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Am Mittwoch beginnen im Hallenstadion die Sixday-Nights. 60 Jahre nach der Premiere hat sich watson mit fünf Schweizer Radsportlegenden unterhalten und ihnen unterhaltsame Anekdoten entlockt.
Der 88-jährige Walter Bucher kämpfte am ersten Zürcher Sechstagerennen 1954 als Favorit um den Sieg. Wobei man das Verb «kämpfen» durchaus wörtlich nehmen kann. Damals waren Hugo Koblet und Armin von Büren gut verdienende Stars, die mit allen Mitteln gegen die Arbeitersöhne Jean Roth und Walter Bucher fighteten.
Zuerst belächelte man Roth/Bucher noch als «Les Petits Suisses» (kleine Frischkäse), aber schon bald erhielten sie den respektvollen Übernamen «Rote Teufel». «Auf den teuren Plätzen auf der Zielgeraden sassen die Koblet-Fans», erinnert sich Bucher, «unsere Fans sassen auf den billigen Plätzen in der Gegengeraden.»
Am Berliner Sechstagerennen 1952 galten auf einmal die «roten Teufel» als Favoriten, was Koblet/von Büren nicht passte. Sie fuhren die ersten Tage und Nächte brutal schnell, um Roth/Bucher fertig zu machen. Als diese acht Runden im Rückstand waren, hatten die Stars ihr Ziel erreicht und gaben auf. Roth/Bucher waren so erschöpft, dass sie den sicher geglaubten Sieg und damit das Preisgeld verloren. Es war der Beginn eines «Bruderkrieges» unter Zürchern, der 1954 am ersten Sechstagerennen in ihrer Heimatstadt eskalierte.
«Bei anderen Sechstagerennen musste während 145 Stunden nonstop immer mindestens ein Fahrer des Zweier-Teams auf der Bahn sein», erklärt Walter Bucher. Am Zürcher Sechstagerennen durften alle Fahrer von 6 bis 12 Uhr schlafen, bevor sie wieder auf die Bahn mussten. Und von 17 bis 19 Uhr musste nur ein Fahrer pro Team auf der Bahn sein. Die Fahrer hatten untereinander vereinbart, dass in dieser Phase nicht angegriffen wird.
Roth/Bucher und Koblet/von Büren fuhren am letzten Tag in dieser neutralen Phase nebeneinander. «Während ich mich zwischendurch in der Koje massieren liess und etwas gegessen habe», erzählt Walter Bucher, «drehte mein Partner Jean Roth bis zur Ablösung in langen Wollstrumpfhosen und im Wollpullover seine Pflichtrunden». Plötzlich griffen Koblet/von Büren an und holten gegen den dick eingepackten Roth eine Runde Vorsprung heraus.
«Trotz einer vierstündigen erbitterten Schlussjagd vor 60'000 Zuschauern konnten wir diese Runde bis zum Rennschluss nicht mehr gutmachen», erzählt Walter Bucher. Um Mitternacht waren Koblet/von Büren die Sieger des ersten Zürcher Sechstagerennens.
«Die beiden Temperamentsbolzen Jean Roth und Armin von Büren lieferten sich danach in jedem Rennen ein Duell», erzählt Walter Bucher. Ein Jahr später am zweiten Zürcher Sechstagerennen «chlöpfte es gewaltig, nachdem sich Roth und von Büren abwechslungsweise mit brutalen Jagden und Stillstandsversuchen fertiggemacht hatten.»
Mitten in der Steilkurve touchierte von Büren den unter ihm fahrenden Roth. «Roth fluchte lautstark und schlug in rasender Fahrt nach dem Gegner. Mit dem Handrücken traf er von Büren am Mund. Dummerweise hatten die Velohandschuhe damals Druckknöpfe, sodass er von Büren zwei Zähne ausgeschlagen hat», erinnert sich Bucher.
Der Hallenstadion-Direktor verlangte, dass Roth sich beim Gegner entschuldigt, was dieser zähneknirschend tat. Es war der Auslöser für eine lebenslange, intime Feindschaft zwischen Roth einerseits und von Büren sowie dem Hallenstadion andererseits. Jean Roth weigert sich heute noch, das Hallenstadion zu betreten.
Mit Schmunzeln erinnert sich Walter Bucher an Oscar Plattner, den späteren Nationaltrainer, der 1960 am Sechstagerennen in Frankfurt einen luxuriösen schneeweissen Lederkoffer gewonnen hatte. Einige Wochen später am Zürcher Sechstagerennen legte Plattner den Luxuskoffer mit Ersatzwäsche stolz in seine Koje in den Katakomben des Hallenstadions.
«Plötzlich gab es eine Riesenexplosion, wir glaubten schon, dass uns das Dach vom Hallenstadion auf den Kopf fällt.» Das Dach des Hallenstadions war noch ganz, aber Armin von Büren und René Strehler hatten den Koffer von Plattner am Nachmittag im leeren Innenring mit einer Petarde gesprengt. «Als seine zerfetzten Velohosen und Trikots zusammen mit weissen Lederfetzlein herunterflatterten, blieb Plattner mit Tränen in den Augen mitten auf der Rennbahn stehen.»
