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Es war Mitte der achtziger Jahre, als sich ein Begriff nicht nur in die amerikanische Popkultur einschlich, sondern vermittelt über eine TV-Serie eine ganze Generation beschrieb – die thirtysomethings. Sie definierten sich einerseits über das Alter, in dem unweigerlich die Weichen für die Zukunft gestellt, Familien gegründet und Mann und Frau auf ganz andere Art erwachsen wurden, als im gesetzlich dafür vorgesehenen Zeitraum. Andererseits beschrieb sie auch eine wohlgenährte und wohlaufgewachsene Generation, die Armut, Krieg und Hunger nur noch aus Berichten der Eltern kannte. Eine Generation, in der die bürgerlich gebildete Mittelklasse einen breiten gesellschaftlichen Raum einnehmen durfte, Klavierunterricht, ein mehr oder minder intensiv betriebenes Studium und ein wohlwollendes Elternhaus inklusive. Man hat diese Altersgruppe auch die [me-generation genannt, die sich nie mit Pflichten, aber um so mehr mit der Aufforderung: «Sei du selbst!» und «Glaub an dich!» auseinanderzusetzen hatte.
Aber was ist das, dieses Selbst? Man selbst zu sein, das setzt auch Ängste, Depressionen, Einsamkeit und Zynismen frei. In Oslo, August 31th stellt uns Joachim Trier einen thirtysomething, Anders, vor, der eigentlich noch keine Entscheidung getroffen hat. Er ist, so entwickelt der Film erst allmählich, irgendwann vor fünf Jahren aus dem bürgerlichen Leben ausgestiegen und hat nach Selbstzweifeln als Autor eine Karriere als Junkie und Drogenhändler begonnen. Jetzt hat er eine Entziehungskur hinter sich und soll in zwei Wochen zurück ins wirkliche Leben entlassen werden. Zeit also, sich einen Job zu suchen, Kontakte zu Familie und Freunden wieder aufzunehmen. Das soll Anders tun, als er für einen Tag aus der Klinik beurlaubt wird, doch der Morgen beginnt beiläufig dramatisch: Mit einen Stein in den Armen wird Anders in einen See laufen, aber er taucht wieder auf, weil ihn das Leben zum Atmen zwingt.
Aber was ist das, das Leben? Anders bringt eine Gruppentherapiesitzung hinter sich, fährt mit einem Taxi nach Oslo, lässt sich treiben, besucht alte Freunde. Haben die sich entschieden? Thomas beispielsweise ist verheiratet, hat zwei Kinder, ein altes Mehrfamilienhaus und eine Stelle an der Universität. Das sieht zunächst fein aus, aber insgeheim, so beichtet er Anders, lebt er die tödliche Langeweile der Kleinfamilie, in der zwei abendliche Gläser Rotwein und ein leicht brutales Videogame die Höhepunkte markieren. Mirjam dagegen, eine alte Bekannte, feiert Geburtstag; ihren [blues markiert, dass man sich noch nicht entschieden und im Bekanntenkreis nur noch eine einzige Freundin hat, die nicht zwischen Kinder und Küche aufgeht. Auf der Suche nach einem eigenen Lebensentwurf tastet Anders die der anderen ab. Das ist filmisch teilweise hervorragend umgesetzt: Man sieht ihn beispielsweise in einem Café sitzend, die Gespräche der anderen um ihn herum belauschend. Worüber reden die Menschen? Was beschäftigt sie? Was sind ihre Wünsche? Wie im Zeitraffer sieht man, wie das Leben der anderen zusammenschrumpft: Was wird der junge Mann, der eben vorbeigelaufen ist, tun? Was die Frau, die eben noch hier gesessen hat? Sie geht ins Sportstudio und rennt auf einem Band.
Aber kann das das Leben sein? Gelegentlich wirkt Oslo, August 31th mit diesen Ansprüchen auch etwas larmoyant. Und wenn der Held der Geschichte schliesslich ausgerechnet im gerade noch existierenden Elternhaus (das aufgegeben werden muss, nicht zuletzt, um auch seine Schulden zu bezahlen) zum goldenen Schuss ansetzt, kommt man um ein Lächeln nicht herum. Aber der Protagonist ist nicht die einzige Person der Geschichte; vielleicht – so schlägt der Film selbst vor – sollte man die Hauptperson gelegentlich übersehen, wenn man eine Geschichte erzählt. Dann wären die vielen kleinen Geschichten der Nebendarsteller vielleicht wichtiger, die sich in dem, was ihr Leben sein könnte, jeden Tag abstrampeln.
Aber was wäre dann eine angemessene Biografie, eine Lebensbeschreibung, eine Lebensgeschichte? In Oslo, August 31th ist sie auch eine Mediengeschichte, die konsequent mit einer Rückblende beginnt, die in wackeligen Super-8-Bildern festgehalten wurde und nun aus dem Off kommentiert wird. An was erinnert man sich? An die Stadt Oslo, ihre menschenleeren Strassen, die öffentlichen Verkehrsmittel. An Mutter und Vater. An Freunde. Und daran, dass das Leben einst eine freundliche Einladung in warmen Technicolor-Tönen zu sein schien. Die grauen, kühlen Farbwerte der Steadicam, die die Gegenwart eines Tages einfangen, werden nie die Temperatur der Erinnerungen und der Versprechen einlösen, nie die persönliche Nähe erreichen, die den alten Film geprägt hat. Auch basiert der zweite lange Spielfilm von Joachim Trier auf einer historischen Vorlage, dem Roman «Le Feu Follet» von Pierre Drieu La Rochelle von 1931, den Louis Malle bereits 1963 verfilmte.
Obwohl Oslo, August 31th hier ausgesprochen nostalgische und melancholische Züge aufnimmt, gibt er die Gegenwart doch nicht preis, auch die mediale nicht. Die aber, so schreibt Trier im Presseheft, erschliesst sich erst dann, wenn sein Film auch in der Wirklichkeit des Kinos wahrgenommen wird: «Das Kino ist eine wunderbare Kunstform, um Einsamkeit zu thematisieren. Wir können Filme zusammen mit anderen erleben. Das kann eine kollektive Erfahrung von Einsamkeit sein. Wir sind – zusammen mit anderen Leuten – ganz alleine im Dunkeln des Kinosaals.»