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Versorgungskrise in der Schweiz während
des Ersten Weltkrieges
1. Situation vor und während des Ersten Weltkrieges
Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich die schweizerische Landwirtschaft
auf die Bedürfnisse des Weltmarktes ausgerichtet. Es kam zu einer
starken Ausrichtung der landwirtschaftlichen Produktion auf die Milch-
und die exportorientierte Käseproduktion. Dadurch war die Schweiz
zunehmend auf Futtermittel- und Getreideimporte aus dem Ausland angewiesen.
Aus dem "gelben" ackerbautreibenden Land wurde am Ende des 19. Jahrhunderts
eine "grüne" Schweiz.
Durch den Ersten Weltkrieg wurde aber das internationale Handelssystem
gestört. Für die Schweiz stellte sich das Problem der Versorgung
mit Brotgetreide und Mehl. Seit der Jahrhundertwende waren Australien,
Argentinien, Russland, Kanada und die USA die Hauptexporteure für
Getreide. Für die Schweiz war bereits vor dem Krieg die USA das Hauptbezugsland
von Weizen; während des Ersten Weltkrieges kamen sogar bis zu 99 Prozent
der Weizenzufuhr aus den Vereinigten Staaten. Die weltweiten Missernten
1916 und 1917 führten zu einer Verknappung und stark steigenden Getreidepreisen.
Daher mussten am 1. Oktober 1917 Brot und Mehl rationiert werden.
Ähnliche
Versorgungsschwierigkeiten wie beim Brotgetreide gab es ab 1917 auch bei
Butter, Käse, Milch, Fett, Reis, Mais, Zucker, Hafer, Gerste, Kartoffeln
und Fleisch. Das Rationierungssystem kam auf drei Ebenen zur Anwendung:
kommunal, kantonal und eidgenössisch. Die Gemeindebehörden, welche
die Hauptarbeit bei der Verteilung zu leisten hatten, waren von der Vielfalt
des Systems überfordert. Da die Versorgungspolitik jedoch von Kanton
zu Kanton unterschiedlich gehandhabt wurde, waren die Rationen für
die Bevölkerung unterschiedlich hoch.
Dazu kam das stete Ansteigen
der Preise bei gleichbleibenden Löhnen. Dies ergab soziale Spannungen
und schwelende Unzufriedenheit, einer der Gründe, die schliesslich
im November 1918 zum Generalstreik führten.
Mängel, Ungereimtheiten und Improvisationen waren aber nicht nur
für die schweizerische Kriegswirtschaft charakteristisch. Kaum ein
politisches System zeigte sich den Problemen der Zeit gewachsen: Der Anstieg
des Nahrungsmittelbedarfes bei sinkender Produktion infolge Arbeitskräftemangels,
fehlender Düngemittel, Kriegswirren und mangelnder Zufuhren führte
in den meisten Ländern zu einer problematischen bis katastrophalen
Ernährungslage in der zweiten Kriegshälfte. Der Hungerwinter
1917/1918 wurde in Deutschland und auch in der Schweiz zu einem zentralen
Element im Bewusstsein breiter Kreise der Bevölkerung.
2. Auswirkungen auf die schweizerische Agrarpolitik
Als die Versorgungssituation nach der überstandenen Krise wieder
besser wurde, verlangten die Bauern Massnahmen gegen die Auswirkungen des
Preisabbaus. Eine wichtige Ursache für die auch im Agrarsektor schon
im ersten Nachkriegsjahr einsetzenden Preisrückgänge waren die
wieder zunehmenden Nahrungsmittelimporte. Nach mehreren Interventionen
bäuerlicher Vertreter ermächtigte die Bundesversammlung anfangs
Februar 1921 den Bundesrat, die Einfuhr landwirtschaftlicher Güter
zeitweilig einzuschränken. Diese vorerst befristete Massnahme wurde
bis Ende 1926 mehrmals verlängert. Zur Beeinflussung der Preise wurde
neben den Einfuhrbeschränkungen auch die Zollpolitik angewendet.
"Die politische Polemik der 1920er Jahre um die Zollbelastung der Lebensmittel
hat nicht wenige Historiker dazu verleitet, dem Zollschutz für die
Landwirtschaft einen Stellenwert beizumessen, der in keinem Verhältnis
zu den protektionistischen Massnahmen der Wirtschaft insgesamt stand und
ihr Ausmass für die Landwirtschaft masslos überbewertete."
