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Guatemala - in fernen Jahrhunderten selbst Projektionsfläche einer idealen Welt (die „guten Wilden“ des Fray Bartolome de las Casas) - findet sich nach einer für die 3. Welt typischen Geschichte der Kolonialisierung und Ausbeutung im Spannungsfeld eines neuzeitlichen Imperialismus wieder, der ihm unter anderem 20 TV-Satelliten-Programme rund um die Uhr beschert. Die aktuelle Situation - ein Land im Belagerungszustand - ist eine Frucht der jahrhundertealten Unterdrückung und Entmündigung Guatemalas, die sich bis in die Gegenwart fortsetzt und die Eduard Winiger exemplarisch an einem Jahrzehnt aus der neueren Zeit über die Geschichte eines Mannes, Marcel Reichenbach, und eines Mediums, des Films, dokumentiert hat.
Reichenbach, 1922 im Kanton Bern geboren, als Kind mit den Eltern nach Mexiko und später nach Guatemala ausgewandert, mußte seine Arzt-Ambitionen aus finanziellen Gründen aufgeben, wurde Optiker und „aficionado del eine“ (Kinoliebhaber). Zusammen mit dem befreundeten Kinderarzt Monson dreht er aus sozialem Engagement Ende der vierziger Jahre den ersten Dokumentarfilm Guatemalas, dem weitere folgen: aufklärerische Filme über medizinische Vorsorge, die Hygiene und eine ausreichende Ernährung als wichtigste Mittel gegen die Kindersterblichkeit propagieren. Die politische Interpretation liefert Winiger mit Kommentar und Wochenschaubildern, die die Sozialreformen des fortschrittlichen Gespanns Arevalo/Arbenz, deren demokratisches Regierungsjahrzehnt 1954 durch Umtriebe des CIA abgebrochen und von einer drei Jahrzehnte andauernden Militärdiktatur abgelöst wurde, illustrieren.
Der Umsturz zeitigt auch Folgen für Reichenbach: Stummer Zeuge seiner Zeit, dreht er nun Werbespots für das neugeschaffene Fernsehen im Stil des „american way of life“. Reichenbachs „Liebhaberfilme“, die er im Freundeskreis dreht, tauschen den Surrealismus früherer Jahre mit der Parodie des einzig von Geldgier vorangetriebenen Krimis.
In einem kaleidoskopartigen Mosaik stellt Winiger die anklagenden Bilder der früheren Filme Rcichenbachs den lächelnden Vertretern und Vertreterinnen des „unerbittlichen Fortschritts“ in der Werbung, auf dem Hintergrund der Verfolgungsjagden seiner Freizeitfilme, gegenüber. Die mit Reichenbach zaghaft begonnene landeseigene Filmproduktion ist vergessen und beschränkt sich heute auf Werbefilme nach dem Vorbild Nordamerikas („Toda Guatemala consume“ lautet ihr Slogan), die mit Zynismus die Kultur und die eigentlichen Probleme des Landes ignorieren.
Winigers Film zeichnet ein komplexes Bild politischer Zusammenhänge und veranschaulicht anhand von Nebenprodukten der Filmhistorie eine vielschichtige Aufarbeitung einer verdrängten Geschichtsepoche.