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Die Behavioral Finance oder verhaltensorientierte Finanzwissenschaft ist eine relativ junge, interdisziplinäre Wissenschaft, welche im Gegensatz zur Efficient Market Hypothesis (EMH) von Eugene Fama aus dem Jahre 1970 von nicht rationalen Personen und ineffizienten Märkten ausgeht. Diese Lehre untersucht die Auswirkungen der Psychologie auf die Märkte und deren Teilnehmer. Sie ist deswegen interessant, weil sie erforscht, wie und warum Märkte ineffizient sein können. Obwohl Gustave le Bon bereits im Jahre 1896 das Buch „The Crowd: A Study of the Popular Mind“ schrieb, ein einflussreiches Werk der sozialen Psychologie, ist die Anwendung der Psychologie in der Finanzwissenschaft erst rund 35 Jahre alt.
Zwei bedeutende Psychologen prägten die Grundlagenforschung im Bereich des verhaltens-orientierten Handelns. Daniel Kahneman und Amos Tversky untersuchten im Jahre 1974 das Verhalten unter Unsicherheit und stellten verschiedene Heuristiken fest. Im Jahre 1979 präsentierten die beiden im Magazin Econometrica einen kritischen Artikel zur Erwartungs-Nutzen-Theorie von Neumann und Morgenstern aus dem Jahre 1944. Diese Theorie geht vom Homo Oeconomicus aus, einem Menschen der aus einer Menge an Alternativen diejenige auswählt, welche ihm den grössten Nutzen bringt. Der Homo Oeconomicus handelt also nutzenorientiert, rational und ist immer vollständig informiert. Die kritischen Autoren stellen eine neue Theorie auf, welche als Grundlage für diverse weitere Forschungsprojekte über die folgenden 30 Jahre diente: die Prospect Theory (S. 263 – 292). 1974 entdeckten die beiden Forscher einen weiteren Puzzlestein für die Erklärung von irrationalem Verhalten an den Märkten, das sogenannte Framing (S. 1126).
1985 wurde ein Artikel von Werner De Bondt und Richard Thaler publiziert, welcher die Wissenschaft überraschte und grosse Ineffizienzen am Aktienmarkt aufzeigte. Die Modelle der Overreaction und des Mental-Accounting wurden eingeführt (S. 793 ff.). Dies ist die eigentliche Geburtsstunde der Behavioral Finance. Weitere bedeutende Werke folgten im Jahre 1992 über das Herdenverhalten von Banerjee (S. 797 ff.), über Contrarian Investments (Value Strategien) im Jahre 1994 von Lakonishok, Schleifer und Vishny (S. 1541 ff.) sowie von Benartzi und Thaler (1995, S. 73 ff.) in Bezug auf die Prämie bei Aktienanlagen (Equity premium puzzle). Während dieser Zeit wurden auch die Vorlieben respektive Neigungen der Anleger näher untersucht. Diese sogenannten Biases stellen neben den Heuristiken einen weiteren grossen Themenblock der Behavioral Finance dar.
In dieser relativ jungen Forschung gibt es noch keine richtige Klassifizierung der einzelnen Disziplinen. Neue Theorien werden entwickelt und bestehende Theorien werden aneinandergeknüpft – eine eigentliche Einordung findet jedoch nicht statt. Die Gründe dafür liegen wohl darin, dass es eine interdisziplinäre Lehre ist, welche zum Beispiel Elemente der Kognitionspsychologie (Intuition) mit denen der Verhaltenspsychologie mischt, oder das Verhalten einzelner Personen auf eine Gruppe, respektive das Marktverhalten, projiziert. In einem ersten Schritt wird deshalb versucht, die Themengebiete sinnvoll einzugrenzen und zu bezeichnen, um einen Überblick über das gesamte Feld zu geben.
Abbildung 1 zeigt die vom Autor vorgenommene Einteilung der Behavioral Finance in drei Themenfelder: Persönlicher Nutzen, Wahrnehmung und Marktverhalten. Diesen Themenfeldern werden in den nächsten Kapiteln die wichtigsten Theorien der verhaltensorientierten Finanzwissenschaft zugeordnet. Ausschlag für diese Gliederung gaben die folgenden Gedanken: Handlungen können oft durch den persönlichen Nutzen erklärt werden, jedoch können auch Wahrnehmungsstörungen aus dem Feld der kognitiven Psychologie für ein bestimmtes Verhalten kausal verantwortlich sein. Deshalb wird zwischen den Themenfeldern „Persönlicher Nutzen“ und „Wahrnehmung“ unterschieden. Zudem erscheint es sinnvoll, beobachtbare Marktschwankungen welche nicht einzelnen Investoren zugeordnet werden können, von denen einzelner Marktteilnehmer zu trennen. Im dritten Themenfeld werden deswegen Beobachtungen über das Marktverhalten beschrieben. Diese werden meist durch Theorien aus den ersten beiden Feldern erklärt.
Abbildung 1: Übersicht Behavioral Finance Themenfelder.
Eine vollständige Übersicht der Einteilung der behandelten Theorien wird im Anhang in Abbildung 22 aufgezeigt. Zum besseren Verständnis werden die Theorien in ihrer ursprüngliche benannten Form, meistens in Englisch, aufgelistet. Wo nötig, werden die Begriffe ins Deutsche übersetzt und erklärt.