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Der Erfolg der Medizin an der Universität Basel ab 1570
Die überragende Bedeutung der Anatomie für die Entwicklung der frühneuzeitlichen Medizin und Naturwissenschaft ist in der Geschichtsforschung seit langem anerkannt. Schon deutlich vor jener vielbeschworenen „naturwissenschaftlichen Revolution des 17. Jahrhunderts“ wertete die Anatomie im 16. Jahrhundert zusammen mit der – damals ebenfalls vor allem von Ärzten betriebenen – Botanik die empirische Beobachtung, die „Autopsie“ im wörtlichen Sinne des persönlichen Augenscheins, zum vorherrschenden methodisch-erkenntnistheoretischen Ideal auf.
Die Anatomen an der Universität Basel stehen in vielfältiger Hinsicht stellvertretend für diese Entwicklungen und trieben sie ihrerseits voran. Im 16. und frühen 17. Jahrhundert trat die empirische anatomische Forschung an der Basler Universität wie an anderen Universitäten Europas in den Brennpunkt des Interesses. Zur gleichen Zeit erreichte die Basler medizinische Fakultät – vor allem auch dank der anatomischen Lehre – im europäischen Vergleich den Höhepunkt ihrer Bedeutung und konnte zahlreiche Medizinstudenten aus aller Herren Länder anziehen.
Entscheidend für den Aufstieg der Basler Medizinischen Fakultät seit den 1570er Jahren waren zwei führende Anatomen der Zeit: Felix Platter und Caspar Bauhin.
Beide hatten im Süden Europas studiert, wo sich schon seit längerer Zeit das Bemühen um eine särker empirische, auf persönliche Erfahrung gestützte Ausbildung durchgesetzt hatte. Der anatomische wie der praktische Unterricht waren damals Hauptmotiv für viele Medizinstudenten von nördlich der Alpen, zumindest einen Teil ihres Studiums in den – nach zeitgenössischen Maßstäben – großstädtischen Universitäten des Südens zu absolvieren.
Der Ruhm, den sich Platter und Bauhin durch ihre anatomischen (und in Bauhins Fall auch durch botanische) Publikationen erwarben, trug zweifellos entscheidend zur großen Anziehungskraft der Basler medizinischen Fakultät im ausgehenden 16. und frühen 17. Jahrhundert bei. Dazu kam als dritte zentrale Figur Theodor Zwinger. Wie kaum ein anderer pflegte er ein europaweites Korrespondenznetzwerk und half so, Basel zu einem Mittelpunkt der zeitgenössischen „Res publica literaria medica“ zu machen.
Auch wenn sich Platter und Bauhin nur beschränkt durch weithin anerkannte anatomische Entdeckungen hervorgetan haben, gaben sie dem anatomischen Unterricht mit ihren ausdrücklich für die Lehre konzipierten und aus dieser hervorgegangenen Anatomiewerken eine solide didaktische Grundlage. Sie unterstrichen die Bedeutung der persönlichen Autopsia, und Bauhin, der ehemalige Professor für Griechische Sprache, mahnte seine Leser zudem ganz im Sinne des medizinischen Humanismus zum Studium der griechischen Originaltexte von Hippokrates, Galen und Aristoteles. Bauhin spielte außerdem eine Schlüsselrolle in der Vereinheitlichung der anatomischen Nomenklatur; die unterschiedliche Benennung identischer anatomischer Strukturen sorgte damals immer wieder für Verwirrung und erschwerte den anatomischen Unterricht ganz erheblich.
Anatomie und Pathologie: ein neues Bild vom Körper
Zugleich trug Platters und Bauhins Sektions- und Publikationstätigkeit – das hat die historische Forschung bisher unterschätzt – entscheidend zu einem der zentralen Entwicklungsprozesse der vormodernen abendländischen Medizin insgesamt bei. Lange Zeit hat man die Anfänge der pathologischen Anatomie im 18. Jahrhundert verortet und Giovanni Battista Morgagni mit seinen „De sedibus et causis morborum per anatomen indagatis libri quinque“ von 1761 als ihren maßgeblichen Wegbereiter gefeiert. Doch Morgagni stand seinerseits in einer langjährigen Tradition, die entscheidende neue Impulse bereits durch die „Observationes“ von Platter und anderen Autoren des 16. und 17. Jahrhunderts lagen, die die klinische Schilderung durch eine Beschreibung des pathologisch-anatomischen Befunds ergänzten.
Platter und Bauhin verknüpften anders als andere zeitgenössische Anatomen die anatomischen Befunde systematisch mit den Bedürfnissen der praktischen Medizin. Zwar hatte das neue anatomische Wissen als solches nur vergleichsweise geringe Relevanz für die konkrete ärztliche Praxis am Krankenbett. Platter und Bauhin machten sich aber nun daran, anatomische Befunde nicht nur am gesunden Menschen, sondern auch und gerade bei Kranken zu erheben und fanden immer wieder Veränderungen an den Organen, an den festen Teilen. So entwickelten sie eine zunehmend engen Verbindung von Anatomie, pathologischer Anatomie und Klinik, deren Bedeutung schon die Zeitgenossen erkannt zu haben scheinen.
Platters anatomisches Werk und erst recht seine „Observationes“ sind entsprechend reich an Fallgeschichten, in denen Platter nicht nur die Krankengeschichte und das Beschwerdebild, sondern auch den pathologisch-anatomischen Befund post mortem beschreibt.
Nicht ihre originellen Entdeckungen, sondern ihre erfolgreichen Bemühungen, die Anatomie für den gewöhnlichen praktischen Arzt vermittelbar und relevant zu machen, bilden wohl das entscheidende Charakteristikum und das wirkmächtige Erbe der Basler Anatomie, auch wenn nach dem Ende der Ära von Zwinger, Platter und Bauhin die Basler medizinische Fakultät ihre Führungsstellung verlor und - sicher auch bedingt durch die verheerenden Seuchenzüge und die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs - für lange Zeit wieder eine unter vielen anderen wurde.