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Der Begriff S. bezeichnet allgemein den Wohnplatz einer Gemeinschaft (Wohnen). Die S. ist zumeist Teil eines grösseren Gefüges aus Wohn-, Aufenthalts- und Werkplätzen sowie Knotenpunkt von Verkehrswegen. Sie verfügt über ein Territorium oder über mehrere Territorien, die als Nutzgebiete, agrar. Umland oder Hoheitsgebiete die Landschaft gliedern. Aus soziolog. Sicht spiegelt die S. den verwandtschaftl., gesellschaftl. oder polit. Aufbau der Gemeinschaft.
Autorin/Autor: Philippe Della Casa
Für die ur- und frühgeschichtl. Epochen, deren Siedlungsbilder durch archäolog. Quellen erschlossen werden müssen, ergeben sich aufgrund der vielschichtigen Aspekte der S. v.a. bei ethnolog. und soziolog. Fragen Schwierigkeiten der Bezeichnung und Deutung. Mit diesen befasst sich - neben der Erforschung der materiellen Hinterlassenschaft - die Siedlungs- und Landschaftsarchäologie.
Für verwandtschaftlich organisierte, wildbeuter. Gruppen gelten jahreszeitlich genutzte Lagerplätze als charakteristisch (Prähistorische Temporärsiedlungen). Solche wurden v.a. in Höhlen (Höhlenbewohner) und unter Felsdächern oder als Freilandlager auf Anhöhen, Flussterrassen und an Seeufern angelegt (Ufersiedlungen). Bereits im Acheuléen (Altpaläolithikum, vor 100'000 v.Chr.) ist in Europa die Organisation von Lagerplätzen um eine Feuerstelle und mit einfachen Strukturelementen (Tierhäute, Knochen, Holz, Laub) nachweisbar. In der Schweiz sind erst aus der Periode des späteren Moustérien (60'000-30'000 v.Chr.) Siedlungsplätze bekannt. Dazu gehören Freilandstationen im Gebiet zwischen Rhein und Birs (Löwenburg-Neumühlefeld III), Grotten und Abris im Jura (Cotencher) wie auch Höhlenstationen in den Alpen (Drachenloch, Wildkirchli). Ausschlaggebend für die Standortwahl waren Schutzbedürfnisse sowie die Nähe zu Wasser, Rohstoff- und Jagdwildvorkommen. Bedeutend zahlreicher sind die Siedlungsnachweise für das Jungpaläolithikum (18'000-10'000 v.Chr.) und Mesolithikum (nach 10'000 v.Chr.). Hauterive-Champréveyres lieferte das bisher bestbeobachtete Beispiel eines Magdalénien-Freilandlagers in Seeufernähe mit Feuerstellen und reichhaltigem Fundniederschlag. Die systemat. Begehung und Nutzung alpiner Gebiete im frühen Postglazial lässt sich anhand des Tallagers von Mesocco und der hochalpinen Jägerlager des Pian dei Cavalli in der Region des Splügenpasses (ital. Seite) illustrieren.
Mit dem Übergang zum Neolithikum um 5000 v.Chr. und somit zur Sesshaftigkeit ging ein grundlegender Wandel des Siedlungswesens einher. Die dörfl. Gemeinschaft mit landwirtschaftl. Lebensgrundlage (Dorf) entstand, an den Seen des Mittellandes namentlich die sog. Pfahlbausiedlung. Aufgrund der hervorragenden Erhaltungsbedingungen der Feuchtböden sind wir umfassend über Dorfgrössen, Baustrukturen und Einrichtungen wie auch über das agrar. Umland der neolith. Seeufersiedlungen informiert (Auvernier, Twann, Arbon-Bleiche, Zürich-Mozartstrasse). In einem weitgehend dicht bewaldeten Gebiet boten die Seeufer den Vorteil offenen Geländes und einfacher Verkehrserschliessung. Zeitgleiche S.en waren in der Regel 1-5 km voneinander entfernt, was abgegrenzte Nutzterritorien vermuten lässt. Sie boten Wohnraum für 50-200 Personen, aufgeteilt auf 10-25 Häuser von je ca. 30 m2 Fläche; gelegentlich sind aber auch erheblich mehr Wohneinheiten nachgewiesen (Zürich-Pressehaus, Zürich-Seefeld). Ethnograf. Vergleiche legen regionale Strukturen (Heiratsnetzwerke), lokale Bindungen (Dorfgemeinschaften) und familiäre Kerngruppen (Haushalte) als soziale und polit. Basis dieses Siedlungswesens nahe.
