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Ulrich Beck: Risikogesellschaft
Durch welche Merkmale zeichnet sich der Übergang von der ersten in die zweite Moderne aus?
Unter der ersten Moderne ist die industriegesellschaftliche Moderne zu verstehen, welche in einem Prozess einfacher Modernisierung aus der Agrargesellschaft hervorgegangen ist. Den Übergang von der der ersten zur zweiten Moderne, also den Übergang in die Risikogesellschaft, bezeichnet er als reflexive Modernisierung
Passiert durch Eigendynamik der Industriegesellschaft, fortschreitende (reflexive) Modernisierung, Merkmale der zweiten Moderne zeigt sich am Reichtum und an Risiken.
Industriegesellschaft ist aufgrund der problematischen Nebenfolgen des Fortschritts mit sich selbst konfrontiert. der Übergang in die zweite Moderne zeichnet sich durch Reflexivität aus, weshalb auch von reflexiver Modernisierung gesprochen wird. Dies bedeutet, dass die ‚fortschrittliche‘ Gesellschaft sich auf sich selbst zurückbesinnt, denn der technische und wissenschaftliche Fortschritt ist nicht nur positiv für die Menschheit zu bewerten, sondern birgt auch unerwünschte und oftmals auf den ersten Blick nicht ersichtliche Nebenfolgen und Risiken.
Der Übergang passiert ungewollt, ungesehen (latent, im Verborgenen) und zwanghaft durch einen eigendynamisch verlaufenden Prozess, der den wissenschaftlich-technischen Fortschritt immer weiter vorantreibt.
Es gibt keinen Bruch, bei dem das Vorangegangene überwunden wurde (wie beim Übergang von der Agrargesellschaft zur ersten Moderne, der sich bewusst von der Tradition abwandte). Es kommt zu einer Weiterentwicklung der Wissenschaft und Technik in dem Sinne, dass - nachdem in der ersten Moderne der technische Fortschritt überhaupt erst möglich gemacht wurde, allerdings auch Risiken mit sich führte - nun in der zweiten Moderne wissenschaftliche Methoden und Verfahren entwickelt werden, um Risiken als solche zu erkennen und zu definieren. Somit wird auch die Wissenschaft reflexiv. Menschen der zweiten Moderne haben beim Übergang in diese den Glauben an die Technik und Wissenschaft keinesfalls verloren, sondern sind weiterhin der festen Überzeugung, dass sich jegliche Schwierigkeiten mit Technik und Wissenschaft überwinden lassen.
Was versteht Beck unter Modernisierungsrisiken?
Diese Risiken haben moderne Ursachen (im Gegensatz zu natürlichen Ursachen: Erdbeben, Flut etc.). Sie sind ein „Modernisierungsbeiprodukt“. Modernisierungsrisiken zeigen sich als Nebenfolgen industrieller Produktion. Sie sind Koproduktionen der Teilsysteme Wissenschaft, Wirtschaft und Politik.
Kennzeichen von Modernisierungsrisiken:
Positiv bewertete Folgen der Modernisierung zeigen sich als Reichtum. Risiken, als negativ bewertete Folgen, stellen eine Bedrohung dar, die es möglichst zu vermeiden gilt. Negative Folgen der materiellen Güterproduktion bergen hohes Konfliktpotential. Die Forderung nach Sicherheit steht im Gegensatz zur Forderung nach Gleichheit in der Industriegesellschaft im Vordergrund. Risiken in der Industriegesellschaft betrafen hauptsächlich Arme. In der Risikogesellschaft betreffen Modernisierungsrisiken alle und erwischen früher od. später auch die, die sie herbeiführen oder von ihnen profitieren, erreichen also alle sozialen Schichten. In der Risikogesellschaft gibt es Forderungen nach Sicherheit von Gefährdungs- und Risikolagen (z.B. Smog ist demokratisch, alle können davon betroffen sein), denn sie fühlen sich durch die negativen Folgen der materiellen Güterproduktion bedroht und gefährdet. Modernisierungsrisiken sind global. Sie beschränken sich nicht auf Landesgrenzen. Weltrisikogesellschaft: Ökologische Gefährdungen (Abholzen von Regenwäldern, Schadstoffbelastung der Flüsse und Meere, Freisetzung von Radioaktivität,…) können beispielsweise jeden betreffen!. Sie sind latent. Um wahrgenommen zu werden, muss man sie erst definieren. Nur die Wissenschaft verfügt über die Definitionsmacht, Ursache-Wirkungs-Komplexe aufzudecken. Modernisierungsrisiken = vielschichtig (nur Fachleute können dies erklären), was die Gesellschaft abhängig von wissenschaftlichen Definitionen durch Experten macht. Das Wissen um Risiken erzeugt Betroffenheit, es bleibt allerdings zunächst ein abstraktes Wissen. Deshalb spricht Beck von Wissensabhängigkeit.
Modernisierungsrisiken sind abhängig von Massenmedien, über die Information verbreitet und öffentlich zugänglich gemacht werden. Beck fällt auf, dass das Gefühl der Betroffenheit stärker bei Gruppen zu finden ist, die sich aktiv informieren und über bessere (Aus)bildung verfügen.
Wie lässt sich der Begriff der „Individualisierung“ charakterisieren?
Beck versteht unter Individualisierung die Herauslösung/Freisetzung des Menschen aus den Sozialformen der Industriegesellschaft (SB S. 19). Lebensformen der zweiten Moderne werden "enttraditionalisiert", d.h. Menschen sind nicht mehr traditionellerweise in Klassen, Familien und Geschlechterrollen eingebunden. Es fehlen feste soziale Strukturen und damit auch Bindung und Orientierung. Menschen sind daher für ihre Existenzsicherung, ihre Biographieplanung etc. selbst verantwortlich und vom Markt abhängig.
