Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03604.jsonl.gz/1088

Marianne Wehrli, LL.M Rechtsanwältin
Muss ich das Honorar des gegnerischen Anwalts bezahlen?
FRAGE | Ich habe vor Gericht einen Prozess verloren, als ich einen früheren Kollegen zur Rückzahlung einer Schuld zwingen wollte. Der Kollege hat sich von einem Anwalt vertreten lassen. Dafür hatte ich kein Geld. Immerhin wurde mir die unentgeltliche Rechtspflege gewährt und ich muss keine Gerichtskosten übernehmen. Nun verlangt der gegnerische Anwalt die Bezahlung seines Honorars von mir. Darf er das, obschon ich kein Geld habe?
ANTWORT | Ja. Unser Rechtssystem sieht vor, dass der Verlierer eines Verfahrens sämtliche Kosten zu bezahlen hat, auch die Anwaltskosten des Gewinners. Ist eine Partei mittellos, kann sie für das laufende Verfahren um Gewährung der unentgeltlichen Rechtspflege ersuchen solange sie es nicht mutwillig ausgelöst hat und ihr Begehren nicht aussichtslos erscheint. Wird das Gesuch gutgeheissen, ist der Gesuchsteller zunächst davon befreit, einen Gerichtskostenvorschuss zu leisten und sofern für seine Interessenwahrung nötig, kann er die Bestellung eines Anwalts verlangen. Verliert er den Prozess, werden ihm die Gerichts- und Anwaltskosten nicht in Rechnung gestellt, sondern lediglich vorgemerkt. Erst wenn sich die finanzielle Situation der mittellosen Partei verbessert, muss sie die angefallenen Kosten an die Staatskasse zurückzahlen.
Ob Sie nun das Honorar des gegnerischen Anwalts berappen müssen hängt davon ab, ob auch Ihr Kollege die unentgeltliche Rechtspflege beanspruchte oder nicht.Hätte Ihr Gegner ebenfalls unentgeltlich prozessiert, wird sein Anwalt ebenfalls aus der Staatskasse bezahlt. Hat Ihr Bekannter seinen Anwalt demgegenüber selbst bezahlt, kann er das Anwaltshonorar gestützt auf das Urteil betreiben. Aufgrund Ihrer derzeit knappen finanziellen Verhältnisse gibt es weder pfändbares Einkommen noch Vermögen. Ihr Kollege wird deshalb vorerst auf dem Honorar für seinen Anwalt sitzen bleiben.
Rechtsfragen können gestellt werden an:
Marianne Wehrli, Rechtsanwältin, Laurenzenvorstadt 79, Postfach 4227, 5001 Aarau
E-Mail: <email-pii>