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Die Tugendethik ist eine ethische Theorie, die ihren Ursprung im antiken Griechenland hat. Die Tugendethik gibt uns Auskunft darüber, wie eine Person sein soll oder welche Charaktereigenschaften sie haben soll. Gute, lobenswerte oder ausgezeichnete Charaktereigenschaften werden Tugenden genannt. Schlechte, tadelnswerte oder mangelhafte Charaktereigenschaften werden Laster genannt.
Welche Charaktereigenschaften sind nun Tugenden? Welche sind Laster? Wie erwerben wir Tugenden? Und wie erkennen wir, ob jemand tugendhaft oder lasterhaft ist? In seinem Aufsatz „Virtue Ethics and Animals“1 (deutsch: „Tugendethik und Tiere“) geht Mark Rowlands auf diese Fragen ein und stellt dabei die Tugend der Barmherzigkeit in den Mittelpunkt.
Der Begriff der Tugend
Beispiele für lobenswerte Charaktereigenschaften sind Ehrlichkeit und Grosszügigkeit. Um von einer Tugend zu sprechen, reicht es laut Rowlands aber nicht aus, hin und wieder die Wahrheit zu sagen oder manchmal grosszügig zu sein. Eine Tugend ist eine Charaktereigenschaft, die fest verwurzelt ist, das heisst, eine tugendhafte Person ist oft ehrlich und grosszügig und sie zeigt ihre Ehrlichkeit und Grosszügigkeit zuverlässig in einer Reihe von verschiedenen Angelegenheiten und Situationen. Auch ist eine fest verwurzelte Charaktereigenschaft nur dann eine Tugend, wenn sie von den richtigen Emotionen, Gefühlen und Urteilen begleitet wird. Eine tugendhafte Person ist ehrlich, weil sie die Ehrlichkeit wertschätzt und weil sie Lug und Trug verachtet. Eine tugendhafte Person erfreut sich, wenn andere Menschen ehrlich sind und sie regt sich auf, wenn andere Menschen unehrlich sind. Eine Person ist hingegen nicht tugendhaft, wenn sie alleine deshalb oft und zuverlässig ehrlich ist, weil sie Angst davor hat, entlarvt und bestraft zu werden.
Zusammengefasst: Rowlands definiert die Tugend als eine gute, lobenswerte oder ausgezeichnete Charaktereigenschaft, die fest verwurzelt ist und die von den richtigen Emotionen, Gefühlen und Urteilen begleitet wird.
Die Tugend der Barmherzigkeit
Rowlands argumentiert nun, dass die Tugend der Barmherzigkeit fundamental zu allen anderen Tugenden ist, das heisst, dass die Tugend der Barmherzigkeit ein notwendiger Bestandteil aller anderen Tugenden ist. Die Tugend der Barmherzigkeit besteht darin, Erbarmen denen gegenüber zu haben, die keine Macht über uns haben oder die uns in keiner Weise etwas antun können.
Um zu zeigen, dass die Tugend der Barmherzigkeit fundamental ist, diskutiert Rowlands eine Reihe von Tugenden und fragt, ob man sich diese Tugenden ohne die Tugend der Barmherzigkeit überhaupt vorstellen kann.
Die Tugend der Freundlichkeit, zum Beispiel, besteht darin, sich freundlich gegenüber anderen zu verhalten und auf ihre Wünsche und Anliegen angemessen zu reagieren. Stellen wir uns nun eine Person vor, nennen wir sie Lara, die sich oft und zuverlässig freundlich verhält und ihre Freundlichkeit auch in vielen verschiedenen Angelegenheiten und Situationen zeigt. Lara besitzt also eine lobenswerte Charaktereigenschaft, die fest in ihr verwurzelt ist. Aber es stellt sich heraus, dass Lara zu bestimmten Personen nicht freundlich ist, wie etwa zu einer Fremden, zu einem Aussenseiter oder zu einer Obdachlosin. Besitzt Lara nun die Tugend der Freundlichkeit? Rowlands hält das für unmöglich, weil eine lobenswerte Charaktereigenschaft nur dann eine Tugend ist, wenn sie fest verwurzelt ist und wenn sie von den richtigen Emotionen, Gefühlen und Urteilen begleitet wird. Wenn Lara sich nur freundlich denen gegenüber verhält, die in der Lage sind, ihr zu helfen oder ihr zu schaden, dann kann dies nur eines bedeuteten: Lara ist nur aus Eigeninteresse oder aus Egoismus freundlich. Ihre Freundlichkeit wird also von den falschen Emotionen, Gefühlen und Urteilen begleitet. Sie ist nicht freundlich, weil sie die Freundlichkeit an sich wertschätzt, sondern nur, weil sie sich einen Nutzen oder einen Vorteil davon erhofft. Und Laras Scheitern, freundlich auch denen gegenüber zu sein, die ihr nichts antun können, ist im Grunde genommen ein Scheitern, barmherzig zu sein.
Ähnlich verhält es sich laut Rowlands bei anderen Tugenden. Er bespricht auch die Tugend der Treue, der Ehrlichkeit oder der Grosszügigkeit, mit dem gleichen Ergebnis, dass eine Person, die nur treu, ehrlich oder grosszügig gegenüber denen ist, die in der Lage sind, ihr zu helfen oder zu schaden, nicht wirklich eine tugendhafte Person sein kann.
Ein Test für Sie
Sind Sie eine gute Person? Wie gehen Sie mit denen um, die keine Macht über Sie haben oder die ihnen in keiner Weise etwas antun können? Haben Sie Erbarmen? Oder sind Sie gnadenlos?
Falls Sie Mühe haben, Wesen zu finden, die keine Macht über Sie haben oder die Ihnen in keiner Weise etwas antun können, dann hilft Ihnen Rowlands etwas auf die Sprünge: Tiere. Kühe, Schweine, Hühner und Schafe leben alle in Käfigen, hinter elektrischen Stacheldrahtzäune oder Stahlbarrieren und sie können Ihnen nichts antun. Diese Tiere sind Ihnen vollkommen ausgeliefert. Sie haben alle Macht über diese Tiere, die Tiere haben aber keine Macht über Sie. Haben Sie Erbarmen gegenüber diesen Tieren? Wie viele Tiere werden wegen Ihnen verletzt, geschlachtet, gezüchtet, geschwängert, ausgebeutet und eingesperrt?
Ob eine Person tugend- oder lasterhaft ist, können wir heute vor allem daran erkennen, wie sie mit Tieren umgeht. Diese Idee fand Rowlands in einem Buch von Milan Kundera, einem tschechisch-französischen Schriftsteller, mit dem Namen „Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins“. Die folgende Passage stammt aus dem vierten Teil des Buches „Körper und Seele“:
Die wahre menschliche Güte kann sich in ihrer absoluten Reinheit und Freiheit nur denen gegenüber äußern, die keine Kraft darstellen. Die wahre moralische Prüfung der Menschheit, die elementarste Prüfung (die so tief im Innern verankert ist, daß sie sich unserem Blick entzieht) äußert sich in der Beziehung der Menschen zu denen, die ihnen ausgeliefert sind: zu den Tieren. Und gerade hier ist es zum grundlegenden Versagen des Menschen gekommen, zu einem so grundlegenden Versagen, daß sich alle anderen aus ihm ableiten lassen.2
1 Mark J. Rowlands (2012): Virtue Ethics and Animals. Aus: Animal Ethics – Past and Present Perspectives, editiert von Evangelos D. Protopapadakis. Berlin: Logos Verlag.
2 Milan Kundera (2009): Die Unerträgliche Leichtigkeit des Seins. Fischer Verlag. S. 264.