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Die Geliebte unter den Löwen
Neue Objekte aus der Sammlung Bibel und Orient der Universität
Nicht allen ist bekannt, dass es in der Bibel eine Sammlung erotischer Liebeslieder gibt. Der Titel der Sammlung heisst auf Hebräisch: «schir ha-schirim», wörtlich «Lied der Lieder».
Von OTHMAR KEEL
Von den rund drei Dutzend Gedichten oder Liedern dieser Sammlung sind manche allen Verliebten ohne weitere Erklärung verständlich. So etwa, wenn die Geliebte sagt:
«Seine Linke ist unter meinem Kopf
und seine Rechte liebkost mich.
Ich beschwöre euch (meine Freundinnen),
ihr Frauen Jerusalems . . .
weckt sie nicht, stört sie nicht,
die Liebe, bis es ihr selber gefällt.»
(2,6-7).
Das Bedürfnis, über das Glück der erfahrenen Liebe zu reden, der Wunsch, die Umgebung, die Frauen Jerusalems mögen dieses Glück zur Kenntnis nehmen, verbunden mit dem konträren Wunsch, nicht gestört zu werden, dürfte allen Liebenden bekannt sein. Da gibt es nicht viel zu erklären.
Die Geliebte in
befremdlicher Umgebung
Andere Gedichte der Sammlung sind hingegen ziemlich rätselhaft, so etwa das folgende Lied:
«Mit mir vom Libanon, Geliebte Braut,
mit mir wirst du vom Libanon herabsteigen,
vom Gipfel des Senir und des Hermon,
von den Löwen-Wohnungen,
von den Panther-Bergen.» (4,8).
Ein bekannter Kommentator des Hohenliedes hat 1898 zu diesem Lied bemerkt: «Der Vers steht ganz ausserhalb jedes Zusammenhangs. Auch selbständig genommen lässt sich ihm kein Sinn abgewinnen.» Und rund 70 Jahre später hat ein weiterer Bibelwissenschaftler bestätigt: «Die Feststellung, dass sich aus dem Bruchstück kein Sinn gewinnen lässt, gilt noch immer. Was treibt die Geliebte auf den Bergen unter Panthern und Löwen?» Ja, was treibt sie da? «Libanon, Senir, Hermon» sind nicht irgendwelche Berge, sondern die höchsten, um 3000 m hohe Berge nördlich von Israel im heutigen Staat Libanon. Wenn man das Gedicht vom normalen menschlichen Leben her zu verstehen versucht, macht es keinen Sinn. Diese Berge wurden höchstens von militärisch organisierten Holzfäller-Expeditionen heimgesucht, um das kostbare Zedernholz zu holen. Nicht einmal einzelne Männer hätten sich im Normalfall dorthin gewagt und eine junge Frau dort oben, das war schlicht undenkbar. Wie kommt der Sänger auf die Idee, sie dort zu sehen und von dort herunterholen zu wollen?
Die Geliebte als Engel
oder als Göttin
Des Rätsels Lösung liegt darin, dass die Geliebte im Hohenlied immer wieder wie eine Göttin dargestellt wird. Auch in der Liebeslyrik der christlich geprägten Welt wurde sie oft als göttliches Wesen gefeiert, allerdings nicht als Göttin. Göttinnen gab es da nicht mehr. Aber sie wurde als Engel erlebt. So redet z. B. der grosse deutsche Lyriker, Eduard Mörike, die Geliebte mit den Worten an:
«Wenn ich, von deinem Anschaun tief gestillt,
Mich stumm an deinem heil’gen Wert vergnüge,
Dann hör‘ ich recht die leisen Atemzüge
Des Engels, welcher sich in dir verhüllt.»
Im Vorderen Orient gab es seit dem 6. Jahrtausend v. Chr., vielleicht schon früher, die Vorstellung einer Göttin, die sich auf den höchsten Bergen unter Löwen und Panthern aufhält. In Mesopotamien und Syrien hiess sie Istar. Der Name Esther geht auf den Namen dieser Göttin zurück. In Kleinasien, der heutigen Türkei, hiess eine ähnliche Göttin Kybele.
