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Das Erhalten und Ertüchtigen bestehender Bausubstanz war der Grundsatz bei der Instandsetzung des Wohnhauses Miremont-le-Crêt, einem herausragenden Zeugen innovativen Wohnungsbaus der Nachkriegszeit. Trotzdem sind grosse Teile der äusseren Oberflächen neu.
Der Wohnungsbau avancierte in der späteren Nachkriegszeit zu einem bevorzugten Feld für architektonische, typologische und konstruktive Neuerungen und Experimente. Eine überzeugende Umsetzung der damaligen Reflexionen stellt die 1956–57 errichtete Wohnhauszeile Miremont-le-Crêt dar, wo der Architekt Marc-Joseph Saugey in der Erforschung des «espace habitable»,1 des bewohnbaren Raums, sein ganzes Können zeigte. Die Wahl einer Stützen-Platten-Konstruktion aus Eisenbeton ermöglichte nicht nur eine meisterhafte plastische Qualität der Volumetrie, sondern auch eine umsichtige Artikulierung der einseitig orientierten Wohnungen, die an einem Raster mit Winkeln von 30 und 60 Grad ausgerichtet sind. Die Atmosphäre und Raumwirkung der Wohnungen sind bestimmt vom Konzept der von sägezahnförmigen Loggien rhythmisierten Fassaden. Für die Belebung der Hüllen wiederum sorgen sowohl die grossen Fensteröffnungen als auch die geschickte Kombination modernster Elemente und Materialien, wie sie die dynamische Bauindustrie jener Zeit anbot: Fensterglas und transluzentes Drahtglas, gerippte Verkleidungen und Sichtschutz-Elemente aus Aluman, Faserzementplatten und vorfabrizierte Betonelemente.
Buchstäblich entmaterialisiert wirkt dagegen die Verglasung der grosszügigen Eingangshalle, die im Tiefparterre die Wohnhäuser verbindet: Dank den grossen Flächen aus einfachem Sicherheitsglas, gehalten von dünnen, aussen mit Aluminium abgedeckten Stahlrohrprofilen und dem Terrazzoboden, der im Aussenraum weiterläuft, erscheint die Halle wie eine Fortsetzung des Parks mit seinem alten Baumbestand – ein spektakuläres, von den Kunstwerken Louis Bongards an den Eingangsmauern eingegrenztes Freiluftzimmer.
Der herausragende baukünstlerische Wert von Miremont-le-Crêt steht ausser Zweifel. Die Zeile mit fünf Wohnhäusern ist ein erstrangiger Zeuge einer Moderne, die Leichtigkeit und Transparenz propagiert und architektonische mit technischer Innovation verband. Ihre denkmalgerechte Erhaltung jedoch stellt allerhöchste Ansprüche. Die Diskussionen, die in den letzten Jahren um diesen – 2002 unter Schutz gestellten – Komplex geführt wurden, spiegeln die ganze Breite der Debatte in der Fachwelt zum Umgang mit dem Architekturerbe des 20. Jahrhunderts: vom Streit über den Denkmalwert bis zu den berufsethischen Fragen bei der Instandsetzung. Kann man den Komplex überhaupt erhalten, oder muss man ihn rekonstruieren? Soll man die originalen Bauteile instandsetzen oder mithilfe heutiger Materialien, die auch gleich die konzeptionellen «Fehler» beheben, das ursprüngliche Bild wiederherstellen?
Die Grundsatzdebatte über Authentizität wird noch komplizierter durch die unausweichlichen Vorgaben zur Energieeffizienz mit weitreichenden – und vor allem irreversiblen – Folgen für die originale Bausubstanz. Entsprechend schwierig ist es bei diesem Bau, ein Gleichgewicht zwischen dem baukulturellen Anspruch und den heutigen Umweltstandards zu finden. Ohne komplexe und trotzdem manchmal widersprüchliche Antworten ist das gar nicht möglich. Das zeigt exemplarisch die Renovation dreier Hauseinheiten durch meier + associés architectes und Oleg Calame – der Hausnummern Miremont 8 A, B und C, die der Stockwerkeigentümergemeinschaft «Miremont» gehören. Als Autor einer Monografie von Marc-Joseph Saugey steht Philippe Meier dem Werk dieses Architekten besonders nahe.2 Die gewählte Strategie steht für eine in den letzten Jahren entwickelte Praxis, die sich durch Respekt gegenüber der ursprünglichen Bausubstanz auszeichnet.
Bei einem anderen Werk Saugeys, dem 1951 – 54 errichteten Geschäftshauskomplex Mont-Blanc Centre, wurde im Jahr 2004 die vorfabrizierte Glas-Aluminium-Fassade detailgetreu rekonstruiert. Das Hightech-Replikat erlaubte es, das Bild des exemplarischen Baus zu erhalten und gleichzeitig die Konstruktionsmängel der originalen Hüllen zu beseitigen. Entsprechend feierte die Kritik den Eingriff als rundum geglückt. Bei Miremont-le-Crêt argumentierte man nur gerade zehn Jahre später umgekehrt und wandte eine ganz andere Strategie an, nämlich die Erneuerung und Ertüchtigung der vorhandenen Elemente.
