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Wie definiert sich Schamanismus? Wie ist er entstanden?
Carlo Zumstein: Über die Entstehung ist nicht sehr viel bekannt, da der Schamanismus viel älter ist, als die Historiker aufgeschrieben haben. Es ist anzunehmen, dass die Anfänge dieser Heilmethode an die 30’000 Jahre zurückliegen. Bekannt ist, dass der Schamanismus überall auf der Welt bei den Naturvölkern entstanden ist. Zu dieser Zeit gab es noch keine Zivilisationen. Die Menschen suchten einen Weg, um in der Wildnis zu überleben. Sie hatten keine Maschinen, keine Feuerzeuge, keine Häuser, keine Gewehre und so weiter. Wie sollten sie zu Wasser, Feuer oder zu genug Essen kommen? Alle Kräfte waren wie Blitz, Donner, Sonne und Regen für diese Menschen wie lebende Wesen, wie Götter. Da wurde eine Person benötigt, die mit diesen Kräften kommunizieren konnte, jemand, der dem Blitz sagen konnte: «Wir brauchen dich, um ein Feuer zu entzünden, damit wir nicht erfrieren», jemand, der sagen konnte, wo es Wasser gibt oder welche Pflanzen ungiftig sind, aber auch jemand, der mit den Tieren sprechen konnte um zu sagen: «Wir jagen euch, um zu überleben, jedoch möchten wir auch mit euch zusammenleben».
Es ist eine Methode, um mit den Kräften der Natur zu überleben. Erst viel später wurde es zur Heil- und Zaubermethode. Die Männer und Frauen lernten, mit den verborgenen Kräften der Natur umzugehen und merkten, dass sie diese Kräfte nutzen konnten, um etwas zu erzaubern, aber auch Krieg zu führen oder Menschen zu heilen. Die «Wunderheiler» kümmerten sich um die Sicherung der Nachkommenschaft, aber auch um die Seelenruhe der Verstorbenen. Man kann sagen, sie waren für fast alle Lebensprobleme zuständig. Heute ist es eine «Bewusstseinsmethode»: der «Medizinmann» kann sein Bewusstsein gezielt so verändern, sich in Trance versetzen, um mit den verborgenen Lebenskräften in Kontakt zu treten und diese als Heilkräfte zu nutzen. Er macht Feuer, er tanzt um das Feuer, er trommelt, er raucht, um auf eine Reise in verborgene Welten, in die verborgene Wirklichkeit zu gelangen. Mit Hilfe seiner Geister aus dem Jenseits versucht er, im Hier und Jetzt die Patienten zu heilen.
Ist Schamanismus nur eine Heilmethode?
Nein, das Spektrum ist viel grösser. In Europa wird gesagt, es sei eine alternative, eine spirituelle oder eine geistige Heilmethode. Es ist jedoch eine Methode, die es ermöglicht, mit verändertem Bewusstsein, mit verborgenen Lebenskräften in Kontakt zu treten. So kann man Menschen heilen oder die Wirkung von Heilpflanzen entdecken, man kann Geheimnisse lüften und man kann zaubern.
Was gibt es für Heilmethoden?
Diese Heilmethode geht davon aus, dass ein kranker Mensch nicht mehr in Harmonie mit der Natur lebt. Der Heiler möchte erreichen, dass jemand wieder normal funktioniert, dass alle Rhythmen und alle Gesetzmässigkeiten wieder normal ablaufen. Bei einer Extraktion erkennt er die fremden Kräfte eines Patienten und extrahiert sie: Er nimmt diese Kräfte durch ein Ritual mit einem Stein heraus und gibt sie der Natur zurück. Durch das Zurückbringen der Seelenkraft bringt der Heiler einen verlorenen Seelenteil des Patienten zurück. Grundsätzlich heilt er mit Ritualen und Kräutern, die das Gleichgewicht herstellen. Er begleitet Patienten in die Natur, um sich auf die Suche nach Visionen zu machen, damit der kranke Mensch seine Kraft wieder findet. Man kann in der freien Natur die Elemente Feuer, Wasser und Luft einsetzen um zu heilen.
Welche Personen suchen Hilfe bei einem schamanistischen Heiler?
