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In diesen Tagen begeht man den 200. Geburtstag eines der Grossen der Musikgeschichte. Richard Wagner wird gefeiert. Nur zu gerne lässt man sich von seiner Musik berauschen: ein Genie, nichts weniger. Ein Genie, leider, das uns einen Stachel ins Fleisch treibt. Wagner war ein notorischer Antisemit. Blättert man in seiner Schmähschrift „Das Judenthum in der Musik“, mit der er sich ein Leben lang gebrüstet hat, kann es einem schlecht werden. Kein Zweifel: Das Genie Wagner ist als Mensch mit derartigen Überzeugungen verachtenswert. Den Zwiespalt, Musik zu geniessen, die ein Verachtenswerter komponiert hat, wird man nicht los. Ein ethisch-ästhetisches, ein unlösbares Problem: weder kann man Wagners Antisemitismus kleinreden oder verzeihen, noch liesse sich beweisen, dass dieser Dreck seine Musik vergiften würde. Wie gehen die Regisseure seiner Opern mit dem Konflikt um? Der eine, Burkhard C. Kosminski in Düsseldorf, macht aus Tannhäuser einen Nazi, der Juden erschiesst. Eine Provokation von seltener Einfältigkeit. Sie hat ein paar Besucher buchstäblich krank gemacht und den Intendanten des Theaters dazu bewogen, die Aufführung abzusetzen. Der andere, Hans Neuenfels, der in Zürich eine Aufführung über das Leben des Komponisten inszeniert, kennt das Dilemma, wenn er in einem Interview von dem „grässlichen Etwas“, vom „verbrecherischen Punkt“ in Wagners Biografie spricht - und dann meint, Wagner mit den Nazis gleichzusetzen sei für ihn „absolut indiskutabel“. (Christoph Kuhn)
Von Laura Weidacher
Komponist, Musiker, Performer, Zeichner, Autor, Kunsttheoretiker, zuletzt Filmemacher: Der Amerikaner John Cage revolutionierte wie kein Zweiter die Kunstauffassung der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sein Einfluss ist heute noch kaum abzuschätzen.
„I have nothing to say and I am saying it and that is poetry.“ (Ich habe nichts zu sagen und ich sage (bin) es und das ist Dichtung.) (John Cage „Opening the Cage: 14 Variations on 14 Words“)
Ohne John Cage wäre das Diktum von Joseph Beuys „Alles ist Kunst“ wohl kaum denkbar geworden. Für John Cage, am 5. September 1912 in Los Angeles geboren und kurz vor seinem 80. Geburtstag in New York an einem Schlaganfall gestorben, war Leben Kunst und Kunst Leben. Leben In allen seinen Formen und Veränderungen kam bei ihm immer vor der Kunst - „Change“ war denn auch ein wichtiger Begriff seines Schaffens. Trotz aller Berühmtheit und der zentralen Position, die er innerhalb der internationalen Kunst- und Musikavantgarde einnahm und immer noch nimmt, sind seine Arbeiten bis heute kaum bekannt. Woran liegt das?
Es liegt sicher an der Radikalität seines vielfältigen Werks, in dem er alle gängigen Musikbegriffe auf den Kopf stellte – auch jene seines Lehrers Arnold Schönberg. Er war der Ansicht, dass, „als Schönberg die Dissonanz emanzipierte, er noch weitergehen und auch die Musik von ihren Noten hätte emanzipieren sollen.“ Mehr noch aber liegt der Grund des Unverständnisses von Cage’s Werk wohl darin, dass er auch und vor allem die Stille liebte beziehungsweise das Hören der Stille. Wie geht das mit dem Beruf eines Komponisten zusammen? Cage führte den Bruch mit dem herkömmlichen Hören am eindringlichsten vor mit der Komposition respektive dem Konzept von „4’33“, einem Klavierstück in 3 Sätzen: Ein Pianist setzt sich in einem voll besetzten Konzertsaal an einen Konzertflügel, ohne aber darauf zu spielen. Er bewegt, zum Zeichen der einzelnen Sätze, lediglich dreimal den Klavierdeckel. Alle Geräusche im Saal oder von aussen bilden die Musik dieser 4 Minuten 33 Sekunden. Das Stück wurde vom schon damals berühmten Pianisten David Tudor am 29. August 1952 in Woodstock uraufgeführt und schlug wie eine Bombe ein. Die Reaktion oszillierte zwischen Skandal und Bewunderung. Cage sagte später, dass er von den weissen Leinwänden,des Pop Art-Künstlers Robert Rauschenberg dazu inspiriert geworden wäre. „Die Musik hinkt hinterher“ habe er sich damals beim Betrachten der Rauschenberg-Bilder gesagt.
