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Persönlichkeiten aus der Geschichte des Alpinismus: Alexander Burgener (1845-1910)
Melchior Anderegg ( 1827-1914 ), Alexander Burgener ( 1845-1910 ), Franz Lochmatter ( 1878-1933 ) und Joseph Knubel ( 1881-1961so würden die Namen lauten, müsste man vier Schweizer Bergführer aufzählen, die ihre Epoche geprägt und weit über die Landesgrenzen Berühmtheit erlangt haben. Vier einflussreiche Männer, die jeder auf seine Art eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Alpinismus gespielt haben.
Alexander Burgener unterschied sich von den anderen Führern nicht so sehr durch seine Leistungen als Bergführer, als vielmehr durch seine erstaunliche Persönlichkeit. Während seines ganzen Lebens verkörperte er das, was man gemeinhin mit « Hitzkopf » bezeichnet! Auch sein Äusseres entsprach nicht ganz der Norm: Betrachtet man alte Aufnahmen von ihm, hat man unweigerlich das Gefühl, er sei aus einem Stück alter Eiche oder aus einem Granitblock gehauen. Burgener war untersetzt, stämmig und hatte einen entschlossenen Gesichtsausdruck. Ein dichter Bart nach Bauernart unterstrich die Festigkeit seines Blickes, und eine währschafte Pfeife im Mundwinkel trug dazu bei, seinen draufgängerischen Charakter zu betonen.
Burgener stammte aus Eisten im Saas-Tal und begann seine Karriere als Gemsjäger. Bei dieser Tätigkeit lernte er die hohen Berge rund um Saas Fee kennen und erwarb eine ausserordentliche Gewandtheit in heiklem Gelände. Seine Kühnheit und seine Waghalsigkeit verhalfen ihm bald weit über die Grenzen des Tals hinaus zu Bekanntheit.
Eine schicksalhafte Begegnung Zwischen 1868 und 1878 begleitete Burgener ein berühmtes Mitglied des Alpine Club, Clinton T. Dent, der nicht gerade für vorsichtiges Verhalten bekannt war. Zusammen führten sie die fantastische Erstbegehung des Grand Dru ( 1878 ) sowie die erste Besteigung des Rothorns von Zinal über die Südflanke durch. Das Ereignis aber, das Burgeners Leben tief prägen sollte, war seine Begegnung mit Mummery im Jahre 1878 in Zermatt.
Im nachhinein scheint es unglaublich, dass diese beide Männer zusammentreffen konnten! Die zwei Bergsteiger unterschieden sich charakterlich recht stark, und niemand hätte damals einen Rappen auf ihre Verbindung gewettet. Der Skeptiker Mummery stimmte einer Idee, einer Angelegenheit niemals leichtfertig oder vorschnell zu. Zwischen dem Alpine Club und ihm herrschte gegenseitig Geringschätzung, und Mummery trat dem berühmten Verein erst spät bei. Zudem war er, von seinem Hintergrund und seiner Ausbildung her, an ein auf der Vernunft gründendes Vorgehen gewöhnt, das Burgener seinerseits nicht immer akzeptierte. So glaubte der berühmte Führer etwa an Geister. ( Mummery lernte diese Eigenschaft bei einem Versuch am Furggengrat kennen, als Burgener plötzlich « Geister erschienen ». Die ganze Expedition gab darauf ihr Vorhaben auf und stieg möglichst schnell nach Zermatt ab. Dies, obwohl Mummery seinen ganzen Scharfsinn aufbrachte, um Burgener vom Weitergehen zu überzeugen. Der englische Bergsteiger musste einsehen, dass man mit den Seelen der Verstorbenen nicht scherzt !) Die Begegnung der zwei Männer ereignete sich in Zermatt vor dem Hotel Monte Rosa. Mummery suchte einen Führer, der mit ihm einen Erstbegehungsversuch am Zmuttgrat des Matterhorns unternehmen würde. Alois Burgener stellte ihm seinen Bruder Alexander vor: « So wurde der breitschultrige Alexander, dessen Gesicht in einem Wald von Bart versteckt war, ausgesucht. Mit kühner Offenheit erklärte er, dass ein solches Unternehmen mit einem , den er gar nicht kenne, eine ganz
auch, weil die Sprache des Bergführers sehr offen und direkt war. So entstand allmählich eine Beziehung zwischen ihnen, die im Laufe der Zeit zu einer tiefen Freundschaft wuchs. Die Verbindung der zwei Männer wurde bald als eine der durchschlagendsten der ganzen Alpingeschichte betrachtet. Heute noch kann nicht klar beurteilt werden, wer - Burgener oder Mummery - den Ruf des anderen begründet hat, so fruchtbar und günstig war die « Chemie » dieser Verbindung: « Burgener brachte Mummery bei, die Chancen einer erfolgreichen Erstbesteigung kühl abzuwägen, die Erstbesteigung sorgfältig vorzubereiten und sie schliesslich mit unerbittlichem Willen und unfehlbarem Wissen durchzuführen.»2 Sicher ist, dass von nun an der Erfolg ihr wichtigster Begleiter werden sollte.
