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Mit einem Festakt in der Stadtkirche Liestal hat die offizielle Schweiz am 4. April 2019 dem 100jährigen Jubiläum der Literaturnobelpreisverleihung für Carl Spitteler gedacht. Der Stadtpräsident Daniel Spinnler begrüsste in Spittelers Geburtsstadt, die basellandschaftliche Regierungspräsidentin Monica Gschwind schilderte Spittelers Jugend im Baselbiet, Bundesrat Alain Berset würdigte Spitteler als politischen Denker, und Literaturprofessor Philipp Theisohn würdigte ihn als Schriftsteller. Zweifellos eine würdige Feier, an der bloss vergessen wurde, die entscheidende Frage zu stellen: Warum eigentlich erhielt Spitteler den Nobelpreis?
Im Winter 1933/34 hielt C. A. Loosli in Bern und danach in Thun eine Rede mit dem Titel «Carl Spittelers Wille und Rechte». Er tat es für seinen Freund Jonas Fränkel, der ab 1908 bis zu Spittelers Tod 1924 als dessen Sekretär und Berater gewirkt hatte und nun von der Eidgenossenschaft daran gehindert wurde, auf der Basis von Spittelers Nachlass dessen Biografie zu schreiben und eine Werkausgabe zu machen.
Loosli sagte unter anderem: «Im Spätherbst 1912 überraschte mich Fränkel mit der Frage, was ich davon dächte, wenn Spitteler den Nobelpreis erhielte. Ich war von der Frage nicht wenig überrascht, fand aber, diese Ehrung wäre mehr als nur am Platze und des Schweisses eines Edlen wert. Fränkel erklärte, er werde es versuchen. Er tat’s. Von 1912 bis 1918 hat Fränkel keine Mühe gescheut, keinen Schritt unterlassen, bis endlich das vorgesteckte Ziel erreicht ward. 1912 erfolgte, auf Fränkels Veranlassung hin, die erste Eingabe an die zuständige Behörde in Stockholm. 1913 die zweite, unterstützt von acht Professoren der Hochschule Berns, drei von Basel, zwei von Zürich, zwei von Neuenburg, drei von München, zwei von Leipzig, einem von Dresden, einem von Jena, zwei von Berlin, drei von Paris, einem von Czernowitz und einem von Genf. Dieser erneute Versuch blieb abermals erfolglos. Er wurde in den folgenden Jahren 1914 bis 1918 von Fränkel stets wieder aufgegriffen und wiederholt, bis es ihm schliesslich gelang, den Nobelpreisträger Romain Rolland für sich zu gewinnen und dann endlich, nach sechsjährigen Bemühungen und unzähligen Briefwechseln, deren Eingänge und Durchschläge, samt den dazu gehörigen Postquittungen, die bei Fränkel aufliegen und an sich ein dickes Aktenbündel bilden, Carl Spitteler mit dem ihm gebührenden Preis gekrönt wurde.»
Zweifellos: Ohne Jonas Fränkel hätte bis heute noch nie ein «gebürtiger Schweizer» (Liestaler Rhetorik) einen Literaturnobelpreis erhalten. Aber in Liestal kam der Name Fränkel trotzdem über keine offizielle Lippe. Warum auch? Er war ja nur eingebürgerter Schweizer und ansonsten ein aus Krakau eingewanderter «Ostjude», wie man solchen Leuten damals sagte.
Dieser Beitrag erschien zuerst auf der Carl Albert Loosli-Facebookseite «Ich schweige nicht», dort unter dem Titel «Spitteler-Festakt: Kein Wort zu Jonas Fränkel».
Was ich dort nicht erwähnt habe: In die Schweiz eingebürgert worden ist Jonas Fränkel 1919. Genau genommen hat für Spittelers Nobelpreis also ein galizischer Intellektueller und Germanist am meisten geleistet, der übrigens erst Anfang März 1921 zum Extraordinarius an der Universität Bern befördert worden ist und so ein kümmerliches, aber gesichertes Ausgekommen erhalten hat.
Und worüber man auch nachdenken könnte: Warum betonte man in Liestal mehrmals, Spitteler sei der einzige «gebürtige Schweizer», der den Literaturnobelpreis je bekommen habe? Weil auch der ursprünglich deutsche, 1924 eingebürgerte Hermann Hesse Schweizer war, als er den Literaturnobelpreis 1946 in Empfang nahm. Von Hesse will man Spitteler mit der Differenzierung gebürtig/eingebürgt also als «richtigen» Schweizer abgrenzen: Sonst hätte man sagen müssen, Spitteler sei einer der beiden schweizerischen Literaturnobelpreisträger. Mit diesem Nationalchauvinismus betreibt man die Ethnisierung des Nationalitätenbegriffs: Ethnozentrismus – ausgerechnet in der «Willensnation» Schweiz.