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A. Komplexe Systeme
Peter Kruse beschrieb sehr nachdrücklich die zunehmende Komplexität und Dynamik unserer Wirtschaft, in der die blosse Optimierung von Bestehendem nicht mehr ausreicht. Dabei übertrug Kruse Erkenntnisse aus der Hirnforschung und der Theorie dynamischer Systeme auf Unternehmensprozesse. Die Theorie dynamischer Systeme will erklären, wie sich komplexe Systeme entwickeln und verändern. Dabei postuliert die Theorie, dass komplexe Systeme stets offen sind und nie in ein statisches Gleichgewicht gelangen. Was bedeutet das?
Offenheit und Gleichgewicht
„Offen“ bedeutet, dass das System mit seiner Umwelt laufend Ressourcen in Form von Stoffen, Energie und Information austauschen kann. Präziser heisst dies jedoch, dass dieser Austausch insofern gerichtet ist, als dass das System jederzeit regelrecht mit den Ressourcen durchströmt ist. Diese Ströme oder Flüsse erklären denn auch den Begriff „dynamisches Ungleichgewicht“. Zunächst muss das System die Stoffe, Energien und Informationen aus der Umwelt aufnehmen, durch den Systemorganismus hindurch transportieren und wieder an die Umwelt abgeben. Dabei verbraucht das System diese Ressourcen in unterschiedlicher Weise, um sich selbst am Leben zu erhalten. Man spricht von Dissipation. Sie verhindert, dass das System je zur Ruhe und in ein statisches Gleichgewicht kommt. Erst wenn die Ströme zur Ruhe kommen, erreicht das System sein Gleichgewicht und hört auf, ein dynamisches System zu sein. Gleichgewicht bedeutet Stillstand und Tod.
In seinem Buch „Unbestimmte Welt“ beschreibt Dirk Proske diese Grundfunktion komplexer Systeme in leicht verständlicher Form. Das Buch kann hier vollständig heruntergeladen werden.
Das langfristige dynamische Verhalten einer Gesellschaft wird durch Information und Wissen geprägt (wie erhält man Materie und Energie), das kurzfristige Verhalten durch Materie und Energie (was macht man mit der Materie und Energie). In komplexen Systemen, wie Menschen, menschlichen Gesellschaften, Lebewesen, werden Energie und Materie ständig der Umwelt entnommen und an die Umwelt abgegeben. Sie werden benötigt, um die Ordnung innerhalb der Systeme aufrecht zu erhalten. Man spricht hier auch vom EntropieExport, weil die Systeme Unordnung abgeben, um eigene Ordnungen zu erhalten. Je höher, also komplexer die Ordnungen sind, umso mehr Unordnung muss an die Umwelt abgegeben werden
Der menschliche Körper ist ein typisches Beispiel eines dynamischen Systems. Er nimmt laufend Nahrung, Wärme und Informationen auf, nutzt diese und scheidet sie in verbrauchter Form wieder aus. Nur so kann er lebensfähig bleiben und sich reproduzieren.
Ein anderes Beispiel ist eine Stadt. Durch eine Stadt strömen in jeder Minute riesige Mengen von Waren, Energien und Informationen. Die Stadt wird dadurch strukturiert. Das ist ein weiteres Merkmal komplexer Systeme: um die Ressourcenflüsse möglichst effizient zu gewährleisten, nimmt das System eine passende Strömungsstruktur an. Im Beispiel der Stadt führt das zu Quartieren mit verschiedenen Kulturen (in Deutschland auch schon mal Kietze genannt), zu Industrie-, Gewerbe-, Büro- oder Verwaltungsvierteln.