Schon in „Music of Changes“ von 1951, seinem ersten unbestimmt (indeterminated) notierten Stück für Soloklavier, war Cage der Stille auf der Spur. Er hatte vorher in einem schalldichten Studioraum die Erfahrung gemacht, dass er Abläufe seines eigenen Körpers akustisch wahrnehmen konnte. „Ich hörte, dass Schweigen, dass Stille nicht die Abwesenheit von Geräuschen war, sondern das absichtslose Funktionieren meines Nervensystems und meines Blutkreislaufes. Ich entdeckte, dass Stille nicht akustisch ist. Es ist eine Bewusstseinsveränderung, eine Wandlung. Dem habe ich meine Musik gewidmet. Meine Arbeit wurde zu einer Erkundung des Absichtslosen.“ Sowohl die Arbeit Cage’s als auch seine Aufsätze und Vorträge trugen viel zur Bewusstseinsbildung der amerikanischen Pop Art-Künstler bei. Barbara Rose schrieb 1969 in „American Art since 1900“: „Cages Ästhetik, zu gleichen Teilen vom Dadaismus und vom Zen-Buddhismus abgeleitet, machte in vielerlei Hinsicht einen versperrten Weg frei, in ähnlicher Weise wie der Surrealismus die Tür zum Abstrakten Expressionismus öffnen half.“
Aber natürlich hat Cage auch ganz reell komponiert, so unter anderem die vielen Stücke für präpariertes Klavier – auch dieses seine epochemachende Erfindung. Die zwischen die Saiten des Klaviers geklemmten Gegenstände erzeugen je nach Material einen veränderten Klavierklang von äusserster Zartheit bis zum Klirren. Fast seine liebsten Klangerzeuger waren Schlagzeug und elektronische Geräte, wobei er schon wieder einen Trend auslöste, der bis heute anhält: Er setzte zum ersten Mal elektronisch verstärkte Toy Pianos ein, Spielzeugklaviere, die derzeit vor allem in der Pop Musik einen ungeahnten Boom erleben (was die Brocantemärkte landauf landab erfreuen dürfte, da Spielzeugklaviere schon lange nicht mehr hergestellt werden). Und Cage’s „Theatre pieces“ sind etwas vom Vergnüglichsten, sowohl für Interpreten als auch für die Zuhörer/seher, was man sich denken kann. Alle Beteiligten erhalten eine Kurzpartitur, die lediglich Zeitdauer und Rhythmusstrukturen beinhaltet. Die Aufführenden müssen sich untereinander absprechen und dann nach eigenem Gutdünken und Ablauf ihren Teil mittels selbst gewählter Tonerzeuger performen. Dabei kommt unter anderem auch ein wichtiges Anliegen Cages zu seinem Recht, nämlich die Zufallsbeziehungen zwischen musikalischen Klängen und dem gesprochenem Wort aufzugreifen und umzusetzen.
Vergnüglich ist vieles, was sich der philosophische, oft leicht verschmitzt lächelnde Pilzekenner Cage einfallen liess. Er wurde sogar vom Kritiker Jill Johnson als „heiterer Existenzialist“ bezeichnet, der „den Blick auf eine Landschaft freigibt, die bunter und veränderlicher ist als irgendeine beim Blinzeln durch ein Guckloch eines Gehäuses sich darbietende.“ Fast zu ernsthaft hingegen gab Cage sich dem vom chinesischen Klassiker „I Ging, das Buch der Wandlungen“ inspirierten Zufallsprinzip hin, was durch einen längeren Zeitraum hinweg zu seltsam starren, eingeengten Klängen führte. Ironischerweise wurden solch unsinnliche Klangbilder, bei ihnen jedoch streng rationalisiert, zur gleichen Zeit auch in Europa von Pierre Boulez und Karlheinz Stockhausen entwickelt.
Kurz vor seinem Tod 1992 drehte Cage seinen ersten und einzigen Film „One 11“ mit dem Faktor Licht als alleinigem Hauptdarsteller. Auch diesmal operierte Cage mit dem Zufallsprinzip, jetzt aber auf eine faszinierend poetische Art und Weise, welche einzig auf den Bewegungen von Kamera, Scheinwerfer und Licht beruhte. Und auch hier wollte Cage noch einmal das unmöglich Erscheinende realisieren: „... eine Möglichkeit zu finden, das Unsichtbare einzubeziehen, ebenso wie die Musik bereits das Unhörbare (die Stille) geniesst.“
In der Schweiz wird des Cage-Geburtstags an vielen Orten mit Konzerten gedacht. Im Basler Gare du Nord findet ab 25. September ein bemerkenswerter Cage-Schwerpunkt mit vier Konzerten statt, in dem u.a. der bekannte Schweizer Schlagzeuger Fritz Hauser das 1990 von Cage eigens für ihn komponierte Stück „One4“ zur Aufführung bringt. Hauser nähert sich dem Werk in verschiedenen Versionen, zusammen mit dem ensemBle aus Lausanne (9.11., 20 Uhr, Gare du Nord, Basel).