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SCHWEIZERISCHE
BUNDESCANZLEI
Bern d. 31. Januar 1856.
Mein lieber Freund!
Meinem gestrigen eiligen Schreiben1 konntest Du entnehmen, daß bezüglich des Zusatzgesetzes2 im Ständerat eine sehr vernünftige Anschauung vorgewaltet hat. Unser gute Klaus Hermann3, erster Stimmenzähler &. Kommissionsfabrikant hatte diese zwar möglichst schlecht komponirt; die meisten hatten auch nicht einmal einen Hochschein4 von den dabei zur Sprache kommenden feinern Fragen. Kerns Eitelkeit war Mitschuld an dieser Komposition der Kommission. Du lasest vielleicht in der Zeitung, er habe in die vom Rathe selbst gewählte Kommission eine Wahl abgelehnt. Dieß geschah, als er durchaus keine Chancen mehr hatte, gewählt zu werden &. da glaubte er dann, sich in den Mantel eines Princips hüllen zu müssen, um sprechen &. ablehnen zu können. Ich bedauerte sehr, daß er sich damit für die andere Kommission unmöglich machte. Vom Bundesrathe war nur Furrer da, weil Stämpfli &. Näf5 grade im Nationalrathe sprachen. Um ihn etwas zu dämpfen, zeigte ich ihm schon vorher die Liste der dem Gesetz Abgeneigten (ca 21.), worauf er sich als Redner ausstreichen ließ &. erst am Schluß dann noch ehrenthalber auftrat. Ich glaube, im Geheimen habe er diese Niederlage Stämpflis nicht so ungern gesehen. In der Vertheidigung des Gesetzes war er sehr schwach. Nager6 faselte &. Briatte7 polterte. Letzterer ist der alte brave Mann, aber er hat körperlich &. wie | mich dünkt, auch geistig abgenommen. Das Erstere ist so auffallend, daß zuerst ihm Einige ihre Theilnahme bezeugten, worüber er wüthend wurde, von Verläumdung ( Bundesrathswahl ) &. dgl. sprach. B. hat die fixe Idee, daß Alles, was hier in Bern geschehe, namentlich was von Stämpfli ausgeht, lediglich darauf abziele, die Waadtl. Regierung zu stürzen: so der Westbahnkonfliktsantrag8 v. Stämpfli &. so auch das Eisenbahngesetz. Mit diesem letztern wollte er aber nun den Spieß kehren &. dasselbe, nachdem es gegen die Westbahn sei entworfen worden, der Gesellschaft9 Bartholony durch den Leib rennen. Sehr gut sprach Fazy10; im Verlaufe bemerkte er, Pereire11 habe ihm in Paris über dieß Gesetz gesagt, es sei stupide! Fazy schickte seinen Collegen Pictet12 zuerst ins Feld, er spricht ein sehr hübsches Französisch &. hielt einen netten Diskours darüber, daß das Gesetz der actualité nicht entspreche, gegen den liberalisme verstoße &. ein Gelegenheitsgesetz sei: – Du siehst Fazy hatte Grund, sich einen solchen Kollegen aus seinen Gegnern auszuwählen. – In der Abstimmung stimmten für gänzliches | Nichteintreten Zürich, Glarus, Appenzell bd. Rh., Graubündten, St. Gallen ( Weder13 ist Krankheitshalber noch nicht da), Genf, Wallis, Tessin, Thurgau, Baselland. Getheilt waren Aargau ( Schwarz14 stimmte für Eintreten, Weißenbach15 dagegen), Schaffhausen, Neuenburg ( Lambelet stimmte kurioser Weise für Eintreten), Freiburg (haben es diese Sitzung bei allen Fragen so gemacht, daß sie sich theilten!). Für das Gesetz war Bern mit Luzern &. den Urkantonen & Waadt, sowie Baselstadt &. Solothurn. Indeß hatten die letztgenannten Deputirten bereits erklärt, daß sie einen Theil der gemachten Einwürfe anerkennend für Rückweisung an den Bundesrath stimmen werden. Letzteres wäre eventuell jedenfalls fast einstimmig beschlossen worden. – Im Nat.Rathe steht es ebenfalls gut; ich habe Dir dieß gestern bei Uebersendung der Kommissionalanträge in Sachen der Westbahnkonflikte angedeutet.16 Gemäß dem neuen Zusatzgesetz wollte der Bundesrath die Konzession an Bartholony für Genf–Versoix nur ertheilen unter der Bedingung, daß sie sich mit der Genf-Lyon ergesellschaft nicht fusionire. In der nationalräthl. Kommission waren nun 6. Stimmen gegen 1. für Weglassung dieser Bedingung. | Auch Trog17 sagte mir, er sei gegen das Gesetz; ich traue zwar nicht recht; denn alle unsere Centralbahn kantönler im Ständerathe waren dafür &. Instruktionen sind ja sicher ertheilt worden. – Unter allen Umständen aber ist &. bleibt das Gesetz jetzt vertagt.
