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Das Tagebuch der Brüder Goncourt ist neben und zusammen mit dem des Briten Samuel Pepys das bekannteste seiner Art in der Weltliteratur. Doch während Pepys (und auch Beneke!) seinen Alltag für sich (Beneke sicher auch für seine Freunde) dokumentierte, klammern die Brüder Goncourt den praktisch völlig aus. Der Untertitel der deutschen Ausgabe sagt es: Sie dokumentieren ihr (und somit – so unbescheiden sind die beiden – das) literarische Leben in Paris, beginnend in der Zeit des Second Empire. Dass Pepys und die Goncourts mit ihren Tagebüchern weltberühmt wurden, und Beneke allenfalls lokale Bekanntheit erlangte, liegt m.M.n. zu einem nicht unbeträchtlichen Teil daran, dass die Grossstädter (auch) die Sexualität ihrer Zeit und ihre eigene Sexualität dokumentierten, die der Kleinstädter Beneke schamhaft auch vor sich selber verschweigt. Die kleine Schweinerei, die der Londoner oder der Pariser begehen durfte – dem Hamburger blieb sie verwehrt.
Dabei wollten die Goncourts gar nicht als Tagebuch-Schreiber berühmt werden. Ihr erklärtes Ziel war Ruhm und Anerkennung als seriöse Literaten, als Verfasser von Dramen und Romanen, die von Kritik und Publikum beachtet wurden. Achtungserfolge konnten sie zwar einheimsen (allerdings noch nicht in den Jahren, die der erste Band der deutschen Ausgabe nun dokumentiert), aber der grosse Wurf gelang ihnen nicht. Die beiden konnten von einem ererbten Vermögen leben und wurden wohl auch deshalb als Liebhaber und nicht als ernst zu nehmende Profis eingestuft. Nun, sie sollten sich in ihrem Tagebuch empfindlich dafür rächen. Heute gelten die beiden zwar als Wegbereiter des Naturalismus – gelesen werden ihre literarischen Werke trotzdem nur und allenfalls in Zusammenhang mit ihren Tagebüchern.
Auf S. 10 in einem „Kurzen Vorwort“, das dem von Edmond aus dem Jahre 1887 folgt, meint ein gewisser „P. H. für die Brüder P. & G. H.“, dass der Anfang der Tagebücher – wie es gern bei literarischen Werke der Fall sei – doch eher zäh sei (er formuliert es anders), und hält es für eine schlechte Idee, die Lektüre der Tagebücher mit Band 1 zu beginnen. Denn erst später – etwa im dritten Band – kämen die Bonmots, für die die Tagebücher Ruhm erlangten. Letzteres mag sein, aber deswewgen muss die chronologische Folge keineswegs verletzt werden, denn auch der erste Band ist durchaus nicht ohne Qualitäten. Sicher, er ist oft ein Sammelsurium mehr oder weniger geordneter Notizen – Notizen, die als Grundlage dienen sollten für literarische Werke. So erhält der Karikaturist und Lithograph Gavarni breiten Raum, da Edmond und Jules planten, eine Biografie des Künstlers zu schreiben.
Doch schon im ersten Band blitzen kleine Perlen auf. So ein Splitter, nur ein Satz, darüber, dass es im Pariser Leichenschauhaus zwei Waagen gibt, die dafür dienen, bei Kindesleichen das Alter der Kinder anhand des Gewichts der Leiche zu bestimmen – ein Satz, der zeigt, wie häufig wohl damals anonyme Kindsleichen gefunden wurden.
Aber auch Bonmots, die schon fast philosophisch sind, gelingen zwischendurch:
Gott schuf den Koitus. Der Mensch schuf die Liebe.
Erste Spitzbübereien, die aber noch (teil-)anonymisiert sind:
Ein Freund Girardins sagte zu ihm: »Stellen Sie mich Ihrer Frau vor. – Sehr gerne.« Er führt ihn zum Zimmer seiner Frau, öffnet die Tür und schliesst sie wieder mit den Worten: »Unmöglich! Sie schläft gerade mit Monsieur M***, und der ist schrecklich eifersüchtig.«
So stellen wir uns doch den Franzosen vor …
Last but not least die Schweinereien, an die wir sofort denken, wenn wir „Goncourt“ zusammen mit „Tagebücher“ hören: Einem Redaktor einer Zeitschrift, der seiner Frau Kind um Kind macht und deshalb auch von den Kollegen finanziell unterstützt werden muss, wird geraten, doch in Zukunft diesbezüglich etwas besser aufzupassen. „Was soll ich machen?“, antwortet der, „Meine Frau hat Hämorrhoiden.“
Doch ich denke, das genügt, um Interessierten den Speck durchs Maul zu ziehen. Band 1 der Goncourt-Tagebüchern gehört – trotz der Seite 10 – zu jenen Büchern, die ich gern, wie jene Literaturkritikerin im TV in die Kamera recken möchte und dazu „Lesen!“ schreien.