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1990
Die hochgeehrten und wohlweisen Herren Obervögte
Michael RaithVom Hauptort zur Agglomerationsgemeinde
Heute liegt Riehen zwischen der Kantonshauptstadt Basel und der Kreishauptstadt Lörrach, was eine grössere verwaltungsmässige Bedeutung der Gemeinde a priori ausschliesst. Das war aber nicht immer so. Der Sitz des zum Alemannenbistum Konstanz gehörenden Dekanates Wiesental befand sich nachgewiesenermassen erstmals 1295 und letztmals 1353 in Riehen. Das den Kirchenpatron Martin von Tours zeigende Siegel des erstgenannten Dekans Rudolf diente als Vorlage für die Jubiläumsmedaille von 1972 mit der Inschrift «Riehen 450 Jahre Zugehörigkeit zu Basel».
Auch die im Mittelalter in Riehen über ansehnlichen Grundbesitz verfügenden Klöster Wettingen und St. Blasien verwalteten von hier aus auch in anderen Gemeinden gelegenes Eigentum. Durch den übergang an Basel im Jahr 1522 wurde Riehen Landvogteisitz. Die Verwaltungseinheit umfasste zwar neben der Gemeinde Riehen nur noch das schon neun Jahre länger der Stadt Basel gehörende Bettingen. Alle anderen sogenannten ämter - Farnsburg, Homberg, Münchenstein, Liestal und Waldenburg - zählten weit mehr Dörfer, Flächen und Einwohner. Lediglich das erst 1640 erworbene Kleinhüningen bildete später ein noch kleineres Amt als Riehen und wurde trotz seiner rechtsrheinischen Lage nicht dem Basler Obervogt zu Riehen unterstellt. Der Grund dürfte weniger die fehlende gemeinsame Grenze zwischen den beiden Landgemeinden gewesen sein. Vermutlich spielte mehr ein anderes Argument die entscheidende Rolle: das Schaffen, Besetzen und Ausüben von ämtern stellte zunehmend eine Lieblingsbeschäftigung der Politiker dar; diese Tendenz zeigte sich im 17. Jahrhundert weit ausgeprägter als im 15., also zur Zeit des entstehenden Basler Territorialstaates.
Das änderte sich noch einmal, und zwar nach der Kantonstrennung. Die der Stadt verbliebenen Landgemeinden Bettingen, Riehen und nun auch Kleinhüningen bildeten den Landbezirk. Das Bezirksamt - es gab zwar diesen Namen nicht, wohl aber die Sache - erhielt sein Domizil im Gemeindehaus zu Riehen. Es musste deswegen 1836/37 neu gebaut werden. Diese Erstellung der heutigen «Alten Kanzlei» zog die Auflassung der alten Kirchenburg nach sich und veränderte das Bild, welches Riehens Zentrum während Jahrhunderten geboten hatte, radikal. Dem Landbezirk des Kantons Basel-Stadt war kein langes Leben beschieden. Aus Gründen der ökonomie und der Verwaltungszentralisation schaffte die Stadt die Institution und ihre Instanzen zwischen 1873 und 1885 ab. Damit verlor Riehen definitiv den Rang eines Hauptortes. Dass das aber nicht bedeuten muss, zur gesichtslosen Agglomerationsgemeinde Basels herabzusinken, beweisen die kulturellen, sozialen und ökologischen Anstrengungen der Gemeinde.
Das alte Dorf
Obwohl im längs des heute eingedolten Aubachs gelegenen Oberdorf ältere Siedlungsspuren als im heute «Dorf» und früher «Niederdorf» genannten Gemeindeteil gefunden worden sind, lag doch der politische Schwerpunkt im vielleicht jüngeren Bereich Riehens: hier erhob sich eine Befestigungsanlage mit Kirche, Wachthaus, Meierhof, Klösterli, Vorratsspeichern, Friedhof, Mauerring und Graben. Quellen reden auch von einer Burg zu Riehen. Ihr seinerzeitiger Standort bildet Gegenstand einer grossen Zahl von Hypothesen. Möglicherweise entspricht ein früherer baulicher Zustand des heutigen Meierhofs dieser Burg.
