Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03429.jsonl.gz/2094

Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gibt es die Vorleser in den kubanischen Cigarren-Manufakturen. Eine fantastische und hintergründige Reise in die Welt der Vorleser, der Tabaqueros und Kubas bietet Die Zeit mit dem Artikel „Vom Hören sagen„.
(Lector de tabaquería; Quelle: Bohemia)
DIE ZEIT (18/2005)
Vom Hören sagen
Vorleser unterhalten in Havannas Tabakfabriken die Arbeiter. Vor allem den jungen Tabaqueros erklären sie dabei die Welt – ganz im Interesse der Revolution
Von Karin Ceballos Betancur
Kein Zweifel, dass es dem Ende zugeht. Der Mann hustet, keucht, ringt heiser um letzte Worte. Während 1400 Augen die Lider senken, 1400 Hände Tabakblätter rollen und 700 Menschen auf den Tod warten, der auf den letzten Seiten des Buches gestorben wird. Der Vorleser gibt dem Monolog des moribunden Romanhelden Stimme und Ausdruck. Seine Unterarme ruhen auf der Tischplatte, dazwischen das Mikrofon, sehr nah an seinen Lippen. Er atmet schwer.Fotos: Sven Creutzmann für DIE ZEIT BILD
Die Arbeiter der Zigarrenmanufaktur Partagás hatten gepfiffen, als er am Nachmittag das letzte Kapitel ankündigte. Jesús liest langsam, leise dann, wenn sich das Tuscheln unaufmerksamer Zuhörer in seinen Bariton mischt, damit es ruhiger wird. Die Arbeitsbänke der Tabaqueros sind zum hölzernen Podium des Vorlesers ausgerichtet wie Schultische zu einem Lehrerpult, an der Stirnseite des Saals im obersten Stockwerk der Fabrik. An einer langen Tafel, unter zwei Porträts, von denen eines Che Guevara, das andere den kubanischen Revolutionshelden Frank País zeigt, sitzt Jesús, der Vorleser, die Füße gegen die untere Querleiste des Tischs gestemmt.
Seine Schwester ist Lehrerin, sein Bruder Tabaquero, Arbeiter in einer Zigarrenfabrik, in einer der vielen Manufakturen Havannas. Man könnte sagen, dass Jesús so etwas wie die berufliche Schnittmenge seiner Geschwister bildet. Partagás feiert in diesem Jahr ihr 160-jähriges Bestehen, Jesús Pereira Caballero seinen 43. Geburtstag und 19 Jahre Betriebszugehörigkeit. Eigentlich wollte er Schauspieler werden. Das hat nicht geklappt, nicht ganz jedenfalls. Jesús sagt, dass er seinen Beruf liebt. Er surft auf rauen Reibelauten durch das Gespräch am Tresen des Verkaufsraums. Draußen auf der Straße bieten junge Männer Touristen mit gesenkter Stimme Zigarren zu Schleuderpreisen an. Gefälscht oder geklaut, offenbar geduldet.
Die Geschichte der Vorleser beginnt gegen Mitte des 19. Jahrhunderts. 1865 soll der erste lector eingestellt worden sein, in El Figaro, USA. Am Anfang bezahlten die Arbeiter selbst die Lesenden, meist Männer, die geistige Nahrung zur kunstvollen Verbindung von Tripa, Capotes und Capa zu liefern, zu einem Produkt also, das bis heute den kubanischen Nationalstolz stützt. Die Stille, in der sich die Monotonie der manuellen Arbeitsabläufe vollzieht, erlaubt, was in der Industrie schon wegen des Maschinenlärms unmöglich wäre.
Weil sich die Vorleser selten auf den unterhaltsamen Aspekt ihrer Arbeit beschränkt haben, weil sie neben belletristischen bald auch politische Texte lasen, weil kritische Arbeiter, die begriffen, dass Karl Marx etwas mit ihnen zu tun hat, dem Kapital lästig fielen, trat schon 1866 das erste Verbot für das laute Vortragen aus Büchern und Zeitschriften in Zigarrenmanufakturen in Kraft. Es gab Proteste, das Verbot wurde aufgehoben, wieder ausgesprochen, nach Protesten entschärft, erneut verhängt. Rückschläge und Aufstände, Lesungen trotz allem, im Geheimen, wo sie öffentlich nicht stattfinden konnten – bis zum Sieg der kubanischen Revolution im Januar 1959, die sich maßgeblich auf die stark politisierten Tabaqueros und ihre mächtigen Gewerkschaften stützte.
