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Bei den Wahlen 2015 wurde wieder fleissig panaschiert, kumuliert und Kandidaten von der Liste gestrichen. So wurden altgediente Vertreter des Nationalrates nicht mehr wiedergewählt. Doch wer streicht Kandidaten von der Liste und ersetzt sie durch Politiker von anderen Parteien? Dies sind vor allem auch die jüngeren Wähler, welche enthusiastisch ihre möglichen ersten Wahlen bestreiten. Vor allem sind es Bürger mit einem hohen politischen Wissen, welche die Nationalratslisten verändern.
Nach den eidgenössischen Wahlen am 18. Oktober 2015 wurde kurz darauf die Statistik für die Anzahl panaschierter Stimmen veröffentlicht. Das Statistische Amt des Kantons Zürich hat die Wahlzettel analysiert und die sogenannten Panaschierkönige erkoren. Die absolute Zahl der Panaschierstimmen pro Liste und Kandidierende zeigt, wie oft die Kandidierenden auf den Wahlzetteln einer anderen Liste aufgeschrieben (=panaschiert) wurden. Hierbei schwingen die Ständeratskandidaten Jositsch (SP), Girod (Grüne), Bäumle (GLP) und Noser (FDP) oben auf. Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass diese Kandidaten von der Plattform des Ständerat Wahlkampfes profitiert haben und sich dort einem breiten Publikum zeigen konnten. Die veränderten Wahlzettel stammen von Wählern, welche sich über das ganze Parteienspektrum verteilen. Doch gibt es Gemeinsamkeiten bei den Personen, welche die Wahlzettel abändern? Haben die Kumulierer und Panaschierer ein grösseres politisches Wissen als solche, die die Wahlzettel unverändert in die Urne werfen? Oder nehmen sich die älteren Wähler vor allem Zeit, um die Listen abzuändern und die jungen Wähler senden die Listen unverändert in die Wahllokale?
Diese Fragen werden mittels Daten von 1995-2011 zur ganzen Schweiz in Bezug auf das Alter und das politische Wissen untersucht. Zuerst wird analysiert, ob die Listen verändert wurden. Dabei wurde nicht zwischen Streichen, Panaschieren und Kumulieren unterschieden (Infobox). Hier werden die ersten Trends sichtbar, welche sich über alle Arten der Veränderung der Listen fortsetzt. Das politische Wissen (Infobox) hat einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eine Nationalratsliste zu verändern.
Grafik 1 (Eigene Darstellung, Quelle: Selects)
Hier sieht man, dass ein 20-jähriger Wähler mit einem politischen Wissen von 0 mit einer Wahrscheinlichkeit von 47.6 % die eingeworfene Nationalratsliste verändert hat. Das heisst, dass der Wähler keine der vier relevanten Fragen zum politischen Wissen richtig beantwortet hat. Trotzdem wird er mit 47.6 % Wahrscheinlichkeit die gewählte Liste verändern. In der gleichen Kategorie des politischen Wissens steigt die Wahrscheinlichkeit zuerst leicht an bis der Höhepunkt im Alter von 34-37 Jahren erreicht wird mit 49.8 %. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit in dieser Kategorie. Noch tiefer ist dann die Wahrscheinlichkeit für 60-jährige Bürger mit 45 % und für 80-jährige mit 34.4 %. Innerhalb der untersten Kategorie des politischen Wissens mit einer Score von 0 haben die jüngsten Wähler gegenüber den ältesten Wählern eine höhere Wahrscheinlichkeit von fast 25 Prozentpunkten die gewählte Nationalratsliste zu verändern. Wenn man die gleichen Alterskategorien über die verschiedenen Niveaus des politischen Wissens vergleicht, steigt die Wahrscheinlichkeit eine Nationalratsliste zu verändern, wenn eine Person ein höheres politisches Wissen besitzt. So verändert ein 20-jähriger Wähler mit dem höchsten politischen Wissen seine eingeworfene Liste mit einer Wahrscheinlichkeit von 71.3 %. Dies sind wiederum knapp 23 Prozentpunkte mehr als sein gleichaltriger Kollege mit dem tiefsten politischen Wissen. Für die Analyse der Kumulation der Kandidaten sieht es hingegen ein wenig anders aus. Auch hier hat das politische Wissen einen positiven Einfluss auf das Kumulieren. Wer höhere Kenntnisse über die politischen Abläufe der Schweiz besitzt, wird eher Kandidaten auf einer Nationalratsliste kumulieren. Jedoch scheint die Wahrscheinlichkeit Kandidaten auf der Liste zweimal zu erwähnen mit dem Alter länger zu steigen um dann wieder auf ein ähnliches Niveau zu fallen.
