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Der aus dem Kanton Waadt stammende Henry Isaac Barbey (1832–1906) hatte in Amerika sein Glück gemacht. Er zählte zu den Hauptinvestoren der Eisenbahngesellschaft Buffalo, Rochester and Pittsburgh Railway. Am 12. Januar 1865 heiratete der Schweizer, der fliessend Englisch sprach, Mary Lorillard (1841–1926), die Tochter einer äusserst wohlhabenden Familie der New Yorker High Society. Mary würde die Lorillard Tobacco Company (LTC) erben, die einer ihrer Vorfahren im Jahr 1760 gegründet hatte. Das Unternehmen vermarktete Zigaretten, unter anderem die Marke Kent.
Zunächst zogen die Frischvermählten in die 17 West 38th Street in New York. Die Sommer verbrachten sie stets in Europa – natürlich auch in der Westschweiz, wo die Familie Barbey mehrere Anwesen besass. Am 28. April 1868 kam ihr erstes Kind Hélène in New York zur Welt.
Der enorme Reichtum des jungen Paares erlaubte es Henry Barbey, uneingeschränkt seinen Leidenschaften zu frönen, beispielsweise der Seefahrt. Einmal sollte der Geschäftsmann das kleine Dampfschiff Minnehaha, das nach einer indianischen Prinzessin benannt war, nach Genf bringen. Wie der Dampfer vom Hudson River über den Atlantik gelangte, ist nicht überliefert, doch er kam tatsächlich am Genferseeufer an, wo er in Bellevue zu Wasser gelassen wurde. Eine Sensation! Nun stand das Paar auch hier bei der besseren Gesellschaft im Mittelpunkt und verkehrte mit den prominentesten Persönlichkeiten der Stadt, etwa mit dem Staatsrat Arthur Chenevière oder mit Guillaume Henri Dufour.
Zu ihrem Bekanntenkreis zählte auch die Baronin Julie von Rothschild, eine exzentrische Dame mit beträchtlichem Vermögen. 1876 liess sie sich in Bellevue, nur ein paar hundert Meter vom Feriensitz der Barbeys entfernt, den Dampfer La Gitana bauen. Sie teilte Henrys Leidenschaft und wollte die damaligen Geschwindigkeitsrekorde brechen, was ihr den Titel «schnellste Yachting Lady» ihrer Zeit einbrachte.
Im Leben der jungen Hélène Barbey drehte sich alles um Kleider, Soupers, Bälle und gutaussehende Kavaliere. Sie lebte seit ihrer Kindheit in Bellevue, da sich das Umfeld am Genfersee laut ihrem Vater besser für das Familienleben eignete als die mit Kohlenstaub verschmutzte Metropole New York.
Seit frühester Kindheit hatte Hélène die sportlichen Aktivitäten der Baronin Rothschild auf dem Wasser verfolgt, die zuweilen von einer «sanften, liebenswerten» Dame begleitet wurde: Kaiserin Elisabeth von Österreich. Es war also unvermeidlich, dass sich Hélène für den Bootssport interessieren würde, zumal er auch bei den Soiréen Thema Nummer eins war. Anstatt für Dampfer entschied sie sich aber für Segelboote.
Mit ihren Vorlieben für den Bootsport lag es auf der Hand, dass als Heiratskandidat nur jemand infrage kam, der sich ebenfalls dem Segeln verschrieben hatte. Das Glück liess nicht lange auf sich warten: 1891 heiratete Hélène Barbey Hermann de Pourtalès und wurde somit die Stiefmutter von Guy de Pourtalès, der ein berühmter Schriftsteller werden sollte. Mit ihrem Ehemann nahm sie an unzähligen Regatten teil, nicht nur auf dem Genfersee, sondern auch in der Nähe von Cannes, wo das Paar eine Villa besass.
Der Familiensitz der Pourtalès befand sich im Château des Crénées in Mies. Schon damals war Hélène eine sehr erfahrene Seglerin, da sie jeden Sommer auf dem See verbrachte und in der Zwischensaison in Newport trainierte. Zudem nahm sie am America's Cup teil, bei dem seit 1851 um die Siegestrophäe «Auld Mug» gewetteifert wurde. Die Regatta von 1887 schilderte sie ausführlich in ihrer Korrespondenz.
Dann kam das Jahr 1900. Seit 1894 stand fest, dass die Olympischen Spiele 1900, offiziell als «Spiele der II. Olympiade» bezeichnet, vom 14. Mai bis zum 28. Oktober im Rahmen der Weltausstellung in Paris stattfinden sollten. Zum ersten Mal wurden Frauen zugelassen. Pierre de Coubertin missfiel dies sehr und er schrieb später: «Die Teilnahme von Frauen an den Spielen lehne ich weiterhin ab. Sie wurden gegen meinen Willen zu einer wachsenden Zahl von Wettkämpfen zugelassen.» Zola war hingegen ein grosser «Befürworter jeglicher körperlicher Betätigung, die zur Entwicklung der Frau beitragen kann, vorausgesetzt, sie übertreibt es nicht».
