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Luneville und Paris
Nicolas Pigage wird am 2. August 1723 in Luneville geboren. Sein Vater Anselm ist Steinmetz und freier Bauunternehmer.[2] Seine Mutter Anne-Marguerite Mathieu entstammt einer wohlhabenden lothringischen Goldschmiedefamilie. Von vier Kindern erreichen die beiden Brüder Nicolas und Louis das Erwachsenenalter. Nicolas geht wahrscheinlich bei seinem Vater in die Lehre, die um 1739 abgeschlossen sein muss. Über die Tätigkeit der folgenden Jahre ist nichts bekannt. In einem späteren Schreiben berichtet er von einer begonnenen Militärkarriere, die aber nur kurz gedauert haben kann.[3] 1744 tritt er in Paris in die Académie royale d'architecture ein.[4] Direktor ist Ange-Jacques Gabriel. Professor ist Denis Jossenay, ein Schüler von Robert de Cotte. Pigage bewirbt sich 1745 und 1746 um den Jahrespreis der Akademie und gewinnt 1746 den zweiten Preis mit dem Thema Hôtel (Stadtpalais). Er beendet die Schule im September 1746. Seine Tätigkeit in den zwei folgenden zwei Jahren ist erneut unbekannt. Eher als die vermuteten Studienreisen in Europa dürfte er wieder in Luneville gearbeitet haben.
Stanislaus I. Leszczyński
Seine Heimatstadt ist zu dieser Zeit Residenz des im französischen Exil lebenden Stanislaus I. Leszczyński.[5] Mit der ihm zur Verfügung stehenden Pension entfaltet der ehemalige polnische König in Luneville ein bedeutendes kulturelles Leben und eine grosse Bautätigkeit. «Premier architecte de S. Majesté Polonaise» ist Emmanuel Héré.[6] Seit 1737 arbeitet Héré an den Erweiterungen des Schlosses und der Schlossgärten in Luneville, auch in Commercy, Malgrange und Chanteheux. Sein Hauptwerk ist die Place Stanislas in Nancy. Anzunehmen ist, dass Pigage schon als Lehrling und Geselle diese Bauten mitverfolgt, vielleicht auch mitarbeitet und um 1748 bei Héré tätig ist. Die Empfehlung für den jungen Pigage an den pfälzischen Kurfürsten kommt aus lothringischen Hofkreisen. Sie muss mit einer lokal bekannten Tätigkeit des Akademieabsolventen zusammenhängen und deutet wenig darauf hin, dass er sich zu dieser Zeit auf der «Grand Tour» befindet.
|Kurfürst Carl Theodor

1749 wird der 24-jährige Nicolas Pigage von Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz[7] als kurpfälzischen Intendanten der Gärten und Wasserkünste nach Mannheim berufen. Seit 1742 regiert der im gleichen Altersjahr stehende Fürst die Kurpfalz. Ähnlich wie Stanislaus Leszczyński in Nancy und Luneville entfaltet auch Carl Theodor ein bedeutendes kulturelles Leben in seiner Residenz Mannheim und in seinem «maison de plaisance» in Schwetzingen. Die Fertigstellung der Residenz und der Jesuitenkirche in Mannheim sind laufende Bauvorhaben, in Schwetzingen will er ein neues Schloss bauen und den Garten vergrössern. Der junge Kurfürst kann die Kurpfalz, auch dank der schon unter seinem Vorgänger erfolgten Annäherung an Frankreich, als neutrales Land zwischen den grossen Blöcken aus allen Kriegen heraushalten. Geboren in Brüssel, lernt er die deutsche Sprache erst mit zehn Jahren kennen. Kein Wunder, dass er französische Künstler und Planer bevorzugt. Zwar sind klassisch geschulte französische Absolventen der Pariser Architekturakademie oder Baumeister mit französischen Namen schon seit einigen Jahrzehnten an süddeutschen Höfen tätig.[8] Auch wenn sie nie eine Architekturschule besucht haben, nennen sie sich der französischen Gepflogenheit entsprechend Architekt.[9]
|Porträt

des Kurfürsten Carl Theodor,
1763 von Anna Dorothea Therbusch gemalt.
Bildquelle: Wikipedia.
Baumeister oder Architekt? Zur Veränderung des Berufsbildes unter französischem Einfluss. Gehe zum Exkurs.
Bei der Einstellung von Nicolas Pigage scheint aber der kurpfälzische Kurfürst einer Empfehlung zu folgen, die sehr früh die ausserordentlichen Qualitäten des Architekten aus Luneville erkennt.
Die kurfürstliche Bauorganisation
Die alte pfälzische Hauptstadt Heidelberg wird 1693 zerstört. Ein kurpfälzisches Bauamt begleitet den Wiederaufbau ab 1697. Die Wiedereinrichtung der Heidelberger Residenz scheitert an Religionsfragen. 1720 erfolgt deshalb die Verlegung nach Mannheim. Auch in dieser Festungsstadt ist der Wiederaufbau nach den französischen Verwüstungen noch im Gange. Für den Neubau des Schlosses, für neue Bauten der Kirche und des Militärs, auch für den bürgerlichen Wiederaufbau wechseln jetzt Baufachleute und Künstler nach Mannheim. Auch das Bauamt zieht 1720 dem Kurfürsten nach. Ihm steht der Ingenieur-Architekt Jean Clemens Froimont vor, der auch Entwerfer der neuen Residenz ist. Er wird 1726 vom Kurfürsten durch Guillaume d'Hauberat ersetzt. 1738 tritt d'Hauberat in andere Dienste. Sein Nachfolger ist Alessandro Galli da Bibiena aus Parma, der 1748 stirbt. Unter dem Kurfürsten Carl Theodor leitet der Theaterarchitekt in Mannheim noch die Fertigstellungsarbeiten des westlichen Schloss-Querflügels und baut die südlich anschliessenden Hofbauten mit Opernhaus und Ballhaus. Er ist auch Planer der Jesuitenkirche. Für Schwetzingen plant er das nördliche Zirkelgebäude. Sein wichtigster Mitarbeiter ist der praxiserfahrene Planer und Baumeister Franz Wilhelm Rabaliatti.[10] Galli di Bibiena ist, wie viele Hofarchitekten der Zeit, auf solche Praktiker angewiesen. Nach seinem Tod folgt 1748 kurzzeitig nochmals d'Hauberat als Oberbaudirektor. Von 1749–1752 bleibt die Stelle dieses ersten Architekten unbesetzt.
Der junge, neu eingestellte Pigage kann in diesen ersten Jahren rasch Fuss fassen. Er gewinnt das Vertrauen des Kurfürsten und kann Rabaliatti in die zweite Reihe verdrängen.[11] 1752 ernennt ihn der Kurfürst zum Oberbaudirektor. Seine überzeugenden Entwürfe für die Osterweiterung des Mannheimer Schlosses mit Bibliotheks-und Marstalltrakt,[12] Projekte für einen beabsichtigten Schlossneubau in Schwetzingen[13] und auch seine Planungen für die Erweiterungen des Schlosses Oggersheim[14] dürften die kurfürstliche Entscheidung erleichtert haben.
Pigage will aber mehr. Ganze Zweige des verzettelten Bauwesens sind nicht seiner Direktion unterstellt. Er erreicht seine Vorstellung eines zentralisierten Bauwesens mit der Schaffung eines Baudepartementes für alle herrschaftlichen Gebäude erst 1756. Aber selbst jetzt bleiben die Gärten allein dem Oberhofgärtner Johann Ludwig Petri unterstellt. Erst nachdem sich Petri 1758 zurückzieht, ernennt der Kurfürst Pigage 1762 auch zum Gartendirektor.
Mannheim und Oggersheim
1752 wird Pigage zum Oberbaudirektor ernannt. Im gleichen Jahr baut er in kurzer Zeit das neue Hoftheater hinter das nördliche Zirkelgebäude von Schwetzingen, allerdings auch mit einer fast vierfachen Kostenüberschreitung.[15] Seine Haupttätigkeiten der ersten Jahre sind der 1751 begonnene Südostblock des Mannheimer Schlosses mit Bibliothek und Marstall, sowie die Schlossanlage in Oggersheim.
Von der 1943 zerstörten Bibliothek und der anschliessenden Bildergalerie des Schlosses Mannheim sind noch Vorkriegsfotos vorhanden. Die Aussenfassaden sind wiederhergestellt. Die Ausstattungsarbeiten beschäftigen Pigage noch bis 1760, die Fertigstellung aller Bauten dauert nochmals zehn Jahre.
Das Lustschloss Oggersheim wird schon in den Revolutionskriegen 1793 vollständig zerstört. Von den Erweiterungen, dem grossen Barockgarten und seinen Gartengebäuden ist nichts mehr vorhanden. Hier ist Pigage noch 1771 tätig, als er das Schloss zum Wohnsitz der Kurfürstin Elisabeth Auguste umbaut.
1754 werden die Neubauprojekte des Schwetzinger Schlosses wegen der prekären Finanzsituation endgültig aufgegeben. Stattdessen lässt der Kurfürst durch Pigage das Lustschloss Benrath bei Düsseldorf neu bauen.
Benrath
Das Garten- und Schlossanlage bei Düsseldorf beschäftigt Pigage von 1755 bis 1768. Benrath, ein «maison de plaisance» nach französischem Vorbild, ist «das künstlerisch am höchsten stehende Werk Pigage's», wie Cornelius Gurlitt 1889 urteilt.
|Lageplan des Schlosses und des Schlossgartens Benrath.
||Grundriss des Corp de Logis (Hauptbau) aus Renard 1913.
||Fassade und Schnitt durch den Hauptbau aus Renard 1913.

