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An den letzen olympischen Sommerspielen 2020 in Tokio heimste China stolze 88 Medaillen ein, davon 38 goldene. Nur gerade die USA waren noch erfolgreicher als die Volksrepublik. Ein bisschen anders sieht die Statistik aus, wenn man sich die Winterspiele anschaut. In Pyeongchang vor vier Jahren standen «nur» gerade neun Mal chinesische Sportlerinnen auf dem Podest, das reichte für Rang 16 im Medaillenspiegel. Einzig der Eisschnellläufer Wu Dajing krönte seine Leistung in Südkorea mit Gold.
Dass man nun im eigenen Land alles daran setzt, diese Statistik zu verbessern, dürfte für das ambitionierte China ausser Frage sein. Denn wenn die Spiele am 4. Februar starten, schaut die ganze Welt auf ein Land, das gerade in der Kritik steht. Die Unterdrückung der Uiguren und die damit verbundenen Menschenrechtsverletzungen, Repressionen gegenüber Aktivisten der Proteste in Hongkong sowie Drohgebärden gegenüber Taiwan. Für den Westen eine autoritäre Politik, die Peking als Gastgeber der Winterspiele disqualifiziere.
Viele Länder folgten einem Aufruf von mehr als 180 Menschenrechtsorganisationen, die Winterspiele in Peking zu boykottieren. Unter anderem wolle die USA, Australien, Neuseeland, Kanada, Japan sowie aus Europa nebst den baltischen Staaten, Belgien, Deutschland, Dänemark, Schweden, die Niederlande und England keine diplomatischen Vertreter nach China schicken. Auch der Bundesrat verzichtet darauf, die 168 Sportlerinnen und Sportler aus der Schweiz vor Ort anzufeuern, dies wegen der «unsicheren Pandemie-Situation», wie es von offizieller Seite heisst.
Sportliche Erfolge kämen da dem Lang gerade gelegen und könnten das angeschlagenen Image, zumindest vorübergehend, etwas aufpolieren. Dazu beitragen will auch Eileen Gu. Die 18-Jährige Freestyle-Skierin gilt als eine der ganz grossen Favoritinnen in den Disziplinen Halfpipe und Slopestyle. In China ist sie jetzt schon ein Superstar – und die grosse Sensation, schon vor den Spielen.
Ihr Stern ging 2020 bei den Olympischen Jugend-Winterspielen in Lausanne auf. Dort räumte sie zwei Gold- (Big Air und Halfpipe) und eine Silbermedaille (Slopestyle) ab. Ein Jahr später, bei den X-Games in Aspen, gewann Gu erneut zwei Goldmedaillen (Superpipe und Slopestyle), dazu eine bronzene Auszeichnung in der Disziplin Big Air. Und schliesslich gab es auch bei den Freestyle-Weltmeisterschaften, die ebenfalls in der mondänen Kleinstadt im US-Bundesstaat Colorado stattfanden, gleich nochmals zwei Gold- (Halfpipe und Slopestyle) und eine Bronzemedaille (Big Air) obendrauf.
Und vergangenen November gelang ihr im österreichischen Stubai ein Kunststück, das vor ihr noch keine Frau zustande brachte. Gu hatte es geschafft, einen, wie es in der Fachsprache heisst, Double Cork 1440 zu stehen. Das bedeutet: Sie vollbrachte einen Sprung mit zwei Saltos und vier vollen Umdrehungen um die eigene Achse.
Die Reaktionen auf den Sprung, von dem die Chinesin ein Video auf Instagram postetet, waren voller Bewunderung. Bleibt abzuwarten, ob ihr an den olympischen Wettkämpfen erneut solche Wahnsinns-Sprünge gelingen mögen.
Auch abseits der Piste läuft es für den Teenager gerade richtig gut. Wie «Sport Bild» schreibt, ist die Tochter einer chinesischen Mutter und eines amerikanischen Vaters an der renommierten amerikanischen Elite-Uni Stanford eingeschrieben. Daneben startet die in San Francisco geborene auch als Model und Influencerin durch. Auf Instagram hat die Athletin über 275'000 Follower. Für Labels wie Louis Vuitton, Victoria's Secret oder Tiffany & Co. spielt sie professionell mit der Kamera. Daneben war das Freeski-Wunderkind auch schon das Covergirl der Hongkong-Ausgabe der «Vogue». «Mein erstes Vogue-Cover und ich könnte nicht dankbarer sein. Alles schien ein weit entfernter Traum zu sein, bis sich die richtigen Leute entschieden haben, an dich und deine Vision zu glauben und sie zu fördern», freut sie sich auf Instagram.
Im Sommer 2019 gab Gu in den Sozialen Medien bekannt, neu für China starten zu wollen – und löste damit eine Kontroverse aus. Nach Berichten chinesischer Staatsmedien nahm sie dazu die chinesische Staatsbürgerschaft an. Da China aber keine doppelte Staatsbürgerschaft kennt, hätte Gu in diesem Fall ausdrücklich die US-Staatsbürgerschaft aufgeben müssen. Gemäss Recherchen des «Wall Street Journal» würden daher Zweifel bestehen, ob Gu tatsächlich die Staatsbürgerschaft gewechselt hat oder nicht. «Niemand kann leugnen, dass ich Amerikanerin bin, niemand kann leugnen, dass ich Chinesin bin», soll sie gemäss «Sport Bild» im Jahr 2021 in einem Interview mit der Zeitung «South China Morning Post» gesagt haben.
In Peking jedenfalls startet die chinesische Hoffnungsträgerin für das Gastgeberland. Und allen Spekulationen um ihre Nationalität zum Trotz, dürfen wir auf ihre Performance gespannt sein. So wie wohl auch Millionen sportbegeisterter Chinesinnen und Chinesen.