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von Michael Lünstroth・Redaktionsleiter, 16.01.2023
Frau Gahse, wie geht es der Sprache?
Vor 26 Jahren fragte die vielfach ausgezeichnete Autorin Zsuzsanna Gahse in einem Buch: Wie geht es dem Text? Anlässlich der Neuauflage des Bandes haben wir die Frage neu formuliert. (Lesedauer: ca. 7 Minuten)
Frau Gahse, wie geht es der Sprache? Gehen wir heute zu schlampig mit ihr um?
Das würde ich nicht unbedingt behaupten. Leute, die mit der Sprache schlampig umgegangen sind, gab es immer schon. Was mir eher auffällt ist, dass es generationsweise neue Wörter gibt und dass sich viele Gruppen anhand von diesen Wörtern definieren. Wer nicht mitmacht, gehört nicht zur Gruppe, was auch die schriftliche Sprache betrifft, vom allem aber die gesprochene.
Hat das Smartphone unsere Sprache verändert?
Ich glaube schon. Unser Sprechen hat sich an die Kurznachrichten angepasst. Die Kurznachrichten wollen eine komprimierte Ausdrucksweise, und das beeinflusst die Alltagssprache. Da man die Verkürzungen immer wieder hört und im Kopf hat, spricht man allmählich verkürzt. Aber wenn ich über Verkürzungen nachdenke, fällt mir ein anderer Trend ein, sozusagen ein Gegentrend, den ich in den neueren Büchern sehe: eine angelernte Achtsamkeit, eine bemühte Sprache mit auserlesenen oder geckigen, erfundenen Wörtern.
Gendern Sie?
Nein, auf keinen Fall. Im Ungarischen gibt es weder ein er/sie/es noch ein der/die/das. Mit diesen Hinweiswörtern kann man die Geschlechter nicht ansprechen, und wenn mir ein Freund auf Ungarisch sagt, dass er jemanden treffen wird, dann weiss ich nicht, ob er eine Frau oder einen Mann trifft. Nur spielt das keine Rolle. Die Gesellschaft verändert sich nicht dadurch, ob ich gendere oder nicht, sondern dadurch, wie ich ihr begegne. Das allerdings ist ein grosses Thema, über das wir stundenlang reden könnten. Jedenfalls habe ich früher immer gesagt, dass ich ein Schriftsteller bin. Das ist eine Berufsbezeichnung. Die Schriftstellerinnen haben denselben Beruf wie die Schriftsteller und der Beruf heisst Schriftsteller. Den Frauen gegenüber ist das nicht abfällig gemeint.
„Die Gesellschaft verändert sich nicht dadurch, ob ich gendere oder nicht, sondern dadurch, wie ich ihr begegne.“
Zsuzsanna Gahse, Autorin (Bild: Maurice Haas)
Aber Sprache schafft ja auch Realitäten. Wenn da ein gesellschaftlicher Teil immer ausgeschlossen wird, hat das auch Konsequenzen für unser Zusammenleben und die Wahrnehmung von Wirklichkeiten.
Ja, die Wahrnehmung von Wirklichkeiten! Die gesamte Wirklichkeit wird nie wahrgenommen. Wieso stört sich niemand daran, dass man „das Mädchen“ sagt. Ist das Mädchen ein Es, etwas Geschlechtsloses? Und wieso wehrt sich niemand gegen das Wort Weib? Ist das Weib geschlechtslos? Mir würde es gefallen, wenn Frauen, anstatt ständig über sich selbst nachzudenken, gute Männerfigur erfinden würden, zumindest in der Literatur. Es gibt grossartige Frauenfiguren, die männliche Autoren beschrieben haben. Ich könnte eine lange Liste nennen.
Ganz grundsätzlich gefragt: Warum ist Sprachgenauigkeit wichtig?
Literatur ist Sprache. Dabei spielen nicht nur Sätze und Wörter eine Rolle, sondern unter anderem auch der Rhythmus. Mich stört es zum Beispiel, wenn Autoren Kleinstwörter in ihren Sätzen unbeachtet liegenlassen. Das Wort «doch» ist so ein Kleinstwort. Doch, doch, doch, ständig liegt das Wort wie Müll in den Texten. Zum Beispiel: „Ich erinnere mich doch“, „Gerne doch“. Was soll dieses Doch? Und die vielen Abers stören mich auch. Überflüssige, unnotwendige Wörter stören.