Grundsätze komplexer Systeme
Überschlagen Sie einmal die Mächtigkeit der Warenströme einer Stadt mit 1 Mio Einwohnern, wenn jeder Einwohner pro Tag z.B. 1 Kg Festnahrung, 2 Liter Wasser, 1 Kg Verpackungsmaterial, ein paar Kilo Möbel, Haushaltgeräte, Spielsachen und sonstiger Unterhaltungsgüter bezieht. Das ist ein massiver Warenstrom, ohne den die Stadt nicht lebensfähig wäre! Überschlagen Sie dann aufgrund dieses Inputs, welche Abfallströme die Stadt täglich, ja stündlich wieder verlassen müssen. Auch hier gilt: würde die Entsorgung nicht funktionieren, würde die Stadt in ihrem Abfall ersticken und wäre ebenso wenig lebensfähig, wie wenn nichts hineinfliessen würde.
Wir haben anhand dieser Beispiele ein paar Grundsätze komplexer Systeme gelernt: Ein System nimmt aus der Umgebung qualitativ hochwertige Ressourcen in Form von Stoffen, Energien und Informationen auf, dissipiert sie zur Aufrechterhaltung der eigenen Lebensfähigkeit und exportiert den Material-, Energie- und Informationsabfall wieder in die Umgebung. Was das für die Nahrung bedeutet, können wir am eigenen Leib erfahren. Etwas komplizierter ist es, den Vorgang für die Energie zu verstehen. Die Energie, die wir aus der Umgebung aufnehmen, z.B. qualitativ hochstehende Wärme, mit der wir uns wärmen können, strahlen wir als verbrauchte Wärme wieder ab. Sie kann nicht mehr verwendet werden. Noch abstrakter wird es mit der Information. Zwar können wir uns noch vorstellen, was neue Information ist, mit der wir uns am Leben erhalten können, z.B. Informationen über Feinde, vor denen wir fliehen sollten. Was ist aber verbrauchte Information, die wir wieder in die Umgebung exportieren müssen? Ernst Ulrich von Weizsäcker (geb. 1939) sprach von erstmaliger und bestätigter Information. Erstmalige Information benötigen wir, um lebenswichtige Handlungen auszuführen. Ist sie bestätigt, nützt sie uns nichts mehr. Wir vergessen sie, was der Vernichtung oder dem Export gleichkommt.
Woher kommen die Ressourecn?
Für mich ist also die Komplexität eines Systems gleichbedeutend mit seiner funktionalen Struktur zur Dissipation der Stoff-, Energie- und Informationsströme, relativ zu der Anzahl bereits erfahrener Strukturwechsel („Changes“) und unter der Bedingung, dass die aktuelle Struktur ständig durch Fluktuationen getestet und infrage gestellt wird.
Physikalischen Systemen wird von aussen Materie und/oder Energie zugeführt und durch das System gepumpt, das eine passende Struktur annimmt, die es ihm erlaubt, die Flüsse so reibungslos wie möglich zu realisieren. Bei sozialen Systemen ist nicht mehr klar, ob die Ressourcen von aussen in das System hineingepumpt werden oder ob das System selber sie hineinzieht oder gar selbst herstellt. Das können wir am Beispiel des Flugverkehrs studieren. Zunächst war Fliegen teuer, so dass nur wenige Passagiere zu befördern waren. Verschiedene gesellschaftliche Entwicklungen führten zu einer exponentiellen Zunahme der Flugpassagiere. Die wichtigsten dieser Entwicklungen waren Globalisierung und Prosperität. Die Airlines mussten darauf reagieren und sich neu organisieren. Einige Airlines verschwanden, einige fusionierten, andere wurden neu gegründet, vor allem Billigairlines. Die Preise mussten gesenkt werden, was die Reisetätigkeit noch einmal ankurbelte. Crosskatalytische Wirkung heisst das in der Theorie dynamischer Systeme und kann beim Aufbau von Komplexität immer beobachtet werden. Die Nachfrage nach neuen Flugzeugen war immens.
Der erhöhte Materialbedarf wurde bewusst forciert und in das System hineingesogen. Aber ohne Computer waren die Menschenströme am Boden und die Flugzeugströme in der Luft nicht realisierbar. Die Entwicklung der Flugzeugindustrie wirkte sich also auch auf die Entwicklung der Computerindustrie aus und umgekehrt. Dieser Aufschwung hatte natürlich auch etwas zu tun mit der exponentiellen Zunahme der Bevölkerungszahlen. Auch hier kann man wohl kaum behaupten, der Zuwachs an Menschen würde von aussen in das System hineingepumpt. Er ist eher systemimmanent verursacht.
