Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03581.jsonl.gz/1055

Anhaltender Lärm stört die friedliche Stimmung in Eaubonne. Wie auf einem Fliessband ziehen Flugzeuge quer über die Stadt im Norden von Paris.
«Wir befinden uns im Einzugsbereich des Flughafens Charles de Gaulle. Dort starten und landen täglich 1300 Maschinen», sagt Françoise Brochot. Als Vorsitzende eines Bürgerkomitees kämpft sie gegen die schädlichen Auswirkungen des Luftverkehrs.
Jetzt will der Pariser Flughafenbetreiber ADP einen riesigen neuen Terminal bauen und die Zahl der Flüge dadurch noch erhöhen. Der stellvertretende Generaldirektor Henri-Michel Comet verspricht strenge Standards in Sachen Lärm und Luftverschmutzung: «Wir wollen den absoluten Wert aller Schadstoffemissionen am Boden verringern.»
Nur die halbe Wahrheit
Françoise Brochot wirft der Firma vor, dass sie unangenehme Fakten ausspart. «Nur wer ihr Dossier studiert, erfährt, dass die Stickoxide in der Lande- und Startphase der Flugzeuge und der Partikelausstoss erheblich steigen werden. Diese Schadstoffe atmen wir ein.»
Gigantisches Bauprojekt vor Paris
Prognosen zufolge wird sich das weltweite Flugaufkommen innerhalb der nächsten 15 Jahre verdoppeln: von derzeit vier auf neu acht Milliarden Passagiere.
Paris will von diesem Wachstum profitieren, deshalb soll auf dem Flughafen Charles-de-Gaulle ein vierter Terminal entstehen, bis in rund 20 Jahren.
Der geplante Terminal ist für 40 Millionen Passagiere pro Jahr konzipiert und wäre damit grösser als der Flughafen Orly. Mit ihm will Charles-de-Gaulle in der Lage sein, 650'000 Flugzeuge pro Jahr abzufertigen.
Für die Anwohner hiesse das: 1800 Starts und Landungen am Tag, 500 mehr als heute. Einer Million Menschen rund um «Charles-de-Gaulle» droht dadurch noch mehr Lärm und schmutzige Luft.
Heute verzeichnet «Charles-de-Gaulle» 72 Millionen Passagiere pro Jahr und ist damit die Nummer 2 in Europa – nach London-Heathrow. Zürich steht mit 31 Millionen Passagieren auf Platz 14.
Jean-Pierre Blazy verfolgt die Debatte mit grossem Interesse. Er ist Bürgermeister von Gonesse, einer Stadt unmittelbar neben dem Flughafen. «Charles-de-Gaulle ist besonders schädlich», sagt er. «Sogar nachts müssen wir 140 Flugbewegungen ertragen.»
Gonesse hat den Schaden, zieht aber kaum Nutzen aus dem Flughafen vor seiner Tür. In dieser Banlieue liegt die Arbeitslosigkeit weit über dem Landesdurchschnitt.
Hoffnung auf Jobs
In der Hoffnung auf neue Jobs unterstützt der Bürgermeister ein anderes Mammut-Projekt: Es heisst «EuropaCity» und steht für ein riesiges Freizeit- und Konsumzentrum.
Auf seiner Website lockt EuropaCity mit 500 Boutiquen, 2700 Hotelbetten, Achterbahn, Dauerzirkus, Konzerthalle und vielem mehr. Die Investoren spekulieren auf 30 Millionen Kunden pro Jahr versprechen. Sie versprechen 10'000 Arbeitsplätze.
Aber die Sache hat einen Haken: Der Amüsierbetrieb soll auf Äckern entstehen, wo heute Getreide und Mais wachsen.
Konsum statt Natur
Jean-Yves Souben engagiert sich in einem Kollektiv, das für den Erhalt der Felder kämpft. Er steht am Rand der zukünftigen Bauzone und zeigt in die Ferne: «Von hier aus können wir drei Einkaufszentren sehen. Mit EuropaCity soll also völlig überflüssige Gewerbefläche geschaffen werden. Auf Ackerland, das zu dem fruchtbarsten in Europa gehört.»
Selbst im Hitze-Juli hätten die Bauern nicht zusätzlich wässern müssen. «Wenn sie hier betonieren, wird sich der Wind noch stärker aufheizen als schon jetzt über den Flugpisten», sagt Souben. «Dann wird Paris bei Hitzeperioden noch höhere Temperaturen verzeichnen.»
Das Umwelt-Kollektiv hat gegen den Bebauungsplan geklagt – teilweise mit Erfolg. Ein Gericht urteilte, dass die Urbanisierung dieser «besonders fruchtbaren Felder» beschlossen wurde, obwohl die «zu erwartenden wirtschaftlichen Gewinne nicht gesichert sind».
Der Staat betoniert auch
Der Staat jedoch befürwortet das Projekt und hat es in seine Grand-Paris-Planung einbezogen: EuropaCity soll einen Bahnhof der neuen Grand Paris Express-Metro erhalten. Der Bahnhof soll schon ab November gebaut werden, mitten auf dem Feld.
«Obwohl dieses Stück der neuen Metrolinie erst 2027 fertig werden soll», sagt Aktivist Souben. «Sie wollen Fakten schaffen. Wenn der Bahnhof steht, gibt es hier nichts mehr zu verteidigen. Dann werden sie rundherum betonieren und Gewerbe schaffen.»
Die Umweltschützer haben Blockaden geplant.