Woran liegt das? Weil diese Worte den Fluss der Sprache stören?
Nein, weil die vielen Dochs und Abers und ähnliche Wörter den Sinn verwässern, anstatt etwas sichtbar zu machen. Man sieht dann den Sinn nicht mehr richtig.
„Wörter haben ihre Zeiten, dann sterben sie und manche von ihnen erwachen irgendwann wieder.“
Zsuzsanna Gahse, Autorin (Bild: Brigitte Elsner-Heller)
Hat das auch mit ihrem persönlichen Schreibstil zu tun?
Tja! Ich schreibe nie psychologisch, stattdessen versuche ich alles so darzustellen, dass man es sehen kann. Ich kann zum Beispiel eine Person beschreiben, die zusammengekauert in einer Ecke hockt und dadurch traurig wirkt. Behaupten, dass der Mensch traurig ist, hat keinen Sinn, stattdessen muss ich ihn so darstellen, dass die Leser erkennen, wie es dieser Person geht. Da hilft mir nur die Darstellung anhand der Sprache, anhand der Bilder.
Sie fordern also mehr Klarheit in der Sprache?
Ich hätte gerne, dass die Autoren die Sprache wirklich lieben und sich nicht nur verpflichtet fühlen, Dinge hübsch auszudrücken, sonst geht die Sichtbarkeit kaputt.
Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Sprachgenauigkeit, Sprachsensibilität und Überfürsorge?
Das kann ich nicht genau beantworten. Ich kenne keine Angst davor, bestimmte Dinge zu benennen und kann nicht sagen, wie es anderen Autoren in dieser Hinsicht geht. Aber ich glaube, dass viele die Natürlichkeit verlieren, sobald sie zu schreiben beginnen. Berühmt ist die Angst der Autoren vor dem weissen Blatt Papier, denn früher schrieben viele die ersten Sätze auf ein leeres Blatt. Heute beginnen viele gleich im Computer. Verkrampfen kann man sich so und so. Das Verkrampfte missfällt den Autoren wohl selbst, und dann polieren und schleifen sie an den Sätzen, was nicht viel hilft. Besser wäre es, locker und konzentriert das zu sagen, was man sagen möchte. Und zu hören, wie die Sätze klingen. Das ist für mich Sprachgenauigkeit.
Wie lange denken Sie über Sätze nach, bevor sie druckfertig sind?
Oft schreibe ich einige Sätze auf, wie sie mir einfallen. Ich habe meistens ein Stück Papier rumliegen, so dass ich einen Satz schnell notieren kann. Man muss aber aufpassen: Nicht jeder Satz, der einem im Moment gefällt, ist für einen Text nützlich. Aber: Wenn man einen guten Ton gefunden hat, fällt einem gleich die Fortsetzung ein. Allerdings stocke ich später vielleicht, weil ich nicht weiss, wie ich etwas präzise formulieren kann. Dann muss ich lange nachdenken.
„Nicht jeder Satz, der einem im Moment gefällt, ist für einen Text nützlich.“
Zsuzsanna Gahse, Autorin
Sie sitzen selbst auch oft in Jurys bei Literaturwettbewerben. Wie steht es um die deutschsprachige Gegenwartsliteratur?
Es gibt so viele Autoren, dass ich nicht einfach antworten kann. Vor einigen Jahren war ich in der Robert-Walser-Jury, wo nur Erstlingsbücher aufgenommen werden, und da gab es 42 Erstlingsromane in einem einzigen Jahr. Wie sollten 42 Erstlinge alle gut sein?
Woran erkennen Sie ein gutes Buch?
Wenn ich in einer Jury bin, achte ich darauf, ob die Basis, das Konzept der Werke stimmig ist, folgerichtig ist. Es gibt kein Buch, das ich grundsätzlich ablehnen würde, aber es muss in sich stimmen. Es kann auch brüchig sein, aber dann muss von vorne herein klar sein, dass es brüchig sein will. Selbstverständlich nehme ich jedes Buch ernst. Wenn ich die ersten etwa 50 Seiten überhaupt nicht mag, schliesst sich etwas in mir, das muss ich zugeben.
