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(v. altd. od, odal, sächs.
edel, d. h. Land,
Gut, auf den ursprünglichen Zusammenhang des Adels mit dem Grundbesitz hindeutend), bevorzugter
Stand, welcher
sich in allen europäischen
Ländern, mit Ausnahme von
Norwegen
[* 3] und der Türkei,
[* 4] vorfindet. In übertragener Bedeutung wird
die Bezeichnung Adel allerdings auch auf
Personen angewendet, welche in andrer Hinsicht eine hervorragende
Stellung einnehmen, wie man denn z. B. von einem der
Gesinnung zu sprechen pflegt.
Die ehemals ebenbürtigen und gleichberechtigten
Freien standen nun als Befehlende und Gehorchende, als
Herren undDiener,
einander gegenüber. Um ihre Macht zu befestigen, wirkten sich die Gewalthaber von den
Königen mannigfache Privilegien aus,
welche sie auf ihre Nachkommen vererbten, besonders das des ausschließlichen
Rechts zum
Reiter-
(Ritter-)
Dienst im
Krieg. Der
Besitz dieser Vorrechte mußte das
Streben, sich als einen von dem übrigen
Volke gesondertenStand zu betrachten,
begünstigen, und aus der naturgemäßen Fortbildung solchen
Strebens hat sich in
Deutschland seit dem 10. Jahrh. der
Stand
des Erbadels entwickelt. In späterer Zeit trat dann die noch jetzt wichtige Sonderung des Adels in einen hohen und niedern
ein.
Die
staats-, kirchen- und privatrechtlichen Privilegien des Adels zur Zeit des ehemaligenDeutschenReichs
waren von sehr bedeutendem
Umfang. Außer der dem hohen Adel ausschließlich zukommenden
Landeshoheit und Reichsstandschaft genossen
alle
Klassen des Adels folgender Privilegien: die Schriftsässigkeit, d. h. das
Recht, nicht vor einem
Gericht unterer
Instanz,
sondern vor einem höhern
GerichtRecht zu nehmen;
ein
ausschließliches
Recht auf den Geschlechtsnamen und das Geschlechtswappen;
eine vorzüglichere äußere
Ehre vor den Bürgerlichen,
verbunden mit den
PrädikatenHochwohlgeboren u. dgl. Bei einigen dieser
Rechte (z. B. um in ein
Domkapitel, in den deutschen
Herren-, den Malteser- oder
Johanniterorden aufgenommen
werden zu können,
um an den
TurnierenAnteil zu nehmen etc.) genügte nicht der eigne, persönliche Adel, sondern es wurde
noch gefordert, daß der Adlige eine bestimmte Anzahl von adligen und zwar adlig gebornen, nicht erst durch
Standeserhöhung
geadelten Vorfahren, sogen.
Ahnen (s. d.), von väterlicher und mütterlicher Seite aufweisen könne.
Diese Verhältnisse hörten mit dem
DeutschenReich zugleich auf, ja die Rheinbundsakte und die
Verfassungen der neuentstandenen
Staaten verringerten allenthalben die Vorrechte des Adels oder hoben sie, wie die
Konstitution des
KönigreichsWestfalen,
[* 7] geradezu
auf. So kommt es, daß wirkliche Vorrechte heutzutage nur dem hohen Adel zustehen. Dieser hohe Adel umfaßt
die Familienangehörigen der souveränen Fürstenhäuser und der mediatisierten
Familien, welche früher im
Besitz reichsunmittelbarer
Territorien waren und Reichsstandschaft hatten. In Ansehung der letztern
war in der deutschen
Bundesakte vom bestimmt,
daß auch die Mediatisierten künftig zu dem hohen in
Deutschland gerechnet würden, und daß ihnen das
Recht derEbenbürtigkeit (s. d.) mit den regierenden
Häusern bleiben sollte.
Ferner sollten die Mediatisierten und ihre
Familien die privilegierteste Unterthanenklasse, namentlich in Ansehung der
Besteuerung,
bilden; ihre noch bestehenden Familienverträge sollten aufrecht erhalten werden, und es sollte ihnen auch fortan die Befugnis
zustehen, über ihre
Güter und Familienverhältnisse autonomische
Anordnungen zu treffen.
