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Übergewicht bei Katzen ist schon lange keine Seltenheit mehr. Nahezu jede zweite Katze in Deutschland trägt zu viel Gewicht auf den Rippen oder ist sogar fettleibig (adipös). Dies führt nicht nur zu Einschränkungen hinsichtlich der Beweglichkeit der Katze, sondern ist auch ein großer Risikofaktor für verschiedene Krankheiten, die das Leben des Tieres stark beeinträchtigen und verkürzen können.
Dauerhafter Energieüberschuss führt zu Fettleibigkeit und/oder Adipositas
Ist die Aufnahme von Energie dauerhaft höher als der Verbrauch, führt dies zu einem Ungleichgewicht und damit zu einem Überschuss an Energie. Dieses Zuviel an Energie speichert der Körper vor allem in Form von Fett.
Übergewichtig ist eine Katze nach Angaben der meisten Autoren, wenn ihr Gewicht ca. 15 – 20 % über dem Idealwert der Lebendmasse (LM) liegt. Wann eine Katze als adipös gilt, wird in der Literatur etwas unterschiedlich definiert. So liegt etwa eine Adipositas vor, wenn das Gewicht des Tieres um 25 – 30 % über dem Idealwert der Lebendmasse liegt. Andere Quellen definieren eine adipöse Katze ab einem Körperfettanteil von 30% - 35%.
In den Industrieländern ist heutzutage die Adipositas eine der häufigsten ernährungsbedingten Krankheiten unter Katzen. Viele Katzenbesitzer sind sich allerdings nicht über das Ausmaß der Adipositas bewusst und unterschätzen die gesundheitlichen Probleme.
Body Condition Score (BCS)
Zur genauen Einschätzung des Gewichtszustandes lässt sich der Body Condition Score (BCS) nach LaFlamme mit seinem 9-Stufen System verwenden. Die Katze hat demnach ihr Idealgewicht beim BSC der Stufe 5. Ab Stufe 6 gilt das Tier bereits als übergewichtig.
Faktoren für Übergewicht bei Katzen
Verschiedene Kriterien begünstigen die feline Adipositas. Die wichtigsten hierbei sind die Lebensweise und die Ernährung. Eine ausschließlich in Wohnungshaltung lebende Katze verbrennt im Allgemeinen weniger Kalorien als eine freilebende Katze. Ab einem Alter von fünf Jahren neigen Katzen zudem auch zu weniger Aktivität und somit zu einem geringeren Energieumsatz.
Besonders kastrierte Katzen sind anfällig für Adipositas. Der Grund hierfür ist noch nicht abschließend geklärt. In einigen Studien konnte festgehalten werden, dass nach der Kastration bei Katern und Katzen ein verminderter Drang zur Bewegung gezeigt wurde. Andere wiederum führten an, dass die Kastration zu vermehrter Futteraufnahme führt, wodurch sich letztlich die Energieaufnahme erhöht: ein wesentlicher Grund für die Entstehung von Übergewicht.
Auch genetische Faktoren beeinflussen die Entstehung von Übergewicht. So wurden etwa verschiedene Veränderungen des Erbguts an unterschiedlichen Genen identifiziert, die jeweils an einer spezifischen Form von Übergewicht beteiligt sein können.
Ebenso scheinen die Haltung und die Mensch-Katze-Beziehung nicht unerhebliche Auswirkungen auf das Gewicht der Katze zu haben.
Fressverhalten von Jungkatzen
Katzen gelten bis etwa zum Erreichen des ersten Lebensjahres als Jungkatzen (ausgenommen Maine Coon und Norwegische Waldkatzen, welche aufgrund ihrer Größe erst nach 2-3 Jahren ausgewachsen sind). Jungkatzen benötigen in etwa die doppelte Menge an Nahrung als erwachsene Katzen. Katzenkinder sollten daher so viel fressen dürfen, wie sie brauchen. Eine junge Katze frisst gute 300 g Nassfutter am Tag, das auf 5-6 Mahlzeiten aufgeteilt werden sollte. Verwehrt man Jungkatzen den Zugang zu ihrem benötigten Futter und müssen sie dadurch Hunger leiden, kann dies auf das spätere Fressverhalten Einfluss nehmen und sich in Übergewicht äußern.
