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Der Stillalptraum begann für Claudia Morgillo kurz nach ihrem 26-stündigen Geburtsmarathon mit Notfallkaiserschnitt. Die Pflegeschwestern hatten der 39-Jährigen geraten, die Muttermilch abzupumpen, um ihr Baby zu nähren. Als Morgillo die Brustpumpe ansetzte, schmerzte die Warze höllisch, die Milch tröpfelte spärlich. Nach einer Stunde gab sie das qualvolle Pumpen auf. «Es war Horror», sagt sie.
Tags darauf brachte eine Schwester Morgillos Sohn Marlon ans Wochenbett. Er hatte seine erste Nacht in der Neonatologie-Abteilung des Zürcher Spitals verbracht. Nun sollte er an Mutters Brust saugen; doch stattdessen sperrte der Kleine den Mund auf und schrie. Saugverwirrung lautete die Diagnose. Als Ersatz bekam er den Schoppen mit Säuglingsmilch - abpumpen wollte Morgillo nicht mehr. Auch in den folgenden Tagen nuckelte Marlon höchstens eine Minute an der Brust. Morgillo war bedrückt: «Ich sah zu, wie in den Betten neben mir die Mütter problemlos stillten.» Zu Hause gelang das Stillen nur mit Hilfe der Hebamme, die den kleinen Marlon an der Brust in die richtige Position brachte; sobald es die Mutter allein versuchte, konnte der Kleine die Warze nicht fassen. Nach zwei Wochen nahm sie Abstilltabletten.
Ein schlechtes Gewissen hat Morgillo, von Beruf Lebensmittelhändlerin, nicht: «Ich weiss, dass ich deswegen keine schlechte Mutter bin.» Doch genau das suggerieren Stillbroschüren, die in Spitälern aufliegen. Sie zeigen Mütter, die ihr Baby zum Stillen innig an die Brust drücken - weil sie ihrem Kind dadurch nicht nur die beste aller Nahrungen spenden, sondern gleichzeitig auch Liebe und Geborgenheit. Seit den neunziger Jahren betreiben Organisationen wie WHO und Unicef Stillpropaganda. Frauen, die ihren Kindern diesen Segen verweigern und den Schoppen mit künstlicher Säuglingsmilch füllen, so lautet die unterschwellige Botschaft, sind Rabenmütter, die höhere Gesundheitskosten verursachen.
Neun von zehn Müttern wollen stillen
Aktuelle Studien belegen gesundheitliche Vorzüge der Muttermilch: Gestillte Kinder leiden seltener an Atemwegsinfektionen und Übergewicht und riskieren weniger Allergien. Die im Jahr 2000 gegründete Schweizerische Stiftung zur Förderung des Stillens organisiert diesen Oktober die Weltstillwoche. Die Stiftung hat sich zum Ziel gesetzt, dass in der Schweiz 40 Prozent der Mütter in den ersten sechs Monaten ihr Kind ausschliesslich stillen - bislang tun das nur rund 20 Prozent; obschon über 90 Prozent der Mütter zumindest ganz am Anfang das Stillen versuchen.
Zwei von drei Frauen haben allerdings im Wochenbett Schwierigkeiten beim Stillen, das zeigte eine nationale Studie des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin in Basel. Jede zweite klagt noch zu Hause über zu wenig Milch, Erschöpfungszustände, wunde Brustwarzen und Brustentzündungen, die teilweise nur mit Antibiotika geheilt werden können. Und knapp zwei Prozent aller Frauen können wegen einer Grunderkrankung des Kindes oder eigener medizinischer Probleme nicht stillen.
In den siebziger Jahren war Stillen verpönt
Die Häufigkeit der Probleme erstaunt. Schuld ist nicht etwa die Evolution - eher die Entwicklung der Gesellschaft. Denn problemloses Stillen hat viel mit Nachahmung zu tun. «Das Wissen um das Stillen wurde früher in der Familie weitergegeben. Diese Überlieferung ging Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Einführung der industriellen Säuglingsnahrung verloren», sagt Monica Casutt, Ko-Geschäftsleiterin der Schweizerischen Stiftung zur Förderung des Stillens. In den siebziger Jahren war Stillen regelrecht verpönt. Stillende Mütter waren eine Seltenheit.
