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Wo sind Sie zu Hause? Ein Bündner, der seit Jahren in der Region Zürich wohnt, sagte mir einmal: “Ich wohne hier. Aber wirklich zu Hause bin ich in Chur.” Andere haben ganz offiziell zwei Wohnsitze. Man trifft sie zum Beispiel im Zentrum von Städten. Sie sagen: „Ich habe hier nur meinen zweiten Wohnsitz. Mein erster Wohnsitz, meine Heimat, ist auf dem Land oder in den Bergen. Während der Woche bin ich hier, aber am Wochenende zieht es mich nach Hause. Dort lebe ich so richtig auf.“
‘Dank’ Corona bekommen wir in diesen Wochen vorgeführt, wie sehr wir dazu neigen, die Bedürfnisse des Individuums zu Lasten der Gemeinschaft zu betonen. Darum fällt es uns alles andere als leicht, zu Gunsten der Gemeinschaft auf individuelle Freiheiten zu verzichten. Wir sind schon ziemlich selbstverliebt. Wie oft wird zum ausschlaggebenden Argument:„Hauptsache, es stimmt für mich!“, ganz unabhängig davon, was gerade zur Debatte steht! — Natürlich ist das nicht nur schlecht. Es gab Zeiten, in denen die Bedürfnisse der einzelnen Menschen zu wenig beachtet wurden und viele unter die Räder kamen. Aber zur Zeit schlägt das Pendel wohl eher auf die andere Seite aus. — Da klingt dann doch ziemlich fremt, was Paulus in Römer 14,7–8 schreibt: „Denn unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“
Die heutige Meditation nimmt das 4. Kapitel in den Blick: Es ist eine Zusammenstellung von Gleichnissen, von denen wir das letzte genauer anschauen:
30 Jesus sprach: Wie sollen wir das Reich Gottes abbilden? In welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? 31 Es ist wie ein Senfkorn, das kleinste unter allen Samenkörnern auf Erden, das in die Erde gesät wird. 32 Ist es gesät, geht es auf und wird grösser als alle anderen Gewächse und treibt so grosse Zweige, dass in seinem Schatten die Vögel des Himmels nisten können. 33 Und in vielen solchen Gleichnissen sagte er ihnen das Wort, so wie sie es zu hören vermochten. 34 Anders als im Gleichnis redete er nicht zu ihnen; war er aber mit seinen Jüngern allein, löste er ihnen alles auf
Das Markusevangelium ist in einer Zeit der Krise entstanden: Zum einen sterben immer mehr der Jünger und Apostel der ersten Generation, so dass ihre Tradition, ihre Gedanken und ihre Lehre verloren zu gehen drohen. An-dererseits bedroht ein Krieg in Israel den Ursprung des Christentums, und schliesslich braucht die nächste Generation verlässliche Auskunft über Je-sus: Wer er war, was er tat, was er sagte, und vor allem: Wer er für uns heute ist. So hat sich Markus zu Beginn der 60er Jahre an die Arbeit gemacht und Geschichten, Texte und Traditionen gesammelt, um sie zusammenzustellen und theologisch zu deuten. Ende 60er oder Anfang 70er ist das Werk voll-endet — mit Ausnahme des Schlusses: Die Auferstehungsgeschichte fehlt im Original. Weshalb das so ist, bleibt unklar, und es gibt viele Theorien dazu. Die beste scheint mir noch immer zu sein, dass Markus den Schluss nicht mehr schreiben konnte, weil er verstarb. Alle anderen Theorien müssen er-klären können, weshalb der Autor ausgerechnet das, worauf die ganze Ge-schichte hinausläuft, nämlich die Auferwecken, weglassen sollte.