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Geschäftsleiterin eines grossen Ladens zu sein an der berühmten Bahnhofstrasse in Zürich, und zwar im ersten Gebäude der Strasse, der Nr. 1, ist kein unbedeutendes Amt. Dass 1974 eine junge Frau aus dem damaligen Jugoslawien so eine Stelle erhielt, war eine Seltenheit und grosse Ausnahme. Diese Kroatin, Anja Essellier, leitet das Pelz-Geschäft noch immer, obwohl sie schon längst AHV-Bezügerin ist.
Frau Essellier, können Sie mir etwas über Ihre Jugend erzählen?
Ich bin als jüngstes von 9 Kindern in Kutjevo in eine Landwirt-Familie hinein geboren. Mein ältester Bruder war 20 Jahre älter als ich. Nach dem zweiten Weltkrieg sind wir nach Savski Marof gezogen, wo mein Vater ein Handelsgeschäft mit landwirtschaftlichen Produkten aufgebaut hatte. Er kam ursprünglich aus Herzegowina, dort sind alle Leute fleissig und zäh. Ich habe das Gymnasium in Zagreb besucht.
Und wie kamen Sie in die Schweiz?
In der Bahn, die ich täglich nahm, um in die Schule nach Zagreb zu fahren, begegnete ich eines Tages einer Familie aus der Schweiz. Ich gab ihnen meine Adresse und sie besuchten uns. Sie waren von unserer Gastfreundschaft begeistert, und so luden sie mich in die Schweiz ein. Diese Einladung habe ich aber erst auf Umwegen einlösen können: Weil ich eine gute Schülerin war, wurde ich zur Mitgliedschaft in der Kommunistischer Partei eingeladen. Wenn ich zugestimmt hätte, hätte mich mein Vater aus dem Haus geworfen, denn er war strenger Katholik. Aber, „Nein“ durfte man gegenüber der Partei auch nicht sagen. So fing ich an, über Emigration nachzudenken – nach Deutschland oder Italien, weil ich Kunstgeschichte studieren wollte.
1962 reiste ich schliesslich in die Schweiz und besuchte diese Schweizer Familie. Sie hat mir sofort geholfen, eine Arbeit zu finden: bei einem älteren Herrn habe ich den Haushalt geführt. Weil ich eine sehr attraktive junge Frau war, legte er mir nahe, mich für den Mannequin-Beruf zu bemühen. Bald habe ich auch die Aufenthaltsbewilligung erhalten, zwar befristet, aber es ist mir gelungen. Sofort habe ich mich an der Uni für Kunstgeschichte eingeschrieben. Das Studium habe ich mit Lizenziat abgeschlossen.
Konnten Sie Deutsch sprechen?
Ich habe sogar sechs Sprachen beherrscht!
Und weiter?
Ich erhielt Mannequin- und Fotomodell-Aufträge aus New York und verschiedenen Ländern. Als ich einen amerikanischen Pelzhandel-Manager nach Kopenhagen begleiten musste, warb mich das grosse europäische Pelzunternehmen „A.C. Bang“ an. Sie haben mir einen so traumhaften Lohn angeboten, dass ich nicht ablehnen konnte. So wurde ich 1974 Assistent-Managerin bei A.C. Bang in Zürich und ein Jahr später die Geschäftsleiterin. Die Gruppe „A. C. Bang“ ist später von einer Schweizer Gesellschaft gekauft worden. Sie hat mich gebeten, das Geschäft weiterhin zu führen.
In den letzten Jahren wurden die Pelzherstellung und der Verkauf stark kritisiert. Wie sehen Sie das? Und wie läuft Ihr Geschäfts?
Wir haben keine Probleme mit „Anti Pelz“ in der Schweiz, weil wir strenge Vorschriften vom Bund haben und diese auch befolgen. Das was uns am meisten fehlt, ist die russische Kundschaft.
Und wie sind Sie Frau Essellier geworden?
Ich habe viel Sport betrieben und bin sehr viel gerannt, z.B. jeden Tag in der Mittagspause auf den Uetliberg hinauf. Ich lief bei Marathons mit in New York, Berlin und anderen Städten. Dabei habe ich Dr. med. Essellier kennengelernt, einen sehr erfolgreichen Zürcher Arzt. Er hat mich mit seinem umfangreichen Wissen, seinem Kunstverständnis und seiner sportlichen Leistung sehr begeistert und beeindruckt. Er wiederum war davon beeindruckt, dass ich viel nach Kroatien gereist war, als meine Eltern pflegebedürftig wurden. Er war 30 Jahre älter als ich, und eines Tages sagte er: „Du kümmerst dich so gut um deine Eltern, dann wirst du dich sicher auch um mich kümmern. Bitte werde meine Frau.“ Da ich sowieso bis zu seinem Tod bei ihm geblieben wäre, habe ich sofort ja gesagt.
Und wie geht es aktuell weiter?
Ich geniesse mein Haus und das schöne Leben in der Schweiz. Und solange ich kann, bleibe ich in diesem Geschäft. Es war mir stets eine grosse Freude, Menschen fachmännisch zu beraten und einzukleiden.
Text: Georg Foglar
Übersetzung: Ana Števanja-Macan