Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03206.jsonl.gz/1652

Patrick Noordoven (36) sagt heute, er habe schon früh gespürt, dass er andere Wurzeln hätte, als seine Eltern ihn glauben machen wollten. «In der Primarschule im niederländischen Gouda fragten mich die Mitschüler ständig, woher ich eigentlich komme», sagt der junge Mann. Mit seinen dunklen Haaren und den braunen Augen ist er eher ein mediterraner Typ. Patrick fing mit 18 Jahren an, sich für seine Wurzeln zu interessieren. Seine Eltern, auf offiziellen Papieren seine biologischen, wichen aber Fragen nach seiner Herkunft immer aus, offensichtlich weil sie sich vor einer Konfrontation mit ihrem Sohn fürchteten. Erst nachdem Patrick sich von seinem Elternhaus gelöst hatte und in Maastricht in einer Studenten-WG lebte, begann er, im Internet Nachforschungen über sein Leben anzustellen und auf mehreren Reisen nach seinen Wurzeln zu suchen
Mühsame Suche nach der Wahrheit
Heute weiss Patrick Noordoven, dass er am 6. Februar 1980 per Kaiserschnitt im grössten Spital von São Paulo in Brasilien auf die Welt gekommen ist. Seine leibliche Mutter Maria Levina do Nascimento sei fünf Jahre später an einer Herzkrankheit gestorben. «Ich bin ein uneheliches Kind. Wer mein Vater ist, habe ich noch immer nicht herausgefunden», sagt Patrick. Laut offizieller Geburtsurkunde wurde er angeblich am 18. Februar in einer Privatwohnung geboren.
Patrick mit gut zwei Jahren in den Niederlanden.
Das holländische Ehepaar Noordoven hatte Patrick in jenen Februartagen adoptiert und als ihr leibliches Kind registrieren lassen. Mithilfe von Beziehungen zu einem niederländischen Diplomaten habe das Paar sich seinen Kinderwunsch in Brasilien erfüllt. «Ich wurde illegal adoptiert», der junge Mann ist aufgebracht, er spricht Deutsch mit holländischem Akzent. Er habe herausgefunden, dass seine leibliche Mutter eine Haushaltsangestellte war, die mit einem Baby ihren Job hätte aufgeben müssen. Deshalb habe sie ihren Sohn bei einer Tante unterbringen wollen. Seine Nachforschungen hätten auch ergeben, dass er damals auf Wegen, die nicht klar sind, in ein Kinderheim in São Paulo gebracht wurde, das offensichtlich illegale Adoptionen unterstützte.
«Dort hat mich das Ehepaar Noordoven abgeholt», so viel weiss er. Seine Mutter Maria habe von internationalen Adoptionen keine Ahnung gehabt. «Es war nie ihre Absicht, mich fern von der Familie aufwachsen zu lassen.» Patrick Noordoven erfuhr von seiner Tante, dass die Mutter ein paar Jahre nach seiner Geburt in verschiedenen Spitälern São Paulos nach ihm gesucht hatte. Was aus ihrem Sohn geworden ist, hat sie nie erfahren. «Ein paar Mal ist meine Tante meiner Mutter begegnet. Sie weinte, weil sie nicht wusste, was aus mir geworden ist. Ich finde es schrecklich, so etwas hören zu müssen.»
Am meisten erschütterte es ihn zu erfahren, dass er zwei Schwestern hat. Sie heissen Jozilene Maria (41) und Ana Paula (39). Jozilene ist im Norden Brasiliens bei einer Tante aufgewachsen und Ana Paula bei ihrer Mutter in São Paulo, bis diese 1985 starb. Patrick traf seine Schwestern erstmals vor ein paar Jahren in Recife. Die Begegnung war tränenreich und voller intensiver Gespräche.
Problematik von Auslandadoptionen
Laut Uno-Kinderrechtskonvention kann heute ein Kind nur dann zur Adoption ins Ausland freigegeben werden, wenn im Heimatland alle Massnahmen gescheitert sind, eine Familie oder eine andere akzeptable Lösung zu finden. Noch in den 80er-Jahren war das anders, waren Fälle wie der von Patrick Noordoven gang und gäbe. So titelte «Der Spiegel» 1982: «Kinderhandel mit der Dritten Welt – Adoption auf Bestellung». Hier war zu lesen, dass sich damals allein in der Bundesrepublik fast 20'000 Ehepaare um «nur» 10 000 zur Adoption freigegebene Kinder beworben hatten. Bis zu 30'000 Dollar wurde für ein Kind bezahlt, auch von Schweizer Paaren. Viel Geld für Menschen in einem armen Land wie Brasilien.
