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Die beiden Zürcher Hochschulen waren von Beginn an wie Geschwister miteinander verbunden. Jede Hochschule besass seit der Gründung ihre Stärken und Schwächen, jede verkörperte zugleich Hoffnungen der anderen, so lebten sie miteinander, nebeneinander und manchmal auch gegeneinander: die spannungsvolle Vergangenheit von Universität und ETH Zürich.
Universität und ETH auf einer alten Postkarte
I. Gründerzeit
Der Traum von der eidgenössischen Universität
Als die kantonale Universität Zürich 1833 geschaffen wurde, träumten die Gründer davon, dass sich daraus einst eine gesamtschweizerische Universität entwickeln würde. Unmissverständlich schrieb der spätere Professor für klassische Philologie, Johann Caspar von Orelli, der als geistiger Vater der Zürcher Universität gilt, an einen Luzerner Freund: «Wir mussten eine zürcherische Hochschule gründen, damit etwas zustande kam. Allein SIE kann, sie soll die schweizerische werden. Diese Idee spricht sich in meinen Programmen, dem deutschen und dem lateinischen, deutlich genug aus.»
Da sowohl Zürich wie Bern hofften, Sitz dieser nationalen Universität zu werden, hatten sie ihre eigenen Gründungsprojekte für kantonale Hochschulen hektisch vorangetrieben. Zürich schaffte es, den Wissenschaftsbetrieb knapp vor Bern zu eröffnen, das ein Jahr später folgte. Nur Basel war mit seiner Universität schon einige hundert Jahre zuvor da gewesen; allerdings konnte es im Bund keinen Anspruch anmelden, Hauptsitz der Wissenschaften zu werden.
Doch das Wettrennen der Kantone um die nationale Hochschule schadete dem nationalen Projekt, indem es Misstrauen und Missgunst schürte. Statt einer Annäherung an die eidgenössische Universität brachte der Wettlauf um die Standortgunst eine Verstärkung der partikularistischen Kräfte. Auch Genf und Lausanne wollten nun eigene Hochschulinstitute, und der Traum von der eidgenössischen Universität war für Jahrzehnte ausgeträumt.
Intrigen um den Hochschulartikel in der Bundesverfassung
Seltsamerweise sollte es später der Eidgenössischen Technischen Hochschule gelingen, den Traum zu verwirklichen und zur nationalen Bildungsinstitution auf Zürcher Boden zu werden. Es brauchte einen im politischen Gerangel erfahrenen Mann wie den damaligen Zürcher Erziehungsdirektor Alfred Escher denselben, der in Bronze vor dem Hauptbahnhof steht und der auch als Bankier und Eisenbahnkönig in die Geschichte einging , um diesen Durchbruch zu schaffen.
Als in den Diskussionen um die neue 1848er Bundesverfassung ein Bildungsartikel zur Sprache kam, lancierte Escher erneut die Idee der Eidgenössischen Universität und vertrat sie aufs heftigste. Sie sei «die schönste schweizerische Kulturfrage». Ein anderer Zürcher Politiker sagte einmal, sie sei der «Kronleuchter, der einigen düsteren Kerzen weit vorzuziehen ist».
Doch geriet diese gesamtschweizerische Geistesleuchte nun in Konkurrenz zur Idee einer nationalen Bildungsanstalt technischen Charakters eines sogenannten Polytechnikums; der Name elektrisierte und erinnerte von Ferne an «Pyrotechnik». Die Technikumsidee war nicht zuletzt wegen des neuen Bildungswesens in Frankreich populärer als diejenige der Universität und wurde besonders von Westschweizer Offizierskreisen getragen. Der praktische Nutzen eines Polytechnikums war in der Zeit des industriellen Aufbruchs allen klar. Dagegen erschien eine klassische Geistesschule vielen als bedrohliches Instrument ideologischer Vorherrschaft.
In Einschätzung dieses Widerstandes vollzog Escher einen Schwenker und trat für die Vereinigung beider Anstalten ein, dies in Form des Polytechnikums erweitert um geisteswissenschaftliche Abteilungen mit Sitz in Zürich. Lieber die Taube auf dem Zürichberg als den Pfau im Himmel der Träume.
