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Dieses Projekt entstand im Rahmen meiner Masterthesis zur Erlangung des Master of Arts in Art Education an der Zürcher Hochschule der Künste, Departement Kulturanalysen und Vermittlung, Vertiefung publizieren&vermitteln.
Rahel Neuenschwander
[HS_07_0637] Heinrich Gustav Sallenbach (ab nun: HS) kommt am 29. Juli 1890 als zweites
Kind von Johann Heinrich Sallenbach und Eugenie Antoinette, geborene Suter in Zürich zur
Welt. Der Vater betrieb bis zur Heirat mit Heinrichs Mutter ein Handelsunternehmen in
New York, welches er nach der Hochzeit verkaufte, um in die Schweiz zurückzukehren. Die
Kindheit verbringt HS wohlbehütet zusammen mit seiner älteren Schwester Annie in der
grosszügigen Villa der Familie Sallenbach an bester Lage in unmittelbarer Nähe vom
Zürichsee an der Bellerivestrasse 30 in Zürich [HS_01_0027].
Nach der Primarschule besucht HS die Industrieschule am Freien Gymnasium in Zürich, wo er am 6. Oktober 1909 Maturitätsreife erlangt. Im Herbst desselben Jahres tritt er die Bauingenieurschule der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) an. Im selben Jahr entstehen auch die ersten stereoskopischen Fotografien [HS_01_0038].
Vom 24. August bis am 29. Oktober 1910 absolviert HS die Rekruten-schule der Sappeure (Genietruppen) in Brugg [HS_03_0290]. Den Wiederholungskurs belegt er vom 15. bis am 27. September 1913 bei der Gebirgs-Sappeur-Kompanie in Bellinzona. Das Diplom als Bauingenieur erhält er im März 1915 [HS_08_0744]. Inmitten des ersten Weltkrieges, ab 1915, ist er an der Hochschule in Wien bei Professor Saliger als Assistent beschäftigt. 1917 bis 1919 ist er als stellvertretender Bauingenieur beim Bau des Heidseewerkes für das Elektrizitätswerk Zürich engagiert [HS_17_1639]. Hierfür zieht HS auf die Lenzerheide, wo er zuerst in einer Pension wohnt und ab September 1917 ein eigenes Châlet bezieht [HS_12_1110].
Am 27. August 1917 heiratet er seine frühere Nachbarin und Jugendfreundin Emma Elisabeth Lilly Keller, genannt Lily (13.08.1891-16.07.1976) [HS_2_6_2]. Lily studiert nach der Heirat Medizin an der Universität in Zürich und München. Die Wochenenden verbringt sie bei ihrem Mann auf der Lenzerheide.
Am 31. Januar 1920, nach Vollendung des Bauprojekts auf der Lenzerheide, ziehen HS und die hoch-schwangere Lily wieder nach Zürich in sein Elternhaus an der Bellerivestrasse 30. Kurz darauf, am Abend des 22. Februar 1920 stirbt HS im Alter von nur 29 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit. Am selben Tag kommt seine Tochter Lily Katharina Sallenbach, genannt Katharina (22.02.1920-22.06.2013), zur Welt. Nach dem unerwarteten Tod ihres Mannes zieht Lily mit Katharina ins Haus ihrer Mutter, wo sie die folgenden drei Jahre die obersten Räumlichkeiten bewohnt. 1923 beziehen Lily und Katharina eine Wohnung an der Klausstrasse, fünf Gehminuten vom Seefeldquai entfernt. Lily lässt sich vom befreundeten Architekten Max Haefeli, einem wichtigen Vertreter des Neuen Bauens in der Schweiz, oberhalb vom Klusplatz ein Haus bauen, welches sie im Herbst des Jahres 1925 gemeinsam mit ihrer Tochter bezieht. Die Tochter Katharina Sallenbach lebt bis zu ihrem Tod dort. Als Plastikerin und Bildhauerin hinterlässt sie nach über siebzig Schaffensjahren ein ausgesprochen reiches Lebenswerk.
Heinrich Sallenbach erstellte mit der Bildauswahl, Beschriftung und Ordnung des Materials seinen lebensgeschichtlichen Entwurf. Er praktizierte Fotografie als Dokumentation seines Lebens und seines Umfeldes [HS_1_0065] und zeigte dabei sein privates wie auch berufliches Interesse an Fortschritt, Technik und Wissenschaft [HS_09_0817].
Der Nachlass gibt als Zeitdokument Informationen über eine wohlhabende Oberschicht in Zürich zwischen 1909 und 1919 preis [HS_07_0640]. Die Analyse der Anordnung der Bilder im Bestand zeigt, dass HS eine sture chronologische Anordnung der Bilder ohne weiteres Gestaltungsprinzip vornahm. Dennoch ist die Auswahl, die er bei der Entwicklung und Montage der Bilder getroffen hat, aussagekräftig für die Denk- und Lebensweise von HS. Die Bilder zeigen das besondere Interesse des Autors an Technik [HS_17_1659] und offenbaren die gehobene gesellschaftliche Position der Familie durch das (bewusste oder unbewusste) Zeigen und Verwenden von Statussymbolen [HS_09_0863].
