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Welche Schweizer an den Australian Open überzeugten – und wer für Ernüchterung sorgte.
Sie alle gehören zur gleichen Familie, spielen in den gleichen Städten, und doch sind ihre Ambitionen, ihre Wege und ihre Massstäbe völlig verschieden. Roger Federer ist der erfolgreichste der Schweizer Tennisspieler, er stand an den Australian Open zum 46. Mal im Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers. Gegen aussen zeigte er sich zufrieden, in der Nachbetrachtung und mit seiner Entourage dürfte er sich indes kritisch mit der Frage auseinandersetzen, ob er in der Vorbereitung auf das erste Grand-Slam-Turnier des Jahres zu viele Kompromisse eingegangen ist.
Ein Vorwurf, der sich Stan Wawrinka nicht machen wird. Erneut erreichte er die Viertelfinals und bewies, weshalb er an einem Massstab gemessen wird, den er selber nicht immer für gerechtfertigt hält. Ernüchternd war Belinda Bencics Ausscheiden in der dritten Runde. Eine Bilanz aus Schweizer Sicht.
Er ziehe ein positives Fazit, das schon, sagte Roger Federer nach dem Aus in den Halbfinals der Australian Open, wo er gegen Novak Djokovic ohne Chance blieb. «Das war das Maximum, was hier für mich drin gelegen ist.» Und bezog sich damit auf die beiden Spiele, die er im fünften Satz gewonnen hatte, erst gegen John Millman, dann gegen Tennys Sandgren.
Es gab schon vorher Jahre, in denen er sich gegen die Rolle als Favorit wehrte, aber noch nie sagte er es so offen wie vor diesem Turnier, als er sagte, seine Erwartungen seien tief, und er bewege sich im Ungewissen, weil er zwei Monate keinen Ernstkampf mehr bestritten habe. Nur: Dieser Weg war ein selbst gewählter. Federer zog es vor, durch Lateinamerika zu touren, in China zu spielen und auf den ATP Cup zu verzichten. Erstmals seit 2013 trat er bei den Australian Open an, ohne zuvor ein Turnier bestritten zu haben. Als fast alles gesagt war, bemühte er sich eines Bonmots: «Man kann ein Grand-Slam-Turnier nicht in der ersten Woche gewinnen, aber verlieren. Und das ist mir passiert.»
Der Frage, ob es etwas geändert hätte, wenn er vor den Australian Open ein Turnier bestritten hätte, wich er aus, als er sagte: «Ich habe sehr hart trainiert. Für mich hat es gepasst. Für die Familie und die Mannschaft auch.» Und das geniesse oberste Priorität. Das ist verständlich, ja sogar löblich. Es ist aber auch ein Eingeständnis, dass es ein Kompromiss ist, der den immer noch hohen sportlichen Ambitionen eher geschadet hat. Gleichwohl hat Federer in Melbourne den Nachweis erbracht, dass er auch 2020, im Jahr, in dem er seinen 39. Geburtstag begeht, noch ein Anwärter auf Grand-Slam-Titel ist.
Irgendwann hatte er es satt, sich und seine Leistungen zu rechtfertigen, sie ins rechte Licht zu rücken. Im letzten Herbst in Basel war es, als Stan Wawrinka der Kragen platzte. Die Schweizer seien viel zu verwöhnt. Dauernd werde er gefragt, was ihm noch fehle, um sein früheres Leistungsniveau zu erreichen, das ihn zum dreifachen Grand-Slam-Sieger gemacht hatte. Dabei sei er doch die Nummer 15 der Welt. Wawrinka hatte mit seinem Rundumschlag recht. Viel zu oft werden seine Leistungen an einem Massstab gemessen, der jeden zum Verlierer macht: Roger Federer. In Australien bewies Wawrinka, dass er auf bestem Weg dorthin ist, wo er schon einmal war: an die Weltspitze. Bei den Australian Open erreichte der Romand bereits zum dritten Mal nach zwei Operationen am linken Knie im Sommer 2017 die Viertelfinals eines Grand-Slam-Turniers.
Dabei hatte ihn in der ersten Turnierwoche eine Viruserkrankung ausser Gefecht gesetzt, trotzdem gewann Wawrinka, der im März 35-jährig wird, zwei Mal in fünf Sätzen. Und mit dem Mitfavoriten Daniil Medwedew (ATP 4) besiegte er erstmals seit zweieinhalb Jahren einen Spieler aus den Top 5 der Weltrangliste. Es war der Nachweis, dass Wawrinka wieder zu den Anwärtern auf Grand-Slam-Titel zählt, und er sich an diesem Massstab wird messen lassen dürfen. Und das ist keine Kritik, sondern ein Kompliment.
Auf keinem Plakat, in keinem Trailer, der auf die Australian Open aufmerksam machte, fehlte ihr Gesicht. Und das ist kein Zufall. Mit knapp 23 Jahren ist Belinda Bencic in der Weltspitze des Frauentennis angelangt. In der Weltrangliste klettert sie am Montag auf den fünften Rang, und ist damit so gut wie noch nie klassiert. Und das, obwohl sie an den Australian Open in der dritten Runde gegen die Estin Anett Kontaveit (WTA31) nicht den Hauch einer Chance hatte, und in 49 Minuten mit 0:6, 1:6 verlor. Solche Tage gebe es im Leben eines Sportlers, «ich verfalle nicht in Panik», sagte Bencic nüchtern, gefasst und alles andere als beunruhigt.
Doch beim Versuch, das Resultat zu erklären, bleibt ein Hauch von Ratlosigkeit und Erstaunen zurück. Nachdem sie an den US Open die Halbfinals erreicht hatte, galt sie an den Australian Open als Anwärterin auf den Turniersieg. Heinz Günthardt sagt, Belinda Bencic sei nicht weit von ihrem ersten Majorsieg entfernt. Bencic sagte, sie sei eben keine Schnellstarterin. Wie recht sie damit hat, zeigt ein Blick in die Vergangenheit: An den Australian Open kam sie nie weiter als bis in die Achtelfinals (2016).
Noch mehr Grund zu lamentieren als Stan Wawrinka hätten die zwei Schweizerinnen, die an den Australian Open im Hauptfeld standen: Viktorija Golubic (WTA76) und Jil Teichmann (WTA 68). Beide haben schon Titel gewonnen, Golubic 2016 in Gstaad, Teichmann im letzten Sommer innert weniger Wochen in Prag und Palermo. Sie gehören in einem globalen Sport zwar zu den 100 Weltbesten, fristen aber meist ein Schattendasein. An den Australian Open verloren sie im Einzel jeweils in der Startrunde. Bereits in der Qualifikation gescheitert waren Henri Laaksonen (ATP 102), Stefanie Vögele (WTA 117) und Conny Perrin (WTA 206). Timea Bacsinszky, die zwei Mal die Halbfinals von Roland Garros erreicht hatte (2015 und 2017), ist in der Weltrangliste auf Platz 180 abgerutscht und verzichtete auf eine Reise nach Melbourne. So weit ihr Weg zurück ist, so weit ist er auch für die vier Schweizer Junioren, die zu den Besten der Welt gehören. Dominic Stricker erreichte die Viertelfinals, Leandro Riedi die Achtelfinals. Jeffrey von der Schulenburg und Jérôme Kym scheiterten in der ersten Runde. Riedi gewann mit seinem rumänischen Partner die Doppelkonkurrenz. In den Halbfinals hatten sie sich gegen Stricker und Kym durchgesetzt.
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