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Wer war Margaret Meredith?
Die jüngste Errungenschaft der FMD-Musikmediensammlung gibt Rätsel auf: Margaret Meredith, die Schöpferin des 80-minütigen Oratoriums «The At-one-ment» («Das Eins-Sein mit Gott und dem Universum»), ist in keinem gängigen musikwissenschaftlichen Nachschlagewerk verzeichnet.
Wann die Komponistin geboren wurde, wissen wir nicht. Ihre Heirat 1892 mit William Meredith ist dagegen belegt. Durch die Vermählung wird die gebürtige Margaret Elliot zur Schwiegertochter von George Meredith (1828-1909), einem der berühmtesten englischen Schriftsteller seiner Zeit. Offenbar angetan von seiner Schwiegertochter schrieb Meredith seinem Verleger Frederick Chapman: «Das Mädchen ist kultiviert und reizend.» Nach ihrer Ausbildung am Cheltenham College studierte sie bei Edward Dannreuther, einem überzeugten Wagnerianer sowie bei dem berühmten Pianisten Ernst Pauer. Sie wohnte in London und auf ihrem Landsitz in Hampshire. Dem Who’s Who entnehmen wir, dass Lesen, Kammermusik und Tennis zu ihren Hobbies zählten. Am 16. März 1964 starb Margaret Meredith.
Wenn Meredith auch bisher nicht im New Grove zu finden ist, ab dem Ende der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts taucht sie in verschiedenen Publikationen immer wieder auf. Interessant ist, dass bereits im Juli 1909 in einem Katalog der New Gramophone Records eine Schallplattenaufnahme von Merediths The Lord is my Shepherd angekündigt wird. Diese Arie stammt aus Merediths gut halbstündigem symphonischem Tongemälde Sursum Corda für Chor, Mezzosopran, Tenor (oder Sopran) und Orchester, das den Weg des Menschen zu einer neuen, überirdischen Realität zum Thema hat. Laut dem Schallplattenkatalog sei «die Vertonung des bekannten Psalms würdevoll, melodiös» und wird weiterhin sogar als «bestimmt eines der besten bisher von einer Komponistin geschriebenen geistlichen Werke» bezeichnet. Bereits einige Monate zuvor, am 4. Februar 1909 war Sursum Corda zusammen mit dem Requiem on the Death of Queen Victoria in der Königlichen Kapelle im Londoner St James’s Palace erklungen. Wie die Yorkshire Post schreibt, wurden die Werke «mit gütiger Erlaubnis des Königs und auf Wunsch von Princess Louise, Duchess of Argyll» gespielt.
Unter der Leitung des berühmten russischen Dirigenten Wassili Safonoff (1852-1918) wurden in der Londoner Queen’s Hall zwei Chorwerke von Meredith von der Leeds Philharmonic Society und dem London Symphony Orchestra gemeinsam aufgeführt. Die Londoner Times berichtet in ihrer Ausgabe vom 14. Januar 1911 eher feindselig darüber: «Frau Margaret Merediths Vertonungen zweier Gedichte von Herrn Owen Seaman über den Tod von Königin Victoria und König Edward VII wurden hervorragend gesungen und gespielt, aber so gut es auch gesungen und gespielt war, klang die Musik nur uninteressant und gewöhnlich. Sanfte Phrasen lösen sich ab mit wenig Sinn für Kontrast und Höhepunkte und ohne allzu viel Bezug zum Text, und egal ob sie für Stimmen oder für das Orchester schreibt, ist ihre Technik gleich schwach wie ihre Ideen.» Ganz anders wurde im neuseeländischen Auckland über dieses gleiche Konzert berichtet. Hier liest man, dass die zwei Werke von Meredith sowohl vom Dirigenten als auch vom Publikum enthusiastisch aufgenommen wurden und dass der Dirigent am Ende des langen Beifalls die Komponistin mit Gesten aufforderte, den anerkennenden Applaus des Publikums entgegenzunehmen.
Im katholischen Wochenblatt The Tablet wird 1912 ihre «melodische Gabe (die seltenste in unserer Zeit)» sowie die «Originalität der Form» mit Bezug auf ihr Werk Sursum Corda gelobt. Das gleiche Werk regte den Kritiker des Newcastle Journal zwei Jahre später an, sie als «ehrgeizige Komponistin» zu bezeichnen, die dann aber nicht vollends überzeugen konnte: «Das Orchestervorspiel verspricht einen ziemlich persönlichen Stil, aber die Erwartungen werden nicht erfüllt, und das Stück verharrt in einem hübschen, angenehm zu hörenden Andachtscharakter.» Nichtsdestotrotz wurde ihr Lied King’s men 1914 im Rahmen der von Henry Wood gegründeten Londoner Proms (die bis heute als BBC Proms existieren) aufgeführt. Neben ihrer kompositorischen Arbeit engagierte sich Meredith auch für eine Art Musiker-Lobby. Die Gründung der Gesellschaft The Musical League geht auf sie zurück. Ob sich ein heutiges Publikum noch für Margaret Merediths Kompositionen, wie etwa ihr Oratorium The At-one-ment, das stark in der Ästhetik der vorletzten Jahrhundertwende verhaftet zu sein scheint, begeistern liesse, ist schwer abschätzbar. Zumindest erscheint es wünschenswert, ihr vielfältiges Wirken als Komponistin, Dirigentin und Förderin der englischen Musik zu dokumentieren und ihre Werke vorurteilsfrei zu beurteilen.