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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Siebtes Buch
35. Philippus faßt das nicht. Grund. Seine Bitte, ihm den Vater zu zeigen, geschieht ohne Beeinträchtigung des Glaubens.
Aber die Neuheit der Worte brachte den Apostel Philippus in Verwirrung. Als Menschen nimmt man ihn [S. 377] wahr; als Gottes Sohn bekennt er sich; er lehrt, man müsse erst ihn erkennen, um den Vater zu erkennen. Er behauptet, man habe den Vater schon gesehen; und er (der Vater) sei deswegen erkennbar, weil man ihn (den Sohn) gesehen habe.
Die Schwachheit des menschlichen Geistes faßt das nicht, noch findet die Verkündigung so verschiedener Dinge Glauben: daß, wen man damals sah, nun erst erkannt werden solle, da Gesehen-haben schon Erkennen ist; daß mit der Erkenntnis des Sohnes auch der Vater erkannt sei. (Deswegen nicht,) weil die Erkenntnis des Sohnes, sofern er Mensch ist, das körperhafte Sehen und Tasten bewiesen habe; weil aber durch eben jenes sein (des Sohnes) menschliches Wesen, das man erblickt, das (aber) von ihm (dem Vater) verschieden ist, nicht auch die Erkenntnis des Vaters ermöglicht wird, und es auch der Sohn selbst oft bezeugt habe, daß den Vater noch niemand gesehen habe.
Da kann Philippus nicht mehr an sich halten, und mit der Vertrautheit und dem Freimut eines Apostels fragt er den Herrn: „Herr, zeige uns den Vater, und es genügt uns!”1
Jetzt ist also nicht der Glaube in Gefahr, sondern es handelt sich nur um den Irrtum eines Nichtwissens. Denn der Herr hatte ja gesagt, daß man den Vater schon gesehen habe und ihn von nun an erkennen müsse; aber daß man ihn schon gesehen habe, das hatte der Apostel nicht eingesehen. So leugnete er denn schließlich auch nicht, ihn gesehen zu haben; er bat vielmehr darum, daß man ihn ihm zeigen möge; er verlangte auch nicht nach einem Zeigen wie nach einem körperhaften Betrachten, sondern erbat einen Hinweis zur Erkenntnis dessen, den man schon gesehen habe. Denn den Sohn hatte er als Menschen gesehen; er weiß aber nicht, wie er damit auch den Vater gesehen habe. Denn daß er mit seinem Wort: „Herr, zeige uns den Vater!” dieses Zeigen mehr als [S. 378] Erkennen denn als (sinnliches) Vorweisen gemeint hatte, (um das deutlich zu machen,) fügte er hinzu: „Und es genügt uns.” (Damit) ist nicht (etwa) dem Worte (Christi) der Glaube verweigert, sondern der Hinweis zum Erkennen wird erbeten, der zum Glauben an das Wort (Christi) genügen werde; denn durch die Bekundung des Herrn war eine durchaus sichere Gewähr für den Glauben gegeben. Daraus aber entsprang die Bitte, den Vater zu zeigen, da man von ihm gesagt hatte, er sei sichtbar gewesen, und er sei deswegen erkennbar, weil er sichtbar gewesen sei. Es war auch nicht anspruchsvoll, das Zeigen dessen zu erbitten, den man schon gesehen hatte.
1: Joh. 14, 8.