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Der Kapitalismus kannte in seiner Geschichte verschiedene Phasen der Expansion. Diese gingen immer mit einem Erstarken der ArbeiterInnenklasse und mit Aufschwüngen des Klassenkampfes einher. Sie gipfelten in revolutionären Perioden während der Übergänge von einer Epoche zur anderen. Die Explosion des Klassenkampfes auf internationaler Ebene ab 1968 war nichts anderes.
Die Entwicklung des Kapitalismus ist das Resultat lebendiger sozialer Beziehungen. So müssen immer die Lebens- und Arbeitsbedingungen und Erfahrungen der ArbeiterInnenklasse, ihr Organisationsgrad und ihre politische Ausrichtung berücksichtigt werden. Wir dürfen nicht in mechanische Erklärungen verfallen, die diese Faktoren ausblenden. Aber ein solches Übereinstimmen des Aufschwungs des Klassenkampfes mit dem Höhepunkt jeweiliger Boom-Phasen kann auch nicht ignoriert werden. Die ökonomischen Entwicklungen haben unweigerlich einen Einfluss auf das Klassenbewusstsein und umgekehrt. Die Massenkämpfe um 1968 in Westeuropa veranschaulichen dies besonders deutlich.
Der Nachkriegsboom
Der Nachkriegsaufschwung in Westeuropa fusste zunächst auf dem Wiederaufbau der zerstörten Produktivkräfte. Nach dem Zweiten Weltkrieg war in Europa 70% der industriellen Infrastruktur in Europa in Schutt und Asche. Das schuf erhebliche Investitionsmöglichkeiten für das Kapital. Der Wiederaufbau fand innert relativ kurzer Zeit und dank massiver finanzieller und materieller Unterstützung der USA statt. Neue Methoden der Massenproduktion erhöhten die Produktivität stark. Es wurden wieder gigantische Warenmengen produziert. Sie wurden auf dem Weltmarkt abgesetzt, der selbst eine neue Ausdehnung erfuhr. Zwischen 1948 und 1971 nahm der innereuropäische Handel um das Dreifache, der Welthandel gar um über das Fünffache zu, was sich als zentral für den Aufschwung erwies. In rund 25 Jahren verdoppelte sich das BIP Westeuropas in diesem wohl längsten und rasantesten Aufschwung des Kapitalismus überhaupt.
Die erstarkte ArbeiterInnenklasse
Mit diesem Wirtschafts-Boom einher ging eine enorme Steigerung der Stärke der ArbeiterInnenklasse. Der Anteil der Lohnabhängigen stieg in den OECD-Ländern auf Kosten der Kleinbürger und der Bauernschaft von unter 50% im Jahr 1950 auf ca. 75% im Jahr 1973. Wie Marx und Engels im Manifest betonten, «vermehrt sich [mit der Entwicklung der Industrie] nicht nur das Proletariat; es wird in größeren Massen zusammengedrängt, seine Kraft wächst, und es fühlt sie immer mehr». Diese Stärkung des Klassenbewusstseins drückte sich dann auch in beeindruckenden international synchronen Streikwellen in den späten 1960ern und frühen 1970ern aus: 150 Millionen Streiktage in Frankreich zwischen Mai und Juni 1968; 60 Millionen in Italien 1969; etc.
Kampf um den gesellschaftlichen Mehrwert
Die Explosion des Klassenkampfes erfolgte ferner auch unter dem Einfluss der zunehmenden Krisentendenzen des europäischen Kapitalismus Mitte der 1960er Jahre. Der Epochenwandel, also das Aufbrechen einer wirtschaftlichen und politischen Krise, welche die gesellschaftlichen Verhältnisse grundsätzlich erschütterte, hatte sich bereits ankündigt. Die internationale Konkurrenz in den offenen Märkten und die Inflation setzten die Profite der Kapitalisten unter Druck. Mit aktiver Unterstützung des bürgerlichen Staats drückten letztere das Reallohnwachstum. Stellen wurden wegrationalisiert, was die Arbeitslast in den Betrieben erhöhte. Die Profite gerieten unter Druck. Die Bourgeoisie lancierte also den Kampf um die Verteilung des gesellschaftlichen Mehrwerts: Profite sichern auf Kosten der Lohnabhängigen.
