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Heilsarmee Bern: Kirche für alle
Ein Porträt über die Berner Heilsarmee: Geschichte, Glauben, aktuelle Herausforderungen.
Von Julia Neuschäfer, Kaltrina Zendeli, Stephanie Thäler und Gaia Ischi
Geschichte – Von London nach Bern
Die Heilsarmee gibt es schon seit fast 200 Jahren. Die Heilsarmee ist eine Organisation von Menschen für Menschen und wurde im viktorianischen Londoner East End gegründet, um dem Elend in diesem Armenviertel Londons entgegenzuwirken. Der Gründer William Booth (1829-1912) erkannte, dass sozial verelendete Menschen nicht in die Kirche gehen und wollte deshalb auf ebendiese bedürftigen Menschen zugehen. Seine Frau unterstützte ihn tatkräftig bei dieser Mission, anderen zu helfen.
Sein damaliger Grundgedanke: die seelische wie auch die materielle Not der Menschen lindern. Die «Ostlondoner Christliche Mission» wird 1878 in «Heilsarmee» (engl. The Salvation Army) umgetauft.
Einerseits hat zeitgenössisches Gedankengut, wie die Theorien von Karl Marx und Friedrich Engels, William Booths Idee der Heilsarmee beeinflusst; andererseits war Booth gläubig, weshalb er den Glauben miteingebaut hat. So wurde die Heilsarmee Hilfswerk und Kirche zugleich.
«Eine Kirche, die offen für alle ist.»Lukas Wittwer, Leiter des Korps Bern
In der Zwischenzeit hatte sich die Heilsarmee in der ganzen Welt verbreitet, sie hat Standorte in über 130 Ländern. Die Schweiz ist eines davon.
1895 kam ein erstes Treffen der Heilsarmee in Bern zustande. Diese erste Versammlung wurde im damaligen Café Metropole durchgeführt und war der Katalysator für die spätere Entwicklung der Heilsarmee in der Schweizer Bundesstadt. Nur ein knappes Jahr später findet die offizielle Gründung in dem prominenten Gasthof «Alte Krone» statt. Die Heilsarmee ist zu diesem Zeitpunkt in zwei Untereinheiten aufgeteilt: Korps Bern 1 und Korps Bern 2. Gut zwanzig Jahre später (1915) weiht die Heilsarmee Korps 1 das Hauptgebäude an der Laupenstrasse 5 ein. Das Sandsteingebäude liegt sehr zentral in der Stadt, perfekt, um die ganze Stadt abdecken zu können. Bis heute ist es das Hauptquartier der Berner Heilsarmee. Viel später, im Jahr 2005, werden Korps Bern 1 und Bern 2 vereint.
Glaubenstradition – Die Heilsarmee als Freikirche
Wie im London der 1860er Jahre spielt auch im heutigen Bern der ursprüngliche Gedanke der Heilsarmee, soziales Hilfswerk und Kirche gleichzeitig zu sein, eine zentrale Rolle. So ist die Heilsarmee tief verbunden mit ihren christlichen Wurzeln. Als Freikirche gehört sie aber nicht zu der katholischen Kirche. Im starken Kontrast zu dieser hat die Heilsarmee nämlich keine Sakramente. Das heisst, dass die Heilsarmee auf Rituale wie die christliche Taufe oder das Abendmahl verzichtet.
Traditionen und Werte der Berner Heilsarmee: Vision – Mission – Auftrag
Um einen tieferen Einblick in die Traditionen und Werte der Berner Heilsarmee zu erlangen, haben wir das Hauptquartier an der Laupenstrasse besucht und mit dem Korpsleiter Herr Lukas Wittwer gesprochen, der seit zwei Jahren an diesem Standpunkt der Heilsarmee tätig ist.
«Suppe, Seife, Seelenheil» ist das Motto der Heilsarmee, unter welchem sie gegen soziale Missstände vorzugehen bemüht sind. Lukas Wittwer erklärt uns dies folgendermassen: «William Booth, der Gründer der Heilsarmee meinte, dass man den Leuten auf der Strasse nicht helfen kann, wenn man ihnen nur das Evangelium bringt und erklärt, dass Gott sie liebhat. Das geht nicht, wenn sie hungrig im Dreck liegen. Also muss man den Betroffenen zuerst warme Suppe geben, damit sie keinen Hunger mehr leiden müssen. Danach muss versucht werden, Ihre Lebensumstände zu verbessern. Als Drittes kommt das Seelenheil: Gott. Man sagt den Menschen, dass man ihnen im Namen Gottes geholfen hat.»
Die Botschaft und Mission der Berner Heilsarmee basiere auf der Bibel, ihr Auftrag sei es, das Evangelium von Jesus Christus zu predigen und motiviert von der Liebe Gottes ihren Dienst auszutragen, erklärt uns Herr Wittwer weiter. Die gemeinsame Begeisterung und der gemeinsame Glaube bringen die Leute zusammen. Sie haben ein gemeinsames Glaubensbekenntnis. Trotz der christlichen Grundidee der Heilsarmee seien Leute aller Religionstraditionen zu den öffentlichen Anlässen im Hauptquartier an der Laupenstrasse willkommen. Gefeiert werden alle christlichen Feste, die andere christliche Institutionen auch feiern. Wir besuchen Herr Wittwer nach einem Weihnachtsfest.
Allen werde geholfen, die sich helfen lassen. Alle werden mit offenen Armen empfangen. Oder wie Herr Lukas Wittwer dies schön zusammenfasst: «Wir sind eine Kirche, die offen für alle ist.»
