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Die sogenannte Soziale Frage entstand als Folge der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Der spannungs- und konfliktreiche Übergang von der Agrar- zur Fabrikarbeitsgesellschaft führte rasch zu sozialen Verwerfungen innerhalb des Kapitalismus und markierte gleichzeitig den Ausgangspunkt Sozialer Bewegungen sowie der Sozialen Arbeit. Das Departement Soziale Arbeit der Ostschweizer Fachhochschule (OST) lenkt mit dieser Beitragsreihe den Blick auf die Gegenwart: Wie stellt sich die Soziale Frage heute? Und wer macht sie sich zu eigen? Die unter dem Übertitel Zur sozialen Frage heute in loser Folge erscheinenden Beiträge untersuchen deren Folgen für die einzelnen Menschen wie auch für die Gesellschaft.
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Spätestens ab den 1990er-Jahren kann in der Schweiz -ähnlich wie in vielen anderen westlichen Industrienationen- von einer «Erosion der Normalarbeit» gesprochen werden (Diekmann, 2008:36). Atypische Beschäftigungsformen (Soloselbstständigkeit, Teilzeitarbeit, Leiharbeit, befristete Verträge etc.) nehmen zu, insbesondere bei jüngeren Erwerbstätigen. Im gleichen Zeitraum steigt auch der prozentuale Anteil der „Working Poor“; nach einem ersten deutlichen Anwachsen in den 90ern folgt in den Nullerjahren eine Entspannung, seit 2013 ist eine erneute Zunahme zu verzeichnen (Crettaz, 2018). Ebenfalls parallel dazu findet ein Umbau des Sozialstaates statt, der tendenziell mit der Kürzung von Sozialleistungen und erhöhtem Druck auf die EmpfängerInnen einhergeht (Knöpfel, 2015:30). Können diese parallelen Entwicklungen als Elemente einer Reaktualisierung der Sozialen Frage begriffen werden?
Der folgende Beitrag versucht diese unterschiedlichen Phänomene für die Schweiz unter Rückgriff auf den in der gegenwärtigen soziologischen Zeitdiagnostik als Schlüsselbegriff verhandelten Begriff der Prekarisierung zu erklären und darzulegen, inwiefern es sich bei den beschriebenen Prozessen um eine Reaktualisierung der Sozialen Frage für die Schweiz handelt.
Prekarisierung oder die «Metamorphosen der sozialen Fragen»
Robert Castels Studie «die Metamorphosen der sozialen Frage» (2000) gilt u.a. in der Arbeitssoziologie und Gesellschaftstheorie als Standardwerk rund um die Diskussion voranschreitender Prekarisierung. Castel beschreibt darin den Wandel der Sozialen Frage, deren Artikulation und gesellschaftlichen Bearbeitungsmechanismen. Er tut dies anhand der Geschichte der (Lohn-)Arbeit, indem er nachzeichnet, wie sie sich für den/- oder diejenige(n), der/die sie leistete, von einer völligen entrechteten, elenden Lage zu feudalen und (vor-)industriellen Zeiten, seit spätestens nach dem zweiten Weltkrieg, hin zum zentralen Moment der gesellschaftlichen Teilhabe entwickelt hat (ebd.:11). Verkürzt gesagt, gelang es der lohnarbeitenden Bevölkerung durch Zusammenschluss und in Auseinandersetzung mit der besitzenden Klasse kollektive Strukturen zu etablieren, die sie zum einen vor den, durch den Wirtschaftsprozess erzeugten, Unsicherheiten schützten (z.B. durch die Institutionen des Sozialstaats) und ihnen und ihren VertreterInnen – wenn auch begrenzt – Mitbestimmung bei der Ausgestaltung ihrer Arbeits- und Lebensbedingungen ermöglichten (Castel, 2009:23). Diese kollektiven Strukturen der Absicherung und Mitbestimmung lassen sich als gesellschaftliche Beantwortung der damaligen Sozialen Fragen (Massenelend, ausbeuterische Arbeitsverhältnisse, Mangelnde politische Teilhabe etc.) lesen, durch welche die gesellschaftliche Integration der lohnarbeitenden Bevölkerung gewährleistet und soziale Konflikte befriedet wurden. Doch Castels Analyse endet nicht bei der Befriedung der Sozialen Frage: Für spätestens ab Anfang der 1980er-Jahre legt er dar, wie die sozialen Sicherungs- und Mitbestimmungsmechanismen zunehmend unter Druck geraten und sich in ihrer Grundlogik wandeln (ebd.:25). Dadurch kommt es zu einem (erneuten) Unsicher-Werden von Arbeits-, Beschäftigungs- und Lebensverhältnissen – ein Prozess, der von Castel und weiteren AutorInnen als Prekarisierung bezeichnet wird (Dörre, 2017a:2). Die Soziale Frage gewinnt darin unter veränderten Vorzeichen/Antlitz an neuer Schärfe.
