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Clemens Mettler verstarb am 9. Dezember 2020 in Zürich-Höngg. Eine Wegbegleiterin erinnert sich.
Als Clemens Mettler vor wenigen Jahren – nunmehr pflegebedürftig – vom externen zum internen Bewohner seines Wohnheims wurde, stiess er einen Teil seiner Habe ab. Von dieser Auf- und Wegräumerei sandte er mir eine Fotografie, die im Zusammenhang mit der Veröffentlichung seines Romans «Der Glasberg» stand, welcher ihn 1968 bekannt werden liess. Auf dem Foto fehlt der oberste Teil seiner hohen Stirn, seines Gesichts. Der Autor war damals 32 Jahre alt. Auffällig die Augen. Der junge Mann mit dunkelblondem Haar und dunklerem Schnauz und Bart blickt aus der Nickelbrille, als ginge es nicht um ihn, er staunt, vielleicht mit einem Anflug von Verweigerung, eventuell bekrallt ihn eine momentane Verloren- oder Verwirrtheit, ungetarnt zeigt sich seine Verwundbarkeit. Sie spielt eine wichtige Rolle in seinem Leben. Auf der Innenseite des Schutzumschlags seines Romans wird er dann konventionell lächeln. In seinem «Glasberg» brachte er sich in unverkennbar Mettlerscher Art und Sicht in die Literatur ein: «In der ersten Sekunde, da du sie sahst, ihren Umriss, den schwach erhellten Fleck ihres Gesichts drin, wusstest du: Es würde nie etwas. Es war nicht dein Urteil; der tyrannische Zensor in dir hielt den Daumen abwärts und liess nicht mit sich reden.» 1971 erscheint, auch wieder im Benziger Verlag, «Greller, früher Mittagsbrand » – Kindheitsgeschichten. Die Sprache gibt die verschiedenen Entwicklungsstufen des Kindes wieder. Da klärt zum Beispiel das erzählende Ich einen kleineren Bruder über den Samichlaus auf, das sei nur ein verkleideter Mann aus dem Dorf. Schockiert verstummt der kleinere Bruder für einen ganzen Tag. Der sich schuldig fühlende Protagonist leugnet und widerruft die Aufklärung, verhilft dem Kleineren wieder zu seinem Glauben an den Wohltäter. Der «Mittagsbrand» enthält auch die Erzählung «Die Sonde», eigentlich eine Feinstudie über Mobbing, die einen Ausgelachten zum Mörder werden liess. Auch hier macht die genaue Beobachtung und die ureigene kraft- und liebevolle Beschreibung die hohe Kunst des Autors aus. Als Einführung in seinen 1974 erschienenen «Kehrdruck» finden wir einen Schulaufsatz. Ein Scheit, Nachkomme einer «schönen, stolzen Tanne », erzählt, wie es in eine Papierfabrik kam und zu einem weissen Briefbögli wurde. Auf das ein zwölfjähriger Knabe, der wahrscheinlich Clemens Mettler hiess und sich in einem voralpinen Kinderkurhaus in Unterägeri befand, Nachrichten an Eltern und Geschwister geschrieben hatte, worauf das zum Briefbögli umgewandelte Scheit die Reise nach Ibach antrat. Dies alles erfindungsreich und lustvoll erzählt, mit wichtigen Detailangaben. Ich möchte Deutschlehrende sehen, die eine solche Schülerarbeit nicht froh stimmt.
Literatur-Förderpreis und WerkjahrDrei Jahre nach dem Erscheinen des «Kehrdrucks» lernte ich Clemens Mettler – und seinen jüngsten Bruder – zufällig auf einer Zugfahrt kennen. Wenige Wochen später trafen wir uns in Zürich, und von da an sahen oder telefonierten wir uns regelmässig. Im «Du»-Heft Nr. 8, August 1991, mit dem Titel «Spurlos vorhanden – Einzelgänger in Zürich» beschrieb ich aus meiner Sicht seine seither vergangenen Jahre bis kurz vor der Veröffentlichung des «Findelbuchs». Nur so viel: Er schrieb immer, verwarf aber die Romanentwürfe, liess vom Riesenmanuskript «Schattenloo» nur einen Ausschnitt gelten, als eine der vier Erzählungen im «Gleich einem Standbild, so unbewegt»-Band, der 1982 beim Ammann Verlag erschien und für den er den Bremer Literatur-Förderpreis erhielt. Der Autor, der noch im «Glasberg» als Ästhet nur das Schöne hatte gelten lassen, verwandelt sich nun von Saulus in Paulus: In seinem «Findelbuch» wollte er sich voll und ganz für die Hässlichen engagieren. Er arbeitete zehn Jahre an diesem Buch, das er für sein wichtigstes hielt. Er nannte es einen Steinkuchen, in dem die Rosinen zu suchen seien. Eine davon: «Der Anstand hat bisher eine anständigere Welt verhindert. » Er wollte eine Diskussion auslösen, doch seine Arbeit wurde grösstenteils ignoriert. Die Echolosigkeit zermürbte ihn, die gedrückte, schwermütige Stimmung liess ihn verstummen. Er musste sich von Fachkräften helfen lassen. «Wie einen blutigen Klumpen», wird er im Psychiatrie-Zentrum Hard in Embrach zu Fredi Lerch von der «WOZ»sagen, habe er die Erzählung «Symmetrie oder wie ich zu zwei Kommunionsgespanen kam» seiner Depression entrissen. Die Stadt Zürich sprach ihm 1998 dafür ein Werkjahr zu. Da befand er sich schon als Externer in einem Wohnheim. Er schrieb jeden Tag. Zu seinem 75. Geburtstag ermöglichten ihm treue Freunde eine Auslese von Texten als Privatdruck*. Seltsam berühren daraus folgende Stellen, nachdem Clemens Mettler am 9. Dezember gestorben ist: «Die Seele eine ballichte Wolke oder zuckerige Sulzflocke … Ein reliktartig überbunden örtlich verstandenes Jenseits, der Himmel sodann denn doch ganz unausbleichlich oben, eine aus Symmetriegründen nötige Hölle unten, der Wer-, Wes-, Wem-, Wen-Fall spricht noch von der überschwenglichen Vorstellung.»
Bote der Urschweiz / Ruth A. Barella, Freundin
*Der Nachlass von Clemens Mettler befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.
Autor
Bote der Urschweiz
Kategorie
- Literatur
Publiziert am
Webcode
www.schwyzkultur.ch/CPXCRQ