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Die Hoffnung, dass der Rechtschreibstreit so beendet wird, scheint jedoch vergebens: Manchen Kritikern sind auch die Korrekturen zu zaghaft, andere warnen vor zu grossem Wirrwarr zwischen reformierter und restaurierter Schreibweise.
Aus presse und internet
28. 2. 2006
Dafür beglückte Andreas Thiel dann das Publikum mit Grammatik und Rechtschreibreform.
Rund ein Jahr nach der verbindlichen Einführung der Rechtschreibreform müssen sich Millionen Schülerinnen und Schüler erneut umstellen.
Gut ein Jahr nach der verbindlichen Einführung der Reform an den Schulen soll damit der Kritik an den Regelungen Rechnung getragen werden. KMK-Präsidentin Erdsiek-Rave sagte, sie hoffe, "daß wir jetzt zu einer verläßlichen Grundlage kommen" und daß die Regelungen "überall, wo gedruckt und geschrieben wird", Akzeptanz fänden. Sie rechne allerdings damit, daß es "eine Generation" dauern werde, bis sich die Reformregeln durchsetzten; sie hoffe bis dahin auf ein "friedliches Nebeneinander".
Was steht nun in den Empfehlungen des Rechtschreibrats? Zum Beispiel, daß Wortverbindungen wie "kennenlernen" und "kleinschneiden" auch "kennen lernen" und "klein schneiden" geschrieben werden können. […] Daß "Freestyle" und "Hightech" zusammen, aber "Round Table" auseinander geschrieben wird. […] So will es angeblich der "existierende Gebrauch", das "Akzentmuster", die Sprachpraxis. Wer aber definiert diese Praxis? Das waren, wie Zehetmair einräumte, die Mitglieder des Rates für Rechtschreibung […]. Beim "Round Table" etwa gaben die Schweizer Stimmen den Ausschlag, und auch "kennen lernen" geht auf Schweizer Wünsche zurück. Es gab, mit anderen Worten, einen Kuhhandel um die deutsche Rechtschreibung, einen Interessenausgleich, wie er auch in anderen Kommissionen üblich ist. Damit hat der Rat den Geburtsfehler der Rechtschreibreform fortgeschrieben. Nicht die Sprachgemeinschaft, sondern ein supranationales Gremium hat festgelegt, wie die deutsche Sprache zu handhaben sei. Dessen Empfehlungen mögen von Fall zu Fall vernünftig sein, als Ganzes sind sie ein Unding, ein Oktroi.
Wenn die KMK nun auch die Vorschläge des Rats billigt, wäre der Reformprozess zumindest offiziell an ein Ende gekommen - freilich unter Aufgabe vieler ehrgeiziger Reformziele auf radikale Vereinfachung der deutschen Schriftsprache. […] Inoffiziell wird der Streit aber wohl weitergehen. Theodor Ickler […] hat am Samstag in einem langen Artikel in der FAZ seinen Austritt aus dem Rat angekündigt. Das bedeutet, dass zumindest die verbissenen Reformgegner auch die Beschlüsse der KMK von dieser Woche nicht als letztes Wort nehmen werden.
Zehetmair sagte, das Gremium sei "keinen leichten Weg" gegangen. Man habe dabei die Auseinandersetzungen mit "den Puristen" der verschiedenen Lager führen müssen. Während die eine Seite den alten Zustand vor der Rechtschreibreform wiederherstellen wollte, habe die andere Seite an jeder Neuerung der Reform festhalten wollen. […] Die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung begrüßte die vorgelegten Änderungsvorschläge. "Praktisch alles, was gemacht wurde, folgt dem Kompromißvorschlag der Akademie", sagte deren Vertreter im Rat für deutsche Rechtschreibung, Peter Eisenberg. […] Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hingegen forderte: "Schluß mit den Narreteien."
Den Traditionen des Deutschen entsprechend wird der Tendenz zur Zusammenschreibung Rechnung getragen. […] Die Änderungsvorschläge in diesem Bereich [Groß- und Kleinschreibung] werden auf das systematisch Nötige beschränkt. […] Es geht um Änderungen im Bereich der Kommasetzung, um eindeutiges Textverstehen zu sichern.
