Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03353.jsonl.gz/2934

Ab 1810 entwickelte sich St. Gallen im Eiltempo von einer mittelalterlichen zu einer modernen Stadt. Geschichtliche Ereignisse wie die Kantonsgründung, der Aufschwung der Textilindustrie oder der Anschluss ans Eisenbahnnetz haben im Städtebau ihre Spuren hinterlassen.
Von Ursula Ammann
Aktuell kratzt die Stadt St. Gallen an der magischen Marke von 80 000 Einwohnerinnen und Einwohnern. Die Ostschweizer Metropole breitet sich heute über eine Fläche von knapp 40 Quadratkilometern aus. Kaum vorstellbar, wenn man bedenkt, dass sich St. Gallen in den Jahrhunderten zwischen Mittelalter und Französischer Revolution kaum verändert hat.
Die Gallusstadt steht exemplarisch für viele andere Schweizer Städte, in denen sich ab Anfang des 19. Jahrhunderts eine signifikante quantitative und qualitative Entwicklung abzeichnete. Quantitativ, weil die Bevölkerungszahl förmlich explodierte. Qualitativ, weil viele Infrastrukturbauten und öffentliche Gebäude entstanden, die eine moderne Stadt ausmachen.
Vom Agrarland zum Industriestaat
Diese Stadtentwicklung gelte im Kontext der politischen Umwälzungen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zu betrachten, sagt Lukas Zurfluh, Professor für Architekturgeschichte und Theorie an der OST – Ostschweizer Fachhochschule. Durch die Französische Revolution war zu jener Zeit aus einem Geflecht souveräner Kleinstaaten ein Einheitsstaat entstanden.
Die Gründung des Schweizer Bundesstaats im Jahr 1848 schuf eine komplett neue Ordnung. Binnenzölle wurden abgeschafft, der Schweizer Franken eingeführt. Es entstand ein einheitlicher Wirtschaftsraum. Dieser bildete eine der Grundvoraussetzungen für die Industrialisierung. «Innert kürzester Zeit wurde die Schweiz vom Agrarland zum Industriestaat – auch unter der Führung der Ostschweizer Textilindustrie», erklärt Lukas Zurfluh.
Erste Quartiere orientieren sich an früheren Bleichefeldern
Im Mittelalter blühte in St. Gallen das Leinengewerbe. Ausserhalb des damals noch kleinen Städtchens entstanden Felder zum Bleichen der Tücher. Nach und nach kam in der Ostschweiz und im Vorarlberg die Handstickerei auf, die aber grossmehrheitlich noch bei den Arbeiterinnen und Arbeitern zu Hause stattfand. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts erlebte die Stickereiindustrie einen starken Aufschwung. In der Stadt kamen vermehrt Maschinen zum Einsatz und Stickereiprodukte bildeten bald einen der wichtigsten Exportschlager. St. Gallen öffnete sich zur Welt hin, wurde zum beliebten Ziel für Kaufleute aus fernen Ländern.
Das wirtschaftliche Wachstum trieb die Stadtentwicklung stark voran. Auf der Davidsbleiche und Webersbleiche entstanden erste systematische Quartierplanungen. «Schaut man sich diese Quartiere heute an, erkennt man, dass sie auf einem rechtwinkligen Raster basieren und eine gewisse Regelmässigkeit aufweisen – ganz im Gegensatz zum mittelalterlichen Stadtkern», sagt Lukas Zurfluh. «Diese Strukturen kommen nicht von ungefähr. Sie orientieren sich stark an der Ordnung der früheren Bleichefelder.» Ebenfalls auf der Geometrie der früheren Bleichefelder entstand um 1860 das Quartier vor dem Schibenertor. «Damit fand in unglaublich kurzer Zeit eine rationale Stadterweiterung statt, die zugleich eine gewisse Grosszügigkeit und Noblesse zeigt», so der Architekturprofessor.
Östlich der Altstadt – im Brühl – ging die Entwicklung weiter. Es kamen städtebauliche Muster zum Ausdruck, die zu jener Zeit international stark propagiert worden sind, aber im Vergleich zum mittelalterlichen Stadtkern eher fremd wirkten. «Heute fallen uns diese Quartierentwicklungen nicht mehr gross auf, weil diese Planungen den Massstab, die Struktur und den Rhythmus des weiteren Stadtwachstums vorgegeben haben», sagt Lukas Zurfluh. Gegenwärtig bilde vielmehr die Altstadt eine städtebauliche Ausnahme.
Eisenbahn: Sittertobel war ein Hindernis
Zweiter Treiber städtebaulicher Entwicklungen war die Eisenbahn. Mit ihr nahm um 1830 eines der schweizweit grössten Infrastrukturprojekte Fahrt auf. Allerdings blieb St. Gallen im Vergleich zu anderen Städten anfangs auf der Strecke. Durch die Gründung der St.Gallisch-Appenzellischen Eisenbahngesellschaft im Jahr 1852 wurden die Weichen neu gestellt. 1856 feierte die Stadt den Anschluss an eine neue Eisenbahnlinie «Rorschach – St. Gallen – Winterthur». Pünktlich zur Eröffnung stand auch der Bahnhof.
