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Zürich, den 7. September 1871.
Hochverehrter Herr Geheimrath!
Es wäre mir nicht möglich, die beiligende offizielle Zuschrift an Adresse abgehen zu lassen, ohne ihr ein speziell für hochverehrliche Person bestimmtes Schreiben beizugesellen.
Die eine der beiden geschätzten Zuschriften vom 31. v. Mts, mit welcher ich von Ihnen beehrt worden bin, beginnen Sie mit dem «offenen Geständnisse, daß Sie es sehr bedauern würden, wenn der Italienische Köder eine Wirkung hervorbringen sollte und Ihnen mit andern Worten gesagt würde: Mohr, Du hast Deine Schuldigkeit gethan, Du kannst gehen»! Erlauben Sie mir, mein Schreiben mit dem ebenso offenen Geständnisse zu beginnen, daß diese Auffassung der Sachlage mich sehr bemüht hat. Es kann sich ja unmöglich um eine Schuldigkeit handeln, die zu thun gewesen oder die gethan worden wäre und es kann somit auch der Mohr nicht in Frage kommen. Wie weit entfernt ich übrigens davon sein würde, Ihnen je eine solche Rolle zumuthen zu wollen, dürfte, wie mir scheint, aus der Art unserer bisherigen Begegnungen und, wie ich denke,| auch aus Inhalt und Form der beiliegenden offiziellen Zuschrift hervorgehen. Unser Comité ist auch nicht dazu angethan, sich durch einen Köder, und wenn es ein Italienischer wäre, bestimmen zu lassen. Wir sind gewohnt, die Dinge in nüchterner Weise ihrem wahren Werthe nach zu würdigen, und haben das Bewußtsein von diesem Verfahren bei Prüfung der Anerbieten, welche für die Bildung der Gotthardbahngesellschaft an uns gelangt sind, nicht abgewichen zu sein. Würde aber bei uns eine Voreingenommenheit mit Bezug auf die Personen, welche uns Vorschläge für die Beschaffung des zur Ausführung der Gotthardbahnerforderlichen Kapitales gemacht haben, bestehen, so hätten Sie, hochverehrter Herr Geheimrath! und Ihre Freunde jedenfalls am wenigsten Veranlassung sich hierüber zu beklagen.
Zur Sache übergehend erlaube ich mir, dem Inhalte der anliegenden offiziellen Zuschrift noch einige Bemerkungen beizufügen.
1. Sie hegen die Befürchtung, daß der «Italienische Vorschlag» das System der sogenannten Generalentreprise oder etwas Ähnliches in sich berge. Ich habe Ihnen für's erste hierauf zu entgegnen, daß der Vorschlag nicht ein «Italienischer» genannt werden kann. Er ist von Italienischer und Deutscher Seite auf die Bahn gebracht und sodann in Folge von zahlreichen mit mir gepflogenen Besprechungen dergestalt modifizirt worden, daß er, wenn ihm ein mit der Nationalität zusammenhängender Name gegeben werden soll, am| richtigsten denjenigen eines «Deutsch-Italienisch-Schweizerischen Vorschlages» erhalten würde. Sodann aber bin ich im Falle, Ihnen die bündige und unumwundene Erklärung abzugeben, daß der Vorschlag der Frage, in welcher Weise und an wen die Ausführung des Baues übertragen werden soll, in keiner Weise präjudizirt und daß somit die Entscheidung dieser Frage eine nach allen Seiten hin vollkommen freie bleibt.
2. Der «Deutsch-Italienisch-Schweizerische Vorschlag», wie ich ihn nun nennen will, bietet, ob man sich auf den Standpunkt des Subventionskapitales oder auf denjenigen der zukünftigen Gesellschaft stelle, erhebliche Vortheile gegenüber dem Ihrigen dar:
a.) Das in Ihrem Vorschlage enthaltene fictive Kapital bringt eine größere Last für das Subventionskapital und für die zukünftige Gesellschaft mit sich, als die nach dem «Deutsch-Italienisch-Schweizerischen Vorschlage» für das Consortium beanspruchten Vortheile, selbst wenn, worüber natürlich keinerlei Gewissheit herrscht, eine anfällige Ersparniß an den Baukosten gegenüber dem Voranschlage in Aussicht genommen werden könnte.
