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Bild oben: Yang Chen ( @whyseeimage ) / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Ein Kristall. Ein Gedicht. Ein Klang. Auch: ein Tempel. Was Ludwig Mies van der Rohe 1950/51 in einem Waldstück in Illinois gebaut hat, verführt Fans zu schwärmerischen Beschreibungen. Doch es gibt auch eine Kehrseite
Das Farnsworth House gilt als Ikone der architektonischen Moderne. Es hat so ziemlich alle nachfolgenden Bauten aus Stahl und Glas beeinflusst. Villen, Hochhäuser – und auch kleinere Architekturen: Möbel von Walter Knoll. Der einzigartige Bau stand Pate bei der Entwicklung von The Farns – einem Haus im Haus, einem revolutionären Sideboard.
Doch der Bau am Ufer des Fox River, 75 Kilometer westlich von Chicago, erzählt noch eine weitere Geschichte. Sie klingt ebenso widersprüchlich, wie sie lehrreich ist. Denn der kubische Glasbau ist nicht nur ein weltberühmtes, geniales Meisterstück der Moderne, er war auch ein Missverständnis. Die Auftrag- und Namensgeberin, Edith Farnsworth, hielt das Haus für unbewohnbar. Sie verweigerte dem Architekten das Honorar. Was ist passiert? Eine Geschichte, die viel von der Exzentrik eines Künstlers erzählt. Und von den Enttäuschungen einer Kundin.
Anfangs verstehen sich die beiden wunderbar. Edith Farnsworth lernt Ludwig Mies van der Rohe 1945 während eines Abendessens bei einer Freundin kennen. Sie ist eine angesehene Nephrologin, betreibt eine Praxis in Chicago und sucht einen Architekten, der ihr ein Wochenendhaus baut. Mies sagt sofort zu. Sie zeigt ihm das Grundstück: eine halb offene Waldlandschaft an einem Fluss, der zur Schneeschmelze immer mal wieder über seine Ufer tritt. Zwei Monate darauf liefert Mies van der Rohe einen Entwurf – ungewöhnlich zügig für ihn, der als sehr bedächtiger Entwickler gilt.
Seine Zeichnung zeigt einen rechteckigen Bungalow mit voll verglasten Wänden, etwa 1,50 Meter über dem Boden scheinbar schwebend, gestützt von acht Stahlträgern. Er besteht aus einem einzigen Raum um einen kleinen Kern, der Bäder, Heizofen und Versorgungsleitungen birgt. Edith Farnsworth ist begeistert. Sie erteilt den Auftrag. Fast jeden Sonntag fahren die beiden nun auf das Gelände und picknicken. Freunde und Verwandte glauben an eine Affäre.
Rund 40.000 Dollar soll der Bau kosten, das entspricht heute etwa 350.000 Euro. Edith Farnsworth wartet eine Erbschaft ab, 1949 dann können die Arbeiten beginnen. Noch vor dem ersten Spatenstich beginnt die Harmonie zu bröckeln. Mies will auf einer sanften, grasbewachsenen Anhöhe bauen, etwa 150 Meter vom Fluss entfernt, unter einem 200 Jahre alten, prächtigen Ahornbaum. Edith Farnsworth stellt sich das Haus jedoch weiter weg vom Ufer und höher gelegen vor. Der von Mies beauftragte Bauunternehmer, ein Schreiner aus Deutschland, schlägt ebenfalls einen höheren Standort vor, um erwartbaren Überflutungen auszuweichen. Mies beharrt auf der Wiese. »Es ist ein Abenteuer«, sagt er. »Aber das gehört zum Leben.« Zu Beginn der Bauarbeiten erhöhen sich die Kosten um fünfzig Prozent, was Farnsworth akzeptiert. Mies will nur die besten Handwerker und die besten Materialien. Er wählt römischen Travertin, einen hellen, porösen Kalkstein, für die Böden, auch für die freistehende Terrasse, die dem Haus wie eine riesige Stufe vorangestellt ist. Edles Primavera-Holz kleidet den Sanitär- und Technikkern. Die Stahlträger lässt Mies sandstrahlen, bis ihre Oberfläche seidenglatt ist. 1951 kann Edith Farnsworth einziehen. Im Jahr darauf beginnt ein Rechtsstreit, der 1955 mit einem Schiedsspruch endet.
Vorrangig geht es um Geld. Farnsworth verweigert nicht nur das Architektenhonorar und die Zahlung zusätzlicher Baukosten, sondern fordert auch einen erheblichen Teil des gezahlten Geldes zurück. Ihre Ausführungen zeigen, dass sie sich vom Architekten ausgenutzt fühlt. Offenbar hat Mies die meisten ihrer Wünsche nach Komfort und Behaglichkeit zurückgewiesen, einige erst spät und nur widerstrebend erfüllt.
»Das Haus ist durchsichtig wie ein Röntgenbild«, sagt sie. »Ich kann nicht einmal einen Kleiderbügel im Haus aufhängen, ohne mich zu fragen, wie das den Blick von außen verändert.« Als sie Mies um mehr Abstellraum bittet, denn sie wisse nicht, wohin mit ihren Kleidern, empfiehlt er: »Häng sie auf die Rückseite der Badezimmertür.« Schließlich lässt er doch noch nachträglich einen Kleiderschrank mit Garderobe einbauen, ebenfalls mit Primavera-Holz verkleidet.
Reduktionistische Romantik im Corpus Delicti. Einst Streitobjekt, heute architektonische Ikone und Museum. Bild: Farnsworth House courtesy of the National Trust for Historic Preservation / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Schlafen, kochen, essen, wohnen – alles findet im offenen, von außen einsehbaren Raum statt. Manchmal flüchtet die Bewohnerin vor neugierigen Nachbarn, Touristen und Architekturfans in die Dusche – offenbar liefern die Vorhänge aus Naturseide wenig Schutz. Auch der im Flusstal üblichen Mückenplage ist sie ausgeliefert: Aus ästhetischen Gründen weigert sich Mies van der Rohe lange, Moskitonetze anzubringen. Klimatisch ist das Haus ein Desaster. Im Sommer ein Brutofen – nur die Haustür und zwei kleine Fenster im hinteren Bereich lassen sich öffnen; eine Klimaanlage fehlt. Im Winter bildet sich Eis an den beschlagenen Scheiben – die Fußbodenheizung ist zu schwach. Zudem erweist sich der Standort tatsächlich als zu tief: Die erste Flut überschwemmt die Anhöhe noch während der Bauzeit. Drei Jahre darauf steht die Wohnung 1,20 Meter tief im Wasser.
Der Streit zwischen den beiden wird persönlich. Mies van der Rohe sei ein unflexibler, engstirniger, unnahbarer Primitiver, zürnt die Bauherrin. Der wiederum unterstellt ihr verletzte romantische Gefühle: »Die Dame erwartete, der Architekt sei eine Zugabe zum Haus.« Aufschlussreich ist vor allem der Zusatz: »Frau Doktor wusste sehr wohl, dass das Haus als reiner Ausdruck einer Idee gedacht war.«
Offenbar verstand Mies van der Rohe den Auftrag als Gelegenheit, sich als freier Künstler zu verwirklichen. Ob sich ein Mensch in seinem »reinen Ausdruck einer Idee« wohlfühlen würde, war weniger wichtig. Das Haus, sagte er, sei »ein Prototyp für alle Glasbauten«. Eben, ein Prototyp. Aber nicht fertig, nicht marktreif. Eher ein geniales avantgardistisches Experiment. Heute gehört das Haus zwei Denkmalschutzorganisationen und ist als Museum zu besichtigen.
Edith Farnsworth gebührt Dank. Indem sie dem Architekten schöpferische Freiheit gab, hat sie Architekturgeschichte geschrieben. Sie ermöglichte die Materialisierung einer Idee, die bis heute inspiriert. Und so ganz schlimm hat sie das Haus trotz allem wohl doch nicht gefunden. Zwanzig Jahre lang verbrachte sie dort ihre Wochenenden.