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Landjäger Arnold Odermatt schlüpft aus seiner tadellos gebügelten Uniformhose und watet zum Wrack im See – nicht, um Verletzte zu bergen, der Unfallenker hat sich längst selbst retten können. Odermatt späht in alle Richtungen und hält seine Rolleiflex im Anschlag. Er umkreist den schrottreifen Käfer auf der Suche nach dem besten Blickwinkel, aus dem sich das Unglück dokumentieren läßt. Die Aufnahme, die er schließlich entwickelt, zeigt eine verträumte Idylle. Wie ein gestrandetes Fabelwesen liegt die zerbeulte Karosserie im seichten Uferwasser, als habe das Blechtier versucht, mit letzter Kraft ans Ufer zu kriechen, und sei kurz vor dem Ziel verendet. Traurig läßt Zeuge Baum im Hintergrund seine Äste hängen.
Die lyrische Harmonie des Stillebens, diese Natura-morta-Idylle, interessiert Odermatt nur am Rande. Er will lediglich die Folgen des unheilvollen Geschehens festhalten: für die Akten, den Unfallbericht, für die Versicherungsgesellschaft, die den Schadensfall abwickeln muß. (…) Niemals entgeht ihm Wesentliches. Intuitiv erfaßt er die surreale Komik einer Karambolage, zeigt in den Bildern das großes Erstaunen über die plötzliche Hilflosigkeit von Mensch und Maschine nach dem Zusammenstoß. Sein Künstlerauge erkennt in den Wracks gewaltsam geformte Kunstwerke: Schrottskulpturen.
Klaus Kleinschmidt: ...dabei entstand Kunst, Süddeutsche Zeitung / Magazin, München, 7. Januar 1994
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Am 5. Januar 1948 trat Arnold Odermatt in das von Wachtmeister Paul Lussi geführte Nidwaldner Polizeikorps ein. Er wurde Kollege von sieben Gemeindepolizisten; damals gab es in den Gemeinden noch Polizeistationen. Arnold Odermatt bekam keinen Gemeindekreis, sondern vom Regierungsrat alle polizeilichen Nebenaufgaben zugeschanzt. So wurde er nebenamtlicher kantonaler Fischereiaufseher, nebenamtlicher kantonaler Kontrolleur im Fabrikinspektorat, nebenamtlicher kantonaler Schiffsinspektor und Chefstellvertreter des Kriegs-, Industrie- und Arbeitsamtes. Die Aufzählung zeigt, daß der Kanton alle neuen Aufgaben und alle Lücken, die „polizeiverdächtig“ waren, dem Landjäger, der der Polizeidirektion zur direkten Verfügung stand, zuwies.
Als Arnold Odermatt in den Polizeidienst trat, gab es sechshundertfünfzig immatrikulierte Motorfahrzeuge, die Hälfte davon Motorräder und Lastwagen. Es gab keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, die Verkehrssignale waren an einer Hand zu zählen. Die Polizei selbst hatte kein eigenes Fahrzeug, sondern ging mit dem Velo auf Landstreicher- und Verbrecherjagd oder zu Verkehrsunfällen. Es war der damaligen Konstellation im Polizeikorps zuzuschreiben, daß Arnold Odermatt früh zum Verkehrsspezialisten wurde. So wurde er Verkehrsinstruktor, Motorfahrzeugexperte für landwirtschaftliche Traktoren, und als es darum ging, eine eigentliche Verkehrspolizei aufzubauen, war er der richtige Mann.
Werner Flury: Kein eigenes Fahrzeug, Nidwaldner Volksblatt, Stans, 22. Mai 1990
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„Zeit spiegelt sich nicht nur in der Uhrzeit und Geschwindigkeit, sondern auch in Rhythmen“, schreibt die schwedische Physikerin Bodil Jönsson in ihrem Buch Zeit – wie man ein verlorenes Gut zurückgewinnt, und weiter: „Wenn der Rhythmus stimmt, bringt man fast grenzenlose Toleranz auf. Wenn der Rhythmus dagegen nicht stimmt, gerät man wegen jeder Kleinigkeit aneinander.“ Über vierzig Jahre hielt der 1925 geborene Nidwaldner Polizist Arnold Odermatt mit seiner Kamera Verkehrsunfälle fest. Was passiert, wenn der Rhythmus zweier Fahrzeuglenker nicht übereinstimmt und es zum Crash kommt, ist auf den Bildern festgehalten.
Unfälle, nichts als Unfälle, und doch erzählen die Bilder mehr. Die in der Landschaft deponierten Reste schnittiger Fahrzeuge, die ineinander verkeilten Autos scheinen wie eine vom Menschen künstlich hergestellte Metapher für die Katastrophe zu sein. Und wenn man es nicht besser wüßte, dächte man, Odermatt habe die Motive seiner Bilder arrangiert. Die Toten, die Verletzten sind bereits abtransportiert, und man sieht nur noch die Schaulustigen, die Polizisten, die verbeulten Autos. Mit untrüglichem Sinn für das beredte Detail verleiht der Photograph den Ereignissen einen Charakter. So kommen einem diese Autos aus den sechziger Jahren wie Tiere vor, mit Gesichtern, Gesten und Ausdrucksweisen. Wenn dann der Lastwagen mit der Schnauze im See liegt und nur noch seinen Arsch raushält, macht das die Erniedrigung einer Karambolage deutlich, und fast sieht es aus, wie wenn sich hier einer über die Fortschrittsgläubigkeit oder über die angebliche Überlegenheit der Technik lustig macht. Ein Auto frißt ein Fahrrad, ein Laster zertrampelt einen Käfer, Sportwagen und PKW finden ihre Kühlerhauben ineinander verschraubt – Zusammenstöße wie mißglückte Küsse. Und immer wieder die Landschaft als Bühnenbild für diese Geschichten von überhöhter Geschwindigkeit, von Trunkenheit und Leichtsinn, für diese pervertierten Blechmonster, die vom jähen Ende vieler Ziele und Hoffnungen zeugen.
Der Regisseur Urs Odermatt hatte eines Tages auf dem Estrich den schön geordneten Nachlaß seines Vaters entdeckt und erkannte sofort den Wert der Photographien. Obwohl der Sohn nicht nur angenehme Erinnerungen an seine Jugend als „Bueb vom Tschugger“ und die Tätigkeit seines Vaters bewahrt hatte, edierte er ein Buch „Arnold Odermatt – Karambolage“, schrieb auch das Vorwort dazu, in dem er erzählte, wie der Vater jeweils zu den betroffenen Familien hingehen und sich ins Wohnzimmer setzen mußte, um die schlimme Botschaft zu überbringen. Auch auf den Bildern sind die Dramen zu spüren, und man schaut mit aufsteigendem Entsetzen auf das Kinderfahrrad, das unter der Kühlerhaube liegt, oder auf die säuberlich hingestellte Tasche, aus der ein frisches Brot herausragt. Die Linien, die nachträglich die Ereignisse auf den Straßen nachzeichnen und verständlich machen sollen, zeigen nur Hilflosigkeit auf. Man kann ein solch unfaßbares Ereignis wohl nach-, aber niemals vorzeichnen, und letztendlich geht es einfach immer wieder zu schnell. So liegt der Pierrot-Clown mit dem Kopf im Schnee, wir lachen, weil es uns jederzeit auch passieren kann; das Auto wird zur unbarmherzigen Natur, der Polizist zum unbestechlichen Philosophen.
Johanna Lier: Mißglückte Küsse, Die Wochenzeitung, Zürich, 27. Mai 2004
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„In den See, in den See; mit einem Gewicht an den Füßen!“, tönt es aus der gelben Masse klebrigen Fondues, die sich zäh zerlaufend im Palast des helvetischen Statthalters Feistus Raclettus ausbreitet. Zwar sind die Akteure in dem verklumpten Käsehaufen nicht mehr unterscheidbar, trotzdem ist das Schicksal des römischen Unglücksraben, der soeben sein Brotstücken im Kessel verloren hat, besiegelt: ab in den Genfer See. Dort wird er Asterix und Obelix treffen, die sich zu nachtschlafender Zeit ebenfalls gerade im Gewässer verirrt haben. Wäre der Römer aber im 20. Jahrhundert im See gelandet, hätte er vielleicht ein dankbares Motiv für Arnold Odermatt abgegeben.
Der mittlerweile pensionierte 76jährige Polizeiphotograph archivierte von den fünfziger Jahren an mit seiner Rolleiflexkamera nicht nur das Unfallgeschehen auf den Schweizer Autobahnen im Kanton Nidwalden, sondern auch allerlei Alltägliches aus der Polizeiwache und dem dörflichen Leben. Selbst zwei Polizisten, die sich in Taucheranzügen damit abmühen, ein Verkehrsschild aus den wahrscheinlich kalten Fluten zu retten, waren ihm ein Photo wert.
