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Die Stadt und die Frau sind nicht voneinander zu trennen. Monowi, das ist Elsie Eiler. Elsie Eiler ist Monowi. «Hier ist niemand mehr», hat Eiler am Telefon gesagt. «Hier bin nur noch ich.» Eine kleine, leicht krumme Frau von 85 Jahren. Mit schmalen Augen und hohen Wangenknochen. Monowis letzte Einwohnerin. «Kommen Sie halt her», sagt sie noch. «Scheint ja, als machten das jetzt alle so. Sie finden mich in meiner Bar.» Eiler betreibt die «Monowi Tavern» seit fünfzig Jahren. Seit ihr Mann Rudy, vorletzter Einwohner Monowis, vor 14 Jahren gestorben ist, führt sie die Bar allein. Ein weissgepinselter Kasten, durch dessen Holzverschalung die Isolierwolle bricht. Mit winzigen, morschen Fenstern und einer wackligen Tür. Gleich am Highway 12 durch das dürrbesiedelte Nirgendwo, das der Norden Nebraskas ist. Ein paar Meter hinter dem Ortsschild «Monowi, Einwohnzahl 1». Solang diese Ansammlung verlassener, zerfallener, von Buschwerk und Bäumen durchwachsener Häuser und Trailer ihre Einwohnerin hat, gilt sie als «incorporated town»: als eine eingetragene, von ihrer Bürgerin selbstverwaltete Stadt.
Die Stadt, die Bar und die Frau sind eine Symbiose. Keine kann ohne die andere sein. Von Eilers Trailer, der letzten echten Behausung hier, sind es ein paar Schritte bis zu ihrem Geschäft. Aus der lehmigen Einfahrt heraus und ein Stück die Hauptstrasse (!) hinunter, die jetzt, Mitte März, eine von Regen und Reifen aufgewühlte Schlammspur ist. Vorbei an Rudys Bücherei und der zerfallenden Baracke aus dunklen Brettern, die bis in die 1940er-Jahre ein Lebensmittelladen war. Jetzt dient sie nur noch als Wetterschutz für Eilers Bar. Ein Motorradklub reklamiert auf der schiefen Bretterfront die Stadt für sich: «Monowi – Home of the Nite Owls». «Na ja», brummt Eiler. Sie hat das mal so gestattet. «Aber natürlich sind diese Jungs gar nicht von hier.» Sie kommen aus dem angrenzenden South Dakota. Als sie nach Rudys Tod Ernst machten und die Bar kaufen wollten, sagte Eiler Nein. «Ich war damals schon 71.» Wo hätte sie hingehen sollen? Und, wichtiger noch, was dort tun? «Ich kann nicht stricken. Ich kann nicht häkeln. Ich fürchte, mir bleibt auf meine alten Tage nichts anderes als diese Bar.»
Eiler öffnet die Bar früh um neun. Jeden Tag, ausser montags. Montags nimmt sie seit acht Jahren frei. Seit sie einmal in der Woche zur Chemotherapie nach Sioux City fahren musste, sieben Monate lang, jeweils am Montag. Nach vierzig Jahren Tag für Tag von früh um neun bis oft um Mitternacht in der Bar bescherte die Krebstherapie Elsie Eiler die Erkenntnis: «Ist gar nicht übel, mal einen Tag für mich und die Wäsche und Buchhaltung zu haben.» Der Boden aus rauen Sperrholzplatten ist düster von Farmerstiefeln und den Jahren. «Wenn ich Glück habe, schaffe ich es morgens, ihn feucht aufzunehmen, bevor die ersten Gäste kommen.» Meist muss es beim Fegen bleiben. Kurz vor zehn stapft der erste Farmer in die Bar; einer von den vielen hier, die längst ihren Ruhestand erdulden sollten. Nur eben, dass es im Nirgendwo keinen Ruhestand gibt. Er rumpelt einen Stuhl unter einem der dunklen Resopal-Tische hervor und lässt sich schwer darauf fallen. «Wie geht’s?» – «Kann nicht klagen.» – «Fischfilet?» – «Zwei. Mit Brötchen.» – «Kaffee?» – «Klar.» Im Fernseher neben der Eingangstür laufen «Bonanza», «Die Waltons» und «Unsere kleine Farm», immer im Wechsel – und in Endlosschleife. Elsie brät in der Küche. Eine mit Holz und Alufolie verkleidete Ecke, hinten links in der Bar. Über dem Gasherd hängt das Monowi-Ortsschild. Und neben der Mikrowelle der Aufkleber: «Ich bin hier so eine Art ganz grosse Nummer.» Der Alte am Tisch nimmt, ohne mit der Wimper zu zucken, einen Schluck von Elsies Kaffee, dreht die Serviette zwischen den Fingern und nickt düster zur Frau in der Kochecke hinüber. «Wenn sie nicht mehr ist, ist das hier für immer vorbei. Ich sage nur: Grossvaterrechte.» Das ist das magische Wort.
