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Meine Eltern, Paul Roy und Ruth geb. Stückelberger, wohnten mit ihren beiden Töchtern, der fünfjährigen Margrit und der dreijährigen Annemarie, in einer Vierzimmerwohnung an der Schaffhauserstrasse in Winterthur, als sich ein dritter Nachkomme ankündigte. Infolgedessen wurde die Wohnung zu klein, und meine Eltern entschlossen sich zu dem kühnen Schritt, ein eigenes Haus zu kaufen. Ganz in der Nähe konnten sie einen Teil eines Doppeleinfamilienhauses erwerben. In diesem Haus kam ich am 2.Sept. 1926 zur Welt. Da verbrachte ich eine glückliche Jugend.
Ich war etwa zwölfjährig, da trat bei mir eine Störung des Schlaf-Wachhaushaltes auf: Ich wurde tagsüber immer wieder von einem unüberwindlichen Schlafbedürfnis befallen; anderseits wurde der Nachtschlaf regelmässig von Wachphasen unterbrochen. Dass ich an Narkolepsie litt, erfuhr ich erst viel später, war doch diese Krankheit selbst unter Ärzten damals noch weitgehend unbekannt. Die Narkolepsie begleitete fortan meinen Lebtag und prägte ihn erheblich. Es dauerte lange Jahre bis ich ihn als Teil meiner selbst akzeptiert hatte.
Während der ganzen Mittelschulzeit herrschte rund um die Schweiz Krieg. Im Vergleich zu dem, was die Menschen in den Nachbarländern durchmachen mussten, waren die Einschränkungen bei uns kaum der Rede wert. Ich meldete mich mit andern Schulkollegen zum Flieger- Beobachtungs- und Melde- dienst. In den Sommerferien ersetzten wir im freiwilligen Landdienst, so gut es ging, die zum Militär aufgebotenen Bauernsöhne. Ich verfolgte täglich in der Zeitung die Meldungen vom Kriegsverlauf. Im Grunde zweifelte ich aber nie am Sieg der Allierten, konnte ich mir doch nicht vorstellen, dass die deutsche Armee über längere Zeit im Stande sein würde, ganz Europa und Nordafrika zu besetzen. Dass ich Pfarrer werden wollte, stand für mich schon früh fest. Als Vorbild stand mir mein Götti, Hans Martin Stückelberger, Bruder meiner Mutter, vor Augen. Er war selber Pfarrer mit ausgesprochen hohem berufsethischen Anforderungen an dieses sein Amt. Den grössten Teil des Studiums absolvierte ich in Zürich, wo Emil Brunner der massgebende theologische Lehrer war. Entscheidend für meinen persönlichen Glauben war aber die Begegnung mit den Schriften von Karl Barth, der damals in Basel lehrte, wo ich denn auch ein Semester lang studierte. Ein besonderes Erlebnis war das halbe Jahr, das ich in Paris an der "faculté libre de la théologie protestante" verbrachte. Dort wohnten und studierten unter denkbar bescheidenen Bedingungen Studenten aus ganz Frankreich und andern europäischen Ländern. Einige von ihnen hinterliessen bei mir einen unvergesslichen Eindruck, wie z.B. der blinde Holländer, der nebst den alten Sprachen auch fliessend Französisch, Deutsch und Englisch sprach und der im Schach jeden von uns, seine Kollegen, schlug, indem er vom Lehnstuhl aus seine Züge diktierte. 1951 schloss ich das Studium ab und wurde im Herbst in der Kirche Winterthur-Töss ordiniert. Meine erste Anstellung führte mich als Pfarrhelfer in die aargauische Gemeinde Holderbank. Ortspfarrer war Rudolf Bohren, ein knorriger Grindelwaldner, später Professor für praktische Theologie in Heidelberg und Wuppertal. Da er überdies ein Schulfreund von Friedrich Dürrenmatt war, kam ich in den besonderen Genuss, dass eines Abends Dürrenmatt im Pfarrhaus zu Gast war und vor einer Schar geladener Gäste sein Hörspiel "Nächtliches Gespräch mit einem verachteten Menschen" las. In dieser Zeit lernte ich auch Silvia Grest, meine künftige Frau, kennen. Ich begegnete ihr im Hause meiner Schwester Margrit in Chur. Sie war die Tochter eines Ehepaares, das nach langjährigem Einsatz im Dienst der Basler Mission aus Kamerun zurückgekehrt, jetzt in Chur wohnte. Fortan reiste ich, wann immer mein Dienst es erlaubte, am Wochenende nach Chur zu Silvia. Am 4.Sept. 1954 wurden wir in der Dorfkirche Winterthur-Veltheim von meinem Götti getraut. Ich hatte derzeit noch keine feste Anstellung, sondern wurde vom Kirchenrat eingesetzt, wo Not am Mann war. Als ich heiratete, war das die Kirchgemeinde Andelfingen, deren Pfarrer gesundheitlich angeschlagen war. Die Lehrerwohnung des einstmaligen Dorfschulhauses von Kleinandelfingen war unser erstes Logis. Silvia war zunächst noch Privatfrau ohne Verpflichtungen gegenüber der Kirchgemeinde. Das änderte sich schlagartig, als ich 1956 zum Gemeindepfarrer von Dürnten gewählt wurde. Jetzt wohnten wir neben der Kirche in einem altehrwürdigen Pfarrhaus mit neun Zimmern und der Jahreszahl 1695. Von der Frau Pfarrer erwartete man, dass sie sich nicht nur der unterschiedlichen Menschen, die hier anklopften, annehme, sondern auch leitende Funktionen in Sonntagschule, Frauenverein usw. übernehme. Silvia musste sich zunächst klarmachen, welche Aufgaben sie übernehmen konnte und wollte und welche nicht. - Am 24.Feb. 1958 kam unser erster Sohn, Thomas, zur Welt.
