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Dank einer Datenbank, die mittlerweile mehr als 300 Exemplare umfasst, können wir die Höhenverteilung von Monumentalbäumen mit hoher statistischer Zuverlässigkeit untersuchen. Sortiert man die gesamte Riesenkastanienpopulation in 9 Höhenklassen, so ist die Verteilung alles andere als zufällig. Tatsächlich findet man fast drei Viertel der ältesten Kastanienbäume in Höhen zwischen 700 und 1000 Metern.
Die zweite, sogenannte definitive Grenze ist in einer Höhe von etwa 1050 Metern zu erkennen, bei deren Überschreitung es für einen Kastanienbaum fast unmöglich ist, signifikant zu altern, da einige aus meteorologischer Sicht aussergewöhnlich ungünstige Jahre ausreichen, um einen Baum tödlich zu schädigen und seinem Langlebigkeitsstreben ein Ende zu setzen. Wir fanden nur ein einziges monumentales Exemplar jenseits dieser Höhe, das sich in eine ganz besondere mikroklimatische Nische geflüchtet hatte, eine felsige Mulde, die vor den Winden geschützt und der Sonne optimal ausgesetzt war.
Die Untergrenze hingegen ist weniger klimatisch bedingt, so dass in hügeligen und voralpinen Gebieten die natürlichen Umweltbedingungen für das Überleben des Kastanienbaums optimal sind. Unterhalb von 700 Metern ist der progressive Anstieg des selektiven Drucks, der auf Kastanienbäume mit einer langen Alterserwartung ausgeübt wird und der sich umgekehrt proportional zur Höhenverringerung verhält, ausschliesslich auf menschliche Faktoren zurückzuführen, wie z.B.:
- die verstärkte Nutzung des Waldkapitals
- die stärkere Verjüngungstendenz der Obstbäume
- das von den Bergen zum Talboden sinkende exponentielle Wachstum der Veränderungen und Konstruktionen, die der Mensch dem Gebiet insbesondere in dem gerade zu Ende gegangenen Jahrhundert auferlegt hat
Obwohl es bereits eine deutliche Tendenz gibt, dass sich ältere Kastanienbäume nahe der klimatischen Grenze konzentrieren, die das Ende der Verbreitung von Edelkastanienhainen in höhere Lagen markiert, ist die Ballung grösserer Kastanienbäume um Bergsiedlungen herum noch deutlicher. Betrachtet man die Entfernung in Metern zwischen den monumentalen Bäumen und den menschlichen Bauten, so stellt man fest, dass mehr als die Hälfte der alten Kastanienbäume in einem Umkreis von 30 Metern vom nächstliegenden Gebäude stehen. In einem Umkreis von 65 Metern finden wir bereits 80% aller monumentalen Kastanienbäume und der Prozentsatz steigt auf bis zu 90%, wenn der Umkreis der Gebäude auf 105 Meter erweitert wird.
In Wirklichkeit ist die Verbindung zwischen monumentalen Kastanienbäumen und Bergsiedlungen noch stärker und deutlicher, als diese Zahlen vermuten lassen. Wenn in der Tat die Entfernung vom nächsten Gebäude die Distanz von 105 Metern auch oft überschreitet, befindet sich der Baum meistens auf einem Terrain, das wegen seiner geomorphologischen Eigenschaften oder seiner signifikanten Anzeichen von Anthropisierung immer noch zum engeren Siedlungsraum gezählt werden kann, der mehr oder weniger intensiv landwirtschaftlich genutzt wird. Eigentlich würde man die Bäume eher in Regionen mit bewaldeten Hängen erwarten, welche zwischen den Maiensässen liegen.
Wir konzentrieren unsere Aufmerksamkeit auf die Bereiche um menschliche Wohngebiete herum und finden einige wiederkehrende Verteilungstypen:
- Viele monumentale Bäume säumen das Gebäude in grosser Nähe. Gut 28% stehen weniger als 15 Meter von einem Bauwerk entfernt. Nicht selten sinkt dieser Abstand unter 5 Meter, und viele Gebäude sind sogar von dieser Baumpräsenz bedroht, auch wenn es sich oft um Häuser handelt, die seit vielen Jahren verlassen und bereits baufällig sind.
