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Die Pest in Bäretswil (1629) und ihre Folgen
Der schwere Seuchenzug der Pest im 14. Jahrhundert erreicht die Schweiz 1347 von Süden her durchs Rhonetal und im Tessin. Ein Jahr später ist auch Zürich betroffen. Genauere Kunde haben wir von der Pest in Zürich anno 1519. Ein Drittel der 7’000 Einwohner der Limmatstadt fallen dem Schwarzen Tod anheim. Auch der 35-jährige Ulrich Zwingli wird als Leutpriester der Stadt bei seinen Krankenbesuchen davon erfasst. Er überlebt die Krankheit, schreibt aber, dass ein ganzes Jahr verging, bis er sich völlig erholte.
Die schlimmste Pestseuche für Bäretswil ist die Epidemie des Jahres 1629, welche die ganze Schweiz erfasst. In Uster sterben etwa 50% der Bevölkerung. Über Bäretswil schreibt der neue Pfarrer Heidegger ins Pfarrbuch: «Im Jahr 1629, bei der damals im Zürichbiet herrschenden Pest starben während 12 Wochen in hiesiger Gemeinde ungefähr 750 Personen. Unter diesen befand sich auch allzu früh der Pfarrer J. J. Wagner. Er starb nach dreitägigem Krankenlager mit vier seiner Kinder und hinterliess seine Gattin mit vier anderen Kindern. Er schied mit ruhigstem Gewissen und sanftestem Tode aus diesem Tal vieler Tränen und Trübsale ins verheissene und erwartete ewige Leben». Aufgrund der Angaben im Pfarrbuch und dem ersten Bevölkerungsverzeichnis von 1634 ergibt sich, dass zwischen Juni und August 1629 von ca. 1’340 Seelen deren 750 oder ca. 56% der Gemeinde-Einwohner starben. An der Töss lag die Todesrate bei gut 40%, im Neuthal und Mülichram bei 100%, auf dem Allenberg bei 90%, in Bettswil und Wappenswil bei ca. 80%, im Rüeggenthal starben weniger als die Hälfte, im Kirchdorf und in Adetswil wieder um die 60% oder mehr. Die Bevölkerung wusste um die Tatsache der Ansteckung über die «Pestluft». Darum versuchte man dem Übel durch Räuchern der Stuben und Sterbe-Kammern zu wehren. Abgelegene Höfe wie die Altegg sahen wenige bis keine Toten. Weil auch noch die obere Töss zu Bäretswil gehörte und der Kirchweg über Eggistrass und den Tännler ins Tal führte, errichtete man auf der Stattboden eine provisorische Ruhestatt für die Toten auf halbem Wege. Darum trägt der Platz unterhalb dem Sunnenhof bis heute diesen denkwürdigen Namen.
Wohl gab es auch andere Epidemien wie etwa die Ruhr, welche die Bevölkerung durchschüttelten. Doch die Pest von 1629 führte zur schlimmsten Zäsur in der Gemeinde. Bestimmende Geschlechter wie die Hess, die seit 300 Jahren im Unterdorf als Vogtweibel, Gutsverwalter, Sigristen und Schulmeister wirkten, sind wie weggeblasen. Die Meyer auf der Müetschbacher Mühle und im Mülichram – etwa vier Familien – werden ausgelöscht. Auch die Kunz auf dem Allenberg und die Graf in Bettswil und im Maiwinkel werden schwer getroffen, ebenso die alteingesessenen Spörri und Küenzli in Wappenswil. Dafür kommen neue Geschlechter mit fremden Namen in die damals zweitgrösste Gemeinde des Oberlandes: die Walder von Holzhausen ins Unterdorf, die Abdorf und Weber ab dem Albis ins Neuthal. In Bettswil füllen die Knecht aus dem Betzholz und die Wild aus dem Gossauer Hanfgarten die Lücken. Nach Wappenswil ziehen die Pfenninger ab dem Tisenwaltsberg (zuvor Girenbad), ein Gnehm von Kleinbäretswil und ein Hess aus dem Dorf.
Kaum ist der Schwarze Tod gewichen, tun sich bereits im Spätherbst 1629 die Zurückgebliebenen eifrig zusammen. In den folgenden 3 Jahren erlebt Bäretswil einen nie dagewesenen Heiratsboom. Sogar der 65-jährige Bärenwirt und ehemalige Vogtweibel Rudolf Bosshart heiratet ein 16-jähriges Mädchen, was im Ehebuch zwar ausführlich erwähnt, aber wohl wegen der Person von Bosshart und der Zeitumstände nicht getadelt wird. So werden im Pestjahr auch in Bäretswil die Karten von Grund auf neu gemischt und seit Menschengedenken angestammte Güter neu verteilt. Die schöne Zelg beim Schürli (heute Kiesgrube) verbuscht und wird zum Teil wieder zu Wald.
Bereits am Vorabend der Pest war für die Kirchgemeinde zwischen Adetswil und dem Hörnli mit gut 1’300 Seelen der Sättigungsgrad dessen, was das Land an Ernährung zu bringen vermochte, erreicht. Flachs- und Hanfspinnen wurden als Nebenerwerb mehr und mehr gang und gäbe. In Bezug auf die Ernährung brachte der Kahlschlag der Pest eine vorübergehende Erleichterung. Aber schon nach zwei Generationen ist der alte Bestand der Bevölkerung wieder erreicht, an der Töss wegen zusätzlicher Zuwanderung aus dem Thurgau sogar überschritten. 1651 wird Bauma eine eigene Gemeinde.
Insgesamt werden die Höfe im 17. Jahrhundert kleiner und kleiner. Der schöne Stockrütihof der Familie Graf zerfällt in die Höfe Stockrüti, Wässeri und Eichschür. Bereits 30 Jahre nach der Pest wird das bescheidene und schattige Höflein auf der Lusteren durch Ueli Egli ab dem Sädel bezogen. Sein Heimetli auf den schattigen Fluren jener weltvergessenen Ecke bewahrt ihn vor dem Schicksal des Bettelstabs oder der Auswanderung. Schon das Bevölkerungsverzeichnis von 1682 – nur gut 50 Jahre nach der Pest – meldet, dass nicht wenige Familien ihre besten Söhne als Knechte «ins Württembergische», in die «Untere Pfalz» oder «ins Elsass» schicken, weil es in Bäretswil für diese jungen Männer an Arbeit und Auskommen fehlt. Der Zuverdienst durch Garnspinnen wird für viele Daheimgebliebene zur existenziellen Hauptgrundlage – längst bevor die Fergger aus Zürich ab 1740 Berge von Baumwolle bis in die entferntesten Höfe tragen. Bäretswil und Fischenthal haben schon 1585 ihre Grempler, welche das versponnene Garn damals noch an die Märkte von Rapperswil und Wil bringen.
Bettswil, 20.10. anno coronae 2020, Armin Sierszyn.