Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03268.jsonl.gz/2388

Artikel - Chronik
Chronik
Die Geschichte des Romanischen beginnt bereits vor Christi Geburt. Das Latein der Römer, die das Gebiet zwischen den Rätischen Alpen und der Donau erobern, vermischt sich mit den Sprachen der ansässigen Völker. Nach und nach entwickelt sich aus dieser Mischung das Romanische (das sich im Übrigen auch heute noch weiter verändert). Aufgrund politischer Entscheide verliert das Romanische bereits früh seine bedeutende Stellung im Verwaltungsbereich an das Deutsche. Die Sprache verschwindet hingegen nicht, da die Sprecher im Laufe der Jahrhunderte einen beträchtlichen Teil ihres Status zurückgewinnen. Heute ist das Romanische als Minderheitensprache rechtlich gut verankert. Probleme gibt es insbesondere wegen Konflikten innerhalb der sogenannten Rumantschia.
15 vor Christus: Die Anfänge
Die Römer erobern das Gebiet zwischen den Rätischen Alpen und der Donau. Bis ca. 400 n. Chr. erfährt die von ihnen in dieser Region gegründete Provinz Rätien eine intensive Romanisierung: Das Volkslatein der römischen Soldaten, Beamten und Kaufleute verschmilzt mit den hier ansässigen Sprachen zu einem Vulgärlatein rätischer Prägung, das sich durch lautliche Wandlung und sprachliche Differenzierung allmählich zum heutigen Romanisch entwickelt.
Über die sprachlichen Verhältnisse, welche die Römer im Alpengebiet bei ihrem Eroberungszug vorfinden, ist nur wenig bekannt. Wahrscheinlich siedelten hier mehrere Völker. Die Kelten und Räter scheinen über eine gewisse Vormachtstellung verfügt zu haben. Die Sprache der Kelten gehörte zu den indoeuropäischen Sprachen. Die sprachliche Zugehörigkeit der Räter ist umstritten. Heute herrscht die Ansicht vor, dass das Rätische keine indoeuropäische Sprache war. Von den Talschaften des heutigen Graubünden besiedelten die Räter mutmasslich nur das Unterengadin.
Nur sehr wenige romanische Wörter besitzen vorrömische Wurzeln, stammen also nicht vom Latein ab, sondern von den Sprachen, die im heutigen Einzugsgebiet des Romanischen vor der Eroberung durch die Römer gesprochen wurden. Solche Wörter, die sich bis heute erhalten haben, sind Bezeichnungen für Pflanzen (z.B. culaischen, alaussa, laresch, frosla, ampuauna), Tiere (z.B. urblauna, chamutsch, mugia) und topografische Gegebenheiten (z.B. crap, grip, mutta, rusna, gonda). Im Weiteren gehen zahlreiche Namen von Bündner Gemeinden auf vorrömisches Sprachmaterial zurück (z.B. Ardez, Zernez, Breil, Glion). Der weitaus grösste Teil des romanischen Wortschatzes geht jedoch auf das Volkslatein zurück.
300: Raetia prima und Raetia secunda
Während der Reorganisation des Römischen Reiches wird die Provinz Rätien zweigeteilt: Die heutige Ostschweiz, Graubünden, das Vorarlberg, der angrenzende Teil Tirols, das Vintschgau und Teile der Innerschweiz gehören zur Raetia prima mit der Hauptstadt Curia Raetorum (Chur). Die bayrisch-schwäbische Hochebene nördlich des Bodensees und die nördlichen Teile des Tirols bilden die Raetia secunda mit der Hauptstadt Augusta Vindelicorum (Augsburg). Das Christentum breitet sich aus.
500: Zerfall des Römischen Reiches
In seiner grössten Ausdehnung im 5. Jahrhundert n. Chr. umfasst die Rätoromania ein Gebiet von der oberen Donau bis zur Adria.
536: Raetia Curiensis
Die Raetia prima kommt als mehr oder weniger selbständiger, unter kirchlicher Hoheit stehender Staat (Raetia Curiensis) zum Reich der Franken.
5. bis 10. Jahrhundert: Anfänge der Berührungspunkte mit der deutschen Sprache
Seit dem Jahre 496 siedeln sich zwischen dem Bodenseeraum und den Glarner Alpen zahlreiche Gruppen von Alemannen an. Die Germanisierung geht vorerst langsam vor sich. Andere deutschsprachige Gruppen (Alemannen, Bajuwaren) dringen nach Nordostitalien vor und teilen das Bündnerromanische, Dolomitenladinische und Friaulische in drei voneinander getrennte Sprachgebiete.
