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Zwei Filmemacher haben sich auf die verschütteten Spuren von Gertrud Woker gemacht. «Die Pazifistin» beleuchtet das Leben einer in Vergessenheit geratenen Heldin, die ihrer Zeit weit voraus war.
Die Geschichte einer Unterdrückten
Schon als kleines Mädchen ist Gertrud Woker wissbegierig. Vieles findet sie interessant, aber nicht die Tätigkeiten eines Haushalts. Sie will nie heiraten, damit sie nicht für andere putzen oder kochen muss. Sie will lernen, die Matura machen, studieren, die Welt verändern. Gegen ihren Willen wird sie aber an eine Hauswirtschaftsschule in Erfurt (D) geschickt. Dort liest und lernt sie heimlich jede Nach bis drei Uhr für die Maturaprüfungen, die sie auch besteht.
Mit 25 Jahren schliesst Gertrud Woker 1903 ihr Chemistudium ab. Sie hat Bestnoten vorzuweisen, schreibt eine Doktorarbeit und Habilitationsschrift. 1907 ist sie die erste Dozentin für Chemie im deutschsprachigen Raum, aber keine Professorin. Ein Genie auf ihrem Gebiet, das aber nicht die verdiente Aufmerksamkeit erhält. Sie bekommt zwar die Lehrerlaubnis für Geschichte der Physik und der Chemie und ein eigenes Labor, doch dieses ist winzig, Forschungsgelder kriegt sie kaum und ihr Gehalt ist mickrig klein im Vergleich zu dem von ihren Kollegen.
Der Erste Weltkrieg naht und Gertrud Woker beginnt, für den Frieden zu kämpfen. Dafür reist sie in die USA, wo sie Vorträge hält – auch vor dem Völkerbund, dem Vorgänger der heutigen Uno. Diese Zeit prägt Gertrud Woker stark und verändert sie, da sie dort die Folgen durch Giftgaswaffen zu sehen bekommt. Sie will dem Einsatz von Chemikalien in Kriegen ein Ende bereiten. Gemeinsam mit anderen Frauen gründet sie die Women's League. Die mutigen Frauen mieten einen Zug, mit dem sie durch die USA und Kanada reisen. Bei ihren Stopps finden sich bis zu 5000 Menschen ein, die ihnen gebannt zuhören. Im Jahr 1919 ist die Women's League gar ein Teil der Verhandlungen zum Friedensvertrag von Versailles.
Gertrud Woker war ihrer Zeit weit voraus und eine Heldin, die viele gerne stumm gesehen hätten. In Amerika waren es der Ku-Klux-Klan und in der Schweiz die Armee, die gegen sie vorgingen. Sie hatte mit viel Gegenwind zu kämpfen und litt ausserdem unter Verfolgungswahn. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Gertrud Woker in einer psychiatrischen Klinik am Neuenburgersee. Die Akte wurde unter Verschluss gehalten, die genauen Umstände um ihren Aufenthalt dort sind unbekannt.
Behutsam recherchiert und gekonnt umgesetzt
Mit «Die Pazifistin» (2021) gelang Fabian Chiquet und Matthias Affolter eine Hommage an die in Vergessenheit geratene Heldin. Der neue Dokumentarfilm ist gespickt mit Berichten, etwa von Wokers Grossneffen und -nichten, sowie Historikerinnen wie Franziska Rogger und wirkt echt und nahbar. Die beiden Filmemachern eröffnen der Welt einen ehrlichen Blick auf eine Frau, die aus dem historischen Gedächtnis verschwunden ist. Zu Unrecht, aber bestimmt nicht zufällig. Mit viel Liebe zum Detail – Animationen und Fotocollagen sind ebenfalls ein Teil des Films – werden die Spuren einer herausragenden Schweizer Wissenschaftlerin aufgedeckt. Mit Sorgfalt recherchiert und kunstvoll umgesetzt. Das Filmporträt läuft ab dem 9. September 2021 in den Deutschschweizer Kinos.