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Das Übereinkommen zum Schutz des Kultur-und Naturerbes der Welt (kurz: Welterbekonvention) von 1972 ist aus dem revolutionären Gedanken entstanden, Natur- und Kulturgüter von aussergewöhnlichem universellem Wert unter die Obhut der gesamten Menschheit zu stellen. Den Anstoss zur Schaffung der Welterbekonvention gab der Aufruf der UNESCO vom 8. März 1960, die durch den Bau des Assuan-Staudammes bedrohten Tempel Abu Simbel für die Nachwelt zu retten. Die Tempel wurden zerlegt und an einer höher gelegenen Stelle wieder aufgebaut. Fünfzig Länder beteiligten sich an den Rettungsaktionen.
Die Welterbekonvention ist eine Erfolgsgeschichte und ein von nahezu der gesamten Staatengemeinschaft anerkanntes Rechtsinstrument: 193 Staaten haben die Konvention ratifiziert (Stand: 1. Januar 2017). Die Schweiz ratifizierte das Übereinkommen 1975.
Die Welterbeliste umfasst zurzeit 1073 Kultur- und Naturerbestätten in 167 Ländern (Stand: 1. August 2017) Sie zeugt vom Reichtum und der Vielfalt unserer Erde: Die Liste umfasst eine Reihe der wichtigsten Werke, Denkmäler und Stadtbilder, die vom Fortschritt zeugen, der aus der Interaktion der Gesellschaften und der Weiterentwicklung des Wissens und der Identitäten entstanden sind. Sie enthält Naturphänomene, umfasst Ökosysteme und zeigt das Spektrum der biologischen Vielfalt. Die Liste beinhaltet auch Kulturlandschaften, welche an der Schnittstelle der Beziehung von Mensch und Natur stehen.
In der Schweiz umfasst das Welterbe 12 Stätten: Eindrückliche Zeugnisse des kulturellen Erbes, das mehrere Jahrtausende abdeckt, aussergewöhnliche Beispiele der Hauptstufen der Erdgeschichte und Entwicklung des Lebens und Gebiete von überragender Naturschönheit. Welterbestätten sind aber nicht einfach nur Orte von herausragender Schönheit, sondern auch Orte, wo wissenschaftliche Forschung betrieben wird, Werte vermittelt und Formen der nachhaltigen Nutzung natürlicher und kultureller Ressourcen erprobt warden.
Eine geteilte Aufgabe
Die Schweizerische UNESCO-Kommission fördert die Koordination aller im Bereich Welterbe involvierten nationalen Akteure. Sie hilft, Synergien zwischen den einzelnen Welterbestätten zu schaffen und unterstützt den Austausch zwischen Site-Managern, Tourismusverantwortlichen, Denkmalpflegern und politischen Instanzen. Das Ziel: der Erhalt dieser einzigartigen Stätten und deren Weitergabe an die künftigen Generationen.
Als Fachbehörden des Bundes für den Heimat- und Naturschutz sind das Bundesamt für Kultur und das Bundesamt für Umwelt für die Begleitung und wissenschaftliche Unterstützung der Welterbestätten zuständig. Die Koordinationsstelle UNESCO des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten ist für die institutionellen Beziehungen auf internationaler Ebene zuständig. Der Verein World Heritage Experience Switzerland bildet das touristische Netzwerk aller Welterbestätten in der Schweiz. Die Site Manager sind für die Bewahrung ihrer Stätte zuständig.
Welterbestätten in der Schweiz:
♦ Kulturerbe
□ Naturerbe
● Grenzüberschreitende Stätte
- Altstadt von Bern (1983) ♦
- Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Müstair (1983) ♦
- Stiftsbezirk St. Gallen (1983) ♦
- Drei Burgen sowie Festungs-und Stadtmauern von Bellinzona (2000) ♦
- Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch (2001, 2007) □
- Monte San Giorgio (2003, 2010) □
- Lavaux, Weinberg-Terrassen (2007) ♦
- Schweizer Tektonikarena Sardona (2008) □
- Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina (2008) ♦ ●
- La Chaux-de-Fonds / Le Locle, Stadtlandschaft Uhrenindustrie (2009) ♦
- Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen (2011) ♦ ●
- Das architektonische Werk von Le Corbusier (2016) ♦ ●
1. Altstadt von Bern
Goethe rühmte Bern als die schönste Stadt, die er je gesehen habe. Die Auszeichnung der barocken Bundeshauptstadt ist berechtigt. Das Erbe der Zähringer ist ein positives Beispiel dafür, wie eine mittelalterliche Stadtstruktur beibehalten und dennoch angepasst werden kann, um auch zunehmend komplexe zeitgenössische Funktionen zu erfüllen. Sie lädt mit imposanten geschlossenen Häuserzeilen und ihrer eindrücklichen Dachlandschaft, den Arkaden, Kellern, Türmen und Brunnen, die zu einem Grossteil in ihrer originalen Substanz erhalten geblieben sind, zum Gang durch die Jahrhunderte ein.
