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Betrachtet man die folgenden zehn Karrieren (und diejenige Schällibaums) im Überblick, so fallen vorab drei Dinge auf:
A) Eine Top-Trainer-Karriere in einer der vier bis fünf grössten Ligen hat noch niemand hingelegt. Lucien Favre hätte bei nochmaliger Qualifikation mit Mönchengladbach (D) für europäische Wettbewerbe oder den Wechsel zu einem der fünf Topklubs allenfalls noch die Chance. Auch dem derzeitigen österreichischen Teamcoach Marcel Koller oder dem ehemaligen GC- und FCB-Serienmeister Christian Gross wäre dasselbe noch zuzutrauen.
B) Prädestiniert für eine Trainertätigkeit im Ausland sind primär folgende Eigenschaften: Grosse Erfolge mit Schweizer Klubs – etwa Urs Schönenbergers beinahe vergessener Champions-League-Parcours mit dem FC Thun oder Marcel Kollers Titel mit St. Gallen – und eine weltoffene Einstellung, um auch in Paraguay oder Korea zu arbeiten. Neben Löhnen unter dem Schweizer Niveau verlangt dies zumeist auch einen Horizont, der im sprachlichen und sozialen Bereich die eigene Mentalität zu überschreiten versucht.
C) Die Sprache und ein gemeinsamer Kulturraum sind auch für Fussballlehrer wichtig: Gerade bei den erfolgreichsten Coaches in der Schweiz gilt nach wie vor die deutsche Bundesliga als beliebtes (und mögliches) Ziel Nummer 1.
Ansonsten sind die Geschichten der prominenten ausländischen Trainerengagements so unterschiedlich wie deren Hauptfiguren:
1. Michel Decastel: der «Unschweizerische»Er galt als Spieler nicht nur wegen der langen Mähne als «Revoluzzer» und sicher eher als Freigeist. In den erfolgreichen Servette-Zeiten (1982–88) fiel er auch durch aktives Mitdenken und Einflussnahme auf den Mannschaftsesprit auf – kaum nebensächlich zu Zeiten der grossen Rivalität zwischen den Alphatieren Favre und Barberis. Nach einem Start in der Heimat (von Colombier bis Delsberg) lancierte der derzeitige Coach des zweiten FC-Sion-Teams seine Trainerkarriere in Nordafrika richtig. Nebst Kurzvisiten bei den renommierten Vereinen Al Ahli (Dubai) und Zamalek (Ägypten) arbeitete er länger in Tunesien (Espérance Tunis) und Marokko (Wydad Athletic Club Casablanca), die ihn beide ein zweites Mal engagierten. In Tunesien bot ihm auch der Club Sportif Sfaxien eine Chance. Der Mix aus europäischer Systematik und Sensibilität für die lokalen Besonderheiten wie Ramadan & Co. brachten ihn v.a. im letzten Halbjahr in Tunis zu einem Punkteschnitt von 2,36.
2. Andy Egli: der Weltoffene
Wenn auch in der Aussendarstellung mit Kurzhaarschnitt braver, galt der GC-Abwehrhaudegen Andy Egli früh als unangepasste Figur, die in Neuenburg und Genf mehrere Welschlandjahre einschaltete und entsprechend auch als Trainer wenig Scheuklappen kannte. Der für einen Fussballer prononciert links denkende ehemalige Vorsitzende der Spielergewerkschaft hatte einen erfolgreichen Trainerstart in Thun und (etwas weniger in) Luzern, worauf er bei Waldhof Mannheim (2. Bundesliga) nicht recht reüssierte. Eine spezielle Erfahrung bot ihm der südkoreanische Spitzenklub Busan. Der Mix aus Verständnis für den weitergehenden Teamgedanken Asiens und der europäischen Uefa-Pro-Fussball-Tradition machte ihn nach einem Jahr zum Kandidaten für den südkoreanischen Nationalcoach – bisher ein Karriereknick, dass er dort schliesslich doch nicht zum Zug kam. Seither arbeitet er am TV und als Interimstrainer in Langenthal oder Cham …
3. Daniel Raschle: der KontinentpendlerDer Schweiz-Argentinier Daniel Eduardo Raschle (Matucheski) gehörte von 1989 bis 1992 kurz nach der legendären Epoche mit den chilenischen Stars Zamorano und Rubio dem FC St. Gallen an. Er fiel aussen als emsiger Läufer und Zweikämpfer mit solider Technik auf – sowie als wertvolles Bindeglied zwischen den Schweizern und den Ausländern, speziell der kleinen Lateinamerika-Fraktion. Seine Trainerkarriere startete er nach dem Diplom gleich beim Spitzenverein Club National Asuncion in Paraguay, wo er von Mitte 2008 bis Mitte 2009 zuerst erfolgreicher und danach mit mehr Mühe im Rampenlicht stand und schliesslich verabschiedet wurde. Der eine oder andere gelungene internationale Auftritt sprach für, die fehlende Konstanz mit nur einem Punkt pro Partie gegen ihn. Es folgten zwei Kurzeinsätze bei den Ligakonkurrenten von Sol de America und Sportivo Luqueño. Derzeit ist der sympathische Doppelbürger ohne Stelle.
