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In einem bahnbrechenden Buch vergleicht Ian Morris die Entwicklung des Westens und des Ostens seit der letzten Eiszeit. Der in Stanford lehrende britische Archäologe und Historiker stellte in einem Abendlichen Gespräch bei Avenir Suisse sein Werk vor.
Lassen sich 656 Buchseiten über 17 000 Jahre Weltgeschichte zu einer spannenden Vorlesung verdichten? Wie es geht, zeigte Ian Morris mit feinem britischem Humor bei Avenir Suisse. «Why The West Rules – For Now», erklärt der renommierte Archäologe in einem Wälzer, der als eines der wichtigsten Werke von 2010 gilt. Nach Zürich kam er auf einer Vortragsreise, weil das Buch eben auf Deutsch herausgekommen ist, unter dem weniger präzisen Titel: «Wer regiert die Welt?»
Weshalb herrschte der Westen, von Assyrien bis Amerika, in der Geschichte meist über die bekannte Welt? Dafür gibt es gemäss Ian Morris zwei Erklärungsansätze. Die einen Theorien nehmen eine langfristige Determiniertheit an. Sie erkennen spätestens bei den Griechen im ersten Jahrtausend vor Christus eine überlegene Rationalität, zumeist aufgrund von angeblichen biologischen Vorzügen; sie erklären aber nicht, weshalb die Chinesen noch vor 600 Jahren die höchstentwickelte Zivilisation hatten. Die anderen Theorien glauben an kurzfristige Zufälle, die dem Westen dank der Industriellen Revolution vor 250 Jahren die Vorherrschaft gaben.
Ian Morris überprüfte diese Theorien, indem er die soziale Entwicklung des Westens und des Ostens mit selbstentwickelten Indikatoren mass: Energieausbeute, Stadtentwicklung, Kriegführung und Informationstechnik. Dabei erkannte er, dass der Westen in 90 Prozent der 17 000 Jahre seit der letzten Eiszeit vorherrschte. Zur unterschiedlichen Entwicklung führte seiner Meinung nach nicht die Biologie, weil alle Menschen gleich sind, und auch nicht die Soziologie, weil die Menschen im selben Entwicklungsstadium überall ähnliche Institutionen bilden. Den Unterschied macht für Ian Morris die Geografie: «Die Geografie determiniert, wie sich Gesellschaften entwickeln – und die Gesellschaften definieren, was die Geografie bedeutet.» So verwandelten sich die geografischen Nachteile von Westeuropa in Vorteile, als sich nach 1500 die transatlantische Ökonomie entwickelte, die schliesslich zur Industriellen Revolution führte.
Wie geht es weiter? Und vor allem: Wann überholt der Osten den Westen? Wenn Ian Morris seine Kurven extrapoliert, kreuzen sie sich im Jahr 2103. Doch dies bedeutet wenig. Viel wichtiger ist, dass gemäss dieser Extrapolation die soziale Entwicklung, die in 15‘000 Jahren auf 900 Punkte anstieg, innert einem Jahrhundert auf 5000 Punkte hochschnellt. Die Menschheit muss also diesen kaum vorstellbaren Prozess gemeinsam gestalten, meint Ian Morris: «Wir müssen den Machtwechsel im 21. Jahrhundert von den Amerikanern zu den Chinesen besser bewältigen als jenen im 20. Jahrhundert von den Briten zu den Amerikanern.»