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Im Blickpunkt …
Wohin sollte die Reise gehen? Liestal und dann?
Die Stadt schien Klaus wie in Rot. Er sah sie in einem bedrohlichen Feuerschein. Ein Abendrot kann recht eindrücklich sein, aber doch nicht bedrohlich erscheinend. Strassenlaternen gab es damals noch lange nicht. Also was war die Ursache für dieses Rot? Anzunehmen ist darum, dass als heidnisches Überbleibsel das Julfest in jener Gegend begangen wurde. Bei hereingebrochener Nacht werden Räder, mit Stroh gestopft, angezündet, dann lässt man sie Abhänge hinunterrollen. Wenn das viele Feuer-Räder sind, kann das rote Licht schon eine grössere Umgebung erhellen , und es ist Bewegung drin. Von weitem für Fremde irgendwie bedrohlich, wie ein Ort der Hölle. Das germanische Julfest wurde jeweils zur Wintersonnenwende, in der Nacht vom 21. zum 22. Dezember gefeiert. Wäre das exakt auch 1467 in der Umgebung von Liestal so gewesen? Genau an diesem Datum? Nun, 1467 war die Sonnenwende als astronomisches Ereignis nicht am 21. Dezember. Der Kalender stimmte nicht mehr und wurde erst 100 Jahre später korrigiert (Gregorianische Kalenderreform 1582, Abweichung 10 Tage). Im 15. Jahrhundert betrug die Abweichung neun Tage. Die Wintersonnenwende war also 1467 am 12. Dezember. Hielt man sich in Liestal an den Kalender oder an die astronomischen Verhältnisse?
Feuer erscheint dem menschlichen Auge immer in Verbindung mit der Farbe Rot. Rot ist psychologisch wie ein Signal: Halt, eine Bedrohung, eine Gefahr voraus. Das schlimmste Rot, so stellte man sich es vor, war das Höllenfeuer. Ein Gang in die Hölle? Lieber nicht! Für Klaus war es nun das Signal: Es geht nicht weiter, du musst umkehren oder einen anderen Weg suchen. Klaus verbrachte die Nacht im freien Feld und kehrte am folgenden Tage um. Am 13. oder 22. Dezemember 1467? – Zu Hause, an der Melchaa, sollte er sich niederlassen. Kam er von selbst darauf, oder muss der Erzähler (Erny Rohrer im Sachsler Kirchenbuch, Quelle 053 und Heinrich Wölflin, Quelle 072) wie im Theater eine weitere Rolle bemühen, in der Gestalt eines Berufskollegen: Er solle doch wieder nach Hause gehen und dort Gott dienen. Gott müsse dies auch besser gefallen, als wenn er fremden Leuten zur Last falle. Im Normalfall hätte der einheimische Bauer wohl recht gehabt. Doch Klausens Gedankenwelt war eine andere. Das Argument hatte da keine Bedeutung, denn Klaus ass ja nichts mehr und eine Lagerstätte für die Nacht hätte er immer finden können. Er wäre also niemandem zur Last gefallen. Wölflin bringt dieses Argument in seiner Schilderung auch nicht. Auch als Flüchtling aus der Innerschweiz wäre er wohl kaum feindlich aufgefallen. Pilger kamen ja aus allen Ecken der damaligen Welt. Das Smalltalk wäre den Schilderungen gemäss schon etwas seltsam gewesen, nicht ernst zu nehmen. Man hätte auch den Kopf schütteln können, ob dieser Worte des mürrischen Bauern im Jura. Doch das Höllenfeuer, das hatte schon eine entscheidende Wirkung auf Klaus. Er konnte ja das tatsächliche Geschehen aus der Ferne nicht erkennen, er sah die Feuerräder nicht selbst.
Am 16. Oktober 1467 – am «Galletag» wie man in «San-Galle» sagt – verliess Klaus von Flüe seine Familie, seinen Hof, seine Heimat in Unterwalden ob dem Wald. Er ging weg in der Absicht, auf eine Pilgerreise zu gehen. Wohin? Darüber gibt keine Quelle Auskunft. Dass der Abschied endgültig gewesen sein soll, steht auch nirgends in einer Quelle. Einige Pilger kehrten wieder zurück, andere kamen in der Fremde um oder blieben dort in einer neuen Existenz. Auf eine Pilgerreise zu gehen, war in jener Zeit eigentlich nichts Aussergewöhnliches. Aber wohin?
