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3. Etappe: Vendlincourt – Boncourt
Als ich mit dem ersten Licht des Tages im kalten, tristen Vendlincourt loslatschte, spielte ich mit dem Gedanken, die Wanderung ein ordentliches Stück abzukürzen. Der Kanton Jura weist im Nordosten eine längliche Ausbuchtung auf, die man früher Entenschnabel nannte (auf Landkarten ist sie als Le Fahy verzeichnet). Im Entenschnabel gab es nur Wald, und er würde meine Strecke etwa 8 Kilometer länger machen. Eine Landkarte am Bahnhof Bonfol bezeichnete das Gebiet aber als „Km 0“, was meine Neugier weckte.
Wie sich herausstellte, bezieht sich diese Kilometerangabe auf die deutsch-französische Frontlinie im 1. Weltkrieg: Sie begann am Ende des Entenschnabels. Entsprechend gross war die Armeepräsenz zu beiden Seiten des Schnabels, so dass auch die neutrale Schweizer Armee dort aufrüstete. Kurzum, es gab eine Menge militärischer Erinnerungsstätten zu besichtigen, die mich nicht sonderlich interessierten, sogar einen 7.5 Kilometer langen „Km-0-Wanderweg“. Zu meiner grossen Freude stiess ich dort aber auf eine der jüngsten Grenzänderungen unserer Staatsgrenze. An seinem östlichen Ende wird der Entenschnabel vom Bächlein Larg begrenzt. Dieser änderte mit der Zeit seinen Lauf, so dass einer der Grenzsteine plötzlich auf der französischen Seite des Baches lag. 1951 setzten sich die beiden Länder zusammen und beschlossen, diesen unschönen Umstand aus der Welt zu schaffen: Die Schweiz trat das Stück Land auf der anderen Seite des Baches offiziell an Frankreich ab, neu verläuft die Grenze in der Mitte des Bachs.
Die Wanderung auf der Grenzlinie verlief auf sumpfigen Waldpfaden und quer über weite Äcker. Der Nebel wurde immer dichter, kein Geräusch war hörbar und ausser drei Rehen sah ich während Stunden keine lebendige Seele. Die Grenzhügel waren so abgelegen, dass das Handy keinen Empfang hatte. Ein bisschen beklemmend fühlte sich das einsame Wandern an, und auch ein bisschen abenteuerlich.
Gegen Mittag stiess ich auf die Borne des Trois Puissances (Dreiländerstein): Eine Ansammlung von Grenzsteinen, welche das alte Dreiländereck von Frankreich, dem deutschen Reich und der Schweiz markiert. Früher war dies ein beliebtes Ausflugsziel – vielleicht auch darum, weil die Schweiz wohl in keinem anderen Kontext als „puissance“ (Macht) bezeichnet wird. Nach dem Ersten Weltkrieg fiel das Elsass an Frankreich und der Ort verlor seine Bedeutung. Vor einigen Jahren entstand hier aber ein Ausflugshäuschen mit windgeschützten Picknicktischen, das ich an diesem kalten Samstag schätzte.
Über Hügel, Äcker und ein prekär wackliges Brücklein hinter dem Grenzübergang von Lugnez gelangte ich in das Industriedorf Boncourt, wo ich meine Wanderung einstweilen unterbrach und mit dem Zug zurück nach Bern fuhr.
2. Etappe: Burg im Leimental – Vendlincourt
Meine zweite Etappe führte von der abgelegen Baselländer Gemeinde Burg im Leimental nach Vendlincourt in der Ajoie – eine Strecke von 33 Kilometern Staatsgrenze. Man kann sie an einem Wintertag gut bewältigen, wenn man um 8 Uhr losläuft, denn aufgrund der kalten Temperaturen hat man ohnehin nicht viel Lust auf ausgedehnte Pausen.
Etwa ein Drittel dieser Strecke führte mich entlang der Route internationale im Lützeltal. Die internationale Strasse ist eine zu Unrecht ziemlich unbekannte geografische Anomalie der Schweizer Landesgrenze. Zwischen dem Weiler Klösterli im Kanton Solothurn und dem Weiler Lucelle verläuft die Strasse entlang der Landesgrenze und überquert diese fünf- oder sechsmal, befindet mehrheitlich aber auf der französischen Seite. Für abgelegene Juradörfer wie Ederswiler JU oder Roggenburg BL ist sie die schnellste Verbindung mit der Aussenwelt, aber auch der schnellste Weg aus der Ajoie nach Basel.