Endlich sollte
dem hohen Adel ein privilegierter
Gerichtsstand, die
Befreiung von aller Militärpflichtigkeit, die Ausübung der
Gerichtsbarkeit
in erster und, wo die Besitzungen groß genug, auch in zweiter
Instanz, die Forstgerichtsbarkeit,
Ortspolizei und
Aufsicht in
Kirchen- und Schulsachen zustehen. Allein diese
Rechte sind in den Einzelverfassungen sehr beschnitten
und nur das
Recht der erblichen Mitgliedschaft in der Ersten
Kammer ist den Mediatisierten in allen
Staaten mit
Zweikammersystem
erhalten worden. Der privilegierte
Gerichtsstand und die eigne
Gerichtsbarkeit sind durch die deutschen
Justizgesetze vollständig
beseitigt. Dagegen ist die
Befreiung von der Militärdienstpflicht im Reichswehrgesetz aufrecht
¶
Die mächtigern Einzelstaaten Deutschlands,
[* 12] namentlich die weltlichen Kurstaaten,
erkannten jedoch die kaiserlichen Adelsbriefe
nur dann an, wenn seitens der Beliehenen die Bestätigung in aller Form nachgesucht wurde. BöhmischeUnterthanen, welche von der
Reichskanzlei eine Standeserhöhung erlangt hatten, mußten der königlich böhmischen Hofkanzlei die erforderliche Intimation
machen. Übrigens hatten oder behaupteten zahlreiche Fürsten das Nobilitationsrecht.
Das Reichskammergericht in Wetzlar
[* 20] behauptete einen Anspruch auf den erblichen Adel für jeden nichtadligen Inhaber einer Kammergerichts-Beisitzerstelle.
Auch gegenwärtig kommt in einzelnen deutschen Staaten ein niederer Verdienstadel vor. So wurde in Österreich durch die noch
jetzt in Kraft befindlichen Entschließungen vom und jenen Offizieren, welche 30 Jahre ununterbrochen
in der Armee gedient, ein Anspruch auf taxfreie Erhebung in den Adelstand gewährt.
In Frankreich trat der Unterschied zwischen hohem und niederm Adel nicht so scharf hervor wie in Deutschland; doch rechnete man
die Princes, Ducs, Marquis, auch einige Comtes und Vicomtes zum hohen, die übrigen Edelleute zum niedern Adel. Die Revolution hob
in der Sitzung der Nationalversammlung vom alle Vorrechte des Adels und in der vom den
Erbadel selbst auf. Napoleon I. jedoch krëierte durch Dekrete vom und einen neuen Erbadel, dotierte denselben
reichlich und sicherte seinen Fortbestand durch Gewährung von Majoraten.
Aber erst nach der Restauration durfte der vom Hof
[* 23] sehr bevorzugte es wagen, die alten Vorrechte wieder geltend zu machen;
die Julirevolution steckte jedoch diesen Bestrebungen ein Ziel, und nach der Februarrevolution von 1848 sprach die provisorische
Regierung durch Dekret vom die Abschaffung aller frühern Adelstitel aus. Seitdem ist der Adel nicht
förmlich restituiert worden. In Italien
[* 24] bildete sich der Adel ähnlich wie in Deutschland aus, doch fand dort das Majoratswesen
mehr Eingang.
Der Adel geht nur auf den ältesten Sohn über, welcher auch das Pairiegut ungeteilt erbt. Es gibt daher dort eine
Menge kleiner Parzellen, deren Besitzer gewöhnlich den TitelConte (Graf) oder Marchese (Marquis) führen. Größere
Grundbesitzer sind im Neapolitanischen die Duchi und Principi, die aber, wie jene, keine wesentlichen Vorrechte vor dem Volk
voraus haben. Im ehemaligen Kirchenstaat ist eine besondere Adelsklasse durch die Einverleibung von Geschlechtern in die Munizipalität
entstanden, welche indes von öffentlichen Beratungen und sonstigen strengen Bedingungen abhing.
Außerdem wurde der Adel dadurch erteilt, daß der Papst einem Besitztum den Rang einer Baronie etc. beilegte oder einen nicht
auf den Besitz, sondern die Familie gegründeten Adelstitel mittels Breve erteilte. Erworben wurde der Adel mit Genehmigung des
Landesherrn durch den Kauf eines Guts, mit dem ein Titel verbunden ist. Mißbräuchlich wurde die Zahl der
Conti durch die Vererbung des ehemals rein persönlichen Titels der Conti palatini sehr erweitert. Der persönliche Adel war mit
gewissen Ämtern und Würden verbunden, z. B. mit der Prälatur, den höhern Militärgraden, den obersten
Stellen bei den Regierungsbehörden, mit der Ordensritterschaft.
Ein Kardinal teilte seinem eignen Geschlecht
den Adel mit.
In Spanien
[* 25] gibt es hohen und niedern Adel. Jenen bilden die Granden (früher Ricos Combres, d. h. reiche Leute), deren es drei
Klassen gab, jede mit besondern Prärogativen, die aber unter der Herrschaft des Konstitutionalismus sämtlich beseitigt worden
sind, und die sogen. Titulados (Betitelte), als Duques, Marqueses, Condes, Vicecondes und Barones, die alle
mit Grundbesitz ausgestattet sein müssen, welcher Majorat (mayorazgo) ist. Der niedere Adel besteht aus den Hidalgos (eigentlich
Higos d'algo, d. h. Söhne von etwas), deren Zahl sehr groß ist, da sich jeder für einen Hidalgo ausgeben darf,
welcher kein bürgerliches Gewerbe treibt.
Unter der republikanischen Regierung wurden durch Dekret vom die Adelstitel abgeschafft. Ein weiteres Dekret vom stellte
indes alle frühern Titel wieder her und übertrug den Cortes das Recht, mit Rücksicht auf das öffentliche Interesse neue Adelstitel
zu verleihen. Endlich wurde nach der Restauration durch Dekret des Regentschaftsministeriums vom das
königliche Recht wiederhergestellt, Grandezas de España und Adelstitel zu verleihen. Ähnlich sind die Adelsverhältnisse
in Portugal, wo die Fidalgos die unterste Adelsklasse bilden.
Diese Würde wurde in der RegelBaronen als Beförderung erteilt, dann aber häufig mit der Baronie verliehen. Heutigestags
geschieht die Verleihung auch ohne Baronie. Die Würde des Grafen (Earl) war ursprünglich an den Besitz eines gewissen Landstrichs
geknüpft; aber schon unter König Johann sind die Grafen nichts als die erste Klasse der Barone, ohne Grafenamt,
ohne Grafschaft, wenn auch mit großem Grundbesitz. AllesGrundeigentum mußte die Lehnsherrlichkeit der normännischen Könige
anerkennen und war nicht steuerfrei; nur von verschiedenen Gemeindediensten waren die Lords befreit.
Die Rechte dieses britischen hohen Adels bestehen im allgemeinen in folgendem: Die Peers sind vom Arrest wegen Schulden frei
und können im Zivilprozeß nicht für gesetzlos erklärt werden, was in England bei andern Personen, die
z. B. gerichtlichen Vorladungen nicht folgen, geschieht. Weder der Sheriff noch seine Unterbedienten dürfen das Haus eines
Peers ohne königlichen, von sechs Geheimräten unterzeichneten Befehl durchsuchen, und nur wegen Kapitalvergehen oder
solchen, wobei eine Bürgschaft für ferneres ruhiges Verhalten verlangt
¶
Eine solche hohe Geburt wird der Weisheit zugeschrieben in Ansehung ihrer Vortrefflichkeit. Sie kommt nicht wie
der Weltadel von Geblüt, sondern 1) von Gott,
Sir. 1, 1. 2) hat ihr Wesen bei GOtt,
Sprw. 8. und 3)
bringt uns zu der hohen und adeligen Gemeinschaft Christi,
1 Cor. 1, 21. ff. S. Weisheit. Der himmlische oder göttliche Adel,
zu welchem Christus uns erhebt, ist die Kindschaft bei GOtt.
Joh. 1, 12. 13.
1 Joh. 3, 1.
Sie (die Weisheit) ist herrliches Adels, denn ihr Wesen ist bei GOtt,
Weish. 8, 3.
im staatsrechtlichen Sinne ein Stand, der Ehren- und andere Rechte vor den übrigen Staatsbürgern
derart besitzt, daß diese Vorrechte eine besondere Klasse der Ausgezeichneten begründen. Beruht eine derartige polit. und
sociale Auszeichnung auf Verleihung an die Person, so ist sie Individual- oder persönlicher Adel; beruht sie dagegen auf Geburt,
so ist sie Geburts- oder Erbadel. Letzterer wird vorzugsweise mit Adel bezeichnet. Die Bedeutung eines erblichen
Adel beruht auf der Geschichte.
