Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03148.jsonl.gz/1341

|› zurück zur «texte»-übersicht|
|Erschienen im St.Galler Tagblatt und in der «Presse», Wien,

4. August 2008
Zurück an den Ort der ausgewanderten Vorfahren
Nachkommen von Juden auf der Suche nach der eigenen Geschichte in Hohenems
Deutsche Städte laden regelmässig Juden aus dem Ausland, die aus Deutschland vertrieben wurden, zu einem mehrtägigen Besuch mit Sightseeingprogramm ein. In Hohenems im Vorarlberg, wo einst eine grosse jüdische Gemeinde bestand, trafen sich 130 Nachkommen jüdischer Familien aus aller Welt. Organisiert hat das Treffen das örtliche jüdische Museum, ihre Reise nach Hohenems und den Aufenthalt haben die historisch interessierten Angereisten selber finanziert. Die Suche nach den Wurzeln und die Auseinandersetzung mit einem Stück verlorener Heimat standen im Vordergrund.
Ralph Linden aus London hält ein abgegriffenes schwarzes Buch in der Hand, in dem handschriftliche Notizen eingetragen und Fotos eingeklebt sind. Mit dem Buch sucht er sich seinen Weg zwischen den Gräbern des steil am Hang ansteigenden jüdischen Friedhofs am Ortsende von Hohenems und findet die letzte Ruhestätte seiner Ur-ur-Grossmutter Jeannette Weil, die 1820 geboren und 1900 hier beerdigt wurde. Ralph Lindens Vorfahren stammen aus Hohenems. Linden, der in Italien geboren wurde, in Israel aufwuchs, in den USA arbeitete, ist zum ersten Mal in Hohenems. Das 1905 erschienene Buch, in dem Aaron Tänzer, der letzte Hohenemser Rabbiner, die Geschichte der Juden von Hohenems beschreibt, hat Ralph Linden aus dem Nachlass eines Verwandten in St.Gallen erhalten. Als er vor einem Jahr in einer englischen Zeitung von der Existenz eines jüdischen Museum in Hohenems las, nahm er Kontakt mit dem Museum auf, um der Geschichte seiner Vorfahren nachzugehen. Linden zeigt die Eintragungen über seine Vorarlberger Vorfahren Rabbinerin Lisa Goldstein aus San Diego in Kalifornien, die gemeinsam mit ihrem Bruder Samuel nach Hohenems gekommen ist, um der Geschichte ihres Ur-Grossvaters Louis Weil nachzugehen, der als einer der ersten verfolgten österreichischen Kommunisten 1937 im Konzentrationslager Dachau ermordet wurde. Vor vier Jahren schauten sich die beiden Amerikaner zum ersten Mal im Jüdischen Friedhof von Hohenems um, als ihnen ein Passant vom Jüdischen Museum in Hohenems erzählte, von dessen Existenz sie nichts wussten. «Das Museum ist ein wunderbarer Ort, in dem die Geschichte der Stadt und der Juden des Vorarlberg nachgegangen werden kann», sagt Lisa Goldstein. Und Ralph Linden, der sich lange am Bildschirm eines der Computer des Museums mit Tabellen und Stammbäumen befasst, lobt die Möglichkeit, sich hier dank eines modernen Computerprogramms und mit Hilfe eines Museumsmitarbeiters mit der Genealogie seiner Familie zu befassen.
Ralph Linden sowie Lisa und Samuel Goldstein sind mit weiteren 130 Nachkommen der einstigen jüdischen Bewohner von Hohenems zur «Reunion 2008», dem zweiten «Nachkommentreffen jüdischer Familien aus Hohenems», Anfang August in den Vorarlberg gekommen, welches das Jüdische Museum Hohenems organisiert hat. Zehn Jahre sind seit einem ersten solchen Treffen vergangen und wieder sind Menschen aus den USA, Australien, England, Israel, Italien, Deutschland, Holland, Belgien und der Schweiz zusammen gekommen. Und weil die meisten unter ihnen nicht Deutsch sprechen, ist die Hauptsprache der Tagung Englisch.
