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Wie denkt der Kapitalist?
Ich sitze also mit Gregor Gysi auf der Bühne in Bern, meine Damen und Herren, und wir sprechen über die Zukunft der digitalkapitalistischen Konsumgesellschaft. Und über Marx. Kann man unbefangen über Marx sprechen? Ich bin kein Verehrer, aber einige Sätze treffen bis heute, etwa jenes Marx-Zitat aus Gysis neuestem Buch «Marx und wir», das da lautet: «Das Vorhandensein einer übertriebenen Anzahl nützlicher Dinge endet in der Erschaffung einer übertriebenen Anzahl von unbrauchbaren Menschen.»
Gysi selbst schreibt: «Wir leben in der eigenartigen Situation, dass wir vor dem Hintergrund einer epochalen Niederlage der Linken agieren, aber zugleich alte, jedoch nicht eingelöste Träume neu beleben wollen.» Dem widerspreche ich: Die alten Träume sind tot. Die linke Gesellschaftskritik wird nicht resozialisiert, sie hat eine ganz andere Gestalt: Der Solidaritätsgedanke ist verpufft bzw. ersetzt durch den der Identität.
Gysi aber ist nicht der Auffassung, dass es statt Solidarität heute vielmehr um einen Wettbewerb der Wahrheiten gehe, und er teilt auch nicht die Einschätzung von Slavoj Žižek, nach der das Ganze nicht zuletzt mit einem Versagen der Linken zu tun habe. In seinem Buch «Mut der Hoffnungslosigkeit» schreibt Žižek, dass die spätmoderne Sinnkrise, die wir heute erleben, bereits im Gefolge von 1968 sich anbahnte und endgültig auf den Weg gebracht worden sei in den 90er-Jahren, als die Linke realisierte, dass sie mit ihren ökonomischen und wirtschaftspolitischen Zielsetzungen gescheitert war, weshalb sie sich auf kulturelle Positionen zurückzog und damit das vernachlässigte, was man früher «Klassenkampf» nannte – zugunsten soziokulturell motivierter Identitätspolitik.
«Wir denken oft zu brav»
Gysi dagegen schreibt: «Die globalen Konzerne wissen, dass es keine funktionierende Weltpolitik gibt, die sie wirksam regulieren könnte. Sie haben aber durch ihr Vorgehen und mithilfe des Internets einen weltweiten Vergleich des Lebensstandards organisiert.» Wie steht er zu diesem weltweiten Vergleich des Lebensstandards? Ist das gut oder schlecht?
Norbert Bolz argumentiert in seinem «Konsumistischen Manifest», dass der globalisierte Konsumismus tendenziell ein wichtiges Gegengewicht zum religiösen, politischen und sonstigen weltanschaulichen Fundamentalismus darstellt. Das Konzept der Selbsterschaffung qua Konsum ist eine emanzipatorische Errungenschaft des spätmodernen Subjekts, dessen Vorfahren generationenlang darauf gedrillt waren, sich über kollektive Kategorien wie Religion, Nationalität oder Ethnizität zu definieren – nicht über individuelle Geschmacksentscheidungen. Ist also die von Gysi festgestellte Internationalisierung der sozialen Frage durch Vernetzung und Vergleichsmöglichkeiten ein emanzipatorischer Fortschritt?
Könne man so nicht sagen, erwidert Gysi. Jedenfalls würden dadurch Migrationsströme in Gang gesetzt, so viel stehe fest. Ausserdem stehe fest: «Wir denken oft zu brav.» Worauf ich frage: Denken Sie selbst nicht eher brav, wenn Sie unterstellen, dass den Kapitaleigentümern immer noch, wie bei Marx, ausschliesslich an der Akkumulation des Mehrwerts gelegen sei? Wenn das Ziel eine Vermehrung von Sinn statt Vermehrung des Mehrwerts sein soll, also Freiheit statt Entfremdung, dann ist dieses Ziel schliesslich ja nicht davon abhängig, ob die Produktionsentscheidungen gemeinschaftlich oder individuell organisiert werden. Oder?