27. 2. 2006
Der Rat hat zwar Verbesserungen beschlossen, aber keineswegs eine passable Lösung parat, die Aussicht hätte, daß sich dadurch eine halbwegs einheitliche Schreibung im Land wiederherstellen ließe. Oder soll man sich mit all den Halbheiten und Versäumnissen des Rates abfinden? […] Im Sommer ist es zehn Jahre her, seit die Reform beschlossen, seit die Einheit unserer Schreibung mutwillig aufs Spiel gesetzt worden ist und seit sich die Minister ins Schlepptau einiger Ideologen, unter anderen in ihren Ministerien, begeben haben. Die "Reform" hat sich längst nicht nur als falsch, sondern auch als erfolglos erwiesen. Die Beseitigung einiger grober Mängel wird daran nichts ändern. Die allgemeine Schreibvernunft ist stärker. Sie läßt sich auch nicht beirren. Daher sollte sich die KMK endlich dazu bequemen, das Steuer herumzuwerfen und ernsthaft, das heißt mit den geeigneten Ratgebern, auf Wege zu sinnen, die aus dem Schlamassel herausführen.
Als wahrhaft unbelehrbar erweist sich die Politik. Kaum hat der Rat für deutsche Rechtschreibung, von der Kultusministerkonferenz unter massiven Zeitdruck gesetzt, seine Reparaturen an der Reform vorläufig abgeschlossen, da meldet sich der saarländische Bildungsminister Jürgen Schreier (CDU) und will die Zeitungen in die Pflicht nehmen. Sie hätten zwar großen Anteil an der Revision der missratenen Neuregelung der Rechtschreibung. Nun müssen sie aber Verantwortung übernehmen und den Empfehlungen des Rechtschreibrats zur neuen Rechtschreibung folgen. Müssen sie? Nein, sie müssen nicht.
Richtig, sie müssen nicht. Aber die schule hätte sich von den zeitungen auch nicht ins bockshorn jagen lassen müssen.
26. 2. 2006
Zehetmair ist jemand, der bewiesen hat, in sprachlicher Hinsicht mit fast allem leben zu können, außer damit, daß "Philosophie" mit "f" geschrieben wird und der "Heilige Vater" klein. Die Absurditäten des Vorgangs, an dem er sich beteiligt, ohne etwas dafür können zu wollen, lassen sich inzwischen nicht mehr an einer Hand abzählen. Es handelt sich um die seit 1996 fünfte als endgültig bezeichnete Regelung der deutschen Orthographie. Eine "Kommission" aus zwölf Schriftrichtern, denen eine stalinistische Zärtlichkeit beim Umgang mit widerborstigen Schreibweisen, überzähligen Kommata und unbotmäßigen Worten nicht abzusprechen war, wurde durch jenen "Rat" aus 36 Nachbesserern ersetzt, in dem sich nur ein einziger Verteidiger der herkömmlichen Orthographie befand, dafür aber sieben von jenen zwölf Sprachregulierern, die das Problem geschaffen hatten. Daneben vor allem wirtschaftliche Interessenvertreter und Bildungslobbyisten sowie einzelne Wissenschaftler, die uns auch nicht werden erklären können, wem gedient ist, wenn "hier zu Lande" geschrieben werden kann.
25. 2. 2006
Ickler begründete seinen Austritt damit, daß sich im Rat nichts mehr bewegen lasse. Sprachwissenschaftliche Argumente seien als Liebhabereien beiseite geschoben und vom Vorsitzenden bei jeder Gelegenheit ironisiert worden.
Bezeichnend für die Arbeitsweise des Rates ist der Umgang mit sprachwissenschaftlichen Argumenten und grammatischen Erwägungen, die nur mit Hohn bedacht wurden. Aber es geht den Verantwortlichen auch nicht um Sprache, sondern um die blinde Durchsetzung einer verfehlten Reform. Deshalb werden alle, die sich dagegen wehren, als Krawallmacher oder als verfassungsfeindlich (Kultusministerin Wolff) bezeichnet.
Was kann ich dafür, daß die Reformer keine so freundliche Presse haben wie wir? […] Bei den Reformern fällt die vollkommene Gleichgültigkeit gegenüber der sprachlichen Richtigkeit auf. […] Altreformer Sitta schließt mit der Bemerkung, daß auf dem nun eingeschlagenen Weg der Rechtschreibfriede nicht wiederhergestellt werden könne. Ich erinnere daran, daß Rechtschreibfriede herrschte, bevor die Reform ihn im Jahre 1996 zerstörte. […] Warum treten wir das Ganze nicht wirklich in den Müll […] und vergessen es so schnell wie möglich? […] Als ich feststelle, daß wir keine Schulorthographie, sondern eine Orthographie für Qualitätstexte zu machen hätten, höhnen einige Mitglieder gleich wieder […].
Abgesehen davon, dass eine gute ortografie für «qualitätstexte» und die schule gleichermassen gut wäre, ist ein von den erziehungsministern eingesetztes gremium für die schule da.
Die Arbeit dieses Rates, so Ickler, sei von der Kultusministerkonferenz (KMK) als bloßes Schauspiel angelegt gewesen als Farce, die den Widerstand gegen die Reform brechen sollte. Die Versuche des Rates, nicht zuletzt in Gestalt seines Vorsitzenden Hans Zehetmair, den Rat als tatsächliche Chance zur Rettung einer gescheiterten Form zu behandeln, seien im nachhinein betrachtet zum Scheitern verurteilt gewesen.
Ebenso wie Ickler äußerte sich PEN-Präsident Johano Strasser jedoch enttäuscht über die Änderungsvorschläge des Gremiums zur umstrittenen Rechtschreibreform. Wir sind der Meinung, dass das Wenige, was jetzt rückgängig gemacht wird, nicht ausreicht, sagte der in Starnberg lebende Strasser am Freitag. […] Zwischen dem PEN und Ickler gibt es keinerlei Differenzen, betonte Strasser. Wir haben aber beschlossen, dass wir als PEN weiter im Rat bleiben werden.
21. 2. 2006
Wenn im März die Kultusministerkonferenz zum fünften Mal "endgültig" über die von zwölf Schriftweisen reformierte und von 36 Oberaufsehern nochmals korrigierte deutsche Rechtschreibung entscheidet, wird sie den Schülern verordnen, von nun an "Rad fahren" auseinander und groß zu schreiben. Alle Mißverständnisse beseitigt? Nein, denn "seiltanzen" und "eislaufen" sind wieder wie früher klein und in einem Wort zu schreiben. Auch die Klippe "das" ist geblieben - mit dem kleinen Unterschied, daß das andere "das", die Konjunktion, nun nicht mehr mit "ß", sondern mit "ss" zu schreiben ist. Ein grandioser Fortschritt. […] Inkonsequenz, Praxisferne, Unwissenschaftlichkeit, grammatischer und linguistischer Dilettantismus sind die Hauptkennzeichen dieser großspurig angekündigten "Reform", aber leider kaum weniger auch der nun empfohlenen "Reform der Reform".
20. 2. 2006
Angesichts der neuerlichen Veränderungen der Rechtschreibreform erhebt sich immer dringender die Frage, ob jetzt überhaupt noch von dem Regelwerk gesprochen werden kann, das die Unterzeichner der Wiener Absichtserklärung am 1. Juli 1996 "zustimmend zur Kenntnis" genommen haben. […] Das Bundesverfassungsgericht […] leitet die Berechtigung einer staatlichen Rechtschreibregelung aus der "generellen Befugnis des Staates zum Handeln im Gemeinwohlinteresse" ab und setzt als Bedingung die "notwendige Akzeptanz". Nach dem Urteil des Ersten Senats vom 14. Juli 1998 ist also die aktuelle Rechtschreibreform nicht zulässig. Weder hat sie in irgendeiner Weise dem Gemeinwohlinteresse gedient, noch hat sie allgemeine Akzeptanz gefunden […].
Und da die regelung von 1901 die anforderungen auch nicht erfüllt, gibt es keinen staatlichen rechtschreibunterricht mehr.
Denn es kommt der Chef persönlich, Giovanni di Lorenzo, und wickelt sie mit fernseherprobtem Charme um den Finger. […] Nur am Ende fällt di Lorenzo, auf die Rechtschreibreform angesprochen, aus der Rolle. Man habe eine eigene Schreibung, eng an der Reform, entwickelt, die meisten Redakteure der "Zeit" hielten selbst die Neuerungen für wenig geglückt, aber man wolle schon um der Schüler und Lehrer willen kein Zurück. Für eine "Anmaßung" halte er den Versuch "einiger Medien", auf ein Gesetzgebungsverfahren derart massiv einwirken zu wollen. Beifall und Kopfschütteln zugleich erntet er dafür. "Anmaßung" ist ja auch vielleicht ein bißchen anmaßend.
