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Wer Helen Hidber nicht kennt, muss ein Zugewanderter sein. Einer, der nicht weiss, dass sie Präsidentin der Hospizgruppe war sowie CVP-Politikerin, Schulratspräsidentin, Präsidentin der Jugendmusikschule Sarganserland, Vögtin der Magnusbruderschaft und, und, und. Die rüstige Rentnerin lacht und sagt: «Ich war auch keine Hiesige, als ich 1964 zu Hans ins Sarganserland zügelte.»
Helen Hidber ist am Jurasüdfuss in Lommiswil SO aufgewachsen. Ihr Vater war Schuhmacher, die Mutter arbeitete in der Uhrenfabrik, zudem unterhielt die Familie einen Kleinbauernbetrieb. «Wir lebte in bescheidenen Verhältnissen. Geld fehlte zeitweise an allen Ecken und Enden.» Weil die Mutter sehr viel hätte arbeiten müssen, habe die im gleichen Haushalt wohnende Grossmutter zu den drei Kindern geschaut.
Die Volksschule war, wie damals üblich, von grossen Klassenbeständen geprägt. In der Oberstufe sassen damals um die 70 Kinder. Wer in die Bezirksschule wollte, musste am freien Nachmittag Nachhilfestunden nehmen, um die Prüfungschancen zu erhöhen. Helen Hidber schaffte es. Aber der Schulbetrieb im Nachbardorf kostete Geld, das eigentlich fehlte.
Am liebsten wäre sie Lehrerin geworden. «Aber das war zu teuer», sagt Helen Hidber. «Du heiratest sowieso, hiess die Begründung der Eltern.» Ausserdem stand auch noch die Berufsausbildung der beiden Brüder bevor. Und so landete sie im Büro, machte die KV-Lehre bei einem Chef, der seine Lehrtochter förderte und forderte. «1960 beendete ich meine Ausbildung. Der Chef behielt mich und zahlte mir einen Superlohn. Ich verdiente am besten von allen.»
Ein Jahr später brach die Asiatische Grippe aus und mit ihr die Tuberkulose. «Daran war ich als Neunjährige erstmals erkrankt», sagt Helen Hidber. Sie musste zur Erholung fünf Monate nach Unterägeri ins «Heimeli». «Besuch erhielt ich nur selten. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich mit mir auseinanderzusetzen. Stunden musste ich auf der Liege verbringen. Durfte nicht reden, nicht lesen.»
«Ich betete um einen guten Tod»
Die Krankheit wütete weiter. Helens Vater erkrankte. Eventuell war es eine Geiss, die ihn ansteckte. Und so wurde Helen, kaum genesen, zu Hause wieder infiziert. Diesmal nahm ihre TB einen schlimmeren Verlauf. Lungen- und Brustfellentzündung waren die Folgen. Die Ärzte verordneten eine weitere Kur. «Nach fünf Monaten stand eine Operation an, und ich hatte eine Thrombose. Damals musste ich mich, knapp 20-jährig, mit dem Sterben auseinandersetzen», sagt Helen Hidber. «Ich betete um einen guten Tod. Was das genau sei, wusste ich allerdings nicht. Einschlafen wohl.»
Der Tod war allgegenwärtig in der damaligen Zeit. Wurde jemand zu Grabe getragen, hätten die Bewohner den Verstorbenen durchs Dorf gezogen, erzählt Helen Hidber. Der Leichenwagen mit dem Sarg sei von Pferden gezogen worden. Ihm wären schwarzgekleidete Männer und Frauen gemässigten Schrittes gefolgt. Die Kinder hätten die Kränze getragen. Dafür habe es 50 Rappen oder ein Taschentuch gegeben. «Leben und Sterben gehörten zum Alltag, darüber redeten wir am Mittagstisch.»
Ihren Hans hatte sie nach vorausgegangenem Briefwechsel erstmals 1961 in Aarau getroffen. «Ich war Blauringleiterin. Er schrieb wunderbare Briefe. Anfänglich sahen wir uns selten. Später besuchte er mich oft. Wir wollten heiraten, eine Familie gründen mit zwei Buben und zwei Mädchen.» Das gelang: 1964 gaben sich die beiden in der Germannskapelle in Lommiswil das Ja-Wort. Und Helene gebar innert sechs Jahren vier Kinder. «Ich war voll ausgelastet.»
Wie gesagt, Leben und Sterben waren immer eingebettet ins Leben von Helen Hidber. «Als meine Grossmutter 70 Jahre alt war, sagte sie: ‹Ich kauf mir den letzten Wintermantel›. Mit 80 sagte sie, ‹jetzt muss ich noch einen kaufen›.» Helen Hidber lacht. «Wir redeten über alles mit ihr. Wussten, wo sie beerdigt werden soll. Eines Tages, sie wohnte mittlerweile bei uns in Sargans und war 89 Jahre alt, sagte sie, ‹ich will nach Hause zum Sterben›.» Dann habe sie sich ins Bett gelegt und sei nicht mehr aufgestanden, habe zwei Tage später aufgehört zu essen und kurz danach ebenfalls nichts mehr getrunken. Nach zehn Tagen sei sie gestorben.
Kinder begegnen dem Tod unkompliziert
Hans’ Mutter starb 1974. «Sie war aufgebahrt zu Hause», sagt Helen Hidber. «Ich ging mit allen vier Kindern hin, und wir nahmen Abschied.» Und weil der Tod kein Tabuthema war, sagte die Enkelin einmal: «Nani, wann stirbst du endlich? Ich will eine Tote sehen.» Wir lachten alle. «Kinder sind so», sagt Helen Hidber. «Sie begegnen dem Tod unkompliziert.»