Grafik 2 (Eigene Darstellung, Quelle: Selects)
So hat ein 20-jähriger mit einem politischen Wissen von 0 eine Wahrscheinlichkeit von 39.3 % einen Kandidaten auf der Liste zu kumulieren. In der gleichen Wissenskategorie steigt die Wahrscheinlichkeit für einen 40-jährigen auf 47.8 %. Die höchste Wahrscheinlichkeit einen Kandidaten zweimal zu erwähnen hat ein 55- und 56-jähriger Bürger bei 49.9 %. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit, so dass ein 80-jähriger noch eine Wahrscheinlichkeit von 44.6 % aufweist. Die 80-jähirgen Wähler haben also eine höhere Wahrscheinlichkeit einen Kandidaten zu kumulieren als ein 20-jähriger. Im Vergleich über die Kategorien des politischen Wissens hinweg, erhöht sich wiederum die Wahrscheinlichkeit bei 20-jährigen um knapp 20 Prozentpunkte von der tiefsten zur höchsten Kategorie. Ebenso verhält es sich bei den älteren Wählern. Ein 80-jähriger Bürger mit dem höchsten politischen Wissen hat eine Wahrscheinlichkeit von 20 Prozentpunkten mehr als ein 80-jähriger aus der untersten Wissenskategorie einen Kandidaten zweimal auf seiner Liste zu erwähnen. In allen Wissenskategorien liegen die höchsten Wahrscheinlichkeiten bei ungefähr 55 Jahren.
Als letzte Variante wird das Panaschieren betrachtet. Hier wird wieder die Tendenz vom Anfang aufgenommen. Das Alter hat einen negativen und das politische Wissen einen positiven Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit des Panaschierens.
Grafik 3 (Eigene Darstellung, Quelle: Selects)
Beim Panaschieren ist die Wahrscheinlichkeit zu Panaschieren für einen 20-jährigen mit dem tiefsten politischen Wissen bei 45 %. Er hat also eine leicht tiefere Wahrscheinlichkeit zu panaschieren als eine Liste generell zu verändern. Dies macht Sinn, da das Panaschieren eine spezifischere Form der Veränderung ist. Auch hier steigt die Wahrscheinlichkeit zuerst leicht an bis zum Höhepunkt bei 48.6 % für die 43-jährigen. Danach sinkt die Wahrscheinlichkeit erneut auf 46.1% und 37.7% für die 60- bzw. 80-jährigen Bürger der untersten Wissenskategorie. Es besteht also praktisch kein Unterschied in der Wahrscheinlichkeit zu panaschieren zwischen einem 60 Jahre alten Wähler und einem 20-jährigen. Auch beim Übertragen von Kandidaten von anderen Listen betragen die Unterschiede von der tiefsten zur höchsten Kategorie des politischen Wissens bei gleichaltrigen knapp 24 Prozentpunkte.
Der Einfluss des Alters kann verschiedene Gründe haben. Einerseits verändern die älteren Wähler über 60 Jahre die Listen weniger. Hier kann der Aufwand eine Rolle spielen, welcher für viele zu hoch ist. Den jungen Wählern, oft auch Erstwähler, kommt zu gute, dass die Zeit des Staatskundeunterrichts noch nicht lange her ist und sie sich hoffentlich an die wichtigsten Regeln der Nationalratswahlen erinnern und so die Möglichkeiten der Veränderungen präsenter haben. Was jedoch auffällt ist, dass ältere Wähler dagegen eher kumulieren. Sie könnten so ihre Stimme auf weniger Kandidaten konzentrieren, um ihr Ziel zu erreichen. Wogegen die jüngeren Bürger eher mehr Kandidierende berücksichtigen und die Vielfalt in ihrer Stimme fördern.
