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Hypothesen aufstellen, überprüfen und über das Resultat berichten – aus diesen Schritten besteht laut Lehrbuch empirische Sozialforschung. Wie US-Wissenschaftler nun jedoch berichten, wird der letzte Schritt gerne weggelassen, wenn das Resultat negativ ausfällt. Das sei zum Nachteil der Wissenschaft, betonen die Forscher.
Nur ein Fünftel aller nicht bestätigten Hypothesen wird überhaupt publiziert, 65 Prozent der Wissenschaftler schreiben Versuchsverlauf und Resultat in Fällen mit negativem Ergebnis gleich gar nicht adäquat auf, berichten die Politikwissenschaftlerin Annie Franco von der Stanford University und ihre Kollegen. Der Grund: Wissenschaftler rechnen damit, dass zumindestens die wichtigen Journals, in denen sie veröffentlichen möchten, an nicht-bestätigten Zusammenhängen nicht interessiert sind.
Die Studie wurde veröffentlicht im Fachjournal Science (19. September 2014)
Um das graue Feld der in Schubladen verschwundenen Studien erfassen zu können, nutzten die Wissenschaftler die US-amerikanische Plattform „TESS“, auf der Sozialwissenschaftler Untersuchungen mit dem Anspruch einer landesweiten Auswertung anmelden.
Die Gruppe um Annie Franco zog für ihre Auswertung 221 Studien heran, die zwischen 2002 und 2012 von TESS akzeptiert wurden. 41 Prozent der Studien bestätigten die Eingangshypothese, 37 Prozent zeigten gemischte Ergebnisse und in 22 Prozent der Fälle konnte ein vermuteter Zusammenhang nicht belegt werden.
Franco und ihr Team kontaktierten jene Wissenschaftler, zu deren Versuchen sie keinerlei Publikationen finden konnten, und fragten sie, was mit ihren Studien geschehen sei.
Die Auswertung ergab einen starken Zusammenhang zwischen den Resultaten einer Studie und der Wahrscheinlichkeit, dass sie veröffentlicht wird. Während 60 Prozent der bekräftigten Hypothesen und immerhin noch 50 Prozent der Studien mit gemischten Resultaten publiziert werden, dringt von den Untersuchungen mit negativem Zusammenhang nur mehr ein Fünftel an die Öffentlichkeit.
Annie Franco schreibt, sie sei nicht überrascht darüber, dass es diesen Zusammenhang gibt, wohl aber über das Ausmass:
Endet eine Studie ohne Bestätigung der Hypothese, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie nicht publiziert wird, um 40 Prozent. Und immerhin 65 Prozent der Wissenschaftler dokumentieren diese Analysen nicht einmal.
Auf Nachfrage gaben die Forscher als Gründe an, dass ein Nullresultat ihrer Einschätzung nach keine Chance auf Veröffentlichung in einem angesehen Journal hätte oder dass sie das Forschungsprojekt im Gesamten aufgegeben und ihre Zeit anderen Fragen gewidmet hätten.
Auch Falsifikation ist eine wertvolle Information.
Diesen hohen Prozentsatz an verlorenem Wissen halten Franco und ihr Team für besonders problematisch. Denn auch die Falsifikation (Widerlegung) einer These sei eine wichtige Information. Dringt sie nicht an die Öffentlichkeit, werden unnötigerweise immer wieder neue Anläufe zur Überprüfung genommen. Zudem entstehe daraus ein „Publikationsbias“, weil dadurch unberechtigterweise Bestätigungen von Hypothesen in der Öffentlichkeit mehr Bedeutung zukomme als im Forscheralltag.
Annie Franco und ihre Kollegen schlagen zwei Punkte vor, um die Situation zu verbessern:
– Werden Förderungen für eine Studie vergeben, sollten die Unterlagen zur Dokumentation ausdrücklich auch nach nicht bestätigten Thesen fragen.
– Es sollten Fachjournale etabliert werden, die auch von nicht bestätigten Hypothesen berichten.
Quelle:
http://science.orf.at/stories/1745091/
Die Studie:
„Publication bias in the social sciences: Unlocking the file drawer“
http://science.sciencemag.org/content/345/6203/1502
Kommentar & Ergänzung:
Dieses Problem gibt es nicht nur in der Wissenschaft, sondern sehr ähnlich auch in der „normalen“ Öffentlichkeit. Bestätigende Aussagen werden als wertvoller empfunden als widerlegende Aussagen.
Beispiel:
Wenn jemand behauptet:
„Karde heilt Borreliose“, dann fressen ihm viele Leute aus der Hand, weil die Aussage ihre Hoffnungen bedient, auch wenn sie völlig haltlos ist. Mit diesen Hoffnungen lassen sich leicht Säle füllen und Bücher verkaufen. Und man kann sich als grosser Heiler darstellen.
Die Aussage:
„Es gibt keinerlei ernsthafte Hinweise darauf, dass Karde Borreliose heilt“, stösst vergleichsweise auf wenig Interesse, auch wenn sie gut begründet ist.
So funktionieren die meisten Menschen offenbar.
Darum soll wieder einmal festgehalten werden, dass auch Widerlegungen einen Informationswert haben. Ohne Widerlegungen gibt es keine Auseinandersetzung, keine Meinungsbildung und keine Orientierung.
Martin Koradi, Dozent für Phytotherapie / Pflanzenheilkunde
Winterthur / Kanton Zürich / Schweiz
Phytotherapie-Ausbildung für Krankenpflege und andere Gesundheitsberufe
Heilpflanzen-Seminar für an Naturheilkunde Interessierte ohne medizinische Vorkenntnisse
Kräuterwanderungen in den Bergen / Kräuterkurse
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