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Briefe der Geschichte Teil II Von Andy Warhol bis zu «10 letters a day»
Sticky Fingers – oder: Warum Andy Warhols Plattencover die Schallplatte der Rolling Stones zerkratzte.
Während ihrer Arbeit am legendären Musikalbum «Sticky Fingers» wandten sich die Rolling Stones an Andy Warhol, einen der damals einflussreichsten Pop-Art-Künstler der Welt. Sie baten ihn, die Plattenhülle zu gestalten. Warhol willigte ein und erhielt bald darauf einen Brief von Bandleader Mick Jagger mit der Anweisung, das Design nicht zu komplex zu gestalten, damit es bei der Produktion keine Probleme gebe. Warhol – ganz der Künstler eben – ignorierte Jaggers Anweisungen komplett. In der Folge schuf er ein unvergessliches Cover, das die ausgebeulte Jeans von Schauspieler Joe Dallesandro und eines von Warhols Lieblingsmodels zeigte – samt echtem Reissverschluss. Ebendieser Reissverschluss bereitete zahllose Probleme. Nicht nur bei der Produktion, sondern vor allem auch, weil er zum Ärger vieler Stone-Fans die Schallplatte zerkratzte.
Verbrennt eure Gesetze und macht neue – oder: Wie Friedrich II. und Voltaire die Welt aufklärten.
Friedrich II. lebte von 1712 bis 1786. Bekannt war er u. a. als Friedrich der Grosse. Volkstümlich wurde er auch der «Alte Fritz» genannt. Der Briefaustausch zwischen Friedrich II. und dem französischen Philosophen und Schriftsteller Voltaire (1694–1778) ist einer der berühmtesten Briefwechsel aller Zeiten. Vier Jahrzehnte lang schrieben sich die beiden zahlreiche Briefe, in denen sie sich über Philosophie und Politik, Ethik, Geschichte und Literatur, die eigenen poetischen Werke sowie Persönliches austauschten. Beide Schreiber sahen sich als Vertreter der Aufklärung, als Streiter gegen Aberglauben und Fanatismus: «Verbrennt eure Gesetze und macht deren neue!» Der Briefwechsel trug wesentlich dazu bei, dass Friedrich II. zu einem aufgeklärten Herrscher wurde. Er selbst bezeichnete sich als «ersten Diener des Staates». Er setzte tiefgreifende gesellschaftliche Reformen durch, schaffte die Folter ab und forcierte den Ausbau des Bildungssystems. In ihrem Umfang und ihrer thematischen Vielfalt sind die Briefe ein einzigartiges Zeitdokument.
Ten Letters a Day – oder: Wie ein sechsjähriger Junge Obamas Welt – und vielleicht auch die restliche Welt – ein wenig veränderte.
Bei seinem Amtsantritt hatte sich der ehemalige US-Präsident Barack Obama vorgenommen, jeden Tag zehn Briefe zu lesen. Damit war er der erste Präsident überhaupt, der sich derart bewusst mit den Briefen seiner Landsleute auseinandersetzte. Jeden Nachmittag wurde gegen 17 Uhr eine Auswahl aus dem sogenannten «Lektüreraum» ins Oval Office geschickt. Die «10LADs», wie sie mit der Zeit genannt wurden – für Ten Letters a Day oder «zehn Briefe pro Tag» – machten unter hochrangigen Mitarbeitenden des Weissen Hauses die Runde, bis der Stapel schliesslich hinten in die Briefing-Mappe gelegt wurde, die Obama jeden Abend mit in seine Privaträume nahm. Einige Briefe beantwortete er handschriftlich selbst, andere versah er mit Anweisungen für sein Schreibteam, das sie dann beantwortete. Auf manche Briefe kritzelte er «AUFBEWAHREN» und liess deren Worte dann und wann sogar in eine seiner Reden einfliessen.
Dazu gehörte auch der Brief des sechsjährigen amerikanischen Jungens Alex, der dem syrischen Jungen Omar aus Aleppo einen Platz in seiner Familie anbot und Obama bat, den Jungen in Syrien zu holen und «nach Hause» zu bringen: «Lieber Mister Präsident, erinnerst du dich an den kleinen Jungen, der von einem Rettungswagen in Syrien aufgegriffen wurde? Kannst du ihn bitte holen und nach Hause bringen? Halte einfach in der Einfahrt oder auf der Strasse, und wir werden auf euch warten mit Flaggen, Blumen und Ballons. Wir werden ihm eine Familie geben, und er wird unser Bruder sein. Catherine, meine kleine Schwester, wird Schmetterlinge und Glühwürmchen für ihn sammeln. In meiner Schule habe ich einen Freund aus Syrien. Ich werde ihn Omar vorstellen, und wir können zusammen spielen. Wir können ihn zu Geburtstagspartys einladen, und er kann uns eine andere Sprache beibringen. Falls er keine Spielsachen hat, dann wird Catherine ihren weissen gestreiften Hasen mit ihm teilen. Und ich werde mein Fahrrad mit ihm teilen und ihm beibringen, wie man es fährt. Ich will ihm Rechnen beibringen.»
Obama ging in der Folge in einer Rede bei den Vereinten Nationen auf diesen Brief ein. Das sei ein Beispiel eines sechsjährigen Jungen, «das uns viel beibringt», so Obama. «Die Menschlichkeit eines Kindes zeigt uns, was es heisst, weder zynisch, argwöhnisch noch ängstlich gegenüber anderen Menschen zu sein, weil sie aus einem bestimmten Land kommen, anders aussehen oder anders beten», so Obama, «all das können wir von Alex lernen.» Zweifellos ein Brief, der die Welt vielleicht nicht veränderte, aber sicher berührte.