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Ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde der deutsche Buchmarkt regelrecht von kleinformatigen, illustrierten und jährlich erscheinenden Publikationen – sogenannten Almanachen, Kalendern und Taschenbüchern – überschwemmt. Scheinbar für jedes Interessensgebiet gab es eine Publikation, von Almanachen für bestimmte Berufsgruppen, über Scherz- oder Frauenalmanache bis zum Musenalmanach. Die Präsentation dieser Büchlein im Duodez-Format war jeweils auf die Zielgruppe abgestimmt: Der Almanach für den gemeinen Bürger auf billigem Papier, der aufwendig gestaltete Frauenalmanach mit extravagantem Buchschmuck in Seidenausstattung oder mit Elfenbein-Einband.
Genauso reichhaltig wie die Ausstattung war auch der Inhalt: Kalendarische Daten, ökonomische Ratschläge, Tipps zur Erhaltung jugendlicher Schönheit, Präsentationen neuer Gesellschaftsspiele sowie Erzählungen und Gedichte, um nur eine Auswahl zu nennen. Die Vielfalt erstaunte selbst Zeitgenossen, und viele, die sich abschätzig über die kleinen Bücher äusserten, waren der Meinung, Almanache würden das gebildete Publikum von seriösen Werken abhalten. Die hier auch schon als Fundstück präsentierte Zeitung für die elegante Welt (Neuheitenbulletin vom Juli/August 2014) erlaubte sich die Bemerkung, die vornehme Welt habe nur deshalb das Lesen und Schreiben noch nicht vergessen, weil es den Almanach und das Taschenbuch gebe.
Nicht alle Almanache enthielten aber lediglich Inhalte dieser Art: Musenalmanache richteten sich explizit an den gebildeten und literarisch interessierten Leser. In ihnen wurde beachtenswerte Lyrik gesammelt und jeweils die wichtigen literarischen Neuerscheinungen des Jahres vorgestellt. Der erste deutsche Musenalmanach war der 1770 nach französischem Vorbild erschienene Göttinger Musen Almanach. Eine zentrale Neuerung dieser Publikationen war, dass auch die Leser aufgefordert wurden, eigene Beiträge einzusenden. Viele bedeutende literarische Werke wurden erstmals auf diese Weise veröffentlicht, beispielsweise Lyrik Schillers, Oden Klopstocks, Werke von Goethe, Hölderlin, Wieland und Jean Paul. Auch bei Illustrationen und Musikbeilagen stösst man zuweilen auf bekannte Namen. Als bedeutendste Sammlung dieser Art gilt der ab 1796 erschienene Musen Almanach Schillers.
Im Gegensatz zu den vielen eher traditionell ausgerichteten Kalendern und Almanachen dienten Musenalmanache oft auch als Katalysatoren literarästhetischer Paradigmenwechsel: So wurden etwa provokative oder brisante Texte bewusst in ihnen publiziert, da mit diesem traditionellen und populären Publikationstyp ein grosser Leserkreis angesprochen und Harmlosigkeit vorgetäuscht werden konnte.
Almanache sind also keineswegs einfach gleichzusetzen mit Trivialität und seichter Unterhaltungsliteratur. Im Gegenteil, literarische Almanache fanden bei gebildeten Lesern erhebliche Beachtung und trugen ihren Teil zur Festigung einer überregional beachteten Nationalliteratur bei. Erst das Aufkommen illustrierter Zeitschriften um 1850 bereitete der Almanach-Hochkonjunktur ein Ende.
Im Bestand der Museumsgesellschaft, unter anderem im Nachlass von Xaver Schnyder von Wartensee, befinden sich etliche Almanache und Taschenbücher. Zu finden sind beispielsweise der oben genannte Musen Almanach von Schiller, schweizerische Almanache wie Alpenrosen und der Helvetische Almanach, themenspezifische wie der Taschenkalender für Natur- und Gartenfreunde und der Musikalische Almanach sowie diverse Frauenalmanache wie Urania, Penelope, Aurora, Cornelia und Iris – allerdings keiner davon in Elfenbein gebunden!
S.L.