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Tierversuchsfrei studieren in der Ukraine
Seit 2008 betreibt der deutsche Verein Ärzte gegen Tierversuche ein äusserst erfolgreiches Projekt in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, insbesondere der Ukraine. Dabei werden Universitäten mit tierversuchsfreien Lehrmitteln wie Computersimulationen, Filmen, Modellen, Laptops und Beamern ausgestattet. Im Gegenzug verpflichten diese sich, auf die entsprechenden Tierversuche im Studium zu verzichten. Bislang wurden Verträge mit den Leitern von 41 Universitätsinstituten in 15 Städten der Ukraine sowie sechs Instituten in Kirgisien und einem in Usbekistan geschlossen. Pro Jahr werden so über 47 000 Tiere wie Ratten, Frösche, Kaninchen und auch Hunde und Katzen vor einem qualvollen Tod bewahrt. Die AG STG hat dieses Mut machende Projekt mit 5000 Franken unterstützt.
In Ex-Sowjetländern besteht ein grosses Potential, Tierversuche im Studium durch tierversuchsfreie Lehrmethoden zu ersetzen. Viele Hochschullehrer sind gegenüber den modernen, computergestützten Lehrmethoden aufgeschlossen. Meist mangelt es nur an Informationen und Finanzmitteln. Wir schaffen auf beiden Ebenen Abhilfe. So können mit relativ einfachen Mitteln konkret Tierleben gerettet werden.
Die an den Universitäten in diesen Ländern durchgeführten Tierversuche in der studentischen Ausbildung erschrecken nicht nur durch die hohen Tierzahlen von zum Teil über 1000 Tieren pro Kurs, sondern auch durch die Grausamkeit. So werden mit Elektroden Messungen im Gehirn von Katzen durchgeführt, an Hunden werden Operationen geübt, Fröschen wird bei vollem Bewusstsein der Kopf mit einer Schere abgeschnitten und das Rückenmark ausgebohrt, bei Ratten wird Sauerstoffmangel, bei Kaninchen Organversagen und bei Mäusen Überhitzung ausgelöst. Ratten werden mit elektrischem Strom durchströmt, oder ihnen wird das Kleinhirn oder die Schilddrüse entnommen, um die Auswirkungen zu studieren.
Diese Grausamkeiten werden oft aus alter Gewohnheit durchgeführt. In Zeiten der UdSSR gab es einen strengen Katalog an Experimenten, der abgearbeitet werden musste. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Unabhängigkeit der einzelnen Länder wurden die Institutsleiter freier in der Gestaltung der Praktika. Viele blieben bei den Tierversuchen. Ratten sind billig zu züchten. Hunde und Frösche kosten gar nichts, man schickt einfach ein paar Studenten los, welche zu fangen. So war es halt immer. Die Strategie unseres Projektes, das wir in Zusammenarbeit mit InterNICHE, dem Internationalen Netzwerk für humane Lehre, durchführen, ist es, zunächst die Institutsleiter von den modernen Lehrmitteln zu überzeugen. Dazu initiieren wir Vorführungen an den Unis. Sehr oft stossen wir dabei auf enormes Interesse. Gemeinsam werden dann geeignete tierversuchsfreie Lehrmittel für den jeweiligen Kurs ausgewählt. Damit Computerprogramme genutzt werden können, sind ein Laptop und ein Beamer nötig. Die Institute sind fast alle äusserst ärmlich ausgestattet.
Mit dem Vertrag, der dann bei Übergabe der Materialien unterzeichnet wird, verpflichten sich die Institutsleiter, auf die Tierversuche in dem entsprechenden Kurs dauerhaft zu verzichten. Nach ca. einem Jahr gibt es einen weiteren Besuch von uns, um den Einsatz der Materialien zu kontrollieren. Darüber hinaus sind wir in ständigem Kontakt. Die allermeisten Professoren sind sehr zufrieden und äusserst dankbar, da unsere Spenden nicht nur eine humanere, sondern auch eine modernere Lehre bieten. Unentbehrlich bei allen Aktivitäten ist unser ukrainischer Projektleiter, der Biologe Dimitrij Leporskij.
Damit der Stein noch etwas schneller rollt
Damit der Stein, den wir in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion ins Rollen gebracht haben, noch etwas schneller rollt, haben wir eine Projekt-Seite in Russisch, Ukrainisch und Deutsch eingerichtet. Bisher sind neue Interessenten über Anschreiben oder Mundpropaganda rekrutiert worden. Neben Details zu den einzelnen Instituten, mit denen wir Verträge geschlossen haben, bietet die Seite Informationen über tierversuchsfreie Lehrmethoden, Berichte von begeisterten Professoren sowie Argumente gegen Tierversuche in der Forschung. Ziel ist es, durch das Aufzeigen positiver Erfahrungen weitere Kursleiter zur Umstellung zu motivieren. Ausserdem soll die Seite Whistleblowern die Möglichkeit geben, uns zu informieren, falls die Verträge nicht eingehalten werden. Bisher gab es jedoch noch keinerlei Beschwerden. Einige Interessenten vor allem aus Russland hat die Seite bereits generiert.
Die meisten Computersimulationen und Filme stammen aus dem angloamerikanischen Raum. Englischkenntnisse sind in der Ukraine usw. aber nicht sehr verbreitet. Landessprachige Filme und Software sind ungemein wichtig, um die Akzeptanz für moderne Lehrmittel zu erhöhen und eine Umstellung auf tierversuchsfreie Kurse voranzutreiben. So haben wir die Übersetzung bzw. Produktion russischsprachiger Lehrmaterialien finanziert. Durch Pressekonferenzen und Medienberichte haben wir zudem eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit angestossen.
Humane Ausbildung in Zeiten des Krieges
Simferopol auf der Halbinsel Krim ist unsere «beste» Stadt. Nicht weniger als acht Verträge haben wir hier geschlossen. Im Jahr 2011 hat die Nationale Universität Simferopol sogar den von unserer Vereinigung und InterNICHE verliehenen Preis für die tierfreundlichste Uni der Ukraine bekommen. Trotz der Annexion der Krim durch Russland wurde der eingeschlagene Weg nicht verlassen. Und selbst in der blutig umkämpften Ostukraine sind die gespendeten Materialien weiterhin im Einsatz. Die Universität Donezk war wegen der Kämpfe zeitweilig geschlossen, und es wurden für die Studenten Fernkurse eingerichtet, wobei unseren Multimediaprogrammen eine besondere Bedeutung zukam.
Das Projekt ist äusserst vielschichtig und aufwendig, und manchmal gibt es auch Rückschläge, wenn sich z.B. nach Verhandlungen und Vorführungen ein Dozent doch nicht entschliessen kann, auf tierversuchsfreie Lehrmittel umzustellen. Dennoch ist dies eine der wenigen Möglichkeiten, konkret Leid und Tod von Tieren zu verhindern. Ausserdem lassen wir so die Spirale der Gewalt an den Hochschulen, bei denen angehende Mediziner und Biologen auf die brutale Ausbeutung von Tieren getrimmt werden, etwas weniger schnell drehen.
Die Ärzte gegen Tierversuche danken der AG STG und ihren Mitgliedern für die grosszügige Unterstützung dieses lebensrettenden Projektes.
Dr. med. vet. Corina Gericke Ärzte gegen Tierversuche e.V.
www.aerzte-gegen-tierversuche.de
Erstellungsdatum: 26.02.2015
Fotos: Zur Verfügung