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Sie sei "entzückt und erstaunt", dass sie mit dem Reinhart-Ring ausgezeichnet worden sei, sagt die Westschweizer Schauspielerin und Sängerin Yvette Théraulaz im swissinfo.ch-Interview. Théraulaz habe über 50 Jahre lang die Westschweizer Theaterszene geprägt, so die Jury.
Der Hans Reinhart-Ring ist die höchste Auszeichnung für Schweizer Theaterschaffende. Er wird jährlich vergeben. Die 66-jährige Yvette Théraulaz hat Marivaux, Duras, Kleist und Brecht gespielt. Sie ist in Frankreich, Belgien, Deutschland, Polen und Elle Québec aufgetreten und lebt in Freiburg.
swissinfo.ch: "Wie ein Schwindelgefühl", so heisst ihre neuste CD. Löst der Reinhart-Ring bei Ihnen ein Schwindelgefühl aus?
Yvette Théraulaz: Ja, wie ein Schwindel, der Entzückung auslöst. Ich bin glücklich, aber auch erstaunt. Als ich die Neuigkeit erfahren habe, habe ich mich gefragt, "wieso ich"? Ich stelle mir diese Frage bei jedem Preis, den ich erhalte. Ich habe immer ein wenig Angst, dass ich den Ansprüchen nicht genügen könnte. Die Schweiz ist ein kleines Land. Man hat sehr schnell mal in allen Theatern gespielt. Man muss sich also unablässig neue erfinden, um das Publikum nicht zu langweilen. Man stellt sich also ständig wieder in Frage. Das führt zu Zweifeln. Mit einem Wort: Ich fühle mich nicht legitimiert.
swissinfo.ch: Wieso?
Y.T.: Ich war nicht dazu prädestiniert, Schauspielerin zu werden. Ich bin Autodidaktin. Ich habe nur die obligatorische Schulzeit absolviert. Das hat mich lange Zeit verfolgt. Zudem stamme ich aus einem bescheidenen Milieu. Meine Schüchternheit kommt der Sache auch nicht entgegen. Wenn ich meine Freunde anschaue, die aus wohlhabenden Familien stammen, stelle ich fest, dass sie sich überall wohl fühlen. Sie stellen sich keine Fragen über ihre Daseinsberechtigung. Ich habe mir meinen Platz erkämpfen müssen.
Yvette Théraulaz
Die Freiburger Schauspielerin und Sängerin wurde am 28. Februar 1947 in Lausanne geboren.
Im Alter von 18 Jahren tritt sie für einige Jahre dem Théâtre Populaire Romand (TPR mit Sitz la Chaux-de-Fonds bei.
Mit 30 beginnt sie ihre Karriere als Chanson-Sängerin. Sie nimmt 1982 und 1986 am Festival Printemps de Bourges in Paris teil.
Als Schauspielerin arbeitet sie in der Schweiz, aber auch in Frankreich und Belgien. Als Sängerin tourt sie durch die Schweiz, durch Europa und Kanada.
Sie hat mit grossen Theater-Regisseuren wie Benno Besson, Claude Stratz, Philipe van Kessel und Joël Jouanneau zusammengearbeitet.
2013 erhält sie den Reinhart-Ring, der als höchste Auszeichnung für Theaterschaffende in der Schweiz gilt. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Christoph Marthaler, Luc Bondy oder Anne-Marie Blanc.Infobox Ende
swissinfo.ch: Ist es nicht so, dass Talent mehr mit dem Erfolg zu tun hat, als das Geld?
Y.T.: Ich denke, dass die Dauer meiner Karriere, die Beständigkeit diesen Ring rechtfertigt. Ich bin seit 50 Jahren in diesem Metier. Ich muss sagen, dass ich im richtigen Moment auf die Bühnen gekommen bin. Es gab nicht eine Krise, wie wir sie heute haben. Zudem hatte ich die grosse Chance, mit dem Regisseur Benno Besson zusammenzuarbeiten. Das war 1961. Er war schon in ganz Europa bekannt und hatte mich für eine Rolle im Brecht-Stück "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" engagiert. Ich war 14 Jahre alt. Eines Abends hat er mich angeschaut und gesagt: "Du wirst Theater machen." Ich werde diese Worte nie vergessen. Sie haben in mir die Passion für das Theater ausgelöst,
swissinfo.ch; Sie hätten später eine Karriere im Ausland ins Auge fassen können. Wieso sind sie in der kleinen, engen Schweiz geblieben?
Y.T.: Ich hätte eigentlich ins Ausland gehen sollen. Vor allem, als ich in den 198oer-Jahren Paris bekannt geworden war. Selbst das Olympia hat mir damals einen Vertrag angeboten. Aber ich hatte ein Kind und habe mich entschieden, in der Schweiz zu blieben. Ich habe das nie bereut, nicht nur aus familiären Gründen, sondern auch, weil ich mich beschützter gefühlt habe, als beispielsweise in Paris. Ich kann mich nicht gut verkaufen. Hier in der Schweiz bleibe ich eine Handwerkerin, die es vorzieht, ihre Arbeit zu perfektionieren, statt ständig marktschreierisch auf sich aufmerksam zu machen.
swissinfo.ch: Freiheit, die Rolle der Frauen, das sind permanente Themen in ihren Stücken und bei ihren Auftritten. Ist das ein Zufall?
Y.T.: Es gibt Rollen, die habe ich bewusst ausgewählt. Und es gibt andere, das sind Zufälle. Ich habe viele Rollen gehabt, in denen ich kämpferische Frauen verkörperte. Das hat auch damit zu tun, dass mir die Regisseure Charakterrollen gegeben haben. In meinen eigenen musikalischen Stücken habe vielfach Frauen verkörpert, denen das Leben Verletzungen zugefügt hat.
swissinfo.ch: Haben Sie selbst viele Verletzungen erlitten?
Y,T.: Mein Erlebnisse sind denen der meisten Leute ähnlich. Schauspielerin zu sein ist nicht einfach. Sie sind haben wenig Freizeit, vor allem abends. Wer mit ihnen zusammenlebt, kommt zwangsweise erst in zweiter Linie. Ich denke, dass sich Frauen voll dafür einsetzen, um zu helfen, wenn ihr Mann Schauspieler ist. Leider trifft das Gegenteil nicht zu. Wir leben noch in einer Kultur, in der die Frauen akzeptieren, dass sie sich opfern für das Glück und den Komfort ihrer Partner.
swissinfo.ch: Was haben Sie für Projekte für die Zukunft?
Y.T.: Ich bereite ein neues Liederprogramm vor, das den Namen "Les Années" trägt, also gleich heisst wie ein Roman von Annie Ernaux, der mich inspiriert hat. Das ist ein Kalender des Lebens, wenn man es so sagen kann. Ich werde ein Dutzend Daten auswählen, die mein Leben markierten. Ausgehend davon werde ich erzählen, was ich auf der Bühne und in der Stadt erlebt habe.
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