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Gesundheitsinformationen zu finden und zu verstehen, ist weder einfach noch selbstverständlich. Vor allem für Menschen mit geringer Lese- und Schreibkompetenz ist dies eine Herausforderung. Dieser Beitrag thematisiert diese Problematik.
Illettrismus – Lese- und Schreibschwäche
Uns sind allen Situationen bekannt, in denen Menschen Mühe haben einen Text zu lesen. In anderen Fällen wird ein wichtiges Wort nicht verstanden. Beispiele sind:
- der Mann, der das Formular nicht ausfüllen kann, weil seine Schrift unleserlich ist;
- die Brille, die dummerweise zuhause liegen geblieben ist, weshalb die kleinen Buchstaben nicht zu lesen sind;
- die fehlende Ruhe, die dazu führt, dass das Formular lieber zuhause ausgefüllt wird;
- oder die Arm- und Schulterschmerzen, die ein Ausfüllen des Formulars unmöglich machen;
- überhaupt, die Unlust zu schreiben, der Horror vor dem ganzen Papierkram…
In der Schweiz leben rund 800‘000 Personen zwischen 15 und 65 Jahren, die Mühe haben mit Lesen und Schreiben (Bundesamt für Statistik 2005).
Die Hälfte dieser Betroffenen ist in der Schweiz geboren und hier zur Schule gegangen. Die Anforderungen, die die Gesellschaft an die Lese- und Schreibkompetenzen stellt, können von diesen Personen nicht erfüllt werden, sie sind von Illettrismus betroffen ==> Definition Illettrismus (PDF, 194kb).
Ernste Folgen, auch für die Gesundheit
Für Menschen, die mit dieser Einschränkung leben, ist es beispielsweise schwierig, ein Formular auszufüllen oder eine Packungsbeilage richtig zu verstehen. Die Konsequenzen sind aber viel weitreichender, dann nämlich, wenn Informationen zur Gesundheit nicht richtig verstanden werden. Die Gesundheitskompetenz wird stark beeinträchtigt und somit auch der Gesundheitszustand der Betroffenen Personen und deren Umfeld.
Gesundheitskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, im Rahmen des täglichen Lebens Entscheidungen zu treffen, die einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. Dies kann z.B. die Situation zu Hause, bei der Arbeit oder im Gesundheitswesen betreffen (nach Kickbusch).
Eine Person mit guten Gesundheitskompetenzen weiss, wo und wie sie Informationen findet. Sie kann diese verstehen, Schlüsse daraus ziehen und entsprechend handeln ==> Sørensen et al. (2015), Sørensen/Pelikan (2014).
Gesundheitskompetenz in Europa
In der Schweiz gibt es nur wenige verlässliche Zahlen zur Ausprägung von Gesundheitskompetenzen in der Bevölkerung.
Seit 2015 wird dazu eine landesweite Umfrage durchgeführt, die sich am European Health Literacy Survey (HLS-EU) orientiert. Der HLS-EU wurde 2011 in acht europäischen Ländern durchgeführt (Pelikan et al. 2012, PDF, 3 MB). 2014 wurde mit dem HLS-EU-Fragebogen auch in Deutschland die Gesundheitskompetenz der Bevölkerung untersucht. Die Resultate dieser Umfragen sind eindrücklich und gleichzeitig beunruhigend:
Fast jede zweite Person (45%) ist in ihrer Gesundheitskompetenz eingeschränkt (Zok 2014).
Was heisst das konkret? Für 44% der Befragten war es schwierig, die Angaben auf Lebensmittelverpackungen zu verstehen. , Für 14 der begragten Personen, d.h. 7% war es sogar sehr schwierig.
Mehr als die Hälfte der Befragten tut sich schwer mit dieser Gesundheitsfrage. Oft begegnen wir der Situation mit der Lebensmittelverpackung deren Angaben über den Inhalt wir kaum verstehen. Dies kann jedoch einen grossen Einfluss auf das Wohlbefinden haben.
Auf Grund der Informationen, die sie vom Arzt erhalten haben, eine Entscheidung zu fällen, ist für 25% der befragten Personen schwierig. Für 40% der Studienteilnehmer ist es schwierig bis sehr schwierig zu beurteilen, wie verlässlich Informationen zu Gesundheitsthemen in den Medien sind.
Einfluss auf Gesundheitszustand und Kosten
Die oben erwähnte Studie von Zok (2014) zeigt ebenfalls auf, dass es einen engen Zusammenhang zwischen Gesundheitskompetenzen und dem Gesundheitszustand gibt. Erwachsene Personen mit hoher Gesundheitskompetenz haben eine positivere Wahrnehmung ihres physischen und psychischen Gesundheitszustandes. Wenn Gesundheitsinformationen besser verstanden werden, kann sich dies positiv auf die Gesundheit der Person und auf deren Umfeld auswirken.
