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Das Leinwandgewerbe führt zur Blütezeit
Nun brachte auch die Familie Bayer das Leinwandgeschäft zur Blüte. Der Verkauf von 351 Tüchern im Jahre 1640 stieg mit der Zeit bis auf 4131! Im Rietli brummte eine neue Bleiche und östlich des Dorfes wurde die Seebleiche betrieben.
Bedeutend für das Rorschacher Leinwandgeschäft waren auch die aus Italien eingewanderten Familie De Albertis, denen die Familien Gorini und Martignoni sowie die Südtiroler Salvini folgten. Sie wohnten fast alle an der Mariabergstrasse. Darum nannte man diese auch etwa die Italienerstrasse. Neben den grossen Handelshäusern bestanden auch kleine Betriebe von Rorschacher Bürgern. Die meisten Rorschacher standen jedoch im Dienste der grossen Handelshäuser. Das 18. Jahrhundert war für Rorschach das Jahrhundert des Wohlstands. Die Glanzzeit erlebte der Leinwandhandel in Rorschach zwischen 1760 und 1780/82. Mit der französischen Revolution brach dann aber das Leinwandgeschäft zusammen. Langsam starben die einst reichen und bedeutsamen Familien aus. In Rorschach wohnen heute keine ihrer Nachkommen mehr.
(Jakob Wahrenberger u. a., Heimat am See, 1978)
(Richard Grünberger, hrsg. Louis Specker, Aus Rorschachs Vergangenheit, 1982)
Das Kornhaus 1746 bis 1749
Mitte des 17. Jahrhunderts erschien Abt Coelestin II in Begleitung von Pater Bonaventura, dem Statthalter in Rorschach, und dem Baumeister Caspare Bagnato öfters vor dem 200jährigen Kornhaus. Abt Coelestin wollte das alte, von Abt Ulrich Rösch erstellte Kornhaus abbrechen, da es zu klein und baufällig geworden war.
Von Baumeister Bagnato liess er einen Plan für den Neubau erstellen, der nach Allerheiligen 1744 abgeliefert wurde. Nach sehr gründlichen Vorarbeiten beschloss man am 28. September 1745 den Bau und begann am 1. Februar 1746 mit den Arbeiten.
Zuerst wurden die alten Gebäude abgebrochen. Die Sandsteine lieferte das Kloster aus dem Steinbruch bei Mariaberg. Pfahl- und Rostholz für das Fundament bezog man zum Teil aus dem Steinerburger Wald, der ebenfalls zum Kloster gehörte. Fast alles Bauholz wurde in Bodmann am Überlinger See gekauft. Die Dachkanne, die einst mit schönen Drachenköpfen geschmückt waren, lieferte der Rorschach Kupferschmied Johannes Roth. Meister Johann Baptist Hammerer, Schlosser in Rorschach, erstellte die Schlösser und Beschläge für 11 Doppeltüren. Horner und Staader Schiffsleute führten Schiff um Schiff voll von Bruchsteinen her, vor allem von Staad und Rheineck. Eriskirch und Langenargen lieferten auf 165 grösseren und kleineren Schiffen Sand. Die Gotteshausziegler und Ziegelbrenner in Hard und Rheineck schickten 780 Fässer und über 2100 Gelten Kalk. Bis im November 1747 trafen 144000 Ziegelsteine, vor allem aus Hard und Rheineck ein. Die Brüder Johann und Caspar Rennhaas bauten die Treppen. Schon im Oktober 1746 war das Kornhaus im Rohbau fertig gestellt. 5300 Latten und über 73000 Dachziegel waren für das Dach nötig. Dann setzte man auf die vier Giebel die "Kornbuschen"; man montierte auch den Glockenstuhl mit dem Glöcklein. Eine Sonnenuhr durfte auch nicht fehlen. Drei Jahre hatte der Bau gedauert und 1749 konnte das neue Kornhaus in Betrieb genommen werden.
(Jakob Wahrenberger u. a., Heimat am See, 1978)
Ludwig von Bayers Gefangenschaft in Algier
Mannschaft in fremden Diensten
Im 18. Jahrhundert stand ununterbrochen ein Stift-st.gallisches Fähnlein (etwa 200 Mann) in Spanien in fremden Diensten. Darunter befanden sich oft auch Rorschacher Soldaten; sie erfuhren Freud und Leid des Söldnerlebens. Durch Vertrag war der Abt verpflichtet, stets eine bestimmte Zahl von Soldaten im Dienste zu haben. Entstandene Lücken musste er durch Nachschub neuer Mannschaften auffüllen.
