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Fangen wir zunächst mit dem an, was wir wissen. Nämlich relativ wenig. Liebe ist bis heute wissenschaftlich nicht fassbar , genauso wenig wie das Leben an sich. Natürlich kennen wir in der Biologie den Vorgang, wie durch die Verschmelzung einer Eizelle mit einem Spermium ein neues Wesen entsteht. Doch warum diese Verbindung zu Leben führt, während eine Legierung von Kupfer und Zinn lediglich zu Bronze wird und nicht etwa zu einem metallenen Homunkulus, einem künstlich erschaffenen Menschlein, bleibt ein Mysterium.
Genauso können wir zwar erfassen, wie sich Menschen fühlen, wie sie denken und sich verhalten, wenn sie verliebt sind oder lieben. Wir können Hormonkonzentrationen im Blut messen oder Hirnareale identifizieren, die in diesem Zustand aktiviert sind. Doch das ist es auch schon. Bis heute wissen wir nicht, weshalb wir eine Person, die wir attraktiv finden, die uns sympathisch ist und die wir mögen, auf einmal zu lieben beginnen. Oder wie es möglich ist, dass zwei Menschen sich innig lieben – und auf einmal einander gleichgültig werden oder die Liebe in Ablehnung, Ekel oder sogar Hass kippt.
Liebe hat viele Facetten
Das heisst, wir können die Liebe beschreiben, wenn sie da ist. Doch wir können nicht erklären und verstehen, wie sie entsteht und vergeht. Und dennoch wissen wir einiges über die Liebe.
«Am Anfang steht nicht die romantische Liebe, sondern die pragmatische: Zuerst prüft man sorgfältig.»Guy Bodenmann, Paartherapeut
Zum Beispiel, dass sie mit Hirnarealen assoziiert ist, die mit Vertrauen, Belohnung, Sucht und Lustempfinden zusammenhängen. Wir wissen, dass Liebe ein Phänomen ist, das überall auf der Welt bei fast allen Menschen auftritt, unabhängig von Geschlecht, Geschlechtsorientierung und Alter. Wir wissen, dass Menschen mit einem erhöhten Testosteronspiegel (Männer wie Frauen) öfter mehrere Menschen gleichzeitig lieben, also polyamor leben oder auf Altdeutsch: Aussenbeziehungen haben. Und wir können die Liebe in verschiedene Liebesstile einteilen, die sich voneinander unterscheiden:
- leidenschaftliche oder romantische Liebe (Eros)
- kameradschaftliche Liebe (Storge)
- altruistische Liebe (Agape)
- pragmatische Liebe (Pragma)
- obsessive Liebe (Mania)
- spielerische, unverbindliche Liebe (Ludus)
Wir wissen, dass die romantische Liebe am stärksten mit der Beziehungszufriedenheit zusammenhängt. Und dass eine starke Liebe durch positives Denken über den Partner oder die Partnerin – auch wenn er oder sie abwesend ist –, durch verbrachte gemeinsame Zeit, Zärtlichkeit und Sexualität vorhergesagt werden kann. Und besonders spannend: Am Anfang steht nicht die romantische Liebe, wie viele meinen, sondern die pragmatische Liebe; zuerst prüft man sorgfältig. Es folgt die Mania, die obsessive Liebe; jetzt bricht der Damm. Erst dann kommt die romantische Liebe ins Spiel.
Ein Feuerwerk an Hormonen
Und wir wissen, dass bei Gefühlen der Liebe nicht nur Endorphine, Oxytocin und Dopamin ausgeschüttet werden, sondern auch die klassischen Stresshormone wie Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol. Eine Unterscheidung in Verliebtsein und Liebe ergibt nur bedingt Sinn, da auch nach Jahren dieselben Hirnareale feuern, wenn man an die geliebte Person denkt.
Fassen wir also zusammen. Wir wissen zwei Dinge. Erstens: Verliebtsein und Liebe sind keine Herzenssache, sondern eine rationale Angelegenheit. Man entscheidet sich, jemanden zu lieben. Und zweitens: Bei dem so viel besungenen Phänomen handelt es sich wohl um nichts anderes als positiven Stress, sogenannten Eustress; Neues ist prickelnd, interessant und stimulierend, es fasziniert einen. Daher dieser Boost zu Beginn, wenn man jemanden neu kennenlernt und sich verliebt. Doch es bedeutet eben auch viel Stress.
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