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Lenzburg gewinnt das Aufstiegsspiel gegen Baden mit 4-2 und steigt sensationell in die Nationalliga B auf!
War das ein Krimi, was sich da in der Krone Lenzburg abgespielt hatte. Und erst noch einer mit Happy End.
Wenn man die Geschichte dieses Matches verstehen will, muss man zwei Dinge wissen:
1) Geht so ein Aufstiegsspiel unentschieden aus, so werden als Tie-Break die Brettpunkte an Brett 1 x6 jene an Brett2 x5, Brett 3 x4 gerechnet, bis Brett 6 das nur einfach zählt. Die vorderen Bretter waren also "wertvoller" als die hinteren.
2) Baden hatte an Brett 1 Jochem Snuverik mit gewaltigen 2400 ELO. Beide Mannschaften mussten also davon ausgehen, dass Baden das wertvollste Brett gewinnen würde, weshalb Lenzburg mindestens zwei Siege an den anderen Brettern würde holen müssen. Mannschaftsleiter Sebastian Hoffmann setzte sich zunächst selber an Brett 1, liess aber den Teammitgliedern frei, ob jemand anderer sich der Herkulesaufgabe stellen wollte, gegen Jochem ein Remis zu holen. Can-Elian Barth meldete sich. Damit begann diese schöne Geschichte, die ihn durch diesen Mut und mit dem, was er dann daraus machte, zum Held des Abends werden liess. Doch nun zum Geschehen in 5 Akten:
Akt 1) Norberts Figurenopfer
Alles begann mit einem Springeropfer. Norbert Oze erreichte in der Eröffnung, eine Stellung, in welcher er früher mal in einer Blitzpartie mit einem Opfer die Fianchettostellung aufgerissen hatte. Die damalige Analyse hatte ihm gezeigt, dass das Opfer vielleicht nicht 100% wasserdicht war, den Gegner aber vor eine komplexe Verteidigungsaufgabe stellte. Norbert rechnete und wägte lange ab und wagte es schliesslich. Und tatsächlich: Der Angriff schlug durch und damit stand es plötzlich 1-0 für Lenzburg. Im Moment war das weder beunruhigend für Baden noch beruhigend für Lenzburg. Je länger das Match aber ging, umso mehr Druck übte dieser Punkt aus. Norberts Mut beeinflusste schliesslich alles, was danach folgte und machte ihn zum "Co-Matchwinner".
Akt 2) Björn zieht den Kopf aus der Schlinge
Björns Backlunds Gegner, Junior Olivier Tschopp, zeigte sich wenig beeindruckt von fast 2100 ELO und rückte unerschrocken mit der ganzen Kavallerie unterstützt von Dame und Läufer gegen die schwarze Königsstellung vor. Und tatsächlich erreichte er eine klare Gewinnstellung. Jeder ungenaue Zug von Schwarz konnte direkt in die Katastrophe führen - genaue Züge höchstens in ein schlechtes Endspiel. Doch sein Einsatz hatte viel Bedenkzeit gekostet. Mit wenigen Minuten auf der Uhr konnte Olivier den Angriff nicht mit der geforderten Genauigkeit fortsetzen, derweil Björn sehr umsichtig verteidigte. Einige Züge später war die Stellung nur noch unklar. Aber Olivier hatte noch 18 Züge bis zur Zeitkontrolle zu spielen. Das veranlasste ihn Remis anzubieten. Ein sehr wertvoller halber Punkt für Lenzburg. Immerhin sass Björn an Brett 2, ein Verlust dieses Brettes hätte Baden trotz Norberts Sieg wohl vorentscheidend in Führung gebracht. Immer noch davon ausgehend, dass Baden das Brett 1 gewinnt. Dort hatte Jochem inzwischen gar einen Bauern gewonnen.
Akt 3) Remis an Brett 3 und 6
Bretter 3 und 6 waren jene beiden, wo Baden (nebst Brett 1) ebenfalls stärker besetzt und daher zu favorisieren war. Diese Bretter durften aber auf keinen Fall verloren gehen. Und diesen Job erledigten die beiden Spieler zuverlässig. Stephan Zaugg mit Schwarz an Brett 6 hielt die Stellung sauber und gab keine Schwäche. Das Remisangebot kam von Weiss, der auf der Suche nach Angriffsmöglichkeiten viel Zeit verbraucht hatte. Rolf Walti spielte ebenso solid, musste aber ein leicht nachteiliges Endspiel in Kauf nehmen. Er konnte dieses aber mit umsichtigen Zügen halten. Diese beiden Remis waren wegweisend. Lenzburg war also noch immer in Führung und es wurde nur noch zwei Brettern gespielt. Plötzlich wurde der Druck auf Baden spürbar. Sollte Lenzburg Brett 4 gewinnen, war die Sensation geschafft - unabhängig vom Resultat an Brett 1.