- Sehr alte Kastanienbäume können Wiesen schmücken, vielleicht sogar inmitten auf einem Rasen stehen oder dort, wo die weiche, regelmässige Oberfläche des Bodens durch einen Felsvorsprung gestört wird. Man muss das Auge trainieren, um das Szenario vor der grossen Vernachlässigung in der Nachkriegszeit wiederherzustellen, da heute viele Wiesen (vor allem die sekundären und dezentralen innerhalb des Bereichs um ein menschliches Wohngebiet herum) vollständig von jungem Gehölz überwachsen werden.
- Oft finden wir monumentale Kastanienbäume entlang der Wege, die um menschliche Wohngebiete herumführen. Ein typischer Fall ist der des wohl ältesten Kastanienbaums, der genau dort steht, wo der von aussen kommende Weg sich in den Bereich des Maiensässes, der zu den Gebäuden führt, einfügt. In diesem Fall könnte der monumentale Baum als eine Art Strassenschild, das den Ort anzeigt, interpretiert werden.
- Monumentale Kastanienbäume markieren oft Grenzlinien, indem sie zwei Wiesengrundstücke aufteilen oder am Rande eines Wohngebietes stehen oder sogar eine geomorphologische Änderungslinie der Hangneigung markieren, bei der ein flacher Boden in einen Hang übergeht.
Selbst die wenigen monumentalen Bäume ausserhalb des Randes von Wohngebieten scheinen nicht zufällig irgendwo am Hang zu liegen und zuweilen mindestens einem der folgenden Verteilungsprinzipien zu folgen:
- Fast alle monumentalen Bäume ausserhalb von Wohngebieten sind von einem (nicht genutzten oder immer noch frequentierten) Weg erreichbar, der in geringer Entfernung vom Baum verläuft.
- Oftmals stehen die monumentalen Bäume abseits von den Wohngebieten auf steinigem Gelände, wo ein Zusammenleben mit den anderen Baumarten deutlich weniger wahrscheinlich ist.
- Die ältesten Kastanienbäume befinden sich oft an geomorphologischen, vor den Kahlschlägen der Vergangenheit geschützten Stellen, d.h. an den Rändern der breitesten und regelmässigsten Hangabschnitte, wo eine bestimmte Geländeform, ein Felshang, eine plötzliche Vertiefung die Schwierigkeiten des Fällens und Erschliessens erhöhen. Einfacher gesagt: sie befinden sich an Stellen, wo die Chancen gering sind, dass der Bereich zur Nutzung des Holzes herangezogen wird.
- In Übereinstimmung mit dem obigen Prinzip und der Diskussion über die Höhenverteilung kann festgestellt werden, dass die Wahrscheinlichkeit, Riesenkastanienbäume in Gebieten ausserhalb der Randbereiche von Wohngebieten zu finden, nur in der Nähe der oberen Grenze der Verbreitung von Edelkastanien signifikant wird. Die obere Grenze für Edelkastanien kann als ein Band gesehen werden, das sich durch erhebliche Höhenunterschiede auszeichnet, und durch die lokale Entwicklung des Kastanienanbaus in Bezug auf die sich verändernden mikroklimatischen und geomorphologischen Eigenschaften bestimmt wird.
Monumentale Kastanienbäume können auch bestimmte geographische Punkte markieren, wie z.B. eine wichtige Kreuzung, an der sich zwei Wege treffen, einen Platz, an dem früher die Köhler arbeiteten, einen halben Unterstand, eine Gratlinie oder Wasserscheide, einen Entwässerungsgraben, auch wenn die Hypothese einer zufälligen räumlichen Koinzidenz nicht immer zu vermeiden ist.
Betrachtet man die Verbreitung der monumentalen Kastanienbäume im Süden des Alpenhauptkammes, so ergibt sich eine sehr ungleiche Verteilung zwischen jeweils den Regionen, Tälern, Hängen, Gemeinden und Bergen.
Eine klare Unterscheidung zwischen Sottoceneri und Sopraceneri
Wenn wir mit der Ungleichheit der Verteilung in grossem Massstab beginnen wollen, stellen wir fest, dass der Sottoceneri im Vergleich zu dem Sopraceneri deutlich ungeschützter erscheint. Tatsächlich befinden sich fast 97% aller alten Kastanien nördlich des Monte Ceneri. Dieser Prozentsatz sollte angepasst werden, um dem Missverhältnis zwischen den beiden Regionen in Bezug auf die Gesamtfläche oder die für den Kastanienanbau geeignete Fläche Rechnung zu tragen, aber der Unterschied würde auf jeden Fall offensichtlich bleiben. Als Erklärung können wir die folgenden zwei Ursachen vorschlagen:
- Hohe Konkurrenz durch andere Möglichkeiten der landwirtschaftlichen Nutzung des Bodens: Im Sottoceneri wurde der Anbau von Edelkastanienbäumen häufig unterbrochen, um Platz für andere Nutzpflanzen zu schaffen, die noch höhere Erträge auf gutgelegenen Flächen erzielen können. Im Sopraceneri hingegen wurde die Langlebigkeit der monumentalen Kastanienbäume auf eher bescheidenen landwirtschaftlichen Flächen begünstigt, die kaum für wertvolleren Kulturen wie Getreide, Weinbau und Gartenbau genutzt werden können.
