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Letzte Woche hat das Bundesgericht in einem Urteil seine Praxis über die unbewilligte Abbildung von Toten in Massenmedien bestätigt: rechtswidrig nur, wenn die Umstände oder die Drastik des Bildes der Toten auf eine Persönlichkeitsverletzung schliessen lassen. Es ging um den Ertrinkungstod einer 17-Jährigen. Der «Blick» publizierte ihren richtigen Vornamen, A., und vier Fotos – zwei Gesichtsporträts zu Lebzeiten, ein Bild des (geschiedenen) Vaters und eine Ansicht des Todesorts samt Blumenstrauss und Engel. Die Mutter klagte wegen Persönlichkeitsverletzung; die kantonalen Gerichte und das Bundesgericht wiesen die Klage ab (BGE 5A_496/2014).
Strenger entschied in einem anderen Fall der rein berufsethisch, nicht medienrechtlich zuständige Schweizer Presserat: Nach dem Carunfall im Wallis, der 28 belgischen Kindern das Leben kostete, veröffentlichten «Blick» und «Schweizer Illustrierte» Bildstrecken der Opfer. Der Presserat anerkannte, dass keine Schockbilder gezeigt worden waren; dennoch dürften solche Bilder nur publiziert werden, sofern die Angehörigen sie explizit freigeben (Stellungnahme 73/2012).
Bundesgericht
2011 berichtete der «Blick» über den tödlichen Badeunfall eines 17-jährigen Mädchens, das mit seinem Vater einen Ferientag am Fluss verbrachte. Gegen 17 Uhr ertrank es «aus ungeklärten Gründen». Das Bundesgericht erinnerte daran, es gebe nach schweizerischem Recht «kein Recht einer Verstorbenen am eigenen Bild», das die Mutter im Namen der Toten einklagen könnte. «Aus der Sicht des Durchschnittslesers» erscheine die Berichterstattung über den Unfall von A. «weder als entwürdigend noch als respektlos». «Intim- und Privatsphäre» seien nicht verletzt, zumal die Bilder weder den Tod noch das Sterben des Teenagers zeigten. Es handle sich um Aufnahmen, «mit denen sich Trauernde in unserem Kulturkreis zu umgeben pflegten». Eine Persönlichkeitsverletzung aus Bild und Text sei nicht festzustellen. Die Mutter habe denn auch in ihrem eigenen Namen geklagt und sich «auf ihre eigenen Gefühlsbeziehungen zur Verstorbenen» berufen.
Solche Beziehungen hat das Bundesgericht in krassen Fällen auch schon geschützt: zum Beispiel im Fall der Witwe des Kunstmalers Ferdinand Hodler, die sich gegen ein Bild des Leichnams verwahrte, das ein Schüler insgeheim aufgenommen hatte; oder die des Sohnes des letzten hingerichteten Verbrechers der Schweiz, über den Radio SR ein Hörspiel mit negativen Psycho-Befunden ausstrahlen wollte.
Auch die Anrufung eines neuen Urteils des Europäischen Gerichtshofs EuGH helfe der klagenden Mutter nicht, sagte das Bundesgericht schliesslich: Dort sei es um das «Recht auf Vergessen» in Datenschutz und Suchmaschinen gegangen [überdies untersteht die Schweiz dem EuGH der Europäischen Union nicht – wenn schon, dann dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte des Europarats].
Schweizer Presserat
Das (rechtliche) Urteil zugunsten der Boulevardzeitung hat mit dem (medienethischen) Entscheid des Presserats eines gemeinsam: Auch die Fotos der verunfallten belgischen Kinder waren als Bildinhalte nicht sensationalistisch oder boulevardlüstern, sondern eher neutral – etwa aus Jahrbüchern der Schulen. Die Bilder hätten aber keinen öffentlichen Informationswert, kommentierte der Präsident schon am Tag nach der Publikation. Bereits hatte die flämische Medienministerin nämlich protestiert, die publizierte Abbildung des Unfallopfers Emma habe sich mit dem letzten begeisterten Brief des Mädchens über Sonne und Schnee im Wallis gekreuzt: für die Eltern ein unerträgliches Zusammentreffen.
Die Presseräte Belgiens und Deutschlands argumentierten ähnlich wie ihre Schweizer Kollegen. Der Schweizer Presserat räumte ein, einzelne Angehörige hätten der Bildveröffentlichung wohl zugestimmt – gewiss aber nicht alle. Auch Bilder aus einem belgischen Gedenkraum seien kein Alibi für die Publikation in Schweizer Massenmedien. Leitmotiv der Presseratsrüge: die durch die Bildserien wiedergenährte Verzweiflung der Angehörigen.
Peter Studer war bis 2007 Präsident des Schweizer Presserats. Zusammen mit Martin Künzi publizierte er u.a. «So arbeiten Journalisten fair» (Schweizer Presserat, 2012).