4. Marcel Koller: der GruppendynamikerDer schon als GC-Mittelfeldmotor strategisch denkende Koller schaffte im letzten Vierteljahrhundert neben Favre eine der Topleistungen als Coach in der Schweiz: 2001 wurde er gegen viel höher dotierte Klubs mit St. Gallen und einem Budget von weit unter 10 Millionen Meister. Nach einem Titel mit «seinen» Grasshoppers (2003) und einem schlecht verlaufenen Kurzengagement beim 1. FC Köln – wo er immerhin Lukas Podolski entdeckte – baute er sich dank viel taktischen Verständnisses und aussergewöhnlichen Fähigkeiten im Teambuilding in Bochum einen hervorragenden Ruf auf. Schwer zu sagen, ob er nach dem Aufstieg in die 1. Bundesliga mit einem der zwei kleinsten Budgets der bessere Krisenmanager oder gar Ausbildner war. Jedenfalls brachten ihm die knapp zweieinhalb Jahre schliesslich auch den Job als Österreichs Teamchef ein. Und da er auch hier gegenüber den Vorgängern an diffiziler und medial beäugter Stelle durch seine nüchterne Art positiv auffiel, darf er über sein Verbleiben oder einen anderen lukrativen Job fast allein entscheiden.
5. Lucien Favre: der DetailversesseneDer Ur-Servettien, der wegen «Gabet» Chapuisats gemeingefährlichem Tackling schon Mitte der 80er-Jahre seine Spielerkarriere beenden musste, fiel schon vor Servette und den drei Titeln mit dem FC Zürich (2004–2007) mit derselben Eigenschaft auf, die ihn als Regisseur kennzeichnete: Er ist der Schweizer Techniker. In Sachen Grundschulung, mannschaftliches Abwehrverhalten, Umschalten auf Angriff und Geschlossenheit macht ihm in der Schweiz zumindest keiner etwas vor. Sein Meisterstück war der Aufstieg mit Yverdon-Sport in die höchste Liga, das Erreichen von Rang 5 mit unter 2,5 Millionen Budget und des Heranziehen mehrerer Nationalspieler. Kurioserweise muss er in der Bundesliga noch endgültig beweisen, ähnlich nachhaltig (also eher drei Jahre statt eines) arbeiten zu können wie in der Schweiz. Bei Hertha Berlin schlug er mit einem Top-5-Rang ein, um ein paar Monate später mit einem ausgedünnten Kader entlassen zu werden. 2012 gelang ihm der Champions-League-Platz mit Mönchengladbach, nachdem er den Kultverein im Jahr zuvor mirakulös vor dem Abstieg gerettet hatte. Die laufende Saison droht jedoch ohne europäische Weihen zu Ende zu gehen.
