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Belvoir. 25 Nov. 1843.
Mein Lieber!
Ich danke Dir herzlich für die Auskunft1, die Du mir in Beziehung auf die Advocaten, denen wir unsere Streitsache gegen den Gemeindrath Jona übergeben könnten, ertheilt. Ich habe nun, eine sehr ausführliche juristische Würdigung des Falles an Weder2 abgehen lassen, denselben ersucht, sich zu erklären, ob er unsere Interessen mit Überzeugung von ihrer Begründetheit wahren könne. Ich habe ihm bemerkt, daß ich wisse, wie unangenehm und erfolglos es sei, wenn man eine Sache, von deren Unhaltbarkeit man überzeugt sei, vertheidigen müsse & daran die weitere Erklärung geknüpft, daß ich, falls es mir nicht gelungen sein sollte, ihn unsere Streitsache in einem für uns güngstigern Lichte sehen zu lassen, ihn der für ihn nur unangenehmen Weiterführung derselben entheben zu sollen glaube. Ich gewärtige nun seine Antwort. Angenehm wäre es mir freilich nicht, wenn ich einen andern Advocaten nun wieder von Grund aus neu instruiren müßte.
Du wünschest das Reglement unsers Obergerichtes «& ein Exemplar unserer Civilprozeßordnung». Was das erstere anlangt so verstehst Du wohl| die Geschäftsordnung für das Obergericht darunter. Ich lege Dir daher des 1n Bds 4tes Heft der Off. Sammlung der seit 1831 in uns. Canton erlassenen Gesetze bei.3 Was die Civilprozeßordnung anbetrifft, so hast Du wohl damit das organische Gesetz über das Gerichtswesen im allgemeinen und die bürgerliche Rechtspflege insbesondere gemeint, da es Dir ohne Zweifel bekannt ist, daß wir bis zur Stunde noch nicht zu einer Civilprozeßordnung haben gelangen können! Jenes Gesetz befindet sich in dem 2ten Hefte des ersten Bds der off. Sammlung. Ich lege es Dir daher auch bei. Ich ersuche Dich, die beiden Hefte zu behalten.
Was unsere Codification anbetrifft so weißt Du ohne Zweifel, daß schon vor sehr langer Zeit der gr. Rath H. Dr Keller den Auftrag gegeben, das bürgerliche Gesetzbuch zu entwerfen.4 Einige Bruchstücke davon, die er bearbeitet, zB. ein Familienrecht, erschienen in der Monathschronik5. Es kam dann die 1839er Umwälzung & Keller dachte nicht weiter an die Ausführung des ihm gewordenen Auftrages. Die Gesetzesrevisionscommission hat sich nun vor einem halben Jahre etwa wieder mit unserer Codification beschäftigt & Herrn Bluntschli6 den Auftrag gegeben, ein Gesetzbuch| für das bürgerliche Recht, H. Obergerichtspräs. Finsler7 eine Civilprozeßordnung, H. alt Oberrichter Ulrich8 eine Criminalprozeßordnung zu entwerfen. Wie man aber solche Gesetzbücher entwerfen kann ohne Kenntniß ähnlicher Arbeiten in andern modernen Staaten, vermag ich nicht einzusehen. Daß die bestellten Redactoren diese Kenntniß nicht haben, ist gewiß & ebenso gewiß, daß sie bei ihren sonstigen überhäuften Geschäften sich dieselbe nicht verschaffen können. Es wird sich hier ein fruchtbares Terrain für die gelehrte Opposition eröffnen!
Mit Bedauern habe ich es vernommen, daß Du in diesen Monaten nicht nach Zürich kommen kannst. Ich hoffe Du wirst aufgeschoben nicht aufgehoben sein lassen.
In unsere politischen Angelegenheiten ist eine Periode der Abspannung & der Ermattung eingetreten. Ob es für eine Regierung ehrenvoll ist, eine Hauptstütze ihres Bestehens in einer solchen Erschlaffung zu finden, will ich nicht untersuchen. Gewiß ist aber, daß diese allgemeine Ermüdung der Regierung in hohem Grade zu Statten kömmt. Die Aufgabe der Opposition ist überdieß dadurch in hohem Grade erschwert worden, daß die conser| vative Partei die Grundsätze unserer Verfassung, die sie früher immer bekämpft, nun auf einmal zu den ihrigen gemacht hat. Die Opposition ist dadurch einer Hauptwaffe beraubt & ihre Aufgabe kann unter solchen Verhältnissen eigentlich keine andere sein als zu beweisen, daß die conservative Partei durch diesen Kunstgriff sich geschlagen erklärt hat & daß dieses Manövrn überdieß nur Heuchelei & in keiner Weise Überzeugung ist. Bei solcher Aufgabe ist es aber ungemein schwierig, Kleinlichkeiten zu vermeiden! Eine Äußerung des Kampfes der Philisterhaftigkeit & Rohheit in unsern Behörden gegen die Intelligenz sind wieder die Mißverhältnisse, die zwischen der Spitalpflege & dem Director des Spitales, Prof. Pfeufer9, entstanden & die in ihren Folgen so verderblich sind, daß Prof. Pfeufer bereits seine Demission eingegeben hat und im nächsten Frühling Zürich verlassen wird. Ihm folgt auch sein Freund, Prof. Hänle10. Beschränktheit & Ignoranz, die von oben herab begünstigt werden, haben so der Hochschule zwei ihrer tüchtigsten Lehrer geraubt!
Kann ich Dir irgendwie weiters einen Dienst erweisen, so wird es mich von Herzen freuen. Vergesse mich nicht bei Deinen lieben Brüdern11 & empfange die herzlichsten Grüße
Deines
A Escher.