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Gucci-Hub, Taliedo
Flugfelder, Flugteich
Taliedo liegt heute jenseits des breiten Bahndamms, welcher in Richtung Piacenza-Bologna die östlichen Aussenbezirke durchquert. 1910 wurde die Cascina als Austragungsort für den «Circuito aereo internazionale» bestimmt, eines der ersten Flugzeugrennen. In der Folge kam Taliedo zu einer primitiven Infrastruktur für diese neuartigen Apparate. 1913 wurde sie vom Militär übernommen. Daraus entstand Mailands erster Flughafen, der ab 1921 auch Linienflüge der zivilen Luftfahrt abfertigte. Er blieb bis zur Eröffnung des Flughafens Linate im Jahr 1938 in Betrieb und wurde anschliessend in ein Wohn- und Gewerbegebiet umgewandelt. Das Flugfieber blieb dem Quartier erhalten: Linate liegt nur ein, zwei Kilometer östlich von Taliedo. Und gleich dahinter erstreckt sich der Idroscalo: Der grosse künstliche See wurde ab 1928 explizit als Mailands Landeplatz für Wasserflugzeuge ausgegraben, aber kaum zu diesem Zweck genutzt. Er dient als Naherholungsgebiet sowie als Regattastrecke für Kanu- und Rudersport. Michelangelo Antonioni und Luchino Visconti haben ihn in den Filmen «Cronaca di un amore» respektive «Rocco e i suoi fratelli» verewigt.
Heute erinnert die als Prachtboulevard angelegte Via Mecenate an die Zeit des ersten Mailänder Flughafens; nach der Unterquerung des Bahndamms war sie über einen monumentalen, sternförmigen Platz im unbebauten Nirgendwo zu erreichen. Das Strassenbahnnetz führte entlang der Via Mecenate bis zu den Abfertigungsbauten auf der rechten Seite. Neben ihnen erstreckte sich ein Teil des Produktionsgeländes des Flugzeugbauers Caproni, durch eine unterirdische Passage verbunden mit den Fertigungsstätten auf der anderen Seite des Boulevards. Das bauliche Erbe dieser Firma ist mit der Via Mecenate die Konstante, an der sich das durchgehend dicht bebaute Quartier orientiert.
Pioniergeist
Giovanni Battista Caproni (1886 – 1957), aus dem damals noch österreichischen Trient stammend, wurde 1940 von König Vittorio Emanuele III. zum «Conte di Taliedo» ernannt. Die Anfänge seines Unternehmens lagen in Malpensa, wo heute Mailands internationaler Flughafen angesiedelt ist. 1915 wurde die Produktionsstätte nach Taliedo überführt. Die Fabrik entwickelte zahlreiche Flugzeuge für den zivilen und militärischen Gebrauch, darunter auch Apparate, die heute als Kuriositäten gelten müssen. Etwa den dreifachen Tripeldecker «Ca. 60», dessen neun Flügel eine grosse, für Wasserungen ausgelegte und daher bootsförmige Passagierkabine trugen. Oder den aerodynamisch durchgestylten Stipa-Caproni, dessen Propeller sich in einem Rohr drehte, ein Vorgänger des Düsenjets. Der Pilot thronte über dem Rohr.
Auf dem ausgedehnten Firmengelände in Taliedo produzierte Caproni auch Motorräder, kleine Unterseeboote und Strassenbahnwagen. 1950 ging das Unternehmen, das während des Zweiten Weltkriegs noch rund 50 000 Mitarbeitende zählte, bankrott. Der riesige Immobilienbestand wurde zu Gewerbezwecken entweder vermietet oder verkauft. Auch die Event- und Unterhaltungsindustrie zeigte Interesse: Unter anderem richtete der Staatssender RAI ein Produktionszentrum ein. Es gab zwar Eingriffe in die Gesamtstruktur, doch beidseits der Via Mecenate ist bis heute das Caproni-Erbe auf Schritt und Tritt erlebbar – noch immer prägt der Typ des modularen, meist eingeschossigen, verlängerbaren, addierbaren Industriehangars aus dem frühen 20. Jahrhundert das Quartier.
