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Seit Jahrhunderten nutzen die Winterthurer die umliegenden Wälder – der Zeit entsprechend auf verschiedene Weise. Der Wald als Naturraum hat sich dadurch verändert. Sein Erscheinungsbild war stets ein Spiegel der Stadt und des Lebensstils ihrer Bewohner. Und vor allem: Es war und ist ein Sinnbild für das Verhältnis der Winterthurer zu ihrem Wald.
Bereits im 13. Jahrhundert, als die Kyburger das Nutzungsrecht für den Eschenbergwald verbrieften, war dieser gezeichnet von einer starken Übernutzung. Nicht ohne Grund kaufte die Stadt viele Landwirtschaftsgebiete und forstete sie auf: Die ausgeplünderten Wälder vermochten kaum mehr den zunehmenden Holzverbrauch zu decken.
Auf dem Holzweg
Schon früh hatten die Winterthurer einen grossen Bedarf an Bau- und Brennholz: Archäologen fanden im Keller des Waaghauses das Fundament eines Holzhauses, das vor 1200 gebaut wurde. Und Grabungen an der Marktgasse 44 förderten Überreste von Holzbauten aus dem 10. bis 13. Jahrhundert zutage.
Für den Bau und Unterhalt ihrer öffentlichen Gebäude bediente sich die Stadt seit je aus den umliegenden Wäldern. Allein die mittelalterlichen Festungen brauchten riesige Mengen Holz, genauso wie die Kirchen und Schulen.
Der erste bekannte Rathausbau aus dem Jahre 1435 war vollständig aus Holz. Der Rathausbau von 1782 war zwar ein Steinbau, dennoch wurde viel Bauholz verwendet: rund 500 Kubikmeter. Rechnet man mit 1,2 Kubikmeter nutzbarem Bauholz pro Baumstamm, entspricht dieser Verbrauch fast 420 Baumstämmen. Noch grösser war die Holzmenge, die der Bau des neuen Spitals am Neumarkt von 1806 verschlang: 1100 Kubikmeter oder 920 Baumstämme. Für die Stadt-Metzg, die Schützenhäuser und viele andere öffentliche Gebäude wurde ebenfalls viel Bauholz verbraucht.
Selbstverständlich wurden auch Brücken, Brunnenstöcke und -tröge lange Zeit ausschliesslich aus Holz gebaut. Viel Holz benötigte zudem die Bedeckung des Stadtkanals. Grössere Mengen Holz verbrauchten auch die Mühlen und Badstuben; nicht nur für Bau und Renovationen, sondern auch für das Aufheizen des Wassers.
Seit Mitte des 15. Jahrhunderts gab es in Winterthur den Bürgernutzen: Jeder Haushalt erhielt jährlich ein Quantum Brennholz. Um 1700 betrug der Bürgernutzen drei Klafter – etwa neun Kubikmeter. Weil eine solide Bauweise und der regelmässige Unterhalt der Privathäuser in der Stadt ein militärisches und damit öffentliches Anliegen waren, wurde Bauholz lange Zeit gratis abgegeben. Holz war während Jahrhunderten so begehrt, dass das städtische Bauamt ein lukratives Geschäft mit Holz aus dem eigenen Depot aufziehen konnte.
Bis zu einem gewissen Grad ersetzte Holz sogar das Geld als Zahlungsmittel. Noch im 19. Jahrhundert wurden von der Stadt grosse Mengen Holz als Ehrengabe und als Lohn oder als Lohnbestandteil ausbezahlt: an die Mitglieder der Behörden als Ehrengabe – in Form sogenannter Herren- und Kompetenzbeigen – und an Angestellte als Dienstlohn. Auch die Mitglieder des Kleinen und des Grossen Rates, diejenigen des Stadtgerichts, der erste Stadtpfarrer sowie alle Lehrer, Förster, Scharfrichter und Hebammen kamen in den Genuss einer Extra-Portion Holz. Und für spezielle Anlässe gab’s nochmals Holz: die Schützentanne den Feuerschützen, die Küfertanne den Küfern bei der Hochzeit, ausserdem die Tannen für den Bau- und Holzamtmann beim Amtsantritt und beim Rücktritt und den Müllern schliesslich alle drei Jahre Bauholz für den Unterhalt ihrer Wasserräder. Kleinere Mengen Brennholz wurden zudem als Unterstützung an die Armen abgegeben. Mittellose Witwen zum Beispiel erhielten die Witwenbeigen.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Brennholz – etwa 2700 Klafter pro Jahr – den Bezugsberechtigten zum Haus gebracht, das Bau-, Säg- und Nutzholz hingegen wurde auf den Schlägen verkauft. Bis 1860 befriedigte die Stadt ihren Brennholzbedarf ausschliesslich aus den eigenen Wäldern. So endete mancher Stamm, der durchaus als Bauholz getaugt hätte, als Brennholz. Weil die Preise für Bauholz indes rasch stiegen, beschloss die Gemeinde 1860, das für den Bürgernutzen notwendige Brennholz in Süddeutschland einzukaufen und die als Bauholz verwendbaren Stämme künftig zu verkaufen. Dieser Beschluss brachte schon im folgenden Jahr ansehnliche Mehreinnahmen in die Stadtkasse. Neben Holz verkaufte die Stadt aus ihren Wäldern auch Harz, Rinde, Pflanzen, Steine und Lehm.
Auch beim Vieh begehrt
Eine bestimmte Form der Waldnutzung war in der Vergangenheit von besonderer Bedeutung: die Waldweide. Davon zeugen Flurnamen wie Chalberweid, Geissbüel oder Chuestelli. Weil die Landwirtschaft noch keine Stallfütterung kannte, weidete das Vieh auf der Allmend und auf der Brachzelg, vor allem aber im Wald. Die Waldweide war ein fester Bestandteil der Dreifelderwirtschaft. Schweine, Rinder, Ziegen und Schafe wurden zur Fütterung regelmässig in den Wald getrieben. Ausserdem wurden im Herbst Eicheln und Buchennüsschen als Wintervorrat für die Schweine gesammelt. Die freie Waldweide war für die Kleinbauern enorm wichtig, aber sie verschärfte den prekären Zustand der Stadtwälder. Die scharfen Hufe der Tiere schädigten die Baumwurzeln und verdichteten den Waldboden. Die Laubbäume litten besonders stark unter der Waldweide: Ihre saftigen Knospen waren bei den Tieren sehr begehrt…
Nützlich und doch schädlich
Auch die Menschen taten sich an den Naturprodukten aus dem Wald gütlich: Sie beuteten nicht nur Holz aus, sie sammelten zum Beispiel auch Laubfutter, Gras, Kräuter, Pilze, Beeren oder Laubstreu.
In schlechten Heujahren schneitelten die Bauern Ersatzfutter im Wald. Das heisst: Sie schnitten feine Laubzweige von Ahorn, Linde und Ulme als Futter für Ziegen und Schafe. Zudem nutzten die Winterthurer in ihrem Haushalt viele nützliche Produkte aus den umliegenden Wäldern: Wacholder für Rauchfleisch, Eichen- und Fichtenrinde für die Rotgerberei, Harz zum Abdichten der Fässer, für den Wäschesud oder zum Brühen der Schweine, Lindenbast zum Binden der Reben, Weidenruten zum Flechten von Körben und schliesslich auch trockenes Laub für Laubsäcke und als Stallstreue. Wichtig waren auch Heilpflanzen aus dem Wald. Und wahrscheinlich brannten die Winterthurer schon im 13. Jahrhundert Holzkohle. Durch diese Nebennutzungen entzogen die Winterthurer ihrem ohnehin schon angeschlagenen Wald zusätzlich wichtige Nährstoffe.
