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Im Universum der Kindheit
Auf der Karte sieht alles winzig aus. Die Wege haben in einem einzigen Quadratkilometer Platz. Und doch bedeutete das Geviert für den Primarschüler, welcher vor Jahrzehnten mit seinen Geschwistern bei der Grossmutter seine Sommerferien verbrachte, ein Universum, in dem man sich während eines ganzen Tages verlieren konnte, bis einen Hunger und Durst – oder auch über dem Piz Ela aufziehende dunkle Gewitterwolken und fernes Donnergrollen – zurück in die enge, mit Arvenholz getäfelte Stube des Maiensäss zur Tanne scheuchte.
Dort gab es zum Nachtessen einen Hörnliauflauf, dazu in Wasser eingelegte gedörrte Zwetschgen, welche die Enkel respektlos Schuhsohlencreme nannten, und – der Gesundheit zuliebe – Wasser aus der nahen Eisenquelle. Wenn dann auf dem Bahndamm vor dem kleinen Haus der letzte Zug der Rhätischen Bahn aus dem Engadin nach Chur vorbeirumpelte, meistens gezogen von einem rostroten „Krokodil“, und in der Stube die Gläser auf dem Buffet klirrten, fielen den Bewohnern des Universums, welche während des Tages Flüsse umgeleitet, mit Augen und Stecklein Ameisenhaufen „beobachtet“ und Verstecken gespielt hatten, die Augen zu. Wenn man Glück hatte – aber das war selten –, konnte man sich ohne Zähneputzen und Händewaschen an der gestrengen Grossmutter vorbei direkt in sein Bett schleichen; andernfalls hatte man einen Umweg zum kleinen Lavabo in der Ecke hinter der Küchentüre zu machen, um dort zur Tarnung wenigstens den eigenen Waschlappen zu benetzen.
Mit dem Älterwerden schrumpfte das Universum und die Welt wurde grösser. Später bauten die Eltern, etwas entfernt vom grossmütterlichen Maiensäss auf der Südseite des Tals, ein zweites, grösseres Ferienhaus. Während die ältere Generation nach und nach verschwand, zuerst die Grossmutter, später die eigenen Eltern, sah Preda neue Generationen heranwachsen, die eigenen Kinder und Kindeskinder, Urenkel und Ururenkel der Grossmutter, welche für die Familie vor bald hundert Jahren den kleinen Ort am Nordausgang des Albulatunnels entdeckt hatte.
Doch so weit ich auch herumgekommen und die Welt kennen gelernt habe, Preda blieb meine erste Welt, mein kaum verändertes Universum der Kindheit. Zwar beherrschen zur Zeit die monströsen Installationen auf dem Werkplatz für den neuen Albulatunnel, die Förderbänder, Zementsilos, Cotainerunterkünfte und gigantischen Abraumberge einen Teil des Tals (1), aber auch sie werden wieder verschwinden, so wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als während des Baus des ersten Tunnels Preda einer kleinen Stadt glich, die Spuren verschwunden sind.
Ich habe mich vor ein paar Tagen vor der Hitze in die Chesa Zuondra, in das von meinen Eltern erbaute Haus geflüchtet. Jeden Morgen, wenn es noch kühl ist, wandere ich durch das Universum meiner Kindheit, entweder durch die Flussebene nach Naz, wo das Tal steil gegen Bergün abfällt und die Bahn, seit einigen Jahren Teil des Unesco Welterbes, in Kehrtunnels und eleganten Bogenbrücken den Höhenunterschied überwindet, oder am Wasserfall vorbei hinauf zum Palpuognasee, dessen Bild in keinem Schweizer Fotokalender fehlen darf.
Auch wenn mich weit mehr als ein halbes Jahrhundert von meiner Kindheit trennt und ich durch gelegentliche Schmerzen im Knie oder im Rücken unsanft an die fortschreitenden Jahre erinnert werde, so läuft auf diesen Spaziergängen in meinem Kopf jedes Mal jener Film meiner Kindheit ab, der zum Schönsten und Intensivsten meines Lebens gehört. Ich lade Sie ein, liebe Leserin, lieber Leser, mich auf meinem Gang zu begleiten; vielleicht erwachen dabei ihre eigenen Erinnerungen an diese Lebenszeit.
