Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03616.jsonl.gz/1961

Alfred Roth, 1903 in Wangen an der Aare geboren, kam nach seinem Architekturstudium an der ETH Zürich in Kontakt mit Le Corbusier, in dessen Büro er 1927 bis 1928 arbeitete, unter anderem als Bauleiter in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung. Danach eröffnete er ein Architekturbüro in Göteborg, zog aber 1930 zurück nach Zürich und gründete eine Ateliergemeinschaft mit seinem Cousin Emil Roth. Bekannt wurde er als Architekt von Schulhäusern und als Möbeldesigner, aber auch als Autor theoretischer Schriften. Ab 1949 war er zuerst in den USA und später auch an der ETH in Zürich in der Lehre tätig. 1998 ist er in Zürich gestorben.
von Gabrielle Boller
Wohnhäuser aus der Zeit des Neuen Bauens erinnern in ihrer spröden, schlicht-funktionalen Schönheit oft ein wenig an Ozeandampfer – ein nobles, wenn nicht gar majestätisches, lichtdurchflutetes Strahlen geht schliesslich von beiden der zu den fortschrittlichsten ihrer Epoche zählenden Konstruktionen aus. Ganz besonders gilt dies für die Doldertalhäuser, denn wenn ein Architekturhistoriker wie Sigfried Giedion, Generalsekretär der Internationalen Kongresse für Neues Bauen, auf seinem Privatgrundstück am Zürichberg bauen lässt, dann sollte da 1936 nichts weniger entstehen als ein Manifest des modernen Wohnens. Mit dem Projekt der «Wohnungen für den gehobenen Mittelstand» betraute Giedion den Zürcher Architekten Alfred Roth und seinen Cousin Emil Roth, den er von der Werkbundsiedlung Neubühl in Wollishofen her kannte. Daneben zog der Bauherr aber auch noch den befreundeten Marcel Breuer aus Berlin hinzu – es flossen also verschiedene Vorschläge zusammen, bei denen schliesslich im Projektentwurf Alfred Roths eine Art Synthese mit deutlichen Anleihen an Le Corbusier gefunden werden konnte. Mit sichtbar belassenen, ummantelten Stützen des Stahlskelettbaus im Innenund Aussenraum erinnern die beiden kubischen, zur Strasse hin abgewinkelten, hell verputzten Doldertalhäuser denn auch an die Dampferästhetik einer technikverliebten Zeit; mit in Bändern angeordneten Schiebefenstern und Eternitbrüstungen, grossen Terrassen, die das kompakte Volumen auflockern, mit würfelartig aufgesetzten Dachateliers und rückseitigen Anbauten für Treppen und Küchen werden die Ideen des funktionalen Wohnungsbaus situationsbezogen umgesetzt. Denn geplant war hier exklusiver Wohnraum, die beiden Blöcke zeigen sich ein bisschen wie Villenarchitektur und sollten, wie es Alfred Roth formulierte, die Vorteile des Einfamilienhauses auch der Etagenwohnung zukommen lassen: «Ruhe, ungestörtes Wohnen drinnen und auf Terrassen von reichlichem Ausmass», sowie «Befreiung von dem unangenehmen Gefühl des Miethauses». Gerade bei Letzterem spielte ein skandinavischer Import, das «geräuschlos spülende Wasserklosett», eine offenbar so wichtige Rolle, dass ihnen Giedion einen Artikel in einer Fachzeitschrift widmete. Die Wohnungen kamen mit Cheminée und grosszügig bemessenen, flexibel gestaltbaren Räumen sowohl dem Anspruch nach luxuriös-bürgerlichem Komfort wie auch dem des «Befreiten Wohnens» der Moderne entgegen. Mehr als eine Nebenrolle spielten dabei auch die lichten Wandfarben und die Möbelentwürfe – so etwa Alfred Roths legendärer Barwagen. Auf diesem konnten auch die «reichlich vorhandenen und in Szene gesetzten Alkoholika» stilvoll platziert werden, die, wie Arthur Rüegg schreibt, der in den 1990er-Jahren die Renovierung der Häuser betreute, so etwas wie «Weltläufigkeit» signalisierten im «Versuch, die schweizerischen Lösungen inhärente Biederkeit zugunsten eines zeitgemässeren Ambientes für den ‹Halbnomaden des heutigen Wirtschaftslebens› zu überwinden».