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Wer ist Tom Cruise?
«Top Gun: Maverick» ist ein Symbol dafür, wie die Filmfabrik gegen Publikumsschwund ankommen will: mit allen möglichen Fortsetzungen von Klassikern. Es werden sogar Tote wiederbelebt.
Die Bomberjacke. Die Pilotenbrille. Maverick und Iceman – «Top Gun», der Actionfilm von Tony Scott, war der Blockbuster im Sommer 1986. Heute ist er ein Klassiker. Und auch wer den Film nie gesehen hat, kennt sehr wahrscheinlich Szenen daraus. Oder den Soundtrack: «Take My Breath Away». Oder ikonische Bilder von Tom Cruise als Pete «Maverick» Mitchell. Die Rolle machte ihn endgültig zum Superstar.
Dieser Maverick gehört einer Truppe Kampfflieger in Ausbildung an. Er will beweisen, dass er der Beste ist von allen (also «Top Gun»), auf jeden Fall besser als Iceman (Val Kilmer). Nebenbei verliebt er sich in seine Ausbildnerin Charlotte (Kelly McGillis) und leidet nach einem tödlichen Unfall seines besten Freundes Goose an Gewissensbissen.
So simpel die Handlung auch ist, «Top Gun» gehört zu den bedeutendsten Filmen Hollywoods – weil er sein Publikum stark beeinflusst und geprägt hat. Zuschauer wollten sein wie Maverick und Iceman: Männer mit Kampfgeist und Muskeln, erfolgreich bei den Frauen und mit rebellischem Geist. Die Verkaufszahlen von Bomberjacken und Ray-Ban-Pilotenbrillen stiegen an. Die US-Navy verzeichnete 500 Prozent mehr Anmeldungen als üblich. «Top Gun» war die Medizin gegen das Gefühl der Schwäche, das sich nach dem Vietnamkrieg in den USA breitgemacht hatte. Es ist der Film der Reagan-Ära, als Amerika wieder erwachen sollte. Patriotismus lag wieder im Trend, der Film liess träumen von wehrhaften und potenten United States.
Totale Orientierungslosigkeit
Übernächste Woche kommt nun nach 36 Jahren die Fortsetzung «Top Gun: Maverick» ins Kino. Mit drei Jahren Verspätung und nach sechsmaliger Verschiebung. In dieser Zeit hat sich die Realität, auf welche der Film nun trifft, der Fiktion von 1986 auf unheimliche Weise angeglichen: Patriotismus und Nationalismus sind erstarkt, die Welt rüstet auf, Russland ist wieder zum realen Feind geworden, vor dem uns tapfere Krieger wie Maverick und Iceman bitte beschützen sollen.
Dass die Fortsetzung auf diese Realität trifft, ist Zufall. Nicht aber, dass es diese Fortsetzung gibt. Denn «Top Gun: Maverick» ist auch ein Symptom für den Zustand, in dem das US-Mainstreamkino seit über zehn Jahren feststeckt: die totale Kreativitätskrise angesichts der extremen Konkurrenz durch die digitale Revolution. Und das Rezept dagegen lautet: dem vor lauter Überangebot an Filmen und Serien orientierungslos gewordenen Publikum mehr vom Gleichen servieren.
Man kennt es ja selbst: Statt noch länger durchs Netflix-Angebot zu scrollen, klickt man etwas an, von dem man weiss, was einen erwartet. Auch die Eintrittszahlen der Kinos belegen das: Das Publikum strömt in Millionen herbei, wenn keine Überraschungen drohen. Zurzeit bricht die Fortsetzung von «Dr. Strange» Rekorde, der 28. Film von Marvel. In der Schweiz sind die beliebtesten Filme von 2021 und auch jene im laufenden Jahr fast ausschliesslich Sequels, Prequels, Remakes, entweder von Filmen oder von Games.
