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Wir haben das Kultfest vorerst mglichst sachlich - vergleichbar etwa einem Dokumentarfilm <23> - ohne herangetragene Interpretationen von seinen rumlichen Bedingungen her beschrieben. Das in unserer Sicht Wichtigste daran sind die sakralen Zeichen und Symbole, die man an bestimmten Stellen errichtet und wieder zerstrt.
Das Beispiel ist der Feldforschung des Autors in 100 Drfern Zentraljapans entnommen (EGENTER 1980, 1994d). Die Arbeit galt ber vier Jahre (1972-76) der systematischen Untersuchung eines heute noch in ganz Japan verbreiteten, meist dem ujigami-System zugeordneten Kulttyps, bei dem aus fasrigen Pflanzenmaterialien (Schilf, Stroh, Bambus, Zweige usw.) errichtete >fibro-konstruktive< Gebilde sog. 'Gttersitze' (yorishiro) <24> eine zentrale Rolle spielen (Abb. 7, 8). <25>
Allgemein werden solche Gttersitze meist in enger Beziehung zu permanenten Kultbauten errichtet. Sie gelten nach Fertigstellung als heilig, sind temporrer Sitz einer lokalen Gottheit, bilden in unserem Sinne hchste lokale Wertzentrizitt. Andere Kultelemente verschiedener Prgung sind in der Folge auf diese Sakralmarken bezogen. Zum Schluss oft heterogen akkumulierter Festablufe werden die Gtterzeichen manuell zerstrt, deplaziert, oder explizit weggeworfen, dem Zerfall berlassen. Oft werden sie im Rahmen spektakulrer Feuerfeste (hi-matsuri) in Brand gesteckt und auf diese Weise zerstrt.
In der japanischen Volkskunde sind diese temporren Gttersitze weithin bekannt, zum Beispiel als Teil (sagich, dondonbi) von Festen des kleinen Neujahrs (koshgatsu). Sie werden jedoch meist als sekundre Erscheinungen eingestuft, etwa im Zusammenhang mit jahreszeitlichem Brauchtum beschrieben oder im Rahmen von Feuerfesten erwhnt. In der volkskundlichen Diskussion wird auch meist die offizielle Shint-theologische Erklrung bernommen, wonach solche Gebilde als einladende Zeichen fr den lokalen gttlichen Geist (shinrei) errichtet wrden. Vom Himmel herabgestiegen, ist er whrend des Festes (matsuri, reisai) oder Bankettes (gochis) entsprechend prsent und prsidiert das soziale Geschehen. An dominant zentralisierten Schreinen wird dies denn auch als 'Herniederbitten der Gottheit' (kami-oroshi) entsprechend zeremoniell durchgefhrt. <26>
Gttliches temporr in von Menschenhand gemachter Gestalt! In der westlichen Vorstellung eher ein herausforderndes Thema! In der Shint-Theologie wird jedoch gttlicher Geist nicht absolut gefasst. <27> Entsprechend gibt es relativ wenige Arbeiten, die sich ausdrcklich mit dem Phnomen temporrer Gttersitze auseinandersetzen. YANAGITA (1943) diskutiert im Rahmen 'japanischer Kultfeste' unter dem Titel 'Markierungen von Kultstellen' einige Typen von Gttersitzen, bleibt aber stark den lteren westlichen Theorien zum Baumkultus verhaftet, was seine Ordnung des Materials weitgehend bestimmt. HARADA (1941) gibt - bezglich Form und religiser Bedeutung - eine Typologie zu den unter dem Begriff 'o-hake' brauchtmlich fassbaren Kultmarken, die er zu jener Zeit vornehmlich noch als Opfer auffasst. Wichtig in unserem Zusammenhang ist die sehr viel differenziertere und ethnohistorisch angelegte sptere Arbeit HARADAs (1961b) 'Himorogi kara o-kariya made'. Sie geht aus von der frhgeschichtlich belegten, als 'himorogi' bekannten Kultmarkierung, weist vorerst auf verwandte, rezente Traditionen im Isekult (shin no mi-hashira, sakaki-Zweig) hin, vermerkt vergleichbare, jhrlich mit sakaki-Zweigen erneuerte Markierungen in einem benachbarten Dorfschrein (Matsushita, s. u., Abb. 26, 27) und erarbeitet, aufgrund von historischen und volkskundlichen Quellen schliesslich eine Gruppe von 'temporren Dach-artigen Formen' (o-kariya), die teilweise perennierend erneuert, zum Teil nur temporr errichtet werden, entweder bestimmten Husern (tban) zugeordnet, oder in Verbindung mit entwickelten ujigami-Schreinen erscheinen. HARADA arbeitet dabei - im Sinne von kulturellem Wandel - die komplexen Unterschiede zwischen diesen Typen heraus. Das Wichtigste: die dem Hause zugeordneten perennierend erneuerten Gttersitze gelten nach Fertigstellung autonom als 'gttlicher Geist' (shinrei), wogegen die Verlagerung der Kulte auf die entwickelten Schreine ein Entwertung des autonomen Kultmals zur Folge hat. Die entsprechende Gottheit wird zum Teilgeist (bunrei) der im Schrein lokalisierten Gottheit und kehrt am Kultende in einer Prozession (o-watari) zum entwickelten Schrein zurck. Das heisst, die zyklisch perennierend erneuerte vollwertige Form ist als die primre Struktur anzusehen. Aehnlich lsst sich die ausserordentlich wichtige, zyklische Perennitt der heute meist nur noch temporr vorkommenden Gttersitze in der Gesamtschau aller Gttersitztypen, etwa mithilfe der ber ganz Japan verbreiteten, meist noch perennierend gebrauchten Strohschreine (waramiya) der Haus- und Hof-Gottheit (yashiki-gami, NAOE Hiroji 1963, 1966) rekonstruieren (EGENTER 1980 :60, Abb. 66).