Die grossen Erstbegehungen Die Erfolge folgten sich Schlag auf Schlag: Zuerst einmal glückte der von Burgener geführten Equipe von A. F. Mummery, J. Petrus und A. Gentinetta am 3.September 1879 die Erstbegehung des Zmuttgrates am Matterhorn. Ohne die Leistung dieser Seilschaft zu mindern, soll dabei daran erinnert werden, dass W. Penhall, F. Imseng und L. Zurbriggen am Vortag mehr als die Hälfte der Route begangen und vorbereitet hatten. Sie eröffneten am 3.September, am gleichen Tag wie die Seilschaft von Burgener, eine bedeutende Variante in der Westwand ( das heutige « Penhall-Couloir » ).
Alexander Burgener war ein baumstarker Bergsteiger, im Gegensatz zu seinem feingliedrigen « Herrn ». Im Fels kompensierte Burgener seine eher schwerfällige Art mit seiner Überzeugung, jeder Schwierigkeit gewachsen zu sein. Die Exponiertheit einer Stelle bremste seine Kühnheit keineswegs, sondern begeisterte ihn restlos! So erreichte er am 15. Juli 1880 den Gipfel der Grands Charmoz. Die berühmten « Burgener-Risse » werden noch heute bei der Überschreitung dieses Berges begangen.
Wenig später hatte die Seilschaft am Grépon Erfolg. Damit gelang ihr eine der kühnsten Leistungen jener Epoche. Ich persönlich bin der Meinung - als Bergführer, der eine grosse 1 A. F. Mummery: Meine Bergfahrten in den Alpen und im Kaukasus. Bergverlag R. Rother, München 1930 2 André Guex: Les Alpinistes célèbres. Ed. Mazenod, Paris 1956 zwei! Mummery wurde sofort sehr unruhig. Der Eishang war extrem steil, Sicherungen gab es keine, und immer wieder wurden die Männer beinahe von Steinen und Eisbrocken getroffen: « Ich schickte ihm meinen hinauf, der aber leider stumpf war, was ihn zu höchst unliebsamen Bemerkungen über Bergsteiger-Neu-linge und in London hergestellte Pickel veranlasste.»3 Im Abstieg von der Aiguille Verte erhöhte Burgener das Tempo: Er Hess sich, von Mummery gesichert, am Seil hinunter und wählte dann die bestmögliche Stellung. Dann befahl er seinem « Herrn », sich ohne jegliche Sicherung fallen zu lassen. Bei ihm angelangt, packte er ihn mit festem Griff! Um acht Uhr abends erreichten die zwei Männer das Hotel von Montenvers. Mummery ging, gelinde gesagt, sehr mitgenommen aus diesem Abenteuer hervor.
Am 2., 3. und 4.Juli 1887 führte Burgener M. von Kuffner auf den Montblanc, wobei er dem Grat zwischen Tour Ronde und Mont Maudit in seiner ganzen Länge folgte. Diese bemerkenswerte Erstbegehung sollte später zu einer der grossen klassischen Routen des Montblanc-Massivs werden. Zwölf Tage später bezwang er den Teufelsgrat am Täschhorn. Die schwierige und heikle Kletterei gelang ihm mit Mrs. und A. F. Mummery und dem Träger Andermatten.4 Mrs. Mummery beschrieb die Besteigung in einem humorvollen Bericht, der dem bereits erwähnten Buch ihres Mannes beigefügt wurde.
