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Ein historisches Herrschaftshaus im Kanton Freiburg öffnet seine Tore für Asylsuchende. Aber diese ungewöhnliche Unterkunft entspricht nicht dem, was sie zu sein scheint. Wie steht es um das Angebot von Asylunterkünften und die Solidarität gegenüber Flüchtlingen in der Region? Ein Augenschein.
Das aus dem 19. Jahrhundert stammende Schloss von Rosière steht auf einer sanften Erhebung am Eingang des Dorfes von Grolley, rund zehn Kilometer von der Stadt Freiburg entfernt. Über Felder und Wälder hinweg öffnet sich der Blick sowohl auf einen Teil der Alpen wie des Juras.
Jean-Baptiste Henry de Diesbach hängt sehr an diesem dreigeschossigen Gebäude. Einer seiner Vorfahren, Alphonse de Diesbach, ein Schweizer Offizier im Dienst der königlichen Garde Frankreichs, war vor 150 Jahren der Besitzer des Anwesens.
"Es ist kein Palast. Das Gebäude könnte zu Luxus-Wohnungen umgebaut werden, aber das entspricht nicht der Absicht der Kirche", sagt de Diesbach.
Das Haus, das sich heute im Besitz einer Stiftung befindet, die mit dem katholischen Bistum verbunden ist, hat die Tradition, Menschen in Not willkommen zu heissen: Kartäuser Mönche, die aus Frankreich vertrieben wurden oder belgische Flüchtlingskinder aus dem Ersten Weltkrieg. Seit den 1960er-Jahren ist es ein spirituelles Refugium; gegenwärtig wird es von einer kleinen Gruppe von Klosterfrauen bewohnt.
Für die aktuelle Besitzerin, die Stiftung Notre-Dame de la Nativité, für welche de Diesbach arbeitet, ist der Plan sinnvoll, das Landhaus für 100 Asylsuchende – vor allem Familien aus Syrien und junge Eritreer - zur Verfügung zu stellen.
"Es gibt eine Bereitschaft, das Haus im Sinne der kirchlichen Werte zu brauchen. Die Rolle und Pflicht der Kirche ist es, Fremde willkommen zu heissen, die in Schwierigkeiten stecken. Das hatte Jesus einst auch gesagt", sagt de Diesbach.
Mit dieser Idee sind allerdings nicht alle glücklich. Rund 750 Personen aus der Region haben die Stiftung mit einer Petition dazu aufgefordert, das Projekt aufzugeben und das historische Gebäude für andere Zwecke zu nutzen.
"Hinter all dem [Oppostion] verbirgt sich eine Angst vor dem Unbekannten, eine Angst vor Dingen, die anders sind. Und das führt zu abnormen Situationen, in welchen Leute eine Petition unterschreiben und behaupten, dass das Haus nicht der richtige Ort sei, Asylsuchende unterzubringen, obwohl sie das Schloss noch nie gesehen haben", sagt de Diesbach.
"Gewisse Leute, welche die Petition unterschrieben haben, argumentieren, dass es skandalös sei, Fremde gegenüber Schweizern zu privilegieren. Aber wir haben hier sehr viel für Schweizer gemacht."
In einer kurzen Antwort an die Opponenten von Grolley von Anfang September weist die Freiburger Regierung die Petition zurück und verweist auf den anhaltenden Krieg und die humanitäre Katastrophe, vor denen die Leute nach Europa flüchteten. Laut den Behörden wurde der Entscheid als "Zeichen der Solidarität" von weiten Teilen der Freiburger Bevölkerung akzeptiert. Am 9. September hat die lokale Präfektur der Stiftung grünes Licht gegeben. In den kommenden Wochen dürften die Asylsuchenden ankommen.
"Das Thema meiden"
Die Gäste im Centurion Café im Zentrum von Grolley lassen sich nicht dazu bewegen, ihre Meinung zu äussern. "Das Thema wird gemieden", sagt Christian Ducotterd, der gegenüber dem Schloss wohnt und die Petition unterschrieben hat.
"Das Bauwerk hat viel Charakter mit seinem wunderschönen Garten und der fantastischen Sicht auf die Alpen. Man hätte es für andere Zwecke verwenden können", sagt er und betont, dass er seine Meinung als Privatperson äussere und nicht als Bürgermeister von Grolley.
