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Als berühmtester Kunsthistoriker seiner Zeit wurde Heinrich Wölfflin (1864–1945) 1924 als Ordinarius ad personam an die Universität Zürich berufen. Die Rückkehr in die neutrale Heimat dürfte dem politikfernen, seit 1914 in München lehrenden Professor angesichts von Ruhr-Besetzung, Hyperinflation und Hitler-Putsch leicht gefallen sein.
Wölfflin, der im Kaiserreich aufgewachsen und bei Jakob Burckhardt in Basel studiert hatte, 1893 dessen Nachfolger und 1901 nach Berlin berufen wurde, war ein intellektueller Grenzgänger, der die ästhetischen Identitäten der europäischen Kulturen selbst zum Thema machte. Eines der erfolgreichsten Bücher unseres Faches, die «Kunstgeschichtlichen Grundbegriffe» von 1915, stellte dem Positivismus und der Künstlerbiografie ein neues, aus Einfühlung geschöpftes System deskriptiver und charakterisierender Form- und Stilbegriffe entgegen, das der Kunstwissenschaft als einer «Geschichte des Auges», wie er in seiner Zürcher Antrittsvorlesung sagte, einen autonomen Status gegenüber der Geschichtswissenschaft verschaffen sollte.
Der Publikumserfolg Wölfflins lag in seinen Vorlesungen, in denen er mittels Doppelprojektion das vergleichende Sehen anschaulich machte. Wölfflin, dessen «Charakterkopf» heute die Aula ziert, gehört zu den radikalen Erneuerern der Geisteswissenschaften. Sein Erbe ist heute so selbstverständlich, dass es wieder der Erforschung bedarf.