Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03245.jsonl.gz/2720

Lateinisch 'textus' steht für das Gewebe und 'texere' für: flechten, weben, kunstvoll zusammenfügen. So sitzen Texter bis heute an imaginären Webstühlen – darum bestrebt, Texte oder eben Texturen zu 'weben'.
Laut Duden ist 'ein Text eine abgeschlossene, schriftliche oder potentiell schreibbare sprachliche Äusserung, die aus mehreren Sätzen besteht, die miteinander in inhaltlichem und formalem Zusammenhang stehen.' Gemäss derselben Quelle entspringt die Wortherkunft: spätmittelhochdeutsch Text < spätlateinisch textus = Inhalt, Text, eigentlich = Gewebe der Rede < lateinisch textus = Gewebe, zu: textum, 2. Partizip von: texere = weben, flechten; kunstvoll zusammenfügen. Dieses textile Verhältnis ist sprachgebräuchlich seit dem 14. Jahrhundert etabliert. Und damit ist der Bezugsrahmen für die 'Textilie' auch gleich gegeben: Text ist Gewebe. Das ist heute sogar sehr stimmig: Wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit sind wir dank modernster Kommunikation miteinander vernetzt und also verwoben. Als 'World Wide Web' thront unser grösstes Gewebe: das Netz oder eben das Internet.
Doch woher stammt der Bezug zwischen 'texten und weben'? Die Erklärung dafür ist einmal mehr in der griechischen Mythologie zu finden. Die Göttin, die den Kontext prägte, hiess: Philomela. Sie war die Tochter des Königs Pandion. Ihre Schwester Prokne wurde mit dem König Tereus vermählt. Doch dieser begehrte Philomela ebenso. Er verschleppte sie tief in den Wald und vergewaltigte sie. Damit sie ihn nicht verraten konnte, schnitt er ihr die Zunge heraus und hielt sie an jenem Ort gefangen. Philomela war eine Weberin, und so fertigte sie ein Kleid für ihre Schwester Prokne, in das sie die Bilder ihrer Leidensgeschichte einwob. Prokne verstand die Botschaft und befreite Philomela aus ihrem Waldgefängnis.
Gewebe, Verflechtungen und Bedeutungsnetze tauchen auch heute noch überall da auf, wo die Verbindung zwischen Mythos und Literatur sprachwissenschaftlich untersucht wird. Man spricht dann von der Philomela Metamorphose.