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«Dieses Haus in Kreuzlingen bauten wir, als die Kinder schulpflichtig wurden. Das war in den 1980er Jahren, während der Energiekrise. Es ist ein ökologisch bewusst gebautes Haus, in dem wir viele interessante Menschen aus der ganzen Welt empfangen. Nach zwei Tagen fühlen sich die Besucher wie nach 14tägigen Ferien – das sagen sie zumindest. Der Esstisch ist das Zentrum des Hauses, hier wurde und wird heftig diskutiert und erzählt, gelacht und gespielt.
Ich bin Kolumbianer, trotz meinem holländischen Namen. Mein Vater war Geologe und ging 1928 für Shell nach Südamerika. Meine Mutter, eine Journalistin, verfasste ihre Doktorarbeit bei einem jüdischen Professor, was ihr in Deutschland Spott und Ärger der Braunen brachte, worauf sie auszuwandern beschloss.
Ich lebte zwanzig Jahre in Kolumbien, wo ich mein Biologiestudium begann. Eigentlich hätte ich es gern in den USA beendet, aber als Kolumbianer wäre ich damals in den Vietnamkrieg eingezogen worden. Also ging ich nach München. Ich lernte Konrad Lorenz kennen und kam zu meinem Forschungsthema, den Schliefern (Murmeltieren ähnelnde Säugetiere). Ein Exemplar davon aus Holz sitzt bei uns über dem Esstisch auf dem Balken. Die Schliefer sind verantwortlich für meinen Lebensweg. Um sie zu erforschen, ging ich in die Serengeti.
Eines Tages erhielt ich einen Brief von einem Fräulein Vonwyl aus Zug, die fragte, ob sie ein paar Tage zu uns nach Ostafrika kommen könnte, da sie das Land und meine Tätigkeit interessiere. Der Direktor des Instituts war wenig begeistert, ledige Frauen, da war er sich sicher, brächten nur Probleme. Und so kam es dann auch. Ich hatte damals lange Haare, trug ein Stirnband und war braungebrannt, das gefiel ihr. Heute sind wir über 40 Jahre zusammen und 36 Jahre verheiratet. Sie blieb statt ein paar Tagen ein Jahr – auch, weil die Schliefer Nachwuchs bekamen.
Nach Afrika leitete ich eine Forschungsstation auf den Galápagosinseln. Wir hatten damals gerade eine Tochter bekommen, und ein Sohn war unterwegs. Unsere Kinder wuchsen ohne Mützchen und Handschuhe auf. Wir mussten viel reisen und nahmen sie überallhin mit. Mit ihrem Schlafsack und ihrem Kuscheltier fühlten sie sich überall zu Hause. Das scheint sie geprägt zu haben. Unsere Tochter arbeitet als Biologin in Afrika und Südamerika. Derzeit ist sie in San Diego, wo wir gerade herkommen. Der Sohn ist Geograph, hat seine Diplomarbeit in Tadschikistan gemacht und arbeitet in der Schweiz für eine Umweltfirma, er betreut Projekte für Afrika.
In unserer Wohnung stehen Stücke von den Massai, aus Südamerika oder das Sofa aus Galápagos. Da uns die vorhandenen Möbel nicht zusagten, liess Pia sie vom lokalen Schreiner herstellen. Sie sind aus einheimischem Eisenholz. Selbst die Schrauben sind handgeschmiedet, da es auf der Insel keine zu kaufen gab. Unser Esstisch stammt aus dem anthropologischen Institut in Zürich. Früher wurden darauf alle möglichen Affen seziert. Wir konnten ihn für 20 Franken erstehen, Pia hat ihn abgeschliffen und aufbereitet.
Ich bin kein materialistischer Mensch. Vieles, was ich tue, ist Freiwilligenarbeit. In Bogotá etwa entstand aus dem elterlichen Land ein Reservat, das die FundaciÓn Natura verwaltet, eine der wenigen Oasen in dieser Zwölfmillionenstadt, die unaufhörlich wächst. Zweimal jährlich bin ich dort. Sicher, manchmal komme ich an meine Grenzen. Als die Guerrillas das Sagen hatten, dachte man schon mal übers Aufhören nach. Die enorme Umweltverschmutzung, 80 Prozent der Abwässer Bogotás sind nicht gereinigt, die Klimaveränderung, die Galápagos zusetzt, wo ich mich immer noch engagiere – all diese Probleme belasten schon. Aber wer Kinder hat, darf nicht aufgeben, auch wenn die Opposition noch so stark ist.
Im Gegensatz zu meiner Frau, der der Schweizer Winter weniger ausmacht, ziehe ich nach wie vor jedes Jahr in den Süden. Pia ist es gewohnt, dass ich lange fort bin und dann wieder Tag und Nacht daheim. Das Gute an diesen Unterbrüchen ist: man hat sich stets viel zu erzählen.
Um zur Ruhe zu kommen, rudere ich sonntags gern auf dem Bodensee, während meine Frau die Strecke mit dem Velo fährt. Um zehn Uhr treffen wir uns dann zum Frühstück daheim. Abends trinken wir ein Glas Wein und kommen selten vor elf Uhr ins Bett.»