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Der schweizerisch-kosovarische Milliardär Behgjet Pacolli, der letzten Dienstag zum Präsidenten des Kosovo gewählt wurde, hat seine Amtsgeschäfte im Präsidentenpalast in Pristina aufgenommen. Als erstes begab er sich auf eine "Anerkennungstour" durch sein Land.
Der 59-jährige Pacolli, der mit einer knappen Mehrheit im dritten Wahlgang ins höchste Amt der Republik Kosovo, seiner Heimat, gewählt worden war, will "hart arbeiten, um das Wohl seines Landes zu sichern und aus dem Kosovo eine moderne und multiethnische Nation zu machen", die endlich einen Strich unter die Greueltaten des Krieges ziehen kann.
Der Bauunternehmer, der in Lugano im Kanton Tessin gelebt hat, wird fünf Jahre im Amt bleiben. Ihn erwartet eine schwierige Aufgabe: Er muss, wie er selber sagt, "das Vertrauen meines Volkes gewinnen und das Misstrauen der kosovarischen Medien gegenüber meiner Person zerstreuen".
swissinfo.ch: Herr Präsident, welches sind Ihre Prioritäten für dieses Land, das sie als junger Mann verlassen haben und in welches Sie erst 2007 als Parlamentsabgeordneter zurückkehrten?
Behgjet Pacolli: Ich werde mich hauptsächlich unseren Beziehungen mit dem Rest der Welt widmen und eine Reihe von Reisen ins Ausland unternehmen. Bis heute haben 75 Staaten die Republik Kosovo anerkannt. Ich wünsche mir, dass es bis Ende Jahr 100 sein werden.
Ich werde hart arbeiten, um aus dem Kosovo eine entwickelte Nation nach westlichem Vorbild zu machen, ein multiethnisches Land, ein wenig nach meinem Image - jenem eines Kosmopoliten: offen für andere Realitäten, für andere Kulturen.
swissinfo.ch: Werden Sie auch die Beziehungen mit der Schweiz ausbauen, jenem Land, in dem Sie sich Mitte der 1980-Jahre niedergelassen und dessen Nationalität sie angenommen haben?
B.P.: Sicher. Die Schweiz ist meine zweite Heimat, und während all dieser Jahre habe ich mich dort nie im Ausland gefühlt, ich war immer akzeptiert. Meine Beziehungen mit der Schweizer Botschaft in Pristina und mit der Swisscoy sind bereits jetzt ausgezeichnet.
Ich möchte ein Honorarkonsulat in Lugano, meiner langjährigen Wahlheimatstadt, eröffnen und sie zusammen mit Pristina zu Partnerstädten erklären. Pristina könnte viel von der demokratischen und betrieblichen Organisation einer Stadt wie Lugano lernen. Und Pristina könnte Lugano in Sachen Kulturaustausch viel bieten. Pristina ist eine Universitätsstadt, reich an aktiven und positiven Jugendlichen.
swissinfo.ch: Bei Ihrer Wahl am Dienstag haben Sie die Hürde im Parlament nur mit Mühe geschafft. Werden Sie das Vertrauen der Kosovaren gewinnen können, auch wenn Sie länger im Ausland als in ihrer Heimat Kosovo gelebt haben?
B.P.: Es gibt viele Hindernisse, aber ich werde sie überwinden. Ich möchte, dass meine Landsleute die Vergangenheit und auch die Ressentiments gegenüber den Serben vergessen und die Multiethnizität akzeptieren. Das wird schwierig sein, dessen bin ich mir bewusst, aber in Zusammenarbeit mit dem Ministerpräsidenten und der Regierung werde ich das schaffen.
swissinfo.ch: Es besteht ein gewisses Misstrauen Ihnen gegenüber wegen Ihres im Ausland angehäuften Reichtums und Ihres raschen Machtaufstiegs. Sind Sie sich dessen bewusst?
B.P.: Natürlich. Dieses Misstrauen wurde von den Medien meines Landes auch geschürt. Gewisse unter ihnen haben eine regelrechte Kampagne gegen mich geführt. "Der Prophet gilt nichts im eigenen Land ", wie ein altes Sprichwortsagt. In meinem Fall musste ich aber schwere Vorwürfe einstecken, insbesondere wegen meiner Tätigkeiten in Russland.
Die Ermittlungen, welche die Schweizer Bundesanwaltschaft Ende der 1990er-Jahre im Rahmen der "Russiangate" (Geldwäsche der Familie Jelzin in der Schweiz) gegen mich durchführte, hat mir nicht geholfen. Obwohl ich als völlig unschuldig herauskam, blieb mein Ruf angeschlagen. Ich werde meinen Kritikern beweisen, dass ich fähig bin, dieses Land zu präsidieren.
swissinfo.ch: Was halten Sie von den Vorwürfen, die zuerst von Carla del Ponte und später von Dick Marty gegen Premierminister Thaci erhoben wurden, wonach er nichts unternommen habe, um den illegalen Handel von Organen zu stoppen, die serbischen Gefangenen während des Bürgerkriegs entnommen wurden?