|Die Gesellschaftsräume, um 1760 fertiggestellt, sind noch klar dem Rokoko verpflichtet.
||Der Kuppel- oder Gartensaal wird erst 1767 fertiggestellt. Nun herrscht bereits der Klassizismus.
||1806 malt Antoine Charles Horace Vernet die Schlossanlage mit den beiden Flügelbauten aus Norden.

Das Gemälde hängt heute im Palais Elysée (Paris). Quelle: Wikipedia.
|Bildquellen Innenräume: «Die Baukunst am Niederrhein» 1919.

Das Garten- und Schlossanlage bei Düsseldorf beschäftigt Pigage von 1755 bis 1768. Benrath, ein «maison de plaisance» nach französischem Vorbild, ist «das künstlerisch am höchsten stehende Werk Pigage's», wie Cornelius Gurlitt 1889 urteilt. Deutlich ist in der Architektur und in der Gartengestaltung der Einfluss von Jacques-François Blondel abzulesen.[16] Pigage orientiert das freigestellte, scheinbar eingeschossige Corps de Logis mit zwei gebogenen Flügelbauten (Kavaliershäuser) nach Norden zum grossen Gewässer. Der Garten liegt im Süden. Das Corps de Logis verfeinert Pigage zur Erreichung einer möglichst hohen «Commodité» derart, dass der Bau bereits im Erdgeschoss 22 belichtete, kleinere und grössere Räume zählt. «In Wirklichkeit fasst der Bau neben sieben Treppen und den Korridoren an 80 Zimmer!». Im Längsschnitt ist dieser «entzückendste Betrug, den man sich denken kann»[17] gut ablesbar. Pigage ist auch Entwerfer der Raumgestaltungen. Der Paradigmawechsel während der langen Bauzeit ist in den Innenräumen schön ablesbar. Zeigen die beiden Längsräume zum Garten noch klares Rokoko, ist der dazwischenliegende Kuppelraum schon dem Klassizismus verpflichtet. Die wichtigsten Künstler sind die Stuckateur Albuccio[18] und Pozzi.[19]
In Benrath ist Pigage auch Gartengestalter. Er plant einen französischen Garten wie denjenigen von Petri in Schwetzingen. Direkt an die Zirkelbauten Schwetzingens knüpfen die Kavaliershäuser an. Die Schloss- und Gartenanlage von Benrath ist in ihrer Gesamtheit das genialste der Werke des kurpfälzischen Oberbaudirektors.
Schwetzingen I
Nach einem längeren Unterbruch können die Arbeiten in Schwetzingen 1761 fortgesetzt werden. Pigage ist jetzt auch für die Gartenplanung zuständig. Er fügt als erstes nördlich an das von Petri gebaute Gartenparterre ein Orangerieparterre an und baut an die nördliche Längsseite die neue Orangerie. 1762 erfolgt seine Ernennung zum kurfürstlichen Gartendirektor. Damit sind alle herrschaftlichen Bauten und Gärten in seiner Hand. Im gleichen Jahr beginnt er den Küchenflügel als südlichen Abschluss der Schlossanlage. Er vergrössert jetzt den Barockgarten nach Westen und Süden, begrenzt ihn mit Kanälen und einem grossen Querbassin, und lässt das obere Wasserwerk erneuern. Auch der grosse, heute nicht mehr vorhandene Jagdstern im Süden des Gartens ist sein Werk. Sein grösster Beitrag zum Garten von Schwetzingen sind die Gartengebäude. Er beginnt sie 1761 mit dem Naturtheater und dem Apollotempel, setzt sie 1766 mit dem Minervatempel fort und baut dann ab 1768 auch das frühklassizistische Schmuckstück des Badhauses. Pigage bewährt sich in diesen Jahren auch als unermüdlicher Materialbeschaffer, organsiert Linden aus Holland, Pflanzen aus Bonner Baumschulen oder Ziegelsteine aus Koblenz. Er betätigt sich auch als Unternehmer und baut 1765 eine eigene Ziegelbrennerei in Mannheim.
Rom und Erhebung in den Adelsstand 1768
Im Oktober 1767 reist Pigage in Begleitung einiger Mannheimer Nobilitäten zu den klassischen Stätten nach Rom. Im Januar 1768 wird er als Mitglied in die römische Akademie San Luca aufgenommen. Zurückgekehrt nach Mannheim, wird er zusammen mit seinem Vater von Kaiser Joseph II. in den Reichsadelstand erhoben. Schon seit 1763 ist er auch korrespondierendes Mitglied der Architekturakademie von Paris. Er nennt sich deshalb seit 1768 «Nicolas de Pigage de l'Académie de S. Luc à Rome, Associé Correspondant de celle d'Architecture à Paris, Premier Architecte Directeur général des Bâtimens et Jardins de S. A. S. É. P.»
Schwetzingen II
1775 beginnt Pigage mit Gartenerweiterungen im Sinne des englischen Landschaftsgartens. Dies dürfte auch der Grund seiner Reise nach England sein, die er im Juni 1776 antritt. Hier trifft er den Sohn des Hofgärtners von Schwetzingen, Friedrich Ludwig Sckell,[20] der sich mit einem Stipendium des Kurfürsten im Gartenbau weiterbildet. 1777 steht ihm Sckell als kompetenter Mitarbeiter zur Seite. Noch ist Pigage Planer des Garten und vor allem derGartenbauwerke. 1778/80 baut er den Tempel der Botanik in der Norderweiterung. Mit dem römischen Wasserkastell baut er erstmals eine romantische Ruine und verbindet ihren Aquädukt mit dem schon einige Jahre stehenden unteren Wasserwerk. 1778 ist Baubeginn der Hofanlage im Türkischen Garten. Im gleichen Jahr verlegt der Kurfürst die Residenz nach München. Pigage und Sckell bleiben an Ort und stellen den Garten bis 1787 fertig. Westlich an die Hofanlage des Türkischen Gartens baut Pigage 1782–1785 mit der Moschee das wichtigste Bauwerk des Gartens. Als letztes folgt 1784 die Ruinenarchitektur des Merkurtempels.
