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Maarten Devoldere ist einer der beiden Sänger der belgischen Band Balthazar. Derzeit ist er mit seinem Solo-Projekt Warhaus auf Tour. Für ein exklusives Schweizer Konzert war er am 18. April in Winterthur zu Gast. Vor dem Auftritt im Salzhaus nahm er sich Zeit um über seine Muse, seine Arbeit bei Balthazar und Warhaus zu sprechen.
Indiespect: Letztes Jahr hast du dein zweites Album mit Warhaus veröffentlicht. Hattest du während dem Schreibprozess manchmal Ideen, bei denen du das Gefühl hattest, sie würden besser zu Balthazar passen? Oder kannst du die beiden Projekte komplett trennen?
Maarten Devoldere: Na, da gibt es natürlich schon einige Unterschiede. Aber ich glaube, es gibt viele Songs, die ich für beide Projekte verwenden könnte. Wenn du ein Stück schreibst, kannst du es ganz unterschiedlich arrangieren. Ich kann es also etwas mehr nach Warhaus oder Balthazar klingen lassen. Aber ich denke nicht so sehr in Konzepten. Ich mache Songs in einem bestimmten Jahr meines Lebens. Derzeit schreibe ich für Balthazar, weil wir ein neues Album veröffentlichen werden. Also wird 2018 für mich das Jahr, in welchem ich nur Balthazar-Songs schreibe
Indiespect: Nach dem ersten Solo-Album hast du gesagt, dass du nicht gleich noch eins veröffentlichen möchtest. Stattdessen wolltest du bereits damals am neuen Balthazar-Album arbeiten. Jetzt hast du es trotzdem getan…
Devoldere: Ja, und das tatsächlich gegen den Rat von allen. Ich ging mit meinem ersten Album auf Tour und hatte so viel Spass. Du arbeitest mit neuen Musikern und gestaltest eine neue Show. Dadurch wird neue kreative Energie freigesetzt. Bevor ich es realisierte, hatte ich plötzliche ein neues Album geschrieben. Es lief alles sehr spontan und flüssig. Ich habe es innerhalb eines halben Jahres geschrieben und aufgenommen. Das ist ziemlich schnell. Am ersten Album arbeitete ich sechs Jahre. Also hatte ich auf einmal alle diese Songs und das Balthazar-Album wurde um ein halbes Jahr verschoben. Deshalb habe ich den Manager angerufen und gefragt, ob ich zwischenzeitlich noch ein Album veröffentlichen könne. Also haben wir es möglich gemacht. Dem Label gefiel diese Idee gar nicht. Sie dachten, es sei dann zu viel von Maarten Devoldere.
Maarten Devoldere alias Warhaus.
Indiespect: Wusstest du, dass Jinte (Deprez, der zweite Sänger von Balthazar) in weniger als zwei Wochen mit seinem Solo-Projekt J. Bernardt in der gleichen Location auftritt, wie du heute?
Devoldere: Ja! Ich habe gerade vorhin sein Swimming-Pool-Cover auf einem Plakat gesehen.
Indiespect: Ihr spioniert jetzt aber nicht nacheinander Konzertlokale für die Rückkehr von Balthazar aus?
Devoldere: Die Sache ist die, dass wir die selben Zeitabschnitte haben, in denen wir auf Tour zu gehen können. Wir haben mit Balthazar einen gemeinsamen Zeitplan und auch denselben Agenten. Deshalb gibt es einige Venues auf dieser Europa-Tour, in denen wir beide auftreten.
Indiespect: Auf den Warhaus-Alben gibt es ziemlich viele Bläser-Einsätze. Ich weiss, dass du manchmal selbst Trompete spielst. Hast du für die anderen Instrumente Musiker verpflichtet, die ausschliesslich für dieses Projekt mit dir zusammenarbeiten oder holst du dir manchmal Unterstützung von deinen Balthazar-Kollegen?
Devoldere: Nun, ich habe einen. Der Schlagzeuger ist derjenige von Balthazar. Und wie es der Zufall will, ist heute mein üblicher Bassist nicht verfügbar. Deshalb habe ich als Ersatz auch noch den Bassisten von Balthazar dabei.
Indiespect: Als du im November 2017 ein Konzert in Luzern gespielt hast, war deine Gesangs-Partnerin Sylvie Kreusch nicht dabei. Ist das normal, oder war sie nur für dieses spezielle Konzert nicht verfügbar?