Im Folgenden wird die historische Hochphase des Aufbaus kollektiver Sicherungsstrukturen und deren Krise für die Schweiz beschrieben umso besser verstehen zu können, wie sich Prekarisierungsprozesse hier vollzogen haben.
Die «goldenen Jahre» und Krise des Fordismus in der Schweiz
Die Periode der Befriedung und Integration – die sogenannten «golden Jahre» von nach dem zweiten Weltkrieg bis Ende 1970-Jahre- waren in der Schweiz geprägt durch ein -fast- ungebrochenes Wirtschaftswachstum und eine konstant hohe -männliche- Beschäftigungsquote (Degen, 2006:229). Zum damals vorherrschenden Produktionsregime des Fordismus gehörte, dass die Erwerbsbevölkerung einen Anteil an den Produktivitätsgewinnen erhielt, was zu einem kontinuierlichen Anstieg der Reallöhne führte. Sekundiert wurden diese Entwicklungen durch einen Ausbau sozialstaatlicher Leistungen: Neben der Einführung der Invalidenversicherung Anfang der 1960er, der massiven Aufstockung der AHV in den 1970ern und einem Ausbau des Gesundheits- und Bildungswesens, kam es zu zahlreichen weiteren Sozialreformen auf kantonaler und kommunaler Ebene (ebd.:230–232). Im Hinblick auf den Ausbau der Möglichkeiten zur Mitbestimmung der lohnarbeitenden Bevölkerung bei der Ausgestaltung der eigenen Arbeits- und Lebensbedingungen sind für die Schweiz besonders diejenigen Phänomene zu betrachten, die man in den Sozialwissenschaften als Neokorporatismus und Sozialpartnerschaft bezeichnet. Neokorporatismus steht für den Einbezug der massgeblichen Wirtschaftsverbände (auf Kapitalseite z.B. des Arbeitgeberverbandes und auf Seite der ArbeiterInnen z.B. der Gewerkschaften) in die Politikgestaltung und -ausführung (Vatter, 2018:190–199). Mit der Einführung des Vernehmlassungsverfahrens 1947 und der Etablierung der Zauberformel 1959 kam es zu einer systematischen Einbindung der ArbeiterInnenklasse in den politischen Prozess. Sozialpartnerschaft bedeutet, dass Arbeitsbeziehungen vermehrt kollektiv (also zwischen Verbänden) anstatt individuell (zwischen Arbeitgebern und -nehmern) geregelt wurden, was u.a. in der starken Zunahme der Gesamtarbeitsverträge bis in die 1960er-Jahre seinen Ausdruck fand. In den goldenen Jahren setzte sich auch das männliche Familienernährermodell durch, «[…] mit dem die sogenannte fordistische Trias – Wohlfahrtsstaat, Normalarbeit[1] und Normalfamilie – institutionalisiert wurde» (Motakef, 2015:12).
