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Wie wirkt sich eine Währungsunion auf den Handel zwischen den Mitgliedsstaaten aus? Will man diese Frage beantworten, muss man zuerst die Gegenfrage stellen: Was ist der Effekt von Wechselkursen und deren Schwankungen auf den Handel, wenn es keine Währungsunion gibt? Darauf gibt die ökonomische Literatur zwei mögliche Antworten[1]:
Einerseits bedeuten Währungsunterschiede zwischen Ländern Transaktionskosten – entweder für den Exporteur (wenn ein Handelsgeschäft in der Währung des Importlandes geschlossen und abgewickelt wird) oder für den Importeur. Diese Transaktionskosten verhalten sich im Wesentlichen wie Transportkosten.
Andererseits beinhalten Währungsunterschiede zwischen zwei Ländern auch das Risiko, dass es in der Zeitspanne zwischen Abschluss des Handelsgeschäftes und der eigentlichen Bezahlung zu Wechselkursänderungen kommt. Dieses Risiko betrifft aber nur Währungsunterschiede, die nicht durch bestimmte Mechanismen wie Wechselkursbindungen oder -bänder beschränkt sind.
Im Vergleich dazu haben Währungsunionen hinsichtlich des Aussenhandels zwei Vorteile gegenüber sich frei bewegenden Wechselkursen: Sie eliminieren die Transaktionskosten und den Unsicherheitsfaktor. Beides sollte den Handel fördern.
Die Marktsituation ist entscheidend
In welchem Umfang diese theoretischen Vorteile wirken, hängt allerdings von der Marktsituation ab. Betrachten wir wiederum eine Situation ohne Währungsunion, dann kann eine unilaterale Aufwertung oder Abwertung zwei mögliche Effekte auf die Transaktionskosten haben:
Operieren die Unternehmen im vollkommenen Wettbewerb oder unter monopolistischer Konkurrenz und bei konstanter Preiselastizität der Nachfrage, so werden die Transaktionskosten vollständig auf die Konsumenten abgewälzt. Das ist etwa bei gewissen Rohstoffen der Fall. Dann hat eine einseitige Aufwertung einer Währung gegenüber allen anderen Währungen – analog zu einer unilateralen Transportkostenerhöhung – keinerlei Wirkung auf das Niveau oder die Struktur des Warenhandels in einem Land. Es kommt zu einer unmittelbaren und vollen Anpassung der Preise und der Einkommen im aufwertenden Land, die von einer realökonomisch bedeutungslosen Inflation (also einer simplen Skalierung aller Preise) nicht zu unterscheiden ist. Eine Währungsunion bietet in diesem Fall keinen zusätzlichen Vorteil hinsichtlich der Verhinderung von Transaktionskosten.
Anders ist es, wenn die Unternehmen in einem Umfeld des oligopolistischen Wettbewerbes oder in einer anderen Marktsituation mit variabler Preiselastizität der Nachfrage operieren. Dann werden die wechselkursbedingten Preisänderungen nicht im vollen Ausmass an die Konsumenten weitergegeben. Beispiele sind etwa der Schweizer Detailhandel oder die Automobilindustrie. Diese unvollständige Weitergabe nomineller Änderungen hat realwirtschaftliche Folgen. In der ökonomischen Literatur spricht man dann von einem sogenannten (imperfekten) Pass-through. Vergleicht man die Währungsunion mit einem solchen Umfeld, dann hat eine Währungsunion deutliche Vorteile.
Das Wechselkursrisiko entfällt
Neben diesen Transaktionskosteneffekten bestehen ohne Währungsunion allerdings auch Unsicherheiten über die Wechselkursentwicklung. Beispielsweise dann, wenn es zu unvorhergesehenen Wechselkursänderungen zwischen Geschäftsabschluss und Zahlung kommt, sodass private Haushalte und Unternehmen keine Chance haben, ihr optimales Konsumniveau der neuen Preissituation anzupassen.
Dies ist einerseits dann wichtig, wenn Wechselkursschocks nicht erwartungstreu vorhergesagt werden können; wenn also Unternehmen schlechte Prognosen über den langfristigen Trend von Wechselkursen haben – was ein eher unwahrscheinlicher Fall ist. Andererseits spielen unerwartete Wechselkursänderungen eine Rolle, wenn Unternehmen nicht risikoneutral sind – etwa bei Beschränkungen und Friktionen in anderen Märkten. Beispiele dafür sind Arbeitsmarktrestriktionen, welche eine Anpassung des Beschäftigungsniveaus oder der Löhne beschränken, oder Finanzierungsrestriktionen, welche die Anpassung von Schuldendiensten erschweren oder den Zugang zur Neuverschuldung beschränken. Da es in einer Währungsunion keine Wechselkursschocks gibt, existiert dort auch kein solches Risiko.
Geringe empirische Effekte
Als man anfing, die Effekte von Währungsunionen auf den Aussenhandel zu erforschen, mass man mittels Querschnitten von Länderpaaren nahezu unglaublich grosse, positive Effekte. Eine besonders einflussreiche Studie schätzt, dass zwei Länder, die eine gemeinsame Währung haben, ein dreimal so grosses Gesamthandelsvolumen haben wie zwei Länder mit flexiblem Wechselkurs.[2] Diese grossen Effekte wurden in nachfolgenden Arbeiten, die Querschnitts- und Zeitreiheninformationen verknüpften, zunehmend kleiner.[3] Selbst in Querschnittsdaten, aber noch mehr in Zeitreihendaten verschwanden diese positiven Effekte zunehmend, wenn stärkere kausale Anforderungen an die Schätzergebnisse gestellt wurden.[4] Dass der Wegfall des Währungsrisikos in einer Währungsunion aber gar keinen Effekt auf den Aussenhandel hat, scheint aus ökonomischer Sicht nicht glaubwürdig.
