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Der Artikel “Infanterist der Zukunft” gehört zu den am meisten aufgerufenen Seiten auf offiziere.ch. Es ist deshalb höchste Zeit den ursprünglich am 02. April 2007 geschriebenen Artikel zu erweitern und upzudaten.Die 6. Militärrevolution kennzeichnet sich durch eine Asymmetrierung des Gefechtsfelds, einer Vielzahl Akteure (sowohl militärisch wie auch zivil), die Tiefe und Gleichzeitigkeit der Aktionen sowie durch eine Erhöhung des Technologisierungsgrads (Automatisierung des Gefechtsfelds) und durch eine vernetzte Operationsführung (Network-Centric Warfare) aus. Für die US-amerikanischen Streitkräften bildet die Joint Vision 2010 aus dem Jahre 1996 bzw. deren Nachfolgestrategie Joint Vision 2020 aus dem Jahre 2000 die Grundlage. Darin wird festgehalten, dass die US-Streitkräfte eine Full-Spectrum Dominance anstreben müssen, um auch in Zukunft echte militärische Überlegenheit erreichen zu können. Full-Spectrum Dominance ist nur mit einer teilstreitkräfteübergreifenden Kontrolle aller Einsatzebenen und über alle militärischen Operationen hinweg erzielbar, egal ob unilateral oder multilateral. Der US-amerikanische Ansatz zielt nicht nur eine globale Machtausübung an, sondern auch die Beherrschung des Weltraums, des elektromagnetischen Raums und die Sicherstellung der Informationsüberlegenheit. Die Informationsüberlegenheit wird durch eine Vielzahl von Sensoren, einer hochentwickelten Datenauswertung und einer bedarfsgerechten Verteilung erreicht. Das Akronym C4ISTAR fasst die Tätigkeiten innerhalb einer weiterentwickelten vernetzten Operationsführung zusammen: Command, Control, Computers, Communications, Information beim Führungsinformationssystem und Intelligence, Surveillance, Target Acquisition, Reconnaissance beim Aufklärungssystem. Mit einem globalen Informationsnetz (Global Information Grid) will das Pentagon alle kumulierten Informationen aller Einheiten – wobei jede Waffenplattform, jedes Fahrzeug, jeder Soldat, jede Aufklärungsdrohne usw. grundsätzlich als Sensor dienen kann – zusammenführen, verarbeitet und relevante Informationen für jeden Soldaten bzw. jede Kampfeinheit an jedem Ort, zu jeder Zeit, unter allen Wetterbedingungen zur Verfügung stellen. Unter anderem deshalb initiierten die US-amerikanischen Streitkräfte das Future Combat System (2009 gestrichen bzw. durch das Brigade Combat Team Modernization Program abgelöst) und der Future Force Warrior. Andere Staaten – insbesondere NATO-Mitglieder – haben das US-amerikanische Konzept eines zukünftigen Hightechsoldaten übernommen. Vergleichbare Modernisierungsprogramme sind in Deutschland der Infanterist der Zukunft (IdZ), in Spanien das vom deutschen IdZ-Programm abgeleitete Combatiente Futuro (COMFUT), in Frankreich das FELIN-System (FELIN = Fantassin Equipement et Liaisons Integres) und in der Schweiz das Integrierte Modulare Einsatzsystem Schweizer Soldat (IMESS) in Entwicklung. Damit wird der einzelne Soldat sowohl zum Sensor, der jede eigene Beobachtung und sogar seinen eigenen Zustand (beispielsweise automatisch erfasste medizinische Werte) ins Netz der höheren Führungsebene einspeist, wie auch zum Empfänger von aktuellen Lagebilder, Einsatzkarten und anderen einsatzrelevanten Informationen.