18. 2. 2006
Und dann noch diese - gute - Nachricht: Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» hält an der alten Rechtschreibung fest. Man sei, so sagen die Verantwortlichen, bereit, mässige Reformen später zu übernehmen.
16. 2. 2006
Medienberichte, die einen "Schwenk" der F.A.Z. bei der Rechtschreibung unterstellen, entsprechen nicht den Tatsachen.
Der parteilose Hömig war Vorsitzender Richter des Bundesverwaltungsgerichts, bevor er 1995 auf Vorschlag der FDP […] nach Karlsruhe gewählt wurde […]. Seine Zurückhaltung mit öffentlichen Äußerungen mag auch in seinen Erfahrungen mit hochbrisanten Verfahren begründet liegen. Hömig war etwa Berichterstatter im zweiten Bodenreform-Verfahren und zur Rechtschreibreform.
15. 2. 2006
Zumal die Berliner Akademie muß sich auf ihre eigenste Sache besinnen, die mit Sprache, Literatur, Musik und Kunst zu tun hat. Im Falle der Rechtschreibreform hätte sie sich deswegen nicht mit einer Empfehlung begnügen dürfen. Ein durch Literatur und Kunst legitimiertes Wort wäre dringend geboten gewesen. Niemand erinnert sich an die Meinung, die die Akademie in dieser Frage vertreten hat.
Eine meinung hat sie vertreten, aber keine erinnernswerte. Der Tagesspiegel, 8. 1. 2006.
12. 2. 2006
Es gibt ja viel Streit um die Rechtschreibreform. Aus der Sicht des Scrabble-Spielers, der sich auskennt mit dem Duden: Ist die Reform gut oder schlecht? Im Moment ist es gut. […] Weil alte und neue Schreibung gültig sind. Wir können zum Beispiel "aufwendig" noch mit E und Ä legen. Aber irgendwann ist das vorbei. Dann müssen wir über die Bücher gehen, was alles weg muß.
8. 2. 2006
Mit Barbara Schock, Rektorin der Grundschule Altenerding, sprach darüber Erdinger SZ-Mitarbeiterin Daniela Killermann. […] SZ: Was denken Sie über die teilweise Rückkehr zur alten Rechtschreibung? Schock: Ich finde das grauenvoll. […] SZ: Wird die Reform ihrem Anspruch gerecht, die Rechtschreibung zu vereinfachen? Schock: Ja, auf jeden Fall. Nur die Erwachsenen sind eben zu bequem, sich auf die neuen Regeln einzulassen. Aber es ist eben so, man lernt ein Leben lang.
7. 2. 2006
Unter meinen Schriftstücken steht: „Dieser Text ist fehlerfrei entsprechend den seit 1902 gültigen Rechtschreibregeln. Eine solche Aussage ist für die sogenannte Neue Rechtschreibung wegen der vielen Varianten und wegen des Fehlens eines verläßlichen Bezugswerkes nicht möglich.“ Jedermann kann diese Formulierung übernehmen und sicher auch noch verbessern.
6. 2. 2006
Der Titel ist überraschend: "Sprache in Zeiten ihrer Unverbesserlichkeit". […] Dezidiert anderer Meinung ist der Rezensent nur im Blick auf die Rechtschreibreform, angefangen damit, daß hier nun wirklich kein "dringender Handlungsbedarf" war. Die wirklichen Motive der "Reform" lagen ganz woanders - nicht in der Sache jedenfalls. Aber vernünftig, muß man konzedieren, bleibt Zimmer auch hier. Seltsam, daß er die Reform stramm verteidigt, dann aber am Ende - oder ist dies bloß wieder pragmatisch vernünftig? - seitenlang anführt, was freilich nun doch wieder geändert werden sollte, und zwar dringend. Hoffen wir, mit ihm, auf Hans Zehetmair!
Das einzig positive daran ist die Erkenntnis, wie ausgereift die alte Rechtschreibung war und ist.
