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Autor Paul Morland
Paul Morland ist ein Demografie-Forscher an der Universität London und beschäftigt sich mit Geschichte, Ursachen und Folgen des demografischen Wandels. Auf knapp 400 Seiten geht er im Teil eins kurz auf den Zusammenhang mit Geschichte ein und widmet sich dann sehr ausführlich der Demografie in Europa – die Globalisierung der Demografie bildet dann den abschliessenden dritten Teil. Nach dem Autor gehts um nichts weniger als um die „Revolution der Bevölkerung, bzw. der Bevölkerungen“. Denn Morland schreibt der Demografie einen wichtigen Einflussfaktor für Geschichte und Entwicklung zu.
Buchkritik und Zusammenfassung
Demografische Studien waren früher vor allem aus militärischen Gründen wichtig – konnte doch daraus abgeleitet werden, mit welchem künftigen Bestand an Soldaten einmal zu rechnen sein wird. Heute ist sie eher ethnisch geprägt, um gesellschaftliche Veränderungen aufzuzeichnen. Im Wesentlichen rechnen Demografen mit der Geburtenrate (Geburten pro 1000 Einwohner), der Fertilitätsrate (Kinder pro Frau), der Sterberate (Fälle pro 1000 Einwohner) und der Lebenserwartung bei der Geburt. Daraus lässt sich relativ exakt das jährliche Wachstum einer Bevölkerung berechnen und extrapolieren.
Morland vertieft sich stark in die englische Geschichte und räumt mit vielen Mythen auf (England war eben kein klassisches Einwanderungsland). Das Bevölkerungswachstum war aber ein wesentlicher Faktor für den wirtschaftlichen Aufstieg und die industrielle Revolution in England. Er geht auch darauf ein, dass die „demographische Angst“ oft politisch missbraucht wurde oder auf die Eugenik-Bewegung. „In ihrer grossen Zeit warf man den Babyboomers vor, an den Grundfesten der westlichen Zivilisation zu rütteln. Nun, da ihr Pensionsalter naht, beschuldigt man sie, das Wirtschaftssystem zu melken, das eigene Nest üppig auszupolstern und mit ihren Ansprüchen den Sozialstaat zu untergraben“, so der Autor mit einem sehr aktuellen Zitat. Nun eine kurze Tour d’horizon über den Erdball:
- In Kalifornien sank der Anteil der „weiss-europäisch“ eingestuften Einwohner zwischen 1980 und 2010 von 70% auf 40%.
- 2030 wird Chinas Bevölkerung den Peak von 1,5 Mia erreicht haben und dann schrumpfen
- Der Mangel einer staatlichen Vorsorge sorgt in China zu grosser Instabilität, aber auch zu einer hohen Sparquote.
- 2027 wird Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt werden.
- Thailand steht, wie viele anderen Länder, vor der Herausforderung, dass sie alt werden, bevor sie reich werden.
- In der arabischen Welt gibt es einen grossen Jugendüberschuss in der Alterspyramide, verbunden mit hoher Arbeitslosigkeit – gemäss Autor ein „sicheres Rezept für gesellschaftliche Spaltung und Gewalt“.
- Afrika mit der „jüngsten Bevölkerung“ hat diese Entwicklungen noch vor sich…
- In Russland (erstes Land, das die Abtreibung legalisierte) sprach Putin 2006 von der Demografie als „dem akutesten Problem für sein Land“…
- Die Japaner haben die älteste Bevölkerung auf dem Planeten und eine der tiefsten Fertilität. Gründe sind unter anderem steigendes Einkommen, Urbanisierung und verbesserte Bildungschancen für Frauen.
Die demographischen Effekte zeigen am Beispiel Japans exemplarisch, wie das Land bis zur Jahrhundertmitte etwa einen Drittel der Bevölkerung verlieren wird (statt 128 Mio. nur noch ca. 80 Mio. Menschen). Wenn ein Land derart rasch altert, hat das enorme Auswirkungen auf die Bevölkerung, auf die Wirtschaft, auf den Immobilienmarkt und so weiter. Das Rentensystem wurde zwar bereits 2004 einschneidend reformiert, der Staat hat sich massiv verschuldet und die wirtschaftliche Dynamik liess rasch nach. Diese Entwicklungen kommen nun auch auf Italien, Deutschland und die Schweiz zu.
Hier ein paar generelle Faustregeln, die gemäss Autor universal gelten:
- Je grösser die Stadt desto kleiner die Familie.
- Je ärmer eine Familie, desto mehr Kinder hat sie.
- Gesellschaften mit kleineren Familien sind generell weniger kriegerisch.
- Junge Gesellschaften neigen eher zum Krieg
- Wir haben weniger und später Kinder, in Dänemark zB. bereits 45% ausserhalb der Ehe.
- Die Farben der Zukunft sind: mehr Grau (älter), mehr Grün (nachhaltiger), weniger Weiss (mehr Dunkelhäutige)
Das Buch von Paul Morland ist aufschlussreich, verständlich geschrieben, zuweilen etwas langfädig und mit starkem Fokus auf Grossbritannien, aber insgesamt geeignet, einen aktuellen Überblick über die demographischen Veränderungen und die Folgen für die Welt zu erlangen.
© Reto Spring
Dipl. Finanzplanungsexperte NDS HF, CFP®
Präsident Finanzplaner Verband Schweiz, Zürich