Nie hätte der Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwalder Polizei, damit gerechnet, als Dokumentarist schweizerischen Lebens- und Kleinstadtdramas noch zu internationalen Ehren zu gelangen. Zwar werkelte er schon während seines langen Berufslebens nicht im Verborgenen. Aber der durchschlagende Erfolg seines Bildbands Meine Welt überraschte ihn dann doch.
Als Odermatt 1998 während der Buchmesse in einem Frankfurter Polizeipräsidium eine Photoserie ausstellte, wurde Harald Szeemann auf den fachfremden Newcomer aufmerksam. Der Kurator lud Odermatt dann flugs zur diesjährigen Biennale in Venedig ein, handgefertigte Abzüge seiner Bilder werden nun teuer gehandelt.
Ausgangspunkt seiner Photographie war für Odermatt der Berufsalltag. Auf der Wache und beim Crash vor Ort schoß er Photos, die abseits aller spektakulären Inszenierung die Schönheit im Unfallchaos mit ebenso kühler Präzision beschreiben wie den Einbruch des unerwarteten Ereignisses in die wohl geordnete Kleinstadtidylle. Den Polizisten interessiert nicht das hinter dem Bild liegende Drama, das auch stattgefunden haben muß, wenn die Karosse des Kabrios restlos zerbeult kopfüber im See gelandet ist, sondern die wohl geordnete Graphik. Nur auf einem Photo liegt ein kleiner Junge niedergestreckt auf der Straße. „Aber das ist gestellt, der wollte sich unbedingt dort in das Bild legen“, behauptet Tina Vlachy von der Springer & Winkler Galerie, die in Berlin Odermatts Photos vertreibt.
Anders als bei Mell Kilpatrick, der in Amerika ebenfalls zahllose Zusammenstöße in dramatischer Schwarzweißmanier festhielt, fließt bei Odermatt niemals Blut. Dennoch sind die Bilder weit entfernt von reiner Dokumentarphotographie. Einäugig in die Kamera starrende Autowracks mit zähnefletschendem Kühlergitter finden sich ebenso wie der hilflos gestrauchelte Citroën, dem das Hinterteil abgerissen ist. „Scharf und genau muß das Photo sein“, konstatiert Odermatt. Trotzdem lichtete er nicht nur das Unfallgeschehen, sondern auch den dramatischen Wolkenhimmel und das nebelverhangene Bergpanorama ab.
Um den dümpelnden VW Käfer wirklich paßgerecht zu inszenieren, stakste er auch schon einmal mit Gummistiefeln in den See. Jeder Winkel, jedes Delail sollte auf den Photos selbst dann exakt festgehalten werden, wenn er sich stets nur eine Aufnahme je Motiv gestattete.
„Er war aber kein verkanntes Genie“, darauf besteht Tina Vlachy. Zwar bereitete es Odermatt einige Mühe, die Photographie als anerkanntes Medium zu einer Zeit zu etablieren, als seine Chefs noch behaupteten: „Photos als Beweismittel, das geht nicht, die sind ja manipulierbar“ – weshalb die Polizisten zeichnen lernen mußten. Auch war es keineswegs selbstverständlich, daß Odermatt eine Sonderzahlung von siebzig Franken für einen Wasseranschluss in der als Dunkelkammer eingerichteten Besenkammer des Nidwalder Polizeireviers erhielt. Aber der leidenschaftliche Photograph strebte auch gar nicht nach den Weihen einer Kunstszene, die ihn nun rücksichtslos adoptiert. Vor allem waren es seine Kollegen, die das ungewöhnliche bildnerische Talent des Dienststellenleiters schließlich doch anerkannten. Das Resultat waren Photos, so ordentlich, daß der Kommentar des Hotelwirts aus „Asterix bei den Schweizern“ auch hier die Mentalität gut beschrieben hätte: „Eine Delegation von Barbaren wollte nicht bleiben. Es war ihnen zu sauber.“
Richard Rabensaat: Die Stille nach dem Crash, Die Tageszeitung, Berlin, 5. November 2001
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Er war kein Künstler, aber wurde einer. Arnold Odermatt war Polizist. Zu seinen Aufgaben gehörte das Photographieren der Autounfälle. Seine Photos sind Meisterwerke. Nur merkte das lange Zeit niemand. (...) Das besondere an Odermatts Photos ist dieser Polizistenblick. Das ist ein Blick fürs Ganze und fürs Detail gleichermaßen. Ein Blick, der keine Geheimnisse zulassen will. Alles muß erhellt werden. Alles muß klar sein. Odermatt will Übersicht, und er will Nahsicht. Er will keine Unschärfe, er will nichts, das nichts bedeutet. Im Grunde arbeitet er wie ein guter Reporter. (...)
Auf einigen Bildern ist zu sehen, wie er es macht. Odermatt photographiert fast immer von oben. Er steht auf dem Dach eines VW-Busses. Die Kamera befindet sich auf dem Stativ, ausgelöst wird sie mit einem Drahtauslöser. So erklärt sich die erstaunliche Tiefenschärfe vieler Aufnahmen. Teilnahmslos, aber nicht kalt, schildert Odermatt, was kurz zuvor geschah. Immer sind es Zusammenstöße: Käfer gegen Volvo, Bus gegen Scheune, Lkw gegen Opel, Porsche gegen Käfer, Mercedes gegen Laternenmast, Ford gegen Simca, Eisenbahn gegen Lkw, Fiat gegen Brückenpfeiler, Traktor gegen Opel, VW gegen Betonwand. Und so weiter. Eine Galerie von Tod und Zerstörung. Eine Bilderserie der Unglücksschweiz.
Obwohl: Der Tod ist auf Odermatts Bildern nie direkt zu sehen. Nur Spuren davon: eine Blutlache auf der Straße, gleich neben dem Motorrad; eine zerborstene Frontscheibe, davor auf der Fahrbahn der Rest eines Fahrrads und eine Tasche, fortgeschleudert. Manches Wrack ist so zerstört, daß man davon ausgehen muß, daß keiner lebendig herausgekommen ist. Oft machen Odermatts Bilder deutlich, daß gewaltige Kräfte am Werk waren – einmal ist ein Traktor zu sehen, der in der Mitte durchtrennt wurde.
Im Zentrum stehen die Fahrzeuge. Sie sind die Zeugen. Die Opfer sind verschwunden. Sind Menschen zu sehen, dann Schaulustige, die ausharren, obwohl klar ist, daß nichts mehr passiert. Die Tragödie ist vorbei, aber die Tragik ist noch zu spüren. In den fünfziger und sechziger Jahren verliefen Autounfälle wesentlich blutiger als heute. Der Dreipunktgurt hatte sich noch nicht durchgesetzt, Knautschzone war eher ein Begriff aus der Innenarchitektur. Airbags gab es noch nicht. So wirkten Stahl und Plastik direkt auf die Körper der Insassen ein. Odermatts Bilder zeugen vom Autowahn einer Zeit, als Autos gefährlicher waren als heute.
(...) Ein gutes Bild ist immer auch das Ende einer Geschichte. Oder der Anfang einer neuen. Diese Bilder sind voller Geschichten. Die meisten von ihnen sind traurig. Arnold Odermatt ist kein Sensationsphotograph, kein Voyeur, dazu sind die Bilder viel zu ruhig und sachlich. Aber manches Bild wirkt trotz der Tragik durchaus heiter. Das hat mit der Unverhältnismäßigkeit zu tun. Wenn kleine Fehler große Wirkung zeigen, erscheint uns das meist komisch. Und über Situationen, in denen der Mensch machtlos ist, lachen wir gern. Es ist die alte Geschichte mit dem Mann auf der Straße und der Bananenschale. Odermatt arbeitet das Komische nicht heraus, aber er versteckt es auch nicht. Manches passiert eben. Manches ist eben auch komisch. Dies zu sehen, braucht es einen Künstler. Oder sehr gute Reporter.
Ronald Meyer-Arlt: Die alte Geschichte mit der Bananenschale, Hannoversche Allgemeine, 4. Januar 2014
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Hände hoch oder es knallt! Ab sofort wird im Museum scharf geschossen. Jedenfalls auf den Photographien von Arnold Odermatt. Der nämlich hat über Jahrzehnte hinweg seinen Alltag als Schweizer Kantonspolizist dokumentiert. Wilde Verbrecherjagden waren da zwar eher die Ausnahme. Aber geübt werden mußte der Umgang mit der Waffe allemal. Aufgestellt also in Reih und Glied, die fesche Uniform zurechtgezupft und proper gezielt, meine Herren!
