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Aktuell
Machtungleichgewichte im globalen Agrar- und Ernährungssystem
Die Folgen von direkten und indirekten Marktkonzentrationen sind vielschichtig. Um Änderungen in den Handelsstrukturen zu bewirken, müsse erst Transparenz geschaffen werden, betont Carla Hoinkes, Umweltwissenschaftlerin und Geografin bei Public Eye.
Von Doris Moser
«Wir von Public Eye beschäftigen uns als NGO mit Fragen rund um Ernährung und Landwirtschaft in einem globalen Kontext und konzentrieren uns auf Machtungleichheiten», beginnt Carla Hoinkes ihr Referat.
Ökonomische Marktkonzentrationen: Wenige bestimmen immer mehr
Die meisten Nahrungsmittel durchlaufen von der Herstellung bis zum Verkauf eine Abfolge von Produktionsschritten. Bezüglich dieser Produktionsketten sei festzustellen, dass immer weniger Lebensmittelfirmen einen immer grösseren Anteil der Lebensmittel weltweit produzieren und vermehrt auch deren Verarbeitungsprozesse übernehmen. Man gehe davon aus, dass bis zu 90 Prozent des weltweiten Getreidehandels in den Händen von nur vier Unternehmen liege. Auch in anderen Bereichen sei zu beobachten, dass grössere Firmen immer mächtiger würden und kleinere Unternehmen vom Markt verdrängten: So haben in Brasilien in den letzten 30 Jahren 20'000 kleinere Orangensaftproduzenten aufgeben müssen zugunsten von zwei Grossfirmen, die heute mehr als 50 Prozent des weltweiten Orangensaftkonsums produzieren.
Im Kaffeeanbau, der als sehr arbeitsintensiv gilt, seien rund 25 Millionen Menschen beschäftigt aber nur fünf internationale Firmen kümmerten sich um den Vertrieb des weltweit konsumierten Kaffees. Diese Marktkonzentration führe dazu, dass einige wenige den Kaffeepreis bestimmen könnten, von dem das Einkommen von Millionen von Menschen abhänge. «Ein aus unserer Sicht ganz zentrales Problem ist, dass in der Regel die Produzierenden ganz am Anfang der Kette kaum ein existenzsicherndes Einkommen davontragen», kritisiert Hoinkes. Durch die Marktkonzentration in einer Produktionsbranche auf einige wenige Akteure erhielten diese praktisch das alleinige Bestimmungsrecht nicht nur bezüglich der Preispolitik, sondern beispielsweise auch bezüglich des Einsatzes von Düngemittel oder Herbiziden.
So kam es, dass all diese ursprünglichen Chemiefirmen mittlerweile den landwirtschaftlichen Saatgutmarkt globalbeherrschen
Von der Chemiefirma zum Saatguthändler
In den 1990er Jahren übernahmen Chemieunternehmen die Produktion von genetisch verändertem Saatgut. Die zum Saatgut passende Agrarchemie, wie etwa Dünger und Pestizide, wurde fortan mit dem Saatgut als Gesamtpaket verkauft. Das habe dazu geführt, dass sich die Produktion von Pestiziden in den letzten dreissig Jahren weltweit verdoppelte. In Europa sei der Pestizideinsatz zwar relativ stabil geblieben, in anderen Ländern sei er aber massiv angestiegen. «So kam es, dass all diese ursprünglichen Chemiefirmen mittlerweile den landwirtschaftlichen Saatgutmarkt global beherrschen», fasst Hoinkes zusammen.
Aus ökonomischen Gründen würden nur noch einige wenige Pflanzen angebaut, nämlich solche, die sowohl beim Ertrag ein gutes Resultat erzielten, als auch für lange Transportwege und Lagerungen geeignet seien. So ernährten sich die Menschen weltweit zu 86 Prozent von insgesamt 16 Nutzpflanzen, während es über 7000 Pflanzen gäbe, die sich potentiell als Nahrungsmittel eignen würden. «Bis zu drei Viertel aller Sorten, – übrigens auch Nutztierrassen –, die zuvor weltweit zum Einsatz kamen, sind im Zuge dieser Entwicklungen verloren gegangen», verdeutlicht die Referentin. Die Abhängigkeit von einigen wenigen Pflanzensorten und -arten habe zur Folge, dass die Produktionssysteme anfälliger seien auf Schädlinge, Krankheiten oder klimatische Veränderungen.
Geografische Marktkonzentrationen
Immer mehr grosse Unternehmen investierten in Ackerland, das als Konsequenz davon der einheimischen Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung stehe. Dies führe nicht nur zu Vertreibungen und Gewaltkonflikten, sondern wirke sich auch auf die Arbeitsverhältnisse in der Landwirtschaft aus. Weltweit seien etwa 800 Millionen Menschen im Lebensmittelanbau beschäftigt. «Und es sind eben gerade diese Menschen, die oft vom Hunger und Nahrungsmittelmangel betroffen sind», so Carla Hoinkes.
Eine geografische Marktkonzentration einer Anbaukultur könne zudem massive Auswirkungen haben auf die Ernährungssituation weltweit: «Wenn geopolitisch etwas aus dem Ruder läuft, entstehen so grosse Probleme», konstatiert die Geografin und verweist auf den Krieg in der Ukraine. Geografische Marktkonzentrationen begünstigten Spekulationen und somit Preisschwankungen. Letztere würden sich auf Europäerinnen und Europäer nicht so gravierend auswirken wie auf Menschen in Entwicklungs- oder Schwellenländern, die prozentual mehr Geld von ihrem Einkommen für Nahrungsmittel ausgeben müssten.
Systemische Probleme verlangen systemische Lösungen
«Wir als Organisation vertreten die Auffassung, dass systemische Probleme letztlich nur durch systemische Lösungen gelöst werden können», ist Hoinkes überzeugt. Markt- und Wettbewerbsgesetze seinen nur national ausgerichtet und würden der globalen Bedeutung einzelner monopolistischer Akteure nicht mehr gerecht werden. Allerdings sei eine der Schwierigkeiten zurzeit, dass die Produktions- und Handelsprozesse oft gar nicht nachvollziehbar seien. «Deshalb ist für Public Eye Transparenz ein grosses Anliegen», schliesst die Umweltwissenschaftlerin.
Zur Autorin
Doris Moser arbeitet am Forum für Universität und Gesellschaft