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Das passiert selten in einem Ballett: dass es einem falsch vorkommt, still dazusitzen und nur zuzuschauen. Und dass es eine Zugabe gibt. So war es an einem Abend Anfang Juli in der Seine Musicale, Paris, wo das Alvin Ailey American Dance Theater aus New York gastierte.
Es war überhaupt vieles ganz anders als bei einem gewöhnlichen Ballettabend. Bei Ailey steht kein einzelner Choreograf im Hintergrund, dessen Werk vorgestellt würde, sondern viele verschiedene. Statt Klassik oder abstrakter elektronischer Musik gibt es Jazz, Blues und Gospels.
Man bekommt eine Art von Modern Dance zu sehen, der auf Wegbereiterinnen wie Martha Graham oder Katherine Dunham beruhen mag, aber doch weit darüber hinausgeht. Die Bewegungen wirken freier und wilder, für die menschliche Anatomie entwickelt und nicht gegen sie. Nichts ist prätentiös, hier geht es ganz einfach um die Freude am Tanz, und die ist, zusammen mit der Musik, ansteckend.
Darum möchte man schon nach wenigen Minuten aufstehen, damit man es nicht beim Wippen mit dem Fuss belassen muss. «Was für eine Energie», raunt der Sitznachbar seiner Frau zu, die sich energisch Luft zufächelt.
Überhaupt: die Musik. Sie wirkt hier nicht wie eine Vorlage für eine tänzerische Interpretation oder wie ein Gerüst, an dem sich die Künstler orientieren, sondern vielmehr wie die Luft, die auf der Bühne geatmet wird und die durch die Körper hindurchjagt. Kaum einer dieser Körper ist weiss. Das Alvin Ailey Dance Theater macht einem bewusst, wie selten man Schwarze auf Bühnen sieht.
Im Einsatz für John F. Kennedy
Diskriminierung war der Grund, warum Alvin Ailey 1958 in New York seine eigene Tanzkompanie gründete. Sie bestand zunächst nur aus schwarzen Mitgliedern, aber weil Ailey nicht mit Diskriminierung auf Diskriminierung reagieren wollte, öffnete er sie 1962 für alle.
Das soll auch eine Reaktion auf die Einladung von Präsident John F. Kennedy gewesen sein, der die Truppe als «erste schwarze Tanzkompanie» als Teil seines «President’s Special International Program for Cultural Presentations» nach Südostasien und Australien auf Tournee mitnahm.
Ailey fürchtete, dass es dabei weniger um Wohlwollen seinem Ballett gegenüber ging, sondern vielmehr darum, dass Kennedy sie benutzte, um sich im Ausland als fortschrittlicher Präsident darzustellen.
Alvin Ailey war ein Schüler von Lester Horton, einem weissen Tänzer und Choreografen aus Indianapolis (1906-1953), der einen modernen Tanzstil prägte, beeinflusst von Volkstänzen aus Japan, Bali, Afrika und vor allem von den Ureinwohnern Amerikas. Horton gründete 1946 eines der ersten Tanztheater der USA für Modern Dance, eines der wenigen, die allen Ethnien offenstanden.
Als Horton 1953 an einem Herzinfarkt starb, übernahm Alvin Ailey für kurze Zeit dessen Ballett, bevor er sein eigenes gründete. Die «Horton Technique», die etwas Akrobatisches und gleichzeitig Weich-Organisches an sich hat, wurde Standardtraining bei Ailey.
In «Revelations» geht es um überwundenes Leid. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen, egal, ob schwarz oder weiss.
Obwohl es allen offenstand, blieb das Alvin Ailey Dance Theater ein Ort der Zuflucht für schwarze Talente, und bis heute machen diese dort die Mehrheit aus. Zwei von ihnen sind Linda und Glenn Sims, keine Geschwister, sondern ein Ehepaar, das seit 20 Jahren zu den «Aileys» gehört, wie sie ihre Tanzfamilie nennen.
«Als ich sie 1993 zum ersten Mal sah, dachte ich: Wow, diese Tänzer können sich bewegen», sagt Linda Sims im Gespräch am Tag nach der Aufführung. Mit «bewegen» - move auf Englisch - meine sie nicht nur deren perfekte Technik, sondern ebenso das Bewegen im übertragenen Sinne: «Die Seele dieses Balletts springt über auf das Publikum.»
