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Vom internen Arbeitsinstrument zur online Forschungsinfrastruktur: Das AfA-Portal Personen und Institutionen
Ziel und Zweck des Nachschlageportals
Es sind immer auch Menschen, die einer Epoche, einem Thema oder einer Institution zu einem Gesicht verhelfen. Die Vorstellungen über das Agrarische sind stark geprägt von dem, was Forschende über Menschen und Institutionen wissen. Ähnlich wie das Wissen und das Nicht-Wissen über die Landwirtschaft generell, so sind die Kenntnisse über die in der Landwirtschaft tätigen Menschen und Institutionen seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stark von den politischen Auseinandersetzungen um die Funktionen des Agrarsektors in den Industriegesellschaften geprägt. Die im bäuerlichen Alltag, bei der Arbeit mit Tieren, Pflanzen und Maschinen auf den Feldern, Wäldern und Höfen massgeblichen Akteur*innen hingegen werden, ebenso wie diejenigen, die in den Labors, Verwaltungsgebäuden, Redaktionsstuben und Hörsälen tätig waren, nur selten als Individuen wahrgenommen und in ihrem Alltag porträtiert. Das gilt auch für die Vereine, Verbände, Firmen, Forschungsanstalten, Schulen und Periodika, die auf die Landwirtschaft einwirkten und zugleich von dieser geprägt wurden. Nur selten ist bekannt, wer diese Akteur*innen waren, wann sie wo wirkten, wie sie funktionierten und welche Folgen ihre Aktivitäten hatten. Für Historiker*innen war es bisher relativ aufwändig, zu Informationen zu gelangen, die diese Aktivitäten dokumentieren. Mit der Erschliessung von Archivbeständen von Verbänden, Firmen, Privaten und Behörden sowie der Entwicklung des Online-Portals Personen und Institutionen versuchen wir, das Wirken dieser Akteur*innen der wissenschaftlichen Forschung und einer interessierten Öffentlichkeit bekannt und zugänglich zu machen.
Die Geschichtsschreibung zur ländlichen Gesellschaft hat in den letzten drei Jahrzehnten begonnen, andere als unmittelbar politische und ökonomische Dimensionen des Agrarischen zu thematisieren. Das hat viel Wissen produziert, aber auch Fragen nach Akteur*innen aufgeworfen, über die in den gängigen Lexika und Nachschlagewerken wenig oder gar keine Informationen zu finden sind. Während Agrarpolitiker und ausgewählte Verbandsfunktionäre in Nachschlagewerken wie dem Historischen Lexikon der Schweiz (HLS) noch relativ gut vertreten sind, werden Bäuerinnen, Tier- und Pflanzenzüchter, Mägde, Agrarökonomen, Filmschaffende, Händler, Landarbeiter oder Agronomen – um nur einige Kategorien zu nennen – in den Lexika selten dokumentiert. Die fehlenden Kenntnisse über deren Herkunft, ihr Wirken und ihre Einflüsse auf den Alltag innerhalb und ausserhalb der Landwirtschaft tragen dazu bei, dass in der allgemeinen Geschichtsschreibung gewöhnlich nach wie vor davon ausgegangen wird, dass sie weder relevant noch interessant für die Entwicklung der Gesellschaft waren. Sogar besonders wichtige, weit über die Schweiz hinaus aktive und bekannte Personen wie Günthart, Alois (1880-1964)--DB1398, Ineichen, Franz (1887-1953)--DB1734, Meyenburg, Konrad von (1870-1952)--DB2359, Dettwyler-Jecker, Emilie (1880-1951)--DB816 oder Fonjallaz, Françoise (1888-1966)--DB1084, werden in den gängigen Personenlexika ignoriert. Aber auch viele Verbände, Forschungsanstalten, Firmen, Bildungsinstitutionen und Periodika aus dem Agrarbereich werden nicht erwähnt. So verfügen beispielsweise weder die Saatzucht- noch die Viehzuchtverbände über einen Eintrag im HLS. Auch fehlen Einträge zu den Verbänden der Landarbeiter oder dem Dachverband der Genossenschaftsverbände, in dem sich die Genossenschaften der Konsument*innen und der Produzent*innen zusammenschlossen. Das gleiche gilt für die Organisationen und Publikationsorgane, die sich mit Fragen der Land- und Reproduktionstechnik beschäftigten.
