Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03522.jsonl.gz/2703

Der Weg von der militärischen zur kulturellen Nutzung
Chronologie der Ereignisse
Im Jahr 1973 wurde die Neunutzung des Kasernenareals erstmals in einer breiteren Öffentlichkeit diskutiert, nachdem bekannt geworden war, dass der Regierungsrat den Militärbetrieb ins Reppischtal verlegen wollte und dem Kantonsrat eine entsprechende Kreditvorlage unterbreitet hatte. Die Verlegung wurde 1975 vom Volk knapp angenommen. Kurz danach reichten die damalige PdA-Zürich sowie die EVP Volksinitiativen für die Neunutzung des Areals ein. Die PdA wollte die Umwandlung der Kaserne in ein Kultur-, Freizeit-, Jugend- und Begegnungszentrum, die EVP wollte die Gebäude abreissen, um einen grossen Park zu errichten. 1978 wurden beide Initiativen vom Volk abgelehnt. In der Folge versprach der Regierungsrat, die Bedürfnisse der Bevölkerung abzuklären. Allerdings herrschte drei Jahre lang Funkstille. Erst im Herbst 1981 publizierte der Regierungsrat einen im stillen Kämmerlein ausgearbeiteten Entwurf für ein Gesamtnutzungskonzept des Kasernenareals. Darin war u.a. vorgesehen, den Bereich der Stallungen und der Reithalle zwischen Schanzengraben und der Sihl für kulturelle Zwecke zu nutzen. Am 25. Januar 1982 nahm der Stadtrat positiv Stellung zu dieser Absicht. Das Gesamtnutzungskonzept wurde später verschiedentlich überarbeitet, über die für kulturelle Zwecke vorgesehenen Flächen im Bereich Gessnerallee bestand aber immer Einigkeit zwischen Kanton und Stadt. Umstritten blieb dagegen die Neunutzung des Areals, auf dem die Kaserne steht („Kasernenareal“), weshalb der Kanton und die Stadt 1985 gemeinsam beschlossen, zwei öffentliche Projektwettbewerbe durchzuführen, einen für das Kasernenareal, den anderen für die Kulturinsel Gessnerallee.
Im Hinblick auf den Wettbewerb Kulturinsel Gessnerallee wurde vom Präsidialdepartement der Stadt Zürich bereits 1985 ein Raumprogramm vorgelegt, das auf den drei Säulen
- Präsentation (Aufführungsräume)
- Produktion und
- Kommunikation
beruhte. Von Bedeutung ist, dass unter dem Titel „Präsentation“ die Schaffung sowohl eines grossen Theatersaales in der Reithalle wie auch eines kleineren Saales für Aufführungen und Veranstaltungen beantragt wurde, die einen intimeren Rahmen voraussetzen. Die Idee der „Mittleren Bühne“ ist somit seit 24 Jahren in der politischen Diskussion, ohne bislang realisiert worden zu sein.
Im März 1986 wurde der Wettbewerb Kulturinsel Gessnerallee abgeschlossen. Ende 1986 beschloss der Stadtrat, auf der Basis des erstprämierten Wettbewerbsprojektes in den Gebäuden zwischen Gessnerallee und Schanzengraben ein konkretes Raumprogramm für ein Kulturzentrum Gessnerallee auszuarbeiten und die planerische Vorbereitung eines provisorischen Betriebs in der grossen Reithalle sowie in Teilen der angebauten Stallungen in Angriff zu nehmen. Die Gebäude zwischen Gessnerallee und der Sihl waren für die Schauspielakademie vorgesehen und lagen in der Verantwortung des Kantons.
Am 23. März 1988 legte der Stadtrat dem Gemeinderat eine Rechtsgrundlage für einen auf drei Jahre befristeten Probebetrieb des Theaterhauses Gessnerallee vor, nachdem auf diesem Gelände bereits vorgängig sporadisch kulturelle Veranstaltungen stattgefunden hatten. Der Gemeinderat stimmte dieser Vorlage am 2. November 1988 zu, und ein Jahr später, im Oktober 1989, konnte der Betrieb nach Abschluss diverser baulicher Anpassung- und Sanierungsarbeiten aufgenommen werden. Das Theaterhaus Gessnerallee war geboren!
