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Was Angst vor Armut bedeutet, erfuhr ich ausgerechnet an der Universität St.Gallen, der vom Industriellen Max Schmidheiny gestifteten HSG. Dort lehrte ich einige Zeit „Kapitalismus und Kommunikation“ in einem Post Graduate-Kurs.
Als ich vor etwa sechzig hoch ambitionierten MBA-Studenten der Schweizer Finanzwirtschaft sagte: „Sie werden es künftig schwer haben, die grossen Saläre ihrer Vorgänger zu erhalten“, sprang ein Zürcher aus seiner Bank hoch und schrie: „Warum mache ich diesen Scheiss? Nach dem Kurs will ich eine halbe Kiste verdienen.“
Ich denke, daran hat sich seither nichts geändert. Die Schweiz ist ein Land der Hyperreichen, wo jemand, dessen Vermögen unter einer Milliarde liegt, zu den „armen Reichen“ zählt.
Über Jorge Paulo Lemann, 70, Sohn eines Käsehändlers aus Langnau im Emmental, heute der zweitreichste Brasilianer und einer der reichsten Schweizer, liesse sich ein Krimi schreiben. Er wusste alle über den Tisch zu ziehen: Rainer E. Gut, dem er eine brasilianische Privatbank verkaufte, Präsident Lula, welcher der Fusion des grössten brasilianischen Bierkonzerns zuzustimmen glaubte, während Lemann Ambev an die belgische Interbrew verkaufte.
Sogar der berühmteste Investor der Welt, Warren Buffett, verlor wegen eines Geschäfts mit Jorge Lemann 15 Milliarden Dollar. Lemann, wie wir sehen, ist ein Schweizer der globalen Extraklasse.
Er, der von allen als sehr nett, leise und mit vorzüglichen Manieren ausgestattet beschrieben wird, wohnt seit einigen Jahren am Zürichseeufer, in Kempraten bei Rapperswil. In Kürze wird neben ihm Superstar Roger Federer seine Supervilla bauen.
Er kennt Jorge Lemann schon lange vom gemeinsamen Tennisspiel. Nur wenige hundert Meter höher wohnt (mindestens seine Frau samt Kindern) Michail Chodorkowski, der Milliardär, der Wladimir Putin herausfordert.
Während Federer, der als halber Südafrikaner den Körperbau eines Baumstamms hat, sich sein Vermögen Schlag um Schlag aufgebaut hat, sich der Öffentlichkeit zeigen muss, um als „Influencer“ für Rolex, Jura und ein Dutzend weiterer Weltmarken die Trommel zu schlagen, lebt Jorge Lemann abgetaucht in der Welt der Hypermilliardäre.
Nicht weniger als Jacob J. Safra, der von den Sarasins in Basel die gleichnamige Bank übernommen hat. Er ist der reichste Brasilianer und fühlt sich wohl in der Schweiz, Cum-ex-Geschäfte einmal ausgeschlossen.
Der Kleinstaat Schweiz tut alles, um den Reichsten der Welt rote Teppiche auszubreiten. Offiziell leben gut 5’000 sehr reiche Ausländer in der Schweiz, die mit tiefen Vorzugssteuern angelockt wurden.
Wie wenig den Zahlen der Kantone zu trauen ist, hat die Eidgenössische Steuerverwaltung bewiesen, welche die Kantone seit 25 Jahren schriftlich ermahnt, die korrekten Steuern zu erheben. Weil die Kantone einen korrekten Vollzug still verweigern, leben die reichsten Fluchtgriechen in Gstaad, Genf und in Graubünden.
Der Rennstall-Zwerg mit der Riesenfrau, Bernie Ecclestone, wird in Gstaad geschützt, superreiche Franzosen, die ihrer eigenen Regierung nicht mehr trauen, leben spottbillig in der ganzen Westschweiz.
Für total rund 800 Millionen Franken jährlicher Steuereinnahmen, vor allem in der Westschweiz und im Tessin, verschenkt die Schweiz das Prinzip der Steuergerechtigkeit. Für die begünstigten Kantone, darunter auch Zug, Luzern und der Kanton Schwyz, ist dies eine Form der inneren Entwicklungshilfe.
Es freuen sich das Baugewerbe, die Automobilhändler und Betreiber von Kleinflughäfen. Nicht selten auch die Escort-Girls.
Unter dem Druck der kantonalen Regierungen und ihres relativ kleinen schlechten Gewissens, mussten die ausländischen Steuerprofiteure Stiftungen einrichten, um Gutes zu tun. Deshalb hat einer der zehn reichsten Deutschen, Klaus-Michel Kühne, der seine Geschäfte von Schindellegi/SZ aus betreibt, die St. Meinrads-Kapelle oberhalb des Zürichsees für einen Millionenbetrag sanieren lassen.
Einsiedelns Abt, Martin Werlen, der heute zurückgezogen lebt, hat diesen Deal abgeschlossen. Kühne, der gewohnt ist, jedes Jahr Hunderte von Millionen für private Zwecke auszugeben, hat einen Schweizer Leistungsnachweis erbracht. Gut so.
