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Süddeutscher Meister, um 1500
Lindenholz (?), geschnitzt, gefasst
H. 70 cm, B. 22,5 cm
Inv. 2002.275.
Aus dem Nachlass von Annie Kaufmann-Hagenbach (1908-2002) erhielt das HMB zwei spätgotische Holzskulpuren hoher Qualität, ein Hochrelief mit einem hl. Johannes und einen rundplastischen Christus-Korpus. Die Erinnerung an die Basler Kunsthistorikerin wird durch diese Werke in besonderer Weise lebendig gehalten, hatte Annie Kaufmann doch 1938 mit einer umfangreichen Arbeit über die "Spätgotische Plastik in der Schweiz" bei Paul Ganz promoviert und damit ihr Lebensthema gefunden. Bis in ihr hohes Alter trug sie im Handexemplar ihrer Dissertation Beobachtungen und Ergänzungen ein.
Leider ist der Erhaltungszustand der Christus-Skulptur fragmentarisch. Ihr fehlen die Arme, mit denen Christus am (ebenfalls verlorenen) Kreuz befestigt war. Entweder als Andachtsbild oder für eine Altarbekrönung geschaffen, setzt die Figur stilistisch die monumentalen Kreuze des Niclaus Gerhaert von Leyden (+1473) in Baden-Baden und Nördlingen voraus, obwohl sie nur 70 cm misst. Mit diesen verbindet sie die gerade, schlanke Körperform, der auf die rechte Seite geneigte, langhaarige Kopf, weiterhin der stark gewölbte Thorax, der sensibel modellierte Oberbauch, das frei in den Raum gebauschte Lendentuch, die langen, durchgestreckten Beine, sowie die langzehigen Füsse, die gestreckt übereinander gelegt mit einem Nagel am Kreuz befestigt waren. In der Seitenansicht tritt im oberen Teil des Rückens der breite Rückenmuskel als Verbindung zum Arm hervor, wodurch das lastende Hängen Christi am Kreuz anschaulich wird. Auch die wulstartig vom Fuss-Nagel zusammengeschobene Haut verdeutlicht dies. Nach bisheriger Kenntnis könnte dieser ausdrucksvolle Christus-Korpus von einem süddeutschen Meister bereits im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts geschaffen worden sein. Annie Kaufmann datierte ihn allerdings erst in das 1. Viertel des 16. Jahrhunderts, da sie es für möglich hielt, dass Augustin Henkel (um 1477-um 1550), 1502 in Schaffhausen zum Meister gesprochen, die Figur geschaffen habe.
Wie eine mikroskopische Untersuchung ergab, war die Oberfläche der sehr fein geschnitzten Figur geglättet, mit einem Leimüberzug versehen und ursprünglich holzsichtig. Augen, Mund und Dornenkrone sowie eine Blutspur aus der Seitenwunde waren farbig akzentuiert, vermutlich ebenso die übrigen Wundmale und deren Spuren. Das Lendentuch war leimvergoldet. Später wurde der Korpus mehrfach vollständig überfasst. Daraus ist zu schliessen, dass sich der Kruzifixus seit seiner Entstehung bis über das Datum der letzten, steinfarbenen Fassung hinaus in kultischem Gebrauch befand. Etwa 1920 soll er von Rudolf Kaufmann sen. im Handel erworben worden sein. Später schenkte ihn dieser seiner Schwiegertochter Annie Kaufmann-Hagenbach.