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Die junge Fabrikarbeiterin Josephine stellt das mechanische Herzstück der Uhren her, die ‹Unrueh›. Während sie sich neuen Formen der Organisation von Geld, Zeit und Arbeit ausgesetzt sieht, beginnt sie, sich in der lokalen Bewegung der anarchistischen Uhrmacher zu engagieren. Cyril Schäublin hat mit seinem dokumentarischen Spielfilm «Unrueh» ein wunderbares, hintergründiges Vexierbild über die Entwicklung der gesellschaftlichen Systeme geschaffen.
Es ist anzunehmen, dass ein Grossteil des Publikums nicht weiss, wie eine mechanische Uhr zusammengesetzt wird und funktioniert. Vielleicht lohnt es sich, sich vor dem Film darüber kundig zu machen. Der Genuss des Films wird umso grösser, obwohl Josephine uns dies am Schluss sympathisch und detailliert erklärt.
Von den politischen Entwicklungen in der Schweiz und in Europa im 19. Jahrhundert haben wohl viele in der Schule nur wenig mitbekommen. Um diese Lücken zu schliessen, folgen nachfolgend eine Notiz des Regisseurs, Ausschnitte aus einem Interview mit ihm und das integrale Interview im Anhang.
So vorbereitet, dürfte «Unrueh» ein ästhetischer und erkenntnisreicher Genuss werden! Über die politischen Entwicklungen, jenseits der Schulbücher, die Veränderungen der Ökonomie, mit vielen Zeitbildern gezeigt, die zwei Ideologien hinter allem, festgemacht an der Nationalhymne der Bourgeoisie und im Lied «L’ouvrier n’a pas de patrie» der Anarchisten, den Musikeinlagen, die zusammen mit den ungewohnten Bildern von Silvan Hillmann Deutungen verlangen.
Vertrauen ist gut, Kontrolle besser
Notiz des Regisseurs
Meine Grossmutter arbeitete in einer Uhrenfabrik in der Nordwestschweiz, wo sie das mechanische Herz der Uhr, die sogenannte Unrueh, herstellte. Viele Frauen in meiner Familie waren in der Uhrenindustrie des 19. und 20. Jahrhunderts tätig. Ich wünschte mir, über ihre Arbeit und die Zeit, die sie in den Fabriken verbracht haben, einen Film zu machen. Und dabei auch der anarchistisch geprägten Uhrmacher-Gewerkschaftsbewegung des 19. Jahrhunderts Aufmerksamkeit zu schenken.
Ausgehend von den historischen Ereignissen, die das Uhrmachertal von Saint-Imier zum politischen Epizentrum der wachsenden internationalen anarchistischen Bewegung machten, rekonstruiert der Film Ereignisse und Situationen in einer Uhrmacherstadt um 1877. Der Film erzählt auch von der Begegnung zwischen Josephine Gräbli, einer Uhrenfabrikarbeiterin, die die Unruhe herstellt, und Pyotr Kropotkin, einem russischen Reisenden und Kartografen. Die Figur des Pyotr ist dem realen Pyotr Kropotkin (1842 – 1921) nachempfunden. Sein Buch «Memoirs of a Revoluzionist», in dem er beschreibt, wie er in der Schweiz zum Anarchisten wurde, war eine wichtige Inspiration für den Film. Die Begegnung zwischen Josephine und Pyotr findet in einer Zeit statt, in der neue Technologien wie die Zeitmessung, die Fotografie und der Telegraf die soziale Ordnung veränderten und sich anarchistische Ideen einem aufkommenden Nationalismus entgegengesetzt sahen. Indem im Film Situationen der 1870er-Jahre nachgestellt werden, wird das Publikum dazu eingeladen, die Beschaffenheit unserer Gegenwart vielleicht noch einmal neu zu betrachten.
Handelt es sich bei den Definitionen von Zeit und Arbeit, die im frühen industriellen Kapitalismus entwickelt und etabliert wurden, vielleicht nur um Fiktionen? Wie bestimmen Konstruktionen wie die «Nation» und andere Erfindungen des 19. Jahrhunderts die Art und Weise, wie wir heute zusammenleben, wie wir Zeit und Arbeit organisieren und
erleben? Gibt es so etwas wie eine kapitalistische Mythologie, die unser tägliches Leben unterschwellig mitbestimmt? Und welche anderen Erzählungen wären möglich?
Mit der Uhr wird der Mensch verwaltet
Wie kam der Anarchismus in den Film?
Cyril Schäublins Antwort in einem Interview: Während seines Anthropologiestudiums in England entdeckte mein Bruder Emanuel, der mich später als ethnografischer Berater für den Film unterstützte, die anarchistische Theorie und Bewegung des 19. Jahrhunderts und ihre Verbindungen zur Schweizer Uhrenindustrie. Er brachte mich dazu, Texte des russischen Anarchisten Pyotr Kropotkin zu lesen. Als ich auf das autobiografische Zitat stiess, in dem Kropotkin beschreibt, wie er zum Anarchisten wurde, nachdem er ein Schweizer Uhrmachertal und dessen anarchistische Bewegung besucht hatte, wusste ich sofort, dass dies ein Teil des Films wird – neben einer Figur, die von meiner eigenen Grossmutter inspiriert ist, einer Uhrenfabrikarbeiterin, die die Unruhen herstellte.