Und selbst das ist eine illusion, wie man sieht.
Man sollte sich der Tatsache nicht verschließen, dass die alte Orthographie eine große Zahl von Ungereimtheiten enthielt, an denen man als routinierter Schreiber hängt, die man aber ohne Risiko in reguläre Schreibweisen umwandeln kann. Das ist etwas ganz anderes als die Prinzipienreiterei, mit der die Neureglung in den hergebrachten Schreibusus eingegriffen hat.
4. 2. 2006
Gewiß mag es manchen mit der Überarbeitung der Rechtschreibreform versöhnen, daß er wieder "Du" groß schreiben darf.
Versöhnung ist etwas schönes, und wir verstehen die erleichterung, denn anscheinend hält sich «er», der erwachsene deutsche, in einem privaten brief und sms streng an das, was er «darf», was ihm der volksschullehrplan erlaubt.
Es ist ein Irrtum zu glauben, die nun verabschiedeten Regeln und Schreibungen würden den Frieden des Normativen wiederherstellen, der vor der Reform bestand. So etwas kann nicht geschehen, zum einen, weil zehn Jahre staatlich geförderter, ja sanktionierter Unfug einen solchen Frieden auf Dauer zerrüttet haben, zum anderen, weil die Reform der Reform auch in ihrer jetzigen Fassung noch so viele Mängel, ja sogar Widersprüche enthält, dass neuerliche Änderungen der Orthographie auf Dauer unausweichlich sein werden.
Kernstück der Vorschläge des Rates ist die Neuformulierung von Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung. […] Die Künstlichkeit wird in Regelformulierungen wie der folgenden unmittelbar sichtbar: Bei der Regelung der Getrennt- und Zusammenschreibung wird davon ausgegangen, dass die getrennte Schreibung der Wörter der Normalfall und daher allein die Zusammenschreibung regelungsbedürftig ist. ... Soweit dies möglich ist, werden zu den Regeln formale Kriterien aufgeführt, mit deren Hilfe sich entscheiden lässt, ob man im betreffenden Fall getrennt oder ob man zusammenschreibt. […] In der Neuformulierung des Rates liest sich die entsprechende Passage so: Einheiten derselben Form können manchmal sowohl eine Wortgruppe (wie schwer beschädigt) als auch eine Zusammensetzung (wie schwerbeschädigt) bilden. Die Verwendung einer Wortgruppe oder einer Zusammensetzung richtet sich danach, was jeweils gemeint ist, und was dem Sprachgebrauch und den Regularitäten des Sprachbaus entspricht. […] Der jetzt vorgeschlagene Text beruht auf einem Entwurf der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Also Eisenbergs. Wir sind immer noch für das erste.
2. 2. 2006
«Natürlich sind unsere Vorschläge ein Kompromiss - aber sie sind vernünftig und gut», betonte die Geschäftsführerin des Rates, Kerstin Güthert. Die Vorschläge des Gremiums seien sowohl der alten als auch der neuen Rechtschreibung überlegen und könnten auf Jahre hinaus Bestand haben. Ob die Von wegen Staatsräson! Der Eiertanz der Kultusministerkonferenz ähnlich euphorisch auf das Änderungspaket reagieren wird, ist offen.
29. 1. 2006
Dies ist Erlangen. Ungeknickte Straßen, die Häuser haben sich übersichtlich im rechten Winkel aufgestellt. Nichts ist hier krumm und schief. Erlangen ist genau so, wie die Rechtschreibreformer sich unsere Sprache vorstellen. Vor allem irgendwie rechtwinklig. Erlangen ist eine verdammt gute Tarnung. Denn Erlangen ist das Hauptquartier der Gegenreformer, also gewissermaßen der Sitz der orthografischen Konterrevolution. Es ist die Hauptstadt derer, denen die Rechtschreibreform noch immer viel mehr ist als nur ein Quäntchen Gräuel, nämlich zuallererst ein Quentchen Greuel. […] Theodor Ickler ist außerdem der Verfasser des Ickler. Der Ickler ist gewissermaßen der neue Duden. […] Man versteht, sagt Ickler, die Reformer nur durch ihr Leitbild. Das Leitbild sei der kleine Fritz, der in der Schule ein Diktat schreibt, und von der Zensur hängt seine ganze Zukunft ab.
