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Viva la mamma! – am Vorabend zum Muttertag 2021 aufgeführt, ist diese Oper kaum eine Huldigung an die Mütter. Dieser Titel ergab sich erst später. Der ursprüngliche Titel des Werks lautet « Le convenienze ed inconvenienze teatrali», also Sitten und Unsitten auf dem Theater. Komponiert hat es Gaetano Donizetti 1827 als einaktige Farce fürs Teatro Nuovo in Neapel, und zwar nach einem eigenen Libretto, das auf zwei Bühnenstücken basiert, die damals im Schwange waren. Für eine Aufführung in Mailand vier Jahre später erweiterte der Komponist sein Opus auf zwei Akte und dem von Domenico Gilardoni überarbeiteten Libretto.
Diese Mutti hat den Teufel im Leib (Bilder: ©OHZ – Herwig Prammer)
Nun also konnte das Internationale Opernstudio (IOS) das Werk als Schlussproduktion des durch Corona arg gebeutelten Kurses 2020/21 am Theater Winterthur aufführen. Vor zahlenmässig stark ausgedünntem Publikum, aber dennoch «con tutta forza». Schon das allein verdient allen Respekt!
The Show must go wrong
Die Anlage des Öperchens – eine ideale Spielwiese für angehende Diven, Tenorissimi und sonstige stage animals – handelt von einer Opernprobe. Eine Theatersituation, wo alles schief läuft, was schief gehen kann. Wo Animositäten und Dünkel, Missgunst, Neid und Nervenkrisen in skurrilster Form blühen. Donizetti folgt damit einer alten Tradition, die schon Gassmann, Salieri, Mozart, Fioravanti, Cagnoni und viele mehr gepflegt haben: nämlich das Theater auf dem Theater zu zeigen, zur Belustigung des Publikums. Zur selbstironischen Persiflage des Künstlertums. Zur satirischen Selbstreflexion des Theaterbetriebs. Neben zwei stutenbissigen Primadonnen (eine davon mit Ehemann, die andere mit intriganter (Tiger-)Mamma Agata – eine Rolle für einen wendigen Bass-Bariton! – sind mit von der Partie: ein Librettist, ein Komponist, ein Kapellmeister, ein Impresario und natürlich ein Tenor. Geprobt werden soll eine Opera seria mit dem Titel «Romulus und Ersilia».
Als Martin Kušej das Werk 2011 am Opernhaus inszenierte, auch als die Koproduktion Lyon/ Barcelona 2018 Laurent Pellys Regiearbeit in Genf zeigte, war Klamauk angesagt – in Zürich eher bemüht, in Genf umwerfend turbulent. Die Zürcher Regisseurin Mélanie Huber, die am Schauspielhaus und anderswo mit durchdachten Regiearbeiten auf sich aufmerksam gemacht hat, versucht einen anderen Weg.
Diabolische Mamma
Zusammen mit ihrem langjährigen künstlerischen Partner, Stephan Teuwissen, hat sie der an sich harmlosen Opernparodie eine fast nachdenkliche, auf jeden Fall «teuflische» Note verpasst. Dem sattsam bekannten Personal, das sich auf und hinter der Bühne tummelt, wurde eine Art Spielleiter hinzugefügt: kein Geringerer als Gaetano Donizetti selbst. Der Komponist soll sich laut ungesicherten Hinweisen gegen Ende seines Lebens und bereits gezeichnet von seiner tödlichen Nervenkrankheit mit einer Neufassung dieses charmanten, aber im Rahmen seiner über 70 Opern doch recht leichgewichtigen Werks befasst haben.
Wie dem auch sei: Huber und Teuwissen nehmen diese Spur zum Anlass, um aus dem fiebernden und delirierenden Komponisten im schäbigen Morgenmantel eine zentrale Figur zu machen. In dieser Funktion verteilt er die Rollen ohne Rücksicht auf Verluste, um das Vorhaben noch zu vollenden. Dazu bedient er sich dreier Wesen (Frauen, Männer oder etwas dazwischen), die flugs zu den vom Libretto vorgegebenen bekannten Chargen im Theaterbetrieb mutieren. Auch der Primo Musico verwandelt sich in eine Musica, oder sogar Muse, die den Kranken immer wieder motiviert, sein Werk zu vollenden. Und schliesslich treibt sich da noch ein dubioser Kerl herum: Belzebub, der, in Frauenkleider gesteckt, die Rolle der Mamma Agata übernehmen muss. obwohl er eigentlich als Sensemann in anderer Mission hergekommen ist.
