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Helvetia ist nicht nur der lateinische Name für die Schweiz, Helvetia nennt sich auch eine Schweizer Kolonie im Bundesstaat São Paulo in Brasilien.
Seit es die Kolonie gibt, wird dort die Kultur der Heimat gepflegt, vor allem am Fest der Traditionen, das alljährlich am 1. August gefeiert wird.
Schon von weitem hört man Schüsse von Armbrustschützen. Nähert man sich der Kolonie weiter, ertönt Schweizer Volksmusik, und zahlreiche Anwesende kommen dem Besucher, der Besucherin in traditioneller Schweizertracht entgegen.
Da und dort sieht man einen Fahnenschwinger oder drei Schweizer, die ein Ständchen mit ihrem Alphorn geben. Zu Essen gibt es "Schüblig" und Kartoffelsalat.
Feier mit Schweizern
Der Schweizerische Nationalfeiertag wird in der Kolonie Helvetia in Brasilien seit 1977 mit viel Liebe und Tradition gefeiert. Dazu gehören Feuerwerk, Armbrustschützen-Wettbewerb und Fahnenschwingen. Natürlich dürfen auch ein zünftiger Jodel und einige Volkstänze nicht fehlen.
Um die Wurzeln nicht ganz zu vergessen, wird jedes Jahr eine Gruppe Schweizer zur Feier des Nationalfeiertags auf brasilianischem Boden eingeladen. Die meisten kommen aus der Obwaldner Heimat.
Arbeiten wie die Sklaven
Vor rund 115 Jahren, im Jahr 1888, kauften die vier Obwaldner Familien Amstiel, Amstalden, Bannwart und Wolf zwei Landgüter von einem brasilianischen Gutsherren und begründeten damit die Schweizer Kolonie "Helvetia".
Die Schweizer, vor allem die Obwaldner, waren bereits 1854 nach Brasilien gekommen, um auf Fazendas zusammen mit den Sklaven zu arbeiten. Grund für die Auswanderung der Eidgenossen war die Wirtschaftskrise, die durch den Sonderbundskrieg ausgelöst worden war.
Die Obwaldner stammten aus den Gemeinden Giswil, Lungern, Stalden, Stans und Sarnen. Die Eidgenossen mussten auf den Kaffee-Plantagen genau so hart arbeiten wie die damaligen Sklaven. Doch den Schweizern gelang es schliesslich, sich von dem Gutsherrn frei zu kaufen.
Die vier Familien kauften ein Grundstück von rund 1900 Hektaren. Im Laufe der Zeit schlossen sich immer mehr Obwaldner Familien der neugegründeten Kolonie an und kauften immer mehr Land dazu. Schon 12 Jahre nach der Gründung hatte sich der Grundbesitz der Schweizer mehr als verdoppelt.
Dialekt fast ganz verloren
Heute leben die rund 8000 Nachfahren der Gründer aus Obwalden verstreut in rund 180 Gemeinden in Brasilien und sieben verschiedenen Ländern. Nur wenige sind in die Schweiz zurückgekehrt.
Rund 300 leben noch heute auf dem Boden Helvetias, das heute zu den Gemeinden Campinas und Indaiatuba gehört. In diesen beiden Gemeinden leben auch die meisten Nachkommen der Schweizer.
Luiz José Siegrist, Doktor der Philosophie und Professor an der staatlichen Universität in Campinas, ist einer von ihnen. Seine Grosseltern gehörten zu den Gründerfamilien.
Obwohl er zu Hause immer Dialekt sprach, spricht er heute kaum mehr ein Wort. "Ich verstehe aber noch einiges." So geht es den meisten Nachkommen.
Doch der Kontakt zur Schweiz wird deswegen nicht weniger gepflegt. Es besteht immer noch ein reger Briefwechsel zwischen dem brasilianischen Helvetia und dem europäischen, und regelmässig besuchen die Brasilianer ihr Heimatland.
Traditionen leben weiter
Die Obwaldner haben sich heute in drei Vereinen organisiert, im Kirchenrat, im Schulrat und im Armschützenverein. In Helvetia wird auch fleissig gejasst, getanzt und gejodelt.
Geleitet wird der Jodelclub von Arnold Heuberger, der erst seit zwei Jahren in Brasilien lebt. Der Obwaldner besuchte die Kolonie zum ersten Mal zur Feier ihres 100-jährigen Bestehens.
Damals lernte er seine zukünftige Frau kennen. Nach gemeinsamen Wohnen in der Heimat entschloss er sich, sein Hab und Gut zu verkaufen und in Brasilien zu leben.
In Helvetia gründete er den ersten Jodelclub, mit dem er regelmässig Auftritte hat, wie zum Beispiel am Fest der Traditionen, am 1. August.
swissinfo, Brigitte Ariane Müller