- Verdrängung durch die hektische Bauphase der letzten Jahre: Im Gebiet des Sottoceneri wurde die Alterung der Kastanienbäume oft durch eine Zunahme von Bauinterventionen verhindert. Nur wenige Gebiete sind von den beträchtlichen und häufigen Bauvorhaben verschont geblieben, die vor allem in den letzten fünfzig Jahren das traditionelle geographische Bild erschüttert haben.
Darüber hinaus könnten auch andere plausible Faktoren in Erwägung gezogen werden, wie die geringe Relevanz und frühzeitige Schwächung der Kastanienbaumkultur oder die Begehrlichkeit, die Edelkastanien zu fällen, um ihr Holz zu verkaufen.
Die hochproduktive Viehzucht verlangsamt die Entwicklung des Kastanienanbaus, was zu einem Minimum an sehr alten Kastanienbäumen führt
Vergleicht man die Situation in den grössten Talfurchen, so ist die Anzahl und Anordnung der älteren Kastanienbäume sehr unterschiedlich. Zunächst einmal ist die Konzentration der monumentalen Kastanienbäume auf beiden Seiten des Tals des Flusses Ticino zwischen Claro und Chironico beeindruckend. Dort finden wir fast die Hälfte (48,2%) aller untersuchten Kastanienbäume!
Der Kontrast wird vor allem beim Vergleich mit dem nahegelegenen Bleniotal deutlich. Dieses Tal ist so gross und sonnig, dass es weite Flächen für den Kastanienanbau entlang der gesamten Hauptstrecke bis auf die Höhe von Olivone bietet. Doch das Erbe der monumentalen Kastanienbäume von Blenio besteht nur aus sechs Exemplaren (2,6% der inventarisierten Bäume), von denen fünf im ersten Teil des Tals liegen, der von Biasca nach Malvaglia reicht. Zunächst denkt man, es seien einige Bäume übersehen worden, doch im Rahmen der Forschungsanstrengungen wurde streng darauf geachtet, dass alle Täler mit der gleichen Genauigkeit geprüft werden. Die Gründe für diese bemerkenswerten Unterschiede sind daher in den geomorphologischen Merkmalen und im historischen Verlauf, die jede geographische Situation einzigartig machen, zu suchen.
Eine sehr interessante Tatsache: Wir haben mehr oder weniger die gleichen Unterschiede zwischen der Leventina und der Riviera einerseits und Blenio andererseits festgestellt. Die Gegensätze werden auch durch die Sammlung von Referenzen über Kastanien aus spätmittelalterlichen Dokumenten belegt, die in der Reihe Tessiner Materialien und Dokumente veröffentlicht worden sind. Die Sammlung umfasst mengenmässig fast gleichviele Dokumente (etwa 540 notarielle Urkunden für jedes Ambrosianische Tal), welche auf die gleiche Zeit des späten Mittelalters zurück gehen. In der Sammlung haben wir nur 17 Referenzen über Kastanien in den Dokumenten des Bleniotals gefunden, gegen 87 in den Dokumenten der Riviera und 116 in den Dokumenten der Leventina. In den Regesten von Blenio gibt es relativ wenige Hinweise auf Kastanien, Wälder, Früchte und Sorten. Man könnte annehmen, dass sich die Dokumente von Blenio durch eine weniger detaillierte notarielle Erfassung auszeichnen und sich so von den beiden anderen Tälern unterscheiden. Aber in Wirklichkeit gibt es in diesem Sinne keinen ausgeprägten Unterschied. In den Regesten von Blenio gibt es keinen Mangel an Verträgen über Immobilien (Kaufverträge, Tauschverträge, Stufenverträge, Schenkungen, Testamente, Vermögensverzeichnisse usw.), aber unter diesen Gütern erscheint die Kastanie eher selten.
