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Die Australian Antarctic Division hatte sich die Antarktissaison 20/21 sicherlich anders vorgestellt. Die COVID-Pandemie liess nicht nur den geplanten Einsatz des neuen Eisbrecher Nuyina verschieben, sondern beeinflusste auch die gesamte Versorgung der Antarktisstationen. Als Ersatz für den Transport von Gütern und Personal wurde das Multifunktionsschiff MPV Everest gechartert. Doch während die Saison relativ reibungslos verlief, hat nun auf der letzten Heimreise des Schiffes das Unglück zugeschlagen: Ein Brand im Motorenraum hat einen der beiden Antriebe lahmgelegt.
Das Schiff fährt zurzeit mit knapp 10 Knoten in Richtung Fremantle, Westaustralien, und ist zurzeit noch rund 1’200 Seemeilen (2’227 Kilometer, Stand 08. April) von der Hafenstadt entfernt. Verletzt wurde durch das Feuer niemand und alle 109 Besatzungsmitglieder und die nach Hause reisenden Stationsmitglieder sind wohlauf. Die Australian Antarctic Division AAD, zusammen mit der australischen Seesicherheitsbehörde, steht im ständigen Kontakt mit dem Schiff und den Angehörigen zuhause und informiert regelmässig über den Stand der Dinge. Schiffe, die in der Nähe sind, wurden ebenfalls informiert und stehen bei Bedarf für Unterstützung zur Verfügung. Im Netz kursierende Aufnahmen, die der australischen Fernsehstation ABC Hobart zugespielt worden waren, zeigen zwar Flammen an Deck des Schiffes, wo sie zwei Schlauchboote entzündet hätten. Doch die AAD stellt in ihrer letzten Mitteilung klar, dass die Everest sich nicht in einer Notlage befindet und aus eigener Kraft fährt.
Der Brand war am 5. April nachmittags im linken Motorenraum des Schiffes ausgebrochen. Das Feuer konnte durch das Löschsystem und das schnelle Eingreifen der Besatzung rasch unter Kontrolle gebracht und gelöscht werden. Flammen sind auch an Deck gelangt und das Feuer habe dort zwei Schlauboote erfasst, was jedoch gelöscht werden konnte. Die Ursache ist noch nicht bekannt und wird nach Ankunft des Schiffes durch den Eigner und die Behörden untersucht. Der Leiter für Operationen und Sicherheit bei der AAD, Charlton Clark, erklärte: «Die Mannschaft und die Expeditionsteilnehmer an Bord machten einen unglaublichen Job als Antwort auf die sehr herausfordernde Situation mitten im Südlichen Ozean. Das Schiff läuft mit dem Steuerbordantrieb rund 10 Knoten (ca. 18.5 km/h) und macht voran, um dem herausfordernden Wetter im Südlichen Ozean zu entgehen.» Er bezieht sich damit auf einen drohenden Sturm, der von Westen her in die Region zieht und an dessen Rand mit bis zu 25 Knoten Wind und 5 Meter hohen Wellen auf das Schiff treffen könnte. Normalerweise sind solche Bedingungen eventuell für Menschen unangenehm, aber für das Schiff kein Problem. Doch mit nur einem Antrieb kann auch dies zu einer Herausforderung werden. Das Schiff hätte eigentlich Hobart, Tasmanien, anlaufen sollen und dort die Saison beenden. Doch aufgrund der Situation wurde entschieden, dass der westaustralische Hafen Fremantle angesteuert werden soll, da er näher liegt. Die Ankunft sollte in rund 5 – 6 Tagen stattfinden. Mittlerweile wurde ebenfalls entschieden, ein oder zwei Schiffe aus Fremantle zur Unterstützung der Everest entgegenzuschicken. Abklärungen dazu laufen.
Die MPV Everest gehört der niederländischen Firma Marine Construction Services und ist ein sogenanntes Multifunktionsschiff. Neben Versorgungsfahrten ist das Schiff auch für das Verlegen von Pipelines, für Tiefseearbeiten, geophysikalische Untersuchungen und für Ölkatastrophen verwendbar. Auch zur Bekämpfung von Bränden könne das Schiff eingesetzt werden, schreibt die Eignerfirma. An Bord können bis zu 140 Personen untergebracht werden und der charakteristische Landeplatz kann Hubschrauber bis zur Grösse eines Mi-8-Hubschraubers aufnehmen. Das Schiff wurde von der AAD gechartert, da es mit seiner DP3-1A Super Eisklasse für arktische und antarktische Verhältnisse durchaus geeignet ist und genügend Platz für die reduzierte Versorgung der antarktischen Stationen bot.
Da das neue australische Antarktis-Flaggschiff, die RV Nuyina, durch COVID-bedingte Lieferschwierigkeiten noch nicht zur Verfügung stand, sprang die Everest in die Bresche. Die AAD hofft zwar, dass die Nuyina in der nächsten Saison ihren Dienst aufnehmen kann. Doch bis dahin müssen noch verschiedene Probleme aus der Welt geschafft werden. Unter anderem muss geklärt werden, ob das viel grössere Schiff überhaupt den geplanten Liegeplatz in der tasmanischen Hauptstadt Hobart anlaufen kann. Die Tasman-Brücke, die das Zentrum Hobarts mit der Ostseite der Stadt verbindet, liegt auf dem Weg zum Tankplatz des Schiffes. AAD-Direktor Kim Ellis hatte gegenüber den Medien erklärt, dass die Höhe der Brücke kein Problem darstelle, aber eine Risikobewertung in Zusammenarbeit mit den Behörden und den Lotsen erstellt werde. Der neue Eisbrecher wird im September in Australien erwartet.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal