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Das Buch «Das Fräulein Müller und die Josef Müller Stiftung Muri» von Christoph Zurfluh gibt tiefe Einblicke in das Leben einer kaum bekannten Frau.
Mathilde Müller war es, die der Gemeinde Muri durch die Einrichtung der Josef Müller Stiftung einen Geldsegen beschert hatte, den niemand in der Gemeinde in diesem Ausmass erwartet hätte. Doch die Frage, wer denn eigentlich diese Frau war, beschäftigt noch heute. Denn die bescheidene und sehr reservierte Dame, die ihr ganzes Leben Fräulein genannt werden wollte, weil sie nie heiratete, gab kaum je Details aus ihrem Leben bekannt. Daher wollte der Stiftungsrat der Josef Müller Stiftung in einer Dokumentation für die Nachwelt erhalten, wer denn die grosszügige Stifterin gewesen war. Der Buchautor Christoph Zurfluh wurde mit den Recherchearbeiten betraut. Er machte sich auf, um in einem Leben zu forschen, das wie ein Buch mit sieben Siegeln war. Aus der internen Dokumentation für die Stiftung wurde nun ein Buch, das kürzlich in Muri Vernissage feiern konnte. Das Buch kommt in einer gefälligen, aber etwas distanzierten Aufmachung daher und wird alleine schon durch sein schlichtes Design dem Inhalt über das Leben des Fräuleins Müller gerecht.
Eine Stiftung mit dem Namen des Vaters
Aber warum trägt nun die Stiftung in Muri den Namen von Josef Müller (1865 bis 1925) und nicht etwa denjenigen von Mathilde Müller? Diese Geschichte ist rasch erzählt. Josef Müller war der Vater von Mathilde Müller. Er war ein uneheliches Kind und auf einem Bauernhof im Weiler Muri-Hasli bei Pflegeeltern auf. Der Vater schien ein intelligenter Knabe zu sein, denn er schaffte es an die Bezirksschule. Allerdings war er kein sehr erfolgreicher Schüler. Seine Pflegeeltern schickten den Knaben dann nach Luzern. Dort kam er als Ausläufer bei der «Teiggi», der Teigwarenfabrik Kriens, unter. Nebenbei verkaufte er auf eigene Rechnung Cailler-Schokolade. Er erwies sich als geschickter Verkäufer und fand in einer begüterten Luzerner Familie ein Ersatz-Zuhause. Josef Müller mauserte sich zum guten Verkäufer mit einem guten Riecher für das Geschäft und bekam bei Cailler eine Anstellung. Hier machte er Karriere bis ganz hinauf in die Chefetage. Während dieser Karriere kaufte er viele Aktien, und hier liegt auch der Grundstock für das Vermögen der Josef Müller Stiftung. Mathilde Müller verehrte ihren Vater sehr und wollte wohl seiner Heimatgemeinde Muri durch die Einrichtung der Josef Müller Stiftung den Namen des Vaters unvergesslich machen. Der Name eines Mannes, der es in der Fremde zu Erfolg gebracht hatte.
Vom Unglück eine Frau zu sein
Wenn man das Buch «Das Fräulein Müller» liest, dann erfährt man nicht nur, woher die vielen Millionen der Josef Müller Stiftung stammen. Ausserdem erfährt man natürlich das eine oder andere über Mathilde Müller (1905 bis 1991). So erhält man den Eindruck, dass Mathilde Müller ihr ganzes Leben darunter gelitten hat, kein Mann zu sein. Die Enttäuschung über die Geburt eines Mädchens war bei ihren Eltern schon gross, vor allem bei der Mutter. Bereits als junges Mädchen versuchte Mathilde Müller wohl den Platz des fehlenden Stammhalters auszufüllen. Sie bekam eine ausgezeichnete Schulbildung, scheiterte aber an der Maturitätsprüfung, was sie in eine schwere Krise stürzte. Dann starb völlig unerwartet ihr Vater. Er hinterliess der Zwanzigjährigen ein überaus grosszügiges Erbe. Als Frau meldete sie sich für den Aktivdienst im Zweiten Weltkrieg und diese Zeit liess sie förmlich aufblühen. Umso tiefer der Fall, nachdem der Krieg zu Ende war. Mathilde Müller, und das zeigt das erschienene Buch auf eindrückliche Weise, war nicht nur eine einsame Frau, die sich schlecht in der Öffentlichkeit bewegen konnte. Sie war auch eine sehr depressive Frau, die sich sogar mehrmals versuchte, das Leben zu nehmen. Obwohl sie alles hatte, um eigentlich ein glückliches Leben zu führen, zerbrach sie daran. Sie war immer auf der Suche nach einem Stück Heimat, nach Liebe und Wärme.
In Muri das Gesuchte gefunden
In der Heimatgemeinde ihres Vaters scheint sie das Gesuchte gefunden zu haben. So zeigte sie sich mit der Einrichtung der Stiftung im Jahr 1980 erkenntlich. Glücklich war sie auch, dass die Gemeinde Muri ihre Stiftung durchaus zu schätzen wusste und sich verschiedene Personen aus Muri um sie bemühten und sie regelmässig in Luzern im Altersheim besuchten. Gerade weil in den letzten Jahren die einsame Frau eine solche Aufmerksamkeit bekam, bedachte sie schliesslich die Murianer Stiftung mit ihrem gesamten Erbe. Dies waren zum Zeitpunkt ihres Todes rund 27 Millionen Franken. Ein Geldsegen, den sich Muri so wohl nie erhofft hatte. Das Buch «Das Fräulein Müller und die Josef Müller Stiftung Muri» lässt nun das Bild der ehrwürdigen Dame für die Ewigkeit im rechten Licht erstehen.
Bettina Leemann
27. Oktober
Bild: zVg