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Michael Moore ist mal wieder auf Mission. Nachdem er jahrzehntelang Missstände in den USA, wie die Probleme mit den Waffen, dem Gesundheitssystem oder der Wall-Street, angeprangert hat, übt er diesmal seine Kritik von der anderen Seite aus: er geht nach Europa (und macht einen kurzen Abstecher nach Nordafrika) um nach den besten Ideen und Lösungsvorschläge für die negativen Zustände im eigenen Land zu suchen und diese dann mit nach Hause zu nehmen. Ein-Mann-Invasionen für Knowhow, statt für Öl oder das Wohl der Rüstungsindustrie, wenn man es für Moore Filme passend polemisch ausdrücken will.
Sein erster Stopp führt ihn nach Italien, wo er vieles über die tollen Arbeitsbedingungen erfährt: Viel Urlaub, bezahlter Mutterschutz und lange Mittagspausen. Geschockt reagieren die interviewten Arbeitnehmer, als er ihnen erzählt, in den Staaten würde man bestenfalls zwei Wochen unbezahlten Urlaub haben. Das ungesunde Essen in den Kantinen der USA wird kontrastiert mit dem gesunden und nahrhaften Essen einer ganz normalen staatlichen Schulmensa in Frankreich, wo die Kinder sich kaum trauen, einen Schluck von dieser eigenartig schwarzen und extrem süßen Limonade zu trinken, die ihnen der Filmemacher anbietet. Oder: Studien zufolge hat Finnland das beste Schulsystem, obwohl es keine Hausaufgaben gibt, die Schulzeit weltweit die kürzeste ist und es keine private Schulen gibt. Gute Bildung hängt damit nicht vom Geldbeutel der Eltern ab, wie das in den USA üblich ist. So gelangen wir schon zum nächsten Problem: Studieren ist dort eine teure Angelegenheit, wofür die Studenten oft Kredite aufnehmen müssen. Wieso sollte das nicht auch so gehen, wie z.B. in Slowenien, wo das Studium gratis ist? Niemand der befragten Studenten hat dort Schulden, außer ein US-Amerikaner, der eben hier ist, weil er sich die Ausbildung in den USA nicht mehr leisten konnte. In der Art geht es weiter: Vorbildliche Vergangenheitsbewältigung wird in Deutschland betrieben, wo es auch eine gesunde Mittelklasse geben soll, die sich Freizeit auch mit nur einem Job leisten kann. Eine viel nützlichere Drogenpolitik wird in Portugal betrieben; dort ist Drogenbesitz komplett straffrei. Das glatte Gegenteil zu den menschenunwürdigen Gefängnissen in der Weltmacht finden sich in Norwegen. Ein Abstecher nach Tunesien, wo Frauen kostenfrei abtreiben dürfen und kräftig an der Revolution mitgewirkt haben, dient als thematische Vorlage für das letzte Ziel: Island. Ein Land, das vielleicht als einziges aus der Finanzkrise gelernt hat: Es fördert überdurchschnittliche viele Frauen in den Vorständen, da diese sich mehr um das soziale Füreinander in ihrem Land kümmern würden und somit weniger gierig und eigennützig wären, als die Männer, die das Land in den Bankrott getrieben hatten. Außerdem wurden hier ausnahmsweise tatsächlich die Banker verklagt und zur Rechenschaft gezogen.
Im Vergleich ist zu seinen älteren Filmen, ist diese Dokumentation zwar strukturierter, aber auch weniger lustig und weniger radikal ausgefallen. Das liegt auch daran, dass Moore weniger kommentiert und erzählt, dafür aber seine interviewten Personen mehr zu Wort kommen lässt, die teilweise wirklich beachtliche Äußerungen abliefern, vor allem wenn sie an die US-Amerikaner gerichtet sind. Abgesehen davon ist dieser Film in typischer Michael-Moore-Manier gehalten: Gespickt mit einigen Gags und mit ironischen, sarkastischen oder polemischen Kommentaren, sammelt er Bilder und Aussagen, Konzepte und Botschaften, die seinem Standpunkt dienen. Andere eventuelle Probleme in den jeweiligen Ländern blendet er völlig aus. Jedoch ist das diesmal, mehr als bei seinen Vorgängerfilmen, ein von Anfang an klar kommuniziertes Anliegen, sich eben nur die Rosinen herauszupicken. Darüber hinaus sollte man nicht vergessen, dass die Themen als Kontrast zu den USA zu verstehen sind. Das wird seine Kritiker zwar kaum davon abhalten ins gleiche Horn wie immer zu blasen. Alle Anderen ist der neuste Streich des Baseball cap tragenden politischen Filmemacher jedoch zu empfehlen. Auch wenn der Film wie immer an Moores Landsleute gerichtet ist, gibt es genug Konzepte, um die es sich zu diskutieren lohnt, egal aus welchen Land man kommt. Nobody is perfect.
Federico Chavez