Zu den zahllosen Vor-, Folge- und Nebengeschichten von Superhelden gesellen sich jetzt mehr und mehr Remakes von Klassikern, manche als Film, andere als Serien. Hollywood hat Remakes schon immer geliebt und Geld damit verdient, aber sie waren nicht so dominant. In den letzten Monaten erschienen Neuverfilmungen etwa von «Dune», «The West Side Story» oder «Death on the Nile». «The Man Who Fell to Earth» ist jetzt eine Serie, bald auch «True Lies». Ausserdem werden die Klassiker «This Is Spinal Tap» und «Dirty Dancing» neu verfilmt. Jennifer Grey werde wieder Baby spielen und der verstorbene Patrick Swayze «in irgendeiner Form» im Film vorkommen, heisst es. Die Produktionsfirma stehe mit seiner Familie in Kontakt.
Ob sie ihn als computergenerierten Johnny wiederauferstehen lassen? Hollywood hat wenig Respekt vor seinen Toten. Für den Vietnam-Actionfilm «Finding Jack» soll James Dean digital wiederbelebt werden, so wie zuvor bereits Peter Cushing und Carrie Fisher für «Star Wars». Mark Hamill, Darsteller von Luke Skywalker, sagte einmal in einem Interview, seine Kinder würden jetzt schon Scherze darüber machen, «ob sie nach meinem Tod Lizenzen unterschreiben sollen, damit man mich als Computeranimation wiederbelebt». Robin Williams verfügte vor seinem Tod, dass genau das nicht mit ihm passieren dürfe.
Wenn nicht Tote wiederbelebt werden, dann werden Lebende verjüngt für Flashback-Szenen. Etwa Arnold Schwarzenegger in «Terminator: Genisys» oder Sean Young in «Blade Runner 2049». Die Firma Worldwide XR besitzt die Rechte am digitalen Nachleben von 400 toten Berühmtheiten, darunter Burt Reynolds, Malcolm X, Josephine Baker, Chuck Berry und Neil Armstrong.
Auf dem Recyclinghof
Noch lässt sich viel Geld verdienen mit der Reproduktion von Altbekanntem. Aber auf lange Sicht dürfte sich die Industrie mit dieser Strategie, die an einen Recyclinghof denken lässt, selber schaden. Gerade jetzt, wo die Branche sich im Umbruch befindet, ist es riskant, so wenig auf Kreativität und Originalität zu setzen. Wer dreht die Klassiker von morgen, die sich übermorgen neu vermarkten lassen?
Mit seinem Retrofieber hindert sich Hollywood am Fortschritt, an seiner Neuerfindung, die umso notwendiger wurde, seit sich der chinesische Markt den USA gegenüber zu verschliessen beginnt. Das Mainstreamkino braucht neues Publikum. Dieses versucht die Industrie mit mehr Diversität zu gewinnen, die aber nur eine oberflächliche ist, weil sie sich oft darauf beschränkt, Figuren in Klassiker-Remakes mit nichtweissen Schauspielern zu besetzen. So lässt man einfach jene, die damals im Kino keinen Platz hatten, das alte Spiel mitspielen. Streaminganbieter bieten mehr kreative Entfaltungsmöglichkeiten: Hier werden neue Geschichten über andere Lebenserfahrungen erzählt statt noch einmal jene von Baby und Maverick. Wenn auch das Mainstreamkino mal so eine neue Perspektive wagt, zeugen die Eintrittszahlen davon, wie hoch die Nachfrage nach solchen Stoffen ist.
Aber das Risiko bleibt. Und unter so grossem wirtschaftlichem Druck scheuen die Studios dieses. Also lieber nochmals «Top Gun». Das nostalgische Zielpublikum wird die Tickets kaufen, während seine Töchter und Söhne fragen: Wer ist eigentlich Tom Cruise?
(Zuerst erschienen am 15. Mai 2022 in der «NZZ am Sonntag». Bild: DC)