Das ist zweifellos ein spannender Ansatz, der allerdings als Konzept überzeugender wirken dürfte als auf der Bühne; selbst wenn die Rolle dem trefflichen Fritz Fenne anvertraut wurde. Durch die doppelte Brechung – die vorgegebene im Original und die zweite mit Gaetano – verliert das Stück an Stringenz, zumal die Dialoge mitunter etwas langfädig und in einer pseudo-poetischen Sprache daherkommen, oft auch mit platten Reimen versetzt. Diese dramaturgische Erweiterung durch Gaetano und durch den Text fragmentiert, bremst und zersetzt die leichfüssige Handlung. Trotz solider Personenführung verunklärt sich das ursprüngliche witzige «Duell» zwischen den beiden Diven, das Mamma Agata berserkerhaft für sich entscheidet.
Trotz Spielfreude aller Beteiligten vermisst man das reizvoll Überdrehte, das der versierte Komponist seiner Buffa eingeschrieben hat. Aber nochmals: Der weitgehende Verzicht auf den fast schon institutionalisierten Knallklamauk ist durchaus begrüssenswert, nur leider ist der hier gewählte Weg nicht durchwegs überzeugend. Dazu kommt ein schwer lesbares Bühnenbild mit zwei Freitreppen ins Nirgendwo und einem gigantischen Ohrensessel (Nora Johanna Gromer) – Krankenzimmer statt Probebühne muss man annehmen, oder noch wahrscheinlicher: alptraumartige Kopfvision eines verwirrten Geistes, bevölkert von den besagten Spukgestalten als Reminiszenz und Widergänger vergangener Zeiten (Donizetti starb tatsächlich in geistiger Umnachtung, deren Ursachen nicht restlos geklärt sind). Phantasievoll, bunt und vage an Restauration und Biedermeier orientiert, der Zeit Donizettis, sind die Kostüme von Lena Hiebel.
Ein Brindisi fürs Ensemble!
Bleibt die musikalische Seite: Hier fällt das Lob vorbehaltloser aus. Furios und fulminant lässt Lina Dambrauskaité die Koloraturen ihrer Auftrittsarie als Ersilia funkeln und gleissen, dass selbst Donizetti ob seiner eigenen Komposition weiche Knie kriegt. Yuriy Hadzetskyy als ihr Gatte Procolo, grossmäulig, komödiantisch und mit extrabreiten Schultern ausgestattet, sorgt dafür, dass niemand seine Dame verunglimpft.
Als Seconda Donna Luigia erhält die Mezzosopranistin Siena Licht Miller hier endlich das ersehnte «Rondò» in Form der aus «Linda di Chamounix» eingeschmuggelten Ballade des Pierotto: ein lyrischer Kontrast zum Glitzertand ihrer Gegenspielerin. Auch Katia Ledoux als Musica verfügt über einen warmen, runden Mezzo: besonders berührend, wie sie sich am Schluss des von allen im Stich gelassenen Gaetano bemüht. Der Zürcher Luca Bernard gibt stimmlich einen untadeligen Guglielmo, lässt darstellerisch den tenoristischen Appeal allerdings (noch?) etwas vermissen; dieser Seria-Held hat noch etwas Ladehemmung, was ihm aber gleichzeitig auch etwas Rührendes verleiht. Solche Skrupel dagegen kennt Andrew Moore nicht, der buchstäblich den Teufel im Leib hat, der er ja in Wirklichkeit auch ist. Schauspielerisch wie sängerisch profiliert er sich als Mamma Agata «ohne Frucht und Tadel», besonders wenn er/sie eine Rossini-Parodie mit völlig absurdem Text zum Besten gibt: urkomisch!
Natürlich lebt das Stück auch von den Ensembles, kulminierend im grossen Sextett, spiel- und singfreudig ergänzt von Xiaomeng Zhang als Theaterdirektor, Vladyslav Tlushch als Kapellmeister und Ilya Altukhov als Poet.
Am Dirigentenpult des Musikkollegiums Winterthur agiert umsichtig IOS-Leiter Adrian Kelly. Er hält die Maschinerie zuverlässig am Laufen, doch mitunter würde man sich etwas mehr Feuer wünschen. Kurz: Zu ihrem 60jährigen Bestehen dürfen sich das IOS und die «Freunde der Zürcher Oper», die seit 1960/61 als verlässliche Paten der jungen Sängerschar aus aller Herren Länder fungieren, herzlich gratulieren und einen verdienten Doppel-Toast, pardon: Brindisi! ausgeben.
Opernhaus Zürich IOS – Donizetti: Le convenienze
ed inconvenienze teatrali, (202/(21)
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