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FIM-Erklärung zu Online-Musik
Die Online-Musik hat in der Zeit der Pandemie noch an Bedeutung gewonnen. Die Musikerinnen und Musiker warten jedoch immer noch auf eine gerechte Verteilung der Einkünfte, die von Download- und Streamingplattformen erzielt werden.
Am 21. Mai dieses Jahres wird es genau ein Jahr her sein, dass die am 22. Kongress der Internationalen Musiker-Föderation (FIM) anwesenden Mitglieder, darunter auch Vertreter des SMV, die "FIM-Erklärung zu Online-Musik" angenommen haben. Andere Themen hatten zwar in den letzten Monaten die Priorität auf unserer SMZ-Seite, insbesondere die Pandemie und ihre Folgen, aber diese Erklärung bleibt immer noch aktuell. Es handelt sich nämlich um eine Auseinandersetzung von langer Dauer um die Gewährleistung einer fairen Vergütung für Musikerinnen und Musiker, die in ihrer grossen Mehrheit trotz des explosionsartigen Anstiegs der Nachfrage für ihre online genutzten Aufnahmen nur gering oder gar nicht entschädigt werden.
Für mehr Gerechtigkeit
Die sieben Punkte der Erklärung formulieren die fundamentalen Grundsätze, deren Umsetzung zwingend nötig ist, um den Musiker*innen endlich die Zahlung einer angemessenen Entschädigung für den durch ihre Arbeit entstandenen Wert zu garantieren. Der erste Punkt unterstreicht, dass sich die Forderungen sowohl auf die namentlich genannten als auch auf die nicht namentlich genannten Musiker*innen beziehen, und zwar für jede Online-Nutzung und unabhängig von der zur Zugänglichmachung ihrer Aufnahmen verwendeten Technologie. Der zweite Punkt ruft in Erinnerung, dass zur Zeit der Ausarbeitung des Vertrags über Darbietungen und Tonträger (WPPT) der Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) 1996 die heutige Situation nicht vorausgesehen wurde – das Netz befand sich noch in seinen ersten Anfängen, obwohl es sich rasch verbreitete. Es wäre deshalb nötig, das Recht der Zugänglichmachung auf Abruf einzuschränken, indem zeitlich limitierte oder durch Dritte zusammengestellte Auswahlen (z. B. Playlist) ausgeschlossen würden. Der Vertrieb durch Algorithmen verzerrt nämlich den Markt, sehr oft zugunsten einer kleinen Minderheit. Dies wird im dritten Punkt klar benannt: "Das Exklusivrecht der Zugänglichmachung auf Abruf (Art. 10 des WPPT), das ohne echten Ausgleich individuell vergeben werden kann, ist an sich für das aktuelle technologische Umfeld nicht geeignet." Als Gegenleistung für die Übertragung ihrer Exklusivrechte auf den Produzenten erhalten die meisten nicht namentlich genannten Künstler*innen in der Regel nur eine einmalige, oft rein symbolische Pauschalzahlung. Die Erklärung unterstreicht, dass die strukturell unausgewogenen Vertragsbeziehungen, die dafür verantwortlich sind, durch Rückgriff auf Tarifverhandlungen berichtigt werden können, die "als legitimes und wirksames Tool eingesetzt werden, um die Bedingungen zu verbessern, unter denen die Exklusivrechte ausübender Künstler*innen übertragen und deren Vergütung nach Zuteilung an die Produzenten festgelegt werden."
Welchen Wert hat die Musik?
Der vierte Punkt beschäftigt sich mit der Transparenzproblematik: Die Interpret*innen müssen Zugang zu detaillierten Informationen über die Verwertung ihrer Aufnahmen und daran gebundenen Verwertungsansprüche haben. Letztere müssen erfasst werden, egal, um welchen Betrag es sich handelt, und müssen ohne Zahlungsschwellen zu den festgelegten Stichdaten ausbezahlt werden und durch die ausübenden Künstler*innen überprüft werden können. Dafür müssen die nationalen Rechtsvorschriften angemessene Bestimmungen enthalten, die die Ausübung dieser Rechte garantieren. Im Zentrum des fünften Punkts steht die Frage nach dem Wert der Musik: Wenn die Plattformen aus Konkurrenzgründen die Tarife tief halten und der Börsenwert ihrer Aktien wichtiger ist als der Wert der Musik, und wenn ihr Katalog beständig wächst, obwohl die Zahl ihrer Pauschalabonnements seit über einem Jahrzehnt stagniert, wenn also die Musik offensichtlich an Wert verliert, müssen Künstler*innen und Komponist*innen mitansehen, wie ihre ohnehin geringen Online-Ertragsmöglichkeiten noch zurückgehen. Die Endverbraucher*innen dieser Plattformen zahlen für die Gesamtheit des Katalogs, dessen grössten Teil sie gar nicht hören. Der sechste Punkt erklärt, dass, wenn die Vergütungen an die Künstler*innen so erfolgen würden, dass die Hörer*innen nur das bezahlen, was sie tatsächlich hören ("nutzerzentriertes Modell"), die "Nischen"-Aufnahmen und -Werke (unter anderem viele Aufnahmen klassischer Musik) davon profitieren würden. Dies würde die kulturelle Diversität fördern und würde eine bessere Verteilung als mit dem aktuellen Modell erlauben. Der siebte und letzte Punkt behandelt ein anderes Problem: Die Länge der Tracks spielt bei der Vergütung keine Rolle. Der erste Satz der dritten Symphonie von Mahler spielt nicht mehr Geld ein als eine der Bagatellen op.9 von Webern. Auch wenn das ein Extrembeispiel ist, wird klar, dass dadurch gewisse Stile (Klassik, Jazz) gegenüber andern benachteiligt werden, deren Stückdauer normalerweise viel kürzer ist. Es sollte eine angemessene Verhältnismässigkeit eingeführt werden (eine längere Audiospur sollte mehrere Zahlungen auslösen, zum Beispiel). Die Erklärung schliesst mit folgendem Statement: "Die Begrenzung des Wirtschaftsertrags sehr kurzer Werke würde ermöglichen, eine zu extreme Vereinheitlichung des Angebots zu vermeiden. Dies würde sich zudem positiv auf die Vielfalt auswirken, da die Zahlungen teilweise auf weniger populäre Musikrichtungen wie Jazz oder Klassik umgelenkt würden. Künstlerische Kreativität könnte sich ohne durch Rentabilitätsziele ausgelöste zeitliche Sachzwänge freier entfalten."