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Die Grenzen des Homo oeconomicus
Jörg Rieskamp
Die Wirtschaftspsychologie untersucht den Prozess menschlicher Entscheidungen und kann damit Erklärungen für die Finanzkrise liefern.
Tulpen wurden gegen Ende des 16. Jahrhunderts in Holland eingeführt und als eine faszinierende Bereicherung der Gärten wahrgenommen. Dabei kam es zu einer Spekulationsblase, die zu astronomischen Preisen führte. So kostete im Februar 1637 in Holland eine Tulpenzwiebel etwa das zehnfache Jahreseinkommen eines Handwerkers. Heute ist die Explosion der Tulpenpreise am Anfang des 17. Jahrhunderts nur schwer nachvollziehbar. Die aktuelle Finanzkrise basiert auf einer ähnlichen Spekulationsblase des US-Immobilienmarkts und den damit verbundenen Preisen für verbriefte Kreditansprüche. Es zeigte sich, dass diese Ansprüche sehr viel weniger wert waren, als viele Investoren bereit waren zu zahlen. Sie hatten die Wahrscheinlichkeit stark unterschätzt, dass die Kreditansprüche ausfallen könnten. Die Konsequenzen dieser Fehleinschätzungen sind allgegenwärtig: Allein 2008 wurden weltweit über 80 Banken geschlossen oder verstaatlicht. Unter den weltweit grössten Banken konnten viele – wie etwa die US-amerikanische Citygroup, die deutsche Hypo Real Estate oder die Schweizer UBS – ihr Geschäft nur mit staatlicher Hilfe weiterführen. Ohne diese weltweiten Massnahmen würde es den privaten Bankensektor in seiner heutigen Form nicht mehr geben. Nach der klassischen ökonomischen Theorie des effizienten Markts, einer der Grundsäulen der Finanztheorie, hätte es zu dieser Entwicklung gar nicht kommen dürfen. Danach legen rational agierende Marktteilnehmer einen Preis fest, der die gesamte zur Verfügung stehende Information über ein spekulatives Finanzprodukt widerspiegelt. Dieser Preis ist laut der Theorie die beste Schätzung für den fundamentalen Wert des Finanzprodukts. Die heutige Finanzkrise widerspricht der Markttheorie, da es keine abrupte Änderung der Informationsbasis gab, welche die plötzliche Veränderung des Preises der verbrieften Kreditansprüche erklären könnte. Warum konnte die Theorie das Marktgeschehen nicht abbilden? Die neue Forschungsrichtung der Wirtschaftspsychologie wie auch die verhaltensorientierte Wirtschaftswissenschaft geben Antworten auf diese Frage. Sie können drei wesentliche Erklärungen für die Finanzkrise liefern.
Umgang mit Risiko …
Die erste Erklärung betrifft den menschlichen Umgang mit Risiko: Menschen verhalten sich bei Entscheidungen unter Risiko häufig inkonsistent. Haben sie beispielsweise wiederholt die Wahl zwischen riskanten Alternativen, entscheiden sie sich nicht immer gleich. Dieser einfache Befund kann bereits erklären, warum die Preise für Finanzprodukte über die Zeit schwanken – allerdings nicht, warum der Preis den fundamentalen Wert eines Produkts überschätzt. Bei den verbrieften Kreditansprüchen handelt es sich um sehr komplexe Finanzprodukte, die eine Vielzahl von Kreditansprüchen verbriefen (sogenannte Mortgage Backed Securities oder die darauf aufbauenden, noch komplexeren Collateralized Debt Obligations). Deshalb ist es äusserst schwer, die Wahrscheinlichkeit abzuschätzen, dass es zu Kreditausfällen kommt. Banken könnten beispielsweise aufgrund ihrer Erfahrung abschätzen, wie häufig es bei solchen Kreditansprüchen in der Vergangenheit zu Ausfällen kam. Befunde aus der Wissenschaft zeigen jedoch, dass Menschen die Wahrscheinlichkeit von sehr selten auftretenden Ereignissen unterschätzen. Die Erklärung dafür ist sehr einfach: Unser Erfahrungsschatz ist häufig so gering, dass das seltene Ereignis noch nie aufgetreten ist. Diese Fehleinschätzung lässt sich auch in einfachen experimentellen Studien aufzeigen, bei denen Menschen wiederholt zwischen riskanten Alternativen wählen. Alternativen, die in der Regel zu besseren Auszahlungen führen, werden bevorzugt, und zwar auch dann, wenn diese Alternativen nur sehr selten zu grossen Verlusten führen. Dieser experimentelle Befund lässt sich auch durch andere empirische Beobachtungen stützen: So unterschätzen viele Menschen in erdbebengefährdeten Gebieten die Wahrscheinlichkeit eines Erdbebens, weil sie entweder noch nie eines erlebt haben oder ein solches schon lange zurückliegt. Nur unmittelbar nachdem ein sehr seltenes Ereignis eingetreten ist, wird die Gefahr wahrgenommen – und dann sogar überschätzt. Die Wahrscheinlichkeit von Ereignissen, die im Gedächtnis noch sehr präsent sind, wird also überschätzt und Ereignisse, die von unserem Gedächtnis vor langer Zeit gespeichert wurden, werden unterschätzt. Ähnlich wurde während der Finanzkrise das seltene Ereignis, dass mehrere Kreditansprüche gleichzeitig ausfallen, systematisch unterschätzt. Dies resultiert auch daraus, dass die Nichterfüllung einzelner Kredite als unabhängige Ereignisse aufgefasst wurde. Das gleichzeitige Ausfallen vieler verbriefter Kredite erschien deshalb als sehr unwahrscheinlich. Doch dies geschah gerade keineswegs unabhängig voneinander, sondern wurde durch das Fallen der Immobilienpreise verursacht. Banken haben deshalb für die verbrieften Kreditansprüche mehr bezahlt, als es nach dem fundamentalen Wert des Wertpapiers angeraten gewesen wäre.
… soziale Beeinflussung …
Diese individualpsychologischen Erklärungen müssen durch eine sozialpsychologische Perspektive ergänzt werden. Menschen handeln in einem sozialen Kontext, sodass Entscheidungen von andern beeinflusst werden. Dies liefert eine zweite Erklärung der Finanzkrise. Grundsätzlich ist soziale Beeinflussung ein nützlicher Mechanismus, mit dem Menschen adaptive Entscheidungen treffen. In vielen Situationen erscheint es sinnvoll, dem Rat eines Experten zu folgen oder das Verhalten anderer zu imitieren. Warten wir an einer roten Ampel, so überqueren wir häufig die Strasse, wenn andere auf die Strasse treten – auch dann, wenn wir das Umschalten der Ampel auf Grün nicht selber beobachtet haben. Dies ist oft zweckmässig, da man so effizient handelt und es die eigene Beurteilung einer Sachlage vereinfacht. Nachteilig ist soziale Beeinflussung aber, wenn nur wenige eine Sachlage beurteilen. Ist diese Beurteilung falsch, setzt sich der Fehler in einer Kaskade fort und kann gravierende Auswirkungen haben. Um die Urteilsgüte einer Gruppe zu verbessern, ist es daher empfehlenswert, dass jede Person den Sachverhalt zunächst unabhängig beurteilt, bevor die Urteile in ein Gruppenurteil zusammengeführt werden. Wenn diese Unabhängigkeit nicht vorhanden ist, sind Gruppenurteile häufig unzuverlässig. Während der Finanzkrise bestand die soziale Beeinflussung darin, dass viele Banken das Risiko von Wertpapieren lediglich anhand der Bewertungen von Ratingagenturen eingeschätzt haben. Da diese fehlerhaft waren, hat sich dieser Fehler in einer Kaskade fortgepflanzt.
… und Lohnanreize
Eine dritte Erklärung der Finanzkrise basiert auf den Bonuszahlungen von Banken. Wie gesagt, wurden die Risiken von spekulativen Finanzprodukten unterschätzt. Allerdings kann es auch sein, dass Bankmanager Finanzprodukte gekauft haben, obwohl sie ihre Risiken korrekt eingeschätzt hatten. Dies lässt sich durch Lohnanreizsysteme erklären, die sehr riskante Entscheidungen fördern. Die erfolgsabhängigen Bonuszahlungen können bei grossen Gewinnen das Grundgehalt eines Bankmanagers bei weitem übersteigen. Dies stellt einen hohen Anreiz dar: Falls es zu Verlusten kommt, wird der Manager keine Bonuszahlungen erhalten und verliert im schlimmsten Fall seine Anstellung; für die angefallenen Verluste wird er jedoch nicht aufkommen müssen. Wegen dieser Haftungsbeschränkung ist äusserst riskantes Anlageverhalten aus Sicht des Managers sinnvoll, da es sein Gehalt substanziell verbessern kann und er für mögliche Verluste nicht haften muss. Die Anreizsysteme eines Unternehmens können somit entweder ein riskantes, kurzsichtiges oder aber ein nachhaltiges Investitionsverhalten begünstigen. Die Wirtschaftspsychologie verdeutlicht, dass sich Menschen häufig adaptiv verhalten, indem sie hinreichend gute Entscheidungen möglichst effizient treffen. Dieses Verhalten steht jedoch oft im Widerspruch zu klassischen ökonomischen Grundannahmen. Die aktuelle Finanzkrise ist ein treffendes Beispiel für diesen Widerspruch. Die Wirtschaftspsychologie trägt dazu bei, diesen Widerspruch aufzuklären, und ermöglicht damit einen klareren Blick auf ökonomische Prozesse.