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WOZ: Ihr Spielfilm «Nachbeben» lief an der Berlinale. Die Zeitung «Der Tagesspiegel» schrieb, der Film sei eine Satire auf die Welt der gehobenen Mittelklasse: auf die Scham- und Gewissenlosigkeit, die Raffgier und das Zurschaustellen von fragwürdigem Reichtum. Sind Sie der Jean Ziegler des Schweizer Films?
Stina Werenfels: Warum? Schreibt Ziegler Satiren? Nein, im Ernst: das Publikum reagierte schon mit einer gewissen Schadenfreude auf die Kritik an der reichen Schweiz. Andererseits sagte mir ein junger Typ, der aus dem Iran kommt und für iranische Zeitungen schreibt, der Film habe sehr viel mit ihm zu tun. Das hat mich zwar erstaunt, zeigt aber, dass das Thema nicht nur die Schweiz betrifft. Die Party nach dem Film fand dann sinnigerweise im Club «Kapital» statt, in der ehemaligen Schalterhalle der Köpenicker Bank, die längst von einer grösseren geschluckt wurde.
Im Film wird Mundart gesprochen. Kann ein Publikum im Ausland damit etwas anfangen? Geht nicht zu viel verloren mit englischen Untertiteln?
Die Deutschen finden Schweizerdeutsch komisch, sie verstehen einfach nicht, dass das unsere Sprache ist. Ich habe in der Diskussion nach dem Film erklärt, Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt hätten schliesslich auch Schweizerdeutsch gesprochen miteinander. So was schockiert geradezu.
Haben Sie die Dialekte gezielt eingesetzt? Die reichste Figur in «Nachbeben», Sue, spricht Baseldeutsch und vertritt «fettes altes Geld». Die armen reichen Basler kommen sowohl in «Grounding» wie in «Nachbeben» an die Kasse.
Im Schweizer Film ist Berndeutsch der beliebteste Dialekt, während die «bad guys» immer Basler sind. Keine Ahnung wieso. Baseldeutsch ist meine Muttersprache, ein Teil meiner Familie ist aus dem Basler Bürgertum. Baseldeutsch geht hervorragend mit Humor um, es erzeugt Witz, das wird bei den Schnitzelbänken sehr deutlich.
Die «Nachbeben»-Hauptfigur HP spricht Berndeutsch, doch alle, die ich nach dem Film befragte, sogar der Tontechniker, waren überzeugt, er habe Zürcher Dialekt gesprochen.
Das ist typisch! Bloss weil er nicht ein einfacher Sympathieträger ist. Berndeutsch wird nur mit gemütlichen Gielen in Verbindung gebracht, es ist ländlich, retro, putzig und nett.
Wer sind Ihre Vorbilder?
Woody Allen mit seinen Filmen aus den achtziger Jahren, Michelangelo Antonioni, Robert Altmans «The Wedding», John Cassavetes. Von den neueren finde ich Ang Lee umwerfend, «The Ice Storm» war für mich ein wichtiger Film.
Liessen Sie sich nicht auch von Schweizer Filmen beeinflussen? Vom Westschweizer Claude Goretta zum Beispiel? «Nachbeben» erinnerte mich an «L’Invitation», Gorettas böse Komödie aus den siebziger Jahren.
Das stimmt. «L’Invitation» habe ich vor zwölf Jahren gesehen und war begeistert. Es gibt schon Parallelen zu Gorettas Sittenbild. Auch dort verlieren Bürokollegen auf einer sonnen- und alkoholreichen Gartenparty in einer tollen Villa alle Hemmungen und zeigen sich von ihrer hässlicheren Seite. Bei Goretta spielte Jean-Luc Bideau die Hauptrolle. HP, der Banker in «Nachbeben», gespielt von Michael Neuenschwander, ist für mich auch ein Nachfolger dieser Figur. Es gibt nur wenige Schweizer Schauspieler mit dieser Art Temperament, kindlich-bubenhaft, charmant, aber auch gewalttätig.
Ich möchte zurückkehren zu unserem Thema von letzter Woche. Im Dokumentarfilm «ID Swiss» diskutieren Sie mit dem Rabbiner, ob Sie jetzt eine Viertel- oder eine Halbjüdin seien. Da haben sich meine Nackenhaare gesträubt.
Ja, das ist eigentlich nationalsozialistische Nomenklatur. Das orthodoxe Judentum lehnt das ab. Aber im Staat Israel hat die Herleitung, wer jüdisch ist und wer nicht, riesige Konsequenzen für die Staatsbürgerschaft. Hat man das Recht auf Partizipation als voller Bürger oder eben nicht, weil man zum Beispiel Bürger mit arabischem Hintergrund ist?
Sie haben sich entschieden, die jüdische Religion nicht zu praktizieren. Wie deklarieren Sie sich heute? Als jemand mit jüdisch-protestantischem Hintergrund?
Ja, wenn ich so konkret sein muss ... Und sonst bin ich einfach ein Produkt unserer Zeit, wie andere auch. Wenn Sie mich fragen, wo ich mich heute am meisten zugehörig fühle, ist das die
Kinderkrippe meiner Tochter. Das ist im Moment der konstanteste Ort in meinem Leben. Ich habe mal einem jüdischen Freund, der eine jüdische Frau heiraten sollte, gesagt, für mich habe die Beschäftigung mit dem Judentum dazu geführt, dass ich einen Araber heiratete. Das war die logische Fortsetzung.
Einen halben Araber ...
Wie Sie wollen, ein Viertel, halb oder ganz. Wenn man mit Menschen dieselben Fragen wälzt, gibt es so was wie ein innerliches Daheimsein, eine Zugehörigkeit. Samir und ich, wir müssen uns diese Fragen nicht erklären. Ihm haben sie sich einfach auf Arabisch gestellt.
Die Regisseurin Stina Werenfels, geboren 1964, ist mit dem Filmemacher Samir verheiratet und Mutter einer Tochter.