Im Dickicht der Paragraphen
Vor allem aber der enorme Verbrauch von Bau- und Brennholz wirkte sich schon bald prekär auf den Wald aus – und auf die Stadt. Als sie nämlich 1313 abgebrannt war, fehlte es nach dem Wiederaufbau allenthalben an Bauholz. Als Reaktion darauf erliess die Stadt unzählige Verordnungen und Bestimmungen, die nur eines zum Ziel hatten: den Holzverbrauch zu mässigen und den Holzvorrat der Winterthurer Wälder zu steigern. Schon ein halbes Jahr nach der Brandkatastrophe erliess die Stadtregierung eine Verordnung, die den Steinbau förderte und den Holzbau vom Ermessen des Rates abhängig machte.
Aus Angst vor einer drohenden Holznot schuf die Stadt 1346 ihre erste Holzordnung. Gemäss dieser war das Schlagen von Bauholz im Eschenbergwald ohne behördlichen Segen strafbar. Aus der ersten Holzordnung geht übrigens hervor, dass bereits damals eine Behörde bestand, welche die Stadtwälder beaufsichtigte und verwaltete . Ihr waren sogenannte Holzgeber zugeteilt, die den Bürgern das Holz zuweisen mussten. Ab 1463 durften Brenn- und Bauholz nur noch nach vorheriger Anmeldung und Anweisung bezogen werden. Der Wälder Satzungaus diesem Jahr deutete schon damals auf eine starke Übernutzung der Winterthurer Wälder hin. In dieser Waldsatzung wurde erstmals zwischen Rot- und Weisstannen unterschieden. Seit Mitte des 15. Jahrhunderts besteht das Amt des Försters. Er hatte allerdings lange Zeit lediglich eine Polizeifunktion, erst später kamen administrative Funktionen dazu. Das heisst: Der Förster hatte die Aufgabe, den städtischen Besitz zu wahren. Seine heutige Aufgabe, also die angepasste Waldnutzung und -Bewirtschaftung, bekam der Förster erst mit den Anfängen der modernen Waldwirtschaft gegen Ende des 18. Jahrhunderts.
Ende Feuer für Gratis-Brennholz
Im Jahre 1481 folgte eine weitere Einschränkung der Holzabgabe: DieStadtstrich den Bädern die Gratisbezüge von Brennholz . 1486 verordnete der Rat, den Hochwald im hinteren Teil des Eschenbergs für den Holztransport zugänglich zu machen und den verbuschten Niederwald im vorderen Teil zu schonen. Der damalige Niederwald wurde alle 12 bis 15 Jahre geschlagen; er verjüngte sich durch Stockausschlag.
Aus dem Jahre 1487 stammt die Bestimmung, wonach an Fremde keine Tannen abgegeben werden dürfen, falls sie die Stadt nicht mit Eichenholz beschenken. Und 1494 mussten die Zimmerleute ausdrücklich schwören, keine Rottannen zu fällen, wenn die Weisstannen den Zweck auch erfüllten. 1513 schränkte die Stadt die Abgabe von Tannenholz für Dachschindeln ein und begann dafür mit der Subventionierung von Tonziegeln. Im Jahre 1559 wurde die Aufforstung neu geregelt; wenn ein Waldschlag abgeschlossen war, musste das Gebiet eingezäunt und aufgeforstet werden. Eine Verordnung von 1550 sorgte für einen sorgfältigeren Umgang mit dem kostbaren Holz: Untersagt waren zum Beispiel der Verkauf des eigenen Brennholzes, das absichtliche Fernbleiben von den Terminen, an dem das Holz zugeteilt wurde, der Aufkauf der Rebstecken und der Handel damit oder das Verfaulenlassen des zugeteilten Holzes. Schliesslich verbot der Rat 1641 auch das Harzen im Wald.
Um all die städtischen Verordnungen besser durchsetzen zu können, wurde 1667 ein Forstamtmann (Holzamtmann) an die Spitze der Forstverwaltung gewählt.
Beim Holzfällen wurde in jener Zeit immer wieder gestockt. Das heisst: Arme Bürger hatten – entgegen den Weisungen des Rates – die beim Fällen übrig gebliebenen Stumpen mit der Axt aus der Schale gehauen, also die Stämme bis zur Wurzel abgeschlagen und sogar die Wurzelstöcke herausgenommen. Der Rat forderte indes bis ins 19. Jahrhundert, dass die Stämme aus Rücksicht auf die Verjüngung deutlich über der Wurzel geschlagen werden. 1833 schliesslich wurde das Stocken verboten.
Bis zu Beginn des 18. Jahrhunderts folgten noch zahlreiche weitere Verordnungen und Erlasse, die allesamt den Pfründen der Privilegierten an den Kragen gingen. Einige Nutzungsrechte musste die Stadt noch im 19. Jahrhundert loskaufen. Bis 1840 waren aber alle bedeutenden Nutzungsrechte unterbunden. Einzig der Bürgernutzen, also die Gratisabgabe von Brennholz an die Bürg e r, überdauerte die lange Zeit der Regulierung und Reglementierung. 1749 wurde er zwar auf zwei Klafter reduziert, 1838 jedoch wieder auf drei Klafter erhöht. Erst 1875 wurde der Bürgernutzen durch Gemeindebeschluss aufgehoben.
Die Bedenken um die Holzvorräte wurden mit der Zeit so gross, dass die Stadt Ausschau hielt nach einem Ersatzmaterial für Brennholz. Schon 1717 wies der Rat auf die Turben (Torf) als empfehlenswertes, der Ruinierung der Waldungen entgegenwirkendes Brennmaterialhin. 1735 nahm die Stadt das Turbenstechen im Hettlinger Ried auf, 1748 und 1749 beim Riedhof und beim Hof Ruchegg (südöstlich der Mörsburg) und später in Seuzach und Neftenbach.
Forstkommission machte Dampf
1780 setzte die Stadtregierung eine ständige Forstkommission ein; knapp 100 Jahre später, 1873, wurde sie wieder abgeschafft. Ihr gehörten vorerst je drei Mitglieder des Grossen und des Kleinen Rates sowie der städtische Bauherr und der Forstamtmann an. Diese Kommission kämpfte gegen die zahlreichen waldschädigenden Nutzungsrechte und bereitete den Weg vor für eine geregelte Forstwirtschaft. Sie setzte sich zuerst für die massive Einschränkung der Bauholzabgabe ein. Mit Erfolg: Ab 1791 gab es Bauholz nur noch für die wichtigsten Gebäudeteile, ab 1806 wurde die Abgabe auf ein Drittel und ab 1833 auf ein Fünftel des effektiven Bedarfs beschränkt. Fünf Jahre später, 1838, trat das neue Forstgesetz in Kraft, das die Bauholzabgabe vollständig unterband.
Ende der Waldweide
Um den Wald zu schonen, erliess die Stadt schon früh Verordnungen über die Waldweide. Ein erstes Weideverbot für die Schafe und Ziegen im Wald stammt bereits aus dem Jahre 1482. Ab 1693 durften Stiere, Schafe und Ziegen überhaupt nicht mehr in den Wald getrieben werden, und von den Pferden durften von da an nur noch die Arbeitstiere im Wald weiden. Immer wieder zäunten die Winterthurer einzelne Waldgebiete auf dem Eschenberg und auf dem Lindberg ein, um sie gegen das weidende Vieh zu schützen.
In der Holzordnung von 1749 wurde den Pächtern auf dem Eschenberg das Weiden der Tiere im Walde verboten. Die Bürger von Winterthur hingegen durften weiterhin soviel Vieh auf die Weide schicken, wie sie überwintern konnten; es war indes auch ihnen ausdrücklich verboten, Schafe, Stiere und Pferde in den Wald zur Weid zu schlagen. Endgültig wurde die Waldweide erst Anfang des 19. Jahrhunderts verboten.
