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Mein 72-jähriger Patient Herr Hösli ist heute bei der Visite ziemlich aufgeregt: «Ich habe eine Lücke», sagt er immer wieder. Und: «Ich kann nicht lesen.» Leider muss ich ihm sagen, dass die Computertomografie seines Gehirns einen grossen Hirninfarkt zeigt, eine abgestorbene Zone.
Wenig später treffe ich vor meinem Büro Frau Marthaler. Sie ist 68, staksiger Gang, eigenartiges Lachen. Sie stottert und bringt mir wieder Post, jeden Tag
bekomme ich Post von ihr, meist eingeschrieben, dicke Couverts mit wirren Schnipseln aus Zeitungen, Restaurantrechnungen und Prospekten. Corona-radiata-Syndrom nennen die Neurologen die zu Grunde liegenden Veränderungen im Gehirn von Frau Marthaler.
Dann sehe ich noch Frau Felix, 45-jährig. Ihre linke Körperhälfte ist seit fünf Tagen gelähmt.
All diese Patienten waren gesund, bevor sie der Blitz der Krankheit traf. Jahrzehntelang waren die Blutdruckwerte beim Hausarzt «etwas hoch», man nahm es locker. Deswegen Chemie zu schlucken, wäre doch sicherlich auch nicht gesund. Dies fand auch meine Nachbarin und behandelte ihren Blutdruck mit Brennnesselsaft und Ziegenmilch. Bis sie der Schlag traf.
Es wird Zeit, die Hypertonie, also einen Blutdruck von mehr als 140/90 mmHg, nicht mehr so locker zu nehmen. Die Meinung, ein Blutdruck von hundert plus Alter, also für eine 50-Jährige 150/90 mmHg, sei normal, ist lebensgefährlich. In den hoch entwickelten Ländern ist die Hypertonie der führende Risikofaktor für vorzeitiges Ableben, und bei der Ursache für permanente Invalidität rangiert sie auf dem dritten Platz.
Perfiderweise haben die allermeisten Hypertoniker lange gar keine Symptome. Unbemerkt verursacht der hohe Druck schädliches Remodelling des Herzens, fortschreitende Verkalkung der Arterienwand und Nierenschädigung. Und irgendwann holt er den Sorglosen ein, der plötzlich nicht mehr sehen, sprechen oder gehen kann, dem der Infarktschmerz die Brust zu sprengen droht, dessen Aorta zerreisst oder der infolge einer grossen Hirnblutung tot umfällt.
Hypertonie ist die grösste Pandemie weltweit: Eine Analyse des «Global Burden of Hypertension» zeigt, dass im Jahr 2000 bereits 26 Prozent der untersuchten Weltbevölkerung an Hypertonie litten, und die Tendenz ist steigend. Für 2025 werden 29 Prozent berechnet. Dabei sind die entwickelten Länder zwar am stärksten betroffen, der Rest der Welt holt aber zielstrebig auf. 60- bis 69-jährige Frauen und Männer in Ländern mit «established market economies» zeigen eine 61-prozentige Prävalenz der Hypertonie, die über 70-jährigen Männer sind zu 71 Prozent betroffen, die über 70-jährigen Frauen zu 80 Prozent.
Da fragt man sich, ob dies nun wirklich eine krankhafte Erscheinung sei oder einfach der Alterungsprozess und eine Folge unserer zu hohen Salzzufuhr. Die Frage ist müssig. Die Konsequenzen der unbehandelten Hypertonie sind Schädigung der arteriellen Blutgefässe, Invalidität oder verfrühter Tod. Wir sind evolutionistisch nicht dafür geschaffen, älter als 40 Jahre zu werden, dann ist unsere biologische Funktion erfüllt. Dementsprechend setzten die Eskimos ihre Grossmütter im Eis aus, während bei gewissen Steppenvölkern Asiens der Erstgeborene den Speer durch die Zeltwand steckte, und in den hatte sich der überflüssige Alte zu stürzen.
Das machen wir heute nicht mehr. Politisch sind die Alten umworben, als Konsumenten werden sie geschätzt, sie sind fit und lebenslustig. Ihre Hypertonie – wie auch jene der Jüngeren – wird hierzulande und weltweit ungenügend und teilweise gar nicht behandelt. Dies wird durch die restriktive Politik der Krankenkassen gefördert. Dabei wäre eine effiziente Therapie, im Allgemeinen eine Kombination von mehreren Medikamenten, heutzutage arm bis frei an Nebenwirkungen.
Und da kommt nun naturgemäss die gebetsmühlenhaft vorgetragene Frage, ob wir uns das leisten können, ins Spiel. Die Frage ist falsch. Sie sollte vielmehr lauten, ob wir uns das leisten wollen, ob wir so lange wie möglich so gesund wie möglich leben wollen und was uns die Vermeidung von Invalidität im Alter wert ist.
Futter für Hund und Katze, ein neues TV-Gerät und ein Range Rover sind uns mehr wert als Krankenkassenprämien und Pillen. Aber nur solange wir keinen Hirnschlag erleiden. Darum sollte gegen die Bluthochdruck-Pandemie ein globaler Krieg geführt werden. Dies wäre doch für die Achse des Guten eine Alternative zu den Herausforderungen im Iran!