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Die Inflation ist ein Buch mit sieben Siegeln
Laut Definition ist das Konzept der Inflation einfach. Sie misst die allgemeine und anhaltende Erhöhung des Preisniveaus von Gütern und Dienstleistungen und ist gleichbedeutend mit einer Minderung der Kaufkraft des Geldes.
In der Realität ist die Welt komplexer. Viele Preise haben einen saisonalen Charakter.
Der Preis für Früchte und Gemüse ist im Winter höher als im Sommer, wenn bei uns die Erntezeit auf dem Höhepunkt ist. Andere Preise verändern sich aufgrund kurzfristiger und vorübergehender Konstellationen im Angebot und bei der Nachfrage, beispielsweise die Energiepreise. Sie erhöhen die kurzfristigen Schwankungen bei der Inflationsrate, ohne dass sie den grundlegenden Inflationsdruck in einer Volkswirtschaft verändern. Die Zentralbanken verwenden daher bei ihrer Beurteilung der Inflationslage oft die Kernrate der Inflation, bei welcher die Energie- und Nahrungsmittelpreise nicht berücksichtigt werden. Aber auch die Kernrate ist Geschichtsschreibung und zeigt nur die Preisveränderungen in der Vergangenheit.
Ein interessanter Ansatz zur Analyse der Inflationsentwicklung sind die „Sticky CPI“-Indizes und die „Flexible CPI“-Indizes der Federal Reserve Bank of Atlanta. Sie unterteilen den Güterkorb je nach Häufigkeit der Anpassung der Preise. Wenn die Preise häufig angepasst werden, beispielsweise bei Früchten, Automieten oder auch Kleidern, wird der Preis vor allem von kurzfristigen Entwicklungen bestimmt. Langfristige Inflationserwartungen spielen keine Rolle, da die Preise ja rasch angepasst werden können. Wenn die Preise nicht so häufig angepasst werden, beispielsweise bei Eintritten zu Veranstaltungen, bei Medikamenten oder bei staatlichen Gebühren, fliessen die Erwartungen für die zukünftige Inflationsentwicklung stärker in die Preisanpassung ein. Diese geben dadurch einen genaueren Hinweis darauf, wie stark der generelle Inflationsdruck in der Wirtschaft ist.
„Flexible CPI“ vs. „Sticky CPI“
Der „Flexible CPI“ schwankt viel stärker als der „Sticky CPI“; das ist nicht weiter verwunderlich. Er steht aktuell bei 3.1%, somit deutlich über dem Zielwert der Fed von 2%. Die Preisdynamik in diesem Segment hat sich in den letzten Monaten beschleunigt, was die Erholung der Nachfrage nach den im letzten Sommer verbreiteten „Stay at home orders“ widerspiegelt. Die Preise steigen aber nicht stärker als während der Jahre vor der Pandemie und deutlich weniger stark als während den letzten wirtschaftlichen Erholungsphasen, als die „Flexible Prices“ mit einer Jahresrate zwischen 5% bis 6% anzogen. Allerdings ist zu vermerken, dass wir uns noch in einer frühen Phase der wirtschaftlichen Erholung befinden. Der Anstieg der „Sticky Prices“ hat sich bei einer Jahresrate von 1.7% stabilisiert, nachdem der Index im letzten Jahr von 2.8% auf den aktuellen Stand gefallen ist. Auffallend ist auch, dass die „Sticky Prices“ seit der Finanzkrise 2008 weniger stark steigen als vorher, was darauf hindeutet, dass der Inflationsdruck in den USA tief ist und die Fed die Inflation unter Kontrolle hat.
Kein andauernder Inflationsschub erwartet
Die Inflationsrate ist in den USA seit Anfang Jahr von 1.2% auf 1.6% gestiegen. Sie wird in den nächsten Monaten auf über 2%, wahrscheinlich sogar in Richtung 3% steigen. Dennoch zeigt sich Fed-Präsident Powell zu Recht entspannt. Der Preisanstieg ist vor allem durch die Erholung der US-Wirtschaft bedingt und daher temporär. Es gibt keine Anzeichen, dass er eine tiefgreifende Angst vor einem lang andauernden Inflationsschub ausgelöst hat.
Quelle: Gregor Communications
Artikelbild: Symbolbild © macgyverhh – shutterstock.com