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Edward Lear kennt man heute nur noch als Verfasser von Nonsense-Gedichten für Kinder. Dabei war das erst seine zweite oder dritte Karriere. Begonnen hat Lear seinen Lebensweg ganz anders, nämlich als Maler und Illustrator. Diesen weniger bekannten Teil von Lears Leben nachzuzeichnen, unternimmt die vorliegende, reich illustrierte Biografie von McCracken Peck.
Lear war als Dichter wie als Maler Autodidakt, aber ein höchst begabter. Er begann schon als junger Mann, seinen Lebensunterhalt mit dem Erstellen und Verkaufen von Tierbildern zu verdienen. Er malte dabei nicht einfach irgendwelche Tiere. Grossbritannien war zu Lears Zeit (1812-1888) auf dem Höhepunkt seiner weltbeherrschenden Stellung. Aus allen Teilen der Welt wurden Tiere nach Grossbritannien und vor allem nach London eingeführt – London die Heimatstadt Lears. Vor allem die verschiedenen Papageienarten hatten es ihm angetan, und er begann sie zu zeichnen und zu malen. Neu an seiner Art zu malen war, dass er nach der Natur malte, nach lebendigen Tieren und nicht nach ausgestopften Exemplaren, wie seine Vorgänger und zeitgenössischen Konkurrenten. Das sieht man Lears Papageien bis heute an. Es gelang Lear, sich die Gunst verschiedener Grosser zu verschaffen – in Form von Gratis-Eintritten in die vielen Privat-Zoos, die es zu jener Zeit in und um London gab. Manche der Privat-Zoos waren auch dem übrigen Publikum verschlossen – der reine Spleen reicher Adliger. Da Lear nicht nur nach dem Leben, sondern auch äusserst exakt zu malen verstand, wurden seine Bilder schon bald in wissenschaftlichen Werken zur Illustration verwendet. (Auch zu Tennysons Werken verfasste er Illustrationen – wie überhaupt seine Beziehungen zu den englischen Romantikern sehr gut waren.) Lear war also in Zoologen-Kreisen und auch darüber hinaus berühmt und hätte durchaus den Rest seines Lebens damit verbringen können, in London zu sitzen und die exotischen Tiere zu konterfeien, die ihm sozusagen ins Haus geliefert wurden. Allerdings kam der Tag, da dies ihm nicht mehr genügte. Er begann, sich der Landschaftsmalerei zuzuwenden. Von 1842 bis 1846 unternahm er eine Italienreise, wo er sich völlig der Malerei der dortigen Landschaft hingab. (Unterdessen hatte er es nicht mehr nötig, um seinen Lebensunterhalt zu malen, und das war gut so. Denn von seinen Landschaften hätte er nicht leben können. Die waren zu wenig persönlich, zu wenig aussagekräftig, um vom grossen Publikum noch wahrgenommen zu werden. Das ist bis heute so geblieben. Auch McCracken Peck behandelt Lears Landschaften nur als Appendix.)
So werden von Robert McCracken Peck auf nicht ganz 250 Glanzpapier-Seiten, versehen mit vielen Beispielen, vor allem Lears Papageien, dann auch die übrigen Tiere, kenntnisreich vorgestellt, daneben auch Lears italienische Landschaften und seine Gedichte. Die Aussagen über den Dichter Lear zeigen zwar, dass Robert McCracken Peck eindeutig mehr von der Geschichte der Naturwissenschaft und der Malerei versteht als von Literatur. Vor allem der beigefügten Bilder Lears wegen kann ich das Buch aber dennoch jedem Liebhaber von guten Illustrationen und/oder exotischen Tieren nur empfehlen. Angefügte Endnoten, Bibliografie und ein Index verstehen sich von selbst.
Robert McCracken Peck: The Natural History of Edward Lear. With a Foreword by David Attenborough. Jaffrey: David R. Godine, 2016.