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Das Drachenloch bei Vättis, eine alpine Jägerstation der Urzeit
eine alpine Jägerstation der Urzeit.
Von Theophil Nigg.
Noch bis vor wenigen Jahrzehnten wurden Siedelungen des Steinzeitmenschen in den Alpen von der Wissenschaft für unmöglich gehalten. Die Entdeckung der altsteinzeitlichen Niederlassung in der Wildkirchlihöhle im Säntisgebirge ( in einer Höhe von 1477—1500 m ) durch E. Bächler im Jahre 1904 brachte diese Ansicht ins Wanken. Und die im Jahre 1917 entdeckte Höhlenwohnung im Drachenloch, 2445 m, bei Vättis zeigt, dass der Steinzeitmensch nicht nur bis in das voralpine Alpsteingebirge, sondern noch weiter südlich bis in die rätischen Hochalpen und in Meereshöhen vorgedrungen ist, die niemand für möglich gehalten hätte. Seither ist wieder eine steinzeitliche Station in den Churfirsten, das Wildenmannlisloch, 1628 m, am Selun aufgefunden worden, und die Zukunft wird ohne Zweifel auch im Innern der Alpen noch weitere Fundstätten bringen. Alle diese Stationen — vor allem das Drachenloch — liegen auf alträtischem Gebiete, und der Gedanke liegt nahe, dass das Churer Rheintal, diese uralte Völkerstrasse, schon den Steinzeitmenschen zum Vordringen vom Norden nach dem Süden gelockt hat.
Wer auf der Strasse von Pfäfers her die finstere Talenge von St. Peter durchschritten hat, sieht mit einem Schlage das Tal sich weiten. Die dunklen Felswände, die im Hohlweg von St. Peter sich unmittelbar an die Tamina drängten, weichen plötzlich zu beiden Seiten zurück. Bald tut sich ein freundlich grüner Talkessel auf. Eine alte, gedeckte Holzbrücke führt in der « Schüela » über die rauschende Tamina. Noch bildet das offene Wiesland nur einen schmalen Streifen zu beiden Seiten des Baches. Aus saftgrünen Gründen steigen dunkle Tannenwälder die steilen Böschungen zu den hohen Wänden hinan, die links und rechts dem Tale folgen. Aber auch über diesen untersten Abstürzen steigt der Wald in Horsten und häufig unterbrochenen Streifen hoch hinauf, namentlich am Calanda, wo noch einzelne Lärchengruppen in mehr als 2000 m Höhe stehen und als letzte Vorposten von verlorenen Rasenbändern herunterschauen. Aus dem Einschnitt des Calfeisentales steigen in unheimlicher Wucht und Steilheit die Wände der Orgeln ( 2693 m ) empor, die als Eckpfeiler der Ringelspitzkette zwischen dem Calfeisental und dem Kunkelspass stehen. Dahinter taucht aus seinem Firnmantel der höchste Gipfel der Kette, der Doppelturm der Ringelspitze auf, 3251 m und 3227 m. Während auf der Südseite des Talbodens von Vättis wilde Zacken und Türme ragen, scheint das Gehänge der Nordseite noch in der Waldzone in einer ruhig verlaufenden Linie zu endigen. Doch bildet diese nur den untern Rand der Terrassen des Vättnerberges, 1600 m, und der Alp Ladils, 1900 m.
Wohl keinem aufmerksamen Beobachter entgehen die zahlreichen steilen Runsen und Lawinenzüge im Calanda und die beiden tiefen, ungangbaren Tobel des Radein- und des Kreuzbaches im nördlichen Talgehänge. Aber, wer nicht zur Zeit der Schneeschmelze oder nach ergiebigen Regengüssen das Tal durchwandert, sucht vergeblich an den Wänden nach flatternden Sturzbächen. Nirgends findet sich eine Quelle, alle Runsen und Tobel sind wasserleer 1 ), und trocken liegen auch die zahlreichen Schuttkegel, die Zeugen wilder Ausbrüche im Talgrund.
Im beidseitigen Gewänd fallen die zahlreichen Klüfte und Höhlen auf, vor allem das weithin sichtbare, hochgewölbte Höhlenportal in der Gipfelwand des Drachenberges, der, kurz bevor man das Dorf Vättis erreicht, auf der Nordseite des Tales sichtbar wird.
Vättis, 951 m, liegt da, wo das Calfeisental und das Kunkelstal zusammentreffen und der Talboden am breitesten ist. Die Mehrzahl der braunen Holzhäuser stehen eng zusammengeschart in einer geschützten Bucht des Talgrundes, der offenbar älteste Teil des Dorfes mit der Kirche auf der linken, sonnigen Talseite.
Besonders in geologischer Hinsicht ist der Talkessel von Vättis interessant.
In früheren Perioden der Erdgeschichte hat hier durch die Alpenfaltung eine stärkere Hebung der Erdrinde stattgefunden, wodurch sich die Felsschichten zu einem Gewölbe aufgebogen haben, das seinen Scheitelpunkt über dem Talgrund von Vättis besitzt. Die nachträgliche Erosion hat hier schliesslich das Tamina-Calfeisental geschaffen. Vom Talboden aus sehen wir am beidseitigen Gehänge die Schichtköpfe hervortreten, da die Felsschichten am Calanda nach Süden und Südosten gegen das Rheintal abfallen und diejenigen auf der linken Talseite nach Norden. Daraus erklärt sich zwanglos die Wasserarmut des Talgehänges, da das Regenwasser im zerklüfteten Kalkfelsen den Schichtflächen folgt und also durch das Gebirge nach Norden und Süden wegfliesst. Bekannt ist auch, dass bei Vättis das Urgebirge ( Gneis ) zum Vorschein kommt, das sonst östlich des Aarmassivs durch die ganze Tödikette nirgends zutage tritt.
Beim Aufstieg zur Höhle, der uns nördlich des Dorfes dem wilden Kreuz-bachtobel entlang, erst durch Buchen-, dann durch Tannenwald und endlich über Alpweiden steil und unerbittlich bergan führt, überschreiten wir die verschiedenen, in der Reihenfolge ihres Alters dem Urgebirge auflagernden Sedimentschichten. Schon vom Tale aus lässt sich die unterste ( älteste ) Kalkschicht, der Rötidolomit, sehr leicht erkennen. Es sind jene auffallenden, rötlich angewitterten Felsköpfe, die rings um Vättis aus den untersten Waldhängen aufsteigen. Der bekannteste ist der Gnapperkopf ( am Calanda ) mit einem ehemaligen Bergwerk auf Kupfer- und Silbererze. Über dem Rötidolomit erscheinen nacheinander die Kalkschichten des Jura, unter denen besonders der Malm mächtige Steilwände bildet. Darauf folgen die jüngern Kalkschichten der Kreide, deren oberste Stufen wir endlich überschreiten, wenn wir nach dreistündiger Steigung das Gelbberg-Sässli, 2070 m, erreichen. Hier steht auf blumiger Alpterrasse, unmittelbar unter dem Gipfel des Drachenberges, die Gelbberghütte, unser Standquartier während der sieben Sommer ( 1917—1923 ), da wir den Forschungsarbeiten in der Höhe oblagen.
