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Die letzte Spur in seinem Leben ist ein Kreis um die Zahl 41 auf einem Lottoschein. Es ist der 30. August 2008, Samstagabend, kurz vor der «Tagesschau». Die Ziehung der Schweizer Lottozahlen hätte dem Leben von Martin Weber (Name geändert) die Wende geben sollen. Ein Fünfer hätte ihm 4247 Franken eingebracht. Doch er hatte nur einen Einer – und beendete, 35-jährig, sein Leben.
In den letzten zehn Jahren hatte Martin Weber einer Portugiesin Monat für Monat 2000, 4000 oder auch 6000 Franken überwiesen. Mal grössere, mal kleinere Beträge. Ohne die Frau jemals gesehen zu haben. Als Gegenleistung gab die heute 65-Jährige vor, ihn aus der Ferne zu heilen und vor bösen Geistern zu schützen. Wenn er Geld überwies, nannte sie ihn per SMS «meine liebe Sohne», er wiederum bezeichnete sie als «mein Engeli».
Die selbsternannte Heilerin Maria Helena Palmeira Guerreiro spielte auch für andere Leute in der Schweiz den Engel. Dem Beobachter liegen mehrere Fälle vor, in denen Heilsuchende während Jahren Tausende von Franken für Hokuspokus-Dienste nach Portugal überwiesen haben. Fernab jeglicher Heilmittelkontrolle lieferte sie Tabletten und Pülverchen gegen allerlei Beschwerden. Zudem verschickte sie – natürlich gegen Bezahlung – billige Ketten und Amulette mit bizarren Symbolen, obskure Voodoopuppen oder Pakete mit Tierherzen, Efeu und Sargnägeln.
Als Martin Weber Ende der neunziger Jahre das erste Mal durch einen Kollegen von der Frau hört, ist sie nach über 20 Jahren gerade in ihre Heimat Portugal zurückgekehrt. In der Schweiz hatte sie sich als Homöopathin ausgegeben und bis 1998 in Lugano ein Parapsychologie-Studio mit dem Namen «Adonai», einer alttestamentarischen Bezeichnung für Gott, geführt.
Martin Weber hat damals seine Berufslehre als Elektriker abgeschlossen, arbeitet mal hier, mal da, wohnt später in einer bescheidenen Zweizimmerwohnung in der Agglomeration Zürich, fährt alte Autos und schwere Motorräder und spielt in einer Guggenmusikkapelle mit. Doch das Leben des jungen Mannes verändert sich, je länger er mit der Geistheilerin in Kontakt steht. Immer mehr zieht er sich von Freunden zurück, meldet sich bei der Guggenmusik ab, hat zur eigenen Familie kaum mehr Kontakt. Gleichzeitig nimmt er Kleinkredite auf und zahlt keine Steuerrechnungen mehr. Innerhalb von fünf Jahren häuft sich ein Schuldenberg von 100'000 Franken an.
Die Mutter glaubt, ihr Sohn sei in einer Sekte. Er streitet es ab. Später denkt sie, er sei spielsüchtig; er verneint. Er klagt oft über Rückenschmerzen und erzählt von Medikamenten, die er per Post geliefert bekomme. Fragen zu seinem chronischen Finanzengpass weicht er aus, erzählt vage von armen Leuten in Portugal. Der Privatkonkurs 2004 hätte der finanzielle Wendepunkt werden sollen. Doch es wird alles nur noch schlimmer. Er leiht sich Geld aus, wo er es nur kriegen kann.
130'000 Franken innert drei Jahren
Letztes Jahr dann, am 11. August, ein Zwischenfall: Martin Weber überweist am Schalter von Western Union 1200 Euro nach Portugal. Die Zahlungen an ein und dieselbe Person belaufen sich innerhalb von sechs Monaten auf über 30'000 Franken. Wohl wegen dieser hohen Summe erkundigt sich der Western-Union-Angestellte routinemässig nach der Herkunft des Geldes. Gut möglich, dass Martin Weber in der Folge befürchtet, mit dem Geldwäschereigesetz in Konflikt zu geraten. Seit 2005 hat er über 130'000 Franken an Maria Helena Palmeira Guerreiro geschickt – immer via Western Union.
Gegenüber dem Beobachter sagt die Heilerin: «Martin war für mich wie ein Sohn.» Sie habe ihn in Parapsychologie beraten, er habe ihr «Ketten und Medaillen mit Symbolen» abgekauft. «Ja, Martin hat mir auch Geld für Medikamente geschickt und zwei Operationen finanziert. Ich bin sehr, sehr krank.»
