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Was für eine Begrüssung! Auf dem Boden des Flughafens Tiflis steht «The city that loves you». Das kostenlose WiFi der georgischen Hauptstadt heisst «Tbilisi Loves You», und Feriengäste sind für die Georgier ein Geschenk des Himmels. Das sagt schon viel aus über das Facebook-verrückte Land zwischen der Türkei und Russland.
Der eurasische Staat, der erst vor gut 25 Jahren unabhängig von der Sowjetunion wurde, lädt geradezu ein, während einer Rundreise entdeckt zu werden. Starten wir in der Hauptstadt Tiflis, in deren Umgebung etwas weniger als die Hälfte der vier Millionen Einwohner lebt.
Einer von ihnen ist der in Ittigen BE aufgewachsene Falk Spörri (44), der oberhalb der Altstadt wohnt. Er studierte in Deutschland Wirtschaft und lernte während des Studiums einen Georgier kennen, der ihm einen Job in seiner Firma anbot. Spörri sagte sich «das ist doch mal etwas anderes», zog 2004 nach Tiflis und war an der Planung von Hotelprojekten beteiligt.
Just zu jener Zeit, als der damalige Präsident Georgiens, Micheil Saakaschwili, das Land einem gewaltigen Reformprozess unterzog – etwa durch ein investorenfreundliches Steuersystem, die Digitalisierung öffentlicher Dienste oder die Wiederherstellung der Strom- und Wasserversorgung. Bis dahin und unter dem als korrupt bekannten Vorgänger Eduard Schewardnadse (er ist 2014 gestorben) war Georgien in einer postsowjetischen Tristesse gefangen, ohne staatliche Ordnung, dafür mit weitverbreiteter Korruption. «Damals gab es Stromunterbrüche, die Strassen waren in einem erbärmlichen Zustand. Georgien gehörte als Tourismusziel sowie als Lieferant von Zitrusfrüchten und Wein zu jenen Ländern, die am meisten unter dem Ende der UdSSR litten», erinnert sich Spörri. Wenn von Politikern die Rede ist: Der bekannteste Georgier ist noch immer Diktator Stalin, der in Gori geboren wurde. 1957 wurde dort ein Museum über sein Leben eröffnet, das man noch heute besichtigen kann.
Saakaschwili, der heute Gouverneur im ukrainischen Odessa ist und die georgische Staatsbürgerschaft gegen die ukrainische tauschte, setzte der Korruption im Alltag ein Ende und baute Georgien zum funktionierenden Staat um. Er entliess dazu auf einen Schlag 50'000 altgediente Polizisten. Die Folgen dieser Aktion sind heute noch zu sehen: Sämtliche Polizeigebäude bestehen aus Glas. Sie sollen symbolisch ausdrücken, dass Schluss mit dunklen Korridoren ist: Im Staat an der Nahtstelle zwischen Europa und Asien hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Falk Spörri urteilt: «Im Vergleich zu den Nachbarländern ist der georgische Staatsapparat nun viel moderner aufgestellt. Das erleichtert den Alltag.» Gas-, Wasser- und Stromrechnungen bezahle man jetzt monatlich mit E-Banking – ein Aufwand von zwei Minuten. Heute lässt sich die kleine, unabhängige Kaukasusrepublik mit ihrer Effizienz, hohen Sicherheit und tiefen Korruption durchaus mit der Schweiz vergleichen.
Das gilt gerade auch für die landschaftliche und kulturelle Vielfalt. Freilich erheben sich die Berge in Georgien bis auf über 5000 Meter, und Steppenwüsten wechseln sich mit dem subtropischen Klima am Schwarzen Meer ab, wo Bambus und Tee wachsen. «Wir sind hier klimatisch und kulinarisch verwöhnt», sagt Spörri, der heute als selbständiger Unternehmensberater sein Geld verdient. Zu seinen Lieblingsrestaurants in Tiflis gehören das «Littera» mit Gourmetküche im historischen Literaturhaus sowie das «Shavi Lomi» mit seiner traditionellen georgischen Küche.
Erstaunlich, dass trotz der Vielfalt und hohen Qualität der Angebote die einstige Sowjetrepublik bei uns noch immer fast unbekannt ist; die grosse Mehrheit der Touristen stammt aus den ehemaligen Staaten der UdSSR.
Auch in Tiflis zeigt sich die Handschrift Saakaschwilis: Er war Initiator zahlreicher moderner Gebäude sowie der Friedensbrücke, auf der heute die Fussgänger vom Rike Park zur sehenswerten Altstadt gelangen. In der Nähe findet jeweils von 10 bis 17.30 Uhr auf der als «Dry Bridge» bekannten Brücke täglich ein Flohmarkt statt, wo man Übrigbleibsel aus der Sowjetzeit kaufen kann. Gleich daneben stellen Künstler ihre Werke aus.
