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Bentley Boys – BEASTIE BOYS
Zwischen 1924 und 1930 gewann die englische Luxusmarke Bentley fünfmal das 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Gefahren wurden die bulligen Boliden von einer Gruppe vorwiegend reicher und verwegener Piloten, den «Bentley Boys». Das schillerndste Mitglied war Woolf Barnato.
Bentley ist der Inbegriff teurer Luxuswagen mit grossvolumigem Motor. Eine Marke, die traditionell mit Rolls-Royce in Verbindung gebracht wird und 2019 ihren 100. Geburtstag feiert. Nachdem sie 1933 von der britischen Nobelmarke übernommen wird, geht sie 1998 in den Besitz der Volkswagen AG über.
Bentleys Namensgeber ist der 1888 geborene Walter Owen Bentley. 1912 gründet er die Marke zusammen mit seinem Bruder Horace Millner Bentley. Zunächst firmiert sie unter dem Namen Bentley and Bentley. Kurz danach konstruiert W. O. Bentley den ersten Motor. Als Hauptmann der Royal Naval Air Service, arbeitet er während des Krieges an der Weiterentwicklung von Flugmotoren. 1919 ruft er Bentley Motors ins Leben. Fünfmal holen deren Rennwagen von 1924 bis 1930 bei den 24 Stunden von Le Mans den Sieg.
Jahrelang spielen die Bentleys mit ihren 3-, 4,5-, 6,5- und 8-Liter-Motoren vor allem bei englischen Rennen eine führende Rolle. Zahlreich sind deren Erfolge auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke von Brooklands bei London. Drei Bentleys des Typs 3L mit 2994-cm3-Motor belegen 1922 beim sehr schwierigen Tourist-Trophy-Rennen auf der Insel Man den zweiten, vierten und fünften Rang. Im gleichen Jahr tritt W. Douglas Hawkes auf einem ausnahmsweise mit spitzem Heck versehenen Bentley-Dreiliter sogar bei den 500 Meilen von Indianapolis an, kommt aber nicht über die ganze Distanz.
Schnelle Camions
Ettore Bugatti, dessen Rennwagen damals ihre glorreichsten Jahre erleben, bezeichnet die Bentleys als die «schnellsten Camions der Welt». Die englischen Boliden sind von Grund auf keine eigentlichen Rennwagen. Es handelt sich vielmehr um bullige schwere Tourenwagen, die auf den Rennsport zugeschnitten sind und alles andere als eine aerodynamisch konzipierte Karosserie aufweisen.
Private Besitzer rüsten darüber hinaus ihre Bentleys mit Spezialkarosserien aus. Ein beachtliches Resultat erzielt 1930 Tim Birkin anlässlich des Grand Prix des A.C.F. in Pau (F), als er nach 25 Runden am Steuer des seiner Kotflügel entledigten Bentleys mit 4398-cm3-Kompressormotor hinter dem Sieger Philippe Etancelin auf Bugatti auf dem zweiten Platz die Ziellinie überquert. Und das war insofern bemerkenswert, da nicht weniger als 17 Bugattis bei diesem Rennen starteten.
Im gleichen Jahr, 1930, wird Bentley von der Rolls-Royce Limited übernommen, nachdem auch Bentley unter den Wall- Street-Crashs von 1929 gelitten hatte. Seit 1924 verabreichte der schwerreiche Bentley-Fahrer Woolf Barnato dem Unternehmen in verschiedenen Etappen immer wieder Finanzspritzen, stellte diese dann jedoch 1931 ein.
Zentrale Figur: Woolf Barnato
Dennoch avancierte er zur markantesten Persönlichkeit während der Erfolgsjahre von Bentley. 1895 wird der spätere Finanzier in London geboren. Sein Vater Barney war Besitzer südafrikanischer Gold- und Diamantenminen. Als er 1897 bei Madeira während einer Schiffsfahrt von Südafrika nach London stirbt, erbt der zu diesem Zeitpunkt zweijährige Woolf ein riesiges Vermögen, das ihm in Etappen überwiesen wird. 1925 erwirbt «Babe», wie er von seinen Freunden genannt wird, einen Dreiliter-Bentley, an dessen Steuer er auf der Brooklands-Bahn zahlreiche Erfolge herausfährt. Der erste Bentley-Sieg 1924 anlässlich des 24-Stunden-Rennens von Le Mans von John Duff und Frank Clement animiert ihn dazu, Geld in Bentley, das in finanzielle Nöte geraten ist, zu investieren. Nach und nach steigt Barnato zum Hauptaktionär auf. Gleichzeitig konstruiert man neue Bentley-Modelle wie den Sechszylinder mit 6,5 Liter Hubraum oder den berühmten «Blower»-Bentley mit 4,5-Liter-Kompressormotor.