Laura Ansermot, die auch in der Nähe wohnt, versteht die Angst der Bewohner: "Hundert Leute sind für ein kleines Dorf [1600 Einwohner] ziemlich viel. Jeder kennt jeden. Hier ist man auf dem Land."
Auch deshalb ist es ein schlechter Entscheid, sagt Stéphanie Rouiller, eine Krankenpflegerin aus der Region. "Ich bin nicht gegen Asylsuchende, aber ich frage mich, ob dieser Ort wirklich geeignet ist. Man bringt sie in einen ländlichen Raum, wo sie sich langweilen werden", sagt sie.
Neue Initiativen
Die Schweizer Migrationsbehörden rechnen mit 29'000 Asylbewerbern für 2015, was einer Zunahme gegenüber den Vorjahren entspricht, aber unter dem Rekord von 1990 liegt. Trotzdem warnte das Staatssekretariat für Migration kürzlich die 26 Kantone, dass sie zusätzliche Migranten unterbringen werden müssten. Bis zu 1150 Personen pro Woche könnten in den Kantonen platziert werden, sagten die Bundesbehörden - eine Zunahme von 15%.
Im Kanton Freiburg, der 3,6% aller Asylsuchenden aufnimmt, stieg die Anzahl Migranten von monatlich 50 Personen in den ersten fünf Monaten des Jahres auf über 135 im September. Der Kanton sucht dringend neue Lösungen, weil seine 1700 Aufnahmeplätze belegt sind.
Mehrere lokale Gruppen leisten Unterstützung. Im September lancierte eine Gruppe unter dem Namen "Osons l'accueil" [lasst uns die Aufnahme wagen] eine Hotline für Leute, die bereit sind, Asylsuchende aufzunehmen. Sie sei der Initiative des Schweizerischen Flüchtlingsrats sehr ähnlich, sagten die Freiburger Initianten. Die Reaktionen seien "eindrücklich" gewesen, sagt Bernard Huwiler, einer der Initianten. Seit Beginn des Monats hätten sich 90 Familien bereit erklärt, Migranten aufzunehmen. Ausserdem gebe es 60 private Angebote für Sprachkurse, Transport und Mahlzeiten. Auch die katholische Kirche kündigte letzten Monat eine Asylunterkunfts-Initiative an.
In Anlehnung an die beispiellose Geste von Papst Franziskus, dass jede Pfarrei oder religiöse Gemeinschaft in Europa eine Flüchtlingsfamilie aufnehmen soll, richtete die katholische Kirche in Freiburg einen Appell an ihre 200 Pfarreien.
Bisher gab es aber keine eindeutigen Hilfsangebote, sagt Véronique Benz, Sprecherin der katholischen Kirche (Bistum) im Kanton Freiburg. "Wir wissen, dass sich einiges tut und die Leute darüber sprechen. Aber einige Pfarreiräte treffen sich nur einmal im Monat."
Wellen der Solidarität
Laut offiziellen Quellen ist es schwierig, das Ausmass der neuen Solidaritätswelle einzuschätzen, die durch die Publikation dramatischer Bilder von Flüchtlingen ausgelöst wurde.
"Es ist konfus", sagt Ducotterd. "Ich denke, dass die Leute einerseits den Menschen in Schwierigkeiten tatsächlich helfen möchten. Andererseits haben sie Angst und fragen sich, ob die Integration gelingen wird."
Laut Claudia Lauper-Luthi, wissenschaftliche Beraterin bei der Gesundheits- und Sozialdirektion des Kantons Freiburg, ist es schwierig zu beurteilen, ob die Solidarität in der Region zugenommen habe.
"Wenn wir ein neues Asylzentrum eröffnen, erhalten wir viele Anrufe von Leuten, die helfen wollen. Viele wollen Kleider spenden. Einige Gemeinden, wie Bösingen und Villars-sur-Glâne, sind bereit, weitere Asylauffangzentren oder Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Wir stellen grosse Offenheit bei den Leuten fest, aber wir begegnen auch starker Opposition", sagt sie.
(Übertragen aus dem Englischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch