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Im Mai dieses Jahres hat ein anonymer Eishockey-Spieler, der Teil der Mannschaft der Chicago Blackhawks war, die 2010 den Stanley Cup gewann, eine Klage gegen das Team eingereicht. TSN-Journalist Rick Westhead brachte den Fall an die Öffentlichkeit und so eine Untersuchung ins Rollen. Gemäss der Anklageschrift wurde «John Doe», wie der ungenannte Spieler bezeichnet wird, vom damaligen Video-Trainer Brad Aldrich sexuell missbraucht.
Aldrich hat bei Video-Analysen mit John Doe wiederholt Pornografie laufen lassen. Es sei auch zu Situationen gekommen, in denen Aldrich auf John Doe gelegen und auf dessen Rücken ejakuliert habe. All dies ist unter Androhung von körperlicher Gewalt und der Drohung, die NHL-Karriere des betroffenen Spielers zu ruinieren, passiert.
John Doe wirft den Chicago Blackhawks vor, von den Vorfällen um Brad Aldrich gewusst und bewusst nicht reagiert zu haben, was das Team in einer ersten Reaktion vehement verneinte. Trotz eines Meetings der Verantwortlichen in Chicago durfte Videocoach Aldrich die Saison bei den Blackhawks beenden. Sein Name ist auch im Stanley Cup eingraviert.
Die Blackhawks schrieben Aldrich sogar noch ein positives Arbeitszeugnis. Dieses ermöglichte es ihm, einen Job an der Houghton High School zu bekommen, wo er 2014 des sexuellen Missbrauchs einer minderjährigen Person überführt wurde und im Gefängnis landete.
2014 wurde Brad Aldrich nach einem sexuellen Übergriff gegen einen damals 16-jährigen Hockey-Spieler der Houghton High School zu neun Monaten Gefängnis verurteilt. Mittlerweile ist der heute 38-Jährige CEO eines Glas-Unternehmens im US-Bundesstaat Ilinois. Der eigenen Webseite zufolge ist das Unternehmen besonders stolz auf ein Programm, dass es College-Studenten erlaubt, diverse Praktika in der Firma zu absolvieren.
Nach den Vorwürfen von John Doe im Frühjahr dieses Jahres beauftragten die Chicago Blackhawks die Anwaltskanzlei Jenner & Block mit einer ausführlichen Untersuchung. Deren Resultate wurden gestern am späten Abend bekannt gegeben.
Der frühere US-Bundesanwalt Reid Schar erklärte, dass er im Laufe der Untersuchung 139 Zeuginnen und Zeugen befragt habe, darunter 21 Spieler und neun sogenannte «Black Aces» – Ergänzungsspieler aus dem Farm-System, die das Team während den Playoffs verstärken. Zu den Black Aces gehörte auch John Doe.
Die Untersuchung bestätigte einerseits, dass es tatsächlich zu sexuellen Vorfällen ohne Einwilligung zwischen John Doe und Videocoach Brad Aldrich kam. Andererseits, dass John Doe den Vorfall in rascher Frist bei General Manager Stan Bowman und anderen Team-Verantwortlichen meldete und diese sich bewusst dafür entschieden, nicht zu reagieren, weil sich das Team gerade in den Playoffs befand. Dies ermöglichte es Aldrich, bei der Titelfeier nach dem Gewinn des Stanley Cups einen 22-jährigen Praktikanten der Team-Administration ebenfalls sexuell zu belästigen. Zwischen der ersten Meldung der Vorfälle und dem Reagieren der Chicago Blackhawks vergingen dem Bericht zufolge drei Wochen.
Failing to report the alleged assault had consequences, Schar said.— Rick Westhead (@rwesthead) October 26, 2021
After deciding not to do anything to address the allegations, then-Blackhawks video coach Brad Aldrich later made sexual advances on a 22-year-old intern with the NHL team.
Der Bericht zeigte auch, dass die aktuellen Besitzer der Chicago Blackhawks nichts von den Vorfällen wussten, bis John Doe im Mai 2021 die öffentliche Klage einreichte. Das Gleiche kann für das sportliche Management nicht gesagt werden.
