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In der Schweiz kommen neben den beiden Giftschlangenarten, der Aspisviper und der Kreuzotter (siehe Album "Einheimische Vipern und Ottern"), auch einige ungiftige Schlangenarten vor. Dazu gehören kleine, unscheinbare und versteckt lebende Arten wie die Schlingnatter, aber auch die imposanten und auffälligen, 150 cm und mehr messenden Zorn- und Äskulapnattern. Einige Arten sind Nahrungsspezialisten wie die drei bei uns vorkommenden Wassernattern der Gattung Natrix. Während Ringel- und Schlingnatter in der ganzen Schweiz verbreitet sind, kommen andere Natternarten nur in eng begrenzten und klimatisch begünstigten Regionen vor. Sämtliche bei uns vorkommenden Arten faszinieren durch ihre Lebensweise, ihr Verhalten und ihre regional oft recht unterschiedliche Färbung und Zeichnung. Im Folgenden werden sämtliche einheimischen Natternarten im Bild und mit kurzen Erläuterungen vorgestellt.
Die harmlose Ringelnatter ist die in der Schweiz am weitesten verbreitete Natter. Als Nahrungsspezialistin frisst sie hauptsächlich Amphibien und ist daher auf Feuchtgebiete, Tümpel, Teiche, Fluss- und Seeufer angewiesen. Von den drei bei uns lebenden Wassernatter-Arten ist sie jedoch am wenigsten ans Wasser gebunden und oft kann man sie auch weit entfernt von Gewässern antreffen. Auf ihren Streifzügen erkundet die Ringelnatter gerne naturnahe Gärten, vor allem, wenn sich dort auch noch ein kleiner Teich mit Molchen oder Fröschen befindet oder ein Komposthaufen, in welchem die Weibchen im Sommer gerne ihre Eier ablegen. Regional nehmen die Ringelnatterbestände heute erfreulicherweise wieder zu. Ein Grund dürfte sein, dass während der letzten Jahre viele neue Laichgewässer für Amphibien angelegt worden sind und somit auch die Nahrungsgrundlage der Ringelnatter verbessert wurde. 2017 wurde die Ringelnatter systematisch untersucht und in zwei neue Arten aufgeteilt. Den grössten Teil der Schweiz bewohnt somit die Art Natrix h. helvetica (Barrenringelnatter), während die zweite Art (Natrix n. natrix) nur in einem kleinen Teil der Nordostschweiz anzutreffen ist.
In der Schweiz findet man die hauptsächlich südosteuropäisch verbreitete Würfelnatter im Tessin und in einigen Bündner Südtälern. Daneben gibt es an mehreren Seen nördlich der Alpen grosse Populationen, die auf illegale Aussetzungen oder Verschleppungen zurückgehen. Am Genfersee konkurrenzieren ausgesetzte Würfelnattern die etwas kleinere, dieselbe ökologische Nische nutzende Vipernatter (Natrix maura) und werden deshalb seit einigen Jahren weggefangen. Die Würfelnatter bleibt meist unter einem Meter Länge, grosse Weibchen können ausnahmsweise 130 cm oder etwas mehr erreichen. Die Würfelnatter ist stark ans Wasser gebunden und entfernt sich oft nur wenige Meter vom Gewässer, um am Ufer zu sonnen. Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Fischen, seltener auch aus Amphibien. Oft lauert sie am Gewässergrund auf ihre Beute. Es scheint, dass dabei ihre helle Zungenspitze nicht nur als Sinnesorgan, sondern auch als Lockmittel für kleine Fische dient. Zur Paarungszeit kommt es in individuenstarken Populationen oft zu Ansammlungen von Nattern, die im Volksmund gerne als "Schlangennester" bezeichnet werden. Die Würfelnatter ist eierlegend und die etwa 20 cm langen Jungtiere schlüpfen im Spätsommer oder Herbst.
Die Vipernatter mit ihrer nordwestafrikanischen und südwesteuropäischen Verbreitung kann als Schwesternart der Würfelnatter bezeichnet werden. Auch sie ist stark ans Wasser gebunden und ihre Lebensweise entspricht jener der Würfelnatter. Sie bleibt etwas kleiner und erreicht selten Längen über 80 cm, wobei ich in Südfrankreich ein 105 cm messendes Weibchen sah. In der Schweiz erreicht die Vipernatter die Nordwestgrenze ihres Areals und kommt nur im Einzugsgebiet der Rhone in isolierten Populationen vor. Sie ist somit die gefährdetste Schlangenart der Schweiz mit dem kleinsten Verbreitungsgebiet. Im Süden ihres Verbreitungsareals präsentieren sich die Vipernattern viel variabler und farbenprächtiger als ihre Artgenossinnen in der Schweiz.