Für Hyperreiche gibt es kein Gesetz, nicht in Brasilien und nicht in der Schweiz. Sie dürfen bauen, wo es einem Normalschweizer verwehrt bleibt. Sie zahlen weniger Steuern als gut verdienende Schweizer, und davon gibt es eine ganze Menge.
Sie erhalten sogar eine eigene Autobahn von Rapperswil zum Flughafen Zürich, die während Jahrzehnten im Zürcher Oberland nicht gebaut werden durfte, weil eine wertvolle Moorlandschaft im Wege stand.
Meine Schwiegermutter, Agnes Bitschin-Vogel selig, eine erfolgreiche Unternehmerin, Walserin, deren Stammbaum bis auf das Jahr 1160 zurückgeht, sagte mir früh: „Hinter jedem kleinen Vermögen steckt ein kleines Verbrechen, hinter jedem, grossen Vermögen ein …“ Den Satz liess sie jeden für sich fertigstellen.
Das Schweizer Volk, dessen Steuer-, Verwaltungskosten- und Krankenkassen-Lasten seit Jahren ansteigen, sieht keine Möglichkeit, sich dem Trend zur globalen Elitenförderung in den Weg zu stellen. Die CVP betreibt das Geschäft mit den Milliardären im Wallis, die Freisinnigen tun das Gleiche im Kanton Waadt und in Zug. Die SVP, mit eigenen Milliardären und hundertfachen Millionären gut ausgestattet, hat noch nie gegen die schwachen Steuerleistungen der Hyperreichen protestiert.
Wo Christoph Blocher samt Tochter Magdalena, mit einem Familienvermögen von über 14 Milliarden Franken zu den Reichsten der Welt gehörend, sich eine eigene Partei, die SVP, als Hobby und zur Verteidigung eigener Wirtschaftsinteressen leisten, ist politisch Hopfen und Malz verloren.
Sie sind gegen eine Annäherung an die Europäische Union (EU), weil der Finanzchef der SVP, Walter Frey, ebenfalls Milliardär, als Autoimporteur von der Abseitsstellung der Schweiz profitiert. Und Thomas Matter, hundertfacher Millionär und Bankier, lässt sich in diesem Kreis nicht lumpen. Dies alles geschieht hinter dem Banner einer imaginären Schweiz, die nie wirklich unabhängig gewesen ist.
„Auch ich kann nur ein Steak am Tag essen“, sagen Milliardäre gerne, fragt man sie nach dem Mehrwert, den sie aus ihrem Geld beziehen.
Das ist weniger als ein Prozent der Wahrheit.
Schon der obere Mittelstand kann sich ein Schlösschen in Frankreich leisten, muss es aber meist noch sanieren, aber nur ein Milliardär leistet sich eine Hublot „Big Bang Unico Paraiba“ von Jean-Claude Biver. Sie kostet 220’000 Franken. Dazu der passende Ferrari GTC4Lusso, der weitere 270’000 Euro kostet, was aber noch lange kein „Serious money“ ist.
Wer sich am Sultan von Brunei messen will, muss mindestens 300 Ferraris und Tausende anderer Autos in der Garage haben. Diese immer zu fahren, dürfte nicht einfach sein. Es erinnert mich an die späten Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, wo es hiess: „Wer zweimal mit der Gleichen pennt, gehört schon zum Establishment.“
Urs Schwarzenbach, der Besitzer des „Dolder“ in Zürich und vieler anderer Schweizer Immobilien, von der Steuerverwaltung als Kunstschmuggler tief gedemütigt, dürfte doch ein Zwischenhändler des Sultans sein, der nicht nur seine Schweizer Frau, sondern „Swiss Connections“ liebt.
In der Schweiz kann sich schon ein mittlerer Unternehmer, wie Theo Kipfer aus Kägiswil über 200 Oldtimer samt Garage leisten. Wer rechnet, kommt auf eine Investition von 8 bis 9 Millionen Franken.
Das sind lachhafte Beträge angesichts eines jungen Marcel Ospel, der sich früh für eine Million Franken eine Luxuskarosse bauen liess, die zuerst in einer Bündner Garage versauerte, um dann auf Zuraten von Freunden still verkauft zu werden. Die Schweizer lieben den Bluff nicht, aber sie hätten früh erkennen können, welche Risiken in dem aufstrebenden Basler Banker steckten.
In der Schweiz leben heute 99 Milliardäre. Jorge Paulo Lemann führt mit über 20 Milliarden Franken, denn einiges hat auch er jüngst verloren.
Wir sind gleichzeitig zur Absteige saudischer, ägyptischer, katarischer, kasachischer und pakistanischer Milliardäre geworden, die in der Schweiz und von der Schweiz aus ihre Geschäfte betreiben.
Ist das gut für unser Land? Ich meine ja, denn von armen Leuten lässt sich nicht leben. Die Brosamen, die von den Tischen der Hyperreichen fallen, dienen Zehntausenden von Menschen, die in der Schweiz leben, als notwendige Lebensgrundlage.
Die vom Schweizer Staat gewährte Protektion für eine ultrareiche Minderheit hat, was nicht gerne zugestanden wird, auf Zehntausende gebildeter und durchaus wohlhabender Schweizerinnen und Schweizer jedoch eine Auswirkung, die Volk und Staat weniger gut bekommt: Es entwickelt sich eine eigenartige Lähmung, die zu einer geistigen wie ökonomischen Passivität führt.
Auch mit bester Aus- und Weiterbildung und doppelter Promotion hat ein Schweizer keine Chance mehr, den sozialen Status dieser internationalen Geldelite zu erreichen. Politisch geht auch die Legitimation verloren, gegen die Ungleichheit, sei es in der Schweiz oder irgendwo in der Welt, anzukämpfen. Diese Entmutigung als Folge einer zu einseitigen Minderheitenpolitik zerstört den Kern der Schweiz.
Eine Tendenz zur inneren Emigration kann festgestellt werden. Die Grossgeister des letzten Jahrhunderts leben nur noch als Grossväter fort. Deren Enkel, wie Lukas Bärfuss, haben die Wirkung von Blendgranaten. Sie sind ohne Risiko für das Establishment. Beliebt sind Intellektuelle, die süssen Wohlduft verbreiten, wie Rolf Dobelli und Martin Suter.
Ohne Samih Sawiris wäre Andermatt eine Wüste. Ohne die katarischen Prinzen gäbe es keinen neuen Bürgenstock und andere Hotels in der Schweiz. Ohne einige reiche Russen gäbe es manche Schweizer Firma nicht mehr. Längst sind die indischen Milliardäre mit ihren „Operations“ im Land. So hat die Familie Tata die zweitälteste Schweizer Uhrenmarke gerettet, Favre-Leuba.
Und doch stimmt etwas nicht: Die normalen Schweizer, obwohl zu den reichsten Menschen der Welt zählend, werden immer ärmer. Die Hälfte aller Schweizer hat kein Vermögen.
Der Chef der Schweizer Jesuiten, Christian Rutishauser, sagte mir auf einer Israel-Reise im letzten Jahr: „Geht es so weiter, haben wir in zehn Jahren eine Revolution.“ Auch für Ray Dalio,den Gründer des weltgrössten Hedge Funds, Bridgewater, ist die Schere zwischen Arm und Reich zu gross geworden. Er warnt vor einer Revolution.
Michael Strobaek, Global Chief Investment Officer der Credit Suisse, warnte zu Beginn dieses Jahres: „Die Mittelschicht, vor allem in der westlichen Welt, hat, relativ gesehen, verloren. „Eine der wichtigsten Massnahmen bleibt die Existenzsicherung“ schreibt er im „Bulletin“ seiner Bank.
Höre ich richtig? Will man nur noch unsere Existenz sichern? Nicht mehr unseren bescheidenen Wohlstand erhalten und unsere individuelle Kultur?
Sogar die sonst ruhige Wirtschaftsredaktion der Neuen Zürcher Zeitung ist alarmiert. Sie schreibt zu den Salären: „Doch ganz oben ging die Post ab.“ Sie empfiehlt ihren Normal-Lesern: „Normalbürger sollten die grössten Statuskämpfer auf den Chefetagen nicht mit Neid, sondern mit Erbarmen betrachten.“ Topmanager sollten mehr zum Psychiater gehen, als höhere Saläre zu verlangen.
Zürich hat ohnehin eine Geheimwaffe zur Verteidigung der derzeitigen wirtschaftlichen Praxis. Es ist der Glücksforscher Bruno S. Frey, der schon einige Zeit auf den Nobelpreis wartet. Er lehrt, dass Glück wichtiger als Einkommen ist. Man solle das Glück anstreben und weniger das (hohe) Einkommen.
Angesichts einer Welt, wo viele Menschen Angst vor dem Heute wie der Zukunft haben, hat der „Economist“ in der Ausgabe vom 6. April 2019 festgehalten: „Wo die Superreichen und die Reichen zusammen leben, wird weniger Geld für die Armen zur Verfügung gestellt als in jenen Gebieten, wo die Ärmeren leben.“
Wir sollten uns daher keine Illusionen machen. Wer reich oder superreich ist, wird seinen Besitz unter allen Umständen verteidigen. Es sei denn, die eigenen Erben würden ihn verspielen oder verdummen.
Die Schweiz lebt vom Ehrgeiz ihrer jungen Eliten, die oft „altes Geld“ erben. Mehr denn je sind die jungen Eliten Ausländer aus aller Welt, die nach den Prinzipien des Beuteverhaltens hier reiche Ernte finden.
Die Schweizer Bevölkerung, die in Genf nur noch 60% des Volkes ausmacht, spürt diesen Druck. Ihre Regierenden dienen den Hyperreichen, vom eigenen Volk, ausser Steuern und Abgaben, nicht zu viel erwartend.
Wir sind „The rich man’s world“. Einige Frauen sind auch dabei.
Das bedeutet eine goldene Gegenwart und Zukunft für wenige, aber viele Fragezeichen für den Rest. Das sind wir.