Ausserhalb des befestigten Areals standen auch wichtige Bauten, beispielsweise die Häuser des Leutpriesters und des Frühmessners sowie aus topographischen Gründen die Mühlen, doch stellten sie die Ausnahmen dar, welche die Regel bestätigten. Welches Gebäude nun aber wann welche Funktion erfüllte, lässt sich heute nicht mehr immer mit Gewissheit sagen. Die neuesten Recherchen der Basler Denkmalpflege und der Archäologischen Bodenforschung zwingen uns, von der Idee, die Landvogtei an der Kirchstrasse 13 sei das Zehntenhaus des in Riehen von 1283 bis 1540 reich begüterten Klosters Wettingen gewesen, Abschied zu nehmen. Es gab zwar dieses Zehntenhaus, wird es doch 1540 ausdrücklich erwähnt, aber wo es gestanden, bleibt offen. Es könnte auf dem Areal der späteren Landvogtei gewesen sein. Vielleicht schloss aber die Kirchenburganlage das Dorf westlich gegen die oft überflutete Wiesenaue ab. Die alte Frage, wozu das Klösterli (Kirchstrasse 8) im Mittelalter gut gewesen sei, erhält damit neuen Auftrieb.
Die falsche Annahme, klösterliches Zehntenhaus und städtisches Landvogteihaus seien identisch, geht bekanntlich auf die noch heute zu sehenden Wappen des Wettinger Abtes Rudolf Wülflinger (erwähnt seit 1411, f 1445) zurück. Solche Hoheitsembleme kennen wir - etwa in Monarchien - noch heute. Auch in unseren Gefilden verewigten sich vor allem Bauherren sowohl geistlicher als weltlicher wie auch fürstlicher oder republikanischer Provenienz. Wülflingers Wappenstein weist aller Wahrscheinlichkeit nach in die Zeit seiner Regierung als Abt zurück: diese begann 1434 und dauerte bis zu seinem Tod. Dass der Wappenstein nicht an seinem ursprünglichen Standort eingemauert ist, geht schon aus dem Wappenbuch des aus Konstanz in Basel eingewanderten, seit 1519 bezeugten und mit den Riehener Verhältnissen vertrauten Malers und Chronisten Conrad Schnitt (f 1541) hervor1). Wo der Stein anfänglich hing, geriet in Vergessenheit. Es muss in der Mauer eines Wettingen gehörenden Gebäudes gewesen sein. Sollte es sich dabei um das klösterliche Zehntenhaus gehandelt haben, so befinden wir uns wieder in der oben geschilderten Verlegenheit.
Abt Rudolf Wülflinger
Graf Heinrich II. von Rapperswil (erwähnt seit 1215, t 1246) mit dem Zunamen «Wandeiber» geriet nach der Legende auf einer Wallfahrt ins Heilige Land in Seenot. Da erschien ihm, nachdem er in seiner Angst und Not zur Heiligen Jungfrau Maria gebetet und im Fall der Errettung die Stiftung eines Klosters versprochen hatte, am Firmament als Zeichen der Hoffnung ein Meerstern. Zurückgekehrt gründete der Gerettete 1227 im Aargau das Kloster Wettingen nach der Regel des Reformordens der Zisterzienser. Im Wappen der Abtei weisen Melusine, eine Meerfee, und Meerstern auf das Geschehen hin2). «Meerstern» heisst auf lateinisch «stella maris» oder «maris stella». Und diesen Namen führt das Kloster Wettingen in den alten Urkunden. Im Genetiv «maris» klingt «Mariae», also Stern der Maria, an. Damit befinden wir uns in der mittelalterlichen Mariensymbolik: «stella» oder «stilla» - die Vokale sind nicht so wichtig - bedeutet im Lateinischen «Tropfen» und das heisst dann auf hebräisch «mar», «mare», das Meer, entspricht hebräischem «jam», «marjam» beziehungsweise «mirjam» ist der jüdische Name Marias. All das und noch viel mehr steckt hinter dem noch heute an der Landvogtei zu sehenden Wettinger Wappen.
Rudolf Wiilflinger entstammte einer seit 1322 bezeugten und heute schon lange ausgestorbenen Familie der Stadt Zürich. Erst wirkte er als Grosskellermeister im Kloster zu Wettingen, dann ab 1425 als Schaffner der Güter seiner Abtei im Kleinbasel. Damit unterstand ihm auch das klösterliche Zehntenhaus in Riehen. Der gewandte, intrigante, kunstsinnige und ambitionierte Mönch nutzte das von 1431 bis 1447 dauernde Basler Konzil, um für ihn wichtige Beziehungen anzuknüpfen. Durch Gastereien verpflichtete er sich die Bischöfe von Konstanz und Chur. Es gelang ihm, allerdings mit Mühe und nach überwindung von Hindernissen, den amtierenden Abt zu vertreiben und sich an seine Stelle zu setzen. Doch ihn ereilte der Tod, und sein Vorgänger wurde sein Nachfolger.