Die Schlingnatter ist unsere kleinste Schlangenart und wird nur selten länger als 70 cm. In der Schweiz findet man die Schlingnatter im Jura, in den Alpen und in der Südschweiz, während sie im Mittelland nur noch an einigen wenigen Stellen vorkommt. Die versteckt lebende Natter teilt sich ihren Lebensraum oft mit der Aspisviper und anderen Reptilienarten. Als Nahrungsspezialistin frisst die Schlingnatter vor allem Blindschleichen und Eidechsen, sie erbeutet aber selbst kleine Aspisvipern. Beutetiere werden mit einigen Körperschlaufen umschlungen und erwürgt, bevor sie gefressen werden. Sie ist unsere einzige lebendgebärende Natter. Die Jungen kommen im Spätsommer oder Herbst zur Welt und bleiben oft noch einige Tage zusammen, bevor sie sich häuten und in ihrem Lebensraum verteilen.
Die zu den Kletternattern gehörende Äskulapnatter ist die grösste in der Schweiz lebende Schlangenart. Normalerweise erreicht sie Längen von 140 bis 150 cm, wobei die Weibchen generell etwas kleiner bleiben als die Männchen. Einzelne Exemplare sollen 200 cm lang werden. Der elegante, schlanke und gleichzeitig kräftige Körperbau ermöglicht es der Äskulapnatter, auch senkrechte Mauern und Bäume zu erklimmen. Die Bauchschienen sind am Rand abgekantet und mit Hilfe dieser "Haken" kann sich die Natter in kleinsten Unebenheiten des Steins oder der Rinde festhalten. Die Äskulapnatter ernährt sich hauptsächlich von Nagern und Vögeln, frisst aber eigentlich alles, was sie überwältigen kann. Ihre Opfer erwürgt sie wie die Riesenschlangen mit zwei oder drei Körperschlaufen. Im Frühjahr liefern sich die Männchen während der Paarungszeit rituelle Kommentkämpfe. Einige Wochen später suchen die Weibchen Komposthaufen, Wurzelstöcke oder andere geeignete feuchtwarme Stellen auf, um die durchschnittlich aus sechs bis acht Eiern bestehenden Gelege abzusetzen. Im Spätsommer oder Herbst schlüpfen die etwa 25 cm messenden Jungtiere und ziehen sich bald in ein Winterquartier zurück. Die Äskulapnatter findet man in der Südschweiz (Tessin, Bündner Südtäler), im Genferseegebiet und im Wallis. An einigen Stellen nördlich der Alpen wurden illegal Äskulapnattern ausgesetzt, die sich teilweise halten oder sogar ausbreiten können. Wenn auch in diesem Fall kaum andere Reptilienarten benachteiligt wurden, ist trotzdem von solchen Aussetzungen generell abzusehen, da es sich in jedem Fall um eine Faunenverfälschung handelt.
Unsere zweitgrösste Natternart erreicht selten 170 cm, bleibt aber meist unter 150 cm. In der Schweiz bewohnt die Zornnatter die Gegend um Genf sowie einige Gebiete in der Waadt, wo sie vor über 30 Jahren gesetzeswidrig ausge-setzt wurde und heute reproduzierende Populationen bildet. Bei Tieren aus dem Wallis und dem oberen Genferseebecken scheint es sich um verschleppte Karbonarschlangen zu handeln (siehe unten). Die schnelle, bissige Zornnatter sollte man mit Vorsicht behandeln. Obwohl sie ungiftig ist, können ihre heftigen Bisse, bei denen sie oft nicht mehr loslässt und an der Bissstelle zu kauen beginnt, zu lokalen Vergiftungserscheinungen führen. Vermutlich enthält der Speichel Toxine, die bei solchen Bissen ins Gewebe gelangen und zu Schwellungen, Juckreiz oder Taubheit führen können. Während der Paarungszeit im Frühjahr kommt es zu Kommentkämpfen zwischen den Männchen. Die im Spätsommer schlüpfenden Jungtiere weisen eine helle Färbung auf, die erst nach zwei bis drei Jahren in die typische schwarz-gelbe Erwachsenenfärbung übergeht.
Früher wurden die südlichen, dunkel gefärbten Populationen der Gelbgrünen Zornnatter als Unterart betrachtet und als Karbonarschlange (Coluber viridiflavus carbonarius) bezeichnet. Später wurden sie der mittlerweile in eine andere Gattung umgeteilten Nominatform (Hierophis viridiflavus) zugeordnet. Neue Untersuchungen führten dazu, dass die ehemalige Unterart nun als eigene Art angesehen wird. Die Karbonarschlange besiedelt in der Schweiz die Gegenden südlich der Alpen. Im Wallis gibt es einige Populationen, die vermutlich auf hierher verschleppte Individuen zurückgehen oder auf Aussetzungen beruhen. Diese imposante Schlange erreicht manchmal Längen von 150 cm und mehr. Die Nahrung, die aus Heuschrecken, Reptilien, Kleinsäugern und Vögeln besteht, wird aktiv gejagt. Die Karbonarschlange zeigt sich generell sehr scheu und flüchtet bei Störungen sofort, kann sich aber mit heftigen Bissen zur Wehr setzen, wenn man sie zu fangen versucht. Jungtiere zeigen dieselbe helle Färbung wie junge Gelbgrüne Zornnattern.