Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03576.jsonl.gz/2804

1. KAPITEL
Anastasia
»Noch mal, Anastasia!«
Wenn ich die Wörter »noch mal« und »Anastasia« auch nur ein einziges weiteres Mal zusammen in einem Satz höre, könnte das der Moment sein, in dem ich endgültig ausflippe.
Ich stehe kurz vorm Nervenzusammenbruch, seit ich heute Morgen mit einem Kater aus der Hölle aufgewacht bin, und mehr Druck von unserer Trainerin Aubrey Brady kann ich gerade überhaupt nicht brauchen.
Ich konzentriere mich darauf, meinen Ärger hinunterzuschlucken, wie ich das in jeder Trainingseinheit tue, in der sie es sich zur Aufgabe macht, mich an meine Grenzen zu bringen. Ich sehe ein, dass es ihre Hingabe ist, die sie zu einer derart erfolgreichen Trainerin macht, und komme zu dem Schluss, dass der Wunsch, ihr meine Schlittschuhe an den Kopf zu werfen, nur in meiner Fantasie ausgelebt werden darf.
»Du schluderst, Stas«, brüllt sie, als wir an ihr vorbeifliegen. »Schludrige Mädchen bekommen keine Medaillen!«
Wie war das mit dem Nicht-Werfen meiner Schlittschuhe?
»Komm schon, Anastasia. Streng dich endlich mal ein bisschen an.« Aaron kichert, und als ich ihm einen vernichtenden Blick zuwerfe, streckt er mir die Zunge heraus.
Aaron Carlisle ist der beste Eiskunstläufer, den die University of California, Maple Hills, zu bieten hat. Als ich einen Platz an der UCMH bekommen habe, mein Partner aber nicht angenommen wurde, war Aaron glücklicherweise in derselben Lage, und so wurden wir zusammengetan. Dies ist das dritte Jahr, dass wir gemeinsam Eiskunstlaufen praktizieren und getriezt werden.
Ich habe die Theorie, dass Aubrey eine sowjetische Spionin ist. Beweise habe ich keine, und meine Theorie ist auch nicht sonderlich ausgereift. Eigentlich überhaupt nicht ausgereift. Aber manchmal, wenn sie mich anschreit, ich solle den Rücken gerade halten oder das Kinn anheben, könnte ich schwören, dass ein leichter russischer Akzent durchklingt.
Was seltsam ist für eine Frau aus Philipsburg, Montana.
Genossin Brady war in ihren Hochzeiten ein Eislaufsuperstar. Noch jetzt bewegt sie sich graziös und beherrscht und mit so viel Anmut, dass man ihr solch eine laute Stimme kaum zutraut.
Ihr ergrauendes Haar ist immer zu einem strengen Knoten zurückgebunden, was ihre hohen Wangenknochen betont, und sie trägt immer ihren stets gleichen schwarzen Mantel aus Kunstfell. Aaron macht gern Witze darüber, dass sie darin alle ihre Geheimnisse versteckt.
Es heißt, dass sie gemeinsam mit ihrem Partner Wyatt zu den Olympischen Spielen gehen sollte. Allerdings hatten Wyatt und Aubrey diese Lifts ein bisschen zu oft geübt, und am Ende hat sie ein Baby bekommen, statt einer Medaille.
Das ist der Grund, wieso sie schlechte Laune hat, seit sie vor fünfundzwanzig Jahren als Trainerin begann.
»Clair de lune« verklingt, und Aaron und ich beenden unsere Kür Nase an Nase und mit bebender Brust nach Luft schnappend. Als wir sie schließlich einmal in die Hände klatschen hören, trennen wir uns und gleiten zum Rand, wo zweifellos die Quelle meiner nächsten Kopfschmerzattacke wartet.
Ich bin noch nicht ganz zum Stehen gekommen, als sich ihre grünen Augen in mich hineinbohren und sie ihren Blick verengt. »Wann wirst du endlich diesen Lutz sauber landen? Wenn du nicht lieferst, muss er aus eurem langen Programm gestrichen werden.«
Abge