Der massive Anstieg des Klassenkampfes Ende der 1960er und Anfang der 1970er war also auch eine verzögerte Reaktion auf diese Angriffe. Das Zusammenfallen der Arbeitskämpfe mit den gesellschaftlichen politischen Kämpfen insbesondere der Jugend, liess die erstarkte ArbeiterInnenklasse zusätzlich an Selbstvertrauen gewinnen. Dies drückte sich zumeist auf der Ebene der Betriebe aus, wo der relative Einfluss der Gewerkschaftsbürokratie geringer war als bei nationalen Kollektivverhandlungen. Die Arbeitenden produzierten in ihren Fabriken weiterhin auf Hochtouren, was in krassem Kontrast zur Devise des «Gürtel-enger-Schnallens» der herrschenden Klasse stand. Nun war ihre Zeit gekommen, den Gegenangriff im Klassenkampf zu lancieren und den gesellschaftlichen Reichtum für sich, für diejenigen die ihn produzieren, zu beanspruchen.
Die Grenzen des ökonomischen Kampfes
Klassenkämpferische Streiks und Streikbewegungen bergen zwar das Potenzial dazu in sich, sind aber nicht per se schon ein politischer Massenkampf mit revolutionärem Gehalt. Ein solcher muss aus den Kämpfen selbst und in wechselseitigem Verhältnis mit der Entwicklung der politischen Organisationen der Klasse entwachsen (siehe «Die Aktualität des politischen Streiks»). Die Streiks Ende der 1960er wurden dennoch so bedrohlich für die herrschende Ordnung, dass die Kapitalisten grosse Lohnzugeständnisse machen mussten. Diesen Spielraum hatten sie kurzfristig dank den enormen angehäuften Profiten. Auch wenn die weiterhin hohe Inflation das Lohnwachstum innert kürzester Zeit wieder auffrass und die zuvor gewonnenen die materiellen Errungenschaften der Arbeitenden dahinschmelzten, konnte die herrschende Klasse die Lage wieder unter ihre Kontrolle bringen. Aber die wirtschaftliche Stabilität wiederherzustellen durch Angriffe auf die Arbeiterklasse bedeutete, die gesellschaftliche Stabilität zu untergraben. Dies drückte sich ab Mitte der 1970er Jahre im akuten Aufbrechen der schon länger schwelenden Krisentendenz aus. Auch wenn die ArbeiterInnenklasse sich auch danach bis in die späten 1970er stark mobilisierte, so hatte sich das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen wieder verschoben. Steigende Arbeitslosigkeit, die erfolgreichen Spaltung der Arbeitenden und die reformistischen Orientierung der Führung der ArbeiterInnenorganisationen bremsten die Entwicklung des Klassenkampfes. Das Ausbleiben der sozialistischen Revolution in Westeuropa ermöglichte es der herrschenden Klasse, ihre Vorherrschaft im Zug der Krise brutal zur Geltung zu bringen.
Entgegen der Rhetorik der harmonischen Nachkriegszeit, milderten die Jahrzehnte des Wachstums also die Klassengegensätze keinesfalls. Sie steigerten vielmehr das revolutionäre Potential bei den sich mehrenden und unweigerlich aufkommenden Krisentendenzen. Epochenwandel sind, wie Trotzki diese bezeichnete, die «treibenden Kräfte der Revolution». Die Entwicklungen, die sich bereits ab den frühen 1960er Jahren bemerkbar machten, sind ein wichtiges Beispiel dafür.
Der Kapitalismus befindet sich auch heute, zehn Jahre nach Krisenausbruch, in einer Phase des Epochenwandels. Die Stabilisierung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Beziehungen stellt sich als momentan unmöglich dar. So bergen auch die heutigen Verhältnisse weiterhin ein grosses revolutionäres Potential.