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Karin Hoffsten über ein Gericht mit kuriosem Namen
Als meine Nichte aus Deutschland kürzlich in einem Walliser Café einen Kuchen bestaunte, der zu ihrer Erheiterung mit «Cholera» angeschrieben war, kam mir das Teekesselchenspiel wieder in den Sinn: Dabei muss jemand ein Wort mit Doppelbedeutung raten, während zwei weitere SpielerInnen abwechselnd Hinweise auf die unterschiedlichen Bedeutungen geben, in diesem Fall also zum Beispiel: Das eine Teekesselchen verursacht Durchfall und kann tödlich sein, das andere ist sehr bekömmlich, sättigt und schmeckt hervorragend. Die zwei Bedeutungen von Cholera bilden zweifellos einen unaufhebbaren Widerspruch, wobei die zweite, gesündere Deutung nur in der Schweiz existiert, genauer gesagt: im Wallis.
Beim befremdlich heissenden Backwerk handelt es sich um einen gedeckten salzigen Kuchen aus Blätter- oder Mürbeteig, der mit mehreren Lagen Kartoffeln, Lauch, Zwiebeln, Speck, Käse, Birnen und Äpfeln gefüllt wird. Da das Wallis inzwischen zu einer meiner diversen Heimaten geworden ist, kenne ich die essbare Cholera schon länger und kann nur bestätigen: Sie ist gesundheitlich völlig unbedenklich und schmeckt wirklich köstlich!
Zur Entstehungsgeschichte des Namens gibt es verschiedene Theorien, die dramatischste gefällt mir am besten: Als um 1832 in Walliser Bergdörfern eine Choleraepidemie wütete, wollte man wegen der Ansteckungsgefahr das Haus nicht verlassen und buk aus dem, was an Vorräten in Keller und Speisekammer lagerte, einen nahrhaften Kuchen. Gemäss Wikipedia gibt es weitere Erklärungen, die den Begriff «Cholera» auf die Walliser Wörter für Kohle oder für einen Raum vor dem Ofen zurückführen. Gesichert ist nur eines: Der Name der Speise lässt sich nicht auf das Werk des Dichters Ernst Ortlepp zurückführen, der zu jener Zeit «Die Cholera, ein episch-lyrisches Gedicht in 637 Versen» schrieb, obwohl von ihm der Satz überliefert ist: «Ich will der Nachwelt was zu kauen geben.»
Für die essbare Cholera finden sich diverse Rezepte im Internet. Eine äusserst wohlschmeckende Variante – «Furri-Maries Cholera» – bietet das Restaurant Riederfurka auf der Riederalp an, wo man sie bei gleichzeitigem Blick aufs atemberaubende Gebirgspanorama geniessen kann. Die namensgebende Furri-Marie war übrigens eine Ahnin des auf der Riederalp allgegenwärtigen Hotelkönigs und Restaurantbesitzers Art Furrer, was dem Geschmack ihrer Erfindung jedoch keinerlei Abbruch tut.
Auch wenn uns hierzulande zum Glück keine ursprüngliche Cholera mehr droht, backen Sie sich doch mal eine – die Walliser Köstlichkeit passt ideal in die herbstliche Jahreszeit! Und beim Essen freuen wir uns daran, dass uns der medizinische Fortschritt andere Notgerichte, wie zum Beispiel die «Influenza» oder den «Polio», erspart hat.
Karin Hoffsten legt Wert auf die Feststellung, beim Erstellen dieses Texts weder finanziell noch in Form von Naturalien seitens der Art-Furrer-Hotel- und Restaurationsbetriebe unterstützt worden zu sein.