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"Dieser Junge spielt besser als jeder einzelne von uns", urteilte der Vorsitzende der Jury des 1960er Chopin-Wettbewerbes, des wahrscheinlich renommiertesten Klavierwettbewerbs überhaupt. Artur Rubinstein war das; in der Jury sassen noch ein paar andere Koryphäen dieser Liga (Nadja Boulanger etwa). Der "Junge", ein 18jähriger Italiener namens Maurizio Pollini, gewann den ersten Preis denn auch mit fliegenden Fahnen (als jüngster Teilnehmer!), nahm anschliessend das erste Chopin-Klavierkonzert für die EMI auf (eine legendäre Einspielung, die seither ununterbrochen fester Bestandteil des Klassikkataloges ist) – und bekam dann Angst vor der eigenen Grösse. Die unmittelbar danach eingespielten "Préludes", deren Aufnahme Produzent Peter Andrys als "Gänsehaut-Erfahrung" beschrieb, gab der junge Künstler nicht frei; erst acht Jahre später erschien seine nächste Schallplatte. Bei EMI entliess man Pollini nach zehn frustrierenden Jahren aus dem Vertrag, um dann mit ansehen zu müssen, wie jener unmittelbar danach bei der Deutschen Grammophon zum Weltstar aufstieg. Auch dort spielte er die "Préludes" noch einmal ein, eine Aufnahme mit Referenzstatus. In Sachen musikalischer Gestaltung und pianistischer Brillanz fraglos mit Recht. Doch um wie viel spontaner und leichter wirkt diese nun endlich doch veröffentlichte Erstaufnahme! Der schlankere Klavierklang hat natürlich auch damit zu tun, doch vor allem hat man hier das Gefühl, als ob jede Distanz zwischen Werk und Interpret verschwindet. Man kann nur darüber spekulieren, was den jungen Pianisten einst dazu bewog, die Aufnahme zurückzuziehen: Was sich dem Hörer hier nun nach über einem halben Jahrhundert offenbart, ist eine in solcher Form äusserst selten zu erlebende Verbindung von höchster Musikalität und stupendem Virtuosentum, deren Repertoirewert gar nicht zu überschätzen ist.
© Janis Obodda