Die übliche demagogie unserer gegner: verabsolutieren eines einzelnen (auch berechtigten) aspekts, des pädagogischen. Grundsätzlich und bei jeder einzelentscheidung wird die rechtschreibreform linguistisch begründet, lieber herr wissenschafter! Hier einmal mehr das leitbild des Bundes für vereinfachte rechtschreibung: verbesserung der rechtschreibung im interesse der lesenden und der schreibenden, erhaltung und pflege des kulturguts buchstabenschrift.
25. 1. 2006
Die deutsche Dominanz bei der Nachbesserung der Rechtschreibreform löst in der Schweiz harsche Kritik aus. Der für die Umsetzung der neuen Regeln wichtige Lehrerdachverband fordert die EDK gar auf, die Geschäftsbeziehungen zur Kultusministerkonferenz zu überprüfen. […] Diese gegenüber dem ursprünglichen Placet zur Reform jetzt erfolgte Verweigerung des LCH ist brisant, denn letztlich ist die Schule die wichtigste Institution beim Umsetzen neuer Reformänderungen.
In einem offenen Brief an den Präsidenten der Schweizerischen Konferenz der Kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK), Regierungsrat Stöckling, weist der sogenannte Sprachkreis Deutsch den Präsidenten der Erziehungsdirektorenkonferenz (entspricht der Kultusministerkonferenz) darauf hin, daß die deutschen Kultusminister offen eingestehen, daß "die Rechtschreibreform falsch war". […] Noch kritischer äußert sich der Schweizer Lehrerverband, der vor allem beklagt, daß der Vorsitzende und die große Ratsmehrheit die anstößigsten Fälle pragmatisch lösten und es unterließen, die Konsequenzen für das gesamte Regelwerk zu untersuchen.
Das Rechtschreibchaos ist inzwischen so groß, daß zu befürchten ist, daß die Verlage der Rechtschreibprogramme das letzte Wort haben und regeln, was der Rechtschreibrat nicht ordnen konnte. Denn wer die ehemaligen Urheber der Rechtschreibreform zur Korrektur ihrer eigenen Arbeit heranzieht, wird nichts anderes erwarten können als halbherzige Lösungen.
Wir übersetzen: chaos = freiheit, entwicklung; was der rechtschreibrat nicht ordnen konnte = siehe chaos; korrektur = machtkampf zwischen alt und neu; halbherzig = kompromiss, gültig für die regelungen von 1901, 1996, 2005, . . . Vgl. Tages-Anzeiger, 20. 1. 2006.
21. 1. 2006
Angesichts der Föderalismusreform […] könnte die Kultusministerkonferenz (KMK) nach dem Bundesrat das wichtigste Gremium zur Abstimmung zwischen Bund und Ländern werden. […] Mit ihrer Tirade gegen den Wettbewerbsföderalismus hat sich die neue Präsidentin der KMK, Schleswig-Holsteins Kultusministerin Erdsiek-Rave (SPD), ein erstes Mal für diese heikle Aufgabe empfohlen. Mit ihrer neuerlichen Aufforderung an die Länder, ein Höchstmaß an Einheitlichkeit herzustellen, und ihrer Litanei bildungsideologischer Topoi von der Bildungsgerechtigkeit über die Geschlechtergerechtigkeit bis zur Bologna-Gläubigkeit hat sie nicht nur ihre Ministerkollegen auf das eingestimmt, was in diesem Jahr von der KMK zu erwarten ist: nicht das, was angesichts ihrer neuen gesamtstaatlichen Verantwortung nötig wäre. Jedenfalls soll die Rechtschreibreform zum Schuljahr 2006/ 2007 für alle Schüler gelten.
Schreiben, in der deutschen Sprache dichten, das ist nicht erst seit der unsinnigen Rechtschreibreform ein bißchen wie Tangotanzen in Gummistiefeln - es braucht eine gewisse Leichtfüßigkeit und Gelenkigkeit, damit so etwas wie Anmut oder Grazie entsteht.
Die umstrittene Rechtschreibreform soll im März endgültig unter Dach und Fach sein.
Die KMK würde sich dann mit den Vorschlägen des Rats für deutsche Rechtschreibung befassen, diese unmittelbar verabschieden und in den Schulen auf den Weg bringen, sagte die neue KMK-Präsidentin Ute Erdsiek-Rave am Freitag nach ihrer Amtsübernahme in Berlin.
