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F. Was bedeutet Videopoche?
A. Frei übersetzt in etwa: Taschenvideospiel.
F. Sind das "echte" Game&Watch?
A. Ja.
F. Woher kamen die?
A. Unter dem Namen Videopoche wurden die Game&Watch mit ziemlicher Sicherheit in Frankreich herausgegeben. Lange glaubten wir, dass Videopoche in Belgien herausgegeben wurde. Heute haben wir aber mehr Fakten die belegen, dass Videopoche wohl aus Frankreich stammt.
F. Welche Game&Watch wurden als Videopoche herausgegeben?
A. Aus folgenden Serien wurden die Games veröffentlicht:
- Gold Serie: 3 (alle)
- Wide Screen Serie: 6
Insgesamt sind also neun Spiele bekannt, die mit einer Videopoche Verpackung erschienen sind:
|Gare au fosse!

(Manhole MH-06)
|Gare aux outils!

(Helmet CN-07)
|Le lion est laché

(Lion LN-08)
|Les parachutistes

(Parachute PR-21)
|La pieuvre devoreuse

(Octopus OC-22)
|La cuisine ensorcelée

(Chef FP-24)
|L'incendie

(Fire FR-27)
|Le pont des tortues

(Turtle Bridge TL-28)
|Les indiens attaquent

(Fire Attack ID-29)
F. Auf der Box vom Fire FR-27 ist das Fire aus der Silver Serie abgebildet...?
A. Ja, aber in der Box war ein Fire FR-27 der Wide Screen Serie. Auch bezüglich der Grösse der Schachtel und vom Styropor kann nur ein Game der Wide Screen Serie enthalten gewesen sein. Bisher habe ich zwei dieser Games gesehen und beide enthielten das FR-27.
F. War da ein G&W-Logo auf der Box?
A. Nein. Das Game&Watch Logo befand sich nur auf den Game selbst.
F. Also waren die Games unverändert?
A. Ja. Es waren die gleichen Spiele wie die Standardgames.
F. Aber die Namen der Spiele wurden geändert?
A. Ja und nein. Auf den Verpackungen waren die Namen auf Französisch übersetzt, während die Games selbst ihren Originalnamen trugen.
Und hier weitere Informationen, zusammengetragen von David (Gawcol):
Ich beginne zuerst mit Informationen über die verschiedenen Gesetze. Das ist wichtig um zu verstehen, weshalb ich sage, dass Videopoche aus Frankreich stammt.
GESETZLICHE VORSCHRIFTEN ZUR SPRACHE IN BELGIEN
In Belgien gibt es ein Gesetz das besagt, dass allen elektronischen Geräten eine Anleitung in Französisch und in Holländisch beigelegt sein muss. Es gab schon immer Probleme zwischen den Französisch sprechenden und den Holländisch sprechenden Gebieten in Belgien. Einige könnten nun sagen, dass die Anleitungen nur in Französisch verfasst sein sollten, wenn Waren im französischen Gebiet von Belgien verkauft wurde, das stimmt so aber nicht. Das Gesetz schreibt vor, dass die Anleitungen überall in Französisch und Holländisch abgefasst sein müssen. Also musste den Spielen die in Flanders (Holländisch sprechender Teil) verkauft wurden auch eine Anleitung in Französisch beigelegt sein und jenen die im Französisch sprechenden Teil verkauft wurden eine in Holländisch (und dem war auch so).
Um dieses Problem zu lösen machten es sich die belgischen Distributoren einfach: Sie legten den Waren einfache und billig gemachte Anleitungen in beiden Sprachen bei, die sie auf A4 Papier kopierten und dann zusammenfalteten. Die Anleitungen passten noch nicht einmal richtig in die Schachteln und die Schriftart sieht aus, als wäre die Anleitung auf einer alten Schreibmaschine geschrieben worden. :-) Vielleicht habt Ihr das schon einmal gesehen.
GESETZT IN FRANKREICH
