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Der Weinbau im Appenzellerlande
„Es sind bald tausend Jahre verflossen, seit, nach den Angaben unserer zuverlässigsten Geschichtsforscher, der Weinbau in unserer Nachbarschaft eingeführt worden ist. Im Jahre 896 hatte es schon Reben in Goldach und Steinach und im Jahre 904 zu Bernegg im Rheinthale, und es ist ziemlich wahrscheinlich, dass nicht lange nachher auch in den wärmsten Gegenden des jetzigen Kantons Appenzell, in der Nähe des Rheinthales, gleiche Versuche gemacht worden seien. Wir wissen, dass frühe schon einzelne Höfe vom allgemeinen Weidgang ausgenommen waren, dass dieselben neben der Viehzucht auch Ackerbau trieben, und dass schon im 10. Jahrhundert der Obstbau so weit vorgerückt war, dass man die Veredlung der Bäume verstanden hat. Es ist gewiss, dass schon im 14. Jahrhundert der Weinbau in den vier Höfen der jetzigen Gemeinde Lutzenberg und in einigen Höfen der jetzigen Gemeinden Wolfhalden und Walzenhausen einheimisch war, und nicht weniger wahrscheinlich, dass derselbe sich schon damals oder doch bald nachher über die in jener Zeit nach Thal und Bernegg pfarrgenössigen Theile der jetzigen Gemeinden Heiden, Reute und Hirschberg-Oberegg ausgedehnt hat. Die politischen Verhältnisse und manche ausserordentlich warmen Jahrgänge des 15. Jahrhunderts waren der Vermehrung und Ausbreitung des Weinbaues sehr günstig; namentlich wird die Herrschaft der Appenzeller über das Rheinthal als diejenige Periode bezeichnet, in welcher der Weinbau am meisten gefördert worden. Nicht weniger leistete das Kloster von St. Gallen, dem der Weinzehnten zufiel (der damals schon sogar in schlechten Jahrgängen 200 Saum [Anm.: Saum war ein deutsches Tuchmass. 1 Saum entsprach 22 Stück Tuch, wobei ein Tuchstück 32 Ellen lang war] betrug) aus eigenem Interesse der Förderung des Weinbaues Vorschub. Abt Ulrich VIII., von dem ein jetziger Magistrat von St. Gallen bei einem festlichen Anlasse nicht mit Unrecht rühmte: „er wäre im Stande gewesen, ein Königreich zu regieren“, zeigte seine schaffende und ordnende Kraft auch hier, indem er im Einverständnis mit den Appenzellern am 31. Jänner 1471 durch den sogenannten „Rheinthaler Rebbrief“ den Weinlauf einführte und manche auf den Weinbau bezügliche Verhältnisse zwischen den Lehenherren und Lehenbauern gesetzlich regelte. Nur im Jahre 1495 sind im Hinterforst bei Altstätten und zu Hasle (im jetzigen Wolfhalden) über 30'000 Stück neue Reben gepflanzt worden. Das Hundert Setzlinge kostete damals 7 Pfennige oder ungefähr 30 Rp. jetzigen Geldwerthes. Aus einer Urkunde vom 19. August 1555 ersehen wir, wie mehrere Höfe des Kurzenberges den Weinzehnten an die rheinthalische Landvogtei ausgelöset und damit sich eines Abhängigkeitsverhältnisses entledigt haben. Ueber den Ertrag des Weinbaues im Appenzellerlande haben die Chroniken aus dem 17. Jahrhundert folgende Angaben aufbewahrt. Pfarrer Anhorn (gestorben 1641) sagt in seiner Chronik: „Noch hat dies Land ein Gewerb, welches fremde Leute, so durch dies wilde Land reisen, unglaublich scheint, nämlich einen grossen Weinwachs. Denn dies Land grenzet so nahe an Buchberg, Thal, Rheinegg, St. Margarethen, Bernegg, Marbach und Altstätten, alda unsäglich viel und guter Wein wächst, der in das Land Appenzell gehört. Ja, es hat in diesem Lande auf die 58 Torkelmeister, welche alle Herbst durch den Landweibel und Einen des Raths beeidigt werden, dass sie einem Jeden, was ihm gehört, zustellen wollen. Man haltet dafür, dass in diesem Land Anno 1624 in die 1200 Saum gewachsen seien.