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|DORFGESCHICHTE

|Unser Dorf - Wachsen und Werden

|Das eigentliche Dorf war früher mit einem Etter (Dorfzaun) umgeben. Durch diesen führten die Gassen. Jedes Haus besass eine Hofstatt und etwas Land dazu. Meistens war beides ebenfalls von einem Zaun oder einer Hecke umfriedet. Die Häuser waren aus Holz erbaut und mit Stroh bedeckt. In ihren niedrigen Wohnräumen herrschte Dunkelheit. Glasfenster konnten sich nur die reicheren Leute leisten. Der Wohnkomfort stand auf einer primitiven Stufe. Die Lichtöffnungen bespannte man mit Tüchern oder Pergament. Die Zimmer konnten nicht geheizt werden. Einzig die Feuerstelle in der Küche verbreitete etwas Wärme. Ein Bretterkamin leitete den Rauch auf den Dachboden und von dort durch Lücken im Strohdach ins Freie hinaus. Demzufolge war die Küche sehr russig und die Brandgefahr entsprechend gross. Jede Familie stellte die benötigte Kleidung selbst her. Flachs, Hanf und Wolle wurden gesponnen, gewoben, gebleicht und auch gefärbt. Als Beleuchtung dienten Kienspäne oder rauchende Öllämpchen. Am Abend sass man noch plaudernd beisammen und hatte mehr Zeit für einander als heute. Das Essen war recht einfach, und von einer eigentlichen Kochkunst wusste man noch nichts. Als Hauptnahrungsmittel galten Milch, Butter, Zieger, Käse und viele breiartige Gerichte. Schweinefleisch und Wild bereicherten den Tisch. Den Durst löschte man mit Milch, Molke, Wein, Most oder Bier. Das Essgeschirr bestand vorwiegend aus Holz. Manchmal diente auch eine Mulde im Küchentisch als Gemeinschaftsschüssel. Grund und Boden gehörten zum Teil freien Bauern. Geistliche und weltliche Herren verfügten oft über grossen Grundbesitz. Sie hatten das Recht, Vorschriften und Strafbestimmungen aufzustellen, die vor allem die Forstwirtschaft, das Land, den Wegunterhalt und die Gräben betrafen.

Wie wichtig Zusammenarbeit ist, lernten schon unsere Vorfahren kennen. Als Bauern stellten sie bald einmal fest, dass im Alleingang nicht viel auszurichten war, denn die harte Landarbeit erforderte den Einsatz aller. Aus dem Zwang zur Gemeinsamkeit entstanden unsere Dorfsiedlungen, die sich schliesslich zu Nutzungsgemeinschaften der Bürger weiterentwickelten. Wer im Dorf eigenes Gut besass, galt als Bürger. Das Dorf besass aber schon früher eigene Güter, welche die gnädigen Herren zur Bewirtschaftung abgaben oder gegen einen Bodenzins verpachteten. Dabei handelte es sich nicht gerade um die besten Landstücke, da man die guten Parzellen für sich behalten wollte. Das abgetretene Land war meist unbebaut, sumpfig und mit Gestrüpp bewachsen. Erst nach und nach erreichte man durch Roden und Urbarisieren eine Verbesserung des Bodens.
In unserer Gegend reichten die Eichenwälder bis weit ins Tal hinab. Im Herbst, zur Zeit des Acherums (Eichelweide der Schweine im Walde) wurden die Schweine von einem besonders dafür bestimmten Hirten in die Wälder getrieben. Für jedes Schwein musste an die Obrigkeit, später an die Gemeinde, eine Abgabe entrichtet werden. Zuerst bestand diese aus einem Quantum Hafer, später aus einer Geldtaxe. Der Schweinehirt hatte Anrecht auf eine Entschädigung, die ihm zuerst von der Regierung, dann von der Gemeinde bezahlt wurde. Mit dem Eisenbahnzeitalter begann das Sterben der Eichenwälder, da man ihr Holz in grossen Mengen für die Herstellung von Eisenbahnschwellen brauchte. Weil man bei der Schweinefütterung inzwischen auf die Kartoffel umgestellt hatte, konnten leider keine triftigen Gründe mehr gefunden werden, um diese Wälder zu retten.
