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Das Gadmental
Mit 1 Bild ( 89Von Fritz Jaeger
( Basel )
Das Relief Zwei grössere Nebentäler münden ins Gadmental, von rechts das vom Jochpass kommende Gental, ein Längstal wie das Gadmental, von links das Trifttal, ein Quertal des Aaremassivs. Wegen seiner SSO—NNW-Richtung ist das Trifttal ein ausgesprochenes Föhntal. Beide Täler münden in beträchtlichen, von den Bächen in Engschluchten zertalten Stufen ins Gadmental. Ausserdem gabelt sich das Haupttal oben in das Wendenwassertal und das nach dem Sustenpass führende Gadmerwassertal.
Das Gadmental ist ein glaziales Trogtal, über recht steilen bewaldeten Trogwänden liegen flachere Trogschultern, die die Alpweiden tragen. Bis zu etwa 2150 m sind die Talwände vom Gletscher geschliffen und gerundet, darüber folgen die Gipfelgrate und Wände. Mehrfach ist die Schliffgrenze als Einkerbung gut sichtbar. An der grossen Kalkwand jedoch ist sie durch Rückwitterung der Wand verwischt.
Eine durch den Gletscher stark abgeschliffene Mündungsstufe von etwa 120 m Höhe führt von Innertkirchen hinauf nach Wiler, dessen ebene Fläche sich aufwärts in die Talsohle von Nessenthai, abwärts in die Terrasse über Innertkirchen, ca. 680 m, fortsetzt. Vom oberen Ende des Nessenthalbodens an der Mündung des Triftwassers führt eine 200 m hohe Stufe zum Haupttalboden von Gadmen hinauf. Dieser Talboden lässt sich, wie unser Profil zeigt, flussabwärts in verschiedenen Terrassen beider Talseiten verfolgen. Oberhalb von Gadmen folgt die fast 600 m hohe Stufe nach der Steinalp.
Die Stufen sind nicht nur durch die unzugänglichen postglazialen Engschluchten zerschnitten, sondern auch durch Rinnen, die vom Gletscher ausgeschliffen und daher leichter gangbar sind. Sie trennen oft isolierte Hügel ab. Diese Talrinnen sind höchstwahrscheinlich von subglazialen Wasserläufen eingeschnitten und dann sofort vom Gletscher ausgeweitet worden. Dennoch sind die Stufen ausgesprochene Verkehrshindernisse und gliedern das Tal in mehrere Abschnitte, die getrennte Lebensräume bilden: den Talgrund von Nessenthai und den von Gadmen, denen getrennte Bäuerten entsprechen. Weitere durch hohe Stufen und unzugängliche Mündungs-schluchten stärker abgetrennte Glieder sind die oberen Teile der Nebentäler: Gental, Wendenalp, Steinalp, Triftalp.
Zahlreiche kleine Terrassen an den Talhängen, von denen manche, wie unser Profil zeigt, sich bestimmten Talböden zuordnen lassen, bieten Gelegenheit für kleine Alpsiedelungen.
Die Steilheit der Wände, die Gefährdung durch Wildbäche, Rüfen und Lawinen, der Mangel an Ackerboden über dem nackten durch Gletscherschliffe entblössten Fels oder über dem Schutt machen das Gadmental zu einem schwierigen, wenig wirtlichen Lebensraum.
Klima Die Schwierigkeit wird erhöht durch das sehr feuchte und im Winter sehr schneereiche und rauhe Klima. Je höher desto länger und mächtiger liegt der Schnee. An der Passhöhe ist 7 1/2 Monate Winter, nur 5 Monate wird die Strasse fahrbar sein.
Die Temperaturabnahme mit der Höhe erkennt man schon an den Kulturpflanzen: Nussbäume bis Wiler, Obstbäume, namentlich Äpfel, bis Nessenthai, in Gadmen Obstbäume nur in Spalierlagen an Hauswänden. Oberster Kartoffelacker bei Obermaad in 1230 m.
