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(Kt. Tessin,
Bez. Leventina).
670 m. Gem. und Pfarrdorf, an der Strasse
Biasca-Airolo, am linken Ufer des Tessin und 3 km
sö. der Station
Faido der Gotthardbahn. Gemeinde, mit
Lavorgo: 54
Häuser, 395 kathol. Ew.; Dorf: 26
Häuser, 172 Ew. Viehzucht.
Sehr alte, schon 1229 erwähnte Pfarrkirche zu
Santa Maria, mit kostbarem Holzaltar gotischen Stiles aus dem Beginn des 16. Jahrhunderts.
Von der dem
See entlang ziehenden
Landstrasse von
Vevey nach
Villeneuve führt uns ein gedeckter
Steg auf steinernen Pfeilern
über einen zum Teil künstlichen
Graben zum Schlosseingang. Dieser einst wassergefüllte Schlossgraben sollte der dem Angriffe
von Aussen her am meisten ausgesetzten Ostseite der Burg zu verstärktem
Schutze dienen. Auf dieser
Seite
ist die mit zwei Reihen von Schiessscharten versehene Ringmauer durch drei zum
Graben halbrund vorspringende und mit Mordgängen
(mâchicoulis) gekrönte Türme bewehrt. In deren mittlerem (Z1) befinden sich die berüchtigten Verliesse, die der Tradition
Stoff zu unheimlichen Geschichten geliefert haben, in Wahrheit aber nie als Falltüren (oubliettes)
verwendet worden sind, sondern einfach einer Ausfallspforte als Wehrgänge dienten.
Nach Ueberschreiten des von den Bernern an Stelle der früheren Brückenpritsche erstellten Holzsteges treten wir durch ein
in seiner heutigen Gestalt aus dem Jahre 1835 stammendes
Thor in einenHof ein, wo zunächst zur Linken
ein mächtiger
Turm, der Thorturm (B), auffällt, dessen Fensteröffnungen und zwei
Türen im Niveau des
Hofes (D) modernen
Ursprungs sind und der in ziemlicher
Höhe das Wappen des Geschlechtes von
Mülinen und den Namen des
Berner Landvogtes Hans
Wilhelm von
Mülinen trägt, auf dessen Anregung der
Turm restauriert und am
SchlosseChillon überhaupt
eine Reihe von baulichen Arbeiten vorgenommen worden, sind.
Die
S.-Seite dieses
Hofes fassen die an einen gedeckten Wallgang sich anlehnenden einstigen Stallungen (N und N1) ein, während
sich an die gegenüberliegende
Mauer die Brunnenterrasse (M) anlehnt, auf die sich zwei
Türen aus dem
Keller (L)
öffnen. Diese
Mauer ist von einem Wallgang gekrönt, der auf die den
Hof im Westen abschliessende
Mauer übergreift
und alle Teile der Verteidungswerke unter einander verbindet. Ueber die in der w.
Ecke des
Hofes zu einer Rundbogenthüre leitende
Treppe gelangen wir in ein sehr schönes Gewölbe (P), den ersten der Räume im Souterrain, der zwischen 1254 und 1264 erbaut
worden zu sein scheint.
Der von der Tradition übernommene Ausdruck «Souterrain» ist aber streng
genommen nicht zulässig, da diese Räume nie unter dem
Spiegel des
Sees, sondern immer zum mindesten zwei Meter darüber gelegen
haben. Von ihrer Errichtung an dienten die Gewölbe dieses Souterrains wahrscheinlich als Magazine und
Unterkunftslokale für die Mannschaften der Besatzung, sowie, in Zeiten der Not, als Zufluchtsort für die Bewohner der Umgegend.
Von dem zur Zeit der
Berner Okkupation als Zeughalle und Werkplatz für den
Bau von Kriegsschiffen verwendeten Mannschaftsraum
(Q) gelangt man in die
Halle der Verurteilten (R), in die eine Felsterrasse vorspringt und mit ihrer untersten
Stufe eine Art von
Lager bildet, das der Ueberlieferung nach den zum Tode Verurteilten während ihrer letzten Nacht zur Ruhestätte
angewiesen wurde.