Am 5. Februar 1992 beantragte der Stadtrat dem Gemeinderat, den bis dahin provisorischen Betrieb um nochmals zwei Jahre, spätestens aber bis Ende 1993 zu verlängern, wobei in der Zwischenzeit die Vorbereitungen für den definitiven Betrieb an die Hand genommen werden sollten. Auch diesem Antrag stimmte der Gemeinderat zu.
Am 23. Juni 1993 verabschiedete der Stadtrat die Rechtsgrundlage für die Einrichtung des definitiven Theaterbetriebs, den Kauf der Liegenschaft sowie einen Bau- und Einrichtungskredit. Diese Vorlage musste der Zürcher Stimmbevölkerung unterbreitet werden. Sie wurde nach einem aufregenden Abstimmungskampf am 28. November 1993 mit 52 678 Ja gegen 47 141 Nein gutgeheissen.
Von der Kür zur Pflicht
Kulturpolitischen Gründe zur Schaffung eines Zentrums für das freie Theater
Bis Ende der 70-er Jahre bestand die städtische Kulturpolitik im Wesentlichen aus der Unterstützung der vier grossen Kunstinstitute Opernhaus, Schauspielhaus, Tonhalle und Kunsthaus. Daneben gab’s noch eine Subvention für das ZKO, das Theater am Neumarkt, das Theater am Hechtplatz, die städtischen Ausstellungshäuser Strauhof und das Helmhaus sowie Beiträge für die Blasmusiken. Kulturelles Leben war gewissermassen identisch mit glanzvollen Aufführungen im Opern- oder Schauspielhaus oder mit Ausstellungen von renommierten Künstlern (Frauen schien es kaum zu geben). Kultur hatte den Anstrich von Freizeitvergnügen, Luxus, von Elitärem, von Schöngeistigem. Kultur war in erster Linie Vorzeigekunst!
Zu Beginn der 80-er Jahre rebellierte ein Teil der Zürcher Jugend gegen die einseitige Kulturpolitik der Stadt. Auslöser war eine Abstimmungsvorlage für die Sanierung und Erweiterung des Opernhauses. Die Jugendlichen stiessen sich an der Millionenvorlage für das Opernhaus. Sie selber hatten keine Orte, wo sie sich ohne Aufsicht versammeln und sich selber organisieren konnten, also keine „autonomen“ Räume. Die Jugendlichen fühlten sich heimatlos und skandierten „Wir sind die Kulturleichen“ und „Macht aus dem Staat Gurkensalat“. Wüste Auseinandersetzungen waren die Folge. Erstaunlicherweise machten die Öffentlichkeit und in deren Gefolge auch die öffentliche Hand keine voreiligen und einseitigen Schuldzuweisungen. Viele Leute hatten Verständnis für die Jugendlichen und deren Wunsch nach selbstverwalteten Freiräumen, in denen sie ihre Kunst produzieren und zeigen konnten. Sie beabsichtigten, mit künstlerischen Mitteln auf ihre Umgebung, Ihre Stadt, ihre eigene Situation einzugehen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Im Vordergrund standen gesellschaftspolitische Themen und Fragestellungen. Kultur wurde als Plattform wahrgenommen, auf der sich die Menschen als Individuum oder Gruppe wahrnehmen, als Ausdruck der Identifikation, der Selbstbestätigung und der Abgrenzung. Kultur war die Ebene, auf der Beziehungen zwischen den einzelnen Teilen der Gesellschaft erst sichtbar wurden, Zusammenhänge entstanden und Konflikte sich zeigten.