Der untere Teil des Tals ist klimatisch begünstigt durch den Föhn, der hier vor allem aus dem Trifttal kommt. Er ist wärmer, hat geringere Regenmengen und kürzere Winter.
In der Höhe liegt nicht nur lange tiefer Schnee, oft toben auch tagelang Schneestürme, « Gux » genannt, die es den Bauarbeitern unmöglich machen, ihre Wohnbaracken zu verlassen, um auch nur die 50 m zum Magazin zurückzulegen. Ausserdem gehen viele Lawinen nieder ( siehe Abschnitt VII 3, die Schneeverhältnisse ). Der lange Winter unterbricht nicht nur jede landwirtschaftliche Arbeit und nötigt zum Nebenverdienst durch Weben u. dgl., er unterbricht auch den Verkehr. Eine starke Schneedecke hüllt die Landschaft ein. Selbst in Gadmen kann die Schneehöhe 2 bis 3 m betragen, der Schnee reichte schon bis ans Fenstersims im ersten Stock. Nicht nur die höheren Talteile, selbst Gadmen ist unter Umständen monatelang vollständig abgeschlossen, so dass die Vorräte jeder Familie für die Zeit der Absperrung sorgfältig rationiert werden müssen, doch könnte die Strasse bis Gadmen durch Schneeschleudermaschinen offengehalten werden. Weiter oben sind die Schneemassen dafür zu gross und die Lawinen zu gefährlich.
Die Niederschlagsmenge beträgt unten etwa 140 cm, in Gadmen etwa 160 bis 180 cm, oben auf den Heubergen bis 280 cm im Jahre. Dem entsprechen die grossen winterlichen Schneemengen.
Pflanzenwelt Am deutlichsten prägt sich die Temperaturabnahme mit der Höhe in der Pflanzenwelt aus. Im untern Teil des Tales kommen wärmeliebende Föhnpflanzen vor, so eine besondere Waldmeisterart. Laubwald und gemischter Wald erreichen bis etwa 1300 m, so der Ahornwald unterhalb des Ortes Gadmen. Darüber reicht der Fichtenwald bis etwa 1900 m. Der Wald ist vielfach durch Lawinengänge unterbrochen, an denen Büsche von Grünerlen mit Heidelbeeren wechseln. Der Unterwuchs von Farnen und Heidelbeeren im Walde ist ein Anzeichen des nahrungsarmen Bodens. Im oberen Waldgürtel und darüber folgen Krummholz oder schöne Alpenmatten. Legföhren trifft man an der Sustenstrasse etwa zwischen 1600 und 2000 m.
Zur Zeit blühen Alpenrosen in 1600 bis 1900 m, stellenweise höher. In 2000 bis 2200 m treten Schneeflecken auf, neben denen Soldanellen er- blühen. Gegen die Trifthütte fanden wir viel Gletscherhahnenfuss, aber die alpine Halbwüste beginnt erst über 2500 m.
Auf den höheren Teilen der Alpweiden sahen und hörten wir Murmeltiere und fanden oft ihre Höhlen. Eine war ganz erstaunlich ausgeräumt. Beim Aufstieg auf den Tierberg lief ein Marder über das Firnfeld.
Die Schneegrenze dürfte etwa in 2600 m anzusetzen sein, da von Gipfeln über 2600 m, wie Radlefshorn ( 2606 m ) und beim Grauen Stöckli ( 2681 m ), Wanghorn ( 2745 m ), kleine Kargletscher entspringen und die Tierberglücke ( 2644 m ) zwischen Titlis und Grassen verfirnt ist. Ausser kleinen Kargletschern gehen drei grössere Gletscher dem Gadmental zu, der Wendengletscher, der Steingletscher und der bei weitem grösste, der Triftgletscher, dessen Zunge trotz bedeutenden Schwundes wohl noch bis 1750 m herabreicht. Er kommt aus den weiten Firnfeldern des Gammastockmassivs ( siehe Abschnitt VII 4, der Triftgletscher ).
