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Nidwalden war im 19. Jahrhundert katholisch geprägt, industriell unentdeckt und touristisch wenig erschlossen. Auch wenn diese Prämissen gerne zum Prädikat «rückständig» führen, gilt es, hier von einem sehr fortschrittlichen Akt zu berichten. Es war in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Nidwaldner (ja, damals nur die Männer) einem Mann mit nicht-weisser Haut gleich mehrfach das Vertrauen schenkten.
Zuerst im Jahre 1856: Damals wählen die Soldaten des Bataillons 74 einen neuen Kommandanten. Sie erküren Alois Wyrsch, den 31-jährigen Rechtsanwalt und Mühlenbetreiber, Sohn von Louis Wyrsch (1793–1858), der ehemalige Bataillonskommandant, Gemeindepräsident und Landammann. Man könnte die Wahl als gewöhnliche Entwicklung abhaken, bei der die ländliche Elite die nächste Generation auf einem wichtigen Posten installiert. Und doch ist es viel mehr: Alois Wyrsch war eine «Person of Color», wie man heute sagt.
Denn Alois Wyrsch war 1825 auf der Insel Borneo zur Welt gekommen. Sein Vater Louis stand als Offizier der niederländischen Kolonialarmee in Niederländisch-Indien im Einsatz und lebte dort mit der einheimischen Johanna van den Berg zusammen. War sie seine Sklavin? Im Tagebuch des Vaters nennt er sie «njai», was auf Malai Haushälterin heisst. Der Historiker Bernhard Schär von der Universität Lausanne hat entfernte Stellen in den Tagebüchern entdeckt. Er vermutet, dass Wyrsch die Spuren der Frau tilgen wollte. Aber die Zensur arbeitete nicht sauber genug, so ist zu erkennen, dass Vater Wyrsch seine Gattin auch «Silla» nannte. War das vielleicht ihr richtiger Name?
Wie auch immer. Als Sohn Alois acht Jahre alt ist, kehrt er mit Vater Louis und Schwester Constantia nach Nidwalden zurück; die Mutter sei gestorben. Louis war verwundet worden und hatte einen Ritterorden des niederländischen Königs sowie eine jährliche Pension von 1000 Gulden in Aussicht (heutiger Geldwert: 170'000 Franken).
Die Seereise dauert fünf Monate, von Mitte Mai bis Mitte Oktober 1832. Vater Wyrsch, der fortan im Nidwaldnischen «Borneo-Louis» und offiziell «Ritter Louis Wyrsch» heisst, bringt zwei Kinder mit, die beide deutlich malayische Züge tragen. Oder wie es das «Nidwaldner Volksblatt» beschrieb: «Scharf gesprochen vererbte sich der mongolische Typ der Mutter auf ihre Kinder.» Das ungewohnte Aussehen der dunkelhäutigen Kinder scheint in verschiedenen Quellen auf. Doch die ökonomische und bald auch politische Potenz von «Borneo-Louis» verhindert, dass die Kinder aufgrund ihrer Herkunft Nachteile oder Demütigungen erfahren müssen.
«Borneo-Louis» schickt seinen Sohn Alois zu einem Kaplan nach Niederrickenbach, um die «Sprache seiner neuen Heimath» zu lernen. Alois darf fortan, so gebietet der autoritäre Vater, kein Wort Malai sprechen. Nur einmal, als die Sonne hinter den nidwaldischen Gebirgstöcken emporsteigt, entwischt dem jungen Wyrsch ein bewunderndes «Mata!» für «Sonne!».
Auf die Volksschule folgen das Gymnasium in Engelberg und das Knabenseminar in Kreuzlingen. Damit Alois kein verwöhnter Offizier aus gutem Haus wird, wie das in der ländlichen Elite üblich war, schickt ihn der Vater nicht an die Universität oder in die Offiziersschule. Denn er will einen praktisch gebildeten Sohn. So bringt er ihm in der zwischenzeitlich gekauften Aumühle in Buochs das Handwerk des Getreide- und Ölmüllers bei.
Doch Alois Wyrsch verliebt sich in Franziska Christen und heiratet im Alter von 20 Jahren die Nidwaldnerin. Schon bald kriselt es in der Ehe, sodass Alois mit einem einzigen Thaler seines Vaters auf die Wanderschaft geht. Alois soll lernen, sich selber zu helfen. Sein Vater empfiehlt seinem Sohn, doch nach Niederländisch-Indien zu reisen, quasi in seine Heimat.