Der Untersuchungsbericht zeigte, dass die Chicago Blackhawks eine Sitzung einberiefen, kurz nachdem John Doe den sexuellen Missbrauch seitens Brad Aldrichs bei den Team-Verantwortlichen gemeldet hatte. Am Meeting waren der damalige Präsident John McDonough, der Senior-Direktor der Hockey-Administration Al MacIsaac, General Manager Stan Bowman, der damalige Exekutiv-Vizepräsident Jay Blunk, der damalige Assistenz-General-Manager Kevin Cheveldayoff sowie Cheftrainer Joel Quenneville und Mentaltrainer Jim Gary präsent.
Stan Bowman war schon 2010 und noch bis gestern General Manager der Chicago Blackhawks. In seinem Interview mit der Anwaltskanzlei im Zuge der Untersuchung gab er zu Protokoll, dass er wusste, dass damals etwas vorgefallen sei. Allerdings hätte er nicht das Gefühl gehabt, dass die Vorfälle «unmittelbar alarmierend» seien. Niemand habe gegenüber Bowman explizit erwähnt, dass es sich um sexuellen Missbrauch handelte. Der General Manager verliess das Meeting der eigenen Aussage nach in der Annahme, dass sich John McDonough um die Sache kümmere.
Joel Quenneville, damals Coach der Chicago Blackhawks, heute Cheftrainer bei den Florida Panthers, war mehr besorgt, wie sich die Neuigkeit des Missbrauchs auf die Mannschaft auswirken könnte. Wie Mentaltrainer Jim Gary aussagte, war Quenneville empört über die Meldung und wie sie die Teamchemie stören könnte. Der Coach sagte, es sei schwierig genug gewesen, das Team in den Stanley-Cup-Final zu bringen. Man könne sich nicht jetzt darum kümmern, weil man nicht wisse, wann eine solche Chance auf sportlichen Erfolg wieder komme.
Ende Juni 2010 – also nach dem Bekanntwerden der Vorfälle – schrieb Quenneville Aldrich ein positives Arbeitszeugnis. Im Juli dieses Jahres tätigte Quenneville die Aussage, dass er erst mit der Anklageschrift von John Doe im Mai 2021 von den Vorfällen rund um Brad Aldrich erfahren habe. Der gestern veröffentlichte Untersuchungsbericht zeigt, dass dies eine Falschaussage war.
Both #nhljets GM Kevin Cheveldayoff and #FlaPanthers coach Joel Quenneville said in July they first learned of allegations in June. Those statements were contradicted by their testimony in the report.#NHL commissioner Gary Bettman says he will "reserve judgment" on next steps⬇️ pic.twitter.com/QDSmZQrMJk— Frank Seravalli (@frank_seravalli) October 26, 2021
Kevin Cheveldayoff war 2010 Assistent von General Manager Stan Bowman. Heute ist er selbst GM bei den Winnipeg Jets. Wie Joel Quenneville sagte auch Cheveldayoff diesen Sommer fälschlicherweise aus, dass er bis im Mai 2021 nichts von den Vorfällen gewusst habe.
Mehrere Zeugen sagten aus, dass beim Meeting der Blackhawks-Chefetage entschieden wurde, dass sich Präsident John McDonough um die Sache kümmern oder wenigstens mit dem betroffenen Spieler sprechen soll. McDonough machte aber nichts, bis er die Vorfälle drei Wochen später der Personaldirektion meldete. Er habe keine negativen Schlagzeilen während des Stanley-Cup-Finals gewollt.
Das war nicht nur ein Verstoss gegen die eigenen Richtlinien der Chicago Blackhawks bei Vorfällen von sexuellem Missbrauch, die Inaktivität ermöglichte es Aldrich auch, drei weitere Wochen mit dem Team zu arbeiten und zu reisen. In dieser Zeit belästigte er einen 22-jährigen Praktikanten ebenfalls sexuell.
