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Eine Künstlerin überlebt ihre Ehe
Georgia O‘Keeffes Berufung, die Umsetzung von Empfindungen in Bilder, war der Polarstern, der ihrem Leben immer wieder Richtung gab, und die mutige Autonomie, mit der sie ihm folgte, machte sie zur Ikone der amerikanischen Frauenbewegung.
Ihre profunden, sinnlichen und kraftvollen Bilder entwickelten sich über mehr als ein halbes Jahrhundert an allen Modeströmungen vorbei und treffen ihr Publikum bis zum heutigen Tag mit unverminderter Stärke.
Alfred Stieglitz, geboren 1864, holte die Fotografie aus dem Bereich des Dokumentarischen in jenen der Kunst. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägte er als Galerist und Fotograf die New Yorker Kunstszene. Er entdeckte für Amerika die französischen Maler jener Epoche, stellte aber auch kontemporäre amerikanische KünstlerInnen aus. Der risikofreudige, kämpferische Stieglitz bahnte grossen Talenten den Weg, und sein Instinkt für künstlerische Substanz machte seine Galerie 291 und seine späteren Ausstellungsräumlichkeiten zu wichtigen Punkten auf der kulturellen Landkarte New Yorks.
Die hohe Zeit
Frauen wurden früher als Künstlerinnen kaum ernst genommen, und alle künstlerischen Vorbilder O‘Keeffes waren Männer. Der Kunst alle anderen Lebensbereiche unterzuordnen, forderte von einer Frau damals eine Pionierleistung ab, die neben einer künstlerischen Begabung auch eine aussergewöhnlich starke Persönlichkeit voraussetzte. O‘Keeffe wagte ungeachtet der Wahrnehmungskonventionen jener Zeit, ihre gefühlsmässige Resonanz auf eine optische Anregung ins Zentrum ihrer Arbeit zu stellen, und fand so zu ihren eigenen Bildern. 1915 entstanden lyrische Kohlenzeichnungen mit schwellenden, runden Formen, die 0‘Keeffe als eigenständige Künstlerin auswiesen. Es waren diese Blätter, die den einflussreichen Stieglitz auf sie aufmerksam machten, und er stellte die Bilder der unbekannten Anfängerin 1916 erstmals aus.
Georgia und Alfred wurden ein Paar. Ihre Verbindung basierte abgesehen von einer erotischen Anziehung auch auf dem gegenseitigen Respekt vor der schöpferischen Begabung des anderen. Sie sahen sich beide als Dienende des Imperativs, Gefühltes ins Bild zu übersetzen. Er freute sich an ihrer Schönheit und bewunderte ihre Klarheit und ihre ausserordentlich geradlinige Lebenshaltung. Die 23 Jahre jüngere Georgia verliebte sich in den charismatischen Alfred mit seiner generösen Begeisterungsfähigkeit und liess sich von seiner farbigen Lebensintensität mitreissen. Die gegenseitige Unterstützung ihrer künstlerischen Arbeit blieb lange Zeit konstant und enthusiastisch. Sie inspirierten einander und spornten sich gegenseitig zu Höchstleistungen an. Ihre Ehe machte amerikanische Kunstgeschichte.
Der Meisterfotograf Stieglitz porträtierte O‘Keeffe. Seine Fotos zeigen eine beeindruckende Frau von starkem Charakter. Die dunkle Intensität ihres grossflächigen Gesichts teilt sich den Betrachtenden unmittelbar mit. Stieglitz entdeckte O‘Keeffes Schönheit für die ganze Welt. Seine Absicht war aber nicht, sie schön darzustellen, sondern schöne Bilder zu machen. Es ging nicht um die Person, sondern um den künstlerischen Ausdruck. Stieglitz‘ Fotos von O‘Keeffe bezeugen die absolute Hingabe von Modell und Fotograf an die gemeinsame Aufgabe. Hier kooperierten zwei ebenbürtige Kunstschaffende.
