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Alexandrinische
Kunst im Altertum. Alexandria in Ägypten [* 3] war einst eine Weltstadt, ein Muster regelmäßiger Anlage, mit breiten, schönen Straßen mit wimmelndem Leben, einem Gemisch afrikanischer und europäischer Kultur, Palästen voll edler Kunst und Luxus. Infolge der fortdauernden Bewohnung des Platzes ist aber, wie gewöhnlich, von der alten Herrlichkeit fast nichts übriggeblieben; nur die alte Hauptstraße, die Kanobische, hat ihre Spur dadurch hinterlassen, daß die Rue de Rosette, eine Hauptader auch der modernen Stadt, genau ihre Richtung innegehalten hat.
Von dem außerordentlichen Einfluß, welchen
alexandrinische
Kunst ausgeübt hat, tauchen ganz allmählich,
aber immer reichlicher, die
Spuren auf, namentlich in den Stadtanlagen
Syriens, welche nach dem
Muster der Prachtstadt gebaut
sind, und in zahlreichen Werken der Klein
kunst: in Statuetten aus
Bronze
[* 4] und
Terrakotte, namentlich aber in Prachtreliefs.
Um die Neuentdeckung dieser
alexandrinischen
Kunst hat sich besonders
Th.
Schreiber in
Leipzig
[* 5] verdient gemacht,
dessen Ausführungen wir hier hauptsächlich folgen.
Der Stadtplan von Alexandria, welchen man dem Architekten Alexanders d. Gr., Deinokrates, zuschrieb, zeigt ein regelmäßiges Netz paralleler und rechtwinkelig sich schneidender Straßenzüge, welches sich an die beiden sich kreuzenden, monumental ausgestatteten Hauptstraßen anlehnte. Die eine dieser Hauptstraßen führte von dem im S. gelegenen Sonnenthor zu dem Mondthor im N. am Kap Lochias und öffnete den Blick auf die Königspaläste. Die zweite, die Kanobische, führte von der im W. liegenden vorstädtischen Nekropolis nach O. Die Hauptstrassen waren, wie die von Napoleon III. veranlaßten Ausgrabungen Mahmud Beys erwiesen haben, 34 m, der mittlere, als eigentlicher Prozessionsweg dienende, unbedeckte Teil 16 m breit, während die beiden Seitenwege schattige Säulengange bildeten.
In der Mitte jeder Straße lief die unterirdisch angelegte Wasserleitung, [* 6] von welcher wiederum Abzweigungen in die einzelnen Wohnungen führten. Die großen Prachtbauten kennen wir fast nur aus Beschreibungen, z. B. das Serapeum. Ein Terrassenbau führte auf 100 Stufen hinauf zum Plateau des neuen Landesheiligtums. Durch ein Propyläum trat man in den weiten Tempelhof, den Säulenhallen umgaben; inmitten stand die riesige, vermutlich mit dem Standbild Alexanders d. Gr. geschmückte Säule, die noch heute als Wahrzeichen Alexandriens gilt. Die Gesamtanlage wurde später im Trajansforum zu Rom [* 7] nachgeahmt. Kuppelräume mit Lichtöffnungen in der Mitte (Vorbilder des römischen Pantheons) bildeten den imposanten Unterbau. Dieser Unterbau sowohl als die Metallinkrustation des Tempels und der Hallen dürften nach Schreiber als die wichtigsten und folgenreichsten Neuerungen ¶
forlaufend
der hellenistischen Baukunst
[* 9] gelten. Vorbildlich wird ferner der Etagenbau des Leuchtturms (Pharos). Diesen Stadtplan, namentlich
die säulenbegleiteten Hallenstraßen, mit reichlichem Wasser versorgt, finden wir in kleinasiatischen und syrischen Städteanlagen
aus der Folgezeit häufig nachgeahmt. Namentlich die Expedition des österreichischen Grafen Lanckoroński nach Südkleinasien
lieferte in dem Prachtwerke »Städte Pamphyliens und Pisidiens« eine Reihe wohlerhaltener Stadtbilder, welche
in letzter Linie auf das Vorbild von Alexandria zurückgehen, wenn sie selbst auch erst in dem 1. Jahrh. n. Chr. erbaut sind.
