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Die seltsame Verwandlung des Sandy Weill
Sandy Weill – einst der wohl mächtigste Banker der Welt – hat per TV ein Aufbrechen der Grossbanken gefordert. Für andere Grössen aus der Bankenszene ist das so unfassbar, dass sie kaum fassen können, dass er das wirklich gesagt hat. Einer behauptet sogar, der Mann im Studio sei nicht Weill, sondern der Komiker und Borat-Darsteller Sacha Baron Cohen gewesen.
Beginnen wir diese verrückte Geschichte mit ihrem letzten Akt und gehen danach an ihren Anfang zurück:
- Dieser vorläufig letzte Akt ist ein Bloomberg-Interview mit Alan C. Greenberg. Er ist es, der die erwähnte Behauptung aufstellt: Nicht Sandy Weill, sondern Sacha Baron Cohen sei es gewesen, der eine Aufspaltung der US-Grossbanken gefordert habe. Hier der Originalauftritt auf Bloomberg-TV:
- Alan C. (Ace) Greenberg ist nicht irgendein Banker. Er gehörte im Gegenteil einst zu den ganz Grossen: Von 1978 bis 1993 war er CEO der Investmentbank Bear Stearns und von 1985 bis 2001 ihr Chairman. Die Bank war übrigens das erste grosse Opfer der jüngsten Finanzkrise. Im März 2008 konnte der Bankrott von Bear Stearns nur dadurch verhindert werden, dass die Grossbank J.P. Morgan sie unter Vermittlung der US-Notenbank günstig übernommen hat. Auch den grössten Teil der Risiken hat die Notenbank bei dem Deal auf sich genommen. Einen ungeordneten Zusammenbruch einer grossen Investmentbank wollte man damals noch unbedingt verhindern – bis dann im Herbst Lehman Brothers an der Reihe war. Zurück zu unserer Geschichte und zwar ganz an ihren Anfang.
- Dieser Anfang liegt im Jahr 1933. Die Welt und insbesondere die USA leidet unter der Grossen Depression. Auch hier haben massive Fehlinvestitionen von Banken eine wichtige Rolle gespielt. Um die Bankeinleger besser vor Bankenzusammenbrüchen zu schützen und den Bankern weniger Anreize zu bieten, mit dem Geld von Kleinanlegern zu riskante Spiele zu treiben, unterschrieb der damalige Präsident Franklin Delano Roosevelt in diesem Jahr den «Banking Act», besser bekannt unter dem Namen seiner Förderer im US-Parlament als «Glass-Steagal Act». Im Kern schrieb das Gesetz vor, dass Banken mit Einlagen von Kleinkunden nicht gleichzeitig das riskantere Investmentbanking-Geschäft ausüben dürfen (mit dem Wertpapiergeschäft im weitesten Sinn). Weiter wurde ein Einlagesicherungsfonds mit einem limitierten Schutz der Einlagen geschaffen und die entsprechenden Einlagebanken – anders als die Investmentbanken – einer strikten Regulierung unterworfen.
- Das nächste zentrale Datum unserer Geschichte ist das Jahr 1999. Wieder unterschreibt mit Bill Clinton ein US-Präsident ein für die Bankenindustrie wichtiges Gesetz: den «Financial Services Modernization Act», besser bekannt unter dem Namen «Gramm-Leach-Bliley Act». Kerninhalt ist dieses Mal nichts weniger als die Aufhebung des oben erwähnten «Glass-Steagal Acts» von 1933 und die Wiederzulassung von Bankenkonglomeraten, die gleichzeitig das Investmentbanking und das Einlagegeschäft tätigen.
- Für unsere Thema noch wichtiger als das Gesetz selbst ist seine Vorgeschichte und hier kommt erstmals Sandy Weill ins Spiel. Im Jahr 1998 war dieser CEO der Versicherungsgesellschaft Travelers Group, die mit der Grossbank Citigroup eine Fusion vollzog. Ärgerlicherweise (für die Banker) war diese Fusion aber illegal, da sie gegen den «Glass-Steagal-Act» verstiess. Nun hätte man befürchten können, dass die Regierung die Fusion verbieten würden, doch dem war nicht so. Der Zeitgeist damals war so, dass Regulierungen von Banken generell als lästig und wirtschaftsfeindlich taxiert wurden. Das Finanzministerium unter Clinton (wie später auch unter Bush und Obama) war ohnehin von Vertretern der Finanzbranche durchsetzt. Der ehemalige Goldman Sachs-Chef Robert Rubin war zur Zeit der Citigroup-Travelers-Fusion Finanzminister des Landes.
- Unser Protagonist Sandy Weill hatte allerdings nicht im Sinn, das bestehende Gesetz zu ignorieren. Er wollte es gleich ganz abschaffen. Mit seinem Lobbying und jenem der gesamten Bankbrache schon in den Jahren vor der Grossfusion, ist er 1999 zum Ziel gekommen. Und Sandy Weill war stolz auf seine Leistung. Davon zeugt ein Artikel aus der «New York Times» aus dem Jahr 2010 – ausgegraben hat ihn FT Alphaville. Die Autorin hat bei einem Besuch bei Weill an der Wand ein Potrait von ihm entdeckt, das mit folgenden Worten überschrieben war:
The Shatterer of Glass-Steagall
- Und hier die mittlerweile bekannte Aussage des «Zerstörers von Glass-Steagal» – dem Gesetz, das die Auftrennung der Banken vorschreibt – im O-Ton gegenüber dem Fernsehsender CNBC Ende Juli? Voilà:
Nachdem wir nun die Geschichte kennen, können wir besser verstehen, warum Ace Greenberg partout nicht glauben will, dass ausgerechnet Sandy Weill die Aufspaltung der Grossbanken, faktisch also eine Wiedereinführung von Glass Steagal fordert.
…oder sollte Greenberg etwa doch Recht haben, und es war tatsächlich Sacha Baron Cohen im Studio und nicht Sandy Weill? Alphaville hat sich den Spass erlaubt, ein Wenig ins Bild zu malen und das Ergebnis dann mit einem Filmplakat des Komikers zu vergleichen:
Spass beiseite, und noch was zur Substanz: Der späte Weill hat natürlich recht. Wenn die Grossbanken wegen ihrer Grösse gerettet werden müssen, sind sie zu gross. Mehr dazu, weshalb ihre Beschränkung (durch eine Aufspaltung oder wesentlich höhere Eigenkapitalanforderungen) deshalb im Sinne einer funktionierenden Marktwirtschaft ist: hier, hier, hier oder hier.