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Condorcet:
Herr Reichenbach, mit Ausnahme des letzten Jahres, haben Sie dieses ostasiatische Land fast jedes Jahr bereist, Schulen und Universitäten besucht. Woher kam dieses Interesse?
Roland Reichenbach:
Das entstand mehr oder weniger zufällig; ich wurde 2010 zu einer internationalen Tagung nach Seoul eingeladen. Um ehrlich zu sein, hat mich Ostasien zu der Zeit kaum interessiert. Hingegen hatte ich gegenüber Korea schon lange ein sozusagen „positives Vorurteil“, da ich als junger Mann recht intensiv Taekwondo betrieben habe, die bekannte koreanische Kampfsportart.
Asiatische Kampfsportarten werden ja oft von Meistern geprägt.
So ist es. Meiner war der der leider früh verstorbene Kim Myung-Soo, der in der Welt des Taekwondo eine herausragende Bedeutung hatte, was mir nicht bewusst war. Er war damals für mich vielleicht die einzige Autoritätsfigur, die ich tatsächlich vorbehaltslos – regelrecht autoritätsgläubig – akzeptiert habe.
Mit anderen Worten, ihr erster Besuch in Korea war dem Meister eines koreanischen Kampfsports zu verdanken?
Natürlich nicht, aber ich habe in dieser einen Woche in Seoul vieles entdeckt, was mich an die Zeit mit Kim Myung-Soo erinnert hat.
Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den koreanischen Kollegen?
Mittlerweile sind es freundschaftliche Beziehungen, die sich auch als sehr produktiv erwiesen. Wir organisierten gemeinsam Symposien und Tagungen in Asien, den USA und Europa, es kam zu zahlreichen Publikationen und auch zu Buchveröffentlichungen.
Verstehe ich Sie richtig, Sie hielten auch Vorträge vor den Koreanerinnen und Koreanern?
Genau, meine Kolleginnen und Kollegen ermöglichten mir zahlreiche Auftritte an unterschiedlichen südkoreanischen und japanischen Universitäten und Schulen. Und während eines Forschungssemesters an der «Seoul National University» habe ich auch Grundschulen und Mittelschulen besuchen können. Das war sehr interessant und ich merkte, dass ich gängige Klischees im Kopf revidieren sollte.
Können Sie mir mal ein Beispiel einer solchen Tagung nennen? Welche Bildungsthemen werden in Korea diskutiert?
Da gab es zum Beispiel eine Tagung zum Thema «Autorität von Lehrpersonen», zu der ich vor wenigen Jahren eingeladen war. Ein hoher Vertreter der sehr grossen Schulbehörde von Metropolitan Seoul (rund 25 Millionen Einwohner) stellte dort einer internationalen Teilnehmerschaft eine einfache und ernstgemeinte Frage: „How can we make our students happier?“
Damit wäre schon einmal ein Klischee aus dem Weg geräumt. Offensichtlich interessiert die Befindlichkeit der Studentinnen und Studenten durchaus die Bildungsverantwortlichen! Wir hören hier immer wieder von diesem enormen Stress, dem die jungen Leute ausgesetzt sind.
Man muss hier differenzieren. Alle kennen das sogenannte „educational fever“, diese ausgeprägte Bildungsaspiration in Ostasien. Doch dieses „Fieber“ kommt nicht aus den Behörden, sondern stammt aus der Zivilgesellschaft. Der grosse „Bildungsstress“, den Sie angesprochen haben, betrifft vor allem den Übergang von der Mittelschule zur Universität. Nahezu 80 % der jungen Koreanerinnen und Koreaner besuchen die Universität (80 % sind Privatuniversitäten). Bei dieser mass higher education werden die 247 Universitäten einem mehr oder weniger gnadenlosen Ranking unterzogen.
Alle kennen das sogenannte „educational fever“, diese ausgeprägte Bildungsaspiration in Ostasien. Doch dieses „Fieber“ kommt nicht aus den Behörden, sondern stammt aus der Zivilgesellschaft.
