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|Bachkantaten in der Predigerkirche

Im Ablauf des Kirchenjahrs ist das Fest der Darstellung Jesu im Tempel, auch Mariä Lichtmess genannt, das am 2. Februar gefeiert wird, ein wichtiger Einschnitt. Mit ihm endet der Weihnachtsfestkreis und die Vorfastenzeit nimmt ihren Anfang. Unabhängig davon kann aber die Zeit nach Epiphanias von unterschiedlicher Dauer sein, je nachdem, ob Ostern früh oder spät im Jahr stattfindet. So kann die Zahl von einem einzigen Sonntag - wie z. Bsp. im Jahr 2008 - bis zu sechs Sonntagen variieren. Das laufende Jahr 2009 hat vier Sonntage nach Epiphanias, von denen der vierte auf den vergangenen 1. Februar fiel. Der heutige Sonntag ist bereits der Sonntag Septuagesimä, mit dem die Vorfastenzeit beginnt und der mit seinem Namen "70. Tag" auf Ostern ausgerichtet ist. Aus musikalischen Gründen erklingen aber im heutigen Konzert die Kantaten, die Bach für den 4. Sonntag nach Epiphanias (BWV 14 "Wär Gott nicht mit uns diese Zeit") und für den Sonntag Septuagesimä (BWV 84 "Ich bin vergnügt mit meinem Glücke") komponiert hat, in umgekehrter Reihenfolge.
Ich bin vergnügt mit meinem Glücke
Das Evangelium, das am Sonntag Septuagesimä verlesen wird, ist das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matth. 20, 1-16). Es ist jene Geschichte, in der der Besitzer des Weinbergs mit allen Arbeitern, die er einstellt, den gleichen Lohn vereinbart, nämlich einen Denar, von Luther mit Groschen übersetzt. Dieser Lohn gilt unabhängig von der Tageszeit, zu welcher die Arbeiter mit ihrer Arbeit beginnen. Dass der Hausherr das Recht zu dieser Lohngleichheit für alle hat, darauf weist er am Abend des Arbeitstages selbst hin, als diejenigen, die seit dem frühen Morgen gearbeitet haben, dagegen murren. Die Kantate BWV 84 "Ich bin vergnügt mit meinem Glücke", die am 9. Februar 1727 zum ersten Mal aufgeführt wurde, ist textlich verwandt mit der ebenfalls auf den Sonntag Septuagesimä gehörenden Kantate "Ich bin vergnügt mit meinem Stande" von Christian Friedrich Henrici, gen. Picander. Da das Wort "Stand" auch "Zustand" bedeutet, darf vielleicht auch beim Wort "Glück" an dessen ursprüngliche Bedeutung von "Schicksal, Geschick" gedacht werden, die sich erst im Verlauf der Zeit nach der günstigen Seite hin im Sinn von "gutes Glück haben" verschoben hat. Neidlose Zufriedenheit, das ist die Grundstimmung beider Kantatentexte.
