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Letzte Woche hat die argentinische Zentralbank den Leitzins auf 97 Prozent angehoben, um der extrem hohen Inflation entgegenzuwirken. Innerhalb eines Jahres hat sich der Preis des durchschnittlichen Gut- und Dienstleistungswarenkorbs mehr als verdoppelt. Die Zinsanhebung wird wohl keinen Einfluss auf die Teuerung haben, da die Wirtschaft tiefgreifende Strukturreformen braucht. Gleichzeitig steigt die Armutsrate besorgniserregend, und die Landeswährung setzt ihren Absturz fort. Eine Kurzanalyse.
Für viele Argentiner*innen gehört die Hyperinflation zur Normalität
Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges bekämpft Argentinien ein zyklisch wiederkehrendes Problem: die chronisch hohe Inflationsrate. Die Wirtschaftsleistung und die Kreditwürdigkeit des Landes leiden stark darunter. Während Jahrzehnten haben die argentinische Zentralbank und die Regierung auf unzählige Arten versucht, den Preisanstieg einzudämmern. Das Ergebnis ist enttäuschend: In den letzten 50 Jahren fiel die durchschnittliche Jahresteuerung nur in 14-mal tiefer als 10 Prozent aus. Während der Militärdiktatur (1976-1983) und den folgenden Jahren bis 1991 war die Inflation völlig ausser Kontrolle und betrug sogar im Durchschnitt 285 Prozent pro Jahr. Damit ist der dreifache Fussballweltmeister nicht nur im Kicken weltmeisterlich, sondern auch was die Teuerung betrifft.
Der Hauptgrund für diese chronische Krankheit der argentinischen Volkswirtschaft ist auf die fehlende Unabhängigkeit der Zentralbank Banco Central de la República Argentina zurückzuführen. Im Laufe der Jahre haben die Regierungen regelmässig deutlich mehr ausgegeben, als sie über Steuereinnahmen eingenommen haben. Üblicherweise muss das entstandene Defizit entweder durch eine Steuererhöhung in den folgenden Perioden oder durch die Verschuldung gedeckt werden. Ersteres ist mit Blick auf eine Wiederwahl der Regierung nicht optimal. Die Verschuldung über die internationalen Kapitalmärkte wiederum ist aufgrund der geringen Kreditwürdigkeit des Landes mit hohen Zinskosten verbunden. Entsprechend wurde häufig ein dritter und gefährlicher Weg gewählt: Die stark mit der Regierung vernetzte Zentralbank beschleunigt die Geldschöpfung, um den finanziellen Bedarf der Regierung durch frischgedrucktes Geld zu decken.
Pesos im freien Fall und galoppierende Inflation
Zurzeit wird das Land abermals von einer Inflationswelle überrollt, die vor 10 Jahren angefangen und sich allmählich verstärkt hat. Im April 2023 betrug die Inflationsrate schliesslich 109 Prozent – Tendenz steigend. Gleichzeitig ist der argentinische Peso so schwach wie noch nie: Für 222 Pesos erhält man einen US-Dollar. 2010 lag der Wechselkurs noch bei 4 Pesos/USD. Die Bevölkerung vertraut der nationalen Währung nicht mehr und möchte ihre Vermögen in einer stabilen Währung halten. Da der Geldwechsel eingeschränkt ist (jede Person darf höchstens 200 US-Dollar pro Monat wechseln), ist ein blühender und von den Behörden tolerierter Schwarzmarkt entstanden. US-Dollars sind so begehrt, dass man in Argentinien bereit ist, fast doppelt so viel wie die offizielle Rate zu zahlen, um sie zu bekommen.
Die Kombination aus sehr hoher Inflation und schwacher Währung ist eine toxische Mischung für den Wohlstand der argentinischen Bevölkerung: Gemäss der letzten Schätzung sind 40 Prozent der Argentiner*innen nicht in der Lage, ihre Ausgaben für die Güter des täglichen Bedarfs und Lebensmittel mit ihrem Gehalt zu decken. In den letzten Jahren sind die Löhne zwar stark gestiegen, konnten aber nicht mit der galoppierenden Inflation mithalten. Viele Haushalte haben einen starken Kaufkraftverlust erlitten. Der Preis importierter Güter ist explodiert, die internationalen Investoren bleiben aus, und die Spannung im Land ist hoch. Im letzten Jahrzehnt hat der Internationale Währungsfonds Argentinien im Rahmen zahlreicher finanzieller Hilfsprogramme Kredite im Umfang von 44 Milliarden Dollar gewährt, unter der Bedingung der Implementierung strukturellen Reformen und Kürzungen der Staatsausgaben. Die argentinische Regierung tut sich mit dem Rückzahlungsplan schwer und versucht, die Kreditbedingungen neu zu verhandeln, um einen weiteren Zahlungsausfall zu vermeiden.
Ein Ende der Misere ist nicht in Sicht. Es gibt keine einfache Lösung, und radikale Massnahmen sind gefordert, um aus der Negativspirale auszubrechen. Die Institutionen müssen das Vertrauen der Bevölkerung und der internationalen Investoren wieder gewinnen, die Korruption und die Steuerhinterziehung müssen glaubhaft bekämpft werden, und die Zentralbank muss ihre Entscheidungen unabhängig treffen können. Nur mit neuen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und internationaler Hilfe kann Argentinien die aktuelle Krise bestehen.
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