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Er traute seinen Augen nicht, als er die Ergebnisse einer Studie der Leibniz-Universität Hannover und der Technischen Universität Wien auf seinem Schreibtisch hatte, meint Georg Steinhauser, der die Forschungsarbeiteten leitete. Das Fleisch von Wildschweinen, die zwischen 2019 und 2021 in Bayern erlegt wurden, wies eine überdurchschnittlich hohe Radioaktivität auf. Ende August ist die Studie in der Zeitschrift Environmental Science & Technology erschienen.
Warum gerade Wildschweine?
Die untersuchten Tiere wiesen zwischen 370 und 15’000 Becquerel pro Kilogramm Fleisch auf. Für den menschlichen Konsum gilt eine Obergrenze von 600 Becquerel. Nach einer weiteren Nachprüfung bestätigten sich die Resultate des Forschungsteams. Wie war das nur möglich? Der erste Gedanke galt natürlich der Kernschmelze von Tschernobyl 1986 und deren Langzeitfolgen. Aber warum gerade bei Wildschweinen?
Auf die zweite Frage gibt es eine einleuchtende Antwort: Wildschweine ernähren sich vor allem von Hirschtrüffeln (Elaphomyces), die von ihnen unter dem Boden aufgespürt und gegessen werden. Es ist bekannt, dass Pilze generell und Trüffel im Besonderen die Radioaktivität binden und absorbieren. Laut des deutschen Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) weisen viele wilde Pilze einen Radioaktivitätsgrad von bis zu 1000 Becquerel auf, was normalerweise keine Gefahr für den Menschen darstelle. Die von den Wildschweinen verzehrten Hirschtrüffel scheinen dagegen Werte aufzuweisen, die für den menschlichen Konsum ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen.
Atomwaffentests als Ursache
Auf die erste Frage aber gab es eine überraschende Antwort: Rund drei Viertel der hohen Becquerel-Wert bei erlegten Wildschweinen in Bayern geht auf die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahre 1986 zurück. Für etwa ein Viertel der noch immer vorhandenen radioaktiven Belastung aber sollen die in den 1950er und 1960er Jahren üblichen Atomwaffentests in der Atmosphäre der Grund sein.*
Nach dem ersten Nukleartest in der Wüste von New Mexico im Jahr 1945 erprobten die USA, die Sowjetunion und China (später auch Frankreich und Grossbritannien) bis in die 1970er Jahre ihre Atomwaffen, indem sie diese über dem Boden explodieren liessen. Dies führte zu einer schweren radioaktiven Verschmutzung der Atmosphäre, die sich praktisch über den gesamten Erdball ausbreitete. Menschen erkrankten an Krebs und chronischen Krankheiten.
Insgesamt haben die Nuklearmächte rund 500 atmosphärische Atomwaffentests durchgeführt, bis diese endlich in den Untergrund verlegt wurden.
Allerdings wirken die Langzeitfolgen dieser Tests bis heute nach und können, wie die besagte Studie zeigt, auch nachgewiesen werden. Nach Tschernobyl wurden die Fauna und Flora der Ukraine, von Belarus, Russland und ganz Zentraleuropa regelmässig nach radioaktiver Belastung geprüft. Aber niemand scheint bis heute auf die Idee gekommen zu sein, dass diese auch von den Atomwaffentests vor bald 70 Jahren herrühren könnte.
Zuordnung der Radioaktivität mit einer neuen Methode
Allerdings räumte Martin Steiner, Wissenschaftler beim deutschen Bundesamt für Strahlenschutz in einem Interview aufgrund der Studie ein, dass ihm und seinen Kolleginnen und Kollegen schon seit längerem bekannt gewesen sei, dass aus den Atomwaffentests Mitte des 20. Jahrhunderts immer noch eine beachtliche Strahlung in der Umwelt vorhanden sei.
Die Studie der beiden Universitäten Hannover und Wien haben jetzt den Beweis dazu geliefert. Dabei wandten die Forschenden eine neue Methode an: Sie analysierten das Verhältnisses zweier Cäsium-Isotopen (135 und 137), um die Kadaver von Wildschweinen zu analysieren. Da Kernkraftwerke wie Tschernobyl und Atomwaffen diesbezüglich leicht andere Verhältniswerte aufweisen, konnten die Forschenden die erhöhte Radioaktivität eindeutig den Atomwaffentests zurechnen.
Langzeitfolgen von Radoaktivität
Für die menschliche Gesundheit mache es allerdings keinen Unterschied, ob die erhöhte Radioaktivität von der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder von den Atomwaffentests der 1960er und 1970er Jahre herrühre, meinte der schon erwähnte Wissenschaftler des deutschen Stahlenschutzamtes. Trotzdem aber wirft es ein neues Licht auf die Langzeitfolgen solcher Tests, auch wenn diese in geografisch weit entfernten Gebieten stattgefunden haben.
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Quelle: New York Times.
*Korrigendum: In einer früheren Version stand hier, der Hauptgrund für die radioaktive Belastung der Wildschweine seien die Nuklearwaffentests. Die Redaktion bedauert den Fehler.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.