Alte Bettlacher Geschlechter
Aus den ältesten Urbaren des Leberbergs, den Grundbüchern früherer Zeiten, können wir recht interessante Fakten über unser Dorf erfahren. Diese Bücher wurden um das Jahr 1450 geführt. Darin sind die Besitzesverhältnisse und die Abgaben von verschiedenen Grundstücken aufgezeichnet. Die Eintragungen machen uns nicht nur mit den ältesten Bettlacher Geschlechtern, sondern auch mit längst vergessenen Flurnamen bekannt. Folgende Geschlechter sind bereits vertreten: Vogt, sie stammten ursprünglich aus dem Haag und besassen dort Hof und Mühle. Einige Familien zogen später nach Bettlach. Es waren die reicheren unter den Bauern. Der Name Vogt geht zurück auf einen damals oder schon früher ausgeübten Beruf. Es könnte damit ein Gemeindebeamter (Vogt oder Bettelvogt) gemeint sein. Schenk oder Schenken, Kürsener (Kürschner), von Burg (vom Dörfchen Burg stammend) sie waren ebenfalls reich begütert, Münch, Buri, Merz, Schilt, Koler (Kohlenbrenner), Weinmann, Keiser (aus Altreu), Hurst, Ruedi, Kuni, Schilling (einige von ihnen zogen nach Solothum, von ihnen stammte der bekannte Chronist Diebold Schilling ab), Greder (angesehenes Geschlecht in Solothurn), Willi, Flöri (später Fluri in Selzach und Lommiswil), Träsch, Gisiger (im Haag), Kunzi, Amet, Wechli, Marti, Leymer, Gerwer (Gerber), Kobi, Rudolf, Spihlmann, Götfrid, Jakob, Zinggen, Karli, Pfister (Bäcker), Buchly, Vögel, Burger.
Der Steuerbetrag von Bettlach ergab im Jahr 1430 die Summe von 101 Gulden, 4 Pfund und 15 Schilling. Pro Kopf mussten etwa 3 Gulden als Steuer entrichtet werden. Die Einwohnerzahl wird mit ungefähr 190 Personen angegeben.
Um 1465 zählte unser Dorf etwa 43 Haushaltungen. Unter den begütertsten Familien finden wir die Geschlechter Vogt, Pfister, Kürsener, Willi, Flöri und Vögeli. Im Jahr 1560 sind in unserem Dorf bereits 50 Haushaltungen anzutreffen. Als reichster Bettlacher gilt jetzt Benedikt von Burg, der über ein Vermögen von 1200 Pfund verfügte.
Die erste genaue Volkszählung ordnete der Bischof von Lausanne im Jahre 1666 an. Man zählte in unserem Dorf 338 Einwohner. Spätere Volkszählungen ergaben Ergebnisse von 517 Einwohnern im Jahre 1788 bis hin zu 4046 Einwohnern im Jahre 1970. In den Jahren 1900 bis 1910 stand unsere Gemeinde in der schweizerischen Bevölkerungsstatistik an erster Stelle, da sie in dieser Zeitspanne prozentual die höchste Zunahme an Einwohnern verzeichnen konnte. Dies war damals eine Folge der sogenannten «goldenen Zeit», als es unserer Wirtschaft gut ging.
