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Vertraute Fremde. Orientdarstellungen in Venedig in der Renaissance.Nicolai Kölmel
Erstbetreuer: Prof. Dr. Lucas Burkart
Im Rahmen der Dissertation soll Bezügen auf die Länder der östlichen Levante in der venezianischen Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts nachgegangen werden. Im Gegensatz zu älterer Forschung – in welcher das Morgenland lange Zeit als homogen verstandene Einheit dem christlichen Abendland entgegengesetzt wurde – zeichnen neuere Ansätze ein weit komplexeres und ambivalenteres Bild des Beziehungsgeflechtes von Orient und Okzident. Das Dissertationsprojekt knüpft an diese Forschung an und nimmt am Beispiel künstlerischer Darstellungen die engen Verbindungen die in der venezianischen Gesellschaft mit den Ländern der östlichen Levante bestanden in den Blick.
Der doppelten Verflechtung gesellschaftlicher Akteure – ihrer Vernetzung mit Erfahrungs- und Handlungsräumen in der östlichen Levante einerseits und ihre Einbindung in die sozialen, politischen und ökonomischen Gegebenheiten des venezianischen Gemeinwesens andererseits – soll dabei an ausgewählten Kunstwerken nachgegangen werden. Im Fokus stehen so unterschiedliche Bilder wie die um 1500 entstandenen, orientalisierten Zyklen venezianischer Bruderschaften – etwa Carpaccios Gemäldeserie für die Scuola San Giorgio degli Schiavoni – oder die von Malern aus der Lagunenstadt nach 1571 gefertigte Herrschergalerie osmanischer Sultane. In der Überzeugung, dass an Artefakten wie diesen, die Spannungsfelder in denen Künstler, Auftraggeber und politische Akteure operierten sichtbar werden, sollen in der Dissertation die Hintergründe welche zur Entstehung solcher und ähnlicher Bilder führten herausgearbeitet werden. Fragen wie: Aus welchen realen, schriftlichen oder weltanschaulichen Quellen speisten sich das Bildwissen? Weshalb und auf welchen Wegen gelangte es nach Venedig? Wer waren die Auftraggeber und an wen richteten sich die Bilder? Und: Wie vertraut waren die Rezipienten mit den gezeigte Lebensräumen des Orients? sollen zeigen, inwiefern eine Dichotomie von christlichem Abend- und muslimischen Morgenland venezianischen Realitäten nicht gerecht wird und wie eng die Verbindungen von Lagunenstadt und Städten wie Istanbul, Alexandria und Damaskus waren. Zugleich kann durch kunsthistorische Analysen deutlich werden, mit welchen Absichten und zu welchen Zwecken Darstellungen der östlichen Levante innerhalb der venezianischen Gesellschaft eingesetzt wurden. Die Frage dabei ist weniger welches Bild die jeweiligen Akteure von den islamischen Nachbarn vermittelten als vielmehr wozu diese Bilder im Rahmen etwa von Außendarstellung, Selbstinszenierung oder Wissensakkumulation dienen sollten. Mit Fragen wie diesen soll die Einbindung von Auftraggebern und Künstlern als Handlungsträger in das venezianischen Gemeinwesen herausgearbeitet werden.
Der vergleichsweise lang gewählte Untersuchungszeitraum kann dabei – trotz des punktuellen Charakters, den die Ausrichtung an konkreten Einzelobjekten mit sich bringt – dazu dienen, Veränderungen in den Bildern des Orientalischen sichtbar zu machen. Gerade vor dem Hintergrund der Umwälzungen, die das 16. Jahrhundert in ökonomischer, politischer und territorialer Hinsicht für die Serenissima mit sich brachte, dürfte die Frage nach dem Wandel – und vor allem nach den Kontinuitäten – im venezianischen Orientbild zum Verständnis der Renaissance aus einer transkulturellen Perspektive beitragen.