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Mit Blick auf in Frankreich durchgeführte Studien wollte sie vom Bundesrat wissen, wie gross die radiologische Belastung durch das beim Unfall freigesetzte Spaltprodukt Cäsium-137 heute ist und ob ein Programm zur Überwachung von Krankheiten besteht, die möglicherweise mit Tschernobyl zusammenhängen. Weiter fragte sie, ob immer noch Vorsichtsmassnahmen nötig sind, ob Fälle vorliegen, in denen ein direkter Zusammenhang zwischen der Erkrankung und dem Unfall erwiesen ist und ob Schadenersatzforderungen eingegangen sind.
Der Bundesrat antwortete am 14. Juni, das Tessin, ein Teil der Ostschweiz und einige Gebiete des Juras seien die am meisten betroffenen Regionen gewesen. Nach dem Unfall habe der Cäsium-137-Anteil pro Quadratmeter im Kanton Tessin etwa 40'000, in der Ostschweiz etwa 15'000 und im Jura längs der Linie Chasseral-Chasseron-Vallée de Joux-La Dôle etwa 5000 Bq betragen. Bei diesen Ergebnissen handle es sich um Durchschnittswerte für eine Oberfläche von ungefähr 10 m2. In unbewohnten Höhengebieten zwischen 1500 und 2500 m seien punktuell höhere Werte gemessen worden.
Der Bundesrat sagte weiter: "Die Situation hat sich ab 1987 rasch normalisiert. Heute sind im Boden im Kanton Tessin noch Cäsium-137-Spuren zu finden. Diese tragen pro Jahr maximal 0,5 mSv zur externen Dosis bei, wenn man von einem Daueraufenthalt in den am stärksten verseuchten Gebieten auf der Alpensüdseite ausgeht. In Nahrungsmitteln (Milch) lassen sich, ebenfalls im Kanton Tessin, noch vereinzelt Cäsium-137-Werte bis zu 20 oder 30 Bq pro Liter nachweisen. Diese Werte liegen über dem Toleranzwert von 10 Bq/l, aber deutlich unterhalb des Grenzwerts von 1000 Bq/l. Auch in gewissen Wildpilzen und im Wild ist Cä-sium-137 noch nachweisbar. Wenn man aber der kleinen konsumierten Menge dieser Nahrungsmittel Rechnung trägt, ist die absorbierte Dosis klein. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) berichtet über den Verlauf der radioaktiven Verseuchung in seinen Jahresberichten über die Radioaktivität in der Umwelt.
Seit 1956 existiert in der Schweiz ein nationales Überwachungsprogramm für die Radioaktivität. Die Messungen umfassen Luft, Niederschläge, Boden, Oberflächengewässer, Gras, Nahrungsmittel (inländische und ausländische) usw. sowie die Radioaktivität im menschlichen Körper. Ungefähr 25 Labors und Stellen von Bund, Universitäten und Kantonen (insbesondere die kantonalen Labors für die Lebensmittelkontrolle) beteiligen sich an diesen Messungen. Das BAG koordiniert das Programm und publiziert die Ergebnisse regelmässig in den Jahresberichten über die Radioaktivität in der Umwelt. Dieses Überwachungsprogramm, welches das ganze Gebiet der Schweiz abdeckt, wurde nach dem Unfall in Tschernobyl intensiviert und wird regelmässig den aktuellen Gegebenheiten angepasst. Zudem wird es von der Eidgenössischen Kommission für Strahlenschutz und Überwachung der Radioaktivität (KSR) evaluiert. Die Probenahme- und Messmethoden entsprechen den internationalen Empfehlungen. Das Programm umfasst ebenfalls Messnetze für die automatische Dosisleistungsüberwachung und für die Radioaktivität in der Luft. Bei einem deutlichen Anstieg der Radioaktivität lösen die Messwerte bei den zuständigen Behörden sofort Alarm aus."
Zur Frage, ob ein epidemiologisches Programm zur Überwachung von Krankheiten besteht, die möglicherweise mit Tschernobyl zusammenhängen, antwortete der Bundesrat: "Nach dem Unfall in Tschernobyl wurde kein spezielles epidemiologisches Programm lanciert. In den Jahren 1986 bis 2000 zusammen hat die Schweizer Bevölkerung infolge dieses Unfalls eine zusätzliche interne und externe Strahlendosis von durchschnittlich 0,5 mSv erhalten. Die Zahl der Krebserkrankungen, die gemäss den Risikofaktoren der Internationalen Kommission für Strahlenschutz durch die Katastrophe in Tschernobyl in unserem Land zusätzlich verursacht werden könnten, ist in Anbetracht der Schwankungen in der Inzidenz der Krebserkrankungen nicht nachweisbar." Anzumerken ist, dass die jährliche Dosis der Schweizer Bevölkerung im Durchschnitt bei rund 4 mSv liegt. Diese Dosis wird vor allem durch natürliche Radioaktivität verursacht.
Bei der Frage, ob wegen der radiologischen Folgen von Tschernobyl immer noch Vorsicht geboten ist, stellt der Bundesrat fest, dass aus Sicht des Strahlenschutzes keine Massnahmen nötig sind.
Auf die Frage, ob ein direkter Zusammenhang zwischen einer Erkrankung und dem Unfall erwiesen ist, antwortet der Bundesrat: "In der Schweiz gibt es kein nationales Register der Krebserkrankungen. In acht Regionen wird hingegen ein solches Register geführt, und zwar in Genf, Neuenburg, Waadt, Wallis, Basel-Stadt/Baselland, Graubünden, St. Gallen, Appenzell-Innerrhoden/Appenzell-Ausserrhoden, Zürich und Tessin. Die neuesten Statistiken zeigen für beide Geschlechter eine Abnahme der Krebsmortalität, ausser bei den tabakbedingten Krebserkrankungen der Atemwege bei den Frauen." Schliesslich erklärte der Bundesrat, dass bis heute keine Schadenersatzforderungen aus gesundheitlichen Gründen eingegangen sind.
Quelle
M.S.