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Menschen in pestizidbelasteten Gegenden Argentiniens haben ein 2,5-mal höheres Risiko, an Krebs zu sterben, als der Bevölkerungsdurchschnitt. Das haben Forschende des Instituts für soziale Umweltgesundheit der Universität Rosario (InSSA) in Argentinien herausgefunden.
Die Krebsrate in acht untersuchten Dörfern in der Region Santa Fe ist demnach deutlich höher als der argentinische Durchschnitt.
In der Altersgruppe 15 bis 44 Jahre gibt es deutlich mehr Krebstote. 2,48-mal mehr Frauen und 2,77-mal mehr Männer starben an Krebs. Der Anteil der Krebstoten an allen Todesfällen ist höher als im Landesdurchschnitt.
«Hatte im Haus in den letzten 15 Jahren jemand Krebs?»
Medizinstudenten befragten zwischen 2014 und 2018 Menschen aus acht Dörfern in der Region. Mit der Eingangsfrage «Wurde bei einem Mitglied Ihres Haushalts in den letzten 15 Jahren eine Krebserkrankung diagnostiziert?» zogen sie von Tür zu Tür. Die schliesslich rund 28’000 befragten Personen repräsentieren 68 Prozent der Einwohner, die bis zu 400 Meter von den Feldern entfernt leben.
Im Süden der Provinz Santa Fe werden vor allem Soja, Sonnenblumen, Weizen und Mais angebaut. Seit den 1990er-Jahren erlaubt Argentinien den Anbau von gentechnisch verändertem Saatgut. Glyphosat und viele andere neue Pestizide würden seither in grossem Umfang angewendet, resümiert die taz. Millionen Liter würden jedes Jahr ausgebracht, auch in unmittelbarer Nähe von Wohngebieten.
Landluft ist in ganz Argentinien wohl deutlich ungesünder als urbaner Smog. Die Ergebnisse der Studie «deuteten darauf hin, dass das Leben in kleinen ländlichen Städten, die von Agrarpestizid-Anwendungen in der Nähe betroffen sind, negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat, insbesondere auf die Krebsrate», schreiben die Forschenden in der in «Clinical Epidemiology and Global Health» veröffentlichten Arbeit.
Landbevölkerung kämpft schon lange
Die Landbevölkerung in Argentinien kämpft schon lange für eine strengere Regulierung von Glyphosat und Co. – oder zumindest dafür, dass bestehende Gesetze eingehalten werden. Im ganzen Land bekannt sind die «Mütter von Ituzaingó», seit die Gruppe sich erfolgreich gegen den Bau einer Saatgut-Fabrik durch Monsanto (heute Bayer) in der Nähe von Cordoba wehrte. Bayer und die BASF erwirtschaften laut der Heinrich-Böll-Stiftung die Hälfte ihres Umsatzes mit Pestiziden. Darunter sind auch solche, die in Europa längst verboten sind.
Der Widerstand habe begonnen, als Maria Godoys Tochter an einer Nierenfehlbildung starb, berichtet der «Deutschlandfunk» in einem Audiobeitrag. Die Kinder in der Nachbarschaft hätten Leukämie, ihre Mütter trügen Kopftücher wegen der Chemotherapie, sagt Godoy. 2012 habe es bereits 142 Krebstote im Quartier gegeben. Die Vorschriften zur Anwendung von Pestiziden würden nicht eingehalten.
In Godoys Umgebung wurde vor allem Soja angebaut, wobei viel Glyphosat eingesetzt wird. Argentinien hat den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch des Totalherbizids weltweit. Der Grossteil der argentinischen Sojaernte wird exportiert und dient hauptsächlich der Tiermast in anderen Ländern.
Pestizide schädigen die Landbevölkerung weltweit
Argentinien ist nicht das einzige Land, in dem die Landbevölkerung durch Pestizide gesundheitlich benachteiligt wird. Zu diesem Ergebnis kommt eine im Januar 2021 veröffentlichte Studie über den Einsatz von Pestiziden in Entwicklungsländern. Pestizide lösen Krankheiten des Atmungsapparats und der Haut aus. Sie verursachen Herz-Kreislauf- und Magen-Darm-Krankheiten sowie neurologische Probleme, listet die im Auftrag des Europäischen Parlamentes erstellte Studie auf.
Wer in der Nähe behandelter Felder lebt, trägt ein höheres Gesundheitsrisiko. Die schädlichen Auswirkungen von Pestiziden auf die Gesundheit würden unterschätzt und blieben oft unerkannt. Häufig deshalb, weil sie erst nach längerer Zeit auftreten. Dazu würden immer noch zu wenige Daten erfasst, kritisiert die Untersuchung, die Länder wie Costa Rica, Brasilien, Südafrika und Vietnam abdeckt. Besonders gefährdet seien Schwangere und Kinder.
In Entwicklungsländern komme es dabei häufiger zu Zwischenfällen, weil die Menschen weniger über die Giftigkeit von Pestiziden wissen. Bauern und Bäuerinnen trügen weniger Schutzkleidung. Als schädlichstes Pestizid stellte sich DDT heraus, das jahrzehntelang in der Nahrungskette bleibt.
Wenn zum Hunger noch das Gift kommt
Pestizide in Entwicklungsländern würden auch oft an der falschen Stelle eingesetzt. So würden beispielsweise Insektizide für Baumwollpflanzungen im Gartenbau eingesetzt. Ein weiteres Risiko stellen die Pestizide dar, mit denen das Saatgut behandelt wird. Wer in knappen Zeiten das Saatgut isst, vergiftet sich damit.
Die Studie der EU hebt noch einen anderen Aspekt des verschwenderischen Pestizidverbrauchs hervor: 20 Prozent der weltweiten Selbstmorde werden mit Pestiziden durchgeführt. Jedes Jahr sterben schätzungsweise 800’000 Menschen an selbst herbeigeführter Pestizidvergiftung, besonders in Asien. Pestizidverbote in Sri Lanka konnten die Selbstmordsterblichkeit seit den 1990er-Jahren drastisch senken, wies eine Studie nach, die 2017 im Fachmagazin «The Lancet» veröffentlicht wurde.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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