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Im Januar 1969 treffen sich die Beatles auf einer Sound Stage in den Twickenham Film Studios. Ziel ist es, innerhalb von knapp drei Wochen Songs für ein gesamtes Album zu komponieren, diese dann zu üben und anhand einer Live-Performance aufzunehmen. Dabei würde alles von einer Filmcrew akribisch dokumentiert werden.
So weit die Prämisse. Die sehr, sehr lose Prämisse notabene, denn Details und Eckdaten waren keine, aber nun wirklich keine abgemacht. Wofür wird hier geprobt? Für ein Album? Für eine TV-Show? Einen Film? Das Schlusskonzert, falls das der Plan wäre, würde in drei Wochen anstehen ... aber wo? Im Freien auf Primrose Hill? Auf einem Kreuzfahrtschiff? In einem römischen Amphitheater in Libyen? Diese Ungewissheiten verleihen dem ohnehin schon ambitiösen Unterfangen, unter Zeitdruck und unter ständiger Beobachtung kreativ sein zu müssen, zusätzlichen Druck. Das Konzept lautet lediglich: kein Konzept.
Nach einer Woche zieht die Band ins (noch nicht ganz fertiggestellte) Tonstudio ihres Firmenhauptsitzes Apple Corps an der Savile Row um. Dort beginnen sie mit den Aufnahmen und beschliessen kurzfristig, ein Abschlusskonzert auf dem Dach des Gebäudes durchzuführen.
Regisseur Michael Lindsay-Hogg stellte in der Folge aus dem gesammelten Filmmaterial den 80-minütigen Dokfilm «Let It Be» zusammen, der 1970 veröffentlicht wurde. Darin wurde ein düsteres Bild gezeichnet einer ausgepowerten Band, die kurz vor ihrer Auflösung stand, da die Bandmitglieder einander am liebsten an die Gurgel springen wollten.
Bloss: Paul McCartney und Ringo Starr hatten diese Zeit stets anders in Erinnerung. Dazu unten mehr.
Ein halbes Jahrhundert später ist das gesamte Filmrohmaterial bei «Lord of the Rings»-Regisseur Peter Jackson gelandet, der den Auftrag bekommen hat, aus den unveröffentlichten Bild- und Tonaufnahmen einen Film zu basteln. 80 Stunden Film- und 120 Stunden Tonaufnahmen, notabene. Uff.
Vier Jahre nahm sich Peter Jackson dafür Zeit – der Covid-Lockdown trug noch ein wenig zur Verzögerung bei – und nun ist sein Oeuvre auf Disney Plus verfügbar. Ursprünglich war von einem zweieinhalbstündigem Kinofilm die Rede, doch Jackson wollte kein «Let It Be» reloaded machen, sondern ...
Gesagt, getan. Weshalb Jackson die 80 Stunden Filmmaterial auf ... acht Stunden komprimiert hat. Acht. In drei Episoden von je zwei bis drei Stunden Länge, die nun auf Disney Plus gestreamt werden können.
Oh ja, hier wird vom Zuschauer viel Geduld und Wohlwollen abverlangt, denn gewiss liesse sich die Story auch innert 90 Minuten erzählen. Bloss wollte Jackson tunlichst vermeiden, per Filmschnitt ein eigenes Narrativ zu kreieren. Nichts da mit cool editierten Dialoge, welche die Handlung vorantreiben. Will man etwas zeigen, das der Wahrheit nahe kommt, muss man den Kontext belassen. Dies bedeutet, dass Jacksons «The Beatles: Get Back» unglaubliche Längen hat und zuweilen repetitiv wirkt (was nur logisch ist, da der grösste Teil aus Proben und Studiozeit besteht). Selten aber hat eine Musik-Doku dermassen glaubwürdig und ehrlich gewirkt.
Brian Epstein, der Impressario, der die Beatles zuerst zu den Fab Four machte und dann zu einem globalen Phänomen, war stets die Vaterfigur der Band. In «The Beatles: Get Back» sprechen die Bandmitglieder dies immer wieder an. Dass Epstein ihnen Disziplin beibrachte, ihnen aber Spielraum gab, dagegen zu rebellieren, was schlussendlich der Kreativität stets dienlich war. Seit seinem Tod im Sommer 1967 waren die Beatles auf sich alleine gestellt. Die Kreativität war ungebrochen, doch die Orientierung fehlte. Wohin sollte das nächste Projekt führen? Neue Songs, gewiss. Aber wie? Ein Album? Ein Live-Konzert? Ein Film? Sie wussten es nicht.