Der Schwetzinger Garten und die Arbeiten von Pigage sind im Beitrag «Schloss und Schlossgarten Schwetzingen» in dieser Webseite ausführlich beschrieben.
St. Blasien und Christian von Mechel
Der Basler Verleger und Kupferstecher Christian von Mechel erfährt 1774 von der Sistierung des Auftrags an Pierre Michel d'Ixnard für den Wiederaufbau von St. Blasien. Er orientiert Pigage, der nach St. Blasien reist und tatsächlich 1776 eine Änderung der Rotundenkuppel erreicht. Die Schein-Kuppel von St. Blasien ist offenbar Vorgängerin der noch extremeren Lösung der Moscheekuppel in Schwetzingen.[21] Für St. Blasien bleibt Pigage noch bis 1777 beratend tätig und entwirft auch das 1779 gelieferte Chorgitter. Unerfahren mit der vorsichtigen und kollektiven Planung in Konventen ist er nachträglich enttäuscht, dass für die Fassade wieder der Entwurf von d'Ixnard vorgezogen wird.
Mit Christian von Mechel verbindet ihn seit längerem ein gemeinsamer Auftrag. Mechel hat bis 1776 die Düsseldorfer Gemäldegalerie des Kurfürsten in Kupfer stechen lassen, Pigage übernimmt den Text. Das zweiteilige Werk erscheint 1778. Im Frontispizblatt von Nicolas Guibal wird der Kurfürst in der Personifikation der Wohltat und des Nutzens verherrlicht. Carl Theodor zeigt sich erkenntlich, indem er 1776 das Eingangsportal von Mechels Haus in der St. Johanns-Vorstadt 15 durch Pigage erstellen lässt.
Mannheim, Heidelberg, Frankfurt
Für städtische und kirchliche Kreise ist Pigage in Mannheim mehrfach tätig, aber meist als Berater und Gutachter. Nur die Augustinerinnen übertragen ihm 1781 den Neubau der Schule gegenüber dem Schloss. Pigage besitzt schon 1774 in Mannheim ein grösseres Wohnhaus. Ob er es selbst erstellt oder gekauft und dann ausgestattet hat, ist nicht bekannt.
1787 ist er mehrfach in Frankfurt. Seine hier präsentierten Projekte und Beratungen führen zu keinen Realisationen. Zweimal legt er einen Entwurf zur Paulskirche vor. Beim Frankfurter Stadtpalais Schweitzer-Alessina ist er beratend, vielleicht auch mitplanend tätig.[22]
Die Stadt Heidelberg überträgt ihm 1781 den Neubau des Karlstors. 1784 zieht er sich hier aus einer Mitarbeit zum Wiederaufbau der 1784 durch Eisgang zerstörten Neckarbrücke zurück. Grund ist seine Unerfahrenheit im Ingenieurbauwesen.
Letzte Lebensjahre in Schwetzingen
Nach 1785 sind keine neuen Projekte von Pigage bekannt. 1782 verkauft er das Wohnhaus in Mannheim. Er wohnt jetzt in Schwetzingen. 1783 interessiert sich der Herzog von Zweibrücken für seine kostbare Bildersammlung. Anstelle des offerierten Kaufpreises von 65 000 Livres vereinbart Pigage eine lebenslängliche Leibrente von 5500 Livres.[23]
Seine letzten Jahre gelten der Begleitung von Abschlussarbeiten im Garten von Schwetzingen. Dieser wird 1793 für Besichtigungen freigegeben.
Ein Jahr später wird auch die Kurpfalz in die Revolutionskriege hineingezogen. Pigage muss noch erleben, wie eines seiner grossen Werke, die Schlossanlage von Oggersheim, vollständig zerstört wird.
Nicolas de Pigage stirbt am 30. Juni 1796 mit 73 Jahren in Schwetzingen.
Seine 1759 mit Maria Cordula Pimpel geschlossene Ehe ist kinderlos geblieben.[24] Weil sie bereits verstorben ist, geht deshalb sein Vermögen an die Kinder seines Bruders Louis.[25]
Das Porträt
1763 und 1764 hält sich die Malerin Anna Dorothea Therbusch am kurpfälzischen Hof auf. Sie malt eindrückliche Porträts des Kurfürsten und weiterer Künstler, darunter auch von Pigage. Die Halbfigur-Porträts des Kurfürsten und seines Architekten zeigen beide im 40sten Altersjahr. Das Künstlerporträt von Pigage und das Herrscherporträt des Kurfürsten zeigen trotz der gegensätzlichen Darstellung zwei Persönlichkeiten mit ähnlich einnehmendem Charakter. Pigage sitzt, den Blick unter einem federverbrämten Schlapphut nach links gewandt, zeichnend an einem Tisch und hält den Stift in der Hand. Er trägt die rotbraune, pelzbesetzte Weste offen, auch um die kostbaren Spitzen des Hemdes zur Geltung zu bringen. In fast gleicher Art hat die Malerin zwei Jahre vorher in Stuttgart den Maler Adolf Friedrich Harper gemalt. Derart frei darf sich Carl Theodor nicht darstellen. Er lässt sich zum Zeichen seiner Herrscherwürde mit einem Hermelin-Cape über dem Purpurmantel darstellen und trägt den Hubertusorden. Dazu gehört auch die Haarbeutelperücke a la Louis XVI, deren blonde Locken weit über die Schulter fallen.[26]
Pius Bieri 2021
|Literatur:

Heber, Wiltrud: Die Arbeiten des Nicolas de Pigage in den ehemals kurpfälzischen Residenzen Mannheim und Schwetzingen. Teil 1 und Teil 2. Worms 1986.