Oberhalb der Altstadt kommt ein Gebäude mit Helikopterlandeplatz und Swimmingpool zum Vorschein, das an einen James-Bond-Film erinnert: Es ist das Anwesen von Bidsina Iwanischwili, Unternehmer und geschätzte fünf Milliarden Franken schwerer Politiker, der von seinem Zuhause auf den Präsidentenpalast herunterschaut – ein Bild mit Symbolcharakter.
Wir reisen weiter in die Region Kakheti im Osten des Landes. «Ein Muss für Weininteressierte», sagt Spörri. Die Georgier sind stolz auf ihre 8000-jährige Weintradition und die gegen 500 verschiedenen Traubensorten. Die Rebensäfte sind wild, ungewöhnlich (weil sie teilweise in Amphoren gereift sind) und manchmal erfolgreich. Das Weingut Khareba mit seinen kilometerlangen Tunnelschächten erhielt am renommierten Brüsseler Weinwettbewerb Concours Mondial eine Goldmedaille. Selbst unter sowjetischer Herrschaft von 1921 bis 1991 konnten die Georgier Wein für den Eigenbedarf keltern.
In Kakheti findet man auch das pittoreske Dörfchen Sighnaghi sowie das Kloster David Gareja, das mit seinen mittelalterlichen Fresken zu den bedeutendsten Sehenswürdigkeiten des Landes zählt. Die Zahl der Gotteshäuser ist im christlich geprägten Georgien mit seinem eigenen Alphabet ohnehin riesig. Es kommt zu Begegnungen mit tiefgläubigen Bewohnern, die sich beim Passieren jeder Kirche bekreuzigen. Über 90 Prozent der Einheimischen gehen regelmässig in die Kirche. Lohnenswert ist, den Hügel hinter dem Kloster, wo einst 2000 Mönche hausten, hochzuwandern und auf die Grenze nach Aserbaidschan zu blicken. Die Aussicht auf die Steppenwüste und die unendliche Weite ist überwältigend.
Auch in Kakheti, genauer im Dorf Shalauri bei Telavi, befindet sich «Marleta’s Farm». In ihrem Haus bewirten Sophia Gorgadze und ihr Mann Levan Tsaguria seit 2016 Gäste mit eigenem Brot, frischen Pilzen, herzhaften Fleischportionen, Salat und ihrem hausgemachten Ziegenkäse, der Weltklasse ist. Wer in den georgischen Alltag eintauchen möchte, sollte sich spätestens 24 Stunden vorher bei der Farm melden (E-Mail: <email-pii>). Das Ehepaar lebte bis 2001 in Atlanta, was man am amerikanischen Akzent von Sophia unschwer erkennt.
Das Haus bietet Sicht auf die Ausläufer des Kaukasus. Dort gilt das unscheinbare Dorf Stepanzminda auf 1700 Meter über Meer und nur noch ein paar Kilometer von der russischen Grenze entfernt als Zentrum für Wandern, Bergsteigen, Mountainbiking oder Riverrafting. Die Region ist als Kazbegi bekannt. Auf dem kurvigen Weg dorthin verkaufen Bauern am Strassenrand Tomaten – vermutlich die aromatischsten der Welt –, Gemüse, Honig undFrüchte.Immer wieder und oft unvermittelt trotten Kühe über die Fahrbahn. Manchmal keucht ein bald auseinanderfallender Lada um die Kurve.
Wir fahren weiter Richtung Westen ans Schwarze Meer nach Batumi. Das Seebad mit seinem Boulevard und einem über zehn Kilometer langen Kieselstrand verströmt einen Hauch von Côte d’Azur. Nur sind die meist russischen Touristen in Trainerhosen und T-Shirts unterwegs.
An vielen Orten werden moderne Glasbauten hochgezogen, und im Zentrum erinnert die Piazza an Venedigs Markusplatz. Es sieht alles piekfein aus, und man fragt sich, wer sich das leisten kann, wenn man weiss, dass ein Bankangestellter 1000 Lari (rund 420 Franken) pro Monat verdient.
Dafür kann man für weniger als zehn Franken Abendessen – inklusive Hauswein. Gewarnt sei vor dem Tschatscha, der bei den so gastfreundlichen Georgiern gerne ausgeschenkt wird: Der traditionelle Tresterbrand hat es in sich! Immerhin hilft das heimtückische Wässerchen, danach locker das Tanzbein zu schwingen. Auch das gehört zu Georgien, das Europa gesellschaftlich und politisch näher ist, als so mancher denkt. Kein Wunder, urteilt der amerikanische Newskanal CNN: «One of Europe’s hottest new destinations».
Die Reise wurde unterstützt von Georgian National Tourism Administration (GNTA). www.georgia.travel
Fotograf: Reto E. Wild