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Die verschlossene Welt
Ein Jüngling stand vor einer dicken, unüberwindbaren Mauer. Hinter der Mauer, durch die eine kleine Öffnung das Innere offenbarte, lag die Welt: ein riesiger Park mit allerlei Blumen und fruchtbaren Bäumen, die sich in einem kristallklaren, stillen See spiegelten. Lauwarme Windböen strichen über das einsame Wasser, das dem Garten Leben bescherte. Der junge Mann hatte einen langen und mühsamen Weg hinter sich. Er war dem Rat eines alten Weisen gefolgt, zur grossen Mauer zu gehen, wie man sie nannte. Der Greis hatte ihm von der mächtigen Steinwand erzählt und der Welt dahinter, in die er eintreten und die er erforschen solle.
Als sich nun der Jüngling durch die enge Öffnung zwängen wollte, blieb er mit den Schultern stecken. Der Spalt war viel zu eng für ihn, obwohl er einen schmächtigen Körper hatte. Traurig rief er nach dem Weisen. Doch der Alte hörte sein Flehen nicht. Da erklärte ihm seine eigene innere Stimme: «Der Weise hat dich zur Mauer geführt, von nun an musst du selbst sehen, wie du in die Welt hineinkommst.»
Da es der junge Mann nicht durch das kleine Mauerloch schaffte, entschloss er sich, das Hindernis zu übersteigen, und kletterte an der Wand hoch. Mit jedem Zug, mit dem er an Höhe gewann, wuchs jedoch die Mauer weiter in den Himmel. Nach einer Weile gab er erschöpft auf und kehrte um. Wieder unten auf dem Boden spähte er sehnsüchtig durch den Spalt.
Die Pracht des riesigen Parks lockte ihn so sehr, dass er begann, mit blossen Händen das Loch in der Mauer zu erweitern. Stein um Stein brach er mit seinen schon bald blutenden Fingern mühsam heraus. Aber mit jedem entfernten Brocken wuchs ein neuer noch sperriger nach.
Entmutigt wandte er sich ab, um den Weg zurückzugehen, den er gekommen war. «Es hat keinen Sinn», dachte er. Die Hindernisse, um in die schöne Welt zu gelangen, waren viel zu gross für ihn. Doch als der Jüngling der Mauer den Rücken zuwandte, sah er vor sich nur noch eine unendliche Sandwüste. Es gab kein Zurück für ihn. Verwirrt hielt der Bursche inne, drehte sich erneut der Mauer zu und staunte, als bei der kleinen Öffnung, die er mühsam und erfolglos hatte erweitern wollen, ganz von selbst Stein um Stein herausbrach und auch nicht mehr nachwuchs. Immer mehr sah er von der Welt dahinter: Die Blumen leuchteten, als wären sie aus purem Gold, die Bäume schimmerten silbern und das Glitzern im See stammte von Diamanten. In der Mitte des Parks stand ein gläserner Palast, aus dessen Turm ihm eine wunderschöne Jungfrau zuwinkte. Der Jüngling war berauscht und voller Erwartung. Nun war er doch noch ans Ziel gelangt – beinahe.
Das Mauerloch war nun fast gross genug; es fehlte nur noch ganz wenig. Er packte den grössten Stein und wollte ihn wegzerren, als sich dieser plötzlich löste, ihn am Kopf traf und zu Boden warf. Augenblicklich sank der Knabe in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Die Sonne ging allmählich unter. Es wurde dunkel und ganz still um ihn herum. Der Mond stieg auf. Eine freundliche Nacht wachte über ihn.
Am nächsten Morgen, als die Sonne den jungen Mann weckte und er ausgeruht seine Augen öffnete, war die Mauer, so weit er sehen konnte, eingestürzt. Die wunderbare Welt lag mit ihrer ganzen Herrlichkeit zu seinen Füssen, und er trat ungehindert ein.
Philippe Daniel Ledermann ist Zahnchirurg und Erfinder eines Zahnimplantates, das er mit der Basler Firma Straumann entwickelt hat.