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Eine Buch Rezension von Alice Kern
Manuka Wijesinghe: Ein Mann des Mittleren Weges, Roman, übersetzt von Reinhold Schein, Draupadi Verlag, Heidelberg, 2019, 410 Seiten, 24,80 Euro.
Derek Gregory meinte einmal, Forschende sollten mehr nicht-akademische Literatur lesen. Manuka Wijesinghes neu auf Deutsch erschienener Roman ist dafür eine gute Gelegenheit: für Sri Lanka Forschende ebenso wie für alle am menschlichen Leben interessierte LeserInnen.
Wie schreibt man die Geschichte seiner Vorfahren, die zugleich Geschichte eines ganzes Landes ist? Manuka Wijesinghe erzählt in ihrem Roman die Geschichte ihres Großvaters, Weerasinghe Aarachchilage Piyatissa Weerasinghe, und gleichzeitig einen wichtigen Teil der Geschichte Sri Lankas kurz vor der Unabhängigkeit 1948, damals noch Ceylon genannt. Es ist eine schöne, faszinierende, wundersame, traurige, und doch hoffnungsvolle Geschichte, die in einem abgelegenen singhalesischen Dorf spielt. In ihrem Zentrum, oder sozusagen in ihrer Mitte, steht der Theravada-Mann, der Mann das Mittleren Weges, sowie immer wieder Fragen, was denn dieser Weg ist, wie man ihn findet und geht und manchmal vielleicht auch, warum man ihn überhaupt sucht.
Das heutige Sri Lanka ist stark geprägt vom post-kolonialen singhalesisch-buddhistischen Nationalismus, der sich auf vielfältige und oft auch gewalttätige Weise gegen andere Strömungen des Landes durchsetzt. Dabei wird oft vergessen, wie viele Gemeinsamkeiten die Bewohner/-innen der tropfenförmigen Insel im Indischen Ozean jahrhundertelang hatten. Lange waren die heute so klar wirkenden Grenzen zwischen Religionen, Ethnien, Kulturen und Menschen (Buddhismus, Hinduismus, Islam, Christentum, Singhalesisch, Tamilisch, Muslimisch, Burgher, Veddha, Malay, ,...) verschwommen und durchlässig und hätten „durch ein Nadelöhr gepasst“ (S. 375). Aus Sicht des Astrologen nennt Wijesinghe das die Zeit, als „der Dharma darauf zugeschnitten war, für jedermann zu passen, und nicht jedermann, um zum Dharma einiger weniger Menschen zu passen“ (S. 390). Mitte des 20. Jahrhunderts ist dieser größere, umfassendere Glaube allerdings bereits Erinnerung und wird nur noch von wenigen Menschen gelebt. Gerade diese Menschen führen oft ein Leben, das bei anderen als einfach, arm, wunderlich und bildungsfern gilt – wie beispielsweise die Weisheiten des Fuhrmanns auf seinem Ochsenkarren: „Erst wenn die Räder sich nicht mehr drehen, ist mein Karma erfüllt“. (S. 59)
Genau das Gegenteil davon ist der Theravada-Mann. Der angesehene Dorfschulmeister und Rektor weiß genau, was er will und auch, was er nicht will. Er schätzt Wissen (in Form von rationaler britischer Bildung), Überzeugung (in Form von der ursprünglichen, strengen Theravada-Buddhismus Tradition), seine Unabhängigkeit (in Form von Wohlstand, Geisteshaltung und emotionaler Distanz). Diese Unabhängigkeit (und damit vorübergehend auch Wissen und Überzeugung) kommt ins Wanken, als er plötzlich das unbekannte Verlangen verspürt, eine Frau zu heiraten. Für viele ist dies das Ende einer Geschichte, für Manuka Wijesinghe fängt sie, auch wörtlich genommen, damit erst an. Und tatsächlich ist es in diesem Buch vor allem die Frau, Ariyawathie, weiblicher Theravada-Mann und ebenfalls Lehrerin, die Leben in die Geschichte bringt und als einzige Kopf mit Herz verbindet. Dadurch wird sie nicht nur Gegenpol gegenüber dem Mann des Mittleren Weges, sondern auch der eigentliche Kern dieser Familiensaga. Durch sie verstehen wir auch, dass gerade in Zeiten größter Not, wenn alle Facetten des Lebens von Leid getränkt sind (S. 316), der Glaube vielleicht das einzige ist, an was man sich noch halten kann, auch wenn oder gerade weil der Alltag doch so ganz andere, oft schmerzliche, Erfahrungen bringt.
Gerade heute in Zeiten von Nationalismus, ethnischer Polarisierung, politischem Ausnahmezustand und andauernder Nachkriegsunsicherheit, ist es lohnend, den Blick zurückzuwerfen sowie verschiedene Perspektiven einzunehmen: weg von den sich täglich wiederholenden, spektakulären Nachrichten, hin zum alltäglichen und doch gerade dadurch außergewöhnlichen Leben der Menschen und ihrer Vielfalt. Vielleicht sind es gerade in solchen Zeiten die Mythen, das einfache Leben oder der Narr, von denen wir am meisten lernen können: „Alle Flüsse fließen in denselben Ozean“ (S. 362). Auch dieser Roman schafft einen wunderbaren Lesefluss. Manuka Wijesinghe gelingt es mit viel feiner Beobachtungsgabe, Geduld, und Humor, ein leuchtendes Bild ihrer Heimat zu entwerfen, voller Überraschungen, Mitgefühl, und Einsicht.