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«Eine Frage des Respekts»
Herr Inniger, Sie haben eine Dissertation über multireligiöse Seelsorge verfasst. Darin schlagen Sie vor, auch muslimische Feldprediger ins Boot zu holen. Warum?
Der Einbezug von muslimischen Seelsorgenden ist eine Frage des Respekts. In einigen militärischen Schulen sind vielleicht zehn Prozent muslimische junge Schweizer, die von ihren Kommandanten und Kollegen geschätzt werden. Meine Dissertation zeigt, dass aus Sicht der reformierten Theologie nichts gegen eine multireligiöse Seelsorge spricht, die selbstverständlich auch jüdische oder hinduistische Mitarbeitende umfassen sollte. Zwar zeigt die Erfahrung, dass konfessionelle Fragen in der Armeeseelsorge eine untergeordnete Rolle spielen. Es gibt aber Situationen, in denen eine glaubensspezifische Betreuung sinnvoll ist, wo es gut wäre, ein muslimischer Seelsorger wäre da.
Haben Sie selbst eine solche Situation erlebt?
Ja, ich erlebte einmal, dass ein Rekrut aus einer muslimischen Familie seine Mutter verlor. Um ihn in der Trauer angemessen zu begleiten, wäre es gut gewesen, einen muslimischen Kollegen aktivieren zu können. Weiter braucht es muslimische Seelsorgende bei Todesfällen von muslimischen Armeeangehörigen und wenn besondere Rituale nötig werden, aber auch, wenn spezifische Fragen der individuellen Religionspraxis aufkommen. Da kann man nicht extern «irgendeinen Imam» suchen gehen, der vielleicht nicht einmal Zutritt zum Waffenplatz bekommt. Auch muslimische Armeeangehörige haben in schweren Zeiten das Recht, einen in die Armee integrierten Armeeseelsorger zu haben, und Kommandanten der Schweizer Armee haben das Recht, auf die Expertise eines muslimischen Seelsorgers zurückzugreifen, der mit der Armee vertraut ist.
Heute werden Armeeseelsorger aus den reformierten und katholischen Landeskirchen rekrutiert. Wie sähe eine multireligiöse Organisation von Armeeseelsorgern aus?
Genau gleich wie heute: Der Armeeseelsorger stellt sich der Truppe vor, integriert sich gut in den Stab und ist bei Bedarf da, wenn man ihn braucht, und vor dem morgendlichen Antrittsverlesen sagt er ein paar gute Worte. Wenn ein 30-jähriger muslimischer Schweizer Oberleutnant, der im Fussballclub als Trainer und in der Wohngemeinde als Schulpfleger tätig ist, heute Religionswissenschaften studiert und einen universitären CAS-Lehrgang in Seelsorge besucht hat, dann sollte der im Jahr 2020 oder 2022 den Ausbildungslehrgang zum Armeeseelsorger machen dürfen. Dass die Schweizer Armee in zehn Jahren vier Armeeseelsorger mit muslimischem Hintergrund hat, ist realistisch.
Wie können wir ausschliessen, dass islamische Hassprediger in die Armee geschleust werden?
Kandidaten für die Armeeseelsorge, egal welcher Religionszugehörigkeit, sollten künftig ein Assessment bestehen müssen. Darin beweisen sie, dass sie mit ihrem eigenen Glauben nicht missionieren und dass sie für alle da sind. Zudem müssten alle einen Masterabschluss in Theologie oder Religionswissenschaften besitzen, eine angemessene Seelsorgeausbildung ausweisen und Erfahrungen in der Schweizer Armee mitbringen. So können wir sicher sein: Der erwähnte muslimische Oberleutnant der Schweizer Armee verbreitet ebenso wenig Hass und Spaltung wie sein katholischer Kollege aus dem Wallis oder wie sein reformierter Kollege aus Bern.
Sie haben Ihre Doktorarbeit an einer südafrikanischen Universität verfasst. Gibt es Erfahrungen in anderen Ländern mit multireligiöser Armeeseelsorge?
Ja, ich kenne die niederländische und die kanadische Armeeseelsorge gut. Die Kolleginnen und Kollegen dort haben gute Erfahrungen mit einer multireligiösen Armeeseelsorge gemacht. Die Norweger, die Briten, die Franzosen und die Österreicher haben auch muslimische Armeeseelsorgende, und das funktioniert gut. Das Assessment, die gute Ausbildung und klare Regeln garantieren dafür.
Sie waren lange Zeit im Dienste der Armee. Ihre Dissertation haben Sie aber als unabhängiger Wissenschaftler verfasst. Wie war das Echo auf die Arbeit und Ihre Vorschläge?
Die Reaktionen waren mehrheitlich positiv. Viele fragten mich ganz erstaunt, ob die Schweizer Armee nicht schon lange muslimische Seelsorgende habe.
Der Islam ist eine sehr junge Religion in der Schweiz, viele Menschen stehen ihm skeptisch gegenüber. Ist ein Einbezug muslimischer Seelsorger in die Schweizer Armee nicht verfrüht?
Nein. Die Schweizer Armee geht seit jeher sehr bewusst mit kultureller Vielfalt um und hat auch die neuere religiöse Vielfalt längst im Blick. Wenn wir mittel-oder langfristig einige muslimische Armeeseelsorger haben, die vom Kommandanten bis zum Soldaten als gute Seelsorger und flotte Kameraden geschätzt werden, dann ist das einfach eine Facette der Integration des Islams in der Schweiz.
Das Interview wurde schriftlich geführt. Die Dissertation von Matthias Inniger ist abrufbar über folgenden Link
Susanne Leuenberger / ref.ch / 28. April 2017
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».
Der Pfarrer und Theologe Matthias Inniger war von 2002 bis 2015 als Armeeseelsorger tätig. Heute ist Inniger Regionalpfarrer der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn in den Amtsbezirken Oberemmental und Thun sowie Einsatzleiter im Care Team des Kantons Bern. Seit 2017 hat er einen Lehrauftrag für Theologie an der North-West-Universität in Südafrika. Seine Doktorarbeit schrieb er zu «A Theological-Ethical Evaluation of the Christian-Muslim Dialogue in the Swiss Army Chaplaincy.»