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Nach 28 Jahren entspricht das Sambódromo von Rio de Janeiro endlich dem Originalprojekt seines Architekten Oscar Niemeyer. Das karnevalistische Publikum wird in diesem Jahr 2012 an der “Marquês de Sapucaí“ (Avenida im Sambódromo) 12.500 Plätze mehr vorfinden – ausserdem komfortablere Logen mit Balkonen und zu 50% verstärkte Sound- und Beleuchtungsanlagen.
Am 12. Februar, wenn die Sambaschule “Beija-Flor” im Sambódromo von Rio ihre Generalprobe für ihre Karnevalsparade 2012 durchführen wird, wird sie auch zum ersten Mal die neue Konfiguration der “Passarela do Samba“ (des Samba-Laufstegs) testen.
Die Reform begann nach dem Abriss der stillgelegten Bierfabrik Brahma mit der Errichtung neuer Zuschauertribünen. Mit dieser Ergänzung – sie wird erst eine Woche vor den Paraden fertig werden – ist endlich das Originalprojekt des Architekten Oscar Niemeyer umgesetzt.
Das neue Projekt bedeutet eine Herausforderung für die Karnevalisten – sie müssen die allegorischen Wagen und Kostüme der neuen Beleuchtung entsprechend anpassen, die jetzt an beiden Seiten der Avenida gleich stark ist – und für die Rhythmiker, die sich um das Gleichgewicht zwischen Stimmen und Instrumenten kümmern müssen.
Als das Sambódromo gebaut wurde – in nur 120 Tagen, kurz vor dem Karneval 1984 – befand sich die Brahma-Fabrik noch in ungebrochener Aktivität, und an eine Stilllegung war nicht zu denken. Deshalb konnte man damals auf der rechten Seite der Avenida nur drei Tribünen unterbringen – während sich auf der linken Seite sechs befanden. Die Symmetrie des Originalprojekts konnte nicht eingehalten werden wegen der Bierfabrik, die im Weg stand.
Schon 1990 machte die Präfektur von Rio de Janeiro wenigstens zwei Versuche, das Fabrikgebäude abzureissen und endlich die fehlenden Tribünen zu bauen – da tauchte ein anderes Problem auf: Die ganze Ecke stand unter Denkmalschutz.
Jedoch wurde im Jahr 2009 die Nutzung der Ecke obligatorisch, weil sie in das Projekt der Olympiade 2016 in Rio de Janeiro eingebunden war. Die Präfektur hatte das Sambódromo als Bühne für die Zielgerade des Marathonlaufs projektiert, und als Austragungsort für das Bogenschiessen. Schliesslich im Juni 2011 wurde die Genehmigung erteilt.
Die alte Fabrik und die vorhandenen drei Tribünen wurden entfernt, um für vier neue Sektoren Platz zu schaffen (2, 4, 6 und 8) mit Tribünen und Logen. Dieser Umbau kostete 30 Millionen Reais (zirka 13 Millionen Euro), die von der AmBev (Companhia de Bebidas das Américas), Besitzerin der antiken Fabrik, übernommen wurden. Im Gegenzug wird dieses Unternehmen hinter den neuen Tribünen ein Hochhaus mit 18 Stockwerken errichten, in dem ein Hotel und Büroräume untergebracht werden sollen.
Die um 20% grössere Menge an Eintrittskarten brachte allerdings weder Preissenkungen noch erleichterte sie einen Besuch der Paraden: Sämtliche Tribünenplätze zwischen R$ 160 (70 Euro) und R$ 400 (175 Euro) wurden am letzten Mittwoch innerhalb von 29 Minuten verkauft. Im Vorjahr waren sie innerhalb von 32 Minuten verkauft worden. Jetzt gibt es nur noch so genannte “Ingressos populares“ (populäre Eintrittskarten), aus weniger interessanter Sichtperspektive, die aber noch nicht zum Verkauf freigegeben sind.
Eine Extra-Attraktion für die Besucher der Paraden sind die neuen Logen: 96 davon haben einen Balkon und Platz für je 18 Personen. Sie kosten zwischen R$ 48.000 (20.000 Euro) und R$ 85.000 (35.000 Euro). Während die antiken Einheiten für je 12 Personen, und nur mit Fenstern, zwischen R$ 32.000 (14.000 Euro) und R$ 56.000 (25.000 Euro) liegen. Insgesamt wird der Sambadrom 353 Logen bekommen – 72 weniger als in der vorherigen Konfiguration.
Für Karnevalisten (die Kreativen der Samba-Schulen) und Rhythmiker (die Leiter der Rhythmusgruppen) ist die neue Konfiguration eine Herausforderung, die erst während der Paraden getestet werden wird. Ohne die Betonwand auf der rechten Seite, hinter der die Bierfabrik anschloss, werden auch die Beleuchtungs- und die Soundeinrichtungen neu konzipiert. Die neuen Lichttürme des rechten Sektors werden jetzt symmetrisch zu denen des linken Sektors aufgestellt, und die Potenz des Sounds wird um 50% verstärkt. Vorläufig ziehen es die Karnevalisten vor, die Veränderungen und Erneuerungen noch nicht zu kommentieren, weil sie von den meisten noch nicht getestet werden konnten.
“Unser Karneval ist inzwischen vorbereitet für beide Seiten (der Tribünen). Als diese Nachricht durchsickerte, dass man den Sambadrom umgestalten würde, kümmerte ich mich darum zu erfahren, wie das gedacht war. Die Antwort fiel wesentlich besser aus, als der vorherige Zustand“, sagte Laíla, die Direktorin des Karnevals der Beija-Flor, der ersten Schule, die ihre Generalprobe innerhalb der neu konzipierten “Avenida“ am vergangenen Sonntag durchgeführt hat und zufrieden mit dem Ergebnis ist.
In der Absicht, den “Mestres de bateria“ (Percussion-Leiter) ebenfalls Gelegenheit zu geben, ihre Rhythmusgruppen der neuen Akustik entsprechend umstellen zu können, hat die “Liga das Escolas de Samba“ ein Treffen aller “Batterien“ vorgeschlagen, was aber in Anbetracht der Umbauverspätung kurzfristig abgesagt werden musste. Die Percussionisten werden also in der gewohnten Formation paradieren.