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Die ecuadorianischen Bergwälder an der Grenze zu Kolumbien gehören zu den artenreichsten Lebensräumen der Welt. Dort ist jeder Baum ein kleiner Botanischer Garten. In diesen dünn besiedelten Gebieten sind immer noch grosse Urwaldbestände vorhanden. Diese werden nun zunehmend gerodet, meist um bloss zwei Jahre lang Fruchtkulturen zu betreiben. Danach ist der Boden zerstört. Das Land wird aufgegeben und von Sekundärwald dominiert.
|Mitte und hinten: intakter Urwald, vorne und rechts: Rodungsflächen und Sekundärwald||Vergrössern: 2'000 px | 4'000 px|
Wenn man jetzt handelt, kann der Wald noch unversehrt erworben werden. Deshalb haben wir im Herbst 2013 ein Schutzprojekt lanciert, bei dem innerhalb von zwei Jahren dank der Unterstützung von mehr als 500 Spendern 365 Hektaren Land (= 3.65 qkm) erworden werden konnten. Weil man einzelne Parzellen kaufen musste, besteht das Reservat jedoch aus mehreren Flächen, die nicht zusammenhängen. Daher suchen wir nach wie vor Mittel, um die einzelnen Schutzgebiete wenigstens mit einem Korridor verbinden zu können.
Ein Baum kostet etwa fünf Franken. Damit rettet man auch alle Orchideen, Bromelien usw., die in der Krone leben und selbstverständlich die zahllosen Tiere, wie Affen, Puma, Ozelot, Brillenbär, Kolibris, Papageien, Tukane, Frösche oder Schmetterlinge, welche direkt vom Wald abhängen und in unserem Reservat vorkommen.
Warum wir uns engagieren
An den Titanwurz-Veranstaltungen 2011 und 2012 wurde beschlossen, einen Teil der Einnahmen für ein Titanwurz-Naturschutzprojekt zu reservieren. In der Folge konnten wir in Indonesien jedoch keine langfristig verlässlichen Projektpartner finden. Die Mittel wären vermutlich in der Korruption versickert.
Unser Orchideengärtner, der aus Ecuador stammt, machte uns auf extrem arten- und endemitenreiche Bergwälder in Ecuador aufmerksam, die von lokalen Bauern abgeholzt werden, um kurzfristig neues Land für Fruchtkulturen zu gewinnen. Solche Waldparzellen seien zur Zeit (für Schweizerverhältnisse) sehr günstig zu kaufen. Da wir zudem eine der bedeutendsten Sammlungen an ecuadorianischen Nebelwaldorchideen in Europa besitzen, lag der Entschluss nahe, das «Titanwurzgeld» zum Schutz dieser Wälder einzusetzen.
Mit Geld allein lässt sich jedoch kein Naturschutz betreiben. Man benötigt zwingend engagierte und kompetente Institutionen an Ort, welche das Gebiet auch langfristig gegen die diverse Nutzungsinteressen schützen und verteidigen können. Glücklicherweise konnten wir in Ecuador die flexible und sehr erfahrene Naturschutz-Stiftung «Ecominga» finden, welche in anderen Landesteilen bereits 50 qkm Regenwald besitzt. Dennoch schien es uns angezeigt, die lokalen Verhältnisse im Rahmen einer Reise zu studieren und vor allem alle involvierten Parteien direkt und persönlich kennenzulernen.
Eine siebenköpfige Delegation unternahm daher im August 2013 eine Reise in das Projektgebiet. Dabei ist es tatsächlich gelungen, ein örtliches Projektteam aufzubauen. Wir waren gemeinsam mit allen Partnern im Feld und konnten konzeptionelle, rechtliche und praktische Fragen direkt vor Ort diskutieren. Über Ziele und Vorgehensweise besteht Einigkeit, auch darüber, wie der Kokain-Anbau und -Handel im direkt angrenzenden Kolumbien einzuschätzen sei.
Naturschutz ohne lokale Partner ist eine Illusion. Nur kompetentes Engagement und Präsenz vor Ort schützt den Wald langfristig vor illegalen Nutzungen. Wir kennen alle unsere Partner persönlich und wissen, dass sie mit uns und untereinander verlässlich zusammenarbeiten.
