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Für fast ein Drittel (31 Prozent) der 150 Routen mit den meisten Flugpassagieren und für 29 Prozent der meistbeflogenen Kurzstrecken innerhalb Europas gab es 2019 eine Zugverbindung mit weniger als sechs Stunden Fahrtzeit. Für ein Viertel der restlichen Strecken gibt es einen direkten Nachtzug.
Das gilt vor allem für die stark frequentierten Strecken in Frankreich und Deutschland. 2021 hat sich dieser Anteil noch geringfügig erhöht, zeigt eine Analyse. Ein Zehntel der meistfrequentierten innereuropäischen Flugstrecken liess sich mit dem Zug in weniger als vier Stunden bewältigen.
Mit Blick auf die fortschreitende Erderhitzung ist das bemerkenswert. Der weltweite Flugverkehr verursacht etwa drei Prozent der globalen CO2-Emissionen und wird nach dem Corona-bedingten Einbruch weiter wachsen. Neben CO2 produzieren Flugzeugmotoren auch Stickoxide, Russ und Wasserdampf, was dem Klima ebenfalls schadet. Demgegenüber geschehen weniger als sieben Prozent der Personentransporte in Europa mit der Bahn.
Ein Viertel der EU-Luftfahrtemissionen aus Kurzstrecken
Das ist nicht nur den weniger privilegierten Ländern gegenüber ungerecht, sondern auch unnötig. Nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung ist überhaupt schon einmal in einem Flugzeug gesessen, aber ein Prozent der Weltbevölkerung verursacht die Hälfte der Flugverkehrs-Emissionen. Ganz besonders gilt das für Europa, wo die Strecken relativ kurz sind, das Klima damit aber überproportional belasten. Ein Viertel der Luftfahrt-Emissionen der EU besteht aus Abgasen von Kurzstreckenflügen. Ein Flug belastet das Klima etwa 30 Mal so stark wie eine Bahnfahrt.
Der Thinktank «OBC Transeuropa» hat im Auftrag von Greenpeace untersucht, ob und wie sich innereuropäische Flüge durch Zugreisen ersetzen lassen. «OBC Transeuropa» beschäftigt sich mit sozialen, kulturellen und politischen Entwicklungen in Europa mit Fokus auf die südosteuropäischen Länder und betreibt eine Medienwebsite.
Greenpeace katalogisierte dazu alle innereuropäischen Flugrouten, die eine Entfernung von weniger als 1500 Kilometern abdecken. «OBC Transeuropa» erstellte daraus eine Liste der 150 von den meisten Passagieren frequentierten innereuropäischen Flugrouten und eine Liste der 250 meistbeflogenen europäischen Strecken und verglich sie mit verfügbaren Bahnverbindungen. Für Österreich, Belgien, Frankreich, Deutschland, Italien, die Niederlande und Spanien fertigten die Autoren nationale Datensätze an.
Die Daten von 2019 umfassen alle EU-Länder plus Montenegro, Nordmazedonien, Serbien, die Schweiz, Norwegen und Grossbritannien. Nicht enthalten ist die Türkei. Städte mit mehreren Flughäfen wie London wurden als ein Ort gezählt, Orte wie Inseln, für deren Zugang es keine Alternative gibt, gingen nicht in die Berechnung ein. Zubringerflüge werden nicht separat ausgewiesen.
Auf der Hälfte der beliebtesten Strecken ist Zugreisen gut machbar
Für knapp die Hälfte der 150 meistfrequentierten Flugstrecken in der EU und mehr als zwei Fünftel der meistbeflogenen Routen gibt es eine Alternative, die entweder weniger als sechs Stunden mit dem Zug benötigt, für die es einen direkten Nachtzug gibt oder für die es zwar keinen Nachtzug gibt, die aber noch immer weniger als 12 Stunden dauert. Gemessen an den Dimensionen Europas ist letzteres im Vergleich zum Flug streckenweise schon relativ lang. Was die Schweiz betrifft, sind es die Verbindungen Zürich-Genf, Zürich-Düsseldorf, Zürich-Paris, Zürich-Frankfurt sowie Genf-Paris, die mit der Bahn unter sechs Stunden ersetzt werden können. Laut WWF steuern 80 Prozent aller Passagiere aus der Schweiz europäische Ziele an.