Der Entscheid zur erhaltenden Instandsetzung ist freilich das Ergebnis einer langwierigen Planungsgeschichte, die bis in die späten 1990er Jahre zurückreicht. Damals riefen übereilte Eingriffe in Miremont-le-Crêt die Denkmalpflege auf den Plan. Das Büro Devanthéry & Lamunière lieferte damals eine erste umfassende Diagnose.3 Die darauffolgende Aufarbeitung der Originalpläne durch Oleg Calame basierte auf der erstklassigen Plansammlung im Archiv der Universität Genf und brachte eine umfassende Vertiefung der Kenntnisse über Konstruktion und Materialisierung. So war sich die Eigentümergemeinschaft des besonderen Charakters der Gebäude voll und ganz bewusst, als sie den Studienauftrag zur Instandsetzung ausschrieb, den meier + associés gewannen. Sie durfte zudem auf die Unterstützung der kantonalen Denkmalpflege zählen. Für die langfristige Sicherung der Bausubstanz und etwas mehr thermischen Komfort musste die Gemeinschaft der Wohnungsbesitzer erhebliche Geldmittel aufwenden.
In diesem Kontext entstand der Projektbeschrieb, der in erster Linie auf die Gebäudehüllen abzielte, auf die gemeinschaftlich genutzten Bereiche und auf die veralteten technischen Anlagen. Er formulierte die Spielregeln, nach denen die Interessen an der Substanzerhaltung mit den energetischen Anforderungen abzugleichen waren, die den Umfang und die Reichweite der Eingriffe massgeblich bestimmten. Dank der fruchtbaren Kooperation von kantonaler Denkmalpflege und dem Amt für Energie blieben Saugeys Meisterwerk glücklicherweise eine vollständige Anpassung an die geltenden Vorschriften und damit eine radikale Verwandlung erspart. Man gestand ihm Verbrauchswerte über den gesetzlichen Limiten zu und realisierte konsequent Verbesserungen, wo dies möglich war, ohne dem Gesamtbild Schaden zuzufügen. Dieses Vorgehen setzte zahlreiche Tauschgeschäfte voraus. Beträchtliches Verbesserungspotenzial wies namentlich das Flachdach auf. Seine Dämmung weicht von der Dachkante zurück, sodass sie praktisch unsichtbar bleibt. Derselben Logik folgend, wird die zuvor beheizte Eingangshalle jetzt nur noch temperiert, die Geschossdecke wurde über der bestehenden abgehängten Decke gedämmt. Dieser praktische Kompromiss ist ein Beispiel für die komplizierten Abwägungen, die immer wieder notwendig waren: Um die grossflächige Verglasung der Halle mit ihren zarten Profilen zu erhalten, die eine schwerere Doppelverglasung nicht zu tragen vermöchten, musste bedauerlicherweise die Deckenheizung vom Typ Frenger geopfert werden, die eine wichtige Innovation des 20. Jahrhunderts im Wärmebereich repräsentierte.
Einen Kompromiss galt es auch bei der Gebäudehülle zu finden. Er bestand darin, auf den ursprünglichen Pfosten und Querbalken aus Kiefernholz neue Flügelrahmen für eine Isolationsverglasung anzubringen. Der Fassadenaufbau wurde dadurch ein wenig stärker, was es erlaubte, auch die opaken Teile mit einer Dünnschichtdämmung auszurüsten. Die Veränderung ist beim einspringenden Winkel der Balkone kaum wahrnehmbar. Die äusserste Schicht der Hülle ist im Fensterbereich nun freilich vollständig neu: die Aufdoppelung über dem tragenden Holzrahmen, die durchsichtigen ebenso wie die opaken Verglasungen und auch die Eternitplatten der nun gedämmten Brüstungsfelder.
Erfüllt die Fassadensanierung von Miremont-le-Crêt nun den Massstab einer denkmalpflegerischen Instandsetzung nach allen Regeln der Kunst? Nicht vollständig. Davon zeugt schon die Verwendung von Hightech-Scheiben, die zwar thermisch hoch leistungsfähig sind, deren leicht bläuliche Färbung jedoch das kritische Auge stört. Trotzdem nimmt die energetische Sanierung von Miremont-le-Crêt im derzeitigen Spektrum konservatorischer Anstrengungen eine besondere Position ein. Das grosse Team, das mit der Arbeit betraut wurde, bewies nicht nur Pragmatismus, sondern verstand es auch, eine Balance zwischen baukulturellen Ansprüchen und Klimaschutz zu finden.
Giulia Marino hat ihr Architekturstudium an der Universität Florenz mit einem Diplom in Denkmalpflege abgeschlossen und an der EPFL doktoriert. Sie wirkt als Dozentin und Forscherin am Laboratoire des Techniques et de la Sauvegarde de l’Architecture Moderne der EPFL (TSAM).
1 Marc-J. Saugey: L’espace habitable. Miremont-le-Crêt, in: Architecture, formes, fonctions, Nr. 8, 1961-62, S. 72-82.
2 Philippe Meier, Marc-Joseph Saugey, architecte, (Architectes du XXème siècle à Genève, n° 4), éditions FAS, Genève 2012.
3 Miremont-le-Crêt (1956-1957), patrimoine architectural du XXe siècle: Monografie von Patrimoine et architecture, Nr. 9, Mai 2000.