Vorlesung
Das Polytechnikum als Keimling der Universität
Die Eidgenössische polytechnische Schule wurde 1855 mit Glocken und Kanonen eröffnet. Zürich fand sich damit ab, auch weil die neue Schule neben den technischen Disziplinen eine Abteilung für geisteswissenschaftliche Fächer aufwies, wie es sie an den polytechnischen Instituten Europas nicht gab. Neben der Bauschule, der Ingenieurschule, der Mechanisch-Technischen Schule, der Chemisch-Technischen Schule und der Forstschule verfügte sie über eine ominöse sechste Abteilung, die Philosophische und Staatswirtschaftliche Schule genannt wurde.
Tatsächlich träumten viele Zürcher den Traum von der geistigen Führerrolle im Bundesstaat weiter und hofften, dass aus der polytechnischen Abteilung «der Prachtsvogel der schweizerischen Universität» mit der Zeit doch noch ausschlüpfen werde.
In erster Linie aber war das Polytechnikum der neuen Zeit zugewandt, der sich auch Zürich verpflichtet fühlte. Wie schrieb doch ein glühender Vertreter dieses Instituts in einem Rückblick: «Das Polytechnikum liefert der schweizerischen Industrie ihre Führer und Offiziere, so dass sie den scharfen Konkurrenzkampf mit dem Auslande mit Erfolg bestehen kann; es stellt dem Staate ein technisch gebildetes Verwaltungspersonal, dessen er für seine modernen Aufgaben so sehr bedarf; es liefert dem Schweizervolke die Architekten, die seine Monumentalbauten ausführen, die Ingenieure, die seine Berge durchbohren, seine Flüsse eindämmen und seine Brücken bauen, die Forstmänner, die seine Gebirgshänge aufforsten und seine Wildwasser unschädlich machen.»
Die Bundesanstalt in den Räumen des Kantons
Nur, die neue Bildungsanstalt besass noch kein Haus. So wurde sie in den Räumen des damaligen Universitätsgebäudes bei der Augustinerkirche sowie weiteren, verstreuten Lokalitäten untergebracht; für die Kosten hatte der Kanton aufzukommen. Die wenigen Hörsäle wurden geteilt. Es wurde eng für alle Beteiligten.
Doch sah der Kanton gerade in diesem Konkubinat eine Chance, weil dieses unter Lehrenden wie Studierenden «den Geist der Eintracht und einen regen wissenschaftlichen Wetteifer pflanzen» würde, «beiden Anstalten zu Nutz und Frommen». Vielleicht würde daraus mit der Zeit gar die Vereinigung resultieren.
Nicht alle empfanden so. An der Rede am jährlichen universitären Stiftungstag 1857 brachte der Rektor der Universität zwar sein «Hoch» auf «die Vereinigung der materiellen und ideellen Bestrebungen» zum Ausdruck, doch verhehlte er «die gedrückte Stimmung der Hochschule infolge des Polytechnikums», die er selber empfand, nicht. 1858 begrüsste der Rektor der Universität die Gäste vom Polytechnikum, «mit dem die Akademie zwar nicht Arm in Arm» gehe, «aber Rücken an Rücken, das eine ins Gebiet des Materialismus, die andere ins Gebiet des Idealismus Eroberungszüge machend».
II. Die ersten Jahrzehnte
Kampf ums Lehrpersonal
Tatsächlich sog das Polytechnikum nach seiner Gründung zuerst einmal eine ganze Anzahl Universitätsprofessoren ab und stellte sie bei sich ein, es waren die berühmtesten und ihre Namen vielen geläufig. Die Universität reagierte, indem sie deren Vorlesungen als «Polytechnikumskollegien» ins Angebot für die eigenen Studierenden aufnahm. Und sie stellte ihrerseits Lehrer, die vom Polytechnikum berufen wurden, als Dozenten an.
Für die Professoren war es interessant, an beiden Orten tätig zu sein. Dies einerseits aus Gründen der Existenzsicherung angesichts der wenig gefestigten Grundlagen beider Schulen, doch auch aus Gründen der Reputation. Denn der Professorentitel der Universität war prestigeträchtiger als jener des Polytechnikums.
So wurden Doppelprofessuren geschaffen, aus Kostengründen namentlich auch dort, wo kleine wertvolle Sammlungen bestanden und bei festen Einrichtungen wie der Sternwarte und dem Botanischen Garten. Doppelprofessuren bestanden zu verschiedenen Zeiten für Chemie, Physik, Astronomie, Mineralogie, Geologie, Botanik, Zoologie, Paläontologie und Mathematik.
Um sich selbst gegenüber der neuen Bildungsanstalt zu profilieren, baute die Universität namentlich unter dem Druck der sechsten Abteilung des Polytechnikums ihr eigenes geisteswissenschaftliches Angebot aus und schuf neue Professuren für spekulative Philosophie, für Sanskrit oder für altgermanische Sprachen. Dagegen trat sie Fachgebiete wie Mechanik, Geodäsie, Astronomie, pharmazeutische Chemie und Technologie zunehmend ans Polytechnikum ab. Von den praxisorientierten Technikwissenschaften liess sie gerne die Finger.
Kulturunterschiede zwischen «Uni» und «Poly»
Der Kulturunterschied zwischen Universität und Polytechnikum war institutioneller Art. Letzteres beanspruchte zwar den Hochschulstatus vom Rang der Unterrichtenden her, doch funktionierte es wie eine Schule, bezeichnete die Studierenden als «Schüler», erklärte die Studienpläne für obligatorisch und erliess Leistungsanforderungen für die Promotion in höhere Kurse. Kurz, es herrschte ein strenges Regime, und der Schulrat stellte sich klar auf den Standpunkt, dass das Polytechnikum eine «vaterländische Anstalt, eine Stätte des Fleisses, der Ordnung und Sitten» sein müsse. Wenn darum in der Presse oder bei den Behörden von der «Hochschule» die Rede war, war nur die Universität gemeint, und der Ausdruck «Studierende» galt nur für jene der «Uni», wogegen die «Poly»-Absolventen eben «Polytechniker» waren. Die mochten Brücken bauen, aber irgendwo, so der dünkelhafte Verdacht, hatten sie Holz im Kopf.
Botanisch-mikroskopisches
Laboratorium in der Universität im Südflügel der ETH
Auszug der ETH aus den Universitätsräumen
Dem Polytechnikum war es von Anfang an zu eng in den Räumen der Universität. Der jüngere Geschwisternteil wollte unabhängig werden und plante einen eigenen Bau.
Das ausgewählte Areal lag oben auf dem Hügel wo die heutige ETH steht , auf «gleichnishaft weisender Höhe», wie einmal formuliert wurde. Der Neubau sollte das belächelte Polytechnikum zumindest geographisch in den Rang einer Hochschule erheben.
Nach Plänen des Architekturprofessors Gottfried Semper wurde das neue Polytechnikum in den Jahren 186064 errichtet, es bildet noch heute die Substanz des ETH-Hauptgebäudes. Ein Bau aus dem stolzen Geist der Renaissance.
Umgekehrte Verhältnisse: Die Universität als Untermieterin
Doch so leicht sollte sich die ETH nicht von der Universität lösen können. Da erneut der Kanton Eigentümer der Gebäulichkeiten war, bestimmte er, dass die Universität für ihren ebenfalls gewachsenen Raumbedarf nun ihrerseits beim Polytechnikum Unterschlupf finden sollte. Sie nahm im Semper-Bau den Südflügel ein und benutzte die Auditorien und den grossen Festsaal mit. Sparwünsche des Kantons bildeten damit nicht zum letztenmal den Grund für ein engeres Zusammenleben von Universität und ETH.
Der erste Doktor ETH
Mit der Reglementsänderung von 1899 wurden die Schüler der ETH amtlich als «reguläre Studierende» bezeichnet und damit ihren Kommilitonen und Kommilitoninnen von der Universität gleichgestellt.
Die Reglementsänderung von 1908/09 ging noch weiter; sie betonte ganz den Hochschulcharakter des Polytechnikums. Die obligatorischen Studienpläne wichen Normalstudienplänen. Disziplinarmassregeln wegen Studienfaulheit wurden beseitigt. Aus dem Direktor wurde ein Rektor. Das Poly erhielt auch das Recht, die Doktorwürde in den Technischen Wissenschaften, den Naturwissenschaften und in Mathematik zu verleihen. 1911 verliessen erstmals fünf Doktoren das Institut. Und schliesslich wurde im gleichen Jahr aus dem «Polytechnikum» nun hochoffiziell die «Eidgenössische Technische Hochschule».
