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Am 17. November wählen die Zürcher Stimmberechtigen einen zweiten Ständerat oder eine zweite Ständerätin. Zur Wahl stehen der bisherige Ruedi Noser (FDP) und Marionna Schlatter (Grüne). Alle anderen Konkurrentinnen und Konkurrenten wie Roger Köppel (SVP) und Tiana Moser (GLP) treten im zweiten Wahlgang nicht mehr an.
Im ersten Wahlgang erreichte Ruedi Noser zwar den zweiten Platz, verpasste mit 141'700 Stimmen aber das absolute Mehr. Marionna Schlatter landete hinter Ruedi Noser und Roger Köppel überraschend auf Platz vier und erhielt 95'142 Stimmen. Das «Regionaljournal Zürich Schaffhausen» spricht mit dem Politologen Michael Hermann über die Unwägbarkeiten von Wahlprognosen und lotet die Chancen der Kandidaten aus.
Michael Hermann
Michael Hermann ist Geograf und Politikwissenschaftler. Er ist Leiter der Forschungsstelle Sotomo und lehrt am Geografischen und am Politikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich.
SRF: Die Parteien haben ihre Wahlempfehlungen abgegeben, die SVP unterstützt den bisherigen FDP-Ständerat Ruedi Noser, die GLP hat Stimmfreigabe beschlossen. Wie überraschend waren für Sie diese Entscheidungen?
Michael Hermann: Überrascht hat mich die Entscheidung der SVP. Sie hat vor dem ersten Wahlgang massiv gegen den FDP-Kandidaten Ruedi Noser Stellung bezogen. Dass die SVP nun Ruedi Noser unterstützt - wenn auch halbherzig - zeigt auch, dass die Partei nach dem Absturz an den eidgenössischen Wahlen demütiger geworden ist und dass auch sie einen Schritt auf die Freisinnigen zugehen muss, wenn sie in der Politik etwas erreichen will. Die Stimmfreigabe der GLP war naheliegend. Die GLP ist eine Partei der Mitte und ist sowohl liberal wie auch grün geprägt.
Wie entscheidend sind die Wahlempfehlungen?
Wahlempfehlungen bewirken im zweiten Wahlgang häufig nicht sehr viel. Profitiert hätte aber vor allem die grüne Kandidatin Marionna Schlatter, wenn die GLP sie unterstützt hätte. Sie hätte diese Stimmen gebraucht, um eine Chance zu haben. Es ist für Marionna Schlatter sehr schwierig, ihren Rückstand aufzuholen. Der Vorsprung von Ruedi Noser ist zu gross. Und oft ist der zweite Wahlgang auch eine Korrektur vom ersten Wahlgang. Das war auch vor vier Jahren so. Bastien Girod von den Grünen lieferte einen guten zweiten Wahlkampf, konnte nochmals mobilisieren, blieb aber gegen Ruedi Noser chancenlos.
Die Umfragen und Prognosen vor dem ersten Wahlgang waren unpräzise. Auch Sie haben die Wucht der grünen Welle, sowie den Absturz der SP und der SVP unterschätzt. Was machte die Prognose so schwierig?
Den Trend, dass die Grünen und die Grünliberalen die Wahlsieger sind, diesen Trend haben wir klar vorausgesehen. Ebenfalls richtig war auch die Prognose, dass SVP und SP Wähleranteile verlieren. Bei den Prognosen blieben wir aber vorsichtig, auch aus Erfahrung. Eidgenössische Wahlen waren bisher immer etwas ausgleichend zu den Wahlen in den Kantonen. Genau das war bei den eidgenössischen Wahlen 2019 anders. Die Schweiz verändert sich nicht mehr schrittweise wie früher, sondern sprunghaft, wie in den Nachbarländern. Es gab eine Mobilisierung und gleichzeitig eine Demobilisierung, das ist neu für die Schweiz. Das werden wir in Zukunft berücksichtigen müssen.
Das Gespräch führte Margrith Meier. Sie finden das ganze Gespräch im Audiofile.