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Um der Frau beziehungsweise der Person Marlen Haushofer etwas näher zu kommen, ohne dass man sie persönlich gekannt hat, bleibt nur das Studium von Marlen Haushofers Nachlass, die Interpretation ihrer Geschichten und das Gespräch mit Zeitzeugen, welche die Autorin tatsächlich kannten.
Für den Suchenden stellt sich auch die Frage nach der Rolle persönlicher Erfahrungen, die der Schriftsteller im eigenen Werk einfliessen lässt. Auf diesen Aspekt angesprochen, antwortete Marlen Haushofer im Interview mit Elisabeth Pablé für die Reihe "Die literarische Werkstatt" des Österreichischen Rundfunks:
"Ich schreibe nie über etwas anderes als über eigene Erfahrungen. Alle meine Personen sind Teile von mir, sozusagen abgespaltene Persönlichkeiten, die ich recht gut kenne. Kommt einmal eine mir wesensfremde Figur vor, versuche ich nie in sie einzudringen, sondern begnüge mich mit einer Beschreibung ihrer Erscheinung und ihrer Wirkung auf die Umwelt. - Ich bin der Ansicht, dass im weiteren Sinne alles, was ein Schriftsteller schreibt, autobiographisch ist."
Somit lassen ihre Geschichten eine gewisse Interpretation zu, die jedoch wiederum vom jeweiligen Betrachter abhängig bleibt. Daniela Strigl hat in der Biographie die Autorin Marlen Haushofer auch für jene Leser personifiziert, die nicht das Glück hatten, die Autorin kennenzulernen. Diese Charakterisierung soll hier wiedergegeben werden, ergänzend zu den Informationen vorhergehender Seiten (Chronologie), welche ebenfalls grösstenteils aus dem genannten Buch von Daniela Strigl stammen.
Daniela Strigl beschreibt Marlen Haushofer in ihrer Biografie unter anderem wie folgt:
(...)Tatsächlich war Marlen Haushofer im ‚wirklichen Leben‘ nicht unbedingt als Wahrheitsfanatikerin und eigensinnige Diskutantin verschrien. Eher hielt sie mit ihrer Meinung hinterm Berg, vor allem, wenn sie ihre Gesprächspartner nicht gut kannte. „Sie sass still in einem der grossen Lehnsessel, während die anderen Gäste plauderten“, schilderte ein örtlicher Schriftstellerkollege Marlens Auftreten bei einer Einladung der Dunkls in Steyr. „Marlen Haushofer schaute und hörte dem Treiben zu.“ Sie habe sich nicht in den Kreis der anderen ziehen lassen, sondern sei „leidensvoll im Winkel geblieben.“ Ihre Langmut war bekannt, aber sehr wohl auch ihr Jähzorn, der schnell ausbrechen konnte, sobald jemand ihrem Gefühl nach den Bogen überspannt hatte: Dann verwandelte sie sich für Augenblicke wieder in das wütende kleine Mädchen. Legendär ist ein Auftritt Marlen Haushofers als Gastgeberin bei einem Familientreffen. Sie war bereits genervt, dann machte vielleicht noch ihre Mutter eine kritische Bemerkung - Marlen betrat jedenfalls das Esszimmer mit einer grossen Schüssel Spinat und schmiss sie den versammelten Angehörigen vor die Füsse.
In Gesellschaft sprach Marlen Haushofer gewöhnlich leise und stockend, nicht selten in einem eher faden, larmoyanten Ton. Sie konnte dann aber sehr wohl einen trockenen Humor an den Tag legen und manch überraschende Pointe anbringen. Sie sagte, wie Jeannie Ebner meint, „nie etwas Dummes“, plapperte nie nur so dahin. Fühlte sie sich wirklich wohl, wurde sie im Gespräch lebhaft und vermochte als Erzählerin ihre Zuhörer zu fesseln und mitzureissen. Ihr erzählerisches Talent zeigte sich nicht zuletzt in der Fähigkeit, einen Gesprächsgegenstand plötzlich von einer ganz neuen Seite her zu beleuchten. Unter vier Augen verfügte sie zweifellos über jene in Eine Handvoll Leben definierte „Gabe, im Zuhörer den Eindruck zu erwecken, es werde ihm aussergewöhnliches Vertrauen bezeigt, während man ihm das Wesentliche verschwieg“. Marlen Haushofer galt aber auch als gute Zuhörerin. Freundinnen schütteten ihr gerne das Herz aus, und es scheint durchaus vorstellbar, dass sie – wie Dita Bauer sich erinnert - am Telefon zwar stets geduldig blieb, in Wirklichkeit aber gar nicht mehr richtig zuhörte. Marlen selbst achtete in ihren Freundschaften stets auf einen gewissen Abstand und entzog sich jedem allzu intimen Anspruch. Prinzipiell verhielt sie sich unverbindlich verbindlich. War ihr jemand unsympathisch oder schien ihr zu aufdringlich, fiel sie nicht aus der Rolle, sondern verstand es, sich im Guten zurückzuziehen. Im Kollegenkreis war Marlen Haushofer überaus beliebt, man traute ihr weder Neid noch Intriganz zu. Auch hielt man sie jeglicher Bosheit gegen ihre Geschlechtsgenossinnen für unfähig.
