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Von Martin Stohler
Bevor die 1889 gegründete Sozialistische Internationale im Ersten Weltkrieg unterging, konnten einige der in ihr zusammengeschlossenen Parteien beeindruckende (Wahl-)Erfolge feiern. Dies gilt namentlich für die deutsche Sozialdemokratie, deren Aufstieg August Bebel massgeblich mitgestaltet hat. In seinem 100. Todesjahr erinnert eine im Zürcher Rotpunkt erschienene Biografie von Jürgen Schmidt * an den streitbaren Sozialisten.
Als August Bebel am 13. August 1913 während eines Kuraufenthalts in Graubünden verstarb, war dies selbst Lokalzeitungen eine Nachricht wert, in der sein Wirken gewürdigt wurde. So lesen wir beispielweise in der Sissacher «Volksstimme» vom 16. August 1913: «A. Bebel, geb. am 22. Februar 1840 zu Köln, erlernte in seiner Jugend das Drechslerhandwerk und liess sich 1864 in Leipzig als Meister nieder. Seit 1861 war er ein Anhänger der deutschen Arbeiterbewegung und wurde 1869 einer der Gründer der deutschen sozialdemokratischen Arbeiterpartei. (…) Mit August Bebel ist der letzte Führer der deutschen Sozialdemokratie gestorben, der die Bewegung von Anfang an miterlebt und an ihr teilgenommen hat. Es gibt in Deutschland keinen Politiker, der sich in seiner Partei eine so grosse Popularität erworben hätte wie Bebel in der Sozialdemokratie.» Bebels damalige Popularität hat allerdings nicht verhindern können, dass er wie viele seiner Genossen weitgehend in Vergessenheit geriet. Umso erfreulicher, dass eine neue Biografie ihm den verdienten Platz in der Geschichte zurückgibt.
Reichstagsmandat und Gefängniszelle
Auf seinem Weg vom erfolgreichen Kleinunternehmer zum einflussreichen Spitzenpolitiker hatte der gelernte Drechsler und unerschrockene Organisator Bebel – unterstützt von seiner Ehefrau Julie – gegen mancherlei Schwierigkeiten zu kämpfen, insbesondere auch gegen obrigkeitsstaatliche Repression.
1878 wurde seine Partei gar mit dem Gesetz «gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie» für mehr als ein Jahrzehnt in den Untergrund getrieben. Bebel verteidigte in diesen Jahren erfolgreich seinen Sitz im deutschen Reichstag. Diesem gehörte er von 1871 mit Ausnahme der Jahre 1881–1883 bis zu seinem Tod an.
Mehrmals musste Bebel für seine Überzeugungen auch Haftstrafen antreten. Er nutzte die Zeit hinter Gitter, um an Büchern zu arbeiten, so etwa an seinem Long- und Bestseller «Die Frau und der Sozialismus».
Massenpartei mit Richtungskämpfen
Die Repression konnte den Aufstieg der deutschen Sozialdemokratie nicht bremsen; nach dem Fall des «Sozialistengesetzes» wurde sie gar zu einer Partei mit Millionen von Wählern. Dies stellte die Parteiführung vor neue Probleme, gab es doch im damaligen Deutschland praktisch keine Kräfte, mit denen sich die Sozialdemokraten hätten verbünden können, um tiefgreifende Reform durchzusetzen. Dies führte zu Richtungskämpfen in der Partei, in denen Bebel oft eine entscheidende Rolle zukam.
Schmidt beleuchtet in seiner Biografie die unterschiedlichen Seiten von Bebels Leben als Kleinunternehmer, Organisator, Publizist, Berufspolitiker und Familienmensch. Dabei gelingt es ihm gut, die grossen Linien herauszuarbeiten. Bisweilen wünschte man sich allerdings eine etwas eingehendere Darstellung von Bebels politischen Ansichten.
Schade ist auch, dass Jürgen Schmidt nicht auf Bebels Buch «Charles Fourier – Sein Leben und seine Theorien» eingeht. Bebel verfasste diese Schrift über den französischen Frühsozialisten, das 1888 in der «Internationalen Bibliothek» des Dietz-Verlags erschien, während einer mehrmonatigen Haftstrafe. Dabei konnte er sich auf die umfangreiche Sammlung von Publikationen Fouriers und seiner Anhänger stützen, die ihm der Zürcher Sozialist Karl Bürkli zur Verfügung stellte.
Bebel und die Schweiz
In seinen letzten Lebensjahren war Bebel oft zu Gast in Zürich, wo seine Tochter Frieda lebte und seine Frau begraben war. Die guten Beziehungen Bebels zur Schweizer Sozialdemokratie und zur Schweiz gingen auf die Jahre des «Sozialistengesetzes» zurück, als die deutschen Sozialdemokraten ihre Zeitung vorübergehend in der Schweiz herstellten und von hier ins «Reich» schmuggelten.
August Bebel wurde am 17. August 1913 in Zürich beigesetzt. Die Trauerfeierlichkeiten glichen einem Staatsbegräbnis; in der «Volksstimme» vom 20. August heisst es dazu unter anderem: Der Leichenzug «setzte sich punkt 2 Uhr unter den Trauerklängen von 4 Musikkorps und einiger Trommlerabteilungen in Bewegung, voran etwa 300 Kranzträger, zwischen diese zwei Kranzwagen eingeschoben. (…) Zehntausende bildeten auf dem einstündigen Weg bis zum Zentralfriedhof Spalier.» – Nur ein Jahr später läuteten in Europa ganz andere Totenglocken. Anders als viele Sozialisten gehofft hatten, wurden aber nicht die kapitalistischen Staaten und der Militarismus zu Grabe getragen, sondern die vielbeschworenen Ideale der Sozialistischen Internationale.
*Jürgen Schmidt: August Bebel – Kaiser der Arbeiter. Rotpunktverlag, Zürich 2013. 285 Seiten, 34 Franken.
Martin Stohler, Jahrgang 1955, ist Historiker, eingefleischter Dylan-Kenner und Korrektor. Aufgewachsen ist er in Pratteln und Buckten. Er lebt und arbeitet in Basel. Diverse seiner Beiträge erschienen unter anderem in der Sissacher «Volksstimme», den «Baselbieter Heimatblättern» und in der «TagesWoche». Martin Stohler ist Mitherausgeber der Reihe «Service Public» in den Editions le Doubs, St-Ursanne.
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