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Russlands Osten verliert seine Bevölkerung
Kritische demografische Situation an der russisch-chinesischen Grenze – die Volksrepublik als Konkurrenz und Chance
In den strukturschwachen, abgelegenen Gebieten im Osten Russlands schrumpft die Bevölkerung. Wie in Transbaikalien sehen viele nur noch in der Abwanderung eine Perspektive. China ist präsent.
Daniel Wechlin, Tschita
«Das dort unten beim Güterbahnhof ist mein Waggon», sagt Alexander stolz und deutet auf einen roten Eisenbahnwagen. Jeweils 15 Tage im Monat ist das der Arbeitsort des Ingenieurs. Unzählige Kilometer legt er damit in den Weiten Sibiriens zurück und kontrolliert den Zustand des Schienennetzes. Den Rest des Monats arbeitet er als Taxifahrer und freut sich, den seltenen Besuchern von einer Anhöhe seine Heimatstadt Tschita zu zeigen. Der Hauptort der Region Transbaikalien liegt zwischen zwei sanften, bewaldeten Hügelzügen. Schachbrettartig angelegte Strassen, graue mehrstöckige Gebäude und braune gedrungene Holzhäuser prägen das Bild. In die Erklärungen des Familienvaters mischt sich Wehmut. Alexander plant in den europäischen Teil Russlands zu ziehen. «Hier gibt es keine Entwicklung, keine Zukunft mehr», sagt er besorgt. So wie er denken viele Russen unweit der Grenze zu China.
Vielgestaltige Misere
Der Stadt 6000 Kilometer südöstlich von Moskau haftet Kummer an. Beinahe beklommen scheint die imposante Lenin-Statue über den weiten Platz im Zentrum Tschitas zu blicken. Im Sichtfeld des Revolutionärs ist zwar alles akkurat und gepflegt. Blumenbeete und Baumreihen säumen den aus weissen, braunroten und türkisfarbenen Platten gepflasterten Platz. Sitzbänke laden zum Verweilen ein, an einem Kiosk werden Blini, russische Pfannkuchen, verkauft. Doch wenige Meter abseits des von klassizistischen Verwaltungsgebäuden flankierten Lenin-Platzes wechselt die 323 000 Einwohner zählende Stadt ihr Antlitz. Die Strassen sind von Schlaglöchern übersät, anstelle eines Gehsteigs gibt es nur einen schmalen Sandstreifen. Es ist dreckig. Die Wohnquartiere dominieren uniforme Plattenbauten und vier- bis fünfgeschossige Häuser aus der Sowjetzeit. Der Verputz blättert ab, die Fassaden sind von Rissen durchzogen. Vor einer Ikonenmalerei bitten Obdachlose um Almosen. Um die Ecke wirbt ein Geschäft grosslettrig für Wodka und Wein. Die Gesichter der davorstehenden Menschen sind aufgedunsen, gezeichnet von der Alkoholsucht.
Die Folgen der ökonomischen und sozialen Misere und eines generell schlechten Gesundheitszustands zeigen sich auch in den Statistiken zur Demografie. Die durchschnittliche Lebenserwartung in der sibirischen Region beträgt derzeit lediglich 64 Jahre. Eine Konsequenz davon ist, dass Transbaikalien immer stärker unter Bevölkerungsrückgang leidet. Abwanderung und ein Rückgang der Fertilität verstärken das Phänomen und führten zu einem Rückgang der Bevölkerung von über 15 Prozent im Vergleich zu den letzten Jahren der Sowjetzeit. Eine Umkehr der Entwicklung ist nicht in Sicht – auch eine Zuwanderung aus Zentralasien vermag den Umstand nicht zu entschärfen. Das Gebiet entleert sich immer weiter. Auf einen Quadratkilometer kommen 2,6 Einwohner. Laut der lokalen Verwaltung leben heuer noch 1,16 Millionen Menschen in Transbaikalien, das zehnmal so gross wie die Schweiz ist. Unabhängige Berechnungen gehen von noch tieferen Zahlen aus und sprechen von einer knappen Million Einwohnern.
Im vergangenen Jahr haben rund 9300 Personen Transbaikalien verlassen. Es handelt sich dabei um meist gut ausgebildete Leute wie Marina Rassipnowa. Die 25-Jährige arbeitet als Lehrerin und studiert an der Universität von Tschita Politikwissenschaften. Ihren Lebensunterhalt muss sie mit einem auch für russische Verhältnisse tiefen Monatsgehalt von umgerechnet 310 Franken bestreiten. Die engagierte Frau hat Angst, in Transbaikalien zu bleiben, eine Familie zu gründen und hier alt zu werden. Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung will sie Tschita verlassen. «Die soziale Mobilität funktioniert nicht mehr», sagt sie. Korruption und Vetternwirtschaft ermöglichten einen Aufstieg nur noch mit den richtigen Verbindungen zur Administration. Ausser den limitierten beruflichen Möglichkeiten beklagt die Frau den tiefen Lebensstandard. Das Klima sei hart, die Infrastruktur schlecht. Kleider und Lebensmittel seien manchmal teurer als im Westen, die Qualität jedoch miserabel.
