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Schulzeugnis: Geld für gute Noten?
50 Franken für jede Sechs auf dem Schulzeugnis? Über eine Belohnung für gute oder Strafen für schlechte Noten gehen die Meinungen auseinander. Wir verraten wie Sie geschickt reagieren, damit das Kind motiviert ins nächste Schuljahr startet.
Sollen Kinder Geld für ein gutes Schulzeugnis bekommen? Foto: Purestock, Thinkstock
Bald ist das Schuljahr vorüber. Zum Ferienbeginn bringen die Kinder ihre Zeugnisse nach Hause. Viele Kinder erwarten ihre Noten mit bangem Gefühl. «Hätte ich mich vielleicht doch mehr anstrengen sollen?», «Hat sich die Mühe ausgezahlt?» Viele Eltern sind kaum weniger gespannt. Sie wünschen sich, dass ihr Kind erfolgreich in der Schule ist, damit es nach der Schule die Möglichkeit hat, einen Beruf zu wählen, der Spass macht und ausreichend Geld einbringt.
Gutes oder schlechtes Schulzeugnis
Eltern wünschen sich, dass ihr Kind ihnen ein gutes Schulzeugnis präsentiert. Doch was macht ein «gutes Zeugnis» aus? Sollte es möglichst nur Sechsen und Fünfen enthalten, darf es auch Vieren und Dreien aufweisen? Oder ist es schon dann gut, wenn es besser als das letzte ist und das Kind damit zeigt, dass es sich angestrengt und verbessert hat? Die Vorstellungen davon, was ein schönes Schulzeugnis ist, können also durchaus auseinander gehen – ebenso wie bei einem schlechten Zeugnis. Die Beurteilung ist relativ. So kann für ein Kind, das sehr leicht lernt, ein Zeugnis mit vielen Vieren unbefriedigend sein. Ein Kind dagegen, das viel Anstrengung investiert hat, um mitzukommen, kann mit Recht sehr stolz darauf sein.
Kinder sollten wissen, dass sie von ihren Eltern Wert geschätzt werden, gleichgültig wie ihr Schulzeugnis ausfällt. Eltern sollten signalisieren, dass sie kein perfekt funktionierendes Kind erwarten. «Du gehörst zu uns, so wie du bist. Du darfst Fehler machen», das ist die wichtigste Botschaft, die Eltern ihrem Kind senden können.
Vielleicht ist das Kind erleichtert, vielleicht ängstlich, möglicherweise auch wütend, wenn es mit dem Zeugnis nach Hause kommt. In allen Fällen tut es ihm gut, wenn die Eltern verständnisvoll reagieren. Das heisst: Sie dämpfen seine Freude nicht, sie reden ihm weder Angst noch Wut aus. Sätze wie «Nur in Deutsch bist du noch nicht so gut», «Du brauchst doch keine Angst zu haben», «Du bist doch selbst Schuld», bleiben also besser ungesagt.
Geld für gute Noten
Sind Noten Geld wert? Manche Eltern winken mit Geld-Belohnungen, um das Kind zu veranlassen, auf gute Noten hin zu arbeiten. Pädagogen sehen das kritisch. Schliesslich soll das Kind nicht lernen, um sich das Taschengeld aufzubessern, sondern es soll Freude und Sinn im Lernen finden.
«Wenn Sie Noten mit Geld bezahlen, besteht die Gefahr, dass das Eltern-Kind-Verhältnis zu einer Geschäftsbeziehung wird», warnt der Verein «Humane Schule». Darüber hinaus können durch Neid Konflikte zwischen den Geschwistern entstehen. Das Kind, das leicht und gut lernt, könnte mehr «Lohn» bekommen als das Kind, das sich mehr anstrengt, aber insgesamt doch schlechtere Noten erzielt. «Der individuelle Fortschritt eines Kindes sollte belohnt werden», sagte deshalb Franz X. Isenring, Thurgauer Schulinspektor, dem Tagblatt.
