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Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit: Die Leitmotive der Französischen Revolution sind weite Begriffe. Ein Paradebeispiel dafür, wie «Gleichheit» interpretiert werden kann, lieferte unlängst die NZZ. Hausphilosoph René Scheu dozierte auf der Front darüber, «warum wirtschaftliche Ungleichheit eine Gesellschaft lebendig hält». Alles, was nach Umverteilung ruft, ordnet er einer Ideologie zu, die aus Ungleichem Gleiches machen will.
Scheus erster Denkfehler besteht darin, dass er «Gleichheit» rein ökonomisch betrachtet. «Armut auf absolutem Niveau schwindet auf dem Globus ebenso rasant wie Ungleichheit», schreibt er locker dahin. Zwar räumt er ein, dass «das Konzept der Chancengleichheit, die über eine allen zugängliche Bildung zu gewährleisten ist», unbestritten sei. Er unterschlägt aber, dass es dabei um weit mehr als um den Zugang zu Bildung geht und es – wie etwa durch die Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern – sehr wohl einen direkten Zusammenhang zwischen Chancenungleichheiten und ökonomischen Ungleichheiten gibt.
Dazu passt, wie Scheu mit den Begriffen «Verdienst» und «Glück» hantiert. So schreibt er: «Nicht nur Kinder erachten es als zutiefst ungerecht, wenn am Ende eines Spiels alle auf dem gleichen Platz landen oder alle Einsätze wieder gleich verteilt werden, ungeachtet von persönlichem Einsatz, Verdienst, Fleiss, Talent und Glück.» Die Frage jedoch, wie Kinder darauf reagieren, wenn die Einsätze schon vor dem Spiel ungleich verteilt sind, stellt er nicht. Mit einem grossen Erbe gesegnet zu sein, ist eben nicht einfach nur «Glück», sondern ein wettbewerbsverzerrender Vorteil, bevor das Spiel überhaupt erst begonnen hat.
Es geht also nicht um «Gleichmacherei». Sondern um einen Ausgleich der Ungleichgewichte, die durch krasse Chancenungleichheiten entstanden sind. Die Vorstellung einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind, ist tatsächlich furchterregend. Chancengleichheit in einem umfassenden Sinn jedoch wäre die beste Voraussetzung für eine offene, lebendige Gesellschaft, in der alle Menschen sich und ihre Talente so individuell und unverwechselbar wie möglich entfalten können.