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Der Reisebericht "Tausend Meilen auf dem Nil" steht in der Tradition der klassischen Bildungsreisen des 19. Jahrhunderts, zu denen nicht zuletzt auch eine Nilkreuzfahrt gehörte. Amelia B. Edwards, die Verfasserin des englischen Originalwerks "A Thousand Miles up the Nile", unternahm die geschilderte Nilreise, die sie mit ihrer Lebensgefährtin Lucy Renshaw selbst organisierte, in den Jahren 1873/74.
Auf einem gemieteten Segelboot befahren die beiden Frauen, zusammen mit einer kleinen Gruppe europäischer Reisegefährten, den Nil bis hinunter in das Grenzgebiet zum Sudan. Die Reise fällt dabei, was die Reisegewohnheiten anbelangt, in eine Zeit des Umbruchs, denn die erste, von dem Reiseveranstalter Thomas Cook organisierte Gesellschaftsreise auf dem Nil hatte bereits 1869 stattgefunden und kündigte damit das Zeitalter des Massentourismus an. So findet sich auch in "Tausend Meilen auf dem Nil" eine Begegnung mit einem Thomas-Cook-Dampfer.
Amelia B. Edwards erweist sich in ihren Schilderungen als ebenso präzise wie kritische Beobachterin der zeitgenössischen ägyptischen Gesellschaft sowie der Landesnatur. Daneben gilt das besondere Interesse der Verfasserin den Denkmälern des antiken Ägypten. Dabei werden ihre gute Allgemeinbildung sowie ihre gründliche Vorbereitung auf die Reise deutlich. So ist es offensichtlich, dass sie alle relevanten ägyptologischen Lehrwerke ihrer Zeit sowie diverse Klassiker wie Herodot gelesen hatte. Sie stellt die verschiedenen Lehrmeinungen vergleichend gegenüber und überprüft die Fakten vor Ort immer wieder selbst. Ergänzend hierzu führt sie sogar eigene Nachforschungen durch, in einem Fall sogar eine größere Ausgrabung. Auch kritisiert sie heftig die unwissenschaftliche Ausplünderung und Zerstörung der historischen Stätten Ägyptens durch europäische Glücksritter und deren einheimische Handlanger, ebenso das fehlende Interesse an Konservierungsmaßnahmen, wofür sie zahlreiche Beispiele liefert. Dieses Problem wurde erstmals von Auguste Mariette um die Mitte des 19. Jahrhunderts angegangen und war zur Zeit von Edwards Reise noch keinesfalls ins Bewusstsein von Politik und Gesellschaft in Ägypten und Europa gedrungen. Die Verfasserin stellt das ägyptologische Wissen ihrer Zeit integrierend dar, womit die vorliegende Übersetzung auch ein Licht auf die Wissenschaftsgeschichte der Ägyptologie wirft. Ein Punkt von besonderem historischen Interesse ist die Schilderung von Land und Leuten sowie einiger altägyptischer Monumente im Bereich des alten Nubien, also des Gebiets südlich von Assuan, das nach dem Bau des Assuan-Staudamms im Nassersee versank und heute so nicht mehr erlebt werden kann. Insgesamt bietet der Reisebericht eine gute Mischung aus Reiseabenteuern, die nicht immer ungefährlich sind, und der Vermittlung interessanter historischer Sachverhalte. Illustriert wird das Buch durch zahlreiche Stiche, deren Vorlagen aus der Feder der zeichnerisch begabten Autorin selbst stammen, obwohl auch ein professioneller Maler Mitglied der kleinen, siebenköpfigen Reisegruppe war.
Amelia B. Edwards war zur Zeit der Reise 42 Jahre alt und hatte sich in England bereits als erfolgreiche Romanschriftstellerin und Journalistin einen Namen gemacht. Sie heiratete nie, sondern unternahm mit ihrer Lebensgefährtin Lucy Renshaw mehrere Reisen, die ebenfalls als Reiseberichte veröffentlicht wurden. Nach ihrer Rückkehr von der Ägyptenreise 1873/74 wandte sie sich ganz der Ägyptologie zu. In den Jahren 1889/90 unternahm sie eine Vortragsreise in den USA und veröffentlichte 1891 das Fachbuch "Pharaohs, Fellahs, and Explorers". Amelia Edwards gehörte zu den Mitbegründern des Egypt Exploration Fund, der die Arbeiter mehrerer namhafter Archäologen, darunter W. M. Flinders Petrie, finanziell förderte, sowie der School of Egyptology an der Londoner Universität, wo aus ihrem Nachlass der Edwards-Lehrstuhl für Ägyptologie ins Leben gerufen wurde. Sie starb am 15. April 1892.