III. Jahrhundertwende
Die Scheidung zwischen Kanton und Bund
Das neue Jahrhundert brachte beiden Hochschulen Wachstumsprobleme, die sich in einer fast unendlichen Geschichte von Raumknappheit, Improvisation, Planung, Neuplanung, Umbau und Neubau niederschlugen.
Nun war die Universität an der Reihe, aus den Räumen des Nachbarinstituts auszuschlüpfen und sich ein eigenes Haus zu bauen.
Dies bedingte allerdings ein mühseliges Aufdröseln der gemeinsamen Güter, die im Laufe der Jahrzehnte angesammelt worden waren und die in oft komplexen Verwaltungsbeziehungen gehütet wurden. Besonders schwierig waren die Verhältnisse bei den wissenschaftlichen Sammlungen. Ein Flugblatt zuhanden der Öffentlichkeit schilderte die Zustände am zoologisch-vergleichend anatomischen Institut: «Da gibt es Hand- und Spezialsammlungen, die ausschliesslich der Universität, und solche, die ausschliesslich dem Polytechnikum gehören, separat verwaltet werden und nicht in gemeinsamen Lokalitäten untergebracht sind. Sodann gibt es zwei sogenannte gemeinsame zoologische Sammlungen, die früher unter getrennter, merkwürdigerweise nicht fachmännischer Direktion standen» die Sammlung höherer und diejenige niederer Tiere «wobei merkwürdigerweise die Bälge der Säugetiere und Vögel unter den höheren, ihre Skelette aber unter den niederen Tieren figurieren.» Weiter: «Innerhalb einer jeden Sammlung gibt es Objekte, die der Stadt, solche, die dem Kanton, solche, die dem Polytechnikum gehören und solche, die gemeinsames Eigentum sind und die verschieden gebucht, inventarisiert und etikettiert werden müssen.»
Eine Volksabstimmung, die im Jahre 1908 über den Aussonderungsvertrag zu befinden hatte, sollte zugleich grünes Licht für den geplanten Neubau der Universität geben: Zwei Fragen waren miteinander vermengt. Offenbar war «Einheit der Materie» den Chemikern bekannt, nicht aber den Behörden. Die Sozialdemokratische Partei leistete Opposition gegen die Vorlage. Mit Ausnahme der SP-Hochburgen stimmte das Stimmvolk von Stadt und Kanton dem Neubau indes deutlich zu.
Die «Krone von Zürich»
Die Grundsteinlegung für den Universitätsneubau, der zugleich mit dem Aussonderungsvertrag beschlossen worden war, bedeutete nicht nur einen Neuanfang für die Universität. Denn auch die ETH machte sich daran, im Hinblick auf den bevorstehenden Auszug der Universität ihren Raumbedarf langfristig zu planen und zu organisieren, und entschied, das klassische Semper-Gebäude zu erweitern.
Die ETH-Kuppel wird gebaut
Eine wahre Hochschulstadt wuchs aus dem Boden: 1912 ist die neue Universität, die im wesentlichen auf Plänen des Architekten Karl Moser beruht, voll im Bau. An der ETH wird fieberhaft geplant. 1913 ist der markante Turm der Universität vollendet, 1914 die Universität fertiggestellt. 1915 werden die Erd- und Maurerarbeiten für die ETH in Angriff genommen; ein altes Institutsgebäude wird abgerissen. Dann treten Stockungen ein: Die Bauarbeiten ruhen wiederholt infolge Streiks, Teuerung oder der Auswirkungen der Kriegsmobilmachung. Bald fehlt es an Maurern, bald an den notwendigen Transportwagen. 1918 kann die mächtige Kuppel der ETH endlich im Rohbau erstellt werden. 1920 verhindert ein Maurerstreik den Fortschritt der Arbeiten.
Dann endlich steht das Werk, das von seinen Anhängern enthusiastisch gefeiert wird: Die Forschungs- und Bildungsstadt auf den Hügeln, die ihrer beiden mächtigen Kuppeln wegen bald «Krone von Zürich» genannt wird.
