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| Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)

Drittes Buch [361—363]
21. Der Feldzug gegen die Perser
Als die Perser von dem Tode des Konstantius Kunde erhielten, schöpften sie wieder Mut, erklärten den Römern den Krieg und brachen in ihr Gebiet ein. Da beschloß Julian, ein Heer zu sammeln, obwohl er keinen Beschützer desselben hatte. Er sandte nach Delphi, Delos und Dodona und zu den anderen Orakelstätten und ließ die Wahrsager fragen, ob er den Feldzug unternehmen solle. Dieselben verlangten den Kriegszug und versprachen den Sieg. Einen dieser Orakelsprüche will ich zum Beweis ihrer Lügenhaftigkeit in meine Darstellung aufnehmen. Er lautet folgendermaßen: „Jetzt eilen wir Götter alle zu tragen die Zeichen des Sieges an den Fluß Ther (= wildes Tier); ich selbst, der stürmische, kriegsgewaltige Mars, werde ihr Führer sein.” Über das Lächerliche dieser Worte mögen sich diejenigen lustig machen, die den Pythius einen wahrsagenden Gott und Führer der Musen nennen; ich aber kann, da ich dessen Lügenhaftigkeit kennen gelernt habe, den, der sich von ihm hat täuschen lassen, nur bedauern. Fluß Ther (wildes Tier) nannte er den Tigris, weil ein wildes Tier mit ihm denselben Namen hat1. Derselbe entspringt auf den Bergen Armeniens, fließt durch Assyrien und ergießt sich in den persischen Meerbusen.
Von diesen Orakelsprüchen ließ sich der Unglückselige täuschen, träumte von dem sicheren Sieg und beschäftigte sich in seinen Gedanken bereits mit dem Kampfe, den er nach dem Perserkriege gegen die Galiläer unternehmen werde. Die Christen nannte er nämlich Galiläer in dem Wahne, ihnen durch diese Bezeichnung einen Schimpf antun zu können. Er hätte aber, da er doch in den Wissenschaften wohl bewandert war, bedenken sollen, daß der gute Ruf durch den Wechsel [S. 196] des Namens am allerwenigsten geschädigt wird. Auch wenn Sokrates Kritias und Pythagoras Phalaris genannt worden wäre, so hätte ihnen diese Namensänderung keinerlei Unehre gebracht; und ebenso, wenn man den Nereus Thersites genannt hätte, so würde er deswegen die von der Natur ihm verliehene Schönheit nicht verloren haben. Allein obschon der Kaiser in diesen Dingen wohl unterrichtet war, so bedachte er doch nichts von alledem, sondern glaubte, uns durch eine auf uns keineswegs passende Bezeichnung schaden zu können, und im Vertrauen auf die verlogenen Orakelsprüche drohte er bereits, in den Kirchen die Bilder der unzüchtigen Göttin aufstellen zu wollen.
1: Der Tiger, griech. τίγρις [tigris] und ebenso lat. tigris.