Die Stadt reagierte auf die Forderungen der Jugendlichen mit einer beachtenswerten Öffnung der Kulturpolitik. Sie wurde als Kommunikation verstanden, die ein Abbild dessen vermitteln sollte, was in der Stadt vor sich ging. Kulturpolitik sollte sich nicht nur mit dem künstlerischen Schaffen im engeren Sinn befassen, sie sollte vielmehr den gesamten Lebensbereich, die Freizeit, die Wohn- und Lebensgestaltung miteinbeziehen. Kommunikation heisst permanente Auseinandersetzung mit den Beteiligten, Betroffenen und Verantwortlichen. Es ging darum, das, was in der Stadt passierte, aufzuspüren und wahrzunehmen, um entsprechend handeln zu können. Ein Grundzug dieser Politik sollte der Respekt vor einer Pluralität von Lebensäusserungen sein: Die verschiedensten kulturellen und gesellschaftlichen Strömungen mussten nebeneinander gelten können. In diesem Sinn ging es nicht darum, bisher stark geförderte Bereiche zugunsten weniger oder bisher überhaupt nicht unterstützter Sparten zu vernachlässigen, also um ein „Entweder-Oder“, vielmehr versuchte die Stadt, im Rahmen ihrer Möglichkeiten, eine Politik des „Sowohl-als auch“ zu propagieren.
Gesucht wurden demzufolge Orte für die Kommunikation und den kulturellen Austausch, Räume für vielseitige kreative Aktivitäten und kulturelle Angebote. Eine Reihe neuer Institute wurde ins Leben gerufen und finanziell unterstützt, u.a. das Theater Spektakel, die Rote Fabrik, der Bazillus (später Moods), das Kanzleizentrum oder das Filmpodium-Kino Ferner wurden Kredite für freie Tanz- und Theatergruppen sowie die Jazz-, Rock-, Popmusik und die E-Musik bewilligt.
Zu dieser Zeit – das war 1984 – entwickelten Mitglieder der Theater Spektakel Gruppe, die ihr zeitlich befristeten Festivals zumindest gedanklich ausdehnen wollten, ein Anforderungsprofil für die Nutzung der Reithalle und der Stallungen an der Gessnerallee. Die städtische Kulturabteilung begrüsste diese Initiative. Das freie Theaterschaffen hatte dem konventionellen Theater in den vorangegangenen Jahren neue, bedeutende Impulse gegeben. Es stellte Fragen inhaltlicher, formaler und institutioneller Art, probierte eigene Wege aus und suchte neue Antworten. Trotzdem –oder gerade deswegen – musste es damals um seine Existenzberechtigung kämpfen. Wohl wurden da und dort Produktionsbeiträge gewährt, doch fehlte es an professioneller Betreuung und vor allem an einem Ort, an dem die notwendigen Auseinandersetzungen mit und über die Arbeit stattfinden konnten. Kein Wunder, dass die Räume an der Gessnerallee als grosszügige und weitsichtige Chance gesehen wurden, dem freien zeitgenössischen Kulturschaffen mitten in der Stadt einen Treffpunkt mit angemessenen Produktions- und Aufführungsstätten zur Verfügung zu stellen. Stadt und Theater Spektakel Gruppe gingen schon damals davon aus, dass sich eine lebendige Szene entwickeln und das Zentrum Leuchtkraft weit über die Grenzen der Stadt hinaus erhalten würde.
Gefordert wurde die Schaffung eines auch abends und an Wochenenden geöffneten Ortes mit vielfältigem Kulturangebot und mindestens zwei Beizen, in denen kein Konsumzwang bestand. Das Zielpublikum sollte aus wachen, aufgeschlossenen und toleranten Leuten bestehen, die interessiert am Geschehen in der Stadt und am Leben anderer waren, durchmischt in sozialer Herkunft, Bildungsgrad und Einkommen. Das Zentrum sollte ferner Probe- und Arbeitsräume für freie Kulturschaffende aufweisen, in erster Linie für freie Theater, weil da der Mangel am grössten war. Ferner sollte ein Programm angeboten werden mit im Haus oder sonstwie in Zürich entstandenen Theater-, Tanz- und Videoproduktionen, mit Gastspielen von freien Gruppen aus dem In- und Ausland, mit Lesungen und Konzerten aktueller, sowohl kommerzieller als auch nicht kommerzieller Musik. Mit thematischen Blöcken, Serien, Rhythmen und Zyklen sollte ein Stammpublikum aufgebaut werden, das bereit war, sich mit den unterschiedlichsten kulturellen Ausdrucksformen auseinanderzusetzen. Die Leute sollten nicht wegen dieser oder jener spezifischen Aufführung in die Gessnerallee gehen, sie sollten primär an diesen Ort aufsuchen und sich vom Angebot inspirieren lassen.