Friedlicher Neuanfang
Da nun beide Hochschulen ihren je eigenen Prachtsbau besassen, konnte zwischen ihnen allmählich Friede einkehren. Notstand und Wirtschaftsmisere begünstigten das Zusammenrücken. Es war ein hoffnungsvolles Zeichen, als Professoren der Universität im Jahr 1918 von der Erziehungsdirektion verlangten, dass «in Zukunft Beginn und Schluss der Semester» an ETH und Universität «auf den gleichen Zeitpunkt angesetzt» werden sollten, da die bisherige mangelnde Koordination besonders jenen Studierenden, die an beiden Orten Vorlesungen besuchten, immer wieder Probleme verursachte.
|Das neue
Zoologische Museum an der

Universität mit Mammut- und
Elefantenskelett
|Einweihungsfeier im Lichthof der Universität, 18. April 1914|
Unentschieden waren aber die Meinungen darüber, ob die bestehenden Doppelspurigkeiten in Lehre und Forschung nun wirklich als Nachteil anzusehen oder im Gegenteil als Vorteil für den Hochschulstandort Zürich zu betrachten seien.
Zwei akademische Hüte
Die grossen Doppelprofessuren scheinen gelegentlich gewirkt zu haben wie Klammern, welche die beiden Hochschulen in zwei zentralen Bereichen den Naturwissenschaften und den Geisteswissenschaften zusammenhielten. Denn die Professoren mit zwei Hüten waren an beiden Orten zu Hause, und es ist kein Zufall, dass zwei von ihnen es auch geschafft haben, zu unterschiedlichen Zeitpunkten Rektor der einen wie der anderen Hochschule zu werden: Theodor Vetter, Professor für englische Sprache und Literatur, war 19111913 Rektor der ETH und 19181920 der Universität; Paul Niggli, Professor für Mineralogie und Petrographie, bekleidete das Rektorenamt an der Universität 19181931 und an der ETH 19401942.
Letzterer, ein Mann, der sich zeitlebens mit der Kristallstruktur der Gesteine und den Symmetriegesetzen der Atomanordnungen beschäftigte, sah auch in den beiden Hochschulen zwei symmetrische Blöcke, die es in ihrer strukturellen Eigenart zu respektieren gelte: «Die ETH als Verkörperung des gesamtschweizerischen Staatsgedankens muss einzige schweizerische technische Hochschule bleiben; die zürcherische Universität, die für sich ein Ganzes zu bilden hat, darf nicht lebenswichtiger Teile beraubt werden, weil eine Bundesanstalt am gleichen Orte steht.»
Doch bedeutete die Würde einer Doppelprofessur auch Bürde, wie derselbe Niggli im Rückblick gesteht: «Die Doppelprofessoren erhalten Einsicht in die Probleme zweier grundverschieden strukturierter Hochschulen», aber «(Sie) kommen so in den Genuss der doppelten Zahl von Fakultäts-, Kommissions- und Examenssitzungen.»
IV. Zeit der Hochschulreform
Vom Familienbetrieb zur Bildungsfabrik
Ende der fünfziger Jahre nahm die Zahl Studierender sprunghaft zu; an der Universität näherte sie sich der magischen Grenze von 5000. Doch auch die ETH spürte den Wachstumsdruck. Sie erwarb 1959 Bauland auf dem Hönggerberg, wo sie einen Ableger plante. Die Zeiten der elitären Hochschulfamilie waren endgültig vorbei.
Das war auch auf Bundesebene bewusst geworden, wo eine Kommission eingesetzt wurde mit dem Auftrag, die Frage der künftigen Finanzierung der Hochschulen und einer möglichen Finanzhilfe des Bundes zu prüfen. Der 1964 veröffentlichte Bericht dieser sogenannten Kommission Labhard sah eine Verdoppelung der Studentenzahlen und eine massive Vermehrung der Hochschulausgaben vor und rief nach Bundeshilfe für die bestehenden und allenfalls neu zu gründenden Hochschulen. Diese Vorschläge dominierten fast ein Jahrzehnt lang die Hochschuldebatte sowohl in den nationalen bildungspolitischen Gremien wie in den Kantonen.
