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Peter-Boy,
ein Hundeleben
6
Dann kam ein Tag, an dem sich sein Leben wieder veränderte. Eine Frau und ein Mann tauchten auf. Sie suchten einen Hund und die Wahl fiel auf ihn. Sie gingen mit ihm spazieren, um zu schauen, wie er sich anstellte. Boy war froh, dass er sich bewegen konnte und war aufgestellt und guter Laune. Das gefiel den beiden. Sie nahmen ihn mit, und seitdem lebte er bei ihnen. Sie gaben ihm auch einen Namen, Peter riefen sie ihn. So hatte er jetzt also zwei Namen Peter und Boy: Peter-Boy.
Von nun lebte er zusammen mit dieser Frau und diesem Mann. Er wurde ihr Mitbewohner.
Der Mann hiess Theo und die Frau hiess Ida. So riefen sie einander. Wenn die eine rief, kam der andere und umgekehrt, das war wie bei den Hunden, aber es war nicht so, dass sie Sitz oder Platz machten. Das konnten sie nicht. Sie brauchten dafür Stühle oder Betten. Er aber machte Platz! und Sitz! so oft sie es wollten; das gefiel den beiden, und ihm fiel deswegen kein Stein aus der Krone, was soviel heisst wie: Man muss im Zusammenleben Kompromisse machen und einander ab und zu eine Freude.
Das Haus, in dem er nun wohnte, war ganz anders, als die Häuser und Ställe, die er bisher gekannt hatte. Es war ein altes, und – wie die Menschen sagten – ein herrschaftliches Haus. Mit herrschaftlich waren wahrscheinlich das überwölbte Treppenhaus und die breiten Korridore gemeint und die Gewölbe im Erdgeschoss, wo die Küche und das Esszimmer eingerichtet waren. Ansonsten hatte das Haus nichts Herrschaftliches, fand Peter-Boy, die einzelnen Zimmer waren klein, bescheiden könnte man sagen.
Interessanter war der Garten hinter dem Haus, in dem Peter-Boy, wie wir schon angedeutet haben, Eidechsen hütete, so wie seine Mutter Antuca Schafe gehütet hatte.
In seiner ersten Heimat auf der Alp hatte Peter-Boy Italienisch gesprochen. In seiner zweiten Heimat wurde er zweisprachig; Theo und Ida sprachen Schweizerdeutsch miteinander. Er verstand bald, was Theo und Ida sagten. Das Problem war, dass sie ihn nicht immer verstanden.
7
Peter-Boy gewöhnte sich an, mit Theo ins Studio hinaufzusteigen, wenn dieser arbeiten ging, vier Treppen hoch ging das.
Unter Arbeiten verstand Theo, sich auf einen bequemen Stuhl an einen grossen Tisch zu setzen und vor sich hin auf ein paar Papiere zu schauen.
Peter-Boy machte es sich ebenfalls bequem und legte sich neben dem Schreibtisch auf den Teppich. Wenn Peter-Boy dann richtig entspannt war, streckte er alle Viere von sich oder er rollte sich zusammen und bettete die Schnauze auf die linke eingeknickte Pfote.
War aber zur gleichen Zeit etwas in der Küche los, dann blieb er natürlich unten in der Küche, schaute zu, beobachtete, wartete, irgendein Rest fiel immer für ihn ab. Bei den Zimmern, wo er nicht erwünscht war, weiss der Hundegott wieso, legte er sich vor die Türe und wartete, bis seine Mitbewohner wieder auftauchten.
Er verstand schnell, dass er sich bei dem Mann mehr erlauben konnte. Die Frau war konsequenter, bei ihr hielt er sich an die Regeln, sie war es ja auch, die ihn pflegte, wenn er einen Dornen eingetreten oder von einem Hund einen Biss abgekriegt hatte. Auf sie konnte man sich verlassen. Da machte es nichts, wenn man zwischendurch gehorchen musste.
Der Mann war ein bisschen einfach gestrickt, das kann man nicht anders sagen. Er hatte eine kindliche Freude, wenn er mit dem Ball spielen konnte. Also machte ihm Peter-Boy die Freude und spielte mit.
Er jagte hinter dem Ball her und brachte ihn zurück und sein Mitbewohner strahlte. Je schneller er dabei rannte, desto mehr freute Theo sich, also tat Boy ihm den Gefallen, fing den Ball in der Luft oder hechtete ihm nach einen Abhang hinunter.
Manchmal versteckte Theo ein Leckerli und Boy musste es suchen. Meistens merkte er sofort, wo es war, aber er tat so, als hätte er keine Ahnung und lief hin und her und schnupperte an den unmöglichsten Orten, weil sich Theo dann wer weiss wie schlau vorkam.
Manchmal ging Theo mit Peter-Boy auf den Pferdespringplatz. Da standen Hindernisse herum, hohe und breite. Über die musste Boy springen. Für Theo war es dann, als hätte nicht Boy, sondern er selber das Hindernis übersprungen.
8
Autofahren war neu für Peter-Boy. Es war offenbar etwas, was den Menschen gefiel, sie fühlten sich dann stark und erhaben.
Peter-Boy konnte sich nie richtig daran gewöhnen. Aber Mitfahren war immer noch besser, als allein zu Hause zu bleiben. Auch das Zugfahren und das Busfahren liebte er nicht. Er musste auf dem Boden liegen und rutschte in jeder Kurve unter die Sitze, auf denen die Menschen sassen, und die Menschen fanden das lustig.
Aber Bus- oder Zugfahrten waren oft der Anfang einer Wanderung und so konnte man auch das ertragen.
Auf Wanderungen trabte er immer voraus, er fand die Wege mit seiner Nase, die Menschen hatten dafür ihre Wegweiser.
In seiner idyllischen Kindheit auf der Alp wäre er nie auf den Gedanken gekommen, dass es Hunde geben könnte, die ganz anders aussahen als seine Geschwister und seine Mutter.
Als er zum ersten Mal einem Chihuahua begegnete, musste er das Lachen verkneifen, vor allem als der Chihuahua versuchte ihn anzubellen, es tönte als hätte er Halsweh. Er musste auch lachen, als zum ersten Mal ein Pudel an ihm vorbei tänzelte, der frisch vom Hundesalon kam, mit gelockten und zu Schnüren gedrehten Haaren über der Stirn. Mehr Eindruck machten ihm da die grossen mächtigen Mastiffs mit ihren Schlappermäulern, mit denen war nicht zu spassen, das sah er gleich.
Die Bulldoggen hatten noch grössere Mäuler, aber vor denen hatte er keine Angst, die waren dick und langsam, denen rannte er spielend davon.
Mit den Berner Sennenhunden und den Neufundländern hingegen freundete er sich an, das waren friedliche und intelligente Hunde, die niemandem was taten. Und wie elegant und schnell waren doch die Windhunde; sogar wenn sie gingen, schien es als würden sie schweben. Und als er zum ersten Mal einer deutschen Dogge begegnete, glaubte er, es wäre ein Kalb.