Stress und Langeweile fördern überschüssige Pfunde bei Katzen
Fest steht: Die Ursache von zu viel Gewicht kann auch mit chronischem Stress und Angststörungen in Verbindung stehen. Futter dient der Katze dann oft als beruhigende Ersatzbefriedigung. Besonders für Wohnungskatzen - bedingt durch die meist reizärmere Umgebung von Innenräumen - sind folgende Stressfaktoren möglich:
- Langeweile
- der Konflikt mit anderen Katzen/Haustieren und/oder Menschen
- keine katzengerechte Haltung aufgrund fehlender Ressourcen.
In der freien Natur fressen Katzen ca. 10-15 kleine Mahlzeiten täglich, die sie sich hauptsächlich durch selbständiges Jagen mit hohem Zeitaufwand und damit verbundener Bewegung erarbeiten. Reine Wohnungskatzen dagegen haben oft keine ausreichende Beschäftigung und häufig rund um die Uhr ein „All-You-Can-Eat Buffet“ zur Verfügung. Durch fehlende Beschäftigung stellt für viele dieser Tiere dann das Fressen an sich und zusätzlich das Anbetteln der Besitzer das Highlight des Tages dar.
Frisst eine Katze plötzlich und ohne erkennbaren Grund mehr als sonst, sollte dies tierärztlich überprüft werden. Auch Gelenkprobleme, Stoffwechselkrankheiten und bestimmte Medikamente begünstigen das Übergewicht.
Gesundheitliche Folgen des Übergewichts
In einer Studie von Scarlett und Donoghue (1998) ist an 1.400 Katzen in den USA nachgewiesen worden, dass übergewichtige Katzen im Gegensatz zu idealgewichtigen Katzen
- mehr als 3x so häufig an Diabetes mellitus erkrankten
- mehr als 4x so häufig eine Lahmheit aufwiesen
- und mehr als 2x so häufig von nicht-allergischen Hautkrankheiten geplagt waren.
Ab einer Überschreitung von mehr als 25-30% des Idealgewichtes kann Übergewicht zu erheblichen gesundheitlichen Folgen führen und durchaus zu einer verkürzten Lebenserwartung der Katze beitragen.
Gesundheitliche Auswirkungen der felinen Adipositas können sein:
Diabetes mellitus
Diabetes kann als Typ 1 (zu geringe Insulinproduktion) und Typ 2 (eine Insulinresistenz) auftreten. Übergewicht begünstigt eine Insulinresistenz durch das erhöhte Fettgewebe. Die Zellen schlagen durch die extreme Fettansammlung nicht mehr ausreichend auf das Insulin an. Nach einer Gewichtsreduktion sinken häufig auch die Diabeteswerte wieder und ermöglichen der Katze dadurch ein Leben ohne Insulininjektionen.
Hepatische Lipidose (Leberverfettung)
Die hepatische Lipidose ist die bedeutendste Lebererkrankung bei Katzen. Hierbei gerät der Fettstoffwechsel durcheinander, was lebensbedrohlich enden kann. Grund hierfür ist meist eine - z.B. durch eine Diät - länger andauernde Hungerperiode bei übergewichtigen Katzen, da ein Nahrungsverzicht über 24 Stunden von allen Katzen nur sehr schlecht verarbeitet werden kann. Durch die stark reduzierte Futtermenge sind Katzen gefährdet, einen Proteinmangel zu erleiden, da sie nicht fähig sind, die Enzyme in der Leber, die mit dem Proteinstoffwechsel in Verbindung stehen, herunterzufahren. Durch die hieraus entstehende mögliche negative Stickstoffbilanz kann es zu einer vermehrten Fettansammlung in der Leber kommen.
Fellprobleme und Hauterkrankungen
- Das Fell kann an einigen Körperstellen (vor allem im Kruppenbereich) aufgrund der zunehmenden Unbeweglichkeit nicht mehr ausreichend gesäubert werden und daraufhin ggf. verfilzen
- Haut- und Speckfalten begünstigen Hautentzündungen.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Die Adipositas erfordert eine Steigerung der Herzleistung, da der Körper mehr „Masse“ versorgen muss.