Wülflingers Wappenstein zeigte ursprünglich fünf heraldische Elemente: das Klosterwappen, den Abtstab, ein redendes Familienwappen der Wülflinger mit einem braunen Wolf, und ein anderes Familienwappen der Wülflinger mit zwei einander zugekehrten goldenen Halbmonden in blau. Während das Halbmondewappen auch sonst bezeugt ist, kommt das Wolfwappen nur hier vor. Ursprünglich gab es noch ein viertes Wappen. Schon Conrad Schnitt hat es nicht mehr gekannt, es muss also schon spätestens im 16. Jahrhundert zerstört worden sein. Unwillkürlich denkt man da an den Bildersturm der Reformationszeit: es hat so etwas auch in Riehen gegeben. Er fand wohl in und um die Kirche statt. Eventuell ist das ein weiteres Indiz dafür, dass sich das Wettinger Zehntenhaus auf dem Areal der Kirchenburg befand. Vielleicht zeigte das verloren gegangene Schild das Emblem der Familie von Wülflingers Mutter.
Die Wappen waren übrigens lange Zeit unbemalt und mit Ausnahme desjenigen von Wettingen - unbekannt. Erst 1915 brachte eine Publikation Licht ins Dunkel. Und 1923 konnte geschrieben werden, die Schilde seien «durch die Munifizenz des Verkehrsvereins in den richtigen Farben wieder hergestellt worden».
Rieben wird baslerisch
Ein Vierteljahrtausend regierte der Fürstbischof von Basel als weltlicher oberster Herr über Riehen, 1522 trat die Stadt Basel seine Nachfolge an. Wäre Riehen bischöflich geblieben, hätte es vermutlich das gleiche Schicksal wie die anderen, dem in Pruntrut residierenden geistlichen Herrscher gehörenden rechtsrheinischen Gemeinden erlebt: die Reformation wäre wohl verhindert worden und das Dorf spätestens durch den vor allem die kirchlichen Herrschaftsgebiete mediatisierenden Reichsdeputationshauptschluss von 1803 an Baden und damit an Deutschland gefallen. Was das schon nur im Hinblick auf Leiden des Krieges bedeutet hätte, lässt sich lediglich erahnen. Der übergang an Basel und damit an die Schweiz ist das historische Ereignis par excellence der Gemeindegeschichte, was in einer die Grenzen stark relativierenden Zeit gegen den Trend betont werden muss.
Der Erwerb Riehens durch Basel und die politische Geschichte der Gemeinde bis 1798 ist schon dreimal durch berufene Hände geschrieben worden: Pfarrer Emil Iselin (1923), Christian Adolf Müller (1949/50; leider erst zum Teil publiziert) und Fritz Lehmann (1972) legten Gesamtdarstellungen des Zeitraums vor3). Ihnen hier eine vierte und erst noch in Kurzform folgen zu lassen, ist weder nötig noch sinnvoll, geht es im vorliegenden Artikel doch nicht um die allgemeine Entwicklung in Amt und Gemeinde Riehen, sondern um die Bedeutung der Landvogtei als Institution und Gebäude.
Herr der Stadt Basel war bekanntlich der Rat. Er wurde vor allem aus den Zünften gewählt. Kleiner Rat hiess der entscheidendere Teil des Parlamentes. Der Riehener Obervogt musste Kleinrat sein und wurde von dieser Behörde in der Regel entweder auf Lebenszeit oder bis zur Beförderung in ein höheres Amt wie Oberstzunftmeister oder Bürgermeister gewählt. Diese Beförderung geschah oft, und so entwickelte sich das Amt eines Landvogtes zu Riehen zu einem von ehrgeizigen Aufsteigern begehrten Posten. Im Gegensatz zu anderen Basler Obervögten blieb der zu Riehen im Nebenamt, übte also weiterhin seinen bürgerlichen Beruf aus, behielt auch seinen Wohnsitz in Basel bei und residierte nur dann in der Landgemeinde, wenn es die Geschäfte erforderten. Als Entschädigung erhielt er Geld und Naturalien vor allem in Form von Holz, Heu und Wein. Als Kleinrat musste er einer regimentsfähigen und damit vornehmen Bürgerfamilie der Stadt Basel angehören.
