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Die Szene ist mir allzu sehr bekannt, sei es am Familienfest mit fernen Verwandten oder beim Schliessen einer neuen Bekanntschaft an einer WG-Party. Man möchte wissen, was ich denn studiere. Islamwissenschaft. Aha… Islamwissenschaft also. Häufige Reaktionen sind ein schüchternes Nachfragen, wieso ich denn „so etwas“ studiere, oder ein kurzes Innehalten gekoppelt mit der Realisation, dass es sich bei mir, angesichts meiner kanadischen Herkunft, allenfalls um einen Konvertiten handeln müsste, gefolgt von der vorsichtigen Folgefrage:„Ja… also… bist du denn… bist du Moslem?“
Obwohl ich an dieser Stelle eine Streitschrift über explizite und implizite Islamophobie in der Schweiz verfassen könnte, muss ich zugeben, dass der Name „Islamwissenschaft“ irreführend sein kann. Ich selbst hatte ebenfalls kein Bild vom Inhalt der Islamwissenschaft, bis ich anfing Arabisch zu studieren und so mit Islamwissenschaftlern in Kontakt kam. Ich hielt es zuvor für ein rein theologisches Fach, was mich unabhängig von der Religion nicht interessiert hätte. Dass so wenige Islamwissenschaft studieren, könnte dem Fach ebenfalls zu einer Kuriositätenstellung verhelfen.
Wenn ich nun erklären soll, wie der Prototyp eines Islamwissenschaftlers aussieht, muss ich an dieser Aufgabe scheitern. Diversität liegt in der Natur des Fachs. Wer Islamwissenschaft studiert, belegt Fächer aus der Sozialanthropologie, der Literatur, der Geschichte, der Politikwissenschaft und der arabischen, türkischen und persischen Sprache. Deshalb präsentiere ich hier eine kleine anonymisierte Kompilation (man könnte angesichts der Grösse der Fakultät beinahe von einer repräsentativen Stichprobe sprechen) der ersten 5 Studenten, die mir einfallen:
Die Faszinierte
Als Andrea klein war, nahm ihr Vater sie oft mit auf Reisen in arabische Länder, die ziemlich abenteuerlich ausfallen konnten. Mal überredete ihr Vater sogar einen Händler, sie bei seiner Handelskarawane durch die Wüste mitkommen zu lassen. Die Eindrücke, die die Reisen auf sie hinterliessen, faszinieren sie bis heute, weshalb sie mehr über den arabischen Raum lernen und ihn bereisen will.
Der Sprachbegeisterte
Friedrich kommt aus einer christlich-konservativen Familie, ist Mitglied von ländlichen Vereinen und muss seine Studienwahl innerhalb seines sozialen Umfelds wohl am häufigsten „rechtfertigen“. F möchte eines Tages Englischlehrer werden. Als es an der Zeit war sein zweites Hauptfach zu wählen, merkte er beim Durchstöbern der Fächer, dass er bei Islamwissenschaft gleich zwei Sprachen lernen würde. Das Fach hat ihn seither so sehr ergriffen, dass er auch innerhalb des komplementären Bereichs fast nur Module aus der Islamwissenschaft belegt.
Die Tänzerin
Julia tritt seit einigen Jahren schon als begabte Bauchtänzerin auf. Mit der Ausprägung ihres Hüftschwungs wuchs auch ihr Interesse an arabischer Kultur. Eigentlich arbeitet sie ebenfalls daran ein Vollstudium in Jurisprudenz abzuschliessen. Das alleine wäre ihr aber eine zu trockene Existenz, weshalb sie sich für den Bachelor in Islamwissenschaft einschrieb.
Der Spion
Zwei Semester lang studierte der junge Lukas Islamwissenschaft. Er verfügt über einen militärischen Rang und möchte eines Tages für den Bundesnachrichtendienst arbeiten. Lukas begann Islamwissenschaft zu studieren, um sich nützliches Wissen für seine spätere Karriere des Telefonabhörens und der Agentenabenteuer anzueignen. Jedoch musste er bald feststellen, dass es in diesem Fach nicht viel für seine Spionen-Skills zu lernen gab. Lukas studiert jetzt etwas anderes.
Der Muttersprachler
Beim Muttersprachler kann man am ehesten von einem Studententypus – auch wenn als Minderheit – innerhalb des Fachs sprechen. Dies ist aber nicht islamwissenschaftsspezifisch, sondern bei jeder Kulturwissenschaft anzutreffen. Ob in der Skandinavistik, Sinologie oder der Turkologie finden sich Studenten, die ihre Sprachfähigkeit und geschichtliches Wissen ihrer Herkunftsländer verbessern wollen.