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Der Schlüssel sind die Augen. Das Auge eines Rangers, das von einer herabfallenden Münze zerschnitten wird und an das berühmteste zerschnittene Auge der Filmgeschichte erinnert, das aus dem surrealen Kurzfilm «Un chien andalou» von Luis Buñuel und Salvador Dalí.
Wir sehen ein Kameraauge, das sich auf ein Pferdeauge richtet und das Tier in den Wahnsinn treibt. Oder einen Schimpansen, der alle Schauspielerinnen und Schauspieler einer Sitcom im Studio zu Tode beisst, nur einen kleinen Jungen nicht, weil der ihm nicht in die Augen schaut. Und ein Kameramann versucht, das Unmögliche zu filmen, das Überirdische, Fremde, vielleicht ja auch das Göttliche, es ist die pure, menschliche Überheblichkeit.
Und schliesslich suchen die schwarzen Geschwister OJ (Daniel Kaluuya) und Emerald Haywood (Keke Palmer) verzweifelt nach dem «Oprah Shot», jenem Bild oder jener Filmsequenz, mit dem sie in der TV-Show der schwarzen Talk-Ikone Oprah Winfrey berühmt werden wollen.
OJ und Emerald trainieren wie ihr Vater Pferde für Hollywood. Doch der Vater ist nun eben von einer vom Himmel fallenden Münze getötet worden. Mit der Münze kam noch viel anderes geflogen, Kugeln gleich, lauter Schrott, ein Schlüssel bleibt in einem Pferd stecken. Es ist lauter Menschenkram, der da ausgespuckt und, wie sich später herausstellen wird, ausgeschieden wird, der Himmel scheisst auf alles.
Die Pferde sind übrigens lauter trojanische Pferde. Dazu da, OJ und Emerald einen Zugang zu Hollywood zu verschaffen, den sie in ihrer Ahnengalerie zu erkennen glauben. Es war 1887, als der Fotograf Eadweard Muybridge den Galopp eines Pferdes in einzelnen Fotografien festhielt und diese dann im Schnelldurchlauf auf einer Leinwand als Film – angeblich der erste Film der Geschichte – abspielte. Eine Art Grundsteinlegung für Hollywood. Der Jockey auf dem Pferd war ein unbekannter Schwarzer. In «Nope» wird er zum Urahn der Geschwister.
Logisch, dass in einem Film, der derart mit filmischen Referenzen und Praktiken liebäugelt, auch das Auge des Kameramanns ein besonders exquisites sein muss. Und da hätte Regisseur Jordan Peele nun wirklich keinen besseren finden können als den (übrigens in Horgen geborenen) niederländisch-schwedischen Kameramann Hoyte van Hoytema, den (Alb-)Traumfänger von «Let the Right One in» (das schwedische Original), «Tinker Tailor Soldier Spy» oder «Interstellar». Seine Bilder sind einmal mehr sensationell, die Kunst, mit der er Alltägliches in Unheimliches verwandelt, einzigartig.
«Nope», sagt Peele, stehe nicht etwa für «not of planet earth», wie Fans im Vorfeld des Films mutmassten. «Nope!» schreie man im Kino den Helden von Horrorfilmen entgegen, wenn sie wieder todsicher in eine Falle tappen würden. Mit «Nope» wollte Peele einen komischen Film machen. Einen Genre-Mix aus Horror, Ufo-Trash und Western. Einen richtigen Hollywood-Mix. Ein Riesenspektakel, mit dem er sich selbst über die lähmende Tristesse der Pandemie hinweghalf.
Und so ist denn das (Hollywood-)Spektakel an sich auch Thema von «Nope». Denn was da über der Pferderanch und einem Vergnügungspark schwebt, ist zugleich das Spektakel. Die Leute wollen es sehen. Und sie wollen davon profitieren. Der Vergnügungsparkchef, der jener Junge war, der vom irren Affen verschont wurde. Die beiden Geschwister, die endlich nicht mal nur Pferde für Filme verleihen, sondern selbst einen Erfolgsfilm drehen wollen.
Aber vielleicht ist alles auch ganz anders. Denn Jordan Peele legt in seinem dritten Film nach dem bahnbrechenden Rassismushorror «Get Out», in dem reiche Weisse ihre schwarzen «Leichen» im Keller haben, und nach «Us», in dem es jeden Menschen doppelt gibt, einmal in einer wohlhabenden und einmal in einer erbärmlichen Fassung, allzu viele Fährten. Und auf jeder einzelnen von ihnen knallt das Publikum gegen eine Wand.
«Nope» ist sowas wie Peeles grosse Deutungsverweigerung. Oder auch einfach sein bisher schlampigster Film. Was schade ist bei diesem Regisseur, dessen Filme sonst auf zwei Ebenen überaus gründlich funktionieren: Auf der Oberfläche einer zu Ende erzählten Geschichte, und im Labyrinth von tausend klugen, unter- und abgründigen Anspielungen auf die gegenwärtige Verfassung von Amerika. Letzteres entpuppt sich in «Nope» als Gestrüpp aus einigermassen banalen Einbahnstrassen.
Jordan Peele ist ein intellektueller Unterhaltungsregisseur mit interessanten, ungewöhnlichen, in «Nope» wie verrückt nach allen Seiten ins Kraut schiessenden und wieder verkümmernden Ideen. «Nope» ist ein Feuerwerk, das virtuos furzt, statt vollends zu betören. Gut, auch das ist eine Unterhaltungs-Kunst für sich. Und vielleicht ist auch dies ein Effekt der Pandemie: Dass sich einer nach einer Zeit der Begrenzung jede Freiheit erlaubt. Hoffentlich legt er dem Hochleistungspferd seiner eigenen Genialität beim nächsten Mal wieder etwas die Zügel an.
«Nope» läuft jetzt im Kino.
Immer wieder mal kommen Autos auf den Markt, deren Provenance das eigentliche Verkaufsargument ist. Mal die Hände auf das Lenkrad tun, das Elvis berührte … hmm. Dieser Fleck auf der Fussmatte – da hat John Lennon mal seinen Kaffee ausgeleert, weisch.