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Interview: Bud Spencer über sein neues philosophisches Kochbuch
Text: Frank Heer, Fotos: Annette Schreyer
Die Arecapalme ist sein ganzer Stolz: Bud Spencer posiert im Nähzimmer seiner Römer Wohnung
Zufrieden: Bud Spencer blickt auf ein erfolgreiches Leben als Schauspieler, Stuntman, Profischwimmer, Sänger, Drehbuchautor und Modedesigner zurück.
Die Essgelage in seinen Filmen sind legendär: Bud Spencer in «Sie nannten ihn Mücke»
Für seinen Filmpartner kocht Bud Spencer Spaghetti: Terence Hill und Bud Spencer in «Gott vergibt. Django nie»
«Ich esse, also bin ich»
In seinem neuen Buch dreht sich bei Bud Spencer alles ums Essen: feste wie geistige Nahrung.
Der neunte Stadtbezirk ist das Beverly Hills von Rom. Hochhaushohe Pinien beschatten Gärten mit Bananen- und Feigenbäumen. Via Cortina d’Ampezzo. Logisch steht auf dem Klingelschild nicht Bud Spencer. Auch nicht Carlo Pedersoli. So hiess der Schauspieler, als er noch Profischwimmer war und Strassenarbeiter im Amazonas. Auch als Schlagersänger, Komponist und Tierfilmproduzent behielt er seinen bürgerlichen Namen. Erst mit 38 Jahren, als der neapolitanische Fabrikantensohn auch ausserhalb Italiens berühmt wurde, nannte er sich Bud Spencer. An der Seite von Terence Hill prügelte er sich durch Dutzende raubauziger Western- und Actionkomödien mit Titeln wie «Vier Fäuste für ein Halleluja» oder «Das Krokodil und sein Nilpferd». Seine doppelhändigen Backpfeifen sorgten in den Siebzigern und Achtzigern für viel Szenenapplaus im Kino (wobei das Publikum vorwiegend aus zwölfjährigen Jungs und jungsgebliebenen Kerlen bestand). Im Gegensatz zum neuen Fellini oder Truffaut liefen Bud-Spencer-Filme auch im Provinzkino während Wochen zweimal täglich.
Als Carlo Pedersoli als gutmütiger Leinwandraufbold aus der Zeit zu fallen drohte, konzentrierte er sich auf das Erfinden von unnützen Dingen (ein Jagdgewehr mit drei Läufen), die Politik (erfolglos als Kandidat von Berlusconis Forza Italia), das Entwerfen von Kinderkleidern und das Schreiben zweier Autobiografien. Jetzt, pünktlich zum 85. Geburtstag, erscheint ein neues Buch von Bud Spencer mit dem Titel «Ich esse, also bin ich». Der Alte ist nicht unterzukriegen, wundert man sich bei der Lektüre; dann, zwei Tage vor dem Interview in Rom: Twitter verbreitet die Nachricht vom Tod des Schauspielers. Wer auf den Link klickt, gerät auf eine US-Website für Lebensversicherungen. Ein makaberer PR-Gag, beruhigt Verleger Oliver Schwarzkopf, Signor Spencer geht es gut, und das Interview findet statt.
Bud Spencer lebt in einem gepflegten Wohnblock aus den Fünfzigern, ohne Portier. Das Haus hatte sein Vater gebaut. Ein enger Lift bringt uns in den vierten Stock, Giuseppe Pedersoli, Spencers Sohn, führt ins Wohnzimmer, geräumig, aufgeräumt. Das Bücherregal biegt sich unter schweren Bänden: Geschichte, Kunst, Architektur, Philosophie, Nachschlagewerke. Chinesisches Porzellan auf klassizistischen Kommoden und Tischchen: Vasen, Teller, Schalen. In vergoldeten Rahmen hängen pastorale Landschaften, Hunde und Segelschiffe in Öl. Zitrusbäume mit reifen Früchten auf den beiden Balkonen. Herbstlicht fällt auf die Polstergruppe vor dem Fernseher.
Bud Spencer sitzt auf dem Sofa, dunkelblaue Hose, feuerrotes Poloshirt, weissgrauer Zottelbart. Maria Pedersoli hilft dem Gatten auf die Beine. Die beiden sind seit 54 Jahren verheiratet. Sie reicht ihm den Gehstock, er schlägt ihn aus. Bud Spencer will sich keine Blösse geben. Er will noch einmal auf Tournee gehen, mit seinem neuen Buch, das sei er seinen Fans schuldig (der «Bunten» erzählte er, er brauche dringend Geld). Stehend ist er noch immer ein Hüne mit kräftigen Armen und breiten Schultern. Makellos brummt sein Bass, das Gesicht ist freundlich und von Falten verhangen. In kleinen Schritten schlurft der Signore zum Tisch.
annabelle: Bud Spencer, wir sind erleichtert, Sie lebend anzutreffen, nachdem es vorgestern hiess, dass Sie gestorben seien.