In der vom Autor untersuchten Omihachiman-Gegend sind Feste mit Gttersitzen von japanischen Autoren beschrieben worden: Feste in Ueda (KITAGAWA 1966) Omihachiman (TSUKITAKE 1966), und Sensku (HAGIWARA T. 1965). HAGIWARA beschreibt den Kultfackelteil des hier beschriebenen Festes nur am Rande. Ihn interessierten vor allem mittelalterlich-feudale Elemente, die sich an diesem Kultfest ebenfalls erhalten haben. Den Kultfackeln mass er keine besondere Bedeutung zu. KITAGAWA und TSUKITAKE geben genaue Beschreibungen der Feste. Die Interpretation folgt jedoch den oben beschriebenen Shint-theologischen Vorstellungen. Die im Kult gebauten Gebilde werden als Feuerfackeln (taimatsu) im Rahmen von Feuerfesten (hi-matsuri) aufgefasst, sie werden geheiligt, der Geist der Lokalgottheit prsidiert Festlichkeiten und Bankette. Am Schluss kehrt der Geist im Element Feuer wieder zum Himmel zurck.
In den ethnographischen Feldforschungen des Autors wurde diese Thesen grundstzlich in Frage gestellt. In hundert untersuchten Drfern wurde der Nachweis erbracht, dass es sich in den Gttersitzen der Omihachimangegend nicht bloss um Fackeln oder Feuerstsse handelt, sondern um Bauten. Architekturtheoretisch geht es um einen sehr urtmlichen Typus von Bauformen mit territorial-semantischen und symbolischen Funktionen <28>. Das heisst, das Entscheidende dieser Kulte sind die Gttersitze selber, ihre zyklische Erneuerung, ihre Struktur, ihre Formen, ihr Zeichencharakter, ihre Symbolik, ihre Beziehungen zur sozialen Struktur des Dorfes! Gttersitze als Vorform der ujigami-Schreine! <29> Aus den umfangreichen Rekonstruktionen wurde die These abgeleitet, dass es sich in diesen Kulten ursprnglich wesentlich auch um ein vorgeschichtlich agrardrfliches Territorialrecht handelte, bei dem die vernglichen Grndungsurkunden zyklisch erneuert wurden. Zwei Gesichtspunkte waren fr diese Beurteilung massgebend: die detaillierte morphologische Untersuchung der Zeichen und die Einsicht in ihre sozio-territorial reprsenstative Funktion.
