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Hinausschauen in einen Traum. Wer von der Geburtsstunde der Pferderennen auf Schnee in St.Moritz berichtet, bedient sich immer wieder Begriffen wie Tollkühnheit, Unerschrockenheit und Mut. Ganz schön verwegen seien sie gewesen, jene 13 Männer, die sich am 1. März 1906 mit Pferden auf dem St.Moritzer Postplatz versammelten und eine Wettfahrt nach Champfèr und wieder zurück in Angriff nahmen. Sie sassen nämlich nicht bequem in einem Schlitten, sondern standen wackelig auf Skis und liessen sich von den unberittenen, im Galopp dahinpreschenden Tieren über die 9950 Meter lange Strecke ziehen.
Das Skikjöring, das vom norwegischen Snörekjöring (Schnur-Fahren) abgeleitet wurde, war erfunden und mit ihm der White Turf von St.Moritz. Es sollte zwar noch mehr als 80 Jahre dauern, bis der Anglizismus zur Metapher für ein modernes Sport- und Gesellschafts-Event werden konnte, eine exklusive Tradition hatte jedoch ihren Anfang genommen. Denn schon ein Jahr später gelangten auf dem gefrorenen St.Moritzer See erste offizielle Pferderennen zur Austragung: abermals in Form von Skikjöring sowie von «Trabfahren mit Rennschlitten». Zur gleichen Zeit gründeten die Initianten des alpinen Turfs im Kulm-Hotel den Rennverein St.Moritz. 1908 fand bereits eine Veranstaltung mit sechs Prüfungen statt, auf die am Totalisator gewettet werden konnte, zwei Jahre später waren es schon drei Renntage pro Winter. Im Laufe der Zeit wurde das Programm mit Flachrennen (1911) und Hürdenrennen (1922) erweitert, der Versuch, die winterlichen Meetings um ein sommerliches Pendant zu ergänzen, scheiterte hingegen.
Mit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs endete die erste Phase der St.Moritzer Pferderennen. 1952 wurden diese jedoch neu lanciert, und seit Anfang der 90er-Jahre werden sie unter dem Begriff White Turf als modernes Happening präsentiert, das hohen sportlichen, gesellschaftlichen und kommerziellen Ansprüchen genügt. Rudolf Fopp, der das Präsidium des Rennvereins 1992 übernahm und seit 1998 der neu gegründeten, für die Organisation der Rennen zuständigen «White Turf Race Association» vorsitzt, nimmt zusammen mit seinem Team die Herausforderung wahr, den extravaganten Pferderennsport in Höhenlage auch im neuen Jahrtausend in ein Schaufenster zu stellen, das weit über die Grenzen der Schweiz und Europas hinaus Beachtung findet.
Dank dem Grossen Preis von St.Moritz, dem seit 1993 als Listed Race ausgetragenen und mit 150'150.- Franken höchstdotierten Rennen des Landes, dank der Skikjöring-Trophy, den Grand-Prix-Rennen für die Traber und den diversen Rahmenprüfungen sowie dank dem vielschichtigen, aus exklusiven und berglerisch-bodenständigen Elementen gemischten Drumherum – der White Turf ist einmalig, unvergleichlich, manchmal fast unwirklich. Oder wie es ein regelmässiger Gast im Engadin geradezu philosophisch ausdrückt: «Es ist, als sähen wir hinaus in einen Traum.»
Corinne Schlatter