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Jacqueline Badran, eine der neun Überlebenden des Flugzeugabsturzes von Bassersdorf 2001, ist skeptisch, ob die Branche aus der Katastrophe etwas lernt. Trotzdem hofft sie, dass der Prozess in Bellinzona das Verantwortungsbewusstsein erhöht.
Sie hätten für eine "Angstkultur" gesorgt, wirft der Bundesstaatsanwalt den sechs Angeklagten der ehemaligen Regionalfluglinie Crossair vor. Der Absturz des Jumbolino bei Bassersdorf vom 24. November 2001 sei eine Konsequenz davon gewesen.
Der Pilot hatte bereits 13 Flugstunden hinter sich, als er an jenem Abend von Berlin kommend den Flughafen Zürich-Kloten ansteuerte. Er flog zu tief und stürzte in einem Waldstück bei Bassersdorf (ZH) ab. 24 Personen, darunter die beiden Piloten, kamen dabei ums Leben. Neun Personen, die sich alle im hinteren Teil der Maschine befanden, überlebten das Unglück.
Eine von ihnen ist Jacqueline Badran. Bei dem Absturz ist sie mit einer gebrochenen Hand, mit einem Sehnenriss und Blutergüssen am ganzen Körper davon gekommen. Sie musste eine Nacht lang im Spital bleiben.
Bevor sie sich nach dem Absturz des Flugzeugs selber in Sicherheit brachte, sei sie einer Hostesse zu Hilfe gegangen, die neben dem brennenden Flugzeugwrack wie gelähmt vor Schock immer wieder geschrien habe: "Meine Füsse, meine Füsse", weil sie ohne Schuhe kalt hatte im Schnee.
Sprecherin der Opfer
In den mehr als 6 Jahren nach dem Unfall hat die heute 46-jährige Jacqueline Badran unzählige Interviews gegeben: "Ich wurde von den Medien dermassen instrumentalisiert", sagt die gelernte Biologin und Ökonomin, die sich an ihrem Wohnort als Gemeinderätin engagiert. Sie ist Miteigentümerin einer Firma in Zürich, die auf Internet-Lösungen spezialisiert ist.
"Wenn man sich wie ich politisch engagiert, ist es nicht nachvollziehbar auf das Etikette einer Überlebenden reduziert zu werden", sagt sie.
Nach den Bildern, die von ihr am Fernsehen gezeigt worden waren, wurde Jacqueline Badran so etwas wie eine Sprecherin der Opfer des Crash, die sich auf alle Interview-Anfragen einliess. Sie hat sich oft aufgeregt über die Fehler und Verkürzungen in den Berichten.
Heute ist sie deshalb ziemlich misstrauisch gegenüber den Medien geworden.
Haarsträubende Mängel
Dennoch äussert sie sich im Zusammenhang mit dem Prozess in Bellinzona. "Ich hoffe, dass ich mit meinen Aussagen die öffentliche Meinung über die Flugsicherheit sensibilisieren kann", sagt sie.
"Meiner Meinung nach hat sich seit Bassersdorf nichts geändert. Ich bin nicht sicher, ob die Swiss die Qualitäts-Standards von der Swissair übernommen hat. Swiss hat eher die Mentalität der Crossair übernommen", gibt sich Badran überzeugt.
Jacqueline Badran hat sich seit dem Crash intensiv mit der Materie befasst. "Der Unterschied ist einfach. Bei der Swissair musste ein Pilot einen Rapport verfassen, wenn er sich nicht an die Prozeduren hielt. Bei der Crossair nur dann, wenn er zusätzliche Kosten verursacht hatte."
Sie ruft in Erinnerung, dass der Unglückspilot des Jumbolino am Morgen noch Flugstunden erteilt hatte, um seinen Lohn aufzubessern.
Kehrseite der Medaille
Badran lehnt sich auch gegen die billigen Flugpreise auf. "Wieso will man die Kehrseite der Medaille nicht sehen? Die Ticketpreise sinken und sinken. Da bleiben gewisse Ausgaben auf der Strecke."
Seit dem Crash von Bassersdorf ist sie dreimal wieder in einem Flugzeug gesessen. Das erste Mal in einem Flugangstkurs. "Es wird für mich nie mehr selbstverständlich sein, in ein Flugzeug zu steigen", räumt sie ein.
Schein-Crash
In einem Kurs gegen die Flugangst hat sie in einem Flugsimulator einen fingierten Absturz eingeleitet. "Da glaubt man wirklich daran, die kleinen Punkte am Boden werden sehr schnell grösser. Im letzten Moment hat der Co-Pilot ein Durchstartmanöver simuliert." Wieso hat sie sich das angetan? "Ich dachte, das wirke therapeutisch", lacht sie.
Die psychologische Hilfe, die den Überlebenden von Bassersdorf nach dem Unglück angeboten wurde, hat Badran nicht in Anspruch genommen. Dafür hat sie sich ein Ritual angeeignet: Jeweils am Unfalltag geht sie mit dem damaligen Feuerwehrkommandanten und dem Kripochef zum Nachtessen in ein Restaurant nahe der Absturzstelle.
Den Prozess in Bellinzona will Badran nicht vor Ort verfolgen. "Ich habe gegen die Angeklagten keine Hass- oder Vergeltungsgefühle. Ich kann nur hoffen, dass die 24 Personen nicht sinnlos gestorben sind."
swissinfo, Ariane Gigon
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)
Der 1. Prozesstag
Crossair-Gründer Moritz Suter und der ehemalige CEO André Dosé fühlen sich nicht verantwortlich für den Flugzeugabsturz von Bassersdorf. Sie wiesen den Vorwurf der fahrlässigen Tötung vor dem Bundesstrafgericht zurück.
Bei dem Absturz des Jumbolino im Landeanflug auf den Flughafen Zürich-Kloten waren am 24. November 2001 insgesamt 24 Personen, darunter die beiden Piloten, ums Leben gekommen. Neun Menschen überlebten wie durch ein Wunder.
Suter, Dose und vier weitere Kaderleute der Crossair waren für diese Katastrophe mitverantwortlich, behauptet die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage.
Diese Woche will das Bundesstrafgericht in Bellinzona Zeugen zum Sachverhalt befragen.
Ab 12. Mai stehen die Plädoyers auf dem Programm. Das Urteil wird voraussichtlich am 16. Mai verkündet.
CROSSAIR
Die Gesellschaft wurde 1978 von Moritz Suter gegründet. Heimatflughafen war der Euro-Airport Basel-Mulhouse-Freiburg.
Die Airline war auf innereuropäische Flüge spezialisiert.
1988 musste die Gesellschaft 41% der Aktien an die damalige Swissair verkaufen, um wirtschaftlich überleben zu können.
1993 wurde Crossair mit der Übernahme der Aktienmehrheit zur Swissair-Tochterfirma.
Nach dem Grounding der Swissair im Oktober 2001 diente die Crossair als Grundlage für den Aufbau der Nachfolgegesellschaft Swiss.