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1. Folge - Der Überdruss
Hildegard nannte Herbert nicht mehr Herbi, seit sie herausgefunden hatte, dass ein internationaler Lebensmittelkonzern eine Gewürzmischung desselben Namens vertrieb. Sonst waren die zwei seit fünf Jahren ein glückliches Paar. Sie arbeiteten bei der selben Bank, irgendwo hinten in der Schalterhalle, hinter getönten Scheiben, die die ganze Welt in Rembrandtsches Licht tauchten.
Zwanzig Prozent meines Lebens, dachte Herbert, habe ich mit Hildegard verbracht Und er dachte an die gestickte Winterlandschaft, die sie ihm zu seinem unlängsten Geburtstag geschenkt hatte und wähnte sich glücklich. Er spürte den Frühling, der dunkle Ringe unter seine Arme zauberte.
Auch Hildegard spürte den Frühling. Sie las das Dossier einer Frauenzeitschrift mit dem verwirrenden Titel «Geheimnis Unterleib». Ausserdem blendete jetzt die Sonne beim mittäglichen Spaziergang und fröhliche Vögel zwitscherten in den blühenden Obstbäumen um die Wette. Die ersten Rentner zogen nach Süden in die Vorsaison.
Dann nahm Herbert Freitags den Fisch in der Kantine, fühlte sich bald nicht mehr wohl, und am Samstag regnete es. Man muss, sagte Hildegard, jeden Tag leben, als sei es der letzte. Herbert sagte, genau so fühle er sich. Trotzdem fuhren sie nach Spreitenbach, auf der Suche.
Die Flughafenfeuerwehr stellte sich in der Esplanade vor. Eine verlorene Grosmutter wurde per Lautsprecher gesucht. Schau den Springbrunnen, sagte Hildegard. Schau, es hat lebende Goldfische drin, sagte Herbert. Im Soussol bekam man zu jedem Niederquerschnitt-Sommerreifen-Set einen gratis Autominifeuerlöscher.
Herbert und Hildegard wanderten furchtlos durch die Weite dieser unendlichen Räume.
Schau die Krawatte, sagte Herbert.
Schau die Bluse, sagte Hildegard.
Schau die Taucheruhr, sagte Herbert.
Schau die Ohrringe, sagte Hildegard.
Schau das Heizkissen, Sonderangebot, sagte Herbert.
Hildegard wollte einen Fleischwolf kaufen. Sie interessierte sich für ein vollautomatisches Gerät mit automatischem Fleischnachschub, elektronischer Druckregulierung und selbstschärfenden Klingen. Herbert fand, ein Kurbelwolf genüge vollauf, Hildegard wies ihn darauf hin, dass nur das Luxusmodell einen Saugfuss und den Einsatz für Kastanienpüree besitze, Herbert bemerkte, dass keiner von ihnen Kastanienpüree esse. Aber Mutter, sagte Hildegard. Ausserdem habe er, Herbert, letzte Woche ein hundertzweiundsiebzigteiliges Werkzeugset in wertvoller Stahlblechwerkzeugschmuckkiste gekauft. Zu einem Schlagerpreis, wohlgemerkt, sagte Herbert.
Der Fleischwolf wurde gekauft. Mittag nahm man bei den unweiten Eltern Herberts ein, wobei letzterer Mutterns Glutamat-Kulinarik über alles lobte und Hildegard beharrlich schwieg.
Sonntags spazierte man am See, in dessen regungsloser Spiegelfläche sich die fruchtbarkeitstrunkene Natur wollüstig betrachtete. Dann, nachmittags um halb vier, beschlossen Herbert und Hildegard sich zu trennen. Den Abend verbrachten sie mit der Güterteilung. Der Schaden hielt sich in Grenzen, da für die bereits gebuchten Herbstferien vorsorglich eine Annullationskostenversicherung abgeschlossen worden war. Montags zog Herbert zurück zu seinen Eltern.
Frauen, bemerkte er abgeklärt gegenüber einem ausgewählten Freundeskreis. Aber schon am nächsten Tag sah man ihn auf dem Kiesplatz vor der elterlichen Garage stehen, um nach einer Nachfolgerin für Hildegard Ausschau zu Halten. Es regnete, und alle Geräusche schienen Herbert berauschend deutlich. Vom warmen Boden stiegen feine Dampfwolken empor, die sich langsam steigend um die Strahlen des Regens drehten. Dann kam der Vater nach Hause und aus dem Küchenfenster hörte Herbert die Abendnachrichten und die Mutter, die ihn zum Nachtessen rief.
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