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Mit Doppel- oder Mehrfachbegabungen sind Reiter oder Pferde gemeint, die in mehr als einer pferdesportlichen Disziplin Spitzenresultate erreichten. Bei den Reitern sind es Doppel- oder Mehrfachbegabungen, die im Laufe ihres reitsportlichen Lebens entweder ihre Disziplin wechselten oder zwei oder drei Disziplinen gleichzeitig ausübten. Bei den Pferden gibt es Doppel- oder Mehrfachbegabungen, die im Laufe ihrer Karriere Siege in zwei oder mehreren Disziplinen errangen.
Colette und Paul Weier
Aus Schweizer Sicht ist die grösste Mehrfachbegabung unter den Pferden die irische Vollblutschimmelstute Colette, die mit Hptm. Charles Kuhn von 1924 bis 1934 der Reihe nach, und wiederholt, Siege in Skikjörings, Steeplechases, Militarys, «Schönheitskonkurrenzen», Dressurprüfungen und Springprüfungen errang. Darunter waren ein Sieg in der damals bedeutenden internationalen Military von Nizza 1928, ein Springen beim CHIO Luzern und Dressurprüfungen in Thun.
Bei den Reitern war, wiederum aus Schweizer Sicht, der kürzlich 85 Jahre alt gewordene Paul Weier das grösste Mehrfachtalent. Im Springen wurde er sechsmal Schweizermeister: 1959 mit Japhet im letzten SM-Pferdewechselfinal, dann zwischen 1961 und 1969 mit Aberdeen, Satan, Junker und Wildfeuer. Mit Wulf wurde Paul Weier 1971 EM-Dritter. 1956 und 1957 war er Schweizer Champion S-Klasse A
der Dressurreiter und ritt 1959 bei der Dressur-EM in St. Gallen. Im gleichen Jahr stand er auch im Team bei der Military-EM. Von 1963 bis 1966 gewann Weier dreimal den VSCR-Wanderpreis, der damals als Schweizer Militarychampionat angesehen wurde. Den erstaunlichsten Erfolg errang er 1975 bei der Military-SM in Bülach. Dort siegte er mit Lord Roseneath, dem Springpferd seiner Ehefrau Monica.
Du Pont und Hoketsu
Doppel- und Mehrfachstarts gibt es heute kaum mehr, dagegen taucht gelegentlich ein Reiter auf, der Jahrzehnte zuvor in einer Disziplin olympisch geritten ist. Zwei dieser Spätberufenen in einer anderen Disziplin gehen auf die Olympischen Spiele von 1964 zurück. In der Military durften damals erstmals die Frauen mitreiten. Eine wurde selektioniert, die Amerikanerin Lana du Pont. Sie gewann mit der US-Equipe Mannschaftssilber. 27 Jahre später, 1991, nahm sie als Lana Wright als Zweispännerfahrerin an der WM in Zwettl teil und gewann Teamgold. Ebenfalls 1964 bestritt mit bescheidenem Erfolg der Japaner Hiroshi Hoketsu die olympische Springprüfung. 24 Jahre später, 2008 in Hongkong, ritt der nun 67-Jährige den olympischen Dressur-GP. 2012 war er mit dem gleichen Pferd nochmals dabei.
Früher keine Seltenheit
Doppel- oder Dreifachstarts waren in den Frühzeiten des internationalen Pferdesports keine Ausnahme. An den ersten Olympischen Spielen mit Pferdesport, 1912 in Stockholm, ritten sieben Reiter in allen drei Disziplinen und zwölf in deren zwei. Vier der Pferde wurden 1912 in allen drei Disziplinen eingesetzt. Dabei gewann Cocotte je eine Mannschaftssilber- und Bronzemedaille im Springen und der Military. Auch in den 20er-Jahren gab es bei den Olympischen Spielen Dutzende von Zweifachstarts. Dreifachstarts waren es 1920 nur noch zwei: Einer durch den Amerikaner Sloan Doak, mit drei verschiedenen Pferden. 1924 durfte der Major nur noch im Springen und in der Military antreten (wo es Einzelbronze gab) und 1928 gar nur noch in der Military. Der Bulgare Vladimir Stoytchev, später als General jahrelang Mitglied des FEI-Bureaus, bestritt 1924 wie 1928 sowohl die Dressur wie die Military. Sein Landsmann Kroum Lekarsky, 1924 und 1928 in der Military dabei, tauchte 1956 und 1960 als olympischer Dressurreiter wieder auf.
Schweizer OS-Doppelstarts
Bei den Schweizern erlebten an den Olympischen Spielen 1924 in Paris drei Offiziere einen Doppelstart. Hans E. Bühler (CC, CS), Henri von der Weid (CD, CS) und Werner Stuber (CD, CS). Hans Schwarzenbach, der von 1951 bis 1960 Schweizer Militarygeschichte schrieb (erster ausländischer Badminton-Sieger 1951, Europameister 1959, olympisches Mannschaftssilber 1960), begann in den 30er-Jahren als Springreiter. Mit den Pferden seiner Mutter Renée bestritt er von 1932 bis 1935 sechs Nationenpreise. Eine noch erstaunlichere Wandlung machte Pierre Musy. Der Bundesratssohn siegte 1934 und 1935 zweimal im Hürdenrennen um den Preis der Nationen in Hannover. Zweimal war er Schweizermeister der Rennreiter. 1935 wurde er Vizeweltmeister und 1936 Olympiasieger im Bobfahren. Als Springreiter wurde Musy nationaler Champion 1943 und schliesslich 1948 Teilnehmer in der Military an den Olympischen Spielen.
Die Kombination Rennen–Springen/Military findet man in der Schweizer Pferdesportgeschichte der früheren Jahre noch mehrmals. Marc Büchler war Schweizer Champion der Rennreiter und bestritt 1956 die olympische Springprüfung. René Andretto, der Fegentri-Champion der 50er-Jahre, war 1952 Reservereiter Military an den Olympischen Spielen. Auch Rolf P. Ruff, Olympiareiter 1960 in der Military, war in erster Linie Rennreiter. Jahrzehnte früher wechselte Walo Gerber seine Sättel: Vor dem Ersten Weltkrieg ritt er beim CHI in Luzern, dann bestritt er Rennen und 1928 die olympische Military.
Popler, Llewellyn, Kusner
International hatte der Tscheche Rudolf Popler parallele Reitkarrieren. 1924 und 1928 bestritt er das olympische Jagdspringen, 1926 und 1930 gewann er die Pardubitzer Steeplechase mit dem berüchtigten Taxigraben. In Pardubice starb Popler 1932 nach einem Sturz. Harry Llewellyn gewann 1952 mit seinem Foxhunter olympisches Teamgold im Springen – Jahre zuvor hatte er zweimal die Grand National zu Ende geritten. Kathy Kusner, lange Mitglied der erfolgreichen Springreitequipe des USET, wollte nach ihrem Rücktritt Rennreiterin werden. Dies schaffte sie, nach monatelangem, von der amerikanischen Presse mit Genuss verfolgten Kampf gegen die frauenfeindlichen US-Rennbehörden.
Moser und Stoffel
Hans Moser, der Schweizer DressurOlympiasieger von 1948, bestritt an den Olympischen Spielen von 1936 in Berlin die Dressur wie die Military und auch Annelies Stoffel, die wohl erfolgreichste Amazone Europas der Zwischenkriegsjahre, siegte nicht nur in Springen, sondern auch in Geländeprüfungen.
Ajax und Diana
Anfangs der 70er-Jahre sprach man von Ajax, dem Dressurpferd der Schwedin Ulla Håkansson, mit dem sie 1972 olympische Mannschaftsbronze gewann. Fünf Jahre zuvor hatte Håkansson mit dem gleichen Pferd den Titel bei den Nordischen Meisterschaften im Springen geholt. Die erstaunlichsten Erfolge errang die schwedische Stute Diana. 1920 wurde sie von Hauptmann Georg von Braun in der olympischen Military geritten und stand in der siegreichen schwedischen Equipe. Vier Jahre später qualifizierte sich Von Braun mit Diana für die schwedische Springequipe, und erneut gab es Mannschaftsgold.
Von D’Inzeo bis Todd
Von den grossen Dressurreitern der früheren Jahre sind Henri St. Cyr und André Jousseaume neben ihren Mehrfachstarts in der Dressur auch bei olympischen Vielseitigkeitsprüfungen mitgeritten. Von den bedeutenden Springreitern der Nachkriegsjahre haben die Brüder Raimondo und Piero d’Inzeo, der Franzose Guy Lefrant, die Kanadier Tom Gayford, Jim Elder und Jim Day, der Mexikaner Humberto Mariles und der Schweizer Max Hauri olympische Erfahrungen auch als Militaryreiter gesammelt. Zu erwähnen bei den Deutschen den Dressur-Olympiasieger von 1928, Freiherr von Langen, der am gleichen Ort auch die olympische Springprüfung bestritt, den Springreiter Fritz Thiedemann, der 1952 neben dem Springen auch in der Dressur antrat, den mehrfach Dressurchampion Reiner Klimke, der olympisch 1960 als Militaryreiter begann und Fritz Ligges, zuerst als Militaryreiter dann im Springen Olympischer Medaillengewinner. Auf tieferem Niveau ritt der Finne Mauno Roiha 1948 und 1952 – in allen drei olympischen Disziplinen, und der Österreicher Rüdiger Wassibauer war ebenfalls in allen drei Disziplinen bei Olympischen Spielen oder FEI-Championaten dabei. Nils Haagensen (DEN), 1979 Europameister in der Military, war auch ein erfolgreicher Dressurreiter. Die letzten Mehrfachstarter waren die beiden Spanier Luis Alvarez Cervera und Enrique Sarasola. Die beiden Springreiter bestritten 1992 respektive 1996 und 2000 olympische Vielseitigkeitsprüfungen. Mark Todd, der kürzlich vom Sport zurückgetretene zweifache Military-Olympiasieger von 1984 und 1988, machte es umgekehrt. 1988 und 1992 bestritt er auch das olympische Springen.
(Erschienen in der PferdeWoche Nr. 29/2020)
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