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Touren in der High Sierra
Von Ruedi Schmid
Mit 2 Bildern ( 92, 93z. Z. San Francisco ) San Francisco lag noch tief im Nebel, als wir frühmorgens zur Stadt hinausfuhren, diesem sommerlichen Küstennebel, der während der heissen Monate über der Stadt lagert und das Klima schön gleichmässig und angenehm kühl hält. Schon auf der Bay Bridge erreichte uns der erste Sonnenstrahl, und zurückblickend sahen wir einzelne Wolkenkratzer und die zahlreichen Hügel der Umgebung der Stadt über die Nebeldecke hinausragen. Und dann schluckte uns für die nächsten 300 km die trockene, drückende Hitze des San Joachim Valleys, das parallel zum Pazifischen Ozean, hinter der Küstenhügellinie verlaufend, sozusagen das Herzland Kalifornien darstellt. In Fresno kauften wir Nahrungsmittel ein. Dann wand sich die Strasse auf einer langen Rampe hinauf zur Höhe der ersten richtigen Sierrakette. Mit zunehmender Höhe änderte sich die Vegetation: von den unendlichen dürren Feldern des kalifornischen Tieflandes kamen wir in die Zone des Hartlaubbusches, die an die Macchiagegend der Mittelmeerländer erinnert und wichtig ist für die das Leben ermöglichende Wasserversorgung des Tieflandes. Auf ungefähr 2000 m beginnt die Waldzone, ein lichter, regelmässiger Wald, der hauptsächlich aus Zedern, Eichen und den riesenhaften Red-Wood-Tannen besteht, deren Alter auf bis 3500 Jahre geschätzt wird. Die verschiedenen, die inneramerikanische Hochebene vom kalifornischen Küstenstreifen trennenden Sierraketten verlaufen alle parallel der pazifischen Küste. Oft sind sie jedoch rechtwinklig durchbrochen von tief eingeschnittenen Canons, die das Wasser der Seen und Gletscher dem Pazifik zuleiten. Selten kann ein solches Canon für die Strassenführung benutzt werden, da die Wände viel zu steil sind und neben dem Fluss kein Raum mehr vorhanden ist. So windet sich die Strasse in unendlichen Schleifen wieder hinab von der ersten Kette, um bald darauf auf der andern Seite des Tales die zweite Kette in Angriff zu nehmen. Die ganze Gegend erinnert etwas an unsere Juratäler, nur sind die Dimensionen ganz anders. Endlich kann sich die Strasse ins Canon des South Fork des Kings River hineinzwängen, und nach einer abenteuerlichen Fahrt durch die tiefe, schattige Schlucht erreichten wir Cedar Grove, das Ende der Strasse. Hier befindet sich ein öffentlicher Camping Place, wo Hunderte von Familien ihre Ferienzelte oder Wohnwagen unter Bäumen aufgestellt haben. Der National Forest Service hat hier viele Dutzende von Waldbrunnen und betonierten Kochstellen im Walde errichten lassen, um die sich die Camper gruppieren, ein für uns Schweizer ungewohntes Bild. Allerdings hat die Regierung ein verständliches Interesse, das Lagerleben auf einige Punkte zu konzentrieren, die gut überwacht werden können; denn die Waldbrandgefahr ist in diesem heissen Lande unermesslich gross. Tatsächlich halten die wachthabenden Förster eine glänzende Ordnung und Disziplin im Lagerwalde aufrecht; aber wir waren dennoch froh, am nächsten Morgen diesen Platz der organisierten Naturbewunderung hinter uns zu lassen.
Der erste Tag brachte uns ungefähr 20 km weit ins Canon hinein. Unsere Rucksäcke waren schwer und drückend, trotzdem wir auf die Mitnahme von Zelten verzichtet hatten und an getrockneten Nahrungsmitteln wirklich nur das Allernotwendigste mitführten, in weitem Ausmasse auf die Fähigkeit der zwei Fischer unter uns vertrauend. Die Nacht verbrachten wir unter Tannen im Bubbs Creek, wo uns ein nicht endenwollendes Gewitter völlig durchnässte. Da es am andern Morgen weiterregnete, vertrauten wir auf die Undurchlässigkeit unserer eigenen Haut, luden unsere nassen Rucksäcke auf den Buckel und nahmen die restlichen 20 km Weg und 1000 m Höhenunterschied zum Bullfroglake in Angriff. Gegen Abend klärte es einmal etwas auf, aber als wir am See anlangten, konnten wir im Nebel und der einbrechenden Nacht kaum die eigene Hand vor dem Gesichte sehen. So breiteten wir die nassen Schlafsäcke missmutig im Schütze einiger Blöcke aus und krochen in die feuchten Daunen. Dass es auch in Kalifornien auf 3000 m kalte Nächte geben kann, haben wir damals kennengelernt.
