Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03526.jsonl.gz/185

| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

II. Rede
9.
Ich komme nun zum letzten und wichtigsten Grunde, zum Gipfelpunkte meiner Ausführung. Nicht werde ich lügen. Nicht darf lügen, wer über so wichtige Dinge spricht.
Weder halte ich es jetzt, noch hielt ich es für einerlei, ob man eine Herde Schafe oder Rinder hütet oder ob man Seelen leitet. Im ersten Falle genügt es, die Rinder oder Schafe recht feist und fett zu machen. Mit Rücksicht auf diesen Zweck sucht der Hirte wasserreiche, günstige Weideplätze, wechselt die Weide, gönnt Ruhe und verschafft Bewegung, treibt bisweilen mit dem Stocke, meist mit der Flöte. Etwas anderes hat der Hirte nicht zu tun, nur muß er noch gelegentlich mit Wölfen [S. 11] kämpfen und bisweilen nach einem kranken Stücke schauen. Meist kümmert er sich um Flötenspiel unter schattigen Eichen, sorgt dafür, sich auf schönen Matten neben kühlem Wasser auszustrecken, unter sanften Winden ein Naturlager zu bereiten, wohl auch ein Liebeslied beim Becher zu singen, mit den Rindern und Schafen zu plaudern und ein recht fettes Stück zu verzehren oder zu verkaufen. Noch keiner aber hat an Tugenden von Schafen oder Rindern gedacht. Welche Tugend sollte ihnen denn eigen sein? Oder wer achtet mehr auf das Wohl der Herden als auf sein eigenes Glück?