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Die Bündner Firma Holzverzuckerungs AG (Hovag), die spätere Ems-Chemie der Familie Blocher, hat in den 1950er-Jahren eine Variante des Brandkampfstoffs Napalm mit dem Namen Opalm entwickelt und verkauft. Dies schreibt die Zürcher Historikerin Regula Bochsler in ihrem Buch «Nylon und Napalm». In der offiziellen Firmengeschichte der Ems-Chemie wird dieses Produkt aber totgeschwiegen.
Kampfstoff in mehreren Kriegen eingesetzt
Die Geschichte ist mehr als brisant. Denn Bochsler kann als erste beweisen, dass das Schweizer Opalm in Bürgerkriegsgebiete verkauft worden ist. So lasse sich nachweisen, dass das Kampfmittel unter anderem im Krieg in Osttimor eingesetzt wurde, sagt Bochsler gegenüber FM1Today. Die indonesische Armee soll 1960 15 Tonnen Emser Opalm gekauft haben. Laut Bochsler wurde die Ware sogar falsch deklariert und auf normalem Weg exportiert. Auch in Jemen wurde der Brandkampfstoff in den 1960er-Jahren durch die ägyptische Luftwaffe eingesetzt, um Dörfer zu bombardieren. Bochsler fand zudem Belege dafür, dass das Kampfmittel in Burma eingesetzt und nach Algerien verkauft wurde.
Bund finanzierte Entwicklung indirekt
Die Geschichte hat noch einen weiteren Haken. Für das müssen wir aber noch etwas weiter zurückblenden. Die Hovag produzierte während des Zweiten Weltkriegs einen Ersatztreibstoff, mit dem das knappe Benzin gestreckt wurde. Dafür gab es eine Anschubfinanzierung vom Bund und vom Kanton Graubünden, sowie eine staatliche Abnahmegarantie. Nach dem Krieg, als wieder Benzin importiert werden konnte, gab es keine Nachfrage mehr und das Emser Unternehmen musste sich neu ausrichten. Deutschen Spezialisten, unter ihnen viele mit Nazi-Vergangenheit, bauten in Ems die Produktion von synthetischen Fasern auf. Doch Werner Oswald, der Firmengründer, investierte auch in die Entwicklung von Rüstungsgütern. Das in Ems entwickelte Opalm sollte der Schweizer Armee verkauft werden, war dem Bundesrat aber schlussendlich zu teuer. Brisant daran: Damals lebten die Emser Werke davon, dass der Bundesrat angeordnet hatte, dass der Emser Treibstoff dem Importbenzin beigemischt werden musste. Die Entwicklung des Kampfstoffes wurde also vor allem von den Schweizer Benzinkonsumenten finanziert.
Als nächstes wollte die Firma das Opalm ins Ausland verkaufen, erhielt vom Bundesrat aber keine Bewilligung für den Export nach Burma. Kurzerhand wurde die Produktion von Ems nach Karlsruhe verlegt und das Opalm durch eine Partnerfirma hergestellt. Diese konnte das Opalm anfänglich legal produzieren und exportieren. Als in Deutschland ein neues Waffengesetz erlassen wurde, exportierte sie den Brandkampfstoff auch illegal.
Zugang zu Archiven verwehrt
Regula Bochsler hat für das Buch vier Jahre recherchiert und geschrieben. Sie hat zahlreiche Quellen aus dem In- und Ausland zusammengetragen, darunter gar eine alte Mordakte, und mit Zeitzeugen gesprochen. Bochsler hat sich zu Recherchezwecken auch mit Alt Bundesrat und Ex-Ems-Patron Christoph Blocher getroffen. Dieser habe ihr im Gespräch versichert, dass er erst kürzlich von Opalm erfahren habe.
Dabei wäre es auch einfacher gegangen: mit Zugang zum Emser Firmenarchiv. Bochsler stellte zwei Gesuche an Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher. Unter anderem wollte die Historikerin Zugang zu den Dokumenten, welche die Unabhängige Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg, auch Bergier-Kommission genannt, Ende der 1990er-Jahre untersuchte. Diese untersuchte die Rolle der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs. Die Gesuche wurden von der Ems-Chemie abgelehnt. Die Begründung: Man habe die Dokumente nochmals gesichtet und es keine weiteren Erkenntnisse gebe als die der Bergier-Kommission.
FM1Today hat bei der Ems-Chemie nach dem Grund für die Ablehnung der Gesuche gefragt. Das Unternehmen teilt schriftlich mit, dass die Ems-Chemie diesbezüglich keine Dokumente im Archiv habe. Zudem seien «die im Buch genannten Aktivitäten» durch eine Firma von Werner Oswald erfolgt, «die nicht zur Vorgängerfirma der Ems-Chemie gehörte.»
Diese Aussage irritiert Bochsler. Laut ihr liefen die Waffengeschäfte von Werner Oswald über die Patvag, die zwar nicht direkt eine Tochterfirma der Hovag war, aber zum Emser Konzern gehörte, unter Blocher weiterhin Zünder und Zünderbestandteile produzierte und erst 2019 durch Martullo-Blocher verkauft wurde.