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«Manuel war für mich das schönste Baby der Welt.» Das sagt Mutter Nina Theurillat Faust, auch wenn ihr Kleiner nur 35 Zentimeter gross war, winzige Füsse und Hände hatte, mit 740 Gramm gerade mal etwa einen Viertel so schwer war wie andere Neugeborene. Manuel starb im Bauch der Mutter.
«Das war ein Schock», beschreibt die heute 28-jährige Baslerin das Gefühl, damals im Februar 2009. «Totgeburten sind zum Glück relativ selten», so Leonhard Schäffer (42), Chefarzt für Geburtshilfe und Pränataldiagnostik am Kantonsspital Baden AG. «Wenn es aber passiert, gibt es für die betroffenen Paare wohl nichts Schlimmeres.»
Wie das Bundesamt für Statistik mitteilt, starben in den frühen 1970er-Jahren noch über 800 Kinder jährlich vor der Geburt. Zwischen 1970 und 1990 ist die Totgeburtrate um die Hälfte zurückgegangen. Seit 1990 blieb sie fast unverändert und seit 2005 ist sie wieder etwas angestiegen. Allerdings erfasst die Statistik seit dem 1. Januar 2005 Totgeburten bereits ab der 22. Schwangerschaftswoche, während es vorher erst ab der 24. Woche der Fall war.
Eine Fehlgeburt ist medizinisch gesprochen die unbeabsichtigte Beendigung einer Schwangerschaft. Sie wird auch als Spontan- oder Frühabort bezeichnet. Eine Fehlgeburt kann zwar wegen einer Erkrankung der Mutter oder des Embryos/Fötus auftreten, aber oft ist die Ursache unbekannt. Sie wird als Frühabort bezeichnet, wenn sie vor der 12. Schwangerschaftswoche auftritt, und als Spätabort zwischen der 12. und der 21. Schwangerschaftswoche. Ab der vollendeten 22. Schwangerschaftswoche oder mit einem Geburtsgewicht von mindestens 500 Gramm spricht der Mediziner von einer Totgeburt, und die Geburt ist meldepflichtig. Ab der 25. Schwangerschaftswoche handelt es sich um eine Frühgeburt, bei der das Kind theoretisch lebensfähig wäre.
Neben Manuel kamen 2009 in der Schweiz noch weitere 344 Kinder tot zur Welt. Das entspricht statistisch gesehen dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre. Lebend geboren werden im gleichen Zeitraum rund 82 000 Babys.
Die Katastrophe brach in der 29. Schwangerschaftswoche über Nina und ihren Mann Christoph herein. «Ich war nach den üblichen Arztkontrollen erstmals bei meiner Hebamme», erzählt die junge Mutter, die gerne im Geburtshaus ihr erstes Kind geboren hätte. Doch diese fand die Herztöne nicht. «Mich ergriff Panik.» Sofort ging sie in die Frauenklinik des Universitätsspitals Basel, in der ihr nach einem Ultraschalluntersuch eröffnet wurde, dass ihr Kind tot sei. «Wir wussten es eigentlich bereits», so die Pflegefachfrau, «wir hofften aber, dass es ein Irrtum wäre.»
Es war mir sehr wichtig, dass Manuel nicht allein ist.
Doch das war es nicht. «Ich wollte per Kaiserschnitt schnellstmöglich gebären», sagt sie. Die Vorstellung, ein totes Kind im Bauch zu tragen, sei anfänglich unerträglich gewesen. «Andererseits gab es mir die Zeit, mich mental zu verabschieden.» Ninas erste Reaktion sei typisch für diese Situation, bestätigt Leonhard Schäffer. Die medikamentös eingeleitete normale Geburt erfolgte zwei Tage später. «Wir fielen danach erst mal in ein tiefes Loch.»
Wieso Manuel gestorben ist, interessierte Theurillats zwar, eine Autopsie lehnten sie aber ab. «Er sollte nicht noch aufgeschnitten werden.» Bei rund der Hälfte der Totgeburten finden die Mediziner sowieso nicht heraus, was die Babys tötete.
