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Copyfraud ist, wenn urheberrechtliche Ansprüche missbräuchlich und widerrechtlich behauptet werden. Und während die Verletzung von Urheberrechten sanktioniert werden kann, stehen gegen solchen Urheberrechtsmissbrauch üblicherweise keine Rechtsmittel zur Verfügung.
Urheber und ihre Vertreter können deshalb selbst für gemeinfreie Werke aus der Public Domain folgenlos urheberrechtliche Ansprüche anmelden und solche Werke dadurch monetarisieren.
Nachfolgendes aktuelles Beispiel zeigt, wie alltäglicher Copyfraud bei YouTube von Google funktioniert:
Gestern Abend lud ich bei YouTube ein arg verwackeltes, selbst gefilmtes Video hoch, das ich mit einem Ausschnitt aus der Sinfonie Nr. 6 von Ludwig van Beethoven unterlegt hatte. Die verwendete uralte Aufnahme ist im gemeinnützigen Internet Archive als Teil der Public Domain frei verfügbar.
Unmittelbar nach dem Hochladen bei YouTube erschien in der Liste meiner Videos der diskrete Hinweis «Matched third party content». Demnach beanspruchte eine nicht weiter spezifizierte Entität namens AdShare MG für nicht genannte Dritte mittels Urheberrechtshinweis (Copyright Notice) das Urheberrecht an der verwendeten Aufnahme.
Solche «Content ID»-Ansprüchen können gemäss Erläuterungen von YouTube-Betreiber Google beispielsweise dazu führen, dass zwangsweise Werbung eingeblendet oder das Video gar gesperrt wird – etwaige Werbeeinnahmen würden an AdShare MG und Google gehen. Auch weitergehende Sanktionen gegenüber dem betreffenden YouTube-Benutzer bis hin zur Löschung oder Sperrung seines Google-Kontos sind möglich.
Da ich mit dem Urheberrechtshinweis nicht einverstanden war, musste ich einen begründeten Einspruch (Dispute) einlegen, das heisst es fand eine Beweislastumkehr statt: Ich musste beweisen, dass der Anspruch von AdShare MG unberechtigt war.
Rechtsstaatlich üblich wäre, dass AdShare MG den eigenen Anspruch beweisen müsste. Heute Morgen war der Urheberrechtshinweis verschwunden, so dass ich annehme, dass mein Einspruch erfolgreich war … Hätte YouTube meinen Einspruch als missbräuchlich beurteilt, wäre eine Löschung meines Benutzerkontos bei YouTube möglich gewesen.
Vergleich: «Diebstahl» durch Urheberrechtsmissbrauch
In der politischen Diskussion werden Urheberrechtsverletzungen häufig (und fälschlicherweise) mit dem Diebstahl von materiellen Gütern verglichen.
Für Copyfraud beziehungsweise Urheberrechtsmissbrauch würde ein solcher Vergleich bedeuten, dass AdShare MG behaupten könnte, Eigentümer oder Besitzer meines Computers zu sein. Allein durch diese Behauptung dürfte mir AdShare MG mein Computer entwenden oder mich zumindest zwingen, meinen Computer mit Werbung von Google versehen zu lassen, wobei die Werbeeinnahmen an AdShare MG fliessen würden.
Bei einem materiellen Gut wie einem Computer ist ein solches Vorgehen selbstverständlich nicht möglich – es würde also geradezu absurd erscheinen! –, sondern AdShare MG müsste Eigentum oder Besitz auf dem Rechtsweg beweisen. Und würde mir AdShare MG gar meinen Computer entwenden, könnte ich ohne weiteres strafrechtlich gegen AdShare MG wegen Diebstahl vorgehen und dabei auf die Unterstützung der Polizei zählen. Bei einer falschen Anschuldigung gegen AdShare MG hingegen müsste ich selbstverständlich strafrechtliche Sanktionen vergegenwärtigen.
Ursache: Falsche Anreize für Provider und Urheber
Haben AdShare MG oder Google daraus gelernt?
Nein, ein nochmaliges Hochladen des gleichen Videos führte heute Nachmittag zu einem identischen Urheberrechtshinweis von AdShare MG … Nicht alle YouTube-Benutzer legen Einspruch gegen missbräuchliche Urheberrechtshinweise ein und AdShare MG nutzt anscheinend die Möglichkeit zur Monetarisierung von Videos mit behaupteten Urheberrechtsansprüchen durch Werbung anstatt sie sperren zu lassen. Somit ist davon auszugehen, dass AdShare MG, die durch AdShare MG vertretenen Dritten und Google in erheblichem Ausmass von Werbung, die in solchen Videos angezeigt wird, profitieren.
