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Wenn England und Kroatien am 13. Juni im Wembley gegeneinander spielen, werden viele von einer grossen Revanche sprechen. Von der Revanche des WM-Halbfinals 2018. Aber ist es eine Revanche? Nach Papierform werden in der Gruppe D beide Teams weiterkommen.
Die Revanche zwischen England und Kroatien zum WM-Halbfinal 2018, den die Kroaten 2:1 nach Verlängerung gewannen, wird nur stattfinden, wenn die beiden Mannschaften an der EM den Final gegeneinander bestreiten werden. Denn in der Gruppe D, der auch Tschechien und Schottland angehören, dürften die beiden Teams die ersten zwei Plätze belegen – egal, wer das als Revanche angepriesene Spiel gewinnt. Wenn England und Kroatien als Erster und Zweiter der Gruppe weiterkommen, würden sie erst im Final wieder aufeinandertreffen. Dann könnte es die grosse Revanche geben. Aber ob es soweit kommt?
England: Umbruch abgefedert
Es scheint, als habe das “Wembley-Tor”, das anerkannte, äusserst umstrittene Tor von Geoff Hurst zum 3:2 in der Verlängerung des WM-Finals 1966 gegen Deutschland bis heute für die Engländer einen hohen Preis. Man könnte auch von einem Fluch reden, denn seither gewannen die Erfinder des Fussballs kein grosses Turnier mehr, ja, sie standen ganz im Unterschied zu den Deutschen nicht einmal in einem Final. Wären sie ab und zu an einer Endrunde für den Triumph stark genug gewesen, scheiterten sie meistens am Pech oder am Unvermögen im Penaltyschiessen. Unter Nationalcoach Gareth Southgate haben sich die Three Lions jedoch so weit entwickelt und vor allem stabilisiert, dass sie Europameister werden könnten. Ausgezeichnete Einzelspieler und ein überzeugendes Kollektiv – die Voraussetzungen für den Durchbruch nach 55 Jahren sind gegeben.
Dabei hat England ab 2014 scheinbar unverzichtbare Spieler verloren, unter ihnen Stars wie Frank Lampard, Steven Gerrard und Wayne Rooney. Aber es war ein Umbruch, den Englands Nationalmannschaft abfedern konnte und aus dem sie sogar gestärkt hervorgegangen ist. Der Goalgetter Harry Kane ist mit 27 Jahren jetzt gerade im besten Alter. Überragende Kräfte wie Mason Mount, Phil Foden und Jadon Sancho sind im Durchschnitt weniger als 22 Jahre alt. Jude Bellingham (17) kann man auch schon zu den Ausnahmetalenten zählen, in deren Erinnerung es das frühere Scheitern Englands an grossen Turnieren und verlorene Penaltyschiessen nicht gibt. Nur Nationalcoach Gareth Southgate wird es noch nicht vergessen haben.
Die EM-Qualifikation schloss England in einer keineswegs einfachen Gruppe mit 37:6 Toren und sieben Siegen in acht Spielen ab. In der begonnenen WM-Qualifikation haben die Three Lions im gleichen Stil weitergemacht: 3 Spiele, 9 Punkte, 9:1 Tore.
Kroatien: Die Turniermannschaft
Wenn es zählt, ist Kroatien meistens da. Als Titelfavorit werden die Spieler aus dem Balkan nie genannt. Deutschland, Spanien, Frankreich, England, Italien, Portugal, der Niederlande und selbst Belgien werden nach häufig vorgefassten Meinungen immer die besseren Chancen eingeräumt. Aber wie schon an der WM in Russland kann sich der erfolgreiche Nationalcoach Zlatko Dalic auf ein starkes, recht ausgeglichenes Kader abstützen. 14 Spieler sind in Klubs der fünf grossen europäischen Ligen engagiert, die meisten von ihnen in guten Rollen.
In der Qualifikation setzten sich die Kroaten vor Wales durch und vor zwei Mannschaften, die über die Barragespiele ebenfalls an die EM kamen: Slowakei und Ungarn.
Kroatien holt aus den geringen Ressourcen von vier Millionen Menschen im Fussball enorm viel heraus. Klammert man den 1992er-Europameister Dänemark aus, ist Kroatien deutlich weniger als halb so gross wie jedes andere Land, das in den letzten 60 Jahren den Final eines grossen Turniers erreicht hat. Seit Kroatiens Unabhängigkeit fällt der Vergleich für die nach Einwohnern rund doppelt so grosse Schweiz nicht schmeichelhaft aus. Oder war die Schweiz etwa wie Kroatien in einem WM-Final (2018) und einem WM-Halbfinal (1998)? Oder in zwei EM-Viertelfinals? Oder hat die Schweiz wie Kroatien (Luka Modric) einen Weltfussballer hervorgebracht?
Schottland: Grosser Name, kleiner Erfolg
Sind Celtic Glasgow und die Glasgow Rangers wohlklingende Namen im Klubfussball, war das Abschneiden der schottischen Nationalmannschaft in den letzten Jahrzehnten beschämend schwach. Seit 1998 sind die Bravehearts in zehn Qualifikationen (WM und EM) am Stück gescheitert. Im elften Anlauf, jenem zur jetzigen EM, kamen sie bei allerletzter Gelegenheit ins Feld. Und ohne die auf 2016 vorgenommene Aufstockung auf 24 Mannschaften wären sie auch diesmal nicht dabei. Mit fünf Siegen und fünf Niederlagen wurden sie Gruppendritte. In den Barragespielen setzten sie sich sowohl gegen Israel als auch gegen Serbien via Penaltyschiessen durch. Es wäre eine Überraschung, wenn die Schotten aus dieser Gruppe als Achtelfinalisten hervorgehen sollten.
Tschechien: England ist in Reichweite
Die Zeiten von Nedved, Koller, Smicer, Berger, Baros und Rosicky sind lange vorüber. In der heutigen tschechischen Nationalmannschaft unter Trainer Jaroslav Silhavy gibt es kaum noch Spieler von grossem internationalem Renommee. Schon ab 2010 waren die Tschechen an drei WM-Turnieren in Folge nicht dabei. Das letzte Lebenszeichen an einer EM gaben sie 2012 als Viertelfinalisten von sich. Wozu sie diesmal fähig sein werden, ist offen.
Die Tschechen dürften aber eher als die Schotten in der Lage sein, England und Kroatien die ersten zwei Plätze in der Gruppe streitig zu machen. In der Qualifikation wurden die Tschechen zwar deutlich hinter England nur Zweite, sie konnten den Three Lions aber die einzige Niederlage zufügen, mit einem 2:1 in Prag. Ein weiterer Sieg gegen England wäre in den nächsten Wochen wohl der Schlüssel zum Weiterkommen. Für eine gewisse Konstanz des tschechischen Fussballs spricht immerhin, dass er seit der Eigenständigkeit des Landes ab 1996 an allen EM-Endrunden vertreten war.