Den Freiburg-Murten Konflikt anbelangend hat die nationalräthl. Kommission noch auf meinen Wunsch im Art. 4. der etwas unklaren Fassung des 1. Alinea noch das zweite «Verbot der Inangriffnahme größerer Erdarbeiten vor geleistetem Ausweis» beigefügt. Letzteres scheint mir die Hauptgarantie zu gewähren; denn im Fordern des Ausweises wird der Bundesrath nach seiner bekannten Disposition in Sachen streng genug sein. Wir müssen also wohl hauptsächlich dafür sorgen, daß während man Freiburg alle Chancen offen läßt zu einer wirklichen Realisirung seiner Interessen, man auf der andern Seite dasselbe hindert, den Stand der Sache thatsächlich zu verrücken &. uns einen freien Entscheid im Juli unmöglich zu machen. So gehen höchstens 5. Monate Zeit verloren &. dieser Verlust ist darum gleich 0., weil | der Bundesrath die Zwangskonzession gegen Freiburg doch auch wohl im Juli den Räthen vorlegen wollte. – Was die Waadtländer in Sachen so hitzig macht, ist das, daß erstlich Eytel18 im Waadtl. Großen Rath einen Minoritätsantrag für Freiburg brachte &. daß fürs zweite die Westbahngesellschaft zusammenzufallen droht, wenn sie hier nicht siegt. Ich glaube, daß ich Dir geschrieben, es habe [Dubochet?]19 dem Credit mobilier erklärt, er habe die Konzession über Murten bereits in Händen &. daß auf diese Behauptung hin der Cred. mob. mit der Westbahn sich einließ. Sobald die Westbahn nun diese Konzession verlieren wird, so zieht aller Wahrscheinlichkeit nach der Cr. m. sich von ihr zurück &. sie wird damit dem Falle nahe gebracht. Da die Mitglieder des Staatsrathes von Waadt ökonomisch &. moralisch mit der Westbahn eng liirt sind, so fürchten sie von dem Sturze der Westbahn auch ihren eignen Sturz. – Ob die Centralbahn nicht mit heimlicher Schadenfreude zusieht, ist mir nicht ganz klar; ich glaubte schon Spuren zu bemerken. Jedenfalls benimmt sich Trog etwas zweideutig.
Der Antrag der nationalräthl. Kommission in Sachen wird im wesentlichen unzweifelhaft angenommen werden. Für die Minderheit soll Benz20 gar nicht übel gesprochen haben. Ueber den bombastischen Majoritätsbericht21 Hungerbühlers22 habe ich Dir im Vertrauen einen guten Witz mitzutheilen. Kappeler &. Etzel23 (Oberingenieur) befanden sich während der | Verlesung desselben auf der Tribune, wo Ersterer natürlich schlechte Witze riß &. damit auch Etzel etwas vertraulich machte. Letzterer bemerkte nun im Verlauf, er halte überhaupt nicht viel von Hungerbühler, das sei so «Baurenfutter». Ist diese Charakteristik nicht trefflich? Natürlich darf man wegen Etzels Verhältniß zu Hgrb. dieselbe nicht allzuweit kursiren lassen.
