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Bitte Augen und Ohren offen halten und Weitersagen!
Dominique Schletti zu Besuch bei Familie Hussein
Höchste Zeit also, eine dieser Familien näher kennen zu lernen.
Ich bin bei Familie Hussein zu Besuch, werde herzlich empfangen und ins Wonhzimmer geführt. Ein grosses Sofa, dazu ein Tischchen, ein Esstisch, Stühle, ein grosser Fernseher.
Nasria, die Mutter, bringt Tee und Knabbereien. Über dem Sofa hängt das einzige Bild, eine Hochzeitsfotografie.
Ich frage, ob ich fotografieren dürfe und klar, wir machen gleich ein Familienfoto. Die Familie Hussein sind Nasria und Abdullah sowie ihre Kinder Said, (18 Jahre), Shirin (16), Ismail (15), Diyar (11), Barzan (9) und Shavin (4). Leider fehlen Ismail und Barzan auf dem Foto. Ich solle dann schreiben, dass Nasria das Kopftuch einfach trage, weil es ihr gefalle. Auf meine Frage, ob die Familie einer Religion angehöre, meint der Vater: „Nein, alle Menschen sind gleich“.
Ich möchte vor allem wissen, wie die Familie in Syrien gelebt hat. Sie kommt aus Qamishli, einer Stadt in der Provinz Al-Hasaka im Nordosten Syriens, nahe an der Türkischen Grenze. Die Familie wohnte am Rande der Stadt, etwa 10 km vom Zentrum entfernt. Dort war es eher ländlich und es gab viele Felder rund ums Haus. Diyar erzählt, sie hätten einen eigenen Garten gehabt und ein Haus, das sie aus Steinblöcken, Schlamm und Zement selbst gebaut haben. Das Haus bestand aus zwei grossen Zimmern, einer Küche und einem Bad. Zur Familie gehörten viele Tiere: Schafe, Windhunde, Katzen, Hasen, Hühner, Kanarienvögel, Ziegen und früher auch ein Pferd. Die Tiere waren in einem Anbau untergebracht. „Die Hasen waren überall“, lacht Shirin. Als die Familie ihr Zuhause verliess, verschenkte sie alle Tiere an Verwandte und Freunde. Diyar, der sich zusammen mit seinem Vater vor allem um die Tiere gekümmert hatte, durfte hier in Bern zwei Kanarienvögel kaufen.
Die Grosseltern, Onkel und Tanten wohnten alle in der Nähe, jedoch in eigenen Häusern. Wie sich denn die Familie organisiert habe mit lediglich zwei Räumen, möchte ich wissen. Shirin erklärt mir, alle hätten im gleichen Raum auf Matratzen geschlafen. Durch den Tag habe man die Matratzen aufgestellt, um mehr Platz zu schaffen. Im Winter habe man sich warm gegeben, im Sommer, bei grosser Hitze, musste man Nachts alle Fenster aufreissen. Das Leben findet in Syrien wegen der Hitze zu einem grossen Teil drinnen statt, am Nachmittag halten viele Siesta. Abdullah ist Bäcker von Beruf, er betrieb in Qamishli eine eigene Bäckerei, wo er das Brot ausschliesslich von Hand herstellte. Mutter Nasria hat keinen Beruf erlernt, sie kümmerte sich um Haushalt und Kinder. In Syrien gehen nur etwa 10 Prozent der Frauen einem Beruf nach.
Eine Berufslehre ist für Mädchen grundsätzlich möglich, je nachdem, wie lange sie die Schule besuchen dürfen. Viele Mädchen verlassen die Schule bereits nach wenigen Jahren. Höhere Ausbildungen bleiben grundsätzlich den Männern vorbehalten.
Alle Kinder der Familie Hussein besuchten die Schule (mit Ausnahme natürlich von Shavin, die im Herbst den Kindergarten besuchen wird). Die Klassen zählten 30 Kinder. Jedes Fach wurde von einer anderen Lehrperson unterrichtet, die Fächer waren vergleichbar zu jenen in der Schweiz. Shirin hat mehrere Sprachen gelernt, sie sind ihre grosse Leidenschaft. Nach einem zehnten Schuljahr möchte sie vorerst eine Lehre im Detailhandel machen. Ihr älterer Bruder sucht eine Lehrstelle als Friseur. Ismail, Dyiar und Barzan besuchen die Schulen Marzili und Munzinger. Beide Eltern besuchen Deutschkurse.
An unserem Quartier gefällt Shirin vor allem die Nähe zur Aare und zum Schwimmbad, Nasria die zentrale Lage. An Wochenenden geht die Familie gerne ins Eichholz zum Bräteln oder trifft sich mit Freunden und Familienangehörigen. Husseins fühlen sich hier Zuhause, kennen immer mehr Leute aus dem Quartier. Auch in ihrer Wohnung fühlen sich Husseins wohl. Shirin sagt, sie, ihre Eltern und die beiden älteren Brüder seien sehr gerne einfach Zuhause. Kein Wunder, die Stimmung ist entspannt, gespickt mit liebevollen Neckereien.
Die beiden jüngeren Buben, Barzan und Diyar sind gerne unterwegs, viele Quartierbewohner kennen sie wohl. Man sieht sie auf dem Velo herumflitzen, in der Badi oder bei Freunden im Garten spielen. Seit etwas mehr als drei Jahren wohnen Husseins nun hier.
Viele Verwandte der Familie Hussein leben mittlerweile auch in der Nähe. Mit Sorge und Trauer denken sie an die Grossmutter, die in Qamishli zurückgeblieben und mittlerweile verwitwet ist. Telefonieren ist glücklicherweise noch möglich. Die Lebensumstände sind prekär, zur ständigen Bedrohung kommt dazu, dass Wasser und Lebensmittel stark rationiert sind und der Strom nur noch zeitweise funktioniert.
Ob sie etwas hätten mitnehmen können aus der Heimat, das ihnen besonders am Herzen liege, einen Gegenstand, ein Foto vielleicht? Ausser der gerahmten Hochzeitsfoto über dem Sofa eigentlich nichts. Abdullah sagt: „Wichtig ist, dass die Kinder es gut haben und dass alle noch am Leben sind“.
Im Sommer müssen Husseins ausziehen. Sie haben erfreulicherweise den Ausweis B erhalten – die Wohnungen in der Landoltstrasse 70 sind für Flüchtlingsfamilien mit anderem Aufenthaltsstatus reserviert. Die Suche ist schwierig und der Sommer naht: Wer von einer freien Wohnung ab fünf Zimmern weiss – in der Nähe oder in der Stadt Bern: Die Familie freut sich über Angebote. Bitte Augen und Ohren offen halten und Weitersagen!