Heber, Wiltrud: Pigage, Nicolas de (Reichsadel 1768) in: Neue Deutsche Biographie 2001.
Anmerkungen:
[1] Titel von Nicolas de Pigage 1778 auf dem Vorsatzblatt des Katalogs der Kurfürstlichen Galerie Düsseldorf. Das Adelsprädikat «de» kann er seit 1768 führen.
[2] Anselm Pigage († 1775) ist seit 1764 Schlossverwalter in Benrath. Er ist nie Hofbaumeister in Luneville, wie in vielen aktuellen Beiträgen zu Nicolas de Pigage beschrieben wird.
[3] Wiltrud Heber (1986) schreibt, dass er mit 20 Jahren an die École Militaire in Paris gegangen sei. Die Schule dieses Namens beim Champ-de-Mars wird aber erst 1751 gegründet. Eher dürfte Pigage kurzzeitig die 1720 gegründete lothringische École royale d'artillerie in Metz besucht haben. Erstaunlich ist in jedem Fall, dass Pigage als Nichtadeliger überhaupt aufgenommen wird.
[4] Die Akademie wird 1671 von Colbert gegründet. Sie ist auch für Bürgersöhne offen. Die Aufnahme in die zwei Klassen von 10 und 12 Studenten erfolgt aber aufgrund von Patronagen. Jeder Schüler der zweiten Klasse kann selbst einen Schüler vorschlagen. Der Professor selbst kann sechs weitere vorschlagen. Die Schülerzahl von 22 darf nicht überschritten werden. Die Akademie vertritt von Anfang weg den strengen klassizistischen Barock und ist in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert frühklassizistisch geprägt. Falsch ist die Nennung von Jacques-François Blondel als Lehrer von Pigage. Blondel lehrt erst ab 1751.
[5] Stanislaus I. Leszczyński (1677–1766), Ex-König von Polen. Er erhält im Frieden von Wien 1738 die Provinzen Lothringen und Bar auf Lebenszeit. Er ist Vater der französischen Königin Maria Leszczyńska. Sein Schwiegersohn Louis XV versorgt ihn mit einer jährlichen Pension von zwei Millionen Livres. Dies entspricht damals ungefähr 800 000 Gulden (oder 5000 Jahreseinkommen eines Kunsthandwerkers. (Mehr dazu siehe im Glossar Geld und Mass in dieser Webseite).
[7] Carl Theodor (1724–1799), 1742–1799 Kurfürst von der Pfalz und 1777–1799 auch Kurfürst von Bayern. Er residiert in den Wintermonaten im Schloss Mannheim, das sein Vorgänger Carl Philipp 1720 begonnen hat und das er bis 1760 fertigstellt. In Büssel geboren, lernt er die deutsche Sprache erst mit zehn Jahren, nachdem er 1734 in die Obhut von Kurfürst Carl Philipp nach Mannheim kommt. Die Biografie zu Carl Theodor siehe unter www.deutsche-biographie
[10] Franz Wilhelm Rabaliatti (1714 oder 1716–1782). Sein Name wird in Italien Rabagliati geschrieben. Er schreibt sich selbst Raballiati. Als Nachfolger von Galli da Bibiena leitet er 1748–1754 die Vollendung der Jesuitenkirche von Mannheim. 1756 ist er für die Barockisierung der Jesuitenkirche von Freiburg im Üechtland (Fribourg) tätig. In Heidelberg leitet er 1749–1759 die Fertigstellung der Jesuitenkirche und baut 1750–1765 das repräsentative, schlossähnliche Seminarium Carolinum südlich des Jesuitenkollegs.
[11] Der unterlegene Rabaliatti vermeidet jetzt gemeinsames Arbeiten mit Pigage. Das südliche Zirkelgebäude in Schwetzingen plant er zusammen mit Gartenbaudirektor Petri. 1752-1754 baut er dieses Gebäude ohne einen Beitrag von Pigage. Auch an der mit dem südlichen Zirkelgebäude nun fixierten West-Ausrichtung des Gartens hat Pigage keinen Anteil.
[13] Ausführung und Ausführungsplanung durch die Mannheimer Bauunternehmung Rischer, nachdem Rabaliatti die Ausführung ablehnt. Die laufenden Planänderungen durch Pigage führen zu Unternehmer-Mehrforderungen, die jahrelange Untersuchungen nach sich ziehen. Der in Kostenberechnungen unerfahrene Pigage lässt die Unternehmer in der Regel den Kostenvoranschlag aufstellen, der dann bei Planänderungen nicht eingehalten werden kann. Büssen müssen dafür fast immer die Unternehmer, die auf Teilforderungen sitzenbleiben.
[13] An den Planungen für einen völligen Neubau des Schwetzinger Schlosses beteiligen sich schon 1748 Bibiena und 1753 auch Rabaliatti. Seit 1749 ist auch Pigage emsiger Planer und liefert zwei Schlossentwürfe. Beides sind Vierflügelanlagen in der Art von Robert de Cotte, die eine als Kopie des Entwurfs von Robert de Cotte für das Lustschloss Buonretiro bei Madrid (1715), die andere nach dem Vorbild der Würzburger Residenz.
[14] Bauherr ist der Pfalzgraf Michael von Pfalz-Zweibrücken (1724–1767), Generalfeldmarschall und Gouverneur von Mannheim. Er ist Schwager des Kurfürsten Carl Theodor. Sein Sohn Maximilian wird 1795 der Nachfolger von Carl Theodor als Kurfürst von Pfalz-Bayern. 1806 wird er mit Hilfe Napoleons als Max Joseph zum König von Bayern gekrönt. Das Schloss Oggersheim ist Sommersitz und wird 1767 von Carl Theodor als Wohnsitz seiner Frau Elisabeth Augusta erworben. 1793 wird es von französischen Truppen zerstört.
[15] Baubeginn Juni 1752, Abschluss der Arbeiten Ende Jahr. Die drei Monate Bauzeit, die durch die Literatur geistern, sind eine Mär. Auch die Uraufführung und Eröffnung der Opernbühne findet mit «Il figlio delle selve» erst am 15. Juni 1753 statt. Der Kostenvoranschlag Pigages lautet auf 6000 Gulden. Die Abrechnung Ende 1752 beträgt 27 800 Gulden (Quellen: Silke Leopold und Bärbel Pelke: Hofoper in Schwetzingen 2004).
[16] Jacques-François Blondel in: «De la distribution des maisons de plaisance et de la décoration des édifices en general», Paris 1738.
[17] Beide Zitate: Richard Klapheck in «Die Baukunst am Niederrhein, Band II», Düsseldorf 1919.
[19] Giuseppe Antonio Pozzi (1732–1811) aus Bruzella im Tessin. Er ist wichtiger Stuckateur des Frühklassizismus und wird nach 1765 von Pigage in allen Bauten beigezogen.
Zu ihm siehe die Biografie in dieser Webseite.
[20] Friedrich Ludwig Sckell (1750–1823), aus Weilburg an der Lahn, Sohn des Schwetzinger Hofgärtners Wilhelm Sckell, kann sich 1773–1777 mit einem Stipendium des Kurfürsten Karl Theodor in England weiterbilden. 1777 beginnt er unter der Oberleitung von Pigage mit der Erweiterung des Schwetzinger Gartens. 1789 wird er nach München berufen, um für Kurfürst Karl Theodor von der Pfalz und Bayern unter der Oberleitung des Pfälzischen Generalmajors Benjamin Thomson, Reichsgraf von Rumford, den Englischen Garten zu planen. Seit 1799 ist er Gartenbaudirektor in Mannheim, 1804–1823 wirkt er als Hofgarten-Intendant in München.
[221] Das später als Hotel Russischer Hof bekannte Stadtpalais wird 1788–1794 von Baumeister Weber gebaut, der 1787 auch die Pläne erstellt. Wahrscheinlich sind in die Pläne von Weber Vorschläge von Pigage eingeflossen. Eine Beteiligung von Pigage am Bauvorhaben ist ausgeschlossen, da er sich in diesen Jahren nicht in Frankfurt aufhält. Der Neubau darf ihm deshalb nicht zugeschrieben werden. Hingegen hat Pigage für die Stuckplastiken offensichtlich Pozzi empfohlen, der hier 1789–1790 nachweislich tätig ist. Die klassizistische Fassade könnte ein Werk von Pozzi sein. Januarius Zick ist Maler des Deckenfreskos im Haupttreppenhaus. Das Palais wird 1888 zugunsten der Reichspost abgebrochen.
Mehr siehe in Jung, Hülsen: Baudenkmäler in Frankfurt am Main Band III (1914), Seite 206–229, dort auch die Pläne. Die Biografin Wiltrud Heber, schreibt zu Pigage: «Die Nachwelt hat ihn zwar zum Schöpfer des Palais gemacht, doch dürfte sich sein Einfluss vor allem in der Innengestaltung niedergeschlagen haben».
[23] 5500 Livres tournois sind ungefähr 2200 Gulden. Die Spekulation einer Altersversorgung, die Pigage auch für seine Ehefrau anstrebt, geht nicht auf, weil das Herzogtum Zweibrücken schon 1793 französisch besetzt wird und die Zahlungen eingestellt werden.
[24] Maria Cordula Pimpel (um 1724–1794). Pigage heiratet die Tochter einer mit Kurfürst Carl Philipp aus Innsbruck zugezogenen Familie 1759 in Mannheim.
[25] Louis Pigage (um 1734–1800). Ihm verschafft Nicolas de Pigage 1769 die Burgvogtstelle in Benrath. Pigage vererbt an die acht Kinder des Bruders, die zwischen 1764 und 1777 geboren werden. Die Nachfahren schmücken sich heute mit dem Adelstitel von Pigage.
[26] Heutige Standorte der Porträts von Anna Dorothea Therbusch (1721-1782)
1. Kurfürst Carl Theodor (1763, 65 x 82 cm), Reiss-Engelhorn Museum Mannheim.
2. Nicolas de Pigage (1763/64, 61 x 79 cm), Stadtmuseum Düsseldorf. Beschrieb siehe oben.
3. Adolf Friedrich Harper (1762), als Eigentum der Akademie der Künste Berlin im Landesmuseum Stuttgart. Bildbeschrieb: Halbkörper-Porträt des 36-jährigen Malers Adolf Friedrich Harper aus Berlin, mit federverbrämtem Schlapphut, die Palette in der Hand haltend. Im Unterschied zum Porträt von Pigage ist der Blick des Künstlers zum Betrachter gewandt.
|Jahr||Ort, Bauwerk||Beschrieb; Tätigkeit||Bauherr|
|1750–

