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Kultur
Lauter verschwundene Dinge
26 Verschwindungen widmet sich Dingen, an denen wir uns einst erfreut oder über die wir uns früher so manches Mal geärgert hatten und die allesamt eine Gemeinsamkeit aufweisen: Es gibt sie nicht mehr. Das alphabetisch geordnete Brevier des Wiener Autors Beppo Beyerls beginnt mit der Arbeiter-Zeitung, einst eine österreichische publizistische Institution.
In der Arbeiter-Zeitung veröffentlichte Oskar Maria Graf am 12. Mai 1933 seinen berühmten Aufruf Verbrennt mich! - zwei Tage, nachdem Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die Werke "entarteter" und jüdischer Schriftsteller und Wissenschaftler öffentlich in Flammen hatte aufgehen lassen. Oskar Maria Graf fand sich zu seinem großen Entsetzen auf der "weißen Liste des neuen Deutschlands" wieder: Alle seine Werke waren von den Machthabern des Dritten Reichs ausdrücklich zur Lektüre empfohlen worden! Was macht man nur in solch einer peinlichen Situation? Graf wusste Rat: Unter der Schlagzeile "Verbrennt mich!" verlangte er, dass "meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen." Grafs Aufruf blieb nicht ungehört: in einer eigens für Graf angesetzten Bücherverbrennung im Innenhof der Münchner Universität wurden seine sämtlichen Werke nachträglich verbrannt.
Weitere Verschwindungen, die Beyerl in Erinnerung ruft, sind die früher in Wiener Gemeindebauten allgegenwärtigen Hausmeister, das in den Gassen des Vielvölkerghettos so häufig gesprochene Jiddisch oder - ebenfalls, aber nicht nur eine typisch Wiener Erscheinung - die öffentliche Uhr, ein ehedem an jeder größeren Straßenkreuzung installiertes meist würfelförmiges Objekt, an dem die Meidlinger, Ottakringer und Favoritner sich verabreden konnten und das ihnen noch dazu den Grund anzeigte, warum ein verabredetes Treffen nicht zustande gekommen war.
Ein sehr österreichisches, heut leider ebenfalls nicht mehr in Gebrauch befindliches nützliches Utensil war die Nurfünfwörteransichtskarte. Sie belohnte alle diejenigen, die sich kurz zu fassen vermochten, denn das Porto für eine Drucksache - als solche gingen die fünf Wörter gerade noch durch - war wesentlich geringer als für eine Postkarte.
Beppo Beyerls Reigen endet mit dem Ziegelbehm und damit in der eigenen Familiengeschichte. Die Vorfahren des Autors stammen aus Böhmen, einer Landschaft, die ihre damalige Hauptstadt vor allem mit Handwerkern versorgte. Am auffälligsten waren die Ziegelbrenner: Sie schlugen außerhalb des Stadtgebiets Ton ab, brannten das Material an Ort und Stelle und lieferten die fertigen Ziegel an die zahlreichen Baustellen im Zentrum und in der immer weiter ausufernden Peripherie. Wien wuchs sozusagen mit seinen Ziegelbehmen.
Am poetischsten ist Beyerls vorletzte Verschwindung. Sie dreht sich um einen einzigen Buchstaben. Selten wurde schöner über das schon immer unscheinbare, aber nun fast komplett obsolet gewordene Ypsilon geschrieben. Wer also in längst vergessenen, vielleicht auch nur verschütt gewähnten Erinnerungen schwelgen oder über Unbekanntes aus der Vergangenheit staunen möchte, darf sich angenehmen Empfindens und ruhigen Gewissens zum nostalgischen Schmökern in Beyerls Alphabet zurückziehen.