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Knistern, Knacken, Rauschen und dann plötzlich ein Signal: nicht vom Mars zwar, aber vom Schweizer Radio. Dort wurden seit den 1930er-Jahren Science-Fiction-Hörspiele ausgestrahlt. Felix Wirth untersucht sie und reist in seiner Dissertation regelmässig durch Raum und Zeit. Wooosh!
Felix Wirth, Sie forschen über «Science Fiction am Deutschschweizer Radio zwischen 1935 und 1985». Sind Sie ein Science-Fiction-Nerd?
Überhaupt nicht. Ich fand über Umwege zum Thema. Ich habe während des Studiums zuerst bei www.memoriav.ch und später auch für Radio SRF gearbeitet. Meine Masterarbeit habe ich dann zu Radiosendungen über Afrika geschrieben. Da ging es stark darum, wie afrikanische Gesellschaften am Deutschschweizer Rundfunk dargestellt wurden. Das war zwar spannend, emotional aber auch sehr herausfordernd, da die Sendungen viele negative und rassistische Stereotypen beinhalteten. Als ich fertig war, sagte ich mir deshalb: «In Zukunft möchte ich mich mit etwas anderem befassen, mit etwas, das komplett fiktiv ist». Ironischerweise geht es auch bei der Science Fiction wieder um Kolonialismus und Kolonien – nun einfach im Weltraum.
Wie kam die neumodische Science Fiction überhaupt ins altehrwürdige Schweizer Radio?
Das ist eine meiner Leitfragen. Radiopolitik und Hörspielproduktion des Deutschschweizer Radios – bis in die 1960er-Jahre bekannt als «Radio Beromünster» – waren lange Zeit eher konservativ. Die Diskurse waren bis in die 1950er-Jahre geprägt von der Geistigen Landesverteidigung, von Abschottung und Abgrenzung. 1953 wurde beispielsweise in der Radio-Konzession festgehalten, dass das Personal schweizerischer Nationalität sein sollte und die verbreiteten Programme die «geistigen und kulturellen Werte» der Schweiz fördern mussten. Vor diesem Hintergrund könnte man meinen, dass in der Zukunft angesiedelte und meist von ausländischen Autoren verfasste Science-Fiction-Hörspiele nicht gerade zu den Vorlieben von Radio Beromünster gehörten. Tatsächlich wurden aber seit den 1930er-Jahren in regelmässigen Abständen Science-Fiction-Texte – vorwiegend aus Deutschland und England – übernommen und ins Hörspielformat übertragen.
Was heisst das konkret? Wie muss man sich die Produktion eines Hörspiels vorstellen?
Die Hörspiele wurden als Exposés oder als Manuskripte eingereicht. Die Radioregisseure schrieben anschliessend Gutachten. Einige dieser Gutachten sind glücklicherweise erhalten geblieben und zeigen die Debatten darüber, welche Texte vertont werden sollten und welche nicht. Ich schreibe somit eigentlich zwei Geschichten: jene der ausgestrahlten und jene der abgelehnten Science Fiction.
Welche Texte wurden denn abgelehnt?
Manche Themen waren zu sensibel. Nach 1945 wurden beispielsweise viele Manuskripte zum Thema «Atombombe» eingereicht. Viele wurden abgelehnt, weil man einerseits nicht zur allgemeinen Beunruhigung beitragen wollte und andererseits das Hörspiel nicht als ideales Format für den Umgang mit dem Thema betrachtete.
In den 1950er und 60er-Jahren stand die Science Fiction dann ganz im Zeichen des Ost-West-Konflikts, wobei das Deutschschweizer Radio versuchte, sich schweizerisch-neutral zwischen den Blöcken zu positionieren. Deshalb entschied man sich beispielsweise 1960 gegen «Raumstation Alpha schweigt» von Fritz Puhl. Dieses war zwar zwei Jahre zuvor vom Norddeutschen Rundfunk ausgestrahlt worden, das Schweizer Radio indes fürchtete, es könnte aufgrund seiner antirussischen Inhalte als «Gegenpropaganda» wirken und Misstrauen schüren. Das häufigste Argument für eine Ablehnung war aber, dass sich ein Text «nicht auf die Schweizer Verhältnisse anpassen» liess. Letztlich hiess das nichts anderes als: zu «deutsch» oder zu «britisch». Was unter «Schweizer Verhältnissen» genau zu verstehen ist, wird allerdings nur in wenigen Hinweisen angedeutet.
Manche Texte wurden aber auch adaptiert, also verschweizert?
Ja, und das geschah unter anderem dadurch, dass typisch schweizerische Figuren eingefügt wurden. Ein Beispiel dafür ist das Hörspiel «Kraftwerk Mittelmeer» (1952) von Felice Vitali, damaliger SRG-Korrespondent in Berlin. Es ist eine Adaption des Buches «Atlantropa» – einer etwas grössenwahnsinnigen Idee des Ingenieurs Herman Sörgel aus den 1930er-Jahren. Sörgel plante, mit Staudämmen am Bosporus und der Strasse von Gibraltar den Mittelmeerspiegel um 100 bis 200 Meter abzusenken. Die Idee wurde in den 1950er-Jahren sogar vonseiten der UNO unterstützt und so beschloss auch Radio Beromünster, das Projekt zu thematisieren. Im Hörspiel unterhält sich ein gewisser «Herr P.S.» – ein Pseudonym für Sörgel – mit dem jungen Tessiner «Remo». Dieser «einfache Mann von der Strasse» hinterfragt und kritisiert alles, was ihm P.S. erzählt. Anschliessend beginnt Remo von «Atlantropa» zu träumen. Er träumt von politischen Flüchtlingen, die wegen der Dämme keine Arbeit mehr haben, von Terroristen, welche die Staumauern sprengen wollen und von vielen weiteren Problemen. Erschrocken wacht Remo auf und meint: «Mich schaudert vor einer totalitären Technik». Die von Autor Vitali hinzugefügte Figur «Remo» repräsentierte eine kritische und mahnende Stimme, die sich gegen das Megaprojekt «Atlantropa» aussprach – dies zu einer Zeit, in der Sörgels Vision international im Aufwind war. Ähnlich kritische, bodenständige Schweizer kamen auch in anderen Science-Fiction-Hörspielen der 1950er-Jahre vor. Figuren, die fragen, ob der technische Fortschritt wirklich so positiv ist, wie ihn andere sehen.
Sie haben nun mehrmals schon den Begriff «Science-Fiction-Hörspiel» benutzt. Sprach man am Schweizer Radio denn überhaupt von «Science Fiction»?
Anfangs nicht. Da sprach man von utopischen oder fantastischen Hörspielen. Der in den 1920er-Jahren in den USA entstandene Begriff «Science Fiction» etablierte sich nur langsam und dürfte erst in den 1950er-Jahren einer grösseren Schweizer Öffentlichkeit bekannt gewesen sein. Radio Beromünster war sehr zurückhaltend mit der Verwendung des Ausdrucks. So trug beispielsweise ein Stück von 1956 im Manuskript den Untertitel «Hörspiel-Komödie mit etwas ‘sience-fiction’ [sic!]». In der Radiozeitung wurde der Untertitel dann kurzerhand zu «Eine groteske Idee» abgeändert. Das Genre der «Science-Fiction-Hörspiele» existierte am Deutschschweizer Radio erst ab den 1960er-Jahren. In meiner Dissertation untersuche ich somit Texte, die erst aus heutiger Sicht zur Science Fiction gezählt werden.
Wie veränderten sich denn die Themen über die Zeit hinweg?
In den 1930er-Jahren gab es viele Katastrophenhörspiele: Zeppeline, die abstürzten, Raketen, die zum Mars flogen und dort in Kriege verwickelt wurden. In den 1940ern kamen gesellschaftliche Visionen dazu: Die Atomkraft sicherte den Weltfrieden und ähnliches. Die 1950er-Jahre standen dann ganz im Zeichen des Space Age: Es ging um UFOs und die Kolonisierung des Weltraums. UFOs gibt’s übrigens erst seit 1947, damals prägte ein amerikanischer Pilot den Begriff und die Vorstellung von der fliegenden Untertasse. Davor sahen ausserirdische Raumschiffe ganz anders aus.
Es herrschte also eine gewisse Technik-Euphorie?
Ja, aber die ebbte in den 1960er-Jahren deutlich ab. Gegen Ende des Jahrzehnts mehrten sich die negativen Zukunftsvisionen. Es gab Adaptionen von «Brave New World» und Ähnlichem. In den 1970er-Jahren dominierten ökologische und gesellschaftliche Probleme die Science-Fiction-Hörspielproduktion.
Zum Beispiel?
Rudolf Stalder adaptierte Anfang der 1970er-Jahre eine Kurzgeschichte von Ray Bradbury und liess sie in einem kleinen, vom Fortschritt verschonten Naturreservat im Schweizer Mittelland spielen. Ende der 1980er-Jahre übersetzte Lukas Hartmann den Amerikanischen Roman «Ecotopia» (1975) ins Berndeutsche und verlegte die Handlung ebenfalls in ein kleines Reservat rund um Bern. Beide Hörspiele kombinierten utopische Science-Fiction-Geschichten mit Schweizer Mundart und Folklore.
Mundarthörspiele sind somit eine weitere Neuerung der 1970er-Jahre. Sieht man da den Einfluss von Kurt Marti, Mani Matter und Co?
Vermutlich, ja. Genau habe ich das aber noch nicht untersucht. Schliesslich gab es in den 1980er-Jahren eine starke Pluralisierung der Themen. Es gab Umweltkatastrophen, Raumfahrtabenteuer, Episches aber auch Absurdes. Ausserdem wurden klassische Narrative aufgebrochen und alternative Erzählformen ausprobiert. Die Dramaturgie wurde experimenteller und neue Geräusch- und Klangkulissen kamen zum Einsatz.
Geräusche sind ein gutes Stichwort: Wie haben die Hörspiele denn geklungen?
Bis Mitte der 1960er-Jahre nahmen Geräusche für die Vertonung fiktionaler Welten viel Raum ein. Ein gutes Beispiel dafür sind Raketen oder Raumschiffe. Um etwa startende Motoren oder schliessende Türen darzustellen, wurden Geräusche existierender Geräte elektroakustisch manipuliert. So wurden Raumschiffe lange Zeit mit verfremdeten Flugzeug- oder Staubsaugermotorengeräuschen vertont. Nach der Mondlandung verloren die lauten Raketengeräusche an Bedeutung. Neue Dinge, wie etwa Bordcomputer betraten das Parkett. Mit den veränderten technischen Möglichkeiten und dem fortgeschrittenen Vorwissen der Zuhörer – Ende der 1960er-Jahre wusste man schliesslich, wie ein Raumfahrzeug klang – musste der Flug von A nach B akustisch nur noch angedeutet werden.
Und wie hat das Publikum auf die Geräusche und Geschichten reagiert?
Leider wurden nicht alle Zuhörer-Zuschriften archiviert. Die Geschichte über einen Zeppelin-Absturz soll 1935 eine gewisse Panikstimmung in Deutschland ausgelöst haben, da am selben Tag die «Graf Zeppelin» nach Südamerika gestartet war. Interessant waren auch die Hörerreaktionen auf ein Hörspiel über zwei Freunde aus den 1970er-Jahren. Sie konnten telepathisch kommunizieren und so bekam der eine Freund mit, was der andere dachte, als er per Selbstmord aus dem Leben schied. Da fragten viele Leute beim Radio nach, ob es das tatsächlich gibt. Teilweise wurden die Hörspiele auch in Zeitungen besprochen. Insgesamt bleibt die Rezeption aber leider lückenhaft.
Und eine Geschichte à la «The War of the Worlds?»
Sie meinen das Hörspiel über die Invasion von Aliens, die in Amerika 1938 zu grosser Verunsicherung führte? So etwas gab es hier nicht. Dafür hat das Schweizer Radio «The War of the Worlds» parodiert. In den frühen 1960ern gab es ein Hörspiel über den Befall des Mars‘ durch Erdenbewohner. Solche Parodien waren für Radio Beromünster typisch. Das Radio konnte sich zwar dem Science-Fiction-Hype sowie dem technischen Fortschritt nicht entziehen. Während sich aber nur ein geringer Teil der Hörspiele ernsthaft mit der Raumfahrt und anderen technologischen Errungenschaften auseinandersetzte, warfen viele Stücke, die von den Radiomitarbeitern selber übersetzt und adaptiert wurden, einen kritischen oder humoristischen Blick auf den ganzen Fortschrittsrummel.
Sagen diese Hörspiele somit auch etwas über den damaligen Schweizer Zeitgeist aus?
Ja, bestimmt. Science-Fiction-Hörspiele geben zum einen Einblick in die Auseinandersetzung mit Fortschritt und Moderne. Zum anderen gibt der Umgang mit Science Fiction am Deutschschweizer Radio immer auch Auskunft über die zeitgenössischen Wert- und Klangvorstellungen einer nationalen Institution – und ihrer Hörerschaft. Gerade der historische Wandel dieser Vorstellungen interessiert mich.
- Webseite von Felix Wirth