Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03414.jsonl.gz/2262

Virtuose Töne am schwarzen Flügel
Die «Impromptus» sind die populärsten Klavierstücke, die Franz Schubert komponierte, 1827, zu einem Zeitpunkt als sein Leben schon fast vorüber war. Denn Schubert war bis dahin vor allem durch seine Lieder berühmt geworden. Populär sind die «Impromptus», die an grosse Balladen über das Leben und das Sterben erinnern, wegen ihrer gelungenen Verbindung von Volkstümlichkeit und hoher Kunst, aber auch wegen ihrer relativ leichten Spielbarkeit. Den Titel «Impromptus» mit seinen Assoziationen an Fantasie und Stegreifspiel hatte Schuberts Verleger erst nachträglich festgelegt. Aber er passt ideal zum freien, improvisatorischen, spielerisch überschwänglichen Charakter dieser Klavierstücke.
«Sofort», «überraschend», «aus dem Augenblick heraus» – das sind einige der Übersetzungsvorschläge, die das Wörterbuch für das Wort «Impromptu» bereithält. Einen improvisatorischen Habitus haben Schuberts «Impromptus» allemal. In ihrer Abfolge erinnern die Stücke an eine Sonate: Zu Beginn ein balladenhaftes Allegro, dann ein tänzerisches Scherzo. Als dritter Satz folgt ein Andante, das wie ein Schubert‘sches Lied klingt – ein Lied ohne Worte. Und als Finale ein bewegliches, bildhaft komponiertes Allegretto, dessen Sechzehntel-Kaskaden an einen Wasserfall erinnern, bei dem die Tropfen in der Sonne funkeln. Als Zuhörer sah und spürte man dabei förmlich die Natur, die Wolken und Landschaften, was allerdings nicht überrascht, wenn man weiss, dass Schubert ein sehr naturliebender Mensch war, der sehr gern wanderte. Ebenso natürlich schien bei der Interpretation der «Impromptus» die Poesie aus den Fingern der Pianistin Ana Tsybuleva in die Tastatur zu fliessen – eben wie ein Wasserfall.
Romantische Brahms-Sonate
Hohe Anforderungen an die Pianistin stellte auch die Klaviersonate Nr. 3 in f-Moll von Johannes Brahms. Gerade einmal 20 Jahre alt war Johannes Brahms, als er das Werk zu Papier brachte, als Gast des Künstler-Ehepaars Robert und Clara Schumann 1853 in Düsseldorf. Diese dritte, knapp 40 Minuten dauernde Klaviersonate war gleichzeitig seine letzte. Brahms schuf keine klassische Sonate in vier Sätzen, sondern eine romantische in fünf Sätzen, sogar mit einem literarischen Motto von «Mondlicht» und «zwei Herzen in Liebe vereint» - emotionale Musik mit Liebesrausch, Verzweiflung und Zuversicht. Der Aufbau der Sonate ist symmetrisch – drei schnelle Sätze umgeben zwei langsame, der vierte zwischen Scherzo und Finale eingeschobene 4. Satz ist ein Trauermarsch und wirkt dabei erschütternd fatalistisch.
In den schnellen Sätzen ist die Komposition ein komplexes, zielstrebiges, volltönendes und zuweilen wuchtiges Opus. Speziell beim Anfangs- und Finalsatz sind subtile Interpretinnen gefragt, zu denen zweifellos auch Anna Tsybuleva, die gebürtige Kaukasierin, zählt, die die Sonate mit einem dicken und homogenen Klang ähnlich einer Brahms-Sinfonie darbot.
Eine aussergewöhnliche Pianistin
Die junge russische Pianistin tauchte an diesem Konzertabend im LILIENBERG-Zentrum mit ihrem Spiel am schwarzen Flügel tief in die Musik von Schubert und Brahms ein. Sie spielte mit ebenso viel Feingefühl wie mit gesteigerter Energie, reifer Gestaltung und jugendlicher Spielfreude und verzauberte mit ihrem sensiblen Spiel die Zuhörerinnen und Zuhörer.
Anna Tsybuleva, eines der grössten Talente der Musikwelt, ist längst in den ganz grossen Konzertsälen der Welt angekommen (siehe Textbox). Der überaus herzliche Schlussapplaus des Publikums würdigte das grosse Können und auch die faszinierende Gestaltungskraft dieser aussergewöhnlichen Musikerin.
Lilienberg Rezital vom 29. September 2021 mit Anna Tsybuleva (Klavier); Gastgeber: Lilienberg Unternehmerforum, vertreten durch Susanne Rau-Reist; Moderation: Andreas Müller-Crépon.
Die Künstlerin
Anna Tsybuleva wuchs in einem Dorf im Nordkaukasus auf. Als 13-Jährige begann sie ihr Studium in Moskau, an der Zentralen Musikschule am Tschaikowsky-Konservatorium. Nach ihrem Abschluss mit einer Auszeichnung als «Beste Studentin» wechselte Tsybuleva an die Hochschule für Musik in Basel und studierte dort bei Claudio Martinez Mehner. Nachdem sie bereits mit dem Ersten Preis bei der «International Piano Competition in Memory of Emil Giles» in Odessa geehrt worden war, gewann Anna Tsybuleva im Jahr 2015 «The Leeds International Piano Competition», einen der wichtigsten Klavierwettbewerbe überhaupt.
Anna Tsybuleva gibt Klavierabende in so berühmten Konzerthäusern wie der Tonhalle Zürich, der Philharmonie Luxembourg, dem Concertgebouw Amsterdam oder der Londoner Wigmore Hall. Als Solistin konzertierte sie mit dem Royal Philharmonic Orchestra, den Sankt Petersburger Philharmonikern, der Russischen Nationalphilharmonie, der Singapore Symphony und dem Tokyo Philharmonic Orchestra. Sie arbeitet mit Dirigenten wie Yuri Temirkanov, Vladimir Spivakov und Sir Mark Elder zusammen. Auf ihrer Solo-Debüt-CD «Fantasien» spielt Anna Tsybuleva Werke von Carl Philipp Emanuel Bach, Beethoven, Schubert und Brahms.
www.annatsybuleva.com