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Biographische Lexika
Das »Biographische Lexikon des Kaiserthums Oesterreich« und das »Russische Biographische Lexikon«
Nora Mengel, München
Das späte 19. Jahrhundert war ein Zeitalter grosser biographischer Lexikonprojekte. Im deutschen Kaiserreich und in Grossbritannien wurden 1875, resp. 1885 entsprechende ambitionierte Vorhaben (Allgemeine Deutsche Biographie 1875-1912, Dictionary of National Biography 1885-1900) angestossen. Auch in den Imperien im östlichen Europa lassen sich in dieser Zeit vergleichbare Initiativen beobachten. 1856 begann Constant von Wurzbach ein entsprechendes Werk zur Habsburgermonarchie herauszugeben (Wurzbach, Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreichs 1856-1891, BLKÖ). In Russland nahm sich Aleksandr A. Polovcov eines solchen Vorhabens an, dessen erster Band 1896 erschien (Russkij Biografičeskij Slovar‘ 1896-1918 RBS). An die Materialfülle und literarische Ausschmückung der beiden Werke reicht das vierbändige Kompendium, das Mehmed Süreyyâ in den 1890er Jahren im Osmanischen Reich vorlegte, nicht heran (Mehmed Süreyyâ 1891-1899). Die Historiographie hat diese Lexika bislang vorrangig als Hilfsmittel genutzt. Ihre Untersuchung als Forschungsobjekt sui generis steckt indes noch in den Kinderschuhen. Ziel ist es, das BLKÖ und das RBS als Quellen für die Imperienforschung und die Untersuchung biographischer Praktiken in Österreich-Ungarn und Russland fruchtbar zu machen. Die Methodik des TPs kombiniert historische Komparatistik mit einer literaturwissenschaftlich informierten Diskursgeschichte. Der Vergleich der beiden Werke erfolgt mit Blick auf vier Punkte. Erstens interessieren die beiden Initiatoren der Projekte sowie ihre biographischen Vorstellungen und Reichsauffassungen. Zweitens sollen beide Werke als Identifikationsangebote gelesen werden. Dabei interessiert vor allem ihr Verhältnis zu anderen Gemeinschaftsvorstellungen und anderen enzyklopädischen Grossprojekten. Den dritten Vergleichspunkt bilden kollektivbiographische Repräsentationen von Regionen bzw. sozialen, nationalen, religiösen und geschlechtsspezifischen Gruppen in beiden Reichen. Viertens ist die Poetik der biographischen Artikel von Belang. Hier geht es um Topoi und Narrative biographischen Schreibens, die nicht zuletzt zeitgenössische autobiographische Praktiken beeinflusst haben dürften. Über diese vier Fragen des Vergleichs hinaus leistet das Teilprojekt einen substantiellen Beitrag zum Gesamtprojekt. Es fokussiert auf die Entstehung biographischer Meistererzählungen und verspricht signifikante Erkenntnisse darüber, wie diese in den Selbstzeugnissen des autobiographischen Booms von der Mitte des 19. bis in das frühe 20. Jahrhundert reproduziert, angeeignet und transformiert wurden.