Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03516.jsonl.gz/250

Roger Sablonier: Die Schweiz ohne Eidgenossen - Kritik
Das Buch von Sablonier empört den kritisch denkenden Historiker schon bei Äußerlichkeiten und bei der ersten Durchsicht:
Auf dem Cover findet sich eine Vogelschau-Ansicht der Innerschweiz von B.A. Dunker um 1800: Wie soll eine Illustration aus jener Zeit eine angebliche Epoche "um 1300" erklären?
Das 280-seitige Buch gibt sich höchst wissenschaftlich: Das Quellen- und Literaturverzeichnis umfaßt stolze 17 Seiten. Der Text ist mit 500 (!) Anmerkungen garniert.
Die Liste der Sponsoren und Geldgeber für dieses empörende Buch liest sich wie ein Who's Who der schweizerischen (Un-)Kulturförderung.
Die meisten Illustrationen im Text geben Urkunden wieder. - Aber wer Urkunden als Geschichtsquellen ansieht, stellt sich automatisch außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses.
Und die Schwyzer Urkunden wurden sogar mit der C 14-Methode analysiert, die dort in einem Anhang wiedergegeben sind: Wer glaubt denn noch an solche unsinnige und wertlose Datierungsmethoden? Orthodoxe Historiker und Archäologen vielleicht.
Und ebenfalls im Anhang gibt es eine Tabelle und eine Synopse der "Königsbriefe". Welche Könige? Die von Israel vielleicht?
Und um das gespreizte wissenschaftliche Kauderwelsch der Darstellung zu illustrieren, langt folgendes Zitat:
Die Verfügbarkeit von schriftlichen Quellen präsentiert sich, alle Proportionen gewahrt, verhältnismäßig gut. (S. 31)
Das Buch ist unlesbar, unqualifizierbar und wertlos.
Der Titel im Widerspruch zum Untertitel
Der 2011 verstorbene Geschichtsprofessor Roger Sablonier gehörte zu den wenigen, die sich noch an die sagenhafte Gründungsgeschichte der Eidgenossenschaft, an die Legenden vom Rütli, von Wilhelm Tell und von Morgarten - und an den Bundesbrief von "1291" wagten. Im fortgeschrittenen Alter hat er im Juni 2008 darüber ein Buch veröffentlicht: Gründungszeit ohne Eidgenossen - Politik und Gesellschaft der Innerschweiz um 1300 (Baden: Hier + Jetzt 2008).
Ein anderer emeritierter Historiker der "mittelalterlichen" Schweiz hat ebenfalls vor einigen Jahren versucht, als Fazit seines Gelehrtenlebens ein neues Bild der Ursprünge der Schweiz zu liefern: Bernhard Stettler: Die Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert (Zürich 2004). - Die neue Sicht, die dort vorgegeben wird, ist nichtig. Dahinter steht das gleiche orthodoxe Geschichtsbild, ohne jeden originellen neuen Gedanken.
Die Werbetrommel verstand der umtriebige Historiker Sablonier gut zu rühren. Etliche Schweizer Zeitungen haben das Buch besprochen. Sogar am Fernsehen sah man den Autor. In der Aufmachung versprachen alle Gazetten, dies sei ein Werk, das die Anfänge der Eidgenossenschaft in einem völlig neuen Licht darstelle.
Der Titel macht neugierig und weckt Assoziationen: Man denkt an Borcherts Haus ohne Hüter oder an Musils Mann ohne Eigenschaften. - Was steckt wohl dahinter?
Aber liest man den Untertitel: Politik und Gesellschaft der Innerschweiz um 1300, so bleibt von der angeblichen historischen Sensation nichts mehr übrig: Wer behauptet, "um 1300 AD" - also 700 Jahre vor heute – hätte es schon eine „Innerschweiz“ im heutigen Sinne gegeben, stellt sich außerhalb des aktuellen historischen Diskurses.
Wozu also dieses Buch? Hinter der marktschreierischen Aufmachung stecken offenbar nur olle Kamellen.
Die Ursprünge der Eidgenossenschaft
Es war nicht das erste Mal, daß sich Sablonier kritisch über die Gründungslegende der Eidgenossenschaft äußerte. In dem Sammelband Die Entstehung der Schweiz (Schwyz 1999) brachte er Zweifel am Bundesbrief von 1291 vor. Dabei brauchte er alle Modalverben: Kann, soll, darf, muß man diese Urkunde bezweifeln? - Ich habe Sabloniers Kritik in meinem Buch Bern und die alten Eidgenossen (2013) besprochen.
Von den Zweifeln zehn Jahre vorher scheint nichts übrig geblieben zu sein: Nach Sablonier heute ist der Bundesbrief echt - allerdings etwas später, "um 1309" geschrieben.