Lesen Sie Bücher immer bis zum Schluss oder geben Sie auch auf, wenn ein Buch Sie nicht packt?
Wenn mir als Privatperson – also ohne Jury-Arbeit – ein Buch wirklich nicht gefällt, lege ich es weg. Aber inzwischen habe ich schlechte Augen und kann nicht mehr so viel lesen wie früher und wähle deshalb noch genauer aus, was ich lesen will.
„Wenn ich die ersten etwa 50 Seiten eines Buches überhaupt nicht mag, schliesst sich etwas in mir.“
Zsuzsanna Gahse, Autorin (Bild: Maurice Haas)
In dem jetzt wieder neu erschienen Band Ihrer Bamberger Vorlesungen „Wie geht es dem Text?“ aus dem Jahr 1997 schreiben Sie auch über den Zusammenhang zwischen zählen und erzählen.
Sprachlich passt das wunderbar. Zählen und erzählen hängen von ihrer Vergangenheit her zusammen. Auf englisch steht das Wort „to tell“ für das Erzählen, und zählen und to tell haben eine gemeinsame sprachliche Vergangenheit. Im Französischen oder im Spanischen hängen zählen und erzählen ebenfalls zusammen.
Welche Bedeutung haben die Texte aus den Bamberger Vorlesungen heute noch für Sie?
Ich stehe nach wie vor gerne zu diesem Buch. „Wie geht es dem Text?“ heisst der Titel der Vorlesungen, und immerhin haben wir unser Gespräch mit einer ähnlichen Frage begonnen. Die Antwort im Buch gilt ja nach wie vor: „Dem Text mag es in etwa so gehen, wie es dem Schreiber des Textes ergangen ist, während er ihn geschrieben hat.“
Wie kam es zur Neuauflage?
Durch einen persönlichen Hintergrund. Der Verleger Klaus Isele hatte mich für eine Anthologie um einen neuen Text gebeten. Aus Zeitgründen musste ich leider ablehnen, und daraufhin hatte er die Idee, das Bamberg-Buch neu aufzulegen. Das war wunderbar, und die Durchlesen für die Wiederauflage hat wirklich grossen Spass gemacht.
Wenn man nochmal auf den Inhalt der Vorlesungen schaut: Wie erzählt man heute Texte?
Jeder Autor muss den eigenen Ton finden. Vorgeben kann man in dieser Hinsicht nichts. Ich persönlich finde, man sollte nicht zu breit erzählen und nicht zu viel behaupten. Die beste Übung für eine lebendige Sprache ist übrigens das Übersetzen, um ein Gefühl für die Wertigkeit von Wörtern und Sätzen zu bekommen. Dabei kann man auch aus dem Deutschen ins Deutsche übersetzen, zum Beispiel etwas von Gottfried Keller in ein heutiges Deutsch. Was meines Erachtens derzeit zu wenig gemacht wird, ist das Nacherzählen von Geschichten und Motiven anderer Autoren. Auch das fördert das Sprachgefühl. Und im Nacherzählen kann man eine Geschichte sogar weiterführen. Das zeige ich in den Bamberger Vorlesungen im letzten Kapitel.
„Jeder Autor muss den eigenen Ton finden. Ich persönlich finde, man sollte nicht zu breit erzählen und nicht zu viel behaupten.“
Zsuzsanna Gahse, Autorin
Gibt es ein Werk, das Sie besonders geprägt hat?
Eines meiner Lieblingsbücher ist der „Don Quijote“ von Cervantes. In dieser grossen Geschichte gibt es viele Momente, bei denen man den Faden aufnehmen und fortführen kann. Das habe ich verschiedentlich schon versucht. So ein Weiterführen ist wie ein Gespräch mit früheren Autoren. Vielleicht ist das auch die Quintessenz der Bamberger Vorlesungen - dass man auf die anderen Autoren hört. Nicht nur auf die Klassiker, auch auf die gute Gegenwartsliteratur.
Geschichten und Texte, so heisst es oft, müssen einen roten Faden haben. Was halten Sie davon?
Gar nichts.
Warum ist der rote Faden ein, nun ja, so rotes Tuch für Sie?
