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Schneereicher Winter und viele Lawinenunfälle
Der Winter 2020/2021 war vor allem unterhalb von 2000 Metern schneereicher als im langjährigen Mittel.
Sowohl die Neuschneesummen als auch die Schneehöhen, mit Ausnahme des westlichen Mittellandes, waren überdurchschnittlich. Am aussergewöhnlichsten waren die Schneemengen für die tiefen Lagen des Puschlavs und des Bündner Rheintals.
Schon früh im Herbst lag an Nordhängen in hohen Lagen verbreitet Schnee. Im Westen und Norden war diese Schneedecke dünn, und im trockenen November bildeten sich Schwachschichten, die lange zu Lawinenauslösungen führten. Nur im Süden war der Herbstschnee Anfang Dezember bereits mit so mächtigen Schneeschichten überdeckt, dass Lawinen kaum im Altschnee ausgelöst wurden. Mit den häufigen Schneefällen im Dezember und Januar war die Lawinensituation anhaltend kritisch. Mitte und Ende Januar sowie Mitte März fielen im Norden grosse Schneemengen. In zwei ausgeprägten Lawinenperioden im Januar gingen viele grosse und sehr grosse, Ende Januar auch einzelne extrem grosse spontane Lawinen nieder. Am 29. Januar musste gebietsweise vor sehr grosser Lawinengefahr (Stufe 5) gewarnt werden. Der Februar zeigte sich eher trocken und sehr mild. Vor allem in Graubünden war der bodennahe Altschnee anfangs noch störanfällig, ansonsten nahm die Gefahr von trockenen Lawinen ab. Gleitschneelawinen gingen bereits im Dezember und Januar vereinzelt, im Februar vermehrt ab. Infolge der mächtigen Schneedecke nahmen diese teilweise sehr grosse Ausmasse an. An Sonnenhängen war die Lawinensituation ab Mitte Februar frühlingshaft mit günstigen Verhältnissen jeweils am Morgen und einem Anstieg der Gefahr von Nass- und Gleitschneelawinen im Tagesverlauf. In der letzten Februarwoche wurde die erste Periode mit Nassschneelawinen an Sonnenhängen bis in hohe Lagen registriert. Ab Mitte März kehrte der Winter zurück mit Schneefall im Norden und Westen bis in tiefe Lagen und kritischer Lawinensituation in der Höhe, besonders im Wallis und in Graubünden. Lawinen brachen vermehrt in oberflächennahen Schwachschichten an. Ende März war die Lawinensituation wieder frühlingshaft.
Anhaltendes Altschneeproblem
Bei Schönwetterperioden im Winter kann sich Oberflächenreif bilden. Zudem können eine dünne Schneedecke oder die oberflächennahen Schneeschichten zu einer lockeren Schicht mit kantig aufgebauten, grossen Kristallen umgewandelt werden. Wird diese schwache Oberfläche eingeschneit, kann sie über Wochen hinweg störanfällig bleiben, wobei durch einen Bruch in der Schwachschicht eine Lawine entstehen kann. Dies war auch diesen Winter der Fall. Eine weitere schwache Schicht bildete sich an einer Schmelzharschkruste, die im Dezember mit Regen bis in hohe Lagen entstand. Wenn Lawinen in solchen tiefer liegenden Schwachschichten ausgelöst werden können, wird dies als «Altschneeproblem» bezeichnet. Lawinen im Altschnee werden häufig gefährlich gross, da sie mächtiger im Anriss und flächiger in der Ausbreitung sind als Lawinen, die nur im Neu- und Triebschnee anbrechen. Das «Altschneeproblem» ist bei der Beurteilung der Lawinengefahr besonders schwierig einzuschätzen.
Das Altschneeproblem war diesen Winter anhaltend von Anfang Dezember bis Mitte Februar relevant. Ausgenommen davon war der Süden, dort war die schwache Schneedeckenbasis bereits im Dezember so mächtig überschneit, dass sie kaum störanfällig war. Sonst waren Anfang Dezember alle Gebiete betroffen, auch mittlere Lagen. Im weiteren Verlauf des Dezembers trat das Altschneeproblem an Schattenhängen in hohen Lagen besonders im Westen auf, im Januar besonders im südlichen Wallis und in Graubünden. In Mittelbünden und im Engadin war der Altschnee am längsten störanfällig, und es wurden auch nasse Schneebrettlawinen beobachtet, die im Altschnee anrissen.