Doch inwiefern ist der Vergleich zwischen einer Währungsunion und einer Nichtunion, wie das in diesen wissenschaftlichen Studien jeweils gemacht wurde, überhaupt sinnvoll?[5] Immerhin gibt es viele Währungen, die zwar unterschiedlich, aber dennoch mehr oder weniger aneinander gebunden sind. Besonders eng ist die Bindung etwa bei festen Wechselkursbindungen (Pegs). Eine solche Bindung hatten etwa der österreichische Schilling und die deutsche Mark vor Einführung des Ecu im Jahr 1979. Etwas weniger stark fixiert ist der Wechselkurs bei Währungsbändern, wo Auf- und Abwertungen um wenige Prozent erlaubt sind. Da feste Wechselkursbindungen und -bänder also ebenfalls eine währungsbedingte relative Preisstabilität gewährleisten, fällt ein wesentlicher Vorteil der Währungsunion gegenüber solchen Nicht-Währungsunionen dahin.
Indirekte Effekte von Auf- und Abwertungen
Die bisher erwähnte Literatur betrachtete in erster Linie den direkten Effekt der wegfallenden Transaktionskosten. Doch neben den direkten gibt es auch indirekte Effekte auf den Aussenhandel. Die einzigen indirekten Effekte der Transaktionskosten sind die der Konsumentenpreisindizes. Das heisst: Wenn eine Währung gegenüber genau einer anderen Währung aufwertet, dann steigt die Wettbewerbsfähigkeit anderer (nicht aufwertender) Länder im Partnerland des aufwertenden Landes, sodass es zu Handelsumlenkungseffekten kommt. Wenn also Schweizer Produkte in Deutschland teurer werden, werden statt Schweizer Produkte vermehrt amerikanische Produkte in Deutschland nachgefragt.
In der jüngeren Fachliteratur werden weitere indirekte Effekte diskutiert: insbesondere im Hinblick auf die Überwälzung von Wechselkursauf- und -abwertungen auf die Preise. Diese Effekte müssen zusätzlich zu jenen der Transaktionskosten berücksichtigt werden. Tatsächlich konstatiert die neue Fachliteratur, dass selbst in recht kompetitiven Märkten Währungskursschwankungen einen relativ geringen Effekt auf die Preise international gehandelter Güter haben. Dies liegt zum einen daran, dass der Grossteil des internationalen Handels mit Waren von grossen Unternehmen getätigt wird, die sowohl wichtige Importeure als auch wichtige Exporteure sind, und sich die gegenläufigen Effekte der Wechselkursschwankungen für Import- und Exportpreise zu einem gewissen Grad ausbalancieren.[6] Zum anderen ist nur ein Teil der Waren auch tatsächlich in der heimischen Währung gesetzt, oftmals aber auch in der Währung des Handelspartners oder in der internationalen Leitwährung Dollar.[7] Dass es aber gerade darauf ankommt, in welcher Währung die Waren bepreist sind, hat die Aufwertung des Frankens im Zusammenhang mit der Aufhebung des Euromindestkurses im Jahr 2015 gezeigt.
Wechselkursschwankungen und die Schweiz
Die überraschende Aufwertung des Schweizer Frankens im Januar 2015 hat zu neuen Erkenntnissen beigetragen. Damals zeigte sich nämlich, dass die Wahl der Währung in internationalen Verträgen entscheidend dafür ist, in welchem Umfang die Abwälzung auf die Preise stattfindet.[8] Importe in die Schweiz etwa, die in Euro bepreist wurden, erlebten eine vollständige Preisanpassung und wurden sofort billiger. Hingegen wurden die Preise für Güter, die in Franken bepreist waren, nur teilweise angepasst – dort aber sehr schnell (innerhalb von nur zwölf Arbeitstagen). Auch bei den Konsumentenpreisen im Detailhandel sanken die Preise, und es wurden mehr Importgüter gekauft.[9] Das gilt auch für den Schweizer Export: In den Industrien, die ihre Exportpreise hauptsächlich in Schweizer Franken setzten, wurden die steigenden Preise weniger schnell an die ausländischen Konsumenten weitergegeben als in den Industrien, die ihre Preise in Euro setzten. Der dadurch entstandene Wettbewerbsnachteil führte zu niedrigerem Exportwachstum in den Schweizer Industrien, welche die Preise in Euro setzten.
Man kann also festhalten, dass der sogenannte Frankenschock realwirtschaftliche Auswirkungen hatte, die bei einem festen Wechselkurs oder gar einer Währungsunion nicht vorgekommen wären. Die Auswirkungen variieren allerdings zwischen den Industrien und Firmen, und sie sind tendenziell schwächer, als man allgemein vermuten würde. Die ökonomische Literatur hat gezeigt, dass die Grösse des Effekts unter anderem von der Wettbewerbssituation der Branche, der Wahl der Währung in internationalen Verträgen und auch von der Importkostenstruktur der Firmen abhängt.
Während eine Währungsunion also auf der einen Seite gewisse Vorteile für den internationalen Handel schafft, müssen die Mitgliedsländer auf der anderen Seite ihre Währungssouveränität aufgeben. Die wirtschaftlichen und politischen Kosten dieses Schrittes sind weniger im Aussenhandel zu suchen als vielmehr in der Möglichkeit, individuell Geldpolitik zu betreiben.
- Alesina und Barro (2001).
- Rose (2000).
- Siehe Glick und Rose (2002).
- Siehe Persson (2001); Glick und Rose (2016).
- Egger (2008).
- Siehe Amiti, Itskhoki und Konings (2014).
- Auer, Burstein und Lein (2018).
- Bonadio, Fischer und Sauré (2019).
- Auer et al. (2019).