Die lehrbuchtaugliche Inszenierung entstand in den sechziger Jahren. Ebenso die Beweisaufnahme in der Badehose: Als Odermatt die Kollegen beim Erste-Hilfe-Training ablichtet, ahnt freilich keiner, daß neugierige Kunstfreunde dereinst die blanken Bäuche begutachten würden. Sein Labor betrieb der erste eidgenössische Polizeiphotograph zunächst in der Besenkammer.
Von der Verkehrskontrolle bis zur Karambolage hielt der heute sechsundsiebzig Jahre alte Ruheständler die Ereignisse auf den Straßen am Vierwaldstättersee fest. Aber auch pittoreske Details wie verbeulte Fahrradreifen oder zugeschneite Hinweisschilder entgingen seinem wachsamen Auge nicht. Zu den markantesten Eindrücken gehört das Bild eines im Wasser versinkenden VW-Käfer. Vorbei der Aufprall, überstanden der Schreckensmoment. Die Scherben sind weggefegt, die Krankenwagen haben die Unfallstelle verlassen. Friedliche Stille breitet sich aus – Schrottimpressionen in idyllischer Landschaft.
Gerhard Finckh, der Arnold Odermatt im Museum Morsbroich (Leverkusen) die erste deutsche Einzelausstellung ausrichtet, überzeugte der „Gestaltungswille“ des Schweizers: Nach dem Abrücken der Ordnungshüter zückte dieser stets ein zweites Mal die Kamera – für sein privates Archiv. Entdeckt und in den Kunstbetrieb eingeschleust wurde Odermatt indes von einem Landsmann, dem Ausstellungsmacher Harald Szeemann. Ihm imponierte der „unverbrauchte Blick“ des Außenseiters.
So viel Authentizität, in der Wirkung mal rührend altmodisch, mal unfreiwillig komisch, dürfte auch der Markt honorieren. Ein Wiedersehen auf den Kunstmessen ist wohl unvermeidlich.
Marion Leske: Karambolage im Idyll, Die Welt, 7. Mai 2002
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Der weiße Fiat liegt mit eingedrücktem Dach und ohne Kühlerhaube auf der Seite an einen Baum gelehnt. Die Wucht des seitlichen Aufpralls muß das Auto in die Sommerwiese katapultiert haben. Weit hinten, nur noch unscharf zu sehen, weiden ein paar Kühe. Das Bild ist in mehrfacher Hinsicht symptomatisch für das Werk des Polizeiphotographen Arnold Odermatt. Ihn interessierte nicht das Drama des Unfalls, sondern die Anordnung der zerbeulten Blechkarossen in der gepflegten Landschaft. Zufällig verformte Autowracks werden in seinen Bildern zu Schrottskulpturen. Die Bilder wirken seltsam aufgeräumt. Weder Tote noch Verletzte noch Blut sind zu sehen, nicht einmal viele Splitter. Den tragischen Hintergrund klammert Odermatt aus, läßt ihn nur erahnen – etwa, indem ein Fahrrad auf der Straße liegt, die Umrisse eines Menschen als Kreidezeichnung auf dem Boden zu erkennen sind.
Nach den Unfällen zu photographieren, war für Odermatt – das Wort würde er nie brauchen – eine Art Therapie, um das Gesehene zu verkraften. „Es war schrecklich, wie Krieg“, erinnert sich der 82jährige beim Gespräch in einem Restaurant in Stans an vergangene Zeiten, als laute Motoren die Leute faszinierten: „Jeder durfte noch so schnell fahren, wie er wollte. Bis es chlöpfte.“
(...) Mehr als vierzig Jahre hat er als Polizeiphotograph Autos photographiert, die in den See stürzten, ins Feld hinaus katapultiert wurden, in andere Autos rasten, zerbeult oder zusammengestaucht auf dem Dach lagen; bis er 1990 als Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwaldner Kantonspolizei pensioniert wurde. Für die beste Perspektive stieg er auf Balkone und Hausdächer oder ließ sich von Kollegen abseilen, um Autos, die spektakulär über die Fahrbahn hinaus in den See ragten, besonders gut photographieren zu können.
Zum Polizisten wurde Odermatt 1948, weil er den erlernten Beruf, Bäcker-Konditor, wegen einer Allergie aufgeben mußte. Zuerst wollte man den bleichen und wenig kräftigen jungen Mann nicht ins Korps aufnehmen. In diesem Fall wäre Odermatt, wie er erzählt, in den damaligen Belgisch-Kongo ausgewandert, um dort sein Glück zu versuchen. „Die Koffer waren gepackt und alles bereit.“ Eine andere Alternative wäre dem Sohn eines Försters aus einer kinderreichen Familie in der Innerschweiz nicht geblieben. Zum Glück für die auf seine Photographien versessene Kunstwelt wurde er doch zum Polizisten gewählt: erstens, weil er Französisch konnte, zweitens, weil ein Landrat seinen Vater kannte – so ging damals eine Anstellung vonstatten. Ein Fahrrad, eine Schreibmaschine und die Handschellen mußte er zum Dienstantritt selbst mitbringen. Ein besonderer Polizist war Arnold Odermatt von Anfang an. Schon am zweiten Arbeitstag begann er, seinen Rapporten Photos als Beweise beizulegen, die für juristische und versicherungstechnische Zwecke gebraucht wurden. Er tat dies wider den Willen seines Vorgesetzten, der gegen das Photographieren als Beweismittel war, weil man Photos angeblich manipulieren könne. Üblich war damals das maßstäbliche Zeichnen. Die Kollegen auf den Posten in den Dörfern waren indessen froh, daß sie nicht zeichnen mußten, und riefen ihn zu den Unfällen. Als dem Polizeikommandanten von höherer Stelle bedeutet wurde, wie nuẗzlich die Photos seien, war das Eis gebrochen. Der Regierungsrat bewilligte kurze Zeit später achtzig Franken für eine Dunkelkammer, die Odermatt in einer Besenkammer der Polizei einrichtete. Den Vergrößerungsapparat beschaffte er selbst, weil er es nicht wagte, noch einmal Geld zu beantragen.
Zum Photographieren kam Odermatt bereits im zarten Alter von zehn Jahren. Er gewann beim Wettbewerb einer Seifenfirma eine Photokamera, doch kein Mensch in seiner Umgebung hatte je zuvor einen Photoapparat in der Hand gehabt. Ein erstes Problem war das Öffnen des Dings, ein anderes der fehlende Film. Mit Zaubervorstellungen bei Verwandten – Eintritt fünf Rappen – verdiente er sich das hierfür notwendige Geld. Das Knipsen beherrschte er allerdings noch nicht, der beim Dorfphotographen entwickelte Film war schwarz.
Für die Kunstwelt entdeckt wurde Odermatt erst nach seiner Pensionierung von seinem Sohn, dem Film- und Theaterregisseur Urs Odermatt. Dieser überredete ihn, einen Bildband zu einer ersten Ausstellung herauszugeben. Mit Karambolage, einem photographischen Tagebuch zu vielen Verkehrsunfällen, ist Odermatt bekannt geworden. 2001 präsentierte Harald Szeemann eine Gruppe von Karambolage-Bildern auf der Biennale Venedig. Seither zeigt Odermatt seine Arbeiten weltweit auf Ausstellungen. (…)
Daß Odermatt als Kunstphotograph international Karriere machen konnte, ist einer Begegnung mit dem „Magnum“-Photographen Werner Bischof, seinem großen Vorbild, zu verdanken. Beide warteten 1951 auf dem Bürgenstock auf den indischen Präsidenten Nehru. „Ich habe Nehru als Polizist beschützt, Bischof machte ein Buch über Indien.“ Er habe Bischof angesprochen und zu dessen Bildern gratuliert. Bischof gab den Rat: „Als Polizist kommen Sie zu Motiven, an die sonst keiner kommt. Die Negative nach Gebrauch nicht wie Kohlepapier wegschmeißen!“
Sprechen heute die Experten vom goldenen Schnitt, den sie in Odermatts Aufnahmen sehen, bringt dies den Autodidakten zum Schmunzeln. Daß die Fachwelt ihn auf den hohen „Kunst-Altar“ stellt, wundert ihn noch immer. Er kann es nicht fassen, daß er in der Ausstellung im Art Institute of Chicago von wildfremden Leuten umarmt und geküßt worden sei, als sie ihm zu den Bildern gratuliert haben. (...)