Was immer die Biker-Jungs sich bei ihrem Traumtänzer-Angebot damals dachten: Sie hätten die Bar niemals übernehmen können. Keiner kann das. Keiner käme mit dem hier davon. Mit dem Sperrholzfussboden und seinem gesammelten Dreck von fünfzig Jahren. Mit den fehlenden Sprinklern. Dem Plumpsklo im Bretter- verschlag hinter der Bar. Als Langzeit-Betreiberin hat Eiler Rechte erworben, die, nach den aktuellen Standards, längst nicht mehr rechtmässig sind. Grossvaterrechte. Das ist ein amtliches Augenzwinkern und scheissegal. Eiler zuckt mit den Schultern. «In meiner Küche verbringt der Gesundheitsinspektor höchstens mal zehn Minuten.» Nichts davon könnte ein Neubesitzer beanspruchen. Sie stellt die Filets vor den Alten. Das Brötchen. Salz, Mayonnaise, Ketchup. Servietten. Der Alte nickt. Elsie sagt: «Mahlzeit.» Zieht sich an ihren Tisch zurück, zu ihrem Kreuzworträtsel. Der Alte isst schweigend. Mehr Gesellschaft muss nicht sein. Eiler hat kein Handy. Kein Internet. Die Telefonnummer in ihrem Trailer und die Nummer der Bar ist die gleiche. Ein- oder zweimal im Jahr rufen die Händler globaler Daten an und drängen sie, den Eintrag der Bar auf Google zu erneuern. «Was soll mir das nützen?», fragt Eiler und legt auf, ohne die Antwort abzuwarten. Sie hat mehr als genug Besucher. Als letzte Einwohnerin einer Stadt, die nicht mehr ist, ist Eiler ungewollt zur Legende geworden. Zu einem weltweiten Symbol für Beständigkeit. Beharrlichkeit. Zu einem Bollwerk gegen den Zeitengalopp. Gegen die zunehmend bedrohliche Wechselhaftigkeit der Welt. Das Bier kostet bei ihr noch immer zwei Dollar, anderswo längst das Doppelte. «Soll jeder machen, wie er will», brummt Elsie. «Mir ist lieber, einer trinkt sechs Bier, weil er pro Bier nur zwei Dollar zahlt. Statt zwei Bier für jeweils vier.» Bezahlt werden muss in bar. Nur von Gästen, die sie seit ewig kennt, nimmt sie auch einen Check. Die Dollarnoten stapelt sie auf dem Resopal, neben dem Kreuzworträtsel, unter der Kaffeetasse, bis diese auf dem Stapel zu kippeln beginnt. Dann trägt sie das Geld zur Kasse. Der Hamburger kostet drei fünfzig. Ein Brötchen. Ein Fleischklops. Daneben legt sie zwei Gurkenscheibchen auf den Teller, die du zwischen Brötchen und Klops dekorieren kannst, wies dir beliebt. Willst du Zwiebeln, packt Eiler ein Zwiebelrad zu den Gurken dazu. Und hier hast du Mayonnaise, Ketchup, Senf. Servietten. Seit das US-Fernsehen hier war, die «New York Times» und die britische BBC, drängen sich Gäste aus aller Welt, ihren Burger so aufgetischt zu bekommen. Hier, auf dem freudlosen Resopal, in dieser finsteren Bude, gummibestiefeltes Farmervolk links und rechts, «Bonanza» im Fernseher. Elsie kann es nicht fassen. «Haben die Leute denn nichts zu tun?» Sie macht hier nur, was sie schon ein halbes Jahrhundert macht. Hamburger braten. Biere verkaufen. Erst mit dem Rudy, jetzt eben allein. «Sieht aus, als hätten die Leute vergessen, dass so das Leben ist.» Schlimmstenfalls wussten sie es noch nie.
