Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/2827

Wirklichkeit
In den Bergen packt mich immer wieder der Anblick dieser urzeitlichen Riesen: Seit Ewigkeiten stehen sie unverrückbar da, überzogen von Schrunden und Rissen, die der Schnee im Winter nur unzulänglich überdeckt. An ihren Flanken erstrecken sich lange Reihen von Tannen, die aus der Distanz wirken wie zottige Bartstoppeln. Manch einer streckt sein steinernes Haupt bis in die Wolken und wirkt doch fest verbunden mit dem Boden. So ein Berg ist ein phantastisches Stück Wirklichkeit.
Mir kommt John R. Searle in den Sinn. Das ist der amerikanische Sprachwissenschaftler und Philosoph, der die Sprechakt-Theorie entwickelt hat. In seinem Spätwerk «Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit» («The Construction of Social Reality») untersuchte er 1995, was es mit der Wirklichkeit von Dingen wie Eigentum, Geld oder Cocktailpartys bestellt ist. Searle unterscheidet in dem Buch zwei Arten von Wirklichkeiten: «Institutionelle» Wirklichkeiten wie Geld, Eigentum oder die Ehe beruhen auf gesellschaftlichen Vereinbarungen. «Rohe» Wirklichkeiten existieren unabhängig von solchen Vereinbarungen.
Das ist bei dem Berg vor meiner Nase definitiv der Fall. Er ist wahrhaft unverrückbar. Wir haben Löcher in die Alpen gebohrt und lassen Autos und Züge hindurch sausen, wir haben die Berge mit Strassen überzogen und Häuser gebaut, wir haben sie befahren, bewandert und beklettert; wir meinen, die Berge bezwungen zu haben. Und doch bleiben sie eine «rohe» Wirklichkeit: Sie stehen da und bleiben da, schneebedeckt, felsig, schroff und unerschütterlich.
Geld ist eine ganz andere Wirklichkeit. Es ist eine gesellschaftlich vereinbarte Realität. Stellen wir uns einen Menschen vor, der mit unserer Gesellschaft noch nie in Berührung gekommen ist. Zum Beispiel einen Penan aus dem Regenwald von Borneo, da, wo Bruno Manser verschollen ist. Wenn ein Penan aus dem Regenwald uns besuchen würde, dann würde er den Berg vor meiner Nase so unverrückbar gross wahrnehmen, wie ich auch, obwohl er die Alpen noch nie vorher gesehen hat. Würde ich ihm einen Geldschein in die Hand drücken, würde der Penan, der noch nie mit Geld in Berührung kam, den Schein für ein farbiges Stück Papier und damit für wertlos halten. Denn Geld ist für sich genommen nicht real. Es ist eine institutionelle Wirklichkeit, die nur real ist, weil wir uns in unserer Gesellschaft darauf geeinigt haben.
Ein Berg ist ein Berg. Institutionelle Wirklichkeiten sind dagegen für sich genommen nichts. Sie beruhen auf Gewohnheiten, die Akzeptanz erzeugen. Institutionelle Wirklichkeiten werden durch Symbole wie Geld, eine Robe, eine Unform, einen Stempel oder ein amtliches Schriftstück repräsentiert. Sie funktionieren nur, so lange wir daran glauben. Anders gesagt: Es gibt sie nur, so lange wir es wollen. Als 1989 die DDR zusammenbrach, hörte eine ganze Reihe solcher institutioneller Wirklichkeiten über Nacht auf zu existieren, weil die Menschen nicht mehr daran glaubten. Bei einem Berg ist das nicht möglich. Die Berge, die der Glaube zu versetzen imstande ist, sind keine Berge der rohen Wirklichkeit, sondern Berge dieser institutionellen Wirklichkeit.
Ich sitze vor einem Berg der Bünder Alpen und weiss, dass dieser Berg eine wahrhaft rohe Wirklichkeit ist. Vielleicht wäre es wichtig, dass wir uns ab und zu ins Gedächtnis rufen, dass nicht alle Wirklichkeiten so roh und unverrückbar sind wie die Berge. Geld und Inflation, Amt und Würde, Krieg und Frieden – das alles sind keine rohen Wirklichkeiten. Es sind gesellschaftliche Wirklichkeiten, die sich nur so lange vor uns auftürmen, wie wir es zulassen. Vermutlich ist ein viel grösserer Anteil unserer Realität nicht roh, sondern institutionelle Wirklichkeit. Wir könnten viel grössere Teile unserer Welt verändern. Wir müssen nur daran glauben, dass wir es tun können.
Mit diesen Zeilen über die Wirklichkeit der Berge grüsse ich Sie herzlich aus dem Engadin.
3. Februar 2023, Matthias Zehnder <email-pii>
PS: Nicht vergessen – Wochenkommentar abonnieren. Dann erhalten Sie jeden Freitag meinen Newsletter mit dem Hinweis auf den neuen Kommentar, einen Sachbuchtipp, einen Tipp für einen guten Roman, das aktuelle Fragebogeninterview und mein persönlicher Tipp für ein gutes, digitales Leben. Einfach hier klicken. Und wenn Sie den Wochenkommentar unterstützen möchten, finden Sie hier ein Formular, über das Sie spenden können.
Abonnieren Sie den Wochenkommentar
Haben Sie noch kein kostenloses Wochenkommentar-Abo? Dann klicken Sie hier. Sie erhalten jede Woche das Wochenmail zum Wochenkommentar mit dem dazu gehörenden Buchtipp und weiteren Informationen.