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Im Vietnamkrieg haben die USA 72 Millionen Liter giftige Herbizide versprüht. Darunter das dioxinhaltige Agent Orange. Wissenschaftler warnten schon damals vor diesem Stoff. Es wird Jahrhunderte dauern, bis sich die Natur erholt hat.
«Als Kind sah ich, wie Flugzeuge eine Art Nebel versprühten. Heute weiss ich, es war Agent Orange.» Nguyen van Bong, hager und kränklich, erzählt von seinen frühen Kriegserlebnissen, die später für die Tragödie seines Lebens sorgen.
Wir sind im Dorf Tan Hiep, in der Provinz Quang Tri. Nguyen van Bong, geboren 1962, Tagelöhner, erzählt, wie rund um seinen Heimatort gekämpft wurde, wie er manchmal mithelfen musste, gefallene Amerikaner wegzutragen.
Sein Dorf war ein sogenanntes Wehrdorf. Die Regierungen der USA und Südvietnams umzäunten damals Tausende von Dörfern mit Bambuspalisaden. Die Wehrdörfer sollten die Südvietnamesen unter Kontrolle halten sowie vor nordvietnamesischen Angreifern beziehungsweise vor dem Einfluss der Befreiungsfront FNL schützen.
«Wir lebten mehr oder weniger eingeschlossen. Nachts gingen wir heimlich raus und holten im Fluss die Fische, die als Folge des Sprühnebels zu Hunderten tot auf der Oberfläche trieben. Zu Hause assen wir sie.» So kam das Erbgut schädigende Dioxin TCDD in die Nahrungskette. Und so gelangte es in den Organismus von Nguyen van Bong.
Dem Feind die Deckung rauben
Nguyen van Bong ist Vater von zwei schwer cerebral gelähmten Töchtern – die Folge der mit Agent Orange vergifteten Fische. Die zwei Kinder, beide über 30, liegen nebeneinander auf einer Pritsche. Ihre Sprache haben sie verloren. Die Mutter, Tran Thi Gai, sitzt neben ihnen auf den Holzbrettern. Schwach und kaum fähig zu sprechen. Die jahrzehntelange Pflege der Kinder hat ihr die Kräfte geraubt, sie herzkrank gemacht.
Im August 1961 versprühte die amerikanische Luftwaffe auf Geheiss von Präsident John F. Kennedy erstmals Pflanzenvernichtungsmittel über den Wäldern Südvietnams. Ziel war die Entlaubung von Wäldern, um dem Feind, der Befreiungsfront FNL, die Deckung zu rauben sowie die Zerstörung von Reisfeldern. Die Nahrungsgrundlagen des Gegners sollten vernichtet werden.
Das US-Militär setzte etwa ein Dutzend verschiedene Herbizide ein. Die Fässer mit Agent Orange waren mit einer Orange gekennzeichnet, daher der Name. Die Chemikalien wurden vor allem von den US-Firmen Monsanto und Dow Chemical hergestellt, einem Gemeinschaftsunternehmen von Monsanto und der deutschen Bayer AG.
Giftmischer im Helfergewand
Laut Jan Pehrke, Vorstandsmitglied des Selbsthilfe-Netzwerks «Coordination gegen Bayer-Gefahren», produzierte das Unternehmen während des Krieges jährlich um die 700 bis 800 Tonnen Agent-Orange-Bestandteile, die via eine französische Firma an die USA verkauft wurden.
Fachleute von Bayer und der heute nicht mehr existierenden Hoechst AG standen der US-Armee laut Pehrke auch direkt vor Ort zur Seite. Als medizinische Helfer getarnt arbeiteten sie in Saigon mit dem amerikanischen Planungsbüro für B- und C-Waffeneinsätze zusammen.
Auch ein anderes deutsches Unternehmen mischte mit. 1967 produzierte das Chemie- und Pharmaunternehmen Boehringer in seinem Herbizidwerk bei Hamburg 720 Tonnen einer Lauge, die zur Herstellung von Agent Orange diente. Geliefert wurde an die Firma Dow Chemical, die das Gift der US-Armee verkaufte.