Hinter Klösterli verliess ich also die Schweiz, zu Fuss auf der Überlandstrasse. Normalerweise ist das beim Wandern nicht so toll, aber auf der Route internationale war es kein grösseres Problem: das Verkehrsaufkommen hielt sich in engen Grenzen. Schnell verlor ich die letzte Siedlung aus den Augen und fand mich in der Einsamkeit dieses fast unbesiedelten Tals wieder. Hin und wieder fand sich ein Bauernhof oder eine alte Mühle am Flussufer. Nicht selten musste man den Fluss (und damit die Staatsgrenze) überqueren, um zu ihnen zu gelangen. Der Hof Neuhaus in der Gemeinde Roggenburg BL etwa ist nur über französisches Territorium erreichbar, auch seine Postauto-Haltestelle und die Briefkästen befinden sich am französischen Flussufer. Das schweizerische Handynetz funkt nicht bis hierhin und auch das französische an vielen Stellen nicht.
2017 wurde dies einem verunfallten Velofahrer zum Verhängnis, der vergeblich versuchte, über die schweizerische Notrufnummer 144 Hilfe zu verständigen. Erst nach 55 Minuten konnte ihn ein Anwohner aus der misslichen Lage befreien. Das jurassische Verkehrsamt sah sich deshalb veranlasst, die Bevölkerung daran zu erinnern, dass die Strasse zu Frankreich gehöre und man deshalb die französische Notrufnummer 112 benutzen solle. Während der ersten Pandemiewelle ab März 2021 wurde die Grenzlage erneut zum Ärgernis: Die französischen Sicherheitskräfte setzten das damals geltende Einreiseverbot derart strikt um, dass sie reihenweise saftige Bussen verteilten an die Einwohner von Ederswiler und Roggenburg, die auf ihrem gewohnten Weg nach Basel pendelten.
Dabei gilt eigentlich nach einem schweizerisch-französischen Staatsvertrag von 1937 auf der Strecke „Verkehrsfreiheit“ – ein wunderliches Wort, das in dem Vertrag leider nicht genauer definiert ist. Vielleicht haben sich die französischen Beamten deshalb 2021 erlaubt, Bussen zu erteilen – vielleicht war es auch widerrechtlich. Verhältnismässig war es mit Sicherheit nicht. Dafür definiert der Vertrag, dass uniformierte und bewaffnete Zöllner beider Länder die Strassenabschnitte auf der jeweils anderen Seite der Grenze betreten durften. Armeeangehörige hingegen nicht: Ein Schild am Ortsausgang von Kleinlützel weist darauf hin, dass die Durchfahrt in Militäruniform nicht erlaubt ist. Durchaus relevant, denn in der Ajoie befindet sich ja mit Bure eine grössere Kaserne.
Am Ende der Route internationale erreichte ich das geteilte Dorf Lucelle, früher auf Deutsch Gross-Lützel genannt. Ein irreführender Name, denn die französische Gemeinde Lucelle zählt gerade mal 34 Einwohner. Die Bevölkerungszahl der schweizerischen Seite lässt sich nicht eruieren, da das Ortsgebiet weiter aufgeteilt ist auf die Gemeinden La Baroche und Bourrignon, aber sehr viel mehr können es auch da nicht sein. Der Grenzverlauf innerhalb des Dorfs Lucelle ist derart unpraktisch gewählt, dass man praktisch bei jedem Gang die Staatsgrenze überqueren muss. Wer von Porrentruy her kommend nach Basel durchfährt, überquert die Grenze während fünf Minuten Fahrt dreimal. Früher war Lucelle als bedeutendes Kloster bekannt, dann als Industriestandort: Die ersten Hochöfen der Region gingen hier in Betrieb. Doch beim Eisenbahnbau wurde Lucelle links liegengelassen, was sich als erheblicher Konkurrenznachteil herausstellte, und schon 1882 erloschen die Hochöfen.
