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Das musst du wissen
- Politikerinnen setzen sich im Parlament eher für die Belange von Frauen ein.
- Auch Männer sind aber dazu bereit, sich für «Frauenthemen» einzusetzen.
- Ein höherer Frauenanteil führt aber dazu, dass sich Männer weniger intensiv für Frauenthemen einsetzen.
Im Zuge der letztjährigen Wahl zum Schweizer Parlament wurde die Vertretung von Frauen vielfach diskutiert und der geringe Frauenanteil im National- und Ständerat kritisiert. Eines der zentralen Argumente für eine stärkere Präsenz für Frauen im Parlament ist die Annahme, dass sich Politikerinnen stärker für die Belange von Frauen verantwortlich fühlen und Themen wie der Gleichberechtigung am Arbeitsplatz, dem Schutz vor häuslicher Gewalt oder der Vorsorge und Behandlung von Brustkrebs eine höhere Priorität einräumen als ihre männlichen Kollegen.
Wann kommt es aber dazu, dass sich auch Männer im Parlament dazu entscheiden, Fraueninteressen zu repräsentieren? Der Beitrag geht dieser Frage nach und beleuchtet, ob das Verhalten von männlichen Abgeordneten von ihren weiblichen Kolleginnen beeinflusst wird und inwieweit das Engagement von Männern für Frauenthemen somit vom Frauenanteil im Parlament abhängig ist.
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Wie können Parlamentarierinnen das Verhalten von ihren männlichen Kollegen beeinflussen?
Grundsätzlich sind hierbei drei verschiedene Effekte denkbar. Erstens kann es zu einem positiven Spillover-Effekt kommen: Dieses Argument geht davon aus, dass männliche Abgeordnete häufiger mit Gleichstellungsfragen und frauenspezifischen Themen konfrontiert werden, wenn der Frauenanteil im Parlament ansteigt. Folglich erkennen sie einen Handlungsbedarf seitens der Politik und beginnen damit, sich auch in ihrer eigenen parlamentarischen Arbeit stärker für die Gleichberechtigung von Frauen einzusetzen.
Im Gegensatz dazu kann es jedoch auch zu einem negativen Backlash-Effekt kommen: Hierbei befürchten Männer, ihre jahrzehntelange Vormachtstellung im Parlament zu verlieren, wenn mehr Frauen ins Parlament gewählt werden. Daher reagieren sie ablehnend auf den steigenden Frauenanteil und verweigern, sich für eine weitere Gleichstellung von Frauen einzusetzen.
Die dritte Hypothese geht von einem Spezialisierungseffekt aus: Dieser besagt, dass die inhaltliche Repräsentation von Frauenthemen auf Grund der direkten Betroffenheit fundierter und glaubwürdiger von weiblichen Abgeordneten vertreten werden kann. Daher reagieren Männer nicht feindselig auf einen höheren Anteil von Frauen im Parlament. Sie reduzieren jedoch ihre Anstrengungen im Bereich der Gleichstellungspolitik, weil sie die Verantwortlichkeit bei ihren weiblichen Kollegen sehen.
Science-Check ✓Studie: When do Men Represent Women’s Interests in Parliament? How the Presence of Women in Parliament Affects the Behavior of Male Politicians.KommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie hat auf machine learning zurückgegriffen, um die grosse Zahl von Daten zu analysieren. Ein kleiner Teil der Fragen wurde händisch kategorisiert, um festzulegen, was «frauenspezifische» Anfragen sind. Ob das Resultat in einer anderen Zusammensetzung des Bundestags oder in einem anderen parlamentarischen System gleich herauskommen würde, müssten weitere Studien klären. Das Ergebnis gibt also einen Hinweis – muss aber weiter belegt werden.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: Peer-reviewed, alle schriftlichen und mündlichen parlamentarischen Anfragen im Deutschen Bundestag zwischen 1998 und 2013 analysiert.Studien-Art: Korrelative Beobachtungsstudie.Geldgeber: Universität Bamberg.Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Um die Rolle von Männern in der Vertretung von Fraueninteressen empirisch zu überprüfen, wurde der Einfluss von Frauen auf das Repräsentationsverhalten von männlichen Abgeordneten im Deutschen Bundestag von 1998 bis 2013 untersucht.
Um zu bestimmen, ob und wie stark sich Männer für Gleichstellungsfragen einsetzen, wurden schriftliche und mündliche parlamentarische Fragen mit Hilfe eines automatisierten Algorithmus daraufhin codiert, ob sie ein frauenspezifisches Thema ansprechen oder nicht. Für jeden Abgeordneten wurde dann der Anteil an frauenspezifischen Fragen ermittelt, die er im Untersuchungszeitraum eingereicht hat. Dies im Verhältnis zur Gesamtzahl an Fragen, die er einreichte. In der empirischen Analyse wurde darauf aufbauend der Effekt berechnet, den der Frauenanteil innerhalb der Parlamentsfraktion auf die Entscheidung ausübt, ob und wie viele frauenspezifische Fragen Männer einreichen.
Die Ergebnisse zeigen, dass männliche Bundestagsabgeordnete im Untersuchungszeitraum insgesamt 726 Fragen zu einem frauenspezifischen Thema gestellt haben. Auch wenn dies deutlich unter der Fragenanzahl liegt, die von Frauen eingereicht wurden (1286), zeigt es dennoch, dass Männer grundsätzlich dazu bereit sind, sich für die Belange von Frauen zu engagieren. Die Ergebnisse der Analyse machen jedoch deutlich, dass der Frauenanteil innerhalb der Fraktion einen negativen Einfluss auf das Verhalten von Männern ausübt.
Entgegen den Annahmen des Backlash-Effekts führt eine höhere Präsenz von Frauen allerdings nicht dazu, dass männliche Abgeordnete feindselig reagieren und sich gänzlich aus der Beschäftigung mit Gleichstellungsfragen zurückziehen. Ein höherer Frauenanteil führt hingegen dazu, dass Männer die Intensität, mit der sie sich für Frauenthemen einsetzen, verringern. So nimmt der Anteil an frauenspezifischen Fragen stark ab, wenn der Frauenanteil innerhalb der Fraktion ansteigt.
Der Logik eines Spezialisierungseffektes folgend sind Männer also grundsätzlich dazu bereit, Fraueninteressen im Parlament zu repräsentieren. Sobald ausreichend Frauen im Parlament vertreten sind, fühlen sie sich jedoch nicht länger hierfür verantwortlich und überlassen diese Aufgabe ihren Kolleginnen.