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Heute erzähle ich euch die Geschichte vom Sterben meines Urgrossvaters, die Geschichte der Angestellten von heute und was sie miteinander zu tun haben. 1933 fuhr mein Urgrossvater mit dem Velo zum Bahnhof, wo er wie jeden Morgen den Zug nach Moosseedorf nehmen wollte. Er arbeitete dort als Taglöhner auf einer Baustelle. Im Vergäss wohl, man weiss es nicht genau, sass er dann im falschen Zug, dem nämlich, der nach Bern fuhr. Er geriet in Panik. Er würde viel zu spät zur Arbeit kommen und als Taglöhner bedeutete das kein Geld für diesen Tag und vielleicht auch für alle folgenden, weil Arbeiter, die zu spät kamen, oft einfach entlassen wurden. In dieser schieren Angst vor dem Chef und dem Verlust der Stelle entschied er, um doch noch pünktlich zu sein und dieses Unheil zu verhindern, aus dem fahrenden Zug zu springen. Er könnte ja zu Fuss zurücklaufen und es doch noch schaffen. Beim Springen verhedderte sich sein Rucksack, er wurde unter den Zug gezogen und starb.
Jetzt meinte ich für eine recht lange Zeit, dass diese Geschichte doch sehr treffend den Zustand der Rechtlosigkeit und Unfreiheit eines Arbeiters von 1933 wiedergibt, einen Zustand, den wir mittlerweile überwunden haben.
Das ist nicht so. Bei einer meiner letzten Stellen in einem durchschnittlichen Dienstleistungsbetrieb waren die starren Arbeitszeiten darauf ausgelegt, eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu Gunsten der ständigen Verfügbarkeit für den Arbeitgeber grundsätzlich auszuschliessen. Ferien wurden systematisch und kurzfristig aufgrund der Arbeitslast im Betrieb gestrichen. Eine Arbeitskollegin, deren Vater gestorben war, musste für die Beerdigung ins Ausland reisen. In der Folge verlor sie ihr Kind und war eine Woche im Spital. Es wurde ihr nahegelegt, nicht immer wieder auszufallen, ansonsten könne man das Arbeitsverhältnis mit ihr nicht fortsetzen. Bei Krankheit wurden ohne Ausnahme schon ab dem ersten Tag nur noch 80 Prozent des Lohnes bezahlt. Die Willkür der Chefin trieb die einen zum Psychologen, die anderen zu Medikamenten, mit denen sie sich durch die Arbeitswoche halfen. All das ist mit dem geltenden Arbeitsrecht möglich, und wenn nicht, kann sich der Arbeitgeber noch immer darauf verlassen, dass niemand klagt. Die Angst vor Sanktionen ist die verlässliche Gehilfin von Chefs, die Mitarbeiterinnen nicht als Menschen, sondern als notwendiges Übel für die Aufrechterhaltung ihres Betriebes ansehen und sich selbst als Wohltäter, die heroischerweise Arbeitsplätze anbieten.
Das ist die Geschichte der Angestellten von heute
Der Kaufmännische Verband und Angestellte Schweiz unterstützen nun eine Flexibilisierung des Arbeitsgesetzes. Unter anderem soll die Ruhezeit von elf auf neun Stunden verkürzt werden, im Päckli mit einer örtlichen Flexibilität beim Arbeiten, die es unter dem Vorwand der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglicht, von 8 bis 16 Uhr im Büro und dann später zuhause von 20 bis 23 Uhr zu arbeiten, um gleichzeitig die wöchentliche Höchstarbeitszeit von 50 auf 60 Stunden zu erhöhen. Dieser Vorschlag gehe viel weniger weit als jener des Parlaments, sagen die Verbände. Es sei ein Kompromiss.
Wir haben es nicht besonders weit gebracht, oder? Es ist nicht die Zeit für Kompromisse. Es ist die Zeit für Forderungen. Wenn wir am bestehenden Gesetz irgendetwas ändern, dann muss es zuallererst etwas sein, was die Menschen befreit. Befreit von einer Angst, die jener meines Urgrossvaters, der im falschen Zug sass, damals 1933, in nichts nachsteht.