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Kodachrome war der wohl berühmteste Diafilm aller Zeiten. Nun ist er Geschichte, weil die Nachfrage in den letzten Jahren stark zurückging und Kodak alles Unwirtschaftliche aus dem Sortiment warf. Zurück bleiben farbige Erinnerungen, deren Geschichte der Filmhistoriker Gert Koshofer für uns erzählt.
Nun wurde auch Kodachrome 64 als letzter Film seiner Art wegen ständig gesunkener Nachfrage eingestellt. Der Filmvorrat soll noch bis Herbst 2009 reichen, die Entwicklung ist bei Dwayne’s Photo Service in Parsons, Kansas, USA, als einzigem Labor noch bis Ende 2010 vorgesehen. Die Kodachrome Filme, in mehreren Empfindlichkeiten und auch als Super 8 und 16mm Filme erhältlich, unterschieden sich chemisch von allen anderen Filmen und waren ihnen vor allem in Schärfe und Haltbarkeit überlegen. Da die Filmschichten keine Farbkuppler enthielten, waren sie sehr dünn und glichen Schwarzweissfilmen. Sie erforderten aber einen komplizierten Entwicklungsprozess, der nicht – wie E-6 – von Fotografen selbst ausgeübt werden konnte. Kodak empfiehlt nun, auf die neueren Professional Ektachrome und Elite Chrome Filme umzusteigen. 2001 war bereits der niedrig empfindliche Kodachrome 25 aufgegeben worden, 2006 gefolgt von Kodachrome 200. Der 1965 eingeführte Super 8 Film «starb» schon 2005, er war wegen seiner Schärfe der beliebteste Schmalfilm.
Rückblick auf eine 74jährige Legende
Das berühmteste Foto der als Kodachrome-Erfinder geltenden Freunde Leo Godowsky jun. (links) und Leopold Mannes (rechts) zeigt beide 1937 beim Hauskonzert in Mannes‘ Apartment in Rochester, N. Y., USA. Ihr Werk war vollbracht: Schon seit 1935 war der 16mm Schmalfilm auf dem Markt.«Man and God» , wie man beide kurz nannte, waren von Hause aus Musiker und hatten sich als Amateure seit 1921 mit der Suche nach einem praktikablen Farbfilm-Verfahren befasst. Foto: Kodak
Als Erfinder zumindest des Verfahrens mit kontrollierter Diffusion gelten die beiden amerikanischen Freunde und Amateure Leo Godowsky jun. und Leopold Mannes, deren Lebensgeschichte immer wieder gerne zu besonderen Anlässen wie den oft gefeierten Jubiläen von Kodachrome (darunter eine Veröffentlichung des Autors zum «30-Jährigen» 1965 im «Fotomagazin») erzählt wurde. Dabei waren beide aber im Zuge ihrer fotochemischen Experimente auf die Patente des Deutschen Dr. Rudolf Fischer gestossen. Dieser hatte um 1911 neben der Idee, den Schichten eines Mehrschichtenfilms bei ihrer Fabrikation Farbkuppler beizufügen, auch schon beschrieben, sie erst während des Entwicklungsprozesses dort hinein gelangen zu lassen. Godowsky und Mannes wurden wiederum von dem Kodak-Forschungsdirektor Dr. C. E. Kenneth Mees entdeckt, der sie in sein Forschungslaboratorium nach Rochester holte, wo ihnen ein vielköpfiges Heer von Chemikern bei der weiteren Ausarbeitung zur Seite stand.
