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Wenn die Agrargüter dort produziert werden wo die naturräumlichen Bedingungen dafür optimal sind, schont dies die Umwelt - und verhilft zugleich den am Markt beteiligten Regionen zu Arbeitsplätzen und Wohlstand. Umweltfreundliche, naturnahe Produktion ist gerade bei sich öffnenden Märkten der Trumpf der Schweizer Landwirtschaft im internationalen Wettbewerb.
Text: Lucienne Rey
Das Selbstverständnis Helvetiens als «Land der Bauern und Hirten» beruht auf einem Import an Know-how aus der Lombardei (I). Jedenfalls verweist das Historische Lexikon der Schweiz auf einen Bündner Juristen, der 1530 erstmals die Produktion von einheimischem Fettkäse «nach Art von Piacenza» erwähnt und damit den Beginn der Umstellung von der Produktion frischen Zigers auf die Zubereitung von Hartkäse benennt. Dieser zeichnet sich gegenüber dem Ziger dadurch aus, dass er haltbar ist und über weite Strecken transportiert werden kann - ein Exportprodukt erster Güte, das die Bergler auf den Märkten des Tieflandes und des benachbarten Auslands gegen Korn, Salz, Wein und Reis eintauschen konnten.
Damit waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich in der Schweiz eine dem Standort angepasste landwirtschaftliche Spezialisierung entwickeln konnte, die über viele Generationen Bestand haben sollte: Das Berggebiet richtete sich auf die exportorientierte Milchwirtschaft aus, das Tiefland auf den Anbau von Getreide und Kartoffeln. Dank Fortschritten bei der Fruchtfolge und reicheren Erträgen, die unter anderem durch den vermehrten Einsatz von Hofdünger erreicht wurden, vermochte die Schweizer Landwirtschaft einen grossen Teil der stetig wachsenden Bevölkerung zu ernähren. Entsprechend weist die amtliche Statistik für das Jahr 1850 400‘000 Hektaren an offener Ackerfläche aus.
Landwirtschaft nach industriellen Prinzipien
Der Dampfmotor, der ab den 1870er-Jahren Bahn- und Schifffahrt beschleunigte, trieb den weltweiten Handel an und schuf eine neue Marktordnung. Grosse Mengen an Weizen aus Übersee und der Ukraine wurden nach Mitteleuropa verfrachtet, zu konkurrenzlos günstigen Preisen. Der Schweizer Getreideanbau hielt dem Wettbewerb nicht stand und fiel in eine tiefe Krise. Viele Ackerbauern wechselten zu Vieh- und Milchwirtschaft und wandelten Felder in Wiesen und Weiden um. 1880 betrug die Ackerfläche gemäss Bundesamt für Statistik noch 340‘000 Hektaren, und bis 1900 ging sie auf 240‘000 Hektaren zurück.Der zunehmende Einsatz von Traktoren, aber auch der Transport von Agrargütern über weite Strecken liessen den Verbrauch fossiler Brennstoffe im ersten Sektor massiv ansteigen. Damit wurde eine Entwicklung angestossen, die der Agrarhistoriker Peter Moser als «Unterordnung der Nahrungsmittelproduktion unter die Bedingungen der industriellen Wachstumsgesellschaft» bezeichnet. Was im Inland nicht mehr zu konkurrenzfähigen Preisen hergestellt werden konnte, bezog man aus dem Ausland. Friedrich Traugott Wahlen (1899-1985), Agronom, ETH-Professor und späterer Bundesrat, erkannte denn auch in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg, eine «lange Blütezeit des freien internationalen Güteraustausches».
