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»Roman Signer, Zündschnur Appenzell – St.Gallen«
»Ausgehend vom Bahnhof Appenzell wurde auf der 20,06 km Bahnlinie Appenzell - Gais - St.Gallen eine Zündschnur geführt, die sich mit einer Brenngeschwindigkeit von 150 sek/meter während 35 Tagen entlang den Bahngeleisen bewegte.
Die Zündschnur, die üblicherweise für Sprengzwecke verwendet wird, ist gegen Regen und Nässe unempfindlich... Der Brennvorgang ist nicht als offene Flamme sichtbar. Das Feuer bewegt sich innerhalb eines Schutzmantels, und nur eine dünne austretende Rauchwolke markiert seinen Standort. Die rund 20 km lange Zündschnur setzte sich aus ca. 100m-Teilstücken zusammen, die nach und nach ausgelegt wurden...
Eine Kontinuität des Feuers über die ganze Strecke bedingte die Überleitung der Flamme vom Ende einer Zündschnur zum Anfang der nächsten ohne Unterbruch des Brennvorgangs. Als Verbindungselement liess Roman Signer offene Metallrinnen anfertigen, wo die Zündschnüre durch Röhren eingeführt wurden. Das ankommende Feuer entzündete jeweils ein kleines Häufchen Schwarzpulver; damit wurde die neue, weiterführende Zündschnur in Brand gesetzt. Alle 4 bis 4 1/2 Stunden, auf dem ganzen Weg mehr als 200 mal, wurde dieser kleine Explosionsvorgang wiederholt. Das Feuer und die ausgelegte Zündschnur wurden während 35 Tagen rund um die Uhr unter der Verantwortung von Roman Signer von ihm selber oder MitarbeiterInnen überwacht und kontrolliert.
Am 11.September 1989 um 16.00 startete Roman Signer im Bahnhof Appenzell auf einem kleinen Tisch mit einer Schwarzpulver-Entzündung das Feuer und führte am 15.Oktober um 12.04 mit einem analogen Rauchsignal im St.Galler Bahnhof die Aktion zu Ende. Die letzten Minuten wurden begleitet von einer Musikkomposition von Peter Groll, die er mit einer Bläser-Gruppe der Musikgesellschaft Harmonie Appenzell uraufführte.« (R.S./A.N.)
Der Film dokumentiert diese Aktion in ausgewählten Zeitabständen vom Start im Bahnhof Appenzell über die ganzen 35 Tage hinweg bis zum Ziel im St.Galler Bahnhof.
«Appenzell, St.Gallen und eine Lunte» von Max Wechsler, Weltwoche
NR.36, 7-9-1989
Der Künstler Roman Signer kombiniert in seinen Skulpturen die Bewegung und die Zeit
Hier ist von einem Projekt die Rede. Aber bei einem Künstler wie Roman Signer ist das Projekt nicht einfach eine Vorstudie zu einem Werk, sondern wesentlicher Teil des Werks selbst.
Denn der 1938 in Appenzell geborene und heute in St. Gallen lebende Signe beschäftigt sich seit seinen ersten Anfängen als freischaffender Künstler in den frühen siebziger Jahren mit Prozessen der Veränderung, mit den Phänomenen der Bewegung und der Zeit, kurz, mit energetischen Prozessen. Seine Arbeiten haben in einem gleichsam dramatischen Sinne einen Anfang, eine Mitte und ein Ende Sein Werk ist darum nicht gerade einfach zu konsumieren, denn die visuell attraktivste Phase besteht meistens in einer kurzen und spektakulären Phase, in der das Werk vom Projekt ins Relikt übergeht. Besonders grossartige Aktionen schuf er etwa 1987 zur Eröffnung des Kunstmuseums Si. Gallen und zum Abschluss der «Documenta 8» in Kassel, wo er eine Wand aus Abertausenden von Papierblättern in die Höhe jagte. Das klingt geradezu symphonisch, aber im Grunde ist Signer ein Kammermusiker. Das wird sich gerade auch am eingangs angesprochenen Projekt erweisen: Denn es wird geschehen, dass Roman Signer am 11. September im Bahnhof Appenzell auf einem Tischchen einen Kegel aus Schwarzpulver zünden wird, dessen Aufflammen eine Zündschnur in Gang setzt, die sich in etwa dreissig Tagen auf dem Schmalspurtrassee der «Gaiserbahn» bis nach St. Gallen durchschmoren soll.
