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| Tertullian († um 220) - Die Prozeßeinreden gegen die Häretiker (De praescriptione haereticorum)

39. Kap. Dieses ist um so weniger befremdlich, als ja schon bei profanen Schriften häufig Fälschungen vorkommen.
Wir mußten, meine Brüder, die Kunstgriffe der geistigen Bosheit1, womit wir zu kämpfen haben, nach Gebühr einer Betrachtung unterwerfen; sie sind für den Glauben notwendig, damit die Auserwählten offenbar und die Verworfenen entdeckt werden. Darum hat sie auch ihre Macht und die Gewandtheit im Ersinnen und Lehren von Irrtümern, die jedoch nicht als etwas [S. 349] Schwieriges und Unerklärliches anzustaunen ist, da Belege derselben Geschicklichkeit auch bei den profanen Schriften vor Augen liegen. Man kann noch heutzutage erleben, wie aus dem Vergil ein ganz anderes Gedicht zusammengesetzt wird, wobei sich der Stoff den Versen und die Verse dem Stoffe anbequemen müssen. So hat sich z. B. Hosidius Geta sein Trauerspiel "Medea" vollständig aus dem Vergil herausgeklaubt. Ein Verwandter von mir hat außer seinen sonstigen Stilübungen unter andern auch das "Gemälde" von Cebes weiter ausgeführt, Homerocentonen pflegt man die Leute zu nennen, welche eigene Werke mit Hilfe der Gedichte des Homer aus vielen Bruchstücken, die sie wie Flickschneider hierhin und dorthin verteilen, zusammenstoppeln. Und fürwahr, die heilige Literatur ist ein noch ergiebigerer Boden zur Lieferung jeglichen Stoffes. Ich nehme nicht einmal Anstand, zu sagen, die Hl. Schrift sei nach dem Willen Gottes sogar so eingerichtet, damit sie den Häretikern das Material darbiete; denn ich lese, "daß es Häresien geben müsse", und ohne die Schrift könnte es keine geben.
1: Anspielung auf Eph. 6, 12.