Sehr viel ungünstiger steht es um Siedlungsnachweise ausserhalb der Feuchtgebiete; solche sind oft nur durch Streufunde oder einige wenige Strukturelemente gegeben. Eine Ausnahme bilden die Alpen, wo in den Haupttälern von Rhein, Rhone und Tessin einzelne Inselberge vom frühen Neolithikum an besiedelt waren (Sitten-Tourbillon, Bellinzona-Castelgrande). Die inneralpinen Gebiete hingegen wurden erst im Verlauf des 4. Jt. v.Chr. dauerhaft erschlossen. Terrassen, Schwemmfächer und Rückfallkuppen boten geeignete Siedlungslagen für die von kleinräumigem Ackerbau und Viehzucht lebenden Gemeinschaften. Relativ kleine Grubenhäuser sind, wie die Beispiele von Wartau-Ochsenberg und Castaneda-Pian del Remit zeigen, für das Spätneolithikum typisch. Nebst Wohnplätzen sind aus dem Alpenraum v.a. Werkplätze für die Rohmaterialbearbeitung bekannt - z.B. für Bergkristall auf der Rossplatten bei Hospental oder für Serpentinit und Hirschgeweih auf dem Petrushügel von Cazis -, aber auch Hirtenlager (Zermatt-Alp Hermettji).
Geschützte Lage, Nähe zu Wasser und zu günstigen Böden sowie gute Verkehrserschliessung waren in den Alpen auch in der Bronzezeit ausschlaggebende Faktoren bei der Standortwahl für S.en. Das Dorf aus hölzernen Ständer- und Blockbauten auf dem Padnal von Savognin bot Platz für eine Gruppe von 50 bis 100 Personen. Für das Unterengadin gilt in der Spätbronzezeit eine Bevölkerungszahl von etwa 550 Menschen, verteilt auf fünf Siedlungseinheiten, als wahrscheinlich.
An den Mittelland- und Jurarandseen erreichten zeitgleiche Ufersiedlungen Ausdehnungen von bis zu 15'000 m2 und waren wie Cortaillod nach streng zeilenorientierten Überbauungsplänen errichtet. Andere Dörfer wie Greifensee-Böschen waren bedeutend kleiner und locker bebaut. Ein gegenüber den früheren Perioden stärker hierarchisiertes Siedlungsgefüge zeichnet sich v.a. bei den Landsiedlungen ab, wo nebst Gehöftsiedlungen des Typs von Bavois befestigte Plätze auf strategisch günstig gelegenen Hügelplateaus und Spornlagen in Erscheinung treten (Wittnauer Horn). Zu dieser Entwicklung müssen einerseits ein allg. Bevölkerungswachstum, andererseits auch Veränderungen in der sozialen und polit. Struktur der Bevölkerungen beigetragen haben. Diese lassen sich aber aus den Siedlungsfunden allein nicht erschliessen, zumal besonders grosse oder auffällig ausgestattete Bauten einer "Oberschicht" fehlen. Deutlich widerspiegeln allerdings die Grabfunde ab der Spätbronzezeit und insbesondere in der Hallstattzeit die Herausbildung von gesellschaftl. Eliten. Die ursächl. Zusammenhänge zwischen dem Aufkommen aufwendig ausgestatteter Grabhügel und der Herausbildung von Höhensiedlungen mit wirtschaftlicher - und möglicherweise auch politischer - Zentralortfunktion wie Châtillon-sur-Glâne sind jedoch weiterhin Gegenstand kontroverser Diskussionen. Jedenfalls können die ländl. Streusiedlungen wie etwa Fällanden-Fröschbach nicht einfach als Wohnplätze "bäuerl. Unterschichten" bezeichnet werden, wie das Beispiel des Gehöfts von Hochdorf (Baden-Württemberg) zeigt. Vielmehr scheint sich hier ein Kontrast zwischen primär produzierenden ländl. Siedlungslandschaften und präurbanen Zentralorten mit Funktionen der Verarbeitung und Verteilung abzuzeichnen.