Im Jahr 1962 folgten wir einem Ruf in die Stadtzürcher Kirchgemeinde Industriequartier. Dieser kleine Stadtkreis am Rand der City blickte einer ungewissen Zukunft entgegen. Die grossen Industriekomplexe, die dem Stadtteil den Namen gegeben hatten: "Escher-Wyss", "Zahnräder-Maag", "Steinfels-Seifen", und andere lagen brach resp. waren an kostengünstigere Standorte verlegt worden. Der Anteil an Ausländern war so gross wie in keinem anderen Stadtteil. Dabei stammten die Zuzüger meist aus katholischen Ländern, weshalb die protestantische Bevölkerung hier überdurchschnittlich schrumpfte. Das Industriequartier genoss zwar nicht den besten Ruf, (es war zusammen mit dem Nachbarquartier Aussersihl auch als "Chreis Cheib" bekannt), aber es hatte einen unverwechselbaren Charakter. Wer einmal hier heimisch geworden war, gewann es je länger desto lieber. Drei Söhne wurden hier geboren: Marc- Antoine 1965, Claude-Michel 1967 und Yves 1969.
Bald bekam das Pfarrersein im Industriequartier für mich auch eine politische Dimension. Dieser Stadtkreis wurde von zwei Seiten bedroht: Einerseits drückte die unmittelbare Nachbarschaft der City die Bodenpreise in Höhen, die Wohnungen für die Einkommensschichten unseres Quartiers schlicht verunmöglichten. Nur dank der zahlreichen Baugenossenschaften und städtischen Wohnungen blieb das Industriequartier als Wohnquartier erhalten. Anderseits bestand die Gefahr der Verslummung. Dem musste auf politischer Ebene begegnet werden. Ich trat 1974 in die SP ein und wurde ein Jahr später als Vertreter des Stadtkreises 5 in den Gemeinderat gewählt, dem ich bis zu unserm Wegzug im Jahr 1981 angehörte. - Wir erlebten hier auch recht bewegte Zeiten. Insbesondere die Jugendunruhen von 1980, die Zürich über die Landesgrenzen hinaus unliebsam bekannt machten, bekamen wir unmittelbar zu spüren. Das sogenannte AJZ, (kurz für "Autonomes Jugend -Zentrum"), wofür ein Teil der Zürcher Jugend seit Jahren mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln gekämpft hatte, wurde - nur wenige hundert Meter von unsren Pfarrhaus entfernt - in einem leerstehenden Fabrikgebäude 1980 endlich realisiert, mit dem Segen und dem Geld der Stadt. Die SP hatte sich vehement für die Anliegen der bewegten Jugend eingesetzt. Das wurde aber ausgerechnet im "roten" Kreis 5 nicht überall gern gesehen. Als ich im Verlauf einer ins Chaotische abgeglittenen Strassenschlacht einer Handvoll Jugendlicher zum Schutz vor der Polizei die Kirchentür öffnete, ihnen gleichsam Asyl gewährte, löste das - abgesehen von wütender Schelte bis zu begeisterter Zustimmung am Telefon- ein erhebliches Medienecho aus- (ich erhielt sogar Besuch vom "Paris Match"). Es gab vorübergehend auch in der Kirchenpflege rote Köpfe. Ein Strafverfahren gegen mich wurde aber nach der ersten polizeilichen Befragung sistiert.
