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Fussball war seine Leidenschaft: Der in Düdingen aufgewachsene Goran Musulin spielte in Düdingen bei den Junioren, bevor er als 18-Jähriger zur Nachwuchsabteilung von YB wechselte. Bei den Young Boys hatte er einige Auftritte mit der ersten Mannschaft. «Zu meinem ersten Einsatz kam ich, als alle Stürmer verletzt waren; Trainer Martin Trümpler fragte, ob ich Angst habe», erzählt Musulin. «Nein», antwortete er–obwohl er innerlich zitterte.
Das sei typisch für ihn: «Ich sage Ja zu allen Chancen und gebe nie auf.» Der Stürmer spielte später beim FC Thun und trug mit einigen Toren dazu bei, dass die Berner Oberländer Ende der 1990er-Jahre von der ersten Liga bis in die Nationalliga B aufstiegen. Er sei kein angenehmer Fussballer gewesen. «Im Rückblick sehe ich, dass ich zu oft gegen meine Mitspieler ausrief–anstatt sie anzuspornen.»
Mit 24 Jahren gab er den Traum, Fussballprofi zu werden, auf. «Von da an steckte ich all meine Energie in den Beruf», sagt der 38-Jährige. Bereits während seiner Fussballerzeit hatte er in der Schweizer Diagnostikabteilung eines US-Pharmariesen gearbeitet. Nach einer Fusion landete er bei einem der grössten deutschen Unternehmen.
Dort stieg der smarte und redegewandte junge Mann schnell auf. «Ich war ehrgeizig, sagte nie Nein, wollte es allen recht machen.» Hilfe holte er nie. «Ich hatte die kaufmännische Lehre gemacht und wollte nicht den Anschein geben, dass ich weniger konnte als jene mit einem Hochschul-Abschluss.» Heute weiss er: Das war falscher Ehrgeiz.
Junge, flexible Mitarbeiter, die alles im Griff haben, morgens früh schon im Büro sind und um Mitternacht noch eine Telefonkonferenz abhalten, werden gefördert. So auch Goran Musulin. Er wurde nach Deutschland ins Mutterhaus berufen, dann in die USA geschickt. «Die USA mit ihrem positiven Denken und ihrer Tellerwäscher-Mentalität haben mich immer fasziniert.»
Doch dort blieb er nicht lange: Die Chefs schickten ihn nach Asien. Und so war Goran Musulin für 20 000 Angestellte verantwortlich. «Anderswo wird man viel schneller befördert als in der Schweiz», sagt er. «Es ist schön, schnell hochzukommen. Aber man kann dann auch sehr tief fallen.»
Musulin arbeitete auch in Singapur vierzehn, sechzehn Stunden am Tag. «Ich passte mein Privatleben immer der Firma an.» Der Speed der Japaner und die Arbeitseinstellung der Chinesen faszinierten ihn. Er wollte beweisen, dass er mit seinen 34 Jahren nicht zu jung war für die Verantwortung, die ihm übertragen worden war. «Und ich bin ein extremer Typ: Früher habe ich alle Energie in den Fussball gesteckt, nun gab ich im Beruf alles.»
Im Mai 2009 ging es nicht mehr. Ohne vorher körperliche Anzeichen verspürt zu haben, «gingen bei mir an einem langen Meeting in Korea die Lämpchen aus». Ihm war schwindlig, er war müde und hatte Schweissausbrüche, sobald er unter Leuten war.
Goran Musulin begann, mehr Sport zu treiben, um fit zu sein: Er joggte täglich eine Stunde auf dem Laufband und schwamm eine Stunde lang. «So war ich körperlich erschöpft, und ich fühlte mich gut.» In Wirklichkeit verbrauchte der junge Manager so noch seine letzten Energie-Reserven.
Im September sollte er vor vierhundert Personen einen Vortrag über die Work-Life-Balance halten. «Um diese halbe Stunde durchzustehen, musste ich mich den ganzen Tag über ausruhen.» Da habe er gesagt: «So geht das nicht weiter, ich brauche eine Pause.» Der Arbeitgeber gab ihm Zeit, sich zu erholen.
Er schrieb sich für ein Wellness-Programm in Thailand ein, nahm an Workshops in Australien teil und besuchte Meditations- und Lifecoaching-Kurse in Singapur bei Vikas Malkani, seinem heutigen Mentor und Lehrer. Dieser erzählte Geschichten und Gleichnisse, «und ich sagte mir, das ist doch keine Meditation». Doch je länger er den Gleichnissen zuhörte, umso mehr erkannte Goran Musulin: «Ich renne dem Leben nach, anstatt es zu leben.» Aus seinem kleinen Job, den er in Düdingen angenommen hatte, war eine viel zu grosse Verantwortung geworden.
Musulin verlängerte seine Auszeit auf sieben Monate, reiste viel, besuchte weitere Meditationskurse–und kam als anderer Manager an seine Arbeitsstelle zurück: Er delegierte mehr, veranstaltete keine Telefonkonferenzen mehr mitten in der Nacht, ging abends einmal nach Hause. «Da bot mir das Unternehmen eine Stelle in Deutschland an; sie hatten jemand anders für den Posten in Singapur gefunden.» Doch Goran Musulin wollte in Asien bleiben. «Ich hatte mit den dortigen Mentalkursen etwas gefunden, das mir wichtig war.» Er schloss mehrere Ausbildungen bei Vikas Malkani ab und gründete im letzten März seine eigene Firma–und bietet nun Meditationskurse an, für Firmen, Private und Kinder. Zu meditieren bedeute nicht, eine Stunde im Schneidersitz auszuharren: «Meditation ist einfach und funktioniert.»
Heute sagt er: «Das Burn-out ist das Beste, das mir im Leben passiert ist.» So habe er zu sich selber gefunden. «Heute weiss ich: Was immer ich gebe, kommt zu mir zurück.» Er habe gelernt, dass er seine Gedanken beeinflussen müsse, um positiv fühlen und handeln zu können. «Wir haben alle zwei Stimmen in uns. Wir müssen lernen, der positiven Stimme mehr Gewicht zu geben.» Indem er in sein Innerstes gegangen sei, habe er viel über sich selber erfahren. Und er hat erkannt: «Nicht mein Beruf war schuld an meinem Burn-out–sondern ich selber mit meinem Ehrgeiz und meiner Denkweise.»
Nun reist er in eigener Sache um die Welt: Vor kurzem hat er in Düdingen Kurse angeboten, bald wird er in Bhutan gestresste Manager betreuen, in Bangkok mit Kindern arbeiten, dann stehen USA, Japan und Korea auf dem Programm.
Ist der extreme Goran Musulin wieder am Überborden? «Nein», sagt er lachend: «Ich habe viel gelernt und schaue sehr gut auf mich.» Jeden Morgen und Abend macht er seine Mentalübungen, vor wichtigen Treffen sammelt er sich innert zweier, dreier Minuten. Und vor allem: Leitet er an einem Tag Kurse, bleibt er am nächsten Tag zu Hause und nimmt sich Zeit für sich. Das ist etwas Neues im Leben von Goran Musulin.
«Ich rannte dem Leben nach, anstatt es zu leben.»
«Das Burn-out ist das Beste, das mir im Leben passiert ist.»
«Es ist schön, schnell hochzukommen. Aber man kann dann auch sehr tief fallen.»