Entstehungsgeschichte
Was vor fünfzehn Jahren als internes Arbeitsinstrument konzipiert wurde, um einen Teil der bei der Erschliessung von Archivbeständen formlos, aber reichhaltig anfallenden Informationen zu Personen und Institutionen in strukturierte Formen zu bringen, präsentiert sich heute als online zugängliches Forschungsinstrument. Die primär auf Informationen aus Quellenbeständen beruhenden Einträge wurden sukzessive durch eine systematische Auswertung von Zeitungen, Zeitschriften, Jahres- und Jubiläumsberichten sowie der wachsenden agrarhistorischen Literatur ergänzt und erweitert. Die Einträge werden laufend ausgebaut, unabhängig davon, ob sie lediglich rudimentäre Angaben oder bereits ausführliche Informationen enthalten. Weil die Einträge zu den Personen und den Institutionen dank der Informationen in neu erschlossenen Archivbeständen kontinuierlich ergänzt und revidiert werden können, streben wir keine definitiven, nicht mehr veränderbaren Artikel an. „Fertige“ Einträge im Sinne eines klassischen Lexikonartikels gibt es im AfA-Portal Personen und Institutionen per definitionem nicht.
Welche Personen und Institutionen erhalten einen Eintrag?
Grundsätzlich können alle Personen und Institutionen in das Portal aufgenommen werden, die in der Entwicklung der ländlichen Gesellschaft eine Rolle gespielt haben. So kann mit dem Portal ansatzweise auch die soziale Vielfalt der Akteur*innen abgebildet werden, die die agrarische Welt prägten. Denn zum Agrarischen gehören Bienenzüchter und Bäuerinnen genauso wie Verbände, Behörden oder Zeitschriften. Bedingung für die Aufnahme einer Person in das Portal ist ihre eindeutige Identifizierbarkeit, d.h. dass ihr Name und mindestens eine Tätigkeit bekannt sind. Weil unterschiedliche Personen zuweilen gleich heissen und Institutionen ihren Namen oft ändern, erhält jede verzeichnete Person oder Institution zur eindeutigen Identifizierung eine fortlaufende Nummer im Titel des Eintrags. Obwohl es sich primär um ein Portal mit historischen Bezügen handelt, erhalten auch viele lebende, beruflich aktive Personen und Institutionen einen Eintrag im Portal. Ein Grund liegt darin, dass einige von diesen Personen schon morgen historisch relevante Figuren sein können und es deshalb sinnvoll ist, sie rechtzeitig mit präzisen Angaben zu ihren Tätigkeiten im Netzwerk der Akteur*innen zu verorten. Zudem geht es um die Schaffung einer Verbindung der Geschichte zur Gegenwart – und umgekehrt. Zuweilen entwickeln zeitgenössische Akteur*innen dadurch in der Tat ein Bewusstsein für ihre historische Bedingtheit.
Aufbau, Sprache und Verschlagwortung der Artikel
Die Einträge zu den Institutionen bestehen nach Möglichkeit aus einer Organisationsgeschichte und einem Hinweis, ob die Institution über einen erschlossenen Archivbestand verfügt und wo sich dieser befindet. Wenn die verzeichnete Institution noch aktiv ist, enthält der Eintrag auch einen Link auf ihre Webseite. Abgeschlossen werden die Einträge zu den Institutionen mit einer Auflistung der Funktionsträger und Funktionsträgerinnen (Geschäftsführerinnen, Redaktoren, Direktoren etc.) inkl. deren Amtszeiten. So wird auf einen Blick ersichtlich, wer in der entsprechenden Organisation wie lange welche Funktionen ausübte und wer die Vorgängerin und der Nachfolger im angegebenen Amt war. Links machen es möglich, mit einem Mausklick direkt auf die Einträge zu den erwähnten Institutionen und Personen zu gelangen.
Bei den Personeneinträgen ist zwischen den standardisierten Abschnitten zur Person sowie ihren beruflichen und öffentlichen Tätigkeiten und dem offenen Abschnitt „Biografische Skizze“ zu unterscheiden. Bei den standardisierten Feldern geht es darum, einzelne Angaben wie die Lebensdaten, die Ausbildung, den Beruf und die Tätigkeiten in Institutionen sichtbar zu machen und mit Links auf Vorgänger und Nachfolgerinnen hinzuweisen. Bei den biographischen Skizzen besteht die Möglichkeit, das Wirken der Person ausführlicher darzustellen, auf den ersten Blick nicht naheliegende Querverbindungen aufzuzeigen und auf inhaltliche Bereiche hinzuweisen. Enthält der Eintrag eine ausführlichere biographische Skizze, wird der Name der Autorin oder des Autors aufgeführt. Wenn immer möglich werden die Einträge mit einer Porträtfotografie ergänzt. Auch diese stammen in der Regel aus Publikationen und Archivbeständen, die im AfA greifbar sind. In der Rubrik „Quellen und Literatur“ werden Publikationen der erfassten Person aufgeführt oder Hinweise gemacht, wo deren Publikationen allenfalls verzeichnet sind; die Erstellung und open access Publikation einer vollständigen Bibliografie wird jedoch nicht angestrebt. Wenn die Informationen zu den einzelnen Beiträgen aus einer Vielzahl von Quellen stammen, werden diese summarisch verwiesen.
Über viele der im Portal verzeichneten Personen sind im AfA wesentlich mehr Informationen vorhanden, als im Eintrag vermerkt werden können. Wenn diese Informationen anderweitig online zugänglich sind, werden sie direkt verlinkt. In den anderen Fällen erfolgt ein Hinweis auf den Standort, wo sich die entsprechenden Quellen befinden und konsultiert werden können, wie am Beispiel des Eintrags über Bielser, Alice (1925-2017)--DB335, Beraterin und Lehrerin für Hauswirtschaft ersichtlich wird.
Der Eintrag enthält neben den Lebensdaten und Informationen zur Ausbildung, der beruflichen Tätigkeit und Alice Bielsers Engagement in der Öffentlichkeit auch eine ausführliche biografische Skizze, in der zwei inhaltliche Aspekte besonders thematisiert werden. Zum einen geht es um ihren Standpunkt in der in den 1950er Jahren erneut viel diskutierten Frage, ob es sich bei der Landwirtschaft um einen „unterentwickelten“ Zweig der Volkswirtschaft handle, der nun endlich nach dem Vorbild der Industrie zu gestalten sei. Angesprochen werden zum andern Alice Bielsers Bestrebungen zur Zweiteilung der Bäuerinnenausbildung in eine ländlich-hauswirtschaftliche Grundausbildung und eine berufsbäuerliche Weiterbildung für diejenigen Frauen, die sich an der Führung eines bäuerlichen Betriebes beteiligen wollten. Im Weitern enthält der Eintrag Links auf Filme, die im Online-Portal der European Rural History Film Association (ERHFA) zugänglich sind, deren Inhalte zu einem grossen Teil auf Manuskripten von Alice Bielser basieren. Abgeschlossen wird der Eintrag mit einem Verweis auf ihr in elektronischer und in Papierform bestehendes Personendossier im AfA sowie den Archivbestand des Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV), AfA362, der, wie aus den dort zugänglichen Quellen ersichtlich wird, im Disput um die Ausbildung der Bäuerinnen eine dezidiert andere Meinung vertrat als sein Mitglied Alice Bielser.
