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Wenn Sean Brummel gefragt wird, wo er sich in fünf Jahren sieht, antwortet er: «An der Supermarktkasse oder in einer Entzugsklinik.» Nicht nur der komplette Mangel an Ambitionen auch sein unkomplizierter Umgang mit Suchtmitteln zeichnen den Mann aus.
Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Bestsellerautor Tommy Jaud (46), der seine Ideen zu einem gelungenen Leben unbequeme Wahrheiten nennt. Zum Beispiel: «Ohne Alkohol lernt man im Ausgang nicht einmal den Barkeeper kennen.» Oder: «Wer keine Ziele hat, der kann auch nicht scheitern.»
Sein Manifest gegen das schlechte Gewissen («Einen Scheiss muss ich») sieht der Kölner als Reaktion auf den Verzicht als moderne Form des Geniessens, vor allem aber als Kampfansage an den wachsenden Trend der masslosen Müssens: Abnehmen, aufräumen, positiv denken, ökologisch verantwortlich leben und rausgehen, wenn die Sonne scheint. «Die Leute sterben nicht, weil sie zu wenig Licht bekommen, sondern weil sie zu wenig Spass haben», ist Tommy Jaud überzeugt.
«Spass haben» bedeutet für Sean Brummel, nichts zu wollen und wenig von sich und anderen zu erwarten. Egoismus und Einsamkeit seien Resultate der permanenten Selbstkontrolle, und was die Forschung als erfolgreiches Leben proklamiere, mache die Menschen im Alltag keineswegs glücklich, sagt Tommy Jaud.
Als Kind widerstehen, als Erwachsener erfolgreich sein
Ganz anderer Meinung ist Walter Mischel (82), österreichisch-amerikanischer Psychologe und Erfinder des berühmten Marshmallow-Tests. Die Fähigkeit, den inneren Schweinehund zu überwinden, habe durchaus Einfluss darauf, wie erfreulich eine Existenz verlaufe.
In seinem Buch «Der Marshmallow-Test» dokumentiert Mischel die Lebensläufe jener Probanden, die in den frühen 1960er-Jahren als Kinder einer Süssigkeit – Marshmallows – widerstanden, um danach eine doppelte Belohnung einzustreichen. Wer damals im Test Selbstkontrolle und Willensstärke bewies, blieb im späteren Leben erfolgreicher und glücklicher. Die Lebensläufe der anderen Kinder verliefen weit weniger positiv, wie Mischels Studien mehr als 40 Jahre nach dem Test ergaben.
«Wenn ich Lust auf ein Bier habe, warum soll ich es nicht sofort trinken?», fragt hingegen Tommy Jaud. Verzicht und Selbstkasteiung hält auch sein Buchheld Sean Brummel für krankhaft. Den Körper schinden, reinigen, stählen? Das ist nur etwas für Leute ohne Sex. Grosser Arbeitswille? Gesundheitsschädigend. Aktiv und energetisch sein? Kontraproduktiv. Ambitionen haben? Sinnlos.
Zu 99 Prozent muss der Mensch nicht müssen
Jaud sagt, für seine Thesen habe er auf eine Fülle von wissenschaftlichen Untersuchungen und Abhandlungen zurückgreifen können, die genau das Gegenteil von dem belegten, was eine riesige Ratgeberliteratur verspreche: Diäten machen dünn; Sport ist gesund; unliebsame Aufgaben aufschieben, schmälert den beruflichen Erfolg; Ziele zu haben, ist wichtig; positiv denken, macht glücklich.
Sein Fazit: «99 Prozent aller Dinge, die wir tun müssten, müssen wir nicht tun.» Unter anderem auch: Zahnseide benutzen, zu allem eine Meinung haben, Karriere machen, selbst bestimmt und fröhlich sein, das Eisfach abtauen, am Sonntag etwas unternehmen.
Mit dieser Meinung stehen Tommy Jaud und sein Held nicht allein da. Der deutsche Arzt und Psychologe Arnold Retzer (64) rät seit langem dazu, das Streben nach Erfolg und Erfüllung sein zu lassen, weil die damit verbundenen Vorgaben vor allem etwas zum Vorschein bringen: die eigene Fehlerhaftigkeit. Hoffnung, dass sich die Situation in naher Zukunft verbessert, hegt Arnold Retzer – ein überzeugter Pessimist – allerdings nicht. «Anspruchslosigkeit, mangelnder Ehrgeiz, Müssiggang und Trübsinn passten nicht in die leistungsorientierte Gesellschaft», sagt er.
Ziele, Erfolg und Misserfolg seien Faktoren, die heute das Leben der meisten Menschen in fast allen Bereichen bestimmten, beobachtet auch Tobias Ballweg (49), Philosoph und Leitender Psychologe am Sanatorium Kilchberg ZH. «Das ist beeindruckend konsequent, aber auch extrem beschränkt.» Denn: «Hohe Erwartungen an sich selbst und andere erweisen sich oft als Quelle für Enttäuschung und Frustration.»
Während Walter Mischel zum Schluss kommt, dass jene Probanden, die als Kinder Disziplin bewiesen, im Erwachsenenleben auch Enttäuschungen und schmerzliche Erfahrungen mit der Willensstärke regeln und daher selten unter Gemütsschwankungen und psychischen Erkrankungen leiden, macht Tobias Ballweg im Klinikalltag auch die umgekehrte Erfahrung: «Willensstarke, ambitionierte und allzu optimistische Menschen neigen leider auch dazu, negative Gefühle und existenzielle Probleme zu verdrängen, was sie für eine schleichende depressive Entwicklung anfälliger macht.»
Zu viel Selbstkontrolle, das zeigen in der Zwischenzeit auch verschiedene Studien, lässt unser Leben ebenso unerfüllt erscheinen wie zu wenig Wille und Disziplin. Doch die richtige Balance zu finden, sei nicht einfach, weiss Tobias Ballweg. Mit den Themen Selbstkontrolle, Schuldgefühlen und Überforderung befasst er sich im Praxisalltag tagtäglich. Entsprechende Erkrankungen treten inzwischen ebenso gehäuft auf, wie der Konsum im Bereich von Schlafmitteln, Stimmungsaufhellern und leistungssteigernden Substanzen zunehme. Der durch Stress verursachte volkswirtschaftliche Schaden wird in der Schweiz in der Zwischenzeit auf über drei Milliarden Franken geschätzt.
Willensstärke und Disziplin machen nicht glücklich
«Was uns heute fehlt, ist nicht unbedingt der Mut zum Nichtstun, sondern die Begabung zur Musse», sagt der Stress-Experte. Gemeint sei die Fähigkeit, Dinge um ihrer selbst willen zu tun und nicht – wie beim Leistungsverhalten – als blosses Mittel zum Zweck. Bei Willensstärke und Disziplin handle es sich zwar um wichtige Eigenschaften, aber sie hätten recht wenig mit Glück zu tun.
Liegt Tommy Jaud also nicht falsch, wenn er behauptet, fernab von Erwartungen und Verpflichtungen lasse sich der Schlüssel zu einem erfüllten Leben am ehesten finden? Oder um es in den Worten seiner literarischen Figur Sean Brummel zu formulieren: «Glücklich und erfolgreich sein? Einen Scheiss muss ich.»
Tommy Jaud: «Sean Brummel: Einen Scheiss muss ich – Das Manifest gegen das schlechte Gewissen», Fischer-Verlag
Arnold Retzer: «Miese Stimmung. Eine Streitschrift gegen positives Denken», Fischer-Taschenbuch-Verlag
«Die Grenzen liegen im Hochmut»
Interview mit Walter Mischel, Österreichisch-amerikanischer Psychologe.
Wieso kann man Ihrer Meinung nach ein erfolgreiches Leben nur führen, wenn man vielen Verlockungen widerstehen kann und sich überwindet, Dinge zu tun, die man nicht tun möchte?
Walter Mischel: Die Selbstkontrolle ist ein wichtiges Instrument, damit man sein Bestes geben und Ziele erreichen kann – ob es nun in der Schule ist, beim Studium oder um für die Rente zu sparen. Diese Fähigkeit macht aber auch, dass wir schmerzliche Gefühle abkühlen können: Liebeskummer überwinden, Stress und Aggressionen abbauen, Misserfolge verkraften.
Was geschieht, wenn jemand die Selbstkontrolle nicht hat oder sie ignoriert?
Es wird schwierig, das volle Potenzial auszuschöpfen – und ich gehe eigentlich davon aus, dass dies die meisten Menschen möchten.
Was geschieht, wenn man sich zu viel Selbstkontrolle auferlegt?
Ich nenne dies eher den zu langen Belohnungsaufschub. Dieses Verhalten kann zu einem unbefriedigenden und emotional leeren Leben führen. Im Extrem kann es sogar ein ungelebtes Leben bedeuten, weil solche Menschen immer an die Zukunft denken und nicht fähig sind, im Hier und Jetzt zu sein.
Eine Balance zu finden, scheint nicht ganz einfach zu sein. Wissen Sie, wie diese funktioniert?
Einerseits sollte man sich selbst erlauben, die Vergnügungen des Lebens zu geniessen, andererseits sollte man die langfristigen Konsequenzen überdenken. Die Selbstkontrolle ist interessant, wenn man sie weise und unterschiedlich einzusetzen weiss.
Menschen, die immer wieder Misserfolge einstecken müssen, verlieren normalerweise das Selbstvertrauen in sich selbst. Ist es umgekehrt ähnlich?
Absolut. Die sogenannte Kontrollüberzeugung, die Gewissheit, gewünschte Handlungen selbständig ausführen zu können und die Fähigkeiten zu besitzen, sich zu verändern, zu wachsen, zu lernen und neue Herausforderungen zu meistern, tragen zum Selbstbewusstsein bei. Aber auch der Misserfolg ist nicht unabänderlich. Wie meine Untersuchungen zeigen, gibt es Wege und Möglichkeiten, um den Willen und die Selbstkontrolle zu stärken.
Kann die Willensstarken nichts zu Fall bringen?
Doch, der Hochmut. Weil aufschubstarke Personen im Lauf ihres Lebens häufig die Erfahrung machten, Erfolge und Ziele zu erreichen, ignorieren sie Warnsignale und tendieren zu riskanteren Entscheidungen, vor allem infolge der sogenannten Kontrollillusion. Das kann katastrophale Folgen haben.
Walter Mischel: «Der MarshmallowTest – Willensstärke, Belohnungsaufschub und die Entwicklung der Persönlichkeit», Siedler-Verlag.