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Bäriswiler Keramik in CERAMICA CH
Andreas Heege, Andreas Kistler 2017
Bäriswil liegt zwischen Burgdorf und Bern an der Nahtstelle zwischen Emmental und bernischem Mittelland. 1764 hatte das kleine Dorf 190 Einwohner; bis 1850 stieg die Zahl auf 462. Die Keramikproduktion in Bäriswil lag in den Händen verschiedener Hafnerfamilien. Für einzelne Hafner und ihre Familien liessen sich auf der Basis archivalischer Recherchen die Hafnergrundstücke nachweisen. Besonders hervorzuheben sind die Hafner mit dem Namen Kräuchi. Die drei nicht unmittelbar miteinander verwandten Familien stellten sowohl den ersten Hafner (gesichert ab 1758) als auch den letzten in den 1870er-Jahren. Mit grosser Wahrscheinlichkeit produzierten nur die Hafner Kräuchi das Geschirr, das wir heute aus typologischen Gründen als Bäriswiler Keramik bezeichnen. Jakob Kräuchi (1731–nach 1791, vor 1798, vgl. den Stammbaum), der erste Hafner, setzte auch Kachelöfen, jedoch hat sich keiner seiner Öfen erhalten. Die stilistische Analyse zeigt eine starke Bindung des frühen Bäriswiler Geschirrs (ca. 1758–1780) an die regionalen Keramiktraditionen der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Hervorzuheben sind hier vor allem die blau-weiss dekorierten Geschirre mit Unterglasur-Pinseldekor, aber auch Malhorn-, Springfeder- und Borstenzugdekore. Diese frühe, quasi noch barocke Produktion bleiglasierter Irdenware mit Unterglasur-Pinseldekor auf einer weissen Grundengobe («frühes Bäriswil») dürfte ausschliesslich Jakob Kräuchi, dem ersten Hafner, zuzuschreiben sein.
Der Zeitraum 1779/80 stellt für den ersten Bäriswiler Hafner Jakob Kräuchi möglicherweise eine wirtschaftlich schwierige Zeit dar, da sich sein Bruder bei Grundstücksgeschäften verspekuliert hatte und Jakob Bürge war. Am 20. Oktober 1779 verkaufte er seine Hafnerliegenschaft an den nicht verwandten Schneider und Schulmeister Ludwig Kräuchi (1743–1814, vgl. den Stammbaum). Jakob Kräuchi und seine Söhne Jakob und Johannes zogen daher 1780/81 nach Biel-Mett um und arbeiteten weiter als Hafner. Was sie dort produzierten, ist nicht bekannt.
Zugleich konnte Ludwig Kräuchi, der Besitznachfolger in der Bäriswiler Hafnereiliegenschaft, die Hafnerei kaum allein weiter betreiben. Seine beiden Söhne Jakob (1768-1831) und Ludwig (1770-1851) waren mit nur 10 und 12 Jahren zu klein dazu und wurden erst ab 1785 durch den nach Bäriswil übersiedelten württembergischen Hafner Joseph Riedlinger, Landsasse in Heimberg-Steffisburg, zu Hafnern ausgebildet. Da die datierte Geschirrkeramik im Bäriswiler Stil jedoch keine Unterbrechungen in der stilistischen Entwicklung aufweist, muss man sich fragen, ob vielleicht vom Vorbesitzer Jakob Kräuchi in derselben Werkstatt weiterhin Keramik und Ofenkeramik hergestellt wurde, die der Schulmeister Ludwig Kräuchi dann kalligraphisch besonders schön beschriftete? Jakobs Sohn Johannes (1770-1814) kehrte um 1798 nach Bäriswil zurück und produzierte wohl in Hub, Gde. Krauchthal bzw. in Bäriswil.