Diesen Raum benützten die
Berner Landvögte aller Wahrscheinlichkeit nach als Zeughalle. Durch eine Spitzbogentüre
treten wir in eine dunkle, in drei verhältnismässig schmale und hohe Räume getrennte und von rundbogigen Quertonnen überwölbte
Halle (S) ein, wo einst die Hinrichtungen stattfanden und noch der als
Galgen dienende Querbalken mit Flaschenzug vorhanden
ist. Ihre vier Umfassungsmauern gehören einem einstigen, aus der Zeit vor dem 13., ja wahrscheinlich
selbst vor dem 12. Jahrhundert stammenden mächtigen
Turm an. Dann folgt das schöne, in der ganzen
Welt als Kerker Bonivards
bekannte Gewölbe, an dessen Stelle ursprünglich vielleicht bis zum 11. Jahrhundert zurückreichende Werke und eine 1224 erbaute
Veste des
Grafen Thomas I. stand.
Die mächtige Wirkung dieser
Halle auf den Besucher wird erhöht durch das überraschende und ausserordentlich
reizvolle Farbenspiel der von den bewegten Wellen des
Sees durch die Schiessscharten an die Gewölbe zurückgeworfenen Lichtstrahlen.
Neben dem Eingang lag vor Zeiten ein Verliess, in dem vielleicht Bonivards Freund,
Cottier, der zu dessen Befreiung ins Schloss Chillon
sich eingeschmuggelt hatte und dessen
Pläne entdeckt worden waren, eingeschlossen gehalten wurde.
Beim Versuche, des Nachts durch die vom Eingang aus gezählte dritte Schiessscharte zu entkommen, stürzte er auf die Felsblöcke
ab und starb. Mit Ausnahme vielleicht des dritten waren in die untersten Trommeln aller sieben Rundpfeiler eiserne
Ringe eingelassen.
Am fünften Pfeiler schmachtete Bonivard, und in den
Stein jenes dritten haben Byron, Alexander Dumas
und Quinet ihre Namen eingeschnitten. Beim Austritt aus den Souterrains in den zweiten
Hof (E) sehen wir dem Wallgang gegenüber
eine von Peter II. herrührende Gebäulichkeit vor uns, durch deren
Thor wir in die sog. Küche und den
Speisesaal (Q) gelangen. Es ist dies ein trapezförmiger Raum mit zwei prachtvollen, je aus einem einzigen Stamme Eichenholz
geschnittenen
Säulen, einem monumentalen Kamin aus dem 15. Jahrhundert, einem aus
Lutry kürzlich hierher verbrachten Faïenceofen
aus 1602, einem Buffet Henri II. und einem französischen Schrank aus dem 17. Jahrhundert, der hier aber
nur vorläufig aufgestellt ist und in dem die Archive
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der Vereinigung «ProChillone» aufbewahrt werden. Dem zweiten Hofe (E) schliesst sich der dritte (F) an, den rechts der gewaltige
Donjon oder Bergfried (I) und links die Grundmauern eines ehemaligen Turmes (S) flankieren, an dessen S.- und N.-Seite sich
um 1250 die heutigen Gebäulichkeiten anschlossen.
Auf ihr ursprüngliches Niveau ausgeräumt sind die benachbarten Hallen U, U1 u. U2. Die zweite
(U1), der Gerichtssaal, ist mit vier grossen Doppelfenstern, drei Säulen aus schwarzem Marmor, einem Kamin aus dem Jahre 1439 und
einer aus derselben Zeit stammenden Kassettendiele geschmückt. Der dritte Raum (U2) mit Decke aus dem 13. Jahrhundert
ist die Folterkammer, wo zahlreiche Unglückliche, besonders auch im 17. Jahrhundert viele der Hexerei
Angeklagte gequält worden sind.
Gegenüber erhebt sich der zentrale Bergfried (oder Donjon I) mit einer Höhe von 26 m. Rechts davon steht ein vierter Turm,
an dessen n. Ende die dem h. Georg geweihte Burgkapelle gefunden worden ist. Sie enthält zwei prachtvolle
Chorstühle aus geschnitztem Eichenholz, die zusammen mit zwei andern kleinern Stühlen aus der Kathedrale von Lausanne stammen.
Darunter befindet sich eine Krypta. Wenn wir in die Bel-Etage des den Hof F im N. abschliessenden Herzogsturmes (X) steigen,
öffnet sich uns zunächst das Schlafzimmer des Grafen von Savoyen mit einem Kamin aus 1336, Wandmalereien
(Spuren von dreimaliger Uebermalung, deren älteste aus 1341-1343 stammt) und den geschnitzten Eichenholzpfeilern eines Staatsbettes.
