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Wässerru
Bild und Geschichte 34
Als der Liebe Gott mal durchs Wallis schlenderte, um zu sehen, wie ihm seine Schöpfung so geraten sei, sah er viel Schönes und freute sich über sein Werk. Bis er nach Ausserberg kam und dort ein übermüdetes Bäuerlein beim Wässern antraf. Er kam mit ihm ins Gespräch und erfuhr nun auch von dieser Seite, dass er seine Arbeit doch wohl gar nicht so schlecht gemacht hatte – diese Ruhmesworte von einem Ausserberger! Zum Abschied wollte er dem Bäuerlein noch etwas Gutes tun und er meinte: «Ein bisschen mehr regnen lassen sollte ich in Zukunft wohl schon?» Da erwiderte das Bäuerlein: «Als wa güet und rächt ischt, aber wässerru tüen ich de schoo no lieber sälber!» Wie diese kleine Anekdote zeigt, ist Bewässern eine sehr heikle Angelegenheit. Zum Bewässern gibt es drei Methoden: die richtige, die falschen und die «grobiäänische», die «ungschlachti». Die richtige Methode ist die eigene, die falsche die andere und die «ungschlachtig», die des bösen Nachbars.
Spass bei Seite, grundsätzlich gibt es zwei Methoden, die eine in steilem Gelände und mit wenig Wasser (z.B. Ausserberg), hier leitete man das Wasser gleichmässig in die Wiese. Mit Steinplatten wurde das Wasser an fünf bis zehn Stellen aufgestaut, so dass es in kleinen Mengen gleichmässig in die Weise floss; das nannten wir «an Zetti»; wo es notwendig war, wurde es mit dem «Wässerbieli» (Wasserbeil) in einem zusätzlichen «Schrapf» (kleiner Wasserkanal) an die richtige Stelle geleitet. Mit der Zeit entstand durch das Geschiebe (Litta), die das Wasser mitbringt, richtige quer zum Hang liegende «Hubla» (Hügel). War die «Zetti» eingeschlagen, musste man einerseits oben darauf achten, dass sich nichts veränderte, man musste hier etwas lockern und dort etwas «bscheibu» (verstopfen), so dass der Fluss gleichmässig bleibt. Aber immer wieder musste man unten am Ende der Wiese kontrollieren, ob das Wasser durchlief; wenn es schön gleichmässig durchfloss, liess man das Wasser noch so ca. 10 Minuten weiterlaufen, das abfliessende Wasser, «ds Zettwasser», wurde meisten gleich in die darunterliegende Wiese geleitet. War der Wiesenstreifen fertigbewässert, musste man das Wasser «fircheschlaa» (weiterleiten). War die ganze Wiese bewässert, musste man hinauf zur Hauptwasserleite und den Wasserstrom in die nächste Wiese leiten. In der Millarchra (oberhalb Ausserberg) hatten wir sechs Wiesen und dafür mussten wir 3 Mal hinauf zu Hauptwasserleite; er ganze Bewässerungsakt dauerte 12 Stunden, alle drei Wochen einmal von morgens 8 Uhr bis abends 8 und einmal die ganze Nacht durch. Unbeaufsichtigt konnte man das Wasser nie lassen, sonst war die Wiese plötzlich weg, d.h. wenn die Wiese zu viel «Falg» (Nässe) bekam, löste sich in dem steilen Gelände die Humusschicht und rutschte zum Nachbar ab: «rufinu» (Rüfe); wer diesen Schaden hatte, brauchte für den Spott nicht zu sorgen. Unser Wiesen war steil und mit Mäuerchen terrassiert, dass es auch anderes gab, bemerkte ich Mitte der fünfziger Jahren, als der Mutterverein einen Ausflug nach Bürchen, Hellelen machte und meine Mutter am Abend schwärmte: «Dii Matte, so schöön flach und keis einzigs Müürli» (Die Wiesen, so schön flach und keine einzige Mauer).
Wo man genügend Wasser hatte und der Boden flach war z. B. Ried Brig, schlug man einfach an «Wässerplatta» (meistens eine Blechscheibe mit einem Henkel oben und einem Handgriff zur Seite) in die Wasserleite, leitete das ganze Wasser in einem Schwall auf die Wiesen, bis es unten rauslief und schlug dann die Platte fünf bis 10 Meter weiter ein. Diese Methode war für uns undenkbar, das war nur «Uberschrecku» und das gab keinen «Falg». Aber man hatte ja auch genug Wasser, denn der «Cheer» (Wasserumlauf vom Anfang bis zum Ende einer Suon) kam ja alle 10 Tage.
Den «ungschlachtu» Wässerer habe ich in Ried Brig getroffen Als ich hier ein Stück Bauland kaufte, hat mein Anrainer beim Wässern seiner Weise meinem Nachbar unter mir zwei Mal den Buschhag ausgeschwemmt und die Garage mit Wasser gefüllt. Auf meine Reklamation gab er mir zur Antwort: «Düü främde Zoggol müescht mier hie sicher nit cho säge, wie ich soll wässerru!» Als ich ihm dann mit dem Friedensrichter drohte, habe ich festgestellt, dass seine Methode auch hier nicht die übliche ist.
Inzwischen wurden fast alle Wiesen, die noch landwirtschaftlich genutzt werden, auf Berieselung umgestellt.
Bürchen, 7. Mai 20
Bildquelle: Wässermann am Wasserschlegel, aus: Felix Schmid: Ausserberg und seine Wasser
PS. Die Oberwalliser Hauptbewässerungslandschaft wurde 2020 von der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz zur Landschaft des Jahres ausgezeichnet