1769
|Mannheim BW. Kurfürstliches Schloss. Osterweiterung. Bibliotheks- und Galerieflügel. Ø

(Bibliotheksfassade T)
Marstall, Reitschule. Ø
Kosakenstall und Remisen. Ø
Schneckenhofbau. Ø
|Pigage ist Projektverfasser und Leiter der Ausführung. Rohbauausführung (mit Planung) bis 1756 durch J. J. und A. Rischer.

Innenausbau Bibliothek bis 1764.
Kosakenstall 1769.
|Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1751–

1767
|Oggersheim bei Ludwigshafen RP. Schloss und Schlossgarten. Erweiterungen und Neubauten. Ø||Pigage ist Projektverfasser und übernimmt die Bauleitung 1752, nach dem Ausscheiden der Rischer.||Pfalzgraf Michael von Pfalz-Zweibrücken|
|1752||Schwetzingen BW. Schloss. Neubau Theatergebäude hinter dem nördlichen Zirkel (siehe auch Erweiterung 1762). Ø (T)||Planung und Leitung der Bauarbeiten durch Pigage. Bautätigkeit Juni–September.

Grobe Kostenüberschreitung.
|Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1755–

1768
|Benrath bei Düsseldorf NW. Neubau Schloss und Schlossgarten mit Gartengebäuden. E||Pigage ist Projektverfasser von Gebäuden und Garten, auch Leiter aller Bau- und Ausbauarbeiten||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1761
||Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Erweiterung Orangerieparterre und neue Orangerie. E
|Gartenparterre, Wasserläufe und Gebäude nach Planung und unter Leitung von Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1761–

1774
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Neubau Naturtheater und Apollotempel. E
|Gesamtplanung und Leitung der Ausführung durch Pigage mit Bildhauer Verschaffelt.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1762–

1764
|Schwetzingen BW. Schloss.

Eck-Erweiterung Süd mit Küchenflügel. T
|Pigage verlängert den Ehrenhof-Flügel nach Süden und fügt rechtwinklig den Küchenflügel an.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1762||Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Erweiterung des Gartens nach Westen. E
Anlage der Sternallee (Jagdpark) Ø
|Fortsetzung der Planung von Petri und Leitung der Ausführung durch Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1762–

1771
|Schwetzingen BW. Schloss. Theatergebäude. Foyer- und Bühnenerweiterungen. Zerstörung von Gebäudehülle und Bühnenmaschinerie 1971. Ø||Planung und Leitung durch Pigage. Nach den Zerstörungen von 1971 (zugunsten der Schwetzinger Festspiele) verbleibt nur der alte Zuschauerraum.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1762–

1772
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Oberes Wasserwerk. Erneuerung und Neubau Wasserturm. E
|Leitung Pigage in Zusammenarbeit mit Brunnenmeister Thomas Brunner. Planung Wasserturm.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1763–

1765
|Schwetzingen BW. Pfarrkirche St. Pankratius. Erweiterung. E||Ausführung nach Plänen und unter Kontrolle von Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1766–

1773
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Neubau Minervatempel. E
|Planung und Leitung der Ausführung durch Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1767–

1771
|Mannheim BW.