Devoldere: Sie ist nicht sehr oft mit uns auf Tour, nur für einzelne Konzerte. Sie hat soeben erst ihre erste Solo-Single veröffentlicht und arbeitet gerade an ihrem Solo-Album. Ich bezeichne sie als meine Muse. Ich möchte die Magie dieser Beziehung intakt halten. Wenn wir zusammen für 120 Konzerte im Jahr unterwegs wären, würde es sich wie eine Geschäftsbeziehung anfühlen. Ich wollte mich nicht mit den Göttern der Inspiration anlegen (lacht).
Indiespect: Die Beziehung zwischen euch beiden, ist ziemlich mysteriös. In manchen Artikeln liest man, dass sie deine Freundin ist, in anderen ist lediglich davon die Rede, dass sie in der Mietwohnung unter dir gewohnt hat. Was stimmt denn nun?
Devoldere: Sie ist meine Frau. Sie ist meine Schwester. Sie ist meine Muse. Sie ist mein Boss. Sie ist mein Sklave. Sie ist viele Dinge für mich.
Indiespect: Alles klar! Aber du hast keine andere Sängerin mit dir auf Tour?
Devoldere: Nein. Aber ich habe eine ganze Gruppe, die sehr hoch singen kann (lacht). Ich kann mir vorstellen, dass das einige Leute schade finden. Aber ich habe diesen Kompromiss gemacht und möchte daran festhalten. Bei Festivals ist es üblicher, dass sie mal dabei ist. Als wir in der Schweiz am Zürich Openair und dem Montreux Jazz Festival gespielt haben, war sie auch da.
Maarten Devoldere und seine Muse Sylvie Kreusch.
Indiespect: In Zürich habt ihr im Sommer 2016 auch ein intimes Showcasefür das Music Apartment gespielt. Ich erinnere mich, dass der Raum innert kürzester Zeit zur Sauna wurde. Wie seid ihr in der Lage unter diesen Umständen zu spielen?
Devoldere: Gestern spielten wir in Mailand. Es war verdammt heiss. Ich behielt meinen Mantel fürs halbe Set an. Normalerweise denke ich: Scheiss drauf, ich behalte ihn an. Ich habe das für mich selbst fast vertraglich geregelt (lacht). Aber gestern hielt ich es einfach nicht mehr aus. Generell mag ich es jedoch, wenn es schwitzig wird. Wenn der Schweiss in deine Augen tropft, wird es richtig real. Du musst ein bisschen leiden und ein kleines bisschen sterben, wenn du auftrittst. Es ist fast wie ein Orgasmus – la petite mort.
Indiespect: Wenn wir schon von speziellen Umständen sprechen… 2016 seid ihr mit Balthazar am Southside Festival in Deutschland aufgetreten. Ihr wart eine der wenigen Bands, die spielen konnte. Nach euerm Auftritt wurde das gesamte Festival aufgrund eines gewaltigen Gewittersturms abgesagt. Seid ihr damals noch vor Ort gewesen?
Devoldere: Oh ja. An diesem Abend spielten wir ein Konzert und schliefen auch dort. Ich erinnere mich, dass der gesamte Backstage überflutet wurde. Am nächsten Tag sollten wir zum Hurricane fahren, aber auch das wurde abgesagt. Also mussten wir einfach nachhause gehen.
Indiespect: Denkst du, dass die Solo-Projekte von Jinte und dir die Art des Schreibens von Balthazar beeinflusst haben?
Devoldere: Natürlich gewinnst du dadurch sehr viel Erfahrung. Aber für mich ist es, wie zu Beginn erwähnt. Es sind eher die Lebensabschnitte, die mich beeinflussen. Das nächste Balthazar-Album wird so klingen, wie Jinte und ich mit 31 sind. Du entwickelst dich mit jedem Projekt. Es steckt viel von Balthazar in unseren Solo-Projekten und umgekehrt. Ich trenne diese beiden Dinge nicht wirklich.
Warhaus live im Salzhaus Winterthur.
Indiespect: Vor Kurzem habt ihr auf Facebook gepostet, dass euer Gründungsmitglied Patricia Vanneste nicht mehr Teil der Band ist. Wird sich euer Sound dadurch verändern, oder habt ihr geplant, wieder eine Violinistin zur Band zu holen?
