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Ein kleiner Junge suchte ein Geschenk zum Muttertag. Er hatte lange dafür gespart. Etwas schüchtern kam er in ein Bekleidungsgeschäft und sagte zur Verkäuferin: «Ich suche zum Muttertag ein Nachthemd für meine Mama. Aber ich weiss nicht, welche Grösse sie trägt.»
«Beschreib sie doch mal», sagte die Verkäuferin, «ist deine Mutter eher gross oder klein – eher etwas dicker oder dünner? Wie ist deine Mutter?»
Der kleine Kunde strahlte und sagte stolz: «Meine Mama ist einfach perfekt.» Daraufhin gab ihm die Verkäuferin ein Nachthemd mit der Konfektionsgrösse 36.
Wenige Tage danach kam die Mutter in den Laden, um das Nachthemd gegen eine andere Grösse umzutauschen: Sie brauchte nämlich Konfektionsgrösse 50.
Was eine perfekte Mutter ist, lässt sich offenkundig nicht in Konfektionsgrössen bemessen. Dafür gibt es keinen objektiven Massstab. Und ob eine Mutter «perfekt» ist – in dem Sinne, wie es der kleine Knirps meinte –, hängt auch nicht davon ab, ob sie fehlerlos ist. Mütter sind Menschen, darum haben sie Fehler und Schwächen. Sogar Mütter können sich gelegentlich irren – und dennoch «perfekt» sein.
Ähnlich wie der Junge über seine Mutter sprechen viele Erwachsene über die Bibel. Sie zitieren ehrfürchtig Psalm 19,8: «Das Gesetz des Herrn ist vollkommen (perfekt).» Mit Begeisterung bezeugen sie ihre Hochachtung für die Bibel und behaupten zugleich: «Sicher, die Bibel enthält manche Fehler und Widersprüche. Aber das stört mich überhaupt nicht, ich liebe sie dennoch und finde sie so, wie sie ist, einfach perfekt.» Warum sollte das, was gegenüber den Müttern recht ist, der Bibel gegenüber nicht billig sein?
Das Problem liegt in einem folgenreichen Denkfehler: Mir ist keine Mutter bekannt, die von sich behaupten würde, sie sei ohne Fehler und rundum vollkommen. Die Bibel jedoch tritt uns genau mit diesem Anspruch entgegen.
Was meint die Bibel mit «wahr»?
Sogar viele Evangelikale behaupten, die Bibel erhebe gar nicht den Anspruch, ohne Irrtum und Widerspruch zu sein. Wer das dennoch voraussetze, zwinge sie in ein fremdes Korsett. Das Eintreten für die Irrtumslosigkeit der Schrift sei gerade nicht bibeltreu. Denn damit erhebe man einen fremden philosophischen Massstab zum Richter über die Bibel.
Zuerst müssen wir also klären, wie die Bibel sich selbst versteht. Dazu sei hier in aller Kürze der Befund zusammengefasst: Sie teilt uns nicht alles mit, was es zu wissen gäbe, sie beantwortet nicht jede unserer Fragen. Aber was die Bibel uns mitteilt, versteht sie als völlig zuverlässig. Diese 66 Bücher vertreten in ihrer Gesamtheit einen absoluten, uneingeschränkten, umfassenden Wahrheitsanspruch: «Dein Wort ist nichts als Wahrheit» (Psalm 119,160).
Dabei gehören die persönliche Wahrheit und die sachliche Wahrheit untrennbar zusammen, theologische und historische Aussagen sind gleichermassen verbürgt. Beziehungswahrheit und Richtigkeit werden nicht gegeneinander ausgespielt. Gott gestaltet die Beziehung zu seinen Kindern aufgrund von Tatsachen.
Weil die Bibel Gottes Wort nicht nur enthält, sondern wirklich ist (2. Tim. 3,16; 1. Thess. 2,13), in diesen Sätzen also Gott selbst durch die von ihm erwählten Verfasser redet, hat sie Anteil an der ungebrochenen Wahrhaftigkeit Gottes, «der nicht lügt» (4. Mose 23,19). Wie Gottes Sohn trotz seiner Menschwerdung ohne Sünde blieb (Hebr. 4,15), so bleibt Gottes Wort trotz seiner Schriftwerdung ohne Irrtum in allem, worüber es uns informiert.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 08/2020.