b.) Nach Ihren Vorschlage lastet das fictive Kapital auf der Unternehmung, ob eine Kostenersparniß bei dem Baue erzielt werde oder ob dieß nicht der Fall ist. Nach dem | «Deutsch-Italienisch-Schweizerischen Vorschlage» kömmt der Hauptvortheil, welcher dem Consortium eingeräumt wird, nämlich die etwelche Betheiligung an der erzielten Kostenersparniß, demselben nur dann zu, wenn eine solche Kostenersparniß wirklich eintritt.
c., Falls der Kostenvoranschlag nicht ausreichen sollte – ein Fall, der doch in der That auch in's Auge zu fassen sein wird – dürfte es leichter sein, die noch erforderlichen Geldmittel zu beschaffen, falls kein fictives ActienKapital besteht, wie dieß nach dem «Deutsch-Italienisch-Schweizerischen Vorschlage» der Fall ist, als wenn ein solches Kapital vorhanden ist, wie Ihr Vorschlag es mit sich bringt.
3., Wenn etwer, wie dieß aus Ihrer geschätzten Zuschrift hervorzugehen scheint, angenommen würde, daß nach dem «Deutsch-Italienisch-Schweizerischen Vorschlage» die ganze erzielte Kostenersparniß dem Consortium für Gründung der Gotthardbahngesellschaft zukommen solle oder daß, wenn auch dieß nicht der Fall wäre und bloß eine Quote der Ersparniß dem Konsortium zuflösse und der Rest der Gesellschaft verbleibe, jene Quote und dieser Rest dem Consortium und den Actionären in baar auszubezahlen wären, so würde diese Voraussetzung eine irrthümliche sein. Dem Consortium soll nur eine bescheidene Quote der Kostenersparniß zukommen und bloß diese soll ausbezahlt werden, während für den Betrag des Restes weniger Schulden zu creiren beziehungsweise die bereits contrahirten Schulden zu verringern sein werden.|
4. Was für den "Deutsch-Italienisch-Schweizerischen Vorschlag" namentlich einnimmt, ist der Umstand, daß, wenn dem Consortium, welches die Beschaffung des Baucapitales übernimmt, der ihm hierfür eingeräumte Hauptvortheil, nämlich derjenige der Participation an der erzielten Kostenersparniß, zukömmt, die Actiengesellschaft denselben Vortheil in stark multiplizirter Weise genießt. Gerade diese Seite des Vorschlages läßt ihn in einem besonders gewinnenden Lichte erscheinen und ich würde Ihnen nicht die volle Wahrheit sagen, wenn ich Ihnen verschweigen würde, daß der Vorschlag in dem Kreise des Ausschusses der Gotthardvereinigung und in demjenigen des Schweizerischen Bundesrathes übereinstimmend und beiderseits einmüthig mit Acclamation begrüßt wird.
Indem ich auch in diesem Schreiben, da die Verhältnisse drängen, um möglichst beförderliche und thunlichst bestimmte Rückäußerung bitte, zeichne ich in aller Hochachtung und Ergebenheit1
P. S.
«Heute Protokolle empfangen über deren Inhalt irregeführt war. Werde hiernach Plan abändern. Telegraphiert, ob meine Vermuthung richtig, daß italienisches Projekt Provision an Actien und Coursverlust auf Obligationen auf [Unterschrift?] von 175 und 187 Millionen deckt.»
In Folge dieser Einläufe beeile ich mich, Ihnen unter [E...?] ein Exemplar des Protokolles der internatiionalen Gotthardkonferenz zu übersenden und lasse ich ferner ein Telegramm nachfolgenden Inhaltes an Sie abgehen:
«Ihre Vermuthung unbegründet. Lasse heute zwei längere Schreiben an Sie abgehen. Bitte, nichts abschließliches zu formulieren bevor Sie dieselben gelesen. Verreise heute Abend für einige Tage.»