In Frankreich gab es das Gesetz bezüglich der Sprache auch, es ging aber noch weiter als das in Belgien. In Belgien wurde das Gesetz geschaffen damit sichergestellt war, dass die Leute die Anleitungen verstanden und auch um die zwei verschiedensprachigen Gebiete und somit das Land zusammenzuhalten. Man muss schon fast Belgier sein um das zu verstehen.
In Frankreich gab es ein Riesenproblem mit der zunehmenden Verbreitung vom ENGLISCH. Die Franzosen waren chauvinistisch und ausserordentlich stolz auf ihre Sprache, die sie gegen den Einfluss vom Englisch unbedingt schützen wollten. Die Franzosen fürchteten sehr, dass Ihre Sprache verschwinden könnte oder sich zu FRANGLAIS wandeln könnte, eine Mischung, also schufen die Franzosen Gesetze, um ihre Sprache zu schützen!
Eines dieser Gesetze betraf die Radiosender. Es war vorgeschrieben, dass vier von fünf abgespielten Songs französisch sein müssen, also durfte maximal nur 20% englischsprachige Musik dabei sein. Ein anderes Gesetz schrieb vor, dass "typische englische Wörter", die zumeist durch die Einführung von neuen Technologien entstanden, übersetzt werden müssen (während andere Länder einfach das englische Wort übernahmen). Ein typisches Beispiel für die 80er Jahre ist das Wort WALKMAN, da mussten die Franzosen ein Wort dafür erfinden und sie taten dies auch: BALADEUR.
Aus diesm Grund haben die Franzosen auch keinen Computer, sondern einen "ordinateur", während alle anderen Länder das Wort Computer oder PC verwenden, sogar in anderen Französisch sprechenden Ländern. Es gibt viele solcher Wörter, die die Franzosen erfunden hatten. Wenn bei Radio- und Fernsehsendern oder bei anderen Arten der Veröffentlichungen englische Wörter verwendet wurden, wurde das gebüsst. Die nahmen das sehr ernst und somit kommen wir zur dritten Tatsache, dass alles in Französisch angeschrieben sein muss, auch die Schachteln. ALLE ENGLISCHEN WÖRTER MUSSTEN VERMIEDEN WERDEN. Manchmal waren die Franzosen da sehr kreativ und erfanden lustige Wörter, so entstanden auch JI21 und Videopoche.
Dieses Foto zeigt ein Beispiel dieser obligatorischen Übersetzungen:
(Vielleicht gab es in Deutschland damals auch so ein Gesetz, ich weiss es aber nicht. Es ist komisch dass die Games dort unter dem Namen tricOtronic verkauft wurden).
In Belgien mussten die Distributoren den Spielen lediglich zwei gefaltete Anleitungen beilegen und sie klebten nur einen Aufkleber auf die schönen Boxen von Nintendo, das sparte ihnen Geld. Das ist auch schon alles.
GESPRÄCHE MIT DEN VERKÄUFERN
Einer der Game&Watch Verkäufer aus den 80er Jahren gibt es immer noch. Der Mann wird in sieben Jahren pensioniert und er versprach mir mich dann anzurufen, um mir seine Nintendo Schaukästen und Aussteller-Logos zu verkaufen. Er hat einen Uhrenladen seit Beginn der achtziger Jahre. Der Laden befindet sich in Kortrijk, Belgien. Die Hauptmarke die er führt ist CASIO.
Er erzählte mir auch von den gesetzlichen Auflagen in Belgien und dass er Anleitungen in Französisch und Holländisch führen musste. Das Problem bestand nicht nur für Produkte von Nintendo. Die gleiche Problematik hatte er mit den Vertriebspartnern von Casio, von denen er seine Uhren einkaufte. Den Casio Uhren waren auch zwei zusammengefaltete Anleitungen beigelegt, eine in Französisch und eine in Holländisch. Manchmal kaufte er die Uhren bei anderen Wiederverkäufern ein. Dann kopierte er einfach die Anleitungen von Casio. Die Gespräche mit den Verkäufern gaben mir aufschlussreiche Informationen darüber, wie die Vertriebspartner arbeiteten und wie Nintendo in Belgien funktionierte.
