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Das alte Reich der Habsburger zerfällt in Stücke; ob zentripetale wirtschaftliche Kräfte die einzelnen Bestandteile je wieder aneinanderkitten werden, kann gar nicht vorausgesehen werden. Immerhin scheint mir nicht ausgeschlossen, dass, wenn einmal die einzelnen Nationen nach dem ersten Unabhängigkeitsrausch aus ihrem Taumel erwachen, sie erkennen werden, wie sehr sie aufeinander angewiesen sind. Gegenwärtig ist die Tendenz eine immer stärker demokratisch, wenn nicht gar sozialistisch werdende. In Böhmen, Polen und Kroatien spricht man von Republik, in Böhmen von der Konfiskation der noch sehr grossen Kirchengüter (gewiss Bischöfe ziehen aus denselben Einkünfte von über einer Million Kronen) und der Aufteilung des Grossgrundbesitzes, von der Abschaffung des Adels usw.
Was Ungarn anbetrifft, so mag bei dessen Verzicht auf den Dualismus und die Proklamierung der reinen Personalunion neben vielen anderen Zwecken auch die Absicht geherrscht haben, durch die gänzliche Trennung von Österreich einer ähnlichen Zerstückelung wie in Cisleithanien zu entgehen; die Antwort Wilsons, welche unter anderem die Ansprüche der ungarischen Slowaken auf Unabhängigkeit anerkennt, mag daher auch in Budapest enttäuscht haben.
Am kompliziertesten ist wohl die Lage in Böhmen, speziell im Hinblick auf die Zukunft der Deutschböhmen. Beiliegend finden Sie die Abschrift eines soeben von unserem Konsul in Prag eingesandten Berichtes2.
Wie mir nun vom tschechischen Führer und Abgeordneten Stanek versichert wurde, wäre es nicht ausgeschlossen, dass sich die deutschen Arbeiter, Bauern und Grossindustriellen in Nordböhmen zunächst aus wirtschaftlichen Gründen für einen Anschluss an den böhmischen Staat aussprechen würden. Stanek sagte mir, die Opposition finde sich nur bei gewissen Intellektuellen und den Politikern. In hiesigen (deutschösterreichischen) Kreisen ist man dagegen überzeugt, dass die Deutschböhmen sich niemals einem tschechischen Staat einfügen werden und es vorziehen würden, sich an das Deutsche Reich anzuschliessen, wenn der Zusammenhang mit Deutsch-Österreich nicht aufrechterhalten werden könnte; die Enklaven freilich gibt man für das Deutschtum schon beinahe verloren.
24. Oktober. Heute besuchte mich vor seiner Abreise in die Schweiz der berühmte Tschechenführer Dr. Kramarsch und erklärte, wie ich Ihnen schon drahtete, er beabsichtige Ihnen, Herr Bundespräsident, einen Besuch abzustatten, von dem er aber genau weiss, dass es sich dabei nur um einen rein privaten Schritt handeln kann.
Kramarsch ist bekanntlich zum Präsidenten des tschechischen Nationalausschusses in Prag gewählt worden; die eigentliche, auch von ihm anerkannte tschechische «Regierung» ist das Nationalkomitee in Paris mit Professor Masaryk an der Spitze. Die verschiedenen tschechischen Delegierten, die ich anmeldete, reisen nach der Schweiz, um sich mit diesem Pariser Komitee ins Einvernehmen zu setzen und mit der Entente in Fühlung zu treten. Kramarsch sucht hauptsächlich Fühlungnahme mit den Amerikanern.
Dieser Tschechenführer ist für den endgültigen Bruch mit Österreich. Für die Zukunft sieht er einen Bund mit den Südslawen und eventuell mit den Polen vor, unter keinen Umständen aber mit Österreich oder den Magyaren. Er befürchtet keine «Balkanisierung» der Gebiete, die bis jetzt die Doppelmonarchie bildeten, da die neugegründeten slawischen Staaten stark genug sein werden, um sich dem Einflüsse der Grossmächte zu entziehen und andererseits, durch die Erfahrungen der Balkanländer klug geworden, sich nicht in ähnliche Intrigen wie diese einlassen werden. Eine Einbeziehung Deutsch-Österreichs in das Deutsche Reich würden die Tschechen nicht gerne sehen, und Kramarsch gedenkt auch die Entente auf die Gefahr einer solchen Vergrösserung Deutschlands aufmerksam zu machen. Der habsburgischen Dynastie stellt er kein günstiges Horoskop, in Böhmen habe sie jedenfalls ausgespielt und werde nie mehr die Wenzelskrone aufsetzen, da sie immer wieder, nolens volens, zum Satelliten Deutschlands werden müsste. Kramarsch gibt sich als prinzipiellen Republikaner, glaubt aber, dass vielleicht vorderhand für Böhmen das Beste noch eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Muster wäre.
Hier ist also auch eine deutsch-österreichische Nationalversammlung, im Einverständnis mit der k. u. k. Regierung, zusammengetreten und hat einen Nationalauschuss mit Unterausschüssen gewählt. Im Gegensatz zu den Slawen wird von dieser Stelle aus die bestehende k. u. k. Regierung noch anerkannt und ihr die Überleitung in die neuen Verhältnisse zugedacht. Dass bei diesen chaotischen Zuständen viele Leute an einen Anschluss Deutsch-Österreichs an das Deutsche Reich denken, ist begreiflich, doch gibt man sich auch darüber Rechenschaft, dass die Entente dies kaum dulden würde. In der Nationalversammlung hat sich zwar nur die wenig zahlreiche Gruppe der Alldeutschen unbedingt für den Anschluss erklärt; aber auch die Sozialdemokraten haben diese Möglichkeit ins Auge gefasst, und den intellektuellen Kreisen ist sie nicht unsympathisch.
