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Wer einen Preis vergibt, tut gut daran, das Vorleben des potenziellen Preisträgers zu recherchieren. Zu peinlich war es, als vor einiger Zeit aufflog, was ein deutscher Nobelpreisträger während der Nazizeit getrieben hatte. Am 16. Februar wurde F. W. Bernstein mit dem Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor ausgezeichnet, und man kann die Risikofreude der Preisstifter nur bewundern: Herrn Bernstein sucht man im Berliner Telefonbuch vergebens. Dort taucht nur der Name seines Alter Ego, Fritz Weigle, auf. Wir haben es mit einer gespaltenen Persönlichkeit zu tun.
Erfreulicherweise hat F. W. Bernstein seine Probleme nie zu verbergen versucht, sondern sie vielmehr mit schonungsloser Offenheit dargelegt. So heisst es im frühen Gedicht «Warnung an alle»:
In mir erwacht das Tier.
Es ähnelt einem Stier.
Das ist ja gar nicht wahr,
in mir sind Tiere rar.
In mir ist’s nicht geheuer,
da schläft ein Zuckerstreuer.
Und wenn der mal erwacht,
dann Gute Nacht!
Offenheit zeichnet das Werk von F. W. Bernstein ganz generell aus, dies trifft sogar auf das heikle Gebiet der Erotik zu. Berüchtigte Verführer wie Giacomo Casanova oder der Engländer, der sich hinter dem Pseudonym Walter versteckte, verrieten bestenfalls im Alter ihre Tricks. F. W. Bernstein dagegen legt seine Strategien offen im Gedicht «An die Mädchen dieser Welt»:
Das Haferkorn, das reift,
das Glied, das sich versteift,
die Leine, die sich löst,
die Frau, die sich entblösst –:
Das sind vier Phänomene.
Warum ich sie erwähne?
Die ersten beiden Zeilen
sind, um euch aufzugeilen.
Die andern zwei? Der Rest?
Der macht mich scharf – verstehst?!
Als ich 1995 ein langes Porträt des amerikanischen Comic-Zeichners Robert Crumb veröffentlichte, schrieb mir Fritz Weigle in einem Brief: «Irgendein dummer Teil in mir sträubt sich gegen die genaueren Informationen über Crumb und seine psychischen Beweggründe. Mir wär wohler, wenn auch in diesem Fall die Soziologie wichtiger wäre als die Psychologie: also die Szene von San Francisco wichtiger für die kreative Explosion des Künstlers als seine Neurosen.»
Wenden wir uns also den soziologischen Aspekten des bernsteinschen Schaffens zu. Im Nachwort zu «Luscht und Geischt», seiner schönen Auswahl von Bernstein-Gedichten, erzählt Robert Gernhardt, wie Weigle und er in Stuttgart die Kunsterzieherprüfung ablegten und danach in Berlin Germanistik weiterstudierten. In Kneipen zeichneten und schrieben sie abends gemeinsam Komisches. Nach dem Abschluss im Nebenfach Deutsch traten sie am 1. April 1964 in die Redaktion der neu entstandenen Satirezeitschrift pardon ein. Dort stiessen sie auf den Chefgrafiker des Blatts, einen gewissen F. K. Waechter, mit dem sie sich gleich blind verstanden. Die drei entwickelten für pardon die Nonsensbeilage Welt im Spiegel (WimS), ein Komik-Labor, um das herum sich jene Gruppe von Zeichnern und Schreibern herausbildete, die wir heute als Neue Frankfurter Schule verehren.
«Luscht und Geischt»
Bei WimS flossen Anregungen so heftig hin und her, dass sich zum Schluss oft nicht mehr sagen liess, wer was gemacht hatte. So erschien denn 1966 auch das gemeinsame Buch, «Die Wahrheit über Arnold Hau», unter dem Namen aller drei Autoren, aber ohne Verfasserangaben zu den einzelnen Beiträgen, «da uns bewusst war, dass wir keinen Personalstil vertraten, sondern einen Gruppengeist verkörperten», wie Gernhardt im Nachwort zu «Luscht und Geischt» schreibt.