Bud Spencer: Ach, es ist nicht das erste Mal, dass man mich für tot erklärt …
Wie reagiert man da?
Mit futtetenne!
Bitte?
Das ist Neapolitanisch und heisst so viel wie «Scheiss drauf».
Sie beschäftigen sich also nicht mit dem Tod?
Natürlich, seit ich denken kann.
Bereitet er Ihnen Angst?
Nein. Schliesslich wissen wir von Geburt an, dass wir alle zum Tod verurteilt sind. Dass wir den genauen Zeitpunkt nicht kennen, macht die Tatsache erträglicher. Das Einzige, wovor ich mich fürchte, sind die Schmerzen. Die physischen Komponenten des Alterns. Ich verliere zum Beispiel allmählich mein Augenlicht. Das macht mich wirklich wahnsinnig.
Viele Menschen in Ihrem Alter flüchten sich in die Vergangenheit. Sie auch? Sie blicken auf ein aussergewöhnliches Leben zurück.
Nein, ich war schon immer mehr an dem interessiert, was noch kommt, als an dem, was mal war. Mit 85 ist man dem Tod ziemlich nahe, das stimmt, aber ich denke nicht darüber nach, wann Gott für mich den Vorhang hebt.
Haben Sie eine Vorstellung davon, wie es hinter diesem Vorhang aussehn könnte?
Das wissen nur die Toten … und die kann man ja nicht fragen. Aber ich hoffe natürlich, dass da noch irgendetwas kommt.
Was wünschten Sie sich als Henkersmalzeit?
Vielleicht eine hübsche Frittata di cipolle – ein neapolitanischer Zwiebelkuchen. Auf jeden Fall nichts Süsses.
Ich nehme an, Sie sind katholisch.
Ich bin katholisch erzogen worden, wenn Sie das meinen. Taufe, Firmung, Erstkommunion, kirchliche Trauung und so weiter. Ich habe mir meinen Glauben nicht ausgesucht.
Aber Sie sind noch immer katholisch?
Ja. Doch die Konfession ist unwichtig. Im Grunde geht es doch darum, an irgendetwas zu glauben. An eine höhere Macht, einen Gott, der über allem steht, dem man vertrauen kann.
Warum? Ist das Leben sonst wertlos?
Mein Leben wäre ohne Gott nicht denkbar. Sicher, ein Atheist könnte argumentieren, dass es keinen Gott braucht, um ein erfülltes Leben zu führen. Doch selbst die Negation einer höheren Macht ist Glaubenssache.
Es kommt also nicht darauf an, was man glaubt, sondern dass man glaubt?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als junger Mann hatte ich im Amazonasgebiet als Strassenarbeiter mein Geld verdient. In einem kleinen Indio-Dorf mitten im Dschungel traf ich eine alte Frau, die jeden Abend mit grossem Geschrei die Sonne beschwor, damit sie wiederkomme. Und jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, hiess sie sie mit wildem Geschrei willkommen. Die Bewohner im Dorf waren überzeugt, dass die Sonne nur dank der Gebete dieser Frau immer wieder kam. Darum geht es in der Religion: um Rituale, die einem helfen, das Leben besser zu begreifen.
Dank dem Aufklärer Immanuel Kant wissen wir, dass menschliche Vernunft die Basis für moralische Werte wie Respekt und Toleranz ist. Braucht es da Religion noch?
Ich habe mich immer brennend für die grossen Philosophen interessiert, aber auch Kant kann die Religion nicht ersetzen. Wissen Sie, der Mensch ist eine wunderbare Kreation, doch gleichzeitig ist er auch sehr dumm: Kein anderes Lebewesen bringt es fertig, sich selbst so unerbittlich zu vernichten wie der Mensch. Wir töten im Namen des Geldes, und wir töten im Namen der Religion. In der kurzen Zeit meines Lebens habe ich die schrecklichsten Dinge gesehen, die sich nur Menschen antun können. Eines der grössten Verbrechen ist, dass Kinder im 21. Jahrhundert noch immer an Unterernährung sterben. Wir investieren Billionen, um Kriege zu führen, statt mit dem Geld den Hunger aus der Welt zu schaffen.
Ihr neues Buch heisst «Ich esse, also bin ich». Warum ist Essen ein so zentrales Thema in Ihrem Leben? Die Fressgelage in den Bud-Spencer-Filmen sind legendär!
Nun, ich würde Ihnen gern sagen, dass ich als Kind zu wenig zu futtern bekam, doch dem ist nicht so. Zwar bin ich während des Zweiten Weltkriegs in Neapel aufgewachsen, aber mein Vater war ein wohlhabender Unternehmer. Es kam immer genug auf den Tisch.