VIDEOPOCHE KAUFEN
Ich kaufte viele Videopoche Spiele in der Hoffnung Hinweise zu finden. Ich kontaktierte über eBay auch andere Käufer von Videopoche Games. Schon bald fand ich zwei Videopoche Spiele, in deren Schachtel sich noch eine Originalkarte der Vertriebspartner befand. Eine war von einem aus Paris, die andere von einem aus einer Stadt deren Namen ich vergessen habe, sie lag aber eher im Süden Frankreichs.
Einige der Läden die ich kontaktierte hatten noch sehr viele Informationen und sie erwähnten immer wieder den Namen Kemba. Als ich ihnen Schachteln von Videopoche zeigte sagten sie mir, dass sie diese noch nie gesehen hätten. Ich besuchte auch mehrere Läden in Wallonie (französischer Teil von Belgien). Nur in einem wusste man über Game&Watch Bescheid und die hatten dort sogar noch immer die originalen Schaukästen von Nintendo, aber sie hatten noch nie von Videopoche gehört.
Bekannte Sammler aus Frankreich sagten mir, dass sie dachten, dass Videopoche französisch ist und nicht belgisch.
DISTRIBUTOREN
Einige Sammler sagen: Es gibt bereits JI21 in Frankreich, also muss Videopoche belgisch sein. Warum sollte Frankreich zwei Distributoren haben?
Frankreich ist ein grosses Land also ist es nicht unwahrscheinlich, dass es mehrere Vertriebspartner gab (sogar zur selben Zeit). Ich weiss nicht ob es jemals ein “Nintendo France” gab, aber ich weiss viel über “Nintendo Belgien”.
Nintendo Belgien kontaktierte die Verkaufstellen direkt, war also gleichzeitig eine Konkurrenz zu den Distributoren. Es ist nicht klar, ob die Distributoren die Spiele von Nintendo Belgien kauften oder ob sie andere Lieferanten hatten. Das verursachte einiges an Verwirrung und es war eine komische Art der Zusammenarbeit, gleich drei Läden bestätigten mir dies. Nintendo konnte auch nicht verhindern, dass die Läden ihre Waren auch von den Distributoren bezogen (anstatt direkt von Nintendo).
Es war teurer die Waren von Nintendo zu beziehen als von den Distributoren, aber Nintendo schenkte den Verkaufsstellen einiges. Zum Beispiel die Nintendo Schaukästen. In einem Shop wurde behauptet, dass sie in den achtziger Jahren sogar eine Game&Watch Demo-Einheit hatten! Ich weiss nichts darüber, da ich nie eine gesehen habe. Die Läden wurden von Nintendo auch an Partys inklusive Nachtessen eingeladen oder sie erhielten manchmal Gutscheine für kostenlose Städtereisen.
Wichtig ist, dass die Distributoren nicht nur Nintendo Game&Watch im Sortiment hatten, sondern auch andere Spielzeuge. Zum Beispiel die Belgischen Distributoren Kemba und Pintec.
Ein paar Fotos dazu:
Hier ist ein anderer Distributor, Albanel et Cie, auch Belgisch wenn Ihr mich fragt, aber leider steht da keine Adresse. Ich kaufte das Spiel von einem Belgier der behauptete, dass er das Spiel noch aus seiner Jugendzeit hat. Bisher habe ich mich aber über diesen Distributor noch nicht erkundigt.
Das ist ein Foto vom Gebäude der Kemba:
Leider ging Kemba Konkurs, jetzt wird das Gebäude anderweitig verwendet. Ich ging zur Adresse von Pintec, aber die sind inzwischen nicht mehr dort.
Nintendo Belgien ging auch Konkurs, was schon kurios ist, vor allem passiert diese zu Beginn der neunziger Jahre, also nachdem Nintendo in den achtziger Jahren so viel Umsatz machte. Trotzdem gingen die Pleite. Gemäss den Aussagen der Läden die ich kontaktierte passierte dies, weil Nintendo sehr teure Partys schmiss und kostspielige Städtereisen finanzierte. Einer sagte mir, dass er damals nach Los Angeles reisen durfte und alles von Nintendo bezahlt wurde.