Ein gleichsam traditionelles Anrecht gewisser Familien auf die Häuptlingschaft finden wir schon in der Geschichte der alten
Germanen und selbst noch ziemlich weit hinein in die Geschichte des DeutschenReichs in thatsächlicher Geltung und Wirksamkeit.
«Regesex nobilitate sumunt» («sie nehmen ihre Könige mit
Rücksicht auf den Adel des Geschlechts») sagt Tacitus von den alten Germanen. In der Zeit von Heinrich I. an bis zum großen
Interregnum galt es als Regel, den Nachfolger des deutschen Königs aus dem Kreise
[* 27] seiner Söhne oder nächsten Verwandten
zu nehmen, und zwar so, daß noch bei Lebzeiten des Königs von ihm der, den er zum Nachfolger würdig
erachtete, bezeichnet, von den Großen und dem Volke bestätigt wurde; erst wenn kein Glied
[* 28] der Familie der Erwartung einer
ausgezeichneten Tüchtigkeit entsprach, wurde von der ganzen Dynastie ab- und zu einer andern übergegangen.
Von dieser Art von der in einem traditionellen Anspruch auf höhere Schätzung bestand, der die allgemeine
Gleichheit aller Freien nicht aufhob, ist wesentlich verschieden der spätere, aus dem Feudalwesen hervorgegangene, der sich
mehr oder weniger über fast alle Staaten des modernen Europa
[* 29] verbreitete. Der «Dienst des Königs» war
das einzige und höchste Streben aller durch körperliche oder geistige Tüchtigkeit hervorragenden Männer
geworden. Je näher der Person des Königs, desto edler und ausgezeichneter dünkte sich ein jeder.
Wer nicht unmittelbar dem Könige dienen konnte, der suchte Dienstmann eines königl. Dienstmannes
zu werden. Der Leibeigene sah sich über den Freien, der Römer
[* 30] oder Gallier über den Genossen des herrschenden
Stammes, den Franken, der Güterlose über den auf eigenem Gute Seßhaften gestellt, wenn der König ihm eine Stelle um seine
Person oder im Dienste des Reichs verlieh. Zunächst war dadurch nur ein persönlicher Dienstadel begründet, der jedoch durch
die Verbindung von Amt und verliehenem Grundbesitz in einen Erbadel überging.
Die Könige verliehen den durch Eroberung erworbenen Grundbesitz zunächst den Heerführern, welche damit
ihren ererbten Allodialbesitz verbanden, und den Besitz mit dem Amt, z. B. der Grafenwürde, erblich zu machen wußten. Noch
leichter gelang die Vererbung den Ministerialen und Rittern mit dem Besitztum, welches ihnen die Lehnsmannen des Königs, die
Herzöge, Markgrafen, Grafen, verliehen, weil mit diesen Lehen ursprünglich keinerlei öffentliches Amt,
vielmehr nur Verpflichtung zur Kriegsfolge verbunden war.
Die Besitzer reichsunmittelbarer, d. h. solcher Güter, die nicht von einem Lehnsherrn zweiter Ordnung abhingen und die zugleich
gewisse Hoheitsrechte (als Ausfluß
[* 31] des ursprünglichen Reichsamtes, dessen Zubehör sie waren) mit sich führten, wurden in
Deutschland zu dem hohen oder Reichsadel, die Besitzer von Gütern der andern Art dagegen zur Ritterschaft, in dem spätern Sprachgebrauch
zum niedern Adel gerechnet. Der hohe Adel, zu welchem die geistlichen und weltlichen Würdenträger und Beamten des Reichs, die
Erzbischöfe, Bischöfe, Herzöge, Markgrafen, Pfalzgrafen, Landgrafen und Grafen gehörten, übte im Bereiche
seiner Besitzungen mehr oder weniger vollständige landesherrliche oder Regierungsrechte aus; die Inhaber von Reichsämtern,
die Herzöge, Markgrafen, Landgrafen, Pfalzgrafen, Grafen, sowie die Erzbischöfe und Bischöfe hatten auch das Recht der Reichsstandschaft
oder das Stimmrecht auf den Reichstagen.