Martin Merki: Blech ohne Blut, Neue Zürcher Zeitung, 5. Januar 2007
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Arnold Odermatt ist ein obsessiver Beobachter, einer, der den Blick nicht lassen kann von den Unzulänglichkeiten seines Provinzalltags. Wie aus einer fremden, exotischen Epoche gefallen, erscheinen heute diese Aufnahmen – Artefakte, die eine verlorene Zeit heraufbeschwören. Er ist ein Eigenbrötler, seine Photographien bunkert er im Estrich und entzieht sie allen neugierigen Augen. Er ist längst pensioniert, als der Regisseur Urs Odermatt den widerwilligen Vater überredet, das photographische Gedächtnis der Innerschweiz mit der Welt zu teilen.
(...) Immer ist Odermatt ein lakonischer Chronist. Er bezieht nie Stellung, seine Bildinszenierungen sind bar jeder Emotion, es sind kalte, nackte Beobachtungen, in denen die Realität zu einer Ewigkeitssäule erstarrt ist. In einer Landschaft, die gerne zur Postkartenidylle verklärt wird, setzt Odermatt einen ernüchternden Kontrapunkt: Die menschliche Zivilisation bemächtigt sich der Natur, indem sie ihr tiefe Wunden schlägt und ihr befremdliche Errungenschaften aufzwingt. Aber zumindest in diesem Teil der Erde bleiben die Bewohner dennoch Fremdkörper, die letztlich einsam ihre Tage verbringen. Zwar haben sie sich die Welt angeeignet, aber sie werden in ihr niemals daheim sein.
Joachim Riedl: Mehr Zeit im Labor als bei der Familie, Die Zeit, Hamburg, 26. Januar 2017
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Unfälle sind eigentlich nichts für die Öffentlichkeit – es sei denn zur Abschreckung oder in den „Car Crashs“ des furchtlosen Pop-Artisten Andy Warhol. Bei Odermatt sieht man jedoch nur verbeulte Karosserien in Landschaften von Postkartenästhetik. Keine Verletzten, niemals Blut. So verschiebt sich der Fokus auf die Automobile aus einer anderen Ära. Rund und geflügelt sind sie, wie Käfer. Chromverziert und mit Scheinwerfern versehen, die ihnen ein grimmiges Aussehen geben. Beleidigt stehen sie an der Straße, tief verletzt in ihrer Würde und im Kontrast zu einer Natur, die aussieht, als wäre sie eigens als Kulisse bestellt. Perfekt arrangiert, eine Schweiz zum Soforturlaubmachen.
(...) Es dauerte aber oft Stunden, bis der Rettungswagen endlich eintraf. Nicht wenige Unfallopfer seien ihm „in den Armen gestorben“, während Odermatt auf Hilfe warten mußte. Die Photographie wurde schließlich ein Mittel der Distanzierung. Die Situation durch den Sucher seiner Rolleiflex zu betrachten, erlaubte es dem Polizisten, den Unfall aus der Blickzone des Unmittelbaren zu schieben. Ein Bild machen, den Fall so weit wie möglich abschließen, Ordnung in das Chaos auf den Straßen seines kleinen Kantons bringen: Es war wohl Odermatts Art, aufzuräumen.
Christiane Meixner: Kollision zwischen Avantgarde und Klassik, Der Tagesspiegel, Berlin, 17. Juli 2014
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Wie mag bloß das Auto in den See gekommen sein? Die wahre Vorgeschichte bleibt dem Betrachter verborgen, könnte von ihm allenfalls vermutet werden. Arnold Odermatt hält nur das traurige Ende fest – ein gründlich verbeulter schwarzer VW-Käfer liegt hier im seichten Wasser am Ufer, allem Anschein nach ein Totalschaden. Mit Buochs, 1965, wie der ortsbeschreibende knappe Titel der Aufnahme lautet, hat Odermatt, Chef der Verkehrspolizei im Schweizer Kanton Nidwalden, wieder einmal einen Verkehrsunfall nüchtern und präzise dokumentiert: Ein gestochen scharfes Bild als Anschauungsmaterial und Entscheidungsgrundlage für das Gericht und die Versicherung, auch für die Presse.
Und wie so oft, hat er zugleich ein wunderbares Landschaftsbild geschaffen – hier in zartesten Grautönen mit dem spiegelglatten Vierwaldstättersee im Dämmerlicht, der ruhevollen Bergkulisse und dem Wolkenhimmel im Hintergrund, dem Baum über der Böschung als filigrane schwarze Silhouette. Und das so armselig und grotesk verformte Unfallauto scheint in diesem Bild kaum mehr als die Rolle eines die Harmonie nur vage störenden Repoussoirs zu spielen.
Nichts weist auf das Schicksal des Fahrers oder anderer Insassen hin – eine gnädige Abstraktion, ohne die diese Aufnahme, wie die anderen, schwer erträglich wäre. Daß der Polizeiphotograph Arnold Odermatt immer erst in Aktion zu treten hatte, wenn die Verletzten und Toten nicht mehr zu sehen waren und sich somit darauf beschränken konnte, den reinen Sachschaden zu dokumentieren, dürfte die Voraussetzung für den bewundernswerten ästhetischen Mehrwert seiner Unfallbilder sein. Entscheidend aber war Odermatts souveräner Blick für die grandiose Komposition einer Aufnahme, für den wohl einzig wahren Ausschnitt.
Kaputte Autos in schöner, stimmungsvoller Schweizer Landschaft bilden eine Motivgruppe in Odermatts Unfallbilder-Oeuvre, Autopaare eine andere: Es sind natürlich keine glücklichen Paare, die er abgebildet hat, sondern ziemlich unangenehme Zweierbegegnungen: Ein winziger Lloyd etwa ist zu sehen, der im Jahr 1955 in Ennetbürgen einen VW-Käfer von hinten küßte. Oder ein veritabler Reisebus, der sich auf einer Bergwiese in Ennetmoos aus völlig unerklärlichen Gründen in eine Holzscheune gebohrt hat.
Wie der Kühlergrill eines nicht mehr zu identifizierenden Autos 1964 in Hergiswil unter die Haube eines Volkswagens geraten ist, möchte man erst gar nicht wissen. Diese Aufnahme kann schon zur dritten Kategorie des Odermattschen Werks überleiten, seinen Photographien, auf denen das Unfallgeschehen zu so bizarren wie gleichsam abstrakten Skulpturen erstarrt zu sein scheint: Beleg hierfür auch die Aufnahme mit dem grotesk verbogenen, riesigen Lichtmast und dem deformierten Auto.
Konstanze Crüwell: Kaputte Autos in idyllischer Landschaft, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21. Oktober 2001
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Können Karambolagen schön sein? Dürfen wir sie als ästhetisch empfinden? Und gibt es so etwas wie eine Romantik ruinierter Autos, analog zu dem, was für Caspar David Friedrich zerklüftete Felsen waren? In schlechteren Fernsehfilmen sind Unfälle eine billige Gelegenheit, Figuren zu entsorgen. Im echten Leben hoffen wir, daß der Unfall nie passiert. Und wenn doch, daß wir noch herauskriechen.
Die Momente, die der 1925 geborene Schweizer Polizist und Photograph Arnold Odermatt mit der Kamera festgehalten hat, sind immer solche, in denen die Menschen den Unfallort bereits hinter sich gelassen haben. Man weiß nicht in welcher Verfassung, man sieht nur ihre Gefährte, manchmal nur verbeult, manchmal Wracks und wie zerknautschte Skulpturen im Raum an etwas oder ineinander verkeilt. John Chamberlain hat aus Blech und Autoschrott Kunst gemacht. Der Polizeiphotograph Odermatt wollte nie Kunst machen. Er tat das, was er von Amtswegen tun mußte: Unfallwagen ablichten. Und doch tat er mehr, knipste neben der möglichst objektiven Dokumentation für die Beweisführung oft noch ein zweites, gewagteres Bild.
Er hat inmitten aller Dienstroutine einen ästhetischen Blick für das Dramatische, Absurde, bisweilen auch Tragikomische von Unfallorten bewahrt. Seine Stilleben zeigen Blech- oder Totalschäden, die eine unheimliche Präsenz entfalten, wie für Stuntmanfilme oder Kunst im öffentlichen Raum inszeniert. Der Kleinwagen, der es wie ein gestrandetes Boot auf einer Verkehrsinsel mit dem Gerippe einer riesigen, dreiarmigen Straßenlaterne aufgenommen hat. Der Lkw, der quer in der Tunnelröhre steckt. Der heckschlanke Einheimische, der die Schnauze eines Deutschen auf der Uferstraße gerammt hat und jetzt waghalsig über dem See hängt, sprechendes Autokennzeichen OW (für Obwalden. Oder auch: Oh weh!)
