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Während eines Briefings einer Pressetour im Silicon Valley hatten wir kürzlich Gelegenheit, mit Brantley Coile aus Georgia, USA, zu sprechen. Coile ist der Gründer des ehemaligen Startups Coraid, das eine wechselvolle Geschichte hinter sich hat. Coile sieht sich und Coraid als eines der Musterbeispiele für das Scheitern von IT-Unternehmen, die Clayton M. Christensen in seinem bekannten Buch "The Innovator’s Dilemma" schon 1997 dargestellt hat.
Die normale Entwicklungsgeschichte von Startups verläuft so: Einige findige Entwickler und Ingenieure, die sehr oft zuvor bei grossen Unternehmen wie Cisco, Oracle oder VMware gearbeitet und dort viel an Knowledge (inclusive den Mängeln bestehender Produkte) mitbekommen hatten, stellen sich auf die eigenen Füsse und gründen "ihr“ Unternehmen. Manchmal sind es auch Technologie-affine Investoren, die eine Marktlücke in der Welt der IT entdeckt haben und die Gründung einer Firma anregen oder selbst in die Hand nehmen, um diese Lücke gewinnträchtig zu schliessen. Brocade war so ein Fall, als einige Geldgeber darauf gekommen waren, dass grosse Unternehmen ein Storage-Network à la SAN (Storage Area Network) und ein damit verbundenes kräftiges Protokoll wie Fibre Channel (FC) bräuchten – sicher eine Erfolgsgeschichte der IT, auch wenn Brocade wegen späterer Management-Fehler abstürzte und heute Teil von Extreme Networks ist.
Im Falle von Coraid lief es etwas anders. 2000 von Coile gegründet, bestand die Geschäftsidee darin, Servern einen shared Speicherzugang auf Basis des AoE-Protokolls (ATA over Ethernet) für Block Storage zur Verfügung zu stellen, der auf einer wesentlich tieferen Netzwerkschicht als andere Protokolle angesiedelt ist.
Wikipedia beschreibt diesen Ansatz wie folgt: "ATA over Ethernet überträgt die Daten in Form von Ethernet-Frames, und verzichtet auf die Verwendung höherstehender Protokolle wie IP, UDP oder TCP. Die von AoE übertragenen Ethernet-Frames können das lokale Netzwerksegment nicht verlassen, weshalb der Einsatz von AoE vorwiegend auf lokale Speichernetze (Storage Area Networks) begrenzt ist. AoE ist technisch einfacher als iSCSI, welches zwar ebenfalls über ein Netzwerk, aber über höhere Schichten transportiert wird. Damit wird der grösste Unterschied von AoE zu iSCSI sichtbar: AoE ist nur lokal (geswitcht) nutzbar, iSCSI dagegen kann grundsätzlich in andere Netzwerke geroutet werden.“
Trotz seiner geringeren Leistungsfähigkeit gegenüber Fibre Channel und iSCSI gewann Coraid über 1.000 Kunden bei kleineren und mittleren Unternehmen. Man erzielte schnell einen Jahresumsatz von 12 Millionen Dollar und zog damit die Aufmerksamkeit von Investoren auf sich. Noch 2010 beteiligten sich die ersten Venture Capitalists, und während sich Coile ins zweite Glied zurückzog, übernahmen von aussen eingestellte CEOs das Feld. Die Umsätze schnellten auf 48 Millionen jährlich hinauf, doch die dafür nötigen Ausgaben waren laut Coile mindestens doppelt so hoch. Das Unternehmen hatte plötzlich fast 160 Mitarbeiter und war damit überdimensioniert, wie Coile heute sagt.
Dann wurden Manager mit wenig IT-Erfahrung angeheuert, und es kam zu falschen Anordnungen bei der Software-Entwicklung. Und die Sales-Teams sollten sich nur noch auf die grossen Aufträge konzentrieren. Resultat: Die Funding-Gelder verbrannten wie nichts, Anfang 2015 brach Coraid zusammen.
Coile hatte sich schon fast ein Jahr zuvor komplett zurückgezogen. Er ging zurück nach Georgia und gründete dort ein neues Unternehmen, Southsuite genannt. Nach dem Crash von Coraid gelang es ihm, 2015 die Rechte an AoE und an dem Markennamen Coraid einzukaufen.
Von Venture-Capital-Abenteuern hat er genug. Das Geschäft beschränkt sich heute auf AoE-Storage und auf Software-Protokolle. Man hat über 100 Kunden und etwa 300 Installationen, und Coile betont, dass man eine vorsichtige Preispolitik betreibt, also billig sein will. Auch angesichts von verbreiteten Investitionen in Cloud oder andere Trend-Technologien bleibt er zurückhaltend. Man müsse nicht alles Neue mitmachen. Innerhalb der so auf vordergründigen Umsturz und „disruption“ bedachten IT-Industrie ist Southsuite ein auf Tradition bedachtes Unternehmen.
Die 10 Angestellten hätten eine Art lebenslangen Kontrakt, und Fremdinvestitionen lehnt Coile strikt ab. "Das Unternehmen bleibt privat“, sagt er, "und mit der Szene der Venture Capitalists, die nicht nur bei uns so viel Schaden angerichtet hat, wollen wir nichts mehr zu tun haben.“
Weitere Infos: www.coraid.com