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«Jeremy Clarkson, wie man ihn noch nie erlebt hat», verspricht Prime Video zur neuen Serie «Clarkson's Farm». Was ist passiert? Vollgas-Jeremy wird klimaneutral.
Jeremy Clarkson ist hierzulande weit weniger kontrovers als in seiner Heimat. Hier kennt man ihn bloss als den, der bei «Top Gear» und «Grand Tour» Vollgas gibt und «POWERRRRRR!» brüllt. In Grossbritannien ist er viel entzweiender – allgegenwärtig als Quizmaster bei «Who Wants to Be a Millionaire» und als Moderator zahlloser Dokfilme; als Kolumnist und Lieferant ebenso erschreckend anstössiger wie auch wunderbar zitierbarer Soundbites, aber, nervig und provokant.
Und, ja, da war noch die Sache der Tätlichkeit gegenüber einem Mitarbeiter, die ihm schliesslich den Job bei der Erfolgsproduktion «Top Gear» kostete. Die leise Vermutung, dass er am Ende vielleicht einfach ein arrogantes A-Loch sein könnte – daran könnte durchaus was sein.
Und dieser Jeremy Clarkson also macht nun einen auf Landleben? Clarkson freut sich über Feldblumen? Clarkson hegt Lämmlein? Clarkson ganz sanft?
Solche Szenen gibt es in «Clarkson's Farm» tatsächlich zur genüge. Trotzdem ist die Serie auf Prime Video alles andere als eine Schnulze. Hier geht es ums Bauern. Und das ist bekanntlich harte Arbeit.
Darum geht es: «Clarkson's Farm» dokumentiert ein Jahr des Farmbetriebs von Jeremys Diddly Squat Farm in der Grafschaft Oxfordshire nahe dem Ort Chipping Norton.
Die Farm war früher Teil eines grösseren Anwesens, von dem Jeremy Clarkson 2008 etwa tausend Hektar kaufte, darunter die Curdle Hill Farm. Auf den Feldern wurde hauptsächlich Ackerbau betrieben, mit einer Fruchtfolge aus Gerste, Raps und Weizen. Sie wurden auf Vertragsbasis von einem örtlichen Bauer bewirtschaftet, der sich jedoch 2019 zur Ruhe setzte. «Clarkson's Farm» setzt genau in jenem Moment an, in dem Jeremy beschliesst, sein Land fortan selbst zu bewirtschaften. Die Farm wird in Diddly Squat umgetauft – englischer Slang für ‹eine Sache von geringem Wert oder Bedeutung›.
Diese Prämisse birgt gehörig Sprengpotential, denn mit Clarksons üblicher «Platz da, jetzt komme ich»-Haltung, wie er sie in seinen Autoshows stets einnimmt, dürfte er nicht allzu weit kommen. Hier ist Teamfähigkeit gefragt. Vorhang auf für:
Charlie Ireland, professioneller Agronom und Landagent, berät Clarkson in Sachen Farmmanagement. Er versteht die landwirtschaftlichen Aspekte der Feldfrüchte, die komplexen Details der staatlichen Regulierung und die finanziellen Konsequenzen. Von Clarkson «Cheerful Charlie» genannt, da er meist als Überbringer schlechter Nachrichten und ärgerlicher gesetzlicher Vorschriften fungiert, ist er stets die Stimme der Vernunft, ein Zahlenmensch, der auch in Zeiten grösster Krise einen kühlen Kopf bewahrt.
Kaleb Cooper, der heimliche Star der Serie, ist ein 21-jähriger örtlicher Landarbeiter, der von Clarkson als Hilfskraft angestellt wird. Er kann anpacken und scheut sich nicht, Clarkson oft und lautstark in die Schranken zu weisen. Zeitlebens hat er sich kaum ausserhalb der drei benachbarten Dörfchen hinausbewegt. So wenig kosmopolitisch er sein mag, umso erfahrener ist er in fachlichem Wissen und technischen Details, betreibt er doch seit geraumer Zeit auf eigene Rechnung Landwirtschaft.
Gerald Cooper: 72-jähriger Spezialist für den Bau und Unterhalt von Trockensteinmauern, die den Hauptteil der insgesamt 64 km Grundstückgrenzen bilden. Seit 50 Jahren auf der Farm tätig, sind seine Unterhaltungen mit Clarkson rührend und liebenswürdig. Und komplett unverständlich, aufgrund seines starken lokalen Dialekts.