Dr. Lou Jost, Javier Robayo (Ecominga in Baños), Luis Baquero (Floare in Quito), Don Héctor Yela (lokale Aufsicht in Maldonado), Dr. Andreas Kay (Cotacachi, Feldbegehungen und Bilddokumentation), Carolina Jijón (Botanischer Garten Quito)
Das Naranjilla-Problem
Naranjilla (Solanum quitoense) ist eine Frucht in Mandarinen-Grösse, mit Tomaten verwandt, sehr sauer, sehr aromatisch, aber weniger wässerig. Die Früchte werden nicht exportiert, sondern in grossem Umfang in Ecuador selber zu Frappé verarbeitet (Jugo de Naranjilla). Die Pflanze ist eine 1-2 m grosse Staude mit wenigen, grossen Blättern. Sie hat einen hohen Nährstoffbedarf und wird stark von Schädlingen befallen.
Die lokalen Bauern, die in der Regel auch Waldbesitzer sind, roden deshalb ein Stück Wald nach dem anderen und machen damit zwei Jahre lang schnelles Geld. Danach ist der Boden ausgelaugt und aus landwirtschaftlicher Sicht mehr oder weniger wertlos. Das Land wird liegen gelassen. Es verbuscht und trägt schliesslich einen artenarmen Sekundärwald.
Dazu kommt Folgendes: billige, aber hochgiftige Insektizide (Giftklasse 1B) können ohne Einschränkung erworben werden. Meist sind es Jünglinge, welche diese Substanzen ahnungslos und ungeschützt per Sprühtornister ausbringen. Die Dosierung ist unklar. Über kurz oder lang landen die Pestizide in den Gewässern und damit im Trinkwasser.
Die Landbevölkerung ist arm und befindet sich in einer schwierigen wirtschaftlichen Situation. Das Gebiet ist schlecht erschlossen und steil. Die Böden sind nicht sehr fruchtbar und die Haupteinnahmequelle im direkt benachbarten Kolumbien fällt weg: Kokain. Aufgrund der Kokain-Problematik wird sich auch kaum Tourismus entwickeln. Tendenziell herrscht Landflucht.
Dennoch bestehen landwirtschaftliche Alternativen (Guave, Zuckerrohr, Passionsfrucht, Kochbananen, Brombeeren, Borojó u.a.). Die lokale Stiftung Al Tropico fördert diesen Anbau, leidet aber zur Zeit unter der Kürzung von Regierungsmitteln.
Der Landerwerb
Der wirksamste Schutz gegen die Waldrodung ist der Landerwerb. Die Waldparzellen sind in der Regel 20-50 ha gross (100 ha = ein Quadratkilometer). Für manche Parzellen existieren rechtsgültige Urkunden, für andere nicht. Das rechtliche Verfahren kann daher aufwendig sein, aber es führt kein Weg daran vorbei (GPS-Kartierung, Geländebegehung mit einem Anwalt, amtliche Beglaubigung).
Zur Zeit stehen etwa 500 ha zum Verkauf (= 5 qkm, etwa die Fläche der Gemeinde Binningen). Für etwa 100 ha Wald sind bereits Mittel vorhanden. Mit unseren Partnern in Ecuador haben wir abgemacht, dass wir drei Sorten von Parzellen zu erwerben versuchen:
1. Parzellen nahe der Verbindungsstrasse, um eine Vordringen der Rodung zu stoppen.
2. schwer zugängliche Parzellen im Inneren, die besonders günstig sind.
3. Notkäufe
Waldbesitzer brauchen manchmal plötzlich Geld (Todesfall, Hauskauf, Umzug etc.) und sind dann interessiert, Parzellen zu verkaufen, die vorher unverkäuflich waren. In solchen Fällen muss kurzfristig gehandelt werden.
Dieses grosse Waldstück haben wir leider ganz knapp verpasst.
Auf jeden Fall. Man kann damit nicht restlos alle Tiere und Pflanzen schützen, aber die allermeisten. Viele Arten können auch kleinere Waldinseln als Brücken zwischen zusammenhängenden Gebieten nutzen.
Was ist wichtiger: Schutz oder Forschung?