Hier ladet schon die prächtige Rundsicht zu einer Rast ein. Am meisten fesseln den Blick die beiden merkwürdigen Berggestalten, die im Norden unmittelbar vor uns aus der grünen Alpterrasse aufsteigen. Sie erscheinen als mächtige Eckpfeiler eines Felsenzirkus, welcher das im Hintergrunde der Gelbbergalp ansteigende Kartälchen, « das Täli », umschliesst. Links der Hütte ziehen steile Grashalden aus dem kleinen Sässchen hinan zu senkrecht aufstrebenden grauen Türmen und breiten Malmwänden. Über diesen legen sich drei schmale Rasenbänder wagrecht um den Berg, aus denen endlich die mächtige, gelbe Gipfelwand des Drachenberges aufsteigt. Mit ihrem hochgewölbtem Höhlentor gleicht sie der Fassade einer riesenhaften Königsburg. Hier hauste in grauer Vorzeit der diluviale Jäger — der König des Urwaldes!
Östlich des Kartälchens, das fast unvermittelt in das tiefe Kreuzbach-tobel übergeht, sitzen auf weitausladendem, von tiefen Rinnsalen durchfurchtem Flyschmantel verwitterte, schroffe Kalktürme mit säulenartigen, durch Höhlen und tiefe Scharten getrennten Pfeilern. Das ist der Väliner-kopf, 2619 m, eine fremdartige Gestalt, als wär 's ein heiliger Berg aus dem peträischen Arabien, mit Felskammern, Tempeln und Königsgrüften.
Ebenso merkwürdig wie ihre Gestalt ist auch das, was die Geologen über die Vergangenheit der beiden Berge zu sagen wissen. Die Weidehänge, die von dem Gelbberg-Sässli gegen den Drachenberg hinaufziehen und diesen als grüner Mantel umgeben, haben als Untergrund leicht verwitternde und daher sanftere Formen bildende, jüngere Gesteinsschichten ( Tertiär ), nämlich Nummulitenkalk und Schiefer. Diese jüngsten Schichten sollten normalerweise den obersten Teil des Berges, dessen Gipfel und Grat, bilden. Aber statt eines sanftgewölbten Flyschrückens finden wir zu oberst jene senkrecht aufstrebenden Wände und Türme, die hier am Drachenberg aus grünen Alphängen und gegenüber am Vättner- oder Älplikopf aus den glänzenden Plattenhängen des Flysches aufstreben. Die beiden Gipfel sind also Klötze ältern Gesteins ( Malm und Kreideschichten ), die durch gewaltsame Verschiebungen auf der Erdrinde in ihre heutige Lage gebracht wurden, wo sie als « Fremdkörper » den eozänen Schiefern aufsitzen. Sie sind die stehengebliebenen Reste einer mächtigen Überschiebung von Kalkschichten, die vom Calfeisental her ( Panärahörner ) erfolgte und ursprünglich als zusammenhängende Decke den wohl durchwegs jüngern Schichten im Raume des heutigen Taminatales zwischen Ringel- und Calandakette einerseits und Drachenberg-Vättnerkopf anderseits auflagerte. Durch die in der Folgezeit entstandenen tiefen Taleinschnitte der Tamina, des Tersol- und Kreuzbaches und des Kunkels ist diese « Drachenbergüberschiebung » derart zerstückelt worden, dass von ihr nur mehr wenige Teilstücke erhalten blieben, darunter der Drachenberg und Vättnerkopf als äusserste nordöstliche Randfetzen. Das uns schon aufgefallene, fremdartige Aussehen dieser Gipfel ist also nichts Zufälliges.
Durch den ungeheuren Druck, unter dem diese Überschiebung erfolgte, entstanden in der Überschiebungsdecke Risse und Spalten, die in grosser Zahl schon von der Gelbberghütte aus am Drachenberg und Älplikopf beobachtet werden können. Sie zeigen sich teils als mehr oder weniger tiefe Klüfte, teils als höhlenförmige Auskolkungen ( Balmen ). Sie werden aber häufig nicht beachtet. Denn das hochgewölbte Tor und der dunkle Schlund des Drachenloches in der Gipfelwand des Drachenberges, die hier in unmittelbarer Nähe und in mächtigen Ausmassen vor den Augen stehen, nehmen die ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Wir erkennen nun klar, dass die Höhle der übergeschobenen Kalkdecke ihr Dasein in so ausserordentlicher Höhenlage ( 2445 m ) verdankt. Ohne die « Drachenbergüberschiebung » hätte hier das Gebirge in 2300 m mit sanft gewölbtem Flyschgrat oder gerundeter Kuppe ohne jegliche Höhlenbildung geendigt.
Bevor wir nun zur Höhle aufsteigen und uns in ihr kühles Innere hineinbegeben, mag über ihre Geschichte das Notwendigste erwähnt sein. Die Ausweitung der bei der Überschiebung entstandenen Bruchspalte zur Höhle besorgten in unendlich langen Zeiträumen durch mechanische und chemische Auflösung des Gesteins die Sickerwasser und im äussern Höhlenraum in ihrem Bunde auch die Verwitterung, namentlich der Frost. Sicher waren die Höhlenräume zur letzten Zwischeneiszeit, als der Steinzeitmensch von ihr Besitz ergriff, schon nahezu in ihrer heutigen Formund Ausdehnung vorhanden, wenigstens die innern, von ihm vorzugsweise bewohnten Teile. In geschichtlicher Zeit war die Höhle zweifellos schon den frühesten Bewohnern des Tales bekannt. Ihr weithin, auch vom Talboden aus sichtbares Tor konnte nicht unbemerkt bleiben. In Urkunden, in der ältern Literatur und in alten Karten- werken suchen wir den Namen Drachenberg und Drachenloch allerdings vergeblich. Es ist dies jedoch verständlich. Unproduktive Gebirgskämme und Gipfel hatten zu einer Zeit, als man von Alpinismus noch nichts wusste, keine Bedeutung. Des Talbewohners Interesse erstreckte sich nur auf jenes Gebiet, das für ihn wirtschaftlichen Wert hatte. Dem unwirtlichen Ödland über den obersten Weideflächen wurde denn auch wenig Beachtung geschenkt, und viele Berge waren ohne Namen. So heisst es z.B. in einem Kaufbrief um die Alp Gelbberg vom Jahr 1530, diese Alp grenze « uff den grad ». Es scheint also damals der Name Drachenberg noch nicht gebräuchlich gewesen zu sein. Über die Etymologie des Namens « Drachenberg » und « Drachenloch » gehen die Ansichten auseinander 1 ). Hierüber sei hier nur bemerkt, dass die Ableitung des Namens von dracca = starker, anhaltender Regen, wohl nicht die richtige ist, sondern dass der Name vielmehr mit dem romanischen dragun = Wildbach zusammenhängt.
