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Von einem Haus zum andern
Die 1003 Lebensorte von Corinna Bille
oder: Dies ist ein Buch der Sehnsucht
Eine Biographie von S. Corinna Bille, aus ihren eigenen Worten, Notizen, Briefen und Zeugnissen von Zeitgenossen zusammengestellt – “gewebt“ – von Hilde Fieguth
Corinna Bille antwortete 1975 in einem Interview auf die Frage: Welches Buch hätten Sie gerne geschrieben?: – “Es gibt eines, und seit Jahren träume ich davon, es zu schreiben: nämlich die Geschichte meines Lebens. Es ist so unglaublich und fantastisch, so reich an unerwarteten Rückschlägen und Wendungen, dass sich ein Buch lohnen würde.“
Sie hat zu diesem Buch viele Notizen aufgezeichnet, manche auch ausgearbeitet, aber weder Zeit noch Möglichkeit gehabt, ein fertiges Buch daraus zu gestalten. Der vorliegende Band will nun keineswegs dieses literarische Projekt Corinna Billes, ihr “wahres Lebensmärchen“, wie sie es genannt hat, “nachempfinden” oder rekonstruieren. Niemand kann wissen, wie sie das vorhandene Material (vielleicht sogar, ob überhaupt) letztlich verwendet und gestaltet hätte.
Eine umfangreiche Auswahl dieser Notizen hat Christiane P. Makward 1992 zusammengestellt und herausgegeben: “Corinna Bille, Le vrai conte de ma vie“ (Mein wahres Lebensmärchen). Christiane Makward hatte Corinna Bille 1978 im Chalet Les Vernys aufgesucht und sich mit ihr befreundet. Für ihr Buch hat sie alle die Notizen im Nachlass, die von Corinna Bille in Umschlägen und Päckchen mit “pour Vie“ (also für die Autobiographie) bezeichnet waren, durchgesehen, eine Auswahl davon in eine gewisse Ordnung gebracht und ausführlich kommentiert. Dabei konnte sie auf die Mitarbeit des Witwers Maurice Chappaz zählen. Indem sie allerdings den von Corinna Bille vorgesehenen Titel und den Autorennamen übernimmt, signalisiert sie die Absicht, zumindest ansatzweise dieses Werk anhand des vorliegenden Materials zu rekonstruieren.
Der vorliegende Band “Die 1003 Lebensorte der Corinna Bille“ will hingegen das Leben von Corinna Bille nahezu ausschließlich in ihren eigenen Worten erzählen, in ihren oft sehr spontanen Äußerungen. Auf diese Weise wird eine Nähe zur Gattung der Autobiographie erreicht, obwohl die Auswahl der Texte, ihre Aufeinanderfolge und Zusammenstellung sowie die knappen Kommentare und Erläuterungen nicht von der Schriftstellerin stammen. Corinna Bille soll also in meinem Arrangement ihrer Texte in ihrer ganzen eigenen Person und in der Fülle ihrer eigenen künstlerischen Ideen zum Sprechen gebracht werden. “Mein ganzes Leben steht schon auf Papierfetzen“ – soll sie auf dem Totenbett zu ihrem Mann Maurice Chappaz gesagt haben. Aber, wie er es ausdrückte: “Sie hat ihre Notizen nicht ordnen können, die Schreie von Fall zu Fall, die ersten naiv-spontanen Gedanken, sie hat ihre Vorstellungen nicht strukturieren, ihre Gefühle nicht abwägen können”.
Aus diesen “Papierfetzen“, ergänzt mit Briefen, ihren eigenen, denen der Eltern, ihrer Schwester, von Georges Borgeaud und vor allem von Maurice Chappaz, aus Abschnitten von Chappaz‘ Autobiographie und aus anderen Dokumenten, habe ich eine Auswahl (die Fülle des Materials zwang dazu) getroffen und sie in eine Art chronologischen Zusammenhang gebracht. Meine für das Verständnis des Zusammenhangs und für die Chronologie notwendigen Zwischentexte sind so knapp und sachlich wie möglich gehalten. Ab und zu habe ich Gedichte und Träume mit autobiographischem Inhalt, die unter den Notizen “pour Vie“ [für ‚Leben‘] waren, einbezogen. Auf Interpretationen oder psychologische Schlüsse (Corinna: “Wichtig für ‚Mein Leben‘: alle Versuche von psychoanalytischen Erklärungen (immer falsch) vermeiden”) verzichte ich dabei, auch Erzählungen und Erinnerungen von Zeitzeugen und Angehörigen aus der Zeit nach ihrem Tod würden dieser Art der Darstellung zuwiderlaufen.