Beides ist wichtig, aber die Forschung kann warten, der Schutz nicht. Dennoch sind wir für die Auswahl der Gebiete auf Inventare angewiesen und versuchen daher parallel zu den Schutzbemühungen, möglichst viel Tier- und Pflanzenarten zu erfassen und zu dokumentieren. Aufgrund vergleichbarer, aber wesentlich besser erforschter Gebiete weiter im Süden muss im Bereich des 'Dracula Forest Reserve' mit ungefähr 2'000 Pflanzenarten gerechnet werden (also fast so viel wie in der ganzen Schweiz). Die Zahl der Tierarten liegt vermutlich etwa 10x höher.
Orchideen und Frösche sind bereits teilweise untersucht. In beiden Fällen wurden Lokalendemiten gefunden (Arten, die nur hier vorkommen). Man darf damit rechnen, dass sich dies bei anderen Tier- und Pflanzengruppen wiederholen wird.
Wald
Tiere
Blüten und Früchte
Orchideen
Weitere Bilder
Eine exzellente Bilddokumentation der ecuadorianischen Tier- und Pflanzenwelt findet sich hier. Sie stammt von unserem Mitarbeiter Andreas Kay. Eine grosse Zahl dieser Bilder sind im «Dracula Forest Reserve» entstanden.
Mensch und Landschaft
In der Nebelwaldstufe kann das Wetter innert Minuten wechseln, vor allem am Nachmittag.
Flüsse, bewaldete Steilhänge und Dreitausender prägen die Landschaft des 'Dracula Forest Reserve'.
Am ecuadorianischen Nationalfeiertag fliesst der Grenzfluss zu Kolumbien dem Land zu Ehren bergaufwärts.
Die Wege sind glitschig wie Seife. Ohne Stiefel kein Durchkommen.
Am Markttag trifft sich das gesamte Umland im Dorf. Die übrigen Tage sind ausgesprochen geruhsam.
Ein überladener Lastwagen tuckert gemütlich übers Landsträsschen.
Tiere
Truthahngeier sind mit dem Kondor verwandt und von den USA bis Argentinien weit verbreitet. Flügelspannweite 180 cm.
Aufnahme aus einem Waldschutzgebiet bei Mindo, 160 km S des 'Dracula Forest Reserve'
'Landeanflug' in Zeitlupe
Aufnahmen aus dem Naturschutzgebiet Bellavista, 140 km S des 'Dracula Forest Reserve'
Pflanzen
Dieser einheimische Baum (Bellucia pentamera, Melastomataceae) blüht direkt aus dem Holz. Er gefällt offenbar auch der lokalen Bevölkerung, sonst wäre er nicht am Rand eines Obstgartens stehen gelassen worden.
Die Erdflechte Dictyonema ist ein Pionier offener Böden. Trocken ist sie weiss. Bei Benetzung wird sie blaugrün (Symbiose mit Cynobakterien).
Dracula-Orchideen blühen unauffällig auf der Unterseite eines Astes.
In den tiefgelegenen Regionen des 'Dracula Forest Reserve'-Gebietes existiert noch etwa ein Dutzend Chanul-Bäume mit ihrem enorm hochwertigen Holz. Die Bäume fruchten reich, aber praktisch alle Früchte sind befallen, auch jene, die hier geöffnet wird.
Chanul-Holz ist extrem hart. Da es im Gebiet keine Sägereien gibt, geschieht die Aufarbeitung des Holzes von Hand. Hier wird demonstriert, wie man einen kleinen Balken mit 69 Macheten-Schlägen sauber halbiert.
Naranjilla
Naranjilla-Felder und -Ernte. Der Bauer hat Schädlinge eingesammelt, um die Minimaldosis an Insektizid zu ermitteln.
Zubereitung von Naranjilla-Saft (Jugo de Naranjilla) in einer gut ausgestatteten Restaurant-Küche. Gewaschen wird mit Hahnenwasser. Verdünnt wird (in diesem Fall) mit gereinigtem Wasser. Dazu kommen Zucker und Eiswürfel. Das Aroma ist exzellent.
Heinz Schneider, Inayat Olmedo, Michelle Gisler, Bruno Erny
Botanischer Garten der Universität Basel, Spalengraben 8, 4051 Basel, Schweiz