Schon seit Jahrhunderten wurde die Höhle zuweilen von Einheimischen, Jägern und Hirten aufgesucht. Das beweisen einige noch sichtbare Jahrzahlen an der Decke der hintersten Höhlenkammer. Die Höhle war unter dem Volk als Fundort von Tropfsteinen und Kalkspatkristallen bekannt. Ebenso waren die vielen, in den hintersten Höhlenteilen auf der Oberfläche des Bodens liegenden Knochen nicht unbeachtet geblieben. Sie wurden aber allgemein als Reste angesehen, die von Raubgewild ( Füchsen und Dachsen ) in die Höhle eingeschleppt worden seien. Fremde Besucher, denen die herumliegenden Knochen im dunkeln Hintergrund der Höhle ebenfalls auffielen, hatten erst recht keinen Anlass, an der Richtigkeit der von Ortskundigen gegebenen, einleuchtenden Erklärung zu zweifeln. So blieb der wahre Charakter der grösstenteils aus Höhlenbärenresten bestehenden Oberflächenfunde unerkannt und selbst einem so scharfen Beobachter verborgen, wie es Prof. Theobald von Chur war, der in den sechziger Jahren die Höhle besuchte. Allerdings wusste man damals in der Schweiz von Höhlenforschung noch nichts 2 ). Theobalds Bericht über die Exkursion zur Drachenlochhöhle, den er in der Schrift « Die Therme von Ragaz-Pfäfers » 3 ) niederlegte, enthält meines Wissens die erste zutreffende Beschreibung der Höhle und zeigt, wie nahe er daran war, die Knochenreste richtig zu schätzen. Er schreibt: « Hoch oben am Drachenberg, da wo die obern Nummulitenschichten an die Kreide grenzen, ist in dem verworren geschichteten, zerklüfteten Gestein, das wohl zu den ersteren gehört, eine Höhle mit weitem, thorartigem Eingang, die hinten in mehrere Kammern geteilt ist und wahrscheinlich in dieser Weise noch tiefer in den Berg einsetzt. Es hängen und liegen darin eine Menge Stalaktiten, inwendig von strahligem Bau, eher Arragonit als Kalkspath, weiss und wein-oder braungelb. Der Boden ist mit Steinschutt und einem gelblichen Lehm bedeckt. Als ich durch ein enges Loch in die hintere Kammer kroch, lagen darin eine Menge grosser Knochen. Ich dachte schon an Höhlenbären u. dgl., als mir ein der Neuzeit angehöriger, oder, wie man sich wohl ausdrückt ,'moderner'Geisskopf samt Hörnern in die Hände kam. In den hintern Spalten, durch die man nicht mehr kriechen kann, zeigten sich Spuren von Füchsen, welche die Knochen von unten auf den Alpen verendeten Thieren in diesen wenig besuchten Schlupfwinkel geschleppt haben.Nach der Volkssage wohnte hier einst ein geflügelter Drache. » Veranlasst durch die Schriften Bächlers über die Erforschung der Wildkirchlihöhlen ( 1904—1908 ) untersuchte ich 1917 den Höhlenboden des Drachenloches auf seinen Inhalt. Dies führte zur Entdeckung der prähistorischen Tierreste und hatte die wissenschaftliche Erforschung der Höhle zur Folge, die während sieben Sommern ( 1917—1923 ) betrieben wurde. Diese Ausgrabungen erfolgten unter der Leitung von E. Bächler für das naturhistorische Museum in St. Gallen.
Die Höhle ist von der Alphütte Gelbberg aus in einer leichten Stunde zu erreichen. Erst steigt man über die steilen Weidehänge der Flyschzone an, dann über Schutthänge, leichte Kalkstufen und Rasenbänder der Drachen-lochüberschiebung. Der Aufstieg ist durchaus gefahrlos, wenn auch etwas anstrengend. Darum ist es ratsam, vor dem Eintritt ins kühle Innere der Höhle nochmals zu rasten. Wer beim Aufstieg in Schweiss geraten ist, empfindet die Kühle der innern Höhlenteile ( etwa 4° C ) sehr unangenehm und riskiert, sich zu erkälten. Ist man unter der Gipfelwand des Drachenberges angekommen, so gelangt man, auf dem schmalen Band der Wand entlang nach Osten gehend, nach wenigen Schritten unter das Höhlenportal, das sich als hochgewölbtes Felsentor öffnet. Ein kurzer, steiler Anstieg führt in seine Wölbung hinauf und in die erste Höhlenkammer, eine weite Halle, 27 m lang, 7 m hoch und bis 4 m breit. Sie ist einem Kirchenschiff ähnlich; ihr Boden steigt leicht nach innen an. Kühle umfängt uns. Im dämmrigen Hintergrund erblicken wir rechts einen flachen Gewölbebogen als Durchgang zu einem kuppeiförmigen Seitenraum mit seltsamen Kavernen und Nischen. Links daneben ist der Eingang zu den innern Höhlenteilen, ehemals ein niedriger Einschlupf über dem Höhlenboden, der auf eine Länge von 5 m zu durchkriechen war. Jetzt führt vom äussern Höhlentor her eine ausgehobene, grabenartige Gasse zu diesem Eingang, der ebenfalls ausgegraben ist, so dass man ungehindert aufrecht durchschreiten kann.
Durch den ehemaligen Durchschlupf gelangen wir nun in die erste, innere Kammer der Höhle, einen fast kreisfömigen Raum von ungefähr 5 m Durchmesser. Seine hochgewölbte Decke scheint in mehrere Schlote überzugehen, die aber alle blind endigen. Hier sind wir im trockensten Teil des ganzen Höhlensystems und stehen mitten in der ehemaligen « Wohnung » des Höhlenmenschen. Aus diesem Raum stammen auch die ersten Funde.