Am grossmütterlichen Maiensäss vorbei, auf einer Holzbrücke den Bach querend, welcher das Wasser aus dem kleinen Elektrizitätswerk beim Bahnhof Preda in die Albula zurückführt, gehe ich zur kleinen Sumpfwiese am Waldrand. Dort stand einst eine Bank, von der wir, die Pfannendeckel aus Grossmutters Küche als Sichthilfe in den Händen haltend, per Morsealphabet Botschaften zum Maiensäss zur Tanne schickten – ein seitlich gehobener Arm bedeutete einen Punkt, beide Arme einen Strich. An die Inhalte unserer Botschaften erinnere ich mich nicht (ob es um den grossmütterlichen Menuplan ging?), aber das war ja auch nicht wichtig.
Von jener Stelle ist es nur ein Katzensprung zum Wasserfall, welcher in diesem Frühsommer dank der Schneeschmelze in imposanter Fülle über die Felsen schiesst. Meistens tröpfelt er nur von der Felswand hinunter, weil praktisch das gesamte Wasser vom Palpuognasee direkt ins erwähnte EW geleitet wird. Restwassermengen waren offenbar noch kein Thema, als anfangs des 20. Jahrhunderts das Kraftwerk in Betrieb genommen worden war. Immerhin liess der Betriebsleiter des EW, Herr Caderas, welcher mit seiner Frau über dem Turbinenhaus in einer düsteren Dienstwohnung gleich neben dem Nordausgang des Bahntunnels wohnte, an Sonntagen während der Sommerferien den Kraftwerkbetrieb so weit drosseln, dass ich als Kind regelmässig Predas „Naturwunder“ bestaunen konnte.
Ich lasse vorerst den steil ansteigenden Weg zum See links liegen und umrunde einen bewaldeten Vorsprung. Dahinter liegt, als ob ein Kind seine Bauklötze ausgeleert hätte, ein wild-romantisches Feld von Felsblöcken, welches sich vor einigen hundert Jahren von der schroffen Flanke des Piz Palpuogna bis in die Talebene ergossen habe muss. Die grössten Brocken, fünf Meter hoch oder mehr, sind ein Stück über die Ebene gerollt und stehen heute, wie kleine Burgen, mitten in der Wiese.
Auf dem Pfad, der sich zwischen den Felsbrocken hindurch schlängelt, hört man plötzlich das Sprudeln und Gurgeln eines unsichtbaren Baches. Unzählige Male sind wir als Kinder zwischen den Felsen herumgeklettert und haben in alle Zwischenräume und Löcher geschaut, um irgendwo das fliessende Wasser zu erblicken, doch umsonst. Erst etwas weiter, am Rand zwischen den Überbleibseln des Bergsturzes und der Wiese im Tal, trifft der Pfad auf ein Gewässer mit kristallklarem Wasser. Ob Sommer oder Winter, Regen oder Sonnenschein, immer bleiben der Abfluss und die Klarheit des Wassers gleich. Es sei eine vom Bergsturz verschüttete Quelle, sagte uns damals der EW Chef Caderas, welche aus einem unterirdischen See im Piz Palpuogna gespeist werde.
Wir Kinder haben uns immer einen riesigen See in einer Höhle vorgestellt, den man vielleicht sogar mit einem Boot befahren könnte. Heute weiss ich, dass es sich bei den Schilderungen der Einheimischen, die wir Kinder so gerne glaubten, eher um eine grosse wasserführende geologische Schicht handelt, welche sich von Murtel Trigd, einem Tal westlich des Piz Palpuogna, bis ins Tal bei Preda erstreckt und so gross ist, dass weder Starkregen noch Schneeschmelze den Abfluss wesentlich anschwellen lassen und das Wasser trüben.
Immerhin, der muntere Wiesenbach bildet für die kindliche Fantasie zumindest kleine oberirdische Seelein. An einer Stelle formt ein Felsblock eine Insel, zu welcher man auf einem Baumstamm gelangt, der vor Urzeiten umgestürzt sein muss. Dort haben wir jeweils Stunden verbracht, die abenteuerlichen Fahrten unserer aus Rinde oder Blättern gefertigten Schiffchen verfolgt, sind dabei unzählige Male ins Wasser gefallen und haben schliesslich an der Feuerstelle, die es bis heute gibt, die mitgebrachten Cervelats gebraten.
Ganz in der Nähe liegt der so „Gumpistein“, ein flacher Fels etwa anderthalb Meter über dem Bach, von dem man auf die Wiese am gegenüberliegenden Ufer springen kann. Seit Generationen kommt in unserer Familie dieser Mutprobe die Rolle eines Inaugurationsrituals zu: Erst wer gesprungen ist, ist ein echter Predaner! (Zum Glück bin ich schon gesprungen, heute würde ich es nicht mehr wagen!)
