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Italianità lässt «Select» weiterleben
Das Café Select am Zürcher Limmatquai mit dem daneben liegenden Studiokino Nord-Süd blickt auf eine traditionsreiche und legendäre Geschichte zurück. Als der Architekt und Le-Corbusier-Schüler Willy Boesiger das einstige Hotel Du Lac (1839/49) und spätere Geschäftshaus 1934 erwarb, entwarf er für das Erdgeschoss und das Entresol ein Café mit Bar nach Pariser Vorbild mit einem schlichten funktionalen Interieur. Das Café Select – Insider nannten es Café «Inselektuell» – wurde bald zu einem berühmt-berüchtigten Treffpunkt für Intellektuelle, Schauspieler, Architekten. In den Kriegsjahren wurde hier stundenlang Kaffee getrunken, während kaum Geld für die Beheizung der Wohnung übrig war. Man diskutierte über das politische Weltgeschehen und vertrieb sich mit einer Partie Schach die düstere Stimmung, die sich über Europa breitgemacht hatte. Das «Select» war zudem das erste Boulevardcafé in der Zwinglistadt (ab 1940). Und noch bis in die 1990er-Jahre gaben sich hier Prominente und solche, die dazugehören wollten, im «Select» die Türklinke in die Hand. So erinnert sich der Schweizer Musiker Hardy Hepp, dass «hier am Hechtplatz, zwischen den beiden Künstler- und Intellektuellentreffs Café Odéon und Café Select, das Epizentrum der kulturellen Eruption der Sechzigerjahre war».
Das erste Studiokino der Schweiz
Willy Boesiger war damals auch ein cleverer Geschäftsmann. Ihm war bewusst, dass ein alkoholfreies Café sich auf Dauer finanziell nicht lohnen würde, und er holte die Allroundkünstlerin Anna Indermühle mit ins Boot, die gleich nebenan das erste Studiokino – genannt «cinéma d’art et d’essay» – der Schweiz betrieb. Man sagt, dass sie ihre Filme jeweils auf dem Schwarzmarkt erstanden habe. Und in der Tat liefen hier auch bis zur Schliessung immer spannende Studiofilme, angekündigt mit kleinen Plakaten in den Vitrinen zur Schifflände hin. Nun blickt der Passant, die Passantin nicht mehr auf verheissungsvolle Kinoplakate, sondern durch grossflächige Fenster in das Interieur des Restaurants Molino Select. So oder so hat sich am Schiffländeplatz beziehungsweise an der einstigen Liegenschaft von Willy Boesiger in Sachen Erdgeschossnutzung einiges geändert. Auch die neoklassizistische Fassade wurde vom Architekturbüro Zanoni wieder in den historischen Zustand überführt, während Willy Boesiger, ein Anhänger des Neuen Bauens, damals einige radikale Eingriffe an der Fassade vorgenommen hatte. Neu sind in den Obergeschossen Büros und Wohnungen, bei denen es gelungen ist, den Charme der historischen Hotellerie mit der Betonung auf den Raumfluchten durch die Restaurierung historischer Materialien mit modernen Ergänzungen wieder spürbar zu machen.
Subtile Zitate
Der Umbau hingegen des Restaurants Molino Select war für das Atelier Ushi Tamborriello eine räumliche Herausforderung, denn es galt, die Atmosphäre des Ortes und seine Geschichte als Kino mit einem Restaurantkonzept in Übereinstimmung zu bringen. Der Kinosaal musste gemäss Denkmalpflege in seiner Kubatur erhalten, das schmale Raumvolumen mit seiner Ausrichtung auf die einstige Leinwand lesbar gemacht werden. Auch die charakteristische Wendeltreppe hinauf zur einstigen Galerie musste berücksichtigt und in das Gesamtkonzept eingebunden werden.
Atmosphärisches Gespür
Wer heute das «Molino Select» über den Schiffländeplatz betritt, wähnt sich ein bisschen in einer Turiner Bar mit langem Marmortresen und Barstühlen, die eine Weiterentwicklung des legendären Select-Stuhls mit halbrunder Lehne von Horgenglarus sind. Diese Stühle waren über Jahrzehnte ein Charakteristikum des Café Select, da der Stuhl extra für das Café entworfen und immer wieder erneuert wurde. Zu Beginn war er noch gepolstert, heute ist er bei Horgenglarus in einer Holzausführung erhältlich. Der lange Marmortresen lenkt den Blick über die gesamte ursprüngliche Raumtiefe des Kinos und auch in die Höhe. Über dieses Raumvolumen spürt der Gast noch immer die Dimensionen des einstigen Studiokinos. Zitate an das Studiokino – Ushi Tamborriello zeigt wie immer ein Gespür für die ursprüngliche Atmosphäre und die Charakteristik eines Ortes – hat die Innenarchitektin subtil in das Gesamtambiente des Restaurants eingebunden. So wurde aus akustischen und ästhetischen Gründen die zweigeschossige Raumhöhe im oberen Bereich mit grünen Samtvorhängen umfasst: eine Reverenz an die textile Qualität des einstigen Studiokinos mit seinen Velourssitzen. Auch die mit Samt gepolsterten, gesteppten Sitzgelegenheiten, Sonderanfertigungen der Firma Glaeser, sind ein Zitat an das Studiokino, aber in einer modernen italienischen Art interpretiert. Weitere Bezüge zum historischen Bestand sind auch der grosse Spiegel am Ende des Raums, wo einst die Leinwand hing. Ein besonderes Augenmerk verdient die Raumleuchte, eine Signature-Leuchte aus feinen Glasröhrchen, die Ushi Tamborriello zusammen mit Lichtkompetenz entwickelt hat. Mit dem Umbau des Gebäudeensembles wurde das neue «Molino Select» zu einem stimmigen Ganzen, das unter anderem der engen Zusammenarbeit zwischen dem Architekturbüro Zanoni und dem Atelier Ushi Tamborriello zu verdanken ist.
ushitamborriello.com | zanoni-architekten.ch | molino.ch