“ Aehnlich spricht sich ein anderer Zeitgenosse, Dekan Bischofberger, in seiner Chronik von 1682 aus, nämlich: „Der Rebwachs zwar allein an den äussersten Grenzen des Landes gegen dem Rheinthal, dem zahmen Gebirg nach in den Gemeinden Heiden, Wolfhalden, unter und ober Hirschberg“ (Walzenhausen und Reute) „und Oberegg, wiewohl in nicht geringer Quantität, also, dass in die 80 bis 90 und mehr Törkel klein und gross gebraucht werden, und der Wein etlicher Orten füraus gut, dem Rheinthaler gleich geachtet, oder auch vorgezogen wird, mit welchem das Land, wenn man darauf gehen wollte, beinahem zur Nothdurft versehen sein könnte: dessen man aber nicht achtet, sonder allerhand fremde Wein von vielen Orten, als Zürichgebiet, Schaffhausen, Thurgau, und sonderlich aus dem Rheinthal, desgleichen aus Bündten und dem Veltlin, zuweilen mehr als gut und etwelchen Landleuten an ihrer Nahrung verträglich und nützlich ist, in das Land erkauft und gebracht wird.“ Wahrscheinlich war diese Konkurrenz, die selbst den beschwerlichen Transport überwunden, eine der Ursachen, dass die Obrigkeit auf den Weinbau ein wachsames Auge hatte und es für einen Ehrenpunkt hielt, dass eine möglichst gute Qualität Wein gewonnen werde und derselbe unverfälscht den Käufern zukomme. So hat sie im Jahre 1653 die Verordnung über die Beeidigung der Torkelmeister erneuert und in dieselbe Form gebracht, wie sie bis zum Jahre 1834 Geltung hatte. [...] Als in den letzten Jahren die Teilnahme an der Beeidigung immer geringer wurde und die Ansicht sich immer mehr Bahn brach: es sei die ganze Handlung nicht mehr zeitgemäss, indem die grosse Konkurrenz den Weinbauer schon lehre, eine möglichst gute Qualität Wein seinen Kunden zu liefern, und weil der Torkeleid immer mehr als ein unzureichendes Mittel erkannt wurde, dass der Wirth seine Gäste mit reellem Wein bediente. Ein öffentliches Blatt (der Hochwächter am Säntis) rügte im Dezember 1833, dass die veraltete Zeremonie bei den veränderten politischen und Zeitverhältnissen immer noch beibehalten werde, und unterm 29. Herbstmonat 1835 hat endlich der grosse Rath die Abnahme des Torkeleides aufgehoben. [...] Der Chronikschreiber Gabriel Walser zählte in seiner Chronik von 1740 in den genannten fünf örtlichen Gemeinden [Anm.: Lutzenberg, Wolfhalden, Walzenhausen, Heiden, Reute] 128 grosse und kleine „Weintrotten“ auf und sagt über die Qualität des Weines: „Der Landwein an und vor sich selber, sonderlich der rothe, ist delikat, gut, lagerhaft, und dem Magen, wenn er einige Jahre gelegen, vortrefflich gesund. Kommt dem Rheinthaler im Preis und in der Güte fast gleich, hat eine dunkelrothe Farbe und annehmlichen Goust. Der weisse aber ist sauer und hat wenig.“[...] Spaliere von ergiebigen Augustreben treffen wir auch in Grub, Trogen, Speicher und Herisau, wo deren Trauben in der Regel im September zur Zeitigung gelangen, aber nicht gekeltert werden.“
Quelle: Appenzellische Jahrbücher 4. Quartal 1856/57, S. 276 ff.