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Als «der Grösste» bezeichnete er sich selbst: Muhammad Ali hat nicht nur der Boxwelt seinen Stempel aufgedrückt. Niemand hat in der Welt des Sports grössere Spuren hinterlassen.
Muhammad Ali ist ein Mythos. Unzählige Menschen standen in den 60er- und 70er-Jahren hierzulande mitten in der Nacht auf, um den Fernseher einzuschalten und ihn auf körnigen, via Satellit übertragenen Schwarzweiss-Bildern im Ring zu erleben. Seine Kämpfe waren legendär, sie erhielten Übernamen wie Fight of the Century (1971), Rumble in the Jungle (1974) oder Thrilla in Manila (1975).
Der Stellenwert, den Muhammad Ali damals besass, lässt sich im heutigen Zeitalter von Social-Media-Hypes und Instant-Berühmtheiten kaum noch nachvollziehen. Kein anderer Sportler der Geschichte kann es mit seiner Ausstrahlung aufnehmen. Begonnen hatte alles am 17. Januar 1942 in Louisville im US-Südstaat Kentucky, wo Rassentrennung und -diskriminierung den Alltag prägten. An jenem Tag wurde Cassius Marcellus Clay jr. geboren, als Sohn eines Schildermalers.
Aus Wut darüber, dass sein Velo geklaut worden war, begann Clay mit zwölf Jahren zu boxen. Sechs Jahre später, 1960 in Rom, war er Olympiasieger im Halbschwergewicht. Tag und Nacht habe er die Goldmedaille getragen, schrieb er in seiner Autobiographie. Doch nachdem man ihm in einer Bar in Louisville wegen seiner Hautfarbe den Zutritt verweigerte, soll er sie in einen Fluss geworfen haben. Ob die Geschichte stimmt, ist unklar. Vielleicht hat er die Medaille einfach verloren.
Cassius Clay wurde Profi und wechselte in die Schwergewichts-Kategorie. Er besass bereits alle Eigenschaften, die ihn in der Boxgeschichte einzigartig machen sollten: blendendes Aussehen, charismatische Ausstrahlung, brillante Technik und jenen tänzerischen Stil – den «Ali Shuffle» – im Boxring, der ihn von den üblichen Schlägertypen abhob. Und eine grosse Klappe.
Schlagartig berühmt wurde er am 24. Februar 1964, als er zum Titelkampf gegen den amtierenden Weltmeister Sonny Liston antrat, ein unbeliebter Typ, dem man Kontakte zur Mafia nachsagte. Der hellhäutige Clay war die Lichtgestalt, die Amerika und die Boxwelt von diesem Finsterling erlösen sollte. Grosse Chancen gab man ihm gegen den Kraftboxer Liston nicht, doch nach sechs Runden gab dieser wegen einer Schulterverletzung auf. «Ich bin der Grösste!» brüllte Clay ins Mikrophon.
Kaum war er ganz oben, begannen die Kontroversen. Cassius Clay hatte seine Herkunft nicht vergessen. Er engagierte sich für die Bürgerrechtsbewegung, konvertierte zum Islam und änderte seinen Namen in Muhammad Ali. Endgültig zum «Hochverräter» wurde er, als er 1967 den Stellungsbefehl für einen allfälligen Einsatz im Vietnamkrieg verweigerte. «Kein Vietcong hat mich jemals Nigger genannt», soll er als Begründung gesagt haben.
Ali wurde als Dienstverweigerer verurteilt, verlor Weltmeistertitel und Box-Lizenz. Ins Gefängnis musste er nie, doch während seiner besten Jahre als Boxer durfte er keine Kämpfe bestreiten. 1970 wurde er begnadigt. Am 8. März 1971 kam es im New Yorker Madison Square Garden zum «Kampf des Jahrhunderts» gegen Weltmeister Joe Frazier. Ali ging in der 15. Runde zu Boden und verlor nach Punkten, doch moralisch war er der Sieger. Mit seinem Charisma eroberte der «Rebell» die Herzen der Fans zurück.
Es folgte seine grosse Zeit: 1974 holte er sich im «Rumble in the Jungle» in Zaire gegen den neuen Weltmeister George Foreman den Titel zurück, ein Jahr später gewann er den «Thrilla in Manila» gegen Frazier, für Fans und Experten der beste Boxkampf der Geschichte. 1978 verlor er überraschend gegen den Nobody Leon Spinks. Noch im gleichen Jahre besiegte er ihn im Rückkampf. Als bislang einziger Schwergewichtler wurde Muhammad Ali zum dritten Mal Weltmeister.
Der Niedergang aber war absehbar. 1981 verlor er seinen letzten Profikampf gegen den Kanadier Trevor Berbick nach Punkten. Den Titel hatte er bereits zuvor gegen seinen einstigen Sparringpartner Larry Holmes abgeben müssen. Drei Jahre danach wurde bei ihm das Parkinson-Syndrom diagnostiziert, ein unheilbares Nervenleiden. Mediziner sind sich nicht einig, ob es eine Folge des Sports ist. Tatsächlich hat Ali relativ wenig Kopftreffer einstecken müssen.
Der Champ schien am Ende. Er war verbittert, zog sich zurück, verweigerte zeitweise die Einnahme der Medikamente, welche die Symptome seiner Krankheit linderten. Doch dann kam sein zweites Comeback: An den Sommerspielen 1996 in Atlanta durfte Muhammad Ali das Olympische Feuer entzünden. «Meine linke Hand zitterte wegen Parkinson, die rechte vor Angst. Aber irgendwie habe ich es hingekriegt, das Ding anzuzünden», erinnerte Ali sich später.
Der Auftritt wurde mit Ovationen bedacht. Aus einem gefeierten, umstrittenen und vergessenen Boxer wurde ein lebender amerikanischer Nationalheiliger. Ali wurde mit Auszeichnungen überschüttet und zum «Sportler des Jahrhunderts» gekürt. Je älter Ali wurde, desto schwerer war er von seiner Krankheit gezeichnet. Zwischendurch konnte er kaum noch sprechen, mehrfach wurde er ins Spital eingeliefert. Nun ist der «Grösste» mit 74 Jahren gestorben. Doch seine Legende lebt weiter.