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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XLVII. (Nr. 108.) An Macrobius
2.
Aber wie mir meine Abgesandten, die wegen dieser Sache zu dir gekommen sind, mitgeteilt haben, hast du auf ihre Frage, was du zu dem eben angeführten Falle sagest, geantwortet, du seiest erst vor kurzem zum Bischofe geweiht worden und könnest nicht Richter sein über die Handlungen deines Vaters, sondern bleibest bei dem, was du von deinen Vorgängern empfangen. Da habe ich wirklich deine Zwangslage bedauert, da ich dich nach dem, was ich höre, für einen jungen Mann von guten Anlagen halte. Denn nichts anderes hat dich zu dieser Antwort gezwungen als die Zwangslage, in der du dich infolge der Ungerechtigkeit deiner Sache befindest. Wenn du es aber genau nimmst, mein Bruder, wenn du richtig denkst, wenn du Gott fürchtest, so zwingt dich keine Notwendigkeit, bei einer ungerechten Sache zu verharren. Denn deine Antwort löst nicht die von mir gestellte Frage, sondern widerlegt alle Verleumdungen und Vorwände, die ihr gegen unsere Sache vorzubringen pflegt. Du sagst ja, weil du erst vor kurzem geweiht worden seiest, so könnest du nicht Richter über deinen Vater sein, sondern verbleibest bei dem, was du von deinen Vorgängern empfangen habest. Warum also bleiben wir nicht lieber in der Kirche, die nach dem Zeugnisse der Heiligen Schrift1 von Jerusalem anfing und bei allen Völkern gedieh und Früchte brachte, bei der Kirche, die wir vom Herrn Christus durch die Apostel empfangen haben? Und warum werden denn wir jetzt gerichtet wegen Handlungen, ich weiß nicht welcher unserer Väter, die vor fast hundert Jahren vorgekommen sein sollen? Denn wenn du nicht zu richten wagst über deinen Vater, der noch lebt und bei dem du Erkundigungen einziehen kannst, warum mutet man mir zu, daß ich über jemand urteilen soll, der schon lange, ehe ich geboren wurde, gestorben war? Und warum wird so vielen christlichen Völkern zugemutet, zu urteilen über das, was schon vor so vielen Jahren verstorbene afrikanische Traditoren getan haben, während so viele damals lebende Christen, die sich in den entlegensten Ländern befanden, sie, als sie noch lebten, nicht vernehmen, mit ihnen nicht bekannt werden konnten? Da du nicht wagst, über Primianus, der noch lebt und den du kennst, zu urteilen, warum willst du mir aufbürden, über Cäcilianus zu urteilen, der für mich verschollen und unbekannt ist? Wenn du über deine Väter wegen ihrer eigenen Werke nicht urteilen willst, warum urteilst du dann über deine Brüder wegen Handlungen, die von anderen vollbracht wurden?
1: Luk. 24, 47 ; Apg. 1, 8.