III. Mensch und Kulturlandschaft 1. Die Bewohner Die Bewohnerzahl der Gemeinde Gadmen, also des Gadmentals ohne die Ansiedlungen unterhalb der Gentalmündung, die zu Innertkirchen gehören, betrug 1941 nur noch 525. 1860 hatte Gadmen noch 754 Einwohner. Durch Auswanderung bis zu diesem Krieg hat die Bevölkerung stark abgenommen. In Amerika gab es mehr Gadmer als im heimatlichen Tal. Da die Auswanderung jetzt im Kriege unmöglich ist, beginnt wieder eine Zunahme, die zur Übervölkerung führen kann.
Die Gadmer sind Bauern, die im wesentlichen Viehwirtschaft treiben. Doch gibt es ( 1939 ) 27 gewerbliche Betriebe, in denen 193 Personen beschäftigt sind.
2. Die Siedelungen Das Gadmental ist sicher seit alten Zeiten besiedelt, wenn wir auch darüber keine urkundlichen Nachweise haben. Der Sustenpass als nächste Verbindung von Bern nach dem Gotthard hatte vor dem Bau der Furka-und Grimselstrasse mehr Verkehr als die Grimsel. 1721 ist der Ort Bühl ( Gadmen ) mit der Kirche abgebrannt. Darauf wurde 1722 das heutige Kirchlein gebaut. Seit 1816 ist Gadmen eine selbständige evangelische Kirchgemeinde, die einen eigenen Pfarrer hat.
Gadmen ist kein geschlossenes Dorf, dafür ist der Siedlungsraum viel zu zersplittert. Nicht nur trennt die Talstufe von Schaftelen den untern Talboden von Nessenthai vom oberen von Gadmen. Auch in den Talböden gibt es besonders wegen der Lawinengefahr keinen für ein grösseres Dorf geeigneten Platz. Daher gliedert sich die Gemeinde in zahlreiche kleine Ansiedlungen, Weiler und Häusergruppen. Die wichtigsten Orte sind Gadmen, 89 - Nach käuflicher Ansichtskarte von E. Gyger, Adelboden Das Gadmental. Blick ungefähr von der Birchlauialp talaufwärts. Im Talgrunde das Dorf Gadmen. Hinten gabelt sich das Trogtal in das Wendental links, und das zum Sustenpass führende Tal rechts, in dem sich die Kehren der Sustenstrasse hinauf ziehen. Ganz links, z.T.eil in Wolken, die Kalkfelswand der Gadmerflühe, hinten zwischen den Talzweigen die Fünffingerstöcke, rechts Sustenhorn.
Art. Institut Orell Füssli A.G. Zürich Die Alpen - 1945 - Les Alpes Fuhren, Schaftelen und Nessenthai, die aber wieder in einzelne Gruppen mit besonderen Namen zerfallen. Zu Gadmen gehören die Siedlungen BühlHauptdorf Gadmen ), Mühleschlucht, Obermaad; Fuhren bildet allein einen Ortsteil; zu Nessenthai gehören Bidmi, Eisboden, Fürschlucht, Haberen, Hopflauenen, Hubel, Missli, Mühlestalden, Nessenthai, Sattel, Schwende, Staldi, Twirgi, Zumgrün und Zwischenstegen; zu Schaftelen gehören Käppeli, Rossweidli, Schaftelen, Schlupf, Schwendi. Zu diesen dauernd bewohnten Orten kommen noch die nur im Sommer bezogenen Alpsiedelungen. Sie liegen höher oben auf Terrassen, Trogschultern oder höheren Talböden ( Wendenalp, Steinalp, Triftalp ). Maiensässe gibt es hier nicht. Zur Zeit bestehen ausser diesen Ansiedelungen noch zwei ansehnliche Barackendörfer für die Arbeiter der Sustenstrasse, das eine auf der Steinalp beim Gasthaus Steingletscher ( 1866 m ), das andere an der Passhöhe in 2260 m. Sie sind also bei die weitem höchst gelegenen Siedelungen des Tales.