«Mit den neuen politischen Strukturen und den gesellschaftlichen Veränderungen wurden viele öffentliche Institutionen notwendig, die irgendwo beherbergt werden mussten»Prof. Dr. Lukas Zurfluh, Professor für Architekturgeschichte und Theorie
Ein Grund, weshalb St. Gallen erst so spät zum Zug kam, war das Sittertobel. «Es stellte ein grosses Hindernis für die Eisenbahn dar», so Lukas Zurfluh. Mit der Krätzernbrücke, erbaut von Louis Gaspard Dollfus zwischen 1853 und 1856, wurde die Hürde schliesslich überwunden. 50 Jahre später erfolgte der Bau des Sitterviadukts der ehemaligen Bodensee-Toggenburg-Bahn. Es ist mit 99 Metern die höchste Eisenbahnbrücke der Schweiz.
Beherbergung für öffentliche Institutionen
Der Umbruch von der alten Eidgenossenschaft zum neuen Bundesstaat brachte eine weitere wesentliche Entwicklung mit sich, die sich auch in St. Gallen auf den Städtebau auswirkte. «Mit den neuen politischen Strukturen und den gesellschaftlichen Veränderungen wurden viele öffentliche Institutionen notwendig, die irgendwo beherbergt werden mussten», erklärt Lukas Zurfluh. Ein Beispiel ist das kantonale Zeughaus. Es kam zwischen 1838 und 1841 zum Stehen – direkt neben dem Kloster, das bis zur vorangegangenen Jahrhundertwende eine der wichtigsten Institutionen dargestellt hatte, nach der Gründung des Kantons St. Gallen jedoch aufgehoben worden war. Das Zeughaus ist ein Werk des Architekten Johann Wilhelm Kubly zurück. Er gehörte zu einer Handvoll renommierter Architekten, die St. Gallen massgeblich prägten. Unter diesen waren auch Johann Christoph Kunkler und Johann Georg Müller. Zu Kunklers Werken zählt etwa das Natur- und Kunstmuseum am Rande des Stadtparks oder das städtische Theater am Bohl. Aus der Feder Müllers stammt unter anderem ein Umbauprojekt für die Kirche St. Laurenzen. Kubly, Kunkler und Müller hatten alle im Ausland studiert. «Von dort brachten sie Muster für den Bau öffentlicher Gebäude mit», sagt Lukas Zurfluh.
Auch der Bahnhof prägt das Stadtbild St. Gallens wesentlich. Die Anlage aus dem Jahr 1856 vermochte allerdings das stetig steigende Verkehrsaufkommen nicht mehr zu bewältigen. Das Bahnhofsgebäude und Bahnhofsgelände mussten deshalb Ende des 19. Jahrhunderts neu geplant werden. Ein 1906 ausgeschriebene Wettbewerb umfasste auch die Gestaltung der neuen Hauptpost. Zudem war der Bau eines Bahnhofplatzes vorgesehen. Realisiert wurde dieser schliesslich in den 1910er-Jahren – nach einem Projekt des SBB-Architekten Heinrich Ditscher, der die Piazza delle Erbe in Verona als Vorbild vor Augen hatte. «Der Bahnhofsplatz bildet das Ende der Entwicklung von mittelalterlichen zur modernen Stadt», sagt Lukas Zurfluh. Spannend sei, dass ausgerechnet dieser Platz mit seinen Varietäten und Vorsprüngen sich wieder stark an den Formen des Mittelalters orientiere.
Literaturtipps
Heinrich Ditscher, Zur Bahnof-Platzfrage St.Gallen, St.Gallen 1909.
Ernst Schmid, St.Gallen. Ein Beitrag zur Städtegeographie der Schweiz, St.Gallen 1928.
Peter Röllin, St.Gallen. Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert : Stadt zwischen Heimat und Fremde, Tradition und Fortschritt, St.Gallen, Verlagsgemeinschaft 1981.
Peter Röllin, Der Stickereihandelsplatz St.Gallen: bemerkenswerte Fabrik- und Geschäftshausbauten aus der Zeit der Stickereiblüte, in: Unsere Kunstdenkmäler, 34 (1983), Nr. 2, S. 224–239.
Jost Kirchgraber und Peter Röllin, Stadt St.Gallen: Ortsbilder und Bauten, St.Gallen 1984.
Peter Röllin und Daniel Studer, St.Gallen (INSA Inventar der neueren Schweizer Architektur 1850–1920), Zürich 1996.
Peter Röllin, St.Gallen. Stadtveränderung und Stadterlebnis im 19. Jahrhundert : Stadt zwischen Heimat und Fremde, Tradition und Fortschritt, St.Gallen, Verlagsgemeinschaft 1981.
Moritz Flury-Rova, Der Bahnhof St.Gallen (Schweizerische Kunstführer, Serie 95, Nr. 950), Bern 2014.
Dieser Beitrag basiert auf dem Webinar «Industrialisierung und Stadtentwicklung», das im Rahmen der Webinarreihe «Klüger am Abend» der Weiterbildung OST stattfand. Das Webinar thematisierte Inhalte aus der Vorlesungsreihe «Wie das Neue in die Welt kommt». Diese Vorlesungsreihe kann auch im Rahmen einer Weiterbildung im Bereich Architekturgeschichte absolviert werden.