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Die wissenschaftliche Forschung untersucht «Transnationalität» anhand von vielen verschiedenen Beispielen. Die Beobachtung und Befragung von Personen hat gezeigt, dass transnationale Aktivitäten in diversen Bereichen und in sehr unterschiedlichen Formen vorkommen.
Transnationale Aktivitäten
Die Mobilität von Personen führt zu vielfältigen überstaatlichen Aktivitäten. Aber erst durch ihre Teilhabe und Teilnahme an der Gesellschaft in unterschiedlichen nationalen Kontexten werden ihre Aktivitäten transnational. Insofern ist nicht nur der Akt der Reise von Bedeutung, sondern insbesondere auch die ökonomische, politische, kulturelle oder soziale Beteiligung an der Gesellschaft.
Ökonomische Ebene
Die Übermittlung von Rimessen (Geldtransfer an Personen im Ausland) ist ein Beispiel für eine ökonomische transnationale Aktivität. Diese Form der finanziellen Unterstützung ist unter der Migrationsbevölkerung sehr verbreitet. Viele Migrantinnen und Migranten haben enge Verwandte oder Freunde im Herkunftsland. Aufgrund dieser Verbindungen kommt es zu privaten überstaatlichen Geldüberweisungen. Die Familien im Herkunftsland werden durch die Angehörigen im Ausland finanziell unterstützt. Diese Geldüberweisungen dienen dabei verschiedenen Zwecken. In manchen Fällen wird das überwiesene Geld benötigt, um zentrale Grundbedürfnisse wie Essen, Kleider oder das Heizen im Winter finanzieren zu können. Teilweise wird das Geld auch ganz gezielt für eine Operation, Medikamente oder wichtige Anschaffungen gesendet. Erstaunlich ist dabei, dass die Rimessen, im Falle der Entwicklungsländer, den zweithöchsten Beitrag an das BIP (das Bruttoinlandsprodukt erfasst den Wert der Waren und Dienstleistungen eines Staats, welche durch die Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres für den Konsum der Bevölkerung produziert wurden) darstellen. Es handelt sich also nicht um ein seltenes Phänomen, sondern um eine Form der Unterstützung, welche die Summe der staatlichen Entwicklungsgelder weit übersteigt.
Bedeutung von Rimessen – Frauen reden über Geld
Alicia Gamboa
Ein weiteres Beispiel für transnationale Aktivitäten im ökonomischen Bereich ist das sogenannte «ethnic business». Dabei nützen Personen ihre Verbindungen zu einer bestimmten Region im Ausland, um ein eigenes Unternehmen zu führen. Sie importieren diverse Produkte, wie Esswaren oder Kleider, um diese beispielsweise in ihrem Geschäft in der Schweiz zu verkaufen. Dieser Geschäftszweig nutzt das Bedürfnis der Bevölkerung an Produkten aus spezifischen Regionen, welche in den herkömmlichen Supermärkten und Läden nicht erhältlich sind.
Politische Ebene
Auch politische Aktivitäten können transnational sein, denn eine politische Teilnahme und Teilhabe beschränkt sich nicht zwingend auf das Aufenthaltsland. Ein entsprechendes politisches, überstaatliches Engagement kann sich sehr verschieden gestalten. Es handelt sich dabei um ein gleichzeitiges politisches Wirken im Herkunfts- und im Aufnahmeland oder um eine Tätigkeit in übernational aktiven Vereinen oder Organisationen. Dies könnte sich darin äussern, dass sich Migrantinnen und Migranten an ihrem Aufenthaltsort zusammenschliessen, um sich für eine Verbesserung ihrer rechtlichen Situation im Herkunftsland einzusetzen. Ebenso sind die Wahlbeteiligung oder die Mitgliedschaft in Parteien im In- und Ausland Beispiele für politische, transnationale Aktivitäten. Damit stellt auch die Teilnahme und Teilhabe der Auslandschweizer an der Schweizer Politik eine Form der politischen Transnationalität dar. Die Wahrnehmung der Rolle als «Citoyen» oder «Citoyenne» in unterschiedlichen nationalen Kontexten ist eine Form des transnationalen Engagements.
Auslandbürger sind ernstzunehmende politische Akteure – Ausübung politischer Rechte im Herkunftsstaat
Interview mit Claudio Micheloni
Soziale und kulturelle Ebene
Auf sozialer Ebene sind die transnationalen Netzwerke zu nennen, welche Familien, Freunde und Bekannte über nationale Grenzen hinweg verbinden. Auf kultureller Ebene entstehen transnationale Phänomene häufig in Zusammenhang mit Symbolsystemen, Identitätssuche und Religion. Manche Migrantinnen und Migranten nutzen den religiösen Rahmen, um sich zusammen zu schliessen und eine neue «Heimat» zu finden. Durch ihre Verbindung mit dem Herkunftsland, dem Aufenthaltsort und anderen Gruppierungen im Ausland können aber auch neue Glaubensgemeinschaften und Formen der religiösen Praxis entstehen. Ebenso können Musik oder Kunst durch den transnationalen Raum geprägt werden und zu neuen individuellen oder kollektiven Identitäten führen.
Global Prayers – Götter auf Reisen
Gertrud Hüwelmeier
Formen transnationaler Lebensstile
Es gibt verschiedene Formen transnationaler Lebensstile. Nicht alle Personen sind sesshaft oder können genau bestimmen, wo ihr Lebensmittelpunkt ist. Ihr Leben ist durch Mobilität geprägt. Gleichzeitig können sowohl mobile als auch sesshafte Personen transnational aktiv werden. Es wird daher zwischen einem «sesshaften Transnationalismus» und einem «Mobilitätstransnationalismus» unterschieden.
Sesshafter Transnationalismus: Eine Person kann sich an einem Ort niederlassen und dennoch transnational aktiv sein. Obwohl sich ihr alltägliches Leben auf den Wohnort konzentriert, kann sie dennoch an einem transnationalen Netzwerk teilhaben und transnationale Aktivitäten ausüben. Möglicherweise hat sie Verwandte oder Freunde im Ausland, mit denen sie sich regelmässig via Skype austauscht und zu diesem Zweck auch Geld für das Internetabonnement schickt. Dies stellt damit eine Form des sesshaften Transnationalismus dar.
Mobilitätstransnationalismus: Hier handelt es sich beispielsweise um eine Person, welche eine Form der zirkulären Mobilität lebt. Diese arbeitet vielleicht ein paar Monate in Spanien, ein paar Monate in der Schweiz, kehrt dann zu ihrer Familie nach Portugal zurück, um schliesslich erneut aufzubrechen. Der Alltag konzentriert sich in diesem Fall nicht nur auf einen Ort. Freundschaft, Arbeit und Familie sind nicht an einem Ort lokalisiert. Die Idee, dass jede Person einen klaren Lebensmittelpunkt hat, trifft daher nicht in jedem Fall zu.
Transnationaler Alltag – Die Suche nach dem Lebensmittelpunkt
Elsbeth Steiner
Letzte Änderung 28.05.2020