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Jamaika-Ferkelratte
Geocapromys brownii
© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Mit einer Fläche von rund 11 000 Quadratkilometern ist Jamaika nach Kuba (111 000 km2) und Hispaniola (76 000 km2) die drittgrösste Insel im karibischen Raum. Vor ungefähr zehn bis fünfzehn Millionen Jahren tauchte das längliche Eiland aus den Fluten des amerikanischen «Mittelmeers» auf und ist seither zu keiner Zeit mit einer der umliegenden Inseln oder mit dem Festland in direkter Verbindung gestanden. Sämtliche Wildtiere und Wildpflanzen, welche heute auf Jamaika heimisch sind, stammen demzufolge von Vorfahren ab, welche einstmals über das Meer auf die Insel gelangt waren - sei es vom 150 Kilometer weiter nördlich gelegenen Kuba, vom 250 Kilometer weiter nordöstlich gelegenen Hispaniola oder von der 600 Kilometer weiter südwestlich gelegenen mittelamerikanischen Landbrücke her.
Es überrascht deshalb nicht, dass die jamaikanische Landfauna zwar ein grosses Spektrum flugfähiger Formen umfasst, die Zahl der «Fussgänger» unter den Landtieren jedoch sehr gering ist. So sind 23 der 24 «eingeborenen» Landsäugetiere flugtüchtige Wesen, und zwar allesamt aus der Ordnung der Fledertiere (Chiroptera). Bei der flugunfähigen 24. Art handelt es sich um die Jamaika-Ferkelratte (Geocapromys brownii)
aus der Ordnung der Nagetiere (Rodentia). Von ihr soll auf diesen Seiten die Rede sein.
Eine karibische Nagetierfamilie
Die Familie der Baum- und Ferkelratten (Capromyidae), der die Jamaika-Ferkelratte angehört, ist nah verwandt mit den Meerschweinchen (Caviidae), den Agutis (Dasyproctidae), den Chinchillas (Chinchillidae), den Nutrias (Myocastoridae) und weiteren Familien neuweltlicher Nagetiere. Sie besteht aus ungefähr zwölf Mitgliedern, welche ausnahmslos auf Inseln im karibischen Raum zu Hause sind. Noch vor erdgeschichtlich kurzer Zeit, das heisst vor wenigen Jahrtausenden, war die Familie weit formenreicher gewesen. Als aber Arawak-Indianer vor rund 6000 Jahren in ihre Inselwelt vordrangen, wurden die karibischen Nager rasch zurückgedrängt, und mehrere Formen waren durch übermässige Bejagung für den Kochtopf bald vollständig vernichtet. Wir wissen dies deshalb, weil in den Küchenabfällen der indianischen Ureinwohner, die bei archäologischen Grabungen zum Vorschein kamen, die Reste ausgestorbener Formen zahlreich enthalten sind.
Als später die Europäer die karibische Inselwelt kolonisierten, rodeten sie die Urwälder auf breiter Front, um Platz für Zuckerrohr- und andere Plantagen zu schaffen und beraubten dadurch die Baum- und Ferkelratten zusehends ihrer Lebensräume. Die europäischen Eroberer siedelten zudem Abertausende von Negersklaven an, welche die Nagetiere zwecks Bereicherung ihrer kargen Kost bejagten und verspeisten. Die Europäer führten ferner Hunde, Katzen und andere Raubsäuger ein, welche alsbald den nicht allzu flinken Baum- und Ferkelratten massiv nachstellten. Dies liess zahlreiche weitere Formen dieser karibischen Nagetiere für immer untergehen. Übriggeblieben sind letztlich nur die erwähnten zwölf Arten in den fünf Gattungen Plagiodontia
(eine Art), Mysateles
(fünf Arten), Capromys
(eine Art), Mesocapromys
(drei Arten) und Geocapromys
(zwei Arten).
Die Gattung der Ferkelratten (Geocapromys)
bestand usprünglich - soweit wir das wissen - aus sechs verschiedenen Arten. Drei ausgestorbene Arten, Geocapromys columbianus
, Geocapromys pleistocenicus
und Geocapromys megas
, kennen wir lediglich von Fossilfunden her, die auf Kuba gemacht wurden. Eine weitere Art, Geocapromys thoracatus
, lebte einst auf Little Swan Island, einem etwa 600 Kilometer westlich von Jamaika, am Eingang zum Golf von Honduras gelegenen Eiland. Sie starb leider in den fünfziger Jahren aus, wahrscheinlich als Folge davon, dass Katzen auf die kleine Insel eingeführt wurden. Die eine der beiden überlebenden Arten ist die Bahamas-Ferkelratte (Geocapromys ingrahami)
, von der es nur noch eine grössere Population gibt, und zwar auf dem unbewohnten Felseninselchen East Plana Key im Süden der Bahamas. Die andere ist «unsere» Jamaika-Ferkelratte, welche - wie ihr Name sagt - auf Jamaika heimisch ist.
Karsthöhlen als Tagesverstecke
Die Jamaika-Ferkelratte erinnert in Körpergrösse und -form an unser Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus)
: Erwachsene Individuen wiegen ein bis zwei Kilogramm, weisen eine Kopfrumpflänge von ungefähr 35 Zentimetern auf und haben einen gedrungenen Körper, einen kurzen Hals, einen verhältnismässig grossen Kopf mit einer gestreckten, stumpfen Schnauze, ferner kurze, starke Beine, einen kurzen, behaarten Schwanz und ein dichtes, grobhaariges Fell.
Lange Zeit war man der Ansicht gewesen, die Jamaika-Ferkelratte habe auf ihrer Heimatinsel eine stark begrenzte Verbreitung. So heisst es beispielsweise in «Grzimeks Tierleben» von 1973: «Auf Jamaika lebt sie nur noch in wenigen schwer zugänglichen Felsregionen der Blauen Berge.» Neueren Erhebungen zufolge scheint die Jamaika-Ferkelratte jedoch über recht weite Bereiche des bergigen Kalkplateaus im Inselinneren verbreitet zu sein. Tatsächlich hat man sie in jüngerer Zeit in den Blue Mountains und den John Crow Mountains im Osten der Insel, in den Red Hills, den Hellshire Hills, den Brazilletto Mountains und beim Mount Diablo im mittleren Süden sowie im weitläufigen Cockpit Country im Nordwesten der Insel mit Sicherheit nachweisen können.
Die Jamaika-Ferkelratte bewohnt fast ausschliesslich verkarstete Kalksteingegenden, wo sie in natürlichen Höhlen, Spalten, Rissen, Nischen und Gängen vielfältige Unterschlupfmöglichkeiten findet. Tagsüber verbirgt sie sich in diesen «Naturbauen» und kommt erst abends nach Einbruch der Dunkelheit hervor, um sich der Nahrungssuche zu widmen. Auf ihren oft ausgedehnten nächtlichen Exkursionen verzehrt sie Blätter, Zweige, Rinden, Früchte, Stengel, Sprosse und andere Teile einer breiten Vielfalt von Pflanzen. In freier Wildbahn scheint sie ohne Wasser auszukommen, das heisst allein von der in ihrer Pflanzenkost enthaltenen Flüssigkeit leben zu können. In Menschenobhut trinkt sie aber gern, wenn ihr Wasser angeboten wird.
Frühreifer Nachwuchs
Über das gesellschaftliche Leben der Jamaika-Ferkelratte war lange Zeit so gut wie nichts bekannt gewesen. Mangels besseren Wissens wurden sie oft als einzelgängerisch eingeschätzt. Die in jüngerer Zeit erfolgte Beobachtung von Jamaika-Ferkelratten in Menschenobhut hat nun aber gezeigt, dass die Tiere recht gesellig sind und meistens in Familiengruppen von zwei bis sechs, manchmal auch von bis zu zehn Individuen leben. Tagsüber halten sich die Mitglieder einer Familiengruppe gemeinsam in ihrem Unterschlupf auf und schmiegen sich dort eng aneinander. Während der nächtlichen Futtersuche streifen sie zwar vielfach einzeln umher, doch äussern sie fast ständig sanfte Laute, welche zweifellos dazu dienen, den Kontakt mit dem Rest des Clans aufrechtzuerhalten. Immer wieder kommt es in der Nacht auch zu freundschaftlichen Begegnungen zwischen einzelnen Familienmitgliedern - verbunden mit gegenseitiger Fellpflege oder gemeinsamem Spiel.
In Menschenobhut zeigen die Jamaika-Ferkelratten keine feste Fortpflanzungszeit, sondern haben das ganze Jahr über Jungtiere, und soweit wir wissen, ist dies auch in freier Wildbahn der Fall. Die Tragzeit dauert etwa vier Monate, was für Tiere dieser Grösse ungewöhnlich lang ist. Die Weibchen bauen kein Wurfnest, sondern bringen ihre Jungen im felsigen Unterschlupf auf dem nackten Boden zur Welt. Ein Wurf besteht gewöhnlich aus einem oder zwei, manchmal aber auch aus drei Jungen. Diese wiegen bei der Geburt um achtzig Gramm und sind ausserordentlich weit entwickelt: Sie haben offene Augen und sind voll behaart. Schon vierundzwanzig Stunden nach der Geburt vermögen sie mühelos umherzulaufen, zu springen und zu klettern. Sie nehmen zu diesem Zeitpunkt auch bereits feste Nahrung zu sich, werden aber wohl noch während mindestens vier Wochen von ihrer Mutter gesäugt.
Die Weibchen sind im Alter von ungefähr einem Jahr fortpflanzungsfähig, die Männchen etwas später. In Menschenobhut ziehen die meisten Weibchen zwei Würfe im Jahr auf. Dies dürfte auch in freier Wildbahn so sein, wenn die Lebensbedingungen gut sind. Das Höchstalter, das die Jamaika-Ferkelratten erreichen können, liegt bei über zehn Jahren.
Waldschwund: 3 Prozent im Jahr
Als natürliche Fressfeinde der Jamaika-Ferkelratten kommen wohl am ehesten grössere Eulen in Frage. Möglicherweise fällt hin und wieder auch ein Individuum der bis über drei Meter langen Jamaika-Schlankboa (Epicrates subflavus)
zum Opfer. Der ärgste Feind der mittelgrossen Nagetiere ist aber ohne jeglichen Zweifel der Mensch, der ihnen auf dreierlei Art und Weise schwer zu schaffen macht:
1. Bejagung.
Die Jamaika-Ferkelratten bildeten schon früh für die Arawak-Indianer, später für die Negersklaven ein wichtiges Nahrungsmittel. Und noch heute werden die «Bergkaninchen», wie die Tiere auf Jamaika heissen, von der unter Armut leidenden Landbevölkerung mit Hilfe von Hunden und Kastenfallen bejagt, um die Mahlzeiten mit einem schmackhaften Braten anzureichern. Insbesondere in den John Crow Mountains und den Hellshire Hills scheint der Jagddruck auf die Jamaika-Ferkelratten recht stark zu sein.
2. Mungo.
Im Jahr 1872 wurde von den englischen Kolonialherren der Kleine Mungo (Herpestes javanicus)
auf Jamaika angesiedelt - in der Hoffnung, er würde die (ebenfalls eingeschleppten) Ratten dezimieren, welche in den Zuckerrohrplantagen beträchtliche Schäden verursachten. Der Mungo erwies sich zwar als wenig erfolgreich bei der Bekämpfung der Rattenplage. Er breitete sich aber rasch über die ganze Insel aus und machte bald überall Jagd auf andere kleingewachsene Beutetiere, so auch auf junge Jamaika-Ferkelratten. Mehrere Tierarten wurden durch den flinken Räuber innerhalb kurzer Zeit vollständig ausgerottet, und zweifellos verursachte er auch eine Schwächung der Ferkelratten-Bestände. Die Tatsache, dass die Jamaika-Ferkelratten den Übergriffen des Kleinen Mungos seit mittlerweile mehr als einem Jahrhundert widerstanden haben, lässt jedoch annehmen, dass sich eine Art natürliches Gleichgewicht zwischen den beiden Tierarten eingestellt hat.
