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Wir besuchten mit Stefan Lissabon. Dazu benützen wir die Vorortsbahn bis nach Belem und besuchten dort zuerst den Torre von Belém, die alte, berühmte Festung. Man kann kaum erkennen, von welchem militärischen Nutzen dieses Juwel gewesen sein kann mit seiner wunderbaren Terrasse, die sich erheblich besser zum Beobachten von Regatten eignet als zum Ausrichten von Kanonenrohren.
Das Padrão dos Descobrimentos, das Denkmal der Entdecker, war von einem dichten Baugerüst umhüllt, so dass man die Entdecker kaum entdecken konnte. Schade. Zum Glück habe ich noch Fotos einer früheren Reise gefunden.
So begaben wir uns zum Mosteiro dos Jerónimos, dem Hieronymoskloster, praktisch gegenüber. Dieser Bau gilt als bedeutendstes Werk der Manuelinik, einer portugiesischen Variante der Spätgotik, die auch einige Elemente der Renaissance enthält und 1601, hundert Jahre nach Baubeginn eröffnet wurde.
Der Stil wurde manuelisch genannt nach König Manuel I. oder auch dem Glücklichen, der hier beerdigt wurde. Dieser Stil enthält ganz neue Verzierungen, die an Säulen, Fassaden, Türmen, in Kirchen etc., meist als filigrane Steinmetzarbeiten erscheinen und Gegenstände aus der neuen Welt wie Muskatnüsse oder Ananas zeigen. Dinge also, die bis dato bei uns unbekannt waren.
Manuel I. ist nicht die einzige Berühmtheit, von welcher man glaubt, dass sie hier beerdigt wurde. Es gibt eine ganze Reihe von Persönlichkeiten, die uns zwar als nicht-Portugiesen nicht so ans Herz gewachsen sind. Zwei möchte ich erwähnen. Da wäre einmal Luis do Camões, einer der bedeutendsten Dichter Portugals und der portugiesischen Sprache. Der andere ist Vasco da Gama, der am 8.Juli 1497 den Hafen Restelo in Lissabon verliess um die Schiffahrtsroute rund Afrika nach Indien zu erkunden. Er machte diese Reise drei Mal und verhalf dadurch Portugal zu grossem Reichtum und Macht.
Nachdem wir allen diesen Persönlichkeiten unsere Referenz erwiesen hatten, begaben wir uns im Feierabendverkehr in die Stadt. Die Fahrt im Taxi führte entlang dem Tejo, vorbei an der nach dem 25. April benannten Brücke (vorher trug sie den Namen eines Heuchlers, der bis zum letzten Moment vorgab, nicht zu wissen, dass sie nach ihm benannt werden sollte) und liessen uns hinter dem Bahnhof Cais do Sodré absetzen.
Wir flanierten dem Tejo entlang, überquerten die Praça do Comércio und gelangten so unter dem Torbogen hindurch in die Baixa Pombalina, dem Stadtviertel, das 1755 nach dem Erdbeben wieder aufgebaut wurde.
Somit ist dieses Zentrum ja auch schon wieder historisch. Es gilt übrigens als gutes Beispiel für die frühe Entwicklung von erdbebensicherem Bauen. Nach einem kurzen Blick auf das Castelo de São Jorge, einer Festungsanlage, erklommen wir zu Fuss, nicht mit einem Elevador, auf der gegenüberliegenden Seite das Bairro Alto, ein Quartier bekannt für seinen Fado. Es stand uns aber nicht nach Fado, sondern nach Fondue, weshalb wir nach einem Einkauf von Brot, einem Knoblauchzopf und Ananas aufs Schiff zurückkehrten und uns am Käse rühren gütlich taten. So konnte sich Stefan schon ein bisschen an die morgige Rückkehr in die Schweiz gewöhnen.
In den folgenden Tagen kümmerten wir uns um KAMA, die einen Motorenservice und andere Wartungsarbeiten benötigte. Wir liessen es uns aber nicht nehmen, mit unseren Fahrrädern in der Gegend von Cascais den schönen Stränden entlang zu fahren. Wir besuchten auch das Leuchtturmmuseum und das etwas synthetisch wirkende Dorf.
Ein Tagesausflug mit dem Bus führte uns nach Sintra. Die Fahrt führte der Küste entlang über Cabo da Roca, dem Ponta mais ocidental do continente europeu, dem Kap, das wir wenige Tage zuvor umrundet hatten. Aqui…onde a terra se acaba e o mar começa (Camões). Von da windet sich die kurvige, sehr schmale Strasse um die Serra, als wollte sie sie umarmen. Bei der Ankunft in Sintra wurden wir vom Regen durchtränkt, was aber unserem Tagesprogramm keinen Abbruch tat. Sintra ist eine malerische portugiesische Stadt, die inmitten der pinienbedeckten Hügel der Serra de Sintra gelegen ist. Das etwas kühlere Klima lockte den Adel und die portugiesische Elite, die hier erlesene Paläste und extravagante Residenzen bauten und dekorative Gärten anlegten.
