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Gut (=Anti-Aging) oder schlecht (=Krebs)?
Subhuti Dharmananda ist ein anerkannter TCM-Spezialist aus den USA, der zudem über ein breites Wissen zur Biochemie verfügt. Der folgende Text stammt aus einer informellen Email-Korrespondenz mit Severin Bühlmann:
Der Begriff Phytoöstrogene ist oft irreführend und die Überzeugung, sie bewahrten Frauen vor manchen Problemen wie zum Beispiel dem Älterwerden (aging) ist möglicherweise fehl am Platz. Der Begriff kombiniert die Herkunft von chemischen Substanzen einerseits von Pflanzen (= Phyto) und anderseits von Tieren (Östrogen). Das soll den Schluss nahelegen, dass die pflanzlichen Substanzen, wenn eingenommen, wie Östrogen wirken. In der Pflanzenmedizin sind zwei Arten von Substanzen unter diesem Begriff subsummiert: Diejenigen, die eine chemische Struktur ähnlich derjenigen von Östrogen haben, hauptsächlich eine steroidale Struktur und solche, die eine andere Struktur haben, aber denen der Ruf anhängt, sie würden sich wie Östrogen verhalten oder die Produktion von Östrogen stimulieren.
Wenn man die chemische Struktur von beispielsweise Cholesterin, Östrogen, Progesteron und Testosteron anschaut, dann sieht man, dass sie sich nur durch kleine Anhängsel am Steroidgerüst voneinander unterscheiden. Diese kleinen Unterschiede machen klinisch aber einen grossen Unterschied aus. Der Unterschied zwischen den pflanzlichen Steroiden und den tierischen ist aber noch bedeutend grösser und so ist die klinische Wirkung bei deren Einnahme durch den Menschen auch deutlich geringer. Komplementärmediziner raten den Frauen, solche ‚bioidentische Hormone‘ einzunehmen statt tierische Steroide oder synthetische, welche von pflanzlichen Steroiden abgeleitet sind. Deren Unterschiede sind noch deutlich kleiner als beispielsweise derjenige zwischen Östrogen und Progesteron und solch kleine Unterschiede finden Beachtung, während der grosse Unterschied zwischen diesen und Pflanzensteroiden zu wenig beachtet wird.
Die synthetischen Hormone werden auf der Basis von steroidalen Strukturen gewonnen, welche in ‚wildem Yams‘ (mexikanische Dioscorea) in grösserer Menge vorkommen. Diese Pflanze wurde schon lange als Medizinkraut verwendet, aber sie hat, wenn überhaupt, höchstens eine kleine Anti-Aging-oder Hormonwirkung und es braucht vier Syntheseschritte, bis sie eine hormonale Wirkung am Menschen zeigt.
Steroidale (und ähnlich auch triterpenoide) Komponenten aus Pflanzen haben physiologische Wirkungen, aber hormonale sind es nicht.
Einige Inhaltsstoffe von Pflanzen von anderer Struktur als der steroidalen tragen den Ruf, hormonähnliche Wirkung zu haben, allen voran die Isoflavone aus Soja, insbesondere Genistein. Dieser Inhaltsstoff stiess auf Interesse, weil gesundheitliche Unterschiede zwischen Asiatinnen und Frauen im Westen auf den hohen Konsum von Sojaprodukten in Asien zurückgeführt wurde. Die Asiatinnen hatten weniger menopausale Beschwerden (vermutet wurde ein pro-Östrogen-Effekt) und erkrankten weniger an Brustkrebs (vermutet wurde eine anti-proliferative Eigenschaft von Sojaprodukten). Frauen in westlichen Ländern begannen grosse Mengen an Produkten mit Soja-Isoflavonen zu konsumieren, liessen aber schnell wieder davon ab, als alles, was pro-östrogen wirkte, als krebserregend verdächtigt wurde. Tatsächlich hatte Genistein auf die menopausalen Symptome herzlich wenig Einfluss, was es umso leichter machte, es wieder aufzugeben.
Im Laborversuch kann jede Art von Phytoöstrogen auf Krebszellen gebracht werden und dort entweder einen krebsfördernden oder krebshemmenden Effekt zeigen. Beide Wirkungen sind für die klinische Situation unbedeutend, weil der Kontakt dieser Substanzen mit Zellen im Körper viel geringer ist. Chinesische Studien von zweifelhafter Qualität wollten zeigen, dass mit chinesischen Kräutern das Absinken von Hormonwerten mit zunehmendem Alter aufgehalten werden kann und somit einer Anti-Aging-Wirkung entsprachen. Als der Verdacht aufkam, dass hohe Hormonwerte Krebs auslösen könnten, wurden die Versuche aufgegeben. Aber die Evidenz für solche hormonalen Wirkungen war kaum gegeben.
Kurzum: die Geschichte mit den Phytoöstrogenen war übertrieben, sowohl was die positive als auch die negative Wirkung bezüglich Hormonen betraf. Hohe Dosen von steroidalen Stoffen aus Pflanzen mögen Cholesterinwerte leicht zu senken und auch einer Vergrösserung der Prostata entgegenwirken. Sie mögen auch schleimlösend und sedativ wirken. Bezüglich Hormonwirkungen haben Rezepturen der TCM weder im positiven noch im negativen Sinn grossen Einfluss. Eine Ausnahme bildet Süssholz (Glyzyrrhiza), das bei rund 9-15 Gramm täglich und über längere Zeit eingenommen eine hormonale Wirkung zeigt.
In unseren zwei Kliniken in Portland sind Krebspatienten die dominierende Klientel und unter diesen Frauen mit Carcinomen der reproduktiven Organe. Sie werden modernen westlichen Therapien unterzogen und nehmen daneben noch Mittel der TCM und andere natürliche Medikamente. Wir sehen kein Kraut und keine Formel als kontraindiziert an. Ich rate in den meisten Fällen lediglich davon ab, Akupunktur und TCM-Mittel als alleinige Langzeit-Prävention vor einem Rezidiv (nach Remission von der Ersterkrankung an Krebs) zu versuchen. Es existiert keine Evidenz, dass eine spezielle Prozedur oder eine spezielle Formel für diese Situation geeignet ist. Akupunktur und Kräuter können in dieser Zeit verwendet werden, um Störungen, Krankheiten und Symptome anderer Art gemäss den üblichen TCM-Regeln zu behandeln.
Subhuti Dharmananda 2016, E-Mail Korrespondenz mit Severin Bühlmann