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Ihr wollt Stars, Awards, Reden, Kleider? Die schönsten Bilder, die grössten Emotionen? Voilà! Unser Rückwärtsprotokoll der Oscarnacht.
«Einen Oscar zu gewinnen, macht dich alt», sagt Olivia Colman. Sie darf das Couvert für den besten Schauspieler übergeben. Theoretisch könnte dieses an den heissesten Typen des Abends gehen. Also an Adam Driver. Aber das wird es wohl nicht. Es geht ... ja natürlich an Jochen Phönix. Also an Wuakin Finex. Nein, Joaquin Phoenix. Der das ja auch verdient hat.
«Ohne Film, ich weiss nicht, was ich wäre, aber was es mir vor allem gegeben hat wie allen in diesem Saal, ist die Macht, meine Stimme zu erheben für die, die keine haben ... Wir kämpfen für Gerechtigkeit, wir stehen ein dafür, dass keine Rasse, kein Geschlecht das Recht hat, die anderen auszunutzen. Wir haben uns schuldig gemacht, egozentrisch zu sein ... wir haben kein Recht, eine Kuh künstlich zu besamen, einem Kalb die Milch wegzunehmen ...»
Da kommt alles zusammen. Rassismus, Sexismus, Milchismus werden kritisiert. Und seine eigene Vergangenheit. Er will keinen Zweifel daran lassen, dass man ihn nicht, nicht, nicht mit dem Joker verwechseln darf.
Beste Schauspielerin gewinnt Renée Zellweger für «Judy».
Und jetzt der Schlusspunkt: Nur Jane Fondas Couvert weiss, wer gleich bester Film wird. «Es gibt nichts Wichtigeres als die Sensibilisierung, oder?», sagt sie. «Vielleicht Lasagne?», fragt unser Rafi H. zurück. Okay, nach einer durchgemachten Nacht darf er das fragen. Nach einer durchgemachten Nacht fast ohne Alkohol.
PARASITE!!!! Der beste Film ist «Parasite». Nachdem er bereits das Originaldrehbuch, den besten internationalen Film und die beste Regie gewonnen hat. Fucking unfassbar. Und irre gut. Sensationell. Alle wichtigen Preise. Hat vor ihm noch kein internationaler Film geschafft.
Ein Film über eine surreale, mit Horror-Elementen durchwirkte Variation des Klassenkampfs, der alles hinter sich gelassen hat: «1917», «Joker», «Once Upon a Time ... in Hollywood» und Scorseses «The Irishman», der den Fluch der letzten Wochen auch jetzt nicht brechen kann und ganz ohne Auszeichnung bleibt.
Gäbe es noch einen Oscar für das beste Ensemble, so wäre der vermutlich auch an «Parasite» gegangen. Ein unfassbarer Siegeszug, der im vergangenen Mai in Cannes begann und jetzt in einem Glückskleeblatt aus Oscars aufgegangen ist, und definitiv die interessanteste Entscheidung, die die Academy treffen konnte. Ist das jetzt ein Zeichen? Der Anbruch einer neuen Ära? Nichts Amerikanisches, nichts über den weissen Mann in irgendeiner Krise, sondern über eine Gesellschaft, die wie überall auf der Welt in Unten und Oben zerrissen wird.
Achtung, Achtung, die beste Regie wird vergeben. Schon wieder an Bong Joon Ho, der damit Scorsese, Tarantino und Sam Mendes geschlagen hat. Und sich mit einem Zitat von Scorsese bedankt: «Das Persönlichste ist das Kreativste.» Und dass er es nicht fassen kann, mit Scorsese gemeinsam nominiert zu sein. «Wenn die Academy einverstanden ist, hätte ich gern eine Texas Chain Saw und würde den Oscar zerteilen.» Und mit den anderen teilen. Jöh.
Und nun: Billie Eilish. Die zum Tribut an die Verstorbenen «Yesterday» singt. Und das ist so schön, dass bei uns alle seufzen. Am lautesten der Rafi H., aber auch Anna R., Simone M. und Büsi Hader. Schöner und grundtrauriger hat noch kein Mensch «Yesterday» gesungen, schon gar nicht diese Beatles.
Bong Joon Ho gewinnt als erster den Oscar für den besten internationalen Film. Der früher bester fremdsprachiger Film hiess. «Parasite» rocks. Und dann sagt er doch noch einen Satz auf Englisch: «I'm ready to drink tonight.» Prost!
