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Einfamilienhäuser – Architektonische Grenzwanderung
Das Haus liegt auf einer kleinen Anhöhe, passt in die Landschaft, liegt zwischen der Stadt und dem Land und antwortet auf diese Bedingungen mit einem Thema, das dem Haus seinen Namen gegeben hat: Border Crossing House. Gebaut hat dieses poetische, ja schon fast philosophische Haus der Architekt Simone Subissati. Er studierte an der Architekturschule von Florenz bei Remo Buti und Gianni Pettena, Exponenten der sogenannten radikalen Bewegung (il movimento radical), die im italienischen Design und in der Architektur zwischen 1960 und 1975 bekannt war für einen experimentellen Umgang mit Formen, Nutzungen und Materialien. Eine Bewegung, die Konventionen, sei es im Design oder in der Architektur, hinterfragte und mit ungewöhnlichen Ideen aufwartete.
Haus als Teil der Landwirtschaft
Das rechteckige Gebäude wird von einem asymmetrischen Giebeldach bedeckt, das die gesamte Länge von Osten nach Westen einnimmt und sich so auf die umgebende rurale Landschaft bezieht. Die verschiedenen Öffnungen, unterschiedlich in Form und Funktion, verwandeln das Haus und bieten verschiedenartige Möglichkeiten, wie die Wohnräume mit der eigentlichen Landschaft interagieren können: mit einer möglichst grossen Offenheit und Transparenz und doch der Möglichkeit, im Innern intime Räume zu schaffen, die den einzelnen Funktionen entsprechen. So besitzt das Haus keine Abgrenzung zum Aussenraum, kein Gartenzaun ist nötig in dieser Umgebung. Das Einzige, was ins Auge sticht, ist das Gras, das bis ganz ans Haus heranwächst, sich als Teil der landwirtschaftlichen Umgebung ausgibt wie die eigentlichen Felder, auf denen Weizen, Gerste, Ackerbohnen und Sonnenblumen wachsen, die im August geerntet werden. «Die Idee war, die Grenzen zu durchbrechen, die Konventionen zu negieren, wonach der private Wohnraum vom landwirtschaftlichen Arbeitsraum getrennt sein soll», beschreibt Simone Subissati die architektonische Grundidee. Der Architekt begründet seine gestalterische Philosophie mit einer Kindheitserfahrung, die ihn nie mehr losgelassen hat: «Ich war fasziniert von den Landhäusern meiner Grosseltern und Verwandten in den Marken mit ihrer geradlinigen Einfachheit, mit ihrer Ehrlichkeit, die sich so stark unterscheidet vom heutigen Trend des Minimalismus. Es waren Häuser, die man von Raum zu Raum durchschreiten konnte. Die Arbeitsräume im Erdgeschoss waren miteinander verbunden und offen auf beide Seiten.»
Poesie von offen und geschlossen
Das Erdgeschoss, das den Wohnraum aufnimmt, besitzt eine dunkelrote Fassade: Die Gebäudehülle besteht hier aus Eisen, das mit einem Antirostprimer versehen ist. Im Obergeschoss befindet sich nicht nur der Schlafbereich, sondern auch ein grosser offener Raum, der von einem leichten Rahmen mit einer mikroperforierten und vorgespannten weissen Membrane bedeckt ist. In der Nacht leuchtet dieser Gebäudeteil weit in die Landschaft hinaus.
Ein grosszügiger zentraler Teil des Volumens im Erdgeschoss ist offen und kann ohne Raumbegrenzung von einer Seite zur anderen durchquert werden. Zusätzlich zu diesem offenen Bereich kann ein Grossteil der Metallverkleidung mittels Fensterläden geöffnet werden, die, wenn sie geöffnet sind, rechtwinklig zur Fassade stehen. So lassen sich im Wohnzimmer, in der Küche und im Spa-Bereich unmittelbare Bezüge zum Aussenraum herstellen. Dank dieser gestalterischen Umsetzung scheint das Volumen des Gebäudes fast über dem Boden zu schweben. Diese Wahrnehmung wird durch den Swimmingpool noch verstärkt. Dieser ist rechtwinklig zum Haus angeordnet und ebenfalls von Gras umwachsen. In dieser Ausprägung erinnert der Pool an die typischen Retentionsbecken in der Landwirtschaft, in denen Regenwasser für die Bewässerung zurückgehalten wird.
