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Das von der Euro-Krise geplagte Portugal nimmt nach etlichen Querelen Abstand von Plänen der genzüberschreitenden Hochgeschwindigkeitsstrecken von Madrid nach Lissabon und von Lissabon nach Vigo. Ebenfalls soll gemäss der NZZ-Ausgabe vom 5. April 2012 auf einen geplanten neuen Grossflughafen in Alcochete nahe Lissabon verzichtet werden. Der portugiesische Staat hatte von der EU und dem IWF milliardenhohe Staatshilfe bekommen, unter der Begründung, auf neue Infrastrukturprojekte zu verzichten.
Verzicht auf Hochgeschwindigkeitszüge
Aufgrund des hohen Staatshaushaltdefizits Portugals legt die amtierende konservative Regierung die noch von der 2011 abgewählten sozialistischen Regierung unter José Socrates gehegten Pläne von grenzüberschreitenden Normalspur-Bahnstrecken von Lissabon nach Madrid und Vigo – letztere mit Bedienung Portos – zu den Akten. Der Spatenstich war bereits erfolgt, die Strecken hätten nach ersten Planungen 2013 (nach Madrid) und 2015 (nach Porto-Vigo) eröffnet werden sollen. Die bereits erfolgte Vergabe für die Erstellung des Bauprojekts und des Baus für den auf portugiesischem Bogen gelegene, 165 Kilometer lange Abschnitt zwischen Poceirão und der spanischen Grenze wurde vom nationalen Rechungshof als ungültig erklärt. Ebenfalls verzichtet wird auf den Bau einer Hochgeschwindigkeitsstrecke von Lissabon über Leiria, Coimbra und Aveiro nach Porto, welche ihre Fortsetzung ins nordspanische Vigo gefunden hätte. Vom Tisch sind wohl auch mittel- bis langfristige Erweiterungen des Schnellfahrstreckennetzes Portugals, namentlich Neubaustrecken von Aveiro nach Salamanca, von Évora (an der SFS Lissabon-Madrid gelegen) nach Faro und von Faro ins spanische Huelva, wo an eine geplante spanische Neubaustrecke nach Sevilla Anschluss gefunden worden wäre.
Für den spanischen Staat ist der Verzicht der Portugiesen insofern ein Problem, da nun die spanischen Abschnitte mangels Rentabilität akut gefährdet wärden. Randregionen wie Badajoz oder Mérida hätten von einer schnelleren Anbindung an die Hauptstadt Madrid profitieren können. Heute benötigen die Züge zwischen Lissabon und Madrid 10 Stunden, direkte Zugspaare werden nur in Form von Nachtzügen angeboten. Die AVE-Hochgeschwindigkeitszüge ihrerseits hätten eine Fahrzeit von rund 2 Stunden und 45 Minuten (ohne Zwischenhalte) erreicht. Von portugiesischer Seite wird ein Ausbau der bestehenden Strecken für Geschwindigkeiten von bis zu 300 km/h in Betracht gezogen.
Dritte Tejobrücke schon vom Tisch
Bereits in einer ersten Phase war das Projekt einer Hochgeschwindigkeitsstrecke gestutzt worden. Anfänglich war geplant, den im Nordosten Lissabons gelegene Bahnhof Oriente zum neuen Hauptbahnhof auszubauen, denn hier würden die beiden Schnellfahrstrecken verknüpft. In Anbetracht von möglichen Durchbindungen der Züge sollte die Strecke aus Porto von Norden herangeführt werden, diejenige von Madrid mit einer Anbindung zum neuen Flughafen von Süden her. Im Rahmen letzteres war eine dritte Tejonbrücke (Terceira Travessia do Tejo) zwischen Lissabon und dem gegenüberliegenden Ufer bei Barreiro geplant gewesen. Die kombinierte Schrägseil- und Balkenbrücke hätte nebst normalspurigen Gleisen auch solche iberischer Breitspur umfasst, sowie in einer zweiten Ebene auch eine neue Strassenverbindung zwischen Chelas und Barreiro, um das immer noch herrschende Verkehrsproblem zu lösen. Die beiden bestehenden Tejobrücken, die Ponte 25 de Abril zwischen dem Lissabonner Stadtteil Alcântara und der Stadt Almada und die zwischen dem nördlichen Vorort Moscavide und dem gegenüberliegenden Alcochete führende Ponte Vasco da Gama operieren trotz vier- bis sechsstreifigen Ausbaus täglich an ihrer oberen Kapazitätsgrenze.
Nachdem die Brücke gestrichen wurde, wären die Züge bei Poceirão mittels Umspuranlage auf die Altstrecke geführt worden, auf welcher sie dann Lissabon erreicht hätten.
Trotzdem will die portugiesische Regierung den jahrzehntelang vernachlässigte Schienenverkehr wieder vorantreiben, jedoch vermehrt im Güterverkehr. Der südportugiesische Hafen Sines soll mit einer normalspurigen Strecke an Spanien angeschlossen werden, so dass zukünftig die in Sines gelöschten Waren per Zug ohne Umladen ins restliche Europa geführt werden können.
Kein neuer Flughafen für Lissabon
Ebenfalls beendet ist die Projektidee eines neuen Grossflughafens für die Hauptstadt Lissabon, da der bisherige Flughafen Portela mit 14.8 Millionen Passagieren jährlich an seine Grenzen stösst. Trotz eines erst für 2012 vorgesehenen U-Bahn-Anschlusses wäre dieser 2017 komplett durch einen neuen Flughafen am gegenüberliegenden Tejoufer auf dem bisherigen Militärschiessgelände Campo Tiro de Alcochete ersetzt worden. Die Strassenverbindung wäre in Form der Ponte Vasco da Gama bereits vorhanden, zudem wäre der Flughafen in Alcochete auch ans Schienennetz angeschlossen worden: Mit dem bestehenden Schiennenetz wäre er durch eine Verbindungslinie nach Pinhal Novo an der Kreuzung Linha do Sul/Linha do Alentejo verbunden worden, zudem hätte von der Schnellfahrstrecke Lissabon-Madrid eine Stichstrecke gebaut werden sollen. Alcochete hätte gegenüber Portela den Vorteil gehabt, dass er über zwei parallele Pisten verfügt hätte, während sich diejenigen in Portela kreuzen.
Das Flughafenprojekt stiess dennoch auf heftige Kritik, nicht nur den horrenden Kosten wegen, zumal der innenstadtnahe Portela über kurze Wege zum Stadtzentrum verfügt, während von Alcochete aus noch zunächst eine rund einstündige Fahrt absolviert werden müsste. Zudem wurde erst 2007 ein neues Terminal für Inlandflüge in Betrieb genommen. Gegner des Projekts schlugen eine Lösung namens Portela +1 vor, in der Portela im bisherigen Umfange weiterbestehen dürfe, während zu dessen Entlastung vor allem für Low-Cost-Carrier ein zweiter Flughafen für Lissabon in Betrieb genommen würde. Die Regierung stösst nun ins gleiche Horn und hat fünf Möglichkeiten in Betracht gezogen. Vier sind bereits bestehende Militärbasen und drei Varianten liegen in weniger als 40 km Entfernung von der Hauptstadt. Diese Idee sorgt auch bei Billigfluggesellschaften wie Ryanair für Zustimmung. Nebst diesen Massnahmen soll der militärische Teil des Flughafens Portela aufgehoben und an andere Armeeflughäfen übertragen werden, damit dieser Teil für zivile Nutzungen weiterverwendet werden kann.
Staatshaushalt ist der Übeltäter
Der Grund für die Stornierung der Projekte ist der marode portugiesische Staatshaushalt, das Defizit muss dringend gesenkt werden. Die von der Europäischen Union (EU) und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) überwiesene Staatshilfe in Milliardenhöhe war an die Bedingung geknüpft worden, dass das zur Verfügung gestellte Geld zur Senkung der Schulden und zur Stabilisierung des Haushalts verwendet werden muss und dass aktuelle Infrastrukturprojekte gestrichen werden müssen. Dieser Forderung ist die konservative Regierung unter Premier Pedro Passos Coelho, der seit Juni 2011 an der Macht ist, nun nachgekommen. Für die Schnellfahrstrecken waren ein Budget von 8 Milliarden Euro veranschlagt worden, für den neuen Grossflughafen bei Lissabon wären Kosten von fünf Milliarden angefallen, inklusive der Anbindung des Flughafens ans Bahnnetz durch die Schnellfahrstrecke Lissabon-Madrid.
Der portugiesische Staat ist schon seit langem für eine verschwenderische Politik bekannt. Statt sich um marode Innenstädte zu kümmern, werden lieber für umstrittene Infrastrukturprojekte Berge versetzt. So wurde vor Jahren zwischen den beiden grössten portugiesischen Städten Lissabon und Porto durchs Landesinnere eine Autobahn namens A1 errichtet, die alsbald an ihre Grenzen stiess. Statt diese dann mehrspurig auszubauen, entschied man sich für eine zweite Verbindung, diesmal die A8 entlang der Westküste, welche bei Leiria in die A1 mündet. Als auch deren Kapazitäten erschöpft war, zogen die Lusitanier den Bau einer dritten Autobahn in Betracht.