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“Denn ich sehe, dass du schläfrig wirst, und gehe, um dir den schönen Traum zu verschaffen, den ich dir versprochen habe.”
Vielleicht stimmt es tatsächlich, was der Genius sagt, der sich in Leopardis berühmtem Dialog mit dem gefangenen Torquato unterhält: Die Worte haben keinen anderen Zweck als das Leben zu erleichtern. Vielleicht haben die Worte wirklich die Macht, den kleinen Mann, den das Schicksal zum Unglück verdammt hat, anderswohin zu tragen, weit über die Hecke hinaus, so wie es Leopardi geschah, den uns die Ikonografie des 20. Jahrhunderts als einen Gefangenen auf seinem Landsitz in Recanati beschreibt. Man muss sich lediglich davor hüten, den fernen Horizont in Definitionen zu zwängen. Der Dichter Leopardi wusste genau, dass die Worte eine spezielle Kraft besitzen, solange sie zwischen ihrer Neigung, ein unmittelbarer Ausdrdruck von (wirklichen und erfundenen) Bildern zu sein, und der Unbestimmtheit, die daher rührt, Frucht einer Konvention zu sein, schweben. Worte sagen etwas, und gleichzeitig beschwören sie. Jedes Wort tönt auf zwei verschiedene Arten: Zwischen der sprechenden und zuhörenden Person gibt es eine unüberbrückbare Distanz, die am Anfang einer jeden Form der Erzählung steht.
Seltsamerweise, weil nicht beabsichtigt, sondern das Resultat von Zufällen und unterschiedlichen Absichten, dreht sich das Programm der zweiten Ausgabe von L’immagine e la parola um das Thema “Traum”. In den ausgewählten Filmen schwingt der hauchdünne Faden, der das Hier und das Anderswo, die Realität und die Phantasie, die Wünsche und die Bedürfnisse verbindet: Im visuellen Truggebilde, das in L’Inhumaine die künstlerischen Avantgarden vorwegnimmt, ebenso wie in den Fluchtwünschen der Protagonisten von Piccola Patria; im schmerzhaften Erkennungsprozess der Hauptdarstellerin von L’amore molesto im lebendigen Neapel ebenso wie im 19. Jahrhundert, das Reitz auf minutiöse Art wiedererschaffen hat für sein aussergewöhnliches Projekt, einen Ort anhand einer Familiensaga zu erzählen. In der Tat ist es Jakob Simon, der Hauptdarsteller des letzten Teils der Heimat- Trilogie, der diesen Gedanken am besten von allen verkörpert. Wie Leopardi, aber in einer Bauernfamilie geboren, ist Jakob ein “fabelhafter Junge”, der die Fähigkeit besitzt, auf seinen Worten zu segeln und in ihnen eine Lebenswelt zu finden. In den Worten, in die er sich verliebt, hallt der Ton des Jenseits wider. Bevor man sie versteht, muss man sie hören. Wie eine Musik.
Analog zur Musik adelt auch das Kino die Worte und Bilder. Und vielleicht ist es kein Zufall – für uns zumindest ist es keiner –, dass diese Kunst des Realen in den ersten Jahren eines neuen Millenniums sich nicht dazu herablässt, das wiederzugeben, was ist, sondern vielmehr das vorstellt, was sein könnte.