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Wickelschwanzskink
Corucia zebrata
© 2006 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die heutigen Kriechtiere (Klasse Reptilia) gliedern sich in vier verschiedene Ordnungen: erstens die Ordnung der Schildkröten (Chelonia) mit etwa 250 Arten, zweitens die Ordnung der Krokodile (Crocodylia) mit ungefähr 25 Arten, drittens die Ordnung der Schnabelköpfe oder Brückenechsen (Rhynchocephalia) mit einer einzigen Art, und viertens die Ordnung der Eigentlichen Schuppenkriechtiere (Squamata), welche mehr als 6500 wissenschaftlich beschriebene und benannte Arten von Echsen (Unterordnung Sauria), Schlangen (Unterordnung Serpentes) und Doppelschleichen (Unterordnung Amphisbaena) umfasst.
Mit rund 4000 Arten bildet die Unterordnung der Echsen die grösste Schuppenkriechtiersippe, und mit ungefähr 1200 Arten bildet die Familie der Glattechsen oder Skinke (Scincidae) die grösste Echsensippe - und mithin die artenreichste aller heutigen Reptilienfamilien.
Wie man aufgrund der grossen Artenzahl annehmen kann, weist die Skinkfamilie als Ganzes ein riesenhaftes Verbreitungsgebiet auf. Fast überall, wo es Reptilien gibt, finden sich auch Vertreter der Skinkfamilie. Allerdings befindet sich der Verbreitungsschwerpunkt der wärmeliebenden Tiere in den tropischen und subtropischen Regionen unseres Planeten. Die meisten Arten leben in Süd- und Südostasien sowie im australisch-polynesischen Raum.
Mit einer Gesamtlänge von gewöhnlich zehn bis dreissig Zentimetern, wovon durchschnittlich rund die Hälfte auf den Schwanz entfällt, sind die Skinke verhältnismässig kleine Echsen. Die allermeisten von ihnen sind Bodenbewohner. Zahlreiche leben sogar unterirdisch, wobei sich dieselben nicht wirklich eingraben, sondern gewissermassen in den oberflächennahen Schichten sandiger oder humoser Böden bzw. in der Streuschicht von Wäldern «umherschwimmen».
Tatsächlich ist bei den Skinken insgesamt eine Entwicklungstendenz festzustellen, welche von der ursprünglich oberirdischen zur spezialisierten unterirdisch-wühlenden Lebensweise führt. Damit verbunden ist eine ganze Reihe von Sonderanpassungen. Beispielsweise bildet bei vielen Skinken das untere Augenlid, das bei den Echsen normalerweise beweglich und beschuppt ist, ein durchsichtiges Fenster. So kann es beim Wühlen geschlossen und somit das Auge geschützt werden, ohne dass dem Tier die Sicht genommen wird.
Bemerkenswert ist aber vor allem die Tatsache, dass uns die Skinke in ihrer Formenvielfalt aufgrund der genannten Entwicklungstendenz zeigen, wie Echsen mit vier kräftigen Beinen allmählich zum beinlosen «Schlangentyp» übergehen können: Zunächst wird der Rumpf länger. Dann bilden sich die Gliedmassen zurück; sie werden zierlicher und büssen an Finger- und Zehenzahl ein, bis nur noch stummelartige Reste übrig bleiben. Dann verschwinden zuerst die Vorderbeine und endlich auch die Hinterbeine. Gleichzeitig wandelt sich die Bewegungsweise vom Schreiten zum Schlängeln.
Der grösste aller Skinke
Der unbestrittene Riese unter den Skinken ist der Wickelschwanzskink (Corucia zebrata)
: Erwachsene Individuen erreichen oftmals eine Gesamtlänge von 65 bis 70 Zentimetern (wovon 35 bis 40 Zentimeter auf den Schwanz entfallen) und können bis 800 Gramm auf die Waage bringen. Innerhalb der Skinkfamilie gehört der Wickelschwanzskink zur artenreichsten Unterfamilie, den Schlankskinkverwandten (Lygosominae). Dort steht er den im australasiatischen Raum heimischen Blauzungenskinken (Gattung Tiliqua
) am nächsten, welche - mit Körperlängen von bis zu 52 Zentimetern - ebenfalls zu den grössten aller heutigen Skinke gehören.
