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Die Delfindame «Concher» erscheint am 31. Juli 2007 um 13.30 Uhr westaustralischer Zeit an der Wasseroberfläche. Sie hat sich ein grosses Schneckenhaus über die Schnauze gestülpt. Und sie bewegt ihren Kopf kräftig auf und ab. Um 13.42 Uhr passiert es: Ein Fisch flutscht aus der Meeresschnecke; Concher verschlingt ihn. Forschern des Anthropologischen Institutes der Universität Zürich ist es gelungen, diese einmalige Szene mit der Fotokamera festzuhalten.
Die Gruppe um den Biologen Michael Krützen erforscht seit dreizehn Jahren in der Shark Bay von Westaustralien das Sozialverhalten von Grossen Tümmlern. Die Forschungsstation «Useless Loop» ist Ausgangspunkt der Feldversuche auf dem Indischen Ozean und wird auch von der Universität Zürich unterstützt.
Die Tümmler in der Shark Bay legen ein grosses Repertoire an raffinierten Fangstrategien an den Tag: Suchen sie im Bodenschlamm nach Beute, schützen sie ihre Schnauze mit einem Schwamm, um sich nicht zu verletzen. Sie treiben Fische ans Ufer, um die Beute im flachen Wasser einfacher zu fangen. Rhythmische Schläge mit der Schwanzflosse auf die Wasseroberfläche schrecken die Beute auf. All dies konnten Forscher schon häufig beobachten.
Nur gerade sieben Tümmler mit einer Meeresschnecke auf der Schnauze sind jedoch während der letzten 25 Jahre in der Shark Bay beobachtet worden. Dass sich ein Fisch im Schneckenhaus befand, konnte noch nie dokumentiert werden. Michael Krützen, Mitautor der in «Marine Mammal Science» veröffentlichten Studie, versucht dieses Verhalten einzuordnen: «Wir sind uns nicht sicher, ob sich der Fisch zufällig in der Meeresschnecke versteckt hat oder ob Concher das Schneckenhaus als Werkzeug zum Fischfangen einsetzt.»
Anfang September interpretierten viele Medien das ungewöhnliche Verhalten der Delfine als eine komplett neue Form des Jagdverhaltens. «Delfine jagen mit Schneckenhäusern» hiess es in grossen Schlagzeilen. Doch diese vorschnellen Schlüsse lassen sich so nicht ziehen. «Ich war über die mediale Welle, die Concher ausgelöst hat, überrascht», kommentiert Michael Krützen das Medieninteresse.
Es ist auch durchaus denkbar, dass Schneckenfleisch auf der Speisekarte von Tümmlern steht und sich das Delfinweibchen aus diesem Grund für die Meeresschnecke interessiert hat. Die noch unveröffentlichte Master-Arbeit von Sina Kreicker liefert erste Indizien für diese These.
Neben genetischen Analysen versuchen die Forscher auch Aussagen über die Essgewohnheiten zu machen. Dazu benötigen die Forscher kleine Gewebeproben der Tümmler. Dazu nähern sie sich den Tieren bis auf wenige Meter und schiessen kleine Biopsiepfeile in ihre Haut. Diese fallen nach dem Treffer sofort wieder heraus und mit ihnen eine Probe der Hautschichten, die für genetische Analysen und auf ihren Fettsäuregehalt hin untersucht werden können.
Die Zusammensetzung der Fettsäuren gibt Auskunft über die Ernährungsweise eines Tieres. Sina Kreicker hat zuerst die Fettsäureprofile von Delfinen, die mit und ohne Schwämme jagen, verglichen. Als dritte Gruppe hat sie nun das Profil von Concher dazugefügt. Alle drei Profile unterscheiden sich stark voneinander. Dies könnte ein Hinweis sein, dass sich Concher tatsächlich von Schneckenfleisch ernährt.
«Die Meeresoberfläche ist nur ein kleines Schlüsselloch. Was sich unter Wasser abspielt, bleibt uns im Grossen und Ganzen verborgen», sagt Michael Krützen. Da bislang nur einzelne Individuen mit Meeresschnecken gesichtet wurden und diese auch noch geographisch weit voneinander entfernt leben, wird das Verhalten vermutlich weder vererbt noch sozial weitergegeben.
Solange nicht mehr Delfine mit einer «Clownnase» beobachtet werden, bleibt unklar, ob die Zürcher Forscher ein neues Jagdverhalten der Meeressäuger beobachtet haben oder ob Concher einfach nur eine Schneckenfeinschmeckerin ist.