Von reichen und halben Bauern, Taunern und Hintersässen
Unsere bäuerliche Dorfbevölkerung konnte man früher in verschiedene Kategorien einteilen. Am besten hatten es wohl jene, die den ganzen Bauern angehörten. Diese Unterscheidung richtete sich aber nicht, wie man annehmen könnte, nach der Grösse des Grundbesitzes. Massgebend war vielmehr die Grösse des Zuges, d.h. die Anzahl der eigenen Zugtiere. Um als „ganze Bauern“ zu gelten, musste man 4 Pferde oder Zugstiere besitzen. Die halben Bauern besassen nur deren 2 bis 3. Davon lässt sich folgendes ableiten: Wer mehr Zugtiere besass, verfügte auch über grösseren Grundbesitz oder hatte noch Lehen zu bewirtschaften. In der Regel konnte man also die «ganzen Bauern» der Schicht der Begüterten zuordnen. Mit der Bevölkerungszunahme und der Entwicklung des Grundbesitzes wuchs auch die Zahl der Tauner an. Als solche bezeichnete man Bauern, die über wenig oder keinen Grundbesitz verfügten und daher auch kein Grossvieh besassen. Sie arbeiteten meistens als Taglöhner bei anderen Bauern oder übten ein Gewerbe aus. Zum Teil waren sie vollwertige Bürger ohne «Zug» oder Bürger der Eidgenossenschaft, die als Hintersässen galten.
Anno 1798 führten die Franzosen die helvetische Einheitswährung des Frankens zu 100 Rappen bei uns ein. Es dauerte aber noch bis ins 19. Jahrhundert, bis diese Umstellung in den Gemeinderechnungen ihren Niederschlag fand. In unserer Gegend hat man diese um das Jahr 1820 vorgenommen. Am 1. November 1851 musste die geltende Währung nochmals geändert werden, vom alten auf den neuen Franken. Ein alter Franken entsprach nun 143 neuen Rappen. Es ist sehr schwierig, die damaligen Preise mit den heutigen zu vergleichen, da sich die Kaufkraft des Geldes im Laufe der Zeit stark verändert hat. Die Nahrungsmittel kosteten z. B. früher mehr, während die damals teuren Waren und vor allem die Dienstleistungen billiger geworden sind. Es lassen sich daher nur wenige Preisvergleiche mit früheren Zeiten anstellen. Nach unserer Dorfrechnung erhielt z.B. der Schulmeister für die Jahre 1726 und 1727, bei insgesamt 23 Wochen Schuldienst, 18 Kronen und 10 Batzen ausbezahlt. Für dieselbe Zeitspanne betrug der Hebammenlohn 3 Kronen. Einen ganztägigen Botengang nach Solothurn vergütete man mit 10 Batzen und ein Paar Schuhe kostete 1 Krone.
Dorfnamen
Erst gegen Ende des Mittelalters wurden bei uns Geschlechts- oder Familiennamen gebräuchlich. Vorher riefen und grüssten sich die Dorfbewohner bei den Vornamen, die allerdings im Laufe der Zeit eine mannigfaltige Entwicklung durchmachten. So nannte man früher die Kinder meist nach dem Vornamen des Vaters. Hiess dieser beispielsweise Hans und sein Sohn Niklaus, so war letzterer nach damaliger Sitte «Hanslis Niggli».
Viele Familiennamen leitete man vom Aussehen der Namensträger ab oder vom Handwerk, das sie ausübten. Auch die Herkunft einzelner Personen kann bei der Bildung ihrer Familiennamen mitbestimmend gewesen sein. Um aber Leute mit gleichem Familiennamen unterscheiden zu können, entstanden nach und nach die sogenannten Zu- oder Dorfnamen, die lange Zeit im Gebrauch standen. Wahrscheinlich in den ersten Dezennien unseres Jahrhunderts, als man meinte, modern geworden zu sein, war die Verwendung dieser Namen verpönt, ja man empfand sie geradezu als Beleidigung. Heute, so scheint es, erfahren die Dorfnamen eher wieder eine Aufwertung. Jedenfalls darf sich der Träger eines solchen zu den urwüchsigen Bettlachern zählen.