Der Future Force Warrior stellt ein Konzept der US-Streitkräfte dar, welches den Soldaten besser in die vernetzte Operationsführung einbinden und fortschrittliche Technologien zu Gunsten des Soldaten am Boden (Land Warrior) und in der Luft (Air Warrior) integrieren will. Nebst der Vernetzung geht es insbesondere darum, das Gewicht der Ausrüstung und den Strombedarf des elektronischen Zubehörs zu reduzieren, den Schutz des Soldaten zu verbessern sowie gleichzeitig seine Kampfeffektivität, Umwelt- bzw. Lageerkennung zu steigern. Heutzutage ist ein US-amerikanischer Soldat mit schussfesten Fasern – wie beispielsweise Kevlar – oder Keramikplatten am ganzen Rumpf, an Oberarmen und -beinen vor Gewehrschüssen geschützt. Unter dem Namen “Survivability Vision” forscht die US-Armee zusammen mit dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) an einem Ferrofluid (Eisenpartikel in Silikonöl suspendiert), das bei einem angelegten Magnetfeld oder bei elektrischen Spannung innert Millisekunden hart wird. Die Härte ist von der Stärke des Magnetfelds oder der elektrischen Spannung abhängig. Wird das Magnetfeld oder die elektrische Spannung aufgehoben, nimmt das Ferrofluid wieder einen flüssigen Zustand ein. Ein Nachteil eines Ferrofluid-Schutzsystem könnte jedoch darin liegen, dass die Aktivierung des ballistischen Schutzes durch den mitgetragenen Computer erfolgen muss, der bei Gefahr eine Spannung oder ein magnetisches Feld anlegen muss. Schätzungen gehen davon aus, dass noch 5-10 Jahre vergehen werden, bis ein solches System schusssicher sein wird. Eine andere Lösung könnten M5-Fasern bieten, welche die Stärke von Kevlar übersteigen und gleichzeitig leichter sind. In der Bekleidung des Soldaten sollen auch Sensoren integriert werden, welche den physiologischen bzw. medizinischen Zustand des Soldaten überwachen sollen (Projektname: “Mobility, Sustainability and Human Performance Vision”). Weiter soll eine Arte Mini-Klimaanlage aus feinen Röhrchen bestehend in die lebensrettende Schicht des Kampfanzuges integriert werden, welche den Körper bis zu 100 Watt kühlen oder aufheizen kann. Unter dem Namen “Lethality Vision” will die US-Armee ein fortschrittliches, leichtes Waffensystem für den Kampf in überbautem Gelände einführen. Wie die Waffe schlussendlich aussehen wird, ist noch unklar und futuristisch anmutenden Bilder von Waffen der nächsten Generation zeigen in der Regel bloss Designmodelle ohne effektive Wirkung. Erwähnenswert ist sicherlich das Lightweight Small Arms Technologies Program, welches sowohl das Gewicht der Waffe um bis zu 35%, wie auch das Gewicht der Munition um mindestens 40% reduzieren will. Um dies zu erreichen, konzentriert sich das Programm auf Munition mit einer Komposithülse (40% Gewichtsreduktion) oder auf hülsenlose Munition (rund 50% Gewichtsreduktion – neben der Gewichtsreduktion wird hier auch rund 40% Volumen eingespart; vgl.: Kori Spiegel und Paul Shipley, “Lightweight Small Arms Technologies“, Präsentation am National Defense Industrial Association Joint Services Small Arms Systems Annual Symposium, Mai 2008). Welches der beiden Varianten langfristig weiterverfolgt wird, wird voraussichtlich nächstes Jahr entschieden, auch wenn sich die Komposithülsen-Variante wegen dem tieferen technologischen Risiko mit hoher Wahrscheinlichkeit durchsetzen wird. Bis zur Auslieferung an die Truppe werden voraussichtlich noch rund 6 Jahre vergehen (Quelle: Nikki Maxwell, “Lighter Ammunition: Less is More“, SOTECH 8:7, September 2010). Partnerländer bei der Entwicklung dieser fortschrittlichen Munition sind Kanada und Grossbritannien.
When I started back in the days of the Cold War, everything was geared towards standard Army battles that would meet out in Europe and slug it out, so they needed the most advanced missiles and tanks and all of that. And really the foot soldier didn’t have that much of a role. Now the wars in Iraq and Afghanistan rely nearly exclusively on the foot soldier, and therefore their weapons and ammunition now are more important than having a tank. — Paul Shipley, program manager in the Advanced Systems Department at AAI Corporation zitiert in Nikki Maxwell, “Lighter Ammunition: Less is More“, SOTECH 8:7, September 2010.