Wenn es eine Figur gibt, die beim Zuschauer akute Antipathie auslöst, dann dieser pummelige, Zigarren paffende, vornehme Pinkel von einem Regisseur, der ausschliesslich grauenhafte Ideen hat und ständig stört und unterbricht. Sind die Musiker daran, eine grossartige Songidee auszufeilen, platzt Michael rein und will über Set-Design oder Locations reden. Er schlägt vor, das Konzert in einem Kinderspital zu veranstalten, «aber nicht in einem, in dem die Kinder richtig arg krank sind.» Lindsay-Hogg wirkt sehr, als würde er seine eigenen Absichten verfolgen – was dann in seinem schrecklichen «Let It Be»-Film gipfelte, der ein völlig falsches Bild zeichnet.
Erneute Wertschätzung für Ringos Schlagzeugspiel: Es ist genial. Dies, weil es unterstützend statt auffällig ist. Den Herrn Starkey in der Band zu haben, ist Gold wert, denn er ist nicht bloss ein guter Musiker, sondern auch schlicht ein Guter. Fokussiert, unterstützend und stets witzig – mit so jemandem kann man auch eine arge Zeit wie die, welche im Film dokumentiert wird, überstehen. Und einen coolen Kleidergeschmack hat er auch. Ach, ja – apropos:
Austin Powers kann gleich aufgeben. So stylish wie der Beatles-Tontechniker war selbst im Swinging London von 1969 kein Zweiter. Und ein ordentlich netter Kerl obendrauf.
Von ihren Anfangstagen im Cavern Club in Liverpool bis zu ihrer Auflösung 1970 war Mal Evans der ständige Begleiter der Beatles; als Roadie, Security-Chef, zuweilen auch als Tourmanager, aber stets als enger Freund. Als der, der alles – aber auch alles – besorgen, flicken oder schlichten kann. McCartney erwähnt mal nebenbei, dass der Klang eines Ambosses vielleicht passend wäre – knapp eine Stunde später ist Mal Evans mit einem Amboss zur Stelle und schlägt mit sichtlicher Begeisterung als Teil der Rhythmusgruppe von «Maxwell's Silver Hammer» darauf rum. Als die Polizei das Dach-Konzert abklemmen will, ist es Mal, der die Bullen auf Distanz halten kann.
Einer der beeindruckendsten Momente der Doku ist der, als Paul scheinbar aus dem Nichts die ersten Ideenschnipsel von «Get Back» hervorzaubert und in der Folge durch schiere Willenskraft nach und nach einen Song kreiert. Dabei ist er nicht ein von seinem Ego getriebener Kontrollfreak, wie ihn Lindsay-Hogg darstellte. Er ist immer offen für Vorschläge und Verbesserungen für seine eigenen Songs, kommen solche nun von John oder George oder – oftmals spannender – von Glyn oder Mal (dessen Beitrag manchmal beträchtlich ist). Ausserdem ist Paul immer unterstützend gegenüber seinen Bandkollegen. Auch gegenüber John und Yoko. Womit wir bei der nächsten Erkenntnis wären:
Kein John ohne Yoko. So ist nun mal die Situation im Januar 1969. In jeder Einstellung in «The Beatles: Get Back» ist sie an Johns Seite oder sitzt dicht gedrängt hinter ihm im Aufnahmeraum. Ja, es wirkt creepy. Und, ja, logisch fühlten sich einige Anwesende verunsichert. Am wenigsten aber Lennons Bandkollegen. «Schau, sie wollen einander einfach so nahe wie möglich sein», so erklärt McCartney die Lage Lindsay-Hogg. «Sie wollen wirklich, dass ihre Beziehung klappt. Ich verstehe das. Und sie [Yoko] ist grossartig. Sie ist wirklich in Ordnung.» Etwaige Behauptungen, Yoko habe die Beatles entzweit, sind ebenso uninformiert wie misogyn. John wollte sie ja stets an seiner Seite.
Yokos Improvisations-Geschrei aber nervt weiterhin.
Er fällt dermassen auf, ich musste ihn nachschlagen: Sein Name ist Kevin Harrison und in «The Beatles: Get Back» ist er omnipräsent. Er kocht Tee, öffnet Weinflaschen und repariert Lampenschirme. Man liebt ihn.