Und über der ganzen Periode schwebte die drohende Einführung eines «Numerus clausus».
Studenten im Werkzeugmaschinensaal der
ETH (ca. 1955)
Klappsitze werden montiert
Nun waren die Hochschulen zu Massenbetrieben geworden, und die Rede vom akademischen Proletariat kam auf. Die Zunahme der Zahl von Studierenden hat die Integration beider Hochschulen eher verlangsamt, indem sie die Berechtigung beider Hochschulen bewies und sie buchstäblich mit Leben füllte.
Eine Ringvorlesung «Schuld, Verantwortung und Strafe» zählte 449 eingeschriebene Hörer, jene über «Grundzüge der Wirtschaftswissenschaft» 312, eine über «Hoch- und Spätromantik» gar 629 und «Die Krise des modernen Dramas» lockte nicht weniger als 783 Interessierte an.
Das moderne Drama wurde an den Hochschulen selbst gegeben. Ein Beobachter kommentierte: «Bei der Vorlesung des Germanisten reicht auch die Aula nicht mehr aus, so dass die Vorlesungen aus der Aula durch eine Lautsprecheranlage in das Auditorium maximum übertragen werden müssen.» Viele Studierende hatten mit Stehplätzen Vorlieb zu nehmen. Was symbolisiert die prekäre Lage besser als die Tatsache, dass die Handwerker in den Hörsälen des Kollegiengebäudes der Universität 500 Klappsitze montierten.
Das Gerücht von der Hochschulreform
Auf die Wachstumskrise gab es zwei Antworten: eine bauliche und eine bildungspolitische. «Der Aufriss der Universitäten, ihr Fundament, ihre innerste Struktur und ihre Stellung im Staat» seien «neu zu bezeichnen», verlangte der Basler Rektor Max Imboden 1964 in einer Rektoratsrede am Dies academicus, und er tönte den Gedanken der Schaffung eines Hochschulstandortes Schweiz an. «Aus neu überdachter, sinnvoller Autonomie sollte jede Universität die Kraft zum Eigenen schöpfen; und in ihrer Gesamtheit sollten sich die schweizerischen Universitäten zu einem gefügten Ganzen finden.»
Welcher Art indes der neue «Aufriss der Universitäten» sein sollte, diese Frage führte zu einer fast unendlichen Debatte. In deren Kern standen sich ein bildungsdemokratisches und ein verwaltungseffizientes Modell gegenüber.
Universitätsgesetz und ETH-Gesetz im studentischen Aufruhr
Als für die Universität wie für die ETH im Jahr 1968 Reformvorschläge per Gesetz verwirklicht werden sollten, waren die Politiker wohl einfach einige Jahre zu spät. Das Barometer stand nicht mehr günstig für praktikable effizienzsteigernde Massnahmen. Das zeigte sich an den neuartigen «Teach-ins», die in den Räumen der Hochschulen veranstaltet wurden. Die Absicht des Universitätsgesetzes, eine stärkere Universitätsspitze zu schaffen, stellte sich gegen eine Bewegung, die mehr Basisdemokratie verlangte. Dass das ETH-Gesetz noch nicht an Mitsprache dachte, brachte es zu Fall; fast alle Parteien gaben die Nein-Parole aus. Und das Volk unterstützte durch das Nein in der Abstimmung die nationale studentische Abstimmungskampagne die im wesentlichen von Zürich aus geleitet wurde gegen dieses Gesetz.
Studentischer Andrang an der Universität
Unterdessen wuchs die Protestbewegung über die bildungspolitischen Debatten hinaus. Im «Globus»-Krawall standen nicht mehr Universitätsfragen, sondern Probleme des kulturellen Selbstverständnisses der Gesellschaft zur Diskussion. Die Unruhe schwappte, mit neuen Inhalten angereichert, wieder in die Hochschulen zurück, deren Leitungen sich mit einer neuartigen Form von Studentenbewegung konfrontiert sahen.
