Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03216.jsonl.gz/2602

Der beste Weg, den Klimawandel abzumildern, ist die rasche Umstellung des Energieökosystems von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare und saubere Energieträger. Allerdings ist dies noch nicht überall durchführbar. Und selbst die ehrgeizigeren Dekarbonisierungsszenarien sehen vor, dass die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen noch Jahrzehnte andauern wird. Bei der Kohlenstoffabscheidung geht es darum, das in Kraftwerken und grossen industriellen Prozessen erzeugte CO2 aufzufangen, zu konzentrieren und zu einem Speicherort – meist unter der Erde – zu transportieren, wo es über einen langen Zeitraum gelagert werden kann.
Auch interessant
Ein weiterer Ansatz zur Kohlenstoffabscheidung ist die direkte Abscheidung aus der Luft (Direct Air Capture = DAC). Dieser zielt darauf ab, CO2-Emissionen direkt aus der Atmosphäre zu entfernen. DAC hat den Vorteil, dass sie überall auf der Welt eingesetzt werden kann, wo geologische Lagerstätten zur Verfügung stehen.
Eine grosse Aufgabe beziehungsweise Herausforderung bedeutet auch immer eine immense Marktchance. Laut der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) sind etwa 20 Prozent der zur Erreichung des 1,5-Grad-Szenarios erforderlichen Emissionsminderungen in irgendeiner Form mit Kohlenstoffabscheidung verbunden. Dies entspricht der Beseitigung von 7,38 Gt CO2 pro Jahr (7’380’000’000 Tonnen), was je nach Kohlenstoffpreis (dem Betrag Steuer, die von den Emittenten erhoben wird, um Anreize für Emissionsreduzierungen zu schaffen) zu erheblichen Einnahmen für die künftige Kohlenstoffabscheidungsindustrie führt.
Dimitry Dayen ist Senior Research Analyst für Erneuerbare Energien und Umweltschutzdienstleistungen bei ClearBridge. Dayen verfügt über 17 Jahre Erfahrung in der Investmentbranche. Er hat einen BA in Wirtschaftswissenschaften von der New York University.
Ein Beispiel: Schweden hat mit 137 Dollar/Tonne ab April 2021 die höchste nationale Kohlenstoffsteuer der Welt, doch sind die Emissionen dort seit 2012 nur um 8 Prozent gesunken, was weit unter dem Wert der Ziele des Pariser Abkommens liegt. Dies deutet darauf hin, dass die Kohlenwasserstoffpreise deutlich steigen könnten. Unter der Annahme, dass 137 Dollar/Tonne einem 1,5-Grad-Szenario entspricht, würde die Kohlenstoffabscheidungsindustrie einen möglichen Gesamtmarkt von 1 Billion Dollar erreichen.
Die Skalierbarkeit und der Bedarf an grossen Kapitalinvestitionen in diesem Sektor in Verbindung mit den bestehenden Eigenkapitalinvestitionen in die Kohlenstoffabscheidung erklären das Interesse der grossen Ölkonzerne und Regierungen an diesem Markt. Theoretisch besteht für Unternehmen, die Projekte zur Kohlenstoffabscheidung entwickeln, ein erhebliches Ertragspotenzial.
Hälfte der Projekte befindet sich in den USA
Derzeit gibt es weltweit nur 27 operative Projekte zur Kohlenstoffabscheidung, davon 13 in den USA, die allerdings nur einen sehr kleinen Teil der CO2-Emissionen einfangen. Die Zahl der Anlagen müsste jedoch weltweit auf Hunderte oder sogar Tausende anwachsen. Regierungen und der Privatsektor werden deshalb das Wachstum der Kohlenstoffabscheidung gemeinsam vorantreiben. Im Oktober 2021 bewilligte das US-Energieministerium 20 Millionen Dollar zur Unterstützung der Bundesstaaten bei der Einführung der Kohlenstoffabscheidung und -speicherung.
Die australische Regierung investiert über einen Zeitraum von zehn Jahren mehr als 300 Millionen australische Dollar in die Technologie. Die norwegische Regierung hat 1,7 Milliarden Euro für das sogenannte Nordlichtprojekt bereitgestellt, ein zukunftsweisendes gemeinsames Projekt von Equinor, Shell und Total, dessen Ziel es ist, CO2 in Industrieanlagen in der Region Oslofjord (Zement und Energie aus Abfall) abzufangen, zu komprimieren und im Transport per Schiff und Pipeline zur dauerhaften Lagerung in Stauseen in 2500 bis 3000 Metern Tiefe zu bringen.
Auf privater Seite sind die grossen Ölkonzerne weltweit führend bei den Investitionen in Kohlenstoffabscheidung. Zu den wichtigsten Akteuren zählen einige der etablierten Energie- und Rohstoffunternehmen, die mit einer Handvoll innovativer Privatunternehmen zusammenarbeiten. Dazu gehören Carbon Engineering und Climeworks, die beiden führenden DAC-Unternehmen aus Kanada beziehungsweise der Schweiz – wichtige Namen, die man in dieser aufstrebenden Branche im Auge behalten sollte.
Unter den grossen Ölkonzernen sind Exxon, Chevron und Total führend bei der Kohlenstoffabscheidung. Exxon besitzt derzeit Anlagen zur Kohlenstoffabscheidung und -speicherung in Wyoming, die in der Lage sind, Abscheidung von 7 Millionen Tonnen CO2 pro Jahr vorzunehmen. Exxon verfügt auch über ein geplantes Zentrum für die Kohlenstoffabscheidung in Houston, wo nach Schätzungen des Unternehmens bei vollständiger Umsetzung bis 2040 jährlich 100 Millionen Tonnen CO2 gespeichert werden könnten (so viel, als wenn eines von zwölf US-Autos von der Strasse entfernt werden würde – oder grob geschätzt 22 Millionen Autos).
Fazit
Die Technologie zur Kohlendioxidabscheidung ist insofern umstritten, als sie die Energiegewinnung aus fossilen Brennstoffen ermöglicht und die Bemühungen um ein Netz, das zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien besteht, erheblich behindert. Doch die Nachfrage nach fossilen Brennstoffen könnte noch ein Jahrzehnt oder länger wachsen (wenn auch mit geringeren Raten), und fossile Brennstoffe werden noch lange ein Teil des Energie-Ökosystems bleiben.
Daher kann sich die Kohlenstoffabscheidung zu einer grossen globalen Industrie entwickeln, die bis auf 1 Billion Dollar pro Jahr anwachsen könnte. Wir erwarten, dass Investoren, Aktivisten, Unternehmensleitungen und politische Entscheidungsträger in den kommenden Jahren verstärkt mit dieser Technologie arbeiten werden.