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Erstmals seit 20 Jahren wurde im Januar 2018 in weiten Teilen der Schweizer Alpen die höchste Gefahrenstufe prognostiziert. Trotz 150 Schadenlawinen gab es in Siedlungen und gesicherten Gebieten keine Todesopfer. Die nach dem Lawinenwinter 1999 eingeführten Massnahmen haben sich bewährt. Dies zeigt die Ereignisanalyse Januar 2018, die das SLF im Auftrag des BAFU erarbeitet hat.
In der Schweiz gab es immer wieder extreme Lawinenwinter, die Opfer forderten und Schäden verursachten. Sie brachten aber auch Fortschritt im Schutz vor dieser Naturgefahr. Während nach dem Lawinenwinter 1951 Verbauungen in Anrissgebieten sowie nach 1968 die Erarbeitung von Gefahrenkarten im Fokus der Lehren und Optimierungen standen, wurde nach dem Lawinenwinter 1999 der Schwerpunkt auf die Verbesserung der organisatorischen Massnahmen und die Ausbildung der Lawinendienste gelegt.
Im Winter 2018, ab dem Zeitraum vom 15. Januar und verstärkt vom 21. bis 23. Januar 2018, fiel in den Alpen lokal über 3 m Schnee. Es entstand eine ausserordentliche Lawinensituation. Erstmals seit 1999 wurde während eineinhalb Tagen die höchste Gefahrenstufe 5, «sehr gross», prognostiziert. Wenn auch der Januar 2018 bei weitem nicht so extrem in Bezug auf Schneemengen und Lawinenaktivität wie der Februar 1999 war, so war der Januar 2018 doch der erste massgebliche Test für den Lawinenschutz seit dem Februar 1999.
Lehren aus dem Lawinenwinter 1999 umgesetzt
Wie nach dem Lawinenwinter 1999 erarbeitete das SLF mit Unterstützung des BAFU (Bundesamt für Umwelt) eine detaillierte Ereignisanalyse zum Januar 2018, die nicht nur die Lawinensituation und die Schäden beschreibt, sondern auch untersucht, ob die seit 1999 getroffenen Massnahmen sich bewährt haben, die Erkenntnisse darlegt und den allfälligen Handlungsbedarf identifiziert.
Die nach dem Lawinenwinter 1999 geforderten Massnahmen wurden grösstenteils realisiert. Es war richtig, dass damals der Schwerpunkt auf die Stärkung der nationalen und regionalen Lawinenwarnung (Publikation Lawinenbulletin zweimal täglich in vier Sprachen), die Ausbildung der Sicherheitsverantwortlichen (Kurse in zwei Stufen und drei Sprachen) und den Ausbau der Messnetze (Anzahl IMIS-Stationen auf 170 nahezu verdoppelt) gelegt wurde.
Schutzmassnahmen gegen Lawinen waren erfolgreich
Die öffentliche Hand realisiert seit vielen Jahrzehnten Massnahmen zur Reduktion des Lawinenrisikos im Rahmen des integralen Risikomanagements: Bauliche (Lawinenverbauungen), organisatorische (Lawinenwarnung, Sperrungen), planerische (Gefahrenkarten) und biologische (Schutzwald) Massnahmen wirken und unterstützen sich gegenseitig.
Die Ereignisanalyse 2018 zeigt, dass im Zeitraum vom 3. bis 23. Januar 2018 150 Lawinen Schäden an Gebäuden, Verkehrswegen, Fahrzeugen, Stromleitungen oder Transportanlagen, Wald oder Flur verursachten. Vereinzelt lösten sich auch Lawinen aus verbauten Anrissgebieten. Dies zeigt, dass es keinen absoluten Schutz vor Naturgefahren gibt. Bei 53 Lawinen kam es zu einer Räum- oder Suchaktion. In Siedlungen und in gesicherten Gebieten gab es keine Todesfälle. Zum Vergleich: Im Lawinenwinter 1999 gab es 17 Todesopfer, im Lawinenwinter 1951 sogar 95 Todesopfer in Siedlungen und gesicherten Gebieten.
