Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03340.jsonl.gz/1110

Der Tulpenwahn – ein Lehrstück der Börsengeschichte
Wer meint, Börsencrashs seien eine Erscheinung der modernen Industrie- und Handelsgesellschaft, der irrt. Schon vor Jahrhunderten kam es zu spektakulären Spekulationsblasen mit anschliessendem Crash. Der erste, gut dokumentierte Börsenkrach dieser Art ist der sogenannte Tulpenwahn in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts.
Die Tulpomanie – so eine andere Bezeichnung – zeigt Muster, die bis heute bei Börsenentwicklungen zu beobachten sind. Einige der Umstände dieses historischen Crashs erinnern nur allzu sehr an heutige Ereignisse.
Die Niederlande im Goldenen Zeitalter
Die Tulpenspekulation fiel in das sogenannte „Goldene Zeitalter“ der Niederlande. So wird eine rund hundert Jahre dauernde wirtschaftliche und kulturelle Blüte bezeichnet, die die Holländer zu den wohlhabendsten Europäern ihrer Zeit machten. Das Goldene Zeitalter umfasst ziemlich genau das 17. Jahrhundert. Es war die Ära der Niederländischen Ostindien-Kompagnie, der Erschliessung neuer Handelsrouten in Fernost und der ersten niederländischen Unabhängigkeit. Auch im Finanzsystem zeigten sich die Niederländer besonders fortschrittlich. Die Gründung der Amsterdamer Wechselbank im Jahre 1609 markiert die Errichtung der ersten Zentralbank im modernen Sinne. Nur zwei Jahre später folgte mit der Schaffung der Amsterdamer Warenbörse die erste richtige Waren- und Wertpapierbörse der Welt.
Der internationale Seehandel – wenn man so will ein früher Ausdruck der Globalisierung – brachte dem Land grossen Gewinn. Hollands Kaufleute waren wagemutig und risikofreudig. Kredit war leicht zu haben. Die Amsterdamer Wechselbank betrieb – so würde man heute sagen – eine Politik des lockeren Geldes. Möglich wurde das u.a. durch die Kaperung der spanischen Silberflotte, die grosse Silbermengen ins Land spülte. In dieser optimistischen Stimmungslage und unter äusserst günstigen ökonomischen Rahmenbedingungen gedieh die Spekulation um die Tulpen.
Eine Rarität wird gehandelt
Ursprünglich waren die Tulpen etwas für Liebhaber und Sammler ausgefallener Raritäten gewesen. Aus Persien stammend fand die Tulpe über das Osmanische Reich und die Kaiserstadt Wien den Weg in die Niederlande. Der flämische Hofbotaniker des Kaisers, Carolus Clusius, brachte die Tulpenzwiebeln mit in seine Heimat, als er 1593 zum Professor in Leiden berufen wurde. Dort fand sich schnell ein Kreis von Liebhabern, die sich für die exotische Blume begeisterten. Diese Liebhaber-Gesellschaft war ein exklusiver Club von Bildungsbürgern, die sich um die weitere Pflege und Kultivierung der Tulpe kümmerten. Immer mehr Sorten entstanden. Einen Handel gab es zunächst nicht, die Liebhaber tauschten ihre besten Stücke gegenseitig.
Doch allmählich wuchs das Interesse über diesen beschränkten Kreis hinaus. Es kam zur gewerbsmässigen Zucht von Tulpen, die Sortenvielfalt nahm ständig zu. Auch der Normalbürger fand Gefallen an dem exotischen Gewächs. Tulpen wurden ein allgemein begehrtes und damit knappes Gut. Wo es Angebot und Nachfrage gibt, entsteht automatisch ein Markt. Damit waren die Voraussetzungen für den Handel gegeben. Er entwickelte sich in den ersten beiden Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts aus kleinen Anfängen. Gehandelt wurden Tulpenzwiebeln, die nach der Pflanzzeit im Sommer gerodet wurden. Sie konnten dann im kommenden Frühjahr zu neuer Blüte gebracht werden. Handelsplätze waren oft Gaststätten in der Umgebung der Tulpenfelder. Dieser Kassahandel war zunächst auf die kurze Zeit der Rodung beschränkt.
Spekulationen und Derivat-Geschäfte
Bald zeigte sich, dass das allein nicht mehr genügte. Die starke Nachfrage erforderte längere Handelszeiten. Also begann man auch ausserhalb der Rodungszeit zu handeln, wenn die Zwiebeln noch in der Erde steckten. Das war der Beginn des Terminhandels. Tulpenzwiebeln wurden bereits zum Gegenwartszeitpunkt ge- oder verkauft, aber erst später geliefert. Da niemand wirklich sagen konnte, wie die noch in der Erde steckenden Tulpenzwiebeln aussehen würden, war das Geschäft risikobehaftet. Tulpenkataloge – sogenannte Tulpenbücher – sollten den Handelsakteuren einen besseren Eindruck und ein sichereres Gefühl verschaffen. Dennoch wurde nicht selten betrogen, und manches aus einer Zwiebel spriessende Gewächs erwies sich als alles andere als eine Tulpen-Rarität.