Räumliche Organisation
Das Obergeschoss wird durch eine hölzerne, weiss gestrichene Treppe in einer ganz einfachen Bauweise erschlossen. Von hier erreicht man die meisten privaten Bereiche des Hauses, wo auch die Schlafzimmer untergebracht sind. Für diese Räume hat Subissati statt normaler Fenster dreidimensionale Fensterlaibungen eingefügt, die innen mit Spiegeln verkleidet sind, in denen sich die Landschaft noch einmal auf vielfältige Weise bricht. Diese gestalterisch raffinierte Intervention nennt der Architekt, in Anlehnung an die Blende der fotografischen Optik, «Diaphragma». Wie auch im Erdgeschoss erlaubt die Positionierung der Fenster, beide Seiten der Landschaft zu geniessen, und das mit diesem überraschenden visuellen Effekt. Geschützt durch ein simples Hühnergitter, führt ein Balkon hier oben zum offenen Raum mit dem Wintergarten: einem Raum, der als zweiter Wohnraum dient. Dieser Abschnitt des Gebäudes ist aus Holz konstruiert und ebenfalls mit einer mikroperforierten Membrane abgedeckt, die es erlaubt, das Tageslicht gefiltert ins Innere zu lassen, und das Border Crossing House in eine Art grosse Lampe verwandelt.
Eine spielerische Haltung brachte Simone Subissati dazu, das Projekt im Sinne einer Assemblage zu gestalten. So wohnt dem Border Crossing House auch eine metaphysische Komponente inne: Zum einen ist es eine Art Archetyp des ländlichen Hauses, oszillierend zwischen Erinnerung und Spiel. Zum anderen verwehrt sich das Haus jeglichem Versuch einer Einordnung in die Geschichte der vernakulären Architektur. Das Border Crossing House überschreitet auch hier Grenzen, indem es das Archetypische in eine zeitgenössische Sprache übersetzt, aber gänzlich ohne Manierismen und Überzeichnungen. In diesem Sinne hat der italienische Architekt auch die Materialien und die Inneneinrichtung konzeptuell und weniger formal gestaltet. Er vermeidet einen zeitgenössischen Manierismus. So ist der Innenausbau komplett von Subissati massgefertigt. Ziel des Architekten war es dabei, Räume zu generieren, die «sowohl zeitlos als auch offen gegenüber der Zukunft» anmuten. Das kompositorische Alphabet, das er im Border Crossing House anwendet, lässt sich mit Offenheit und Leichtigkeit beschreiben, die das ganze Haus von den Räumen bis zu den Möbeln mit einbeziehen.
Konstruktion mit verschiedenen Materialien
Die Struktur des Gebäudes besteht aus Stahl, mit Ausnahme des Volumens im Obergeschoss mit dem offenen Raum. Dieser besteht aus laminiertem Holz und ist überzogen mit mikroperforierten Metallflächen. Der übrige Bereich im Obergeschoss besitzt ein Finish aus selbstreinigendem Putz. Die Tragstruktur, an der die Scharniere der Türen und Fenster ausgerichtet ist, beherbergt auch die Leitungen und Lüftungskanäle. Das Gebäude ist zudem als Passivhaus konstruiert, das während der kalten Jahreszeit die gespeicherte Wärme nutzt und im Sommer eine natürliche Kühlung ermöglicht; eher eine Seltenheit für italienische Verhältnisse, da in Italien im Hausbau mehrheitlich noch auf Airconditioning-Anlagen gesetzt wird. ●
Bautafel
Objekt Casa di Confine
Standort Polverigi, Ancona
Fertigstellung 2019
Bauherrschaft Privat
Architektur Simone Subissati Architects
Gebäudefläche 350 m2
Abmessungen Gebäude33 auf 8,4 m