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Warum wir Werte brauchen
Alle Welt redet vom postfaktischen Zeitalter, meine Damen und Herren, und hierzu hat neulich der Psychoanalytiker und Kulturkritiker Slavoj Žižek, Sloweniens berühmtester Export gleich nach Melania Trump, etwas sehr Interessantes gesagt, nämlich: Er, Žižek, könne dem Begriff der Postfaktizität nicht viel abgewinnen, nicht zuletzt weil dieser impliziere, es hätte irgendwann ein Zeitalter der Wahrheit und Wahrhaftigkeit gegeben. Das Problem, so Žižek weiter, sei vielmehr: der Verfall von Sittlichkeit, die Erosion von Werten.
Werte sind wieder wichtig, Werte sind wieder in der Diskussion, eine kleine Welle von Büchern zum Thema hat uns bereits überrollt, gute und weniger gute, und eins der besseren ist «Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt» des Kulturphilosophen Urs Andreas Sommer. Und so, sagt Sommer, funktionieren Werte: Sie setzen Lebensentwürfe gleich, die ungleich sind und zunächst nichts miteinander zu tun haben; sie machen Perspektiven vergleichbar und austauschbar. Werte (wie zum Beispiel Aufrichtigkeit, Konsequenz, Authentizität) lassen Sphären, die an sich getrennt scheinen, miteinander konvertibel werden (beispielsweise die ökonomische Sphäre mit der politischen oder der ästhetischen) und brechen damit die überbordenden Geltungsansprüche einzelner Sphären und ihrer Leiturteile. Im Falle der spätmodernen Marktgesellschaft heisst das: Werte können zum Beispiel das Überwuchern eines allenthalben verbreiteten ökonomistischen Optimierungskalküls und seiner trivialen Zweckrationalität eingrenzen.
Zweifel am eigenen Vokabular
Dabei dürfen Werte nie starr sein. Beziehungsweise, falls Sie das lieber buddhistisch gewendet haben wollen: Auch bei der Wertbildung wichtig ist das Gewahrsein, dass das Selbst über keinen fixen Wesenskern verfügt, sondern im Flusse ist, wie alles. Das aus psychologischer Sicht stabilste Ich entsteht paradoxerweise durch die Nicht-Identifikation mit einem Ich. Dazu gehört auch das Vokabular. Werte drücken sich in Worten aus; und ein anderes Vokabular bedeutet neue Alternativen.
Der amerikanische Philosoph Richard Rorty hat eine spezifische Vorstellung, ein eigenes Konzept des Vokabulars; Rorty geht davon aus, dass jeder Mensch ein bestimmtes Repertoire von Begriffen benutzt, um sein Leben und seine Welt zu erfassen, das Richtige vom Falschen und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Diesen Wortschatz nennt er das «abschliessende Vokabular» einer Person (abschliessend deshalb, weil die von diesem Vokabular beschriebene Weltsicht nicht weiter mittels der Zuhilfenahme eines anderen Vokabulars begründbar ist). Das abschliessende Vokabular ist jenes, auf dessen Basis wir Werturteile fällen und das uns dabei hilft, einer unübersichtlichen, konfusen und chaotischen Welt einen Ordnungsrahmen überzustülpen.
Nun liesse sich sagen: Jeder Wertewandel rüttelt ein bisschen am abschliessenden Vokabular, und das ist schon mal gut so. Nach Rorty sind die eigenen Zweifel am eigenen Vokabular unerlässlich für den Diskurs und die Selbsterkenntnis. Insofern hat Wertewandel das Potenzial eines Erkenntnisprozesses. Allerdings kann die Dynamik auch regressiv verlaufen. Das ist das, was Žižek mit Verfall bezeichnet: der zivilisatorische Rückschritt. Werte dürfen nie starr sein, aber wir brauchen das Fundament der Aufklärung.
12 Kommentare zu «Warum wir Werte brauchen»
Interessant. Ich persönlich sehe es vielmehr so, dass wir in einer Zeit der Selbstaufgabe leben. Vor ca. 70 Jahren demolierten die Deutschen & co. die halbe Welt und wollten die Juden vernichten. Heute umarmt die deutsche Regierung die ganze Welt. Der Drang danach, diese Geschehnisse „nie mehr wieder passieren“ zu lassen, haben dazu geführt, dass man in der Politik den Eindruck hat, man müsse überall helfen. Wer diese Ansicht nicht teilt, der wird sofort in die rechte Ecke gestellt. Wir leben in einem Zeitalter der Lügen und Intrigen. Auch die Presse informiert teilweise falsch, da sie schlecht recherchiert. Das sah man sehr gut im amerikanischen Wahlkampf. Weniger lügen, mehr denken und dann reden.
Jeder Terrorist, jeder Betrüger, jeder Politiker hat und lebt „seine“ Werte. Doch diese Werte ergeben oft kein Miteinander, sondern ein Gegeneinander. Das war schon immer so und wird auch immer so bleiben.
Es ist die ewige Frage nach Moral und nach Ethik (Moral als Überlebensstrategie der Sippe verstanden, die Ethik als Regelwerk zwischen Menschen/Gruppen/Ländern, die nicht verwandt/eng verbandelt sind).
Erst aus der Moral und der Ethik heraus entstehen die Werte, die man lebt. Und wenn sich Moral und Ethik verändern, ändert das auch die Werte.
Beispiel: Jeder Krieg führt zu mehr Nationalismus (Moral), jeder Frieden zu mehr Toleranz (Ethik). Derzeit nimmt die Moral (als Überlebensstrategie) weltweit zu, was die Werte ändert und damit die Ethik (Toleranz/Gerechtigkeit) schwächt.
Ich erlaube mir einer anderen Ansatz:
Kein Mensch steht über einem anderen, kein Mensch ist mehr wert als ein anderer. Das ergibt sich daraus, dass man so eine Höherwertigkeit nicht begründen kann.
Daraus folgt der Rest: Freiheit der Rede und des Handelns mit allen weiteren indivuduellen Menschenrechten.
Daraus ergibt sich auch die Pflicht, oder vielleicht besser gesagt die Notwendigkeit, den andeten zu respektieren und sich entsprechend zu verhalten oder auch zurückzuhalten.
Und danach ergeben sich die Tugenden (also das, was taugt), damit das Zusammenleben funktioniert.
Tugenden, geeignete Einstellungen und Verhaltensweisen können durch Werte ausgedrückt werden – also das, was es wert ist, dass man sich dran orientiert oder dran hält.
Herrlich, poetischer hätte ich die Werte des Cash Flow, der Transitorischen Abgrenzungen und den Sinn des Quarterly Estimate bei einer rollierenden Planung nicht beschreiben können. Klappt natürlich nur, wenn der Controller nicht gerade mit weg rationalisiert wurde. Zur Aufklärung fällt mir eigentlich nur der Hinweis auf die Unterscheidung von Zen und Kaizen ein.
geht es auch weniger schwülstig und kompliziert? versteht einer überhaupt, was in diesem Artikel gesagt wird?