Marktplatz-Brunnen, Sockel des Bildhauers van den Branden.
|Neuer Sockel für Figurengruppe 1719. Organisation und Plan durch Pigage. Bauleitung Rabaliatti.||Stadt Mannheim|
|1768–

1776
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Badhaus mit «wasserspeienden Vögel» und Perspektiv. E
|Planung und Leitung der Ausführung durch Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1769||Düsseldorf NW.

Anlage Hofgarten als Promenade zum Jägerhof. T
|Pigage plant und leitet die Arbeiten. Der Garten wird Anfang des 19. Jh. stark verändert.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1771–

1772
|Oggersheim bei Ludwigshafen RP.

Schlossumbau, nach Kauf 1768 durch Kurfürst Carl Theodor. Ø
|Die Kurfürstin lässt es als ihre Residenz u.a. um ein Stockwerk vergrössern.||Kurfürstin Elisabeth Auguste von der Pfalz|
|1772–

1773
|Frankenthal RP. Speyerer Tor. Neubau. E||Ausführung nach Plänen von Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1773–

1781
|Heidelberg BW.

Neubau Carlstor E
|Ausführung nach Plänen von Pigage.||Stadt Heidelberg.|
|1774–

1777
|St. Blasien im Schwarzwald

Benediktinerabtei-Kirche.
Neubau (Planung Pierre Michel d'Ixnard) T
|Beratungen und Planungen der Kuppel durch Pigage, die dann ab 1776 von Franz Ludwig Salzmann ausgeführt wird.||Fürstabt Martin Gebert OSB|
|1776–

1778
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Unteres Wasserwerk. Neubau. E
|Planung in Zusammenarbeit mit Brunnenmeister Thomas Brunner.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1776–

1780
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Erweiterung Naturgarten Nord mit Tempel der Botanik und Römischen Wasserkastell mit Äquadukten. E
|Erste Planung und Ausführung in Zusammenarbeit mit Sckell, nach einem Englandbesuch von Pigage. Erste Ruinenanlage (Wasserkastell).||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz|
|1778–

1782
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Hofanlage im Türkischen Garten. E
|Planung und Leitung der Ausführung durch Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz-Bayern|
|1781–

1782
|Mannheim BW. Augustinerinnen-Kloster. Schulneubau. Ø||Planung des Winkelbaus durch Pigage, der auch den Bau leitet. Kostenträger ist der Kurfürst.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz-Bayern|
|1782–

1783
|Sinsheim BW. Simultane Stadtkirche St. Jakobus. Neubau. E||Ausführung nach Plänen von Pigage. Heute Evangelische Stadtkirche.||Stadt Sinsheim|
|1782–

1792
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Neubau Moschee. E
|Planung und Leitung der Ausführung durch Pigage.||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz-Bayern|
|1784–

1792
|Schwetzingen BW. Schlossgarten.

Erweiterung mit westlichem Naturgarten und Neubau Merkurtempel. E
|Planung und Ausführung durch Pigage in Zusammenarbeit mit Sckell. Zweite Ruinenanlage (Merkurtempel).||Kurfürst Carl Theodor von der Pfalz-Bayern|
Planungen und Gutachten (Auswahl)
Alle beschriebenen Planungen führen zu keiner oder zu veränderter Ausführung
|1749||Karlsruhe BW. Planung für den Schlossneubau Karlsruhe. In Karlsruhe sind 1749 Leopoldo Retti und 1750/51 auch Balthasar Neumann tätig.||Weitere Bewerber sind: Maurizio Pedetti, Friedrich von Kesslau, Louis Philippe de la Guêpière und Joseph Massol. Die Planung von Pigage ist vorhanden, aber ohne Relevanz für den Neubau.||Markgraf Carl Friedrich von Baden-Durlach|
|1755||Speyer BW. Dom.

Gutachten über den Wiederaufbau des Speyerer Doms.
|Pigage empfiehlt einen Abbruch der Westfassade bis zum unteren Geschoss, was dann auch erfolgt. 1765 Projekte u. a. von Verschaffelt.||Fürstbischof Franz Christoph von Hutten zu Stolzenberg|
|1763||Stuttgart BW. Schloss.||Gartenprojekt.||Herzog Carl Eugen von Württemberg.|
|1771||Ludwigsburg BW. Garten des Schlosses. Entwürfe.||Pigage überreicht auf Schloss Solitude Gartenentwürfe.||Herzog Carl Eugen von Württemberg.|
|1784||Heidelberg BW. Neckarbrücke.