Vor allem Menschen, die wissen, dass es eine alternative Heilmethode ist und an die Heilkraft dieser Heilmethode glauben. Es kommen Personen mit körperlichen oder seelischen Leiden. Eine Person mit schweren körperlichen Leiden sollte einen Arzt aufsuchen, Menschen mit schweren seelischen Leiden, mit Psychosen oder schweren Depressionen einen Psychotherapeuten.
Was kann man mit Schamanismus in der heutigen Zeit erreichen?
Er ergänzt die Auswahl zwischen Psychotherapie und Medizin durch eine spirituelle Heilmethode. Die Menschen finden durch den Glauben eine bessere Beziehung zur Natur. Das Angebot gilt für Personen, die sich tiefer kennen lernen wollen, die wissen wollen, wo die Geheimnisse der Natur liegen. Heute glaubt man an Bücher, Experten und Autoritäten, nicht mehr an die Erfahrung der Menschen. Die Patienten spüren Kräfte, die existieren, und dass die Natur voller Leben ist. Nicht nur Menschen haben eine Seele, auch Tiere und die Bäume. Man kann mit diesen Kräften kommunizieren und von ihnen Geschenke bekommen. Hinzu kommt, dass viele Menschen Sehnsucht nach spiritueller Kraft haben, nach einem höheren Wissen, sich jedoch keiner Religion verpflichten wollen. Diese Heilmethode ist eine Technik, um mit den Kräften der Natur in Verbindung zu treten, ohne an Gott zu glauben. Konkret biete ich jährlich etwa 40 Seminare an. Daran nehmen jeweils zwischen zehn und 100 Personen teil.
Was gibt es für Rituale?
Das wichtigste Ritual ist das Feuerritual. Das Vollmondfeuer wird – der Name sagt es – bei Vollmond gemacht, um sich mit den Kräften des Vollmondes zu verbinden, das Sonnenwendefeuer, wenn die Sonne am höchsten oder am tiefsten Punkt des Himmels steht. Kranke Personen können auch geheilt werden, indem man ihre kranken Kräfte ins Feuer leitet oder die Heilkräfte des Feuers auf die kranken Personen überträgt. Es gibt Wasserrituale, wobei man Menschen einen Fluss durchqueren lässt, um sie zu reinigen. Dann gibt es Räucherrituale mit Kräutern, ebenfalls ein Reinigungsritual. Im Weiteren gibt es Heilrituale, in denen sich der Heiler mit Hilfe von Trommeln in Trance versetzt um Geister zu treffen. Dann gibt es Rituale, bei denen er sich mit Hilfe von Gesängen und Tanz für eine gewisse Zeit in einen Geist verwandelt. Bei speziellen Reinigungsritualen wird er von Leuten angefragt, ob er ihr Haus reinigen könne. Es gibt Initiationsrituale, wobei junge Menschen, anstatt kirchlich per Konfirmation ins Erwachsenenleben zu treten, per Ritual begleitet werden. Ich habe auch schon Paare verheiratet, Beerdigungen geleitet oder Personen getauft, wie man das aus dem gewöhnlichen Leben kennt.
Wie verläuft eine schamanische Sitzung?
Es gibt drei Teile. Der erste Teil ist ein Vorgespräch, wobei ich mich erkundige, was die Person hat oder braucht. Dann wird besprochen, wie man in den Sitzungen vorgehen will, welches Ritual am besten passen würde und ob die Person damit auch einverstanden ist. Der zweite Teil besteht aus dem eigentlichen Ritual. Bei mir liegen die Personen im Behandlungszimmer auf dem Boden mit Blick zur Decke, entspannen sich und wünschen sich dabei, dass die Heilkraft empfangen werde. Ich singe, schüttle dazu eine Rassel und versuche, meine verbündeten Kräfte zu finden. Danach schlage ich eine Trommel, damit ich mich in einen veränderten Bewusstseinszustand versetzen kann. Dabei trete ich in Kontakt mit Geistern, die mir helfen und sagen, was ich für den betreffenden Menschen tun kann. Danach kommt die rituelle Handlung, wobei man Kräfte, die der Mensch nicht braucht, herauszieht oder in ein Feuer leitet oder der Person die Kraft, die sie braucht, zuführt. Diese rituelle Kraftübertragung mache ich meistens mit einem Kristall. Dabei hole ich die Kraft aus einer anderen Ebene zu mir und übertrage sie mit dem Kristall. Danach bedanke ich mich bei den Geistern, höre auf zu trommeln und komme wieder zurück in die reale Welt. Als Letztes kommt der dritte Teil. Ich erkläre dem Menschen, was ich gemacht habe, und die Personen sagen, was sie erlebt haben. Nach diesem so genannten Nachgespräch geht die Person nach Hause.
