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Der Schwerarbeiter aus dem Misox
Aldo Antognini liegen Physik und Geselligkeit im Blut
Mehr als 2'200'000 Franken hat Aldo Antognini von der EU für sein neuestes Experiment bekommen. Er will herausfinden, wie der Magnetismus im Proton verteilt ist. Dabei wird der Teilchenphysiker nicht nur seine wissenschaflichen und technischen, sondern auch seine sozialen Talente einsetzen können.
In der Nacht des 5. Juli 2009 sassen Aldo Antognini und sein Forscherkollege Randolph Pohl in einem Kontrollcontainer in der Experimentierhalle am PSI-Protonenbeschleuniger, vor ihnen Bildschirme und Kabelsalat. Sie waren erschöpft vom wochenlangen 24-Stunden-Schichtbetrieb, in dem sie als Teil einer Forschergruppe einen selbstgebauten, störungsanfälligen Super-Laser überwachten, der helfen sollte, den Radius des Protons auszumessen. In wenigen Tagen lief die 13-wöchige Strahlzeit für ihr Experiment ab, und wie die Strahlzeiten in den Jahren 2003 und 2007 schien sie ein Fehlschlag zu werden. Der Laser schien ins Nichts gerichtet zu sein. Das Experiment, dämmerte es den Forschern, stand vor dem Aus.
Am Mittag hatten sie deshalb beschlossen, den Fokus des Lasers auf eine niedrigere Frequenz als die für die erwartete Grösse des Protonenradius zu legen. Doch auch das brachte nichts.
Wie wäre es, wenn wir stattdessen einen kleineren Radius annehmen?, fragte Aldo Antogini seinen Kollegen Pohl in dieser Nacht. Die beiden entschieden, eigenmächtig den Laser umzustellen; ein Manöver, das mehrere Stunden in Anspruch nahm. Doch dann zeigte sich auf dem Bildschirm die ersehnte Resonanzkurve: Der Protonenradius war deutlich kleiner als bisher angenommen. Statt Übungsabbruch gab es eine Titelgeschichte im renommierten Wissenschaftsmagazin
Nature.
Wenn die Leute nicht zusammenpassen, ist das Projekt in Gefahr
Acht Jahre später sitzt Aldo Antognini, 42, braune Locken und offenes Gesicht, in der PSI-Kantine und schlingt einen Salatteller hinunter. Lächelnd erzählt er in seinem charmanten italienischen Tonfall von einer Anspannung, die ihm kaum anzusehen ist. Doch in wenigen Tagen beginnt sein neuestes Experiment: die magnetische Vermessung des Protons. Für die ersten fünf Jahre hat er einen begehrten europäischen ERC Consolidator Grant über mehr als 2'200'000 erhalten. Zusätzlich hat auch der Schweizerischen Nationalfonds (SNF) 700'000 CHF für dieses umfangreiche Projekt bewilligt. Die Aufgabe, sagt Antognini, sei noch schwerer als beim letzten Mal, das Lasersystem noch komplizierter. Anders als beim letzten Projekt wird er diesmal weniger selbst Hand anlegen. Als Forschungsleiter wird er sein Team aus zwei Doktoranden und zwei Postdocs führen müssen, das er derzeit aus Dutzenden Bewerbungen und mit Skype-Anrufen in alle Welt zusammenstellt.
Es müssen genau die richtigen Leute sein, erklärt Antognini,
wenn sie nicht zusammenpassen, ist das Projekt in Gefahr. Einen, Karsten Schuhmann, hat er schon gefunden. Er ist ein sehr begabter Laserphysiker, der essenziell ist für die Entwicklung der innovativen Lasertechnologien, die für das Projekt nötig sind.
Hier hilft, dass Aldo Antognini nicht nur technisch, sondern auch sozial begabt ist. Läuft man mit ihm über das PSI-Gelände, fliegt ihm alle paar Meter ein
Hallo zu, das er mit einem warmen Lachen quittiert.
Aldo ist nicht nur ein brillanter Physiker, sondern auch ein sozial extrem kompetenter Mensch, sagt Randolf Pohl, der damals mit ihm im Kontrollcontainer sass und heute als Professor der Uni Mainz auch immer noch am PSI forscht. Pohl erinnert sich an die spontanen Abendessen mit Risotto und portugiesischem Stockfisch, die Antognini während dem Schichtbetrieb am Protonenbeschleuniger in seiner Würenlinger Wohnung veranstaltete. Das Gesellige liegt in der Familie. Antogninis Eltern betrieben im Misox, einem italienischsprachigen Tal in Graubünden, ein Grotto. Der kleine Aldo half bereits als Kind in der Küche und im Service mit.
So lernte ich, mit ganz verschiedenen Leuten umzugehen, erzählt er.
Physiker und Bücherwurm
Auch Antogninis Interessen gehen über die Teilchenphysik hinaus. Bis kurz vor der Matur wäre für den Bücherwurm auch ein Philosophiestudium infrage gekommen. Er entschied sich schliesslich für Physik und zog nach Zürich, um die ETH zu besuchen, doch sein Interesse für das Geistige ist nicht erloschen.
Literaturwissenschaft heisst nicht, dass man in einem Dachstock noch einen verstaubten Brief von Goethe findet, sagt Antognini in Anspielung auf die Meinung mancher Naturwissenschaftler.
Sie zeigt uns zum Beispiel, wie Goethes Faust heute zu uns spricht.
Doch zum Lesen hat Antognini, der neben dem anstehenden Projekt zwei weitere Experimente am PSI betreut und Vorlesungen an der ETH hält, kaum Zeit. Zum Erholen zieht er sich manchmal für ein Wochenende auf die Alphütte seiner Eltern zurück und hackt Holz.
Leider zu selten, meint Antognini achselzuckend.
Aldo muss sein Tempo drosseln, meint Randolf Pohl gar.
Sonst hält er es nicht bis zur Pensionierung aus.
Am späten Nachmittag geht Aldo Antognini durch die riesige und von der Belüftung dröhnende Halle des Protonenbeschleunigers, in der er und seine Kollegen ihre magnetische Vermessung des Protons durchführen werden. Hinter einer verschliessbaren Stahltür liegt ein schlauchförmiger Raum, in dem in Glaskästen die Reste der meterlangen Laserapparatur aus der vergangenen Protonenmessung liegen. Hier werden Antognini und sein Team in den nächsten Jahren ihre noch komplizierteren neuen Laser einbauen.
Während der Strahlzeiten werden sie hier wochenlang Automatenkaffee trinken und Fertiggerichte essen, werden wenig schlafen, auf den Bildschirm starren und hoffen, dass sich die Zahlen darauf zu einer Resonanzkurve zusammenfügen. Aber Aldo Antognini grinst voller Vorfreude.
Strahlzeit ist schöne Zeit, sagt er. Nicht nur, weil sie wissenschaftliche Highlights produziere, sondern weil sie ein Team zusammenschweisse.
So eine Erfahrung wünsche ich jedem Forscher, schwärmt Antognini.
Text: Joel Bedetti