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SIGVARIS AG
SIGVARIS MANAGEMENT AG
Medizinische Kompressionsstrümpfe
St. Georgen-Strasse 70
8400 Winterthur
Die Schweizer Firmengruppe SIGVARIS mit Hauptsitz in Winterthur ist Weltmarktführer in der Herstellung medizinischer Kompressionstextilien. Sie beschäftigt über 1’500 Mitarbeitende mit eigenen Produktionsbetrieben in der Schweiz, Frankreich, Polen, USA und Brasilien. Die Firmengruppe verfolgt eine internationale Wachstumsstrategie auf dem soliden Fundament einer über 150-jährigen Erfolgsgeschichte.
1864 gründen Moritz Ganzoni und Niklaus Barthelts in Winterthur das Unternehmen, das «gummielastische Textilien» produziert. Ab 1920 wird das Unternehmen zur Ganzoni & Cie, ihr ehemaliger Firmensitz ist heute Standort des Fotomuseum Winterthur an der Grüzenstrasse 44. Dort hatte später die Genossenschafts-Schreinerei ihre Werkstätten.
Moritz Ganzoni (1830-1900) von Celerina war der Ehemann von Anna (Nanette) Sträuli (1836-1919), einer Tochter des Fabrikanten und Firmengründer der „Sträuli AG Seifenfabrik“ Johannes Sträuli (1803-1870). Er und sein Partner Niklaus Barthelts (1837–1891) bilden 1864 ein kongeniales Führungsduo und legen ein solides Fundament für die Nachfolgegenerationen. Seine kaufmännische Ausbildung vertiefte er durch Auslandsaufenthalte, u.a. in Ägypten. Die neue Firma von «Ganzoni und Barthelts» war ein reines Merceriegeschäft in Winterthur. Schon 1865 werden wegen grosser Nachfrage auf vier Webstühlen Elastikbänder für schnürlose Halbstiefel hergestellt, damals ein begehrter Modeartikel. 1870 wird an 20 Webstühlen gearbeitet, Heimarbeiter dienen als Nachfragepuffer.
1877 wurde an der Grüzenstrasse 44 in Winterthur ein Fabrikgebäude (heute Fotomuseum) erstellt. 40 Gummibandwebstühle sind in Betrieb, angetrieben über je zwei Transmissionsriemen von einer Kolben-Dampfmaschine. Eine Appretur (Zurichterei) wird aufgebaut, weil die Kundschaft nach Ware mit feinerem Griff verlangt. Das Kleinwarengeschäft wird dann verkauft und die Beschäftigung von Heimwebern aufgegeben. Das Vertriebsnetz umfasst beinahe ganz Europa und reicht sogar bis Nordafrika und Argentinien.
Moritz Ganzoni-Nadler, nach Lehr- und Wanderjahren bereits mit 25 Jahren in der Verantwortung, steuert das Unternehmen durch schwierige Jahre. Er ist ein vorbildlicher Arbeitgeber und engagiert sich in öffentlichen Ämtern, unter anderem als Handelsrichter. Als Bariton mit weicher und klangvoller Stimme ist er dem Musikkollegium Winterthur bis zu seinem Tode eng verbunden. 1890 gründete er eine Betriebskrankenkasse und führte eine Arbeitermitsprache an der Generalversammlung ein. Geschäftlich machten Schutzzölle Sorgen. 1895 wird im österreichischen Dornbirn ein Zweigbetrieb eröffnet. Der Auftakt ist hoffnungsvoll, die Konkurrenz enorm. Der österreichische Betrieb schreibt schliesslich rote Zahlen und wird 1900 an den grössten Konkurrenten verkauft.
