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Prolog: Als Paolo eines späten Augustnachmittags vor 28 Jahren in der Wüste Syriens auf die Ruinen stiess, ahnte er, dass er gefunden hatte, wonach er suchte. Er war von Westen her über den Berg gekommen und dem Wadi gefolgt, dem ausgetrockneten Flussbett, das sich schnurgerade den Hang hinabzog und sich tief in die Erde gegraben hatte wie eine Zornesfalte ins Antlitz der Wüste. Schroff erhoben sich die Felsen um den jungen italienischen Jesuitenpater, sandfarben und voller Höhlen. Hierher, das wusste er, hatten sich einst Menschen zurückgezogen, um sich vor ihren Häschern zu verstecken oder um in der Abgeschiedenheit Gott nahe zu sein. Die steinerne Landschaft war karg und lieblich zugleich, genau so wie das Gemäuer vor ihm mit seinen Fenstern, klein wie Schiessscharten, und dem Tor, das so niedrig war, dass er hindurchkriechen müsste, um dahinter zu gelangen.
Paolo zögerte. Er sah, wie sich hinter ihm ein paar Ziegenhirten zusammenscharten, und ihn beobachteten. Dann sammelte er seine Kräfte und wuchtete die schwere Holztür auf, zwängte sich durch den Eingang, schob sich durch den dahinter liegenden Tunnel und fand sich in einer kleinen, bauchigen Kirche wieder. Ihr Dach fehlte, und es war, als würde sie sich durch die Öffnung mit dem Himmel vereinen. Es wurde Abend, es wurde Nacht. Matt schimmerten an den Wänden die Fresken im Mondlicht. Und dann geschah es: Plötzlich war der Raum voller Sterne.
Paolo schien es, als hätte Gott ihn willkommen geheissen im Kloster des Heiligen Musa, des Sohns eines äthiopischen Königs, der im 6. Jahrhundert in die Wüste Syriens geflohen war, weil er Mönch werden wollte und so den Thron seines Vaters verraten hatte. Paolo verspürte eine Freude, wie er sie noch nie empfunden hatte. Seine Suche hatte ein Ende: Er würde das Kloster restaurieren lassen und hier, mitten in diesem muslimischen Land, eine Gemeinschaft aufbauen, die ihre Arbeit dem partnerschaftlichen Nebeneinander von Christentum und Islam widmen würde. Als Paolo Stunden später aus der Kirche trat, näherten sich ihm die Hirten ehrfürchtig und ein bisschen neugierig, weil sie glaubten, der Heilige Musa sei in der Gestalt Paolos in sein Kloster zurückgekehrt.
Es ist sieben Uhr morgens, als wir die Haltestelle bei Mar Musa erreichen. Wie ein Adlerhorst kauert das Kloster hoch oben auf dem Felsen. Im gleissenden Sonnenlicht scheinen Berg und Gemäuer miteinander zu verschmelzen. Es ist, als sähen wir eine Fata Morgana – wären da nicht die winzige Seilbahn, auf der Gepäck, Nahrungsmittel und Baumaterialien transportiert werden können, und eine schmale Steintreppe, die sich wie ein Rinnsal vom Kloster den Felsen herabwindet.
343 Stufen lang soll sie sein, vielleicht auch 398, so genau weiss das niemand. Ab 250 hören die meisten auf zu zählen, denn je höher man steigt, desto steiler werden sie, während sich weit unten die Steinwüste immer gelassener dem Horizont entgegenstreckt. Mit jedem Schritt nimmt das Deir Mar Musa Konturen an. Es entblösst seine porösen sandfarbenen Mauern und gibt die Sicht frei auf ein niedriges Gebäude, das hinter ihm in den Berg gebaut ist und auf dessen Steintreppe ein alter Hund vor sich hin döst und verschlafen ein Auge öffnet, als wir die letzte Stufe erklimmen und uns schnaufend einen schmalen Erdpfad der Klostermauer entlanghangeln. Wir zögern, wie wohl alle Besucher zögern, bevor sie sich zum ersten Mal durch das niedrige Tor wagen. Schliesslich atmen wir tief ein, steigen über die Schwelle, tasten uns durch den engen, finsteren Kanal dahinter, bis uns ein hohes Gewölbe empfängt und uns den Weg freigibt in einen burgartigen Innenhof und auf eine riesige Terrasse. Wir sind angekommen im Deir Mar Musa al-Habashi.
