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Wer einen Friedensnobelpreis bekommt wie Schimon Peres, der muss ein Friedensstifter sein. Entsprechend lauten am Tag nach Peres' Tod auch viele Würdigungen im Ausland. In Israel selber aber war Peres weit weniger beliebt.
Fredy Gsteiger war in den 1990er-Jahren Nahostkorrespondent der deutschen Wochenzeitung «Die Zeit» und hat Peres mehrere Male interviewt.
Fredy Gsteiger: Im Ausland sehen viele primär den Friedenspolitiker Peres, den Mann, der für die Versöhnung mit den Palästinensern kämpfte. Die Israelis hingegen haben ein differenziertes Bild. Sie sehen vor allem auch den Machtpolitiker Peres, einen Mann, der seine Positionen oft veränderte, dem es stets auch darum ging, wichtige politische Ämter zu bekleiden. Peres war äusserst lange im politischen Geschäft in Israel, aber wirklich beliebt war er dort nicht. Er verlor viele Wahlen.
Sie zeichnen das Bild eines Opportunisten. Wie zeigte sich denn dieser Opportunismus?
Peres setzte sich durchaus überzeugend für die Zweistaatenlösung ein. Andererseits spielte er in den früheren Jahren durchaus eine wichtige Rolle beim Bau der ersten israelischen Siedlungen im besetzten Gebiet – also genau jene Siedlungen, die eine Zweistaatenlösung so schwierig machen. Peres spielte auch eine wichtige Rolle als einer der Gründerväter des israelischen Atomprogramms. Zudem diente er sich in späteren Jahren dem rechten Premierminister Ariel Scharon an, weil er unbedingt wieder Minister werden wollte.
War denn Peres‘ Haltung, dass es neben dem Staat Israel noch einen Staat Palästina brauche, Opportunismus oder Überzeugung?
Mit zunehmenden Jahren war Peres echt der Überzeugung, dass Israel langfristig eine Versöhnung mit Palästina finden muss. Es ist auch unumstritten, dass Peres einer der Architekten des Osloer Friedensabkommens war.
Für diese Initiative bekam Peres zusammen mit Jassir Arafat und Izchak Rabin 1994 den Friedensnobelpreis. Erhielt er diesen zu früh?
Das ist gut möglich, aber das könnte man auch bei Arafat und Rabin sagen. Tatsache ist: Die Osloer Abkommen wären heute wohl weder in Israel noch in Palästina mehrheitsfähig. Zurzeit dominiert abgrundtiefes Misstrauen. Nur wenige auf beiden Seiten sehen eine partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Israel und Palästina.
Peres machte über 60 Jahre Politik: Was ist sein Vermächtnis?
Im Ausland wird er in Nachrufen oft als Gandhi von Israel gepriesen. In Israel selbst respektiert man zumindest eine äusserst lange Politikerkarriere. Man nimmt dort Abschied von einem der letzten Grossen der Gründergeneration Israels. Das inhaltliche Vermächtnis aber ist nicht ganz so klar, zumal Peres eben nicht nur der Friedenspolitiker war, sondern auch ein schillernder Machtpolitiker. Es ist offenkundig: Vieles von dem, wofür Peres stand, etwa die Zweistaatenlösung, liegt heute in Scherben.
Das Gespräch führte Simon Leu.