Diese harmlos-freundliche Wesensart stand im Gegensatz zu ihrem hellwachen, überaus kritischen Verstand und ihrer psychologischen Scharfsicht. Als Beobachterin von Menschen war Marlen Haushofer gewissermassen niemals ‚ausser Dienst‘. Wenn sie bei ihren Besuchen in Wien mit ihrem Bruder im Kaffeehaus sass, musterte sie nebenbei und wortlos die anderen Gäste. Man habe ihr förmlich angesehen, wie sie sich innerlich Notizen machte. Ihr scharfes Urteil und ihre quasi berufsmässige Neugier waren „kaum unter einen Hut zu bringen mit Marlens Taktgefühl und ihrer subtilen Diskretion in Bezug auf eigene Dinge“. Jeannie Ebner gegenüber hat Marlen einmal mehr bekannt, immer nur beschreiben zu können, „was ich erlebt und beobachtet habe und ganz genau kenne“. Weil sie niemandem weh tun wollte, habe sie in ihren Büchern so oft lügen müssen, auch auf Kosten der literarischen Qualität.
Ihr Mann und ihre Söhne lasen Marlen Haushofers Bücher nicht: „Wenn sie Geld einbringen, werden sie ernst genommen, da braucht man sie aber nicht mehr zu lesen.“ Für Marlen bedeutete dies im Grunde eine Erleichterung. So konnte sie nämlich manchmal riskieren, „die Wahrheit zu schreiben“. Meist aber hatte sie grosse Hemmungen und beneidete ihre männlichen Kollegen um deren Rücksichtslosigkeit. Trotz dieser Zurückhaltung und obwohl Marlen Haushofer ihre Figuren oft aus mehreren realen Vorbildern zusammengesetzt hat, sind ihre Texte so durch und durch autobiographisch und in ihrer Personencharakteristik so schonungslos, dass die Lektüre für die nächsten Angehörigen ausgesprochen unangenehm gewesen sein muss. Dass sie die Bücher nicht (mehr) lasen oder vorgaben, sie nicht zu lesen, mag also weniger mit Desinteresse zu tun haben als mit Selbstschutz. So gab der Ehemann sich nur zu gerne mit Marlens Auskunft zufrieden, dass mit den literarischen Männergestalten nicht er gemeint sei. Allein jener Satz in der Wand hätte ihm zu denken geben müssen: „Ich kann mir erlauben, die Wahrheit zu schreiben; alle, denen zuliebe ich mein Leben lang gelogen habe, sind tot.“ Marlen Haushofer konnte offenbar nicht nur in ihrer nächsten Umgebung auf eine Art Sicherheitssystem setzen - auf Hans Weigels Interviewfrage, ob es schon vorgekommen sei, „dass jemand sich wiedererkannt hat, dass er gesagt hat, das bin ja ich“, erwiderte sie trocken: „Nein, das ist noch nie vorgekommen. Die Leute erkennen sich nicht wieder, erkennen aber ihre Bekannten wieder.
Wenn Marlen Haushofer einen Vorsatz der kleinen Meta verwirklicht hat, dann ist es der, als Erwachsene dem Rauchen zu frönen. Selbstkritisch verbucht sie eine Neigung zur „Hemmungslosigkeit„: Sie pflegte „abwechselnd Ketten zu rauchen oder monatelang gar nicht“ - was einer zyklischen Abfolge von Hochstimmung und Depression entsprechen könnte. Auch ihr Mann rauchte, seinem Herzleiden zum Trotz, und zwar vierzig bis sechzig Zigaretten täglich. Bei den Versuchen, ihm dieses Laster abzugewöhnen, gewöhnte Marlen es sich regelmässig wieder an. War sie bei Jeannie Ebner zum Tee, dann sassen die Freundinnen spiegelbildlich da, „den rechten Ellbogen in die linke Hand gestützt“, „die rechte Hand mit der Zigarette in Mundhöhe seitlich etwas vor der Wange haltend, bereitgehalten für den nächsten Zug, den Kopf leicht zur Seite geneigt.
Vom wilden Mädchen war sonst äusserlich nichts übrig geblieben. In ihrem ganzen Erscheinungsbild hatte Marlen Haushofer nichts Unkonventionelles oder auch nur Burschikoses. Sie war apart, aber unauffällig, und zog sich nie extravagant an, sondern eher „gutbürgerlich-oberösterreichisch“; auf Manche machte sie in ihrer Bescheidenheit sogar einen kleinbürgerlichen Eindruck. Als Frau in den Vierzigern hatte sie Angst, sich zu jugendlich zu kleiden: Einen bunt geblümten Stoff, den ihr Christian zum Geburtstag geschenkt hatte, bot sie ihrer jungen Nachbarin günstig zum Kauf an - sie sei dafür zu alt. Marlen trug gern dezente Kostüme und Kleider und hatte eine Vorliebe für Pastellfarben und Blau: „Meine Farbe ist Blau. Es gibt mir Mut und rückt alle Menschen und Dinge von mir ab. Richard glaubt, ich trage meine blauen Kleider nur, weil sie mir zu Gesicht stehen; er weiss nicht, dass ich sie zu meinem Schutz trage.“ Und was ist aus der unkämmbaren Löwenmähne der kleinen Meta geworden? Mit ihrer, wie Jeannie Ebner meint, „immer etwas zu braven und zu neuen Friseur-Frisur“ hat Marlen Haushofer sich sozusagen selbst domestiziert: „Ich hab so furchtbar gekraustes Haar, ich kann es nicht bändigen, wenn ich nicht oft zum Friseur gehe, sehe ich aus wie ein Mop!“ Aus dem kleinen Trotzkopf war eine stille Rebellin geworden.
Marlen Haushofers Freund und einstiger Nachlassverwalter urteilte, dass Marlen Haushofer zu jenen Schriftstellern gehörte, deren wichtigster Lebensabschnitt die Kindheit war."Dass alles Erwachsensein für sie nur melancholisches Weitermachen, nur das Rotieren eines in Schwung versetzten Kreisels (...) zu sein scheint". Wer Marlen Haushofers Literatur kennt, kann diesen Eindruck nur bestätigen.