B. Menschen
Je intensiver die Flüsse, desto höher die Komplexität des Systems. Diese Ordnungsstrukturen tauchen emergent auf, allein durch Selbstorganisation. Selbstorganisation ist nicht zu verwechseln mit Selbstbestimmung oder Selbstverwaltung. Ein Team, das sich selbst organisieren soll, macht dies durch Selbstbestimmung.
Wettbewerb ist eine Form der Kooperation
Selbstorganisation ist stets zufallsbedingt und nicht bewusst. In einem System werden verschiedene neue Möglichkeiten meist in konkurrenzierender Weise ausprobiert. Nur eine dieser Möglichkeiten setzt sich schliesslich durch und generiert ein neues Paradigma oder gar eine neue Kultur. Das Gehirn arbeitet auf diese Weise. Z.B. bestimmen wir nicht bewusst, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten wollen. Vielmehr konkurrenzieren verschiedene Aufmerksamkeitsobjekte miteinander, bis sich eines durchsetzt. Das „fühlt“ sich dann so an, wie wenn etwas plötzlich unsere Aufmerksamkeit erregt hat. Dass es aber schon seit mehreren Sekunden in unsere Wahrnehmung war und auch ganz etwas anderes hätte in den Fokus treten können, ist uns nicht bewusst.
In diesem Zusammenhang sollten wir beachten, dass Wettbewerb eine normale Operation innerhalb dynamischer Systeme ist. Die einzelnen Gehirnregionen kooperieren eben gerade durch Wettbewerb miteinander. Wettbewerb ist nicht das Gegenteil von Kooperation. Das Gegenteil von Kooperation ist Defektion. Das ist nicht dasselbe wie Wettbewerb, bzw. Konkurrenz.
Die herrschende Ordnung wird laufend infrage gestellt
Nimmt die Intensität der Systemdurchflüsse zu, wird das System instabil und versucht, von den herrschenden Strukturen lokal abzuweichen und neue Wege zu finden, um die erhöhten Flüsse unbeschadet transportieren zu können. Solche Störungen oder Disruptionen werden in der Theorie dynamischer Systeme Fluktuationen genannt. Sie werden in der Regel anfänglich unterdrückt, bis eine besonders starke Fluktuation das ganze System erfasst und eine neue, komplexere Ordnungsstruktur verursacht. Man denke an Demonstrationen unzufriedener Bürger. Solche Manifestationen werden zunächst durch Polizeigewalt unterdrückt. Ist das Anliegen den Bürger wichtig genug, werden sie immer und immer wieder ihren Willen demonstrieren. Die Bewegung erhält immer mehr Zulauf, bis eine Mehrheit entschlossen ist, die konservativen Kräfte wegzufegen und eine neue Ordnung einzuführen. Die aktuelle Systemorganisation muss ständig infrage gestellt werden
Es scheint, dass die verschiedenen Mitspieler aktiv an den Entwicklungen beteiligt wären. Aber ob eine Bewegung immer mehr Zulauf hat, ob sie sich durchsetzen kann, ob die Emergenz der neuen Ordnung blutig oder unblutig abläuft etc., ist immer zufallsbedingt und kann von niemandem vorhergesehen und schon gar nicht gesteuert werden. Ein lebendes System hat eine Menge von Dimensionen, die niemand alle kennen und überblicken kann. Man kann sich vorstellen, dass das System durch einen sehr vieldimensionalen Raum hindurchbewegt und nie an denselben Punkt gelangt, an dem es schon einmal war. Auch wenn es manchmal scheint, dass sich die Welt in einer ähnlichen Situation befindet, wie auch schon, ist es sicher, dass sich die Geschichte nicht wiederholen wird. Sie ist stets das Resultat vieler Millionen Meinungen und Handlungen.
Die Welt ist pluralistisch!
