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Die Kuppel über dem Hauptgebäude der ETH diente einst der ostentativen architektonischen Modernisierung des alten Semperbaus. Sie erlebte seit ihrer Fertigstellung 1919 zahlreiche Renovationen, Umbauten und Umnutzungen.
Wie viele andere Kuppeln - von der Hagia Sophia über die "Cupola del Brunelleschi" bis hin zu Buckminster Fullers geodätischen Domen - war auch der Kuppelbau der ETH bautechnische Herausforderung und politisches Statement zugleich. Als die ETH gegen Ende des Ersten Weltkrieges den Versuch unternahm, mit Hilfe einer Kuppel dem erweiterten Semperbau ein Facelifting zu verpassen, war dies durchaus als Referenz an die Vergangenheit und als Zeichen ihres erstarkten Selbstbewusstseins gemeint. Beiden Zielen konnte dieser aussergewöhnliche Gebäudeabschluss gute Dienste leisten.

||"When people see the dome rising it will be a sign that we intend the union to go on," soll Abraham Lincolns Begründung dafür gewesen sein, noch während des Bürgerkrieges den Bau der Rotunde des Kapitols in Washington zu vollenden. Was Lincoln recht war, musste dem Schulratspräsidenten Robert Gnehm billig sein: Kuppeln sind zwar aufwändig zu bauen, aber sie liefern den Bauherren einen kaum zu übertreffenden symbolischen "return on investment" - nämlich fast immer ein solides Gemisch aus quasireligiöser Aura, architektonischer Erhabenheit, baustatischer Kühnheit und politischem Zukunftsglauben.|
Diese Rechnung ging für Gnehm und seinen Architekten nicht so glatt auf. Anfang Dezember 1920 musste der Schulrat eine Eingabe der Gesellschaft der ehemaligen Polytechniker bearbeiten, die diese dem Eidgenössischen Departement des Innern direkt zugestellt hatte. Darin wurde "das lebhafte Bedauern ausgesprochen" über "die durch die Errichtung der Kuppel am Hauptbau der E.T.H. bewirkte baukünstlerische Schädigung des alten Semper-Baues. Gleichzeitig wird darin Einsprache erhoben gegen weitere Eingriffe in den Architektur-Charakter des Semper-Baues" (Schulratsprotokolle, SR2:1920, Sitzung vom 2.12.1920, Trakt 146). Gustav Gull, der verantwortliche Architekt, und Schulratspräsident Robert Gnehm verteidigten sich gegen den (reichlich späten) Einwand mit der künstlerischen Freiheit des Architekten. Dem ästhetischen Argument begegneten sie mit einem ästhetischen Gegenargument.
Dass der konservativen GEP sogar eine konservative Kuppel zum Skandalon werden konnte, war kaum eine Frage des Geschmacks. Man stiess sich auch nicht daran, dass die Kuppel nicht in traditioneller Weise gemauert, sondern ganz modern, mit vorgefertigten Bauteilen (und qualitativ ziemlich schlecht) betoniert wurde, um 1920 bereits mit herkömmlichen Ziegeln überzogen zu werden. Gerade die GEP hätte Verständnis aufbringen sollen für solch schräge Materialkombinationen und das architektonische Oxymoron einer traditionalistisch verkleideten Moderne. Denn die Bewahrung genau dieser Art von Moderne war inzwischen zum Kerngeschäft der GEP avanciert.

