Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03324.jsonl.gz/1456

Titelgeschichte
Die Helden der Impfgeschichte
Wie wichtig Impfstoffe sind, führt uns die Corona-Pandemie drastisch vor Augen. Inzwischen sind in der Schweiz bald zwei Millionen Menschen vollständig gegen Covid-19 geimpft, insgesamt 73 Prozent der Bevölkerung wollen sich impfen lassen. Doch die Geschichte der lebensrettenden Vakzine reicht schon rund 600 Jahre zurück.
Man schreibt den 1. April 1717. Lady Mary Wortley Montagu (1689–1742) aus Konstantinopel, dem heutigen Istanbul (TRK), verfasst einen Brief an eine Freundin in der britischen Heimat. Dass dessen Inhalt in die Medizingeschichte eingehen wird, ahnen weder sie noch die Empfängerin. Lady Mary, deren Gatte Sir Edward Wortley Montagu (1678–1761) als britischer Botschafter am osmanischen Hof amtet, ist Schriftstellerin und Lyrikerin und wird später durch ihre «Turkish Embassy Letters» (deutscher Titel: «Briefe aus dem Orient») Berühmtheit erlangen.
In den Zeilen an ihre Freundin berichtet Lady Mary von Pockenpartys mit Kindern, die in Konstantinopel stattfinden. Die Adelige ist auf dieses Thema sehr sensibilisiert, hat sie doch vier Jahre zuvor ihren einzigen Bruder im Alter von 20 Jahren an die Pocken verloren. Und im Dezember 1715 ist auch sie selbst erkrankt, hat jedoch überlebt. Was Lady Mary in ihrem Brief beschreibt, sind Pockenimpfungen, die osmanische Ärzte vornehmen. Die Mediziner entnehmen das Sekret aus den Pusteln von Pockenkranken und bringen es dann auf kleine Wunden bei gesunden Menschen auf. Durch dieses Verfahren – Variolation oder Inokulation genannt – erkranken die Geimpften an einer abgeschwächten Form der Pocken und entwickeln in der Folge eine Immunität. Lady Mary ist derart fasziniert von diesem Verfahren, dass sie das Wissen darüber nach ihrer Heimkehr in Grossbritannien verbreitet und 1721, als eine Pockenepidemie ausbricht, sogar König Georg I. (1660–1727) dazu bringt, seine Enkel impfen zu lassen. Bei ihrem Sohn und ihrer Tochter hat sie das schon längst getan.
Kurz und bündig
- Eine Schriftstellerin brachte das Impf-Wissen nach Europa.
- In der Schweiz wird seit 1750 geimpft.
- Die westliche Welt dachte lange, Infektionskrankheiten im Griff zu haben.
- 2020 wird in die Medizingeschichte eingehen.
«Die älteste Form der Impfung ist tatsächlich die Pockenimpfung», sagt Hubert Steinke (54), Professor für Medizingeschichte sowie Direktor des Medizinhistorischen Instituts der Universität Bern. «Sie wurde aber bereits im 15. Jahrhundert in China praktiziert, wo man getrockneten Pockeneiter in die Nase der Menschen blies. In abgeänderter Form – durch Einbringung der Materie in geritzte Haut – wurde die Impfung im 17. Jahrhundert teilweise in arabischen Ländern angewendet.» Das Wissen um die Technik kam dank Lady Mary Wortley Montagu nach Europa und verbreitete sich hier langsam im Laufe des 18. Jahrhunderts. In der Schweiz wird seit 1750 geimpft.
«Mit der Globalisierung steigt das Risiko der schnellen Ausbreitung eines Virus.»
Einen Meilenstein der Impfgeschichte verdanken wir dem britischen Landarzt Edward Jenner (1749–1823). Er beobachtet, dass jene Menschen nicht mehr an Pocken erkranken, die sich zuvor mit den harmloseren Kuhpocken angesteckt haben. Am 14. Mai 1796 impft er den achtjährigen James Phipps mit dem Pustelsekret einer an Kuhpocken erkrankten Frau. Als dem Buben sechs Wochen danach menschliche Pockenviren verabreicht werden, ist er immun dagegen. Jenner nennt sein Verfahren «Vakzination», abgeleitet vom lateinischen Wort «vacca» für Kuh. Noch heute bezeichnet man Impfstoffe auch als Vakzine.
Coop unterstützt die Covid-Impfkampagne
Eine Impfung gegen Covid-19 ist freiwillig, aber als Schutz vor einer Infektion vom Bund empfohlen. Coop unterstützt daher die Impfkampagne des Bundes. Mitarbeitende, die sich impfen lassen möchten, können dies während der Arbeitszeit tun.