Das ist auch die Erklärung, warum einer der berühmtesten Zweizeiler der deutschen Sprache schon allen möglichen Autoren von Tucholsky über Brecht bis Hans Traxler, Eckhard Henscheid und Robert Gernhardt zugeschrieben worden ist, nur nicht seinem eigentlichen Autor, nämlich F. W. Bernstein. Der Zweizeiler steht im «Hau» in der Abteilung «Tierwelt – Wunderwelt» und lautet:
Die schärfsten Kritiker der Elche
waren früher selber welche.
Um vom Soziologischen zum Philologischen zu schwenken: In seiner Laudatio auf Loriot, den ersten Preisträger des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor, sagte der Philosoph Odo Marquard: «Das Lachen ist ein Denken; und Denken – merkende Vernunft und also auch Philosophie – ist die Fortsetzung des Lachens unter Verwendung des Lachmuskels Gehirn als Mittel.» Damit fasste er zusammen, was die Neue Frankfurter Schule mit der ursprünglichen Frankfurter Schule um Horkheimer und Adorno zu tun hat.
Im Gegensatz zu Waechter und Gernhardt, die beschlossen, sich von der Komikproduktion zu ernähren, ging Fritz Weigle in den Schuldienst. Er lehrte als Kunsterzieher und wurde 1984 der erste Professor für Karikatur und Bildgeschichte an der Berliner Hochschule der Künste. Da er mit seiner Kunst nicht Geld verdienen musste, wurde er unter dem Deckmantel seines Pseudonyms F. W. Bernstein zum
Experimentierfreudigsten und Verrücktesten des WimS-Dreigestirns.
Waechter und Gernhardt wurden berühmt, Waechter vor allem mit dem Cartoonband «Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein», Gernhardt mit Gedichtbänden, deren Auflage in die Zehntausende ging. F. W. Bernstein erreichte nie hohe Auflagen. Er ist das, was die Engländer einen «writer’s writer» nennen. Dazu passt, was F. K. Waechter einmal im Gespräch sagte: Die Zeit werde zeigen, dass F. W. Bernstein der Bedeutendste von ihnen sei.
Keinen Nobelpreis für Bernstein!
Nachdem nicht Robert Gernhardt, sondern Wolf Biermann den Büchner-Preis erhalten hatte, schrieb F. W. Bernstein Anfang 1992 den hinreissenden Text «Das Bimssteinzimmer» mit dem vielsagenden Untertitel «Ein Anfall». Darin steht der unsterbliche Satz: «Arschloch Büchner erhält den Biermann-Preis.» Am 16. Februar erhielt F. W. Bernstein den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, und wie es so ist mit Auszeichnungen: Hat einer einmal einen Preis bekommen, fühlen sich die Preisvergeber sicher und schmeissen ihm darauf Preis um Preis nach. Am 28.?Februar erhielt F. W. Bernstein auch noch den Hans-Platschek-Preis.
Den Nobelpreis erhält er hoffentlich nie. Der ist was für Angeber. F. W. Bernstein hingegen ist einer der ganz seltenen Leute, für die der Scheffel erfunden wurde: damit sie ihr Licht darunterstellen können. Und so gehört Bernsteins Sympathie denn auch nicht dem Bedeutungsträger Adler, sondern einem ganz anderen Vogel. Dies zeigt sein Gedicht «Wachtel Weltmacht?»
Schaut Euch nur die Wachtel an!
Trippelt aus dem dunklen Tann;
tut grad so, als sei sie wer.
Wachtel Wachtel täuscht sich sehr.
Wär sie hunderttausend Russen,
hätt den Vatikan zerschussen
und vom Papst befreit – ja dann:
Wachtel Wachtel Dschingis Khan!
Doch die Wachtel ist nur friedlich,
rundlich und unendlich niedlich;
sie erweckt nur Sympathie.
Weltmacht Wachtel wird sie nie!
Fritz Weigle wurde am 4. März 70 Jahre alt.
Die Gedichte werden zitiert nach:
F. W. Bernstein: Die Gedichte.
Kunstmann, 2003. 598 S., Fr. 35.90
Das Nachwort von Robert Gernhardt findet
sich in: F. W. Bernstein: Luscht und Geischt.
Fischer, 2007. 115 S., Fr. 15.–
«Das Bimssteinzimmer», vorgetragen von Peter Knorr, ist zu hören auf der CD F. W. Bernstein: Horch – ein Schrank geht durch die Nacht. Kein & Aber, 2005