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Geschichte
Ein Politiker und Songwriter meldet sich zu Wort
Ich wurde 1953 an Ostern geboren. Im Jahr meiner Geburt starb Stalin, und Chruschtschow kam in der Sowjetunion an die Macht. 1953 begann die kubanische Revolution. Seit meiner Geburt ist Königin Elisabeth II Staatsoberhaupt von Grossbritannien. Mitte der 60er-Jahre prägten mich zwei Ereignisse: Ich erlebte, wie eine Gesellschaft von kollektiver Trauer erfasst wurde, als John F. Kennedy in Dallas erschossen wurde. Dann kamen die Beatles und die Teenies der damaligen Zeit– die Mütter unserer Kinder – drehten völlig durch. Bei uns zu Hause war Musik sehr beliebt, meine englische Mutter sang beim Abwasch, es waren bevorzugt Melodien aus Musicals, mein Vater stand auf Arien von Rudolf Schock. Mit den Beatles wurde ich zum ersten Mal „politisiert“: Die Frage war nicht „Grüner oder Liberaler“, sondern „Beatles oder Stones“. So leidenschaftliche Debatten wie damals habe ich seither nie mehr geführt, wenn es um Musik ging. Doch die Zeit holte uns ein: Rock wurde zur Normalität, grossartige Bands schossen wie Pilze aus dem Boden, meine Heroes - die Beatles – hatten sich im Streit getrennt. Am 5. April 1970 wurde ich 17, am 10. April gab der „Daily Mirror“ die Auflösung der Beatles bekannt. Meine Welt stand still.
Als ich mit 14 die Wahl hatte, entweder ein Occasion Velo oder eine Occasion Gitarre zum Geburtstag zu erhalten, war der Entscheid schnell getroffen. Nach drei Monaten konnte ich drei Griffe, ich hatte den Stimmbruch und war überzeugt, mit den Grossen der Zunft auf Augenhöhe zu sein.
Schnell realisierte ich, dass jeder Kumpel, den ich mit einer Gitarre um den Hals sah, viel besser spielte als ich. Doch nicht Weltstar mit 15, diese Einsicht hatte ich schon bald. Ich liess die Musik links liegen und entwickelte mehr Ehrgeiz für Fussball und Handball. Erst nach dem Gymer wandte ich mich wieder der Musik zu. Inzwischen konnte ich 5 Griffe und fing an, Songs zu schreiben. Mein erstes Lied hiess „Maria“. Mein Debut kam offensichtlich gut an, denn ehe ich mich’s versah, war ich mit drei Songs auf einer schweizerischen Compilation namens „Heavenly & Heavy“ vertreten und durfte in Vorabendsendungen des Fernsehens auftreten. Patrick Linder hiess mein Entdecker und ich musste plötzlich ins Studio und meine Songs aufnehmen. Band hatte ich keine, aber ich ging regelmässig in die Band Probe meines Kumpels Claudio Bischof, der als Bassist bei „Lost Peace“ spielte. Das war eine Instrumental Band, die Stücke im Stil von Chicago spielte, nur eben ohne Gesang. Drummer dieser Band war Thomas Wild, am Saxofon spielte Tinu Heiniger. Ich war regelmässiger Zaungast im Sinus Studio, wo ich als stiller Zuhörer mitbekam, wie Peter, Sue und Marc ihre Songs einspielten. Also fragte ich Peter, ob er mir bei der Aufnahme meiner ersten Songs helfen und dazu auch noch Piano und Gitarre spielen würde, Claudio und Thömu machten den Rest - und plötzlich hatte ich ein Playback, das ich besingen konnte.
Meinen ersten Song schrieb ich mit 17 als ich an der englischen Südküste Ferien machte. Die See, die Fischerboote, die kreischenden Möven weckten meine Phantasie und so entstand mein erster Refrain um den ich dann den Rest der Geschichte wob:
„I’m just the king of my wooden ship
And you’re the queen of my heart“
Patrick Linder stand auf meine Songs, produzierte sie auf seinem Label Koh-i-noor und brachte mich damit ins Schweizer Fernsehen. Dann ging es los: Patrick schlug vor, dass ich versuchen sollte, mich für die Schweizer Endausscheidung des Concours Eurovision de la Chanson zu qualifizieren. Zu Texten von Guy Maget schrieb ich zwei Songs, bewarb mich um die Teilnahme und schaffte es tatsächlich in die Endausscheidung, zusammen mit 6 anderen Songs. Die Endausscheidung erfolgte live aus dem Fernsehstudio Genf, durch die Show des Schweizer Fernsehens führte Heidi Abel. An diesem Abend erlebte ich mein persönliches Waterloo, er endete im Desaster.