6. Christian Gross: der Mr Swiss Army KnifeAuch der Schwamendinger ist ein Ur-Hopper. Bei diesem Klub gewann er nach dem Aufgalopp in Wil 1996/97 erste Titel und kam in die Champions League, noch länger und erfolgreicher war er ein Jahrzehnt beim FC Basel mit Titeln und unvergesslichen Champions-League-Abenden. Dazwischen lag allerdings das Missverständnis eines Engagements in seiner Traumliga: Beim Premier-League-Traditionsverein Tottenham Hotspurs wurde er 1998 in bestem englischen Tweed und nach Anreise per U-Bahn (!) vorgestellt und nach wenigen Monaten unter der Boulevard-Bezeichnung «Mr Swiss Army Knife» (auf Deutsch: Mister Schweizer Armeemesser) und tiefem Punkteschnitt wieder abserviert. Sein Motivationstalent und unbändiges Erfolgsstreben brachten ihm nach Basel einen Vertrag beim VfB Stuttgart ein, der mangels Erfolgs nach neun Monaten Ende 2010 jedoch aufgelöst worden ist.
7. Hanspeter Latour: der Alpendoktor
Der Ex-Torwart und Gross’ früherer Assistent Hanspeter Latour hatte nach einer guten Visitenkarte beim FC Thun (2001–2004) und einem GC-Jahr bei den abstiegsgefährdeten Geissböcken in Köln 2006 ein knappes Jahr die Chance, eine Trainerkarriere in einer europäischen Topliga zu lancieren. Ligaerhalt und schnelle Spitzenklassierung in der zweithöchsten Liga gelangen dem gegenüber Gross weit volksnäheren Motivator nicht, dafür bleibende Momente im deutschen Fernsehen und dem Blätterwald als «Alpendoktor», der seine ahnungslosen Schäfchen fit und zu Selbstvertrauen trimmen sollte. Theatralisch eine Spitzenbesetzung, machte Latour doch manchen Blödsinn mit, doch zum Kader fand er den engen Draht nie.
8. Daniel Jeandupeux: Der Stratege
Ein Langzeit-Exportschlager ist der ehemalige Spitzenfussballer und FCZ-Meistertrainer (1981) Jeandupeux. Allerdings ist er generell im französischen Fussball und speziell seit 2004 in Le Mans als Trainer (insgesamt anderthalb Jahre), Manager und zuletzt als Berater des Präsidenten so lange und fest im Sattel, dass der Jurassier (wie im Erfolgsfall im westlichen Nachbarland üblich) längst als Franzose gilt. Seinen Ritterschlag als Coach holte er sich zuvor schon im Kleinklub Caen (1999–2003), doch das Engagement in Strasbourg bei Racing (ja, der elsässischen Heimat des späteren Schweizer Naticoachs Gilbert Gress) endete 1995 mit schwacher Bilanz. Jeandupeux gilt als gewiefter Taktiker und brillanter Analyst, jedoch eher mässiger Motivator und Ausbildner.
9. Urs Schönenberger: der Motivator
Auch der langjährige FCZler «Longo» Schönenberger nutzte den FC Thun, der neben Wil übrigens als häufigster Arbeitgeber für unsere Top Tens auftaucht, als Sprungbrett. Er profitierte sicher auch von der Vorarbeit eines Egli und Latours, trug jedoch 2005 mit einem nicht alltäglichen Mix aus hartem Hund und Gute-Laune-Coach viel zur erstaunlichen Champions-League-Episode Thuns bei. Nach Intermezzos bei Aarau und YF Juventus (!) bekam er beim österreichischen Bundesliga-Newcomer Rheindorf Altach von September 2008 bis Januar 2009 eine Chance im Ausland. Seine Motivationskünste verhalfen ihm im ohnehin kriselnden Verein bloss zu einem Punkteschnitt von 0,67.
10. Martin Andermatt: der Fussballlehrer
Der Defensivspezialist von GC (auch nicht der erste in unserer Liste) und ausgebildete Primarlehrer legte für einen Schweizer im nördlichen Nachbarland vielleicht eine der erstaunlichsten, wenn auch nicht ausgesprochen langen Karrieren hin. Nach positiven, aber nicht sonderlich auffallenden Jobs in Winterthur und Baden heuerte ihn von Frühling 1999 bis Herbst 2001 der Bundesligist SSV Ulm an, den er unter eher schwierigen Bedingungen immerhin zu einem Punkteschnitt von gut 1,2 brachte. Das folgende knapp einjährige Engagement bei Eintracht Frankfurt mit einem für die zweite Liga gut dotierten Kader verhalf ihm bei 1 2/3 Punkten pro Match keine weitere Chance in Deutschland.
Autor: Reto Meisser