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Das Gemälde
von Cedric Weidmann
Der Song heisst Initiate.
Seit sie bemerkt hatte, dass er in sie verliebt war, versuchte sie ihm aus dem Weg zu gehen. Sie konnte seine Bemühung, sich nichts anmerken zu lassen, nicht ertragen. Jeder seiner Sätze zitterte unter dem Versuch, ihn nebensächlich auszusprechen, und beim Gespräch nahm er den Blick immer wieder von ihr weg, um ihn einer Kaffeetasse oder einem Wandgemälde zuzuwenden. Er gab sich langweilig, obwohl er das nicht war, und «wusste oft nicht, was sagen». In Verabschiedungen und Begrüssungen hatte er mit grossem Geschick unangenehme Kleinigkeiten eingefügt, dass er ihr zum Beispiel nur einen Kuss statt drei gab oder, wenn sie ein persönliches Gespräch gehabt hatten, ihr die Hand schüttelte. Über all das lachte er, um sich nicht den Anschein von Befangenheit zu geben, die man als versteckte Zuneigung auslegen könnte. Er gab sich grosse Mühe, ohne Verlegenheit oder eine andere Entschuldigung vorzuschützen, ein unangenehmer Umgang zu sein. Das fand sie eigentlich süss, aber er war gut darin: Sie fand ihn wirklich unangenehm. Sie nahm ihm übel, dass er sich seine Verliebtheit hatte anmerken lassen.
Er war ganz nett, auch als ihr Chef. Aber dann hat er angefangen zu malen, und das ausgerechnet dann, als er schnell die Gespräche unterbrach und «nichts mehr zu sagen» wusste. Sie konnte sich keine grössere Ironie vorstellen als diese: Der Leiter einer kleinen Werbeagentur beginnt plötzlich zu malen, gewinnt zwei Preise, erhält eine Ausstellung in Kopenhagen — und wird gleichzeitig langweilig, dröge und unangenehm. Er war ein sehr attraktiver Mann, ein talentierter Werber, ein nachsichtiger Chef, der, und auch das machte ihn doch interessant, in seine Angestellte verliebt war. In dieser Verliebtheit musste er einen Entschluss gefasst haben, seine erste Leinwand, jungfräuliche Pinsel gekauft und geordnet und sich eine kleine Auszeit genommen haben, um riesige Panoramen bei kaum vorhandenem Licht in der Garage zu malen, auf denen abgründige Schattenwesen, Allegorien von zeitgenössischen Lifestyles (der Hipster, der Entrepreneur, die Ernährungsbewusste), in stilisierten Schlachtgemälden einander zerfetzten. Aber wenn er ihr begegnete, tat er so gewöhnlich und als würde er sie gar nicht lieben, nicht einmal ein bisschen. Diese Lüge war so schwer für sie, dass sie, ausser in den gelegentlichen Sitzungen, in denen es unvermeidlich war, ihm und seinem Büro fern blieb. Er meldete sich in den Meetings kaum zu Wort und als sie einmal eine Idee präsentierte und er ohne Charme die Vor- und Nachteile des Vorschlags mit einer Miene auseinanderbröselte, als hätte er die ganze Nacht nicht geschlafen, und als aus Mitleid selbst ihre Mitarbeiter sie mehr lobten und mit ihr flirteten, blieb sie nicht mehr zum Wochenendapéro, sondern fuhr direkt in den Baumarkt, kaufte einen Eimer Fixativ, eine grosse Staffelei, vierzehn Pinsel und die grellsten Farben, die sie finden konnte. Sie war richtig gut in der Schule gewesen, sie war sogar auf die Kunsthochschule eingeladen worden, dachte sie, während sie die Tür des Estrichs abschloss, die Stirnlampe einschaltete und sich auszog, um die Arbeitskleider nicht dreckig zu machen. Sie war immer schon langweilig gewesen, man hat sie im Gymnasium sogar als langweilig bezeichnet, das konnte unter ihrer Fassade von Schlagfertigkeit und Humor jederzeit wieder hervorbrechen, musste vielleicht sogar. Grinsend malte sie den ersten Strich. Man würde noch sehen, wer bald «weniger zu sagen wusste.»