Es begann 1935/1936
Damit sind wir schon in der Frühgeschichte von Kodachrome, die noch vor den Diafilmen am 15. April 1935 mit dem Schmalfilm 16mm begonnen hatte. Während Kodak damit den alten Kodacolor Linsenrasterfilm ablöste, hatte das Fotomaterial keinen Vorgänger aus dem Hause Kodak gehabt – sieht man von den nur kurzlebigen zweifarbigen «Kodachrome» Porträt-Diaplatten von 1915/1916 ab. Dem 16mm Film folgten im Mai 1936 der 8mm Schmalfilm und im August 1936 dann die Fotofilme im Kleinbild– und damals beliebten Bantam-Format (35mm Film auf Spule mit Papierrückseite). Im August 1937 kam Kodachrome auch im «Deutschen Reich» auf den Markt, wo der Kleinbildfilm trotz des stolzen Preises von RM 10,50 für nur 18 Aufnahmen (für Agfacolor-Neu galt der Propagandapreis von RM 3,60 für 36 Aufnahmen – beide Filme einschliesslich Entwicklung) viele Anhänger fand. 1935 hatte die Kodak Filmfabrik in Berlin-Köpenick sogar bei einer Werksbesichtigung für die Presse vollmundig angekündigt, sie würde Kodachrome selber herstellen. Doch es blieb nur bei der dortigen Entwicklungsanstalt, während Kodachrome Filme nach dem Kriege für Westeuropa auch in Harrow bei London und in Vincennes bei Paris produziert wurden. Die französischen Filme, die gegenüber den original-amerikanischen in den Farben etwas gedämpfter und «wärmer» waren, wurden auch in die Bundesrepublik eingeführt. Hier wurde nach dem Kriege eine grosse Entwicklungsanstalt bei Kodak in Stuttgart eingerichtet.
Links die erste deutsche Anzeige für Kodachrome Kleinbildfilm (1937): Mit nominal 13/10 °DIN war Kodachrome tatsächlich empfindlicher als Agfacolor-Neu mit 7/10 °DIN. Nach heutiger Norm wären das ISO 10/11° bezw. ISO 2,5/5°. Rechts eine farblich restaurierte Aufnahme, die Walther Benser 1937 auf einem KdF-Schiff machte. Archiv Koshofer
Wegen ihrer herausragenden Eigenschaften und ihrer interessanten, langjährigen Geschichte waren die Kodachrome Filme wohl das legendärste Filmmaterial. Sie hatten treue Anhänger nicht nur in den USA, sondern trotz des hohen Filmpreises auch in Europa.
Anfang der 1950er Jahre kostete Kodachrome mit 20 Aufnahmen in Deutschland noch fast doppelt so viel (DM 19,50) wie der Agfacolor Diafilm (DM 10,50). Beide Filme wurden mit Entwicklung verkauft, bei Kodachrome war auch die Rahmung mit Papprähmchen eingeschlossen. Es war damit ein luxuriöser Film mit allerdings noch niedriger Empfindlichkeit (ASA 10/11 DIN = ISO 10/11°). Gleichwohl konnte er sich wegen seiner Feinkörnigkeit und leuchtend-kühlen Farbwiedergabe auch noch neben dem späteren Agfacolor CT 18 gut behaupten. Die Profis bevorzugten jedoch die erstmals 1946 eingeführten Kodak Ektachrome Filme, welche nicht nur auch in Roll- und Planfilmformaten erhältlich waren, sondern von ihnen selbst entwickelt werden konnten. Die Nachteile der früheren Ektachrome Filme gegenüber Kodachrome zeigten sich jedoch nach einigen Jahren: Die Dias wurden rotstichig und verblassten. Kodachrome Dias haben dagegen in den Archiven bis heute ihre Farben bewahrt, es sei denn, sie werden zu oft und zu lange dem Projektionslicht ausgesetzt. Somit haben sie neben der herausragenden Schärfe mit ihrer Farbstoff-Stabilität eine weitere qualitativ herausragende Eigenschaft besessen.
Fotos von einer USA-Rundreise des deutschen Fotografen Anton F. Baumann wurden schon Ende 1937 in «Das farbige Leica-Buch» abgebildet (links). Die ebenfalls nach dem Kodachrome Verfahren entwickelten Minicolor Prints lieferten ab September 1941 Farbbilder von Dias auf Plastik-Unterlage (rechts, Kodak).
Ihre im Vergleich zu anderen Farbfilmen niedrige Empfindlichkeit konnte bald gesteigert werden: im Februar 1961 mit dem noch schärferen Kodachrome II auf ASA 25/15 DIN, im Dezember 1962 zusätzlich mit Kodachrome-X auf ASA 64/19 DIN und 1988 sogar mit Kodachrome 200 auf ASA 200/24 DIN. Kodachrome 64, ab 1974 der farblich verbesserte Nachfolger des Typs X, war nicht nur wie dieser als Instamatic- (126) und als Pocketfilm (110), sondern vorübergehend (1986-1996) auch als Rollfilm 120 erhältlich. In Deutschland kaum bekannt ist, dass es einst von 1938 bis 1951 sogar Kodachrome Professional Sheet Filme (Planfilme) in noch grösseren Diaformaten gab. Sie lösten bei den amerikanischen Berufsfotografen in der Werbe- und Porträtfotografie weitgehend die speziellen Dreifarbenkameras ab und wurden schliesslich ihrerseits durch Ektachrome Filme ersetzt.
