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Die freie Wahl der Schule hätte eine bessere Durchmischung zur Folge
Eltern treffen tagtäglich Entscheidungen für ihre Kinder. Das ist ihre Aufgabe. Es gibt aber einen Bereich, bei dem die Eltern nichts zu entscheiden haben: die Schule. Der Staat entscheidet hierzulande, in welche Schule ein Kind kommt. Dies, obwohl das Zivilgesetzbuch es eigentlich anders vorsieht. Das Gesetz verpflichtet dort nämlich die Eltern, den Kindern eine «angemessene, seinen Fähigkeiten und Neigungen entsprechende allgemeine und berufliche Ausbildung zu verschaffen».
Dänemark kennt die freie Wahl der Schule seit 160 Jahren, die Niederlande kennen sie seit rund 100 Jahren. Die skandinavischen Länder haben die Schulwahl vor 20 Jahren eingeführt.
Unsichtbare Trennlinien
In Basel müssen sich Eltern für einen Wechsel der Schule durch Gesuchsverfahren kämpfen oder in die Nähe der Schule ihrer Wahl umziehen. Die freie Schulwahl gibt es in Basel nur für Reiche. Der Zugang zur guten Schule im guten Quartier bleibt Wenigverdienenden verwehrt. Die Folge: Entmischung der Quartiere, unsichtbare Trennlinien durchziehen die Stadt. Sie trennen auch die Bildungschancen der Kinder.
Die SP schlug in Basel kürzlich eine Schweizerdeutsch-Quote vor, um die Chancengleichheit der Kinder wiederherzustellen und die Integration zu verbessern. In Amerika wurden zur guten Durchmischung Kinder mit Bussen in andere Schulhäuser gefahren – mit geringem Erfolg. In Basel soll gemäss der Initiantin durch städtebauliche Massnahmen die Durchmischung der Quartiere erreicht werden, was nur schon aus raumplanerischer Überlegung scheitern dürfte. Die einfachste Lösung für die bessere Durchmischung wäre die freie Schulwahl. Die Auswirkungen der Wahlfreiheit auf die Schulqualität sind eindrücklich: Wenn die Eltern über die Schule entscheiden, führt das zu einer Leistungssteigerung der gesamten Schule. Gleichzeitig zeigt aber eine OECD-Studie aufgrund von Leistungsvergleichen (den sogenannten Pisa-Tests), dass in Ländern mit freier Schulwahl Beruf und Verdienst der Eltern einen geringeren Einfluss auf die Leistung der Schüler haben als anderswo. Genau das, was zu mehr Chancengleichheit führen würde. Das wissen offensichtlich die weniger begüterten Eltern. Gemäss verschiedenen Studien für die Schweiz nimmt die Zustimmung zur freien Schulwahl ab, je mehr jemand verdient. Wer sich für weniger verdienende Eltern und die Durchmischung von Schichten in Städten einsetzen will, müsste sich also für die freie Schulwahl einsetzen.
Der Dachverband der Schweizer Lehrer lehnt die Schulwahl kategorisch ab. Die Lehrergewerkschaft befürchtet genau das Gegenteil von dem, was in den Ländern mit freier Schulwahl eingetroffen ist: weniger Chancengleichheit und mehr Entmischung zwischen wohlhabenden Quartieren und ärmeren Regionen. Der Lehrerverband zweifelt auch an der Praxistauglichkeit, nicht alle Eltern hätten zwei Schulen in der Nähe, und es sei oft nicht möglich, das Kind in ein anderes Dorf zu fahren.
Aufwertung der Eltern
Befürworter wie die Organisation Elternlobby Schweiz der Baselbieterin Pia Amacher entgegnen, dass das gar nicht nötig sei. Nur schon die Möglichkeit der Schulwahl führe zu besseren Schulen: «Freie Schulwahl bedeutet die Aufwertung der Eltern. Aus Befehlsempfängern werden Kunden, die durch die bewusste Wahl auch wieder mehr Erziehungsverantwortung übernehmen.» Davon würden Kinder wie Lehrer profitieren. Die Elternlobby ist in den vergangenen Jahren mit Volksinitiativen für die freie Schulwahl in verschiedenen Kantonen angetreten – und überall klar gescheitert.
