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Es war im Sommer 2012 während der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in London. Die Queen war gerade aus dem Hubschrauber gesprungen und zog an der Reissleine ihres Fallschirms, als Krankenschwestern des National Health Service die Stadionbühne betraten und Mike Oldfield den Bass zur Pianomelodie von «Tubular Bells» zupfte. Während dieser Inszenierung hat Oldfield laut Presseerklärung beschlossen, ein neues Album aufzunehmen. Es ist – so viel sei verraten – kein Meisterwerk geworden.
Für Klangverliebte und Kiffer
Muss auch nicht sein. Denn der britische Multi-Instrumentalist hat im Laufe seiner Karriere genügend Meisterwerke hervorgebracht. Das erste erschien 1973, als Mike Oldfield gerade mal 19 Jahre alt war. «Tubular Bells» war die Antithese zum damals angesagten Glamrock: ein Instrumentalalbum ohne schrillen Frontmann, ohne Schlagzeug und ohne Songstrukturen. «‹Tubular Bells› war ein Stück für Klangverliebte und Kiffer. Und es eignete sich hervorragend als Hintergrundmusik für Partys, Flughäfen oder Supermärkte», erklärte Oldfield 2008 im «Kulturplatz».
Grundstein für das Virgin-Imperium
Das Album verkaufte sich bis heute rund 17 Millionen Mal. Nebst Komponist Oldfield, der auch fast alle Instrumente selber spielte, profitierte vor allem der Unternehmer Richard Branson von Oldfields Opus magnum. «Tubular Bells» war die allererste Veröffentlichung auf Bransons neu gegründetem Label Virgin. Das Album war der Grundstein für das spätere Virgin-Imperium, das heute nur noch einen Bruchteil seines Umsatzes mit Musik macht.
Mike Oldfield liess dem Instrumentalwerk weitere Alben folgen, die das Strickmuster von «Tubular Bells» variieren: Lange Kompositionen, die irgendwo zwischen Klassik, Pop, britischer Volksmusik und Minimal Music oszillieren. Danach schrieb er ein Jahrzehnt lang mehrheitlich Popsongs und liess diese von so unterschiedlichen Sängern wie Jon Anderson, Roger Chapman oder Bonnie Tyler interpretieren. Die bekanntesten sind die von Maggie Reilly gesungenen Songs «Moonlight Shadow» und «To France».
Klingelingeling
Doch dann verpasste Mike Oldfield den Anschluss. In den 1990er-Jahren versuchte er sich mit einigen Alben bei der Techno-Generation anzubiedern. Dazu gehören digital aufgepeppte Versionen von «Tubular Bells», die Oldfield allerdings erst veröffentlichte, nachdem er sich mit Richard Branson verkracht und Virgin Records verlassen hatte.
Das bestätigte jene Kritiker, die schon immer monierten, Oldfield kopiere primär sich selbst. Und er kriege nie genug. Auf die Mandoline folge die Farfisa, folge das Banjo, folge das Glockenspiel – und am Ende stets die Röhrenglocken, eben die Tubular Bells. Ausserdem habe er Angst, anzuecken und komponiere nach der Maxime: viel Wohlklang, wenig Widerstand.
Grossartige Instrumentalwerke
Das stimmt allerdings nur bedingt. Im Laufe seiner Karriere legte Oldfield grossartige Instrumentalwerke vor. So zum Beispiel den für einen Golden Globe nominierten Filmsoundtrack für «The Killing Fields» (1984) und das versponnen düstere «Amarok» (1990), auf dem er insgesamt 41 verschiedene Instrumente, darunter Melodica, Dudelsack und Kettensäge, spielt. 1994 liess sich Oldfield von Schriftsteller Arthur C. Clarke zum Science-Fiction-Werk «The Songs of Distant Earth» inspirieren. Und 2008 schliesslich erschien «Music of the Spheres», eingespielt mit einem 70-köpfigen Orchester und dem Pianisten Lang Lang. Ein Werk, das auch unter Freunden klassischer Musik wohlwollend aufgenommen wurde.
Warum Oldfield nun ausgerechnet ein Album mit Rocksongs vorlegt, bleibt wohl sein Geheimnis. 2008 noch sagte er im Interview mit Blick auf den Hafen von Palma de Mallorca, dass er nicht besonders stolz auf seine Popsongs sei und sich lieber jenen Klängen widmen möchte, die entstehen, wenn der Wind in die an den Schiffsmasten angebrachten Seile fährt.
CD-Kritik «Man on the Rocks»
Mit einem zweiminütigen Solo im Song «Castaway» beweist Oldfield, dass er noch immer zu den besten Gitarristen der Popmusik gehört. Doch das angekündigte Rockalbum bietet wenig Neues, vieles hat man schon bei Queen, Mark Knopfler oder Oldfield selber gehört. Es empfiehlt sich, das Original der Kopie vorzuziehen – etwa das Album «Discovery» (1984).