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Primarlehrerin (1946-1969), Schulhaus Buhn 1946-1953, Schulhaus Buchwiesen 1953-54, Schulhaus Buhn 1954-1969. Sie übernahm im Frühling 1953 die 3. Primarklasse von Nelly Friedrich, die im Frühling 1953 weg zog. Daher musste sie für dieses Jahr das Schulhaus wechseln. Auf diesen Zeitpunkt wurde das erste Schulhaus Buchwiesen fertig gestellt. Es war der obere der beiden Pavillons. Hedwig Wipf blieb aber Seebach noch eine ganze Weile lang treu, denn sie arbeitete noch bis 1969 als Lehrerin im Schulhaus Buhn, weiterhin für die 1. bis 3. Primarschule.
Frau Hedwig Wipf war eine eher strenge Lehrerin, was sich darin äusserte, dass sie auf Spässe, Scherze und viel Fröhlichkeit im Unterricht keinen besonders grossen Wert legte. Sie konzentrierte sich mit viel Sachlichkeit und Ernsthaftigkeit auf den Unterricht und wer meinte, es könnte auch etwas lustiger oder fröhlicher zu und her gehen, landete auch mal vor der Tür. Sie war zwar nicht nachtragend, doch wer es einmal geschafft hat, mehrmals vor der Tür zu landen, dessen Namen konnte sie sich dann schon merken. Dafür handelte sie sich den Übernamen 's Wipfi' ein, welches deutlich zum Ausdruck brachte, dass man seitens der Buben durch die Verkleinerungsform versuchte, ihrer Strenge etwas entgegen zu setzen.
Der Unterricht bei ihr war dafür sehr interessant und sie verstand es, die Kinder zu fesseln. In bester Erinnerung geblieben ist ihr Deutsch-Unterricht, wo wir viel lesen mussten. Es gab ein Lesebuch mit vielen schönen Geschichten und Gedichten. Sie las diese oft vor und wir mussten sie dann nacherzählen. Sie schärfte die Schüler darauf, auf Details zu hören und legte viel Wert auf gute Redewendungen und gepflegte Ausdrucksweisen, die wir immer wieder üben mussten.
Ein Gedicht von Alfred Huggenberger blieb dabei unvergessen. Es war im Unterstufen-Lesebuch enthalten und es war während vieler Stunden Unterrichtsstoff.
Der Frühling kommt
Drei Zwerglein läuten den Frühling ein, mit weissen und gelben Glöcklein fein; drei Elfen tanzen im Sonnenlicht, lauschen, was der Märzwind spricht.
Kommt der Käfermann vor sein Haus, putzt sich die Brillengläser aus: "Was fangt ihr für ein Spektakel an, dass unsereiner nimmer schlafen kann?
Ei - da guckt ja ein Veilchen herfür.....!" Schleunig kehrt er sich gegen die Tür: "Alte, hab' ich's nicht immer gesagt? Hurtig die Läden auf, es tagt!"
Wwwwupp, schon schlüpft die durchs enge Loch, hinter ihr her drei Nachbarn noch; tollen und überkugeln sich satt, bis einer ein Beinchen zu wenig hat.
Frau Ameise fängt nebenan just ihren Bau zu flicken an: "Dies windige Pack; man ärgert sich schwer; weiss nicht, dass Kisten und Kammern leer; faulenzt schon am ersten lieben Tag; mich wundert's, wie das noch kommen mag!"
Hoch im Apfelbaum singt der Fink: "Pinkepink, pinkepink; der Kurier ist schon abgesandt; er holt mir ein Weibchen aus Mohrenland!"
Professor Rabe - weiss nicht warum - denkt heut' auch nicht ans Studium: "Wissen soll nun mal jedermann, dass unsereiner auch singen kann: Gloobuu, krahaa; das klang aber fein; übers Jahr werd' ich bei der Oper sein!"
Der Winter sitzt am Schattenrain; stopft ein Stummelpfeifchen sich ein; tut erst, als ging' ihn alles nichts an; aber schon fängt er zu laufen an; hopphopphopp, über Stock und Stein; ein Schmetterling gaukelt hinter ihm drein!"
Wir mussten es auswendig lernen, aber nicht zu Hause, sondern gemeinsam in der Schule während des Unterrichts. Das schafften zwar nur ein paar ganz wenige besonders fleissige Mädchen, aber kaum ein Bub. Ich hatte natürlich den besonderen Spass am "Gloobuu, krahaa!" und betonte es so sehr, dass viele Schüler lachen mussten. Das setzte dann einen strafenden Blick der Lehrerin ab, nicht an die lachenden Schüler, sondern an mich, weil ich es wieder einmal fertig brachte, die Schüler vom ernsthaften Unterricht abzulenken.
An etliche ihrer speziellen Wörter und Redewendungen kann ich mich heute noch erinnern. So etwa:
- Es schwante mir. - Er hieb auf den armen Hund ein, bis er röchelte. - Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing'. - Das Schwesterlein trug Kraushaar. - Das Wickelkind. - Das Mädchen war etwas eitel. - 's Bethli lorgget! - Da hub ein mächtiger Wind an. - usw.
Lauter Wörter oder Ausdrücke, die ich zuvor noch nie gehört hatte.