Als ich im Herbst nach diesem heissen Sommer noch einmal meinen Arbeitsort wechselte und die Stelle des Seelsorgers an der Psychiatrischen Klinik "Schlössli" in Oetwil am See antrat, hatte das allerdings mit den Konflikten in Zürich resp. der Rolle, die ich dabei spielte, nichts zu tun. Seit Jahren hegte ich den Wunsch, als Seelsorger in einer Psychiatrischen Klinik zu arbeiten. Im Blick darauf hatte ich einschlägige Weiterbildungen besucht. Ausgerechnet in diesem Herbst 1980 wurde die Stelle des Klinikseelsorgers im "Schlössli" frei. Ich bewarb mich und bekam sie. Ab Mai l981 pendelte ich täglich zwischen Zürich und Oetwil. Silvia und ich waren zusammen mit den beide jüngsten, Claude und Yves, in eine Fünfzimmerwohnung im Kreis 7 umgezogen, während Thomas und Marc mit ihren Partnerinnen eigene Nester hatten. Im selben Jahr 1981 erblickte Rahel Nathalie, Tochter von Thomas und Arlette, unsere erste Enkelin, das Licht der Welt.
Zehn Jahre im Umfeld von Menschen, zu deren Innerem der Weg wie verschlüsselt schien: Die Arbeit in der Psychiatrie war für mich ein später Neuanfang mit aller dazu gehörigen Spannung und Unsicherheit und zugleich die Erfüllung eines Traumes und so der stimmige Abschluss meiner beruflichen Laufbahn.
Nach meiner Pensionierung im Jahr 1991 zogen Silvia und ich nach Winterthur in das Haus, wo ich meine Jugend verbracht hatte. Hier wohnte meine Schwester Annemarie seit dem Tod unserer Mutter allein. Durch einen Umbau erreichten wir, dass Annemarie im 1.Stock ihre eigene Wohnung bekam. Im ausgebauten Dachgeschoss zogen Yves und seine Frau Susanne ein. Im April 1992 kam Paula Ruth Manser, Tochter von Claude und seiner Lebensgefährtin Silvia Manser, die zweite Enkelin zur Welt. Ein Jahr später kündigte sich auch bei Yves und Susanne Nachwuchs an. Meine Frau, die sich besonders auf das neue Leben in unserem Haus gefreut hatte, sollte aber die Geburt von Immanuel Pablo im September 1993 nicht mehr erleben. In der Nacht des 23. Juli verschied sie innert wenigen Minuten in meinen Armen. Medizinisch redete man von akutem Herzversagen.
Mein Leben sollte noch einmal eine unerwartete Wendung nehmen. - Nach dem Wegzug aus dem Industriequartier blieb mit einigen Menschen aus jener Zeit der Kontakt erhalten. So auch mit Elisabeth Binder. Sie war zur Zeit Kirchenpflegerin und lebte, nachdem ihre drei Kinder selbständig geworden und ihr Mann 1984 frühzeitig an einem Herzinfarkt gestorben war, allein in ihrer Wohnung an der Konradstrasse 55. - Irgendwann an einem Montag im Sommer 1994 muss es gewesen sein: ich hatte mich mit einigen Studienkollegen zu unserer monatlichen Gesprächsrunde und anschliessendem Mittagessen im Hotel Krone Unterstrass verabredet. Zum Kaffee war ich bei Elisabeth Binder. Daraus wurde eine schöne Gewohnheit und schliesslich ein Rhythmus, der mein ganzes Leben bestimmte: Jeweils ab Donnerstag zum Nachtessen bis zum Sonntagabend wohnte ich bei Elisabeth; Im Übrigen hatte jedes seine eigenen vier Wände. Es entstand eine tiefe Freundschaft zwischen uns. Sie brachte uns viele unvergessliche Erlebnisse; vom Gang auf den Wochenmarkt auf dem Bürkliplatz, dem sonntäglichen Kirchgang, von den Spaziergängen in der Stadt und am See, dem Besuch von Konzerten bis zu den Reisen und Ferien im In- und Ausland.
Im Juni 1996 konnte meine Schwester Annemarie im Haus in Winterthur, wo sie fast ihr ganzes Leben verbracht hatte, friedlich entschlafen.
Im November 1999 kam Petra Margareta Manser, die zweite Tochter von Claude und Silvia, mein viertes Enkelkind zur Welt.
Angesichts meines zunehmenden Alters, reifte, im Einvernehmen mit meinen Söhnen, der Entschluss, das Haus zu verkaufen. Ausschlaggebend dafür war, dass im Haus von Thomas und Arlette in Schaffhausen die Parterrewohnung nach dem Hinschied von Arlettes Mutter freistand. Hier durfte ich im April 2007 einziehen. Für Elisabeth und mich änderte das nichts: Nun pendelte ich jeweils am Donnerstagabend anstatt von Winterthur von Schaffhausen aus nach Zürich. Unsere wohl schönsten Ferien verbrachten Elisabeth und ich im August 2008 in Montreux. Es sollten auch die letzten sein. Am 16.Jan. 2010 erlitt Elisabeth in ihrer Wohnung einen schweren Schlaganfall. An dessen Folgen starb sie am 27. Jan.2010 im Waidspital Zürich.
In Schaffhausen, meinem neuen Wohnort, stand mir noch einmal ein Umzug ins Haus. Im selben Areal, wo sie jetzt wohnten, konnten Thomas und Arlette ein Stück Land erwerben. Mit Henning König, dem damaligen Lebenspartner ihrer Tochter Rahel, stand ein fähiger Architekt zur Verfügung. So entstand ein modernes, eigenwilliges zweistöckiges Haus, wo ich jetzt im lichtdurchfluteten Parterre wohnen darf. Hier kann ich in relativer Selbständigkeit mein Leben selber gestalten, d.h.es wird mir nach bewährtem medizinischen Grundsatz an Unterstützung "so viel wie nötig, und so wenig als möglich" zuteil.
Es gibt unzählige Gründe dankbar zu sein. Vielleicht der schönste ist, dass meine Kinder, die eigenen wie die hinzugekommenen, es geschafft haben, miteinander bestens auszukommen. Dankbar blicke ich auch auf meinen eigenen Lebensweg zurück: Müsste ich einen Titel finden, der für ihn kennzeichnend war, dann könnte es der Satz aus dem Buch der Sprüche sein. Des Menschen Herz denkt sich einen Weg aus, aber der Herr lenkt seinen Schritt. (Spr. 16,9)
Schaffhausen, 25.Juli 2012
2012-2017 (Ergänzungen von Thomas Roy)
Das neue Haus am Floraweg, ist als Einfamilienhaus mit Einliegerwohnung konzipiert. Erstaunlicherweise liess Vater die grosse Schiebetür im Eingangsbereich offen, unsere Lebensbereiche rückten näher zusammen. Er betrachtete das Alter als eine eigenständige Form der Existenz mit eigenen Werten und Gesetzmässigkeiten. Dazu gehörte, dass die Welt allmählich kleiner wurde. Nach dem Tod von Elisabeth lernte er Schaffhausen noch besser kennen. Er ging fast jeden Tag in die Stadt, hatte sein Stammcafé, Geschäfte, die er liebte und seine vertrauten Spazierwege dem Rhein entlang. Er nahm am Leben der Kirchgemeinde Stieg teil und war ein regelmässiger Besucher der Bibelgruppe.
Vater kannte viele Leute und war «Networker» schon lange bevor das Modewort entstand. In Zürich besuchte er seine langjährigen Pfarrersfreunde die sich jeweils im Restaurant «Strohhof» trafen, in Winterthur seine Pfadi-Kollegen und andere Verwandte und Bekannte.
Er liebte Konzerte und das Theater. Manchmal begleitete er Arlette in eine Vorstellung. Er freute sich auf die Auftritte seiner Enkelin Rahel und las zuvor das jeweilige Bühnenstück. Gerne verfolgte er die künstlerische Tätigkeit seines Sohnes Marc und dessen Partnerin Gaby Buff und nahm wenn immer möglich an deren Vernissagen teil.
Im Herbst 2013 traten zunehmende Beinschmerzen auf, die das Gehen stark erschwerten. Erst im April 2014 bemerkte die Physiotherapeutin, nicht etwa die behandelnden Ärzte, dass sich nach mehreren Stürzen die Hüftprothese gelockert hatte. Nach der Operation waren die Schmerzen weg. Die lange Phase mit Schmerzen hatte ihn jedoch viel Kraft gekostet. Dank guter Rehabilitation, einem Pflegebett und Unterstützung durch die Spitex gelang die Rückkehr nach Hause. Er verliess Schaffhausen kaum mehr. Wenn er die Stadt verliess, dann meistens in Begleitung einer seiner Söhne z.B. zur Monet-Ausstellung in Basel. Danach war er erschöpft.
