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Bereicherung oder Kolonisierung?
Das mysteriöse Berliner Komitee nennt sich «Jury Anglizismus». Es hat sich zur Aufgabe gemacht, jährlich einen Anglizismus des Jahres zu küren. Auf der Webseite dieser Organisation erfährt man zwar verschiedene Namen der Preisrichter, die alle aus dem akademischen Bereich stammen (ein weibliches Mitglied gibt die Zugehörigkeit zur Universität Neuenburg an). Doch wer diese Jury ernannt hat und wem sie Rechenschaft schuldig ist, bleibt im Dunkeln.
Für das Jahr 2010 wurde von diesem Gremium das Verb «leaken» zum Anglizismus des Jahres erklärt, 2011 war es der «Shitstorm», im Jahr darauf das Wort «Crowdfunding» und 2017 die Vokabel «Influencer». Für 2018 aber wurde seltsamerweise der Begriff «Gendersternchen» zum Anglizismus des Jahres gekürt. Dieses Sternchen, so hiess es, sei eine «klare Bereicherung des deutschen Wortschatzes».
Da reibt man sich schon die Augen. Was hat das Wort «Gendersternchen» mit der englischen Sprache zu tun? Offenbar geht der Ausdruck auf den englischen Begriff «Gender Star» zurück – und man erfährt so, dass die berühmt-berüchtigte Sternchen-Einrichtung im angelsächsischen Sprachraum erfunden wurde. Dieser kuriose Stern, so behaupten dessen Verfechter, soll es ermöglichen, bei beruflich und andern gesellschaftlich zuordnenden Substantiven «alle Geschlechter zugleich anzusprechen». (Beispiel: Lehrer*innen)
Über Sinn oder Unsinn dieser politisch korrekten Sprach-Bereicherung lässt sich lange streiten – was in einschlägig interessierten Kreisen ja auch mit viel Verve und Leidenschaft praktiziert wird. Doch eine Frage drängt sich weiterhin auf: Wenn das Gendersternchen tatsächlich eine derart segensreiche und bereichernde Neuerung sein soll, weshalb wird sie denn in fast allen Zeitungen, Büchern und andern Printprodukten, die auf dem deutschen und angelsächsischen Markt erscheinen, nicht zur Anwendung gebracht? Könnte es sein, dass das Gendersternchen beim Publikum doch nicht so gut ankommt, wie dessen Erfinder (pardon Erfinder*innen) und die Sprachspezialisten der Berliner «Jury Anglizismus» sich das vorstellen?
Allerdings eignet sich der begrenzte Erfolg der Gendersternchen-Bewegung aus Amerika kaum dazu, darin bereits ein Abflauen der «Anglifizierung» des deutschen Wortschatzes zu erkennen. Davon kann vorläufig keine Rede sein – sehr zum Bedauern von Sprachpuristen und europäischen Kulturpessimisten.
In der NZZ schrieb vor einiger Zeit eine Gastautorin, die inflationäre Übernahme amerikanischer Begriffe und Wendungen in den deutschen Sprachgebrauch laufe im Grunde auf ein «selbst gewähltes Kolonisiertwerden» durch eine Kultur hinaus, die man bewundere und der man sich anzugleichen versuche. Es sei «Ausdruck von Anpassungsprozessen an weltweite Machtverhältnisse».
Das mögen nicht ganz unbegründete Befürchtungen sein. Doch zu bedenken bleibt auch, dass krampfhafte Abwehrhaltungen und Abschottungen gegenüber fremden Spracheinflüssen und Sprachwurzeln unvermeidlich düstere Vergleiche mit der Blut- und Boden-Ideologie des Hitler-Regimes und dessen sprachlichem Reinheitswahn wachrufen.
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