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Johannes R. Millius (29) leitet den grössten Schweizer Theaterverlag und ist nebenbei als Regisseur tätig. Im Interview spricht er über seine Arbeit, das neue Stück seines Ensembles und warum sich die Oberwalliser Theaterbühnen nicht beschweren sollten.
Johannes R. Millius, Sie sind Geschäftsführer beim Theaterverlag Elgg, dem grössten der Schweizer Theaterverlage. Buchverlage sind vielen ein Begriff, doch was genau macht ein Theaterverlag?
Wir sind das Bindeglied zwischen den Autoren der Theaterstücke und den Bühnen, die diese aufführen möchten. Das heisst, wir sammeln die Stücke und stellen diese den Bühnen bei Bedarf zur Verfügung. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass die Arbeit der Autoren auch adäquat entschädigt wird.
Und Ihre Rolle als Geschäftsführer, wie sieht diese aus?
Ich kümmere mich um die ganze Administration, das Personalmanagement und nehme repräsentative Aufgaben wahr. Daneben bin ich aber auch im operativen Geschäft tätig. Auch wenn wir der grösste Schweizer Theaterverlag sind, haben wir nur fünf Angestellte. Das heisst, zu meiner Arbeit gehört auch, Theaterstücke zu lektorieren und diese zu vermarkten.
Lassen Sie uns über Ihre Arbeit mit den Autoren sprechen. Sie sagen, dass Sie dafür sorgen, dass diese adäquat für Arbeit bezahlt werden. Doch dafür braucht es zunächst einmal Stücke in Ihrem Programm. Woher kommen diese?
Es gibt verschiedene Wege, auf denen ein Stück den Weg in unseren Katalog finden kann. Einerseits übersetzen wir Stücke aus dem deutschen Sprachraum in Schweizer Mundart, wenn wir das Gefühl haben, dass diese in der Schweiz Anklang finden könnten. Dazu arbeiten wir eng mit den Theaterverlagen anderer Länder zusammen, dienen sozusagen als deren Subvertrieb. Dann gibt es die Variante, dass wir eine Autorin oder einen Autor, mit der oder dem wir schon länger zusammenarbeiten, mit dem Schreiben eines neuen Stücks beauftragen. Schlussendlich werden uns auch viele Stücke einfach so angeboten.
Sind das viele?
Etwa 200 pro Jahr.
Das sind viele.
Nicht so viele, wie man denkt. Bei Buchverlagen, wo ich auch schon tätig war, wurden uns 200 Manuskripte pro Tag angeboten. Das ist viel.
Und aus wie vielen dieser Manuskripte, die Sie erhalten, wird schlussendlich ein Stück, das eine Bühne bei Ihnen «kaufen» kann?
In etwa 13 Prozent der Stücke nehmen wir in unseren Katalog auf. Das ist ein relativ grosser Prozentsatz im Vergleich zu den Buchverlagen, wo gerade einmal aus 0,5 Prozent der unaufgefordert eingereichten Manuskripte tatsächlich ein Buch wird.
Dennoch, rund neun von zehn Autoren erteilen Sie eine Absage. Wie reagieren diese
darauf?
Unsere Strategie ist, da die Zahl der eingereichten Werke ja überschaubar ist, den Autoren persönlich zu erklären, warum ihr Stück abgelehnt wurde. Wir nehmen uns daher auch die Zeit, die Manuskripte zumindest anzulesen. Manchmal können wir dann mit dem Autor auch entscheidende Verbesserungen vornehmen, sodass ein Werk, das wir zuerst abgelehnt haben, doch noch akzeptiert wird. Richtig Stress hatten wir mit einem Autor daher eigentlich noch nie. Zudem wissen die Autoren, dass Werke halt auch abgelehnt werden. Das gehört zum Geschäft.
Sie fungieren sozusagen als «Portier» für das, was auf den Bühnen in der Schweiz gespielt wird. Gibt es Trends, was ist im Moment besonders angesagt?
Dazu muss ich etwas ausholen. Die grosse Mehrheit unserer Kunden, sprich Bühnen, die unsere Werke «kaufen», sind Schulen, Laienbühnen oder andere Vereine, die ein Theaterstück aufführen möchten. Das Profitheater gehört weniger zu unserer Klientel. Daher ist klar, dass vor allem sogenannte «Volksstücke», sprich meist humorvolle, kurzweilige Stücke auf Mundart bei uns nachgefragt werden. Das dürfen auch gerne beliebte Klassiker sein. Neue Stücke hingegen orientieren sich aber vielfach auch am aktuellen Zeitgeschehen, haben zum Beispiel den Klimawandel zum Thema. Was ich feststelle, ist, dass die Autoren vielfach mehr Mut haben als die Bühnen, die eher beim Altbewährten bleiben, also bei kurzweiliger Unterhaltung, so wie man sie kennt.
Irgendwie schade, oder?
Ein bisschen schon, aber nur ein bisschen. Ich frage immer: Warum soll zum Beispiel ein Jodlerklub, der mit solch leichten Stücken jedes Jahr einen gelungenen Vereinsabend organisiert, plötzlich auf ein Werk mit mehr Tiefgang setzen, wenn es darum geht, eine gute Unterhaltung zu bieten? Ein Stück muss zum Anlass und zum Ensemble passen, nicht umgekehrt. Die Aufgabe, Kunst und irritierende Werke auf die Bühne zu bringen, obliegt dem Profitheater oder dem ambitionierten Amateurtheater, das aber wie gesagt eher weniger zu unseren Kunden gehört.
Ein Ensemble hat sich also für ein Stück entschieden. Wie geht es dann weiter?