Indessen war das Risiko dieses Unternehmens für die künstlerische Reputation zwischen den beiden keineswegs gleichmässig verteilt. Stieglitz‘ Ausstellung seiner Arbeit mit O‘Keeffe im Jahre 1921 stiftete beim Publikum Verwirrung. War die als Malerin noch kaum etablierte O‘Keeffe nun Modell oder Künstlerin? Konnte man die schöne Frau des einflussreichen Galeristen als Malerin überhaupt ernst nehmen? Die erotische Anziehung von Georgia und Alfred, die in den Aktfotos vibriert, machte die Beantwortung dieser Fragen nicht einfacher. Die Ausstellung von Stieglitz‘ Werk fand eine grosse Resonanz. O‘Keeffe wurde schlagartig bekannt und von da an mit Erotik assoziiert, was dann auch auf die Interpretation ihrer Malerei übergriff. Was die Anhänger des eben aufkommenden Sigmund Freud unter ihren Kritikern in ihre Bilder hineinprojizierten, verwunderte Georgia O‘Keeffe. Die Einengung von O‘Keeffes Bildern auf Sexualsymbolik wird ihnen nicht gerecht.
Stieglitz hatte seine Sommer regelmässig in Lake George im grossen Sommerhaus des grossen Stieglitz-Clan verbracht und seine Winter in NewYork. Diesem Jahresrhythmus passte O‘Keeffe sich an. Die Landschaft von Lake George entschädigte sie für ihren Kompromiss: Friedlich und unverdorben mit ihren blumigen Weiden, ihren bewaldeten Hügeln und dem üppigen Grün begeisterte sie O‘Keeffe. Der pralle, drängende Ueberfluss dieser Natur inspirierte sie zu ihren unterdessen weltbekannten Bildern von Früchten und Pflanzen. Ihre riesigen, kraftvoll zarten Blütenbilder beglücken durch ihre transparente Schönheit . Sie entstanden in der hohen Zeit der ihrer Liebe. Der Zusammenklang des lebensvollen, sensuellen Alfred mit der starken, tiefgründigen Georgia tönt aus diesen Bildern, die ihre Verbindung feiern.
Trennendes
Die introvertierte Georgia O’Keeffe war auf Ruhe und Einsamkeit angewiesen, um ihre Bilder zu finden. Stieglitz, ein geselliger Stadtmensch, lebte von der Resonanz, die seine expansive Persönlichkeit hervorrief. Er brauchte Menschen um sich, redete gern und viel, und seine Eloquenz entzündete sich an der Reibung mit Opposition und am Öl der Bewunderung. Die flamboyante Dramatik seiner Argumentation zog alle in ihren Bann, und ein Kometenschweif von AnhängerInnen folgte ihm. Der heissgeliebte Erstgeborene seiner Mutter war es von Anfang an gewohnt, im Fokus der Aufmerksamkeit zu stehen. O‘Keeffe fühlte sich in der angeregten stieglitz‘schen Tafelrunde, die sie in Lake George regelmässig vorfand, nie ganz heimisch. Sie musste für sich sein. Der Akt des Malens setzt einen ungestörten Dialog von Intendiertem und Entstehendem voraus. Das Aufspüren von Linie und Farbe, die das Gemeinte genau ausdrücken, verlangt eine Präsenz, die nicht abgelenkt werden darf. Der Prozess, aus dem das Bild hervorgeht gebietet die Konzentration aller Kräfte.
Und doch säumen intime, anregende und auch anspruchsvolle Freundschaften O‘Keeffes Lebensweg. In einer grossen Familie aufgewachsen, war ihr Gesellschaft sowohl selbstverständlich wie notwendig. Das Ausbalancieren ihres Bedürfnisses nach Menschen mit jenem nach Einsamkeit war ihr eine lebenslängliche Herausforderung. Die Überschwemmung dieses delikaten Gleichgewichts durch die von Stieglitz induzierten Besucherströme führte immer wieder zu Spannungen zwischen den beiden. Georgias Bedarf an schöpferischer Einsamkeit vertrug sich schlecht mit Stieglitz’ Hang zur Geselligkeit.
Jeder künstlerische Entwicklungsschritt O‘Keeffes stiess bei Stieglitz anfänglich auf Ablehnung. Mit dem Äterwerden suchte er zunehmend das Gewohnte, und sein Misstrauen erschwerte ihre Grenzüberschreitungen zu künstlerischem Neuland. Glücklicherweise bahnten die Dynamik der künstlerischen Entwicklung O‘Keeffes und ihr untrüglicher innerer Kompass ihren Weg an Stieglitz‘ Ängsten vorbei, und Stieglitz war nach anfänglicher Skepsis immer bereit und imstande, auch ihren nächsten Schritt zu akzeptieren und schliesslich begeistert zu vertreten. Der kommerziell nicht sehr interessierte Stieglitz baute für O‘Keeffe auch deshalb einen guten Markt mit immer beachtlicheren Preisen auf, weil er keines ihrer Bilder weggeben mochte.
Der attraktive Alfred liebte die Frauen. Flirt war sein Lebenselixier. Als Fotograf setzte er seine Zuneigung oft in Bilder um, und so fehlte seinen Eskapaden jede Diskretion. O‘Keeffe lernte, mit seiner weit gestreuten Begeisterung zu leben, wohl auch deshalb, weil sie lange Zeit den Kern der Beziehung zwischen den beiden nicht verletzte und ihre Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit füreinander nicht tangierte. Georgia stammte aus einer disziplinierten, zurückhaltenden Familie, die gefühlsmässige Probleme nicht mit Reden, sondern mit Durchtragen und Handeln anging. Sie liess sich durch die gefühlsmässigen Seitenschlaufen ihres sentimentalen Mannes nicht beeindrucken. Georgia, die gefühlspragmatische, selbstgenügsame Farmerstochter, hatte drei Generationen vor Hilary Clinton den Fokus und die Selbstbeherrschung, die ihr ermöglichten, ihre Energieen dahin zu lenken, wo sie sie haben wollte: auf ihre Arbeit. Sie konzentrierte sich auf ihr Werk und benutzte Stieglitz‘ temporäre Distraktionen, um ihrerseits physisch zu verreisen. Sie erlaubte sich bei diesen Gelegenheiten, ihr Fernweh zu stillen. Lange Zeit gelang es O‘Keeffe, Stieglitz‘ Frauengeschichten einigermassen zu ignorieren.
Mit den Jahren verschoben sich die Machtverhältnisse zwischen Stieglitz und O‘Keeffe. O‘Keeffe etablierte sich immer mehr als herausragende Künstlerin, deren Arbeit von einem grossen und sachkundigen Publikum mit Aufmerksamkeit und Anerkennung zur Kenntnis genommen wurde. Das Paar lebte nun vorwiegend vom Verkauf der Bilder von O’Keeffe. Die Ernährerrolle ging von Stieglitz auf O’Keeffe über. Stieglitz, zu Beginn des Jahrhunderts der Anführer der Avantgarde, verlor an Einfluss und Gefolgschaft. Eine Rivalität der beiden um künstlerische Bedeutung ist nicht auszuschliessen. In den Augen der Aussenwelt überragte die prominente O‘Keefe nun ihren Mann, was seine Position auch innerhalb der Ehe veränderte. O‘Keeffe liebte ihren Mann nach wie vor, aber die Begeisterung der Anfangszeit hatte sich gelegt. Der Altersunterschied von einer Generation führt später oft zu Machtverschiebungen bis Machtumkehrungen. Eine häufige Reaktion auf Machtverlust ist Liebesentzug. Die zu mächtig Werdende wird entmachtet, indem man sie zur Bedürftigen macht.
Stieglitz war sechzig, als sich die 20-jährige Dorothy Norman in ihn verliebte. Norman, die weiche, formbare Gattin eines reichen Mannes, stürzte sich mit dem unerfahrenen absoluten Enthusiasmus der Jugend in die Affäre. Stieglitz sog die Verehrung der hübschen jungen Frau durch alle Poren ein. Norman machte sich in seiner Galerie unentbehrlich. Stieglitz liess sich mehr und mehr auf sie ein. Er fotografierte sie und brachte ihr das Fotografieren bei. Seine Abhängigkeit von ihr wuchs. Die beiden waren im naiven Egoismus der Verliebten davon überzeugt, ihren Ehepartnern nicht zu schaden, und Stieglitz empörte sich darüber, dass O‘Keeffe Norman kühl behandelte.
