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Joost Wouters hatte eine erfolgreiche Karriere. Der Holländer arbeitete für Procter & Gamble, Pepsi und hatte eine eigene Beratungsfirma. Dann entdeckte er den Seetang und liess sein altes Leben zurück.
«Wenn man eine ökonomische Revolution, inspiriert von der Natur, entfachen will, ist Seetag einer der Katalysatoren», sagt Joost Wouters. Der hochgewachsene Unternehmer aus den Niederlanden sitzt an einem Kaffeetisch im Mont Cervin Palace Hotel. Er redet schnell und begeistert. Er ist nach Zermatt gereist um am Zermatt Summit seine Vision zu präsentieren.
«Seetag ist die am schnellsten wachsende Biomasse auf dem Planeten.»
In einem früheren Leben arbeitete Wouters für die Multimillionen-Konzerne Procter & Gamble und Pepsi. Dann versuchte er mit seiner eigenen Beratungsfirma einen menschlicheren Ansatz im Management zu predigen. Doch es war die Arbeit des ehemaligen NASA-Wissenschaftlers Dr. Douglas Kalkwarf, die sein Leben umkrempelte.
«Es war Dr. Kalkwarf, der die Idee hatte, im grossen Stil Seetang anzupflanzen. Ich verliebte mich in sein Konzept. Es ist machbar und lässt sich skalieren. Das war für mich ausschlaggebend. Und je tiefer ich ins Thema eintauchte, umso mehr sah ich das immense Potential», erklärt und fährt in seiner enthusiastischen Art fort: «Stell dir vor, es gibt keinen besseren Mechanismus dem Klimawandel zu begegnen als die Photosynthese. Auch Seetang nutzt sie – und Seetag ist die am schnellsten wachsende Biomasse auf dem Planeten.»
Der Prozess ist so simpel wie revolutionär: Die Biomasse wird durch Bakterien zersetzt. So entsteht Biogas. Dieses Verfahren wird bereits angewendet. Oder die Biomasse wird verbrannt um Wärme zu produzieren. Trotzdem hat Seetang einen entscheidenden Vorteil: «Es braucht kein Land, Süsswasser oder Dünger um zu wachsen. Es benötigt nur Salzwasser, Sonnenlicht und Nährstoffe», sagt Wouters.
Seetang wird bereits seit Jahrhunderten kultiviert. Heute findet allerdings 99 Prozent der globalen Produktion in Asien statt, wo Seetang Teil der Ernährung ist. Die Bauern arbeiten von Hand: Sie pflanzen den Tang auf Seilen an, die ins Wasser gelegt werden. «Pro Hektare und Jahr können sie so 20 bis 50 Tonnen ernten. Das reicht nicht aus um ein Businessmodell zu entwickeln. Wir müssen die Erträge steigern», gibt Wouters zu bedenken.
Grosses Spektrum an Anwendungen
Seetang hat das Potential eine ganze Verwertungskette zu generieren – ganz nach dem Konzept der «Blue Economy» von Prof. Gunter Pauli. Es sei nicht nur eine Energiequelle, erklärt Wouters: «Man kann es für Nahrung, Tierfutter, Bioplastik und Extrakte für Medizin nutzen.» Schon heute werden solche Extrakte in Speiseeis oder Zahnpasta genutzt. Es gebe aber noch mehr Anwendungen zu entdecken. «Ich hatte das erste Stück durchsichtiger Plastik in den Händen, vollständig hergestellt aus Seetang. Ein Designer, den ich getroffen habe, baut Möbel, indem er das Material fest zusammenpressen lässt.»
Aber einer der vielversprechendsten Anwendungen ist ein Nebenprodukt der Gasgewinnung: Frisches Trinkwasser. Seetang besteht aus rund 80 Prozent entsalztem Wasser. «Wenn man die Biogasanlagen in wasserarmen Regionen installiert, könnten sie das Leben vieler Menschen verbessern», meint Wouters zuversichtlich.
Eine Antwort auf den Klimawandel?
Durch die Photosynthese absorbiert Seetang Kohlenstoffdioxid. Im schlechtesten Fall, ist das Biogas aus Seetang also CO₂-neutral. Bestenfalls reduziert es den Anteil an CO₂ in der Atmosphäre, wenn es fossile Gase ersetzt. «Wir haben Berechnungen für Argentinien angestellt. In Patagonien wird zurzeit 12’000 bis 30’000 Quadratkilometer Land ‹vergewaltigt› um Schiefergas zu finden. Das ist nicht schön», sagt Wouters. Schiefergas wird durch das umweltschädliche Fracking gewonnen. «Wir haben ausgerechnet, dass wir etwa 3000 bis 5000 Quadratkilometer Meeresoberfläche bräuchten um dieselbe Menge Gas mit Seetang zu produzieren. Jetzt wird interessant, denn nun ist es eine politische Wahl», meint Wouters weiter.
«In Patagonien wird zurzeit 12’000 bis 30’000 Quadratkilometer Land ‹vergewaltigt› um Schiefergas zu finden.»