Akt 4) Sebastians Griff nach der Vorentscheidung
Die Ausgangslage war nun so, dass Sebastian Hoffmann an Brett 4 mit einem Sieg den Aufstieg schaffen konnte. Andererseits musste er aber auch gewinnen, da ja der klare Favorit an Brett 1 mit Bauernvorteil besser stand und das Brett 4 höher bewertet war als das gewonnene 5. Entsprechend startete Sebastian einen gnadenlosen Angriff, wobei er immer aufpassen musste, nicht zu überziehen. Sein Gegner, Junior Aryan Anand, hielt aber sehr gut dagegen und hatte ebenfalls Gegendrohungen. Sebastian schnürte schliesslich den gegnerischen König so ein, dass er, wenn er am Zug gewesen wäre, umgehend gewonnen hätte. Doch Aryen hatte eine clevere Ressource aufgebaut. Mit einem Läuferopfer bot er Schach und konnte danach mit der Dame Dauerschach geben. Damit war der Matchverlust spektakulär abgewendet. Wäre der Abend anders ausgegangen, wäre wohl Aryan als Matchwinner für Baden gefeiert worden.
Akt 5) Can-Elians heroischer Kampf
Dieses weitere Remis an Brett 4 veränderte die Situation an Brett 1 dramatisch. Bisher waren alle davon ausgegangen, dass dieses Brett "einfach so" für Baden gewonnen sein würde, erst recht nach dem Bauerngewinn durch Jochem. Nun aber war es plötzlich das letzte, an dem noch gespielt wurde und Jochem musste nun auf alle Fälle gewinnen. Noch zweifelte niemand daran. Alle erwarteten, dass das Aufstiegsmatch nach Punkten 3:3 unentschieden ausgehen und Baden dank der Brettpunkteregel aufsteigen würde.
Aber einer erhob Einspruch: Can-Elian Barth kämpfte wie ein Löwe, um diese Geschichte an seinem Brett irgendwie im Lot zu halten - rings herum standen alle anderen Spieler als Zuschauer. Trotz dieser alles anderen als gemütlichen Situation erreichte der Lenzburger mit einem cleveren Abtausch ein Endspiel mit Springer (Can-Elian) gegen Läufer, wo Can-Elians König den zentralen Mehrbauern seines Gegners auf einem durch den Läufer nicht kontrollierbaren Feld blockieren konnte. Auf beiden Flügeln standen sich jeweils gleich viele Bauern gegenüber. Beide Spieler hatten weniger als 10 Minuten auf der Uhr. Das zu gewinnen, war nun extrem schwierig geworden. Jochem probierte es natürlich trotzdem. Dafür musste er aber Risiken nehmen. Er griff mit dem König die Königflügelbauern von Can-Elian an und verschaffte sich drei verbundene Freibauern. Ich Gegenzug musste er aber Weiss ebenfalls einen Freibauern am Damenflügel zugestehen. Can-Elian konnte diese Freiheit nutzen und war mit seiner Drohung zur Umwandlung früher. Um 19:10 - nach gut 5 Stunden Kampf - stand somit fest: Can-Elian hatte das Spiel und damit Lenzburg das Match gewonnen und machte sich damit zu Helden des Abends.
Eine unglaubliche Geschichte - eine unglaubliche Leistung aller Beteiligten.
Respekt an Baden und den Junioren auf beiden Seiten
Gewaltigen Respekt gilt aber auch dem Gegner - insbesondere deren Jugendarbeit. Baden war mit drei starken Junioren an dieses Aufstiegsspiel angetreten - immerhin ging es hier um die NLB! Zwei davon hatten superstarke Spieler wie Björn und Sebastian mächtig gefordert und sie aus deren Komfortzone geholt. Leider hat es für sie nicht gereicht. Aber wenigstens ist der Lenzburger Matchwinner auch ein U-20 Junior. Und neben Can-Elian war diese Saison ein weiterer Junior fürs "Eins" am Start: Der Wohler Nikita Sosnovski (U-16) hat in zwei 1.Liga-Spielen hervorragende 1.5 Punkte für Lenzburg geholt und damit mit 2064 ELO performt (383 Punkte über seiner eigenen Wertung).
Eine tolle Mannschaft wird "Aargauer Meister"
Die Mannschaft von Lenzburg hat eine wunderbare Saison gezeigt. Es ist ein Team fast ohne Schwächen, dafür mit viel Spiellaune und Teamgeist. Wie der Bericht zeigt, war jede einzelne Leistung jeder halbe Punkt der gewonnen wurde mitentscheidend für den Sieg.
Natürlich warten in der Nationalliga B dann ganz andere Kaliber. Aber das ist nächstes Jahr. Erstmal wird gefeiert.
Nebenbei wurde Lenzburg in diesem heutigen "Finalspiel" auch Aargauer Meister - auch wenn es diesen Titel offiziell gar nicht gibt. Man kann nur gratulieren!
|Lenzburg||ELO||Baden||ELO||4 - 2|
|Can-Elian Barth (w)||2028||Jochem Snuverink||2403||1-0|
|Björn Backlund (s)||2086||Olivier Tschopp||1897||½-½|
|Rolf Walti (w)||2100||Enno Eschholz||2182||½-½|
|Sebastian Hoffmann (s)||2074||Aryan Anand||1866||½-½|
|Norbert Oze (w)||2056||Daniel Richter||1805||1-0|
|Stephan Zaugg (s)||1984||Werner Brunner||2045||½-½|
Nachtrag: Und unser Held des Abends schaffte es gar mit Bild auf die Homepage des Schachbundes (Peter: danke für den Hinweis):
SMM-Aufstiegsspiele: zwei Rückkehrer und zwei Neue in der Nationalliga B - SSB (swisschess.ch)