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Reicht es, mal wieder geredet zu haben?
Ein zentrales Thema, mehr als 20 000 TeilnehmerInnen aus 130 Staaten - und nur die wenigsten der 600 angereisten JournalistInnen wissen, was sie über das 5. Weltwasserforum in Istanbul schreiben sollen. Dabei geht es an dieser Konferenz um weit mehr, als wenn man die Ölreserven der Welt unter allen Staaten gleichmässig und gerecht verteilen wollte: Wasser ist - anders als Öl - nicht durch Alternativen ersetzbar. Aber immerhin sind sich alle einig über eine Tatsache: In fünfzehn Jahren wird ein Drittel der Weltbevölkerung in Regionen leben, in denen es nicht genügend Wasser gibt.
Also will man «Gräben überbrücken», und es sieht so aus, als würden sich die VeranstalterInnen wie schon auf den vorangegangenen Treffen hinter allgemeine Parolen flüchten. So fordert etwa der Generalsekretär des Forums einen «effektiven Gebrauch des Wassers». Eine unterstützenswerte Forderung, wenn man weiss, dass Saudi-Arabien Tausende Liter Wasser verbraucht, um einen Liter Kuhmilch zu produzieren. Doch die Türkei hält es auch für einen «effektiven Gebrauch des Wassers», Flusswasser zu reinigen und als Trinkwasser ins Ausland zu verkaufen. Dazu hat Ankara in der Nähe von Antalya ein Stauwehr errichtet und Anlagen gebaut, die in achtzehn Stunden 250 000 Kubikmeter Wasser auf Tanker laden können. Auch der Bau einer Wasserpipeline durch das Mittelmeer ist geplant. KritikerInnen des Forums meinen, die Veranstaltung müsste nicht Weltwasserforum, sondern Wasserausbeutungsforum heissen: Es gehe vor allem darum, wie Wasser zu Geld gemacht werden kann.
Mit «allgemeinen Grundsätzen» jedenfalls ist der Wasserkrise nicht zu begegnen. So will die EU-Umweltagentur sparsamen Umgang mit Wasser durch eine strenge «Preissetzung auf der Grundlage tatsächlich entnommener Wassermengen» erreichen. Richtig! Es gibt viele verschwenderische Bewässerungsprojekte, zum Beispiel in der Landwirtschaft. Doch das Problem steckt im Detail. Was, wenn ein Land wie die Türkei das Wasser auf seinem Staatsgebiet aufstaut? Soll es Syrien für die «entnommene Wassermenge» bezahlen?
Das Wasser in unserem Land gehört uns, wie das Öl den ölfördernden Ländern gehört, sagen die wasserreichen Staaten. So plant und baut man seit mehr als fünfzig Jahren im Südosten der Türkei an einem der grössten Staudammprojekte der Welt. 22 Dämme mit 19 Elektrizitätswerken sollen entstehen, 9 Stauwehre und 5 Anlagen zur Stromgewinnung sind inzwischen fertig. Nun soll der Ilisu-Staudamm fertiggestellt werden, der nur 45 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt ist. Eine Fläche so gross wie der Genfersee soll überflutet werden. Die KritikerInnen warnen, dass die Folgen für Klima und Umwelt nicht kalkulierbar seien. Ausserdem brauche es für Bewässerungsprojekte, wie sie im Zuge dieses Staudammprojekts vorgesehen sind, besonders gut ausgebildete LandwirtInnen. Im Südosten der Türkei sind bereits mehrere Dutzend Quadratkilometer durch unsachgemässe Bewässerung versalzen und damit unbrauchbar.
Für den Ilisu-Staudamm müssen zudem 95 Dörfer mit rund 55 000 Menschen umgesiedelt werden; das kulturelle Erbe aus mehr als 10 000 Jahren wird versinken. Weil Ankara mit dem Bau begonnen hatte, ohne die zugesagten sozialen Massnahmen für die betroffene Bevölkerung zu ergreifen und Schritte zur Rettung des Kulturerbes einzuleiten, zogen sich die KreditgeberInnen aus Europa aus dem Vorhaben zurück. Mittlerweile aber sei deren Einlenken, so wird gemunkelt, wieder denkbar. Zu verlockend sind solch rentable Projekte.
Schon auf dem Weltwasserforum 2006 in Mexiko konnte man sich nicht einigen, ob Wasser ein Wirtschaftsgut, eine Ware, ist - oder eine Ressource, zu der alle Menschen Zugang haben sollten. Auch in Istanbul will man es bei «nicht bindenden Prinzipien» belassen. Die Verantwortlichen in den Städten und Gemeinden sollen künftig sorgsam mit dem Wasser umgehen, wird man «beschliessen». Vorgeführt wird dazu eine Reifenfabrik in Izmir, die durch ein neues Kühlsystem (Preis: 5000 US-Dollar) zwei Drittel ihres bisherigen Wasserverbrauchs einspart. Dabei müsste man gar nicht nach Izmir schauen: In Istanbul versickert ein Viertel des Wassers wegen maroder Leitungen im Erdreich. Das sind 36 Millionen Kubikmeter im Jahr.
Was aber tun die Staaten, die keine sprudelnden Quellen haben - und kein Geld, um sich Wasser zu kaufen? Mit dem Klimawandel wird sich die Kluft zwischen wasserarmen und wasserreichen Ländern noch vertiefen, werden die Spannungen zunehmen. Man müsse in Kriegssituationen wenigstens der Zivilbevölkerung den Zugang zu Trinkwasser sichern, forderte das Internationale Komitee vom Roten Kreuz die KonferenzteilnehmerInnen auf. Doch es ging ihm wie dem Rufer in der Wüste. Das Thema ist jedenfalls zu ernst für einen Kongresstourismus mit dem Ergebnis: «Gut, dass wir mal wieder darüber geredet haben.»