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Zur Abwehr
Im Jahrbuch S.A.C. XXXV, 1900, ist ein Aufsatz von Dr. W. K. Nippold unter dem Titel: „ Bergtouren in den siebenbürgisch - rumänischen Karpathen ( transsylvanischen Alpen ) " erschienen. Dem Artikel sind mehrere Illustrationen beigegeben, welche nach meinen photographischen Aufnahmen erstellt wurden. Die Beigabe dieser Illustrationen geschah ohne mein Wissen, und ich habe die denselben zu Grunde liegenden Clichés, Negative oder Positive, Herrn Dr. Nippold nicht zur Verfügung gestellt. Im Vorwort zum oberwähnten Bande des Jahrbuches S.A.C. spricht jedoch die Redaktion desselben dem Generalsekretär des Siebenbilrgischen Karpathenvereins, Herrn Emil Sigerus, den Dank für „ die Bilder aus den Karpathen " aus, so daß ich gegen die Überlassung der Bilder zur Illustration des Artikels des Herrn Dr. Nippold keine Einsprache zu erheben hätte, da Herr Sigerus, wissend, daß meine Aufnahmen immer zur Verfügung stehen, wo es sich um die Verbreitung der Kenntnis von den hohen landschaftlichen Schönheiten unserer Karpathenwelt handelt, vollkommen meinen Intentionen entsprechend vorging und meiner Zustimmung im voraus sicher sein konnte. Dieser Umstand ist jedoch dem Leserkreise des Jahrbuches nicht bekannt, und es besteht die Möglichkeit einer Annahme, daß ich Herrn Dr. Nippold die Bilder zur Verfügung gestellt habe oder daß Herr Sigerus mit meinem für diesen Fall besonders gegebenen Einverständnisse gehandelt habe, und endlich und hauptsächlich liegt die Annahme nahe, daß ich den Verfasser und dessen Artikel, an dessen Illustration ich mitgewirkt habe, kenne, oder wenigstens daß mir der Inhalt des Artikels bekannt gewesen sei. Beides ist nun nicht der Fall, und es wäre mir, nachdem ich jetzt den Artikel zu Gesicht bekommen habe, auch sehr unangenehm, wenn dem so wäre. Ja, ich bin geradezu gezwungen, diese Zeilen zur Abwehr gegen eine, wie eben angedeutet, immerhin mögliche Auffassung zu veröffentlichen, als hätte ich den Inhalt dieses Artikels gekannt, der sich nicht nur auf die Schilderung von Bergtouren in den Karpathen beschränkt, sondern der sich in ge-hässiger Weise gegen den ungarischen Staat und die Magyaren ergeht, und als hätte ich trotzdem eingewilligt, an der Illustration einer solche Schmähungen enthaltenden Schrift mitzuwirken. Ich sehe mich infolgedessen gezwungen, die geehrte Redaktion des Jahrbuches S.A.C. um Veröffentlichung der nachfolgenden Zeilen zu ersuchen.
Herr Dr. Nippold sagt auf Seite 124/125 des erwähnten Bandes in Beinern Artikel folgendes: „ Die beiden Kronstädter Bahnhöfe ( der Hauptbahnhof im Nordosten und der kleine Bahnhof Bartholomä im Nordwesten ) sind möglichst weit vom Mittelpunkt der Stadt entfernt, kennzeichnend für Ungarn in Siebenbürgen. Denn die Magyaren geben sich jede erdenkliche Mühe, das Keisen in Siebenbürgen zu erschweren oder unmöglich zu machen, solange dort noch Deutsche zu wohnen wagen! So ist denn auch unser Satz, daß man hierzulande fröhlich deutsch sprechen und hören dürfe, dahin einzuschränken, daß die Magyaren jeden, der sich dessen unterfängt, durch alle möglichen Chicanen dahin zu bringen suchen, daß er, ob Einheimischer oder Fremder, sich von ihren eingebildeten, alleinseligmachenden Vorzügen gegenüber der ganzen übrigen Welt überzeugt. "