Trotzdem stand ihm - und auch darin unterschied er sich von seinen Kollegen - keine Burg oder ein Schloss als Amtssitz zu, sondern nur die vergleichsweise bescheidene Landvogtei. Zwar taucht in einer Quelle des 15. Jahrhunderts ein «château de Riehen» auf, doch kann es sich dabei ja nicht um das Landvogteigebäude gehandelt haben. Dieses nannte man zwar später gelegentlich auch «Schloss», doch bleibt ein leicht ironischer Unterton unüberhörbar.
Aufgaben nahm der Obervogt folgende wahr: er vertrat die Regierung gegenüber Gemeinden und Einwohnern des Amts, er übte polizeiliche und richterliche Funktionen aus: Zwei Drittel der Bussenerträge flössen in seine private Tasche, er beaufsichtigte Bauten im Besitz der Stadt und darüber hinaus auch auswärts gelegene früher dem Kloster Wettingen gehörende Immobilien, er zog den Zehnten ein, also die Kantonssteuern in ihrer damaligen Form, und führte verschiedene Rechnungen, überdies waren ihm die Bereiche Wald, Fischerei und Jagd, sowie Grenze und Militär anvertraut. Zu letzterem gehörte auch die überwachung der Bann- und Marchsteine. Seine wichtigsten Gesprächspartner auf Seiten der Gemeinden waren der Riehener Untervogt sowie die Weibel von Riehen und Bettingen.
Auch mit den anderen kommunalen Unterbeamten4) hatte er zu tun. Eine wesentliche Rolle - ebenfalls als Vertreter der Obrigkeit - kam neben ihm dem Dorfpfarrer zu, der meist ebenfalls der städtischen Oberschicht entstammte und wohl nicht ganz zufällig auch sein Nachbar war: Dass die Landvogtei und das Pfarrhaus nebeneinander stehen und früher durch die Zehntenscheuer sozusagen miteinander verbunden waren, drückt symbolhaft das damalige Miteinander von Staat und Kirche aus.
Daran erinnern im alten Gotteshaus zu St. Martin verschiedene Baselstäbe, einer davon befindet sich über der ähnliche Funktionen wie der Wülflingersche Wappenstein erfüllenden - Bauinschrift oder Deputatentafel von 1694. Sie befindet sich vorne im Chor und setzt der Kirchenerweiterung von 1693/94 ein Denkmal. Damals wurde auch das Chorgestühl eingebaut. In seiner Mitte, direkt unter der Tafel, befinden sich die überdachten Ehrensitze des Landvogtes und seiner Frau: Wappen, Gedenkstein und Regentenstuhl bilden so noch heute in einer demokratischnüchternen Umgebung ein aristokratisches Element.
Die Landvögte Listen der Basler Obervögte in Riehen sind verschiedene publiziert worden. Sie weichen in Kleinigkeiten voneinander ab.
|01||Junker Heinrich Meltinger, Bürgermeister († 1529)||1523-1529|
|02||Theodor Brand, Schärer und Wundarzt (1488-1558)||1529-1531|
|03||Rudolf Supper, Brotbeck († 1538)||1532-1538|
|04||Beat Sommer, Brotbeck († 1559)||1539-1555|
|05||Sebastian Doppenstein, Tuchmann, später Bürgermeister (1497-1570)||1555-1559|
|06||Hans Ulrich Merian, Säger und Dielenhändler (1520-1592)||1559-1586|
|07||Hans Rudolf Huber, später Bürgermeister (1545-1601)||1586-1592|
|08||Christmann Fürfelder, Tuchmann (1545-1602)||1592-1602|
|09||Beat Hagenbach, Goldschmied (1557-1631)||1602-1626|
|10||Johann Rudolf Wettstein, Kanzlist, Offizier, später Bürgermeister (1594-1666)||1626-1635|
|11||Melchior Gugger, Verwalter (1594-1650)||1635-1650|
|12||Onophrion Merian, Würzkrämer (1593-1665)||1650-1665|
|13||Lux Hagenbach, Gewandmann (1610-1675)||1665-1675|
|14||Johann Friedrich Wettstein, Verwalter (1632-1691)||1675-1691|
|15||Johann Jacob Merian, Handelsmann, später Bürgermeister (1648-1724)||1691-1705|
|16||Heinrich Beck, Gutsbesitzer (1653-1710)||1706-1710|
|17||Josef Socin, Kaufmann (1662-1736)||1710-1736|
|18||Felix Battier, Kaufmann, später Bürgermeister (1691-1767)||1736-1740|
|19||Jakob Huber, Apotheker (1672-1750)||1740-1750|
|20||Johann Ulrich Schnell, Zunftmeister zu Gärtnern (1705-1780)||1750-1772|
|21||Lucas Faesch, Krämer, Magister, Offizier (1723-1792)||1772-1792|
|22||Johann Lucas Le Grand, Theologe, Magister, Bandfabrikant, später Direktor der Helvetischen Republik (1755-1836)||1792-1798|
Zu einzelnen Landvögten ist folgendes zu bemerken: Heinrich Meltinger versah die ämter eines Basler Bürgermeisters und Riehener Obervogts gleichzeitig. Er versuchte, nachdem sich die Gemeinde 1528 für die Reformation entschieden hatte, mit Gewalt wieder Messe lesen zu lassen, was misslang. Nach dem Sieg der Evangelischen floh er aus der Stadt und starb bald darauf zu Colmar im Elend.
