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Reihe 9 # 49
Mit Sicherheit hat Wolfgang Amadé Mozart kein «Bingo» gespielt. Das heute in mehreren Ländern der Welt beliebte Spiel wurde erst 1929 vom amerikanischen Unternehmer Edwin S. Lowe spanischen Einwanderern abgeschaut, hiess zunächst «Beano» und erhielt durch einen zufälligen Ruf die heute gebräuchliche Bezeichnung. – Was also spielte Mozart, wenn er seine Violine beiseitegelegt oder sich von der Tastatur seines Hammerklaviers abgewandt hatte? Schenkt man dem Zeugnis des Komponisten Franz Seraph Destouches (1772–1844) Glauben, der in jungen Jahren eine Zeit lang als Cellist in der Kapelle des Fürsten Esterhazy sein Auskommen gefunden hatte, stand bei Mozart nicht nur das Kegeln hoch im Kurs, sondern mehr noch das Billardspiel: «Wann ein berühmter Billardspieler in Wien ankam, hat’s ihn mehr interessiert als ein berühmter Musiker. Er spielte hoch, ganze Nächte hindurch, er war sehr leichtsinnig.» Man darf sogar davon ausgehen, dass Mozart in den Wiener Jahren seinen unzweifelhaft hohen Jahresverdienst zu einem beträchtlichen Teil verzockte – in einem Mass, dass er später seinen Logenbruder Johann Michael Puchberg mehrfach um kurzfristigen Kredit bat wegen «Affairen», «Ungelegenheiten» oder «bewussten Sachen».
Abseits dieser trotz zahlreicher Indizien nicht letztgültig zu klärenden Spielleidenschaft reizte Mozart auch das Spiel mit Worten und Noten. Aus Paris etwa schreibt er am 5. April 1778 an den Vater über eine Besetzung (man beachte in der Aufzählung die gespiegelte Wortstellung sowie die alle Varianten bedienende Gross-/Kleinschreibung): «Nun werde ich eine sinfonie concertante machen, für flauto wendling, oboe Ramm, Punto horn, und Ritter Fagott.» Mozart wird sogar die Erfindung eines tönenden Gesellschaftsspiels zugeschrieben, das auch unmusikalischen Zeitgenossen kompositorische Betätigung erlaubt: Die Anleitung so viel Walzer oder Schleifer mit zwei Würfeln zu componiren so viel man will ohne musikalisch zu seyn noch etwas von der Composition zu verstehen ist noch heute lieferbar und dürfte daher so manchem konzertfreien Winterabend die Langeweile nehmen.
Unterhaltsam wäre vor diesem Hintergrund die für den 6. Dezember 2020 im Berliner Boulez-Saal angekündigte «Lotería Mozartiana» gewesen, die allerdings wie alles andere auch ersatzlos ausfiel. Dabei standen dort die Chancen auf einen Gewinn deutlich höher als bei der traditionellen spanischen Weihnachtslotterie «El Gordo». Auch wäre es allemal seriöser zugegangen als beim sogenannten Mozart-Bingo der Bild-Zeitung im Jahre 2006. Noch bevor überhaupt die am Ende nichtssagenden Ergebnisse einer DNA-Analyse exhumierter Skelette vorlagen, spielte das Blatt wieder einmal Fakten-Bingo und titelte selbstsicher: «Das letzte Geheimnis von Mozart gelüftet.» Man hätte ja auch einen Treffer landen können.
Und andere Komponisten? Hindemith spielte gerne mit seiner Märklin-Eisenbahn (und lud auch Kollegen dazu ein), Schönberg und Gershwin trafen sich einst regelmässig zu einem Tennis-Match, Brahms und Johann Strauss Sohn sollen leidenschaftliche Tarock-Spieler gewesen sein. Ohne Live-Konzerte ist einem momentan allerdings eher nach «Mensch ärgere dich nicht» zumute. Denn wer hat heute noch ernsthaft Lust auf eine Runde «Pandemic»?
Ihr
Michael Kube
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- Bildschirmfoto