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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Elftes Buch
5. Dem Sohn kommt als dem Abbild aller Besitz des Vaters zu.
Da sie weder durch die Lehren der Apostel noch der Evangelien sich belehren ließen, heben sie zum Geltendmachen ihrer falschgläubigen Lehre die Erhabenheit Gottes des Vaters besonders heraus, nicht aus ehrfürchtigem Glauben, sondern aus falschgläubiger Berechnung. Indem sie alles Unvergleichliche (nur) seinem Wesen zuschreiben, wollen sie vermöge der betonten Aussage, seinem (des Vaters) Wesen sei nichts vergleichbar, behaupten, der eingeborene Gott besitze ein herabgemindertes und schwaches Wesen; der gleiche Gott nämlich, der lebendiges Abbild des lebendigen Gottes ist, die erfüllteste Gestalt seligen Wesens, der eingeborene Sohn der ungewordenen Wesenheit. Wenn er (der Sohn) nicht die [S. 234] vollkommene Herrlichkeit der väterlichen Seligkeit besitzt und nicht die vollgültige Erscheinung des ganzen Wesens (der Gottheit) darstellt, dann besitzt er wirklich nicht die Wahrheit des Abbildes.
Wenn aber der eingeborene Gott das Abbild des ungewordenen Gottes ist, dann besteht in ihm in Wahrheit das Abbild des vollkommenen und vollgültigen Wesens, wodurch es erreicht wird, daß er das Abbild der Wahrheit ist. Mächtig ist der Vater; wenn aber der Sohn schwach ist, dann ist er schon nicht mehr Abbild des Mächtigen. Gut ist der Vater; wenn aber der Sohn eine andersartige Göttlichkeit besitzt, dann gibt das Wesen des Schlechten das Bild des Guten nicht wieder. Unkörperhaft ist der Vater; wenn der Sohn dem Geist1 nach in einem Körper eingefangen ist, dann ist der Körperhafte nicht mehr die Gestalt des Unkörperhaften. Unsagbar ist der Vater; wenn die Sprache den Sohn erfaßt, dann ist das sagbare Wesen außerhalb des Abbildes des Unsagbaren. Wahrer Gott ist der Vater: wenn der Sohn falscher Gott ist, dann ist der falsche (Gott) nicht mehr Abbild des wahren.
Nicht lehrt der Apostel von ihm, er sei (nur) zu einem Teil Abbild und nur im Verhältnis Gestalt Gottes. Er sagt vielmehr, er sei das Abbild des unsichtbaren Gottes2 und die Gestalt Gottes.3 Ausdrücklicher vermag im Sohne Gottes das Wesen der Göttlichkeit vom Apostel nicht gelehrt zu werden als dadurch, daß Christus Abbild des unsichtbaren Gottes ist, wo es doch um das Unsichtbare Gottes sich handelt. Er (Christus) würde doch gewiß in sichtbarer Wesenheit nicht das Bild des unsichtbaren Wesens darbieten.
1: als Gott, vgl. Buch VIII 48.
2: Kol. 1, 15.
3: Phil. 2, 6.