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| Athanasius (295-373) - Abhandlung über die Worte: „Mir sind alle Dinge von meinem Vater übergeben worden.“ (In illud: »Omnia mihi tradita sunt«)

3.
Man darf also annehmen, daß in diesem Sinne dem Erlöser alle Dinge übergeben wurden, und wenn man es noch einmal erklären und angeben soll, so sind ihm wirklich [S. 36] Dinge, welche er nicht hatte, übergeben worden. Denn er war zuvor nicht Mensch, sondern wurde es, um diesen zu erlösen. Auch war im Anfange das Wort nicht im Fleische, sondern es ist erst nachher Fleisch geworden, in welchem es, nach dem Apostel,1 Gottes Feindschaft gegen uns versöhnte, und das Gesetz mit seinen Geboten und Vorschriften aufhob, um beide zu Einem neuen Menschen umzuschaffen, und so Frieden zu machen, und beide in Einem Leibe mit dem Vater zu versöhnen. Was also der Vater hat, das gehört auch dem Sohne, wie er bei Johannes sagt:2 „Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Wahrlich ein sehr schöner Ausspruch! Denn als er wurde, was er zuvor nicht war, da wurden ihm alle Dinge übergeben. Wann er aber seine Einheit mit dem Vater bezeichnen will, spricht er nicht undeutlich, sondern lehrt es mit den Worten: „Alles, was der Vater hat, ist mein.“ Und man muß die Genauigkeit des Ausdruckes bewundern; denn er sagte nicht: „Alles, was der Vater hat, hat er mir gegeben,“ damit es nicht scheinen möchte, daß er es einst nicht gehabt habe; sondern er sagte: „Ist mein.“ Denn wie jene Dinge in der Macht des Vaters sind, so sind sie auch in der des Sohnes. Was aber der Vater habe, muß abermal untersucht werden. Denn versteht er darunter die Schöpfung, so hatte er also vor der Schöpfung nichts, und er hat es offenbar von der Schöpfung erhalten. Allein es sey fern, daß wir dieses denken! Denn wie er vor der Schöpfung ist, so hat er auch das, was er hat, vor der Schöpfung, und dieses, glauben wir, gehört auch dem Sohne. Denn wenn der Sohn in dem Vater ist, so gehört also alles, was der Vater hat, dem Sohne. Und diese Behauptung stößt die Gottlosigkeit der Ketzer um, welche sagen: „Wenn alle Dinge dem Sohne übergeben worden sind, so hat also der Vater die Macht über das Uebergebene aufgegeben, da er den Sohn anstatt [S. 37] seiner aufgestellt hat.3 Denn der Vater richtet Niemanden, sondern er hat alles Gericht dem Sohne übergeben.“ 4 Aber verstopft werde der Mund derer, welche Ungerechtes sagen! Denn darum, weil der Vater alles Gericht dem Sohne übergeben hat, ist er noch nicht der Herrschaft über alle Dinge beraubt; und obwohl gesagt worden ist, daß alle Dinge von dem Vater dem Sohne übergeben wurden, ist er doch noch der Vorsteher aller Dinge. Verstopft werde der Mund derjenigen, welche den eingebornen Sohn Gottes, welcher von Natur untheilbar ist, offenbar theilen, obwohl ihn diese Unsinnigen nur mit Worten trennen, indem die Gottlosen nicht einsehen, daß das Licht der Sonne sich niemals von der Sonne trennen läßt, sondern von Natur in ihr ist. Denn wir müssen unsere Gedanken durch ein mangelhaftes von vorhandenen und gewöhnlichen Dingen hergenommenes Bild begreiflich machen, da es Verwegenheit wäre, in die Natur, welche von dem Verstande nicht umfaßt werden kann, eindringen zu wollen.
1: Ephes. II, 14, 15. 16.
2: Joh. XVI, 15.
3: Joh. V, 22.
4: Psalm LXII, 12 [Hebr. Ps. 63, 12].