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Im ersten Moment, wenn man frisch verliebt ist, ist das Bild des Geliebten meist rosarot. Man sieht den anderen positiv. Mit der Zeit nimmt man den Partner differenzierter wahr und erkennt auch unliebsame Züge.
Fast bei jedem Paar etablieren sich gewisse typische Interaktionsmuster.
Nehmen wir als Beispiel Tom und Susanne. Sie sind seit 20 Jahren verheiratet. Tom verdiente das Geld und Susanne versorgte die Kinder. Seit die Kinder ausgezogen sind, kritisiert Susanne Tom immer häufiger. Als Tom die Möglichkeit bekommt ein halbes Jahr ins Ausland zu gehen, spitzt sich die Situation weiter zu. Susanne fühlt sich nicht unterstützt und wirft ihm vor, nur an sich zu denken. Tom findet er müsse diese Karrieremöglichkeit ergreifen. Die Situation ist angespannt.
Betrachten wir den Interaktionszyklus der beiden.
Gemäss Roediger gibt es drei grobe Varianten sich in Beziehung zu setzen: zu dominieren (Überkompensation), sich anzupassen (Unterwerfung) oder sich zurückzuziehen (Vermeidung). Diese Anlagen finden sich schon im Tierreich wieder als fight, flight, freeze. Susanne wirft Tom wütend vor, dass er egoistisch ist, sich nicht um ihre Ehe kümmert, sie alleine lässt und nicht unterstützt (Überkompensation). Roediger geht vereinfacht davon aus, dass vier grundlegende Gefühle hinter unserem Verhalten stehen können: Angst, Trauer, genervt sein/Ekel und Wut. Nach aussen drückt Susanne Ärger und Wut (Gefühl der Wut) aus, kritisiert und entwertet ihren Mann. Innerlich fühlt sie sich aber alleine gelassen und traurig (dahinter Gefühl der Trauer). Er entzieht sich der Auseinandersetzung, sagt, dass er noch arbeiten muss, bleibt länger im Büro und möchte ins Ausland (Vermeidung). Nachgefragt gibt er an, frustriert zu sein, sich klein gemacht zu fühlen und dass seine Frau seinen Beitrag zur Ehe nicht sehe (Trauer). Die dahinterliegende Wut spürt er nur ansatzweise.
Beide überlegen sich, wie und ob Ihre Ehe weitergehen kann.
Roediger postuliert, dass Beziehungen von zwei zentralen Bedürfnissen gekennzeichnet sind: dem Bedürfnis nach Bindung und dem Bedürfnis nach Selbstbehauptung.
Die Frage, die sich beide Partner innerhalb einer negativen Interaktion stellen können, ist, ob sie gerade mehr auf den Bindungs- oder mehr auf dem Selbstbehauptungsbein stehen. Wenn wir den Fokus auf das Erleben von Susanne richten, ist Susanne wütend und macht Tom Vorwürfe, dass er in seinen Beruf investiert. Sie ist im Modus der Überkompensation, womit sie bildlich gesprochen auf dem Bein der Selbstbehauptung steht. Um mehr auf die Bindungsebene zu kommen, wäre es wichtig, dass sie in der Beziehung auch die hinter ihrer Wut stehenden Gefühle wahrnehmen und ausdrücken kann und sich von ihrer verletzlichen Seite zeigen kann und Tom gegenüber auch ausdrücken lernt, dass sie sich von ihm alleine gelassen fühlt. Prognostisch wichtig ist, wie Tom darauf reagiert, wenn Susanne beginnt ihre verletzlicheren Gefühle auszudrücken: Kann er ihre Gefühle aufnehmen. Sonst verfällt sie vermutlich wieder in den alten Modus. Bei Tom ginge es darum, sich nicht nur passiv zurückzuziehen, sondern zu beginnen auch seine Bedürfnisse und Wünsche auszudrücken, sich aktiv einzubringen. Also mehr auf dem Selbstbehauptungsbein zu stehen.
Kennen Sie solche Interaktionszyklen auch? Der bei Susanne und Tom beschriebene Interaktionszyklus ist nur eine Variante. Mögen Sie überlegen, welcher Zyklus Ihnen vertraut ist: Angriff – Angriff, Vermeidung – Vermeidung, Angriff-Unterordnung (letzterer ist ein recht stabiler Interaktionszyklus)? Welches Bein müssten sie weiterentwickeln, das Selbstbehauptung- oder das Bindungsbein? Es ist nie zu spät den ersten Schritt zu tun. Beziehungen sind Veränderung! Viel Erfolg dabei!
Literatur:
Eckhard Roediger (2013). Passt doch! Paarkonflikte verstehen und lösen mit der Schematherapie. Beltz: Weinheim.
Eckhard Roedinger (2015). Paare in der Schematherapie: Von der Einbeziehung des Partners bis zur Paartherapie. Beltz: Weinheim.
Lic. phil. Uta Liechti Braune,
Eidgenössische Psychotherapeutin