Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03331.jsonl.gz/1176

Nein, «Casablanca» wurde nicht in Casablanca gedreht. Auch nicht in Tanger, ja überhaupt gar nicht in Marokko, sondern in einem Studio der Warner Bros. in Hollywood. Wissen wir alle längst. «Rick’s Café Américaine» ist reine Studio-Fiktion, Kulisse. Dennoch keine Kulisse, die einfach so aus der Luft (dem Hirn eines BühnenbildnersIn) gegriffen wurde. Dem Rick (Humphrey Bogart) sein Café ist eine Kopie des Restaurant «El Erz» im Luxushotel «El Minzah» in Tanger.
Gestern war ich da und hab‘ mir das angesehen. Das El Minzah ist ein Obermittelklassehotel im Zentrum der Stadt unweit des Hafens und der Medina. Die Nacht im günstigesten Zimmer mit Fenster in die Stadt kostet da um die 80€, eine Suite mit Sicht auf den Hafen etwa das Dreifache. Das Restaurant (als eines von sechs Bars und Restaurants) wird als Frühstückssaal benutzt. Der Bühnenbildner oder die -in in Casablanca hat ausser den Gewölbebögen nicht viel übernommen. Weder die riesige Fensterfront hat ihn/sie interessiert noch die üppigen Vorhänge noch die Bar gleich daneben. Er/sie hat die Bögen etwas in die Länge gezogen und alles in Weiss gehalten. Was dann herausgekommen ist, könnte eine Spelunke überall in Marokko sein oder eben doch aus der Luft gegriffen.
Dennoch wurde Rick’s Café berühmt. So berühmt, dass Massen von Touristen es in der Stadt Casablanca suchten und nicht fanden. Bis eine US-amerikanische Diplomatin es nachbauen liess. Rick’s unechte Spelunke gibt es nun in Casablanca zu sehen am 248 Boulevard Sour Jdid / Place Du Jardin Public. Wie man hört, halten es die Leute tatsächlich für den Drehort von 1942.
Wahrscheinlich war dieses Restaurant El Erz in Tanger der erste Schauplatz (wenn auch ein kopierter) für den Dreh eines westichen Kinofilms. Im Jahr 2015 wurde mit «Spectre» einer der letzten Filme in Tanger gedreht (bzw. Sequenzen daraus). Man erinnert sich: James Bond trifft sich in Tanger mit Madeieine Swann (Léa Seydoux) im Hotel «L’Américain» (was für eine Parallele!) und verbringt mit ihr eine Nacht bevor sie am nächsten Tag den Firmensitz des Bösewichts (Christoph Waltz) ausräuchern. Auch dieser Drehort war totaler Beschiss am Volk. Das L’Américain gab und gibt es nicht. Die Dreharbeiten haben in einem privaten Riad in der Medina namens «Dar Lidam» stattgefunden. Doch auch das haben Filmfans rausgefunden. Nur hier zeigt sich der Besitzer nicht so gästefreundlich wie der Hotelier im El Minzah. Er, so er denn überhaupt mal da ist (es ist sein Ferienhaus), lässt keine wildfremden Touristen in sein Haus. Was ja nachzuvollziehen ist.
Bei Casablanca, der eigentlich als Anti-Nazi-Propagandafilm gedacht war, musste gespart werden. Für die Kulisse des Cafés wurden 5000$ budgetiert (am Schluss kostete sie das Doppelte), der ganze Film kostete eine knappe Million Dollar. Gedreht wurde fast nur im Studio. Für Spectre betrug das Budget 245 Mio $, für die wenigen Sekunden, die der Film aus Tanger zeigt, reisten 100 Leute für zwei Wochen nach Tanger und belegten 1500 Hotelnächte. Das Quartier in der Medina, in dem die Dar-Lidam-Szenen gedreht wurden, wurde für zwei Tage komplett abgesperrt.