Es brauchte am andern Morgen keine grosse Überwindung, um aufzustehen, da ein wolkenloser Himmel den tiefblauen See und die umliegenden Berge überspannte. Schon von unsern Schlafsäcken aus hatten wir einen Gipfel gesehen, der unsere Blicke ganz besonders fesselte. Er stand in einer gewissen Distanz hinter dem See, sein Spiegelbild erschien verzerrt im leicht gekräuselten Wasser, und seine Spitze glitzerte schon in der ersten Sonne. Die kartographische Bestimmung zeigte, dass es der 4100 m hohe University Peak war, der einer der am weitesten ins inneramerikanische Hochland vorgeschobenen Gipfel ist und eine wundervolle Aussicht auf das Owensvalley und den Mount Whitney, den höchsten Gipfel der Vereinigten Staaten, bietet. Nach einem Frühbad im frischen See zogen wir los. Der Anmarsch führte durch lichte Wälder und an einem halben Dutzend tiefblauer, klarer Bergseen vorbei. Auf ungefähr 3500 m erreichten wir die Waldgrenze und turnten dann für zwei Stunden über ein wahres Feld von riesigen Granitblöcken, vorbei an den wilden Zacken der Kearsarge Pinnacles. Kurz nach Mittag standen wir auf dem Gipfel, atemlos, aber auch sprachlos vor dem gewaltigen Rundblick, der sich uns bot. Unmittelbar zu unsern Fussen lag das Sixty Lakes Basin mit den unzähligen tiefblauglitzernden Bergseen, umsäumt von einem lichten Arvenwald, überall die ausschleifende Tätigkeit der gewaltigen Gletscher demonstrierend, die einst diese Ketten und Täler bedeckten und heute bis auf wenige verschwindende Reste abgeschmolzen sind. Im Norden und im Süden folgte unser Blick den zahlreichen, parallelen Sierraketten, auf deren am meisten östlich gelegenen wir selber standen. Hunderte von hohen, kahlen Bergen begrenzten den Horizont, einzelne von frisch gefallenem Schnee überzuckert. Im Westen verfolgten wir den South Fork des Kings River in seinem Canon durch die sich verlierenden Ketten und ahnten weit hinten den Übergang des Himmelblaus in den Dunst des Pazifischen Ozeans. Im Osten aber fällt die Sierra 3000 m steil ab ins weite, wüstenhafte Owensvalley, den Beginn des Hochlandes. Tief unter uns lag Independence, eine kleine Oase mitten in der Wüste. Auf der zuführenden Strasse herrschte grosser Betrieb, Züge kamen und gingen, und auf dem Flugplatz landete ein Flugzeug. Der hastige Betrieb mutete recht spielzeugartig an, etwa wie wenn man vom Stubentisch aus der elektrischen Eisenbahn auf dem Fussboden zuschaut! Etwas nördlich von Independence beginnt der 350 km lange offene Wasserkanal, der das Trinkwasser vom Owens River nach Los Angeles leitet und von einem schmalen Saum grüner Bäume begleitet ist, dem einzigen Grün in der gelbgrauen Wüste.
Bei Sonnenuntergang waren wir wieder im Lager. Unsere zwei Fischer hatten einen recht guten Tag gehabt, und unser Nachtessen wurde durch ein ausgiebiges Forellenmahl bereichert. Die Flüsse und Seen wimmeln geradezu von Golden Trout, einer Art Regenbogenforellen, die jedes Jahr von der Regierung hier ausgesetzt werden. Das Gebiet der High Sierra wurde vor vielen Jahren zum Nationalpark erklärt und umfasst einige tausend Quadratkilometer, in denen jegliches Jagen, Holzen und Hüttenbauen verboten ist. Das Fischen ist als einzige Ausnahme erlaubt.
Am nächsten Morgen stiegen wir bei glühender Sonne zum 3700 m hohen Glen Pass auf und erreichten bei sinkender Sonne den obern Raelake, an dessen Ufer wir unsere Schlafsäcke ausbreiteten. Unter einem von Millionen von Sternen übersäten Himmel verbrachten wir die warme Nacht, und unser Frühbad am nächsten Morgen zog die ersten Wellenkreise in den spiegelglatt daliegenden See. Hinter dem See erhebt sich 500 m hoch die steile regelmässige Pyramide des Fin Domes, ein grossartiges Bild, das oft für photographische Publikationen verwendet wird. Der solide Fels versprach eine schöne Klettertour, und so brachen wir kurz nach dem Frühstück auf. In einer knappen Stunde hatten wir den Einstieg erreicht. Die Westwand, aus riesigen Granitplatten mit feinen griffigen Rissen bestehend, versprach am ehesten Erfolg. Der selten solide Fels machte das Klettern zu einem wahren Vergnügen. Jeder Griff hielt, und die volle Sonne wärmte den rauhen Fels. Kurz vor Mittag standen wir auf der Spitze der 3500 m hohen Felspyramide. Die Aussicht war nicht so weitschweifend wie vom viel höhern University Peak aus, aber die Reize der nähern Umgebung hielten uns völlig schadlos. Rund um uns reihte sich ein See an den andern, alle eingebettet im lichten Arvenwald. Wir zählten 38 Seen von unserm erhobenen Sitze aus, und von tief unten johlten unsere fischenden Freunde uns zu und zeigten uns guten Fang an.
Der Abstieg in der goldenen Nachmittagssonne vollzog sich dank einiger richtungweisender Steinmännchen ohne Schwierigkeiten. Am Einstieg seilten wir uns los, zogen unsere Kleider ab und sprangen in den nächsten der warmen Bergseen.
Die restlichen zwei Tage verwendeten wir zum Rückmarsch, der uns fast 50 km weit durch den Woods Creek und das South Paradise Valley zum South Fork des Kings River und nach Cedar Grove zum Auto zurückführte. Unsere Rucksäcke waren nun wesentlich leichter geworden, denn unser Proviant ging zur Neige. Was übrig blieb, frassen uns Rehe und Hirsche, die unser Nachtlager am Woods Creek heimsuchten und alles abnagten, was sie erlangen konnten.
Die Alpen - 1951 - Les Alpes17