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Der Grosse Rat des Kantons Neuenburg verabschiedete 2006 eine überparteiliche Motion, welche vom Staatsrat – der Exekutive des Kantons Neuenburg – verlangte, verschiedene Wege zur Unterstützung der Berufslehre zu prüfen.[1] Als Antwort darauf legte dieser im September 2011 einen umfangreichen Bericht zur Zukunft der Berufsbildung vor.[2] Innerhalb von acht Jahren soll die Zahl der Schulabgängerinnen und -abgänger, welche sich für eine Berufsausbildung entscheiden, von 58% auf 68% (bei einem schweizerischen Durchschnitt von 72%) gesteigert werden. Der Anteil der Lehre im dualen System soll von 57% auf 80% (Durchschnitt Schweiz: 88%) steigen. Gemäss Schätzungen zum Zeitpunkt des Erstellens des Berichts sollten 400 zusätzliche Lehrstellen genügen, um die gesetzten Ziele zu erreichen.
Der Bericht ging aus der konzertierten Arbeit einer Steuerungsgruppe hervor, die von Monika Maire-Hefti, Chefin des Département de l’éducation et de la famille (DEF), präsidiert wurde. Die Steuerungsgruppe, welcher alle Partner der Berufsbildung angehörten, befasste sich mit folgenden Themen:
- Unterstützung der Unternehmen und Qualität der Lehre;
- Schaffung von Lehrstellen in Betrieben;
- Informationen für Jugendlichen, Ausbildner und Eltern;
- Dualisierung der technischen Berufe;
- Die «Stadt der Berufe» (Cité des Métiers).
Unterstützung der Unternehmen und Qualität der Lehre
Die Unternehmen profitieren von der Unterstützung von Berufsbildungsberatenden. Deren Aufgabe ist es, die Organisation und die administrative Arbeit der Ausbildner zu erleichtern. Sie tragen zur Verbesserung der Ausbildung in den Betrieben bei und suchen Lösungen für gewisse Auszubildende. Ihre Präsenz vor Ort sowie ihre Kompetenzen sollen verstärkt werden.
Lehrstellenentwicklung und -förderung
Wenn die Ziele des Staatsrats einmal erreicht sind, wird es darum gehen, das Reservoir an Ausbildungsplätzen zu halten. Einige Unternehmen stellen ihre Ausbildungstätigkeit ein oder verschwinden, während andere neu entstehen oder neu Lehrstellen anbieten. Diese Fluktuationen sind aufmerksam zu verfolgen. Sowohl die Unternehmen wie auch die Verbände sind einzubeziehen. Organisierte Treffen erleichtern das Knüpfen von Kontakten. Von den Beziehungen, die sich daraus ergeben können, werden letztlich alle Beteiligten profitieren.
Jugendliche und Erziehungsberechtigte im Fokus
Um die verstärkenden Massnahmen von den neu zu ergreifenden abzugrenzen, wurden drei Zielgruppen identifiziert: die Eltern, die (zukünftigen) Ausbildner sowie die Schülerinnen und Schüler. Die Analyse zeigt, dass die Massnahmen vermehrt auf die Eltern auszurichten sind, zumal bis dahin wenig zu deren Gunsten unternommen worden ist. Dennoch spielen sie bei der Orientierung und der Berufswahl ihrer Kinder eine wichtige Rolle. Aus kulturellen oder sprachlichen Gründen kennen einige Eltern das schweizerische Bildungssystem nur schlecht. Deshalb erweist es sich als notwendig, an der Quelle anzusetzen.
Dualisierung der technischen Berufe
Die technischen Branchen stellen die Stärke des Kantons Neuenburg dar. Die Ziele des Staatsrates haben zu grundsätzlichen Überlegungen in diesen Branchen geführt, für die ein grosses Angebot an Ausbildungen mit Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ) an Vollzeitschulen im Kanton besteht. Je nach Branche werden folgende Dualisierungsstrategien verfolgt:
- Uhrmacherei, Mikrotechnik: In Anbetracht der Branchencharakteristika scheint die durchgängige Dualisierung der EFZ-Ausbildungen dieser Berufe (ausser Berufsmatura) möglich, und zwar sowohl auf traditionellem Weg (mit/ohne internem Lehrzentrum) als auch im externen Lehrzentrum oder im Unternehmen.
