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Zwei grossformatige und -artige Bildbände zu verschwundenen und verschwiegenen Bauten von Bündner Konstrukteuren und Kreativen.
«Herr Richard Coray versteht es nicht nur, Brücken und Seilbahnen und komplizierte Anlagen zu bauen, er ist auch ein grosser Freund der alpinen Natur und ein wackerer Alpinist, der die höchsten Berge mit der Leichtigkeit und Sicherheit eines Jünglings besteigt.»
Urteilte die romanischsprachige Wochenzeitung „Casa Paterna“ am 6. Januar 1938. Im Jahr zuvor hatte die SAC-Sektion Piz Terri ihren Mitbegründer Richard Coray (1869–1946) zum Ehrenmitglied ernannt, in erster Linie nicht wegen seiner damals schon weltberühmten Lehrgerüste für Brücken und Viadukte, sondern wegen seiner massgebenden Arbeit beim Bau der Terrihütte an der Greina (1925) und der Camona da Nagens ob Flims (1937). Bei der Terrihütte gab es die Punt Coray, einen originell konstruierten Übergang über den jungen Somvixer Rhein. Und ein wackerer Alpinist war Coray tatsächlich: Noch mit 68 Jahren bestieg er den Ringelspitz/Piz Barghis (3247 m), den höchsten Gipfel seiner Heimatgemeinde Trin. Das obige Zitat ist enthalten in der rundum gewichtigen Monografie von Johann Clopath: Richard Coray (1869–1946), Leben und Werk. Lehrgerüste für Brücken und Viadukte. Mit dabei in diesem edlen, reichhaltig illustrierten Werk sind zwei Beiträge der Brückenspezialisten Jürg Conzett und Andreas Kessler.
Wir alle sind dem genialen Holzkonstrukteur aus Trin wahrscheinlich schon begegnet, ohne es zu wissen: Pont de Pérolles in Fribourg, 1922 eröffnet und damals die längste Brücke Europas, Soliser und Wieser Viadukte der Albulabahn, Langwieser Viadukt der Arosabahn. Für diese Brücken, und für zahlreiche andere, wie die Gürbetalbahn-Brücke über den Amletebach bei Uetendorf, konstruierte und erstellte Coray mit seinen Arbeitern sogenannte Lehrgerüste. Sie dienten dazu, dass die eigentlichen Brücken, meistens waren es Bogenbrücken, überhaupt gebaut werden konnten. Sobald dies der Fall war, wurden die wuchtigen und zugleich filigranen Lehrgerüste aus Holz wieder abgebaut, oft zusammen mit schmalen Hängebrücken, die errichtet worden waren, damit die Zimmermänner überhaupt von einem Ufer zum andern gelangen konnten. Zum Foto einer Rheinbrücke bei Zizers von 1922 heisst es: „Auch dieses Werk musste verschwinden, nachdem es seinen Zweck erfüllt hatte.“
Verschwunden draussen, aber nicht drinnen. In den Köpfen und Plänen der Ingenieure. In Publikationen, immer wieder, bis jetzt zu dieser Gesamtschau von Johann Clopath. Auf dem Schuber ist das Lehrgerüst für die Tarabrücke in Montenegro abgebildet (1939): 141 Meter hoch, das weltweit höchste Lehrgerüst aus Holz, das je gebaut wurde. Nur zum Vergleich: Der Prime Tower in Zürich ist 126 Meter hoch, der Roche-Turm 1 in Basel 178, die Stütze der neuen Zugspitze-Seilbahn 127 Meter. Ebenso eindrücklich war Corays Holztransportbahn in der Viamala: 600 Höhenmeter und 700 Meter in seitlicher Distanz, ohne Stützen natürlich.
Für gestandene und angehende Ingenieure ist das Werk von Johann Clopath ein Muss (erst recht zu Weihnachten). Aber auch für Nicht-Fachleute, die in der Schweiz mit all ihren Bergen und Hügeln, Tälern und Schluchten unterwegs sind und schon zuweilen einen Gedanken daran haben dürfen, dass es Leute wie Richard Coray waren, die mit ihrer Arbeit dieses Land überhaupt erfahrbar und erlebbar mach(t)en, zu jeder Tages- und Jahreszeit.
Diesem Zweck dient ebenfalls der 2019 eingeweihte Unterhaltsstützpunkt Berninapass. Damit die Strasse zwischen Engadin und Puschlav das ganze Jahr offen gehalten werden kann, müssen nach Schneefall die Räumfahrzeuge rasch ausrücken können, zu beiden Seiten des 2328 Meter hohen Passes. Dafür hätte man einen hässlichen Infrastrukturbau hinstellen können. Hat man zum Glück nicht gemacht. Das Architekturbüro Bearth & Deplazes schuf einen sehr bemerkenswerten Bau, der sich perfekt sowohl in die hochalpine Natur wie in die hochalpine Kulturlandschaft mit den geschwungenen Linien von Bahnlinie, Autostrasse und Staumauern, mit den geraden Linien der Hochspannungsleitung (die Skilifte, die einst dort oben liefen, wurden abgebaut) und mit dem wuchtigen Ospizio Bernina einfügt. Eine sanft gekrümmte, mit senkrechten Mauern regelmässig unterteilte Sichtbetonfassade, gekrönt von einem freistehenden Siloturm (genau genommen sind es zwei aneinander gebaute, aber den hinteren, dünneren sieht man von der Strasse aus kaum): So definiert das neue Bauwerk den alten Pass neu. Und dies mit einer zusätzlichen Sehenswürdigkeit: Der Unterhaltungsstützpunkt ist mit der Camera Obscura auf dem Silo auch ein Observatorium. Der dunkle Raum mit einem Loch in der Wand, wo man im Sommer die Landschaft kopfüber sieht, ist eigentlich ein Reserveraum für mehr Split, der im Silo gelagert wird.
Der Passo del Bernina war schon immer ein ganz besonderer Übergang. Nun hat er noch eine Kurve dazulegt. Draussen und drinnen. Denn zu diesem Unterhaltungsstützpunkt ist der Fotoband „Bernina transversal“ von Guido Baselgia erschienen. Der im Engadin aufgewachsene Fotograf hat den neuen Bau, ja die alten Bauten auf dem Pass und die Landschaft dort oben in eindringlichen, schwarz-weissen Schneefotos aufgenommen. So eindrucksvoll wie eiskalt. Dazu steuern Philip Ursprung, Professor für Kunst- und Architekturgeschichte an der ETH Zürich, und der Bündner Schriftsteller Reto Hänny feine Texte bei. Ein ganz starkes Buch für einen Abend in der warmen Stube, wenn der Wind um die Mauern heult und das Holz im Cheminée knistert.
Johann Clopath: Richard Coray (1869–1946), Leben und Werk. Lehrgerüste für Brücken und Viadukte. Mit Beiträgen von Jürg Conzett und Andreas Kessler. Verlag Scheidegger & Spiess, Zürich 2021, Fr. 79.-
Guido Baselgia, Bearth & Deplazes: Bernina transversal. Mit Beiträgen von Philipp Ursprung und Reto Hänny. Dreisprachig D, I, E. Park Books, Zürich 2021, Fr. 69.-
Die Camera Obscura im Unterhaltungsstützpunkt Berninapass ist im Winter geschlossen. Wiederöffnung im Juni 2022; www.camera-obscura.ch.