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Im Finale der Weltmeisterschaft 2014 trifft die deutsche Nationalmannschaft auf Argentinien. In gewisser Weise steht dieses Aufeinandertreffen auch für ein Duell zwischen zwei verschiedenen Fussballphilosophien.
Deutschland definiert sich nicht über ihre Stars; einen wirklichen Superstar, der das Kollektiv überragt, haben sie ohnehin nicht. Mesut Özil, Thomas Müller, Manuel Neuer, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos und Co. sind herausragende Spieler, die international einen hohen Stellenwert geniessen, aber sie sind keine absoluten Weltstars und werden auch aus taktischer Perspektive nicht dermassen fokussiert in das Spiel ihrer Mannschaft eingebunden.
Stattdessen agieren die Deutschen individuell gleichberechtigt und auf der Suche nach einem ausgewogenen Kollektiv, in welchem die jeweiligen Stärken aller Spieler genutzt werden, während die Mitspieler die Schwächen neutralisieren.
Taktisch sieht das dann so aus, dass im Pressing Khedira häufig die längeren, schnellen Wege macht, Kroos sehr balancierend agiert und Schweinsteiger diese beiden gegen den Ball absichert, wenn sie wie im Halbfinale im 4-1-4-1/4-1-3-2 pressen. Bei einem 4-4-1-1 ist es dann beispielsweise Kroos, der höher spielt und das Pressing eher vorsichtig leitet, die Rolle als primär herausrückender und Druck erzeugender Achter kann also variieren; sogar im 4-1-4-1.
In Ballbesitz dient Kroos wiederum als Verbindungsspieler, Khedira öffnet Räume und die Flügelstürmer werden in hohen Zonen meistens als kreative Akteure (Götze, Özil) oder als tororientierte Aussen (Müller, Schürrle) genutzt.
Solche Synergien und gemeinsame kollektive Arbeit fehlen bei den Argentiniern; stattdessen arbeitet das Team für ihre Superstars in der Offensive – und sogar diese dienen meistens nur als Zuarbeiter für Messi. Der Superstar des FC Barcelona hat als hängender Stürmer im 4-4-1-1 eine Freirolle, lässt sich hierbei meistens in den rechten Halbraum zurückfallen und startet dort seine Dribblings.
Im Aufbauspiel wird fast immer nach einer Option gesucht ihn einzubinden, über rechts wird er vom aufrückenden Aussenverteidiger Zabaleta unterstützt, ebenso wie dem raumschaffenden Flügelstürmer Lavezzi, während der Linksaussen (zurzeit wohl Enzo Perez) und Mittelstürmer Higuain sich als Anspielstationen anbieten.
Mehr ist hinter dem Offensivkonzept der Argentinier eigentlich nicht zu finden: Sie versuchen Anspiele auf Messi, erzeugen rechts eine lokale Kompaktheit mit einer ballfernen Verlagerungsmöglichkeit und hoffen auf einen Geniestreich oder einen improvisierten Durchbruch zum Tor. Das ist zwar simpel, aber kann dennoch gefährlich sein und man darf davon ausgehen, dass sich die Deutschen darauf einstellen werden.
Bislang zeigte Deutschland im Turnierverlauf schon unterschiedliche Pressingformationen und Abläufe. Sie hatten Spiele in einem 4-4-1-1 oder auch im 4-3-3 mit vorgezogenen Flügelstürmern, dazu kamen 4-1-4-1-Formationen mit unterschiedlichen Herausrückbewegungen: Manchmal schoben die Achter nach vorne, manchmal die Flügelstürmer oder es wurde asymmetrisch gehandhabt.
Gegen Argentinien wäre es beispielsweise möglich, den gegnerischen rechten Halbraum schon frühzeitig zuzustellen. Dann würde Deutschland beispielsweise in einem 4-4-1-1 spielen, welches darauf ausgelegt ist den Spielaufbau des Gegners direkt auf den linken Aussenverteidiger zu leiten. Bei Argentinien könnte man Rojo auf links durchaus als schwächstes Glied in der Kette sehen.
Allerdings könnte Argentinien einer solchen Idee einen Strich durch die Rechnung machen. Mit Perez – oder Di Maria, der womöglich noch fit wird – haben sie auf links einen sehr einrückenden, dynamischen und kombinationsstarken Akteur. Sie könnten dann von der Seite in die Mitte spielen und womöglich gefährlicher werden, als wenn man sie auf rechts isoliert und ihnen das Zentrum versperrt.
Fraglich wird natürlich auch, wie sich Messi zurechtfinden wird. Bei der Weltmeisterschaft 2010 nahmen ihn die Deutschen hervorragend aus dem Spiel, auch die Bayern in der vorletzten Saison der UEFA Champions League nutzten ein 4-4-2-0 mit enorm kompakter Blockbildung, um Messi bei der Ballannahme direkt mit mehreren Spielern zu bedrängen.
Wie genau das mit dem aktuellen deutschen System und der argentinischen Art der Einbindung Messis aussehen wird, bleibt abzuwarten. Doch Deutschland wird sich nicht nur auf die Defensive, sondern auch auf die Offensive konzentrieren müssen.
Eigentlich sind die Argentinier defensivtaktisch ähnlich wie offensiv: Eine zerrissene, zerstückelte Mannschaft mit viel Improvisation und geringer Struktur. Der Messi ihrer Defensive heisst Javier Mascherano, der fast im Alleingang weite Räume abdeckt, Fehler seiner Mitspieler korrigiert und unpassende Staffelungen balanciert.
Zu dem Faktor der individuellen Qualität, welchen neben Mascherano auch Garay defensiv als Stütze auf höchstem Niveau erfüllt, kommt aber eine gewisse unangenehme Nebenwirkung der argentinischen Spielweise.
Mit ihrer Spielweise – insbesondere der tieferen Ausrichtung – können sie dem Spiel einen sehr unangenehmen Rhythmus geben, der meistens sehr träge wird. Der Gegner kann dann kaum effektiv und konstant Durchschlagskraft erzeugen, im letzten Drittel mangelt es an bespielbaren Verbindungen und Argentinien konzentriert sich dann eher auf das Konterspiel nach Balleroberungen.
Bei den Kontern selbst sind sie aber überaus stabil und zurückhaltend, weil sie nur mit einzelnen Spielern attackieren, nur nahe aneinander grenzende Zonen besetzen und sehr kompakt mit vielen Spielern hinter dem Ball absichern.
Dieser Rhythmus kommt den Argentiniern natürlich entgegen. Von den Spielern her sind sie in der Breite individuell unterlegen und auch taktisch sind sie als Mannschaft schwächer; doch eine gute strategische Anpassung Sabellas, ihr unangenehmes Tempo und ein Genie namens Messi könnten dieses Spiel dennoch zugunsten des südamerikanischen Aussenseiters gestalten. Die Stabilität und Durchschlagskraft der Deutschen werden entscheidend sein.