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Papier
Der Wörterexport und -import unter den Sprachen folgt in aller Regel dem Warenimport und -export unter den Ländern und überhaupt den Kulturströmen über die Sprach- und Ländergrenzen, über die Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg. Da werden mit den fremden Waren huckepack auch die fremden Wörter ausgeführt und eingeführt, wie wir erst jüngst mit dem Computer samt Hardware und Software ganze Hundertschaften englischer Fachwörter auf unsere deutsche Harddisc kopiert und dann mit dem Internet samt e-mail einen zweiten Schub brutal eingedeutschter Anglizismen wie "surfen", "mailen" und "chatten" etc. etc. downgeloaded haben.
Die Chinawaren bildeten da eine interessante Ausnahme. So geht der Name der seit alters aus China importierten Seide über mittelhochdeutsch side, althochdeutsch sida, mittellateinisch seta doch wohl auf die klassisch-lateinische saeta, "Tierhaar", zurück; so hat das chinesische Porzellan, das Marco Polo im 15. Jahrhundert als erster nach Europa brachte, seinen abendländischen Namen von einer weissglänzenden Meeresschnecke, der beziehungsreich so benannten concha porcellana oder concha Veneris, der "Schweinsschnecke" oder "Venusschnecke", übernommen; und so hat auch das chinesische Papier seinen angestammten Namen im Reich der Mitte zurückgelassen.
Sein neuer Name, das "Papier", ist auch selbst einmal so huckepack in den Westen gekommen, er nicht aus dem Fernen, sondern aus dem Nahen Osten. Das in der griechischen und römischen Welt von der Frühzeit bis in die Spätantike allgemein gebräuchliche Papier hatte seinen Namen von der im Nildelta dicht bei dicht wachsenden, in Massen geschnittenen Papyrusstaude, aus deren fasrigem Mark es gewonnen wurde. Die Herkunft des Wortes, das im Altgriechischen - mit Betonung auf der ersten Silbe - pápyros, im Lateinischen - mit Betonung auf der langen zweiten Silbe - papýrus lautet, bleibt im Dunkeln; griechischen Ursprungs ist das Wort offenkundig nicht.
Umso besser sind wir durch einen ausführlichen Bericht des älteren Plinius über die Herstellung dieses ägyptischen Papiers unterrichtet. Zunächst schnitt man das lockere, poröse Mark der Papyrusstaude der Länge nach in schmale, dünne Streifen; dann legte man eine Reihe solcher Streifen dicht nebeneinander und quer darüber im rechten Winkel zu der ersten Lage eine zweite ebensolche Lage; schliesslich klopfte man die beiden so im Rechteck ausgelegten Lagen mit einem flachen Stein oder Hammer zu einem dünnen, glatten Papyrusblatt zusammen, wobei der eigene Saft der Papyrusstaude als ein natürlicher Klebstoff wirkte. Waren diese Blätter vollends getrocknet und nochmals geglättet, so klebte man eine Reihe dieser Bogen zu einer regelrechten Rolle aneinander; gewöhnlich waren solche Buchrollen sechs bis zehn Meter lang und fünfundzwanzig bis dreissig Zentimeter hoch.
Wie später das Pergament nach seiner - vermeintlichen - Heimatstadt Pergamon, so nannten die Griechen diesen pápyros nach der phönizischen Hafenstadt Byblos auch býblos oder bíblos; über diesen halbwegs zwischen Beirut und Tripoli gelegenen Hafen, heute Gubail, wurden solche Papyrusrollen in allen möglichen Qualitäten und Formaten jahrhundertelang bis zum Zusammenbruch des Imperium Romanum in die griechische und später in die römische Welt verschifft.
Der Papyrushandel hat dieser phönizischen Stadt nicht nur bis in die Spätantike hinein ein üppiges Leben, sondern auch bis zum heutigen Tage einen leuchtenden Nachruhm, fast möchte man sagen: bis zum jüngsten Tage eine kleine Unsterblichkeit beschert. Nach dem Papyrus, dem b´yblos oder dann bíblos, haben die Griechen die Buchrolle und damit überhaupt das Buch byblíon oder dann biblíon genannt, und dieses Wort ist noch viel weiter als jene alten Papyrusladungen um die ganze Welt gegangen. In ihm wird der Name des alten Byblos fortleben, solange es Bibliotheken und Bibliothekare, bücherliebende Bibliophile und büchertolle Bibliomanen gibt, von der "Bibel", diesem einen Buch der Bücher, samt der daraus entstellten "Fibel", dieser alten Kinderbibel, ganz zu schweigen.
Klaus Bartels
Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster