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Die Menschenmenge auf dem Tiananmen-Platz ist gross. Meist chinesische Touristen mit orangen, dunkelroten, rosaroten, blauen, gelben und weissen Sonnenmützen. Jede Tourgruppe hat eine andere Mützenfarbe und eine Führerin oder einen Führer mit Mikrophon und Lautsprecher. Mehrere Hundert Meter Schlange, um Mao in seinem Mausoleum und das chinesische Nationalmuseum zu sehen. Diese Dichte an Menschen werde ich heute den ganzen Tag wieder erleben, ständig werde ich gestossen oder angehupt. Gestern habe ich im Leitfaden China von Hans Jakob Roth (Hans Jakob Roth: Leitfaden China. Ein interkultureller Ratgeber. Bern: Huber, 2008) darüber gelesen. Botschafter Roth, der selber 12 Jahre in China gelebt hat und u.a. Chargé d’affaires der Schweiz war, schildert diese Dichte und ihre Auswirkungen hervorragend. Er hatte kurz vor meiner Abreise an der PH eine sehr kenntnisreiche Einführung in die ostasiatische Kultur gemacht. Ich bin also vorbereitet, bleibe gelassen, schubse zurück und weiche bei den Autos und Elektromotorrädern, wo ich der Schwächere bin, aus.
Aber auf dem Tiananmen so lange anstehen mag ich nicht, Ich flüchte in den nahen Zhonghan-Park, wo ausser ein paar Frühturnerinnen und Fotografen vergleichsweise wenig Menschen sind. Die Bäume stehen im Höhepunkt der Blüte, sehen herrlich aus.
Die verbotene Stadt lasse ich mir aber trotz der Menschenmassen nicht entgehen. Die Filmszenen aus Bertoluccis Film „Der letzte Kaiser“ sind mir noch im Gedächtnis. (Über diesen Kaiser, Puyi, vgl. z.B. den Spiegel).
Im anschliessenden Park beschwatzt mich eine Mongolin, mit ihr einen Tee zu trinken. Wohl eher eine Schlepperin, die mich in ein Tea-House bringen soll, damit sie dort auch ein paar Gäste haben. Die Degustation ist aber hochinteressant. Es werden Tees aus ganz verschiedenen Gegenden angegossen. Ich probiere also Oolong-Tee, Pu Errh-Tee, mit Ginseng angereicherten Tee, Tee aus der Umgebung von Beijing und zum Dessert Früchtetee. Wie bei Whisky-Degustationen muss eine gewisse Reihenfolge eingehalten werden, damit nicht ein Aroma das andere überdeckt. Wahrscheinlich (bzw. sicher) bin ich abgerissen worden, aber ist ja egal, der Tee war gut. (Vgl. z.B. GQ-Magazin).
Dann schlendere ich durch das gentrifizierte und touristifizierte Altstadtüberbleibsel Huatian. Auf den Shichahai-Seen viele Boote: Pedalos und Elektromotorboote. An den Ufern Fischer (die recht grosse Fische herausziehen) und ältere Männer, die schwimmen. Am Ufer spielt man Karten oder Brettspiele. Ich will zum Haus, in dem bis zu ihrem Tod in den 1980-er Jahren Soong Ching Ling gelebt hat und das heute ein Museum ist. Die Frau von Sun Yat Sen (Wikipedia engl.) interessiert mich, weil sie anfangs des 20. Jahrhunderts ihre Ausbildung in den USA gemacht hat und durch dieses Studium in der Überzeugung, China brauche eine Revolution, bestärkt wurde. Das wird im Museum auch so dargestellt. 2014 studieren eine halbe Million junge Chinesinnen und Chinesen im Ausland (China Radio International) und auch Leitungspersonen von Hochschulen bilden sich im Ausland weiter (University World News). Die langfristigen Auswirkungen dieser Gastsemester und Gaststudien werden interessant sein. Das Museum ist aufschlussreich, einiges (wie die Angriffe auf sie während der Kulturrevolution) wird nur sehr nur am Rand erwähnt, aber ich erfahre auch Neues, z.B. dass Soong Ching Ling bei den Gründungsmitgliedern einer „League Against Imperialism“ war, die auch von Einstein unterstützt wurde (vgl. Open University).
Zum Schluss des Tages überquere ich eine Hauptstrasse, die offenbar eine Art Grenzlinie ist. Ich bin jetzt plötzlich tatsächlich in einem Altstadtviertel mit eingeschossigen Häusern, das noch voller Leben ist. Markthallen, Velos, sehr viele kleine Läden, fliegende Verkäufer, Handwerkerbuden und ein Gewirr von Menschen, alle eilig unterwegs. Sehr interessant, aber wirklich dicht.