Gegen innen war er ursprünglich durch die sich wieder bis fast auf den Boden herabsenkende Höhlenwand nahezu abgeschlossen, und nochmals musste kriechend — etwa 2 m weit — vorgedrungen werden, um in die dritte Höhlenkammer zu gelangen. Heute kann auch diese Stelle aufrechten Körpers begangen werden. Die hinterste Höhlenkammer ist wieder ein längerer Raum von ungefähr 17 m. Hier bildet die Decke ein flaches, niedriges Gewölbe, das durchschnittlich wenig mehr als 2 m über dem ehemaligen Höhlenboden verläuft. Dieser Raum ist hinten abgeschlossen. Nur durch einen engen Einschlupf unmittelbar an der Hinterwand gelangt man zunächst in eine sack-artige Erweiterung, dann durch einen engen Schlauch in einen kesselartigen, 3—4 m hohen Raum, auf dessen Boden man von der Mündung des Schlauches aus 2 m tief hinabspringt. Hier tropft beständig Wasser aus der stark zerklüfteten Decke, an der zahlreiche Kalksinterbildungen auffallen. Von hier aus gelangt man vorderhand nicht mehr weiter. Doch ist es wahrscheinlich, dass dies nicht die letzte Kammer des Systems ist. Seitliche Spalten und Klüfte deuten auf weitere Hohlräume, und als ich einst beim Durchkriechen des Schlauches einige im Lehm liegende, verschleppte Knöchelchen aufhob, zeigte sich unter mir eine schmale Spalte. Hinabgelassene Steine fielen in die Tiefe,, und ihr Aufschlagen klang deutlich aus einem Hohlraum herauf. Eine nähere Untersuchung ist vorgesehen, doch sind hier keine vorgeschichtlichen Funde mehr zu erwarten.
Bei den Ausgrabungen erwies sich auch die äussere, grosse Höhle als fundarm. Der Felsboden senkt sich hier gegen die linke Höhlenwand zu einer dieser entlang laufenden, engen Spalte. Er ist mit einer 3—4 m tiefen Schuttschicht zugedeckt, die vor der Ausgrabung eine langsam nach innen steigende, breite Bodenfläche darstellte. Zahlreiche grössere und kleinere Deckensturzblöcke und -platten erschwerten hier das Ausgraben. Dieser Teil der Höhle war für den Höhlenmenschen in mehrfacher Hinsicht kein geeigneter Aufenthaltsraum. Vor allem bildeten infolge der Verwitterung Deckenstürze für ihn eine stete Gefahr, Temperaturschwankungen waren hier naturgemäss grösser als in den innern Räumen, und schliesslich boten diese auch viel besseren Schutz vor den Raubtieren. Diese Höhle bildete darum nur einen Durchgangsraum, in welchem der Höhlenmensch wohl tagsüber seinen Arbeiten oblag, etwa Ausschau nach Jagdbeute oder nach den heimkehrenden Genossen hielt. Bei der Aushebung des Längsgrabens kamen denn auch nur verschleppte Funde ( sogenannte Streufunde ) zum Vorschein.
Ganz anders am Eingang zur zweiten Höhlenkammer und in dieser selbst. Da war schon die Zusammensetzung der Bodenauffüllung eine ganz andere. Sie bestand zum grössten Teil aus oberhalb schwärzlichen und nach der Tiefe zu rötlichen Erdschichten mit wenig Schutt. Sofort stiessen wir bei den Grabungen auf ganze Massen von Knochen, die hauptsächlich den Wänden entlang aufgehäuft lagen. Alles war kunterbunt durcheinander geworfen: Schädel, Rippen, Wirbel, Kiefer, viele zerschlagene Markknochen, einzelne Zähne, Zehenknochen usw., stellenweise in solcher Menge, dass ganze Knochen-schichten übereinander lagen. Dies machte uns stutzig: War hier der Höhlenmensch am Werk? Das ganze Fundbild deutete darauf hin. Doch, das waren alles erst Verdachtsmomente und durften noch keineswegs als vollgültige Beweise für das Vordringen des Paläolithikers in die Hochalpen angesprochen werden. Aber der Verdacht war nun da und liess sich nicht mehr beschwichtigen. Noch im nämlichen Sommer stiessen wir auf eine prähisto- Steinwerkzeuge vom Drachenloch ( Seewerkalk ).
rische Feuerstätte. Ungefähr 1,5 m unter der Oberfläche tauchte in rotbrauner Fundschicht ein wagrechter, schwarzer Schmiss auf, der bei vorwärts-schreitender Ausgrabung zu einer im Querschnitt linsenförmigen Kohlen-und Aschenschicht anwuchs, die in der Mitte 12—15 cm dick war und sich nach den Aussenrändern hin verflachte. Ihr Grundriss war annähernd kreisförmig und hatte in der Längsachse der Höhle ungefähr 1 m, in der Breite gegen 1,4 m Durchmesser. Diese Schicht bestand aus zum Teil noch gut erhaltenen Kohlen von Legföhrenholz, Asche und angebrannten Knochen-stücken des Höhlenbären. Mit Sicherheit konnte festgestellt werden, dass die über dem ehemaligen Feuer liegenden Ablagerungen völlig ungestört waren, dass also das Feuer nicht erst später in einer ausgehobenen Grube angelegt wurde, sondern, dass es so alt wie die betreffende Fundschicht, also prähistorisch ist. Nun gab es keinen Zweifel mehr! Hier bestand eine Siedelung des Altsteinzeitmenschen. Und das offene Feuer am Eingang zu seiner Behausung war das Lagerfeuer, das ihm vor allem in der Nacht Schutz vor den Raubtieren geboten haben mag. Nun erwarteten wir zuversichtlich weitere Spuren seiner Anwesenheit und wurden nicht getäuscht. Kurz darauf hoben wir in der Nähe dieses Feuerherdes das erste, unzweifelhafte Knochenwerkzeug auf, ein Wadenbein des Höhlenbären mit schiefer, geglätteter Bruchstelle, einen sogenannten Fellöser. Und nun folgten weitere, zum Teil gleichartige, zum Teil anders geartete Knochenwerkzeuge, Fellschaber und Fellglätter, auch zugespitzte, wohl zum Durchlochen der Felle gebrauchte Knochen.
Aber immer mangelten uns noch die aus Stein hergestellten Schneidewerkzeuge, die im Werkzeuginventar des Urzeitjägers nie fehlen. Nach den Erfahrungen Bächlers im Wildkirchli waren am ehesten Schneiden aus Quar-Spitzenartige Knochenwerkzeuge aus zit zu erwarten. Aber wir fahndeten dem Drachenloch.vergeblich. Nicht ein Quarzitstück kam zum Vorschein, so dass schliesslich die Annahme nicht mehr von der Hand zu weisen war, dass der Paläolithiker im Drachenloch einfach das Höhlengestein, den in Massen zur Verfügung stehenden Seewerschiefer benutzte. Dass dieses Gestein für die Zwecke des Paläolithikers brauchbare Schneiden lieferte, konnten wir an unserer eigenen Haut erfahren, wenn grössere Bruchplatten mit dem Eisenschlägel zertrümmert und aus den Fundschichten entfernt werden mussten. Es ging gar nicht lange, so waren wir so gewitzigt, dass wir die Bruchstücke so vorsichtig anfassten, als wären es Glasscherben. Der Seewerschiefer zerspaltet beim Zerschlagen in grosse Scherben mit langen, geraden und meist sehr scharf schneidenden Rändern, die für die Zwecke des Urzeitjägers ( Schneiden von Häuten und Fleisch ) durchaus brauchbare Messer bildeten. Da ihm nun die Höhle geeignetes Material in Hülle und Fülle bot, wozu hätte er weit herum im Gebirge nach den hier äusserst selten vorkommenden, brauchbaren Quarziten suchen sollen?