Aber was vom Bundesbrief zu halten ist, habe ich auch in dem Artikel dargelegt: Der Bundesbrief von "1291": Kritik an einer gefälschten Urkunde. - Das Wichtigste sei hier wiederholt: Der Bundesbrief 1291 ist um 1760 entdeckt, also verfaßt worden!
Ebenfalls habe ich eine wissenschaftliche Untersuchung zur Frage des Gründungsdatums der Eidgenossenschaft verfasst:
Sablonier ist urkundengläubig wie alle staatlich bezahlten Mediävisten. Diese müssen an die wertlosen Dokumente, ihre Inhalte und Jahrzahlen blind glauben, sonst würde das ganze historische Legendengebäude einstürzen.
Fortschrittlicher Titel - gleiche Leier
Unleugbar ist, daß die Anfänge der Schweizer Eidgenossenschaft - besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - zu einem heute kaum mehr genießbaren Mythos überhöht wurden. - Die schwierigen Zeitumstände, also die beiden Weltkriege und die dazwischen liegende Weltwirtschaftskrise, müssen als Motive anerkannt werden.
Daraus hat sich seit den späten 1960er Jahren eine leise Tendenz zur Entmythologisierung gegeben. Den Anfang machte das heute schon fast vergessene Buch von Otto Marchi: Schweizer Geschichte für Ketzer oder die wundersame Entstehung der Eidgenossenschaft (Zürich 1971).
Doch Marchi und die anderen Versuche bleiben an der Oberfläche: Sie wollten die Heldendenkmäler umstoßen, aber sie kratzten nur ein bißchen Lack ab. Denn alle realisieren sie nicht: Das ganze Geschichtsbild ist falsch, sowohl inhaltlich wie von den Zeitstellungen her. Der Weg zu einer Neubetrachtung führt über die Geschichts- und Chronologiekritik, wie sie Fomenko und ich grundgelegt haben.
Also nützt es nichts, wie Sablonier und die anderen es tun, die herkömmliche Geschichte zu entmythologisieren. Eine Sage bleibt eine Sage. Und den Gründungsmythos der Eidgenossenschaft erzählen alle Chronisten gleich – sowohl Stumpf, wie Tschudi.
Zu irgendeiner Zeit ist tatsächlich eine Schwyzer Schwurgenossenschaft entstanden. Aber nicht in jener behaupten Zeit und nicht in der Innerschweiz.
Die konventionellen Historiker suchen immer noch am Vierwaldstättersee nach nicht vorhandenen Spuren für die Anfänge der alten Eidgenossenschaft. Der Urschweizer Geschichtsmythos, den Sablonier angeblich verwirft, kommt durch die Hintertür wieder hinein.
In meinem oben genannten Buch habe ich Fingerzeige gegeben, wann, wo und wie der Schwurbund der Schwyzer entstanden ist.
Sablonier bringt nirgends Ansätze für eine Neubetrachtung der Anfänge der Schwyzer Eidgenossenschaft. Statt dessen werden unbedeutende Einzelheiten, kleine Sächelchen als historisch bedeutsam behauptet: Ein Werner von Homburg habe um "1320" gewirkt. Was hat der mit den Eidgenossen zu tun?
Und der Clou der Geschichte: Viel bedeutender als Uri sei die Talschaft Urseren gewesen! Eigentlich logisch: Urseren, nicht Uri, liegt am Nordabhang des Gotthardpasses. Und jener Alpenübergang besaß schon damals die geopolitische Bedeutung, die ihm der Historiker Karl Meyer und der Schweizer Generalstab im 20. Jahrhundert zugeschrieben haben.
Auch hegt Sablonier keine Zweifel an der Chronologie. Er vertraut sogar auf C 14-Daten!. Also habe es vor 700 Jahren schon alles gegeben, was man zur Darstellung der herkömmlichen Geschichte braucht: Städte und Klöster, Adelige, Bauern und Bürger, Latein und Deutsch, Christentum und Schrift. - Ein Wunder, daß nicht schon um diese Zeit die Existenz des Halbleiters oder des Lasers behauptet wird!
Fazit:
Wir brauchen ein neues Geschichtsbild, das die Überlieferungen, die geschriebene Geschichte und die Chronologie kritisch hinterfragt, nicht ein billiges aggiornamento der alten Geschichtslegenden.
PS: Sablonier hat die Pressevorstellung seines Buches im Bundesbriefmuseum in Schwyz abgehalten. Schon die Wahl des Ortes beweist, daß es ihm nicht Ernst war mit einem neuen historischen Bild der Anfänge der Eidgenossenschaft.
Herbst 2008/2013