Fazit: Der nach 1999 weiter optimierte Lawinenschutz hat die jüngste Bewährungsprobe bestanden, wenn auch ein direkter Vergleich letztlich nicht möglich ist, da die Schneemengen im Januar 2018 geringer waren.
Hohe Anforderungen an die Lawinendienste
Die Hauptlast bei einer ausserordentlichen Lawinensituation liegt bei den lokalen Lawinendiensten von Gemeinden, Bahnen und Tiefbauämter. Sie beurteilen die Gefahr vor Ort und treffen die nötigen Massnahmen wie Sperrungen, künstliche Lawinenauslösung und allenfalls Evakuation. Die Lawinendienste haben die anspruchsvollen Lawinenperioden im Allgemeinen gut bewältigt. Eine zusätzliche Herausforderung war im Januar 2018 die hohe und variable Schneefallgrenze: Deshalb fiel der Niederschlag in mittleren und tiefen Lagen oft als Regen und löste Rutschungen, Murgänge und Steinschlag aus. Vielerorts mussten die Lawinendienste zudem die Gefahr durch Gleitschneelawinen beurteilen, was besonders anspruchsvoll ist, da Gleitschneelawinen schwierig vorauszusehen und noch wenig erforscht sind.
Aussergewöhnliche Lawinensituation und Klimaerwärmung
Während der Grossschneefallperiode im Januar 2018 regnete es wiederholt bis in hohe Lagen. Die hohe Nullgradgrenze und Regen bis in hohe Lagen könnten zur Schlussfolgerung verleiten, dass diese Phänomene im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung stehen.
Doch von einem Einzelereignis wie der Lawinensituation im Januar 2018 kann kein Bezug zum Klimawandel hergestellt werden kann. Auch im Februar 1999 stieg die Schneefallgrenze zwischenzeitlich am 19./20. Februar bis über 2000 m an.
Bei der diesjährigen Grossschneefallsituation im Januar 2019 waren die Temperaturen durchwegs tief. Vergleicht man die beiden Grossschneefallsituationen von 2018 und 2019, dann zeigt sich deutlich, dass die Temperatur in tieferen Lagen einen grossen Einfluss auf das Fliessverhalten und den Auslauf der Lawinen hatte. Während im Januar 2018 die meisten Lawinen im Auslauf nass waren, kam es 2019 zu vielen Staublawinen, die zum Teil Waldschäden verursachten und bis weit in die Täler vorstiessen.
Es ist zurzeit nicht klar, wie sich die weiter fortschreitende Erwärmung und das leicht veränderte Niederschlagsregime auf die zukünftige Lawinenaktivität, insbesondere in Grossschneefallsituationen, auswirken. Es ist daher verfrüht, Anpassungen beim Risikomanagement vorzunehmen.
Künftige Herausforderungen
Um weitere ausserordentliche Lawinensituationen erfolgreich meistern zu können, muss der hohe Standard im Lawinenschutz in der Schweiz von allen Beteiligten – Bund, Kantone, Gemeinden und lokalen Lawinendiensten – gehalten werden. Die nach dem Lawinenwinter 1999 initiierten Massnahmen sind daher weiterzuführen und deren Finanzierung ist längerfristig sicherzustellen. Ebenso wichtig ist der ständige Unterhalt der Lawinenverbauungen und die systematische Pflege des Schutzwaldes. Die gestiegenen Anforderungen an die Sicherheit erfordern zudem insgesamt eine weitere Professionalisierung der lokalen Lawinendienste.
Der Umgang mit Gleitschneelawinen und vereinzelt neuen Phänomenen wie «Sulzströme» stellt die Lawinendienste vor grosse Herausforderungen. Die Erforschung der Ursachen und der zeitlichen Entwicklung des Gleitschnees sollten intensiviert werden. Auch der Einfluss des Klimawandels auf die zukünftige Lawinenaktivität sollte gemäss Analyse detaillierter untersucht werden.