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Zu Besuch auf einer mexikanischen Gemeinde
ACHTUNG: Sehr ermüdender Bericht, lesen auf eigene Gefahr...
Wie ihr aus unserem letzten Beitrag ja bereits wisst, hüten wir hier - in Puerto Escondido Mexiko - ein Hotel. Eines Tages klingelte ein gut gekleideter Mann bei uns. Lange Hosen, geschlossene Schuhe und ein Langarmhemd ungefähr so dick, wie ein Teppich. Schliesslich sind angenehme 35 Grad. Auf jeden Fall hält er mir ein offizielles Papier vor die Nase. Wir (und alle anderen Hoteliers dieses Strandes) werden für eine Sitzung mit dem Gemeindepräsidenten (Presidente del Municipio de Santa Maria Colotepec) eingeladen, am 14. November. Heute ist der 13. November. Der nette Mann überreicht mir die Einladung und möchte, dass ich deren Erhalt mit meiner Unterschrift bestätige. "Worum geht es denn bei dieser Sitzung?" frage ich ihn, "keine Ahnung, du musst das Papier lesen" sagt er mir. Na gut, schauen wir uns das mal an.
Das Dokument ist wie jedes mexikanische Dokument offizieller Stelle. Vollgeschrieben und trotzdem wenig Inhalt. Wir kriegen raus, dass wir um 17:00 beim Gemeindehaus, der "Reprecentación Municipal de Santa Maria Colotepec", erscheinen sollen. Es ginge darum, wie man den Strandbereich verschönern könne. Grosse Lust daran teilzunehmen verspüren wir nicht zwingend. Dennoch entschliessen wir uns nach Absprache mit Manuela und René den Termin wahrzunehmen.
Schliesslich ist dies eine offizielle Einladung, also erscheinen wir pünktlich um 17:00. Alleine. Ansonsten ist nur die Hauswärtin da. Sie weiss, dass eine Sitzung stattfindet, aber kann uns nicht sagen welche. Wir sollen warten. Nun treffen ein paar Nasen ein und um 17:30 finden wir uns alle in einem kleinen klimatisierten Raum ein. Am Ende des Raumes hängt ein majestätisches Bild des amtierenden Stadtpräsidenten von Puerto Escondido, selbstverständlich im Anzug und mit einer mexikanischen Flagge im Hintergrund. Der Ausdruck seines Gesichtes lässt eher darauf schliessen, dass er am Abend vor dem Foto zu scharf gegessen hat, als dass er sich über diesen Titel wirklich freuen würde. Auf dem Schreibtisch finden sich eine weitere mexikanische Flagge im Kleinformat und eine weiteres offizielles Fähnlein. Kurios: elektronische Geräte, wie etwa einen Laptop, sucht man vergeblich.
Der Presidente del Municipio de Santa Maria Colotepec eröffnet die Sitzung mit danksagenden Worten an alle erschienenen Hoteliers. Er bedaure, dass nicht mehr erschienen sind, möchte sich aber von ganzem Herzen bei den Anwesenden für die Teilnahme an dieser wichtigen Sitzung bedanken. Noch immer verstehen wir nicht genau worum es hier eigentlich geht. Der Presidente del Municipio de Santa Maria Colotepec hält für die nächsten 5 Minuten einen Monolog, betont, dass viel Arbeit getan werden muss und stellt seine Begleiter, den Director Federal (staatlicher Direktor für-keine-Ahnung-was), den Representante de Turismo de Oaxaca (den Repräsentanten des kantonalen Tourismus) und den Biólogo oficial (den offiziellen Biologen der Gemeinde), vor. Wiederholend bedankt er sich für unser Erscheinen und wie wichtig dieses sei. Es gehe darum, un equipo (ein Team) zu sein und gemeinsam Probleme zu lösen. Zwischendurch klingelt kurz sein Telefon und er schaut kurz darauf, ignoriert es, und schwafelt weiter. Wo waren wir? Genau. Wir müssen ein Team sein, nur so und in Zusammenarbeit mit dem Director Federal, der seit dieser Woche im Amt sei, mit dem anwesenden Representante del Turismo de Oaxaca und dem engagierten Biologen können wir den Strand verbessern. Bisher bestand leider kein guter Draht, bzw. keine Plattform, zwischen den hier anwesenden Offiziellen und den Vertretern der Hotelbranche. Dies müsse geändert werden. Schliesslich können wir nur als Team bestehen. Und nur so können wir Dinge verbessern und dann würde sicherlich der Gobernador des Staates Oaxaca auch aufmerksam werden und sich für unsere Gemeinde einsetzen. Dem Presidente sei klar, es gäbe noch andere Interessensvertreter, bspw. aus der Restaurantbranche, aber deren Bedürfnisse wolle er separat abholen, ansonsten kommen wir hier nicht weiter.