- Bündnerromanisch (ca. 60'000 Sprecherinnen und Sprecher)
- Dolomitenladinisch (ca. 30'000 Sprecherinnen und Sprecher)
- Cadorisch
- Comelisch
- Friaulisch (ca. 500'000 Sprecherinnen und Sprecher)
806: Germanisierung auf Verwaltungsebene
Unter Karl dem Grossen wird in Rätien das Verwaltungssystem der Franken eingeführt. Der ursprüngliche rätische Präses mit Sitz in Chur wird durch einen deutschen Grafen ersetzt. In den Talebenen lassen sich Adlige und Beamte deutscher Muttersprache nieder, was zur Folge hat, dass sich das Deutsche allmählich als Verwaltungssprache durchsetzt. Das Romanische wird kaum geschrieben.
843: Germanisierung auf kirchlicher Ebene
Das Bistum Chur wird von der Erzdiözese Mailand abgetrennt und in das Erzbistum Mainz eingegliedert. Damit wird die endgültige Ausrichtung Rätiens nach dem deutschsprachigen Norden eingeleitet.
9. und 10. Jahrhundert: Das älteste in romanischer Sprache geschriebene Dokument
Das romanische Sprachgebiet untersteht dem deutschen König bzw. Kaiser. Alemannische Feudalherren und Vasallen übernehmen die Herrschaft. Aus dieser Zeit stammt der sogenannte «Würzburger Schriftversuch». Es handelt sich um das älteste schriftliche Dokument in romanischer Sprache. Es wurde in St. Gallen aufgezeichnet. In den Klöstern des Mittelalters schrieben die Mönche alte lateinische Bücher ab. Ein Mönch romanischer Herkunft wollte prüfen, ob seine Feder noch etwas taugte und schrieb dafür den folgenden Text:
Diderros ne habe diege muscha
Das bedeutet so viel wie «Diderro hat keine Lust / bekommt nichts für seine Arbeit» (Romanisch: betg avair mustgas da far insatge / na survegnir nagut per la lavur ch'ins fa).
11. und 12. Jahrhundert: Die Interlinearversion von Mariä Muttergottes
Aus dieser Zeit datiert die sogenannte Einsiedler Interlinearversion: Gegen Ende des 11. Jahrhunderts oder zu Beginn des 12. Jahrhunderts liess sich ein Mönch möglicherweise von einer lateinischen Predigt inspirieren und begann mit der Übersetzung des Textes ins Romanische, in die Sprache des Volkes. Dabei schrieb er zwischen die Zeilen des Originals. Die ersten beiden Zeilen lauten:
Afunda nos des time tres causas
kare frares per aquilla tutilo seulo perdudo
Lateinischer Text:
Satis nos oportit timere tres causas
karissimi fraters, per quem tottus mundus perit
Übersetzung in Rumantsch Grischun:
Avunda deschi a nus da temair trais chaussas,
chars frars, per las qualas tut il mund va sutsura
(Wir sollten drei Dinge genügend fürchten,
liebe Brüder, derentwegen die ganze Welt untergeht)
Das Volk verstand den lateinischen Text nicht. Deshalb übersetzte der Pater die Predigt zwischen den Zeilen in die Volkssprache.
13. und 14. Jahrhundert: Walser siedeln sich in Graubünden an
Deutschsprachige Walser aus dem Oberwallis siedeln sich in verschiedenen Hochtälern Graubündens an: Rheinwald, Vals, Safien, Avers, Obersaxen, Schanfigg, Prättigau und Davos.
14. und 15. Jahrhundert: Die Republik der drei Bünde
Die Bündner werden allmählich politisch unabhängig. An die Stelle des Feudalsystems treten demokratische Verhältnisse mit Gemeinden und autonomen Hochgerichten, welche ab dem Jahr 1471 den Freistaat der Drei Bünde bildeten.
15. Jahrhundert: Die Germanisierung von Chur
1464 zerstört ein Grossbrand die Stadt Chur. Sie wird von deutschsprachigen Handwerkern, die in der Folge hier bleiben, wieder aufgebaut. Das einstige sprachlich-kulturelle Zentrum der Romanen wird vollständig germanisiert.
