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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch IV.
4.
Aus diesem Grunde ist es nicht möglich, der Empfängnis entsprechend das Horoskop zu stellen, ebensowenig aber kann man es auch der Geburt entsprechend stellen. Denn vor allem ist man außerstande, anzugeben, wann die Geburt eintritt. Etwa wenn das Kind anfängt, sich an die kalte Luft vorzudrängen, oder wenn es ganz herausragt, oder wenn es zu Boden fällt? Auch bei jedem dieser Akte ist es nicht möglich, den genauen Augenblick der Geburt zu erfassen oder die Zeit zu bestimmen. Denn je nach der Geistesgegenwart, der Organisation des Leibes, der Wahl der Orte, der Kunst der Hebammen und anderer unzähliger Ursachen ist es nicht derselbe Zeitpunkt, zu dem nach dem Platzen der Häutchen das Kind heraussieht oder ganz herausragt oder zu Boden fällt, sondern in jedem [S. 47] Einzelfall ein verschiedener. Da die Chaldäer auch diesen nicht bestimmt und genau angeben können, sind sie außerstande, den Augenblick der Geburt richtig anzugeben. Daraus ergibt sich, daß sich die Chaldäer zwar anheischig machen, nach der Zeit der Geburt das Horoskop zu stellen, es aber doch nicht können. Daß aber auch ihr Horoskop selbst durchaus nicht untrüglich ist, kann man leicht erkennen. Denn wenn sie sagen, daß der, welcher bei der Kreißenden sitzt, im Augenblick der Geburt dem von der Hochwarte die Sterne beobachtenden Chaldäer ein Zeichen mit einer Scheibe gibt und (dann) der andere, der zum Himmel schaut, das steigende Zeichen beobachtet, so werden wir ihnen erstens zeigen, daß, da die Geburtszeit unbestimmbar ist, wie wir eben dargetan haben, es auch wohl nicht leicht ist, mit der Scheibe ein diesbezügliches Zeichen zu geben. Aber selbst gesetzt, daß die Geburtszeit feststellbar ist, so ist es doch keineswegs möglich, sie nach der genauen Zeit zu melden. Denn der Klang der Scheibe kann sich erst nach einer gewissen Zeit zur Wahrnehmung mitteilen; er muß sich ja zur Hochwarte bewegen. Beweis ist die Beobachtung derer, die in der Entfernung Bäume fällen. Denn erst geraume Zeit nach dem Axthieb hört man den Schall des Hiebes, als ob er erst nach längerer Zeit zum Hörenden komme. Deshalb ist es also den Chaldäern unmöglich, die Zeit des aufgehenden und wirklich das Horoskop beherrschenden Gestirnes zu erfassen. Es verfließt auch nicht nur eine längere Zeit nach der Geburt, bis der, der bei der Kreißenden sitzt, auf die Scheibe schlägt und dann nach dem Schlag der andere auf der Warte ihn hört, sondern auch, bis dieser umsieht und schaut, in welchem Sternbild der Mond steht und in welchem die anderen Sterne; es ergibt sich notwendig eine andere Konstellation, da sich die Bewegung um den Pol mit unsagbarer Schnelligkeit vollzieht, bevor man die Erscheinung am Himmel der Geburtsstunde in der Beobachtung angleicht.