Ganz von selbst geben diese Texte auch Einblick in das Zeitgeschehen, die Beziehungen zu anderen Schriftstellern, das Verlagswesen, vor allem im französischsprachigen Teil der Schweiz, in die Zeit des zweiten Weltkriegs etc.
Ich kannte Corinna Bille nicht persönlich. Als ich wenige Jahre nach ihrem Tod ihr Werk las, war ich zunächst vor allem von ihren Naturschilderungen berührt, die eng mit der Atmosphäre ihrer Gestalten und Geschichten verbunden sind, von diesem “Einswerden“ mit der Natur. Ob es diese archaisch-magische Natur gab? Im heutigen Wallis? Ich machte mich auf “Spurensuche“. Zunächst erwanderte und besuchte ich die meisten ihrer Lebensorte, die oft auch mit den in ihrem Werk beschriebenen Lokalitäten und Landschaften übereinstimmen und tatsächlich manchmal noch die gleiche (fast) Atmosphäre ausstrahlen, wie sie auf so faszinierende Weise von ihr geschildert wird. Vor allem trifft das zu auf das Val d’Anniviers. Nach diesen Erkundungen ergab sich ganz von selbst das Bedürfnis, mehr über sie selbst, ihr Leben und ihre Lebenswahrnehmung zu erfahren. Ich erforschte, mit Erlaubnis ihres Witwers Maurice Chappaz, den Nachlass, der im Literaturarchiv in Bern aufbewahrt wird. Und in diesen Schachteln mit ihrem an Zahl, Vielfalt, Buntheit überwältigendem Material, in all den “Papierfetzen”, Heften, “Traumbüchern”, Briefen fand ich ihr – äußeres und inneres – Leben dargestellt, wie ich es hier nun weitergeben will: das Leben einer Hausfrau und Mutter einerseits und das einer vom Schreiben “besessenen” Autorin andererseits; ein Leben, das “allerhand Interessantes” zu bieten hat; ein Leben, das nie geradlinig verläuft, in dem Glücksäußerungen und Verzweiflung unmittelbar aufeinander treffen können, das farbig und grau ist, ehrgeizig und verzweifelt, das einen anrühren und auch verstören kann, ein Leben mit Höhen und Tiefen, mit Widersprüchen und Paradoxen, Umwegen und Abgründen. Aber auch die Absichten und schöpferischen Ideen in den Notizen und Skizzen zu ihrem Werk sollen aufgezeigt werden.
Ich war so beeindruckt und überrascht von der Fülle, der Mannigfaltigkeit und Buntheit dieses Materials, dass ich es ein wenig beschreiben möchte. Allein schon in der äußeren Form all dieser Hefte und Zettel zeigt sich die grenzenlose Fantasie der Schriftstellerin und ihr Bedürfnis, ihre Gedanken und Ideen auszudrücken, weiterzugeben und vor dem Vergessen zu bewahren:
“Mein Schreibbedürfnis ist so gebieterisch wie eine Berufung. Das schlimmste, was mir zustoßen könnte, wäre darauf verzichten zu müssen“ – schrieb sie bereits 1944 an ihren Verleger. Die Notizen bestehen: – aus dicken und dünnen Heften jeden Formats, darunter alte Schulhefte eines Onkels von Chappaz oder ihrer Kinder. Die leer gebliebenen Seiten nach Rechen- und Grammatikübungen, Aufsätzen, Diktaten füllt sie mit ihren Notizen; viele Hefte sind von vorn und von hinten beschrieben, die Aufzeichnungen stoßen dann irgendwo in der Mitte aufeinander; die ersten Seiten in einem Heft können schön und sorgfältig mit Tinte geschrieben sein, aber daran kann sich kaum entzifferbares Gekritzel anschließen, oft mit Bleistift; – aus zahlreichen Kalendern und Agenden jeder Größe mit den unterschiedlichsten Einbänden – “Ich besitze noch den winzigen Kalender mit Engelchen auf dem Einband [aus der Internatszeit in Luzern] und dem Bleistiftstrich, der alle die Tage zudeckt, als wenn mit dem Schwärzen dieser Ziffern die Tage selbst zerstört würden, als wenn die Erinnerung ausgelöscht würde; das Zählen all der Sekunden, Minuten und Tage lenkte meine Psyche von der Verzweiflung ab“;