Beteiligung an Planung.
|Pigage will keine Steinbrücke bauen und zieht sich enerviert zurück.||Stadt Heidelberg|
|1787||Frankfurt HE. Paulskirche.||Pigage stellt im Februar und im Sommer zwei Projekte vor.|
|1787||Frankfurt HE. Stadtpalais Schweitzer-Alsessina, später Hotel Russischer Hof.||Tätigkeit von Pigage beratend. Der Bau wird 1788–1794 erstellt. Pigage ist nicht anwesend. Gestaltung durch Joseph Anton Pozzi 1789/90.||Franz Maria Schweizter-Alessina|
|Geburtsdatum||Geburtsort|
|2. August 1723||Luneville|
|Land 18. Jahrhundert|
|Herzogtum Lothringen|
|Sterbedatum||Sterbeort|
|30. Juni 1796||Schwetzingen|
|Land 18. Jahrhundert|
|Kurfürstentum Pfalz|
|Land (heute)|
|Frankreich|
|Bistum 18. Jahrhundert|
|Toul|
|Land (heute)|
|Baden-Württemberg D|
|Bistum 18. Jahrhundert|
|Worms|
Exkurs
Baumeister oder Architekt?
«Architectus ist ein Baumeister»
Dies schreibt noch 1788 Johann Ferdinand Roth in seinem Lexikon. Die Bezeichnung Architekt für den Planer und Leiter eines Bauwerks setzt sich im deutschen Sprachraum erst im späten 18. Jahrhundert durch. Der Baumeister, lateinisch architectus, ist im Barock für die von ihm geplanten Bauwerke technisch und kostenmässig verantwortlich, selbst bei Gebäudeentwürfen von Künstlern oder Bauherren. Im architektonischen Standardwerk «De architectura libri decem» verurteilt sein Verfasser Vitruv eine Trennung zwischen dem planenden und ausführenden Baumeister.[1] Sie ist allerdings über Jahrhunderte selbst im deutschsprachigen Gebiet für Künstler-, Kavaliers-, Hof- und Ordensbaumeistern üblich. Künstler- und Liebhaberarchitekten als Baumeister im Sinne Vitruvs zu bezeichnen, ist allerdings sogar den barocken Zeitgenossen suspekt. In den lateinischen barocken Klosterchroniken wird zudem jeder entwerfende Baumeister als «architectus» bezeichnet.
Wege zum Baumeister
Die grossen römischen Baumeister Carlo Maderno, Gianlorenzo Bernini und Francesco Borromini stammen aus dem Bildhauerhandwerk. Pietro da Cortona ist Maler, prägt aber die römische Barockarchitektur entscheidend. Auch Johann Bernhard Fischer von Erlach findet als Bildhauer in Rom den Zugang zu Bernini. Alle diese grossen Baumeister kommen aus dem Handwerk.[2] Sie verstehen die Architektur im Sinne von Vitruv als eigenständige Gattung und nicht als arbeitsteilige Aufgabe zwischen verschiedenen Berufsgattungen. Für sie gilt der Leitsatz von Vitruv, dass bei einem Bauwerk der Dauerhaftigkeit, der Zweckmässigkeit und der Schönheit Rechnung getragen müsse. Ohne dass Vitruv davon spricht, kommt für den barocken, Baumeister zu diesen drei vitruvianischen Säulen «firmitas, utilitas, venustas» noch eine vierte dazu, die der Verantwortung für die Baukosten.
Vor 1700 sind ein Viertel der entwerfenden Baumeister, die nördlich der Alpen im deutschsprachigen Raum tätig sind, «Welsche». Sie stammen meist aus dem Gebiet der oberitalienischen Seen und aus Südbünden. Aus Frankreich stammt keiner. Diese welschen, fast immer saisonal tätigen Baumeister erstellen im 17. Jahrhundert die meisten der wichtigen Barockbauten im Süden des Alten Reichs. Sie liefern den Entwurf mit Kostenvoranschlag und führen den Bau mit Kostengarantie durch. Im heutigen Verständnis wären sie Totalunternehmer. Noch in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts sind die Vorarlberger Baumeister für diese Art der Baudurchführung bekannt. Als entwerfende Baumeister sind im 18. Jahrhundert auch die Wessobrunner Dominikus Zimmermann oder Johann und Joseph Schmuzer tätig.[3] Sie stammen aus dem Stuckateurhandwerk. Der «Handwerker-Architekt» vulgo Baumeister ist im Barock die Regel. Dazu zählen selbst die Hofbaumeister.
Enrico Zuccalli bewirbt sich 1672 in München als Hofbaumeister mit den Worten, dass er keinem unterstehen wolle, der weniger als er von Baukunst verstehe. Damit zielt er zwar auf die damals weniger erfahrenen einheimischen Kräfte ab, benennt aber ungewollt die hierarchische Situation der Bauorganisation an deutschen Fürstenhöfen zur Zeit der Aufklärung.
Hofbaumeister
An Fürstenhöfen und in Reichsstädten werden entwerfende Baumeister schon im 16. Jahrhundert in Hof- und Kommunaldienste genommen. Ihre Bestallung erfolgt als Hof-oder Stadtbaumeister, als Ober-Landbaumeister, auch als Baudirektor, aber selbst im 18. Jahrhundert noch selten als Hofarchitekt. Mit diesen Anstellungen ist immer ein gesichertes Jahresgehalt verknüpft. Das Berufsbild ändert sich nun erheblich. Als erste Person in der Hierarchie der fürstlichen oder städtischen Bauämter sind sie nicht mehr in der Ausführung tätig, sondern sind jetzt für Planung, Vergabe und Aufsicht zuständig. Für die Ausführung erteilen sie Landsleuten den Auftrag. Beispiele: Enrico Zucalli in München, Gabriele de Gabrieli in Eichstätt.
Ordensbaumeister
Ähnlich wie die Hofbaumeister sind auch die Ordensbaumeister nicht als Bauunternehmer tätig. Meist sind es Brüder und Patres des Jesuitenordens, die als gut ausgebildete Baufachleute im Sinne des «magister operis» bedeutende barocke Bauten in den katholischen Gebieten des deutschen Südens erstellen.[4] Sie sind immer dem Ordensprovinzial unterstellt, der ihre wechselnden Einsatzsorte bestimmt. Auch bei den Benediktinern, Franziskanern und weiteren Orden sind Ordensleute derart tätig.[5] Anders ist es bei den Ritterorden. Ihre Ordensbaumeister bleiben weiterhin selbständig tätige Unternehmer, der aber für alle Ordensbauten der jeweiligen Ballei beigezogen werden. Beispiel: Johann Caspar Bagnato für die Ballei Elsass-Burgund.[6]
Die Veränderung des Berufsbildes im Frühklassizismus
Vor allem in den stark nach Frankreich orientierten Ländern des Rheingebietes, Schwabens[7] und der Westschweiz sind die der Aufklärung zugeneigten Bauherren auch Bewunderer des klassizistischen französischen Barocks, dem mit dem «Goût à la grecque» der Klassizismus folgt. Zwar sind schon vorher französische, an der Pariser Akademie geschulte Architekten wie Germain Boffrand oder Robert de Cotte an deutschen Fürstenhöfen anwesend, allerdings meist als Berater in einem Planerkollektiv. Nach der Jahrhundertmitte ändert sich das Bild. Nun sind frühklassizistisch geschulte Franzosen an den Höfen in Stuttgart, Mannheim und selbst in Berlin leitend tätig. Diese Akademie-Architekten sind, nicht nur wegen fehlender Deutschkenntnisse, abhängig von den ihnen am Hof unterstellten oder beigestellten deutschen Handwerker-Architekten, die für die Bauausführung die Verantwortung übernehmen müssen.
Gleichzeitig ändern auch die Ausbildung und die barocken Berufsbilder gegen Ende des Jahrhunderts gewaltig. Akademien treten an die Stelle von Meisterlehren und Zünften. Der Handwerker-Architekt vulgo Baumeister und der raumgestaltende Stuckateur verschwinden. Das heutige Berufsbild des akademisch gebildeten, nur noch planenden und bauleitenden Architekten setzt sich auch im deutschen Sprachraum zur Zeit des Frühklassizismus endgültig durch. Die Bezeichnung des barocken Baumeisters als Architekten, wie sie heute üblich ist, vernachlässigt deshalb die völlig andere Bedeutung der Berufsbezeichnung vor dem grossen Paradigmawechsel im späten 18. Jahrhundert.
Architekt oder Planerkollektiv?
Die Wahrnehmungen des Baugeschehens von unbeteiligten Personen sind schon im 18. Jahrhundert abweichend von den tatsächlichen Planungsvorgängen und ihrer Umsetzung in ein gebautes Werk. Vermehrt gilt dies heute. Vor allem die Kunstwissenschaft bevorzugt grosse Namen.[8] Dies, obwohl jedes grössere barocke Bauwerk meist im Planerkollektiv entsteht.
Selbst die Kunstgeschichte verdrängt zudem gerne, dass die geistlichen Auftraggeber einen barocken Sakralraum manchmal entscheidender als die Künstler prägen und missachtet auch die übliche Kollektivplanung, die zu Ergebnissen wie Einsiedeln, Ottobeuren, Weingarten, Weltenburg oder Zwiefalten führt. Entscheidend ist eigentlich bei einem Kunstwerk nur, wessen Handschrift es trägt und nicht, welche Koryphäe im Laufe des Planungsprozesses mitbeteiligt ist. Wo der Bau das Werk eines Kollektivs ist, sind Einzelzuweisungen aber irreführend.
Pius Bieri 2019
|Weiterführende Literatur

