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Persönlich. Der Schweizer Musiker Stephan Eicher und der französische Romancier Philippe Djian pflegen eine ganz spezielle Freundschaft, aus der immer wieder Lieder entstehen.
Coopzeitung: Ihre Zusammenarbeit hat 1989 begonnen, als Sie, Philippe Djian, die Texte für fünf Songs von Stephan Eichers Platte «My Place» schrieben. Wie ist es dazu gekommen?
Stephan Eicher: In Frankreich war «Betty Blue» ein riesiger Erfolg. «Verraten und Verkauft» war gerade erschienen. Philippe war schon ein Star. Da haben wir uns bei Aufzeichnungen zur Fern-sehsendung «Rapido» kennengelernt.
Philippe Djian: Stephan arbeitete an einem Lied, an «Rien à Voir». Er hatte ein Problem mit dem Text, deshalb bat er mich, zu helfen. So hat es angefangen.
Wie kommt ein Romancier dazu, Lieder zu schreiben? Sie haben bisher keine Gedichte veröffentlicht ...
Djian: Die Lieder sind keine Poesie. Ein Gedicht könnte für sich selbst stehen. Es sind kurze Texte, die dafür gedacht sind, gesungen zu werden. Sie brauchen die Vervollständigung durch die Musik. Gedichte sind es nicht. Sie haben auch keine Reime.
Eicher: Aber die Texte haben Rhythmus. Der Rhythmus hilft uns auch, sie auswendig zu lernen. Das ist wie bei den alten Griechen. Die Form des Liedes ergibt sich aus dem Text.
Wie entsteht ein Djian/Eicher-Song?
Djian: Ich schicke Stephan ein paar Dinge, er sagt mir, was ihm gefällt.
Eicher: Philippe schreibt seinen Text, dann beginne ich damit zu arbeiten. Wir arbeiten beide alleine, jeder für sich. Wenn ich den Text habe, muss ich den Schatz suchen, der in den Wörtern verborgen ist, einen Rhythmus, ein Bild, das mich inspiriert. Aber das braucht Zeit. Es ist der Text, der die Musik befruchtet. Ich suche, ich improvisiere, manchmal braucht es Hunderte Versuche.
Ist ein Lied von Stephan etwas anderes als eine Verfilmung wie die von Betty Blue?
Djian: Ich ziehe es vor, von unserer Arbeit als einer dritten Person zu denken. Den Film «Betty Blue» kann ich nicht mehr sehen. Mit den Liedern ist das etwas anders. Es stört mich nicht, sie zu hören. Meine Worte in seinem Mund, das tönt gut.
Eicher: Wenn Philippe mir einen Text gibt und ich ihn singe, dann wird das zum Werk eines Bruders, den wir nicht kennen.
Im Essayband «In der Kreide» nennen Sie, Philippe Djian, die Vorbilder für Ihr erzählerisches Arbeiten, darunter etwa Henry Miller. Haben Sie für Ihre Songs auch Vorbilder?
Djian: Nein, das ist eine ganz andere Arbeit. Wir gehen beide in der Arbeit aufeinander zu, das ist einzigartig. Es ist eine bestimmte Art, die Sicht der Welt zu teilen.
Stephan Eicher – bei wem stehen Sie «in der Kreide»?
Eicher: Da gibt es viele. Wenn man Musik zu machen beginnt, kopiert man zuerst. Ich habe zum Beispiel Lou Reed im Volkshaus gesehen oder Patty Smith in Hamburg. Das waren Figuren, die mich angezogen haben. Mein Glück war, dass ich nicht so talentiert bin. Wenn ich etwas kopiere, dann gehts in die Hose. Ich habe probiert, zu tönen wie zum Beispiel Lou Reed. Aber ich war nicht gut genug. Mit der Zeit hat sich aus diesem Scheitern der Klang von Stephan Eicher entwickelt.
Philippe Djian, in Ihren Büchern spielt Sex eine grosse Rolle. In Ihren Liedern kommt kaum Sex vor. Warum?
Eicher: Das stimmt nicht: Es hat viel Sex in den Liedern. Nur ist er besser versteckt als in den Büchern.
Sie haben immer wieder gesagt, dass es Ihnen auf den Stil ankommt. Wenn Stephan Ihre Worte zu Musik macht, prägt aber er den Stil ...
Djian: Die Wörter des Chansons haben keine Existenz, wenn man sie nicht singt. Stephan erweckt sie zum Leben, meine Wörter sind sein Rohmaterial. Es ist seine Stimme, die singt, aber es sind meine Wörter, es bleibt meine bestimmte Art zu sprechen.
Eicher: Dann kommt da noch mein Akzent dazu. Wenn Philippe die Texte spricht, tönt es immer wunderbar. Bei mir tönt es anders. Deshalb sind wir auf die Idee der musikalischen Lesungen gekommen: Philippe liest die Texte, ich begleite ihn auf der Gitarre.
Djian: Ich schreibe auch nicht für andere Musiker, das interessiert mich nicht.
Stephan Eicher, welches Buch von Philippe Djian ist Ihr Lieblingsbuch?
Eicher: Das erste Buch, das ich gelesen habe, war «Verraten und Verkauft». Und das letzte, «Impardonnables». «Doggy Bag» habe ich nicht fertig gelesen. Philippe ist kein Marathonläufer. Er macht Steeples. So 2500 Meter, das ist seine Distanz (lacht).
Djian: Das stimmt schon. Seine Distanz zu finden als Schriftsteller, das ist etwas Wichtiges.
Und Sie? Gibt es ein Lieblingslied von Stephan Eicher?
Djian: Ja, das gibt es, aber man kennt es nicht, weil es nicht aufgenommen ist. Von den veröffentlichten Liedern ist es «Louanges».
Eicher: Wenn ich für ihn ein Lied schreibe, dann spiele ich es mit der Gitarre. Dann ist Philippe zufrieden mit dem Song. Wenn dann im Studio die anderen Instrumente dazukommen, gefällt es ihm oft nicht mehr und er fragt mich: «Was machst du denn da?» Bei «Louanges» war es so: Ich war in einem Hotelzimmer, da rief er mich an und sagte: «Nimm jetzt sofort ein Lied auf.» Das war Louanges. Also habe ich das Lied sofort, im Hotelzimmer, aufgenommen. Aber mitten in der Aufnahme klingelte das Telefon. Und genauso habe ich es herausgegeben.
Stephan Eicher, Sie gehen ja fremd ...
Eicher: Ja, aber Philippe weiss es. Ich habe ihm die Person vorgestellt, mit der ich ihn betrüge.
Diese Person, das ist Martin Suter, der für Sie schreibt. Und es soll ein Musical geben?
Eicher: Furchtbar, oder? Aber es wird kein Musical, sondern ein Singspiel. Und am Schluss gehen wir dann zu dritt auf Tournee. Als drei alternde Musketiere (lacht und legt den Arm um Djian).
Wie sieht die Zusammenarbeit von Eicher/Djian in Zukunft aus? Arbeiten Sie an einer neuen CD?
Eicher: Wir machen keine CDs. Wir machen zusammen Lieder. Wenn wir zusammen sind, entstehen neue Lieder wie von selbst.
Djian: Unsere Freundschaft ist ja darum so lebendig, weil sie sich aus der Arbeit speist.