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Unmasking Space
In einem selbstorganisierten Wahlfach hinterfragen Studierende die aktuellen Methoden und Paradigmen der Architekturausbildung. Mit studentischem Wissen wollen sie ein antirassistisches Curriculum etablieren.
Ein Student sitzt in einer leeren Badewanne und präsentiert anderen Studierenden seine flüchtigen Skizzen, in denen er sein Zuhause vorstellt. Eine nächtliche Diskussion findet am Rande einer durchtanzten, vernebelten Party statt, am Morgen danach erfolgt eine kollektive Aufräumdiskussion. Während eines reflektiven Spaziergangs über den Campus wird die Aneignung von Räumen thematisiert. Ein auditives Seminar verwandelt mit Musik und Klängen einen Lift in einen erinnerungsgeladenen Ort. All diese Momente waren Teil von ‹Unmasking Space›, einem von Studierenden geleiteten Wahlfach, das im Frühjahr 2023 am Departement Architektur der ETH Zürich stattfand. Es wurde von Studierenden für Studierende organisiert und hinterfragt die aktuellen Methoden, Pädagogiken und Paradigmen der Architekturausbildung.
In einer Zeit des Wandels, in der antirassistische und feministische Forderungen nach sozialer und wirtschaftlicher Gerechtigkeit immer präsenter werden, können die westlich geprägten Lehrpläne für Architektur nicht mehr mithalten. Wir müssen einsehen, dass die Architektur als elitärer Beruf im Dienst eines Systems steht, das soziale Ungerechtigkeiten in der gebauten Umwelt reproduziert. Man kann sogar behaupten, dass das Curriculum selbst ein Instrument ist, das entwickelt wurde, um den Status quo zu erhalten. Es definiert und kontrolliert, welches Wissen als legitimierte Ansicht bestimmt wird. Es basiert auf den Perspektiven Europas und Nordamerikas und schließt die Geschichte von Minderheiten aus. Es ist zutiefst sexistisch. Es führt extraktive, unhaltbare und koloniale Praktiken fort.
Was bedeutet es zu lernen? Wie lernen wir? Von wem lernen wir? Wann lernen wir? Vielleicht ist es gut, mit diesen Fragen zu beginnen. Wenn die gegenwärtige Struktur auf eine Normierung abzielt, dann führt uns die Frage, wie wir die gegenwärtigen Lehrpraktiken untergraben und ein neues paralleles Curriculum etablieren können, zwangsläufig dazu, das Wissen der Studierenden anzuerkennen. Wir müssen den Campusraum von einem institutionalisierten in einen flüchtigen Ort verwandeln. Das kann nur durch unsere Bewegungen und Aktionen erfolgen.
Als Reaktion auf diese Überlegungen wurde ‹Unmasking Space› ins Leben gerufen, zunächst in Form einer Gruppe vonDoktorand:innen, die sich mit strukturellem Rassismus in der Architektur beschäftigten. Übernommen und geleitet von Studierenden, entwickelte sich ‹Unmasking Space› zu einem Wahlfach, in dem studentisches Wissen anerkannt wird. In den elf Sitzungen, gegliedert in drei Module, präsentierten einzelne Studierende und Kollektive jeweils ein im aktuellen Lehrplan fehlendes Thema und experimentierten mit neuen Lehrformen. Im ersten Modul, ‹unmasking context, where are we now?›, reflektierten wir unsere Positionen als Studierende und traten in einen Dialog mit anderen studentischen Initiativen wie ‹ifa diaspora› der TU Berlin, der Gender Taskforce an der TU Graz und Volta an der USI Mendrisio. Im zweiten Modul ‹unmasking knowledge: who knows?› dachten wir darüber nach, welche Themen fehlen, wie zum Beispiel Urbanismus aus der Perspektive der südlichen Hemisphäreoder wie sich Kompetenzen aus der Architektur auf den Klimaaktivismus übertragen lassen. Im dritten Modul, ‹unmasking possibilities: where can we go?›, experimentierten wir mit verschiedenen Formaten und Räumen des Lernens, von einer Party über gemeinsames Kochen bis hin zum eigenen Zuhause.
Wir sind auf fruchtbaren Boden gestoßen. Denn momentan diskutieren viele studentische Initiativen aus der ganzen Welt Fragen und Formen des Lerninhaltes. Das Wahlfach umfasste ein breites Spektrum an Gästen. Studierende kamen von innerhalb und ausserhalb des Fachbereichs, um an Seminaren teilzunehmen, die vonArchitekturstudent:innen in Zürich, Berlin, Mendrisio, Johannesburg, New York, Graz, Delft und London konzipiert wurden. Die Diskussion über diese dringlichen Themen verbindet uns und wir knüpften ein Netz der Solidarität. Doch um ihn umzusetzen, musste der Kurs auch den konventionellen Rahmenbedingungen entsprechen. Ohne die Unterstützung der Professor:innen An Fonteyne, Els Silvrants-Barclay und Khensani Jurczok-de Klerk am Department of the Ongoing wäre er nicht zustande gekommen. Während des Prozesses blieben wir offen und mutig, um Teil eines parallelen Curriculums in der Institution zu werden. Wie Paul Feyerabend in seiner Abhandlung ‹Against Method: Outline of an Anarchistic Theory of Knowledge› argumentiert, ist ein anarchistisches Verständnis von Methodologien und Erkenntnistheorien erforderlich, um die künftige Generation zu befähigen, sich von veralteten und normativen Praktiken zu lösen und etwas Neues auszuprobieren. Genau wie Fred Moten und Stefano Harney in ihrer Essay-Sammlung ‹Undercommons: Fugitive Planning and Black Studies› feststellen: «Form ist nicht die Auslöschung des Informellen. Form ist das, was aus dem Informellen hervorgeht.» Das ist es, was mit ‹Unmasking Space› geschieht. Auf der Suche nach Freiheit in der Wissensproduktion, betreten wir Neuland, um auf unkonventionelle Weisen Antworten zu finden (oder auch nicht).
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* Giacomo, Michael, Nina, Qianer und Shriya im Namen der Gruppe ‹Unmasking Space›.