In den Tagen nach dem Vorfall bei Western Union spitzt sich die Lage zu. Die Telefongespräche nach Portugal häufen sich. Zwei, drei, viermal an einem einzigen Abend. Eine halbe Stunde, eine volle Stunde, eineinhalb Stunden. Tag für Tag.
Die Kurznachrichten, die die Mutter nach dem Tod Martin Webers auf dessen Mobiltelefon findet, zeugen von dramatischen letzten Tagen. Ganz offensichtlich fordert die Heilerin erneut Geld, behauptet, sie sei krank. Gleichzeitig kämpft er tatsächlich mit gesundheitlichen Beschwerden. Er versucht einmal mehr, bei Bekannten Geld zu borgen. Ohne Erfolg. Per SMS schreibt er nach Portugal: «Hoi mein Engeli habe kein Geld bekommen.» Das ist sieben Tage vor seinem Tod.
Wegen Verdachts auf Nierensteine schreibt ihn sein Arzt krank. Jetzt telefoniert er nicht nur frühmorgens und spätabends nach Portugal, sondern auch tagsüber. Stundenlang. Und versucht weiter, Geld aufzutreiben.
Die Mutter kann ihn in dieser Zeit nicht erreichen, kommt nicht mehr an ihn heran. Sechs Tage vor seinem Tod fragt sie ihn per SMS, ob er nicht mit ihr Pouletbrüstli kochen möchte. Er schreibt, das gehe nicht, er sei unterwegs. Doch er ist zu Hause und telefoniert mit der Zauberheilerin. 2 Stunden und 59 Minuten lang. Der Engel will wieder Geld, der Teufelskreis schliesst sich.
Vier Tage vor seinem Tod tippt er in sein Handy: «Ich gehe jetzt zur Bank und melde mich dann.» 2900 Euro schickt er an die Heilerin, aber nicht via Western Union, wo unbequeme Fragen gestellt wurden, sondern via Bank. Zwei Tage später schreibt er morgens um 8.30 Uhr eine SMS: «Hoi mein engel du kannst heute auf deiner bank schauen das geld ist geschickt.» Doch statt der erhofften Streicheleinheiten aus der Ferne kommt am Mittag die barsche Antwort: «kein geld in bank.»
Der letzte Kontakt zur Mutter
Einen Tag vor seinem Tod hat sich Martin Weber fast vollständig isoliert. Eine SMS seiner Mutter lässt er unbeantwortet. Das Einzige, was ihm geblieben ist, sind seine Katzen. Der dubiosen Heilerin ist er völlig ergeben, am Abend ruft er sie erneut an.
Am Samstag, 30. August 2008, plagt die Mutter ein ungutes Gefühl. Wie so oft in den letzten Tagen. Sie geht zu ihrem Sohn. Er öffnet die Türe nicht. Um 17.08 Uhr fragt sie ihn unverfänglich, ob er noch schlafe. Martin Weber reagiert nicht. Wieder telefoniert er nach Portugal. Es ist 17.39 Uhr. Das Gespräch endet nach vier Minuten. Anschliessend lässt er seine Mutter wissen, er sei nicht zu Hause.
Seine Mutter steht vor dem Haus. Sie schreibt ihm erneut: «Gehts dir gut?» Er, seit einer Woche krankgeschrieben: «wir haben halt viel arbeit.» Es ist Samstagabend, 18.07 Uhr, als er diese Meldung abschickt. Seine Mutter antwortet ein letztes Mal und wünscht ihm ein schönes Wochenende. Es ist 19.23 Uhr, als er die Zahl 41 umkreist und sich der erhoffte Gewinn in nichts auflöst. Ab diesem Zeitpunkt gibt es kein Lebenszeichen mehr von Martin Weber. SMS und Anrufe bleiben unbeantwortet. Drei Tage später findet ihn die Polizei. Tot.
Spiritismus: «Ängste hemmungslos ausgenutzt»
Beim Fall Martin Weber deute einiges auf brasilianischen Spiritismus hin, glaubt Georg O. Schmid von der Sektenberatungsstelle Relinfo. Brasilianischer Spiritismus, in Portugal sehr populär, rechnet mit der Einwirkung von Geistern Verstorbener auf die Lebenden und praktiziert Rituale, mit denen sich diese Einflüsse angeblich bekämpfen lassen. Manche Vertreter bieten solche Rituale auch als eine Art Fernschutz vor bösen Geistern an. «Meist geht es um einige tausend oder auch einige zehntausend Franken», sagt Schmid. Angesichts der hohen Summe im Fall Martin Webers geht der Sektenexperte von einer «extremen Abhängigkeit» aus. Die Portugiesin habe die Hoffnungen und Ängste «hemmungslos ausgenutzt».