Bereits die Verwendung der stereoskopischen Fotografie, die durch ihre hohen Kosten für Apparatur, Zubehör und Bildentwicklung nur einer kleinen sehr wohlhabenden Oberschicht zugänglich war sowie besonderes technisches Geschick im Umgang mit Kamera und Montage der Bilder voraussetzte, ist ein Indiz für das gehobene gesellschaftliche Umfeld, in dem sich HS bewegte. Im Zusammenhang mit den schriftlichen Quellen konnte den Bildern zahlreiche Informationen entnommen werden, die zur Rekonstruktion der Biografie von HS von grossem Wert waren und die Aussagen über die Lebensgewohnheiten der abgebildeten Personen und weitere historische Begebenheiten zuliessen . Durch den verfrühten Tod und das Fehlen von Quellenmaterial lassen sich jedoch nur begrenzt Aussagen über die Intention und Motivation hinter dem fotografischen Schaffen von HS treffen [Nekrologie_Schweizerische Bauzeitung, 6. März 1920, S.119].
Im Laufe der Zeit übernahm der Bildbestand verschiedenste Funktionen. Zur Zeit seiner Entstehung galten wohl die kommunikativen und identitätsstiftenden Aspekte [HS_10_0951]. Nach dem Tod von HS wurde er zum Ort der Erinnerung an gemeinsam erlebte Vergangenheit und diente als Ersatz und Sehnsuchtsort für dessen Person [HS_13_1262]. Der Nachlass kann in der Fotostiftung Schweiz unabhängig von der Person HS gleich mehrere neue Funktionen erfüllen: als intakter und bestens erhaltener Bestand stereoskopischer Glasplatten, zur Bewahrung und weiteren Untersuchung des fotohistorisch höchst interessanten Mediums und als historische Quelle, welche einen Ausschnitt der Gesellschaft und Geschichte Zürichs zwischen 1909 und 1919 dokumentiert.
Der Nachlass, der sich bis zuletzt im Besitz von Katharina Sallenbach befand und nach ihrem Tod im Juni 2013 in die Fotostiftung Schweiz überführt wurde, umfasst 1706 stereoskopische Glasplatten-positive aus den Jahren 1909-1919, die in einem Möbelstück (ca. 73 x 40 x 105 cm) mit 19 aus Holz gefertigten Kisten (je ca. 35 x 20 x 8 cm) aufbewahrt werden . Hinzu kommen acht auf Karton aufgezogene stereoskopische Fotografien, drei Stereoskope, ein Montagegerät und ein Arbeitsbuch .
In den Kisten haben jeweils 100 Bilder Platz. Die zwar staubigen, ansonsten aber sehr gut erhaltenen Platten sind chronologisch geordnet, beschriftet und nummeriert . Es liegt wohl nicht zuletzt am Aufbewahrungsort in den Holzkisten, dass sich die Glasplatten bis heute in einem sehr guten Zustand befinden. Hier sind sie trocken, vor Licht geschützt und durch die Abtrennung durch feine Holzleisten vor Beschädigung sicher. Neben der Beschriftung auf den Glasplatten hielt HS in einem kleinen schwarzen Büchlein welches er als "Register der Stereo-Diapositive" bezeichnet hat, zusätzliche Informationen wie die Namen der abgebildeten Personen, Ortsangaben und das Aufnahmedatum fest.
Die Bilder in den ersten beiden Kisten sind mit einer eigenen Nummerierung in römischen Zahlen versehen. In diesen beiden Kisten befinden sich 117 farbige Stereoskopien (Autochrome) aus den Jahren 1909 bis 1917. Die Nummerierung der übrigen Bilder verläuft durchgehend von 1-1699. In der Kiste 17+ befinden sich 29 Bilder aus der Zeit von 1918-1919. Kiste 4, welche die Bilder 301-400 enthalten sollte, ist nicht mehr vorhanden. Der Grund dafür ist nicht bekannt. Der logischen Abfolge nach muss diese Kiste existiert haben. Dem handgeschriebenen Register ist zu entnehmen, dass sich Bilder aus der Zeit zwischen Oktober 1910 und August 1911 darin befanden. Die Handschrift auf den Kisten, den Bildern und im Register stammt höchst wahrscheinlich von HS selbst, was die Vermutung nahelegt, dass er die Ordnung der Bilder auf die Weise angelegt hat, wie sie heute noch in den Kisten vorzufinden ist.
Wenn auch nicht auf jedem Bild Ort, Datum und Namen aller abgebildeten Personen vermerkt ist, lassen sich dennoch im Zusammenhang mit dem Register und den übrigen Glasplatten fast alle Bilder datieren und einem übergeordneten Kontext zuschreiben. Die Beschriftung und Anordnung lässt auf einen sehr präzisen und sorgfältigen Umgang mit dem Medium schliessen und verleiht der Ernsthaftigkeit und Kontinuität, mit der sich HS der Fotografie widmete, Ausdruck. Die Angaben im Register, die den Zeitraum vom September 1909 bis Oktober 1914 abdecken, legen die Vermutung nahe, dass HS den Bestand über mehrere Jahre, vielleicht sogar während den zehn Jahren, in denen er die stereoskopi-schen Fotografien erstellte, kontinuierlich aufgebaut und sortiert hat. Zwar schrieb er seine Bemerkungen stets in schwarzer Tinte in das Register, doch verwendete er dabei unterschiedlich dicke Federn. Auch das Schriftbild verändert sich im Laufe der Zeit.