Von Paris bis Warschau und in die Neue Welt reichen die Handelsbeziehungen des Unternehmens Ganzoni. Während der Absatzanteil Österreichs zwischen 1890 und 1910 von einem Drittel auf drei Prozent schrumpft, steigt Deutschland aus der Bedeutungslosigkeit (1,3 Prozent) zum wichtigsten Absatzmarkt auf (1906: 45 Prozent). Das neu ins Programm aufgenommene, breitere Elastikgewebe rettet Ganzoni vor dem Aus. Die Nachfrage ist so gross, dass 1907 Aufträge abgelehnt werden müssen.
Werner Ganzoni übernimmt 1920 mit 28 Jahren das Unternehmen und führt es während eines halben Jahrhunderts als leidenschaftlicher Patron. Gerne hätte er eine akademische Karriere eingeschlagen, doch sein Vater entscheidet anders. So macht er aus der äusseren eine innere Berufung. Zeitlebens bleibt er auch Musik, Literatur und Kunst zugetan. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 bringt einen Rückschlag. Schwierigkeiten bereitet neben der durch die Mobilmachung bedingten Kurzarbeit zunehmend die Rohmaterialbeschaffung. Die Produktion muss trotz grosser Nachfrage eingeschränkt werden.
Werner Ganzonis jüngerer Bruder hätte Musiker werden können. Doch er bleibt der Familientradition treu und baut nach umfassender kaufmännischer und technischer Ausbildung ab 1924 die französische Schwesterfirma auf. So lässt sich auch den recht unterschiedlichen unternehmerischen Temperamenten des Brüderpaars Rechnung tragen. Am 6. September 1918 treten die Arbeiter der Elastik-Weberei in den Streik. Noch im Juli ist eine Pensionskasse gegründet worden. Der Streik wird nach zehn Tagen beendet. In der Vereinbarung heisst es: «Die Firma verpflichtet sich, von jeglichen Massregelungen streikender Arbeiter bzw. Arbeiterinnen abzusehen.» Zugesichert wird «bei Rückkehr normaler Produktionsverhältnisse» eine «tarifliche Regelung der Lohnangelegenheit».
Das Ende des Ersten Weltkrieges bringt nicht die erhoffte Normalisierung, ganz im Gegenteil: England behindert die Lieferung von Rohmaterial, man wirft Ganzoni vor, mit einer «feindlichen Firma» allzu enge geschäftliche Beziehungen gepflegt zu haben. Mehrere Interventionen bei der britischen Gesandtschaft in Bern sind nötig, bis die Sache geklärt ist.
Umsatzeinbruch und hohe Verluste nach einem sehr erfolgreichen Geschäftsjahr 1921 verlangen nach einer Reorganisation der Firma. Es wird eine Wiederbelebung des Exportgeschäfts unter grossen Schwierigkeiten versucht. Schutzzölle, politische Wirren und Inflation behindern die Entwicklung. Eine 1920 gegründete Firmenstiftung unterstützt Pensionierte und hilft in Notfällen.
In Frankreich behindern 30 Prozent Schutzzoll eine Wiederbelebung des Geschäfts. Man beschliesst, eine eigene Fabrikation in Saint-Louis aufzuziehen. Der Neubau eines Fabrikgebäudes und der Produktionsbeginn konnten 1924 realisierte werden. Ganzoni Frères profitiert nach Anfangsschwierigkeiten 1927 selbst vom Protektionismus in Frankreich. Dank Zollschutz werden konfektionierte Artikel zum Kassenschlager.
1926 erfindet sich Ganzoni Elastic Winterthur neu. Das Produktesortiment ist erheblich erweitert worden. Feinere Gummifäden werden verarbeitet, neue, poröse und breite Elastikgewebe für die Konfektion von Gürteln, Hosenträgern, Socken und Strumpfhaltern produziert. Der Markenname «Samson» etabliert sich auf dem Schweizer Markt. Mit der Produktion von rundgestrickten Gummistrümpfen geht man neue Wege.