Leonhard Schäffer empfiehlt Betroffenen trotzdem eine Autopsie. Dabei gehe es vor allem darum, ein Wiederholungsrisiko auszuschliessen. Oft sind Fehlbildungen oder genetische Defekte, allen voran Trisomien – also ein Chromosom, das dreifach statt doppelt vorhanden ist – Auslöser für das Sterben des Fötus in der Gebärmutter.
Im Sommer 2009 war Nina wieder in glücklichen Umständen. Die Schwangerschaft endete jedoch in der zehnten Woche mit Blutungen und mit der grossen Frage: «Wieso wieder ich?»
Dabei ist Nina Theurillat Faust kein Einzelfall. Schätzungen gehen davon aus, dass eine von etwa sechs Schwangerschaften innerhalb der ersten 22 Wochen endet; bei Frauen über 40 Jahren ist es mehr als jede Dritte, bei Frauen über 45 Jahren sind es gar acht von zehn. «Rund 80 Prozent aller Aborte passieren in den ersten zwölf Schwangerschaftswochen», so Schäffer. Die Dunkelziffer sei hoch, denn wenn eine Frau nach vier Wochen Blutungen bekommt, kann es sein, dass es sich dabei nicht um die erwartete Periode handelt, sondern um den Frühabort einer nicht bemerkten Schwangerschaft.
«Risikofaktoren für eine Fehlgeburt sind das Alter der Frau, ungesunder Lebenswandel, Diabetes oder immunologische Krankheiten», erklärt der Fachmann. Entgegen immer wieder gehörten Behauptungen habe jedoch die Ernährung keinen Einfluss auf das Fehlgeburtsrisiko. Eine Fehlgeburt erhöht aber das Risiko, erneut einen Abort zu erleiden. Deshalb stellt sich Betroffenen die Frage: schnell wieder schwanger werden oder lieber länger warten, um über den Schock hinwegzukommen?
Die aktuellen WHO-Leitlinien empfehlen Letzteres. Nach Lebendgeburten verbessere eine Wartezeit bis zur nächsten Schwangerschaft von 18 bis 23 Monaten die Gesundheit von Mutter und Kind. Bei Fehlgeburten hingegen zeigt eine schottische Untersuchung mit über 30 000 Frauen: je früher, desto besser. Für Leonhard Schäffer gibt es keine feste Richtlinie, und jede Frau muss für sich herausfinden, wann sie wieder bereit ist.
«Er wird immer mein erster Sohn sein»
Für das Ehepaar Theurillat Faust kam das erlösende Ereignis im September 2010: die Geburt von Benjamin. «Die Schwangerschaft war sehr belastend, ich sass neun Monate wie auf Nadeln und machte mir Sorgen.» Und im Januar 2013 das nächste Freudenerlebnis: Sohn Valentin kam gesund zur Welt. Beide Kinder wissen, dass sie einen älteren Bruder haben, der gestorben ist. «Nur», so Nina, «können sie das noch nicht einordnen. Für Benjamin ist der Himmel ein Ort, in dem Manuel wohnt und irgendwann wieder runtersteigt.»
Verarbeitet hat Nina den Verlust auch, indem sie eine Selbsthilfegruppe gründete. «So etwas gab es damals im Raum Basel nicht.» Zusätzlich betreut sie die Homepage engelskinder.ch, die sich totgeborenen Kindern widmet.
Die Erinnerung an Manuel ist für Nina Theurillat Faust sehr lebendig. Geblieben sind eine kleine Schachtel mit Erinnerungsstücken, ein Foto auf dem Nachttisch und ein Grabstein auf dem Friedhof in Liestal. Er ist im Grab seiner Urgrossmutter beigesetzt. «Es war mir sehr wichtig, dass er nicht allein ist», sagt die Baslerin. «Und ich brauche den Platz, um Manuels zu gedenken, denn er wird immer mein erster Sohn sein.»
www.engelskinder.ch
(betreut von Nina Theurillat)
Autor: Thomas Vogel
Fotograf: Vera Hartmann