Unter dem Namen “Sensors & Communications Vision” besitzt der Future Force Warrior ein Headgear-Subsystem als Informationshub, welcher taktische Karten beinhaltet und zur drahtlosen Kommunikation mit anderen Einheiten dient. Ausserdem verschafft das herunterklappbare Display (siehe Bild oben links: vorderer Soldat, rechtes Auge) dem Soldaten ein 360° Lagebild – das projizierte Bild ist mit demjenigen eines 17″ Monitor vergleichbar. Das Headgear-Subsystem ist vor der Einwirkung kleinkalibrigen Waffen geschützt. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung stellt die Stromversorgung dar. Dazu ist ein 2-20 W starker Mikroturbinengenerator vorgesehen, der mit rund 285g Treibstoff bis zu 6 Tage Strom liefern soll (vermutlich handelt es sich dabei um eine Direktmethanolbrennstoffzelle). Zusätzlich im Helm integrierte Akkus sollen bis zu 3 Stunden Strom zwischenspeichern können. In ferner Zukunft könnte der Future Force Warrior ein Exoskelett beinhalten, welches die Hebe- und Tragfähigkeit eines Soldaten erhöhen könnte. Die Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA) ist seit 2000 an der Entwicklung von Exoskeletten (Human Performance Augmentation Systems) und wird eine erste Phase der Entwicklung wohl noch dieses Jahr abschliessen (Quelle: Jamey Heary, “Top 5 DARPA Technology Projects of 2010“, Network World, 27.02.2010). Momentan stehen sich zwei konkurrierende Entwicklungen gegenüber: der Human Universal Load Carrier (HULC) von Berkeley Bionics und Lockheed Martin, welcher sich auf die Tragfähigkeit des Soldaten konzentriert (Video) und XOS 2 von Sarcos und Raytheon (Video).
Neben dem Future Force Warrior ist das deutsche IdZ-System eines der fortgeschrittensten Projekte in diesem Bereich. Beim IdZ (Erweitertes System) handelt es sich um eine modular aufgebaute Ausrüstung für Soldaten der deutschen Bundeswehr mit einer dem Future Force Warrior vergleichbaren Zielsetzung. Durch Verringerung der Traglast, ergonomischer Optimierung und modularem Aufbau soll die Mobilität sowie die Durchhaltefähigkeit eines Soldaten erhöht werden. Die Ausrüstung soll ausserdem Schutz vor Aufklärung, Witterung, Flammen, ABC, Laser, Splitter und Waffeneinwirkung (ballistischen Schutz der Klasse 1) bieten. Die Kampfuniform soll beispielsweise aus weniger Einzelkomponenten bestehen, angenehmer zu tragen, unterschiedlicher Klimaregionen anzupassen, robust und schwer entflammbar sein. Die Schutzbrille schützt die Augen des Soldaten nicht nur vor Wind und Wetter sondern auch vor kleineren Splittern, UV- und Laserstrahlen. Die individuelle Wahrnehmung darf dabei natürlich nicht behindert werden, sondern im Gegenteil soll die Wirksamkeit im Einsatz mit der Möglichkeit durch indirektes Richten zu Schiessen, bei Tag und Nacht Ziele aufzuklären und zu bekämpfen erhöht werden. Die Restlichtverstärkerbrille “Lucie” bietet in der Nacht bei Distanzen zwischen 15 cm bis zu 250 m Entfernung eine gute Sehschärfe. Als Standardbewaffnung dient eine modifizierte Variante des Sturmgewehr G36A2. Natürlich spielt die Vernetzung eine zentrale Rolle und so soll Sprach- und Datenkommunikation auf Gruppen- und Führungsebene (FüInfoSys) ermöglicht werden (Quelle: Klaus-Peter Nick, “Infanterist der Zukunft – Erweitertes System“, AFCEA Fachveranstaltung, 26.01.2010). Innerhalb einer Gruppe soll über UHF, zum Fahrzeug bzw. zum Zugführer über VHF kommuniziert werden. In den Gruppenfahrzeugen ist eine Basisstation integriert, in die sich der Soldat bei seiner Rückkehr einklinkt, so dass die Akkus aufgeladen werden und die Kommunikation über die Bordverständigungsanlage, zu noch abgesessenen Soldaten oder zur höheren Führungsebene sichergestellt werden kann. Diese Vernetzung stellt der Infanteriegruppe bei Bedarf ein umfassendes Lagebild auf dem (noch zu entwickelnden) Helmdisplay zur Verfügung – das kann von der Position der eigenen, neutralen oder gegnerischen Kräfte über Geländehindernisse wie Minensperren oder zerstörten Brücken bis hin zu Fahndungsfotos von Kriegsverbrechern reichen. Natürlich speisen die Soldaten ihre Informationen ebenfalls in das System ein, was in der Erstellung der Lagebilder einfliesst. Für den Einsatz ohne Fahrzeug kann eine modulare, transportable Basisstation mitgenommen werden, die eine Durchhaltefähigkeit von 72 Stunden garantiert. Auf dem Kernrechner des IdZ läuft übrigens Linux. Während eines fünfmonatigen Testlaufs 2002 wurden zwei im Kosovo eingesetzte Gruppen der Bundeswehr und zwischen Juli bis November 2004 150 Bundeswehrsoldaten der ISAF in Kundus für 10 Millionen Euro mit dem IdZ-Basisystem (bzw. Version 1) ausgerüstet (Quelle: Martin Billeisen, “EADS: Infantryman of the Future to be better protected on dangerous missions“, EADS, 03.12.2004). Das Basisystem wurde zwischen 2005-2010 an insgesamt 2500 Soldaten abgegeben (Quelle: Susanne Hartwein, “EADS Defence & Security erhält Auftrag zur Lieferung weiterer Basissysteme “Infanterist der Zukunft” an die Bundeswehr“, EADS, 17.05.2010). Das (auslaufende) IdZ-Basisystem steht unter der Projektleitung der European Aeronautic Defence and Space Company (EADS); die Projektleitung des nachfolgenden IdZ-Erweitertes System (bzw. Version 2) wurde 2006 an Rheinmetall Defence vergeben. Gemäss Rheinmetall Defence handelt es sich beim Erweiterten System jedoch nicht bloss um eine Weiterentwicklung, sondern um eine Neuentwicklung, die fortgeschrittenen Technologien seit der Entwicklung und Beschaffung des Basissystems berücksichtigt. Laut Planung soll bis anfangs 2011 ein Vorseriensystems hergestellt werden und das Basissystem ab 2012 durch das Erweiterte System ersetzt werden. Vorgesehen ist derzeit ein Umfang von rund 4’000 Stück (Quelle: Rheinmetall Defence, “IdZ-ES in Berlin: a trail-blazing infantry system for the Bundeswehr“, 06.08.2010).
Seit spätestens 2007 testet der Bereich Versuche des Ausbildungszentrum Heer unter dem Projektnahmen Integriertes Modulares Einsatzsystem Schweizer Soldat (IMESS) IdZ-Basissysteme der Deutschen Bundeswehr. Kompatibilitäts- und Gewichtsprobleme haben massgeblich dazu geführt, dass das Beschaffungsprojekt für IMESS einer erneuten Überprüfung unterzogen und nach einer ausgereifteren Lösung gesucht wurde (Quelle: François Furer, “Meister des Understatements“, Swiss Peace Supporter, Nr. 4, Dezember 2009, p. 20). Die ausgereiftere Lösung scheint auf dem französischen FELIN-System (FELIN = Fantassin Equipement et Liaisons Integres) zu basieren, denn gegen Ende 2007 unterzeichnete die Armasuisse zwar mit der EADS einen Vertrag zur Lieferung von rund
30 25 IMESS-Prototypen, Subkontraktor dieses Vertrages ist jedoch Sagem Défense Sécurité, welche dem französische Heer bereits 2007 30 FELIN-Systeme für technische und operationelle Versuche geliefert hatte (Quelle: Brigitte Faure und Philippe Wodka-Gallien, “EADS Defence & Security erhält als Hauptauftragnehmer zusammen mit Sagem Défense Sécurité als Hauptunterauftragnehmer den Zuschlag für die Prototypphase des Schweizer Modernisierungsprogramms für Infanteristen IMESS“, EADS, 26.11.2007). Ursprünglich war für das IMESS eine Serienproduktion für den Zeitraum 2009-2011 vorgesehen. Aus finanziellen Gründen wurde die Beschaffung jedoch auf 2015, die Truppeneinführung auf 2017 verschoben. Ob es überhaupt beschafft wird, ist momentan unklar, denn gemäss Bundesrat Ueli Maurers Aussage in der Frühjahrsession 2010 wurde das IMESS-Projekt gestoppt.
Weitere Informationen
Sehr empfehlenswerte Dokumentation zur Joint Vision 2020: Chairman of the Joint Chiefs of Staff, “Joint Vision 2020: America’s Military – Preparing for Tomorrow“, Joint Force Quarterly, U.S. Government Printing Office, Nr. 20, Juni 2000, p. 57-76.