Eliot Porter gehörte zu den Fotografen, die schon früh mit Kodachrome arbeiteten (Foto 1945, links, Kodak).
Das 1981 bei Ullstein erschienene Buch «Als der Krieg zu Ende ging» zeigt Farbfotos aus dem II. Weltkrieg (rechts).
Die Nachahmer
Es mag noch interessieren, dass Kodachrome auch für Konkurrenzfirmen von Kodak wegen seiner Qualitätsmerkmale Vorbild für eigene Dia- und Schmalfilme war: Der Sakura Natural Color Film von Konishiroku (später Konica) war schon 1940 bis 1941 in Japan auf den Markt, nach dem Kriege gefolgt auch vom ersten Fujicolor Diafilm. In England variierte Ilford das Entwicklungsverfahren etwas. In den USA entwickelte die Firma Dynacolor nicht nur Kodachrome Filme, sondern stellte ähnliche Filme her, die in der Bundesrepublik vorübergehend unter anderem unter der Marke Turachrome 2 erhältlich waren. Ansco in den USA und Perutz in Deutschland entschieden sich für ihre 2×8-mm-Schmalfilme zu Gunsten der Bildschärfe auch für das Kodachrome-Verfahren. Gevaert in Belgien schliesslich produzierte Hausmarkenfilme für amerikanische Abnehmer, die sie auch entwickelten. Ab 1954 musste nämlich auf Veranlassung der amerikanischen Regierung («consent degree») die Kodachrome-Entwicklung in den USA für fremde Labors freigegeben werden, weshalb die Filme dort nun ohne Entwicklungskosten verkauft wurden. Alle diese «Kodachrome-Varianten» der frühen Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre waren auch sehr scharf, besassen aber nicht die Farbbrillanz des Originals. Allerdings wurde diese in jüngerer Zeit im Zuge von durch Umweltschutzbestimmungen geänderten Entwicklungschemikalien etwas gedämpft.
Komplizierter Entwicklungsprozess
Der Entwicklungsprozess der Kodachrome Filme war bis zuletzt sehr kompliziert und unterschied sich von allen anderen. 1935 bis Herbst 1938 beruhte er auf der so genannten kontrollierten Diffusion: Bleichbäder, die kontrollierbar nur in bestimmte Filmschichten eindrangen, mussten die dort unerwünscht gebildeten Farbstoffe (z. B. Blaugrün in den Gelb- und Purpurschichten) wieder zerstören. Mit dem noch aus 27 Arbeitsstufen bestehenden Prozess hatte die im Oktober 1938 folgende Methode der so genannten selektiven Nachbelichtung nur gemeinsam, dass sich die drei farbstofferzeugenden Farbkuppler nicht, wie bei den anderen Farbfilmen (ausser den Kodachrome-Varianten), fabrikatorisch schon in den Filmschichten befanden, sondern erst mit den Entwicklerlösungen hinein drangen. Eine diffuse Nachbelichtung mit rotem und mit blauem Licht sowie eine so genannte schleiernde Entwicklung der grünempfindlichen Schicht steuerte beim zweiten Kodachrome-Verfahren selektiv die Farbstoffbildung in den drei Filmschichten (Gelb, Purpur und Blaugrün). Es blieb im Prinzip gleich, auch wenn es vom ursprünglichen Entwicklungsprozess K-11 im Jahre 1961 in K-12 und 1974 schliesslich in K-14 geändert wurde. Weltweit existierten in der Blütezeit von Kodachrome 20 Entwicklungsanstalten für Kleinbildfilme. Die 16-stufige Verarbeitung dauerte 30 Minuten. Eine Vereinfachung mit kürzerer Verarbeitungszeit brachten die kompakten «K-Labs», von denen zwei vorübergehend auch in Stuttgart installiert waren.