Wir fragen uns: weiter womit? Der Presidente spricht jetzt seit 5 Minuten ununterbrochen über ein Team und wirft immer mal wieder offiziell klingende Namen durch den kühlen Raum. Nun klingelt sein Handy wieder. Er übergibt das Wort dem Representante del Turismo de Oaxaca, welcher sich noch kurz vorstellt und ebenfalls betont dankbar für diese Runde zu sein und er sei zuversichtlich, dass wir als Team grosses bewirken können. Aber, es sei viel Arbeit! Schliesslich sei der Strand kontaminiert, bspw. mit Hundekacke. Das würde den Tourismus natürlich abschrecken. Diese Kontamination muss gestoppt werden.
Wir verstehen langsam. Es geht primär um den Strand, die Playa Zicatela. Das Herzstück von Puerto Escondido. Geschmückt mit zahlreichen Hotels und Restaurants. Ein sauberer Strand zieht natürlich viel mehr Touristen an, wodurch alle profitieren können. Nun gut, das verstehen wir. Der Representante del Turismo de Oaxaca übergibt uns Teilnehmenden das Wort, wir alle dürfen uns kurz vorstellen. Danach geht das Wort an den Director Federal (was genau er dirigiert bleibt bis zum Schluss unklar). Er spricht sehr langsam und unverständlich. Im Prinzip wiederholt er die Namen aller offiziellen Männer in diesem Raum und übergibt das Wort dem Biologen. Dieser hat eine richtige Macher-Aura. Er erklärt, dass man nun regelmässig die Wasserqualität an 5 verschiedenen Punkten am Strand messen wolle, Regeln für den Strand aufstellen möchte (vor allem dürfen diese Hunde nicht mehr da hin, die kontaminieren alles mit ihrer Kacke), man muss Schilder aufstellen und die Menschen auf die Regeln hinweisen, den Strand sauber halten und putzen. Klingt alles gut. Und der Typ scheint wirklich sehr engagiert zu sein. Vieles, das gemacht wird, sehe man noch gar nicht. Es müsse viel vorbereitet werden, es ist viel Arbeit. Vor allem vom 21.-23. November steht die Zertifizierung nach der nationalen Norm 120 für Strände vor der Tür. Diese Zertifizierung wolle man bestehen. Da müssen Kriterien wie Abfalltrennung, Sauberkeit und viele weitere erfüllt werden. Das ist ein super Signal für den Tourismus, wenn der Strand wieder zertifiziert wird. Da kommt extra ein hoher Beamter vorbei und schaut sich das an. Aber das können wir nur als Team erreichen, alleine geht das nicht.
Zwischendurch gibt es ein paar Wortmeldungen von Hoteliers, welche bei gewissen Punkten nachfragen. Meistens antwortet der Presidente del Municipio de Santa Maria Colotepec und betont, dass ihm dieser Anlass so wichtig sei und er genau dazu hier sei. Es sei eine Plattform, bei der sich die Hoteliers äussern dürfen und ihre Bedürfnisse kundtun können. So kann in Zusammenarbeit mit dem Biologen, dem Representante del Turismo de Oaxaca und dem Director Federal grosser geleistet werden und der Strand und dessen Gemeinde können in neue Sphären gehievt werden.
Nach diesen Monologen, welche den Teilnehmenden primär Müdigkeit ins Gesicht zauberten, durften sich die Teilnehmenden zu Wort melden. Spannende Punkte wurde erwähnt: der Hundekot sei eigentlich gar kein Problem, das sei alles organisch und innerhalb weniger Tage sowieso weg. Viel schlimmer sei der Mensch, der mit Plastik und sonstigem Abfall den Strand kontaminiert. Was schlussendlich dann auch das Meer kontaminiert. Das sei hier ein wesentliches Problem. Zusdem werde der Flughafen ausgebaut und schon jetzt landen pro Tag 12 Flüge (vs. 3 pro Tag vor 2 Jahren), was die Kapazitäten der Gemeinde nahezu zum Kollaps bringe. Es gäbe viel zu wenige Parkplätze, es muss eine zusätzliche Wasseraufbereitungsanlage her, die Infrastruktur müsse allgemein verbessert werden, die Leute trinken zu viel Alkohol, den sie in den kleinen Supermärkten kaufen und dessen Müll am Strand landet und und und. Aber daran seien nicht nur die Hoteliers schuld, sondern auch die Restaurants und alle, die in dieser Gegend ein Geschäft betreiben oder da wohnen. Ihr seht, die Lage ist komplex.
Der Presidente del Municipio de Santa Maria Colotepec ergreift erneut das Wort (nachdem er sein Handy wieder weggelegt hat). Er betont, dass dies nur als Team möglich sei. Sonst können die Probleme nicht gelöst werden. Mit den anderen "Verursachern" spreche er auch noch (oder sprach er schon). Er möchte alle Bedürfnisse sammeln und gemeinsame Nenner finden. Vor allem durch die Unterstützung des Director Federal und des Representante del Turismo de Oaxaca solle dies möglich sein. Und genau dazu sei diese Plattform da, um den Anspruchsgruppen eine Plattform zu bieten, ihre Bedürfnisse kundzutun. Ay, da werde ich sogar beim Schreiben müde. Ein Wunder, wenn du bis hier hin gelesen hast. Aber du bist sicher gespannt wie ein Flitzebogen, wie die Sitzung ausging. Verständlich. Also weiter geht's.
Ein Teilnehmer meldet sich und sagt, es brauche einen Massnahmenplan mit klaren Daten und Verantwortlichkeiten. Nur so können Schritt für Schritt Verbesserungen erzielt werden. Leuchtet allen ein. Wird gutgeheissen. Der Teilnehmende betont allerdings, dass dies bis Ende Oktober hätte finalisiert werden sollen, ansonsten wird es für das Budget 2024 nicht berücksichtigt. Der Zeitpunkt der Sitzung wurde also ideal gewählt. Kurz darauf wird auch klar weshalb. Von offizieller Seite wird die Zertifizierung des Strandes erneut erwähnt. Es gehe darum, am 20. November alles so sauber zu putzen wie nur möglich. So gelinge die Zertifizierung vom 21.-23. November. Ob wir denn alle am 20. November um 07:00 Zeit hätten mitanzupacken. Es gäbe schon 18 freiwillige Organisationen. Da wäre es schön, wenn auch die Hoteliers mitanpacken würden. Nun leuchtet es uns allmählich ein: unser Bauchgefühl hat uns bereits signalisiert, dass hier irgendetwas faul sei. Schlussendlich geht es den Representantes, Directores und Presidentes "nur" um die erneute Zertifizierung des Strandes. Also soll alles bis dahin auf Vordermann gebracht werden. Für die Erarbeitung eines nachhaltigen Verbesserungsplans ist es sowieso schon zu spät...
