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SEULEMENT BEETHOVEN
Ludwig van Beethoven war bereits ein erfahrener Komponist, als er 1798 die Arbeit an seiner ersten Quartettserie op. 18 aufnahm. Sein Zögern, sich der Gattung zuzuwenden, war vermutlich durch Respekt vor den Leistungen Haydns und Mozarts begründet. Er orientierte sich an höchsten Massstäben, und das erkannte auch die ALLGEMEINE MUSIKALISCHE ZEITUNG, die ihre Leser ausdrücklich warnte: Die «vortrefflichen Arbeiten», so heisst es in einer Meldung vom August 1801, «geben einen vollgültigen Beweis für seine Kunst; doch müssen sie öfters und sehr gut gespielt werden, da sie sehr schwer auszuführen und keineswegs populair sind.» Innerhalb der Sechserserie nimmt das vierte Quartett eine Ausnahmestellung ein: Es ist das einzige in einer Molltonart und ohne einen langsamen Satz – ihn ersetzt ein dramatisch-düsteres Menuett voller widerborstiger Akzente. Der Kopfsatz besitzt kein eigenständiges zweites Thema, und das Scherzo ist in Sonatenform komponiert. Nur das Finale entspricht einigermassen den Erwartungen: Es ist ein Rondo mit einem temperamentvollen Hauptthema von ungarisch-zigeunerischem Charakter.
Der australische Komponist Carl Vine wurde zuerst durch seine Ballettmusiken bekannt, wandte sich aber bald auch anderen klassischen Genres wie Symphonie, Konzert, Sonate und Streichquartett zu. Das dritte seiner bislang sechs Quartette entstand 1994. Es besteht aus drei ineinander übergehenden Teilen, deren erster das Ensemble wie ein einziges, grosses Instrument nutzt. «Selten gibt es mehr als zwei unabhängige Linien», schreibt Vine, «doch die sind so verteilt, dass kaum einmal ein einzelner Spieler die von ihm begonnene Linie auch selbst abschliesst. Die so gestalteten Passagen wechseln sich ab mit anderen, in denen schwere, wiederholte Rhythmen die rhapsodischen Soli der ersten Violine begleiten. Im Mittelsatz spielen alle Instrumente ausser der ersten Violine abwechselnd ein melodisches Solo, das von schlichten Harmonien begleitet wird. Ein dämonisches ‹Moto perpetuo›-Finale schliesst das Werk ab.»
Auf Beethoven und Vine folgen einige jener Eigenarrangements in verschiedenen Stilen des Jazz und Pop, mit denen die Musiker des Vision String Quartet schon seit Beginn ihrer Karriere experimentieren. Anfangs, so berichtete Geiger Daniel Stoll in einem Interview, reagierten viele Veranstalter noch skeptisch auf den Vorschlag, Ernstes vor der Pause und Unterhaltendes danach zu spielen. In solchen Fällen boten die vier ihre Arrangements einfach als Zugaben – und stiessen auf derartige Begeisterung, dass sie bei Folge-Engagements gleich mit ihrem Wunschprogramm eingeladen wurden. Mittlerweile sind die Ausflüge Richtung Jazz und Pop ein Markenzeichen des Ensembles, ebenso wie der Verzicht auf Stühle (ausser für den Cellisten) und Notenpulte. Doch was genau sich in der Wundertüte des zweiten Teils versteckt, ob Beatles oder Benny Goodman, Samba oder Heavy Metal – das bleibt bis zur jeweiligen Anmoderation ein Geheimnis.
Jürgen Ostmann
Konzertprogramm
Ludwig van Beethoven 1770 – 1827
Streichquartett Nr. 4 c-Moll op. 18 Nr. 4 (1799) (24’)
Carl Vine *1954
Streichquartett Nr. 3 (1994) (15’)
Jazz- und Pop-Arrangements des Vision String Quartet
Vision String Quartet
Jakob Encke & Daniel Stoll Violine
Sander Stuart Viola
Leonard Disselhorst Violoncello
2012 gegründet, hat sich das Vision String Quartet innerhalb kürzester Zeit in der internationalen Streichquartett-Szene etabliert. Mit ihrer einzigartigen Fähigkeit, zwischen dem klassischen Streichquartett-Repertoire, ihren Eigenkompositionen und Arrangements aus den Bereichen Jazz, Pop und Rock zu ‹wandeln›, stellen die vier jungen Musiker aus Berlin derzeit die klassische Konzertwelt auf den Kopf. Die Konzertformate des Vision String Quartet sind vielseitig: Das Streichquartett, das sich zugleich als Band versteht, spielt in klassischen Konzertsälen wie der Elbphilharmonie, dem Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie, dem Gewandhaus Leipzig, der Tonhalle Düsseldorf und der Wigmore Hall London. Es wirkt in Ballettkooperationen unter John Neumeier mit, spielt Konzerte im Licht- und Videodesign von Folkert Uhde im Berliner Radial-System und andererseits ‹Dunkelkonzerte› in völliger Finsternis.
Anfang 2016 gewann das Quartett beim Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Wettbewerb in Berlin den 1. Preis sowie alle Sonderpreise. Grosse Wellen schlug der Erfolg beim Concours de Genève im November 2016 mit dem 1. Preis und allen vier Sonderpreisen. 2018 wurde dem Ensemble mit dem Kammermusikpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung einer der höchstdotierten Musikpreise verliehen. Ihr Kammermusikstudium absolvierten die vier Musiker beim Artemis Quartett in Berlin sowie bei Günter Pichler, dem Primarius des Alban Berg Quartetts, an der Escuela Superior de Música Reina Sofía Madrid. Heime Müller, Eberhardt Feltz und Gerhard Schulz waren weitere Impulsgeber.