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Kino und Theater im KonfliktVeröffentlicht am 30.9.2019, zuletzt geändert am 3.10.2023 #Moderne und Neuzeit
Mit der 1919 eingeführten 48-Stunden-Woche und der überwundenen Nachkriegskrise gewann die Basler Bevölkerung an Freizeit und Zahlungskraft. In der Stadt brach die hohe Zeit des Kinos an – zum grossen Missfallen der bürgerlichen Hochkultur.
Das Kino auf Erfolgskurs
Als 1921 die erste Billettsteuer erhoben wurde, zählten die Basler “Lichtspieltheater” bereits eine Million Besucherinnen und Besucher. Kino und Sport wurden fast zeitgleich zu neuen Phänomenen einer populären Alltagskultur. In den 1920er-Jahren erlebte die Filmbranche einen Modernisierungs- und Professionalisierungsschub. Filmkünstler wie Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau, Charlie Chaplin oder Sergej Eisenstein verliehen mit ihren herausragenden Werken dem neuen Medium Glanz und Glamour – und zwar so erfolgreich, dass 1926 weder Verbote noch Zensurmassnahmen die Fahrt des “Panzerkreuzers Potemkin” durch die Filmtheater der Welt aufhalten konnten. Der erste Basler Kino-Boom fällt in die Jahre 1927 und 1928 als nicht weniger als sieben Kinos ihre Pforten öffneten. 1931 waren bereits sechzehn Kinos in Betrieb. Diese verkauften 2,5 Millionen Eintrittskarten – in einer Stadt mit 150’000 Einwohnerinnen und Einwohnern.
(…) mit seinem mühelosen Genusse und seiner Einstellung auf den Instinkt der Masse hat das Theater einen gefährlichen Konkurrenten erhalten.
Alarm in der National-Zeitung
Im März 1927 empörten sich Theaterkreise laut darüber, dass gegenüber dem Stadttheater ein neues Kino – das “Palermo” – eröffnen sollte. Sofort wurde Einsprache erhoben. “Eine Bedrohung des Stadttheaters” alarmierte am 28. März 1927 der einflussreiche Redaktor und Kulturpolitiker Edwin Strub in der National-Zeitung die Leserschaft: “Durch die rasche Entwicklung des Kinos mit seinem mühelosen Genusse und seiner Einstellung auf den Instinkt der Masse hat das Theater einen gefährlichen Konkurrenten erhalten. Überall war es so, dass ein grosser Teil der früheren Theaterbesucher ausblieb und dafür die Kinotheater füllte. Erst allmählich ist es unserem Stadttheater, das ebenfalls unter dieser Konkurrenz aufs schwerste gelitten hat, geglückt, einen Ausgleich zu schaffen und durch die Vorzüglichkeit seiner Leistungen und die Abwechslung seines Repertoires unter der neuen Leitung einen Aufschwung zu nehmen, auf den man seit Jahren vergeblich gewartet hat”. Eben habe der Grosse Rat die Subvention des Stadttheaters auf 400’000 Franken erhöht und nun gefährde ein Kino dessen erfolgreiche Weiterentwicklung! Der freisinnige Grossrat schloss mit dem Wunsch, dass die Behörden “mit aller Sorgfalt die Konzession neuer Kinotheater” prüfen sollten.
Ein Kino geht vor das Bundesgericht
Prompt wies das Polizeidepartement am 30. März 1927 das Gesuch des Palermo um eine Betriebsbewilligung ab. Selbstverständlich liess sich die Abweisung nicht mit der drohenden Konkurrenz für das Stadttheater begründen. Man verwies stattdessen auf die Nähe des Kinos zum Steinenschulhaus, dessen Schüler durch Kinoplakate gefährdet würden.
Als der Regierungsrat den Rekurs des Bauherrn abwies, zog dieser den Fall an das Bundesgericht weiter. Sein Anwalt machte geltend, dass der Widerstand gegen den Neubau dem Konkurrenzneid des Theaters entspringe; dies sei in Basel “ein offenes Geheimnis”. Mit Urteil vom 28. Oktober 1927 hiess das Bundesgericht den Rekurs gut. Die Kinder, so die Richter, kämen auf dem Schulweg ständig an Kinos oder ähnlichen Betrieben vorbei und seien diese gewohnt. Am 21. November 1928 nahm das vom Architekturbüro Suter und Burckhardt gestaltete Palermo mit seinen 1’200 Sitzplätzen den Betrieb auf.
Verbrecherschule oder Kulturfaktor?
Film und Kino wurden in Basel – wie an vielen anderen Orten – nicht mit offenen Armen empfangen. Der evangelische Pfarrer Gustav Benz forderte bei Kriegsbeginn 1914 die Basler Regierung auf, aus “sittlichen Gründen” kurzerhand alle Kinos zu schliessen. Der Antrag stiess auf offene Ohren. Einzig die Gewerbefreiheit, auf die der Bundesrat auf Rückfrage hinwies, liess die Regierung zurückkrebsen. In den Augen des “frommen Basel” und der bürgerlichen Hochkultur haftete dem Kino stets etwas Verruchtes oder gar Gefährliches an. Diese paternalistisch-christliche Sorge der bürgerlichen Oberschichte um die “Moral des Volkes” hat die “siebte Kunst” über Jahrzehnte begleitet.
Quellen
Literatur
Paul Meier-Kern, Verbrecherschule oder Kulturfaktor? Kino und Film in Basel 1896-1916 (Basel 1993).
Abbildungen
Abb. 1: StABS, Straf und Polizei, F 14, 4b, Palermo.
Autor
Charles Stirnimann promovierte über das «Rote Basel 1935-1938» und leitete von 1993 bis 2017 das Amt für Ausbildungsbeiträge des Kantons Basel-Stadt. Heute arbeitet er als freischaffender Historiker mit dem Schwerpunkt Sozial- und Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Er ist Mitglied des Vereins Basler Geschichte