Alle Inhaber der Spielwarenläden erzählten mir das Gleiche und einer gab mir die Telefonnummer von jener Person, die alles aufkaufte als Nintendo in den Konkurs ging. Nun ja, das war natürlich sehr interessant. Ich rief den an und er lud mich zu "seiner Firma" ein, aber weniger um mir Informationen zu geben sondern um mir Waren zu verkaufen. Als ich dort ankam war ich erstaunt, denn es handelte sich um das Hauptbüro eine Spielwarengruppe, namens "Game Mania", die in den Neunzigern gegründet wurde.
Die Person die ich traf handelte damals bereits mit Spielwaren als er erfuhr, dass eine grosse Auktion stattfinden würde weil Nintendo in Konkurs ging. Er ging zu dieser Auktion und kaufte Spiele ein, die er dann in seinen Läden weiterverkaufte. Aber einige Sachen stellte er damals nicht in seine Läden und die waren noch immer in einer Lagerhalle. Das waren Neon-Lichter in Form vom Nintendo-Logo. Nintendo of America produzierte diese speziell mit 220 Volt Anschluss für Nintendo Belgien und die wurden gerade zu der Zeit nach Belgien verfrachtet, als Nintendo in Konkurs ging. Also kaufte ich alle diese Neon-Lichter und das war ein gutes Geschäft. Ich musste mehrere Male hin und her fahren, denn die waren noch immer ungeöffnet in ihrer grossen Originalverpackungen. Ich kaufte auch ein “Offizieller Händler” -Licht, das ich noch immer habe.
Nun, das hat nichts mit Videopoche zu tun, ich will damit nur zeigen, dass ich wirklich nachforschte.
Dies sind die Neon-Lichter mit dem Nintendo-Logo und auch das für die offiziellen Händler:
http://www.majhost.com/cgi-bin/gallery.cgi?f=86078
PROJOUET
Als ich einmal ein Videopoche Spiel kaufte, erhielt ich damit auch eine komische Registrierkarte. Das Videopoche Game war kein Nintendo, denn es gab auch andere Spiele unter dem Namen Videopoche, nicht nur von Nintendo. Wie auch immer, es ist ein Spiel von Videopoche also ist es der beste Beweis für mich. Das Spiel das ich kaufte war “Les Robots”. Der Distributor war PROJOUET, der in Paris (Frankreich) beheimatet war. Videopoche und Kidget electronic sind wahrscheinlich bloss Übersetzungen für Game&Watch um sie zu gruppieren. Es ist ziemlich schlau was die damals taten, sie verkauften die Spiele verschiedener Hersteller, aber mit “Kidget electronic” zu einer Einheit zusammengefasst.
Game&Watch tönte zu sehr Englisch, einige benannten sie JEU ET MONTRE (wie bei JI21), einige benannten sie JEU DE SOCIETE VIDEO AVEC HEURE ET REVEIL (wie die Französisch sprechenden Belgier).
Und Projouet brachte einen noch fantasievolleren Namen hervor, VIDEOPOCHE (jeu video de poche), in etwa Taschenvideospiel. Eigentlich erfanden die beinahe den Begriff “POCKETSIZE”, noch bevor Nintendo diesen jemals verwendete. Die Videopoche Spiele waren nur ein Teil der Waren, die Projouet verkaufte. Kidget electronique, der Begriff auf der Seite der Schachteln, ist auch eine lustige Übersetzung für “electronic gadget”. Den Franzosen war es per Gesetz vorgeschrieben, eigene Schachteln herzustellen, während das bei den Belgiern nicht der Fall war.
Fakt ist, dass die langjährigen Sammler aus Frankreich meine Theorien unterstützten. Ein anderer Sammler hat mir gesagt, dass er G&W seit den achtziger Jahren sammelt und er fand beide, JI21 und Videopoche, auf Flohmärkten.