Die Wirkung dieser Karambolagen ist auch deshalb so enorm, weil sie eine gefährdete Idylle dokumentieren – die Welt der Deformationen findet in der Schönheit wohlgeformter Straßenbänder und Landschaftsbilder statt. Nidwalden, am Südufer des Vierwaldstättersees gelegen, ist Postkartenschweiz pur, einer der Urkantone der Eidgenossenschaft. Die Epoche, in der Arnold Odermatt als kantonaler Verkehrsphotograph seinen Dienst tat, überspannt fast die gesamte zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, mithin die Jahrzehnte, in denen Motorisierung und Mobilität in Europa stetig zunahmen – und mit ihnen die Zahl der Verkehrsunfälle. Regeln für mehr Sicherheit im Straßenverkehr wie inner- und außerörtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen, Promillegrenzen oder Anschnallpflicht haben sich erst im Lauf der Jahrzehnte etabliert. Mit den sogenannten Verkehrsdelikten hatte Odermatt sein gesamtes Berufsleben zu tun.
Daß überhaupt Photos von Unfällen entstanden, war schon eine Medienrevolution an sich. Als Arnold Odermatt 1948 bei der Polizei begann, waren Photographien vom Unfallort nicht üblich. Man fertigte allenfalls Zeichnungen an. Odermatt selbst schlug Photos vor. 1935, mit zehn, hatte der kleine Arnold seine erste Kamera, eine einfache Boxkamera, bei einem Preisausschreiben gewonnen.
Später besaß er eine Rolleiflex und photographierte bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1990. Weil analoge Photographie mit jedem Abzug bares Geld kostete und die kantonale Polizei es vorsah, das Medium der Beweisphotographie nur bei Streitigkeiten um die Unfallschuld aktiv einzusetzen, entwickelte Odermatt viele Photos nie, sondern verwahrte nur die Negative. Er photographierte auf seinen Filmen nicht nur Unfälle, sondern auch Kollegen (deren Uniformen alle an Emil Steinberger in Die Schweizermacher erinnern).
Außerdem photographierte er privates und landschaftliches aus der Umgebung – womit sich eine Chronik über Jahrzehnte ergibt, die jedoch erst Jahrzehnte später gesichtet und als Kunst angesehen wurde. Es war Arnold Odermatts Sohn Urs Odermatt, der Filmregisseur, der aus dem väterlichen Konvolut der Negativstreifen auf dem Dachboden überhaupt so etwas wie Motivreihen identifiziert hat, als er in den neunziger Jahren einen Film über einen kauzigen Polizisten drehte (Wachtmeister Zumbühl).
1998, als die Schweiz sich auf der Buchmesse präsentierte, gab es im Polizeipräsidium Frankfurt am Main eine erste Einzelausstellung mit Odermatt-Karambolagen. Dank des Schweizer Starkurators Harald Szeemann war Odermatt dann auf der Biennale in Venedig 2001 präsent, Ausstellungen von Chicago bis Berlin (Galerie Springer) folgten, von Bildbänden im exquisiten Steidl Verlag begleitet.
Am morgigen 29. Mai wird Arnold Odermatt 95 Jahre alt. In der Kunsthalle Erfurt ist noch bis 31. Mai eine Werkschau zu sehen, „Odermatt“ bei Hartmann Books ist darüber hinaus empfehlenswert. Sein Leben als Polizeiphotograph erzählt nicht nur die Geschichte eines Arbeiter-, nein: Beamtenkünstlers. Es zeigt auch, wie Autodidakten den (fremden) Blick von außen benötigen, um etwas als Kunst zu definieren und zu akzeptieren.
Spätestens mit den Farbbildern, die verschmorte Heckleuchten wie zerfließendes Fruchteis aussehen lassen, war ein Dali-Surrealismus in Odermatts Unfallphotographien eingekehrt. Vielleicht auch Tortenguß, denn Arnold Odermatt war die allerersten Jahre seines Berufslebens Konditor, bevor ihn eine Mehlstauballergie in den Polizeidienst katapultierte. Verblüffend, wie ein beamteter Dokumentarphotograph sich über Jahrzehnte diesen frischen Blick für das dramatisch und banal Schöne verunglückter Kraftfahrzeuge bewahrt hat.
In der Zukunft selbstfahrender Autos wird die amtliche Unfallursache menschliches Versagen, mit der es Odermatt zu tun hatte, womöglich zur Gänze verschwinden. Die Narration individueller Selbstüberschätzung, Unachtsamkeit oder gar Trunkenheit am Steuer, die das Autofahren von den fünfziger bis zu den achtziger Jahren mehr als heute zu einem Akt individueller, aber unter Umständen auch fahrläßiger Freiheit machte, wurde im Laufe der Jahrzehnte nicht nur durch Verkehrsregeln, sondern auch durch technisch verbesserte Sicherheit und künstliche Intelligenz von Automobilen kassiert. Algorithmen hegen die menschliche Haftung ein.
Dann werden uns die Unfallbilder, die uns Arnold Odermatt beschert hat, nur noch historisch an ein Zeitalter erinnern, in dem Freude am Fahren unkontrolliert, wild und eigentümlich frei vonstatten ging. Gut möglich, daß man diese Ära als Wilden Westen auf Rädern ansehen wird, obwohl sie jahrzehntelang so normal schien wie Rauchen ohne Rauchverbote.
Marc Reichwein: Von der schrecklichen Schönheit der Autowracks, Die Welt, Berlin, 28. Mai 2020
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Nostalgische Wehmut und apokalyptische Wollust sind mächtige Verbündete in der Vernichtung der Zeit: Ein halbes Leben lang hat Polizist Arnold Odermatt photographiert. Wurde er zu einem Verkehrsunfall gerufen, nahm er seine Kamera mit und hielt mit ihr fürs Protokoll fest, was er vorfand: schroff ineinander verkeilte Wagen, von der Straße in den Graben gestürzte Fahrzeuge, umgekippte Laster, um Laternen gefaltete Karosserien, an Geländern hängende und über Abgründen schwebende Automobile. Arnold Odermatt war längst im Ruhestand und sein stilles Lebenswerk schon fast vergessen, als sich seine Photographien plötzlich in Kunst verwandelten.
Nicht als Phänomenologe des Mißgeschicks und nicht als Diagnostiker des mobilisierten Zeitalters wurde der Polizist zum Künstler. Odermatts präzise Bilder erzählen nichts über die Menschen, die bei den Unfällen zu Schaden kamen oder die Karambolagen verursacht hatten. Die knochentrockene Nüchternheit dieser Bildsprache schuf eine Poesie, die sich erst außerhalb des ursprünglichen Zusammenhangs artikulierte und gedeutet werden konnte.
Heute lesen wir die Bilder ganz anders als damals Odermatts Kollegen der forensischen Spurensicherung. Sie erzählen uns eine neue Geschichte, die vor allem anderen uns selbst betrifft. Diese Aktualität gewinnen sie gerade aus dem zeitlichen Abstand zwischen dem Augenblick des Entstehens und dem Moment des Betrachtens. Daraus ergibt sich ein doppelter Stillstand: hier die abrupt zum Halten gebrachten Fahrzeuge, da die eingefrorene nahe Vergangenheit. Dem heutigen Betrachter, dessen Stillstand wiederum rast, resultiert daraus die Empfindung eines Verlusts.
Der in den Photographien fixierte Schock hat sich darum in einen neuen Moment des Erschreckens übersetzt. Nicht Automobile, aber Gegenwart und Vergangenheit prallen nun blitzartig aufeinander. In diesem Zusammenstoß werden Empfindungen und Gedanken freigesetzt, die ihrerseits der Deutung bedürfen.
Die Welt in Odermatts Bildern ist in Unordnung geraten. Doch selbst im wüsten Störfall bewahrt sie ihre beruhigende, fast idyllische Übersichtlichkeit. Das verbindet diese Photographien mit vielen Aufnahmen aus den fünfziger und sechziger Jahren: Sie erzählen von einer Zeit, da die Menschen noch (oder vielleicht: wieder glauben mochten, es sei eine Ära der Beständigkeit und der zuverlässigen Konstanz angebrochen. Nichts würde sich für die Dauer der Lebenszeit so sehr ändern, daß es nicht wiedererkennbar bliebe. Gerade Straßenszenen aus diesen Jahren suggerieren eine heute unvorstellbar gewordene Langsamkeit – gar Lautlosigkeit – der Motorisierung. Wo auf den Bildern Menschen im gemessenen Gang unterwegs oder in Gruppen ins Gespräch vertieft sind, vermuten wir bereitwillig eine Daseinsfülle, die zu den halbleeren Straßen und Wegen in schönstem Kontrast steht.