Verschlagwortet ist der Eintrag einerseits mit Links zu denjenigen Personen, die wie Bielser in den Kantonen Solothurn, Baselland und Zürich tätig waren sowie mit Links zu den Institutionen, in denen sie selber eine Funktion innehatte, das heisst konkret zur Landwirtschaftliche Schule Wallierhof, AfA584, dem Schweizerischer Bäuerinnen- und Landfrauenverband (SBLV), AfA362, zur Schweizerischen Vereinigung zur Förderung der Betriebsberatung in der Landwirtschaft AGRIDEA, AfA105, sowie zur Arbeitsgemeinschaft für ländliche Soziologie, AfA664. Einen Link auf das auf das von der Schweizerischen Akademie für Geistes- und Sozialwissenschaften getragene Projekt Metagrid, das geisteswissenschaftliche Online-Ressourcen verknüpft, die biographische Daten enthalten, gibt es in diesem Eintrag im Moment (noch) nicht, weil bis jetzt kein anderes online zugängliches Nachschlagewerk Informationen über Alice Bielser enthält. Wo solche Einträge bestehen, werden sie jedoch via Metagrid systematisch verlinkt (www.metagrid.ch).
Verfasst wird der Eintrag zu Alice Bielser auf Deutsch, weil Deutsch ihre Muttersprache war. Entscheidend für die Wahl der Sprache (Deutsch, Französisch, Englisch) eines Eintrags ist die Muttersprache der Person und/oder das Sprachgebiet, in dem sie hauptsächlich tätig war. Weil laufend Einträge zu Personen und Institutionen aus immer neuen Teilbereichen des Agrarischen erstellt werden, ist eine inhaltliche Verschlagwortung nicht praktikabel. Die Verschlagwortung der Einträge beschränkt sich deshalb auf die geografischen Räume (Länder, Kantone), in denen die Akteur*innen tätig waren und die im Portal über einen eigenen Eintrag verfügenden Institutionen, in denen sich die Akteur*innen engagierten oder zu denen sie Kontakte unterhielten.
AfA-interne und publizierte Versionen der Einträge
Das AfA-Portal besteht aus zwei Versionen. In der internen Wiki-Version werden die Einträge laufend ergänzt, erweitert und allenfalls korrigiert. Periodisch, in der Regel zwei bis dreimal pro Jahr, wird der neuste Stand der Wiki-Version online gestellt. Die online Version bildet deshalb in vielen Fällen nicht den aktuellsten Stand ab. Bei Bedarf können Forschende die aktuellsten, AfA-internen Versionen vor Ort ebenso konsultieren wie die in Papierform oder elektronisch vorhandenen Personendossiers.
Suche
Der Eintrag zu einer bestimmten Person kann auf folgende Arten gefunden werden:
- via die alphabetische Liste
- via einen Link innerhalb eines bestehenden Eintrages
- via ihre Funktion in einer der speziell aufgelisteten Organisationen
- via Volltextsuche im Suchfeld
Potentiale und Perspektiven zum Ausbau
Das mit der OpenSource Software MediaWiki umgesetzte Konzept des AfA-Portals Personen und Institutionen ist in vieler Hinsicht ausbaubar. Neben der laufenden Ergänzung bestehender Einträge können neue Personen und Institutionen aufgenommen werden. Der grösste Teil der bisher verzeichneten Personen und Institutionen, rund 95%, war – oder ist – primär in der Schweiz tätig. Wir sind offen für eine Ausweitung der Aufnahme von Personen und Institutionen, die auf der internationalen Ebene oder in anderen Ländern tätig waren, brauchen dazu aber Kooperationspartner.
Rückmeldung, Kontakt
Wir sind aufmerksamen Leserinnen und Lesern des AfA-Portals Personen und Institutionen dankbar für Ergänzungen, Korrekturen und Anregungen sowie Vorschläge für neue Einträge. Über die Integration von Informationen entscheidet das Archiv für Agrargeschichte unter Berücksichtigung der redaktionellen Richtlinien des Online-Portals. Rückmeldungen können via die auch in jedem Eintrag online zur Verfügung stehenden Formulare eingereicht werden.
Unterstützung
Das AfA erhält keine finanzielle Unterstützung durch die öffentliche Hand. Projekte wie das Online-Portal Personen und Organisationen der ländlichen Gesellschaft können nur realisiert werden, wenn sich Stiftungen, Private und wissenschaftliche Förderinstitutionen engagieren. Der Auf- und Ausbau des Online-Portals erfolgte bisher u.a. dank Beiträgen von: