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Die Bezeichnung «200 Jahre Gnadenkapelle» kann missverständlich sein. Denn die Einsiedler Gnadenkapelle besteht zwar in ihrer heutigen Form erst seit 200 Jahren, doch ihre Geschichte reicht sehr viel weiter zurück, nämlich bis zum Ursprung Einsiedelns vor bald 1200 Jahren. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie ihr Aussehen mehrmals verändert, aber immer blieb sie der geistliche Mittelpunkt Einsiedelns – bis heute.
Um das Jahr 835 errichtet der heilige Meinrad, Mönch des Inselklosters Reichenau im Bodensee, an der Stelle der heutigen Gnadenkapelle seine Einsiedelei. Hier verbringt er 26 Jahre in Gebet und Fasten, ist aber auch bekannt für seine Gastfreundschaft und wird zum begehrten Ratgeber für jene Menschen, die ihn in der Waldeinsamkeit aufsuchen. Nach seinem gewaltsamen Tod durch die Hand zweier Räuber am 21. Januar 861 lassen sich andere Einsiedler am Ort seines Martyriums nieder. Der Ort seiner Klause mit der kleinen Kapelle wird ihnen noch bekannt gewesen sein. An dieser Stelle errichten sie ihr eigenes kleines Gotteshaus: die «Kapelle der Einsiedler».
Im Jahr 934 wird aus der Einsiedlerkolonie im «Finstern Wald» ein Benediktinerkloster. Domprobst Eberhard von Strassburg (+958) wird erster Abt der jungen Mönchsgemeinschaft. Östlich der Kapelle wird schon bald mit dem Bau einer Klosterkirche begonnen, welche 948 geweiht wird. Die «Kapelle der Einsiedler», die Christus, dem Erlöser, geweiht ist, bleibt an ihrem Ort stehen und wird in Ehren gehalten: Sie ist Ort des Ursprungs und der Erinnerung. Vermutlich wird in ihr auch eine wertvolle Reliquie des heiligen Kreuzes aufbewahrt. Nachdem die Klosterkirche 1029 niedergebrannt ist, errichtet Abt Embrich eine neue, romanische Kirche (Weihe am 13. Oktober 1039). Die «Kapelle der Einsiedler» steht nun im ummauerten Vorhof der neuen Klosterkirche.
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts finden sich erstmals Hinweise auf eine wundersame Weihe der Kapelle, woraus sich dann die Legende der «Engelweihe» entwickelt. Diese Legende berichtet: Im Jahr 948 bitten die Mönche des jungen Klosters Bischof Konrad von Konstanz, ihre neue Klosterkirche und die Kapelle des heilige Meinrad feierlich zu weihen. In der Nacht vor der Weihe begibt sich Bischof Konrad in die kleine Kapelle, um dort zu beten. Da sieht er in einer Vision, wie Jesus Christus vom Himmel herabsteigt. Er wird begleitet von Scharen von Engeln sowie vielen Heiligen und die Jungfrau Maria erscheint wie in Licht gehüllt. In einem feierlichen Gottesdienst weiht Jesus Christus die Kapelle zu Ehren seiner Mutter Maria. Als Bischof Konrad am anderen Morgen die Kapelle feierlich einweihen sollte, zögert er. Von den Mönchen zur Weihe gedrängt, gibt er schliesslich nach und will zur feierlichen Weihe schreiten. Schon zieht er die Gewänder für den Gottesdienst an, da erscheint ein Engel und sagt: «Bruder, halte ein! Die Kapelle ist bereits von Gott geweiht.» - Und die Weihe der Kapelle wird nicht vollzogen. Soweit die Legende.
Aufgrund der wundersamen Ereignisse rund um die «Heilige Kapelle» wird sie von frommen Pilgern schon bald als Wallfahrtsziel aufgesucht. Wahrscheinlich befindet sich in der Kapelle neben der Kreuzreliquie auch eine Statue der Gottesmutter Maria, die mit der Zeit ebenfalls Ziel der Wallfahrer wird. Schliesslich stellt sie das heilige Kreuz und die von Christus geweihte Kapelle ganz in den Schatten. Die Marienverehrung wird allmählich zur alleinigen Motivation der Pilger, sich nach Einsiedeln zu begeben.
Nach einem erneuten Brand 1226 wird die Klosterkirche durch das «Untere Münster» ergänzt, dessen Gewölbe sich über die Kapelle spannt. Im 13. Jahrhundert ist in den schriftlichen Quellen erstmals von einer «Marienkapelle» die Rede. Seit dem frühen 14. Jahrhundert sind Wallfahrten grösserer Gruppen nach Einsiedeln bezeugt. Nachdem die Kapelle und die Klosterkirche 1465 wiederum Opfer eines Brandes wurden, wird die Kapelle 1466 eingewölbt und mit Strebepfeilern versehen. Vermutlich kommt im selben Jahr das bis heute verehrte Gnadenbild Unserer Lieben Frau von Einsiedeln, die berühmte «Schwarze Madonna», in die Kapelle.
Nachdem sich das Kloster vom geistlichen und personellen Tiefstand im 15. und 16. Jahrhundert wieder erholt hat, wird auch das Innere und Äussere der Gnadenkapelle einer Erneuerung unterzogen. 1615 bis 1617 wird die Westfassade der Kapelle mit Marmor ausgeschmückt, 1632 bis 1634 folgen die restlichen drei Seiten. Besonders wertvoll sind die drei Reliefs mit der Geburt Mariens, der Verkündigung durch den Engel und der Entschlafung der Gottesmutter. Donatoren dieser kostspieligen Verschönerung sind der Salzburger Fürsterzbischof Markus Sittikus und sein Bruder, Graf Caspar von Hohenems. In dieser Form bleibt die Gnadenkapelle bis 1798 bestehen.
Am 3. Mai 1798 marschieren französische Truppen in Einsiedeln ein. Die Mönche haben das Kloster erst kurz zuvor fluchtartig verlassen. Für das Gnadenbild beginnt eine abenteuerliche Flucht durch Österreich und Italien, die erst am 29. September 1803 mit seiner Rückkehr nach Einsiedeln endet. Die Soldaten wüten im Kloster und plündern es systematisch aus. Schliesslich wird auch die Gnadenkapelle Opfer ihres Hasses auf die Religion. Vom 26. bis 31. Mai 1798 wird sie abgebrochen. Zum Glück werden kostbare Elemente wie die Marmorreliefs der Hauptfassade mit grosser Vorsicht herausgenommen und eingelagert.
Zweifellos sind die Jahre nach 1798 die schwerste Zeit für das Kloster und die Wallfahrt: Die Mönche im Exil, das Gnadenbild versteckt und die Gnadenkapelle zerstört. Die Pilger bleiben aus. Doch die politische Grosswetterlage ändert sich wieder. Im Jahr 1801 kehren die ersten Mönche ins Kloster zurück, am 11. Januar 1802 folgt ihnen auch der Abt nach.
Nachdem das Gnadenbild am 29. September 1803 ebenfalls nach Einsiedeln zurückgekehrt ist, wird es im Oktogon zwischen den beiden Pfeilern auf einem provisorischen Altar aufgestellt. Doch diese Situation befriedigt nicht. Schliesslich entscheidet man sich für einen Neubau der Gnadenkapelle. Sie wird 1815 bis 1817 grösstenteils mit dem Abbruchmaterial der früheren Kapelle in klassizistischem Stil erbaut. Als Architekten des Neubaus wirken der Einsiedler Mönch Br. Jakob Natter (+1815) und Luigi Cagnola (+1833) aus Mailand. Am 14. September 1817 – dem Fest der Engelweihe – kann in der Gnadenkapelle erstmals wieder Gottesdienst gefeiert werden. 1911 erfährt die Kapelle im Äussern noch einmal ein Veränderung: die Salzburger Marmoreliefs werden durch neue Darstellungen aus Metall ersetzt. Bei der letzten Renovation 1996/1997 wird diese Änderung wieder rückgängig gemacht. Zugleich wird ein neuer Altar aus Carrara-Marmor errichtet und ein neuer Boden in der Kapelle verlegt. So zeigt sich die Einsiedler Gnadenkapelle bis heute.