Für die Latènezeit (um 450 v.Chr.-1. Jh. v.Chr.) ist die Existenz von Einzelgehöften, dörfl. S.en und stadtähnl. Oppida durch Schriftquellen belegt (Caesar, "De bello gallico", I,5,2). Die archäolog. Nachweise für ländl. S.en sind in der Schweiz allerdings noch spärlich (Alle-Noir Bois, Glis-Waldmatte). Besser steht es mit den bekannten Funden von Genf-Genava, Bern-Engehalbinsel oder Basel-Münsterhügel um die Erforschung der Oppida; auch an diesen Orten fehlen aber grossflächige Untersuchungen, die Aussagen zur Struktur und inneren Organisation der S.en erlauben würden.
Autorin/Autor: Philippe Della Casa
Mit der röm. Besetzung im späten 1. Jh. v.Chr. etablierten sich mediterrane Siedlungsstrukturen im Raum nördlich der Alpen, die auch auf Elemente der eisenzeitl. Besiedlung zurückgreifen konnten (Römisches Reich). Als Basis diente ein gut ausgebautes Verkehrsnetz mit Strassen und Wasserwegen. Entlang dieser Wege entstanden grössere Zentren unterschiedl. Rechtsstellung (Colonia, Municipium) wie z.B. Aventicum (Hauptort der Civitas der Helvetier, um 70 n.Chr. zur Kolonie erhoben) oder Augusta Raurica (unter Caesar gegr. Kolonie, Neugründung unter Augustus) und dazwischen in regelmässigen Abständen kleinstädt. Unterzentren (Vicus). Hier konzentrierten sich die Verwaltung, der Handel und eine spezialisierte handwerkl. Produktion. Der Siedlungsaufbau folgte immer dem gleichen Raster und wies spezielle Zonen für die oben genannten Bereiche auf. Zur Versorgung der städt. Zentren bildete sich ein spezielles ländl. Umfeld. Dieses war in den fruchtbaren Zonen nahezu vollständig mit Römischen Gutshöfen aufgesiedelt. Deren Bewirtschaftung erzielte einen hohen Überschuss, so dass die städt. Zentren versorgt werden konnten (Seeb, Vallon). In den unfruchtbareren und v.a. in den alpinen Zonen blieben daneben vorröm. Siedlungsformen in der Art kleiner dörfl. S.en bestehen (Gamsen).
Neben der zivilen Besiedlung entstanden in der röm. Kaiserzeit erstmals auch besondere militär. Siedlungselemente. Diese umfassten Legionslager (Vindonissa) im rückwärtigen Raum, Auxiliarkastelle entlang der Grenze (Kastell) und kleinere militär. Posten in den S.en entlang wichtiger Verkehrswege. Im 2. Jh. wurden diese militär. Elemente aufgegeben. Mit den Wirren des 3. Jh. und der Spätantike änderte sich das Besiedlungsbild grundlegend. Die ländl. Besiedlung ging zurück und mit schwindender Produktivität nahm auch die städt. Bevölkerung ab. Alle zivilen S.en wurden befestigt und zusätzliche militär. Anlagen (Kaiseraugst) sicherten sowohl die Grenzen (Limes) als auch das Hinterland. Die in der Spätantike entstandenen Siedlungsstrukturen bildeten die Grundlage für die nächsten Jahrhunderte.
