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2.1 Möschberg – die Wiege des organisch-biologischen Landbaus
Nachdem in den frühen 30er Jahren zum ersten mal Bio-Bauern in der Schweiz begannen, nach der biologisch-dynamischen Anbaumethode zu wirtschaften, erhielt der biologische Landbau erst nach dem zweiten Weltkrieg wieder neuen Auftrieb. Einzelne Mitglieder der 1946 von Jungbauern gegründeten Anbau- und Verwertungsgenossenschaft "Heimat" (AVG) sowie der 1947 entstandenen Schweizerischen Gesellschaft für biologischen Landbau begannen sich vermehrt für den biologischen Landbau zu interessieren und setzten Präparate zur Verrottung von Komposthaufen ein. Belegt ist, dass an der Jahrestagung der Bauernheimatbewegung auf dem Möschberg 1947 Erfahrungen mit dem biologischen Landbau ausgetauscht wurden.
2.2 Das Gründer-Trio Maria Müller, Hans Müller und Hans Peter Rusch
"Die Gärtnerin Maria Müller-Bigler, seit 1932 Leiterin der Hausmutterschule auf dem Möschberg, war massgeblich bei der Entwicklung und Förderung biologischer Anbaumethoden innerhalb der Bauernheimatbewegung beteiligt", schreibt Werner Scheidegger in seiner Broschüre "Biologischer Landbau – Illusion oder Chance?". "Maria Müller konsultierte die damals verfügbare Literatur zum Thema, wobei ihre Gartenbau-Bibel Sir Albert Howard’s "Mein landwirtschaftliches Testament" war. Die so gewonnenen neuen Erkenntnisse und Einsichten erprobte sie jeweils sofort in ihren Gärten. Zusammen mit dem Zürcher Pfarrer Edmund Ernst thematisierte sie den biologischen Landbau in der zweiten Hälfte der 40er Jahre auf dem Möschberg. Der Ehemann von Maria Müller, Hans Müller, der als Botaniker über das Thema "Wie kam das Leben auf den Fels" dissertierte, war bis 1946 politisch und sozial aktiv gewesen. In den 20er Jahren hatte Hans Müller auf Grund seines von der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) erteilten Bildungsauftrages und beeinflusst von der dänischen Volkshochschulbewegung die Bauern weiterzubilden getrachtet. Auch hatte er sich für eine alkoholfreie Obstverwertung eingesetzt, indem er eine Bauern-Abstinenten-Bewegung gegründet hatte. Alkoholismus hatte damals viele Bauernfamilien in den Ruin getrieben. In den 30er-Jahren hatte sich Hans Müller zusammen mit den Gewerkschaften für eine fortschrittliche Boden- und Wirtschaftspolitik engagiert, was schliesslich zu einer Spaltung der BGB 1935 führte, bei der die meisten Jungbauern ihrem Leiter Hans Müller folgten. 1946 erfolgte dann eine Aufteilung der Bauernheimatbewegung. Die meisten Jungbauern, die bei der Spaltung Hans Müller folgten, teilten das Interesse an der biologisch-dynamischen Anbauweise. Auf Grund ihres Religionsverständnisses konnten sie jedoch das anthroposophische Gedankengut, dessen Verständnis und Akzeptanz für die Anwendung der biologisch-dynamischen Landbaumethode unabdingbar ist, nicht verstehen und übernehmen. Sie setzten sich deshalb bald von der biologisch-dynamischen Richtung ab und nannten ihre Anbaumethode "organisch-biologisch". 1949 referierte Pfarrer Ernst auf dem Möschberg über die Elemente und die Praxis des "organisch-biologischen Landbaus" und machte den neuen Begriff dadurch erstmals öffentlich bekannt. 1951 erfolgte dann die offizielle Abgrenzung von der biologisch-dynamischen Bewegung. Gleichzeitig fanden die ersten Kontakte mit Hans Peter Rusch statt, der einen Aufsatz über den Kreislauf der Bakterien als Lebensprinzip veröffentlicht hatte und damit auf die Aufmerksamkeit von Hans und Maria Müller stiess. Rusch hielt 1953 seinen ersten Vortrag auf dem Möschberg zum Thema "die wissenschaftlichen Grundlagen der Pflanzengesundheit und ihre Konsequenzen für die Praxis". Als Arzt suchte Hans Peter Rusch nach den Ursachen und Zusammenhängen von Krankheiten und identifizierte schliesslich den Boden als Sitz von Gesundheit und Leben. Rusch entwickelte 1949/50 seine "biologische Bodenprüfung" und analysierte ab 1953 für die Anbau- und Verwertungsgenossenschaft Heimat (AVG)-Genossenschafter Bodenproben. Die Ergebnisse dieser Bodenuntersuchungen halfen die Frage klären, was denn biologischer Landbau überhaupt sei. Heute ist es mit Hilfe von Bodenproben und den anschliessenden Bodenanalysen möglich, einen Betrieb innert kürzester Zeit anbautechnisch umzustellen. Rusch hat die Entwicklung des organisch-biologischen Landbaus nachhaltig beeinflusst, indem er für die organisch-biologische Richtung das naturwissenschaftliche Fundament gelegt hat. So verfasste er von 1953 bis 1988 in fast jeder Ausgabe der von Müller 1946 gegründeten Vierteljahreszeitschrift "Kultur und Politik" einen Beitrag. Die Zusammenarbeit zwischen Rusch und dem Ehepaar Müller war für die Bauern und Bäuerinnen enorm wichtig, da Müller die Funktion als Bindeglied zwischen Rusch und den Praktikern einnahm." ((4) und mündliche Mitteilungen von Werner Scheidegger).
2.3 Bio-Gemüse AV-AG Galmiz
Nach 19-jähriger Tätigkeit als Nationalrat kam 1946 Müllers politische Laufbahn zu einem Ende. Im gleichen Jahr gründete Hans Müller zusammen mit einigen Freunden die "Anbau- und Verwertungsgenossenschaft Heimat (AVG)", die heutige "Bio-Gemüse AV-AG Galmiz", nicht zuletzt auf einen wohlgemeinten Rat von Nationalrat Gottlieb Duttweiler hin "den in der Bildungsarbeit geschaffenen Vorsprung in einen Vorsprung am Markt umzumünzen"(1). Ein rostiger Veloanhänger war einziges Startkapital des jungen Unternehmers Müller. Mit Hans Hurni als Geschäftsführer fand Müller eine treibende Kraft, die den Mangel an Geld bei weitem aufwog. Hurni leitete die AVG bis zu seinem Tod 1973.
Ziel der AVG war und ist die Absatzsicherung und dadurch indirekt die Förderung des biologischen Anbaus durch die Schaffung eines gemeinsamen und einheitlichen Marktauftritts für ihre Mitglieder. Die wichtigsten Absatzkanäle sind und waren der Abo-Gemüsepaketversand, die verarbeitende Industrie von Bioprodukten sowie der Bio-Detailhandel wie Reformhäuser, Bio-Läden und Grossverteiler.
Die meisten Gründungsgenossenschafter produzierten 1946 noch konventionell. 1947 begann die AVG den chemiefreien Anbau vor allem deshalb zu propagieren, weil das organisch-biologisch angebaute Gemüse bessere Lagerqualitäten aufwies. 1951 beschloss die AVG-Verwaltung, "der biologische Landbau soll durch Aufklärung so gefördert werden, dass im nächsten Jahr bereits bindende Vorschriften und Richtlinien erlassen werden könnten" (2). Zur weiteren Verbreitung des organisch-biologischen Anbaus wählte man indessen nicht den Weg des Zwanges, sondern des Anreizes in Form eines Mehrpreises und einer Rückvergütung bei Einhaltung der AVG-Düngervorschriften.
"Die Migros war am Anfang nicht nur mit Abstand der grösste, sondern bis zum Ausbau des Detailverkaufs per Post in der ersten Hälfte der 60er Jahre praktisch der einzige bedeutende Abnehmer der AVG", schreibt Peter Moser. "Für die Entstehung der Zusammenarbeit mit der Migros war die persönliche Bekanntschaft zwischen Gottlieb Duttweiler und Hans Müller nicht unwichtig. Die Migros selber führte ihren Anfang der 50er Jahre rasant steigenden Gemüseabsatz auch darauf zurück, dass sie mit ihren Bestrebungen, nach biologischen Grundsätzen angebautes Vorzugsgemüse anbauen zu lassen, auf dem richtigen Wege sei" (2).
2.4 Die Biofarm-Genossenschaft
1972 gründeten neun AVG-Produzenten, die neue Wege suchten für die biologische Unkrautbekämpfung, die Biofarm-Genossenschaft. Der Durchbruch der Herbizide ermöglichte in den 60er Jahren eine enorme Reduktion des Arbeitseinsatzes in der konventionellen Landwirtschaft. "Die biologisch wirtschaftenden Produzenten wurden dadurch arbeitswirtschaftlich in Abseits gedrängt, da sie nach wie vor nur soviel säen konnten, wie sie im Frühling und Sommer zu jäten vermochten. Die Biofarm-Bauern wollten nun die aus Deutschland und Dänemark übernommenen, in eigenen Versuchen zur Praxisreife weiterentwickelten Abflammgeräte in der Schweiz weitervermitteln" (2). "Auch die Einführung des Rabe-Hackstriegels verhalf dem Biobauer zu einer besseren Schlagkraft in der Unkrautbekämpfung.
Die Biofarm-Genossenschaft entwickelte sich jedoch bald von der Landtechnik weg und spezialisierte sich auf die Vermarktung von Getreide und Getreideprodukten in Kleinpackungen. Später wurde das Sortiment durch Importe aus dem Anbau von befreundeten Produzenten in Frankreich ergänzt mit Trockenfrüchten, Tee- und Gewürzkräutern. 1986 entschloss sich die Biofarm auch zur Aufnahme der Fleischvermarktung."(4)
Heute zählt die Biofarm-Genossenschaft rund 550 Mitglieder. 500 Biobauern beliefern die Biofarm. Vermarktet werden die Knospe-Produkte Obst, Beeren, Früchte, Getreide, aber auch Fertigprodukte wie Öle, Essig, Senf, Pasta, Müesli, Mehl, Sirup, Bier, Most, Trockenfrüchte, Zucker, Weine und Flocken.