1928 macht ein akuter Fachkräftemangel Winterthur zu schaffen. Das ist in St. Gallen anders. Der Niedergang der Stickerei-Industrie hat Tausende in die Arbeitslosigkeit geführt. Am 8. Oktober kauft Ganzoni Elastic im St. Galler Vorort Bruggen die ehemalige Stickereifabrik Zähner & Schiess. Gummiflechterei und -strickerei sowie Konfektionsabteilung werden verlegt. Das Produktesortiment in Winterthur umfasst laut Warenhauszeitung «Gummistoffe und Gummibänder, Artikel für Merceriezwecke, Bänder für Strumpfhalter, Hosenträger und Sockenhalter». In der Zweigfabrik St.Gallen-Bruggen produziert man «baumwollene und kunstseidene Gummilitzen, glatt oder mit Knopflöchern ausgeführt, Gummistrümpfe, Gummiteile für Corsetten und Leibbinden».
1936 müssen die Löhne in St. Gallen und Saint-Louis gekürzt werden. Mit neuen Produkten, Damenschlüpfern, geflochtenen Herrengürteln, Startseilen für Segelflugzeuge oder Apparaten zur Abfederung im Flugzeugbau, soll die Inlandnachfrage belebt werden. Doch insgesamt sind in diesen Krisenjahren die Kapazitäten der Elastikindustrie viel zu hoch. Ein gnadenloser Preiskampf ist die Folge.
Die Einführung der 40-Stunden-Woche 1937 durch die französische Regierung Blum und eine dekretierte Lohnerhöhung um 10 Prozent erfordern die Einführung des Zweischichtbetriebs und eine massive Ausweitung der Produktion, um bei sinkenden Margen die Gewinne zu halten. Die Gratwanderung gelingt. Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges steht der Betrieb in Saint-Louis auf solidem Fundament.
Die Exporte 1938 haben sich seit 1928 auf ein Siebtel reduziert. Auch Ganzoni Elastic ist betroffen. Der Inlandmarkt kann diese Ausfälle nicht kompensieren, zumal sich die Margen halbiert haben. Der erhoffte Exportimpuls durch die 30-prozentige Abwertung des Frankens im September 1936 bleibt aus. Ganzoni überlebt nur dank Landverkäufen und Finanzspritzen der Eignerfamilie.
Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges 1939 wird der Betrieb in Saint-Louis zur Militärunterkunft. Das Werk nimmt kurz nach dem deutschen Einmarsch im Mai 1940 seinen Betrieb wieder auf, aus der Belegschaft wird die «Gefolgschaft». Der Kontakt in die Schweiz reisst nahezu ab. In Lyon wird ein Zweigbetrieb eröffnet, der sich erstaunlich gut hält, obwohl das Unternehmen von der Vichy-Regierung offiziell als «maison juive» eingestuft wird.
Seit 1944 sind die Ganzoni-Unternehmen auf einer schwarzen Liste der Alliierten und unterliegen einem Boykott. Das bald existenzielle Problem wird erst 1946 mit dem Washingtoner Abkommen zwischen der Schweiz und den USA gelöst. Schon im Jahr darauf schreibt Ganzoni Elastic ein Rekordergebnis. Hoffnung keimt auf. Doch es bleibt ein dem Nachholbedarf geschuldetes Strohfeuer. In Saint-Louis ist die Lage ähnlich: Nach einem kurzen Aufschwung 1947/48 dreht der Wind.
Das älteste der vier Kinder von Paul Ganzoni, Peter Ganzoni-Morel, tritt 1950 ins Unternehmen ein. Das Centre des Jeunes Patrons (CJP) vermittelt dem Textilfachmann Kenntnisse der Betriebsführung. Ab 1967 trägt er die alleinige Verantwortung. Mit der Übernahme der Tricotage Élastique du Forez (T. E. F.) 1988 gelingt ihm ein entscheidender Schritt zum Ausbau von SIGVARIS in Frankreich. Zusammen mit einer gemeinnützigen Baugenossenschaft erstellte er 1947 die Siedlung Haggenhalde nahe dem Fabrikgebäude in St. Gallen. Ganzoni erwirbt sechs Reiheneinfamilienhäuser zur Vermietung an das Personal. Das Modell folgt Vorbildern aus Saint-Louis und Winterthur.