Gert Koshofer fotografierte erstmals 1957 mit Kodachrome, noch wie ISO 10/11° empfindlich. Die frischen knackigen Farben sind unverändert erhalten geblieben.
Das Kodak-Labor in Renens hielt den Kodachrome-Entwicklungsservice als letztes Labor für das gesamte europäische Einzugsgebiet bis am 25. September 2006 aufrecht und wurde schliesslich im Rahmen der Redimensionierung bei Kodak SA geschlossen. Seither werden die noch im Markt verbleibenden Kodachrome-Filme bis Ende 2010 bei Dwayne’s Photo Service in Parsons, Kansas, USA, verarbeitet.
3x Kodachrome: Kodachrome II (links, 1973), Kodachrome 64 (Mitte, 1985) und Kodachrome mit ISO 200/24° (rechts, 1988). Alle Filmtypen wurden jeweils gegenüber ihren Vorgängern in Schärfe und Farbwiedergabe weiter verbessert. Fotos: Koshofer
Beliebt bei Fotografen und Filmproduzenten
Kodachrome war als erster «moderner» Farbfilm eine echte Sensation. Sein weltweiter Erfolg liess eine grosse Gemeinde von Anhängern entstehen, darunter so bekannte amerikanische Fotografien wie Ansel Adams, Iwan Dimitri und Eliot Porter sowie die aus Deutschland nach Frankreich emigrierte Fotografin Gisèle Freund, Horst P. Horst und Ernst Haas, um nur wenige zu nennen. Auch die Fotografen der US-Zeitschrift «National Geographic Magazine» gingen von den alten Farbrasterfilmen schnell auf Kodachrome über. In Deutschland, wo der scharfe Kodachrome die Qualität der Leica- und Contax-Objektive voll ausnutzen konnte, gehörte schon früh Anton F. Baumann dazu, dessen Kodachrome-Aufnahmen «Das farbige Leica-Buch» von 1938 illustrieren. Mit dem Lehrbuch «Foto in Farben» brachte der Kodak-Mitarbeiter Dr. Hans A. Kluge deutschen Fotografen den Umgang mit «Kodachrom», wie der Film hier hiess, nahe. Es gab den Film in Tageslicht- und in Kunstlichtabstimmung (Type A). Letztere war schliesslich die Grundlage für den beliebtesten Super 8-Film, Kodachrome 40 Type A.
Als Schmalfilm konnte Kodachrome seine überragende Bildschärfe voll entfalten. Aber auch dem Kinofilm hatte er vorübergehend als Aufnahmematerial zur Verfügung gestanden, wenn es darum ging, an Stelle der schwerfälligen Technicolor-Spezialkamera an den Kriegsfronten, aus Flugzeugen und von Schiffen, aber auch in der Natur normale Filmkameras benutzen zu können. Daher drehte Walt Disney seine Kulturfilmserie «True Life Adventures», darunter «The Living Desert» («Die Wüste lebt», 1953), mit Kodachrome, auch wenn er, wie andere Produzenten auch, die Kopien davon im Technicolor-Druckprozess herstellen liess. Zu den mit Kodachrome aufgenommenen Spielfilmen gehört als letzter auch «King Solomon’s Mines» («König Salomons Diamanten», 1949/1950).
Gerade in der Schweiz war Kodachrome ein äusserst beliebter Diafilm, nicht zuletzt auch wegen der qualitativ hervorragenden Verarbeitung in Renens und der terminlich sicheren Zustellung durch die kurzen Postwege in unserem Land. Die digitale Technologie hat naheliegenderweise dem Geschäft mit den Diafilmen in erster Linie geschadet, so dass der Kodachrome-Diafilm im Zuge der Sortimentsstraffung bei Kodak mit seiner aufwändigen Verarbeitung den Rotstift zum Opfer viel. Damit geht eine 74jährige Ära der Kodak-Geschichte zu Ende mit Farben, die uns ein Leben lang begleitet haben.
Gert Koshofer
|Der «Nachruf auf Kodachrome» erscheint auch in der September-Ausgabe von Photodeal, die in den nächsten Tagen an grösseren Kiosken im Verkauf ist. Die aktuelle Ausgabe kostet CHF 14.90 und beinhaltet neben der Kodachrome-Story noch folgende interessante Beiträge:

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