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Von Michael Sennhauser | 20. Mai 2014 - 12:32
Es ist die letzte Einstellung von Still the Water, welche diesen grossartigen Film für unverdienten Spott exponiert: Die Teenager Kaito und Kyoko, welche sich zuvor auf jeweils eigene Weise mit ihren Müttern auseinandersetzen mussten, sind erwachsen geworden. Sie hatten den Sex, welchen der empörte Kaito seiner Freundin zuvor trotzig verweigert hat, und sie schwimmen im Meer, von dem Kaito zuvor nichts wissen wollte.
Dass die Bilder den Kitsch von The Blue Lagoon mit Brooke Shields evozieren, ist unglücklich, denn Naomi Kawases jüngster Film ist wie immer das pure Gegenteil davon. Niemand hat in den letzten Jahren feinere und zurückhaltendere Bilder gefunden für die Zyklen von Leben und Sterben, Lieben und Hassen, Eifersucht und Hoffnung, als die Japanerin.
Dabei begibt sie sich diesmal noch gründlicher in das animistische Territorium, in dem sie schon vor drei Jahren gegen Terrence Malick und seinen Tree of Life im Wettstreit um die Goldene Palme angetreten war, mit Hanezu no tsuki, und leider verloren hatte. Die stille Lyrik der Japanerin wurde damals von Malicks schwülstigem Opus Magnum einfach überrollt.
Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass Still the Water nun viel kompakter und von der Erzählhaltung her deutlich klassischer wirkt. Im Zentrum stehen der Junge Kaito und das Mädchen Kyoko. Sie sind Nachbarn und Freunde und sei gehen in die gleiche Schule auf der subtropischen japanischen Insel von Amami-Oshima.
Die ersten Einstellungen zeigen zunächst riesige Wellen, dann ein ruhiges Meer mit Steinküste. Und schliesslich Kaito, der neben einem schmalen Pier eine tätowierte männliche Leiche im Wasser findet. Er sagt niemandem etwas, aber er und Kyoko sind am nächsten Morgen in der Menge, als die Polizei den Körper aus dem Wasser fischt.
Kyoko hängt an dem Jungen, fährt im Stehen auf seinem Fahrrad mit und ihr Vater, der ein kleines Café führt, macht den Teenagern Abendessen. Denn Kaitos Mutter arbeitet in einem der Küstenhotels und ist selten zuhause.
Während Kyokos Mutter sterbenskrank ist, und schliesslich im Kreise von Familie, Freunden und Nachbarn mit Gesang in den versöhnten Tod begleitet wird, zeigt sich, dass Kaito sich mit der Trennung seiner Eltern nicht abfinden kann und dass er der Mutter insbesondere ihre Liebhaber übel nimmt.
Das sind die zwei einfachen Plotlinien, an denen Kawase eine ganze naturmystische Inselphilosophie aufhängt und durchspielt. Der Gelassenheit und Versöhnlichkeit von Kyokos Familie steht die Spannung und die Frustration von Kaito gegenüber.
Der Tod von Kyokos Mutter ist schmerzlich für alle. Und trotzdem wurde das Sterben nicht mehr so versöhnlich und schön inszeniert seit Kore-Edas Maboroshi no hikari.
Naomi Kawases jüngster Film berührt und trägt auf die ihr eigene stille und lyrische Art. Und er hat ein paar Momente der Wut und der Frustration, welche ihm gut tun. Der schönste ereignet sich, als Kyoko Kaito gegenüber die Bedürfnisse seiner Mutter verteidigt und der frustrierte Teenager verzeifelt ausruft, die Frauen täten immer so, als ob sie alles verstünden und begriffen hätten.
Kyoko anwortet darauf sehr bestimmt, sie verstehe auch nicht.
Und dann gibt es da noch die eben so rührende wie komische Surf-Theorie von Kyokos Vater, der erklärt, beim Surfen in der Gewalt der Wellen gebe es einen Moment, in dem man nichts mehr sei, oder eins mit der Naturgewalt. Seine verstorbene Frau sei diese Welle für ihn gewesen, die grösste, stärkste.
Schon zu Beginn hat Kyoko Kaito davon erzählt, und dazu die Vermutung geäussert, so wie ihr Vater diesen Surfmoment schildere, so stelle sie sich Sex vor.
Am Ende des Films sind die Kinder keine mehr, sie waren eins und schwimmen unter den Wellen. Und darum ist auch das Bild absolut richtig.
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