1960 schuf Alvin Ailey aus den traumatischen Erlebnissen, die er als junger Afroamerikaner in seiner von Rassismus geprägten Heimatstadt hatte, das Stück «Revelations», das rasch zum Markenzeichen der «Aileys» wurde und bis heute den Höhepunkt jeder Aufführung bildet.
Begleitet von Gospelmusik, erzählt die dreiteilige Choreografie davon, wie das afroamerikanische Volk die Greuel von Sklaverei, Unterdrückung und Verfolgung überstand und dank dem Glauben an Gott nie den Lebensmut verloren hat.
Als an dem Abend in Paris die letzten Töne von «Revelations» verklingen, bricht das Publikum in tosenden Applaus aus. Es gibt Standing Ovations, es wird gejohlt und mit den Füssen gestampft, weil die Hände zu wenig hergeben - bis schliesslich «Rock-a My Soul in the Bosom of Abraham» nochmals als Zugabe erklingt.
Finden Linda und Glenn Sims das nicht irritierend, wenn ein Saal voller Weisser derart in Ekstase gerät ob der Leidensgeschichte ihrer Vorfahren?» - «Nein», sagt Linda. «Das Publikum spürt den Geist dieses Stücks, es geht um überwundenes Leid. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen, egal, ob schwarz oder weiss.»
Linda und Glenn Sims haben «Revelations» mittlerweile über 2000-mal und überall auf der Welt aufgeführt. «Die Reaktionen sind überall gleich», sagt Linda Sims. «Es hat etwas Spirituelles», findet ihr Mann Glenn. «Am Ende fühlt man sich wie erlöst von allem Ballast, den man vorher mit sich herumgetragen hat.»
Während Glenn Sims von Anfang an wusste, dass er ein «Ailey» werden wollte, träumte seine Frau von Spitzenschuhen und Tutus. «Ich wollte eine Ballerina sein», sagt sie. «Aber es war schwierig, weil mein Körper nicht dem der idealen Tänzerin entspricht. Weisse Tänzerinnen haben keinen Hintern, sind flach wie ein Brett, dünn und lang. - Ich habe Kurven.»
Als Schülerin hat sie darum Diskriminierung erlebt und musste ihren Körper lieben lernen. Das habe sie nie entmutigt, sondern angespornt. «Wenn ich wahrgenommen werden wollte, musste ich einfach besser sein als der Rest», sagt sie.
Schwarze Frauen haben es schwer
Glenn Sims war nicht nur der einzige Mann damals an seiner Ballettschule, er war auch der einzige Schwarze. «Wenn wir den ‹Nussknacker› aufführten, bekam ich immer die exotischen Rollen, nur der Prinz durfte ich nie sein. Prinzen sind weiss.»
Seine Grossmutter habe dagegen protestiert, dass man für ihn in «Schneewittchen» die Sonderrolle des Hofnarren schuf. «Ich sah das als Gelegenheit. Es war ein Solo. Aber sie meinte, eines Tages würde ich ihre Wut verstehen. Heute ist mir klar, dass sie nicht wollte, dass man über den schwarzen Knaben lacht.»
Während es für afroamerikanische Männer leichter ist, auch im klassischen Ballett Engagements zu bekommen, ist es für Frauen bis heute sehr schwer. Primaballerina zu werden, ist so gut wie unmöglich. Auch darum, weil die traditionellen Ballette wie «Giselle» oder «Schwanensee» mit lauter geisterhaften Geschöpfen bevölkert sind.
Die 34-jährige Misty Copeland wurde 2015 als erste Afroamerikanerin Primaballerina beim American Ballet Theatre. Sie ist eine der ganz wenigen, die es so weit geschafft haben.
«Es müssen mehr werden. Auch, damit man als schwarzes Mädchen sieht, dass einem die Welt des Tanzes offensteht», sagt Linda Sims, die selber so ein Vorbild ist, mit Nachdruck.
Das Alvin Ailey American Dance Theater gastiert vom 25. bis 30. Juli im Musical Theater Basel. Karten gibt es via Ticketcorner.
Alvin Ailey
Der Tänzer, Choreograf und Aktivist wurde 1931 in Rogers, Texas, geboren. Weil er mit seinem Dance Theater regelmässig auf Tournee ging, bekam er den Übernamen «Kulturbotschafter für die Welt». Er starb 1989 in New York. 2014 verlieh ihm Barack Obama die «Freiheitsmedaille des Präsidenten», eine der höchsten zivilen Auszeichnungen.