Je mehr Menschen das System konstituieren, desto dynamischer ist es und desto mehr konkurrenzierende Meinungen versuchen, sich durchzusetzen. Auch in einem aktuell stabilen System gibt es immer Fluktuationen, die als Abweichung der Systemordnung diese testen, sei es durch zufällige Fehler oder sei es durch bewusste Alternativbewegungen. Change Management heisst, solche alternative Ideen zu nutzen und ihnen Schwung zu verleihen.
Ein System, in welchem die Fluktuationen fehlen, in welchem also die aktuelle Systemstruktur nicht immer wieder getestet und infrage gestellt wird, ist nicht mehr zur Weiterentwicklung fähig und hat ein Gleichgewicht und damit einen maschinenähnlichen Zustand erreicht. Ein solches System ist nur noch kompliziert, um auf die mittlerweile überstrapazierte und meines Erachtens nicht sonderlich originelle Dichotomie „kompliziert/komplex“ anzuspielen. In einem dynamischen System liegt die Komplexität nicht nur in der Systemstruktur begründet, sondern vor allem in der Möglichkeit, diese Struktur zu überwinden und eine neue, komplexere zu etablieren, die die Systemfunktion, die Ströme zu dissipieren, noch besser unterstützt. Wird eine Systemstruktur fixiert, indem künstlich versucht wird, Fluktuationen, Störungen und Pluralismus zu eliminieren, wird dadurch die Komplexität reduziert und das System wird auf eine Erhöhung der Flüsse nicht mehr reagieren können. Die Konsequenz davon ist, dass das System kollabiert und verschwindet. Wir erinnern uns an den Zusammenbruch der Sowjetunion oder verschiedener Grosskonzerne in den 2000er Jahren.
Reduktive und magische Hypothesenbildung zur Komplexitätsabwehr
Die Weltbevölkerung wächst rasant, mit der Prosperität nimmt weltweit der Konsum und die Nachfrage nach allem Möglichen zu. Das führt zu gewaltigen Waren-, Energie- und Informationsströmen in nie dagewesenem Umfang. Die dabei erzeugte Komplexität wächst ebenfalls exponentiell und hat die Steigung 1 vermutlich gerade überschritten. Viele Menschen reagieren darauf mit einem eigentümlichen Verhalten. Sie behaupten, dass es eine einheitliche „Volksmeinung“ gibt, die sie selber vertreten, weshalb sie auch für die Masse reden können. Damit reduzieren sie Pluralismus und erzeugen Gemeinschaft, in der so gut wie keine Fluktuationen vorkommen. Eine wichtige rhetorische Figur ist dabei, Komplexität zu leugnen, indem Tatsachen wenig präzis bis offensichtlich falsch beschrieben werden, um damit Probleme auf ein Niveau zu bringen, auf welchen sie lösbar werden.
Dabei kommt ihnen die Tatsache entgegen, dass kritisches Hinterfragen der Fakten nicht nur gelernt sein will, sondern auch aufwändig ist. Das heisst, dass sogar kritische Geister sich gerne vom Überprüfen falscher Behauptungen ablenken lassen. Wer dennoch auf Präzisierung der Fakten beharrt und sich gar erdreisst, Alternativen vorzuschlagen, gehört zu einer Elite, die von der Einheitsgemeinschaft aus verständlichen Gründen nicht gern gesehen ist.
Ist der Mensch überhaupt zu mehr Komplexität fähig?
Dieses Verhalten ist wahrscheinlich eine zutiefst menschliche Komplexitätsabwehr und wer glaubt, sie sei nur eine perfide Wahltaktik von Politikern, sollte einmal genau in sich hinein hören! Ich beobachte das z.B. bei Studenxs in der Mathematik. Diese ist zwar alles andere als komplex, kommt aber für Anfänger oft als „komplex maskiert“ daher. Nachdem sie eine Aufgabe gelesen haben, können sie irgendeine Lösungsmethode oder Formel erfinden, die zwar völlig falsch ist, aber eine schnelle Lösung verspricht. Sie scheuen es, ihre Methode kritisch zu hinterfragen, denn dadurch würde ja unter Umständen herauskommen, dass sie falsch ist. Tatsachenverzerrung und Unterdrücken von Kritik scheint in komplexem Kontext eine weit verbreitete menschliche Heuristik zu sein. Dietrich Dörner nennt das wahlweise Zentralreduktion, Bildung magischer Hypothesen, Reduktive Hypothesenbildung oder Immunisierende Marginalkonditionierung.
