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1986 setzte sich Daniel Schmid mit der umstrittenen Figur Jürg Jenatsch (1596–1639) auseinander.
Es ist auch auf Schloss Reichenau nicht anders: Am liebsten sitzen Menschen in Küchen zusammen. Gian-Battista von Tscharner entkorkt eine Flasche aus seinem Keller, legt ein Holzbrett auf den Tisch, holt Käse und Trockenfleisch aus dem Kühlschrank und schneidet ein paar dicke Scheiben Brot. 30 Jahre sind es her, seit Daniel Schmid mit
seiner Filmcrew während mehrerer Monate in Reichenau einquartiert war. In seiner Erinnerung wird Geschichte lebendig. «Meine Tante Nora von Planta, sie war damals 92 Jahre alt, rief mich eines Tages an und sagte: ‹Gian-Battista, ich habe gehört, dass du in einem Film über Jenatsch mitspielst. Du wirst doch nicht zur Verherrlichung eines solchen Schweinehundes beitragen! Du hast Planta-Blut in dir!› Nein, nein, Tante Nora, ich bin als Mörder von Jenatsch dabei, weil einer unserer Vorfahren damals ja an dessen Tötung beteiligt war und weil mich Daniel Schmid aus diesem Grund dabeihaben will. ‹Bist du denn sicher? Dann komme morgen zum Mittagessen.› Wir packten unsere drei Kinder ein, zwei in Tragwiegen, das eine konnte gerade auf den eigenen Beinen stehen. Tante Nora hatte ihr allseits beliebtes Menü
gekocht: Hörnliauflauf. Am Tisch, ich sass ihr gegenüber, las sie mir dann erneut gründlich die Leviten und ich erklärte ihr nochmals, was meine Rolle ist. Und ich weiss auch, dass Planta-Blut in mir ist, betonte ich. Darauf erhob sie sich, ging um den Tisch, blieb vor mir stehen, bückte sich, drückte mir einen Kuss auf die Stirn und sagte: ‹Du darfst.›»
Der Film wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit: Christophe Sprecher, gespielt von Michel Voïta, unterwegs im Speisewagen der RhB.
Der damals 37-jährige Gian-Battista von Tscharner hatte eben erst sein Erbe angetreten. Zwei Jahre zuvor verstarb seine Mutter, und vieles galt es zu ordnen und zu regeln. Zwei Töchter hatte ihm Anni schon geboren, und den Stammhalter Johann-Baptist trug sie im Bauch. Vieles lastete auf seinen Schultern: die Verwaltung der Liegenschaften, der Landwirtschafts- und Weinbaubetrieb, das Hotel «Adler» und die Erhaltung der Schlossanlage. Gleichzeitig war Gian-Battista von Tscharner schon damals ein leidenschaftlicher Jäger und Fotograf, diese Gaben wurden ihm in die Wiege gelegt. Sein Vater Hans war ein begeisterter Alpinist, der extreme Herausforderungen suchte und diese in dreidimensionalen Aufnahmen auch dokumentierte. Zusammen mit der Churerin Elsy Reinhardt gehörte er in Graubünden zu den Pionieren dieser Technik. Auch seine Mutter Ursula hatte ein Faible für die Fotografie. Mit sechs Jahren erhielt Gian-Battista seine erste Kamera geschenkt, eine mit ausziehbarem Balg aus dem Besitz der Grosstante. An der Expo 1964 in Lausanne war er mit einer mobileren Kamera unterwegs und schickte zwei seiner besten Aufnahmen an einen deutschen Fotowettbewerb. Für die beiden Bilder wurde er mit dem 1. und 2. Preis ausgezeichnet. Später folgten zwei Ausstellungen mit gegenstandslosen Naturbildern. Dann rückten vermehrt Aufnahmen mit Menschen in den Mittelpunkt wie bei der fotografischen Arbeit, die im Zusammenhang mit dem Film «Jenatsch» von Daniel Schmid entstand.
Nächtliche Szene im Schloss Haldenstein.
Daniel Schmid und Gian-Battista von Tscharners Schwestern besuchten alle die Kantonsschule in Chur, die Familien kannten sich und auf dem Weg nach Flims machte Daniel Schmid immer wieder Zwischenhalt in Reichenau. Schmid interessierte sich für die Fotografie von Gian-Battista von Tscharner und war von ihr so angetan, dass er ihm anbot, für den Film «Jenatsch» Standfotografien herzustellen. Mit ihnen sollte der Film in den Kinofoyers beworben werden. «Um das zu machen, musst du gewissermassen durch die Filmkamera fotografieren, das heisst, du stehst hinter der Kamera und lichtest das ab, was gerade gefilmt wird. Das stank mir, weil damit keine eigene Kreativität entstehen konnte.» Vielmehr reizte es ihn, den Film zu begleiten und die spontanen Bilder festzuhalten. Schmid willigte ein. Von Tscharner kam es entgegen, dass viele Szenen nachts gedreht wurden. Allerdings hiess dies, ohne Blitz und andere zusätzliche Lichtquellen zu fotografieren – Neuland für ihn. «Ich ging zum Fotogeschäft Reinhardt in Chur und kaufte einen Diafilm mit 1600 Asa von Fuji und einen 1000 Asa von Agfa. Ich vergewaltigte sie, schraubte sie um das Vierfache hoch.» Ausgerüstet mit einer Nikon und den beiden Filmen, begann er während der Dreharbeiten zu fotografieren. Das dauerte gewiss bis um drei Uhr morgens. Auf dem Heimweg warf er die Filme bei Reinhardt in den Kasten und schon am nächsten Abend hielt er die ersten Papierabzüge in der Hand. Am folgenden Drehtag kam es im Filmteam zu heftigen Diskussionen. Der Tonmeister wie auch die Produzentin Theres Scherer wollten verhindern, dass von Tscharner auf dem Dreh weiterhin fotografierte. Auf den tonsynchronisierten Ausschnitten hörte man das Klicken seiner Kamera. Das war nicht überraschend und hätte auch bearbeitet werden können, doch trotz der Beschwichtigungen von Daniel Schmid stand die Weiterarbeit auf der Kippe. «Da bat ich darum, die Fotos zeigen zu können. Ich legte eine Auswahl von 30 Aufnahmen vor – es herrschte Totenstille. Da sprach der Tonmeister das erlösende Wort: ‹Du hast mich überzeugt, du darfst weitermachen.›»
An der Fasnacht 1639 wurde Jürg Jenatsch in der Beiz «Zum staubigen Hütlein» ermordet. Drehort war das «Hotel Drei Könige» in Chur.
Mit Daniel Schmid überprüfte Gian-Battista von Tscharner die ersten Aufnahmen. Die beiden waren sich einig, dass die Belichtungszeiten stimmten und es keiner Veränderungen bedurfte. Von Tscharner liess in den folgenden Monaten keine Möglichkeit aus, um bei den nächtlichen Dreharbeiten dabei zu sein. So entstanden zwischen 2000 und 3000 Aufnahmen an den Drehorten Fidaz, Ortenstein, Rietberg, Haldenstein, Tamins und Chur. «Ich bildete das ab, was mein Auge entdeckte. Vieles davon erwies sich in der Reproduktion als unbrauchbar, anderes vermochte die besondere Stimmung, die vor Ort herrschte, wiederzugeben.»
Seine fotografische Arbeit erfuhr durch seine Einsätze als Komparse eine Unterbrechung. Eigentlich hatte er davon abgesehen, zu viel lastete auf seinen Schultern. Als ihm aber die 23-jährige amerikanische Regieassistentin Martha Galwin vor dem Schloss auflauerte, sich vor ihm zu Boden warf, seine Beine umschlang und ausrief: «We need you!», war es um ihn geschehen. Als Komparse war er für das sadistische Lachen bei Jenatschs Ermordung zuständig. «Man hat mich dazu gezwungen!» – als ob man den Schlossherrn von Reichenau zu etwas zwingen könnte. Im Film ist nur kurz ein Büschel seines Haarschopfs zu sehen und doch hätten ihn Bekannte nach dem Film angesprochen: «Hast du da mitgespielt? Dein Hohngelächter ist doch unverkennbar!»
«Der Film wurde ja wahnsinnig mystisch», erinnert sich von Tscharner, «und dazu passt auch das Schicksal von Martha Galwin – eine verrückte Person. Martha wurde mit 16 Jahren von ihrem Vater aus dem Haus gejagt, kam in die Welt des amerikanischen Tingeltangels und inszenierte mit 23 Jahren ihre erste Oper in Genf. Ein hoch talentierter Mensch, fünfsprachig, aus jüdischer Familie. Am Abschlussfest zum Film in Reichenau hätte sie eigentlich nicht dabei sein können, weil in Genf die Premiere ihrer Operninszenierung über die Bühne ging. Wir rechneten nicht mit ihr. Doch dann rief sie an, sie wolle unbedingt kommen, so sehr sei ihr das Ganze ans Herz gewachsen, sie könne aber erst um 20 Uhr eintreffen. Wir sassen bei Tisch, und Martha kam und kam nicht. Kurz nach 22 Uhr standen Daniel Schmid, der Ausstatter Raúl Gimenez und ich unabhängig voneinander auf, gingen aufeinander zu und fragten: ‹Wo bleibt Martha?› Wir begannen herumzutelefonieren – erfolglos. Am nächsten Morgen erreichte uns die Nachricht, dass Martha Galwin auf der Walenseestrasse tödlich verunglückt war. Sie geriet auf nassem Laub ins Schleudern, prallte in eine Abschrankung und wurde von einem Träger durchbohrt. Ein grauenhafter Schock. Am selben Tag schauten wir uns im Kino Apollo in Chur Filmausschnitte an. Überall war Martha zu sehen. Die Leute weinten im Saal. Tage später fand die Beerdigung in Tamins statt. Nach der Feier kam Raúl Gimenez zu mir und sagte: ‹Ich habe ein Andenken für dich.› Es war das Glöcklein, das der Mörder Jenatsch vom Mantel riss. Man fand es in der Hand von Martha Galwin.»
Hotel Castell Zuoz 3. bis 6. März 2016,
Kultur im Alpenraum: «Hommage an Daniel Schmid»
10. Todestag von Daniel Schmid (1941–2006), 30 Jahre Dreharbeiten «Jenatsch»
Filmvorführungen «Bacio di Tosca», «Hors Saison», «Jenatsch» und andere Gespräche mit Beteiligten
Vernissage Fotografien Gian-Battista von Tscharner
Wettbewerb Hommage an Daniel Schmid
Gewinnen Sie einen Schlossbesuch in Reichenau und anschliessende Weindegustation mit Gian-Battista von Tscharner, einen Eintritt zum Film «Jenatsch» inklusiv anschliessendem Nachtessen im Hotel Castell Zuoz oder eine DVD eine Films von Daniel Schmid nach Ihrer Wahl.
Teilnahme unter www.stefan.keller.name
«Kultur im Alpenraum» – eine Veranstaltungsreihe von Kontext in Zusammenarbeit mit dem Hotel «Castell» in Zuoz. Infos: www.stefan.keller.name