Eine weitere Geschichte betraf einen Piloten in einem Doppeldecker, welcher von einem Sturm zu Boden getrieben wurde, aber unverletzt dem Wrack entstieg und meinte: "Ich muss mir wohl ein stärkeres Flugzeug bauen". Diese Geschichte war begleitet von einer Zeichnung, wo das Flugzeug noch in den Wolken schwob, aber man sah bereits den blasenden Wind heran sausen. Sie war im damaligen Lesebuch für Drittklässler zu finden.
Im Rechnen galt Frau Wipf als besonders streng. Mein Mitschüler Reinhard Dürst erinnerte sich vor allen daran und vergass es bis heute nicht.
Der Turnunterricht erfolgte auf der Spielwiese und an den Kletterstangen, wo die Kinder viel Freiheit genossen. Auch das Wandern über Stock und Stein und in den Wald gehörte dazu und zwar auch im Winter. Dann erteilte sie den Unterricht auch mal auf der Wiese oder eben im Schnee. In der Hinsicht wirkte ihr Unterricht sehr locker und angenehm. Sie gab leider auch viel Hausaufgaben und kontrollierte diese sehr genau. Wenn sie auffällige Mängel bei den Schülern entdeckte, gab es Nachsitzen, wobei sie dann meist mehrere Kinder zusammen fasste. Das Nachsitzen hat sie jeweils im voraus angekündigt und wir mussten die Mutter davon verständigen. Da wir nach der Schule lieber gespielt hätten, rissen sich die Schüler etwas mehr zusammen, um solchem Nachsitzen aus dem Wege zu gehen. Sie hat damit sicher erreicht, dass sich vor allem die Minimalisten etwas mehr Mühe gaben, denn es kam nur selten zum Nachsitzen. Sie hat betont, dass Nachsitzen keine Strafe sei, sondern eine Hilfe.
Insgesamt hat die Lehrerin mit ihrer Art Unterricht ihren Schülern sicher viel Disziplin, Sauberkeit, Fleiss und Ordnungssinn beigebracht und das auf eine durchaus erträgliche Art. Nur eben, zum Lachen kamen wir nicht oft. Kindern die besonders gut waren und immer wieder Bestnoten erzielten, hat sie zusätzliche Aufgaben gegeben, um sie eben so zu beschäftigen wie jene, welche beim Begreifen etwas langsamer waren. In Erinnerung geblieben ist, dass sie ein Mädchen namens Ingrid Weinbeck, welches vermutlich die Klassenbeste war, immer wieder mit Extra-Aufgaben eindeckte, sie aber auch häufig für ihren Fleiss lobte.
Der Visitator hiess W. Wäckerlig, wohnte an der Hubenstrasse 33 in Zürich-Schwamendingen, doch kann ich mich nicht an ihn erinnern. Vermutlich habe ich seinen Besuch wegen einer Absenz verpasst oder seinen Besuch schlicht vergessen.
Üblicherweise sassen bei ihr die Buben und die Mädchen getrennt. Da ich auch bei Frau Wipf nicht zu den ganz pflegeleichten Schülern gehörte und mit meinem Sitznachbar immer wieder meine Spässe machte und damit ihren streng disziplinierten Unterricht störte, löste sie das Problem genialerweise nicht mit Strafen, sondern mit einer ganz besonders raffinierten Massnahme: Sie setzte ein Mädchen neben mich und zwar eines, welches als besonders ruhig und fleissig galt. Es war Miriam Besomi, welche dann unbewusst die Aufgabe wahr nahm, mich ruhig zu halten. Diese Ausnahme von der üblichen Sitzuordnung hat sie nur ganz kurze Zeit beibehalten, bis ich es schaffte, auch Miriam zum Lachen zu bringen. Dann kam Hedwig Wipf auf eine noch bessere Idee: Der Platz neben mir blieb bis zum Ende der 3. Klasse leer!
Mit meiner Beschreibung der Lehrerin waren etliche Leser der OGS nicht einverstanden, indem sie meinten, die Lehrerin sei viel unangenehmer gewesen. Ein Mädchen jedoch meinte, ich hätte viel zu streng beurteilt. Ich beharre aber auf meiner Beschreibung, weil ich die Auswirkungen ihrer Erziehungsmethoden in meinem späteren Leben vielfach erfahren konnte und die waren eigentlich durchwegs gut. Hedwig Wipf hat auf mein späteres Leben einen günstigen Einfluss ausgeübt und dafür bin ich ihr bis heute dankbar. Sie hat mich nie gehauen, nie mit dem Lineal Tatzen gegeben und nie streng bestraft und sie hatte mich dennoch stets im Griff gehabt und war mir immer ein paar Schritte voraus. Das interpretiere ich für das Jahr 1953 als grosse Leistung für eine Lehrkraft. Ganz toll aber fand ich ihr leichtes Lächeln, als sie mir am Ende des Examens der 3. Klasse den Weggen in die Hand drückte und mir alles Gute wünschte.
Auch heute noch nach fast 70 Jahren bin ich fest davon überzeugt, dass Frau Wipf für mich ein grosser Nutzen war.
Quellen: - OGS-eigene - Alfred Huggenberger (Abschrift des Gedichts) - Richard Kolbicz (ihr Einsatz im Schulhaus Buhn, 1963-66) - Reinhard Dürst (Erinnerung an den strengen Rechenunterricht)