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Das Trinkwasser riskiert uns vor dem Erdöl auszugehen. Doch, obwohl es viel Vorstellungskraft braucht, um uns ein Leben ohne Erdöl und dessen Derivaten vorzustellen, ist Trinkwasser noch viel wichtiger. Unser Leben hängt direkt davon ab. Es ist unersetzlich. Ohne Wasser sterben wir innerhalb von 2-3 Tagen.
Wie schon beim Erdöl ist nun auch um die noch vorhandenen Trinkwasserreserven ein Kampf ausgebrochen. Doch dieser wird von viel ungleicheren Parteien ausgetragen: kapitalstarke multinationale Unternehmen wie Nestlé einerseits und die Bevölkerungen verschiedener Regionen andererseits, dessen Grundwasser für wenig oder gar kein Geld abgezapft, abgefüllt und für stolze Preise verkauft wird. In Nigeria beispielsweise kostet 1l Pure Life (ein Flaschenwasser von Nestlé) mehr als 1l Benzin. Nestlé allein setzt mit dem Wasserbusiness 9 Milliarden Franken jährlich um. Wasser ist das nächste Gold.
Darf ein lebenswichtiges Gut privatisiert werden? Darf man etwas jemandem vorenthalten, ohne dessen dieser jemand bald stirbt?
Ich denke, die Antwort auf diese Fragen ist nein. Die Privatisierung eines solchen Guts bedeutet Macht über Leben und Tod von ganzen Völkern. Eine solche Machtkonzentration ist in jedem Fall sehr heikel, erst recht bei einem gewinnorientierten Unternehmen.
Peter Brabeck, Verwaltungsratspräsident von Nestlé, verteidigte sich in einem Interview damit, dass er findet, die täglichen 5l Verbrauch und 20l für die Mindesthygiene pro Person seien ein Menschenrecht und sollten deshalb frei sein. Nun, abgesehen davon, dass dies noch lange kein Freipass für Privatisierung und eigennützige Monetisierung des übrigen Wassers ist, zeigt der Dokumentarfilm Bottled Life, dass sich Nestlé selber nicht daran hält. In Pakistan zum Beispiel trocknen Brunnen aus in der Umgebung, wo Nestlé Grundwasser abzapft. Das Unternehmen gibt der Landwirtschaft die Schuld. Eine Mitschuld sieht es bei sich nicht.
Eins muss man Herrn Brabeck lassen: In Interviews und Reden, in der Theorie, wenn er von sozialer Verantwortung spricht, sagt er oft schöne und richtige Worte. Doch von einer unscheinbaren, kleinen Gruppe von Reportern interviewt, in einer Situation, wo er sich unangreifbar fühlte, definierte er soziale Verantwortung so:
” Ich bin immer noch der Meinung, dass die grösste soziale Verantwortung jedes Geschäftsführers darin besteht, dass er die Zukunft, die erfolgreiche, profitable Zukunft seines Unternehmens festhält und dass er die sicherstellt.”
Herr Brabeck scheint die Begriffe “soziale Verantwortung” und “Shareholder value” nicht auseinander halten zu können. Besser ist seine Beurteilung der Moral des Geschäfts mit dem Wasser nicht:
“Es geht darum, ob wir die normale Wasserversorgung der Bevölkerung privatisieren oder nicht. Und da gibt es verschiedene Anschauungen: Die eine Anschauung – extrem würde ich sagen – wird von einigen von den NGOs vertreten, die darauf pochen, dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird. Das heisst: als Mensch sollten Sie einfach Recht haben, Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung. Und die andere, die sagt: Wasser ist ein Lebensmittel, so wie jedes andere Lebensmittel sollte das einen Marktwert haben.”
(Zitate aus dem Film We feed the world)
Dass jedermann ein Recht auf Wasser hat, ist seiner Meinung nach ein extremer Standpunkt. Wie soll man angesichts dieser Aussage sein oben erwähntes Zugeständnis werten, dass jeder Mensch ein Grundbedarf an Wasser frei erhalten sollte? Wie können wir seine Beteuerungen glauben, es ginge ihm und Nestlé darum, die Trinkwasserreserven für die Zukunft zu erhalten? Und auch das Engagement in Trinkwasserprojekten in Drittweltländern vermag diese Haltung nicht in ein besseres Licht zu rücken. Erst recht nicht, da Nestlé sich mit Projekten zu schmücken scheint, die es gar nicht mehr unterstützt.
Wenn wir dieser Gier keine Schranken setzen, werden wir uns womöglich bald im Luft-Anhalten üben müssen.
(Hier findet man Nestlés – meiner Meinung nach wenig überzeugungskräftige – Stellungnahme zu den im Dokumentarfilm Bottled Life enthaltenen Vorwürfen.)