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Spangen, Rotterdam
Die Stadtplanung von Spangen wird als «radikal sozialdemokratisch» bezeichnet. Sie orientierte sich am städtebaulichen Konzept, das Architekt Hendrik Petrus Berlage (1856 bis 1934), Absolvent der ETH Zürich und einer der Urväter der Moderne, für Amsterdam Süd entwickelt hatte: Blockrandbebauungen von riesigen Ausmassen mit Innenhöfen, dazwischen durchgrünte Strassen- und Platzräume. Auf Plänen und Luftaufnahmen zeichnet sich Spangens Siedlungsstruktur als Strichmännchen ab, das mit gespreizten Beinen auf dem Mathenesserweg steht und beide Arme in die Höhe streckt. Den Kopf des streng symmetrisch angeordneten Quartiers bildet «Het Kasteel». Das Kastell ist allerdings keine Wehranlage, sondern das Stadion des Fussballclubs Sparta Rotterdam aus dem Jahr 1916. Auf dessen Eingangspavillon in der Hauptquartierachse erheben sich fünf Türmchen, die an eine Zitadelle denken lassen.
Schöne neue Welt
An Sparta denkt man auch, wenn man Spangens Architektur betrachtet. Sie wirkt streng und etwas spröde, der fast allgegenwärtige Sichtbackstein wurde hier primär als Mittel zum Zweck verwendet und nicht für die Gestaltung von anmutigen expressiven Fantasien, wie dies zur selben Zeit in der sogenannten «Schule von Amsterdam» der Fall war. In den Niederlanden nennt man Spangen den architektonischen und urbanistischen Schrein der «Maakbarheid». Dieser Begriff, er heisst schlicht Machbarkeit, umschreibt die sachliche, von einem grossen sozialen Engagement getragene Architektur Rotterdams aus jener Zeit. Der Geist, dem sie geschuldet ist, lebt bis heute fort und prägt die Hafenstadt nach wie vor. Angesichts der politischen Grundstimmung und den nüchtern-pragmatischen und visionären Zielsetzungen für das Quartier, in dem rund 10 000 Menschen leben, mag es nicht erstaunen, dass berühmte Pioniere der klassischen Moderne in Spangen wirkten:
Jacobus Johannes Pieter Oud, der sich an Stuttgarts Weissenhofsiedlung beteiligte, und Michiel Brinkman (1873 –1925), der mit dem Justus-van-Effen-Komplex radikale Lösungen für das verdichtete Bauen vorschlug. Das Projekt ist eine nachhaltige Inspirationsquelle für Architekturschaffende.
Gemeinschaft im Zentrum
Der Justus-van-Effen-Komplex entstand zwischen 1919 und 1921. Michiel Brinkman erhielt von Stadtbauamt den Auftrag, auf zwei Baufeldern beidseits der Justus-van-Effen-Strasse Wohnhäuser für Arbeiterfamilien zu planen. Die Baufelder befinden sich am Südwestrand von Spangen – zwischen einem der Arm- und Beinpaare des «Männchens». Sie präsentierten sich als längliche Rechtecke, im Nordwesten ist das linke Feld dem Verlauf des Bahndamms angepasst und leicht abgerundet.
