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Die Autorin Rike Drust beschreibt in ihrem Buch «Muttergefühle» ganz wunderbar die Dimensionen, die diese Aggression annehmen kann: «Eine Wand im Kinderzimmer hat einen Riss, den wir ‹Das Mahnmal› nennen. Ich hatte mich von meinem Kind so wütend machen lassen, dass ich nicht anders konnte, als mit voller Wucht dagegenzutreten. Vorher hatte ich alle anderen Tipps gegen elterliche Wut ausprobiert. Ich habe Kissen verprügelt und ihnen alle Milben aus der Füllung gebrüllt. Ich bin ins Nebenzimmer gegangen und habe bis zehn gezählt. Ich habe laut gesungen.»
Wenn all das nicht helfe, schreibt Drust, brülle sie ihren Nachwuchs an. So wie meine Nachbarin ihren Sohn. Glücklich sind beide darüber nicht. «Ich bin nicht immer so», sagte meine Nachbarin erschöpft, als ihre Wut ein wenig verraucht war. Aber ihr Sohn komme dauernd zu spät, alle Ermahnungen würden nicht helfen. «Wir sind alle manchmal so», erwiderte ich. Die Nachbarin seufzte. «Danke, das entspannt mich.» Dann ging sie nach Hause, um zu erklären, warum sie so ausgeflippt war.
Eltern empfinden sich als zu ungeduldig, zu wenig zugewandt
Das Berliner Meinungsforschungsinstitut forsa hat Anfang des Jahres untersucht, welche Gefühle bei Eltern überwiegen, sobald das Kind auf der Welt ist. Fast 70 Prozent aller Eltern gaben an, sich in ihrer Rolle manchmal überfordert zu fühlen. 75 Prozent der Mütter zweifelten dabei an sich selbst und wussten nicht, ob sie den an sie gestellten Erwartungen entsprechen. 63 Prozent der Väter teilten dieses Gefühl.
Sie alle fühlten sich zu ungeduldig, zu wenig zugewandt, zu ängstlich, zu unorganisiert. Eine vergleichbare Studie der internationalen Babysitter-Plattform Sitly hat ergeben, dass sich 44 Prozent der Väter und Mütter in der Schweiz permanent gestresst fühlen.
Die meisten Eltern wissen, dass ihre Erwartungen an sich selbst unrealistisch sind. Trotzdem fühlen sich viele in ihrer Rolle überfordert.
Das Paradoxe an diesen Zweifeln ist, dass die meisten Eltern eigentlich wissen, dass ihre Erwartungen an sich selbst unrealistisch sind. Wird darüber vielleicht nicht offen genug kommuniziert? Rike Drust hat ihrem Buch auch deshalb den Untertitel «Gesamtausgabe» gegeben, weil sie dort über die gesammelten Gefühle redet, die Elternschaft ausmachen.
Natürlich ist Elternalltag gefüllt mit Liebeseuphorie-Momenten. Ein milchzahnloses Lächeln, ein feuchter Kuss oder auch der Anblick der schlafenden Kinder können vorher unbekannte Glücksgefühle auslösen. Darüber tauschen sich alle Mütter und Väter gerne aus.
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Dass Elterngefühle oft widersprüchlich sind und auf grosses Glück ganz schnell Frustration folgen kann, gestehen sich viele nicht zu. Unzählige Gespräche in meinem Freundeskreis spiegeln das: Sie beginnen damit, dass ein Elternteil von einem Konflikt erzählt. Von Übermüdung zum Beispiel, weil ein Schulanfänger plötzlich nicht mehr allein schlafen will. Von der Gereiztheit, weil bestimmte Alltagsabläufe nie reibungslos funktionieren. Oder auch von der grossen Langeweile, weil man jeden Nachmittag auf dem Spielplatz verbringt.
Immer folgt in diesen Gesprächen nach kurzer Zeit die Entschuldigung für die vermeintlich unangebrachten Gefühle. «Ich weiss, ich sollte nicht klagen», heisst es. «Das Kind ist gesund. Es ist nur eine Phase, das gehört dazu.»
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