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In der Intelligenzdiagnostik ist neben der Ermittlung eines Gesamtintelligenzquotienten (Gesamt-IQ) auch die Ermittlung individueller kognitiver Stärken und Schwächen oft ein zentraler Bestandteil. Letzteres soll durch die Bildung von Faktorenprofilen ermöglicht werden, deren Popularität bereits heute gross ist und welche weiter an Bedeutung gewinnen. Doch was sagt eigentlich die Forschung zum Nutzen des Gesamt-IQs versus eines Intelligenzprofils für die Diagnostik und Interventionsplanung? Ist mehr Information tatsächlich besser? von Silvia Grieder
Inter- versus intraindividuelle Auswertung
Die meisten Intelligenztests ermöglichen sowohl eine inter- als auch eine intraindividuelle Auswertung der Testleistung einer Person. Für die interindividuelle Auswertung werden die Testwerte einer Person mit denjenigen von Gleichaltrigen der Normstichprobe verglichen. Für die intraindividuelle Auswertung werden hingegen mehrere Testwerte einer Person miteinander verglichen, womit relative Stärken und Schwächen identifiziert werden sollen. Oft geschieht dies mit dem Ziel, diese Informationen für die Diagnostik und weitere Behandlungsplanung zu nutzen. Im Bereich der Intelligenzdiagnostik wird in diesem Zusammenhang vom sogenannten Faktorenprofil gesprochen.
Aktuelles Verständnis von Intelligenz und dessen Messung
Gemäss heutigem Verständnis setzt sich die Intelligenz aus der generellen Intelligenz (allgemeine geistige Kapazität, die sich in allen Intelligenztestleistungen zeigt) und mehreren untergeordneten Faktoren (z.B. Kurzzeitgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit) zusammen. In Intelligenztests wird die generelle Intelligenz durch den Gesamt-IQ repräsentiert, welcher typischerweise die durchschnittliche Leistung über alle Untertests hinweg abbildet. Bei Intelligenztests, die ein Faktorenprofil ermöglichen, werden die Faktoren über Faktorenindizes repräsentiert, welche jeweils die durchschnittliche Testleistung in den dazugehörigen Untertests abbilden. Bei diesen Tests kann also zusätzlich ein Faktorenprofil erstellt und ausgewertet werden.
Bisherige Forschungsbefunde zu Faktorenprofilen
Trotz der zunehmenden Betonung von Faktorenprofilen in Theorie und Praxis zeigen empirische Befunde zunehmend Einschränkungen von Faktorenprofilen auf (McGill, Dombrowski & Canivez, 2018). Zum einen erklären die Faktorenindizes deutlich weniger Varianz in den Untertests als der Gesamt-IQ. Letzterer erklärt den mit Abstand grössten Teil der gemeinsamen Varianz der Untertests, meist weit mehr als alle Faktoren zusammen (z.B. Canivez, Grieder & Bünger, 2020, für den deutschen WISC-V). Den Faktorenindizes fällt damit im Vergleich zum Gesamt IQ deutlich weniger Bedeutung zu.
Faktorenprofile im Zeitverlauf unstabil
Zudem wurde vermehrt festgestellt, dass Faktorenprofile unstabil sind. Das heisst, bei mehrmaliger Testung derselben Person mit demselben Testverfahren entstehen unterschiedliche Faktorenprofile. Die intraindividuellen Stärken und Schwächen verändern sich also von einem Testungstermin zum nächsten und lassen sich nicht besser als zufällig replizieren. Beispielsweise berechneten Macmann und Barnett (1997), dass bei knapp zwei Dritteln der untersuchten Personen mindestens eine signifikante Stärke oder Schwäche in einem Faktorenindex zufällig zustande kam. Folglich liessen sich auch bestimmte Differenzen zwischen Faktorenindizes (z.B. Verbal- vs. Handlungs-IQ) nicht zuverlässig replizieren, sondern variierten ebenfalls von einer Testung zu nächsten.
Zusätzlicher Nutzen von Faktorenprofilen?
