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Geschichte und Deutung
Verlag Philipp von Zabern
X, 381 Seiten mit 82 Schwarzweißabbildungen und 2 Tabellen,
13 Farbtafeln mit 19 Abbildungen
Leinen mit Schutzumschlag
ISBN 3-8053-2595-9
DM 68,- /sFr 62,- /öS 496,-
Der Autor: Karl Jaroš, geboren 1944, studierte Philosophie, Theologie, Alttestamentliche Bibelwissenschaft und Arabische Religionsgeschichte in Linz, Graz, Fribourg und Jerusalem. 1971 Mag. theol. Universität Graz; 1973 Dr. theol. Universität Fribourg; 1976 Habilitation für Alttestamentliche Bibelwissenschaft (Universität Graz); 1982 Habilitation für Althebräische Literatur und Altertumswissenschaft Palästinas (Universität Wien); 1976 bis 1981 ordentlicher Professor an der Theologischen Fakultät Linz; seit 1977 Lehrtätigkeit am Institut für Orientalistik der Universität Wien.
Umfangreich ist die Jesusliteratur. Der Nazarener gehört zu den Figuren, die auch heute noch Stoff zur Auseinandersetzung bieten, auch wenn die Qualität der daraus inspirierten Werke höchst unterschiedlich ausfällt. Anstöße für sein Werk erhielt Jaroš durch die Lektüre von Joseph Klausner, David Flusser, Schalom Ben-Chorin, und Kurt Schubert, welche ihrerseits den Versuch unternommen hatten, die historische Figur Jesu herauszuarbeiten. Der eigentliche Anstoß zur Publikation eines Jesusbuches war für Jaroš jedoch die Diskussion um die Neudatierung verschiedener Papyri, insbesondere des Papyrusfragmentes Nr. 5 von der Höhle sieben von Qumran, welche Jaroš zur Überzeugung brachte, dass die Niederschrift des Markusevangeliums auf einen Zeitpunkt datiert werden könne, der nur wenige Jahre nach dem Tod Jesu anzusiedeln sei. Dadurch erhielten die Evangelien ein neues Gewicht als Hauptquellen, die dem historischen Geschehen sehr nahe stünden.
Der Autor stellte sich nun die Aufgabe, möglichst viele historische Details zu sammeln und sie für den Leser zu erläutern. In einem ersten Kapitel beschreibt er die politische, wirtschaftliche und religiöse Lebenswirklichkeit zur Zeit Jesu. Der Leser wird informiert über die politischen Machtverhältnisse, die in Palästina geherrscht haben zur Zeit Jesu, also nach dem Tod des Grossen Herodes, aber auch über die Vorgeschichte, die zu diesen geführt hat. Man erfährt, dass der Name „Palästina“ als Bezeichnung für das ganze Gebiet des West- und Ostjordanlandes noch nicht verwendet wurde, sondern die einheimischen Namen wie Idumäa, Judäa, Samaria, Galiläa und Peräa. Das Land wird beschrieben, die Städte, das Klima, das Straßennetz, die Karawanenrouten, die Seewege, Häfen, Bevölkerung und Wirtschaft Wir erfahren, dass in der Dekapolis das Zusammenleben zwischen jüdischer und hellenistischer Bevölkerung weit besser funktionierte als in anderen Gegenden, wo viel stärkere Spannungen bestanden. Es wird ersichtlich, dass die wichtigste Lebensgrundlage der jüdischen und jüdisch-samaritanischen Bevölkerung die Landwirtschaft war, wir erfahren, was angebaut wurde, wie der Speisezettel des Grossteils der einheimischen Bevölkerung aussah und werden informiert über die wichtigsten Handwerksberufe, den Handel und das Geldwesen.
Ein ausführliches Kapitel ist der Jüdischen Religion gewidmet: der Geschichte des Monotheismus, der sich erst nach dem Babylonischen Exil ganz durchzusetzen vermochte; der Bedeutung des Tempels und der Tempelhierarchen; den verschiedenen jüdischen Religionsschulen, die miteinander konkurrierten. Interessant ist es, wie Jaroš die vier führenden Religionsparteien beschreibt: die konservative Religionspartei der Saduzäer, aus der die Priesteraristokratie hervorging; die eher besonnene, liberale Partei der Pharisäer, welche sich in der Thoraauslegung weit toleranter zeigte als die Saduzäer und Essener; die durch Fanatismus geprägte Religionspartei der Zeloten (Eiferer), welche auch den Gebrauch radikaler Mittel ( z.B. politische Rebellion) befürworteten zur Errichtung der Gottesherrschaft; die stark hierarchisch strukturierte Gruppe der Essener, die nach strengen Regeln und zu absolutem Gehorsam gegenüber ihren Vorstehern verpflichtet, in Gemeinschaft lebten (Zentren in Qumran und Jerusalem). Jaroš zeigt, dass sowohl zelotische wie auch essenische Elemente in den neutestamentlichen Schriften auszumachen sind, und weist hin, auf pharisäerfeindliche Tendenzen, im Sinne propagandistischer Zwecke.