Autorin/Autor: Eckhard Deschler-Erb
Zu Beginn des FrühMA setzte eine Zuwanderung in den damals vorwiegend von romanisierten Kelten (Galloromanen) dünn besiedelten Raum ein (Völkerwanderung). In der Deutschschweiz sind erste Spuren germ. Siedler südlich des Rheins im 5. Jh. fassbar (z.B. Flaach), im 6. Jh. häufen sich archäolog. Hinweise auf eine fränk. Oberschicht. Alemann. Siedlungstätigkeit ist im Kt. Schaffhausen und in Kleinbasel im 5. Jh. belegt (Alemannen). Südlich des Rheins setzte sie im 7. Jh. ein und griff bald über den röm. Siedlungsraum hinaus. Bis ins 10. Jh. folgte ein von Adelssippen getragener Rodungsausbau in höheren Lagen und Alpentälern (Uri, Wallis, Berner Oberland). In der Westschweiz, die wohl zur Sapaudia gehörte, begann die Ansiedlung von Burgundern 443. Die kontinuierliche nachröm. Siedlungsentwicklung in Genf, Waadt und Neuenburg wurde von einer einheimischen rom. Bevölkerung getragen. Im Tessin siedelte eine langobard. Elite vom Süden her ab der 1. Hälfte des 7. Jh. (Langobarden). Bei den frühma. S.en handelte es sich um locker gefügte Gehöftgruppen mit einfachen Wohn- und Stallgebäuden aus Holz und Lehm sowie Grubenhäusern in Pfostenbauweise als Speicher oder Webkeller (Bauernhaus). Sie lagen in geringer Distanz zu röm. S.en und Verkehrswegen. U.a. bei den Gutshöfen Vandœuvres und Lausen-Bettenach kann von einer röm.-frühma. Kontinuität des Siedlungsplatzes gesprochen werden. Zahlreiche z.T. in Stein gebaute Kirchen wurden bereits in den ersten Jahrhunderten des FrühMA errichtet (Kirchenbau).
Ein starkes Bevölkerungswachstum im 12. und 14. Jh. führte zu einem intensiven Landesausbau, in dessen Verlauf sich der Siedlungsraum weiter ausdehnte und die S.en sich im Innern verdichteten. Eine Vielzahl von Orts- und Flurnamen belegt diese Rodungstätigkeit, die von weltl. und kirchl. Lehnsherren getragen wurde. Mit der Ausdehnung des Kulturlands ging die Anlage zahlreicher Städte und Klöster (Mönchtum) einher. Gab es zu Beginn des HochMA nur die Städte Basel, Chur, Zürich, Schaffhausen, Solothurn, Genf, Lausanne und Sitten, stieg die Städtezahl bis ins Jahr 1400 auf 200. Die adligen Städtegründungen, die mit der Verleihung eines Marktrechts und dem Ausbau zu einer befestigten S. (Städtebau) verbunden waren, erlebten ihren Höhepunkt im 13. Jh. Gleichzeitig entstand mit der Binnenkolonisation und der hochma. Herrschaftsintensivierung eine überaus grosse Zahl von Burgen (Burgen und Schlösser), Wohntürmen und befestigten Flecken. Viele davon verschwanden im SpätMA mit dem Niedergang etlicher Adelsgeschlechter wieder. Insbesondere in den Getreideanbaugebieten begannen sich im HochMA um Siedlungskerne mit herrschaftl. Funktion (Fronhof) die Gehöftgruppen zu Dörfern zu verdichten und an einem festen Standort zu fixieren. Dieser Prozess ging mit der Entstehung von Dorfgemeinschaften als sozialen und wirtschaftl. Gefügen einher. Die Lage an einem wichtigen Handels- und Verkehrsweg beschleunigte das Wachstum zahlreicher S.en. In den Voralpengebieten mit Schwerpunkt bei der Viehwirtschaft (z.B. Toggenburg) und im Gebirge herrschte dagegen Streusiedlung vor (Einzelhofsiedlung). In den Höhenlagen des Jura und der Alpen wurden im 14. und 15. Jh. grosse Flächen gerodet und für die Alpwirtschaft verfügbar gemacht. Die Waldgrenze, die im HochMA aufgrund des milden Klimas auf über 2'100 m lag, sank mit dem alpinen Ausbau von den Kammlagen her und mit der Kleinen Eiszeit (ab dem 14. Jh.) um ca. 300 m. Am erwähnten Ausbau waren in erhebl. Ausmass Walser beteiligt, die ab dem Ende des 12. Jh. das Oberwallis verliessen und über die Alpenpässe in bisher wenig genutzte Hochlagen (Graubünden, Tessin, Uri, St. Gallen) auswanderten und Dauersiedlungen - v.a. in Form von locker gestreuten Einzelhöfen - anlegten. Wirtschaftskrisen und Pestzüge des SpätMA brachen vorübergehend in allen Landesgegenden die Dynamik des hochma. Ausbaus. Zahlreiche S.en wurden verlassen und zerfielen (Wüstungen).