Sinkende Nachfrage nach Brennholz
Durch die Revolution von Kohle und Eisenund den Ausbau der Verkehrsverbindungen auf Schiene und Strasse gegen Mitte des letzten Jahrhunderts sank die Nachfrage nach Brennholz. Im Zweiten Weltkrieg stieg der Bedarf allerdings nochmals kräftig an. Am Ende des Krieges 1945 wurden 65 Prozent der gesamten Holzernte in den Stadtwäldern zu Brennholz verarbeitet. Moderne Ölheizungen und die Elektrizität in Küche und Waschraum liessen den Brennholzverbrauch in der Nachkriegszeit indes wieder auf einen Bruchteil früherer Zeiten sinken (siehe Grafik Seite 30).
Heute wäre Brennholz mehr als genug vorhanden. Und umweltfreundliche Alternativen zu den russenden Dreckschleudern von damals gäbe es mittlerweile auch: die Holzschnitzelheizungen. Weil Holz im Gegensatz zum Heizöl eine erneuerbare Energie ist, könnte es in Zukunft wieder begehrt werden. Die Stadtverwaltung selber hat bereits positive Erfahrungen mit Holzschnitzelheizungen gemacht: 1985 hat sie beim Reitplatz ein Lager für Hackschnitzel eingerichtet und im folgenden Winter eine erste Schnitzelfeuerung im Schulhaus Hegifeld in Oberwinterthur in Betrieb genommen. Kurz darauf folgte eine zweite Schnitzelfeuerung im Schulhaus Rosenau.
Grüne Wirtschaft – rote Zahlen
Rückblickend ist die wirtschaftliche Entwicklung Winterthurs ohne die Nutzung der umliegenden Wälder kaum vorstellbar. Zu bedeutend war der Wald in der Geschichte der Stadt. Noch um 1860 lieferten die Stadtwälder immerhin ein Viertel der gesamten Bruttoeinnahmen von Winterthur. Und nach dem Nationalbahndebakel von 1878 konnte sich Winterthur vor allem dank seiner Wälder über Wasser halten. Der Stadtwald bildete sogar einen Hauptposten in der Pfandschaft gegenüber den Gläubigern der Nationalbahnschuld. Noch bis weit in die dreissiger Jahre dieses Jahrhunderts hinein waren die Wälder für die Stadt eine wichtige Einnahmequelle.
Weil aber das Holz im Ausland bald einmal billiger zu haben war und die Löhne hier stark anstiegen, gingen die einst stolzen Erträge der städtischen Forstverwaltung rasch zurück. Nach den Sturmschäden von 1967 kam das Forstamt immer stärker in die roten Zahlen. Zu einer negativen Bilanz verhalf in den beiden vergangenen Jahrzehnten ausserdem ein an sich wertvoller Wertewandel in der Waldwirtschaft: weg vom reinen Holzertragsdenken und hin zu einer gesamtwirtschaftlichen Betrachtung der ökologischen und gemeinnützigen Funktionen des Waldes. Dennoch sind die wirtschaftlichen Leistungen der Stadtwälder auch heute noch beachtlich: Sie liefern im Durchschnitt jedes Jahr rund 14 000 Kubikmeter Nutzholz und 6000 Kubikmeter Papier-, Industrie- und Brennholz.
Die Kosten allerdings sind enorm: Bereits 1987 überstiegen die Ausgaben des Forstbetriebs dessen Einnahmen um 835000 Franken. 1995 dann kletterte das Defizit auf 2 Millionen Franken. Und für das Jahr 1997 rechnet der städtische Forstbetrieb gar mit einem Aufwandüberschuss von fast 2,2 Millionen Franken. Rund ein Drittel davon machen alleine die gemeinwirtschaftlichen Leistungenaus; Leistungen also, die forstlich nicht notwendig, aber dennoch im Interesse der Öffentlichkeit sind.
Forstwirtschaft im Wandel der Zeiten
Über die Bewirtschaftung der Winterthurer Wälder in frühesten Zeiten lässt sich heute nur mehr spekulieren; entsprechende Akten sind nicht vorhanden. Unbestritten ist aber, dass eine Pflege und Bewirtschaftung des Waldes im heutigen Sinn nicht stattgefunden hat. Die durch Schläge entstandenen Lichtungen wurden sich selber überlassen, bis das nachgewachsene Holz schlagreif war. Immerhin ist die starke Förderung von Nadelbäumen schon früh belegt: Der Plan des Eschenbergs des Artillerie-Collegiums von 1758 zeigt bereits grosse Flächen von Nadelbaumbeständen. Und der Lindbergwald bestand 1760 sogar fast ausschliesslich aus Nadelbäumen – vor allem aus Rottannen (Fichten). Auch auf dem Brüelberg war die Fichte damals sehr häufig.
Bereits im ausgehenden Mittelalter waren die Wälder in Winterthur zu einem grossen Teil ausgeplündert: Der übliche Waldtyp war damals der Mittelwald. Mittelwälder wurden zweischichtig bewirtschaftet. Will heissen: Einzelne grosse Eichen wurden stehengelassen; sie lieferten Bauholz und Schweinefutter. Der Unterwuchs mit Buchen und anderen Laubbäumen hingegen wurdealle zehn bis dreissig Jahre auf den Stock zurückgeschlagen. Einige Gebiete jedoch, etwa der vordere Teil des Eschenbergs, bestanden schon im 15. Jahrhundert lediglich noch aus Unterholz. Diese sogenannten Niederwälder waren in Winterthur recht häufig. Die zahlreichen Erlasse und Verordnungen zum Schutz der Wälder begannen jedoch nach und nach zu greifen.
Bis Mitte des 18. Jahrhunderts verschwanden die Niederwälder aus Winterthur. Einzig der Schlosshofwald bestand noch etwas länger aus Niederwald. Bis Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich in Winterthur eine Waldbautechnik, die aus kleinflächigen Kahlschlägen bestand. Diese wurden sich selbst überlassen, der Jungwuchs indes mit Zäunen gegen das weidende Vieh geschützt. Das waldbauliche Vorgehen war damals ähnlich einem Schirmschlag: Die Baumbestände wurden zuerst aufgelockert und dann bis auf wenige Einzelbäume kahlgeschlagen. Von diesen sogenannten Überständern aus konnten sich die kahlen Flächen durch Samenbefall wieder verjüngen. Im zweiten und dritten Viertel des 18. Jahrhunderts wurden grosse Teile des Eschenbergs und des Lindbergs auf diese Art regelmässig kahlgeschlagen. Bereits damals fanden sich Spuren von künstlichen Kulturen, sowohl im Eschenbergwald als auch im Lindbergwald.
Diese Art von Kahlschlagbetrieb wich zunehmend rationelleren Betriebsformen. Der gesamte Holzvorrat sollte künftig genau eingeteilt und geplant werden. Den Anstoss zu einer geregelten Forstwirtschaft gaben schliesslich grössere Windwurfschäden und die Borkenkäferinvasionen von 1803 und 1807.
Der erste Wirtschaftsplan
1813 wurde Andreas Weinmann zum ersten Forstmeister der Stadt gewählt. Mit ihm begann die Zeit der Grosskahlschläge und anschliessender Anpflanzung, stellenweise verbunden mit landwirtschaftlicher Zwischennutzung.
In Anlehnung an den landwirtschaftlichen Ackerbau wurde ein Waldgebiet jeweils in rechteckige Flächen, in sogenannte Hiebszüge, eingeteilt und die Bestände innerhalb dieser Hiebszüge von Ost nach West, also gegen die übliche Windrichtung, regelmässig kahlgeschlagen. Die Breite dieser Schlagflächen betrug um 1820 etwa 30 Meter und nahm bis 1870 kontinuierlich bis auf 140 Meter zu. Entsprechend nahm auch die Grösse der Schlagflächen stetig zu, von einer Hektare auf drei Hektaren.
Mit solchen aneinandergereihten Kahlschlägen deckte die Stadt Winterthur ihren gesamten Holzbedarf. Die Schläge wurden künstlich aufgeforstet, wobei vor allem Rottannen gepflanzt wurden. So entstanden reine, künstliche Nadelholzforste. Diese neue Waldbautechnik – heute etwas respektlos Fichtenackerbau genannt – stammte aus Deutschland, wo sich die Schweizer Forstleute mangels eigener Hochschulen ausbilden liessen.
Nach 1830 wurden die Stadtwälder systematisch und streng planmässig bewirtschaftet. Dadurch wurden sie zu bedeutenden Geldquellen für die Stadt.
Zwischen 1836 und 1842 wurden der Eschenberg und der Lindberg geometrisch vermessen: 1836 unterbreitete der Geometer Jakob Melchior Ziegler der damaligen Forstkommission das erste Flächen-Fachwerk über den Eschenbergwald. Die reinen Nadelbaumbestände nahmen zu jener Zeit 77 Prozent, die gemischten Bestände 7 und der Mittelwald 16 Prozent der Fläche ein. Aus dem Jahre 1836 stammt auch der erste Wirtschaftsplan (heute: Betriebsplan) für den Eschenberg. Er stützte sich auf eine konsequente Einteilung in Reviere und Abteilungen und blieb bis 1847 in Kraft. Sein wichtigstes Ziel: die Erhaltung grosser Holzvorräte durch Ertragsabrechnung. Für die Pflege und den Unterhalt der Stadtwälder wurde das Wegnetz – vor allem im Eschenbergwald – deshalb massiv ausgebaut.
«Auf welche Weise kann, mit Rücksicht auf Lage und Beschaffenheit des Bodens, der nachhaltige Ertrag der Waldung am zweckmässigsten gesteigert, das überstehende Holz beseitigt und dem Areal das bestmögliche Interesse gesichert werden?» Diese Frage der Forstkommission sollte ein wissenschaftliches Gutachten beantworten. Der Stadtrat beauftragte deshalb 1847 die Herren Arnsberger, Grossherzoglicher Badischer Oberforstrat in Karlsruhe, Rietmann, Forstverwalter in St. Gallen, und Kasthofer, alt Regierungsrat und Oberforstmeister in Bern mit einer entsprechenden Untersuchung. Sie erstellten über die gesamten Stadtwaldungen ein Gutachten mit Betriebsplan.
In ihrem Bericht billigten die drei Experten die bisherige Waldwirtschaft, lehnten die beantragte stellenweise Umwandlung in Mittelwald ab und empfahlen den 100-jährigen Umtrieb. Das heisst: Die Waldbestände sollten innerhalb eines Jahrhunderts vollständig erneuert werden. Ihr Gutachten ergänzten sie durch einen Wirtschaftsplan, der die Nutzung des Waldes nach einem relativ strengen Schlagplan vorsah. Der Wirtschaftsplan, der übrigens sofort in Kraft trat, stellte die Regel auf: allmählicher Abtrieb und natürliche Verjüngung. Ausserdem forderte er, die Weisstanne zu begünstigen und Kahlschläge nur noch ausnahmsweise zuzulassen.
Soweit die Theorie – die Praxis sah anders aus: Der Kahlschlag blieb die übliche Form der Holzernte. In den ersten 15 Jahren, also bis 1862, erfolgte die Verjüngung sehr langsam. An vielen Stellen wurde auf Schläge verzichtet. An anderen hingegen wurden schlechte Bestände vorzeitig geschlagen – im grossen und ganzen eine allmähliche qualitative Verbesserung des Waldzustandes.
Zwischen Karotten und Kartoffeln
In der Zeit zwischen 1850 und 1870 hatte die landwirtschaftliche Zwischennutzung der Schlagflächen eine grosse Bedeutung. Dieser sogenannte Waldfeldbau dauerte gewöhnlich vier Jahre: im ersten Jahr auf der ganzen Fläche und in den drei folgenden nur noch zwischen den gepflanzten Baumreihen. Im ersten Jahr konnten die Pächter pflanzen, was sie wollten, im zweiten und dritten Jahr Hackfrüchte – zum Beispiel Kartoffeln und Karotten – und im letzten schliesslich nur noch Getreide. Diese Zwischennutzung wirkte sich dank der Bodenlockerung anfänglich positiv auf das Wachstum junger Baumbestände aus. Erst später sah man auch die Kehrseite der Medaille: Krüppelwuchs, Frost- und Engerlingsschäden. 1882 wurde diese Waldnutzung stark eingeschränkt und wenige Jahre später abgeschafft.
Ebenfalls gegen Ende des letzten Jahrhunderts wurden entlang der gutbesuchten Waldwege Laubbaum-Alleen gepflanzt – zwecks Verschönerung des Waldes.
Beginn der modernen Waldwirtschaft
1860 wurde Kaspar Weinmann Nachfolger seines Vaters Andreas Weinmann. Mit seiner Amtszeit begann die moderne, auf die Ergebnisse der Wissenschaft abgestützte Waldbewirtschaftung. Zwei Jahre nach Weinmanns Amtsantritt präsentierte sich der ganze Stadtwald als Hochwald. Einzig der Wald am Tössrain wies damals den Charakter eines Mittelwaldes auf. Doch auch der sollte bald in einen Hochwald überführt werden. Reine Bestände von Laubbäumen waren damals nirgends vorhanden, hingegen dominierten vielerorts die Nadelbäume. In diesen meist künstlich aufgeforsteten Nadelbaumbeständen war die Rottanne am stärksten vertreten. Unter dem Titel Beschreibung und Wirtschaftsplan über die Stadtwaldungen von Winterthurerschien im August 1862 ein neuer, damals richtungweisender Plan über die künftige Bewirtschaftung der Stadtwälder. Die drei Autoren, Oberforstmeister Elias Landolt aus Zürich, Forstmeister Wilhelm Friedrich Hertenstein von Kyburg und Stadtforstmeister Kaspar Weinmann, setzten darin folgende Schwerpunkte:
- Erzeugung möglichst grosser Mengen von brauchbarem Holz
- Sicherung des Waldes gegen Gefahren von aussen
- Erhaltung und Äufnung des Stammkapitals
Weil dieser Plan grosse Auswirkungen auf die Winterthurer Forstwirtschaft hatte, lohnt sich hier ein Blick auf die wichtigsten, stark gekürzten Grundsätze:
- Alle Stadtwälder sind als Hochwald mit einer durchschnittlichen Umtriebszeit von hundert Jahren zu behandeln oder in solche zu überführen.
- Allgemein sind gemischte Bestände anzustreben. Den Hauptbestand sollen aber Rot- und Weisstannen bilden. Die Laubbaumarten sollen höchstens zwanzig Prozent Anteil erreichen.
- Die Hiebe sollen für jeden Waldteil möglichst regelmässig erfolgen.
- Als Regel gilt der Kahlschlag.
- Alle Kahlschläge sind künstlich aufzuforsten. Gute Böden sollen landwirtschaftlich zwischengenutzt werden.
- Bei der Naturverjüngung durch allmählichen Abtrieb sind die Schläge dunkel zu halten und nach erfolgter Besamung sofort zu lichten.
- Jungwüchse sind sorgfältig zu pflegen.
- Das projektierte Wegnetz ist bis zur Vollendung zu realisieren.
- Die Nutzung unterliegt dem Prinzip der Nachhaltigkeit: Die Nutzung darf den Zuwachs nicht übersteigen.
- Die Anwendung dieses Prinzips ist streng zu kontrollieren.
- Die Jahreserträge an Holz sollen möglichst gleichmässig sein.
