Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03168.jsonl.gz/824

Die Applied History Lecture an der Uni Zürich «The Pacific and the Modern World” wurde im Dezember 2017 von Matt Matsuda (Rutgers University) eröffnet. Er gab einen reich bebilderten, beeindruckenden Überblick über die Geschichte des anderen Drittels der Welt, die Geschichte des Pazifiks. Und er gab mir Anlass, mich an meine Geschichte mit dem Pazifik zu erinnern.
Meine Geschichte und der Pazifik
Wenn ich an den Pazifik denke, so denke ich an den 6.6.66. Das Datum ist mir in Erinnerung, weil unsere Familie damals Erdbeerenkonfitüre einmachte, und ich als 11jähriger die Etiketten beschriftete. Konfitüre machen war eine schöne gemeinsame Arbeit und es war eine Herausforderung, die Konfitüre zu probieren, ohne sich die Zunge zu verbrennen. Am Vorabend hatte ich damit begonnen, Thor Heyerdahls «Kon Tiki» zu lesen. Das Buch fesselte mich sofort – und während ein Pfanne voller Konfitüre kochte und es weiter nichts zu tun gab, legte ich mich jeweils rasch aufs Bett und las weiter. Die Beschreibung von Heyerdahls Forschungsreise, mit der er zeigen wollte, dass die pazifischen Inseln von Südamerika her besiedelt worden waren, die Abenteuer auf dem selbstgebauten Floss, die Schwarzweissfotos faszinierten mich so, dass ich mich auch mehr als 50 Jahre später noch daran erinnere.
1974 sah ich «den Pazifik» dann von San Francisco aus das erste Mal. Robben, Brandung, Weite.
Beim Stichwort Pazifik denke ich auch an 1980, als ich mit einem Jumbo Jet voller japanischer Hochzeitspaare von Osaka nach Guam flog und dann als Passagier der stolzen Air Nauru weiter über Nauru nach Tarawa in Kiribati. Später besuchte ich die Fidji-Inseln und Apia und Pago Pago auf Samoa. Ich erinnere mich an das – heute versinkende – Tarawa-Atoll, die Bootsfahrten und Wanderungen, die Gespräche über Banaba. Ich denke an ein Holzpferdchen aus Japan, das ich einer alten Einwohnerin schenkte, weil ich nichts anderes dabei hatte – ich ärgerte mich lange über meine mangelnde Sensibilität; der von Japan begonnene pazifische Krieg hatte ja enormes Leid über ihre Generation gebracht. Sie hat das Pferdchen aber ohne weitere Regung entgegengenommen.
Viele Jahre später, 2004 besuchten wir mit unserer Familie die Bay of Island in Aotearoa Neuseeland, wo der Vertrag von Waitingi abgeschlossen wurde und die wir 2004 mit unserer Familie besuchten. Der Pazifik war mir sofort wieder nahe.
Ich habe das Wasser des Pazifiks nicht im Blut, aber bei der Lektüre von Matt Matsudas Buch hörte ich seine Wellen wieder rauschen.
We sweat and cry salt water, so we know that the Ocean is really in our blood – Teresia Teaiwa
«Pacific Worlds – A History of Seas, People and Cultures»
Ich orientiere mich im Folgenden an Matt Matsudas Ausführungen während der Vorlesung und vor allem an seiner eindrucksvollen Monographie «Pacific Worlds – A History of Seas, People and Cultures» (Cambridge University Press, 2012), Positionsangaben aus dem Kindle-e-Book.
Der Pazifik lässt sich nicht als enorme Weite beschreiben, eher als «Assemblage» von Elementen: Siedlungen, Unterbrechungen, Verbindungen, Navigation, Migration. Epeli Hau’ofa hat den Ausdruck «Sea of Islands» geprägt.
Die drei Regionen, Melanesien, Mikronesien und Polynesien und das maritime Südostasien wurden als Kulturräume von Europäern definiert, was zu Stereotypisierungen führt und das Translokale, Verflochtene, Verbindende zu wenig zur Geltung bringt.
1) Zivilisation ohne Zentrum
Während des glazialen Maximums im Pleistozän, als das Polareis viel mehr Fläche einnahm, war die Meereshöhe entsprechend niedriger, der Planet verfügte über mehr Landfläche. Wo heute Inseln sind, gab es Landbrücken, die die damaligen Migrationsströme in die pazifische Region begünstigten.
Immer wieder werden Reste von Siedlungen entdeckt, die heute weit unter dem Meeresspiegel liegen.
Der – heute von Menschen verursachte – klimatische Wandel drängt die Menschen weiter zu Migration.
2006 mussten die Einwohner der Tegua-Inseln auf Vanuatu umgesiedelt werden, heute wird das Tarawa-Atoll nur noch durch ständige Sandaufschüttungen vor dem Untergang bewahrt.
Innerhalb der Lebenszeit der heute lebenden Generationen könnte die Heimat der Bewohner von Vanuata, der Marshall-Inseln, Tuvalu, Kiribati und der Küstengebiete Papua Neuguineas im Meer versinken. (S. 13)
Grosse Migrationsbewegungen fanden um 4000 v.Chr. statt, als die Vorfahren der Chinesen entlang dem Gelben Fluss expandierten und einzelne Gruppen auf der koreanischen Halbinsel und auf der japanischen Hauptinsel Honshu zu siedeln begannen. Um 3000 v. Chr. fanden migrierten Sammler, Fallensteller und Bauern mit Flossen aus dem heutigen China und Taiwan Richtung südostasiatische Inseln und bis auf die Korallenatolle Ozeaniens statt. Bewohnerinnen und Bewohner von den Osterinseln bis nach Madagaskar haben auf Grund solcher Migrationen gemeinsame «austronesische» Vorfahren. In dieser durch Wasser verbundenen Welt ist das Boot zentral, bis heute sind in vielen Sprachen die Begriffe für «Boot», «Sarg» und «kleinste politische Einheit» identisch.
In der heutigen Region der melanesischen Inseln bildete sich durch wechselseitige Heiraten ein «kultureller Komplex» aus, der nach dem Keramikstil «Lapita» genannt wurde- Auf Grund von Funden von Lapita-Keramik kann man davon ausgehen, dass ein reger Austausch zwischen den Inseln herrschte.
2) Handelsringe und Imperien in den Fluten
Auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf reisten die Clans regelmässig von Insel zu Insel, sie sammelten Vogel- und Schildkröteneier, schnitten Pandanus-Blätter, fingen in Korallenriffen Fische und sammelten Kokosnüsse. Es entstanden Handelsringe, in denen man Kokosnüsse und Gewobenes tauschte und sich gegenseitig dabei unterstützte, Stürme und Dürren zu überleben.
Handelsringe dienten aber auch politischen und spirituellen Zwecken, Häuptlingen wurde Tribut bezahlt. Auf Yap entstand ein zeremonielles Zentrum der Mächtigen, mit Steinterassen, Plattformen mit Wohnungen, Obstgärten und Feldern für Taro-Anbau. Entlang der Küste von Pohnpei breitete sich das spirituelle und megalithische Zentrum Nan Madol aus. Von hier aus herrschten laut Legende 1000 Adlige der Saudeleur-Dynastie. (S. 24)
Auch Tongatapu, das oft mit Stonehenge verglichen wird, zeugt von alten Zivilisationen.
Die Tonga-Inseln waren ebenfalls Zentrum eines «Imperiums» oder zumindest eines starken Handels- und Tributnetzwerks. Staatsoberhaupt war der Tu’i Tonga, der einem grossen königlichen Hof vorstand. Die Gesellschaft war stark stratifiziert, es gab zeremonielle Begleiter, Kriegsgefangene, Familienangehörige von niedrigem Rang und spezialisierte Handwerker wie Fischer, Schnitzer und Seefahrer. (S. 26) Der Handel, v.a. mit Fidji und Samoa war intensiv. Wie andere ozeanische Netzwerke war der Handel mit politischen Allianzen und Verwandtschaftsbeziehungen verknüpft. Mitglieder der Herrscherfamilien heirateten untereinander, was zu Abhängigkeiten und z.B. auch zum Aufstieg legendärer Herrscherinnen führt. Die bekannteste ist wohl Salamasina, die im späten 15. Jahrhundert alle samoanischen Inseln unter ihrer Herrschaft vereinte und wegen des 40 Jahre währenden Friedens verehrt wird (s. 28).
In Südostasien unterwarf China Korea und Vietnam, die Seidenstrasse florierte. Hinduismus und Buddhismus reisten mit Händlern und Mönchen, die arabische Halbinsel, Indien und Südostasien waren aber auch über das Wasser verbunden.
Der Handel aus den Gewürzinsel war weitgehend von indischen Händlern kontrolliert und auch die malaiischen Königtümer waren weit stärker von Indien als von China beeinflusst.
Mit dem Srivijaya-Imperium, deren dynamisches buddhistisches Zentrum bei Palembang auf Sumatra lag, flossen Buddhismus und Politik zusammen, die Strasse von Malakka, zentral für die Handelsrouten wurde von hier aus kontrolliert, mit dem Handel ging auch ein Wissenstransfer einher.
Der Borobudur auf Java ist bis heute eindückliches Monument die Srivijaya-Kultur.
Den Mongolen unter Kublai Khan gelang die Invasion Javas nicht (wie sie auch nicht in Japan Fuss fassen konnten), auf Java wurde die Majapahit-Dynastie gegründet. Indonesien führt seinen Staat und seine territorialen Ansprüche bis heute auf das Majapahit-Imperium zurück.
Als Kultur einer Elite verbreitete sich der Islam entlang der Handelsrouten.
Leonard Blussé hat im November 2017 an der Universität Zürich einen Vortrag über «The maritime prohibitions of China und Japan during the seventeenth century: a reassessment» gehalten. Er bezog sich dabei häufig auf sein Buch «Visible Cities: Canton, Nagasaki, and Batavia and the Coming of the Americans»1
Die drei Städte waren nicht nur durch Handelsrouten über das Südchinesische Meer miteinander verbunden, sondern auch durch den Umstand, dass sie alle stark von den globalen Transformationen Ende des 18. Jahrhunderts betroffen waren. Alle drei Städte beherbergten – bei aller kulturellen Verschiedenheit – Einwohner aus den Niederlanden und Fujian (S. x).
Blussés Buch entstand aus seinen «Edwin O. Reischauer Lectures» in Harvard. Er lehnte sich dabei wie auch in Zürich an die Braudels (Wikipedia) Dramaturgie an: Zuerst den Appetit mit einer Langzeitperspektive anregen, dann einen Hauptgang mit konjunkturellen Entwicklungen und schliesslich zum Dessert das Tun und Lassen von Individuen.
Ich fasse hier die Publikation von 2008 «Visible Cities» zusammen, alle Seitenzahlen beziehen sich darauf.
Den Titel borgte Blussé einerseits bei Italo Calvino. In seinem Roman «Invisible Cities» (deutsch: Die unsichtbaren Städte, Amazon) schildert der Erzähler Marco Polo dem mongolischen Grosskhan und chinesischen Kaiser Kublai Khan (Ostasieninstitut Hochschule Ludwigshafen) die verschiedensten Formen von Stadtleben in seinem grossen Reich. Im Grunde sind aber all die Erzählungen Marco Polos nur Variationen seines Heimwehs nach Venedig.
Andererseits gibt es über drei Städte Batavia (heute Jakarta), Kanton (Guangzhou) und Nagasaki so viel Archivmaterial und zahlreiche Bilder, dass man sie gut als «visible cities» bezeichnen kann. Von den Hafenstädten, in denen Ost und West aufeinandertrafen sind sie wohl die meist porträtierten.
Kapitel 1: Three Windows of Opportunity
Die maritime Sphäre
Handelsstädte entlang der Land- und Seewege waren Orte, an denen das Leben kosmopolitisch geprägt war, Orte, wo Reisende von weit weg sich trafen, um Güter und Gerüchte zu tauschen.
Blussé will in seinem Buch auch aufzeigen, dass die traditionellen Beziehungen Chinas und Japans zum maritimen Bereich bis heute geschichtsmächtig sind. Man muss sie kennen, um die globalen Auswirkungen der chinesischen und japanischen Geschichte in der frühen Neuzeit und bis in die Gegenwart zu verstehen. Im Südchinesischen, Ostchinesischen und Japanischen Meer prallen die Interessen der beiden Grossmächte China und Japan bis heute aufeinander.
Batavia, Kanton und Nagasaki waren Tore zu Java, China und Japan, sie waren gleichzeitig auch wichtige Knoten im Netzwerk, der grössten Handelsmacht in der Region, der «Verenigde Oost-Indische Compagnie (VOC)» )(4).
Guangzhou, das damals im Westen als Kanton bekannt war, war zusammen mit Macao der Anlaufhafen für ausländische Kaufleute im riesigen Quing-Reich.
Nagasaki, wurde vom Tokugawa-Shogunat als einziger Hafen in Japan bestimmt, in dem chinesische und holländische Händler Handel treiben durften.
Batavia schliesslich war der Knotenpunkt des Handelsimperiums der VOC und völlig vom Seehandel abhängig.
Chinas Küstenprovinzen schliesslich, im Speziellen Fujian waren direkt oder indirekt die treibende Kraft für den gesamten Handel im chinesischen Meer.
Der zeitliche Rahmen
Die Zeit um 1790 war auch in China eine Krisenzeit mit grossen Überschwemmungen des Gelben Flusses und des Yangzi. Die Bevölkerung verdoppelte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von 140 auf 300 Millionen. Politisch war der Übergang vom sehr lange herrschenden Quianlong-Kaiser mit seiner korrupten Entourage zum Jiagquing-Kaiser schwierig.
In Japan verursachte die Eruption des Asama 1783 Missernten, Hungersnöte und Bauernaufstände. Die Nachfolger von Shogun Tokugawa Ieharu verfolgten eine strenge Austeritätspolitik, setzten moralische Normen durch und schränkten den Überseehandel nochmals erheblich ein.
Auf dem indonesischen Archipel verlor die VOC ihre Hegemonie durch die grossen Verluste an Schiffen im vierten Englisch-Niederländischen Krieg (1780 – 1784) (Wikipedia), der Unterbruch der Verbindungen nach Asien während der napoleonischen Kriege führte dann zum Bankrott der VOC:
Aus einer globalen Perspektive betrachtet fanden in dieser Zeitperiode mit der Industriellen Revolution und der französischen Revolution simultan zwei Revolutionen statt und Adam Smith beschrieb das neue Paradigma der freien Marktwirtschaft, die zum Ende des Merkantilismus mit seinen Monopolen führen würde. Ein neues Informationszeitalter war am Entstehen, das Wissen über andere Zivilisationen auf anderen Kontinenten war in Europa an jedem Teetisch präsent. Britannien verlor sein erstes Imperium in der westlichen Hemisphäre und baute sich ein zweites in «Monsun-Asien» auf. Das russische Reich und die Vereinigten Staaten verschoben ihre «Frontier» ständig und erreichten den östlichen Rand Asiens.
Um 1800 veränderte sich der Seehandel in Südostasien und Ostasien massiv, 200 Jahre niederländische Kontrolle in den Meeren rund um den indonesischen Archipel waren zu Ende und ein spektakulärer Anstieg von Piraterie und von Eindringlingen, die nach neuen Handelsrouten suchten war zu beobachten (7).
«In short, the turn of the eighteenth into the nineteenth century was a period of global transition and changing overseas entanglements to which the regimes of China, Japan, and Java were forced to respond.» (8)
Chinesischer Überseehandel
Chinesische Dschunken besuchten Nanyang (d.h. die südlichen Meere) seit fast einem Jahrtausend (10), bevor Europäer in dieser Weltgegend anzutreffen waren. Die Dschunken verliessen die Küstenregionen Chinas jeweils vor dem Beginn der Monsun-Zeit um das chinesische Neujahr und kehrten nach dem Wechsel der Monsunwinde im Juni zurück. Zwischen Juli und Oktober war die Seefahrt wegen der Taifuns sehr gefährlich.
Anders als bei den europäischen Mächten üblich folgte die chinesische Flagge aber nicht dem Handel. Im Gegenteil wurden durch die Herrschenden immer wieder Verbote, für eine längere Zeit zu migrieren, ausgesprochen. Solche Verbote vermochten Handel und Migration aber jeweils nicht zu unterbinden. Die Verbote wurden in der Geschichtsschreibung zur Kenntnis genommen und auch die Tatsache, dass China keine Kolonialisierung im europäischen Sinn anstrebte führte dazu, dass die Bedeutung der schleichenden Expansion und wirtschaftlichen Durchdringung von Südostasien durch China von der westlichen Geschichtswissenschaft missverstanden und massiv unterschätzt wurde. (12)
In China selbst galt die Sorge nicht den Ausländern sondern der Tatsache, dass diese die chinesische Bevölkerung mit ihren Ideen beeinflussen könnten. Dass von den europäischen Mächten auch ganz andere Bedrohungen ausgingen, merkten die Manchu-Herrscher in China erst beim Beginn des Opiumkrieges 1839.
