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Die Apothekertochter Emilie Luise Friederika Mayer kommt 1812 im ländlichen Mecklenburg zur Welt. Sie bekommt schon mit fünf Jahren Klavierunterricht und komponiert bald erste Melodien.
Aber als die Mutter stirbt, bleiben die Erziehung der jüngeren Geschwister und der Haushalt an ihr hängen. Später, nachdem ihre Geschwister geheiratet und das Elternhaus verlassen hatten, übernimmt sie auch die Pflege des Vaters.
Das Los einer unverheirateten bürgerlichen Frau im 19. Jahrhundert. Eine Zeit, in der Frauen – wenn überhaupt – «zur Zierde» musikalisch ausgebildet werden. Und nicht mit dem Ziel, die Musik zum Beruf zu machen. Ihre Werke werden nur selten gedruckt und aufgeführt.
Doch Emilie Mayer pfeift schon bald auf die Konventionen. Ihr Leben macht eine Kehrtwende, als ihr Vater sich 1840 das Leben nimmt. Ein tragisches Ereignis, das Emilie Mayer aber unverhofft ein reiches Erbe und damit die finanzielle Unabhängigkeit und Freiheit bringt. Die inzwischen 28-Jährige beschliesst Komponistin zu werden und begibt sich zum Studium zunächst nach Stettin, dann nach Berlin.
Der «weibliche Beethoven»
Schnell wird klar: Die kleine Form ist Emilie Mayers Sache nicht. Sie liebt die grossen «männlichen» Gattungen: Sonaten und Sinfonien. Ihr Stil ist wenig gefällig und nicht das, was man damals unter «weiblich» versteht.
Nicht ohne Grund bekommt die Komponistin, die Zeitgenossen als etwas eigen und streng, manchmal verschlossen, aber sehr geistreich beschreiben, bald den Spitznamen «weiblicher Beethoven» verpasst.
Aber sie begeistert mit ihrer Musik die Öffentlichkeit. Ihre Werke werden am Königlichen Schauspielhaus aufgeführt. Eine besondere Ehre, für die man eine persönliche Erlaubnis des Königs braucht.
Ihr Salon in Berlin ist ein musikalischer Magnet für Musiker und Künstler. Dann tritt Emilie Mayer einen Siegeszug durch Europa an: Ihre Musik wird in Wien, Leipzig, Halle und Brüssel aufgeführt.
In München ernennt sie die Philharmonische Gesellschaft zum Ehrenmitglied. In Berlin wird sie Mitvorsteherin der Opernakademie – und Königin Elisabeth von Preussen überreicht ihr für ihre musikalischen Verdienste einen Orden.
Grasbüschel statt Denkmal
Und trotzdem: Als Emilie Mayer 1883 in Berlin stirbt, wird ihr Werk schnell vergessen. Weder ein Grabstein noch eine Gedenkplatte erinnert an sie.
Von ihrem Grab auf dem Berliner Dreifaltigkeitsfriedhof ist heute nur noch ein Grasbüschel übrig, in den 1960er-Jahren wird es zugeschüttet, weil keiner mehr weiss, dass dort eigentlich eine berühmte Komponistin liegt.
Emilie Mayer hat nie geheiratet, keine Kinder, Enkel oder Urenkel, die sich um ihr Werk hätten kümmern können. Ihr musikalischer Nachlass landet erst bei einer Nichte in Berlin und wird später an die Preussische Staatsbibliothek verkauft, dann landet er 1918 in der Staatsbibliothek zu Berlin, doch nur wenige ihrer Werke sind seitdem veröffentlicht worden.
Erst 2012, anlässlich der Feierlichkeiten zu Emilie Mayers 200. Geburtstag, wird die Komponistin vorsichtig wiederentdeckt. Einzelne Werke werden ersteingespielt, ein Buch und ein Dokumentarfilm («Komponistinnen», 2018) erinnern an die Komponistin und erzählen ihre Geschichte, die sich liest wie ein spannender Roman aus vergangen Zeiten.