Alte Dorfrechnungen
Um eine Dorfgemeinschaft funktionsfähig erhalten zu können, war eh und je Geld vonnöten. Die Aufgaben des Gemeindekassiers von heute hatte ehemals der Dorfseckelmeister zu erfüllen. Diesen wählte man in der Regel für eine Amtsdauer von zwei Jahren. Die Dorfrechnung selber musste alle zwei Jahre, meistens in den Monaten Mai bis August, abgeschlossen sein. Der Dorfseckelmeister hatte sie den durch die Obrigkeit bestimmten Kontrollorganen zur Prüfung vorzulegen, bevor die Gemeindeversammlung über sie befinden konnte. Diese „Rechnungsgemeinde“ fand immer am 1. Januar als Neujahrsgemeinde statt. Dabei kam es oft vor, dass man vom erwirtschafteten Vorschlag einen ansehnlichen Batzen für Speis und Trank ausgab. Diese für die Besucher der „Neujahrsgemeinde“ so angenehme Gewohnheit erregte das Missfallen der Regierung. In wiederholten Interventionen forderte sie die Dorfgenossen auf, mit ihrem Geld sparsamer umzugehen und besonders den Alkoholkonsum einzuschränken. Ob die obrigkeitliche Mahnung bei ihnen auf fruchtbaren Boden gefallen ist, lässt sich nicht eindeutig feststellen. Jedenfalls hat man dem alten Brauch noch lange die Treue gehalten.
Bei einer genaueren Durchsicht der Dorfrechnung der Jahre 1726/27 fällt auf, dass die Einnahmen hauptsächlich aus den Gemeindegütern und von Gültzinsen stammten. Zu den gemeinen Guetheren gehörten unter anderen: das Siechenmoos, das Erlenmoos, der Sandwurf (Sandgrube). Unter den Ausgaben sind die Schanzgelder erwähnenswert, eine Steuer, welche die Bevölkerung für die Befestigungsanlagen der Stadt Solothurn aufzubringen hatte. Pro Jahr machte dies die Summe von 39 Kronen aus. Weitere Ausgaben verraten, dass der Dorfseckelmeister noch andere Zahlungen zu tätigen hatte. So mussten die Dragoner für Botengänge (Rittlöhne) und die Handwerker für diverse Reparaturarbeiten entschädigt werden. Ferner liess man öfters brandgeschädigten Personen Spenden zukommen.
Auch den Schützen und Sängern hat man für ihren Dienst am Fronleichnamstag einen Geldbetrag ausgerichtet. Für die Erlegung oder Gefangennahme von Bären und Wölfen gab man den Jägern eine Prämie aus der Gemeindekasse. Almosen erhielten „arme presthafte“ (kranke) Leute, oder man trug durch gewisse Geldspenden dazu bei, sogenannte „Türkengefangene“ (in türkischer Gefangenschaft befindliche christliche Soldaten) loszukaufen. Arme Priester und die Mönche auf dem St. Bernhardsberg (Hospiz auf dem Grossen St. Bernhard) bedachte man ebenfalls mit einem Almosen aus der Gemeindekasse.
Arbeit und Verdienst im Dorf
Schon eine alte Dorfrechnung des 18. Jahrhunderts berichtet vom „Uhrimacher“, der gelegentlich für die Gemeinde Reparaturen ausführte. Erwähnt wird ein gewisser Jakob Atzli, der den Beruf eines Uhrmachers in einer kleinen Werkstatt ausübte. Das zeigt, dass man sich zu dieser Zeit nicht mehr bloss in der Landwirtschaft betätigte. Die Industrialisierung unseres Dorfes erfolgt schrittweise und verlief ungefähr parallel mit jener der Nachbargemeinde Grenchen, wo die Uhrenindustrie 1851 ihren Einzug hielt.
