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Ein Bild, so heisst es, sagt mehr als tausend Worte. Das gilt gewiss nicht für jedes Bild, und auch nicht jedes Kilowort hat gleich viel Aussagekraft. Aber es wäre schwer, mit tausend Worten so viel gegen die Geisseln der Menschheit zu sagen, wie es einige Sinnbilder der jüngeren Weltgeschichte tun: das von Napalm verbrannte Mädchen in Vietnam; der Mann, der sich in Peking einem Panzer entgegenstellt; der ans türkische Ufer gespülte Leichnam eines Flüchtlingsbuben.
Aber selbst von diesen Bildern sagt ohne Worte keines viel mehr als: Hier wird einem Menschen ungeheures Leid angetan. Erst recht rufen die Bilder aus der gegenwärtigen Corona-Pandemie nach erklärenden Worten – und die fliessen denn auch zu Abertausenden, mit stark unterschiedlicher Aussagekraft. Von den Bildern kommen wohl die krassesten, aus überlasteten Intensivstationen, zum Glück nicht an die Öffentlichkeit. Stark eingefahren ist mir eine an sich harmlose Aufnahme: eine Kolonne Militärlastwagen in Bergamo. Die Bildlegende sagt, sie hätten Särge in Krematorien anderer Orte gebracht.
Bilder und ihre Wahrheiten
Schon 1862 liess der russische Schriftsteller Iwan Turgenjew in «Väter und Söhne» einen Geologen sagen: «Eine Zeichnung stellt mir das mit einmal vor die Augen, was zehn Seiten Beschreibung in einem Buche erfordert.» Im Internet kursiert der Satz meist als Gleichsetzung eines Bildes mit Dutzenden Buchseiten. Radio Bayern 2 zitierte 2017 eine solche Version als Vorläufer zu: «A look is worth a thousand words.» Das sagte der amerikanische Werber Frederick Barnard 1926 zu seinem Einfall, auf der Aussenseite von Tramwagen Reklamebilder anzubringen.
Über «Ein Bild sagt mehr als tausend Worte» schrieb noch im gleichen Jahr der deutsche Autor Kurt Tucholsky unter dem Pseudonym Peter Panter: «Dem fotografierten Menschen rutscht manchmal aus Versehen die Wahrheit über das Gesicht, und wenn sie ihn gerade dabei fassen, ist es sein Pech.» Aber auch: «Weil ein Bild mehr sagt als hunderttausend Worte, so weiss jeder Propagandist die Wirkung des Tendenzbildes zu schätzen.» Denn so ein Propagandabild zeige «immer nur eine Wahrheit».
Andere Bilder zeigten dann andere Wahrheiten. «Aber um das Vollständige zu haben, tust du gut, dir deine Beschreibungen, deine Gespräche und deine Erfahrungen nicht von hunderttausend Worten illustrieren zu lassen, sondern von dem, was mehr sagt als sie: von einem Bild.» So schloss Tucholsky seinen Essay. Einen Grund für die geballte Aussagekraft von Bildern erfasste Friedrich Dürrenmatt 1975 so: «Eine der erstaunlichsten Fähigkeiten der Malerei (…) besteht darin, nicht analysieren zu müssen, sondern die Mehrdeutigkeit der Ereignisse oder der Dinge darstellen zu können.» (in: Notizen zu Hans Falk)
Komplexe Worte, zählbare Wörter
«Wir verstehen Komplexität eher in Bildern als in Text», ergab eine kürzlich im «Magazin» dargestellte Forschungsarbeit. Demnach blieben Präsentationen besser in Erinnerung, wenn sie neben Text auch Bilder enthielten. Den Inhalt mit andern zu diskutieren, trauten sich allerdings jene Versuchspersonen eher zu, die nur mit Text gefüttert worden waren: «Worte geben uns ein Gefühl von Sicherheit in einem Thema, das wir eigentlich gar nicht verstanden haben.» Dieses etwas boshafte Fazit ziehen die «Magazin»-Kolumnisten Krogerus und Tschäppeler. Somit hätten also Worte just jene Wirkung, die laut Tucholsky Propagandisten an Bildern so schätzen.
Noch ein Wort zur Mehrzahl: Sie lautet in aller Regel «Wörter», wenn die «kleinste selbstständige sprachliche Einheit von Lautung und Inhalt bzw. Bedeutung» gemeint ist. «Worte» aber heisst es u. a. für «etwas, was jemand als Ausdruck seiner Gedanken, Gefühle o. Ä. zusammenhängend äussert» (duden.de). Es dürfen gewiss auch, und beim Thema Pandemie bevorzuge ich das, belegbare Erkenntnisse sein. Aber Worte müssen es sein, denn Worte kann man wägen, Wörter kann man nur zählen.
— Zum Infosperber-Dossier «Sprachlupe»