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«Camera, Lights, Action!»
Seit über hundert Jahren dient die Baustelle als Filmschauplatz. Zwischen Armierungseisen und Betonmischer finden sich Filmfiguren wie Laurel und Hardy und James Bond, aber auch ein buntes Ensemble von sowjetischen Arbeitern, amerikanischen Polieren oder Schweizer Familien.
Der Spielfilm ist eine Zeitmaschine. Noch in den besten Kulissen und kühnsten Drehbüchern sind stets die Spuren der Realität eingeschrieben. Wer sich für die Entwicklung der Baustelle und der Arbeitsverhältnisse in den letzten hundert Jahren interessiert, findet deshalb in der Filmgeschichte reiches Anschauungsmaterial. Zwischen Betonmischer, Kranhaken und Spundwänden spielen Propagandafilme, Komödien, sozialkritische Dramen und selbst Thriller. Eine provisorische Filmliste für Baufachleute beginnt mit Akrobatik und Lachern: Liberty (Leo McCarey, USA 1929) spielt auf einer Hochhausbaustelle. Stan Laurel und Oliver Hardy sind soeben aus dem Gefängnis geflohen und verstecken sich auf der Baustelle eines Hochhauses. Dort landen sie prompt im obersten Geschoss des Rohbaus. Zehn Stockwerke über dem Boden balancieren und taumeln die beiden um ihr Leben, bevor ihnen endlich die Flucht gelingt. Thematisch verwandt ist Skyscraper (Howard Higgin, USA 1928), ein solides Hollywood-Produkt. Der Stahlbauer Blondie (William Boyd) wirbt um die hübsche Sally (Sue Carol), eher nebenbei erledigt er noch seine beruflichen Pflichten. Ein zeitgenössischer Rezensent der «New York Times» beschrieb den Film als «wild attempt to glorify the steel riveter». In den Filmen der 1940er- und 1970er-Jahre wird das ikonische Motiv der «ironworker» dann wieder auftauchen, bevor es zusammen mit den Macho-Rollenbildern und der Arbeit ohne Schutzhelm verschwindet.
Im europäischen Film dieser Jahre sieht man die Baustelle eher als Nebenschauplatz. In Berlin: Die Sinfonie der Grossstadt (Walter Ruttmann, Deutschland 1927) taucht sie neben Schlachthöfen, Büros, Verkaufsgeschäften, Fabriken, Stromwerken oder Bäckereien nur als weiterer Werkplatz auf. Bedeutsam ist sie hingegen als Filmschauplatz für die aufstrebende Sowjetunion. Sie bildet den idealen Hintergrund für den modernen Helden, den für das grössere Ganze schuftenden Bauarbeiter. So zeigt Turksib (Victor A. Turin, UdSSR 1929) den Bau der Turkestan-Sibirischen Eisenbahn. Die alte Geschichte vom Kampf des Menschen gegen die Natur wird hier mit dramatischen Montagen und beinahe biblischen Zwischentiteln erzählt. Sprengstoff, Dampfbagger und Baubahn künden von der Ankunft der Moderne und dem Versprechen der Mechanisierung. Doch im Gedächtnis bleiben die langen Kolonnen der Arbeiter mit Spitzhacke und Schaufel und die mit Eisenbahnschwellen bepackten Dromedare.
Plakat zur Aufführung des Films "Spur der Steine", der bereits nach drei Tagen wieder aus den DDR-Kinos verschwand.
Beispiele gibt es noch viele. Natürlich standen Bauarbeiter auch im deutschen Arbeiter- und Bauernstaat im Mittelpunkt von Filmproduktionen. Doch leider war dem Film "Spur der Steine" (Frank Beyer, DDR 1966) kein langer Erfolg vergönnt. Er entstand während einer Phase des zaghaften Tauwetters in der DDR, wurde aber von der SED nach nur drei Tagen in den Kinos als «antisozialistisch» verboten. Bis im Herbst 1989 blieb der Film im Giftschrank der Partei, zusammen mit einem Dutzend anderer Werke. Die Hauptfigur in Spur der Steine ist der «Brigadeleiter» (Polier) Hannes Balla (Manfred Krug). Er hat seine Leute und seine Baustelle im Griff und schert sich wenig um die offiziellen Vorgaben. Dann treffen die Ingenieurin Kati Klee (Krystyna Stypułkowska) und der Parteisekretär Werner Horrath (Eberhard Esche) gleichzeitig auf Ballas Baustelle ein. Zwischen den beiden Männern entbrennt ein Wettstreit um Katis Gunst. Es folgen eine heimliche Liebschaft, eine ungeplante Schwangerschaft und ein Ende, das alle Protagonisten beschädigt – für den damaligen Arbeiter- und Bauernstaat ein unheimlicher Affront.
James Bond (Sean Connery) beseitigt in «Diamonds are forever» den Meta-Schurken Blofeld mit einem Hydroseilbagger.
Solides Filmvergnügen versprechen seit über 40 Jahren die Filme der James-Bond-Reihe. Das gilt auch für die Baustelle, denn der berühmteste Agent von MI6 hantiert immer wieder mit schwerem Gerät, zum Beispiel in Diamonds are forever (Guy Hamilton, UK 1971). Hier befördert James Bond (Sean Connery) den Bösewicht Blofeld (Charles Gray) mit Hilfe eines Hydroseilbaggers ins Jenseits. Auch in jüngeren Bond-Filmen dient die Baustelle als willkommener Schauplatz, so etwa in The world is not enough (Michael Apted, UK/USA 1999). Die längsten und überzeugendsten Baustellen-Szenen gibt es jedoch in Casino Royale (Martin Campbell, UK 2006). Gleich zu Beginn jagt hier James Bond (Daniel Craig) den Attentäter Mollaka (Sébastien Foucan). Nach einer furiosen Eröffnung mit einem Radlader von New Holland verfolgt Bond den Bösewicht zu Fuss. Die darauf folgenden Parkour-Sequenzen mit atemberaubenden Klettereinlagen auf zwei Turmdrehkranen und einer Verfolgungsjagd im Rohbau gehören zu den besten Action-Sequenzen aller Bond-Streifen – gerade weil sie ohne Reifenquietschen, Fallschirme oder atomare Sprengköpfe auskommen. Kürzer, aber für Caterpillar ebenfalls ehrenvoll war die Eröffnungssequenz von Skyfall (Sam Mendes, UK / USA 2012). Hier baggert James Bond (Daniel Craig) für einmal wortwörtlich, und zwar mit einem Cat 320 D L und auf einem fahrenden Zug.
Der komplette Artikel von Michael Staub ist in der heutigen Ausgabe des Baublattes Nr. 48 zufinden. (cb)