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Giorgio Giugiaro – ein stilbildender Designer nicht nur für die Autobranche
Giorgio oder auch Giorgetto Giugiaro, geboren am 7. August 1938, gehört neben Giuseppe Bertone und Sergio Pininfarina zu den massgebenden Automobildesignern Italiens. Zu seinen Schöpfungen zählen aussergewöhnliche Fahrzeuge wie der Lotus Esprit und der DeLorean DMC-12 genauso wie die Massenfahrzeuge Golf I und Fiat Uno. Giugiaro war aber auch für andere Industriezweige tätig. Als Beispiel mag die Kamera F4 von Nikon dienen.
Giugiaro ist der Spross einer Künstlerfamilie. Sein Grossvater Luigi und sein Vater Mario Giugiaro waren beide Maler. Giorgio begann schon sehr früh, sich ebenfalls mit Kunst zu befassen. Während seines Kunststudiums in Turin entdeckte er seine Leidenschaft für das Gestalten und Skizzieren von Autos. Er besuchte Abendkurse für technisches Design und zeigte auf einer Ausstellung zum Jahresabschluss seines Kurses im Jahr 1955 einige seiner Arbeiten.
Dort entdeckte Dante Giacosa, zu jener Zeit der technische Dirketor von Fiat, sein Talent und engagierte ihn für den Autokonzern. Giugiaro arbeitete ein paar Jahre in der Abteilung für Designstudien von besonderen Fahrzeugen. Sei aussergewöhnliches Können führte dazu, dass er Ende 1959 Chef des „Bertone Styling Center“ wurde. Giuseppe Bertone – wir berichteten an anderer Stelle über diesen legendären Automobildesigner – förderte den jungen Giugiaro mit allen Kräften. Die Arbeit bei Bertone liess Giugiaro endgültig seinen Platz in der Designerszene in Turin finden.
Als er bei Bertone anfing, musste Giugiaro noch seinen Wehrdienst ableisten. Schon am ersten Tag wurden die Rekruten gefragt, ob ein guter Maler unter ihnen sei. Giorgio meldete sich sofort. Der Kommandant wünschte sich Porträts von seiner Ehefrau, Vater und Mutter sowie mehreren Generälen. Giugiaro bekam ein eigenes Zimmer, Zeichenmaterialien und ausreichend dienstfreie Zeit. Nebenbei setzte er seine Studien und Entwürfe für Bertone fort.
Eine weitere Anekdote ähnlicher Art lässt den humorvollen Charakter Giugiaros deutlich werden. Bertone hatte sich – ohne Erfolg – bei General Motors mit einem Entwurf für den Chevrolet Corvair Testudo beworben. Giugiaro schuf daraus später den wunderschönen Alfa Romeo Canguro. In einem Interview anlässlich seines 75. Geburtstags in 2013 amüsierte sich der Designer über den bekannten Schauspieler Peter Ustinov, der unbedingt einen Canguro haben wollte, aber letztendlich zu korpulent war, um hineinzupassen.
Bereits mit Mitte zwanzig schuf Giugiaro das Simca 1000 Coupé, wenig später sein erstes Grossserienauto, die Coupé-Variante „Sprint“ des Alfa Romeo 2000/2600. 1965 verliess er Bertone und ging zum Mitbewerber „Carrozzeria Ghia“. Dort war er verantwortlich für die Abteilung Prototypen und das Styling Center. In dieser Zeit entstanden Fahrzeuge wie der De Tomaso Mangusta und der Maserati Ghibli, die beide auf dem Turiner Autosalon ausgestellt wurden. Zudem fertigte er zahlreiche Designstudien für Ghia an: die Serienmodelle Iso Fidia (1967) und Isuzu 117 Coupé (1966), den Oldsmobile Toronado Thor (1967) und den Fiat 850 Vanessa (1960).
Trotz seines grossen Erfolgs bei Ghia drängte es Giugiaro in die berufliche Unabhängigkeit. Anfang 1967 gründete er sein eigenes Unternehmen mit dem Namen „Italy Styling“. Er arbeitete weiterhin als Freelancer für Ghia, aber das genügte ihm nicht. Er wollte mehr erreichen und neue Wege erkunden. Ziel war es, mit seinem Können und seinem Kapital eine absolut professionelle Dienstleistungsfirma für die Autoindustrie aufzubauen. Auch aus diesem Grund änderte er den Namen in „Italdesign“.
Unter dem Label „Italdesign Giugiaro“ entstanden seitdem mehr als 300 Autos, von denen mehr als 200 in die Serienfertigung gingen. Giorgio arbeitete für so ziemlich alle weltweit bekannten Hersteller und ist bis heute für Italdesign tätig, das mittlerweile sein Sohn Fabrizio leitet. Im Jahr 2010 wurden 90 Prozent der Anteile des Familienunternehmens an Volkswagen verkauft. Seit der Entstehung des Erfolgsmodells VW Golf stehen die beiden Firmen in enger Verbindung. Giugiaro arbeitete auch am Passat, am Audi 80 und am Scirocco.
Der Höhepunkt in seinem Schaffen war wohl der Bugatti EB 112. Der Wagen bieb zwar ein Einzelstück und ging niemals in Serie, aber Giugiaro betont sein Glück, dass er dieses Auto gestalten durfte. Die einzige Vorgabe war der Motor, ansonsten hatte der Designer absolut freie Hand. Und heute steht der Traumsportwagen im firmeneigenen Museum.
Im Jahr 1999 wurde Giorgio Giugiaro zum „Car Designer of the Century“ erkoren, im letzten Jahr erhielt er den Antonio-Feltrinelli-Preis, der als höchste Auszeichung für Wissenschaft und Kultur in Italien gilt. Zahlreiche Kollegen halten Giugiaro für den einflussreichsten Autodesigner des 20. Jahrhunderts.
Wie oben bereits erwähnt, arbeitete das Unternehmen „Italdesign“ aber nicht nur für die Autobranche. Die Designschmiede gestaltete u.a. zahlreiche Kameras für Nikon, die Pendolino-Züge der Firmen Fiat Ferroviaria/Alstom seit der Baureihe ETR 460, Regionaltriebzüge des Typs „Minuetto“, Uhren für Seiko und sogar Traktoren für den deutschen Landmaschinenhersteller Deutz-Fahr.
Oberstes Bild: BMW M1 im EFA-Museum. Design Karosserie Giorgio Giugiaro © Anna – wikimedia.org