2. Benediktinerinnen-Kloster St. Johann in Müstair
Das Kloster im bündnerischen Val Müstair, das Karl der Grosse um das Jahr 800 gegründet haben soll, bietet einen Einblick ins Mittelalter. Die Kirche, eines der wenigen, fast vollständig erhaltenen Bauwerke des Frankenherrschers, der grösste frühmittelalterliche Wandmalereizyklus aus dem 9. Jahrhundert, die romanische Bilderwelt des 12./13. Jahrhunderts sowie der 957 erbaute Plantaturm, der als ältestes Profangebäude des Alpenraumes gilt, sind Zeuge christlicher Hochblüte. Klösterliches Leben, Kulturpflege, Museum, Forschung und Restaurierung fügen sich zu einem einzigartigen Ganzen zusammen.
3. Stiftsbezirk St. Gallen
Der Wandermönch Gallus hat um das Jahr 612 im Hochtal der Steinach in der Ostschweiz eine Eremitenzelle eingerichtet. Ein Jahrhundert später gründete hier Abt Otmar ein Kloster. Dieses entwickelte sich zu einem bedeutenden kulturellen Zentrum des Abendlandes und erlebte Blütezeiten im frühen Mittelalter, in der Renaissance und in der Barockzeit. Von der barocken Spätblüte zeugt das einmalige architektonische Ensemble des Stiftsbezirks mit Klosterkirche, Stiftsbibliothek und Stiftsarchiv. Diese beiden letztgenannten Institutionen bewahren einzigartige frühmittelalterliche Bestände an Handschriften und Urkunden als Zeugnisse der europäischen Kultur auf.
4. Drei Burgen sowie Festungs-und Stadtmauern von Bellinzona
Verkehrsverbindungen durch die Alpen waren seit jeher von grosser strategischer Bedeutung. In Bellinzona treffen gleich mehrere Passrouten auf engstem Raum zusammen – ein idealer Ort zur Kontrolle des Transitverkehrs. Die Wehranlagen von Bellinzona mit den Burgen Castelgrande, Montebello und Sasso Corbaro sowie deren Festungsmauern haben ihren Ursprung in der Altsteinzeit und waren seither gleichermassen nördliche Grenze der Poebene und südliche Bastion der Alpentäler. Heute ist das Bollwerk der bedeutendste Zeuge der mittelalterlichen Befestigungsbaukunst im Alpenraum.
5. Schweizer Alpen Jungfrau-Aletsch
Diese Welterbestätte, das grösste zusammenhängende vergletscherte Gebiet Eurasiens mit Eiger, Mönch und Jungfrau sowie dem grossen Aletschgletscher, repräsentiert das Herz der Alpen und besitzt auf über 850 km2 Landschaften herausragender Schönheit. Sie umfasst eine der spektakulärsten Hochgebirgslandschaften der Welt, welche in dynamischer Symbiose mit der umgebenden Kulturlandschaft steht. Von mediterran anmutenden Steppenlandschaften bis zu den Gletschern erstreckt sie sich über alle Vegetationsstufen und ist hervorragendes Beispiel für die Entstehung der Gebirge und Gletscher sowie für den aktuellen Klimawandel.
6. Monte San Giorgio
In der Region Mendrisiotto, zwischen den südlichen Armen des Luganersees, erhebt sich der Monte San Giorgio. Neben der prächtigen Aussicht auf die Seenlandschaft öffnet er das Fenster zur Urzeit. Vor 230-245 Millionen Jahren breitete sich hier ein Meeresbecken mit subtropischem Klima aus. Seit 150 Jahren werden Fossilien von Reptilien, Fischen und Krustentieren aus den Gesteinsschichten erforscht. Der Monte San Giorgio ist der beste Zeuge des Meereslebens der Trias- Zeit und die Hauptreferenz für künftige Entdeckungen von Meeresfossilien aus diesem Zeitabschnitt der Erdgeschichte.