Entsprechend dieser Ungleichheit finden wir auch eine bemerkenswerte sprachliche Unterscheidung: Während in den Dialekten der Riviera und Leventina der Begriff Arbur (mit den Varianten erbru, elbru, arbru, albru....) fast immer nur die Kastanie und insbesondere die gepfropfte Kastanie, den Baum par excellence bezeichnet, wird in den lokalen Dialekten von Blenio das gleiche Substantiv (mit den Varianten arbre, albre, erbru, erbure...) meist im grundlegenden und generischen Sinne einer verholzten Pflanze verwendet (siehe diesbezüglich das Vocabolario dei dialetti della Svizzera Italiana). Die gleiche sprachliche Unterscheidung gab es wahrscheinlich schon im späten Mittelalter, da sie sich aus einer ersten Lektüre der Zusammenfassung der veröffentlichten notariellen Urkunden dieser Zeit zu ergeben scheint.
Als weiteren Hinweis auf eine geringere Tradition der Kastanienproduktion im Bleniotal können wir auch das Fehlen jener separaten Gebäude erwähnen, die zum Trocknen für Kastanien verwendet werden, d.h. den so genannten grà oder Räucherhäuschen, die in der Leventina und der Riviera so weit verbreitet sind (Quelle Marco Conedera).
Aufgrund dieser Beobachtungen muss man annehmen, dass im späten Mittealter der Kastanienanbau im Bleniotal nur wenig verbreitet war, vor allem wenn man ihn mit dem Anbau entlang der Achse des Flusses Ticino vergleicht. Mit anderen Worten, die Verteilung der ältesten Kastanienbäume deutet in Übereinstimmung mit den anderen Angaben auf ein spätes Eindringen des Kastanienanbaus in das Bleniotal hin.
Die Ausbreitung des Kastanienanbaus nach Norden entlang des Flusses Brenno wurde wahrscheinlich durch die Vorherrschaft der Viehzucht im Gebiet von Olivone behindert, eine Vorherrschaft, die in erster Linie von den territorialen und geomorphologischen Bedingungen herrührt, die sehr günstig für das Wachstum einer hochproduktiven alpinen Wirtschaft waren, welche auf der pastoralen Nutzung grosser subalpiner Weiden mit guter Sonneneinstrahlung, reichlichen Wasserressourcen und sanften Hängen beruht. Auch das mittlere und untere Bleniotal umfasst hochwertige alpine Gebiete, die zumindest über dem Tessiner Durchschnitt liegen. In der Riviera und der unteren Leventina hingegen sind die Alpen überall viel ärmer, steiler, schattiger und beschwerlicher, und das ist ein wesentlicher Faktor, um die bemerkenswerte Bedeutung zu verstehen, die der Kastanienanbau auf den beiden Seiten zwischen Claro und Chironico angenommen hat. Es ist kein Zufall, dass das Buch Alpi e formaggi delle nostri montagne (Rocco Lettieri et al., Salvioni edizioni, Bellinzona, 1997), das eine Bestandsaufnahme und Beschreibung der 1997 im Tessin noch benutzten Alpen, welche die Vernachlässigung überlebt haben, umfasst, für alle Seitentäler und die Hänge der Riviera und der unteren Leventina keine Alpen erwähnt.
Abschliessend können wir daher ein Interpretationsmodell vorschlagen, das auf einem gewissen Antagonismus zwischen Edelkastanienanbau und Viehhaltung beruht, ein Modell, das dort eine Verlangsamung oder Stagnation der Entwicklung des Kastanienanbaus vorsieht, wo die Viehzuchttätigkeiten aus Umweltgründen einen bestimmten Schwellenwert für Produktion und Ertrag überschreiten können.
Die Marginalität als ein Faktor, der die Ausbreitung und Entwicklung des Kastanienanbaus verzögert, spiegelt sich in der aktuellen Verteilung der monumentalen Kastanienbäume wider
Das Modell der Rivalität zwischen Kastanienanbau und Viehzucht lässt sich erfolgreich auf die Gebiete des Bleniotals nördlich von Malvaglia und des Leventina-Tals nördlich von Chironico anwenden. In diesen Gebieten, in denen die Zuchtaktivitäten ein höheres Entwicklungs- und Produktivitätsniveau erreichten, gibt es fast keine sehr alten Kastanienbäume.
