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IO sind zwischenstaatl. Institutionen mit regionaler oder globaler Mitgliederstruktur und unterschiedl. Zielsetzung. Gemeinhin wird zwischen den durch völkerrechtl. Verträgen gegr. Intergovernmental Organizations (IGO) und Nongovernmental Organizations (NGO) unterschieden, auch wenn vielerlei Übergangsformen die hist. Entwicklung der IO kennzeichnen. Bei den NGO werden profitorientierte transnationale Unternehmen (multinationale Konzerne) meist gesondert betrachtet und als IO im engeren Sinn die nicht profitorientierten Organisationen verstanden.
Die Entstehung der modernen IO setzte im ausgehenden 19. Jh. als vornehmlich europ. Entwicklung ein und reflektiert staatl., gesellschaftl. und ökonom. Strukturveränderungen: Die Ausweitung von Kommunikation und Verkehr bedingte zur Nutzung der Weltwirtschaft multilaterale Absprachen und die Etablierung eines ständigen Informationsaustauschs zwischen den Staaten. Diesem Zwecke dienten die Vorläufer der modernen IGO, welche in der zeitgenöss. Terminologie als internat. Verwaltungsunionen bezeichnet wurden. Eine wachsende Anzahl von NGO förderte neben weltwirtschaftl. Kontakten die Entstehung einer internat. Zivilgesellschaft.
Exportorientierte europ. Kleinstaaten wie die Schweiz, Belgien und die Niederlande konkurrierten in dieser Phase um den Sitz der Verwaltungsunionen und anderer IO. Die starke Position der Schweiz im 19. Jh. ist auf eine Kombination günstiger struktureller, polit. und gesellschaftl. Faktoren zurückzuführen. Dazu gehörten die zentrale Lage im machtpolitisch bedeutendsten Kontinent, eine den Aufstieg neutraler Kleinstaaten begünstigende gegenseitige Blockierung der Grossmächte, eine starke Ausprägung des Vereinswesens mit der Möglichkeit, Internationalisierung mit humanitärer Tradition und Asylpolitik zu verknüpfen, sowie eine Exportorientierung, welche international verbindl. Normen und Standards verlangte.
Die wissenschaftl. Auseinandersetzung mit IO ist Gegenstand der nach dem 1. Weltkrieg institutionalisierten Lehre der Internat. Beziehungen. Über Internationalismus fand allerdings schon vor 1914 eine breite Debatte unter Berücksichtigung der Schweiz als Zentrum internat. Netzwerke statt (William Thomas Stead, Paul Samuel Reinsch). Aus schweiz. Sicht verlief die Entwicklung der IO in zwei Phasen. In einer ersten erschienen IO als Instrumente aussenpolit. Profilierung in einem eurozentrischen internat. System, wobei die Gründung des Völkerbunds mit Sitz in Genf neue Akzente setzte. Mit der Etablierung der Vereinten Nationen (UNO) erfolgte eine strukturelle Umorientierung, welche den Status der IO als Akteure im Weltsystem stärkte.
Autorin/Autor: Madeleine Herren
Vor Ausbruch des 1. Weltkriegs wies die Schweiz zwei internat. Zentren auf. In Bern befanden sich die Büros der bedeutendsten Verwaltungsunionen des 19. Jh., so die Büros vom Weltpostverein (UPU) und von der Internat. Union der Telegraphenverwaltungen (Internationale Fernmeldeunion, ITU), das Zentralamt für den internationalen Eisenbahnverkehr und die vereinigten Büros für gewerbl., literar., und künstler. Eigentum (Weltorganisation für geistiges Eigentum, WIPO). Diese bildeten den Kern des staatlichen, diplomat. Kontakte einschliessenden Internationalismus. Die Nähe zu offiziellen Netzwerken suchten aber auch IO mit pazifist. Zielsetzung wie das Internat. Friedensbüro und die Interparlamentar. Union (1892-1911 in Bern). Überdies befanden sich internat. Gewerkschaftsorganisationen (Internat. Metallarbeiterverband, Internat. Buchdruckersekretariat) in der Bundesstadt. In Genf prägte das Internat. Komitee vom Roten Kreuz (Rotes Kreuz) ein humanitäres Netzwerk, das überdies in der internat. Antialkoholbewegung verankert war und IO mit religiöser und moral. Zielsetzung umfasste (Alliance universelle des unions chrétiennes de jeunes gens u.a.). Weitere, wenn auch schwächer ausgeprägte Netzwerke befanden sich in Basel (Internationales Arbeitsamt) in Zürich (internat. Gewerkschaftsorganisationen), Lausanne (Internat. Olympisches Komitee, Internat. Büro zur Bekämpfung des Alkoholismus) und Neuenburg (Internat. Verein der Freundinnen junger Mädchen). In Freiburg und Ecône hatten kath. IO ihren Sitz, etwa die Fédération internationale catholique d'abstinence totale (Crux).
Die Vorkriegsliteratur ging davon aus, dass die IO der Schweiz bedeutende Vorteile zu geringen Kosten verschaffen. In der Tat zogen die Verwaltungsunionen diplomat. Vertretungen an, ohne dass die bescheidene Anzahl schweiz. Gesandtschaften im gleichen Mass hätte erhöht werden müssen. Der Bundesrat besass ein Oberaufsichtsrecht über die Büros der Verwaltungsunionen und besetzte die von den Mitgliedsländern finanzierten Direktorenposten mit verdienten Magistraten (z.B. Numa Droz). Die zur Steuerung der IO notwendigen internat. Konferenzen und Kongresse förderten den schweiz. Tourismus. Der 1. Weltkrieg bestätigte, dass die Arbeit der IO unverzichtbar geworden war.
