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Verehrtes Publikum
Vor Kurzem überbrachte mir jemand, den ich eigentlich für einen Fan meiner diversen Texte gehalten hatte, ein dubioses Geschenk von der Art, wie es einst die listenreichen Griechen vor dem belagerten Troja deponierten: «Deine Kolumne in der NFZ finde ich ganz nett.» – Zack! Torpedotreffer mittschiffs; ich kann «nette» Texte schreiben!
Hätte diese Person über mich geäussert, ich sei masslos, unausgewogen, kompliziert, parteiisch, manisch, nachtragend, aggressiv… alles geschenkt; aber «nett»?
Ich kannte früher eine junge, attraktive Frau, die hiess Annett. Es ist schon lange her, und damals war ich im Umgang mit Frauen noch unbeholfener als heutzutage. Zu der sagte ich: «Annett, ich finde Dich sehr nett.» Woraufhin die Lady total ausrastete, und ich von ihr eine gescheuert bekam, die nicht von schlechten Eltern war. Dies brachte mich erstens dazu, Annett nicht mehr ganz so nett zu finden und zweitens bei der Verwendung des Adjektivs «nett» umsichtiger zu Werke zu gehen.
Eine weitere, eher unschöne Erfahrung mit «nett» machte ich, als ich einmal auf der deutschen Autobahn einen Hauch zügiger unterwegs war, als die Verkehrsbeschilderung vorschlug (Einschub: Kennen Sie das Frankfurter Kreuz? Dort zeigt sich jenseits von 190 km/h, wer wirklich Auto fahren kann.). Die Polizei bremste mich mit Blaulicht auf den Standstreifen ein, und der Highway Cop mit seiner 9mm auf der Hüfte sagte: «Kann ich mal Ihre Rennlizenz sehen, Herr Caracciola? Gibt ʼne nette Anzeige. Oder fällt uns eine hübsche Ausrede ein?» Es schien mir angezeigt, Demut zu zeigen, statt Streit mit der Obrigkeit vom Zaun zu brechen.
Damit wollen wir unsere Betrachtung der Gefährlichkeit deutscher Adjektive beenden. Sollten Sie nach überstandener Lektüre des heutigen Textes spontan ausgerufen haben: «Dieser Peters, der schreibt doch ganz nett!», dann erwarte ich Sie gern am kommenden Montag um 5.00 Uhr früh am Fähranleger in Kaiseraugst. Und bringen Sie Ihren Sekundanten mit.