Die Menschen haben oft gemischte Gefühle, was Gas anbelangt. «Die grössten Firmen wie Shell nutzen ihre ganze Marketingmacht und sagen, dass sie zu ‹natürlichem Gas› gewechselt sind. Sie behaupten, dass das die Lösung sei», sagt Wouters leicht aufgebracht. «Wir denken bei erneuerbarer Energie meist an Solarzellen, Windräder oder Staudämme. Doch die globale Energie-Nachfrage zeigt: Nur ein Siebtel davon ist Elektrizität. Der grosse Teil ist Wärme. Dafür braucht man eine hochkonzentrierte Energiequelle wie Gas. Das Ding ist, wir sollten das bestehende Gas unter der Erde lassen und es stattdessen selbst herstellen.»
Seetang könnte den Mächtigen gefährlich werden
Der Vorschlag von Joost Wouters: In der Nähe des Äquators gibt es die besten Wachstumsbedingungen für Seetang. Vor Ort könnte das Gas verflüssigt und nach Europa transportiert werden. Hier wird das Gas dann ins bestehende Netz eingespeist.
Er sei sich durchaus bewusst, dass die Schifffahrt ein grosser Faktor in der Umweltverschmutzung sei: «Ich bin keiner, der sagt, seine Idee wird alle Probleme lösen. Es ist nur ein Teil des Puzzles. Natürlich wird es Situationen geben, die optimaler sind als andere. Am Ende ist es eine Frage der Wirtschaftlichkeit. Ich glaube nicht, dass etwas erfolgreich wird, wenn man eine komplett neue Infrastruktur aufbauen muss.»
«Ich hoffe, wir können Teil dieser Revolution sein.»
Sollte Wouters richtig liegen, hat Seetang nicht nur die Möglichkeit einige der grössten Herausforderungen zu beantworten, sondern auch Verschiebungen der Macht nach sich ziehen. Theoretisch kann jede Insel, jedes Land mit Meeranschluss ein Stück Unabhängigkeit gewinnen, wenn nicht mehr fossile Brennstoffe aus einer Handvoll Nationen importiert werden muss. Dafür braucht es – natürlich – auch einen Wandel der Businessmodelle, damit nicht eine neue Generation multinationaler, mächtiger Unternehmen entsteht.
Der Optimist Wouters bleibt zuversichtlich: «Ich hoffe, wir können Teil dieser Revolution sein. Die Länder, die fossile Brennstoffe exportieren, müssen sowieso über ihre Zukunft nachdenken. Ihr Einfluss ist nicht nachhaltig. Es wird enden, Leute!»
Natürliche und finanzielle Herausforderungen stehen an
Die Seetang-Industrie steckt allerdings noch in den Kinderschuhen. Es gilt zahlreiche Hindernisse zu überwinden. So sind etwa die Bedingungen auf See alles andere als einfach. «Salzwasser tötet alles», sagt Wouters. Sein Team arbeitet deshalb mit speziellen Plastikröhren um die Anbau-Konstruktionen zu bauen.
Auch Gebiete, wo es weniger Nährstoffe im Wasser hat, können einen Problem werden. hier will der Unternehmer mit den immer grösser werdenden Fischzuchten zusammenarbeiten. Denn: «Die Ausscheidungen der Fische haben die benötigen Nährstoffe. Das ist eine grossartige Symbiose.»
Es gibt zudem mehrere tausend Spezies von Seetang. Einige wachsen besser im warmen, andere im kalten Wasser. Wissenschaftler haben beobachtet, dass eine andere Art von Seetang die Region besiedelte, wenn zuvor ein Vulkan ausgebrochen ist. Der Seetang entsäuerte dann das Wasser.
Obwohl die natürlichen Herausforderungen gelöst werden können, bleibt die Finanzierung die grösste Hürde. Joost Wouters benötigt Investitionen um die Idee zu validieren. «Für ein Projekt in Irland benötigen wir eine Million Dollar für die erste Phase.» Er will eine Hektare Seetang anpflanzen. «Nach einem Jahr wissen wir genau, was unsere Anlagen können. Dann können wir ein Businessmodell aufbauen.»
Doch momentan sind die Investoren noch zurückhaltend. «Sie sagen ‹Komm zurück, wenn du es validiert hat› – Ja, das ist das Ding: Dafür brauchen wir das Geld.» Joost Wouters ist leicht frustriert, aber vor allem vom Westen. «In Asien wissen sie, dass Seetang funktioniert. In der westlichen Hemisphäre ist Seetang das eklige Zeugs, das am Strand zwischen die Zehen kommt. Wir brauchen ein Umdenken – und andere Gesetze. Ich glaube, wenn wir das Konzept bewiesen haben, werden die Türen offen stehen.»
«Wir haben den Schlüssel zum Geld noch nicht gefunden.»
Joost Wouters ist mit seinen Problemen nicht alleine. Er hat Gemeinsamkeiten zwischen nachhaltigen Start-ups identifiziert: Auch wenn die Unternehmen eine innovative Idee haben, schaffen sie es nicht, diese in die ökonomische Sprache von Risiko und Rendite zu übersetzen. «Die Schnittstelle fehlt. Wir spielen das Spiel nicht gut genug. Es gibt nicht genug Finanzingenieure, die beide Seiten verstehen – die Nachhaltigkeit und das Kapital.»
Im Moment arbeitet sein Dreierteam mit knappen Ressourcen. Sie sprechen mit Regierungen und verbessern ihre Pflanz-Anlagen ohne Bezahlung. «Wir haben den Schlüssel zum Geld noch nicht gefunden», gibt er zu. Nichtsdestotrotz schlägt sein ganzes Herz für das Potential von Seetang. Joost Wouters gibt nicht so einfach auf.