Um zu verstehen, warum die Geschichte der Vorleser auch eine Geschichte des Widerstands beschreibt, reicht die Gegenwart von Partagás nicht aus. Es braucht Menschen dafür, die erzählen können, wie es früher war, Menschen wie Enrique Mons Difurniau. »Lesen hat mir nie viel Spaß gemacht«, sagt Mons und schnauft in die rauschende Ruhe der Klimaanlage im salón de ventas des staatlichen Zigarrenfachhandels, Casa del Habano, dem er seit sieben Jahren vorsteht. »Wenn ich heute trotzdem weiß, worum es in Die Elenden von Victor Hugo geht, dann nur wegen der Vorleser in den Fabriken.«
Als Mons anfing zu arbeiten, war er elf Jahre alt und hatte drei Jahre lang die Schule besucht, das siebte von zehn Geschwistern. »Meine Leseunlust hat sicher viel damit zu tun, dass ich die Schule erst nach der Revolution abschließen konnte.« Die Bücher, die er kennt, hat er gehört, nicht in der Hand gehabt, »die Russen, die Engländer, die Deutschen«, Doña Barbara und Der Graf von Montecristo, kubanische Autoren, historische Berichte, Biografien und – »na sicher, Mädchen, das auch« – Gedichte. Enrique Mons ist 62 Jahre alt. In der Brusttasche seiner weißen guayabera, dieses kurzärmeligen kubanischen Hemdes, steckt eine Auswahl verschiedener kleiner Formate.
»Die Vorleser waren wichtig für alle diejenigen, die keine Möglichkeit hatten, sich zu bilden«, sagt Mons, für Menschen wie ihn, die stets von einem »Privileg« sprechen, wenn die Rede auf die lectores kommt. »Dass die Tabaqueros andererseits nie vergessen dürfen, welche Chancen sie bekommen haben, dass es viele gibt, die sie bis heute nicht nutzen«, sagt Mons auch.
Die Fenster von Partagás tragen noch die Spuren gekreuzter Klebestreifen, zum Schutz gegen den Zyklon, der im vergangenen Herbst über die Insel herfiel. Warme Feuchtigkeit bindet den pulverigen braunen Staub der Tabakblätter, füllt den Raum wie aromatisiertes Wasser. Auf den Pulten der Tabaqueros stapeln sich die fertigen Zigarren in einer Kippe, zusammengehalten von blauen Stoffstreifen. Blumen, vielleicht vom Valentinstag, trocknen in Fläschchen ohne Wasser, Fotos und Baseballkarten verwandeln Tische in Schreine. Viele der Tabaqueros sind jung, weit unter 25.
Gerade die jüngere Generation, sagt Jesús Pereira, »versteht in schwierigen Momenten viele Dinge nicht, deshalb müssen wir es schaffen, sie ihnen zu erklären, immer im Interesse der Revolution«. Schließlich sei der Vorleser nicht nur zuständig für die kulturelle, sondern auch für die politische und ideologische Vermittlung, deshalb schütze die Revolution auch seine Funktion. »Transmissionsriemen« seien sie, sagt Jesús und macht dazu ein Gesicht, in dem keine Lachfalte sich die Mühe macht, seinen Stolz auf die gelungene Wortwahl zu verhehlen.
Der demokratische Charakter der Abstimmungen über Lektüreinhalte ist relativ, natürlich. Vorgeschlagen werden ein halbes Dutzend Titel. Die drei Bücher, die die meisten Stimmen der Arbeiter auf sich vereinen, lesen die lectores vor, eines nach dem anderen. So weit, so frei. Aber niemand käme je auf die Idee, Titel eines Autors zur Abstimmung zu bringen, der sich selbst als Exilkubaner bezeichnet oder die Politik der kubanischen Regierung massiv angreift. Gelesen wird, worüber kubanische Bibliotheken verfügen. Das ist viel, aber nicht alles.
Die Romanlektüre macht ohnehin nur ein Drittel des Tagesprogramms aus. Die lectores lesen in drei Etappen: morgens Zeitung, mittags Sachbuch, nachmittags Roman. Über die 8.30-Uhr-Nachrichten entscheidet der Präsident der Lektürekommission, der von den Abteilungen der Fabrik gewählt wird. Er markiert Textstellen aus der kubanischen Presse, Granma und Juventud Rebelde, manchmal auch eine ganze Rede Fidel Castros. »Wenn ich eine Rede des Comandante lese, werde ich zum Comandante, um mich in ihn hineinversetzen zu können, damit es besser klingt.« Den Arbeitern gefalle das sehr, sagt Jesús.
Odalys bewegt beim Lesen die Hände, malt in der Luft, als dirigiere sie ihre eigene Stimme. Sie liest die internationalen, die nationalen Nachrichten, Sport, Kultur, das Fernsehprogramm. Kurzes Haar mit grauen Strähnen rahmt ihr weiches Gesicht. Wenn sie nicht liest, läuft sie mit einem Buch unter dem Arm durch die Fabrik, sitzt auf den Stufen zur Fábrica Miguel Fernández Roig – La Corona, nahe der Plaza de la Revolución.
»Viele Kubaner wissen gar nicht, dass es uns gibt«, sagt Odalys de la Caridad Lara Reyes, 39 Jahre alt, früher Sprecherin beim Radio. Rund 240 Vorleser arbeiten in den kubanischen Tabakfabriken, knapp 140 Frauen und 100 Männer. Sie sagt, sie wisse nicht, warum die Arbeiter damals sie gewählt haben. Vielleicht wegen ihrer Stimme, die Lautsprecher hell und klar in jeden Raum der Fabrik tragen. Vielleicht wegen ihrer Intonation, der sauberen Aussprache. Vielleicht auch, weil sie die Vorleserin für einen guten Menschen halten. Odalys sagt, dass die Tabaqueros ein ganz besonderes Gehör haben und manche von ihnen von der Stimme auf die Persönlichkeit dessen schließen können, der ihnen vorliest.
Ihre Worte dringen ins Knistern der Plastiktüten, in denen die Tabakreste landen, überdecken das Rascheln der Finger und Handflächen, die über die Blätter streifen, sie bündeln und rollen. Ihre Sätze unterliegen dem Schaben der Wiegemesser auf den Holztischen, die sich am Ende eines Vortrags zu einem klopfendem Stakkato steigern. »Manchmal betrügen sie mich, weißt du?« Odalys lächelt müde, als fehle es ihr an Schlaf. »Wenn ihnen gefällt, was ich vorlese, dann sind sie ganz still, und ich lese weiter, ohne auf die Uhr zu achten.« Sie liebt es, die Leute zum Nachdenken zu bringen, »dass sie mir einen Augenblick lang zuhören, trotz ihrer eigenen Probleme und Schwierigkeiten, dass sie über mein Vorlesen einen neuen Zugang dazu finden, vielleicht auch einen positiven Aspekt ihres Problems«. Vertrauen und Zuversicht zu vermitteln, sagt Odalys, um zu zeigen, dass die Dinge sich ändern können. Über die Lautsprecheranlage ruft die Rezeptionistin den compañero director Armando Rodríguez Chil aus, Genosse Direktor der Fábrica Miguel Fernández Roig.
»In Kuba kannst du mit Arbeitern über Cervantes diskutieren – nenn mir einen einzigen anderen Ort, an dem das möglich ist.« Armando lehnt sich in seinem Bürosessel zurück, grinst und genießt das ratlose Schweigen. Er ist 60 Jahre alt, 46 davon hat er in Zigarrenfabriken zugebracht. Armando erinnert sich an einen Vorleser in seiner Fabrik, der manchmal Spitznamen von Arbeitern in die Geschichten einfließen ließ, um die Aufmerksamkeit zu steigern. »Hundebutter« zum Beispiel, ein Typ, der sich selten wusch.
Folkloristisch sei das Amt der Vorleser bis heute nicht, sagt Armando, »die Erziehung steht nach wie vor im Vordergrund«. Der Subtext allerdings, der etwa auf gesellschaftliche Missstände hinweist, ist den lectores längst abhanden gekommen, muss verloren gehen in einem System, dass sich und sein Bildungssystem als Avantgarde versteht und Kritik unterdrückt. Gabriel García Márquez gehört zu den modernen Klassikern. Subcomandante Marcos von den Zapatisten nicht. Die kubanische Revolution ist Geschichte, sie soll sich nicht gegen sich selbst wenden.
