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Seit Wochen kostet ein Bitcoin um 50’000 Franken. Etwa 2016 bezahlte ich noch 600 Franken dafür! Zwar konnte oder wollte ich keine 600 Franken hinblättern. Das ist ja recht viel Geld. Ich kaufte damals einen halben Bitcoin. Als der Bitcoin-Kurs Ende 2017 um 15’000 Franken stand, verkaufte ich etwa einen Drittel Bitcoin. Danach stieg er kurz auf knapp 20’000, um danach wieder auf 3000 zu kollabieren. Ich war mit dem Zeitpunkt, in welchem ich verkaufte, zufrieden. Aber es kam mir nicht in den Sinn, von den über 4000 Franken Erlös, den ich machte, wieder zumindest einen halben Bitcoin nachzukaufen. Das reute mich später.
Altervorsorge mit Zeitgutscheinen und Züge mit versiegelten Wagen
Krypto-Währungen werden von den meisten Menschen, die sich damit beschäftigen, zu Spekulationszwecken verwendet. Aber dahinter steckt mehr, nämlich eine Menge „Weltverbesserungspotential“. Zum Beispiel hat die 1944 geborene Susanna Fassbind 2011 den Verein Kiss begründet, dessen Zweck eine vierte Säule der Altersvorsoge ist. Sie baut auf Zeitgutscheinen auf. Wer eine Stunde Nachbarschaftshilfe leistet, erhält eine Zeitgutschrift von 1 Stunde und kann diese im Alter reklamieren, wenn er selber Nachbarschaftshilfe benötigt. Das führt natürlich in eine „unendliche“ Buchhaltung mit Zeitgutscheinen und nichts ist dafür besser geeignet, als eine distributed Ledger, also ein verteiltes Hauptbuch. Und genau das ist eine Blockchain. Anfangs 2020 sollte der Verein Kiss erste Versuche mit der Blockchaintechnologie machen, um alle die Zeitgutscheine zu verrechnen. Ob Zeitgutschriften oder Geldgutschriften (in Form von Bitcoins) ausgetauscht werden, ist einerlei. Es geht sogar noch weiter: man kann auch Speicher austauschen, oder Grundstücke, Wohnungen, Stromeinheiten, freie Plätze in Transportkontainern, etc. Wenn jemand ein Gut oder einen Wert jemandem anderes überträgt, spricht man von einer Transaktion. Um Millionen von Transaktionen zu verbuchen, die weltweit anfallen, eignet sich eine DLT – Distributed Ledger Technologie.
Blockchain ist eine DLT, aber es gibt noch viele andere Möglichkeiten. Wie der Name sagt, werden bei Blockchain mehrere Transaktionen in einen Block verpackt. Die Blöcke werden dann aneinander gereiht, wie die Wagen eines Zuges. Die Lok ist quasi die Wurzel. An jeder Station wird ein Wagon (Block) angehängt und Sie – Sie sind eine Transaktion – dürfen nur in denjenigen Wagon einsteigen, der bei Ihrer Abgangsstation angehängt wurde. Wenn der Zug fährt, wird Ihr Wagon versiegelt und niemand darf mehr in diesen Wagon einsteigen oder aussteigen. In jedem Wagon gibt es eine Liste der vorhergehenden Wagen mit der Anzahl Passagiere. Wenn dennoch ein Passagier in einen falschen Wagen einsteigt oder aus einem Wagen aussteigt, stimmen die Listen nicht mehr. Sie müssen alle neu geschrieben werden. Da das niemand will, verändern sich die Passagierzahlen pro Wagon nicht. Das ist die grobe Funktionsweise einer Blockchain. Ein Beispiel für eine Alternative bietet die Kryptowährung IOTA, die im Umfeld des Internet of Things Mikrozahlungen zulässt und auf Transaktionkosten verzichtet. Anstatt Blöcke zu verketten, werden die einzelnen Transaktionen kreuz und quer direkt verschickt. Statt Transaktionkosten zu bezahlen, muss der Absender selber einen Aufwand leisten, um die Transaktion zu ermöglichen.
Ein paar interessante Zahlen
Bitcoin hingegen basiert auf Blockchain. Im Bitcoin Explorer können Sie die Transaktionen und Blöcke verfolgen. Scrollen Sie ein wenig nach unten und schauen Sie unter „Latest Block“ und „Latest Transactions“!
