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Journal B: Was war der Ausgangspunkt für die jetzt vorgelegte Studie?
Christophe v. Werdt: Am Anfang stand die mittelfristige Planung des 1894 eröffneten Bernischen Historischen Museums (BHM) für die anstehende Renovation und vor allem für zusätzlichen Depotraum für die Sammlungen. Dafür wurden verschiedene Optionen geprüft, darunter eine «auf der grünen Wiese» und eine direkt hinter dem Museum, wo die Baracken aus dem Zweiten Weltkrieg stehen. Diese Option erwies sich auch betrieblich als die günstigste. Allerdings: An diesem Ort unter-und oberirdisch zu planen, würde aber den Freiraum hinter dem BHM, an den auch das Schweizerische Schützenmuseum, das Naturhistorische Museum (NMBE) und das Museum für Kommunikation (MfK) angrenzen, auf lange Sicht «verbauen».
Die Gruppe aus Vertretern der Stadt, des Kantons und der Burgergemeinde Bern, die sich mit der Depotfrage befasste, stellte deshalb den politischen Entscheidgremien den Antrag, ganzheitlich zu denken und die anderen Kultureinrichtungen mit ihren Bedürfnissen im Perimeter in die Überlegungen einzubeziehen. Unter Beizug des Wieners Dieter Bogner, der das dortige Museumsquartier und zahlreiche weitere ähnliche Planungen in der ganzen Welt begleitet hat, wurden gemeinsam mit den Kulturinstitutionen zuerst in einer Vorstudie die wichtigen Fragen für eine Gesamtschau erarbeitet, die in der jetzt vorliegenden Machbarkeitsstudie beantwortet werden. In dieser Phase stiess übrigens auch Peter Fischer, der ehemalige Direktor des Zentrums Paul Klee, als externer Museumssachverständiger zum Team.
Vor einiger Zeit gab es das Projekt für ein Kulturgüterschutzzentrum Unteres Kirchenfeld. Es wurde eingestellt. Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede bestehen zur neuen Studie?
Für jenes Vorhaben der frühen 1980er Jahre zentral war, wie es der Name sagt, die Errichtung von Depoträumen für die Museums- und weiteren Sammlungen sowie von Zivilschutzanlagen. Zudem benötigte das damalige PTT-Museum (heute MfK) neuen Raum. Der Perimeter war enger begrenzt und umfasste zum Beispiel das BHM, den Brückenkopf der Kirchenfeldbrücke und den Raum bis zur Kirchenfeldstrasse nicht. Und es stand auch nicht im Vordergrund, die einbezogenen Kultureinrichtungen inhaltlich zu vernetzen – dies ist der wichtigste Unterschied zum heutigen «Museumsquartier» (MQ). MQ ist kein Zurück in die 1980er Jahre. Es in erster Linie ein inhaltsbezogenes Vorhaben, das einen gesamtheitlichen, funktionalen Blick auf das bestehende Kultur- und Bildungsareal wirft, aus dem in zweiter Konsequenz bauliche Massnahmen abgeleitet werden.
Was entstand konkret aus dem Projekt der 1980er Jahre?
Realisiert wurde der Bau des heutigen MfK in Verbindung mit der Poststelle Helvetiastrasse, die vom früheren Standort Mottastrasse hierhin zog.
Im Vorwort des Auftraggebers der jetzigen Machbarkeitsstudie schreiben Sie vom «bisher nicht ausgeschöpften Potential der ‚Einheit in Vielfalt‘ des ‚Museumsquartiers Bern‘. Die Studie entwirft mit dem ‚Museumsquartier Bern‘ ein Kulturprojekt von gesamtschweizerischer Bedeutung. (…) Damit hat es auch kulturpolitische Signalwirkung.» Was genau verstehen Sie darunter?
Im Kirchenfeld wirken auf engem Raum elf Kultur- und Bildungseinrichtungen (Institut für Bildungsmedien der PHBern, Kunsthalle, Alpines Museum, Yehudi Menuhin-Forum, BHM, Schützenmuseum, NMBE, MfK, Stadtarchiv, Nationalbibliothek, Gymnasium Kirchenfeld). Bisher funktionieren sie abgesehen von einzelnen Projekten weitgehend losgelöst voneinander; dabei waren auch die räumlich-baulichen Gegebenheiten hinderlich. So liegt ein enormes Potential brach. Nicht genutzt wird die Vielfalt und Reichhaltigkeit der Sammlungen und inhaltlichen Herangehensweisen. Dabei gibt es wichtige gesellschaftliche Themen, deren gemeinsame Behandlung aus unterschiedlichen disziplinären Perspektiven an kaum einem anderen Ort in der Schweiz so möglich wäre wie gerade hier. Themen wie beispielsweise «Weltuntergang», Klima, Wanderung, Integration.
Im Kubus des BHM steht hier zudem einer der besten Räume für Wechselausstellungen jeder Art zur Verfügung, mit der Freifläche zwischen den Museen ein Aussenraum mit dem Potential zu einem attraktiven Museumspark, ein Freiraum, der danach ruft, belebt und bespielt zu werden. Diese Möglichkeiten bestehen schon heute. Der Gedanke der «Einheit in Vielfalt» wurde sofort als Potential erkannt und gemeinsam weiterentwickelt. Es ist das grosse Verdienst Dieter Bogners und der Städteplaner von Van de Wetering, die thematischen und räumlichen Möglichkeiten aufgezeigt und aufgenommen zu haben. Doch ohne die engagierte Mitwirkung der erwähnten Kultur- und Bildungseinrichtungen, die zu einer gemeinsamen Absichtserklärung geführt hat, wären wir nie so weit gekommen. Heute ist klar: Wir wollen gemeinsam das Potential des Museumsquartiers optimal nutzen.
Wie weit deckt sich die im Motto der «Einheit in Vielfalt» aufscheinende Haltung mit der vor kurzem neu konzipierten Förderung von Kultur, Wissenschaft, Sozialem und Gesellschaft der Burgergemeinde Bern?
Für die Burgergemeinde Bern passt dieses Projekt sehr gut zur Strategie unserer Engagements in Kultur und Gesellschaft. Wir betreiben das NMBE allein und sind zu 1/3 am BHM beteiligt. In den neuen Förderrichtlinien bildet der Museumsbereich einen Schwerpunkt. Deshalb haben wir auch die Machbarkeitsstudie finanziert.
Gibt es einen Bezug zum Geist, der am Ende des 19. Jahrhunderts die planmässige Erschliessung und Bebauung des Kirchenfelds im Sinne einer öffentlich-privaten Partnerschaft bestimmte?
Ein städtebauliches Anliegen des Projekts ist, dass im Gebiet zwischen dem Brückenkopf der Kirchenfeldbrücke und der Kirchenfeldstrasse auf die grosszügige Planung von Ende des 19. Jahrhunderts Bezug genommen werden kann. Ursprünglich war ausgehend vom Helvetiaplatz ein strahlenförmiges Strassensystem mit Blickachsen vorgesehen. Schon mit dem BHM und später mit dem NMBE, dem Gymnasium, der Nationalbibliothek und neu dem MfK entstanden Gebäude, die als Riegel die Blickachsen versperren. In Form einer Passage vom Helvetiaplatz durch das BHM hindurch und eines weiteren Durchgangs vom NMBE zur Nationalbibliothek soll diese Durchlässigkeit wieder herbeigeführt werden. Der Museumspark als zentrales Element der gesamten Planung soll diese Verbindung und Durchlässigkeit stärken.
