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Die beiden Nachbarn von Knockananna
- erschienen im September 2011 im Beiheft vom Luzerner Kulturmagazin, 'Literaturpause'
Nach langem habe ich, nebst der Arbeit am gegenwärtigen Roman, wieder an etwas anderem geschrieben.
Die beiden Nachbarn von Knockananna
Lange beschäftigte mich eine Geschichte, eine seltsame, unglaubliche Geschichte, die mir während meiner Reisen ein leutseliger Ire in einer abgelegenen irischen Kneipe, einem Pub namens „The Wagon Wheel" anvertraute, und die sich - sollte sie tatsächlich wahr sein - im dortigen irischen Ort zugetragen hat, in Knockananna, Wicklow County, im Jahr ----.
Im beschaulichen 200-Seelendorf, das sich meilenweit über satte grüne Weiden und waldige Hügel erstreckt, leb(t)en zwei Männer älteren Semesters, die unverheirateten Bauern John Foley und Jack Jacob*, die durch das häusliche Erbe ihrer Vorfahren seit dem Tag ihrer Geburt zu Nachbarn wurden, unfreiwillig, genauso wie ihre Väter und Grossväter davor. Wie mein leutseliger Ire an der Stelle vorausschickte, war jeder der beiden Männer von aufrechtem Charakter, dickköpfig zwar, aber keineswegs ohne Humor, solange einem in den alten, vergangenen Tagen nicht das Pech unterlief, den einen in Anwesenheit des anderen anzutreffen; was manchmal in einem örtlichen Geschäft oder auch im Pub unweigerlich vorgekommen war. Sicher ist, dass die beiden einander von Herzen hassten, aus einem Grund, dessen Ursache unter dem Gewicht so vieler Jahre begraben lag, dass wahrscheinlich keiner von ihnen mehr hätte sagen können, weswegen schon der blosse Anblick des anderen genügte, die Körpersäfte beider zum Kochen zu bringen.
Manche Bürger des Ortes wollten damals besser darüber Bescheid wissen und sagten, es hätte sich um eine bekannte Dorfschönheit gehandelt, die beide in ihrer Jugend begehrten und die für die Rivalität verantwortlich zeichnete. Andere behaupteten, die Ursache für die gegenseitige Ablehnung liege viel weiter in der Vergangenheit, schon deshalb, weil bereits die Väter und Grossväter von John Foley und Jack Jacob sich nie gut verstanden hatten. Die Dorfältesten, die das sagten, waren ausserdem der Meinung, dass der generationenübergreifende Streit massgeblich mit dem ominösen Verschwinden von Jack Jacob's Urgrossvater - James Abraham Jacob - zu tun hatte.
Jener war eines Tages, es war im Frühsommer 1897 gewesen, nicht wieder von der Feldarbeit nach Hause zurückgekehrt. Es hatte weder einen Hinweis gegeben noch irgendeine Nachricht, und so galt er vorerst als vermisst, bis er zwei Jahre nach seinem Verschwinden „der Form halber" für tot erklärt wurde. Seiner vermeintlichen Witwe, die dergestalt mit den gemeinsamen sieben Kindern zurückblieb, sagte man indes ein unfreiwilliges Geständnis nach, welches sie angeblich 1937 auf dem Totenbett aussprach. Wenn es denn stimmte, dann hatte sie im letzten Todeskampf unter Fieber die geheime Liebesaffäre offenbart, die ihr lange verschollener Gatte, mit ihrem schmerzlichen Wissen, zu Lebzeiten mit der Frau des nächsten Nachbarn und also mit William Foley's Frau unterhielt ...
Mein leutseliger Ire meinte grinsend, beide Behauptungen würden vermutlich stimmen, und ausserdem noch viele andere, denn so viel Hass und Zwistigkeit könne zwar sehr wohl durch das eine oder andere in Gang gebracht, niemals aber nur durch ein Frauenzimmer erhalten bleiben, das, so lachte er schallend, vor 38 Jahren schliesslich einen Dritten geheiratet hatte.
Den Kern der mir anvertrauten Geschichte, auf den ich nun ohne Umschweife zu sprechen kommen möchte, machen jedoch ganz andere Begebenheiten aus. Es ist eine recht haarsträubende Geschichte, die sich zwischen John Foley und Jack Jacob erst vor ein paar wenigen Jahren ereignet haben soll; wobei das Verschwinden des Hundes von John Foley seinerzeit ausschlaggebend gewesen war.
