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Während Jahrhunderten war Schlieren ein Bauerndorf. Mit der Industrialisierung veränderte sich das Leben der Einwohner grundlegend und das Dorf entwickelte sich in der Nachkriegszeit zur Stadt. Der Niedergang der Industrie führte in den Achtzigerjahren zu einem erneuten Strukturwandel. Bis zur Industrialisierung lebten in Schlieren Bauern, Tagelöhner und Handwerker.
Mit der Industrialisierung ist die Stadt gewachsen
Die Begradigung und Eindeichung der Limmat von 1876 bis 1912 ermöglichte die Entwicklung industrieller Betriebe in Schlieren. Entlang des Flusslaufs wurden grosse Flächen von bisher landwirtschaftlich wenig wertvollem Riedland nutzbar. In Schlieren machte dies einen Drittel des Gemeindegebiets aus. Es war grösstenteils im Besitz der Bürgergemeinde und wurde zu gesuchtem Bauland, das in der Wirtschaftsmetropole Zürich Mangelware war.
Nach und nach siedelten sich Industriebetriebe in Schlieren an: 1867 die Leimsiederei (später Chem. Fabrik Geistlich Söhne AG). 1898 folgte die städtische «Gasfabrik». 1895 hatte J. C. Geissberger für die industrielle Fertigung seiner Luxuskutschen 23 ha Land entlang der Bahnlinie gekauft. Aus ihr wurde 1899 die Waggonfabrik Schlieren, die «Wagi». 1905 kamen die Färberei Schlieren und 1910 das Aluminiumschweisswerk dazu.
Der Bedarf an Fabrikarbeiterwohnungen löste zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Bau von Mietskasernen entlang der Zürcher- und Bahnhofstrasse aus. Auch im Gaswerkareal entstanden Arbeiter- und Angestelltensiedlungen. Entsprechend wuchs die Bevölkerung Schlierens rasch an. 1888 zählte Schlieren 777 Einwohnerinnen und Einwohner. Bis 1900 verdoppelte sich die Bevölkerungszahl und erreichte im anschliessenden Jahrzehnt das Vierfache. Nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte ein weiterer sprunghafter Anstieg. 1960 erreichte Schlieren die Zehntausendergrenze.
Die autogerechte Stadt
1969 bis 1974 wurden alle Planungsmassnahmen dem ungehinderten Verkehrsfluss des Autos untergeordnet. Um die Zürcher-/Badenerstrasse auf vier bis sechs Spuren ausbauen zu können, mussten zahlreiche Häuser im Dorfzentrum der Strasse weichen. Ein weiterer Wachstumsschub führte in dieser Zeit zur Entstehung des Spitalquartiers. 1974, bei 12 324 Einwohnern, wurde das Gemeindeparlament eingeführt. Damit wurde Schlieren auch politisch zur Stadt.
Höchster Ausländeranteil der Schweiz
Immer mehr Lohnarbeiter und Mieter lebten in Schlieren, die völlig andere Alltagsstrukturen, Bedürfnisse und politische Ziele hatten als die Landwirte. Sie waren auf Läden angewiesen, organisierten sich in Gewerkschaften, schlossen sich der sozialdemokratischen Partei an und gründeten eigene Musik-, Schützen- und Turnvereine. Viele der frühen Neuzuzüger kamen aus strukturschwachen Gebieten wie der Innerschweiz und aus Italien. Zwischen 1900 und 1910 lag der prozentuale Anteil der Ausländer bei 26 Prozent. Nach dem Ersten Weltkrieg nahm dieser Anteil wieder ab, stieg nach dem Zweiten Weltkrieg aber wieder stetig an. 2009 erreichte Schlieren mit 42 Prozent den höchsten Ausländeranteil der Schweiz.
Die Industrie lässt Brachen zurück
Der Niedergang des Industriezeitalters wurde 1974 mit der Umstellung der Gasversorgung von Stadtgas (Brennstoff der Städte, der durch Kohlevergasung hergestellt wurde) auf Erdgas eingeläutet. In Schlieren wird seither Gas nur noch zwischengelagert und verteilt. Ein schwarzer Tag für die Schlieremer Industrie war der 16. Mai 1983, als Schindler Waggon in Pratteln bekannt gab, die Schweizerische Waggons- und Aufzügefabrik Schlieren bis Ende August 1985 schrittweise zu schliessen. Die Schliessung bedeutete das Ende für 740 Arbeitsplätze. Ende 1985 stellte die Färberei Schlieren mit 98 Arbeitsplätzen ihren Betrieb ein. 1987 kündigte das Aluminium Schweisswerk an, den Betrieb zu reduzieren und die Produktion zu verlagern. Kurze Zeit später war die Kühlschrankherstellerin Sibir am Ende. Und schliesslich verlagerte auch die Leimfabrik Geistlich ihre Tätigkeit auf verschiedene Standorte. Dadurch wurden in der Stadt Schlieren innert wenigen Jahren Tausende von Quadratmetern Industrieland zur Brache.
Bauboom und Aufbruchstimmung
Da in Zürich und der Agglomeration nur noch wenig erschlossenes Bauland zur Verfügung stand, konnte Schlieren den Wirtschaftsaufschwung der letzten Jahre besser nutzen. Besonderer Vorteil Schlierens war, dass das Bauland entlang der Bahnlinie gut erschlossen war. Mit dem Beginn des Baubooms verzeichnet Schlieren erneut ein rasantes Bevölkerungswachstum. Nebst modernen Wohnhäusern sind aber auch neue Arbeitsplätze entstanden, viele davon im Biotech-, Medizinal- und Cleantech-Bereich.
Stadtentwicklung in der Zukunft
Schlieren war und ist eine Gemeinde, in der überdurchschnittlich viele statustiefe und einkommensschwache Personen zu Hause sind. Laut der Analyse von Michael Hermann und Mario Nowak (Forschungsstelle sotomo am Geographischen Institut der Universität Zürich) sind es zwei Kräfte, die dafür sorgen, dass Schlieren mit dieser Situation weiterhin zu kämpfen haben wird. Erstens wird auch in Zukunft ein Teil der Schlieremer Einwohner in den weniger dicht besiedelten Westen des Limmattals ziehen, wenn die finanziellen Verhältnisse den Erwerb von Wohneigentum erlauben. Zweitens ist Schlieren eine Art Überlaufbecken, in das Personen ziehen, die sich die teuren zentralen Lagen in der Stadt Zürich nicht mehr leisten können. Die Wachstumsdynamik der letzten Jahre hat jedoch genügend Gegenkräfte freigesetzt, um den Substanzverlust zu kompensieren. Dazu kommt, dass die starke Zuwanderung eine ebenso starke Verjüngung der erwachsenen Bevölkerung mit sich gebracht hat. Damit wird ein Teil der Einkommenspotenziale der neuen Einwohnerinnen und Einwohner erst in Zukunft realisiert, wenn die jungen Erwachsenen älter werden und in höhere Lohnklassen aufsteigen. Voraussetzung dafür ist, dass diese jungen Erwachsenen in Schlieren bleiben. Das ist die Herausforderung der Stadtentwicklung der nächsten Jahrzehnte.
Die räumliche Stadtentwicklung legt die Basis für die Zukunft
Die urbane Entwicklung der Stadt in den letzten Jahren hat bei jungen Zuzügerinnen und Zuzügern Anklang gefunden. Die neuen Bewohner bringen urbane Lebensstile mit – gerade was das Mobilitätsverhalten sowie die Rollen- und Familienmodelle betrifft. Die Fachleute sind sich einig: Der Druck auf die Stadt Zürich lässt deren Kernzonen wachsen: vom Industriequartier zum Albisriederplatz nach Altstetten und schliesslich über die Stadtgrenzen hinaus nach Schlieren. Damit wird Schlieren selber immer zentraler und urbaner und als Wohnstandort attraktiver. Die aktuelle dynamische Bevölkerungsentwicklung bietet die Chance, Schlieren auf ein solideres Fundament zu stellen. Ein Fundament, das auch trägt, wenn die Bevölkerungsentwicklung dereinst an Dynamik verlieren wird. Für die räumliche Stadtentwicklung bedeutet dies, den eingeschlagenen Weg fortzusetzen.
Mit der Sanierung und Erneuerung alter Bausubstanzen hat Schlieren in allen Quartieren noch Entwicklungspotenzial. Die Limmattalbahn wird zu einem urbaneren Stadtbild beitragen. In Schlieren West wird ein neues Schulhaus erstellt, das in diesem Gebiet räumlich eine markante Zäsur bilden und für das Quartierleben eine grosse Bedeutung haben wird.
Für das Zentrum ist die zukünftige Verkehrsführung und die Gestaltung des Stadtplatzes von grosser Bedeutung. Durch die Verlegung der Strasse könnte der Stadtpark erweitert werden.
Schlieren Nostalgie
Schlieren die HIGHTECH-Stadt