20. 1. 2006
Die «Pisa»-Show des Schweizer Fernsehens […] steht in einer Reihe von aktionistischen Versuchen, die gefühlte Krise westlicher Wissenskultur zu lindern. […] Auf Verunsicherungen derart pauschaler Art reagiert man gerne mit hochkonkreten Regeln, mit Listen und mit Befehlen. Also hilflos und autoritär. Mit einer neuen Rechtschreibung, mit einer europäischen Hochschulreform […]. Wie genau wir zu schreiben haben und dass eine konsequente Rechtschreibung eine hohe Moral zur Folge habe zum Beispiel, sind im Verhältnis zum Alter der Schrift relativ junge Sehnsüchte. Und der Ringkampf mit minimalem Resultat namens Neue Rechtschreibung hat gezeigt, wie schwierig (und wie unnötig) es ist, einen Konsens über ein Regelwerk zu erlangen, das nun auch noch verschieden angewandt wird.
18. 1. 2006
Jeder zehnte Bewohner in NRW kann nach Worten des Sprachwissenschaftlers Ulrich Schmidt nicht lesen und schreiben. […] „Viele Betroffene schämen sich und erfinden Techniken, ihr Manko zu verheimlichen“, sagte der Germanist. Besonders beliebt sei die Ausrede, man habe die Brille vergessen und könne deshalb nicht lesen. Auch die Rechtschreibreform diene oft als Entschuldigung für „Buchstabendreher“.
17. 1. 2006
Zé do Rock ist, wie er glaubt, der einzige, der von der Rechtschreibreform profitiert hat. Die verhalf seinem Debüt fom winde ferfeelt. welt-strolch macht links-shreibreform zu Medienpräsenz.
13. 1. 2006
Überwiegend vorbei sind die Zeiten, als in den Ämtern zum Diktat gebeten und Orthographie abgeprüft wurde: Die Ablehnung eines hessischen Türken mit nur fünf Jahren Schulbildung, der den Diktatbeginn "Abfindung: Bei der Aufstellung von Sozialplänen dürfen . . ." phantasievoll als "APFidug: Baj dese AFi sitilug Fon sosisal pilemm dorfom . . . " zu Papier brachte, wurde 2004 ebenfalls durch das Bundesverwaltungsgericht aufgehoben. […] Das jüngste Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das die schriftliche Kompetenz für nachrangig erklärte, hält Dahmen für "zweischneidig". Es erzeuge künstliche Abhängigkeiten vom familiären Umfeld: "Es muß einem Deutschen abverlangt werden, daß er sein Begehren formulieren kann!" Auf Rechtschreibfehler käme es dabei nicht an.
11. 1. 2006
Klarer Fall: Deutsch ist wieder in, Pisa-Mahner, Anglizismen-Bekämpfer und Grammatik-Experten die Helden der Neuzeit, und zur Rechtschreibreform hat sogar die große Mehrheit derer eine Meinung, die ein „das“ weder vom „dass“ noch vom „daß“ unterscheiden kann. […] der Germanist Burckhard Garbe, und seine gesammelten Bedenken sind in dem Buch „Goodbye Goethe“ zusammengefaßt. […] Auch aktuelle geflügelte Worte wie „Teuro“ oder „Wir sind Papst“ dürfen da ebensowenig fehlen wie eine Abrechnung mit der Rechtschreibreform.
8. 1. 2006
In den Jahren 1928/29 beschloß die Obrigkeit eine Rechtschreibreform (da war doch was, da war doch was . . .) — und verpaßte den Cottbusern ein "K". Kottbus! Diese Entscheidung brachte die Einheimischen derart auf die Palme, daß sie gegen die Namensänderung so lange protestierten, bis sie endlich wieder ihr "C" vorne hatten. Zu dieser Zeit aber gab es schon längst den "Kottbusser Damm". […] Wann und warum eigentlich das zweite "s" auftauchte, ist schwer zu ermitteln. In den Archiven ist nachzulesen, daß es einfach nur ein Schreibfehler eines Beamten war.
