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China strebt in ganz Asien immer offener die Dominanz an. Erst jetzt, da auch der Indische Ozean zunehmend unter chinesische Kontrolle gerät, schreckt Indien auf. Drei Konfliktfelder sind es hauptsächlich, die China und Indien entzweien.
Die Landgrenze im Himalaya: Die Grenzstreitigkeiten gründen in kolonialen Zeiten. China hat die noch von den Briten vor mehr als hundert Jahren gezogene Grenze nie akzeptiert. In all den Jahrzehnten seither hat man den Konflikt nicht beilegen können. Weshalb sich am Pangong-See in Ladakh und weiter östlich auf dem Doklam-Plateau chinesische und indische Soldaten feindselig gegenüberstehen. Es handelt sich die meiste Zeit «bloss» um einen Kalten Krieg, zumal er sich in sehr grosser Höhe, auf mehr als 3000, teilweise gar auf mehr als 4000 Metern über dem Meer abspielt. Das Potenzial für einen heissen Krieg, in dem tatsächlich geschossen wird, ist aber unvermindert hoch. Das zeigte sich voriges Jahr auf dem Doklam-Plateau, als die Spannungen schlagartig zunahmen. Und zwar nachdem China eine Strasse ausgebaut hatte, die den eigenen Truppennachschub an die umstrittene Grenze immens erleichtert. Im letzten Moment liessen sich militärische Auseinandersetzungen gerade noch verhindern. Doch das Problem kann jederzeit wieder hochkochen.
Für Indien ist die Gegend so wichtig, weil die Chinesen, falls sie dort vorrücken würden, sehr leicht den Siliguri-Korridor – wegen seiner Form auf der Landkarte auch «Hühnerhals» genannt – kontrollieren könnten. Die einzige Verbindung also vom indischen Kernland zu seinen sieben Bundesstaaten ganz im Osten. Zurzeit scheint es, als sei vor allem China nicht wirklich an einer definitiven Lösung des Grenzkonflikts im Himalaya interessiert. Denn solange dieser schwelt, ist Indien gezwungen, seine Streitkräfte bereitzuhalten, um dort eingreifen zu können. Wäre die Situation dort geregelt, könnte es grosse Truppenkontingente abziehen und an der Grenze zu Pakistan stationieren, Indiens traditionellem Feind, der aber neuerdings ein immer wichtigerer Verbündeter Chinas ist.
Pakistan und Afghanistan: Für Indien ist China ein Rivale, der Nachbar Pakistan hingegen der Erzfeind. China gilt als potenzielle, Pakistan jedoch als unmittelbare Bedrohung. Was verständlich ist, wenn man weiss, dass immer wieder Terrorattentate in Indien von Pakistan ausgingen – von wem genau auch immer. Die beiden Regionalmächte besitzen beide Atomwaffen. Für die indische Regierung ist es überaus ärgerlich, dass nun ausgerechnet der Rivale China und der Erzfeind Pakistan immer enger kooperieren. Dabei ist das Verhältnis ziemlich einseitig. China erringt immer mehr Einfluss in Pakistan und dieses wird so zunehmend abhängig von China, wirtschaftlich und militärisch.
Der indisch-pakistanisch-chinesische Konflikt hat inzwischen noch einen weiteren Austragungsort gefunden: Afghanistan. Indien ist dort wirtschaftlich, vor allem auch mit Entwicklungshilfe, sehr präsent. Pakistan wiederum sieht Afghanistan sozusagen als seinen Hinterhof. Es will dort auch in Zukunft eine Rolle spielen und sabotiert deshalb jede Stabilisierung und jeden Frieden, bei dem es aussen vor bliebe. Gleichzeitig drängt auch China immer stärker nach Afghanistan, nicht zuletzt, weil das Land potenziell als überaus rohstoffreich gilt. Indien und China kommen sich also auch dort zunehmend in die Quere.
Der Indische Ozean: Solange China sein maritimes Expansionsstreben vor allem auf das Südchinesische Meer konzentrierte, verärgerte und verängstigte es in erster Linie kleinere Nachbarn wie Vietnam, die Philippinen, Brunei oder Malaysia. Indien hielt sich bedeckt.
Mit der gigantischen sogenannten «Road-and-Belt-Initiative» greift China nun aber weit über seine Küstengewässer und Regionalmeere hinaus und baut seinen Einfluss auch im Indischen Ozean gewaltig aus. «Der Drache hat den Indischen Ozean erreicht», titelte dazu die «India Times». China baut Hafenanlagen, zum Teil auch Flughäfen in Pakistan, in Bangladesch, in Sri Lanka, in Burma oder in Djibouti. Installationen, die sich bei Bedarf durchaus auch militärisch nutzen liessen.
Gleichzeitig finanziert es diese Infrastruktureinrichtungen nicht selbstlos à fonds perdu. Die Staaten, die von den chinesischen Segnungen profitieren, müssen Zinsen entrichten und mittelfristig Kredite und Vorleistungen zurückzahlen. Manche können das nicht, werden also abhängig von China und müssen die Häfen zum Teil gar ganz an China abtreten. China hat zwar durchaus eine legitime Rolle im Indischen Ozean zu spielen. Ein Grossteil seiner Rohstoffimporte und seiner Industriegüterexporte gehen durch dieses Meer. Also hat Peking ein Interesse an sicheren Handelswegen. Aus indischer Sicht jedoch nimmt sich die chinesische Präsenz verständlicherweise als ein expansiver Versuch zur Einkreisung statt, zumal auch im Norden von Indien, in Nepal, aber selbst in Zentralasien Chinas Einfluss immer spürbarer wird.
