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Thomas Loosli
«In meinem Leben ist viel Ungeplantes passiert», meint Gret Haller. Die Kraft, die sie heute habe, stamme aus einem Blumenstrauss an Erfahrungen, die sie in ihrem Leben gesammelt habe. «Darüber bin ich froh», sagt sie.
Gret Haller ist 1947 in Zürich geboren. Ihre Mutter war alleinerziehend, sie hatte drei ältere Geschwister. Zusammen sind sie im grosselterlichen Haus aufgewachsen. «Ich hatte eine glückliche Kindheit und Jugend, aber einfach war die Situation meiner Mutter nicht», sagt Gret Haller. Geld war nicht viel vorhanden und so habe die Mutter zu vertuschen versucht, dass man keines habe. Für ihre spätere Politisierung sei die Situation der Mutter entscheidend gewesen.
Gret Haller studierte Jus, machte das zürcherische Anwaltspatent und schrieb eine Dissertation über die UNO-Menschenrechtspakte und die rechtliche Stellung der Frau. Sie heiratete früh, hatte aber keine Kinder. Beim Architektur- und Raumplanungsbüro Metron in Brugg sammelte sie erste Erfahrungen als Juristin und erarbeitete ein Selbstverwaltungsmodell. Das Scheitern der Ehe habe einen Bruch in ihrem Leben bedeutet. 1975 zog Gret Haller nach Bern, wo sie beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement die Menschenrechtskonvention in der Schweiz umzusetzen hatte. In Bern trat sie sofort der SP bei. «Diese Entscheidung war überreif», meint sie. Sie habe gewusst, dass sie in die SP gehöre, weil Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau nicht nur eine rechtliche, sondern auch eine ökonomische Frage sei.
Die politische Karriere von Gret Haller verlief relativ schnell und steil. 1976 wurde sie Stadträtin von Bern (in Bern ist das die Legislative), 1985 Schuldirektorin in der Berner Stadtregierung. Zusätzlich wurde sie 1987 Nationalrätin. Auch beruflich waren es Jahre des Aufbruchs. 1978-1984 hatte sie ein eigenes Anwaltsbüro geführt. 1988 folgte aber ein Rückschlag, die Abwahl aus der Berner Stadtregierung. Das hatte auch mit ihrer kritischen Position zum Polizeieinsatz gegen die Tschernobyl-Demonstration und zur gewaltsamen Räumung des Hüttendorfes Zaffaraya zu tun. Sie sei einfach zu progressiv gewesen, meint sie.
Europa ruft
Aus dem Rückschlag wurde nun aber ein Aufbruch nach Europa. Ab 1989 war Gret Haller Mitglied der parlamentarischen Delegation beim Europarat. Dort wurde sie bald Präsidentin des Menschenrechts-Unterausschusses und war viel in den mittelosteuropäischen Ländern unterwegs. 1993 wurde sie zudem Nationalratspräsidentin. «Ich lernte, dass nicht nur Europa, sondern auch die Schweiz in ihrem Staatsverständnis extrem vielfältig ist», meint sie. In diese Zeit fiel auch ihr grösster politischer Erfolg, die zehnte AHV-Revision, an der Gret Haller massgeblich beteiligt war. Rentensplitting und Betreuungsgutschriften bedeuteten einen wichtigen Schritt in Richtung Gleichstellung bei der AHV. Als Nationalratspräsidentin setzte sie 1994 ihre Unterschrift unter das neue Gesetz. Fortan war sie vor allem ausserhalb der Schweiz tätig, 1994 bis 1996 als Botschafterin der Schweiz beim Europarat in Strassburg. Von 1996 bis 2000 arbeitete sie als Ombudsfrau für Menschenrechte in Sarajevo. Das seien die aufreibendsten Jahre ihres Lebens gewesen, meint sie. Was Gret Haller im Rückblick trotz der vielen Schwierigkeiten dieser Jahre am meisten freut, ist ihre Erkenntnis, dass sie bosnische JuristInnen anleiten konnte, eine europäische Rechtskultur zu entwickeln. Nach ihrer Rückkehr in die Schweiz begann Gret Haller sich publizistisch zu betätigen und brachte nach fünfjähriger Arbeit an der Universität Frankfurt am Main 2012 ihr bisher wissenschaftlichstes Buch «Menschenrechte ohne Demokratie?» heraus.
Eigentlich dachte sie schon an ihren Ruhestand, als sie nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative im Februar 2014 angefragt wurde, ob sie Präsidentin der Schweizerischen Gesellschaft für Aussenpolitik (SGA) werden wolle. «Jetzt ist die Schweiz wirklich in Gefahr», habe sie sich gedacht und nahm an. Vier Jahre hatte sie dieses Präsidium und förderte überparteilich das Engagement für eine offene Schweiz.
Heute lebt Gret Haller wieder in Zürich und bringt sich auch wieder parteipolitisch ein. So hat sie mit anderen innerhalb der SP die gesamtschweizerische Sektion «Europäische Union» ins Leben gerufen, die den EU-Beitritt der Schweiz anstrebt. Es sei doch eine würdelose Situation, dass die Schweiz so viele Gesetze von der EU übernehme, ohne diese mitzugestalten. Das entspreche nicht der republikanischen Identität der Schweiz. Zudem ist Gret Haller der Ansicht, dass gerade die Schweiz für die Weiterentwicklung der EU besonders wichtig wäre. Eigentlich sei es ein Wunder, dass die EU, die weder Bundesstaat noch Staatenbund sei, überhaupt zusammengefunden habe, wenn man die verschiedenen politischen Kulturen betrachte. Es sei wichtig, an der EU «weiterzustricken» und dabei könne die Schweiz mit ihrer Vielfalt an Kulturen und ihrer republikanischen Tradition eine wichtige Rolle spielen. Man merkt Gret Haller an, dass sie es ernst meint und dass ihr Kampf für Menschenrechte, Gleichberechtigung und für den EU-Beitritt auch im Alter weitergeht.