Nachtzugangebot: gut, aber ausbaufähig
Ausser für Frankreich und die Niederlande gibt es für die Mehrzahl der gelisteten Verbindungen Nachtzüge. Deren Abdeckung ist jedoch ausbaufähig, da sie sich auf nur wenige Langstreckenverbindungen stützt. Für ein Drittel ist ein Wechsel des Zuges nötig. Die Autoren kritisieren das Bahnsystem in Frankreich, das bei allen Nachtzügen über Paris führt. Das bedeutet Umwege und macht oft einen Zugwechsel nötig. So gibt es beispielsweise keine Nachtzugverbindung von Südfrankreich nach Süddeutschland und in die Schweiz, die nicht über Paris führt.
Nur wenige Korridore, die stark gefragt sind
Trotz der vielen Städte, die per Bahn angebunden sind, ist die Zahl der hauptsächlich genutzten Korridore relativ klein. Der gefragteste Korridor ist Brüssel-Paris-Lyon-Barcelona-Madrid. Auch München-Frankfurt-Düsseldorf und Lyon-Mailand-Rom-Neapel werden häufig genutzt.
Am schnellsten fahren die Bahnen in Frankreich, Spanien und Belgien, am langsamsten in Österreich und den Niederlanden. Die österreichische Hauptstadt Wien ist allerdings auch die Stadt mit den meisten Direktverbindungen in andere europäische Länder, stellen die Autoren in einer anderen Analyse fest, gefolgt von Budapest, Prag und Berlin. Beides ein Erbe aus Zeiten, als die Grenzen in Europa noch anders verliefen.
Das ist die andere Seite des Bahnverkehrs: Abstimmungen sind schwierig, weil überall andere Regeln gelten. Entwicklungen verlaufen langsam, der Bau einer Bahnstrecke benötigt Jahre, speziell über Grenzen hinweg. Die Autoren Lorenzo Ferrari und Gianluca De Feo sehen Verbesserungsbedarf in der Bahninfrastruktur, der Abstimmung der Fahrpläne und der Häufigkeit der Verbindungen. Dann sei die Bahn auch konkurrenzfähiger gegenüber dem Flugzeug. Die Zuverlässigkeit von Bahnverbindungen untersuchte die Studie nicht.
Greenpeace: Flugstrecken mit guter Bahnalternative abschaffen
Das Einsparpotenzial ist gross. Die meisten Passagiere auf «schnellen» Bahnstrecken flogen 2019 zwischen Madrid und Barcelona und zwischen Frankfurt und Berlin, was in zweieinhalb Stunden beziehungsweise knapp vier Stunden mit der Bahn zu bewältigen ist. Allein auf diesen beiden Strecken wären dann 4,8 Millionen Menschen weniger geflogen. Hätten alle Passagiere, denen eine Bahnverbindung unter vier Stunden zur Verfügung stand, den Zug genommen statt den Flug, wären 20,5 Millionen Flugtickets weniger gelöst worden, lässt sich mit den Daten von «OBC Transeuropa» ausrechnen.
Greenpeace macht in einer Zusammenfassung der Studie darauf aufmerksam, dass sich nach einer Umfrage die Mehrheit der Europäer und Europäerinnen für ein Verbot von Kurzstreckenflügen aussprechen. Die Umweltorganisation fordert, vorerst wenigstens jene viel genutzten Verbindungen zu streichen, für die die Bahn bereits schnelle Verbindungen anbietet, insbesondere von und nach Frankfurt, München, Berlin, Hamburg und Brüssel.
Frankreich hat bereits reagiert und will Inlandflüge, für die es eine Bahnverbindung unter 2,5 Stunden gibt, streichen. Mehrere europäische Länder inklusive der Schweiz haben angekündigt, Nachtzugverbindungen auszubauen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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