16. und 17. Jahrhundert: Verschriftlichung des Romanischen
Die entscheidenden Impulse für die Schaffung einer literarischen Sprache erfolgen durch die Reformation (ausgehend vom Oberengadin) und Gegenreformation sowie durch die politische Geschichte des Landes.
1794 - 1892: Die Anfänge der Bündner Dreisprachigkeit
Bis zu diesem Zeitpunkt gilt aus praktischen Gründen das Deutsche als offizielle Sprache in den einzelnen Bünden und im Gesamtstaat der Drei Bünde. Bundestage verlangen im 16., 17. und 18. Jahrhundert wiederholt, dass Eingaben und amtliche Akten in deutscher Sprache abgefasst sein müssen. Erst die Standesversammlung von 1794 bricht mit dieser Tradition und proklamiert die Dreisprachigkeit der Dreibünderepublik. 1803 treten die Drei Bünde als Kanton Graubünden der Schweizerischen Eidgenossenschaft bei. Graubünden nimmt dem Romanischen und Italienischen gegenüber eine wohlwollende Haltung ein. So ist es jedem Abgeordneten im Grossen Rat freigestellt, sich seiner Muttersprache zu bedienen. Behördliche Erlasse werden in deutscher, romanischer und italienischer Sprache aufgeschrieben und gedruckt. Die Kantonsverfassungen von 1880 und 1892 enthalten die formelle Gewährleistung der drei Sprachen Graubündens als Landessprachen. Das bedeutet zwar die grundsätzliche Gleichstellung der drei Kantonssprachen, in der Praxis aber wurde von staatlicher Seite im 19. Jahrhundert versucht, die Rumantschia zu germanisieren.
19. Jahrhundert: Beginn der romanischen Renaissance
Die verkehrstechnische Erschliessung der Bergregionen und der aufblühende Fremdenverkehr führen zu einer Gefährdung des Romanischen. Die Romanen betrachten ihre Sprache als wirtschaftliches Hindernis. Sie wird daher in Schule, Kirche und Amtsstube allmählich durch das Deutsche ersetzt. Angesichts der drohenden Gefahr rufen verschiedene Persönlichkeiten die Romanen zur Verteidigung ihrer Sprache auf. Diese Reaktion leitet die sogenannte «rätoromanische Renaissance» (Neubesinnung auf die Werte der romanischen Sprache) ein.
1885 - 1922: Gründung verschiedener Vereine
Gründung verschiedener Vereine zur Erhaltung und Förderung der romanischen Sprache und Kultur, z.B die Romania (welche die katholischen Regionen des Vorderrheintals vertritt), die Uniun dals Grischs und die Uniun Rumantscha da Surmeir.
1919: Gründung der Lia Rumantscha
Sie ist die Dachorganisation aller romanischen Sprach- und Kulturvereine.
1938: Romanisch ist neu eine Nationalsprache
Volk und Stände anerkennen mit einem Ja-Stimmenanteil von 92% das Romanische als Nationalsprache der Schweiz. Die eindrucksvolle Zustimmung von 92% ist nur zweimal in der Bundesgeschichte übertroffen worden. Diese aussergewöhnliche nationale Unterstützung war grundlegend für weitere Entwicklungen der romanischen Sprache rechtlicher und politischer Art.
1940 - 1980: Zunehmende Sensibilisierung für das Romanische
Herausgabe von Wörterbüchern, Grammatiken und Anthologien; Errichtung von romanischen Kindergärten; Integrationskurse für Anderssprachige; wissenschaftliche Arbeiten; Reromanisierung verdeutschter Dorfnamen; Lehrmittel und Erwachsenenbildung; Pflege des Dorftheaters und des literarischen Schaffens; Förderung des romanischen Chorgesangs; Arbeiten zum Sprachenrecht; Eingaben an den Bund zur Erlangung von Bundesbeiträgen für die Sprachpflege; Kinderbücher und Jugendschriften; Förderung des Romanischen durch Institutionen ausserhalb des angestammten Sprachgebietes (Quarta Lingua, Pro Helvetia sowie weitere Stiftungen und Organisationen).
1980/1981: Die Anfänge der Sprach- und Kulturförderung
Die Lia Rumantscha erarbeitet ein umfangreiches neues Konzept zur Erhaltung und Förderung der romanischen Sprache und Kultur. Im Zentrum steht das Postulat der Normalisierung der Sprachsituation auf der Grundlage der Korpusplanung (z.B. Schaffung von neuen Begriffen), Statusplanung (z.B. Förderung der Bedeutung der Sprache in der Gesellschaft) und Gebrauchsplanung (z.B. Implementierung).
