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Ein einsamer Zeuge des früheren Dorflebens
Rebekka Brandenberger, Bernard Jaggi
Die Renovation des Wohnhauses Rössligasse 7 brachte eine 600-jährige Baugeschichte zutage. Ein Haus mit «sieben Siegeln».
Das Wohnhaus des ehemaligen Bauernhofes an der Rössligasse 7 ist ein einsamer Zeuge des früheren Dorflebens. Früher stand es in einem grösseren ländlichen Umfeld, welches einst die Parzellen der Rössligasse 7, 9 und 15 umfasste. Während die grosse Scheune und der daran angebaute Schopf im Zusammenhang mit der Einstellung des Bauernbetriebs 1925 abgebrochen wurden, zeugt das zweigeschossige Wohnhaus noch heute von der bäuerlichen Vergangenheit des Dorfes.
Es ist vor allem dieser historische Hintergrund, der dem Gebäude seinen besonderen Denkmalwert verleiht. Wegen des hohen Alters- und Quellenwerts und der lokalhistorischen Bedeutung ist das Haus schutzwürdig. Nach langwieriger Suche nach einer Käuferschaft wurde das Haus nun von einer jungen Familie erworben, die es weiterhin zu Wohnzwecken nutzen wird.
Die Schriftquellen berichten erstmals um 1490 von einem Besitzer namens Johannes Schmid. Dieser wie auch seine Erben gehörten zur Oberschicht der Dorfbauern in Riehen. Aus der nachfolgenden Familie Schultheiss, welche das Anwesen bewohnte, stammten ebenfalls über Generationen bedeutende Persönlichkeiten des Bauernstands sowie des Gerichts, insbesondere des Weibelamts.1 Ab 1925 wird mit der neuen Besitzerfamilie Ernst Wenk-Wüst der Bauernbetrieb eingestellt. Das Wohnhaus wurde damals wohl bereits von zwei Parteien genutzt. Von 1954 bis 1998 bewohnten die Brüder Cavina das Haus und betrieben im Erdgeschoss ein Schneideratelier.2
Im Jahr 2004 wurde es nun von der Erbin der Cavinas an die heutigen Besitzer veräussert.3
Von der drohenden Auskernung ...
Die Geschichte der Liegenschaft reicht bis ins frühe 15. Jahrhundert zurück. Das Wohngebäude entstand in mehreren Etappen, die von einem ältesten kleineren Bau im hinteren westlichen Hausbereich ausgehen. Nach einer ersten Erweiterung gegen die Strasse folgte dann um 1708 die Verbreiterung des Gebäudes auf die heutige Grösse.
Bereits in den 1930er-Jahren wurde das Haus im Rahmen der Schweizerischen Bauernhausforschung erstmals gewürdigt. Als authentisch erhaltener Zeuge der Dorfgeschichte wurde das unscheinbare Gebäude 1991 ins Inventar der schützenswerten Bauten aufgenommen.4
Die Basler Denkmalpflege wurde deshalb im Zuge der Verkaufsbemühungen beigezogen und unterstützte die Eigentümerin bei der schwierigen Suche nach einer Käuferschaft, welche das Haus in seiner überlieferten Form erhalten und sanieren wollte. Der verlebte Zustand der Innenräume, veraltete Installationen und die stellenweise marode Bausubstanz Hessen jedoch sehr hohe Investitionen erwarten; die teilweise geringen Raumhöhen und der fehlende Umschwung machten das Haus trotz einer stattlichen Anzahl Räume auf zwei Geschossen für heutige Wohnbedürfnisse unattraktiv. Mehrere Interessenten legten deshalb Pläne vor, welche einen tief greifenden Umbau mit einschneidenden Veränderungen vorsahen.
Dem Haus sollte jedoch das Schicksal erspart bleiben, das in den letzten Jahrzehnten zahlreiche Bauernhäuser in Riehen ereilt hatte, die entweder ausgekernt oder ganz abgebrochen worden waren. Allein an der Rössligasse zerstörten in den letzten 20 Jahren derartige «Renovationen» die Innenstrukturen von drei prominenten Dorfbauten komplett.5 Sie sind zwar als Baukörper im Dorfbild noch halbwegs erlebbar, haben aber als potemkinsche Neubauten ihre originale Substanz und weitgehend ihren Charakter eingebüsst und sind als historische Zeugen für die Nachwelt verloren.