Die Häuser sind aus Holz gebaute « Länderhäuser » des Berner Typs in einfacher Ausführung, manchmal mit bescheidenen Schnitzereien. Die grösseren sind von mehreren Familien bewohnt.
Für die Lage der Ansiedlungen ist vor allem die Sicherheit vor Lawinen massgebend. Schutzbauten gegen Lawinen sind ausser den Tunnels der neuen Sustenstrasse nicht vorhanden, nur auf der Birchlauialp sahen wir einen Lawinenkeil an der Bergseite eines Hauses. Die Orte suchen lawinengeschützte Stellen auf. Die meisten Häuser von Fuhren z.B. drängen sich unter dem bewaldeten Hang eines Bergvorsprunges zusammen, Obermaad liegt im Schutze eines gletschergerundeten Felsens. Die Sturzbahnen der Lawinen werden gemieden, aber meist bleibt doch nur auf ihren Schuttkegeln Platz für die Ansiedlung, oft am seitlichen Rand der Schuttkegel oder zwischen zwei Schuttkegeln ( an der Egg unterhalb Gadmen ). In Bühl, dem Haupt-ortsteil von Gadmen, war früher eine Siedlungslücke in der Mitte, die aber durch neuere Häuser, die Post, die Handlung von Fischer und das neugebaute Bäckerhaus, ausgefüllt wurde. Diese Häuser sind gefährdet. Die Bühler Weidlaui kam am 19. Februar 1940 bis 15 m an diese neuen Häuser heran.
Auch die Alpsiedelungen müssen möglichst lawinensichere Stellen aufsuchen. So liegen ein Teil der Häuser von der Birchlauialp und die Wendenalp unter schützenden Felsköpfen.
Politisch und kirchlich gehören die unteren Siedlungen des Gadmentals ( Mühletal, Wiler ) zur Gemeinde Innertkirchen, von der sie über die glazial stark abgeschliffene Mündungsstufe gut zugänglich sind. Auch das stark abgeschlossene Gental, das für eine selbständige Gemeinde viel zu klein ist, gehört dazu. Das ganze Gadmental oberhalb der Gentalmündung nebst seinen Verzweigungen ist die Gemarkung der politischen Gemeinde Gadmen und wird auch kirchlich vom Pfarrer von Gadmen betreut. Er besucht die Sennen auf den Alpen und die Arbeiter in den Barackendörfern der Sustenstrasse. Die politische Gemeinde gliedert sich, der Teilung des Lebensraums entsprechend, in die beiden Bäuerten Nessenthai und Gadmen. Schaftelen gehört merkwürdigerweise zu Nessenthai.
3. Das Wirtschaftsleben und die Wirtschaftslandschaft Arealstatistik der Gemeinde Gadmen 1923/24 Höhe: 1207 mAnbau: Getreide. ...la Gesamtarealfläche. 11703 haKartoffeln... 930 a Ackerbaufläche. 977 aKohlrüben.. .6 a Futterbaufläche:Möhren — Naturwiesen. 39 366 aHanf
Kunstwiesen .Gemüse 40 a Wald..... 864,10 haObst
Unproduktiv.. 8 134,51 ha Kulturland in anderen Gemeinden... 200 a Nach Statistik vom Jahre 1939 Kulturland... 372,60 ha davon Futterbau 363,50 ha davon: 1 Sommerweizen, Roggen, Nach Statistik vom Jahre 1942 Kartoffeläcker... 10 ha Gemüse ( Hausgärten ) 1 ha Getreide5 a 3 Mischel ( Weizen und Roggen ) 0 Hafer.
