Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03305.jsonl.gz/2339

Der Renault 3 und die Anfänge
1956 findet Renault-Direktor Pierre Dreyfus, dass die Automobilindustrie zu angepasst sei und sagt: "Das Auto darf nicht mehr nur aus Sesseln und einem Kofferraum bestehen. Machen sie mir ein Raum-Modell." Er startet das Projekt 112, ein Auto, das sich an eine Gesellschaft im Wandel anpasst und vielseitig einsetzbar sein soll: in der Stadt, auf dem Land, unter der Woche, am Wochenende, für die Arbeit oder für den Urlaub – ein Auto, das nicht nur Männern, sondern auch Frauen gefällt. Das Ergebnis ist der 1961 lancierte Renault 4. Wir feiern in der auto-illustrierte den 60. Geburtstag dieses einmaligen Autos erst in Heft 01/2022, weil wir aus bekannten Gründen nicht früher nach Flins bei Paris fahren konnten, wo Renault Classic zu Hause ist. Wir zeigen im Heft und online einige interessante Fahrzeuge und beginnen mit dem R3.
In den 1950er Jahren beauftragte Pierre Dreyfus sein Team, als Ersatz für den alternden 4CV und als Konkurrenz zum 2CV "ein vielseitiges Auto zu entwickeln, das gleichzeitig ein Stadt- und Landfahrzeug ist, das den Bedürfnissen aller entspricht, kurzum ein Blue-Jeans-Auto". Im Oktober 1956 wurde das Projekt konkretisiert und mit der Entwicklung des Projekts 112 begonnen, das lange Zeit als "350" bezeichnet wurde, da Pierre Dreyfus außerdem wollte, dass der Preis dieses Autos die 350 000 alten Francs nicht übersteigen sollte.
Zwischen 1956 und 1961 wurden zahlreiche Tests und Prototypen entwickelt, um die verschiedenen möglichen Motorisierungen (2- bis 4-Zylinder, Luft- oder Wasserkühlung), die Lenkung, die verschiedenen Arten von Kardanwellen und die Geometrie der Vorderachse zu testen. Diese Prototypen des zukünftigen Renault 4 fuhren auf den Straßen der Welt von den USA über Sardinien und Guinea bis nach Schweden und erlebten die extremsten Fahrbedingungen. Ab dem 7. Juli 1961 wurden die Fliessbänder des 4CV durch die des R4 ersetzt und am 3. August lief der erste Renault 4L offiziell auf der Île Seguin vom Band.
Am 26. August 1961 wurden 25 R4 und fünf R3 in der Camargue der Presse vorgestellt, um die Fähigkeiten des Autos sowohl auf Asphalt als auch auf schlechten Wegen zu demonstrieren.
Bei der Eröffnung des 48. Automobilsalons Paris am 4. Oktober werden der R3 und der R4, die der Öffentlichkeit dank der Presse bereits nicht mehr unbekannt sind, mit großem Pomp präsentiert. 200 Fahrzeuge wurden dem Publikum für Probefahrten zur Verfügung gestellt.
Den Renault 4 gibt es am Anfang in drei Versionen:
- Im R4 (Typ R1120) ist ein wassergekühlter 747-cm³-Motor (Typ 680-01) mit vier Zylindern montiert, der 26,5 PS (SAE) leistet. Im Export sind es bei gleicher Leistung 845 cm³. Die Ausstattung ist sehr einfach, die Optik sehr schmucklos: manuelle Benzinanzeige am Tank, nur eine Sonnenblende, keine Radkappen, keine Türverkleidungen, kein Dachhimmel, Heizung ohne Belüftung, lackierte Rohrstossstange.
- Die R4 Limousine oder R4L (ebenfalls Typ R1120) hat denselben Motor wie der Basis-R4, ist aber viel besser verarbeitet: Leuchtanzeige für den Benzinstand, 6 Seitenfenster, 2 Sonnenblenden, Türverkleidungen, Dachverkleidung, Heizungsgebläse, Kühlergrillzierelement und etwas Chrom an Radkappen, Stossstangen, Scheibenwischer, Türgriffe, Zierleiste für das hintere Nummernschild.
- Der R3 (Typ R1121), der mit dem Basis-R4 identisch ist, ausser dass er mit einem 603-cm³-Motor (Typ 690) mit einer Leistung von 22,5 PS ausgestattet ist, was ihm eine Steuereinstufungvon 3 PS und damit seine Modellbezeichnung verleiht.
R4 Super, Fourgonette oder GTL kamen später.
Kurzes Intermezzo für die Basis: der erfolglose Renault 3
Der Renault 3 von 1962 aus dem Fundus von Renault Classique in Flins (das weisse Auto im Hintergrund ist das allerletzte in Frankreich gebaute Exemplar, ein 4 GTL "Clan"):
Erkennbar ist der R3 am fehlenden Kühlergrill. Die Front zeigt nur das nackte Blech. Hinten fehlen die dritten Seitenfenster, Rückspiegel sind nicht vorhanden, und auch die Innenausstattung ist auf das Allernötigste reduziert. Auf Dinge wie Sonnenblenden oder Tankuhr muss der R3 verzichten.
Der R3 wurde allerdings zum Flop. Er war dermassen schlecht ausgestattet und untermotorisiert, dass er kaum Abnehmer fand. Das meistverkaufte Modell wurde stattdessen der 4L, was die Bezeichnung "Quatrelle" zum Synonym für die ganze Baureihe machte. Der letzte R3 wurde am 24. September 1962 gebaut. Entsprechend rar sind originale R3 heute.
Weitere interessante R4 aus Flins folgen in den nächsten Tagen.
Text und Fotos: Stefan Fritschi