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Wird sich unsere Energieunabhängigkeit mit dem Atomausstieg verringern?
Nein, nicht unbedingt. Die Energieunabhängigkeit sollte sich mit dem Atomausstieg sogar verbessern, weil wir alle in unseren Kernkraftwerken verbrauchten angereicherten Uranbrennstäbe importieren. Ausserdem wird ein bedeutender Anteil unserer Atomstromproduktion a priori durch verbrauchssenkende Energieeffizienzmassnahmen, sowie durch lokal verfügbare erneuerbare Energien ersetzt. Unsere Versorgungssicherheit könnte hingegen sinken.
Der Atomausstieg wird unsere Energieunabhängigkeit tendenziell eher erhöhen, indem er unserem Import von Kernbrennstoffen ein Ende setzt. Im schlimmsten Fall bleibt unsere Energieunabhängigkeit unverändert, wenn wir uns entscheiden, die Produktion aller Kernkraftwerke entweder durch Stromimporte aus Nachbarländern oder durch Erdgasimporte für eventuelle Gaskraftwerke zu ersetzen. In diesen beiden Fällen würde aber unsere Versorgungssicherheit sinken.
Der Kernenergiesektor bietet in der Tat den Vorteil einer relativ guten Versorgungssicherheit, die sicher besser ist, als jene von Strom- oder Erdgasimporten [→ F21] et [→ F88]. Erstens kommt das Uranerz aus mehreren Ländern, was eine Diversifizierung der Versorgungsquellen sicherstellt. Dann – und vor allem – weist der Kernbrennstoff eine sehr hohe Dichte auf: Das ermöglicht in der Schweiz, Lager für den Uranverbrauch mehrerer Jahre zu errichten, weil nur ein beschränktes Lagervolumen nötig ist. Ein Kraftwerk der Grösse Mühleberg verbraucht grosso modo einen halben Kubikmeter angereicherte Uranbrennstäbe pro Jahr (was dem Kofferraumvolumen eines Autos entspricht).
Es ist vorstellbar, dass die Schweiz sich entscheidet, durch die Nutzung ihrer eigenen Gasressourcen sowohl ihre Energieunabhängigkeit als auch ihre Versorgungssicherheit zu steigern. Sie verfügt kaum über Reserven von konventionellem Erdgas, hat aber vor Kurzem mehrere Vorkommen von nicht-konventionellem Gas (Schiefergas, eingeschlossenes Erdgas), insbesondere unter dem Genfersee und in den Kantonen Neuenburg und St. Gallen, entdeckt. Letzterer Kanton sieht übrigens vor, eine Bohrung zu nutzen, die ursprünglich für die Tiefengeothermie vorgesehen war [→ F62]. Die Bedeutung dieser verschiedenen Vorkommen bleibt aber schwierig einzuschätzen und die Rentabilität ihrer Nutzung ist sehr unsicher. In einer ersten Schätzung wird das Schweizer Potenzial für nicht konventionelles Gas auf 50 bis 150 Milliarden m3 Gas geschätzt, was beim derzeitigen Erdgasverbrauch (3,5 Milliarden m3 pro Jahr) einer Reserve für 15 bis 45 Jahre entspricht. Ausserdem ist die Zustimmung der Bevölkerung in Bezug auf diese auf internationaler Ebene derzeit sehr umstrittene Energiequelle alles andere als gesichert [→ F25]. Es erscheint also unwahrscheinlich, dass diese Rohstoffe bis zur Abschaltung unserer ersten Kernkraftwerke einen Beitrag zu unserer Energieunabhängigkeit leisten.
Die Schweiz unternimmt hingegen beträchtliche Anstrengungen zugunsten erneuerbaren Energien und von Energieeffizienzlösungen. Es soll von vornherein ein bedeutender Anteil der Produktion unserer Kernkraftwerke durch Lösungen ersetzt werden, die auf lokal verfügbare Rohstoffe zurückgreifen. Unsere Energieunabhängigkeit sollte also mit der Stilllegung der Kernkraftwerke steigen. Die Auswirkung auf unsere Versorgungssicherheit ist hingegen unsicherer.
Quellen
- Groupe de travail interdépartemental "Fracturation hydraulique en Suisse" (2017)
- Groupe de travail interdépartemental "Fracturation hydraulique en Suisse" (2017). Fracturation hydraulique en Suisse - Rapport de base du groupe de travail interdépartemental concernant le postulat Trede 13.3108 du 19 mars 2013. Office fédéral de l'environnement (OFEV).