Mit der einsetzenden Krise des Fordismus (sinkendes Wirtschaftswachstum, stagnierende Nachfrage und Abschwächung der Zunahme der Reallöhne) Anfang 1980er-Jahre kam diese Trias zunehmend unter Druck: 1) Ein einzelnes Einkommen reichte nun oftmals nicht mehr aus, um eine Familie zu ernähren. 2) Die Grundprämissen des versorgenden Wohlfahrtsstaates wurden vermehrt in Frage gestellt: Zum einen sei der Leistungsumfang überbordend und zum anderen fördere er den Müssiggang und sei gänzlich ungeeignet Eigentätigkeit der EmpfängerInnen auszulösen – so der Tenor. 3) Die steigende Anzahl Stellensuchender und die Forderung besonders von exportorientierenten Firmen -mit Verweis auf die globale Konkurrenz- möglichst schnell und flexibel auf Nachfrageschwankungen reagieren zu können, führte zu einer Infragestellung sozialpartnerschaftlicher Arrangements. Die Arbeitgeberseite konnte durchsetzen, dass Kollektivverhandlungen vermehrt dezentralisiert und von der Branchen- auf die Betriebsebene verlagert wurden (Oesch, 2012:120–121).
Fehlende Perspektiven und Entkollektivierung sozialer Risiken
Neben Robert Castel stellt die Arbeit von Pierre Bourdieu einen zentralen theoretischen Bezugspunkt zur Beschreibung der dargestellten Prekarisierungsprozesse dar. Bourdieu beobachtet die Ausweitung atypischer, unsicherer Beschäftigungsverhältnisse (Teilzeitarbeit, befristete Beschäftigung, Leiharbeit etc.) in der gegenwärtigen Gesellschaft mit Sorge (Bourdieu, 2004). Atypische Beschäftigung ist oftmals mit schlechterer Entlöhnung und unvorteilhaften Arbeitskonditionen verbunden. Neben einer gesteigerten materiellen Deprivation haben diese unsicheren Arbeitsverhältnisse noch weitere -weitreichende- Folgen. Die Ungewissheit der eigenen Situation und das Fehlen eines Mindestmasses an sozialer Sicherheit verhindern bei den betroffenen Personen die Herausbildung eines in die Zukunft gerichteten, planenden Bewusstseins (ebd.:108). Die Ausweitung atypischer Beschäftigung wirkt indirekt auch auf die sich -noch- in Normalarbeitsverhältnissen befindenden ArbeitnehmerInnen aus. So führt z.B. die Anwesenheit von LeiharbeiterInnen im Betrieb der Stammbelegschaft täglich vor Augen, dass auch sie potentiell von prekär beschäftigten KollegInnen ersetzt werden könnten. In diesem Sinne ist auch der programmatische Titel «Prekarität ist überall» (ebd.:107) eines Vortrags Bourdieus zu verstehen.
Bezugnehmend auf Bourdieu stellt Castel die These auf, dass sich die nachfordistische Arbeitsgesellschaft in Zonen mit jeweils unterschiedlichem (sozialen) Sicherheitsniveaus gliedert (Dörre, 2017b:259): Der «Zone der Integration» gehören die meisten Erwerbstätigen an. Sie ist geprägt vom Normalarbeitsverhältnis und intakten sozialen Netzen. Die expandierende «Zone der Prekarität» liegt unterhalb: Hier dominieren atypische Beschäftigungsverhältnisse und die sozialen Netze werden brüchiger. Zuunterst in der gesellschaftlichen Hierarchie befindet sich die «Zone der Entkoppelung». Die Personen, die sich dieser Zone zuordnen lassen, verfügen nur noch über eine sehr kleine Chance überhaupt eine Erwerbsarbeit zu finden und ihre soziale Teilhabe ist sehr eingeschränkt. Die These Bourdieus aufgreifend, geht Castel von einer generellen Zunahme der Verunsicherung und Abstiegsängsten in allen Zonen der Gesellschaft aus -gerade auch in jenen sozialen Schichten, die objektiv betrachtet noch über eine relativ solide materielle Sicherheit verfügen (Castel, 2009:30). Als eine treibende Kraft hinter diesen Prekarisierungsprozessen identifiziert er den neoliberalen Umbau des Sozialstaates, welcher seit der Krise des Fordismus erfolgte. Die Risiken, die durch die kapitalistische Produktionsweise für die Arbeitnehmenden entstanden sind, und durch den versorgenden Wohlfahrtsstaat kollektiv abgesichert wurden, werden im Wohlfahrtsstaat neuen Typus entkollektiviert resp. re-individualisert (ebd.:25). Insbesondere seit Anfang der 2000er-Jahre kommt es zu einem Paradigmenwechsel hin zu einem aktivierenden Sozialstaat: «Aus standardisierten Leistungen, die als universale Rechtsansprüche vermittelt wurden, werden individuell abgestimmte Minimalleistungen, die nur auf nachweislicher Eigeninitiative erfolgen» (Motakef, 2015:13) – der Bezug ist also nur vorläufig gewährt und kann auch wieder zurückgenommen werden.
Prekarisierung in der Schweiz – Die Reaktualisierung der Sozialen Frage
Die Auswirkungen der dargestellten Prozesse lassen sich für die Schweiz nur schwer quantifizieren und hängen davon ab, wie eng man den Prekaritätsbegriff fasst (Streckeisen, 2019:189). So hat z.B. das Staatsekretariat für Wirtschaft (SECO) seit 2003 drei Studien zur Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz in Auftrag gegeben (Ecoplan, 2003, 2010 und 2017). Im letzten Bericht wird für das Jahr 2016 veranschlagt, dass ca. 2.5% aller Erwerbstätigen Personen atypisch-prekäre Arbeitsverhältnissen nachgegangen sind. Neben einem gewissen Anstieg in den Jahren 2004-2009 ist dieser Anteil seit 2010 einigermassen stabil (ebd.:3). Diese Zahlen scheinen gering und legen den Schluss nahe, dass das Problem in der Schweiz eher vernachlässigbar ist. Gegen eine solche Schlussfolgerung spricht, dass das Phänomen der Prekarisierung resp. der atypisch-prekären Arbeitsverhältnisse in der jüngsten vorliegenden SECO-Studie begrifflich sehr eng gefasst wird und die Datenbasis Lücken aufweist, z.B. werden keine Sans-Papiers, GrenzgängerInnen, Personen im Asylprozess oder in Schwarzarbeit berücksichtigt (Streckeisen, 2019:191–195). Interessant ist dabei insbesondere auch der Sachverhalt, dass in der ursprünglichen Studie aus dem Jahr 2003 noch versucht wurde durch Schätzverfahren die angesprochenen Lücken zu schliessen. Die SECO-Studien sind also ein Beispiel dafür, wie man durch definitorische Engführung gesellschaftliche Phänomene marginalisieren kann.
Es stellt sich ohnehin die Frage, inwiefern eine solche Fokussierung auf spezifische Formen von Beschäftigungsverhältnissen, überhaupt dazu geeignet ist, die Auswirkungen der beschriebenen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse adäquat einzufangen. Prekarität ist -um noch einmal den programmatischen Vortragstitel Bourdieus aufzunehmen- überall (Bourdieu, 2004). Allein die Existenz eines wachsenden Prekariats wirkt auf diejenigen, die sich noch in vermeintlich gesicherten Arbeits- und Lebensverhältnissen befinden, disziplinierend. Um das Abrutschen in die Zone der Prekarität oder gar der Entkoppelung zu vermeiden, müssen stets neue Anstrengungen unternommen und die eigene Position darf nicht durch unnötige Auseinandersetzungen mit den Vorgesetzten gefährdet werden.
Ein weiteres gewichtiges Element der beschriebenen gesellschaftlichen Prekarisierungsprozesse ist der Paradigmenwechsel in der Grundlogik sozialstaatlicher Institutionen von einem aktiven hin zu einem aktivierenden Sozialstaat. Obwohl der schweizerische Sozialstaat traditionell schon immer eher liberal ausgerichtet war, wurden auch hierzulande verschiedene Reformpakete im Sinne des besagten Paradigmenwechsels durchgeführt. Im Bereich der Sozialhilfe sei hier zum einen auf die Revision der SKOS-Richtlinien 2005 hingewiesen, welche neben einer Kürzung der Grundbedarfs die Einführung von Leistungen mit Anreizcharakter und Sanktionen umfasste und zum anderen auf die letzte Revision 2017, welche wiederum Leistungskürzungen und Massnahmen zu Verhinderung von Schwelleneffekten beinhaltete. Bei der Arbeitslosenversicherung wurden bereits ab 1995 durch verschiedene Revisionspakete Ansprüche beschnitten und «aktivierende» Elemente (Sanktionsmechanismen, Aufweichung der Regelungen bzgl. «zumutbarer Arbeit») eingeführt. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Invalidenversicherung wo 2007 und 2012 der Zugang zu den Versicherungsleistungen erschwert und Instrumente zur Eingliederung/Aktivierung gestärkt wurden (Streckeisen, 2012:62–68). An diesem Punkt lässt sich die von einigen AutorInnen vertretene These anknüpfen, die Prekarisierungsprozesse als eine neue Herrschaftstechnik sehen (siehe u.a. Bourdieu, 2004:111). Die Etablierung und Ausweitung einer dauerhaften Unsicherheit zwingt die ArbeitnehmerInnen und EmpfängerInnen sozialstaatlicher Leistungen -so die These- zur Unterwerfung und der Duldung ihrer Ausbeutung.
Die Drohkulisse eines Abrutschens in die Zone der Prekarität oder Entkoppelung, der dargestellte Umbau der Funktionslogik sozialstaatlicher Institutionen und die unter Druck geratenen kollektiven Regelungen der Arbeitsbeziehungen tragen in der Schweiz zu einer Re-Individualisierung der durch den Wirtschaftsprozess erzeugten Risiken bei. Die Soziale Frage gewinnt dadurch an neuer Schärfe – die Institutionen der sozialen Sicherung verlieren zusehends ihre Integrationskraft. Im Gegensatz zur feudalen oder (vor-)industriellen Zeit artikuliert sich die Soziale Frage im Phänomen der Prekarisierung heute nicht mehr als die schiere Abwesenheit lebensnotwendiger Güter, sondern als eine Erosion kollektiver Sicherungsstrukturen, die in einem grossen Teil der Bevölkerung zu einer zunehmenden Ausweitung von Unsicherheitserfahrungen bezüglich der Ausgestaltung der eigenen Arbeits- und Lebensverhältnisse führt.
Prekarisierungsprozesse sind jedoch nicht das Resultat naturhafter Gesetzmässigkeiten, sondern konkreter Entscheide und Machtkämpfe – also Produkt politischen Willens. Inwiefern sich für die (transformierte) Soziale Frage Antworten finden werden, welche – ähnlich wie in der Periode nach dem zweiten Weltkrieg bis Ende 1970er-Jahre – eine Integration grosser Teile der Bevölkerung sicherstellen oder aber zu vermehrten sozialen Spannungen, Ausgrenzungen und Spaltung führen werden, hängt davon ab, ob sich diejenigen Personen, die unter der Ausweitung von Unsicherheitserfahrungen leiden, organisieren und erneut kollektive Lösungen erstreiten können.[2]
Literaturverzeichnis
Bourdieu, Pierre (2004): Prekarität ist überall. In: Pierre Bourdieu: Gegenfeuer. Konstanz: UVK Universitätsverlag Konstanz (édition discours, Bd. 37), S. 107–113.
Castel, Robert (2000): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz: UVK Universitätsverlag Konstanz (édition discours, Bd. 13).
Castel, Robert (2009): Die Wiederkehr der sozialen Unsicherheit. In: Robert Castel und Klaus Dörre (Hg.): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Unter Mitarbeit von Peter Bescherer. Frankfurt am Main: Campus Verlag, S. 21–34.
Crettaz, Eric (2018): Working Poor in der Schweiz: Ausmass und Mechanismen (Social Change in Switzerland, 15). Online verfügbar unter https://www.socialchangeswitzerland.ch/?p=1514, zuletzt geprüft am 21.03.2021.