In der Vitrine zum Projekt Bibel und Orient-Museum in der Ehrenhalle vor der Aula magna der Universität sind zurzeit zwei Figuren dieses Typs zu bewundern. Die eine ist eine syrische Bronzefigur aus dem 9. Jahrhundert v. Chr. Sie zeigt die Göttin Istar oder Astarte, wie sie – bis auf ein paar Schmuckstücke nackt – ihre Brüste präsentiert und dabei auf einem Löwen mit grossen Reisszähnen steht. Die Kombination des brüllenden Löwen mit der erotisch attraktiven Frau vereinigt zwei Aspekte, die bei göttlich-numinos-heiligen Grössen oft zu finden sind: das Erschreckende und das (gleichzeitig) Anziehende, lateinisch tremendum et fascinosum. Wir können bei Kindern immer wieder beobachten, dass gewisse Dinge sie erschrecken und ihnen Angst machen und sie diese doch immer wieder sehen wollen, weil diese sie faszinieren.
Ein zweites Objekt in der gleichen Vitrine ist eine römische Marmorfigur. Sie stellt eine jugendliche Göttin dar, die halb verschleiert auf einem Sitz mit hoher Lehne zwischen zwei Löwen thront, eine typische Darstellung der kleinasiatischen Kybele. Ihr Heiligtum befand sich auf dem Berge Ida in der nordwestlichen Türkei.
Eine Göttin, die sich auf einem hohen Berg zwischen Löwen und Panthern aufhält, verkörpert weiblichen Stolz und weibliche Unnahbarkeit. Der Liebhaber schildert seine Geliebte in dem eingangs genannten Gedicht als stolz und unnahbar wie diese Göttin. Aber auch er ist stolz, wenn er – siegesgewiss – sagt, dass sie mit ihm diese unnahbare Umgebung verlassen, vom Gipfel des Libanon herabkommen, die Löwen hinter sich lassen und mit ihm ihren Weg gehen wird.
Das alte Israel hat im Laufe der Zeit die Göttinnen zugunsten des Eingottglaubens verdrängt. Ihre Figuren wurden zerstört, ihre Funktionen, etwa den Menschen das Leben zu schenken, vom einen Gott übernommen. Die Völker, die weiterhin eine Vielzahl von Gottheiten verehrten, wurden als «Götzendiener», als «Heiden» verschrieen, mit denen Israel angeblich nichts zu tun hatte, ähnlich wie später das Christentum sich vom Judentum abgegrenzt hat. Aber ähnlich wie das Christentum sehr vieles vom Judentum übernommen hat, so hat das alte Israel von den «Heiden». Zu diesem Erbe gehören etwa die Liebeslieder des Hohenliedes. Weil es sich um ein Erbe aus der polytheistischen Welt handelt, können Göttinnen darin eine Rolle spielen.
Die Lebensklugheit
der biblischen Liebeslieder
Einmal mehr hat ein Blick auf die altorientalische Umwelt das Rätsel eines biblischen Textes gelöst. Das «Löwenlied» zeigt aber auch, dass schon die «heidnische» Welt, aus der es stammt, ein tiefes Verständnis von Liebe hatte und wusste, dass bei einer grossen Liebe Respekt und Nähe zusammengehören. Die Frau war im Alten Orient durchaus nicht einfach Besitz des Mannes. Sie besass ihren Stolz und ihre Würde, die gerade in den Liebesliedern des Hohenliedes stark betont werden. Diese Lieder wissen in ihrer Lebensklugheit, dass nur dort, wo Respekt und Nähe gleichzeitig vorhanden sind, eine Beziehung gedeiht und weder an Vereinnahmung noch an Kälte zugrunde geht. Die Liebeslieder des Hohenliedes wurden im Alten Testament im Rahmen der Weisheitsliteratur überliefert. Diese sollte die jungen Leute mit Verhaltensweisen vertraut machen, die ein gelungenes Leben versprechen. Bald kommt diese Literatur in Form trockener Anweisungen daher, bald aber auch in eingängig poetischer Form wie in den Liedern des Hohenliedes.
Der Titel der biblischen Liebeslieder-Sammlung heisst auf Hebräisch: «schir ha-schirim», wörtlich «Lied der Lieder». Luther hat diese typisch altorientalische Steigerungsform mit dem etwas vergeistigten Ausdruck «Das Hohelied» übersetzt. Seine Übersetzung hat sich im Deutschen durchgesetzt. Das französische «Cantique des cantiques» oder das englische «Song of Songs» sind dem Hebräischen näher geblieben.
Bei der besonders im christlichen Raum lange Zeit gängigen Abwertung der erotischen Liebe hat man behauptet, die Liebeslieder des Hohenliedes hätten nicht eine erotische zwischenmenschliche Liebe im Blick, sondern seien ausschliesslich auf die Liebe zwischen Gott und Mensch