Die Glasplatten haben alle ein einheitliches Mass von 7 x 15 cm pro Platte, beziehungsweise 5.5 x 5.5 cm pro Einzelbild. Jede Glasplatte wiegt 60 Gramm, ein Gewicht, das den Bildern im Vergleich zu Papierabzügen einen besonderen Objektcharakter verleiht.
Leider sind die Negative nicht mehr auffindbar. Da die Negative für die Herstellung der stereoskopischen Bilder zerschnitten und vertauscht werden mussten, wurden sie vermutlich danach nicht mehr aufbewahrt, die Kamera und das Kamerazubehör konnte im Verlauf der Recherchen ebenso wenig aufgefunden werden. Im Bestand ist eine noch nicht montierte stereoskopische Fotografie vorhanden [Stereoskopische Fotografie, noch nicht montiert]. Diese könnte ebenso wie das Montagegerät darauf hinweisen, dass HS die Bilder selbst montiert hat.
Jedes Bild ist mit einer Inventarnummer versehen. Die Nummern reichen von HS_01_0001 bis HS_17+_1675. Zusätzlich sind unter HS_18_0001 - HS_18_0009 acht auf Karton aufgezogene stereoskopische Fotografien erfasst. Diese sind auf der Rückseite mit der Nummerierung 1-9 versehen, wobei Bild 7 fehlt. HS bezeichnet dabei den Autoren HS; die erste Zahl ist mit der Kistennummer, in der sich das entsprechende Bild befindet identisch; die zweite Zahl entspricht der von HS selbst vorgenommenen Nummerierung. In der Datenbank steht unter Bildlegende die Angabe, die HS am rechten, weissen Rand der Glasplatten beigefügt hat. Dort, wo ein Aufnahmedatum auszumachen war, ist dieses separat angegeben. Die Werkgruppen entschlüsseln sich in folgender Weise:
Unter Wohnraum sind alle Bilder erfasst, die den Wohnraum des Fotografen dokumentieren, das heisst das Haus, den Garten und die Umgebung des Hauses, in dem die Familien Sallenbach und Keller gelebt haben [HS_1_0013]. Der Wohnraum, dem insgesamt 232 Bilder zugeschrieben werden können, lässt sich geografisch in Zürich, Lenzerheide und thematisch in Interieur zusammenfassen. Unter Personen sind 396 Bilder erfasst, deren Protagonisten Personen sind. Meist handelt es sich dabei um Portraits [HS_02_0198]. Es wird unterschieden zwischen Familie (183 _Bilder), Freunde (215) Selbstportraits (78) Fremde (27) und Kinder (66). Unter Fremde sind jene Bilder erfasst, die Personen zeigen, welche als Angehörige fremder Kulturen und Lebensweisen dargestellt werden [HS_11_1004].
Ein Grossteil der Bilder, nämlich insgesamt 1003 Stück, legt Zeugnis der Freizeitbeschäftigung des Fotografen und seines Umfeldes ab. Unter der Werkgruppe Freizeit sind folgende Themen erfasst: Reisen (679), Ausflug (87), Strassenszene (72), Feste/Feiern (15), Ereignis (73), Musik (12), Berge (177), Technik (35) [HS_13_1298].
Ein weiteres Themenfeld besetzt das Militär (41). Die Bilder entstanden während der Rekrutenschule in Brugg (1910), Lumino Misox (1913) und beim Stützpunkt in Monticello (1913) [HS_08_0733]. Besonders die späten Fotografien legen Zeugnis vom beruflichen Werdegang von HS als Bauingenieur ab. Unter Ingenieur (226); Vermessung sind 8 Bilder erfasst, auf denen Messgeräte gezeigt sind, ohne dass dabei ein direkter Zusammenhang mit dem Bau des Heidseewerkes ausgemacht werden kann [HS_07_0689]. Unter Bau Heidseewerk ist das Grossprojekt dokumentiert, bei dem HS von Baubeginn an (1917) bis zur Vollendung (1919) die Stelle eines Assistenten des bauleitenden Ingenieurs innehatte. Insgesamt dokumentieren 185 Bilder den Bau des Heidseewerks [HS_15_1464].
Unter Ort sind die geografischen Daten zu den entsprechenden Bildern erfasst. Die meisten Bilder sind in der Schweiz entstanden (1256). Weitere Länder, die HS bereist und fotografiert hat, sind Deutschland (119), Spanien (109), Italien (53), Österreich (31), Ungarn (35), Tschechien (16), Frankreich (15), Slowakei, Holland (11), Luxemburg (5) und Belgien (2).
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