Qualitäten entdecken
Verschiedene Initiativen führten dazu, dass die Hangarbauten mit bescheidener Eingriffstiefe erhalten und in ganz unterschiedlich nutzbare Einheiten konvertiert wurden. Die Idee multifunktionaler Raumangebote wurde in Taliedo ab den späteren 1990er-Jahren umgesetzt, wobei die Kombination von Entwicklung, Produktion und Ausstellung/Event am selben Ort den grossen Reiz ausmacht. Etwa bei den Eastendstudios, die in diversen Liegenschaften im Inneren des Geländes auf der rechten Seite der Via Mecenate angesiedelt sind (www.eastendstudios.it). Etwas später datiert sind die Anfänge der Officine del Volo (www.officinedelvolo.it). Sie sind in einem Hallenpaar untergebracht, das ebenfalls «hinter» der rechten Strassenfront des Boulevards liegt. In diesem Fall spielte der Erhalt der bestehenden Bausubstanz, insbesondere der Sichtbacksteinfassaden und des Sparrendachs, eine tragende Rolle. Die «Wiedergeburt» muss gelungen sein, jedenfalls ist das italienische Heimatschutzportal archeologiaindustriale.net davon sehr angetan. 2014 konnte dieser Raumanbieter sein 10-Jahr-Jubiläum feiern.
Die Florentiner kommen
Der Gucci-Hub traf in Taliedo somit auf ein Umfeld und einen Transformationsprozess, der schon vor Jahrzehnten eingesetzt hatte. Das Modelabel stammt bekanntlich aus Florenz, befindet sich aber seit einiger Zeit unter dem Dach des französischen Kering-Luxusgüterkonzerns. Mailand ist für Gucci nicht nur Flagsphip-Store-Territorium, sondern auch ein Ort für Forschung, Entwicklung und Austausch – ein Hub eben, eine Nabe, um die sich die Gucci-Welt drehen kann.
Zu diesem Zweck erstand Kering ein ganzes Caproni-Geviert von rund 30 000 Quadratmetern, das an die linke Seite der Via Mecenate grenzt und somit zu den jüngeren Caproni-Strukturen aus den 1920er- und 1930er-Jahren gehört. Entsprechend homogen ist die seither in ihrem Wesen unveränderte Bebauung: Sie besteht aus grossflächigen niedrigen Hallen mit Sheddächern, die parallel zur Via Mecenate verlaufen und unter denen einst Flugzeuge hergestellt wurden.
Die Aufgabe an das beauftragte Architekturbüro Piuarch aus Mailand wurde als «Riqualificazione» bezeichnet – keine Neugeburt, sondern eine Neubewertung. Es ging darum, diese an sich geschlossene Anlage zur Stadt hin zu öffnen und sie so zum Teil des Quartiers zu machen.
Wertschätzung
In einem ersten Schritt untersuchte das Planungsteam den Bestand. Man entschied sich, die Gebäude, die in den 1960er- und 1970er-Jahren entlang der Via Mecenate entstanden waren, abzureissen, weil sie keinen Bezug zu den Hallen besassen. Anschliessend wurde durch deren sorgfältige Restaurierung der Charakter aus der Entstehungszeit wiederhergestellt.
Besondere Aufmerksamkeit erhielt die Sanierung des zentralen Hangars, in dem einst die Endmontage der Flugzeuge stattfand. Die Hangars überdeckten eine Fläche von 3850 Quadratmetern. 2000 von ihnen dienen nun als Eventspace für Modeschauen. Die zentrale Hauptzufahrt aufs Gelände verwandelte das Planungsteam in eine Fussgängerachse, welche alle Gebäudeteile erschliesst und vereint.
Gezielte Eingriffe in die Substanz im Südosten führten zur Schaffung eines neuen hofartigen Platzes. In die bestehende Freifläche wurde ein sechsgeschossiger Turm eingefügt, dessen Sockel das Geviert schliesst und weitere kleinere Patios entstehen lässt. Die Architektur des Neubaus ist zwar eigenständig, durch die Lisenenstruktur und die Anordnung des Sonnenschutzes nimmt sie aber geschickt den Massstab und die Materialität des Bestandes auf. Für den Hub eines Modehauses wirkt die Umwandlung erstaunlich introvertiert.
Der Kering-Konzern hat sich im Zuge der von 2013 bis 2017 erfolgten Etablierung des Gucci-Hubs definitiv in Taliedo vernarrt. Wenige Schritte davon entfernt hat er an der Via Mecenate im April 2019 seinen neuen Hauptsitz in einem sanierten Hochhaus bezogen.