– aus zahlreichen einzelnen Blättern, Zetteln, alten Briefumschlägen; – aus Einkaufs- oder Merkzetteln; z.B. folgen auf Notizen wie “Mitnehmen nach Finges [in das Häuschen im Pfynwald] Meine grüngraue Sofadecke, Spüllappen, Kerzen“ etc. literarische Entwürfe oder Ideen; zwischen Fragmenten von literarischen und poetischen Entwürfen finden sich immer wieder lustige oder philosophische Aussprüche aus Kindermund. Manchmal haben ihre Kinder auch in die Agenden und Hefte gekritzelt; – Die Notizen füllen auch die Rückseiten von Manuskripten oder Briefentwürfen ihres Mannes. Viele hat sie in Eile hingeschrieben, manchmal sind die Einträge schwer leserlich. In einem Fernsehinterview sagt sie: “Wenn man den richtigen Zeitpunkt verpasst, verliert man womöglich die Idee, die Inspiration […]“. Oft gibt es zu einer biographischen Episode oder zu dem Entwurf eines Kapitels für “Mein wahres Lebensmärchen“ mehrere Versionen. Vor allem die Titel zu den vorgesehenen Kapiteln notiert sie immer wieder mit mehr oder weniger Abweichungen, schreibt Varianten mit der Hand oder der Maschine ab in ein anderes Heft. Im vorliegenden Band wird jeweils nur eine bestimmte Fassung verwendet, keine “Synthese” aus mehreren Fassungen (wie es ab und zu bei Christiane Makward oder auch bei Chappaz in seinen posthumen Gedichtausgaben vorkommt). Nur ein kleiner Teil kann datiert werden. Auf viele dieser Aufzeichnungen schreibt sie zu einem späteren Zeitpunkt, vor allem 1978, aber auch schon in den sechziger Jahren, Kommentare, oder sie bringt Korrekturen an und vermerkt: “Für ‚Mein Leben‘ “- oder: “Dokumente, sehr geeignet für Mein Leben“ etc.
Zusätzlich zu den Notizen sind vor allem die “Traumhefte” (“Carnets de rêves”) als Quellen für unsere Biographie ergiebig. Es handelt sich dabei um neunzehn “Bücher” verschiedenen Formats mit unterschiedlichen bunten Einbänden, aus Karton, oft mit Stoff bezogen, Chintz, Leinen, Plastik etc., sogenannte “Poesiealben”. Dahinein schreibt sie ihre Lieblingstexte von anderen Schriftstellern ab, eigene Entwürfe für Novellen, Romane, Gedichte, Gedanken zu ihren Lektüren, Ideen für künftige Werke, Tagebucheintragungen, manchmal schmückt sie sie mit eigenen Aquarellen oder Collagen (besonders hübsch ist das zweite Buch), oder sie klebt Reproduktionen von Kunstwerken oder Fotographien (von Bekannten oder berühmten Persönlichkeiten) hinein, notiert die Namen von Blumen und Schmetterlingen etc. Vor allem aber schreibt sie darin ihre Träume auf, oft auch Träume aus früherer Zeit, an die sie sich erinnert; aus vielen entstehen späterhin die “Hundert kleinen Liebesgeschichten“, bzw. die “Hundert grausamen Geschichtchen“ (“Cent petites histoires d’amour, Cent petites histoires cruelles“). Oft hat sie notiert: “Genommen oder nicht genommen“ oder “Umgeändert für Hundert grausame Geschichtchen“ etc. Diese “Alben” umfassen die Jahre 1942-1979.