Der chinesische Überseehandel sollte denn nach Blussé auch nicht als ein Resultat des Tributsystems der kaiserlichen Regierungen, sondern als Resultat der Handelsmöglichkeiten, die sich für die Regionen entlang der südöstlichen chinesischen Küste ergaben, gesehen werden (14).
Die Politik der Zentralmacht in China schwankte zwischen einer Förderung des privaten Handels und des Versuchs, den Handel völlig zu monopolisieren und ins Tributsystem einzugliedern. Die Handel treibenden Chinesen wurden in diesen Zeiten als Eindringlinge, die das imperiale Ordnungssystem verletzten, gesehen.
In diesem Zusammenhang sieht Blussé auch die Flotten Zheng Hes, die unter dem Yongle-Kaiser (1403- 1424) nicht weniger als 37 «Länder» erreichten. Weil diese in der Folge regelmässig Gesandtschaften mit Tributzahlungen nach China schickten, sahen die frühen Ming-Kaiser keine Notwendigkeit zu weiteren Expeditionen. Stabilität war hergestellt, man konnte das Land wieder weitgehend isolieren, eine Politik, die haijin genannt wurde.
Verbote von Migration und Handel führten aber z.B. dazu, dass Handel treibende Chinesen aus Fujian trotz des Verbotes sich auf den sowohl Japan wie China gegenüber tributpflichtigen Ryukyu-Inseln etablieren und von dort aus einen blühenden Handel mit Südostasien und den gegeneinander mehr oder weniger abgeschotteten Reichen Japan und China treiben konnten.
Weil die Prohibitionspolitik in der Regel nicht funktionierte, versuchten die Herrscher, den privaten Handel in Bahnen zu lenken, der Hafen von Guangzhou spielte früh eine Rolle, da er Eingangstor für die Delegationen der tributzahlenden Länder war. Schliesslich wurde sogar den Portugiesen in Macao ein Handelsplatz zugewiesen.
Portugal und die VOC
Europäer sicherten sich Ende des 16. Jahrhunderts einen Anteil am Handel im südchinesischen Meer. Die Portugiesen segelten die Route nach Macao und dann weiter nach Nagasaki, die Holländer nach Batavia und die Spanier nach Manila. Seide und Porzellan aus China wurden so gegen japanisches Silber getauscht. Die Spanier brachten Silber aus Südamerika nach Manila, um damit für Europa bestimmte Güter wie Seide und Porzellan zu bezahlen.
Die 1602 gegründete VOC hatte von den Niederlanden weitreichende Privilegien bekommen, sie konnte östlich des Kaps der Guten Hoffnung Verträge schliessen und Krieg führen. Als die Holländer 1595 in Südostasien ankamen, waren die Handelsbeziehungen von China mit Spanien und Portugal schon gefestigt. Mit der Gründung von Batavia konnte aber ein wichtiger Knotenpunkt geschaffen werden, es gelang den Holländern in Monsun-Asien ein Handelsnetz zwischen den textilproduzierenden Regionen Indiens und den Gewürzinseln der Molukken aufzubauen und einen grossen Anteil am enorm profitablen Silber-für-Seide-Markt zwischen Japan und China 1639 schliesslich zu monopolisieren.
Holland stellte sich als Alternative zu den mittlerweile in Japan verhassten Portugiesen dar, in dem Holländer den Japanern z.B. versicherten, dass sie den Katholizismus genau so hassten, wie diese. Mit dem Monopol verbunden war allerdings die Schliessung des holländischen Handelspostens in Hirado und die Verschiebung des Handels auf die künstliche Insel Deshima in der Bucht von Nagasaki, auf der vorher die Portugiesen Handel getrieben hatten.
Die VOC profitierte auch sonst von der Isolierung Japans (kaikin ab 1636) , indem sie auf Handelsrouten zwischen Kambodscha, Vietnam, Siam und Formosa und Japan nun über das Handelsmonopol verfügte. Als sie schliesslich das portugiesische Malakka besetzte und so die Kontrolle über die Strasse von Malakka erhielt, wurde Holland zur dominierenden westlichen Macht in der Region.
Machtwechsel in China
Die Ablösung der Ming-Dynastie durch die das Reich erobernden Manchus brachte zwischen 1630 und 1680 ein halbes Jahrhundert Unruhen mit sich. In der gleichen Zeit führten die Versuche der VOC, China für den Handel weiter zu «öffnen» zu einer Ausbreitung von Piraterie und Schmuggel, da es nun möglich war, so gute Geschäfte mit den Holländern zu machen. In Manila, Nagasaki und Batavia entstanden wichtige «Chinatowns» . Das ursprünglich von den Portugiesen, dann den Holländern besetzte Formosa wurde, nachdem dort 1683 die letzten ausharrenden Ming-Getreuen geschlagen worden waren, Teil des chinesischen Reiches.
Die Manchu-Regierung erlaubte den privaten Handel ab 1683 wieder, was zu einem unerhörten Boom führte. Batavia und Nagasaki waren am stärksten davon betroffen und wurden von einer grossen Menge chinesischer Dschunken angesteuert.
In Batavia entband dies die Holländer davon, eigene Schiffe an Chinas Küste zu senden und dort hohe Zölle bezahlen zu müssen, die Stadt wurde nun wie von selbst mit Seide und anderen Handelsgütern beliefert. Der Boom führte aber auch zu einer grossen Migration aus den chinesischen Küstengebieten. Auch in Nagasaki wohnten bald 5000 Chinesen so dass die dortige Regierung beschloss, sie in einem Chinesischen Quartier (tojin machi) zu konzentrieren.
1717 verhängte der Kangxi-Kaiser, um der Auswanderung und der Piraterie Herr zu werden, wieder ein Überseehandelsverbot, das sich innerhalb Südostasiens aber kaum durchsetzen liess.
Tee und Kaffee
Der VOC wurde durch das Verbot aber klar, wie stark sie vom chinesischen Netzwerk abhängig war und sie begann zu «diversifizieren», in dem sie auf Java mit aus Yemen importierten Kaffeepflanzen Plantagen errichtete. Die Anpflanzung von Tee blieb vorerst ein gut gehütetes chinesisches Geheimnis. Tee konnte nur via Kanton erworben werden. Weil er möglichst frisch in Europa ankommen sollte, wurde der Handel via Batavia mehr und mehr zum Konkurrenznachteil, die VOC musste Kanton ab 1727 auch wieder direkt aus Europa anfahren.
Kapitel 2: Managing Trade across Cultures
Im zweiten Kapitel gibt uns Blussé Einblick in die drei Städte. Die Situation war für die VOC in Kanton und Nagasaki wo «the VOC was operating “among declared enemies and feigned friends.”» natürlich eine völlig andere als im unter seiner Kontrolle stehenden Batavia.
Batavia
Das von der VOC an handelsstrategisch zentraler Stelle auf Java angelegte Batavia war eine mutikulturelle Stadt, ein Mix aus europäischer Planung und lokaler Tradition, gegründet und regiert von der VOC, die mit ihren Lagerhäusern und Werften auch am meisten Platz einnahm.
Ein Schloss überragte Stadt und Hafen, holländische Segelschiffe (Dutch East Indiamen), chinesische Dschunken und Segelschiffe anderer westlicher Nationen ankerten im Hafen.
Im Handel würden häufig örtliche Gebräuche und Rituale übernommen, ansonsten hatten die Holländer für sich eine Bürgergesellschaft mit Stadthäusern, Spitälern, Gerichten, Kirchen usw. aufgebaut: Holland in den Tropen. Den für den Handel und als Arbeitskräfte wichtigen Chinesen wurden gleichartige Institutionen zugestanden.
Batavia entwickelte sich zu einem Magneten mit einer internationalen Einwohnerschaft. Holländer, asiatische Christen und Chinesen wohnten mit einer grossen Anzahl Sklaven innerhalb derselben Stadtmauer
In der Umgebung wurden «ethnic communities» mit Balinesen, Bugis, Maduresen angesiedelt, die bei Bedarf Truppen für die Holländer stellten.
Chinesische Schiffe waren bezüglich Zollgebühren stark privilegiert, der «chinesischer Korridor» brachte viele chinesische Produkte und billige Arbeitskräfte in grosser Zahl. Das Niederschlagen einer Revolte chinesischer Arbeiter auf umliegenden Zuckerplantagen weitete sich im Oktober 1740 zu einem Massaker an den in Batavia ansässigen Chinesen aus, das massive Pogrom ging unter dem Namen «Chinezenmord» in die Geschichte ein.
Weil das chinesische Kaiserreich die im Ausland lebenden Chinesen ohnehin als Verräter ansah, unterblieb eine heftige Reaktion, der für beide Seiten einträgliche Handel konnte weitergehen.
Wirtschaftlich begann der Niedergang Batavias mit der Entscheidung, VOC-Schiffe wieder direkt nach Kanton zu senden. Für die Dschunken war es dadurch nicht mehr attraktiv, mit ihrem Tee Batavia anzusteuern, der chinesichen Dschunkenhandel verlagerte sich auf Handelsplätze entlang der Küste Nanyangs wie Johor (60).
Der Niedergang wurde aber auch durch die für die Gesundheit prekären Verhältnisse weiter vorangetrieben, kaum jemand wollte noch in der Stadt wohnen, nachdem die Sterbensrate am Ende des 18. Jahrhunderts auf über 30% gestiegen war, d.h. innert dreier Jahre starb eine ganze Stadtbevölkerung. Grösster Killer war die «Mal-aria», d.h. schlechte Luft, in der man die Ursache der Krankheit suchte. In Wirklichkeit fanden die die Malaria übertragenden Mücken aber in den neu angelegten Fischzuchten wohl ideale Brutbedingungen vor und vermehrten sich rasant. Die «Königin des Ostens» war zum «Friedhof des Ostens» geworden.
Nagasaki
Die künstliche aufgeschüttete fächerförmige Insel Tsukishima bzw. Deshima und das chinesische Quartier tojin yashiki prägten das Bild Nagasakis
Nach Deshima waren 1636 die Portugiesen umgesiedelt worden, bevor sie 1639 völlig ausgewiesen wurden. Die Holländer konnten sie beerben, mussten ihre Faktorei aber vom in der Nähe gelegenenen Hirado auf die Insel Deshima verlegen, das so für 200 Jahre zum Fenster Japans zur westlichen Welt wurde.
Der Handel auf Deshima war relativ einseitig, indem die Japaner den Preis festlegten, umgekehrt aber auch sämtliche Waren eines Schiffes abnahmen.
Das Leben war eintönig, die Hofreise jedes Jahr nach Edo, um dem Shogun die Referenz zu erweisen war eine willkommene Abwechslung.
Auf Deshima bestand, abgesehen von Kontakten mit Kurtisanen, die nach Deshima gerufen werden konnten und dort zum Teil Jahre blieben, wenig Gelegenheit in Kontakt mit der Bevölkerung zu kommen, während der Hofreise war das einfacher, man konnte auch Abstecher z.B. nach Kyoto oder Osaka ins Theater unternehmen.
Die Beschreibung einer Hofreise durch den Leibarztes Engelbert Kaempfer3 ist die Bekannteste, es existieren aber viele weitere Beschreibungen der fast 120 Reisen.
Der Handel wurde ständig eingeschränkt, 1790 durfte nur noch ein holländisches Schiff und sieben chinesische Dschunken pro Jahr in Nagasaki anlegen. Auch der Export von Silber als wichtigstem Exportprodukt wurde schliesslich unterbunden, von den Edelmetallen wurde nur noch Kupfer exportiert.
Japanische Verbindungen nach Korea (über Tsushima) und mit Ryukyu existierten immer. Deshima war aber der einzige Hafen, an dem regelmässig Nachrichten aus der ganzen Welt gesammelt werden konnten. Befragungen der Neuankömmlinge ermöglichten Japan, von der amerikanischen und französischen Revolution zu erfahren. Die französische Invasion Hollands konnte lange Zeit verborgen gehalten werden: in Batavia wurden amerikanische, deutsche und dänische Schiffe gechartert, so wurde auf Deshima als einzigem Ort der Welt während der ganzen napoleonischen Phase die Fahne der Niederlande gehisst.
Rangaku, die «holländische Wissenschaft» war eine Folge dieses Fensters zum Westen. 1640 aus Neugier an der westlichen Medizin gestartet weitete sich im 18. Jahrhundert der Wissenstransfer aus, es bestand ein grosses Interesse an der westlichen Wissenschaft und Technologie. Martin Dusinberre hat 2017 während einer Ringvorlesung aufgezeigt, wie die holländische Wissenschaft Japan auch ermöglichte, sich aus der «Sinosphäre» zu lösen und z.B. durch die Annäherung an die westliche Medizin ein vom chinesischen unterschiedliches Welt- und Menschenbild zu entwickeln.
Kanton
Kanton präsentierte sich als befestigte Stadt am Pearl River. Es konnte von fremden Schiffen nur via den Fluss mit einem Lotsen erreicht werden, die Fahrt dauerte ein bis zwei Wochen, der Verkehr war also sehr gut kontrollierbar.
Ein Hong-Händler, der vom Kapitän angeheuert wurde, übernahm die Abwicklung aller Fomalitäten und wurde dafür auch verantwortlich gemacht. Daneben waren Lingos, d.h. Übersetzer unumgänglich.
Im Gegensatz zu Nagasaki spielte in Kanton die Konkurrenz. Das «Kanton-System» liess Raum für Konkurrenz unter den Handelsnationen und auch unter den chinesischen Händlern, die mit den Fremden handelten. Der Handel funktionierte einwandfrei, was auch seinen Preis hatte. In mexikanischen Dollars waren sehr hohe Hafengebühren zu bezahlen
Die Faktoreien (Handelsniederlassungen) der Handelsnationen waren luxuriös ausgestattet, in den 1780er Jahren waren die Faktoreien von Dänemark, Österreich, Schweden, Frankreich, Grossbritannien und Holland nebeneinander angesiedelt und man hatte trotz der Konkurrenz regen sozialen Austausch.
Auch sonst war das Leben für Ausländer recht angenehm, die Faktoreivorsteher (Supercargoes) hatten in der Regel von Februar bis Juli nichts zu tun und verbrachten die Zeit mit ihren Frauen oder Konkubinen in Macao.
Der Handel in Kanton war wenig diversifiziert, sondern völlig von Tee dominert, da der Durst der Europäer und Amerikaner nach dem nur hier erhältlichen Tee sehr gross war. Diese Gier sollte nicht nur die Geschichte Asiens verändern, der Profit aus dem Tee-Handel sollte auch die englische Eroberung Indiens ermöglichen und mit der Boston Tea Party einer der Auslöser des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges sein.
Tee wurde ursprünglich mit Silber bezahlt, weil China an keinen anderen westlichen Waren interessiert was. Die sich so ständig verschlechternde Aussenhandelsbilanz der westlichen Handelsnationen, vor allem Grossbritanniens führte zum massenhaften Anbau von Opium in Bengalen und schliesslich zu den Opiumkriegen, der Erniedrigung Chinas durch das Aufzwingen des Importes von Opium und den ungleichen Verträgen. Die damaligen Geschehnisse wirken bis heute nach.
It is indeed ironic that Britain, the nation that prided itself on having first exposed the excrescences of the American slave trade (in which it had been by far the greatest participant) after it had lost the American colonies, from the moment that its so-called second empire in India was taking shape, was engaged in the master planning of another kind of enslavement in Asia: opium addiction. (65)
Mit dem Teehandel verknüpft war auch der Porzellanhandel. Durch den Tee vor Stössen geschützt konnte das in Europa beliebte chinesische Porzellan nach Europa und in die USA verschifft werden.
Während der Besetzung der Niederlande durch Frankreich konnten holländische Schiffe nicht mehr nach Kanton fahren – ihr Platz wurde nur zu gerne von den Vereinigten Staaten eingenommen, die mit ihren kleineren aber schnellen Segelschiffen Kanton bald in grosser Zahl ansteuerten. (62)
Kanton war aber nicht nur für den Überseehandel wichtig, es war auch Umschlagplatz für die Dschunken, die Reis aus Siam und viele andere tropische Produkte aus ganz Südostasien brachten.
Schliesslich war Kanton auch Ausgangspunkt für viele chinesische Migranten. Die gegen die Migration gerichteten Regeln des Quing-Hofes waren immer schwieriger durchzusetzen. Um die schnelle Ausbreitung von Chinatowns in der ganzen Region zu verhindern, wurde noch versucht, Frauen an der Auswanderung zu hindern. Hakka-Frauen, deren Füsse nicht, wie sonst in China üblich, gebunden waren, gelang es aber immer häufiger, durch die Kontrollen zu schlüpfen (57) und chinesische Männer heirateten in Südostasien einheimische Frauen.
