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1.
Das Universum der Kultur unterteilt sich in drei übereinander geschichtete Sphären: in die Sphäre der Prozesse, in die Sphäre der Produkte und in die Sphäre der Personen.
2.
Die Sphäre der Prozesse ist jene, in der sich Kultur ereignet. Menschen treten als Handelnde lediglich anonym in Erscheinung: Ihr Tun ist nur insofern bedeutend, als sie auf die Weiterentwicklung des kulturellen Prozesses Einfluss nehmen.
3.
In der Sphäre der Produkte erscheint Kultur in einem anderen Aggregatszustand. Das prozedural Fliessende hat sich verfestigt zum Produkt. Menschen treten hier den Produkten zugeordnet auf und erscheinen als HerstellerInnen von Produkten. Der breite Strom des kulturellen Prozesses, der diese Produkte gleichsam nebenbei als sperrige Klötze an sein Ufer wirft, erscheint in dieser Perspektive verkürzt als individueller Schaffensprozess.
4.
In der Sphäre der Personen schliesslich erscheint Kultur nur noch in symbolisierter Form. Namen von Schulen oder Personen, oberflächliche Anspielungen, Köpfe oder deren Abbildungen werden zu Spielmarken, die für eine bestimmte Art von Produkten und damit für ein bestimmtes Segment des kulturellen Prozesses stehen. In dieser Sphäre schreibt sich der kulturelle Prozess über Namedropping und die feinen Unterschiede der bevorzugten kulturellen Produkte in den Habitus der Personen ein und hilft, deren kulturelles Kapital zu äufnen.
5.
Die Sphäre der Prozesse könnte man als die Ebene der Kultur bezeichnen, die Sphäre der Produkte als die Ebene der Kunst, die Späre der Personen als die Ebene des Kunstbetriebs (wobei sich «Kunst» hier ausdrücklich auf alle Formen künstlerischer Äusserung bezieht).
6.
Auf der Ebene der Kultur herrscht eine Wertevielfalt. Was sich ereignet, ereignet sich, wenn auch als Absichtsvolles, so doch zuallererst als Wertfreies oder wertemässig nicht Festgelegtes. Auf der Ebene der Kunst wird das produkthaft Verfestigte geeicht nach den herrschenden ästhetischen Massstäben der Gesellschaft, und die Wertevielfalt wird homegenisiert zum ökonomischen Wert des Produkts. Was zuvor wertfrei war, wird nun – bis zum ersten Angebot – wertlos. So erhält das Kunstprodukt seinen Marktwert und über die mit dem Markt gekoppelte feuilletonistische Kritik als Kanonisierungsinstanz den entsprechenden Stellenwert im öffentlichen Raum. Auf der Ebene des Kunstbetriebs schliesslich wird mit den werkgebundenen Werten spekuliert: Er ist die Börse, an der die Höhe des ökonomischen, kulturellen und sozialen Kapitals der ProduzentInnen (und mittelbar der RezipientInnen) durch Angebot und Nachfrage festgelegt wird.
7.
Soziologisch betrachtet schichtet sich die Gesellschaft analog dem Universum der Kultur. Die Klassengesellschaft der Kultur sieht so aus: Während das Engagement im kulturellen Prozess vorab Menschen der Unterschichten und des Kleinbürgertums eine Aufstiegsperspektive bietet, dominieren auf der Ebene der Kunstprodukte jene tendenziell mittelständischen AufsteigerInnen, Neureiche, die es nötig haben, ihr Geld zu zeigen und über genug davon verfügen, um über die Beeinflussung der Nachfrage wertsetzend zu intervenieren. Auf der Ebene des Kunstbetriebs schliesslich dominiert das Bildungsbürgertum, Leute, deren Herkunft ein überdurchschnittliches Vermögen an kulturellem und sozialem Kapital garantiert und deren ökonomischer Hintergrund keine Prestigesache mehr ist.
8.
Historisch betrachtet hat sich das Verhältnis der drei Sphären in den letzten zweihundert Jahren stark verschoben. Kunstprodukte waren seinerzeit eingebunden in sakrale und weltliche Rituale und wirkten gerade über die Aura des Unikats, zudem schloss der technische Stand der Produktionsmittel ihre massenhafte Reproduzierbarkeit aus. Mit dem Aufkommen des Bürgertums und der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts hat zuerst die Ebene des Produkts in ungeahnter Weise an Bedeutung gewonnen, weil die Nachfrage nach Kunst zu Repräsentationszwecken in breiteren Gesellschaftsschichten wuchs und im 20. Jahrhundert durch die entstehende Kulturindustrie auch zunehmend und immer kostengünstiger befriedigt werden konnte. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat die Bedeutung der dritten Sphäre, also des Kunstbetriebs, stark zugenommen; in den Bereichen der Massenkultur ist dieser seither verkleinbürgerlicht.
9.
Wenn die Ebene der Kultur als Raum des kulturell Lebendigen bezeichnet würde, dann wäre die Ebene der Kunst der Raum des kulturell Abgetöteten und die Ebene des Kunstbetriebs der gesellschaftliche Raum der Vernutzung des Kulturellen, in dem das Abgetötete als Nahrung zur sozialen Profilierung seiner AkteurInnen verschlungen wird.
10.
Die Sphäre der kulturellen Prozesse schafft Identität, Identität wird über kollektive Prozesse hergestellt. Die Sphäre der Produkte archiviert diese Prozesse, schafft darüber hinaus aber nichts, sie ist die Transformationsebene, die das Erschaffene (und damit die Erschaffenden) auf den Ranglisten der herrschenden gesellschaftlichen Werte einreiht. Die Sphäre der Personen schliesslich produziert fortwährend die Simulation von Identität: Narzissmus. Narzissmus ist die gloriose Inszenierung des monadischen Subjekts über exklusive «Distinktionsattribute», die gleichzeitig zur «Verleugnung der gesellschaftlichen Wirklichkeit taugen».[1] Im Spiegel des kulturellen Universums ist diese Sphäre der Gegenpol zum überindividuellen, identitätsstiftenden Prozess. Narzissmus verhält sich zu Identität wie Zucker zu Honig.
[1] Pierre Bourdieu: Die feinen Unterschiede. Frankfurt am Main (Suhrkamp) 1987, S. 458. – Vollständig lautet das angesprochene Zitat: «Während die ‘intellektuellen’ Fraktionen vom Künstler eher einen symbolischen Protest gegen die gesellschaftliche Wirklichkeit und ihre dogmatische Darstellung in der ‘bürgerlichen’ Kunst erwarten, verlangt der ‘Bourgeois’ von seinen Künstlern, Schriftstellern und Kritikern ganz wie von seinen Modeschöpfern, Juwelieren und Innenarchitekten Distinktionsattribute, die zugleich als Instrumente der Verleugnung der gesellschaftlichen Wirklichkeit taugen.» (Hervorhebungen von Bourdieu)
(12.05.1996; 13.12.2005; 12.+16.10.2017; 25.06.2018)