Schließlich gibt
der Autor eine Übersicht der schriftlichen Quellen, die über die historische
Gestalt Jesu Auskunft geben könnten. Er nennt griechisch-römische
Schriftsteller, jüdische Quellen, christliche Quellen (in erster Linie die
Evangelien) und referiert das Jesusbild aus dem Koran.
Wenn es dann um die kontroverse Diskussion der Datierung der Evangelien geht, um die Urheberschaft dieser Schriften, um die Redaktionsgeschichte, da wird dann der Text (wie auch im besonderen die Fußnoten) eigentümlich unwissenschaftlich. Wo der Autor an anderen Stellen durchaus in der Lage ist, vorsichtig zwischen wahrscheinlich historischem Geschehen und Interpretationen der Urgemeinde zu unterscheiden, so ist er bei Fragen, die ihm besonders wichtig sind, plötzlich merkwürdig großzügig, wenn es ihm als Beweis genügt, dass die altkirchliche Tradition dies so überliefert. An anderen Stellen kann es geschehen, dass Autoren, die gegensätzliche Auffassungen vertreten, ziemlich unfair abqualifiziert werden, ihnen gar unterstellt wird, dass sie alte Papyrusbruchstücke anders lesen, um eine vorgefasste Meinung bestätigt zu finden. Auch sprachlich macht sich an manchen Stellen mangelnde Sachlichkeit bemerkbar, durch apodiktische Formulierungen und wertende Einschübe wie: „es kann kein vernünftiger Zweifel mehr bestehen...“
Beim Lesen hat man zuweilen den Eindruck, als wäre der Text von einem Doppelautor geschrieben: von einem sehr gelehrten Mann, der sich mit Akribie und viel Kenntnis auf verschiedenster Ebene um eine sorgfältige, wissenschaftliche Auseinandersetzung bemüht unter Einbezug der neuesten Forschungsdiskussion – und dann wiederum von einem Mann, der in eigener Person am Vorabend mit Pontius Pilatus in dessen Privaträumen gespiesen hat und sich so durch eigenes Erleben von der „Frivolität des Präfekten“, von seiner „korrupten Amtsführung“ und seiner „bestialischen Grausamkeit“ überzeugen konnte. Er berichtet von historischen Ereignissen (zum Beispiel von der Zerstörung des Garizim Tempels der Samaritaner im Jahre 128 v. Chr. ) und wertet diese dann gewissermaßen als Betroffener (wenn er den Bau des „protzigen Zeus-Tempels“ durch Hadrian im Jahre 135 n. Chr. als Entweihung brandmarkt, ohne zu berücksichtigen, wie viele christliche Kirchen auf den Ruinen von römischen Tempeln entstanden sind).
In den Kapiteln II bis VII werden die in den Evangelien berichteten Geschichten über Jesu Geburt, Kindheit, Berufung, sein prophetisches Lehren, sein Selbst- und Gottesverständnis, Jesu letzte Tage und die Kunde von Jesu Auferstehung unter dem Gesichtspunkt der Geschichtlichkeit beleuchtet. Auch für diese Kapitel gilt, dass es sich ungeheuer spannend liest, Geschichten, Gleichnisse, Sätze, die der Laie in der Regel nur vom Religionsunterricht oder der Kanzel in den Ohren hat, in einem historischen Kontext zu sehen und zu verstehen. Das Kapitel über die Wunder ergibt einen Zugang zu einem ganz anderen Verständnis, als das, was der heutige Mensch solchen Phänomenen gegenüber aufbringt. Aufschlussreich ist auch, zu erahnen, wo die Urchristliche Gemeinde ihre Auffassungen und Interpretationen im nachhinein in das Geschehen integriert. Interessant ist es, den Divergenzen in den vier in den Kanon aufgenommenen Evangelien (es existieren ja auch weitere Evangelien, die aber nicht aufgenommen wurden) nachzuspüren, die sich zum Teil auch daraus ergeben, dass für eine unterschiedliche Leserschaft geschrieben wurde, z.B. für eine judenchristliche (im Fall des Matthäusevangeliums) oder für eine sogenannt heidenchristliche (im Falle des Markus- und Lukasevangeliums). Einen deutlich anderen Charakter hat wiederum das Johannesevangelium, dessen Anliegen stärker theologisch und philosophisch ist als das der Synoptiker. Keines der Evangelien, so Jaroš, ist als Biographie Jesu zu verstehen. Die Evangelien bilden vielmehr eine für die damalige Zeit neue Literaturgattung mit dem Sinn der Verkündigung der christlichen Botschaft, der Verkündigung der endgültigen Gottesherrschaft in der Person Jesu.
Das Versprechen, welches vom Verlag auf der letzten Umschlagseite gegeben wird, dass „nach der Lektüre dieses Buches das Wissen ein anderes, der persönliche Glaube – und noch der Unglaube – nicht mehr derselbe“ sei, wird durchaus eingelöst. Der Leser ist um viele Kenntnisse und Erkenntnisse reicher, auch wenn der im Text hervortretende Mangel an Distanz einem geschichtlich interessierten Leser das Lesen recht erschweren mag.
Susanne Cho