In der Schweiz verdreifachen sich die Preise bis 1941 gegenüber 1936. Die Rohstoffe werden immer knapper. «Der Fabrikationsplan richtet sich nach den Gummifäden», heisst es im Jahresbericht 1941. 1942 wird eine zweite Fürsorgestiftung für das St. Galler Personal gegründet. Eine Arbeiterkommission entscheidet mit über die Verwendung der Gelder. Nach und nach muss der Gummianteil in den Produkten reduziert werden.
Flauer Export, rückläufige Geschäfte in der Schweiz und ein Produktesortiment, das Werner Ganzoni «angesichts eines Zickzacks von Schuhgummi über das Startseil zum Gummistrumpf» zur Frage bewegt: «Nimmt man uns noch ernst?» Der Verlust von 90‘000 Franken 1955 kann nur durch Darlehen der Aktionäre aufgefangen werden. Der Betriebsstandort Winterthur wird 1956 aufgegeben. Man hofft, die verbleibende Produktion «ohne Konzession an modernes Managertum, wie es jetzt gefordert wird», weiterführen zu können.
Trotz der engen finanziellen Verflechtung mit St. Gallen bleibt der Grundsatz: Man behandelt sich wie unabhängige Firmen. Hohe Investitionen in den Maschinenpark bringen keine Gewinne. 1958 wird Ganzoni Frères nach hohen Verlusten in eine Familien-Aktiengesellschaft umgewandelt. 1959 wird die Breitgewebefabrikation in St. Gallen eingestellt, nachdem die Korsettindustrie als wichtigste Abnehmerin neuen Modetrends folgt. «Ich spekuliere nicht mehr auf das Hundertjährige», schreibt Werner Ganzoni.
An einem internationalen Ärztekongress 1961 wird ein seit 1959 in Zusammenarbeit mit dem Phlebologen (Venenerkrankungen) Karl Sigg entwickelter medizinischer Kompressionsstrumpf auf Kautschukbasis unter dem Markennamen «Sigvaris» präsentiert. Er bietet eine stufenlos abnehmende Kompression vom Knöchel an aufwärts. Beim später lancierten «Finela Forma» werden ausschliesslich synthetische Garne verwendet.
Nach einer 1962 erfolgten betriebswirtschaftlichen Durchleuchtung wird klar: Mit dem breiten, ständig wechselnden Sortiment hat Ganzoni keine Überlebenschance. Einzige Lösung ist eine Spezialisierung auf medizinische Kompressionsstrümpfe. Die Produktion wird radikal umgestellt, die Gummibandweberei an ein Konkurrenzunternehmen verkauft und nach Gossau SG verlagert. Die meisten Arbeiter werden übernommen. Die Ganzoni-Belegschaft reduziert sich von 79 auf 30 Personen.
1964 kann der 100. Firmen-Geburtstag gefeiert werden. Neun von zehn Franken werden in St. Gallen mit Kompressionsstrümpfen verdient. Ganzoni ist am 100. Geburtstag wieder ein spezialisiertes, exportorientiertes Unternehmen. Es «gelang der so lange vergeblich angestrebte Durchbruch zu einem wie von jeher schöpferisch gestimmten, nun aber auch wirtschaftlich erfolgreichen Programm», heisst es in der Jubiläumsbroschüre. Die 1964 erfolgte Produktionsaufnahme von Kompressionsstrümpfen ist auch in Saint-Louis ein Grosserfolg.
SIGVARIS ist binnen Kurzem Marktführer. Das Problem der defizitären Bandweberei bleibt jedoch. Die Firma wird nach schwierigen Verhandlungen in den Eigentümerfamilien nach dem St. Galler Modell saniert. Einzig die gut eingeführten «ceintures chauffantes» bleiben neben den Kompressionsstrümpfen im Programm. Deren Produktion steigt bis 1970 von 20‘000 auf 100‘000 Paare.
