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Wo sich einst Warschaus Künstler trafen
Drei Malerateliers in Polens Hauptstadt sollen nach 80 Jahren einem Einkaufszentrum weichen
Mitten in Warschau befinden sich in einer Dachwohnung drei Malerateliers aus der Zwischenkriegszeit. Bis heute dienen sie als private Ateliers und Ausstellungsorte. Aber nicht mehr lange, wenn es nach dem Willen des Hausbesitzers geht: Er will den gesamten Häuserblock verkaufen und dort ein Einkaufszentrum erstellen lassen.
Von ISABELLE VONLANTHEN*
(Text und Bilder)
Betritt man den Hinterhof des Hauses Nummer 3 an der Pankiewiczastrasse, geht die steile Holztreppe hoch bis in den fünften Stock und tritt dort in die 250 Quadratmeter grosse Dachwohnung, wähnt man sich in einer anderen Welt. Keine hundert Meter entfernt pulsiert das moderne Warschau. Die Jerusalemer Allee, die als zentrale Verkehrsader die ganze Stadt durchschneidet, zieht sich fast unmittelbar vor dem Haus durch. Auf ihrer anderen Seite ragt der Kulturpalast in den Himmel, und hinter ihm zeichnet sich Warschaus neue Skyline ab, die in den letzten Jahren emporgeschossenen Hochhäuser, in denen Hotels, Banken und Einkaufszentren untergebracht sind.
Doch im fünften Stock der Pankiewicza 3 scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Von einem langgezogenen Flur zweigen hier rechterhand drei grosse Malerateliers ab, mit riesigen Dachfenstern, vollgestopft mit Staffeleien, alten Paletten, Büchern, ausgetrockneten und frischen Farbtuben. Kein Quadratmeter an der Wand, der nicht mit grossformatigen Ölbildern, Aquarellen, Bleistiftskizzen, Fotografien bedeckt ist.
Künstler und Intellektuelle
In den Achtzigerjahren des 19. Jahrhunderts speziell für die Bedürfnisse einer privaten Handwerksschule erbaut, entstand hier zunächst ein zweistöckiges Haus mit verschiedenen Schlosser-, Schneider-, Tischler- und anderen Werkstätten. Nach der Wiedererlangung der staatlichen Unabhängigkeit 1919 wurden in Polen verschiedene neue Kunstinstitute und Akademien gegründet, an denen erstmals wieder nationale Kunst und Kultur unterrichtet werden konnten. Damals wurde dem Haus an der Pankiewicza 3 neben zwei weiteren Stockwerken auch ein Estrich mit besagten Ateliers hinzugefügt, in denen sich ab 1926 die «Schule der Schönen Künste im Andenken Wojciech Gersons» befand.
Neben dem Unterricht, der dort stattfand, war die Wohnung ein wichtiger Treffpunkt der Warschauer Künstler und Intellektuellen jener Zeit. Das kulturelle Leben im Warschau der Zwischenkriegszeit war sehr intensiv, es gab eine Vielzahl an künstlerischen Strömungen und Gruppen, die alle ihre Anhänger und Denker um sich scharten. An der Gersonschule wurden die jungen Maler vor allem in einer konservativen Tradition des polnischen Realismus geschult, der Avantgarde stand man skeptisch gegenüber. So war das Atelier eines der Zentren der «Bruderschaft des heiligen Lukas», einer Gruppe, die eine solche national orientierte Kunst vertrat.
Broniewski zu Besuch
Während des Krieges wurde die Schule wie die meisten anderen polnischen Kulturbetriebe unter der deutschen Besatzung geschlossen. Da sich jedoch in diesem zentralen Viertel das deutsche Hauptquartier befand, wurde das Haus nach dem Warschauer Aufstand 1944 nicht wie die meisten anderen Stadtteile zerstört. In den Jahren nach dem Krieg versuchte die Stadtverwaltung, die nun verstaatlichten Ateliers als Wohnungen zu vermieten. Aber die Zimmer, ohne Heizung, mit grossen Fenstern und schlecht abgedichteten Wänden, waren im Sommer glühend heiss, im Winter kalt und eigneten sich schlecht als Wohnraum.
