Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03605.jsonl.gz/2046

Ich schlenderte ohne bestimmtes Ziel dem Lungomare entlang und beobachtete das muntere Treiben auf dem Strand und auf der Strasse, da erblickte ich meinen alten Lehrer. Er sass auf einer Bank und fütterte die Möwen, die sich kreischend um das verschimmelte Altmännerbrot zankten. Er winkte mir von weitem mit seinen Stöcken zu. Nach einer kurzen Begrüssung lud er mich über die Strasse auf einen Drink ein. Er weigerte sich aber, sich bei mir unterzuhaken, er wäre bloss etwas angejahrt, aber bestimmt noch kein Greis. Verlegen stimmte ich ihm zu und sagte, während ich winkend die Autofahrer zum Bremsen aufforderte, dass die Schüler trotz ihrer Aufsässigkeit heimlich zu ihren Lehrern aufschauten.
«Und die Schülerinnen erst», meinte er und grinste ein zahnloses Lächeln, das nichts von seiner Anzüglichkeit verloren hatte. Nachdem wir die Strasse überquert hatten, betraten wir den «Alten Admiral», ein angejahrter englischer Pub mit Plüschbänken und ebensolchen Barhockern. Es dauerte eine halbe Ewigkeit bis mein Lehrer auf seinen Hocker geklettert war, aber auf den Bänken schliefe er sogleich ein, meinte er entschuldigend. Und ob er dann jemals wieder aufwachen würde? Ich antwortete, dass dies wohl auf das ausgeschenkte Bier ankomme, worauf er schallend lachte.
Nachdem wir miteinander angestossen hatten, sagte er, das Pint Guiness zittrig in seinen Händen haltend: «Ich bin nun 102-jährig.»
«Das sieht man Ihnen kaum an», entgegnete ich. «Schon als ich bei Ihnen die Schulbank gedrückt habe, waren Sie für mich alt. Mittlerweile bin auch ich pensioniert.»
«Du bist schon immer ein kleiner, aber gewitzter Racker gewesen», lachte er und setzte nach einem kleinen Schluck sein Pint ohne etwas zu verschütten ab, und schaute mich dabei an, wie er es in schwarzweisser Urzeit auch immer getan hatte.
«Ich bin nun 102-jährig», sagte er erneut und fügte ernst an: «Bitte verzeih mir, dass ich dir den Urlaub versaut habe und noch nicht gestorben bin.»
Ich schaute ihn wie damals an, wenn ich etwas ausgefressen hatte, und fühlte mich dabei so schuldig wie man sich nur schuldig fühlen konnte.
zurück zur Story-Sélection
zurück zur Belletristik
VzfB-Home