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Sie heissen Dr. Stutz, Dr. von Hirschhausen oder Dr. Johannes Wimmer. Ein Millionen-TV-Publikum kennt diese Fernsehärzte. Die britische Ärztezeitung «BMJ» veröffentlichte Ende Juli Auszüge aus einem Podcast mit zweien von ihnen, die in Grossbritannien sehr populär sind: Die Zwillingsbrüder Chris und Xand (Alexander) van Tulleken packten in dem Gespräch aus.
«Ich würde meinen, dass von den Ärzten, die man vom Antennenfernsehen her kennt, die meisten Geld von Firmen genommen haben. Mich eingeschlossen», sagt Chris van Tulleken im Gespräch.
Zum ersten Mal sei er nach einer Sendung zum Thema «Zähne» mit einem Angebot gelockt worden. Damals kontaktierte ihn eine Dentalfirma. Sie wollte, dass er mit einigen Journalisten über ein Produkt sprechen solle. Er habe sich nicht wohl damit gefühlt und abgelehnt, sagt er.
Doch die Firma erhöhte ihr Angebot: 5000 britische Pfund für eine halbe Stunde Arbeit für ein Produkt, das er selbst benützte, und das Ganze nur zehn Minuten von seinem Wohnort entfernt. «An diesem Punkt sagte ich zu», bekennt Chris van Tulleken.
100’000 britische Pfund für wenig Arbeit
Sein Bruder Xand legte sich erstmals für den «Welt-Pistazien-Tag» ins Zeug: Vier Tweets von ihm und zwei Auftritte im Radio brachten ihm 5000 britische Pfund ein. «Es fühlte sich vielleicht ein bisschen schmuddelig an», gibt er nun zu. Er hätte wohl nichts zu Pistazien getweetet, wenn er dafür nicht bezahlt worden wäre.
Mit der Zeit wurden die Angebote grösser. Eine Firma trat an ihn heran, die private Bluttests anpries. Die Kampagne nannte sich «10 Dinge um gesund zu bleiben». Dazu zählte mehr Gemüse zu essen, jemanden, den man liebt, zu umarmen … und einen Bluttest machen zu lassen, berichtet Xand van Tulleken. Er schlug ein.
«Ich hatte gerade ein Haus gekauft, ich hatte ein Kind – jeder hat einen Grund, um Geld zu nehmen.» So erklärt der populäre TV-Arzt im Nachhinein, warum er rund 100’000 britische Pfund für «wenig Arbeit» von der Firma annahm. Er habe gewusst, dass er etwas Falsches tat, sich aber selbst eingeredet, dass es gut sei.
«Ich habe gelernt, dass man sich selbst von allem überzeugen kann: Wenn man dafür bezahlt wird, eine Meinung zu haben, wird man diese Meinung auch haben», stellt er fest. Denn es sei «ungemütlich», Geld für etwas zu nehmen, woran man nicht glaube. Das sei der Grund, weshalb viele TV-Doktoren so überzeugend seien, vermutet Xand van Tulleken.
Der TV-Arzt als verlängerter Arm der Marketing-Abteilung
Sein Bruder Chris legt offen, dass ihm heute routinemässig 20’000 britische Pfund für einen einstündigen Vortrag angeboten würden, zum Beispiel um für ein «ganz nettes Lebensmittelunternehmen» in der Business Class nach Zentralamerika zu fliegen und dort einen Vortrag für das Unternehmen zu halten. Damit werde er aber auch zur Verlängerung der Marketing-Abteilung, ist sich der TV-Arzt bewusst. Das Geld würde jeweils nicht vom Lebensmittelunternehmen direkt kommen, sondern über eine zwischengeschaltete Stelle, beispielsweise eine Agentur.
Er sei inzwischen zur Überzeugung gelangt, dass die menschliche Gesundheit am stärksten durch kommerzielle Faktoren und das Marketing beeinflusst werde, egal ob es sich um Lebensmittel, Medikamente oder andere Dinge handle.
«Ich werde oft als Experte für Sendungen angefragt und niemand hat jemals gefragt: ‹Bezahlt Sie irgendjemand?›»Chris van Tulleken, Arzt und TV-Doktor
Nach der Rolle der Medien gefragt, antwortet Chris van Tulleken: «Wir kennen eine Menge Personen, die früher bei der BBC beschäftigt waren, die viel Geld, hauptsächlich von Lebensmittelunternehmen, erhalten haben und die weiterhin über diese Lebensmittel in der BBC sprechen.»
Für die britische Radio- und Fernsehgesellschaft BBC würden zwar strenge Regeln gelten, was Interessenkonflikte betreffe, doch sie habe fast keine Möglichkeit, dies zu kontrollieren. «Ich werde oft als Experte für Sendungen angefragt und niemand hat jemals gefragt: ‹Bezahlt Sie irgendjemand?›»
«Paradebeispiel: Fernseharzt Eckart von Hirschhausen»
Im deutschen Sprachraum ist der Fernseharzt Eckard von Hirschhausen populärer als die van Tullekens. In einem Artikel in «Cicero» deckte die Journalistin Cornelia Stolze im Mai 2023 auf, von wem der deutsche TV-Doktor alles Geld bekam. «Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten berufen sich gerne auf Unabhängigkeit und Integrität. Doch manch ein Star von ARD und ZDF ist in Interessenkonflikte verstrickt», schrieb Stolze. «Ein Paradebeispiel: Fernseharzt Eckart von Hirschhausen.»
Zu seinen Geldgebern zählten das deutsche Bundesgesundheitsministerium, das Bundesentwicklungsministerium und die Landesregierung von Baden-Württemberg, medizinische Fachgesellschaften, Pharmafirmen und auch die Bill & Melinda Gates Stiftung.
«Hirschhausen ist zudem Botschafter des sogenannten World Health Summit (WHS). Seit Jahren erhält dieser Geld von Unternehmen wie Pfizer, Johnson & Johnson, Roche, Bayer sowie von Stiftungen wie der Rockefeller Foundation und der Gates Foundation. Dabei sind diese Firmen und Stiftungen, wie der WHS selbst beschreibt, nicht nur Sponsoren, sondern auch ‹strategische Partner›», berichtete Stolze. Hirschhausen sah nirgendwo einen Interessenkonflikt.
«Für den Norddeutschen Rundfunk war das lange Zeit offenbar kein Problem»
Den sah auch der deutsche TV-Arzt Johannes Wimmer nicht. Vor rund einem Jahr schränkte der «Norddeutsche Rundfunk» (NDR) jedoch die Zusammenarbeit mit ihm ein – kurz nachdem «Über Medien» die Geschäftsbeziehungen von Wimmer mit Pharmafirmen, einem Reiseveranstalter und weiteren «Kooperationspartnern und Kunden» publik gemacht hatte.
«Dass der Sender erst jetzt bemerkt, dass sein TV-Doktor auch für Unternehmen arbeitet, was hinsichtlich der Compliance-Regeln des NDR problematisch sein könnte, ist überraschend», konstatierte «Über Medien». «Denn Wimmer wird seit Jahren auch von Unternehmen, etwa der Medizintechnik- und Pharma-Branche, für Videos gebucht. Für den NDR war das lange Zeit offenbar kein Problem.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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