In der zweiten Märzhälfte war das Altschneeproblem weniger in den bodennahen, sondern vermehrt in den oberflächennahen Schichten vorhanden. Lawinen brachen meist am Übergang vom Märzschnee zur alten, oft ungünstigen Schneeoberfläche an. Teils brachen sie auch im Bereich einer Schmelzharschkruste an, die vom Saharastaub von Anfang Februar braun gefärbt war und um die sich in der trockenen ersten Märzhälfte Schwachschichten gebildet hatten.
Mit der zunehmenden Durchfeuchtung der Schneedecke in hohen Lagen muss auch im weiteren Verlauf des Frühlings mit Lawinen gerechnet werden, die im Altschnee anreissen und gross werden können.
Viele Lawinenunfälle und viele Lawinenopfer
Insgesamt wurden dem SLF vom 1. Oktober 2020 bis am 30. März 2021 318 Schadenlawinen (Sach- und Personenschäden) gemeldet. Darunter waren 215 (Durchschnitt letzte 20 Jahre: 113) Personenlawinen mit insgesamt 296 erfassten Personen. Die Anzahl der erfassten Personen liegt mit rund zwei Dritteln deutlich über dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre mit 177 erfassten Personen. Die Anzahl der Lawinen mit Sachschäden lag am 30. März bei 103 Lawinen und damit bereits leicht über dem Durchschnitt der letzten 20 Jahre per Ende September mit 86 Lawinen. Die vollständige Erfassung der Sachschäden liegt erst per Ende September vor.
Bis 30. März starben 27 Personen in Lawinen, zudem wird eine Person noch vermisst. Auch die Opferzahl liegt mit der Hälfte deutlich über dem 20-jährigen Mittel von 18 Todesopfern bis Ende März. Alle Opfer waren Wintersportler, die sich im ungesicherten Gelände aufhielten: Elf Personen waren auf Touren unterwegs, 16 auf Variantenabfahrten. Bei einem Unfall kamen zwei Personen ums Leben, sonst jeweils eine Person. Ein Unfall geschah im Schweizer Jura, wo tödliche Lawinenunfälle sehr selten sind (zuletzt 1991).
Gründe für die hohe Anzahl von Lawinenunfällen und Todesopfern im Hochwinter können sein:
Schwacher Altschnee: Die bodennahen, aufbauend umgewandelten Schichten sowie Schwachschichten im mittleren Bereich der Schneedecke bildeten ein lang anhaltendes, ausgeprägtes Altschneeproblem. Die meisten schweren Unfälle wurden dadurch verursacht, auch die acht tödlichen Unfälle vom 15. bis am 18. Januar, was eine ausserordentliche zeitliche Konzentration darstellt.
Viel Neuschnee: Von Dezember bis Anfang Februar sowie Mitte März war die Situation mit wiederholten Schneefällen nicht nur tageweise, sondern auch wochenweise sehr kritisch. Mit dem ständigen Schneefall und der Bildung von Triebschneeschichten, deren Eigenschaften die Bruchausbreitung begünstigten, wurde jeweils auch das Altschneeproblem wieder aktiviert.
Grosse Lawinen: Lawinen, die im Altschnee ausgelöst wurden, waren oft gross, teils auch sehr gross.
Mehr Variantenunfälle: Mehr als die Hälfte der tödlichen Unfälle ereignete sich im Variantengelände. In der langjährigen Statistik überwiegen hingegen die tödlichen Unfälle im Tourengelände. Zudem ereigneten sich fünf tödliche Unfälle im Variantengelände an Tagen mit Gefahrenstufe 4 (gross). Dies entspricht dem Muster, dass im Gegensatz zu den Tourengehern die Variantenfahrer vor allem an Tagen mit höheren Gefahrenstufen verunglücken.
Weitere Aspekte:
Die Anzahl der Unfälle an Wochenenden (vor allem an Samstagen) war etwas höher als im Mittel der letzten 20 Jahre. An Wochenenden sind die Begehungszahlen gewöhnlich höher und damit ist auch das allgemeine Risiko für Lawinenunfälle höher.
Ob die Corona-Pandemie einen Einfluss auf die Begehungszahlen und das Risikoverhalten von Wintersportlern hat, ist unbekannt. (pd)
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