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Als Angst bezeichnet man bestimmte Gefühle, Körperreaktionen und Verhaltensweisen, die Wirbeltiere und Menschen bei Gefahr zeigen bzw. verspüren. Angst ist ein uraltes angeborenes Verhaltensprogramm (Instinkt), welches ein Lebewesen vor Schaden bewahren soll, indem es primär die Aufmerksamkeit steigert und den Körper in Sekunden auf Höchstleistung bringt, um ihn auf Flucht oder Kampf vorzubereiten. Bestimmte Hormone, die bei Angst und Stress ausgeschüttet werden, sind zudem verantwortlich dafür, dass sich im Gehirn neue Bahnen bilden können, wodurch sich das Gehirn erst an neue Situationen anpassen kann.
Die Angstreaktion des Körpers läuft automatisch ab, wie ein Computerprogramm. Das Angstprogramm wird ausgelöst durch äussere oder innere, bewusste oder unbewusste Reize. Wenn bestimmte Kerne des limbischen Systems, das sind tief im Gehirn liegende Strukturen, eine Situation als gefährlich einstufen, laufen sofort angeborene Reaktionsmuster im Körper und Gehirn ab, die willentlich nur wenig beeinflusst werden können. Das Angstprogramm fährt den Körper auf Höchstleistung, indem Adrenalin und andere Hormone ins Blut ausgeschüttet und dadurch im ganzen Körper verteilt werden. Dies bewirkt eine Steigerung der Aufmerksamkeit, ein Erhöhen der Herztätigkeit und des Atems, der Blutdruck steigt, der Körper wird gekühlt (Schweissausbrüche), die Muskelspannung wird erhöht (Zittern), die Verdauung wird unterbrochen und vieles mehr.
Auf bestimmte Gefahren reagieren Körper und Gehirn reflexartig, bevor das Bewustsein informiert wird, welches zu langsam reagieren würde. So zum Beispiel, wenn man einen heissen Gegenstand berührt oder wenn ein sehr lautes Geräusch in unmittelbarer Nähe ertönt. Man spürt die Aktivierung des Angstprogrammes körperlich als Schrecksekunde. Erst nach der Aktivierung des Angstprogrammes dringen Informationen über den Auslöser ins Bewusstsein, damit die ganze Erfahrung für die Bewertung der Gefahr und für das Entwickeln einer Abwehrstrategie mit einbezogen werden können. Aber zu diesem Zeitpunkt ist das Angstprogramm mit all seinen körperlichen Auswirkungen bereits aktiviert. Es ist nicht möglich, das Angstprogramm willentlich zu unterdrücken!
Das Angstprogramm ist nicht nur durch Gefahrensituationen auslösbar. Man kann es auch künstlich durch elektrische Reizung bestimmter Gehirnstrukturen, mit Medikamenten oder Drogen auslösen. Auch viele körperliche und psychische Krankheiten können Angstattacken auslösen. Bei Menschen mit Panikstörungen scheint das Angstprogramm auch spontan ohne aussergewöhnliche äussere Reize oder durch Stressoren aktiviert zu werden, was sich in Panikattacken aus heiterem Himmel äussert.
Das Gehirn verknüpft jedes Gefühl mit der aktuellen Situation. So lernt es, Angst auslösende äussere Reize, zum Beispiel Gefahrensituationen, in Zukunft zu meiden. Wenn nun aber wegen einer Fehlfunktion das Angstprogramm ohne besonderen äusseren Reiz ausgelöst wird, verknüpft das Gehirn die Angstgefühle mit den körperlichen Symptomen, die durch das Angstprogramm ausgelöst worden sind (Herzrasen, Schweissausbruch, Zittern usw.). Das Gehirn meint also fälschlicherweise, die heftigen körperlichen Reaktionen, ausgelöst durch das Angstprogramm, seien die Ursache der Angstreaktion. Künftig wird jedes ähnliche körperliche Symptom (z.B. Herzklopfen bei einer Anstrengung) als Gefahr interpretiert und löst Befürchtungen aus. Diese Befürchtungen können ihrerseits wieder eine Panikattacke auslösen - ein Teufelskreis.
Um das Angstprogramm zu aktivieren, müssen die auslösenden Reize eine bestimmte Schwelle überschreiten - die Angstschwelle. Kommt zum Beispiel ein gefährliches Tier in Sichtweite, wird das Angstprogramm erst bei Unterschreiten einer bestimmten Entfernung und/oder bei einem bestimmten Verhalten des Tieres aktiviert, um nicht unnötig körperliche Energie zu verschwenden.