3. Waldrodung.
Über neunzig Prozent der einst nahezu inselweiten jamaikanischen Walddecke sind bislang vom Menschen zwecks Gewinnung landwirtschaftlicher Nutzflächen gerodet worden - und die Entwaldung der Insel schreitet weiter voran, mit einer Geschwindigkeit von jährlich rund drei Prozent des verbleibenden Waldes. Die Rückzugsgebiete der wildlebenden Tier- und Pflanzenwelt werden dadurch immer kleiner. Zwar sind die Jamaika-Ferkelratten für ihr Überleben nicht auf jungfräulichen Urwald angewiesen, sondern finden sich durchaus auch in buschartigem Sekundärwuchs zurecht. Je weiter der Mensch aber in ihre letzten Rückzugsgebiete vordringt, desto mehr sind sie seinen Nachstellungen ausgesetzt.
Es fehlen Naturschutzgebiete
Allen genannten Schädigungen zum Trotz haben die Jamaika-Ferkelratten bis auf den heutigen Tag überlebt, und, wie wir heute wissen, sogar in einem verhältnismässig grossen Areal. Allerdings ist unbestritten, dass die Bestände stark ausgedünnt und weiterhin rückläufig sind. Um den Fortbestand der Jamaika-Ferkelratten zu gewährleisten, müssen deshalb dringend Schutzmassnahmen getroffen werden - einerseits zur Verminderung der direkten Verfolgung durch den Menschen und andererseits zur Eindämmung des weiteren Verlusts von Lebensraum.
Der Bejagung der Jamaika-Ferkelratten einen Riegel vorzuschieben, wäre im Prinzip verhältnismässig einfach, wenn der politische Wille vorhanden wäre. Denn die dazu notwendigen gesetzlichen Grundlagen sind längst vorhanden: Schon seit 1945 ist die Art in der Liste der geschützten Tierarten Jamaikas enthalten und somit - auf dem Papier - gegen jegliche Form von Nachstellung geschützt. Es müsste also «bloss» der Vollzug der Artenschutzgesetze gezielt an die Hand genommen werden.
Schwieriger sieht es bezüglich des Schutzes der Lebensräume aus: Die Erhaltung der letzten naturnahen Landschaften ist zwar im Rahmen der nationalen jamaikanischen Naturschutzplanung vorgesehen. Bislang gibt es aber auf der Insel weder Naturreservate noch Nationalparks, ja es fehlt jegliche Gesetzesgrundlage, welche die Einrichtung von Naturschutzgebieten überhaupt ermöglichen würde. Immerhin hat die jamaikanische Regierung kürzlich das letzte grossflächige Stück kaum verfälschten Waldes im Bereich der Blue Mountains und der John Crow Mountains zu einem «Gebiet unter behördlicher Aufsicht» erklärt. Es soll fortan nach naturschützerischen Gesichtspunkten verwaltet werden. Ob dieser Schutzstatus genügt, das Gebiet längerfristig in naturnahem Zustand zu erhalten, ist allerdings fraglich.
Der WWF und weitere nationale und internationale Organisationen setzen sich seit vielen Jahren dafür ein, dass die einzigartige Fauna und Flora Jamaikas endlich den ihr gebührenden Schutz erhält. Noch liegt das Ziel dieser Bemühungen leider in weiter Ferne. Hieraus erklärt sich, weshalb in der Zwischenzeit - sicherheitshalber - mehrere Zuchtgruppen von Jamaika-Ferkelratten in Menschenobhut aufgebaut wurden, zuerst mit Wildfängen im Zoo des Jersey Wildlife Preservation Trust (JWPT) auf der gleichnamigen Kanalinsel, dann mit nachgezüchteten Tieren in mehreren Zoos Europas und Nordamerikas. Sollte es nicht gelingen, den wildlebenden Beständen dieser faszinierenden jamaikanischen Nagetiere noch rechtzeitig den nötigen Schutz zukommen zu lassen, so wäre auf diese Weise wenigstens das Überleben der Art in Menschenobhut gewährleistet. Ob dies als Erfolg zu werten wäre, sei hier dahingestellt.
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