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Ehrlich gesagt, habe ich mich nicht getraut, den deutschen Titel dieses Essays als Überschrift zu verwenden. Schliesslich ist Liebe und Sinnlichkeit (so lautet er nämlich) kein Sex-Ratgeber und Tanizaki Jun’ichirō ist nicht der japanische Dr. Sommer.
Sondern…
Mit der erzwungenen Öffnung Japans für den Westen erreichten seit dem Ende des 19. Jahrhunderts auch verschiedene literarische Strömungen aus dem sog. Westen die Inselgruppe – Strömungen, die dann auch eifrigst auf- und angenommen wurden. Der Naturalismus europäischer (d.i. vor allem französischer) Provenienz wurde in den 1920er Jahren ebenso studiert wie der Symbolismus aus Frankreich und Grossbritannien, der ja auch in Europa in direkter Konkurrenz zum Naturalismus stand. Tanizaki Jun’ichirō (1886-1965) stand als junger Mann in vorderster Front der jungen Literaten. Eher dem Symbolismus zuzurechnen, einer Theorie des ästhetischen Genusses bei Kreation wie bei Rezeption, setzte er sich mit der europäischen Tradition ebenso auseinander wie mit der alten japanisch-chinesischen. (China war lange das einzige Land, mit dem das alte Japan wirklich kulturellen und kommerziellen Austausch pflegte – so, dass Tanizaki Jun’ichirōs Darstellung der japanischen Literatur immer auch chinesische Beispiele beibringen kann und muss.)
Angelpunkt von Tanizaki Jun’ichirōs Essay über die Rolle der Frau in der traditionellen japanisch-chinesischen Literatur, der westlichen, europäischen gegenüber gestellt, ist folgender Satz, der ungefähr in der Mitte des Essays (S. 49 meiner Ausgabe) anzutreffen ist:
Da wir [also die Japaner – sh] ein Volk sind, das den direkten Ausdruck von Liebe gering schätzt und das zudem mit einer eher schwachen Sinnlichkeit ausgestattet ist, kann man in den Geschichtsquellen unseres Landes über die Lebensumstände der Frauen, die da im Schatten wirkten, überhaupt nichts Genaues erfahren.
Mangelnde japanische Sinnlichkeit, die zur Unterdrückung der Frau (in der Literatur eben so wie in der Realität!) führte – das ist Tanizaki Jun’ichirōs These.
Man mag davon halten, was man will. Ich bin kein Experte für fernöstliche Kultur und habe Tanizaki Jun’ichirōs Essay ja auch gelesen, weil ich mir darüber Aufklärung erhoffte – wie es der Klappentext suggeriert:
Mann und Frau begegnen sich in der japanischen Gesellschaft traditionell mit großer Zurückhaltung und Höflichkeit. Wer den Reiz dieser verhaltenen Sinnlichkeit verstehen will, muss Tanizaki lesen.
Allerdings ist dieser Essay nun auch schon über 80 Jahre alt (er entstand 1931), und ob das Japan des Manga und des Anime seine eigene Tradition noch kennt oder begreift, weiss ich nicht. Ich habe als Beobachter aus der Ferne allerdings nicht den Eindruck.
Hier noch die genauen bibliografischen Angaben:
Tanizaki Jun’ichirō: Liebe und Sinnlichkeit. Aus dem Japanischen übersetzt und kommentiert von Eduard Klopfenstein. Zürich: Manesse, 2011.