Es waren die Kinder und ihre vielen Fragen, die Helen Hidber den Entschluss fassen liessen, einen Glaubenskurs zu belegen und Katechetin zu werden. «1974 gab ich meine erste Bibelstunde.»
Wie sich der Sensemann im Traum ankündigen kann, erlebte Helen Hidber bei ihrem Schwiegervater. «Ich spürte den Tod von Hans’ Vater, er war 78.» Kurz vor seinem Tod im Spital erzählte er ihr von seinem Traum: «Ich sah das Paradies. Hell war es. Die offene Kirche voller Licht. Der Kirchenchor sang. Wunderschön.» Weniger schön war, dass Hans nicht im Spital übernachten durfte bei seinem sterbenskranken Vater, ihn nicht begleiten konnte.» Der zuständige Arzt fand, es sei «noch lange nicht so weit.» Am frühen Morgen starb der Vater.
Bei gewissen braven Frauen war ich nicht beliebt
1980 stand Helen Hidber für die CVP als Schulrätin zur Wahl. «Der Präsident war damals noch ein Gegner von Frauen-Kandidaturen. Er zweifelte an ihren Führungsqualitäten. Fand, ihr Platz sei in der Familie und der Kindererziehung. Von Helen Hidbers Engagement beeindruckt, änderte er dann aber seine Meinung, und sie wurde seine Nachfolgerin im Präsidium. Die «Jung-Politikerin» liess sich nicht beirren. «Ich war in diesen politischen Gremien meist die einzige Frau. Immer unerschrocken. Unverfroren.» Helen Hidber grinst und guckt ihren Mann an: «Bei gewissen braven Frauen war ich nicht beliebt, gäll Hans.» Ihr Mann lacht: «Ich hatte nie ein Problem damit. Schliesslich war ich es gewohnt», sagt er. «Den Kindern ging es gleich.»
1992 wählte das Stimmvolk Helen Hidber zur ersten Schulratspräsidentin von Sargans. «Ich manage und organisiere gerne», sagt sie. «‹Mädchen›, habe der Vater einmal gesagt, ‹du bist nicht für dich alleine gescheit›.»
Den Weg zur Hospizbewegung fand Helen Hidber über einen Caritas-Kurs, den sie 2002 belegte: «Nahe sein in schwerer Zeit». Eine Hospizgruppe gabs damals nur in Vilters-Wangs. Dort erstellte die Gemeinde 1998 ein Altersleitbild, das ebenfalls die Begleitung Schwerkranker und Sterbender vorsah.
Damals entstand in Vilters-Wangs die erste Hospizgruppe der Region unter der Leitung von Agnes Schumacher-Broder. Und als Helen Hidber die «Hospiz»-Pionierin des Sarganserlandes kennenlernte, beschlossen die Frauen, die nun in den verschiedenen Dörfern entstanden Gruppen, zu vereinen und unter einem gemeinsamen «Dach» in die Zukunft zu führen. «2011 gründeten wir den Verein, suchten aktive Mitglieder, teilten die Begleitgruppen auf, initiierten einen Fachbeirat. Schon damals waren es eine Menge Leute, die sich für diese freiwillige Arbeit engagierten.» Helen Hidber übernahm das Präsidium der Hospizgruppe Sarganserland.
«Ich war es gewohnt, Versammlungen zu leiten, im Vordergrund zu stehen.» Helen Hidber konnte sich mit viel Herzblut für eine Sache einsetzen – und das war nötig. «Politiker waren teils gegen dieses Vorhaben. Sie sagten, das brauchts nicht. Wohl aus Angst vor finanziellen Konsequenzen. Der Auftritt der Hospizgruppe an der SIGA 2013 wurde nicht von allen goutiert. Das Thema Sterben gehört nicht an die Gewerbemesse, hiess es.»
Mittlerweile ist die Hospizgruppe Sarganserland etabliert. Neben den Kirchgemeinden zahlen die politischen Gemeinden Beiträge. Ein weiteres finanzielles Standbein sind die Mitgliederbeiträge. Wichtig für die Finanzierung sind zudem Spenden und Legate.
«Durch meine Auseinandersetzung und meine Erfahrungen war mir klar, ein Mensch soll nicht alleine sterben müssen. Die Begleitung am Sterbebett nannten wir einst Todeswache. Ich wusste, das ist eine gute Sache für mich.»
Die Hospizwohnung – Helenes Herzensangelegenheit
Der einstige Sarganser Hausarzt Dr. Thomas Good bekräftigte die damalige Hospizpräsidentin, eine Hospizwohnung ins Angebot aufzunehmen. Dafür hätte sie immer das Kloster Mels im Auge gehabt, sagt Helen Hidber. Das nötige Geld sei dann wie ein Wunder zusammengekommen. Das grosszügig dotierte preisgekrönte «Projekt Hospizwohnung» im Rahmen des Wettbewerbes zum 150-Jahr-Jubiläum der St. Galler Kantonalbank brachte den finanziellen Durchbruch zur Finanzierung der Hospizwohnung. Zudem hat die Hospizgruppe den Prix Benevol der Gemeinde Sargans und kurz darauf auch jenen des Kantons St. Gallen gewonnen. Namhafte Spenden leisteten ebenfalls das Bistum St. Gallen, Rotary- und Lions Club sowie Vereine und Private.
Mittlerweile hat sich Helen Hidber von Ämtern und Verpflichtungen gelöst. Die Hospizwohnung betreut sie weiterhin, sie und ihr Mann wohnen in einer Wohnung des Chlösterlis. Es freue sie, wenn in der Öffentlichkeit über die Hospizgruppe geschrieben und geredet würde. Wenn die Arbeit der Begleitenden Wertschätzung erfahre. Wenn Leben und Sterben ein Thema sind. «Der Tod soll genauso diskutiert werden, wie die Geburt.» (MS, 2. August 2020)