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«Die Geschichte ist noch nicht da. Sie wird kommen, aber diesmal sind wir früher dran. Vielleicht können wir dieses Mal bereit sein, sie unter unseren eigenen Bedingungen in Angriff zu nehmen.» Die Dialogzeile aus «First Cow» (2019) funktioniert zwar nur mit der Doppeldeutigkeit der deutschen Übersetzung von «History» als ideale Metapher, um das Kino von Kelly Reichardt zu beschreiben, aber sei es drum. Mit der Geschichte im Sinne einer Erzählung ist es in ihren Filmen tatsächlich so: Es wirkt immer ein wenig, als ob sie noch nicht ganz da wäre, als ob sie nächstens beginnen würde – aber dann läuft schon der Abspann, und man fragt sich, wie man diesen Figuren so nahe kommen konnte, ohne dass sie irgendetwas «Besonderes» erlebt hätten.
Ein Saal an der Sorbonne, aber kaum Geld
Wohl nirgends ist dieser Effekt stärker spürbar als in Reichardts zweitem Film «Old Joy» (2006). Über zehn Jahre waren da seit ihrem Debüt «River of Grass» (1994) schon vergangen, doch trotz jenes frühen Achtungserfolgs hatte lange niemand ein weiteres Projekt von ihr finanzieren wollen – sie selbst schreibt das zu grossen Teilen dem Sexismus in der Filmwelt zu. Irgendwann klappte es dann doch mit «Old Joy», einem Film, so minimalistisch, dass er seinesgleichen sucht. Zwei Männer – früher mal Freunde und idealistisch – fahren zu zweit in die Berge und merken, dass die Nähe zwischen ihnen irgendwo, irgendwann abhanden gekommen ist. Am Ende des Films fällt der Satz, dass Kummer nichts anderes sei als abgenutzte Freude. Eine Geschichte hat nicht wirklich begonnen, und doch wurde alles Nötige erzählt.
«Old Joy» war der Beginn von Reichardts langjähriger Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Jonathan Raymond, der seither an fast allen ihren Filmen beteiligt war. Eine weitere kreative Freundschaft verbindet sie mit Todd Haynes («Carol»), den sie als Setmitarbeiterin bei dessen Erstling «Poison» (1991) kennenlernte. Beeindruckt von der jungen Autodidaktin, die er als «extrem humorvolle und geistesgegenwärtige» Frau wahrnahm, hat er mittlerweile fünf ihrer Filme mitproduziert. Doch trotz der Tatsache, dass alle Filme Reichardts erfolgreich auf internationalen Festivals liefen, mit Preisen ausgezeichnet und von der Filmkritik begeistert aufgenommen wurden: In der männerdominierten Szene blieb es für Reichardt schwierig, ihre Filme zu finanzieren oder gar ausschliesslich von ihrem Beruf leben zu können. In einem Interview erzählte kürzlich die Schauspielerin Michelle Williams, die in vier ihrer Filme mitspielte: «An der Sorbonne ist ein Saal nach ihr benannt, aber sie muss unterrichten, um krankenversichert zu sein.»
Die Welt ist schön und grausam
Williams spielte unter anderem die junge Frau in «Wendy and Lucy» (2008), die mit ihrem Hund Lucy auf dem Weg nach Alaska, wo sie Arbeit zu finden hofft, in einem Kaff in Oregon stecken bleibt. Ausser ihrer berührenden Beziehung zu Lucy und der Verzweiflung, als diese ihr abhanden kommt, erfährt man nicht viel über sie oder über die Umstände, die sie in ihre prekäre Situation gebracht haben. Wie der Film aber wie nebenbei im Hintergrund von einem Amerika erzählt, das all jene Menschen hinter sich lässt, die sich nicht so ganz in die etablierten Strukturen einfügen können oder wollen, kann stellvertretend für eine der zentralen Eigenschaften von Reichardts Kino gelesen werden. So eingehend lotet wohl kaum ein:e Filmemacher:in die Peripherie der US-Gesellschaft aus – dabei tut sie das fast nur durch ihre Einfühlungskraft gegenüber den Protagonist:innen, deren Nöte über poetische Bezüge mit ihrem sozialen und geografischen Umfeld verknüpft werden.
Wenn es eine Konstante in ihrem Werk gibt, dann ist es der unendlich sympathische Blick auf Figuren, die in anderen Filmen höchstens am Rand auftauchen würden. Das Genre ist dabei zweitrangig. Ihre «Western» fordern beiläufig subversiv die gängigen Rollenmuster und Perspektiven heraus: «Meek’s Cutoff» (2010) über einen Siedlertreck auf dem legendären Oregon Trail aus der Perspektive von Frauen, die sich ihrem inkompetenten Anführer widersetzen, und «First Cow» über die Freundschaft zweier Männer, die in einer Pelzjägersiedlung ihr Glück im Backen von Ölküchlein finden. Reichardts wohl zugänglichstes Werk ist der Episodenfilm «Certain Women» (2016), der von drei Frauen in Montana erzählt, die nach ein wenig Glück in einer indifferenten Welt suchen. Der zeitgemässe «Night Moves» (2013) über radikale Klimaaktivist:innen oszilliert irgendwo zwischen Ökothriller und Pamphlet gegen den Fundamentalismus jeglicher Couleur. Wie in allen ihren Filmen enthält uns Reichardt auch hier eindeutige Antworten vor.
Die Welt bei Kelly Reichardt ist schön und grausam, aber sie enthält auch immer wieder diese Momente von Güte und Hoffnung. Das Filmfestival von Locarno verleiht ihr in diesem Jahr den Ehrenleoparden. Sie ist die dritte Frau in 34 Jahren, der diese Ehre zuteilwird. Die Geschichte ist noch nicht ganz da.