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Das peruanische Matterhorn
Von Arnold Heim
Mit 2 Bildern ( 3, 4 ) ( Zürich ) Seit den Reisen von Rock und von Heim-Imhof 1930/31 kennt man ein « chinesisches Matterhorn ». Es ist der Minya Gongkar, fälschlich Minya Konka geschrieben, mit rund 7600 m der höchste und kühnste Berg Chinas, ein dreikantiger Granitgipfel, der alle anderen um mehr als 500 m überragt. Ehedem war er auf keiner Karte verzeichnet, und in China selbst so gut wie unbekannt.
Ebensowenig in seiner Heimat bekannt ist der kühnste und wohl auch schönste Gipfel Südamerikas, den ich seiner Form wegen das « peruanische Matterhorn » nennen möchte. Er erhebt sich in der Westkordillere, der Tropenzone von Per ", 10 Breitengrade südlich des Äquators. Die Eingeborenen der umliegenden Dörfer, eine Mischrasse von Ketschua-Indianern und Spaniern, geben ihm verschiedene Namen. Im Norden bei Chiquian ( spr. Tschikian ) nennen sie ihn Yerupajâ ( spr. Jerupachâ ) oder Carnicero ( spr. Karnissero ), im Südosten Queropalca ( spr. Keropalka ). Yerupaja kommt vielleicht von Yurac Jaja ( spr. Jurak Chacha ), was Weisse Wand bedeuten würde, während Queropalca auf Quechua Opferbecheröffnung wäre.
Yerupajâ ist der zweithöchste Berg Perus, 6634 m, nur 134 m weniger hoch als das mächtige, breitköpfige Granitmassiv des nördlicheren Huascaran. Er bildet aber die höchste Erhebung der Cordillera de Huayhuash.
Wenn ich einem Kenner von Hochgebirgen meine Photographien zeige, so denkt er unmittelbar an den Himalaya oder Karakorum. Und wirklich, die Formen von Fels, Eis und Schnee sind von gleichem Charakter.
Während im südlich benachbarten Bolivia grösstes Interesse für den Bergsport besteht, der Club Andino Boliviano schon fast alle Sechstausender bestiegen, das höchste Hotel der Erde bei 5200 m gebaut hat und dort einen Skilift betreibt, ist in Peru noch kein Andinismus erwacht. Dafür wird anderer Sport im Übermass betrieben. Das Volk kommt ausser sich, wenn es sich um Stierkämpfe handelt, wenn die unschuldigen Tiere zu Tode gemartert werden und Blut spritzt. Während meiner 1 %jährigen Reisen in Peru war es mir nicht möglich, einen eingeborenen, touristischen Begleiter zu finden, und die jungen, bergbegeisterten Schweizer waren alle beruflich an Lima gebunden.
Es war am 23. Juli, als ich den herrlichen Berg zum erstenmal überfliegen konnte. Am Abend des gleichen Tages hatte ich in der prächtigen Hauptstadt Lima einen Vortrag über unsere erste schweizerische Himalaya-expedition zu halten, für den sich bei einer Elite von Gebildeten, darunter vielen Schweizern, grosses Interesse zeigte. « Heute morgen », sagte ich einleitend, « hatte ich eines der schönsten Naturerlebnisse meines Lebens. Ich befand mich über einem Berg vom Aussehen eines Himalayagipfels und der Kühnheit des berühmten Matterhorns, der aber noch 2000 m höher ist. Nur eine Flugstunde, 250 km nördlich von Lima ist er entfernt. Wer kennt ihn?
Tiefes Schweigen. Es waren wohl einige Geologen und Geographen anwesend, die den Berg aus der Ferne gesehen hatten oder aus der Literatur kannten. Aber die Veröffentlichungen darüber sind spärlich und selten. Die einzigen, die das Huayhuash-Gebirge erforschten, waren die Alpinisten und Topographen des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, an der Spitze der Geographieprofessor Dr. Hans Kinzl der Universität Innsbruck. Ihre photogrammetrische Aufnahme 1: 50 000 vom Jahr 1936 ist die detaillierteste und schönste Hochgebirgsdarstellung in Südamerika, eine einzigartige körperliche und wissenschaftliche Tat.