7. Lavaux, Weinberg-Terrassen
Bereits im 11. Jahrhundert kultivierten Mönche an den steilen Abhängen zum Genfersee ihre Weinreben. Generationen von Bauern haben hier die einzigartige Terrassenlandschaft gestaltet, welche sich 40 Kilometer dem See entlang erstreckt, und somit eine der grössten zusammenhängenden Weinbauregionen der Schweiz bildet. Mit ihren 14 Dörfern und kleinen Städten widerspiegelt Lavaux auf eindrückliche Art die intensive Nutzung der Weinrebe sowie die Entwicklung einer lebendigen Kulturlandschaft, welche die Kontinuität und die Entwicklung spezifischer kultureller Traditionen erkennen lassen.
8. Schweizer Tektonikarena Sardona
In der faszinierenden Gebirgslandschaft um den Piz Sardona im Grenzgebiet der Kantone St. Gallen, Glarus und Graubünden lassen sich tektonische Prozesse auf anschauliche, weltweit einzigartige Weise im Gelände beobachten. Entlang der weit herum sichtbaren Linie, der “Glarner Hauptüberschiebung”, schoben sich 250-300 Mio. Jahre alte Gesteine über eine Distanz von 35- 40 Kilometern auf viel jüngere, 35-50 Mio. Jahre alte Gesteine. Das 300 km2 grosse Gebiet besitzt einen grossen pädagogischen und wissenschaftlichen Wert, da es ein herausragender Zeuge für das Verständnis der Gebirgsbildungsprozesse und der Plattentektonik ist.
9. Rhätische Bahn in der Landschaft Albula/Bernina
Eine echte Meisterleistung aus der Pionierzeit der Eisenbahn ist die Strecke der Rhätischen Bahn zwischen Thusis und dem italienischen Tirano. In der eisenbahntechnischen Erschliessung des Hochgebirges steht sie einzigartig da: mit vielen innovativen Ideen wurden zahlreiche Schluchten, Felsbarrieren und Steigungen überwunden. Die beiden Hochgebirgsstrecken bilden eine Symbiose von Technik und Natur und fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Der Bau der 128 km langen Strecke hat die räumliche, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Entwicklung im Alpenraum stark geprägt.
10. La Chaux-de-Fonds / Le Locle, Stadtlandschaft Uhrenindustrie
Diese Zwillingsstädte zeugen von einer vollkommenen Symbiose zwischen Urbanistik und Industrie. Ein progressiver unternehmerischer Geist und das Streben nach sozialer Gerechtigkeit haben erlaubt, die Bedürfnisse der Uhrenindustrie und der Uhrenmacher in Einklang zu bringen. Die Produktions- und Wohnstätten sind hier eng verbunden, um sowohl der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, wie auch der Lebensqualität der Arbeiter gerecht zu sein. Die Fortsetzung der Industriekultur im Zeichen von Tradition und Innovation und die authentische Erhaltung und Bewahrung des Stadtbilds sind bemerkenswert.
11. Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen
Die “Pfahlbauten” sind prähistorische Siedlungsreste in Seen und Mooren rund um die Alpen. Die transnationale serielle Stätte umfasst 111 von den rund 1000 bekannten Fundstellen in sechs Ländern (Schweiz, Deutschland, Frankreich, Italien, Slowenien, Österreich) – 56 in der Schweiz. Die Kandidatur erfolgte unter der Federführung der Schweiz, hier zu Lande sind 15 Kantone beteiligt. Die prähistorischen Siedlungsreste erlauben eine lebendige Einsicht in die Entstehung und Entwicklung früher Agrargesellschaften um die Alpen.
12. Das architektonische Werk von Le Corbusier
Die 17 ausgewählten Objekte in Argentinien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Indien, Japan und der Schweiz zeugen von einer unvergleichbaren Kreativität und Vielseitigkeit in verschiedenen Kontexten.
Zwei dieser Objekte befinden sich in der Schweiz: La Petite villa au bord du lac Léman in Corseaux und l’Immeuble Clarté in Genf.
Le Corbusier ist eine Schlüsselfigur der Internationalisierung der Architektur und der Stadtplanung, welche die Stadtlandschaften im 20. Jahrhundert weltweit geprägt hat.