Es ist bekannt, dass Keyboarder Billy Preston, ein alter Kumpel der Band aus ihrer Star-Club-Zeit in Hamburg, massgeblich dafür verantwortlich war, dass die Beatles sich am Riemen rissen und endlich vorwärtsmachten. Wie krass sichtbar dieser Einfluss ist, hätte sich aber niemand gedacht. Es ist wie Tag und Nacht. Und es beweist eine alte Musiker-Binsenweisheit: Da kann man noch so sehr ein Star sein, Millionen Fans haben, die einem Geniestatus attestieren – dies alles zählt nichts, sobald ein richtig gut versierter Mitmusiker dazukommt. Da sitzt auch ein John Lennon urplötzlich wieder aufrecht und ist fokussiert. Danke, Billy.
Die dreiteilige Dok endet mit der Chronik des legendären Rooftop Concert, wie der Gig auf dem Dach des Apple-Corps-Hauses gemeinhin genannt wird. Und sie ist bei Weitem die unterhaltsamste Episode der Serie. Die Interviews mit den Passanten sind wunderbar herzerwärmend; dazu kommt die Mode, die Autos, der Lokalkolorit, das alles grossartiges Filmmaterial hergibt. Die Performance selbst ist aber umwerfend. Die wilde Hingabe und schiere Wucht von John und Pauls Gesangsdarbietungen stellt alles Vorangegangene in den Schatten. Guess what – alle Probleme, Unsicherheiten, Zankereien und Ungewissheiten zwischen John, George, Paul und Ringo zum Trotz: Wenn die Beatles live auftreten, sind sie eine hammergeile Rock'n'Roll-Band, die das am besten macht, was eine Rock'n'Roll-Band eben so macht – rocken.
Jacksons angestrebte Ehrlichkeit ist auch ein Politikum. Die Auflösung der Beatles anno 1970 war ein kompliziertes, undurchsichtiges Durcheinander, von sensationsgeiler Boulevardberichterstattung begleitet und von jahrelangen Rechtsstreitereien gefolgt. Lindsay-Hoggs «Let It Be»-Film war mittendrin und bestimmte jahrzehntelang das Narrativ.
«Diese These war so lange dermassen dominant, dass selbst ich mich irgendwann einmal darauf einliess: Ich war es, der die Band kaputt machte», so Paul McCartney. «Dabei waren meine Erinnerungen an die ‹Let It Be›-Aufnahmen doch stets anders ...» Ringo, hingegen, beharrte stets auf seine Meinung, dass es «mostly lots of fun» war.
«Ich habe darauf gewartet, dass all die unangenehmen Dinge passieren», so Regisseur Jackson, «dass es Streitereien, Auseinandersetzungen und Kämpfe gibt, aber das habe ich nie gesehen. Es war das Gegenteil. Es war meistens ungemein lustig.» Meistens. Da ist nämlich dieser eine Moment, in dem George beschliesst, die Band zu verlassen – aber selbst dann fliessen keine bösen Worte, kochen keine Emotionen über. Die verbleibenden Beatles sind unter Schock, besinnen sich aber alsbald und machen sich sofort daran, George wieder an Bord zu holen. Wohlwollen und Liebe für einander sind stets intakt.
Womit «The Beatles: Get Back», dieses epische, langatmige Dok-Monster, letztlich ein Korrigendum darstellt: Nein, John und Paul waren nicht zerstritten. Ja, ihre kreative Partnerschaft war eng wie eh und je. George war und blieb ein Teamplayer. Yoko hat nicht gestört. Die Kreativität war ungebrochen. Und die Beatles waren weiterhin eine geile Rock'n'Roll-Band.
Im Kontext der weiteren Chronik ist «The Beatles: Get Back» eigentlich die Aufwärmübung für das grandiose Album «Abbey Road», das sie wenige Zeit später aufnahmen. Erst danach verkündete John, er wünsche «eine Scheidung», und die Dinge nahmen ihren Lauf. Wer spannende Abendunterhaltung will, ist mit «The Beatles: Get Back» am falschen Ort. Für jemanden, der Einblick in das Innenleben einer Band haben möchte, ist es aber eine Goldgrube. In einer Band zu sein, ist harte Arbeit. Aber: Love is all you need.