Aufgrund einer Eingabe der Lia Rumantscha und der Pro Grigioni Italiano an den Bundesrat der schweizerischen Eidgenossenschaft (1981) entsteht 1982 der umfassende Bericht «21/2-sprachige Schweiz? Zustand und Zukunft des Romanischen und Italienischen in Graubünden», erarbeitet von einer Expertengruppe des Bundesrates.
1982: Die Anfänge des Rumantsch Grischun
Prof. Heinrich Schmid von der Universität Zürich erarbeitet im Auftrag der Lia Rumantscha die «Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerromanischen Schriftsprache Rumantsch Grischun».
1985: Die erste Scuntrada rumantscha
Die Lia Rumantscha organsiert zum 2000-jährigen Jubiläum der Rumantschia ihre erste «Scuntrada rumantscha» (romanische Begegnungswoche), die bis zum Jahr 2000 in mehr oder weniger regelmässigen Abständen durchgeführt wird.
1990/1991: Petition gegen das Rumantsch Grischun
Die Gegner des Rumantsch Grischun gelangen mit einer Petition an den Bundesrat, in der sie diesen auffordern, vom Gebrauch der «künstlichen» Einheitssprache in Publikationen der eidgenössischen Verwaltung abzusehen. Die Petition löst heftige Diskussionen und Kontroversen zum Rumantsch Grischun aus, ruft aber auch die Befürworter einer gemeinsamen Schriftsprache auf den Plan.
1993: Buchausgabe des Pledari Grond
Die Lia Rumantscha gibt unter dem Titel Pledari Grond ihre gesamte linguistische Datenbank in Buchform heraus.
1994: Verwendung des Rumantsch Grischun und Pledari Grond ist öffentlich
Die Lia Rumantscha verwendet gemäss ihren revidierten Statuten das Rumantsch Grischun für ihre amtlichen und administrativen Texte, die sich an das ganze romanische Sprachgebiet richten. Das Pledari Grond ist zum ersten Mal in elektronischer Form für die interessierte Öffentlichkeit zugänglich.
1995: Artikel 70 Absatz 5 der Bundesverfassung
Die Stimmberechtigten des Münstertals und des Unterengadins (inkl. S-chanf und Zuoz im Oberengadin) stimmen einer regionalen bzw. interkommunalen Amtssprachenregelung zu, die den Gebrauch des Romanischen in Schule, Verwaltung und öffentlichem Leben festschreibt. Die Amtsprachenregelungen im Engadin und Münstertal haben in der Folge auch verschiedene Gemeinden im Bündner Oberland und im Oberhalbstein zum selben Schritt bewogen.
Artikel 70 Absatz 5 der Bundesverfassung verpflichtet den Bund Massnahmen für den Erhalt und die Förderung des Romanischen und Italienischen der Kantone Graubünden und Tessin zu unterstützen. Dieser Auftrag wird im Bundesgesetz vom 5. Oktober 2007 (CS 441.1) konkretisiert.
1996: Sprachenartikel in der Bundesverfassung
Das Schweizer Volk stimmt am 10. März mit einem durchschnittlichen Ja-Anteil von 76% dem Sprachenartikel 116 (neu 70) der Bundesverfassung zu, der das Romanische zur Teilamtssprache des Bundes erhebt. 1985 hatten die Bündner Parlamentarier eine Revision des Sprachenartikels beantragt.
Rumantsch Grischun wird eine offizielle Amtssprache in Graubünden
Die Regierung Graubündens beschliesst, gestützt auf Empfehlungen einer von ihr eingesetzten Arbeitsgruppe, die Einheitssprache Rumantsch Grischun zur offiziellen Amtssprache zu erheben.
1997: Erste romanische Tageszeitung
Am 6. Januar lanciert die Gasser Media AG eine romanische Tageszeitung (La Quotidiana).
Teilrevision des kantonalen Schulgesetzes
Am 2. März anerkennt das Bündner Stimmvolk die Teilrevision des kantonalen Schulgesetzes, wonach mindestens eine Kantonssprache als Zweitsprache an allen Primarschulen und Kleinklassen unterrichtet werden soll. Mehrere Gemeinden mit deutschsprachiger Primarschule haben sich für das Romanische als Pflicht- oder Wahlfach ausgesprochen.
