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Auf William Hogarths Holzschnitt «The Enraged Musician» von 1741 wird eine Straßenszene im notorisch lärmigen London gezeigt. Aus einem geöffneten Fenster lehnt ein höfisch gekleideter Geiger, der sich mit beiden Händen die Ohren zuhält, offensichtlich gegen den von außen eindringenden Lärm protestierend. Dieser Lärm ist außerordentlich vielgestaltig: Ein Scherenschleifer geht seinem kreischenden Handwerk nach, ein «dustman» läutet seine Glocke, ‹begleitet› von einem Trommler und einem Oboisten, während der ankommende Postreiter in sein Horn stößt. Unterdessen versucht eine Mutter, ihr brüllendes Baby durch Gesang zu beruhigen. Inmitten dieses akustischen Chaos steht, herausgehoben durch seine fast schon übernatürliche Größe und seine weiße Schürze, ein Milchmädchen.
Hogarths Darstellung verdeutlicht zunächst Marshall McLuhans Einsicht, dass der Inhalt eines Mediums immer ein anderes Medium ist. Er inszeniert eine intermediale Situation auf mehreren Ebenen: Zunächst setzt es das akustische Medium Klang als Bild um und macht so klar, dass verklungene Umwelten nur über einen Medienwechsel speicherbar und damit als historische Quellen nutzbar sind. Das Medium Bild verdichtet das naturgemäß sequentielle Klangereignis zu einem simultanen Erfahrungsraum. Die totale klangliche Gleichzeitigkeit, die Hogarth repräsentieren möchte, wird durch das Arrangement der verschiedenen Klangquellen im begrenzten Raum des Bildrahmens vor Augen geführt, wo ein Vor-Ohren-Führen nicht mehr möglich ist.
Auf der inhaltlichen Ebene wird gezeigt, dass Klang in der vormodernen Anwesenheitsgesellschaft ein Medium zur Darstellung und Austragung sozialer Konflikte war. Die Londoner soundscape des 18. Jahrhunderts wird als ein Raum unterschiedlicher akustischer Legitimitäten vorgeführt. Der etablierte Kontrast von klanglich stark reguliertem Innenraum und der außer Kontrolle geratenen Klanglandschaft der Straße wird durch das friedlich dastehende Milchmädchen, das den Ruhepol zwischen beiden Szenen verkörpert, kontrapunktiert. Es hält zu beiden Extremen, d.h. zu der sich selbst als einzig legitim begreifenden Kunstmusik des Geigers ebenso wie zum für illegitim erklärten Sound der Strasse gleichermaßen Distanz und relativiert dadurch den Anspruch des enraged musician auf alleinige Klanghoheit. Lärm wird in Hogarths Bild also zu einer relativen Größe, der seine Qualität als Lärm einzig durch die Beziehungen zwischen den akustischen Akteuren gewinnt. Diese sozialen Beziehungen sind sowohl hierarchisch strukturiert als auch moralisch aufgeladen. Hogarth führt vor Augen, dass Klang nicht nur ein akustisches Ereignis ist, sondern auch und vor allem ein Medium sozialer Konstellationen. Aus diesem resultiert eine historisch variable Legitimitätszuweisung, welche Lärm erst zum Lärm macht. Klänge werden so zum Medium politisch-sozialer Ordnung und müssen als solche analysiert werden.