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Die 19. Internationale Messe für Buch und Presse in Genf widmet ihre grosse Ausstellung den kulturellen Nachwirkungen der Ägyptenexpedition Napoleons.Dieser Inhalt wurde am 28. April 2005 - 11:33 publiziert
Denn die Ägyptologie geht auf den Weitblick eines Generals und 167 Gelehrte zurück, die ihn bei seinem Abenteuer begleitet hatten.
März 2003: Die USA und ihre Alliierten greifen den Irak an. Im April wird auf dem Gelände des antiken Babylon ein amerikanisches Armeecamp eingerichtet (das dann im September an die polnischen Truppen übergeben wird). Die Hängenden Gärten von Semiramis, eines der sieben Weltwunder... Der Turm von Babel... Schon nur das Wort Babylon sollte eigentlich im Westen aufhorchen lassen.
Stattdessen wurden beträchtliche Schäden angerichtet (Schützengräben wurden ausgehoben, einige Gebiete mit Kies bedeckt, Strassen gebaut), wie J.E. Curtis, Konservator in der Abteilung "Antiker Naher Osten" des British Museum, in seinem Bericht festhält. Grosse Wellen schlägt das trotzdem nicht, weder in der Presse noch bei den Politikern.
Juli 1798: "Von den Pyramiden herab sehen vierzig Jahrhunderte auf Sie", ruft Napoleon seinen Truppen zu, um sie anzutreiben. Ruft er oder soll er gerufen haben, denn ehrlich gesagt ist nicht bekannt, ob er es wirklich sagte.
Aber das ist eigentlich unwichtig... Dass man ihm sie zuschrieb, sagt einiges über sein Bewusstsein aus. Und eines ist nicht zu widerlegen: Als er 1798 an Bord der "Orient" ging, brachen 167 "savants" (Wissende), wie man sie damals nannte, mit ihm nach Ägypten auf.
"Ein Genie"
Warum belastet sich der ehrgeizige junge General, der Ägypten einnehmen will, um die Route von Indien nach England zu blockieren und sich die Kontrolle über das Rote Meer zu sichern, mit 167 Forschern, Intellektuellen und Künstlern?
"Etwas lässt ihm keine Ruhe: Ist Ägypten nicht das Land der Weisheit?", antwortet Christian Jacq, der berühmte französische Schriftsteller, der sich auf das alte Ägypten spezialisiert hat.
"Weil er ein Genie war", meint dagegen Frédéric Künzi, der Kommissar der Genfer Ausstellung. Wie denn? "Napoleon war nicht nur der Krieger, als den man ihn gern sieht. Er war auch ein Mann mit viel Kultur, der viel zur Kultur beigetragen hat", so Künzi.
Und wäre es nur die unglaubliche Menge an Wissen, das die Franzosen aus Ägypten zurückbringen und das ab 1809 unter dem Titel "La description de l’Egypte" (Die Beschreibung Ägyptens) veröffentlicht wird. Es sind insgesamt 24 Bände, vier davon mit Karten, zehn mit Bildtafeln mit Radierungen und zehn mit Texten!
"Die 900 Bildtafeln sind äusserst interessant, denn die Denkmäler Oberägyptens sind ausserordentlich minuziös dargestellt. Einige dieser Tempel sind inzwischen verschwunden, durch Erosion oder Zerstörung durch die Einheimischen. Es gibt Tempel, welche die Ägyptologie nur dank den Tafeln der ‚Description’ kennt", stellt Künzi fest.
"Diese Enzyklopädie ist wichtiger als jene von Diderot", fügt Künzi bei, der trotz seiner Begeisterung für Napoleon von der Veröffentlichung der 'Description’ spricht, als sei es das Werk eines Grössenwahnsinnigen. "Schon nur, dass er sich zum Kaiser machte, war ein grössenwahnsinniger Akt", meint er lächelnd.
Von der Ägyptologie zur Ägyptomanie
In Genf sind die 24 Bände dieser ersten "ägyptologischen" Gesamtheit wahrheitsgetreu wiedergegeben, weil die Stadt- und Universitätsbibliothek (BPU) Genfs ein Exemplar besitzt. In eigens dafür hergestellten Spezialvitrinen werden die gigantischen Bildtafeln ausgestellt.
Genau wie damals: Auch da wurde eigens eine Presse hergestellt, um diese zumindest ungewöhnlich riesigen Stiche drucken zu können. Hundert Künstler arbeiteten zehn Jahre lang an der Ausgabe der 'Description’!
Die Ausstellung zeigt zunächst die Ägyptenkampagne selber, namentlich an Hand von Bildern, Grafiken und Objekten. Als nächstes wird die Arbeit der Gelehrten dargestellt. Karten von einer erstaunlichen Präzision, Zeichnungen von Monumenten, aber auch von Tieren und Pflanzen, von Dingen aus dem Alltag und von Menschen. Das Team der "Kommission der Wissenschaften und der Künste der Orientarmee", wie sie hiess, war wahrhaft interdisziplinär.
Einen besonderen Platz erhält Villotteau, der erste Ethnomusikologe der Geschichte. Er ist in Genf durch eine Sammlung ägyptischer Musikinstrumente aus jener Zeit vertreten. Und von Dolomieu ist eine Serie von Mineralien ausgestellt, deren chemische Formel er identifiziert oder entdeckt hatte – wie zum Beispiel Dolomit.
Der Rosetta-Stein
Etwas länger verweilt man vor einem Abguss des berühmten "Steins von Rosetta", der 1799 in einem Hafen östlich von Alexandrien entdeckt wurde. Auf der Granittafel sind Hieroglyphen in verschiedenen Sprachen eingemeisselt (unter anderem Griechisch und Demotisch, einer späteren Form des Ägyptischen).
23 Jahre später entzifferte Champillion, der auf der Ägypten-Expedition nicht dabei war, die Hieroglyphenschrift, indem er die griechische und die mysteriöse Bilderschrift auf dem Stein, deren Aufschlüsselung man vor Tausenden von Jahren verloren hatte, nebeneinander stellte. Danke, Napoleon.
Als Abschluss der Ausstellung wird der Einfluss des ägyptischen Stils auf die französische Mode im 19. Jahrhundert gezeigt – Möbel, Kunstgewerbe, Architektur.
Für die Militärgeschichte war die Expedition nach Ägypten nicht sehr wichtig, ihr Erfolg war zumindest fragwürdig. Die Kulturgeschichte dagegen wurde zweifelsfrei durch sie geprägt. Die ägyptische Archäologie von heute ist Frankreich dankbar.
Die irakischen Archäologen dagegen haben allen Grund zum Trauern.
swissinfo, Bernard Léchot in Genf
(Übertragung aus dem Französischen: Charlotte Egger)
In Kürze
Die 19. Internationale Messe für Buch und Presse findet von Mittwoch, 27. April, bis Sonntag 1. Mai im Palexpo Genf statt.
In diesem Rahmen stehen auch die Messe Europ’Art, die Studentenmesse, die Musikmesse, und, seit letztem Jahr, die "Messe für Buch, Presse und Kultur aus Afrika"’ sowie das "Alternative Dorf".
Ehrengast: Italien, Gastregion: Rhônes-Alpes.
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