Diese sehr öffentliche Affäre, die sich über lange Jahre hinzog, ging tiefer als die vorangehenden. Sie war für O‘Keeffe nicht nur demütigend, sondern beraubte sie auch zunehmend der Unterstützung durch Stieglitz. Sowohl Georgia wie auch Alfred verleugneten vor sich selber und dem anderen die gefährliche Dimension, die diese Aussenbeziehung angenommen hatte. Die Situaton wurde nicht angesprochen. In dem intensiven Briefwechsel zwischen Stieglitz und O‘Keefe in diesen Jahren findet sich kein Hinweis auf seine Untreue, aber unter der Decke des Schweigens braute sich das Unheil zusammen.
In dieser Situation nahm Georgia O‘Keeffe die Opfer, die sie ihrer Ehe gebracht hatte, genauer unter die Lupe. Der 23 Jahre ältere Stieglitz fühlte sich in der Routine des Jahresrhythmus Lake George-New York wohl, während er für O‘Keeffe mit der Zeit immer weniger stimmte. Sie suchte die visuelle Stimulation durch neue Landschaften, aber Stieglitz empfand den Aufwand und die Unruhe des Reisens als lästig. Georgia stellte ihre Wünsche lange Zeit zurück und unternahm ihre wenigen Reisen allein oder mit Freunden. Die in den Weiten des mittleren Westens aufgewachsene O‘Keeffe erlebte die hügelige Landschaft von Lake George zunehmend als kleinräumig. 1929 flüchtete sie vor der Krise in ihrer Ehe nach New Mexiko. Dieser Ort zog sie vollständig in seinen Bann. Der grossen Horizont von New Mexiko erlaubte ihr wieder zu atmen. Die verschlossenen Spanier mit ihrer allgegenwärtigen Religiosität und die Indianer in ihrer Naturverbundenheit entsprachen ihr viel mehr als die Intellektuellen der New Yorker Kunstszene. Ihre Sorgen verblassten und sie erkundete die neue Umgebung abenteuerlustig und voller Elan. Die Herausforderung, diese weite Landschft mit den weichen Hügeln und der kargen Prärie in Bilder umzusetzen sollte sie bis ans Ende ihrer Tage fesseln. Sie fand in New Mexiko ihre Seelenheimat, deren Faszination sie von da an unablässig in ihren Bildern nachspürte.
Die Wende
Machtkämpfe und die jahrelang offen gelebte Untreue von Stieglitz führten schliesslich zum Zusammenbruch O’Keeffes, als sie 46 Jahre alt war. Die Spannung zwischen den beiden explodierte, als O‘Keeffe Stieglitz erstmals als Manager und Verkäufer ihrer Arbeiten ausschaltete und selber einen Vertrag für ein Fresko an der Radio City Music Hall abschloss. Stieglitz widersetzte sich dem Unternehmen vehement. Nach heftigen Kämpfen, in die Stieglitz viele Freunde des Paares involvierte, verlor O‘Keeffe schliesslich die Nerven und trat kurzfristig vom Vertrag zurück. Das Bewusstwerden des Ausmasses der Entfremdung zwischen ihr und ihrem Mann zusammen mit dem Gefühl, öffentlich versagt zu haben, trafen sie mit voller Wucht.
Das Göttergeschenk einer absoluten Liebe hat seinen Preis. Ihre Unausweichlichkeit ist gefährlich. Georgia erlebte drastisch, wie sehr sie auf ihren Mann angewiesen war. Ihr Körper verweigerte seine Dienste. Atemnot, stechende Kopfschmerzen und bleierne Müdigkeit plagten sie. Ihre eigenwillige, schwungvolle Schrift veränderte sich bis zur Unkenntlichkeit in ein schwaches, unsicheres Geschreibsel. Unkontrolliertes Weinen, extreme Lärmempfindlichkeit und Angst vor belebten Strassen führten Anfang 1933 schliesslich zur Hospitalisierung in einer psychiatrischen Klinik. Georgia O’Keeffe entging um Haaresbreite dem Erlöschen ihrer künstlerischen Begabung. Stieglitz durfte sie anfänglich nicht mehr als zehn Minuten pro Woche besuchen, weil seine Anwesenheit ihre Verzweiflung verstärkte.