Richtig in Fahrt kam der Tulpenhandel aber erst mit dem Auftreten von Spekulanten. Ihnen ging es gar nicht um die Tulpe an sich. Sie wollten alleine an dem Handel durch Gewinne profitieren. Durch diesen Händlertypus wurden neue Handelsinstrumente eingeführt. Dazu gehörten Leerverkäufe – es wurden Zwiebeln verkauft, die dem Verkäufer gar nicht gehörten – und Optionsscheine – verbriefte Rechte auf künftigen Bezug von Tulpenzwiebeln zu einem vereinbarten Preis. Auch Lieferpflichten für Tulpenzwiebeln wurden weiterverhandelt. Der moderne Derivatehandel fand in diesen Instrumenten seine Vorläufer. In der damaligen Zeit sprach man vom sogenannten Windhandel.
Ein Börsen-Hype mit anschliessendem Crash
Wann die Tulpenpreise genau anzogen, lässt sich heute nicht mehr ermitteln. Fest steht, dass die Preise spätestens ab Beginn der 1620er Jahre deutlich stiegen. Ab dieser Zeit engagierten sich auch immer mehr Privatleute in dem vermeintlich lukrativen Geschäft. Über Jahre kannten die Kurse nur den Weg nach oben. Dabei gab es regelrechte Kurszettel, auf denen die gehandelten Sorten mit ihren Preisen gelistet waren. Gängige und weitverbreitete Tulpensorten wurden dabei günstiger gehandelt, als seltene Varianten. Auch hier wirkten die Gesetze des Marktes. Bekannt ist die Preisentwicklung der teuersten Tulpe aller Zeiten, der „Semper Augustus“. Die „Immer Erhabene“ – so die deutsche Übersetzung – war eine Tulpe mit rot-weisser Musterung, die ihr charakteristisches Aussehen einer Viruserkrankung verdankte. Das behinderte ihre Wertschätzung nicht. Schon 1623 wurden für eine Zwiebel 1.000 Gulden gezahlt, ein Jahr später waren es schon 1.200 Gulden, 1633 5.500 Gulden und auf dem Höhepunkt des Tulpenwahns 1637 bot man astronomische 30.000 Gulden.
Aus immer noch nicht ganz geklärten Gründen kam es um die Jahreswende 1636/1637 zu einem plötzlichen dramatischen Preisanstieg. Innerhalb weniger Wochen vervielfachte sich der Preis vor allem der rareren Sorten. Es war eine typische Blasenbildung, bei der immer mehr Marktakteure auf einen fahrenden Zug aufspringen – stets in der Erwartung eines schnellen Gewinns. Der Höhepunkt der Hausse wurde am 5. Februar 1637 bei einer Versteigerung in Alkmaar in Nordholland erreicht. Die dort erzielten Preise sollte es nie wieder geben. Bereits zwei Tage zuvor hatte der Markt im vor den Toren Amsterdams gelegenen Haarlem geschwächelt. Alle dort gehandelten Tulpen blieben unter den Preiserwartungen. Dies wirkte als Initialzündung für einen allgemeinen Preisverfall. Der Handel kollabierte im ganzen Land. Der Tulpenwahn brach in dem Augenblick zusammen, als sich die Hoffnungen zerschlugen, die Tulpen zu noch höheren Preisen weiterverkaufen zu können.
Forschungsstoff für heute
Der Kurssturz betrug bei einigen Sorten mehr als 95 Prozent und mancher Händler sah sich plötzlich vor dem finanziellen Aus. Auch damals betrieb man schon Krisenmanagement. Es wurde an Lösungen gebastelt, um gegen Zahlung von Bussgeldern aus bestehenden Kontrakten aussteigen zu können. Auch über schlichte Vertragsannullierungen wurde nachgedacht. Schliesslich gingen die einzelnen Städte bzw. Handelsplätze unterschiedliche Wege. Alles in Allem kamen die Niederlande glimpflich aus dem Crash. Der grosse Wohlstand und die nach wie vor fliessenden Gewinne aus dem Seehandel liessen die Verluste verkraftbar erscheinen. Die Niederlande blieben das Land der Tulpen. Das verhinderte den Ruin Einzelner nicht.
Als Muster für den Ablauf einer Spekulationsblase und deren Zusammenbruch bietet der Tulpenwahn bis heute Forschungsstoff. Erst im Zusammenhang mit der Finanzkrise wurde er wieder stärker wahrgenommen. Manche Parallele lässt sich zu den Ereignissen der Jahre 2007/2008 ziehen. Weitere Beispiele dürften in Zukunft noch folgen.
Oberstes Bild: © Elnur – shutterstock.com