Kaum einer weiß, was die Akademie der Künste eigentlich so treibt. […] Manche überlegen nun, ob so eine Akademie sich nicht auch zu der immerhin größten Kulturaufgabe der letzten Jahre hätte äußern müssen, zur Rechtschreibreform. Hier die Überraschung: Sie hat es getan. Und nicht nur eine. 2003 und 2004 haben zuerst acht, dann zehn deutsche Akademien der Künste und der Wissenschaften einen offenen Brief an die Kultusministerkonferenz geschrieben. Reformiert die Reform oder gebt sie ganz auf! Dieser Zusammenklang deutscher Akademien war geschichtlich einzigartig. Doch alle taten so, als hätten sie nichts gehört. Vielleicht liegt der Reformbedarf nicht nur bei der Akademie allein.
Man hat viel gehört, nur nichts vernünftiges. Z. b. «größte Kulturaufgabe» . . .
7. 1. 2006
Als er von unserer Schule flog, hieß es, er habe den Abituraufsatz im Fach Deutsch in konsequenter Kleinschreibung verfaßt.
4. 1. 2006
Die Orthographie spiegelt Zustand und Geschichte eines Sprachsystems. Wenn es unabgeschlossene oder schwankende Entwicklungen gibt, zeigt sich das in Entscheidungsproblemen für die Schreiber. Was ist richtig: fürs, für's oder für das? Wer vor einer solchen Frage steht, sollte wissen, daß er sich auf einer Baustelle der deutschen Sprache befindet.
3. 1. 2006
Seit vorgestern gelten für Tattoos und Piercings «spezielle Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen». […] Die Tätowierer müssen darum alljährlich einen Weiterbildungskurs in Schleim-, Haar- und Hautkunde sowie in neuester Rechtschreibung und Hyäne absolvieren. Denn einmal unsauber gestochen, lässt sich nicht mehr wegtippexen. Weg Tipp-Exen?
2. 1. 2006
Wer Mozart als Menschen authentisch kennenlernen möchte, sollte seine die Sprachen mischenden, sich um Orthographie nicht scherenden, geradezu anarchischen Briefe lesen.
Der "Spiegel" folge insbesondere den Änderungen in der Getrennt- und Zusammenschreibung. "Sie sind eine Rückkehr zur Vernunft", sagte "Spiegel"-Chefredakteur Stefan Aust.
Seit dem 1. August 2005 gilt die neue Rechtschreibung in den meisten Bundesländern als verbindlich - aber in vielen Schulen und auf dem Zeitungs- und dem Buchmarkt herrschen […] "Verwirrung und Beliebigkeit". […] Von dieser Ausgabe an folgt der SPIEGEL den bisherigen Ergebnissen der Zehetmair-Kommission […].
Seit dem 1. August 2005 gilt die neue Rechtschreibung in den meisten Bundesländern als verbindlich, die Lehrer aber können sie kaum durchsetzen. Die Bevölkerung hat die Reform ohnehin nicht akzeptiert. In den deutschen Schulen herrschen Unsicherheit, Verwirrung - und kollektiver Ungehorsam. […] Zehn Jahre dauert dieser Krieg schon. Es gibt keinen Sieger, aber es gibt viele Verlierer. […] Viel genützt hat die Empörung nicht, lange angehalten hat sie auch nicht. […] dann müssen die Kultusminister entscheiden, wie sie die Reform zu Ende bringen wollen. Es gibt nicht mehr viele Möglichkeiten. Sie können stur bleiben, weil sie meinen, dass dies die Staatsräson gebiete. Oder sie nehmen eine Menge von dem zurück, was sie im Sommer noch für richtig erklärt haben. Es hängt einiges von ihrer Entscheidung ab, für das Ansehen der Politik, für den Schreibfrieden in den Schulen und im Land. Es hängt auch an Johanna Wanka. Seit fünf Jahren ist Wanka Wissenschaftsministerin in Brandenburg, im Jahr 2005 war sie Präsidentin der KMK. Sie war an der Reformdiskussion nie beteiligt und sollte das Projekt mit abwickeln. […] "Die Kultusminister wissen längst, dass die Rechtschreibreform falsch war", sagt sie. […] "Aus Gründen der Staatsräson ist sie nicht zurückgenommen worden." Es ist ein erstaunlicher Satz. Es ist das Eingeständnis einer großen Niederlage.