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EAV-Direktor Edmund Wilhelm Milliet sah die Folgen des Verbots mit beeindruckender Klarheit voraus: Es werde eine Schattenwirtschaft entstehen und zu einer Verlagerung auf andere geistige Getränke kommen. Er befürchtete ein Ja des Volkes und empfahl, einen Gegenvorschlag auszuarbeiten, was nicht geschah.
Toxische Folgen attestiert
Die eidgenössischen Räte und später das Volk schlugen seine Argumente in den Wind. Zu wirksam liess sich die Gewalttat eines Weinbergarbeiters im Waadtland ausschlachten, der 1905 angeblich im Absinthrausch seine Frau und die zwei Kinder umgebracht hatte. Zudem traten Wissenschafter auf den Plan, die den ätherischen Ölen des Kräuterschnapses schwere toxische Folgen attestierten.
Die prognostizierte Schattenwirtschaft und die faktisch unüberwindbaren Durchsetzungsprobleme beschäftigten die EAV in den folgenden fast 100 Jahren. Vor allem im neuenburgischen Val de Travers wurde im grossen Stil schwarz gebrannt. «Die EAV hatte zu wenig wirksame Möglichkeiten, dies zu unterbinden. Sie war nur für die Produktion, nicht aber für den Handel zuständig», weiss Nicolas Rion von der EAV. Unterstützung von den örtlichen Behörden durfte der Bund kaum erwarten.
Absurde Szenen
Als das Verbot 2005 aufgehoben wurde, kam es erneut zu absurden Szenen. Etliche Leute, die sich um eine Konzession bewarben, stellten sich als Unschuldslämmer dar; doch es zeigte sich, dass sie in grossem Stil schwarz gebrannt hatten.
So oder so konnte man ihnen nichts mehr anhaben. Auf den Flaschen wird nach der Legalisierung gerne vermerkt, dass sich die Produzenten stets um die Tradition der grünen Fee verdient gemacht hätten.
Mitterrands Dessert
Eine echte Groteske war das Nachspiel um ein Dessert, das dem französischen Staatspräsidenten François Mitterrand bei seinem Staatsbesuch 1983 in Neuenburg serviert worden war. Dieses trug den verdächtigen Namen Soufflé glacé à la Fée Verte, was auf Absinth schliessen liess und die Justiz auf den Plan rief.
Der Koch beteuerte jedoch, er habe nicht verbotenen Absinth verwendet, sondern Pastis. Als nichts anderes nachzuweisen war, musste er sich prompt wegen Falschdeklaration und Betrug verantworten. Erst in zweiter Instanz wurde auch dieser Vorwurf fallen gelassen. In einem Zeitungskommentar hiess es, die Absinthwirtschaft sei im Kanton Neuenburg nie als Verbrechen, sondern als Brauchtum empfunden worden.