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So etwas gibt es im beschaulichen Schweizer Literaturbetrieb nicht alle Tage: Ein unscheinbares Vorkommnis in einer Amtsstube schafft es in die Kulturteile praktisch aller Schweizer Medien und sogar in die deutschen Feuilletons.
Stein des Anstosses ist ein Gesuch des renommierten Schweizer Autors Alain Claude Sulzer, der für sein neues Romanprojekt mit dem Arbeitstitel «Genienovelle» beim Kanton Basel-Stadt einen Förderbeitrag beantragte. Es geht um 25'000 Franken.
Sulzer reichte, wie üblich bei Gesuchen, dem Fachausschuss Literatur rund 20 Seiten des neuen Romans ein. Das Gremium ist beauftragt, Empfehlungen zuhanden der Behörden zu formulieren.
Das Z-Wort
Im eingereichten Text, der SRF in Teilen vorliegt, fällt über ein Dutzend Mal das diskriminierende Wort «Zigeuner». Dies führte im Fachausschuss zu Diskussionen. Die Leiterin der Abteilung Kultur im kantonalen Departement, Katrin Grögel, veranlasste einen Brief an den Autor mit der Bitte, eine Stellungnahme zu seinem Gebrauch des Wortes «Zigeuner» nachzureichen.
Alain Claude Sulzer erzürnte die Post dermassen, dass er sein Gesuch zurückzog und sich mit dem Vorwurf, er werde zensuriert, an die Medien wandte. Nach Rückfrage von SRF relativiert der Autor die Anschuldigung zumindest teilweise: Beim Brief handle es sich, wenn nicht um Zensur, so doch zumindest um den Versuch, «Druck auszuüben» und «Einfluss zu nehmen» auf ihn als Künstler.
Vorwurf der Zensur
Die eingereichte Textpassage schildert einen etwa 65-jährigen Mann, der sich aus heutiger Sicht an die Zeit Mitte der 1970er-Jahre erinnert. Er war damals 16 Jahre alt und lebte in einem Haus, wo auch Sinti und Roma wohnten. Diese bezeichnete er damals mit dem heute verpönten Z-Wort. Und er verwendet es auch heute noch, wenn er an sie denkt. Wohl aufgrund seiner Prägung.
Der Text ist damit also nur schwerlich als diskriminierend zu bezeichnen. Und es wäre ein Leichtes gewesen, diesen an sich einfachen Sachverhalt dem Amt gegenüber kurz zu erklären. Sulzer entschied sich stattdessen dafür, den Vorwurf der Zensur in die Welt zu setzen.
Alain Claude Sulzer erklärt, er habe sich gekränkt gefühlt, dass man ihm «als mittlerweile 70-jährigem Autor Diskriminierung überhaupt zutraut». Kurzum: Das Schreiben hat den Autor zutiefst düpiert.
Das falsche Mittel
Katrin Grögel, die Abteilungsleiterin Kultur, gibt sich gegenüber SRF selbstkritisch: Der Brief sei wohl «das falsche Mittel gewesen, um die Nachfrage zu stellen». Der persönliche Kontakt wäre wohl zielführender gewesen. «Wir werden unsere Lehren ziehen.»
Man habe jedoch «von Amtes wegen eine Sorgfaltspflicht». Denn wenn der Text eben doch diskriminierend wäre, würde «die Kritik auf das Amt zurückfallen».
Auch die Art und Weise, wie der Brief entstand, nämlich ohne Kenntnis aller Mitglieder des Fachausschusses Literatur, sei nicht ideal gewesen, räumt Grögel ein. Es gab denn auch aus dem Gremium Kritik und sogar Rücktritte.
Mehr Gelassenheit
Auf Seiten von Alain Claude Sulzer hingegen wäre wohl etwas mehr Verständnis für die Situation der Behörden angebracht. Sie stehen in Zeiten, wo «Wokeness» grossgeschrieben wird, unter verstärktem Druck, ja keine Fehler zu begehen.
Mit diesem Rüstzeug liesse sich eine – wenn auch übervorsichtig erscheinende – Nachfrage des Amtes gelassen beantworten. Und die Falle vermeiden, Zensur zu behaupten, was absurd ist.
Was bleibt, ist der Eindruck einer Posse. Sie konnte gedeihen, weil die Beteiligten nicht miteinander, sondern ausschliesslich übereinander gesprochen haben.
Felix Münger
SRF Literaturredaktor
Felix Münger ist seit 2003 bei SRF tätig. Seit 2014 arbeitet als Redaktor für Literatur und Zeitfragen.