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Ein Tag im Leben von Ludwig XIV.
8 Uhr:
Der erste Diener und der erste Arzt kommen ins königliche Zimmer. 15 Minuten später erscheinen einige Privilegierte, dann betet der König.
8.30 Uhr:
Der Barbier rasiert den König, der währenddessen Neuigkeiten mit den Privilegierten austauscht.
10.00 Uhr:
Nun wird der König angezogen und frühstückt. Daran wollen alle teilnehmen. Der Dauphin (der Kronprinz) darf die Serviette oder den Stuhl des Königs halten. Jetzt betet der König noch einmal und gibt Anweisungen für den Tag.
11 Uhr:
Während der nächsten Stunde macht der König einen Spaziergang oder geht zur Jagd. Ludwig ist ein guter Schütze und jagt sogar noch mit 75 Jahren 5 Stunden am Stück. Nach dem Spaziergang isst der König zu Mittag. Sein Mittagessen besteht aus: 4 Tellern verschiedener Suppen, einem Fasan, einem Rebhuhn, einer grossen Schüssel Salat, Hammelfleisch mit Knoblauch und Sauce, einem Teller Backwaren, Früchten und Marmelade.
Am Nachmittag trifft er sich mit seinen Ratgebern im Schloss und unterhält sich mit ihnen über die Ereignisse im Königreich.
20.00 Uhr:
Der König isst öffentlich zu Abend und zieht sich danach in seine Räume zurück. Dort spricht er mit seiner Familie oder spielt Billard. 3x pro Woche finden Konzerte oder Komödien im königlichen Appartement statt. Am Ende des Tages folgt die Zeremonie zum Schlafengehen.
Ludwigs Tag ist streng geregelt, überall ist er von Dienern umgeben. Jeden Tag passierter dasselbe, wie in einer Komödie. Sein tägliches Leben ist jedoch trotz aller Strenge erhaben, grossartig, pompös, aber auch einfach, korrekt und überschaubar.
Alltag und Kunst am Hofe von Ludwig XIV.
Ludwig lässt viele Adlige in Versailles wohnen, damit er sie besser unter Kontrolle hat. Zeitweise leben mehrere Tausend Menschen gleichzeitig in Versailles, die nicht zu der königlichen Familie gehören. Oft ist der Platz so knapp, dass sogar Adelige mit Dachkammern, die dem Personal zugedacht gewesen sind, vorlieb nehmen müssen. Zur Unterhaltung der "Entourage" gibt er prunkvolle Feste. 1662 veranstaltet er ein Ringelstechen zu Ehren des Thronfolgers, zu dem er 15'000 Leute eingeladen hat. Diesen bietet er ein eindrucksvolles, aufwendiges Programm. Das Fest kostet ihn über eine Million Livres (Eine Livre ist ca. der Tagesverdienst eines Arbeiters).Von 1664 an gibt er immer wieder teure Feste mit Tanz, Musik, Ballett und Theaterstücken, unter anderem von Molière. Da er selbst die Musik und den Tanz über alles liebt, nimmt er Lulli in seinen Dienst. Der wird erster Geiger im Orchester und Ludwigs persönlicher Ballettlehrer. 1661 überträgt ihm der König die Verantwortung für die Musik , 1672 die Leitung der Oper. Lulli schreibt Balladen, Tänze und Gesän¬ge.
Der König will aber nicht nur für die Musik besondere Leute haben, alles sollte mit seinem Zeichen gezeichnet sein. 1667 entsteht die königliche Manufaktur in Gobelins. Danach holt er für seine Bedürfnisse die führenden Leute an den Hof. Für die Stickerei: Bellard und Fayète für Gravuren: Leclerc und Audran, für Tapeten und Wandteppiche: Jans, Lefebvre, Laurent und Delacroix. Zeichner ist Baudrin Yvan, Architekt Anguier und Landschaftsgärtner sind Genoels und Baudoins. Am Ende der Regierungszeit Ludwigs XIV. steht Frankreich vor dem enormen finanziellen Schuldenberg und sein Nachfolger Ludwig XV. wird nichts an der Situation ändern. Das enorme Staatsdefizit, von dem das Volk überhaupt nichts hat (ausser dass es dieses durch Steuerabgaben finanzieren muss) wird einer der wesentlichen Gründe sein, wieso es gut 100 Jahre später zur Französischen Revolution kommen wird.