Fellöser, hergestellt aus Wadenbeinen des Höhlenbären aus dem Drachenloch.
Für uns aber war es bei den Grabungen allerdings nicht immer leicht, zu entscheiden, ob in den Fundschichten liegende Seewerkalkplättchen als Werkzeuge anzusprechen seien oder nicht, um so mehr, als sie nicht selten durch den unterirdischen Zersetzungsprozess Veränderungen erlitten und namentlich die ursprünglichen Randschärfen verloren hatten. Aber es gab Stellen, namentlich in der Nähe der Feuerherde, wo auf grösseren Steinplatten oder auch auf geeigneten Vorsprüngen der Höhlenwand augenscheinlich Gesteinsmaterial aus Seewerschiefer zertrümmert worden war, worauf die hier massenhaft herumliegenden Gesteinsscherben hindeuteten. Diese bestanden in der Hauptsache aus kleinem, teils verwittertem, teils noch scharfrandigem Splitter-zeug. Stets fanden sich auch handpassliche Stücke darunter, ganz von der Form der Steinartefakte im Wildkirchli, mit breiten Schneidekanten oder mit Spitzen. Das waren zweifellos gebrauchte oder doch zugerüstete Schneidewerkzeuge. Solche Stellen waren offenbar Arbeitsplätze des Höhlenmenschen, wo er seine Werkzeuge herstellte.
Je mehr die Ausgrabungen in der Höhle sich der hintersten Höhlenkammer näherten, um so eindrucksvoller wurden die Spuren des Höhlenmenschen. Gleich unter dem Eingang zum dritten, hintersten Höhlenraum stiessen wir auf einen neuen, noch merkwürdigeren Feuerherd. Handelte es sich in der zweiten Höhlenkammer um ein offenes Lagerfeuer, so lag hier eine von Steinplatten umgebene Feuergrube vor, die der Steinzeitmensch noch sorglich mit einer Steinplatte zugedeckt hatte, als er die Höhle verliess. Denn so fanden wir sie vor, und erst als wir diese Deckplatte hoben, sahen wir mit Erstaunen eine Grube vor uns, die mit einer doppelten Lage von Kalkplatten ummauert war. Im Innern lagen Asche, Kohlen und angebrannte Zehenknochen des Höhlenbären. Auch dieser Feuerherd ist sicher prähistorisch. Dafür bürgten die darüber hinlaufenden ungestörten und unversehrten Schichten des Höhlenbodens.
In der hintersten Höhlenkammer zeigte sich nun auch eine neue Art der Knocheneinlagerung, die in der vordem Höhle fehlte. Unmittelbar neben der oben erwähnten Feuergrube war eine zweite, ebenfalls mit Steinen eingefasste und mit einer Platte zugedeckte Grube. Beim Abheben der Deckplatte zeigten sich darin mehrere Schädel des Höhlenbären und dabei andere Skeletteile, aber durchwegs Stücke, die gar nicht zusammengehörten, ja von verschiedenen Tieren stammten. Solcher Knochengruben gab es in der dritten Höhle eine ganze Anzahl. Sie waren teils in den Winkeln zwischen grossen Sturzblöcken angelegt, teils auch unter dem Rand grosser Steinplatten. Aber immer war die durch den Menschen mit Sorgfalt und Absicht vorgenommene Lagerung unverkennbar. So lag in einer Grube ein Höhlenbärenschädel, durch dessen linken Jochbogen ein Oberschenkelknochen derart durchgeschoben war, dass er ohne Drehung um seine Achse gar nicht herausgezogen werden konnte. In einer andern, von Steinplatten eingerahmten Grube war ein Schädel auf zwei untergelegte Röhrenknochen gebettet, und als merkwürdige Beigabe enthielt die Grube eine Unmasse von kleinen Schneckenschalen. Es machte den Eindruck, als ob der Schädel damit überschüttet worden wäre, sogar dessen Inneres war damit vollgestopft. Wieder in einer andern Grube steckte in einem klaffenden Loch in der Stirne des dort beigesetzten Bären-schädels die Spitze eines keilförmigen Seewerkalkstückes. Der Schädel war auf wagrecht gelegte Platten gebettet, ganze und gebrochene Oberschenkelknochen, zwei Steinmesser, ein Backenzahn und einzelne Knochensplitter waren die Beigaben.
Das interessanteste Stück war ein Schädel, dessen Lage im Höhlen-tagebuch unterm 28. Juni 1923 wie folgt beschrieben ist: « Der Schädel war dicht an den Rand einer grossen Bruchplatte untergeschoben und rings, bis vorn an die Schnauze, mit dicht anliegenden, mehr als handgrossen ( aufrechten ) Plättchen umstellt, die genau der Form des Schädels folgten. Rechts des Schädels, unter der Bruchplatte, lehnte eine etwas grössere Platte an den Schädel, doch so, dass sie durch zwei untergeschobene Steine in der aufrechten Stellung gehalten wurde, ohne dass der Schädel ihr Gewicht zu tragen hatte. Als dieser entfernt war, blieb sie ruhig in der ursprünglichen Stellung; wie aber die untergeschobenen Steine entfernt wurden, fiel sie auf die Stelle, wo vorher der Schädel gewesen war.Wie immer lagen in der nächsten Umgebung des Schädels zahlreiche andere Knochen, die zum Teil vollständig zerbröckelten, sobald sie aufgehoben wurden. » Wie ist nun diese merkwürdige Knochenlagerung in der Drachenlochhöhle zu deuten? Nach Bächlers Auffassung handelt es sich hier zweifellos um Anzeichen eines primitiven Opferkultus. Die mit unverkennbarer Absicht und Sorgfalt in den Knochengruben niedergelegten Jagdtrophäen des Steinzeitmenschen — Höhlenbärenschädel mit der nie fehlenden Beigabe von grossen Röhren- oder Markknochen — sind als Opfergaben an irgend eine Gottheit ( wohl den Jagdgott ) anzusehen. Dieser Jagdkultus zeugt von primitiven religiösen Vorstellungen beim Steinzeitmenschen, von einem Glauben, der wohl noch auf jener tiefsten Stufe stand, welche die Dinge der Umwelt von Kräften erfüllt sieht. Setzt sich der Mensch in den Besitz dieser Dinge, so kann er sich deren Kräfte aneignen: isst er das Fleisch des Höhlenbären, so erlangt er dessen Stärke. Die Knochen der erlegten Tiere aber, vor allem die Schädel, müssen nach dem Glauben dieser Höhlenbärenschädel aus dem Drachenloch.