Die Höhe der Angstschwelle ist individuell verschieden, z.T. genetisch vorgegeben, zum Teil durch gemachte Erfahrungen bestimmt. Aber auch äussere Umstände haben einen grossen Einfluss auf die Angstschwelle. So ist zum Beispiel in der Nacht die Angstschwelle tiefer als bei Tag: Stell dir eine Frau vor, die durch enge Gassen geht, die ihr vertraut sind. Wenn sie nun hinter sich fremde Schritte hört, so nimmt sie diese am Tag gar nicht bewusst wahr, weil es eine alltägliche Situation ist, die nicht der Rede wert ist. Anders jedoch in der Nacht. Hört sie dann fremde Schritte hinter sich, schlägt das Gehirn Alarm, das Angstprogramm wird gestartet, Adrenalin fliesst, die Aufmerksamkeit ist voll da, es werden Fluchtszenarien geplant usw.
Es gibt also einerseits Einflussgrössen wie Stress, welche die Grunderregung erhöhen und andererseits Einflüsse, welche die Angstschwelle herabsetzen können. Manche Umstände machen auch beides gleichzeitig. Auch das Konsumieren von Genussmitteln wie Alkohol und Drogen (auch Nikotin und Koffein) oder bestimmten Medikamenten senkt die Angstschwelle. Je höher die Grunderregung (z.B. Stress) und je niedriger die Angstschwelle, umso weniger Zusatzbelastung braucht es, um das Angstprogramm auszulösen.
Wenn die körperlichen Reaktionen, die durch das Angstprogramm ausgelöst werden, uns bewusst werden, sprechen wir vom Gefühl «Angst». Gefühle sind also bewusst gewordene körperliche Signale, wie Hunger, Durst, Angst, usw.
Wenn wir uns gefährliche Situationen vorstellen, so kommen uns auch die damit verbundenen Gefühle in den Sinn. Wir sprechen dann aber eher von Furcht als von Angst, da in diesem Moment das Angstprogramm in der Regel noch nicht ausgelöst worden ist. Aber allein der Gedanke an angstmachende Situationen kann bei manchen Menschen die Grunderregung so startk steigern, dass zusammen mit einer herabgesetzten Angstschwelle das Angstprogramm ausgelöst wird. Dann hat der Mensch Angst oder, wenn die Angstreaktion ungewöhnlich stark ausfällt, gar Panikattacken.
Das Angstprogramm wird nicht nur bei bestimmten, genetisch vorgegebenen Reizen ausgelöst. Man kann alle Wirbeltiere und den Menschen so konditionieren, dass das Angstprogramm auch bei harmlosen Reizen ausgelöst wird.
Angeborene Auslöser des Angstprogrammes sind zum Beispiel sehr laute Geräusche, wie ein lauter Knall oder Donner. Würde man einem Kind ein paar mal unmittelbar vor einem sehr lauten Knall zum Beispiel einen harmlosen Stoffhasen zeigen, so brächte das Gehirn des Kindes das Stofftier mit dem Angst auslösenden Knall in Verbindung. Nach ein paar Versuchen würde es reichen, den Stoffhasen alleine zu zeigen, und das Kind würde panische Angst bekommen, auch wenn künftig kein Knall mehr damit verbunden wäre. Das Kind hätte eine Hasen-Phobie entwickelt. Dies wurde experimentell am 9 Monate alten Albert B. von Watson und Rayner im Jahre 1920 und von Mary Cover Jones am 2 Jahre und 10 Monate alten Peter im Jahr 1923 nachgewiesen!
Eine solche Konditionierung findet auch bei Erwachsenen bei der Entstehung einer Agoraphobie statt. Eine gerade erlebte Panikattacke wird vom Gehirn automatisch mit der neutralen Situation in Verbindung gebracht, in der man sich gerade befindet. Nach ein paar solchen Erlebnissen genügt alleine schon das Aufsuchen einer ähnlichen Situation, um das Angstprogramm auszulösen. Das Gehirn tendiert zudem zum Generalisieren. Hat man zum Beispiel in einem Bus eine Panikattacke erlebt, so kann künftig auch das Zug- oder Autofahren eine Panikattacke auslösen.
So werden immer mehr Situationen mit Angst besetzt. Wenn der Patient solche Situationen meidet, weil er der festen Überzeugung ist, sie seien eine Gefahr für sein Leben, wird sein Leben mehr und mehr eingeschränkt (siehe Agoraphobie). Agoraphobiker trauen sich oft nicht einmal mehr aus dem Haus oder können einfache Erledigungen ausser Haus oder Ausfüge nur mit Begleitung einer Vertrauensperson und unter starken Angstzuständen bewältigen.