- Raumfordernde Fettmassen im Brustkorb können die Lungenkapazität reduzieren
Harnwegserkrankungen
Vom Symptomkomplex FLUTD („feline lower urinary tract disease“) sind häufig übergewichtige Kater betroffen. Begünstigt wird dies eventuell durch Bewegungsmangel, Stress und die im abdominalen Fett „eingepackte“ Harnblase, welche sich nur unvollständig entleeren kann. Die Adipositas kann außerdem zu aufsteigenden Harnwegsinfekten führen. Grund ist die Unfähigkeit zur Körperhygiene des Anogenitaltraktes infolge des Körpervolumens.
Gelenk- und Bewegungsprobleme
Ein erhöhtes Körpergewicht begünstigt und verschlimmert Erkrankungen des Bewegungsapparates.
Erhöhtes Operations- und Narkoserisiko
- Fettgewebe ist stärker durchblutet, lässt sich aber schlecht vernähen.
- Narkosemittel halten sich länger im Fettgewebe.
- Adipöse Patienten haben aufgrund eines erhöhten Auftretens von Herz-Kreislaufproblemen auch eine höheres Narkoserisiko.
Atemwegserkrankungen
Verschlechterte Kondition und ein vermindertes Atemvolumen aufgrund der eingelagerten Fettspeicher führen zu Atemwegsproblemen.
Auch ein erhöhtes Krebsrisiko und Maulhöhlenerkrankungen werden diskutiert.
Die Therapie von Übergewicht mit dem Vorhaben, das Idealgewicht wieder zu erlangen, besteht aus der Kombination einer diätetischen Ernährung und der Steigerung von psychischer und physischer Aktivität. Sollten Sie bei Ihrer Katze eine Tendenz zu Übergewicht oder sogar bereits eine Fettleibigkeit feststellen, zögern Sie nicht: Suchen Sie einen Tierarzt oder Ernährungsberater Ihres Vertrauens auf, um möglichst frühzeitig weiteren gesundheitlichen Problemen vorzubeugen. Ein Verhaltensberater zeigt Ihnen, wie Sie Ihrer Katze zu psychischer und physischer Auslastung und damit zu mehr Lebensqualität verhelfen, ohne dass sie durch Überforderung Schaden erleidet.
Quelle:
B. Dobendecker, N. Zorn: Body Condition Scoring System – Anwendung in der Kleintierpraxis (kleintier konkret 2007; 10(06): 24-27)
Julia Trossen: Unterschiede im Energieumsatz und Futteraufnahmeverhalten zwischen Katern mit und ohne genetisch bedingte Prädisposition zu Übergewicht (University of Zurich, Vetsuisse Faculty, 2016) https://www.zora.uzh.ch/id/eprint/124747/1/Dissertation-Trossen.pdf
Susanne Reinerth: Natural Cat Food: Rohfütterung für Katzen – Ein praktischer Leitfaden (Verlag Books on Demand GmbH, Norderstedt, 2008, S. 113, 138
Sabine Schroll: Zystitis, Kolitis, Alopezie und Adipositas – Gibt es psychosomatische Erkrankungen der Katze? (kleintier konkret 2009; 12(02): 12-16)
C. Rade: Übergewicht und Diabetes mellitus (team spiegel 2/2008; 9)
C. Schünemann, C. Rade: Diätetische Behandlung von Hunden und Katzen mit Lebererkrankungen (veterinär spiegel, 2005, S. 27)
Barbara Zottmaier: Der Stoffwechsel von mit Trockenfutter ernährten Katzen bei Gewichtsreduktion bzw. Gewichtskonstanz (University of Zurich, Vetsuisse Faculty, 2008, S. 12)
Scarlett und Donoghue (1998) (https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/9621878)
Svenja Dette ist gelernte Bürokauffrau und arbeitet in diesem Berufsfeld hauptberuflich. Da sie selbst zwei übergewichtige Katzen aus dem Tierheim adoptiert und sich bezüglich der Gewichtsreduzierung vielfältig informiert hat, wurde das Interesse für Katzen immer mehr verstärkt.
2018 begann sie daher den Fernlehrgang zur "Verhaltensberatung mit dem Spezialgebiet Katze" bei der ATN, den sie 2019 erfolgreich abgeschlossen hat. Mit ihrem erworbenen Fachwissen bietet sie nun anderen Katzenhaltern bei Problemen mit ihren Vierbeinern Rat und Unterstützung, um beiden - Mensch und Tier - zu einem harmonischen Zusammenleben zu verhelfen.