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Drama
Japan 1963
Alternative Titel Nippon konchuki; Entomological Chronicles of Japan; Das Insektenweib; にっぽん昆虫記
Regie
Shohei Imamura
Drehbuch Shohei Imamura, Keiji Hasebe
Darsteller Sumie Sasaki, Kazuo Kitamura, Jitsuko Yoshimura, Tani Kitabayashi, Masumi Harukawa
Länge 123 Min.
Molodezhnaja Altersempfehlung ab 12
|Humor||Spannung||Action||Gefühl||Anspruch||Erotik|
©
Text Marco, molodezhnaja 15.6.09
© Bilder Criterion, Screenshots molodezhnaja
STORY
Tome Matsuki wird 1918 als uneheliche und fremdgezeugte Tochter des Dorftrottels Chuji (Kazuo Kitamura) und seiner als Dorfhure verschrienen Frau (Sumie Sasaki) geboren. Als junges Mädchen wird sie vom geistig zurückgebliebenen Chuji missbraucht und nimmt im laufe der Zeit die Rolle seiner Gattin ein. Auch als junge Frau (Sachiko Hidari) lässt sie Chuji noch an sich ran. Sie übersteht den Weltkrieg auf einem Bauernhof, nur um danach vom Sohn des Farmbesitzers vergewaltigt zu werden. Sie behält die uneheliche Tochter Nobuko (Jitsuko Yoshimura), die aus dieser Beziehung erwächst. Später findet sie Arbeit als Kindermädchen bei Midori (Masumi Harukawa), bevor sie im Bordell einer Madam (Tani Kitabayashi) unterkommt.
REVIEW
Faszinierend, aber zu langfädig - so lässt sich Shohei Imamuras "The Insect Woman" zusammenfassen, sein erstes Werk nach seinem Durchbruch mit Pigs and Battleships. Der Film beginnt brillant mit der Nahaufnahme eines Käfers, der etwas unbeholfen, aber mit grosser Willenkraft einen Hügel heraufkrabbelt. Dieser Kampf für den Aufstieg findet in der Handlung seine Entsprechung und wird geradezu gespiegelt in der Schlusssequenz, in der die gealterte Protagonistin mit kaputten Schuhen einen Hügel hochsteigt. Imamura ist in der Zeichnung seines Leitmotivs konsequent und brillant. Darum ist auch das erste Drittel von "The Insect Woman" so gelungen.
Es legt zum einen ein grosses Tempo vor, wenn Imamura fast schon rabiat von einem Jahr zum nächsten schneidet und wir bestenfalls einen Überblick bekommen. Er beendet jede Etappe mit ein paar Standbildern und dramatischer Musik oder gar einem Popsong, bevor der Zeitsprung in die nächste Zeitebene folgt. Das macht den Film zwar unnütz holprig, verleiht ihm aber auch eine ganz eigene Dynamik, die ihn klar in seiner Entstehungszeit verankert: Imamura war einer der Vorreiter der japanischen New Wave, die wie ihr französisches Gegenstück mit neuen Stilmitteln arbeitete. Hier zeigen die sich in ruppigen Schnitten, einer Erzählstimme, Standbildern und der pseudodokumentarischen Bildgestaltung.
Imamuras Stamm-Kameramann Shinsaku Himeda überlädt dazu die Bilder oft mit Charakteren, ordnet die Personen fast schon wild im Raum an - ein krasser Gegensatz zur Ästhetik von Imamuras Mentor Yasujiro Ozu, von dessen Kino sich der Zögling konsequent verabschiedete und den "Stil der Grossväter" verwarf. Hier zeigt sich das in der oft energischen visuellen Umsetzung und den schmutzigen Charakteren. Die tun alles, um im Leben vorwärts zu kommen oder ihre Lust zu befriedigen. Für die Protagonistin Tome geht es aber primär um eines: sich anzupassen. Insektengleich adaptiert sie ihr Leben stets so, dass sie weiterkommt, dass sie überlebt. Sex mit dem Stiefvater, Sex mit dem Chef, Ausschalten der Chefin. Nichts ist ihr heilig.
Und doch hegt man Sympathie für sie, denn sie tut nichts aus Bösartigkeit. Es ist der Selbsterhaltungstrieb, der sie voranbringt. Und dabei gestattet sie sich nur in einer einzigen Szene einen Ausbruch von Selbstmitleid. Ansonsten bleibt sie stark und eigensinnig. Auch hier ein Gegensatz zu den unterwürfigen und meist systemtreuen Frauen Ozus, der oft als japanischster aller Filmemacher betitelt wird. Auch Imamura zeigt Japan, gar keine Frage, aber eines, dass frühere Regisseure lieber unter den Teppich gekehrt haben.
All das ist herrlich an "The Insect Woman". Nur leider kann Imamura die Energie nicht aufrecht erhalten. Etwa zur Filmmitte ist erstaunlicherweise die Luft draussen. Die Schicksalsschläge werden repetitiv, die Ästhetik läuft sich tot, die Figuren lassen kalt. Ich habe oft Probleme mit Imamuras Hang dazu, seine Filme in die Länge zu ziehen und sie künstlich vom Zuschauer zu distanzieren - geschehen etwa beim überschätzten Vengeance Is Mine oder The Eel. Mir gefällt der erdigere und fleischige Imamura besser, der sich mit Melodrama und/oder Sex an menschliches Drama wagt, perfektioniert etwa in Black Rain, Intentions of Murder oder The Ballad of Narayama (wohl seine drei besten Filme).
"The Insect Woman" gehört dagegen in die Liga seiner soliden, aber kaum bahnbrechenden Produktionen, die mir einmal mehr zeigen, dass ich Japans New Wave immer dann am besten mag, wenn sie in den 60ern Richtung Pop-Art tendiert. Den verspielten Yasuzo Masumura ziehe ich Imamura daher noch jederzeit vor, was jedoch den Wert von "The Insect Woman" nicht schmälern soll. Es handelt sich ei dem ironischen und gesellschaftskritischen Drama durchaus um einen guten Film. Bloss keinen, der seine anfängliche Power aufrecht erhalten kann.
Sehenswert ist "The Insect Woman" für sein erstes Drittel, das demonstriert, mit welcher Dynamik die japanischen New-Wave-Filmer ans Werk gingen. Aber auch für die Musik des oscarnominierten Virtuosen Toshiro Mayuzumi ("The Bible", 1966) oder die Darstellerleistungen - allen voran von der preisgekrönten Sumie Sasaki (1930-2001, Under the Flag of the Rising Sun). Wäre der Film eine halbe Stunde kürzer und etwas feuriger inszeniert, diese lobenswerten Elemente könnten noch besser glänzen. So gehen sie etwas unter in einem soliden, routinierten und nur stellenweise starken Film über drei Frauengenerationen, die etwas bemüht eingebettet sind in die japanische Geschichte des 20. Jahrhunderts. Einem Film aber, der mehr noch als Pigs and Battleships Imamuras Lieblingsthemen und seinen Stil demonstriert.
MEINE DVD
(Criterion)
USA, Code 1, NTSC
Bild: Anamorphic Widescreen
Ton: Japanisch mono mit englischen Untertiteln.
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