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Der kleine Flugplatz bei Hausen am Albis ZH: Eine Regenfront ist im Anzug, und Wind fegt über die Landebahn. Aus dem grauen Gewölk ist das Knattern eines Motors zu hören. Dann taucht ein Propellerflugzeug auf, das von den Böen regelrecht durchgeschüttelt wird. Die zierliche Maschine steuert den Flugplatz an und setzt dann sicher auf der Piste auf. Aus dem Cockpit klettert ein sichtlich gut gelaunter Mann. Es ist der Neuenburger Transportunternehmer und Hobbypilot Jean-Patrick Ducommun (54).
Das Flugzeug der Marke Luscombe hat einen hölzernen Propeller und einen Vierzylindermotor, der eine Höchstgeschwindigkeit von gerade mal 120 Stundenkilometern erlaubt. Dafür hat der geflügelte Oldtimer ein stolzes Alter auf dem Buckel: Er wurde 1939 in den USA gebaut und dann in die Schweiz importiert. Seither hatte die Maschine rund 20 verschiedene Besitzer. Vor vier Jahren kauften Ducommun und ein mit ihm befreundetes Ehepaar die «Luscombe». In zahllosen Stunden wurde das Flugzeug renoviert, so bekam die Maschine eine neue Segeltuchbespannung, und der Motor wurde gründlich überholt. Viele Arbeiten erledigten die neuen Besitzer eigenhändig.
Doch wozu all der Aufwand für dieses betagte Flugzeug? Ducommuns Begeisterung hat nicht zuletzt damit zu tun, dass die Geschichte der «Luscombe» mit dem grossem Namen Gottlieb Duttweiler verbunden ist: Am Vorabend des Zweiten Weltkriegs machte sich der Migros-Gründer Sorgen um die Schweizer Luftwaffe, der es seiner Meinung nach an Nachwuchs fehlte. Duttweiler wollte darum eine Flugschule aufbauen und gründete 1938 eine Genossenschaft zur Förderung des Flugwesens. Diese Vereinigung schaffte dann drei Schulflugzeuge an, darunter auch die «Luscombe».
Duttweiler wollte 1000 neue Kampfflugzeuge für die Schweiz
Das Projekt der Flugschule versandete allerdings. Bei Kriegsausbruch wurden die drei Maschinen vermutlich von der Schweizer Armee beschlagnahmt. Auch eine andere Dutti-Idee zur Stärkung der Schweizer Wehrhaftigkeit hatte keinen Erfolg: Schon 1937 stellte der Migros-Gründer die abenteuerliche Forderung, die Schweiz solle 1000 amerikanische Kampfflugzeuge anschaffen. Das Megaprojekt sollte finanziert werden, indem jeder Schweizer dafür ein Prozent seines Vermögens opferte. Duttweiler erhoffte sich von der Aufrüstung der Luftwaffe auch eine psychologische Wirkung: Im Schweizervolk sollte «endlich etwas Stolz und Siegeszuversicht» erwachen. Doch politisch hatte das Vorhaben keine Chance.
Für Ducommun spielt dieser Misserfolg aber keine Rolle. Er bewundert, wie der Migros-Gründer angesichts der Bedrohung durch Nazi-Deutschland den Wehrwillen stärken wollte. «Duttweiler war ein überzeugter Demokrat und einer der Baumeister der modernen Schweiz», betont der Neuenburger. Darum hat Ducommun auf Einladung der Gottlieb-und-Adele-Duttweiler-Stiftung einen Gedenkflug zu Ehren von Dutti unternommen und ist mit seiner «Luscombe» vor geladenen Gästen auf dem Flugplatz bei Hausen am Albis gelandet.
Doch wie fühlt es sich eigentlich an, dieses geschichtsträchtige Flugzeug zu lenken? Ein Blick in das enge Cockpit zeigt, dass dem Piloten wenige Instrumente genügen müssen, unter anderem ein Höhenmesser, ein Tacho und ein Kompass. «Doch die einfache Technik macht für mich gerade den Reiz der ‹Luscombe› aus», erklärt Ducommun. «Man ist in diesem leichten, schwach motorisierten Flugzeug ständig in einem Austausch mit Wind und Wetter. Und man spürt, wie abenteuerlich die Fliegerei früher einmal war.» Jeder Flug wird so zu einer Zeitreise — zurück in eine Ära, als Duttweiler noch lebte, energisch für die Demokratie einstand und Schweizer Wirtschaftsgeschichte schrieb.
Autor: Michael West
Fotograf: Paolo Dutto