Bachs Kantate, in der alle Aussagen in der Ich-Form gemacht werden und die ausnahmsweise den Titel "Cantata" trägt, ist eine Solokantate für Sopran mit vierstimmigem Schlusschoral. Das Instrumentarium mit Oboe, Streichern und Basso continuo ist relativ bescheiden, es wird aber sehr abwechslungsreich eingesetzt. So wirken in der in e-moll stehenden Eingangsarie alle Instrumente mit, wobei die Oboe mit ihrer reichen Ornamentik die Sopranstimme wunderbar umspielt. Der Satz könnte der langsamen Mittelsatz eines Oboenkonzertes sein. Die Arie drückt grundsätzliche Zufriedenheit mit Gottes Gaben aus, wobei in ihrem Mittelteil betont wird, dass Gott für alle Gaben Dank gebührt, selbst für die kleinen; denn der Mensch ist "auch nicht derselben wert". An diese Gedanken knüpft das Secco-Rezitativ Nr. 2 an. In seiner ersten Hälfte wird gut paulinisch-lutherisch darauf verwiesen, dass der Mensch sich nichts bei Gott verdienen kann, sondern dass alles Gottes Gnade und Geschenk ist. Im zweiten Teil wird dann gegen den ungeduldigen menschlichen Wunsch, alles überflüssig haben zu wollen, angegangen, indem das Gute aufgezählt wird, was Gott während langer Zeit bereits getan hat und auch in Zukunft noch tun wird. Darum: "Es ist genug für mich, dass ich nicht hungrig darf [= muss] zu Bette gehn." Die darauf folgende Arie Nr. 3 "Ich esse mit Freuden mein weniges Brot und gönne von Herzen dem Nächsten das Seine", in deren Mittelteil vom ruhigen Gewissen, vom fröhlichen Geist und vom dankbaren Herzen die Rede ist, ist in ihrem schwungvollen 3/8-Takt von ansteckender Fröhlichkeit. Sie steht als einziger Satz der Kantate in Dur, und die Soloinstrumente Oboe und Violine gesellen sich höchst abwechslungsreich zur Singstimme. Im Gegensatz dazu erhält das Rezitativ Nr.4 "Im Schweisse meines Angesichts will ich indes mein Brot geniessen" durch die Streicherbegleitung ein eigenes Gewicht. Aus der Bibel stammt die göttliche Bestimmung vom Essen des Brotes im Schweisse des Angesichtes als Folge des Sündenfalls, wobei im Einklang mit der Grundstimmung der Kantate dank der Verwendung des Wortes "geniessen" auch hier etwas Lustvolles mitschwingt. Aus der Bibel stammt auch der Groschen, den Gott nach beendetem Lebenslauf und Lebensabend als Gnadenlohn austeilen wird und auf dem "der Himmel" drauf steht. Beendet wird die Kantate mit der Schlusstrophe des Liedes "Wer weiss, wie nahe mir mein Ende", die auf die Melodie des Vertrauens- und Trostliedes "Wer nur den lieben Gott lässt walten" gesungen wird. Es tauchen darin noch einmal alle wichtigen Begriffe von Gottes Fügung und des Menschen Genügsamkeit und Vergnügen auf. Bach hat ihr einen zwar schlichten, aber doch kunstvollen Satz angedeihen lassen mit einer wundervoll hoch liegenden Tenorstimme am Schluss.
Wär Gott nicht mit uns diese Zeit
Das dreistrophige Lied "Wär Gott nicht mit uns diese Zeit", das der Kantate BWV 14 zu Grunde liegt, stammt von Martin Luther. Es ist eine genaue Nachdichtung des 124. Psalms, mit dessen achtem Vers: "Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat" das Staffelgebet der römischen Messe beginnt. So war das Lied von Luther vielleicht für den Anfang des neuen deutschsprachigen Gottesdienstes gedichtet worden. In ihm spiegelt sich aber vor allem auch die Notlage der damaligen noch jungen reformatorischen Bewegung wieder. Es ist ein "Wir-Lied" der frühen Zeit, herausgekommen im Jahr1524 in Wittenberg in Johann Walters Chorgesangbuch und dort mit einer dorischen Melodie versehen. Luther hielt sich bei seinen geistlichen Liedern gerne an bestehende Vorlagen, seien es biblische Gesänge wie die Psalmen aus dem Alten Testament oder die neutestamentlichen Cantica, seien es lateinische Gesänge der alten Kirche. Dabei ist es für das Verständnis seiner Umsetzung der alttestamentlichen Texte wichtig zu wissen, dass das, was sich im Alten Testament auf Israel bezieht, nun auch für die christliche Kirche Gültigkeit hat. Sie war nach christlichem Verständnis Gottes auserwähltes Volk geworden, und "Israel nach dem Geist" lautet ihr Name. Sie ist also auch in Bachs Kantate gemeint.
Die Kantate BWV 14 gehört auf den 4. Sonntag nach Epiphanias, an dem das Evangelium von der Stillung des Seesturms durch den erst schlafenden und dann von den ängstlichen Jüngern geweckten Jesus auf dem See Genezareth verlesen wird (Matth. 8, 23-27). Sie trägt als autographes Datum das Jahr 1735, in welchem der 4. Sonntag nach Epiphanias auf den 30. Januar fiel. Die Kantate ist eine Choralkantate, bei der die erste und die dritte Strophe des Lutherliedes wörtlich beibehalten wurden, während die zweite Strophe in zwei Arien und ein dazwischen liegendes Rezitativ gleichsam auseinander gefaltet wurde. Dabei lässt sich wohl die starke Betonung der wilden Flut, der wilden Wellen und des überschäumten Wassers als Bilder für drohende Gefahren im Zusammenhang mit der Evangelienlesung erklären. Auffallend ist nun, wie Bach die erste Strophe vertont, nämlich nicht wie sonst bei den Choralkantaten meist üblich mit einem Orchestersatz, in den hinein der Choral gesungen wird, sondern höchst kunstvoll in der Form der alten Choralmotette. Das Orchester geht dabei meist mit den Singstimmen zusammen; nur der Continuo wird hin und wieder selbständig geführt. Das Besondere an Bachs Vertonung ist nun aber, dass jede Choralzeile erst durch eine Stimme gesungen wird, um dann sofort von der nächsten Stimme als Gegenfuge, d. h. in ihrer Umkehrung, wiederholt zu werden. Ausserdem wird in das Stimmengeflecht hinein jede Choralzeile auch noch instrumental durch zwei Oboen und ein Horn vorgetragen, und zwar in der Vergrösserung. Dies wird durch alle sieben Choralzeilen beibehalten. Der Satz mutet wie ein Rückgriff auf vergangene Zeiten an, und es fragt sich, ob dies vielleicht durch die Wahl der Liedvorlage zu erklären sei, die ja auch aus weit zurückliegender Zeit stammt. Der Satz ist jedenfalls ein erstaunliches Werk, besonders wenn man sich vergegenwärtigt, dass über die Jahreswende 1734/35, also nur kurze Zeit zuvor, das Weihnachtsoratorium zur Aufführung gelangt war.
Die sich in der Kantate 14 an den Eingangschor anschliessenden Sätze bewegen sich wieder eher im gewohnten Rahmen. In der Sopranarie Nr. 2 "Unsre Stärke heisst zu schwach" spielt freilich - an Stelle einer ursprünglich vorgesehenen Trompete - ein Corno da caccia mit, was als eine eher unkonventionelle Besetzung anzusehen ist. Mit heftigen Continuopassagen, die sich wie Wellen aufbäumen, wird dann im Tenorrezitativ Nr. 3 die Gewalt der Feinde, ihre Wut, ihr Zorn, ihre Rachgier geschildert, worauf schliesslich in der Bassarie Nr. 4, in der zwei obligate Oboen mitspielen, noch einmal die beiden Gegensätze einander gegenüber gestellt werden: der starke, freimachende Schutz Gottes am Anfang und am Schluss der Arie, die grimmigen, wilden Wellen der Feinde in der Mitte. In der Wortwahl ist diese Arie am weitesten von Luthers Liedstrophe entfernt, und neu ist bei ihr auch, dass Gott nun als Person direkt angeredet wird, während vorher immer nur Aussagen über ihn gemacht wurden. Dabei fällt auf, dass in Bachs Vertonung diese Anrede Gottes dreimal erfolgt. Vielleicht darf hier an eine Anrufung der Dreieinigkeit gedacht werden. Wie im Eingangschor, so erklingt auch im Schlusschoral noch einmal die Melodie von Johann Walter von 1524, allerdings wie schon dort in einer etwas modernisierten Fassung und mit einem der für Bach so typischen vierstimmigen Sätze. Damit wird ein Werk beendet, das nach der bisherigen Erkenntnis zu den spätesten der von Bach komponierten Kantaten gehört.
Dr. Helene Werthemann