Hat ein Kind sich viel Mühe gegeben, darf gefeiert werden. So wird die Leistung des Kindes gebührend Wert geschätzt. Wie wäre es mit einem Besuch in Ihrem Lieblingsrestaurant?
Strafen für schlechte Noten
«Was, du hast in Mathe eine drei? Letztes Jahr hattest du noch eine vier! Hast du gar nichts getan?» Es ist verständlich, wenn Eltern enttäuscht auf eine Note ihres Kindes reagieren. Hilfreich ist es aber nicht. Wer sich vorstellt, sein Arbeitgeber konfrontiere einen mit den Worten «Was, Sie haben heute nur zwei Projektberichte geschrieben? Letzten Monat haben Sie doch vier pro Tag geschafft! Haben Sie denn keinen Ehrgeiz?», spürt die Gefühle, die solche Sätze auslösen. Wut und Frustration gehören in jedem Fall dazu. «Wenn Sie schimpfen oder strafen bestärken Sie die Bedrückung des Kindes. Es fühlt sich in einer Situation alleingelassen, in der es Zuwendung und Aufmunterung braucht», darauf weist der Verein «Humane Schule» hin.
Kindern wollen weder ausgeschimpft noch abgewertet werden. Ihnen ist die Reaktion der Eltern auf ihr Zeugnis wichtig. Gleichgültig, ob das Zeugnis den Erwartungen der Eltern entspricht oder nicht, wichtig ist, dem Kind Mut zu machen und den Spass am Lernen zu fördern. Deshalb sind andere Sätze hilfreicher. «Wir können uns zusammen überlegen, wie du mehr Spass an Mathe findest» und «Lass uns überlegen, wer dir deine Mathe-Fragen verständlich erklären kann» gehören dazu. «Ermutigung veranlasst ein Kind, mehr oder Besseres von sich zu erwarten», erklärte auch schon Rudolf Dreikurs (1897-1972), österreichisch-amerikanischer Psychiater, Psychologe, Pädagoge.
Konsequenzen aus schlechten Noten ziehen
Dennoch bleibt die Frage, welche Konsequenzen aus schlechten Noten zu ziehen sind. Lange Monologe ermüden und lassen das Kind auf Durchzug schalten. Sinnvoll ist es, mit dem Kind einen Zeitpunkt zu verabreden, um sich über das Zeugnis zu unterhalten. Nichts öffnet ein Kind mehr als Eltern, die zuhören statt reden. Findet es die Noten gerecht? Macht ihm das Fach Spass? Ist der Lehrer nett?
«Durch Gespräche können Sie erkennen, ob Ihr Kind überfordert ist und ob Sie vielleicht Ihre Erwartung niedriger setzen müssten», erklärt der Verein «Humane Schule». Dabei gilt es, die Verantwortung beim Kind zu lassen und es nicht zu bedrängen. Denn letztendlich ist die Schule Sache der Kinder. Ist das Kind mit seinen Noten zufrieden? Wenn nicht, wo sieht es die Ursache für seine nicht zufriedenstellende Leistung? Hat es selbst eine Idee, wie es sich verbessern kann?
Ein Schulzeugnis ist kein zuverlässiger Gradmesser für Glück und Erfolg
Es ist tröstlich zu wissen, dass ein Zeugnis kein zuverlässiger Gradmesser für Glück und Erfolg im Leben ist. Weder führt ein sehr gutes Zeugnis zwangsläufig in den Traumberuf, noch bedeutet ein schlechtes Zeugnis Misserfolg im Leben. Wer kennt nicht das Erstaunen beim Klassentreffen, wenn ausgerechnet derjenige arbeitslos ist, dem man eine grosse Karriere vorausgesagt hatte – oder wenn sich der Klassenkamarad mit den schlechtesten Noten erfolgreich selbstständig gemacht hat.