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Ein paar Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg machte sich in Grossbritannien zusehends ein Unbehagen in der Welt der Kultur breit. Das Publikum, so dieses Unbehagen, wüsste immer weniger über die Antike und ihre Mythologie. Dieses Wissen sei aber unabdingbar für das Verständnis vieler Kunstwerke über viele Jahrhunderte. Das Bildungsbürgertum sah sich in seinen Grundfesten, in seinem Selbstverständnis, bedroht. In dieser Situation beschloss der Penguin-Verlag, eine eigene Reihe mit Originalwerken aus der Antike zu veröffentlichen (die Penguin-Classics) und darin dann auch eine zusammenfassende Nacherzählung der wichtigsten griechischen Mythen. Der Verlag beauftragte den durch historische Romane aus der Antike bekannten Schriftsteller Robert Graves damit. Jeder freischaffende Autor braucht, um zu überleben, solche Aufträge, und so machte sich Graves an die Arbeit. Sie dauerte etwas länger als ursprünglich angenommen. Der Pinguin erschien erst 1955. Eine deutsche Übersetzung sollte später ebenfalls erscheinen, unter dem Titel Die Götter Griechenlands.
Der Autor: Robert Graves (1895-1985) ist in Grossbritannien nach wie vor ein Haushaltsname. In Deutschland ist er auch als Robert von Ranke-Graves bekannt, weil seine Mutter eine Grossnichte des deutschen Historikers Leopold von Ranke war. Graves hat sehr erfolgreiche historische Romane verfasst, von denen v.a. I, Claudius (Ich, Claudius) über den römischen Kaiser Claudius, Caligulas Nachfolger, bis heute immer wieder aufgelegt wird. Albert Vigoleis Thelen hat – wenn ich mich recht erinnere – den Roman ins Deutsche übersetzt. Die beiden trafen sich eine Zeitlang regelmässig auf Mallorca, wo Thelen eine Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg verlebte, während Graves dann auch nach dem Zweiten Weltkrieg in diese seine Wahlheimat zurückkehrte.
Das Werk: Für einen, der, wie ich, mit Gustav Schwabs Sagen den klassischen Altertums gross geworden ist, stellt die Auswahl des Vorgestellten keine Überraschung dar. Es findet sich hier wirklich die klassische, bildungsbürgerliche Überlieferung. Anders als Schwab aber geht es Graves weniger um eine Kodifizierung. Der Deutsche hat ja bekanntlich die Sagenvielfalt, die er in den klassischen Texten vorfand, kodifiziert und unifiziert und auch für die Jugend purifiziert. Graves hingegen bietet dem Leser auch die Varianten, oder doch die meisten – und etwas mehr Sex. Für den deutschen Leser stellt Graves somit so etwas wie ein Zwischenglied dar zwischen der stark vereinheitlichten Version Schwabs und z.B. einem Pausanias, der auf seinem Reisebericht die lokalen Mythen kommentarlos und ohne Wertung nebeneinander stellte. Graves hat diesen Autor, aber natürlich auch einen Ovid oder die griechischen Tragiker, für sein Werk ebenso ausgewertet wie die Epiker Homer oder Apollonios von Rhodos. (Er soll – das wurde in meiner Ausgabe weggelassen – auch sehr detailliert nachgewiesen haben, von wo er was geholt hat.) Eigenständig und eigenartig wird The Greek Myths allerdings durch etwas anderes: Graves erzählt abschnittweise und fügt jedem Abschnitt noch einen Kommentar hinzu. Darin übersetzt er nicht nur die Namen der griechischen Heroen und Götter und gibt deren Etymologie. Er versucht sich auch als Völker- bzw. Mythenkundler. Mit – sagen wir – überraschenden Resultaten für einen heutigen Leser. Seine Arbeitsmethode (viel lesen, einwirken lassen und dann selber schreiben) führte ihn dazu, seiner Phantasie mehr oder weniger freien Lauf zu lassen. Nun war “Mythologie” zu seiner Zeit in England noch kein Thema, das die Wissenschaft ernsthaft bearbeitet hätte. Zu diesem Thema existierte einzig Frazers The Golden Bough, ein Buch, das marginalisiert wurde. (Frazer war eher ausserhalb des engeren akademischen Zirkels bekannt, für den das Buch gerechnet war. Zu weit hatte er sich in “fremdes Territiorium” vorgewagt. Heute allerdings sind seine “Forschungsresultate” obsolet.) Graves folgte dem reduktionistischen Ansatz Frazers in seinen Kommentaren, indem er immer wieder aufzuzeigen versuchte, wie die Mythen eigentlich nur deformierte Erzählungen historischer Ereignisse seien, vor allem der Ablösung mutterrechtlicher Verhältnisse durch vaterrechtliche, veranlasst durch die Invasion der griechischen Stämme auf der griechischen Halbinsel und auf Kreta. Bachofen wird zwar nie genannt, steht aber ganz sicher noch hinter Graves’ Kommentaren. Dem heutigen Leser, der die späteren Malinowski oder Lévi-Strauss kennt, kommen Graves’ Kommentare “spanisch” vor und wirken oft seltsam an den Haaren herbeigezogen.
Fazit: Wer Informationen zu den griechischen Sagen und Mythen sucht, die über die Vereinheitlichung und Anpassung an die Jugend hinausgeht, die Schwab geliefert hat, kann sicher auf Graves’ Darstellung zurückgreifen. Bei seinen Kommentaren sollte man sich aber bewusst sein, dass in den 60er und 70 Jahren den 20. Jahrhunderts die Ethnologie eine entscheidene Neuorientierung erlebte, die diese Kommentare in einem recht komischen Licht erscheinen lassen.