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U-Bahnhof, Berlin Alexanderplatz. Durchschnittstypen, nicht besonders schön noch hässlich, weder besonders arm noch reich, nicht besonders anspruchsvoll, nicht besonders erfolgreich, nicht besonders unzufrieden. Menschen wie «Du und ich» – doch wer mag sich schon selbst zum Durchschnitt zählen… So warten sie also an der Haltestelle. Es ist zugig. Kaltes Licht, schale Luft, teilnahmslose Gesichter, die U-Bahn fährt ein. Gedränge, Geschiebe, die letzten Fahrgäste rennen auf den Bahnsteig, um sich durch die sich schon wieder schliessenden Türen zu zwängen. Die Rücklichter verglimmen im Tunnel, der Bahnhof wirkt für Momente verlassen. Zwei Personen sind zurückgeblieben: eine offenbar ältere Frau – fliederfarbener Anorak mit Fellbesatz, dunkelgraue Hose mit Bügelfalte, schwarze Umhängetasche mit weinroten Applikationen – sitzt matt auf einer der Bänke, mit hängenden Schultern und einer weissen Plastiktüte in der Hand. Ein Halbwüchsiger – abgenutzte weite Cargohose mit grossen Oberschenkeltaschen, braunes Kapuzenshirt, dunkle Jeansjacke – lehnt lässig an einem Pfeiler, beide Hände in den Taschen, den Rucksack über eine Schulter gehängt. Die Frau und der Halbwüchsige scheinen regungslos. Durchschnittsmenschen. Die Überwachungskameras laufen.
Der Bahnsteig beginnt sich wieder zu füllen. Eine junge Frau nähert sich der Bank, schaut skeptisch auf die ältere Frau mit dem fliederfarbenen Anorak, kommt langsam näher, setzt sich zögernd an das andere Ende, schaut immer wieder zu ihr hin. Eine Mutter mit einem kleinen Jungen geht vorbei, sie bleiben stehen, der kleine Junge zeigt auf die Anorak-Frau, zupft an ihrer Jacke, die Mutter scheint etwas zu sagen, zieht den Jungen energisch mit sich fort, beide drehen sich nochmals um. Ein älterer Herr mit Schnauzbart setzt sich neben die Frau, knufft sie in die Seite, legt schliess-lich den Arm um sie, sein Begleiter macht ein Foto. Eine andere Frau bietet ihr mit ausgestrecktem Arm einen Apfel an. Wieder Fotos. Dem Halbwüchsigen am Pfeiler steckt derweil ein händchenhaltendes Paar irgendetwas in die weiten Hosentaschen und bleibt dann tuschelnd in der Nähe stehen. Auch hier wird fotografiert. Da! Ein mittelaltriger Mann schlägt dem Halbwüchsigen im Vorbeigehen seine Plastiktüte ins Gesicht, ein junger Mann kommt raschen Schrittes hinzu, holt aus, ein Faustschlag in den Bauch, ein Fusstritt zwischen die Beine. Die U-Bahn fährt ein. Die Frau hängt schief auf der Bank, der Halbwüchsige am Pfeiler ist zusammengesackt. Sie tragen Masken, die an Catwoman und Spiderman erinnern.
Ausgerüstet mit Klebeband, grober Nadel, dickem Faden und Watte tritt Iris Kettner zu den beiden, flickt, stopft Dellen aus, bringt einen Oberarm wieder in Form und richtet sie wieder auf. «Superheroes» nennt die Künstlerin ihre Kreaturen. Während es ihr wichtig ist, mit ihren Werken ein anderes als nur das übliche Kunstpublikum zu erreichen, wollte die Berliner Verkehrsgesellschaft ein neuentwickeltes Überwachungsverfahren erproben, bei dem die Aufnahmen der in der U-Bahn montierten Kameras von einer Software automatisch nach ungewöhnlichen Bewegungsmustern abgesucht werden. So finden Kunst und Sicherheit zusammen, und Iris Kettner kann ihre Werke unter Tage ausstellen.
