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Zugegeben, die ersten 24 Stunden in Cartagena habe ich in meinem Hotelzimmer verbracht, denn da fühlte ich mich am sichersten. Wovor? Das weiss ich mittlerweile auch nicht mehr genau. Eigentlich sollten mich meine Freunde am Sonntagabend am Rafael Núñez Flughafen abholen, doch da ihr Boot dank dem schlechten Wetter nicht fahren durfte, hingen sie auf einer Insel fest.
2 Tage vorher: Ich winkte meinem Vater, der mich zum Zürcher Flughafen begleitet hatte, zu, bevor ich durch die Ticketkontrolle ging. Ich sah, wie er eine kleine Träne verdrückte, ehe er hinter ein paar Reisenden verschwand. Wohlgemerkt, meine Kolumbienreise würde nur sieben Tage dauern, jedoch verhielten sich meine Eltern als würde ich ein Jahr um die Welt reisen. Kolumbien war gefährlich, hiess es. Man reist nicht alleine nach Kolumbien. Ich machte mir da weniger Sorgen, denn immerhin würden mich meine Freunde am Flughafen in Cartagena abholen und das Hotel war bereits gebucht. Was könnte da noch schief gehen?
Bis nach Bogota verlief meine Reise auch grösstenteils problemlos. Klar, einige Scherereien hatte ich bereits mit dem Check-in in Madrid und dank Verspätungen durfte ich mich sportlich betätigen und einen Sprint durch den halben Flughafen hinlegen. Mein Langstreckenflug war jedoch ganz angenehm. Fensterplatz in der letzten Reihe, ich konnte also meinen Sitz ohne schlechtes Gewissen ganz ausfahren. Wir bekamen drei Mahlzeiten, im Entertainment System des Flugzeuges waren über 20 Filme vorhanden und mein Sitznachbar war ein freundlicher, älterer Kolumbianer. So liess es sich reisen. Er erzählte mir von seiner Familie, seinem spannenden Job als Küchenchef in New York, aber auch von der angespannten Lage in Kolumbien. Viele Leute waren arbeitslos und so war die Diebstahlrate hoch. Als er zum Schluss einen Blick auf mein Flugticket warf, meinte er: „Das schaffst du nie, die Verspätung unseres Fluges ist zu gross.“
Ich stieg also schon leicht verunsichert in Bogota aus dem Flugzeug. Schnell erkannte ich, dass dieses Mal kein Sprint zum nächsten Gate, um den Inlandflug nach Cartagena zu erwischen, drin lag. Zuerst musste ich durch die Immigrationskontrolle.
Nervös reihte ich mich in die Warteschlange ein, als mein Handy klingelte. Es waren meine Freunde und sie hatten zwei schlechte Nachrichten; sie würden erst am folgenden Tag in Cartagena eintreffen und unser Airbnb wurde storniert. Ich musste also irgendwie alleine zurechtkommen und mir eine Unterkunft suchen. Dies am späten Abend und ohne ein Wort Spanisch zu sprechen. Wie versteinert ging ich durch die Kontrolle und versuchte meine Gedanken zu ordnen, dass alle dabei auf Spanisch auf mich einredeten und niemand Englisch konnte, machte die Situation nicht besser. Wie ich es schlussendlich trotzdem pünktlich auf meinen Flug schaffte weiss ich selber nicht mehr, jedoch konnte ich im Flugzeug endlich wieder klar denken. Ich suchte mit der schlechten Wlanverbindung des Flughafens panisch ein Hotel in der Nähe des Flughafens in Cartagena raus und rief dieses, ohne Rücksicht auf meine nächste Handyrechnung, direkt an. Noch fünf Minuten bis zum Start des Flugzeuges.
Jemand nahm ab und dieser Jemand konnte glücklicherweise Englisch!
„Klar, wir haben noch ein Zimmer für Sie frei“, meinte er, “wollen Sie den Preis wissen?“ Ich sagte ihm der Preis sei mir egal, Hauptsache eine Unterkunft, worauf er lachte. Nachdem ich meinen Namen gefühlte zehn Mal wiederholte, buchstabierte und ins Handy schrie, damit auch jeder im Flugzeug wusste wer ich war, und ich schon befürchtete die Stewardess würde mir mein Handy entreissen, damit wir endlich starten konnten, hatte er alle Infos, die er brauchte.