Die Schulratsprotokolle der ETH geben die Stimmung zwischen Ratlosigkeit, Verständnis und Ablehnung wieder. An der ersten Orientierung über die Situation in der Studentenschaft zur Zeit der achtundsechziger Bewegung zeigen sich die Hauptverantwortlichen liberal. Rektor H. Leibundgut führte aus: «Von seiten einiger Architekturstudenten ist zweifellos das Mass des Zulässigen und Üblichen überschritten worden, ich erwähne nur das nicht autorisierte Aufhängen von Plakaten, das Verwenden von Briefpapier der ÐArchitekturað für ein von diesem Fachverein nicht genehmigtes Pressecommuniqué usw.» Im übrigen sei die Situation nicht allzu beunruhigend, so dass «Milde» geübt werden solle. Der ETH-Präsident J. Burckhardt mochte der Situation positive Effekte abzuringen: «Es ist festzustellen, dass unsere Studenten im allgemeinen interessierter sind als früher.» Und ein Ständerat aus der Westschweiz sah in der prekären Raumsituation berechtigte Gründe für die Unruhe, er fügte gar radikal hinzu «Es können bisweilen auch unfähige Dozenten eine der Ursachen für die Unruhe sein.»
Die Halbierung der Zürcher Hochschulen
Flugaufnahme des Hochschulquartiers im
Zentrum der Stadt
Parallel zur Debatte um die Hochschulreform war über all die Jahre die Frage der baulichen Erweiterung der Zürcher Hochschulen am Köcheln.
Im alten Hochschulquartier selber musste für die künftige Entwicklung vorgesorgt werden. Um die Interessensgebiete auszuscheiden, wurde 1970 eine gemeinsame Arbeitsgruppe eingesetzt, die eine Sonderbauordnung für das Hochschulquartier vorbereitete und in der Volksabstimmung durchbrachte.
Doch weitergreifende Vorhaben waren schon lange in Planung und seitens der ETH auch in Bauausführung. Schon 1959 gab das eidgenössische Parlament grünes Licht für die Planung einer ETH-Erweiterung auf dem Hönggerbergareal, und die naturwissenschaftliche Fakultät der Universität schlug nur wenige Jahre später im Jahr 1962 vor, einen Teil der Universität auf das Strickhofareal im Norden der Stadt zu verlegen.
Zwei zürcherische Hochschulen planten je eine Erweiterung, indem sie im Norden der Stadt auf zwei verschiedenen Feldern zwei verschiedene Dependancen gründeten. War das wirklich der Weisheit einziger Schluss?
Der Freisinnige Walter Diggelmann verlangte 1970 in einer Motion die Aufnahme von Verhandlungen mit der Eidgenossenschaft über eine Totalverlegung der ETH aus dem Weichbild der Stadt. Dies sollte Platz für eine Universitätserweiterung im unmittelbaren Bereich ihres traditionellen Standorts schaffen.
Einen gerade entgegengesetzten Vorschlag machte im gleichen Jahr der in Zürich durch originelle Beiträge bekannt gewordene Architekt Werner Müller, der die Universität als Ganzes verlegen wollte. Er sah dafür «reichlich Platz auf dem Gelände des Dübendorfer Militärflugplatzes». Dem lag die Annahme zugrunde, dass die Armee auf den dortigen Flugbetrieb eines Tages verzichten könne und dass die damals projektierte kombinierte U- und S-Bahn neue, schnelle Verkehrsverbindungen schaffe werde.
Vergeblich. Es blieb bei der Konkordanzlösung nach Zürcherart, der «Halbierung der beiden Hochschulen», wie der Vorgang in der Presse genannt wurde.
Verspätete Campus-Ideen
Irchel-Campus der
Universität Zürich
Vielleicht wäre alles ganz anders gekommen, wenn Wenn zum Beispiel die realen Entwicklungen nicht einmal mehr schneller gewesen wären als die öffentlichen Debatten. Oder umgekehrt: Wenn das Denken dem politisch Machbaren nicht allzusehr vorausgeeilt wäre.
