Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03104.jsonl.gz/3086

Zu dem reich lohnenden Gewürzkrämergewerbe gesellte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein ihm verwandtes Handelsgewerbe, dasjenige der Materialisten. «Es schob sich als Vermittlungsgewerbe ein zwischen den Antwerpener und Amsterdamer, den Hamburger und Frankfurter Markt einerseits und den Basler Apotheker- und Speziererstand andererseits, für den sie den Engrosimport der Materien oder Drogen besorgten».Der Name «Drogen» wird meist auf das niederländische droog = trocken zurückgeführt, bedeutet also Trockenwaren und dient als Sammelbegriff der tierischen, planzlichen und mineralischen Rohstoffe, aus denen vorab die Apotheker die offizinellen Heilmittel bereiten. Neuere Sprachforscher leiten das Wort aus dem bereits im 14. Jahrhundert bezeugten spanisch-italienischen droga ab, das orientalischen Ursprungs ist und auf dem arabischen dûrawâ = Gestreidesplitter beruht. Wohl einer der frühesten deutschsprachlichen Belege findet sich in dem seltenen, 1505 erschienenen Buch «Den rechten Weg auszufahren von Lissbona gen Kallakuth», worin es heisst, «auch kompt doher» - nämlich von Kalkutta - «maisteyl drogerey und edel gestain».
Die Basler Zunftschriften und Ratsprotokolle kennen Drogen den Ausdruck Drogen und Drogist vor Ende des 18. Jahrhunderts kaum. Bei ihnen ist immer die Rede von «materie», «matteriallen» und «materialisten».
Das Charakteristische dieses vorwiegend im Grosshandel gehenden Gewerbes lag darin, dass sein Hintergrund die weite Welt war, indem in den Magazinen der Materialisten die Erzeugnisse überseeischer, ferner Inseln lagerten, Farben und Düfte abenteuerlich fremder Zonen sich begegneten. Dieser Gedanke bewog wohl die Krämerzunft in der Zeit höchster materieller Blüte ihr prächtiges silbernes Wappenbuch mit den allegorischen Figuren vierer Erdteile zu zieren.
Mit den Materialisten fand ein typisches Refugiantengewerbe in Basel Eingang. Es wurde heimisch mit dem 1606 von Colmar zugezogenen Jakob Miville und dem 1613 zum Bürger aufgenommenen Philipp Dienast (Denais), die erstmals im Zunftbuch als Materialisten bezeichnet werden. Wahrscheinlich trieb aber auch schon Philipp Dienast?s Vater, der 1608 zünftig gewordene Kaufherr Johann Dienast, Handel mit Materialwaren.
Der dritte als Materialist bezeichnete Zunftgenosse war der Refugiant Peter Roschet aus Savoyen. Er war als geduldeter Aufenthalter «ein zeitlang» im Geschäft des Jakob Miville tätig gewesen.
Am 3. November 1616 - ein Tag vor seiner Bürgerrechtsaufnahme - meldete ersich zur Zunft. Der Zunftvorstand bot die Spezierer und Apotheker zum Bott auf, ob sie Roschet «mechten liden». Die Gründe der Apotheker und Spezierer für oder gegen eine Aufnahme sind im Zunfthandbuch nicht niedergelegt; jedenfalls wurde Roschet vorderhand keine Vertröstung gegeben. Da er aber am folgenden Tag mit «sonderbaren conditionen» vom Rat in Gnaden zum Bürger auf- und angenommen wurde, konnte ihm die Zunft ihre Gerechtsame nicht vorenthalten und nahm ihn einige Wochen später (24.11.1616) in aller Form Rechtens auf. Ob es sich bei dem 1631 aus dem savoyischen Flecken Villars de Beaufort zugewanderten Materialisten Niklaus Roschet um einen Bruder des Peter Roschet handelt, ist nicht nachweisbar. Das schlecht hat sich nur in der Peter'schen Linie fortgepflanzt, indem Peters ältester Sohn, Peter II, gewerblich den Fussstapfen des Vaters folgte, während der dritte Sohn, Abraham Roschet, sich dem Speziererberuf zuwandte und obwohl Sohn eines Neubürgers durch seine Erwählung zum Sechser (Grossrat) in das Stadtregiment eintrat. Von seinen Nachkommen hat keiner das Materialistengewerbe ergriffen, wohl aber sind bis zu Ende des 18. Jahrhunderts nicht weniger als acht Roschet dem Speziererberuf treu geblieben und haben sich durch die Heirat von Söhnen und Töchtern mit den angesehenen Speziererfamlien Respinger, Herwagen und Vischer versippt.