Zum Abschluss brauchte jeder der Fremden natürlich das Foto! Hier, bitte, hinter dem Küchentresen, in der Alu-Ecke, unter dem jetzt weltberühmten Ortsschild. Mit dieser sehr kleinen, irgendwie gar nicht alten Frau im Arm. Auf den Bildern lächelte Eiler, wie eine, die die Anforderungen ihres Geschäfts, nicht aber notwendigerweise die Menschen versteht. Die Besucher strahlen. So stehen sie da, nebeneinander. Ein Universum voneinander entfernt. Die Talkshow-Einladungen von Ellen De Generes und Jay Leno hat Eiler abgelehnt. Mit dem, was die ihr eingebracht hätten, weiss sie nichts anzufangen. Von der Lebensversicherung, die einen Werbefilm mit ihr in der Bar gedreht hat, bekommt sie immerhin ab und zu einen Check. «Warmherzig», so haben Pressebesucher sie beschrieben. Vielleicht sagt das mehr über die Besucher und ihre Bedürfnisse aus als über die Besuchte. Warmherzigkeit. Das ist keine Eigenschaft, die einer Elsie Eiler geholfen hätte, hier draussen zu überleben. Die Gäste kommen und gehen. Ein ewiger Austausch von «Wie gehts» und «Kann nicht klagen». Elsie brät Fischfilets, Burger, «Gizzards». Hühnermägen. Die sind hier so eine Art Delikatesse. «Die Jungs», ihre Stammgäste, nehmen sich selbst das Bier aus der Kühlung. Immer gleich fünf, sechs, einen Armvoll Flaschen. Für jeden am Tisch eine. Oder auch zwei. Sagst du: «Danke. Ich muss noch fahren», zucken sie mit den Schultern und sagen: «Das müssen wir doch alle.» Als Elsie Eiler 1971 mit ihrem Mann Rudy die Bar übernahm, war Monowi schon auf elf Einwohner geschrumpft. Das sorgte die Eilers nicht. «Wir waren nicht auf die Fuss-Kundschaft aus dem Dorf angewiesen. Das waren keine Biertrinker. Unsere Kunden kamen mit dem Auto aus dem Umland.» Dabei ist es geblieben. Das weiss und respektiert wohl auch der Sheriff, wie sollte es anders gehen. Kann doch keiner hier ohne den anderen. Einmal brach einer nachts in Elsies Bar ein und klaute ihr ein paar Flaschen Limonade. Elsie hatte gleich eine Idee, wer es gewesen sein musste. «Gibt nur einen hier, der diese Marke trinkt. Ist seine Lieblingslimo.» Gesagt hat sie nichts. Sie zuckt mit den Achseln. «Der weiss doch, dass ich das weiss. Das muss reichen.» So ist das Gesetz. Sie kennt ihre «Jungs», deren Frauen und Kinder seit Jahren. Jahrzehnten. Die meisten von ihnen sind Farmer. Ein paar Handwerker. Strassenarbeiter. Sie kennt deren Eltern. Und Grosseltern.
«Die Jungs», ihre Stammgäste,
nehmen sich selbst das Bier aus
der Kühlung. Immer gleich fünf,
sechs, einen Armvoll Flaschen
Als ihr Schwiegersohn ihr vor ein paar Jahren anbot, zu ihm und seiner Familie nach Arizona zu ziehen, sagte Eiler: «Was soll ich da? Da kenne ich keinen.» Auch darum ist Eiler noch hier. Im beinahe Gar-nichts-mehr. Eingetragen im Städteregister Nebraskas unter dem Namen Monowi. «Es soll das indianische Wort für eine kleine, weisse Prärieblume sein. Die wuchs zur Zeit der Stadtgründung um 1900 überall hier», sagt die letzte Einwohnerin, Barfrau und Chronologin der Stadt. Sie legt einen abgegriffenen Ordner aufs Resopal. Darin sammelt sie, was sie über ihre Stadt, deren Werden und Verfall finden kann. Zeitungsartikel in Uralt-Typenschrift. Schwarz- und Braunweissbilder von der Stadt und ihren Damals-noch-Bürgern. Häuserreihen in weitem, baumlosem Land. Maisfelder. Eine Strassenszene mit Pferdekarren und Menschen. «Ein geschäftiger Tag in Monowi» ist darunter notiert. Und das Datum: 1908. Ein Schuldschein aus der gleichen Zeit, handschriftlich, über ein paar Dollar, die damals wohl ein Vermögen waren. Dazu die Notiz, dass der Gläubiger, statt zu zahlen, abgehauen ist. Dieser Hund. Ein Hochzeitsfoto von 1953. Gegen den schmalen Mann im hellen Anzug lehnt eine junge hochgewachsene Frau im bodenlangen Kleid. Rosenbouquet in der Hand. Das dunkle Haar halb unter dem Schleier versteckt. In den schmalen Augen, den hohen Wangenknochen und ihrem vagen Lächeln ist Elsie noch zu erkennen. Eilers Vater war 1902 aus Deutschland in das damals noch junge, verheissungsvolle Land gekommen. Er war 15 und machte die weite Schiffsreise allein. Woher in Deutschland genau er kam, weiss seine Tochter nicht. Sie weiss nichts über seine Familie. Weiss nicht, wer oder was ihn aus der Heimat über den Atlantik getrieben hat. Ob es Hoffnung war. Oder Not. Der Vater hat nie darüber gesprochen. Die Tochter hat ihn nie gefragt. «Aber ich denke mir, dass wer so jung und allein hier herüberkam, wusste, dass er nie zurückkehren würde. » Wenn sie und die vier Geschwister ihn baten, sie Deutsch zu lehren, knurrte er: «Wir sind Amerikaner. Wir sprechen Amerikanisch.» Er muss geglaubt haben, der einzige Garant auf Zukunft sei, keine Vergangenheit zu haben. Ihre Mutter müsse britischer Herkunft gewesen sein, sagt sie. «Ihr Familienname tönte englisch für mich.»
