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An einem Sonntag im Februar trat Boris Johnson vor seinem Haus im Norden Londons mit gesenktem Kopf vor die Kameras. Er war damals noch Bürgermeister der britischen Hauptstadt. Er stammelte etwas vom «schwerem Herzen», und dass er nichts gegen Premierminister David Cameron und die Regierung unternehmen wolle.
Seither galt er als Aushängeschild für die Brexit-Kampagne. Zwar zählte Johnson schon in jungen Jahren eher zu den EU-Skeptikern, doch ganz so selbstlos warf sich der ehemalige Bürgermeister Londons nicht in den Abstimmungskampf. Sein Ziel: Die Downing Street 10.
Hoch hinaus wollte der 1964 in New York geborene Johnson seit eh und je. Geradezu bezeichnend die Antwort von Klein-Boris auf die Frage, was er später mal werde. «Er sagte immer, er wolle Weltkönig werden», sagte seine Schwester Rachel Johnson kürzlich in der «Rundschau». «Er dachte wirklich, er erfülle jedes Kriterium für diesen Job.»
Ein pickliger Streber
Strotzend vor Selbstbewusstsein war der Spross einer intellektuellen Familie also schon immer, ambitioniert sowieso, beliebt indes nicht unbedingt. Er sei als Kind «extrem picklig, ein totaler Nerd und furchtbar streberhaft» gewesen, so Johnson über sich selbst. «Unter einem guten Tag stellte ich mir vor, mit der U-Bahn durch London zu fahren, um das Britische Museum zu besuchen.»
Seine Neugier und sein Ehrgeiz zahlten sich aus: Am elitären Eton College wie auch in Oxford studierte er Altertumswissenschaften. Er machte mit Bestnoten auf sich aufmerksam – und mit seiner Streitlust im Debattierclub. Geradezu ein Mauerblümchen-Dasein fristete im direkten Vergleich dazu der zwei Jahre jüngere und bemüht angepasste David Cameron, der dieselben Schulen besuchte.
Wegen verfälschtem Zitat gefeuert
Nach dem Studium hinterliess Johnson erste Spuren im Journalismus, und zwar auf höchst spektakuläre Weise: Den Praktikumsplatz bei der «Times» verlor er innert kürzester Zeit, weil er ein Zitat verfälscht hatte. Seiner Karriere tat dies keinen Abbruch. Bereits 1989 war er für den «Daily Telegraph» als Korrespondent in Brüssel, wo er sich als EU-Gegner schillernd in Szene setzte und die ausufernde Bürokratie der Behörden beklagte.
Auch wenn er schliesslich an der Spitze des konservativen «Spectators», Blatt der intellektuellen Tories, landete: Politische Ambitionen verneinte «Bojo», wie er vom britischen Boulevard genannt wird, lange Zeit vehement. Er würde lieber schlüpfrige Romane schreiben, als fürs britische Unterhaus zu kandidieren, hiess es. 2001 wurde er dennoch Parlamentarier – dank oder trotz eines Witzes seinerseits, der zu einer Art Wahlslogan mutierte: «Wenn Sie Tory wählen, wird Ihre Frau grössere Brüste haben, und Sie werden Ihre Chancen auf einen BMW erhöhen!»
Der nächste Karrieresprung?
Es ist nicht leicht, den Mann mit dem blonden Schopf zu durchschauen: Mal scheint er sich absichtlich dumm zu stellen, um unbeholfen und harmlos zu wirken. Mal brilliert er in TV-Debatten mit grossem rhetorischem Talent und lässt seine Gegner alt aussehen.
Johnson hat Grund, selbstbewusst zu sein. Immer wieder wurde er in Umfragen zum beliebtesten Politiker Grossbritanniens gekürt. Wäre er noch einmal angetreten, er hätte wohl kaum Schwierigkeiten gehabt, die Bürgermeisterwahl in London für sich zu entscheiden.
Nun steht möglicherweise vor dem nächsten Karrieresprung. Johnson hat wohl gute Chancen, nach dem Amt des Regierungschefs zu greifen. Die Frage ist nur: wann? Cameron wird noch drei Monate im Amt bleiben. Noch vor dem Parteitag der Tories im Oktober soll Camerons Nachfolger bestimmt werden. Ergreift Johnson dann seine Chance?