In Intervallen von 100 Metern wird sich ein kleines , nervös zischendes Räuchlein der gelegten Lunte entlang durch die vertrackte voralpine Landschaft ziehen, an so illustren Stationen vorbei wie Hirschberg, Sammelplatz, Steigbach oder Lustmühle. Nach etwa vier Stunden werden die bemessenen Teilstücke jeweils die Übergangsstelle zum nächsten Stück Zündschnur erreicht haben, das heisst ein eisernes Kästchen, in dem die ankommende Glut das darin aufgehäufte Schwarzpuiver zündet, dessen Hitze wiederum das nächste Luntenstück in Gang setzt. Die durchgebrannte Zündschnur wird aufgerollt, das eiserne Kupplungsgehäuse ans Ende des inzwischen vor sich hin zischenden Teilstücks montiert und das wiederum nächste Stück Lunte gelegt bis das Untemehmen um den 12. Oktober herum schliesslich im Bahnhof St.Gallen mit einem letzten Aufflammen von Schwarzpulver auf einem anderen Tischchen zu Ende geht.
Es wird hier eine fast musikalisch akzentuierte Skulptur der Dauer entstehen, in der jener stets vorwänsdrängende «Augenblick» des wandernden Glühpunkts ganz selbstverständlich Distanz und Zeit ineinander überführt. Und es wird ein Ereignis stattfinden, das in der Erwartung ebenso schön ist, wie es in der Erinnerung sein wird. Vielleicht werden wir den Relikten dieser Aktion mit einer Zündschnur eines Tages im Museum begegnen wie jenen Skulpturen Roman Signers, die gegenwärtig im Schaffhauser Museum zu Allerheiligen ausgestellt sind, und wir wären dann mit einem «Endzustand» dieser Skulptur konfrontiert, deren «Ausgangssituation» und langsame oder schnelle «Veränderung» vom Betrachter imaginiert oder gedanklich ergänzt werden muss. Ein Blick in die Ausstellung macht deutlich, dass sich Signers Skulpturbegriff nicht an den formalen Körper-Raum-Beziehungen und Sockelproblemen der klassischen Skulptur orientiert, sondern an einem erweiterten Begriff plastischen Schaffens, wie er in den sechziger Jahren etwa in der Arte Povera oder der Prozesskunst erste Formen angenommen hat. Signers Skulpturen bestehen nicht nur aus Körper und Raum, sondem beinhalten eben ganz wesentlich das Element der Bewegung und damit auch den Faktor Zeit. Bewegung und Zeit bilden die eigentliche konzeptuelle Basis dieser Art von Skulptur, nicht in der bekannten Spielart der bewegten kinetischen Skulptur allerdings, sondern in einer weitergehenden, den Betrachter sehr direkt involvierenden Art und Weise.
So gleichen seine Ausstellungen merkwürdigerweise einem Stilleben - wie es mit jenem roten, blumengleich aus einem blauen Fass ragenden Kajak angedeutet wird -, das ganz barock so unendlich mehr meint, ais es auf den ersten Blick verspricht. Die aufgebauten Skulptur-Objekte offenbaren keine Bewegung im herkömmlichen Sinne, sie evozieren sie vielmehr in Form von Spuren stattgehabter oder Andeutungen bevorstehender energetischer Prozesse. Dem Betrachter wird Gedankenarbeit abverlangt, die aber bei Signer kein quälender Ausflug in irgendwelche theoretische Hirngespinste darstellt, sondern eine am jeweiligen Objekt sinnlich nachvollziehbare Rekonstruktion oder Vorwegnahme des in der skulpturalen Gestalt immanenten Energieablaufs. Eine willkommene, zusätzliche Hilfestellung dazu leistet die in die Ausstellung integrierte Videopräsentation von kleinen skulpturalen Ereignissen und gross angelegten Aktionen des Künstlers.
Da können wir miterleben, wie Signer sehr behutsam und konzentriert - und gleichzeitig auf verwegene Weise zum Letzten entschlossen - seine bildnerischen Konstrukte den elementaren physikalischen Gesetzmässigkeiten aussetzt und diese gezielt anwendet, um seiner Skulptur eine Gestalt zu geben. Wir sehen, wie das gestalterische Kalkül des Künstlers in permanenter Konkurrenz zur faszinierenden Zufälligkeit der Praxis steht, und wie er all die, auch bei gründlichster Planung immerdar auftretenden, kaum vorauszusehenden Abweichungen ais poetische Geste in das Werk zu integrieren weiss. Bei der Betrachtung der im Video ohne Ton vorgeführten Ereignis-Skulpturen wird einem aber auch bald einmal bewusst, dass die pyrotechnischen Effekte - das Spektakel, für das Signers Werk so berühmt ist - zwar sehr attraktiv, letztlich aber nur instrumental eingesetzt sind. Die vordergründig spektakulären Energiedemonstrationen offenbaren bei näherer Betrachtung einen durchaus meditativen Charakter, der nicht auf feste ästhetische Positionen abzielt, sondern ganz konkret von der Vergänglichkeit spricht.