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Im Februar 1871, bei bitterer Kälte, trafen 555 französische Soldaten in Rathausen ein. Sie waren müde und hungrig, froren in ihren oftmals zerlumpten Kleidern und Schuhen.
Mit ihrer Ankunft wurde das seit dem Auszug des Lehrerseminars leerstehende Kloster zu einem Interniertenlager und Lazarett. Neben zahlreichen anderen Orten in der Schweiz wurde es Schauplatz eines Ereignisses, das im In- und Ausland grosses Aufsehen erregte und in die Geschichte eingehen sollte: Die Internierung der französischen Bourbaki-Armee in der neutralen Schweiz gegen Ende des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71.
Französische Soldaten im verlassenen Kloster
Im ehemaligen Konvent wurde das Quartier für die Soldaten aufgeschlagen. Innerhalb der Klostermauern lag der Internierungsbezirk. Bei guter Führung konnte er aber ausgedehnt werden. Das Amtshaus diente als Lazarett für die kranken und verwundeten Soldaten. Fünf Soldaten starben während ihres Aufenthalts in Rathausen.
Sechs Wochen blieben die Soldaten in Rathausen. Sie schrieben in dieser Zeit 4‘166 Briefe. Der verantwortliche Kommandant der Schweizer Armee beschrieb, in welchem Zustand er das ehemalige Klostergebäude antraf, das er für die erwarteten Soldaten bereitzumachen hatte. «In den wohnbaren Räumen befindet sich kein einziges Stück Möbel, alles ist öde & leer.»
Gemälde von I. Brunner, 1886. Archiv SSBL.
Die Internierung der Bourbaki-Armee
Die erste grosse Internierung fremder Truppen in der Schweiz erfolgte am Ende des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/71, als der französische Kaiser Napoleon III. in deutsche Kriegsgefangenschaft geriet und das Französische Kaiserreich am Ende war. Die 130‘000 Mann zählende französische Armée de l’Est, die nach ihrem Kommandanten, General Charles Denis Bourbaki, als Bourbaki-Armee in die Geschichte einging, wurde vom Deutschen Gegner abgedrängt. Schliesslich blieb ihr als einziger Ausweg der Grenzübertritt in die Schweiz.
Die Schweiz, deren «immerwährende Neutralität» sowie die «Unverletzlichkeit ihres Gebietes» als Ergebnis des Wiener Kongresses beziehungsweise im Zweiten Pariser Frieden von 1815 von den beteiligten Grossmächten anerkannt worden war, erteilte die Erlaubnis zum Übertritt. Am frühen Morgen des 1. Februars 1871 überschritten die ersten Soldaten die Grenze. Es folgten über 87'000 Männer und rund 12'000 Pferde. Die Soldaten waren in einem elenden Zustand. Viele marschierten in der klirrenden Kälte und im Schnee barfuss oder hatten ihre Füsse mit Stoff umwickelt, teils waren sie nur noch in Lumpen gekleidet. Die Bevölkerung nahm grossen Anteil und leistete Hilfe.
Um ihren Verpflichtungen als neutraler Staat nachzukommen, musste die Schweiz die Soldaten entwaffnen und bewachen. Die Internierten wurden daraufhin im ganzen Land verteilt, dort verpflegt und medizinisch betreut. Es war ein organisatorischer Kraftakt. Die Schweiz zählte damals circa 2,6 Millionen Einwohnerinnen und Einwohner und musste quasi über Nacht über 87'000 Personen unterbringen und verpflegen. Der Gesundheitszustand der Internierten war schlecht: schwere Erfrierungen, Atemwegserkrankungen, Typhus und Pocken waren neben kampfbedingten Verwundungen besonders verbreitet. Die Typhus- und Pockenkranken wurden soweit als möglich abgesondert, um eine Ausbreitung der ansteckenden Krankheiten zu vermeiden.
Die französischen Soldaten blieben schlussendlich nur rund sechs Wochen in der Schweiz interniert. Es war vereinbart worden, dass Frankreich die vollen Kosten der Internierung tragen würde, die sich auf über 12 Millionen summierten. Nach der Ratifizierung des Vorfriedens konnte im März die Internierung der Bourbaki-Armee beendet und deren Rückkehr nach Frankreich organisiert werden. Zurück blieben die pflegebedürftigen und nicht transportfähigen Soldaten, die später zurückgebracht wurden. Von den Heimkehrern wie von Frankreich schlug dem Gastland viel Dankbarkeit entgegen.