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Coralie Frei
Die Unbekannte im Ozean
In der Autobiographie Weit wie der Ozean schildert Coralie Frei ihre Kindheit auf den Komoren bis zu ihrer Flucht vor den frauenfeindlichen Gesetzen der Zwangsheirat. Sie studierte in Frankreich; seit 1994 lebt die Autorin in Oberegg.
Sie ist wirklich unbekannt. Auf fast allen Weltkarten, grossen oder weniger wichtigen, sucht man sie vergebens.
Die Unbekannte im Ozean, das ist die Insel Anjouan. Ein Tourist mit der Seele eines Poeten nannte sie zärtlich die ‹Perle der Komoren›; seine wahren Beweggründe kenne ich aber nicht. Sie gehört zum Archipel der Komoren. Vier Inseln, früheres französisches Übersee-Territorium, drei davon sind heute unabhängig:
Grande Comore hat die Ehre, auf allen geografischen Karten aufgeführt zu werden. Sie erfreut sich einer florierenden Wirtschaft, und durch den Tourismus ist sie weltweit populär geworden. Die Hauptstadt Maroni ist zugleich auch jene des neuen Staates: R.F.I.C. (Föderale Islamische Republik der Komoren).
Mohéli, ‹die Kartoffel› (so benannt nach ihrer geografischen Form), erleidet ein ähnliches Schicksal wie Anjouan … (davon später). Es ist die kleinste der drei. Bescheiden, weniger gebildet und ruhiger.
Mayotte dagegen, der ich den Übernamen ‹die Vorsichtige› gegeben habe, ist sicher die Einzige, die weiss, wohin sie geht. Nach einer Volksabstimmung während der Unabhängigkeitserklärung der Komoren 1975 hat diese bisher diskrete Insel sich für die Zugehörigkeit zum französischen Territorium entschieden. Seither hat sie nicht aufgehört, lauthals den Status eines französischen Departments zu erreichen – im gleichen Stil wie andere französische Inseln: Antillen, Saint-Pierre-et-Miquelon, La Réunion … aber das ist eine andere Geschichte, auf die ich hier nicht näher eingehen will.
Die Unbekannte im Ozean, das bist auch du, hübsche kleine Fatima. Gerade mal zwanzig Frühlinge jung mit einem engelhaften Lächeln und mit deinen sechs Kindern, die du allein aufziehst. Dein eifriger Mann, Berufsoldat der französischen Armee, ist immerzu auf Reisen auf der ganzen Welt …
Auch du, meine liebe Nichte Roukia, die du sozusagen vergewaltigt wurdest am Abend deiner Hochzeit, von deinem Ehemann, der vierzig Jahre älter war als du. Mit dem Einverständnis deiner Mutter und ihrer Artgenossinnen, die sich glücklich schätzten, dasselbe Schicksal erlitten zu haben. Dein grosszügiger Gatte belohnte deine Schreie, deinen Schmerz, dein Leiden und deine Kapitulation reichlich; die vielen Pfunde geschenkten Goldes öffneten dir den Zugang in die Schwesternschaft der stolzen Anjouanesinnen, den weiblichen Bewohnern von Anjouan, deiner Insel.
Auch ihr seid es: Karim, Mahmud, Salim, Männer Anjouans, die ihr die Traditionen erduldet wie ein Verhängnis …
Und ich bin es, Marie Coralie, Tochter des Badjini, Moina Djini (kleine Djini.) Anjouan ist meine Insel. Sie sah mich zur Welt kommen, sah mich gross werden, hat mich belehrt.
Anjouan, das bin ich.
Ich bin die Unbekannte im Ozean.
Eines Tages habe ich sie verlassen. Ich wollte die Nabelschnur durchtrennen, wollte sie vergessen. Ich wollte, dass man mich vergisst, ich wollte mich vergessen …
Darum bin ich unbekannt geworden, und unbekannt werde ich bleiben. Immer. Für alle. Solange ich beharrlich vor meiner Insel fliehe, vor mir selber fliehe …
Publiziert in: «Ich wäre überall und nirgends». Appenzeller Anthologie. Literarische Texte seit 1900. Herausgegeben von der Ausserrhodischen Kulturstiftung. Schwellbrunn: Appenzeller Verlag, 2016. S. 107–108.
Erstpublikation: Coralie Frei: Weit wie der Ozean. Frauenfeld, 2008. Unpag.