Primitivmenschen sorgfältig aufbewahrt werden, damit dem Tier die Wiederbelebung ermöglicht wird. Dieser Jagdkult und die damit verbundene Knochen- und Schädelansammlung ist durch die ethnologische Forschung bei vielen heutigen Naturvölkern, namentlich der Polargegenden, festgestellt worden. Es ist gar nicht daran zu zweifeln, dass diese merkwürdigen Schädel-bestattungen im Drachenloch durch ähnliche — emanistische oder animistische — Vorstellungen bei den Steinzeitmenschen veranlasst wurden. Ganz die nämlichen Beobachtungen wurden zu gleicher Zeit von K. Hörmann bei der Erforschung der Petershöhle beiVelden in Mittelfranken gemacht, und dieser Forscher kam, unabhängig von den ihm noch nicht bekannten Forschungsergebnissen im Drachenloch, ebenfalls zur Annahme eines paläolithischen Opferkultus 1 ).
Nun hat die so auffallende Art der Knochenlagerung in der Höhle tieferen Sinn bekommen, und wir verstehen nun auch, wie der Höhlenmensch überhaupt dazu kam, so gewaltige Knochenmassen in seiner engen Behausung aufzustapeln, derart, dass sein tägliches Leben und Treiben sich nur auf einem schmalen Raum zwischen den Knochenbergen abspielen konnte.
Sehr auffallend ist die Verschiedenheit der Knochenlagerung in den beiden Höhlenkammern des Drachenloches, die verschiedene Art der Feuerstätten und das Auftreten anders gearteter Werkzeugtypen. Lagen in der zweiten Höhle die Knochenmassen in mächtigen, wirren Haufen hauptsächlich den Höhlenwänden entlang, in der Mitte einen mehr oder weniger breiten Durchgang offen lassend, so waren in der hintern, dritten Kammer die Knochen mehr über den ganzen Höhlenboden verteilt und fanden sich häufig in Knochengruben absichtlich gelagert. Diese Art der Lagerung fehlte im zweiten Höhlenraum gänzlich. Hatte der zweite Höhlenraum gleich an seinem Eingang ein grosses, offenes Lager- oder Schutzfeuer, so standen im hintern Raum Feuergruben, wohl mit Dauerfeuern. Auffallend endlich ist auch, dass in der dritten Höhle nicht nur Wadenbeine, sondern auch Rippen sich vorfanden, die zu Knochenwerkzeugen ( Fellösern ) verarbeitet waren.
Verschiedene Deutung ist möglich. Vielleicht war der hintere Höhlenraum von einer zweiten, spätem Horde mit etwas andern Sitten und Gebräuchen, wenn auch der nämlichen Kulturstufe angehörend, besiedelt worden. Möglicherweise war aber die durch Sturzblöcke eingeengte hinterste Höhlenkammer nie Wohn-, sondern nur Kultstätte. Forschungen in andern Höhlen bringen vielleicht in dieser Frage noch Aufklärung. Freilich dürfen wir nicht erwarten, auf alle Fragen restlos Antwort zu bekommen. Vieles im Leben des Urmenschen wird dunkel bleiben. Denn das Inventar, das er uns in Höhlen hinterlassen hat, stellt lange nicht sein ganzes Kulturgut dar. Gar viele, aus vergänglichem Material hergestellte Gebrauchsgegenstände sind auch im Höhlenboden der Zerstörung anheimgefallen, wie z.B. Kleider und Gegenstände aus Holz und anderem vergänglichem Stoff, deren er sicher auch besass. Doch das wenige, das sich erhalten hat, genügt, die Kulturstufe erkennen zu lassen, auf der diese Urjäger standen. Sowohl die Stein- als die Knochenwerkzeuge des Drachenloches stellen Urtypen dar, die erst die Anfänge absichtlicher und zweckdienlicher Formgebung durch den Menschen. erkennen lassen. Sie haben in ihrer Gestalt so wenig Ähnlichkeit mit dem, was man heute unter Werkzeug versteht, dass sie nur vom Fachmann ohne weiteres erkannt werden. So sind die Steinwerkzeuge ausnahmslos Seewer-kalkscherben mit handpasslichem, breitem Rücken und gegenüberliegender Schneidekante. Im übrigen sind sie ungeschlacht, absichtliche Formgebung, wie sie bei den jüngem steinzeitlichen Kulturen so typisch in die Erscheinung tritt, fehlt noch.
Häufiger und mannigfaltiger in der Form als die Steinwerkzeuge sind die Knochenwerkzeuge. Es sind Knochenbruchstücke, die Spuren der Bearbeitung und Formgebung aufweisen. Sie waren — wie übrigens auch die Steinwerkzeuge — ausnahmslos Jagdgeräte. Dienten die Steinmesser zum Zerschneiden von Fell und Fleisch, so wurden die Knochenwerkzeuge hauptsächlich bei der weiteren Bearbeitung der Felle benützt, die dem Höhlenmenschen als Kleidung oder auch als Bodenmatten und Decken in seinem Schlafraum dienten. Auffallend zahlreich fanden wir gebrochene Wadenbeine des Höhlenbären vor, deren glatt polierte, schiefe Bruchflächen sie sofort als gebrauchte Werkzeuge kennzeichneten. Sie dienten dazu, die Felle der erlegten Tiere vom Fleisch zu lösen, wozu sie sich sehr gut eigneten. Die ursprünglichen, scharfen Bruchflächen mag der Urjäger vor dem Gebrauch auf Steinen stumpf geschliffen haben. Der dicke Gelenkkopf des Knochens passte trefflich als Handhabe in die Faust. Zu Spitzen zugeschliffene Knochen-und Zahnsplitter mit deutlicher Politur und Abnutzung lassen wieder absichtliche Bearbeitung erkennen. Zahlreiche Knochenfragmente von grösseren Röhrenknochen zeigen abgerundete und durch Gebrauch abgeschliffene Bruchränder. Diese, sowie Hüftgelenkpfannen mit abgenützten Napfrändern und abgeschlagenen Fortsätzen mögen als Fellschaber gebraucht worden sein. Der Steinzeitmensch verstand das Gerben der Felle noch nicht und suchte sie durch Schaben, Walken und Klopfen geschmeidig zu machen. Auch die grosse 2iahl abgebrochener Bärenunterkiefer, oft mit zersplitterten Eckzähnen, lässt vermuten, dass sie als Waffe oder Werkzeug zu Hieb und Schlag Verwendung fanden. Alle diese Stein- und Knochenwerkzeuge tragen in ihrer überaus dürftigen Form und Bearbeitung das Gepräge einer noch sehr wenig entwickelten Primitivkultur. Der Mensch auf dieser Entwicklungsstufe war wohl so weit, zweckdienliches Material zu seinen Werkzeugen auszulesen, in dessen Bearbeitung war er jedoch noch nicht über die ersten Anfänge hinausgekommen. Die Knochenwerkzeuge des Drachenloches stellen denn auch Urformen dar, die in der höher entwickelten westeuropäischen Stein-zeitkultur, wie sie aus französischen Fundplätzen bekannt ist, bis jetzt durchaus fehlen. Dagegen besteht in den Werkzeugtypen der drei alpinen Höhlen Wildkirchli, Drachenloch und Wildenmannlisloch verblüffende Übereinstimmung, was Bächler veranlasste, dieser Kultur « eine Sonderstellung innerhalb des Paläolithikums zuzuweisen » und sie als « alpines Paläolithi-kum » zu bezeichnen. K. Hörmann, der in der Petershöhle bei Velden in Mittelfranken ( Deutschland ) ganz ähnliche Fundverhältnisse vorfand, vermutet, dass es sich dort nicht um Erscheinungen aus dem bekannten westeuropäischen Kulturkreis, sondern vielmehr um arktische Kultur handle.