Weniger Vieh für mehr Selbstversorgung
An der Wende zum 20. Jahrhundert erzeugte die Schweiz noch ganze 15 % des im Inland verbrauchten Brotgetreides selber, und 1914 war die Fläche des Ackerlandes auf 107‘000 Hektaren geschrumpft. Die starke Importabhängigkeit erwies sich während des Ersten Weltkrieges als fatal: Der internationale Handel brach zusammen, und die Schweizer Bevölkerung musste hungern.Aus dieser Erfahrung zogen die Landesväter ihre Lehren. Als sich Mitte der 1930er-Jahre die politische Grosswetterlage erneut verdüsterte, rief Friedrich T. Wahlen das «Anbauwerk» ins Leben, das während der Kriegsjahre von 1939 bis 1945 die Ernährung der Schweizer Bevölkerung sicherstellen sollte. Er setzte sich dafür ein, die auf den Export ausgerichtete «Veredelungsindustrie» zugunsten einer verstärkten Selbstversorgung zurückzubinden. Im Klartext hiess das: weniger Viehhaltung und mehr Ackerbau. Oder in den Worten des Magistraten ausgedrückt: «Unser Kriegsernährungsplan setzt bei der einfachen biologischen Tatsache ein, dass eine gegebene Fläche Land viel mehr Menschen zu ernähren vermag, wenn Produkte erzeugt werden, die dem direkten menschlichen Konsum dienen, statt Futter, das erst über den Weg des mit grossen Umsetzungsverlusten arbeitenden tierischen Körpers veredelt werden muss.»
Überschüsse durch Produktionsauftrag
Mit dem «Plan Wahlen» gelang es, den Selbstversorgungsgrad der Schweiz von 52 auf 75 % zu erhöhen. Um die angestrebte Produktionssteigerung zu erreichen, wurden nicht nur Wiesen und Weiden wieder unter den Pflug genommen, sondern auch ertragsarme Flächen, die zuvor der Natur überlassen geblieben waren. Zudem wurden im grossen Stil Feuchtgebiete trockengelegt. Im Kanton Bern etwa entfielen 875 vom Bund unterstützte Entwässerungsprojekte in die Zeitspanne zwischen 1940 und 1946, was 41 % aller zwischen 1885 und 1966 von der öffentlichen Hand mitfinanzierten Drainagen entspricht.Unter dem Eindruck der kriegsbedingten Versorgungsschwierigkeiten schrieb das 1951 erlassene Landwirtschaftsgesetz den Produktionsauftrag als wichtigstes Ziel fest. Das Instrumentarium hierzu bildeten künstlich hoch gehaltene Preise, Übernahmegarantien, Einfuhrbeschränkungen und Subventionen. Die Folgen dieser Politik der starken Produktionsanreize waren teure Überschüsse.
Mengenproduktion beeinträchtigt die Umwelt
Für die Umwelt war die auf Mengenproduktion ausgerichtete Landwirtschaft äusserst problematisch. Der übermässige Einsatz von Produktionsmitteln setzte den Gewässern wie auch den Böden zu und hinterliess teilweise eine bleibende Erblast an Schadstoffen. Der rationellen Bewirtschaftung fielen Hecken und Einzelbäume zum Opfer, und zumindest im Mittelland verschwanden praktisch alle naturnahen Flächen und Magerwiesen - mit verhängnisvollen Folgen für die Biodiversität. Der wieder stark angewachsene Viehbestand verursachte hohe Nährstoffeinträge, die der Boden nicht mehr aufzunehmen vermochte. Zusammen mit den phosphathaltigen Waschmitteln waren die Nährstoffe aus Mist und Gülle mit verantwortlich dafür, dass etliche Seen am Algenwachstum erstickten.Und wieder war es Friedrich T. Wahlen, der als weitsichtiger Agrarexperte die fatalen Entwicklungen benannte. In einem Referat, das er im Juni 1971 zum Thema «Bedrängter Bauernstand» hielt, rief der Altbundesrat zur «lebensnotwendigen Umkehr aus dem heutigen Wirtschaftswachstums- und Produktivitätsfetischismus» auf und prangerte die «problematische Produktionssteigerung» an: «Nun muss es aber in Rücksicht auf die Erhaltung einer natürlichen Bodenflora und Fauna, auf den Gewässer- und Umweltschutz und in letzter Sicht auf die Qualität der Produkte und die Gesundheit der Konsumenten eine obere Grenze der Produktionsintensität geben, die im