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Schonende Trockenreinigung
Le lion, ayant faim, se jette sur l’antilope (1898/1905) ist eines der Hauptwerke der Sammlung Beyeler und eines der wichtigsten und grössten Gemälde von Henri Rousseau. Nach etwas über einem Jahr konnte die Restaurierung des Gemäldes abgeschlossen werden. Ziel war es, das Werk ästhetisch zu optimieren. Dazu musste die verschmutzte Oberfläche mit synthetischen Schwämmen trockengereinigt werden. Überraschend waren Erkenntnisse zur Maltechnik Rousseaus sowie zu Übermalungen, die vom Künstler selbst stammen könnten.
Kunsthistorischer Kontext
Henri Rousseau (1844–1910) zählt zu den eigenwilligsten Künstlern des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Als Autodidakt wurde er vom akademischen Kunstbetrieb, von den Kritikern und dem Publikum zunächst in keiner Weise ernst genommen. Erst im 20. Jahrhundert, insbesondere im Kreis der Avantgarde, fanden seine Bilder Beachtung. Den entscheidenden Durchbruch schaffte er 1905 im prestigeträchtigen Pariser Herbstsalon mit dem grossformatigen Dschungelbild Le lion, ayant faim, se jette sur l‘antilope, das heute zu den Hauptwerken der Sammlung Beyeler gehört.
Le lion, ayant faim nimmt in Rousseaus Werk eine ganz besondere Stellung ein. Mit grösster Wahrscheinlichkeit wurde es bereits 1898 für den Salon der Unabhängigen gemalt, erhielt aber erst 1905 im Herbstsalon einen Ehrenplatz. Es ist das erste Werk Rousseaus, das in den Kunsthandel gelangte. Vielleicht ist es auch diesem Verkaufserfolg zu verdanken, dass Rousseau in den letzten Jahren seines Lebens über zwanzig Dschungelbilder schuf. Rousseau wurde zum bewunderten Künstler der Avantgardisten und seine Kunst richtungsweisend für die Malerei des 20. Jahrhunderts. Künstler wie Pablo Picasso, Fernand Léger, Wassily Kandinsky, Joan Miró oder Max Ernst zeigten sich tief beeindruckt von seiner Malerei.
Im Gegensatz zu den Impressionisten und Postimpressionisten löste Rousseau den Bildgegenstand nicht in flirrende Farb- und Lichtflecken auf, sondern bannte ihn in ungewohnter Direktheit mit klaren Linien und harten Konturen in die Bildfläche. Charakteristisch für Rousseaus Gemälde, insbesondere für seine exotischen Dschungelbilder, sind die subtilen Farb- und Formklänge sowie die Spannung zwischen Sachlichkeit und geheimnisvoller Phantastik. Seine Werke sind sorgfältig komponiert und durchdrungen von Kraft und Poesie.
Ganz nah dran
Die Megapixel-Ansicht angeboten durch das Google Cultural Institute
Ausgangslage
Der Zustand der Malschicht von Le Lyon, ayant faim, se jette sur l’antilope ist zwar sehr gut, aber sie wurde durch verschiedene Schmutzablagerungen und kleine Schäden visuell etwas beeinträchtigt. Aufwendige Recherchen waren unabdingbar, um ein geeignetes Restaurierungskonzept zu erstellen. Ausserdem sollte das Restaurierungsprojekt Rückschlüsse zu alten Übermalungen ermöglichen, die auch Besuchern ins Auge fielen und von denen unklar war, ob sie nachträglich angebracht wurden.
Übermalungen durch den Künstler
Um den Ursprung der Übermalungen zu klären, wurden frühe historische Abbildungen des Dschungelbilds zum Vergleich herangezogen. Zusätzliche wissenschaftliche Untersuchungen bestätigten schliesslich Ähnlichkeiten dieser Übermalungen mit der originalen Malschicht von Rousseau in Bezug auf Alter und Zusammensetzung. Daher muss davon ausgegangen werden, dass diese vom Künstler selbst stammen können (Abbildung 1). Sie wurden deshalb trotz der Farbveränderung nicht entfernt.
Weitere Untersuchungen konnten zudem wichtige Fragen zur Malweise Rousseaus klären. Der Künstler zeichnete Partien zuerst in Bleistift vor, dann wurde die Hauptkomposition mit der dunklen Berliner-Blau-Farbe in Öl vorgemalt, bevor er mit dem eigentlichen Malprozess begann.
Historische Übermalungen
Abbildung 1: Ein Detail der rechten unteren Ecke des Gemäldes zeigt auffällige dunkelgrüne Übermalungen. Diese wurden nicht entfernt, da Untersuchungen zeigten, dass sie vom Künstler selber stammen könnten.
Trockenreinigung mit Spezialschwämmen
Hauptziel der Restaurierung war die Entfernung des dünnen gräulichen Schmutzfilms sowie lokaler weisser Schleier, die sich auf der Oberfläche abgelagert hatten. Doch Tests zeigten, dass gängige wässrige Reinigungsmethoden oder Lösemitteln die Malschicht angreifen. Der Grund konnte durch chemische Analysen der Farbe gefunden werden: Rousseau arbeitete nicht in reiner Ölfarbe, sondern mischte ihr proteinhaltige Komponenten (Tempera) bei, die auch nach über 100 Jahren noch löslich bleiben können. Dies ist eine ganz neue Erkenntnis über Rousseaus Maltechnik und wird auch nach Abschluss der Restaurierung weiter verfolgt werden.
Nach ausführlichen Tests konnte eine alternative, trockene Reinigungsmethode mit synthetischen Latexschwämmen gefunden werden. Diese wurden schonend über die Bildoberfläche gewischt (Abbildung 2). Die dabei entstehenden «Krümel» des Schwammes banden den oberflächlichen Schmutz (Abbildung 3). Als Ergebnis zeigt sich das Gemälde wieder in seiner ursprünglichen Farbkraft und Tiefe. Der Farbauftrag des Künstlers ist nun in seinen feinen Nuancen erkennbar.
Schliesslich wurden noch «Schönheitsfehler» am Bild korrigiert. Die Vielzahl an winzigen Ausbrüchen in der Malschicht – für den Besucher kaum sichtbar, aber trotzdem so zahlreich, dass sie den Gesamteindruck störten – wurden zuerst ausgekittet und dann mit Pigmentfarben retuschiert. Dabei wurde sehr zurückhaltend gearbeitet, um den gealterten Zustand des Kunstwerkes zu entsprechen und die Originalität zu bewahren.