Begrenzte Gesundheitskompetenz beeinflusst die Gesundheitskosten. Eine Studie der WHO zeigt, dass zwischen 3% und 5% der Gesundheitskosten geringer Gesundheitskompetenz zuzuschreiben sind. Würde man diese Zahlen auf die Schweiz übertragen, wären dies zwei bis drei Milliarden Franken pro Jahr (WHO 2009).
Bekanntes Phänomen in Arztpraxen
Im Rahmen des Projekts Gesundheitskompetenz und Illettrismus der Allianz Gesundheitskompetenz und des Schweizerischen Dachverbands Lesen und Schreiben wurde bei den Medizinischen Praxis-Assistentinnen (MPA) eine Umfrage gemacht. An dieser namen 375 MPA teil.
Die Umfrage hat gezeigt, dass die Mehrheit (70%) der befragten Personen weiss, was Gesundheitskompetenz ist (Umfrage Allianz Gesundheitskompetenz 2015). Den Teilnehmenden aus der französischsprechenden Schweiz ist das Konzept der Gesundheitskompetenz weniger bekannt.
Fast zwei Drittel (64%) der Befragten gaben an, dass sie «manchmal» Kontakt mit von Illettrismus Betroffenen haben. 22% haben sogar oft Kontakt mit Betroffenen. Dies zeigt, dass der Kontakt mit Illettrismus in den Arztpraxen relativ häufig ist.
Mehr als 50% der Befragten unterschätzen das Phänomen, indem sie die Anzahl der Betroffenen auf weniger als 15% der Schweizer Bevölkerung schätzen. Die Hälfte der Befragten Personen fühlt sich dennoch in der Lage, eine von Illettrismus betroffene Person zu erkennen, siehe: Wie erkenne ich von Illettrismus Betroffene?(Download PDF Datei, 222KB)
Im Kontakt mit Personen, die mit Illettrismus leben, fühlen sich 60% der Befragten in der Lage, mit der Situation umzugehen (Was können Drittpersonen tun?Download PDF 173kb). 27% fühlen sich sogar sehr sicher dabei.
Dieses Resultat steht möglicherweise im Zusammenhang mit der langen Berufserfahrung der Teilnehmenden. Mehr als 70% der befragten Personen arbeitet seit mehr 10 Jahren als medizinische Praxisassistentin.
Jetzt handeln: Kampagne zur Sensibilisierung
Diese Zahlen zeigen, dass Handlungsbedarf besteht. Aus diesem Grund lancieren die Allianz Gesundheitskompetenz und der Schweizerische Dachverband Lesen und Schreiben zusammen mit den Medizinischen Praxis-Assistentinnen eine Sensibilisierungskampagne (Download Flyer Download PDF Datei, 2MB).
Die Kampagne hat zwei Ziele:
1. Sensibilisierung der MPA für das Thema Gesundheitskompetenz und Illettrismus. Wichtige Punkte im Praxisalltag:
– eine freundliche Atmosphäre schaffen;
– für das Gespräch genügend Zeit aufwenden;
– ermutigen, Fragen zu stellen;
– einfache Wortwahl und wichtige Informationen wiederholen;
– nicht zögern, die Patienten zu fragen, ob sie die Informationen verstanden haben und sie bitten, diese zu wiederholen;
– Erklärungen mit Zeichnungen, Schemata, Modellen oder mit Piktogrammen veranschaulichen.
2. Menschen erreichen, die von Illettrismus betroffen sind sowie ihr Umfeld. Es soll aufgezeigt werden, dass Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben nicht als unveränderliches Schicksal hingenommen werden müssen. Organisationen wie «Lesen und Schreiben» bieten Kurse an, die allen Erwachsenen die Möglichkeit geben, ihre Schreib- und Lesekompetenzen zu verbessern, z. B. im Kurs «Wollen Sie Gesundheitsfragen besser verstehen?»
Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit!
Wie gehen Menschen mit geringen Schreib- und Lesekompetenzen mit der Informationsflut zu Gesundheitsthemen um?
Umgekehrt gefragt, wie können Menschen, die von Illettrismus betroffen sind, mit Gesundheitsinformationen wirklich erreicht werden? Welche Mittel und Wege kennen Sie?
Sind Ihnen diese grundlegenden Aspekte von Gesundheitskompetenz auch vertraut? Wie kann man als Aussenstehende Betroffene unterstützen?
Die Autorin dankt folgenden Personen für ihre Unterstützung bei der Erarbeitung des Beitrags: Catherine Favre Kruit, Leiterin Partner Relations, Gesundheitsförderung Schweiz, Lausanne; Brigitte Aschwanden, Geschäftsführerin Verein Lesen und Schreiben Deutsche Schweiz; Brigitte Pythoud, Secrétaire générale, Association Lire et Ecrire Suisse romande und Sylvie Zanoni, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Careum Forschung.