From this point on, migrants and sojourners became South China’s most important export product. Carl Trocki has pointed out that this led to the birth of a system of offshore production that included the financing and transportation of settlers and the subsequent management of the trade in items produced and consumed by the Chinese migrants to Southeast Asia. (57)
Dirk Hoerder schreibt über die chinesische «Diaspora»:
Ihre Erfahrung in Südostasien reichte vom Ghetto-Leben in Batavia und Manila bis hin zur leichten Mischehe und zum Aufkommen philippinischer mestizos und indonesischer peranakan. Wenn die Präsenz von Frauen zunahm, setzte in den nanyang Gemeinschaftsbildung und Re-Sinisierung ein, während die Rückwanderung abnahm. Die wichtige oder gar beherrschende Rolle ethnisch-chinesischer Zwischenhändler in bestimmten Wirtschaftssektoren führte wiederholt zu Antisinismus und gewalttätigen Übergriffen.(Hoerder 2012 Pos 10565) 4 .
Kapitel 3: Bridging the Divide
Im letzten Kapitel, dem «Dessert» bringt Blussé «Human Touch» in seine Vorlesung, etwa in dem er über das Schicksal der «Pinda chinezen» (Erdnuss-Chinesen) in Rotterdam erzählt, chinesische Seeleute, die während der grossen Rezession in den 1930er-Jahren mitten auf einer Reise entlassen worden waren, so in Rotterdam strandeten, ein «Chinatown» gründeten und sich mit dem Verkauf von Erdnüssen durchschlugen. Bis heute gibt es in Rotterdam ein Vielzahl von chinesischen Restaurants, die von den Nachfahren dieser Chinesen gegründet wurden.
Er erzählt von Geliebten und gemeinsamen Kindern, die die Holländer in Nagasaki zurücklassen mussten. Von Beschreibungen der christlichen Gepflogenheiten auf Batavia, die von einem chinesischen Gelehrten «puzzled by the strange behavior» (73) beschrieben wurden. Von den japanischen Schiffbrüchigen der Kodayu, die über Irkutsk und St. Petersburg schliesslich Japan wieder erreichten, nur um dort wegen ihres Wissens von ihren Angehörigen isoliert zu werden (75). Von japanischen Versuchen, selbst grosse Segelschiffe zu bauen, von geglückten und missglückten Gesandtschaftsreisen an den Hof des Kaisers nach Peking.
Zwei Personen werden besonders dargestellt. Andreas Everardus van Braam Houckgeest (1739-1801), den Blussé mit Voltaires Candide vergleicht. Ein Lebemann und Macher zwischen den Welten. Faktoreivorsteher in Kanton, Unterstützer der amerikanischen Revolution, der in die USA übersiedelte und dort fast seine ganze Familie wegen Diphterie verlor, der dann erneut «Supercargo» in Kanton werden konnte, eine Gesandtschaftsreise zum Thronjubiläum des Quianlong-Kaisers nach Peking unternahm und darüber ein zweibändiges Werk schrieb, das nur als einbändige Raubkopie verbreitet wurde, der eine 40 Jahre jüngere Frau aus der Kapprovinz heiratete und nach einigen Reisen in Deutschland schliesslich 1801 in Holland starb.
Der zweite ausführlich Dargestellte ist Hendrik Doeff (1777-1835) der während der ganzen napoleonischen Zeit auf Deshima amtierende Faktoreivorsteher, der in dieser Zeit Respekt und Liebe für die japanische Kultur entwickelte, ein Wörterbuch verfasste und dann 1817 Geliebte und Kind in Nagasaki zurücklassen musste und seine gesamte Sammlung an Schriften und Kunstgegenständen aus Japan bei einem Schiffsuntergang verlor. Sehr spät im Leben erst, als Franz von Siebold und einer seiner Nachfolger auf Deshima ein japanisch-holländisches Wörterbuch veröffentlichten, das wohl ein Plagiat Doeffs auf Deshima zurückgelassener Notizen war, verfasste Doeff mit seinen Recollections einen Bericht über seine Erfahrungen in Japan.
In seinem Epilog spricht Blussé von der neu entstehenden Ordnung in den südostasiatischen Meeren. Ende des 18. Jahrhundert wurde das bisherige System durch Piraten, Schmuggler und Kleinhändler zum Einsturz gebracht, ohne dass sich vorerst ein neues durchsetzte. Erst mit der Gründung von Singapur durch Raffles entstand eine neue Situation:
Thomas Stamford Raffles’s brilliant decision to articulate the changing global trade with the expanding overseas Chinese economy by establishing a new kind of emporium, the free port of Singapore, was the first step in that new direction. And when from 1842 Hong Kong, Shanghai, Yokohama, Kobe, and all the other treaty ports followed, a new situation in international trade indeed emerged. (100)
1 Blussé, Leonard. 2008. Visible Cities. Canton, Nagasaki, and Batavia and the Coming of the Americans.Cambridge MA.: Harvard University Press. 2 Reid, Anthony. 2015. A History of Southeast Asia – Critical Crossroad. Malden, MA. 3Kämpfer, Engelbert. 1777-1779. Engelbert Kämpfers weyl. D.M. und hochgräfl. Lippischen Leibmedikus Geschichte und Beschreibung von Japan. http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-48618 (ZB Zürich, e-rara, PD NC) 4 Hoerder, Dirk. 2012. Migration und Zugehörigkeiten. In: Geschichte der Welt 1870-1945: Weltmärkte und Weltkriege“ von Jürgen Osterhammel, Emily S. Rosenberg, Akira Iriye, Andreas Wirthensohn, Thorsten Schmidt, Thomas Atzert, Annabel Zettel.
«Koloniale Schweiz – Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860 – 1930)»
Die 2011 bei transcript erschienene Dissertation von Andreas Zangger geht der Frage nach, wie sich Schweizer zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und 1930 in Singapur und auf Sumatra etablierten, in welchem Verhältnis die Migranten aus der Schweiz zu den kolonialen Strukturen in der Region standen und welche Rückwirkungen ihre dortige Anwesenheit auf die Schweiz hatte. (434)0
Einleitung
In der Einleitung weist Zangger u.a. darauf hin, dass die Migration aus der Schweiz nach Südostasien nicht dem Konzept «Auswandern» folgte, das immer eine Aufgabe einer Existenz im Herkunftsland beinhaltet. Schweizer Migration folgte dem Konzept «Im Ausland leben», das auf eine künftige Rückkehr hindeutet und die Kontakte mit dem Herkunftsland nicht abbrechen lässt. (20)
Zangger schreibt ein Stück «History of Entanglement» bzw. Verflechtungsgeschichte. Den grösseren Rahmen zitiert er so:
«Die Bedeutung des Nationalstaats hat zeitgleich zur Globalisierung an Bedeutung gewonnen1
Conrad bezeichnet die Geschichte der modernen Welt als eine Geschichte homogenisierender Effekte und wechselseitiger Aneignung und gleichzeitig als Geschichte der Abgrenzungen, der Brüche und des Bedürfnisses nach Partikularität2
Geschichte ist so im doppelten Sinne des Wortes geteilt: gemeinsam und getrennt3
Verflechtungsgeschichte versucht die gegenseitigen Einflüsse und die Abgrenzungen zugleich begreifbar zu machen. Die Verwobenheit der Welt impliziert dabei nicht Abwesenheit von Ungleichheit, Macht und Gewalt.»
Bei seiner Quellenarbeit kann sich Zangger auch auf Firmenarchive stützen, namentlich das Firmenarchiv der Diethelm Keller Holding, in die das Handelshaus Diethelm & Co aufgegangen ist (vgl. auch Diethelm Keller).
Teil A «Kaufleute im kolonialen Singapur: Netzwerkbildung im Handel mit Ostschweizer Geweben.»
Zangger beschreibt in wenigen Sätzen die Gründungsgeschichte Singapurs:
«Im Mittelalter stand eine Handelsstadt mit Namen Temasek auf der Insel an der Südspitze der malaysischen Halbinsel. Ihre Ruinen waren bereits wieder im Dschungel versunken, als Sir Stamford Raffles, Beamter der British East lndia Company, 1819 dort eine neue Stadt gründete, wobei er einen Erbstreit im Sultanat Johor ausnutzte (…) Zugleich überrumpelte er seine Vorgesetzten in Calcutta, welche die Niederländer nicht mit einem Eingriff in ihre Einflusssphäre brüskieren wollten. Raffles ging es darum, die Opiumhandelsroute von Indien nach China zu schützen, ein Plan, der Unterstützung in London fand. Gleichzeitig schwebte ihm vor, mit einem neuen Handelsposten die niederländische Vorherrschaft im Handel mit dem malaiischen Archipel zu brechen. Freihandel war der Schlüssel, der zum Wachstum der Hafenstadt führen sollte. Freihandel bedeutete sowohl, dass der Handel im Hafen nicht mit Zöllen beschränkt werden sollte, als auch, dass der Hafen allen Nationen offen stehen sollte.» (51)
Die schon lange in Südostasien ansässigen chinesischen Kaufleute waren als «Mittelspersonen» zwischen Verkäufern und Endverbrauchern für die europäischen Handelshäuser absolut unerlässlich. «Die Gründung Singapurs unterstützte diesen Prozess wesentlich, da sich dort viele chinesische Kaufleute niederließen und ihre Netzwerke im Archipel von dort aus oder dorthin ausweiten und verstärken konnten.» (52)
Der Freihandel florierte bald und die Bevölkerung Singapurs wuchs stark. Zu einem weiteren Entwicklungsschub führten die Dampfschifftechnik und die Eröffnung des Suez-Kanals 1870. Insbesondere Deutsche und Schweizer drängten in den fünf Jahren vor und nach der Eröffnung des Suezkanals auf den Markt (57). Aus Europa wurden hauptsächlich Webstoffe und Textilwaren aus Baumwolle importiert. Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Singapur aber Opium, Textilien, Pfeffer und Reis Haupthandelsgüter, um 1875 kam dann Zinn, ab 1910 Gummi dazu. Diese beiden Güter machten 1915 bereits 40% des Handelsvolumens Singapurs aus (57).
Textilexporte aus der Ostschweiz nach Asien, insbesondere aus der Buntweberei im Toggenburg und der Stoffdruckerei in Glarus waren eine Zeit lang sehr erfolgreich. Der Erfolg dieser Industrie beruhte auf handwerklichem Können, billiger Arbeitskraft in der Ostschweiz und einem guten Kommunikations- und Beziehungsnetz, das ein tragfähiges Vertriebssystem zwischen der Schweiz und Südostasien ermöglichte. Dieses Vertriebssystem beruhte wesentlich auf «Schweizer Kolonien», d.h. Handelsniederlassungen in Schweizer Hand oder mit Schweizer Beteiligung. Die dort arbeitenden Schweizer Kaufleute waren häufig Verwandte der Patrons in der Ostschweiz oder Angestellte, die sich zu Beginn ihrer Karriere in den Hafenstädten niederliessen.
Die erfolgreichen Exporte verdrängten die lokale Produktion mehr und mehr. Zangger zitiert aus einem Brief des Winterthurer Kaufmanns Bernhard Rieter aus Manila aus dem Jahre 1843:
«Alle diese Vortheile [ ... ] helfen dem Indier aber nicht viel, um mit seiner gesamten Kraftanstrengung gegen die alles überwältigende & vertilgende Europäische Industrie anzukämpfen & wenn es mir [ ... ] eben nicht geziemt den Verfechter der indischen Industrie zu machen, so wünschte ich doch, man würde die armen Menschen nicht so mit fremden Waaren überschwemmen & ihnen ruhig ihren Erwerb gönnen. Allein unsere Civilisation wächst ihnen über die Köpfe [ ... ] & muss sie am Ende aus ihrer Arbeit vertreiben[ ... ]. Was wird aus diesen Leuten am Ende werden?» (60).
Dass z.B. Batik aus Glarus so guten Absatz fand, war auf ein genaues Studium der südostasiatischen Märkte, der Analyse der Nachfrage und dem Sammeln von Mustern zurückzuführen.
Der Handel via Singapur als Freihandelshafen ermöglichte, die Marktkontrolle durch die europäischen Kolonialmächte zu umgehen. Ein Wettbewerbsvorteil der Schweizer Kaufleute war auch ihre «kulturelle Versatiltität», so lernten sie mindestens die auf den Bazaren übliche Umgangssprache und fanden schnell Umgang mit «Käufern aller Rassen des Ostens» (auch wenn die kolonialrassistische Hierarchie dabei immer gewahrt blieb). Zangger zitiert aus einer Beschreibung des Singapurer Kaufmanns Otto Alder, der 1849-1873 Schweizer «Überseer» war:
«Aber noch ein anderer Faktor machte sie schätzenswert, das war die Art ihres Umgangs mit den Käufern aller Rassen des Ostens. Von Hause aus schon gewohnt als Republikaner alten Schlages auch mit in bezug auf Bildung und Rang unter ihnen Stehenden leutselig zu verkehren, begegneten sie den Asiaten in gleicher Weise und erwarben sich deren Sympathie, so dass sie sich als Verkäufer vorzüglich eigneten.» (61)
Zangger schildert das Leben der Schweizer Kaufleute in Singapur, das mit einem relativ hohen Lohn verbunden war, aber gerade für Assistenten auch entbehrungsreich (Heiratsverbot, grosse soziale Kontrolle durch Einbindung in das abgesonderte soziale Leben der Europäer, in die deutschsprachigen Vereine bzw. den Schweizer Club). Ehen mit Einheimischen waren verpönt und hatten lange eine Art soziale Ächtung zur Folge, der «koloniale Rassismus», d.h. das System, das verschiedenen ethnischen Gruppen verschiedene Rollen in der Gesellschaft zuwies, verbot Beziehungen mit Einheimischen zu legalisieren. (129)
Ein interessantes Kapitel handelt vom «Branding»: Handel hatte sich anders als soziale Beziehungen natürlich über ethnische Grenzen hinweg abzuspielen. Doch waren Beziehungen über diese Grenzen hinweg prekär, da sie angesichts des kolonialen Rassismus sozial wenig abgestützt waren. Weil Handel, abgestützt auf persönliches Vertrauen so nicht möglich war und andererseits die Rechtsgrundlagen für unpersönlichen Handel fehlten, wurde der Handel mit Markenprodukten zu eine Zwischenform zwischen dem Handel aufgrund persönlicher Beziehungen und dem unpersönlichen Handel mit Gütern. Brands stiessen auf Interesse in einer Kultur, in der Authentisierung oder Autorisierung eine wichtige Bedeutung hat. Man kann also sagen, dass ,branding‘ als wirtschaftliche Praxis in Singapur als Lösung für ein kulturelles Problem, nämlich den kolonialen Rassismus, diente. (439) Branding setzte sich ausserhalb von Europa als Praxis zur Lösung eines neuen Problems, das im imperialen Kontext aufgetaucht war, durch (440).
Teil B Ausländer in der Plantagenkultur Ostsumatras – Glücksritter, Junker und Technokraten
Teil B beschäftigt sich mit der Plantagenkultur an der Ostküste Sumatras. «Erst wurde hauptsächlich Tabak angebaut, später kamen Kaffee, Rubber, Palmöl und Tee hinzu. Die Europäer organisierten – anders als auf Java – im Sultanat Deli und darüber hinaus den Anbau auf den Plantagen von Beginn an selbst. Es entwickelte sich das weltweit größte koloniale Projekt tropischer Agrikultur. (169)
Die Holländer hatten 1870 das von ihnen kaum kontrollierte relativ kleine Gebiet auch für ausländisches Kapital geöffnet. Zangger wählt den Begriff «Frontier» – im Gegensatz zur «Kontaktzone» in Singapur – um deutlich zu machen, dass die Inbesitznahme von Land durch Europäer als Zivilisationsschritt in der Wildnis angesehen und dabei die bisherige Landnutzung durch Indigene schlicht ausgeblendet wurde. Weil es sich um eine allmähliches Vordringen handelte, blieben eigentliche Kriege aus, aber lange dauernde schwelende Konflikte waren die Regel. Auch gab es (wie in anderen Frontiers in Amerika und Sibirien) nur eine sehr schwach ausgebildete staatliche Autorität bzw. Kolonialverwaltung.(172f.)
Zangger vergleicht die Schweizer (und die anderen Europäer in Sumatra) mit «kolonialen Junkern».
