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Verschiedene Unternehmen streiten um den Titel. Bisher ist es nicht gelungen, die älteste Baufirma Zürichs historisch zu sichern. Was man aber weiss: Die Brossi AG ist die älteste Strassen- und Tiefbaufirma im Kanton Zürich und geht seit 140 Jahren konsequent ihren Weg. Dabei begann alles mit einem Einwanderer.
Firmengründer war der italienische Einwanderer und Eisenbahnarbeiter Arcangelo Pietro Maria Brossi. Als Kleinbauer und Witwer aus Colorno bei Parma kam er 1873 ins Tessin, um an der Gotthardbahn mitzubauen. Dort schlug er sich unter schwierigsten Bedingungen durch.
Der Eisenbahnbau war hart und gefährlich, viele Arbeiter wurden krank, manche starben gar. Die meisten kehrten nach einigen Jahren mehr oder weniger mittellos in ihre Heimat zurück. Nicht so Pietro Brossi: Er lernte eine Tessinerin kennen, heiratete sie und wagte mit ihr den Sprung in die Deutschschweiz – und in die Selbständigkeit.
Gründung
1882 gründete Pietro Brossi (1833-1927) in Winterthur-Töss sein Tiefbauunternehmen. Anfangs führte er kleinere Aufträge zu günstigen Preisen aus. Zwischendurch firmierte er sogar als Peter Brosi, um mehr «Deutschschweizerisch» zu klingeln und seine Chancen auf Aufträge zu erhöhen.
Doch als sich ab 1890 die Stadt Winterthur stark entwickelte, ergriff Pietro Brossi seine Chance: Er baute am Kanalisationsnetz in den neuen Quartieren mit, begann Betonröhren zu produzieren und legte Tramgleise zwischen Winterthur und Töss. Er war bis ins hohe Alter unternehmerisch aktiv und übergab erst mit knapp 90 Jahren die Firma an seine Söhne.
Betriebsübergabe
Pietro Brossis jüngster Sohn, Oskar Brossi (1896-1987) war ein Patron alter Schule und stets mit Anzug und Hut unterwegs. Als Visionär erkannte er in den 1920er-Jahren den Siegeszug des Automobils und sah grosses Potenzial im Strassen- und Belagsbau.
Denn die Fussgänger wollten sich auf sauberen Trottoirs bewegen, die Automobile benötigten glatte, staubfreie Fahrbahnen. Immer mehr Leitungen für Wasser, Telefon oder Elektrizität wurden in den Untergrund verlegt. Oskar Brossi investierte in Maschinen und Fahrzeuge. Dank seiner Weitsicht gehörte Brossi in den 1930er-und 1940er-Jahren zu den fünf bedeutendsten Strassen- und Belagsbauunternehmen im Kanton Zürich.
Modernisierung
Ulrich Bigler-Brossi (1919-2003), der Schwiegersohn von Oscar Brossi, gelang es in der dritten Generation, zwischen der patronal-italienisch geprägten Familie Brossi und der reformiert geprägten Familie Bigler aus dem Bernbiet eine Brücke zu bauen, er sicherte so die Kontinuität des Unternehmens in der dritten Generation. Zudem leistete er einen wesentlichen Beitrag für die Firmenkultur und kümmerte sich fürsorglich um seine Arbeiter.
Walter Bigler (*1952) wurde in der vierten Generation zum Modernisierer bei Brossi. Er erneuerte Maschinen, Fahrzeuge und Inventar grundlegend, modernisierte die Prozesse und schuf einen einheitlichen Auftritt. Ausserdem verlagerte er Firmensitz und Werkhof an den heutigen Standort in Winterthur-Wülflingen.
Seine grosse Leistung: Er hat in einer Zeit des verschärften Wettbewerbs das Familienunternehmen strategisch positioniert, klug investiert und so die Firma erfolgreich ins 21. Jahrhundert geführt. Auch dank seiner weitsichtigen Nachfolgeregelung konnte er Brossi gestärkt an die kommende Generation übergeben.
Fünfte Generation
Heute leitet Simon Bigler (*1982) die Firma in der fünften Generation. Er positioniert Brossi als nachhaltiges Unternehmen und treibt das Thema Digitalisierung voran. Ihm ist es wichtig, ehrlich und echt zu bleiben und er legt Wert auf eine starke Firmenkultur. Er ist überzeugt, dass Brossi für die Herausforderungen der Zukunft gewappnet ist: «Wir sind fokussiert, beweglich und schlagkräftig. So können wir die verschiedensten Aufträge flexibel und speditiv ausführen und uns auch bei veränderten Rahmenbedingungen schnell anpassen.»
Personen stehen hinter Unternehmen. Deshalb ist Unternehmensgeschichte auch die Beschäftigung mit dem Schicksal der involvierten Personen, der Gründer, ihrer Familien und ihrer Angestellten. Dabei gelingt es dem Autor, Bernhard Ruetz, eine gute Mischung aus persönlichem Zugang und Geschichtsschreibung. Wer das Buch liest, kann sich mit der Gedanken- und Gefühlswelt der Menschen identifizieren.
Hinter Unternehmen stehen Menschen
So ein Buch ist aber immer auch Sozialgeschichte. Es geht darin um die Industrialisierung des Kantons Zürich, um den Ausbau öffentlicher Infrastrukturen und natürlich auch um die Arbeiterfrage. Pietro Brossi blieb seinen Ursprüngen als armer Bauer treu. Diese Werte gab er seinen Familienmitgliedern weiter. Sie prägten den Umgang mit Arbeitern.
Das Buch ist sehr lesenswert. Nicht nur ist es eine in einfacher, aber eleganter Sprache aufgearbeitete Geschichte. Sondern es enthält auch sehr viele Fotos und Dokumente aus den verschiedenen Zeiten.
Henrique Schneider
Brossi AG – Seit fünf Generationen im Strassen- und Tiefbau. Verlag Ars Biographica, Humlikon 2022.