Mit der Übernahme der Werkstatt durch den Schulmeister begann in Bäriswil eine zweite, in der Dekoration einem ländlichen Rokoko verpflichtete Produktionsperiode, «mittleres Bäriswil» genannt, die vor allem auf Basis der zahlreichen Geschirrbeschriftungen und Datierungen sowie der rasch aufeinanderfolgenden Entwicklungsschritte gut gegliedert werden kann. Die feinlinigen, mit der Gänsefeder geschriebenen Frakturbuchstaben in manganvioletter bis fast schwarzer Farbe sind eines der wichtigen Merkmale der Bäriswiler Keramik. Ihre kalligrafische Qualität steht mit dem ausgeübten Erst- oder Zweitberuf – Schulmeister – eines Teils der Familienmitglieder Kräuchi in unmittelbarem Zusammenhang. Zwischen etwa 1785 und 1800 beinhaltete die Bäriswiler Produktion immer auch einen kleinen Prozentsatz echter Fayencen mit einer Blei-Zinn-Glasur und Inglasurmalerei. Dabei handelt es sich offenbar nur um ausgesuchte Gefässtypen (Zuckerdosen, Teekannen, kleine Terrinen und eine Spardose). Ihre Herstellung steht vermutlich mit der zeitgleichen Produktion von Fayencekachelöfen in Verbindung, die sich zwischen etwa 1780 und 1795 nachweisen lässt (Heege/Spycher/Kistler 2020). Die Herstellung dieser Ware u. a. in Bäriswil belegt, dass Fayenceproduktion nicht nur an protoindustrielle Manufakturen gebunden war, sondern auch auf handwerklichem Niveau erfolgen konnte.
1804 verkaufte der Schulmeister und Keramikmaler Ludwig Kräuchi die Werkstatt seinen beiden Söhnen, die sich 1806 zerstritten und schliesslich 1809 wegen Überschuldung in Konkurs gerieten. Die Bäriswiler Produktion lief jedoch bis 1821 ohne erkennbare Unterbrechungen weiter. Diese letzte Phase der Produktion, als «spätes Bäriswil» bezeichnet, ist durch eine zunehmende «Erstarrung» der Dekore geprägt. Nur wenige Zentralmotive (vor allem Tiere) werden neu in den Motivschatz aufgenommen, die Rocaillen- und Blumenmuster nicht mehr weiterentwickelt. Mit dem Jahr 1821 enden die Geschirrbeschriftungen auf der «klassischen» Bäriswiler Keramik mit weisser Grundengobe. Grund hierfür mag u. a. der zweite Konkurs des Hafners/Schulmeisters Ludwig Kräuchi (1770-1851) in den Jahren 1819/1821 gewesen sein. Dieser war eine Folge der klimabedingten Wirtschaftskrise, die auf das Jahr ohne Sommer, 1816, folgte. Ludwig Kräuchi hinterliess 6353 Franken unbezahlte Schulden. Mit ihm endete die Produktion des typischen Bäriswiler Geschirrs.
Aufgrund anhaftender Glasurreste an den Bäriswil zugeschriebenen Keramiken kann nachgewiesen werden, dass die «klassische» Bäriswiler Keramik nur ein Produktionssegment darstellte. Daneben wurden vor allem malhornverzierte Geschirre mit roter Grundengobe, aber auch Keramik mit grüner Glasur, schwarzer Manganglasur, mit gelber Glasur und braunem Spritzdekor sowie mit Farbkörpern in der Grundengobe gefertigt. Hierbei handelt es sich um zeittypisches bernisches bzw. deutschschweizerisches Geschirr. Zahlreiche andere Hafnerbetriebe der weiteren Region fertigten vergleichbare Ware. Sofern keine eindeutigen Dekoreigenheiten oder Bodenmarken vorliegen, kann daher dieses «Bäriswiler Alltagsgeschirr» nicht von dem der übrigen Hafnerbetriebe des Kantons Bern getrennt werden.
Soweit die auf den Geschirren namentlich genannten Personen über Archivalien sozialgeschichtlich eingeordnet werden können, haben wir es bei den mit Bäriswiler «Luxusgeschirr» Beschenkten offenbar immer mit der geschäftstüchtigen, bäuerlichen Oberschicht der Region zu tun. Zu dieser Oberschicht gehören selbstverständlich auch die Müller. Die nachweisbar ausgeübten Funktionen u. a. als Gerichtssässen, Amänner etc. lassen es als selbstverständlich erscheinen, dass die betreffenden Personen auch Schreib- und Lesefähigkeit besassen. Dies spiegelt sich auch in der Vielzahl der produzierten Tintengeschirre. Im Militär gehörten die Personengruppen aufgrund ihrer wirtschaftlichen «Potenz» bevorzugt den berittenen Dragonern an, einer kleinen «Spezialeinheit» der bernischen Miliz. Auch dies findet einen Nachhall in den gemalten Motiven der Bäriswiler Teller.
Das Absatzgebiet für Bäriswiler Keramik ist historisch nicht überliefert. Es gibt jedoch eine kleine Anzahl an Gefässen, deren Herkunftsort gesichert ist. Mehr als 100 Stücke tragen Namen der Beschenkten oder der Auftraggeber. Die vorkommenden Familiennamen lassen sich mit ihren um 1800 historisch belegten Heimatorten verbinden, und so vermittelt eine Kartierung der Familiennamen ein Bild der potenziellen Kundenherkunft. Das Absatzgebiet Bäriswils umfasste offenbar vor allem das bernische Mittelland bis zur Aare, das Emmental und den bernischen Oberaargau, hatte demnach also einen Radius von etwa 30 Kilometern. Dies dürfte einer Distanz von zwei bis drei Tagesmärschen eines Keramikhausierers entsprochen haben (Absatzgebiet der Bäriswiler Keramik).
Vom Bäriswiler Geschirr existieren heute noch knapp 380 Exemplare in Museen und Privatsammlungen, wobei die Schreibgeschirre die grösste Gruppe ausmachen. Die musealen Vorkommen konzentrieren sich auf die Museen BHM, SNM, MAHN, RSB, MKB, HMB, MKW und SMT. Einige Stücke befinden sich auch in ausländischen Sammlungen, wie dem Germanischen Nationalmuseum oder dem Fitzwilliam-Museum in Cambridge
Weitere Hafnerfamilien in Bäriswil
Erst nach etwa 1810 stiegen auch Mitglieder der Familie Witschi in die Bäriswiler Geschirrproduktion ein, gaben diese jedoch in den 1860er-Jahren zugunsten der Herstellung von «Röhren» auf. Die Röhrenproduktion lief bis ca. 1950. Erst ganz am Ende der Bäriswiler Hafnereigeschichte waren zwei Mitglieder der Familie Kläy ebenfalls in der Keramikproduktion tätig.
Nur die Hafnerwerkstatt aus dem Besitz der Familie Witschi, die spätere Röhrenhütte, wurde bislang umfangreicher archäologisch untersucht. Die Ausgrabungen erbrachten ein aussagekräftiges Spektrum an Schrüh- und Fehlbränden, das nach 1817 und wohl vor ca. 1860 entstanden sein dürfte. Es dokumentiert eindrucksvoll die Werkstattgebundenheit bestimmter typologischer Elemente, denn die vorliegenden Formen decken sich überhaupt nicht mit den Keramiktypen des «klassischen Bäriswil». Erstaunlicherweise versuchten sich auch die Hafner der Familie Witschi (erfolglos?) an einer Fayenceproduktion, die sich farblich an jener der überlegenen Manufakturen Matzendorf und Kilchberg/Schooren orientierte. Daneben produzierten sie aber vor allem manganglasiertes Alltagsgeschirr und Keramik mit weisser oder roter Grundengobe. Die zunehmende Bedeutung des Gemüseanbaus im Kanton Bern spiegelt sich in der Aufnahme der Produktion von keramischen Pflanzenschutztöpfen bzw. Spargelstülpen (Kaltenberger 2009, 719-724). Die Intensivierungs- und Kultivierungsmassnahmen im landwirtschaftlichen Bereich ab der Mitte des 19. Jahrhunderts machten die Herstellung von Drainage- und Wasserrohren zu einem wirtschaftlich vielversprechenden Geschäft. Die Umstellung auf diesen Produktionszweig vollzogen die Hafner der Familie Witschi in den 1860er-Jahren, da die Geschirrhafnerei ansonsten das Überleben kaum noch zu sichern vermochte. Nicht von ungefähr wanderten 1854, 1855 und 1857 drei Bäriswiler Hafner und ihre Familien nach Nordamerika aus.
Stammbaum des Bäriswiler Hafners Jakob Kräuchi (1731-nach 1791 und vor 1798)
Bibliographie
Heege/Kistler/Thut 2011
Andreas Heege/Andreas Kistler/Walter Thut, Keramik aus Bäriswil. Zur Geschichte einer bedeutenden Landhafnerei im Kanton Bern (Schriften des Bernischen Historischen Museums 10), Bern 2011.
Heege/Kistler 2017
Andreas Heege/Andreas Kistler, Poteries décorées de Suisse alémanique, 17e-19e siècles – Collections du Musée Ariana, Genève – Keramik der Deutschschweiz, 17.-19. Jahrhundert – Die Sammlung des Musée Ariana, Genf, Mailand 2017, 329-353.
Heege/Spycher/Kistler 2020
Andreas Heege/Alfred Spycher/Andreas Kistler, Die Hafner von Hängelen und das Rätsel der Bäriswiler Kachelöfen, in: Krauchthaler Jahrbuch, 2020, 173-256.
Kaltenberger 2009
Alice Kaltenberger, Keramik des Mittelalters und der Neuzeit in Oberösterreich (Nearchos 17 = Studien zur Kulturgeschichte von Oberösterreich, Folge 23), Innsbruck 2009.