Mar Musa ist so etwas wie der Shootingstar in der Klosterlandschaft Syriens, wenn nicht des gesamten Nahen Ostens. Zwar sind Klöster in einem muslimischen Land nichts Ungewöhnliches. In Syrien bekennen sich zehn Prozent der “Die Grosszügigkeit, die unsere Gäste hier erleben, soll sie selbst grosszügig und hilfsbereit werden lassen. Das ist die Poesie von Mar Musa” Der kuriose Pater aus Italien: Klostergründer, Abt und Philosoph Abuna PaoloBevölkerung zum Christentum und somit zu einer der rund 35 verschiedenen Kirchen des Orients, entsprechend viele christliche Klöster gibt es auch.
Doch Mar Musa ist in den knapp dreissig Jahren seit seiner Wiederentdeckung zu einem Aufsehen erregenden Begegnungsort geworden, zu einer spirituellen Stätte und einer ziemlich ungewöhnlichen Touristenherberge. Zwei Nonnen, sieben Mönche, ein Novize und zehn Mitarbeiter leben hier. Eine kleine Gemeinschaft, gegründet und mit dem Segen Roms herangezogen von Paolo, dem Abt, der Abuna genannt wird, unser Vater. Die Menschen hier führen ein einfaches, klösterliches Leben mit Handarbeit, Meditationen und zwei Gottesdiensten pro Tag. Und mit der Betreuung der Besucher, die gratis im Kloster wohnen können, sei es für eine Nacht oder mehrere Wochen, und dafür bei den alltäglichen Verrichtungen mithelfen. Sie schälen Gemüse, waschen Geschirr ab, wischen Staub und entsorgen Abfall.
Zehntausende von Gästen jeder Glaubensrichtung strömen jährlich aus der ganzen Welt hierher, viele kommen aus Syrien selbst, vor allem an Freitagen, am Joum al-Jouma, dem islamischen Sonntag. Manchmal schauen auch Soldaten oder Polizisten vorbei, aus Neugierde oder um zu kontrollieren, was der kuriose Pater aus Italien auf seiner Trutzburg in der Wüste treibt. Auch sie werden willkommen geheissen und mit einem Schulterklopfen auf die Terrasse geleitet.
Die Terrasse ist die Hauptbühne des Klosters: In ihrer Mitte steht ein mannshohes Zelt auf Stelzen, in dem an kühlen Abenden das Nachtessen eingenommen wird. An der rechten Flanke der Terrasse hängt eine Wäscheleine, an der sich eine Besucherin aus Südkorea zu schaffen macht. Und über einer ovalen Tür am Rand des Gebäudes weist ein Kartonschild darauf hin, dass es drei Gewölbestöcke tief zur Bibliothek hinuntergeht. Gleich daneben befinden sich Küche und Vorratskammer und vis-à-vis die Kirche, die man von aussen nur daran erkennt, dass während der Gottesdienste ein abenteuerliches Konglomerat von Schuhen an ihrer Türschwelle liegt.
«Ahlan wa-Sahlan!», herzlich willkommen, begrüsst uns ein junger Mann mit amerikanischem Akzent, «ihr seid aber schon früh unterwegs. Wir bereiten gerade das Frühstück vor. Möchtet ihr eine Tasse Tee? Essen gibts in zehn Minuten, gleich nach dem Gottesdienst.» Während wir auf zwei Plastikhockern unter dem ausladenden Zeltdach Platz nehmen, stellt er eine dicke Teekanne auf den Tisch. Die Südkoreanerin eilt mit Messern, Tellern und Gläsern herbei, ein Pole und ein Neuseeländer bringen Schälchen mit Aprikosenkonfitüre, Oliven, Lebne (Schafmilchjogurt), Olivenöl und Za’tar (getrockneter Thymian), und ein syrischer Klostermitarbeiter mit stahlblauen Augen und ebenso blauem Palästinensertuch
schleppt wagenrad-grosse Fladenbrote herbei. «Sabahu al-Cheir!», guten Morgen, ruft er uns zu. «Ich bin George aus der Nachbarstadt al-Nebek. Ihr seid bestimmt die Gäste aus der Schweiz, nicht wahr? Ahlan wa-Sahlan!»
Plötzlich ist die Terrasse voller Menschen, der Gottesdienst vorüber, und unter den Gesichtern befinden sich auch jene, die wir nach unserer Woche im Deir Mar Musa nie mehr vergessen werden: Houda, die zurzeit einzige Nonne im Kloster, die zweite studiert noch in Rom. Elias, der bärtige Novize, der als Schuhmacher einst 27 Nägel verschluckt hatte und auf wundersame Weise genesen war. Yussef, der Mönch, der mit grosser Leidenschaft Kreuze aus Plastikperlen herstellt. Und der Chef, Abuna Paolo, ein Mann, auch mit sechzig Jahren noch so wuchtig wie sein Kloster, mit einer Stimme, die im ganzen Tal gehört werden kann.