Während die magischen Hypothesen in Richtung Verschwörungstheorien gehen, schreibt Dörner über die reduktive Hypothesenbildung:
Eine solche ‚reduktive Hypothese‘, die alles Geschehen auf eine Variable reduziert, ist natürlich in gewisser Weise – und das ist wünschenswert – holistisch. Sie umfaßt das ganze System“ und spart kognitive Energie
und zu der immunisierenden Marginalkonditionierung:
Eine weitere Möglichkeit, sich selber vorzugaukeln, das eigene (falsche) Modell wäre brauchbar, bietet das folgende Verhalten: ‚Das Modell ist richtig. In der Realität passiert zwar etwas ganz anderes als geplant oder vorhergesagt, doch liegt dieses an den ganz spezifischen Bedingungen der Realität, die nur in diesem einen Fall auftreten konnten und meine Prognose nicht eintreten ließen‘
Diese Strategien zielen alle darauf hinaus, Komplexität zu leugnen und zurückzuschrauben. Dadurch wird eine Weiterentwicklung erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht. Sollten menschliche Gesellschaften hier an eine psychologische Grenze der Komplexitätsaufnahme gelangt sein? Sollte Weiterentwicklung beim aktuellen Stand der menschlichen Psyche gar nicht möglich sein? Wenn das so wäre und gleichzeitig die Ressourcenflüsse zunehmen, käme es zum Kollaps der Gesellschaften. Die Überlebenden müssten dann auf einer niedrigeren Stufe von Komplexität neu beginnen.
C. Informationen
Die durch die Digitalisierung exponentiell zunehmende Informationsmenge setzt die Gesellschaften mächtig unter Druck. Während man eine Ware in den Händen hält oder nicht, sind Informationen sehr viel abstrakter und interpretationsanfälliger.
Information verflüssigen
Die entsprechenden Dissipationsprozesse – Verarbeitung der Information mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der Lebensfähigkeit des Systems – sind zum Teil weitgehend unsichtbar. Martin Lindner formuliert das in einem Interview über den Digitalen Klimawandel mit Jöran Muuss-Meerholz so:
Es sind unsichtbare Prozesse, die ausgehen von den digitalen Medien und von den Zeichenprozessen; in einer unglaublichen Geschwindigkeit wird eine unglaubliche Menge von kodiertem Wissen – von Symbolen, von Text, von Bildern und von Sprache – umgewälzt. Früher ist es viel zäher geflossen, in viel kompakteren Blöcken. Jetzt haben wir den Prozess der schnellen Umwälzung. Die Temperatur und der Puls steigt. … Das bewirkt, dass kompakte Landschaften auseinanderfallen, z.B. Universitäten, da werden in den nächsten Jahren grössere Stücke davon abbrechen. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, auch wenn’s ungemütlich ist…. Der digitale Klimawandel betrifft Zeichen, Symbole, Schrift, Text und audiovisuelle Medien, die immer texthafter werden, also in immer kleinere Stücke gebrochen werden und abrufbar und adressierbar sind, also nicht mehr so wie Fernsehen früher lief. Jetzt haben wir also eine völlig neue Welt von Text und diese Texte sind nicht mehr gespeichert wie früher in Bibliotheken, also relativ konstant, sondern das geht jetzt unfassbar wie schneller und es ist unfassbar viel mehr
Der Oberlauf ist turbulenter
Mit anderen Worten: Die Viskosität der Informationen hat mit der Digitalisierung abgenommen, so dass Informationen viel dynamischer und turbulenter fliessen als früher, wo sie in grossen Blöcken eher gemächlich daherkamen und archiviert werden konnten. Während wir früher auf Unterlauf eines grossen Stroms sassen, der kaum merklich floss und sich alles immer wieder bestätigte, befinden wir uns jetzt am Oberlauf, näher an der Quelle, wo es sprudelt und wirbelt. Wir müssen uns treiben lassen und können kaum mehr aktiv steuern. Wir sind froh, wenn wir mit den Padeln die schlimmsten Kollisionen mit den Felsblöcken vermeiden können. Wir wissen nicht, wo es uns im nächsten Moment hinzieht. Die Erstmaligkeit, Ungewissheit und Dynamik ist sehr gross.
