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«Vazaha, Vazaha!», zwei Mädchen unterbrechen ihr Spielen in der rotbraunen Erde. Mit einem breiten Lächeln strahlen sie uns TouristInnen ins Gesicht, konkurrieren dabei der brennenden Sonne Madagaskars. Mein Vater und ich begrüssen die beiden auf Französisch und folgen unserem lokalen Guide Séraphin zum Dorfeingang. «Weisse», «Vasa», rufen sie uns noch hinterher, dann sind die Zwei aus unserer Hörweite verschwunden. Ein wildes Gemisch aus Hühnergackern, spielenden Kindern und unverständlichen Gesprächen erfüllt den kleinen Dorfplatz der Tanala. Übersetzt bedeutet ihr Name so viel wie «WaldbewohnerInnen».
Zehn winzige Lehmhütten ohne Strom- und Wasserversorgung beherbergen hier ungefähr 200 Menschen, das Leben spielt sich im Freien ab. Zwischen den Behausungen, in den Reisfeldern, Früchte- und Gewürzplantagen und in der etwa fünf Minuten entfernten Stadt Ranomafana tummeln sich die hier lebenden MadagassInnen. Ein farbenfroher Vogel fliegt pfeifend über unsere Köpfe hinweg. Séraphin verrät uns seinen Namen und fügt schmunzelnd hinzu: «Die Tiere hier können machen, was sie wollen, sie sind frei». Eine doch sehr schöne Beschreibung des Freiheitszustandes, nur: Lässt sie sich auch auf die Menschen übertragen?
Vor unseren Füssen rast ein kleiner Junge vorbei. In der Hand hält er einen Stock, mit dem er einen Metallreifen vorantreibt. Immer weiter und weiter springt er durch die «Himmel und Hölle» spielenden Kinder, Pistazien schälenden Frauen und auffliegenden Hühner, bis er hinter dem Häuschen am Ende des Dorfes verschwindet.
Wurzeln schlagen
Fünf Jahre lang dauert in Madagaskar die obligatorische Schulzeit in der École Primaire Populaire. Besucht werden müssen diese Stufen, per Gesetz, von allen Kindern. Danach ist oft Schluss. Zu teuer und häufig zu weit weg befinden sich die Sekundarschulen für Kinder, wie die der Tanala. Traurig erzählt unser Guide, wie die Bevölkerung so, zu einem gewissen Teil absichtlich, unwissend bleibe. «Dummes Volk lässt sich besser manipulieren!», lauten seine deutlichen Worte. Wir laufen weiter und folgen dem kleinen schnellen Jungen mit dem Metallreifen.
Von irgendwoher trällert Musik. Unscheinbar sitzt ein alter Mann auf den Stufen zur hintersten Hütte des Dorfes. Séraphin stellt ihn als Verantwortlicher der Vanilleplantage vor. Wir nicken uns gegenseitig zu. Der Mann, dessen Lächeln von Zahnlücken geprägt ist, spricht weder Französisch noch Englisch. Aus seinem winzigen Transistorradio singt der Amerikanische Sänger James Morrison «I won’t let you go, won’t let you go!» Lautlos stellt der alte Bauer den Radio ab und wir folgen ihm, vorbei an Reisfeldern und Rohrzuckerstengeln zu seiner Plantage.
Zweimal im Jahr pflückt er hier die Vanilleschoten und verkauft sie in der nahegelegenen Stadt Ranomafana. Den Rest des Jahres verbringt er mit der Pflege seines Anbaus. Auf Malagassi erklärt der Mann seine Arbeit, während Séraphin fleissig übersetzt. Sein botanisches Wissen ist vielfältig, doch die Welt ausserhalb der benachbarten Stadt kennt der Bauer wahrscheinlich kaum. Dies ist nicht allein sein Verschulden, denn das Reisen in seinem eigenen Land ist schwierig.
Auf den zerlöcherten Nationalstrassen Madagaskars begegnet man vor allem einem Transportmittel: den Taxi-Brousses. Vollgestopfte, zwanzig-plätzige Kleinbusse, mit gefährlich viel Gepäck auf dem Dach, verbinden sie als einziges öffentliches Verkehrsmittel die Städte. Ihre Fahrten sind stickig, holprig und für viele Einheimische zu teuer. Eine sehr umständliche Alternative bietet das Reisen mit dem Zug. Vier Bahnlinien erstrecken sich über die riesige Insel. Nur zwei werden für den Personentransport genutzt und tuckern mit einer Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h übers Land. Es braucht keine zeitaufwendige Plantage, dass die MadagassInnen an ihren Geburtsort festgeankert bleiben.
Zu welchem Preis?
Zurück im Dorf spenden uns hohe Früchtebäume den dringend benötigten Schatten. In ihren Kronen raschelt es, zwischen den dicken Ästen baumeln Kinderbeine runter, am Stamm klettert ein weiteres Mädchen nach oben. Ein Schauspiel, welches viele Eltern in der Schweiz nie dulden würden. Die Erwachsenen dieses Zweihundert–Seelen-Dorfes befassen sich jedoch mit anderen Problemen. Sie kochen auf dem selbstgebauten Steinofen Essen, legen Nüsse zum Trocknen in die Sonne oder waschen in dem kleinen Dorffluss ihre farbenfrohen Kleider.
Die wenigsten der Tanala haben einen festen Beruf. Die landwirtschaftlichen Arbeiten, die Erziehung der Kinder, all diese Pflichten sollten getätigt werden, doch folgen sie in keinem strikten Ablauf. Ja, die Menschen hier leben frei oder zumindest freier, als in der Schweiz. Aber sie leben in einer Freiheit voller Einschränkungen: bei der Bildung, bei der Mobilität, bei der Erweiterung des eigenen Horizontes. Die Freiheit innerhalb der gesetzlichen Einschränkungen und gesellschaftlichen Erwartungen, die in der Schweiz herrschen, scheint im Vergleich unersetzlich zu sein.
Ob den Tanala unser geregeltes, strukturierteres und privateres Leben mehr entspräche, lässt sich nur erahnen und in meinen Augen klar verneinen. Als mein Vater und ich das Dorf verlassen, sitzen die beiden Mädchen, die uns bereits am Anfang begrüssten, noch immer am Boden. Und noch ein letztes Mal, bevor sich unsere Wege und unterschiedlichen Welten trennen, rufen sie uns grinsend zu: «Vazaha, donnez des Bonbons!»