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Nördlich von Pekings Verbotener Stadt, ausserhalb der dritten Ringstrasse, baut die Chinesische Akademie der Wissenschaften seit 70 Jahren an einem Campus staatseigener Labore. Hier befindet sich das Institut für Automatisierung, ein glänzend silberblaues Gebäude, umgeben von kamerabestückten Stahlmasten. Das Institut betreibt Grundlagenforschung. Informatiker zerbrechen sich hier die Köpfe über die fundamentaltheoretischen Geheimnisse der künstlichen Intelligenz. Die eher praktischen Anwendungen dieser Technologie – Iriserkennung, cloudbasierte Spracherkennung – werden an chinesische Technologieriesen, KI-Start-ups und bisweilen auch an die Volksbefreiungsarmee ausgegliedert.
Ich besuchte das Institut an einem regnerischen Sommermorgen im Jahr 2019. Chinas Elite schlurfte herein, gerade erst den Pendlerzügen entstiegen, bequem gekleidet in Basketballshorts oder Yogahosen, AirPods in den Ohren. In meiner Tasche hatte ich ein Wegwerfhandy, in meinem Rucksack einen Computer, der – gemäss dem Standardprozedere für westliche Journalisten auf Reisen nach China – von allen Daten gereinigt worden war. Wer in sensibler Mission nach China kommt, riskiert, mit einem Sperrfeuer von Cyberangriffen und Malware bombardiert zu werden. 2019 etwa bemerkten Angehörige einer belgischen Handelsdelegation in Peking, dass ihre Mobildaten von vor dem Hotel aufgepflanzten Antennen abgefangen wurden.
Nachdem ich den Sicherheitscheck des Instituts überstanden hatte, schickte man mich weiter in einen kameraüberwachten Warteraum. An der Wand hingen Plakate der einflussreichsten Nachkriegspolitiker. Mao Tse-tung prangte hier in seinem ikonischen Anzug mit den vier Taschen. Er sah heiter aus – zufrieden, China vom Joch des Westens befreit zu haben, konnte man meinen. Neben ihm hing ein unscharfes Schwarzweissfoto von Deng Xiaoping bei einem Besuch im Institut während seiner späteren Jahre, nachdem er Chinas Wirtschaft reformiert und das Land so auf den Weg gebracht hatte, seine angestammte Grossmachtrolle wieder einzufordern.
Das augenfälligste Plakat zeigte Xi Jinping im makellosen schwarzen Anzug. Chinas derzeitigem Präsidenten und Generalsekretär der Kommunistischen Partei Chinas liegt das Institut sehr am Herzen; es ist Teil einer grossangelegten KI-Strategie, die Xi in einer Reihe von Ansprachen dargelegt hat – ähnlich jenen, mit denen einst John F. Kennedy den Mond in den Fokus der amerikanischen Forschung rückte. Laut Xi sollte China bis Jahresende zu den führenden KI-Mächten der Welt aufschliessen. Dieses Ziel hat das Land wohl bereits heute schon erreicht. Bis 2030 soll China das KI-Rennen ganz für sich entschieden haben.
Xis Ankündigungen haben einen bedrohlichen Beiklang. Künstliche Intelligenz ist in fast allen Bereichen anwendbar, von der Echtzeitübersetzung gesprochener Sprache bis zur Früherkennung von Virusepidemien. Doch Xi will die Technologie mit ihrem enormen Analysevermögen auch dazu nutzen, in China einen futuristischen Überwachungsstaat zu errichten. Er will ein allsehendes soziales Kontrollsystem auf digitaler Basis schaffen, in dem vorausschauende Algorithmen mögliche Abweichler in Echtzeit ermitteln.
Die chinesische Regierung nutzt grosse, geschichtsträchtige Ereignisse, um den Ausbau der Überwachungsmassnahmen voranzutreiben. Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 in Peking etwa bauten chinesische Sicherheitsbehörden die Überwachung des Internets…