Vor dem Hintergrund dieses Anforderungsprofils setzte die städtische Kulturabteilung 1986 formell eine Arbeitsgruppe aus Mitgliedern der Theater Spektakel Gruppe, der Theaterszene und der Verwaltung ein, um ein detailliertes Betriebskonzept für einen einstweilen provisorischen Theaterbetrieb zu entwickeln. Als Ziel wurde vorgegeben, dass sich das Haus als Gastgeber verstehen und sich mit folgenden Aufgaben befassen sollte:
- Förderung des lokalen, professionellen freien Theaterschaffens
- Vermittlung und Präsentation des Theaterschaffens an ein breites Publikum
- Förderung des Gedankenaustausches und der Auseinandersetzung innerhalb der Theaterschaffenden
- Einladung von Gastproduktionen, die auf neue Entwicklungen hinweisen
Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe wurden im Januar 1987 zunächst dem Stadtrat und anschliessend der Öffentlichkeit im Rahmen einer Medienorientierung vorgestellt. Dabei wurden alle freien Theater- und Tanzgruppen der Schweiz, ihre Verbände, die Rote Fabrik, das Quartierzentrum Kanzlei und weitere interessierte Kreise zur Stellungnahme zu präzisen Fragen eingeladen. Die Fragen bezogen sich sowohl auf den Bereich der Produktion wie auch der Präsentation und die Kommunikation. Im Zentrum aber standen Fragen zur Trägerschaft und zur Leitung des vorgesehenen Hauses:
- Soll die Stadt das Leitungsteam ernennen?
- Soll ein Trägerverein als Partner der Stadt gebildet werden?
- Soll ein Aufsichtsgremium geschaffen werden, das aus verschiedenen Vertreterinnen und Vertretern der Theaterschaffenden sowie aus städtischen Abgeordneten besteht?
Die Theaterschaffenden beteiligten sich sehr rege an dieser Vernehmlassung. Ihre Anregungen und Vorschläge wurden in die zu erarbeitende Rechtsgrundlage aufgenommen. So ist das noch heute geltende Trägerschaftsmodell ein konkretes Resultat der damaligen Diskussionen.
Auf der Basis der Reaktionen aus der Szene erstellte die städtische Kulturabteilung die Rechtsgrundlage für den Start des Theaterhauses Gessnerallee, das Peter Brook einige Jahre später im Büchlein „Perlen vor die Freunde“ wie folgt umschrieb:
“Zurich’s theatre drew a fresh breath when it found the empty space of the Gessnerallee. We always remember with joy our very special experiences in its warm and living heart, filled over the years with the love of those who work there. Good wishes to those who come und those who go.”
Fazit
Das Theaterhaus Gessnerallee ist die Frucht einer konstruktiven Zusammenarbeit von Theaterschaffenden und der städtischen Verwaltung. Anders als die Rote Fabrik, die von der „Bewegig“, einer undefinierten Ansammlung von zumeist jugendlichen Personen initiiert wurde, standen namentlich bekannte Zürcher Theaterschaffende beim Gründungsprozess der Gessnerallee Pate. Die Errichtung dieses Theaterzentrums ist Ausdruck eines in den 80-er Jahren entstandenen neuen Kulturverständnisses, das Kultur nicht als „Luxus“, sondern als „Investition in die Gesellschaft“ versteht. Die vor 20 Jahren gelegten geistigen und konzeptionellen Fundamente des Theaterhauses haben bis heute nichts von ihrer Aktualität und Notwendigkeit eingebüsst. Das Haus ist zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Zürcher Kulturangebots geworden.
Jean-Pierre Hoby
ehemals Direktor Kultur Stadt Zürich