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Die Erscheinung von Tornados wird in der Regel mit Wetterphänomenen in den USA in Verbindung gebracht. Allerdings sind diese Saugwirbel auch bei uns anzutreffen.
Am Abend des 13. Mai 2015 bildete sich im Südschwarzwald eine riesige Gewitterzelle. Diese produzierte einen Tornado, dessen Pfad exakt bis an die Schweizergrenze verlief. Das Wetter am 13. Mai war bis am Abend sonnig und warm. Am Abend verdunkelte sich von Westen her der Himmel, denn nach der Hitze des Tages zog eine starke Gewitterfront über Süddeutschland. Besonders stark betroffen war der Landkreis Waldshut, wo das Unwetter heftige Schäden anrichtete. Gewitter, Starkregen und Hagel fegten über die Region und streiften auch die Schweizer Grenze, wo ein Tornado entstand.
Tornado im Südschwarzwald. Eine sogenannte Superzelle entwickelte sich über Freiburg im Breisgau, zog in Richtung Feldberg und schliesslich weiter in Richtung Schaffhausen. Im Verlauf entwickelte sich ein Tornado, der im Gebiet Schluchsee, Bonndorf, Blumberg eine fast 20 Kilometer lange Schneise hinterliess. Das Holz, das durch den Saugwirbel im Wald gefällt wurde, übertraf dabei die Mengen des Sturms Lothar, der am 26. Dezember 1999 im Schwarzwald riesige Schäden hinterliess.
Besonders in der Region Bonndorf hinterliess der Gewittersturm verheerende Schäden. Der Tornado walzte riesige Schneisen in den Wald. Am Ende des Schadenpfades – am Randen an der Schweizergrenze – wurde ein nicht mehr bewohnter Hof in seine Bestandteile zerlegt. Auch ein gewaltiger Strommast in dieser Region wurde abgeknickt. Die Stärke des Tornados wurde anhand der Schäden – nach der Skala von Fujita – auf F3 geschätzt, was Windgeschwindigkeiten von 254–332 km/h entspricht. Wie durch ein Wunder kamen keine Menschen zu Schaden. Ein glücklicher Zufall sorgte dafür, dass der Tornado weitgehend über unbewohntes Gebiet hinwegzog.
Schneise der Verwüstung in Eriz. Zwei Jahre zuvor wurde in Eriz im Kanton Bern ein Tornado registriert. Am 2. Mai 2013 verdunkelte sich um 17.30 Uhr in diesem Gebiet der Himmel. Wie aus dem Nichts begann es zu stürmen. Ein Tornado zog eine Schneise der Verwüstung durch Eriz. Er hob das Dach des Holzpavillons der Skischule Eriz ab, zerlegte einen Schopf, knickte viele Bäume. Augenzeugen berichteten, dass an der Wolkenbasis eine V-förmige Struktur sichtbar war – wie ein Strudel – so wie man es bei Tornadofilmen sieht. Der Sturm riss Robidogs aus und ein Baucontainer von 3,5 Tonnen Gewicht wurde 1,5 Meter weit verschoben; Kies wurde angesaugt und danach überall verstreut. Fünf Meter lange, dicke Holzbretter flogen durch die Luft. In der Höhe wirbelten die Trümmerteile deutlich sichtbar im Kreis herum, so die Berichte. Der Wind zog eine gerade Schneise, man hätte mit dem Lineal eine Linie ziehen können, wo der Sturm durchging. Wie durch ein Wunder wurde auch hier niemand verletzt. Die Leute kamen mit dem Schrecken davon.
So entsteht ein Tornado
Im Sommer entstehen an der Grenze von warmen und kalten Luftmassen kräftige Gewitterwolken, die durch verschiedene Windströmungen in eine langsame Eigenrotation im Gegenuhrzeigersinn versetzt werden können. Bei starkem Wachstum der Gewitterwolke kann im Höhepunkt ihrer Entwicklung ein Tornado entstehen: ein trichterförmiger Saugwirbel, der oft wie ein Elefantenrüssel aussieht und sich aus der Unterseite der Wolke gegen den Boden senkt. Der Rüssel besteht aus Wolkentröpfchen, die als Folge des geringeren Luftdrucks im Saugwirbel auskondensieren.