Vor allem die Wahrheitsbehauptung stört mich. Wenn jemand sein Leben anhand eines roten Fadens beschreibt und dabei ständig weil, weil, weil sagt, behauptet er zu viel. Bei kompakten, sogenannt wahren Begebenheiten – und das wollen Romane meist sein – kann es kein eindeutiges Weil geben. Deswegen bin ich gegen den roten Faden. Alle Geschichten bestehen aus vielen Poren, vielen Momenten und Bildern, die ich mit einem stringenten roten Faden nicht in Einklang bringen kann.
Ist es zu einfach, weil der rote Faden die anderen Möglichkeiten ausschliesst?
Genau. Neurologisch ist es erwiesen, dass sich Erinnerungen, von denen wir erzählen, im Gehirn gerade während des Erzählens verrutschen, sich verändern. Deshalb sollte man in der Literatur nicht so tun als wären Geschichten ein für alle Mal fest gemeisselt. Besser, man erzählt Geschichten mit einer gewissen Offenheit. Joyce, die Stein oder Musil haben das alte Prinzip mit der strikten roten Linie aufgebrochen. Und es ist eine Wohltat, dass sie es aufgebrochen haben. Zumindest darf der rote Faden nicht künstlich hergestellt werden. Wenn er sich aus dem Text natürlich ergibt, zum Beispiel aus wiederholten Motiven, bin ich nicht dagegen.
„Alle Geschichten bestehen aus vielen Poren, vielen Momenten und Bildern, die ich mit einem stringenten roten Faden nicht in Einklang bringen kann.“
Zsuzsanna Gahse, Autorin
Gibt es eine Grenze des Sagbaren?
Darauf zu antworten ist wirklich schwierig. Vielleicht steckt genau da das Unsagbare? Aber im Ernst: Es gibt Tabuthemen, die man nicht berühren kann, und damit auch Wörter, die man nicht nennen kann. Eine Weile konnte man beispielsweise „schön“ nicht mehr sagen, weil es für viele zu trivial klang. Es ist doch so: Wörter haben ihre Zeiten, dann sterben sie und manche von ihnen erwachen irgendwann wieder. Jetzt kann man wieder „schön“ sagen, meine ich.
Gibt es irgendwas, über das Sie nie schreiben würden?
Ich schreibe nie konkret über die eigene Vergangenheit. Und ich meide Themen, die gerade sehr in sind. Von Sex zum Beispiel war in den letzten Jahrzehnten so oft die Rede, dass ich keine Sexgeschichte schreiben würde. Nicht wegen der Unsagbarkeit, sondern weil das Thema zu abgesegnet ist.
Letzte Frage: Gibt es hässliche und schöne Wörter?
Die Frage gefällt mir. Was ich nicht mag, sind die hochtrabenden Wörter. Die klingen meist amtlich und altertümlich. Ich mache gerne Kreuzworträtsel und manchmal fallen mir dabei Wörter auf, die ich brauchen kann. Und immer wenn in den Rätseln das Wort „Esel“ vorkommt, freue ich mich. Das klingt schon als sei das Wort für sich ein lebendiges Tier.
Die Autorin Zsuzsanna Gahse
Zsuzsanna Gahse wird 1946 in Budapest geboren. 1956 flüchtet sie mit ihrer Familie aus Ungarn und lässt sich zuerst in Wien und später in Kassel nieder. 1983 erscheint ihr erster Roman Zero, den sie auf Deutsch verfasst. Zsuzsanna Gahse lebt lange in Stuttgart, danach in Luzern und seit 1998 in Müllheim im Thurgau. Das Werk von Zsuzsanna Gahse umfasst über vierzig Bücher und unzählbare Veröffentlichungen. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten. Zuletzt (2019) zum Beispiel den mit 40'000 Franken dotierten Grand Prix Literatur des Bundesamt für Kultur.
Werke von Zsuzsanna Gahse. Bild: Maurice Haas
Die Bamberger Vorlesungen erschienen 1997 unter dem Titel «Wie geht es dem Text?» 2022 wurde der Band in der Klaus Isele Edition neu aufgelegt.
Die Autorin im Internet: https://www.zsuzsannagahse.ch/
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