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Süddeutschland (Augsburg?), um 1600
Ebenholz (Furnier), Bein
Profilhölzer: geschwärztes Birnbaum
Konstruktionsholz: Eiche, Nussbaum, Nadelholz
Beschläge und Griff: feuervergoldete Kupferlegierung
Schloss: Eisen
H. 15,8 cm, B. 15,3 cm, T. 10,9 cm
Inv. 1882.94.
Im Vorgemach des Museums Faesch stand dem Inventar von 1772 zufolge auf einem Tisch zwischen Versteinerungen, Muscheln und Mineralien ein Schubladenkästchen, das mit besonderen Mineralien und Preziosen gefüllt war. Bei dem «schwartz eingelegten Kästlin» handelt es sich, wie Martin Engel nahelegen konnte, um das kleine Preziosenkästchen. Dieses erstmals 1880 im Katalog der Antiquarischen Sammlung aufgeführte Miniaturmöbel wurde zuvor dem Amerbach-Kabinett zugeordnet, in dessen Inventar mehrere «thätlin» und «ledlin» jedoch ohne nähere Beschreibung erwähnt sind.
Das Kästchen zeigt in geschlossenem Zustand an allen vier Seiten dunkles Ebenholzfurnier, das mit rechteckigen Feldern mit gravierten Beinintarsien geschmückt ist. Über dem profilierten Sockel mit einer grossen Schublade folgt ein schlichtes kastenförmiges Hauptgeschoss, das in einen pagodenförmigen Dachaufsatz mündet, in dem sich ein verschliessbares Fach befindet. Auf dem nach oben aufklappbaren Deckel ist ein Griff aus feuervergoldeter Kupferlegierung angebracht. Die mehrfach gerahmten Felder zeigen Beschlagwerkarabesken, die von einem Ornament aus Fruchtstücken und stilisierten Blatt- und Blüten umgeben sind, wie es im Manierismus verbreitet war. Öffnet man die Klapplade, so zeigt sich eine Fassade mit sieben Schubladen, wobei die Innenaufteilung charakteristisch für Augsburger Kabinettkästchen ist. Das zentrale Fach enthielt ursprünglich eine weitere Schublade, die sich nicht erhalten hat.
Das Preziosenkästchen gehört seinem funktionalen Aufbau nach zu den seit der Mitte des 16. Jahrhunderts verbreiteten Kabinettschränken, die sich typologisch von dem Schreibmöbel – dem «escritorio» oder «scrittorio» – herleiten, das sich um 1500 in Spanien und Italien zu einem eigenständigen Möbeltypus entwickelt hatte. Bei diesem kastenförmigen Reisemöbel diente die herunterklappbare Frontlade als Schreibunterlage, während die Schubladen und Fächer im Inneren die unterwegs benötigten Schreibutensilien und wichtige Unterlagen sicher verwahrten (Alfter 1986, S. 18–20; Spenlé 2008, S. 11).
Das besonders zierliche Basler Preziosenkästchen ist in seinem dreigeschossigen Aufbau sowie der Ausschmückung mit Ebenholzfurnier und Beinintarsien mit einigen etwas grösseren Miniatur-Kabinettmöbeln vergleichbar, die um 1630 in Süddeutschland – wohl Augsburg – entstanden (Laue 2008, Kat. Nr. 39; Laue 1999, S. 53). Doch sind diese edlen Preziosenschränkchen deutlich aufwendiger gestaltet und mit Intarsien aus dem kostbaren Elfenbein verziert. Die Ausschmückung des Basler Kästchens mit dem kostengünstigen Bein anstelle des raren Elfenbeins muss jedoch nicht bedeuten, dass es ausserhalb der Zentren der Tischlerkunst hergestellt wurde. Bislang gibt es keinen Hinweis darauf, dass um 1600 in Basel Möbel aus Ebenholz gefertigt wurden. Dagegen hat sich im alten Bestand des Historischen Museums Basel eine Reihe von Augsburger Kabinettschränkchen erhalten, die bezeugen, dass diese aus der Reichsstadt importiert wurden. Zu ihnen gehörte möglicherweise auch das Preziosenkästchen.
Wann das Miniaturmöbel in das Museum Faesch gelangte, ist nicht bekannt. Der Rechtsgelehrte Remigius Faesch, der seit den 1640er Jahren mit wachsender Intensität sammelte und ab 1653 sein Museum am Petersplatz in Basel einrichtete, nahm es vermutlich von einem früheren Besitzer in seine Sammlung auf, um es mit kleinformatigen Preziosen seiner Sammlung zu füllen.
Selten hat sich der Inhalt von Kabinettkästchen in ihrem Inneren erhalten. Das Basler Preziosenkästchen wurde samt Inhalt im 19. Jahrhundert der Antiquarischen Sammlung übergeben. Die heute noch in den acht kleinen Schubladen befindlichen Mineralien und Preziosen wie geschliffene Edelsteine, eine versteinerte Koralle, Blatt- und sternförmige Plättchen aus Gold und vergoldetem Silber entsprechen jedoch – von einer Ausnahme abgesehen – nicht den Angaben des Faesch-Inventars und wurden wohl später hinzugefügt (s. S. 88, Abb. 6) (Engel 2003, S. 46). Dem oben genannten Gesamtinventar des Museums Faesch zufolge enthielt das Kästchen 1772 mehrere Stücke gewachsenes Silber, kleine Goldstufen, einen Bezoarstein, aus Edelmetall gearbeitete Schmuckstücke sowie ein Elfenbeinrelief. Die «stücklin gewachsen Silber […]und noch eines mit quartz» könnten mit den heute noch in den Schubladen erhaltenen Stücken gewachsenem Silber identisch sein, denen teilweise Quarz anhaftet. Zudem lassen sich zwei Objekte aus dem alten Sammlungsbestand der Mittelalterlichen Sammlung mit den im Inventar genannten Stücken in Verbindung bringen: «Ein Schwein Zahn mit einem goldenen Kettemlin» trifft das Erscheinungsbild des Anhängers aus geschnittenem Elfenbein in Form eines Wildschweinzahns, der mit einer qualitätvollen gravierten Goldfassung an einer dreiteiligen Kette mit kleinem Schildchen befestigt ist – wohl eine Arbeit des 16. Jahrhunderts (Inv. 1905.254.). Bei dem «Christof in Helfenbein» könnte es sich um das kleine, um 1500 am Oberrhein entstandene Elfenbeinrelief mit der Darstellung des heiligen Christophorus handeln, das gut in der Schublade Platz gefunden hätte (Inv. 1870.939.). Das Möbel im Miniaturformat, das demnach Schätze der Natur und der Künste vereinte, spiegelt den Mikrokosmos der Kunstkammer wieder.