Auf das hohe Alter der Drachenlochsiedelung weisen auch die Reste der Höhlenfauna hin, der Tierwelt, deren Zeitgenosse der Höhlenmensch war. Mehr als neun Zehntel aller ausgegrabenen Knochenmassen rühren vom Höhlenbären her, einer riesigen Bärenart, die noch vor Ablauf der Eiszeit ausstarb. ( Nach vorläufigen Zählungen im Fundmaterial konnten über 1000 Bären festgestellt werden, von denen die Skeletteile herrühren.Dieser Bär war trotz seiner Grösse ( ausgewachsene Männchen erreichten aufrecht stehend gegen 3 m Länge ) das bevorzugteste Jagdtier des Drachenlochmenschen und des Altsteinzeitmenschen überhaupt. Von den weitern Tierarten, deren Reste in den Fundschichten sich fanden, mögen Steinbock, Wolf, Gemse, Fuchs und Edelmarder genannt sein.
Wichtig für die Altersbestimmung der Siedelung ist vor allem der Nachweis, dass der Höhlenbär der Zeitgenosse des Drachenlochmenschen war. Wir haben schon gesehen, dass der Höhlenbär die Nacheiszeit nicht mehr erlebte, und es ist auch einleuchtend, dass während einer Vereisung weder Mensch noch Höhlenbär in dem bis hoch hinauf von Gletschern erfüllten Taminatal hätten leben können. Die Drachenlochhöhle kann darum nur in jener Zwischeneiszeit besiedelt gewesen sein, die der letzten Vereisung vorausging. Damals war das Klima dem heutigen wenigstens ebenbürtig, möglicherweise war es noch milder.
So sehen wir die gesamten Funde übereinstimmend auf das hohe Alter der Siedelung hinweisen. Dieses Alter aber auch nur annähernd nach Jahrtausenden zu bestimmen, ist unmöglich. Die Glazialgeologen sind über den Verlauf der Eiszeit verschiedener Meinung. Manche ( besonders Penk ) glauben vier, von drei warmen Interglazialzeiten unterbrochene Vereisungen zu erkennen; in neuerer Zeit aber mehren sich die Stimmen, die nur eine zweimalige Vereisung mit einer dazwischenliegenden warmen Periode gelten lassen wollen. In jedem Falle beanspruchten diese geologischen Vorgänge sehr grosse Zeiträume. Reichte doch zur höchsten Eiszeit der aus den Graubündner Tälern vorstossende Rheingletscher bis über den Bodensee hinaus! Der Zeitraum, der zwischen dem Bestehen der zwischeneiszeitlichen Höhlensiedelung im Drachenloch und den nacheiszeitlichen Pfahlbauten auf den Schweizerseen liegt, ist zweifellos um ein Vielfaches grösser als jener, der die Gegenwart von der Pfahlbauzeit trennt.
Eher etwas Bestimmtes sagen lässt sich über die Körpergestalt des Drachenlochmenschen. Es fehlen zwar in der Höhle körperliche Überreste ihrer einstigen Bewohner. Aber sie konnten, wie ihre Zeitgenossen in West- und Mitteleuropa, nur der Neandertal-Rasse angehören. Skelettreste dieser Rasse sind an verschiedenen Stellen in Europa ( Frankreich, Belgien, Deutschland ) gefunden worden. Der Neandertaler war von geringerer Körpergrösse als der heutige Mensch. Nach genauen Untersuchungen französischer Anthropologen betrug die mittlere Körpergrösse der Männer etwa 158 cm, die der Frauen 155 cm. Diese kleinwüchsigen Menschen waren jedoch sehr kräftig gebaut. Ihre Gliedmassen waren kurz, aber von bedeutender Stärke und sehr muskulös. Der Neandertaler verfügte wohl über eine nach heutigen Begriffen gewaltige Körperkraft. Besonders charakteristisch im Skelett dieser Rasse ist der mächtige, lange, aber auffallend niedrig gebaute Schädel. Von den gewaltigen Augenbrauenwülsten, welche die Augenhöhlen wie ein schützendes Dach überragen, zieht sich das Schädeldach flach nach rückwärts. Die Stirne steigt nicht senkrecht auf, wie beim rezenten Europäer, sondern sie « flieht » nach hinten. Mächtig entwickelt ist der Gesichtsteil des Schädels. Die Augenhöhlen und die Nasenöffnung sind ausserordentlich gross, und die massigen und schweren Kiefer zeigen ein riesiges, aber durchaus menschliches Gebiss. Der Oberkiefer und dessen Zähne sind schief nach vorn gerichtet, und dem plumpen Unterkiefer fehlt der Kinnvorsprung. Die Gestalt des Neandertalers würde auf den heutigen Menschen ohne Zweifel einen düsteren, ja unheimlichen Eindruck machen.
Die primitiven Merkmale im Skelettbau des Urmenschen haben bekanntlich manche Forscher veranlasst, anzunehmen, dass er mit den Anthropoiden ( Menschenaffen ) aus gleichem Urstamm entsprossen sei. Diese Annahme ist aber bis heute noch eine unbewiesene Hypothese geblieben. Und je mehr durch neue Forschungen sich Einblicke in das Leben und Treiben des Urmenschen gewinnen lassen, um so grösser wird die Kluft, die ihn von den ihm körperlich am nächsten stehenden Menschenaffen trennt. Er tritt uns schon in seinen ersten Spuren gleich als eigentlicher Mensch entgegen mit einer wenn auch primitiven Kultur: er kennt und meistert bereits das Feuer, er gebraucht absichtlich zugerichtete Werkzeuge, ja, er besitzt, wie die Spuren seines Jagdkultus im Drachenloch zeigen, schon gewisse religiöse Vorstellungen.