Zur Zeit der Militärdiktatur war Brasilien «Hauptlieferant» von Kindern, die zur Adoption freigegeben waren. 1988 schätzte «Der Spiegel», dass damals monatlich 400 Kinder das südamerikanische Land verliessen, der Kinderhandel weltweit über eine Million Kinder pro Jahr betraf. Offizielle Zahlen zur illegalen Adoption gibt es allerdings nicht. Das Bundesamt für Statistik weist nur die Zahl der legalen Adoptionen aus: 1980 waren es schweizweit 1583, 2014 weniger als 400. Der Rückgang hat zwei Gründe: Die Reproduktionsmedizin ermöglicht es inzwischen vielen kinderlosen Paaren, eigene Kinder zu bekommen. Ausserdem ist eine Adoption heute mit viel mehr Auflagen verbunden.
Belastende Fragen nach Äusserlichkeiten
Patrick Noordoven wollte mehr über seine Vergangenheit wissen. «Dass sich ein Mensch dafür interessiert, wer er ist, ist ein normaler Wunsch, ja ein Grundbedürfnis.» Er sehe ganz anders aus als seine Adoptiveltern. Er wollte wissen, ob er seine Nase von seiner leiblichen Mutter oder vom Vater geerbt hatte. Und er wurde in den Niederlanden aufgrund seines Äusseren oft gefragt, woher er denn komme.
Mit einer Ungewissheit zu leben, habe ihn zunehmend belastet. «Manchmal hatte ich das Gefühl zu ersticken und nahm deshalb psychologische Hilfe in Anspruch.» Auf der Suche nach seinem wahren Ich reiste Noordoven wochenlang durch Brasilien; dies habe sein Studium der Politik und Internationalen Beziehungen über zehn Jahre in die Länge gezogen, weshalb er Schulden habe machen müssen.
Bruch mit den Eltern und Neuanfang
Mit seinen Adoptiveltern spricht Patrick Noordoven seit über drei Jahren nicht mehr. Er kann ihnen nicht verzeihen, dass sie ihm die Wahrheit über seine Herkunft verschwiegen haben. Seine Kindheit sei zwar in den ersten sechs Jahren unbeschwert gewesen. Doch dann bekam Patrick noch einen fünfjährigen Adoptivbruder. «Mein Leben gestaltete sich schwieriger, als mein Bruder im Teenageralter drogensüchtig wurde.»
Aber ist Noordoven nicht auch ein bisschen dankbar, im sicheren Holland statt in einem Moloch wie São Paulo als uneheliches Kind aufgewachsen zu sein? «Diese Auffassung verstehe und respektiere ich», sagt er. «Nur, die Realität ist komplexer. Heute weiss man, dass jedes Adoptivkind auf irgendeine Weise eines Tages seine Herkunft hinterfragt.» Vielleicht war das ein Grund für das Schweigen seiner Adoptiveltern, vermutet er: «Sie hatten wohl Angst, mich zu verlieren.»
1983: Patricks leibliche Mutter mit seiner Schwester Ana Paula.
Nun haben sie ihr Wunschkind trotzdem nicht mehr. Patrick Noordoven heiratete 2010 die Niederländerin Annelies Poolman (37), die er in einem Amsterdamer Café bei einem Speed Dating getroffen hatte. Noch im selben Jahr wanderte das junge Paar nach Brasilien aus, um dort ein neues Leben zu beginnen. Ein Jahr später erhielt Annelies ein Jobangebot in der Schweiz, und das Paar zog an den Zürichsee. Inzwischen arbeitet Noordovens Frau als Managerin für ein Unternehmen in Zürich. Sie kann mit ihrem Einkommen für beide sorgen.
Denn ihr Mann beschäftigt sich seit seinem Studienabschluss im vergangenen Jahr ausschliesslich mit der von ihm gegründeten NGO Brazil Baby Affair (BBA), laut Patrick Noordoven ein Hilfsverein für Menschen und Familien mit einem ähnlichen Schicksal wie dem seinen. Es sei eine Arbeit ohne Ende, er bringe sein ganzes Wissen ein und reise immer wieder an Konferenzen, um die Öffentlichkeit wachzurütteln.
Vor Jahresfrist konnte Brazil Baby Affair einen ersten Erfolg verbuchen: Die auf Spenden angewiesene NGO brachte eine Frau mit ihrer leiblichen brasilianischen Mutter zusammen. BBA unterstützt auch Menschen, die legal in Brasilien adoptiert wurden, bei der Suche nach ihren biologischen Eltern.
Noordoven selbst fühlt sich nach allem, was er nun über seine Herkunft weiss, besser denn je: «In der Schweiz bin ich zu Hause, obwohl ich mich als Brasilianer fühle, der in den Niederlanden aufgewachsen ist. Die Schweiz ist das beste Land der Welt.»
Er möchte weiterhin glücklich sein mit seiner Frau und mit seiner Aufgabe für Brazil Baby Affair. Es gebe in seiner Generation Tausende mit seinem Schicksal. Deshalb will er sich noch lange mit Herzblut dafür engagieren.
Mehr Infos unter www.brazilbabyaffair.org
Autor: Reto E. Wild
Fotograf: Tanja Demarmels