- Der Bewirtschafter bestimmt über: Reihenfolge der Hiebe, Verjüngungsdauer, Mischungsverhältnisse bei der Aufforstung, Säuberungen und Durchforstungen und Vervollständigung des Wegnetzes. Er hat ausserdem auf die Pflanzung von Eichen, vor allem im Lindbergwald, zu achten.
- Im ersten Jahrzehnt des Planes soll die Hauptnutzung 2650 Klafter nicht übersteigen (unter Hauptnutzung versteht man die entnommene Holzmasse aus mindestens 60-jährigen Beständen).
- Den ertragsreichen Nebennutzungen ist die nötige Beachtung zu schenken, indes nur soweit, als sie die Produktion einer möglichst grossen und brauchbaren Holzmasse nicht einschränkt.
Den Stadtwald mit Exoten garniert
Gegen Ende des letzten Jahrhunderts wehte ein neuer Wind durch die Winterthurer Stadtwälder: Zu den einheimischen Baumarten gesellten sich plötzlich Abertausende von Exoten. Verantwortlich dafür: Max Siber, der letzte Vertreter der Kahlschlagwirtschaft. Siber war Stadtforstmeister von 1894 bis 1899. Er hoffte, mit einem Kunstgriff die Produktionsleistung des Winterthurer Waldes massiv steigern zu können und garnierte ihn mit über zwei Dutzend exotischen Baumarten – aus Nordamerika, aus dem westlichen Mittelmeergebiet, aus dem Ural und aus Sibirien (Douglasien, Weymouthföhren, Sitkafichten, Sequoien usw.).
Sibers Hoffnung war eine Zeiterscheinung, die keineswegs auf Winterthur beschränkt war: Schon 1850 berichtete der ehemalige Berner Kantonsoberförster Karl Kasthofer über seine Kulturversuche mit fremden Holzarten. Er führte sie nach 1810 in der Umgebung von Interlaken durch. Auch an anderen Orten erfolgten in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zahlreiche Anbauversuche mit allen möglichen exotischen Baumarten.
Zwar wurden im Winterthurer Wald schon früher vereinzelt Weymouthföhren, Akazien und Schwarzföhren gepflanzt. Doch unter Siber waren es ganze Legionen von Exoten: Gegen 100’000 fremdländische Jungbäume wurden um die Jahrhundertwende in den Winterthurer Wald gepflanzt. Zwischen 1896 und 1902 war jeder zehnte gepflanzte Baum ausländischer Provenienz; im Rekordjahr 1898 war es gar jeder fünfte. Doch die Euphorie wich bald herber Enttäuschung: Wirtschaftlich war nämlich einzig die grüne Douglasie von Bedeutung. Auf guten Böden liefert sie mehr Holz als jede einheimische Baumart.
In den ersten Amtsjahren seines Nachfolgers Friedrich Arnold wurden die Pflanzungen noch fortgesetzt. Wahrscheinlich wurden aber vor allem die noch von Siber her vorhandenen Jungbäumchen verwendet. Denn die Zahl der gepflanzten Exoten nahm rasch ab; nach 1910 wurden fast keine fremden Baumarten mehr gepflanzt.
Fast alle der damals gepflanzten exotischen Baumarten sind inzwischen aus den Winterthurer Wäldern wieder verschwunden. Viele waren für die hiesigen Standorte schlicht ungeeignet und anfällig auf Krankheiten und Schädlinge. Zwar trifft man auch heute noch auf einzelne fremde Baumarten – etwa auf die Weymouthföhre südlich des Bruderhauses oder den Mammutbaum bei den Walcheweihern – doch sind diese weder wirtschaftlich noch ökologisch von Bedeutung.
Noch im 19. Jahrhundert zeitigte die einseitige Rottannenwirtschaft schwerwiegende Folgen: Krankheiten, Stürme, Schneedruck und Borkenkäferinvasionen setzten den reinen, gleichaltrigen Rottannenwäldern derart zu, dass viele Bäume frühzeitig gefällt werden mussten.
Wohl deshalb folgte um die Jahrhundertwende eine gründliche Kursänderung, eingeleitet durch den damaligen Stadtforstmeister Friedrich Arnold: Der Kahlschlag wurde endgültig durch den Femelschlag ersetzt. Sein Ziel: mehr Rücksicht auf die Naturverjüngung und eine naturgerechtere Bewirtschaftung der Wälder.
Geistiger Vater dieser neuartigen Waldbaulehre war der Münchner Professor Karl Gayer (1822-1907). Er plädierte für den Femelschlag mit ungleichaltrigen, gemischten Beständen. Der Wald soll aus Gruppen zusammengesetzt sein, die ihrerseits aus verschiedenen Baumarten in unterschiedlichem Alter bestehen. Der Femelschlag verjüngt den Wald also gruppenweise.
Wie keine andere Bewirtschaftungsform berücksichtigt der Femelschlag ein möglichst grosses Spektrum von Baumarten. Die vorhandenen Bäume sollen sich möglichst natürlich verjüngen. Nur dort, wo keine Naturverjüngung aufkommt oder wo eine neue Baumart angesiedelt werden soll, werden Jungbäume gepflanzt. Um die schönsten Bäume zu begünstigen, werden die schärfsten Konkurrenten gefällt. Im Gegensatz zum Kahlschlag und anschliessender Aufforstung auf grossen Flächen geht der Femelschlag von kleinen Gruppen aus, welche allmählich erweitert werden. Ursprünglich schritt diese Verjüngungsart nur sehr langsam voran. Das kam vor allem denjenigen Baumarten entgegen, die im Jugendstadium problemlos Schatten ertragen: den Buchen, Rot- und Weisstannen. In der Amtszeit Friedrich Arnolds trat das Eidgenössische Forstgesetz in Kraft, das den Kahlschlag und die Waldweide verbot. Arnolds Nachfolger Paul Lang passte den Femelschlag schliesslich denjenigen Baumarten an, die als Jungbäume auf viel Licht angewiesen sind. Diese Bewirtschaftungsart behielt bis heute ihre Gültigkeit, wobei es immer wieder zu leichten Änderungen bezüglich Baumartenwahl kam.
Zwischen den beiden Weltkriegen waren die städtischen Forstleute vor allem damit beschäftigt, die Fehler zu korrigieren, die man Anfang Jahrhundert mit der einseitigen Förderung der Weisstanne gemacht hatte. Diesbezüglich hat sich die Winterthurer Forstgeschichte in diesem Jahrhundert wiederholt: Auch mit den heutigen Betriebsplänen versucht man, die Folgen der Fehleinschätzungen früherer Jahrzehnte auszubügeln. Allerdings ist heute nicht die Weisstanne das Sorgenkind, sondern die an vielen Stellen anzutreffenden künstlichen Fichtenmonokulturen, die in den sechziger und siebziger Jahren dieses Jahrhunderts angelegt wurden. Diese Bestände sind heute das ganze Jahr über dunkel, monoton und artenarm. Sie sind anfällig auf Sturm- und Insektenschäden und bergen ausserdem die Gefahr, dass der Boden durch die Fichten-Nadelstreu versauert und damit seine hohe Fruchtbarkeit verliert. Wer heute durch die Winterthurer Wälder streift, wird allerdings feststellen, dass diese Bestände vielerorts bereits aufgelockert wurden, damit allmählich eine natürliche Verjüngung standortgerechter Baumarten möglich wird.
Die Winterthurer Stadtwälder sind heute in neun Reviere eingeteilt. Für jedes Revier wird alle zehn Jahre ein neuer Betriebsplan erarbeitet, der von der kantonalen Volkswirtschaftsdirektion genehmigt werden muss. In diesen Betriebsplänen sind alle Angaben über den Holzvorrat, Zuwachs, Nutzungen und die künftige Behandlung der Wälder enthalten. Bei der Festsetzung der jährlichen Nutzung wird berücksichtigt, dass nur der Zuwachs geschlagen oder mit anderen Worten der Zins vom Kapital genutzt werden darf. Der Begriff für dieses an sich altbekannte Prinzip aus der Forstwirtschaft ist heute in aller Munde: nachhaltige Nutzung der natürlichen Ressourcen.
