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von Heini Hofmann
Einer der letzten Expressionisten, Karl Aegerter (1888–1969), war nicht nur ein über die Landesgrenzen hinaus anerkannter Maler, Zeichner, Grafiker und Illustrator, sondern auch ein selbstloser Advokat für alle vom Leben Benachteiligten. Eigentlich hätte er in München Karriere machen können, musste aber aus gesundheitlichen Gründen nach Graubünden zur Kur, wo er Spuren hinterliess. Posthum ist St. Moritz jetzt seine zweite Heimat geworden.
Am 16. März 1888 wird Karl Aegerter als drittes Kind einer Kleinbauernfamilie auf einem Heimetli in den Langen Erlen bei Basel geboren. Seine Eltern waren aus dem Gotthelf-Land Emmental – mit Heimatort Röthenbach – zugezogen. Doch das Leben empfängt ihn mit Härte; noch im selben Jahr stirbt seine Mutter.
Der Vater muss auf ein anderes Heimet übersiedeln; hier ertrinkt bei einer Überschwemmung seine ganze Viehhabe. Er steht vor dem Nichts; der Bub wird verkostgeldet und kommt mit sechs Jahren in ein Heim für arme Kinder. A.C. Looslis «Anstaltsleben» lässt grüssen. Daher prägen bereits die frühen Jugendjahre Karl Aegerters soziales Mitfühlen und Handeln; denn schon als Dreikäsehoch erfährt er, was Leid, Sorgen, Vereinsamung und Armut bedeuten.
Nach der Schulzeit verdient er erste Brötchen in der Fabrik und kann dann eine Lehre als Dekorationsmaler absolvieren. Doch der in wirtschaftlicher Not Grossgewordene hat einen Traum; er will, wie sein zehn Jahre älterer Bruder, Maler werden. Mit etwas Erspartem wandert der 27jährige 1915 zu Fuss (!) nach München, besucht beim Starnberger Maler Professor Heinrich Knirr die Zeichnungsschule und absolviert vier Jahre Studium an der Akademie der bildenden Künste.
Schon bald zeigt sich, und der Erste (später auch der Zweite) Weltkrieg schürt diese Tendenz, dass der vom schattseitigen Leben früh Geprägte kein L’art-pour-l’art-Künstler sein will, sondern dass für ihn Kunst zugleich Verpflichtung zu ethischem und sozialkritischem Engagement bedeutet. Was Emile Zola mit der Feder war, ist Karl Aegerter mit dem Pinsel. So sind denn Blinde und Behinderte, Kriegsgeschädigte, Verlassene und Verzweifelte, Flüchtlinge und Hungernde, Greise und Einsame die Themen seines ersten grossen Gemäldezyklus’ «Menschen von heute».
Künstler, zumal wenn sie sich emotional für eine gute Sache engagieren, schonen sich nicht. 1924 muss Aegerter die Grossstadt München aus gesundheitlichen Gründen verlassen. Wohin geht er, um sich zu kurieren? In die inzwischen zum Inbegriff gewordene Therapielandschaft der Alpen mit ihrer europaweit bekannten Klimakur: präzis, ins Bündnerland. Sein Leben gleicht überhaupt einer Reise in Etappen; das gilt auch für sein Schaffen. Standen in München menschliche Schicksale im Fokus, wendet er sich hier im Bergland der Natur zu, der Landschaftsmalerei.
Dabei werden ihm Parallelen zwischen Mensch und Natur so richtig bewusst. Beide müssen sich durchsetzen, ans Licht kämpfen, befreien. Die wilde Bergnatur macht er zum Gleichnis für menschlichen Lebens- und Überlebenskampf. Deshalb sind nicht Blumenwiesen, Strahleberge und glitzernde Seen seine Präferenz, sondern der Kampf der Naturelemente: weglose Wildnis, tiefe Schluchten, Sturzhänge, Strudelwasser und Winterhärte.
Solche Motive findet Karl Aegerter in der Rheinschlucht und der Viamala, am Julier- und Albulapass oder bei seinen Wanderungen im Engadin. Zu Fuss überquert er den Albula, arbeitet in Sils-Maria und wandert – den Zarathustra im Gepäck – hinauf zum Julierpass. Aber auch im Berner Oberland, im Wallis, im Urnerland, im Jura und natürlich in der Regio Basiliensis malt er.
1932 heiratet Karl Aegerter die seelenverwandte Elisabeth Gerter, die sich als einfache Stickerin und spätere Rotkreuzschwester aus eigenem Antrieb zur gefragten Schriftstellerin emporgearbeitet hat. Beiden ist kein abgehobenes Schaffen im Künstlerolymp eigen, sondern Anteilnahme am wirklichen Leben und an den Sorgen der Menschen.