Jedes Bildungssystem ist „stratifiziert“, wenn sehr viele junge Menschen Zugang zum Universitätsstudium haben, dann werden eben die Universitäten „gerankt“, und die „annehmenden“ Institutionen (also Hochschulen) und nicht die „abgebenden“ Institutionen (Mittelschulen) berechtigen dazu, an einem bestimmten Ort ein bestimmtes Fach zu studieren (wie etwa auch in Frankreich oder den USA). Viele vermögende Familien schicken ihre Kinder, wenn es geht, an eine renommierte US-amerikanische Universität. „Lernt mit Feuer im Herzen!“ – diese Haltung zum Lernen und zur Bildung ist sicher ein wichtiger Faktor des (wirtschaftlich) so erfolgreichen „Tigerstaates“, der nach dem äusserst verheerenden Koreakrieg (1950-1953) noch zu den allerärmsten Ländern gehört hatte.
An den jeweiligen grossangelegten internationalen Tests wie TIMSS oder PISA schneiden die südkoreanischen SchülerInnen immer wieder hervorragend ab. Vor allem bei den TIMSS-Studien bringen Länder wie Südkorea (wie auch Vietnam, Hongkong oder Singapur) über 400 Schülerinnen und Schüler in die oberste Kategorie der Leistungsstufen, während Deutschland hier gerade mal auf 50 kommt. Wie werten Sie diese Entwicklung?
Diese international-vergleichenden Leistungsstudien sind so interessant wie auch problematisch. Was wissen wir eigentlich, wenn wir lesen, dass die getestete Schülerschaft im Bundesland Bremen etwa „gleich leistungsstark“ ist wie jene in Mexiko oder Brasilien, jene aus Baden-Württemberg aber so „stark“ wie die Schweden?
PISA betreibt keine Ursachenforschung!
So ist es. Es liegt nicht in den Möglichkeiten dieser Tests, die Ursachen für die gemessenen Unterschiede zu erklären, auch wenn die Erhebungen methodisch einwandfrei sind. Die dann immer folgenden „Wie-es-möglich-war-dass“-Erklärungen sind vor allem Spekulation.
Bei uns galt Finnland plötzlich als das Mekka der Bildung.
In der Tat schauten viele Bildungsforscher und Bildungspolitikerinnen nach Finnland: die Finnen machen es richtig! Es gab viele spontane „Erklärungen“. Und natürlich schaute man aus Mitteleuropa lieber nach Finnland als nach Südkorea. Daran zeigt sich, dass internationale Leistungstests für kulturelle Zuschreibungen nichts taugen. In Ostasien wird man vor allem Drill und Autorität erkennen wollen, was für die liebenswürdigen Finnen mit ihrer scheinbar so grossartigen Lehrerbildung ja auf gar keinen Fall zutreffen kann (darf). Aber beide Länder erzielten vergleichbar hohe und beachtliche Resultate.
Dennoch, die Resultate von Südkorea sind extrem gut. Viele sprechen da auch von einem konfuzianischen Bildungsethos. Hat es damit eine Bewandtnis?
Wieder so ein Erklärungsversuch! Dass Südkorea gut abschneidet, erstaunt natürlich nicht, das Lernethos ist gegeben. Konfuzius lebte aber 551 bis 479 vor unserer Zeitrechnung, er war (quasi) Philosoph und es gab damals keine obligatorische Schule. Die Erklärung „Confucian culture“ überzeugt nicht. Das ist etwa so, wie wenn man das vergleichsweise dürftige Abschneiden der „Bildungsnation“ Deutschland mit Wilhelm von Humboldt erklären wollte, und der lebte doch deutlich zeitnaher (1767-1835). Ich möchte eine Banalität äussern: Wenn die Südkoreaner viel bessere Leistungen etwa in Mathematik erbringen als sagen wir Armenien oder die Vereinigten Arabischen Emirate, so haben sie offenbar sehr viel besser das Wissen erworben, das dann auch getestet worden ist. Mehr nicht.
Aber offensichtlich korrelieren diese guten Schulleistungen mit der unglaublichen wirtschaftlichen Entwicklung. Der Soziologe Gunnar Heinsohn verweist immer wieder darauf, dass Südkorea in der Entwicklung von marktfähigen Patenten Frankreich überholt und Deutschland eingeholt hat und stellt einen Zusammenhang zu den Spitzenleistungen im Fach Mathematik her. Sehen Sie diesen auch?
Der Zusammenhang erscheint offensichtlich, nicht nur für die Mathematik, sondern im Grunde für alle MINT-Fächer. Daher sollen diese auch in der Schweiz so gefördert werden. Weil die Mädchen und Frauen die Jungen und Männer im Bildungserfolg überholt haben, ist es für die Wirtschaft von grosser Bedeutung, die MINT-Fächer für Mädchen und Frauen attraktiver zu machen. Das hat weniger mit Gender-Gerechtigkeit zu tun als mit soliden ökonomischen Interessen, die auch plausibel sind.
Betreibt Südkorea eine gezielte Elitenförderung? Weltweit soll es eine Jagd nach den Talenten geben.
Dazu kann ich nur Folgendes sagen, das System der Hochschulbildung ist – da es so stratifiziert ist und die Rankings eine so grosse Rolle spielen – im Grunde auf Eliteförderung angelegt, jede Universität kennt ihre Position innerhalb dieses Rankings, hat ihre Zahl, angeführt von den sogenannten SKY-Universitäten. Das Akronym bezeichnet die drei prestigeträchtigen Universitäten Seoul National University, Korea University und Yonsei University. Die SKY-Dreiergruppe ist also das Pendant zur Ivy League in den USA.
Solche seichten Diagnosen sind überall zu finden. Pädagogische Hochschulen und auch die Universitäten sind leider auch voll davon. Der Dualismus von „Auswendiglernen“ und „Kreativität“ ist Ausdruck einer reichlich uninformierten Haltung, die sich progressiv oder aufgeklärt, vielleicht auch kindgerecht und lebensnah wähnt.
Vor kurzem schrieb der Asien-Korrespondent der TAZ, Fabian Kretschmer, zu Südkorea Folgendes: «Die Obsession, akademische Titel zu erlangen, scheint dem Land jedoch zum Verhängnis zu werden, vor allem weil das Bildungssystem Auswendiglernen über kreatives Denken stellt.» Und in einem anderen Artikel bescheinigt er dem Lande: «Kreativität galt in Südkorea noch nie als erstrebenswert.»
Solche seichten Diagnosen sind überall zu finden. Pädagogische Hochschulen und auch die Universitäten sind leider auch voll davon. Der Dualismus von „Auswendiglernen“ und „Kreativität“ ist Ausdruck einer reichlich uninformierten Haltung, die sich progressiv oder aufgeklärt, vielleicht auch kindgerecht und lebensnah wähnt. Ohne „Auswendiglernen“ sind weder die Kulturtechniken zu erwerben noch auch diese kreativ zu nutzen. Im Englischen – „learning by heart“ – wie auch im Französischen – „apprendre par cœur“ – taucht in diesem scheinbar leidigen Auswendiglernen zumindest noch das Herz auf, welches ja ein sehr wichtiges Körperorgan ist. Im Lern- und Bildungsprozess geht Kultur in individuelles Fleisch und Blut über. Wir sind Infizierte von kulturellen Viren, die parasitäre Kultur braucht uns zum Wirt, ohne Bildung geht sie flöten. Informatio heisst, sich durch Belehrung bilden, sich innerlich bilden (formieren, in-formatio). Wer nicht auswendig lernen könnte, hätte eine Gedächtnisspanne eines Säuglings, so rund plus/minus zwei Sekunden.
Wer so sehr etwas gegen das Auswendiglernen hat, sollte lieber nicht als Lehrperson tätig sein, würde ich meinen.
Herr Reichenbach propagiert demnach das «Auswendiglernen»?
Ich bin in der Tat ein dezidierter Vertreter des Auswendiglernens. Damit will ich nicht sagen, dass Säuglinge nicht kreativ sein können, aber als ernstzunehmende Kulturschaffende haben sie noch einen langen Weg vor sich. Auf diesem Weg haben sie sich noch vieles an-zu-eignen, denn man kann erst nach aussen wenden und nach aussen gewandt sein, wenn man sich ein recht grosses Stück Kultur einverleibt hat. Wer so sehr etwas gegen das Auswendiglernen hat, sollte lieber nicht als Lehrperson tätig sein, würde ich meinen; eine solche Haltung kommt mir jedenfalls nicht sehr in-formiert vor… um es diplomatisch zu sagen.
Die «Pöstlergeographie» ist allerdings hierzulande mega-out. Und auch das «Wörtchen lernen» ist in der neuen Mehrsprachendidaktik verpönt.
Wieso sollte man die Namen der wichtigsten Flüsse, Seen und Berge der Schweiz, der europäischen Hauptstädte, oder einiger Knochen des menschlichen Skeletts, nicht mehr auswendig lernen? Oder die vielen Ausnahmen in der französischen Sprache, wie die sieben Wörter, die im Singular zwar mit „ou“ enden, aber im Plural nicht mit „ous“, sondern eben mit „oux“, nämlich bijoux, cailljoux, choux, genoux, hiboux, joujoux, poux? Diese sieben Wörter musste ich einmal auswendig lernen, ich sage sie immer wieder gerne auf. Und das ist kein Witz! Wie kann man es gut finden, dass am Ende der Schulzeit kaum jemand – by heart – fehlerlos ein Gedicht aufsagen kann, einen Liedtext, eine mathematische Formel, geschweige denn das Periodensystem, ja nicht einmal die Daten des Anfangs und Endes des zweiten Weltkrieges?
Für Ihre These sprechen auch die Erfolge der koreanischen Künstlerinnen und Künstler in den westlichen Galerien oder im Filmschaffen.
Glaubt jemand wirklich, es sei erstaunlich, dass Korea so grosse Künstlerinnen und Künstler hervorbringt, obwohl die kleinen Koreanerinnen und Koreaner so viel auswendig lernen müssen? Ich würde hier „obwohl“ schon fast eher durch „weil“ ersetzen wollen…
Welche Rolle spielen die sogenannten Nachhilfeinstitutionen, in denen die Kinder abends nach der Schule bis zum Umfallen weiter lernen müssen, um ihre Bildungsziele zu erreichen? Das verschärft doch sicher die soziale Segregation.
Die sogenannte „shadow education“ ist ein echtes Problem – nicht nur in Korea und Ostasien, sondern ja auch zunehmend in unseren Breitengraden. Damit ist die ganze Nachhilfeindustrie gemeint, die in Korea ein bedrohliches Ausmass angenommen hat. „Erfolgreiche“ Nachhilfelehrerinnen und -lehrer verdienen mitunter wesentlich mehr als ihre Kolleginnen und Kollegen in der obligatorischen Schule. Viele der Jugendlichen bzw. jungen Erwachsenen lernen bis zur Erschöpfung, um die Eintrittsprüfung zu einer renommierten Universität zu schaffen. Sie arbeiten sechs bis sieben Tage und Nächte pro Woche, aber natürlich nicht jahrelang, sondern um diese Übertrittsprüfung zu bestehen. Sie arbeiten überall, sie schlafen auch überall, sie schlafen auch in der Schule, weil sie übernächtigt sind, sie arbeiten und schlafen. Manche Lehrpersonen lassen sie auf den Pulten schlafen, weil sie wissen, dass dies nicht ein Ausdruck von Faulheit, sondern des Gegenteils von Faulheit ist, weil die Schlafende gestern bis um Mitternacht gebüffelt hat, wie praktisch jede Nacht.
Die sogenannte „shadow education“ ist ein echtes Problem – nicht nur in Korea und Ostasien, sondern ja auch zunehmend in unseren Breitengraden. Damit ist die ganze Nachhilfeindustrie gemeint, die in Korea ein bedrohliches Ausmass angenommen hat.
Gibt es keine Regulierungsbestrebungen für diese Nachhilfeinstitutionen?
Man kann die private Nachhilfe nicht verbieten (obwohl man dies teilweise möchte), und je mehr gesellschaftliche Bedeutung dieser zukommt, desto mehr nimmt sie dem Staat in der Bildung das Ruder aus der Hand. Es ist nicht fraglich, dass die soziale Schere damit weiter auseinandergeht. Dies ist auch bei uns der Fall, wenn auch in einem noch geringeren Ausmass. Wenn der Staat nicht leistet, was man von ihm erwartet, bzw. sich gewisse Milieus von ihm erwarten, dann entsteht eine Parallelbildungswirtschaft.
Und was hat es mit den immer wieder kolportierten Suizidraten auf sich?
Die Anzahl der tragischen Fälle juvenilen Suizids sind vergleichsweise sehr hoch. Aber wie gesagt, dieser Druck entsteht im Kern der mittelständischen Gesellschaft. Manche der Studierenden, die ich dazu befragt habe, sahen aber auch Vorzüge dieser harten Prüfungsvorbereitungszeit. Etwa in kleinen („freiwilligen“) Gruppen, wo mit Freundinnen und Freunden gelernt wird und es dadurch zu einem grossen Zusammenhalten kommt. Denn, wenn man über Monate täglich zusammen lernt, schweisst dies die Leute zusammen, festigt die persönlichen Bindungen, was auch für die Zukunft wichtig sein kann.