Nicht so die bloßen Reichsfreiherren ohne hohe Gerichtsbarkeit oder Reichsritter, die nicht zum eigentlichen
hohen Adel gerechnet wurden, obgleich sie sich von dem landsässigen Adel durch ihre Reichsunmittelbarkeit
sowie durch gewisse, den Herrschaftsrechten der eigentlichen Reichsstände (Landesherren) mehr oder weniger nahekommende
Vorrechte unterschieden, daher eine Art von Mittelstellung zwischen diesem und jenem einnahmen. Der größte Teil der Reichsunmittelbaren
wurde 1803 und 1806 «mediatisiert», d. h.
der Landeshoheit eines benachbarten Landesherrn unterworfen, behielt jedoch den Rang und die Vorrechte von Mitgliedern des
hohen Adel, soweit er solche besessen, insbesondere auch, was die eigentlichen Reichsstände betrifft, das Recht der Ebenbürtigkeit
(s. d.) mit den regierenden Familien.
Die Privilegien des hohen Adel beruhen, soweit sie nicht beseitigt sind, materiell auf der DeutschenBundesakte
Art. 14. Die TitelGraf, Freiherr kamen von Haus aus nur den Reichsunmittelbaren zu (es gab nur Reichsgrafen, Reichsfreiherren)
und konnten nur vom Kaiser oder von den Reichsvikarien verliehen werden, jedoch haben die Kurfürsten von Brandenburg seit 1663 Standeserhebungen
selbständig vorgenommen. Seit dem Aufhören des Reichs aber ward dieses Recht von den Landesherren geübt.
-
Vgl. Maurer, über das Wesen des ältesten der deutschen Stämme (Münch. 1846);
Schröder, Lehrbuch der deutschen Rechtsgeschichte
(Lpz. 1894).
Auch in Frankreich gab es bis zur Revolution von 1789 einen hohen und einen niedern Adel, beide wie in
Deutschland aus dem Lehnswesen entstanden. Jener umfaßte die sog. pairs du royaume, die aber seit den Kapetingern keine landesherrlichen
Rechte mehr besaßen. Später wurden sie auch aus den amtlichen Stellungen verdrängt, aus dem obersten Gerichtshofe durch
rechtsgelehrte Richter, aus dem HohenRat (le grand conseil) durch die beharrliche Tendenz des franz. Königtums
nach unumschränkter Gewalt, so daß zuletzt in Frankreich schon vor der Revolution hoher und niederer Adel sich kaum noch durch
etwas anderes als durch gewisse äußere Auszeichnungen unterschied. Ein sehr zahlreiches und angesehenes Kontingent zum
niedern Adel
¶
mehr
stellte in Frankreichvor der Revolution die sog. noblesse de la robe, d. h. die
Mitglieder der hohen Gerichtshöfe oder Parlamente.
Nach England kam das feudale Adelswesen schon vollständig ausgebildet mit der normann. Eroberung 1066. Wilhelm der Eroberer
teilte das ganze Land in eine Menge von Kriegslehen und vergab diese, in größerer oder geringerer Anzahl,
an die Führer seines Heers, die ihrerseits wieder damit ihr Gefolge belehnten. So entstand auch hier ein hoher und ein niederer
Adel, die «Barone des Reichs» und die «Ritter der Grafschaften».
Überall und namentlich in den Ländern romano-german. Staatswesens, wo sich der Lehnsstaat am stärksten
entwickelte, ist der Adel aus den zwei Faktoren entstanden: aus großem Grundbesitz und aus berufsmäßiger Waffenfähigkeit
und Kriegsbereitschaft. Denn auch die hohen Staatsämter der großen Reichsbeamten hatten anfangs einen vorwiegend militär.
Charakter: die Herzöge und Markgrafen waren die Führer der großen Heereskörper, unter denen wieder
die einfachen Grafen kleinere Abteilungen befehligten.
Daher fand auch die Belehnung der Herzöge mit der Fahne, dem Symbol der Heeresgewalt, statt, und diese großen Lehen hießen
dann fürstl. Fahnenlehen. Später ward dem Adel freigegeben, auch andere Berufsarten zu wählen, sogar solche, welche
vordem als entschieden unadlig gegolten hatten, z. B. den Großhandel. Auf dieser Grundlage bewegte sich
der, daneben allerdings auch in der Regel grundbesitzende, städtische Adel oder das sog.
Patriciat, wobei es freilich vorkam, daß der ausschließlich ritterlicher Lebensweise treu gebliebene Landadel diese seine
ehemaligen Standesgenossen als Abgefallene und der wahren Berufsehre verlustig Gegangene von seinen Turnieren
ausschloß. Eine andere Folge dieser Erweiterung des Adelsbegriffs war das Aufkommen eines Brief- oder Papieradels, d. h. die
Verleihung von Adelstiteln durch den Landesherrn ohne gleichzeitige Belehnung mit einem rittermäßigen Gute oder ohne den
vorausgehenden Besitz eines solchen.
Die staatliche und sociale Stellung des Adel hat sich in den verschiedenen Ländern sehr verschiedenartig
herausgebildet. In England ließ die starke Königsgewalt und ein lebenskräftiges Volkstum den Adel keine beherrschende
Stellung als Sonderstand gewinnen. Dagegen fand sich der Adel bald durch das allzu scharfe und zum Teil in Willkür ausartende
Regiment der Könige zu einer Opposition gegen dieses veranlaßt, bei welcher er aber, um Erfolge zu
erzielen, der Unterstützung auch der übrigen Volksklassen, insbesondere der früh zu Wohlstand gelangten größern Städte,
nicht entbehren konnte.
Daher der in England keine Freiheiten für sich erkämpfte, ohne solche zu gemeinsamen für die ganze Nation zu machen. Wenn
aber doch einmal der Adel dieser Politik der Klugheit untreu ward, so benutzte das Königtum die
Gelegenheit, durch Zugeständnisse im allgemeinen Volksinteresse die andern Klassen sich zu verbinden und so ein bedenklichem
Übergewicht des Adel zu verhüten.
So ist es gekommen, daß in England der Adel kein schroff von den andern
Klassen gesonderter Einzelstand geworden, vielmehr ein organischer, mit allen übrigen eng verwachsener
Teil des Gesamtnationalkörpers geblieben ist.
Der niedere Adel ist schon früh mit dem Bürgertum fast gänzlich verschmolzen, namentlich durch die gemeinsame Anteilnahme
an der polit. Vertretung des Landes im Unterhause, wohin schon 1265 nächst zwei Rittern aus jeder Grafschaft auch zwei Bürger
aus einer Anzahl von Flecken berufen wurden. Der hohe Adel, die Nobility, hat ein wichtiges polit. Vorrecht,
nämlich daß die Häupter seiner Geschlechter geborene Mitglieder des Oberhauses, des höchsten Gerichtshofes des Reichs
und einer der großen gesetzgebenden Gewalten sind, daß dieselben in solcher Eigenschaft, als Peers of England, nur von
ihresgleichen, den im Oberhause vereinigten Peers, gerichtet werden können, und daß sie gewisse äußere
Auszeichnungen je nach ihrem Range, als Herzoge, Marquis, Earls, Viscounts oder einfache Barons oder Lords, genießen. In allem
andern ist auch die Nobility dem für alle gleichen «gemeinen Recht» unterworfen.
Sie übt keine Gutsherrlichkeit und eigene Polizeigewalt, besitzt weder Steuerfreiheit noch sonstige Befreiungen
oder Bevorrechtungen. Die agrarischen Privilegien des Adel, als Inhabers des großen Grundbesitzes, welche in den
Festlandstaaten so drückend auf dem kleinen Grundbesitz lasteten, wie Frone und andere Herrenrechte, sind in England schon
sehr früh und ohne heftige Kämpfe, ja so unvermerkt, daß die Geschichtschreiber kaum anzugeben wissen,
wann und wie, verschwunden.
Von Bedeutung ist auch, daß der hohe Adel Englands sich in Bezug auf das Familienrecht durchaus nicht so streng von dem Bürgerstande
abscheidet, wie es auf dem Festlande der Fall ist. Nicht allein die Mitglieder der hohen Aristokratie, Herzoge, Marquis, Earls
u. s. w., sondern selbst königl. Prinzen
haben sich unbedenklich mit Töchtern desBürgerstandes vermählt. Jakob II., der letzte Stuart, heiratete die Tochter des Kanzlers
Hyde (spätern Grafen von Clarendon), und die beiden Töchter aus dieser Ehe, Maria und Anna, nahmen, die erste als Gemahlin Wilhelms
III. und Mitregentin, die zweite als alleinregierende Königin, den Thron
[* 36] von England ein.
Erst das deutsche Haus Hannover
[* 37] brachte das Princip der Ebenbürtigkeit auf den engl. Thron mit, das jedoch in der hohen Aristokratie
nie zur Herrschaft gelangte. Ferner hat die Krone das ihr zustehende Recht, die Peerswürde zu verleihen, von jeher dazu benutzt,
um teils Männer von Genie, Kenntnissen, Erfahrungen und Verdiensten um die geistige Größe des Landes,
teils solche, welche bedeutende materielle Mittel erworben hatten, in die Reihen des hohen Adel zu versetzen.
Dazu kommt, daß auch das Amt des Lordkanzlers, welches seinem Inhaber den Sitz im Oberhause, sogar den Vorsitz darin, gewährt,
meist an Männer aus dem Bürgerstande verliehen wird. Während so durch Heiraten wie durch neue Peersernennungen
fortwährend bürgerliche Elemente den adligen zugeführt werden, verschmilzt auf der andern Seite vermöge der Einrichtung,
wonach die Peerswürde nebst dem dazu gehörigen Grundbesitz jedesmal nur an den Erstgeborenen übergeht, der ganze männliche
und weibliche Nachwuchs einer Familie aus dem hohen Adel vollständig mit dem niedern und dem
Bürgertum, nicht bloß dem Rechte, sondern auch dem Namen nach. Der
¶
mehr
zweitgeborene Sohn eines Herzogs wird Marquis, die fernern Söhne rangieren in der sog. Gentry neben Baronets und Knights, Gelehrten,
Künstlern, Advokaten, Bankiers, großen Kaufleuten u. s. w., und wenn sie auch gesellschaftlich einen etwas
höhern Rang einnehmen, so bildet dieses doch keinen eigentlichen Standesunterschied. Die jüngern Söhne der drei ersten
Adelsklassen führen den einfachen Familiennamen mit dem Lordstitel unter Beifügung des Taufnamens. -
Vgl. Gneist, und Ritterschaft in England (Berl. 1853);
ders., Das heutige engl. Verfassungs- und Verwaltungsrecht (2 Tle.,
ebd. 1857-60; Tl. 1 [in 2 Bdn.], 3. Aufl. 1883,
1884).
Ganz anders war die Entwicklung der Adelsverhältnisse auf dem Festlande, mit Ausnahme etwa der Niederlande
[* 39] und Italiens,
[* 40] wo der Adel auch zum Teil infolge der allgemeinen nationalen Schicksale dieser Länder den andern Klassen des Volks
immerfort näher blieb. Am schroffsten dagegen sonderte er sich vom Bürgertum ab in Frankreich, etwas weniger anfangs in
Deutschland, bis das franz. Beispiel auch hier Eingang fand. In Frankreich hatte es eine Zeit lang den Anschein,
als ob und Bürgertum gemeinschaftlich in einer allgemeinen Vertretung (den états généraux) die Rechte desLandes gegen
das Übergewicht der königl. Prärogative verteidigen sollten.
Allein das Königtum wußte den Adel an sich zu ziehen, ihn aus einem selbständigen, mitten im Volke stehenden
Grundbesitzadel zu einem gefügigen, vom Volke losgetrennten Hofadel zu machen. Dabei hielt er alle die drückenden Privatvorrechte
fest, welche ihn, zumal der kleinen ländlichen Bevölkerung
[* 41] gegenüber, als ein dem Volke fremdartiges, feindliches Element
erscheinen ließen. Der Grundsatz des Rassenunterschiedes, wonach der von anderm, edlerm Blute ist als
das Volk, ward in seiner ganzen Schroffheit ausgebildet, proklamiert und bethätigt. Heiraten zwischen Adligen und Bürgerlichen,
wenn schon durchs Gesetz nicht verboten, galten doch für Mißheiraten (mésalliances).
In Deutschland erhob sich auf den Trümmern der Gemeinfreiheit und einer starken Reichseinheit, die beide ungefähr gleichzeitig
und aus den gleichen Ursachen zu Grunde gingen, die Übermacht und der Übermut des Adel. Im Reformationszeitalter
sehen wir so ziemlich die letzten Spuren einer edlern, gemeinnützig-polit. Tendenz des in Bezug auf das Ganze in den Bestrebungen
eines Teils der Reichsritterschaft für Herstellung einer zeitgemäßen, insbesondere die verschiedenen Stände und ihre Sonderinteressen
einander mehr annähernden Reichsverfassung, in den Einzelstaaten in dem von dem Adel, gemeinsam
mit dem Bürgertum, durch das Organ der Landtage teilweise mit großer Hingebung und Opferfreudigkeit unternommenen Kampfe
für polit. und Glaubensfreiheit.
Später hört dies mehr und mehr auf. Der in den prot. Ländern durch die Aufhebung der geistlichen Pfründen
um die Mittel der Versorgung seiner jüngern Söhne gebracht, fast allerwärts infolge der Herabdrückung der Stände in Ohnmacht
und in Abhängigkeit von der fürstl. Gewalt, in seiner bisherigen, wenigstens zum Teil volkstümlichen Wirksamkeit beschränkt,
suchte Ersatz und Entschädigung im Hofdienste und nahm allmählich alle Hofämter in Besitz. Der Grundsatz
der Ebenbürtigkeit tritt in seiner vollen Strenge (selbst beim hohen Adel) erst im 17. Jahrh. auf.
Das Streben des deutschen wie des französischen Adel ging insonderheit seit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges
unablässig
dahin, einerseits für seine Personen und Güter eine Ausnahmestellung und Befreiungen von dem für die andern Klassen
gültigen Gemeinen Recht, andererseits über die Hintersassen auf seinen Gütern eine möglichst ausgedehnte Gewalt zu erlangen.
Für seine Person und Familie Steuerfreiheit, Freiheit von der Konskription, besonderer Gerichtsstand, Bevorzugungen im Hof-,
Civil- und Militärdienste, sodann allerhand gesellschaftliche Auszeichnungen (Recht der Haustrauung, der unbeschränkten Zahl
von Paten bei Taufen u. s. w.), für seine Güter Patrimonialgerichtsbarkeit, Patronatsrecht, Jagdrecht
auf fremder Flur, Gutspolizei, endlich Schutzherrlichkeit über seine Gutsunterthanen mit allen den dazu gehörigen Rechten
auf seiten des Herrn, dagegen mit Diensten und Lasten auf seiten der Unterthanen u. s. w.: dies war die bisweilen ins Ungemessene
ausgedehnte Summe von Ausnahme- und Herrenrechten, welche der Adel auch in Deutschland, der große wie der
kleine, nach und nach an sich riß.
In den meisten Ländern bildete der Adel eine geschlossene, entweder durch ausdrückliche, von den Landesherren anerkannte Ordnungen
oder doch durch sein gemeinschaftliches Auftreten auf den Landtagen als besonderer Stand, eng verbundene Korporation, welche
den Zutritt fremder Elemente streng von sich abhielt. In Mecklenburg
[* 42] ist bis auf die neueste Zeit die
Aufnahme eines neuen Mitgliedes in den sog. «recipierten
, den bestehenden Adelskörper, von der Zustimmung dieses letztern abhängig geblieben.
Lange Zeit sträubte sich der Adel heftig gegen den Übergang adliger, ritterschaftlicher Güter in bürgerlichen Besitz, und
viele Landesfürsten glaubten, zur Erhaltung des Adel als Stand ein freilich nicht durchführbares Verbot
dagegen erlassen zu müssen. Ebenso gab es viel Streit um die Zulassung nichtadliger oder neu geadelter Rittergutsbesitzer
zu den Landtagen, und in manchen Ländern, z. B. Sachsen,
[* 43] fand diese Zulassung nur unter Beschränkungen statt. Die noch ausgedehntern
Vorrechte des hohen Adel, welche demselben nach Wegfall der eigentlichen Landeshoheit noch übrigblieben,
waren im Art. XIV der DeutschenBundesakte, der diese Rechte garantierte, folgendermaßen specialisiert: Ebenbürtigkeit mit
den regierenden Häusern in Bezug auf Ehen;
Auch dem ehemaligen bloßen Reichsadel (Reichsfreiherren, Reichsrittern) ward
Autonomie, Landstandschaft, Patrimonial- und Forstgerichtsbarkeit, Ortspolizei, Kirchenpatronat, privilegierter Gerichtsstand
zugesichert, jedoch nur nach Vorschrift der Landesgesetze.
In Frankreich hob die Revolution von 1789 nicht nur alle Vorrechte des Adel (die Deputierten des Adel selbst verzichteten darauf
in der berühmten Nacht des 4. Aug.), sondern auch den Adel selbst als besondern Stand auf. Der Gebrauch adliger
Titel, Wappen
[* 44] u. s. w. ward verpönt. Napoleon I. schuf durch die Dekrete von 1806 und 1808 einen
neuen Adel, zum Teil mit Majoraten. In dem¶