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Gesprächsanalyse
Wenn im schulischen Kontext von Sprache die Rede ist, denkt man zumeist an geschriebene Sprache. Doch Sprache ist zuallererst und in den meisten Fällen gesprochene Sprache. Gesprochene Sprache zu erforschen, ist aber schwieriger, als geschriebene Sprache zu erforschen, weil sie Sprache erst in einer Form vorliegen muss, in der sie untersucht werden kann. Die Erfindung der Tonbandtechnik war Voraussetzung dafür, dass so etwas wie eine Gesprächslinguistik überhaupt entstehen konnte.
In dieser Unterrichtseinheit erforschen wir empirisch Gespräche, die wir selber führen und aufzeichnen. Das Ziel ist, ganz grob gesagt, besser zu verstehen, wie Gespräche funktionieren.
Drei Arten von Äußerungen
Notiert man eins zu eins, was in einem Gespräch gesagt wird, ist das Notierte oft schwer zu verstehen: Sätze sind unvollständig und brechen ab, Verstöße gegen die Grammatik sind häufig, es gibt zahlreiche Wiederholungen … Trotzdem war das Gesagte seinem Zuhörer oder seiner Zuhörerin verständlich. Denn in einem Gespräch fließen mehr Informationen als die, die in den Wörtern liegen: Neben verbalen Äußerungen (die Wörter) gibt es paraverbale Äußerungen (der Tonfall, die Lautstärke, die Geschwindigkeit des Gesagten; Laute, die keine Wörter sind) und nonverbale Äußerungen (Mimik, Gestik, Körperhaltung). Die Äußerungen können sich ergänzen, aber auch widersprechen.
Gespräche als Kooperation
Die Gesprächslinguistik erforscht, wie Gespräche funktionieren. Ein Gespräch ist Kooperation: Sprecher/innen und Zuhörer/innen arbeiten zusammen, damit Verständnis entsteht. Wer spricht, empfängt gleichzeitig ständig Rückmeldungen und reagiert darauf, meist unbewusst. Zusammenarbeit auf der Mikroebene ist nötig, damit Sprecherwechsel funktionieren und nicht alle Beteiligten wild durcheinander sprechen – hier geht es um Sekundenbruchteile. Zusammenarbeit auf der Markroebene findet statt, wenn die an einem Gespräch Beteiligten den Gesprächsverlauf gemeinsam konstruieren, wobei oft komplexe Dramaturgien entstehen.
Vier Ebenen der Äußerungen
Der Kommunikationsforscher Friedemann Schulz von Thun hat vier Ebenen sprachlicher Äußerungen unterschieden: Die Sachebene (Was wird über eine Sache gesagt?), die Beziehungsebene (Wie wird Beziehung hergestellt?), die Ebene der Selbstkundgabe (Was sagt jemand über sich selbst aus?) und die Appellebene (Was will jemand von seinem Gegenüber?). Alle vier Ebenen können in einer Gesprächsanalyse untersucht werden.
Das Arbeitsmaterial
Eine Gesprächsanalyse arbeitet mit Videoaufzeichnungen und Transkripten. Ein Transkript verschriftlicht das Gespräch; mit dem Transkript lässt sich oft leichter arbeiten als mit einem Video. Das Transkript hält dien verbale und möglichst viel von den paraverbalen und nonverbalen Äußerungen fest. Ein Transkript herzustellen, ist aufwendige Arbeit, gewisse Gesprächspassagen muss man sich sehr oft anhören, um alles genau mitzubekommen. Indem man transkribiert, wird man aber bereits auf Eigenheiten des Gesprächs aufmerksam.
Gesprächsanalytisches Transktiptionssystem (GAT)
Die Gesprächslinguistik hat für die Transkriptionen ein ausgeklügeltes System entwickelt, das Gesprächsanalytische Transktiptionssystem (GAT). Wir verwenden für unseren Zweck eine vereinfachte Form des GAT.
Zur Einstimmung: verliebtes Geplauder
Hanna und Charles sind frisch verliebt. Sie erzählen einem Radiomoderator, wie sie sich kennengelernt haben (aus: «Wo die Liebe hinfällt», Hörpunkt, Radio SRF2, 2. August 2018). Hören Sie sich die ersten 30 Sekunden dieses Gesprächs an. Was sagen die beiden eigentlich? Wie sagen sie es? Könnte man da, was sie sagen, aufschreiben – und wie käme das raus?