Das Schloss Vaux-le-Vicomte
Das Schloss Vaux-le-Vicomte im französischen Maincy, bei Melun im Département Seine-et-Marne (Region Île-de-France) und sein Park werden in den Jahren 1656 bis 1661 auf Veranlassung des französischen Finanzminister Nicolas Fouquet nach den Plänen des Architekten Louis Le Vau und des Gartenarchitekten André Le Nôtre im klassizistischen Barockstil erschaffen. Der Anlage, die neben dem Garten auch einen voluminösen Park umfasst, müssen insgesamt drei Dörfer weichen.
Am 17. August des Jahres 1661 veranstaltet Nicolas Fouquet zu Ehren von König Ludwig XIV. ein opulentes Fest. Neben der verschwenderischen Inszenierung der Festlichkeiten in Schloss und Park erregt vor allem das massive goldene Tischgeschirr Fouquets Aufsehen, hat doch Ludwig XIV. kurz vorher erst sein eigenes Goldgeschirr einschmelzen müssen, um seine Kriege weiter finanzieren zu können..
Der König, dessen verschiedene Schlösser in und um Paris dem Prunk von Vaux-le-Vicomte nichts entgegenzusetzen haben, soll über die öffentliche Zurschaustellung von Fouquets Reichtum verärgert gewesen sein. Drei Wochen nach der Einweihungsfeier lässt er Fouquet verhaften. Als Begründung wird angeführt, Fouquet habe sich zur Finanzierung seiner Domäne (seines Wohnsitzes) an den (maroden) Staatsfinanzen bedient. Ludwig XIV. veranlasst im Folgenden die drei prägenden Künstler, die Vaux-le-Vicomte geschaffen haben, sein kleines Jagdschloss Versailles zu einer ihm würdigen Residenz umzubauen. Heute lautet einer der Werbeslogans "Das Schloss, das den Neid des Sonnenkönigs erregte". Dass der König seinen Finanzminister aus Neid inhaftieren lassen hat, ist wohl Legende. Tatsache aber ist, dass Nicolas Fouquet selber sein Schloss nie wieder betreten hat und nach 15 Jahren Gefangenschaft in der Festung Pignerol (Pinerolo in Italien, bei Turin) gestorben ist.
Aufgaben und Recherchen
Ludwig XIV. ist eine der schillerndsten Gestalten der Weltgeschichte. Er hat seine Zeit wie kein Zweiter geprägt. Kommentiere die obenstehende Karrikatur. Was will sie sagen, von welchem Geist (Denken) ist sie geprägt?
Portfolioaufgabe:
Schreibe anhand von Informationen, die du selber zusammenträgst ein Portrait dieses einzigartigen und sicher auch umstrittenen Monarchen und bebildere es mit Bildern aus verschiedenen Lebensphasen des Herrschers. (Es ist nicht erlaubt, Internetartikel zu kopieren, ich will eigenständige Texte sehen!)
Zusatzaufgabe:
Zu Ludwig XIV gehört auch die Geschichte "Der Mann mit der eisernen Maske". Suche Informationen zu (freiwillig) diesem Thema. Diese kannst du in Form von herauskopierten Internetbeiträgen ablegen.
Zusatztext:
Eine nicht ganz alltägliche Betrachtung zum Leben am Hofe des Sonnenkönigs Warum hat König Ludwig XIV. von Frankreich eigentlich so fürchterlich gestunken? Die Tatsache ist allgemein bekannt und wird nicht einmal von den Schulbüchern verschwiegen. Aber man findet dort eine eigentümlich vage Erklärung. Es sei, so hat man uns in der Schule gesagt, im 17. Jahrhundert ganz allgemein nicht üblich gewesen, sich zu waschen, und so habe eben nicht einmal der überaus reichliche Gebrauch von Parfüm am Hof des Sonnenkönigs zu Versailles die hygienischen Mängel der Zeit zu überduften vermocht.
Diese Erklärung ist zwar plausibel, aber falsch. Natürlich hat jede Epoche ihren eigenen Gestank und ein mittelalterlicher Mensch würde wahrscheinlich ohnmächtig, wenn er die chemikalischen Sauberkeits- und Schönheitspräparate röche, nach denen der ganz normale Mensch heute stinkt. Aber wir selber merken das ja nicht. Denn es kennzeichnet den allgemeinen Duft einer Epoche, dass ihn die Zeitgenossen selbst nicht wahrnehmen. Dass Ludwig XIV. duftete, haben aber selbst die Zeitgenossen wahrgenommen. Zahlreich sind die diskreten Hinweise darauf, was für eine Qual es gewesen sein muss, sich mit dem Sonnenkönig aus der Nähe zu unterhalten oder gar sein Tischgenosse zu sein. Und wenn Madame de Maintenon, seine Mätresse, im Laufe der Jahre immer frömmer wurde und ihrem Louis immer eindringlicher zuredete, er solle doch die religiöse Erbauung den Sünden des Fleisches vorziehen, so hatte das wahrscheinlich höchst weltliche Gründe. Denn ein Kuss des Sonnenkönigs war zwar eine göttliche Ehre, nach der alle Damen des
Hofes lechzten. Aber ein Genuss war das nicht, und niemand wusste das besser als Madame de Maintenon.