Auch wenn einem Iris Kettners Puppen in den Räumen einer Galerie begegnen, wie leblose Artefakte wirken sie selbst dann nicht. Da kann man mit abgeklärter Gewissheit den Raum betreten, hier nichts anderem als handwerklich lausig gemachten Puppen zu begegnen: man schrickt dennoch vor ihnen zurück, ist betroffen von soviel Nähe und Indiskretion – und überrascht über die eigene Reaktion. Es sind doch nur Puppen!
Menschen interessieren sich vor allem für Menschen – das ist bekannt. Doch kann dies allein nicht der Grund sein, warum die Kettner-Kreaturen so starke Emotionen auslösen. In einer Skulpturensammlung wimmelt es schliess-lich auch von Göttern, Helden und Kriegern, deren Staatlichkeit und Ebenmass uns zwar fasziniert, aber doch nicht so an die Nieren geht. «Es gibt … für den Kammerdiener keinen Helden. Das kommt aber bloss daher, weil der Held nur von Helden anerkannt werden kann», so heisst es in Goethes «Wahlverwandtschaften». Und wenn wir auf Puppen so stark reagieren, die aussehen, als seien sie Durchschnittsmenschen in Durchschnittskleidern? Auch da hat Goethe eine Antwort: «Der Kammerdiener wird aber wahrscheinlich seinesgleichen zu schätzen wissen.» Iris Kettners Skulpturen sind ernüchternder als der ungeschminkte Blick in einen Spiegel unter Neonröhrenlicht.
Ob im Ausstellungs- oder im öffentlichen Raum, vor den Puppen der Künstlerin fanden sich immer wieder kleine Sachen, von den Besuchern – wohlgemerkt unaufgefordert – dort deponiert: Kugelschreiber, Haarspangen, Münzen, Zettel… ein wenig wie Votiv- oder Opfergaben an kultischen Orten. Iris Kettner reagierte, indem sie eine im öffentlichen Telefonbuch als solche firmierende Hexe besuchte und sich von dieser alle Rituale beibringen liess, um ihre Figuren mit positiver Energie aufzuladen. (Wenn sie davon erzählt, lässt sie mit keinem Hinweis erkennen, ob sie selber daran glaubt oder nicht.) Die so verhexten Puppen stellt sie auf einen Sockel, der mit einem Kranz von blinkenden Lichtchen umgeben ist: eine Art Madonna, wie auf einem Volks-Fest zur Feier einer Dorfheiligen. Die Besucher kommen in Scharen. Womit wir wieder bei den Göttern wären. Kammerdiener vermögen vielleicht nur ihresgleichen zu schätzen; die Sehnsucht lässt sie vielleicht dennoch dann und wann in dem einen oder anderen Kammerdiener einen Helden sehen.
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Iris Kettner wurde 1968 in Mainz geboren. Nach einer Ausbildung als Gürtlerin in Köln – sie lernte, aus Metallen Gebrauchsgegenstände herzustellen – studierte sie Bildhauerei an der Burg Giebichenstein Hochschule für Kunst und Design in Halle. Neben ihrer Arbeit als Künstlerin arbeitet sie in einer Behindertenwerkstatt oder anderen sozialen Einrichtungen. Seit 1997 lebt sie mit ihrem Partner und ihren zwei Söhnen in Berlin (www.iriskettner.de).
Iris Kettners Kreaturen sind nicht nur an U-Bahnhaltestellen anzutreffen. Hin und wieder begleiten sie die Künstlerin –
in diesem Fall nicht grösser als ein Kind – im Tragtuch auf dem Rücken, beim Einkaufen auf dem Wochenmarkt. Manchmal kauern sie auch am Strassenrand. Doch aufgepasst! In solch einem Fall kann es passieren, dass aus der Comicmaske menschliche Augen blitzen – lebendige Augen, deren Pupillen sich im selben Moment wie die der Passanten vor Schreck erweitern, wenn diese zu nah herangetreten sind.
Iris Kettner wird durch die Galerie Römerapotheke in Zürich vertreten, wo ihre Arbeiten noch bis zum 19. Juli 2008 ausgestellt sind (www.roemerapotheke.ch).