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Kanton Graubünden
Chantun Grischun
Cantone dei Grigioni
Die Geschichte der Kapelle
Am 5. September 1643 erfolgte die Neuweihe zu Ehren von St. Sebastian durch
Bischof Johannes Flugi von Aspermont, wie die Weihe-Inschrift an der inneren
Westwand über dem Halbrundfenster berichtet. Die beiden Glocken im Dachreiter, die
eine um 1500 gegossen, die andere 1630 datiert, könnten ein Hinweis auf ein noch
höheres Alter dieser barocken Kapelle sein. Erwin Poeschel, der Kunstdenkmäler-
Inventarisator meinte, auch die spitzbogig geschlossenen Fenster könnten auf die
gotische Bauphase um 1500 weisen. Vermutlich sind sie jedoch - wie die
Spitzbogenfenster der Pfarrkirchen von Disentis (um 1640) und Sumvitg (1633) - ein
Beispiel jenes zähen Nachlebens gotischer Formen im 17. Jahrhundert.
Im 20. Jahrhundert hat die Kapelle Sogn Bistgaun zwei Renovationen
erlebt, nämlich in den Jahren 1928 und 1960. 1928 wurden die teilweise
schadhaften Wand- und Deckenbilder übermalt. Anstelle der Holzfensterrahmen setze
man damals solche aus Eisen mit getönter Bleirauten-Verglasung ein. Die
ursprünglichen, von Poeschel 1942 noch erwähnten Spitzbogenfenster wurden zu
Rundbogenfenstern umgeformt.
Erhaltene, übermalte und verlorene Wandbilder
Aussergewöhnlich ist vor allem die reiche Bemalung der äusseren
Eingangsfront, deren auf Flugsparren vorkragendes Dach die Wandmalerei
aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis heute erstaunlich gut
geschützt hat. Zwar musste auch bei dieser Restaurierung der Sockelputz
bis in etwa zwei Metern Höhe ergänzt werden, darüber hat sich aber ein
einzigartiger barocker "Heiligenhimmel" fast ohne Schaden erhalten.
Im Giebeldreieck thront die Muttergottes mit dem Kind über
Mondsichel und Weltkugel, auf der - wie in einer Glaskugel - die
Ureltern Adam und Eva im Paradies zu sehen sind. Im nächsttieferen
Wolkenrang knien links die Heiligen Laurentius, Placidus und Stephanus,
rechts die Heiligen Florinus, Sigisbert und Aloisius, über dem
Halbrundfenster in der Mittelachse der Fassade leidet St. Sebastian am
Marterbaum, links sprengt der mantelteilende Martin auf einem Schimmel
heran, rechts der heilige Mauritius mit Kreuzbanner auf einem
Fuchshengst. Links der Türe ist in reichem Rankenrahmen Christus als
"Ecce homo" dargestellt.
Auf den vier Zwiebeln des Chorgewölbes sind die Evangelisten mit
ihren Attributen dargestellt. Ebenso wie die Heiligen an den Chorwänden
sind es Malereien aus der Mitte des 17. Jahrhunderts, die sich unter den
Übermalungen leidlich gut erhalten haben. Die Chorwände zeigen Ursula
und Franziskus sowie Paulus und Antonius. Der Antonius mit dem
Christkind ist eine Erneuerung des 18. Jahrhunderts, der im Stil eher
den Heiligen an der Eingangsfassade gleicht.
In der Leibung des Chorbogens sind die Eltern Christi, Maria und
Josef, gemalt, die Chorschulterwände im Schiff zeigen links den Heiligen
Dominikus und rechts die Heilige Katharina von Siena, dazwischen ist der
Chorbogen gesäumt von 14 Rundscheiben mit Darstellungen der
Rosenkranzgeheimnisse.
Die flache Holzdecke im Schiff ziert eine naive, aber detailreiche
Malerei des späten 18. Jahrhunderts. Im Mittelmedaillon sitzen unter der
Heiligen Dreifaltigkeit die Pestheiligen Sebastian und Rochus auf
dunkeln Wolkenbänken.
In den vier Eckmedaillons sind die Heiligen Johannes Nepomuk, Karl
Borromäus, Anna selbdritt und Maria Magdalena umgeben von Wolken und
Puttengruppen wiedergegeben.