Nicht nur, daß es nicht meine Aufgabe ist und die Mühe nicht lohnt, mich mit Herrn Dr. Nippold in eine längere Polemik einzulassen, wäre eine solche kaum möglich, denn in seinen obigen Auslassungen ist keine auf Thatsachen basierende, mit Gründen belegte Behauptung zu finden, sondern dieselben sind höchstens der Ausdruck der persönlichen Meinung desselben. Wenn aber eine solche in dieser Weise als Anwurf gegen einen Staat und gegen eine Nation ausgesprochen wird, so ist ein solches Vorgehen in den Augen der gebildeten Welt von selbst gerichtet. Daß die beiden erwähnten Bahnhöfe „ möglichst weit vom Mittelpunkte der Stadt entfernt sind ", ist möglich, die topographischen und technischen Gründe hierfür kenne ich nicht. Aber nur solche Gründe konnten hierfür maßgebend sein, denn der ungarische Staat hat auf seinem Territorium diese Bahnhöfe angelegt, und jeder Nachteil, der etwa hieraus resultiert, trifft Ungarn, denn Siebenbürgen ist Ungarn. Es gehört sehr viel Unverstand und Gehässigkeit dazu, um zu behaupten, daß die Magyaren sich alle erdenkliche Mühe geben, das Reisen in Siebenbürgen zu erschweren. Das Reisen in Siebenbürgen zu erschweren, hieße dem eigenen Lande Schaden zufügen, und dazu haben die Magyaren zu viel gesunden politischen Sinn; denn das scheint Herr Dr. Nippold ganz vergessen zu haben, daß dieses Land des ungarischen Staates und, wer immer dort wohne, ungarischer Staatsangehöriger ist.
Außer dem rühmlichst wirkenden Siebenbürgischen Karpathenverein besteht in Kolozsvârein „ Erdélyorszâgi Kârpâtegyesulet " ( Siebenbürgischer Karpathenverein ) mit mehreren Sektionen, der, nach seinen Satzungen, gleichfalls bestrebt ist, das Reisen in den siebenbürgischen Karpathen zu erleichtern, die Kenntnis von der Schönheit derselben in weitern Kreisen zu verbreiten. Von keinem anderen Gefühle war ich beseelt, als ich vorvielen Jahren mit Camera und Eispickel, von meinem alten Freunde und Führer Alois Pinggera aus Tirol begleitet, in diese Gebiete zog, als diesen Zielen zu dienen. In jener Zeit waren dieselben weniger bekannt, das Reisen in diesen Gebirgen allerdings schwieriger als jetzt. Als ich damals die Reihe der höchsten Gipfel vom Retyezat bis zum Bucsecs meist auf neuen Wegen erstieg, über die Kämme und durch die Hochthäler dieser Bergketten zog, brachte ich eine Reihe von photo- graphischen Aufnahmen mit, die aus diesen Hochregionen damals nahezu die einzigen Bilder waren und es auch noch lange Zeit blieben. Im Interesse der Verbreitung der Kenntnis von der Schönheit dieser Berglandschaften — in welchen, nach Herrn Dr. Nippold, sich die Magyaren jede erdenkliche Mühe geben sollen, das Reisen zu erschwerenstellte ich diese Aufnahmen — die beste Illustration für den Wert dieser grundlosen, unwahren Behauptung — dem Siebenbürgischen Karpathenverein zur Verfügung. In der That ist eine Reihe der ersten Jahrgänge des Jahrbuches des genannten Vereins mit Hülfe derselben illustriert worden. Ja, sogar ein Album mit Vergrößerungen meiner Aufnahmen hat der rührige Siebenbürgische Karpathenverein publiziert, um mit demselben die Kenntnis von der landschaftlichen Schönheit unserer Berge in immer weitere Kreise zu tragen, zu deren Besuch anzuregen. Daß übrigens der Siebenbürgische Karpathenverein sich den Ansichten des Herrn Dr. Nippold nicht anschließen dürfte, beweist der Umstand, daß derselbe nicht nur mich zu seinem Ehrenmitgliede ernannte — eine Auszeichnung, auf die ich immer großen Wert gelegt habe — sondern daß in der Liste der Ehrenmitglieder auch der Name des Herrn von Tolnay zu finden ist, der gerade in der Zeit seiner Wirksamkeit als Generaldirektor der königlich ungarischen Staatsbahnen dieser Ehrung teilhaftig wurde, gewiß nicht wegen seiner Verdienste um die Erschwerung des Reisens in Siebenbürgen. Der Satz von den „ eingebildeten, alleinseligmachenden Vorzügen der Magyaren gegenüber der ganzen Welt " ist von solcher Roheit diktiert, daß hierüber keine Worte zu verlieren sind.