Für seine Zeit war der Entwurf radikal; er vereinte die beiden Baufelder zu einem grösseren Block, der mehr Luft, Licht und Sonne bot und schon fast den Charakter einer kleinen Stadt erhielt. Die Justus-van-Effen-Strasse wurde zur Hof- respektive zur Stadtdurchfahrt. Der Strassenraum verlor dadurch den ursprünglich wohl angedachten Korridor-Charakter zugunsten einer Abfolge von Höfen, die untereinander verbunden sind. Am Nordrand verzahnt sich der Blockrand durch die Bildung von Seiten- und einem Mittel-«Risaliten» mit der Umgebung. Ein Tor in der Zeilenmitte führt in eine kurze Gasse, die in den Hofbereich geleitet. Hier erhebt sich eine quer verlaufende zentrale Bauzeile. Als prototypische urbanistische Langsamverkehrs-Massnahme blockiert sie die Durchsicht entlang der Achse; die Fahrbahn teilt sich, führt zu zwei separaten Portalen in der Zeile, vereint sich im nächsten Hofraum wieder und erreicht, flankiert von zwei weiteren Quertrakten, die Durchfahrt im südlichen Blockrand. Im nördlichen Bereich existiert eine Querverbindung durch den Komplex, eine Folge von vier Durchgängen über zwei Hofbereiche und die kurze Gasse. Die Tore in den Bauzeilen sind auch bei diesem Weg zueinander leicht versetzt, sodass das «Drinsein» eine höhere Bedeutung erhält als die Möglichkeit der schnellen Passage zwischen Strassenräumen beidseits des Komplexes.
In der Mitte der zentralen Zeile erhebt sich ein etwas höherer Hauptbau. Er ist keine Kirche, obwohl man es angesichts der Ausmasse und Proportionen spontan annehmen könnte, sondern ein emblematisches Gemeinschaftsgebäude mit Bädern und einer Wäscherei, die über einer Zentralheizung angeordnet wurden. Die Bedeutung der Zusammengehörigkeit innerhalb des festungsartigen Komplexes wurde damit durch die Architektur klar zum Ausdruck gebracht. Doch diese Arbeiterheimat beruhte nicht so sehr auf einem sozialistischen Wohn- und Gemeinschaftsideal, wie man es annehmen könnte.
Joris Molenaar, der als Architekt die letzte Sanierung leitete, weist in einem Kommentar darauf hin, dass die Initiative für kostengünstigen Wohnraum in Rotterdam einen aufgeklärten, liberalen Hintergrund hatte und sich die Stadt auch in dieser Hinsicht vom «röteren» Amsterdam klar unterschied. Gemäss Molenaar stand das amerikanische Effizienzdenken hinter dem Justus-van-Effen-Komplex.
Als Anekdote ist hier anzufügen, dass beim Justus-van-Effen-Komplex ein junger und später berühmter Schweizer Architekt als Bauführer wirkte: Hans Schmidt (1893 – 1972), einer der wichtigsten Protagonisten der klassischen Moderne in unserem Land, Miterbauer der Werkbundsiedlung Neubühl in Zürich, überzeugter Kommunist und nach dem Zweiten Weltkrieg Architekturlehrer in der DDR.
Neues Heimatgefühl
Architekt Brinkman kommentierte seinen Entwurf 1920 mit der erwarteten pragmatischen Nüchternheit, wie im Kommentar von Joris Molenaar nachzulesen ist: «Das Zusammenlegen der beiden Baufelder erlaubte es, dem Inneren des Blockrandes, wo alle Eingänge angeordnet sind, einen angenehmen Charakter zu geben, ohne die Fassadenabwicklung zu reduzieren.» Einwandfreie Hygiene und eine gesundheitsfördernde Atmosphäre wollte er den Familien in den 264 kleinen Wohnungen bringen. Bemerkenswert sind die Einschnitte in den Eckpartien des Blocks und den Anschlüssen zu den Gebäuden, die im Hof stehen. Sie optimieren die Tageslichtausbeute, brechen die Monotonie und ergänzen das offene Erschliessungssystem im zweiten Obergeschoss mit Stadtbalkonen.
