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8. Juni 2014
Paul Nation beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Spracherwerbs- und Unterrichtsforschung. Sein Hauptforschungsgebiet ist Wortschatz. In der unten eingebundenen Online-Vorlesung spricht er über zwei verschiedene Themen: Einerseits über Tests, mit denen man die Grösse des Wortschatzes einer Person messen kann und andererseits über ein Kurskonzept, dass den systematischen Aufbau von Wortschatz und Sprachkompetenz ermöglichen soll.
Im ersten Teil bezieht sich Nation auf Wortschatzlisten und Testbeispiele, die für Englisch entwickelt wurden. Die methodischen Bemerkungen zur Entwicklung solcher Sprachstandsmessungen sind aber auch für DaF interessant, auch wenn die Grundlagen für DaF zum Teil noch gar nicht existieren bzw. nicht frei verfügbar sind.
Ans Herz legen möchte ich euch vor allem den zweiten Teil des Videos (ab ca. 10.30) in dem Nation ein Kurskonzpet skizziert, dass es den Lernenden ermöglichen soll, den Wortschatz zu erwerben, den sie zum selbständigen Umgang mit authentischen Texten bzw. Äusserungen brauchen. Nation postuliert, dass der Unterricht aus vier gleich wichtigen (und damit zeitlich gleich zu gewichtenden) Teilen (= the four strands) bestehen müsse, nämlich
- meaning focused input: Beschäftigung mit Hör- und Lesetexten, wobei das Verstehen der Botschaft klar im Zentrum steht.
Ein Beispiel dafür ist das so genannte “extensive reading” (ab ca. 15.00), bei dem die Lernenden viele Texte auf ihrem Niveau lesen, ohne dazu viele Fragen beantworten zu müssen. Es geht darum, Spass am Lesen zu haben und zu verstehen, um was es im Text geht. Damit die Methode einen Effekt hat, sollten die Lernenden laut Nation alle 1-2 Wochen ein niveaustufengerechtets Buch (graded reader) lesen, das sie interessiert. Für das Hören empfiehlt Nation das Vorlesen von (ebenfalls niveaustufengerechten) Geschichten, die die Lehrperson in kleinen Portionen über einen längeren Zeitraum in angemessenem Tempo vorträgt und dabei wenn nötig Sätze wiederholt oder einzelne Wörter anschreibt, die die Lernenden beim Hören allein vielleicht nicht erkennen.
- meaning focused ouput: Eigenständige Produktion von mündlichen und schriftlichen Beiträgen, wobei ebenfalls die Botschaft (und nicht die Form) im Zentrum steht.
Beispiele für diesen Teil gibt Nation ab 17.05 (Aktivitäten, bei denen sie Aussagen ordnen, Inhalte wiedergeben, Probleme lösen müssen etc).
- deliberate learning: In diesen Bereich, für den Nation ab 18.40 Beispiele gibt, gehören intentionales Lernen (z.B. Arbeit mit Karteikarten), das explizite Unterrichten bzw. Üben von ausgewählten Wörtern und Strukturen, so gennanntes intensive reading, bei dem sich die Lernenden unter Anleitung mit ziemlich schwierigen Texten auseinandersetzen und Strategietraining wie Wörterbuchbenützung.
- fluency: Entwicklung von Flüssikgeit bzw. Geläufikeit (man könnte wohl auch Automatisierung sagen) in allen vier Fertigkeiten. Wesentlich ist hier, dass die Aufgaben einfach sein , aber unter erhöhtem Zeitdruck durchgeführt werden sollten.
Beispiele für den Bereich Lesen sind speed reading (also Übungen zur Erhöung der Lesegeschwindigkeit) oder das (Wieder)Lesen sehr einfacher Texte in kürzerer Zeit (ab ca. 21.30). Für das Hören (ab ca. 22:20) erwähnt Nation einerseits die Möglichkeit, elektronisch vorliegende Texte automatisch zu beschleunigen und weist andererseits darauf hin, dass das Vorlesen einer Geschichte mit der Zeit zu einer Geläufigkeitsübung im Hören werde, wenn sich Wortschatz immer wiederhole und die Lernenden zunehmend mit der Handlung vertraut werden. Für den Bereich Schreiben (ab ca. 23.50) stellt Nation die Übungsform 10-Minute-Writing vor. Die Lernenden schreiben zwei bis drei Mal pro Woche in je 10 Minuten zu einem Thema, über das sie gut Bescheid wissen so viel wie möglich und zählen dann anschliessend die Wörter. Sie protokollieren, wie sich die Anzahl Wörter entwickelt. Was das Sprechen angeht (ab ca. 25.10), so stellt Nation die 4-3-2-Methode vor. Die Lernenden arbeiten zu zweit. A stellt B sein vorbereitetes Thema vor. Nach 4 Minuten wechseln die Partner. A spricht wieder zum selben Thema, diesmal aber nur 3 Minuten und mit einem neuen Partner B. Dieselbe Aufgabe wird noch ein drittes Mal wiederholt, diesmal aber nur für 2 Minuten. Erst danach (möglicherweise auch erst in der nächsten Stunde) kommen alle B-Leute an die Reihe.
Kommentar
Ich finde den Beitrag von Nation sehr anregend, weil er den Begriff “Fluency” auf alle vier Fertigkeiten bezieht und diesbezüglichen Übungen auch explizit Platz einräumt. In der deutschsprachigen Didaktik kommen Automatisierungsübungen zwar auch vor, aber so klar formuliert und konsequent angewendet ist mir das bisher noch nie untergekommen. Persönlich gefällt mir auch, dass Nation dem expliziten Unterrichten von Wortschatz und Strukturen nur einen relativ kleinen, aber trotzdem wichtigen Platz innerhalb des “Deliberate Learnings” zuweist. Auch der explizite Einbezug von Lernstrategien (z.B. Lernen mit Karteikarten, Wörterbuchbenutzung etc.) gefällt mir an diesem Ansatz sehr.
Mehr Informationen
Denen, die mehr zu den einzelnen Teilen wissen möchten, empfehle ich das Buch “Nation, I.S.P (2008): Teaching Vocabulary: Strategies and Techniques. Boston: Heinle Cengage Learning.” Er gibt darin für jeden der 4 Teile (four strands) weitere Beispiele und natürlich auch Hinweise auf den damaligen Forschungsstand.
Die ausführliche Publikationsliste von Nation, mit Links zu denjenigen seiner Texte, die frei zugänglich sind, findet ihr hier: https://www.victoria.ac.nz/lals/about/staff/paul-nation-pubsdate. Auf seiner Homepage bietet er zudem viele Ressourcen zum Downlaod an, die sich natürlich auf Englisch beziehen, aber wenn ihr am Thema Wortschatz interessiert seid, könnte sich zum Beispiel stöbern in der Bibliographie lohnen.