- Mechanik: Trotz bedeutender Ausbildungskosten für die Unternehmen in den ersten zwei Lehrjahren scheint auch hier eine vollständige Dualisierung machbar, dies unter den gleichen Bedingungen wie in der Uhrmacherei und Mikrotechnik.
- Elektronik, Informatik: Traditionelle EFZ-Ausbildungen eignen sich für diesen Bereich eher nicht. Es drängt sich auf, die Ausbildungen vollständig zu dualisieren. Als ideale Lösung könnte eine flexible Partnerschaft zwischen Berufsschule (erstes und zweites Lehrjahr) und Unternehmen (drittes und viertes Lehrjahr) infrage kommen.
Der Übergang mit der Reduktion der Studienplätze in den Berufsschulen und der Erhöhung der Anzahl Lehrstellen muss während der gesamten Dauer des Projekts sorgfältig orchestriert werden. Generell lässt sich mit allen vorgeschlagenen Massnahmen die Anzahl Lernender im dualen System praktisch verdreifachen (von 21% auf 61%). Die verfolgte Strategie, die eine deutliche Steigerung des Anteils dualer Ausbildungen in den technischen Berufen zum Ziel hat, bedingt aber ein verstärktes Engagement der Unternehmen. Zu diesem Zweck soll ein Anreizmodell geschaffen werden.
Eine «Stadt der Berufe»
Das Konzept der Cité des Métiers ist international bereits bekannt. Sein vorrangiges Ziel ist es, die verschiedenen Partner an einem realen oder virtuellen Ort zu vereinen und so der Berufsbildung neue Impulse zu geben. Als zentrale Anlaufstelle (Guichet unique) ist die Cité des Métiers ganz auf die Bedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer und deren Betreuung ausgerichtet. Das neue Konzept beruht auf der Vielfalt der Ansichten und Ansätze sowie der Interaktion zwischen den erteilten Auskünften und den verfügbaren Ressourcen. Der dem Publikum gewidmete Ort soll ein besseres Eingehen auf die Anliegen der Benutzenden ermöglichen sowie massgeschneiderte Auskünfte liefern. Zum Angebot gehört auch eine geeignete Dokumentation und der Zugang zu wichtigen Informationen bezüglich Ausbildung, Arbeitsmarkt und anderen Themen.
Zwischenbilanz
Im Bereich der dualen Lehre betrug die Anzahl der neuen Auszubildenden im Jahr 2013 1309 gegenüber 1269 im Vorjahr. Das ist ein Wachstum von 3,2%. Demgegenüber verzeichnete der Bereich der Vollzeitschule ein Minus von 9% (1150 gegenüber 1264). Die Tendenz, die sich aus diesen Zahlen ablesen lässt, ist ganz im Sinne des Staatsrates: die Mehrkosten des postobligatorischen Bildungssystems im Kanton Neuenburg zu reduzieren, die mit dem zu grossen Anteil von Lehrgängen an Vollzeitschulen einhergehen. Das Ziel ist letztlich, auf ein Kostenniveau zu kommen, das dem der Mehrheit der Schweizer Kantone in etwa entspricht.
Das finanzielle Ziel ist wichtig. Die Neuenburger Regierung möchte aber vor allem den Jungen die Chance geben, eine Qualitätsausbildung zu absolvieren. Denn dies ermöglicht es ihnen, sich rasch in den Arbeitsmarkt zu integrieren, die Arbeitsmarktfähigkeit zu erhöhen oder höhere Studien in Angriff zu nehmen.
Auch wenn die erste Bilanz positiv ausfällt, sind wesentliche Anstrengungen nötig, um die Berufsbildung bei den Unternehmen und den Jugendlichen noch beliebter zu machen. Die Partnerschaft zwischen dem Staat und den Wirtschaftskreisen hat sich als fruchtbar erwiesen und soll entsprechend weitergeführt werden. Dank ihr lassen sich die ambitionierten Ziele erreichen, welche sich die Neuenburger Regierung im Bereich der Berufsbildung gesteckt hat.
- Motion: Pour des places d’apprentissage accessibles.
- Der Bericht enthält einen detaillierten Aktionsplan mit ehrgeizigen Zielen. Der Bericht (Referenz 11.047) ist im Internet unter http://edudoc.ch/record/103628/files/11047_CE.pdf zu finden. Medienmitteilung: www.ne.ch > Médias > Communiqués de presse > Archives > 2012 > 16.01.2012: «Concrétisation du plan d’actions pour l’avenir de la formation professionnelle. Vers un partenariat public-privé au service de la formation».