Ludwig von Bayer
Im Herbst 1729 hatte Georg Ludwig von Bayer, ein Enkel des Erbauers des heutigen Rathauses, eine Anzahl Rekruten nach Spanien zu bringen. In seiner Begleitung befand sich seine Frau, Maria Anna von Jauch, aus dem Urnerland. Sie war die Tochter des Obersten Jauch, der in Spanien im gleichen Regiment diente wie Ludwig von Bayer. In Genua bestieg Leutnant von Bayer mit seinen Leuten ein Postschiff, das sie nach Spanien hinüber bringen sollte.
Überfall durch die Seeräuber
In der Morgenfrühe des 3. Oktobers 1729, als noch alles schlief, wurde das Postschiff von algerischen Seeräubern überfallen. Es entstand ein furchtbares Gemetzel, das erst endete, als ein anderes Schiff dem Postschiff zu Hilfe kam. Von 64 Personen wurden 33 gefangengenommen und weggeführt. Leutnant Hädiner und ein Dragoner-Offizier wurden getötet. Leutnant von Bayer hatte schwere Verletzungen erlitten. Er wurde mit seiner Frau und ihrem Bruder, Fähnrich Jauch, und andern Reisenden auf das Seeräuberschiff gebracht, wo die Piraten sie sehr schlecht behandelten. Der schwerverletzte Leutnant von Bayer lag zwischen Fässern im untern Teil des Schiffes. Nur mit Mühe konnte er sich nach oben begeben, wo man ihm die Wunden mit Salzwasser reinigte. Die Räuber wollten Madame von Bayer, weil sie ihren goldenen Fingerring nicht leicht abstreifen konnte, den Finger abschneiden. Ebenso wollte man ihr die Ohren abschneiden, um die goldenen Ohrringe zu erhalten. Nur mit Mühe konnte dies noch im letzten Augenblick verhindert werden.
Tage in Algier
Am Morgen des 7. Oktobers landete das Seeräuberschiff in Algier. Zuvor hatte es sich mit 12 Schüssen angemeldet. Viel Volk war zusammengeströmt, um die Gefangenen zu sehen. Mitten durch die Menschenmenge wurden sie halb nackt durch die Strassen zum König geführt. Den Fähnrich Jauch verkauften sie einem alten Türken für 300 Taler. Die andern wurden an verschiedenen Orten schlecht untergebracht und bekamen nur wenig, oft gar nichts zu essen und zu trinken. Ludwig von Bayer und seine Frau wurden voneinander getrennt, und lange Zeit wusste keines etwas vom andern.
Der Freikauf
Sobald man in Spanien von der Gefangenennahme von Ludwig von Bayer und seinen Leuten hörte, reiste Kapitänleutnant Jauch, der Vater der Frau von Bayer, nach Algier. Dort bemühte er sich um die Freilassung der Gefangenen. Dabei waren ihm die Brüder des Dreifaltigkeitsordens behilflich. Dieser Orden hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Gefangene loszukaufen. Auch in diesem Fall führten sie die Verhandlungen mit dem König. Erst am Tage vor Weihnachten gelang es den Patres, die Gefangenen loszukaufen. Der Preis war hoch. 5000 Taler musste Kapitänleutnant Jauch bezahlen. Damit war jedoch das Elend der Leute noch nicht zu Ende. Die Abreise aus Algier wurde immer wieder verschoben. Erst am 30. März 1730 meldete Leutnant von Bayer dem Abt, er sei bei seinem Regiment in Spanien eingetroffen. Er leistete weiterhin Söldnerdienste und wurde bis zum Major befördert. 1732 betätigte er sich in der Heimat als Werbeoffizier und suchte neue Rekruten für Spanien zu gewinnen.
Zurück in Rorschach
Nach der Entlassung aus fremden Diensten kehrte Ludwig von Bayer nach Rorschach zurück. Der Abt übertrug ihm das Amt des Landeshauptmannes. Ludwig war damit für die äbtischen Truppen verantwortlich und sollte im Kriegsfall ihr Befehlshaber sein. Das Haus an der Hauptstrasse, das er sich erbaut hatte – heute die Engelapotheke – wurde nun das Landeshauptmännische Haus genannt. Er konnte es aber nicht lange bewohnen. Er starb schon 1762 im Alter von erst 57 Jahren.
(Jakob Wahrenberger u. a., Heimat am See, 1978)