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«Wir müssen ein Problem lösen, das vor vier Wochen noch niemand für ein Problem gehalten hat.» Das sagte US-Präsident Donald Trump in der Nacht auf heute Donnerstag und teilte danach dem amerikanischen Volk mit: «Um zu verhindern, dass neue Fälle an unsere Küste gelangen, werden wir für die nächsten 30 Tage alle Reisen von Europa in die Vereinigten Staaten aussetzen.» Faktisch kommt das einem weitgehenden Flugverbot von Europa in die USA gleich – Tempo Null über dem Atlantik.
Mit dem «Problem» meinte Präsident Trump nicht den globalen Klimawandel, den das EU-Parlament als «Notstand» beurteilte, sondern ein Virus, das unter dem Namen «Corona» radikale wirtschaftshemmende und klimaschützerische Massnahmen auslöste – und sogar die radikale Klimajugend ins Staunen versetzt: Reiseverbote am Boden, auf den Meeren und in der Luft – jetzt sogar zwischen den grössten Wirtschaftsräumen der Welt.
Über die schnellen und treibhausgas-hemmenden Massnahmen, welche die Corona-Epidemie auslöste, als sie in China ausbrach, schrieb ich Mitte Februar einen leicht satirischen Artikel. Aus aktuellem Anlass hängen wir den damaligen Artikel hier in gekürzter und leicht veränderter Form nochmals an, in normaler Schrift der ursprüngliche Text, in Klammern kursiv einige aktualisierte Informationen:
Mit ungeplanten Tempolimiten zum Klimaziel
Hanspeter Guggenbühl, 16. Feb 2020 (/12. März 2020) – Trotz Versagen der Klimapolitik: Im Jahr 2020 könnte (wird) der CO2-Ausstoss erstmals seit der Finanzkrise im Jahr 2009 wieder sinken.
Reduziert man das Tempo der Frachtschiffe um nur schon 20 Prozent, sinkt ihr Verbrauch von Schweröl – und mithin der von ihnen verursachte Ausstoss von CO2 – auf weniger als die Hälfte. Diese Rechnung präsentierte der französische Reeder Philippe Louis-Dreifus dem Journalisten Stefan Brändle, der sie unter dem Titel «Entschleunigung auf den Weltmeeren» am Samstag, 15. Februar, in den CH-Media-Zeitungen verbreitete. Dreifuss empfiehlt deshalb der internationalen Schiffsorganisation IMO, eine entsprechende Tempolimite für jene Frachtschiffe zu verordnen, bei denen Zeiteinbussen keine grosse Rolle spielen.
Weniger Tempo, weniger Umweltbelastung
Die Idee, den Transport zu verlangsamen, um Menschen und ihre Umwelt zu schützen, beschränkt sich nicht auf die Weltmeere. Auf den Strassen haben die meisten Staaten das maximal zulässige Tempo schon vor Jahrzehnten auf 100 bis 130 km/h begrenzt. Damit verminderten sie nicht nur den Spritverbrauch und CO2-Ausstoss, sondern auch die Unfälle und Krankheitskosten.
Über den Wolken, wo die Freiheit angeblich grenzenlos ist, könnte ein Tempolimit die Klimaerwärmung ebenfalls bremsen. So schlugen der deutsche Mobilitätsexperte Karl Otto Schallaböck und der Schweizer Tourismusforscher Hansruedi Müller vor Jahren schon vor, das Tempo für Flüge auf 400 km/h zu limitieren. In seiner Serie «Anders Reisen» griff Infosperber diesen Vorschlag letzten Sommer wieder auf und begründete unter dem Titel «Weniger weit bringt am meisten»: Ein Tempolimit für Flugzeuge würde nicht nur lange energieintensive Flugreisen unattraktiver machen, sondern für mittlere Distanzen auch zum Umstieg auf die Bahn anreizen.
Temporeduktionen der anderen Art
Die Klimapolitik konnte die vorgeschlagenen Tempolimiten auf den Meeren und durch die Lüfte (noch) nicht durchsetzen. Als wirksamere Tempobremse erweist sich hingegen – zumindest temporär – die Seuchenbekämpfung. So reduzierten zum Beispiel die Swiss, ihre Mutter Lufthansa und weitere Fluggesellschaften das Tempo auf einigen Routen auf Null, indem sie ihre Flüge nach China ersatzlos strichen (seither haben diese und andere Fluggesellschaften ihre Flüge um bis zu 50 Prozent vermindert). Grund: Der Corona-Virus. Dieser Virus bremst den Transport auch in umgekehrter Richtung, indem er einen Teil der Produktion in China und damit auch die entsprechenden Exporte lahmlegt. Das wiederum bedroht die von «Just in Time»-Lieferungen abhängige Produktion der Industrie in Europa und den USA. Schliesslich hemmt die sich in China rasch ausbreitende Corona-Epidemie die Reiselust: «Schweizer Tourismus mit Virus infiziert», titelte die NZZ am 14. Februar (inzwischen beklagt die Schweizer Tourismusbranche einen massiven Einbruch von Logiernächten und Umsatz).
Wegen der Corona-Epidemie und ihren Folgen werde die Weltwirtschaft im Jahr 2020 nur noch um 2,3 Prozent wachsen. Das prognostiziert das Institut «Oxford Economics». Dieses Wirtschaftswachstum wäre so gering wie nie seit dem Jahr 2009, als die Finanzkrise die Weltwirtschaft am stärksten bremste (inzwischen haben verschiedene Organisationen ihre Wachstumsprognosen weiter nach unten geschraubt und einige rechnen bereits mit einer weltweiten Rezession).
Ein Beitrag zur Begrenzung der Klimaerwärmung
Die negative Wirtschaftsprognose ist eine positive Nachricht für alle, welche die Klimaerwärmung auf maximal zwei Grad begrenzen wollen, wie das der Klimavertrag von Paris verlangt. Denn das Jahr 2009 war in diesem Jahrtausend das einzige, in dem die Wirtschaftsleistung, der globale Energieverbrauch und damit die globalen CO2-Emissionen kurzfristig gesunken sind; in allen anderen Jahren sind Weltwirtschaft, fossiler Energieverbrauch und CO2-Ausstoss gewachsen (siehe Grafik über die Korrelation von Wirtschaftswachstum und Energiekonsum). Im laufenden Jahr 2020 könnte sich dieser Knick bezüglich Zunahme der CO2-Emissionen also wiederholen und damit die Klimaerwärmung bremsen.
Die Erfolgsmeldung im Kampf gegen die Klimaerwärmung hat nur einen Haken. Sie ist nicht das Resultat einer gezielten und erfolgreichen Politik. Sondern die Folge einer ungewollten Epidemie.
Siehe dazu auch:
Infosperber-DOSSIER
Die Klimapolitik kritisch hinterfragt
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine