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Ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben in Nepal kann Helvetas einiges an Fortschritten im Wiederaufbau verzeichnen (siehe Reportagen in der rechten Spalte). Gleichzeitig gibt es verschiedene Nachrichten, dass es mit dem Wiederaufbau nicht voran geht und die Hilfe stockt. Beide Realitäten existieren parallel, was in diesem Blogpost deutlich wird.
Mona Sherpa, unsere stellvertretende Programmdirektorin in Nepal, zögert für sie ganz untypisch, als sie gebeten wird, ihre Gedanken zu den Geschehnissen seit dem Erdbeben am 25. April des letzten Jahres zu äussern. “Wir haben echte Fortschritte gemacht“, sagt sie, „aber nicht so sehr, wie wir es uns wünschen würden.”
Der Wiederaufbau Nepals nach dem Erdbeben erweist sich in der Tat als schwierig, nicht nur wegen der Importblockade an der indischen Grenze, die Ende 2015 die meiste Zeit ein Hindernis war, sondern auch wegen der aufgeblähten Bürokratie. Es wäre ein Leichtes, dafür nur die Regierung verantwortlich zu machen, aber das wäre zu einfach. In Realität sind viele humanitäre Organisationen ohne grosse Vorkenntnisse über die Situation vor Ort in Nepal angekommen. Ausserdem versprechen die Regierungen anderer Länder vielleicht zwar grosse Geldsummen, halten sich aber nicht unbedingt daran. Hinzu kommen polarisierende parteipolitische Interessen und der Verdacht auf fehlende Transparenz, was die Geldmittel angeht.
Das alles zusammen bildet eine unglückliche Konstellation, die einen koordinierten Ansatz der Regierung erschwert. Die Nationale Wiederaufbaubehörde (National Reconstruction Authority oder einfach „NRA“), die im Juni 2015 gegründet wurde, wurde vom Parlament erst im Dezember 2015 gebilligt. Sie und nahm ihre Arbeit im Januar 2016 auf. Erst in Mitte April diesen Jahres gab die Behörde Richtlinien heraus, wie internationale Nichtregierungsorganisationen (INROs) am Wiederaufbau arbeiten sollten; davor waren den meisten dieser Organisationen praktisch die Hände gebunden. Sie konnten nichts tun, weder Geld zur Verfügung stellen noch eine Obdach anbieten.
Wie hat sich das auf die Arbeit von Helvetas ausgewirkt? Dank einer bestehenden bilateralen Vereinbarung zwischen den Regierungen Nepals und der Schweiz waren wir in der Lage, schon früh Schulungen im Hochbau anzubieten. Mit finanzieller Unterstützung der DEZA (Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit) konnten wir bisher im Rahmen des Schulungsprogramms 880 Maurer schulen, sodass diese bisher über 200 Häuser wiederaufbauen konnten. Wir waren eine von 12 INROs, die vor allen anderen eine Wiederaufbaugenehmigung erhalten haben.
Das heisst, dass wir in Zusammenarbeit mit Solidar Suisse im Januar zumindest mit der Arbeit an den neuen Häusern beginnen konnten, sobald mit Materiallieferungen über die indische Grenze gerechnet werden konnte. Der Wiederaufbau der ersten Schulen wurde im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit Caritas Schweiz in die Wege geleitet. Darüber hatten wir mit der Bildungsbehörde ein Abkommen geschlossen.
Projekte, die schon vor dem Erdbeben von der Regierung bewilligt worden und gestartet waren, konnten nach dem Erdbeben direkt weitergeführt werden. Dafür waren wir nicht auf die Bildung der NRA angewiesen. So konnten wir Projekte im Bereich der Kaffeeproduktion und der Umwelterziehung in den Schulen weiterführen, genauso wie die Projekte zu sicherer Migration und Bio-Energie.
Die Erdbeben-Erfahrung, so Mona Sherpa, habe noch einmal unterstrichen, wie wichtig es sei,
- mit der Dynamik in den Gemeinden vor Ort vertraut zu sein
- Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten und zu fördern, und
- zu erkennen, wer die wirklich Schwachen sind, die unmittelbare Unterstützung brauchen.
Mona Sherpa hat immer noch die Hoffnung, dass der Wiederaufbau nicht nur ein Wiederaufbau ist, sondern zu Verbesserungen führt. Für sie geht es dabei nicht nur um die physischen Gebäude, sondern um den gerechten Wiederaufbau der gesamten Gesellschaft.
Und auch aus persönlicher Sicht kann das Elend vom letzten Jahr um diese Zeit nicht mit der heute verglichen werden. Damals schlief Mona Sherpa mit ihrer hochschwangeren Schwägerin im Freien unter einer Plane und hatte bei jedem Erdstoss Angst, dass das Baby vielleicht inmitten dieser chaotischen Situation zur Welt kommen würde. Inzwischen ist ihre kleine Nichte fast ein Jahr alt, wächst mit jedem Tag und hat glücklicherweise keine Ahnung von jener angsterfüllten Zeit. „Also“, sagt Mona, „ich glaube immer noch an das Zitat, das ich letztes Jahr gepostet habe: ‚Die Herrlichkeit des Lebens liegt darin, nach jedem Fall wieder aufzustehen und erst recht weiterzumachen.‘“