Bezirk Oberhasli Gadmen Bezirk Oberhasli Gadmen Viehbesitzer 939 102 Schweine 1773 78 Viehstatistik von 1936 Pferde Maultiere Rindvieh-besitzerRindvieh davon Braunvieh 5144 569 Bienen-besitzer Kühe 2247 201 Bienenstöcke 809 120 1072 749 84 5759 587 Hühner 7500 553 Schafe 1029 144 Ziegen 2119 447 Hühner-besitzer 84 Das Gadmental ist ein armes Gebiet, wegen dürftigen Bodens und der grossen Niederschlagsmengen kaum geeignet für Ackerbau. Es gehört zur Region der Natur- und Dauerwiesen, wo über 70 % des Kulturlandes ohne Wald für Futterbau verwendet wird. Hauptwirtschaftszweig ist daher die Viehwirtschaft, betrieben als Tal- und Alpwirtschaft. Überall herrschen kleinbäuerliche Verhältnisse. Der Bauer hat gewöhnlich 1 bis 6 Stück Vieh, selten über 10.
Der bescheidene Anbau von Kartoffeln ( 1944 etwa 1000 a ) und der Ertrag der Hausgärten ( 100 a Gemüsekulturen ) reicht aus für die Selbstversorgung. Die übrigen Lebensmittel, auch das Brot, müssen zugekauft werden.
Die Milch und Milchprodukte, Butter, Käse, auch die Schweinehaltung, dienen nur der Selbstversorgung, das Gadmental ist kein Überschussgebiet. Der arme Charakter der Landschaft kommt selbst in den Viehschlägen zum Ausdruck: kleines, sehr genügsames und widerständiges Braunvieh, 569 von 587 Stück; robuste, gemsfarbige Gebirgsziegen mit bescheidenen Milcherträgen ( 447 Stück ), gewöhnliche Landschafe ( 144 Stück ), 78 Schweine. Der geringe Getreidebau erlaubt nur sehr schwache Hühnerhaltung und nur im untern Teil des Tals.
Das Geldeinkommen der Bauern besteht aus Aufzuchtprodukten ( Verkauf von Vieh ). Im rauhen Winter bringen ihnen Leinenweberei, ein wenig Holzschnitzerei einen Verdienst. Besonders die Frauen beschäftigen sich im Winter mit Weben. Im Winter 1943/44 waren im Gadmental 57 Webstühle in Betrieb, und es wurden Fr. 12 000 Weblöhne ausbezahlt. Holzschlag lohnt nur in Zeiten hoher Holzpreise, wie jetzt im Krieg. Im Sommer bringt auch der Verkauf von Heidelbeeren einen kleinen Verdienst. Bis etwa 1930 wurde die Steinbohrerei für die Uhrenindustrie als Heimarbeit betrieben.
Es gibt in Gadmen ( 1939 ) 27 gewerbliche Betriebe mit im ganzen 193 beschäftigten Personen, wovon 28 weiblich sind. Die 27 Betriebe verteilen sich auf 20 Inhaber, von denen 7 weibliche. Es sind 2 Sägen, mehrere Gasthöfe mit zusammen 100 Betten, ein Küfer, der Milchgefässe macht, 2 Schreiner, 2 Zimmerleute, eine Sattlerei, eine Bäckerei ( in Fuhren, erst seit dem Bau der Sustenstrasse ), Schnitzereien, Viehhändler. Zwei Brennereien verarbeiten den Enzian der Alpweiden zu Schnaps und ergeben durchschnittlich jede 100 Liter im Jahre.
Wir können in Gadmen vier Höhengürtel der Viehwirtschaft unterscheiden:
1. im Talboden, die Talwirtschaft, Wiesen und Kartoffeläcker; 2. auf den Alpen, die Sommerweidewirtschaft; 3. darüber bis an die Felsen, die Bergheugewinnung; 4. zuoberst bis in die Felsen hinein, die Schafweiden.