Tatsächlich reist Alois nach Deutschland und dann in die Niederlande. Das «Nidwaldner Volksblatt» dramatisiert später diesen Moment: «Hier, wie er in banger Unentschiedenheit am Meeresufer stund, zog ein stürmisches Sehnen nach dem fernen Heimathlande seiner Mutter durch seine zwanzigjährige Brust. Aber drohend spritzte die salzige Fluth den Gischt ihm in's Gesicht.» Alois kann sich nicht zu einer Überfahrt entschliessen. Neun Monate nach seiner Abreise steht er wieder zuhause auf der Matte – gerade rechtzeitig, um 1847 im Sonderbundskrieg unter dem Kommando seines Vaters mit den Nidwaldner Truppen zu kämpfen. Das stellt eine wichtige Erfahrung für den jungen Mann dar, der zunächst die Aumühle in Buochs und dann ab 1850 die Mühle in Alpnach leitet.
Als die Nidwaldner Truppen 1856 für die Grenzbesetzung mobilisieren, wählen die Nidwaldner den jungen Wyrsch zu ihrem Kommandanten. Alois Wyrsch, der sich jetzt wie sein Vater Louis Wyrsch nennt, wird dadurch zu einer populären und beliebten Figur, sodass ihm ein Jahr später der Sprung in die Politik gelingt; er wird von der Landsgemeinde zum Regierungsrat und Statthalter gewählt, im Folgejahr bereits zum Landammann. Wieder ein Jahr später, am 3. Dezember 1860, wirkt der junge Louis Wyrsch als liberaler Nationalrat des Kantons Nidwalden. Damit bekommt das Bundeshaus den ersten Politiker «of Color».
Wyrsch ist wirtschaftlich und politisch sehr erfolgreich. Ab 1865 gibt er die Leitung der Mühle weiter, damit er sich ganz auf die Politik konzentrieren kann. An seinem Wohnort Buochs wird er in den Gemeinderat gewählt: Er politisiert damit gleichzeitig auf eidgenössischer, kantonaler und kommunaler Ebene.
Obwohl er ein Mann mit Überblick und Erfahrung ist, gerät Wyrsch in den Strudel des Kulturkampfes. Als Liberaler in einem katholisch-konservativen Kanton hat er es immer mal wieder schwer, zudem ist er kein beschlagener Redner, sondern eher ein unverblümter Polterer. Weil er 1869 einen Walliser Nationalrat anschnauzt mit: «Blase mir, Du donners Walliser!», portieren die Konservativen an der Landsgemeinde einen Gegenkandidaten. Aber das Volk bestätigt Wyrsch.
1872 setzt sich Louis Wyrsch mit Überzeugung für die neu revidierte Bundesverfassung ein. Doch in Nidwalden hat er damit einen schweren Stand: 1700 Personen stellen sich gegen ihn, nur gerade 80 folgen seiner Meinung. So muss Wyrsch in der Folge eine schwere, persönliche Niederlage einstecken. Das Volk wählt ihn als Nationalrat ab: Er bekommt nur 581, sein Gegner dagegen 1490 Stimmen.
Der nun nicht mehr so junge Louis Wyrsch versucht es, nachdem sich die kulturkämpferischen Wogen gelegt haben, noch mehrmals als Kandidat für den National- und für den Ständerat, allerdings vergeblich. Dagegen bestätigt ihn das Volk bei den Regierungsratswahlen immer wieder, insgesamt ist er 27 Jahre im Regierungsrat und regiert zwölf Mal als Landammann. Zudem vertrauen ihm die Nidwaldner während zwölf Jahren auch das Amt des Verhörrichters an. Im Nachruf im «Volksblatt» heisst es 1888: «Gar oft hat Wyrsch den Undank der Republik empfunden, aber das lähmte nicht seinen Muth, das brach nicht seine Willenskraft, Gutes zu stiften, Gutes zu fördern, den Mitbürgern zu dienen.»
Ein heutiges Fazit muss einen weiteren Aspekt hervorheben: Als erster nicht-weisser Politiker in Nidwalden und im Bundeshaus war er erfolgreich, nicht weil er die Diversität vertrat, sondern obwohl er die Diversität verkörperte.
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