Auch der Herausgeber der Trendstudie des Zukunftsinstituts zur Digitalisierung, Christian Schuldt, spricht im Interview mit Wilfried Kretschmer von fluidem Wissen und beruft sich auf Dirk Baecker, wenn er sagt:
Unsere Einstellung zu Wissen ist immer noch vom industriellen Zeitalter geprägt. Die neue Wissenskomplexität, die durch digitale Verbreitungs- und Speichermöglichkeiten entsteht, verändert dies nun komplett. Doch wie sieht ein zeitgemäßer Umgang mit diesem Wissen aus? Und wie navigieren wir durch ein Meer fluiden und ubiquitären Wissens? Das Wissen, wie wir es kennen, hat ausgedient. Wir brauchen ein neues „Wissens-Wissen“, um mit dieser neuen Situation umgehen zu können
Schuldt sagt, dass dadurch, dass jeder sich verstärkt selbst an gesellschaftlicher Kommunikation beteiligen kann – Stichwort „soziale Netzwerke“ -, die Quellen des Wissens immer weniger klar sind und dadurch das „traditionelle“ Konzept der Wissensgesellschaft nicht mehr greift. Aber wir versuchen immer noch, unserem Leben einen Sinn, eine Richtung zu geben. Doch diese Konzepte gelangen heute an ein Ende, weil dies in einer vernetzten Welt so nicht mehr gelingt. Für jeden Einzelnen, für die Gesellschaft insgesamt sowie für Unternehmen besteht nun die große Herausforderung darin, mit dieser neuen Komplexität klarzukommen.
Schuldt:
Es entsteht eine neue Gesellschaftsform, eine neue Wirtschaftsform, und zwar durch das Internet in sehr hoher Geschwindigkeit. Die Strukturform der Gesellschaft ändert sich. Wir leben nicht mehr in der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Die klare Aufteilung in Subsysteme, die zwar miteinander interagieren, aber doch relativ klar abgegrenzt sind, löst sich auf. Wir haben es mit einem neuen Gesellschaftstypus zu tun, der Netzwerkgesellschaft
Das erinnert an die McLuhan-Galaxis. Der eingangs erwähnte Peter Kruse hat in seiner Rede vor dem Bundestag die Netzwerkgesellschaft ebenfalls angesprochen. Wenn er sagt, dass sich die Macht vom Anbieter zum Nachfrager verschiebe, dann meint er nicht nur, dass der Kunde König sei, worauf schon in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hingewiesen wurde. Er spricht von Macht und meint mit Nachfrager die Gesellschaftsmitglieder schlechthin. Die Digitalisierung führt unweigerlich zu vernetzten Gesellschaftsstrukturen, mit der die Entmachtung der Zentren einhergeht. Das fordert starke Gegenkräfte heraus, die auch vor Kriegen nicht zurückschrecken werden.