Solche Vergegenwärtigungen einer verlorenen Zeit schieben den Wunsch nach Übersichtlichkeit kräftig an. Wo dem modernen Menschen in der beschleunigten Jetztzeit die Daseinsvertrautheit und -gewißheit fehlt, bieten sich die Bilder einer scheinbar geordneten Welt für die fabelhaftesten Projektionen an. Die Phantasie verwandelt die Vergangenheit nur zu gerne in ein nostalgisches Theater und präsentiert der Gegenwart als imaginäres Widerlager eine Epoche der fraglosen Dauer: die eingebildete Erinnerung an nie Erlebtes.
Indessen entziffern wir in Arnold Odermatts Stilleben mit Blechschaden noch eine weitere Nuance, die der Vergangenheitsseligkeit nur dem Schein nach entgegengesetzt ist: Die Unfallszenarien halten die Apokalypse im kleinen Maßstab fest. Die Bilder nehmen alle heutigen wie vor allem auch die noch befürchteten ausstehenden Verheerungen vorweg, gewissermaßen im Spitzwegformat. Der Störfall auf den Nidwaldner Straßen der fünfziger Jahre gibt einen adretten Vorschein aller kommenden Betriebsstörungen, mit denen die Moderne rechnet.
Die Nostalgie zeigt sich hier als die kleine Schwester der Apokalypse. Beide löschen sie die Gegenwart aus. Vielleicht nur dem Nostalgiker und nur dem Apokalyptiker kann verborgen bleiben, daß sie beide rücklings aneinandergekettet sind. Die Wehmut verbündet sich mit der Untergangslust: Ordnung und Übersicht verschaffen sich beide, hier die Tabula rasa, dort der geordnete Raum als Abbild des Gartens Eden. Und den Stillstand führen beide auf je eigene Weise herbei. (...)
Roman Bucheli: Und ewig lockt der Untergang, Neue Zürcher Zeitung, 18. Juni 2016
Arnold Odermatt photographierte mit dem Auge des Polizisten und dem Blick des Künstlers – das karge Beamtengehalt schliff die Gewohnheit, daß Geiz Lebenshilfe sei. Odermatt ist eine lebende Legende – mit Alterskarriere, eine der steilsten eines Autodidakten in der neueren Schweizer Kunstgeschichte: Mindestens zwei Wundertätige haben die Veröffentlichung des Werks und seine Mythenbildung angeschoben. Urs Odermatt, der Sohn und Filmregisseur ursächlich. Nach der Pensionierung seines Vaters hat er den Schatz entdeckt und die Bilder erst zu einem eigentlichen Werk editiert. Daß später Harald Szeemann die Bilder zu sehen bekam; daß er für seinen Beitrag an der Biennale in Venedig auf der Suche nach Unfallbildern war; daß er in nur sieben Minuten im Transitbereich des Flughafens Zürich aus den Mappen, die Urs Odermatt an den Kontrollen vorbeischmuggelte, aus aberhundert Bildern die entscheidenden zweiunddreißig auswählte – das gehört zu den Stoffen, die darauf warten, verfilmt zu werden.
Daniele Muscionico
Neue Zürcher Zeitung, 6. Februar 2017
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Zu Beginn der sechziger Jahre wurden vielfältige und verwirrende technische Hilfsmittel in die alte Ordnung der Wachstube gepfercht: Telex- und Tonbandgeräte, der Instrumentenkoffer zur Spurensicherung, Magnesiumblitze für Nachtaufnahmen, Radarfallen. Wenn es das Unfallgeschehen zuließ, griff Polizist Odermatt auch in den Diensträumen zur Kamera. Photos über den ungewohnten Umgang mit den neuen Arbeitsgeräten entstanden. Mit angestrengten Gesichtern bedienen die Kollegen Tasten und Knöpfe; ihre angespannte Körperhaltung verrät Skepsis und kaum verhohlenen Argwohn, die Technik könnte sich unvermittelt gegen sie selbst wenden. Lieber vertrauen sie der peinlichen Ordnung, die überall herrscht, allein diese Tugend kann das Gute vom Schlechten, das Gesetz vom Chaos trennen. So hat Kamerad Odermatt sein Revier verewigt.
Klaus Kleinschmidt
Süddeutsche Zeitung / Magazin
München, 7. Januar 1994
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Arnold Odermatts Photographien vollbringen das Kunststück, sowohl von „Auto, Motor & Sport“ als auch von den Feuilletons besprochen zu werden.
Ronald Berg
Der Tagesspiegel, Berlin, 29. Juni 2002
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1947 wählte der Landrat den 22jährigen Arnold Odermatt zum neunten Polizisten von Nidwalden. Nach viermonatiger Ausbildung bei der Kantonspolizei Luzern trat er den Dienst im Rathaus Stans an. Uniform, Notizblock und Bleisitft wurden gestellt. Velo, Schreibmaschine – später Handschellen und Gummiknüppel – mußte er mitbringen.
Roland Gröbli
Luzerner Neueste Nachrichten, 15. Mai 1990
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Wann hatte sich jemals einer durch treuen Polizeidienst für die Biennale qualifiziert? Was die Photographien zur Kunst macht, ist die kalkulierte Komposition des realen Desasters, mit der Odermatt die Katastrophe zum ästhetischen Ereignis macht.
Tim Sommer
Art, Hamburg, März 2002
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Odermatts Bilder zeigen das Geheimnis schweizerischer Beständigkeit. Es geht alles, wirklich alles, ordentlich zu im Land. Selbst in der Katastrophe.
Beobachter, Zürich, 18. März 1994
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Wie schnell indes jede noch so sorgfältig ausgedachte Ordnung ins Chaos kippen kann, machen die Photographien des früheren Dorfpolizisten Arnold Odermatt deutlich. Die Schwarzweißwerkreihe Karambolage zeigt Verkehrsunfälle vor Postkartenlandschaften rund um den Vierwaldstättersee. Die Sicht auf die demolierten, sich gleichzeitig sanft berührenden Volkswagen gibt ein anrührend harmoniesüchtiges Bild vom Schrecken und wirkt wie ein subversiver Nachklang der „in- nerschweizerischen Innerlichkeit“ in der Korbflechterwerkstatt (1896), Albert Ankers kleinem Idyll in Öl.
Claudia Schwartz
Neue Zürcher Zeitung, 5. Mai 2007
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Einige der Odermatt-Photographien sind so schön, daß man vor Freude am liebsten schreien möchte. (...) Gut, daß es die Polizei gibt!
Tim Ackermanns
Berliner Morgenpost, 26. Juni 2011
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So also sieht die Welt nach Unglück auf. So aufgeräumt. So idyllisch. So irreal. Ist das nun eine Skulptur oder ein Wrack? Ein bißchen skurril wirkt der Käfer, wie er schräg im Wasser hängt. Und traurig, findet der Photograph.Als würde das Auto weinen. Aber mit was für einer Kulisse! „Vom Schock gereinigt“, so beschreibt Daniel Blochwitz das Unfallbild, das eines von Tausenden ist. Sie alle haben eine große abstrakte Qualität und zugleich eine zutiefst menschliche. Die verunglückten Autos scheinen sich zu küssen.
„Arnold Odermatt – Polizist, Photograph, Schweizer“, so heißt die von Blochwitz zusammengestellte Erfurter Ausstellung, Odermatts bisher größte. Knapper, treffender könnte man ihn nicht beschreiben, der vierzig Jahre lang als Wachtmeister im Zentralschweizer Kanton Nidwalden photographierte.