Die regelmässigen Revisionen der Wirtschaftspläne bedingen einerseits, dass der Waldzustand permanent überwacht wird, und sie ermöglichen andererseits, dass allfällige Fehler in der Bewirtschaftung rechtzeitig korrigiert werden können.
Aufs richtige Pferd setzen
In die Winterthurer Waldwirtschaft hat im Laufe der Zeit natürlich auch die Technik Einzug gehalten: Ende der fünfziger Jahre wichen die bis dahin gebräuchliche Axt, die Waldsäge und das Schäleisen der Einmann-Motorsäge und der Hand-Entrindungsmaschine – und diese wiederum der fahrbaren Entrindungsmaschine. Die Mechanisierung und Rationalisierung der Forstwirtschaft ermöglichte zunehmend, Holzernten und Räumungen nach Stürmen schnell, effizient und günstig zu erledigen. Der Transport dünner Stämme vom Schlag zum Wegrand geschah noch bis in die fünfziger Jahre auf den Schultern der Waldarbeiter. Das schwere Holz hingegen wurde mit Pferden aus Landwirtschaft und Fuhrhaltereien an die Strassen geschleift. Die Pferdehaltung wurde aber unrentabel, und schon bald setzte man Traktoren ein. Weil diese aber für den Einsatz im Wald nur bedingt geeignet sind, hat man sie durch geländegängige Forstschlepper ersetzt.
Seit Ende der achtziger Jahre kommen Pferde in den Winterthurer Wäldern wieder häufiger zum Einsatz. Inzwischen hat man nämlich die Vorteile des Hafermotors neu entdeckt: Pferde arbeiten nicht nur waldschonend und zeitsparend, sondern auch kostengünstig. Richtig eingesetzt ist das Arbeitspferd ökologisch und ökonomisch eine sinnvolle Alternative zur grossflächigen maschinellen Holzernte. Denn: Schwere Maschinen sind im Wald nicht unproblematisch – sie können durch ihr Gewicht den Boden verdichten und damit dessen Durchlüftung und Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Ausserdem können durch Fahrlässigkeit bei der maschinellen Holzernte auch lebende Bäume in Mitleidenschaft gezogen werden. Maschinen sind für den Transport von dünnen Baumstämmen relativ teuer und belasten die Luft. Die Förderung von Arbeitspferden ist deshalb ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer ökologischen Waldbewirtschaftung. Rentabel ist der Pferdeeinsatz allerdings nur in Kombination mit Maschinen. Was für den Menschen zu schwer und für eine grosse Maschine unverhältnismässig ist, lässt sich mit dem Pferd elegant, waldschonend, zeitsparend und wirtschaftlich transportieren. Zwischen 1987 und 1996 hat der städtische Forstbetrieb den Einsatz von Pferden in den Stadtwäldern von 50 auf 517 Arbeitsstunden steigern können. Heute gehört der kombinierte Einsatz von Maschinen und Pferden in den Stadtwäldern bereits zum Standard: Die Pferde schleifen die gefällten und entasteten Baumstämme aus einem Umkreis von etwa 50 Metern zu den sogenannten Rückegassen, wo sie von einem Forwarder eingesammelt und abtransportiert werden. Daneben setzt der städtische Forstbetrieb immer häufiger Mobilseilkranen – für den Holztransport im steilen Gelände – und moderne Vollernterein. Solche Vollernter erledigen fast alles in einem Zug: Fällen, Entasten, Ablängen und das sortimentweise Ablegen der Stämme.
Schon manchen Sturm überlebt
Die Winterthurer Wälder wurden immer wieder von schweren Stürmen heimgesucht. In den Jahren 1919, 1930, 1967 und 1975 zum Beispiel verwüsteten schwere Stürme beachtliche Teile der Winterthurer Stadtwälder. 1967 fielen etwa 30000 Kubikmeter Fallholz an – rund doppelt soviel wie die damalige Jahresnutzung.
Besonders eindrücklich aber war der Orkan im Februar 1990: Damals wütete über weiten Teilen Europas der Jahrhundertsturm Vivian. Auch die Winterthurer Stadtwälder wurden von ihm nicht verschont: Innert zwei Tagen fegte Vivian über 8000 Kubikmeter Holz zu Boden – immerhin rund 40 Prozent der damaligen Jahresnutzung.
Stürme ganz anderer Art waren die Borkenkäferinvasionen, die gelegentlich den Winterthurer Stadtwäldern zusetzten. Die Nachwehen dereinseitigen Rottannenwirtschaft vergangener Zeiten wirkten noch bis in dieses Jahrhundert: So suchte in den Nachkriegsjahren der gefürchtete grosse Fichtenborkenkäfer (Buchdrucker) die Winterthurer Stadtwälder heim: Während ihm anderswo in Europa regelmässig Tausende von Hektaren Wald zum Opfer fielen, waren die Invasionen von 1946 bis 1949 die ersten nach mehr als einem Jahrhundert. Der 4 bis 5,5 Millimeter lange, dunkle Käfer ist ein Sekundärschädling. Das heisst: Er befällt liegende oder stehende Rottannen, die bereits krank oder am Absterben sind. Der Borkenkäfer breitet sich um so rascher aus, je mehr geschwächte Bäume vorhanden sind. Bei Masseninvasionen befällter auch gesunde Bäume. Am schnellsten breitet er sich natürlich in Wäldern aus, in denen die Rottanne häufig oder sogar vorherrschend ist. Im Jahre 1947 untersuchte der damalige Stadtforstadjunkt Kurt Madliger eine befallene 120-jährige Rottanne im Lindbergwald. Resultat: Auf diesem Baum lebten bereits so viele Borkenkäfer, dass schon ihre nächste Generation eine ganze Hektare Rottannenwald hätte vernichten können. Doch zu dieser Epidemie kam es nicht, denn das Forstamt reagierte prompt: Gesunde Rottannen wurden – sozusagen als Köder – gefällt und liegen gelassen. Die Borkenkäfer befielen die liegenden Stämme und vermehrten sich unter der Rinde rasch. Dann wurden diese Stämme geschält und die Rinden verbrannt. Auf diese Art konnte das Forstamt sämtliche Herde vernichten.
Es wäre falsch, den Borkenkäfer als Waldzerstörer zu bezeichnen. Ein Schädlingist der Borkenkäfer nur in Bezug auf das Nutzholz. Dem Wald an sich schadet er nicht. Im Gegenteil: Er gehört ins Ökosystem Wald. Vielmehr liegt der Kern des Borkenkäferproblems heute in den grossflächigen, strukturarmen Rottannenwäldern.
Ist das Waldsterben tot?
Im Betriebsplan für das Stadtwaldrevier Eschenberg hatte 1976 der damalige Stadtforstmeister Diethelm Steiner auf ein eigenartiges Phänomen hingewiesen: das Weisstannensterben. Steiner suchte die Gründe bei einer falschen waldbaulichen Behandlung der Weisstanne. Anfang der achtziger Jahre hatte er immer häufiger ähnliche Krankheitsbilder bei anderen Baumarten festgestellt. Zu einem Zeitpunkt, wo auch andere Schweizer Forstleute in ihren Wäldern ein bis dahin kaum bekanntes Phänomen entdeckten: das Waldsterben. Diese Erscheinung war für viele neu, ihre Ursache unbekannt und ihr Ausmass kaum abschätzbar. In der Folge gingen Schreckensbilder von serbelnden Bäumen durch den Blätterwald. In Vorträgen, Artikeln und Büchern wurde leidenschaftlich vor dem grossflächigen Absterben des Schweizer Waldes gewarnt. Über die Ursachen war man sich relativ rasch einig: Die Luftschadstoffe und der saure Regen mussten dem Wald unbarmherzig zugesetzt haben. Das brachte Bewegung in die Politik: Noch im Herbst 1984 wurde eine eidgenössische Volksinitiative Kampf dem Waldsterben lanciert. Anderthalb Jahre später folgte unter dem Titel Rettet unsere Wäldereine zweite Volksinitiative. Beide Initiativen erlitten jedoch Schiffbruch – bereits im Unterschriftenstadium. Inzwischen sind viele Stimmen, die sich noch Mitte der achtziger Jahre für den Schutz des Waldes stark gemacht haben, wieder verstummt. Und in den Schweizer Medien ist das Waldsterben heute kaum mehr ein Thema.
