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Endlich gehört werden
Bhivana Singh motiviert in Madhya Pradesh/Zentralindien Frauen mit Behinderungen, sich an Selbsthilfegruppen zu beteiligen. Täglich nimmt sie an Treffen solcher Gruppen teil. Sie arbeitet beim CBM-Partner Center for Integrated Development. Dort ist sie die einzige Frau und in leitender Funktion tätig.
Wie ist die Lage der Mädchen und Frauen mit Behinderungen in Madyha Pradesh?
Sehr schlecht. Sie haben kaum Chancen, selbständig zu leben, da die Gesellschaft von Männern dominiert wird. Mit den Frauen können wir nie direkt sprechen, sondern müssen uns an den Ehemann wenden. Er befürchtet, wir könnten uns sonst über ihn beschweren, er behandle seine Frau nicht gut genug. Dieser Umstand fordert uns am meisten heraus.
Wie bilden Sie die Frauengruppen?
Wir schildern den Männern, dass wir ihre mit einer Behinderung lebende Frau oder Tochter fördern können. Sie interessieren sich, sobald sie merken, dass die Selbsthilfegruppe Vorteile bringt. Wir besuchen die Familien etliche Male, schlussendlich erteilen die Männer ihre Erlaubnis.
Wie überzeugen Sie die Frauen mitzumachen?
Das ist gar nicht nötig. Sie treten gerne einer solchen Gruppe bei. Denn sie wollen ihre Situation darlegen und über ihre Probleme sprechen. Bis dahin haben sie nie Gelegenheit gehabt, sich auszutauschen.
Was hat sich für sie dadurch verbessert?
Sie haben gelernt, ihre Lage darzulegen sowie einen starken Willen entwickelt, gemeinsam vorwärts zu gehen und Ziele zu erreichen, wie zum Beispiel gemeinsam zu sparen.
Sie helfen den Gruppen zu sparen?
Ja. Anfangs fürchten sie noch, gemeinsam gespartes Geld könne missbräuchlich verwendet oder gestohlen werden. Mit den Treffen wächst dann das Vertrauen zueinander. Hier in Madhya Pradesh kennen Frauen kein Sparsystem und sind nicht gewohnt, Geld auf die Seite zu legen.
Wie einigt man sich über die Sparbeträge?
Gemeinsam beschliesst die Gruppe, wieviel jede Frau im Monat beizutragen vermag. Das können zehn Rupien, zwanzig oder fünfzig sein. Alle Frauen zahlen denselben Betrag. Werden sie wirtschaftlich stärker, wird er erhöht.
Wofür wird gespart?
Um Lebenserwerb aufzubauen, für eine Ausbildung oder für ungeplante Ausgaben, etwa aufgrund einer Krankheit. Jeweils eine Frau erhält ein zinsloses Darlehen, das monatlich oder in grösseren Abständen zurückgezahlt wird.
Welches ist der wichtigste Erfolgsfaktor?
Zunächst wirken bereits gestärkte Frauen mit Behinderungen als Vorbild für andere. «Wenn sie sich trotz Behinderung so ausdrücken kann», denken die anderen, «wieso sollten wir das nicht auch schaffen?» Zweitens gebe ich anfangs Themen in die Runde, die für alle wichtig sind. Von der ersten Kontaktnahme an motivieren wir von Frau zu Frau für die Gruppe.
Von wem wird die Gruppe geführt?
Von den Frauen selbst. Bei der Gründung besprechen sie zunächst Konzept und Vision ihrer Gruppe. Danach, wer welches Amt übernimmt. Präsidentin und Sekretärin werden gewählt. Diese beiden berufen die Treffen ein und geben den formalen Ablauf vor. Sie sammeln die Themen und leiten die Diskussionen. Wenn die Frauen selbst keine Lösung finden oder sich uneins sind, dann berate ich sie. Ansonsten greife ich nicht ein.
Welches ist Ihre Vision?
Frauen mit Behinderungen sollen zunehmend unabhängig werden. Selbst entscheiden können, wann sie nach Hause kommen, wohin und zu welchem Treffen sie gehen. Sie sollen niemanden mehr um Erlaubnis bitten müssen.
Wie sollte es weitergehen?
Auf allen Ebenen sollen die Menschen mit Behinderungen gestärkt werden und für ihre Rechte einstehen. Somit soll sich jedes Programm der inklusiven Entwicklung auch politisch einbringen. Von Vorteil in Indien ist, dass jeder Bundesstaat für sich die globalen nachhaltigen Entwicklungsziele (Sustainable Development Goals/SDG) der Agenda 2030 (siehe Seite 2) umsetzen kann; teils haben sie eigene Abteilungen dafür. Wir brauchen Frauen und Männer mit Behinderungen, die das Konzept der SDGs verstehen und sich einbringen.