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Mit einer Flügelspannweite von 2.80 Metern ist der Bartgeier, der früher Lämmergeier genannt wurde, der grösste Vogel der Alpen. Der in Europa, Asien und Afrika verbreitete Geier fühlt sich oberhalb der Waldgrenze, in felsen- und schluchtenreichen Landschaften, mit grossen Höhenunterschieden, am wohlsten. Mit seinen gewaltigen Flügeln kann er geringste Aufwinde nutzen und Gebiete von 100 bis 400 km² erkunden. Im Flug sucht er nach herumliegenden Knochen, seiner Lieblinsmahlzeit. 80 Prozent seiner Nahrung besteht aus Knochen, die alle wichtigen Nährstoffe, wie Eiweiss, Fett und Mineralstoffe enthalten. Dafür hat der Bartgeier eine spezielle Technik entwickelt. Wenn die Knochen zu gross sind, um sie einfach zu schlucken, packt er sie mit den Fängen und lässt sie aus einer Höhe von 50 bis 80 Metern auf Felsen oder Steinplatten fallen, so dass die Knochen zersplittern. Oft müssen Bartgeier die Knochen mehrmals abwerfen, bis sie zerbrechen. Die Knochen werden immer an der gleichen Stelle abgeworfen; diese Stellen werden Bartgeierschmieden genannt.
Nicht zu unterscheiden
Bartgeiermännchen und Bartgeierweibchen sehen genau gleich aus. Nicht einmal ein Fachmann kann ohne Blut- oder Gewebeuntersuchungen feststellen, welches Geschlecht ein Vogel hat. Deutliche Unterschiede können jedoch zwischen den Jungtieren und den erwachsenen Bartgeiern gemacht werden. Der Jungvogel hat dunkle Federn und hellere und kontrastreichere Flügeloberseiten als die Altvögel. Erwachsene Bartgeier haben neben einem dunklen Rücken, dunklen Flügeln und einem dunklen Schwanz, einen hellen Kopf, hellen Hals und einen hellen Bauch. Es kommt dazu, dass sie ihr Federkleid zusätzlich schminken. Der rostbraune Schimmer in den hellen Federpartien entsteht durch das gezielte Baden in eisenoxidhaltigem Wasser. Der Bart besteht aus borstenartigen Federn am Ober- und Unterschnabel und ist bei den erwachsenen Tieren stärker ausgeprägt als bei den Jungtieren.
Bartgeier erreichen relativ schnell die Körpergrösse der ausgewachsenen Vögel. Das Alterskleid tragen sie erst mit dem Erreichen der Geschlechtsreife nach fünf bis sieben Jahren.
Halbpfündige Eier
Die Fortpflanzungszeit beginnt im Herbst mit dem Horstbau. Mit eindrücklichen Flugspielen beeindruckt das Männchen den Partner. Die Begattung dauert nur einige Sekunden. Nach etwa 55 Tagen legt das Weibchen zwei 200 bis 250 Gramm schwere Eier. Die unmittelbare Umgebung des Nestes, wird gegenüber Eindringlingen verteidigt. Nach 50 bis 60 Tagen schlüpfen die Jungen. Das Erstgeschlüpfte tötet das jüngere, was in der Fachsprache „Kainismus“ genannt wird. Das Jungtier wird von den Eltern mit Fleisch gefüttert, nach einiger Zeit kommen auch Knochen dazu. Nach gut 100 Tagen verlässt der junge Bartgeier den Horst. Im Juni beginnt der Bergfrühling. Das Nahrungsangebot für die sich selbst überlassenen Jungvögel ist dann optimal. Später streifen die jungen Bartgeier in Junggesellenverbänden weit umher und besiedeln neue Gebiete. Nach fünf bis sieben Jahren werden sie geschlechtsreif. Bartgeier werden 30 bis 35 Jahre, in Gehegen bis gegen 50 Jahre alt.
Das Verbreitungsgebiet
Das Hauptverbreitungsgebiet der Bartgeier erstreckt sich von den Mittelmeerländern bis zur Mongolei und nach Zentral- und Westchina. In Afrika findet man den Bartgeier in einigen Gebieten Ost- und Südafrikas, im äthiopischen Hochland sowie Teilen Marokkos. Auch in Südwest-Arabien existiert ein kleines Vorkommen.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Bartgeier in den Alpen und den Gebirgen Südeuropas in Gebieten von 700 bis 2500 m über Meer recht häufig anzutreffen. Heute finden wir ihn noch in den Pyrenäen, auf Korsika, Kreta und im Balkan. Seit 1986 lebt der Bartgeier dank eines aufwendigen Aussetzungsprojekts wieder in den Alpen.
Lügengeschichten
Bartgeier fliegen oft sehr tief über den Boden und sind recht neugierig. Dieses Verhalten und die Tatsache, dass sie mit einer Flügelspannweite von bis zu 2.80 Meter eine stattliche Grösse aufweisen, hatten die Beobachter dazu angeregt, Lügenmärchen über den stolzen Vogel zu verbreiten. Wilde Geschichten, wie etwa, dass dieser kleine Schafe raube und auch vor Kleinkindern keinen Halt mache, führten dazu, dass der Vogel in den Alpen ausgerottet wurde. Heute wissen wir, dass der Bartgeier selbst keine Beute schlägt und sich nur von Aas ernährt. 1913 wurde der letzte Bartgeier der Alpen im italienischen Aostatal abgeschossen.
Wiederansiedelung 1986
1978 trafen sich verschiedene Fachleute aus mehreren europäischen Ländern, um Grundlagen für die Wiederansiedelung des Bartgeiers in den Alpen zu schaffen. Rund 30 Zoos und Tierparks aus 10 verschiedenen Ländern beteiligten sich am Zuchtprogramm für das Bartgeierprojekt. Nach Aufklärungsarbeiten in den Freilassungsorten war es im Frühling 1986 endlich soweit. Die ersten Jungtiere wurden in Österreich in die Freiheit entlassen. Daraufhin setzte man jeden Frühling einige Bartgeier in Frankreich, Italien, Österreich und seit 1991 im Schweizer Nationalpark (siehe mehr zum Thema) aus. Bis Ende 2002 wurden 114 Bartgeier freigelassen, 21 davon in der Schweiz. Einige sind gestorben oder mussten wieder eingefangen werden. Heute leben in den Alpen wieder 60 bis 70 Tiere. Im April 1997 ist der erste Bartgeier in freier Wildbahn geschlüpft, seither gilt das Aussetzungsprojekt als geglückt.