In den Anfangsjahren des Zürcher Sechstagerennens sass das halbe Niederdorf nach der Polizeistunde im Hallenstadion. 1961 provozierten zwei Prostituierte in einer Loge im Innenraum direkt am Bahnrand die Fahrer mit ihren sehr offenherzig präsentierten Busen. Bis es dem Belgier Rik van Steenbergen zuviel wurde und er zur Abkühlung einen Kübel kaltes Wasser holte. Nicht für sich – er schüttete das Wasser den beiden Frauen über den Kopf.
«Als Antwort warfen die Prostituierten ihre Weingläser nach dem Belgier, der sich bückte, worauf die Gläser auf der Bahn zerscherbelten.» Securitas-Leute wollten die beiden Frauen abführen, doch deren Zuhälter wehrten sich, was zu einer riesigen Schlägerei führte. «Alle bewarfen sich gegenseitig mit Gläsern, Flaschen, Stühlen und sogar Tischen, bis die Feuerwehr die erhitzten Gemüter mit einem eiskalten Wasserstrahl abkühlte», lacht Bucher.
Ab 1956 startete Fritz Pfenninger an 180 Sechstagerennen, von denen er 33 gewonnen hat. 18 Mal fuhr Pfenninger im Hallenstadion und rollte sieben Mal als Sieger über den Zielstrich. «Pfänni hatte aber eine Schwachstelle», erzählt Bucher. «Unsere Velohosen hatten Nähte, die so dick waren wie heute ein Reissverschluss. Wir mussten pfundweise Fett auf den Lederblätz schmieren, um uns nicht wund zu scheuern. Andere nähten sich ein Rindsfilet in die Velohosen.»
Am Zürcher Sechstagerennen hatte Pfenninger nach ein paar Tagen trotzdem «einen tiefen Schranz im Schritt». Der Rennarzt strich Kokainsalbe in die Wunde und vernähte das Ganze, damit Pfenninger fertig fahren konnte. «Pfänni spürte dadurch keinen Schmerz mehr, aber er musste nach dem Sechstagerennen ins Spital und konnte wochenlang nicht mehr sitzen, geschweige denn Velo fahren.»
Danach war Pfenninger mit dem Partner Peter Post wieder das perfekte Team: «Pfänni riss das Publikum vor allem in den Auto-Sprints von den Sitzen. In 16 Jahren ersprintete er sich 40 Autos, am Zürcher Sechstagerennen verlor er nur einen einzigen Auto-Sprint», erzählt Walter Bucher.
Nach Walter Bucher und Fritz Pfenninger dauerte es einige Jahre, bis wieder ein Schweizer das Zürcher Sechstagerennen dominierte: Urs Freuler, die «Glarner Sprintrakete» mit explosiven Antritten und einer unschlagbaren Endschnelligkeit. Freuler war der populärste Schweizer Radprofi der 1980er-Jahre und fuhr 139 Sechstagerennen, von denen er 21 gewann.
1989 war Urs Freuler mit Jörg Müller klarer Favorit des Zürcher Sechstagerennens. Am ersten Renntag erklärte Freuler, dass er nicht der einzige Favorit sei und zählte acht weitere Fahrer dazu. Der Rest sei eher «Füllmaterial». Am nächsten Tag stand dies genau so in der Zeitung. «Dafür jagten sie mich gnadenlos über die Rennbahn. Mit einem einzigen, unbedachten Wort hatte ich mir den Sieg am Zürcher Sechstagerennen 1989 verscherzt.»
«Zu dieser Zeit hielten die Zuschauer in der Steilkurve Zwanziger- und Fünfziger-Noten über das Geländer. Diese Nötli haben wir uns als junge Fahrer gefischt und uns damit ein gutes Taschengeld verdient», erzählt Urs Freuler lebhaft. Man sieht den schnauzbärtigen Glarner aus den frühen 1980er-Jahren vor sich, der in der 51 Grad steilen Kurve mit 60 km/h Geschwindigkeit nach Geldscheinen «fischt».
Anfangs der 1990er-Jahre war der portugiesische Radprofi Acácio da Silva einer der Gegner von Urs Freuler. «Aber nach den letzten Sprints um vier Uhr in der Nacht sassen wir immer in den Katakomben des Hallenstadions zusammen, haben Glarner Chämisalami gegessen und auch ein Glas Wein getrunken», erinnert sich Freuler.
Für da Silva stand ein komfortabler Wohnwagen vor dem Hallenstadion, die Securitas hatten aber schon alles abgeschlossen. Freuler öffnete das Fenster seiner kleinen Koje und der schmale Portugiese konnte rausklettern. Er hatte wohl mehr als nur ein Glas Rotwein getrunken, denn da Silva merkte nicht, wie hoch das Fenster war – und dass darunter ein Abfall-Container stand. «Er war schlagartig wieder nüchtern, als er zwischen Bratwurst-Resten und Bier-Bechern landete», lacht Urs Freuler.
