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Obgleich hiesige Zeitungen im ganzen über die Stellung Italiens schweigen, so kursieren dennoch hier die alarmierendsten Gerüchte über die Absichten Italiens; man sei am Vorabend eines italienischen Ultimatums an Österreich oder eines solchen von Deutschland an Italien. Die österreichischen Truppen werden in aller Eile von Galizien nach der italienischen Grenze gebracht und werden durch deutsche Truppen ersetzt; man brauche nur das Gesicht des deutschfreundlichen hiesigen italienischen Botschafters Bollati anzusehen, um zu der Überzeugung zu gelangen, man gehe einer neuen Katastrophe entgegen. Aber noch mehr: ein mir befreundeter Botschafter teilte mir vorgestern vertraulich mit, der italienische Botschafter habe ihn aufgesucht und, in der trübsten Stimmung, einen baldigen Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Italien und den anderen Staaten des Dreibundes als wahrscheinlich bezeichnet; er hätte sich sogar nach der Form erkundigt, in welcher er seine Pässe würde zu verlangen haben, und schliesslich die Frage erörtert, welchem Staate er die Vertretung der italienischen Interessen während eines Krieges anvertrauen könnte. Mein Gewährsmann teilte mir diese Äusserung freilich mit der Bemerkung mit, dass sein italienischer Kollege sich möglicherweise derart in der Absicht ausgelassen habe, damit seine Worte ihren Weg nach der Wilhelmstrasse fänden und die Wirkung hätten, dass Deutschland bei dem Wiener Kabinett darauf hinwirke, die italienischen Forderungen mit mehr Entgegenkommen als bisher zu behandeln.
Ich begab mich heute nach dem Auswärtigen Amt und versuchte, den seit kurzem hier weilenden Staatssekretär von Jagow zu sprechen. Er empfing mich mit grosser Liebenswürdigkeit und ging mit Bereitwilligkeit auf meine Frage betreffend Italien ein. Nach seinen Äusserungen sei die Haltung Italiens unbegreiflich unwürdig und nur der Schwäche der dortigen Regierung zuzuschreiben, welche aus Furcht von der irredentistischen Presse einerseits und andererseits vor den englischen Drohungen, alle Zufuhr nach den italienischen Häfen abzuschneiden, es nicht wage, eine bestimmte Politik zu verfolgen, «und eine solche Regierung sollen wir noch als unseren, treuen’ Verbündeten ansehen!», fügte er hinzu. Sodann auf eine Bemerkung meinerseits eingehend, dass Italien wohl seine Forderungen in den letzten Wochen wesentlich gesteigert habe, gab mir Herr Jagow zur Antwort, man kenne hier diese Forderungen eigentlich nicht, es werde wohl so sein, und bezeichnete wiederum die Haltung des italienischen Kabinetts mit den allersckarfsten Ausdrücken, hinzufügend, dass letzteres gegen die Interessen der italienischen Nation handele, welche durch einen Krieg mehr verlieren als gewinnen werde. Immerhin meint Herr von Jagow, dass die schwierige Frage schliesslich eine friedliche Lösung finden werde. Seine Hoffnung gehe dahin, dass die Vernunft dennoch die Oberhand gewinnen werde.
Dann kam Herr von Jagow auf das Verhältnis Italiens zu der Schweiz zu sprechen und meinte, dass die Schweiz unter einem Krieg an der italienischen Grenze wohl schwer zu leiden haben würde; man kenne hier die Lasten aller Arten, welche während des jetzigen Krieges unserem Lande und der Regierung zugefallen sind, und man schätze die korrekte, loyale, erfolgreiche Haltung der Bundesregierung in allen Beziehungen hoch. Es sei zu hoffen, dass die noch andauernden Schwierigkeiten nicht noch durch einen neuen Krieg an unserer Grenze vermehrt würden. Jedenfalls sei die Reichsregierung bereit, uns bei einer Verproviantierung, so weit möglich, immer zu helfen. Nach einer übrigens wohlwollenden Digression über die verschiedenen Sympathien unserer Bevölkerung, wobei ich ihm versichern konnte, dass unsere italienisch redende Schweiz nur den Wunsch habe, ein gutes Glied der Eidgenossenschaft zu verbleiben, äusserte sich Herr von Jagow dahin, dass Herr von Planta vielleicht in seinen Gesprächen in der Consulta sich im Sinne der Vernunft aussprechen und einer gemässigten Behandlung der zwischen Italien und Österreich schwebenden Fragen das Wort reden könnte: es wäre dies im Interesse des Weltfriedens wie auch der Schweiz, welcher ein Krieg an ihrer Ostgrenze sicherlich mehr als unerwünscht sein würde. Diese Aussprache des Herrn von Jagow ist wohl nicht als ein Vorschlag, sondern eher als eine hingeworfene Äusserung zu betrachten.
Wenn ich auf die Entwicklung des italienisch-österreichischen Konfliktes in den letzten zwei Monaten und auf die Äusserungen, die mir gegenüber in dieser Zeit in der Wilhelmstrasse gemacht wurden, zurückblicke, so komme ich immer mehr zu der Ansicht, dass die anfangs vorherrschende günstige Stimmung von Woche zu Woche decrescendo verlaufen ist; anfänglich zweifelte man an einer Verständigung zwischen Rom und Wien nicht, später erklärte man, dass auf Österreich gedrückt werden müsse, damit es sich endlich entschliesse, gewisse Territorialkonzessionen zu machen, jetzt scheint man gegenüber der Forderungen Italiens «à bout de ressources» zu sein und man rechnet auf die Vernunft der italienischen Regierung als ein letztes Element zu Erhaltung des Friedens!
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- Lettre: E 2001, Archiv-Nr. 724.↩
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