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Belvoir, d. 6 Dezember,
1879.
Mein lieber Freund!
Herzlichen Dank für Deinen orientirenden Brief von gestern.
Ich glaube doch den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, als ich, erst am Mittwoch Abend in Bern angelangt, schon am Donnerstag früh wieder die Heimreise antrat. Die Schmerzen in dem Kniegelenke, von welchen ich in der Nacht vom Mittwoch auf den Donnerstag heimgesucht war, hatten einen solchen Grad erreicht, daß es schien, als würde mir ein Tage | um Tage in Anspruch nehmendes Krankenlager bevorstehen, und ein solches in Bern durchzumachen und dazu noch der Leitung meines gewöhnlichen Arztes, der meine ganze sanitarische Vergangenheit kennt und zu dem ich ein unbedingtes Zutrauen habe, entrathen zu müssen, schien mir ganz unthunlich zu sein. Ich brach daher am Donnerstag früh wieder nach Zürich auf, reiste unter Beobachtung aller Vorsichtsmaßregeln, begab mich in Zürich angekommen sofort zu Bett und stellte | mich unter die Obsorge meines Arztes. Ich glaube, daß auf diese Weise das Uebel am gründlichsten und am schnellsten geheilt und daß es mir so am raschesten möglich gemacht werden wird, wieder im Nationalrathe zu erscheinen. Mein Arzt und meine hiesigen Umgebungen theilen meine Anschauungsweise vollständig.
Die Ehre, die mir durch die Wahl in die Komission für das Obligationenrecht zu Theil geworden ist, weiß ich in hohem Grade zu schätzen. Wenn ich nur | der schwierigen Aufgabe gewachsen sein werde! Ich sehe vollkommen ein, daß, wenn auch dem Ständderathe die Priorität für die Behandlung dieses Tractandums zukommt, unsere Komission sich gleichwohl schon während der gegenwärtigen Sessionsabtheilung wird versammeln müssen, um sich darüber schlüssig zu machen, wie sie die Lösung der ihr gestellten Aufgabe an Hand nehmen soll. Ich denke, es wird früh genug sein, wenn sich die Komission zu diesem Ende hin in der dritten Woche der laufenden Sessionsabtheilung versammelt, und auf diesen Zeitpunkt hof| fe ich wieder in Bern eintreffen zu können. Würdest Du übrigens einen frühern Zusammentritt der Komission für angezeigt erachten, so möchte ich Dich gebeten haben, einen solchen zu bewirken; und ich gebe Dir anmit die feierliche Zusicherung, daß ich hierin keinen Eingriff in meine Präsidialbefugnisse erblicken werde, wovor Du Dich gemäß Deinem Briefe vor Allem aus zu hüten bestrebt bist, was mir begreiflicher Weise zu großer Genugthuung gereichen muß.
Du gibst mir einige Notizen betreffend die Organisation unserer Fraction. Du weißt, daß ich | mich hierfür in ganz besonderm Maße interessire und gerne werde ich, nach meiner Ankunft in Bern, noch an bezüglichen Besprechungen Theil nehmen. Da Ihr künftigen Montag eine Vorberathung wohl wesentlich im Hinblick auf die bevorstehenden Wahlen halten werdet, so erlaube ich mir, Dir meine übrigens unmaßgebliche Ansicht dahin kund zu thun, daß wir den Vorschlag Anderwert für die Stelle eines Vicepräsidenten des Bundesrathes unterstützen sollten. Anderwert gehört wohl mehr unserer Fraction als der der Radical Democraten an und Du weißt, daß er gerade des| halb von einem Theile der letztern oft angegriffen wird. Und wenn man dann nächstes Jahr Droz und in zwei Jahren Bavier für die Vicepräsidentenstelle portirt, so wird sich Niemand darüber beklagen können, daß ihm ein Unrecht widerfahren sei. Was sodann die vacante Bundesrichterstelle anbetrifft, so wird wohl neben Leuenberger namentlich Bundesgerichtsschreiber Hafner von Zürich in Betracht kommen. Ich glaube nicht, daß für unsere Fraction Veranlassung vorhanden sei, wegen dieser beiden Candidaturen eine Hauptschlacht zu unternehmen. Ich kenne zwar Leuenberger nicht | näher, aber im Nationalrathe kam er mir immer als ein Mann vor, der nicht außer Acht läßt, daß es neben der politischen Leidenschaft auch eine Wage der Gerechtigkeit gibt.
Sobald ich weiß auf wann ich annähernd nach Bern werde kommen können, werde ich nicht verfehlen, Dich davon zu benachrichtigen. Mittlerweile sei in alter Freundschaft herzlich gegrüßt von
Deinem
Dr A Escher1