Gleich bei der Abbruchstelle liegt, eingeklemmt zwischen andern Felsen, ein grosser Stein, welcher durch die Verwitterung und das eindringende Eis gespalten worden ist. Jahrzehnte später haben wir auf der Südinsel Neuseelands einen nahen Verwandten des gespaltenen Felsens kennen gelernt, den Split Apple Rock (2).
Am Ende des Trümmerfeldes, am Ufer des klaren Baches, steht unser „Altersbänklein“. Auch hier spielten wir gerne als Kinder, doch ich hätte mir damals nicht denken können, dass diese Stelle, von der aus der Blick über die grosse Wiese zu den wenigen Häusern von Preda, zum Albulapass und zu den Zwillingsbergen (Dschimels) geht, dereinst zu einem der wichtigsten Orte meiner Ehe mit Sibyl werden würde, wo wir auch als ein in die Jahre gekommenes Paar ins Träumen kommen.
Weiter westlich, gegen Naz zu, liegt die „Ebene der hundert Bäche“. Die Albula verzweigt sich dort in Nebenarme, und vom Piz Palpuogna suchen sich weitere Quellwasser ihren Weg durch die Ebene, darunter die Eisenquelle, durch die rostroten Steine markiert, welche das Wässerchen säumen. Dort haben wir jeweils für die Grossmutter Wasser für den Tee holen müssen. Die Ebene war das Tummelfeld der künftigen Wasserbauingenieure, welche Staudämme bauten, Flüsse umleiteten und darüber die Zeit vergassen.
Naz ist eine einzigartig erhaltene Bergüner Maiensäss-Siedlung am Ausgang des Val Mulix. Dort wo die Nazer am ersten August ihr Feuer abbrennen, kehre ich um und gehe zurück zum Fuss des Wasserfalls. Ich möchte auf dem Zickzack-Weg, der die Höhe des Falls überwindet, zum Palpuognasee wandern.
Dass es hier überhaupt einen Wasserfall gibt, ist einer sehr speziellen Topografie zu verdanken. Die Albula, welche auf halber Höhe zum Albulapass, westlich der Alp „Crap Alv“ (zu deutsch Weissenstein), die heute der ETH gehört, in beeindruckender Quantität aus dem Berge tritt und sich kurz danach in den Palpuognasee ergiesst, verlässt diesen nicht in Richtung des Haupttales, sondern in einem Nebentälchen entlang der Flanke des Piz Palpuogna. Man könnte meinen, die früheren Talbewohner hätten hier einen künstlichen Wasserlauf angelegt, gleichsam eine Walliser Suone (Bisse), an deren Ende die Albula schliesslich ins Haupttal zurückfällt.
Tatsächlich muss es aber der Gletscher gewesen sein, welcher den Fluss mittels einer kleinen Moräne ins Seitental gezwungen hat. Die Erbauer des Elektrizitätswerkes hatten daher vor bald 120 Jahren ein leichtes Spiel; sie mussten lediglich eine Druckleitung durch den kleinen Damm ins Haupttal legen und verwandelten so den Palpuognasee zu einem natürlichen Stausee für die Stromproduktion.
Der Aufstieg durch das versteckte Tal ist romantisch und einsam. Hier kann man Murmeltiere und Gämsen beobachten, trifft manchmal auf eine Kreuzotter, welche zwischen den Felsen einen Sonnenplatz nutzt. In diesem Jahr liegt noch Lawinenschnee, der voll ist von Steinen, Ästen und kleinen Lärchen, welche diesen Winter nicht überlebt haben. An einer Stelle hat die Albula den Pfad überschwemmt. Ich suche mir einen Weg zwischen Legföhren und Felsbrocken. Und plötzlich, wie ein Wunder, taucht zwischen den Bäumen jenes Brücklein mit dem knorrigen Geländer auf, welches wohl schon tausendfach fotografiert worden ist, und dahinter die blaue Fläche des Palpuognasees.
Den See zu beschreiben überlasse ich den touristischen PR-Leuten. Es stehen ohnehin schon zu viele Autos entlang der Passstrasse. Also kehre ich um und wandere auf meinem „privaten“ Pfad zurück nach Preda, an jenem Ausguck vorbei, von wo man direkt hinunter in Grossmutters Garten schaut, hinter dem jetzt die gelben Förderbänder und grauen Kiesberge aufragen, und denke im Stillen: „Gut gewählt, liebe Grossmutter, auch wenn wir manchmal mit dir haderten, du hast für uns ein Paradies entdeckt.“
(1) https://www.rhb.ch/de/unternehmen/projekte-dossiers/neubau-albulatunnel
(2) https://en.wikipedia.org/wiki/Tokangawhā_/_Split_Apple_Rock
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