Die Jagd nach weiteren Vakzinen
«Die erste bedeutende Impfung ist also nicht ausgeklügelter medizinischer Forschung zu verdanken, sondern Alltagserfahrung», sagt Steinke. Ganz anders sieht das bei einem weiteren Meilenstein der Impfgeschichte aus, der Impfung gegen Kinderlähmung. «Hier arbeitete man in jahrelanger Laborforschung sehr gezielt auf die Entwicklung eines Polio-Impfstoffs hin.» 1955 wird das Vakzin des Amerikaners Jonas Salk (1914–1995) schliesslich zugelassen. Während es in der Schweiz 1954 noch 1628 Polio-Fälle gibt, sind es dank der Impfung in den 1960er-Jahren nur noch vereinzelte. Seit 1982 gilt die Kinderlähmung bei uns als ausgerottet, die Pocken sogar bereits seit 1963.
Impfen in den Coop-Vitality-Apotheken
In manchen Coop-Vitality-Apotheken kann man sich zum Beispiel gegen FSME (durch Zecken übertragene Form der Hirnhautentzündung), MMR (Masern, Mumps, Röteln), Starrkrampf oder Hepatitis A und B impfen lassen.
Welche Impfungen genau verabreicht werden dürfen, variiert von Kanton zu Kanton. Im Tessin darf generell nur bei Vorliegen eines ärztlichen Rezepts in der Apotheke eine Impfung erfolgen.
Impfstoff-Pioniere
Neben dem Polio-Serum wurden in den vergangenen knapp 140 Jahren Impfstoffe gegen viele weitere gefährliche Krankheiten entwickelt. Die Suche nach Vakzinen brachte zahlreiche legendäre Forscher hervor, darunter Louis Pasteur (1822–1895), Emil von Behring (1854–1917), Paul Ehrlich (1854–1915), Albert Sabin (1906–1993) und Maurice Hilleman (1919–2005). «Natürlich spielten diese Wissenschaftler bei der Entwicklung von Impfstoffen eine zentrale Rolle, aber sie waren nur die Spitze ganzer Heerscharen von Forscherinnen und Forschern», sagt Medizinhistoriker Steinke. «Ebenso nötig waren Freiwillige, die kaum erprobte Impfstoffe an sich testen liessen. Entscheidend war zudem die Bereitschaft von Öffentlichkeit und Politik, immer grössere Summen in die Forschung zu investieren. Wenn wir also von Helden sprechen, so stehen diese immer auch stellvertretend für die Anstrengung der gesamten Gesellschaft.»
Von Mäusen und Menschen
Manchmal gibt es in der Forschung auch rührende Geschichten. So zum Beispiel jene der Mumps-Impfung, die Maurice Hilleman mithilfe von Viren herstellte, die er 1963 durch einen Halsabstrich bei seiner erkrankten, fünf-jährigen Tochter Jeryl Lynn «geerntet» hatte. 1966 wurde seine jüngere Tochter, die einjährige Kirsten Jeanne, mit dem kurz vor der Zulassung stehenden Serum geimpft.
Auch wenn der Forschungsplatz Schweiz Weltklasse ist, so geht der wichtigste Beitrag unseres Landes zur Impfgeschichte aber nicht auf das Konto von Menschen, sondern von Mäusen. «1926 nahm eine amerikanische Wissenschaftlerin aus einem Lausanner Labor neun Mäuse in ihre Heimat mit, die sie in ihren späteren Forschungen als ‹Schweizer Mäuse› bezeichnete. Diese sind die Vorfahren von Millionen von Mäusen, die bis heute unter dem Namen ‹Schweizer Albino-Mäuse› für die Erforschung von Impfungen, aber auch von Tumoren und anderen Krankheiten benutzt werden», erzählt Hubert Steinke. «Ursprünglich stammten die Lausanner Mäuse jedoch aus dem Pasteur-Institut in Paris.»
Der einzige berühmte Impfstoff-Forscher mit Schweizer Wurzeln ist Max Theiler (1899–1972), dessen Gelbfieber-Vakzin 1937 auf den Markt kommt. Er verbringt aber nur kurze Zeit in der Schweiz, ist südafrikanischer Staatsbürger und lebt lange in den USA – immerhin arbeitet er jedoch mit Nachfahren der «Schweizer Mäuse». Die wahren Helden der Schweizer Impfgeschichte sind also die Mäuse.