Mehrere Reisen führen Karl Aegerter in verschiedene Länder und Städte, von Paris bis Moskau und von Berlin bis Rom. Unübersehbaren Niederschlag in seinem Schaffen findet vor allem sein Besuch unter Tag bei den Kumpeln der Kohleminen der Borinage, dem Ruhrpott von Belgien: hagere Gestalten mit dunklen, zerfurchten Gesichtern – von Silikose gezeichnet.
Hierhin begleitet ihn auch seine Frau Elisabeth. Was er in seinen Bildern festhält, beschreibt sie in einem Roman; denn für beide ist soziales Mitfühlen die verpflichtende Basis ihres Kunstschaffens. Überhaupt sind beide der Ansicht, Kunst solle nicht ein von der Realität des Lebens abgehobenes Dasein führen, sondern echte menschliche Gesinnung ins Dunkel der Zeit bringen. Nach dem Ableben von Elisabeth Gerter heiratet Karl Aegerter noch einmal; seine zweite Frau, Martha Buchser, kümmert sich noch über seinen Tod (1969) hinaus um sein Werk.
Eine andere Etappe in Aegerters Lebensreise lässt ihn – vorübergehend – vom Maler zum Politiker mutieren, ebenfalls mit der Absicht, eine gerechtere Welt herbeizuführen. So setzt er sich als langjähriger Präsident der Sektion Basel der Standesorganisation der Maler, Bildhauer und Architekten für eine soziale Besserstellung seiner Künstlerkollegen ein, ist neun Jahre Mitglied des Basler Grossen Rates und amtet als Richter.
In dieser Zeit entwickeln sich seine Freundschaften als SP-Mitglied mit Walter Bringolf und Hans Peter Tschudi, der ihm später als Bundesrat schreibt: «Jedes Ihrer Bilder wirkt in seiner Art ausserordentlich packend, und desto packender, je mehr und je länger man sich darein vertieft. Das ist wahre, edle Kunst.» Oder derselbe später in einem Vorwort über Aegerter: «Nicht mit leeren Worten, sondern mit eindrücklichen Bildern wollte er die Welt nicht nur schöner gestalten, sondern verbessern.»
Ein Basler Künstlerkollege, Heinz Fiorese, charakterisiert ihn treffend so: «Die Vertiefung in sein Werk braucht Zeit, denn es ist eigenartig, durchstösst die herkömmlichen Gesichtspunkte und ist sozusagen schwer einzuatmen», was «ihm anfänglich ein Zögern in der Gefolgschaft in seine künstlerische Welt eintrug». Doch das sollte sich bald ändern!
Bereits zu Lebzeiten geniesst er grosse Anerkennung, was Ausstellungen in den Kunstmuseen von Bern, Luzern, Zürich, Basel, Genf, Solothurn, Schaffhausen und Lausanne, aber auch in München, Dresden und Brüssel belegen. Das Kunstmuseum Basel besitzt einige Werke von Aegerter, andere sind in Privatbesitz, und es existieren noch grosse Wandgemälde. Galerieeigner Franz Rödiger ist es zu verdanken, dass das übrige Gesamtwerk (Gemälde, Holzschnitte, Zeichnungen und Skizzen) jetzt in der Galerie Curtins in St. Moritz eine neue Heimat gefunden hat.
Doch trotz Ruhm und Ehre bleibt dieser Künstler bis zu seinem Tod 1969 bescheiden und sich selber treu. Er will nicht «schön», sondern «wahr» malen. Doch wie sagte schon Rodin: «Alles, was Charakter hat, ist schön.» Wenn Kunst Not und Elend darzustellen versucht, wirkt dies oft akademisch gekünstelt. Nicht so bei Karl Aegerter; denn er tut dies authentisch empfunden, aus seiner eigenen Lebensgeschichte heraus.
Deshalb bezeichnet ihn der Saarbrücker Soziologieprofessor Georg Goriely treffend als «Maler des Humanen», dem seine Kunst helfen soll, «die Welt zu verändern und andere zu zwingen, sich mit jenen Problemen zu befassen, für die sie meist taub und unzugänglich sind». Und er resümiert: «Seine Kunst ist zeitlos und immer modern, sie ist ein stets aktueller Aufruf des Menschen zur Humanität.» Die täglichen Schreckensmeldungen über Kriege und Flüchtlinge geben ihm Recht! •
Weitere Informationen: www.galerie-curtins.ch oder
+41 79 431 86 63.
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