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Die ersten Diamanten wurden im antiken „Arraial do Tijuco“ Anfang des 18. Jahrhunderts gefunden – um 1720. Rigoros von der portugiesischen Krone kontrolliert – man brauchte einen Sonderausweis, um das Tal am Jequitinhonha-Fluss zu betreten – entwickelte sich in „Tijuco“ eine Elite von wohlhabenden Geschäftsleuten nach europäischem Muster, deren Einfluss man noch heute in der Architektur, den Gemälden, den religiösen Festen und in der Musik seiner Bewohner, wiederentdecken kann. Ein berühmter Sohn dieser Stadt war der brasilianische Präsident „Juscelino Kubitschek“, der Erbauer der neuen Hauptstadt Brasília.
Der Distrikt Diamantina liegt auf einer Höhe zwischen 1.100 und 1.400 m – am Fuss der Serra de Santo Antônio – die kleine historische Stadt gleichen Namens (44.746 Einwohner, Stand 11/2007) befindet sich 282 km nördlich der Hauptstadt Belo Horizonte, auf einer Höhe von 1.113 m. Zwischen Juni und Juli fallen die Temperaturen hier auf +5º Celsius. Es regnet oft zwischen November und Dezember, dann mit Höchsttemperaturen bis 25º Celsius.
Diamantina liegt, als einzige der sehenswerten kolonial-historischen Städte, weitab von üblichen touristischen Routen und deshalb hat sich in ihr wohl auch die unverdorbenste aller Barock-Atmosphären erhalten. Schon zur damaligen Zeit war diese Abgeschiedenheit der Grund, dass sich in ihr eine Gesellschaft mit eigener Prägung entwickelte: hier tanzte man Menuett, engagierte Lehrer für Piano, Geige, Ballett und Etikette-Kurse, ging ins Theater und zu Opernaufführungen, deren Stars man von Europa eingeladen hatte und erbaute sich prunkvolle Villen, die eher kleinen Palästen glichen. Die Tendenzen erscheinen wie Vorläufer des späteren Gummi-Booms in der Urwaldstadt Manaus, nur dass man in diesem Fall mit Diamanten statt Latex jene Extravaganzen finanzierte.
Apropos: die grössten Extravaganzen, von denen wir in Brasilien je gehört haben, die aber durch Aufzeichnungen aus zuverlässigen Quellen belegt sind, leistete sich, just in Diamantina, eine ehemalige schwarze Sklavin, mit einem brandheissen Temperament und dem Namen „Francisca da Silva“, in die sich der dortige Vertreter des portugiesischen Hofes „João Fernandes de Oliveira“ unsterblich verliebte.
Er hatte nach dem Rechten zu sehen in Diamantina, war verantwortlich für die Verträge mit den Schürfern und vor allem, ihren Steuerabgaben an die Krone – kurz, in Diamantina ging nichts ohne ihn. Er war in den wenigen Jahren seines Aufenthalts in der Kolonie unanständig reich geworden. Er machte jene „Francisca da Silva“, die alle nur einfach „Chica“ nannten, zu seiner Geliebten und las ihr jeden Wunsch buchstäblich von den langbewimperten, dunklen Augen ab. Er kleidete sie wie eine Königin, in Pelz, Brokat und importierte Seide, geschmückt mit Perlen, Gold und edlen Steinen, die sie mit ihren unverwechselbaren sensuellen Auftritten gebührend zur Schau zu stellen verstand. Sie entwickelte ein so überzeugendes Talent zur „Königin von Diamantina“, das nicht nur die Männer ihr alle zu Füssen lagen, sondern auch die Bürgerinnen in ihr die „Femme fatale“ verkörpert sahen, deren Rolle sie selbst gerne gespielt hätten. Und das Wunder geschah: alle waren in „Chica“ schliesslich genauso vernarrt, wie ihr lieber „João Fernandes“!
Nie zuvor, und nie mehr nachher, hat eine Mulattin soviel Einfluss besessen und ihre Liebesgeschichte, von der wir hier nur die verbürgten Tatsachen berichten wollen, ist ein Stoff, der in der brasilianischen Folklore fruchtbaren Boden gefunden hat. Sie wurde in Romanen, Poesie, Musik und Theater, ja sogar in Filmen und TV-Seifenopern verarbeitet – mit weniger oder mehr Unterstellungen und Übertreibungen.
