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Laufschuhe – Mit oder ohne Dämpfung zur Pronationsstütze
Im März 2016 habe ich mich der Frage gewidmet, ob der Trend zu Minimalist Running und Barfoot Running sinnvoll ist und wenn ja, was es bewirkt. In meinem Beitrag zur aktuellen Forschung zu diesem Thema, bin ich zur Aussage gekommen, dass der Dämpfungseffekt traditioneller Laufschuhe überbewertet wird.
Wer sich mit dem Thema Dämpfung, Pronation und Laufen im Allgemeinen beschäftigt, hat vielleicht vor ein paar Jahren den Medienhype um den Artikel Foot pronation is not associated with increased injury risk in novice runners wearing a neutral shoe: a 1-year prospective cohort study erschienen 2013 in British Journal of Sports Medicine mitbekommen. Demnach ist das Konzept, Läufer in drei Kategorien einzuteilen (neutrale Pronation, Unterpronation oder auch Subination und Überpronation), falsch und unabhängig vom Pronationstyp können alle mit einem neutralen Schuh gleichermassen gut laufen.
Pronation: Wie sich der Fuss beim Laufen nach innen dreht
Pronation ist der medizinische Begriff zur Beschreibung der Einwärtsdrehung von Gliedmassen. Für den Fuss ist die Pronation Bestandteil des natürlichen Dämpfungssystems beim Aufsetzen. Je nach Eindrehung werden drei Typen von Pronation unterschieden. Sie bilden damit die Grundlage für die Einteilung der Läufertypen.
Neutrale Pronation: Der Fuss setzt mit der Fersenaussenkante auf und rollt dann über den Mittelfuss zum grossen Zeh ab.
Unterpronation: Der Fuss dreht nicht weit genug ein, wodurch das Abrollen von der Fersenaussenkante über die Fussaussenkante hin zum kleinen Zeh erfolgt.
Überpronation: Der Fuss dreht zu stark ein und setzt schon mit der Ferseninnenseite auf und rollt dann über die Fussinnenkante ab, hin zum grossen Zeh.
Die typischen Ursachen für Unter- und Überpronation sind Fussfehlstellungen und Übergewicht.
Verletzungsrisiko und Pronation – Gibt es einen Zusammenhang?
Während die oben erwähnte Studie von 2013 bei 937 Probanden keinen Zusammenhang zwischen Pronation und Verletzungsrisiko bei Laufanfängern gefunden hat, arbeitet im gleichen Jahr ein Review ein etwas anderes Ergebnis heraus. Association between foot type and lower extremity injuries: systematic literature review with meta-analysis erschienen 2013 in Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy findet zwar nur einen schwachen, aber statistisch signifikanten Zusammenhang zwischen den für Unter- und Überpronation typischen Fussfehlstellungen und einem pronationsbedingten Verletzungsrisiko. Sowohl der für Unterpronation typische Hohlfuss, als auch der für die Überpronation typische Senkfuss wird von den Autoren mit einem erhöhten Verletzungsrisiko an Fuss, Fussgelenk, Schienbein und Knie in Zusammenhang gebracht.
Wie kommt es zu diesen unterschiedlichen Aussagen?
Nun, die erste der beiden genannten Studien erwähnt bei 937 Probanden 252 Verletzungen. Das sind etwa 27% und damit deutlich weniger als die etwa 50%, die sich laut Literatur jährlich beim Laufen verletzen (Running injuries. A review of the epidemiological Literatur). Vielleicht sind hier in der Studie nicht alle Verletzungen eingeflossen, was dann natürlich auch einen Einfluss auf die Schlussfolgerung hat.
Schaut man sich diese Studie genauer an, scheint für mich eine weitere Erklärung für die Schlussfolgerung in der Auswahl der Fehlstellungen bzw. deren Gruppierung zu liegen. Für diese Gruppierung wurde der sogenannte Foot Posture Index (FPI) verwende. Die Autoren haben Läufer mit einem FPI-Wert von 0 – 7 als neutrale Pronation zusammengefasst und dann alles bis zu einem Wert von 10 als Überpronation und darüber als starke Überpronation definiert. D. h. als Pronation werden hier nur FPI-Werte über 7 angegeben. Tatsächlich reicht die Definition für eine normale Pronation aber von 0 – 5 (siehe hier). Mit anderen Worten: Durch die grosszügige Definition der neutralen Pronation ist die Gruppe der Läufer mit Überpronation entsprechend kleiner ausgefallen. Demzufolge erklärt sich auch, dass kein signifikanter Zusammenhang zwischen Pronation und Verletzungsrisiko gefunden werden konnte.
