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Ich bin farbenblind. Nicht bloss so, dass ich Rot und Grün nicht unterscheiden kann. Ich sehe gar keine Farben. Ich lernte, dass der Himmel blau ist, Gras grün, Sonnenblumen gelb. Aber diese Begriffe bedeuten mir nichts. Was ich sehe, ist eine Welt in Schwarz und Weiss. Und dazwischen: tausend verschiedene Helligkeiten. Ich spreche nicht von Graustufen, weil ich mir nicht sicher bin, ob ich unter Grau dasselbe verstehe wie Menschen, die Farben sehen.
Dass mit meinen Augen etwas nicht stimmt, merkten meine Eltern bereits, als ich wenige Wochen alt war. Der Arzt, zu dem sie darauf hin gingen, fand jedoch nichts. Einige Jahre später fiel ihnen auf, dass mein jüngerer Bruder Legosteine nach Farben sortieren konnte, wozu ich nicht in der Lage war. Und in den Ferien am Meer fand ich im grellen Sonnenlicht meine Spielsachen nicht mehr.
In der Nacht hingegen sah ich sehr gut, fand beispielsweise Münzen, die auf den dunklen Boden gefallen waren. Der Augenarzt, den wir schliesslich konsultierten, diagnostizierte Farbenblindheit, fachsprachlich Achromatopsie: eine seltene, erbliche Sehstörung. Die frühe Diagnose war eigentlich ein Glück. In der Selbsthilfegruppe, die ich heute besuche, hatten viele regelrechte Odysseen durch die Arztpraxen zurücklegen müssen, bis sie endlich erfuhren, was mit ihren Augen anders ist.
Nur einer von 100 000 Menschen ist ein Achromat. Bei einer solch geringen Patientenzahl ist das Phänomen nicht besonders gut erforscht. Es gibt zudem andere Krankheiten, die ganz ähnliche Symptome aufweisen. Zu den Symptomen der Achromatopsie gehört nicht nur die Farbenblindheit. Sondern auch, dass die Sehkraft nur ungefähr zehn Prozent beträgt – eine Korrekturbrille kann leider nichts ausrichten – und dass ich sehr lichtempfindlich bin.
Meine Augen sind schlicht nicht für den Tag gemacht, ich bin immer geblendet, egal bei welchem Wetter. Draussen trage ich eine Sonnenbrille, die blaues Licht filtert. Die geringe Sehkraft schränkt mich im Grunde stärker ein als die Farbenblindheit. Beispielsweise in der Berufswahl. Als Jugendliche wollte ich Pöstlerin werden. Doch ich hätte die Adressen nicht entziffern können, ausserdem sehe ich zu wenig, um mit einem motorisierten Vehikel unterwegs zu sein.
Heute arbeite ich als Fachfrau Betreuung in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Dort hilft mir meine Sehbehinderung. Weil ich weiss, wie es ist, wenn einem etwas nicht zugetraut wird. Es gibt Leute, die irritiert sind, weil ich meine Augen immer zukneife, wenn ich drinnen ohne Sonnenbrille unterwegs bin. Oder wenn ich sie auf der Strasse nicht grüsse, weil ich sie schlicht nicht sehe.
Vielleicht können Sie sich das nicht vorstellen, aber auch wenn ich keine Farben sehe, finde ich es schön um mich herum. Blühende Bäume gefallen mir. Und Sonnenuntergänge finde ich mega; das Spiel des Lichts, der Kontraste. Auch wenn ich Kleider kaufe, achte ich auf die Kontraste, das grösste Augenmerk lege ich aber auf Schnitt und Material. Ich kombiniere die Stücke nach Lust und Laune. Möglicherweise ist das nicht immer so kompatibel mit den farbempfindlichen Augen meiner Mitmenschen. Das stört ja aber auch nicht, ausser vielleicht bei einem Vorstellungs gespräch.
Ich sehe die Welt schwarzweiss, aber ich denke nicht so über sie. Ich bin kein radikaler Mensch. Ich glaube nicht, dass sich die Welt so einfach in zwei Lager aufteilen lässt. Vielleicht gerade durch meine Geschichte und meinen Beruf. Und auch, weil ich ja eben nicht nur SchwarzWeiss sehe, sondern um die zahlreichen Stufen zwischen diesen Helligkeiten weiss. Ich, für mich, liebe jedenfalls den Mittelweg. I
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