Die Neuenburgerfrage tritt in eine neue Phase. Der industrielle Jura verlangt nun positiv die Linie Landeron– Biel &. stützt sich dabei darauf, daß die Konzession24 der Verrièresgesellschaft25 auf la Thielle laute. Der Bundesrath hat nun erklärt, unter solchen Umständen würde er anders entschieden haben; er überlasse jetzt aber den Entscheid den Räthen &. der Nat.Rath hat uns deswegen die Akten zu neuer Schlußfassung zurückgeschickt. Auf der anderen Seite hat die Verr.gesellschaft sofort protestirt &. von Bern die Konzession für die Linie Landeron –Biel verlangt; sie will der andern Gesellschaft natürlich den Ausgang verlegen. Die Frage wird nun wirklich heikel; die Politik spielt darin eine große Rolle. Die Männer von Verrières sagen ziemlich offen, ihre Sache sei allerdings | verloren, wenn sie nicht bei den Wahlen im May eine andere Majorität im Gr. Rath &. damit einen neuen Staatsrath bekommen können &. von der andern Seite wird ebenfalls behauptet, sie seien verloren, wenn der Bund ihnen in dieser Eisenbahnsache nicht helfe. Es liegen gegenwärtig ca 6000. Petitionen gegen die Dekrete des Gr. Rathes vor. – Diesen Morgen war Humbert26 mit nicht weniger als 4. Mann bei mir &. er legte mir ein Dokument vor, nach welchem sich in Besançon eine Gesellschaft gebildet hat, die mit einem gezeichneten Kapital von 50. Millionen die Linie über Jougne mit Embranchement nach Lachauxdefonds bauen will; die Linie über Jougne sei freilich jetzt aufgegeben wegen des Mont Cenis27; dagegen bestehe das Engagement für die andere Linie fort; aber vor allem verlange man von ihnen einen Ausgang nach der Schweiz. – Guter Rath ist hier theuer, da die Verr.gesellschaft gestützt auf Art. 34.28 ihrer Konzession jedenfalls das Vorzugsrecht auch für die Linie Landeron – Neuenburg in Anspruch nimmt. – Ich komme auf den Gedanken, dem indust. Jura im Grundsatz einen Ausgang nach der Schweiz offen zu lassen, dabei aber der Verr.gesellschaft die Wahl zwischen den verschiedenen Ausgängen in den Kt. Bern zu | gestatten. Alle Löcher kann man dem erstern doch auch nicht zustopfen.
Der Solothurner Bahnhofkonflik konnte nicht gütlich erledigt werden &. der Bundesrath hat nun zu Gunsten Solothurns entschieden. Die Stadtverordneten, welche hier waren, verließen Bern in äußerster Verbitterung über Trog; nach Burkis29 Aussage soll er jenen gesagt haben, mit solchen «Lumpenkerls» unterhandle er gar nicht (es war Glutz30 &. Pfluger31 ). Etwas Arges muß gegangen sein; denn Glutz sagte mir: so sei man ihm noch nie begegnet &. er gedenke gleich wieder heim zu gehen. Natürlich macht dieser Uebermuth Trogs die Stimmung nicht günstig für ihn; die Solothurner werden namentlich im Ständerath fast sicher siegen.
Daß Hungerbühler mit seinem Anleihensbegehren im Betrage von 5. Millionen in Paris abgefahren ist, wirst Du wohl bereits wissen. Planta will sichere Kunde haben, daß Jener darauf ausgehe, die Südostbahn zu sprengen d. h. die Linthlinie abzutrennen. Jedenfalls ist es wohl an der Zeit, daß wir jetzt einzahlen; allein die Stadt Zürich scheint plötzlich (wie Hr. R.R. Müller mir schreibt) nicht mithalten zu wollen.32 Wirke doch dort gehörigen Orts!|
Nun aber genug Eisenbahnen; sonst muß ich mit Göthe33 sagen: «Mir wird von alle dem so dumm, als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.» Ich muß manchmal lachen, daß ich Eisenbahnignorant &. unschuldiges Blut mitten in diesen Strudel hineingeworfen worden bin. Wärst Du da, so könnte ich in Gemüthsruhe mich auf die heiteren Seiten im &. außer dem Rathe beschränken &. Du wirst mir deshalb aufs Wort glauben, daß ich Dich auch in dieser Beziehung recht sehr vermisse, wie denn überhaupt allgemein gesagt wird, Deine Abwesenheit lasse im Nationalrath «un grand vide». Die Sehnsucht nach Ausfüllung von Lücken soll übrigens auch noch außer dem Rath vorhanden sein!
Es freut mich, daß Du Dich wieder so wohl befindest; Dein muntrer, an vielen Stellen recht boshafter Brief34 beweist es mir. Das Vorhandensein der alten Tücke läßt ein sichern Rückschluß auf Deine vollständige Genesung zu. – Bezüglich Deiner Gratulation zu meiner Vizepräsidentenwahl35 muß ich Dir mittheilen, daß Kappeler mir erklärte, ich habe das einzig meiner Verlobung zu verdanken; denn der Ständerath habe einzig darin eine Bürgschaft gefunden, daß er in gutem Rufe bleiben werde. Du siehst, Du wärest als Senats| präsident zur Zeit nicht wählbar.
Ich hoffe, Du wirst aus dieser Erwiederung verspüren, daß ich Deine «Malice» zu würdigen wußte &. es bleibt mir lediglich noch übrig, mit freundschaftlichem Gruße abzutreten als
Dein
J. Dubs.