Stagnation und Populismus
Transbaikalien ist arm. Trotz Ressourcen wie Holz, Kupfer oder Uran hängt die Region am Tropf der Subventionen von Moskau. Die Förderung der teilweise minderwertigen Rohstoffe ist kostspielig, Investoren fassen im abgelegenen Gebiet nur langsam Fuss. Für die Situation macht Wladimir Tichomirow aber auch die Politik verantwortlich. «Bei uns findet fast keine Produktion, keine Veredelung der Rohmaterialien, statt. Alles wird billig exportiert, vor allem nach China. Vieles, wie Fertigwaren und ein Grossteil der Nahrungsmittel, muss hingegen teuer importiert werden», sagt der Publizist und Dozent der staatlichen Universität von Tschita. Während der Zeit der Sowjetunion habe die Region als von China bedroht gegolten. Produktionsstätten habe man deshalb keine angesiedelt und sich alleine auf den Rohstoffabbau konzentriert, sagt Tichomirow. Daran habe sich bis heute nichts Grundsätzliches verändert. Die politische Elite verstehe es, auch mit dem Status quo gut zu leben.
Inzwischen hat sich im östlichen Sibirien das Verhältnis zu China weitgehend normalisiert. Es bestehen zwar Ressentiments, auch schüren nationalistische Akteure immer wieder die Ängste vor einer Überfremdung und sprechen von einer «gelben Gefahr». Doch dies ist laut dem Sinologen Alexander Tarasow aus Tschita schlicht Populismus. Obwohl der dünnbesiedelten russischen Peripherie eine chinesische Region gegenübersteht, die über ein Potenzial von mehreren Dutzend Millionen Menschen verfügt, besteht laut Tarasow gegenwärtig kein Migrationsdruck, der eine Masseneinwanderung von Chinesen zur Folge hätte. Die Chinesen stellten zwar die grösste Ausländergruppe in Transbaikalien dar. Der Anteil an der Gesamtbevölkerung liege aber seit Jahren deutlich unter fünf Prozent. Experten gehen davon aus, dass sich derzeit nur zwischen 10 000 und 14 000 Chinesen in der südostsibirischen Region aufhalten. Für ganz Russland liegen die schwer verifizierbaren Zahlen nach verschiedenen offiziellen Dokumenten bei bis zu maximal 700 000 Chinesen.
Die Chinesen in Transbaikalien sind vorwiegend Arbeitsmigranten. Sie bleiben allerdings meist nur einige Monate in Russland und gehen danach wieder in ihre Heimat zurück. Tätig sind sie insbesondere in der Bauindustrie, der Forstwirtschaft, im Handel und zunehmend in der Landwirtschaft. Der temporäre Aufenthalt der Chinesen ist für Tarasow ein Grund, warum es zu keinen grösseren Problemen kommt. Die Chinesen lebten grösstenteils getrennt von der russischen Bevölkerung. Hinzu komme, dass die Chinesen auf dem Arbeitsmarkt die Russen nicht verdrängten. «Kein Russe würde unter denselben Bedingungen wie die Chinesen arbeiten.»
Chinesische Arbeiter gelten in Transbaikalien als fleissiger, effizienter und anspruchsloser als ihre russischen Kollegen. Geschäftsleuten aus der Volksrepublik wird zudem grössere Initiativfreudigkeit nachgesagt. Exemplarisch dafür steht das von chinesischen Investoren gebaute Sja-Jan-Warenhaus im Zentrum von Tschita. Mit chinesischer Musik wird der Kunde willkommen geheissen. Im Innern des dreistöckigen Gebäudes sitzen chinesische Verkäufer auf Hockern vor kleinen Abteilen. Die Auslagen sind mit Schuhen, Kleidern, Schmuck, Toilettenartikeln oder Unterhaltungselektronik aus China vollgestellt. Ein Kauderwelsch aus Russisch und Chinesisch ist zu hören. Dem Einkaufszentrum schliesst sich der Zentrale Markt an. Ein Gewirr aus Ständen und Türmen aus Kartonkisten mit Importware bietet sich dem Blick des Betrachters. Dazwischen wirbt ein kleines Lokal mit dem Slogan «Schnell, gut, nicht teuer» für seine chinesische Küche. Die Speisekarte ist zweisprachig. An wackligen Tischen mit Plastic-Überzug sitzen russische Teenager und essen ein Nudelgericht. Daneben unterhält sich ein chinesisches Pärchen angeregt und trinkt aus Aludosen chinesisches Bier. Russischer Pop ertönt aus einem Radio.