«Im romantischen Selbstverständnis kommt dem individuellem Erleben eine besondere Bedeutung zu, und es zeichnet sich durch rückwärts gewandte Ideen natürlicher, ständischer Ordnung aus. Das romantische Bild des kolonialen Junkerturns, wie ich es nenne, hat zwei Pole. Der eine ist die Idee gesellschaftlicher Ordnung und deutlich abgegrenzter Eliten, wie es in der militärisch und stark hierarchisch geschichteten Gesellschaft Delis besonders deutlich zum Ausdruck kam. Der andere Pol betont den Aspekt der Selbstbehauptung, sowohl ökonomisch als auch moralisch in Form einer bestimmten Idee von Männlichkeit.» (175)
Auf Sumatra herrschte unter den Pflanzern also ein ähnliches Selbstverständnis vor wie in den amerikanischen Südstaaten oder bei den preussischen Junkern.
Arbeitskräfte für die Plantagen zu finden war schwierig, die Pflanzer «beschränkten sich bald weitgehend auf chinesische Arbeiter, denn diese galten als fleißig und als empfänglich für Anreizsysteme wie Geld, freie Zeit oder Akkord. Ende der 1870er Jahre übertraf die Zahl der importierten Arbeitskräfte diejenige der malaiischen Bevölkerung. 1900 waren bereits 100.000 Arbeiter aus China und Java an der Ostküste tätig (…) Der Import von Arbeitskräften nach Sumatra ist damit Teil der globalen Arbeitsmigrationsbewegungen nach der Abschaffung der Sklaverei», sogenanntem «indentured labour»; die Kontraktarbeiter wurden meist «Kulis» genannt.
Misshandlungen, etwa das zu Tode geisseln von Kulis kamen vor, Untersuchungen stiessen meist auf eine Komplizenschaft des Schweigens, die weissen Farmer schwärzten einander nicht an (252).
Auch auf den Plantagen herrschte Frauenmangel, das Zusammenleben mit einheimischen Frauen, das dann nach einer Heirat im Heimaturlaub aufgelöst wurde, war für Unverheiratete die Regel (282)
Die Tabakkultur erlebte zwischen 1880 und 1887 einen Boom, brach nach der Einführung neuer Zölle in den USA aber weitgehend ein, was zum Konkurs sehr vieler Plantagengesellschaften führte. In den 1890er-Jahren setzte dann eine Erholung ein. Schweizer als Besitzer von Tabakplantagen verschwanden aber, viele Pflanzer der ersten Generation wurden durch den Verkauf ihrer zu kleinen Plantagen an grosse holländische Gesellschaften vermögend und kehrten in die Schweiz zurück. Es gab aber für einen neuen Typ «Manager» aus der Schweiz nach wie vor Arbeit und Karrierechancen. Dieser neue Typ zeichnete sich durch buchhalterische Fähigkeiten oder durch Anwendung rationaler Methoden im Landbau aus, er unterschied sich also von den alten prototypischen Pflanzern, die selbständige Unternehmer waren und stolz darauf, sich im «Kampf ums Dasein» bewährt zu haben (221).
«Die Rubber-Kultur auf Sumatra begann 1905 und nahm einen solch rasanten Aufschwung, dass Hevea innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten Plantagenkultur wurde.» Latex spielte als Rohstoff in der zweiten Industrialisierung mit Elektrotechnik (Isoliermaterial für Überseekabel) und dann der aufkommenden Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Die Nachfrage übertraf das Angebot, die Preise stiegen. (221)
Die etablierten Kaufleute in Singapur betrachteten die meist jungen Landsleute auf Sumatra mit Skepsis, sprachen von «pflänzerle»:
«lm Ausdruck ,pflänzerlen' verdichtet sich die Skepsis der Kaufleute in doppelter Hinsicht: Es zeigt sich darin nicht nur die Herablassung des städtischen Kaufmanns gegenüber dem bäuerlichen Plantagenuntemehmer mit dem Geruch seiner bäuerlichen Tätigkeit, ,pflänzerlen' riecht auch nach schnellem und vergänglichem Geld, das dem langfristig planenden, vorsichtigen und auf gute Verbindungen zur Schweizer Exportwirtschaft setzenden Kaufmann anrüchig erscheint. Handelshäuser in Singapur waren in die schweizerische Exportwirtschaft eingebunden. Die Karrierewege waren mehr oder weniger transparent.»(263)
Während sich die Kaufleute in Singapur meist aus dem Umfeld der Ostschweizer Textilexportindustrie rekrutierten, war Sumatra attraktiv für junge abenteuerlustige Kaufleute, die in ihrem Beruf keine Karrieremöglichkeiten sahen, aber auch für ein in der Schweiz verschwindendes bürgerliches Milieu, das sich an Wertvorstellungen von adeligen Grossgrundbesitzern orientierte (265)
Einige Pflanzer haben ihre Erfahrungen in Sumatra literarisch umgesetzt, verschiedene mehr oder weniger getreue Tatsachenromane wie «Tropenspiegel», «Mein Mörder auf Sumatra», «Nachtwache» (alle G. Rudolph Baumann», «Unter malayischer Sonne: Reisen, Reliefs, Romane» (Paul Naef) und «Die Unverbindlichen» (Alfred Keppler) sind entstanden.
Teil C: Vernetzungen und Verflechtungen – Die Schweiz in Südostasien – Südostasien in der Schweiz
In diesem Teil geht Zangger auf einige Verflechtungen zwischen der Schweiz und Kolonien ein. Er zeigt z.B. auf, wie die Versicherungsbranche über Transportversicherungen für Transporte aus und von Kolonien gross wurde und sich dabei auf die Handelsnetze der Textilimporteure stützen konnte (299). Auch zeichnet er das Verhältnis zwischen Kapitalgebern (in der Schweiz bzw. anderen europäischen Ländern) und den Managern in den Tropen nach. Dies macht er u.a. am Beispiel von Seminardirektor und Naturforscher Heinrich Zollinger, der schon früh im Auftrag der niederländischen Regierung in Java tätig gewesen war und nach seinem Rücktritt als Seminardirektor in Küsnacht eine Plantagengesellschaft für Kokos in Ostjava gründete und weitere Forschungen unternahm (324).
Auch die Verflochtenheit der Familie von Generalstabschef Theophil von Sprecher mit ihren Plantagengesellschaften wird berührt, die Sprechers konnten in Sumatra ihren Ideen von Grossgrundbesitz und militärischer Disziplin verwirklichen (330).
Der Zirkulation von Forschern, Objekten und Wissen ist ein weiteres Kapitel in diesem Teil gewidmet
«Das niederländische Kolonialreich war traditionellerweise durchlässig für Europäer anderer Nationen und rekrutierte viele Schweizer als Soldaten, Chirurgen und später als Wissenschaftler» (351). Die Kooperation mit Forschern in den Kolonien förderte auch die Forschung in der Schweiz, die naturforschenden und die ethnographischen Gesellschaften waren dabei wichtig für Forschung und Verbreitung. Andreas Zangger berichtet unter anderem von Fritz und Paul Sarasin, deren Biographien und Wirken ja dann 2015 von Bernhard C. Schär in «Tropenliebe» sehr detailliert dargestellt worden sind. Die Botanik in der Schweiz stand in regem Austausch mit dem botanischen Garten Buitenzorg in Java, ansonsten waren meistens im Ausland lebende Schweizer aufgerufen, Objekte für Sammlungen von Hochschulen und für Museen zusammenzutragen, da die Schweiz ja im Unterschied zu den Staaten mit Kolonien keine staatlichen Möglichkeiten hatte, in den Tropen Material zu sammeln.
Schlusswort
In seinem Schlusswort schreibt Zangger, dass die offizielle Schweiz tatsächlich nur am Rande in den Kolonialisumus involviert war, dass eine Geschichte der Schweiz jedoch über die politischen Institutionen hinausgehe und die Gesellschaft als Ganzes betreffe. «Unter den Eliten in der Schweiz bestand offenbar ein Konsens, dass der Anschluss an Gebiete in Übersee, über die Exportwirtschaft und zivilgesellschaftliche Institutionen organisiert werde.» (433). Die Schweizer befanden sich im wirtschatlichen Verhältnis zu den Kolonialisatoren in einer Aussenseiterposition, da die profitabelsten Unternehmungen meist in den Händen der imperialen Mächte waren, sie also Nischen finden mussten.
Gesellschaftlich gehörten die Schweizer aber zur weissen kolonialen Oberschicht und rechtlich nutzten sie die Privilegien von Europäern in den Kolonien (435). Sie förderten so als Pflanzer an den Siedlungsrändern z.B. die Ausbreitung des faktischen Kolonialgebietes und unterstützten die Kontraktarbeit.
«Das System zeigt bis heute Nachwirkungen auf die Ökologie der Region, die Landnutzung und die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft, alles Ursachen von sozialen Spannungen.» (436)
Die im Ausland lebenden Schweizer übernahmen und reproduzierten koloniale Denkmuster.
«Dies beinhaltet unter anderem ein elitäres Selbstverständnis, soziale Abgrenzung gegenüber Asiaten in rassistischen Denkmustern sowie die Legitimation europäischer Expansion durch die Gegenüberstellung von Tradition und Modeme bzw. Natur und Zivilisation.» (436)
Zusammenfassend schreibt Zangger, dass «die Schweiz als Staat nicht imperialistisch auftrat, dass jedoch zahlreiche Institutionen der schweizerischen Gesellschaft mit der Ausgestaltung des Kolonialismus sehr wohl in vielen verschiedenen Facetten zu tun hatten.» (436)
«Zusammenfassend können also wesentliche Merkmale helvetischen Selbstverständnisses - die Aufgabenteilung von Wirtschaft und Politik, die Bedeutung des Bildungsstandorts und die Verpflichtung zu kultureller Versatilität als Reaktionen auf die imperialen Strategien der Großmächte gelesen werden. Es ist die Antwort eines relativ kleinen, bürgerlichen Landes ohne Kolonien auf das Verhältnis Europas zur Welt. Sie wirkt bis heute nach.» (442)
0 Die Seitenzahlen beziehen sich auf die 2011 bei transcript erschienene Fassung (gedruckte Version und e-Book) 1 Mann, Michael (2006). Globalization, Macra-Regions and Nation-States. In: G. Budde u. S. Conrad (Eds.). Transnationale Geschichte Themen, Tendenzen und Theorien, 21-31. 2 Conrad, S. (2006). Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich, 11 3 Randeria, Shalini u. Sebastian Conrad (2002). Einleitung: Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt. In: dies. (Eds.) (2002), 17
Die 9. Infoclio.ch-Tagung am 24. November 2017 fand unter dem Titel «Soundhistory und Tondokumente» statt. Die Tagung fragte nach der Bedeutung des Sounds in der Geschichte und danach, was Archive mit ihren akustischen Beständen tun, welche Chancen die digitalen Technologien für die Speicherung und Vermittlung von Tonaufzeichnungen bieten.
Die Beschäftigung mit Klängen war oft ein schmales Feld; von einer eigentlichen Geschichte von Sound kann nicht gesprochen werden. Missfelder verweist auf die Sinnesgeschichte (vgl. Sammelrezension in HSozKult). Häufig wird darauf hingewiesen, dass zwischen Vormoderne und Moderne ein Bruch stattgefunden hat, weil in der Moderne mit ihrem Fokus auf Rationalität die Sinne weniger gewichtet wurden bzw. das Sehen «Leitsinn» wurde. Missfelder schreibt anderswo von einer komplexen sinnesgeschichtlichen Modernisierungstheorie:
«die great divide [1] zwischen einer auditiven Vormoderne und der modernen Visualität und die Verarmung eines tendenziell synästhetischen Weltverhältnisses zur modernen Mono- Sinnlichkeit.»
Sinnesgeschichte hat dazu geführt, dass sinnliche Wahrnehmung «ent-selbstverständlicht» wurde.
Missfelder beschreibt die Entwicklung der Sound History mit einigen wegeweisenden Werken:
Das Buch «Die Sprache der Glocken» («Les cloches de la terre»2) von Alain Corbin ist bis heute wegweisende Referenz der klanghistorischen Forschung. Corbin beschreibt die allmähliche Veränderung der klanglichen Umwelt im ländlichen Frankreich des 19. Jahrhunderts und erweitert diese Veränderungen zu einer Sozialgeschichte der sinnhaften Gewohnheiten. Oder wie die FAZ beim Erscheinen des Buches schrieb: «Niemand hat den Zusammenhang von kollektiven Sensibilitäten, politischer und sozialer Geschichte schärfer erfaßt als Alain Corbin: von den Freudenmädchen über die Gerüche, die Kleider und das Vergnügen am Meer. Mit der «Sprache der Glocken» hat Corbin der Geschichte ihre fünf Sinne zurückgegeben.» (Rezension FAZ)
Ein nächstes wichtiges Buch ist «Listening to Nineteenth Century America»3 von Mark M. Smith. Im Project Muse rezensiert Kathy M. Newman das Buch folgendermassen:
«On New Year’s Day, at the close of the Civil War, a Florida plantation mistress named Susan Bradford Eppes waited in bed for the familiar sound of the bell that would call her to breakfast. But no bell sounded. Why? The slaves who usually rang the morning bell had fled, “stealing away in the night” and leaving the white folks “all alone”» (242).
(…) Mark M.Smith argues that historians have paid scant attention to the role that soundscapes played in helping elites define what it meant to be “Northern” and “Southern,” “slave” and “free.” He argues that these soundscapes had a powerful material dimension – that the soundscape of the North was rooted in industrial capitalism, and that the soundscape of the South was rooted in the control of slave labor.
Smith insists that historians pay more attention to sound. He recognizes the difficulty of such an endeavor given that there are no extant sound recordings from the early-to-mid 19th century. Smith is thus left to examine the ways in the which 19th century elites wrote about sound, and, in essence used sound as a metaphor. Northern elites drew on the trope of the groaning slave to exact sympathy from their audiences; in a similar way Southern elites painted a sound portrait of the North as noisy, industrial and dangerous.» (Rezension)
Ähnlich wie die Geschlechtergeschichte kann nach Smith auch die Klanggeschichte einen «Habit» darstellen, der die Geschichte neu konzeptualisiert. Missfelder:
«Sinnesgeschichte erscheint so nicht als eine weitere „Bindestrich-Geschichte“ (Ute Daniel) (…) sondern als ein neuer „habit“ der Analyse jeglichen Gebietes der Geschichte in jeglichem Quellenmedium: „an embedded way of remaining vigilant about and sensitive to the full sensory texture of the past“. (....) Sinnesgeschichte hat in diesem Sinne keinen prinzipiell abgegrenzten Gegenstand, sondern stellt eine Art und Weise dar, das Ganze der Geschichte neu, von der sinnlichen Konstituierung der Wirklichkeit her zu fassen. Ebenso entspricht einer Sinnesgeschichte als „habit“ keine privilegierte Quellengattung. Es gilt vielmehr, das gesamte Spektrum historischen Materials auf die Thematisierung von Sinnen und sinnlicher Wahrnehmung hin neu zu lesen.» (Missfelder 20124, S. 28)
Nach Soundscapes in Vancouver und dann ganz Kanada wurden auch die Klanglandschaften in fünf Dörfern in Schweden, Deutschland, Italien, Frankreich und Schottland untersucht. Die British Library hat in ihrem «Sound and Vision Blog» Auszüge daraus online veröffentlicht.
Während das Projekt auch als Versuch zur Rettung traditioneller Formen des Klanges gesehen wurde, interessierte sich die wissenschaftliche Rezension eher für systematische Aspekte. Das kann anhand einer erfolgreichen Werbekampagne für das Engadiner Dorf Tschlin gut illustriert werden:
«Der kanadische Komponist und Pionier der soundstudies Raymond Murray Schafer hat für vorindustrielle und vorurbanisierte Klangumwelten den Begriff des „hi-fi soundscapes" geprägt. (…) Solche high-fidelity Umgebungszeichen zeichnen sich gegenüber modernen lo-fi soundscapes durch einen ausgesprochen großen Signal-Rausch-Abstand aus, also durch eine akustische Situation, in der auch relativ leise bedeutungstragende Signale vor dem Hintergrund eines vergleichsweise geringen Hintergrundrauschens vernommen, dekodiert und in akustische Praktiken umgesetzt werden können.» (Missfelder 2015, S. 451)5
Genau das ist in Tschlin der Fall. Es erscheint als ideale Soundscape mit einer ausgesprochen «favorable signal-to-sound-ratio».
Die Geschichte von maschinellem Lärm (Lärm definiert als unerwünschter Klang) wurde von Karin Bijsterveld in ihrem Buch «Mechanical Sound» thematisiert.
«This book explains how we ended up like this. It focuses on four crucial episodes in the Western history of noise between the late nineteenth and the late twentieth century: public discussions of industrial noise, of city traffic noise, of neighborly noise of gramophones and radios, and of aircraft noise. A fifth chapter highlights the celebration of noise in the avant-garde music of the interwar period, and thus serves as a counterpoint to the other chapters. It both illustrates how such reverence embodied the positive connotations of mechanical sound that antinoise activists had to cope with, and shows how the introduction of machines in music re-enacted the issue of who was to control sound. The remaining chapters explore the decades immediately succeeding the rise of the public debate over the roar of new, or recently ubiquitous, machines. » (Blijsterveld 2008, S. 4)6
Ein weiteres grundlegendes Werk, das nach 30 Jahren erneut aufgelegt wurde «Sound and Sentiment» von Steven Feld7 (Website) thematisiert die auditive Kultur und weist Berührungspunkte zu anthropologisch ausgerichteten Forschungen auf.
Steven Feld begründet hier das Konzept der Akustemologie (zusammengesetzt aus Akustik und Epistemologie) als eine Art lokal erworbene, kollektiv geteilte akustische Weltanschauung: so wie Orte stets sinnlich wahrgenommen würden, sei auch die sinnliche Wahrnehmung stets «verortet».
«Unter dem Stichwort Akustemologie möchte ich (…) die besondere Bedeutung des Hörens als eigene Modalität von Wissen und In- Welt-Sein untersuchen. Klänge und Geräusch gehen von Körpern aus und dringen in sie ein; diese Reziprozität (…) sorgt dafür, dass sich Körper – anhand ihres akustischen Potentials – auf bestimmte Orte und Zeiten ʻeinstimmenʼ. Sowohl das Hören als auch das Lautgeben sind jeweils ʻverkörperteʼ Fähigkeiten, sie situieren einzelne Akteur_innen und ihre Handlungsweisen in bestimmten historischen Welten. (Feld, S. 462, zitiert in Arantes u. Rieger 20158)
Missfelder präsentiert dann eine Arbeitsdefinition von Sound history:
Sound history erforscht
- Klangpraktiken,
- die historsiche Soundscapes produzieren,
- Diskursivierungen von Klangerfahrungen,
- die auf kulturell geteilten Akustemologien beruhen
Die moderne Stadt ist auch ein Klangort, der über Klangpraktiken ausgehandelt wird. Sound history ist deshalb immer auch Politikgeschichte.
Eingang in die historische Forschung finden Klänge, wenn sich diskursive Anschlussstellen ergeben. Eine Herausforderung ist der historische Umgang mit Quellen, die nicht überliefert sind, d.h. die man nicht mehr nachhören kann.
Schall wird erst als gehörter und reflektierter Schall zu einem historischen Phänomen. Einfach wissen zu wollen, wie es denn geklungen hat, ist keine historische Fragestellung und läuft die Gefahr, einfach eine Evidenz produzieren zu wollen.
Quellenkritik ist aber auch in der Klanggeschichte zentral. Wer einer «Tonkonserve» lauscht, lauscht immer mehr als nur einem Klang.
Historisches Hören ist immer doppelt:
- Hören nach dem Sound der Geschichte und
- Hören nach der Geschichte des Sounds
Jonathan Sterne hat es in einem weiteren wegweisenden Werk (The Audible Past)9 so formuliert: «Sound-reproduction technologies are artifacts of vast transformations in the fundamental nature of sound, the human ear, the faculty of hearing, and practices of listening that occurred over the long nineteenth century. Capitalism, rationalism, science, colonialism, and a host of other factors — the “maelstrom” of modernity, to use Marshall Berman’s phrase — all affected constructs and practices of sound, hearing, and listening. Sterne 2003, S. 3)
Geschichte in den Sounds muss immer kontextualisiert werden. Beim Historisieren von Klang muss man sich vor der Annahme hüten, vergangene Hörerfahrungen seien jetzt tel quel hörbar. Der Kontext heute ist ein völlig anderer, auch wenn man die Kanone von Napoleon heute zum Klingen bringen kann, ist dieser Klang völlig anders verknüpft als während der napoleonischen Kriege.
Ich schliesse für mich daraus, dass Geschichte also auch in der «Sound History» ihren Konstruktcharakter behält. Auch Fragen an und über Klänge werden retro-perspektivisch gestellt, also immer von der Gegenwart des Fragenden aus – somit notwendig im Nachhinein und zwingend perspektivisch. (Schreiber u.a., 25)10
1 Smith Mark M. 2007. Sensing the Past. Hearing, Smelling, Tasting, and Touching in History, Berkeley: University of California Press, bes. S. 8 –13. 2 Corbin, Alain. 1995. Die Sprache der Glocken. Ländliche Gefühlskultur und symbolische Ordnung im Frankreich des 19. Jahrhunderts. Aus dem Französischen von Holger Fliessbach. Frankfurt am Main: S. Fischer. 3 Smith, Mark M. 2001.Listening to Nineteenth-Century America. Chapel Hill: The University of North Carolina Press. 4 Missfelder, Jan-Friedrich. Period Ear. 2012. Perspektiven einer Klanggeschichte der Neuzeit. In: Geschichte und Gesellschaft 38. S. 21 – 47 5 Missfelder, Jan-Friedrich. 2015. Der Krach von nebenan. Klangräume und akustische Praktiken in Zürich um 1800. In: Arndt Brendecke. (Hg.), Praktiken der Frühen Neuzeit. Akteure – Handlungen – Artefakte, Köln: Böhlau, S. 447-457. 6 Blijsterveld, Karin. 2008. Mechanical Sound. Technology, Culture and Public Problems of Noise in the Twentieth Century. Boston : Massachusetts Institute of Technology. 7 Feld, Steven. Sound and Sentiment. 2012 (1. Aufl. 1982) Birds, Weeping, Poetics, and Song in Kaluli Expression. Durham: Duke University Press. 8 Arantes Lydia Maria Arantes und Elisa Rieger. 2015. Wahrnehmung und Methode in empirisch-kulturwissenschaftlichen Forschungen. Bielefeld: Transcript. 9 Sterne, Jonathan. 2003. The Audible Past. Cultural Orignis of Sound Reproduction. Durham : Duke University Press. 10 Schreiber, Waltraud et al. 2007. Historisches Denken. Ein Kompetenz-Strukturmodell. In: Körber, Andras, Waltraud Schreiber und Alexander Schöner: Kompetenzen Historischen Denkens, Neuried: ars una. 11 Schafer R. Murray. 2010, Die Ordnung der Klänge. Eine Kulturgeschichte des Hörens. Übersetzt und neu herausgegeben. von Sabine Breitsameter, Mainz: Schott.
Dieser MOOC mit dem vollständigen Titel «Visualizing Japan (1850s-1930s): Westernization, Protest, Modernity» wird von MITx und edX (Harvard) gemeinsam angeboten wird. John Dower, Emeritus des MIT, Andrew Gordon, der Lee and Juliet Folger Fund Professor of History an der Harvard University und Shigeru Miyagawa, der Kochi-Manjiro Professor of Japanese Language and Culture am MIT zeichnen gemeinsam verantwortlich für den Kurs.
Der MOOC besteht aus drei Hauptteilen, die durch Überleitungen miteinander verbunden werden.
Black Ships and Samurai, in dem die Zeit der unter Gewaltandrohung erfolgten «Öffnung» Japans beleuchtet wird
Social Protest in Imperial Japan: The Hibiya Riot of 1905. In diesem Modul werden die sozialen Unruhen nach dem russisch-japanischen Krieg thematisiert, im Wesentlichen anhand der Illustrationen in einer Zeitschrift
Modernity in Interwar Japan: Shiseido and Consumer Culture illustriert mit Plakaten, Anzeigen und Zeitschriften der Kosmetikfirma Shiseido die 1920er und 1930er Jahre in Japan.
Auf der Website Visualizing Cultures, die von John Dower initiiert wurde und vom MIT betrieben wird, sind all die visuellen Quellen zusammen mit informativen Essays dazu vorhanden.
Black Ships and Samurai
Die Aussenkontakte Japans werden vor Perrys Ankunft 1853 völlig vom Bakufu, der Militärregierung des Tokugawa-Shogunats kontrolliert und sind äusserst eingeschränkt. Der Handel mit dem Westen und mit China findet lediglich über Nagasaki statt. Dort ist es der Niederländischen Ostindien-Kompanie erlaubt, auf der künstlichen Insel Deshima eine Handelsstation zu betreiben, über die auch westliche Wissenschaft nach Japan fliesst.
In Japan ist das Shogunat gut darüber orientiert, wie China im Opiumkrieg den viel besser ausgerüsteten britischen Truppen weit unterlegen war und wie es zu ungleichen Verträgen gezwungen wurde. Auch über die USA haben die Samurai Informationen. John Manjiro, der als Schiffbrüchiger 1841 von einem amerikanischen Schiff gerettet und danach 10 Jahre in den USA und auf amerikanischen Walfangschiffen gelebt hatte, wird nach seiner Rückkehr 1851 intensiv befragt.
Als Perry 1853 mit seinen vier Schiffen in Uraga, an der Einfahrt zur Edo-Bucht auftaucht, ist das also für die Elite keine völlige Überraschung. Perry verlangt im Auftrag von US-Präsident Fillmore gute Behandlung von schiffbrüchig gewordenen Walfängern, die Öffnung von zwei japanischen Häfen, in denen die Walfänger Zuflucht finden und Proviant aufnehmen können und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, was die Entsendung eines amerikanischen Konsuls nach Edo einschliesst. Perry kündet an, nach kurzer Zeit zurückzukommen, um die Antwort des Kaisers (er geht davon aus, dass dieser das Land regiert) entgegenzunehmen. Er macht klar, dass die USA nötigenfalls nicht zögern werden, ihre Forderungen gewaltsam durchzusetzen.
Perry wird von Malern (v.a dem Deutschen Wilhelm Heine) und Fotografen begleitet und auch auf japanischer Seite fertigen Künstler viele Illustrationen über die Begegnungen an, die ein reichhaltiges, faszinierendes Bild davon abgeben, wie sich Vertreter der beiden Kulturen gesehen haben. Die «offiziellen» Darstellungen weichen erheblich voneinander ab:
Der zweite Besuch sechs Monate später 1854 dauert länger, während ihres Aufenthaltes an Land werden die Crewmitglieder von japanischen Künstlern aufmerksam beobachtet:
Während dieses zweiten Besuches wird – obwohl das Shogunat über die Frage, ob es zustimmen soll tief gespalten ist – der Vertrag von Kanagawa geschlossen, in dem die amerikanischen Forderungen weitgehend akzeptiert werden.
Meiji-Modernisierung In einem kurzen Übergangsteil wird im MOOC dann auf die die Modernisierung Japans im Zuge der ursprünglich konservativen Meiji-Restauration, eher einer Revolution, (1868) eingegangen. Die gegen das Tokugawa-Shogunat gerichteten und schon vor Perrys Ankunft existierenden Kräfte übernehmen die Macht, das Tokugawa-Shogunat in Edo mit seinen Regionalfürsten, den Daimyo, wird ersetzt durch eine zentralere, modernere Staatsform. Der nun in Tokio, dem früheren Edo residierende Kaiser wird Staatsoberhaupt, ein Parlament und eine Verfassung werden geschaffen.
Japan lernt schnell und «öffnet» seinerseits 1876 mit Kanonenbootpolitik Korea. Die Meiji-Regierung setzt nun auf Modernisierung in allen Belangen, Yokohama wird eine «Boomtown»
Industrialisierung, Aufrüstung und Urbanisierung erfolgen in hohem Tempo.
Japan gewinnt den chinesisch-japanischen Krieg, bei dem es wesentlich um Einfluss in Korea geht. Korea gehört nun ganz zur japanischen Einflusszone und wird später zuerst Protektorat, dann Kolonie Japans. Japan erhält Formosa (Taiwan) und die Liadong-Halbinsel, die es jedoch wegen der «Triple-Intervention» durch Russland, Frankreich und Deutschland wieder verliert und die dann durch Russland gepachtet werden kann.
1904/1905 gelingt es Japan im russisch-japanischen Krieg eine traditionelle westliche Macht zu schlagen. Der grösser werdende Einfluss Russlands in der Mandschurei, in der seit dem Boxer-Aufstand viele russische Soldaten stationiert sind, wird beseitigt. Der von US-Präsident Theodore Roosevelt vermittelte Vertrag von Portsmouth bringt zwar den Rückzug Russlands aus der Mandschurei, wo Japan eine wichtige Eisenbahn-Konzession erhält und die südliche Hälfte Sachalins, ansonsten aber keine Landgewinne. Auch mit Reparationszahlungen kann Japan, das seine Steuern während des Krieges massiv erhöhen musste, nicht rechnen. Der in den Augen sehr vieler Japaner schlechte Vertrag führt zu den Hibiya-Unruhen 1905. Hier setzt das zweite Modul des Kurses ein.
Social Protest in Imperial Japan: The Hibiya Riot of 1905 Die dreitägigen Hibiya-Unruhen, nach dem Park im Zentrum in Tokio, in dem sie begannen benannt, werden anhand von Bildern, hauptsächlich aus dem illustrierten Magazin «Tokyo Riot Graphic», dargestellt und analysiert.
Wie schon John Dower im ersten Teil versteht es auch Andrew Gordon, die Bilder als aussagestarke Quellen zu analysieren. Er erreicht damit die Ziele «to discover the role and significance of protest in early twentieth-century Japan; and second, to consider how studying images can shed new light on historical events.» Der durch den technischen Fortschritt ermöglichte Medienwandel hin zu Zeitschriften mit zahlreichen Illustrationen (Lithographien und Photograpien) wird mit dem Magazin «Wartime Graphic» aus dem russisch-japanischen Krieg dargestellt. Durch die Darstellungen des Krieges kann man auch den Aufruhr, der auf Grund des Vertrages von Portsmouth entsteht nachvollziehen. Die Unruhen werden von verschiedensten sozialen Schichten getragenen, sie sind die ersten sozialen Proteste im Zeitalter der japanischen «imperialen Demokratie».
Es wird klar, dass das Ziel, eine imperiale Macht zu werden von der Bevölkerung unterstützt wird, dass sie aber auch politische Partizipation einfordert.
In einigen Übergangssequenzen des MOOC werden weitere soziale Unruhen, der Aufstieg der Gewerkschaften im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung, ihre Radikalisierung nach dem ersten Weltkrieg und die aktive Stellung der Frauen in der Gewerkschaftsbewegung dargestellt. Eine Sequenz zeigt einen Besuch in der Sammlung des Ohara-Institutes, in dem viele Poster, Flugblätter usw. aus dieser Zeit aufbewahrt und auch digitalisiert wurden. Anhand der verschiedenen Graphiken wird auch die intensive Vernetzung mit der weltweiten Arbeiterbewegung klar.
Parallel zu Armut und Protestbewegungen in der Zwischenkriegszeit und auch parallel zu den Hungersnöten in den ländlichen Gebieten entsteht in der Zwischenkriegszeit «das neue Tokio». Die Stadt wird nach dem grossen Kanto-Erdbeben 1923 zu grossen Teilen neu aufgebaut, es entsteht eine moderne Stadt mit einer urbanen Konsumkultur mit der Ginza als kosmopolitischem Zentrum.
Modernity in Interwar Japan: Shiseido and Consumer Culture
Das dritte Modul des Kurses nimmt seine Illustrationen aus dem Archiv der Kosmetikfirma «Shiseido». Der hochstehende Mix aus Kunst und Kommerz eignet sich sehr gut, um die Modernität im Japan der Zwischenkriegszeit mit ihrer vielfältigen kosmopolitischen Vernetzung aufzuzeigen. Gennifer Weisenfeld, Professor of Art, Art History & Visual Studies an der Duke University wirkt als Gast in diesem Modul mit.
Die Ästhetik der Zwischenkriegszeit mit Paris als Zentrum und Inspirationsquelle, Art Nouveau und Art Déco zeigen auch auf, wie sich das Frauenbild, Vorstellungen der idealen Familie, Schönheitsideale usw. transnational ändern. Bauhaus, Hollywood und Massenproduktion haben grossen Einfluss, Plakate sind zum Teil avantgardistisch. In Japan wie anderswo erscheinen mit den eigenständigen «Moga» (Modern Girls) den gebildeten Hausfrauen «good wife, wise mother», den «working woman» neue Frauentypen (alle Zielgruppen von Shiseido). Luxuriöses Leben ist ein Ideal, von dem man in allen Schichten träumen und an dem man dank der Shiseido-Produkte ein wenig teilhaben darf.
In den 1930er-Jahren werden die Bilder dann nationalistischer, zum Teil militaristischer. Nationale Symbole wie die Fahne, Mount Fuji oder auch Flugzeuge und Uniformen sind vermehrt zu sehen.
Den Abschluss des Kurses bildet ein Ausblick auf den zweiten Weltkrieg, auf die Beziehungen von Modernität und Militarismus, den Pan-Asianismus mit dem Ziel der Überwindung des westlichen Kolonialismus in weiten Teilen Asiens. Der japanische Militarismus wird nicht als reaktionärer Rückgriff auf die semi-feudale Vergangenheit, als Verführung der Massen erklärt, sondern als Teil der Modernität, als eine Mischung aus Druck und Einverständnis («coercion and consent»)
Dieser xMOOC ist sowohl didaktisch wie inhaltlich sehr gut gemacht. Er nutzt die Visualizing Cultures-Sammlung des MIT optimal, führt einerseits in die faszinierende Zeit zwischen Perry und dem Beginn des zweiten Weltkrieges ein, zeigt aber andererseits auch auf, wie reichhaltig und aussagekräftig Bilder als Quellen sind. Die beiden hauptsächlich durch die Module führende Professoren sind führende Experten auf ihrem Gebiet, sie haben aber auch eine sympathische Präsenz in den vielen Videosequenzen, ihr Enthusiasmus für die Geschichte Japans und für die Bilder, ebenso wie ihre hohen wissenschaftlichen Standards sind deutlich spürbar.
Den Auftakt zur Applied History Lectures im Sommersemester 2017 (PDF) unter dem Titel «War’s das? – der Westen und die Demokratie» macht George Packer. Er hat mit «Die Abwicklung» («The Unwinding») schon 2013 «eine innere Geschichte des neuen Amerika» geschrieben, die die Wahl Trumps völlig nachvollziehbar macht.
Packer wird von Klapproth interviewt und das Gespräch dreht sich stark um das Buch Packers. Eine ausführliche Rezension hat z.B. der Deutschlandfunk gebracht.
Die Zeit schrieb:
«George Packers Die Abwicklung gleicht der Vivisektion einer Nation von fast 320 Millionen Menschen mitten in ihrer sozialen, ökonomischen, politischen und normativen Auflösung. Die Roosevelt-Republik mitsamt ihrer staatlichen Daseinsfürsorge, ihren Gewerkschaften und Einhegungen monopolistischer und finanzwirtschaftlicher Machtansprüche löst sich seit mehr als zwei Jahrzehnten auf. Packer: „Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld.“» Sie zitiert damit aus dem Prolog Packers:
"Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann - wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, das die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewickelte Spule, zusammengehalten hatten [...] Wer um 1960 oder später geboren wurde, hat sein gesamtes Erwachsenenleben im Taumel dieser Abwicklung verbracht. Er mußte mit ansehen, wie Bauwerke und Institutionen, die bereits vor seiner Geburt bestanden hatten [...] in der gewaltigen Landschaft wie Salzsäulen zerfielen. Auch andere Aspekte, weniger deutlich sichtbar vielleicht, aber mindestens ebenso unerlässlich für ein geordnetes Alltagsleben, zerbröckelten bis zur Unkenntlichkeit - der Umgang in den Hinterzimmern von Washington, die Tabus in den New Yorker Handelsbüros, Manieren und Moral [...] Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zu Stelle ist: das organisierte Geld."
George Packer hat sein Sachbuch aufgebaut wie die USA-Trilogie aus den 1930er-Jahren von John Dos Passos (New York Times), d.h. lange Sequenzen, in denen die Biographien von unbekannten Amerikanerinnen und Amerikanern nachgezeichnet werden; kürzere Einsprengsel mit Episoden aus dem Leben prominenter Amerikanerinnen und Amerikaner – von Colin Powell bis zu Jay-Z – und «Newsreels» Schlagzeilen, Fragmente von Mails, Werbespots usw. Die Entwicklungen der letzten 40 Jahre werden so anhand der Personen, die wir im Buch verfolgen und mit deren Augen wir das Geschehen sehen, deutlich dargestellt – die Erzählstränge werden nicht durch weitergehende Systematisierungen unterbrochen, auch wenn Packer (wie an der «Applied History Lecture» deutlich wird) sie durchaus leisten könnte.
Die «Abwicklung» des seit Roosevelt geltenden Gesellschaftsvertrags mit seinen Regeln, Konventionen und Institutionen, der die Etablierung der grossen amerikanischen Mittelklasse ermöglichte, kann auf verschiedenen Ebenen ausgemacht werden. Ich wähle einige aus. Die Zitate sind Ausschnitte aus Packers Buch, sie sind hier aus dem Zusammenhang der verschiedenen Erzählstrange herausgerissen, ich habe sie als einzelne Puzzleteile den verschiedenen Ebenen hinzugefügt, ohne mit Bestimmtheit zu wissen, ob Packer seine eigene oder die Meinung eines seines Protagonisten wiedergibt. Denn, wie der Rezensionist der New York Times schreibt:
"I use the word "seems a lot because Packer rarely comes out and says what he thinks. Thea i a book of nearly pure narrative, and his meanings are embedded inthe way he portrays people (...).
Politik
Das Vertrauen in die Politik begann schon mit Watergate massiv abzunehmen, wenn Packer auch konstatiert: «doch selbst der schlimmste politische Skandal der amerikanischen Geschichte bewies noch die institutionelle Stärke der Demokratie: Der Kongress, die Gerichte, die Presse, der Wille des Volkes genügte, um das Krebsgeschwür herauszuschneiden.» (Pos. 2978) 1
Mit der Öl- und der darauffolgenden Wirtschaftskrise und dem für viele wenig inspirierenden Jimmy Carter begann aber in den späten 1970er-Jahren die «Abwicklung»:
«1978 hatte die Stimmung im Land ihren Tiefpunkt erreicht: Städte wurden durch Vandalismus verwüstet, Stagnation und Inflation vernichteten die Kaufkraft, im Weißen Haus saß ein humorloser Moralist, der Opferbereitschaft predigte. Das Misstrauen gegenüber Behörden und Verbänden stieg, die Bevölkerung war frustriert und ließ sich – von Populisten und Konservativen – gegen Staat und Steuern aufwiegeln.» (Pos 354). 1979 folgte dann die Malaise-Rede von Carter, in der er eine «Krise des Vertrauens» im Land diagnostizerte und warnte «dass viele von uns jedes Maß verloren haben und nur noch dem Konsum frönen» (Pos 484).
Carters „Crisis of Confidence“ Speech (July 15, 1979) Youtube.
Die Reagan-Jahre brachten zwar einen Präsidenten, der wieder Optimismus verbreitete, die Staatsverschuldung wuchs aber wegen der Steuersenkungen ständig an, Infrastruktur wurde vernachlässigt, man setzte ja auf Privatisierungen, die Umverteilung des Wohlstandes zu ungunsten der unteren Einkommenssegmente wurde stärker. Gleichzeitig kamen Leute wie Newt Gingrich politisch zu Einfluss, die aus der Unzufriedenheit Kapital schlagen konnten: «Spender, wusste Gingrich, motivierte man, indem man ihnen Angst machte, ihre Wut schürte und jedes Thema als eine Wahl zwischen Gut und Böse darstellte (…)
Ende der Achtziger gelang es Gingrich, die eigene Partei und die gesamte politische Kultur in Washington radikal zu verändern. Radikaler vielleicht als Reagan – und jeder andere Politiker nach ihm.» (Pos 411). Überparteiliche Verständigung war kaum mehr möglich, Kompromisse wurden verunmöglicht, Lösungssuchen gingen in Filibustern unter. Letztlich ging es jetzt darum zu verhindern, dass die Gegenseite irgendeinen Erfolg vorweisen konnte.
Die Clinton-Jahre schädigten mit der Lewinsky-Affäre das Ansehen der Präsidentschaft weiter, Packer schildert auch den übergrossen Einfluss der Lobbyisten: Zwischen 1998 und 2004 wechselten 42 Prozent der nicht wiedergewählten Kongressabgeordneten sowie die Hälfte der Senatoren in die Lobbyarbeit.» (Pos. 3048). Wahlkämpfe waren nur mit sehr hohen Geldmitteln zu gewinnen, die spendenden Firmen wollten und bekamen dafür auch einen «Return of Investment», was bald als ganz normal angesehen wurde: «Das alte Washington –die Presse, die bessere Gesellschaft, die Hüter von Tradition und Moral –tat entsetzt. Doch das neue Washington verstand, dass die Begnadigung von Marc Rich einfach nur ein gut eingefädeltes Geschäft gewesen war.» (Pos. 3090)
Die Deregulierung unter Clinton führte dazu, dass die Finanzinstitute weitgehend freie Hand für Spekulationen, Derivathandel usw. bekamen. 1999 wurde das Glass-Steagall ausser Kraft gesetzt, das den Banken die Trennung zwischen dem Investitionsgeschäft und den Konten privater Sparer vorgeschrieben hatte. Es war 1933 vom Kongress verabschiedet worden und wurde 1999 von Demokraten und Republikanern gemeinsam ausser Kraft gesetzt und von Clinton unterzeichnet (Pos. 5396).
Einer der Protogonisten von Packers Buch, Jeff Connaughton formulierte in einem eigenen Buch eine „Universaltheorie“ zur Bedeutung des Geldes in Amerika seit den Achtzigerjahren: «Als an der Wall Street und in Washington auf einmal unglaublich viel verdient wurde, als es plötzlich möglich war, riesige Summen in die eigene Tasche zu wirtschaften –ich selbst bin ein lebendiges Beispiel dafür, kein Mensch weiß, wer ich bin, aber ich hatte Millionen, als ich Washington verließ –, als bestimmte Praktiken kaum noch ernsthafte Konsequenzen hatten, als Verhaltensnormen wegbrachen, die zumindest die schlimmsten Exzesse der Geldmacherei verhindert hatten, kippte plötzlich die gesamte Kultur. Und zwar gleichzeitig an der Wall Street und in Washington.» (Pos. 3161)
Als die zweite Bush-Regierung Colin Powell vorschickte, um 2003 den Irak-Krieg vor der UNO mit einer Lüge zu rechtfertigen, wurde die die Institution Regierung ein weiteres Mal schwer beschädigt. (Pos. 3034)
Packer hatte an der Veranstaltung (und er hat in seinem Buch) auch wenig Verständnis für Obama, der sich in Wirtschaftsfragen mit Wall-Street-Männern umgab und in dessen Amtszeit keine für die Finanzkrise Verantwortlichen belangt wurden. «Wieder einmal zeigte sich, dass das Establishment (…) die Katastrophe ungeschoren überstehen würde. Das Establishment konnte Fehler um Fehler machen, es kam trotzdem immer durch, und am Ende profitierte es noch von den eigenen Fehlern. Es war wie im Kasino, die Bank gewann am Ende immer.» (Pos. 5410)
«Andererseits verschwendete der Präsident sein erstes Jahr darauf, der Gegenseite, die ihm keinen Zentimeter entgegenkam, Kompromisse anzubieten, und er tat alles, um den Bankern, die in der Finanzkrise so eine schlechte Figur gemacht hatten, die Konsequenzen zu ersparen. Der Präsident sprach immer von einer „neuen Ära der Verantwortung“, wenn es aber um diese Typen ging, schien das nicht zu gelten.» (Pos. 6187)
Wirtschaft
Mitte der 1975er-Jahre setzte die De-Industrialisierung ein, die amerikanische Industrie verlor im Zuge der Globalisierung in weiten Teilen ihre Konkurrenzfähigkeit. Stahlwerke begannen zu schliessen, die Autoindustrie geriet in eine Krise, «Was in Youngstown passiert war, nahm nun auch in Cleveland, in Toledo, Akron, Buffalo, Syracuse, Pittsburgh, Bethlehem, Detroit, Flint, Milwaukee, Chicago, Gary, St. Louis und in anderen Städten eines Gebiets seinen Lauf, das ab 1983 unter einem neuen Namen bekannt wurde: Rust Belt.» (Pos 986).
Auch der Tabakanbau ging rasant zurück, ab «1983 waren die Verkäufe rückläufig. In dieser Zeit begann die Regierung, verstärkt Druck auf die Zigarettenindustrie auszuüben. Außenwerbung wurde verboten, die Steuern wurden verdoppelt. Anti-Raucher-Kampagnen zeigten in der Öffentlichkeit enorme Wirkung.»
Die Macht der Gewerkschaften nahm ab, die Betriebe gliederten ganze Abteilungen aus, um dank jetzt viel niedrigerer Löhne billiger produzieren zu können, die Arbeitslosigkeit stieg an. «Sie wollten die festen Beschäftigten loswerden, also haben sie sie ausgegliedert, sie haben sie in eine andere Firma überführt, da mussten sie sich nicht mehr um sie kümmern. Sie gehörten ja nicht mehr zu GM» (Pos. 2851).
Lösungen wurden kaum gesehen: «Die Experten in Washington und New York hielten den Abstieg für unvermeidlich: technische Neuerungen, Globalisierung. Die Phase der Einsparungen und Kündigungen dauerte mehrere Jahre, der eigentliche Zusammenbruch vollzog sich dagegen in einer Geschwindigkeit, die atemberaubend war. Die Fabriken, die über ein gutes Jahrhundert als institutionelle Säulen der Gesellschaft gedient hatten, verschwanden eine nach der anderen:» (Pos. 1531).
Der Finanzwelt ging es aber gut, die Boni wurden völlig unverhältnismässig, es «war lächerlich, dass ein Hedgefondsmanager wie John Paulson, der nichts tat, als Papiere hin-und herzuschieben, in einem einzigen Jahr 3,8 Milliarden verdiente» (Pos. 6944) und an der Westküste, im Silicon Valley entstanden neue Hightechzhentren: «Ab Mitte der Siebzigerjahre bis Anfang der Neunziger waren durch die Entwicklung des PCs im Valley und in verschiedenen anderen Hightechzentren unzählige kleine Computer-und Softwarefirmen entstanden. San Jose verdoppelte in zwei Jahrzehnten seine Einwohnerzahl und stand kurz davor, eine Millionenstadt zu werden. 1994 gab es im Valley 315 Aktiengesellschaften. Aber keine der Neugründungen war auch nur annähernd so wichtig wie Hewlett-Packard, Intel und Apple. Seit der Einführung des Macintosh-Computers hatte sich die Industrie fortwährend» (Pos. 2460). Allerdings wurden durch diese neuen Branchen nur sehr wenig Arbeitsplätze geschaffen: «Die Eliten Amerikas haben keine Lösungen für die Probleme der Arbeiter und der Mittelschicht. Die Eliten glaubten, dass jeder zum Programmierer oder Finanzfachmann umgeschult werden sollte, dass zwischen einem Stundenlohn von acht Dollar und einem sechsstelligen Jahreseinkommen keine Möglichkeiten waren.» (Pos. 4675)
«Dann gewann Obama die Wahl, und es änderte sich nichts. Nur die Banken machten wieder Geschäfte, die Konzerne und die Reichen verdienten mehr denn je, und der Rest des Landes musste dafür bluten.» (Pos. 7029)
Finanzsektor
Packer schildert am Beispiel Florida eindrücklich, die Auswirkungen des Hypothekenmarktes im «Subprime-Sektor», der zu einer weltweiten grossen Finanzkrise führte, hatte.
«Ron und Jennifer nahmen einen Kredit von 110000 Dollar auf und bauten ein Haus mit drei Schlafzimmern. Nach einiger Zeit refinanzierten sie die Hypothek, um die laufenden Rechnungen zu bezahlen, dann beliehen sie das Haus, um ein neues Dach zu bezahlen, dann refinanzierten sie noch einmal, um ihre Autos abzuzahlen, eine Terrasse zu bauen, ein Boot zu kaufen. Was übrig blieb, verschleuderten sie auf Kreuzfahrten und –mit den Kindern –in Disney World.» (Pos. 3624).
«Aus dem ganzen Land kamen Spekulanten, die Häuser kauften, um sie möglichst schnell wieder abzustoßen. Fünfzigtausend Dollar in sechs Monaten galt als realistischer Profit, es gab Sekretärinnen mit einem Jahresgehalt von fünfunddreißigtausend Dollar, die fünf oder zehn Häuser besaßen und mit Millionenkrediten jonglierten, und Autohändler, die ihr erstes richtiges Geld verdienten, als sich die Immobilienpreise innerhalb von zwei Jahren verdoppelten. 2005, auf dem Höhepunkt des Wahnsinns, wechselte am 29. Dezember in Fort Myers ein Haus für 399’600 Dollar den Besitzer, das einen Tag später, am 30. Dezember, für 589’900 Dollar weiterverkauft wurde. Es waren die Spekulanten, sogenannte »Flippers«, die die Preise in die Höhe trieben.» (Pos. 3654).
Ein hektisches Weiterverkaufen setzte ein, als sich abzeichnete, dass die Immobilienblase wohl platzen musste: «Die Hypotheken derart oft aufgeteilt, verbrieft und neu verpackt, die Banken hatten so viel Pfuscherei betrieben, um ihr Geld zu retten, dass keine Institution mehr nachweisen konnte, wem ein Haus eigentlich gehörte». (Pos. 5178)
Sehr viele Mittelstandsfamilien verloren ihre Häuser, als sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten und landeten mittellos auf der Strasse, während die meisten Banken vom Staat gerettet wurde. Das Gefühl, dass der Staat sicher nicht mehr für die kleinen schaue, dass sich harte Arbeit nicht lohne, Machtlosigkeit und Resignation verbreiteten sich: «Recht bekamen in diesem Land nur die Reichen, zu denen sie nicht gehörte. Wenn sie pleiteging, profitierten Banken und Anwälte. Banken verdienten ihr Geld damit, die kleinen Leute herumzuschubsen. Erst versuchten sie es mit Einschüchterung, und wenn sie Gegenwehr spürten, zettelten sie einen Papierkrieg an.» (Pos. 5345)
Infrastruktur
Anhand der vielen Eigenheime, die seit den 1950er-Jahren in gesichtslosen Siedlungen entstanden, zeigt Packer auch auf, wie der Ölhunger wuchs, weil für die kleinsten Verrichtungen ein Auto nötig war und wie zuerst die Städte degradiert wurden «1950 baute Edward DeBartolo eine der ersten offenen Einkaufszentren in Boardman, wuchernde Malls begannen schon bald, den Geschäften der Innenstädte die Grundlage zu entziehen. Weiße Arbeiter zogen in die Vorstädte und fanden Anstellungen in leichteren Industrien. Schwarze Arbeiter, die überwiegend in den Städten blieben, übernahmen ihre besser bezahlten Stellen» (Pos. 832)
Diese Entwicklung wurde mit dem Aufstieg der Kette «Wal-Mart», in der alles zu billigen Preisen zu haben war, beschleunigt: «In den Siebzigern verdoppelte die Firma alle zwei Jahre ihren Umsatz. 1973 gab es schon fünfundfünfzig Märkte in fünf Staaten. 1976 waren es 125 Märkte, der Umsatz betrug dreihundertvierzig Millionen Dollar. Wal-Mart breitete sich immer weiter aus, in einem Kreis, dessen Mitte Bentonville war. Die Firma schluckte ein vergessenes Städtchen nach dem anderen und verwüstete die traditionellen Geschäftsstraßen, bis die Region so von Wal-Mart dominiert war, dass kein anderes Geschäft mehr gedeihen konnte, kein Eisenwarenhändler und keine Apotheke.» (Pos. 1958) Nach dem Tod des Firmengründers Walton realisierte man: «Das ganze Land war eine Art Wal-Mart geworden. Es war billig. Die Preise waren niedrig, und die Löhne waren niedrig. Die Industrie beschäftigte nur noch wenige Arbeiter, die selten gewerkschaftlich organisiert waren. Teilzeitarbeit –etwa als Grusspersonal – nahm dagegen zu. Die Kleinstädte, in denen Sam Walton seine Chance gesehen und genutzt hatte, verarmten zusehends, weshalb die Kunden immer mehr auf die jeden Tag günstigen Preise von Wal-Mart angewiesen waren. Viele Menschen kauften ausnahmslos alles bei Wal-Mart, und nicht wenige mussten auch dort arbeiten. Das Heartland, Amerikas traditionelles Kernland, wurde immer weiter ausgehöhlt, was die Umsätze der Firma weiter steigerte. Und in den Teilen des Landes, die reicher geworden waren – vor allem an den Küsten und in einigen Großstädten – waren die Menschen über die gigantischen Gänge voller mieser, möglicherweise giftiger chinesischer Billigware ausgesprochen entsetzt. Sie bevorzugten es, ihre Schuhe und ihr Fleisch in kleinen, teuren Geschäften zu kaufen, als könnten die überteuerten Produkte sie gegen das Virus des Geizes impfen.» (Pos. 2012).
Die Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft waren natürlich gross: «die Leute, die früher den Eisenwarenladen hatten, das Schuhgeschäft, das kleine Restaurant, das es hier mal gegeben hat – diese Leute haben den Ort zusammengehalten. Sie haben sich um alles gekümmert. Sie haben das Baseball-Training der Kinder organisiert, sie haben im Stadtrat gesessen, sie wurden respektiert. Das gibt es jetzt alles nicht mehr.« Im Rest des Landes, hieß es, boomte die Wirtschaft – die Wall Street und Silicon Valley hatten mehr Geld als je zuvor (…)» (Pos. 2741)
In vielen Bundesstaaten führte das «Senken der Staatsquote» zu einer drastischen Verschlechterung des öffentlichen Bildungssystems, wie Packer am Beispiel Kaliforniens aufzeigt:
1977: «Nahezu alle Kinder der Region, selbst aus den wohlhabendsten Familien, besuchten die öffentlichen Schulen, die sehr gut waren – nirgends im Land waren die Schulen so gut wie in Kalifornien. Die begabtesten Schüler gingen zum Studium nach Berkeley, nach Davis oder an die UCLA (einige wenige schafften den Sprung nach Stanford oder an die Ivy League), die weniger begabten schrieben sich an den staatlichen Colleges in San Francisco oder Chico ein. Selbst Junkies und Kiffer bekamen noch eine Chance: Colleges wie Foothill oder De Anza boten zweijährige Berufsausbildungen an, die jedem offenstanden. All das änderte sich, als ein Jahr später die kalifornische Steuerrevolte begann: Proposition 13, ein Volksbegehren, beschränkte die Grundsteuer auf ein Prozent des Einheitswerts, Schulen und staatliche Universitäten begannen einen Abstieg, der bis zum heutigen Tag anhält.» (Pos. 2301)
Mehr und mehr Familien entschieden sich für Privatschulen, und es entstand etwas, das es in der amerikanischen Geschichte noch nicht gegeben hatte: die privatisierte öffentliche Bildung. Schulen in wohlhabenden Gegenden wie dem Silicon Valley kämpften sich an die Spitze, indem sie unter der Elternschaft massiv zu Spenden aufriefen. Die öffentliche Grundschule in Woodside (vierhundertsiebzig Schüler) wurde von einer Stiftung unterstützt, die 1983, fünf Jahre vor Proposition 13, gegründet worden war, um die bedrohte Stelle eines einzigen Sonderlehrers zu retten – (…) Einige Meilen weiter, in der Stadt East Palo Alto, gab es keine Stiftungen, und den Schulen fehlte das Geld für Bücher und die nötigste Ausstattung. So wurde das kalifornische Schulsystem langsam und schmerzhaft abgewickelt, es fiel erstaunlich tief» (Pos. 7672f)
Medien
Auch die Medien veränderten sich völlig. «Zehn Sekunden im Fernsehen genügten, um einen Politiker für immer zu definieren, um ihn zu krönen oder zu zerstören.» (Pos. 1277), Packer beschreibt das z.B. an der Debatte zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan: «1980 legte Ronald Reagan den Kopf zur Seite, kicherte und sagte: »Da, Sie tun es schon wieder.« Womit Jimmy Carters Präsidentschaft auf eine Amtszeit zusammenschrumpfte. Vielen, die damals zugeschaut haben, war klar, dass dieses «And here you go again» das Ende von Carters Präsidentschaft bedeutete. In den Jahrzehnten danach verloren die drei grossen Ketten CBS, NBC und ABC gegenüber der Konkurrenz auf den Kabelkanälen wie CNN und Fox News deutlich an Reichweite.
Fox News wurde zum Sprachrohr der Konservativen, dem Sender gelang es, ihre Ansichten als die gottgefälligen darzustellen und so ein grosses Publikum zu beeinflussen. «Als Dean aufwuchs, sah die Familie die Nachrichten mit Walter Cronkite, seine Mutter hatte damals kaum eine dezidierte politische Meinung gehabt. Doch nun wurde sie immer konservativer. Ihre politischen Ansichten beruhten auf den «Prinzipien der Bibel», sie war gegen Abtreibung und Homosexualität, und seit Fox und die Republikaner jedes ihrer politischen Themen an Religion gekoppelt hatten, war es unmöglich geworden, sie von ihren Positionen abzubringen.» (Pos. 3319)
Daneben gelangen ultrarechte Talkshow-Moderatoren wie Glenn Beck (und auch linke Blogger) zu Einfluss, die auf der weitverbreiteten Aversion gegen «Washington» aufbauen konnten. Beck rief einer riesigen Menschenmenge zu «dass wahre Veränderung nicht von Washington ausgehe, sondern von echten Menschen, die im ganzen Land an echten Orten lebten (…) aber auch die progressive Arianna Huffington schrieb zwei Tage später in ihrer Kolumne etwas Ähnliches» (Pos. 5677)
Dem unterdessen verstorbene und durch Trumps Berater Bannon bekannt gewordene Andrew Breitbart hat in Packers Buch ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Packer zeigt auf, wie Breitbart das Internet zu nutzen vermochte «In Breitbarts Hirn vollzog sich die Verschmelzung des Internets mit der konservativen Bewegung.» (Pos. 5794) Dies passierte gleichzeitig mit dem Umbau der alten Medien, die rentieren mussten und so mehr und mehr auf Infotainment setzten, denn «der Meinungsjournalismus war billiger als echte Berichterstattung und hielt die Zuschauer bei der Stange.» Geschichten wurden erfunden, die neuen Kanäle wie Breitbart-News begannen die alteingesessenen Sender zu verhöhnen, «bis niemand mehr wusste, wer eigentlich recht hatte und wo die Wahrheit lag, bis das Vertrauen in die Presse verspielt und das Selbstverständnis eines ganzen Berufs zerstört war (…) Das Wunderbare an den neuen Medien war, dass es jeder machen konnte» Breitbart verkündete an Dinnerpartys der alten Medien «Ihr versteht’s einfach nicht. Die Bürger entscheiden jetzt selbst, wer ihre Geschichte erzählt. Und sie geben die Kontrolle nicht mehr her, weil sie wissen, dass ihr alles kaputt machen würdet.» (Pos. 5822)
Nicht genehme Organisationen und Minister wurden mit irreführend zusammengeschnipselten Videos fertig gemacht. «Die Regeln der alten Medien, ihr Beharren auf Wahrheit und Objektivität, galten nicht mehr. Was zählte, war der größtmögliche Effekt, es ging darum, die Geschichte selbst an sich zu reißen.» (Pos. 5851)
Der Deutschlandfunk schliesst seine Rezension folgendermassen: «Und auch wenn über der polyphonen Struktur und dem Detailreichtum zuweilen das große Ganze etwas aus dem Blick gerät, macht das Buch Entscheidendes deutlich: ein eklatanter Einkommensunterschied ist eine der größten moralisch-gesellschaftlichen Gefahren unserer Zeit und beruht auf einem Mangel an staatlicher Einflussnahme. Denn sind soziale Netzwerke einmal weggefallen, lassen sie sich nicht wiederherstellen. So wird Packers Buch auch als Warnung lesbar, (…). Es erinnert daran, dass Gesundheit und eine gute Lebensqualität jedes Einzelnen die Voraussetzung für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft sind. »
Der Spiegel schreibt: «“Die Abwicklung“ ist auch eine Generationengeschichte. George Packer ist 53 Jahre alt; als er auf die Welt kam, galt jener Gesellschaftsvertrag noch, mit dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt in den Dreißigerjahren die USA befriedet und die Depression beendet hatte. Es war die Idee, dass ein Staat die Aufgabe hat, sich um die Schwachen zu kümmern. Dass der amerikanische Traum des individuellen Aufstiegs kein Selbstläufer ist, sondern dass der Staat den Kapitalismus kontrollieren muss. Die Abwicklung dieser Idee ist die Geschichte von Packers Leben.
Und die deprimierende Einsicht hinter „Die Abwicklung“: Vielleicht ist die Zeit der Mittelschichtsgesellschaft einfach abgelaufen, beiseitegedrängt von einem neuen Gilded Age, wie die Amerikaner ihre Gründerzeit nennen – Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten noch die Eisenbahnmagnaten und Stahlbarone das Land. Nun sind es Finanzkapitalisten und Internetkreative, die die Macht übernommen haben und die letzten Überreste des alten Industriekapitalismus abräumen.»
Mir ist auch die Präambel der schweizerischen Bundesverfassung in den Sinn gekommen, in der auch steht: «gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,»
Im Gespräche mit Stephan Klapproth meint Packer, dass er trotz all dieser Recherchen nicht damit gerechnet habe, dass Trump die Wahl gewinne. Überrascht ist er aber nicht – Trump weiss, was diejenigen, die nicht zum Establishment gehören, hören wollen. Er selbst wurde auch nie wirklich darin aufgenommen, er hat seinen Queens-Akzent behalten, fühlte sich vom Establishment belächelt und hat – wie der untere Mittelstand auch – einen Hass gegen «die Elite» entwickelt.
Er sieht aber auch Lichtblicke: es gibt viele «Grass-Roots-Bewegungen», die Leute sind aufgewacht, gingen zu den Flughäfen, als Trump den «Muslim-Ban» erliess, die Qualitätspresse berichtet wieder wie in besseren Zeiten, anstatt Infotainment zu machen. Die Institutionen allerdings «are not the same as 1972/1974, they are much more partisan». Das Land wird gespalten bleiben, die Ungleichheit wird weiterhin wachsen.
1 Alle Positionsangaben aus dem E-Book der deutschen Ausgabe:
Packer, George. 2014. Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. Frankfurt/M.: Fischer:
Die Applied History Lectures stehen im Sommersemester 2017 (PDF) unter dem Titel «War’s das? – der Westen und die Demokratie».
Felix Klos (Linkedin), Jahrgang 1992, Organizer in den 2016 gescheiterten Kampagnen für Bernie Sanders und dann für «Hillary for America» plaudert mit Stephan Klapproth über seine Erlebnisse während der Kampagne, in einem Trailerpark in Iowa etwa, in dem es zu hysterischen Anfälle gekommen sei, als er mit seinem Hillary-Button an Türen geklopft habe. Das Gespräch dreht sich um das «Age of Anger», in vielen Ländern (sie sprechen über Holland, die USA und Grossbritannien) ist ein «Backlash» gegen die Globalisierung und die EU in vollem Gange.
Die Veranstaltung findet genau ein Stockwerk unter der Aula der Universität Zürich statt, wo 1946 Churchill seine berühmte Rede «Let Europe Arise» gehalten hat. Klos hat noch vor dem Referendum über den Brexit ein Buch «Churchill on Europe» geschrieben1. Er widerspricht dezidiert den Behauptungen, Churchill habe Grossbritannien nicht in einer Europäischen Union gewünscht und belegt das mit vielen Quellen. Mit Denkern wie Graf Coudenhove-Kalergi und Politikern aus verschiedensten politischen Lagern in Grossbritannien, vielen kontinentaleuropäischen Ländern und den USA begann Churchill, Institutionen und den politischen Willen aufzubauen, die schliesslich zur Europäischen Union führen würden. Klos schreibt über sein Buch:
«(It) relies on never-before-published material to tell the true story of Churchill’s driving role in the postwar making of a united Europe. I believe it shows, and this is key to Britain’s identity, that after the war Churchill evisaged Britain leading an ever-closer union of European states. Not following, not on the edges, but leading. (Pos. 60).
Es lohnen sich also ein Blick auf die Zürcher Rede und die von Klos benützten zusätzlichen Quellen.
CVCE an der Uni Luxemburg, «die digitale Forschungsinfrastruktur zur europäischen Integration» hat die verschiedenen Ressourcen zur Zürcher Rede, den Text und ein Tondokument zusammengestellt.
Das CVCE fasst die Rede folgendermassen zusammen:
«Indem er die deutsch-französische Aussöhnung fordert und „eine Art Vereinigte Staaten von Europa“ ohne die Beteiligung Großbritanniens vorschlägt, zeichnet Churchill das Bild von einer künftigen, nicht kommunistischen Föderation Westeuropas. Damit spricht er sich für einen europäischen dritten Weg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion aus. Gleichzeitig befürwortet er die Gründung des Europarates.»
Die «akademische Jugend», zu der Churchill in Zürich sprach, befand sich eher nicht in der Aula, wie Boscovits hier im Nebelspalter illustriert2,sie hörte aber via Lautsprecher vor der Universität zu.
Die letzten Sätze der Rede Churchills in Zürich lauten
«In this urgent work France and Germany must take the lead together. Great Britain, the British Commonwealth of Nations, mighty America — and, I trust, Soviet Russia, for then indeed all would be well — must be the friends and sponsors of the new Europe and must champion its right to live. Therefore I say to you “Let Europe arise!”»