Am Ausgang des 2. Jahrh., kurz vor dem nahenden Verfall, müssen diese südkleinasiatischen Städte den Eindruck von großen,
einheitlichen
Kunstwerken, von Idealbildern gemacht haben, mit dem malerischen Mauerring, aus dem wohlgepflegte,
von Gräbern umsäumte Wege herausführten, ihren gerade gezogenen Straßen, den öffentlichen Anlagen, Tempeln, Bädern, Gymnasien,
Markthallen
[* 10] und vor allem den schattigen Säulenstraßen mit dem rauschenden Wasser. Die neue
Kunstrichtung erklärt sich zum
Teil aus den herrschenden Einflüssen der hellenistischen Fürstenhöfe auf die bildende Kunst, besonders
ihrer Bauleidenschaft und ihren mit höchstem künstlerischen Verständnis einheitlich durchgeführten Städtegründungen.
In dieser Weise hellenistischer Musteranlagen waren die syrischen Städte Antiochia am Orontes, Cäsarea Augusta, Gerasa, Philadelphia
[* 11] u. a. gebaut.
Die
alexandrinische
Kunst außerhalb der Architektur hat Schreiber in einem auf der Philologenversammlung zu München
[* 12] (1891)
gehaltenen Vortrag treffend als den Anfang des antiken Barockstils bezeichnet. Die neue
Kunstrichtung
erklärt sich aus dem wachsenden Hervortreten des Privatlebens, welches zum Entstehen einer genrehaften, für das Wohnhaus
[* 13] arbeitenden Kunst führte, und aus der zunehmenden Freude an der Natur, einem unserm modernen Empfinden ganz verwandten sentimentalen
Interesse an der Schönheit der freien Natur, an dem Wald, an dem Hirten- und Schäferleben.
Charakteristisch ist die dem antiken und modernen Barock eigentümliche Materialkünstelei, ein Verwenden kostbarer Stoffe von
Edelmetall, Edelsteinen und von Glas
[* 14] und Elfenbein für die Wanddekoration, ebenso wie für die Bildhauerei, die sich bis zur
Anfertigung ganzer Statuen aus Edelsteinen und selbst aus farblosem Kristall verstieg. Die Einkehr der Kunst
in das Volkstum, die Darstellung von Szenen aus dem Alltagsleben, die jetzt erblühende Genremalerei sind ein weiteres Element
der Barock
kunst.
Der Hauptfaktor, welcher den Stilumschwung bewirkte, die immer stärker und allgemeiner werdende Naturfreude, führte in der Dichtung zur Entstehung des Idylls und des Romans, in der bildenden Kunst zur Landschaftsmalerei und einer besondern Gattung landschaftlicher Rundplastik, welche allerlei zur Gartenausschmückung geschaffen hat. Eine besonders schöne Gattung von Prachtreliefs, welche in reicher Umrahmung die Wände schmückt, waren getriebene Bronzearbeiten mit reichem landschaftlichem Hintergrund, welche wir allerdings nur in Marmornachbildungen besitzen; dazu gehören z. B. die Brunnenreliefs des Palazzo Grimani in Venedig [* 15] und die bekannten Reliefs in dem Palazzo Spada zu Rom: der schlafende Endymion [* 16] mit seinem Hunde, [* 17] der die herabschwebende Selene [* 18] bemerkt, ist auch in modernen Nachbildungen viel verbreitet.
Die Terrakotten
[* 19] von Alexandria, von denen z. B. das Berliner
[* 20] Museum
eine ziemliche Anzahl besitzt, enthalten
ein reiches, noch nicht ausgenutztes Material zur Kenntnis der
alexandrinschen Religion und Kunst. Namentlich sind es merkwürdige
Mischungen europäischer und afrikanischer Kultur. Als in Alexandria die Mischung griechischer und ägyptischer Gottheiten vor
sich ging, galt es, letztere in griechischen Formen und doch mit Charakterisierung ihrer fremden Heimat zu gestalten.
Der Forschung liegen hier noch große Aufgaben vor, auch der Ausgrabung. Schliemann hat 1888 während eines kurzen Aufenthalts in Ägypten Versuchsgrabungen zu Ramleh bei Alexandria gemacht, wo er den Palast der Kleopatra zu finden hoffte. Doch machten die verwickelten Besitzverhältnisse seinen Versuchen bald ein Ende.
Vgl. Th. Schreiber, Die Wiener Brunnenreliefs aus dem Palazzo Grimani (Leipz. 1888);
Derselbe, Die hellenistischen Reliefbilder (das. 1889 -91);
Brückner in der »Berliner philologischen Wochenschrift« 1890, S. 18 und 406.