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Das Schicksal der Ölberggruppe
Die Stadtkirche Laufenburg besass einst eine Ölberggruppe. Die geschnitzten Figuren aus den 1760er-Jahren standen ehemals in einem eigens für sie erstellten Gehäuse ausserhalb der Kirche. Dieses wurde wohl im 19. Jahrhundert aufgegeben. Danach fand die Skulpturengruppe in der Beinhauskapelle einen Platz, später im nördlichen Seitenschiff. Schliesslich verschwanden die Figuren in einem Archivraum.
Während der Recherchen zum Laufenburger Kunstdenkmälerband tauchte im Staatsarchiv ein kleiner Plan mit dem "Schloss Habsburg" im Zentrum auf. Er gibt den entscheidenden Hinweis auf den ursprünglichen Aufstellungsort der Figurengruppe.
Der Plan entstand wie folgt: Nach der Helvetik gelangte der Laufenburger Schlosshügel 1802 an die Fricktalische Verwaltungskammer, die das Terrain am Hangfuss zwecks Anlegung von Gärten stückweise auf 15 Jahre an einheimische Bürger verpachtete. 1803 kam der neu gegründete Kanton Aargau in den Besitz des Schlosshügels. Das verpachtete Areal liess er 1805 säuberlich vermessen und in "unserem" Plan festhalten. Am Fuss des Schlosses, das damals schon längst in Ruinen lag, sind die erwähnten Gartenstücke eingezeichnet und nummeriert. Neben der Pfarrkirche fällt ein kleines, mit "Ölberg" bezeichnetes Gehäuse auf. Damit ist klar, dass der Laufenburger Ölberg, dessen Schicksal uns im Folgenden beschäftigen wird, gegenüber dem südlichen Seiteneingang der Kirche stand, direkt am Felsabhang, der sich hier steil zur Schlossruine hochzieht.
Beteiligte Künstler und Handwerker
Das Wissen um den einstigen Standort des Ölbergs wäre nur halb so interessant, hätten nicht die Kirchenrechnungen im Pfarrarchiv Laufenburg viele Informationen zur Entstehungszeit und zu den beteiligten Künstlern und Handwerkern geliefert. Die Arbeiten am Ölberg begannen 1762/63 mit der Lieferung von Quadersteinen aus Sulz und Tuffsteinen aus Oberkaisten. Weiter beschaffte man 2040 Stück kleine Ziegelsteine. Aus diesem Material erstellten die einheimischen Maurer Kaspar Seitz und Lorenz Frey ein Gehäuse, das verputzt und von Baptist Zimmermann mit einem Dach versehen wurde. Türbeschläge und "Gatter" (Gitter) verfertigte Schlosser Baptist Speiss. 1763/64 entlöhnte man den Schreinermeister Matthias Rüttimann und den Bildhauer Fridolin Senn für Arbeiten am "Öhlberg". Da Rüttimanns Bezahlung zirka das Dreifache von jener des Bildhauers Senn ausmachte, dürfte Rüttimann das Holzmaterial beschafft und grob zugehauen haben. Aus diesen Lindenholzblöcken arbeitete Bildschnitzer Senn dann die Ölbergfiguren heraus. Erhalten sind eine kniende Christusfigur, drei schlafende Jünger sowie ein kelchtragender Engel. Dass die Materialkosten ein Vielfaches des Honorars für den Bildhauer betrugen, war damals gang und gäbe: Das Material war schlichtweg viel teurer als die Arbeitsleistung. Die Tuffsteine dürften übrigens dazu verwendet worden sein, im Inneren des Gehäuses die Felslandschaft des Ölbergs anzudeuten. – Sicher besassen früher auch andere Fricktaler Kirchen eine Ölberggruppe. Bekannt ist aber nur jene der christkatholischen Kirche St. Martin in Magden. Die barock geschnitzten Figuren ihres Ölbergs befinden sich heute im Fricktaler Museum in Rheinfelden und gehen wahrscheinlich auf das 17. Jahrhundert zurück.
Bildschnitzer Fridolin Senn
Der zwischenzeitlich völlig in Vergessenheit geratene Laufenburger Bildhauer Fridolin Senn hat dank der jüngsten Forschungen zur Stadtkirche wieder an Konturen gewonnen. Er war vermutlich bereits zehn Jahre zuvor an einem wichtigen Werk für die Stadtkirche beteiligt, der 1752/53 angefertigten, noch heute existierenden Kanzel. Pfarrer Meyer bezahlte damals einem der beiden einheimischen Schreinermeister (Joseph Sulzer oder Matthias Rüttimann) 236 Pfund dafür. Knapp 70 Pfund gingen an den nicht namentlich genannten Bildhauer, den wir wohl mit Fridolin Senn identifizieren dürfen. Die Bezahlung erfolgte höchstwahrscheinlich für die Schnitzarbeiten an der Kanzel u. a. einen Guten Hirten und vier geflügelte Engelchen.
