Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03642.jsonl.gz/2983

Mit der Geschichte kennt man sich aus auf Château Lafitte. Philippe Mengin, der heutige Inhaber des Bordelaiser Crus, weiss von einem Vorfahren namens Raymond Lafitte zu berichten, der am 12. Februar des Jahres 1763 ein Weingut erwarb und nach sich selbst benannte. Camblanes-et-Meynac heisst die Gemeinde, befindet sich in der AOC Côtes de Bordeaux und ist damals wie heute nur Insidern geläufig. Ganz im Gegensatz zu Pauillac, der Heimat des Château Lafite-Rothschild. 1763 war von einem Rothschild zwar noch nichts zu sehen, man sprach lediglich von Lafite, führte den Ursprung des Namens auf den Begriff «la hite» zurück, was im Dialekt der Region «kleiner Hügel» bedeutet. Keine rare Bezeichnung, denn die Ableitung hat auch Eingang gefunden in die Namen von Château Smith Haut Lafitte und Château Moron Lafitte – und viele Jahrzehnte lang störte sich niemand daran. Zu gross war schliesslich die Region, als dass man sich in die Quere gekommen wäre, zu logisch die Tatsache, dass man niemandem nach Jahrhunderten vorschreiben kann, den verwendeten Namen zu ändern. Schien auch Lafite-Rothschild klar zu sein. Schon Ende des 18. Jahrhunderts besass das Gut Renommee, spätestens nach der Ernennung zum Premier Cru Classé im Jahr 1855 und dem Erwerb durch James Rothschild 1868 gehörte es zu den Platzhirschen des Bordelais. Lafitte dagegen war und blieb ein Familienbetrieb ohne gewaltige Ambitionen, aber mit solidem Ruf. Juliette Mengin erwarb es 1970, ihr Sohn Max übernahm ab 1991 die Leitung, Enkel Philippe trat schliesslich dessen Nachfolge an.
Ob es die starke Exporttätigkeit von Château Lafitte war – rund 95 Prozent der Produktion wandern ins Ausland –, die Lafite-Rothschild irgendwann ein Dorn im Auge war? Im Jahre 2003 jedenfalls hatten die Anwälte das Wort, der Premier Cru ging in Frankreich juristisch gegen Lafitte vor. Ein Missbrauch des Namens stand im Raum, die Angelegenheit beschäftigte jahrelang die Instanzen. 2008 gewann Lafitte vor dem Kassationsgericht in Paris, durfte seinen Namen weiterverwenden – ohne Änderungen und Zusätze. Ende des Streits. Allerdings nur für einen kurzen Moment, denn die nächste Attacke liess nicht lange auf sich warten. Bald nahm Lafite- Rothschild, das sich längst zu einem Unternehmen mit Weingütern von Sauternes bis nach Argentinien gewandelt hatte, den kleineren Konkurrenten erneut ins Visier, diesmal in China. Doch auch hier zog der Premier Cru Classé den Kürzeren: 2015 gestatteten die chinesischen Behörden Lafitte, die Marke auf dem dortigen Markt einzutragen. War die Angelegenheit damit endgültig erledigt? Gaben die Domaines de Barons Rotschild (Lafite) auf? Einigte man sich nun gentlemanlike?
Mitnichten. 2018 ist die Schweiz dran. In der Klage vor dem Kantonsgericht in Genf geht es derzeit um eine angebliche Beschädigung der Marke Lafite-Rothschild und darum, dass der Verbraucher in die Irre geführt werde. Für Philippe Mengin ist die immer gleiche Argumentation skurril. «Wie können wir für sie eine Gefahr sein?» Tatsächlich ist weder für den Laien noch für den Weinsammler nachvollziehbar, dass eine Flasche des einen – weit über 2000 Franken teuer – mit einer des anderen – deutlich unter 50 Franken im Einzelhandel – zu verwechseln wäre. Und selbst wenn man dies annehmen würde, sprächen immer noch viele Argumente gegen den Giganten aus Pauillac.
Bernard Volken, Partner der Anwaltskanzlei Fuhrer Marbach & Partners in Bern und Lafittes Rechtsvertreter, erklärt, dass es in dem Streit darum gehe, dass seine Mandantin das Wort Lafitte nicht mehr zur Kennzeichnung von Wein verwenden dürfe. Bekäme Lafite-Rothschild recht, müsste Lafitte also seine Etiketten ändern. Einigermassen absurd, wenn man sich die lange Geschichte des Weinguts und des Namens anschaut und bedenkt, dass Lafitte in der Schweiz sogar ältere Rechte besitzt. «Lafitte tritt seit 1972 in der Schweiz unter dem Namen Lafitte auf, in Frankreich bereits seit dem 18. Jahrhundert (1763)», führt Anwalt Volken aus. Da kann die Konkurrenz nicht mithalten, denn Lafite-Rothschild ist in der Schweiz erst seit 1986 als Marke registriert. «Wer ein Zeichen vor der Markeneintragung eines anderen benutzt hat, darf dies in diesem Umfang weiterbenutzen», erläutert Volken. «Zudem gibt es das Prinzip der Verwirkung; wenn man ein Recht geltend machen will, darf man nicht 40 Jahre abwarten, obwohl man vom Gebrauch des anderen Kenntnis hat.»
Über das, was die Domaines Barons de Rothschild (Lafite) mit ihren seit nunmehr 15 Jahren andauernden juristischen Aktionen bezwecken, lässt sich leider nur spekulieren. Das Verfahren sei im Gange, heisst es aus der Pariser Verwaltung des Unternehmens, man wünsche nicht, sie zu kommentieren. Der Schweizer Lafite-Vertreter reagiert auf wiederholte telefonische Anfragen und Mails überhaupt nicht.
Wir verkosten derweil Château Lafitte. Einen Rotwein, der zeigt, was sich auf rund 50 Hektaren aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet franc machen lässt, wenn man sich den berühmten Önologen Michel Rolland als Berater ins Boot holt. Kühle Frucht, eine nicht übertrieben wirkende Dosis Holzwürze, beachtliche Länge, ein sympathischer Preis. Philippe Mengin ist stolz auf die Qualität der letzten Jahre und denkt nicht daran, sich einschüchtern zu lassen von Kollegen, die viel Macht und Geld und Ansehen haben. Lieber zitiert er den französischen Philosophen Blaise Pascal. «Die Gerechtigkeit ist ohnmächtig ohne die Macht; die Macht ist tyrannisch ohne die Gerechtigkeit.» Mit einem guten Bordeaux im Glas und guten Anwälten lässt sich, das steht fest, gegen Tyrannei besonders wirkungsvoll kämpfen.