Die dunkle Seite der Forschung
Die Meilensteine
1717 Lady Mary Wortley Montagu beobachtet die Pocken-Impfung
1796 Kuhpocken-Impfung (Edward Jenner)
1885 Tollwut-Impfstoff (Louis Pasteur)
1885 Cholera-Impfstoff (Jaime Ferran)
1890 Tetanus-Impfstoff (Emil von Behring)
1894 Diphtherie-Impfstoff (Emil von Behring, Paul Ehrlich)
1896 Typhus-Impfstoff (Almroth Edward Wright)
1971 Masern-Mumps- Röteln-Impfstoff (Maurice Hilleman)
1969 Röteln-Impfstoff (Maurice Hilleman)
1967 Mumps-Impfstoff (Maurice Hilleman)
1963 Masern-Impfstoff (Maurice Hilleman)
1960 Kinderlähmungs-Schluckimpfung (Albert Sabin)
1955 Polio-Impfstoff (Jonas Salk)
1937 Gelbfieber-Impfstoff (Max Theiler)
1912–1914 Keuchhusten-Impfstoffe (Jules Bordet, Octave Gengou, Charles Nicolle, Thorvald Madsen)
1973 FSME-Impfstoff (Frühsommer-Meningoenzephalitis) (Christian Kunz)
1974 Meningokokken-Impfstoff (Maurice Hilleman)
1981 Hepatitis-B-Impfstoff (Maurice Hilleman)
1985 Impfstoff gegen Haemophilus influenzae Typ b (Hib)
1995 Impfstoffe gegen Hepatitis A und Windpocken (Maurice Hilleman)
2006 Impfstoff gegen Humane Papilloma-Viren (HPV)
2020 Impfstoffe gegen Covid-19 (z. B. Ugur Sahin und Özlem Türeci – Biontech/Pfizer)
Leider gibt es nicht nur Heldensagen rund um die Entwicklung der Impfstoffe, sondern auch tragische Geschichten. «Die erste Katastrophe trug sich 1930 in der deutschen Stadt Lübeck zu, als wegen einer völligen Missachtung von Hygienestandards der Tuberkulose-Impfstoff mit aktiven Erregern verseucht wurde», erzählt Steinke. Die meisten der 256 Neugeborenen, die das Vakzin erhalten, erkranken an Tuberkulose, 77 Babys sterben. Quelle der zweiten Tragödie sind 1955 die Cutter Laboratories in der kalifornischen Stadt Berkeley (USA). Wegen eines zu wenig ausgereiften und kontrollierten Herstellungsverfahrens enthalten 120 000 Dosen des Polio-Impfstoffes lebende Viren. 200 Kinder entwickeln deswegen dauerhafte Lähmungen und zehn sterben. Steinke: «Dieser Vorfall führte zu einer Verschärfung der Kontrollen. Grössere Katastrophen hat es seither nicht mehr gegeben. Heute muss die Produktion von Impfstoffen äusserst strenge Sicherheitsanforderungen erfüllen.» Dieser Umstand sollte eigentlich den Impfskeptikern den Wind aus den Segeln nehmen. Wie steht Hubert Steinke zu diesen Leuten? «Kritiker stützen sich auf Experten oder Studien, die von der grossen Mehrheit der Wissenschaftler nicht anerkannt werden», sagt er. «Die Kritik rührt auch daher, dass unsere Gesellschaft hundert Prozent Sicherheit bei null Prozent Risiko will. Medizin ist aber nicht Mathematik. Hundertprozentige Sicherheit ohne jegliche Nebenwirkungen gibt es nicht – auch wenn Impfungen heute ausserordentlich sicher sind.»
Geschichtsträchtiges Jahr
Welche Stellung werden dereinst das Coronavirus Sars-CoV-2 sowie die dadurch ausgelöste Krankheit Covid-19 in der Medizingeschichte einnehmen? «Covid-19 wird wohl neben Aids das zentrale Beispiel dafür sein, um die Rückkehr der Epidemien in der globalisierten Welt zu beschreiben», erklärt Hubert Steinke. Man habe in der westlichen Welt lange in der Vorstellung gelebt, die Infektionskrankheiten im Griff zu haben. Das Aids- und das Coronavirus hätten allerdings gezeigt, dass sie eine akute Gefahr darstellen. «Mit der Globalisierung steigt das Risiko der schnellen Ausbreitung eines Virus. Gleichzeitig führt sie aber auch zu einem internationalen Wettbewerb und damit zur Beschleunigung der Forschung sowie der Bekämpfung der Seuche.»
Die Corona-Pandemie zeigt dies eindrücklich auf. Anfang 2020 ahnt die Welt noch nichts von der anrollenden Katastrophe und Ende des Jahres stehen bereits die ersten Impfstoffe zur Verfügung. «Wir hatten vielleicht auch etwas Glück, dass die Herstellung dieser Vakzine einfacher ist als bei anderen Infektionskrankheiten», sagt Hubert Steinke. Vor allem jedoch ist dieses Rekordtempo möglich geworden, weil nie zuvor in so vielen Ländern so viele Wissenschaftler mit so viel Forschungsgeld und -zeit gleichzeitig eine einzige Infektionskrankheit erforscht haben. Auch deswegen wird das Jahr 2020 in die Medizingeschichte eingehen.
Dasselbe gilt für Margaret Keenan aus Coventry (GB) und den 8. Dezember 2020. An diesem Tag – eine Woche vor ihrem 91. Geburtstag – wird der rüstigen Dame als erstem Menschen der Welt ein offiziell zugelassener Corona-Impfstoff verabreicht. Ein kleiner Piks für Margaret, ein grosser Schritt für die Menschheit.