Wenn wir dagegen versuchen, das gleiche Prinzip auf Täler wie das Onsernonetal oder das Verzascatal anzuwenden, erkennen wir sofort die Grenzen dieser historischen Interpretation. In diesen Tälern musste sich die Entwicklung der Viehzucht den knappen Möglichkeiten, die von der Beschaffenheit des Territoriums geboten wurden, unterwerfen. Wir könnten uns dann schon früh einen Rückzug in den Kastanienanbau mit grossem Ressourceneinsatz für die Anpflanzung grosser Edelkastanienwälder vorstellen. Und als Endergebnis sollten wir mit einer grossen Anzahl alter Kastanienbäume rund um die Siedlungen rechnen. Falsch! In Verzasca fanden wir nur 4 Kastanienbäume mit einem Umfang von mehr als 7 Metern, von denen sich drei am Anfang des Tals befinden. In Onsernone wurde sogar nur ein einziges monumentales Exemplar gefunden.
Um diese Situationen zu verstehen, müssen wir den Begriff der Marginalität einführen. Er steht für geografischen Regionen, die offensichtlich nicht attraktiv genug sind, um die menschlichen Möglichkeiten der Ansiedelung und das landwirtschaftliche Potential voll zur Entfaltung zu bringen. Die Natur ist an diesen Orten schwierig zu bezwingen und sie bietet Widerstand gegen die Besiedlung, gegen die kulturelle Umgestaltung und gegen die menschliche Zivilisation.
Wie im ersten Band von Introduzione al paesaggio naturale del Cantone Ticino auf Seite 149 zu lesen ist, «ist ein wesentliches Merkmal der Tessiner Berge die Existenz von Talsohlen, die tief in die alpine Wasserscheide eindringen und sich in sehr geringer Höhe halten.... Diese Talsohlen stellen natürliche Durchdringungswege von der Poebene zum Herzen der Alpenkette dar.»
Diese Durchdringungswege, die zu den Alpenpässen führen, haben seit prähistorischen Zeiten am meisten zu den Veränderungen beigetragen, die durch Menschen in den Tessiner Tälern verursacht wurden.
Unter diesem Gesichtspunkt können wir die Konzentration der monumentalen Kastanienbäume entlang der Riviera und der unteren Leventina besser verstehen: Die Viehzucht konnte sich nicht über ein bestimmtes Niveau hinaus entwickeln, was die Menschen dazu anspornte, einen Teil ihrer Bemühungen auf andere produktive Tätigkeiten wie den Kastanienanbau zu übertragen. Wahrscheinlich folgten die ersten Völkerwanderungen dem Fluss Ticino, der eine natürliche Verkehrsachse bildet. Später entwickelten die einwandernden Menschen neue Strategien zur Landnutzung und Bergbesiedelung.
Wir glauben daher, dass die Riviera und die Untere Leventina die Regionen des Sopraceneri sind, in denen die Ausbreitung der Kastanie, die vom Vorgebirge bis zu den darüber liegenden Hängen wächst, ihre ersten Anfänge erlebt hat. Diese Verbreitung der Edelkastanie in der Höhe wurde auch durch das Vorhandensein grosser Terrassen begünstigt, die die Neigung der Hänge unterbrechen. Die Riviera hält den Rekord in dieser Hinsicht und ihre Flanken erscheinen so abgestuft, dass sie in allen Höhenlagen ein Mindestmass an breiten, ebenen Flächen bieten.
Mit der gleichen Begründung können wir zumindest teilweise die Zwischenmenge an alten Kastanienbäumen im unteren Maggiatal erklären: 26 alte Kastanienbäume (11,5% der inventarisierten Bäume) zwischen Avegno und Giumaglio, im Vergleich zu 64 (28,3%) erhaltenen Bäumen in der Riviera. Die beiden Täler haben eine vergleichbare Ausdehnung, und beide bieten einen flachen Talboden und terrassierte Hänge. Das Maggiatal erscheint jedoch marginaler, da es einen weniger direkten Zugang und keinen wichtigen transalpinen Pass nach Norden hat.