Nebenan, über der Folterkammer, liegt eine «Gardaroba», deren ursprüngliche
Einrichtung im 15. Jahrhundert völlig umgeändert worden ist, wie übrigens auch die des benachbarten, von den Bernern im 16. Jahrhundert
umgeänderten grossen Rittersaales über dem Gerichtssaal, den ein Kamin aus dem 15. Jahrhundert und die an der S.- u. W.-Wand
in einer Höhe von 2,07 m vom Boden unter der Decke angebrachten Wappen der von der Eroberung der Waadt
an bis zu ihrer Uebersiedelung
nach Vevey im Jahre 1733 auf Schloss Chillon residierenden bernischen Landvögte zieren. Unsern Rundgang
durch das Schloss beendigen wir, indem wir durch den Zwinger (H) am Zwingerturm (Z1) mit seinen schon erwähnten Verliessen
(oubliettes) vorbei wieder zum Thorhaus (A) zurückkehren.
Die Geschichte des Schlosses Chillon kann in vier Zeiträume eingeteilt werden: 1. Die Anfänge, vor dem 13. Jahrhundert; 2. die
Zeit der savoyischen Herrschaft; 3. die Zeit der BernerHerrschaft und 4. die Zeit seit dem Uebergang des Schlosses an die Waadt.
1. Anfänge.
Die Entstehung des Schlosses Chillon ist in Dunkel gehüllt. Es wird behauptet, dass die Felsklippe, auf dem es erbaut ist,
einst unter dem Spiegel des Sees gelegen habe und durch langsames Sinken des Wassers allmählich aufgetaucht sei. Dadurch entstand
eine Art von Vorgebirge, das auf der Landseite unmittelbar von steilen und unzugänglichen Felshängen überragt wird und
von Natur aus dazu geschaffen war, die von Avenches über Vevey und Chillon dem Seeufer entlang ins Wallis
und
über den Grossen St. Bernhard ziehende Römerstrasse zu beherrschen.
In der That bestand denn hier auch ein römisches Bauwerk, das zu Ende des 4. Jahrhunderts in Asche gelegt wurde. In der
die ganze Oberfläche der Felsklippe einst bedeckenden Schuttschicht hat man römische Ziegel und (im Hof
D) eine Münze aus der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts aufgefunden.
Ferner scheint hier im 9. Jahrhundert eine neue befestigte Anlage bestanden zu haben. Die Ueberlieferung, dass Graf Wala auf
Befehl Ludwigs des Frommen in Chillon gefangen gehalten wurde, ist nach den neueren Forschungen durchaus nicht aufrecht zu
erhalten.
Lange Zeit schweigt dann die geschichtliche Ueberlieferung von der Existenz eines Schlosses Chillon völlig, und auch die
ersten aus 1005 stammenden Nachrichten sind noch unbestimmt genug. Eine Urkunde aus jenem Jahre nennt als Eigentum des Bischofes
Hugo von Sitten ein bei Villeneuve gelegenes «Castellare», das vielleicht als unser Schloss gedeutet werden
darf.
Völlig sicher und unter seinem heutigen Namen erscheint Chillon erst im 12. Jahrhundert. 1150 besass es schon eine Besatzung
und einen eigenen Burgwart, die unter dem Befehl der Grafen von Maurienne-Savoyen, Lehensmännern des Bischofes von Sitten,
standen. Die durch vorspringende Türme verstärkte Ringmauer dieser Zeit war weder überall von gleicher
Höhe noch gleichmässig ausgebaut.
Seine eigentliche Bedeutung als fester Punkt erhielt Chillon, soweit bekannt, erst zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Der durch
seine ritterliche Gesinnung wohlbekannte Graf Thomas I. von Savoyen hatte die Bedeutung von Chillon erkannt u. 1224 seinem
Burgwart den Auftrag gegeben, ihm hier ein «Haus» zu bauen, das ungefähr an der Stelle der auf unserem
Plan mit U1 und U2 bezeichneten Räume aufgeführt war und dessen genaue Gestalt, Einrichtung u. Ausschmückung
die 1892 von Albert Næf vorgenommenen Untersuchungen festgelegt haben. Zu gleicher Zeit wurden die schon vorhandenen Türme
im Innern ihrem Zweck entsprechender ausgebaut und die Ringmauer auf der O.-Seite beträchtlich verstärkt. Auf Thomas folgte
sein Sohn Peter II., der nicht mit Unrecht den Beinamen des «Petit Charlemagne»
führte. «Stolz, kühn und schrecklich wie ein
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