Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03352.jsonl.gz/3213

Wasserflugzeuge – die eleganten Alleskönner
Einen Flugzeugtyp, welcher fast nur noch als Oldtimer anzutreffen ist, bildet die Klasse der Wasserflugzeuge. Diese einstmals weitverbreiteten und in manchen Regionen noch dringend benötigten Maschinen bestechen durch ihre einzigartige Vielseitigkeit.
In den Anfängen der kommerziellen Fliegerei waren sie die Standardfluggeräte für den Linienverkehr. Diese Verwendung liess sie in den 1920ern und 1930ern zu wahren Riesen anwachsen. Die Vorteile dieser wasserstart- und -landefähigen Grossflugzeuge war und ist, dass sie keine Landebahnen aus Beton und Asphalt benötigen. Sie können auf jeder Wasserfläche landen, die tief, lang und ruhig genug ist. Aus dieser Zeit stammen auch einige der legendärsten Typen, welche die Flugzeugindustrie bis heute hervorgebracht hat.
Die Dornier Do X mit ihren zwölf Doppelmotoren ist heute noch ein Sinnbild für den Glauben an die unbegrenzte Machbarkeit des technischen Fortschritts in der Vorkriegsära. Doch neben dem berühmten, kommerziell aber wenig erfolgreichen Grossflugboot aus Deutschland waren andere Staaten ebenfalls nicht untätig. Die USA konnten mit ihrer Boeing 314 eine kleine Flotte an Flugbooten präsentieren, welche sehr erfolgreich im internationalen Liniendienst eingesetzt wurden. Aus England kamen die nicht minder beeindruckenden „Short“-Flugboote, und auch Frankreich brachte mit der Latécoere 521 und der Sud-Est SE 200 interessante Entwicklungen hervor.
Der Zweite Weltkrieg war die Hochzeit und gleichzeitig der Abgesang dieser wundervollen Flugzeuge. Zwar war es Deutschland, welches mit der Blohm+Voss BV 222 und 238 wieder den Anschluss an den Grossflugbootbau finden konnte. Die Hughes-Kaiser „Spruce Goose“, welche als Truppentransporter entwickelt wurde, aber nie wirklich zum Einsatz kommen sollte, war aber dann die Spitze des technisch Machbaren in diesem Bereich.
Zwar versuchte England mit der Saunders-Roe „Princess“ nochmals, den Traum riesiger Flugboote aufrechtzuerhalten. Doch ihre Zeit war 1945 endgültig vorbei. Der Nachteil dieser Giganten war, dass sie auf Wasserstart und -landung beschränkt waren. Um in Kriegs- und Friedenszeiten international erfolgreich operieren zu können, war eine grössere Flexibilität gefragt.
Diese Flexibilität lieferten die sogenannten Amphibienflugzeuge. Dies waren entweder kleinere Flugboote, die über ein zusätzliches Fahrwerk verfügten, oder konventionelle Flugzeuge, welche statt eines Fahrwerks mit Schwimmern ausgestattet wurden. Diese Schwimmer haben aber zumeist wiederum kleine Rollen an ihrer Unterseite, so dass ein Start von Land auch mit einem Schwimmerflugzeug möglich ist.
Wasserflugzeuge wurden im Zweiten Weltkrieg zur Aufklärung und zur U-Boot-Jagd eingesetzt. In dieser Zeit wurde das berühmteste Flugzeug seiner Art geboren: Die PBY Catalina. Dieses amerikanische Flugzeug war auf quasi allen Kriegsschauplätzen im Einsatz und aufgrund seiner exzellenten Konstruktion und zuverlässigen Flugleistungen bei ihren Besatzungen sehr beliebt. Tatsächlich spielten Catalinas bei einigen entscheidenden Episoden dieser Zeit eine besonders wichtige Rolle. Beispielsweise war es eine Catalina, welche das deutsche Schlachtschiff „Bismark“ aufspüren konnte, was zu dessen Untergang führte.
Auch nach dem Krieg blieben die Catalinas bei Privatnutzern bis heute sehr beliebt. Einer der berühmtesten Nutzer dieser schönen Flieger war der Unterwasserforscher Jaques-Yves Cousteau, der aber leider bei einem Absturz seiner PBY seinen Sohn verlor.
Nach der Catalina wurden noch einige weitere Flugboote entwickelt, die aber weder ihre Stückzahl noch ihre Bedeutung erreichen konnten. Mit leidlich grössenwahnsinnigen Projekten wurde die technische Entwicklung dieses Flugzeugtyps in der Zeit des Kalten Krieges auf die Spitze getrieben. Der wasserstart- und -landefähige Düsenjäger „Convair F2Y Sea Dart“ war neben der „Martin P6M-2 Seamaster“ das Maximum, was mit diesem Flugzeugkonzept erreicht werden konnte. Eine Besonderheit war die französische CL-125. Dieses Flugzeug wurde vom ersten Federstrich an als Brandbekämpfer konstruiert. In dieser Rolle ist das Modell bis heute äusserst erfolgreich.
Doch seit rund zehn Jahren ist wieder Bewegung in der Entwicklung der Wasserflugzeuge. Warum gerade Russland sich anschickt, hier eine Marktführerschaft zu erlangen, bleibt ein Rätsel. Tatsache ist, dass auch heute noch Bedarf an wasserstart- und -landefähigen Flugzeugen besteht. Ob als Lufttaxi in den kanadischen Provinzen oder als Brandbekämpfer, Wasserflugzeuge sind nach wie vor in vielen Einsatzgebieten alternativlos.
Das Unternehmen Berijev hat inzwischen eine Reihe interessanter und höchst beeindruckender Flugzeuge entwickelt. Das Prachtstück dieser Firma ist der Amphibienjet BE-200. Die Technik dieser Konstruktion ist so überragend, dass selbst die USA schon einige dieser imposanten Schönheiten bestellt haben.
Wer diese Zeugnisse technischer Leistungsfähigkeit einmal live erleben möchte, dem seien die Treffen des Schweizer Vereins SPAS ans Herz gelegt. Erstmals fand im Jahr 2013 in Luzern ein internationales Treffen dieser seltenen Vögel statt. Ein besonderes Highlight dabei war, dass Rundflüge mit einer echten „Catalina“ gebucht werden konnten. Mit 350 Franken für 30 Minuten ist das zwar nicht ganz billig, dafür hat man aber ein einzigartiges Erlebnis in einem Flugzeug, welches in Geschichtsträchtigkeit kaum zu überbieten ist.
Auf der Website der „Seaplane Pilots Association Switzerland“ kann man alle Termine für die kommenden Veranstaltungen und Treffen einsehen. Diese imposanten Vögel vor der Kulisse der Schweizer Bergseen zu bestaunen ist in jedem Fall ein unvergessliches Erlebnis.
Oberstes Bild: Berijev BE-200 (© Aleksander Markin, WIkimedia, CC)