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Literatur
Ein anderes Amerika
James Lee Burke ist kein Anfänger. Der 1938 geborene Schriftsteller publizierte bereits mit 19 Jahren Jahren einen ersten Text, mit 34 hatte er vier Romane verfasst. Dann kam ein Publikationstief. Nachdem es schließlich zu einer Veröffentlichung kam, wurde ausgerechnet ein jahrelang abgelehnter Roman für den Pulitzerpreis nominiert. Seit den 80er Jahren schreibt Burke Kriminalromane. Der als deutsche Erstveröffentlichung bei Goldmann erschienene Titel "Straße ins Nichts" stammt aus dem Jahre 2000 und heißt im Original "Purple Cane Road".
"Straße ins Nichts" ist kein Krimi, der sich schon nach ein paar Seiten als "Pageturner" erweist, also als ein Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, so gespannt ist man auf den weiteren Verlauf. Es wirkt lange Zeit unstrukturiert, muss der Autor doch Rückgriffe machen, um Motivationen und Situationen zu erklären. Manchmal geschieht dies unvermittelt, so dass man glauben könnte, der Text sei gekürzt, es fehle ein Stück. Nach einiger Lesezeit gibt sich dieses Problem und der Roman wird im Aufbau in konventionellere Bahnen gelenkt, was der Aufmerksamkeit des Lesers dienlich ist.
Dave Robicheaux, Polizist in Louisiana, erfährt, dass seine Mutter, die 30 Jahre zuvor die Familie verlassen hatte, nicht nur eine Prostituierte gewesen sein soll, sondern von Polizisten als unerwünschte Zeugin ermordet wurde. Dieses Wissen läßt ihn nicht mehr los, er will nicht glauben, was er erfahren hat. Also versucht er, die Umstände des Lebens und Todes seiner Mutter zu erfahren. Dabei stößt er auf viele Widerstände, die er brechen muss.
Was an diesem Buch interessiert, ist die Charakterzeichnung der Protagonisten und die atmosphärische Stimmung Louisianas. Einerseits zeigt Burke die schönen Seiten der Landschaft und die ruhige Atmosphäre des Südens. Auf der anderen Seite aber, beschreibt er auch die unglaublich ärmlichen Verhältnisse, die man in den Südstaaten antreffen kann. "Dann bogen wir auf eine unbefestigte Piste ab, die durch Ackerland, an farblosen Hütten und Brachen im Zuckerrohr vorbeiführte, auf denen allerlei Wellblechschuppen und landwirtschaftliches Gerät standen. Inzwischen war es später Nachmittag, und der Wind hatte zugelegt und fegte durch die Zuckerrohrfelder. Wolken zogen vor der Sonne vorbei, und die Luft roch nach Regen, Salz und den modernden Kadavern toter Tiere in den Abwässergräben." Burke zeigt mittels der Stimmungsbilder und der atmosphärischen Beschreibung ein anderes Amerika. Ihm geht es nicht um das glatte und über Klimaanlagen heruntergekühlte saubere Amerika, wie wir es aus dem Osten der Vereinigten Staaten kennen. Seine Welt ist der ländliche Süden mit seinen subtropischen Klimaverhältnissen, der an den Nerven zerrenden hohen Luftfeuchtigkeit, den materiell armen Menschen, den Sumpflandschaften mit Alligatoren und Schlangen. Wer schon einmal durch die Südstaaten gefahren ist - gemeint ist der tiefe Süden und nicht Florida oder Washington D.C. -, dem ist aufgefallen, dass man es mit einem gespaltenen Land zu tun hat, dass es eine unsichtbare Grenze, ein Nord-Süd-Gefälle gibt, die Folgen des Bürgerkrieges noch immer zu spüren sind.
In Burkes Roman haben die Menschen sich angepasst, der Sumpf der Landschaft findet seine Entsprechungen in den Menschen und Korruption ist an der Tagesordnung. Aber Dave Robicheaux ist kein Engel, der angetreten ist, nur Gutes zu tun und den Sumpf trockenzulegen. Er ist trockener Alkoholiker, dem Gewalt nicht fremd ist und der mit sich kämpfen muss, seine Wut und seinen Zorn im Griff zu behalten. In den Text eingestreut sind immer wieder politische Kommentare, so zum Strafvollzug, der Todesstrafe, aber auch der allgemeinen Politik, wie der fehlenden Umweltpolitik der USA.
Wer einen anderen amerikanischen Süden kennenlernen will, die Bilder, die "Vom Winde verweht" in unseren Köpfen hervorgerufen hat, aktualisieren will, dem sei die Lektüre dieses Kriminalromans empfohlen.