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Sie waren beim Bostock angekommen. Lena fand es komisch, für das Betreten einer Turnhalle Eintritt zu bezahlen. Auch das Unterbringen der Jacke in der Turnhallengarderobe erinnerte mehr an einen Teenager-Event denn an einen Ball, wie der Anlass zu Fasnachtszeiten so schön heisst. Sie versuchte, sich nicht durch Flashbacks an die Schulzeit aus dem Konzept bringen zu lassen. Sie war nie der Typ für grosse Partys gewesen. Meist stand sie irgendwo still am Rand. Heute würde sie mitspielen – sie trat in die Halle, sie betrat die Bühne. Es war dunkel. Auf der Bar standen vereinzelte Kerzen. Als Dekoration hingen riesige Masken über den Sprossenwänden und auf einer kleinen Bühne war das Equipment des DJs untergebracht. Lena warf einen kurzen Blick auf die Reihe der Männer an der Bar, stellte sich neben einen grossen, dunkelhaarigen und sagte mit einem Fingerzeig auf den Drink: «Gute Wahl, spendierst du mir auch einen?» Er nickte, orderte fast augenblicklich einen Long Island Ice Tea und stellte sich beim Anstossen als Marcel vor. «Lena», antwortete sie. «Prost.» «Prost schöne Frau, warum seh ich dich hier zum ersten Mal?» «Bin erst vor Kurzem hergezogen.» «Ein Glück für Spreitenbach.» «Vielleicht.» «Und was machst du so, wenn du keine fremden Männer ansprichst?» «Ich arbeite in einem Büro, Datenverarbeitung. Und was machst du so, wenn du keinen fremden Frauen Drinks spendierst?» Marcel begann zu erzählen. Von seinem Job als Chauffeur bei der Post. Von gefahrenen Strecken und von zunehmendem Stress. Lena ertappte sich dabei, immer weniger zuzuhören. Sie hatte bereits den nächsten Herrn im Blick, den sie ansprechen wollte. Inzwischen war auch Marina wieder dazugestossen und so durfte der Blondgelockte im grauen Anzug sie beide vor dem Sitzen auf dem Trockenen bewahren. Lena war verblüfft, wie leicht diese Form der Kontaktaufnahme funktionierte. Sie stellte natürlich auch fest, dass an einem echten Gespräch, einem tatsächlichen Kennenlernen nicht wirklich Interesse bestand. Was sie wiederum zu der Frage führte, ob einer dieser Männer tatsächlich daran glaubte, dass ein Drink und ein paar Sätze, in denen man den Namen des Gegenübers erfuhr, für einen One-Night-Stand ausreichten? Sie rief sich zur Ordnung. Vielleicht war das bei anderen Frauen ja auch der Fall, das konnte sie in keinster Weise beurteilen.
Plötzlich sprang eine Art lederjackentragender Bigfoot um die Schwestern herum, packte erst Marina, dann Lena am Arm und wirbelte sie im Kreis herum. «Luis, Luis, langsam bitte, für eine Achterbahn habe ich schon zu viele Drinks intus, mir wird gleich schlecht», brüllte Marina gegen die Guggemusik an. Das Untier schien zu verstehen, jedenfalls bremste es und fing an, Marina mit seinen Pranken über den Kopf zu streichen. «Ja, ja, du bist ein ganz Lieber, das weiss ich doch», flattierte ihre Schwester im Gegenzug, bis das Wesen sich beruhigte. Doch die Ruhe dauerte keine Minute, die ersten Takte von «Summer of 69» packten den Bigfoot. Eine Art hopsender Ringelreihn für alle drei war die Folge. Erst als Bryan Adams Stimme verklungen war, schien auch dem Pelzwesen die Luft auszugehen. «Mein Gott, ist das heiss hier drunter, ich brauche dringend ein Bier.» Hervor kam das schmale, längliche Gesicht eines Mannes, ohne Bart und mit rasiertem Kopf. «Wusste ich doch, dass du das bist.» Luis und Marina umarmten sich. «So, jetzt lernst du endlich auch mal meine ältere Schwester kennen.» Marina zog Lena heran: «Luis – Lena, Lena – Luis.» «Freut mich, Lena», sagte er und küsste sie leicht auf beide Wangen. «So, und ich hole dir jetzt dein Bier.» Marina klopfte Luis auf den Rücken. Es war fast, als hätten sich die beiden in der Bar getroffen, in der Marina neben der Uni arbeitete. Luis war einer der vielen Männer, von denen Marina schon erzählt hatte. Sie nutzte die Arbeit für psychologische Beobachtungen. Luis sei bekannt wie ein bunter Hund, weil er viel Zeit in Kneipen verbrachte. Als Sohn einer angesehenen Handwerkerfamilie habe er früh geheiratet und eine Familie gegründet. Doch die Ehe hielt nicht, er verlor seine Kinder, brach mit der Vergangenheit. Der scheinbar so gesittete Lebensstil sei für ihn zum Gefängnis geworden. Marina kam mit drei Bier zurück, sie stiessen an und während Marina und Luis sich unterhielten, konnte sie ihn eingehender betrachten. Sie fand ihn nicht wirklich attraktiv, er wirkte furchtbar dünn, als hätte er zu viel gekämpft. «Wie geht es dir?» Lena erschrak ein wenig. Die Frage hatte sie aus ihren Gedanken gerissen. Sie hatte gar nicht mitbekommen, wie Marina verschwunden war, und nun sprach Luis sie an. «Wie es mir geht? Das ist eine seltsame Frage in dem Trubel.» Er kam einen Schritt näher und lächelte sie an: «Ich meine sie aber ernst. Spreitenbach ist ein Dorf, Marina hat mir von deiner Trennung erzählt. Wie verkraftest du es?» «Schlecht.» Lena blieb einen Moment die Luft weg, ob ihrer eigenen spontanen Ehrlichkeit. «Ich weiss nicht, wie ich mit seinem Betrug umgehen soll. Ich fühl mich wie angeschossen, ausgeliefert.» Schweigende Atemzüge. «Ich kenn das. Es ist eine harte Zeit, aber sie geht vorbei. Man weiss nicht wie, aber sie tuts.» Lena kämpfte mit sich. Hatte sie wirklich gerade mit einem Fremden über das Ende ihrer Ehe gesprochen? Sie machte einen Schritt auf Luis zu. Er legte den Arm um Lena, sie den Kopf an seine Schulter. Sie atmete das holzige Aftershave ein. Einen Augenblick, dann machte sie den gleichen Schritt zurück. Sie versuchte Luis in die Augen zu sehen. Wollte lesen, ob mit der Umarmung eine Absicht verbunden war. Die Wärme seines Blickes war geradeaus. Wenn er Hintergedanken hatte, spürte Lena sie nicht. Später würde sie nicht mehr wissen, wie oft sie den Schritt auf Luis zu – und von ihm weg gegangen war. Sie würde sich nur noch daran erinnern, wie wohl ihr die Nähe getan hatte. Sie hatte mit ihm getanzt. Als sie sich gegen vier Uhr morgens auf den Heimweg machte, erschwerten die zahlreichen Drinks das Gehen. Doch der Erinnerungsnebel hatte sich verzogen, Lena schlief sich in den Sonntag hinein.