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Bevor ich für zwei Monate als Beobachterin nach Chiapas in Mexiko ging, war ich schon nervös. Schliesslich ist die Provinz seit Jahren Schauplatz von Unruhen. Die Bevölkerung kämpft für mehr Rechte, es hat viel Militär dort. Die internationalen Beobachter versuchen mit ihrer Präsenz, Übergriffe der Truppen zu verhindern. Als ich dann in dem kleinen Indio-Dorf nahe der Grenze zu Guatemala ankam, fühlte ich mich jedoch gefasst und ruhig. Ich ging jeden Tag für ein paar Stunden der nahen Überlandstrasse entlang und beobachtete die Truppenbewegungen.
Hingereist war ich zusammen mit einem 25-jährigen Mann aus Zürich. Er hatte mich vorher angerufen und gefragt, ob wir nicht miteinander reisen wollten. Ich selber hätte mich nicht getraut, ihn anzufragen – ich fürchtete, er denkt: «Die Alte schafft es nicht allein, jetzt will sie sich auf mich abstützen.» Seine Anfrage freute mich aber; ich sagte sofort zu, und wir hatten es gut zusammen. Heute sind wir Freunde.
Fremde Kulturen hautnah erleben
Ich bin jetzt 71 Jahre alt. Von meinen gleichaltrigen Bekannten sterben immer mehr weg – da muss man rechtzeitig darauf achten, dass man nicht vereinsamt. Für alte Menschen ist es wichtig, jüngere Menschen kennen zu lernen. An einer Klassenzusammenkunft wurde ich einmal gefragt: «Warum machst du solche Auslandseinsätze?» Ich habe geantwortet: «Weil ich auf diese Weise neue Freunde finde.» Jemand hat geantwortet: «Ich habe doch meine bisherigen Freunde, ich will gar keine neuen mehr.» Das ist eine Einstellung, die ich nie verstehen werde.
Ich bin jedes Jahr ein paar Wochen im Ausland, in Lagern mit Teilnehmenden aus vielen verschiedenen Ländern. In Afrika war ich insgesamt viermal. In Nigeria baute ich zusammen mit anderen freiwilligen Helfern Lehmhäuser; veranstaltet wurde der Arbeitseinsatz von einer Kirche. Mit dem Leiter, einem jungen Schweizer Theologen, und seiner Frau bin ich heute noch befreundet. Ich hüte regelmässig ihren kleinen Sohn. 1999 war ich mit dem Internationalen Zivildienst in Bulgarien und half mit, ein Naturschutzgebiet von Abfall zu säubern. Letzten Sommer war ich in der Türkei, in einem kleinen Dorf, elf Busstunden von Istanbul entfernt. Die dortigen Kleinbauern, ehemalige Nomaden, leben vom Obstbau.
Mir ist es wichtig, während eines Auslandsaufenthalts nicht bloss «den Rahm von der Milch zu schöpfen», wie man hier in Bern sagt, sondern das Leben im Gastland in seiner ganzen Bandbreite kennen zu lernen. Ich esse, was die Einheimischen jeden Tag essen. Ich schlafe nicht in einem weichen Hotelbett, sondern in Hütten oder Schulhäusern. Bei der Wahl des Einsatzes achte ich aber darauf, dass ich nicht im Zelt übernachten muss; das ist mir mittlerweile doch zu beschwerlich geworden.
Bei meinen Aufenthalten gewinne ich intensive Eindrücke, schöne und andere. Die Kindersterblichkeit in Afrika hat mich tief erschüttert; das ist wirklich schrecklich. In der Türkei erlebte ich an einem Hochzeitsfest, wie alte Bräuche unter neuen Einflüssen zu zerbröckeln beginnen: Am einen Ende des kleinen Dorfs tanzten die Männer, am andern die Frauen – so wie es die Tradition will. Sie taten dies aber nicht mehr zu einheimischer Musik, sondern zu Discosound. An der Art ihrer Bewegungen konnte man sehen, wie fremd und unvertraut ihnen diese Musik war. Das stimmte mich schon sehr nachdenklich. Dann gibt es jeweils aber auch viele wunderschöne Erlebnisse: Die Gastfreundschaft etwa ist in vielen der Länder, die ich besucht habe, so viel grösser als in der Schweiz.
