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1. Dezember 2023: In London findet eine Anhörung statt, welche über die Rugby-Community hinaus Aufsehen erregt. 268 (ehemalige) Spieler schlossen sich zu einer Sammelklage gegen den Rugby-Weltverband sowie die nationalen Verbände von England und Wales zusammen. Der Vorwurf: Die beschuldigten Verbände hätten es versäumt, angemessene Massnahmen zum Schutz der Gesundheit und zur Sicherheit der Spieler zu ergreifen. Es wird erwartet, dass die Spieler mit den Verbänden eine aussergerichtliche Einigung erzielen werden.
Hart, aber fair sei «das Spiel für Hooligans, das von Gentlemen gespielt wird», wird oft betont. Ist das Spiel vielleicht gar zu hart? Angriffe auf den Kopf oder den Hals sind im Rugby zwar verboten, es ist und bleibt aber eine Vollkontaktsportart, bei der Stösse gegen den Kopf keine Seltenheit sind. Besonders im Profi-Bereich sind Verletzungen am Kopf eine häufige Folge der Tacklings. In der obersten englischen Liga gehört die Gehirnerschütterung mit 12,5 Prozent zu den häufigsten Verletzungen.
«Es ist zu einem Kollisionssport geworden, in dem die Spieler ganz gezielt kollidieren, um die generische Verteidigung aufzureissen», erklärt der Neuropathologe William Stewart, der den Rugby-Verband in Gesundheitsfragen berät, das Phänomen. Im Amateurbereich seien Gehirnerschütterungen aufgrund der geringeren Intensität des Spiels seltener.
Thompson, der ehemalige Weltmeister, der sich nicht an den Titelgewinn erinnern kann, kritisiert die Trainingsmethoden, die im Rugby lange Zeit gang und gäbe waren: «Es war nicht ungewöhnlich, dass ich benommen war, weisse Flecken sah und für ein paar Sekunden nicht wusste, wo ich war. Manchmal wurde ich völlig ohnmächtig. Das war einfach ein akzeptierter Teil des Trainings», erklärt der Engländer.
Eine noch immer unterschätzte Folge häufiger Kopfverletzungen ist die sogenannte chronisch-traumatische Enzephalopathie, kurz CTE, die nicht nur im Rugby, sondern auch im American Football und im Eishockey immer häufiger zum Thema wird. Das Schreckensgespenst der Kontaktsportarten wurde schon in den 1920er-Jahren zum ersten Mal beschrieben, damals noch ausschliesslich im Zusammenhang mit dem Boxen, daher auch die Bezeichnung «Boxersyndrom».
Die Folgen von CTE sind gravierend, die Symptome reichen von Depressionen, Angstzuständen, Aggression und kognitiven Defiziten bis hin zu Demenz und Parkinson. In der FNL sorgte vor gut zwei Jahren der Fall Demaryius Thomas für Aufsehen. Der 33-jährige Super-Bowl-Sieger brach unter der Dusche zusammen und starb. Die Diagnose: CTE.
Ob eine Person tatsächlich an CTE litt, kann erst postum diagnostiziert werden. Dennoch kann bei Personen, die in ihrem Leben viele Kopfverletzungen erlitten haben und die oben beschriebenen Symptome aufweisen, CTE als Ursache für ihr Leiden vermutet werden.
Ein weiterer Rugby-Spieler, der vermutlich an CTE leidet, ist der ehemalige australische Rugby-League-Spieler Robbie O'Davis. In einem Interview mit «The Australien» beschreibt er die Schläge gegen den Kopf wie eine Art Sucht: «Ich bekam einen Schlag ab, fiel hin, sah Sterne, und als ich wieder aufstand, sah ich 20'000 jubelnde Menschen. Das war ein gutes Gefühl», erklärt er.
Den Spielern sei das Risiko zwar bewusst gewesen, so O'Davis, sie wären aber eher davon ausgegangen, dass der Sport Spuren im Gesicht hinterlassen und sie zu «hässlichen Männern» machen würde. Mit Schäden am Gehirn hätten sie nicht gerechnet. Seit seinem Karriereende kämpft der 51-jährige Australier mit Gedächtnisverlust, Wutausbrüchen, Depressionen und gar mit Suizidgedanken.
Ryan Jones, der ehemalige Kapitän des walisischen Rugby-Nationalteams, erklärte gegenüber der «Sunday Times», dass er sich nicht mal mehr die Rugby-Regeln merken könne. Sein Zustand mache ihm Angst und es sei, als breche seine ganze Welt zusammen, so der erst 42-jährige Waliser.
Um eine Gehirnerschütterung richtig zu behandeln, muss sie in einem ersten Schritt überhaupt als solche erkannt werden. Wurde früher nur eine Gehirnerschütterung in Betracht gezogen, wenn ein Spieler ohnmächtig wurde, finden heute bereits Abklärungen statt, wenn nach einem Schlag gegen den Kopf Schmerzen auftreten. Der frühere NFL-Profi Brett Favre meinte dazu: «Wir wissen jetzt, dass Gehirnerschütterungen immer wieder vorkommen. Man wird angegriffen, schlägt mit dem Kopf auf den Rasen, sieht Lichtblitze oder hat Geräusche im Ohr, man kann aber weiterspielen.»
Um das Risiko für Kopfverletzungen zu senken, werden nicht nur Hunderte Spiele analysiert, sondern auch die Möglichkeiten der Technik ausgelotet. Ab 2024 müssen alle Rugby-Spielerinnen und -Spieler einen «smarten Mundschutz tragen», dem zwei Funktionen zukommen: Zum einen soll der Mundschutz die einwirkenden Kräfte besser verteilen, zum anderen sendet er Daten in Echtzeit an anwesende Ärzte, sodass die von einem Spieler erlittenen Schläge besser eingeordnet werden können. So soll verhindert werden, dass jemand mit einer Gehirnerschütterung weiterspielt.
In England will man den Kopfverletzungen im Amateurbereich mit einer Regeländerung Herr werden. Ab der Saison 2023/24 sind in Amateurspielen nur noch Tacklings unterhalb der Taille erlaubt. Was Kritiker als Tod des Rugby-Sports betrachten, soll den Sport laut Befürwortern sicherer machen. Ähnliche Tests in der Vergangenheit hätten jedoch ergeben, dass die Zahl der Gehirnerschütterungen durch diese Regeländerung gar steige, da der Tackler häufiger Gefahr laufe, mit dem Kopf auf dem Knie oder dem Hüftknochen des Gegners aufzuprallen.
Es kommt Bewegung in die Verletzungsprävention im Rugby. Für die 268 Spieler, welche vor Gericht für eine Genugtuung kämpfen, kommt dieser Kulturwandel aber zu spät. «Nach dem, was ich jetzt weiss, wünschte ich mir, dass ich nie Profi geworden wäre», lautet das ernüchternde Fazit des ehemaligen Weltmeisters Steve Thompson.
Die Servettiens nützten vor 7135 Zuschauern in der ausverkauften Les-Vernets-Halle den Heimvorteil perfekt aus. Die Genfer legten los wie die Feuerwehr und gingen schon nach sechs Minuten durch Eliot Berthon in Führung. Berthon traf zum ersten Mal in der Champions League.