Klos These, Churchill habe die Mitgliedschaft, ja sogar den «Lead» Grossbritanniens in einem vereingten Europa gewollt, stützt sich stark auf die Diplomatischen Dokumente der Schweiz3. Die Rede in Zürich bildete den Abschluss von dreiwöchigen «Ferien» Churchills in der Schweiz (Werner Vogt erläutert den ganzen Hintergrund in der NZZ vom 10.9.2016, hervorragend illustriert). In dieser Zeit wurde Churchill von zwei vom Bundesrat beauftragten Emissären, Protokollchef Jacques Albert Cuttat und Sicherheitschef Oberstleutnant Hans Wilhelm Bracher begleitet. Mit beiden hatte Churchill ein gutes Einvernehmen und beide berichteten Bundesrat Petitpierre, dem Vorsteher des Eidgenössischen Politischen Departements über den Aufenthalt Churchills. Ihre Berichte sind heute bei DODIS einsehbar.
Bracher und Cuttat hatten in der Nacht vor der Rede Gelegenheit, die damals schon fertig gestellten Teile von Churchills Rede zu hören.
Cuttat fragt ihn bei dieser Gelegenheit explizit nach der Rolle, die Grossbritannien in diesem Europa spielen würde.
Klos stützt seine These im weiteren Verlauf des Buches mit den Aktivitäten Churchills, die Churchill danach vor allem auch in Grossbritannien entfaltete, um der europäischen Idee zum Durchbruch zu verhelfen.
Die Kritik am Buch von Klos, wie sie z.B. Andrew Roberts vom Churchill Project am Hillsdale College äussert, geht dahin, dass Klos die zweite Amtszeit Churchills als Premierminister(1951 – 1955) – in der er viel weniger europafreundlich handelte – praktisch ignoriert, dass Klos Churchills Ansichten in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zwar sehr genau recherchiert hat, aber daraus unzulässige Schlüsse zieht.
Für mich war die Lektüre inspirierend, sie hat mir auch gezeigt, welcher Fundus mit den digital aufbereiteten Diplomatischen Dokumenten der Schweiz zur Verfügung steht und wie wertvoll sie zur Kontextualisierung von anderen Dokumenten, wie hier Churchills Zürcher Rede, sein können.
1 Klos, Felix. 2016. Churchill on Europe. The Untold Story of Churchill’s European Project. London: Tauris. E-Book.
Ich besuche einen Paläografie-Kurs bei Hildegard Gantner-Schlee im Staatsarchiv Basel-Stadt.
Das Lesen alter Kurrentschriften sei Übungssache… und wir üben intensiv.
Hier einige Hilfsmittel:
Die Schweizerische Gesellschaft für Familienforschung vertreibt nach wie vor die Schulpraxis vom Dezember 1988: Alte Schriften lesen
Die Staatlichen Archive Bayerns haben eine Digitalen Schriftkunde, eine Lese- und Übungsumgebung bereitgestellt. Quellenbeispiele aus den Beständen der Archive mit Entzifferungshilfen und Transkriptionen helfen beim Üben.
Die „Vorschrift zum Nuzen der bernerischen Schuljugend“ von Johan Jakob Roschi (1789) ist beim Göttinger Digitalisierungszentrum abrufbar, unter Inhaltsverzeichnis auch als PDF.
Das in Wädenswil bei Brupbacher in Kupfer gestochene Lehrbuch diente in den Berner Schulen dazu, Form und Inhalt des richtigen Schreibens zu vermitteln. Dazu gehörte nicht nur die richtige Schrift, sondern auch die richtigen Anreden (Von «Wohledelgebohrner hochgeehrter Herr!» bis «Ehrsamer Nachbar!»).1
Frau Gantner, als die Expertin für alte Handschriften kann aus einem reichen Fundus schöpfen, so bringt sie z.B. einige Schriftproben aus dem Leben der Muttenzer Hebamme Margrith Rahm.2
Hildegard Gantner-Schlee hat auch über viele Jahre den Nachlass von Karl Jauslin (1842 – 1904) (HLS, Heimatkunde online, Muttenz) betreut. Dieser Historienmaler hatte mit seinen „Bildern aus der Schweizergeschichte“ wesentlichen Anteil am Geschichtsbild ganzer Generationen ab den 1890er-Jahren, in einer Zeit also, in der der junge Bundesstaat immer noch daran war, eine eigene Tradition zu erfinden.
Danach versuche ich mich an den Handschriften Heinrich Grunholzers (HLS), einige (schön geschriebene) Briefe sind in der Alfred Escher Briefedition enthalten und erlauben eine Familiarisierung mit seiner Handschrift.
Das Buch «Die Entzauberung Asiens – Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert» von Jürgen Osterhammel ist 1997 zum ersten Mal erschienen und wurde 2010 – versehen mit einem neuen Nachwort –neu aufgelegt.
«Im Laufe des 18. Jahrhunderts, das als ein langes, um 1680 beginnendes Jahrhundert gefaßt werden sollte, verloren die Zivilisationen Asiens in der charakteristischen Sichtweise von Europäern ihre Märchenhaftigkeit. Zwar hielt sich (…) weiterhin die Bilderwelt des phantastischen Orients, doch trat daneben die rationale Beschreibung und Analyse zeitgenössischer asiatischer Gesellschaften, die zu zeigen versuchte, wie diese Gesellschaften samt ihren politischen Systemen und religiösen Praktiken „funktionierten“. Die Länder des nichtchristlichen Eurasiens wurden keineswegs einem pauschalen Oberbegriff von „Asien“ oder dem „Orient“ als dem Gegenteil von „Europa“ bzw. dem „Okzident“ unterworfen, sondern in ihren Besonderheiten vergleichend dargestellt und diskutiert. Schroffe Ost-West-Dichotomien finden sich im 18. Jahrhundert ebenso selten wie Versuche, Asien aus der Sphäre historischer Bewegung in einen Sonderraum der „Geschichtslosigkeit“ zu verdrängen, es auf ein Abstellgleis der Weltgeschichte zu schieben.» (Osterhammel 2010, Pos. 8592)1
«Wenn Max Weber an einer Stelle in seinem Spätwerk die Entzauberung der Welt als deren ‘Verwandlung in einen kausalen Mechanismus’ durch ‘rational empirisches Erkennen’ bezeichnet (Weber 1920: 564), dann war dies genau das Ziel europäischer Aufklärer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Dabei wurde das «Fremde» (eine hier anachronistische Kategorie) keineswegs durch Exotisierung in ein rätselhaftes «Anderes» verwandelt. Vielmehr unterzog man es denselben Denkformen verstandesmäßiger Analyse und vernünftiger Beurteilung, die man auch auf politische und gesellschaftliche Zustände in Europa anwandte. Asien wurde entmystifiziert und innerhalb eines einheitlichen kognitiven Kontinuums begreifbar gemacht.» (Pos. 8600)
Diese Entzauberung ermöglichte im 18. Jahrhundert, andere Länder und Menschen als zwar andere, aber gleichrangige Nachbarn zu sehen:
«Die Entzauberung Asiens nahm einem Kontinent, der lange als der Ursprung aller Religion und Kultur gegolten hatte, seinen Glanz, aber auch seine Dämonie. Für eine kurze Zeit wurden Araber, Inder, Perser oder Chinesen zu entfernten Nachbarn, mit denen sich trotz offensichtlicher Kommunikationsschwierigkeiten ein durch ethnologische Rücksichten kaum verzerrter Dialog führen ließ. Spätestens der im frühen 19. Jahrhundert aufkommende Rassismus, gleichsam der finstere Zwilling einfühlsamer Romantik, machte diese Chancen zunichte.» (Pos. 185)
Der erste Teil des Buches («Wege des Wissens»)
«behandelt nicht die europäischen Repräsentationen Asiens in Texten, sondern fragt danach, unter welchen Umständen Wissen – dieses Wort wird in einer sehr weiten Bedeutung verwendet – über Asien überhaupt entstehen konnte.» (Pos. 8559)
Ein Beispiel von Wissen über Asien: Der Westfälische Arzt Engelbert Kämpfer stand im Dienste der VOC und war auf der Insel Dejima vor Nagasaki stationiert. Er verfasste in den 1690er Jahren die (in der Originalsprache Deutsch erst 1777 – 1779) publizierte Geschichte und Beschreibung von Japan. Er beschreibt unter anderem die Reise zur kaiserlichen Residenz in Edo, die damals einzige Möglichkeit, einen Eindruck von Japan zu gewinnen.
Osterhammel macht deutlich, dass ein Text ein «relativ spätes Ergebnis komplexer Vorgänge» (Pos. 482) ist und er beleuchtet –anhand einer Vielzahl von Quellen, vor allem Reiseberichten aus dem 18. Jahrhundert – die komplexen Vorgänge, wie im 18. Jahrhundert Wissen über Asien konstruiert wurde. Er entwirft eine sehr umfassende Logistik der Fremdbildproduktion. «Zu dieser Logistik gehören das Reisen und die Anhäufung kolonial verwertbaren Wissens, die konkrete Begegnung und Interaktion des «handelnden Beobachters» (…) mit seiner fremdkulturellen Umwelt, die Gelehrtenwelt samt ihren eigenen Wahrnehmungsinteressen und Urteilsmaßstäben, schließlich der literarische Markt, der den Gesetzen der Verwertung und des Wettbewerbs folgt.» (Pos. 483)
In der späten Aufklärung erwarteten die Zeitgenossen
«von dem Reisenden wohlbegründete Einschätzungen fremder Verhältnisse und möglichst auch Lehren daraus für Europa. Er soll nicht schulmeistern und keine europäischen Urteilsmaßstäbe unbesehen auf ferne Länder anwenden. Aber er darf nicht unter allen Umständen neutral bleiben. Er soll Unzweckmäßigkeiten und Ungerechtigkeiten beim Namen nennen, einheimische Gewaltherrscher anprangern und die Untaten der Europäer nicht verschonen. Dieses Ideal des sachverständig und vernünftig urteilenden Beobachters ist ein Ideal der späten Aufklärung.» (Pos. 3123)
Dieser erste Teil des Buches ermöglichte mir sowohl Einsichten in die Wahrnehmung Asiens durch Europa im 18. Jahrhundert wie in die Ideengeschichte des 18. Jahrhunderts. Die Quellen, die Osterhammel zusammengestellt hat, sind unerschöpflich und äusserst anregend, ich habe hier nur ganz wenige beigezogen. Schliesslich hat mich – weil ich in einer völlig veränderten Welt und in vollkommen anderen Kontexten selbst ab und zu Reiseberichte schreibe – fasziniert, wie Osterhammel hier ungemein kenntnisreich Möglichkeiten und Grenzen des Verstehens fremder Kulturen beschreibt.
1 Osterhammel, Jürgen. 2010. Die Die Entzauberung Asiens – Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München: Beck. Neuauflage (1. Auflage 1998). E-Book. 2Kämpfer, Engelbert. 1777-1779. Engelbert Kämpfers weyl. D.M. und hochgräfl. Lippischen Leibmedikus Geschichte und Beschreibung von Japan. http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-48618 (ZB Zürich, e-rara, PD NC) 3Niebuhr, Carsten. 1779-1781. Reise und Beobachtungen durch Egypten und Arabien. http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-26125 (ZB Zürich, e-rara, PD NC) 4 Hall, Basil. 1820. Voyage to Corea, ant the Island of Loo-Choo with plates. London: Murray. urn:nbn:de:bvb:12-bsb10466947-9(Bayerische Staatsbibliothek, Digitale Bibliothek, PD NC) 5 Schwabe, Johann Joachim. 1748. Allgemeine Historie der Reisen zu Wasser und Lande; oder Sammlung aller Reisebeschreibungen, welche bis itzo in verschiedenen Sprachen von allen Völkern herausgegeben worden, … Erster Band. Leipzig: Arkztee und Markus. urn:nbn:de:bvb:12-bsb11062247-2(Bayerische Staatsbibliothek, Digitale Bibliothek, PD NC) Die 21 Foliobände stellen gemäss Osterhammel das grösste deutsche Reiseprojekt dar, es wurde einem Gelehrtenkreis um den Leipziger Gottsched-Schüler Johann Joachim Schwabe zwischen 1747 und 1774 herausgegeben. 6 Forster, George. 1784. Johann Reinhold Forster’s der Rechte, Medicin und Weltweisheit Doctor … Reise um die Welt, während den Jahren 1772 bis 1775 in dem von Sr. itztregierenden grosbrittannischen Majestät auf Entdeckungen ausgeschickten und durch den Capitain Cook geführten Schiffe the Resolution unternommen. Berlin: Haude und Spener. (Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek, PD NC)
Bd 1: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN675472741|LOG_0004
Bd 2: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN675472776|LOG_0004
Bd 3: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN675472806|LOG_0004
Seit ich im Frühjahr Gessners «Icones animalium» (vgl. Blog-Eintrag hier) sah, sind mir ständig Einhörner begegnet. In der Legion of Honor in San Francisco war Raffaels «Dame mit dem Einhorn» («Bildnis einer jungen Frau mit Einhorn», ca. 1506) zu sehen. Ein Gemälde, das oft mit Leonardo da Vincis Mona Lisa verglichen wird. In der Legion of Honor wurde auch auf die Bedeutung des Einhorns hingewiesen1.
Dass das Einhorn als mythische Kreatur Reinheit und Keuschheit symbolisierte, ist auf den «Physiologus» zurückzuführen, eine frühchristliche Sammlung naturkundlich-allegorischer Beschreibungen, aus der die mittelalterlichen Bestiarien entstanden sind 2. In der Burgerbiblothek Bern befindet sich ein um 830 entstandener Physiologus mit folgender Abbildung:
Eine Übersetzung des Texts zum Einhorn aus dem zweiten Jahrhundert findet sich bei Hans Zimmermann .
Das Einhorn wird als kleines Tier beschrieben, das so wild und stark sei, dass es von Jägern nicht gefangen werden könne. Das Tier hat aber eine Schwäche: eine Vorliebe für Jungfrauen. Immer wenn ein Einhorn eine Jungfrau sieht, schläft es auf ihrem Schoss ein und kann jetzt von Jägern gefangen oder getötet werden. Bilder von Einhörnern im Schoss von Jungfrauen waren darum in der religiösen und säkularen Kunst beliebt.
In der religiösen Kunst ist das Einhorn Allegorie für Christus, die Jungfrau für Maria.
Im säkularen Bereich identifizieren sich Dichter mit dem Einhorn, das sich einer Frau ergibt, um dann durch die Liebe zu sterben. Im «Bestiaire de l’amour» nimmt Richard de Fournival um 1250 die auf den Physiologus zurückgehende Tradition des moralisch-religiösen Tierbuches auf, gestaltet diese aber radikal um: Die Tiere und ihr Verhalten werden nicht mehr christologisch-heilsgeschichtlich gedeutet sondern in einem weltlich-profanen, erotischen Sinne. Mit seinem «Bestiaire de l‘amour» richtet er sich an eine «Dame», die er von seiner Liebe überzeugen möchte3.
Die Übersetzung aus dem Altfranzösischen ins Englische in der Ausstellung der Legion of Honnor: «Then love, who is a clever hunter, put a maiden in my path and I fell asleep at her sweetness and I died the sort of death that is appropriate to Love».
Die Kuratoren in San Francisco folgern, dass das Porträt von Raffael die beiden Seiten der Einhorn-Darstellungen beinhalte, einerseits wird die Keuschheit der Frau damit belegt, dass das Einhorn bei ihr sitzt, andererseits hält sie die Vorderbeine des Tieres fest und zeigt damit, dass sie das Tier gefangen hat, gefangen mit ihrer Verführungskraft.
Das Motiv «Einhorn mit Jungfrau» war im Mittelalter durchaus verbreitet, hier z.B. auf einer Spielkarte um 1450 (Meister E.S.)
Meister E S Verwalter: Dresden, Staatliche Kunstsammlungen Dresden (SKD), Kupferstich-Kabinett, Signatur/Inventar-Nr.: Lehrs Nr. 229. Bild: Deutsche Fotothek
Auch in Heinrich Schlüsselfelders belehrenden Kurzerzählungen «Blumen der Tugend»(1468) ist eine Jungfrau mit Einhorn abgebildet. St. Gallen, Kantonsbibliothek, Vadianische Sammlung, VadSlg Ms. 484, f. 179 – Heinrich Schlüsselfelder (http://www.e-codices.unifr.ch/de/list/one/vad/0484/179)
Im Pontifikal-Messbuch des St. Galler Abtes Diethelm Blarer (1530-1564) wird das Einhorn ebenfalls gejagt, allerdings durch einen Jagdhund an der Leine eines Putto:
Aus der gleichen Zeit stammt das springende Einhorn von Heinz Reisinger (Augsburg, kurz vor 1589), das in den Staatlichen Kunstsammlungen in Dresden ausgestellt ist. In diesem Museum wird auch klar, warum Conrad Gessner die Existenz des Einhorns als durchaus möglich angesehen hat. Der neben dem «springenden Einhorn» gezeigte Zahn eines Narwals, könnte durchaus für ein Horn gehalten werden.