Markowitz, Irene: Französische Architekten an deutschen Fürstenhöfen des 18. Jahrhunderts, in: Francia, Band 25, Paris 1992.
|Oechslin ,Werner (Hrsg.): Architekt und / versus Baumeister. Die Frage nach dem Metier. Zürich 2009.|
|Bognàr, Anna Victoria: Der Architekt in der frühen Neuzeit. Dissertation Heidelberg 2019.

Diese neueste, umfassende Darstellung des Architektenberufs im Alten Reich kann als PDF heruntergeladen werden.
Anmerkungen
[1] Vitruv verurteilt in seinem Traktat «De architectura libri decem» die Trennung zwischen einem planenden und einem ausführenden Baumeister. Er nennt den Fachmann, der das Gebäude plant, für die Einhaltung der Regeln der Baukunst verantwortlich ist und das Werk auch erstellt «architectus», im Plural «architecti». Während diese Berufsbezeichnung in den deutschen Ausgaben des Traktates vom 16. bis zum 19. Jahrhundert als Baumeister übersetzt ist, wird der rein ausführende Baumeister selbst in den lateinischen Ländern nie als Architekt bezeichnet. Er wird im deutschen Sprachraum Maurermeister genannt, dieser heisst französisch: Maître maçon (maîte bâttiseur, maître constructeur), und italienisch: Capomastro, capomaestro, capomastro muratore.
[4] In den an Jesuitenkollegien angeschlossenen Schulen wird schon im 16. Jahrhundert im Lehrfach Mathematik ein Studium der Baukunst angeboten. Dies ist auch der Grund, warum viele Jesuitenpatres sich auch mit der Planung ihrer Kollegien und Kirchen beschäftigen. Beispiele (Biografien in dieser Webseite): Vogler, Demess, Guldimann, Loyson. Die aus dem Handwerk stammenden Brüder erarbeiten ihr Zusatzwissen am jeweiligen Kolleg (Beispiele: Amrhein, Hueber, Huber, Kurrer, Kaiser, Mayer, Merani).
[7] Das Schwaben des 18. Jahrhunderts, also das Gebiet zwischen Lech und Rhein. Siehe dazu die Landkarte «Circulus Suevicus» von Tobias Conrad Lotter, Augsburg 1741. Der im 19. Jahrhundert geschaffene bayrische Regierungsbezirk Schwaben führt dazu, dass der alte Umfang Schwabens vergessen geht. So wird unter dem Titel «Klassizismus in Bayern, Schwaben und Franken, Architekturzeichnungen 1775–1825» (Ausstellungskatalog TU München 1980) nur der heutige bayrische Raum behandelt.
[8] Sechs Beispiele für die Bevorzugung grosser Künstlernamen:
1. Das Stadtpalais Kaunitz-Liechtenstein in Wien wird 1691-1692 von Enrico Zucalli nach eigener Planung im Rohbau erstellt. Dann übernimmt Domenico Martinelli die Leitung. Für Wiener Kunsthistoriker ist nicht der ursprüngliche Planer, sondern der in Wien bekanntere Martinelli Architekt des Palais.
2. Balthasar Neumann wird in Würzburg als Architekt der Würzburger Residenz bezeichnet. Er ist zwar bauleitende Hauptperson, aber im Planungskollektiv von 1729–1738 jeweils an zweiter Stelle. Die Mitplaner Maximilian von Welsch (Mainz) und Lucas von Hildebrandt (Wien) werden kaum genannt. Wie in Wien wird hier eine Lokalgrösse bei der Namensnennung bevorzugt. Dass im Barock meist im Kollektiv geplant wird, scheint unwichtig.
3. Joseph Greissing ist Planer und ausführender Baumeister vieler wichtiger Bauten der Region Würzburg, so unter anderen der berühmten Neumünsterfassade (1710), des Klosters Ebrach (1715) und vieler Kirchen mit wegweisenden Einturmfassaden. Noch lange wollen viele Kunsthistoriker diese Werke Greissing nicht zuschreiben und suchen nach bekannteren Namen wie Johann Dientzenhofer (Neumünster) oder Balthasar Neumann (Ebrach, Kirche von Steinbach). Hier ist die abwertende Einreihung Greissings als Zimmermann Ursache der Kunsthistoriker-Blindheit.
4. In Zwiefalten wird 1750–1753 durch den Bildhauer Johann Joseph Christian und den Baumeister Schneider die Westfassade der Klosterkirche gebaut. Obwohl keine Dokumente auf den Baumeister Johann Michal Fischer hinweisen, der schon 1746 Zwiefalten verlässt, und obwohl die Fischer-Biografin Gabriele Dischinger das Werk ausschliesslich Christian zuordnet, wird noch von Bernhard Schütz (2000) die Fassade als Meisterwerk Fischers bezeichnet.
5. Das Frankfurter Palais Schweitzer-Alessina wird 1788–1792 gebaut. 1787 ist Nicolas de Pigage beratend anwesend. Am Bau ist er nicht beteiligt. Die Pläne zeichnet 1788 ein anderer Baumeister. Die Nachwelt macht Pigage trotzdem zum Schöpfer des Palais.
5. Für die Jesuitenkirche von Freiburg im Üechtland ist der Name des ausführenden Baumeisters überliefert. Weil dieser aber vielleicht nach einer Drittplanung gearbeitet hat, suchen Kunsthistoriker (in neuester Zeit) nach grösseren Namen und werden mit dem Römer P. Giovanni de Rosis S.J. (1538–1610) als Planer «fündig». Mehr dazu siehe im Beitrag «Jesuitenkolleg Fribourg» in dieser Webseite.
7. Ein moderner Fall, bei dem die eigentlichen Planer verschwiegen werden, um mit einem grossen Namen zu glänzen, ist das Corbusierhaus in Berlin. Le Corbusier entwirft 1956 für Berlin eine «Unité d'habitation». Das Haus wird zwar gebaut, aber ohne jeden Respekt vor den Plänen und den Intentionen des grossen Architekten. Trotz seiner klaren Distanzierung vom übel geänderten Bau wird Corbusier heute als Architekt des Berliner «Corbusierhauses» bezeichnet.