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Tadesse Abraham gehört an den Europameisterschaften in Berlin im Marathon am Sonntagmorgen (ab 10 Uhr) zu den Topfavoriten. Er könnte sich an seinem 36. Geburtstag selber das grösste Geschenk machen.
Auf der Meldeliste für die Strecke über 42,195 km hat einzig Sondre Nordstad Moen eine bessere Zeit als Abraham. Der 27-jährige Norweger lief im Dezember 2017 in Fukuoka mit 2:05:48 Stunden als erster Europäer unter 2:06 Stunden. Die Bestleistung von Abraham, aufgestellt im März 2016 in Seoul, beträgt 2:06:40 Stunden.
Allerdings schaut der gebürtige Eritreer, der seit 2014 den Schweizer Pass besitzt, im Vorfeld eines Marathons nie auf die Gegner und auch nicht auf die Strecke. «Jeder hat eine eigene Philosophie, und das ist meine», sagte Abraham. «Wenn ich die Strecke studiere, überlege ich während dem Lauf, wo ist dieses Gebäude, wo ist diese Kurve. Das macht müde.»
«Die Form ist gut»
Abraham hat sich in Äthiopien auf das EM-Rennen vorbereitet, ist am Donnerstag direkt von dort in Berlin angekommen. Nach Afrika war er am 30. Juni gereist, wie vor zwei Jahren vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, wo er als bester Europäer den hervorragenden 7. Platz belegte. «Es fehlt (im Vergleich zu 2016) nur der Halbmarathon in Amsterdam (dort holte er EM-Gold). Sonst machte ich genau dasselbe», berichtete Abraham, der pro Woche maximal 220 km absolvierte. «Die Form ist gut. Ich freue mich wirklich auf den Sonntag.»
Dennoch gab er sich bezüglich einer Prognose zurückhaltend. «Der Beste muss gewinnen, und ich versuche einfach, der Beste zu sein», so Abraham. Ohnehin ist ein Marathon unberechenbar, umso mehr bei hohen Temperaturen. Insofern kommt den Läufern zupass, dass es in Berlin deutlich kühler geworden ist. Für den Sonntagmorgen, das Rennen der Männer beginnt um zehn Uhr, werden Sonne und 21 bis 23 Grad prophezeit. «Es kommt auf das Hitzegefühl an», erklärte Abraham. «Der Körper sagt, ob es schlimm ist oder nicht. Aber ich bin bereit für alles».
Aus Vergangenheit gelernt
Dass in einem Marathon vieles passieren kann, erlebte Abraham Anfang März im japanischen Otsu. Dort musste er nach gut der Hälfte der Strecke wegen Atemproblemen aufgeben. Zwar unterzog er sich danach einer Kontrolle, dennoch versteht er bis heute nicht richtig, warum diese auftraten, zumal er zwei Wochen später in Kerzers über 15 km eine persönliche Bestzeit erzielte. Es könnte jedoch etwas damit zu tun gehabt haben, dass er im Januar zwei Wochen krank war.
Schlechte Erinnerungen hat Abraham auch an den EM-Marathon 2014 in Zürich (9.) und den WM-Marathon 2015 in Peking (19.), weil er an diesen Wettkämpfen je einmal die Verpflegung verpasste. Das war umso problematischer, als er das Getränk zusammen mit Liquide Ice zum Kühlen erhalten hätte. Insofern wirkte sich das negativ auf die Körpertemperatur aus. Nun trinkt er im Training nur noch Wasser für den Fall, dass er noch einmal die Verpflegung versäumen sollte. Somit wäre das für ihn weniger ein Problem.
Verzicht für den Erfolg
Abraham läuft in Berlin nicht nur für sich, sondern auch für das Team. Vor zwei Jahren an den Europameisterschaften in Amsterdam holten die Schweizer überraschend Gold im Teamwettbewerb im Halbmarathon. Insofern zählt jede Sekunde – für die Wertung zählen die ersten drei pro Nation. «Es ist viel Verantwortung, gibt aber mehr Energie, denke ich», sagte Abraham.
Zwei neuerliche EM-Medaillen wären eine weitere Entschädigung für die enormen Strapazen, die er auf sich nimmt, fällt es ihm doch nicht einfach, so lange ohne seine Frau und den siebenjährigen Sohn auskommen zu müssen. «Wenn man Erfolg haben will, muss man auf viel verzichten und sehr hart alleine arbeiten», stellte Abraham klar. «Ich liebe meinen Job und bin seht stolz auf das, was ich geleistet habe.»