Warmherzigkeit. Das ist keine
Eigenschaft, die Elsie Eiler
geholfen hätte, hier draussen
zu überleben
Elsie war anderthalb, als die Eltern auf eine Farm eine Viertelmeile ausserhalb Monowis zogen. Die Stadt hatte 123 Einwohner, eine Post, zwei Lebensmittelgeschäfte, einen Werkstoff- und Eisenwarenhandel, ein Hotel und ein Gefängnis. Sie war auf dem Höhepunkt ihres Seins. Im einzigen Klassenzimmer der Grundschule traf Eiler ihren Mann. Sie war neun, Rudy war zehn. Später fuhren sie zusammen im Schulbus zur weiterführenden Schule ins benachbarte Lynch. Ein schnurgerades Leben. Mit winzigen Brüchen. Als Rudy zur Air Force ginge, versuchte Elsie ein Leben in Kansas City. Sie glaubte, Stewardess werden zu wollen. «Aber die Stadt war nichts für mich.» Es zog sie heim, ins Nirgendwo. In Monowi lebten jetzt noch hundert Menschen. «Mit der Stadt ging es gleich nach dem Zweiten Weltkrieg bergab.» Viele der Männer, die in den Krieg gezogen waren, kehrten nicht zurück. Waren gefallen oder sahen hier damals schon keine Zukunft. Die grösseren Farmen hatten begonnen, die kleineren zu fressen. Bis es keine kleinen Familienfarmen mehr gab. Nur noch gigantische, in den Händen von Industriellen. Eiler brachte eine Tochter zur Welt. Dann einen Sohn. Beide zogen bald nach der Highschool fort. Eiler, für die dieser Ort alles ist, die an diesem Ort alles ist, kann verstehen, dass es hier für ihre Kinder nichts gab. Sie versteht die ewige Ausrufefrage fremder Leute nicht: «Kümmern sich deine Kinder denn nicht um dich!?» – «Klar, kümmern die sich», sagt Eiler. «Aber sie sind schlau genug, mich machen zu lassen, was ich will.» Und der Schwiegersohn, der sie in sein Leben nach Arizona einlud, mein Gott, sagt sie, der sollte es besser wissen, als zwei Frauen unter ein Dach stecken zu wollen. «Ich weiss, wovon ich spreche.» Sie hat ihre Mutter drei Jahre gepf legt, bis sie neunzigjährig starb. Eiler rollt die Augen. «So was wünschst du nicht deinem ärgsten Feind.» Der Rudy ist praktisch in der Bar gestorben. Am Resopal-Tisch, gleich neben der Küchenecke mit der Alutapete. Da sass er jeden Tag in seinen letzten Wochen, ohne anwesend zu sein. Und jeder von Eilers üblichen Gästen setzte sich zum Sterbenden und gönnte ihm furchtlos ein Wort. In jener Freitagnacht dann, in der die Schmerzen hoffnungslos waren, packte Elsie den Rudy ins Auto und fuhr ihn ins Spital, nach Sioux Falls. Am Sonntag war er tot. Seinen Sterbetisch, neben der Küchenecke, hielten die Gäste über Monate frei. Und Elsie ertappte sich, immer mal wieder, wie sie aus der Küche oder von hinter dem Tresen zu Rudy hinübersah, der nun wirklich nicht mehr dort sass. Auf seinem Grabstein steht auch ihr Name. Ihr Geburtsdatum: 11. Oktober 1933. Der Platz für ihren Sterbetag ist noch leer. Nach Rudys Tod richtete sie ihm seinen Lebenstraum ein. Räumte seine 5000 gesammelten Bücher in den Metallschuppen, den er eben noch hatte kaufen können. Stellte einen Tisch dazu, einen Schreibtisch, einen Stuhl. Auf dem Tisch ein Trockenblumengebinde in einem Korb. Ein Schwarzweissbild von Rudy, im Karo-Hemd. Mit Brille und Bier. «Rudys Traum» steht auf einem Schild im Schuppen. Und «Rudys Bücherei» auf dem Schild davor. Die Tür ist unverschlossen. Wer will, kann sich jederzeit eines von Rudys Büchern nehmen. Und wenn er will, bringt er es irgendwann wieder zurück. Anfangs habe sie jedes zurückgebrachte Buch noch notiert und ins Regal seiner Kategorie sortiert. Zu Rudys Western. Romanen. Reisebüchern. Heute? Eiler zuckt mit den Achseln. «Du kannst nicht in der Vergangenheit leben.» Ein Satz, der so passend wie seltsam scheint. Für eine, die solche Beständigkeit, Beharrlichkeit lebt wie sie.
