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Der Gedanke, mit einer Niesenbahn den Fremdenverkehr im Berner Oberland anzukurbeln, tauchte bereits gegen das Ende des 19. Jahrhunderts auf. Ein erstes konzessioniertes Projekt sah eine von Wimmis ausgehende Zahnradbahn vor. Sie wurde aber wegen der zu hohen Kosten nicht gebaut. Im Jahr 1902 erhielten der Baumeister Johann Frutiger aus Oberhofen, die beiden Ingenieure Ernst Strub und Fritz Thormann aus Zürich sowie Rudolf von Erlach aus Spiez die Konzession für den Bau einer Standseilbahn. Das von Ernst Strub ausgearbeitete Bauprojekt sah eine von Mülenen im Kandertal ausgehende Standseilbahn vor, die den pyramidenförmigen Niesen über zwei Sektionen erreicht.
Die von 1906 bis 1910 erbaute Bahn der Firma Von Roll benutzt zum Aufstieg die Ostseite des Bergs. Mit drei Kurven in der unteren und einer Kurve in der oberen Sektion gelang es, eine nahezu ideale Linienführung zu finden. Die Niesenbahn wies zu jener Zeit eine bis dahin noch nicht erreichte Steigung auf. Das Bahntrassee der ersten Sektion nimmt seinen Anfang in der Nähe der Station Mülenen der Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn am rechten Ufer der Kander. Auf einer eisernen Fachwerkbrücke mit zwei Öffnungen von 38 und 18 m wird der Fluss überquert. Bis zur Ausweiche werden weitere Wasserläufe und Rinnen mit Hilfe von auf Steinpfeilern ruhenden Eisenbalkenbrücken überwunden. Kurz oberhalb der Ausweiche führt die Linie durch einen 25 m langen Tunnel. Die obere Station Schwandegg dient zugleich als Umsteigestation zwischen den beiden Sektionen. Die zweite Sektion durchzieht zunächst ein kleines Waldstück, bevor sie dann steiles, kahles Gelände erreicht. Eisenbalkenbrücken, wie der Hegernviadukt (nach Lawinenniedergang 1978 teilweise erneuert), führen über Gräben und Lawinenzüge. Auch die obere Sektion besitzt einen Tunnel, und zwar einen von 100 m Länge gleich oberhalb der Ausweiche. Als Unterbau dient ein durchgehend gemauerter Bahnkörper, auf dem für beide Sektionen ein eingleisiger Oberbau mit Abt'scher Weiche in der Mitte verankert ist.
Die Ausgangsstation Mülenen präsentiert sich als schmuckes, dem Heimatstil verpflichtetes Gebäude, während bei der Umsteigestation Schwandegg und auch beim Stationsgebäude Niesenkulm die ästhetischen Momente gegenüber praktischen Erwägungen in den Hintergrund treten.
Die zweiachsigen Untergestelle der vier Wagen wurden 1910 von der Giesserei Bern (Von Roll) erstellt und 1990 mit neuen Zangenbremsen ausgestattet. Die ursprünglichen hölzernen Wagenkasten mit vier Abteilen und zwei Führerplattformen waren bis 1949 im Einsatz, dann wurden sie durch Leichtmetall-Karosserien der Firma Gangloff ersetzt, die je 60 Fahrgäste fassen. 2009/10 wurden die Wagenaufbauten sorgfältig nachgerüstet.
Die analog gebauten Antriebe der beiden Bahnen sind in den jeweiligen oberen Stationen Schwandegg und Niesenkulm untergebracht. Die beiden Antriebsgruppen (Motor, Getriebe und Bremsen) sowie die Steuerung und die Fernüberwachung sind bei der Umrüstung der ersten 1995 bzw. der zweiten Sektion 1998 eingebaut worden.