Ein Ort mit einer jüdischen Geschichte
Einst war Hohenems die einzige Ortschaft im Vorarlberg, in der sich Juden dank eines gräflichen Schutzbriefes von 1617 niederlassen durften. In der Mitte des 19. Jahrhunderts lebten über 500 Juden in der heute 15 000 Einwohner zählenden Stadt. Eine jüdische Schule, ein Ritualbad, ein jüdisches Altersheim, ein jüdischer Gasthof, in dem Christen und Juden verkehrten, ein jüdischer Friedhof und mehrere jüdische Metzgereien sowie eine Bäckerei gehörten zum Stadtbild. Als die nahe Schweiz Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts den Juden die Niederlassung erlaubte, zogen zahlreiche jüdische Familien nach St.Gallen, wo damals Textilhandel und industrie blühten, andere Familien siedelten sich in Triest, damals noch ein österreichischer Hafen, an. Mit dem Anschluss Österreichs und mit der Judenverfolgung des Dritten Reichs hörte das jüdische Leben in Hohenems auf. Die einstige Synagoge diente lange Jahre als Feuerwehrdepot, die Schule sowie die Wohnhäuser der Juden wurden türkischen Gastarbeitern aus der Textilindustrie zugewiesen. Mittlerweile ist die Synagoge renoviert und dient heute als Kultursaal und Musikschule, demnächst wird die renovierte jüdische Schule als Sitz der örtlichen Volkshochschule dienen, 1991 wurde in der ehemaligen jüdischen Fabrikantenvilla Rosenthal auf Initiative von jungen Vorarlberger Historikern ein jüdisches Museum eingerichtet, das heute zu den besten seiner Art im deutschsprachigen Raum zählt: Anders als viele andere jüdische Museen, deren Fokus auf die Vermittlung der jüdischen Glaubenstradition liegt, hat sich das Museum unter der Leitung seines Direktors Hanno Loewy der Geschichte der Stadt verschrieben, wobei das Zusammenleben von Juden und Christen im Vordergrund steht.
Bereichernde Unterschiede
Sabine Craston aus England ist in Lyon aufgewachsen. Daisy Koeb aus Rishon Le Zion in Israel ist in Wien geboren und rechtzeitig vor dem Krieg nach Schweden geflohen. Liya Vardi, ihre Tochter, ist Schulrektorin in Israel. Alle drei stammen von der Hohenemser Familie Dannhauser ab, Liyas Ur-Grossmutter war die Schwester von Sabines Ur- Grossvater, die beiden treffen sich anlässlich der Reunion 2008 erstmals in ihrem Leben auf dem Friedhof in Hohenems, um anhand neuer genealogischer Forschungsdaten des Museums der Geschichte ihrer Familie nachzugehen. Sabine Craston ist nicht jüdisch, ihre Vorfahren sind vor langer Zeit schon durch Heiraten katholisch geworden. Überhaupt sind die meisten der 130 Nachkommen, die sich zur Reunion 2008 einfinden, nicht mehr jüdisch, weshalb es sie nicht stört, dass am Eröffnungsabend der Tagung Shrimps und Schinken am Buffet angeboten werden, die nach jüdischem Ritual nicht gegessen werden dürfen. Und als am Freitagabend Rabbinerin Goldstein und Kantorin Marlena Tänzer aus New Jersey in der ehemaligen Synagoge den Schabat mit einem Kiddusch, einem Segensspruch, mit Weinbechern und mit Challe, dem frischem Samstagsbrot zelebrieren, da tragen nicht wenige anwesende Männer, Nachkommen jüdischer Vorfahren, zum ersten Mal im Leben die Kippa, weiss der junge Harrison Weil aus den USA nicht so recht, wie umgehen mit der runden Kopfbedeckung, die ihm mehrmals vom Kopf wegrutscht und kennen die meisten Teilnehmer jene Lieder nicht, die an einer solchen Feier gesungen werden. Sue Shimer aus den USA meint dazu: «Die Unterschiede, die unter uns Nachkommen feststellbar sind, sind bereichernd. Uns ist die Herkunft aus Hohenems gemeinsam und die Toleranz, mit der wir einander begegnen».
Francis Wahle, Nachkomme der jüdischen Hohenemser Familie Brunner, lebt in London und war Pfarrer an der katholischen Westminster Cathedral. Als er im Alter von 8 Jahren mit einem der «Kindertransporte» gemeinsam mit seiner Schwester Wien verlassen konnte, wusste der junge Francis nichts von seinem Judentum, obschon seine Eltern beide jüdischer Herkunft waren. In England studierte Francis Wahle Wirtschaft, im Alter von 30 entschied er sich «aus Dankbarkeit für die Rettung», katholische Theologie zu studieren. Nach seinem Studium in Wien wurde er katholischer Pfarrer in London. Weshalb Father Francis an die Reunion nach Hohenems kommt? « Meine Mutter war eine Brunner und ihre Familie stammt aus Hohenems und ist am jüdischen Friedhof begraben. Deshalb bin ich jetzt hier und habe an der Zusammenkunft der jüdischen Familien teilgenommen, ein katholischer Priester der auch Jude ist. Die Vergangenheit als lebendige Geschichte interessiert mich. Ich bin Teil einer grossen Familie, die ihren Ursprung in Hohenems hat».