Gegenwärtig bildet hier die Ernährungsfrage die Hauptsorge, namentlich seit Böhmen und Ungarn sich ganz abzuschliessen drohen. Die Hauptaktion der Nationalversammlung war daher auch die Ernennung eines Ernährungsausschusses, und dieser begibt sich heute nach Berlin, um von dort Hilfe zu erflehen. Auffällig und vielleicht vielsagend ist das grosse Entgegenkommen, welches diesen Herren von der deutschen Botschaft erzeigt wurde. Der Botschaftsrat, Gesandter Prinz Stollberg, soll sie nach Berlin begleiten. Von industrieller Seite wurde mir behauptet, die Kartoffelvorräte reichten noch für vier Tage und das Getreide bis zum 9. November. Ich kann diese Angaben nicht kontrollieren. Eine eigentliche Hungersnot könnte sogar in Wien zu Unruhen führen.
Von der gleichen durchaus ernst zu nehmenden Seite wie früher schon (siehe meinen letzten Bericht Nr. 23)3 wurde ich vorgestern wieder sondiert, ob es nicht irgendeinen Weg über die Schweiz gebe, um Wilson, der nur tschechische Stimmen zu hören scheine, über die wirklichen Verhältnisse in Österreich-Ungarn zu orientieren. Man hätte gerne jemanden hinübergeschickt, wenn es ginge einen Österreicher (man dachte dabei an den bekannten Abgeordneten Professor Redlich, der Amerika kennt und geläufig englisch spricht) oder andernfalls einen Schweizer, den man vorher instruieren würde; es müsste aber diesem Abgesandten die Möglichkeit zu Wilson selbst zu kommen gewiss sein, sonst hätte das Unternehmen keinen Sinn. Ich weiss nicht, ob Sie in dieser Beziehung meinem Gewährsmann irgendwie entgegenkommen können oder wollen. Ich muss beifügen, dass der Plan an allerhöchster Stelle bekannt und genehmigt worden sein soll.
5 Uhr abends. Soeben bringt ein Abendblatt die Nachricht von der Demission Burians und der Ernennung Andrassys zum Minister des Äussern für Österreich und Ungarn, also immer noch k. u. k. Wie mir der Kabinettschef Burians mitteilte, sei im Ministerium noch keine offizielle Meldung eingetroffen, doch «dürfte die Nachricht wohl richtig sein». Auf das hin drahtete ich Ihnen. Die Neue Freie Presse bemerkt zur Wahl: «Es ist schon jetzt bekannt, dass Andrassy auf dem Standpunkt steht, man dürfe nicht nur die Möglichkeit in Betracht ziehen, mit dem Präsidenten Wilson über den Frieden zu verhandeln. Graf Andrassy ist der Meinung..., dass man sich an alle Ententemächte direkt wenden könne, um den Frieden herbeizuführen....»
25. Oktober. Die Morgenblätter bringen die Nachricht, Andrassy habe den Prinzen LudwigWindisch-Grätz zum ersten Sektionschef im Ministerium des Äussern ernannt. Der Prinz war zuletzt ungarischer Ernährungsminister und hat sich als solcher sehr gut bewährt. Er ist jung und tätig. Persönlich bedaure ich den Abgang des Barons Flotow, mit dem ich sehr gute Verbindungen unterhielt.
Die Ereignisse schreiten immer schneller, die deutsch-österreichische Regierung soll nunmehr gebildet werden und die Zügel in die Hand nehmen. Ich lege das diesbezügliche Communiqué an die Presse hier bei; Sie werden daraus ersehen, dass die Absendung einer Note auch an die neutralen Regierungen beabsichtigt ist, in der die Konstituierung des deutsch-österreichischen Staates mitgeteilt wird.
Es ist offenbar kein Zufall, dass der Kaiser gerade jetzt und zum ersten Mal seit seinem Regierungsantritt für längere Zeit seinen Wohnsitz in Ungarn genommen hat. Die Stephanskrone will er sich offenbar unter allen Umständen sichern.
Da Ihnen die Verteilung der Nationalitäten Österreich-Ungarns nicht ganz geläufig sein dürfte, lege ich hier eine Nationalitätenkarte bei, die Ihnen das Verständnis mancher jetzt auftauchenden Fragen erleichtern mag.
Ein für allemal möchte ich folgendes bemerken, was ich auch früher angedeutet habe: Nachrichten, die mir durch die Presse bekannt werden, melde ich Ihnen in der Regel nicht telegraphisch noch in meinen Berichten, es sei denn, dass ich annehmen könne, mein Telegramm komme früher in Ihre Hände als die Agenturmeldung (was, wie ich aus den Schweizer Zeitungen ersehen kann, selten der Fall sein wird) oder dass ein Kommentar dazu notwendig sei. Sollten Sie eine andere Art der Berichterstattung wünschen, so bin ich selbstverständlich jederzeit dazu bereit. Der auf meiner Gesandtschaft herrschende, teilweise durch Krankheit verursachte arge Personalmangel erschwert mir natürlich auch die Berichterstattung und das Einziehen von Informationen.
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