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Eine Geschichte aus dem kolonialen Indien wird immer wieder gerne zitiert, um die Folgen von Massnahmen zu beschreiben, die das Ziel komplett verfehlen: Um die gefährlichen Kobras auf dem Subkontinent zu dezimieren, zahlten die Behörden im 19. Jahrhundert eine Prämie für abgeschlagene Kobraköpfe. Findige Untertanen begannen, Kobras zu züchten und dann zu töten, um an die Prämie zu kommen.
Als die Behörden dies merkten, stoppten sie das Programm. Am Ende gab es mehr Kobras als vorher. Denn die Leute liessen die Kobras frei, weil mit ihnen ja nichts mehr zu verdienen war.
So etwas könnte auch passieren, nachdem zahlreiche Regierungen mit Milliardenprogrammen die Stabilisierung ihrer Volkswirtschaften eingeleitet haben. Der New Yorker Buchautor, Finanzprofi, Newsletter-Blogger und Kolumnist Larry McDonald jedenfalls warnt vor einem solchen Szenario.
«Toxischer Cocktail»
Der Autor von "The Bear Traps Report" bemängelt vor allem die Rolle, die Zentralbanken mit ihren Inflationszielen und ihren Interventionen am Anleihenmarkt spielen. Diese würden Massnahmen und Ziele nicht mehr sauber trennen. "Wenn Inflationserwartungen steigen und Bondrenditen von Zentralbankern künstlich niedrig gehalten werden, entsteht ein potentiell toxischer Cocktail", schreibt McDonald.
Werde der "reinigende Prozess" im Wirtschaftskreislauf absichtlich behindert, resultierten zwei Fehlentwicklungen: Erstens steige die Zahl von "schlechten" Marktteilnehmern, zweitens suche sich Geld den Weg zu sicheren Häfen und Risikoanlagen. Also Gold, Silber, stabile Währungen wie der Franken, aber auch Aktien und Rohstoffe.
"Mehr und mehr Kapital liegt an Orten mit künstlich tief gehaltenen Kapitalkosten", schreibt McDonald. Damit werde die mögliche Vermögensvernichtung immer grösser, falls etwas schiefgehe.
Kritik an Angela Merkel
Hart ins Gericht geht McDonald mit der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel, die diese Woche einem hunderte Milliarden Euro schweren Hilfspaket für die coronageschädigten EU-Volkswirtschaften mit zugestimmt hat. Deutschlands "Bessenheit" von einer Schwarzen Null sei vorbei, Merkel habe "kapituliert" und einer massive Geldverteilung an "unzuverlässige" Schuldner zugestimmt. Gemeint sind natürlich vor allem die verschuldeten, wirtschaftlich begrenzt wettbewerbsfähigen Euro-Südstaaten.
Das Risiko besteht laut dem Wall-Street-Veteranen aber auch darin, dass Regierungen ihre Politik ändern - so, wie dies seinerzeit in British-Indien passiert ist, als die negativen Folgen der "Kobra-Prämien" sichtbar wurden. Statt eine Depression und eine Deflation zu verhindern, würden Regierungen und Zentralbanken stattdessen eine Hyperinflation fördern, die im wirtschaftlichen Kollaps ende.
Chronist des Lehman-Kollapses
Nicht hilfreich ist laut McDonald dabei auch, dass wirtschaftliche Grundannahmen verschwimmen. Entscheidungsträger haben damit keine stabilen Grundlagen mehr: In der Coronakrise seien Prognosen und Modelle von Ökonomen unbrauchbar geworden, so McDonald. Eine gute Nachricht hält der Blogger, der auch regelmässig bei den Sendern Bloomberg, CNBC oder Fox Business auftritt, aber parat: "Wir werden das alles überleben und nach einem Anpassungsprozess wieder Erfolg haben."
Mit Krisen kennt sich McDonald aus. Er arbeitete ab 2004 für Lehman Brothers und gehörte zu jenen, die schon relativ früh vor den Risiken des Subprime-Hypothkenmarktes in den USA warnte. 2009 veröffentlichte er das Buch "A Colossal Failure of Common Sense" über die Ursachen der Finanzkrise von 2008 und den Zusammenbruch von Lehman Brothers. McDonald vertritt die Theorie, dass dieser zu verhindern gewesen wäre.