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Die Architekturgeschichte der internationalen Organisationen in Genf
Von Joëlle Kuntz*
Aus dem Französischen übersetzt von Claudia Steinitz und Corinna Popp
Einleitung
Es war eine grosse Ehre für die Stadt Genf, 1919, kurz nach dem Ersten Weltkrieg, als Sitz des Völkerbundes ausgewählt zu werden. Nun mussten die Mitarbeiter aus aller Welt binnen kürzester Zeit untergebracht werden, brauchte man Büros, Wohnungen und Schulen. Von diesem bald hundertjährigen Bauprojekt wollen wir erzählen. Wir stellen die wichtigsten Bauwerke jenes Areals vor, das heute als „Jardin des Nations“ bekannt ist; untersuchen, vor welchen Herausforderungen und Problemen die Bauherren standen und welche Lösungen sie fanden. Dabei wird sichtbar, wie sich die Bauweise im Laufe des Jahrhunderts vom Klassizismus bis zur Moderne und zu dem für die heutige Zeit charakteristischen Eklektizismus entwickelt hat.
Das Areal der internationalen Organisationen spiegelt die grossen Strömungen der Architektur im 20. Jahrhundert wieder. Es wurde nichts neu erfunden, wenn nicht, wie Le Corbusier sagt, Tradition die Anhäufung von Innovationen ist. In Formen, Baustoffen und Techniken liess man sich davon inspirieren, wie anderenorts in Europa und in den USA gebaut wurde. Der besondere Charakter entstand durch den komplizierten und subtilen Dialog zwischen der altehrwürdigen Stadt Genf, die gerne gefallen, aber die Zügel in der Hand behalten wollte, und den internationalen Organisationen, die an das Einverständnis ihrer Mitglieder gebunden waren. Bei aller Gastfreundschaft herrschte in der Stadt eine ästhetische Sensibilität, die Extravaganzen in Höhe oder Stil untersagte. Grösse war nur in der Waagerechten erwünscht. Allein die Kathedrale durfte emporragen. Für den Mont Blanc wäre es eine Beleidigung gewesen, ihm einen Wald aus Wolkenkratzern gegenüberzustellen. Dieses ungeschriebene Gesetz bereitete den Architekten mehr Kopf erbrechen als den Auftraggebern, die sich mit den Genfern an einer Landschaft freuten, die ihren Idealen ebenbürtig war. Genf und seine Gäste verhandelten stattdessen über die Grösse der Bauflächen, die nie ausreichten, die Aufteilung kalkulierter und tatsächlicher Baukosten sowie über die Konditionen für die Bewohner.
Die internationalen Institutionen stellten im Namen ihrer Mitglieder aus aller Welt Forderungen an die politischen Institutionen von Genf, die wiederum ihrer Wählerschaft verpflichtet waren. Hier trafen politisch und administrativ zwei unterschiedliche Logiken aufeinander, meist in gegenseitigem Einvernehmen, doch manchmal endete es auch im Konflikt, der in seltenen Fällen bis zur Erpressung ging, wenn eine unzufriedene Organisation mit ihrem Weggang drohte.
Die Geschichte dieses Zusammenlebens verlief in vier Phasen: 1922-1926, als das Gebäude des Internationalen Arbeitsamtes (IAA) sich ins Landschaftsbild des schönen, romantischen Genf aus dem neunzehnten Jahrhundert schob; 1927-1937, geprägt von einer heftigen Polemik zwischen Vertretern des Klassizismus und der Moderne um den Bau des Palais des Nations; 1950–1965, als die Moderne mit dem Gebäude der Weltgesundheitsorganisation endgültig den Sieg davontrug; und schliesslich die Jahrtausendwende mit einem von Schulen und Strömungen unabhängigen Eklektizismus und der Erlaubnis, so zu bauen, wie man will, solange Wert und Nutzen vorhanden sind. Das Gebäude der Weltorganisation für Meteorologie ist dafür das erste Beispiel.
Unter den hunderten Gebäuden, die die internationalen Organisationen, NGOs und diplomatischen Vertretungen beherbergen, stellen wir fünfzehn der Wichtigsten vor. Sie markieren die Entwicklung eines internationalen Viertels, das in Genf lange Randgebiet war, heute aber zu seinem Zentrum gehört. Wir erzählen von den politischen und technischen Vereinbarungen, die nötig waren, damit die Mitarbeiter der internationalen Organisationen sich in Genf so wohlfühlen, dass sie gar nicht mehr gehen wollen, und auch die Genfer sich ihre Stadt ohne sie nicht mehr vorstellen können.
*Journalistin, Autorin und Kolumnistin für die Zeitung Le Temps. Ihre veröffentlichten Werke umfassen: Genf, Geschichte einer Ausrichtung auf die Welt (Zoé, 2011) und Schweizer Geschichte – einmal anders (Tobler Verlag, 2008).