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Ein Koffer voll Geld
1974 war die Kulturrevolution um. Rotchina begann sich ganz langsam zu öffnen. Es war die Zeit der Ping-Pong Diplomatie, was bedeutete: chinesische Sportler nahmen an internationalen Tischtennis-Wettkämpfen teil. Das war eine Sensation.
Als erste westliche hochrangige Politiker hatten erst Kissinger, dann Nixon das Reich der Mitte besucht. Noch gab es militärische Scharmützel zwischen der Volksrepublik China und der Sowjetunion am Ussuri. Ich selbst war im Vorjahr im Land gewesen.
Ich war Vorstandsmitglied der "Gesellschaft für Deutsch-Chinesische Freundschaft". Neben allerlei anderen Motiven wollten wir den persönlichen Austausch zwischen beiden Ländern fördern. Also machten wir uns daran, Flugreisen für unsere Mitglieder nach China zu organisieren. Ich war für die finanzielle Abwicklung zuständig.
Damals herrschte bei internationalen Flügen das System der verbindlichen, künstlich hochgeschraubten IATA Tarife. Eine zwanzigköpfige Reisegruppe von Frankfurt nach Peking war damals ein ziemlich extravagantes Vorhaben - und nach IATA-Tarif sauteuer.
Von unserem Kontakt in Luxemburg (dort gab es ebenfalls eine entsprechende Vereinigung) hatten wir erfahren, dass Pakistan International Airlines unter der Hand Tickets für etwa die Hälfte des offiziellen Preises anbot, allerdings mit der Auflage, dass die Tickets in bar in ihrer Geschäftsstelle in Paris zu bezahlen seien. Die IATA drohte, Sünder mit Sanktionen zu belegen, und deshalb wurden "graue Tickets" mit grosser Diskretion gehandelt. Die Hälfte war immer noch eine Menge Geld; soweit ich mich erinnere, über 2000 DM pro Person.
Der Chef der Luxemburger Gruppe - den wir nur vom Telefon kannten - bot sich an, den Transport des Geldes nach Paris zu übernehmen; er organisierte parallel eine Reise für die Mitglieder seines Vereins.
Also schickte ich einen Brief an unsere Reisewilligen; diese überwiesen ihren Obulus auf mein Privatkonto, und als der Tag der Übergabe bevorstand, rief ich bei meiner Poststelle in Stuttgart an: ich wolle am anderen Tag 45000 Mark von meinem Postscheckkonto abheben. Wieviel?
Erst gab es etwas Aufregung, ein Tag Vorankündigung sei zu kurz, und überhaupt, aber dann klappte es doch, obwohl nur ein Teil des Geldes in großen Scheinen vorrätig war, und ich mit etwa 200 Hundertmarkscheinen, ein paar Fünfhundertern sowie je einem Bündel Fünfzigern und Zwanzigmarkscheinen davonzog: mein Motorrad Marke MZ (Motorradwerke Zschopau, made in DDR, gekauft bei Neckermann) hatte jedenfalls eine interessante Ladung hinten auf dem Gepäckträger aufgeschnallt. Ab und zu blickte ich mich auf der Fahrt zum Bahnhof um, ob das kleine Reiseköfferchen noch an seinem Platz war. Ich war damals 22.
Mit dem Luxemburger Kontaktmann hatte ich mich in Trier verabredet; wir wollten jeder eine bestimmte Zeitung bei uns tragen, wie man das im Kino gelernt hatte. Ich würde etwa eine Stunde vor dem vereinbarten Zeitpunkt in Trier eintreffen, und wo, wenn nicht so nahe an der französischen Grenze, würde es möglich sein, schnell D-Mark in Franc umzutauschen?
Ich betrat die nächstbeste Bank. Auf meine Frage, ob sie einen genügenden Vorrat an Francs hätten, reagiert der Herr hinter dem Schalter zunächst mit professioneller Herablassung, die, als ich den Betrag nannte, in Fassungslosigkeit umschlug. Nein, soviel hätten sie nicht. Soviel hätte keiner in Trier. Ihre anderen Filialen nicht, und ihre Konkurrenz nicht.
Dann überlegte er. 10000 könne er mir geben, allerdings in kleinen Scheinen. Und er könne mir die Adresse ihrer nächsten Niederlassung nennen - nur ein paar Strassen weiter.
So tauschte ich einen Teil meiner blauen Hunderter in Fünfzig-, Zwanzig- und Zehn-Franc Scheine und machte mich auf den Weg in die nächste Filiale.
Dort wurde ich gleich ins Hinterzimmer gerufen. Welchen Wechselkurs ich mir denn vorgestellt hätte?
So etwas war ich noch nie gefragt worden. Zum Glück hatte ich die An- und Verkaufskurse in der Auslage gesehen und mir gemerkt. So überschlug ich das Mittel zwischen beiden Kursen und nannte die Zahl. Das gehe in Ordnung, antwortete der Mann von der Bank, und ich dachte mir: Heute habe ich etwas gelernt für mein Leben.
Auch hier kam ich nicht auf meinen vollen Betrag und musste eine dritte Bank aufsuchen. Da mein geforderter Umtausch naturgemäss jedesmal schrumpfte, wurde auch die Reaktion der Bankleute jedesmal etwas mehr so, wie man es gewohnt ist: kühl freundlich und professionell.
Inzwischen war mein Köfferchen proppenvoll mit französichen Geldscheinen.
Zurück am Bahnhof, wo wir uns verabredet hatten, war der Mann mit der Zeitung sofort zu erkennen. Er machte einen sympathischen Eindruck. Ob er denn keinen Behälter bei sich habe, fragte ich ihn. Nein, antwortete er, er werde sich das Geld einfach in seine verschiedenen Mantel- und anderen Taschen stecken. Er habe etliche davon.
Im Bahnhof gab es ein Café.
So etwas wie ein Café. In Wirklichkeit war es eher eine düstere Spelunke. Verschiedene schräge Gestalten sassen an Tischen, rauchten, und tranken.
Ich flüsterte: "Mein Koffer ist randvoll mit Geld."
Wir tauschten Blicke und waren uns einig: Hier war definitiv nicht der richtige Ort für unsere Transaktion.
Wir suchten uns ein piekfeines Café, wo der Kaffee das Dreifache kostete, keine Kundschaft da war, und wir ungestört das Geld übergeben konnten. Auf einem Schmierzettel quittierte mein Kontaktmann, dessen Namen ich vergessen habe, den erhaltenen Betrag und steckte alles in seine Taschen. Er hatte einen Mantel mit riesigen Taschen und sah am Ende aus wie ausgestopft. Dann tranken wir unseren teuren Kaffee aus und gingen unserer Wege.
Ich habe ihn nie wiedergesehen. Die Reise wurde bezahlt und fand statt wie geplant.
© Hajo v. Kracht, 29. Jan 2011