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Der Artikel von Eugen Bleuler «Die psychologische Richtung in der Psychiatrie» von 1918 ist in mancher Hinsicht erstaunlich aktuell. Viele Passagen könnten heute geschrieben sein, ohne dass Lesende bemerken würden, dass die Sätze vor 100 Jahren verfasst wurden.
So ist der Ausdruck «Hirnmythologie» – und die damit zusammenhängende Kritik an einer einseitigen Psychiatrie – keine Erfindung der Neuzeit. Sie finden sich schon in den Ausführungen Bleulers im Schweizer Archiv von 1918.
Wenn Bleuler schreibt «die hervorragende wissenschaftliche Beschäftigung bildete Jahrzehnte lang die Hirnanatomie und zum Teil die Physiologie der höheren Hirnzentren» (S. 181), so trifft dies gleichermassen heute zu. Auch die Klage, dass psychodynamische Ansätze selbst dann nicht berücksichtigt würden, wenn sie offen zutage lägen, findet sich in manchen Publikationen der letzten Jahre wieder.
Andere Passagen des Artikels von Eugen Bleuler sind heute besonders anregend, weil sie Gesichtspunkte einbringen, die heute wenig Aufmerksamkeit erhalten, aber zu bedenken sind. Besonders aktuell und für heutige Verhältnisse provokant scheint mir die These, dass beim Erschöpfungssyndrom – früher zu Zeiten Bleulers Neurasthenie, heute Burnout genannt – die Erschöpfung «eine verschwindend kleine Rolle (spielt) und bei der grossen Masse dessen, was man Neurosen nennt, überhaupt gar keine; es sind immer Unbefriedigtheiten verbunden mit inneren Konflikten, die die Neurosen hervorrufen» (S. 188).
Auch was Bleuler über die Bedeutung der Affektivität schreibt, liest sich im heutigen Zeitalter der kognitiven Psychotherapie und der Mentalisierung bedenkenswert. Für ihn stehen die Affekte im Mittelpunkt jeden Verständnisses der Psychopathologie. Sie seien aber nicht immer leicht messbar. Deshalb würden sie sich einer «Kurvenpsychiatrie» entziehen. Damit spricht Bleuler die Tendenz an, die Psyche in Zahlen abzubilden und nicht mit Worten und im sozialen Kontext zu erfassen.
Noch in einer weiteren Hinsicht ist der Vergleich dieses historischen Artikels mit der heutigen Psychiatrie interessant. Bleuler vertritt nämlich eine funktionale oder Zweckpsychologie. Erkenntnistheorie lehnt er ab. Von Phänomenologie hält er, wie von Philosophie überhaupt, wenig. So zitiert er auch Karl Jaspers nicht, dessen bedeutendes Werk über die «Psychopathologie» schon 1913 – also einige Jahre vor dem hier zitierten Artikel – erschienen ist. Auch diesbezüglich finden sich Parallelen zur aktuellen Psychiatrie.
Eugen Bleuler sieht in psychischen Phänomenen hauptsächlich Mittel und Wege, sich im Leben Vorteile zu verschaffen. Diese Funktionalisierung der Psychopathologie ist für ihn typisch. Sie gilt für sein Verständnis der psychoanalytischen Abwehrmechanismen genauso wie für seine Deutung von Wahnideen Schizophreniekranker. Die Funktionalisierung des psychischen Lebens kommt in diesem Aufsatz besonders deutlich zum Ausdruck, auch weil Bleuler viele Beispiele anführt. Als Kronzeugen für sein funktionelles Verständnis der Psychopathologie dienen ihm die Kriegszitterer, deren Symptome dem Selbstschutz und der Selbstbehauptung dienten. Dabei argumentiert er teilweise ungeschminkt sozialdarwinistisch und lässt auch eugenische Ansätze durchblicken. Diese Haltung kommt in seinem Spätwerk noch deutlicher zum Ausdruck.
Sozialdarwinismus ist heute verpönt. Das heisst aber nicht, dass dieses Gedankengut ganz verschwunden wäre. Bei Eugen Bleuler war es vor allem das Konzept von der Funktionalisierung der Psyche, das zu sozialdarwinistische Schlüssen führte. Die heutige Psychiatrie kennt in anderer Weise eine Funktionalisierungstendenz: Die Gefahr ist nicht ganz gebannt, dass die Psyche reduktionistisch als blosse Funktion verstanden wird. Sie ist dann nur Mittel zum Zweck und nicht mehr unverfügbar.
Hier kann das Weltbild Eugen Bleulers als Warnung dienen. Eine spekulative Naturphilosophie mit sozialdarwinistischen Elementen genügt nicht, der Psyche gerecht zu werden. Dass selbst eine so grosse Persönlichkeit wie Eugen Bleuler – v.a. im Alter – der Gefahr einer szientistischen Weltanschauung erlegen ist, verweist auf Herausforderungen, denen sich auch die heutige Psychiatrie stellen muss.