Die zur Erschliessung der imposanten Bergpyramide Niesen dienende Standseilbahn zeigt eine eindrückliche, in die Landschaft eingepasste Linienführung. Die sehr steile, in zwei Sektionen unterteilte Seilbahn der Firma Von Roll ist die längste Anlage dieser Art im Berner Oberland. Ein Grossteil der zahlreich vorhanden anspruchsvollen Kunstbauten (Brücken und Tunnel) aus der Erstellungszeit hat sich erhalten. Bei den Stationsgebäuden fällt besonders die einladende, in der Formensprache des Heimatstils gehaltene Talstation auf. Die auf den originalen Fahrgestellen ruhenden Aufbauten aus Leichtmetall stammen aus der Erneuerungsphase der Bahn von 1946 bis 1949. Sie wurden vorzüglich unterhalten und nachgerüstet. Die Bahn führt zu einem der frühesten Berggasthäuser im Berner Oberland, das seit 2002 durch einen wirkungsvollen Neubau der Architekten Aebi & Vincent, Bern ergänzt wird.
Die in den Boomjahren des Tourismus im Berner Oberland entstandene Standseilbahn besitzt einen hohen technik- und kulturgeschichtlichen Stellenwert. Im Sommer führt sie die Gäste auf den an Aussicht reichen und grossartigen Niesengipfel; parallel dazu dient die Standseilbahn ganzjährig der militärischen Nutzung.
|Konzeption|
|Erschliessungsidee (Vision)||Erschliessung des imposanten, pyramidenförmigen Bergs mit hervorragender Panoramasicht in der Nähe des Thunersees|
|Linienführung: Planung, Umsetzung||ursprüngliches Projekt Zahnradbahn von Wimmis ausgehend; überarbeitetes Projekt: leistungsfähigere Standseilbahnanlage in nur zwei Sektionen (vgl. Stanserhorn-Bahn mit drei Sektionen); weiche u. elegante, den natürlichen Bergformen folgende Kurven; gleichmässige Steigung an der östlichen Niesenflanke|
|Seilbahntechnik|
|besondere oder typische tech. Konstruktion, Ausführung, Lösung, Materialien||sehr steile (bei Erstellung die steilste) u. sehr lange (bei Erstellung die höchste) elektrisch angetriebene, eingleisige u. auf zwei Sektionen aufgeteilte Standseilbahn, im Pendelbetrieb mit Abt'scher Weiche|
|seilbahntechnische Bedeutung: Prinzip, Hersteller||Projekt des berühmten Bergbahningenieurs Emil Strub, Zürich; längste Standseilbahn im Berner Oberland (nur Sommerbetrieb); bemerkenswerte Von Roll-Anlage|
|Baukunst: Streckenbauwerke, Hochbauten|
|Ingenieurbau||zahlreiche qualität- u. anspruchsvolle Kunstbauten (Eisenfachwerk- bzw. Eisenbalkenbrücken, aus Naturstein gefügte Stützen, Tunnels); Lawinenverbauungen|
|Architektur||herrschaftliche, sich an den Aufnahmegebäuden der Eisenbahnen orientierende u. dem Heimatstil verpflichtete Talstation u. sachlich-nüchtern ausgebildete Mittel- bzw. Bergstation; bei Talstation bergseitig jüngere technische Anbauten, die wenig mit dem Kopfbau harmonieren|
|besondere oder typische arch. Konstruktion, Ausführung, Lösung, Materialien||verputzte Talstation unter Vollwalmdach mit Quergiebel; Mittel- u. Bergstation steinsichtige Massivbauten unter Sattel- bzw. Viertelwalmdach|
|bautypologische Bedeutung||integraler Bestandteil der Gesamtanlage Niesenbahn; die einzelnen Bauwerke sind in grossen Teilen aus der Erstellungszeit überliefert|
