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Ich habe ihn so kennengelernt: im Restaurant «Napoli» in Zürich. Während ich wartete, dass der Wirt mich an meinen Tisch brachte, kam ein Mann zu mir, den ich vom Sehen kannte, dessen Name ich aber nicht im Kopf hatte. Er hielt eine Karte in der Hand und las davon ab, «Ubi nihil vales, ibi nihil velis. Wo du nichts wert bist, sollst du nichts wollen.» Dann sagte er noch, «danke für diesen Satz.» Und wollte wieder gehen, zurück an seinen Tisch. Ich bat ihn zu bleiben und zu sagen, wer er sei sowie weshalb diese Redensart, die ich in einer Kolumne in der Weltwoche wiedergegeben hatte, ihn, so sah es aus, berührt hatte. Der Satz, antwortete er, helfe ihm, durch sein Leben zu gehen und sich weniger schlecht zu fühlen. Und er sei niemand Wichtiges, nur Franz Marfurt.
Oscar Wilde hat geschrieben, man sollte schöne Freunde und intelligente Feinde haben. Er ist ein schöner Mann, ohne Alter. Man fragt sich, ob es von ihm ein Porträt gibt, auf dem Estrich seiner Wohnung am Münsterhof, das an seiner Stelle älter wird, wie das Bild des Dorian Gray. Doch das ist nicht so. Franz und seine, genau so gutaussehende, Frau Anne – eine Zürcherin, die früher in Paris bei Givenchy arbeitete, einem aber immer noch vorkommt, als sei sie nur zu Besuch in Zürich, weil man sie sich besser vorstellen kann als lady who lunches in Paris, denn als Mutter von drei (erwachsenen) Töchtern in Zürich – sind das Bild; es gibt keines im Estrich (ich bin nicht einmal sicher, ob es einen Estrich gibt).
Franz trägt gut geschnittene Jacketts, mit gefaltetem Tuch in der Brusttasche, über Hemden mit offenem Kragen. An den Füssen Slipper aus Samt. Seine Haare sind hellgrau, sein Gesicht ein wenig gebräunt, er geht leicht. Wie einer, der seinen Sommer auf einem Boot im Mittelmeer und seinen Winter in einem Chalet in St. Moritz verbringt. Das ist nicht falsch, er hat Freunde mit Booten, die ihn einladen, und mit der Familie fährt er seit vielen Jahren nach St. Moritz in die Winterferien. Doch im Grund mag er Boote nicht. Und Chalets. Und, wenn wir eine Aufzählung machen, er mag auch Menschen nicht, die ihn einladen. Oder Menschen. Was er mag, denke ich, ist sein Bentley. Und St. Moritz. Und seine Familie (meistens; die Reihenfolge ist keine Rangfolge).
«Man will mit ihm über seinen Schmuck reden, doch er redet über seine Psyche. Über depressive Phasen, die er durchgemacht habe und immer wieder durchmache, aber er ist überzeugt, dass das Leiden wichtig sei für das Wachsen des Menschen, und holt ein Buch hervor, in dem er Zitate von Meistern und Mystikern gesammelt hat. Zum Beispiel Meister Eckeharts ‹Die Menschheit geht zugrunde an der Seichtheit des Lebens›.» Diese Sätze sind aus einem Porträt, das Hildegard Schwaninger schrieb. Ich kann sagen, dass meine Kollegin Recht hat. Andere Leute, mit denen ich bekannt bin, die Dinge herstellen, muss ich bremsen, wenn sie von ihrem Geschäft erzählen und, vor allem, eine Erwähnung in einem Magazin, das ich mache, wollen. Franz ist das Gegenteil davon. Er lud mich ein in die «Kronenhalle», so etwas wie die Verlängerung seines Wohnzimmers, als ich sagte, dass ich diesen Artikel schreiben werde. Nicht weil er Auskunft geben wollte während des Essens (und Trinkens), sondern weil er wusste, dass er zwischen (viel) Rosé, Pinot Grigio, Chablis und, endlich, Wodka weniger Auskunft geben muss.
Was ich dennoch aufschreiben konnte: Lehre zum Goldschmied bei Gübelin in Luzern, danach Angestellter in einem Juweliergeschäft in Zürich, seit 25 Jahren selbstständig. Am Anfang seiner Laufbahn war Vanja Palmers («Alt-Hippie, Zen-Mönch, Erbe; Sonntagszeitung») wichtig, weil er ihm Unterstützung anbot. Zurzeit stellt er ungefähr 70 Stücke her im Jahr. Ein Stück kostet im Durchschnitt 10 000 Franken. Er entwirft Stücke, stellt sie her im Vertrauen, dass jemand in den Laden am Münsterhof tritt und sie kauft. Gelegentlich kommt auch jemand und bringt einen Stein, damit er ihn bearbeiten und fassen soll. Er habe Kunden, die immer wieder kommen (manchmal dauere es zehn Jahre zwischen zwei Besuchen) und Kunden, die bloss einmal kaufen. Ein Stück, dass er hergestellt hat, und dann nicht mehr verkaufen wollte, habe es nie gegeben. Er mag es, wenn jemand etwas kauft. Dann fühlt er sich ziemlich gut. Einmal etwa, als eine Familie aus Korea kam – und für 130 000 Franken kaufte. Verkaufen heisst für ihn irgendwie, geliebt zu werden von Kunden. Was er auch will: Geld verdienen. Weil er gerne schöne Dinge hat. Oder, mit anderen Worten, seinen Worten, weil er Concorde fliegen wollte (sieben Mal sei er geflogen). Und Geld habe er, übrigens, keines, Vorsorge auch keine. Aber gelebt hat er. Leben tut er immer noch, kann ich schreiben. Und die Concorde, sagt er, sei schon ein schönes Flugzeug gewesen.
Das «Franz Marfurt Lucerne»-Trademarkstück gäbe es nicht mehr, er mache weniger mit schwarzen Steinen und Totenköpfen, das bekomme man heute auch bei Thomas Sabo, sagt er; er arbeite mehr mit farbigen Steinen. Dann sagt er nichts mehr über Schmuck. Nicht weil er es mir schwer machen will. Er ist einer der höflichsten Menschen im Gespräch, die ich kenne. Sondern weil es nichts mehr gibt, was er noch sagen will, über diesen Gegenstand. Er ist einer, der lieber fragt als antwortet. Also fragt er, ob ich denke, dass das Leben einen Sinn habe. Er könne keinen erkennen, so viel er darüber nachdenke und danach suche. Meine Antwort, unsere raison d’être sei einfacher biologisch zu erklären als spirituell, nimmt er an wie eine Gastgeberin den vierten Blumenstrauss von Marsano – höflich, dankbar, aber mit dem Wissen, dass die Blumen ein Entsorgungsproblem darstellen am Schluss.
Ob ich wirklich denke, unser Dasein sei einzig eine biologische Funktion, fragt er noch einmal, nach zehn Minuten, out of the blue. Vielleicht sei unsere Bestimmung, es möglichst schön und gut zu haben, antworte ich. Darauf sagt er, das werde es wohl sein. Er ist, glaube ich, ein grosser Schmuckmacher. Und, weiss ich, ein grosser Freund und Mensch.