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In den letzten 50 Jahren heirateten Frauen und Männer in den Industrieländern deutlich weniger oft als in den Jahrzehnten zuvor.[1] Gleichzeitig erhöhte sich in den meisten Ländern das Heiratsalter. Wie aber entwickelte sich die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen im Vergleich zu jenen mit niedrigen Qualifikationen? Welche Rolle spielen soziale Normen? Und: Wie wirken sich bessere Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und unterschiedliche Einstellungen gegenüber arbeitenden Frauen in der Gesellschaft auf die Heiratswahrscheinlichkeit aus?
Diesen Fragen sind die Ökonominnen Marianne Bertrand, Patricia Cortés, Claudia Olivetti und Jessica Pan nachgegangen. Sie haben die Entwicklungen in 23 Industrieländer in den Jahren 1995, 2000, 2005 und 2010 und in den Bundesstaaten der USA von 1970 bis 2010 miteinander verglichen.
In allen 23 Ländern haben sich die Arbeitsmöglichkeiten für Frauen in den letzten Jahrzehnten verbessert, jedoch nicht unbedingt ihre Heiratswahrscheinlichkeit. Hoch qualifizierte Frauen haben nämlich einen Heiratsnachteil[2], wenn der Anteil der verheirateten Frauen in dieser Gruppe kleiner ist als bei den niedrig qualifizierten Frauen. Der geringere Anteil steht für die geringere Heiratswahrscheinlichkeit. In einigen Ländern hat dieser Heiratsnachteil hoch qualifizierter Frauen abgenommen, in anderen ist er jedoch weiter gestiegen. Beispielsweise heiraten hoch qualifizierte Frauen in den USA im Gegensatz zu früher heutzutage gleich häufig, wenn nicht häufiger als niedrig qualifizierte. In Korea und in anderen asiatischen Ländern hingegen heiraten hoch qualifizierte Frauen noch immer seltener. Gleichzeitig beobachtet man zunehmend bessere Chancen von Frauen auf dem Arbeitsmarkt und einen Rückgang der Geburtenrate in Industrieländern. Die Heiratswahrscheinlichkeit hat auch Einfluss auf die Bildungsentscheidungen von Frauen. Wie hängen diese Entwicklungen zusammen?
Geringverdienerinnen ziehen sich eher in den Haushalt zurück
Die Forscherinnen entwerfen ein Modell und überprüfen ihre Hypothesen anhand empirischer Daten. Die Theorie beschreibt die Chancen auf den Arbeits- und Heiratsmärkten, das Verhalten der Frauen und Männer in den Familien, die Bildungsentscheidung der Frauen und den Einfluss sozialer Normen:
Wenn der Lohn der Arbeit ausser Haus tief ist, dann können die Frauen weniger zum Familieneinkommen beisteuern. In der Folge zieht es die Frau tendenziell vor, nicht arbeiten zu gehen. Die Familie verliert wenig an Einkommen, profitiert aber stark von der Arbeit der Frauen zuhause. Solche Frauen sind auf dem Heiratsmarkt für Männer attraktiv, denn sie bieten ihnen grössere Freiräume[3]. Frauen mit mittlerer Qualifikation haben hingegen eine höhere Erwerbsbeteiligung, der Beitrag zum Familieneinkommen ist allerdings noch nicht ausreichend gross und die Zeit für Hausarbeit und Kinderbetreuung fehlt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wird zum Problem. Die Mitarbeit der Männer ist gefordert. Das ist für die Männer gemäss Modell der Studienautorinnen nicht attraktiv. Die Heiratswahrscheinlichkeit der Frauen sinkt. Solche Perspektiven entmutigen die Bildungsentscheidung gering qualifizierter Frauen. Hoch qualifizierte Frauen wiederum wollen arbeiten, verdienen viel und können das Familieneinkommen stark steigern. Die Familie kann es sich somit leisten, die Heimarbeit an Putzmann und Kinderfrau abzugeben. Das ist auch für die Männer sehr attraktiv, womit die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen mit hohen Löhnen gemäss Modell wieder steigt.
Doch muss die Heiratswahrscheinlichkeit geringqualifizierter Frauen mit zunehmender Ausbildung und höheren Löhnen sinken? Nicht unbedingt. Die Weiterentwicklung sozialer Normen für mehr Gleichberechtigung in der Familie und auf dem Arbeitsmarkt kann den Heiratsnachteil für Frauen mit mittlerer Ausbildung weitgehend beseitigen. Wenn die Männer freiwillig zuhause anpacken und die Gesellschaft die Erwerbsbeteiligung der Frauen unterstützt, sinkt ihr Heiratsnachteil (siehe Abbildung).
Soziale Normen und Unterschiede in den Heiratsquoten von hoch und gering qualifizierten Frauen (2010)
Quelle: Bertrand, Cortés, Olivetti und Pan (2020)
Gleichberechtigte Länder: Kein Heiratsnachteil für hoch qualifizierte Frauen
Die Autorinnen haben anhand von Umfragedaten festgemacht, ob in einem Land die Einstellung gegenüber der Rolle der Frauen in der Familie und in der Arbeitswelt eher konservativ oder eher gleichberechtigt ist. Die Abbildung zeigt, dass in konservativen Ländern wie Italien, Tschechien oder China der Unterschied der Heiratswahrscheinlichkeit zwischen hoch- und geringqualifizierten Frauen grösser ist als in Ländern mit einer gleichberechtigten Einstellung gegenüber Frauen (z. B. Norwegen, Schweden, Dänemark). In diesen Ländern hat sich der Trend sogar umgekehrt. Das bedeutet, dass Hoch qualifizierte eine bessere Heiratswahrscheinlichkeit haben. Länder wie die Schweiz und Deutschland werden als mittelmässig eingestuft, was die Gleichberechtigung angeht. In der Abbildung ist zudem ersichtlich, dass hoch qualifizierte Frauen in der Schweiz eine geringere Heiratswahrscheinlichkeit haben als in Deutschland.
Die Abbildung zeigt, dass soziale Normen den Zusammenhang zwischen zunehmenden Qualifikationen mit steigenden Löhnen der Frauen und ihrem Heiratsnachteil verändern können. Trotzdem finden die Forscherinnen, dass hoch qualifizierte Frauen insgesamt seltener heiraten als gering qualifizierte, obwohl hohe Qualifikation und hohe Löhne den Heiratsnachteil an sich reduzieren. Sie erklären diese Beobachtung wie folgt: Erstens könnten Männer ganz allgemein eine nicht-arbeitende Frau als Ehefrau bevorzugen. Zweitens sind hochqualifizierte Frauen wählerischer bei der Suche eines Ehemanns, da sie eher eine gut bezahlte Stelle finden können und deswegen nicht finanziell abhängig sind.
Im Jahr 2010 waren nur noch circa 80 Prozent der 35- bis 44-Jährigen mindestens einmal verheiratet, wohingegen es 1970 noch über 90 Prozent waren. Diese Entwicklung war sowohl in den USA, in Europa wie auch in Asien ersichtlich.
Die erste Hypothese der Autorinnen ist, dass hoch qualifizierte Frauen seltener heiraten im Vergleich zu gering qualifizierten. Dieser Unterschied ist in konservativen Ländern grösser als in Ländern mit einer gleichberechtigten Einstellung gegenüber Frauen. Wie in der Abbildung ersichtlich ist, heiraten hoch und gering qualifizierte Frauen im Jahr 2010 in Ländern mit einer hohen Gleichberechtigung im Durchschnitt in etwa gleich oft.
Einstellung zu Gleichberechtigung entscheidend
Eine zentrale Hypothese ist, dass bei gegebenen sozialen Normen die Heiratswahrscheinlichkeit hoch qualifizierter Frauen mit zunehmenden Löhnen und Arbeitsmarktchancen höher werden. Es macht jedoch einen wesentlichen Unterschied, ob in einem Land progressive oder konservative Einstellungen gegenüber der Rolle von Frauen in der Arbeitswelt vorherrschen. Während in progressiven Ländern der Heiratsnachteil hochqualifizierter Frauen mit zunehmenden Löhnen sinkt und ihre Heiratswahrscheinlichkeit entsprechend steigen, ist in konservativen Ländern das Gegenteil der Fall. So können die Forscherinnen für progressive Länder mit gleichberechtigter Einstellung statistisch etwa 40 bis 100 Prozent der Verminderung des Heiratsnachteils hoch qualifizierter Frauen mit Lohnzuwächsen erklären. Umgekehrt erklärt der Lohnzuwachs in konservativen Ländern lediglich 15 bis 35 Prozent der Zunahme des Heiratsnachteils.
Wenn mit zunehmenden Löhnen ein Heiratsnachteil droht, sinkt der Anreiz, in eine hoch qualifizierte Ausbildung zu investieren. Tatsächlich konnten die Ökonominnen bestätigen, dass in konservativen Ländern der Anteil an hochqualifizierten Frauen niedriger ist als in Ländern mit Gleichberechtigung. Ein möglicher Grund dürfte sein, dass höhere Bildung ihre Chancen auf dem Heiratsmarkt mindert.
Weitgehend ähnliche Ergebnisse finden die Forscherinnen bezüglich der Heiratswahrscheinlichkeit hochqualifizierter Frauen in den USA – mit grossen Unterschieden zwischen den Bundesstaaten. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Chancen hoch qualifizierter Frauen in der Arbeitswelt und auf dem Heiratsmarkt eng miteinander verbunden sind. Sie hängen nicht nur, aber doch ganz erheblich, von ökonomischen Überlegungen und sozialen Normen ab. Der Heiratsnachteil hoch qualifizierter Frauen verschwindet weitgehend oder kehrt sich in einen Vorteil um, wenn in einem Land die gleichberechtigte Stellung der Frau sowohl in Gesellschaft und Arbeitswelt als auch in der Familie eine weithin akzeptierte Norm ist.
- Dieser Artikel basiert auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Bertrand, Cortés, Olivetti und Pan (2020).
- Dieser Begriff mag ein wenig irreführend sein. Im Modell zeigen die Autorinnen, dass die Frauen wählerischer werden, wenn ihr Lohn steigt. Das heisst, dass sie mit zunehmendem Lohn auch weniger häufig heiraten möchten.
- Die Autorinnen gehen davon aus, dass Männer und Frauen beide gleich von Kindern und Arbeit profitieren, aber die «Spillovers» vom privaten Konsum des Partners anders diskontiert werden. Die Männer diskontieren mehr, vor allem in konservativen Ländern. Dies führt dann dazu, dass die Männer eher arbeiten und die Frauen eher zu Hause bleiben. Zusätzlich nehmen Sie im Modell an, dass die Frauen einen komparativen Vorteil im Haushalt haben und dass der Mann per se Vollzeit arbeitet.