Werner Ganzoni-Schwarzenbach tritt 1949 als Juniorpartner und Textilfachmann ins Unternehmen ein und bleibt bis 1960. 1973, kurz nach dem Unfalltod seines Vaters, kehrt er in die Firma zurück. Aus dem exportorientierten Unternehmen im Aufbruch gestaltet er einen international tätigen Konzern. Der begabte Pianist ist ein konsequenter und hartnäckiger Unternehmer. Die schwierige Sanierungsdiskussion 1969 hat ein strukturelles Problem der Holding Arcont AG offenbart. Sie ist seit 1945 in Chur domiziliert und bewusst zu schwach ausgelegt, um gruppenweite Entscheidungen zu treffen. Die beiden Standorte sollen eigenständig arbeiten. Reformvorschläge aus Saint-Louis scheitern am Veto des finanziell besser gestellten St. Gallen. Bis auf die Einführung einer Verwaltungskonferenz für zwei weitere Jahrzehnte bleibt der Status Quo.
Ab den 1960/70-Jahren ist SIGVARIS der meistgenannte Markenname in der Fachliteratur. Der Umsatz hat sich versechsfacht, 200‘000 Paare Kompressionsstrümpfe werden gefertigt. Die Hälfte wird in der BRD verkauft, ein Viertel in der Schweiz, der Rest in aller Welt. Der Personalbestand ist von 43 auf 103 angewachsen. Seit 1968 werden die Strümpfe in einer Ferggerei in Hundwil AR abgesäumt und kontrolliert.
Nach Jahren der «unerträglichen Raumknappheit» 1972 wird ein funktionaler und erweiterbarer Neubau in St. Gallen erstellt. Der Bau wird in den folgenden Jahrzehnten mehrfach erweitert.
1974 ist Jubiläum in Saint-Louis. Seit 50 Jahren besteht die Ganzoni-Fabrikation im Elsass. Der Präsident der Handelskammer Mulhouse lobt die Firma als vorbildliches Familienunternehmen. Man hegt grosse Pläne, möchte vor allem beim Export stark zulegen. Doch der Exportanteil geht binnen 15 Jahren von 20 Prozent auf fünf Prozent zurück, während der Heimmarkt weiter wächst. Vor allem die in Nordafrika bisher gut verkauften «ceintures chauffantes» werden immer weniger nachgefragt.
1975 werden aus St. Gallen 90 Prozent der Produktion in 40 Länder exportiert. Das stellt gewaltige logistische Herausforderungen und verlangt in den wichtigeren Märkten nach eigenen Gesellschaften. Bereits 1971 ist SIGVARIS Wien gegründet, 1975 die seit 1961 bestehende Generalvertretung im deutschen Memmingen zur Vertriebsgesellschaft aufgewertet worden. Währungsschwankungen machen auf beiden Märkten zu schaffen, rote Zahlen trotz steigender Umsätze sind die Folge. In Saint-Louis wird 1976 mit grossem Erfolg der Stützstrumpf «Ibici» lanciert, St. Gallen zieht mit dem gleichen Produkt unter den Markennamen «Samson» und «Delilah» nach.
1981 entsteht ein Zusammenarbeitsvertrag zwischen Tricotage Élastique du Forez (T. E. F.) in Saint-Rambert und Ganzoni Saint-Louis. Das französische Familienunternehmen mit 67-jähriger Geschichte bringt sein technisches Know-how, Ganzoni seine starke Marke SIGVARIS und eine hervorragende Vermarktungskompetenz in die Firmenehe ein. Ganzoni erwirbt 50 Prozent der T. E. F.-Aktien, mit der Option auf Erhöhung. Die Zusammenarbeit legt den Grundstein für spätere Erfolge in Frankreich. Im selben Jahr beginnt der Aufbau der Fabrikationsfirma SIGVARIS do Brasil in São Paulo.
