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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
39. Die Herrlichkeit des Vaters ist die Herrlichkeit des Sohnes; sie ist Beweis ihrer Einheit.
Deswegen hatte er vorher so sehr die Aufnahmefähigkeit für die Erkenntnis dieses Glaubens vorbereitet:1 „Das aber ist das ewige Leben, daß sie dich, den alleinigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.”2 Gemäß dem Gehorsam seiner Heilsordnung fügte er hinzu: „Ich habe dich auf Erden verherrlicht, ich habe das Werk vollendet, das zu tun du mir gegeben hast.”3 Um uns das Verdienst des Gehorsams und das [S. 110] Geheimnis der ganzen Heilsordnung erkennbar zu machen, fügte er hinzu: „Und jetzt verherrliche du, Vater, mich bei dir selbst mit derjenigen Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war!”4
Wer es abstreitet, daß Christus in Gottes Wesen bleibe, und es nicht glaubt, daß er unabtrennbar und von dem alleinigen wahren Gott nicht unterschieden sei, der möge Rede und Antwort stehen über den Sinn dieser Bitte: „Und nun verherrliche du, Vater, mich bei dir!” Was für ein Grund liegt nämlich dafür vor, daß der Vater ihn bei sich verherrliche? Oder wofür ist dieses Wort der Ausdruck? Oder was für eine Folgerung ergibt sich aus dieser Ausdrucksweise? Denn der Vater bedarf nicht der Verherrlichung, und er hatte sich auch nicht aus der Gestalt seiner Herrlichkeit erniedrigt. Wie aber wird er den Sohn bei sich verherrlichen, und zwar mit derjenigen Herrlichkeit, die er bei ihm vor der Begründung der Welt hatte? Aber was für einen Sinn hat das: bei ihm haben? Er sagt nämlich nicht: „die Herrlichkeit, die ich vor dem Dasein der Zeit hatte, als ich bei dir war”; sondern: „die Herrlichkeit, die ich bei dir hatte”. Das „Bei-dir-sein” bezeichnet nämlich einen, der zugleich (mit dem Vater) Dasein hat; aber „das Haben bei dir” lehrt das Geheimnis des Wesens.5
Das „verherrliche mich bei dir” ist aber nicht dasselbe wie das „verherrliche mich”. Er bittet nämlich nicht nur in der Weise um seine Verherrlichung, daß ihm einige Herrlichkeit ausschließlich zukäme, sondern das erbittet er, daß er beim Vater selbst von ihm verherrlicht werde. Um ihn nämlich in der Einheit bleiben zu lassen, wie er es immer geblieben war, deswegen wollte der Vater ihn bei sich verherrlichen. Denn die Einheit seiner Herrlichkeit war durch den Gehorsam gegenüber der Heilsordnung (über sich) hinausgegangen, so daß er also durch die Verherrlichung wiederum in demjenigen [S. 111] Wesen sei, in dem er durch das Geheimnis der göttlichen Geburt (mit dem Vater) geeint war, und daß er für den Vater bei ihm verherrlicht sei. Was er vorher bei ihm hatte, sollte bleiben, und auch die Annahme der Knechtsgestalt sollte das Wesen der Gestalt Gottes von ihm nicht entfernen; er (der Vater) sollte vielmehr bei sich die Form des Knechtes verherrlichen, damit er in seinem Sein als Gottes Gestalt erhalten blieb; denn derjenige, der in der Gestalt Gottes geblieben war, war derselbe in der Gestalt des Knechtes. Und da die Gestalt des Knechtes in der Gestalt Gottes verherrlicht werden sollte, so mußte sie bei eben demjenigen verherrlicht werden, in dessen Gestalt der Zustand der Knechtesgestalt der Ehre sollte teilhaft werden.6
1: durch die vorhergehenden Worte.
2: Joh. 17, 3.
3: Joh. 17, 4.
4: Joh. 17, 5.
5: den Besitz des gleichen Wesens.
6: also beim Vater.