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Die Besiedlung
Die Geschichtsforscher nehmen an, dass die Besiedlung von Tujetsch nach der Gründung des Klosters Disentis im 8. Jahrhundert erfolgt sein muss. Im 12. Jahrhundert kamen die Walser über den Oberalppass und liessen sich im oberen Tujetsch nieder. Bis ins 18. Jahrhundert wohnten die Tujetscher in Hofsiedlungen (z.B. Mulinatsch, Malamusa, Cungieri, Giuf, Pardatsch, Bigliel). Im Verlaufe der Zeit verliessen die Bauern die teilweise abgelegenen Höfe und übersiedelten in die Dörfer der Talsohle.
Der Kampf mit der Natur
Vor der Besiedlung war das Tujetsch eine gewaltige, mit Wald bedeckte Einöde. Die ersten Einwohner begannen das Gebiet in mühseliger Arbeit zu roden, zum Teil auch die steilen Abhänge. Das sollte im Winter zum Verhängnis werden. Verheerende Lawinen stürzten zu Tale.
Das grösste Unglück ereignete sich am 6. Februar 1749, als eine Lawine einen grossen Teil des Dorfes Rueras verschüttete und 64 Personen tötete. Das ist bisher die grösste Lawinenkatastrophe Europas! Ein ähnliches Drama am 6. März 1817 forderte 27 Menschenleben. Auch Selva musste mehrmals schweres Leid erdulden. In der Nacht vom 12. auf den 13. Dezember 1808 forderte eine Lawine 25 Opfer. Mit Bundes- und Kantonshilfe sind nun die entblössten Steilhänge wieder aufgeforstet und mit Lawinenverbauungen versehen worden. Auch bieten nun Lawinenunterstände Schutz für die gefährdete Bevölkerung.
In den Jahren 1785 und 1949 brannte die Fraktion Selva und im Jahre 1822 die Fraktion Camischolas praktisch vollständig nieder.
Die politische Entwicklung
Tujetsch, dessen Namen 1205 urkundlich zum ersten Mal anlässlich der Weihe der Pfarrkirche Sedrun erwähnt wurde, war lange Zeit dem Klosterstaat Disentis einverleibt, der die heutige Cadi und das Ursental umfasste. Eine Ministerialienfamilie, die in der um 1200 gebauten Burg Putnengia (Dieni) ihren Sitz hatte, übte die Herrschaft aus. Der berühmteste Vertreter dieser Familie ist der Abt Pieder da Putnengia, der Gründer des Grauen Bundes. Es herrschten feudale Zustände. So konnte der Fürstabt von Disentis im Jahre 1300 dem Kloster Wettingen eine gewisse Frau Berchta als Leibeigene übergeben. Daneben gab es auch die freien Bürger, die dem Kloster Wettingen angehörten.
Mit der Zeit erhielten die Tujetscher mehr und mehr Rechte. Nach der Gründung des Grauen Bundes im Jahre 1424 in Trun erhielt das Volk das Recht, den Mistral an der Landsgemeinde Disentis zu wählen. So entwickelte sich der Klosterstaat allmählich zur Gerichtsgemeinde Disentis, in der Volk und Abt zusammen die Macht ausübten. Die einzelnen Gemeinden hatten nur wirtschaftliche Kompetenzen inne, wie die Verwaltung der Wälder und der Alpen. Diese Zustände dauerten bis zur Gründung der Eidgenossenschaft im Jahre 1848 an.
Die Auswanderung
Der Tujetscher Boden vermochte nicht allen Einwohnern eine Existenz zu gewährleisten. Die überschüssige Bevölkerung musste deshalb ihre geliebte Heimat verlassen. Die ersten Auswanderer dürften die Söldner gewesen sein. Das Tujetscher Jahrbuch 1628 berichtet von einer Auswanderung von 200 Personen. Die grösste Abwanderung von über 500 Personen erfolgte in der zweiten Hälfte des 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts. Die meisten Emigranten wählten als neue Heimat Nordamerika oder Bayern.
Die Landwirtschaft nimmt ab
Früher waren alle Einwohner in der Landwirtschaft beschäftigt. Es wurden Grossvieh und Kleinvieh für die Versorgung von Milch, Fleisch, Felle und Wolle gehalten und Gerste, Roggen, Kartoffeln und Flachs für die eigene Versorgung angepflanzt. Bis ungefähr Mitte des letzten Jahrhunderts waren die Bauern in der Mehrheit. Zwischen 1939 und 1971 sind die landwirtschaftlichen Betriebe von 144 auf 64 zurückgegangen, ohne den Viehbestand wesentlich zu reduzieren. Anfang 2000 gibt es noch 35 landwirtschaftliche Betriebe. Die Güterzusammenlegung ist im Jahre 1983 beendet worden und will die bäuerliche Arbeit erleichtern und rationalisieren.
Den eigentlichen Wendepunkt für das wirtschaftlichere Leben brachte aber der Kraftwerkbau Vorderrhein 1955-1967. Die Gemeinde konnte ihre Finanzen dank der Konzessionsgebühr, den Wasserzinsen und den Steuererträgen sanieren und verschiedene Projekte realisieren.
Verkehr und Fremdenindustrie
Der durch das Tujetsch führende Oberalppassverkehr war nie sehr bedeutend. Die heutige Strasse über den Oberalppass ist in den Jahren 1862-1863 gebaut worden. 1911 begann der Bau der Furka-Oberalp-Bahn, der durch den Krieg unterbrochen wurde, so dass der Zugsverkehr erst im Jahre 1926 aufgenommen wurde.
Anfang des 20. Jahrhunderts kamen die ersten Skifahrer nach Tujetsch. 1914 ist der Skiklub, 1929 die Skischule gegründet worden. Seit 1942 kursiert der Bahnverkehr auch im Winter über den Oberalppass. In den Jahren 1956-1962 sind die Skigebiete mit einer Seilbahn und verschiedenen Skiliften erschlossen worden. Dies war der eigentliche Beginn der Fremdenverkehrsepoche in unserem Tal.
lnnerhalb der letzten 30 Jahre entwickelte sich das Tujetsch von einer Bauerngemeinde zu einer bekannten Ferienortregion. Das bedingte eine grosse Strukturveränderung in der Lebens- und Arbeitsweise der Einheimischen. Diese Umwälzung brachte einerseits wirtschaftlichen Wohlstand, andererseits aber auch eine Gefährdung der romanischen Sprache, der Kultur und der Umwelt.