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Roman, ebersbach & simon, 2016
Carson McCullers wird 1917 als Lula Carson in Columbus, Georgia, geboren. Als musikalisches Wunderkind soll sie berühmt werden und den Familiennamen Smith weit über die Kleinstadt Columbus hinaus tragen. So jedenfalls sind die Pläne ihrer Mutter. Doch der Vater schenkt seiner begabten Tochter eine rote Schreibmaschine. Nie wieder wird jemand sie künftig Lula Carson nennen. Sie ist Carson Smith und will Schriftstellerin werden. Sie geht nach New York, lernt Reeves McCullers kennen und lieben. Die beiden heiraten und schliessen einen Pakt: Reeves hält seiner Frau den Rücken frei fürs Schreiben und nach einem Jahr wollen sie die Rollen tauschen. Mit 23 schreibt Carson ihren ersten Roman " Das Herz ist ein einsamer Jäger" und wird damit über Nacht berühmt.
Sie lernt Klaus und Erika Mann in deren amerikanischen Exil kennen, verliebt sich in Annemarie Schwarzenbach und trennt sich von ihrem Mann. Zusammen mit anderen Künstlern gründet sie die Künstlerkommune "Das Februarhaus". Die Erfolge als Schriftstellerin häufen sich in dem Masse, wie es Carson gesundheitlich schlechter geht. Als Ben Jackson, die einzige, fiktive Figur in Barbara Landes Roman, Carson zum ersten Mal trifft, ist sie 33-jährig, gezeichnet von drei Schlaganfällen aber eine gefeierte Autorin. Ihm diktiert sie ihre Autobiografie. Der erste Satz lautet: "Mein Leben war, dem Himmel sei Dank, fast vollständig ausgefüllt mit Liebe und Arbeit.“
Barbara Landes erweist sich als fundierte Kennerin von Carsons Biografie. Sie schreibt spannend und einfühlsam über die grosse amerikanische Autorin und die Künstlerszene der 30-er und 40-er Jahre in New York. Sie scheint selber dort gelebt zu haben, im "Februarhaus", Tür an Tür mit Carson McCullers, Wyston H. Auden, Tennessee Williams und vielen anderen Künstlern. Sie alle sind geniale Geister. Ihre Begabung ist oft Segen und Fluch zugleich.
Wer gerne fiktionale Biografien liest, bei denen Dichtung und Wahrheit nahe zusammen sind, wird von Landes Roman begeistert sein.
Mariette Zaugg
Roman, Luchterhand, 2016
Lucy Barton, die Ich-Erzählerin, schaut zurück: Es sind die frühen achtziger Jahre, Handy und Internet sind in den Anfängen. Nach einer Blinddarmoperation legt ein Erreger Barton lahm. Sie verbringt neun lange Wochen im Krankenhaus. Eine Freundin begleitet die beiden Töchterchen, die fünf und sechs Jahre alt sind, ins Spital zu ihrer Mutter. Ihr Mann, sagt Lucy, hält es nicht aus im Krankenhaus, eine Umschreibung ihrer Ehe, die kriselt.
Da plötzlich taucht wie ein Nachtmahr Lucys Mutter am Spitalbett auf. Beide haben sich viele Jahre nicht gesehen. Fünf Tage wird sie bei ihrer Tochter bleiben und Geschichten von früher erzählen. Fünf Tage, in denen Mutter und Tochter über die alten Zeiten reden, von Lucys Kindheit in Illinois, die geprägt war von grosser Armut und wenig Zärtlichkeit. In der Abgeschiedenheit des Spitalzimmers, das hell erleuchtete Chrysler Building vor Augen, kommen sich Mutter und Tochter nahe wie nie zuvor. Trotzdem kann die Mutter nicht sagen, dass sie ihre Tochter mag und stolz auf sie ist, die als erfolgreiche Schriftstellerin ihren Weg geht.
Die Unvollkommenheit der Liebe, im Original „My name is Lucy Barton", ist Lucys Geschichte und nicht diejenige von Elizabeth Strout. Lucy staunt über ihr Leben und ihre Ohs! sind so zahlreich, dass der Roman nahe am Kitsch ist, doch nie kitschig wird. Dafür kennt Strout ihr Metier als Autorin zu gut. Es ist eine abgerundete Geschichte über eine Mutter-Tochter-Beziehung, das Leben in Amerikas Unterschicht und über das versöhnt Sein mit dem eigenen Schicksal.
Mariette Zaugg
Roman, Kindler Verlag, März 2016
Barcelona, Winter 1956. Ana Martí, eine begabte junge Journalistin wird in ein abgelegenes Bergdorf geschickt, um über ein Mädchen mit Stigmata an Händen und Füssen zu schreiben. Von den Dorfbewohnern wird Isabel als Heilige verehrt und als Ana anfängt Fragen zu stellen trifft sie auf kollektives Schweigen. Sogar ein Zusammentreffen mit dem Mädchen wird ihr verweigert. Als der grosse Schnee kommt und Ana und die Dorfbevölkerung einschneit, wird schnell klar, dass sich unter der Schneedecke noch viel mehr verborgen hält, als eine Heilige.