Wenn weiters Herr Dr. Nippold von der langsamen Fahrt der Züge in Siebenbürgen erzählt, die ihn zur Abbitte „ sämtlichen Bahnen übriger Länder " gegenüber drängt, die er dessen beschuldigte, wenn er die königlich ungarischen Staatsbahnen die „ miserabelste aller Verkehrsanstalten " nennt, so fälscht er wissentlich — da er doch mit diesen Bahnen gereist ist — die Thatsachen, indem er in einer geistreich sein sollenden Weise Unwahres behauptet. Die Züge, welche von Budapest nach Kolozsvàr führen, die Verbindungen von dort nach dem Süden und über den Predeal nach Rumänien, die Korrespondenzen aus dem südlichen Siebenbürgen nach Arad u. s. w. ergeben einen Eisenbahnverkehr, welcher, sowohl was die Zahl der Züge, Fahrgeschwindigkeit und Komfort der Wagen betrifft — jedenfalls auf den Hauptlinien und bei den durchlaufenden Zügen — kaum einen Vergleich mit andern Ländern zu scheuen hat.
Auch die Geschmacklosigkeit, mit der Herr Dr. Nippold bei Nennung des ungarischen Namens einer Station ( Keresztényfalva ) ausruft: „ Wie wohllautend und unvergeßlich, kennzeichnet seine Art und Weise. Wir wissen nicht, wo Herr Dr. Nippold eigentlich zu Hause ist, wir sind aber überzeugt, daß selbst im Umkreise seiner engern Heimat Ortsnamen vorkommen dürften, deren Aussprache einem Russen, Engländer oder Franzosen auch nicht wohllautend klingen würde.
Der „ Schluß " endlich, den Herr Dr. Nippold aus seinen Erfahrungen gelegentlich seiner Bergtouren in den siebenbürgischen Karpathen zieht, daß nämlich „ die größten Schwierigkeiten, die der Tourist in Sieben- bürgen überall findet, eben von den Magyaren kommen ", kann nach Obigem nicht mehr in Erstaunen setzen.
Es ist wahrlich betrübend, daß aus der reinen Luft von den lichten Höhen unserer schönen Berge so viel Gehässigkeit und Schmähung herabgebracht werden konnte, daß auch die geschilderten Bergwanderungen die Galle des Herrn Dr. Nippold nicht zersetzen konnten. Dem Manne kann — wie es scheint — nicht geholfen werden.
Und indem ich durch die zufällige Beilage meiner Bilder zu dem Artikel des Herrn Dr. Nippold — zu meinem Bedauern — gezwungen war, Vorstehendes als Abwehr zu schreiben, möchte ich an die Gefühle gegenseitiger Sympathie und Wertschätzung appellieren, die mich in mehr als dreißigjähriger gemeinsamer Arbeit mit den Alpenvereinen Europas, mit einer großen Anzahl von Forschungsreisenden, Alpinisten und Bergsteigern verbinden. Meinem bescheidenen Können nach war ich immer bestrebt, unserer Sache zu dienen; in einer Zeit, in welcher der Alpinismus im Entstehen war, war ich nicht nur mit dem Pickel und der Feder, später auch mit der Camera für die Entwicklung desselben thätig, sondern ich habe auch mit Freunden in Deutschland und England, in Italien und Frankreich für dieses Ziel gemeinsam gearbeitet, und die Schweiz mit ihren Hochgipfeln und ihren großen Führern war auch für mich die klassische Schule, wo ich mich für größere Aufgaben außerhalb der Alpen vorbereitete. Niemand von allen diesen wird mir nationale Engherzigkeit vorwerfen können, und man wird mir, wie ich hoffe, das Recht um so bereitwilliger zugestehen, nicht nur diesen Angriff gegen mein Vaterland zurückzuweisen, sondern auch meine Stimme warnend zu erheben gegen das Hineintragen von gegenseitiger Mißgunst und Völkerzwist in die edlen Bestrebungen jener Alpenvereine, die das schöne Wort gesprochen haben, „ daß die Berge, welche uns trennen, uns auch vereinen ".
Budapest, März 1901.
M. von Déchy, Ehrenmitglied des C.A.F., C.A.I.
und des Siebenb. Karp. V.; Mitglied des A. C, S.A.C., D. u. Ö.A.V., Ö. A. C. etc.