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Pedro Lenz über einen stoischen Fussballlehrer.
Schon als Spieler blickte er meist nachdenklich in die Welt. Vicente del Bosque hatte ein hohles Kreuz, lange Haare und traurige Augen, als er in den siebziger Jahren das Mittelfeld von Real Madrid dirigierte und fünfmal spanischer Meister wurde. Sein Vater Fermín, Eisenbahner und Gewerkschafter, war nach dem Spanischen Bürgerkrieg in einem Konzentrationslager bei Avila interniert worden.
Vicente del Bosque muss sich daran erinnert haben, als er neulich neben dem rechtskonservativen Staatschef Mariano Rajoy für ein Mannschaftsfoto posieren musste. Der Trainer achtete auf gebührenden Abstand zum Politiker, der sich im Ruhm der Fussballer sonnen wollte. «Es wäre dumm und zynisch, die Hoffnung eines krisengeschüttelten Landes an den Erfolg im Fussball zu knüpfen», erklärte del Bosque, als er merkte, dass Rajoy genau dies tun wollte.
Als Vicente 1950 in Salamanca zur Welt kam, war die Familie del Bosque arm und geächtet. Die Erfahrungen seiner Kindheit haben den heutigen Trainer der spanischen Nationalmannschaft geprägt. Werte wie Demut und Solidarität sind für ihn keine leeren Floskeln. Als junger Fussballer war er zu schüchtern, um Mitspieler wie Günter Netzer zu duzen. Er sagte wenig und lernte viel. Nach seiner Karriere wurde er Jugendtrainer bei Real Madrid, weil dieser Klub, wie er selbst sagte, seine Heimat geworden war. Bescheiden erfüllte der ehemalige Starspieler jahrelang seine Arbeit mit den Jugendlichen.
Später berief man ihn, als bei Real mal wieder ein Startrainer gefeuert worden war, zum provisorischen Cheftrainer. Die vermeintliche Verlegenheitslösung wurde zum Glücksfall für den Klub. Unter Vicente del Bosque gewannen die Weissen in drei Jahren zwei Meisterschaften und zweimal die Champions League. Kurz nach dem Gewinn des zweiten Meistertitels wurde ihm allerdings mitgeteilt, sein Vertrag werde aufgelöst. Dem Grossklub war der Erfolg in den Kopf gestiegen. Das Präsidium wollte einen Cheftrainer mit mehr dynamischer Ausstrahlung. Doch wer nun glaubte, del Bosque sei über seine Absetzung verbittert, staunte darüber, mit welcher Ruhe er die Leute, die ihn eben entlassen hatten, in Schutz nahm: «Fussball ist ein sehr mediales Geschäft geworden, was sich heute verkauft, sind Bilder. Und ich muss zugeben, dass ich tatsächlich nicht besonders gut aussehe», sagte er mit der ihm eigenen Selbstironie.
Dass er derart stillos aus dem Klub, den er als seine Heimat bezeichnete, vertrieben worden war, nagte lange am ruhigen Fussballlehrer del Bosque. Als er vor vier Jahren zum spanischen Nationaltrainer berufen wurde, zweifelten viele Experten an seiner Fähigkeit, ein Team, das eben Europameister geworden war, erfolgreich führen zu können.
Aber del Bosque führte die Stars nicht, er leitete sie nur an und gewann mit ihnen die Weltmeisterschaft 2010. Er habe seinem Sohn Alvaro versprochen, den Pokal heimzubringen, erklärte der dreifache Familienvater. Alvaro hat ein Downsyndrom und war der stolzeste junge Mann Spaniens, als er die Weltmeister auf ihrem Triumphzug durch Madrid begleiten durfte.
In den letzten Tagen haben Exponenten der Sportpresse in Spanien begonnen, über del Bosque herzuziehen, weil sie befanden, das Spiel seiner Mannschaft sei langweilig geworden. Nach einem Europameistertitel und einer Weltmeisterschaft genügte es manchen SpanierInnen offenbar nicht, dass del Bosque weiter Spiel um Spiel gewann, sie wollten mehr Spektakel. Der Mann mit dem traurigen Blick nahm die Kritik entgegen, wie er alles entgegennimmt, unaufgeregt: «Wir leben in einem freien Land, Gott sei Dank. Alle haben das unbestrittene Recht, meine Arbeit infrage zu stellen. Ich bitte um Verständnis dafür, dass ich nicht allen, die mich kritisieren, persönlich antworten kann, mein Arbeitspensum erlaubt es nicht.»
Pedro Lenz, 47, ist Schriftsteller und lebt in Olten. An der Hand seines spanischen Patenonkels sah er Vicente del Bosque mehrmals live spielen und bewunderte dabei vor allem dessen Langhaarfrisur und dessen poetischen Namen.