Der neue Fall für die Journalistin Ana Martí, die im Spanien der Franco-Zeit ermittelt, besticht durch seine atmosphärische Dichte. Man sieht das Dorf in all seiner Düsterheit vor sich, spürt das Misstrauen der Dörfler und die Kälte des Schnees. Der beste Kriminal-Romane, den ich in der letzten Zeit gelesen habe. In El Mundo heisst es dazu: Originell, authentisch, süchtig machend. Dem kann ich nur zustimmen.
Rosa Ribas wurde 1963 in Barcelona geboren und studierte an der dortigen Universität Hispanistik. Sie lebt seit 1993 in Frankfurt. Vor zwei Jahren gab sie ihre Universitätslaufbahn zugunsten des Schreibens auf.
Sabine Hofmann, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Romanische Sprachen und Literaturen der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main.
Brigitta Häderli
Roman, Wörthersee Verlag, Mai 2016
Blanca Imboden zum Zweiten. Bea, von Beruf Journalistin muss für ein Frauenmagazin einen Bauern interviewen, der sich in voller Schönheit im Bauernkalender präsentiert. Bea verliebt sich auch prompt in Sämi. Der weiss ganz genau, was er will: nicht sie, eine Journalistin in Stögelischuhen, sondern eine richtige Bäuerin, die mit ihm auch aufs Schwingfest geht. Bea aber behält einen kühlen Kopf und versucht mit List sein Herz zu erobern. Als Bäuerin klappt es sicher nicht, aber vielleicht ja übers Schwingen ...
Einmal mehr ist Blanca Imboden ein humorvoller und doch überraschender Roman gelungen, bei dem man (Frau) auch noch einiges übers Schwingen lernen kann. Und dieses Wissen hat sich die Autorin nicht etwa aus dem Internet geholt, ganz im Gegenteil: Blanca Imboden wurde von keinem geringeren als dem Leimbacher Adi in die Geheimnisse des Schweizer Nationalsportes eingeführt. Dazu gehört natürlich auch der Besuch eines Schwingfestes. Und so sind wohl die eine oder andere Szene im Buch ein echter Augenzeugenbericht.
Roman, Wörtherseh Verlag, Sommer 2015
Wir möchten Ihnen den Roman "Matterhörner" der Schweizer Bestseller-Autorin als Leseempfehlung für sonnige Frühlingstage vorstellen.
Antonia eine Innerschweizer Seilbähnlerin, die bei der Morschach-Stoos-Bahn arbeitet, erbt von Ihrer verstorbenen Schwester Mona 40 gemalte Bilder, alle mit demselben Motiv: Das Matterhorn in allen Variationen. Mona, die in Spanien lebte, hat diese Bilder gezeichnet, gemalt und skizziert, in Kreide Öl und Acryl. Antonia steht vor einem Rätsel, jahrelang hatten die Schwestern keinen Kontakt zueinander und jetzt diese Erbschaft. Um das Geheimnis um die 40 „Matterhörner“ zu lösen, reist Antonia kurz entschlossen nach Zermatt und sieht bald darauf zum ersten Mal in Ihrem Leben den „Berg der Berge“, das „echte“ Matterhorn, dessen Schönheit sie sofort erliegt. Bei Ihren Nachforschungen stösst sie auf einige gletschertiefe Abgründe, auf einen Schurken und schliesslich auf Bruno. Als sie des Rätsels Lösung endlich findet, gibt ihr Letzterer ein neues, weit schöneres, auf.
Das Buch ist, wie alle Bücher von Blanca Imboden leicht und locker geschrieben und liefert spannende, aber auch berührende Momente. „Matterhörner“ bietet gut gemachte Unterhaltung und ist eine ideale Freizeit- und Ferienlektüre, die man zwar in Zermatt aber eben auch überall geniessen kann.
Brigitta Häderli
All-Age-Roman, Sauerländer, Februar 2016
„ Das Herz hat seine Gründe, die der Verstand nicht kennt.“ – Blaise Pascal
Vor 400 Tagen ist Mias grosse Liebe Jacob bei einem Autounfall verunglückt und gestorben....
Vor 400 Tage bekam Noah ein neues Leben - ein Herz geschenkt...
