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Ein sehr guter Einwand
von Cedric Weidmann
»Dass die Philosophen auf der Suche nach dem Ur-Wort sind und es nicht zu ent-decken vermögen, liegt nicht in der Beschaffenheit der Mundhöhle des Neanderthalers oder der ersten Menschen. Wenn es überhaupt zu finden ist, ist es zu suchen in der Beschaffenheit des Wortes selbst, das aber immer schon eingenommen ist in der Sprache. Das Ur-Wort, das Urwort, vielleicht der Urschrei, ist daher auch nichts, worin sich diese Suche erschöpfen könnte, denn ständig ist das Wort verlagert in eine Vorzeitigkeit seiner Bedeutung. Es ist ganz ähnlich wie mit dem ersten Geldstück, das es nicht gegeben haben kann, denn Geld besteht nur durch die Anwesenheit von anderem Geld — und wir erinnern uns an Johann Nepomuk Nestroys Bonmot: Die Phönizier haben das Geld erfunden — aber warum nur so wenig?
Ein Gleiches legt sich in der Sprache dar: Das Urwort kann nicht in künstlicher Verknappung, in hermetischer Befasstheit entstanden sein. Sie hat sich aus nichts entwickelt. Es ist viel eher sogar so zu verstehen, dass die Sprache viel länger als das Wort existiert, denn es gibt keine Definition von Sprache in ihrer kommunikativen Form, die sich von einer anderen Form der Informationsrückkopplung — ich will hier den primitiven Vorschlag von zwei miteinander operierenden Zellen nennen — klar unterscheiden liesse: Auch diese Zellen ›sprechen‹ durch die Anionen und das Kalium, das sie einander zuschütten. Es ist daher nicht davon auszugehen, dass es eine Ursprache gegeben habe und dass es, obwohl alles in uns sich dagegen sträubt und uns glauben machen will, dass es ein Erstes, ein Origo gegeben haben muss, ein Urwort gibt.«
Der Professor hielt inne und schielte über die Brille, um in die hinteren Reihen des Vorlesungssaals zu spähen.
»Ja, da hinten habe ich doch etwas gesehen.« Es war eine krumme, ausgebeulte Hand, aus der eine hochgereckte Keule über den behaarten Schädeln der anderen Studenten in die Luft ragte. »Ja?«, fragte der Dozent.
»Ugah! Ugah!«
»Das ist ein sehr guter Einwand«, antwortete der Professor und setzte sich die Brille ernst auf die platte Nase.