Der Einband des Albums 19 z.B. besteht aus pinkfarbenem Kunstleder mit einem weißen Herzen in der Mitte, in dem sich wiederum ein Herzchen aus geblümtem Stoff befindet. Auf der ersten Seite steht: “Unter diesem kindischen Einband mit rosa Herzen: einige schreckliche Dokumente“. 1978 sieht ihre 28 jährige Tochter dieses Album; es scheint ihr zu gefallen: “Das Herz -“, aber Corinna antwortet: “Ach, das ist kindisch, ich mache Notizen darin. Und ich sage mir, ein bisschen erschrocken: Mein Gott, wenn sie wüsste, was darin steht!…“
Außer der Korrespondenz mit ihren Eltern und mit Maurice Chappaz wollte sie auch Briefe von anderen als Material zur Autobiographie verwenden: “Zitieren: Briefe der Verrückten (- der aus dem Aargau und der aus Monthey nach “Schwarze Erdbeeren”; hab auch einen zotigen Brief nach “Das geheime Land“ (“Le pays sécret”) bekommen), Briefe von B. Fondane, F. Filippini und Borgeaud, von Maurice Chappaz, Pierre Jean Jouve, von meinen Eltern, von mir und andere interessante Briefe.“
Dazu kommen ihre Artikel in Zeitschriften, die oft in sehr persönlichem Stil geschrieben sind und eigene Erlebnisse verwerten.
Bei einer Biographie, auch wenn sie wie in diesem Fall überwiegend aus den Worten der Autorin selbst besteht, gilt es Zurückhaltung und Diskretion zu wahren. Als Christiane Makward zusammen mit Maurice Chappaz an “Mein wahres Lebensmärchen” arbeitete, fragte Michène Pestelli, die zweite Frau von Chappaz: “Ob es Corinna recht gewesen wäre, dass man alles sagt?” – worauf Chappaz antwortet: “Es gibt kein Wissen ohne Wahrheit, und wenn man sie nicht sagt, egal wie sie ist, bedeutet das, die Leute zu beerdigen”, und: “Das Unvollendete erweist sich als genauso wichtig […] wie das Fertige? – Ja”. Das Problem der Diskretion betrifft ja auch ihn selbst. In seinem “Journal de l’année 1984“ [Tagebuch vom Jahr 1984], aus dem auch das obige Zitat stammt, äußert er sich zu bestimmten Punkten von Corinnas Leben, so zu ihren Liebhabern. “Nun, das Manuskript [von Christiane Makward] ist in Bezug auf die Verbindungen und die Sicht von Corinna zu Vital, Léon, Borgeaud, Filippini, Viatte, den Fischer in Pradet sehr ausführlich, was zitiert wird, ist wichtig. Es betrifft auch mich. Und selbst jetzt, nach mehr als fünfzig Jahren, bin ich so impliziert, dass ich nicht urteilen will. Ich kann mich dazu nicht äußern. Ich akzeptiere Ihre [Makwards] Sicht der Dinge”.
Als er dabei war, für dieses “Tagebuch vom Jahr 1984“ und für die Arbeit von Christiane Makward “den ganzen Verlauf ihres Lebens zusammenzustellen: von ihr selbst geschrieben” (einschließlich ihrer Briefe an ihre Eltern, an Borgeaud, an ihn selbst und all das, was sie ihm über ihren ersten Mann Vital erzählt hatte, etc.), schrieb er: “So wird sie also ganz anwesend sein. – Und andere werden sie lieben, du wirst sehen, in zwanzig, in dreißig Jahren, Verwandte und Unbekannte, und werden von diesem wunderbaren verletzlichen Leben gepackt sein, Ereignisse und Menschen werden erhellt werden, die es selbst vielleicht gar nicht gegeben hat, die vielleicht nur durch sie ihre Erfüllung finden.”
