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Susanne Schanda, die beiden Bestseller von Alaa Al-Aswani «Der Jakubijaan-Bau» und sein neustes Werk «Der Automobilclub von Kairo» sind gute, unterhaltende Romane. Bei uns sind sie sehr erfolgreich. Wie kommen diese Bücher in Ägypten an?
Susanne Schanda: Sehr gut. Vor allem Al-Aswanis erster Roman hat sensationell eingeschlagen, Millionenauflagen erreicht und ist sogar verfilmt worden. Literatur war vorher etwas Elitäres. Al-Aswani hat dann aber mit seiner einfachen Sprache, mit der packenden Erzählweise und dem brisanten Thema plötzlich ein sehr breites Publikum erreicht. Auch «Der Automobilclub von Kairo» gehört immer noch zu den meistgelesenen Büchern, aber Al-Aswani ist inzwischen ein wenig verdrängt worden von einer neuen, jüngeren Schriftsteller-Generation, die nun auch leicht verständliche und spannende Bücher schreibt, stark das Gesellschaftssystem beleuchtet und brennende Themen aufgreift.
Im Klappentext steht, dieser Roman sei «verblüffend nah an unserer Gegenwart». Die Geschichte spielt im Ägypten der 1940er-Jahre, während der Zeit des britischen Protektorats. Was hat das mit der heutigen Situation zu tun?
Es gibt durchaus Parallelen. Es war damals auch eine vorrevolutionäre Zeit. Es herrschte eine ähnliche Stimmung mit viel Unzufriedenheit und Korruption. Damals war auch der Einfluss von aussen stark. Die Engländer haben bestimmt, was in Ägypten geht. Diese Endzeitstimmung spürt man gut in diesem Roman. Al-Aswani schildert das zum Teil sehr krass.
Al-Aswani porträtiert die ägyptische Gesellschaft schonungslos. Er macht auf Missstände aufmerksam und zeigt, wie Menschen ausgebeutet, schikaniert und geschlagen werden. Wie kommt das an bei der politischen Führung?
Es wird überhaupt nicht wahrgenommen. Ich habe mich schon immer gewundert, dass in Ägypten so kritische und angriffige Romane publiziert werden. Es scheint, dass die politische Führung die Literatur nach wie vor nicht ernstnimmt. Wenn schlechte Zustände, Korruption und Armut geschildert werden, wird das einfach ignoriert. Die Regierung sieht das nicht als Angriff auf den eigenen Führungsstil.
Dann unterschätzt die Regierung die Wirkung der Literatur. Alaa Al-Aswani und andere Intellektuelle haben damals ja aktiv mitgeholfen beim Umsturz 2011.
Absolut. Das hat Mubarak damals unterschätzt. Die Literaten haben viel in Gang gesetzt in der politischen Szene. Einerseits durch Visionen, die sie in den Romanen entwickelt haben, andererseits durch die «literarischen Salons». Al-Aswani war ein Wortführer und hat wöchentliche Versammlungen organisiert, irgendwo in einem Kairoer Café. Die Leute fanden dahin dank Mund-zu-Mund-Propaganda. Diese Treffen wurden dann verboten. Al-Aswani übte schon jahrelang offene Kritik am Regime, auch in den Medien, zum Beispiel in einer wöchentlichen Zeitungskolumne. Diese endete immer mit dem Satz «Demokratie ist die Lösung» – in Abwandlung des Leitsatzes der Muslimbrüder «Der Islam ist die Lösung».
Zurück zum Roman – gibt es da ein Zitat, das für Sie besonders bemerkenswert ist?
«Ich bin ein alter Mann und ihr seid doch meine Kinder». Der Satz im Schlusskapitel des Romans. Ich war verblüfft, weil Mubarak in seiner letzten Rede genau diesen Satz gesagt hat, als er noch nicht einsah, dass es Zeit ist zu gehen: «Ich bin doch eurer Vater und ihr seid meine Söhne und Töchter». Dass man mündige Bürger und Bürgerinnen als Söhne und Töchter bezeichnet, das sagt sehr viel aus über die Haltung der Regierungselite. Der neue Präsident und Militärchef Sisi ist da keinen Deut besser. Diese hierarchische, patriarchalische Struktur der Gesellschaft ist ein grosses Problem in Ägypten. Das braucht sicher mehrere Generationen, um das auch nur ein bisschen aufzuweichen. Aber immerhin, es hat begonnen.
Sie kennen Al-Aswani gut, haben ihn mehrmals getroffen und für Ihr Buch porträtiert. Was ist er für ein Mensch?
Er ist ein umgänglicher, freundlicher Mensch und hat überhaupt kein elitäres Gehabe. Das ist sehr wohltuend. Er ist im besten Sinne des Wortes populär, man merkt sofort, er ist nah beim Volk. Natürlich ist er inzwischen sehr bekannt und mediengewandt. Heute muss man mit seinem Sekretariat Termine abmachen, früher konnte man ihn einfach auf seinem Handy erreichen.
Alaa Al-Aswani ist sehr erfolgreich, arbeitet aber immer noch als Zahnarzt. Kann er noch nicht leben vom Bücherschreiben?
Doch, bestimmt. Aber Zahnarzt ist sein Beruf. Er hat es immer geschätzt, dass er in seiner Praxis Menschen aus allen sozialen Schichten begegnet. Aus diesen Begegnungen schöpft er für seine literarische Arbeit.
Susanne Schanda
Die Journalistin beschäftigt sich seit Jahren mit dem Nahen Osten, sie berichtet regelmässig über Ägypten. Sie hat ein Buch geschrieben mit Porträts von ägyptischen Autoren und Autorinnen, die sich einsetzen für Freiheit und Demokratie in Ägypten: «Literatur der Rebellion», Rotpunkt, 2013.
Zur Website von Susanne Schanda.
«Der Automobilclub von Kairo»
Alaa Al-Aswani schildert in seinem 656-seitigen Roman (Fischer, 2015), wie Mächtige und Reiche sich in den 1940er-Jahren im Automobilclub von Kairo mit Frauen, Poker und Trinken die Zeit vertreiben, während die Angestellten schamlos ausgebeutet werden. Damit zeigt er die Ungerechtigkeiten und die Verlogenheit einer Gesellschaft auf.