I. Die Talwirtschaft. Die Talsohle ist das Hauptgebiet der Heugewinnung. Die Wiesen werden gedüngt ( gebaute Wiesen ) und entweder zweimal geschnitten ( Heu und Emd ) oder im Frühjahr, im Mai, einen Monat beweidet, dann einmal geschnitten, dann etwa einen Monat Herbstweide. Ganz zuletzt, im Oktober, werden alle Wiesen noch allgemein beweidet, wenn nicht zu früher Schnee eintritt. Alle Zäune werden dann abgebrochen.
Das Heu der Talwiesen und das Bergheu zusammen reichen nicht aus, um im Winter so viel Vieh zu füttern, als auf den Alpen weiden kann. In solchen Fällen wird gewöhnlich fremdes Vieh auf die Alpen genommen. Das geht im Gadmental nicht, weil nur anspruchsloses und vor allem widerstandsfähiges Vieh auf diesen kargen und vielfach schwer zugänglichen Alpweiden gedeihen kann. Die Pfade, die auf die Alpen führen, z.B. der Weg zur Triftalp, sind für das Vieh schwierig. Daher haben die Gadmer Bauern so viel Vieh, als die Alpweiden im Sommer ernähren, und müssen dann im Winter einen Teil des eigenen Viehs « verstellen », d.h. in Pension geben in Orten des Aaretals bis nach Bönigen am Brienzer See.
Die Kartoffeläcker, im ganzen jetzt nach der Anbausteigerung 1000 a, liegen zwischen den Wiesen zerstreut, dass es aussieht, als ob Feld- und Grasbau abwechselten ( Egartenwirtschaft ). Ein solcher Wechsel der Anbauflächen ist aber hier nicht möglich, weil nur wenige Stellen genügend tiefen Boden und genügend Sonne haben, um darauf Frucht zu bauen. Diese Stellen sind seit langem ausgewählt. Die Ackerstellen liegen also dauernd fest. Das Tal ist so arm, dass die vorgeschriebenen Mehranbauflächen nicht erreicht werden konnten, was auch der Ackerbauberater der Regierung bestätigen musste. Die Kartoffeln reichen für den Bedarf, das Saatgut wird eingeführt.
An dem Schuttkegel unmittelbar westlich von Bühl sieht man auf der Westseite die Steinmauern von alten Ackerbauterrassen. Heute tragen diese teils Kartoffeläcker, teils Wiesen.
Heimweiden für nur ganz wenig Milchkühe gibt es unmittelbar ob Bühl, ausserdem die Kälberweide südlich Obermaad. Den täglichen Milchbedarf der Talbewohner, die « Kaffeemilch », decken im Sommer hauptsächlich die Ziegen, die der Geisshirt morgens sammelt und zur Ziegenweide Wang auf der Schattseite östlich Gadmen treibt.
II. Die Alpwirtschaft. Die Alpen werden etwa vom 10. Juni bis gegen den Bettag ( dritter Sonntag im September ) bestossen. Es gibt keine Maiensässe, sondern man geht vom Tal direkt auf die Alpen, von denen einige mehrere Staffeln haben. Die Alpen sind meist von mässiger Weidequalität ( Brennnesseln und anderes Unkraut auf der Wendenalp ) und oft stark durch Schutt von Rüfen und Lawinen bedeckt. Wegen der häufigen Lawinenbedeckung ist es kaum möglich, den Schutt wegzuräumen. Die Alpen reichen nicht über 2000 m hinauf und sind, wie die Zahl der Kuhrechte zeigt, von bescheidener Grösse.
