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Vor 50 Jahren wurde das Klösterliche Tibet-Institut in Rikon eröffnet. Zum runden Jubiläum besuchte der Dalai Lama das religiöse Zentrum, das vielen Exil-Tibetern eine neue Heimat bietet. Hunderte Tibeterinnen und Tibeter haben Tenzin Gyatso, den 14. Dalai Lama, in traditioneller Kleidung empfangen. Nicht zuletzt, weil er mit der Schweiz eine enge Beziehung pflegt.
Dalai Lama
Geistliches Oberhaupt der Tibeter
Tenzin Gyatso ist der gegenwärtige 14. Dalai Lama. Der buddhistische Mönch ist das geistliche Oberhaupt der Tibeter. Er ist ein Symbol für Frieden.
SRF: Welche Bedeutung hat das Tibet-Institut in Rikon für den tibetischen Buddhismus?
Dalai Lama: Die Schweiz hat etwa 1000 tibetischen Flüchtlingen ein neues Zuhause geboten. Das heisst, eine ziemlich grosse tibetische Gemeinschaft hat sich hier niedergelassen.
90 Prozent der tibetischen Gemeinschaft sind Buddhisten. Es ist deshalb sehr wichtig, ein buddhistisches Zentrum zu haben – wenn auch nur ein kleines.
Die Schweiz war in den 1960er-Jahren eines der ersten westlichen Länder, das tibetische Flüchtlinge aufgenommen hat. Warum wurde sie von den Tibetern vor anderen Ländern bevorzugt?
Das war nicht so sehr unsere Wahl. Das Rote Kreuz hat das Angebot gemacht, und wir waren dafür sehr dankbar.
Wie haben Sie die Schweiz damals in den frühen 60er-Jahren wahrgenommen?
Natürlich habe ich festgestellt, dass es hier Berge gibt. Wir Tibeter sind an Berge gewöhnt, unser Land ist auch sehr gebirgig.
Es gibt aber auch Unterschiede: Wir waren sehr arm, die Infrastruktur war nicht gut ausgebaut. Hier gibt es Berge – gleichzeitig aber auch moderne Technologie.
Anfang der 60er-Jahre gab es 160 tibetische Kinder, die in die Schweiz geschickt wurden und zu Pflegefamilien kamen. Es scheint, als hätten sie ein Abkommen mit diesen Pflegefamilien gehabt: Sie sollten Schul- und Berufsbildung erhalten und danach zurück nach Tibet geschickt werden. Können Sie uns sagen, wie es zu diesem Plan gekommen ist?
In den frühen 60er-Jahren arbeiteten viele Tibeter als Strassenarbeiter. Ich habe das beobachtet und gesehen, dass Kinder unter schrecklichen Bedingungen arbeiten mussten und dass viele daran gestorben sind. Meine ältere Schwester hatte damals die Mission, sich um diese Kinder zu kümmern. Das war aber schwierig.
Der Schweizer Charles Aeschimann kam dann nach Dharamsala, Indien, wo viele tibetische Flüchtlinge lebten. Er hat seine Hilfe angeboten und Pflegefamilien ausgesucht, die bereit waren, tibetische Kinder zu adoptieren. Wir haben dieses Hilfsangebot sehr dankbar angenommen.
Die Kinder gingen als Adoptivkinder in verschiedene Familien. Die meisten davon wurden dann auch nützliche Mitglieder der Gesellschaft.
Das war ihre Absicht – der Plan aber ist gescheitert. Wir wissen heute, dass fast keines dieser Kinder zurück nach Tibet gegangen ist.
Einzelne davon sind nach Indien zurückgekehrt, die Rückkehr nach Tibet aber war und ist bis heute schwierig. Es gibt dort keine Freiheit. Zudem verhinderten chinesische Hardliner die Rückkehr.
Sicherlich ist es schwierig, ein tibetisches Gesicht im Spiegel zu sehen, wenn man in einem europäischen Umfeld lebt.
Buchhinweis
In den 1960er-Jahren kamen 160 tibetische Pflegekinder in die Schweiz. Sie sollten hier eine gute Ausbildung geniessen und dann zurück nach Tibet fahren. Dieses Ansinnen misslang.
Sabine Bitter und Nathalie Nad-Abonji haben ein Buch über die tibetischen Kinder geschrieben, die in Schweizer Familien aufwuchsen.
Sabine Bitter und Nathalie Nad-Abonji: «Tibetische Kinder für Schweizer Familien. Die Aktion Aschimann», Rotpunktverlag, 2018.
Manche dieser Kinder haben mit der tibetischen Kultur gebrochen. Sie haben ihr Erbe nicht angenommen, weil es schwierig war, zwischen dem Tibetischen und dem Schweizerischen ihre Identität zu finden. Verstehen Sie die Bedürfnisse dieser Menschen?
Ja, selbstverständlich hat es Schwierigkeiten gegeben. Sicherlich ist es auch schwierig, in den Spiegel zu blicken und zu sehen, dass da ein tibetisches Gesicht zurückblickt, wenn man in einem europäischen Umfeld in der Schweiz lebt. Aber letztendlich sind wir doch alle die gleichen menschlichen Wesen.
Glauben Sie, dass diese Kinder einen Dialog mit Ihnen brauchen, damit sie an ihrer Geschichte arbeiten können?
