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Richard Holmes ist in seiner Heimat Grossbritannien bekannt als Verfasser von populärwissenschaftlichen Büchern zur Geschichte der Naturwissenschaften an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, sowie als Verfasser von Biografien zu den grossen englischen Romantikern Coleridge und Shelley. In diesem Buch vereinigt er beide Themen.
Holmes geht chronologisch vor und beginnt mit der ersten Weltumsegelung von Cook. Dabei interessiert vor allem Cooks junger wissenschaftlicher Begleiter, Joseph Banks. Die beiden landeten nur ein Jahr nach Bougainville auf Tahiti. Die Berichte, die der Franzose und die beiden Engländer von dieser Insel heimbrachten, trugen viel dazu bei, in der europäischen Kultur die Idee, dass Rousseaus ‘edler Wilder’ tatsächlich existierte, zu verfestigen. Dass man vor allen Hinweisen darauf, dass diese ‘Wilden’ nicht so edel und friedlich waren, wie es den ersten Anschein machte, konsequent alle Augen verschloss, sollte Cook auf seiner vierten Reise dann das Leben kosten. Banks selber ging nie mehr auf Reisen. Cooks Expedition hatte zwar Tahiti problemlos überlebt. Selbst Geschlechtskrankheiten hatte sich die Schiffsbesatzung offenbar, trotz freien Umgangs mit den einheimischen Frauen, keine geholt. Dafür tötete auf Java eine Durchfallerkrankung ungefähr einen Drittel der Besatzung, darunter Freunde und Mitarbeiter Banks’. Von diesem Schock hatte sich dieser offenbar nicht mehr erholt. Er blieb nunmehr in London, wurde Präsident der Royal Society, geadelt und hochberühmt. Seine Rolle war es jetzt, wissenschaftliche Talente aufzuspüren und zu fördern. Holmes’ Buch ist in hohem Masse die Geschichte der Protégés von Sir Joseph Bank.
Holmes’ Storyboard verlangt von ihm, dass er Banks für eine Weile verlässt und sich andern zuwendet – als erstem William Herschel. Dieser, Sohn einer kinderreichen hannoveranischen Musikerfamilie, wanderte sehr jung nach Grossbritannien aus – in der Hoffnung, dort wie sein Landsmann Händel eine Karriere als Musiker zu machen. Er war auch auf gutem Weg dazu, als ihm sein Hobby, die Astronomie, dazwischen kam. Herschel, der seine Teleskope selber baute, und dies auf eine Art, die ihm erlaubte, bedeutend höhere Auflösungen zu erreichen, als die Teleskope herkömmlicher Bauart, investierte seine ganze Freizeit in dieses sein Hobby. Herschel wurde, so Holmes, durch Zufall auf der Strasse beim Beobachten des Himmels entdeckt. Banks nahm ihn nach anfänglichem Zögern unter seine Fittiche, und so begann Herschels Karriere als Astronom.
Noch einmal verlangt Holmes’ Storyboard, den Fokus zu verlagern. In Frankreich war die Ballonfahrmanie ausgebrochen. Die Brüder Montgolfier sowie Jean-Pierre Blanchard hatten sie gestartet. Diese Manie griff auch bald nach England über. Dass der wissenschaftliche Zweck der Ballonfahrten bald hinter reinem Zirkus verschwand (Knigge gibt eine Idee davon), hindert Holmes nicht daran, den Ballonfahren ein ganzes Kapitel zu widmen.
Dann ein weiter Wechsel, abermals in eine wissenschaftliche Sackgasse: Mungo Park in Africa. Holmes suggeriert, die Tatsache, dass Sir Joseph Banks den jungen Mediziner Park auf seinen Expeditionen förderte, sei dem Umstand zu verdanken, dass Park quasi in effigie für Banks reisen sollte – für einen Banks, der seine Reiseerlebnisse offenbar vermisste. Wissenschaftlich gesehen, ist Park allerdings eine Sackgasse: Von seiner ersten Reise brache er wenig Verwertbares zurück und ging auf seiner zweiten dann verschollen – wahrscheinlich gerade wegen der ihm diesmal zu seinem Schutz mitgegebenen Soldaten, die allzu deutlich die steigenden kolonialen Ansprüche Grossbritanniens signalisierten.
