Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03298.jsonl.gz/1601

Die Weichen im Leben von Arijan Qollaku schienen schon früh gestellt. Als kleiner Junge machte er seine allerersten Schritte auf seinen Onkel zu, da dieser einen Ball in den Händen hielt. Bereits Arijans Vater Martin spielte bis zum Kriegsausbruch ambitioniert Fussball in Ex-Jugoslawien. Nach der Geburt von Dardan, dem älteren Bruder von Arijan, fand der Vater auf der Suche nach einer besseren Zukunft für seine Familie den Weg über Österreich in die Schweiz. Er konnte Frau und Sohn ebenfalls nach Bülach holen, wo die Familie auch heute noch lebt. 1997 kam Arijan zur Welt und komplettierte die Familie. Stets fasziniert vom Fussballspielen, trat er als Sechsjähriger den Junioren des FC Bülach bei. Vier Jahre später wurde ein Scout an einem Juniorenspiel auf Qollaku aufmerksam und lud ihn zum Probetraining beim FC Zürich ein. Dort vermochte er zu überzeugen und trug von der U11 bis zur U18 das Trikot des Stadtclubs.
Nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit machte sich Qollaku auf die Suche nach einer Lehrstelle. «Ich verschickte über 200 Bewerbungen in den Bereichen Detailhandel, Kaufmann und Logistik», so Qollaku. Zwar hätten sich viele Gespräche mit interessierten Firmen ergeben, doch «alle verlangten von mir, mich zwischen der Lehre und Fussball zu entscheiden.» Fündig wurde Qollaku schliesslich bei der für den FC Zürich zuständigen Treuhandstelle, wo er die dreijährige Lehre als Kaufmann absolvieren konnte. Eine sehr anstrengende Zeit, denn Qollaku konnte nicht wie die meisten seiner Mitspieler eine Sportlerlehre oder Sportschule besuchen und lief am Limit. Eine wichtige Bezugsperson im Betrieb – Pascale Egloff, die heutige Präsidentin der FCZ-Frauen – sowie die Unterstützung der Familie ermöglichten ihm trotz vielen Entbehrungen einen erfolgreichen Lehrabschluss.
Wechsel zum Stadtrivalen
Die sportliche Entwicklung geriet in dieser Zeit (auf der Stufe U18) aber etwas ins Stocken. Die Verantwortlichen rieten Qollaku zu einer Ausleihe oder einem Wechsel. Mit Winterthur und GC gab es zwei Vereine in der näheren Umgebung. «Der Nachwuchsleiter sagte mir, dass ich es bei Winterthur vielleicht schaffen könne, aber direkt zu GC werde es bestimmt nicht reichen», erinnert er sich. Doch damit war der Ehrgeiz des polyvalenten Abwehrspielers geweckt: «Wegen dieser Aussage wollte ich schon aus Prinzip zu GC und mich dort beweisen.» Qollaku vermochte im Probetraining zu überzeugen und der Wechsel zum Stadtrivalen wurde Tatsache.
Kurzfristig bedeutete dies jedoch noch kein Happy End. Durch einen verspätet eingereichten Spielerausweis war Qollaku für ein halbes Jahr nicht spielberechtigt. «Es war hart, über Monate nur Trainings und keine Spiele bestreiten zu können», erzählt Qollaku. Doch seine Geduld wurde belohnt: Nach einer halben U21-Saison wurde er vom damaligen Cheftrainer Pierluigi Tami direkt ins Kader der 1. Mannschaft aufgenommen.
«Die Energie der Fans hat mir extrem viel gegeben.»
Wenige Wochen später, im März 2017, kam Qollaku zu seinem Debüt in der höchsten Schweizer Spielklasse. Im Auswärtsspiel gegen den damaligen Ligakrösus FC Basel stand er sogleich in der Startelf. Sein Zimmerkollege vor dem Spiel war der damalige wie auch heutige Mitspieler Valon Fazliu. Die Nervosität sei erstaunlicherweise gering gewesen, zumindest vor dem Spiel. «Erst als ich im Tunnel auf Spieler wie Taulant Xhaka oder Michael Lang traf, fühlte ich einen gewissen Druck», erinnert sich Qollaku. Das Spiel ging knapp verloren, doch die Erinnerung an das Debüt vor einer grossartigen Kulisse blieb in bester Erinnerung: «Über 26 000 Zuschauer waren im St. Jakob-Park, die Energie der Fans hat mir extrem viel gegeben.»
