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Auch im Kanton Freiburg werden immer mehr Flüchtlingskinder aus der Ukraine eingeschult. Die FN haben eine Klasse in der Primarschule Alterswil besucht und erlebt, wie Lehrpersonen, die Schuldirektorin sowie Schülerinnen und Schüler diese Herausforderung annehmen.
Kateryna und Danylo* sitzen an diesem Morgen auf ihren Sitzbällen an einem Vierertisch. Wie alle Schülerinnen und Schüler der 4. Primarschulklasse von Tabea Kolly in Alterswil arbeiten sie an diesem Morgen an verschiedenen Aufgaben. Danylo und Kateryna brüten über einer Textaufgabe in Mathe. Der 11-Jährige hält der Lehrerin das Tablet hin. Diese spricht laut vor: «Wie viel Liter Milch trinkt die vierköpfige Familie Salvisberg im Monat Mai, wenn Peter täglich einen halben Liter trinkt, Susi ebenso, und …?» Ein Programm übersetzt den Satz auf Ukrainisch. Hat der Computer das Gesagte richtig verstanden? Überprüfen lässt sich das nicht auf Anhieb. Denn nicht nur die Sprache, sondern auch das kyrillische Alphabet sind der Lehrerin, wie wohl den meisten Menschen hierzulande, fremd. Schon wird sie an einen anderen Tisch gerufen, an dem Schülerinnen und Schüler Englisch üben.
Das ganze Team hilft
Kateryna und Danylo sind Cousine und Cousin. Sie sind bei Kriegsausbruch mit ihren Müttern aus der Ukraine nach Alterswil geflohen, wo sie bei Verwandten Unterschlupf gefunden haben. Direkt nach den Fasnachtsferien wurden sie hier eingeschult. «Als ich vernommen habe, dass zwei Kinder aus der Ukraine in meine Klasse kommen, war ich schon ein bisschen gestresst», erzählt Tabea Kolly. «Ich fragte mich, wie es den Kindern wohl geht, wie ich mit ihnen kommunizieren kann.» Mit der Unterstützung der Lehrerin, die Deutsch als Zweitsprache unterrichtet, und der Ansprechperson, die sich um digitale Medien kümmert, suchte sie nach Übersetzungsprogrammen, nach Apps, mit deren Hilfe deutsche Texte eingescannt und übersetzt werden können, oder nach solchen, die Power-Point-Präsentationen simultan untertiteln. «Wir sind ein Team», erzählt Schuldirektorin Micaela Roccaro Schick. Die Lehrpersonen in Alterswil und im Kanton hätten von Anfang an zusammengearbeitet. «Der Austausch auf den schulinternen Internetplattformen funktionierte sehr gut, sodass wir schnell geeignetes Unterrichtsmaterial zusammentragen konnten.» Auch von anderen Kantonen hätten sie Material erhalten: ein Mathedossier und Hilfskarten für den Alltag.
«Es braucht Zeit»
Zwei Mal pro Woche erhalten Danylo und Kateryna zudem von einer zusätzlichen, eigentlich schon pensionierten Lehrerin Deutschunterricht. Doch nach erst vier Wochen sind noch keine Wunder zu erwarten. Oftmals müssen sich Lehrerin wie auch Schülerinnen und Schüler mit Mimik und Gestik verständlich machen. Und manchmal ziehen die Lehrpersonen auch Kinder aus der Schule als Dolmetscher bei, die ukrainischer und russischer Muttersprache sind. «Es braucht viel Zeit», sagt Roccaro. «Und das muss man aushalten können.» Kolly pflichtet ihr bei.
Man muss lernen, die Ansprüche herabzusetzen. Die Kinder einfach mal beobachten und ankommen lassen.Tabea Kolly
Primarlehrerin
Sie hat ihnen darum eine Ecke eingerichtet, wo sie sich zurückziehen können und auf sie zugeschnittene Aufgaben erledigen können. Denn während die universelle Sprache der Mathematik es Kolly leichter macht, die beiden Flüchtlingskinder mitzunehmen, ist es im Fachbereich Natur, Mensch und Gesellschaft schon schwieriger und im Deutschunterricht undenkbar.
Danylo und Kateryna heben sich von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden nicht ab. Sie sind bei der Sache, wirken zufrieden und schon ein bisschen integriert. Auch die anderen Kinder scheinen sich an den Neuen nicht zu stören. «Im Gegenteil», sagt Kolly, «sie interessieren sich für sie.» Ein Schulgötti und eine Schulgotte nehmen sich ihrer zusätzlich an.
Ein Lächeln pro Tag
Als die Klasse ein Memory-Spiel macht, bei dem die Schülerinnen und Schüler Zweiergruppen bilden, die sich je eine gemeinsame Bewegung ausdenken, einigt sich Danylo mit seinem Spielpartner sofort. Er steht erwartungsvoll im Raum und scheint zu hoffen, dass er und sein Kollege nicht so schnell aufgedeckt werden. Kateryna hingegen stellt sich hinter einem Bücherregal auf, als ob sie sich verstecken wollte. «Ja, sie ist ruhiger», bestätigt Kolly. Wenn sie das Gefühl habe, dass sich das Mädchen zu sehr zurückziehe, versuche sie es in die Gruppe zurückzuholen. «Mein Ziel ist es, ihnen mindestens einmal pro Tag ein Lächeln zu entlocken.»
