Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03316.jsonl.gz/2646

Die wichtigste Usability-Aktivität
Feldstudien oder Nutzertests - was lohnt sich am meisten? Das hängt von der Usability-Reife Ihres Unternehmens ab, aber Nutzertests sind sicherer, wenn Sie sich nur eine Sache leisten können.
by Jakob Nielsen (deutsche Übersetzung) - 16.07.2012
Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie beraten den Projektmanager eines geplanten Designprojektes (das noch nicht begonnen hat) und erfahren, dass Zeit und Budget nur für genau eine Usability-Aktivität ausreichen. Welche sollte das sein? Und an welcher Stelle sollte sie in den Projektfahrplan eingebaut werden?
Bitte denken Sie eine Minute über Ihre Antwort nach, bevor Sie meine lesen. Was würden Sie in dieser befreienden und gleichzeitig frustrierenden Situation tun? Sie haben die Wahl zwischen allen Usability-Methoden dieser Welt, können sich aber nur für eine Sache entscheiden.
(Für unseren Zweck können Sie sich nicht herausreden, indem Sie vorschlagen, diese "eine Sache" sei eine langfristige iterative Studie mit vielen Phasen; ich möchte hier wirklich einen einzelnen, gezielten Usability-Schritt.)
Nun präsentiere ich Ihnen die beiden Lösungen, die ich bevorzuge, und diskutiere die Vor- und Nachteile der beiden Möglichkeiten.
Option 1: Feldstudie vor dem Start des Designs
Usability-Profis beklagen sich oft darüber, dass sie zu spät hinzugezogen werden, um noch viel Nützliches beizutragen. Und das zu Recht: sind die Entscheidungen über die vorgesehenen Funktionen einmal gefallen, kann man im Grunde die Nutzeroberfläche nur noch mit weniger hochwertigen Methoden verbessern.
In meinem Szenario wurden Sie um eine Usability-Beratung gebeten, bevor das Projekt angefangen hat; es ist also möglich, im Voraus eine Nutzerforschung durchzuführen und die Ergebnisse zu nutzen, um zu entscheiden, was an erster Stelle gestaltet werden sollte.
Sie können also ins Büro der Nutzer gehen, zu Ihnen nach Hause, in die Fabrik, das Spital oder wo auch immer die Leute arbeiten und ihre typischen Aktivitäten erledigen, welches Ihr Design-Projekt unterstützen möchte. Beobachten Sie die Leute und Nutzer in ihrer realen Umgebung und beobachten Sie, was sie während des Arbeitsalltags und im echten Leben tun.
Halten Sie sich während der Feldstudie an folgende Schlüsselmethoden:
- Verhalten Sie sich ruhig, damit Sie das Nutzerverhalten nicht beeinflussen.
- Glauben Sie nicht, was die Leute sagen; beobachten Sie, was sie tun.
Wie ich schon immer gesagt habe: Nutzer sind keine Designer, deshalb sollten Sie ihre Nachfragen nach bestimmten Funktionen nicht immer allzu ernst nehmen. Warten Sie stattdessen auf die Gelegenheit, wirklich wichtige Features einzuführen, welche die Produktivität der Nutzer um mehrere Grössenordnungen steigern können. Nutzer können sich diese Features in den meisten Fällen nicht vorstellen oder nach ihnen fragen, aber Sie als Designer können die Aussichten auf ein grossartiges Design erkennen, wenn Sie die Nutzer dabei beobachten, wie Sie Zeit mit Workaround-Lösungen verschwenden - oder wenn sie nicht einmal mehr versuchen, die gewünschten Aufgaben zu erledigen.
Option 2: Frühe Nutzertests mit Low-Fi Prototypen
Alternativ können Sie abwarten, bis ein erstes Design entstanden ist, davon einen Papierprototypen erstellen und diesen mit einer Handvoll Nutzern testen. Dann können Sie das Design überarbeiten und dabei die vielen Usability-Problemen beheben, die der Test hervorgebracht hat.
In diesem frühen Stadium ist es noch möglich, grössere Änderungen an der Nutzeroberfläche und ihrer Architektur vorzunehmen, die Sachen hin- und herzuschieben, Funktionen umzugestalten und sogar Funktionen zu beseitigen, die sich als nutzlos oder zu verwirrend erwiesen haben. Manchmal gelingt es sogar, neue Systemfunktionen einzuführen, da Sie testen, bevor irgendetwas programmiert wurde.
Die Möglichkeit, Funktionalitäten umzugestalten und nicht bloss die Nutzeroberfläche, ist einer der wichtigsten Gründe für die Arbeit mit Papierprototypen.
Ausserdem ist es 100 Mal aufwändiger, etwas zu ändern, wenn das System bereits voll implementiert wurde, als früher im Designprozess, wenn das System noch aus einer Reihe von Zeichnungen besteht. In der Praxis wird das Management Ihre Redesign-Empfehlungen viel eher akzeptieren, wenn Sie sie machen, solange Änderungen noch wenig kosten.