Weil Urs Freuler 1991 nicht am Zürcher Sechstagerennen starten konnte, holte der damalige Direktor Sepp Voegeli kurzerhand zwei talentierte Amateure aus dem Kanton Uri ins Profilager. «Bruno Risi brachte er in einem kleinen italienischen Profiteam unter, ich erhielt ein monatliches Fixum», erzählt Kurt Betschart im Rückblick.
Diese «Verlegenheitslösung» hatte international für alle Sechstagerennen Folgen: Risi/Betschart sind bis heute das erfolgreichste Team in der «ewigen» Bestenliste der Sechstagerennen. 37 von 117 Sechstagerennen haben Risi/Betschart gewonnen. Nicht zuletzt deshalb, weil die Urner sich nicht von Veranstaltern auseinanderreissen liessen, die ein ausgeglichenes Feld haben wollten. «Wir fuhren zusammen oder gar nicht», erklärt Kurt Betschart.
So gewannen Risi/Betschart von 1992 bis 2000 auch sieben Mal das Zürcher Sechstagerennen – und in den Finalnächten bebte das Hallenstadion unter den Treichel-Klängen ihrer Fans aus dem Urnerland. «Das war ein Gefühl wie 1982, als ich als 14-jähriger Bub erstmals im Hallenstadion war und erleben konnte, wie Urs Freuler und Robert Dill-Bundi das Sechstagerennen gewonnen haben. Ich bekomme jetzt noch eine Gänsehaut.»
1993 stand wieder ein Bub im Hallenstadion und bekam eine Gänsehaut, als er Risi/Betschart fahren sah, der 15-jährige Franco Marvulli. Als Betschart 2006 zurücktrat, suchte und fand der unverwüstliche Risi einen neuen Partner – genau jener Franco Marvulli, der ihn 13 Jahre vorher im Hallenstadion bewundert hatte.
Betschart war der zuverlässige, elegante und effiziente Roller. Sein Partner Risi war hingegen ein spektakulärer und explosiver Angreifer – explosiv im wörtlichen Sinne. Zum Beispiel, als am Zürcher Sechstagerennen 2007 der Niederländer Danny Stam die Führungsarbeit verweigerte. Risi/Marvulli verloren dadurch eine sicher geglaubte Runde.
«Als ich Danny in der Kabine darauf ansprach, hängte er mir eine freche ‹Schnurre› an», schüttelt der hitzköpfige Bruno Risi heute noch den Kopf. «Daraufhin habe ich ihm einen Kübel Wasser an den ‹Grind› geschüttet.» Es kam zur wüsten Rauferei, wobei der Niederländer irgendwann Risi in den Schwitzkasten nahm und ruhig stellte. «Lustig ist, dass ich zwei Jahre später mit Danny Stam als Teamkollege die Sixday-Nights Zürich 2008 gewonnen habe.»
Bruno Risi trat erst mit 42 Jahren zurück «und noch an seinem letzten Sechstagerennen im Februar 2010 in Kopenhagen erkannte man die ‹Nähmaschine› von Weitem an seiner Übersetzung von 52x15 Zähnen, die eine horrende Trittfrequenz von 150 Umdrehungen pro Minute erfordert», erinnert sich Franco Marvulli.
Risi/Marvulli reisten als Team um die Welt und gewannen 19 Sechstagerennen, obwohl sie sehr unterschiedliche Charaktere waren. Hier der ehrgeizige Risi aus dem Urnerland, der nach dem Sechstagerennen so schnell wie möglich nach Hause in den kleinen Bergkanton wollte. Dort der lockere Marvulli aus Zürich-Seebach, der nach ausländischen Sechstagerennen oft bei seinen Fans übernachtete und heute noch weltweit viele «Ersatzfamilien» hat.
Dabei gab auch Franco Marvulli alles, wenn er am Zürcher Sechstagerennen startete. «Das Hallenstadion und die Offene Rennbahn Oerlikon sind meine Stuben. Und die Zürcher Sixday-Nights waren für mich als Fahrer jedes Jahr wie eine Weltmeisterschaft. Vor meiner Familie, meine Fans und meinen Sponsoren habe ich immer mein Bestes gegeben.»
Franco Marvulli beantwortet zum Schluss auch die Frage an alle fünf Legenden des Zürcher Sechstagerennens nach der Faszination dieser Sportart: «Sechstagerennen sind schnell und dynamisch, sie erfordern strategische und taktische Höchstleistungen. Du musst unter höchster körperlicher Belastung sehr schnell reagieren, in einer Zehntelsekunde das Richtige machen.»
«Für das Publikum ist das Sechstagerennen eine spektakuläre Show. Wohl in keinem Sport bist du als Zuschauer so nah dran und kannst die Fahrer in jedem Moment beobachten. Und für mich ist es mein Kindheitstraum. Es ist wie Achterbahnfahren – aber ich bestimme, wo es durch geht.»