Der Einfluss des politischen Wissens ist definitiv vorhanden. Die Wähler, welche durch korrekte Antworten in den Fragen nach dem politischen Wissen auffielen, haben ihre Listen für die Nationalratswahlen eher verändert. Somit kann gesagt werden, dass für eine Veränderung der Liste, ob panaschieren oder kumulieren, ein gewisses Mass an politischem Wissen benötigt wird. Wenn diese Kenntnisse vorhanden sind, ist auch die Wahrscheinlichkeit diese effektiv zu nutzen höher. Bei tiefem politischen Wissen ist auch die Wahrscheinlichkeit geringer, da der Wähler gar nicht weiss, dass man die Listen für den Nationalrat verändern darf.
Für die nächsten Wahlen sind vor allem die Kandidaten auf den hinteren Plätzen der Liste dazu angehalten die Wähler darauf aufmerksam zu machen, dass die Listen verändert werden können. Nur so können sie Plätze gut machen und in den Nationalrat einziehen. Hier ist das Augenmerk eher auf die jüngeren bis mittelalten Wähler zu legen, da diese eher ihre eingeworfenen Listen verändern als Bürger über 60. Auch die Wähler mit hohem politischen Wissen sind interessanter für die Kandidaten.
Veränderung der Listen:
Es wurden vier verschiedene Fragen zu den Veränderungen der Listen angeschaut. Zuerst wird gefragt, ob der Befragte die Liste verändert hat. Danach wird spezifisch gefragt ob ein Kandidat von der Liste gestrichen wurde. In den nächsten beiden Fragen wurde gefragt ob ein Kandidat kumuliert wurde und ob ein Kandidat einer anderen Liste benutzt wurde, also panaschiert wurde.
Politisches Wissen:
Zur Untersuchung des politischen Wissens wurden die verschiedenen Variablen im Selects-Datensatz zu einer Variablen zusammengeführt. Die Variable zum politischen Wissen kombiniert vier Fragen zum Bundespräsidenten, den Parteien im Bundesrat, die Mindestanzahl an Unterschriften für eine Initiative und die Anzahl der Nationalräte für den Kanton des Befragten. Diese vier Fragen werden geschlüsselt nach richtiger oder falscher Antwort. In der zusammenfassenden Variable ergeben sich dann fünf Kategorien von 0 (keine Frage richtig beantwortet) bis 4 (alle Fragen richtig beantwortet). Da die Fragen in der Selects-Studie erst ab dem Jahr 1995 gestellt wurden, kann ich nur die Daten von 1995-2011 verwenden.
Diese Variablen werden dann in einer Regression mit den Variablen zu den veränderten Listen gemeinsam mit dem Alter und dem politischen Wissen gerechnet. Da die Streichung der Kandidaten keine signifikanten Resultate ergeben haben, wurden diese Resultate nicht berücksichtigt. Die Resultate zum Kumulieren der Kandidaten waren auf dem 95%-Intervall signifikant. Die anderen beiden sogar auf dem 99 %-Intervall.
Autor: Lukas Möhr / <email-pii> / 11-722-568 / Abgabedatum 06.12.2015
Blog: Im Rahmen des Forschungsseminars Policy Analyse: Politischer Datenjournalismus
Dozenten: Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann und Dr. des. Bruno Wüest
Wörter: 1087 (exkl. Lead, Infobox und Infos)
Quellen:
Selects Datensatz (aus der Vorlesung: Forschungsseminar Policy-Analyse: Politischer Datenjournalismus)
Statistisches Amt des Kantons Zürich (2015): Panaschierstatistik