Er war ausser sich vor Angst um ihre psychische Gesundheit und vor Schuldgefühlen, und seine Erschütterung über den Zustand seiner Frau brachte ihm seine Liebe für sie wieder ins Bewusstsein. Seine Gefühle für Norman verblassten hinter der Sorge um seine Frau. Sowohl Georgia wie Alfred hatten über die Jahre ihre Verbundenheit als Kraftquelle für beide aus den Augen verloren, was ihnen Georgias Zusammenbruch schlagartig offenbarte. Ihre neu erwachte Liebe besiegte die trennenden Kräfte, und die Ehe ging letztlich gestärkt aus der Krise hervor.
Der Zusammenbruch veränderte nicht nur die Beziehung O‘Keeffes zu ihrem Mann, sondern auch die zu sich selber. Sie erlebte, wie ihr starker Wesenskern sich regenerierte. Ihre Berufung forderte und förderte ihre Genesung. Nach anderthalbjährigem Unterbruch setzte sie sich wieder an die Staffelei. Für O‘Keeffe war nun ein sorgfältiger Umgang mit ihren Ressourcen angesagt. Sie suchte die Umgebung, die sie nährte, mit viel grösserer Konsequenz als vorher. 1934 fand sie in New Mexiko das Haus ihrer Wünsche, die Ghost Ranch in Abiquiu, und verbrachte dort von da an möglichst viel Zeit.
Die künstlerische Auseinandersetzung mit New Mexiko gab ihrem Schaffen neue Impulse, und sie entwickelte weitere Facetten ihrer gestalterischen Möglichkeiten. Nun entstanden die klaren, seccen Bilder von Knochen und Tierschädeln, die in ihrer ausdrucksstarken Spärlichkeit die ganze Wüste darstellen. Die sinnlichen Furchen der roten Hügel ihrer neuen Heimat wurden auf ihren Bildern zur lebendigen Haut der Erde. An O‘Keeffes Bildern von Kreuzen kommt niemand vorbei. Ihre neuen Bilder befestigten ihre Position als grosse Künstlerin. O’Keeffe’s künstlerischer Imperativ hatte ihre innere Lähmung durchbrochen und ihr in New Mexiko neue Dimensionen erschlossen, sodas sie an künstlerischer Ausdruckskraft noch zulegte.
Die Überlebenschancen einer intensiven Verbindung sind besser, wenn neben der Liebe ein weiteres existentielles Engagement besteht. Georgia O’Keeffe überstand die schwere Krise in ihrer Ehe nicht nur dank der Umkehr Ihres Mannes, sondern auch dank ihrer künstlerischen Berufung. Was Georgia O‘ Keeffe und ihre Ehe aus dem Zusammenbruch rettete, war ihr künstlerisches Schaffen. Die Untreue von Stieglitz vernichtete sie nicht, weil etwas anderes sie engagierte: Ihr Talent, das durch das Fegfeuer des Leidens intensiviert zu neuem Ausdruck drängte. Es war die Verankerung von O`Keeffe in der Kunst, in einem Anliegen, das über ihre persönliche Befindlichkeiten und Verletzungen hinausging, die sie nährte. Dank dem Fangnetz ihrer zweiten Liebe, der zur Kunst, liess sich ihr Absturz aus der Liebe auffangen und heilen. Ihr künstlerisches Engagement relativierte die Bedeutung ihrer Ehe und gab ihr gleichzeitig ein Gefäss, in dem sie sich regenerieren konnte.