Europäische Sprachencharta
Der Nationalrat genehmigt als Zweitrat die Ratifizierung der Europäischen Sprachencharta, welche die Regional- oder Minderheitensprachen als gefährdeten Teil des europäischen Kulturerbes schützen und fördern soll. In der Schweiz sind gemäss Vorschlag des Bundesrates die italienische und die romanische Sprache vorgesehen.
2001: Abstimmungsunterlagen nur noch auf Rumantsch Grischun
Am 10 Juni stimmt das Bündner Volk einer Teilrevision des Gesetzes über die Ausübung der politischen Rechte zu. Der Kanton Graubünden, wie schon der Bund, gibt nun seine romanischsprachigen Abstimmungsunterlagen nicht mehr im surselvischen und ladinischen Idiom, sondern nur noch in der einheitlichen Schriftsprache Rumantsch Grischun ab. Später wird in Art. 3 Abs. 5 des Sprachengesetzes des Kantons Graubünden (in Kraft seit 2008) das Rumantsch Grischun als «rätoromanische Standardform» festgeschrieben. Personen romanischer Sprache können sich in den Idiomen oder in Rumantsch Grischun an die Behörden wenden.
Fundaziun da la GrCg
Auf Initiative der Lia Rumantsch bilden die rätoromanischen Grossrätinnen und Grossrätinnen eine Gruppe (Romantschische Gruppe des Grossen Rates GrCg) mit der Absicht, eine Brücke zwischen dem Parlament und der romanischen Bewegung zu schlagen. Ziel ist eine parlamentarische Interessengruppe, die sich mit der rätoromanischen Sprachpolitik beschäftigt.
2003: Graubünden ist dreisprachig
Am 18. Mai stimmt das Bündner Volk einer Totalrevision der Kantonsverfassung zu, welche ein klares Bekenntnis zur Dreisprachigkeit Graubündens ablegt.
In der August-Session genehmigt der Grosse Rat des Kantons Graubünden den Regierungsvorschlag, die romanischen Lehrmittel ab 2005 nur noch in Rumantsch Grischun herauszugeben. Die Lehrerschaft, die Schulbehörden sowie romanischsprachige Vertreter des Grossen Rates opponieren gegen diesen Entscheid und fordern die Regierung auf, ein konkretes, umfassendes Konzept zur Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule zu erarbeiten.
2004: Rumantsch Grischun in der Schule
Im Dezember fasst die Bündner Regierung den Beschluss in Sachen Konzept zur Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule. Im Zentrum stehen drei Varianten der Einführung: Pionier, Standard und Konsolidierung. Jede Variante umfasst drei Phasen: Rumantsch Grischun passiv, Rumantsch Grischun aktiv und pädagogische Unterstützung.
Die Gemeinde Val Müstair entscheidet sich als erste für die Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule. Die Phase Rumantsch Grischun passiv beginnt bereits mit dem Schuljahr 2005/2006. Bis Anfang 2011 beschliessen 40 Gemeinden – gut die Hälfte aller romanischsprachigen Gemeinden – Rumantsch Grischun in der Schule einzuführen.
2006: Das Pledari Grond ist online
Im Rahmen eines Gemeinschaftsprojekts machen die Lia Rumantscha und die Jugendorganisation die Wörterbuch-Datenbank des Pledari Grond öffentlich im Internet zugänglich. Das Pledari Grond online wird regelmässig aktualisiert und ergänzt. Die Nutzerinnen und Nutzer können Vorschläge machen oder die Redaktion bei sprachlichen Fragen um Rat fragen. Aktuell enthält das Wörterbuch ungefähr 220 000 Einträge.
2007: Sprachengesetz von Graubünden
Das Bündner Stimmvolk sagt Ja zum Sprachengesetz des Kantons Graubünden. Das Gesetz sieht unter anderem vor, die Dreisprachigkeit als zentraler Bestandteil des Kantons zu stärken und das Bewusstsein für die kantonale Dreisprachigkeit zu festigen. Sie regelt den Gebrauch der drei kantonalen Amtssprachen und besagt unter anderem auch, dass Gemeinden mit einem 40-prozentigen Anteil romanischsprachiger Einwohner, als romanischsprachig gelten. Das Sprachengesetz des Kantons Graubünden tritt am 1. Januar 2008 in Kraft.