Zwei Stunden später landete ich auch schon in Cartagena. Ich war müde und hatte keine Lust mehr. So stieg ich in ein Taxi und nannte ihm die Adresse. Der Taxifahrer sah mich entgeistert an. Er versuchte mir zu erklären, dass sich mein Hotel direkt vorne um die Ecke befand. Dies wusste ich bereits, aber das war mir egal. Ich hatte keine Lust mehr nach meiner 17-stündigen Reise zu suchen, zu gehen oder überhaupt noch zu stehen. Als er jedoch wirklich nur knapp 50 Meter geradeaus fuhr und mich wieder rausliess, kam ich mir etwas lächerlich vor, aber ich war froh endlich im Hotel zu sein und schlief sogleich in meinem Zimmer ein.
Einige Stunden später wachte ich auf und sass nun hier auf meinem Bett, alleine in Kolumbien, ohne ein Wort Spanisch zu sprechen oder mich über das Land informiert zu haben. Zudem hatte ich Hunger. Ich ass einen Schokoladenriegel aus der Minibar und vertiefte mich in meine Lektüre, die ich für Notfälle mitgenommen hatte. So verkrochen könnte ich es problemlos noch mehrere Stunden aushalten, bis meine Freunde endlich das Festland erreichen, denn ich weigerte mich mein Zimmer auch nur eine Sekunde zu verlassen. Kolumbien war gefährlich, die Diebstahlrate war hoch und man reist bestimmt nicht alleine nach Kolumbien!
Wäre da nicht mein Magen, der unaufhörlich vor sich hin knurrte. Mein Appetit wurde dann doch zu stark, so zog ich mir widerwillig etwas über und schlicht mich vorsichtig aus dem Hotelzimmer. Der Speisesaal war leer, bis auf eine Kellnerin, die mich freundlich auf Spanisch begrüsste. Ich murmelte unverständlich etwas vor mich hin, da ich keine Ahnung hatte was „Guten Morgen“ auf Spanisch bedeutete. Schnell merkte ich, dass auch sie, wie die meisten Kolumbianer, kein Englisch sprach, doch zum Glück war die Frühstückskarte zweisprachig. Ich zeigte mit dem Finger auf das gewünschte Menü und schaffte es sogar mit Händen und Füssen ein Wasser zu bestellen. Das Gefühl, alleine ein leckeres Omelett mit Schinken und ein Glas Wasser bestellt zu haben, verschaffte mir neuen Mut. Von meinem Triumph beflügelt liess ich mir vom englischsprachigen Portier ein Taxi kommen, um dann doch die Stadt zu erkundigen.
Das Viertel um den Flughafen war bisher eher unspektakulär, hauptsächlich schlichte Wohnhäuser, keine Geschäfte und praktisch keine Menschenseele zu sehen. Google Maps hatte mir eine Fahrt von 30 Minuten in das historische Viertel Gatsemani prophezeit. Also lehnte ich mich zurück und genoss die frische Brise und die ersten Sonnenstrahlen, die ich nach meinem Versteckspiel in Kolumbien endlich erhaschen konnte. Was so ein Frühstück nicht alles auslösen kann!
Autos zogen an mir vorbei und die Häuser wurden bunter. Ich sah Hochhäuser und kleine mobile Obststände, roch die Abgase der Grossstadt und den Duft von spanischem Essen und schlussendlich hört ich sogar das Brausen des Meeres. In einer kleinen, bunten Strasse, die unglaublich belebt war, hielt mein Taxi. Wir waren da.
Die Fahrt dauerte nicht 30 Minuten, sondern knapp 10 Minuten. Verflucht seist du Google Maps! Doch immerhin war ich endlich, nach einer langen, beschwerlichen Reise, in Cartagena, Kolumbien, angekommen und zog nun los um die grosse, bunte Stadt auf eigene Faust zu erkunden.
- S