Das «Museumsquartier Bern» steht als Vorhaben neben dem grossen Projekt «Erweiterung Kunstmuseum Bern», das nach 20 Jahren Intransparenz derzeit unter Mitwirkung der interessierten Bevölkerung entwickelt wird, unter anderem mit der Frage nach der Zukunft des Museums. Sind die beiden Vorhaben unabhängig voneinander? Ergänzen oder konkurrenzieren sie sich? Gibt es Verbindungen zwischen ihnen?
Die Stadt Bern «erträgt» auf jeden Fall zwei solche Zentren oder Schwerpunkte. Die beiden Vorhaben konkurrenzieren sich also nicht, sondern sie stärken gemeinsam den Kulturstandort und unterstreichen dessen qualitative und quantitative - im Sinne der jährlichen Besucherzahl - wichtige Bedeutung. Es ist die grosse Chance des Projekts «Museumsquartier», dass es sich nicht primär im Bauen ausdrückt: Durch systematische Verbindung und Vernetzung der Institutionen entsteht inhaltlich und auf Erkenntnis und Zusammenhänge bezogen etwas Neues, eine Art «Museum der Welt».
Gleichzeitig braucht Bern selbstverständlich den bestehenden Schwerpunkt in bildender Kunst. Das Kunstmuseum kämpft wie das BHM seit Jahrzehnten mit Altlasten, die nur baulich bewältigt werden können. Beim Museumsquartier steht das Bauen nicht alleine im Zentrum, sondern es kann eine Folge sein, um die inhaltliche und funktionale Vernetzung zwischen den Kulturinstitutionen zu ermöglichen.
Wir sind im Austausch mit dem Kunstmuseum. Durch die Kunsthalle gibt es eine thematische Nahtstelle. Und wenn im Museumsquartier schon unterirdisch Depotraum geschaffen wird, könnte dieser – gross genug bemessen – auch dem Kunstmuseum und Anderen zugutekommen, z.B. durch die technische Berücksichtigung der besonderen Anforderungen für die Bewahrung von Fotos und Filmen.
Die inhaltliche, räumliche und gestalterische Machbarkeit des «Museumsquartiers Bern» ist durch die Studie belegt. Worin besteht der nächste Schritt, um die politische und finanzielle Machbarkeit zu prüfen? Wie weit ist der Konsens der Trägerinnen und Träger der verschiedenen involvierten Kultureinrichtungen gediehen?
Die Studie zeigt: Was ist machbar? Bis Ende Juni sind die Betroffenen und Beteiligten eingeladen, sich zur Machbarkeitsstudie vernehmen zu lassen, Fragen zu beantworten, Prioritäten zu setzen.
Anschliessend sollen in Phase 2 von Herbst 2019 bis Herbst 2020 in einer erweiterten Projektorganisation die beteiligten Kultur- und Bildungseinrichtungen mit Dieter Bogner das Museumquartier konkret ausgestalten: Was wollen und können wir umsetzen, und wie machen wir das konkret? Im Hinblick auf diesen Prozess haben die Institutionen eine gemeinsame Erklärung unterzeichnet.
Es geht um Fragen wie Organisation der inhaltlichen Zusammenarbeit wie Programmschwerpunkte, Idee einer gemeinsamen Triennale, Partnerschaft und Synergien in funktionalen Bereichen. Aber auch um gemeinsamen Auftritt und Vermarktung, Planung der gemeinsamen Depots und so weiter. Das Ziel ist es, Ende 2020 die Grundlagen für einen Architekturwettbewerb erarbeitet zu haben, der dann ausgeschrieben und Ende 2021/Anfang 2022 juriert sein kann. Dieser Zeitplan ist natürlich sehr ambitiös – aber das Projekt und dessen Potentiale haben dies verdient. Und wenn alles gut läuft könnte Ende der 2020er Jahre das Museumsquartier Realität sein.
Wie können sich Interessierte über die Studie näher informieren? Ist ein öffentlicher Anlass geplant?
Bereits aufgeschaltet ist eine Website, auf der das Projekt kurz vorgestellt wird und die Machbarkeitsstudie eingesehen werden kann. Am 30. April stelle ich die Studie an der Delegiertenversammlung der Quartierorganisation QUAV 4 vor. QUAV 4 wird in die Phase 2 einbezogen werden, gerade auch, weil der Museumspark zwischen den verschiedenen Institutionen der Quartierbevölkerung offen stehen und dienen soll.
Die Studie rechnet mit Investitionskosten von bis zu 255 Millionen Franken und schweigt zum wiederkehrenden Betriebsaufwand. Das ist ein stolzer Betrag, erst recht wenn man bedenkt, dass auch die Erweiterung Kunstmuseum die gleichen Finanzträger gegen 100 Millionen kosten wird.
Zuerst: Mehr Fläche und Bauvolumen führt zu mehr Gebäude-Betriebskosten. Das ist unbestritten. Dazu gibt es Kennzahlen. Es wäre jedoch nicht seriös, Aussagen zu den weiteren Betriebskosten zu machen, bevor konkretisiert ist, welche Elemente des Museumsquartiers auch realisiert werden sollen. Einerseits soll ja gerade durch Kooperation ein Mehrwert entstehen und nicht einfach in neuen Räumen das Gleiche getan werden. Das heisst: Dank der Investitionen soll ein grosser Mehrwert entstehen. Andererseits wird das neue Museumsquartier zusätzliche Angebote umfassen, deren Nutzung, so zum Beispiel die Bespielung des Gartens, zusätzlichen Aufwand erfordern. Sicher ist: Wir sind nicht primär auf Synergien aus, es soll nicht nichts kosten dürfen.
Die Sanierung des Altbaus des BHM und die Lösung der Depotfrage, die das Projekt ausgelöst haben, stehen ohnehin an. Diese allein werden die Trägerschaft des BHM um die 100 Millionen Franken kosten. Die 255 Millionen Franken zeigen den Kostenrahmen einer Maximalvariante des Museumsquartiers auf. Kosten und Mehrwert des Projekts für Kultur, Kanton, Stadt und Quartier sind gegeneinander aufzuwiegen. Und zu bedenken ist auch, dass andernorts Kosten wegfallen, etwa Mietkosten für Depots, und Teile der Nutzungen im Museumsquartier einträglich sein werden, etwa der Gastrobereich.
Was darf insbesondere der Kanton Bern vom Stadtberner Museumsquartier erwarten? Was haben auch die ländlichen Regionen davon?
Alle im Kanton können davon profitieren, dass wir hier ein bestehendes riesiges Potential noch besser und vielfältiger nutzen. Es wird noch mehr Gründe geben, Bern zu besuchen. Dies dient auch dem Kanton. Von stärkerer touristischer Anziehung haben viele etwas, weit über die Stadt hinaus. Man könnte sich auch vorstellen, bestimmte Themen im Verbund mit Institutionen an anderen Orten im Kanton und darüber hinaus zu behandeln, wie dies etwa das Alpine Museum schon macht. Dies kann zu dauernden Partnerschaften führen.
Bisher hatte die Burgergemeinde Bern den Lead im Projekt. Wird dies so bleiben?
Die Burgergemeinde bleibt sicher eine der treibenden Kräfte, weil sie mit dem NMBE und dem BHM im Museumsquartier bereits stark involviert ist. Wir werden diskutieren müssen, ob und wie die Burgergemeinde Bern hier im Rahmen ihrer Engagements in Kultur und Gesellschaft für die Allgemeinheit einen Schwerpunkt setzen will. Ein Projekt wie das Museumsquartier benötigt eine Kraft, die es im Sinne aller und gemeinsam mit den anderen Beteiligten zu ihrer Priorität erklärt und den Schwung, den die Machbarkeitsstudie ausgelöst hat, aufrecht erhält. Dies könnte Aufgabe der Burgergemeinde sein.