Zwei Schicksale die nicht unterschiedlicher sein können und doch sehr miteinander verbunden sind. Mia findet Trost bei dem Gedanken, dass Jacobs Organe Leben retten und schreibt den Empfängern Briefe. Diese nehmen mit Mia Kontakt auf und es kommt zu einem Treffen. Nur der eine Empfänger, der für Mia am wichtigsten, schreibt ihr nicht zurück und möchte auch keinen Kontakt. Er möchte nicht wissen, wessen Herz er bekommen hat. Mia ist fest davon überzeugt, wenn sie Jacobs Herz findet, kann sie mit seinem Tod abschliessen und so macht sie sich auf die Suche nach dem Empfänger des Herzens. Noah weiss nicht wer das geheimnisvolle Mädchen ist, welches sich an einem Kaffee verschluckt, den Kaffeebecher auf den Boden fallen lässt, eilig das Kaffee verlässt und prompt noch einen kleinen Unfall macht. Er spürt eine Verbundenheit und eine Traurigkeit. Er muss ihr einfach helfen.
Mich hat der Roman von der ersten Seite an sehr berührt. Das Thema Organspende wurde einfühlsam verpackt. Die Geschichte wird aus Sicht von Mia erzählt und ich fühlte mit ihr aber auch mit Noah. Besonders gut gefallen hat mir, dass der Anfang eines Kapitels immer mit einem Zitat, Gedicht oder einem Auszug beginnt und diese sich wunderbar in die Geschehnisses einfügten. Ebenfalls schön fand ich, dass sich die Geschichte sehr flüssig liest.
Daniela Schindler
Roman, Kiepenheuer&Witsch, Februar 2016
Diese charmante Komödie spielt auf einem etwas heruntergekommenen Landsitz in den schottischen Highlands. Hauptprotagonist ist ein Pfau, der verrückt spielt und alles angreift, was blau ist. Und dies ausgerechnet als Chefbankerin Liz mit ihrem vierköpfigen Team, einer ambitionierten Psychologin und einer schwungvollen Köchin den Westflügel des Landsitzes für ein Teambuilding-Wochenende gebucht hat. Ein verrückter Pfau, ein spartanisches Ambiente und ein spontaner Wintereinbruch sorgen dafür, dass das Wochenende ganz anders verläuft, als es von den Bankern geplant war. Und mittendrin Lord und Lady McIntosh, die Grundbesitzer und Vermieter. Die pragmatische Problemlösung durch Lord McIntosh setzt ein urkomisches Geschehen in Gang, das die Beteiligten an ihre Grenzen führt und sie einander näherbringt.
Isabel Bogdan, preisgekrönte Übersetzerin englischer Literatur, erzählt in ihrem ersten Roman eine sehr britische Komödie, pointenreich und witzig. Die Figuren sind liebevoll gezeichnet und die Charakteren sehr gut spürbar. Die turbulente Handlung überrascht immer wieder mit neuen Entwicklungen und macht einfach Spass beim Lesen. Das Buch bietet gute Unterhaltung für Frauen und Männer.
Brigitta Häderli
Roman, Hoffmann und Campe, Oktober 2015
Der Ungar Miklós hat das KZ Bergen-Belsen überlebt. Nur noch Haut und Knochen, ohne Zähne und schwer Lungenkrank kommt er nach Schweden. Der Arzt im Krankenhaus gibt ihm noch 6 Monate. Doch Miklos will Leben, glaubt an eine Zukunft mit Frau und Kind und bittet den Arzt um Adressen von Ungarinnen im heiratsfähigen Alter, die sich ebenfalls in Schweden aufhalten. Er bekommt 117 Adressen und schreibt 117 mal den gleichen Brief. Einige schreiben zurück, darunter Lili...
Ein Buch, das berührt, das vor Lebenswillen nur so strotzt, das das Leben bejaht und Liebe möglich ist, egal, wie hart das Schicksal zuschlägt. Und es ist ein Tatsachenroman, denn der Autor dieses Buches ist kein anderer als Miklós Sohn...?
Unbedingt lesenswert!
Brigitta Häderli
Roman,Europa Verlag Zürich, Juli 2015
Man kennt die Situation: man steht irgendwo inmitten von Menschen, die an einem vorbeigehen. Für einen kurzen Augenblick sehen sie die Gesichter der vorbeigehenden und ihnen wird bewusst, dass sie alle eine Geschichte mit sich tragen, ein Meer aus Geschichten wabert um sie und manchmal durch sie hindurch. Angelika Waldis Irgendwo ist ein Medienhaus in einer grossen Stadt, mitten im Umbruch. Arbeitsplatz von Erfolgreichen, Gestressten, Gestrandeten, Getriebenen, Verborgenen... In über zwei Dutzend Scheinwerferlichtern leuchtet die Autorin das Innenleben in allen Etagen des Hauses aus, zusammengehalten von den Beobachtungen der Volontärin, die immer mehr Fäden im Gespinst entdeckt.
Angelika Waldis ist eine grossartige Beobachterin und breitet einen kunstvoll durchwebten "Flickenteppich" aus. Jeder Faden allein wäre ein Roman für sich! Konzentriert und verdichtet, mit Sprachwitz und grosser Empathie - beeindruckend.
Gallus Frei