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Neun Kilometer vor der Küste Jemens im Roten Meer liegt ein 368 Meter langes Schiff, die «FSO Safer». FSO steht für Floating Storage and Offloading.
FSO Safer, der Name ist eine Illusion. Denn der riesige Öltanker ist vieles, nur nicht «safe». Er ist eine schwimmende Zeitbombe mit 181 Millionen Litern Öl im Innern. Ein kleiner Funke, ein Zigarettenstummel oder ein losgelöster Schuss einer Waffe würden reichen, um das Schiff in die Luft zu jagen. Denn seit sechs Jahren laufen die Maschinen auf dem Schiff nicht mehr, die spezielle Gase in die Tanks pumpen, um zu verhindern, dass sich dort explosive Gemische bilden.
Aber wie konnte es so weit kommen? Die «Safer» war im Jemen seit den 1980er-Jahren eigentlich als geankerte Lagereinheit im Einsatz. Sie speicherte Öl, das über eine Pipeline von Feldern im Landesinneren kam und dann exportiert wurde. Aber nachdem der Jemen 2015 in einem Bürgerkrieg versank und Huthi-Rebellen die Hauptstadt Sanaa eingenommen hatten, wurden Produktion und Export von Öl gestoppt.
Die staatliche Ölfirma SEPOC stellte die teure Wartung ein. 2016 wurde die Safer ausser Dienst gestellt – mit eben immer noch 181 Millionen Litern Öl an Bord. 2017 erklärte man den Tanker für «tot», denn der Dampfkessel an Board funktionierte nicht mehr.
181 Millionen Liter Öl. Das ist viermal so viel, wie 1989 aus der Exxon Valdez in den Ozean floss – bis heute gewissermassen ein Synonym für Umweltkatastrophen.
Um eine weitere – und viel grössere – Umweltkatastrophe zu verhindern, versucht man seit Jahren, das Öl aus dem Tanker zu bekommen. Aber die Huthi-Rebellen lehnten bisher jede Rettungsaktion ab.
Doch nun könnte man einen Durchbruch erreicht haben. Denn ein Tanker der Vereinten Nationen soll das Öl umladen.
Der Hoffnungsträger ist Peter Berdowski. Er ist der CEO der Bergungsfirma. Seine Leute befreiten bereits die «Ever Given» vor zwei Jahren, als sie den Suezkanal für sechs Tage blockierte, wie die «Süddeutschen Zeitung» berichtet.
Mitte April schipperte das Schiff, die «Ndevor» von Rotterdam Richtung Rotes Meer. Knapp zwei Wochen zuvor ist auf der anderen Seite der Erde ein zweites Schiff aufgebrochen: die «Nautica». Die Nautica startete in Zhoushan, heisst es in der «Süddeutschen Zeitung», ein Hafen in der Nähe von Shanghai.
In Djibouti sollen sich die beiden Schiffe treffen. Und dann ist der Plan: Die Crew der «Ndevor» soll das Öl aus der Safer in die «Nautica» pumpen.
Ob das funktionieren kann? «Wir haben jetzt die besten Voraussetzungen seit acht Jahren, dieses Problem zu lösen», sagt Achim Steiner gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Steiner ist Chef des Entwicklungsprogramms der UNO.
Doch es gibt auch kritische Stimmen. Etwa die von Ian Ralby, Berater für Seerecht und maritime Sicherheit. Er befasst sich schon seit Jahren mit dem Schiff und hält den Plan für lückenhaft: «Ein schrecklich riskanter Ansatz», sagt er der «Süddeutschen Zeitung». Und er ergänzt:
Dass man vor Ort auf die Hilfe der Huthi-Rebellen angewiesen ist, liegt nahe. Denn nur sie wissen, wie man sich sicher durch die Gewässer voller Mienen bewegen kann.
Aber warum möchten die Huthi-Rebellen die Katastrophe nicht verhindern? Auch unter ihnen sollen die Meinungen gespalten sein. Einige sehen die kommende Katastrophe und möchten so schnell wie möglich das Problem loswerden, andere wollen das Schiff als Druckmittel im Krieg verwenden.
Steiner von der UNO gibt die Hoffnung nicht auf, wie er gegenüber der «Süddeutschen Zeitung» sagt: «Wir haben die Hoffnung, dass durch die Friedensverhandlungen eine Situation entsteht, in der das neue Schiff zugänglich ist und seine Wartung sichergestellt werden kann.» Für Ralby hingegen klingt das naiv. Er sagt der «Süddeutschen Zeitung»:
Wenn alles so läuft wie geplant, können die Retter Generatoren an Deck bringen, welche die Explosionsgefahr bannen. Wenn die Explosionsgefahr weg ist und die Huthis sich an die Abmachungen gehalten haben, kann sich die «Nautica» dem Schiff nähern und das Öl aus dem alten Tanker pumpen.
Und wenn eben doch nicht alles gut kommt? Dann gibt es laut der «Süddeutschen Zeitung» zwei Worst-Case-Szenerien:
Die Häfen müssten wegen des Ölteppichs schliessen, die Fische wären wahrscheinlich 25 Jahre lang kontaminiert, kein Essen, kein Treibstoff und keine Hilfspakete kämen ins Land. Der Hunger würde Jemen noch mehr einholen. Ebenfalls würde es an Trinkwasser fehlen, weil unter anderem die Entsalzungsanlagen an den Küsten nicht mehr richtig arbeiten könnten. Katastrophal wäre das Öl auch für das Leben im Roten Meer, wie die «Süddeutsche Zeitung» schreibt.
Vor einigen Tagen soll das Schiff aus Rotterdam im Hafen von Dschibuti angekommen sein, erzählt Steiner dem Medium Bayern 2. Es ist geplant, im Juni mit der Pumpaktion zu beginnen. Für die Vereinten Nationen ist das Ganze eine sehr ungewöhnliche, aber notwendige Aktion, so Steiner.
Was in nächster Zeit passieren wird, weiss man nicht. Sicher ist nur: Auch wenn die Rettungsaktion Erfolg hat und das Öl in das neue Schiff gepumpt wurde, bleibt folgende Frage offen: Wer schleppt das havarierte Schiff ab und verschrottet die Safer?
(oee)
Seit über einem Jahr bekämpfen sich im Sudan der De-facto-Machthaber Abdel Fattah al-Burhan und sein ehemaliger Stellvertreter Mohamed Hamdan «Hemeti» Dagalo. Seither sind gemäss dem Armed Conflict Location & Event Data Project (ACLED) fast 16'000 Menschen getötet und Millionen von ihnen vertrieben worden.