Alpstatistik AlpgenossenschaftenKuhrechte Genossenschaftervleh Birchlaui9630130 Stück Rindvieh, auch Geissen Rahfluhca. 30Nur Grossvieh Wenden 100 ca. 20Grossvieh, Geissen, dazu gehören die StaffelnSchafe Schwand, Wenden und Mettlenberg Vorbettli, Feldmoos, Gschletter ca. 40Diese drei Alpen bilden eine Alpgenossenschaft Steinalp ist Privatbesitz, gehört dem Wirt des Steingletscher-hotels Giglialpca. 30hauptsächlich Rind- vieh Die Birchlauialp wird von Fuhren und Nessenthai aus bestossen. Die Bauern von Gadmen treiben ihr Vieh auf die Wendenalp und die Giglialp. Rahfluhalp ist eine Vorstaffel der Giglialp, obwohl sie auf der andern Talseite liegt. Alpiglen ist eine Staffel der Birchlauialp. Schaftlauialp wird von Nessenthai aus bestossen, ebenso Luegerli, das Eigentum der Bäuerten von Nessenthai ist. Die Triftalp wird von Meiringen, die Spicherbergalp von Innertkirchen her bestossen.
Jede einzelne Alp gehört einer besonderen Alpgenossenschaft mit einer Anzahl von Genossenschaftern, auf die die Kuhrechte entsprechend ihrem Viehbestand verteilt werden. Doch kann ein Viehbesitzer an mehreren Alpgenossenschaften Anteil haben. Die Kuhrechte können ganz oder in Teilen verkauft oder verpachtet werden. Ein Kuhrecht = 4 Beine = 8 Klauen. Das Weiderecht eines Kalbs beträgt ein Bein, das einer Ziege eine Klaue. Für junge Schweine ist 1/8 Kuhrecht ( eine Klaue ), für grosse 2/8 Kuhrechte erforderlich.
Die Betriebseinheiten einer Alpgenossenschaft sind die Senntümer oder Senten. Dazu gehören so viel Stück Vieh, als ein Senn betreuen kann, sowie die Sennhütten mit Einrichtung ( mehrere Ställe, Käseküche, Käsespeicher ). Birchlauialp hat vier Senten, Wendenalp sieben Senten. Wo mehrere Senten zur Alp gehören, gruppieren sich die hölzernen Blockhäuser zu einer geschlossenen Siedelung, die meist im Schutz natürlicher Felsen oder eines künstlichen Lawinenkeils liegt.
Der ganze Milchertrag wird zu Butter, Käse und Ziger verarbeitet.
Die Verteilung des Käses und der Butter an die Genossenschafter erfolgt entsprechend dem Milchertrag ihrer Kühe, dessen Durchschnittswert durch zweimaliges Messen am Anfang und am Ende der Alpzeit durch den Senn festgestellt wird. Auf der Alp stehen ausser den Kühen noch eine Anzahl Kälber und Rinder und Ziegen und die von der Schotte ernährten Schweine.
III. Das Bergheu. Über den Alpweiden liegt der Bergheugürtel. Besonders auf der Sonnenseite unter den Gadmer Flühen gedeiht ausgezeichnetes Bergheu, das im Spätsommer, ja noch im September, geschnitten und oben in Heustadeln aufbewahrt wird. Es wird im Winter über den Schnee ins Tal geführt.
IV. Die Schafweiden. Über der Triftalp gibt es ausserdem noch Schafweiden bis hoch in die Flühe hinauf. 650 Schafe werden dort im Sommer gehalten, die sich oft bis in die Nachbartäler zerstreut haben und deswegen neuerdings von einem Hirten bewacht werden.
4. Der Verkehr Lokalverkehr. Der Verkehr von Gadmen geht von und nach Innertkirchen. Vielerlei Lebensbedürfnisse, Brot usw. kommen von Innertkirchen. Zeitweise musste sogar Milch von Meiringen bezogen werden. Kleine fahrende Läden bringen die Waren, besonders Brot und Haushaltungsgegenstände, herauf. Zum Heufahren dienen Karren — eine Leiter auf zwei grossen Rädern — die von den Leuten selbst geschoben werden.