Besonders rigoros war der Eingriff an den Schiffswänden im Jahr
1960. Die (vielleicht schlecht erhaltenen) Apostelbilder des 17.
Jahrhunderts wurden durch schwache Umrisskopien mit leichter Farbtönung
ersetzt, und zwar auf einer neuen Putzschicht. Von den originalen
Malereien, die Erwin Poeschel 1942 im Kunstdenkmälerband noch abbildete
(St. Andreas und St. Jakobus), haben sich nur geringe Reste erhalten.
Nach der Freilegung der weitgehend erhaltenen Malereien des 17. und 18.
Jahrhunderts wirkten die Malereikopien deplaziert, weshalb man sich
entschloss, die Kopien mit einer Kalkübermalung zuzudecken.
Die baulichen Massnahmen
Die rostigen Blechdächer auf Chor, Schiff, Sakristei und Dachreiter
sind durch Lärchenschindeldächer ersetzt worden. Den Zwiebelhelm des
Dachreiters hat man nach Analogien (wie bei St. Sebastian in Degen) rot
bemalt, die senkrechte Schalung der Turmstube nach Befund in grüner
Ölfarbe gestrichen.
Aus statischen Gründen mussten die Fundamente der angebauten
Sakristei und des Chors unterfangen werden. Zum Schutz der Fundamente
und des Sockelputzes ist eine Sickerleitung eingebaut und sind
Dachtraufen aus Weissmetall angebracht worden.
Der reich mit Rankenwerk und vier gedrehten Säulen gezierte
Spätbarockaltar birgt ein älteres Altarbild aus dem 17. Jahrhundert, das
die Muttergottes mit Christkind über den Pestheiligen St. Sebastian und
St. Rochus zeigt. Wohl ein Werk des Churer Hofmalers Johann Rudolf
Sturn, der auch die Pfarrkirche von Lumbrein ausmalte.
Unerwartete Funde
Drei seltene Funde im Dachboden der Kirche waren für alle an der
Restaurierung beteiligten eine grosse Freude und Überraschung. Wohl im
Jahre 1928 hatte man die originale barocke Kirchentüre durch eine banale
Brettertüre ersetzt. Statt die alte Türe jedoch zu verbrennen hat man
sie rücksichtsvoll im Kirchenestrich deponiert. Dort hat sie der
Architekt Bruno Indergand, Cumbel, entdeckt. Sie ziert heute wieder die
Eingangstüre der Kapelle. Besonders bemerkenswert sind die
Flachschnitt-Zierden der vier Türfüllungen, nämlich zweimal die
Darstellung einer Kirche mit Glockenturm samt Turmhahn und zweimal eine
heraldische Lilie.
Aber auch originale Fensterrahmen aus der Bauzeit von 1643 aus
Lärchenholz lagen im Dachboden. Sie zeigen im Spitzbogen die aus einem
massiven Holzbrett geschnitzten Fischblasen-Masswerke und einen
profilierten Mittelpfosten in Anlehnung an die Steinfenster
spätgotischer Landkirchen. Zwei der originalen Fensterrahmen wurden im
Chor eingebaut und neu mit Butzenscheiben verbleit. Die Fensterrahmen im
Schiff sind nach den Originalen vom Schreiner nachgebaut worden.
Zuletzt fanden sich auch noch die wesentlichen Bestandteile einer
Orgel aus dem 19. Jahrhundert, die Erwin Poeschel wohl noch auf der
heute fehlenden Holzempore von 1824 gesehen hat.
Zahlreiche Spenden haben die sorgfältige Gesamtkonservierung und
Restaurierung der Kapelle Sogn Bistgaun ermöglicht. Noch fehlen die
Mittel für die fachgerechte Wiederherstellung der kleinen, kostbaren
Orgel. Wenn am 24. Juni diese Kapelle geweiht wird, fehlt also noch die
kostbare Stimme der kleinen Orgel im barocken Gesamtkunstwerk. Es ist
der Kapelle und den Leuten von Silgin zu wünschen, dass auch dafür die
notwendigen Mittel noch gespendet werden.
Dieser Text liegt nur in deutscher Sprache vor.
Gremium: Denkmalpflege
Quelle: dt Denkmalpflege