Als Sinnbild für die Öffnung von nicht mehr als fünf Disziplinen für Frauen, nämlich Golf, Tennis, Segeln, Krocket und Reiten, zeigten die Olympia-Werbeplakate Sportlerinnen. So auch das Plakat, das die Fechtturniere ankündigte, an denen Frauen übrigens gar nicht teilnehmen durften.
Nachdem sie in der Schweiz eine Reihe von Siegen eingefahren hatten, meldeten sich Hélène und Hermann de Pourtalès mit ihrem Segelboot Lerina, einem für den Genfersee typischen 20-Füsser, für die Spiele an. So kam es, dass sich Hélène unter den 20 ersten Olympiateilnehmerinnen befand.
Das Rennen begann am 20. Mai in Meulan auf der Wasserfläche des Cercle de la voile de Paris. Alle Boote mit weniger als zehn Tonnen mussten es absolvieren, um an den folgenden Tagen in ihrer jeweiligen Kategorie segeln zu dürfen. 65 Segler legten eine Strecke von 11 Kilometern zurück. An diesem Tag wehte nur ein laues Lüftchen, weshalb es vor allem auf technisches Können ankam. Das Paar, das an die Wetterkapriolen des Genfersees gewöhnt war, qualifizierte sich mit Leichtigkeit. Ihr Boot erhielt die Startnummer 22.
Zwei Tage später ging die Klasse der 20-Füsser an den Start. Es war ein angesichts der Teilnehmerzahl technisch sehr herausfordernder Kurs von 19 Kilometern zu bewältigen. Hélène und Hermann siegten erneut und am 22. Mai erhielt Hélène als Skipper die Goldmedaille.
Da bei den Olympischen Spielen 1900 erstmals Frauen antraten, zeichnete das Internationale Olympische Komitee die 32-jährige Hélène neben der Engländerin Charlotte Reinagle Cooper, die Gold im Tennis gewann, und den Amerikanerinnen Marion Jones und Hedwig Rosenbaum, die in der gleichen Disziplin Bronze holten, als eine der ersten Olympiasiegerinnen der Geschichte aus. Dies verschaffte Hélène de Pourtalès in der Sportwelt und bei der Genfer Aristokratie einen flüchtigen Ruhm, vor allem weil der Segelsport damals in den betuchtesten Kreisen sehr in Mode war. Ihr Stiefsohn Guy de Pourtalès wurde übrigens sowohl vom Vater als auch von Hélène in den Wassersport eingeführt.
Doch in der übrigen Welt genoss die Olympiasiegerin wenig Beachtung, denn die Presse teilte Anfang des Jahrhunderts weitgehend die Meinung von Pierre de Coubertin. Das Ehepaar lebte noch bis 1904 zusammen im Château des Crénées, wo Hermann am 9. Juli verstarb und ein beachtliches Erbe im Wert von über sechs Millionen US-Dollar hinterliess. Von da an pendelte Hélène zwischen Mies und ihrem Pariser Domizil in der Avenue de l'Alma 45. 1945 entschlief sie im Alter von 77 Jahren in Genf – in völliger Anonymität.
Während Hélènes Schwägerin Marguerite Isabelle de Pourtalès-Naville (1852–1930) für ihre Ägyptologiestudien an der Seite ihres Mannes Edouard Naville Bekanntheit erlangte, fand Hélène de Pourtalès nie grosse Anerkennung. Zu ihrer Zeit öffnete sich die Wissenschaft zunehmend für Frauen, der Sport blieb dagegen fast ausschliessliche eine Männerdomäne. Ausserdem beschränkte sich Hélènes internationale sportliche Karriere auf die Olympischen Spiele von 1900.
Nur wenige Journalisten und Kommentatoren erwähnten, dass sie zu denjenigen gehörte, die den Frauen den Weg zur Olympiade bereiteten, von ihrer Goldmedaille ganz zu schweigen. Die ausgeprägte protestantische Gesinnung des Genfer und Neuenburger Patriziats trug sicher ebenfalls nicht zu ihrem Ruhm bei.
Den grössten Teil ihres Lebens verbrachte die amerikanisch-schweizerische Doppelbürgerin zwar am Genfersee. Allerdings war Hélène de Pourtalès keineswegs nur eine «Süsswasserseglerin», von der die Geschichte nichts als einen «glücklichen Fang» in Form einer Goldmedaille behalten hat, sie war eine Pionierin und Olympiasiegerin, so viel steht fest.
Ganz neu ist die Idee nicht, bereits Ende des 19. Jahrhunderts wird über Telegrafen- und Telefonleitungen live eingespielte Musik übertragen. In Paris können Gutsituierte ein «Théâtrophone»-Abonnement lösen und zu Hause an den Telefonhörern in Stereo Opernaufführungen lauschen. Das Telefon ist das Radio avant la lettre. Die Idee, die Technik der drahtlosen Telegrafie für Sprechfunk oder Musikübertragung zu nutzen, liegt also in der Luft.