Wir haben ja hier eine Organisation, die um das Institut in Rikon herum aufgebaut wurde. Es braucht sicherlich ein Programm, wo diese Kinder und vielleicht auch die Pflegeeltern zusammenkommen könnten, um miteinander zu sprechen.
Wie Tibet ins Tösstal kam
Die ersten 22 Tibeterinnen und Tibeter trafen 1961 in Rikon ein. Die dortige Pfannenfabrik Kuhn hatte sich bereit erklärt, einer Gruppe von Flüchtlingen Wohnraum und Arbeitsplätze zu bieten. Weitere Flüchtlinge folgten nach.
Unter der Schirmherrschaft des Dalai Lama entstand 1968 in Rikon dann ein buddhistisches Kloster als geistiges und kulturelles Zentrum für die stetig wachsende Tibetergemeinde. Es war das erste solche Kloster ausserhalb Asiens.
Um das Schweizer Gesetz auszutricksen, das damals keine fremden sakralen Bauten zuliess, nannte man es Tibet-Institut. Der Dalai Lama hat Rikon in den vergangenen 50 Jahren bereits 14 Mal besucht.
Wären Sie persönlich bereit, sich einem Dialog zu öffnen?
Ich war jetzt ein paar Tage hier und fliege morgen wieder weg. Wenn es eine Möglichkeit dazu gäbe, wäre ich sehr glücklich. Ich fürchte aber, es gibt keine Zeit dafür.
Morgen spreche ich vor der tibetischen Gemeinschaft. Ich werde das Problem dort ansprechen.
Das Rikon-Institut wurde 1968 gegründet. Dieses Jahr ist auch Beginn einer grossen gesellschaftlichen Revolutionen im Westen. Herkömmliche Autoritätsfiguren wie Eltern, Lehrer aber auch religiöse Führer wurden infrage gestellt. Gleichzeitig hat das Institut ein sehr traditionelles Programm des Lehrens und Lernens angeboten. War Ihnen das damals bewusst?
Wenn wir die Dinge genau betrachten, sieht man, dass es andere Sprachen gibt, andere Hautfarben, andere gesellschaftliche Schichten, andere Lebensformen. Schaut man sich aber die weitere Perspektive an, sieht man: Wir sind alle Menschen.
Wäre ich in Tibet geblieben, wäre ich heute ein sehr orthodoxer Dalai Lama: Viel zu offiziell, viel zu formell.
Am Anfang des 20. Jahrhunderts war unser Leben ein ganz anderes. So vieles hat sich in diesem Jahrhundert verändert. Die Europäische Union wurde etwa gegründet.
Es wäre am Anfang des 20. Jahrhunderts undenkbar gewesen, dass man sich in Europa zusammenschliessen würde. Das Finden dieses Zusammenschlusses ist eine Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Ich begrüsse diesen Geist.
Manchmal setzen wir uns Ziele, die wir nie erreichen. Manchmal erreichen wir etwas, das wir nie angestrebt haben. Kennen Sie das?
Ja. Als Flüchtlinge haben wir Tibeter unser eigenes Land verloren. Aber das hat auch neue Möglichkeiten eröffnet. Wäre ich in Tibet geblieben, wäre ich heute ein sehr orthodoxer Dalai Lama: Viel zu offiziell, viel zu formell.
Als Flüchtling wurde ich zu einem echten menschlichen Wesen. In der Orthodoxie wäre ich stark getrennt von der tibetischen Gemeinschaft gewesen.
Ich habe die Gelegenheit gehabt, eine moderne Ausbildung zu erhalten, mir modernes Wissen anzueignen. Viele Tibeter, die in Indien geboren sind, haben heute hohe Berufe erlangt.
Bei manchen emotionalen Krisen helfen weder das Gebet zu Gott, noch helfen Drogen oder Alkohol.
Gleichzeitig tragen wir aber unsere 1000-jährige Kultur mit all ihrem Wissen in uns. Um Gelehrte zu werden, brauchte es früher 20 bis 30 Jahre in der Orthodoxie. In Indien ist dies mit einem Ausbildungsgang auch möglich.
Wir haben heute Zehntausende von Studenten im mönchischen Wesen. Und auch Tausende von Nonnen, die die tibetische Kultur studieren und Gelehrte werden.
Gelehrte wovon oder wofür? Für wissenschaftliche Themen oder die traditionelle Lehre?
Ich beziehe mich hier wirklich auf das Wissen unserer 1000-jährigen Kultur in unserem Geist und unserer Emotionen. Bei manchen emotionalen Krisen helfen weder das Gebet zu Gott, noch helfen Drogen oder Alkohol.
Es braucht heute nicht nur die Hygiene im physischen Bereich, sondern auch eine emotionale Hygiene.
In solchen Situationen hilft einzig die geistige Weiterbildung und das geistige Training. Es braucht heute nicht nur die Hygiene im physischen Bereich, sondern auch eine emotionale Hygiene – und zwar über die Religion hinaus auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse.
Es gibt Wissenschaftler, die sagen, dass Buddhismus gar keine Religion sei, sondern eine geistige Wissenschaft. Buddha selbst hat gegenüber seinen Anhängern klar gemacht, dass man seinem Lehren nicht nur aufgrund von Glauben anhängen sollte, sondern auf Grund der eigenen Erforschung und aufgrund eigener Experimente. Das ist ein sehr wissenschaftliches Vorgehen.
Das Gespräch führte Amira Hafner-Al Jabaji.