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Ror Wolf gehörte zu den bedeutendsten deutschen Autoren und erreichte dank seinen Fussballgedichten und -hörspielen zeitweise ein breites Publikum. Nun ist er im Alter von 87 Jahren gestorben.
Der deutsche Schriftsteller Jürgen Roth kannte Wolf persönlich. Er schätzte ihn als freundlichen Mann, mit dem sich gut streiten liess.
Jürgen Roth
Schriftsteller
Jürgen Roth ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Schriftsteller. Er schreibt unter anderem für «konkret», «Titanic» und die «taz». Neben satirischen Texten schreibt er über Fussball. Roth ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fussball-Kultur.
SRF: Wer war Ror Wolf für Sie?
Jürgen Roth: Ich hatte das grosse Glück, Ror Wolf 2001 kennenzulernen. Er wandte sich über seinen Verlag an mich, weil ich einen Text über ihn geschrieben hatte, der ihm behagte.
Er war ein sehr freundlicher, bedachter Mensch. Er trug aber auch einen grossen Zorn auf die Welt in sich, der sich mit Neugier vermischte. Er war jemand, der sich der Sprache aus seinem Innersten heraus verschrieben hatte.
Ror war auch ein Mensch, der der kulturbetrieblich verordneten Sicht auf die Wirklichkeit etwas entgegensetzen wollte. Er war ein komplizierter Mensch, aber ein ungemein angenehmer und freundlicher Mann, mit dem man sehr gut streiten konnte.
Ror Wolf zeichnete aus, dass er die existentiellen Schrecken in Komik umkippen liess.
Worin liegt seine Einzigartigkeit als Künstler und Schriftsteller?
Ich würde ihn als einzigartig bezeichnen, obwohl er – das gab er auch zu und man kann es an den Texten ablesen – seine Leseerfahrungen als Jugendlicher hatte.
Beeindruckt hat ihn vornehmlich Kafka. Er wollte gar über dessen Komik promovieren. Dann spielten Samuel Beckett und Jules Verne eine grosse Rolle. Wenn man Wolfs surreal traumhafte Texte liest, leuchtet das ein.
Ror Wolf zeichnete aber aus, dass er die existenziellen Schrecken – die Düsternis, die Angst und die Verzweiflung – in Komik, Lust, Ausschweifungen und in Abenteuergeschichten umkippen liess. Eine einzigartige Melange in der deutschen Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts.
Bekannt geworden ist er mit Fussballhörspielen und -gedichten. Warum interessierte er sich als Dichter und Künstler für Fussball?
Weil ihn alles an sprachlichen Formen und Sprechakten interessierte. Er sagte wortwörtlich – er fing Mitte der 1960er-Jahre an, über Fussball zu schreiben – dass der Stoff förmlich auf der Strasse gelegen habe, ungenutzt. Er wunderte sich, wieso die Literatur sich nicht diesem gewaltigen Universum an sprachlichen Ausdrucksformen, an Gefühlsaufwallungen zugewandt hatte.
Er nahm dieses Universum an sprachlichen Äusserungen, tranchierte es und setze es neu zusammen. Es entstanden Erzählungen über die Erzählung über die Welt, die wir tagtäglich in den Kneipen, auf den Strassen, am Arbeitsplatz immer wieder neu beginnen. Er betrieb das bis zum Exzess – bis er seinen Abschied vom Fussball erklärte, weil er alles über diese Totaltheater gesagt habe.
Wen verliert die deutsche Literatur mit Ror Wolf?
Einen genuinen Hörspiel-Autoren, keinen Collagisten und Montierer. Er hat das allerschönste Hörspiel im deutschsprachigen Raum geschaffen: die Radio-Ballade «Leben und Tod des Kornettisten Bix Beiderbecke aus Nord-Amerika». Dann seine Liebe zum Jazz, zur Musik, die in die Literatur eingegangen war, auch die Liebe zu Buster Keaton, zum Slapstick.
Wir verlieren einen grossen Hochseilartisten, der sich den Normen des Kulturbetriebs, wie man zu schreiben habe – Plots zu erzählen, die in sich stimmig sind – radikal verweigerte. Damit schuf er eine Gegenwelt zur Sprachlichkeit, sowohl des Literaturbetriebs als auch des Alltags.
Ich persönlich verliere einen engen Freund.
Das Gespräch führte Michael Luisier.
Sendung: Kultur aktuell, Radio SRF 2 Kultur, 18.2.2019, 17:10 Uhr.