Schwache Konzepte
Auch die Russen versuchen, von der Grenzlage zu profitieren. Die Volksrepublik lockt mit einem reichhaltigen wie günstigen Waren- und Dienstleistungsangebot. Ein Wochenendausflug oder ein Grosseinkauf wird in eine chinesische Stadt verlegt. Flüge nach Peking kosten weniger als ins ferne Moskau, Ferien an der chinesischen Küste sind billiger als solche am Schwarzen Meer. Die Infrastruktur ist oftmals besser, der Service freundlicher und qualifizierter. Zusammen mit einer breiten Palette von Studien- und Berufsmöglichkeiten im Nachbarland bewegt dies junge Russen in Transbaikalien dazu, sich verstärkt nach China auszurichten. Mit einem chinesischen Sprachdiplom hat man in China oftmals bessere Chancen bei der Stellensuche als mit einem heimischen Universitätszeugnis in Russland. Im Strassenbild von Tschita sind Werbeplakate von Chinesisch-Sprachschulen zu sehen, an den Bildungseinrichtungen werden Seminare zu China angeboten.
Die russische Führung gibt an, seit Jahren gegen die negative Bevölkerungsentwicklung vorzugehen. Jüngst hat auch wieder Wladimir Putin die Demografie zu einem Schwerpunkt seiner Politik erklärt und die Situation in Sibirien und dem Fernen Osten als besondere Herausforderung bezeichnet. Es werden Sonderwirtschaftszonen gegründet, Reformprogramme in der Gesundheits- und Sozialpolitik ausgearbeitet. Im Vordergrund stehen die Verbesserung der sozialen Rahmenbedingungen für Familien (etwa günstiger Wohnraum und Kindergeld) sowie die Propagierung eines gesunden Lebenswandels. Zudem wird versucht, durch eine gesteuerte und alimentierte Zuwanderung den Bevölkerungsschwund abzufedern.
Doch die Milliarden teuren Entwicklungsprogramme bleiben ohne grosse Wirkung. Augenscheinlich profitiert die Bevölkerung auch nicht von den vielgepriesenen russisch-chinesischen Handelsbeziehungen. Wie weit dabei der Anspruch der politischen Rhetorik und die Wirklichkeit auseinanderklaffen können, zeigt sich 490 Kilometer südlich von Tschita in Sabajkalsk. Ausser einem kleinen, ordentlichen Bahnhof ist der Grenzort mit 10 000 Einwohnern in einem maroden Zustand. Strassen und Flächen sind vermüllt, viele Gebäude sind längst baufällig. Die heruntergekommene Ansiedlung wirkt verlassen, fast schon aufgegeben. Ein gelegentliches Ausbrechen aus dieser Tristesse bietet am Ortsende der «Goldene Lotus». Das China-Restaurant mit russischer Banja gehört Larissa Tschisjan und ihrem chinesischen Ehemann. «Die Behörden kümmern sich nicht um die Bürger», so bringt die junge Russin und zweifache Mutter die Situation auf den Punkt. Vor dem Lokal schimmert die hügelige Steppenlandschaft braun-grün. In der Senke rollen Güterzüge mit Baumstämmen langsam gen China.
Chinesische Glitzerwelt
Die Volksrepublik markiert an der Grenze selbstbewusst Präsenz. Unmittelbar hinter dem Bahnhof von Sabajkalsk erhebt sich ein einem Triumphbogen ähnliches gewaltiges Tor, das über die Ankunft in China informiert. Das Zollgebäude ist hochmodern, samt Restaurant und Duty-free-Bereich. Die Dachkonstruktion ist einer Pagode nachempfunden, die Aussenwände sind schwarzblau verspiegelt. Auf breiten, blitzblanken Strassen gelangt der Reisende schliesslich in wenigen Minuten nach Manzhouli: eine aus Dutzenden von Hochhäusernbestehende bunte, kitschige und ganz auf den russischen Einkäufer ausgerichtete Retortenstadt in der chinesischen Steppe. Lautsprecherstimmen buhlen um die Gunst des «russischen Freundes aus der Ferne». In den Einkaufsmeilen blinken grelle Neonreklamen mit kyrillischen und chinesischen Zeichen. Die Ausflügler decken sich mit allen erdenklichen Konsumgütern ein und logieren in edlen Hotels – alles zu einem Bruchteil der russischen Preise. Auch Larissa und ihr Mann werden vom Schein der 260 000-Einwohner-Stadt angezogen. Sie besitzen in Manzhouli ein zweites Restaurant, hier mit russischer Küche. Die Zukunft ihrer Kinder sehen sie in China. Auch sie selbst ringen mit dem Gedanken, Russland den Rücken zu kehren. Die Rechtsunsicherheit in Russland belaste die Geschäfte, die Lebensqualität in China sei höher, meint das Paar.
Fest steht, dass sich bis jetzt weder die örtliche Politik noch Moskau um die prekären Verhältnisse der Bürger in Transbaikalien ernsthaft angenommen hat. Nun soll zumindest die Verkehrsinfrastruktur an der Grenze bei Sabajkalsk modernisiert werden. Die Bagger sind bereits aufgefahren. Vielleicht zu spät. Kritische Beobachter glauben, dass in vielen Gebieten des entlegenen russischen Ostens, bis auf die Region um Wladiwostok, der ökonomische Niedergang und der demografische Kollaps nicht mehr aufzuhalten sind.