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SNF Project - The Formation of Law: Canonical Collections of the Gregorian Reform Age between Tradition and Realignment
Das Projekt stellt die Frage nach den Mechanismen der Textdeutung und der Rechtsfortbildung in den Kanonessammlungen aus der Zeit des Investiturstreits, die regelmässig als "gregorianische Sammlungen" bezeichnet werden. Am Beispiel des päpstlichen Primates wird untersucht, ob und wie die mittelalterlichen Sammler mit den Instrumenten der Textordnung, der Textrubrizierung und der Textveränderung den von ihnen gesammelten Kanones neue Sinnelemente beilegten. Gefragt wird ausserdem nach den textlichen und ideellen Kontinuitäten der so entstehenden "sekundären Normbildungen" in der Zeit des klassischen kanonischen Rechts des späten 12. und des 13. Jahrhunderts. Als Quellenbasis sollen vor allem die weitverbreiteten Sammlungen dienen, zu denen u.a. die Collectio LXXIV titulorum sowie die Werke Anselms von Lucca und Deusdedits gehören. Leitend ist dabei die Überlegung, dass die seit dem 4. Jahrhundert entstehenden Kanonessammlungen als Speicher für das Gedächtnis der kirchlichen Rechtskultur wirkten. In diesem Punkt bewegt sich die Perspektivenbildung auf einer ähnlichen Ebene wie neue Ansätze der Rechtstheorie, die die Evolution von Recht an dessen mediale Form binden, allerdings das Entstehen von systematischen Ordnungszusammenhängen im Recht von der Entstehung des Buchdrucks abhängig machen. Demgegenüber liegt dem Projekt die Hypothese zugrunde, dass solche Ordnungszusammenhänge zwar schriftgebunden sind, aber keinen zwingenden Bezug zum Buchdruck aufweisen.
Das Projekt soll dazu beitragen, mehrere Lücken der rechtshistorischen Forschung zu schliessen und zugleich aus der Perspektive der Rechtsgeschichte einen Beitrag zur neueren rechtstheoretischen Debatte über die Evolution von Recht liefern: In der kirchenrechtsgeschichtlichen Forschung fehlt - soweit ersichtlich - eine gezielte Untersuchung eines grösseren Regelungsbereiches, die dabei mehrere Kanonessammlungen miteinbezieht. Die hier in das Zentrum der Betrachtung gerückten Phänomene der Normenbildung sind bislang kaum systematisch untersucht worden. Im Vordergrund stand die Debatte über die kontroverse These von einer "Papal Revolution in Law", der im Rahmen des Projektes die Hypothese einer "Scientific Evolution of Law" gegenüber gestellt wird. Nur selten ist ausserdem die Frage nach den normgestaltenden Kontinuitäten der vorgratianischen Kanonessammlungen in der Zeit des klassischen kanonischen Rechts gestellt worden. Zugleich soll das Projekt der Debatte über den mittelalterlichen Rechtsbegriff neue Impulse geben. Das gilt umso mehr, als in diesem Diskurs die Schriftkultur des kirchlichen Rechts bislang nur selten Berücksichtigung gefunden hat.
Leiter: Prof. Dr. Andreas Thier
Mitarbeiter: Dr. Stephan Dusil