Mein Flug hatte einen doppelten Zweck:
Erstens sollte ein erster Einblick gewonnen werden über den geologischen Bau dieses wilden und schwer zugänglichen Gebirges. Mit einem Blick ergab sich da, was von der Erde aus Wochen harter Arbeit bedurft hätte, dass der Yerupajâ und fast das ganze Huayhuash-Gebirge nicht aus Granit besteht, wie vordem angenommen wurde, sondern aus steil aufgerichteten und eng gefalteten mesozoischen Schichten, wie klar aus der beiliegenden Photographie Nr. 3 ersichtlich ist.
Der zweite Zweck war, mittelst photographischer Aufnahmen die Möglichkeit einer Erstbesteigung zu ergründen. Einer schweizerischen Expedition sollte dadurch Bahn gebrochen werden. Meine ersten Aufnahmen vom 23. Juli 1946 ergaben, dass nur der vereiste Westgrat in Frage kommt, dieser aber in der Gipfelpartie zackig, scharf und überhängend ist. Von dieser Seite hatten die Deutschen bereits einen Aufstieg versucht und die ersten Schwierigkeiten überwunden. Kein Zweifel: eine Besteigung des Yerupajâ wäre eine sportlich-andinistische Errungenschaft ersten Ranges.
Auf meine Initiative hin hatte sich eine Gruppe von Bergsteigern zu einer Expedition nach Peru unter der Führung von Ingenieur Etter zusammengefunden, die ich auf Mai-Juni 1947 in Lima erwartete. Da kam, monatelang verspätet, die tragische Kunde, dass Etter von einer Lawine im Berner Oberland verschüttet wurde. Gleichzeitig hatte sich eine Expedition von amerikanischen Alpinisten unter dem Patronat der Harvard University angemeldet, die beim Instituto Geològico del Peni in Lima um Auskunft ersuchte. Bald darauf wurde sie telegraphisch abgemeldet, vermutlich auf Grund von Fliegeraufnahmen, die sie abgeschreckt hatten. Nun bereitet aber der Akademische Alpenclub Zürich für den Sommer 1948 eine Expedition in diesen Teil der peruanischen Kordillere vor, wobei neben anderen Gipfeln auch die Besteigung des Yerupajâ versucht werden soll.
Um eine bessere Einsicht in die Gipfelregion zu gewinnen, habe ich 1946 und 1947 weitere Privatflüge organisiert, mit gütiger Erlaubnis der Militärbehörden und des Instituto Aerofotogrâfico Nacional. Der Erfolg war wechselvoll. Denn es besteht keine Möglichkeit, das Wetter von Lima aus zu beurteilen, da man gleich nach Tagesanbruch abfliegend die Nebelschicht durchbrechen muss und erst auf halbem Wege beurteilen kann, ob die Gipfel frei sind. Auch in der guten Jahreszeit beginnen sie sich schon von 9 oder 10 Uhr ab zu bewölken. Am 25. Oktober 1946 war es zu spät. Halbwegs mussten wir feststellen, dass die ganze Gipfelgruppe schon in dunkle Wolken gehüllt war.
Wieder flog ich im Juni und August 1947, begleitet von einigen jungen, bergbegeisterten Landsleuten. Obwohl der Himmel wieder nicht ganz wolkenfrei war, gelang es, einige wichtige Aufnahmen zu erhaschen. Eine davon ist unsere Nr. 4.