Lisa Hogan: Irische Schauspielerin und Clarksons Freundin, die auf der Farm hilft, vor allem bei der Führung des Hofladens.
Kevin Harrison: Der Vorsitzende der National Sheep Association NSA (haha) und ein altgedienter Schafzüchter, der Clarkson berät, wie er seine Schafherde bewirtschaften soll.
Ellen Helliwell: Schafhirtin, die von Clarkson engagiert wird, um die Schafherde zu hüten, die er für die Beweidung seiner stillgelegten Wiesen erwirbt. Besitzerin zweier Border Collies, die mit chirurgischer Genauigkeit die Schafe kontrollieren und manövrieren. Zu Ellens Aufgaben gehört auch das Ablammen und Scheren der Schafe.
Im Zuge der acht Folgen der Staffel erlebt die Farm den regnerischsten Herbst seit Gedenken, gefolgt vom heissesten Frühling seit Gedenken. Und dann kommt noch Covid und plötzlich sind die Produkte der Farm kaum mehr was wert. Doch Jeremy gibt nicht auf: Eine Lammherde wird erworben, ein Naturbiotop erstellt, Eulenboxen werden aufgestellt, ein Hofladen eröffnet, ein Mähdrescher gemietet und ein Lamborghini gekauft. Ein Lamborghini-Traktor, versteht sich. Und am Schluss der Staffel, nach diesem unglaublich turbulenten Jahr, präsentiert Cheerful Charlie die Schlussabrechnung, die aufzeigt, wie profitabel oder nicht das Ganze ist. Ha – ich will hier nichts spoilern.
«Jeremy Clarkson, wie Sie ihn noch nie erlebt haben», verspricht Prime Video. Was freilich nur teilweise stimmt, denn Jeremy Clarkson, der sich ignorant, tölpelig und inkompetent verhält, hat man bereits zur Genüge erlebt. «I've just had a brilliant idea!» – und dann geht alles schief. Jaja, solche Momente gibt es auch hier einige. Doch in der Tat ist etwas ... anders.
Und mit «anders» meine ich nicht bloss die Prämisse, dass der Autonarr nun einen klimaneutralen Bauernhof betreibt und sich um das Wohl der Wildtiere und der Natur auf dem Anwesen einsetzt. Seht, bereits zu «Top Gear»-Zeiten vermutete man, dass an Clarkson mehr dran war als die Figur, welche die Autosendung von ihm zeichnete.
Gewiss, Jeremy Clarkson, Richard Hammond und James May funktionierten als Moderatoren-Trio derart gut, weil sie sich selbst sein durften und deswegen nicht allzu inszeniert wirkten. Bloss hatte man ihre Rollen TV-gerecht auf ein paar wenige Charakterzüge reduziert. Fat, short and slow. Clarkson war das prollige Grossmaul, Hammond der aufmüpfige Kleine, James May der schusselige Onkel.
Gewiss, auch in «Clarkson's Farm» klopft Jeremy seine üblichen Sprüche. Was aber anders ist, ist, dass er dabei öfters als nicht von Kaleb zusammengestaucht wird. Und das auch über sich ergehen lässt. Allgemein ist es ein nachdenklicher Clarkson, den man zu sehen bekommt. Einer, der seine Angestellten stets mit Respekt begegnet und grosse Bewunderung für deren Fachwissen und Einsatz zeigt. Einer, der sich zwar erwartungsgemäss über staatliche Regulierungen nervt, sich aber dann bemüht, diese einzuhalten.
Stets ist er sich seiner sehr privilegierten Lage bewusst, dass er die wirtschaftlichen Härtefälle seines Hofs einzig aufgrund seiner Moderatorentätigkeit querfinanzieren kann. Er zeigt sich begeistert über die Ausbreitung der Feldblumen auf seinen Wildwiesen, freut sich wie ein Kind über das Waldkauz-Baby in einem seiner Scheunen, wird zu Tränen gerührt ob der Geburt der Lämmer.
Comedy und Situationskomik kommen natürlich nicht zu kurz. Letztendlich, ob man dabei stets seine Meinung teilt oder nicht, ist Clarkson schlicht eine sehr witzige Person. Anders ist, dass der Zuschauer diesmal ehrlich gerührt ist.