Und ehe wir uns versehen, tun wir, was alle anderen tun: Wir reissen uns ein Stück vom Fladenbrot ab, tunken es ins Olivenöl, dann in den Za’tar, hinter uns die Burg, vor uns die schimmernde, kamelfarbene Ebene, auf der eine wellige rauchgraue Nebelwand liegt. «Die Wüste macht etwas mit dir», sinniert George, der sich hierher zurückgezogen hat und nicht weiss, soll er Anwalt bleiben, heiraten oder Mönch werden in Mar Musa. «Sie verzaubert und betört dich, und selbst wenn du dich leer fühlst und nicht beten kannst, wirst du Gebete finden in ihr, in ihrer Weite, ihren Bergen und in ihren Sternen.» Die Wüste als Quelle spirituellen Lebens.
«Nur in der Wüste», sagt auch Paolo später, «hat der Mensch den Raum, um mit dem Göttlichen zu kommunizieren.» Dies bringe den Menschen wieder ins Lot und lehre ihn, mit sich selbst und anderen in Harmonie zu leben. Nach dem Mahl führt er uns in sein Büro im ersten Stock zwischen der Terrasse und den Schlafgemächern der Frauen. Obwohl beide Geschlechter im Kloster Seite an Seite beten und arbeiten, schlafen sie in getrennten Gebäuden, die Männer im Appendix ausserhalb der Burg. Manche seien schockiert, wenn sie abends um zehn Uhr raus müssten, sagt Paolo, «dafür schauen sie ihre Frauen am nächsten Tag mit ganz anderen Augen an. Ein bisschen Keuschheit ist gar nicht so schlecht.» Sein Büro ist ein Mix aus Dschungel und Kommandobrücke, voll gestopft mit Büchern, losen Zetteln, Fotos und Teetassen, Computer, Fax und Telefonen, und über allem liegt eine speckige, voll gekritzelte Agenda.
Er sei kürzlich in Lausanne gewesen, sagt er, um über die Anti-Minarett-Initiative zu reden, sagt er. «Was ihr da für ein Chaos gehabt habt», er schüttelt den Kopf. «Ihr hättet doch stolz darauf sein können, wenn prachtvolle Moscheen mit Minaretten neben eure Kirchen zu stehen gekommen wären. Stolz, weil gerade ihr Schweizer die kulturelle Vielfalt liebt und die Schönheit in den Unterschieden zwischen den Menschen und ihren Religionen erkennt.» Es gebe so viele Brücken zwischen Christen und Muslimen, aber auf diesen Brücken befänden sich leider immer weniger Menschen, brummt er. Dabei bräuchte es wenig, um die tägliche Diplomatie der guten Nachbarschaft erfolgreich werden zu lassen. Nein, keine Toleranz, bloss das nicht! Toleranz sei ein Ausdruck des Unwissens, man toleriere nur, was man nicht versteht. Es brauche Respekt, Neugier, ehrliches Interesse – und Grosszügigkeit. Er hoffe, dass sein Kloster in dieser Beziehung etwas auslösen könne. «Die Grosszügigkeit, die unsere Gäste hier erleben, soll sie selbst grosszügig und hilfsbereit werden lassen», sagt er. «Das ist die Poesie von Mar Musa.»
Nach dem Mittagessen – Reis, Tomaten, Kartoffeln und Suppe mit Erbsen – kommt Hektik auf, eine spontan choreografierte Hilfsbereitschaft. Andrew, der neuseeländische Architekt, der nach Syrien gekommen ist, um mit eigenen Augen zu sehen, was es mit der «Achse des Bösen» auf sich hat, begibt sich über eine schmale Hängebrücke auf den Nachbarhügel, um den Arbeitern beim Bau eines neuen Seminargebäudes zu helfen; Wojciech, der Pole, und George räumen die Polstermöbel aus einem Salon, um Staub und Milben aus ihnen herauszuklopfen; Dina und Diana, mit einer 35-köpfigen christlichen Jugendgruppe aus der syrischen Küstenstadt Lattakia im Deir Mar Musa angekommen, hacken mit pinkfarbenen Fingernägeln Zwiebeln fürs Abendessen und jammern, weils hier keinen Handyempfang gibt; Yussef, der Mönch, verzieht sich in die Vorratskammer, um zu Ehren der Neuankömmlinge einen Kuchen zu backen; und Rana, die 27-jährige Arabischlehrerin aus Damaskus, streicht eine Haarsträhne unter ihren Hijab und schält Kartoffeln.