Als Schafhirte einiger dutzend Schafe besass John Foley seit Jahren ein und denselben English Setter. Der betreffende Hund war ein so genannter „liver belton", was bedeutet, dass sein Langhaarfell, das bei diesen Hunden in der Grundfarbe immer weiss ist, eine ausgeprägte braune Tüpfelung aufwies. John Foley liebte seinen grossen Vorstehhund, der mit seinem angeborenen Jagdinstinkt die Schafe stets im Auge behielt und auf jeden von Foley's verschiedenartigen Pfiffen folgsam reagierte. So sehr er seinen eigenen Hund hegte und liebte, genauso gern liess er seinem Spott ob Jack Jacob's deutschem Hund freien Lauf, der ein Pudelpointer mit weizenfarbenem, dichtem Drahthaar war, ein „Nazihund", wie Foley ausserdem zu sagen pflegte. Jack Jacob schoss allerdings stets mit gleichem Pulver zurück, und er gab sich auch keine Blösse, wenn es um Foley's English Setter ging! Wie mein leutseliger Ire wissen liess, ist der English Setter eine anerkannte englische Hunderasse, und als solche bezeichnete Jack Jacob Foley's Hund abschätzig als „Verräterrasse", die nur der unter Iren verhasste Oliver Cromwell mit teuflischem Weitblick ins irische Land hineingebracht haben konnte.
Solcherart Kommentare über den besten Freund des anderen waren in den einzigen beiden Pubs des Ortes mehr als einmal vernommen worden, und wie mein leutseliger Ire mir versicherte, hatten sie stets für viel Gelächter gesorgt.
Es heisst, ein überaus düster gestimmter John Foley sei eines Nachmittags im Pub aufgetaucht, nicht um zu trinken, sondern die wenigen Gäste darüber zu befragen, ob sie seinen English Setter irgendwo gesehen hätten. Da niemand ihm Auskunft geben konnte, ging John Foley bald wieder wortlos davon. Nicht lange danach betrat Jack Jacob den Pub, der, nach einigen Worten der Erklärung aufseiten des Wirtes, ebenfalls nichts über den Verbleib von Foley's „dreckigem Köter" wissen wollte. Wie zu erwarten war, machte Jack Jacob keinen Hehl daraus, wie herzlich egal ihm der Verbleib von Foley's Hund war: „Wenn er das Weite gesucht hat, ist der Köter anscheinend doch klüger, als ich dachte!", bemerkte er nur. Dabei lachte er in diebischer Freude über den suchenden Foley; und da alle Anwesenden die beiden Streithähne kannten, fand auch niemand etwas Merkwürdiges daran, als Jack Jacob anschliessend mehr Guinness trank als üblich und glänzender Stimmung war.
John Foley's English Setter blieb spurlos verschwunden, sodass Foley sich bald gezwungen sah, einen neuen Hund anzuschaffen, nämlich wieder einen English Setter mit brauner Tüpfelung.
So vergingen annähernd drei Monate, als einige Bewohner von Knockananna, an einem nasskalten Samstagmorgen im September, den im Ort selten gesehenen Polizeiwagen bemerkten, der schliesslich auf Jack Jacob's Hof anhielt. Jack Jacob selbst hatte die Polizei angerufen, nachdem jetzt sein Hund verschwunden war! Und wie er der Polizei gegenüber sagte, gab es für ihn nicht den leisesten Zweifel, dass John Foley seinem Pudelpointer übel mitgespielt hatte.
Um mit den Worten meines leutseligen Iren fortzufahren:
„Jack Jacob steht also vor dem Polizisten, und mit einemmal dämmert ihm, dass er mit dem Anruf an die Polizei womöglich zu überstürzt gehandelt hat. Schliesslich ist er selbst derjenige, der drei Monate vorher damit angefangen hat, indem er zuerst Foleys Hund den Hals umdrehte, und nicht genug, steckt der verdammte Kadaver von dem English Setter ja immer noch in seiner Gefriertruhe! Also was tut er? - Er entscheidet sich anders und lässt den Polizisten mit einer Entschuldigung gehen.
Was John Foley, der alles vom Nachbarhaus beobachtet hat, natürlich freut! Drei Monate hat er gewartet, bis er sich jetzt endlich an Jacob gerächt hat. Er hat seine Wut über den Verlust seines geliebten Hundes lange genug vor Jacob hinuntergeschluckt, ihm nie auch nur im mindesten einen Vorwurf gemacht, obwohl er von Anfang an wusste, dass nur Jack Jacob für das Verschwinden seines English Setter verantwortlich sein kann. Foley hat also wohlüberlegt zugewartet, aber nicht nur, um mit dem Ablauf einer längeren Zeitspanne den Verdacht einer Affekthandlung seinerseits zu entkräften. Nein, er hat auch gewartet, weil er erst herausfinden musste, wann und zu welcher Uhrzeit er am ehesten an Jacob's Pudelpointer herankam, ohne dass Jacob es merkte.
