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Red. Der Autor dieser Kolumne, Bernd Hontschik, ist Chirurg und Publizist.
Als die Pandemie unser aller Leben in den Griff nahm, wartete die verängstigte Welt auf einen Impfstoff. Unter Zeitdruck und mit milliardenschweren staatlichen Subventionen waren Impfstoffe mit einer völlig neuartigen Technologie bereits nach gut einem Jahr fertig.
Die westlichen Staaten kauften sich die Impfdosen gegenseitig vor der Nase weg, während Afrika, Südamerika und der ärmere Teil Asiens das Nachsehen hatten. In der Folge taten sich besonders Deutschland und die Europäische Union darin hervor, eine Freigabe der Impfstoffpatente kategorisch abzulehnen und bis heute zu verhindern, selbst wenn das zum eigenen Schaden war. Beim EU-Gipfel in Porto erklärte Angela Merkel 2020, sie glaube nicht, „dass die Freigabe von Patenten die Lösung ist, um mehr Menschen Impfstoff zur Verfügung zu stellen. Ich glaube, dass wir die Kreativität und die Innovationskraft der Unternehmen brauchen.“ Es halfen auch die Appelle des amerikanischen Präsidenten Joe Biden nichts oder die des UN-Generalsekretärs António Guterres: „Wenn es uns nicht gelingt, alle Menschen zu impfen, entstehen neue Varianten, die sich über Grenzen hinweg ausbreiten und das tägliche Leben und die Wirtschaft zum Erliegen bringen.“ Er nannte es „beschämend“, dass die Impfquoten in reichen Ländern sieben Mal höher seien als in afrikanischen Ländern, wo die Impfquote zwischen 0,2 Prozent im Kongo und 4 Prozent in Äthiopien liegt.
So kann man eine weltweite Pandemie nicht unter Kontrolle bekommen.
Ein Beispiel ist die erst zehn Jahre alte US-Pharmafirma Moderna. Sie erhielt vom amerikanischen Staat 1,4 Milliarden Dollar für die Entwicklung und acht Milliarden Dollar für den Ankauf von 500 Millionen Impfdosen. Bereits abgeschlossene Lieferverträge garantieren bis Ende 2022 einen Umsatz von 35 Milliarden Dollar. Im April 2021 machte Moderna erstmals einen Quartalsgewinn, dem Impfstoff m-RNA 1273 sei Dank, dessen Dosis 14,69 Euro kostet. Moderna besteht darauf, mit exklusiven Besitzrechten die alleinige Kontrolle darüber zu behalten, wo, von wem und wie ihr Impfstoff hergestellt wird und wie viel er kostet. Die Freigabe des Patents kommt für sie unter gar keinen Umständen in Frage.
In diesem Zusammenhang muss daran erinnert werden, dass Edward Jenner, der Erfinder der Pockenimpfung, 1798 auf alle seine Patente auf Dauer verzichtete. Er wollte damit verhindern, dass sich die ärmere Bevölkerung die Impfung nicht leisten könne!
Dass es auch bei Covid-19 anders geht, zeigen Peter Hotez und Maria Botazzi vom Baylor College of Medicine in Texas. Sie entwickelten einen Impfstoff namens Corbevax. Er ist hoch wirksam, leicht zu transportieren und bei normalen Temperaturen zu lagern. Eine Dosis kostet weniger als 6 Euro. Sie verzichteten auf Patentansprüche, um die weltweite Impfkampagne zu „entkolonialisieren“, wie Peter Hotez sagte. Inzwischen sind in Indien bereits mehrere hundert Millionen Impfdosen Corbevax hergestellt worden.
Die Pharmakonzerne mussten nicht einen Cent der staatlichen Subventionen zurückzahlen. Ihre Aktienkurse explodierten. Die Eigentümer gehörten schlagartig zu den reichsten Menschen der Welt und wurden mit Auszeichnungen überhäuft.
Die Corona-Pandemie mag ein Ruhmesblatt der medizinischen Wissenschaft sein, aber das hat sie auch hinterlassen: Schnellverfahren bei der Arzneimittelzulassung, intransparente mögliche Interessenkonflikte zwischen Forschern und Herstellern, exorbitante private Gewinne dank staatlichen Subventionen, eine Haftungsbefreiung, wie es sie nie zuvor gegeben hat und Patentblockaden auf Kosten von Gesundheit und Leben der Armen dieser Welt.
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Diese Kolumne erschien am 22. Januar in der Frankfurter Rundschau.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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