Der Untersuchungsbericht von Jenner & Block zeigt zudem auch, dass die Spieler der Chicago Blackhawks über die Machenschaften Aldrichs informiert waren. «Alle wussten davon», bestätigte Verteidiger Brent Sopel schon vor dem Abschluss der Untersuchung gegenüber TSN. Unter diesen Spielern befinden sich auch Superstars wie Patrick Kane, Jonathan Toews oder Duncan Keith. Gegenüber den Anwälten bestätigten sechs von 14 befragten Spielern, dass sie von den Vorfällen wussten.
Unterstützung erhielt der betroffene Spieler (John Doe) nur von einem anderen (ebenfalls anonymen) Black Ace. Diverse andere Spieler hätten John Doe nach den Vorfällen noch niedergemacht und mit homophoben Beleidigungen eingedeckt.
Am 14. Juni 2010 – drei Tage nach der Stanley-Cup-Parade der Blackhawks – wurde die Personaldirektorin von Präsident John McDonough erstmals über die Missbrauchsvorfälle informiert. Zwei Tage später berief die Personaldirektorin ein Meeting mit Brad Aldrich ein und erklärte ihm, dass er die Wahl habe: Entweder trete er zurück oder es werde eine offizielle Untersuchung eingereicht. In der Angst, dass im Zuge der Untersuchung seine Homosexualität ans Licht kommen könnte, entschied sich Aldrich für den Rücktritt.
For 3 weeks after this group was informed of allegations, no action was taken. During that period, Aldrich traveled & worked w/ the team. He celebrated with the team, in the presence of John Doe. He got his own day with the Cup. He got a ring. Then he was given option to resign. https://t.co/fxPH8wvAzn— Katie Strang (@KatieJStrang) October 26, 2021
John Doe lässt sich von Rick Westhead wie folgt zitieren: «Ich bin extrem dankbar, dass die Wahrheit anerkennt wird. Ich weiss, dass ich nicht das einzige Opfer von sexuellem Missbrauch bin und ich hoffe, dass meine Geschichte die NHL und die Welt nachhaltig verändert.»
Stan Bowman wies jegliche Schuld von sich: «Ich wurde auf möglicherweise unangebrachtes Verhalten aufmerksam gemacht und habe diesen Vorfall sofort dem damaligen Teampräsidenten gemeldet. Ich ging davon aus, dass sich mein Vorgesetzter darum kümmern würde. Erst dieses Jahr habe ich erfahren, dass es sich dabei um sexuellen Missbrauch handelte.»
Die NHL hat die Chicago Blackhawks nach dem Bekanntwerden der Untersuchungsergebnisse mit zwei Millionen Dollar gebüsst. Zum Vergleich: 2010 wurden die New Jersey Devils mit drei Millionen Dollar gebüsst, weil sie einen Weg gefunden hatten, den Salary Cap zu umgehen.
Stan Bowman hat seinen sofortigen Rücktritt als General Manager der Chicago Blackhawks und auch des Olympia-Teams der USA, das er für den kommenden Februar hätte zusammenstellen sollen, erklärt. Assistenz-GM Kyle Davidson – 2010 noch nicht Teil der Blackhawks – wird ad interim Bowmans Nachfolger. Auch Al MacIsaac, Senior Vizepräsident of Hockey Operations, hat per sofort seinen Rücktritt bei den Blackhawks erklärt.
NHL-Commissioner Gary Bettman hat angekündigt, dass er sich mit Panthers-Trainer Joel Quenneville und Jets-General-Manager Kevin Cheveldayoff treffen will, um ihre Rollen im Missbrauch-Skandal der Blackhawks und mögliche weitere Konsequenzen zu besprechen.
«Du gibst einem Schiedsrichter, der schon in Spielmanipulationen verwickelt war, das grösste Spiel in Deutschland. Was erwartest du?» Diese Aussage, getätigt von Dortmunds englischem Internationalen Jude Bellingham unmittelbar nach dem Spiel im norwegischen TV, sorgt für Aufregung.