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Die Geburt Europas – Goethe und Napoleon – eine historische Begegnung
Zwei Männer mit gegensätzlichen Idealen? Der eine ringt im Geiste - auf Papier, mit Worten und Schreibfeder, der andere im Verstand - auf dem Schlachtfeld, mit Bajonett und Kanonen. Goethe ist auf der Suche nach Schönheit und Erkenntnis. Napoleon auf der Suche nach Grösse und Macht. Aus der Serie: «Kulturgeschichtliche Impulse im Weltgeschehen» von Andreas Beers. Teil 5.
Vor 214 Jahren am 8. Oktober 1808 begegnen sich im deutschen Erfurt zwei Männer, die Weltgeschichte geschrieben haben. Der eine ist der grösste Dichter und Naturwissenschaftler seiner Zeit, der andere der mächtigste Mann Europas: Johann Wolfgang von Goethe trifft Napoleon Bonaparte. «Ohne das Legionskreuz geht Goethe niemals aus», erzählt Wilhelm von Humboldt einige Monate später seiner Frau, «und von dem, durch den er es hat, pflegt er immer mein Kaiser zu sagen.»
«Vous êtes un homme?» – «Sind sie ein Mann?» So die ersten Worte Napoleons an Goethe, der ihn beim Frühstück sitzend empfing. Vertraulich plauderten die beiden später, wie zwei alte Freunde über Goethes Roman «Die Leiden des jungen Werthers», den Napoleon in seiner Reitertasche mitführte. Sie sprachen über die Naturwahrheit der Poesie und über Voltaires Bühnenstück «Cäsars Tod». War Letzteres eine Vorhersehung?
Goethe verehrte die alten Griechen, Napoleon die Römer. Und ein Gedanke, den Napoleon während des Gespräches wiederholt zum Ausdruck brachte, war dieser: «Das Christentum ist eine Reaktion des griechischen Geistes gegen die römische Eroberung» und «Das durch rohe Gewalt besiegte Griechenland, errang die geistige Herrschaft wieder, in dem es den wohltätigen Keim, den der Himmel zum Glück der Menschheit jenseits des Meeres ausgesät hatte, pflegte und entwickelte».
Menschenschicksal und Weltenschicksal reichen sich die Hand. Im strahlenden Herbstlicht am 7. Oktober 1808 brach man früh auf zum von Goethe entworfenen Tempelchen auf dem Windknollen bei Jena. Später frühstückte eine historisch bemerkenswerte Runde unterhalb des Hügels im Zelt-Biwak: Der russische Zar Alexander I, Kaiser Napoleon Bonaparte, der preussische Minister, Fürst Carl August von Hardenberg, und Johann Wolfgang von Goethe, Kulturminister von Weimar, Naturforscher und Dichter. «Im Geiste schienen sie sich einig, im weltlichen verhakten sie sich in den Zahnrädern der Zeit.» Man verhandelte über Staatsangelegenheiten, die das weitere Schicksal Europas für lange Zeit bestimmen sollten.
«Stück Scheisse in einem Seidenstrumpf.»
Napoleons Traum – «der Geist ist, der Verstand will». Am nächsten Tag kam es zu einer berühmt gewordenen Szene, in der Napoleon seinen Grosskämmerer als «Stück Scheisse in einem Seidenstrumpf» beschimpfte. Wie sein Diener Constant verlauten liess und der Schreiber es notierte, hatte der Kaiser in der Nacht zuvor einen Alptraum: «Ein Bär öffnete ihm seine Brust und zerfleischte sein Herz.» Am selben Tag begleitete Napoleon den russischen Zar Alexander I. auf die Strasse nach Weimar und nahm von ihm Abschied. Er sah dem davonreitenden noch lange nach, die rechte Hand unter das Revers gesteckt, sein unruhiges Herz schützend. Die Ära der Kriege hatte in Erfurt noch immer nicht beendet werden können, doch das wussten nur die Eingeweihten.
Napoleon Bonaparte – Totengräber der Französischen Revolution. «Ich bin die Revolution!» sagte Napoleon von sich. Mit seiner weltlichen Machtausübung trug er den aufkeimenden Impuls von «Liberté – Égalité – Fraternité» zu Grabe. Gerade dadurch aber, verschaffte er ihm eine umso grössere geistige Stosskraft. Die «Saat» war ausgebracht, doch sie versank im Morast des Krieges. Napoleons Russlandfeldzug von 1812 endete in einer der grössten militärischen Katastrophen der Geschichte. Seine Idee des europäischen Kaiserreichs verlor sich in den Weiten Russlands. Das Ende der Zeiten absolutistischer Monarchien wurde damit ebenfalls besiegelt.
Die Ideale der Französischen Revolution vielen auf unfruchtbaren Boden. Das Verständnis für den dreigliedrigen Impuls von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war nicht vorhanden. Notwendig dafür wäre gewesen, die Erkenntnis der Trichotomie, der dreigliedrigen Differenzierung der menschlichen Wesenheit in Geist, Seele und Leib. Diese wurde durch die von Rom ausgehende, seit tausend Jahren konstituierte kirchliche Macht, in ganz Europa fast vollständig ausgelöscht. Auch Goethes naturwissenschaftliche Impulse versandeten aus demselben Grund im materialistisch-geistlosen Gestrüpp des 19. und 20. Jahrhundert.
Die Saat geistiger Impulse benötigt, um gedeihen zu können, fruchtbaren Boden zur rechten Zeit. Goethes geistiges Wirken führte zur Erkenntnis des Lebendigen. Napoleons weltliches Wirken führte zu Krieg und Tod. Beide beeinflussten das werdende Europa, das bis heute noch immer in schmerzhaften Wehen liegt, um nicht zu sagen: «Schon längst eine Totgeburt ist.»
In dieser Serie bereits erschienen:
Teil 1: Die Schiffchen und Kettfäden auf dem Webstuhl der Welt
Teil 2: Die Durchlichtung der Welt
Teil 3: Die Wurzeln unserer Naturwissenschaft - Aristoteles und die Feldzüge Alexanders des Grossen
Teil 4: Gold oder Geist – Philipp der Schöne und der Impuls der Tempelritter
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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen.
«Doch rufen von drüben die Stimmen der Geister, die Stimmen der Meister: Versäumet nicht, zu üben die Kräfte des Guten!» (Johann Wolfgang von Goethe, 1749-1832, deutscher Minister, Dichter und Naturforscher)
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