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Sinn finden
Mitten im Krieg las ich eine Nachricht, die mich hell empörte: Mahatma Gandhi war in den Hungerstreik getreten, um die Briten zu zwingen, Indien frei zu geben. Ausgerechnet jetzt, wo die erfolgreichen faschistischen Heere vor Stalingrad und Alexandrien lagen, fällt dieser Kerl den Briten in den Rücken. Trotzdem liess mich die Tatsache nicht los, dass einer in all dem weltweiten Morden die Befreiung ohne Waffe erringen wollte. Jede Waffe verstärkt die Kraft ihres Trägers. Woher nahm dieser Mann seine Kraft? Ich begann Gandhi zu lesen und entdeckte eine umfassende Ruhe, die aus seinen Meditationen resultieren musste und ihn zur fraglosen Liebe gegenüber jedem Lebewesen führte. Damit war er allen überlegen. Furcht war ihm fremd. Er liebte.
Die über Jahre fortgesetzte Lektüre öffnete mir das Interesse für Indien, seine Geschichte und die Lehren seiner Traditionen, worunter der Buddhismus mich in späteren Jahrzehnten am stärksten prägen sollte. Hier gab es doktrinlose Wege zum Erkennen von Natur als Ganzem, zum Loslassen von Ängsten und ihren Beschränkungen. Frei von Glaube blieb ich. Der buddhistische Weg verlangt keinen Glauben. Aus Meditationen entstand das Erfahrungswissen, dass im Grunde einer tiefen Wahrheit sich eine ganz andere, ebenso tiefe Wahrheit öffnen kann. Absolutes gibt es nicht. Das wirkt befreiend.
Ernst Ostertag, Oktober 2008