Devoldere: Das wissen wir momentan noch nicht. Wenn wir ein Album machen, denken wir nie daran, wie wir es live umsetzen. Vielleicht wird es Violinen darauf zu hören geben. Sobald das Album fertig ist, beginnen wir uns zu überlegen, wie es live klingen soll. Dann definieren wir, ob wir nur zu viert auftreten, oder uns jemanden suchen. Das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Daher kann ich dazu nicht viel sagen.
Indiespect: Also seid ihr keine Band, welche die Live-Energie im Studio einfangen möchte?
Devoldere: Nein, nein. So authentisch sind wir nicht (lacht). Wir möchten einfach das bestmögliche Album machen, das wir können. Wenn wir eine Idee haben, werfen wir sie nicht einfach über Bord, nur weil wir sie live nicht umsetzen können. Diese Art zu arbeiten gefällt mir. Andernfalls würden wir im Studio und auf der Bühne dasselbe machen. Das wäre zu langweilig.
Indiespect: Es gibt euch vielleicht auch noch einmal neue Energie…
Devoldere: Ja. Bei Warhaus habe ich mittlerweile einen Bassisten. Am Anfang konnte ich mir nicht so viele Musiker leisten. Also hatte ich eine Bass-Saite an meiner Gitarre. So spielte ich gleichzeitig Bass und Gitarre. Das musste ich mir ausdenken, um den Klang des Albums wiederzugeben. Ich mag das wirklich. Das erschafft deinen Klang und gibt deiner Musik eine ganz spezielle Identität.
Drei von vier. Fast die gesamte Band von Balthazar stand auf der Bühne in Winterthur.
Indiespect: Der Stil von Balthazar ist ziemlich einzigartig und schwierig zu vergleichen. Ihr habt die Band mit 17 gegründet. Wie hat sich euer Stil entwickelt?
Devoldere: Ja, wir begannen mit 17. Unser erstes Album veröffentlichten wir, als wir 22 oder 23 waren. Ich denke, es war richtig gut, dass wir so lange gewartet haben. Zuvor hatten wir viele unterschiedliche Stile und waren eine schreckliche Band. Es war also wirklich clever, nichts zu überstürzen. Damals wussten wir, dass wir unser erstes Album erst rausbringen wollten, wenn wir ein klares Konzept haben.
Indiespect: Hattet ihr denn damals unterschiedliche Einflüsse?
Devoldere: Offensichtlich. Am Anfang gefiel uns vor allem zeitgemässe Musik wie LCD Soundsystem oder Gorillaz. Beim zweiten Album begannen sich Jinte und ich immer mehr für die klassischen Singer-Songwriter zu interessieren. Zum Beispiel für Reed, Bob Dylan oder Bowie und Serge Gainsbourg. Ich glaube man kann das auf dem zweiten Album auch hören. Es ist etwas mehr vintage. Vor allem wenn du jung bist, verändern sich deine Einflüsse sehr oft. Nach einer Weile verändern sie sich nicht mehr um 180°. Du versucht einfach dich zu entwickeln und tiefer in die Dinge einzutauchen, in denen du gut bist. Das tue ich beispielsweise mit Warhaus.
Indiespect: Hatten du und Jinte die Chance gegenseitig eure Solo-Projekte live zu sehen? Wenn ja, wie fühlte sich das an?
Devoldere: Das ist tatsächlich grossartig. Ich war sehr beeindruckt und bin es noch immer, wenn ich ihn spielen sehe. Wir spielen seit dreizehn Jahren in einer Band. Das ist eine lange Zeit. Irgendwann bist du etwas verwöhnt und vergisst wie talentiert der andere ist. Du nimmst es einfach als selbstverständlich hin. Jetzt, haben sich unsere Wege für einen Moment getrennt und jeder hat sein eigenes Projekt. Das erinnert dich daran, was für ein Glück du hast, mit diesem Musiker eine Band zu teilen. Es war also wirklich cool. Als ich ihn sah, wurde der Drang immer stärker, ein neues Balthazar-Album aufzunehmen. Natürlich hätte es auch sein können, dass es richtig beschissen ist. Oder dass Warhaus beschissen ist. Dann würde er nie mehr mit mir zusammenarbeiten wollen. Aber zum Glück gefällt uns, was der andere so macht.
Indiespect: Es ist nur noch eine Frage offen. Habt ihr bereits einen Veröffentlichungs-Termin für euer neues Album?
Devoldere: Ich denke es wird dieses Jahr im November oder nächstes Jahr im Februar erscheinen.
Indiespect: Grossartig. Wir freuen uns darauf. Vielen Dank für deine Zeit!