Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03134.jsonl.gz/2001

Hauptinhalt
Triage Psycho-Praxis oder HWS-Praxis
Grundsatz
- Wenn die versicherte Person beim Unfall ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule, eine dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung oder ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat.
- Ist dies nicht der Fall, gelangt die Rechtsprechung zu den psychischen Folgeschäden bei Unfall zur Anwendung.
Detaillierte Regeln zur Triage!
Expertensysteme (Applikation öffnet in neuem Fenster): Adäquanz
- Diese Applikation prüft den adäquaten Kausalzusammenhang in Ihrem UVG-Dossier.
Regeln der Triage zwischen Psycho- und HWS-Praxis
Urteil 8C_12/2016 vom 01.06.2016 E. 7.1 (Volltext)
Bei der Beurteilung der Adäquanz von organisch nicht (hinreichend) nachweisbaren Unfallfolgeschäden ist rechtsprechungsgemäss wie folgt zu differenzieren:
Es ist zunächst abzuklären, ob die versicherte Person beim Unfall
- ein Schleudertrauma der Halswirbelsäule,
- eine dem Schleudertrauma äquivalente Verletzung
- oder ein Schädel-Hirntrauma erlitten hat.
Ist dies nicht der Fall, gelangt die Rechtsprechung gemäss Psycho-Praxis zur Anwendung.
Ergeben die Abklärungen, dass die versicherte Person eine der soeben erwähnten Verletzungen erlitten hat, muss beurteilt werden, ob die zum typischen Beschwerdebild einer solchen Verletzung gehörenden Beeinträchtigungen zwar teilweise vorliegen, im Vergleich zur psychischen Problematik aber ganz in den Hintergrund treten. Trifft dies zu, sind für die Adäquanzbeurteilung ebenfalls die Psycho-Praxis für Unfälle mit psychischen Folgeschäden aufgestellten Grundsätze massgebend; andernfalls erfolgt die Beurteilung der Adäquanz gemäss HWS-Praxis.
Gleiches gilt, wenn die im Anschluss an den Unfall auftretenden psychischen Störungen nicht zum typischen Beschwerdebild eines HWS- oder Schädelhirntraumas gehören. Erforderlichenfalls ist vorgängig der Adäquanzbeurteilung zu prüfen, ob es sich bei den im Anschluss an den Unfall geklagten psychischen Beeinträchtigungen um blosse Symptome des erlittenen Traumas oder aber um eine selbstständige (sekundäre) Gesundheitsschädigung handelt, wobei für die Abgrenzung insbesondere Art und Pathogenese der Störung, das Vorliegen konkreter unfallfremder Faktoren oder der Zeitablauf von Bedeutung sind.
Die Adäquanz des Kausalzusammenhangs ist nur dann im Sinne der Psycho-Praxis unter dem Gesichtspunkt einer psychischen Fehlentwicklung nach Unfall zu beurteilen, wenn die psychische Problematik bereits unmittelbar nach dem Unfall eindeutige Dominanz aufweist.
Wird die zitierte Rechtsprechung in einem späteren Zeitpunkt angewendet, ist zu prüfen, ob im Verlaufe der ganzen Entwicklung vom Unfall bis zum Beurteilungszeitpunkt die physischen Beschwerden gesamthaft nur eine sehr untergeordnete Rolle gespielt haben und damit ganz in den Hintergrund getreten sind. Nur wenn dies zutrifft, ist die Adäquanz gemäss Psycho-Praxis zu beurteilen.
Urteil 8C_156/2016 vom 01.09.2016 E. 4.2 (Volltext): Triage offen lassen
Ob mit der Unfallversicherung die Psycho-Praxis anzuwenden ist oder ob eine Verletzung vorliegt, welche die Anwendung der HWS-Praxis rechtfertigt, muss nicht abschliessend beurteilt werden, wenn der adäquate Kausalzusammenhang auch nach der HWS-Praxis, die in der Regel für die versicherte Person günstiger ist als die Psycho-Praxis, zu verneinen ist.
Psycho-Praxis kommt zur Anwendung
Die Adäquanzbeurteilung nach BGE 115 V 133 (= Psycho-Praxis) erfolgt grundsätzlich auch in folgenden Fällen:
- Wenn bei einer versicherten Person bereits vor dem Unfall psychische Beschwerden vorlagen, die durch den Unfall verstärkt wurden (Urteil U 277/04 vom 30.9.2005, Urteil U 462/04 vom 13.2.2006).
- Wenn eine Anpassungsstörung als selbständige Gesundheitsschädigung zu betrachten ist, wenn das für das Vorliegen eines Schleudertraumas der HWS typische Beschwerdebild fehlt und die Anpassungsstörung vor allem mit dem Unfallerlebnis und weniger mit den nach dem Unfall aufgetretenen körperlichen Beschwerden im Zusammenhang steht (Urteil U 180/04 vom 11.4.2005).
- Unklares Beschwerdebild ohne organische Befunde (Urteil U 285/05 vom 22.03.2006).
Urteil 8C_75/2016 vom 18.04.2016 (Volltext): Schweregrad des Schädelhirntraumas
Sturz beim Skifahren; Versicherte schlug mit dem durch einen Helm geschützten Kopf auf die Piste.
