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Das Theater Winterthur, 1979 vom Architekten Frank Krayenbühl fertiggestellt, ist ein äusserst eigenwilliges Haus. Seine Eigenständigkeit fusst auf der Verbindung sehr unterschiedlicher architektonischer Prinzipien. Das Äussere zeichnet sich durch eine gestufte und aufgrund der weitgehend geschlossenen Bleiplattenverkleidung monolithisch wirkenden Volumengliederung aus. Man fühlt sich an die abstrakten, zuweilen mimetisch anmutenden Kompositionen des späten Alvar Aalto erinnert.
Unter dem grossen Dach verbirgt sich ein offener Innenraum, der wiederum von plastisch ausgebildeten Raumabschlüssen, etwa den «überhängenden» Betonvolumen des Saals, wie auch leichten Strukturen, namentlich den Stahlfachwerkträgern der Dachkonstruktion, gebildet wird. Sowohl im Saal wie auch in den Foyers ist der Raum durch informelle Qualitäten geprägt, beispielsweise ablesbar in fehlenden Symmetrien. Damit ist auch der landschaftliche Charakter der Foyers gemeint, die sich diagonal über mehrere Terrassen miteinander verbinden. Überlagert wird der Raum durch die offen geführte Haustechnik sowie farblich differenzierte Elemente, die Einflüsse der damals aktuellen Strömungen um Norman Foster und Renzo Piano aufweisen.
Die Sanierung eines Gebäudes wie das Theater Winterthur ist vor dem Hintergrund seiner architektonischen Qualitäten und seiner denkmalpflegerischen Bedeutung eine eminent architektonische Aufgabe. Die Rolle des Architekten ist in diesem Fall aber nicht die eines entwerfenden Autors. Seine Rolle besteht vielmehr in der Funktion eines Anwalts, der die gegebenen Qualitäten verantwortungsbewusst und sorgfältig schützt.
Die Installation Anthropomorphe Form anlässlich der Ausstellung der Swiss Art Awards 2021 nimmt mit seiner textilen Decke die gesamte Ausstellungshalle ein und verwandelt diese als raumfüllendes Werk in einen neuen architektonischen Raum. Dieser lässt an die temporären Bauten von Festzelten denken, obwohl dieser Eindruck durch die sich kontinuierlich ändernde Form des Stoffes augenblicklich wieder zerstört wird.
Das transluzide Textil ist an dünnen Seilen in fünf Achsen aufgehängt, wobei jedes Seil über einen von zweiundvierzig Motoren bewegt wird. Die Steuerung der Motoren erfolgt über einen Algorithmus, der unterschiedliche Parameter der menschlichen und atmosphärischen Aktivität verarbeitet: den Geräuschpegel, die Anzahl und Verteilung der Besucher, die Geschwindigkeit ihrer Bewegungen usw.
Das textile Dach wird so zum eigentlichen Organ der anwesenden Besucherinnen und Besucher und bildet fast unbemerkt immer wieder andere Räume als Hintergrund für die Ausstellung – mal nehmen sie eine monumentale Gestalt an, mal sind sie intim, mal wirken sie architektonisch, dann wieder organisch. Das Textil formt ein archaisches Zeltdach oder hüllt die Anwesenden in eine mimetische Wolke.
Die Arbeit thematisiert somit den Einfluss des Menschen auf die Umwelt in der wir uns bewegen und die traditionell feste Architektur in einem subtilen Kommentar zu unserem Zeitalter des Anthropozäns.