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5 Jahre nach Kairo - 5 Fragen - 5 Fachleute
Die Anliegen der Bevölkerungskonferenz von Kairo müssen in eine nachhaltige Entwicklungszusammenarbeit integriert werden!
Von Leni Robert / SEXUELLE GESUNDHEIT Schweiz
Hat sich der in Kairo verkündete Paradigmawechsel von "Bevölkerungskontrolle" zu "Reproductive Health and Rights" auf der Ebene der internationalen Politik, der internationalen Organisationen und der einzelnen Staaten durchgesetzt?
Auf internationaler Ebene wurde die Umorientierung von quantitativ-demographischen Zielvorgaben auf das Ziel "reproduktive Gesundheit" hin zumindest rhetorisch klar vollzogen. Die verschiedenen Vorbereitungskonferenzen auf das offizielle Kairo+5-Treffen der UNO vom 30. Juni bis 2. Juli dieses Jahres in New York haben allerdings gezeigt, dass die in Kairo eingeleitete Neuausrichtung noch wenig gefestigt ist. So war die europäische Vorbereitungskonferenz in Budapest im Dezember 1998 von Statistikern geplant worden, wie wenn Kairo nie stattgefunden hätte. Der europäische Beitrag zu Kairo+5 konnte nur dank dem Eingreifen wachsamer NGOs mit Unterstützung des Europarates und verschiedener Länderdelegationen, u.a. der Schweiz, gerettet werden. An der Vorbereitungskonferenz im März in New York gelang es der erstarkten Front der "Lebensschützer" um den Vatikan, jeden Fortschritt der Arbeiten zugunsten der Menschenrechte der Frauen und Jugendlichen im Bereich der reproduktiven und sexuellen Rechte zu verhindern.
Auf Länderebene verläuft der Prozess unterschiedlich: In vielen Ländern (z.B. in Asien) bleibt die Reduktion des Bevölkerungswachstums oberstes Ziel, und das Konzept der reproduktiven Gesundheit ist vor allem Mittel zum Zweck. Beispiele wie Peru, wo die Sterilisierungsprogramme der Regierung vor allem die indigene Bevölkerung und die Slumbewohnerinnen betrafen, machen deutlich, dass das Konzept der reproduktiven Gesundheit nur dann einen Fortschritt bedeutet, wenn es auf den reproduktiven Rechten des Individuums - namentlich der Frauen - beruht.
Viele Regierungen haben ihre Politik zwar im Sinne von Kairo neu definiert, doch wird die praktische Umsetzung durch zahlreiche Faktoren behindert wie alte Mentalitäten, traditionelle Gesundheitsbürokratien, fehlende finanzielle Mittel, zu wenig dezentrale Infrastruktur und ungeschultes Personal. In manchen Ländern, v.a. in Afrika, sind die Gesundheitssysteme bereits von den bestehenden Problemen wie Aids, Tuberkulose usw. völlig überfordert.
Welche sind heute die kontroversen Punkte in der internationalen Diskussion um die Bevölkerungsfrage, demographische Entwicklung und "Reproductive Health and Rights"?
Umstritten im Bereich der reproduktiven Gesundheit ist alles, wo das Recht der Frauen und Mädchen auf selbstbestimmte Sexualität und Reproduktivität in Konflikt gerät mit patriarchalen Strukturen und Vorstellungen: die Anerkennung unterschiedlicher Familienformen; das Recht auf eigene Entscheidungen bezüglich Sexualität und Fortpflanzung, frei von Zwang und Gewalt auch innerhalb der Ehe; das Recht auf freien Zugang zu qualifizierter Beratung und Kontrazeption, auch für Jugendliche, inkl. "emergency contraception" (vom Vatikan als Schwangerschaftsabbruch bekämpft); das Recht auf Schwangerschaftsabbruch oder zumindest qualifizierte medizinische Betreuung bei Schwangerschaftsabbruch; das Recht auf Schutz vor schädlichen "kulturellen" Praktiken wie genitale Verstümmelung bei Mädchen.
Sind heute schon greifbare Ergebnisse des Kairoer Aktionsprogramms sichtbar, bzw. welche Aspekte wurden bis jetzt konkret umgesetzt?
Die Bemühungen, reproduktive Gesundheitsdienste in die Basisgesundheitsversorgung zu integrieren, sind in vielen Ländern in Gang gekommen. Ebenso die Tendenz weg von Sterilisation zu einem breiteren Spektrum benutzer/innenfreundlicher Verhütungsmethoden. Aids-Präventionskampagnen verzeichnen Erfolge (Bsp. Thailand, weniger Neuansteckungen). Genitale Verstümmelung bei Mädchen ist neu in einigen Ländern strafbar. Viele Regierungen führen Frauenförderungs- und Gleichstellungsmassnahmen ein.
Welches ist das grösste Einzelproblem im Bereich der "Reproductive Health", und was müsste zu seiner Überwindung getan werden?
Der Begriff reproduktive Gesundheit ist in der Bevölkerung fremd und tönt technisch. Das Konzept in seiner umfassenden Bedeutung und Komplexität ist schwierig verständlich zu machen. Im Rahmen der globalen Bemühungen und diversen Gipfel für eine nachhaltige Entwicklung scheint Kairo am wenigsten integriert und vernetzt weiterzulaufen. Viele Entwicklungs-, Umwelt- und Frauenorganisationen bleiben auf kritischer Distanz, scheuen das heisse Eisen oder sind desinteressiert. Auch in den Verwaltungen fehlt meist ein übergreifender Ansatz. Als sektorielles Thema hat reproduktive Gesundheit jedoch wenig Chancen und erscheint höchstens als unliebsame Konkurrenz zu bereits etablierten "mindestens so wichtigen" Bereichen.
Was kann/muss in den nächsten fünf Jahren erreicht werden, und worin besteht der Beitrag Ihrer Organisation?
Es wird eine wichtige Aufgabe der nächsten Jahre sein, von sektoriellen und vertikalen Strategien wegzukommen und die Anliegen von Kairo konzeptuell und praktisch in die verschiedenen Bereiche einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit zu integrieren. Dazu ist eine verstärkte Zusammenarbeit unter verschiedenen Nichtregierungsorganisationen nötig auf nationaler und internationaler Ebene und zwischen NGOs und Regierungsstellen.
Die SVFS/ASPFES setzt sich als schweizerischer Dachverband für Qualität und Zusammenarbeit in allen Belangen der reproduktiven und sexuellen Gesundheit ein und engagiert sich auf nationaler und internationaler Ebene für die Umsetzung von Kairo.
Leni Robert ist Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Familienplanung und Sexualerziehung SVFS/ASPFES. Die SVFS hat ein Positionspapier schweizerischer Nichtregierungsorganisationen zu "Kairo+5" entworfen und die NGOs in einem Rundschreiben vom 27. April 1999 eingeladen, dazu Stellung zu nehmen. An einem Arbeitstreffen der NGOs mit der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit DEZA vom 10. Juni 1999 wurden die schweizerische Position für die UNO-Generalversammlung von Ende Juni in New York sowie die weitere Zusammenarbeit zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen diskutiert.