Die verstärkte Herausbildung von Agrarzonen führte zu einer weiteren Differenzierung in eine Dorfsiedlungslandschaft im Kornland des Mittellandes und eine Landschaft der voralpinen und alpinen Zonen, die vorwiegend mit Weilern und Einzelhöfen besiedelt war. Das Bevölkerungswachstum im 16. und 18. Jh. füllte die im SpätMA teilweise entleerten Siedlungsräume wieder auf. Besonders stark war die Siedlungstätigkeit in Regionen, wo sich die Heim- und ab dem 18. Jh. auch die Fabrikindustrie etablierten (Gewerberegionen), etwa die Uhrmacherei (Waadt, Neuenburg, Jura) und die Textilindustrie (Glarus, Basel-Landschaft, Berner Oberland, Zürcher Oberland).
Autorin/Autor: Markus Stromer
Die Siedlungsentwicklung des 19. und 20. Jh. ist in einer ersten Phase charakterisiert durch eine zunehmende Verstädterung als Folge der Industrialisierung und der damit verbundenen Landflucht (Urbanisierung), in einer zweiten Phase durch einen Prozess der Entstädterung (Rurbanisierung). Aus diesen beiden gegenläufigen Prozessen resultierte eine bedeutende Zunahme der Siedlungsfläche, zu dem neben dem Hausbau auch alle Verkehrsflächen gezählt werden müssen. In der ersten Phase wuchsen zum einen bestehende Städte innert weniger Jahrzehnte rasch an (z.B. Baden, Winterthur, La Chaux-de-Fonds), zum anderen entstanden neue Industriestädte (Le Locle). Während die älteren Städte neue Funktionen erfüllten, waren die neuen Städte primär auf die Industrie ausgerichtet. Im 19. Jh. entstanden in Fussdistanz zu den Fabriken Arbeiterwohnquartiere (Arbeitersiedlungen). Erst die Einführung öffentl. Verkehrsmittel (Pferdetram in Genf 1862, in Biel 1877; elektr. Strassenbahn in Genf und Zürich 1894, in Basel 1895) und das Fahrrad (ab 1869) ermöglichten allmählich grössere Pendlerdistanzen. Da die Industrie in der Schweiz von Anfang an stark dezentralisiert war, kam es zu keinen aussergewöhnl. Bevölkerungskonzentrationen, doch erlebte v.a. das Mittelland einen zunehmenden Siedlungsausbau.
Eine wichtige Etappe im Städtewachstum des 19. Jh. war der Fall der Stadtmauern, der zu Beginn des Jahrhunderts einsetzte (in St. Gallen bereits 1808) und ein beschleunigtes Wachstum ermöglichte, da damit eine phys. wie auch psych. Barriere fiel. Die ehem. Befestigungsanlagen (Mauern und Gräben) wurden in Strassen und Parkanlagen umgewandelt oder für den Bau öffentl. Gebäude (Spitäler, Universitäten) verwendet. Jenseits der vormaligen Mauern entstanden neue Vorstädte. Die städt. Bevölkerung, die zu Beginn des 19. Jh. rund 10% und um die Mitte des 19. Jh. ca. 17% der Einwohnerzahl der Schweiz ausmachte, stieg bis Anfang des 20. Jh. auf rund 31% an. Dennoch blieb das Siedlungsbild der Schweiz weitgehend von isolierten Städten und Dörfern sowie von Einzelhofgebieten geprägt. Erste Anzeichen der kommenden Agglomerationsbildung waren die Eingemeindungen Zürichs 1893 und Basels 1907 (Gemeindezusammenschluss). Im 20. Jh. nahm die Zahl der Stadtbewohner von rund einer auf über vier Millionen zu, was einer Verdoppelung ihres Anteils an der Bevölkerung gleichkam (1950 43%, 2000 66 % städt. Einwohner). Die Städte entwickelten sich zu Agglomerationen. Zwischen Kern und Vororten bildeten sich intensive wechselseitige Beziehungen.
Motoren des Siedlungsausbaus im 20. Jh. waren in erster Linie das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum, die zunehmende individuelle Mobilität sowie veränderte Lebensgewohnheiten. Einerseits hatte der Auszug der jungen Generation aus dem Elternhaus einen erhöhten Wohnbedarf in den Städten zur Folge, andererseits stiegen mit zunehmendem Wohlstand die Ansprüche an die Wohnflächen. Neue Konsumgewohnheiten und Freizeitaktivitäten riefen nach entsprechenden Infrastrukturen wie Einkaufs- und Freizeitzentren auf der grünen Wiese mit dazugehörigen Verkehrsverbindungen.
