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Seit kurzem hängt im Durchgang des 1. Obergeschosses zwischen den beiden Patrizierhäusern des Antikenmuseums dieses aussergewöhnliche Marmorrelief mit zwei kämpfenden Giganten (Abb.). Es ist das rechte Eckfragment eines ursprünglich längeren Kampffrieses und zeigt zwei nackte muskulöse Giganten mit wildem Haar und zornigem Blick bei der Übergabe des Wurfgeschosses in der Form eines Felsbrockens. Dass es sich um Giganten handelt, bestätigt ein Gigantomachierelief im Belvedere des Vatikans (siehe Vergleichsabbildung), auf dem das Motiv dieses Gigantenpaares in genau gleicher Weise, jedoch in einem vollständigeren Kontext erhalten ist. Darauf ist zu erkennen, dass unser Paar gegen eine von links angreifende matronale Göttin mit Fackeln ankämpft, vermutlich Leto, die Mutter von Artemis und Apollon. Die langgewandete Göttin bedroht mit einer ihrer beiden Fackeln das Gesicht des älteren bärtigen, bereits auf die Knie gesunkenen Giganten. Dieser weicht zwar zurück, blickt aber zornig zu seiner Gegnerin und greift nach dem Felsbrocken, den sein jüngerer bartloser Kampfgefährte heranschleppt, um ihn der Göttin entgegenzuschleudern. Links von der Leto erkennt man einen weiteren bärtigen Giganten, diesmal in einer kühnen Rückenansicht und mit schlangenförmig endenden Beinen. Auch er kämpft mit Steinen gegen eine von links angreifende Göttin. Diese ist dank ihrem kurzen Peplos und dem Bogen eindeutig als die Jagdgöttin Artemis, Tochter der Leto, erkennbar. Sie hat mit ihrem Bogen offenbar einen Pfeil auf die Wilden abgeschossen. Ein Hund der Artemis hat sich zudem in den linken Oberschenkel des Giganten verbissen, derweil dessen Beinschlange ihrerseits den Jagdhund in die Schulter beisst. Der Hintergrund zwischen den Figuren ist durch knorrige Laubbäume und ansteigendes Felsgelände fast zur Gänze ausgefüllt. Am Basler Relief hebt sich das Astwerk der Bäume viel dezenter vom Grund ab als am Vatikaner Relief. Dieser Unterschied liegt in den verschiedenen Entstehungszeiten begründet. Während das Basler Relief mit den kleinteiligen aber festen Formen und der sparsamen Landschaftsangabe in die späthellenistische Zeit weist, deutet das Vatikaner Relief mit aufgewühlterer Oberflächenstruktur und zerklüftetem Landschaftshintergrund auf die Stilstufe des ausgehenden 2. Jhs. n. Chr. hin. Das Vatikaner Relief ist also eine fast drei Jahrhunderte später entstandene massgleiche Kopie des früheren Werks. Wahrscheinlich wurde das originale Relief in der fortgeschrittenen Kaiserzeit bei einer starken Beschädigung, etwa infolge eines Brandes, so sehr in Mitleidenschaft gezogen, dass man sich anstelle einer Reparatur für eine vollständig neue Kopie entschloss. Während sich von letzterer in Rom eine ganze Platte sowie einige weitere stilistisch verwandte Fragmente erhalten haben, überdauerte vom originalen Fries nur unser Eckbruchstück. Aufgrund der Grösse des Reliefs muss man als ursprünglichen Standort an einen öffentlichen stadtrömischen Bau denken. Der Fries könnte dabei sowohl einen sakralen Bau (etwa einen Tempel) oder auch einen Profanbau (beispielsweise ein Theater) verziert haben.
Die Giganten der griechischen Mythologie sind die Söhne der Erdgöttin Gaia; sie verkörpern die Urkraft der ursprünglichen Natur. Sie sind damit die Gegenpole zu den Olympischen Göttern, welche das Chaos der Welt in geordnete Bahnen lenken. Zwar fordern die Giganten die Olympier immer wieder heraus, doch sie vermögen trotz aller ungestümen Gewalt und rohen Kraft nichts gegen die Götter zu bewirken, die ihnen zivilisatorisch überlegen sind und die auch über ausgefeiltere Waffen verfügen. Der Kampf zwischen Giganten und Göttern diente den Alten als eine Parabel für die reale Welt: Der zivilisierte Grieche und Römer zeichnet sich nämlich dadurch aus, dass er den primären Naturzustand überwindet, indem er Triebe und Instinkte in den Griff kriegt und mit seinen intellektuellen und kulturellen Fähigkeiten zu einer fortschrittlichen und zivilisierten Welt beiträgt.
Das grösste Denkmal mit Darstellungen der Gigantomachie stellt der monumentale Fries vom sog. Zeusaltar in Pergamon dar. Dieses Werk aus dem damalig führenden Kunstzentrum Pergamon (heute im Pergamonmuseum in Berlin aufbewahrt) ist auch generell das herausragendste Kunstwerk der gesamten hellenistischen Epoche. Als stilbildendes Monumentalwerk wirkte es noch lange bis in die römische Zeit hinein, indem es viele Bildwerke, sowohl ikonographisch wie stilistisch, so stark beeinflusste wie auch unser Gigantomachierelief.
Dr. Tomas Lochman, Kurator Dauersammlung, Fachbereich griechische und römische Skulpturen