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Seepferdchen und Seenadeln sind die wohl schillerndsten Fische im Meer. Vor allem die Fortpflanzung der Seepferdchen und Seenadeln, die sehr nah miteinander verwandt sind, ist spektakulär. Welche anderen Fisch-Arten können von sich denn schon behaupten, dass die Männchen schwanger werden und Kinder kriegen?
Nun hat man endlich herausgefunden, wie das wirklich funktioniert! Lies hier, wie die Seepferdchen-Fortpflanzung abläuft und wie Seepferdchen-Männchen die Kinder kriegen.
Seepferdchen sind geschickte Jäger: mit den beweglichen Augen fixieren sie die Beute und saugen sie dann in wenigen Hundertstelssekunden ein.
Die Faszination, die von Seepferdchen ausgeht, hat grösstenteils damit zu tun, dass die Männchen die Hauptarbeit bei der Fortpflanzung übernehmen. Man weiss schon viele Jahrzehnte, dass die männlichen Tiere in eine Bruttasche am Bauch – ganz ähnlich dem Känguru-Beutel – die Eier ausbrüten, die ihnen die Weibchen anvertrauen; bis die Babys geschlüpft sind. Fast könnte man meinen, Seepferdchen seien mit Beuteltieren oder anderen Säugetieren verwandt. Die Natur erfindet manche praktischen Dinge bisweilen mehrmals!
Seepferdchen schwimmen nicht besonders gut. Sie sind «benthische» Fische, das heisst, sie leben am Meeresgrund, im flachen Wasser. Dort also, wo es sicher viel Planktonnahrung hat. Mit ihrem Greifschwanz halten sie sich an Algenbüscheln, an Korallen oder Felsstrukturen fest und warten, bis kleine Meerestiere in der Strömung an ihnen vorbeiziehen. Die Seepferdchen saugen dieses Planktontiere dann blitzschnell mit ihrem Röhrenmaul ein und fressen sie. Diese Art der Nahrungsaufnahme heisst auch «Pipette-feeding», fressen per Pipette also. Das Seepferdchen erzeugt im Maul mit seinem Zungenbein einen ungeheuren Unterdruck, der sich über das winzige Mündchen am Ende der langen Schnauze entlädt. Der Fressvorgang dauert nur wenige Hundertstelsekunden. Seepferdchen sind recht ortstreu; sie kommen nicht weit in der Welt herum, dafür kennen sie aber ihren Wohnort wie ihre Bauchtasche.
Wenn Seepferdchen sich fortpflanzen wollen, herrscht immer Mangel an Geschlechtspartnern. Logisch, wenn man nicht reisend auf Brautschau kann. Also balzen die Männchen auf sehr aufwändige Art: Wenn sie ein schönes Weibchen vorbeischwimmen sehen, umkreisen sie es mit zurückgebogenem Kopf. Dann blähen sie ihre Bauchtasche gewaltig auf. Auf Seepferd-isch heisst dies: «Schau mal, mein Bauch ist so gross, da passen alle deine Eier locker rein… Ich werde sie beschützen und ein guter Vater sein... Gib sie mir doch bitte!»
Manche Arten von Seepferdchen tarnen sich im Gewirr von Algen mit Hautfortsätzen, die ihre Kontur auflösen.
Falls das Weibchen sich nach Stunden oder gar Tagen erweichen lässt, spritzt sie ihre 50-1000 Eier (das variiert bei den unterschiedlichen Arten) mit einem speziellen Eilegeorgan, dem sogenannten Ovipositor, direkt in die Bauchtasche des Männchen. Jetzt besamt das Männchen die Eier und schüttelt sie in die richtige Position in der Tasche. Danach beginnen sich die Eier zu Embryonen und dann zu fixfertigen kleinen Seepferdchen zu entwickeln.
Auf Seepferd-isch heisst dies: «Schau mal, mein Bauch ist so gross, da passen alle deine Eier locker rein…»
Nach Tagen bis Wochen – auch dies ist von Art zu Art unterschiedlich – kommt es bei Seepferdchen zu einer richtigen Geburt: Das Männchen presst die winzigen Jungen in wehenartigen Schüben ins freie Wasser. Es ist nachher total erschöpft. Und tut ein paar Tage erst mal gar nichts. Von jetzt an sind die Jungen auf sich selbst gestellt.
Je grösser der Bauch, desto begehrter sind die Männchen bei den Weibchen. Bei Seepferdchen, wohlverstanden.