Meine Welt, so hieß sein erster, 1993 erschienener Bildband. Da muß man gleich an Pippi Langstrumpf denken: „Ich mach’ mir die Welt, wie sie mir gefällt.“ Auch der Dorfpolizist hat die Wirklichkeit manchmal ein wenig inszeniert. „Herbeigezaubert“, wie er es nennt. Da rückte er schon mal eine türkise Plastikgießkanne in den Hintergrund des dörflichen Bildes, in dessen Vordergrund ein martialisch vermummter Polizist mit Gewehr steht. Arnold Odermatt fand, daß er das darf: „ein bißchen gestalten, schöner machen. Harmonie und Gegensätze zeigen.“
Vor allem hat er komponiert. Gaaanz in Ruhe. Das Dringendste war erledigt, die Verletzten versorgt, die Toten weggebracht, das Blut entfernt – der Unfallort aufgeräumt. Odermatt nutzte die Pause, bis der Abschleppwagen kam. Und ließ sich Zeit. Der mittlerweile 95jährige ist ein sparsamer Mann. Ein einziges Photo hat er immer nur geschossen. Da mußte alles stimmen, die Perspektive, die Komposition, das Licht. Mithilfe von Blitzlichtpulver hat er die Nacht zum Tag gemacht, hat sich auf den VW-Bus gestellt und am Hang abgeseilt oder hat, zur Empörung des Kollegen, die Uniformhose hochgekrempelt und ist ins Wasser gestiegen. Alles, um das Optimum rauszuholen. Notfalls hat der korrekte Schweizer auch die Autobahn für eine halbe Stunde gesperrt, um sich mit der Leiter mittendrauf zu stellen und sein Bild zu schießen. Als Autoritätsfigur in Uniform setzte er Dinge durch, von denen der ordinäre Künstler nur träumen kann. Als „Lust – oder Sucht –, ein interessantes Photo zu machen“, hat er selbst es einmal beschrieben. „Heute würde man das Machtmißbrauch nennen“, sagt sein Sohn Urs Odermatt, „damals hatte es den Charme des Kauzigen.“
Einen Photoapparat hatte Arnold, eins von elf Kindern, schon als kleiner Junge bei einem Wettbewerb gewonnen. Als er, der gelernte Konditor mit der Diagnose Mehlallergie, 1948 bei der Polizei anheuerte, sollte er eigentlich Zeichnungen von den Unfällen anfertigen. Das lag ihm nicht, also schlug er vor, Beweisphotos zu machen, was seinem Chef erst zu neumodisch war. Aber Odermatt ist ein cleverer Mann und setzte seine Methode durch. Als Knabe hatte er sich ja auch das Geld für die Filme mit Zaubervorstellungen, Eintritt fünf Rappen, verdient. Die Richter waren angetan von der Präzision der Aufnahmen. „Ein gutes Bild muß scharf sein!“ heißt einer von Odermatts Bildbänden.
Natürlich waren seine Aufnahmen immer mehr als das. „Schön“ zum Beispiel, darauf legte der Photograph großen Wert. Ein Wort, das die meisten Künstler fürchten. Aber Odermatt bezeichnet sich ja auch nicht so, selbst wenn er als solcher gefeiert wird, sondern als Photograph.
Ob er sich mit zeitgenössischer Kunst beschäftigt hat, da gehen die Ansichten auseinander. Vater Odermatt sagt: ja, der Sohn: nein, das sei eine nachträgliche Konstruktion. „Aber selbst in Nidwalden“, meint Kurator Blochwitz, „lebt man nicht im luftleeren Raum, da gibt es Zeitungen und Zeitschriften“. „Er war Künstler, ohne es zu wissen“, sagt der Sohn. Wie auch immer, es hat Arnold Odermatt nicht geschadet, sich eine gewisse Unschuld bewahrt zu haben. Denn darin herrscht Einigkeit: Er hat das Auge und die Intuition eines Künstlers. Und daß seine Aufnahmen mit der geliebten Rolleiflex („Kleinbild wäre billiger gewesen, aber es hat sich gelohnt“ ) oft eine verblüffende Nähe zu Konzeptkunst haben.
Daß das Werk an die Öffentlichkeit kam, ist Urs Odermatt zu verdanken. Bei der Recherche für seinen Spielfilm Wachtmeister Zumbühl, der „sehr stark“ vom Vater inspiriert sei, stieß er auf dem heimischen Speicher auf 60’000 Negative, deren Qualität den Regisseur verblüffte.
Natürlich wußte Urs Odermatt, daß der Vater viel photographiert hatte. Darunter litt er ja als Kind. Er war genervt, dauernd vor der Kamera posieren („Die ganze Warterei!“), fünfmal vom Sofa springen zu müssen, bis das Bild endlich stimmte. War genervt von dem Raum, den die Leidenschaft des Seniors einnahm, vom Gestank, der aus der improvisierten Dunkelkammer im Bad durch die Wohnung zog. „Das erste, was ich vom Photographieren wußte: Es stinkt.“ Und das sind nicht die einzigen unangenehmen Erinnerungen. „Wir waren die Vorzeigefamilie“, neben dem Pfarrer und dem Doktor. „Das hatte seine Härten.“ Rund um die Uhr war der Vater im Dienst. Der Notruf klingelte bei Odermatts zu Hause.
Urs Oderrnatt war früh von dort weggegangen, dann aus der Schweiz abgehauen, um dem Militärdienst zu entgehen, weshalb sein Vater ihn zur Fahndung ausschreiben mußte. Als er Anfang der neunziger Jahre für seinen Spielfilm zurückkehrte und die Negative anschaute, kannte er alle Protagonisten darauf, „Komparsen“, wie er sie nennt. Jetzt schaute er mit den Augen des lange weg gewesenen Regisseurs darauf. „Durch die Distanz wurde es Fiktion.“
In einer Szene von Wachtmeister Zumbühl, der 1994 in die Kinos kam, erzählt der fiktive Polizist, daß er derjenige war, der die Leichen vom Pflaster kratzen mußte. Als sich die weibliche Hauptfigur die Karambolage-Photos ansieht, eben jene vom echten Arnold Odermatt, erklärt der Polizist, wie er dann zur Familie nach Hause kommt, das stumme Schauspiel, das im Schreien endet. „Wann war das?“, fragt die junge Frau. „Einmal im Monat“, antwortet der Wachtmeister. „Zwanzig Jahre lang.“
In der Nachkriegszeit gab es viel weniger Verkehr im Kanton als heute – aber weit mehr Tote und Schwerverletzte. Keine Geschwindigkeitsbegrenzungen, keine Promillegrenzen, keine Sicherheitsgurte, keine Airbags. „Für mich sah es aus wie Krieg“, hat Arnold Odermatt in einem Interview gesagt. Bei Kindern habe er sich schon mal in den Busch verkrochen und geweint. Das Photographieren, glaubt Sohn Urs Odermatt, sei auch ein Weg gewesen, zu vergessen.
Selbst wer nie in einer Ausstellung seiner Arbeiten war, hat schon Bilder des Schweizers gesehen. Der Sohn arrangierte ausgewählte Photos zu Werkgruppen und veröffentlichte sie in vier großformatigen Büchern im Steidl Verlag: Karambolage, Im Dienst, In Zivil, Feierabend. Die Arbeiten wurden in Venedig, Paris, New York gezeigt, in Zeitschriften abgedruckt, seit den neunziger Jahren vertritt ihn die Berliner Galerie Springer. Die Kraft der Bilder und ihre Originalität schlugen in der Kunstwelt ein. Daniel Blochwitz, der Kurator der Erfurter Schau, erinnert sich, wie er Bilder aus Nidwalden in New York das erste Mal sah – in ihrer aufgeräumten, unamerikanischen, romantischen Art, wirkten sie gerade dort besonders exotisch. „Modern und doch provinziell“, so Urs Odermatt.
Arnold Odermatt liebte Schwarzweiß, die Bilder konnte er selbst entwickeln und in der Dunkelkammer perfektionieren. Wobei er längst nicht alle Aufnahmen auch abgezogen hat, nur, wenn es Bedarf gab: bei der Polizei, der Hochzeitsgesellschaft oder der Lokalpresse. In der Zeitung hatten die Photos eine klare Botschaft: Fahrt langsamer! Trinkt weniger! Da war er pragmatisch, hat sein quadratisches Format zurechtgestutzt, wie es die Zeitung brauchte.
Die Farbe beherrschte er ebenso souverän, so hat er auch seine Kollegen porträtiert: Werbeaufnahmen für die Polizei, die in den sechziger Jahren ein Imageproblem und Nachwuchssorgen hatte. Odermatt porträtierte sie schnittig und cool.