Es wäre gewiss interessant, Näheres über das tägliche Leben und Treiben dieser rätselhaften Menschengestalten zu erfahren. Was sich aus den bisherigen Höhlenforschungen und den Ergebnissen der Ethnographie hierüber mit einiger Sicherheit schliessen lässt, sei hier erwähnt. Der Urmensch stand noch auf der untersten Stufe der Kultur, der Jägerstufe. Die Jagd verschaffte ihm alles, was er für seinen Lebensunterhalt brauchte. Er betrieb wohl auch den Fischfang. Ackerbau und Viehzucht dagegen waren ihm unbekannt. Unstet schweifte er, zu Horden vereinigt, von Jagdgrund zu Jagdgrund, blieb wohl länger, wo günstige Unterkunftsverhältnisse ( Höhlen ) sich ihm darboten, von denen aus er seine Jagden auf das Gewild der Umgebung ausführte.
Auffallend ist, dass der gewaltige Höhlenbär fast das ausschliessliche Jagdwild des alpinen Steinzeitmenschen war. Die Jagd auf diesen Räuber erforderte doch gewiss von dem mit so primitiven Waffen versehenen Steinzeitmenschen ein grosses Mass von Ausdauer, Kraft und Mut. Seine Sinne waren sicher viel schärfer als die des heutigen Kulturmenschen, und es ist nicht daran zu zweifeln, dass er ein Meister im Aufspuren, Beschleichen und Überlisten des Wildes war. Er betrieb die Jagd mittelst Fanggruben, wie sie heute noch bei jenen auf der Jägerstufe stehenden kaukasischen und sibirischen Naturvölkern geübt wird, und wie sie auch in unsern Gegenden noch in historischer Zeit betrieben wurde. ( Flurnamen « Bärenfalle».Durch Treibjagd wurden, wie aus den Skelettresten im Höhlenboden sich ergibt, fast ausnahmslos nur jüngere Tiere in die Falle getrieben, wo sie wehrlos waren und vom Urjäger leicht durch Steinwürfe, Keulenschläge usw. erlegt werden konnten. Die Höhlenbären lieferten dem Steinzeitmenschen nicht nur Fleisch, sondern, was für ihn ebenso wertvoll war, dichte, warme Felle und Material zu Werkzeugen ( Knochen ). Für den alpinen Steinzeitmenschen mussten die Felle vor allem wertvoll sein. Waren sie doch ein unvergleichlich zweckmässiger Stoff, aus dem er sich warme Kleidung, sowie Bodenmatten und Decken für seine Schlafstätten verfertigte, die er in seinen alpinen Wohnsitzen nicht entbehren konnte. Die Gewinnung der kostbaren Felle war wohl ein Hauptgrund zur Jagd auf den gefährlichen Höhlenbären. Es ist nicht anzunehmen, dass der Steinzeitmensch nur Fleisch genoss. Auch für ihn bestand die Gefahr des Skorbuts. Es ist bekannt, dass auch heute jene arktischen Völker ( Eskimos und Tschuktschen ), die hauptsächlich von Jagd und Fischfang sich ernähren, mit wahrer Gier nach Pflanzenkost suchen und Dinge geniessen, die uns schwerlich zusagen würden. Der Urwald bot ihm auch Pflanzenkost: wildes Obst, Schwämme, Wurzeln, Nüsse, Beeren, wilden Honig. Vielleicht wurde dieser Teil der Nahrung durch die Weiber und Kinder gesammelt. Als Behausung für den alpinen Paläolithiker kamen in der Hauptsache wohl nur Höhlen in Betracht, denn nur diese boten ihm ausreichenden Schutz vor rauher Witterung und vor Überfällen durch Raubtiere.Vielleicht verschloss er den Höhleneingang durch Holzbarrikaden, vor allem aber war ein wirksames Schutzmittel gegen Raubtiere das Feuer. Wir haben schon gesehen, dass in der Drachenlochhöhle im Eingang zu den innern, vom Menschen bewohnten Räumen ein offenes Lagerfeuer brannte. Die Untersuchung der wohlerhaltenen Kohlen hat ergeben, dass Legföhren als Brennmaterial dienten. Das Feuer war überhaupt der stete Begleiter des Urmenschen, und es ist das eigentliche Wahrzeichen menschlicher Kultur, denn unter allen Geschöpfen hat nur der Mensch die Fähigkeit, das Feuer zu beherrschen und sich dienstbar zu machen. Er lernte mit dessen Hilfe die Naturkräfte bezwingen und machte sich von ihnen unabhängig. Ohne Feuer hätte der Mensch, besonders in seinen alpinen Wohnsitzen, nicht bestehen können. So konnte er auch mit dessen Hilfe in der hochgelegenen Drachenlochhöhle vorübergehend rauher Witterung trotzen, ohne sich ins Tal zurückziehen zu müssen. Im Winter wird er allerdings kaum in dieser Höhe standgehalten, sondern sich in die mildern Talgründe verzogen haben.
Es lässt sich nicht feststellen, ob die Jäger des Drachenloches das Feuer schon künstlich zu erzeugen wussten oder ob sie in ihrer Höhle durch Dauerbrand das einmal durch Zufall gewonnene, kostbare Gut sich erhalten mussten. Jene Feuerherde im hintersten Höhlenraum aber lassen vermuten, dass das Feuer für sie nicht allein einen hilfreichen Geist darstellte, der ihnen in ihrer Heimstätte unschätzbare Dienste leistete, sondern dass bei ihrem Jagdkulte auch heilige Flammen loderten.
Viele Jahrtausende sind verflossen, seit die letzten urzeitlichen Jäger-horden endgültig die Urwälder des Taminatales verliessen. Schon dem Herannahen der letzten Eiszeit ging eine derartige Verschlechterung des Klimas voraus, dass der Urmensch aus den Alpen weichen musste.
Was war das weitere Schicksal dieser rätselhaften Menschen? Wir kennen es so wenig wie ihre Herkunft. Sie sind zwar körperlich nahe verwandt mit den Eskimos, und auch ihr Inventar an Knochenwerkzeugen und vor allem ihr Jagdkult tragen arktisches Gepräge. Aber sie verschwinden wieder spurlos im Dunkel der Urzeit, aus dem sie aufgetaucht sind.
Um die Herdfeuer der nacheiszeitlichen Höhlenwohnungen am Alpenrande, im Schweizersbild und Kesslerloch, sassen Menschen anderen Schlages.