Ein Blick auf die Zustandsentwicklung des Winterthurer Waldes zeigt aber, dass die Intensität öffentlicher Waldsterbensdebatten kein Gradmesser für den Gesundheitszustand des Waldes ist.
Untersuchungen am Patienten Wald
Um den Gesundheitszustand der Winterthurer Wälder festzustellen, wurden im Sommer 1984 Infrarotaufnahmen gemacht. Fazit: 73 Prozent der Bäume im Winterthurer Stadtwald waren noch gesund, 21 Prozent kränklich, 5 Prozent krank und 1 Prozent absterbend.
In den darauf folgenden Jahren hat sich der Zustand verschlechtert: Die Stichprobenaufnahmen von 1986 im ganzen Kanton zeigten, dass nur noch ein Drittel aller Bäume gesund war. Knapp die Hälfte war schwach geschädigt, und 18 Prozent wiesen bereits mittelstarke Schäden auf. Stark gelitten hatten inzwischen vor allem die Laubbäume: Zwischen 1985 und 1986 haben die geschädigten Laubbäume von 25 auf 65 Prozent zugenommen. Steiner fand 1986 die stark geschädigten Baumbestände im Eschenbergwald vor allem an den Südwest- und Nordwest-Hängen – also gegen die Hauptwindrichtung – und auf Kuppen. Eine plausible Erklärung für Steiners Beobachtungen lieferten später Schadstoffmessungen und Flechtenkartierungen, die in den am stärksten geschädigten Waldgebieten übereinstimmend eine stärkere Luftverschmutzung konstatierten.
Auf und ab mit der Gesundheit
Im folgenden Jahr besserte sich die Situation in den Stadtwäldern für die Weisstannen, Rottannen und Eschen. Hingegen traten an Föhren, Lärchen, Ahornbäumen und Eichen vermehrt Schäden auf.
Eine Besserung zeichnete sich 1988 und 1989 ab. Zwar war der Winterthurer Wald keineswegs wieder gesund, doch günstige Witterungsbedingungen liessen den Anteil der zumindest schwach geschädigten Bäume von 58 im Jahre 1986 auf 43 Prozent im Jahre 1989 zurückgehen. Nur:Der Anteil der geschädigten Bäume sei noch immer viel zu hoch und er könne sich zudem auch rasch erhöhen, warnte der städtische Forstbetrieb damals. Das war schon im folgenden Jahr der Fall: Der Anteil der geschädigten Bäume stieg wieder auf 59 Prozent. Dem Wald ging es also wieder gleichschlecht wie 1987. Die Nadelbäume waren dabei schlechter dran als die Laubbäume.
Noch dramatischer stieg der Anteil geschädigter Bäume in den Jahren 1991 und 1992. Warme trockene Sommer, hohe Ozonkonzentrationen und andere aggressive Luftschadstoffe setzten den Wäldern derart zu, dass 1992 bereits drei von vier Bäumen im Kanton Zürich zumindest leicht geschädigt waren. Bis 1995 sank der Anteil der zumindest leicht geschädigten Bäume wieder auf etwa 63 Prozent. Je nach Witterung und Schadstoffkonzentrationen könnte der Anteil der geschädigten Bäume in den kommenden Jahren wieder zunehmen.
Leicht geschädigt heisst übrigens: Verlust von mindestens 15 Prozent der Nadeln oder Blätter. Gemäss internationaler Konvention gelten heute aber erst Bäume mit einer Kronenverlichtung von mehr als 25 Prozent als geschädigt. Bäume in den Schadstufen bis 25 Prozent Kronenverlichtung gelten somit als gesund. Wendet man diesen Kunstgriff auch auf den Winterthurer Wald an, so geht es ihm statistisch gesehen natürlich viel besser als oben dargestellt.
Vor wenigen Jahren haben Waldforscher ein neues Phänomen entdeckt: das sogenannte Zuwachsparadoxon. Will heissen: Der angeblich schwer angeschlagene Wald wuchs in den beiden vergangenen Jahrzehnten so schnell wie noch nie. Ein Widerspruch? Nein, sagen die Experten. Studien hätten nämlich gezeigt, dass zwischen Kronenverlichtung und Zuwachs kein Zusammenhang bestehe. Die Ursachen für das schnellere Wachstum sind noch nicht geklärt. Diskutiert werden zurzeit drei Hypothesen: Düngeeffekte durch Luftverschmutzung, gesteigerte Photosyntheseleistung aufgrund höheren Kohlendioxid-Gehalts der Luft und schliesslich die positiven Auswirkungen des Waldweide-Verbots.
Zehn Forstmeister für die Stadt
In Winterthur gibt es seit 1813 ein Stadtforstamt. Neun Männer waren seither im Amt des Winterthurer Stadtforstmeisters, der zehnte, der 34-jährige Beat Kunz, wird es Anfang August 1997 antreten.
Andreas Weinmann (1813–1861)*
Zum ersten Stadtforstmeister von Winterthur wurde 1813 Andreas Weinmann gewählt. Der damals 20-jährige hatte bereits einige Vermessungen durchgeführt. Von 1818 bis 1830 wohnte Weinmann im Bruderhaus. In seiner Amtszeit entstand der erste Wirtschaftsplan für den Wald auf dem Eschenberg. Grössere Waldrodungen fanden in der vor allem durch Grosskahlschläge geprägten Amtszeit Weinmanns nicht statt. Hingegen wurden kleinere Parzellen verkauft oder für den Bau der Nordostbahn abgetreten. Weinmann hatte grosse Verdienste um die Verbesserung der forstlichen Verhältnisse im Eschenbergwald. Er trat Anfang 1861 zurück und starb bereits ein halbes Jahr später.
Kaspar Weinmann (1861–1888)
In die Fussstapfen von Andreas Weinmann trat sein Sohn Kaspar. Er kam 1827 im Bruderhaus zur Welt. Kaspar Weinmann studierte Forstwirtschaft, zuerst in Hohenheim bei Stuttgart, dann in Tharandt bei Dresden. Seine gesamte Ausbildung absolvierte er in Deutschland; daher seine Vorliebe für den Kahlschlag. Eine andere Ausbildungsmöglichkeit gab es damals für angehende Schweizer Forstingenieure nicht, denn die ETH Zürich, wo die Forstexperten heute ausgebildet werden, gab es noch nicht. Nach seiner Ausbildung übernahm der 19-jährige Kaspar Weinmann die Stelle des Stadtforstadjunkten. Er war damit Gehilfe und Stellvertreter seines Vaters. In dieser Ära Weinmann wurden viele Pflanzgärten angelegt, zahlreiche Waldstrassen gebaut, die Töss im Leisental eingedämmt und grosse Gebiete um den Eschenberghof aufgeforstet. Zwei Jahre nach seinem Amtsantritt hatte Kaspar Weinmann mit seinen Studienkollegen Elias Landolt und Wilhelm Friedrich Hertenstein den wegweisenden Plan über die Bewirtschaftung der Stadtwälder erarbeitet – mitunter ein Ausdruck für die moderne, auf die Ergebnisse der Wissenschaft abgestützte Waldwirtschaft. Landolt war der erste Professor für Forstwirtschaft am neugegründeten Eidgenössischen Polytechnikum in Zürich, gleichzeitig Oberforstmeister des Kantons Zürich und Inhaber einer gleichnamigen Weinhandlung in der Stadt Zürich. Hertenstein wurde später zum Bundesrat gewählt. Erfolglos kämpfte Kaspar Weinmann in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts gegen die Rodung des Waldgebietes Vogelsang. Immerhin wehrte er sich aber erfolgreich gegen den Verkauf des Kümbergwaldes. Weinmann starb 1888.