Zurück ins Haus der Kindheit
Wie es anderswo zu und her geht, hat mich schon immer interessiert. Als frisch gebackene Lehrerin ging ich gleich nach Kriegsende für zwei Jahre nach Paris und unterrichtete in einem Heim für schwer erziehbare Mädchen. Wieder zurück in der Schweiz, erfuhr ich, dass die Schweizerschule in Rom dringend eine Lehrerin suchte. Ich sagte mir: «Warum nicht?» Und fuhr für ein Jahr nach Rom. Dann wurde ich sesshaft. Ich heiratete, bekam drei Kinder und adoptierte ein viertes – ein Mädchen aus Vietnam. Seit meiner Scheidung lebe ich wieder allein. Nach dem Tod meiner Mutter zügelte ich zurück ins Haus meiner Kindheit. Ich finde es schön, in einer Umgebung zu leben, die für mich voller Erinnerungen und Geschichten ist.
Als meine Kinder gross waren, wollte ich eigentlich wieder in den Beruf einsteigen. Aber ich wurde nirgends mehr fest angestellt – ich sei zu alt, wurde mir mehr oder weniger direkt gesagt. Ich machte Aushilfen oder bekam hin und wieder mal eine Viertelsstelle als Lehrerin. Mehr nicht, obwohl ich mich weiterbildete und, als ich zwischen 48 und 58 war, noch vier Sprachdiplome machte. Das schmerzte schon.
Nicht die Besserwisserin spielen
Das Gefühl, nützlich zu sein, schätze ich an den Arbeitseinsätzen sehr. Ich denke, davon könnten auch viele Frühpensionierte profitieren. Trotzdem muss sich jeder gut überlegen, ob ein solcher Einsatz für ihn sinnvoll ist. Man muss körperlich und psychisch «zwäg» sein. Wichtig ist, dass man sich den Aufenthalt in einem fremden Land mit anderen hygienischen Verhältnissen wirklich zutraut. Da bei den meisten Einsätzen Englisch gesprochen wird, sind gute Sprachkenntnisse ebenfalls eine wichtige Voraussetzung. Und dann muss man sich bis zu einem gewissen Grad in eine Gruppe junger Leute einfügen können.
Ich achte jeweils sehr darauf, dass ich nicht in die Rolle derjenigen gerate, die alles besser weiss – da muss ich mich manchmal schon zurückhalten. Als ich vorletzten Sommer in Bulgarien miterlebte, wie drei junge Japanerinnen Spaghetti machten und diese, da sie sie viel zu früh gekocht hatten, kalt auftischen wollten, konnte ich allerdings nicht tatenlos zusehen. Ich habe den drei Frauen vorgeschlagen, die Spaghetti mit der Sauce zu vermischen und mit ihr aufzuwärmen. Dass ich mich einmischte, nervte sie zuerst ziemlich, das merkte ich schon. Dann aber machten sie mit, und es kam gut heraus. Man muss in solchen Momenten wirklich sehr aufpassen.
Weil ich das tue, komme ich sehr gut mit den jungen Leuten zurecht. Und habe viele wunderschöne Erinnerungen. In Bulgarien zum Beispiel gab es in der Nähe unserer Unterkunft eine warme Quelle mit einem kleinen Teich. Abends, vor dem Zubettgehen, schlüpften wir jeweils in unsere Badeanzüge, setzten uns ins Wasser und schauten gemeinsam zum riesigen Sternenhimmel hinauf. Den Zauber dieser Augenblicke werde ich nie vergessen.