Weil wir in den Quellen das Städtchen Liestal am Juranordfuss finden, wissen wir, dass er ziemlich sicher durch die Klus bei Balsthal auf der alten Römerstrasse über den Oberen Hauenstein nach Waldenburg gelangte und dann weiter das Tal hinunter bis in Sichtweite von Liestal. Vorher musste er wohl der Aare entlang ein grösseres Stück hinab gewandert sein. Vielleicht war er in Solothurn (Urs und Viktor, Verena-Einsiedelei). Der weitherum bedeutenste Marienwallfahrtort war in jener Zeit Büren an der Aare (Gundelfingen, Quelle 052), bei Grenchen. Dann könnte es sogar sein, dass er davor noch in Bern in St. Vinzenz weilte, Wallfahrtsort mit dem Schädel des Vinzenz von Zaragossa (auch V. «von Valencia» genannt), unweit vom Palais Bubenberg, wo er wohl auch seinen Freund Adrian besucht hätte. Auf dem Weg nach Bern hätte er auch in den Beatushöhlen einen Zwischenhalt gemacht. Denn wenn ein Obwaldner damals in die Welt hinauszog, ging er nicht zuerst nach Luzern sondern zum Brünig hinauf.
Aber wohin hätte die Reise nach der Überquerung des Juras gehen sollen? Darüber können wir nur spekulieren. Hauptthema von Klausens Spiritualität war das «Leiden Gottes» (vgl. Quelle 031). Zudem ist bei ihm weniger die «Dreifaltigkeit» Gottes (exzentrisches Auseinanderfalten, Quelle 048) von Bedeutung, sondern die «Dreinigkeit» (triplex unitas = trinitas), ganz entsprechend den neuen Dogmen des Konzils von Florenz (1442). Die drei Personen Gottes sind nicht – fälschlicherweise – vorstellbar als drei Götter, als drei Wesen, sondern als nur einen einzigen Gott. – Dann wären im Norden Walffahrtsorte wichtig, die mit der Passion Jesu zusammenhängen, wo diesbezüglich Reliquien aufbewahrt werden. Zu nennen ist da vor allem eine Stadt: Trier. Hier werden der Heilige Rock und ein Nagel der Kreuzigung. Im Saarland befindet sich zudem der Wahhfahlrtsort St. Wendel. Wendelin war und ist ein bedeutender Patron der Bauern in der Innerschweiz. – Wollte Klaus danach nach Süden gehen? Aber wohin dann? Die heilige Mirjam non Migdal (Maria Magdalena) ist eine Patronin seiner späteren Kapelle im Ranft, ihre Wallfahrtsstätten befindet sich in der Provence: Vézelay und Saint-Maximin-la-Sainte-Baume (Quelle 009). Sie war eine der drei Marien, die Jesus auf seinem Kreuzweg begleiteten, bis zur Kreuzabnahme und Grablegung. Am Ostermorgen war sie die erste Zeugin der Unsterblichkeit der menschgewordenen Liebe Gottes. Sie sah Jesus und berichtete es den Aposteln und Jüngern Jesu. Doch diese glaubten ihr nicht (Mk16,9–11).
Im 15. Jahrhundert war ein bedeutender Walffahrtsort in der damaligen Welt Santiago de Compostela (Apostel Jakobus der Ältere). Noch wichtiger war aber Rom, nicht nur wegen der Apostel Petrus und Paulus. Eine Kirche in Rom war eben thematisch höchst bedeutend für Klaus: «Santa Croce in Gerusalemme». Hier befanden sich viele Reliquien der Passion Jesu, sogar ein Bruchstück der Inschrifttafel über dem Kreuz usw.
Klaus, der Pilger, lebt in einem Spannungsbogen zwischen aussen und innen. Er wird schliesslich eines Besseren belehrt: Das Leiden Gottes ist nicht an die Orten da draussen mit den angeblichen Reliquien der Passion Jesu, sondern innen, in seinem Herzen. Äusserlich kann er überall sein, doch innen muss und will er den leidenden Gott aufheben und tragen (Dankesvision, Quelle 068). So erhält Klaus bei aller äusseren Dramatik innen ein starkes Gefühl und die Gewissheit, auf dem richtigen Weg zu sein. Geduld und Dankbarkeit sind dann wahrlich Balsam für die Seele, um in all den Spannungen des irdischen Daseins bestehen zu können.
Als Klaus noch im Haus der Familie im Schübelacker wohnte und Nachts jeweils das Leiden Gottes betrachtete, hatte er Visionen (Quelle 068). In einer von ihnen erlebte er einen tosenden Brunnen. Gott ist dieser Brunnen. Gott ist die Quelle der Macht, die Quelle der Weisheit, der Liebe und des Friedens. Es ist anzunehmen, dass diese Brunnenvision in Klausens Imagination immer wiederkehrte.
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