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On the Road Again
Eines Nachts, vor ein paar Wochen, nachdem die Gäste gegangen waren, deutlich früher als früher, legte ich eine Platte auf und setzte mich wieder hin. Die Gläser waren leer, die Flaschen auch und Bill Callahan sang «Vessel in Vain» von seinem Album «Supper». Vor ein paar Jahren hätte ich mir zum Refrain eine Zigarette angezündet. Es war einer dieser in sich ruhenden Momente, in denen man sich wünscht, die Flüchtigkeit des Augenblicks auf die Länge eines Songs auszudehnen. Ich horchte und nickte sachte mit dem Kopf – als mir einfiel, dass es verdammt lang her war, seit ich zum letzten Mal Musik gehört hatte. Damit meine ich nicht das, was man tut, wenn man morgens das Radio einschaltet, sondern das, was man mit Musik grundsätzlich tun sollte: zuhören.
Sie müssen wissen: Ich bin einer jener letzten Idioten, die ihre CDs und Schallplatten noch immer alphabetisch geordnet zu einer Art Trutzburg aufgetürmt haben, statt sich alle Musik der Welt zum Preis von 12.95 Fr. im Monat streamen zu lassen. Meine Frau hatte protestiert, als ich nach dem letzten Umzug das sperrige Regal erneut aufbaute. «Diese Sammlung», rief ich empört, «hat 35 Jahre meines Lebens beschallt.» «Und wann», entgegnete sie ungerührt, «hast du zum letzten Mal eine Platte aufgelegt?»
Es stimmt schon: Vor ein paar Jahren war unsere Stereoanlage weitgehend verstummt und die Tonträger begannen, Staub anzusetzen. Natürlich schiebe ich die Schuld unseren Kindern in die Finken: Seit sie auf der Welt sind, ist es zu laut in der Wohnung, um ungestört Musik zu hören. Und abends, wenn es still wird, schätze ich die Ruhe.
Mit Maximalgeschwindigkeit durch die Tempo-30-Zone
Vor ein paar Tagen hatte ich einen Auftrag angenommen, den es per Automobil zu erledigen galt und dessen Inhalt zu erläutern den Rahmen dieser Plattform sprengen würde. So viel sei verraten: Es ging um einen Staubsauger. Bevor ich zu meiner Mission aufbrach, positionierte ich mich vor dem CD-Regal. Ich liess meinen Zeigefinger langsam von Air bis ZZ-Top über die Rücken der Plastikhüllen gleiten. Es dauerte eine Ewigkeit, bis ich einen stimmigen Soundtrack, bestehend aus fünf Alben, für meine anstehende Reise von Zürich nach Uster zusammengestellt hatte (ja, Sie lesen richtig: USTER).
Ich küsste meine Frau zum Abschied, strich den Kindern übers Haar, entriegelte per Funkschlüssel den Wagen und setzte mich ans Steuer. Endlich wieder laut Musik hören! Ich schob das Debütalbum von den Queens of the Stone Age in den CD-Player und drehte das Volumen auf. Als die ersten staubigen Gitarrenakkorde von «Regular John» aus den Lautsprechern stoben, steckte ich mir eine Kaugummizigarette in den Mund, trat aufs Gaspedal und rollte unter Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit durch die Tempo-30-Zone in Richtung Hauptstrasse.
Bis zur Autobahneinfahrt war der Feierabendverkehr stockend, für den Rest meiner Reise so zäh, dass ich kaum Fahrtwind im Gesicht verspürte. Zugegeben: Es fühlte sich nicht an wie 1993 im grünen Opel Rekord auf dem Weg ins Tessin – aber das Leben besteht nun mal aus Abstrichen. Nach 29 Minuten, 18 Kilometern, neun Ampeln und fünfeinhalb Songs von den Queens of the Stone Age hatte ich mein Ziel erreicht und den Auftrag erledigt.
Auf dem Rückweg legte ich eine CD der tollen texanischen Band White Denim in den Player, die ich vor ein paar Tagen auf meinem Redaktionsschreibtisch fand und headbangte fröhlich heimwärts. Der Himmel war blutrot, meine Gedanken waren frei.