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Die Schwester unserer Mutter besuchte uns nicht oft. Vielleicht ein Mal im Jahr. Wir Kinder nannten sie insgeheim Pinguin, weil sie stets einen langen blauen Faltenrock und einen weissen Schleier trug – und vielleicht auch, weil sie uns wie das Tier vom Südpol grundsätzlich sympathisch, aber irgendwie auch fremd war.
Meine Tante Regina (76) ist Ordensschwester in der Gemeinschaft der Spitalschwestern von Sion VS. Ende Mai feierte sie das 50-Jahr-Jubiläum ihrer Gelübde. Die Predigt hielt der Bischof, und anschliessend an die Messe gab es ein grosses Festessen im Kreis der Schwestern und der Verwandtschaft.
Als Kind mochte ich meine Tante, als Teenager belächelte ich sie, heute bewundere ich sie. Die Schwester meiner Mutter hat einen unkonventionellen Weg innerhalb der Konventionen beschritten. Sie trat ins Kloster ein und damit in die Welt hinaus.
Während meine Mutter heiratete, sechs Kinder gebar, den Haushalt schmiss und einen riesigen Gemüsegarten beackerte, machte meine Tante Karriere innerhalb des Ordens. Auf Anregung ihrer Oberin absolvierte sie die Handelsschule in Sion, liess sich in Genf zur Kinderkrankenschwester ausbilden, leitete ein Kinderheim in Crans-Montana und wurde schliesslich selber Vorsteherin der Gemeinschaft. Dabei reichte ihr Wirkungsfeld weit über die Westschweiz hinaus, denn die Spitalschwestern von Sion haben Ableger in der Karibik und in Afrika. Rund ein Dutzend Mal stieg Sœur Regina in den Flieger, um ihre Schwestern in Guadeloupe zu unterstützen.
Ein freies und erfülltes Leben in den Händen Gottes
«Ich habe mich bewusst für einen Orden mit Kontakt zur Aussenwelt entschieden. Aber dass ich so viel erleben würde, hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können», erzählt Schwester Regina und muss lachen, wenn sie sich an ihre Zeit als junge Ordensschwester erinnert. Sie habe ihr Leben einfach in Gottes Hände gelegt und versucht, aus allen Aufgaben, die man ihr anvertraut hat, das Beste zu machen. «Die Entscheidung, dem Herrgott zu folgen, hat mich unglaublich frei gemacht.» Denn wer die eigenen Bedürfnisse zurückstellen könne, dem fehle es an nichts.
Als Regina Wolf 1961, im Alter von 23 Jahren, ihr Noviziat begann, war die Welt noch eine andere. Zwei Jahre zuvor hatten die Schweizer Männer erstmals Gelegenheit, über das Frauenstimmrecht abzustimmen. Sie lehnten die Vorlage mit grosser Mehrheit ab. In die Ausbildung von Mädchen zu investieren, betrachteten viele als unnütz, schliesslich heirateten Frauen früher oder später und wurden Mutter und Ehefrau.
Meine Tante hatte vergleichsweise fortschrittliche Eltern und durfte eine Lehre als Telefonistin absolvieren. Mit 21 zog sie nach Wil SG, um einer alleinstehenden Verwandten Gesellschaft zu leisten. Gleichzeitig nahm sie in der Ostschweiz eine Stelle als Telefonistin und Büroangestellte an. «Der Betrieb war sehr chaotisch und der Chef oft böse», erinnert sie sich.
War die Enttäuschung über die Arbeitswelt der Grund, warum sie Schwester wurde? «Nein, mein damaliges Leben hat mich einfach nicht befriedigt.» Sie habe etwas anderes gesucht, einen tieferen Sinn – und diesen schliesslich in ihrer Beziehung zu Gott gefunden.
Nach drei Jahren Noviziat hat sie 1964 die zeitlichen und 1970 die ewigen Gelübde abgelegt. In diesen ersten neun Jahren hätte sie jederzeit austreten können: «Aber das stand für mich nie zur Diskussion. Ich hatte es gut und habe viel gelernt.» Dafür sei sie sehr dankbar, und darum sei es ihr später als Oberin stets wichtig gewesen, ihre Mitschwestern auf ihrem Weg zu unterstützen – «sie dorthin zu führen, wo sie sich entfalten und innerlich wachsen konnten».
Gezweifelt an ihrer Berufung als Ordensschwester hat sie in all den Jahren nie. Und auch die Rollenverteilung in der katholischen Kirche hat meine Tante nie infrage gestellt: «Der Herrgott hat für Frauen eine andere Aufgabe vorgesehen als für Männer, aber deswegen sind wir nicht weniger wichtig.» Denn egal, ob Schwestern, Mönche, Priester oder gar Papst, letztlich seien alle bloss Diener Gottes.
Meine Tante Regina lebt in einer anderen Welt. Es ist eine Welt, die für junge Frauen an Attraktivität verloren hat. Das jüngste Mitglied ihrer Ordensgemeinschaft ist 53 Jahre alt. Neuzugänge gab es schon seit den frühen 90er-Jahren keine mehr. Soeur Regina meint, meine Generation wäre zu sehr vom Materiellen abgelenkt und arm im Glauben.
Ich denke, wir haben heute mehr Möglichkeiten: Wäre meine Tante in meiner Generation aufgewachsen, wäre sie inzwischen vielleicht Personalchefin bei der Swisscom oder Psychologieprofessorin. Sie selber sagt: «Ich würde mich wieder für diesen Weg entscheiden. Ich bin glücklich.» Der Mensch sei nicht nur das, was er mache, sondern auch das, was er fühle – «und darum ist es wichtig, nach höherer Erkenntnis zu streben und auch das innere Leben zu pflegen».
Autor: Andrea Freiermuth
Fotograf: Nadja Kilchhofer