Eduard Kummer, geboren am 26. März 1845, Bürger von Bettlach, gilt als Gründer der hiesigen Uhrenindustrie. Im Jahre 1860 zog er zu Fuss nach Charquemont, auf der französischen Seite des Doubs, um dort das Uhrmacherhandwerk zu erlernen. Darauf bildete er sich in Reconvillier und Grenchen weiter aus und stieg in dem für unsere Gegend noch neuen Handwerk zum Visiteur (Chef) auf. Im Nebenberuf war er noch als Wirt in Grenchen und Posthalter in Bettlach tätig. Er war also ein recht vielseitiger Mann mit einem gesunden, initiativen Geist versehen, der ihn wohl dazu veranlasste, sich geschäftlich selbständig zu machen. Nachdem er versucht hatte, die ebenfalls von ihm 1882 gegründete Ebauchesfabrik Obrecht u. Co., im Volksmund „Chnorzi“ genannt, allein zu übernehmen, traten einige Bettlacher Bürger mit der Bitte an ihn heran, anstatt in Grenchen doch in seiner Heimatgemeinde ein eigenes Unternehmen zu errichten. Da ein solches Vorhaben aber auch der Gemeinde gewisse Kosten verursachen musste, veröffentlichten die Initianten desselben ein Flugblatt, mit dem sie die Dorfbevölkerung vom Vorteil des Projekts zu überzeugen suchten. Gleichzeitig erstrebten sie, mit dem benötigten Kredit eine längst fällige Hydrantenanlage zu verwirklichen.
Dieser Aufruf an die Bevölkerung verfehlte seine Wirkung nicht. Die Hydrantenanlage konnte erstellt werden, und Kummer gelangte in den Besitz des erforderlichen Baulandes, auf dem vorher „Lehnipeters Grits“ Doppelstrohhaus gestanden hatte, das dem Dorfbrand von 1886 zum Opfer gefallen war. Anlässlich der Aufrichtefeier für die neue Fabrik hielt Eduard Kummer im Jahr 1888 eine zündende Ansprache. Vom Baugerüst herab versprach er den Mitbürgern, ihnen und dem ganzen Dorf durch seinen Betrieb zu Wohlergehen und Ansehen verhelfen zu wollen. Im Gründungsjahr beschäftigte er bereits 15 bis 20 Arbeiterinnen und Arbeiter. Anfänglich befasste man sich mit der Fabrikation von Ebauches (Uhrenbestandteilen), da nach solchen eine grosse Nachfrage bestand. Schon bald konnte die Produktion von Fertiguhren aufgenommen und, weil sie einen reissenden Absatz fanden, sogar noch gesteigert werden. Dieser Umstand wiederum erforderte Erweiterungsbauten, die in den Jahren 1890, 1902, 1905, 1910, 1917, 1920, 1929 entstanden. Die bekanntesten Bettlacher Uhrenmarken hiessen „Inventic“ und „Ariston“. Lange Zeit waren sie weltbekannt. Bis 1914 stellte man Taschenuhren, danach auch Armbanduhren der Typen Anker, Cylinder und Roskopf her.
Die Zeit des Ersten Weltkrieges war durch Hochkonjunktur gekennzeichnet, welche die Zahl der in der Uhrenindustrie unseres Dorfes beschäftigten Arbeiter auf 720 anwachsen liess. In den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts nutzte man allgemein die Wasserkraft, um die Produktionsmaschinen der Fabriken anzutreiben. In unserem Fall geschah dies durch eine Druckleitung, die ihren Anfang beim Feuerweiher nahm, der sich gegenüber dem östlichsten Hause am Höhenweg befand. Dieser Weiher, durch Quellen gespeist, diente wie jener am südlichen Rande des jetzigen Dorfplatzes zu Löschzwecken. Sie wurden auf Verfügung der Regierung vom 5. August 1767 angelegt. Durch die „lange Leitung“ gelangte das Wasser unter grossem Druck bei der Fabrik auf eine Turbine, die mittels einer beachtlichen Transmission die Maschinen in Bewegung setzte. Nach der Vergrösserung der Fabrik reichte die Wasserkraft nicht mehr
aus. Ein Lokomobile wurde erworben und zugeschaltet. Mit Lokomobile bezeichnete man eine mit einem Dampfkessel verbundene fahrbare oder ortsfeste Dampfmaschinenanlage. Lokomobile wurden häufig mit Ein- oder Zweizylinderheissdampfmaschinen ausgestattet und erbrachten eine Dauerleistung von rund 900 PS.