Gesprächsanalyse: unsere Forschungsanlage
Arrangieren Sie in Gruppen Gespräche und zeichnen Sie sie mit der Handykamera auf. Erstellen Sie vom ganzen Gespräch ein Grobprotokoll und von einem besonders interessanten, einminütigen Ausschnitt eine Transkription. Die Anleitung finden Sie hier. Verwenden Sie für die Transkription diese Maquette (Format .odt / Format .docx).
Was Sie interessant finden, entscheiden Sie: Stellen Sie eine Forschungsfrage an das von Ihnen aufgezeichnete Gespräch!
Auf die Gruppenarbeit lassen wir Data Sessions folgen: Jede Gruppe präsentiert ihren Gesprächsausschnitt und ihre Analyseergebnisse der Gesamtklasse. Wichtig: Die Data Session ist kein Vortrag! Getrauen Sie sich, offene Fragen und Vermutungen (Hypothesen) zu nennen. Im Gespräch mit der gesamten Klasse suchen wir nach Antworten auf Ihre Fragen und diskutieren, ob Ihre Vermutungen plausibel sind oder ob es andere Interpretationen gibt! Im Plenum können auch neue Fragen auftauchen.
Alltagserzählen
«Erzählung» ist die Bezeichnung einer literarischen Gattung. Aber erzählen ist etwas, was wir vor allem im Alltag tun. Ganz ohne literarische Absichten, spontan und ungeplant – aber nicht ohne literarische Strategien. Der 83-jährige Schriftsteller Peter Bichsel, Meister der kleinen und alltäglichen Erzählung, sagt: Das ist Literatur! (hier in einem Interview mit der Literaturkritikerin Sieglinde Geisel, Republik vom 10. Mai 2018)
Republik: Warum brauchen wir Geschichten?
Bichsel: Weil wir uns unser Leben erzählen müssen. Ich bin überzeugt, dass Menschen, die in Notsituationen geraten, diese nur überstehen, indem sie beginnen, sich die Situation selbst zu erzählen. Wer in einer Gletscherspalte hängt, stellt sich vor, wie er in seine Stammkneipe kommt und sagt: «Ihr glaubt es nicht, aber vor sieben Tagen habe ich noch in einer Gletscherspalte gehangen!» Wenn Literatur einen sozialen Auftrag hat, dann diesen: das Leben erzählbar zu machen.
Der Psychologe Viktor Frankl hat dieses Prinzip genutzt, um Auschwitz zu überstehen. Die Häftlinge wurden jeden Tag zum Arbeitseinsatz in den Wald getrieben, frierend und hungrig. Er stellte sich vor, wie er nach seiner Befreiung in einer Vorlesung davon erzählen würde.
Ich glaube, Erzählen ist lebensnotwendig. Als Journalist würde ich das Sportressort wählen. Über Fussball kann man nicht berichten, Fussball muss man erzählen. Man geht in die Beiz, und dann heisst es: «Hast du das gesehen? Der Doppelpass, und wie der Ball dann am Torpfosten abgeprallt ist! Und dann – mit Kopfschuss in die linke Ecke!» Sie erzählen einander eine Stunde lang das Gleiche. Das ist Literatur. (…)
Warum gibt es so viele Menschen, die nicht lesen?
(…) Leser sind eine kleine Sekte. Ein Leser ist einer, der hingeht, wenn er auf der anderen Seite der Strasse im Schaufenster einen kleinen Zettel kleben sieht, und diesen Zettel liest. (…) Und dann steht drauf: «Heute geschlossen.» Der schönste Zettel, den ich auf diese Weise gelesen habe, hing in Solothurn an der Tür eines Teppichhändlers, der hiess Held. «Bin beim Blutspenden, Held.»
Das ist schon eine ganze Geschichte, in einem einzigen Satz.
Eben. Die Suche nach einer Geschichte zwingt mich, über die Strasse zu gehen und diesen Zettel zu lesen. So ein Zettel könnte eine Geschichte sein. (…)
—> Beachten Sie: Die Interviewerin spricht von einem Auschwitzüberlebenden, Bichsel antwortet mit einer Geschichte über Fußball. Ist das zynisch?
Lernziele
- Schüler*innen werden sich der Komplexität mündlicher Kommunikation bewusst
- Schüler*innen üben Interpretation verbaler wie nonverbaler Äußerungen
- Schüler*innen über präzises Zuhören und Beobachten sowie genaues Arbeiten in der Transkriptionsübung
- Schüler*innen sammeln Erfahrungen mit einem eigenen empirischen Forschungsprojekt