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Italienkrankheit
Der erste Teil des Romans «Wenn ich wiederkomme» des italienischen Autors Marco Balzano, der im heutigen Rumänien und Italien spielt, ist aus dem Blickwinkel des 15-jährigen Manuel geschrieben, der unvermittelt aus seiner nicht unbeschwerten, aber dem Leben dennoch vertrauensvoll zugewandten Kindheit, in Rădeni, einem kleinen Dorf «am äussersten Rand Rumäniens» herausgerissen und später indirekt zur Hauptperson der Geschichte wird.
Daniela, Manuels Mutter, verheiratet mit dem arbeitslosen Filip und auch Mutter der Studentin Angelica, verlässt eines Nachts unangekündigt ihre Familie, um in Mailand eine Stelle als Pflegerin oder Putzkraft zu suchen. Nicht freiwillig, sondern weil sie keinen anderen Weg mehr sieht, um die Familie finanziell über Wasser zu halten und ihren Kindern eine sorgenlosere Zukunft zu ermöglichen.
Nachdem der erste Schock über die Abreise der Mutter und Ehefrau überwunden ist, packen die Zurückgeblieben das Leben wieder selbständiger an.
Besonders der Vater scheint aus seiner Lethargie erwacht oder besser: aufgerüttelt. Angelica stürzt sich ins Architekturstudium und Studentenleben und kümmert sich gleichzeitig um ihren jüngeren Bruder, der den Übertritt ins Gymnasium schaffen soll. Grossmutter Rosa kocht für die Familie und Grossvater Mihai wird, besonders für Manuel, zu einer wichtigen Vertrauensperson.
Je länger Daniela in Mailand bleibt, umso mehr beginnen sich die Familienmitglieder eher aus Selbstschutz, denn aus Absicht, einander zu entziehen, sich fremd zu werden.
Der mittlere Teil «Weit weg» wird aus Danielas Perspektive erzählt, die in Mailand zwar bald einen 24-Stunden-Billigob als private Altenpflegerin findet und so die Familie daheim finanziell unterstützt, dabei aber zeitweise ihre Würde, ihre Träume, sich selbst und nach und nach auch die Liebe ihrer Familie verliert.
Ein Schicksalsschlag holt sie zurück in ihr Dorf. Manuel liegt nach einem Unfall – oder war es ein Suizid-Versuch? – im Koma. Nun hält Daniela nichts mehr in Italien. Voller Selbstvorwürfe reist sie zurück und verbringt, sich und die eigenen Bedürfnisse einmal mehr völlig vernachlässigend, die nächsten Monate am Spitalbett ihres Sohnes.
Sie spielt Manuel seine Lieblingsmusik vor, beobachtet jede seiner Regungen und erzählt ihm beichtartig von ihrem Leben in Mailand, von der Schufterei, den Demütigungen, aber auch von der Freude und dem Stolz, wenn ihre Arbeit geschätzt und sie als Frau und Mensch respektiert wurde. Immer in der Hoffnung, dass er ihren Entscheid, die Familie zu verlassen, versteht und gesund aus dem Koma erwacht.
In dieser Zeit versuchen auch die anderen Familienmitglieder die verschütteten Beziehungsfäden zu Daniela zaghaft wieder aufzunehmen.
Der dritte Romanteil «Bumerang» ist aus Angelicas Blickwinkel erzählt. Mehr und mehr entzieht sie sich den Erwartungen der Familie, insbesondere der Mutter, die weiter mit Schuldgefühlen und dem Unvermögen kämpft, wieder unbelastete Beziehungen zu ihren Liebsten aufzubauen. Angelica hatte lange Zeit keine Wahl, musste sich um die von der Mutter – und später auch vom Vater – verlassene Familie kümmern, nebenbei das Studium durchziehen und das Dilemma aushalten, nur deswegen studieren zu können, weil ihre Mutter sich in Italien beinahe kaputt geschuftet hat. Mehr soll zu diesem letzten Teil nicht verraten werden, nur noch dies: Marco Balzano entlässt seine Protagonisten und uns als Lesende nicht hoffnungslos aus der Geschichte.
Er thematisiert in seinem berührenden und gerade in dieser Zeit aktuellen Roman die «abwesenden osteuropäischen Frauen und Mütter», die, anstatt die eigenen Kinder oder alten Eltern zu betreuen, dies meist aus finanzieller Not in fremden Familien und Krankenhäusern tun – oft bis zur Erschöpfung. Es gibt in Rumänien sogar einen eigenen Ausdruck für dieses Burn-out: «Italienkrankheit».
Balzano gibt den Frauen, die, wie er im Nachwort schreibt, «zwei Drittel der Migranten auf diesem Planeten ausmachen» eine Stimme. Aber nicht nur ihnen, sondern auch ihren fern in der Heimat zurückgebliebenen Liebsten.
Marco Balzano
Wenn ich wiederkomme : Roman
Zürich : Diogenes, 2021. – 310 Seiten
ISBN 978 3 257 07170 2
Standort Mediathek:
Romane unter BALZ
Literaturtipp und Buchbesprechung von Brigit Weiss, Leitung GIBZ Mediathek (ursprünglich publiziert in der Zuger-Zeitung vom 12.11.2021)