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Wir waren zusammen sechs Kinder. Aber als der Vater an Zucker erkrankte und kein Geld mehr für den Unterhalt der Familie verdienen konnte, hatte die Mutter nie mehr Geld und die Situation war für die Familie sehr schwer. Im Frühling 1935 starb unser Vater an Zucker, eine Krankheit, die man damals noch nicht behandeln konnte. Darum musste sich, gemäss dem Gesetz, das Waisenamt um die Kinder kümmern. Wildhaus selbst war eine arme Gemeinde. Dem Gesetz entsprechend wählte sie einen Vormund. Um diese Zeit wurde vom Kanton St. Gallen eine Jugendschutzkommission eingeführt. Es waren Lehrer, Pfarrherren, Arzte etc. die einem Waisenamt als „Gewählte“ zur Verfügung standen. Man erhoffte, dass Waisenämter mit elternlosen Kindern problemloser umgehen könnten als die übrigen Dorfbehörden. Ein Präsident konnte den Waisenämtern auch Aufträge erteilen, aber nur im Sinne von «Beratung». Der damals gewählte Amtsträger und Lehrer in Wildhaus machte aber das, was er selbst wollte und für richtig hielt. Alle Kinder wurden versetzt und ohne Mitsprache der Mutter ihr weggenommen. Eine Frau durfte damals noch nicht die Kinder alleine erziehen und erhielt keine Hilfe. Als 'Gewählter' machte der Lehrer damals was er wollte. Letztlich nahm er auch das acht Monate alte Kind der Mutter weg. Wir erfuhren erst viele Jahre später und aus reinem Zufall, was mit unserer Schwester geschehen war. Sie wurde in das Säuglingsheim nach St.Gallen geben. Aus Kummer und Verzweiflung verstarb ein Jahr später auch unsere Mutter. Das war der Anfang der Jugendschutzbehörde und die ersten Handlungen der neuen Jugendschutzkommission in Wildhaus. Glücklicherweise hatte ein Teil der Höxperli-Kinder Pflegeeltern, die ganz anders dachten und handelten. Sie behandelten sie wie ihre eigenen Kinder. Der Vormund war ohnehin zufrieden, wenn sich niemand beklagte und waltete weiter seines Amtes ohne sich um das Wohl der Kinder zu kümmern. So wurde unser Hof verkauft, eine Erbschaft verschwiegen und am Schluss nie vollständig abgerechnet. Die Akten wurden auch nach unserer Volljährigkeit nie offen gelegt. Kinder waren letzendlich wohl nicht das Lieblingsfach des Lehrers und Vormundes der Höxperli-Kinder.
Joachim Reich, 20.3.2022
Das Buch (print) wird im Herbst (voraussichtliche Nov. 22) versendet. eBook (Tolino) und Hörbuch stehen ab 1. Dezember 2022 auf allen gängigen Plattformen zur Verfügung.