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Bäuerliche Bricolage
Prominent steht im Osten des Dorfplatzes ein hohes Wohnhaus. Der verschachtelte Baukörper zeigt untypische Formen wie den überhohen Mauersockel, einen vorkragenden Gebäudeteil, das Pultdach auf einem Wohnhaus, ein quer angebautes Wohnhaus. Die Rätsel einer komplexen Baugeschichte kann nur eine eingehende Gebäudeuntersuchung lösen. Alte Fotografien, heutige Beobachtungen am Bau, Inschriften im Inneren und eine Dendroanalyse geben vorläufige Antworten.
Im südlichen Teil haben wir ein datiertes Erdgeschoss vor uns: Der Giltsteinofen trägt unter den Initialen TB und AS die Jahreszahl 1691. Die Binna (Dielbaum) ist leider ohne Inschrift, doch ein Balken aus diesem Gebäudeteil liess sich auf das Jahr 1690 dendrodatieren. Im ersten Obergeschoss trägt die Binna die Jahreszahl 1691, mit den Initialen MB, HB, AS, TB, MMB und MHB, was auf die Familie Biner, Blatter oder Brantschen als Bauherren weist (die Brenni waren erst kürzlich aus dem Aostatal eingewandert). Zu diesem Bau von 1691 gehört auch das zweite Obergeschoss mitsamt dem Giebel und den Pfetten mit Rosskopfkonsolen – wir haben einen einheitlichen Gebäudekörper von 1691 vor uns. Dieser wurde rückseitig an ein bestehendes Gebäude angebaut, das im Norden direkt angrenzt.
Dieser nördliche Gebäudeteil irritiert. Teils ist das Mauerwerk präzise aufgebaut, teils sind die Steine unsorgfältig aufeinander geschichtet. Über das Mauerwerk kragt ein Gebäudeteil wie eine aufgesetzte Holzkiste vor, deren Basis laut einer Dendroanalyse aus dem Jahr 1597 stammt. Dieser frühneuzeitliche Bau, der wohl auf dem Sockel eines spätmittelalterlichen Vorgängerbaus ruht, erfuhr 1691 eine vollständige Veränderung: Südlich wurde ein neues, zweistöckiges Holzhaus angebaut. Teile des älteren Mauerwerks riss man ab und improvisierte damit einen steinernen Aufgang in den ersten Stock.
Auch im Norden deckte ein Satteldach den Bau, im obersten Wandholz des ersten Obergeschosses sind bis heute die Abplattungen (Kerben) zum gleichmässigen Auflegen der Dachsparren zu sehen.
1706 wurde der Nordteil aufgestockt und das neue Satteldach um 90 Grad gedreht. Statt der bisherigen Freilufttreppe ins oberste südliche Stockwerk existierte nun ein gedeckter Aufgang zwischen den beiden Häusern. An den Dachfugen zwischen den beiden Bauten aber tropfte bei der Schneeschmelze und bei Regenfällen immer wieder Wasser in den Treppenaufgang. Die obersten Hölzer der Häuser nahmen Schaden. Um 1900 rang man sich zu einer Lösung durch und setzte im Norden ein Pultdach auf. Seither tropft das Wasser gegenüber in die Gasse ab.
Das Pultdach verleiht dem turmartigen Gebäude umso mehr ein abenteuerliches Aussehen, als die Arbeiten unbeholfen ausgeführt wurden: Die obersten Wände nach Süden und Osten deckte man behelfsmässig mit Brettern, der Anblick des Hauses erinnert bisweilen an bäuerliche Bricolagen, die halt mit dem werken mussten, was gerade greifbar war.
Das Ganze ist auch ein Vorzeigebeispiel für die Blockbauweise, bei der man mehrfach nach allen Richtungen dazu baute, aufstockte oder verbreiterte, je nach wechselnden Bedürfnissen im Laufe der Generationen, doch ausser selbst bearbeitetem Holz und Stein keine Materialien zur Verfügung standen.
Labornummern Dendrosuisse 2022: 621440-449 vom 16. August 2022
Koordinate 2 622 719 / 1 095 040
Parzellennummer GIS 3116, Gebäudenummer 2035 bzw. Nr.24