Der Geschäftskreis der Materialisten war nicht völlig von demjenigen der Spezierer zu trennen. Wir finden Materialisten, die auch Spezereien en gros führten und umgekehrt Spezierer, die mit Materialien handelten.
Mit aller Schärfe drangen dagegen noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts die Apotheker auf eine strenge Scheidung der Kompetenzen. Sie verlangten, dass die hiesigen wie die fremden Materialisten purgierende Sachen, Theriak, Mithridat, Sassaparilla, Guaiac, China, Sassafras und dergleichen nicht unter einem Viertelpfund oder 8 Lot verabreichen sollten. Ebenso sollte den Materialisten verboten sein Composita weder selbst noch durch ihre Diener zu präparieren. Die Simplicia resp. einfachen Waren sollten sie nicht anders als stück- und pfundweise und die Pretiosa nur bei Unzen und halben Unzen keineswegs aber bei Lot, Quintlein und Gran verkaufen.
Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wandte sich ein Sprössling des geistig wohl hervorragendsten Refugiantengeschlechts Basels der Drogenbranche zu, Hieronymus Bernoulli. In Strassburg zum Apotheker ausgebildet, hatte er weite Reisen unternommen, war u. a. in der kurfürstlich brandenburgischen Armee als Feldapotheker tätig gewesen und kehrte als Einunddreissigjähriger nach Basel zurück, wo er sich 1700 als Apotheker zur Safranzunft meldete. Da aber keine Offizin ledig war und kraft einer Ratserkanntnis keine neue Apotheke aufgerichtet werden durfte, ging er - mehr der Not gehorchend - eine Geschäftsgemeinschaft mit dem Materialisten Justinus de Beyer d. j. ein. Gleich aber begann er «Essenzen, Tincturen, Elexiria u. dgl.», wie es scheint, weit unter den Apothekerpreisen feilzubieten. Auf die Klagen der Apotheker ordnete der Rat eine Visitation und die Ausgabe einergedruckten Apothekertaxe an, die 1701 erschien. Gleichzeitig erging an die Materialisten die obrigkeitliche Weisung, bei Strafe von 50 Gulden sich der Abgabe von Medikamenten im Detail zu müssigen. Im Jahre 1705 machte sich Bernoulli als Materialist im Hause zum «Dolder» am Spalenberg selbständig. Zunftmässig wollte er aber durchaus als Apotheker gelten. Er beschwerte sich deswegen 1719 vor den Vorgesetzten, dass man ihn als Materialisten unter die Gewerbe eingereiht habe, während er wünsche, als Apotheker den Handwerkern beigezählt zu werden. Meister und Sechser erkannten hierauf, man habe ihn seinerzeit auf sein Befragen als Materialisten unter die Gewerbetreibenden aufgenommen, wenn er damit nicht zufrieden sei, solle er vor die Gnädigen Herren und Oberen kehren[. Er scheint sich mit diesem Bescheid abgefunden zu haben. Als er 1760, einundneunzigjährig das Zeitliche segnete widmete ihm der Überreiter J. H. Bieler in seiner Chronik den Nachruf: Ist ein stiller, solider Mann, gelehrter und berühmter Materialist, auch dato der älteste Burger in Basel gewesen ».
Nach Hieronymus Bernoulli haben noch mehrere Mitglieder dieser Familie sich mit dem Engros-Drogenhandel befasst: 1735 Niklaus Bernoulli, der Materialist und Apotheker zum Schönen Eck an der Freien Strasse, 1753 Franz Bernoulli, 1769 Hieronymus Bernoulli jünger, eine überaus markante Persönlichkeit, Apotheker, Materialist und Naturforscher, 1784 zum Zunftmeister zu Safran erwählt, dann weiter 1786 Franz II Bernoulli und 1792 Hieronymus de Hieronymus Bernoulli.
Über zwei Jahrhunderte haben so die Bernoulli im Drogengewerbe nicht nur in Basel, sondern in der Schweiz eine führende Rolle gespielt.
Als im 18. Jahrhundert namentlich die Farbdrogen ein bevorzugtes Gebiet der Materialisten wurden, hat sich ein aus dem Thurgau stammendes, seit 1639 hier ansässiges Müllergeschlecht auf dieses Arbeitsfeld geworfen, die Geigy, mit dem 1759 safranzünftig gewordenen Hans Rudolf Geigy (1733-1793) und 1794 mit dessen Sohn, dem Materialisten Hieronymus Geigy (1771-1830). Sie bauten die Brücke zu dem im 19. Jahrhundert emporblühenden chemischen Grossbetrieb der heutigen Weltfirma J.R. Geigy A.G.