2009: Chasa Editura Rumantscha
Gründung der Chasa Editura Rumantscha (Romanisches Verlagshaus) durch die Pro Helvetia, den Kanton Graubünden und die Lia Rumantscha, welche das Projekt während einer Entwicklungsphase von drei Jahren finanziell unterstützen. Die Chasa Editura Rumantscha bietet professionelle Verlagsdienstleistungen und ermöglicht es den Autorinnen und Autoren, sich auf das Schreiben zu konzentrieren.
2011: Opposition gegen Rumantsch Grischun in der Schule
Im Januar (Engadin) und im Februar (Surselva) gründen Gegner des Rumantsch Grischun in der Schule Sektionen des Vereins Pro Idioms. Das Ziel ist die Förderung der Idiome in der Schule mit idiomatischen Lehrmitteln. Als Gegenreaktion unterzeichnen Befürworter des Rumantsch Grischun im April das Manifest Pro Rumantsch .
Die Situation droht zu eskalieren. Immer mehr Pionier-Gemeinden in Sachen Rumantsch Grischun in der Schule beschliessen die Rückkehr zum Idiom. Der Bündner Grosse Rat fällt den Entscheid, die Einführung des Rumantsch Grischun als Alphabetisierungssprache in der Schule zu bremsen und widerruft nach acht Jahren seinen Entschluss, Lehrmittel nur in der Einheitssprache herauszugeben. Eine von der Lia Rumantscha bestellte und moderierte politisch-strategische Gruppe mit Vertretern beider Lager unterbreitet der Bündner Regierung einen Kompromissvorschlag, das sogenannte «Koexistenzmodell»: idiomatische Schulen vermitteln Kenntnisse des Rumantsch Grischun (lesen und schreiben) und Schulen mit Rumantsch Grischun als Alphabetisierungssprache vermitteln Kenntnisse des jeweiligen Idioms. Das Modell soll später im Schulgesetz und im Lehrplan 21 verankert werden.
2013: Rückkehr von Idiomen in der Schule
Einige Schulträger fordern die Regierung auf, nicht nur das Mathematik-Lehrmittel in den Idiomen herauszugeben, sondern auch die in Rumantsch Grischun erschienenen Sprachlehrmittel. Gegen Ende des Jahres beauftragt die Bündner Regierung die Pädagogische Hochschule Graubünden, die Erarbeitung von Lehrmitteln in den Idiomen Sursilvan, Sutsilvan, Puter und Vallader zu konzipieren.
Gruppa parlamentara «lingua e cultura rumantscha»
Das Romanische feiert sein 75-jähriges Jubiläum als Landessprache. Am 11. Dezember lädt die Lia Rumantscha das Bundesparlament zu einem bünderromanischen Abend ein. Dabei wird die parlamentarische Gruppe «lingua e cultura rumantscha» gegründet, welche von Nationalrat Martin Candinas (CVP/GR) präsidiert wird.
2016: Rumantsch Grischun im Lehrplan 21
Am 15. März 2016 wird der Lehrplan 21 von der Bündner Regierung genehmigt. Dieser wird für den Kindergarten bis zur 2. Klasse der Sekundarstufe I auf das Schuljahr 2018/19 und für die 3. Klasse der Sekundarstufe I auf das Schuljahr 2019/20 in Kraft gesetzt. Der Lehrplan 21 hält sich an das Prinzip, dass die Gemeinde entscheidet, welche Alphabetisierungssprache unterrichtet wird. Gemäss Regierungsbeschluss gibt es in idiomatischen Schulen keine elementaren Anforderungen was das Rumantsch Grischun angeht. Auf der Sekundarstufe I bekommen auch die Schülerinnen und Schüler dieser Schulen die Möglichkeit, Texte in Rumantsch Grischun und in den anderen Idiomen zu hören und zu lesen.
2018: No Billag
Anfangs März lehnen die Schweizer Stimmbürgerinnen und Stimmbürger die No-Billag-Initiative mit 71,6% Nein-Stimmen deutlich ab. Eine Annahme hätte die Abschaffung der Gebühren für den Radio- und Fernsehempfang zur Folge gehabt. Im Kanton Graubünden fällt das Resultat mit 77,2% Nein-Stimmen noch deutlicher aus. Das eindeutige Ergebnis kann als Ausdruck der Solidarität unter den Sprachregionen gewertet werden. Die Ablehnung der Initiative sichert nicht zuletzt das Weiterbestehen von Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) als wichtige Stütze für die Präsenz, Verbreitung und Bewahrung der rätoromanischen Sprache.
Fremdspracheninitiative wird abgelehnt
Im September lehnen die Bündnerinnen und Bündner die Initiative «Nur eine Fremdsprache in der Primarschule (Fremdspracheninitiative)» ab. Eine Annahme hätte grosse Nachteile für romanisch- und italienischsprachige Schüler nach sich gezogen. Da Deutsch in Schulen Romanisch- und Italienischbündens als Fremdsprache gilt, hätten sie nämlich erst auf der Oberstufe mit dem obligatorischen Englischunterricht beginnen können – also vier Jahre später als Schüler deutschsprachiger Schulen.
Dank dem Entscheid der Bündner Bevölkerung werden in Graubünden auch in Zukunft zwei Fremdsprachen in der Primarschule unterrichtet. Das Abstimmungsresultat ist Ausdruck der Solidarität zwischen der deutschen, romanischen und italienischsprachigen Gemeinschaft im Kanton Graubünden und fördert den Zusammenhalt über die Sprachgrenzen hinaus.
2019: Fundaziun da la FMR
In der rätoromanischen Schweiz arbeiten die privaten und öffentlichen Medien zukünftig Hand in Hand, um ein Medienangebot in der vierten Landessprache nachhaltig zu sichern. In einer gemeinsamen Absichtserklärung haben die Agentura da Novitads Rumantscha (ANR), die Zeitungen «Engadiner Post/Posta Ladina», «La Quotidiana», «La Pagina da Surmeir» sowie Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) ihren Grundgedanken bekräftigt, den rätoromanischen Medienplatz zu stärken und auch in Zukunft Angebote in Ton, Bild und Text zu gewährleisten. Mit dem Kernauftrag, eine adäquate mediale Versorgung der rätoromanischen Bevölkerung auch in Textform sicherzustellen, wird die ANR in die unabhängige Stiftung «Fundaziun Medias Rumantschas» (FMR) umgewandelt. Die Stiftung nimmt ihre Tätigkeit offiziell Anfang 2020 auf.
2019: 100 onns Lia Rumantscha
Vom 1. bis 18. August 2019 feierte die Lia Rumantscha in Zuoz ihr 100-jähriges Jubiläum . Während den elf Thementagen mit mehr als 80 Programmpunkten konnten Besucherinnen und Besucher sich in die romanische Sprache und Kultur vertiefen. Das Theaterstück «Tredeschin Retg» – eine Aufführung mit Schauspiel, Musik und Tanz – war Programmhauptpunkt. Insgesamt haben ca. 5’000 Besucherinnen und Besucher aus ganz Graubünden und der romanischen Diaspora die lockere Festivalstimmung genossen.
2021: Manifest GR3
Die Deputazione grigionitaliana del Gran Consiglio (DGI) und die Gruppa rumantscha dal Cussegl grond (GrCg) haben ein Manifest, das «Manifest zur Stärkung des Zusammenhalts zwischen den kantonalen Sprachgemeinschaften» oder kurz «Manifest GR3», für den zukünftigen Umgang mit den Kantonssprachen verfasst.
Das Manifest GR3 umfasst sechs Teilbereiche der öffentlichen Dienstleistung, in denen die Deputazione grigionitaliana del Gran Consiglio und die Gruppa rumantscha dal Cussegl grond Handlungsbedarf bei der Berücksichtigung des Romanischen und des Italienischen sehen. Mit dem Manifest soll die in der Kantonsverfassung verankerte Gleichberechtigung der drei Kantonssprachen Deutsch, Italienisch und Romanisch im Alltag vermehrt umgesetzt werden.
Zudem soll die Verständigung und der Austausch zwischen den kantonalen Sprachgemeinschaften gefördert werden. Das in Zusammenarbeit mit den Sprachorganisationen Pro Grigioni Italiano und Lia Rumantscha erarbeitete Manifest GR3 ist online unter www.gr3.ch abrufbar.