Nun, da die Hochaltrigkeit immer deutlicher spürbar wurde, beschrieb er, was sie für ihn bedeutete: Natürlich beinhalte sie unvermeidbare Verluste, aber darum gehe es nicht. Es gehe darum, Abschied zu nehmen vom Aktivitäts- Imperativ. «Nicht stehen bleiben gehen!» ersetzen durch «stehen bleiben – sehn» und dabei wahrnehmen, woran man früher schnell vorbeigegangen ist. Autonomie war im wichtig, es ging darum, den Begriff dem Alter anzupassen. Nun bedeutete er für ihn, auszuwählen aus den realistischen Möglichkeiten des jeweiligen Tages. Er wollte sich nicht vorschreiben lassen, was er noch können sollte. Und er wollte selber den Kreis definieren, in dem er Bescheid wusste, und sei dies nur der richtige Umgang mit dem Rollator.
Knapp eine Woche nach seinem 89. Geburtstag, den er in guter Verfassung feiern konnte, zog er sich bei einem Sturz mehrere Rippenfrakturen zu. Einen Monat lag er auf der Intensivstation. Ein Monat mit grossen Zweifeln für uns Söhne, ob es richtig war, einer Beatmung zuzustimmen. Unmittelbar danach folgte eine kurze Zeit die unser Vater in völligem Frieden mit seinem Leben, Glauben und der Welt erlebte. Die anschliessende Rehabilitation war hart, alles musste er von Neuem lernen und das Weltliche mit all seinen Widersprüchen war wieder da. Aber er schaffte es erneut. Ende November 2015 kehrte er in sein geliebtes zu Hause zurück. Es war nun ein 24-Stunden Betreuungsdienst notwendig und eine Sauerstoffmaschine für die Nacht. Jede Woche kam die Physiotherapeutin vorbei. Zusammen erreichten sie, dass er wieder Treppengehen und in ein Auto steigen konnte. Das ermöglichte ihm die sonntäglichen Kirchenbesuche und Treffen mit Pfarrkollegen aus verschiedenen Lebensabschnitten wieder auf zu nehmen. In seinen oft unruhigen Nächten liebte er es, Gedichte zu lesen, von denen er viele auswendig kannte. Gerne hätte er noch mehrere seiner Erinnerungen aufgeschrieben, aber die Kraft reichte nicht. Er verfolgte das Tagesgeschehen aufmerksam und er war besorgt, wie vieles, wofür er sich eingesetzt hatte, nämlich ein respektvoller Umgang unter Menschen, in Frage gestellt wurde.
Im Juli 2016 holten ihn die Grenzen des Körpers wieder ein. Das Herz funktionierte ungenügend und es kam zu einem kurzen Spitalaufenthalt. Nur wenige Tage nach der Rückkehr entgleiste der Gesundheitszustand erneut. Sein Entschluss aber war klar: Nie wieder Spital. Er überstand auch diese Krise, blieb aber geschwächt so dass er das Haus nie mehr verliess. Er konnte nicht mehr allein gelassen werden. Alle Söhne beteiligten sich an der Betreuung. Die Hauptlast trug jedoch Arlette, seine Schwiegertochter, die im selben Haus lebte. Am 02.09.2017 feierten wir im engsten Familienkreis seinen 90ten Geburtstag. Vater hatte nie angestrebt, so alt zu werden, aber es freute ihn doch: Wer 90 wird muss irgendetwas richtig gemacht haben im Leben. Über die Gründe der Langlebigkeit machte er sich keine Gedanken. Was ihm wichtig war erklärte er uns beim Familien-Weihnachtsfest in seiner wohl kürzesten Predigt seines Lebens: «Wenn es euch gut geht, freut euch aber vergesst nicht von wem es kommt – wenn es euch schlecht geht, wisst ihr, an wen ihr euch wenden könnt.»
In der letzten Phase machte sich eine zunehmende Hirnleistungsschwäche bemerkbar was ihn sehr bekümmerte. Zudem traten Phasen mit Angst und Verwirrtheit auf. Als wir schon fürchteten, der Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein, rief er seine Söhne zu sich, er wollte Abschied nehmen. Als alle versammelt waren und der letzte Ton des Liedes «so nimm den meine Hände» verklungen war, tat Vater am 19.02.2017 seinen letzten Atemzug.
In grosser Dankbarkeit blicken wir auf das Leben unseres Vaters zurück und behalten ihn in guter Erinnerung.
SOLI DEO GLORIA
Hans Roy, Thomas Roy