4.2. Der Versicherte hat beim Unfall kein Schleudertrauma der Halswirbelsäule erlitten. Davon geht er selbst auch aus. Hingegen beruft er sich auf das Vorliegen eines Schädel-Hirntraumas. Gemäss Rechtsprechung (vgl. Urteil 8C_476/2007 vom 4. August 2008 E. 4 [publ. in: SVR 2008 UV Nr. 35 S. 133]; Urteile 8C_358/2014 vom 14. August 2014 E. 2.4.1; 8C_258/2013 vom 16. Oktober 2013 E. 4.3.2; 8C_270/2011 vom 28. Juli 2011 E. 2.1) genügt ein Schädel-Hirntrauma, welches höchstens den Schweregrad einer Commotio cerebri - nicht im Grenzbereich zu einer Contusio cerebri - erreicht, grundsätzlich nicht für die Anwendung der Schleudertrauma-Praxis.
Eine Commotio cerebri ist ein Zustand vorübergehender, schnell reversibler neurologischer Dysfunktion, der mit kurzzeitiger Bewusstlosigkeit kurz nach der Verletzung einhergeht. Der Verletzte hat oft eine Amnesie für die Zeit der Verletzung und/oder für die Zeit vor der Verletzung. Es bestehen aber keine neurologischen Auffälligkeiten. Die Contusio cerebri ist eine fokale Gewaltanwendung auf das zerebrale Gewebe, die mit kleinen parenchymatösen Blutungen oder einem lokalen Ödem einhergeht (Definitionen gemäss MSD-Manual der Diagnostik und Therapie, Hrsg. von MSD Sharp & Dohme, 5. Aufl., München 1993, S. 1838).
Gemäss den echtzeitlichen medizinischen Akten hatte der Beschwerdeführer eine Schädelprellung im Grenzbereich zu einer Commotio cerebri erlitten. Strukturelle Veränderungen oder Mikroblutungen im Gehirn wurden nicht gefunden. Es bestand keine Amnesie. Damit steht fest, dass er keine Verletzung im Grenzbereich zu einer Contusio cerebri erlitten hatte. Davon spricht selbst Dr. med. C. in seinem Gutachten vom 5. Januar 2015 nicht. Das kantonale Gericht hat die Adäquanz der weiterhin geklagten Beschwerden mit dem Unfall daher zu Recht gemäss den in BGE 115 V 133 aufgeführten Kriterien geprüft.
HWS-Praxis kommt zur Anwendung
Urteil 8C_212/2019 vom 21.08.2019 E. 4.1 (Volltext): Abklingen der physischen Beschwerden
In der Begründung führte es aus, zwar hätten im Laufe der Zeit die psychischen Beschwerden mehrheitlich im Vordergrund gestanden. Dennoch gäbe der Versicherte auch immer an, dass er körperliche Beschwerden habe. Zudem beklage er weiterhin eine grosse Müdigkeit sowie Konzentrations- und Merkfähigkeitsstörungen, was zum typischen Beschwerdebild eines Schleudertraumas der Halswirbelsäule oder einer äquivalenten Verletzung gehöre.
Zudem sei es nicht zulässig, längere Zeit nach dem Unfall, wenn die zum typischen Beschwerdebild gehörenden physischen Beschwerden weitgehend abgeklungen seien, die psychische Problematik aber fortbestehe, diese fortan nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen zu beurteilen. Es rechtfertige sich daher die "Schleudertrauma-Praxis" anzuwenden.
Urteil 8C_844/2010 vom 15.02.2011 (Volltext): HWS-Praxis trotz psychischem Vorzustand
4.10 Zusammengefasst ist im vorliegenden Fall davon auszugehen, dass der Unfall weder eine psychische Fehlentwicklung herbeigeführt noch die vorbestehende psychische Störung verschlimmert hat, jedoch gemäss den psychiatrischen Stellungnahmen feststeht, dass der Versicherte aufgrund seiner vorbestehenden psychischen Problematik deutlich eingeschränkt ist, mit - allenfalls unfallbedingten - Belastungen und Schmerzen umzugehen.
Urteil 8C_742/2009 vom 13.09.2010 (Volltext): Psyche nicht im Vordergrund
Es ist nicht zulässig, längere Zeit nach dem Unfall, wenn die zum typischen Beschwerdebild gehörenden physischen Beschwerden weitgehend abgeklungen sind, die psychische Problematik aber fortbesteht, diese fortan nach der Rechtsprechung zu den psychischen Unfallfolgen zu beurteilen, während sie in einem früheren Stadium, als das typische Beschwerdebild noch ausgeprägt war, nach der Schleudertrauma-Praxis beurteilt worden wäre (Urteil 8C_331/2007 vom 13. Juni 2008 E. 3.3).
Wenn eine Auffahrkollision bei einer psychisch vorbelastete Persönlichkeit vorhandene Probleme verstärkte und akzentuierte, kommt nicht bereits die Psycho-Praxis zur Anwendung.
Entscheidend ist, ob eine bestehende psychische Problematik als Teil des für solche Verletzungen typischen, einer Differenzierung kaum zugänglichen somatisch-psychischen Beschwerdebildes zu betrachten ist (= HWS-Praxis), oder aber ein von diesem zu trennendes, eigenständiges psychisches Leiden – z. B. somatoforme Schmerzstörung darstellt (= Psycho-Praxis). Nur wenn in der Expertise überzeugend dargetan wird, dass die psychische Störung nicht Symptom der Verletzung ist, kann dafür eine andere Ursache gesehen werden.