Die Heimat des Wickelschwanzskinks ist die östlich von Neuguinea im Westpazifik gelegene, politisch zweigeteilte Inselgruppe der Salomonen. Im Bereich des eigenständigen, dem britischen Commonwealth angegliederten Staates Salomonen kommt er auf den Inseln Shortland, Choiseul, New Georgia, Santa Isabel, Guadalcanal, Nggela, Malaita, San Cristobal, Ugi und Santa Ona vor. Im nordwestlichen Bereich des Archipels, welcher politisch zu Papua-Neuguinea gehört, findet man ihn auf den Inseln Bougainville und Buka.
In seinem Heimatarchipel bewohnt der Wickelschwanzskink hauptsächlich Primärwaldgebiete in mittleren Höhenlagen. Im Unterschied zu den allermeisten Skinkarten bewegt er sich dort nicht am Boden umher, sondern hält sich hoch über dem Boden im Kronenbereich mittelhoher bis hoher Bäume auf. Er ist kein sonderlich schneller, jedoch ein überaus wendiger Kletterer. Als besondere Anpassungen besitzt er erstens kräftige, mit starken Krallen bewehrte Gliedmassen und zweitens - wie sein Name besagt - einen langen, sehr beweglichen Greifschwanz, mit dessen Hilfe er sich im Geäst festklammern kann.
Zwar ist der Wickelschwanzskink nicht die einzige Echse, welche über einen greiffähigen Schwanz verfügt: Insbesondere setzen die mehrheitlich in Afrika und auf Madagaskar heimischen Chamäleons (Familie Chamaeleonidae) ihren Schwanz beim Klettern als Greifhilfe ein. Der Schwanz des Wickelschwanzskinks ist allerdings wesentlich beweglicher als derjenige der Chamäleons, und er hat einen deutlich kräftigeren Griff. Angesichts der Wichtigkeit, den der Schwanz bei der Fortbewegung des Wickelschwanzskinks hat, verwundert es nicht, dass er nicht «autotom», das heisst nicht abbrechbar und erneuerungsfähig ist, wie dies bei vielen anderen Echsen, darunter den meisten Skinken und Echten Eidechsen (Familie Lacertidae), der Fall ist.
Fadenwürmer als Nützlinge
Auch hinsichtlich seiner Ernährung ist der Wickelschwanzskink eine seltene Ausnahme innerhalb seiner Sippe, denn er ist ein Vegetarier. Zwar nehmen junge Wickelschwanzskinke - zumindest in Menschenobhut - gerne auch tierliche Stoffe zu sich. Die erwachsenen Individuen ernähren sich jedoch fast ausschliesslich von pflanzlicher Kost.
Vegetarische Echsen sind ein seltenes Phänomen. Die allermeisten heutigen Echsen ernähren sich vollständig oder grossenteils von Insekten und ähnlichen kleinen Tieren. Weltweit sind weniger als vierzig Echsenarten auf Pflanzenkost spezialisiert. Neben dem Wickelschwanzskink handelt es sich um ungefähr zwanzig Mitglieder der Leguanfamilie (Iguanidae), welche in Lateinamerika, auf den Galapagosinseln und in der Karibik beheimatet sind, ferner um die beiden Kurzkammleguane (Brachylophus spp.)
auf Fidschi und auf Tonga im Südwestpazifik, und schliesslich um die von Afrika bis Indien verbreiteten Dornschwänze (Uromastyx spp.)
sowie die im indomalaiischen Raum heimischen Segelechsen (Hydrosaurus spp.)
aus der Familie der Agamen (Agamidae).
Obschon die genannten Arten aus verschiedenen Familien stammen und sehr unterschiedliche Lebensräume bewohnen - einschliesslich der Wüste Sahara im Falle des Afrikanischen Dornschwanzes (Uromastyx acanthinurus)
und des Meeres im Falle der algenessenden, auf den Galapagosinseln vorkommenden Meerechse (Amblyrhynchus cristatus)
- weisen sie mehrere bemerkenswerte Gemeinsamkeiten auf. Dazu gehören vor allem ihre vergleichsweise stattliche Grösse und der ungewöhnliche Bau ihres Verdauungstrakts.
Pflanzenesser - und besonders Blattesser - haben spezielle Schwierigkeiten mit der Verdauung ihrer Nahrung. Die zellulosehaltigen Zellwände, welche den nährstoffreichen Zellinhalt umschliessen, sind chemisch sehr schwer zerlegbar. Wer sich von solch schwer verdaulicher Kost ernähren will, muss sich deshalb etwas einfallen lassen - und genau dies haben die vegetarischen Echsen im Laufe ihrer Stammesgeschichte allesamt getan: Sie haben einen Dickdarm entwickelt, der stark verlängert, komplex gefaltet und auf seiner ganzen Länge durch Klappen in einzelne Kammern unterteilt ist. In diesen Kammern zerlegen Bakterien und andere Mikroorganismen das Pflanzenmaterial in chemisch einfachere Bausteine, welche für ihren Wirt besser verwertbar sind. Damit die Bakterien genügend Zeit zur Verrichtung ihrer Arbeit erhalten, wird die Passage der Nahrung durch die besagte Länge, Faltung und Kammerung des Darms erheblich verlangsamt. Gewöhnlich dauert es mehrere Tage, bis ein Futterbissen den Darm passiert hat.
Interessanterweise ist der Darm der Vegetarier unter den Echsen praktisch immer von einer sehr hohen Zahl von Fadenwürmern (Nematoda) bewohnt. Darmbewohnende Fadenwürmer - welche bei den meisten Tieren einschliesslich des Menschen zu finden sind - gelten im Allgemeinen als Parasiten, welche ihrem Wirt schaden. Dies trifft vielfach, etwa beim Spulwurm (Ascaris lumbricoides)
, auch wirklich zu. Im Falle der pflanzenessenden Echsen finden sich jedoch gerade bei den besonders kräftigen Tieren sehr hohe Fadenwurmbestände im Darm, was darauf hindeutet, dass die Fadenwürmer ihrem Wirt keineswegs schaden, sondern ihm im Gegenteil nutzen, indem sie ihm bei der Verdauung seiner Kost behilflich sind.
In Menschenobhut nimmt der Wickelschwanzskink willig sehr verschiedene Pflanzenstoffe zu sich, was annehmen lässt, dass er sich auch in der freien Wildbahn eine recht abwechslungsreiche Kost zusammenstellt. Berichten zufolge verzehrt er besonders gern die Blätter der Efeutute (Epipremnum pinnatum)
, einer im Bereich Neuguineas weit verbreiteten Kletterpflanze aus der Familie der Aronstabgewächse (Araceae), welche bei uns als Zimmerpflanze sehr beliebt ist, obschon ihr Verzehr für Hauskatzen, Zwergkaninchen und auch für den Menschen giftig ist.
In der freien Wildbahn ist der Wickelschwanzskink mehrheitlich in der Morgen- und in der Abenddämmerung aktiv. Zum Ruhen sucht er oftmals eine Baumhöhlung auf. Manchmal hängt er sich aber auch an seinem Schwanz kopfüber vom Ende eines Astes herab. Dieses seltsame Verhalten, das auch von einigen madagassischen Chamäleonarten gezeigt wird, dient zweifellos der Feindvermeidung. Nähert sich ein Fressfeind - beispielsweise ein Waran - dem Wickelschwanzskink, so wird dieser aufgrund der Astbewegungen frühzeitig gewarnt und kann sich rechtzeitig aus der Gefahrenzone entfernen, indem er sich auf einen tiefer liegenden Ast oder auf den Waldboden fallen lässt. Verschiedene baumlebende Tierarten tun letzteres bei Lebensgefahr häufig, ohne dass sie dabei zu Schaden zu kommen scheinen.
Gesellig und lebendgebärend
Nicht allein sein Riesenwuchs, sein Greifschwanz, sein Baumleben und seine Pflanzenkost machen den Wickelschwanzskink zu einem ungewöhnlichen Mitglied der Skinkfamilie. Auch sein Sozialverhalten ist ausserordentlich. In der freien Wildbahn lebt der Wickelschwanzskink nämlich nicht einzelgängerisch, sondern in gemischtgeschlechtlichen Gruppen, welche jeweils eine bestimmte Baumgruppe oder sogar einen einzigen Baum bewohnen und ihre Streifzüge auf deren bzw. dessen Geäst beschränken. Auch in Menschenobhut leben mehrere erwachsene Tiere, welche gut aneinander gewöhnt sind, im Allgemeinen friedlich zusammen. Wird jedoch ein Neuling in eine bestehende Gruppe eingesetzt, so wird er fast immer heftig angegriffen und verjagt. Dies deutet - ebenso wie die Tatsache, dass die erwachsenen Tiere ihre Kletterrouten ständig mit einem wachsartigen Sekret markieren - darauf hin, dass die Wickelschwanzskinke gruppenweise Territorien besetzt halten.
Da auf den Salomonen ein äquatoriales Klima herrscht, das nur geringe Schwankungen im Jahresverlauf zeigt, ist das Fortpflanzungsgeschehen bei den Wickelschwanzskinken nicht saisonal geprägt. Während die meisten Reptilien und auch rund zwei Drittel aller Skinke Eier legen, sind die Wickelschwanzskinke lebendgebärend - genauer: ovovivipar. Die Weibchen legen nach der Paarung ihre befruchteten Eier nicht ab, sondern bewahren sie in ihrem Leib. Dort, gut geschützt, entwickeln sich die Keimlinge innerhalb ihrer Eihaut. Sie zehren während der gesamten Entwicklungszeit, welche mit sechs bis sieben Monaten überraschend lang ist, allein vom Eidotter, erhalten also von ihrer Mutter keine zusätzlichen Nährstoffe. Je Wurf kommen zumeist Einzelkinder oder Zwillinge, selten auch Drillinge zur Welt.
Bei der Geburt sind die jungen Wickelschwanzskinke recht gross und weit fortgeschritten: Sie weisen eine Länge um 30 Zentimeter und ein Gewicht von gut 100 Gramm auf. Zwar können sie sofort selbstständig Nahrung zu sich nehmen, doch bleiben sie noch bis zum Alter von etwa sechs Monaten eng mit ihrer Mutter verbunden und lassen sich mitunter sogar auf ihrem Rücken umhertragen. Die Brutpflege hat also bei den Wickelschwanzskinken insgesamt einen für Reptilien aussergewöhnlich hohen Stand erreicht. Die Geschlechtsreife tritt im Alter von drei bis vier Jahren ein. In Menschenobhut sind Wickelschwanzskinke wiederholt über 15 Jahre alt geworden.
Terrarianer erregen Besorgnis
Es erstaunt kaum, dass der ungewöhnliche Wickelschwanzskink die Aufmerksamkeit der Terrarienliebhaber schon früh erregt hat. Lange Zeit bewegte sich die Zahl der gehandelten Individuen auf tiefem Niveau. In den 1980er Jahren nahm jedoch der Export lebender Wickelschwanzskinke aus den Salomonen (hauptsächlich nach Europa und in die USA) sprunghaft zu. Da die Fortpflanzungsrate der Art gering ist und zudem der verfügbare Lebensraum aufgrund von Waldrodungen stetig schrumpft, wurden von Seiten der internationalen Arten- und Naturschutzorganisationen alsbald Bedenken geäussert. 1992 wurde der Wickelschwanzskink darum in den Anhang II der Internationalen Konvention über den Handel mit gefährdeten Arten (CITES) aufgenommen. Dies bedeutet, dass der internationale Handel mit den Tieren überwacht wird. Ferner müssen die Exportländer sicherstellen, dass durch den Fang und die Ausfuhr der Tiere die frei lebenden Bestände nicht geschädigt werden.
Wir wissen nun dank dieser Überwachung, dass rund 2500 Individuen jährlich exportiert werden. Da wir aber kaum Informationen über die Bestandssituation der frei lebenden Wickelschwanzbestände haben, können wir schlecht einschätzen, ob diese Quantität nachhaltig ist oder nicht. Das verhältnismässig grosse Verbreitungsgebiet der Art innerhalb des Archipels und die verhältnismässig hohen Bestandsdichten, welche vegetarische Echsen erreichen können, lassen vermuten, dass der Fang in dieser Grössenordnung keine allzu grosse Schädigung der Gesamtpopulation bewirkt. Andererseits ist die Gefahr gross, dass lokale Bestände in gut zugänglichen Inselbereichen massiv übernutzt werden.
Aufgrund der Unsicherheiten über die Auswirkungen des Handels mit lebenden Wickelschwanzskinken haben verschiedene Importländer striktere Bestimmungen erlassen. So erlaubt die EU den Import von Wildtieren nicht mehr. Es dürfen also nur noch nachweislich in Gefangenschaft gezüchtete Wickelschwanzskinke eingeführt werden. Erfreulicherweise nimmt deren Zahl dank allgemein verbesserter Haltungsbedingungen inner- wie ausserhalb der EU stetig zu.
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