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Die Arbeit von Thomas Stricker, die wir hier heute „einweihen“, ist das Resultat eines beschränkten Wettbewerbes unter vier eingeladenen Künstlern, die aufgefordert waren für den Atriumhof des Neubaus des Finanzamtszentrum Aachen ein Kunst am Bau-Projekt zu gestalten.
Thomas Strickers Vorschlag, der den Sie hier realisiert sehen, trägt den anspielungsreichen Titel „Impluvium“, der in der klassischen Terminologie der römischen Wohnhäuser auf ein in den Boden eingelassenes rechteckiges Becken verweist, welches im Innenhof – im Atrium – des Gebäudes liegt und Regenwasser auffängt, das durch eine Öffnung im Dach – das „Compluvium“ – ins Innere fällt. Traditionellerweise wird das Wasser des Impluviums zu einer unterirdischen Zisterne geleitet und dort gesammelt, um es dann für den Gebrauch in Haus und Garten bereitzuhalten. Das Becken hingegen hat auch eine kühlende Wirkung im Hinblick auf das Klima des Gebäudes.
Betrachtet man die architektonische Konstellation des Finanzamtszentrums, so kann man feststellen, dass es sich bei dem zu gestaltenden Ort um eine architektonisch sehr ähnliche Situation handelt, in welcher der nach oben hin offene Innenhof ebenfalls den unterschiedlichen Witterungen – und natürlich auch dem Regen – ausgesetzt ist. Das Wasser wird somit zu einem der Leitgedanken, welche die künstlerische Auseinandersetzung mit dem zu bespielenden Ort angeregt hat.
Den 25 x 15 m großen Innenhof hat der Künstler nicht als Gesamtes bespielt, da er u.a. auch den gebäudetechnischen Problematiken – wie beispielsweise des Fensterputzens – Rechnung tragen und sich somit auf eine bestimmte Fläche beschränken musste, die er allerdings nicht vollständig ausgenutzt hat. Er hat stattdessen eine kleinere rechteckige Fläche in den Boden, den er mit Terrassenholz hat belegen lassen, eingelassen, um so eine Konzentration der im Hinblick auf das Verhältnis von Architektur und Kunstwerk zu schaffen. Dies provoziert eine dichtere Aufstellung der Skulpturen beziehungsweise der Einzelteile der Skulptur, die nicht ganz mittig, nicht im Zentrum des Innenhofs gelegen ist. Durch das Aufbrechen der Mittelachse wird auch die Symmetrie in der Anlage aufgehoben und in die klassische, rationale Behandlung des Innenhofes ein Moment des „Störens“ eingefügt.
Die aus dem eingelassenen Rechteck im Boden hervorragenden Skulpturen, die allesamt aus dem gleichen Material – einem selbstverdichtenden Spezialbeton, Flowstone – hergestellt sind, sind vom künstlerischen Ansatz her als eine einzelne Arbeit zu betrachten, welche auch die eingepflanzten Lilien sowie den Holzboden miteinschließt. Den Holzboden hat der Künstler u.a. auch deshalb ausgewählt, weil er sich vom Material her von denjenigen des Gebäudes entschieden abhebt und die Assoziation eines Steges zulässt, der den Betrachter nicht nur in eine „andere Welt“ zu entführen vermag, sondern erneut auch auf die Vorstellungswelt des Wassers anspielt.
Dergestalt entsteht einerseits auf der Ebene der verwendeten Materialen – Holz, Beton, Pflanzen – eine „Gegenstimme“ zur Architektur, die weg von der Rationalität der „trockenen“ Zahlen eine Gegenwelt zum Thema der „Finanzen“ vorschlägt, und andererseits wird auch auf der Ebene des Sujets die vom Künstler geschaffene Landschaft als eine expressive Form thematisiert, die von etwas anderem als von Zahlen, Geraden und rechten Winkeln spricht.
Die so entstandene Landschaft, deren Bauplan und Vorbilder im Wesentlichen von der Natur übernommen wurde – wie beispielsweise vom Gehäuse der Schnecke – trägt Züge des Utopischen. So auch die Intention des Künstlers, der Zitat: „eine Welt bauen [wollte], die mit dem Hier und Jetzt wenig zu tun hat, sondern sich an die Zeitformen der Vergangenheit beziehungsweise der Zukunft richtet.“ Zitatende und sich damit an die Fähigkeiten des Träumens oder Imaginierens auf der Seite des Betrachters richtet.
Evoziert werden die Vergangenheitsvorstellungen durch den formalen Anklang der Skulpturen an fossile Gestalten, die in den jeweiligen Formen und Windungen der Betonskulpturen als Assoziationspotential enthalten sind. Auch kann die Idee des Urgesteins beim Betrachter wachgerufen werden und diese Bewusstseinsinhalte lassen sich mit der Idee von Kraft und Naturgewalt verbinden.
