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Die Filmemacherin Anna Luif, 1972 als Kind ungarischer Eltern in Zürich geboren, erzählt, wie ihre Eltern 1956 ihr Heimatland verlassen haben, wie sie 1989 die Wende erlebt hat und was sie vom neuen ungarischen Mediengesetz hält.
WOZ: Migration ist ein zentrales Thema Ihres jüngsten Films «Madly in Love» – aber auch Ihrer eigenen Biografie. Ihre Eltern stammen aus Ungarn. Ich nehme an, sie sind nach der Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 in die Schweiz geflüchtet?
Anna Luif: Ja, allerdings nicht als Ehepaar. Sie haben sich erst später in der Schweiz kennengelernt. Mein Vater und meine Mutter stammen aus ganz unterschiedlichen Milieus. Er war Spross einer Grossgrundbesitzerfamilie aus Westungarn, ein sogenannter Kulake. Nach der Machtübernahme der Kommunisten im Jahr 1949 ist seine Familie enteignet worden, worunter sie sehr gelitten hat. Später durfte mein Vater die Mittelschule nicht besuchen. Er wollte aber weder Automechaniker noch Kolchosbauer werden, also ist er als Sechzehnjähriger während der Wirren des Ungarnaufstands über die Grenze nach Österreich geflohen, die in unmittelbarer Nähe war. Seine Familie hatte er vorher nicht informiert. In Österreich ist er – wie alle anderen ungarischen Flüchtlinge damals – mit sehr offenen Armen empfangen worden. Er konnte dann in Salzburg das Gymnasium absolvieren und hat anschliessend in Oslo Literaturwissenschaften studiert.
Ihr Vater ist demnach also nicht in die Schweiz geflüchtet?
Nein. Aber er hat ein Jahr lang in Genf als Austauschstudent verbracht und dort meine Mutter kennengelernt. Sie sind dann gemeinsam nach Norwegen zurück, wo sie weiterstudiert und geheiratet haben und schliesslich auch eingebürgert worden sind.
Sie sind aber in der Schweiz geboren?
Mein Vater liess sich später an einer Pariser Hochschule zum Bibliothekar ausbilden. Bei einem Besuch bei der Familie meiner Mutter in der Schweiz sprach er auf gut Glück bei der Zentralbibliothek in Zürich wegen einer möglichen Arbeitsstelle vor. Tatsächlich erhielt er ein Angebot. Eigentlich wollten meine Eltern nur vorübergehend in der Schweiz leben, aber als dann ich und meine Schwester zur Welt kamen, sind sie geblieben.
Sie erwähnten, dass Ihre Mutter aus einem ganz anderen Milieu als Ihr Vater stammt ...
Meine Mutter kommt aus einer jüdisch-intellektuellen Familie aus Budapest. Meine Urgrossmutter Lili Hajdu war eine berühmte Psychoanalytikerin gewesen und eine der ersten Frauen, die in Ungarn Medizin studiert hatten. Meine Grosseltern, Juca Gimes und Gábor Magos, waren nach dem Zweiten Weltkrieg in die Kommunistische Partei eingetreten. Sie schlossen sich in den fünfziger Jahren aber den demokratischen Reformkommunisten unter Imre Nagy an und beteiligten sich aktiv am Aufstand von 1956. Nach dessen Niederschlagung sind sie mit ihren Kindern in die Schweiz geflüchtet. Erst nach Trogen und dann nach Dübendorf, wo meine Grossmutter bis heute lebt. Mein Grossonkel Miklós Gimes – ein Journalist – war in Budapest geblieben. Wie Nagy wurde auch er 1958 hingerichtet.
Die damaligen Ereignisse kennen Sie aus Erzählungen und Erinnerungen Ihrer Familienmitglieder. Den Zusammenbruch des Ostblocks 1989 haben Sie selbst erlebt. Wie?
Ehrlich gesagt fehlte mir damals das Bewusstsein, die ganze Tragweite der Ereignisse zu verstehen. Ich weiss noch, dass ich mich sehr für meine Verwandten in Ungarn gefreut habe. Wir haben in den achtziger Jahren immer unsere Ferien dort verbracht, am Plattensee. Als Teenager waren wir die «Coolen aus dem Westen», voll unsympathisch eigentlich. (Lacht.)
Aktuell sorgt Ungarn wieder für Schlagzeilen. Die fast allmächtige nationalkonservative Partei Fidesz hat ein restriktives Mediengesetz verabschiedet, das in Europa für heftige Kritik gesorgt hat. Verfolgen Sie die Entwicklungen in Ungarn?
Ja, aber nicht mit einem so starken emotionalen Bezug wie mein Vater oder meine Grossmutter. Bei ihnen beobachte ich einen zunehmenden Zynismus ihrer eigentlich geliebten Heimat gegenüber. Das neue Mediengesetz finden alle, mit denen ich darüber rede, schlimm. Für sie ist klar: Entweder schafft es Europa, Einfluss zu nehmen und das Gesetz zu entschärfen, oder die Idee von Europa ist gescheitert.
Was mir in der aktuellen Ungarndebatte auffällt, sind aber auch gewisse Vorurteile, die im Westen vorhanden sind. Nicht alle Ungarn sind rechtsextrem oder antisemitisch. Ich habe kürzlich einen sehr intelligenten Journalisten getroffen, der Fidesz gewählt hat. Er hatte einfach genug von den korrupten Sozialdemokraten, die davor an der Macht waren.
Als was fühlen Sie sich eigentlich?
Ich bin eine Schweizerin mit ungarischen Wurzeln, die je länger, je mehr stärker werden. Ich lebe jetzt seit rund einem Jahr in Berlin und realisiere, dass ich mich in der Schweiz immer stark angepasst habe. Ich bin eigentlich ein temperamentvoller Mensch. Ich kann auch mal cholerisch werden und etwas zerschmettern, wenn ich genervt bin. In der Schweiz hatte ich mich zurückgenommen. In Berlin kann ich weit mehr so sein, wie ich bin.
Der Umzug nach Berlin hat Ihre Selbstwahrnehmung verändert?
Total. Ich fühle mich hier wohl und frei. Die vielen Leute hier, die Grösse, die Freiheit. Das entspricht mir sehr. Ich stelle mir vor, wie meine Familie mütterlicherseits einst sehr ähnlich in Budapest gelebt hat. Es sind immer viele Leute zusammen, es passiert immer etwas. Es ist einfach geil.