Wenn Sie genau hinschauen, bewegt sich unter „Latest Transactions“ etwas. Z.B. sehen Sie in der letzten Spalte ungefähr im Sekundentakt einen anderen Dollarbetrag. Das sind die Überweisungen die irgendwer irgendwo an irgendwen schickt. Sind genügend solcher Transaktionen vor Ihrem Auge durchgeflossen, werden sie in einen Block gepackt und im Abschnitt „Latest Block“ erscheint eine neue Zeile. Die Blöcke werden fortlaufend nummeriert. Jetzt, wo ich diesen Satz schreibe, hat der oberste, also letzte Block die Nummer 683457. Es ist 7 Minuten her, dass er gebildet wurde. Block Nummer 683455 wurde vom sogenannten Miner ViaBTC gebildet. Als Belohnung darf er sich 6.25 Bitcoin „prägen“. So entstehen immer mehr Bitcoins. Aber bei 21 Millionen ist Schluss. Mehr Bitcoins wird es niemals geben. Das wird zwischen 2030 und 2040 erreicht sein. Danach müssen die Blöcke ohne Entgelt gebildet werden. Die Bildung eines Blockes ist überaus energieintensiv. Die Bitcoin-Blockchain ist Stromfresser par excellence und somit höchst umweltschädlich, falls der Strom aus Kohlekraftwerken stammt. Es wird deshalb dringend nach umweltfreundlicheren Alternativen geforscht.
Wenn Sie auf die blaue Blocknummer klicken, können Sie alle Transaktionen sehen, die dieser Block enthält. Z.B. enthält der Block 683457 satte 2685 Transaktionen im Wert von total über 3163 BTC. Das entspricht nach dem heutigen Kurs über 143 Millionen CHF! Durchschnittlich sollte ungefähr alle 10 Minuten ein Block entstehen. Sie können jetzt ausrechnen, wie viele Bitcoin-Transaktionen pro Sekunde möglich sind. Ich komme auf ca. 4 Transaktionen pro Sekunde. Tatsächlich lassen sich bis zu 7 realisieren. Aber egal: Ein Kreditkartensystem schafft etwa 50’000 Transaktionen pro Sekunde! Bitcoin ist also unsäglich langsam. Und das ist einer der Gründe, weshalb es immer neue Entwicklungen auf dem Gebiet der Blockchain-Technologie gibt. Man will sie schneller machen. Z.B. gibt es eine Kryptowährung, die dem Bitcoin Konkurrenz machen will. Sie hat den wohlklingenden Namen Stellar Lumen und schaft schon 4000 Transaktionen pro Sekunde. Damit ist Stallar Lumen fast 1000 Mal schneller als Bitcoin, aber immer noch mehr als 10 Mal langsamer als eine Kreditkarte.
Effizienz ist nicht alles
Lohnt sich denn dieses Geschrei um Kryptowährungen, wenn es effizientere Lösungen gibt? Nun, mittlerweile sollten alle gemerkt haben, dass Effizienz alleine nicht das Gelbe vom Ei ist. Z. B. muss ich mit einer Kreditkarte dem Kartenherausgeber und der Bank vertrauen. Überhaupt benötige ich einen sogenannten Intermediär, also eine Partei, die garantiert, dass alles mit rechten Dingen zugeht.
Satoshi Nakamoto, dem sagenumwobenen Erfinder von Bitcoin, überlegte sich 2009, wie er einem Freund über das Internet direkt Geld schicken könnte, ähnlich wie er ihm Bargeld zustecken würde. Das war bis dahin nicht möglich.
Wenn sich zwei nicht persönlich treffen, muss das Geld von der Bank des einen auf die Bank des anderen überwiesen werden. Ich bin sicher, dass Sie das heute noch so machen.
Ihre Bank stellt sicher, dass Sie nicht mehr Geld verschicken, als Sie auf dem Konto haben und dass Sie dieses Geld nicht zweimal verschicken (sogenanntes double spend problem). Sie müssen Ihrer Bank vertrauen, egal, wie schnoderig sie Sie bedient! Wir überweisen unser Geld immer wieder über die Bank, auch wenn sie es mit den Überweisungen meist nicht eilig hat, sich weigert, an Wochenenden ihre Computer laufen zu lassen und eine Reihe unnötiger Bankfeiertage definiert. Auch könnte Ihre Bank z.B. auf Anweisung des Staates Ihr Konto „einfrieren“. Nakamoto suchte nach einem System, um Geld unter anonymen Nutzern, ohne Vertrauen und ohne zentrale Instanz, austauschen zu können.
Es ist eine interessante Gedankenübung zu überlegen, wie der Bargeldverkehr auf dem Internet abgebildet werden könnte. Nakamotos Whitepaper enthält nicht mehr, als diese Gedankenübung. Seine Lösung ist ein ebenso geniales wie innovatives Kunstwerk.
