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Manchmal geraten Feste ganz anders als erwartet. Kürzlich ein Geburtstagsfest, zu dem ein Teil der Verwandtschaft kam. Kein runder Geburtstag, keine grosse Sache, kurzfristige Einladung. Aber dann grossartige Diskussionen, ausschweifend, lustig, laut, hitzig. Stundenlang wurde über Partnerschaften und Beziehungen debattiert. Warum es als normal angesehen wird, wenn ein älterer Mann und eine jüngere Frau zusammen sind, aber weniger normal, wenn ein jüngerer Mann und eine ältere Frau sich ein Paar nennen. Weil Männer schöner altern, sagte die Tante allen Ernstes. Das zeigen doch zahlreiche Beispiele, ältere Männer seien attraktiv, während ältere Frauen eher verwelkt ausschauen, sagte sie. Deshalb könne eine ältere Frau einen jüngeren Mann auf die Dauer «nicht halten». Emmanuel und Brigitte Macron seien eine Ausnahme, weil sie eine «Hammer-Frau» sei.
Vielleicht gibt es tatsächlich die biologische Komponente der Fruchtbarkeit, welche einen Teil der Attraktivität ausmacht. Das würde bedeuten, dass Frauen ab etwa 45 weniger attraktiv sind, Männer hingegen spielend noch bis etwa 80. Doch dieser Faktor ist lediglich einer von vielen. Die Anziehungskraft zwischen den Geschlechtern ist grösstenteils gesellschaftlich gemacht. Dass ältere Männer attraktiver seien als ältere Frauen, ist ein vorgegebenes Denk- und Fühldiktat. Glücklich diejenigen, die dafür nicht empfänglich sind, die das Diktat nicht mitbekommen. Sie können in jeder Phase ihres Lebens zufrieden sein, sie hören keine Uhr ticken, sie müssen keinem Ideal hinterherrennen, sie müssen nicht jemanden darstellen, den sie nicht sind oder nicht mehr zu sein glauben.
Die Tischrunde wurde sich nicht einig. Manche blieben hartnäckig dabei, dass Frauen generell nicht schön altern könnten. Von einigen Ausnahmen an «Hammer-Frauen» abgesehen. Die andere Hälfte war der Ansicht, dass Schönheit nicht absolut zu definieren sei, dass sie nicht von Falten und grauen Haaren abhänge. Es ging weiter im Text: Zusammenwohnen ja oder nein? Ist die richtige Partnerwahl Glück oder hausgemacht? Die Diskussion war sehr laut, es sprachen, nein: es schrien stets mehrere Leute gleichzeitig, man redete einander drein, fuhr sich über den Mund, setzte zur Gegenwehr an, bevor jemand seinen Standpunkt fertig ausgeführt hatte.
Irgendwann meldete sich die Grossmutter zu Wort, welche das Spektakel schweigend verfolgt hatte. Bedeutungsschwer sagte sie: «Ich habe in der ganzen Diskussion nie das Wort ‘Liebe‘ gehört.» Sie setzte an zu einer semi-philosophischen, persönlichen Abhandlung über das einzigartige Gefühl des Verliebtseins und dass sie es erstmals mit etwa 11 Jahren hatte, natürlich heimlich. Die Debatte zog sich noch lange in die Nacht hinein.
Claudia Blumer,
16.8.2017, 116. Jahrgang, Nr. 228.
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