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Wie kann ein Wort etwas bedeuten?
von Cedric Weidmann
Letztes Jahr, ungefähr in diesem Monatsabschnitt, schrieb ich einen Text zu einem angeblich philosophischen Thema. Dieses lautete: „Wie kann ein Wort etwas bedeuten?“ Natürlich war meine Antwort eine trockene und langweilige, wie sie erwartet wird, und damals war es tatsächlich soweit gekommen, dass ich mich für die zweite Runde qualifizierte und ein Wochenende in Philosophie „praktizieren“ durfte. Da ich mich dieses Jahr bereits zum zweiten Mal bewerbe und den neuen Text in diesen Minuten abgeschickt habe, werde ich die letztjährige Antwort nun grosszügig mit euch teilen.
Wie kann ein Wort etwas bedeuten?
Wie kann ein Wort was bedeuten? Etwas? Etwas was?
Wie kann ein Wort „etwas“ bedeuten?
Was kann das Wort „etwas“ bedeuten?
Wie kann das Wort „etwas“ „etwas“ bedeuten?
Wenn wir das richtige Publikum finden, das das Verständnis des Wortes „etwas“ mit uns teilt, dann wissen wir, wie es „etwas“ bedeuten kann.
Vielleicht aber ist es das falsche Publikum, das unser „etwas“ als irgendetwas anderes versteht.
Genaugenommen ist es das Publikum selbst, das richtige wie das falsche, sind es die sprechenden Produzenten und hörenden Konsumenten der Sprache, die sich im selben Wort ungefähr einig werden müssen.
Das Wort „etwas“, definiert durch seine Eingesessenheit im Sprachgebrauch, durch seinen organischen Auswuchs, der kein vermeintlicher Organismus ist, sondern nur seiner Dynamik wegen so scheint, der sich durch etliche Münder erstreckt und sich über die Zungen windet, ist für jeden, der die Sprache beherrscht, ein ähnliches „etwas“.
Zwar nicht das gleiche, denn jeder hat schon nach einem anderen „etwas“ im Leben gesucht, kennt andere „etwas“, stellt sich etwas anderes unter „etwas“ vor.
Worte in unserem Leben werden durch die Erfahrungen in unserem Leben geformt und geschaffen und ausgetauscht und verändert. Und wenn wir philosophische Essays über „etwas“ lesen, denken wir immer noch (an) ein anderes „etwas“ als ein anderer Leser oder der Autor.
Und doch verstehen wir einander, denn die unterschiedlichen Abweichung des Wortes weisen nur geringe Bedeutungsunterschiede auf und wir sind oft sehr tolerant im Verstehen von Wörtern.
Würden wir aber einen Passanten auf der Strasse fragen, er solle uns „etwas“ zeigen, so würde er uns irgendetwas zeigen, worüber wir nicht unzufrieden sein dürften. Schliesslich hat der Passant durch die gesellschaftliche Defintion des Wortes „etwas“ die Berechtigung, irgendetwas zu zeigen, etwas Unbestimmtes, was ihm gerade in den Sinn kommt.
Man fände das Wort wohl im Duden und doch hat es kaum einer je nachgeschlagen, niemanden kümmert der genau Wortlaut, solange wir unseren Aktivwortschatz im Do-it-yourself-Prinzip aneignen und weiterverwenden können. Wir lernen solange die Bedeutung dieses Wortes, bis wir damit im Gebrauch nicht wieder auf Probleme stossen, bis wir darunter das Gleiche verstehen, wie jeder, mit dem wir im Kontakt dieses Wort gebrauchen oder gebrauchen könnten.
Das Wort „etwas“ bezeichnet – philosophisch betrachtet – alles Seiende. Alles Seiende ist im eingeengten Horizont des einzelnen Menschen nichts anderes, als was sich ein einzelner Mensch inmitten anderer Menschen, die dieses Wort gebrauchen, unter Seiendem vorstellen kann. Etwas kann also alles sein, was einem Individuum als Teil des Kollektivs in den Sinn kommt. Da aber einem Menschen nicht etwas in den Sinn kommen kann, das nicht ansatzweise mit seinen Erfahrung im Zusammenhang steht, ist das Wort „etwas“ an den Zusammenhang mit seinen persönlichen Erfahrungen geknüpft.
Wenn wir das Wort „etwas“ benutzen, dann müssen wir beachten, dass der Konsument, der Zuhörer, der Leser, seine eigenen Erfahrungen damit verknüpft. Wir müssen diese Besonderheit in die Bedeutung des Wortes miteinbeziehen. Die Tatsache, dass das eigene Wort in anderen Ohren anders klingt, ist Teil der Definition.
So gesehen könnte man sagen, die Worte definierten sich durch ihre Extensionalitäten, durch reine Mathematik, durch Logik. Wort „A“ bedeute seiner Extension zufolge Gegenstand „B“.
„Mond“ ist das Ding, die kleinere Scheibe am Himmel, von den beiden grösseren, das ist doch klar.
Und trotzdem scheitert diese Logik an der Komplexität des dynamischen Sprachgebrauchs. Gerade am Beispiel des Wortes „etwas“ lässt sich herauslesen, dass ein Wort nicht unbedingt einen Gegenstand bezeichnen, und erst recht nicht, dass es in allen Köpfen den gleichen Gegenstand assoziieren muss. Das Extensionalitätsprinzip ist in unserer Sprache deshalb an vielen Stellen unzutreffend. So gibt es auch die Worte „Morgenstern“ und „Abendstern“ und „Venus“, die im Grunde alle den gleichen Planeten bezeichnen, die Mathematik ist hier mengenlehrentechnisch unfähig, eine korrekte Funktion zu setzen.
Stattdessen werden die Wörter stets geschliffen, in der Jugendsprache, in Verhaspelungen, in alternativen Formen, in Grammatikfehlern, in Abkürzungen, im ganz normalen Gespräch, überall bekommt das Wort „etwas“ eine neue Facette, ein weiterer Teilsatz in seiner Definition. Was man linguistisch Analogie nennt, führt schlussendlich in einem dialektischen Prozess zwischen Sprechendem und Zuhörendem, zwischen Schreibendem und Lesendem, zu einer kompromissbereiten Bedeutung.
Interessanterweise ist die neue Bedeutung dann nie dieselbe, wie die ursprünglich von einem der beiden Konversationspartnern benutzte, sondern es bedeutet dann sofort irgendetwas anderes.
Etwas anderes? Irgendetwas.