B.P.: Diese Anschuldigungen entbehren jeder Grundlage und sind unhaltbar. Wie sollen solch hochentwickelte Operationen, die zur Organentnahme nötig sind, in dieser Hütte in den Bergen durchgeführt worden sein, die laut Dick Marty das Zentrum für Organhandel gewesen sein soll?
Der Krieg hat auf beiden Seiten Leid verursacht. Aber diese Behauptungen sind völlig unglaubwürdig. Deshalb haben wir eine gründliche Untersuchung dieses Falles verlangt, der eine internationale Polemik ausgelöst hat. Wir erwarten das Resultat der Justiz mit Zuversicht.
swissinfo.ch: Von den Ufern des Luganersees in Melide, wo ihre Frau und ihre Kinder wohnen, ins Machtzentrum in Pristina: Wie hat sich Ihr Privatleben verändert?
B.P.: Als erstes möchte ich glücklich verkünden, dass ich Vater des kleinen Diar geworden bin, der vor drei Wochen in Lugano auf die Welt kam. Mit Mascha, meiner Gattin, habe ich einen weiteren Sohn und eine Tochter. Meine Familie wird im Moment im Tessin bleiben. Ich habe zudem eine Tochter, die in Zürich studiert, und eine weitere erwachsene Tochter, die in Österreich lebt. Meine Familie wird viel umherreisen, ich ebenfalls.
Meine Frau kümmert sich im Tessin um unsere Stiftung. Die Zügel meiner Baufirma Mabetex und des Swiss Diamond Hotels in Morcote habe ich an meine Brüder übergeben.
Behgjet Pacolli
Aufgewachsen ist Pacolli, geboren am 30. August 1950, in Marevc bei Pristina, zusammen mit neun Geschwistern. Im Alter von 17 Jahren kam er nach Deutschland. Nach einer Handelsausbildung kehrte er für kurze Zeit in den Kosovo zurück, bevor er sich im Tessin niederliess.
1990 gründete er das Bauunternehmen Mabetex AG, das auf grosse Bauwerke spezialisiert ist. (Renovierung der Duma in Moskau). Die Mabetex zählt 8000 Angestellte und ist weltweit tätig.
Im Skandal "Russiangate" ermittelte die Schweizer Bundesanwaltschaft 1999 gegen Pacolli, der inzwischen die Schweizer Staatsbürgerschaft erhalten hatte, wegen Geldwäsche und Korruption. Das Verfahren wurde später eingestellt.
1999 machte der Milliardär von sich reden, als er in Lugano die damals populäre italienische Sängerin albanischer Abstammung, Anna Oxa, heiratete. 2002 wurde die Ehe geschieden. 2004 ehelichte Pacolli die 27 Jahre jünger Russin Mascha, mit der er drei Kinder hat.
2007 gründete der schweizerisch-kosovarische Doppelbürger die Allianz Neues Kosovo (AKR), die bei den Wahlen im Dezember 2010 acht Sitze holte. Infolge einer Übereinkunft mit der Partei von Premier Thaci wurde Behgjet Pacolli am 22. Februar zum Staatspräsidenten des Kosovo gewählt. Er folgt auf Fatmir Sejdiu.Infobox Ende
Schweiz-Kosovo
Die Schweiz gehört zu den wichtigsten Geberländern des Kosovo.
Zwischen 1999 (Konflikt zwischen Serben und Kosovaren) und 2010 steuerten die Schweizer Behörden rund 200 Mio. Franken zur Entwicklung, politischen Stabilität und Wirtschaft bei.
Seit 1999 beteiligt sich die Schweiz an der Mission der internationalen Friedenstruppe KFOR unter Leitung der NATO.
Jedes Jahr sind gegen 220 Schweizer Swisscoy-Soldaten in Kosovo stationiert.
Die Schweiz hat Kosovo bereits zehn Tage nach der Unabhängigkeits-Erklärung vom 17. Februar 2008 als neuen Staat anerkannt.
Auch hatte sie sich als eines der ersten Länder schon 2005 für die Unabhängigkeit des Landes ausgesprochen.
Zu der raschen Anerkennung der Unabhängigkeit Kosovos durch die Schweiz trug auch die grosse Zahl von Kosovaren in der Schweiz bei.
Rund 170'000 Kosovaren leben in der Schweiz, das sind etwa 10% der Bevölkerung Kosovos.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Gaby Ochsenbein), swissinfo.ch