Ab 1952 wurden sie von der Staatlichen Mietkommission auf privater Basis wieder als Arbeitsräume an Maler vermietet. Wenn auch der Schulbetrieb nicht mehr aufgenommen werden konnte, blieb so doch der eigentliche Bestimmungszweck bestehen. Die Ateliers waren weiter Treffpunkt vieler Künstler. In den Fünfzigerjahren war der bekannte Revolutionsdichter Broniewski oft zu Besuch, ein Porträt von ihm hängt immer noch dort. In den Fünfzigern arbeiteten hier Mitglieder der ehemaligen Lukasbrüderschaft: Jan Zamojski und Janusz Podoski.
Begehrte Ateliers
Heute malen drei Frauen in den Ateliers: Malgorzata Kobul, die als Lehrerin an der Europäischen Akademie der Künste in Warschau arbeitet, Krystyna Sommer und Malgorzata Palka, die Tochter des ehemaligen Rektors der Warschauer Akademie für Künste, die das Atelier ihres Vaters übernommen hat.
Krystyna arbeitet seit den Siebzigerjahren in ihrem Atelier. Mittlerweile ist sie bald achtzig, klein, feingliedrig, immer noch sprühend vor Energie und Arbeitselan. Auch sie hat früher an der Akademie für Künste unterrichtet. Mit ihrem Mann hat sie ausgedehnte Reisen durch Afrika und Russland unternommen, wovon die Landschaftsbilder in ihrem Atelier noch zeugen.
Malgorzata Kobul ist sowohl familiär wie auch durch ihre Ausbildung seit langem an den Ort in der Ulica Pankiewicza gebunden: Ihre Grossmutter hatte im Zweiten Weltkrieg in Kiew, wohin sie vor der deutschen Besatzung geflüchtet war, die polnische Malerin Jadwiga Mijalowa kennen gelernt. Obwohl Malgorzatas Grossvater in der Zwischenkriegszeit einer der führenden Politiker der rechten Nationaldemokraten war und Jadwigas Mann ein überzeugter Kommunist, entstand eine Freundschaft, die sich in Warschau fortsetzte. Mit der Grossmutter zusammen besuchte Malgorzata Jadwiga oft in deren Atelier. Später studierte sie ebenfalls Malerei und konnte nach Jadwiga deren Atelier übernehmen. Die Liste derjenigen, die gerne dort gearbeitet hätten, sei lang gewesen, erzählt Malgorzata, und so sei sie von den anderen argwöhnisch beäugt worden und habe sich erst beweisen müssen.
Kunst gegen Kommerz
Heute kämpft sie an vorderster Front gegen die drohende Kündigung: Das Haus ist vor einiger Zeit privatisiert worden, es gehört jetzt dem grössten polnischen Schulbuchverlag, WSiP. Der Besitzer würde gerne verkaufen und an Stelle der alten Häuser ein modernes Einkaufszentrum errichten lassen. Doch der Boden im Stadtzentrum ist teuer – noch gibt es keine Käufer, und die alten Mieter wehren sich für ihre Rechte.
«Eigentlich ist die Fassade des Hauses im Denkmalregister eingetragen», sagt Malgorzata, «aber das ist kein Hinderungsgrund. Man reisst einfach alles ausser der Fassade ab und baut dahinter etwas Neues.» Deshalb versucht sie zusammen mit den anderen Mietern seit zehn Jahren, die Ateliers selbst als wertvolles Kulturgut unter Denkmalschutz zu stellen. Fünfmal ist ihr Antrag angenommen worden, fünfmal kam aber gleich danach eine Stornierung: Der Besitzer hatte Einsprache eingelegt und sich offenbar an die richtigen Stellen gewandt. Gerade hat sie ihre sechste Eingabe gemacht: Solange dieser Prozess laufe, könne immerhin das Haus nicht verkauft werden.
In ihrem Kampf geht sie auch an die Öffentlichkeit. Die «Gazeta Wyborcza», Polens grösste Zeitung, berichtete im Regionalteil über das drohende Ende dieses historischen Platzes. Anlässlich einer Ausstellung, die in den Ateliers stattfand, erschien eine Reportage im polnischen Fernsehen, in der sich verschiedene Kunsthistoriker und Maler für den Erhalt der Ateliers aussprachen. Der Hausbesitzer reagierte schnell: Unmittelbar nach der Sendung liess er eine Fachfrau aus Krakau kommen, die in ihrer Expertise dem Ort jeden historischen Wert absprach.
Hilfe von rechts
Ihre Hoffnung setzt Malgorzata