Die tägliche Arbeitszeit, von wenigen kurzen Pausen unterbrochen, dauerte elf Stunden. Im Sommer arbeitete man bereits von 5 Uhr morgens an, während im Winter der Arbeitstag um 7 Uhr begann. Feierabend machte man im Sommer ab 19, im Winter erst ab 20.30 Uhr. An Samstagen arbeitete man bis in die Abendstunden hinein. Es soll aber auch vorgekommen sein, dass Kleinlandwirte nach Beendigung der Stallarbeit nochmals an ihren Arbeitsplatz in der Fabrik zurückkehrten und dort bis 22 oder 23 Uhr arbeiteten. Arbeitsbeginn und Schluss verkündete jeweilen die Fabrikglocke. Erwähnt werden muss aber auch, dass die damalige lange Arbeitszeit durch „Blaumacher“ öfters verkürzt worden ist. So war es fast an der Tagesordnung, dass man am Montag halb- oder ganztägig der Arbeit fernblieb. Auch von regelrechten Kegelpartien wird berichtet, die ebenfalls an Montagen von den Arbeitern in den langen Fabriksälen veranstaltet worden seien. Die ersten Ferien, pro Jahr 6 Tage, erhielten unsere Arbeiter im Sommer 1937. War das eine Sensation, eine Woche Ferien bei vollem Lohn!
In unserem Dorf führte man die elektrische Strassenbeleuchtung im Januar 1905 ein. Es ist anzunehmen, dass sich die Industrie zur selben Zeit die revolutionäre Energiequelle als Antriebskraft für die Maschinen zu Nutze machte.
Die Krise der zwanziger Jahre, Abschreibungen hoher russischer Guthaben und Bürgschaftsverpflichtungen brachten unsere Uhrenfabrik in gewaltige finanzielle Schwierigkeiten. Da die Verschuldung mehr als 2,5 Millionen Franken betrug, musste die Firma Ed. Kummer AG im Jahr 1922 um Nachlassstundung nachsuchen. Diese wurde ihr mit einer Nachlassdividende von 40 % bewilligt. Schon bald danach, im Jahr 1927, erschütterte ein neuer Schicksalsschlag das Unternehmen. Durch Veruntreuungen, von einem hohen Angestellten und zwei Kunden begangen, erlitt es einen Verlust von Fr. 543’658.90. Nur unter grossen Anstrengungen gelang es der Firmenleitung, sich von diesem Rückschlag zu erholen. Aber die schweren Krisenjahre in den dreissiger Jahren unseres Jahrhunderts besiegelten den Niedergang der Fabrik Kummer endgültig. So wurde sie am 28./30. Juli 1931 von der ASUAG (Allgemeine Schweizerische Uhrenindustrie AG) gekauft. Im Jahr 1932 übernahm die Ebauches AG die Rohwerkabteilung für Anker- und Zylinderuhren, während sie jene des Typs Roskopf 1939 angliederte. Unter dem Firmennamen „Ed. Kummer AG“ produzierte man fortan mit einem stark reduzierten Personalbestand nur noch Fertiguhren.