Dank sei deshalb dem französischen Historiker Louis Bertrand, der das historische Rätsel um die besondere Duftnote des grossen Bourbonen mit allem gebotenen wissenschaftlichen Ernst geklärt hat. Professor Bertrand hat das getan, was man immer tun sollte, wenn mit dem körperlichen Befinden eines Menschen etwas nicht stimmt: Er hat die Ärzte untersucht. Da sind die Leibärzte des Sonnenkönigs, der Docteur Vallot, der Docteur Daquin und der Docteur Fagon. Jeder von ihnen ist ein Arzt, wie er im Buche steht: ohne jede Kenntnis der menschlichen Realität, aber dafür vollgeblasen mit ärztlichem Standesbewusstsein und mit den medizinischen Weisheiten von Europas renommiertester (berühmt, angesehen) Universität: der Pariser Sorbonne. Nehmen wir den Docteur Daquin. In seinen Händen befindet sich der Sonnenkönig während seiner blühendsten Mannesjahre. Im Kopf des Docteurs Daquin sitzt das Dogma (die Überzeugung), es gebe im ganzen menschlichen Körper keinen gefährlicheren Infektionsherd als die Zähne. Und es schliesst der Doktor daraus, dass man Zähne allenfalls im Munde eines gewöhnlichen Untertanen belassen könne. Bei Seiner Majestät dem König aber müssten sie allesamt gezogen werden, solange sie noch gesund seien.
Dagegen sträubte sich Ludwig XIV. Aber Daquin wendet jenen psychologische Trick an, mit dem er jede seiner Ideen bei Ludwig durchzusetzen weiss: Er sagt dem mächtigsten Herrscher Europas, seine Gesundheit sei gleichbedeutend mit seiner Glorie (seinem Ruhm, seiner Herrlichkeit), und darum sei es für seine königliche Glorie nötig, ihm die Zähne allesamt zu ziehen. Am folgenden Tag notierte der Leibarzt in seinem Tagebuch: “Seine Majestät der König hat mir geantwortet, er sei für seine Glorie zu allem bereit, sogar zum Sterben." Ludwig XIV. ist nicht gerade gestorben beim grossen Zähneziehen in Versailles. Aber der Doktor Daquin geht immerhin so geschickt vor, dass er dem König, zusammen mit den unteren Zähnen, auch gleich den Kiefer zerbricht und ihm, zusammen mit den oberen Zähnen, einen grossen Teil des Gaumens herausreisst. Alles, den Lehren der Sorbonne entsprechend, natürlich ohne Narkose.
Der königliche Unterkiefer wächst nach einer Weile wieder zusammen, aber der herausgerissene Gaumen ist natürlich nicht wieder zu ersetzen. Den Doktor Daquin schert das nicht. Einen Monat später notiert er in seinem Tagebuch: „Zum Zweck der Desinfektion habe ich seiner Majestät das Loch im Gaumen vierzehn Mal mit einem glühenden Eisenstab ausgebrannt." Fortan erleben die Tischgenossen Seiner Majestät täglich das Spektakel, dass dem grossen Bourbonen, wenn er trinkt, das halbe Glas Wein gleich wieder zur Nase heraussprudelt. Schlimmer noch: in der offenen Tropfsteinhöhle, mit der sich der Mund des Königs zur Nase öffnet, setzen sich ständig grössere Brocken fester Nahrung auf so komplizierte Weise fest, dass sie sich erst nach Wochen auflösen. Durch die Nase.
Durch seinen zahnlosen Mund schlingt der Sonnenkönig riesige Mengen Nahrungsmittel unzerkaut herunter. Nichts hat ihm die Bewunderung seiner Zeitgenossen in solchem Masse eingetragen wie sein ungeheurer Appetit. Der Appetit des Königs gilt im 17. Jahrhundert als ein Zeichen des göttlichen Segens für das gesamte Königreich. Aber Louis isst nicht, weil ihm der Himmel gewogen ist. Er isst, weil er lebenslänglich an Bandwurm leidet. Das steht heute zweifelsfrei fest, weil es zu den Aufgaben seiner Leibärzte gehörte, täglich einen detaillierten Bericht über die Exkremente seiner Majestät zu erstellen. Diese Berichte sind erhalten.