Schliesslich gibt es bis heute keine empirische Evidenz für einen zusätzlichen Nutzen von Faktorenprofilen über den Gesamt-IQ hinaus, weder für die Diagnostik noch für die Planung und Wirksamkeit von Interventionen. Beispielsweise wurde gefunden, dass spezifische kognitive Schwächen (wie sie mit Faktorenprofilen festgestellt werden) die entsprechenden spezifischen schulischen Schwächen nicht besser vorhersagen konnten als der Gesamt-IQ. Somit kann beispielsweise ein verbaler Intelligenzindex die Leistungen in sprachlichen Fächern nicht besser vorhersagen als ein Gesamt-IQ, der sich aus verbalen und nonverbalen Anteilen zusammensetzt. Ausserdem haben Profilanalysen eine geringe Sensitivität und Vorhersagekraft für Lernstörungen, wie zum Beispiel einer Lese-Rechtschreib-Störung oder einer Rechenstörung, und sind somit ungeeignet für eine zuverlässige Diagnostik dieser Störungen.
Bezüglich Interventionen fand eine Meta-Analyse zudem höchstens kleine Effekte von schulischen Interventionen, welche auf spezifische kognitive Daten – wie zum Beispiel Faktorenindexwerte – gestützt waren. Für die Planung schulischer Interventionen sind der Gesamt-IQ sowie direktere Masse der schulischen Leistungen, wie zum Beispiel ein Lese- und Rechtschreibtest, besser geeignet.
Fazit für die intelligenzdiagnostische Praxis
Was sind nun die Folgen dieser Ergebnisse für die Praxis? Die Befundlage legt nahe, dass die Faktorenindizes und das Faktorenprofil einer Person weder inter- noch intraindividuell interpretiert werden sollten. Für die Intelligenzdiagnostik reicht es deshalb in den meisten Fällen aus, kurze Intelligenztests zu verwenden, welche die generelle Intelligenz gut messen (dazu reichen i.d.R. 4 Untertests, siehe Farmer, Floyd, Berlin & Reynolds, 2019).
Natürlich sollten bei der Wahl des Intelligenztests auch immer individuelle Merkmale der Testperson, welche die Gültigkeit der Ergebnisse einschränken könnten (wie z.B. Fremdsprachigkeit) berücksichtigt werden. Die Diagnostik und Behandlungsplanung sollten also primär auf dem Gesamt-IQ, und für die meisten Fragestellungen auch auf weiteren Tests sowie Verhaltensbeobachtungen und Anamnesen basieren.
Literatur
Canivez, G. L., Grieder, S. & Bünger, A. (2020). Construct validity of the German Wechsler Intelligence Scale for Children – Fifth Edition: Exploratory and confirmatory factor analyses of the 15 primary and secondary subtests. Manuskript zur Publikation eingereicht.
Farmer, R., Floyd, R., Berlin, K. S. & Reynolds, M. (2019). How can general intelligence composites more accurately index psychometric g and what might be good enough? Contemporary School Psychology, Online Vorabpublikation. doi:10.1007/s40688-019-00244-1
Kranzler, J. H., Floyd, R. G., Benson, N., Zaboski, B. & Thibodaux, L. (2016a). Classification agreement analysis of cross-battery assessment in the identification of specific learning disorders in children and youth. International Journal of School and Educational Psychology, 4, 124-136. doi:10.1080/21683603.2016.1155515.
McGill, R. J., Dombrowski, S. C. & Canivez, G. L. (2018). Cognitive profile analysis in school psychology: History, issues, and continued concerns. Journal of School Psychology, 71, 108-121. doi:10.1016/j.jsp.2018.10.007
Silvia Grieder
M.Sc. Silvia Grieder studierte an der Universität Basel Psychologie (mit Schwerpunkt Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie) und ist als Doktorandin und Lehrstuhlassistentin an der Abteilung für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie in einem Projekt zur Entwicklung testpsychologischer Verfahren tätig. Durch Ihre Beteiligung bei der Normierung und Validierung der Stanford-Binet Intelligence Scales Fifth Edition (SB5) – Deutschsprachige Adaptation sowie der Intelligence and Development Scales-2 (IDS-2) und bei der derzeitigen Entwicklung eines sprachfreien und kulturfairen Intelligenztestverfahrens verfügt sie über fundierte Kenntnisse in der Forschung und Entwicklung sowie der Anwendung von Intelligenztestverfahren. Zudem verfügt sie durch Praktika an der Fakultät für Psychologie in Basel sowie der Psychiatrie Baselland über praktische Erfahrung.