Um diese Gefahr abzuwenden, beantragte der Denkmalrat im September 2003 die Eintragung der Liegenschaft ins Denkmalverzeichnis.6 Mit dieser vorsorglichen Massnahme wird eine verbindliche Beratung von Bauherrschaft und Architekt und die denkmalpflegerische Begleitung der Bauarbeiten möglich. Dabei war das Ziel, nicht nur den Aussenbau zu bewahren, sondern auch das geschichtsträchtige Innenleben des Hauses zu erhalten.
Dies wurde möglich, indem eine junge Familie als Käuferin gefunden wurde, welche die Liegenschaft - ohne tief greifende Veränderungen an der Baustruktur - weiterhin als Wohnhaus nutzen wollte. Dank des geringen Investitionsaufwandes beschränkten sich die Eingriffe auf das Notwendigste, wobei auf Luxus glücklicherweise verzichtet wurde.
... zur sanften Renovation Die vordringlichsten Arbeiten - die als eigentliche Restaurierung bezeichnet werden dürfen - waren die Instandsetzung des Daches und die Sanierung eines Teiles der Kellerdecke. Die alten Zimmermannskonstruktionen wurden fachmännisch repariert, indem faule oder nicht mehr tragfähige Hölzer ergänzt oder allenfalls ausgewechselt wurden.' Da auf einen Dachausbau verzichtet wurde, mussten weder eine Wärmedämmung noch zusätzliche Fenster eingebaut werden, sodass das wertvolle alte Dachwerk in seiner überlieferten Form erhalten blieb.
Um den selbstverständlichen Ansprüchen an zeitgemässem Wohnkomfort zu genügen, galt es einerseits, die Elektro-, Gas- und Wasserleitungen unter grösstmöglicher Schonung der Bausubstanz zu erneuern und eine Zentralheizung mit Radiatoren zu installieren. Im Erdgeschoss wurde eine moderne Küche eingebaut und im Obergeschoss ein grosszügiges Badezimmer eingerichtet. Dabei wurde einer der beiden bestehenden Küchenräume aufgegeben, wobei der alte Rauchfang über der ehemaligen Feuerstelle weiterhin von der einstigen Nutzung zeugt. Auch die alten Fenster mit Einfachverglasung mussten erneuert werden. Sie wurden durch stilgerechte Sprossenfenster ersetzt. Die vor wenigen Jahren bereits ausgewechselten Fenster im Erdgeschoss und an der Strassenfassade waren noch intakt und blieben deshalb vorläufig bestehen, trotz ihrer für dieses Haus unpassenden Machart.
Bei der Behandlung der inneren Oberflächen wurde von einer Stil- und materialgerechten Restaurierung abgesehen. Obwohl aufgrund von Sondierungen die frühere Ausgestaltung der Innenräume bekannt war, wurde dem Geschmack der neuen Besitzer Vorrang gegeben. Da beispielsweise Wandtäfer und Holzdecken nicht abgelaugt wurden, sind die historischen Farbtöne unter der jüngsten Schicht erhalten geblieben. Die heutigen Bewohner haben somit dem Haus im Innern einen weiteren «Jahrring» hinzugefügt.
Die Wahrheit liegt unter den Verputzen Das Haus konnte im Jahr 1991 aus Anlass einer Verputzerneuerung an der Strassenfassade erstmals ansatzweise baugeschichtlich untersucht werden. Ausgelöst wurde die damalige Sanierungsmassnahme durch Bauarbeiten am Nach bargebäude Baselstrasse 60 (ehemalige Dorfschmiede).8 Dank einer vollständigen Verputzfreilegung konnte das Fassadenmauerwerk lückenlos untersucht werden, was einen ganz entscheidenden Baubefund zutage förderte: Eine vertikale Baunaht, die sich über die gesamte Fassadenhöhe erstreckt, belegte, dass das Haus zu einem früheren Zeitpunkt nur etwa halb so breit war wie heute.
Diese augenfällige Zweiteilung hatte sich auch im Dachstock bestätigt: Hier reihen sich zwei getrennt entstandene Dachwerke ähnlicher Bauart aneinander. Exakt auf der Flucht der Hausecke des früheren Gebäudevolumens, welche durch die Baunaht belegt ist, hat sich die Fassade der alten Giebelfassade unter dem heutigen Dach in allen Teilen mit verputzten Gefachen und einer unverkennbaren Aussenverwitterung erhalten.
Als weiteres Relikt dieser baugeschichtlichen Etappierung lässt sich auch der vorhandene Keller erklären: Er umfasst ebenfalls nur die westliche Gebäudehälfte und umreisst so den älteren Eckbau, dessen ehemalige Seitenfassade über der östlichen Kellermauer stand. Darüber durchdringt die alte Fassade noch heute das ganze Gebäude. Sie findet sich im Innern als massive Mauer, welche allerdings durch diverse öffnungen und spätere Durchbrüche reduziert ist, und - wie erwähnt - als Fachwerkgiebel - noch mit den ursprünglichen Fensterumrahmungen - im Dachstock.
Der Schein trügt: Die Entstehungsgeschichte ist noch viel komplexer!
Die zwei baugeschichtlichen Etappen, die zum heutigen Hausvolumen führten, sind unbestritten. Doch damit ist die Entstehung des Gebäudes noch lange nicht abschliessend erklärt: Bei genauerer Betrachtung des Kellermauerwerks ergeben sich gewisse Zweifel über die Einheitlichkeit dieses insgesamt älteren Raumgefüges. In der Längsausdehnung des Kellers wie übrigens auch im Erdgeschossgrundriss zeigen sich Unterschiede in der Machart des Mauerwerks und minime Abweichungen in den Mauerfluchten, die auf eine weitere Unterteilung der Baukubatur und damit auf eine komplexere Baugeschichte hindeuten.
Auf Basis dieser Erkenntnisse und weiteren Mutmassungen ergaben sich nun neue Fragestellungen, welche eine vertieftere Erforschung der überlieferten Gebäudestruktur voraussetzen. Die im Jahr 2004 durchgeführte Gesamtrenovation bot sich nun als ideale Gelegentheit dafür an. Dabei bleibt aber immer eines zu berücksichtigen: Der schonende Umgang mit der Bausubstanz hat absolute Priorität vor dem baugeschichtlichen Wissensdurst. Reine «Schatzgräberei» hat nichts zu suchen auf einer denkmalverträglichen Baustelle. Die am Objekt zu prüfenden Hauptfragen lassen sich wie folgt zusammenfassen: In wieviel weitere Bauphasen lässt sich der überlieferte Bestand noch weiter aufteilen und wie sind sie chronologisch einzuordnen?
Wie weit lassen sich ältere Baustrukturen von Vorgängerbauten in ihrer Grösse und Gestalt rekonstruieren? Lassen sich voneinander unterscheidbare Bauphasen datieren und sind dabei Gebäudestrukturen aus der Zeit der ersten urkundlichen Nennung um 1490 fassbar? Aus welcher Zeit stammen die verschiedenen Innenausstattungen und in welcher Form und Farbe haben sie sich gezeigt?
Ein Buch (Haus) mit sieben Siegeln (Bauphasen) Die örtlichen Untersuchungen an Brandmauern, Fachwerkwänden und Balkendecken förderten eine ganze Palette von Bauphasen zutage. Es lassen sich nun nach dem aktuellen Stand der Erkenntnisse insgesamt sieben massgebende Etappen festhalten, welche für die sukzessive Entstehung des Dorfhauses bestimmend waren. Der Ursprung der am Objekt fassbaren Gebäudegeschichte beginnt erstaunlicherweise bereits im frühen 15. Jahrhundert und lag jenseits des heutigen Hauses auf der westlichen Nachbarparzelle.
Im hinteren Teil des Gebäudes kam in der Brandmauer gegen die alte Dorfschmiede - dem heutigen Neubau Baselstrasse 60 - im 1. Obergeschoss ein Teil einer Fachwerkfassade zum Vorschein, welche zu einem Gebäude auf der Nachbarparzelle gehört haben muss. Diese ehemalige Fassade diente einer ersten Bebauung auf der Parzelle von Rössligasse 7 als Anbauwand. Damit entstand ein eingeschossig gemauertes Haus mit Giebeldach. Von diesem hat sich in der Brandmauer die schräge Dachlinie sehr schön erhalten.