Um eine Grundthese kurz in den Raum zu stellen: ich glaube nämlich, dass das Internet die Gesellschaft ganz gravierend verändert und zwar gibt es eine grundlegende Machtverschiebung vom Anbieter zum Nachfrager. Ich glaube, dass da etwas real passiert in allen Bereichen der Gesellschaft und das hat etwas mit der Systemarchitektur zu tun. Wenn man sich anschaut, was wir in den letzten Jahren gemacht haben, dann sieht man, dass wir hingegangen sind und die Vernetzungsdichte in der Welt gravierend erhöht haben. Es hat noch nie eine solche Explosion [der Vernetzungsdichte] vorher gegeben. Dann kam das Web 2.0 dazu, d.h. neben der Tatsache, dass wir die Vernetzungsdichte hochgejagt haben, haben wir die Spontanaktivität in den Netzen hochgejagt. Und das dritte, was dann noch dazu kam – über Retweetaktion z.B. in Twitter – das sind kreisende Erregungen im Netzwerk. Wenn die drei Dinge zusammenkommen – hohe Vernetzungsdichte, hohe Spontanaktivität und kreisende Erregung – dann kann ich Ihnen sagen, was passiert: die Systeme haben eine Tendenz zur Selbstaufschaukelung, d.h. Sie werden erleben, dass diese Systeme plötzlich mächtig werden und zwar ohne, dass man vorhersagen kann, wo das ganz genau passiert
Kruse nennt das, was wir oben mit „Systemstruktur“ bezeichnet haben, hier „Systemarchitektur“. Seine These ist, dass drei Grundvoraussetzungen gegeben sind:
- Vernetzungsdichte = Zwischen den einzelnen Individuen bestehen viele Verbindungen, über die sie ununterbrochen kommunizieren,
- Spontanaktivität = Die einzelnen Individuen entscheiden sich zuweilen ganz spontan, eine Beobachtung oder etwas, das sie beschäftigt, zu publizieren und zur Diskussion zu stellen,
- kreisende Erregungen = die Publikationen der einzelnen Individuen regen andere an, sich zum Thema zu äussern und den ursprünglichen Beitrag weiterzutragen, so dass er immer grössere Kreise wirft. Das hat etwas mit Bewertung zu tun. Was immer wir erleben oder beobachten, reflektieren wir in Rahmen unseres eigenen Wertesystems. Wenn wir es so gefärbt zur Diskussion stellen, kommt es zu Resonanzen, die die verschiedenen Meinungen aufschaukeln.
Hier orientiert sich Kruse am menschlichen Gehirn, bei dem genau diese drei Grundvoraussetzungen erfüllt sind.
Wir leben in einer systemisch instabilen Phase
Das ist alles zwar nicht neu, soll aber der Illustration der Theorie dynamischer Systeme dienen. Die Digitalisierung hat neben anderen High-Tech-Branchen und sehr wesentlich zur Erhöhung des Informationsflusses beigetragen. Die Gesellschaften verbrauchen diese zusätzliche Informationsressource zur Erhaltung ihrer eigenen Lebensfähigkeit auf höherer Komplexitätsebene, was zur Folge haben wird, dass sich neue Dissipationsmuster ergeben werden, die sich in alternativen Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen manifestieren werden. Noch ist der Sprung auf die nächst höhere Komplexitätsebene nicht geschafft. Das zeigt sich dadurch, dass sich die grossen Probleme der heutigen Zeit – global warming, Bevölkerungswachstum, Terrorismus, Migration, Nationalismus und Chauvinismus, etc. – immer mehr verschärfen und die Gesellschaften in einen instabilen Zustand versetzen, in dem Vorschläge und Gegenvorschläge konkurrenzieren. Überall kommen Fluktuationen hoch, die neue Wege gehen und neue Formen des Zusammenlebens vorschlagen. Noch werden diese neuen Ideen gedämpft und gebremst. Die alten Institutionen wollen ihre Strukturen bewahren, während die Komplexitätsgegner die Probleme entweder leugnen oder sich einkapseln, in der Hoffnung, vom drohenden Einsturz nichts mitzubekommen. Zur Lösung der Probleme braucht es eine neue Gesellschaftsstruktur, die durch Dissipation des neuen Informationsflusses getragen werden kann.
Es hängt alles davon ab, wie schnell die Menschen lernen, mit den neuen Situationen umzugehen und von ihrer Kritikfähigkeit, ihrer Kreativität und der Fähigkeit zur Agilität und zum systemischen Denken.