Es gibt viele Geschichten und einige Legenden, die sich um Odermatt ranken, und nicht immer sind Fiktion und Wirklichkeit eindeutig zu unterscheiden. Was verbürgt ist: daß Harald Szeemann, der Ausstellungsmacher, mit einer blitzschnell getroffenen Auswahl von zweiunddreißig Motiven, die er 2001 auf der Biennale in Venedig zeigte, Odermatt endgültig zum internationalen Durchbruch verhalf. Diese Werkgruppe hängt nun auch am Eingang der Erfurter Ausstellung, die sich über vier Etagen erstreckt. Kurator Daniel Blochwitz zeigt die Gleichzeitigkeit, die Gleichwertigkeit der Motive. Da Odermatt so sparsam arbeitete, war auf einem Film alles zu finden. Ein tödlicher Unfall, die eigene Familie beim Sonntagsspaziergang, ein Hochzeitsbild, eine neue Kuh – wann immer jemand im Dorf ein Photo brauchte, wurde der Wachtmeister gerufen. Egal, was er aufnahm, so Blochwitz: „Den polizeilichen Blick hat er trotzdem gehabt.“ Dieselbe Genauigkeit, dieselbe Aufmerksamkeit für Details. Und immer hat er sich die Zeit genommen, die er brauchte. „Den Leuten ist teilweise das Lächeln im Gesicht gefroren.“
Über die große Aufmerksamkeit habe er sich immer gefreut, erzählt seine Galeristin, die ihn als freundlich und bescheiden, ein wenig verschmitzt beschreibt. Doch als er im Art Institute of Chicago mit einer Einzelausstellung gefeiert wurde, fand er es schade, daß niemand von seiner Lokalzeitung da war, erzählt Sohn Urs Odermatt. „Er wäre lieber der König von Nidwalden als der Kaiser der Welt.“
Susanne Kippenberger
Das Schweizer Auge –
Arnold Odermatt ist ein kriminell guter Photograph
Der Tagesspiegel, Berlin, 15. März 2020
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Es ist eine Geschichte, wie sie die Kunstwelt liebt: Der am 29. Mai 1925 in Oberdorf, Nidwalden, einer schönen Gegend „hinter sieben Bergen“, geborene Arnold Odermatt brachte sich bereits als Zehnjähriger das Photographieren selbst bei. „Ich sammelte Indianerbildchen, die den Seifenstücken der Firma Steinfels in Zürich beigefügt waren, und als ich damit den Bogen vollgeklebt hatte, bekam ich als Treueprämie einen Photoapparat. Dazu gab es leider keine Bedienungsanleitung, so daß ich mir alles selbst beibringen mußte“, erzählt er. „Ich hatte kein Geld, um mir einen Film zu kaufen. Meine Eltern konnten mir nicht helfen, denn wir waren elf Kinder, eine glückliche, aber mausarme Familie. So verdiente ich mir meinen ersten Film mit Zaubereien, und viele Leute kamen, um zu sehen, wie ich Tinte in Wasser verwandelte und dann Wasser in Tinte.“
Urszula Usakowska-Wolff
Straßenfeger, Berlin,12/2014
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Lange Zeit wollte kein Mensch Odermatts meisterhafte Photos sehen. Dann, Mitte der neunziger Jahre, plötzlich dieser Rummel: Fernsehsender wie Schweizer Fernsehen, Vox und WDR reißen sich um den Nidwaldner – nicht immer zur Freude von Ehefrau Dorly. (...) „Es war unbeschreiblich! Ich hatte immer Angst, daß alles ein Flop wird. Doch dann waren so viele Leute hier. Fremde riefen nach mir, umarmten mich, als ob wir Freunde wären, und ich wußte weder mit den Armen noch den Händen wohin.“
Kati Moser
Schweizer Illustrierte, Zürich,15. August 2005
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Wie schnell indes jede noch so sorgfältig ausgedachte Ordnung ins Chaos kippen kann, machen die Photographien des früheren Dorfpolizisten Arnold Odermatt deutlich. Die Schwarzweißwerkreihe Karambolage zeigt Verkehrsunfälle vor Postkartenlandschaften rund um den Vierwaldstättersee. Die Sicht auf die demolierten, sich gleichzeitig sanft berührenden Volkswagen gibt ein anrührend harmoniesüchtiges Bild vom Schrecken und wirkt wie ein subversiver Nachklang der „innerschweizerischen Innerlichkeit“ in der Korbflechterwerkstatt (1896), Albert Ankers kleinem Idyll in Öl.
Claudia Schwartz
Neue Zürcher Zeitung, 5. Mai 2007
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...fügen sich mit überraschender Selbstverständlichkeit in den Reigen der Gegenwartskunst.
Christoph Doswald
Facts, Zürich, 23/2001
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„Damals waren alle Autos schön“, sagt Arnold Odermatt. Damals, das waren die Zeiten, als die meisten Autos noch höchstens vierstellige Nummern trugen, die schwarzen großen Citroëns in den Filmen Hauptrollen spielten und ein Saurer-Lastwagen ein Monument der Straße, der Zukunft, war.
Brigitta Niederhauser
Der Bund, Bern, 28. Oktober 2003
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Es wurde Arnold Odermatt nicht in die Wiege gelegt, ein Photograph von Weltruhm zu werden. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Stans auf, wo er heute noch wohnt. Für sein Alter wirkt er fit und wach. Beeindruckt und fasziniert ist man, wenn er mit feinem Humor und großer Lust Anekdoten erzählt. Das mußte er an diesem Tag öfters tun. Denn wie zu einem Dorfkönig pilgerten am letzten Samstag Journalisten und Photographen nach Stans ins Nidwaldner Museum, und wie ein abgebrühter Profi beantwortete er die Fragen und stellte sich für die Bilder ins richtige Licht. (...)
Weder internationaler Ruhm noch Prominenz haben Odermatt beeindruckt. Er ist sich selber treu geblieben. Den Photographen Dominique Meienberg begrüßte er mit: „Ich bin Photograph und Landjäger“, und zum Abschied wünscht er „gutes Licht“. Wie man das unter Berufsfotografen macht.
Denise Marquard
Das Auge des Gesetzes
Tages-Anzeiger, Zürich, 18. Januar 20217
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Ein Polizist in der Zentralschweiz, im kleinen Kanton Nidwalden am Vierwaldstättersee, photographiert Unfälle – fürs Protokoll in den Akten, für das Gericht, die Versicherungen, die Lokalpresse. Ist das Kunst?
Ja, was Arnold Odermatt, der heute seinen 95. Geburtstag feiert, ab 1948 über vier Jahrzehnte photographierte – aus Kostengründen immer nur ein einziges Bild –, das ist große Kunst.
Mark-Christian von Busse
„Ich bin Polizist, kein Kunstmensch“
Hessische / Niedersächsische Allgemeine (HNA)
Kassel, 29. Mai 2020
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Was soll daran Kunst sein? – Es ist die kalkulierte Komposition, mit der Odermatt den Einbruch des Grauens dokumentiert. Die leise Beharrlichkeit, mit der er den Unfallort aus dem Alltag ins Metaphysische entrückt und den Zufall als Zwangsläufigkeit bloßstellt. Stille und Einsamkeit umfängt die Orte menschlichen Versagens auf seinen Photos, das Wrack wird zu einem Monument der Sterblichkeit. Alle Euphorie, mit der wir unsere Errungenschaften feiern, den Fortschritt, die Technik, die Geschwindigkeit und unsere Macht über das Schicksal — alles entpuppt sich als Mythos und Illusion.
Martin Tschechne
Hör zu, Hamburg, 22. März 2002
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Zeigen oder nicht zeigen? Bei Bildern von Kriegsschauplätzen, Terroranschlägen oder Flugzeugabstürzen stellt sich die Frage immer wieder aufs Neue. (...) Geradezu beruhigend wirken die Autounfallbilder des Schweizer Photographen Arnold Odermatt. Weil Odermatt immer auch versucht, die Unfallursache mit abzubilden; und weil der Schweizer niemals Unfallopfer zeigt – zerbeulte Autos scheinen die alleinigen Opfer zu sein. Im krassen Gegensatz dazu die Aufnahmen des Mexikaners Enrique Metinides: Seine Photographie der Sekunden zuvor von einem Auto zwischen zwei Stahlmasten geschleuderten und tödlich verunglückten Schriftstellerin Adela Rivas bleibt für immer eine Verletzung der Intimsphäre der Toten – Metinides ist zu nah dran.
Der Spiegel, 26/2006
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Odermatt scrutinises surfaces like a sculptor on a budget; he has a canny eye for maximum visual impact with the most economical means.
Jennifer Higgie
Frieze, London, März 2003
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Welch ein Dachbodenfund! Was passiert, wenn eine mobile Gesellschaft abrupt zum Stillstand gezwungen wird?
Arne Rautenberg
Saarbrücker Zeitung, 14. März 2014
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Die Bruchkante zwischen beschaulichem Leben und moderner Technik, seßhafter Gemütlichkeit und Zwang zu Mobilität und Tempo – ein großartiger Zeuge des Beharrens im Wandel.
Hans-Jörg Rother
Der Tagesspiegel, Berlin, 4. Mai 2017
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Urs Odermatt, Regisseur für Film und Theater, hat das Werk auf dem Dachboden und das Portrait eines Landes mit feinen Rissen entdeckt.
Gerhard Mack
Neue Zürcher Zeitung, 29. Januar 2017