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Führt in der Vergangenheit erlebte Gewalt zu Gewalttätigkeit in der Gegenwart? Falls dies zutrifft: Mit welcher staatlichen Politik lässt sich dieses Risiko vermindern? Diese Fragen sind insbesondere seit 2015 wichtig geworden, da seither viele Asylsuchende aus Kriegsgebieten nach Europa kommen. Asylsuchende in der Schweiz sind typischerweise junge Männer, die während ihrer Kindheit mit einem Bürgerkrieg oder Genozid konfrontiert waren. Auch wenn einige dieser Migranten ihr Heimatland erst mehrere Jahre nach der Beendigung dieses Konflikts verlassen, handelt es sich in allen Fällen um eine angeschlagene Bevölkerungsgruppe, die grösstenteils durch eine äusserst schwere Jugend traumatisiert ist. Die Fachliteratur zeigt deutlich, dass in Ländern, die einen Konflikt hinter sich haben, das Risiko von erneuten Auseinandersetzungen am grössten ist. Über zwei Drittel der Kriege, die in den letzten zehn Jahren ausgebrochen sind, wurden in Ländern ausgetragen, in denen schon zuvor einmal ein Krieg stattgefunden hat.[1] Die Zerstörung der Infrastruktur sowie des Human- und Sozialkapitals ist die häufigste Begründung für diese «Konfliktfalle», die sich auf die Entwicklung der betroffenen Länder sehr nachteilig auswirkt.
Konflikten in der Jugend folgt Gewalttätigkeit im Erwachsenenalter
In einem kürzlich veröffentlichten Artikel[2] quantifizieren wir den Effekt, den ein Krieg auf allfällige künftige Gewalttaten einer Person haben könnte, die der kriegerischen Auseinandersetzung während ihrer Jugend (im Alter von ein bis zwölf Jahren) ausgesetzt war. Dazu fokussieren wir uns auf die Kriminalität von Asylsuchenden, die sich zwischen 2009 und 2012 in der Schweiz aufgehalten haben. Da die betreffenden Personen nicht mehr in ihrem Herkunftsland leben, kann so der Effekt früherer Kriegserfahrungen untersucht werden, ohne dass die ursprünglichen Faktoren des Umfelds noch eine Rolle spielen.
Die untersuchte Stichprobe umfasst ausschliesslich Personen aus Ländern, in denen kürzlich ein Konflikt ausgetragen wurde. Die Kriminalität soll dabei anhand von zwei Teilstichproben verglichen werden: einerseits Personen, die während ihrer Kindheit einen Krieg miterlebt haben (siehe Abbildung, rot), und andererseits Personen, die erst nach der Beendigung des Konflikts geboren wurden (blau). Die Studie zeigt, dass Personen unter 20 Jahren in beiden Gruppen eine hohe und mehr oder weniger vergleichbare Kriminalität aufweisen. Ab 20 Jahren nimmt die Kriminalität von Personen, die nach einem Krieg geboren wurden, mit zunehmendem Alter stark ab. Im Gegensatz dazu geht die Kriminalität von Personen, die in ihrer Jugend mit einem Krieg konfrontiert waren, mit zunehmendem Alter weit weniger deutlich zurück. Wer im Alter von eins bis zwölf Jahren eine Kriegserfahrung machte, für den liegt somit das Risiko, dass er zu einem späteren Zeitpunkt ein Gewaltverbrechen verübt, im Durchschnitt aller Altersgruppen mehr als ein Drittel höher. Dieser Effekt ist bei Frauen geringer als bei Männern, und bei Eigentumsdelikten ist überhaupt kein solcher Kausalzusammenhang festzustellen.
Kriminalität und Kriegserfahrung während der Kindheit
Die Neigung, ein Gewaltverbrechen zu verüben, entspricht der durchschnittlichen jährlichen Anzahl solcher Verbrechen pro 100 Personen.
Couttenier, Preotu, Rohner und Thoenig / Die Volkswirtschaft
Zwei Drittel der Straftaten, die von Asylsuchenden begangen werden, richten sich gegen andere Ausländer. Die Schweizer Bevölkerung ist damit nur von einem Drittel dieser Delikte betroffen. Bei Personen, die während ihrer Jugend mit einem Krieg konfrontiert waren, ist im Übrigen eine höhere Kriminalität zu verzeichnen, die gegen Landsleute gerichtet ist. Dies lässt sich möglicherweise auf das Misstrauen zwischen ehemaligen Kriegsgegnern zurückführen, das gegebenenfalls lange über das Ende eines Bürgerkriegs hinaus anhält.[3]
Mit Integration gegen Gewalt vorgehen
Die Forschung hat sich auch mit der Frage befasst, welche staatliche Politik am besten geeignet ist, um die festgestellte Abweichung bei der Kriminalität zwischen den beiden untersuchten Gruppen zu verringern. In diesem Zusammenhang soll der Zugang von Asylsuchenden zum Arbeitsmarkt erleichtert und beschleunigt werden. Dazu gibt es drei Interventionsschwerpunkte: Erstens muss eine möglichst kurze Wartezeit für Stellenbewerbungen vorgesehen werden. Zweitens muss der Zugang zu offenen Stellen verbessert werden, und drittens müssen Coachings oder Berufspraktika eingeführt werden. Die statistische Analyse zeigt, dass diese politischen Handlungskonzepte tatsächlich wirksam sind.
Die potenziell höhere Kriminalität von Personen, welche während ihrer Jugend mit einem kriegerischen Konflikt konfrontiert waren, lässt sich mit einer angemessenen Integrationspolitik neutralisieren. So bestätigt eine neuere Studie die positive Wirkung von politischen Massnahmen, bei denen Kriegsveteranen nach einem Konflikt in den Wiederaufbau ihres Landes einbezogen wurden.[4]
Mit der Durchführung von Kursen zur politischen Bildung – zu den Gesetzen und dem politischen System der Schweiz – kann im Weiteren der Unterschied in der Kriminalitätsneigung zwischen den beiden Gruppen signifikant verringert werden. Dies ist somit eine weitere vielversprechende Politik, um der Weiterverbreitung von Gewalt entgegenzuwirken.
Aus den statistischen Ergebnissen lässt sich folglich der Schluss ziehen, dass das Kriminalitätsrisiko, das mit Kriegsflüchtlingen unter Umständen verbunden ist, kein überzeugendes Argument ist, um ihnen die Aufnahme als Asylsuchende zu verweigern. Anlass zur Sorge wäre nur gerechtfertigt, wenn keine staatliche Politik bestehen würde, die Asylsuchenden den Zugang zum Arbeitsmarkt ermöglicht. Mit anderen Worten: Die Schweiz kann ihrer humanitären Tradition weiterhin gerecht werden, wenn sie die wirtschaftliche Integration von Asylsuchenden fördert. Auf dieser Basis wird das positive Miteinander in unserem Land nicht infrage gestellt.
- Collier und Hoeffler (2004).
- Couttenier et al. (2016).
- Rohner et al. (2013).
- Annan und Blattman (2016).