Organisation und Infrastruktur
Die Heilsarmee bedient sich eines militärischen Aufbaus. Die hauptamtlichen Mitglieder der Berner Heilsarmee werden in militärische Ränge wie Salutist, Sergeant, Kadett und Leutnant eingeteilt. Die Aufgaben und Verantwortung variieren entsprechend. Zur militärischen Struktur der Heilsarmee gehört selbstverständlich auch die Uniform, welche als Erkennungsmerkmal dient. Die Offiziere der Heilsarmee tragen einen Hut mit rotem Logo, eine weisse Weste und einen marineblauen Anzug.
In der Heilsarmee arbeiten Leute sehr verschiedener Altersklassen. Ein Drittel der Mitglieder der Berner Heilsarmee ist unter 30 Jahre alt, während ein weiterer Drittel im Pensionsalter ist. Viele der Mitglieder arbeiten ehrenamtlich, wobei es aber auch Festangestellte gibt. Dazu gehören auch ausgebildete Sozialarbeiter, die das Hauptquartier an der Laupenstrasse Jugendlichen zur Verfügung stellt. Im Kanton Bern gibt es Kirchen, Heime, Brockis (und noch mehr), die alle von der Heilsarmee organisiert und unterhalten werden. Das Ziel: möglichst viele Leute damit unterstützen und möglichst viele Lebensabschnitte abdecken.
Die Heilsarmee wird dabei hauptsächlich von der Finanzierung durch Mitgliederbeiträge, öffentliche Spenden und andere Aktionen unterstützt. Die Berner Heilsarmee wird bei der Finanzierung der Heime von der Stadt oder der IV unterstützt. Gerade in der Vorweihnachtszeit ist die Heilsarmee wieder aktiv am Spendensammeln. An mehreren Standpunkten in der Stadt, so wie am «Loeb-Egge» oder beim «Zytglogge», kann man Mitglieder der Heilsarmee finanziell unterstützen und ihrem Gesang lauschen.
Der heutige Sitz der Heilsarmee befindet sich an der Laupenstrasse, unweit des Bahnhofs. Das gesamte Gebäude ist in verschiedene Büros und andere Räumlichkeiten aufgeteilt. Sogar eine Kirche gehört zum Hauptquartier. Sie ist jedoch nicht wie eine typisch christliche Kirche aufgebaut; es handelt sich mehr um einen grossen Raum mit Podium, in dem auch Anlässe wie ein Weihnachtsessen zusammen gefeiert werden können.
Aktuelle Herausforderungen der Berner Heilsarmee
Aufgrund der internationalen Struktur und Gemeinschaft der Heilsarmee können sich interne Spannungen aufbauen, erklärt uns Herr Wittwer in unserem Gespräch. Es sei momentan eine Herausforderung der Heilsarmee hier in Bern, sich mit den Werten anderer Heilsarmeen zu identifizieren, eine einheitliche Idee der Heilsarmee zu bilden und gleichzeitig zu den Werten der Berner Heilsarmee klar und öffentlich Stellung zu nehmen. Manchmal könne eine Stellungnahme zu einem international kontroversen Thema schwierig sein, ohne als Konsequenz andere Heilsarmeen vor den Kopf zu stossen. Ein Beispiel dafür sei die Homosexualität, die in der Schweiz zwar legal sei, aber in anderen Ländern, in welchen die Heilsarmee vertreten ist, habe man andere Ansichten über gleichgeschlechtliche Liebe. Dann sei es eher herausfordernd, sich positiv auszusprechen. Gerade weil die Stärke der Heilsarmee auch darin läge, dass sie eine internationale Einheit bilde.
«Es gibt mehr als nur das, was ich mache. Ich habe eine Wirkung. Auch Gott steht hinter mir. Gott wirkt. Das ist meine Berufung.»Lukas Wittwer, Leiter des Korps Bern
Des Weiteren kämpft die Heilsarmee, so wie andere Freikirchen, immer wieder mit dem Vorwurf, missionarisch veranlagt zu sein. Dies besonders, weil die Berner Heilsarmee es als ihre Mission ansieht, die durch Gott erweckte Hoffnung anderen Leuten zu vermitteln. Ihr Auftrag sei es, nicht nur zu helfen, sondern dies im Namen von Jesus Christus zu tun und daher auch das Evangelium zu predigen, erklärt Herr Wittwer. Indem sie Gutes für andere tun, leben sie ihren Glauben aus. Ihre Glaubensvorstellungen spiegeln sich also im Helfen. Was man glaubt, sollte man ausleben. Missionarisch seien sie jedoch nicht, meint der leitende Offizier überzeugt. «Wir können sehr viel von den Leuten, denen wir helfen, lernen. Es ist ein Geben und Nehmen. Nicht nur wir helfen den Leuten, sondern die Leute können auch uns helfen. Wenn wir missionarisch wären, würden wir davon ausgehen, dass nur wir den Menschen etwas beibringen und wir nichts von ihnen lernen könnten.»
Schlusswort
Die Berner Heilsarmee möchte ihren 300 Mitgliedern vermitteln, dass eine versöhnliche Haltung gegenüber ihrer Umwelt für eine zufriedene Lebensführung wichtig ist. «Das Heilige ist dort, wo ein Mensch von Gott berührt wird. Die Menschen werden berührt vom Wort Gottes, dann passiert etwas mit ihnen. Ihr Leben beginnt sich zum Positiven zu verändern», meint Herr Wittwer. Bei seiner tagtäglichen Auseinandersetzung mit dem Göttlichen hilft ihm seine Berufung, sie gibt ihm Kraft auch in schweren Zeiten. «Es gibt mehr als nur das, was ich mache. Ich habe eine Wirkung. Auch Gott steht hinter mir. Gott wirkt. Das ist meine Berufung.»
Kontakt
Heilsarmee Bern
Laupenstrasse 5
3011 Bern
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https://bern.heilsarmee.ch