Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/1864

Die Gerüchtewelle wurde im vergangenen August zur Springflut: Täglich publizierte der Zoo von Edinburgh Bulletins zum Gesundheitszustand der anscheinend trächtigen Bärin, das Nachrichtenmagazin «PM» von BBC Radio Four schuf gar eine eigene Erkennungsmelodie, um in jeder – wirklich jeder – Sendung die animalische Hysterie zu verspotten. Denn das freudige Ereignis liess auf sich warten. Tian Tian, auf Deutsch «die Süsse», zierte sich.
Eins, zwei oder doch keins?
Sie war im April künstlich befruchtet worden, sicherheitshalber gleich von zwei möglichen Vätern, wobei der eine davon pikanterweise schon in den ewigen Jagdgründen weilt. Zeitweise war gar die Rede von Zwillingen, was den schlagfertigen Regierungschef Schottlands, Alex Salmond, zur Pointe verleitete, in einem solchen Fall gäbe es dann mehr Pandakinder in Schottland als konservative Parlamentsabgeordnete. Von der letzteren Spezies gibt es nämlich nur ein einziges, besonders rares Exemplar.
Schliesslich kam im Oktober die ernüchternde Botschaft: Tian Tian sei nicht mehr schwanger. Ob sie es je war, bleibt umstritten, Lästermäuler argwöhnten, die Geschichte sei bloss ein Köder der Königlichen Zoologischen Gesellschaft gewesen, um den Besucherstrom aufzublähen.
Die Panda-Diplomatie der Chinesen
Riesenpandas sind seit jeher das wohl exklusivste Geschenk der Welt. Seit dem 7. Jahrhundert förderten chinesische Kaiser ihre diplomatischen Ziele, indem sie die spassig gescheckten Tiere als Botschafter versandten. Ihren Höhepunkt erreichte diese Panda-Diplomatie 1972, als der amerikanische Präsident Richard Nixon ein Bärenpaar geschenkt erhielt. Die Briten bettelten um Gleichbehandlung, und so erhielt der Londoner Zoo etwas später ebenfalls ein Paar.
In den letzten 30 Jahren indessen ist der Umgang mit Riesenpandas – wie so vieles – kommerzialisiert worden. Die Volksrepublik China leiht Bärenpaare gegen eine jährliche Gebühr für zehn Jahre aus, Nachwuchs wird im Alter von zwei Jahren in chinesischen Reservaten ausgesetzt. Das Ganze wird als globales Forschungsprojekt bezeichnet, wirft aber saftige Rendite ab. Als Tian Tian und ihr Gefährte Yang Guang – was «Sonnenschein» bedeutet – im Dezember 2011 in Edinburgh ankamen, kämpfte der Zoo mit roten Zahlen. Seither haben die Einkünfte und die Besucherzahlen um die Hälfte zugenommen, kuschelige Panda-Souvenirs verkaufen sich wie Eiswürfel in der Wüste. Derzeit verfügen in Europa neben Edinburgh nur Österreich, Spanien und Frankreich über je ein Pandapaar.
Ein Geschenk des Himmels – vor allem für die Zookasse
Die diplomatischen oder, besser gesagt, politischen Begabungen der schwarzweissen Bambusfresser sind auch im schottischen Kontext schwer zu übersehen. Die schottischen Nationalisten unter Alex Salmond wären gewiss beglückt, wenn unmittelbar vor der Volksabstimmung über die schottische Unabhängigkeit im nächsten September ein putziges Pandakind im Zoo von Edinburgh zu bestaunen wäre. Ein Geschenk des Himmels für das allgemeine Wohlbefinden. Es bleibt zu hoffen, dass Tian Tian nicht erneut scheinschwanger ist.
Serie: Weltbewegende Geschenke
Zum Auftakt des neuen Jahres gehen wir auf Weltreise: SRF-Korrespondentinnen und -korrespondenten stellen besondere Geschenke vor, die Land und Leute bewegten: ein Hund, der das politische Image aufbessern soll, eine Buddha-Statue, die mitten in Lappland steht oder eine Giraffe, die Furore macht.