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Die Dramatikerin Katja Brunner spricht über Selbstzweifel und den vorherrschenden Sexismus im Theaterbetrieb. Umso wichtiger ist es für sie, dass sich Frauen über die Generationen hinweg austauschen.
WOZ: Frau Brunner, Sie schrieben Ihr erstes Stück, «Von den Beinen zu kurz», mit achtzehn Jahren. Dafür erhielten Sie 2013 als jüngste Preisträgerin in der Geschichte den renommierten Mülheimer Dramatikerpreis. Haben Sie trotz des frühen Erfolgs manchmal Selbstzweifel?
Katja Brunner: Ja, klar. Ich glaube, dass man mit hoher Sichtbarkeit sogar anfälliger ist für Zweifel, weil enorme Erwartungen im Raum stehen. Man muss künstlerische Entscheidungen begründen, wo andere Menschen in Ruhe vor sich hin arbeiten können.
Sie haben in Ihrer Ausbildung eine Schreibschule besucht. In einem Artikel haben Sie den dort herrschenden Sexismus beschrieben. Erleben Sie die Kunstszene als machohaft?
Die Kunstschule ist eine Blase, eine Art harmlosere Vorform des «echten Betriebs». Nichtsdestotrotz werden dir gewisse Machthierarchien bereits dort klar vorgelebt. Ich besuchte etwa ein Seminar zu amerikanischer Dramatik, dessen Leseliste ausschliesslich aus Autoren bestand. Als ich den Dozenten damit konfrontierte, war seine Haltung: Ist doch egal, zu dieser Zeit ist einfach nie etwas Gutes von einer Frau erschienen – obwohl darunter auch zeitgenössische Literatur war.
Also null Bewusstsein für Genderfragen.
Null Bewusstsein und null Bedürfnis, produktiv darüber nachzudenken, obwohl die Hälfte seiner Studierenden Frauen waren. Doch das ist nichts im Vergleich zum Theater. Schauspielerinnen, deren Instrument ihr Körper ist, müssen sich noch immer Unglaubliches anhören – und befinden sich in Machtgefällen, die nicht zu leugnen sind. Der Geltungsbereich und die Rollenmuster, in denen sie spielen können, sind ausserdem häufig extrem beschränkt.
Glauben Sie, dass Ihr Geschlecht Ihre Erfolgschancen als Theaterautorin eher verringert?
Das kann ich nicht sagen. Laut einer britischen Studie wählen Dramaturginnen intuitiv eher Texte von Männern als von Frauen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit Diskriminierung. Es ist anscheinend einfacher vertretbar, den Text eines Mannes zu wählen als den einer Frau. Zudem werden in fast jeder Kunstrichtung die Werke vieler Frauen unter dem Siegel «biografisch und intuitiv» rezipiert und rezensiert, jedoch selten als analytisch gelesen. Etwa die britische bildende Künstlerin Rose Wylie, die erst mit achtzig Jahren wirklich «entdeckt» wurde. Die Headline eines Artikels über sie war: «Ein Mädchen von über 80 Jahren». Finde einen Mann, der späten Ruhm erfahren hat und als Junge bezeichnet wird!
Haben Sie in Ihrer praktischen Erfahrung als Hausautorin am Luzerner Theater auch einmal eine positive Diskriminierung erlebt?
Während meiner Zeit am Theater Luzern genoss ich eine Art «Welpenbonus», der nun aber verschwindet, da die Zeit ihr Übriges tut. Es gibt immer Trends, die eine gewisse Arbeitsweise und ein gewisses Auswahlverfahren fördern. Teilweise ist es heute einfach nicht mehr vertretbar, einen rein männlichen Spielplan aufzustellen. Doch noch immer werden am Theater traditionell weibliche Arbeitsbereiche, wie Souffleuse und Maske, schlechter bezahlt, während traditionell männliche Bereiche, etwa Regie und Technik, besser bezahlt werden und mehr Ansehen geniessen. Das lässt sich auch auf den Literaturbereich übertragen.
Als Theaterautorin arbeiten Sie in einem traditionell männlichen Bereich. Verhalten Sie sich anders in einer Gruppe, die mehrheitlich aus Männern besteht?
Gruppendynamische Prozesse laufen komplett anders ab, wenn die Männer in der Überzahl sind. Die Hierarchie begünstigt scheinbar automatisch die Männer. Wenn wenige Frauen in einer Männergruppe sind, reagieren Frauen oft zögerlich. Sie versuchen, alles richtig zu machen und ja nicht vorzupreschen. Ausserdem urteilen Frauen oft am härtesten über andere Frauen.
Was tun Sie, um diese Strukturen, die Frauen gegeneinander antreten lassen, nicht zu reproduzieren?
Ich bin Teil des Zürcher Kollektivs Rauf, einer Art Schriftstellerinnenstammtisch mit Frauen aus der ganzen Schweiz. Es geht darum, uns als Autorinnen zu vernetzen und einen intergenerationellen Austausch zu schaffen, denn jede Generation glaubt, das Rad neu erfunden zu haben. Dabei können wir von den Frauen lernen, die seit vierzig Jahren für Gleichberechtigung einstehen, auch wenn wir nicht in allem übereinstimmen. Es ist wichtig, ein historisches Bewusstsein zu schaffen, denn gerade in der Literatur geraten erschreckend viele Autorinnen einfach in Vergessenheit. Deshalb legen wir eine Art Archiv der Vergessenen an und veranstalten Gedenktage für die vergessenen Künstlerinnen.
Am 14. Juni 2019 ist Frauenstreik. Können Sie als Autorin überhaupt streiken?
Wenn ich es tatsächlich konsequent durchdenken würde, wäre es wohl schwierig, nicht zu arbeiten. Das heisst, in keiner Weise über irgendwelche Zusammenhänge nachzudenken, die im entferntesten Sinn mit Literatur zu tun haben. Dazu müsste ich mich wohl ziemlich «wegballern». Vielleicht wäre dies ja ein guter Anlass. An die Kundgebung werde ich aber auf jeden Fall gehen.
Katja Brunner (27) bedauert, dass sich kaum jemand an die Basler Schriftstellerin Adelheid Duvanel erinnert, die ein schmales, aber hervorragendes Werk hinterlassen hat.