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SRF2 Kultur, Sendung «Kultur Kompakt» beanstandet
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Mit Ihrer E-Mail vom 2. Januar 2019 beanstandeten Sie eine Buchbesprechung in der Sendung «Kultur Kompakt» (Radio SRF 2 Kultur) vom 14. Dezember 2018.[1] Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich darauf eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
«Ich nehme Bezug auf eine Buchrezension, welche auf Radio SRF2 am Freitag, 14. Dezember 2018 um ca. 07.21 bis 07.22 Uhr ausgestrahlt wurde.
Zu beanstanden ist die krass exaltierte Intonation, in der die Rezension erfolgte. Zudem wurde in schriftdeutscher Sprache extrem schnell gesprochen. Hierbei handelt es sich um eine fragwürdige dümmliche Selbstdarstellung.
Antrag: Es sei festzustellen, dass die Sendung infolge
- krass exaltierter Intonation und
- extrem schnellem Sprechtempo
mangelhaft war.
Erwägungen: Gestützt auf Art. 24 Abs. 1 Bst. b RTVG erfüllt die SRG den verfassungsrechtlichen Auftrag im Bereich von Radio und Fernsehen unter Berücksichtigung der Eigenheiten des Landes. In der Schweiz ist es indes weder üblich, extrem schnell zu sprechen, noch entspricht eine protzige Selbstdarstellung den kulturellen Werten des Landes. Gemäss Programmauftrag (Art. 24 Abs. 4 Bst. b RTVG) hat die SRG zur Stärkung der kulturellen Werte des Landes sowie zur Förderung der schweizerischen Kultur unter besonderer Berücksichtigung der Schweizer Literatur beizutragen. Den aus dem Programmauftrag resultierenden Ansprüchen wurde nicht Genüge getan. Im Übrigen wird bestritten, dass der Sachverhalt unter dem Gesichtspunkt der Programmautonomie toleriert werden könnte.»
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Für die Sendung «Kultur Kompakt» antwortete Frau Sandra Leis, Leiterin a.i. Redaktion Radio Aktualität:
«Am 14. Dezember 2018 strahlte Radio SRF 2 Kultur um 7.20 Uhr eine Rezension aus zum ‘Handbuch der Menschenkenntnis. Mutmassungen aus 2500 Jahren’, erschienen im Verlag Galiani. Herr X schreibt: <Gemäss Programmauftrag hat die SRG zur Stärkung der kulturellen Werte des Landes sowie zur Förderung der schweizerischen Kultur unter besonderer Berücksichtigung der Schweizer Literatur beizutragen.> Georg Brunold, Herausgeber des Sachbuchs, ist ein Schweizer Journalist und Schriftsteller. Das heisst, mit der Würdigung seines Handbuchs erfüllt Radio SRF 2 Kultur den Programmauftrag sehr wohl.
Des Weiteren bemängelt Herr X zweierlei: Er stört sich an einer ‘krass exaltierten Intonation’ und am ‘extrem schnellen Sprechtempo’. Auch nach mehrmaligem Hören des Gesprächs von Kulturredaktorin Alice Henkes und Moderatorin Caroline Lüchinger kann ich keine exaltierte Intonation feststellen. Vielmehr ist das Gespräch launig, ohne je seicht zu werden, und schafft es, dem Publikum in wenigen Minuten einen guten Einblick in diesen opulenten Band zu gewähren.
Was das Sprechtempo angeht, so ist es tatsächlich so, dass Alice Henkes an zwei Stellen sehr schnell spricht. In beiden Fällen handelt es sich um Aufzählungen – zum einen um die Namen verschiedener im Buch vertretener Autorinnen und Autoren, zum anderen um Themen, die im Buch angesprochen werden. Das Buch zitiert Kapitel aus Werken von über hundert Autorinnen und Autoren aus zweieinhalb Jahrtausenden. Die Redaktorin setzt den schnellen Redefluss in ihren Aufzählungen bewusst als Stilmittel ein, um so die enorme Bandbreite an Autoren und Themen, die im Buch Erwähnung finden, anklingen zu lassen. Die Reichhaltigkeit und Fülle des Buches soll so akustisch erlebbar gemacht werden.