So viel wusste man schon lange über die Fortpflanzung der sympathischen Fische. Was aber weitgehend unklar war: Wie schaffen es die Seepferdchen, die Eier in dem Brutbeutel gesund zu halten? In einem Sack drin gibt es ja in der Regel kaum Sauerstoff, und die sich entwickelnden Jungen benötigen viel davon, ausserdem brauchen sie jede Menge Nährstoffe und auch Antikörper gegen Krankheiten.
Camilla Whittington, eine Evolutionsbiologin an der Universität von Sydney hat‘s nun aber ganz genau wissen wollen und sehr gut nachgeschaut. Dabei hat sie viel herausgefunden: Im Inneren des Brutbeutels gehen kurz nach der Eiübergabe seltsame Dinge vor sich. Die Wand des Beutels wird zu Beginn der «Schwangerschaft» deutlich dünner. Gleichzeitig spriessen zarte Blutgefässe aus der Wand ins Beutelinnere hervor und umfassen die frisch platzierten Eier. Es bildet sich ein zartes Gewebe, das dieselbe Funktion auszuüben beginnt, wie die Plazenta bei Säugetieren! Die Embryonen werden von nun an rund um die Uhr umsorgt. Der Blutkreislauf des Vaters versorgt sie über die «Seepferdchen-Plazenta» mit Sauerstoff und beseitigt das Kohlendioxid aus der Atmung, gleichzeitig gibt er ihnen die nötigen Antikörper mit und ernährt sie erst noch!
Das ist einzigartig bei Fischen: Plazenten waren bisher nur bei lebendgebärenden Haien und Rochen, bei manchen Reptilien, gewissen Beuteltieren und natürlich den Säugetieren bekannt!
Junge Seepferdchen gehen sofort nach der Geburt auf die Jagd nach Plankton.
Bei soviel Brutpflege kann es sich ein Seepferdchen auch leisten «lediglich» mehrere dutzend bis wenige hundert Kinder zu haben: Dies minimiert die sonst üblichen Verluste durch Kindersterblichkeit. Vergleichbar grosse Meeresfische haben oft viele tausend Junge, die ohne Fürsorge im offenen Meer heranwachsen und meist sehr schnell als Planktonnahrung in einem Raubtiermaul enden. Die Überlebenschancen der jungen Seepferdchen liegen zwar lediglich bei etwa einem Prozent, bei anderen Meeresfischen jedoch nur bei Bruchteilen eines Promilles...
Es gibt weltweit rund 50 Seepferdchen-Arten - die Systematiker unter den Biologen sind sich manchmal nicht ganz sicher :-). Im Europäischen Mittelmeer leben drei Arten, an der Atlantikküste zwei. Leider sind Seepferdchen in einigen Teilen der Welt stark gefährdet, weil man sie als «Medizin» gegen allerlei Gebrechen einsetzt. Ein gesundheitlicher Nutzen dieser «Medizin» ist mit wissenschaftlichen Methoden nicht zu erkennen.
Eine Grasnadel (Syngnathus typhle) aus dem Mittelmeer.
Auch in der Bretagne leben auch Seepferdchen. Meist findet man sie in den unterseeischen Seegraswiesen vor der Küste.
In der Gezeitenzone kann man ohne Tauchen aber ganz einfach ihre nächsten Verwandten studieren, die Seenadeln.
Deren Fortpflanzung ist weitgehend vergleichbar mit derjenigen der Seepferdchen. Allerdings haben Seenadel-Männchen keine Bauchtasche, sondern eine «Bauchleiste».
Eier in "Eibechern" am Bauch einer tropischen Seenadelart. Man sieht ganz deutlich die Augen der Fischembryonen und den eingerollten Schwanz.
Das Seenadel-Weibchen klebt ihre Eier Stück für Stück in zwei Reihen an den Bauch des Männchens. Meist sind das etwa 20-30 Eier. Die Bauchhaut des Männchens schwillt danach an und umwächst die Eier etwa zur Hälfte. Am Schluss sieht das ganze «Gelege» aus, wie eine Reihe Glacé-Kugeln, gut gelagert in knusprigen Cornets. Oder Fünf-Minuten-Eier im Eibecher!
Zu guter Letzt: Nein, Seepferdchen sind keine Säugetiere wie wir. Sie haben keine Milch produzierenden Drüsen, keine Haare und sie haben keine Lungen. Dafür atmen sie über Kiemen und haben Schuppen, die zu einem knöchernen Panzer zusammengewachsen sind; sie sind also eindeutig Fische. Aber was für welche!
P.S.: Wenn es dich interessiert, wie sich Muscheln fortpflanzen, dann schau hier.