Dennoch macht eine Assistente ein paar Notizen der Wortmeldungen, eine Art Protokoll. Alle einigen sich auf den 20. November 07:00. Die Operation erhält den Namen "Playas Limpias" (saubere Strände). Der Presidente packt schon mal seine Tasche zusammen und signalisiert damit das nahende Ende der Sitzung. Wirklich etwas erreicht oder festgelegt wurde aber noch nicht. Also sucht ein Offizieller einen weiteren Termin und schlägt den 24. November, 19:00 vor. An diesem Abend soll der Massnahmenplan erarbeitet werden. Alles sehr kurzfristig, finden wir. Aber unmöglich sicherlich nicht. Kurz danach verabschieden sich der Presidente del Municipio de Santa Maria Colotepec, der Director Federal, der Representante del Turismo de Oaxaca und der Biologe. Sie seien sehr froh über diese Plattform und den engeren Draht zu den Hoteliers. Danke für das Erscheinen, hoffentlich erscheinen das nächste Mal mehr Leute. Alle fotografieren und filmen noch ein wenig und schlagen dann vor, eine WhatsApp Gruppe zu machen. So können noch weitere Leute mobilisiert und Informationen geteilt werden. Kurz danach verschwinden alle.
Wir geben Manuela & René (auch Renuela genannt) ein kurzes Update und diese beiden lachen nur. Sie bedanken sich für unsere Mühe und teilen uns mit, dass sie das letzte Mal vor 10 Jahren bei so einer Sitzung waren. Es hat sich in der Zwischenzeit wenig bis nichts verändert. Es gehe im Prinzip nur um diese Operation "Playas Limpias", damit die Zertifizierung erreicht werden kann. Dann putzen alle alles feinsäuberlich raus und die offizielle Stelle prüft den Strand während der nächsten drei Tage. Oft wird sogar alles abgesperrt, da dürfen nicht mal mehr Menschen oder Hunde den Strand betreten. Nach erfolgreicher Zertifizierung posieren alle und prahlen mit der hohen Sauberkeit des Strandes in den sozialen Medien. Am nächsten Tag interessiert dies wieder keinen mehr, der Plastik sammelt sich wieder im feinen Sand und der ABfall wird nicht mehr getrennt (das meiste wird sowieso gemeinsam verbrannt, leider).
Trotzdem war dies eine lustige Erfahrung. Wir haben immer gedacht in der Schweiz wären Gemeinde- und Stadtverwaltungen kompliziert und nervenaufreibend. Dies mag auch sein. Aber nicht in einem mexikanischen Ausmass, das können wir euch versichern! Wer lädt schon Leute für den Folgetag zu so einem ach-so-wichtigen Gespräch ein ohne zu erwähnen, worum es geht, verteilt die Einladungen gar nicht an alle, ist leicht genervt, wieso nicht mehr Leute erschienen sind, lässt sich von seinem Handy ablenken und verlässt dann den Raum ohne wirklich etwas erreicht zu haben?
Trotzdem geniessen wir diese knapp 2-stündige Sitzung und lassen uns die offiziellen Worte rund um die Presidentes, Doctoras, Representantes und Directors um den Kopf schmeissen und müssen oft etwas schmunzeln. Irgendwie lustig, wo wir hier gelandet sind und dass wir diese Gelegenheit erhalten haben. Wir sind dankbar dies erlebt haben zu dürfen. Ich meine, ich (Joël) habe die ersten 5 Minuten gespannt zugehört, alles verstanden und einfach keinen Inhalt identifizieren können. Dieser Presidente ist ein Talent sage ich euch. Ich bin aber stolz, dass ich dies mit meinen auf der Reise erlernten Spanischkenntnissen bestens verstehen konnte. So habe ich auch den offziellen Beamtenspanischtest bestanden :-D
Hochachtungsvoll, Direktorin für auswärtige Reisen & Abgeordnete der Lateinamerikareisenden sowie Representante del Municipio de Lotzwil de la region Oberaargau & Director Federal für Rucksackreisende,
Nadine y Joël