Nach der Bombardierung von Neapel zogen wir nach Rom. Auch hier war der Tisch reichlich gedeckt. Die Gewichtsprobleme kamen aber erst, als meine Karriere als Sportler zu Ende war. Als mehrfacher italienischer Meister im Brustschwimmen war ich wie eine Maschine, die man füttern musste, damit sie lief. Als ich mit dem Sport aufhörte, ass ich einfach weiter, auch wenn die Maschine nun viel weniger Energie benötigte. Seit ich sechzig Jahre alt bin, habe ich etwa 200 Diäten versucht … erfolglos.
Was kochen Sie, wenn ein unangekündigter Gast vor der Tür steht? Zum Beispiel Ihr alter Filmkumpel Terence Hill?
Spaghetti mit Tomatensauce.
Im Ernst?
Ja, bei Terence herrscht nämlich Pasta-Verbot. Seine Frau will nicht, dass erso dick wird wie ich. Wenn Terence vor meiner Tür steht, dann weiss ich, was ich zu tun habe: Ich koche eine grosse Portion Spaghetti.
Mit dem Sugo verhält es sich wie mit den Konfessionen: Das richtige Rezept ist Glaubenssache. Sind Sie Purist? Oder hacken Sie zum Beispiel auch Zwiebeln in die Tomatensauce?
Ich mag nun mal Zwiebeln, daher kommen auch Zwiebeln in den Sugo.
Und die Tomaten? Dose oder frisch?
Natürlich frisch.
San-Marzano-Tomaten?
Die sind gut, doch wenn irgend möglich nehme ich Piennelo-Tomaten. Eine hervorragende Sorte, die nur in einer bestimmten Höhenlage am Fuss des Vesuv wächst. Die Tomaten sind schwierig zu finden, weil sie aus kleinen Familienbetrieben stammen.
Wen würden Sie gern bekochen, wenn Sie sich einen prominenten Gast aussuchen könnten? Claudia Cardinale? Den Papst?
Bud Spencer.
In ihrem Buch beschreiben Sie Bud Spencer als «halb Mann, halb Kind». Ist Carlo Pedersoli der Mann und Ihr Alter Ego, Bud Spencer, das Kind in Ihnen?
Vielleicht. Wobei mich meine Frau ja auch privat für kindisch hält. Vermutlich hat sie recht. Ich habe ein kindliches Wesen, weil ich weder Groll noch Rachegelüste empfinde. Ich trinke auch keinen Alkohol, wie das richtige Männer tun. Ich mache mir nichts aus Wein oder Bier. Ich kenne nicht einmalden Unterschied zwischen Whisky und Wodka. Im Grunde bin ich ein einfaches, friedfertiges Gemüt. Anders als meine Filmfiguren verspürte ich privat nie das Bedürfnis, mich mit jemandem zu prügeln.
Nie?
Fast nie …
Nach dem Interview möchten wir gern Fotos machen, so war es vorgesehen, doch Bud Spencer ist jetzt müde und schüttelt den Kopf. «Sagen Sie ihm, dass Ihnen die Arecapalme im Nähzimmer aufgefallen sei. Sie ist sein ganzer Stolz», flüstert Maria der Fotografin zu. Der Trick funktioniert; Bud Spencer schlurft ins Nähzimmer und stellt sich vor den Topf mit der Palme und dem hellgrünen Farn. Der alte Mann lächelt. Die Tränensäcke hängen tief, das Haar ist schütter und sorgfältig nach hinten gekämmt. Maria hält den Stock bereit.
“Ich esse, also bin ich”
In Bud Spencers neuem Buch dreht sich alles ums Essen: feste wie geistige Nahrung. Von seinem Arzt zur Diät verdonnert, fällt der hungrige Autor angesichts des leeren Kühlschranks in ein Delirium und erhält Besuch von berühmten Philosophen und Wissenschaftern. Dem französischen Denker René Descartes entgegnet er auf sein berühmtes Zitat «Ich denke, also bin ich»: «Ich esse, also bin ich» – und kocht ihm zum Beweis Pasta mit Salsiccia, Tomaten und Pilzen. Im Lauf einer langen Nacht liefert sich Bud Spencer philosophische Duelle mit geistigen Schwergewichten wie Sokrates, Kant und Schopenhauer, nicht ohne derben Humor, pfiffige Geistesblitze und – wenns denn sein muss – Kopfnüsse und Backpfeifen. Unterhaltsame Lektüre für Freunde deftigen Essens und hartgesottener Sprüche. Oder das Kind im (Ehe-)Mann.
— Bud Spencer: Ich esse, also bin ich. Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, Berlin 2014, 288 Seiten, ca. 27 Franken