In einem veränderten Jahresrhythmus versuchte O‘Keeffe, den Ruf ihrer neuen Heimat mit ihrer Verbundenheit mit Stieglitz auszubalancieren: Sie öffnete für den älter werdenden, unpraktischen Stieglitz im Frühjahr das Haus in Lake George, verbrachte Sommer und Herbst auf der Ghost Ranch, und wohnte mit Stieglitz im Winter in New York. Alfred und Georgia lebten nun jedes Jahr monatelang voneinander getrennt. Sie vermissten einander schmerzlich, schrieben sich täglich und waren einander trotz der physischen Trennung sehr nahe. O‘Keeffes soziales Leben verlagerte sich mehr und mehr nach New Mexiko. Es war ausschliesslich ihre Liebe zu Stieglitz, die sie jeden Winter nach New York zog. Georgia umsorgte ihren gebrechlich werdenden Mann und arrangierte in den Monaten ihrer Abwesenheit Hilfe und Gesellschaft für ihn.
1946 ehrte das Museum of Modern Art Georgia O‘Keeffe mit einer Ausstellung. Diese Ausstellung zeigte den aufsteigenden Stern von O‘Keeffe - und den sinkenden von Stieglitz. Der Galerist hatte definitiv die Kontrolle über ihr Werk verloren, das nun von Fremden präsentiert wurde. Trotzdem befriedigte ihn diese Ausstellung zutiefst: Das Versprechen, das er 1915 in O‘Keeffes Zeichnungen erkannt hatte, war eingelöst.
Eine Verschlechterung von Stieglitz‘ Zustand erforderte O‘Keeffes Präsenz in New York. Sie eilte an seine Seite und half dem geliebten Mann, die Schwelle zum Tod zu überschreiten. Als diese Ehe, die drei Jahrzehnte umspannte, durch den Tod von Alfred Stieglitz ihr Ende fand, waren die beiden in inniger Zuwendung miteinander verbunden. Wenn man die Inkompatibilitäten und die Erschütterungen dieser Verbindung betrachtet, ist das mehr als erstaunlich. Die Ehe war schwer belastet durch Unterschiede im Alter, im Temperament und in Bedürfnissen, die so gegensätzlich waren, dass nur eine tiefe Zusammengehörigkeit sie ausgleichen konnte.
Nach dem Tod von Steiglitz lebte O’Keeffe auf der Ghost Ranch in New Mexiko. Georgia überlebte ihren Mann um 40 produktive Jahre. Ausgedehnte Reisen führten sie nach Europa, Ägypten, den nahen Osten und Südamerika.
Ein schöner junger Mann, John Hamilton, driftete in ihr Leben. Er begann als Gelegenheitsarbeiter auf der Ghost Ranch und wurde schliesslich zu O’Keeffes engstem Vertrauten. O’Keeffe förderte Hamilton, der Töpfer war, als Künstler. Vom Alter her eine Grossmutter-Enkel-Beziehung, mögen dabei durchaus Mütterlichkeit und Geborgenheitdbedürfnisse eine Rolle gespielt haben. Der charismatische Stieglitz, der einst die New Yorker Kunstszene geprägt hatte und der weiche Hamilton, der sich anfänglich an O’Keeffe orientierte, spielten im Leben O’Keeffes sehr unterschiedliche Rollen, aber Georgia verbrachte immerhin ihre letzten 20 Jahre sehr häufig in Hamiltons Gesellschaft, und sie waren einander zärtlich zugetan. Sicher verfolgte Hamilton in dieser Beziehung auch eigene Interessen, aber man darf sie nicht darauf reduzieren. Die erblindende O’Keeffe wurde im hohen Alter zunehmend von Hamilton abhängig.
In ihrem Testament platzierte O‘Keeffe ihre Bilder geschickt und im vollen Bewusstsein ihres Wertes. Ihre zahlreichen Schenkungen an Museen machten ihr Werk allgemein zugänglich. Georgia O‘Keeffe starb 1986. Die Faszination durch die Bilder dieser grossen Künstlerin nimmt immer noch zu. Das Kunsthaus Zürich zeigte Georgia O’Keeffe 2003/2004 in einer vielbeachteten Ausstellung.
Literatur:
Benke, Britta: O‘Keeffe, Benedikt Taschen Verlag , Köln 1999
Montgomery, Elisabeth: Georgia O‘Keeffe, Barnes and Noble, New York 1993
Robinson, Roxana: Georgia O‘Keeffe, Harper and Row, NewYork 1989