Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03131.jsonl.gz/2926

Sie haben den Städtebau in Bern lange aus beruflichen Gründen begleitet. Wie beurteilen Sie die städtebaulichen Visionen für Bern heute?
Ueli Laedrach:
Für die Beantwortung dieser Frage muss ich zurückblenden in die Zeit, als die Behörden mitten in diesen Entscheidungsprozessen standen. Damals wurde über den Standort für das Klee-Zentrum, über das Westside und über den Umfang der Mantelnutzungen bei einem Ersatz des Wankdorf-stadions diskutiert, ob das Kleemuseum im Stadtzentrum entstehen sollte und ob es richtig sei, wenn ein neues grosses Einkaufszentrum am Stadtrand gebaut und eines im neuen Stadion untergebracht werden sollte.
«Das hat Bern verändert und hat unglaublich viel gebracht»
Ueli Laedrach
Wie beurteilen Sie die aktuellen Projekte, zum Beispiel die Waldstadt?
Im Rahmen der geltenden Rechtsordnung ist die Waldstadt heute nicht realisierbar. Das Waldgesetz lässt eine Umsetzung nicht zu, das Waldgesetz ist quasi ein Tabu. Und doch, ich sympathisiere mit der Idee. Sie zeigt eine Möglichkeit, die Wohn-Stadt Bern zu erweitern. Dabei dürfen wir die Frage des Landschaftsschutzes nicht ausser Acht lassen. Das Waldgesetz ist gut. Wenn es aber zulasten des Landschaftsschutzes auf «immer und ewig» missbraucht wird, ist dies meines Erachtens sehr fragwürdig. Wenn die heute noch unverbaute Landschaft gleich behandelt würde wie der Wald seit mehr als hundert Jahren, dann könnten diese Flächen gegeneinander abgewogen werden.
Das würde einer Erweiterung der Länggasse Richtung Bremgartenwald eine rechtliche Basis geben. Da die Autobahn vorher überdacht werden muss, wird es zwar eine relativ teure Stadterweiterung sein. Solange wir die aber Agglomerationsgemeinden mit den Bedürfnissen nach baulichen Erweiterungen belasten können, funktioniert das dort zu einem günstigeren Tarif. Erst wenn durch einen rigiden Landschaftsschutz Kostenwahrheit geschaffen wird, ist auch eine Waldstadt denkbar und konkurrenzfähig.
Sie wollten damals das Klee-Zentrum im Progr, in unmittelbarer Nähe zum Kunstmuseum, unterbringen. Das scheiterte unter anderem auch aus denkmalpflegerischen Gründen. Wie stark schränkt der Denkmalschutz die Stadtentwicklung ein?
Ich bin ein grosser Verfechter der Denkmalpflege. Beim Progr muss ich meine Haltung allerdings etwas differenzieren. Zur Unterbringung des Kleemuseums im Progr hätte man die Struktur im Innern, die als schutzwürdig gilt, stark verändern müssen. Wenn man hingegen das Innere frei hätte gestalten können, wäre da ein tolles Kleemuseum entstanden. Das soll aber nicht heissen, dass ich die heutige Lösung schlecht finde, im Gegenteil.
Aber im Grundsatz: Hindert die Denkmalpflege nicht die Entwicklung der Stadt Bern?
Der Progr mit den neu eingebauten Fenstertüren zur Hodlerstrasse, der neuen, direkten Verbindung zum Kunstmuseum, ist ein gutes Beispiel für einen vernünftigen Kompromiss. Wieweit man hätte gehen müssen, um die Kleesammlung im Progr unterzubringen, wurde nicht untersucht. Mit einer grosszügigen Umbaulösung hätten sich die heute anstehenden Fragen gar nie gestellt.
Zurück zu Ihrer Frage: Nein, denn das Zentrum Paul Klee im Schöngrün hat der Stadt sehr viel gebracht und es zeigt, dass denkmalpflegerische «Hindernisse» eine Stadtentwicklung durchaus auch befruchten können.
«Es zeigt, dass denkmalpflege- rische Hindernisse eine Stadtent- wicklung durchaus auch befruchten können»
Ueli Laedrach
Sie waren der letzte Stadtbaumeister von Bern. Was tut ein Stadtbaumeister überhaupt, was kann er beeinflussen?
Als Stadtbaumeister war ich Vorsteher des Hochbauamtes. Die Arbeit dieses Amtes beschränkte sich auf die Liegenschaften des Verwaltungsvermögens. Dazu gehören stadteigene Bauten, wie Verwaltungsgebäude oder Schulhäuser, damals auch noch Alters- und Pflegeheime, Berufsschulen etc., nicht jedoch die Bauten des Finanzvermögens, Wohn- und Gewerbebauten, die vermietet werden. Als Chef des Hochbauamtes hatte ich in erster Linie eine Managementaufgabe zu erfüllen. Es ging um die Organisation der Bauplanungsprozesse zuhanden der politischen Entscheidungsträger, das heisst: Ich hatte die Baugeschäfte für den Gemeinderat, Stadtrat oder für die Volksabstimmungen vorzubereiten.