Ich hatte einen Rocksong geschrieben, aber ich durfte ihn nicht mit den Musikern spielen, die ihn aufgenommen hatten, das Fernsehorchester musste ihn live spielen. Der renommierte Drummer Pierre Favre wurde mein Mentor für diesen einen Song, er schrieb ihn für das Orchester um. Er liebte den Song, war voller Enthusiasmus und gab sein Bestes. Allerdings zerstückelte er als Nicht-Rockmusiker meinen Song bis zur Unkenntlichkeit. Ich war der schlechteste Sänger in der Runde, mein Song war nicht mehr mein Song. Damals gab es eine Expertenjury und eine Publikumsjury. Bei den Experten war mein Song die Nummer 1, bei der Publikumsjury fiel ich durch. Diese Abfuhr war der Anfang vom Ende meiner Karriere als Solokünstler.
Ich war enttäuscht, aber gewillt, dem Publikum eine zweite Chance zu geben. Ich konnte inzwischen sieben Griffe und es war an der Zeit, sich höhere Ziele zu setzen. Ich hatte mich mit dem Berner Erfolgstrio Peter, Sue und Marc angefreundet und durfte auf ihren Produktionen immer wieder für kleinere Jobs aushelfen: hier ein Chorgesang, da eine akustische Gitarre. PSM wurden immer erfolgreicher und als sie mich fragten, ob ich sie bei ihren Tourneen als Gitarrist (mittlerweile war ich bei 11 Griffen angekommen) begleiten würde, habe ich ohne zu zögern zugesagt. Später stiessen auch noch der Bassist Higi Heilinger und der Drummer Küre Hauser zur Begleitband von PSM.
Wir drei verstanden uns gut, und nachdem PSM vollends ins Profilager gewechselt hatten, beschlossen wir, eine eigene Band zu gründen. Tinu Diem ergänzte unsere Formation. Das war die Geburtsstunde von Ocean. Nicht meine musikalischen Fähigkeiten machten mich zum Boss von Ocean, sondern vielmehr meine Fähigkeiten, Streite zu schlichten, den Band-Bus zu fahren, wenn alle ausser mir high waren - und möglicherweise auch meine Songwriterqualitäten.
Higi Heilinger war, ähnlich wie ich, kein begnadeter Musiker, aber er war zuverlässig, fleissig, ein echter Teamplayer, auf den man sich verlassen konnte. Wir waren beide am Ball besser als am Instrument, und eine zeitlang trafen wir uns häufiger auf dem Fussballfeld als auf der Bühne. Higi war unser Antreiber, er wollte Erfolg haben und träumte von den grossen Bühnen. Und er hatte all das, was eine Band damals selten hatte, aber unbedingt brauchte: Einen Bandraum und einen Bandbus.
Tinu Diem war schon in jungen Jahren ein begnadeter Musiker, er stiess als Folk Gitarrist zu uns, entwickelte sich aber sehr schnell zu einem grossartigen Rockgitarristen. Tinu ist kein Virtuose, aber ein Gitarrist mit einem unglaublich präzisen Anschlag und mit der Gabe, bei jedem Song zu wissen, was zu spielen ist. Als ich Ocean 1982 verliess, war Tinu Diem ein gefragter Mann - für mich nur logisch, dass er bei Polo landete. Zu Oceans Zeiten war Tinu der grosse Schweiger, er hatte das Talent, er musste nicht viel quatschen. Musikalisch gesehen war er die Autorität bei Ocean: Ohne ihn wären wir nie so weit gekommen.
Küre Hauser war in unserer Band der extrovertierteste, er sorgte für die Show und die Pace bei unseren Auftritten. Küre hatte eine feine Nase für gute Songs und für guten Sound. Mit diesen Qualitäten hatte er einen massgeblichen Anteil daran, dass unsere ersten LP’s gut bei den Medien und beim Publikum ankamen.
Higi und Küre hatten vor der Gründung von Ocean in Beat- und Rockbands gespielt, Tinu und ich hatten uns bei den legendären „Hootenanies“ in der Mahogany Hall kennen gelernt. Jeden Mittwochabend durfte man an einem Hoot ohne vorherige Anmeldung ein paar Songs spielen. Tinu spielte Ragtime und ich sang meine Songs. Mit seiner perfekten Technik war Tinu schon bei den Hoots ein Star. Bei diesen Treffen in der alten Mahogany – die Bühne war damals noch dort, wo heute der Eingang ist - lernte ich auch Hans Holzherr kennen, der ein feiner und ehrgeiziger Banjospieler war und später auch ein Crack auf der steel-guitar. Wir freundeten uns an, und als wir auf unserer ersten Studio LP „Drift Message“ für den Song „Fly On“ ein Banjo brauchten, heuerte ich ihn als Gastmusiker an. Für unsere Studioaufnahmen fehlte uns ein Pianist. Higi schleppte seinen Gymer-Kumpel Armand an, der auch bei SPAN mitspielte. Armand Cachelin ist ein Vollblutmusiker, ein unglaublich gescheiter Mann mit zwei Doktortiteln und mit hohem sozialen Verantwortungsgefühl. Er war mir sofort sympathisch. Fortan war er das fünfte Mitglied von Ocean und bei allen Live Auftritten und natürlich auch im Studio dabei.