Die beleidigenden Äusserungen im Schreiben von Herrn X weise ich zurück.»
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Sendung. Ich halte Ihre Beanstandung für extrem diskriminierend gegenüber Deutschen, denn es ist ja unschwer erkennbar, dass die Rezensentin Alice Henkes in Deutschland sozialisiert worden ist (während man aus einem Radio-Beitrag nicht ablesen kann, ob sie Schweizerbürgerin, deutsche Staatsbürgerin oder vielleicht Belgierin oder gar Französin ist). Die Rezensentin spricht ein perfektes Standarddeutsch, und damit eine der Sprachen, die in der Schweizerischen Bundesverfassung verankert sind, denn dort steht in Artikel 4:
«Die Landessprachen sind Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch.»[2] Es steht nicht: Züritütsch, Bärndütsch, Baseldytsch usw., auch nicht: helvetisches Hochdeutsch. Es steht: Deutsch. Jeder Schweizer Schauspieler ist glücklich, wenn er es hinkriegt, ein solches Deutsch zu sprechen wie Alice Henkes. Es ist übrigens ein Klischee, dass man in der Schweiz langsam spricht und dass insbesondere die Bernerinnen und Berner überaus langsam seien, hören Sie sich doch nur einmal die Grünen-Präsidentin Regula Rytz oder die Juso-Präsidentin Tamara Funiciello an, beides Bernerinnen, die extrem schnell sprechen. Sind sie deswegen keine richtigen Schweizerinnen? Die Art zu sprechen ist eine Frage der individuellen Denk- und Artikulationsweise und eine Frage der Sozialisation, keinesfalls eine Frage der nationalen Zugehörigkeit.
Sie interpretieren auch die Berücksichtigung und Pflege der eigenen Kultur und Literatur durch die SRG im Sinne eines «Indianerreservats». Es heißt im Gesetz, die SRG solle die schweizerische Kultur «unter besonderer Berücksichtigung der Schweizer Literatur» pflegen. Etwas besonders berücksichtigen heißt nicht, das Andere gar nicht berücksichtigen. Es wäre absurd, wenn im Radio nur Bücher von Schweizer Schriftstellern besprochen würden, nicht aber solche von Salman Rushdi oder Martin Walser, von Umberto Eco oder Nagib Machfus. Und im konkreten Fall handelte es sich sogar um das Buch eines Schweizer Autors, des Journalisten und Publizisten Georg Brunold.
Meine Aufgabe ist es zu prüfen, ob sich das Publikum aufgrund des Beitrags frei eine eigene Meinung bilden konnte, ob es fair und transparent informiert oder ob es manipuliert wurde und ob durch den Beitrag irgendjemand diskriminiert wurde. Der Beitrag war klar, fair, transparent, ohne jegliche Diskriminierung und Manipulation. Er war sachgerecht. Ich kann daher Ihre Beanstandung in keiner Weise unterstützen. Und ihre Bemerkung, der Beitrag sei «eine fragwürdige dümmliche Selbstdarstellung», ist einfach nur beleidigend.
Da Sie selber religiös-sozial denken, noch eine kurze Bemerkung aus dieser Optik: Leonhard Ragaz, der Begründer des religiösen Sozialismus, hat in Basel, Jena und Berlin studiert, in Graubünden und Basel gepredigt und in Zürich gelehrt. Er war ein Internationalist. Mein Lehrer Markus Mattmüller, der Biograph von Ragaz, war ein religiöser Sozialist, der jede Schweiztümelei ablehnte. Dies bedeutet aber nie und nimmer, dass beide nicht gleichzeitig überzeugte Eidgenossen waren.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
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