Alte Standorte in der Stadtkirche
Das Gehäuse des Ölbergs scheint im späten 19. Jahrhundert aufgegeben worden zu sein. Bei der Renovierung des Geländes rund um die Stadtkirche 1871 existierte es noch. Die Gemeindeversammlung bewilligte damals die Korrektion der Wege sowie die "Verschönerung des alten Gottesackers bei der Kirche". Hierbei ist die Rede vom Beseitigen der "baufälligen Bordmauer vom Oelberg bis zum Kirchturm". Wenig später scheint das Gehäuse des Ölbergs abgegangen zu sein. Die holzgeschnitzten Figuren der Ölberggruppe kamen danach in die Beinhaus- oder Totenkapelle unter dem nördlichen Seitenschiff. In deren Chor wurden sie an der Nordwand montiert und verblieben dort bis in die 1960er-Jahre. 1963/64 restaurierte G. Eckert aus Luzern die farbig gefassten Lindenholzskulpturen. Später erhielten sie am Westende des nördlichen Seitenschiffs einen neuen Platz. Die Engelsfigur mit dem Kelch wurde dazu in einer Nische aufgestellt.
Worauf bezieht sich die Ölberggruppe?
Ölberggruppen stellen eine Begebenheit kurz vor dem Kreuzestod Christi dar, die in den Evangelien geschildert wird (Mt 26,36–56; Mk 14,32–52 und Lk 22,39–53). Demnach ging Jesus nach dem Abendmahl zusammen mit seinen Jüngern zum Garten Gethsemane um zu beten. Petrus, Jakobus und Johannes begleiteten ihn bis an den Fuss des Ölbergs. Dann wies Jesus sie an, in der Nähe zu warten, mit ihm zu wachen und zu beten. Er selbst kniete betend nieder: "Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir! Aber nicht mein, sondern dein Wille soll geschehen." (Lk 22,42, Einheitsübersetzung 2016). Obwohl die Jünger hätten wach bleiben sollen, schliefen sie ein. Zum festen Bestand einer Ölberggruppe gehören nebst Christus die drei schlafenden Jünger und der Engel mit dem in den Evangelien erwähnten Kelch. Die Laufenburger Ölberggruppe ist demnach komplett erhalten. Der Grossteil der Figuren, nämlich Christus, der Engel sowie zwei schlafende Jünger, lagert heute im Estrich des Pfarrhauses. Einer der Schlafenden ist durch das Schwert als Petrus erkennbar, die andere, bärtige Figur muss daher Jakobus sein – Petrus und Jakobus sind im Stehen eingeschlafen. Der dritte der schlafenden Jünger ist im Treppenhaus des Pfarreisaals im Untergeschoss des Pfarrhauses aufgestellt. Mit seiner jugendlichen Gestalt und Gesichtsform ist er eindeutig als Johannes zu erkennen. Er hat sich hingesetzt, die Augen geschlossen und den Kopf auf die rechte Hand gestützt. Auch Petrus hat seine Hand an den Kopf gelegt. Diese Geste war für alle verständlich und bedeutete, dass die dargestellte Person schläft.
Die Entwicklung der Ölbergdarstellung
Im Mittelalter war die Ölbergszene Teil des Passionszyklus. Erst nach und nach wurde sie – auch wegen des Bedürfnisses der Gläubigen, sich die Leiden Christi in seinen letzten Stunden zu vergegenwärtigen – zu einem selbständigen Andachtsbild. Der meist im Kirchhof und damit im Friedhof aufgestellte Ölberg (auch der Kirchhof von Laufenburg wurde bis Mitte des 19. Jahrhunderts als Gottesacker genutzt) diente der persönlichen Andacht, spendete Trost, war aber auch ein Mahnbild. Angesichts von verheerenden Seuchen, Hungersnöten und Kriegen war der Tod den Menschen stets gegenwärtig. Dass Christus bei seinem letzten Gebet hadernd vor seinem Vater kniete und ihn anflehte, den Kelch an ihm vorübergehen zu lassen, brachte ihn den Menschen nahe, auch als Vorbild, sich dem Willen Gottes zu unterwerfen. Überdies waren die Geschehnisse am Ölberg vor allem im Barock Inhalt von Predigten, Prozessionen und Andachten, wie etwa der Ölbergandacht am Gründonnerstag. Am stärksten verbreitet waren vollplastische Ölberggruppen. Sie konnten ausserhalb der Kirchen platziert sein, beispielsweise in eigenen Kleinbauten wie in Laufenburg. Oder sie waren in Gehäusen an den Aussenwänden von Kirchen aufgestellt, wie an der Stadtkirche Baden oder an der Kapelle St. Anna in Bremgarten. Bekannt sind aber auch gemalte Ölbergszenen im Inneren von Kirchen, wie das Beispiel in der Kirche von Mandach zeigt. Im Lauf des 18. Jh. wurden die Ölberggruppen nach und nach von Kreuzwegen abgelöst.
Fazit
Mit den Figuren der Ölberggruppe des Bildschnitzers Fridolin Senn, die im Pfarrhaus aufbewahrt werden, hat sich in Laufenburg ein wichtiges Zeugnis religiöser Andacht des 18. Jahrhunderts erhalten. Dank einem Plan von 1805 kann zudem der Standort des 1763 eigens für die Figurengruppe errichteten und Ende des 19. Jahrhunderts aufgegebenen Ölberg-Bildhauses lokalisiert werden.