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Das nicht verurteilte Böse
Beim Lesen von 1. Mose 20 sind wir erstaunt, Abraham bei Abimelech in Gerar aufs Neue in einen Fehler fallen zu sehen, den er einst schon bei Pharao in Ägypten, am Anfang seiner Laufbahn, begangen hat. Nachdem er, aus Ägypten heraufgezogen, sein Zelt und seinen Altar wiedergefunden, hatte er da nicht eine volle Gemeinschaft mit seinem Gott genossen und Ihn hinsichtlich seiner Verheissungen mit einem vollen Vertrauen geehrt? «Er glaubte dem HERRN; und er rechnete es ihm zur Gerechtigkeit» (1. Mo 15,6). Das hat ihm die Titel «Freund Gottes» und «Vater der Gläubigen» eingetragen.
Jedoch wurde sein Glaube noch weiter geprüft. Er hatte den Sohn, den Gegenstand der Verheissungen, noch nicht empfangen. Jener Augenblick rückte zwar heran, aber Gott wusste, dass im Herzen des Patriarchen noch etwas geschehen musste, um imstande zu sein, diesen Sohn zu erhalten und Gott weiterhin zu verherrlichen, ohne sein Zeugnis irgendwelcher Schande auszusetzen.
Abraham behielt in seinem Herzen etwas Ungerichtetes zurück, das unter gewissen Umständen wieder hervortreten konnte. Dadurch aber würde sein Zeugnis besudelt und Gott verunehrt.
Daher erlaubte es Gott, dass Abraham nach Gerar hinabzog, um dort in derselben Weise geprüft zu werden, wie 25 Jahre zuvor in Ägypten.
Mangel an Glauben
Vor Abimelech verleugnet Abraham wiederum das Band, das ihn mit Sara verbindet. Es ist für uns von Interesse, festzustellen, weshalb er wieder so handelte. Warum erlaubt Gott manchmal, dass wir wieder in einen früheren Fehler fallen? Nicht deshalb, um uns dahin zu führen, dass wir das Böse bekennen und endgültig richten, das im Herzen schlummern kann, ohne uns zu beunruhigen, bis eine günstige Gelegenheit kommt, die es ans Licht bringt?
Das ist es, was nun stattfand. In den Versen 12 und 13 unseres Kapitels bekennt der Patriarch, dass er am Anfang seiner Pilgerschaft mit seiner Frau übereingekommen sei, dass sie an jedem Ort, wohin sie kommen würden, sagen solle, sie sei seine Schwester. Dieses demütigende Geständnis hatte er nicht abgelegt, als er von Ägypten heraufzog. Damit gestand er gleichzeitig auch seinen Mangel an Glauben im Leben; denn der Gott, der ihn berufen hatte, aus seinem Land und seiner Verwandtschaft zu ziehen, war auch mächtig, ihn vor der Gefahr zu bewahren, vor der er Angst hatte. Wenn er ganz richtig voraussetzte, dass bei diesen Menschen keine Gottesfurcht vorhanden war, so lag es nun an ihm, um Gottes Eingreifen zu bitten.
Ist dies nicht ein Bild davon, wie auch wir oft handeln? Wir rechnen mit Gott hinsichtlich der himmlischen Verheissungen, wir wissen, dass sie sich erfüllen werden; aber in den Einzelheiten des täglichen Lebens benützen wir gerne menschliche Auswege, wie wenn Gott den Umständen des gegenwärtigen Lebens unbeteiligt gegenüberstände, oder wie wenn es Ihm gleichgültig wäre, wenn Er uns in Ägypten, d.h. in der Welt, Hilfe suchen sieht. Aber Gott ist treu; Er will uns von allem befreien, was uns in diesem oder jenem Augenblick schaden könnte. Er möchte uns in den Stand setzen, seine kostbaren Segnungen immer reichlicher zu geniessen. Wie leicht geben wir natürlichen Neigungen Raum, ohne sie gründlich zu richten, weil die Gelegenheiten noch nicht gekommen sind, die sie offenbar machen. Sobald wir ihnen aber gegenüberstehen, wie Abraham in Gerar, sind wir dem schlummernden Bösen ausgeliefert, das nur auf den Anlass wartete, um sich in seiner ganzen Hässlichkeit zu zeigen, unserem Zeugnis zu schaden und den Herrn zu verunehren. Gott will uns in seiner Gnade vor solchem Fallen bewahren und uns die Gnade geben, in einem Leben der Heiligkeit und der Gemeinschaft zu wachsen, auf dem sein Segen ungehindert ruhen kann.
Das Hindernis ist weggetan
Unmittelbar darauf, im folgenden Kapitel, sehen wir, dass Gott seine Verheissung gegenüber Abraham und Sara wahr macht. Sie konnten nun den Sohn der Verheissung in Empfang nehmen, gereinigt von dem Bösen, das sie wieder einem neuen Fall hätte aussetzen können. Sie konnten die Freude einer so grossen Segnung nun in Ruhe geniessen. Aber Gott wollte im Herzen Abrahams noch mehr bewirken. Solange wir hier auf der Erde sind, wirkt Er in uns, denn wir sind sein Werk, und Er will sein herrliches Ziel mit uns erreichen.
Nach der Geburt Isaaks musste Abraham noch von der Gegenwart Hagars und ihres Sohnes Ismael befreit werden, also von den Folgen ihres Mangels an Glauben bei zwei Gelegenheiten. Die Ehe mit Hagar war die Folge von Abrahams Aufenthalt in Ägypten und Ismael das Ergebnis der Wirksamkeit des ungläubigen Fleisches, um das zu erlangen, was Gott verheissen hatte. Nach dieser inneren und äusseren Reinigung konnte der Segen Gottes ungehindert auf den glücklichen Besitzern der Verheissungen ruhen.
Glaubensprüfung
Es mag uns scheinen, Gott habe Abraham nach Isaak, dem Sohn der Verheissung, nicht noch Grösseres geben können. Aber Gottes Mittel des Segens sind unerschöpflich.
In 1. Mose 22,1 lesen wir: «Und es geschah nach diesen Dingen, dass Gott Abraham prüfte.» Nachdem Gott die Erziehung Abrahams abgeschlossen und nachdem Er ihm Isaak gegeben hatte, musste noch der Beweis erbracht werden, dass in dem kostbaren Material seines Glaubens auch nicht die geringste Spur von Spreu übriggeblieben war und dass dessen Schönheit kundgetan werden konnte, ohne Gefahr zu laufen, dass die Ergebnisse der Prüfung den Erwartungen Gottes nicht entsprächen. Es war eine Bewährung des Glaubens, «viel kostbarer als die des Goldes, das vergeht» (1. Pet 1,7).
Gott verlangt von Abraham, dass Er Ihm seinen Sohn opfere. Aber was sollte dann aus den Verheissungen werden, die auf Isaak ruhten? Abraham weiss, dass sie in erster Linie auf dem Wort des HERRN ruhen; er kann seinen Sohn opfern, weil er weiss, dass das Wort des HERRN in Bezug auf ihn nicht aufgelöst werden kann, dass es unveränderlich ist, wie Gott selbst. Darum wird ihm Isaak gleichsam wie aus der Auferstehung wiedergegeben. Welch ein Triumph des Glaubens! Welche Verherrlichung Gottes, in einem schwachen Menschen, den Er zubereitet hat, um in ihm verherrlicht zu werden, und bei ihm einen vorbehaltlosen Glauben an sein Wort zu sehen!
Wie wunderbar ist es doch, Gottes Wege voller Liebe und Weisheit gegenüber den Seinen zu betrachten! Wir sehen sie in der vergangenen Geschichte der Gläubigen und haben die Gewissheit, dass sie auch für uns dieselben sind. Vielleicht verstehen wir sie jetzt nicht, aber wir können auf Gott vertrauen, dass Er sie so ausmünden lässt, dass sie zu seiner Ehre gereichen. Für uns Gläubige sind die gegenwärtigen Tage eine Zeit der Prüfung. Aber der Augenblick naht, wo wir ihre herrlichen und ewigen Ergebnisse geniessen werden.
Gott zeigt uns in seinem Wort, dass Er durch die Prüfung verschiedene Ziele erreichen will.
In 2. Chronika 32,31 verlässt Gott Hiskia, «um ihn zu prüfen, um alles zu erkennen, was in seinem Herzen war». Das Ergebnis war demütigend; aber das Ziel Gottes mit Hiskia, wie auch mit Hiob, war dies, dass dieser sein eigenes Herz kennen und damit auch das Herz Gottes besser ergründen lernte.
Dann gibt es auch Prüfungen, durch die uns Gott zu einer völligen Abhängigkeit von Ihm führen will, zum Bewusstsein unseres Nichts, wie im Fall des Paulus in 2. Korinther 12,9. Gott will erreichen, dass wir uns selbst so beurteilen, wie Er es tut, um uns nachher zu segnen.
Die Prüfung des Glaubens ist von allen die herrlichste, denn sie kann nur dann stattfinden, wenn Gott sieht, dass unser Glaube sie ertragen kann. Oft kommt es vor, dass wir unter den Folgen unserer Fehler leiden; in diesem Fall handelt es sich eigentlich mehr um ein Gericht Gottes, wenn es auch gleichzeitig eine Prüfung sein mag.
Welche Ermunterung, in allen Wegen Gottes mit uns zu wissen, dass Er hinter der Szene immer wirksam ist, um alles zu seiner Ehre und zu unserem Guten zu lenken. Lasst uns lernen, die Prüfung mit Geduld und Vertrauen zu ertragen. Bald werden wir in der Herrlichkeit die Ergebnisse geniessen, die Gott für uns erreicht hat, wenn wir Ihn von Angesicht zu Angesicht schauen und wir erkennen werden, wie wir erkannt worden sind.