Die ältere Fachwerkwand auf der Nachbarseite konnte dendrochronologisch ins Jahr 1404 datiert werden. Die Bauzeit des eingeschossigen Anbaus mit der gemauerten Dachlinie lässt sich über die Dendrodatierung der zugehörigen Balkenlage ermitteln. Sie stammt aus dem Jahre 1406, ist also nur zwei Jahre jünger als das Nachbargebäude. Damit entstand ein erstes kleineres Gebäude im hinteren Teil der linken Haushälfte und gleichzeitig vermutlich der hintere Teil des Kellers.
Erst 200 Jahre später, um 1609, erfolgte die Vergrösserung dieses eingeschossigen Hauses durch überbauung und Erweiterung zur Strasse. Aus dieser Zeit stammt die linke Haushälfte mit dem noch heute bestehenden liegenden Dachstuhl. Dieses schmale Gebäude besass eine gemauerte Giebelfassade mit einem aufgesetzten Giebelfachwerk.
Um 1708 wurde das Haus um eine Fensterachse verbreitert. Durch eine exakt angefügte Erweiterung an das vorgegebene Gebäudeprofd verschmolz der Anbau äusserlich unbemerkt mit dem älteren Vorgänger. Der Kellerraum blie vorerst auf seine überlieferte Dimension im hinteren Teil des alten Hauskörpers beschränkt. Von dieser Zeit zeugen im Obergeschoss noch diverse Ausstattungen wie Täferdecke und Türumrahmungen mit verzierten Verdachungen.
Nach ca. 20 Jahren, zwischen 1724 und 1726, wurde der alte Keller zur Strasse hin erweitert. Diese Massnahme kann anhand der einheitlich durchgehenden Balkenlage mit Kragsteinauflager belegt werden: Der Kragstein an der Nahtstelle der Erweiterung ist inschriftlich mit der Jahrzahl 1726 datiert. Im gleichen Zug wurden im Innern weitere öffnungen ins Mauerwerk der ehemaligen Seitenfassade eingebrochen, Wandschränke eingebaut und verschiedene barocke Ausstattungen ergänzt.
Letzte einschneidende Veränderungen erfuhr das Bauernhaus im Jahre 1925, als der Bauernbetrieb eingestellt und die barocke Scheune gegenüber abgebrochen wurde. So «wanderte» die Haustüre im hinteren Teil der Seitenfassade zugunsten eines zusätzlichen Innenraums nach hinten in die ursprünglich breitere öffnung des Kellerportals. Dabei ersetzte man den Treppenwendel ins 1. Obergeschoss durch einen schlichteren Treppenlauf.
1 Siehe Besitzergeschiehte in: Albin Kaspar. Häuser in Riehen und ihre Bewohner. Heft II, S. 65-68. Herausgegeben von der Gemeinde Riehen, 1996.
2 Siehe dazu den Aufsatz von Daniel Reicke im Jahrbuch Riehen 1992. Die Häuser an der unteren Rössligasse. Insbesondere Seiten 21-24.
3 Die neuen Eigentümer und Bewohner sind Herr und Frau Andrea und Hannelore Fornaro. Verantwortlich für den Umbau: Brigitte Hasler, Innenarchitektur, Basel.
4 Auf dieser Liste sind Liegenschaften verzeichnet, welche trotz ihres Denkmalwertes weder im Denkmalverzeichnis aufgeführt sind noch in der Schutzzone liegen. Es hat keine Rechtskraft, sondern dient den Behörden als Hinweis auf wertvolle Bauten, die einer denkmalgerechten Pflege bedürfen. (§14 DSchV).
5 Es handelt sich dabei um die alte Dorfschmiede (Baselstrasse 60), das «Schweizer»-Haus (Rössligasse 19) und das «Schlotzerhaus» (Rössligasse 20).
6 Ein solcher Antrag löst verbindliche Schutzabklärungen aus. Diese erfordern eine gründliche Erforschung des Baudenkmals anhand von verschiedenen Quellen. Die daraus resultierende Dokumentation bildet die Grundlage für die abschliessende Beurteilung und Würdigung des Objekts.
7 Für die Zimmermanns- und Daehdeckerarbeiten verantwortlich waren Herr Peter Anderegg und seine Mitarbeiter (Louis Risi Zimmerei 6t Holzbau AG, Allschwil).
8 über die damaligen Befunde wurde bereits im Jahrbuch Riehen 1992 berichtet.