Rechtlich gesehen bestehen Anreize für dieses rechtsstaatlich fragwürdige Verfahren: Google kann sich im Rahmen des Digital Millennium Copyright Act (DMCA) beziehungsweise Online Copyright Infringement Liability Limitation Act (OCILLA) einer möglichen Haftung entziehen und erzielt Einnahmen durch Werbung, AdShare MG und die durch AdShare MG vertretenen Dritten haben keine rechtlichen Folgen zu befürchten.
In der Schweiz fordert eine Motion von Nationalrätin Kathy Riklin eine vergleichbare Regelung bis hin zu Netzsperren durch Provider. Urheberrechtsmissbrauch wird in der Motion nicht erwähnt.
Lösungsvorschlag: Gleiche Sanktionen bei Urheberrechtsverletzungen und Urheberrechtsmissbrauch
Rechtsordnungen, die Urheberrechte schützen, müssen Rechtsmittel gegen die Verletzung von Urheberrechten zur Verfügung stellen und Urheberrechtsverletzungen sanktionieren. Sie sollten aber genauso Rechtsmittel gegen Urheberrechtsmissbrauch zur Verfügung stellen und diesen sanktionieren.
Eine mögliche Lösung wäre, missbräuchliche Urheberrechtsansprüche mit dem Strafmass der behaupteten Urheberrechtsverletzung zu sanktionieren. Und Anbieter wie Google sollten nicht nur gegen tatsächlich fehlbare Benutzer vorgehen (müssen), sondern auch gegen fehlbare Urheber und deren Vertreter. So würden die oben erwähnten falschen Anreize für Provider und Urheber entfallen, während tatsächliche Urheberrechtsverletzungen weiterhin sanktioniert werden könnten.
(Vielen Dank an Daniel Boos für seine ergänzenden Hinweise.)
5 comments
Sehr geehrter Herr Steiger,
Sie sprechen mir und vielen hundert Usern in Ihrem oben erwähnten Artikel aus der Seele. Vielen, herzlichen Dank.
Was da bei Youtube abgeht ist Terror und Abzocke in einem. Entweder ist das Content ID System von Youtube arg fehlerhaft, oder aber es eine bewusste „Masche“ einem zur Monetisierung zu zwingen. Ich möchte, dass meine Lyrikseite nicht mit Werbung bestückt ist und habe deshalb kein entsprechendes Häkchen in meiner Youtube-Seite gesetzt.
In all meinen Lyrik- und Foto-Videos setze ich nur Lizenzfreie Musik ein. Sie stammt entweder von mir selbst komponiert und gespielt 8 auf dem PC), von Youtube selbst oder von Kevin MacLeod.
Mein YouTube-Kanal: http://www.youtube.com/channel/UC-UHPHnMUWbq9zx7J8-7bnw/featured
Nun, heute habe ich wieder eine solche Meldung neben meinem Video betreffs Urheberrechtsverletzung stehen. Einsprecher eine dubiose Firma namens: AdShare MG for a Third Party.
Witzig an dieser Geschichte ist, dass Youtube genau dasselbe Musikstück selbst zur freien Nutzung zur Verfügung stellt! …
Hier die Anzeige neben meinem neuesten Video:
POESIE + LYRIK Wenn Klänge sich verweben
https://www.youtube.com/watch?v=MaDmeOQuNqo
Dein Video enthält möglicherweise einen Titel, der einem Dritten gehört. Dies kann zum Beispiel ein Titel sein, der im Hintergrund wiedergegeben oder von einer Person im Video aufgeführt wird.
Um den übereinstimmenden Titel zu hören, schau dir das Video rechts an. Das Video startet an der Stelle, an der der übereinstimmende Inhalt gefunden wurde.
Dein Video ist verfügbar und kann angesehen werden.
Hier sind die Details:
• „Toccata and Fugue in D minor, BWV 565 – Toccata And Fugue In D Minor“, musikkomposition Verwaltet von: 0:15
AdShare MG for a Third Party
…Meine verwendete Musik in diesem Video ist aber nicht DIE Musik wie hier erwähnt wird, sondern:
Musik:Fugue in D Minor von Bach
by Kevin MacLeod
Incompetech.com / Royality-Free Music
Lizenziert unter Creative Commons : Durch Attribution 3.0
http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/
…Diese Musik wurde vom Musiker und Komponist Kevin MacLeod selbst eingespielt und unter Lizenziert unter Creative Commons mit Namensnennung zur freien Verfügung, auch auf Youtube, zur Verfügung gestellt.
Immer wieder werden solche Musikstücke von Youtube beanstandet und behauptet, dass die Rechte bei irgendeiner dubiosen Firma liegen sollen und man wird als Urheberrechtsverletzer dargestellt. Für mich stellt sich nun die Frage, wer hier zu unrecht Rechtsanspruch erhebt und wer hier letztendlich Urheberrechte verletzt.