Bibliografia
Baur, A., Allegra genügt nicht ..., Cuira 1996
Bernardi, R., Decurtins, A., Eichenhofer, W., Saluz, U., Vögeli, M., Handwörterbuch des Rätoromanischen, Società Retorumantscha und Verein für Bündner Kulturforschung, Offizin, Zürich 1994
Bibliografia retorumantscha (1552 – 1984) e Bibliografia da la musica vocala (1661 – 1984), Lia Rumantscha, Cuira 1986
Chantun Grischun, Plan d'instrucziun 21 Grischun. Disponibel sin: https://www.gr.ch/RM/instituziuns/administraziun/ekud/avs/projects/lehrplan21/Seiten/default.aspx (ultim access: 15-4-2016)
Chantun Grischun, Rapport da la «Gruppa da lavur per las regiuns linguisticas dal Grischun», 1. part, La situaziun da las regiuns linguisticas dal Grischun, 2. part, Postulats e mesiras, 1994
Decurtins, A., Viarva Romontscha, Romanica Raetica 9, Societad Retorumantscha, Cuira 1993
Decurtins, C., Rätoromanische Chrestomathie, Octopus, Cuira 1982/84 (reprint)
Die Südostschweiz, Volksinitiative zu Romanischunterricht wird vorbereitet, ils 24 da matg 2012
Holtus, G., Metzeltin, M., Schmitt, Chr. (eds.), Lexikon der Romanistischen Linguistik (LRL), tom 3, Rumänisch, Dalmatisch / Istroromanisch, Friaulisch, Ladinisch, Bündnerromanisch, Max Niemeyer, Tübingen 1989
Huber, K., Rätisches Namenbuch, tom 3, Die Personennamen Graubündens mit Ausblicken auf Nachbargebiete, Francke, Berna 1986
La Quotidiana, Anita Capaul resta menadra da CER, 5 d'avrigl 2013
La Quotidiana, Coexistenza d'idioms e rg en scola, 12 da december 2012
La Quotidiana, Concept «Rumantsch grischun en scola», 27 da schaner 2011
La Quotidiana, Fin per la gasetta «Punts», 4 da november 2011
La Quotidiana, Il concept general repassà, 13 da schaner 2005
La Quotidiana, Impedir cumbat denter rg ed idioms, 21 da december 2010
La Quotidiana, Lescha ed ordinaziun da linguas entran en vigur per il 1. da schaner, 14 da december 2007
La Quotidiana, Negins daners per dapli mieds didactics els idioms, 15 da favrer 2013
La Quotidiana, Primavaira rumantscha, 22 da mars 2013
La Quotidiana, «Pudair sa concentrar sin il scriver», 25 d'avust 2009
La Quotidiana, Respect vers las vischnancas da pionier, 15 d'avrigl 2011
La Quotidiana, Rinforzà la trilinguitad grischuna, 18 da zercladur 2007
La Quotidiana, Rumantsch grischun ed idioms, 9 da december 2011
La Quotidiana, «Rumantsch grischun passiv» en scola, 26 d'avust 2005
La Quotidiana, Studi da rumantsch garantì, 9 d'avrigl 2013
La Quotidiana, Udir e leger rg sin stgalim superiur, 27 da november 2015.
La Quotidiana, Universitad da Turitg: Finanziaziun professura è clera – l'assistenza betg, 15 da december 2017
La Quotidiana, www.pledarigrond.ch, 23 da matg 2006
Lindenbauer et al., Die romanischen Sprachen – eine einführende Übersicht, G. Egert Verlag, Wilhelmsfeld 1994
Liver, R., Der Wortschatz des Bündnerromanischen, Elemente zu einer rätoromanischen Lexikologie, Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG, Tübingen 2012
Pieth, E., Bündnergeschichte, Cuira 1945
Planta, R., Schorta, A., Rätisches Namenbuch, tom 1, Materialien, 1972, tom 2, Etymologien, surlavurà ed edì dad A. Schorta, Francke Verlag, Berna 1985
Publicaziuns rumantschas. Register da tut las ovras en vendita tar la Lia Rumantscha, 2004
Studis Romontschs 1950 – 1977, Bibliographisches Handbuch zur romanischen Sprache, Literatur, Geschichte, Heimatkunde und Volksliteratur mit Ausblicken auf Nachbargebiete, Romanica Raetica, tom 1, materialias, tom 2, register, Società Retorumantscha, Cuira 1977/1978
Widmer, K., Bündnerromanisch 1977 – 1983, Bibliographischer Abriss, laufende Projekte, Sprachpolitik, Cuira 1982
Widmer, K., Bündnerromanische Publikationen 1980 – 2004, en: Annalas da la Societad Retorumantscha, Cuira 1980 ss.