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Gespräche über delirium haben mir immer wieder gezeigt, dass das einmalige Konzept dieser Zeitschrift den literarisch Schreibenden nach wie vor unzugänglich ist. Weder scheint der Sinn des Projekts im Ganzen klar, noch leuchten die Ansätze zur künstlerischen Umsetzung unmittelbar ein. So wird das Konzept der Zeitschrift häufig schlicht ignoriert. Das ist nicht nur bedauerlich, sondern geradezu fatal für delirium in seiner Einzigartigkeit. delirium ist auf literarisch Schreibende angewiesen, die das Konzept ernst nehmen! Umgekehrt sollte aber auch die Redaktion sich kompromisslos für Einsendungen aussprechen, welche die konzeptuellen Vorgaben einhalten.
delirium fordert, dass die literarischen Texte sich aus der Lektüre der bereits erschienen Ausgaben ergeben. Die Zeitschrift richtet sich mit der Aufforderung an die literarisch Schreibenden: Sucht jenen Punkt in einer Ausgabe von delirium, der euch besonders fasziniert und imaginiert ihn weiter oder anders. Die literarisch Schreibenden sollen die ersten und aufmerksamsten Leser von delirium sein und sich so von delirium inspirieren lassen. Die Schwierigkeit der Umsetzung besteht darin, den Bezugspunkt deutlich zu machen, ohne dass der neue Text zu einer Kopie des alten wird oder die Weiterführung willkürlich wirkt.
Drei Beispiele künstlerischer Umsetzungen:
Auf den ersten Blick bedient sich Weidmann in „Drei Geometrieaufgaben“ (delirium N°02) in Form von drei Motto-Zitaten lediglich einzelner Versatzstücke aus Bassos „Die Akte“ (delirium N°01). In drei lose verbundenen Geschichten liefert Weidmann jedoch eine originelle und verspielte Interpretation dieser Motto-Zitate. Dadurch öffnet er die eindimensionale Beklemmung von Bassos „psychischer Geometrie“, die als Erfahrung von Urbanität erscheint, hin auf eine „physische Topografie“, welche die Stadt als fantastisches, mehrdimensionales Labyrinth begreift.
Eine andere Methode wählte Bachmann in „Genealogien“ (delirium N°03), indem sie die wiederholte Anrufung Jasons aus Fischers Gedicht „Jason träumt“ (delirium N°02) zu einer väterlichen Antwort umdeutet: „Ja, mein Sohn“. Sie belässt den nostalgischen Grundgestus von Fischers Text, indem sie – nun in Prosa – ebenfalls eine Adaption der griechischen Göttermythologie schreibt, kommentiert aber gleichzeitig Fischers Text durch ihren lakonischen Ton.
Weniger deutlich erscheinen die Bezüge im allgemeinen Durchspielen von Kunstkonzeptionen in Fanzuns „Auerbach“ (delirium N°02). Die Frage nach Kunstkonzeptionen wird in delirium N°01 an verschiedenen Stellen aufgeworfen (bspw. „Gedichte. Formsache oder Geschmacksfrage?“). Diesen theoretischen Bezügen zu folgen ist ungleich schwieriger als in den Beispielen von Weidmann und Bachmann. Hingegen öffnet Fanzuns Text den Blick auf die grundsätzlichen Fragen, an denen delirium sich orientiert: Worum könnte es in der Literatur heute gehen und was könnte Literatur heute sein?
Genauso wie ein Gespräch mittels Argumenten geführt werden kann, so kann ein Gespräch durch Geschichten geführt werden. Darüber hinaus traue ich den Leserinnen und Lesern durchaus zu, sich eine Meinung zwischen Kritik und Literatur zu bilden. Sie sind daher auch eingeladen, mit ihren Meinungen in delirium Stellung zu beziehen („Reinreden“) und das Gespräch, das die Kritik eröffnet fortzuführen. delirium soll als etwas Gemeinsames und langfristig Angelegtes fortwährend entstehen. Das ist letztlich der Sinn von delirium: Dem Bestehenden immer wieder aufs Neue entgegenzutreten und in einem gemeinsamen Experiment die Richtung neu zu bestimmen, um mit der Zeit über alle Ausgaben eine einmalige Sammlung von literarischen und reflektierenden Texten anzulegen. – Den Anspruch dieses Konzepts von delirium – künstlerisch, politisch, ethisch – auszuloten, ist als Aufgabe jeder und jedem Einzelnen aufgegeben. So viel darf, meine ich, verlangt werden!
Fabian Schwitter