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1939 - 1946
Die Royal Air Force, zwei Generäle und Winston Churchill
Während eines heftigen Luftangriffs auf Friedrichshafen In der Nacht vom 27. April 1944, wurde eine Avro Lancaster der 35. Staffel der Royal Air Force von einem deutschen Nachtjäger über dem Bodensee abgeschossen. Der Bomber stürzte vor Steckborn in den Untersee. Ein Thurgauer Bauer barg den abgesprungenen Heckschützen frühmorgens von einem Apfelbaum bei Gunterswilen und brachte ihn ins Dorfrestaurant, wo der etwas lädierte Flieger, Flight Sergeant David Balmer, von einer Rotkreuzschwester versorgt wurde. Diese hatte in Gunterswilen ihren Schwager Ewald Möckli zum Kaffee getroffen, welcher als Landsturm-Fliegerabwehrsoldat ganz in der Nähe Dienst tat.
Avro Lancaster B.Mk.III, ND759, "TL-R", 35Sqn, Royal Air Force
Kurz vor Mittag erschien der Dorfpolizist mit drei weiteren, völlig durchnässten Mitgliedern der abgestürzten Besatzung in Gewahrsam. Sie hatten sich mit einem Schlauchboot ans Schweizer Ufer retten können. Die Wiedersehensfreude unter der Crew und die Erleichterung, dem Krieg auf glückliche Art entronnen zu sein, war gross. Als sich herausstellte, dass drei der vier britischen Flieger Schotten waren (bzw. Australier mit schottischen Vorfahren), musste Ewald unbedingt seinen Dudelsack holen. Mit warmen Klängen hiess er dann die Flieger auf seine Art in der Schweiz willkommen.
Lancaster ND759, bei der Bergung, Berlingen 1953
Am Ende mussten Bordschütze David Balmer und Funker Murray Bartle, vom ungewohnten sauren Most beide sturzbetrunken, alkoholbedingt ins Spital Münsterlingen eingeliefert werden. Ewalds Schwägerin, die Rotkreuzschwester aus Gunterswilen, hat sich aber auch dort liebevoll um David Balmer gekümmert. Nach dem Krieg heiratete sie ihren Flieger (welcher übrigens über Schweizer Vorfahren verfügte) und wanderte mit ihm nach Kapstadt aus.
Sgt Graham, F/Sgt Bartle und F/Sgt Balmer in Zürich
(Time Magazine, Mai 1944), kurz vor ihrer Repatriierung nach England via Gibraltar. Eine dreiköpfige deutsche Nachtjagdbesatzung, welche am 28.5.44 Dübendorf notgelandet war (und vermutlich vorher ihre Lancaster abgeschossen hatte), wurde im Gegenzug nach Deutschland abgeschoben.
Ewalds Exploit muss sich in der Armee bis ganz nach oben herumgesprochen haben. Zum Treffen von General Henri Guisan mit dem kommandierenden General des 1. Französischen Armeekorps, Jean de Lattre de Tassigny, in Stein am Rhein am 18. Mai 1945 – der Krieg in Europa war erst 10 Tage zuvor zu Ende gegangen - wurde Wm Möckli Ewald für ein Dessertständchen auf die Terrasse des Hotels Rheinfels beordert. Der stets gutinformierte Guisan wusste, dass de Lattre Dudelsackmusik sehr mochte, den dessen Frau, Simonne Calary de Lamzière, war seit 1940 Honorary Colonel des 1st Batallion, Royal Scots.
General Guisan und General de Lattre de Tassigny, Stein am Rhein, 18.5.1945
Ewald Möckli absolvierte diesen Auftritt etwas widerwillig. Er hatte es nicht so mit den hohen Offizieren, wie er später erzählte. Für seine Dienste sei er auch bloss mit etwas gebratenem Hecht in der Küche abgespiesen worden. Und keinen Tropfen Wein habe er bekommen. Guisan sei aber recht nett gewesen. Mit den Franzosen konnte er sich nur mit einem elsässischen Oberst unterhalten, da er kein französisch sprach.