Stillberaterinnen wollen nun dafür sorgen, dass das Wissen wieder weitergegeben wird. «Stillen ist eine Kunst, die erlernbar ist», sagt Still- und Laktationsberaterin Verena Marchand aus Bern. «Unkorrektes Positionieren und Brüste, die prall gefüllt mit Milch sind, können Schmerzen verursachen.» Wichtig sei, dass die Mutter ihr Kind richtig an den Busen setze und das Kind die Brustwarze korrekt erfasse. Korrekt heisst beispielsweise, dass das Kind die ganze Warze in den Mund nimmt, nicht nur einen Teil davon. Ein anderes häufiges Problem: Die Babys werden zu weit von der Brustwarze entfernt gehalten - das Stillen wird zum Zerren, was wiederum zu Rissen in der Haut und folgebedingten Entzündungen führen kann.
«Ich dachte, der Fehler liege bei mir»
In der Schweiz sind 60 Kliniken und zwei Geburtshäuser mit dem Unicef-Label «stillfreundlich» ausgezeichnet, weil sie die Frauen zum Stillen animieren und Fachpersonal sie dabei unterstützt. Doch sogar in Spitälern mit dem Qualitätssiegel sind die Bedingungen nicht optimal. Wie das jährliche Monitoring des Instituts für Sozial- und Präventivmedizin in Basel zeigt, hielt im Jahr 2005 nicht einmal die Hälfte der Kliniken alle Unicef-Richtlinien ein. Die Schulung in vielen Geburtshäusern bleibt dürftig: Dem überlasteten Personal fehlt die Zeit, den erschöpften Müttern das Stillen korrekt beizubringen.
Ursula Ammann, 35, aus Bern beispielsweise gebar in einem «stillfreundlichen» Spital. Als sie ihr Baby zum ersten Mal ansetzte, merkte sie, dass Stillen nicht so selbstverständlich ist, wie sie während der Schwangerschaft gedacht hatte. Die Hebammen drückten ihr ein Stilltechnik-Video in die Hand. «Persönlich eingeführt wurde ich nicht, und ich hatte nicht den Mut, das einzufordern, weil ich dachte, der Fehler liege bei mir», sagt Ammann. Ihre Brustwarzen wurden wund, bluteten, und wenn ihr Sohn Jayden trank, wurde sie jeweils fast ohnmächtig vor Schmerz. Sie versuchte alles: Wollfett, Stilleinlagen, Wärmelampen. Nichts half. Verzweifelt stillte sie ab, obwohl ihr Partner sie bat, auf die Zähne zu beissen, und die Hebamme warnte, dieser Entscheid sei definitiv.
Ein stolzes Schoppen-Mami
In Internetforen traf Ammann später viele Leidensgenossinnen. Trotzdem plagt sie heute noch das schlechte Gewissen. Sie wäre froh gewesen, wenn sie im Geburtsvorbereitungskurs gewarnt worden wäre, dass Stillen nicht für alle Frauen so einfach sei. «Dann hätte ich gewagt, Hilfe zu holen», sagt sie. Stillt eine Frau jedoch ab, braucht sie keine Gewissensbisse zu haben. «Stillen ist keine Garantie für eine gute Mutter-Kind-Beziehung», sagt Stillberaterin Marchand. Es gibt genug andere Gelegenheiten, das Kind liebevoll in den Armen zu wiegen, und Millionen von Babys sind mit Schoppenmilch aufgewachsen und gediehen. Dennoch stehen wenige Mütter so selbstbewusst zum Nichtstillen wie «Asiera», die im Mutterschaftsportal Swissmom.ch verkündet: «Ich bin ein stolzes Schoppen-Mami!» Sie hatte bei einem ersten Kind den Stillterror bereits durchlebt und entschied sich beim zweiten Mal, von Anfang an auf den Schoppen zu setzen.
Obschon Verena Marchand fürs Stillen wirbt, respektiert sie den Abstillwunsch jeder Frau: «Wenn eine informierte Mutter abstillen will, weil sie Stillen zu sehr schmerzt, die psychische Belastung zu gross ist, sie den Druck ihres Partners nicht mehr aushält oder sie Stillen und Arbeiten nicht vereinbaren kann, ist jeder Zeitpunkt zum Abstillen richtig.»