Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/2257

«Amstad knattert, knistert, rauscht, krächzt, flüstert, wimmert, wummert, brummt, röchelt, hechelt, stöhnt, schreit und flüstert.» Die Aufzählung von Publizist Peter Rüedi in einer CD-Besprechung ist beileibe nicht vollständig für das, was Bruno Amstad mit seiner Stimme anstellen kann. Bis aus Bruno Amstads Gesang seiner frühen Jahre die Lautäusserungen zwischen Flüstern und Schreien wurden, legte er allerdings einen weiten Weg zurück.
Geboren 1964, ist er ein Kind des Rockzeitalters. Erste Bands, in denen Bruno Amstad sang, lehnten sich an Led Zeppelin an und ähnlichen Formationen der eher härteren Sorte. Das Outfit des Rocksängers hat Amstad behalten: ein Bär von einem Mann mit langen Haaren, oft schwarz gekleidet mit T-Shirt und Jeans. Seine Musik allerdings hat irgendwann die Abzweigung weg vom Rock hin zu improvisierter Musik genommen, zu Experimentellem und Ungehörtem.
Experimentieren bis zum Exzess
Gleichermassen kam Bruno Amstad von gesungenen Texten weg. Oder anders gesagt: Die Wörter, die er als Rocksänger noch gesungen hatte, lösten sich auf in ihre Einzelteile, aus Wörtern wurden Silben und aus Silben Buchstaben und Laute.
Sie sind heute oft das Material, aus dem Amstad seine Improvisationen baut. Und ebenso wie der konkrete Inhalt des Gesungenen seine Bedeutung verlor, wurde das Instrument, seine Stimme wichtiger. Sie wurde zum Forschungsfeld. Bruno Amstad lotet ihre Möglichkeiten bis zum Exzess aus. Peter Rüedi sprach in der gleichen Rezension von der «Vivisektion der menschlichen Stimme am offenen Kehlkopf».
Loop um Loop
Die Stimme ist das älteste Musikinstrument auf dieser Welt, auch das älteste Kommunikationswerkzeug. Es leuchtet ein, dass in vielen Kulturen mit ihren Möglichkeiten gespielt wurde. Tibetanische Mönche mit ihren abgrundtiefen Klängen, Jodellaute bei afrikanischen Pygmäen, auch Gebetsrufe von Innerschweizer Sennen gehören dazu. Bruno Amstad hat vieles davon in seine Kunst integriert. Auch den Obertongesang, der in vielen Kulturen heimisch ist. Dabei werden mithilfe von Mund- und Zungenstellung einzelne Obertöne isoliert, die in der Stimme mitschwingen.
Neu allerdings sind die Möglichkeiten, die die Elektronik bietet, für Bruno Amstad vorab das Arbeiten mit Loops. Diese Technik, das Übereinander-Singen von verschiedenen Stimme in Echtzeit ist relativ neu in der Musik. Voraussetzung dafür waren Aufnahmegeräte, die nicht mehr mit Bändern oder sonstigen beweglichen Tonträgern, sondern mit einer Festplatte arbeiten. Bruno Amstad war hierzulande einer der ersten, der die vielen Möglichkeiten der Loop-Technik sah und sie anwendete. Bis heute ist seine Virtuosität im Umgang damit stupend. Kaum jemand baut komplexere Klanglandschaften als er, und dies live vor Publikum auf der Bühne.
Schwyzerörgeli und Saxofon
Von Bruno Amstad also als Sänger zu reden, greift ziemlich zu kurz. Stimmkünstler wäre richtiger, Stimmvirtuose wäre auch passend. Amstad selber zieht es vor, sich einfach Musiker zu nennen. Denn das ist es, was er macht: Musik. Es geht nicht darum, Exotisches zu demonstrieren – seht her, was ich mit meiner Stimme alles anstellen kann –, sondern ihm ist es wichtig, mit seinen Klängen sinnvoll Musik machen zu können. Wie das geschieht, ist weniger wichtig.
Bruno Amstad ist stilistisch offen, oder vielmehr: Es interessiert ihn nicht, in welche Schublade seine Musik gesteckt werden soll. Im Duo mit dem Schwyzerörgelispieler und Saxofonisten Albin Brun ist es alpenländische Musik ohne Scheuklappen, bei Christy Doran's New Bag, wo Amstad jahrelang dabei war, war es Jazz mit Rockeinflüssen. In seinen eigenen Soloprojekten ist es – ja, was eigentlich?
Der Forscher Bruno Amstad ist nach wie vor unterwegs auf dem noch nicht fertig erkundeten Kontinent namens Stimme. Er wird noch mehr seltene und seltsame Stimmtiere entdecken.