Unser erster Besuch galt dem gotischen Palàcio nacional, der im Herzen von Sintra liegt und die am meisten genutzte royale Residenz war. Sie wurde vom 15. Jhdt. bis zum Fall der Monarchie 1910 kontinuierlich bewohnt. Das Gebäude wird von zwei riesigen Kaminen dominiert, die aus der Küche ragen. Im Innern sind die einzelnen Räume nach ihren Dekorationselementen benannt, die sie schmücken. Wappensaal, Schwanensaal, der Elsternsaal und die Kapelle mit den weissen Tauben an den Wänden. Die Elstern im Elsternzimmer illustrieren den Klatsch und die Intrigen der Hofdamen.
Der Palácio nacional
Das Castelo dos Mouros ist das Zeugnis islamischer Präsenz in dieser Gegend. Diese Burg wurde irgendwann zwischen dem 8. und 9. Jhdt. erbaut. Von diesem Maurenschloss herunter hätte man eine wunderbare Aussicht auf Sintra und die Umgebung bis zum Cabo da Roca. Der Nebel zwang uns aber unseren Blick auf die alten Mauern und Steine zu fokussieren.
Der Palàcio da Pena wurde von einem deutschen Militäringenieur im Auftrag von Ferdinand von Sachsen-Coburg-Gotha erbaut um seinen romantisch überspannten Phantasien nach deutschem Geschmack, Gestalt zu geben.
Dieses Bauwerk zeichnet sich aus durch schlechten Geschmack und mangelnde Sensibilität. Bei der Besichtigung muss man ein ziemliches Durcheinander von Stilrichtungen ertragen. Mit jedem einzelnen Element zeigt der Palàcio die Verirrungen der Phantasie. Von unten betrachtet fügt er sich aber perfekt in die Landschaft und wirkt so als ungewöhnliche architektonische Einheit. Eine gewisse Grandeur kann man diesem Palast nicht absprechen.
Fantastisch ist der darum herum angelegte Waldpark mit seinen teils exotischen Bäumen, den verschlungenen Wegen und den Ententeichen. Hier dürfen die schwarzen Schwäne nicht fehlen. Die Stille wird nur durch das Vogelgezwitscher unterbrochen.
Es gibt viel zu sehen in Sintra und man könnte hier locker eine Woche verweilen. Wir kehrten jedoch am Abend, schon fast wieder trocken, auf unsere KAMA zurück.
Ich hatte noch einen Programmpunkt offen: Fado in Lissabon. So fuhren wir wieder mit der Bahn abends in die Stadt und stiegen wieder in das Bairra Alta, der Hochburg des Fado, hoch. Nach langem Umherschweifen entschieden wir uns für ein Lokal, das Café Luso. Dieses befindet sich in einem alten Keller und Stallungen des Brito Freire Palastes, der im 17. Jhdt. erbaut wurde und dem Erdbeben von 1755 widerstand. Es war sicher gut, mit schönem Ambiente, aber nicht spektakulär, was sowohl für die Musik, als auch das Essen zutrifft.
An einem anderen Abend fanden wir dann in der Alfama noch etwas Pfiffigeres.
Nächtliches Lissabon
Die Kathedrale
Auf der Suche nach einem Lokal, das unser Führer empfahl, wir aber nicht finden konnten, kamen wir zufällig in eine Gasse aus der Fado erklang. Beim Vorbeischlendern sagte der etwas beleibte Türsteher schön guten Abend und wir nahmen einen Blick in ein kleines, eher nüchternes Lokal. Der Gesang war gut, wir aber immer noch auf der vergeblichen Suche nach der empfohlenen Beiz. Trotz Google keine Chance, so dass wir umkehrten, uns der Türsteher einen Tisch zuwies und wir uns gespannt nieder liessen.
Das war ein wirklicher Volltreffer. Wir fühlten uns als Teil der Familie. Alle waren herzlich, freundlich, zuvorkommend. In der offenen Küche glühte die Kohle unter dem Grillgitter und von dort kam die beste Dorade, die Margrit je gegessen hat. Die Musik, sensibel vorgetragen, berührte. Das erstaunlichste aber, dass sich Sängerin und Serviertöchter in ihren Rollen nahtlos austauschten. Ja selbst der so schüchterne Türsteher lieferte seinen Part an Gesang. Und wenn dann alle miteinander sangen, kam auch der Koch mit seiner Frau aus der Küche und sang mit und die Gäste sangen mit und alle hatten Freude und waren ergriffen.
Singen und musizieren
Nein, kein Gaudi, keine Oktoberfeststimmung, eher kirchliche Feiertagstimmung. Von einer Ansprache wurden wir verschont. Man kann sich kaum etwas Authentischeres vorstellen. In dem Lokal gibt es Platz für vielleicht etwa 25 Gäste, dann ist voll. Die Rechnung wird von Hand auf ein Papierli geschrieben und zusammengezählt und ist so bescheiden, dass man gerne noch etwas darüber hinaus gibt.
Danke, es war super!
Nun, ich könnte noch lange schwärmen, aber schon bald fährt der letzte Zug zurück nach Cascais und den dürfen wir nicht verpassen, wollen wir doch morgen unsere Reise mit KAMA fortsetzen. Nur eines noch, das Lokal heisst Restaurante Estaca Zero in der Rua de São João da Praça N° 13. Bis bald.