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Gedanken aus Anlass meiner Pensionierung für meine Kollegen der Geschäftsleitung
Partir – c’est mourir un peu – Antoine de Saint-Exupéry
Nach 38 Berufsjahren bei BBC/ABB, – Ausbildung bei der MFO nicht eingerechnet -, schloss ich Ende Dezember 1994 meine Tätigkeit ab – eine lange Zeit!
In den letzten Wochen habe ich oft die Stationen meines Berufslebens Revue passieren lassen und mir Gedanken gemacht. Aber leben heisst auch sich lösen und auf Neues zugehen.
Wenn ihr Musse habt, könnt ihr mich nun im Schnellzugstempo durch Zeitabschnitte, Technologien, Segmente und Länder begleiten.
Die Quecksilberdampf-Gleichrichter, Maschinen oder Kreaturen?
Die Quecksilberdampf-Gleichrichter waren der Grund meines Eintritts bei BBC. Fasziniert vom Richteffekt der Dampfentladung, der Emission von Elektronen aus der Kathode, der Gegenströmung der Ionen, dem Plasma, dem Edelgas, der Zündung(en): Rückzündung, Durchzündung, Zündaussetzer, Kippmoment, und schliesslich der Kurzschlüsse, bewarb ich mich Ende 1955 um eine Anstellung im Gleichrichter-Versuchslokal. Am 2. Januar 1956 trat ich die Stelle an und arbeitete mit Professoren, Doktoren und Kollegen aus einem halben Dutzend Ländern an der Entwicklung von “Mutatoren“ und der Erforschung deren Belastbarkeit.
Bei der Ursachensuche der statistisch höchst selten auftretenden Löschversager kam ich mir oft wie ein Arzt vor. Der KO war das Stethoskop, die Aufnahme von Oszillogrammen im Leerlauf oder unter Vollast das EKG ohne und mit Belastung. Der Zündaussetzer wäre wohl mit dem Herzstolpern, die Rückzündung mit dem akuten Herzversagen zu vergleichen.
Die vielseitige Verwendung der Stromrichter für die Wandlung von Wechselstrom in Gleichstrom, und umgekehrt, brachte mich in Berührung mit Antrieben für Walzwerke und Triebfahrzeuge, Elektrolysen, Teilchenbeschleunigern und Bahnunterwerken. Die hervorragende Stellung von BBC in diesem Gebiet führte zum weltweiten Exporterfolg, und damit auch zu meiner Reisetätigkeit rund um den Erdball.
Die Halbleiter: Dioden, Thyristoren (RLT, GTO)
Auf dem Höhepunkt der technischen Entwicklung der Quecksilberdampf-Gleichrichter kamen die ersten Germanium- und Siliziumdioden auf den Markt. Die steuerbaren Thyristoren verhalfen den Halbleitern rasch zum Durchbruch; die Mutatoren wurden endgültig verdrängt. Breite Anwendung fanden die Halbleiter auf den Triebfahrzeugen. Noch waren kaum Kenntnisse über die Vorgänge in den Kristallschichten vorhanden; die Beschaltungen gegen Überspannung und Überstrom wurden grosszügig bemessen. (Ich habe vermutlich den ersten Diodengleichrichter für Hilfsbetriebe bei der SNCF in Betrieb gesetzt. Nach wenigen Stunden war er mangels Beschaltung defekt). Das Stichwort SNCF erinnert mich an meine eigentlichen Lehrjahre in der elektrischen Traktion. Die strengen Lehrmeister waren keine geringeren als Fernand Nouvion und André Cossié, die beide zu den eigentlichen Pionieren der 50 Hz Traktion zu zählen sind. (Mit André verbindet mich bis heute eine tiefe Freundschaft).
Brasilien: abenteuerlicher Erfahrungsschatz
Nach einem Verkaufstraining im gesamten Sortiment der damaligen BBC begann ich 1962 meine Tätigkeit im aufstrebenden Entwicklungsland Brasilien. Verkauf, Technik und Support in allen Anwendungsbereichen der Stromrichter waren meine Aufgabe, die ich dank der tatkräftigen Unterstützung durch lokale Mitarbeiter rasch erfolgreich wahrnehmen konnte. Einzig die erhoffte Elektrifizierung der Bahnen mit Einphasenwechselstrom kam nicht zustande.