Tatsache jedoch ist, dass sie sich von ihrem geliebten „João“ ein Schloss bauen liess, welches, weil sie Theater so sehr mochte, gleich um eine entsprechende Bühne erweitert wurde, wo sie selbst Bälle und Theaterstücke organisierte, und die Bürger von Diamantina verehrten sie ob dieser gesellschaftlichen Promotionen um so mehr. Nach einer dieser lustvollen Nächte mit ihrem João – von denen sich die Bürger der Stadt nur mit einem tiefen Schmerz in den Eingeweiden eine nicht einmal annähernd realistische Vorstellung machen konnten – eröffnete sie ihm, dass sie so gerne einmal das Meer sehen und auf einem Segelschiff fahren wolle, andererseits aber keine Lust habe, ihr schönes Tal auch nur für einen einzigen Tag zu verlassen. Also gab João Befehl, den nahen Fluss aufzustauen und beauftragte seine Zimmerleute zum Bau eines aufgetakelten Miniatur-Segelschiffes (es fasste 8-10 Personen) – auf dem Chica mit ihren Freundinnen auf dem See hin- und hergeschippert wurde.
Die exklusiv für sie von João Fernandes in Auftrag gegebene Kirche „Nossa Senhora do Carmo“ (1786) mit einer exklusiven Innenausstattung und einer importierten Orgel, wurde fast zum Ärgernis zwischen den beiden: Chica konnte das Glockengeläut in aller Herrgottsfrühe nämlich nicht ausstehen, es störte sie in ihrem Schönheitsschlaf. Also liess der liebe João den Glockenturm in eine Senke hinter dem Kirchenschiff versetzen – diese Kuriosität fällt heutzutage bei einer Besichtigung der Kirche besonders auf. Übrigens hatte die Geschichte kein „hollywoodianisches“ Happy- sondern eher ein Drama-Ende: „João Fernandes de Oliveira“ wurde vom portugiesischen Hof schliesslich gezwungen, sich „zwischen seiner Karriere und seiner schwarzen Konkubine zu entscheiden“ – trennte sich von ihr und kehrte nach Portugal zurück. „Francisca da Silva“ starb am 15. Februar 1796 – „an gebrochenem Herzen“, wie die Einheimischen noch heute glaubhaft versichern.
Die ausschweifenden Feste in der gold- und diamantenglitzernden Stadt sind lange vorbei. Gold und Diamanten sind rar und selten geworden. Heute leben hier bescheidene Menschen von der Textilindustrie – aber einige immer noch von Diamanten, hauptsächlich von ihrer Suche. Der unvergleichliche Charme des Örtchens aus jener Zeit ist jedoch geblieben, und scheint heute – in Kontrast zu so vielen anderen touristisch vereinnahmten Stätten – stärker, denn je zuvor: alles ist Ruhe und Beschaulichkeit, niemand rennt hier, niemand regt sich auf – jeder Besucher wird individuell behandelt und ist, in erster Linie, ein werter Gast.
In den steilen, gepflasterten Gassen, mit unregelmässigen Kopfsteinen, die man hier „Lausbuben-Füsse“ nennt, spürt man das besondere Flair dieses Ortes, der auch viele Bohemiens und Spiritualisten des Landes zur neuen Heimat geworden ist. Niedrige koloniale Häuschen mit überhängenden Giebeln und dem hölzernen Gitterwerk vor den Fenstern, wechseln ab mit pompösen Residenzen der kolonialen Diamanten-Aristokratie.
Ein paar wirklich sehenswerte Remineszensen hält die kleine abgelegene Stadt für den Besucher bereit, und ihre gelassene Ereignislosigkeit gilt es zu erleben – mindestens zwei Tage sollte man schon für einen Aufenthalt in Diamantina einplanen.
Die älteste Kirche in Diamantina ist die „Nossa Senhora do Rosário dos Pretos“, von den Sklaven 1728 erbaut – der Hauptaltar ist mit Blattgold belegt. Vor der Kirche steht ein dekoratives Kreuz – „Cruz da Gameleira“ – und befindet sich ein Brunnen – der „Chafariz do Rosário“ – der später, 1787 ergänzt worden ist. Die von João Fernandes de Oliveira für Chica da Silva erbaute Kirche „Nossa Senhora do Carmo“, aus dem Jahr 1760, ist das bestausgestattetste Gotteshaus der Stadt. Besonders die feine Orgel, mit ihren 600 blattvergoldeten Pfeifen, und der, auf Initiative von „Chica da Silva“ hinters Kirchenschiff versetzte Glockenturm, sind Kuriositäten, die man sich ansehen sollte. Und noch eine Kirche sollten Sie nicht auslassen: die „São Francisco de Assis“ von 1766 – bemerkenswert besonders durch ihre Malereien im Kirchenschiff. Andere Kirchen sind ebenfalls sehenswert, aber wir wollen Sie wirklich nicht schon beim Lesen langweilen, deshalb nur ein paar der attraktivsten und deshalb wichtigsten.
Nach wiederholten Einbrüchen hat man die Original-Diamanten des „Museu do Diamante“, einem Gebäude aus dem Jahr 1749, in die „Banco do Brasil“ verlegt. Trotzdem ist das Museum im Haus des „Padre Rolim“ – eines am „Inconfidência Mineira“ Aufstand beteiligten Priesters – bestückt mit sehr interessanten Exponaten aus der hohen Zeit der Diamanten-Funde – wie zum Beispiel Gerätschaften, die zur Klassifizierung von Diamanten und zum Wiegen von Gold benutzt wurden, sowie zahllose andere Dinge aus jener Zeit, die mit den Diamantenschürfern und ihrem Leben verbunden sind. Übrigens kann man die traditionelle Art und Weise der Diamantensuche in „Guinda“ – sieben Kilometer entfernt – mitverfolgen, wenn man diesen Besuch sinngemäss abrunden möchte.
Das Haus der „Chica da Silva“ steht auf dem „Praça Lobo Mesquita, 266“. Die schöne Konkubine hatte im Lauf ihres Lebens 14 Kinder, die sie alle in ihrem Testament von 1770 bedacht hat.
Das alte Diamantenhandels-Gebäude aus dem 18. Jahrhundert beherbergt heute die „Prefeitura Municipal“ (Präfektur) von Diamantina. Hinter ihm befindet sich der interessante Markt „Mercado Municipal“ von 1835, in dem an Samstagen ein Kunsthandwerksmarkt stattfindet. Früher war es als Residenz und Handelshaus benutzt worden – als „Rancho dos Tropeiros“ – Zwischenaufenthalt für fahrende Händler, die hier auch ihre Esel unterstellten und versorgten.
Das „Casa da Glória“ besteht eigentlich aus zwei doppelstöckigen Häusern – eins auf jeder Seite der Strasse – die durch eine die Strasse überspannende Brücke verbunden sind. Der erste Bischoff von Diamantina hat hier gewohnt. Heute beherbergt das Doppelgebäude das „Geologische Institut Eschwege“.
In den Nächten zwischen Freitag und Sonntag bekommt man in Diamantina sogar Serenaden von Laien-Sängern geboten. Viele junge Leute frequentieren die Bars im „Beco da Mota“. Die „Taverna do Gilmar“ kann man für gute Live-Musik empfehlen – wird aber sehr schnell voll, also früh hingehen. In der „Cavernas Bar“ kann man einem guten brasilianischen „Pagode“ beiwohnen, wenn man an Samstag- oder Sonntagnachmittagen hingeht.
Ausflüge in die schöne Landschaft, sind zweifellos ein gutes Programm in der reizvollen Gegend um Diamantina. Zum Beispiel den alten Sklaven-Weg „Caminho dos Escravos“ entdecken – ein mit Steinen gepflasterter Pfad zwischen Diamantina und dem Rio Jequitinhonha, der von Sklaven am Anfang des 19. Jahrhunderts angelegt wurde. Dazu sollten Sie aber unbedingt einen Führer mitnehmen! Neun Kilometer von der Stadt befindet sich die „Gruta de Salitre“, eine grosse Höhle mit einer eigenartigen Felsformation. Diese Höhle besteht aus vier Salons, der grösste hat eine Raumhöhe von fünf Metern.
Wenn man dem Flussufer des Jequitinonha folgt, sind es 12 km auf einer Erdpiste zum Flecken „Biribiri“ (1876). Es lohnt sich, diesen Weg zu Fuss zu machen, denn unterwegs gibt es viel zu sehen und man kommt auch an den Wasserfällen „Cascata dos Cristais“ und „Cascata da Sentinela“ vorbei, beide zum Baden ausgezeichnet geeignet und wundervolle Bergsichten erfreuen den Wanderer.
Der Ort entwickelte sich aus einer Textilfabrik im 19. Jahrhundert, die heute verlassen ist. Übrig geblieben sind einige Bars, Arbeiterhäuschen, Speicher, eine Schule, Unterkünfte, ein Theater und die Kirche „Sagrado Coração de Jesus“ von 1890. Die Umgebung, insgesamt 17.000 Hektar, ist wegen ihrer landschaftlichen Schönheit in einen Staatlichen Naturpark verwandelt worden. (Zufahrt auf der BR-367 / km 587 nach „Araçuai“).