Aber auch sonst hatte Foley vorausschauend Vorkehrungen getroffen. Er hat sein Ziel sauber anvisiert. Bevor er sich Jacob's Hund endlich holte, brachte er auf seinem Land die Holzzäune in Ordnung. Er spitzte während mehreren Tagen neue Zaunpfähle in den Boden und grub sogar ein paar grössere Steine aus, wozu er natürlich Pickel und Schaufel benötigte. Das alles tat er aber in erster Linie, um später Jacob's Pudelpointer - oder was noch von ihm übrig war - so unauffällig wie möglich am helllichten Tag zu verscharren.
Foley hat sich Jacob's Hund schliesslich vorgenommen, nachdem Jacob weniger vorsichtig geworden ist und er den Pudelpointer wieder sorglos draussen in der Hundehütte lässt. Foley nähert sich dem schlafenden Pudelpointer. Es geht schnell. Er tötet ihn mit einem am Schädeldach des Hundes ausgeführten Bolzenschuss, so wie er jeweils seine eigenen Schafe tötet, bevor er sie schlachtet. Er steckt den Pudelpointer in einen Sack und macht sich sogleich auf zu der Stelle auf seinem Land, wo eine ansehnliche kleine Grube bereits wartet. Die Grube ist dummerweise ein wenig zu klein, sodass Foley nochmals tüchtig in die Hände spucken muss, damit er den verhassten Hund schleunigst unter die Erde kriegt. Aber was passiert? - In einiger Entfernung kommt auf einmal ein Autobus dahergefahren! Es ist sicherlich niemand aus der Gegend, der um die Mittagszeit an Foley's Land entlangfährt, sondern eindeutig ein fremdes Auto, auf dessen Dach ein auffälliges, merkwürdiges Gestell montiert ist, welches der innehaltende Foley beim Vorbeifahren des Gefährts verblüfft betrachtet. Der alte Foley hat die Kameralinsen nicht erkannt, die an der Stange angebracht waren und in einem Winkel von 360º alles fotografisch aufzeichneten. Es war ein Gefährt der Firma „Google Earth", und im Nachhinein hat man hier Foley, samt der Schaufel, der Grube und dem Sack, in dem der Hundekadaver steckte, im Netz entdeckt. Er wurde sauber abgelinst und man kann ihn noch immer sehen, wie er staunend den Mund offenhält, ob Sie's glauben oder nicht ..."
Das weisse Gefährt mit den dunkel getönten Scheiben hat Foley dann auch verunsichert. Er bricht das Unterfangen ab, um den Kadaver ein Andermal, bei Nacht und Nebel, an einer günstigeren Stelle zu verscharren, nämlich zwischen den beiden mehrhundertjährigen Eichen, wo dicht wilder Ginster wächst. Bis es soweit ist, friert Foley den Kadaver ein, so wie Jacob den Kadaver von seinem English Setter ohne sein Wissen immer noch eingefroren hält.
Es ist eine mondhelle Oktobernacht, in der Foley Jacob's Hund endlich dem Erdreich übergeben will. Nachdem er am Fuss des alten Ginsterstrauchs eine Zeitlang gegraben hat, macht er auf einmal eine grauenvolle Entdeckung. Die Forensiker werden später herausfinden, dass es sich bei dem Skelett mit allergrösster Wahrscheinlichkeit um die sterblichen Überreste von James Abraham Jacob handelt, der eben Jack Jacob's Urgrossvater war, der vor über einhundert Jahren ohne Nachricht spurlos verschwand.
Wie mein leutseliger Ire zum Schluss sagte, hat der zufällige grausige Fund von James Abraham Jacob's sterblichen Überresten eine Veränderung zum Guten zwischen John Foley und Jack Jacob bewirkt. Was Jack Jacob aus den noch vorhandenen Tagebüchern der betrogenen Urgrossmutter insgeheim schon lange bekannt war, wurde mit der Findung des Skeletts seines Urgrossvaters endlich zu einem wirklichen Bild, worin die Schuld beider Familien-Ahnen ersichtlich und erklärbar war.
Ich lud den Iren auf ein weiteres Guinness ein. Er dankte. „Sláinte! Seither hat's in Knockananna keine Sensationen mehr gegeben!"
* Sämtliche Personen-Namen wurden aus Gründen der Pietät geändert.