Im Juli dieses Jahres habe ich auch die Landreise zum Yerupajâ-Nord-gletscher unternommen. Was schon der erste Flug ergab, konnte bestätigt werden. Der Yerupajâ ist ein Stück eines Faltengebirges. Er besteht aus eng gestauten Schichten von marinen Kalksteinen, die abwechseln mit roten Tonen, Sandsteinen und Quarziten des Mesozoikums. Eine wundervolle Muldenbiegung zeigen die Felswände auf der Südseite der Solterahanca-Lagune, die in der Karte 1: 50 000 nicht gezeichnet ist. Zum Unterschied der Cordillera Bianca, deren höchste Gipfel aus Granit bestehen, ist dieses Erstarrungsgestein im Huayhuash-Gebirge nur von untergeordneter Bedeutung. Eine Intrusion, die nicht bis an die Gipfel reicht, fand sich auf der Nordostseite der Solterahanca. Ein grosser Teil der rechtsseitigen Moräne besteht aus Granitblöcken und kontaktmetamorphen Gesteinen. Der Gletschersee Solterahanca ist das vollendetste Moränenbecken, und die ganze Landschaft mit den smaragdgrünen Seen, in denen sich die Doppelspitze des Jirishhanca ( 6126 m ) spiegelt, etwas vom schönsten, das unsere wunderbare Erde an Hochgebirgslandschaften bietet. Photographien von unten, schwarz und in Farben, gedenke ich später zu veröffentlichen.
Welches sind nun die Aussichten zu einer Erstbesteigung des Yerupajâ?
Nennen wir zuerst die günstigen Faktoren. Zum Unterschied des Himalaya besteht im tropischen Winter ( Juni-September ) wenig Gefahr von Wetterstürzen mit Regen und Schneefall. Ein einziges Mal wurde ich in einem heftigen Gewitter bis auf die Haut durchnässt. Aber das Jahr 1947 war ausnahmsweise schlecht, wie jedesmal bisher, wenn ich auf einer Expedition war. Während im Küstengebiet die Sonne oft wochenlang nicht durch die Nebelschicht dringt, liegen die kahlen Höhen der Westkordillere über 1200 m in strahlender Sonne. Freilich muss man trotz der tropischen Lage in den grossen Höhen mit bedeutender Kälte rechnen. Im Juni bis August bei 4500—5000 m mass ich meistens frühmorgens ausserhalb des Zeltes —5 bis —7° C, ein einziges Mal erstaunlicherweise —22. In grösseren Höhen darf man eine Temperaturabnahme von 1° auf je etwa 160 m als normal annehmen, also etwa —20° auf dem Gipfel des Yerupajâ am frühen Morgen. Das wäre bei ruhiger Luft weniger schlimm als Schlechtwetter zur Sommerzeit ( November-April ). Diese kommt für Hochtouren in Peru kaum in Betracht.
Günstig ist ferner der Zugang. Von Lima gelangt man in einem Lastwagen in 2 Tagen über Gonoc Cocha und einen Pass von 4200 m nach dem Dorf Chiquiân, das auf der rechten Talflanke des Pativilca bei 3400 m liegt. Dort kann man Pferde und Maultiere bekommen und erreicht in 2 Tagen, einen steilen Pass über die Sierra Culebra 4500 m querend, den wunderbaren Gletschersee Jahua Cocha ( spr. Chahua Kotscha ), 4066 m, wo das Standquartier zu errichten ist und die Lasttiere weiden können. Man findet dort auch einige Hütten von ärmlichen Schafhirten. Von den Gletscherseen aus beginnt der Aufstieg über Fels und Eis nach SSE dem Hauptgletscher ent- DAS PERUANISCHE MATTERHORN lang bis zum Sattel 5740 m, wo in Schnee und Eis ein vorletztes Lager Nr. 3 erstellt werden kann. Es folgt der Aufstieg über den zackigen Westgrat mit seinen gefährlichen Wächten ( Photo Nr. 4 ). Vielleicht kann darin eine Höhle ausgepickelt werden. Aber die schwierigste, vielleicht unüberwindliche Stelle ist die Eiswand bei 6600 m unmittelbar westlich unter dem Gipfel. Ist dieser endlich erreicht, so bietet er, wenn die Photos nicht täuschen, ein stuben-grosses ebenes Plätzchen zur Erholung — und hoffentlich zum Genuss. Ist dann noch der Abstieg geglückt, so haben die jungen Schweizer eine der glänzendsten sportlichen Leistungen vollbracht, die auf unserer schönen Erde möglich sind. Wir wünschen ihnen Glück!