|Authentizität: materielle, ideelle Überlieferung|
|Umfang und Qualität der ursprünglichen Komponenten||qualitätvolle u. sich bewährende Basiskomponenten aus der Ursprungszeit: Linienführung, ein Grossteil der Kunst- u. Hochbauten, Fahrgestell|
|Qualität der Nachrüstungen||Erneuerung der Fangbremsen (1990), der Antriebsgruppe (1995) sowie der Steuerung- u. Sicherheitsanlagen (1995); charakteristische, sorgfältig nachgerüstete (2009) Karosserie von 1949; technische Anbauten bei Talstation (Ingenieur-Lösung)|
|funktionale Unversehrtheit||sorgfältig gepflegte u. rege genutzte Touristenbahn, die aufgrund der vergleichsweise langsamen Fahrgeschwindigkeit ein beeindruckendes Fahrerlebnis vermittelt|
|Kulturgeschichte|
|Personen, Firmen, Institutionen||Planung des berühmten Bergbahningenieurs Emil Strub, Zürich|
|Wirtschaft, Tourismus, Verkehr, Militär||Zeuge der Boomzeit des Tourismus; ganzjährige militärische Nutzung; Alp- u. Forstwirtschaft|
|Räumliche Situation|
|Berücksichtigung der Landschaft, der natürlichen Umgebung, des urban. Kontexts||sehr sensible, das natürliche Profil des Bergs berücksichtigende Linienführung|
|Infrastruktur|
|touristische/betriebliche Infrastruktur||Wasser aus Stöpfquelle bis 1956 (Wasser auf Schwandegg gepumpt), anschliessend Erwerb eines neuen Quellenrechts an einer der Alpschaft Niesen gehörenden Quelle auf der Unteren Niesenalp u. Bau eines Reservoirs u. eines Pumpenhauses 1957; Restaurant Niesenkulm; mit 11'674 Treppenstufen längste Treppe der Welt (Eintrag Guiness-Buch)|
|Verkehrsnetze||Spiez-Frutigen-Bahn (BLS-Linie), Station Mülenen|
|Kantonale Inventare|
|-||BE: Kantonales Bauinventar, Gemeinde Aeschi, Mülenen (Talstation u. Trassee)||schützenswert|
|-||BE: Kantonales Bauinventar, Gemeinde Reichenbach, Niesen (Trassee, Mittel- u. Bergstation)||schützenswert|
|-||BE: Kantonales Bauinventar, Gemeinde Reichenbach, Niesen (Berggasthaus mit Erweiterungstrakt)||schützenswert|
|andere Inventare|
|-||ISIS||Objekt-Nr.: 3703-03-0 |
|Literatur|
|-||Die Niesen-Bahn, in: Schweizerische Bauzeitung SBZ, vol. 57/58(1911), p. 175-181, 189-193, 203-205|
|-||Die Niesenbahn, in: Bergbahnen der Schweiz, Siebnen SZ: Obersee Verlag, 1959, p. 426-430|
|-||Niesenbahn-Gesellschaft AG (Hg.): 50 Jahre Niesenbahn 1910-1960, Mülenen 1960|
|-||Auf der Mauer, Franz; Bühler, Hans Ed.; Josi, Martin: Der Niesen, Berner Heimatbücher Nr. 134, Bern: Verlag Paul Haupt, 1985|
|-||Ramu, P.: Lawinendirektschutz Hagernviadukt, Niesenbahn (Schweiz), in: IABSE structures = Constructions AIPC = IVBH Bauwerke, vol. 10(1986), p. 64-65|
|-||Schweizer Heimatschutz (Hg.): Die schönsten Verkehrsmittel der Schweiz, Zürich, 2007, p. 31|
|-||Petroni, Bruno: Der Niesen und seine Bahn - Eine Hommage an die Erbauer der Niesenbahn. Interlaken: Verlag Schlaefli & Maurer, 2010|
|e-docs|
|-||http://www.gangloff.com/D/cabins/referenzen/standseilbahnen/niesenbahn.html |
|-||http://www.funimag.com/suisse/niesen01.htm |