Die Eingabe der GEP war also anders motiviert. Eine hochschulpolitische Pressure-Group mag zwar ästhetische Argumente anführen. Ihre Anliegen haben jedoch stets politische Gründe und Ziele. Dies gilt auch für die Eingabe gegen die "baukünstlerische Schädigung des alten Semper-Baues": Als Teil der rund 16 Millionen Franken teuren Erweiterung des Hauptgebäudes markierte die Kuppel damals nur den baulichen Schlussstein des institutionellen Übergangs vom Eidgenössischen Polytechnikum hin zur Eidgenössischen Technischen Hochschule (1911) und damit zu einer akademischen Stabilisierung. Bereits 1908 hatte die Hochschule das Recht erhalten, Doktorate zu verteilen. Im gleichen Jahr waren die Aussonderungsverträge in Kraft getreten, welche die Institution rechtlich und infrastrukturell von der Stadt, vom Kanton und von der Universität Zürich unabhängig machten und damit erst die Voraussetzung für die umfangreichen Erweiterungsbauten (nicht nur des Hauptgebäudes) schufen, als deren Vollendung die Kuppel betrachtet werden kann.
Diese Veränderungen des Polytechnikums hin zur Hochschule und damit möglicherweise sogar zur Universität mussten der GEP zumindest deshalb suspekt erscheinen, weil sie - im Unterschied zu früheren Reformen - kaum mehr in die Entscheidungsprozesse involviert worden war. Die Kuppel stand damit auch für einen strukturellen Machtverlust der GEP.
Für den Schulrat dagegen war völlig klar, dass man der veränderten Position der ETH auch baulich Ausdruck zu verleihen habe, und sei es nur als Antwort auf den von Robert Curjel und Karl Moser bis 1914 in unmittelbarer Nähe der ETH erstellten Turm der Universität. Die Aufgabe, dem Turmbau der kantonalen Konkurrenz etwas Ebenbürtiges gegenüberzustellen, erfüllte die von einer Kuppel gekrönte Rotunde Gustav Gulls an der Ostseite des Semperbaus problemlos. Gleichzeitig signalisierte sie als markantes Element des Ehrenhofs die Neuorientierung der ETH insgesamt: weg von der Stadt und hin zum neu gestalteten Hochschulquartier auf der Seite der Rämistrasse. Die Kuppel setzte also zu der Zeit, als sie gebaut wurde, deutliche hochschulpolitische Akzente. Ferner emanzipierte sie die ETH - wenn auch etwas langsam, da das notwendige Armierungseisen 1919 nicht lieferbar war und es an Bauarbeitern mangelte - auf architektonische Weise von jener alten Industrienähe, über welche die GEP schon immer zu wachen versucht hatte.
|Direkt unter die Kuppel kam nun der grosse Lesesaal der Bibliothek zu liegen. Zuvor hatte allerdings der Schulrat eine entsprechende Beschwerde des Oberbibliothekars abgelehnt, und zwar mit der eher schwachen Begründung, die Kuppel habe das Gefallen von Bundesrat Ador gefunden.||

Es war demnach schwer, die Kuppel durchzusetzen. Aber dennoch: So niedrig sie manchmal erscheinen mag, so viel symbolisch Überhöhendes leistete sie im Zeitraum zwischen der Eingabe der GEP 1920 und den kuppelgeschmückten PowerPoint-Templates der Corporate Communication zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Als mutiger Versuch im modernen Bauen mit Eisenbeton passte sie sich einigermassen flexibel den vielfältigen Ansprüchen an, die an sie herangetragen wurden, und erschien mit der Zeit als ein fast natürlicher Teil des Semperbaus. So natürlich, dass bei einer der vielen Renovationen Mitte der 1970er-Jahre "der Kanton Zürich verlangte, dass die Kuppel mit Ziegeln gedeckt wird, während das Projekt die Wiederherstellung der Betonrippen von Gull vorgesehen hatte" (Jahresbericht 1976, S. 26).
Das Experimentieren mit der architektonischen Symbolik der Kuppel wich schliesslich einem Experimentieren unter der Kuppel: Erstaunlich spät füllte die ETH das von Gustav Gull erbaute Symboldach und erschloss sich diesen Raum. Genutzt wurde er zunächst als Archiv, später als Ausstellungsraum, in dem nicht nur ein Nachbau von Konrad Zuses Z4 aufgestellt war, sondern auch interdisziplinäre Experimente stattfanden.

||So beispielsweise eine Wasserplastik des Bildhauers, Plastikers und Landschaftsarchitekten Jürg Altherr, die als Gemeinschaftsarbeit im Rahmen des Lehrauftrages "Plastisches Gestalten" der Abt. XII für Sozial- und Geisteswissenschaften 1979/80 installiert worden war, unter Beteiligung des Professors für Baustatik und Konstruktion Hans Hugi und dessen Assistenten Santiago Calatrava.|

||Nachdem im Kuppelraum bereits 1985 ein Konstruktionszentrum der Maschinenbauer mit dem Namen CADETH eingerichtet worden war, beherbergt er seit 1998 den VISDOME, in dem "komplexe Objekte, Daten und Strukturen durch modernste Visualisierungstechniken" dargestellt werden und "Simulationen und Anwendungen", wie es bei der Einweihung in einer Pressemitteilung hiess, "durch Einsatz der virtuellen Realität realisiert werden."|
Es ist denkbar, dass bei dieser Einweihung des VISDOME ein Mitglied der GEP eine jener "dunkelblauen, seidenen Krawatten" trug, die nicht nur vom GEP Schriftzug, sondern auch und vor allem von einer "eingewobenen ETH-Kuppel" geziert waren (GEP-Bulletin 195/1998).
David Gugerli