Bei nherem Hinsehen wird jedoch gerade diese irrationale Form zum Modell eines kognitiven Systems. In kategorial polaren Analogien lassen sich usserlich ganz verschiedene Formen - ber die Harmoniebedingung - identisch sehen (Abb. 14). Die lokale Unterscheidung (jede Siedlung hat ihre eigene Form) erscheint verwoben mit dem strukturellen System (alle Formen sind eins, da harmonisch strukturiert). Identitt trotz usserlicher Verschiedenheit. Ein differenzierendes und ein verallgemeinerndes Prinzip wirken zusammen. Man beachte, dass das Individualisierende sich auf den pragmatischen Aspekt, auf die territoriale Funktion bezieht. Die Struktursymbolik dagegen sttzt das spirituelle und irrationale Element, die Verallgemeinerung (oder Idealisierung!). Im weiteren Sinne lsst sich darin auch ein kognitives Modell erkennen, mit dem der Mensch kulturgeschichtlich natrliche Dinge (Baum) entdecken konnte (Abb. 15). <32>
Auch religionstheoretisch deuten die Symbole so einen ernst zu nehmenden kognitiven Komplex an, der diachronisch im humanen Existenzraum beheimatet ist. Die Struktur des Metaphysischen wre so ganz neu denkbar. <33> Sie wre, dem chinesischen Yin-Yang-Symbol vergleichbar, als formalrumliches Ordnungsprinzip, diachronisch in die existentielle Vergangenheit des Siedelns zu verlegen. Hermann K STER hat in seinem Buch ber den chinesischen Universismus (1958) hnliches fr die Anfnge Chinas vorgeschlagen.
Wichtige Siedlungs-"Geschichten" knnen mit diesen Zeichen "geschrieben" werden. (Abb. 19) Die Riten lassen sich lesen: sie sprechen von oft sehr komplexen Bundes-Geschichten (!) im Verhltnis verschiedener lokal benachbarter Gemeinden.
Diachronisch ergibt sich eine komplexe Struktur, die auf die Siedlungsgrndung verweist. In ihr sind soziale, rituelle und rumliche Strukturen der Siedlung zu einem siedlungsgenetischen Funktionskomplex verwoben (Abb. 20).
Die Abb. 21 zeigt schematisch die siedlungsgenetische Interpretation der untersuchten Gttersitze. Der erste Siedler kommt in die noch unbewohnte Schilfgefilde-Gegend, setzt sein Zeichen. Im traditionellen Kodex bedeutet dies die Begrndung seiner knftigen Siedlung. Die Grenzen des Dorfterritoriums sind in nuce im Zeichen enthalten. Oben, jenseits, hinter dem Zeichen ein nicht-definierter Teil, wild, natrlich, bewaldet, fr Menschen unzugnglich, tabuisiert, von Gttern und Geistern bewohnt gedacht <34> und unten ein flacher, umrissener, begehbarer Teil, Produktionsflche fr Reisfelder und Grund zum Wohnen. Der Bauer baut sein Haus, erhlt Kinder, seine Abkmmlinge, alle 'Sippenkinder' (ujiko). Sptere Zuzger bleiben ohne Beziehung zur Grnderlinie und zum Kult. Der Grnder als primrer Landbesitzer (und seine Hauslinie) haben Macht ber die Abkmmlinge und spter ber Pchter. Soziale Hierarchie erzeugt sich autonom. Die rituelle Erneuerung des vergnglichen Zeichens im Zentrum hlt dieses System intakt durch die Zeit, dokumentiert auch die soziale Hierarchie, sei es die Vorherrschaft des Grnderhauses (kusawake), oder der Abkmmlinge als Gruppe (ujiko) gegenber spteren Zuzgern ohne Bezug zu ansssigen Haus- und Blutslinien. Die oberste Linie zeigt die Verdrngung des Gttersitzes durch einen entwickelteren "Gttersitz" den Holzschrein (Abb. 21).
Auch der ganze Siedlungsplan erscheint durch die Markierungen initial bestimmt im Sinne eines Axensystems, das wir >Weg-Ort<-Schema <36> nennen (Abb. 23). Es interpretiert das Grundschema (Abb. 22) von menschlichen Bedingungen her. Die Markierung gibt den Fixpunkt, bildet die Grenze der menschlichen Domne zum un-akkulturierten Jenseits des Bergwaldes. Der Weg auf dieses Mal bestimmt das ganze Dorf. Sekundr werden die humanen Domnen gegliedert mit paarigen Markierungen (Tormarken), bleiben aber immer auf die wichtigste, primre Kultmarke bezogen.
Die altjapanischen Fudoki sind ein einzigartiges noch kaum gengend gewertetes Schriftgut der japanischen Frhgeschichte. Es sind - modern gesagt - antike "volkskundliche" Erhebungen, die die Zentralregierung zu Beginn des 8. Jhdts. von den damaligen Provinzverwaltungen anforderte. Es ging um topographische Eigenheiten, Brauchtmliches, besondere Produkte, auch Ortsnamen, ja gar "Interviews" mit noch lebenden Alten wurden verlangt. Wir knnen entsprechend annehmen, dass der im folgenden in unserem Kontext kommentierte Matachi-Bericht reprsentativen Charakter hat. <37>
(1) Elementar-rumliches Element: Akkulturation ('Purifikation')