Auch auf dem Milchsektor wurde der Einfluss des Staates immer grösser.
Schon beim Preiseinbruch 1922 war der Bund mit einem einmaligen Zuschuss
in die Lücke gesprungen, und ab 1927 bedurfte der Milchmarkt ständiger
staatlicher Unterstützung. Die immer höheren Subventionen hatten
einen doppelten sozialpolitischen Aspekt: gegenüber den notleidenden
Kleinbauern und gegenüber den weniger bemittelten Konsumenten. Aber
das grosse Überangebot an Butter und Käse machte im Frühjahr
1930 jegliche Hoffnung auf eine Erholung des Preises zunichte. Die Landesregierung
beschloss deshalb im Juni 1930, den Milchpreis mit zusätzlichen Bundesmitteln
zu stützen. Die zusätzlichen Gelder reichten jedoch nur für
kurze Zeit. Im Bundeshaus erkannte man nun, dass die Bauern begonnen hatten,
ihre Produktion wo immer möglich auszudehnen, um die sinkenden Preise
durch einen Ausbau der Menge zu kompensieren. Mit einem massiven Eingriff
in die Produktionsfreiheit versuchte der Bund, diese Entwicklung in den
Griff zu bekommen.
Der Bund beschloss im Februar 1932 eine Kontingentierung
und weitgehende Monopolisierung des Butterimportes. Im Jahre 1933 wurde
auch die Milchkontingentierung eingeführt, die von 1936 bis 1938 vorübergehend
wieder aufgehoben wurde. Die insgesamt improvisiert wirkende Preispolitik,
die mehr indirekte Preisbeeinflussung über die Organisationen als
direkte Preisfestsetzung war, verschlang in den 30er Jahren beträchtliche,
bis 1935 sprunghaft wachsende Mittel. Zitat Bundesrat Hermann Obrecht hinsichtlich
einer neuen Agrarpolitik: "Die ewige Subventionspolitik, die einem Schiff
ohne Kompass gleicht, muss abgelöst werden durch eine Landwirtschaftspolitik
auf lange Sicht."
2.1. Die neue Agrarpolitik von 1938
Das Ziel, die Produktion vermehrt zu lenken, lag dem Postulat von Nationalrat
Roman Abt zugrunde, mit dem er 1938 eine Expertenkommission forderte, welche
den systematischen Aufbau einer neuzeitlichen schweizerischen Agrarpolitik
studieren sollte. Zur Reduktion der bisher benötigten Importe von
Ackerbauprodukten sollten die Bauern mehr Boden unter den Pflug nehmen.
Abt plädierte für eine Systemänderung (Zitat): "Der Bauer
soll durch kostendeckende Preise zu einer Produktionsumstellung bewogen
werden, im andern Fall zwingen wir ihn eben dazu." So hoffte man gleichzeitig
auch die Viehwirtschaft eindämmen zu können, welche die immer
defizitärer werdenden Käseexporte belastete. Erreicht werden
sollte dieses Ziel mit einer rigorosen staatlichen Produktionslenkung,
die das Ausmass der Betriebsumstellungen bis auf den einzelnen Betrieb
festlegte. Als Gegenleistung für diesen massiven Eingriff räume
das "Schweizervolk der Landwirtschaft das Recht auf Arbeit ein", versprach
Wahlen den mehr als skeptischen Bauern.
Inhaltlich sah der Bundesbeschluss über die Förderung des
Ackerbaues vom 6. April 1939 folgende Massnahmen vor: der Bund gewährleistet
Preis- und Absatzsicherungen für Ackerbaufrüchte, er kann Anbauprämien
für Futtergetreide bewilligen, er schafft Voraussetzungen für
den erleichterten Kauf von Maschinen, er fördert die Pferdezucht.
Damit kam die Bereitschaft zum Ausdruck, mit preis- und subventionspolitischen
Massnahmen zu einer vielseitigen Landwirtschaft zurückzukehren. Der
erleichterte Kauf von Maschinen sollte Gewähr dafür bieten, dass
der Ackerbau durch Einsatz moderner Mittel konkurrenzfähig sein konnte.
Die Umsetzung der neuen Agrarpolitik wäre aber ohne den Ausbruch
des Zweiten Weltkrieges in der Bauernschaft kaum so reibungslos erfolgt.
Denn im Frieden wäre die neue Agrarpolitik kaum auf freiwilligem Weg
durchsetzbar gewesen.
Der Zweite Weltkrieg traf die Schweiz nicht mehr
so unerwartet wie der Erste. Die Inlandproduktion war in der Zwischenkriegszeit
gesteigert worden und etwas weniger einseitig. So standen 1939 36% mehr
Fleisch, 49% mehr Brotgetreide und 63% mehr Kartoffeln zur Verfügung
als 1914 bei einer nur 13% grösseren Bevölkerung. Zudem waren
die angelegten Vorratslager grösser.
Im November 1940 forderte
Friedrich T. Wahlen die Erhöhung der offenen Ackerbaufläche im
schlimmsten Fall auf 500'000 ha. Die Ackerbaufläche wurde schrittweise
ausgebaut, dieser Plan stiess aber ab 1943 zunehmend auf Widerstand von
Bauern und Industrieseite: Die Ackerbaufläche stagnierte bei 350'000
ha. Es war die Kombination von gesteigerter Produktion, Rationierung, Vorratshaltung
und einem beträchtlichen, bis zum Schluss wichtigen Import mit einer
zwangsweise und umfassend veränderten Ernährung, welche die Schweizer
Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg vor dem Hunger bewahrt hat.
Absprachen während der Kriegszeit führten zum Landwirtschaftsgesetz
von 1951. Das vom Parlament fast oppositionslos verabschiedete und von
den stimmberechtigten Männern in der Referendumsabstimmung vom 30.
März 1952 knapp gutgeheissene "Bundesgesetz über die Förderung
der Landwirtschaft und die Erhaltung des Bauernstandes" war im wesentlichen
eine Konkretisierung der 1938 vom Parlament in Anspruch genommenen und
seit 1947 auch in der Verfassung verankerten Bundeskompetenz zur Produktionslenkung
und zur Einkommenssicherung über staatliche Preisgestaltung.
3. Exkurs: Agrarpolitik in Deutschland
1885 bis 1913 stiegen die Hektarerträge der vier wichtigsten Getreidesorten,
wurde die Getreideanbaufläche um 700'000 ha erhöht, was eine
Mehrproduktion von 8 Millionen Tonnen zur Folge hatte. 80 Prozent des Bedarfs
an Nahrungsmitteln wurden durch die Inlandserzeugung gedeckt, die fehlenden
20 Prozent durch Importe. Hauptsächlich waren das Futter- und Düngemittel.
Die britische Blockade ab November 1914 bewirkte das abrupte Ende aller
überseeischen Importe und erzwang weitgehende Autarkie der deutschen
Wirtschaft auf dem Gebiet der Ernährung.
Doch diese konnte nicht
erreicht werden, denn die agrarwirtschaftliche Abhängigkeit Deutschlands
vom Weltmarkt im Bereich von Futtergetreide, Kraftfutter und landwirtschaftlichen
Veredelungsprodukten wog zu schwer.
Die Hungerkatastrophe in Deutschland während der zweiten Hälfte
des Weltkriegs ist unbestritten eine der nachhaltigsten Erfahrungen aus
dem nichtmilitärischen Bereich. Wegen dieser Erfahrung musste die
Agrarpolitik der NS-Regierung ab 1933 bei der Planung eines Revanchekrieges
eine zentrale Rolle spielen. Ziel der Nationalsozialisten war es, die Abhängigkeit
Deutschlands vom Weltmarkt durch eine Intensivierung und Rationalisierung
der Landwirtschaft soweit wie möglich zu mindern. Zudem sollte der
Anbau von Futtermitteln gefördert werden.
4. Fazit
Bei diesen kurzen Ausführungen werden die Parallelen zwischen Deutschland
und der Schweiz deutlich. Beide mussten im Ersten Weltkrieg mit Nahrungsmittelknappheit
kämpfen, die in Deutschland als kriegsführender Staat schwerer
wog. In der Zwischenkriegszeit wollten sich beide Staaten von der Abhängigkeit
des Weltmarktes lösen und die Produktion im eigenen Land fördern.
5. Thesen
a) Heute sind wir wieder sehr stark vom Weltmarkt abhängig. Kommt
es wieder zu einer globalen Krise, dann werden wir mit denselben Versorgungsengpässen
konfrontiert wie im Ersten Weltkrieg.
b) Die Schweizer Bauern waren die Kriegsgewinner im Ersten Weltkrieg.
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Autor: Philipp Muntwiler