Erneuter Szenenwechsel, Auftritt Humphry Davy. Holmes erzählt in mehreren Kapiteln, wie Davy einerseits das Lachgas auf- bzw. er-fand, andererseits zum Ahnherr der modernen Chemie wurde, der durch Elektrolyse die Elemente Natrium, Kalium, Barium, Strontium, Calcium und Magnesium isolierte. Beim Lachgas entging Davy ein weiteres Ruhmeskrönchen: Er suchte nach einer direkten medizinischen Anwendung dieses Gases; an die Möglichkeit, es als Anästhesiemittel zu verwenden, dachte er nicht. Beim Lachgas stossen wir auf einen ersten, wirklich handfesten Zusammenhang mit den Dichtern der Romantik. Coleridge und Wordsworth liessen sich beide ebenfalls mit Lachgas ‘behandeln’ – zumindest beim schwer opiumsüchtigen Coleridge war es ganz klar, dass er Lachgas als bewusstseinsverändernde Droge und Alternative zum Opium testete, nicht aus medizinischen Indikationen. Davy seinerseits, der Banks in das Amt des Präsidenten der Royal Society folgte, war weniger glücklich in der Förderung junger Talente. Zwar wurde sein Assistent Michael Faraday weltberühmt, aber Davy blieb immer eifersüchtig auf dessen Qualitäten.
Der geneigte Leser, die geneigte Leserin werden sich nun fragen: Wo bleiben die Romantiker? Dieselbe Frage habe auch ich mir gestellt. Das Buch ist über weite Strecken eine Geschichte des auch im Gebiete der Naturwissenschaften ausgetragenen Streits zwischen Grossbritannien und Frankreich, in dem zu Beginn die Briten im wahrsten Sinn des Worts den Franzosen hinterher hinkten. Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die Briten die Franzosen allerdings politisch wie wissenschaftlich überholt: Grossbritanniens grosses Kolonialreich war im Entstehen, und Charles Darwin (den Rivalen Wallace kennt Holmes offenbar nicht) würde die Wissenschaften ein weiteres Mal revolutionieren. Diesem Leitmotiv folgend, unterschlägt Holmes praktisch alles, was ausserhalb Grossbritanniens geschehen ist. Obwohl wie Herschels Familie in Personalunion mit Grossbritannien vereinigt, wird Lichtenberg nur beiläufig erwähnt – Lichtenberg, einer der führenden Physiker der Zeit. Von den deutschen Romantikern werden nur Goethe (den Holmes, wie in Grossbritannien Usus, zur Romantik zählt) und Hardenberg erwähnt. Goethes Verdienst um die Mitentdeckung des Zwischenkieferknochens ist Holmes offenbar nicht wichtig (der ganze Knochen wird nicht erwähnt – nun ja, der andere Mitentdecker war ein Franzose – dabei war dieser Zwischenkieferknochen wichtig, weil er bewies, dass der Mensch keineswegs eine separate Schöpfung Gottes war, sondern zum übrigen Tierreich gehörte); Goethes Farbenlehre wird im Textteil kurz, aber relativ verständig erwähnt, im Index dann mit der dumm-flapsigen Bemerkung abgetan, Goethe sei ein Boxer gewesen, der Isaac Newton in den Ring gefordert habe. Dass Novalis erwähnt wird, verdankt er dem Umstand, als einziger der deutschen Romantiker eine naturwissenschaftliche Ausbildung genossen zu haben und als Ingenieur tätig gewesen zu sein. Ausserdem kennt Holmes noch den Arzt und Bergbauingenieur Franz von Baader, der bekanntlich grossen Einfluss auf Schelling hatte. Nicht direkt als Romantiker angesprochen, aber doch immerhin verschiedene Male erwähnt wird Alexander von Humboldt. Dass der nicht noch mehr erwähnt wird, mag daran liegen, dass Humboldts (geografische) Kreise sich kaum mit denen der Briten deckten. Südamerika gehörte Spanien und Portugal, das Innere Asiens dem russischen Zaren.