Die berühmteste Eigenheit des Justus-van-Effen-Komplexes sind diese «Strassen in der Luft», die sich den Höfen entlang ziehen, an denen sämtliche Hauseingänge liegen. Sie erschliessen die Maisonnetten über den Etagenwohnungen, die auf Strassenniveau jeweils über separate Eingänge verfügen. Diese Urform der «rue intérieure» dient nicht nur als Verbindung zum Hof und zur Stadt, sie erschliesst auch direkt den Zentralbau mit den Bädern und der Wäscherei. Mit zehn Treppenhäusern und zwei Aufzugsanlagen ist sie vielseitig ins Weggefüge des Komplexes und auch der Stadt integriert. Ursprünglich kamen der Milchmann und der Gemüsehändler mit ihren Handwagen über die geräumigen «Strassen in der Luft» bis vor die Haustür, auch der Briefträger machte hier seine Runden.
Revitalisierung
Mit einer Zentralheizung und den Müllabwurfanlagen war der Komplex zur Zeit seiner Entstehung State of the Art. Ab den 1970er-Jahren häuften sich die Proteste über die Rückständigkeit in Sachen Wohnkomfort. «Zu jener Zeit hatten die Nutzerinnen und Nutzer das absolute Sagen», reminisziert Architekt Molenaar, «die Rolle der Architektur war es, ihre Wünsche zu befriedigen.»
In den 1980er-Jahren fand eine erste Sanierung statt. Obwohl der Komplex denkmalgeschützt ist, wurde der Gesamteindruck stark beeinträchtigt. Aus 264 Wohnungen mit 50 m² Nutzfläche wurden 164 grössere Einheiten. Trotzdem ging es mit Spangen bergab. Das Quartier erhielt nach Generationenwechseln und sozialen Umschichtungen einen schlechten Ruf. Deshalb fand im Jahr 2000 wieder ein Revitalisierungs-Ideen-Wettbewerb statt, der von Molenaar & Co und Hebly Theunissen architecten gewonnen wurde.
Die Realisation verzögerte sich und wurde ab 2006 in Angriff genommen. Ein wichtiges Ziel der Massnahmen bestand darin, das Heimatgefühl wieder zu stärken. So wurden die schön detaillierten, in den 1980er-Jahren überstrichenen Fassaden freigelegt und die Treppenaufgänge zur «Strasse in der Luft» erneut mit Glastüren versehen, sodass sie wie Laternen den Hof erleuchten. Bei den Materialien und Oberflächen wurde die Strategie «100 %MoNUment» angewendet: Erhalt und Freilegung des Bestandes, Anpassung der neuen Elemente.
So sieht das Wegsystem im zweiten Obergeschoss heute wieder ähnlich aus wie die entfernte Pioniertat in Sichtbeton von einst. Fensterrahmen aus Aluminium wurden durch Modelle aus Holz ersetzt. Der Vitalisierungsprozess umfasste auch die Wohnungen, die im Rahmen der «100 % MoNUment»-Strategie ein diversifiziertes Angebot und mehr Flexibilität bieten. Heute stehen 154 Einheiten zur Verfügung, die Nutzflächen reichen von den ursprünglichen 50 m² für Studios bis zu 200 m² für grössere Familien oder Wohnungen mit integrierten Arbeitsplätzen. Einige Einheiten belegen alle vier Geschosse.
Für die fortlaufende Nutzbarmachung des Justus-van-Effen-Komplexes im Sinne ihrer Erbauer erhielten Molenaar & Co, Hebly Theunissen und Landschaftsarchitekt Michael van Gessel den «2016 World Monuments Fund/Knoll Modernism Prize».
Jurypräsident Barry Bergdoll kommentierte den Entscheid: «Der Justus-van-Effen-Komplex erinnert uns daran, dass der Wohnungsbau ein bedeutendes architektonisches und öffentliches Monument hervorbringen kann und sich nicht darauf bechränken muss, Raum zur Verfügung zu stellen.»
BAUTAFEL
Bauherrschaft
Woonstad Rotterdam
Rotterdam
Architektur Sanierung
Molenaar & Co architecten
Rotterdam
Hebly Theunissen architecten
Delft
Landschaftsarchitekt
Michael van Gessel
Amsterdam
Fertigstellung Sanierung
2012