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Spanische Grippe-Epidemie in den USA 1918: Grippe-Station im Walter Reed Hospital in Washington DC. (Bild: Shutterstock)
In diesen Tagen erinnern die Medien an die Spanische Grippe, die von 1918 bis 1920 gewütet und in zwei Wellen schätzungsweise zwischen 50 und 100 Millionen Todesopfer gefordert hatte. Mehr als der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. Die Wissenschaftsjournalistin Laura Spinney hat vor zwei Jahren dieser Influenza-Pandemie das Buch «1918 – die Welt im Fieber» gewidmet, das weit mehr ist als nur eine hervorragend recherchierte und verfasste Analyse zur Spanischen Grippe. Spinney beleuchtet die Influenza aus verschiedenen Blickwinkeln: von der Prähistorie bis ins 20. Jahrhundert, von der Kulturgeschichte bis zur Klimatologie, von der Medizin bis zur Religion. Und sie zeigt auf, wie einzelne Gemeinschaften rund um den Globus mit dieser Katastrophe umgegangen sind.
Grippe beeinflusst Lauf der Geschichte und die Gesellschaft
Seit den 1990er-Jahren ist die Zahl der Publikationen, die sich mit Grippe-Epidemien oder Pandemien befassen, geradezu explodiert. Das Thema wird von Medizinern, Virologen, Epidemiologen, Historikern, Ökonomen, Soziologen und Psychologen beleuchtet und bringt daher laufend neue Erkenntnisse über die Wechselwirkung von Viren und Menschen. Interessant ist auch, wie Grippe-Wellen den Lauf der Geschichte geändert und die Gesellschaft transformiert haben.
Erste Beschreibung von Husten, rauem Hals und Schluckbeschwerden
Spinney zeigt auf, dass der Mensch und Influenzaviren seit mindestens 12'000 Jahren koexistieren. Die erste bekannte Beschreibung einer Grippe stammt aus dem Jahr 412 v. Chr., als die Einwohner der Hafenstadt Perinthos von Husten geschüttelt wurden und sich über einen rauen Hals, Schmerzen, Schluckbeschwerden, Lähmungen der Beine und Nachtblindheit beklagten. Hippokrates, der berühmteste Arzt der Antike, schrieb dies nieder.
Karl der Grosse und das Italienische Fieber
Es wird heute vermutet, dass es die Grippe war, welche im Jahr 212 v. Chr. in Sizilien die Armee von Rom und Syrakus vernichtete. Zur Zeit Karls des Grossen grassierte eine respiratorische Erkrankung, bekannt als febris Italica (Italienisches Fieber). Mutmassliche Grippeepidemien sind in Europa im 12. Jahrhundert dokumentiert. Die erste verlässliche Beschreibung einer solche Epidemie bezieht sich auf das Jahr 1557, als rund sechs Prozent der englischen Bevölkerung dahingerafft wurden.
Die Spanische Grippe als Schwarzer Schwan
Die Historiker ignorierten lange die Rolle der Infektionskrankheiten und übersahen, wie unterschiedlich sie sich auf verschiedene Populationen auswirken. Spinney bezeichnet sie wie die Spanische Grippe als sogenannte «black swan events», als Schwarze Schwäne, die ein zwar unwahrscheinliches, aber dennoch mögliches Ereignis beschreiben. Den Wissenschaftern war nach der Pandemie von 1918 klar, dass sich eine solche jederzeit wiederholen könnte. Kein Wunder, wird das Coronavirus weltweit derart ernst genommen und arbeiten die Wissenschafter und medizinischen Laboratorien mit Hochdruck an einem wirksamen Impfstoff – um eine Katastrophe wie 1918 zu verhindern.
Laura Spinney: «1918 – die Welt im Fieber». Carl Hanser Verlag, 2018.