Wo aber bleiben die englischen Romantiker? Sicher, neben Coleridge und Wordsworth haben sich auch andere für Davys neue Droge interessiert: Keats, Byron, Shelley. Sicher, Keats hat eine Ausbildung zum Chirurgen begonnen. (Sie allerdings wieder abgebrochen; die Anforderungen waren wohl zu hoch: Zu jener Zeit musste ein Chirurg vor allem schnell und präzise amputieren können. Ohne Anästhesie war die Gefahr zu gross, dass sich der Patient vor Schmerzen verkrampfte und ein weiteres Operieren unmöglich wurde.) Sicher, Holmes bringt bei jedem Kapitel Hinweise darauf, dass die Errungenschaften der jeweils Behandelten in Gedichte der Romantiker eingeflossen sind. Aber ich vermute, dass Holmes hier unterschlägt oder selber nicht realisiert, was er wirklich erzählt. Holmes schildert das Zeitalter der letzten Universalgelehrten, Männer (Frauen gab es kaum, die einzige Ausnahme ist Herschels Schwester und Gehilfin Caroline, die auch eine Astronomin von eigener Bedeutung war; v.a. in Bezug auf die Entdeckung verschiedener Kometen hat sie Grosses und Eigenständiges geleistet), die noch über mehrere Wissenschaften hinweg an der Spitze der Forschung stehen konnten. Darwin war einer der letzten, der aus einem völlig fremden Gebiet, der Theologie, in ein anderes, die Biologie, wechseln konnte. Dem Universalgelehrten stand an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert der Universalinteressierte gegenüber. Das Lesepublikum war gerade daran, sich zu etablieren und stetig zu wachsen. Der Universalgelehrte traf also noch auf ein Universalpublikum. Bereits nach der Mitte des 19. Jahrhunderts würde es so sein, dass der Fachgelehrte nur noch für ein Fachpublikum schrieb. Es war nur natürlich, dass die Romantiker als wichtiger Teil des Universalpublikums Berichte über naturwissenschaftliche Errungenschaften absorbierten und in ihren Werken darauf anspielten. (Dass uns diese Anspielungen mangels Kenntnis der damaligen naturwissenschaftlichen Fachsprache heute entgehen, ist ein anderes Thema.) Aber dasselbe tat auch der (übrigens mit Joseph Banks befreundete) stock-aufklärerisch gesinnte Samuel Johnson. Diese Anspielungen sind sicher interessant, aber sie rechtfertigen das ganze Buch im Grunde genommen nicht.
Die einzige Rechtfertigung ist – der geneigte Leser, die geneigte Leserin ahnen es – Frankenstein. Vor allem in der Nachfolge der Italiener Galvani und Volta zogen Schausteller durchs Land, die mit Stromstössen toten Tierkörpern, aber auch menschlichen Leichnamen, scheinbar wieder Leben einzuhauchen vermochten. Die Diskussion um die Seele als eigenständig existierende, lebensspendende Entität entflammte. Mary Shelley nahm das Thema in Frankenstein auf. (Dass zu Beginn der Konzeption von Frankenstein mit Polidori jemand anwesend war, der zugleich Arzt und Italiener war, mag viel dazu beigetragen haben.) Shelley erweiterte das reine Schauerspektakel um – wie wir heute sagen würden – bioethische Fragen: Darf der Mensch überhaupt selbständig (also ohne eine Gottheit) Leben kreieren? Und welche Konsequenzen würde dies für das so erschaffene Wesen haben? Hier, und nur hier, wo das Aufeinandertreffen von romantischer Phantastik und naturwissenschaftlicher Forschung etwas völlig Neues und Eigenständiges zu initiieren wusste, liegt die Rechtfertigung für Holmes’ Buch. Das macht diesen Moment sehr speziell und herausragend.
Im Übrigen verlassen Holmes seine literaturgeschichtlichen Kenntnisse selbst bei Mary Shelley. Ihr post-apokalyptischer Roman The Last Man, in dem sie die Möglichkeit einer Pandemie ebenso vorstellt, wie die Möglichkeit, dass die Ballonfahrt doch noch einer nützlichen Verwendung zugeführt werden könnte, nennt er zwar, aber ohne weiter darauf einzugehen. Er scheint also nicht mehr als den Titel zu kennen.
Wenn man noch dazu nimmt, dass Holmes, in echt populärwissenschaftlicher Manier viel aus dem privaten Leben (also: aus dem Liebesleben) seiner Protagonisten einflicht, das mir persönlich unerheblich scheint, wird man verstehen, dass ich mit The Age of Wonder nur bedingt zufrieden bin. Holmes kann zweifellos schreiben. Aber die Art, wie er seine Themen behandelt, wie er Privates und ‘Geschäftliches’ verknüpft, wie er letztlich unhinterfragt die führende Rolle Grossbritanniens zu jener Zeit glorifiziert, behagt mir nicht.