Die Isländerin Hildur Guðnadóttir gewinnt den Oscar für ihren fantastischen «Joker»-Soundtrack und sagt: «An die Mädchen und Frauen, die Mütter und Frauen, die Musik in sich spüren, ich bitte euch, erhebt eure Stimmen, wir müssen sie hören.»
Und passend zum Schweizer Regenbogen-Wahl-Wochenende gewinnt Elton John mit «I'm Gonna Love Me Again» aus «Rocketman» den Oscar für den besten Song.
Visual Effects gibt's ebenfalls für «1917». Klar. Booooring! Verliehen allerdings von zweien, die mit Visual Effects irres Pech hatten, nämlich Rebel Wilson und James Corden in ihren «Cats»-Kostümen. Jener absolute Autounfall, jene schon nach der ersten Minute verlorene Schlacht, jener Psychopath unter den Filmen, der allgemein für Alpträume sorgt. Leider sagen sie fast nichts. Aber allein ihr Dastehen sorgt für grosse Heiterkeit.
Make-up und Haar gibt's für «Bombshell». Für die verblüffende Verwandlung von Charlize Theron in Megyn Kelly.
Die Oscars für Soundkram gehen an den Autofilm «Ford v Ferrari» und an «1917». Da ist er also, der erste Oscar für den riesengrossen Favoriten, der mal nicht aus dem Zweiten, sondern aus dem Ersten Weltkrieg kommt. Mal schauen, wie das noch weitergeht.
Frage in die Runde: Welche Kategorien wären spannender? Büsi Hader: «Bestes Tier! Also best animal und best supporting animal.» Okay, cool. Ein Mann rappt. Schon wieder. Direkt nach Gott Eminem. Was dramaturgisch extrem ungünstig ist. Also von verheerendem Nachteil.
Und wohin geht die beste Kamera? Natürlich in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Was zu erwarten war. Der Schnitt geht wieder an den Autofilm. Das kann man jetzt ewig so weiter führen. Einer für Krieg, einer für Autos, bald auch noch einer für einen Psychopathen ...
Frage in die Runde: Wer hat eigentlich wie viele der nominierten Filme gesehen? Rafi H.? «Keinen einzigen.» Anna R.? «Also ich hab ‹Marriage Story› gesehen!» Simone M.? «Hmmmm, ‹Parasite›, den Tarantino, ‹Marriage Story›, ‹Bombshell›, ‹Little Women›, ‹The Irishman›, ‹Joker›, die erste Hälfte von ‹1917›.»
Okay, boring. Sehr viel interessanter: Der Oscar für die beste Nebendarstellerin geht um 3.19 Uhr an ... Laura Dern. Als explosiv durchtriebene Scheidungsanwältin in «Marriage Story». Natürlich. Es ist bei den Oscars alles so wie es an den 317 anderen Award-Shows der letzten Wochen auch schon war. Boring. Sie dankt Netflix, ihrem Regisseur Noah Baumbach, ihrer Mutter, die lautere Tränen weint. Academy-Mitglied Xavier Koller im SRF-Studio sagt, er habe für Margot Robbie in «Bombshell» gestimmt. Und er fände J.Lo in «Hustlers» super: «Die Fraue händ Muet!»
Und dann, OMG, kommt Überraschungsact EMINEM! Und rappt «Lose Yourself» aus seinem uralten Film «8 Mile». Und der ganze Saal sprechsingt und nickt mit und springt auf – auch Billie Eilish –, und INTERESSIERT sich zum ersten Mal an diesem Abend für etwas. Triumph total. Wow.
Keanu Reeves, der ja auch frisurenmässig aussieht wie der ältere Bruder des hottesten Mannes dieser Nacht, nämlich Adam Driver, überreicht gemeinsam mit Diane Keaton (Rafi H. «in Winterkleidern») die Drehbuch-Oscars. Das Originaldrehbuch geht an den klugen, kuriosen, komischen «Parasite»!!! Freude!!
Also an Jin Won Han und Bong Joon Ho, den Mann, der nach dem Award-Marathon der letzten Wochen dringend mal seiner Dolmetscherin danken sollte, er kann nämlich noch immer kein Wort Englisch.