Ich liebte den Einfluss anderer Musiker auf unsere Band und so blieb es nicht bei Armand und Hans. Luc Mentha, Studienkollege und mein Nachfolger als Gemeindepräsident von Köniz, ist nicht nur ein exzellenter Jurist, sondern ebenso ein begabter Violonist und Mandolinenspieler. Auch er ist auf einigen Ocean Produktionen zu hören und verstärkte uns auch bei wichtigen Live Auftritten. Peter Schaller, der ehemalige Musikredaktor vom Schweizer Radio, war während längerer Zeit ein wichtiges Mitglied von Ocean, sein grosses Know-How und seine Fähigkeiten als Arrangeur brachte der fröhliche und stets gut gelaunte Innerschweizer vor allem bei der zweiten LP „Take Me To The City“ ein. Die Ocean-Familie war ein offenes Haus, man konnte es betreten und verlassen, wann man wollte. Mein musikalisches Netzwerk wuchs schneller als meine Griffkollektion, und als ich den früheren Rumpelstilz-Gitarristen Schifer Schafer ins Boot holte, gehörten wir endgültig zu den etablierten Bands.
Ocean war, was das Bandleben betraf, so etwas wie der Gegenentwurf zur Berner Band Span: keine eingeschworene Gemeinschaft, kein closed shop, kein Hotel California, sondern eine Plattform, auf der man seine musikalischen Ambitionen und Vorlieben für verschiedene Musikstile ausleben konnte. Das war unsere Stärke und Schwäche zugleich. Mit der grossartigen Shelley Martin als Leadsängerin waren wir die am breitesten aufgestellte Band mit vielen hervorragenden Individualisten. Wir hatten mit Pat Linder auch einen umtriebigen Manager mit guten Kontakten und gehörten in der damaligen Zeit zu den gefragtesten Bands in der Schweiz. Und doch erlahmte nach der zweiten LP „Take Me To The City“ 1979 mein Interesse an Ocean, ich begann, mich langsam aus der Band zurückzuziehen. Es zog mich in die Politik, ich schloss mein Studium als Rechtsanwalt ab, heiratete und gründete eine Familie. Mit der Geburt meiner ältesten Tochter Lisa und meiner ersten Stelle als juristischer Mitarbeiter im Sekretariat der Eidg. Bankenkommission (die heutige Finanzmarktaufsichtsbehörde FINMA) schien die Zeit gekommen, sich vom Bandleben und von Ocean zu verabschieden. Mein letzter Auftritt war im August 1982 in der Mühle Hunziken. Dieses Konzert wurde live aufgezeichnet und Ausschnitte daraus ergaben die dritte LP von Ocean „Live At The Mill“. Für dieses Konzert verstärkten wir uns mit Schöre Müller von Span. Mit der dritten LP konnten wir allerdings nicht an den Erfolg der zwei ersten Produktionen „Drift Message“ und „Take Me To The City“ anknüpfen; trotzdem bin ich froh über diese Aufzeichnung, denn es ist das einzige Werk, auf dem Ocean live zu hören ist.
Kurz bevor ich den Schritt in die Politik wagte, hatte ich zusammen mit meinem Kumpel Jack Minnig ein neues musikalisches Projekt lanciert. Ich hatte meine ersten Mundartsongs geschrieben, für eine Solo -LP reichte es nicht, deswegen schloss ich mich mit Jack zusammen, der auch angefangen hatte, Mundartsongs zu schreiben. Wir gingen ins Sinus Studio, zusammen mit den besten Berner Musikern jener Zeit: Thomas Wild, Mauro Zompicchiatti, Georges Müller und Martin Diem waren für den Soundtrack zuständig, Eric Merz war der Produktion ein stets gut gelaunter und kompetenter Tonmeister. Wir hatten nicht viel Geld, wir mussten schnell arbeiten und wir hatten Erfolg mit unserem Projekt: wir wurden von BMG Ariola unter Vertrag genommen, kamen ins Fernsehen und feierten eine tolle CD-Taufe in der brätschvollen Mühle Hunziken. Doch dann war dieses musikalische Kapitel auch schon zu Ende. Ich war überraschend zum neuen vollamtlichen Gemeindepräsident von Köniz gewählt worden und musste damit jedem Nebenamt entsagen, das nicht im Interesse der Gemeinde lag.