Das in Agent Orange enthaltene Dioxin TCDD ist bereits 1956 vom Deutschen Wilhelm Sandermann entdeckt worden. 1957 gelang die Synthetisierung und TCDD wurde als «Supergift» eingestuft. Später schrieb Sandermann, er habe den Eindruck, dass man in den USA über das TCDD in Agent Orange informiert gewesen sei, aber keine schlafenden Hunde wecken wollte und deshalb schwieg.
Ein US-Veteran erinnert sich: «Uns sagte man, die Flugzeuge versprühen ein Mittel gegen Moskitos. Anfänglich glaubten wir dies, da sehr viele von uns an Malaria erkrankten.»
Trotz allen Warnungen – auch von namhaften amerikanischen Wissenschaftlern – wurde bis 1971 weiter gesprayt. US-Veteran Chuck Palazzo, der heute in Da Nang lebt und damals dabei war, erinnert sich: «Uns sagte man, die Flugzeuge versprühen ein Mittel gegen Moskitos. Anfänglich glaubten wir dies, da sehr viele von uns an Malaria und Dengue-Fieber erkrankt waren.»
Dass die in Agent Orange enthaltene Dioxinverbindung hoch giftig ist, wusste man im deutschen Chemiewerk Boehringer in Ingelheim spätestens 1956. Dies belegt ein Dokument vom Oktober jenes Jahres. Die Information wurde jedoch auf Geheiss von Firmenchef Boehringer geheim gehalten.
Dass Dioxin gefährlich ist, belegten zudem zahlreiche Krankheiten von Arbeitern bei verschiedenen Herstellern. So verursachte bereits 1953 ein Dioxin-Unfall bei der deutschen BASF bei 42 Arbeitern schwere Hauterkrankungen.
Irreparable Schäden am Ökosystem
Insgesamt warf die US-Luftwaffe etwa 72 Millionen Liter Entlaubungsmittel über den Urwäldern und Reisfeldern Vietnams ab, darunter Agent Orange. Dabei hätte den Amerikanern selbst ohne Warnungen von aussen bereits nach den ersten Sprühflügen auffallen müssen, dass neben den Pflanzen auch Tiere und Menschen unter der Chemikalie leiden. In Teichen und Bächen verendeten unzählige Fische, wie Nguyen van Bong zu Beginn dieser Geschichte erzählte.
Opfer von Agent Orange: Nguyen Van Bongs Frau Tran Thi Gai (1964) mit Tochter Nguyen Thi Tutet. (Bild: Roland Schmid)
Dioxin wird für weit über hundert Krankheiten verantwortlich gemacht. Es schädigt das Erbgut und führt zu Missbildungen, etwa zu fehlenden Gliedern und Gaumenspalten. Über wie viele Generationen das Genom geschädigt werden kann, weiss man heute noch nicht.
Dioxin ist auch stark krebserregend, erzeugt Diabetes, Parkinson, psychische Schäden, Immunschwäche, die zum Tod auch bei relativ harmlosen Krankheiten führen kann. Schätzungsweise 4,5 Millionen Menschen kamen mit Agent Orange in Berührung. Vermutlich bis zu drei Millionen erkrankten in der einen oder anderen Form. Dazu kommen rund 200 000 Angehörige der US-Streitkräfte, die bei der Veteranenbehörde als Agent-Orange-Opfer registriert sind.
Der Chemiewaffeneinsatz verursachte irreparable Schäden in Ökosystemen Vietnams. Mehr als fünf Millionen Hektar Wald und eine halbe Million Hektar Ackerland wurden zerstört.
Es wird Jahrhunderte dauern, bis sich die Natur vom Gift erholt haben wird. Das Dioxin TCDD befindet sich teilweise bis heute im Nahrungskreislauf der vietnamesischen Bevölkerung. Der Regierung Vietnams fehlt das Geld für grossflächige Reinigungen.
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Die TagesWoche widmet dem Ende des Vietnamkriegs vor 40 Jahren einen Schwerpunkt – mehr dazu im Dossier.
Hören Sie auch das Radio-Feature zum Vietnamkrieg: Freitag 15. Mai, 20 Uhr, «Passage», Radio SRF2 Kultur (Wiederholung; Sonntag, 17. Mai, 15 Uhr).