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Vereinigte Staaten. Der Psychologe Stanley Milgram tüftelt in seinem Labor an der Yale Universität an einem neuen Experiment. Dies war vor gut fünfzig Jahren. Was Milgram damals noch nicht wusste: Sein Experiment wird die Sozialpsychologie revolutionieren. Und es warf eine Frage auf, die sich nur wenige zu stellen wagen: Kann fast jeder Mensch dazu gebracht werden, einer Autorität zu gehorchen, anstatt seinem Gewissen und der eigenen Vernunft zu folgen?
Experiment des Jahrhunderts
In Milgrams Experiment wurden Versuchspersonen von „Wissenschaftlern“ dazu aufgefordert, einer Person, wenn sie auf eine Frage falsch antwortete, Stromstösse zu verabreichen. Was die Probanden jedoch nicht wussten: Sowohl bei den Wissenschaftlern als auch beim Befragten handelte es sich in Wahrheit um Schauspieler. Der Befragte wusste den Probanden die starken Schmerzen lediglich überzeugend vorzuspielen. Milgram wollte die männlichen Testpersonen so auf Autoritätsgehörigkeit und Gewaltbereitschaft testen. Das Resultat: 65 Prozent der Versuchspersonen waren bereit, den „Schüler“ mit den maximalen 450 Volt zu „bestrafen“. Diese Stromstärke verläuft für einen Menschen normalerweise tödlich. Das Ergebnis sorgte für Aufruhr und galt als Bestätigung dafür, dass theoretisch fast jeder Mensch zum Folterknecht werden kann.
Jedoch spielten viele verschiedene Faktoren eine Rolle, wann der Proband die Befragung beendete. Die Bereitschaft für starke Stromstösse sank beispielsweise deutlich, sobald eine andere im Raum anwesende Person ihr Bedenken äusserte. Kritiker der Studie warfen Milgram vor, ein „traumatisierendes“ Experiment durchgeführt zu haben, das „potenziell schädlich“ für die Versuchspersonen sei. Ethisch sei es nicht vertretbar, jemanden einer derartigen Stresssituation auszusetzen. Sogar Milgram selbst stellte in seinem Tagebuch die Überlegung an, dass es eigentlich ethisch fragwürdig sei, Menschen absichtlich in eine belastende Lage zu bringen.
Fernsehen als Autoritätsinstanz
Dieses Jahr, knapp 50 Jahre später, ging das „Milgram-Experiment“ in die zweite Runde. Der französische Staatssender France 2 strahlte die Sendung „Jeu de Mort“ („Todesspiel“) am 17. März aus. In der vermeintlichen Quizshow wurden 80 ahnungslose Kandidaten von einer Autoritätsperson, in diesem Fall einer bekannten Moderatorin, dazu aufgefordert, einem Mann, wiederum einem Schauspieler, schmerzhafte Stromstösse zu verabreichen, wenn dieser die gestellten Fragen falsch beantwortete. Diesmal waren sogar mehr als zwei Drittel der Testpersonen zur tödlichen Voltzahl bereit. Nur 16 von ihnen widersetzten sich den Befehlen der Moderatorin und dem Beifall klatschenden Publikum und brachen das Quiz ab.
Die Drahtzieher des Experiments, die französischen Journalisten und Filmemacher Christophe Nick und Michel Eltchaninoff, wollten mit ihrem TV-Experiment auf die beunruhigende Macht der Medien über unser Bewusstsein hinweisen. Sie haben auch einen Dokumentarfilm gedreht, in dem die Perversionen des Reality-Fernsehens im Vordergrund stehen (siehe unten). Das Fernsehen schlüpft bei Nick und Eltchaninoff, genau wie der „Wissenschaftler“ bei Milgram, in die Rolle der Autoritätsinstanz.
Nach der Veröffentlichung des Experiments wurde weltweit wieder heftig debattiert. Was das „Todesspiel“ in Tat und Wahrheit über das Fernsehen und die menschliche Psyche aussagt, lässt so manchem die Haare zu Berge stehen. Die Annahme, dass Menschen so leicht manipulierbar sein können, ist erschreckend. Was ein Professor vor 50 Jahren in seinem Labor herausgefunden hat, ist nach wie vor aktuell.
„Todesspiel“
Der Film „Le jeu de la mort“ zum TV-Experiment gibt es auf DVD. Christophe Nick und Michel Eltchaninoff haben ausserdem ein Buch zum Thema veröffentlicht mit dem Titel „Die Erfahrung des Extremen“.