Nach gründlicher Einarbeitung unter anderem in den USA und in Brasilien tritt der Betriebsökonom Christian Ganzoni-Wettmer 1984 ins Unternehmen ein. 1993 übernimmt er von seinem Vater Werner Ganzoni-Schwarzenbach die operative Leitung. Er baut die Gruppenstruktur und die Internationalisierung mit auf. Ab 2002 ist er verantwortlich für Industrieprojekte und Human Resources auf Gruppenebene in der SIGVARIS Management AG, Winterthur. Der sprachbegabte Familienunternehmer ist Teilhaber und seit 2011 Verwaltungsrat mit Spezialaufgaben. 1988 übernimmt Ganzoni sämtliche Aktien der T. E. F. Das Unternehmen wird in die Gruppe integriert. Die 1986 neu gebaute Fabrik in Saint-Just-Saint-Rambert wird 1989 um eine Verwaltungseinheit erweitert. Die Geschäfte laufen blendend. Ganzoni Frankreich hat den Umsatz in fünf Jahren auf 100 Millionen Francs verdoppelt, in St. Gallen wird der Umsatz in einem Jahr um knapp 20 Prozent gesteigert. 92 Prozent der Produkte sind Kompressions-und Stützstrümpfe. In Übersee werden 1988 die Vertriebsgesellschaften SIGVARIS Inc. in Bradford, Connecticut, USA, und SIGVARIS Corp. Saint-Laurent, Québec, Kanada, gegründet.
Nach einer Ausbildung zum Textilingenieur steigt Stefan Ganzoni-Stähli 1986 bei Ganzoni Saint-Louis ein. Von 1993 bis 1996 ist er Geschäftsführer von SIGVARIS Frankreich. Ab 1994 leitet er die gemeinsam mit seinen Neffen Christian und Caspar Ganzoni aufgebaute SIGVARIS Gruppe. Ende 2010 übergibt er die operative Verantwortung an Urs Toedtli. Er ist Teilhaber des Familienunternehmens und Verwaltungsrat – und ein begeisterter Musikliebhaber. Das Betriebsgebäude in St. Gallen wird 1989 erweitert, der 125. Geburtstag der Firma mit Jubiläumsfeierlichkeiten und der Publikation einer Firmengeschichte begangen.
1996 folgt die Flucht nach vorn in den USA: Seit 1988 arbeitet die SIGVARIS Inc. mit mässigem Erfolg. Um schneller am Markt reagieren zu können, wird der Bau einer eigenen Fabrik in Peachtree City, Atlanta, beschlossen. Das Fernziel ist: In den USA entwickelte Produkte und Konzepte könnten auch in den «Pfeilermärkten» Europas wichtig werden. Expansion auch in Brasilien: In São Paulo wird eine neue Fabrik eröffnet. Mehrere Anfragen grosser Firmengruppen an «den kleinen Nischenplayer» Ganzoni werden abschlägig beantwortet. Der Wettbewerb wird auf allen Märkten härter.
1992 tritt Caspar Ganzoni-Rechsteiner in das Unternehmen ein. Bis 2000 ist er verantwortlich für Teile von Ganzoni St. Gallen und für SIGVARIS do Brasil. Ab 2002 trägt der konsequente Unternehmer die Verantwortung für die Ländergruppe. Ende 2008 zieht er sich aus den operativen Tätigkeiten zurück, seine Aktien verkauft er anfangs 2011 an Stefan Ganzoni und Christian Ganzoni. Mit der Imagebroschüre «Insight» präsentiert sich die Gruppe in sechs Sprachen mit einem neuen Leitbild als globales Familienunternehmen. Während St. Gallen sein «zugegebenermassen hohes Preisniveau» trotz starker Konkurrenz zu halten weiss, verzeichnet Ganzoni in Frankreich den ersten Umsatzrückgang nach 27 Jahren ununterbrochenen Wachstums. 1993 ist SIGVARIS in 77 Ländern eine eingetragene Schutzmarke. Die seit Jahrzehnten gepflegte «Zwei-Unternehmenskultur» wird 1995 aufgegeben, um Synergien künftig besser zu nutzen. Die neue Gruppenleitung legt ein 25-seitiges Strategiepapier vor. Bei der Produktion lasse sich einiges optimieren, während das Marketing kaum Potenzial berge. Erstmals werden die Länder im «Stammgeschäft Medical» in Ländergruppen zusammengefasst.