Wertvolle Erfahrungen konnte ich im Verhandeln mit anspruchsvollen Kunden und behördlichen Stellen sammeln und mich mit einer galoppierenden Inflation auseinander setzen. Unvergesslich bleibt für mich das Eintreiben fälliger Zahlungen bei säumigen Kunden, damit die Löhne der Mitarbeiter des Werkes Osasco bezahlt werden konnten! Mit grosser Genugtuung denke ich an eine mir übertragene Aufgabe zurück, einen jungen Monteur aus der Schweiz, der bei einem Elektrounfall schwerste Verbrennungen erlitten hatte, am Leben zu erhalten. Über Brasilien wäre noch viel zu schreiben, über meine tapfere Frau und die beiden Buben in einer völlig ungewohnten Umgebung, über meinen direkten Vorgesetzten, dessen unlautere Geschäftspraktiken mich schliesslich veranlassten, vorzeitig nach Baden zurückzukehren. Freunde und treue Kunden haben mir den Abschied nicht leicht gemacht. Ein Kunde aus Rio übergab mir eine Bestellung für eine Gleichrichter-Grossanlage, “um mir den Start in Baden zu erleichtern“. Muito obrigado, Dr. Ferrini!
Die Bahnabteilung VA5
Die VA5 war eine von drei Möglichkeiten, die mir nach dem Brasilienaufenthalt offen standen. Die eigentliche Herausforderung war die Einführung der Stromrichtertechnik bei den Triebfahrzeugen. Die SBB hatten für die Diodenlokomotiven kein Interesse gezeigt, die BLS aber die Chance genutzt. Ich kam da in ein ungeahntes Spannungsfeld hinein. Ich konnte die damals stärkste Thyristorlokomotive der Welt realisieren und das Geheimnis der Rückwirkungen entdecken, die „Schokoladenautomaten zum Öffnen brachten, Forellensterben verursachten und Telexmaschinen Chinesisch schreiben liessen”!
Meine Chefs, die ich von meiner Inbetriebsetzungstätigkeit her kannte, brachten mir grosses Vertrauen entgegen. Erfahrene Kollegen geizten nicht, mir die Traktionstechnik noch näher zu bringen. Meine speziellen Kenntnisse der Stromrichtertechnik wiederum trugen zur Entwicklung völlig neuer Schaltungen bei. So konnte ich mich in jeder Beziehung entfalten. Eindrücklich waren für mich auch die intensiven und freundschaftlichen Bande mit vielen Privatbahnkunden. (Dieser inzwischen wohl abhanden gekommene Zustand nennt man heute Customer Focus!).
Die Fusion BBC/MFO brachte markante organisatorische und personelle Veränderungen mit sich. Mein Arbeitsplatz war jetzt Oerlikon. Ich wurde Ressorchef und später Leiter der Abteilung Wechselstrombahnen. Kurz darauf wurde mit Sécheron ein weiterer Konkurrent übernommen. Der Konzern setzte eine “Sekundärorganisation“ zwecks Koordination der technischen Entwicklung und Abstimmung der Marktbearbeitung ein. Während Jahren war mir die Leitung “Vollbahnen“ übertragen. Mein Sekretär und ich brachten eine vorbildliche Teamarbeit zustande, die nicht nur nachhaltige Resultate lieferte, sondern auch verlässliche zwischenmenschliche Beziehungen schuf.
In diese Phase mit einem kompetenten und verständnisvollen Chef fallen die Konsolidierung der Fusion MFO und Sécheron, die Exporterfolge mit der Anschnittsteuerung und der Durchbruch in der Drehstromentwicklung. Die Bahnabteilung durfte sich auch mit ihrem Beitrag zum Betriebserfolg des Stammhauses zeigen lassen. Die SBB zahlten Prämien für vorzeitige Lieferungen! Baden liess uns alle Freiheiten, zu viele, wie sich später herausstellen sollte!
Intensiver denn je waren wir in der 50 Hz Arbeitsgemeinschaft tätig, da die hohe schweizerische Quote verteidigt werden musste. Wir stellten zweifelsohne die technisch kompetenteste Firmenvertretung dar. Unserer Firma war auch das Sekretariat anvertraut. Erfreulicherweise konnten mit Partnerfirmen der 50 Hz ARGE gute Beziehungen etabliert werden, die vor allem in Südafrika und China zu beachtlichen Erfolgen führten. Die Zusammenarbeit im Konzern war hingegen alles andere als störungsfrei. Die Synergien wurden leider nur ungenügend genutzt.
Wechsel in der Leitung
Ein Merkmal des Bahngeschäftes ist dessen Kontinuität. Ein Wechsel in der obersten Leitung führt deshalb zu einem empfindlichen Einschnitt in der Kundenbeziehung. Die Wechsel in kurzer Folge wurden deshalb nicht überall goutiert. Auch intern wäre Stabilität angesichts der grossen Entwicklungsvorhaben von Vorteil gewesen. Die führende Rolle der Schweiz konnte unter diesen Umständen im Konzern nicht durchgesetzt werden. Im neuen ABB-Konzern hatten die völlig überbewerteten Schweden das Sagen, und die traditionellen “Trittbrettfahrer“ aus Deutschland suchten ihre eigene Haut zu retten. In der Schweizer Gesellschaft lenkte der Bau von Tramont von den wirklichen Problemen ab. Mit der Re4/4IV wurde der erste grosse Flop meiner Berufstätigkeit produziert, und die millionenschweren Entwicklungen in der Leistungs- und Regelelektronik kamen nicht vom Fleck.