Ich wollte in Lucelle übernachten und die Grenzlage als Inspiration für die Arbeit an meinem Buch nutzen. Direkt an der Grenze liegt das ehemalige Klostergebäude, und darin befindet sich das „Centre Européen des Rencontres“, eine Herberge. Doch ich erreichte sie telefonisch nicht. Als ich auf meiner Wanderung dort ankam, verkündete ein Zettel, das Etablissement sei bis auf weiteres geschlossen. Ein paar Hundert Meter weiter, auf der Schweizer Seite der Grenze, versprüht das Motel Noirval postsozialistischen Charme (wenn wir hier Sozialismus gehabt hätten, versteht sich). Leider waren auch hier die Zimmer wegen Renovation bis auf weiteres geschlossen. Sehr schade – das Motel befindet sich an einer Tankstelle gleich gegenüber dem (ebenfalls geschlossenen) Zollamt, hier hätte ich mich pudelwohl gefühlt.
So aber lief ich notgedrungen weiter bis in die abgelegene Ajoie-Gemeinde Vendlincourt und erfreute mich daran, dass der Wanderweg fast durchgehend auf der Grenzlinie verlief, immer wieder aufgewertet mit bis zu 300 Jahre alten Grenzsteinen, die eine Menge verschiedener Wappen trugen: Elsass, Bern, Frankreich, Schweiz, irgendeine Lilie… Es lag kein Schnee, aber die verfaulenden Blätter machten den Weg an vielen Stellen rutschig und etwas schwer passierbar – insbesondere an den Stellen, die auch bei den Bikern beliebt waren. An einem einsamen Hof auf einer Jurahöhe stiess ich auf eine Gedenktafel, die daran erinnerte, dass von hier aus im 2. Weltkrieg der französische General Henri Giraud in die neutrale Schweiz geflohen war. Möglicherweise war dies nicht entscheidend für den Ausgang des Weltkriegs – aber ein kleines Puzzlestück dieser Geschichte wurde in diesem einsamen Grenzland geschrieben.
1. Etappe: Burg im Leimental – Basel
Das Leimental ist ein ausgesprochen grenzreiches Tal. Sieben Mal in Folge führte der Weg ins nächste Dorf über eine Landesgrenze: Burg in der Schweiz, Biederthal in Frankreich, Rodersdorf in der Schweiz, Leymen in Frankreich, Biel-Benken in der Schweiz, Neuwiller in Frankreich, Schönenbuch in der Schweiz (die letzten beiden Dörfer gehörten zugegebenermassen nicht mehr zum Leimental). Auf Schweizer Seite wechselten sich zudem die Kantone Baselland und Solothurn ab.
Auch der öffentliche Verkehr ist von diesem Umstand betroffen. Die Basler Tramlinie 10 führt vom Bahnhof Basel in den Kanton Baselland und am Schluss über das französische Leymen nach Rodersdorf im Kanton Solothurn. Von dort aus kann man weiter mit der Buslinie 62 via Biederthal in Frankreich nach Burg im Leimental im Kanton Baselland fahren – meine morgige Anreise an den Startpunkt der Winterwanderung.
Highlight der Wanderung im Leimental war die riesige Burgruine Landskron, die auf einem Hügel direkt an der Grenze thront und einen Ausblick in drei Länder und drei Kantone bietet.
Das Projekt:
Die schweizerisch-französische Grenze ist zum Grenzwandern perfekt geeignet. Fast überall verläuft ein Wanderweg auf der Grenze selbst oder in unmittelbarer Nähe. Die Grenze ist 573 Kilometer lang, aber so ambitioniert bin ich diesmal nicht: Ein Teil verläuft im Genfersee und im Hochgebirge – darauf verzichte ich gern. Es ist mir ohnehin nicht klar, wie weit in den Süden ich überhaupt vorstossen werde. Bis zum Grenzhotel in La Cure wäre schön.
Denn ich habe nicht vor, wie im Sommer auf dem Weg an den Atlantik die gesamte Strecke am Stück zurückzulegen, sondern in Etappen von jeweils einem oder zwei Tagen: Immer, wenn ich gerade Zeit habe und mich die Reiselust packt. So habe ich auch in den düsteren, home office-lastigen Wintertagen immer einen attraktiven Grenz-Reisevorrat.
Denn die Grenze bietet einige Highlights. Etwa die «Route Internationale», eine von der Schweiz und Frankreich gemeinsam und ohne Zollkontrollen genutzte Landstrasse, die sich im Lützeltal mehrfach über die Grenze schlängelt. Oder die «Borne des Trois Puissances», das Denkmal an der Stelle, wo einst das Deutsche Reich, Frankreich und die Schweiz aufeinandertrafen. Oder Goumois, das geteilte Dorf, oder der schroffe Col des Roches hinter Le Locle.