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Würde Platon googeln? ADRIAN LOBE, NZZ
Der erste philosophische Grundsatz heisst: Alles hinterfragen. Dass die Entwicklung der Technik zu neuen Fragen führt, ist klar. Man konnte sich vor 80 Jahren fragen, ob Platon sich in ein Flugzeug setzen würde. Das ist insofern pikant, als er die Sage von Ikarus kannte, der mit seinem Fluggerät abstürzte und zum Mahnmal für seine Nachfahren wurde.
Wenn schon Platon nicht googelte, googeln Sie mal ihn. Da sehen Sie als erstes eine Zeiterfassungssoftware. Wie schnöde aus philosophischer Sicht, die Zeit erfassen zu wollen. Bei Ikarus erscheinen Designermöbel. Und bei Sokrates? Falsch, da kommt das Gesundheitszentrum erst an zweiter Stelle, Zeus sei Dank.
Die Beispiele zeigen, wie die Suchmaschine funktioniert. Sie filtert nach eigenen Gesetzen, und niemand steht über ihr. Weder der europäische Gerichtshof noch der deutsche Staat mit seinem Netzdurchsetzungsgesetz – zu Befehl, Sturmbannführer – werden dem Filter den Meister zeigen.
So räumt er auch in den eigenen Reihen unerbittlich auf. Wer den Diversity-Regeln nicht entspricht, wird gefeuert. Ein verbaler Faux-Pas oder eine die politisch korrekte Empfindung störende These, und du bist raus. Und die sensibilité (nicht zu verwechseln mit der deutschsprachigen Sensibilität), die Empfindlichkeit ersetzt die erste Forderung der französischen Revolution, die liberté. Zu behaupten, dass sie gleich auch die égalité und die fraternité aushebelt, ist ebenso wahr wie ein fristloser Entlassungsgrund.
Die Frage ist also nicht, ob Platon googeln würde, sondern ob Google Platon einstellen würde. Klar. Spätestens jedoch bei seiner These, dass die Demokratie eine entartete Volksherrschaft darstelle, würde er entlassen. Und auch Bemühungen, von der Entartung lesbische Afroafrikanerinnen, jüdische Krankenpfleger oder stillende Mütter auszunehmen, würde nichts ändern.
Repression gegenüber Philosophen hat Tradition. Philosophinnen werden in der Ideengeschichte weniger rezipiert – ha, wie habe ich die androzentrische Klippe, dass es sie (fast) nicht gab, elegant umschifft und bleibe dafür in Lohn und Brot.
Auch Sokrates würde zweifelsohne googeln, nur würde er nichts ausdrucken. Er schrieb ja nichts auf. Dennoch wurde er zur Einnahme des Schierlingsbechers verurteilt, die Mündlichkeit schützte ihn nicht. Zeugen, die Ungeheuerliches zu berichten wissen, finden die Richtenden immer: Sokrates habe die Jugend verdorben und die Götter nicht respektiert. Dabei war nicht einmal das, was heute zu seiner sofortigen Entlassung führen würde, der pädagogische Eros, der Grund.
Sowohl Sokrates als auch Platon wären Content Manager bei Google bzw. dessen Mutterunternehmen Alphabet geworden. Sie wären es aber nur sehr kurze Zeit geblieben und spätestens nach dem zweiten Shitstorm (philosophisch: der zweiten Antithese) brotlos geworden.
Adrian Ramsauer,
25.8.2017, 116. Jahrgang, Nr. 237.
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