Bei den vielen Überlegungen zur Gliederung der Biographie zieht sie auch die Möglichkeit in Betracht, die Aufzählung der etwa 18 Häuser, in denen sie gelebt hat, als Gerüst zu nehmen.. Angeregt dazu wird sie bei der Lektüre von Proust [1978]:
“Auf der Suche nach den verlorenen Häusern” – Da wurde mir durch Zufall der Titel für einen Abschnitt meines ‚Lebens‘ geschenkt, in dem ich von den Häusern erzählen werde, die ich geliebt habe, und die mir genommen wurden“. Sie zählt sie auf (nicht ganz chronologisch):
- Das mit Schuppen bedeckte Haus [Rotzberg]
- Das Haus im Paradies [Das Paradou in Siders]
- Das Jupiterhaus [Bel-Air im Jura]
- Das Haus in den Bergen [Chandolin]
- Das Fliegenhaus [St.Agnes in Luzern]
- Das Hexenhaus [Geesch]
- Das Haus am Ufer der Seine [bei Anne-Marie]
- Das Kinohaus [Lens]
- Das Haus auf dem Montmartre [mit Vital]
- Das portugiesische Haus [Quinta des Vaters]
- Das Haus am Ufer des Genfer Sees [Hermance, Haus des Vaters]
- Das Haus der Bischöfe [Schloss Glérolles]
- Das Haus des Kindes und des Vogelmädchens [Vers-chez-les-Blanc und Lausanne]
- Das Haus im Wald [Pfynwald]
- Das Haus in den Weinbergen [Fully]
- Das neue Haus, das mir gehörte [Veyras]
- Das Herrenhaus [Die “Abtei” in Le Châble]
In dieser Liste fehlen merkwürdigerweise die Chalets Le Clou, Les Planards und Trient sowie das Chalet Les Vernys.
Das vorliegende Buch folgt in seiner Auswahl und Anordnung so weit wie möglich dieser Idee mit den vielen Häusern und gleichzeitig der Chronologie der Ereignisse, wobei die “Chronologie” der Häuser nicht immer strikt einzuhalten ist, da sie die Ferienhäuser in vielen Jahren immer wieder und auch mehrmals im Jahr bewohnt hat. Dazu kommt, dass sie ein bestimmtes Ereignis bereits zum Zeitpunkt seines Erlebens aufgezeichnet und später dann mit Kommentaren oder Veränderungen versehen hat. Dieselbe Episode kann aber auch zu verschiedenen späteren Zeiten retrospektiv dargestellt sein. Manchmal wird das gleiche Ereignis auch von einer anderen Person berichtet. Solche Texte werden als “cluster” zu einer Einheit zusammengefasst und nicht strikt in den chronologischen Zusammenhang der Aufzeichnungen gestellt.
Den Texten, die in der Zeit ihres Erlebens geschrieben sind, entsprechen die Briefe. Auch Artikel, die sie für Zeitungen oder einen Verlag geschrieben hat, enthalten oft persönliche Erlebnisse und Gedanken, sind aber im Gegensatz zu den Notizen stilisiert und sorgfältig ausgearbeitet und natürlich in der Rückschau geschrieben. Alle diese Texte werden im Zusammenhang der Ereignisse wiedergegeben. Bei der Zusammenstellung der unterschiedlichen Texte in diesem Buch, einschließlich der Briefe und Stellungnahmen oder Erinnerungen ihr nahe stehender Personen, könnte man an die Webarbeiten denken, die im Atelier Rhodan, gegründet 1929 von Edmond Bille, im Paradou entstanden sind. Diese Webereien zeichnen sich aus durch asymmetrische, abstrakte – “moderne” Kompositionen, die in ihrer Gesamtheit harmonisch wirken. Mit solch einer Webarbeit, in der unterschiedliche Materialen in unterschiedlichen Farben ungleichmäßig verteilt sind, möchte ich dieses Buch vergleichen. Die von Corinna ausgearbeiteten Texte entsprächen regelmäßigen, glatten Stellen im Gewebe, die Skizzen und flüchtig notierten Entwürfe unregelmäßigen, gröberen. Wenn ein Ereignis sowohl aus seiner Gegenwart heraus dargestellt wird wie auch zu verschiedenen späteren Zeiten oder von anderen Personen aus der Rückschau, so kann man sich einen größeren Fleck, ein “cluster”, vorstellen in der gleichen Farbe, aber zusammengesetzt aus unterschiedlichen Nuancen dieser Farbe und unterschiedlichen Materialien. Flecken dieser Art sind immer wieder über unseren “Teppich” verteilt.
Projet Rhodan (1929)
In: Bernhard Wyder, Edmond Bille. Une biographie.2008