Worin liegt der Unterschied zum Stadtplaner?
Er leitet die Stadtplanungsprozesse innerhalb der Verwaltung. Er ist mit öffentlichen, aber auch mit privaten Bauvorhaben, sei es von Firmen oder von Privatpersonen, konfrontiert. Er muss entscheiden, ob sich ein angemeldetes Bedürfnis im Rahmen der geltenden Regelungen realisieren lässt, oder ob Anpassungen der planungsrechtlichen Grundlagen notwendig sind. Auf der anderen Seite muss der Stadtplaner Visionen für die Stadtentwicklung haben. Er muss sich überlegen, wo es Möglichkeiten für den Bau von Mietwohnungen oder für die Freigabe von Gewerbeflächen gibt, um damit Bewegung und Entwicklung für die Stadt auszulösen.
Nach über einem Jahrzehnt Unterbruch wird das Amt des Stadtbaumeisters in Bern wieder geschaffen. Welche Aufgaben und Funktionen sollte ein neuer Stadtbaumeister in Bern innehaben?
Primär muss geklärt werden, was aus politischer Sicht von dieser Funktion bezeihungsweise von diesem Amt verlangt wird. Ist der neue Stadtbaumeister zuständig für die Bauten des Verwaltungsvermögens, dann muss er ein Manager sein. Er muss aber auch Architekt sein, weil er die Fachpersonen: Architekten, Bauingenieure und Fachplaner, auswählt, welche die Bauplanungen für die Stadt an die Hand nehmen. Er muss die verschiedenen Evaluationsverfahren – wie beispielsweise den Architekturwettbewerb – kennen und durchführen können. Er muss in diesen Prozessen auch seine eigene Meinung vertreten und mit den beteiligten Fachleuten diskutieren können. Er ist gefordert als Mediator zwischen den Fachexperten und der Politik. Er muss versuchen, den Mitgliedern des Gemeinderats das schmackhaft zu machen, wovon er als Fachmann überzeugt ist. Der Stadtbaumeister ist Manager, Architekt und Mediator, wobei ich die letzte, die Vermittlungsfunktion, als die wichtigste dieser drei halte.
Wenn Sie andere Städte anschauen: Welche Funktionen übernimmt der Stadtbaumeister dort?
In Zürich gilt der Titel «Stadtbaumeister» für den Stadtplaner, den Chef des Amtes für Städtebau. Daneben gibt es die Direktorin des Hochbaudepartements, die ähnliche Aufgaben zu erfüllen hat, wie ich sie in meiner Amtszeit als Stadtbaumeister erfüllt habe. In Basel ist der Stadtbaumeister Chef zweier Amtsstellen. Die eine umfasst den Hochbau, die andere die Planung. Gegenüber der Politik ist er der erste Ansprechpartner für sämtliche Fragen bezüglich Hochbau und Stadtplanung.
Hat der Stadtbaumeister in Basel mehr Gestaltungsspielraum, als dies mit getrennten Funktionen in Bern der Fall ist?
Ja, ich denke schon, in Basel liegt die Entscheidungsebene eine Stufe höher, das bedeutet - mit Ihren Worten – «mehr Gestaltungsspielraum». Schwierig wird es sein, wenn die Stadtbauten wieder auseinandergerissen und verschiedenen Direktionen - mit verschiedenen politischen Zielsetzungen – unterstellt werden.
Wäre es für Bern möglicherweise interessant, nur noch eine Ansprechperson zu haben?
Diese Frage haben wir während meiner Amtszeit mehrfach diskutiert. Wir kamen jedoch zum Schluss, dass sich die Aufteilung auf zwei Amtsstellen bewährt hatte. Die einzelnen Teile waren nicht allzu gross und blieben übersichtlich. Das hatte viele Vorteile. Wichtiger als die Frage des Zusammenführens dieser Funktionen ist für mich, was mit den Stadtbauten passieren wird. Positiv zu werten war, dass bei den Stadtbauten die Bautätigkeit und der Gebäudeunterhalt bis hin zur Arbeit der Hauswartschaften sämtlicher Verwaltungsstellen zusammengefasst wurden. Das war zu meiner Zeit nicht der Fall. Wir hatten mit den Bauverantwortlichen aller Direktionen einzeln zu tun. Wie sich nun dieser Punkt mit der Rückführung der Stadtbauten in die Verwaltung entwickeln soll, weiss ich nicht.
Bei allen Problemen, welche die Stadtbauten hatten, diese Struktur würden Sie beibehalten?
Unbedingt.