Die Siedlungsdynamik konzentrierte sich zunächst in erster Linie auf die Talgebiete und Teile des Mittellandes und betraf Städte und industriell geprägte Dörfer. Die Berggebiete (Jura, höheres Mittelland und Alpen) stagnierten vorerst. Der Tourismus brachte jedoch bald einen Aufschwung (erste Hotels in Zermatt 1838, St. Moritz 1852; Kursaal Interlaken 1859) und entfaltete eine gewisse Breitenwirkung. Die Berggebietspolitik nach 1945 versuchte, über Subventionen die wirtschaftl. Lage und die Wohnsituation der Bergbevölkerung zu verbessern, doch erwies sich der Sog in die wirtschaftlich prosperierenden Tal- und Mittellandsregionen als stärker. Obwohl es in den Bergregionen nur wenige aufgegebene S.en gibt - meist handelt es sich um Maiensässe und Alpsiedlungen -, sind zahlreiche abgelegene Dörfer wegen der Abwanderung der jungen Generation längerfristig vom Zerfall bedroht. Daran dürften auch aktuelle Revalorisierungen, die den Charakter von Modeströmungen tragen, nichts ändern.
An der Wende zum 20. Jh. setzte eine Gegenbewegung zur Verstädterung ein, die sich in der 2. Hälfte des 20. Jh. verstärkte und durch den steigenden Wohlstand, die zunehmende individuelle Mobilität und die Suche nach einer besseren Lebensqualität gefördert wurde. Mit dem Prozess der Rurbanisierung wurden städt. Wohn- und Lebensformen in den ländl. Raum exportiert, und die ländl. S.en ausserhalb der Agglomerationen erfuhren sowohl eine Ausweitung als auch - etwa durch die Renovation von Altbauten - eine neue Inwertsetzung. Zu dieser Entwicklung gehört auch die Revalorisierung von S.en im Berggebiet in Zusammenhang mit Tourismus und Freizeit (Ferien- und Zweitwohnungen).
Die zunehmende Zersiedlung im Laufe des 20. Jh. hatte schon früh den Ruf nach einer Landesplanung erklingen lassen (Raumplanung), doch erst der Verfassungsartikel von 1969 ermöglichte Massnahmen (1972 dringl. Bundesbeschluss, 1979 Raumplanungsgesetz). Basierend auf dem Prinzip der Trennung von Wohn- und Arbeitsort fördert die Raumplanung oder Raumentwicklung die funktionale Gliederung der S.en in spezialisierte Zonen. Die Arealstatistik liefert seit 1972 aufgrund einheitl. Definitionen verlässl. Zahlen über die Siedlungsfläche der Schweiz; in den Arealstatistiken von 1912, 1923 und 1952 figurierten die Siedlungsareale bei den unproduktiven Flächen. Für die letzten 30 Jahre des 20. Jh. ergibt sich eine Zunahme der Siedlungsflächen (inkl. Verkehrsflächen) von 4,3% 1972 auf 5,9% 1979-85 und 6,7% 1992-97, d.h. um 56% von 1'778 km2 auf 2'781 km2. Diese Zunahme entspricht der Fläche des Kt. Uri. Vorherrschende Themen der Siedlungsentwicklung zu Beginn des 21. Jh. sind der Schutz von Ökosystemen, die Abstimmung von Siedlungs- und Verkehrsplanung sowie die Lebensqualität in den Städten (Luft, Lärm).
Die Siedlungsfläche nimmt im 21. Jh. weiter zu, wenn auch etwas langsamer. Daten aus 16 Kantonen belegen 2004-09 einen Anstieg um rund 260 km2, was ca. der Fläche Nidwaldens entspricht. Um der fortschreitenden Zersiedlung Herr zu werden, fordert der Bund eine Verdichtung der bestehenden Siedlungsräume auf Agglomerationsebene. Die dazu vorgeschlagenen Massnahmen beinhalten u.a. eine bessere Abstimmung der Bedürfnisse von Siedlung und Verkehr und die Umnutzung früherer Industriegebiete.
Autorin/Autor: Walter Leimgruber (Villars-sur-Glâne)