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Ein Turm für Frankfurt
von Lisa Schiess
So wie damals, als in San Gimignano die Geschlechtertürme je nach Reichtum der entsprechenden Familien, um die Wette gebaut wurden, erlebe ich heute (1990) den Wettlauf um den höchsten Turm von Frankfurt a. Main. An die Stelle der Familien sind nun Banken und Konzerne getreten.
Meine Türme (variables Bild/variable Plastik) haben mich auf den Gedanken eines Architekturmodells gebracht, in welchem es nicht unbedingt um den höchsten Turm, sondern vielmehr um ein "Wahrzeichen" (ev. Hochhaus) geht, das seine äussere Gestalt verändern könnte.
Die Idee der Variabilität praktizieren z.B. die Japaner schon längst in ihrer Innenarchitektur, und dies nicht nur aus praktischen Gründen, sondern viel eher auch aus einer Philosophie heraus, die besagt, dass alles stets im Wandel begriffen ist. Nichts bleibt. - Alles ist wandelbar, vernetzt, ein Ganzes, - e i n "Organismus".
Der Turm als Wahrzeichen stünde im wahrsten Sinn für "Wandlung und Veränderung".
Die Türme aus je 64 bemalten Leinwänden auf Keilrahmen sind variabel, sowohl in der zweiten-, als auch in der dritten Dimension. Die Dritte Dimension birgt das Geheimnis der Zweiten Dimension.
DER BLAUE - und DER GELBE TURM eignen sich vorzüglich als Spielmodell für die verschiedensten Varianten obiger Idee, wobei eine Leinwand jeweils einem Stockwerk entspräche.
Jedes Stockwerk könnte sich um die eigene Achse drehen. Im Innern befände sich ein "statischer" Bereich mit Platz für Sanitäres, Elektrisches, Treppe, Lift etc.
In einem Computerprogramm würden eine Anzahl Turmvarianten gespeichert. Nach einer bestimmten Zeit (vielleicht jedes Jahr, jede Saison oder jeden Monat) wäre es nun möglich, über den Komputer dem Turm den Befehl zu erteilen, seine äussere Erscheinung zu verändern.
Nicht nur die Form des Turmes könnte sich verändern, sondern auch die Fassade.
Die schwarzen Teile an den "Fassaden" meiner Türme sind nichts anderes als die Verlängerungen der Linien im "Innern" (auf den Leinwänden).
L.S. Juli 1993