In Indien wächst daher das Bedürfnis, China gewisse Grenzen aufzuzeigen. Es ist aus indischer Sicht schwer einzusehen, dass man als bevölkerungsmässig bald annähernd so grosses Land die Vorherrschaft in weiten Teilen Asiens allein China überlassen soll. Ein unipolares Asien mit einer einzigen Supermacht, China, ist nicht in Indiens Interesse. Es verletzt ausserdem den indischen Nationalstolz. Gelegentlich wird daher das Bild gezeichnet von den zwei Tigern, die beide auf demselben Berg leben. Der Berg ist zwar riesig und heisst Asien. Aber wenn einer den Anspruch hat, der alleinige Chef zu sein, dann ist der andere verärgert. Streit ist somit programmiert.
Unterschiedliche Potenz: Bloss wirtschaftlich und militärisch spielen die beiden Mächte nicht in derselben Liga. China hat die Nase um Längen vorn. Wirtschaftlich ist es derzeit etwa fünfmal so potent wie Indien – und der Vorsprung schmilzt nicht, trotz grosser indischer Anstrengungen zur wirtschaftlichen Modernisierung. Militärisch ist China Indien etwa drei- bis viermal überlegen. Indien ist zwar seit ein paar Jahren der weltgrösste Waffenimporteur. Es beschafft sich neuerdings auch moderne westliche Waffen – etwa französische Rafale-Kampfjets –, nachdem es jahrzehntelang fast ausschliesslich auf russische Rüstungsgüter setzte.
Indien hat sein Atom-Arsenal modernisiert, es machte in Sachen Raketen Fortschritte und besitzt gar einen eigenen Flugzeugträger, allerdings einen Veteranen aus russischer Fertigung. Der Stapellauf des ersten in Indien selber hergestellten Flugzeugträgers musste bereits mehrfach verschoben werden. Indien rüstet also auf. Aber China tut das ebenfalls und sogar noch deutlich schneller.
Die chinesische Aufrüstung zur See geht weit über das hinaus, was nötig wäre, um Indien die Stirn zu bieten. Vielmehr möchte China mittelfristig zumindest im Indo-Pazifischen Raum sogar mit den USA gleichziehen. Ein ehrgeiziges, aber kein unerreichbares Ziel. Auch Chinas bisher einziger operationeller Flugzeugträger ist ein antiquiertes russisches Modell. Der erste selbstproduzierte hat zwar noch keinen Namen, schwimmt aber bereits und soll bald einsetzbar sein. Und weitere sind in Planung oder im Bau. Und fast schon ab Fliessband stellt China neuerdings U-Boote her, auch atomar betriebene mit sehr grosser Reichweite. Auch die Landarmee und die Luftstreitkräfte sind jenen Indiens klar überlegen.
Militärisch kann Indien zwar China ärgern und seine Expansion bremsen. Eine ernsthafte militärische Auseinandersetzung gegen die Chinesen gewinnen könnten die Inder unmöglich. Deshalb setzt Indien, das lange Zeit stets streng block- und allianzfrei war, neuerdings auf Partnerschaften. Vor allem jene mit Japan, Australien und den USA, «Quad» genannt, nimmt Formen an. Bei allen vier Ländern handelt es sich um solche, die Chinas Vorherrschaftsstreben mit grösstem Misstrauen verfolgen und ein Gegengewicht schaffen wollen.
Geschwächt wird diese Partnerschaft momentan vor allem politisch, weil niemand mehr wirklich weiss, inwieweit man sich künftig noch auf die USA verlassen kann. Und ob Präsident Donald Trump mit «America First» nicht «America only» meint und selbst Partnerstaaten im Regen stehen liesse.
Andere Regierungsform: Und schliesslich ist da noch die indische Demokratie. Für westlich orientierte Länder wie Australien, Japan, aber auch für europäische Staaten, die im Indischen Ozean und im Pazifik militärisch präsent sind, ist die Partnerschaft mit der weltgrössten Demokratie Indien attraktiv.
Allerdings sind demokratische Verhältnisse, heftige innenpolitische Auseinandersetzungen, die Mitsprache von Bürgern und Medien aussen- und sicherheitspolitisch nicht unbedingt von Vorteil. Während indische Regierungen ihre Aussen- und Sicherheitspolitik zuhause diskutieren und verkaufen müssen, kann sich die chinesische Führung um solche Dinge zwar nicht ganz, aber doch weitgehend foutieren. Entsprechend kann Peking viel langfristiger, konsequenter und mit enorm grossem Mitteleinsatz seine strategischen Ziele verfolgen. Und wenn nötig sehr rasch entscheiden.
Während Indien aussenpolitisch häufig laviert, hat China einen Plan und setzt den konsequent, auch rücksichtslos in die Tat um. Realistisch betrachtet, kann Indien in absehbarer Zeit in Asien kein Gleichgewicht zwischen sich selber und China herstellen. Es kann bestenfalls ein bisschen ein Gegengewicht bilden.