Burgener erkundete auch den Kaukasus ( 1886, mit CT. Dent und W. F. Donkin ) und bestieg als erster den Tetnuld Tau. Mit einem weiteren berühmten Gast, dem deutschen Alpinisten Dr. Paul Güssfeldt, brach er mit der Absicht, die Anden zu bereisen, nach Südamerika auf. Kaum erreich- Eine der ersten Begehungen der Grands Charmoz gegen 1880. Auf dem Bild erkennt man auf dem Gipfelgrat den ersten Gendarmen beim Ausstieg der Burge-ner-Risse.
Zahl der Routen von Burgener begangen hat -, dass Burgener am 3O. Juli 1881 mit der ersten Begehung des y-förmigen Couloirs ( Charpoua-Couloir ) an der Aiguille Verte seine erstaunlichste Erstbegehung unternahm. Diese Erstbegehung prägte damals die alpinistische Szene ganz erheblich, da sie - von den technischen Anforderungen her - die Begehung des Brenvasporns am Montblanc durch Anderegg sechzehn Jahre zuvor übertraf. Man kann ihm natürlich auch die Erstbegehung des Cor-dier-Couloirs im Jahre 1875, ebenfalls an der Aiguille Verte, gegenüberstellen. Doch der ernste Charakter und die anhaltende Steilheit des Hanges machen aus dem Charpoua-Couloir sicher die härtere Tour. Damit soll die Leistung von Henry Cordier und seinen Begleitern aber keineswegs geschmälert werden.
Während dieser Erstbegehung unterstrich Burgener seinen Ruf, ein erfolgreicher « Pickel-Brecher » zu sein. Angesichts des Steinschlaghagels wollte er vielleicht zu schnell klettern und begann damit, mit aller Kraft Stufen zu hacken. Doch sein wertvolles Gerät hielt der überschäumenden Energie, zu der der Bergführer fähig war, nicht lange stand. Es brach entA. F. Mummery, op. cit.
* Alexander Burgener bewies nicht nur am Teufelsgrat, dass er nichts gegen alpinistisch ambitionierte Frauen hatte: Er wurde auch zum Wegbereiter für Eleonore Noll-Hasencle-ver ( 1880-1925 ), die führende Alpinistin im ersten Viertel des 2O. Jahrhunderts. Eleonore, Tochter einer wohlhabenden deutschen Familie, suchte Burgener in Zermatt auf, um ihn zu bitten, « ihr das Bergsteigen beizubringen ».
Alexander Burgener führte sie, die er « Gamsli » nannte, durch die hohe Schule der Berge: Matterhorn, Bietschhorn, Aiguille Verte und andere Berge wurden bestiegen. Nach den vielen gemeinsamen Touren war Eleonore zu einer so versierten Bergsteigerin herangereift, dass ihr Alexander Burgener mit den Worten: « ich kann Dir nichts mehr beibringen, mach es gut », sein Führerabzeichen schenkte. ( Christine Kopp: « Frauen, die Alpin-geschiente schrieben. » In: Alpinismusbeilage der NZZ vom 18.2.1993; Anm. der Red. ) 5 Ed. Payot, Lausanne 1940 Alpine Geschichte, Kultur, Erzählungen ten sie Argentinien, wurde Burgener aber krank und musste gleich wieder die Heimreise antreten.
Tragisches Ende Scharfen Graten bot er die Stirn, von der Sonne erwärmten und gefährlichen Wächten trotzte er, von nerventötenden Abgründen liess er sich nicht beeindrucken, drohende Bergschründe - fahle Risse im Morgenlicht - überwand er mit seinem schnellen Gang sicher. Hätte Alexander Burgener sein tragisches Ende vermeiden können? An einem Nachmittag im Juli 1910 starb er in einer Lawine unter der Berglihütte in der Nähe der Station Eismeer der Jung-fraujoch-Bahn. Charles Gos beendete in seinem Buch Tragédies alpestres5 den Bericht über den Tod von Burgener mit den folgenden Worten: « So kam der grosse Bergführer Alexander Burgener ums Leben. Seine kräftigen Arme, die den jungfräulichen Granit des Grépon und des Dru bezwungen hatten, öffnen sich in den wogenden Schneemassen. Alles um ihn herum bricht zusammen. Er versinkt im tobenden Getöse. Der Schnee füllt seine Augen mit Nacht, Schnee füllt seinen Mund. Die schrecklichen Wogen reissen ihn mit. Und er ergibt sich... » Dominique Roulin, Veyrier GE ( üm