So isst denn Louis mit masslosem Appetit, ohne jemals satt zu werden. Zum Mittagessen lässt er sich in einer einzigen riesigen Schüssel Enten, Hasen, Fasanen, Lerchen, Perl -, Trut - und Rebhühner servieren, das ganze zehn bis zwölf Stunden lang in derselben Sauce zerkocht. Denn der zahnlose König kann ja nicht mehr kauen. So suchen ihn, den ganzen Nachmittag über, fürchterliche Verdauungsstörungen heim. Kein Wort kommt in den ärztliche Tagebüchern häufiger vor als das Wort 'vapeur'. Gemeint sind Blähungen aller Art. Dabei bleibt es aber nicht. Doktor Daquin notiert: “Seine Majestät hat heute wieder erbrochen, und zwar zur Hauptsache völlig unzerkaute und unverdaute Materien (Substanzen), darunter eine grosse Menge unverdauter Trüffel."
Das macht dem Arzt aber keine grosse Sorge. Denn das Dogma (Lehrsatz, Lehrmeinung) der Sorbonne lehrt, dass der Darm viel wichtiger sei als der Magen, und dass nur ein entleerter Darm ein gesunder Darm sei. So verschreiben denn die Ärzte des 17. Jahrhunderts gegen alle Krankheiten des Leibes und der Seele am laufenden Bande Abführmittel, etwa so wie heute viele Ärzte Beruhigungstabletten. Zum Glück kann sich der gewöhnliche Untertan in Frankreich und Navarra einen Besuch beim Arzt nur selten leisten. Anders der König. Für die Gesundheit seiner Majestät, darüber sind sich die Leibärzte einig, sind nur die besten und stärksten Abführmittel gut genug, und zwar täglich eingenommen. Täglich muss Louis also seine ‘bouillon purgatif’ schlürfen, einen Sud aus Schlangenpulver, Pferdemist und Weihrauch. Erstaunlicherweise tut das schreckliche Gesöff durchaus seine schreckliche Wirkung. Und da es zu den vornehmsten Pflichten der Leibärzte gehört, täglich zu notieren, wie oft Seine Majestät muss, so wissen wir, dass Ludwig der Grosse täglich so zwischen vierzehn und achtzehn Mal dort sitzt, wohin selbst der König zu Fuss geht. Wohlgemerkt: der König geht. Es ist vollkommen undenkbar, dass seine Majestät durch Versailles läuft. So ist es denn keineswegs seine persönliche Schuld, wohl aber eine hinreichende Erklärung für seine persönliche Duftnote, dass er häufig zu spät kommt. Im Jahre 1686 endlich bäumt sich das königliche Gedärm gegen die jahrzehntelange medizinische Misshandlung auf. Zuerst mehren sich in den ärztlichen Tagebüchern Sätze wie: „Seine Majestät hat heute wieder Blut gestuhlt." Dann bildet sich am Rückenende seiner Majestät ein faustgrosses Geschwür. Während die Ärzte werweissen, sitzt der Sonnenkönig mit derart versteinertem Gesicht auf seinem Thron beziehungsweise auf seinem Geschwür, dass sich in ganz Europa das Gerücht verbreitet, der König von Frankreich liege im Sterben. Jetzt ergeht der Befehl an alle Beamten des Reiches, all jene Untertanen ausfindig zu machen, die ein ähnliches Geschwür haben wie der König, und sie unverzüglich nach Paris zu bringen, zur Verfügung von Professeur Felix. Über einen Monat lang hat Sorbonne-Professor Felix, eine chirurgische Kapazität (ein Könner, ein Spezialist), diesen bedauernswerten menschlichen Meerschweinchen den Hintern kreuz und quer aufgeschnitten und wieder zugenäht, um medizinische Erfahrungen zu sammeln für das ungewöhnlich wertvollere Gesäss Seiner Majestät. Er macht das so gründlich, dass die Versuchspersonen gleich reihenweise auf den Friedhof gekarrt werden. Ludwigs Schmerzen aber sind inzwischen unerträglich geworden. Am 17. November erteilt er den Befehl, ihn, koste es, was es wolle, am folgenden Morgen zu operieren. Mit Rücksicht auf das königliche Prestige (Ansehen) findet die Operation im kleinsten Kreise statt. Ludwig lehnt jede überflüssige Hilfe ab und legt sich selber bäuchlings auf den Schragen. Seine Mätresse, Madame de Maintenon, betet ihm laut vor: „Oh Herr, in deine Hände befehle ich meinen Geist." Dann saust das langgewetzte Messer von Professor Felix zehnmal nieder.
Es ist wohl eher den Gebeten von Madame de Maintenon als der Kunst von Professor Felix zuzuschreiben, dass die Operation gelang. Aber alles, wirklich alles, was über den Hof von Versailles zu sagen ist, liegt in einer Notiz beschlossen, die jetzt im ärztlichen Tagebuch von Professor Felix folgt. Der Chirurg berichtet, dass sich in den Tagen nach der Operation mehr als dreissig Höflinge bei ihm gemeldet haben, mit dem dringenden Ersuchen, sie doch, bitte, bitte, an der gleichen Stelle zu operieren wie seine Majestät. »Ich habe", schreibt Professor Felix, “jeden der Herren eingehend am betreffenden Körperteil untersucht, habe aber nichts gefunden, was einen chirurgischen Eingriff rechtfertigen würde. Als ich ihnen diese Diagnose mitteilte, war keiner unter ihnen, der nicht tief enttäuscht, ja beleidigt gewesen wäre.”
Derweil leidet Louis Schmerzen wie ein Pferd. Die Operation hatte natürlich ohne Narkose stattgefunden. Gleich danach hat man ihn auch noch zur Ader gelassen. Anschliessend drückt man ihn auf den Betschemel der Hofkirche für eine grosse Danksagungsmesse. Um seine Genesung zu demonstrieren, hat er sein Mittagessen vor dreissig Personen einzunehmen. Am Nachmittag muss er auf seinem blutigen, zerschnittenen Hintern zwei Stunden lang dem grossen Rat des Königreiches vorsitzen. Denn selbst wenn der König vom Operationstisch kommt, ist es unmöglich, irgend etwas am pompösen Tagesablauf in Versailles zu ändern. Bleibt die Frage, wie Ludwig XIV. das grauenhafte Martyrium (schweres Leiden, Qual), das ihm seine Ärzte zugefügt haben, durch siebenundsiebzig Jahre seines Lebens überhaupt aushalten konnte. Zwei Dinge kommen da zusammen. Einmal die unerhört robuste Konstitution des Königs. Kaum ist er am 5. September 1638 geboren, da schreibt schon der schwedische Gesandte nach Stockholm, der Säugling sei so ausserordentlich kräftig, dass drei Stillmütter kaum mit ihm fertig würden, und die Welt möge sich hüten vor einem Thronfolger, der schon in den Windeln so unerhörte Energien entwickle. Diese Energien sind es, die siebenundsiebzig Jahre lang der Kunst der Ärzte getrotzt haben. Das zweite aber ist die Mentalität Ludwigs XIV. Von der französische Historikerin Madeleine Jacquemaire stammt das Wort, mit Ludwig XIV. habe zweiundsiebzig Jahre lang auf dem französischen Thron kein Franzose, sondern ein Spanier gesessen. Auf jeden Fall hat Ludwig XIV. seinen französischen Vater, Ludwig XIII., zeit seines Lebens so masslos verachtet, dass es verboten war, in seiner Gegenwart von seinem Vater auch nur zu sprechen. Masslos verehrt hat er dagegen seine spanische Mutter: Anna von Österreich. Ihrem Vorbild hat er ein Leben lang nachgeeifert, in seinem absolutistischen politischen Ehrgeiz ebenso wie in seiner persönlichen Lebensauffassung. Nie ist diesem Sohn der Spanierin auch nur ein einziges Wort der Klage über die Lippen gekommen. Noch die schlimmsten Torturen (Foltern), die ihm seine Ärzte zufügten, hat er mit der heroischen (helden¬haften) Unfühlsamkeit eines Spaniers wortlos ertragen. Und majestätisch wie ein spanischer Grande (span. Adliger) ist er durch Versailles stolziert: den Bauch von Blähungen gepeinigt, die Hosen voll, die verstopfte Nase aber so verächtlich über die ganze Menschheit hochgezogen, als wolle er noch in seiner peinlichsten Schwäche die Welt beschämen mit einem souveränen: “L'odeur c'est moi!"
Quelle: http://www.mlm-infos.com/ftopic10159.html / wdr - ZeitZeichen vom 5.9.1973, Sendung von Hans Conrad Zander