Grüppchen der Antiautoritären Internationalen
Was ist die Verbindung zwischen der Uhrenindustrie und dem Anarchismus?
Weiter aus dem Interview: In ihren Anfängen im 19. Jahrhundert war die sozialistische Bewegung, die für die Rechte der Arbeiterklasse kämpfte, eine gigantische Organisation, die sogenannte Erste Internationale, mit Marx und Engels als ihre mehr oder weniger selbst ernannten Vordenker und Anführer.
Im Jahr 1871 veröffentlichte eine Sektion der Schweizer Uhrenarbeiterbewegung aus der Gemeinde Sonceboz einen Zirkularbrief, in dem sie die autoritäre Rolle von Marx und Engels innerhalb der sozialistischen Bewegung kritisch hinterfragte. Der Brief stiess in der internationalen sozialistischen Bewegung auf dermassen grosse Aufmerksamkeit und Sympathie, dass eine neue Gruppe innerhalb der sozialistischen Bewegung gegründet wurde. Sie bezeichnete sich selbst als Erste Antiautoritäre Internationale, in Opposition zur kommunistischen Ersten Internationalen.
Der erste Kongress dieser neuen Gruppe fand 1872 in der Schweizer Uhrmacher-Gemeinde Saint-Imier statt. Er zog Mitglieder und Besucher aus ganz Europa und Russland an. Viele spanische, italienische, aber auch deutsche Anarchisten blieben im Tal und druckten dort Zeitungen und Bücher, welche illegal ins Ausland geschmuggelt wurden. In den folgenden Jahren wurde das Tal zum Treffpunkt der internationalen anarchistischen Bewegung.
Die meisten Schweizer Anarchisten, wie Adhémar Schwitzguébel oder Auguste Spichiger, waren Uhrmacher. Das hat auch damit zu tun, dass die Schweizer Uhrenindustrie eine riesige Industrie war, die bereits in den frühen 1870er-Jahren jährlich Millionen von Uhren ins Ausland exportierte und den Grossteil der Uhren für den Weltmarkt produzierte.
Josephine und Pyotr
Möchte der Film auch ein Licht auf unsere Gegenwart werfen?
Aus dem Interview: Ich denke, dass es in mancherlei Hinsicht sicher Parallelen zwischen den 1870er-Jahren und unserer Gegenwart gibt. Man kann davon ausgehen, dass viele Bausteine der Konstruktion unserer Gegenwart in dieser Epoche gelegt wurden, vor allem die Schaffung von Nationalstaaten auf der Grundlage nationalistischer Geschichtsnarrative, die in der Schule gelehrt und in der Presse fortgeschrieben wurden. Der Historiker Benedict Anderson beschreibt dies sehr schön in seinem Buch «Imagined Communities».
Natürlich sind die Auswirkungen der neuen Technologien von damals auch heute noch zu spüren: die Fernkommunikation, die zunächst durch den Telegrafen ermöglicht wurde, die Verbreitung der Fotografie, die das politische Bewusstsein und deren Repräsentation veränderte, sowie die Zeitmessung durch die Verbreitung von Uhren und ihre Auswirkungen auf die Organisation von Arbeit und Alltag nach festgelegten Zeitplänen. Gegenwärtig sind wir ebenso mit neuen Technologien konfrontiert, die umstrukturieren, wie wir uns organisieren. Indem wir unsere eigene Zukunft mit neuen Technologien gestalten, bauen wir weiterhin auf unserer eigenen Vergangenheit auf.
Ich denke, eine der grössten Fragen unserer Gegenwart ist, wie wir unsere eigene Geschichte in Beziehung zu unserer Gegenwart setzen und wie wir sie möglicherweise umschreiben, wie wir Geschichte definieren und welche Informationen wir ihr entnehmen, um neue politische Strukturen in unserer Gegenwart aufzubauen.
Auch in unserem Film stellen die Figuren die Vergangenheit nach, um die Gegenwart zu gestalten: Die anarchistische Bewegung stellt die Pariser Kommune nach, mit ihren Idealen der Lohngleichheit zwischen Mann und Frau und der gleichmässigen Verteilung des Besitztums. Der Direktor der Uhrenfabrik hingegen tritt mit seinen Parteifreunden dafür ein, die mittelalterliche Schlacht von Murten nachzustellen, in der die Streitmacht der Schweizer gegen die Burgunder antritt, um in der Bevölkerung nationalistische Gefühle zu wecken und Unterstützung für den entstehenden Bundesstaat zu gewinnen. Welche Elemente des historischen Gedächtnisses werden heute nachgespielt und aufgeführt, und wie werden diese Entscheidungen unsere Gegenwart und Zukunft prägen?
Titelbild: Josephine, eine der Arbeiterinnen