Pia Amacher führt das auf die Stimmbevölkerung zurück, die wenig mit den betroffenen Eltern gemein habe. «Immerhin haben wir mit den Abstimmungen erreicht, dass ein Tabu gebrochen worden ist.» Die Elternlobby werde künftig mehr auf Lobbyarbeit direkt in den Kantonen setzen.
Da gibt es auch Entwicklungen, die in Richtung freie Schulwahl laufen. Dieses Frühjahr hat das Genfer Kantonsparlament beschlossen, dass die Eltern für die Gymnasialstufe eine Pauschale erhalten, die sie für die Schule ihrer Wahl einsetzen können. In Zürich gibt es die freie Wahl des Gymnasiums schon lange. Nach einem erfolgreichen Versuch in der Stadt Luzern mit Betreuungsgutscheinen für Kinderkrippen haben auch die Stimmbürger in Bern ein solches System eingeführt.
«Gute Vorschläge werden zerrieben»
Kinderarzt Remo Largo fordert die Öffnung des Bildungssystems
Der Zürcher Kinderarzt Remo Largo ist heutigen Eltern ein Begriff. Bekannt geworden ist er mit Sachbüchern über die Entwicklung von Kindern. Dabei hat er sich auch mit der Kindsentwicklung in den Schuljahren und dem Bildungswesen überhaupt auseinandergesetzt.
BaZ: Herr Largo, Sie kritisieren die Schulreformen der letzten Jahrzehnte, was läuft in der Schule schief?
Remo Largo: Es sind Reformen «von oben». Auch gute Vorschläge werden zwischen Interessengruppen zerrieben. Wenn man schaut, wo es zu Veränderungen gekommen ist, dann waren das Initiativen «von unten», also von engagierten Schulen, Lehrkräften oder Eltern. Wer Reformen will, muss das Bildungswesen öffnen, also autonome Schulen und Schulwahl für die Eltern schaffen.
Wie sähe das konkret aus?
Alle Schulen würden pro Kind gleich finanziert. Die Schulen dürften kein zusätzliches Geld annehmen, damit sie nicht elitär werden. Und dann bräuchte es eine Quote für Schüler mit besonderen Bedürfnissen, damit diese integriert werden.
Was würde das für Lehrer und Eltern bedeuten?
Zuerst: Wer die öffentliche Schule so will, wie sie besteht, macht so weiter. Die staatlichen Rahmenbedingungen blieben bestehen. Ich schätze, dass 10 bis 20 Prozent der Lehrer autonome Schulen eröffnen würden. In autonomen Schulen müssen die Lehrer auf die Bedürfnisse von Kind und Eltern eingehen. In der öffentlichen Schule können sie sie in hohem Masse ignorieren. Grundlegend verändern wird sich der Unterricht. Viele Lehrer haben sehr gute pädagogische Konzepte, die sie in der öffentlichen Schule nicht umsetzen können.
Was bedeutet die Schulwahl für das Kind?
Etwas überspitzt gesagt: Kinder gehen gerne in eine Schule, die kindgerecht ist. Was man heute nicht unbedingt sagen kann. Das Kind fühlt sich wohl, weil es ernst genommen wird, seinem Entwicklungsstand entsprechend lernen kann und damit Erfolg hat.
Warum wurde die Idee bei Abstimmungen so deutlich abgelehnt?
Eine Schule, für alle gleich und obligatorisch, war eine wichtige Errungenschaft des 19. Jahrhunderts. Das Bildungsmonopol der öffentlichen Schule ist jedoch nicht mehr zeitgemäss. Es gibt einen grossen Frust bei Eltern und Lehrern, die eine kindgerechte Schule wollen. Nur eine Liberalisierung kann zu einer zukunftsgerichteten Erneuerung des Bildungssystems führen.
(veröffentlicht in der Basler Zeitung vom 23.07.13 im Rahmen einer Serie über Wahlfreiheit in der Schweiz, Foto: Anne Garti / pixelio.de)
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