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Hiesige Produktionen mit bleibender Resonanz und zusätzlichen Einkünften auf dem internationalen Markt sind sehr selten. Aber es gibt sie. Wir stellen die zehn wichtigsten aus den letzten 70 Jahren vor. Auffallend, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ein Produktionshaus wie Praesens Film das eine oder andere Mal für Aufsehen sorgte, später waren es herausragende Autorenfilme im Umfeld der grossen französischen Bewegung «Nouvelle vague», zuletzt der eine oder andere Film zu einem weltweit bewegenden Thema wie Imhofs Paradebeispiel «More than Honey».
1. The Search («Die Gezeichneten»), 1948
Die Produktion war eine Zusammenarbeit des Hollywood-Hauses MGM mit der Schweizerischen Praesens Film. Herausragend die raffiniert dramatische Regie des später in den USA zu Weltruhm gekommenen Österreichers Fred Zinnemann. «Die Gezeichneten» ist eine teils dokumentarische, teils fiktive Erzählung über das Schicksal vertriebener Kinder im Zweiten Weltkrieg. Erhielt den Oscar für die beste Originalgeschichte, war zudem nominiert für den besten ausländischen Film, den besten Hauptdarsteller (Montgomery Clift) und das beste Drehbuch.
2. Heidi, 1952
Die bis heute wahrscheinlich bekannteste und erfolgreichste Heidi-Verfilmung von Luigi Comencini mit dem legendären Heinrich Gretler als Alp-Öhi und Elsbeth Sigmund als Heidi. Der Film blieb vergleichsweise nahe an der Buchvorlage von Johanna Spyri und wurde in und um Bergün (am Bündner Albulapass) aufgenommen. Noch etliche Jahr(zehnt)e später wurde der Streifen gezeigt und entwickelte sich auch zu einem grossen TV-Hit.
3. Wilhelm Tell, 1960
Die grosszügige Umsetzung auf Breitwandformat und in Eastmancolor-Verfahren sparte unter der Regie von Michel Dickoff und Karl Hartl keinen Moment mit Pathos und Melodram. Den vierkantigen Schädel mit der Mimik von Tell-Darsteller Robert Freitag vergisst man so schnell auch nicht, Maria Becker spielte die Stauffacherin und Hannes Schmidhauser den Arnold von Melchtal. Der auch unter dem Titel «Burgen in Flammen» bekannte Film wurde im Inland zuerst auch böse nur für «gut gebügelte Kostüme» und «hübsch fotografierte Landschaften» (Lexikon der Schweizer Filmgeschichte) gelobt, heimste aber den Regie-Preis am Festival von Moskau und eine weitere grosse Auszeichnung in Indien (!) ein. Fast wie Heidi ein Langzeiterfolg mit respektabler TV-Präsenz.
4. Charles mort ou vif? («Charles tot oder lebendig»), 1969
Die Schweiz hatte mit Tanner, Soutter oder Goretta auch ihre Stars der Nouvelle vague. Sie kamen erst in der Spätphase der Bewegung zu ihren Kinoerfolgen, entwickelten weitab von Paris aber teils auch ganz eigenständige Ausdrucksformen und Stoffe und schafften es mehrmals zu beachteten Auftritten im westlichen Nachbarland. Als erster Kinohit in diesem Zusammenhang gilt Alain Tanners 1969 mit dem Goldenen Leoparden von Locarno ausgezeichnetes Porträt eines Genfer Fabrikanten. François Simon mimt den Job und Familie verlassenden «Querkopf», der zu einem alternativen 68er-Paar zieht, mit unterkühltem Charme. Tanner kümmerte sich wie in der Zeit üblich neben Regie auch allein ums Drehbuch – und gleich noch um die Produktion.
5. La salamandre («Der Salamander»), 1971
Ein etwas wilderes und ungekämmteres Stück Schweizer Filmgeschichte, dass neben der Verve des Filmemachers (wieder Tanner) zum einen viel der Hauptdarstellerin Bulle Ogier verdankt. Zum anderen liegt das Erfolgsgeheimnis auch in der eng mit dem Regisseur zusammen erstellten Vorlage des Autors John Berger. Ein Journalist (Jean-Luc Bideau) versucht mit der Hilfe seines Schriftsteller-Freundes dem Geheimnis einer Frau (Ogier) auf die Schliche zu kommen, die auf ihren Onkel geschossen haben soll, der sie beherbergte. Neben der Wahrheit interessiert genauso die Methode, versucht es doch der Journalist mit nüchternen, nachhakenden Befragungen, der Autor mit mehr «Fantasie».
