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Gleich nachdem ein Krieg zwischen der Schweiz und Preussen verhindert wurde, liess ein preussischer Baron das Schloss Hünegg am Thunersee errichten. Dieser herrschaftliche Landsitz ist nicht nur Zeuge einer längst untergegangenen Zeit, sondern lädt bis heute Besucherinnen und Besucher ein, in der beeindruckenden Parkanlage zu verweilen.
Wir befinden uns im Dezember 1856. Die schweizerische Eidgenossenschaft ist noch nicht zehn Jahre alt und schon mobilisiert sie zum Krieg. Der Gegner ist nicht irgendwer, sondern das mächtige Königreich Preussen. In genau 15 Jahren sollte dieses Königreich nach dem niederschmetternden militärischen Sieg über die französischen Truppen, die damals als die stärkste Armee Europas galten, im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich ausrufen.
Der am 27. Dezember 1856 vom Schweizer Parlament in Bern zum General gewählte Guillaume-Henri Dufour zeigt sich aber optimistisch. Zwei eiligst aufgebotene Divisionen wurden an die Nordgrenze verlegt und im Januar 1857 wurde in Basel die Dufourbrücke über den Rhein errichtet. Diese militärische Pontonbrücke sollte die Truppenbewegung an der Grenze erleichtern. Von Rückzug war also keine Rede.
Was zu einem bedeutenden zwischenstaatlichen Krieg hätte führen können, deren Ausgang ungewiss war, wurde im letzten Moment unter Vermittlung des französischen Kaisers Napoleon III. friedlich beigelegt. Die Truppen wurden demobilisiert und die Dufourbrücke bereits im März 1857 abgebaut. Preussen verzichtete endgültig auf seinen historischen Anspruch auf Neuenburg, was als Neuenburgerhandel in die Annalen ging.
Dieses kriegstreiberische Intermezzo soll nicht über die sonst engen sozialen und kulturellen Beziehungen zwischen der Schweiz und Preussen hinwegtäuschen. Während viele Schweizer in Preussen lebten, so wie beispielsweise der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller in den 1850er-Jahren in Berlin weilte, so hatten viele preussische Adelige und Bürgerliche ihren festen Wohnsitz in der Schweiz.
Baron Albert Emil Otto von Parpart (1813-1869) hatte als Offizier in königlich-preussischen Diensten gestanden. Nachdem er bei Thun grössere Parzellen Land erworben hatte, liess er 1861, vier Jahre nach dem Neuenburgerhandel, in der Nähe der Berner Gemeinde Hilterfingen am rechten Ufer des Thunersees einen herrschaftlichen Landsitz errichten.
Der Bauherr Heino Schmieden, junger Architekt aus Preussen, war beeinflusst von den damaligen Bauten des aufkommenden Historismus. Die damaligen Nationalbewegungen und der Aufbau von Nationalstaaten wie dem Königreich Italien ab 1861 und dem Deutschen Kaiserreich ab 1871 bedurften einer Rechtfertigung. Diese wurde vorwiegend in der Vergangenheit gesucht, was zu einem zunehmenden Geschichtsinteresse und -bewusstsein führte. Der Historismus drückt genau diese Allgegenwart des Historischen in der Architektur aus.
Der Historismus äussert sich vorwiegend in der Imitation von verschiedenen historischen Baustilen, sei es die Romanik, die Gotik, die Renaissance oder der Barock. Die Vorbilder für das Schloss Hünegg waren einzelne französische Renaissanceschlösser, die im 16. Jahrhundert an der Loire errichtet wurden. Insbesondere das berühmte Schloss Chenonceau, das Schloss Blois sowie das Schloss Azay-le-Rideau wurden von Heino Schmieden als Modell verwendet.
Das Schloss Hünegg ist aber keine exakte Nachahmung dieser Loireschlösser, sondern pflegt typisch historistisch einen sehr freien Umgang mit den einzelnen Stilrichtungen. In der Architektursprache wird von französischer Neurenaissance gesprochen. In nur zwei Jahren war das Schloss beendet. Leider blieben dem Baron Albert Emil Otto von Parpart nur wenige Jahre um sich dieses Baus zu ergötzen. Er verstarb bereits 1869.
Rund um das Schloss Hünegg entstand ebenfalls zwischen 1861 und 1863 unter Heino Schmieden eine beeindruckende Parkanlage. Auch sie stand ganz im Zeichen des Historismus: neben Elementen des jardin à la française finden sich auch viele Merkmale des Englischen Gartens. Auf dem hügeligen Gelände oberhalb des Thunersees wurden auch ein stattliches Gärtnerhaus, mehrere Gewächshäuser sowie ein Badehäuschen am Seeufer errichtet. Zusätzlich wurde die gesamte Anlage mit exotischen Gewächsen versehen.
Nach dem Tod des Barons Albert Emil Otto von Parpart ging das Schloss Hünegg zuerst an einen Neffen über, dann folgten mehrere Besitzer, die kleinere bauliche Veränderungen vornahmen und das Innere im Jugendstil neu gestalteten. Seit 1958 befindet sich das Schloss Hünegg im Besitz des Kantons Bern und ist öffentlich zugänglich.