Theodor Felber (1888–1894)
Der dritte Stadtforstmeister, Theodor Felber, hatte eine kurze Amtszeit. Auch er war ein Vertreter der Kahlschlagwirtschaft. Allerdings lehnte Felber die einseitige, schablonenhafte Anwendung sächsischer und preussischer Bewirtschaftungsmethoden ab. Vor seiner Wahl nach Winterthur hatte Felber reichlich Praxiserfahrung gesammelt: Er war Geometer bei der Katastervermessung des Kantons Solothurn, Oberförster des Kreises Willisau/Entlebuch, Oberförster der Oberallmendkorporation Schwyz und Kantonsoberförster beider Appenzell. Im öffentlichen Leben spielte Felber eine bedeutende Rolle: Er bekleidete zahlreiche Ämter und war landesweit als Experte in Gesetzesfragen sowie in forstpolitischen, forstästhetischen und volkswirtschaftlichen Angelegenheiten geschätzt. Ihm wurde unter anderem eine kraftvolle Persönlichkeit, eine glänzende Rednergabe, Patriotismus und Begeisterung für alles Schöne und Edle attestiert. Bekannt wurde Felber auch als Forstästhet. So hatte er zum Beispiel in Winterthur Spazierwege um die Walcheweiher angelegt und sie liebevoll mit Zäunen aus krummem Birkenholz geschmückt. Schon sechs Jahre nach seinem Amtsantritt wurde Felber 1894 zum Professor für Forsteinrichtung ans Eidgenössische Polytechnikum gewählt.
Max Siber (1894–1899)
Felbers Nachfolger, Max Siber, war vor seiner Wahl zum neuen Stadtforstmeister viel gereist und weltweit tätig gewesen. So war er zum Beispiel Plantagenleiter in Sumatra. Kein Wunder also, dass Siber ausserordentlich Gefallen an exotischen Baumarten fand. Die Mammutbäume bei den Walcheweihern oder im Meiengstell (Eschenbergwald) beispielsweise stammen alle aus Sibers Amtszeit. Er starb 1899 nach nur fünf Amtsjahen.
Friedrich Arnold (1899–1928)
Auf Siber folgte der wohl berühmteste Stadtforstmeister: Friedrich Arnold. Er hat sich weltweit einen Namen gemacht als erster Waldbauer, der konsequent mit Naturverjüngung und Femelschlag gearbeitet hatte – und vor allem: der damit auch Erfolg hatte. Er war es also, der in Winterthur den Kahlschlag von einem Tag auf den anderen durch den Femelschlag ersetzte. Das brauchte damals eine gehörige Portion Mut und Überzeugungskraft. Arnold brachte nicht nur die alten Stadtwaldreviere, sondern auch die angeschlagenen ehemaligen Gemeindewälder, die nach der Stadtvereinigung unter seine Fittiche kamen, innert Kürze auf Vordermann. Rückblickend hatte Arnolds Femelschlagtechnik allerdings einen Makel: Er bevorzugte zu stark die Weisstanne. Trotzdem: Unter Arnold sind die Winterthurer Stadtwälder im In- und Ausland zu einem der angesehensten Lehr- und Versuchsgebiete geworden, das Jahr für Jahr von Wissenschaftern und Praktikern aus aller Welt besucht wurde. Nach seinem Tod 1928 erschien in der Schweizerischen Zeitschrift für Forstwesen ein Nachruf auf Arnold. Darin heisst es unter anderem:
Unter aller Wahrung der ökonomischen Anforderungen war Arnold doch stets darauf bedacht, bei seinen wirtschaftlichen Massregeln auch die natürliche Waldschönheit zu fördern, und es ist ihm denn auch gelungen, die Winterthurer Waldungen in verhältnismässig kurzer Zeit und scheinbar mühelos zu einem grossen Park umzuwandeln.
Paul Lang (1928–1960)
Unter dem neuen Stadtforstmeister Paul Lang fiel Arnolds Weisstannen-Naturverjüngung zum Teil der Trieblaus zum Opfer. Schliesslich passte Lang den Femelschlag an die Bedürfnisse derjenigen Baumarten an, die im Jugendstadium auf Licht angewiesen sind. Lang erlebte als Forstmeister die Krisenjahre mit den Sorgen des Holzabsatzes und die Kriegszeit mit den befohlenen Übernutzungen. In seiner Amtszeit erfolgte der Wechsel von der Handarbeit zur Mechanisierung der Holzernte.
Kurt Madliger (1960–1974)
Nachfolger von Paul Lang wurde Kurt Madliger, der schon seit 1944 als Adjunkt in der Forstverwaltung tätig war. 1960 wurde er zum Winterthurer Stadtforstmeister gewählt. Seine Amtszeit war gezeichnet vom Rutsch des Forstbetriebs in die roten Zahlen und von der etwas einseitigen Förderung der Rottanne. Wie kaum ein anderer Stadtforstmeister vor ihm verstand es Madliger, die Erkenntnisse der Forstwirtschaft und die Bedeutung der Winterthurer Wälder an ein breites Publikum heranzutragen. 1974 wurde Kurt Madliger zum Konservator der Naturwissenschaftlichen Sammlungen gewählt.
Diethelm Steiner (1974–1987)
Madligers Nachfolger, Diethelm Steiner, gehört zusammen mit dem heute amtierenden Hermann Siegerist zu den beiden einzigen noch lebenden Winterthurer Stadtforstmeistern. Unter Steiner wurde aus dem Forstamt der Stadt Winterthur 1987 der Städtische Forstbetrieb. Die Amtszeit Steiners war von drei Phänomenen geprägt: von der zunehmenden Bedeutung der Wohlfahrtsfunktionen des Waldes, vom stärkeren Einbezug des Naturschutzes in die Waldwirtschaft und vom Waldsterben.
Hermann Siegerist (1988–1997)
Mit allen drei Zeiterscheinungen hatte sich auch sein Nachfolger, Hermann Siegerist, auseinanderzusetzen. Schon in den siebziger Jahren, vor allem aber in den Achtzigern wurden immer häufiger Stimmen laut, die einen stärkeren Einbezug des Naturschutzgedankens in die Forstwirtschaft forderten. Immer länger werdende Listen von aussterbenden Tier- und Pflanzenarten haben die Seele von Naturfreunden empfindlich getroffen. Kein Wunder also, dass der Naturschutz in der Amtszeit Siegerists einen grossen Stellenwert hatte: Bereits in den siebziger Jahren setzte er sich, damals noch als Adjunkt, für den Schutz von Amphibien und Wasserinsekten ein. Er förderte massgeblich die Realisierung zahlreicher Nassstandorte in den Winterthurer Wäldern. Erst kürzlich wieder, 1995 und 1996, wurden unter Siegerist im unteren Hangentobel im Eschenbergwald zwei neue Amphibienweiher angelegt. Ein weiterer Schwerpunkt von Siegerists Tätigkeit waren die Massnahmen zur Förderung standortgerechter Baumarten und der konsequenten Naturverjüngung.
* In Klammern ist die jeweilige Amtszeit angegeben