Wie sehr Kateryna und Danylo vom Geschehen in der Ukraine traumatisiert sind, können Kolly und Roccaro nicht beurteilen. «Weil sie schon ganz am Anfang des Krieges ihr Land verlassen haben, denke ich, dass sie weniger traumatisiert sind als ein anderes ukrainisches Kind an unserer Schule, das erst vor kurzem zu uns gestossen ist.» Doch mussten auch sie ihre Väter und Verwandten in der Heimat zurücklassen und warten hier nicht selten unruhig auf Nachrichten über ihren Verbleib.
So viel Normalität wie möglich
«Wichtig ist darum, dass die Kinder in der Schule ein Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit erhalten», betont Roccaro. Das bestätigt auch Kolly, die auf eigene Initiative ein Traumacoaching besucht hat. «Solange der Krieg andauert, ist keine Traumabewältigung möglich, weil das Trauma andauert.» Normalität sei darum wichtig. «Kateryna und Danylo fragen oft, ob sie Mandalas ausmalen dürfen, das scheint ihnen gutzutun.»
Am Ende der Schulstunde kommen die Kinder im Stuhlkreis zusammen. Die Lehrerin erinnert daran, dass der Sport am Nachmittag draussen stattfindet. Danylo fragt nach, um sich zu vergewissern, dass er es richtig verstanden hat. Dabei sind schon ein, zwei deutsche Wörter zu vernehmen.
Einstellen auf die Zukunft
Auch wenn die Aufnahme der ukrainischen Flüchtlinge mehr zu tun gebe, sagt Kolly, so sehe sie es als ihren Beitrag an, etwas für die Opfer des Krieges zu tun. Dieser werde in jedem Fall, wie jede Krise, auch hier einiges verändern, glaubt Roccaro. Sie stellt sich auf eine Zukunft ein, in der noch mehr Schutzsuchende aus der Ukraine, aber auch aus anderen Ländern kommen werden. So plant sie eine Weiterbildung über traumatisierte Kinder für das ganze Lehrerteam. Zudem hat sie bereits drei weitere Tablets für fremdsprachige Kinder bestellt. «Wir haben festgestellt, dass es Sinn macht, wenn sie ein eigenes Tablet haben und dieses nicht mit anderen Kindern teilen müssen. Davon sollen nun auch andere Migrantenkinder profitieren.»
(*Namen von der Redaktion geändert)
Einschulung von Flüchtlingen
Kanton sucht Lehrkräfte für Kinder aus der Ukraine
Schulinspektorin Anne Emch ist in der Ukraine-Taskforce des Kantons Freiburg verantwortlich für die Einschulung von Schutz suchenden Kindern an den Deutschfreiburger Schulen. Ihr Terminkalender ist im Moment mehr als voll. Bis am Freitag wurden an Deutschfreiburger Primar- und Orientierungsschulen 60 Kinder aus dem Kriegsgebiet aufgenommen. Und das dürfte erst der Anfang sein. Emch ist im ständigen Austausch mit den verschiedenen kantonalen Direktionen und den Schuldirektorinnen und -direktoren, um abzuklären, was es alles braucht, um die Situation bewältigen zu können. Eine gute Kommunikation sei in dieser Phase besonders wichtig, sagt Emch. Die Schulen seien grundsätzlich bereits gut organisiert, was den Umgang mit Migrantenkindern angehe, sagt sie. Auch seien die Lehrpersonen für den Unterricht von Deutsch als Zweitsprache (Daz) gut ausgebildet. «Sie haben etwa mit Schutzsuchenden aus Syrien und Eritrea bereits viel Erfahrung gesammelt.» Zudem gebe es schon viele Sprachlernprogramme.
Was kommt noch?
«Unser Problem ist eher, dass wir nicht genug Lehrpersonen haben.» Zwar sei es dem Kanton wichtig, dass die Schutzsuchenden aus der Ukraine bestmöglich integriert werden und darum keine separaten Klassen mit nur ukrainischen Schülerinnen und Schüler geschaffen werden sollen. Das bedinge aber auch genügend Unterstützung durch Daz-Lehrerinnen und -Lehrer. «Wir sind daran, mehr Ressourcen zu sprechen, doch müssen wir dafür auch noch das Personal finden.» Dies in einer Situation, in der bereits ein allgemeiner Lehrermangel herrsche. «Wir versuchen nun, pensionierte Lehrpersonen zu rekrutieren, und haben von der Pädagogischen Hochschule grünes Licht erhalten, Studierende einsetzen zu können.» Emch fordert Interessierte zudem auf, sich auf der Stellvertreterplattform Friportal einzuschreiben. Ukrainische Lehrkräfte zu rekrutieren steht laut Emch im Kanton Freiburg derzeit nicht zur Diskussion, weil sie das hiesige Schulsystem nicht kennen würden. Besonders besorgt ist die Schulbehörde laut Emch ob der ungewissen Entwicklung im Ukraine-Krieg. «Für die Schulen könnte es sehr schwierig werden, sich rechtzeitig zum neuen Schuljahr zu organisieren, sollten im Juli plötzlich viele Kinder aus der Ukraine kommen, und die Schuldirektorinnen und -direktoren nicht genau wissen, wie viele Klassen sie eröffnen müssen.» rsa