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1. Klassische Musik ist nur für Privilegierte
Das Geniessen klassischer Musik ist nicht das Privileg einer hauchdünnen Schicht von Auserwählten, die sich für reich und intelligent genug halten, sie zu verstehen.
2. Man muss sich auskennen
Um sich auf Bach und Mozart einzulassen, muss man nicht wissen, welche Gabel man zum Fischgang benutzt. Und auch nicht, was der Unterschied zwischen einer Köchelverzeichnis- und einer Opus-Nummer ist.
3. Die Komponisten spinnen doch alle
Die grossen Komponisten waren keine Wahnsinnigen, sondern Menschen wie du und ich. Mit der Ausnahme Schumanns gibt es keinen grossen Komponisten, bei dem eine ernsthafte psychische Krankheit diagnostiziert worden wäre.
4. Die Konzert-Etiquette ist heilig
Nirgendwo ist festgelegt, dass Konzerte mit sogenannter «klassischer Musik» einem strengen und geheiligten Format folgen müssen. Das Publikum muss mucksmäuschenstill dasitzen und darf zwischen den Sätzen ja nicht klatschen? Beethoven hätte diese Vorstellung zum Wiehern gebracht.
5. Konzerte sind für Kenner
Das Publikum möchte während eines Konzerts nicht unbedingt lange Aufsätze von Musikwissenschaftlern lesen. Es wäre auch interessiert zu erfahren, dass Bach in den Knast kam, weil er besoffen war und auf der Orgelempore Sex mit einem Mädchen hatte.
6. Kein Publikumskontakt
Dem Musiker ist es nicht bei Strafe verboten, mit den Publikum Kontakt aufzunehmen. Auch wenn es ein extrem seltenes Ereignis ist, das normalerweise vom Plattenlabel in Form einer Signierstunde erzwungen wird.
7. Junge Menschen passen nicht an klassische Konzerte
Neue, jüngere Besucher anzuziehen, entwertet die Welt der Klassik nicht. Auch wenn das manche Leiter von Musikhallen und Konzertagenturen meinen. Es ist auch kein Problem, in Jeans im Konzertsaal aufzukreuzen oder an den falschen Stellen zu klatschen.
8. Man muss kerzengerade auf dem Stuhl sitzen
Es ist nicht verboten, mit alter Musik neue Dinge zu versuchen. Man darf den Arm um seine Begleitung legen. Selbst das Einschlafen während des Konzerts ist erlaubt.
9. Klassische Musik muss aufgepeppt werden
«Crossover» – eine Gruppe von «heissen jungen Dingern» herauszuputzen und sie eine Kombination von kurzen berühmten Passagen aus längeren Werken und «Phantom der Oper» spielen zu lassen – ist keine Lösung für die Misere der Klassik-Industrie.
10. Die Welt braucht keine klassische Musik
Es ist unverzichtbar, ab und zu ein klassisches Konzert zu hören. Wo sonst können wir heutzutage eine Stunde lang hingehen, ohne von Tweets und Emails bombardiert zu werden?
James Rhodes
Die Musik habe sein Leben gerettet, sagt der Londoner Pianist. Deshalb setzt er
sich für die Vermittlung klassischer Musik ein. Wobei er das Wort «klassisch» eigentlich hasst. In seiner erstaunlich ehrlichen Biografie erzählt er, dass er als Kind jahrelang sexuell missbraucht wurde. Durch die Musik von Bach und Rachmaninoff fand er zurück ins Leben.
Buchhinweis
James Rhodes: «Der Klang der Wut. Wie die Musik mich am Leben hielt». Nagel & Kimche, 2016.