Rudolf Supper lieh rund 400 Jahre nach seinem Tod und zur nicht uneingeschränkten Freude der dortigen Anwohner einer Strasse des Niederholzquartiers seinen Namen. Sein Enkel wurde übrigens geköpft, womit die Familie in Basel ausstarb. Auch Christmann Fürfelder, Besitzer des später Landgut Iselin genannten Sitzes, Johann Rudolf Wettstein und Johann Lucas Le Grand standen mit ihrem Namen Strassen des 20. Jahrhunderts in Riehen und Basel Pate.
Beat Hagenbach fiel durch sein schroffes und unverträgliches Wesen unangenehm auf und betitelte Höhergestellte mit unflätigen Worten. über das Resultat berichtet ein altes ämterbuch: «Beat Hagenbach... hat nachdem er s Habermuss verschüttet... abgebeten».
Nach ihm kam Johann Rudolf Wettstein, der ohne Zweifel zu Recht als der berühmteste Basler Landvogt zu Riehen gilt. Allerdings verdankt er seine Bedeutung nicht dieser Wirksamkeit, sondern in erster Linie der Tatsache, dass er im Westfälischen Frieden von 1648 die Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft vom Deutschen Reiche erreichen konnte. Sein Andenken lebt in Riehen auch in seinen Häusern weiter. Von seinem Nachfolger berichtet die Chronik folgendes: « Als 14. Hornung 1650 Herr Deputat und Obervogt Melchior Gugger in Herrn Johann Rudolf Wettsteins, Bürgermeister Behausung zu Riehen sich mit andern guten Freunden mit essen und trinken, doch gebürlich und mässiglichen, erlustiget und jetz den Abschied genommen, fallt er uff der Stägen rückerlingen hinder sich, dass er gleich todt blieben. Ist in Riehen begraben»5).
Onophrion Merian kannte Riehen schon als Besitzer des Wenkens. Auch Johann Friedrich Wettstein, Sohn des grossen Bürgermeisters, hatte von Jugend an immer wieder im Dorf gelebt. Johann Jacob Merian trug Mitverantwortung für die erwähnte Erweiterung der Dorfkirche in den Jahren 1693/94; sein Name findet sich darum auf der grossen Gedenktafel im Chor. Hans Ulrich Schnell vertauschte nach 21 Jahren die Obervogtei Riehen mit derjenigen von Waldenburg. Da seine Vorgänger und Nachfolger entweder im Amt starben beziehungsweise krank resignierten oder zum Oberstzunftmeister und anschliessend zum Bürgermeister befördert wurden, stellt dies einen einmaligen Vorgang dar.
Vom Leben in der Landvogtei
Zur Landvogtei gehörten die Zehntentrotte und die daneben liegende Zehntenscheuer. Hier kamen die der Stadt Basel geschuldeten Abgaben und die Naturalerträge ihres Grundbesitzes zusammen. Es handelte sich dabei vor allem um Heu, Korn, Trauben und Holz. In der Scheune wurde gedroschen und in der Trotte begann die Weinherstellung. Der Pfarrer, der Schulmeister und andere erhielten ihren Anteil von diesen in guten Jahren immensen Gütern, auch wurden Ausgaben etwa für Reparaturen des Vogteigebäudes aus ihnen bezahlt, was übrigblieb, transportierte man in die Stadt ab. Der Landvogt führte genau Buch. Das Rechnungsjahr dauerte erst von Johannis (24. Juni) bis Johannis, ab 1662 von Oculi (= 4. Sonntag vor Ostern) bis Oculi. Die Rechnung bestand aus drei Teilen: Allgemeine Rechnung |Riehen], Rechnung des Bettinger Amts und Rechnung des 1540 durch die Stadt erworbenen Besitzes des Klosters Wettingen. Im Jahr 1627 wurden die Rechnungen zusammengelegt. Voraussetzungen für den korrekten Zehntbezug bildeten verlässliche Beraine, also die auf einer Liegenschaft lastenden Abgabepflichten verzeichnenden Grundbücher. Die Landvögte widmeten ihnen grosse Aufmerk samkeit, ebenso verwandten sie viel Zeit und Mühe auf die Sicherung des exakten Grenzverlaufs gegen Baden.
Am meisten aber gaben dem Obervogt Ernte und Herbst zu tun6). Der Wein war wohl das, was die Ratsherren und mit ihnen die Landvögte offiziell und privat am meisten an Riehen interessierte. Und so wurde im Landvogteihaus ein bisschen gewohnt, schon etwas mehr verwaltet, vor allem aber gefestet und gefeiert: Kein Anlass war zu gering, um nicht Grund zum Zusammensitzen bei einem guten Trunk zu geben. Und wie die Abrechnungen zeigen, kann es sich dabei nicht immer so «gebürlich und mässiglichen» zugetragen haben, wie 1650 im Wettsteinhaus.
Gab es wegen der Grenze mit dem Landvogt zu Rötteln zu tun, so musste das gefeiert werden. Als sich Herzog Eberhard III. von Württemberg (1614-1674) anno 1638 auf einem Spazierritt nach Riehen verirrte, setzte das ein solennes Fest im Vogtshaus ab. Die 1661 auf dem Galgenfeld östlich des Bäumlihofs angelegten obrigkeitlichen Weiher schufen die Voraussetzung für ausgedehnte Fischessen mit den Herren Häuptern ( = Bürgermeister und Oberstzunftmeister), denen der Obervogt auch sonst Osterlämmer, Herbsthämmel, Brennholz und Wein, ja sogar «Mässkrom» zukommen liess. Selbst Markgraf Friedrich VII. Magnus von Baden (1647-1709) liess sich Karpfen und Forellen vom Bäumlihof in der Landvogtei schmecken: er ist 1693 und 1695 als Gast bezeugt.
Nicht mit von der Partie waren aber die Riehener jener Zeit. Vornehmer Stadtbürger und einfacher Bauer an einer gemeinsamen Tafel: das konnte man sich je länger desto weniger vorstellen. Die Kluft zwischen Patriziat und Landbevölkerung wuchs, was die barocke Titulatur «Die hochgeehrten und wohlweisen Herren Obervögte» in zeitgenössischen Korrespondenzen festhält. Das soll aber nicht heissen, die Obervögte hätten den Riehenern nichts gegönnt: man liess sie durchaus auch auf Staatskosten in den Dorfwirtschaften zum Ochsen, zum Rössli oder im Dreikönig «Imbissmähler» verzehren und Schlipfer bechern.
In einer ganz anderen Beziehung standen die Obervögte der Dorfbevölkerung nah: Es hatte sich eingebürgert, den obersten Vertreter der Herrschaft als «Götti» zur Kindertaufe zu bitten, teils der Ehre und teils wohl auch des zu erwartenden Batzens wegen. Ursprünglich trat der Landvogt auch oft wirklich als Pate auf und ebenso seine Frau als Patin. Doch mit der wachsenden Distanz Hessen sie sich durch Dritte vertreten. Die Scheidung der Menschen in Wertvolle und Wertlose wurde aber nicht mehr unwidersprochen hingenommen: Die Geistesepoche der Aufklärung verkündete die Gleichheit der Menschen. Nicht wenige dieser Aufklärer entstammten der privilegierten Oberschicht. Einer von ihnen amtete als letzter Riehener Obervogt: Johann Lucas Le Grand.
Jobann Lucas Le Grand
Während die Erinnerung an Wettstein in der Riehener und Basler öffentlichkeit sowie speziell auch im Jahrbuch7) seit jeher gehegt und gepflegt wird, was erlaubt, den Altbekannten hier nicht ein weiteres Mal vorzustellen, ist Johann Lucas Le Grand, der mehr als das dem letzten Inhaber eines Amtes an sich zukommende Interesse verdient, heute weitgehend ein Unbekannter8). Zwar liegen auch seine Hauptverdienste nicht in der Leitung der Landvogtei Riehen, aber er hat hier für seine übrigen Schritte typische Spuren hinterlassen.
Johann Lucas Le Grand entstammte einer 1640 eingebürgerten Refugiantenfamilie und war weitläufig mit dem in den beiden letzten Jahrbüchern9) vorgestellten Landgutbesitzer Emanuel Le Grand verwandt. Johann Lucas absolvierte das pädagogische Elemente der Frömmigkeitsbewegung des Pietismus und der Emanzipationsbewegung der Aufklärung verbindende Seminar im bündnerischen Haldenstein. Geprägt wurde er weiter durch die damals regste Hochschule deutscher Sprache, nämlich Göttingen. Dort und in Leipzig, wo er 1772 zum Magister promovierte, eignete sich der junge Theologe eine freie Auffassung göttlicher und menschlicher Dinge an. Anschliessende Reisen führten ihn nach Frankreich und England, wo er seine Kenntnisse der zeitgenössischen Philosophie vertiefte. Er wurde ein Aufklärer. Weil er nichts lehren müssen wollte, was er nicht glaubte, sagte er sich in seinem 24. Lebensjahr von der Theologie los, um dann allerdings in seinen reifen Jahren als Weggefährte des in den Vogesen wirkenden Pfarrers und grossen Menschenfreundes Johann Friedrich Oberlin (1740-1826) zu einer durch die Tat geadelten Glaubenshaltung zurückzufinden.
Le Grand wirkte seit 1779 in Basel als Seidenfabrikant. Sein revolutionsfreundlicher Idealismus brachte ihn in Schwierigkeiten, hinderten aber seinen politischen Aufstieg nicht. über die ursprünglich Wechslern und Goldschmieden vorbehaltene und damit vornehme Zunft zu Hausgenossen gelangte Le Grand in den Rat und wurde Obervogt zu Riehen. Er verlor dieses Amt, weil es einerseits durch die Basler Umwälzung von 1798 abgeschafft und weil er ande rerseits gleichzeitig ins Helvetische Direktorium, die damalige Regierung der Schweiz, gewählt wurde. Nach knapp einem Jahr trat er, durch Intrigen ermüdet, von diesem Amt zurück und verliess damit die politische Laufbahn, für die er mit seiner die Menschen überschätzenden Sicht zu gut war.
Seine Fabrik verlegte er von Arlesheim nach St-Morand bei Altkirch im Elsass, begleitet durch eine Kolonie schweizerischer Arbeiter. Er bewährte sich ihnen gegenüber als vorbildlicher Arbeitgeber. Im Jahr 1812 zog er nach Fouday im Steintal der Vogesen weiter, wo er die Baumwollspinnerei zu neuer Blüte brachte und sich - wie übrigens schon in Riehen - dem Schulwesen widmete. Erblindet starb er dort hochbetagt. Unter seinen Nachkommen finden sich originelle Sozialpolitiker und um die reformierte Kirche in Frankreich und der Schweiz hochverdiente Persönlichkeiten.
Die Amtszeit Le Grands zeichnete sich durch drei besondere Vorkommnisse aus: 1795 wurden Franzosen in Händen der österreicher in Riehen gegen die an den Wiener Hof reisende französische Königstocher Marie Thérèse Charlotte (1778-1851), die spätere Herzogin von Angoulême, ausgetauscht. 1796 fand zum ersten Mal seit 45 Jahren und zum letzten Mal in der Geschichte zu Riehen die Huldigung der Untertanen statt. Und 1797 verlieh Le Grand in einem speziellen Gottesdienst dem neuerwählten - und letzten Untervogt Johannes Wenk den richterlichen Stab. Alle drei Ereignisse sind schon gebührend geschildert worden10': Fast alle Autoren zitierten dabei die vergnügliche Chronik des letzten Weibels Hans Jakob Schultheiss. Sie bringt uns die damaligen Geschehnisse in besonders anschaulicher Weise nahe (siehe Seite 44 f.).
Das Landvogteigebäude als Privathaus
Das Landvogteigebäude hatte durch die unblutige Basler Revolution von 1798 ausgedient. Es wurde nun verpachtet, diente als Kantonnement oder stand leer. Man wollte es verkaufen, doch fand der Staat zu seinen Bedingungen keinen Käufer. Erst 1807 erwarb der uns aus dem letzten Jahrbuch11) wegen seiner «unmoralischen» Hochzeit bekannte Handelsmann und Strumpffabrikant Johannes Preiswerk-Bischoff das Haus. Nach seinem Tod (1834) verkauften es die Erben 1838 an den damaligen Besitzer des Baslerhofes in Bettingen, dem Rotgerber und Stadtbürger Daniel Brand-Schmid (1782-1848), von dem es in die Hände seines Schwiegersohns Johannes Wenk-Brand (1816-1891) gelangte. Während dieser Zeit soll Christian Friedrich Spittler, die grosse Gründergestalt der Basler Erweckungsbewegung, zeitenweise in der ehemaligen Vogtei gewohnt haben. Im Jahr 1860 verkaufte Johannes Wenk das Zehntenhaus an den frommen Bäcker und konservativen Politiker Nikiaus Löliger (1814-1899). Dieser baute die Gebäulichkeit für seine besonderen Berufszwecke um. Der alte, einst in Weinlesezeiten zum Backen des Brotes für die Winzer und Trottknechte dienende Ofen, bekam eine neue und erweiterte Aufgabe und lieferte treffliche Erzeugnisse. Nikiaus Löliger teilte den Hausbesitz mit seinem Sohn Samuel Löliger ( 1846-1894), der eine Tochter von Johannes Wenk-Brand geheiratet hatte und beruflich sowie politisch in die Fussstapfen seines Vaters trat, aber als gebrochener Mann starb, was wohl den Vater bewog, die Landvogtei aufzugeben und nach Basel zu ziehen. Der Landwirt Johannes David (1864-1928) erwarb nun 1896 das Haus und bewirtschaftete es als Bauernhof. Nach dem Tod seiner Witwe Sophia David-Bertschmann (1866-1945) ging das Haus 1948 in die Hände von Reedereidirektor und Nationalrat Nicolas Jaquet (1898-1986) über, von dessen Erben es der gegenwärtige Besitzer, dem wir die gründliche Renovation des Jahres 1990 verdanken, erwarb.
Von den übrigen Einrichtungen wurde die Zehntentrotte schon 1802 abgebrochen. Die Zehntenscheuer gelangte nach dem Zehntenloskauf 1863 in Gemeindebesitz und aus diesem in den des damaligen Gemeindepräsidenten Nikiaus Löliger. Sie brannte 1910 ab, wurde kleiner wieder aufgebaut und im Zusammenhang mit der Handänderung von 1948 definitiv vernichtet. Uns bleibt die Freude, dass das Hauptgebäude erhalten geblieben ist, bewohnt wird und lebt: es repräsentiert in gediegener Weise ein wichtiges und wertvolles Stück Alt-Riehen.
Anmerkungen:
1) Wappenbuch des Conrad Schnitt: St ABS Ff4. Iselin S. 66 und dazu A auf S. 16*
2) Vgl. auch Michael Raith: «Erasmus und Riehen», RJ 1986, S. 131f.
3) Iselin S. 121-208 und 22*-28*; Christian] A[dolf] Müller: «Das Zehntenhaus in Riehen genannt die <Alte Landvogtei> Seine Vergangenheit, Bewohner und Aufgabe», Typoskript, o.0.1949 ( 1950), 237 S. Daraus publiziert: «Johann Rudolf Wettstein und Riehen», in: Basler Jahrbuch 1959, Basel 1958, S. 13-27, und «Ernte und Weinlese in Riehen zur Zeit der Landvögte », RJ 1971, S. 14-27; Fritz Lehmann: «Unter der Herrschaft der 'Gnädigen Herren» von Basel 1522-1798», RGD, S. 267-318.
4) GKRS. 192 f.
5) nach Iselin S. 150
6) Vgl. C. A. Müller im RJ 1971: siehe Anmerkung 3)
7) Vgl. RRJ (v.a. die Artikel und Literaturangaben von Fritz Lehmann)
8) Vgl. aber Hans Buser: «Johann Lukas Le Grand, Direktor der Helvetischen Republik», in: Basler Biographien I, Basel 1899; Iselin S. 193; Michael Raith: «Die Le Grands in Riehen», RZ Nr. 11 vom 17. März 1989, S. 11; RGD S. 301; RZ Nr. 20 vom 18. Mai 1990, S. 17; Paul Wernle: «Der Schweizerische Protestantismus in der Zeit der Helvetik 1798-1803», Zürich 1938-1942, passim.
9) RJ 1988, S. 66-71 und RJ 1989, S. 28-59
10) Gefangenenaustausch: Iselin S. 194-199, RGD S. 301-303; Huldigung: Iselin S. 199 f., RGD S. 303 f.; Stabübergabe: RJ 1983 S. 98, RZ Nr. 20 vom 18. Mai 1990, S. 17 11) RJ 1989 S. 35 und 58
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