Hinter der Bar die Hauptschlammstrasse hoch, an Eilers Trailer vorbei, ist Niemandsland. In den Wintermonaten selbst mit Vierradantrieb uneinnehmbar. Versuchst du es zu Fuss den Hügel hinauf, zur gottverlassenen Kirche, sammelt sich der Lehm Schritt für Schritt, Schicht auf Schicht unter den Sohlen der Stiefel. «Wenn du von da oben wieder herunterkommst, bist du zwei Meter gross», ruft ein Farmer vor der Bar. Es fühlt sich an, als behielte er recht. «Gumbo» nennen sie diese Erde. Sie ist fruchtbar. Aber zum Bearbeiten die Hölle. Nass lähmt sie in schweren Klumpen den Pflug und die Egge. Trocken ist sie hart wie Fels. Dies ist kein Land für Warmherzige. Halbherzige. Oder gar Verzagte. Rechts und links der Spur, halb versteckt im Buschwerk und zwischen dürren Bäumen, liegt, was mal Monowi war. Und es dank Elsie auf dem Papier noch ist. Hier ein Trailer mit einem rostigen Schaukelgerüst davor. Ein Dreirad, überwuchert von gelbem Gras. Eine Milchkanne. Zwei Ghettoblaster auf einem Bretterschlag. Ein anderer hat sein Piano zurückgelassen im Heim, das jetzt eine Ruine ist. Dort ein einst stattliches Haus, durch dessen zerbrochene Scheiben die Spitzengardine in Fetzen weht. Es war einmal Eilers Heim. Bis es zerfiel, und Elsie ein paar Meter weiterzog. In das nächste Heim. Bis zum nächsten Zerfall. Drei Häuser hat sie in Monowi bis zu deren Ende bewohnt. Den Trailer, der jetzt ihr Zuhause ist, hat sie vor ein paar Jahren gebraucht kaufen können. Gerade rechtzeitig, als sie schon fürchten musste, durch die morschen Bodenbretter des alten zu fallen. «Die Einbauschränke im neuen Trailer sind ein bisschen hoch. Die erreiche ich nur mit einem Hocker.» Die Vorbesitzer müssen wohl grösser gewesen sein als sie. Mit ihren 85 Jahren. Sie war nie wählerisch. Sie hängt an nichts mehr ihr Herz. Nach Rudys Tod hat sie es mal mit einem Hund versucht. Dann mit einem zweiten. Beide starben auf dem Highway, vor der Bar. «Schluss!», sagte Eiler sich. Um die Bar-Hintertür streicht eine Handvoll Katzen. «Die sind nicht meine.» Darauf besteht sie. «Sind bloss Streuner. Ich füttere die nur.» Sieht aus, als sei hier nichts mehr. Schlimmstenfalls war hier nie was. Nichts, das einer, der aus einem anderen Universum kam, leicht als guten Grund erkennen könnte, zu bleiben. Hier ist nur noch Elsie. Die an niemanden, nichts mehr ihr Herz hängt. Ihrem Lebensmittel- Lieferanten ruft sie zum Abschied zu: «Vergiss bloss nicht mein Katzenfutter!» Herz oder nicht, kann doch keiner ohne den anderen.