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Ikonischer Strohhut, beige-braunes Hemd, Wanderschuhe: Yellowstone-Park-Ranger Tim Townsend ist der Inbegriff eines liebenswerten Naturschützers. Langsam und ruhig fährt er seinen weissen Geländewagen durch die Wälder des Nationalparks – doch plötzlich biegt er bei einem Parkplatz ein, hält an und springt raus. Ein chinesischer Tourist steht circa 3 Meter von einem Bison entfernt, um das Wildtier zu fotografieren. 20 Meter beträgt die Sicherheitsdistanz.
Townsend ruft dem Mann zu, er sei zu Nahe. Er solle zurücktreten. Im gleichen Moment schnauft der Bison und macht plötzlich ein paar Schritte in Richtung des Touristen, der sich schnell hinter einem Baum versteckt. Der Bison – wohl mehr an Essen als am Menschen interessiert – senkt den Kopf wieder und geht langsam weiter.
«Glück gehabt», sagt Townsend, «meistens wollen die Bisons, Bären, Elche und Rothirsche im Park nur ihr Revier verteidigen». Die amerikanischen Bisonherden wären ohne den Nationalpark ausgerottet worden. Sie dulden die Touristen, aber sie sind weder zahm noch eingezäunt wie im Zoo. Und Townsend kann ihren Besitzanspruch irgendwie verstehen. Der Nationalpark ist nicht nur sein Arbeitsplatz, sondern auch seine Heimat.
Eine idyllische Kindheit
Townsend ist mit acht Jahren in den Yellowstone gezogen. Seine Familie wohnte im Norden des Parks, in der Nähe der heissen Kalksteinterrassen von Mammoth Hot Springs. Nur etwa ein Dutzend Klassenkameraden drückten mit ihm die Schulbank – und da seien schon zwei Jahrgänge zusammengelegt gewesen. Sie hatten keinen Fernseher, kein Internet, dafür aber ein 900‘000 Hektar grosses Naturgebiet zum Spielen.
Während des Studiums lebte Townsend zum ersten Mal «draussen», ausserhalb des Parks – doch schon bald zog es ihn nach Yellowstone zurück. Vor etwa 15 Jahren nahm er seine erste Stelle als Ranger bei den Siedequellen von Old Faithful an. Dort lernte er den Park anders kennen: als Gesetzeshüter, Naturschützer, Verkehrspolizist und manchmal auch als Viehtreiber. Die regelmässigen Eruptionen des Geysirs seien wie eine Art Arbeitszulage, sagt er. Genau wie die Bären und Wölfe, die er beim täglichen Rundgang beobachten kann. «Ich werde dessen nie überdrüssig», meint er.
Hochzeit beim Geysir
Bei Old Faithful lernte Townsend auch seine Frau kennen, die als Krankenschwester im Park arbeitete. Ihre Hochzeit feierten sie auf der Terrasse des historischen Hotels Old Faithful Inn mit Blick auf den Geysir. «Ich habe die Richtige geheiratet», sagt Townsend, «denn meine Frau liebt den Park so wie ich – im Sommer wie Winter».
Seit drei Jahren gehört das Paar zu den wenigen Menschen, die ganzjährig in Yellowstone leben. Im Winter seien die Strassen im Zentrum des Parks, um die Felsenschlucht, die sie «Grand Canyon des Yellowstones» nennen, nur noch mit Schneemobil befahrbar, sagt Townsend. Einkäufe werden 50 Kilometer auf Schlitten hinterhergezogen – bei Temperaturen um Minus 40 Grad.
Abgeschnitten von der Welt, doch nicht allein
Es ist kein leichtes Leben im Erholungsort Yellowstone. Doch gerade die Abwechslung seiner Arbeit im Park, liebe Townsend. Im Sommer erfreue er sich an den Menschen, die den Park bestaunen. Und im Winter geniessen Townsend und seine Frau die Idylle ihrer Heimat in Ruhe – denn dann haben sie den Nationalpark fast für sich allein.
Sendung: SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 24.07.2015, 17:45 Uhr
Sommer-Serie «Im Schatten von»
Die Korrespondenten von SRF Kultur erzählen Geschichten von Menschen aus aller Welt, die im Schatten von grossen Wahrzeichen stehen. Vom 13. bis zum 31. Juli, immer wochentags um 17:45 Uhr auf SRF 2 Kultur zu hören.