Wenn Sie warten, bis alles erledigt ist und dann eine Usability-Studie durchführen, um Ihr "Design zu validieren", wird es zu teuer sein, irgendetwas Substanzielles zu ändern - es können dann nur kleinere Korrekturen vorgenommen werden, wie beispielsweise das Ändern der Erkennbarkeit von Icons.
Weil Nutzertests Ihnen zeigen, wie die Nutzer denken und sich verhalten, werden die Ergebnisse Ihrem Team während der gesamten Entwicklung helfen. Ideal wäre natürlich, weitere Ergebnisse zu gewinnen, indem man zusätzliche Nutzertests mit den weiterentwickelten Designs durchführt. Aber wir wollen uns hier an die Bedingungen der Übung halten und uns auf einen einzelnen Test beschränken.
Ein Risiko-Management entscheidet, welche Methode wir wählen
Welche der beiden Optionen sollen Sie nun nehmen, wenn Sie nur einen Versuch haben, um das Nutzererlebnis in dem hypothetischen Projekt zu verbessern? Betrachten wir zunächst die Gewinne, die Sie durch die jeweilige Auswahl erwarten können:
- Feldforschung mit dem Ziel zu entscheiden, was gestaltet werden soll, hat ein Potenzial, eine radikale Innovation zu entdecken, die vielleicht 1000% mehr wert ist als das, was der Wettbewerb hat.
- Ein Nutzertest im Vorfeld eines einzelnen Design-Durchgangs verbessert die messbare Usability im Durchschnitt um 38%.
Die Wahl scheint nicht schwer zu fallen; demnach sollten Sie auch dann, wenn die Feldstudie etwas teurer ist, Option 1 wählen.
Doch halt, lesen Sie genau, was oben in den Punkten steht: Feldforschung hat nur das Potenzial, eine enorm profitable radikale Innovation aufzudecken. Sie ist also die deutlich riskantere Option.
Ich glaube tatsächlich, dass Feldstudien normalerweise wertvoller sind als eine einzelne Runde von Nutzertests. Aber das stimmt nur dann, wenn Sie dem Designteam zutrauen können, eine qualitativ hochwertige Nutzeroberfläche ohne grössere Usability-Probleme abzuliefern.
Die meisten Unternehmen wissen nicht wirklich viel über Usability und die Teams erzeugen routinemässig Designs voller UX-Desaster, welche die Nutzer aus dem Konzept bringen oder von der Website verscheuchen.
Deshalb komme ich am Ende auf den Boden der Tatsache zurück, dass eine Runde Nutzertests der sicherste Ansatz ist, den man empfehlen kann. Mit Nutzertests stellen Sie sicher, dass Sie ein Produkt haben, das die Nutzer wirklich verwenden. Ohne Nutzertests haben Sie vielleicht auch Erfolg - aber es ist wahrscheinlicher, dass Sie einen Blindgänger entwickeln.
Wenn Sie allerdings wissen, dass ihre Projektgruppe ein hohes Usability-Reifeniveau hat, dann könnte ich auf meine Empfehlung einer Feldstudie zurückkommen. In diesem Idealfall hat das Team bei früheren Projekten bereits intensive Nutzerforschung betrieben und seine Usability-Lektionen gelernt. Ausserdem verfügt Ihr Unternehmen dann über gut dokumentierte Standards für Nutzeroberflächen und Designmuster, auf denen es aufbauen kann.
In der Realität sind nur wenige Unternehmen so weit fortgeschritten, dass sie auch ohne Nutzertests ein sicheres Design abliefern können. Über 90% der Teams wären mit der sichereren (wenn auch weniger aufregenden) Option für Nutzertests anstelle von Feldstudien besser bedient, wenn sie nur eine Sache tun können.
Hier noch ein weiterer Hinweis auf die Einschätzung des Reifegrades einer Organisation: die Tatsache, dass wir auf eine einzelne Usability-Aktivität beschränkt waren. Unternehmen, die wirklich von Usability überzeugt sind, planen normalerweise eine Sequenz von Usability-Aktivitäten ein, die das Projekt begleiten und sowohl iteratives Design als auch andere Methoden für nutzerzentriertes Design umfassen. Verschiedene Arten der Nutzerforschung ergänzen einander und erzeugen mehr Wert als die blosse Wiederholung der immer gleichen Sache.
Natürlich gibt es auch Fälle, in denen selbst die am stärksten kundenorientierte Firma ein schnelles Design ohne grösseren Usability-Input benötigt. Aber in den meisten Fällen ist der Umstand, dass man nur Zeit für eine einzelne Usability-Aktivität hat, ein Symptom für einen sehr begrenzten Usability-Reifegrad. Das bedeutet, dass man dem Unternehmen nicht zutrauen kann, ein nutzbares Design abzuliefern, ohne es mit Hilfe von Nutzertests ausgeputzt zu haben.
© Deutsche Version von Jakob Nielsens Alertbox. Institut für Software-Ergonomie und Usability AG. Alle Rechte vorbehalten.