6. Jonas qui aura 25 ans en l’an 2000 («Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt wird»), 1976
Nochmals Alain Tanner: Fünf Jahre später präsentiert er eine im besten Sinn geschwätzige Studie über acht 68er, die sich gemeinsam zurückziehen und ständig hinterfragen, ob und was von ihren früheren und aktuellen Hoffnungen mal Realität werden könnte. Und ob das in jedem Fall überhaupt gut wäre…
Mit dem neugeborenen Jonas verbinden sie alle ihre Hoffnungen für die Zukunft. Vor ein paar Jahren drehte Tanner übrigens quasi das Sequel mit dem erwachsenen Jonas.
7. Messidor, 1979
Vielleicht der unkonventionellste Tanner-Film. Zwei junge Frauen, eine mässig begeisterte Studentin und eine Verkäuferin, ziehen zu zweit ohne Geld durch die Schweiz. Ein Roadmovie, wie er auch heute wieder aktuell wäre. Bloss kommt hier zur Versuchsanordnung als radikale Beigabe eine existenziell-philosophische Note. Denn die Reise durch die bis ins Abstruse wohlgeordnete Paradies der Reichen macht sie krank. Statt aufzugeben reagieren sie aber mit … einem Mord. Selten war das Gutschweizerische auf der Leinwand weiter entfernt.
8. Das Boot ist voll, 1981
Der erste Film von Markus Imhof in diesen Top Ten beruht auf einer kongenialen Buchvorlage des Publizisten Alfred A. Häsler und schildert das Schicksal von sechs 1942 in die Schweiz geflüchteten Personen. Die Schweiz verschärft die Aufnahmebedingungen, die Hauptpersonen versuchen mit Hilfe von ein paar wohlgesinnten Einheimischen mittels der einen oder anderen Täuschung die Bedingungen zu erfüllen. Der Dorfpolizist kommt der Sache aber auf die Schliche und ordnet ein Verfahren an. Die nie pauschalisierende, aber der offiziellen Schweiz doch kritisch gegenüberstehende Zeichnung der Kriegszeiten erhielt eine Oscar-Nomination für den besten ausländischen Film (1982) – und die zweithöchste Auszeichnung des Silbernen Bären in Berlin. Mit positiven Folgen für die Verwertung in Deutschland.
9. Reise der Hoffnung, 1990
Xavier Kollers Flüchtlingsdrama eines alewitischen Paares, das bei der illegalen Einreise von Mailand in die Schweiz auf dem kalten Splügenpass ihr siebenjähriges Kind verliert, sorgte im Folgejahr für die grosse Oscar-Überraschung: Der Film setzte sich als beste fremdsprachige Produktion gegen Favorit Cyrano de Bergerac durch. Die dramaturgisch gekonnt zugespitzte Geschichte wirkte auch so echt, weil sie auf wahren Begebenheiten von 1988 beruht. Das Ehepaar (dessen weitere Kinder in der Türkei geblieben waren) wurde nach Verhören und Inhaftierung übrigens ins Herkunftsland ausgewiesen.
10. More than Honey, 2012
Wie Alain Tanner schafft es auch Markus Imhof mehrmals in die Liste der grössten internationalen Erfolge von Schweizer Filmproduktionen. Sein Dokumentarfilm mit dem Titelzusatz «Vom Leben und Überleben der Bienen» über arg dezimierte oder bereits vom Aussterben bedrohte Bienenvölker traf vor gut zwei Jahren nicht nur den Zeitgeist, sondern brillierte auch mit dem rhythmischen Mix aus bestechenden Naturaufnahmen und den durch Klarheit überzeugenden Interviewsequenzen. Beidem merkte der Zuschauer an, dass Imhof sich persönlich für das Thema engagierte und fünf Jahre in das Projekt steckte. Dank guten Zuschauerzahlen vorab im europäischen Ausland der erfolgreichste Schweizer Dokumentarfilm aller Zeiten.
Die meisten Filme sind bei ExLibris.ch erhältlich
Autor: Reto Meisser