und sein Land zum Zweiten Kaiserreich, das Parlament wurde weitgehend entmachtet. Im gleichen Jahr heiratete er die spanisch-irische Adlige, Kaiserin Eugénie (1826-1920). Der preussisch-französische Krieg setzte seiner Herrschaft 1870 ein Ende und er starb 1873 im englischen Exil.
Billard zählte zu den Leidenschaften des kaiserlichen Hofes. Nach dem Essen pflegte man ein «Spielchen» zu spielen.
Noch als Prinz Louis Napoleon hatte er in den Wirren Schloss Arenenberg an Private veräussern müssen, kaufte es aber später als Kaiser Napoleon III. zurück und liess es im Geist seiner Mutter renovieren. Sein langjähriger Verwalter kümmerte sich um alles. Eugénie lernte den Arenenberg erst 1865 kennen. Sie interessierte sich jedoch erst nach dem Tod ihres Mannes dafür und veranlasste Umbauten in ihrem Sinn. Sie verbrachte mit ihrem Sohn Louis die Sommermonate hier bis zu dessen frühem Tod 1879. Danach wurden ihre Besuche selten.
Kaiserin Eugénie im Krönungsornat, Porträt gemalt von Franz Xaver Winterhalter, 1861, und ihr weisses Seidenkleid davor.
1906 schenkte Eugénie das ganze Anwesen Arenenberg dem Kanton Thurgau mit der Auflage, den Kernbereich nie zu veräussern und die Gebäude öffentlich zu nutzen. Ausserdem mussten während 100 Jahren in der Schlosskapelle jährlich mehrere Gottesdienste für sie und ihre Familie gefeiert werden. Heute ist es eine beliebte Hochzeitskapelle.
Dank wissenschaftlicher Forschungen und Restaurierungsmassnahmen der vergangenen Jahre entspricht das Schlossgebäude heute wieder weitgehend dem Zustand der Kaiserzeit. Sorgfältig renoviert wurde auch der Landschaftsgarten mit Wasserspielen, Grotten, Wasserfällen, Eiskeller, Eremitage, Reben; Hortense liebte die Weinlese. Napoleon III. war ein leidenschaftlicher Gartengestalter nicht nur in Arenenberg, auch in Paris realisierte er zahlreiche öffentliche Parks, die noch heute geschätzt werden.
Fotos: rv
Bis 24. Oktober 2021
Ausstellung: «Napoleons Ende: St. Helena, Arenenberg und die Geburt einer Legende»
Der Arenenberg ist heute ein Kultur-, Seminar- und Bildungszentrum mit einer über 600-jährigen Gartenbautradition, mehr siehe hier.