Es blieb der einzige Einsatz in dieser Saison, im Sommer und Herbst folgten sechs weitere Auftritte mit dem Fanionteam, wobei Qollaku auf allen Abwehrpositionen eingesetzt wurde. Derweil war Boris Smiljanic vom GC-Nachwuchs als neuer Cheftrainer zum FC Schaffhausen gewechselt – und im Winter folgte Qollaku seinem Förderer leihweise in die Munotstadt. «Nebst Leidenschaft und Talent brauchst du als Fussballer auch viel Glück. Einerseits das Glück, verletzungsfrei zu bleiben, aber andererseits auch Glück mit Trainern und Mitspielern sowie auch dem richtigen Timing», weiss Qollaku. In Schaffhausen avancierte er sofort zum Stammspieler und nach kurzer Zeit wurde der Vertrag mit GC im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst und Qollaku unterschrieb bei Schaffhausen einen Dreijahresvertrag.
«Ein gut geführter, familiärer Verein»
In rund zweieinhalb Jahren bestritt er 82 Spiele für die Nordschweizer. In dieser Zeit wurde er auf fünf unterschiedlichen Positionen eingesetzt. Im Spätsommer 2020, inmitten der Corona-Pandemie, meldete FCA-Sportchef Sandro Burki sein Interesse an Qollaku an. Nach einigen Gesprächen war alles klar und Arijan Qollaku unterschrieb einen Zweijahresvertrag in Aarau. «Für mich hat alles gepasst. Ein gut geführter, familiärer Verein», so Qollaku. Nur wenige Tage nach seinem Wechsel debütierte er im Heimspiel gegen Chiasso für Aarau und schien schnell als Stammspieler gesetzt. Doch im fünften Spiel wurde die tolle Entwicklung jäh gestoppt: Beim Auswärtsspiel in Thun riss sich Qollaku bei einem Zweikampf in der Startphase des Spiels das Kreuzband im rechten Knie. «Ich erinnere mich noch gut an das Geräusch und die Schmerzen», erzählt Qollaku vom Moment seiner ersten groben Verletzung.
«Manchmal war ich fit und glücklich, dachte an die Super League, an anderen Tagen hatte ich existenzielle Sorgen.»
Qollaku raffte sich schnell auf und hoffte, nach einem guten halben Jahr zurück auf dem Fussballplatz zu stehen. Eine schwierige Reha mit vielen Rückschlägen sorgte jedoch für einen Ausfall von mehr als einem Jahr, wobei zwischenzeitlich nicht mehr nur das Knie, sondern auch der Rücken für viele Schmerzen und Sorgen verantwortlich war. «Manchmal war ich fit und glücklich, dachte an die Super League, an anderen Tagen hatte ich existenzielle Sorgen, die Stimmung wechselte phasenweise täglich», blickt Qollaku auf seine Leidenszeit zurück. Geduldiger und reifer habe ihn diese Zeit trotzdem gemacht, und was ihm half, war seine schier unendlich scheinende Energie und Positivität.
Qollaku will sich weiterentwickeln
Die letzte Saison verlief für Qollaku verletzungsfrei und mit 28 Einsätzen erfreulich. Ziel für die neue Saison ist gesund zu bleiben und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln. Erfreut zeigt er sich über den Zuschauerandrang beim ersten Saisonspiel gegen den Kantonsrivalen aus Baden. «Eine solche Kulisse gibt viel Energie, Fans machen für mich sehr viel aus», schwärmt Qollaku. Wohnhaft ist er weiterhin in Bülach: «Ich geniesse jeden Moment mit meiner Familie», sagt Qollaku, der bereits bei seinem Engagement in Schaffhausen jeweils pendelte. Sein Vater sei sein grösster Unterstützer und grösster Kritiker in Personalunion. Es sei unmöglich, ein Spiel abzuliefern, das seinen Vater vollends zufriedenstellen würde, aber er ist voller Leidenschaft bei quasi allen Spielen live im Stadion mit dabei.
Auch wenn Arijan Qollaku in seiner bisherigen Karriere auch schon die Schattenseiten des Fussball-Business kennenlernen musste, sagt er heute: «Ich geniesse jeden Tag und bin dankbar für das Privileg, in der Schweiz wohnen und als Fussballer leben zu dürfen.» Er könne sich durchaus auch vorstellen, nach der aktiven Karriere im Fussballgeschäft zu bleiben. Denn sein Leben hätte ohne Fussball wohl eine ganz andere Wendung genommen, konstatiert Qollaku. Allzu weit in die Zukunft blicken möchte Qollaku nicht. Es gehe darum, aus jedem Tag das Maximum herauszuholen – sowohl auf als auch neben dem Fussballplatz. Er ist sicher: «Harte Arbeit zahlt sich aus. Immer. Möglicherweise nicht sofort, aber der Lohn dafür wird kommen.»
Matchzeitung Nr. 2 (2023/24) lesen
Dieser Artikel ist am 6. August 2023 in der Ausgabe Nr. 2 (Saison 2023/24) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den Neuchâtel Xamax FCS erschienen.