Degen, Bernard (2006): Hochkonjunktur und Kalter Krieg. In: Valérie Boillat, Bernard Degen, Elisabeth Joris, Stefan Keller und Albert Tanner (Hg.): Vom Wert der Arbeit. Schweizer Gewerkschaften – Geschichte und Geschichten. 1. Aufl. Zürich: Rotpunktverl., S. 229–284.
Dörre, Klaus (2017a): Die neuen Vagabunden. Prekarität in der reichen Gesellschaft. In: Uwe Bittlingmayer, Alex Demirovic und Tatjana Freytag (Hg.): Handbuch Kritische Theorie. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 1–23.
Dörre, Klaus (2017b): Prekarität. In: Hartmut Hirsch-Kreinsen und Heiner Minssen (Hg.): Lexikon der Arbeits- und Industriesoziologie. 2. Aufl. Baden-Baden: Nomos, S. 258–262.
Ecoplan (2003): Prekäre Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. Theoretisches Konzept und empirische Analyse der Entwicklungen von 1992 bis 2002. Hg. v. Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO).
Ecoplan (2010): Die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. Nachfolgestudie zur Studie von 2003. Hg. v. Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) (Arbeitsmarktpolitik, 32).
Ecoplan (2017): Die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz. Nachfolgestudie zu den Studien von 2003 und 2010, unter Berücksichtigung neuer Arbeitsformen. Hg. v. Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) (Arbeitsmarktpolitik, 48).
Knöpfel, Carlo (2015): Sozialstaatliche Rahmenbedingungen in der Schweiz. In: Bernadette Wüthrich, Jeremias Amstutz und Agnès Fritze (Hg.): Soziale Versorgung zukunftsfähig gestalten. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 23–35.
Motakef, Mona (2015): Prekarisierung. Bielefeld: transcript.
Oesch, Daniel (2012): Die Bedeutung von Gesamtarbeitsverträgen für die Arbeitsmarktregulierung in der Schweiz. In: Zeitschrift für Arbeitsrecht und Arbeitslosenversicherung (Sonderausgabe), S. 120–127.
Streckeisen, Peter (2012): Steigende Erwerbslosigkeit und Prekarität in der Schweiz: Das Ende eines «Sonderfalls». In: Karin Scherschel, Peter Streckeisen und Manfred Krenn (Hg.): Neue Prekarität. Die Folgen aktivierender Arbeitsmarktpolitik – europäische Länder im Vergleich. Frankfurt, New York: Campus Verlag (International labour studies, Bd. 2), S. 47–73.
Streckeisen, Peter (2019): Von der unsichtbaren Prekarität zur Beschäftigung ohne Qualität. Politische Programmatik und das Streben nach kognitiver Hegemonie. In: A. Doris Baumgartner und Beat Fux (Hg.): Sozialstaat unter Zugzwang? Zwischen Reform und radikaler Neuorientierung. Wiesbaden: Springer VS, S. 187–203.
Vatter, Adrian (2018): Das politische System der Schweiz. 3. Aufl. Baden-Baden: Nomos Verlagsgesellschaft (Studienkurs Politikwissenschaft). Online verfügbar unter https://ebookcentral.proquest.com/lib/gbv/detail.action?docID=5519821.
[1] Normalarbeit bezeichnet ein Erwerbsverhältnis, das unselbständig, unbefristet und in Vollzeit erfolgt.
[2]Über das Organisierungspotential prekärer Gruppen gehen die Meinungen in der Forschung auseinander. Für Bourdieu stehen die mangelnde Hoffnung und Glaube an die Zukunft, welche die soziale Lage dieser Gruppen prägen, einer kollektiven Auflehnung eher entgegen Bourdieu 2004:108. Empirisch konnten jedoch Hinweise darauf gefunden werden, die für die Selbstorganisierungs- und Handlungsfähigkeit -auch jenseits traditioneller Gewerkschaftsstrukturen- prekär Beschäftigter sprechen (z.B. zur Organisierung migrantischer 24h-Betreuerinnen siehe Schilliger und Schilling 2017).