Meine Einsprachen werden immer abgewiesen mit der Behauptung, dass ich eine Urheberrechtsverletzung begangen hätte, und dass ich mit Konsequenzen rechnen müsse. Mails an : <email-pii> werden mit automatisch generierten Mails beantwortet, aus denen unsinnige Belehrungen und Drohungen herauszulesen sind, dem Problem nehmen DIE sich nicht an. Wenn man Google schreibt, ändert sich auch nichts.
So bleibt mir immer nur eins, das Video mit neuer Musik zu bespielen, neu hoch zu laden und hoffen, dass es nicht wieder zu einer solch dubiosen Anzeige kommt. Reinster Terror für etwas, das man nach bestem Wissen und Gewissen macht, schade. Wenn man in Foren umschaut, haben hunderte dieses Problem.
Einmal mehr unterstützt Youtube scheinbar dubiose Firmen, die Anspruch auf etwas erheben, auf dessen sie kein Anrecht haben. Ich deklariere in der Info zum Video immer klar und deutlich, woher die Musik stammt. Ich habe eine schriftliche Berechtigung (E-Mail) von Kevin Mac Leod, die ich jeder Einsprache nebst allen erdenklichen Details, beifüge.
Das Content ID System von Youtube ist nicht nur fahrlässig fehlerhaft, sondern auch noch ein System, das Firmen zu unterstützen scheint, die Musik von Musikern und Autoren als IHR Eigentum bezeichnen. Diese Firmen, respektive dieses Content ID System produziert genau das, wogen dieses System eigentlich ankämpft, nämlich Musikdiebstahl. Musikdiebstahl von dubiosen Firmen, die einen Anspruch auf Musik stellen, auf welchen sie gar kein Recht haben!
Freundliche Grüsse
Hans-Peter Zürcher
Hallo,
ich lud Videos von Astra 3D Demo hoch. Bei einem Video „Thai Boxe Mania“ wird anscheinend normale Musik im Hintergrund gespielt, jetzt stand dort eine Meldung, dass diese von der Firma „INgrooves“ verwaltet wird. Naja, ich hatte keinerlei Einfluss auf den Inhalt des Videos, es wurde 1:1 übernommen damit die Leute mit 3D-Fernsehern testen können, wie das 3D vom Satelliten aussieht, da nicht alle Satellitenfernsehen empfangen können.
Die Musik gehört in der 3D-Demo dazu. Jetzt wird Werbung geschaltet, das heißt also, der ahnungslose Uploader läd ein Video hoch in der irgendein Musiktitel drin vorkommt, naja, jetzt verdient diese Firma durch unwissen des Uploades richtig Geld. Das ganze System bezüglich Content ID ist irgendwie kurios und fragwürdig. Wenn man eine Beschwerde einlegen muss, werden lediglich nur vorgegebene Antworten angegeben, eine individuelle Möglichkeit gibt es nicht. Klickt man auf eine Antwort, so erscheint eigenltich eine fast sinnnfreie Antwort.
Naja, jetzt kann man es sich wohl aussuchen, Originalton mit allen Textsprachen sowie Musik zur Untermalung die im Video vorkommen, durch andere von YT Musik ersetzen und hoffen, dass kein anderer seine Rechte beansprucht, den Ton nur löschen, oder das Video entfernen.
Fazit allgemein:
Entweder eigene Musik einspielen und warten, ob sich eine Firma meldet (warum auch immer), die Musik weglassen und einen netten Hinweis in der Beschreibung lassen.
Danke für den Artikel.
„AdShare MG for a Third Party“ u.a. machen das nach wie vor: Als Pianist lade ich manchmal klassische Stücke hoch, welche ich selbst daheim aufgenommen habe. Die Urheberrechte der Kompositionen sind ja längst abgelaufen. Dritte behaupten dann es handele sich um ihre Aufnahmen und man muss dann das Widerspruchsprocedere bei youtube einleiten… MfG Daniel Eppinger
Hallo,
Auch ich habe ständig Probleme mit AdShare MG for a Third Party Urheberrechtsverletzungen obwohl ich für meine Musikstücke Standardlizenzen von Polysounds erworben habe, pro Lizenz 29,-€ Selbst ein Einspruch nützt nichts es besteht weiterhin die Urheberrechtsverletzung
MfG Alfred Röhrich
Hallo genau gleiche AdShare hat gegen unseren video mit musik die von meine Tochter und ihrem Kumpel geschrieben wurde und gesungen, als Urheberrecht Verletzung. Selbstverständlich hab ich Einspruch erhoben warte auf Ergebnisse.