1930 geht Woolf Barnato eine aufsehenerregende 100-Pfund-Wette ein. Er behauptet, er schlägt den Schnellzug Blue Train auf der Strecke von Cannes nach Calais mit seinem flach gestylten und von H. J. Mulliner konzipierten Bentley Speed Six. Das gelingt ihm am 13. März tatsächlich. Als der Zug um 17.45 Uhr in Cannes loszieht, startet auch der Bentley Speed Six. Und Babe hat mit widrigen Umständen zu kämpfen. Bis Lyon öffnet der Himmel seine Schleusen und bei Auxerre geht wertvolle Zeit verloren, weil man die vereinbarte Tankstelle nicht gleich findet. Rund um Paris beeinträchtigt in der Nacht starker Nebel die Sicht, ebenso gibt es eine Reifenpanne mit Umstellung auf das einzige Reserverad. Schliesslich treffen Barnato und Beifahrer Dale Bourne – übrigens ein Spitzengolfspieler – um 10.30 Uhr nach 910 Kilometern, die sie mit einem Schnitt von 69,4 km/h bewältigen, in Calais ein. Der Zug trifft wesentlich später ein. Pech für Barnato: Niemand beteiligt sich an der Wette.
Erfolgsjahre der «Bentley Boys»
Bei der ersten Auflage der 24 Stunden von Le Mans fährt Bentley mit dem «Sport»-Vierzylinder und 2996 cm3 Hubraum. Das Fahrerduo John Duff und Frank Clement belegt den vierten Rang. Den Sieg holen sich aber André Lagache/René Léonard auf einem Chenard-Walcker.
Aber schon 1924 fahren Duff/Clement mit dem Dreiliter-Bentley den ersten Le-Mans-Sieg für die Briten ein. Der zweite Erfolg lässt hingegen etwas länger auf sich warten. 1925 scheidet das Team mit der 3276-cm3-Version, wie ihre Teamkollegen Herbert Kensington Moir/John Benjafield aus. Als 1926 «Sammy» Davis/John Benjafield mit ihrem Dreiliter durch einen Unfall ausscheiden und auch die Teamkollegen Frank Clement/George Duller und Clive Gallop/Tommy Thisletwayte ausfallen, stellt sich 1927 endlich der zweite Le-Mans-Sieg ein – herausgefahren von Davis/Benjafield, welche schon zum dritten Mal das 24-Stunden-Rennen bestreiten.
Manko für Cabrios
Woolf Barnato kommt 1928 zusammen mit Bernard Rubin auf einem Bentley mit 4392-cm3-Motor zum ersten seiner drei aufeinanderfolgenden Le-Mans-Siege. Gleichzeitig erhöhen die beiden Engländer den Gesamtdurchschnitt von 100 km/h auf 111,219 km/h. Manko für die Cabrios: Seinerzeit müssen die offenen Fahrzeuge eine gewisse Anzahl Runden mit hochgezogenem Verdeck zurücklegen, womit das Cabriodach als tempohemmender «Luftsack» wirkt.
Barnatos zweiter Volltreffer folgt 1929, als er den Sechszylinder «Sammy Speed Six» mit 6597 cm3 Hubraum zusammen mit Henry Birkin zum Erfolg führt – zum glorreichen vierfachen Le-Mans-Triumph für Bentley. Auf dem zweiten Rang folgen Jack Dunfee sowie der bekannte Flieger Glen Kidston auf dem Vierzylinder mit 4398-cm3-Motor, gefolgt von John Benjafield/André d’Erlanger sowie Frank Clement/Jean Chassagne. Seinen dritten Erfolg feiert Woolf Barnato 1930 – erneut mit dem Sechszylinder, Beifahrer ist diesmal Glen Kidston. Auf dem Ehrenplatz folgen Frank Clement/Richard Watney, ebenfalls mit dem Sechszylinder. Zwei Bentleys scheiden aus.
Ab 1931 geht Bentley nicht mehr in der Sarthe an den Start. So beginnt in Le Mans die vierfache Erfolgsserie der Alfa Romeo 8C mit 2337 cm3 Hubraum, welche 1931 mit Howe/Birkin, 1932 mit Sommer/Chinetti, 1933 mit Nuvolari/Sommer und 1934 mit Etancelin Chinetti zum Erfolg kommen. Im November 1933 gerät Bentley unter die Kontrolle von Rolls-Royce. Gleichzeitig scheidet Woolf «Babe» Barnato aus dem Unternehmen aus, kommt jedoch 1934 in führender Position wieder zurück.
Zurück in Le Mans
Es verstreichen sieben Jahrzehnte, bis Bentley wieder den Weg zurück nach Le Mans findet. Mittlerweile firmiert die Prestigemarke seit 1998 unter dem Mantel von VW. Im Hinblick auf die 24 Stunden von Le Mans 2001 lässt Bentley Motors bei der Racing Technology Norfolk mit dem EXP Speed 8 einen vollkommen neuen Langstrecken-Rennwagen und GTP-Prototypen bauen.
Dessen V8-Motor mit 3,6 Litern Hubraum und zwei Turboladern ist eine Weiterentwicklung des siegreichen Audi-Triebwerks von 2000. Doch erst beim dritten Anlauf soll es 2003 für den Sieg reichen. Der nach den Gesetzen im Windkanal windschlüpfig geformte Bentley mit den Fahrern Tom Kristensen/Dindo Capello und Guy Smith holt sich nach 376 Runden, 5145,39 zurückgelegten Kilometern und mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 214,39 km/h den Gesamtsieg – den bislang letzten Le-Mans-Sieg für Bentley.
Text: Adriano Cimarosti
Fotos: Collection Simon Kidston, Bentley