Adaptiertes Drehbuch kriegt «Als Hitler das rosa Kaninchen stahl». Nein, «Jojo Rabbit», ein anderes Hitler-und-Hase-Kinderbuch. Schade um «Little Women», aber jänu. «Der ist gar nicht schwer! Sollte der nicht schwerer sein?», sagt Regisseur Taika Waititi. Über dessen Gewinn sich Anna R. und Rafi H. total ausgelassen freuen. Und dessen Frisur auch noch zu diesen beiden passen würde:
Uuuund: Zweiter Oscar für Tarantinos Nostalgie-Trip. Für zwei Ladies und ihr Szenenbild. Zwei andere Ladies, Maya Rudolph und Kristen Wiig, sind leider ganz unerträglich als Präsentatorinnen.
Musik! Rasanz! Eleganz! Standing Ovation für Janelle Monaes Eröffnungsnummer. Im SRF-Studio findet es der Schweizer Regisseur Xavier Koller sehr schön, wie man «den Farbigen» damit «die Ehre» erwiesen habe. Nachdem man sie ja nicht gerade mit Nominierungen überhäuft hat. Okay, man könnte auch sagen, dass das Blackwashing der Oscars ist.
Regina King überreicht den ersten Oscar des Abends. An Brad Pitt natürlich. Ein nicer Beginn. Er dankt Leo, er dankt Quentin, er dankt den Stunt-Koordinatoren, aber irgendwie eine lahme kleine Rede. Auch wenn er natürlich super aussieht. Ein einziger kleiner Seitenhieb gegen das Trump-Impeachment. Na ja.
Idina Menzel singt ihren «Frozen»-Song «Into the Unknown». Und dann kommen ganz viele andere Frauen in Eiszapfenkleidern und singen den Song in ganz vielen anderen Sprachen. «Es ist die Grauenhaftigkeit», sagt Anna R., «wenn ihr mehr Frauen dabei haben möchtet, macht doch was Anständiges!» Man kann es uns aber auch nie recht machen.
«Es ist unglaublich, es ist so aufregend!», sagt Margot Robbie. Aha. Noch nie haben wir was Aufregenderes gehört über die Oscars. Im SRF-Studio sagt Xavier Koller, 75, dass heute einfach kein einziger Schauspieler mehr ein richtiger Filmstar sei wie früher in irgendeiner alten Zeit. Tom Hanks, Brad Pitt und so, alles keine richtigen Filmstars. Ähm. Ach, da steht der gute Brad auch schon auf dem Teppich! Und sagt? Absolut nichts von Bedeutung.
Im SRF-Studio findet Regisseurin Sabine Boss, dass er mal was mit seinen Haaren machen müsste. «Männer, wenn sie älter werden, sehen oft aus wie ihre eigene Grossmutter», sagt Fashion-Auskenner Jeroen van Rojien, es ist ein Fest der Äusserlichkeiten. Aber klar, dem Anlass angemessen.
Anna R. und Simone S. sind sich einig, dass Adam Driver der heisseste Typ dieser Nacht ist. Rafi H. findet ihn «unproportioniert mit seinen Ohren». Komplett egal, finden Anna und Simone, hot ist hot. Und jetzt mal zu Billie Eilish und ihrer Frisur. Oder ist es etwa gar nicht Billie?
Es mag stürmen über der Schweiz, aber es schifft in L.A. Und offenbar dominiert bei den Damen Crèmeweiss. Auch bei Billie Eilish, die ganz in Chanel kommt, aber natürlich auf ihre unnachahmliche Eilish-Eigenart. Pailletten sind auch recht angesagt. Bei Rebel Wilson zum Beispiel. Obwohl Pailletten nicht nachhaltig seien, wie Annina Frey im SRF-Studio mahnt, Pailletten würden sich in Mikroplastik verwandeln. Was Fashion-Fachmann Jeroen van Rojien natürlich nicht sexy findet. Also das Anti-Pailletten-Votum. So wie er auch Billie Eilishs Garderobe eher suboptimal findet, es fallen Begriffe wie «alte Skijacke» und «sehr exklusiver Härdöpfelsack».
Xavier Koller, der einzige Regisseur, der mit «Reise der Hoffnung» bis heute einen Oscar für die Schweiz geholt hat, findet, eine bewusstere Berücksichtigung von Regisseurinnen und nicht-weissen Regisseuren bei den Oscars wäre halt dem «Talent» abträglich. Hm. Und wer hat eigentlich mal bestimmt, dass vor allem weisse Männer Talent haben? Gott? Harvey Weinstein? Und wieso schminkt SRF seine Studiogästinnen so absolut entsetzlich? Soll etwa 40 das neue 60 sein? Aber egal.
Okay, wir haben uns NICHT dem Anlass entsprechend angezogen. Trotzdem haben wir denen in L.A. etwas voraus, denn: