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Weil er erst im April 1964 und nicht schon im Herbst des Vorjahres präsentiert wurde, war der sensationelle Ford Mustang zu spät für das Modelljahr 1964 und zu früh für 1965. Also wurde er zum berühmten Modell 1964½. Dessen offizielle Weltpremiere fand nämlich am 17. April 1967 statt. Das ist aber nicht ganz richtig, denn es gab eine offizielle Vorpräsentation durch Lee Iacocca himself in New York am Sonntag, 13. November 1964.
Und selbst das ist nicht die allererste Präsentation, denn einen Tag zuvor erfolgte eine exklusive Vorstellung für Pressevertreter in sechs wichtigen Weltstädten – unter anderem auch im Kursaal Bern, wo ein rotes Cabriolet mit weissem Dach unter einem riesigen Berg von Ballons auf seine grosse Enthüllung durch Ford-Schweiz-Chef John Hirsch und den US-Botschafter wartete. Dieses besondere Auto ist übrigens noch immer in der Schweiz unterwegs.
Wenig Technik, viel Design
Der spätere Megaerfolg war dem guten Riecher des Generaldirektors der Ford Division, Lee Iacocca, zu verdanken. Er träumte von einem erschwinglichen Sportwagen für jugendliche Käufer und junge Familien. Nach US-Verhältnissen ist der Mustang sehr kompakt, kann aber trotzdem problemlos vier oder fünf Personen plus Gepäck aufnehmen und ist mit seinem Preis ab 2368 US-Dollar für das 122 SAE-PS starke Sechszylinder-Coupé eine Alternative zu einem Occasionenstrassenkreuzer aus dem vorigen Jahrzehnt.
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Ford Mustang Cabrio 1967
Die technische Basis lieferten die beiden Brot-und-Butter-Autos Falcon und Fairlane. Der kräftige Plattformrahmen ermöglichte einen verwindungssteifen Aufbau, der auch ein Cabriolet ermöglichte. Die Vorderräder waren einzeln an oberen Dreieckslenkern und unteren Querlenkern geführt, während hinten eine Starrachse mit halbelliptischen Blattfedern zum Einsatz kam. Diese «Bahnwaggon»-Achse blieb dem Mustang übrigens bis 2014 erhalten, als endlich eine Einzelradaufhängung kam, und erklärt, wie der Mustang «funktioniert».
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Discountpreis dank überschaubarer und preiswerter Einfachst-Grossserien-Technik, ausgerüstet mit einem starken Sechs- oder Achtzylinder, verpackt in einem betörenden Karosseriekleid. Dieses lieferten die beiden Designer Dave Ash und Joe Oros – lange Fronthaube, knapp geschnittene Kabine, breites Heck, keine Flossen, keine Ornamente. Zu Beginn gab es das Hardtop-Coupé und das in den USA als Convertible bezeichnete Cabriolet. Das heute so begehrte Fastback-Coupé kam erst zum Modelljahr 1965.
Enorm erfolgreich
Schon am Abend des erwähnten 17. April 1964 waren 22 000 Mustangs verkauft, der geplante Jahresausstoss von 100 000 Exemplaren nach drei Monaten ausgeschöpft. Die erste, heute als Mustang I bekannte Generation wurde insgesamt in vier Untergenerationen bis hin zum dicken Grande der Modelljahre 1970 bis 1973 gebaut. Schlussendlich waren es zur Ablösung durch den kleineren Mustang II im Jahr 1974 gemäss Mustang Club of Switzerland exakt 2 978 271 Einheiten. Fast drei Millionen Autos sind ein Riesenerfolg. Aktuell läuft die kürzlich präsentierte, siebte Generation vom Band, die sich weiterhin von der Elektrifizierung fernhält.
Passtauglich oder nicht?
Unser 1967er-Convertible hört auf den Namen «Sally», gehört der Klassikervermietung Rent a Classic und ist in der ehemaligen Maggi-Fabrik in Kemptthal zu Hause. Es ist mit dem 4,7 Liter grossen V8 mit 203 SAE-PS ausgerüstet und einer Dreigang-Automatik kombiniert. Der 1967er-Jahrgang unterschied sich stark von der Urversion von 1964½ durch eine in allen Dimensionen gewachsene Karosserie, die sich optisch vor allem durch die modifizierte Front, die geänderten seitlichen, funktionslosen Lufteinlässe sowie die jetzt konkav statt konvex ausgeführte Heckblende mit mittigem Tankverschluss abhebt.
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Auf der Homepage heisst es über Sally, sie sei «ein klassischer Cruiser, der sich auf offenen Landstrassen am wohlsten fühlt. Oder wie wäre es mit einer Runde um den schönen Bodensee?» Konsequenterweise heisst es weiter: «Wir empfehlen dieses Fahrzeug NICHT für Passfahrten.» US-Car-Fahrer kennen natürlich das Vorurteil, das man gegen ihre Autos hegt. Sie seien für die damaligen niedrigen Tempolimits und für das gemütliche Fahren über lange Strecken gebaut worden und würden vor engen Kurven aufgrund ihrer Grösse und der wenig ausgeklügelten Fahrwerke kapitulieren. Auch würden die Trommelbremsanlagen, die in den meisten US-Klassikern verbaut sind, bergab versagen.
Genügend Leistung
Dazu reagieren wir mit dem Hinweis, dass unsere Väter und Grossväter mit weit schlimmeren Autos über die Pässe an die Adria gefahren sind, als es der 1967er-Mustang ist. Und sie haben es überlebt. Ausserdem muss man sich auf die Eigenheiten eines jeden Oldtimers einstellen, wenn man ihn fährt. Man kann also auch mit dem Mustang die Berge hoch.
Leistung ist genug da, in die Kurven lenkt er auch ein und sogar wieder zurück in die Gerade. Einen Bergsprint gegen einen Lotus verliert er natürlich. Ganz normale oder sogar zügige Fahrt verdaut das Pony aber problemlos. Wichtig ist, dass man sich aufgrund der kaum Seitenhalt bietenden und mit glatter Kunstlederoberfläche bezogenen Sitze angurtet oder wenigstens darauf achtet, irgendwo Halt zu finden.
Das Fahrwerk hält nicht mit
Tatsächlich waren insbesondere europäische Tester damals nicht so begeistert, dass Ford zwar Motoren jenseits der 200 PS anbot, aber das Fahrwerk und die Bremsen von der 122-PS-Version übernahm. Scheibenbremsen gab es beim 1967er-Jahrgang übrigens gegen Aufpreis, während die in die Schweiz offiziell importierten Mustangs serienmässig damit ausgestattet waren. Wer ein Trommelbremsenexemplar hat, kann die Scheiben somit problemlos nachrüsten. Und man kann die Bremsen mithilfe von frühzeitigem Runterschalten, kurzem Bremsen und längeren Abkühlzeiten vor Fading bewahren. Nicht nur beim Mustang.
Reinstes Fahrvergnügen
Geniessen wir also unseren Cruiser. Die braune Kunstledergarnitur kontrastiert prima mit dem sportlichen Rot und dem weissen Dach. Das Cockpit mit Holzimitat und verchromten Rundinstrumenten ist gleichzeitig sportlich und elegant. Fragen? Nein, einfach Motor an, D reinlegen und los. Der Klang ist betörend, insbesondere wenn er von Begrenzungsmauern zurückgeworfen wird. Zudem sind die 383 Nm schon bei 2400 Touren voll da. Also doch auf einen Bergpass? Wir haben keine Sekunde das Gefühl, dass das Fahrwerk unserer doch auch mal zügigen Fahrweise nicht gewachsen ist: Sally beschleunigt, lenkt und bremst perfekt.
Kein Tiefpreis-Klassiker
Übrigens ist die robuste Technik bei guter Pflege äusserst langlebig. Wer mit einem Mustang liebäugelt, muss sich allerdings bewusst sein, dass er ein äusserst gesuchtes und beliebtes Auto im Auge hat. Feine originale oder toprestaurierte Exemplare sind teuer, weniger gute mit Nachholbedarf ebenfalls. Ein Grund, sich keinen Mustang zu kaufen, ist tatsächlich der hohe «Kilopreis» – man bekommt für viel Geld relativ wenig Auto. Andere Amerikaner bieten fürs gleiche Geld mehr Formen, mehr Falten, mehr Flossen, mehr Flitter. Aber das ist dann auch wirklich der einzige Grund. Alles andere spricht für den Mustang. 2 978 271 Käufer können sich schliesslich nicht irren.
Technische Daten/Gebrauchtwagendaten
Ford Mustang Convertible 1967 / Motor: V8-Benziner / Hubraum: 5728 cm3 / Bohrung x Hub: 101,60 x 72,89 mm / Leistung: 149 kW/203 SAE-PS bei 4400/min / 42,9 PS/l / Drehmoment: 383 Nm bei 2400/min / Getriebe: 3-Gang-Automat / Antrieb: Hinterrad / Verbrauch: ca. 15–19 l/100 km / Beschleunigung 0–100 km/h: k. A. / Höchstgeschwindigkeit: ca. 180 km/h / Abmessungen L/B/H: 4665/1800/1310 mm / Radstand: 2745 mm / Reifen v./h.: 185 R 14 / Leergewicht: 1389 kg / Tankinhalt: 61 l /
Preis 1967: 18'900 Franken / Zeitwert: 60'000 bis 70'000 Franken.
Text: Stefan Fritschi
Bilder: Dario Fontana