Wie gesagt ist es unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, dass die Autorin oder der Autor des Stücks für die Aufführung desselben entschädigt wird. Das heisst, dass wir, neben der Zurverfügungstellung der nötigen Materialien, einen Vertrag aufsetzen, mit dem die Abgeltung geregelt wird.
Was kostet es, ein Theaterstück aufzuführen?
Es kommt darauf an, wer das Stück aufführt. Bei Schulen oder Vereinen, deren Hauptzweck eigentlich etwas anderes ist, beispielsweise wenn eine Musikgesellschaft ihr Jahreskonzert mit einem Theater bereichert, verlangen wir einfach eine Pauschale. In den anderen Fällen hängen die Kosten vom durch die Aufführungen generierten Umsatz ab. In der Regel sind das um die zehn Prozent.
Nun gut, Aufführungen von Dorftheatervereinen gibt es Dutzende jedes Jahr. Wie kontrollieren Sie, dass diese auch richtig abrechnen?
Vieles basiert auf Vertrauen, das ist klar. Wir können in der Tat nicht bei jeder Aufführung vorbeischauen und kontrollieren, ob ausverkauft war oder nicht. Aber blauäugig sind wir natürlich auch nicht. Wir lesen schon die Rezensionen in den Zeitungen, und wenn dort steht, dass alle Aufführungen einer Produktion ausverkauft waren, man uns gegenüber aber viel «schlechtere» Zahlen präsentiert hat, können wir die Abrechnungen verlangen. Man muss aber wissen: Die Theaterszene in der Schweiz ist nicht so gross. Unsauberes Verhalten spricht sich schnell rum und hätte auch entsprechende Konsequenzen.
In Ihrer Freizeit sind Sie selber als Regisseur beim Oberwalliser «Wort und Spiel Ensemble» tätig. Derzeit laufen die Vorbereitungen für die dritte Produktion Ihrer Truppe. Erzählen Sie doch etwas über das neue Stück.
Wir spielen ein Vier-Personen-Kammer-Drama des britischen Autors James Fritz mit Titel «Vier Minuten, Zwölf Sekunden», eine Schweizer Erstaufführung. Im Zentrum des Stücks steht ein Sex-Video zweier Jugendlicher, das irgendwie im Internet landet. Das Stück befasst sich mit dem Umgang der Eltern, der Ex-Freundin und eines Kollegen des männlichen Protagonisten, der im Stück aber nicht auftritt, mit dem Vorfall. Im Zentrum steht dabei unter anderem die Frage, ob das Video einvernehmlichen Sex zeigt oder eben nicht und was ein solches Video für Auswirkungen auf die Beteiligten, auch jene aus dem Umfeld, haben kann. Ein Stück in schönster Yasmina-Reza-Manier.
Ein ziemlich ernstes Thema. Warum führen Sie als Laientheater nicht einen der von Ihnen vorgängig erwähnten leichten Schwänke auf?
Ich denke, dass wir mit dem «Wort und Spiel Ensemble» mit solchen Stücken in der Oberwalliser Laientheaterlandschaft eine Nische besetzen können und so zu einer Bereicherung derselben beitragen. Nicht alle können das Gleiche machen.
Stichwort Laientheater. In den letzten Wochen wurde darüber gestritten, ob das Laientheater im Wallis im Vergleich zu professionellen Produktionen vom Kanton zu wenig, in erster Linie finanziell, unterstützt wird. Sie haben dazu gesagt, dass die derzeitige Praxis für Sie in Ordnung ist. Warum?
Man kann Profi- und Laientheater kaum miteinander vergleichen. Bei Ersterem geht es um Kunst und die Förderung von Werken, die nicht immer einen wirtschaftlichen Erfolg garantieren können. Es ist wichtig, dass in der Kulturlandschaft solche Produktionen Platz haben. Dafür braucht es finanzielle Mittel. Natürlich wäre es schön, wenn auch das Laientheater und somit die Volkskultur stärker unterstützt würde. Man muss aber auch realistisch bleiben. Wenn wir mit einer Produktion vom «Wort und Spiel Ensemble» eine schwarze Null schreiben, so ist das vollkommen in Ordnung und ich bin zufrieden. Bleibt noch etwas übrig, um kleinere laufende Kosten zu decken, so hat man schon viel erreicht. Es ist nicht der Sinn von Laienbühnen, Gewinn zu machen. Daher stehe ich zu meiner Aussage. Die sehr lebendige Theaterlandschaft im Oberwallis zeigt ja, dass es geht. Und ganz ehrlich, die meisten Bühnen kommen gut über die Runden. Auch weil sie eben unterstützt werden, in unserem Fall zum Beispiel von der Kulturkommission der Stadtgemeinde Brig-Glis.
Was wünschen Sie sich für die Oberwalliser Theaterlandschaft für die Zukunft?
Die Szene ist, wie gesagt, sehr lebendig und es werden immer wieder sehr gute Produktionen auf die Bühnen gebracht. Es gibt eine erstaunliche Vielfalt für so eine kleine Region wie das Oberwallis. Was ich hingegen etwas kritischer sehe, ist das «Gärtchendenken», das teilweise sehr stark ist. Sprich: Spielt eine Schauspielerin oder ein Schauspieler bei einem Stammensemble, wird der oder die immer noch kritisch angeschaut, wenn die Person ein Engagement bei einer anderen Bühne annimmt. Hier vermisse ich die Offenheit, die sich die Kulturszene ja sonst gerne auf die Fahne schreibt. Zudem denke ich, dass das Oberwalliser Theater vermehrt junge Leute in Schlüsselpositionen bringen sollte, zum Beispiel in die Vorstände der Vereine, in die Regiearbeit oder in die Produktionsleitung. Verpassen wir das, so haben wir in zehn Jahren ein grosses Nachwuchsproblem, und das wäre für unsere Theaterlandschaft alles andere als gut.Martin Meul