Als ich 1975 an der Endausscheidung des Grand Prix d’Eurovision teilnahm, nahm mich Heidi Abel mal kurz zur Seite und versuchte, mich auf die sich abzeichnende Enttäuschung vorzubereiten. Ich solle nicht enttäuscht sein, aber ich hätte keine Chance, die Ausscheidung zu gewinnen. Sie sagte das nicht despektierlich, sondern eher fürsorglich, ich war ganz alleine in Genf, blutjung und ohne Entourage angereist. Und sie behielt Recht, sie hatte meinen Song, meine Person und meine Aussichten auf Erfolg richtig eingeschätzt. 13 Jahre später kandidierte ich als Linker für das höchste Amt in einer der grössten Schweizer Gemeinden, die als Hochburg der SVP galt. Auch hier nahm mich ein wohlmeinender Genosse zur Seite und meinte, ich solle das als Aufbaukandidatur betrachten, Chance hätte ich keine, aber das mache nichts, als Nebeneffekt würde ich einen nebenamtlichen Sitz ergattern und stünde damit mit einem Fuss in der Politik.
Doch ich wollte mehr. Denn im Gegensatz zu meiner eher musikalischen Karriere in der ich es trotz bescheidenem Rucksack recht weit gebracht hatte, war ich mit 35 bereits ein versierter Politiker mit breitem Know-How. In Griffen ausgedrückt beherrschte ich nicht drei, fünf oder elf Griffe, sondern eher 70 oder 80. Ich war gerüstet und ich wollte gewinnen. Und ich gewann, es war ein Start-Ziel Sieg.
Die Zeit in Köniz erscheint mir heute wie ein einziger Traumlauf. Köniz ist meine Heimat, ich habe in den 16 Jahren an der Spitze der Gemeinde persönlich und politisch unglaublich profitiert, aber ich gab selber auch alles. Die ersten 6 Jahre waren ein Husarenritt, in dem ich die Gemeinde völlig umkrempelte und ihr moderne Strukturen verpasste und eine exemplarische baurechtliche Grundordnung schuf. Nach 6 Jahren war es soweit: Ein neuer Gemeinderat mit drei vollamtlichen und vier nebenamtlichen Gemeinderat nahm die Arbeit auf, die neue Dynamik in der Könizer Politik hatte hervorragende Leute in Köniz aus dem Busch geklopft, die ihren angestammten Beruf verliessen um am neuen Köniz zu arbeiten. Als sich das 20. Jahrhundert dem Ende neigte, befand sich die Gemeinde in einem tollen Zustand.
Eine bärenstarke Exekutive und eine tüchtige Verwaltung hatten aus Köniz eine Vorzeigegemeinde gemacht. Ich dachte, ich könnte gehen und kandidierte bei der nächsten Vakanz für den Regierungsrat. Ich hatte meine Kandidatur schlecht vorbereitet und scheiterte auch prompt. Ich war enttäuscht, meine Frau hingegen war glücklich darüber, mich nicht noch mehr an die Politik zu verlieren.
Dann kamen die gesundheitlichen Rückschlage. Auf einer Bergtour im Wallis erlitt ich auf rund 4000m Höhe einen Herzinfarkt und musste mit der Air Zermatt aus dem Berg geholt und in die Insel geflogen werden.
Ich überlebte, aber nichts war mehr so wie vor dem Infarkt, als ich meine Rehabilitation abgeschlossen hatte und meine Arbeit in Köniz wieder aufnahm. Das war 1999 und das Millenium stand vor der Tür. Und vier Jahre später, nach genau 16 Jahren war die Ära Huber in Köniz zu Ende.
Für mich begann ein neues Leben, ich hatte dem goldenen Käfig adieu gesagt und freute mich darauf, wieder ein Privatleben zu haben und mich wieder Tätigkeiten zuwenden zu können, die ich lange nicht ausgeübt hatte. Der Musiker in mir wurde immer wichtiger und diese Entwicklung hält bis heute an.
Das Leben hat mir bisher viel Licht aber auch ein paar happige Schattenseiten beschert. Paradoxerweise waren es die Schattenseiten in meinem Leben, die mich Demut und Gelassenheit lehrten.
In einem seiner schönsten Songs singt Brian Wilson „Add some music to your day“. Dem versuche ich nachzuleben, Tag für Tag.
Henri Huber, 2018