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Bei meinen Recherchen für die Londongrad-Tour mit meinem Patensohn Tim bin ich auf etwas Verblüffendes gestossen: einen ukrainischen Oligarchen. Ich meine: Natürlich wissen die meisten von uns, dass es ukrainische Oligarchen gab oder gibt. Der Zerfall der Sowjetunion ist ja an vielen Orten ähnlich verlaufen. Aber angesichts der Weltlage blenden wir das gerne aus und sehen als einzigen Ukrainer Wolodimir Selenski. Wir denken nicht darüber nach, dass noch 2008 die 50 reichsten Menschen der Ukraine 85 Prozent des dortigen Bruttosozialproduktes besassen und mit dem Staat machten, was sie wollten (hier eine Liste der zehn vermögendsten von ihnen). Dieser Beitrag sollte ursprünglich vom allerreichsten von ihnen handeln, von Rinat Achmetov, der in London ein bemerkenswertes Penthouse besitzt.
Im Moment scheint es mir aber wichtiger zu sagen, dass die Ukraine ernsthaft versucht, ihre Oligarchen zu schwächen (hier ein guter Bericht dazu). Sie will ja in die EU, da gehen mauschelnde Machtmenschen mit Milliardenvermögen gar nicht. So hat der Staat schon mal in einem Gesetz Kriterien definiert, die jemanden zum Oligarchen machen: Er verfügt über ein Vermögen von 80 Millionen Euro oder mehr; er besitzt ein Medienunternehmen; er übt Einfluss in der Politik aus oder hat ein Monopol in einem bestimmten Wirtschaftsbereich. Treffen drei dieser vier Kriterien auf jemanden zu, dann haben wir es mit einem Oligarchen zu tun. Diese werden seit Einführung des Anti-Oligarchen-Gesetzes 2021 in einem Register vermerkt. Seither interessiert sich Rinat Achmetov ja auch gar nicht mehr für Politik, nicht doch, er hat sich gar nie wirklich für Politik interessiert. Dass er einen Parlamentssitz hatte – ach Gott, ein reines Versehen!
Nein, Oligarchen, das geht gar nicht in der EU – obwohl: Als ich so darüber nachdachte, sind mir auf Anhieb die Namen von zwei europäische Herren eingefallen, die ukrainische Oligarchen-Kriterien erfüllen: der soeben verstorbene Silvio Berlusconi. Und der schweizerische alt Bundesrat und Unternehmer Christoph Blocher (aber das spielt natürlich keine Rolle, denn die Schweiz ist ja nicht in der EU).
Zu Rinat Achmetov hier nur noch kurz: Sein exklusives Penthouse liegt am One Hyde Park, wo zwischen 2007 und 2010 die teuerste Immobilie von London erbaut wurde. Sie liegt wenige Gehminuten von Harrods entfernt, direkt am Südrand der weltberühmten Parkanlage Hyde Park. Achmetov soll 136,3 Millionen Pfund für zwei Wohnungen in der Anlage bezahlt haben.
Achmetov war (und ist wohl immer noch) der reichste Mann der Ukraine und sehr sehr wahrscheinlich ein Gangsterboss der ersten Liga – obwohl ihm nie etwas Ungerades nachgewiesen wurde, er war ja auch sehr einflussreich. Heute sind seine Besitztümer von den Russen sanktioniert oder zerstört. Sein Reichtum stammt vor allem aus dem von Russen besetzten Donbass, zum Beispiel besass er Asow-Stahl, die Fabrik, die von den Russen belagert und zerstört wurde, deren Firmensitz Achmetov aber schon lange nach Den Haag verlegt hat.
Als ich die Story von Asow-Stahl im letzten Jahr mitbekam, galt mein Mitgefühl den Menschen, die dort ihr Leben, ihre Lieben, ihre Arbeit verloren haben. Seit ich weiss, dass diese ganze zerstörte Anlage einem einzigen Menschen gehört hat, frage ich mich, was ich für diesen Menschen fühlen soll.
Aber das ist schwere Kost für den 18-jährigen Tim, auch wenn er sich durchaus für Politik interessiert. Ich muss noch ein bisschen drüber nachdenken, wie ich das überhaupt präsentiere. Morgen fahren wir, als Erstes reisen wir ein bisschen in England herum.