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Wer hätte gedacht, dass die Piloten der berühmten englischen Royal Air Force lange Jahre Overalls aus Schweizer Stoffen trugen? Und zwar solche aus hochfester und extrem dicht gewobener Baumwolle, wie sie bis heute nur die Zürcher Firma Stotz & Co. fertigt.
Baumwolle gehört zu den ältesten, vielseitigsten und angenehmsten Fasern für Bekleidung. Allerdings büsst sie im Zeitalter der Synthetik und Funktionsbekleidung Terrain ein – vorab aus Kostengründen fertigen viele Hersteller ihre Kleidung aus Kunstfasern. Diese haben mitunter durchaus auch ihre Talente, doch sie tragen sich auch mit der raffiniertesten chemischen Ausrüstung nicht so angenehm wie Naturfasern. Genau aus diesem Grund hielt die englische Royal Air Force auch nach der Entdeckung der Synthetik noch jahrzehntelang an der Baumwolle fest: Fliegeroveralls aus hochfester Baumwolle waren bei vernünftigem Gewicht sehr angenehm zu tragen, atmungsaktiv und schützten Piloten auch in Extremsituationen vor Nässe, Wind, Hitze und Kälte. Im Falle eines Absturzes in kaltes Wasser verlängerte sich die kurze Überlebenszeit eines Piloten um das Zehnfache.
Seit dem Zweiten Weltkrieg setzte das britische Militär auf einen Stoff, den man «Ventile» nannte: Er war aus extra-langstapliger Baumwolle gefertigt, die nur rund zwei Prozent der weltweiten Ernte ausmacht. Die Fasern sind entsprechend teuer. Die Ventile-Stoffe waren so eng gewoben, dass sie wasserdicht und trotzdem atmungsaktiv waren. Geliefert wurden sie von der Weberei Talbot in Manchester, die zwischen 1934 und 1980 gute Geschäfte mit Ventile-Stoffen machte. Der Begriff wurde zum eigenständigen Qualitätsmerkmal. Was allerdings nur Insider wissen: Seit den 1960er-Jahren wurden immer mehr der hochstehenden Baumwollstoffe von der Zürcher Firma Stotz & Co. in der Schweiz gefertigt und nach England geliefert. Talbot wiederum liess immer mehr Rohwaren mithilfe von Stotz in der Schweiz herstellen und ausrüsten.
Während die 1939 gegründete und auf Baumwolle spezialisierte Firma Stotz in der kleinen, aber lukrativen Nische gute Geschäfte machte und weiter an der Verfeinerung der Produkte arbeitete, ging es mit Talbot in Manchester immer weiter bergab. Die einstige Baumwoll-Hauptstadt litt schwer unter den neu aufkommenden, viel billigeren Kunstfasern. Die schwere Wirtschaftskrise, die England Mitte der 1970er-Jahre erfasste, zwang die Weberei schliesslich in die Knie – Talbot stellte die eigene Produktion ein und wurde zum Handelshaus, das Stoffe zu- und verkaufte.
Der Kollaps des englischen Partners führte ab etwa Mitte der 1990er-Jahre dazu, dass Stotz eine eigene Produktlinie ins Leben rief, welche die gleichen Talente wie Ventile hatte: die Zürcher nannten sie EtaProof. Damit gingen die Schweizer beim englischen Verteidigungsministerium hausieren, und siehe da: Stotz gelang es mit EtaProof – ebenso aus extra-langstapliger Baumwolle –, die Dominanz von Ventile zu brechen und Marktanteile zu übernehmen. Während rund 20 Jahren gab es also dasselbe Produkt unter zwei Namen – bis 2017 der letzte Talbot-Erbe in Pension ging und die Marke Ventile an Stotz & Co. in Zürich übertrug.
Dort sah man sich nun also mit der Frage konfrontiert: Will man das eigene, aber viel weniger bekannte Produkt (EtaProof) weiter forcieren – oder stattdessen das geschichtsträchtige, legendäre Label Ventile zum zentralen Thema machen? Thomas Stotz, Neffe des Firmengründers und seit den 1980er-Jahren bei Stotz & Co. federführend, entschied sich für den goldenen Mittelweg. Stotz produziert und vermarktet also weiterhin das «eigene» EtaProof-Gewebe, betreibt aber neuerdings viel Aufwand, um das einstige Konkurrenzprodukt Ventile bekannter zu machen, zumal dieses in aller Welt viele Fans hat.
Der Zeitgeist spielt Thomas Stotz und seinem zehnköpfigen Team am Zürcher Stampfenbachplatz in die Hände. Denn mehr und mehr Konsumentinnen und Konsumenten fragen sich, ob es gut ist, dass immer mehr Kleidung – vor allem Jacken und Mäntel – aus synthetischen Fasern gefertigt sind. Das neu erwachende Bewusstsein für Umweltthemen führt diese Menschen über kurz oder lang zurück zur Baumwolle und damit zu Stotz-Stoffen. Topmarken wie Amundsen, Barbour, J.Crew, Nigel Cabourn, Ralph Lauren oder Private White verarbeiten Ventile-Stoffe. Auch innovative Hersteller von funktionaler Kleidung – etwa Peak Performance oder das Westschweizer Label Mover – setzen verstärkt auf die Baumwollgewebe von Stotz & Co.
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Sowohl EtaProof- wie Ventile-Stoffe – die tatsächlich einerlei sind – verfügen über bemerkenswerte funktionale Talente. Sie sind wetterfest und schützen effektiv vor Regen und Schnee. Sie sind ausgesprochen winddicht und dabei dennoch angenehm atmungsaktiv. Eine hydrophobe Imprägnierung sorgt dafür, dass sich die Baumwolle nicht mit Feuchtigkeit vollsaugt. Die Stotz-Gewebe halten Wassersäulen von bis zu 700 mm problemlos aus. Ausserdem klingen die aus Naturfasern gewobenen Stoffe sehr viel angenehmer als die oft laut knisternden und raschelnden Synthetics.
Eine Kehrseite der hochfesten Baumwollstoffe ist allerdings, dass sie auch mit viel Aufwand nicht vollständig durchgefärbt werden können. Nach einigen Monaten oder Jahren des Tragens zeigen sich an Kanten oder Falten im Kleidungsstück also feine hellere Linien, bei denen das Rohgewebe durchscheint. Fans von Vintage-Mode und authentischer Funktionskleidung gefällt das, sie suchen genau nach diesem Effekt, der für Charakter sorgt und einem Kleidungsstück über die Jahre eine unverkennbare Patina gibt. Doch es gibt auch eine Kundschaft, die sich daran stört und die Veränderungen, die der Stoff durchs Tragen bekommt, fälschlicherweise als Qualitätsdefizit interpretiert.
Stotz & Co. ist sich sicher, mit Ventile ein entscheidendes Argument für weiteres gesundes Wachstum in den nächsten Jahren zu haben. Der Begriff ist bekannt, beschreibt eine Legende des 20. Jahrhunderts – und er interessiert unter neuen Umständen und aus Gründen der Nachhaltigkeit nicht nur Nostalgiker, sondern auch eine neue Generation von Konsumentinnen und Konsumenten.
Stotz & Co. AG
Walchestrasse 15
8021 Zürich
Tel. +41 44 366 51 15
Kontakt Ventile:
Daniel Odermatt
<email-pii>
Mobile: +41 79 427 58 83