Radaruntersuchungen von diversen Gewitterwolken haben gezeigt, dass die meteorologischen Vorbedingungen für Tornados in der Schweiz durchaus erfüllt werden können. Allerdings besteht eine grosse Unsicherheit über die Häufigkeit des Auftretens von Tornados bei uns. Solange kein Augenzeuge den Saugwirbel gesehen hat, ist nicht klar bewiesen, dass ein Tornado produziert wurde. Denn der Saugwirbel selbst kann vom Radar nicht geortet werden, weil er zu klein ist. So könnte bei einem Starkgewitter kurzfristig ein Tornadorüssel entstehen, der den Boden nicht oder nur sehr kurz erreicht und infolge schlechter Beobachtungsbedingungen wie z. B. Regenschleier, hügeliges Gelände oder Dunkelheit nicht gesehen werden kann.
Zudem können auch kräftige Tornadowirbel unsichtbar bleiben, wenn zu wenig Feuchtigkeit zur Bildung des Wolkenschlauchs vorhanden ist. So wird ein Tornado, der keine Schäden anrichtet und nicht gesehen wird, auch nicht registriert.
Buchtipp
Andreas Walker und Thomas Bucheli: «Wetterzeichen am Himmel: Meteorologische Erscheinungen verstehen und richtig deuten», AT Verlag, 2011 (antiquarisch erhältlich)
Mehr Tornados wegen Erwärmung. Glücklicherweise sind Tornados bei uns selten. Wenn dennoch einer auftritt, ist die Stärke keineswegs vergleichbar mit der gewaltigen Zerstörungskraft der riesigen Tornados im Mittelwesten Amerikas. Deshalb halten sich die Schäden in Europa meistens in Grenzen. Am häufigsten werden diese Saugwirbel bei uns über grossen Seen in Form von Wasserhosen sichtbar. Doch auch Wasserhosen sind in der Schweiz ein seltenes Phänomen. Sie treten am ehesten im Spätsommer oder Herbst auf, wenn labile Kaltluft über die noch warmen Seen gleitet. Wasserhosen und Tornados sind von der Entstehung her sehr ähnlich. Beide Phänomene entwickeln sich aus der Unterseite einer gut entwickelten Quellwolke. Der Name Wasserhose für diese Saugwirbel kommt aus dem Englischen, denn «hose» heisst Schlauch. Vor allem der Bodensee und der Genfersee sind Gebiete, in denen Wasserhosen beobachtet werden können.
Obwohl sie selten sind, haben Tornados in der Schweiz schon mehrmals zu katastrophalen Zerstörungen geführt. Am 19. August 1890 und am 26. August 1971 im Vallée de Joux im Waadtländer Jura, sowie am 12. Juni 1926 bei La Chaux-de-Fonds haben Tornados von Südwesten nach Nordosten kilometerlange Schneisen im Wald hinterlassen und viele Gebäude teilweise oder total zerstört.
Hinweise auf Tornados im Jura können bis ins Jahr 1624 zurückverfolgt werden, wobei die häufigsten aus dem Vallée de Joux stammen. Es sind jedoch aus verschiedenen Regionen der Schweiz alte Berichte und Fotos von Tornados und Wasserhosen vorhanden. Wahrscheinlich muss man bei uns pro Jahrzehnt mit einem bis fünf Tornados rechnen, die zu mehr oder weniger grossen Sachschäden führen können. Schwache Tornados treten praktisch jedes Jahr mehrmals auf.
Mit der zunehmenden globalen Erwärmung erwarten die Wetterforscher eine Zunahme der Gewitteraktivität. Damit könnten auch Tornados und Wasserhosen an Häufigkeit und Stärke in unserem Land zunehmen. Eine Zunahme dieser Saugwirbel wird bereits an immer wärmeren Meeren wie z. B. der Adriaküste beobachtet.
Informationen über Wasserhosen, Tornados und andere markante Wetterereignisse sind im Schweizer Sturmarchiv registriert: www.sturmarchiv.ch
Fotos: Andreas Walker