Entzauberungsdimension: Der Mensch wird aus eingebundenen Ritualen gerissen und muss sich neu finden, d.h. mehr auf sich Selbst gestellt und für sein Handeln auch verantwortlich. Dadurch verlieren wir an Orientierung und Risiken müssen die Akteure selber verantworten.
Individuen werden in zunehmendem Maße auf sich selbst gestellt bzw. müssen ihr Leben in eigener ‚Regie’ führen und ‚Sinn’ herstellen.
Welche Ursachen hat die Individualisierung nach U. Beck?
Als Ursache der Individualisierung kann angeführt werden, dass durch den wirtschaftlichen Aufschwung in den 50er-60er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Fahrstuhl-Effekt nach oben erfolgte, was bedeutet, dass allgemein die Lebensbedingungen derart verbessert wurden, dass jedermann im Schnitt länger lebte, weniger arbeitete, aber mehr verdiente, und sich somit mehr leisten kann. Durch die Bildungsexpansion konnten immer mehr Menschen (v.a. Frauen) an immer besseren Bildungsangeboten teilnehmen. Die Mobilität (sowohl die räumliche als auch die soziale) stieg an..
Allgemein gilt: Je mehr Bildungsangebote vorhanden, desto größer ist auch die Wahlfreiheit und der Entscheidungszwang, je mehr Konsumgüter, desto mehr muss sich das Individuum entscheiden und das für ihn passende auswählen. Und je mehr Geld er hat, desto mehr kann er auch davon ausgeben für z.B. Bildung und Konsumgüter.
Ein Arbeiterkind konnte in der Industriegesellschaft durch die traditionale Bindung an Familie nur Arbeiterkind bleiben, in der zweiten Moderne hat es nun, z.B. durch BAföG (Stichwort: sozialrechtliche Versorgung), die Chance zu studieren und einen anderen, besseren bzw. besser bezahlten Weg einzuschlagen, als seine Eltern (Stichwort: soziale Mobilität).
Allerdings blieben trotz aller Verbesserungen und dem allgemeinen Mehr an Bildung, Recht, Mobilität, Wissenschaft, Einkommen und Konsum die sozialen Ungleichheitsrelationen größtenteils gleich. Auch die Ungleichheit zwischen Mann und Frau bleibt gleich, bzw. fällt noch mehr auf als zuvor.
Welche sozialen Folgen hat der Individualisierungsprozess?
Die Rahmenbedingungen bezüglich der Individualisierung verändern Lebenszusammenhänge (Klasse, Familie).
Die gesellschaftlichen Ungleichheitsrelationen bleiben trotz Fahrstuhleffekt bestehen. Die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen wird sichtbar. Frauen profitierten zwar durch die Bildungsexpansion in den 60er Jahren, jedoch auf dem Arbeitsmarkt sind sie weiter benachteiligt. Allerdings gelingt es Frauen, sich aufgrund der erlangten Bildung aus der Abhängigkeit/Versorgung durch Ehemänner zu lösen.
Aufgrund der beruflichen Mobilitätserfordernisse werden Partnerschaften zu Bindungen auf Zeit. Die Normalbiographie weicht einer "Bastelbiographie". Es entstehen neue Abhängigkeiten: das Individuum wird abhängig vom Arbeitsmarkt, der Bildung, von Konsumangeboten uvm.
Die Individualisierung bietet Chancen (Vielzahl an Wahlmöglichkeiten), jedoch damit verbunden auch den Entscheidungszwang und den Zwang zur Autonomie.
Jeder Mensch ist für sich selbst verantwortlich.
Was ist nach G. Schulze der zentrale gemeinsame Nenner der Lebensauffassung in unserer Gesellschaft?
Der zentrale gemeinsame Nenner ist die "Gestaltungsidee eines schönen, interessanten, subjektiv als lohnend empfundenen Lebens", womit. erlebnisorientiertes Handeln an Bedeutung gewinnt.
1. Faktor: Einerseits steigen die Einkommen bei gleichzeitig geringerer Arbeitszeit. Andererseits bietet der Markt eine Vielzahl an Waren und Dienstleistungen.
Schulze benennt diese beiden Entwicklungen als Veränderung des Verhältnisses von Subjekt und Situation.
....Grundlage ist die Mehrbedeutung des Lebensstandards...
2. Faktor: Im Wirtschaftssystems kam es zu einer Vervielfachung von Angeboten an Waren und Dienstleistungen, was zu einer riesigen Marktentwicklung führte und zur Dynamik für die Entwicklung einer Erlebnisgesellschaft beitrug!
Warum tritt nach Schulze unter den Bedingungen der Entgrenzung des Handelns die subjektiven Intentionen der Individuen stark in den Vordergrund?
Nicht nur Waren, auch Situationen werden frei wählbar (entgrenztes Handeln bzw. ist dem Individuum selbst überlassen, z.B. ob wann wie er sich bildet => Zunahme an Möglichkeiten. An die Stelle von Situationsarbeit tritt Situationsmanagement, da es gilt, aus den unzähligen Optionen auszuwählen Diese Entscheidungsprozesse werden von subjektiven Faktoren beeinflusst (individuelle Erfahrungen) und erfolgen nicht willkürlich, womit sie pfadabhängig sind und einem bestimmten Zweck folgen.