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János Tamás (1936–1995)
16.12.2011
ungarisch-schweizerischer Komponist
Die Paul Sacher Stiftung hat den Nachlass des ungarisch-schweizerischen Komponisten János Tamás (1936–1995) übernommen und damit ihren Sammlungsschwerpunkt zur ungarischen Musik des 20. Jahrhunderts (Béla Bartók, Antal Doráti, Sándor Veress, György Ligeti, György Kurtág, Peter Eötvös) ergänzt. Die Sammlung János Tamás umfasst Skizzen und Reinschriften zum gesamten kompositorischen Schaffen sowie Korrespondenz, Tonträger, Programmhefte, Rezensionen und weitere Dokumentationsmaterialien; sie steht der Forschung ab sofort im Archiv der Stiftung am Basler Münsterplatz zur Verfügung.
János Tamás wurde 1936 in Budapest in eine jüdische Kaufmannsfamilie geboren. Seine Kindheit war überschattet von der deutschen Besatzung, doch blieb er im Versteck vor dem Zugriff der Nationalsozialisten bewahrt. Nach Kriegsende studierte Tamás am Béla-Bartók-Konservatorium Klavier und wurde 1956 an die Franz-Liszt-Akademie aufgenommen, wo er noch kurz bei Ferenc Farkas Kompositionsunterricht erhielt. Während des Ungarnaufstands im Herbst desselben Jahres floh der junge Musiker über Wien in die Schweiz und fand ein Zuhause bei der kunstsinnigen Familie Max und Maggie Matter-Tobler in Schönenwerd, die ihn nicht nur wie einen Pflegesohn aufnahm, sondern auch seine Musikerlaufbahn tatkräftig unterstützte. Während der ersten Schweizer Jahre besuchte Tamás Meisterklassen für Klavier bei Walter Frey und Karl Engel und nahm Dirigierunterricht bei Paul Müller-Zürich und Pierre Boulez. Für seine kompositorische Entwicklung war der Unterricht bei seinem Landsmann Sándor Veress in Bern prägend. Nach einem ersten Engagement als Korrepetitor am Opernhaus Zürich wurden Dirigieren und Klavierpädagogik zu tragenden Säulen seiner Existenz. Seit den 1960er Jahren wirkte Tamás als Dirigent des Städtebundtheaters Biel-Solothurn und des Orchestervereins Aarau sowie als Hauptlehrer für Klavier an der Alten Kantonsschule Aarau.
Im Nachlass, der nun vom Förderverein János Tamás der Paul Sacher Stiftung übergeben wurde, befinden sich Dokumente zum gesamten Schaffen, darunter auch die Manuskripte der noch in Ungarn entstandenen Jugendwerke. Das – teilweise noch nicht publizierte – kompositorische Œuvre von Tamás, insgesamt über 120 Werke, umfasst mehr als ein Dutzend Orchesterwerke und mehrere Oratorien (darunter das Hauptwerk Das infernalische Abendmahl); neben Solo- und Chorliedern sowie Kammermusik für die verschiedensten Besetzungen nehmen die Werke für Klavier (u. a. ein Konzert, uraufgeführt 2009 durch das Kammerorchester Basel, und drei Sonaten) eine zentrale Stellung im Schaffen ein. Das Komponieren von Tamás bewegt sich bewusst im Zeichen der (ungarischen) Tradition und lässt auch Anklänge an das große Vorbild Béla Bartók zu; zugleich suchte der Komponist nach einer eigenen Klangsprache, die charakterisiert ist durch das Ausloten instrumentaler Möglichkeiten, aber auch durch eine starke Innerlichkeit. Von Tamás' vielseitigem Werk, das zu Lebzeiten kaum über regionale Grenzen hinaus wahrgenommen wurde, bleibt noch vieles zu entdecken.