Leistungsbereitschaft, Selbstdiszipliniertheit, Anerkennung von Autoritätspersonen (Ältere, Eltern, Lehrpersonen…), Anstand und Hilfsbereitschaft sind ganz sicher prägende und weitgehend realisierte Ideale und Tugenden der südkoreanischen Gesellschaft.
Lassen wir mal das Gerede vom konfuzianischen Bildungswesen. Sprechen wir von Pädagogik und dem koreanischen Bildungsethos. Was sind die wesentlichen Tugenden dieser Erziehungspädagogik?
Leistungsbereitschaft, Selbstdiszipliniertheit, Anerkennung von Autoritätspersonen (Ältere, Eltern, Lehrpersonen…), Anstand und Hilfsbereitschaft sind ganz sicher prägende und weitgehend realisierte Ideale und Tugenden der südkoreanischen Gesellschaft, die bis heute stark patriarchal geprägt ist. Nicht wenige junge Menschen scheinen darunter auch sehr zu leiden. Korea verändert sich aber gleichzeitig rasant, das bleibt nicht ohne Einfluss auf diese Mentalität, die „konfuzianisch“ genannt wird, aber mit der Lehre Konfuzius nur wenig zu tun hat. Der arme Meister Kong muss aber auch für alles herhalten. So spielt Konfuzius, insbesondere für China im Rahmen seiner dezidierten „Soft power“-Strategie, eine (neue) zentrale Rolle, mit welcher es seinen künftigen Einfluss auf allen Kontinenten sichern will. Die weltweite Etablierung der sogenannten Konfuzius-Institute ist also eine höchst ambivalente Angelegenheit.
Das Label „Confucian culture“ ist bloss das Feigenblatt einer ansonsten schamlos kapitalistischen Gesinnung.
Bis in die Schweiz!
Es ist sicher ein richtiger Schritt gewesen, dass die Universität Basel das Konfuzius-Institut wieder geschlossen hat. Der Erfolg des brachialen Kapitalismus in Korea zerstört vielmehr die wenigen humanistischen Reste des konfuzianischen Denkens! Kurz, die Bildungsrealität Südkoreas hat m.E. nichts mit Konfuzius, aber viel mit einer radikalen und ausschliesslichen Erfolgsorientierung zu tun. Das Label „Confucian culture“ ist bloss das Feigenblatt einer ansonsten schamlos kapitalistischen Gesinnung.
Wissen versus Verstehen ist eine pädagogisch sinnlose Dichotomie, ohne Wissen gibt es kein Verstehen.
Sie geben ein wichtiges Stichwort: Wie halten es die Koreaner mit dem, was wir hier unter humanistischer Bildung verstehen, die auf den Prinzipien der Aufklärung basiert? Wie steht es mit dem Verstehen lernen?
Aufklärung ist zwar ein Epochenbegriff, aber auch eine Haltung, die man an vielen Kulturräumen und auch früheren Epochen findet, Philosophie und Wissenschaft sind immer der Aufklärung, der Erhellung der Sachlage gewidmet. Konfuzius ist sicher als so aufklärerisch wie Platons Sokrates zu lesen. Der Begriff „humanistic“ wird auch von ostasiatischen KollegInnen zu recht verwendet, wenn sie auf Gemeinsamkeiten zwischen Ost und West verweisen. Verstehen zu wollen und zu lernen, ist sicher keine europäische oder deutsche Exklusivität, sondern schon eher fast eine anthropologische Konstante. Der Prozess des Verstehens beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod, wie Hannah Arendt meinte. Wissen versus Verstehen ist eine pädagogisch sinnlose Dichotomie, ohne Wissen gibt es kein Verstehen. Zwar geht das Verstehen manchmal dem Wissen voraus, meist hinkt es ihm hintennach, deshalb heisst es auch Nach-denken. Jedenfalls, dies sei auch mit Arendt gesagt, verleiht das Verstehen dem Wissen Sinn. Es ist ein grosser Irrtum zu glauben, man könnte Verstehen pädagogisch geschickt herstellen, vieles von dem, was wir lernen und uns als Wissen zur Verfügung steht, verstehen wir erst sehr viel später. Das ist normal.
Roland Reichenbach, Jg. 1962, ist seit 2013 Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Zürich, Forschungsschwerpunkte: Bildungsphilosophie, Pädagogische Ethik, Politische Bildung und Verhandlungsprozesse.
Schluss des 1. Teils