1998 herrscht mit einer konsolidierten Konzernbilanz Zufriedenheit. Sie zeigt ein rundum gesundes Unternehmen mit einer Eigenkapitalquote von 69,6 Prozent und einem Anlagevermögen, dessen Wert die langfristigen Kredite um das Zehnfache übersteigt. Die Gruppenleitung wird 2002 reorganisiert und zentral in der neu gegründeten SIGVARIS Management AG in Winterthur stationiert. 2004 verkauft das Unternehmen täglich 11‘000 Paare medizinische Kompressionsstrümpfe. Alle Versuche, das Tätigkeitsfeld um elastische Binden, Spitalstrümpfe oder Präventionsprodukte zu erweitern, bringen nicht den erhofften Erfolg. Zum Zugpferd wird Frankreich, wo knapp die Hälfte des Umsatzes erzielt wird. St. Gallen trägt 34 Prozent bei, die neuen Standorte in Amerika deren 17. In Deutschland ziehen die Verkäufe erstmals nach Jahren wieder an. Als Ersatz für die Fabrik in São Paulo wird in Jundiaí eine topmoderne Fabrik eingeweiht. Frankreich ist mit einem Anteil von über 60 Prozent der Motor der Ganzoni Gruppe. Seit 2008 arbeiten der französische Kundendienst und die Logistik im neuen Center in Huningue.
2010 wird Urs H. Toedtli der erste familienexterne CEO der SIGVARIS Gruppe. Für seine wichtigste Aufgabe, die Stärkung der Gruppenfunktionen, bringt er als langjähriges Kadermitglied der global ausgerichteten Sefar Gruppe, einer 1833 gegründeten Schweizer Familienunternehmung, das analytische und interkulturelle Rüstzeug mit. Er hatte dort die schwierige Aufgabe, Firmenteile mit unterschiedlicher Ausrichtung und Philosophie zu fusionieren und strategisch neu auszurichten, mit Bravour erfüllt. Privat segelt er gerne als Skipper zusammen mit seiner Frau und den vier Töchtern. Mit der Übergabe der Gruppenleitung an den erfahrenen Manager Urs Toedtli endet die seit der Gründung gelebte «Kongruenz zwischen Eigentum und operativer Leitung». Dies nicht zuletzt auch, um der Gruppe neuen Schwung zu verleihe. 2011 wird im französischen Andrézieux eine Hightech-Umwinderei in Betrieb genommen
2014 ist wieder eine Jubiläumsfeier angesagt: 150 Jahre SIGVARIS. SIGVARIS beschäftigt weltweit 1’400 Mitarbeitende und umfasst eigene, qualitätsgarantierende Produktionsbetriebe in der Schweiz, Frankreich, Brasilien, USA sowie eigene Tochtergesellschaften in Deutschland, Österreich, England, Kanada, China, Australien und Mexiko. Diese beliefern weltweit rund 70 Länder.
Der Verwaltungsrat der SIGVARIS Holding AG ernennt 2016 Andreas Schönenberger, den bisherigen Leiter der Ländergruppe Europa Zentral, Nord und Ost mit Sitz in St. Gallen, zum neuen CEO der Gruppe. Andreas Schönenberger übernimmt seine neue Funktion per 1. Juni 2016 und löst damit Urs Toedtli ab.