Fussfehlstellungen begünstigen laufbedingte Verletzungen
Zum Glück müssen wir uns nicht nur auf die beiden Studien von 2013 verlassen. Ein weiterer Review Foot posture as a risk factor for lower limb overuse injury: a systematic review and meta-analysis erschienen 2014 in Journal of Foot and Ankle Research hat sich ebenfalls dem Thema angenommen und bestätigt ebenfalls einen Zusammenhang zwischen Fussfehlstellungen und einem pronationsbedingten Verletzungsrisiko.
Für mich stellt sich der Sachverhalt so da: Es gibt Fussfehlstellungen, die beim Laufen zu einer Unter- bzw- Überpronation führen können. Diese Abweichung von der neutralen Pronation kann, wenn sie gross genug ist und durch entsprechende Trainingseinheiten lang genug wirkt, zu Verletzungen führen. Typische Verletzungen sind hier das mediale Tibia-Stress-Syndrom (Schienbeinkantensyndrom oder auch Shin Splint) sowie das patellofemorale Schmerzsyndrom (vorderer Knieschmerz). Allerdings, kann ich die gleichen Probleme auch ohne die Fussfehlstellung bekommen. Es ist dann nur weniger wahrscheinlich.
Damit komme ich zur eigentlichen Frage diese Beitrags: Lohnen Schuhe mit besonderen Dämpfungssystemen zum Pronationsausgleich? Wenn ja, für wen?
Laufschuhe mit Pronationsstütze lohnen nur bei Läufern mit Überpronation
Der Frage nach dem richtigen Schuh sind die Autoren von Injury risk in runners using standard or motion control shoes: a randomised controlled trial with participant and assessor blinding erschienen 2016 in British Journal of Sports Medicine nachgegangen. 372 Freizeitläufer wurden in zwei Gruppen aufgeteilt. Die eine Gruppe bekam neutrale Schuhe (ohne Pronationsstütze) die andere Gruppe ein Modell mit Pronationsstütze. Über einen Zeitraum von 6 Monaten mussten die Studienteilnehmer mindestens eine Laufeinheit pro Woche absolvieren und ihre sportlichen Aktivitäten sowie ggf. Verletzungen oder Schmerzen zurückmelden. Eine erste Auswertung hat 32.4% Verletzte in der Gruppe ohne Dämpfung und 17.6% in der Gruppe mit Dämpfung ergeben. Eine genauere Analyse mit Unterteilung der Teilnehmer nach ihrem FPI-Wert hat dann gezeigt, dass nur die Läufer mit Überpronation von der Pronationsstütze profitieren.
Die Autoren kommen damit zu dem Schluss, dass Läufer mit Überpronation ein erhöhtes Verletzungsrisiko haben, wenn sie neutrale Schuhe verwenden. Entsprechend wird diesen Läufern empfohlen Schuhe mit Pronationsstütze zu verwenden, um das Verletzungsrisiko zu senken.
Mein Fazit
Wer im Unklaren über sein eigenes Pronationsverhalten ist, sollte einen fachmännischen Rat dazu einholen. Ob man dabei lieber einem Orthopäden oder dem Verkäufer im Sportgeschäft vertraut, muss jeder selbst entscheiden. Besondere Dämpfungs- und Stützsysteme machen jedenfalls nur Sinn, wenn eine Fehlstellung der Füsse vorliegt. Nur dann senken diese Systeme das Verletzungsrisiko nachweislich. Für alle anderen gilt aus meiner Sicht: ein neutraler Schuh und ein guter Laufstil sind die beste Versicherung gegen laufbedingte Verletzungen oder Schmerzen, so wie schon in meinem Beitrag im März zu lesen war.