Interesse einer langfristigen Erhaltung gesunder Produktionsgrundlagen nicht überschritten werden darf.»Agrikultur erzeugt nicht nur NahrungGegensteuer gibt die in den 1990er-Jahren eingeleitete Agrarreform, die darauf abzielt, die staatliche Unterstützung schrittweise von der produzierten Menge zu entkoppeln. Übernahmegarantien und feste Preise wurden abgebaut, und an ihre Stelle trat der Ökologische Leistungsnachweis (ÖLN) als Voraussetzung zur Gewährung von Direktzahlungen und Beiträgen für umweltfreundlichere Produktionsmethoden. «Es besteht international Konsens darüber, dass der Preis verkäuflicher Güter durch den Markt bestimmt werden soll, während die staatliche Abgeltung von Leistungen, für welche kein Markt besteht, gemäss den Vorgaben der Welthandelsorganisation WTO in die ‹Green Box› gehört», erklärt Hans Ulrich Gujer, im BAFU unter anderem verantwortlich für die amtsinterne Koordinationsplattform Landwirtschaft. Solche Massnahmen sollen der Multifunktionalität der Landwirtschaft Rechnung tragen, die nicht nur Nahrung erzeugt, sondern auch Verantwortung für natürliche Ressourcen, Tiere und Landschaft trägt.Die weiteren Agrarreformen sollen also sowohl ökologische als auch ökonomische Ineffizienzen beseitigen, damit die Landwirtschaft auf den Märkten im In- und Ausland erfolgreich ist und zugleich der ökologische Fussabdruck reduziert wird. Dabei spielen auch die Normen des Tier- und Umweltschutzes und die Qualitätsstrategie für die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft eine zentrale Rolle, sie müssen als Trumpf im internationalen Wettbewerb stechen.Noch widerspricht freilich die Realität dem politischen Willen, der «mehr Markt und zugleich mehr Ökologie» fordert. Trotz gesetzlicher Vorgaben und technischer Massnahmen sind Gewässer nach wie vor mit Nährstoffen und Chemikalien belastet, und die Biodiversität ist trotz hoher Anreize weiterhin rückläufig. Der grosse, nur durch importiertes Futter ermöglichte Viehbestand belastet die Umwelt übermässig. Ihm ist es unter anderem zuzuschreiben, dass unsere Landwirtschaft praktisch doppelt so viel Ammoniak ausstösst, wie das Ökosystem zu verkraften vermag.Nachhaltige Schweizer Landwirtschaft bei sich öffnenden GrenzenDie Schweiz ist bei vielen Gütern, die sie produziert, auf Vorleistungen aus dem Ausland angewiesen, gerade auch bei der Landwirtschaft. Es geht beim Import darum, die optimale Balance zwischen der Einfuhr von Produktions- und der von Nahrungsmitteln zu finden. In der Fleischproduktion etwa wäre die Schweiz einzig beim Rindfleisch autark - sofern die Tiere vorwiegend mit Gras und Heu gefüttert würden. Dazu ist unser Land prädestiniert, denn nur 40 % unserer Landwirtschaftsfläche sind ackerfähig; die restlichen 60 % sind Dauergrünland.Um Produktion und Ressourcenschonung in Einklang zu bringen, kommt auch der Forschung eine wichtige Rolle zu. Das World Food System Center der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) untersucht beispielsweise Produktionssysteme des Biolandbaus - und zwar nicht nur unter Schweizer Bedingungen, sondern auch in anderen Klimazonen. Ausserdem geht es der Frage nach, wie die Nachhaltigkeit in der Wertschöpfungskette der Lebensmittelherstellung erhöht werden kann. Schonend erzeugte Agrargüter, die im Inland zu hochwertigen Artikeln verarbeitet werden, ergänzt durch den Import standortgerecht hergestellter Lebensmittel, die der Bevölkerung vor Ort zu Einnahmen verhelfen: So könnte aus Sicht von Hans Ulrich Gujer die Erfolgsstrategie für eine zukunftsfähige Land- und Ernährungswirtschaft aussehen.
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Diese Ausgabe als Download (PDF, 9 MB, 24.08.2016)03/2016 Landwirtschaft und Ernährung
Letzte Änderung 24.08.2016