Die Tunes des Lone Pipers in seiner tristen grauen Schweizer Uniform müssen es dem französischen General aber so angetan haben, dass Möckli im November 1945 privat nach Lindau in die Villa Wacker, die Residenz de Lattres, eingeladen wurde. Dort durfte Möckli zusammen mit den Pipes & Drums der Royal Scots zum Geburtstag von Madame Le Général aufspielen. Anders als in Stein am Rhein sei das Essen bei den Franzosen sehr üppig gewesen, erzählte Ewald Möckli noch viele Jahre später. Was es genau gab, wusste er zwar nicht mehr, denn der Champagner und der reichlich geflossene Whisky haben seine Erinnerung etwas getrübt.
Die Schotten waren von der Perfektion des Schweizer Dudelsackspielers jedenfalls mächtig beeindruckt. Er habe in dieser Nacht bis zum sprichwörtlichen Umfallen mit seinen neuen Freunden musiziert, erinnerte sich Ewald. Er vergass den Lads auch nicht zu sagen, dass sein Vater Schotte sei und er Clan MacKay. Das war sicherlich das Zauberwort, welches half, die letzten gefühlten Grenzen zu überwinden.
Villa Wacker, Lindau
Hotel Rheinfels, Stein am Rhein
aus dem Gästebuch des Restaurant Rheinfels, Stein am Rhein
1946
Die Schotten kommen. Und Winston Churchill.
Anschliessend begleitete Möckli die Schotten aufs Jungfraujoch. Einige Unentwegte nahmen ihre Dudelsäcke mit, wobei einzig Möckli einige anständige Töne auf fast 3'500 Meter über Meer herausbrachte, meinte er spitzbübisch noch viele Jahre später. Organisatorisch war diese Tour sein Gesellenstück, welches ihm denn auch ein persönliches Dankesschreiben von Bundespräsident Kobelt eintrug.
Massed Pipes & Drums, 52nd (Lowland) Division, Mai 1945
Nur kurze Zeit später sollte der eigentliche Höhepunkt seiner musikalischen Karriere folgen: der Besuch des britischen Kriegspremiers Winston Churchill in Zürich.
Ein einmaliges Erlebnis sei das Platzkonzert am 18. Juli auf dem Berner Bundesplatz vor Bundespräsident Kobelt, den Bundesräten Etter, Stampfli und von Steiger und vor Tausenden von begeisterten Zuschauern gewesen, erinnerte sich Möckli.
Angereist aus Norddeutschland trafen Ende Juli 1946 175 Piper und Drummer der 52. (Lowland) Division der britischen Armee mit Autobussen in Basel ein, um eine dreiwöchige Goodwill-Tour durch die Schweiz zu ansolvieren. Ewald Möckli wurde als musikalischer Verbindungsmann zum britischen Stab beordert.
Winston Churchill in Zürich, 19.9.1946
"Let Europe arise!" rief Churchill in seiner weltweit beachteten Rede aus. Zum Andenken an diesen historischen Anlass erhielt jeder Musiker von der Universität Zürich eine Erinnerungsmedaille.
Am 19. September 1946 hielt Churchill in Zürich seine berühmte Europa-Rede in der Aula der Universität.
Im Hof hiessen das Armeespiel und die Pipes & Drums des 1st Battalion, Royal Scots, den britischen Kriegspremier, drei Bundesräte und unzähligen Gäste musikalisch willkommen. Bei den Schotten ganz vorne links, im Full Dress der Pipers, am geradesten unter allen Geraden, stand der Schaffhauser Ewald Möckli, von seinen schottischen Freunden seit dem gemeinsamen Auftritt bei den Franzosen in Lindau liebevoll "Wee-Wald" genannt.
Pipes & Drums 1 Btn, Royal Scots
Erinnerungsmedaille 19.9.1946:
Nachlass Möckli