Im Winter ist das Gadmental manchmal völlig abgesperrt von Innertkirchen, so dass keine Zufuhr möglich ist. Je nach den Schneeverhältnissen kann das wochenlang dauern. Die Leute müssen daher Vorräte haben, z.B. an Käse, etwa auch an Kondensmilch für den Fall der Absperrung, und die im Haushalt vorhandenen Vorräte müssen scharf rationiert werden.
Durchgangsverkehr. Der Sustenpass ist der nächste Weg vom Berner Mittelland nach dem Gotthard. Früher, wohl seit Eröffnung des Gotthardpasses, wurde er stark benutzt, nach der Eröffnung der Grimsel- und Furkastrasse aber kaum mehr. Die alte Strasse wurde auf Napoleons Befehl aus strategischen Gründen im Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut und genügt durchaus dem Verkehrsbedarf. Die neue Strasse wird ebenfalls aus militärischen Rücksichten und vom Gesichtspunkt der Arbeitsbeschaffung grossartig ausgebaut. Sie hat eine Breite von 7 m und eine maximale Steigung von 9 %. Die Talstufen werden in weit ausgezogenen Kehren überwunden. Das erfordert einerseits tiefe Einschnitte auch in den festen Fels, andrerseits dammartige Bauten, die in besonderem Masse durch Mauerwerk gestützt und befestigt werden müssen. Zahlreiche Vorsprünge des Berghangs werden durch Wandtunnels durchstossen. Viele Tunnels halten sich im natürlichen Fels, andere, wo das Gestein weniger standfest ist, mussten ausbetoniert werden. Schluchten des Hanges wurden durch Hochbrücken überwunden.
In verschiedener Weise wird die Strasse gegen Zerstörungen durch Wasser gesichert. Strassenschächte dienen der Entwässerung des Strassenkörpers, unterirdische Drainage oder Sickerleitungen ( mit Steinen ausgefüllte Ent-wässerungsgräben ) sollten Rutschungen des Bodens verhindern. Kleine Bäche werden in ausgemauerten Durchlässen unter der Strasse durchgeführt, grosse werden überbrückt. Schutzbauten gegen Lawinen und Schneerutschungen sind kaum angebracht worden, denn die in grösserer Höhe liegenden Teile der Strasse werden im Winter doch durch Schneewehen und Lawinen derart überdeckt, dass die Strasse nicht offengehalten werden kann.
Die Sustenstrasse wird die Grimsel entlasten und wohl einen Touristenautoverkehr hervorrufen. Zur Zeit geht reger Lastautoverkehr nach dem Pass, um Baustoffe und Lebensmittel für die Bauarbeiter in die Barackenlager zu bringen.
IV. Zusammenfassung Das Gadmental ist am Nordrand des Aaremassivs in der Streichrichtung als gestuftes Trogtal eingeschnitten, im N überragt von den Felswänden aus mächtigen Kalken des autochthonen Sedimentmantels. Bei rauhem Klima und schlechtem Boden ist es ein dürftiger Lebensraum. Die Gemeinde Gadmen, die das ganze Tal, ausser dem zu Innertkirchen gehörenden untersten Stück, einnimmt, hat nur 525 Einwohner. Sie leben von Viehwirtschaft — im Sommer als Alpwirtschaft betrieben — und ein wenig Kartoffelbau. Dazu kommt im Winter Weberei, etwas Holzschnitzerei und zeitweise Holzschlag. Die Gemeinde besteht aus sehr vielen, an möglichst lawinengeschützten Stellen erbauten Häusergruppen. Als nächster Weg von Bern nach dem Gotthard hatte der Sustenweg vor der Eröffnung der Grimselstrasse ziemliche Bedeutung. Der grossartige Bau der neuen Sustenstrasse dient vor allem militärischen Zwecken, wird aber einen Touristenautoverkehr über den Sustenpass erwecken und die Lebensmöglichkeiten Gadmens immerhin verbessern.