Als Compay Segundo in Paris unter dem Eifelturm stand und sich kenntnisreich über Gewicht, Konstruktion und Historie des Bauwerks ausließ, fragte ihn jemand, wo er das alles gelesen habe. »Gelesen?«, erwiderte er. »Ich hab das in der Tabaquería gehört.« Armando erzählt diese Anekdote. In seiner Fabrik hat der alternde Star des Buena Vista Social Club seine letzte Zigarre gerollt. Das Bild, auf dem er sie anschließend raucht, ging um die Welt – allerdings ohne Armando, der auf dem Negativ, im Vollformat neben ihm zu sehen ist. »Mich haben sie abgeschnitten«, sagt Armando und lacht über den Treppenwitz der Geschichte.
Eines Abends bemerkte Jesús Pereira Caballero, dass die letzten drei Seiten des Romans fehlten, dessen Lektüre er am kommenden Nachmittag in der Fabrik abschließen sollte. Er dachte nach. Dann setzte er sich hin und schrieb ein Ende, sein Ende, »mit einer unerwarteten Wendung, die wirkte, als gäbe es noch einen zweiten Teil, was ich auch behauptet habe, und die Arbeiter bestürmten mich, die Fortsetzung zu suchen«. Er sagt, dass er irgendwann einen Roman schreiben will. Der Protagonist soll Vorleser sein.
1400 Lider heben sich, als es vorbei ist, Jesús mit den Schultern zuckt und lächelt, während er sich über einen der schmalen Gänge vom Podium entfernt, begleitet vom Rufen und Messerklopfen der Tabaqueros. Morgen werden sie mit einem neuen Buch anfangen, einem Roman von Stephen King. Es geht um einen Perversen, der sich in den Präsidenten der Vereinigten Staaten verwandelt und die Welt zerstören will. Die Arbeiter haben ihn ausgesucht.
INFORMATION
Anreise: Charterflug beispielsweise mit Condor von Frankfurt am Main nach Havanna ab 618 Euro
Unterkunft: Zu den schönsten Hotels Havannas gehört das Traditionshaus Hotel Nacional (Calle O esq. 21, Vedado, Tel. 0053-7/8733564-67, Fax 0053-7/8735171). Wem die Zimmerpreise zu teuer sind (ab 140 US-Dollar, etwa 107 Euro), sollte wenigstens die Gelegenheit nutzen, einen Café auf der Terrasse zu trinken und den Blick im Meer am Horizont zu versenken. Etwas günstiger ist das Hotel Habana Libre (Calle L e/23 y 25, Vedado, Tel. 0053-7/554011, Fax 0053-7/333141, Zimmer ab 120 US-Dollar, etwa 92 Euro), das bis zum Sieg der Revolution Habana Hilton hieß. Am billigsten (und meistens auch am charmantesten) sind Übernachtungen in Privatunterkünften, den so genannten Casas particulares, zum Beispiel bei Iliana Pérez Castillo (Reparto Kohly, Tel. 0053-7/2030291, <email-pii>). Zimmer sind üblicherweise ab circa 35 US-Dollar zu haben. Man sollte unbedingt darauf achten, dass der Vermieter über eine staatliche Lizenz zum Vermieten verfügt; andernfalls läuft man Gefahr, ihn in Schwierigkeiten zu bringen, falls die illegale Vermietung bekannt wird
Zigarren: Zigarren werden Touristen alle naselang auf der Straße angeboten. Wer kein Experte auf dem Gebiet ist, sollte Tabak allerdings direkt in einer der Fabriken oder in den Verkaufsstellen der großen Hotels einkaufen. Auf der Straße ist das Risiko, Fälschungen angedreht zu bekommen, groß
Adressen: Casa del Habano in der Fábrica Partagás, Calle Industria 520, Centro Habana, zu besichtigen Mo–Fr 9–18 Uhr
Palacio del Tabaco in der Fábrica Miguel Fernández Roig – La Corona, Calle Zulueta 106, Habana Vieja, für Besucher geöffnet Mo–Fr 9–17 Uhr
Literatur: Zu den Autoren, die in den Zigarrenmanufakturen kaum gelesen werden dürften, gehört der unlängst verstorbene Guillermo Cabrera Infante. Von ihm stammt das wunderbare Sammelsurium »Rauchzeichen« (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1990; 414 S., 11,50 Euro)
Auskunft: Kubanisches Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 8, 60311 Frankfurt am Main, Tel. 069/288322, www.cubainfo.de