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Das Manesse Quartett spielte am dritten Wiler Baronenhauskonzert der Saison Musik aus drei Jahrhunderten. Darunter eine Sammlung volkstümlicher Weisen aus Armenien.Roland und Andrea Bosshart zeigten sich erfreut über das grosse Publikum, das an diesem Sonntag den Salon des Wiler Baronenhauses füllte. «Und das trotz des vielfältigen musikalischen Angebots heute», erläuterte Roland Bosshart seine Sorgen im Vorfeld des Konzertes.
Gedicht, ein Startritual
Die Raumeinteilung hatte man geändert: Da der Flügel sehr viel Platz beansprucht, hatte man das Streichquartett in den Nebenraum platziert und so auch einer grösseren Zahl Zuhörern Gelegenheit für guten Sichtkontakt geboten.
«Es ist bereits ein Ritual, die Konzerte mit einem Gedicht zu eröffnen», so Bosshart weiter, «man nachdenklich, mal stimmungsvoll.» «Diesmal ist es aber lustig», schmunzelte Andrea Bosshart und rezitierte das Spatzengedicht «In einem leeren Haselstrauch» von Christian Morgenstern.
Genozid überlebt
Cellistin Sibylle Bremi gab im Vorfeld des Konzertes eine kurze Einführung in die sechs Streichquartettstücke von Komitas Vardapet. Dieser 1869 in der heutigen Türkei geborene Armenier erfreute sich als Priester Dank seiner musikalischen Begabung einer umfangreichen Förderung seitens der armenischen Kirche und erhielt in Berlin 1899 den Doktortitel der Musikwissenschaft. Er gilt heute als der Begründer der modernen klassischen Musik Armeniens.
Ganz im Geiste seiner Zeit und wie Zeitgenossen wie Béla Bartók sammelte er Volksweisen seiner Heimat. Im Umfeld des Genozids am Armenischen Volk durch das Osmanische Reich ging seine Arbeit aber weitgehend verloren. Er selbst überlebte zwar, erholte sich psychisch jedoch nicht mehr und verbrachte seinen Lebensabend in einem Sanatorium in Frankreich.
Charakterstücke
Teile seiner aufgefundenen Werke wurden vom Cellisten Sergei Aslamazyan für Streicherensemble arrangiert, sechs davon kamen am Sonntag zur Aufführung. Die volkstümlich geprägten Stücke thematisierten vor allem die Liebe, was sich in lieblichen oder sehnsuchtsvollen Melodien äusserte. Oder aber in der sehr bildhaften Schilderung des schreitenden Ganges eines Angebeteten.
In einem Feststück dagegen herrschte ausgelassene Fröhlichkeit vor. Die vier Musikerinnen des Manesse Quartetts gaben den einzelnen Stücken plastischen Charakter, der einen lebendigen Einblick in die armenische Kultur bot.
Haydn im Zentrum
Noch ganz in diesem Atem spielten Antonia Ruesch und Christine Baumann, Violine, Brigitte Maier Büchel, Viola und Sibylle Bremi, Cello, daraufhin Haydns D-Dur Quartett aus den «Sonnenquartetten», die in der Musikwissenschaft etwas konträr angesehen werden: Die Bewertungen reichen von «übersteigerter Radikalismus» bis hin zu «Durchbruch zur Meisterschaft».
Diese Dichte und das Zitieren volkstümlicher Elemente rückte Haydn, auch durch die dichte Interpretation des Manesse Quartetts im Klangerleben durchaus in die Nähe des Armeniers und bereitete den Boden für Dvoráks «Amerikanisches Streichquartett». Für einmal musste ein Haydn-Werk nicht zum «Warmspielen» benutzt, sondern erhielt einen Platz im sinngestaltenden Kontext eines Programms.
Bravo
Dvoráks Quartett entstand während seines Ferienaufenthalts in einem von schweizer, böhmischen und deutschen Einwanderern bewohnten Städtchen in Amerika. Dieses bis heute beliebteste seiner Quartette scheint die Ferienlaune des Komponisten widerzuspiegeln, ist es doch von formschöner Heiterkeit und Melodienseligkeit geprägt.
Das Spiel des Manesse Quartetts begeisterte durch satten Klang und eine lebhafte Dynamik- spontan erklang beim Schlussapplaus ein Bravo.
Nächstes Konzert: Sonntag, 11. März 2018, 17.00 Uhr: Katharina Weißenbacher, Violoncello, Franco Mettler, Klarinette / Jürg Hanselmann, Klavier