Es geht also einfach darum, Geld zu überweisen. Dazu wäre es am besten, wenn der Wert eines Bitcoins stets ungefähr denselben Wert behalten täte. Am Anfang, 2010, war der Bitcoin nichts wert. Der Programmierer Laszlo Hanyecz musste damals für zwei Pizzen 10’000 Bitcoins bezahlen. In der ersten Hälft 2013 stieg er auf 100 Dollar, Ende 2013 schnellte er kurz auf 1000 hoch, fiel aber wieder zurück. Die 1000er-Marke überstieg der Bitcoin erst anfangs 2017 wieder und begann dann einen ungeahnten Höhenflug, der bis heute anhält. Einige Experten munkeln, dass der Bitcoin in paar Jahren mehrere Hunderttausend Dollar kosten soll. Das freut die Anleger und Spektulaten, aber dem ursprünglichen Zweck der direkten Geldüberweisung, ist es nicht gerade dienlich.
Der Anstieg des Bitcoin-Wertes hat verschiedene Gründe. Einerseits springen immer mehr Menschen auf den Bitcoin-Zug auf und wollen auch etwas vom Kuchen abbekommen. Andererseits ist das Ende der Ausschöpfung der Gesamtmenge an Bitcoin in Sicht: es wird nie mehr als 21 Millionen Bitcoin geben. Eine Verknappung ist also vorprogrammiert. Wohl dem, der etwas Bitcoin besitzt!
Die gewaltige Internetmaschine eines 19jährigen Jungen
Bitcoin ist immer noch die Nummer Eins unter den Kryptos. 2013 hat der damals 19jährige russisch-kanadische Softwareentwickler Vitalik Buterin verstanden, dass mit Blockchain eine Technologie besteht, die das Web als Ganzes verändern kann und wird. Man spricht von Web 3.0. Buterin veröffentlichte ein Whitepaper, in welchem er die Möglichkeiten beschrieb, das ganze Web als einziger grosser Computer zu nutzen, um verteilte Applikationen und automatische Verträge abzuwickeln. Juristen tun gut daran, das Programmieren zu erlernen! Buterin nannte seine Internetmaschine Ethereum. Sein Artikel hat derart eingeschlagen, dass er in der Ortschaft Zug die Schweizer Ethereum Stiftung mitbegründete, zur Finanzierung des Ethereum Projekts, das von der Ethereum Switzerland GmbH getrieben wird. Bist 2017 war Buterin denn auch in Zug ansässig. Er sagte über das Projekt:
„Ich bin wirklich dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, in einem so interessanten und interdisziplinären Bereich der Branche zu arbeiten, wo ich mit Kryptologen, Mathematikern und Ökonomen auf ihrem Gebiet zusammenarbeiten kann, um Software und Tools zu entwickeln, die bereits zehntausende von Menschen auf der ganzen Welt betreffen“https://de.wikipedia.org/wiki/Vitalik_Buterin
Ethereums Währung heisst Ether (Abkürzung: ETH), nach Bitcoin die zweitgrösste Krypto-Währung. Während aktuell der Bitcoin ziemlich unter Druck gerät, erlebt der ETH einen Höhenflug. Typische Anwendungen von automatischen Verträgen auf Ethereum-Basis sind z.B.
- E-Voting-Systeme zur Durchführung von Abstimmungen und Wahlen
- Crowdfunding (Bereitstellen von Geldern für ein bestimmtes Projekt)
- Identitätsmanagement (Identitätsnachweise, Identitätskarten, Pass, etc)
- digitale Grundbücher
- digitale Steuern
- digitale Krankenakten,
- etc.
Für Ethereum steht also nicht die (Geld)Transaktion im Fokus, sondern der sichere Nachweis eines Eigentums oder eines Anspruchs. Für etablierte Anwendungen studiere man die Verbreitung der Blockchain in Estland, dem Land mit der am weitesten fortgeschrittenen Digitalisierung.
Eine weitere denkbare Anwendung könnte ein elektronischer Impfausweis sein. Für mich selbstverständlich, dass so etwas auf einer Blockchain oder blockchainähnlichen Technologie basieren muss. Das drängt sich direkt auf. Es war denn auch so angedacht und ein Kölner Startup hat zusammen mit der IBM den Zuschlag bekommen.
Da aber das breite Publikum den Lösungsansatz nicht verstanden hat, löste es kurzerhand auf Twitter einen Shitstorm aus, der dazu führte, dass die Politik den Blockchainansatz zurücknahm. Siehe Der digitale Impfnachweis soll doch ohne Blockchain auskommen.
Das gilt für Deutschland. Es bleibt zu hoffen, dass wenigstens die EU die Zeichen der Zeit verstanden hat. Da aber Deutschland in der EU eine wichtige Rolle spielt, ist zu befürchten, dass die deutschen Erfahrungen auch die EU in die Knie zwingt. Vielleicht kann ja die neutrale Schweiz mit ihrer Ethereum Switzerland GmbH das Thema in’s rechte Licht rücken. Ich hoffe es!