Wo liegt die Grenze zwischen Schamanismus und Religion?
Die Wunderheiler kennen keine höchste Autorität wie einen Gott, an den man glauben muss. Nicht die Idee eines Einzelnen gilt, es sind alle gleichberechtigt. Sie glauben, dass alles eine Seele hat, dass alles lebt. Die Religionen glauben, dass nur Menschen eine Seele haben. Es gibt Unterteilungen zwischen gut und böse. Hier kennt man diese Unterteilung nicht. Es ist gleich, ob das Feuer wärmt und das Essen kocht oder das Feuer mein Hab und Gut zerstört. Das Feuer ist sowohl gut als auch böse. Zu beachten ist, dass die Menschen richtig mit diesen Kräften umgehen. Deshalb gibt es keine bösen Kräfte, nur unvorsichtige Menschen, die sich Kräften aussetzen, welche sie nicht meistern können.
Welche Bedeutung hat die Mystik?
Die Mystik ist aus der christlichen Tradition entstanden. Der Schwerpunkt in der Mystik ist ähnlich wie beim Schamanismus. Der Mystiker versucht, an der kirchlichen Autorität vorbei direkt mit Gott in Kontakt zu treten. Im Moment der mystischen Erleuchtung ist der Mystiker mit Gott eins. So gesehen kann man sagen, dass es eine ganz archaische Mystik ist, der Heiler will eins werden mit den Kräften der Natur.
Ist der Zauberpriester nicht selbst ein Gott?
Die Menschen machen ihn zum Gott, weil er mit Kräften umgehen kann, die physikalisch-rational nicht erklärbar sind. Doch er selbst, in der ursprünglichen Art, ist ein normaler Mensch mit Familie und Tageswerk. In der heutigen Zeit wird er besonders von westlichen Besuchern bewundert und verehrt. Es kommt vor, dass er sich etwas einbildet und anfängt, sich wie ein Gott zu verhalten. Dies ist jedoch eine schlechte Form. Ein richtiger Schamane hat nicht das Gefühl, er sei ein besonderer Mensch.
Sie arbeiten als Schamane bisweilen auch in Sibirien. Welche Unterschiede gibt es zwischen Sibirien und der Schweiz?
Die Schamanen in Sibirien sind verwurzelt mit den Naturvölkern. In Sibirien gibt es noch wenig Zivilisation, es gibt existenzielle Probleme, es geht noch um das faktische Überleben. Er muss den Menschen helfen, in der Wildnis zu überleben. Diese Probleme kennen wir in der Schweiz nicht, wir haben ein Dach über dem Kopf und genug zu essen. Hier in der Schweiz ist es jemand, der heilen kann. In Sibirien kümmert er sich um die Jagd, um das Wetter, er kümmert sich um das Kinderkriegen oder auch darum, dass die Menschen sicher leben können. Einem Zauberpriester in Sibirien wird das Wissen über Generationen weitergegeben. Wenn er merkt, dass er eine besondere Beziehung zu den Naturkräften besitzt – dies merkt er durch schlechte Träume oder Nah-Tod-Erlebnisse, geht er in die Natur um zu lernen. Er begibt sich auf eine Visionssuche und lebt ohne Hilfsmittel in der Natur. Wenn er nicht stirbt, gelangt er zu einer Vision, dann kommen die Kräfte zu ihm.
Carlo Zumstein
Der 57-jährige Carlo Zumstein studierte Psychologie an der Universität Zürich. Nach einer Weiterbildung zum Psychotherapeuten war er mehrere Jahre in einer psychiatrischen Klinik als Leiter einer Suchtbehandlungsstation tätig. Seit 1984 arbeitet er als Psychotherapeut mit eigener Praxis und wendet schamanische Heilrituale zur Behandlung seelischer und körperlicher Leiden an. 1995 wurde er Mitglied der internationalen Fakultät der Foundation for Shamanic Studies (FFS), deren Schweizer Sektion er gründete und bis heute leitet. Carlo Zumstein lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern im Zürcher Oberland.