Nicht anders Harry Weil junior aus Los Ranchos bei Albuquerque in New Mexiko: «Ich bin ein Österreicher, ein Italiener, Katholik und Jude zugleich und lebe in den USA», sagt er, dessen Vater sich bei der Heirat mit einer Italienerin verpflichten musste, den Sohn katholisch zu erziehen. Mit der MS 'Ile de France', dem letzten Schiff, das den Hafen von Le Havre Richtung USA verlassen konnte, ist Harry 1939 mit seinen Eltern in New York angekommen. Sein Vater, ehedem letzter Kantor der jüdischen Gemeinde in Hohenems, konnte in den USA einen Importhandel für österreichische Produkte aufbauen, was dem Vertriebenen eine Medaille der Republik Österreich brachte. Sohn Harry hat zuletzt auf seiner Farm Pferde gezüchtet. Seinen Vater hat er auf dessen Wunsch hin in Hohenems beerdigt. «Und Mutter liegt zur Hälfte in Hohenems und zur Hälfte in den USA» gibt er lachend zu verstehen, der selber auch in Hohenems beerdigt werden möchte. Weshalb er mit seiner dritten Frau und mit vier erwachsenen Kindern aus zwei Ehen an die Reunion 2008 nach Hohenems gekommen ist? «Das Vorarlberg ist eine wunderbare Ferienregion. Und dann ist Hohenems der Ort aus dem ich stamme, von wo meine Familie herkommt. Es ist wichtig, Wurzeln zu haben, zu wissen, von wo man kommt, eine Heimat zu haben. Meine Kinder sind in Amerika geboren, aber sie sind doch auch Österreicher. Von hier kommen wir, sie sollen wissen, wie es hier ist, sie sollen die Geschichte ihrer Familie kennen, daher haben sie sich auch die Ausstellung des Jüdischen Museums angeschaut.»
Wichtige Fäden zur eigenen Vergangenheit
Hermann Schmelzer, Rabbiner in St.Gallen, der zur Reunion 2008 angereist ist, um in der Abdankungshalle des jüdischen Friedhofs ein Gebet für die Toten zu sprechen, ergänzt: «Es gibt Menschen, die haben einen Ort verlassen, sie mussten wegziehen und sind innerlich dennoch nicht ganz weggezogen, haben innere Bande aufrecht erhalten zum Ort, aus dem sie oder ihre Vorfahren stammen. Viele Menschen, die heute ohne Bindungen leben, haben es schwerer im Leben. Es gibt dünne Fäden in unserem Leben, die sich stärken lassen, das ist wohl auch bei jenen so, die von weit weg nach Hohenems kommen und hier ein Gefühl von Zugehörigkeit haben oder entwickeln». «Es ist das Gefühl, trotz allen biografischen und sprachlichen Unterschiedlichkeiten dazu zu gehören, das mich hierher bringt», sagt die Textilhistorikerin Alice Baginski, deren Ur-Grossmutter aus Hohenems stammt. Ihre Grossmutter hatte ihr von Hohenems erzählt, das sie regelmässig von St.Gallen aus besucht hatte. Der Name Hohenems war in der Familie stets präsent, auch wenn Alice selber in Berlin geboren wurde. Sue Shimer aus den USA, deren Vorfahren Hohenems 1867 verlassen haben, meint: «Die Vergangenheit ist Teil von jedem von uns, sie macht uns zu dem, was wir heute sind. Ich spaziere heute durch Hohenems und versuche zu sehen, wie es früher hier gewesen sein könnte, was meine Vorfahren hier wohl gesehen und erlebt haben könnten. Der Ort ist klein genug, dass man sich nicht wie in einer grossen Stadt wie Wien in Bildern verliert. Alle, die zu dieser Reunion gekommen sind, haben ein Gefühl der Zusammengehörigkeit, wir machen hier Entdeckungen, die mit unserer Geschichte zu tun haben.»
Zum Abschluss der Reunion 2008 hielt der jüdische Katholik Father Francis Wahle auf Einladung seines Kollegen in der katholischen St.Karlskirche in Hohenems eine Predigt zum Thema «Wie verhalte ich mich gegenüber Juden oder, im allgemeinen, gegenüber Andersgläubigen. Wie sollte mein Benehmen als katholischer Christ, sein?» Im Zentrum seiner Ausführungen stand Plädoyer für einen Dialog der Vorarlberger mit der türkischen und bosnischen muslimischen Bevölkerung von Hohenems, wo zahlreiche Zuwanderer muslimischen Glaubens in der Textil- und Maschinenindustrie beschäftigt sind. Father Francis in seiner Predigt: «Ich bete in dieser Messe nicht nur für meine verstorbenen Vorfahren die am jüdischen Friedhof begraben sind, sondern auch für alle die heute in Hohenems ansässig sind. Ich lade Sie ein, dasselbe zu tun.»
|› nach oben||› zurück zur «texte»-übersicht|