Wie es der Zufall will, stellen Onsernone- und Verzascatal einen extremen Fall von Marginalität dar. Es sind nämlich zwei Täler, die grösstenteils keine flachen Talsohlen haben, wo die erosive Wirkung der Wildbäche das von den Gletschern aufgegebene Werk stark korrigiert hat. Im Verzascatal wies der Talboden einige schlechte Flächen auf, die nur auf der Höhe von Lavertezzo genutzt werden konnten. In Onsernone gibt es Flussebenen nur stromaufwärts von den letzten Dörfern. Beide Täler wenden der Ebene ein feindseliges Antlitz zu und bergen extrem versteckte, steile und unbequeme Eingänge. Karl-Viktor von Bonstetten begab sich 1796 nach Onsernone und betonte zu Recht diese Art der geomorphologischen Verbissenheit der Natur, um allfällige Besucher zu entmutigen:
„Wir sind schon nahe beim Onsernonetal; der Blick taucht ein, ohne jedoch das Tal zu sehen. Im schattigen Abgrund leuchtet der Nachhall des Tales immer tiefer und unsichtbarer und er scheint fast im zerrissenen Schoss der Erde zu liegen: Man scheint in die Unterwelt einzudringen.... jede Form von Leben scheint sich auf diesem ausgedorrten Land auszulöschen, die Seele verweilt nicht mehr auf der zarten Pflanzennatur: jetzt sind es die Gorgonen der Felsenwelt, die sie anstarren. Die Strasse, schmal, kämpft jetzt auf und ab, jetzt hier und da, neben immer tieferem abschüssigen Gelände.... das Ohr nimmt nur das raue Getöse des Flusses wahr, kaum hörbar, das wirbelt.... im unergründlichen Abgrund.“
Karl Viktor von Bonstetten, Lettere sopra i baliaggi italiani, Armando Dadò editore, 1984, S. 53-54]
Für das Verzascatal finden wir eine gültige Beschreibung im ersten Band des Atlas des ländlichen Bauens im Tessin "Atlante dell'edilizia rurale in Ticino" für die Regionen Locarno, Bellinzona und Riviera:
«Schwierig zu erreichen, präsentiert sie sich als echte tote Ecke im Kontext der Geographie und Geschichte der Alpen.» [herausgegeben von Giovanni Buzzi, Armando Dadò Verlag, 1999, S. 61]
Die folgende Karte erhält man, indem man die Höhenlinie, die einer Höhe von 500 Metern entspricht, vor einem kartographischen Hintergrund markiert, der die Erhebungen über dem Lago Maggiore darstellt.
Betrachtet man noch die Verteilung der monumentalen Kastanienbäume im Süden der Alpen, so lassen sich auch auf kommunaler Ebene deutliche Unterschiede feststellen. Überraschend ist zum Beispiel im Misox die eklatante Lücke zwischen Soazza mit seinen zwanzig Baumriesen (ein authentisches Freilichtmuseum) und Mesocco, das überhaupt keine grossen Kastanienbäumen hat. Auf der hier abgebildeten Karte zeigen die violetten Flächen die Bereiche an, in denen sich sehr alte Kastanienbäume befinden; die rote Linie hingegen zeigt die territoriale Grenze zwischen den beiden Gemeinden, in denen die alten Wälder ausgestorben sind. Bereits auf dem Gebiet von Mesocco, direkt unterhalb der Burg, auf einer Höhe von weniger als 700 Metern, gibt es nur wenige Edelkastanienbäume, die nicht besonders alt sind. Man könnte an eine wichtige mikroklimatische Grenze denken, die die beiden Gemeinden voneinander trennt, aber in Wirklichkeit könnten die unteren Bereiche des Territoriums von Mesocco, zumindest bis zu einer Höhe von 800 Metern, Kastanienwälder oder zumindest isolierte Exemplare beherbergen.
Das nicht sehr sonnige und durch die Winde des Nordens verschlechterte Klima im Mesocco könnte der Entwicklung des Kastanienanbaus entgegengewirkt und sie verzögert haben, was anderen Strategien der Landnutzung zugutekam. Diese Argumentation ist jedoch unzureichend, und es müssen auch andere entscheidende Faktoren gesucht werden, um die derzeitige Verteilung der grossen Kastanien zu erklären.
Eine verführerische Hypothese ist die der Spezialisierung, die hauptsächlich von geomorphologischen Bedingungen bestimmt wird: Das Gebiet von Mesocco hat viele Flächen, die für die Viehzucht geeignet sind, mit vielen Berg- und subalpinen Weiden von beträchtlichem Wert. Andererseits sind die für den Kastanienanbau geeigneten Flächen klein. Da sie auf die Möglichkeit des Handels mit einer naheliegenden Gemeinde wie Soazza zählen konnten, die in der Lage war, Kastanien in Fülle auch für den Export zu produzieren, aber eine bestimmte Menge von Produkten für die Viehzucht importieren musste, ist es logisch und verständlich, dass die Bewohner von Mesocco im Laufe der Jahrhunderte die Viehzucht stark entwickelt und daher fast vollständig auf Nebentätigkeiten wie den Kastanienanbau verzichtet haben.