Verkaufserfolge
Eine Reihe Verkaufserfolge waren auf die technische Kompetenz der Oerlikoner Bahnabteilung zurückzuführen: NSB Bm69, ÖBB Rh1044. Durch hervorragende Teamarbeit und geschickte Verkaufspolitik wurden RhB Ge4/4II, NRZ EL1, hohe Anteile bei Spoornet 7E und 8E, China 8K (+50 Kästen für SLM!), und in der ABB-Ära vor allem Finnland, Indien und Norwegen hereingeholt. In Zimbabwe und beim Eurotunnel konnte ich persönliche Beziehungen nutzen. Ärgerlich war hingegen eine Fehleinschätzung, die zum Misserfolg in Portugal führte.
CHVEK
Auf die CHVEK müsste ich eigentlich im Kreis der Geschäftsleitung nicht eingehen. Der durch den brutalen Absturz notwendig gewordene Wiederaufbau ist unbestritten. Wenn ich in meiner Betrachtung die letzten Jahre meiner Aktivzeit als die unerfreulichsten bezeichne, dann hat es mit den heutigen Kadern und Mitarbeitern wenig zu tun. Es ist rückwirkend auch müssig, Hypothesen anzustellen, wie der Misserfolg hätte abgewendet werden können, was ich selber oder andere in der Geschäftsleitung hätten tun müssen.
Eines möchte ich aber klar festhalten: “Baden” kann sich der Mitverantwortung nicht entziehen!
Es ist sicher verständlich, dass die anhaltende Stresssituation, der raue Ton im Umgang mit Mitarbeitern, und natürlich der Misserfolg als solches, in mir eine bittere Erinnerung hinterlassen. Am meisten haben mir aber mangelndes Vertrauen, beschnittene Kompetenzen, und die durch die Matrixorganisation kreierten chaotischen Verhältnisse im Segment und in der Region, zu schaffen gemacht.
Oft blieb mir zum Trost nur das Bibelwort: “Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht ins Himmelreich eingehen”.
Dieser letzte Abschnitt in meinem Berufsleben ist aber auch eine heilsame Läuterung für mich selbst gewesen und hat somit seine positiven Seiten. Ich bin hoffentlich bescheidener, selbstkritischer und verständnisvoller geworden.
Ich verlasse die ABB Verkehrssysteme AG in der Gewissheit, jederzeit versucht zu haben, mein Bestes zu geben. Ich gehe ohne Wehmut, jedoch mit gewisser Sorge. Der schrumpfende Markt verlangt noch grössere Anstrengungen auf allen Stufen. Gefragt ist vor allem auch technische Kompetenz. Mehrere Kunden und Partner äusserten sich in letzter Zeit besorgt über die schmale Basis in CHVEK.
Ich vermisse zudem den entschlossenen Willen zur Zusammenarbeit und Nutzung der Synergien im Konzern. Das Silodenken ist nach wie vor verbreitet, es haben sich rivalisierende “Firmen” in der Firma etabliert. Unsere Organisation ist für Kunden undurchschaubar. Wenn sie so bleibt, müssen die Kader vermehrt nach aussen auftreten. Die Rollenverteilung in der Geschäftsleitung sollte transparenter, nicht überschneidend, und weniger dem Zufall überlassen sein.
Dank
Was ich erreicht und geschaffen habe, verdanke ich meinen Mitarbeitern, Kollegen und Chefs. Ich durfte immer wieder auf wertvolle Unterstützung zählen. Besonders habe ich Toleranz und Verständnis für meine Unzulänglichkeiten geschätzt. Ich möchte allen aufrichtig danken.
Was ich meiner Frau und Familie schulde, würde den Rahmen dieser kurzen Abhandlung sprengen. Ich bin mir bewusst, was ich ohne sie vermisst hätte. “Prisrčna hvala”!
Der CHVEK wünsche ich für die kommenden Jahre, dass sie an frühere Erfolge anknüpfen kann. Ich hoffe, dass wieder Stimmung aufkommt, man die Freude über das Erreichte spürt, und bei Misserfolg Solidarität und Sachlichkeit nicht zu kurz kommen.
CHVEK ist mittel- bis langfristig auszurichten, selbst wenn heute vor allem der momentane Erfolg zählt und honoriert wird.