Der Völkerbund setzte neue Akzente ohne Auflösung der alten Strukturen. Der Bundesrat behielt die Oberaufsicht, da die in der Völkerbundssatzung vorgesehene Integration der Verwaltungsunionen scheiterte. Techn. Neuerungen (Radio, Film, Flugverkehr) und Kriegsfolgen (Migration, Flüchtlinge, Kriegsverletzte, Reparationen) führten zu einer neuen Gründungswelle, von der v.a. Genf profitierte. Der Sitz des Völkerbunds stärkte die Bedeutung der Schweiz als internat. Zentrum. Neben dessen versch. Gremien und Institutionen (Internationale Arbeitsorganisation) sammelten sich auch semioffizielle und nichtstaatl. IO um das Palais Wilson (internat. Frauenorganisationen, World Jewish Congress). Aber auch in Zürich (1926-35 Sozialist. Arbeiter-Internationale) und Basel (Bank für Internationalen Zahlungsausgleich) traten neue IO auf.
Trotz zunehmender polit. Spannungen und ökonom. Probleme nahm die Anzahl der in Genf niedergelassenen IO zwischen 1925 und 1938 von 56 auf 80 zu. Während des 2. Weltkriegs gerieten die IO wider Erwarten in grosse Bewegung. Teile des Völkerbunds verlagerten ihre Büros in die angelsächs. Welt. Die Aktivitäten der noch in Genf verbliebenen IO wurden von der dt. Spionage aufmerksam beobachtet. Das NS-Regime initiierte europ. Konkurrenzorganisationen zu den auch in diesem Krieg kontinuierlich arbeitenden Verwaltungsunionen. In besetzten Gebieten wurden die IO aufgelöst oder aber unterwandert. Teilweise gelangen Flucht und Wiedereröffnung in der Schweiz. Bei Kriegsende setzte überdies eine Verschiebung von IO aus Deutschland in die Schweiz ein (u.a. die mit der Festlegung der Radiofrequenzen betraute Union Internationale de Radiotelephonie/Radiodiffusion, der Nachfolgerin der Weltrundfunkvereinigung).
Autorin/Autor: Madeleine Herren
Die Umstrukturierung der internat. Netzwerke begann während des Kriegs ohne schweiz. Beteiligung mit der United Nations Relief and Rehabilitation Administration, welche humanitäre Hilfe, Flüchtlingspolitik und militär. Sicherung des Hinterlandes verband. Bei der Gestaltung der Nachkriegsordnung setzten die Alliierten die Integration der grossen Verwaltungsunionen ins UN-System durch, das nun auch die Position der IO regelte. UPU und ITU, später auch die WIPO, wurden unter Aufgabe der schweiz. Oberaufsicht zu UN-Sonderorganisationen. Der relative Bedeutungsverlust Europas, die Etablierung des Hauptsitzes der UNO in den USA, die aussenpolit. Isolation der Schweiz in der unmittelbaren Nachkriegszeit und die Nichtmitgliedschaft in der UNO (bis 2002) und in der EU bzw. ihren versch. Vorgängerorganisationen prägten die Struktur internat. Netzwerke bzw. die Stellung der Schweiz in denselben nach 1945.
Die zunehmende Bedeutung der IO für Entwicklungszusammenarbeit und Finanzhilfe beeinflusste den schweiz. Kapitalmarkt. Bern trat in den Hintergrund, Genf konnte als europ. Sitz der UNO an Bedeutung zulegen. Allerdings gelang es nicht, das Internat. Erziehungsamt zur UNESCO umzuwandeln. Hingegen wurde Genf zum Sitz der 1950 zur UN-Sonderorganisation aufgewerteten Weltorganisation für Meteorologie. Nach wie vor existierten auch IO älteren Typs wie das Zentralamt für den internat. Eisenbahnverkehr mit Sitz in Bern. Zwischen 1945 und 1989 betonte die schweiz. Aussenpolitik die Beteiligung an den angeblich apolit. IO als Ausdruck der schweiz. Neutralität.
Nach 1989 wertete der Bundesrat das Verhältnis der Schweiz zu den IO als Nachweis einer multilateralen Aussenpolitik mit nicht zu unterschätzenden ökonom. Vorteilen für Genf. In der Tat befinden sich derzeit insgesamt 512 IO in Genf, darunter 19 in- und ausserhalb des UN-Systems, mit denen die Schweiz ein Sitzabkommen geschlossen hat. Diese zogen wiederum 205 Missionen und Ländervertretungen nach sich. Die Ausgaben der Genfer IO mit Sitzabkommen betrugen 1999 3,4 Mrd. Fr., ca. 40% der Genfer Hotelübernachtungen sind den Delegierten und Experten der IO zuzuschreiben. Im globalen Vergleich der IO-Mitgliedschaften befindet sich die Schweiz auf Platz 9, und auf Platz 7, wenn nach Anzahl von Sekretariaten und Büros gefragt wird. Die quantitative Entwicklung der IO zeigt allerdings rückläufige Tendenzen. Das Ende des Kalten Kriegs hat einige IO hinfällig gemacht und nebst neuen Kommunikationstechnologien eine breitere Verteilung der IO unterstützt. Die Annahme, dass neue UN-Institutionen Genf vorziehen, ist nur mehr bedingt richtig. Der Wettbewerb um den Sitz der IO hat sich verschärft. So kam zwar die 1995 gegr. Welthandelsorganisation nach Genf, das Sekretariat der Klimarahmenkonferenz verlegte dagegen seinen Sitz 1998 von Genf nach Bonn.
Autorin/Autor: Madeleine Herren