Warum sie hier ist? Ihre Studenten hätten ihr so viel von Mar Musa erzählt, jetzt wollte sie selber herkommen und sich das Kloster ansehen, sagt sie. Deir Mar Musa sei in der Tat etwas Besonderes: Nie habe sie auf so wenig Raum so viele interessante Menschen getroffen, habe sie solche Offenheit gespürt. Je mehr Menschen von dieser Offenheit inspiriert und sie mit sich nach Hause tragen würden, desto eher würden auch die Mauern zwischen Christen und Muslimen zu bröckeln beginnen, glaubt sie. Im Prinzip, fügt sie nachdrücklich hinzu, ist dies die einzige Lösung.
Während auf der Terrasse das Kammerspiel der Tätigkeiten seinen Lauf nimmt, bricht die Dunkelheit so abrupt über sie herein, als hätte Gott einen Scheinwerfer ausgeschaltet, um seine Sterne leuchten lassen zu können. Houda, die Nonne, zeigt uns unsere Zellen für die Nacht im Gästehaus. Behände klettert sie über Holztreppen, schmal wie Hühnerleitern, in den zweiten Stock, führt uns über eine kleine Dachterrasse in einen höhlenartigen Raum, der mit Teppichen ausgelegt ist und in dem sich winzige Kammern aneinander reihen, jede mit einem Vorhang, einer schmalen Matratze und einer flackernden Lampe. «Ich hoffe, ihr werdet hier gut schlafen», sagt sie und lächelt schüchtern. Sie trägt eine Cordhose und eine Fleecejacke, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden. In ihrem früheren Leben hatte Houda als Agronomin in Damaskus gearbeitet, als Expertin für Pestizide.
Als 30-Jährige hatte sie den Mann geheiratet, den sie liebte, und ihn einen Tag nach der Hochzeit bei einem Autounfall verloren. Ein Jahr lang lag sie im Spital. Von einer Freundin erfuhr sie dann von Mar Musa – und hatte sich von Anfang an verzaubert gefühlt von der Einfachheit des Lebens. Hier, wo alles zueinander findet, verheilte auch ihre tiefste Wunde. Houda organisiert Treffen für muslimische und christliche Frauen aus der Region, betreut in al-Nebek ein Projekt, das Wohnungen an bedürftige Familien vermittelt. Vor allem aber ist sie auch der ruhende Pol von Mar Musa. «Selbst wenn das Kloster vor lauter Besuchern aus allen Nähten platzt», sagt sie, «fühle ich hier nichts als Ruhe und Frieden in mir.»
Epilog: Jeden Abend, eine Stunde vor dem Abendessen, zieht sich Abuna Paolo sein weisses Gewand über, füllt seinen Weihrauchkelch und begrüsst seine Gäste, die erwartungsvoll in der bauchigen Kirche sitzen. Sie hat längst wieder ein Dach, aber es gibt keine Bänke, die Leute hocken auf Teppichen oder Kissen, und ihre Gesichter schimmern im Licht der Kerzen, die Houda, Elias und Yussef angezündet haben. Die Liturgie ist auf Arabisch, Gott heisst Allah, und im Rhythmus der biblischen Lesung entfaltet die Sprache ihre ganze Pracht.
«Menschen brauchen ein Schauspiel, um sich selbst zu spüren», hatte Paolo gesagt, «aber ein echtes Schauspiel, keine Fiktion.» Um den wachsenden Besucherstrom auch
zukünftig auffangen zu können, plant Mar Musa eine weitere Herberge am Fuss seines Hügels. Mehr noch: Das Kloster will eine Station werden auf der Abraham-Route, einer neuen internationalen Pilgerroute, die den Fussstapfen Abrahams folgen will und von der Türkei über Syrien nach Jordanien und schliesslich ins historische Palästina führen wird.
1.
Kost und Logis gibts im Deir mar Musa al-Habashi gegen Mitarbeit
2.
Schwerpunkt in der Bibliothek ist der Dialog zwischen den Religionen
3.
Raum, um mit dem Göttlichen zu kommunizieren
4.
George mit den stahlblauen Augen
5.
Der Novize Elias war einst Schuhmacher
6.
Mit pinkfarbenen Fingernägeln Salat schneiden