Die Arbeitslosigkeit nahm in unserem Dorf verheerende Ausmasse an. Während der Jahre 1930 bis 1940 mussten für die öffentliche Arbeitslosenunterstützung Fr. 1'790’112.00 aufgewendet werden. Infolge dieser Notstandsarbeiten und der an die Arbeitslosen-Versicherungskasse ausgerichteten Subventionen geriet unsere Gemeinde in arge Schulden, welche die beträchtliche Höhe von Fr. 381’000.00 erreichte, was eine jährliche Schuldenverzinsung von Fr. 15’185.00 erforderte. Das waren für die damalige Zeit ausserordentlich hohe Beträge. In den Fabriken arbeitete man nur noch an drei Wochentagen. Am 24. Dezember 1938 kletterte die Arbeitslosenquote in unserer Gemeinde auf ihren höchsten Stand; man zählte 199 teilarbeitslose und 190 ganzarbeitslose Personen. Von den rund 1900 Dorfbewohnern waren somit 389 von der Arbeitslosigkeit betroffen. Bei den enormen finanziellen Belastungen und düstern Zukunftsaussichten konnte der Gemeindehaushalt nicht mehr im Gleichgewicht gehalten werden. Der Steuereingang pro 1940 erreichte beispielsweise den bescheidenen Betrag von Fr. 84’000.00. Schweren Herzens sahen sich jetzt die Bettlacher Gemeindeväter genötigt, den Kanton um finanzielle Beihilfe anzugehen. An seiner Sitzung vom 30. November 1938 entsprach der Kantonsrat dem Begehren. Er sicherte unserer Gemeindekasse einen jährlichen Betrag von Fr. 9’600.00 zu.
Von der Rezession unberührt, konnte sich ein anderes wichtiges Unternehmen in unserem Dorf entwickeln, nämlich die Firma Robert Mathys Co. Im Jahre 1946 gründete Robert Mathys im sogenannten „Freiburgquartier“ einen Einmannbetrieb. Von Anfang an spezialisierte er sich auf die Herstellung von Decolletageteilen aus nicht rostenden Chromnickelstählen. 1955 errichtete er eine neue Fabrik beim Bahnhof, um sich auch auf dem Sektor Apparatebau betätigen zu können. Rückschläge blieben dem Firmengründer aber nicht erspart, geriet er doch in finanzielle Engpässe. Diese entstanden, weil er sich mit den Investitionen in die Entwicklung seiner Erzeugnisse fast übermannt hatte. Eine Wende zum Bessern brachte jedoch das Jahr 1958. Damals kam eine Verbindung zwischen Robert Mathys und der Arbeitsgemeinschaft für Osteosynthesefragen AO (operative Knochenbruchbehandlung) zustande. Dieser Kontakt eröffnete dem jungen Unternehmen völlig neue Möglichkeiten. Von da an besuchte der Firmeninhaber die vom AO-Forschungsinstitut in Davos organisierten Kurse, die eigentlich nur Chirurgen offenstanden. Sofort fiel ihm auf, wie unzweckmässig Ärzte, die sich mit Knochenchirurgie befassten, arbeiten mussten, weil ihre Werkzeuge und Instrumente veraltet waren. Als hervorragendem Praktiker gelang es ihm, den Akademikern bald neue Wege aufzuzeigen. Jedenfalls entwickelte sich eine enge Zusammenarbeit zwischen Knochenchirurg und Konstrukteur, wie man sie früher nicht für möglich gehalten hätte. Diese Kooperation zeitigte reiche Früchte. Neuartige Instrumente für die Knochenchirurgie wurden entwickelt und auf dem Gebiet der künstlichen Gelenke bahnbrechende Erfindungen gemacht. Die neuen Instrumente und Gelenkersatzteile brachten inzwischen unzähligen Menschen Hilfe und Heilung von ihren Leiden und wurden in der ganzen Welt anerkannt. Für seine Verdienste durfte Robert Mathys im Dezember 1974 die Würde eines Ehrendoktors der Universität Bern entgegennehmen. Heute gelten die von ihm zusammen mit der AO entwickelten Instrumente und Implantate weltweit als Standard und sind weitgehend in die internationalen Normen aufgenommen.

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