Verfrüht war der Gedanke, den schon 1960 ein Amerikaschweizer in der NZZ formuliert hatte, nämlich schlicht und einfach die Verschmelzung von Universität und ETH einzuleiten. «Das Nebeneinander von ETH und Universität, die Differenzierung zwischen technischen und humanistischen Wissenschaften, welche wir von den Gründern dieser Schulen geerbt haben, erscheinen heute mit zunehmender Integration der Wissenschaften als willkürlich und überholt.» Der Schreiber W. Hunziker aus Atlanta verwies auf die Kooperation an amerikanischen Hochschulen und meinte, dass die Differenzierung zwischen Universität und ETH zunehmend schade. So plädierte er für eine «funktionelle Integration» der beiden Zürcher Hochschulen durch vermehrten Kontakt, Professorenaustausch, gemeinsame Institutsbetriebe und gegenseitige Anerkennung der Lehrfächer.
Ein Rufer in der Wüste
Zu spät wiederum kam die Idee, eine Campus-Hochschule zu kreieren. Ebenfalls US-amerikanischer Herkunft, erhielt diese Idee noch einmal Aufmerksamkeit durch die geplante Gründung der Universität Konstanz, hart an der Schweizer Grenze. Die Bildungspolitiker im Vorfeld der Achtundsechziger-Studentenbewegung hofften auf die Campus-Universität, weil sie die notwendige Hochschulreform leichter verwirklichen könnte.
Es war zu spät für solche Radikallösungen. Die ersten ETH-Einrichtungen waren schon im Jahr 1963 auf den Hönggerberg hinausgezogen.
V. Die letzten Jahrzehnte
Wissenschaftsgeschichte im Spiegel der Institute
So zogen Hochschulabteilungen der ETH hinaus auf den Hönggerberg, und die Universität bildete einen Ableger auf dem Irchel. Die Hochschulerweiterungen in Zürich Nord boten immerhin die Gelegenheit, einige Forschungsbereiche zumindest räumlich zu vereinigen.
Denn Doppelprofessuren allein reichten nicht mehr aus. In den letzten Jahrzehnten hatten die beiden Hochschulen vermehrt begonnen, gemeinsame Institute und Schwerpunktsbereiche zu definieren, um Synergien zu schaffen. Die Kaskade der Instituts-Neugründungen spiegelt zugleich verschiedene Epochen der Wissenschaftsgeschichte.
1967 entstand ein Institut für Molekularbiologie chemisch-genetischer Richtung, und wenige Jahre später wurde das Institut genetisch-zellbiologischer Richtung gegründet. Voll Euphorie hiess es in der Botschaft des Bundesrates über diesen Ausbau der Hochschulen: «Die heranflutende Welle molekularbiologischer Forschung wird wohl jene der Kernforschung an Umfang und wissenschaftlichem Inhalt noch übertreffen.» Und mit grossem Staunen erläuterte der Bundesrat: «Es liegen die biologischen Informationen und Befehle, die der lebende Organismus braucht, gewissermassen chiffriert in den grossen Molekülen vor, und dieser molekulare Code regelt den funktionellen Ablauf im Lebewesen, ähnlich dem Lochkartencode bei maschinellen Automaten.»
1975 wurde das Institut für Toxikologie mit Sitz in Schwerzenbach geschaffen. In gewisser Weise spiegelte die Schaffung dieses Institutes die Bedrohung der Menschen durch Umweltvergiftungen im weitesten Sinne, am Arbeitsplatz, auf der Strasse und im Haushalt.
1981 einigten sich die beiden Zürcher Hochschulen darauf, ein Institut für Biomedizinische Technik zu kreieren, wie es bisher nirgends in der Schweiz existierte. Diese Forschungsrichtung entwickelte sich nicht zuletzt dank der Weltraumfahrt, stellte diese doch neue Probleme im Bereich der Medizin. Tatsächlich hatte der erste Institutsdirektor zuvor bei der Nasa an der Lösung von Problemen der Raumflugmedizin mitgewirkt.
Das 1997 eingeweihte Institut für Neuroinformatik ist das Kind des neuesten wissenschaftlichen Aufbruchs: Es erzählt von der Reise ins Zentrum des Gehirns, die wohl das nächste Jahrzehnt beherrschen wird.
Hochschulstandort Zürich
So realisiert sich durch die Schaffung von gemeinsamen Instituten und Schwerpunkten allmählich eine alte Vision, die Vision eines Forschungs- und Bildungszentrums von internationaler Ausstrahlung, das eng mit dem Namen Zürich verknüpft ist.
unipressedienst
Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (<email-pii>)
Last update: 07.01.98