Die Zukunft als die andere in der Skulptur enthaltene Zeitform stützt sich auf das Fiktive, da die Kraft der Fiktion es erlaubt, Vorstellungswelten zu schaffen, die sich außerhalb unserer bekannten Welt befinden – so kann durchaus auch das Außerirdische oder die Imagination einer Utopie hier als Referenzpunkt fungieren. In diesem Sinne handelt es sich um eine Landschaft, die gebaut wurde, um dem Alltäglichen zu entgehen – dem Alltäglichen, das mitunter auch als Belastung empfunden werden kann.
Dergestalt kann sich der Betrachter „fossil“ und „fiktiv“ zugleich, in den Ausbuchtungen und Drehungen träumend, imaginierend, wünschend verlieren. Das gleiche Material der Betonskulpturen erscheint je nach Oberfläche und Licht verschieden und gebiert so immer wieder neue Konstellationen und Figurationen. In diesem Sinne werden die Formen zu einer Projektionsfläche, die sich im weitesten Sinne am Vorbild der Natur orientiert. Vom Aufbau der Formen her lassen sich Schnecken, Muscheln, Fossilien, Blüten und Pflanzen – wie beispielsweise Schachtelhalme oder Rosen wiedererkennen.
Entworfen und umgesetzt werden die Skulpturen im künstlerischen Prozess immer von der Idee eines Kerns aus, der dann eine gewisse Bewegung erfährt und somit dynamisiert wird. So lässt sich beispielsweise die Grundidee der doppelten Spirale, die uns auch aus der Biologie als Doppelhelix vertraut ist, identifizieren. In diese so entstandene Grundform schreiben sich dann Ausbuchtungen und Wucherungen ein, welche die klarere Basis mit unruhigeren Elementen besetzen und mitunter auch in gewisser Weise optische „Störungen“ erzeugen – die eine Form von Chaos erzeugen.
In dieser Herangehensweise wird der Kern – die Spirale oder die Schnecke – immer wieder durchbrochen und mit Auswucherungen überfrachtet. In den Arbeitsprozess selbst, der im Atelier des Künstlers nicht mit der Positivform, sondern mit der Negativform beginnt, schreiben sich dann noch „Zufälligkeiten“ ein, die durch die Verarbeitung mit dem Gips geschehen. Wenn die Negativform mit flüssigem Gips ausgeschwenkt und so lange in Bewegung gehalten wird, bis der Gips erstarrt ist, entstehen auf der Oberfläche der Skulpturen jene Knicke, Falten, Runzeln und Flecken, die als eine Art „Zeitmaschine“ wirken, da sie die Arbeiten altern lassen, weil mit ihnen aus der Nahsicht auf die Skulptur der Eindruck des natürlich Gewachsenen entsteht.
In der Fernsicht hingegen verstärkt sich der Eindruck des Wassers beziehungsweise der Wellen, von welchen die Skulpturen ergriffen sind, nicht zuletzt auch dadurch, dass das blaue Feld der Schwertlilien auf farblicher Ebene die Idee des flüssigen Elementes erneut aufgreift (auch weil es sich bei der Schwertlilie um eine Pflanze handelt, die auch auf Sumpfwiesen und an Gewässerrändern zu finden ist – soviel nur nebenbei botanisch bemerkt.) Das Wasser – sprich die flüssige Welt – steht hier als Gegensatz zu allem Festen – und vielleicht auch Rationalen, Rigidem und Statischen.
Als ironische Anspielung auf den für die Besucher nicht benutzbaren, aber mit großen Glasfenstern einsehbaren Innenhof, drängt sich vielleicht auch die Assoziation eines Aquariums auf, in dem das Erleben als rein visuelle Erfahrung vonstatten geht. So sieht der Rezipient, aus dem „Blumenmeer“ die Skulpturen emporwachsen und selbst wenn die Schwertlilien verblühen und absterbend zu Boden sinken, was im Übrigen natürlich auch in der künstlerischen Konzeption mit bedacht wurde, wird der so entstehende unruhige Bodenbelag aus vertrockneten Pflanzenteilen mit der gekräuselten, aufgerauten Oberfläche des Wassers in Verbindung gebracht werden können.
Die tieferen Baupläne beziehungsweise die Vorstellungen einer grundlegenden Struktur entpuppen sich hier nicht als eine auf Zahlen basierende kühle Matrix der Welt, sondern als Schleifen, Knoten, Schlangen und Wucherungen legendes Bausystem, in dessen Falten und Furchen der Betrachter sich visuell verlieren darf!