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Zur fotografischen Darstellung von Raum
Realitätsbezug der FotografieFür die fotografische Dokumentation von räumlichem Wandel ist der spezifische Realitätsbezug der Fotografie von entscheidender Bedeutung. Dieser liegt zum einen in der Abbildungsgenauigkeit des fotografischen Bildes begründet. Zum andern beruht er auf dem optisch-chemischen Prozess seiner Herstellung. Das Licht, das der fotografierte Gegenstand reflektiert, schreibt sich in der lichtempfindlichen Schicht des Films ein. Als indexikalisches Zeichen bildet die Fotografie eine Spur, einen Lichtabdruck des dargestellten Objektes, und ist ihrem Referenten durch physikalische Kontiguität verbunden.
Die Fotografie ist ihrem Gegenstand ähnlich und damit ebenso ein ikonisches Zeichen. Die Abbildungsgenauigkeit der Fotografie, ihre «realistische» Wiedergabe der Wirklichkeit, liegt in der Optik begründet. Das Objektiv bildet den Gegenstand gemäss den Prinzipen der Perspektive ab. Diese bildet ein kulturell codiertes Modell der Raumdarstellung, das die Welt gemäss den Gesetzen der optischen Abbildung strukturiert und ordnet. Der reale, dreidimensionale Raum wird Punkt für Punkt in einen zweidimensionalen Bildraum übersetzt, welche auf eine Betrachterposition hin angeordnet ist. Das Prinzip der Zentralperspektive ist für die abendländische Kultur seit der Renaissance ein elementares Wahrnehmungs- und Darstellungsparadigma. Als apparativ hergestelltes Bild produziert die Fotografie eine bestimmte Form von Sichtbarkeit.
Eine Fotografie wird immer aus einem bestimmten Blickwinkel aufgenommen. Der Fotograf stellt den Apparat an einem gewählten Standort auf und löst zu einem bestimmten Zeitpunkt aus. Die Entscheidungen des Fotografen sind bestimmt durch seine individuellen Vorlieben sowie durch den geplanten Verwendungszweck des Bildes. Die Konventionen der verschiedenen Produktions- und Verwertungskontexte (der Medien, der Wissenschaft, der Kunst etc.) beeinflussen Motivwahl, Kadrierung, Perspektive, Komposition, Lichtführung. Ebenso steuern gesellschaftliche und kulturelle Codes die Lektüre der Bilder durch den Betrachter. Das fotografische Bild kann in diesem Sinne als symbolisches Zeichen verstanden werden.
Aufgrund ihres spezifischen Bezuges zur Realität vermittelt die fotografische Darstellung einen Eindruck von Unmittelbarkeit, Direktheit und Evidenz. Als indexikalisches Zeichen bezeichnet die Fotografie einen einzigen, singulären Gegenstand und «beweist» dessen Existenz: Es hat vor der Kamera etwas gegeben, das diese Lichtspur hinterlassen hat.
Trotz dieses «Wirklichkeitseffektes» bildet die Fotografie ein von der Konvention geprägtes Instrument zur Analyse und Interpretation und muss entsprechend gelesen werden. Als symbolisches Zeichen ist sie eingebunden in das System der Produktion von Bedeutung und der Konstruktion von Wirklichkeit.
Dokumentation von Raum – Konstruktion von RaumDie Fotografie wird seit ihrer Erfindung zur Darstellung und Dokumentation von Ort und Landschaft genutzt. Sie ist eines der wichtigsten Bildmedien zur Visualisierung von Raum. Fotografien dokumentieren Räume, sie konstruieren, erfinden und imaginieren sie. Fotografische Raumbilder zirkulieren in allen medialen Kanälen und fotografischen Produktionskontexten.
In einer konkreten räumlichen Situation treffen Handlungen verschiedener Akteure, welche am Prozess der Raumkonstitution beteiligt sind, aufeinander: Raum entsteht durch die Tätigkeit von Architekten, Verkehrsplanern, Landschaftsgestaltern, Designern, Nutzern usw. Der Fotograf, der ein Bild einer räumlichen Situation machen will, muss sich vor Ort, in den realen Raum, begeben. Eine Fotografie kann sichtbar machen, wie Raum über das Anordnen, Erbauen, Errichten von materiellen Objekten und Elementen in den unterschiedlichen Feldern räumlicher Praxis entsteht. Sie kann die unterschiedlichen Ebenen räumlicher Praxis in ihrem Zusammenspiel zeigen. Gleichzeitig ermöglicht sie – im Unterschied zu abstrakteren Darstellungsformen wie z.B. Karten und Plänen – eine Darstellung jener Aspekte, welche für die sinnliche Wahrnehmung und damit für die Atmosphäre von Räumen bedeutsam sind. Die Fotografie als Dokument ermöglicht einen spezifischen Zugang zu Räumen, die geographisch und zeitlich entfernt sind.
Fotografische Darstellungen von Raum sind jedoch ebenso Konzeptionen von Raum: Sie entwerfen aus einem bestimmten Blickwinkel, mittels eines nach den Prinzipien der Zentralperspektive konzipierten Apparates ein «Bild», eine Repräsentation von Raum. Sie produzieren eine bestimmte Form von «Sichtbarkeit». Indem die Fotografie Raum zeigt, entwirft sie gleichzeitig eine bestimmte Vorstellung davon. Die Fotografie vermittelt im Vergleich zum Plan, zur Karte, zu den meisten anderen Formen der Raumdarstellung einen Eindruck von Unmittelbarkeit, Direktheit und Evidenz. Sie bildet jedoch einen ebenso medial vermittelten Zugang zu den Dingen und zum Raum.
Vorstellungen von Stadt, Dorf, Landschaft, von privatem und öffentlichem Raum, bedeutsamen Orten werden zu einem grossen Teil über die Fotografien, welche in den Medien, der Kunst, der Wissenschaft, im privaten Gebrauch hergestellt und rezipiert werden, gebildet. Diese Bilder sind Teil des Diskurses, in dem Konzeptionen von Raum verhandelt, durchgesetzt oder in Frage gestellt werden. Die Beziehung zwischen Bildproduktion und Raumproduktion ist dabei wechselseitig. Die Fotografie stellt Raum dar, bildet konkrete Orte, Landschaften, Stadträume ab, entwirft und inszeniert Bilder von idealen Räumen. Kulturell codierte Wahrnehmungs- und Darstellungsmuster und Vorstellungen von Raum prägen dabei die fotografische Praxis in den unterschiedlichen Produktionskontexten, in denen Raumdarstellungen hergestellt werden. Umgekehrt haben die Bilder, welche in den verschiedenen medialen Feldern zirkulieren, Einfluss auf den Diskurs. Die Vorstellungen und Konzeptionen von Raum, welcher der räumlichen Praxis zu Grunde liegen und diese steuern, werden auch mittels fotografischer Bilder verhandelt und durchgesetzt.
LiteraturDubois, Philippe: Der fotografische Akt. Versuch ĂĽber ein theoretisches Dispositiv. Amsterdam, Dresden 1998.
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