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Mehr als jedes andere Land der Erde begreifen sich die Vereinigten Staaten als Nation des Mittelstands. In dem Land, das nach einer Revolte gegen die Monarchie und das britische Empire 1776 seine Unabhängigkeit erklärte, war alles Aristokratische verpönt. Die USA sollten für die ganze Welt das Vorbild einer modernen, demokratischen Republik abgeben. Die Revolutionäre hatten bei so unterschiedlichen Philosophen wie Aristoteles und Machiavelli gelernt, dass Volksherrschaft nur funktioniert, wenn die meisten Bürger «der Mitte» angehören. Die Gefahr eines Klassenkampfs konnte nach Ansicht der Gründerväter vermieden werden, wenn die meisten Bürger Amerikas weder reich noch arm wären und so viel besässen, dass sie sowohl ein Interesse am Schutz des Eigentums als auch ein gewisses Mass von Unabhängigkeit hätten.
Der Ausdruck «middle class» bezeichnet daher in Amerika, anders als in vielen europäischen Staaten, nicht das Bürgertum der Geschäftsleute und Freiberufler, sondern eine «mittlere Schicht» von Bürgern, die sowohl die Armen als auch die Reichen an Zahl weit übertreffen sollte.
Im Lauf der Geschichte hat sich aber die ökonomische Basis der Mittelschicht verändert. Im 19. Jahrhundert lebten die meisten Amerikaner entweder als freie Farmer oder als Sklaven in den Südstaaten. Die Bundesregierung und einzelne Gliedstaaten versuchten, die Landwirtschaft in eine andere Richtung zu lenken: Sie sollte weniger von Sklaven und Landarbeitern als von unabhängigen Kleinbauern getragen werden. Zu den Massnahmen gehörte die Abschaffung des aristokratischen Erstgeborenen- und Erblehensrechts, die Schaffung von «homesteads», das heisst die Umwandlung staatlichen Grundbesitzes in Familiengehöfte, die Förderung landwirtschaftlicher Forschung sowie das Verbot von Sklaverei und vertraglich vereinbarter Knechtschaft.
Doch die Mechanisierung der Landwirtschaft machte bald einen Grossteil der Landarbeiter überflüssig, immer weniger maschinell betriebene Grossfarmen produzierten die Nahrungsmittel für ganz Amerika und darüber hinaus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts strömten dann die Kinder der Landarbeiter in die Fabriken der verarbeitenden Industrie, so dass es nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Westeuropa und Japan zu einem neuen «Sozialvertrag» zwischen den beiden grossen Wählergruppen der Bauern und Industriearbeiter kam.
In der Ära des New Deal zwischen den 1930er und den 1970er Jahren wurde in den USA durch die Subventionierung der Landwirtschaft eine ländliche Mittelschicht am Leben erhalten, während die Gewerkschaften den Unternehmern eine stärkere Beteiligung der Arbeiter an den Gewinnen abtrotzten. Verheiratete Frauen und Mütter sollten sich, so die allgemeine Erwartung, abhängig vom Lohn ihrer Männer um Heim und Herd kümmern. Die schwarzen Amerikaner und andere Minderheiten blieben bis zur Bürgerrechtsrevolution der 1960er Jahre wirtschaftlich und gesellschaftlich ausgegrenzt.
Diese New-Deal-Mittelschicht, die im wesentlichen aus weissen Fabrikarbeitern bestand, wurde durch die sozialen und ökonomischen Veränderungen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts unterminiert. Der Feminismus führte, zusammen mit den stagnierenden Einkommen der männlichen weissen Ernährer, bis zum Jahr 2000 dazu, dass auch die Mehrzahl der Frauen auf den Arbeitsmarkt gelangten, während gleichzeitig das Ende der Rassendiskriminierung und eine neue Einwanderungswelle von verarmten Lateinamerikanern für die amerikanischen Arbeitnehmer die Konkurrenz um Arbeitsplätze verschärfte.
Die Globalisierung und der technische Fortschritt höhlten den Sozialvertrag weiter aus. Satellitenkommunikation, Internet und Containerschifffahrt ermöglichten den multinationalen amerikanischen Konzernen die Verlagerung ihrer Produktion ins Ausland, wo sie von den niedrigen Löhnen in Asien und von ausländischen Industriesubventionen profitierten. Gut bezahlte, gewerkschaftlich organisierte Industriearbeiter landeten im schlecht bezahlten, nicht gewerkschaftlich organisierten Dienstleistungssektor einschliesslich Gastronomie und Detailhandel. In den 1950ern waren ein Drittel der Beschäftigten in der Privatwirtschaft Gewerkschafter; heute spielen die Gewerkschaften kaum eine Rolle mehr. Viele Bürojobs für Angestellte mit mittlerer Qualifikation sind dadurch weggefallen, dass Maschinen das Schreiben und Telefonieren übernommen haben.
All diese Veränderungen führten zu einer Umkehr der «grossen Verdichtung» der 1950er, als sich die Kluft zwischen Arm und Reich sukzessive verringerte. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat die Ungleichheit in den USA ein Ausmass erreicht, wie man es seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr kannte. Die USA gleichen immer weniger den Mittelstandsdemokratien Westeuropas und immer mehr einer oligarchisch strukturierten Gesellschaft – so wie man es aus Lateinamerika oder dem postsowjetischen Russland kennt, wo sich der Reichtum auf wenige konzentriert, die einer riesigen Unterschicht gegenüberstehen. Studien haben gezeigt, dass über die Hälfte der Gewinne aus dem Wirtschaftswachstum der letzten Jahrzehnte an das reichste Prozent der amerikanischen Bevölkerung gegangen sind, weshalb die Occupy-Wall-Street-Bewegung diese neue ökonomische Elite kurzerhand «The One Percent» genannt hat.
Inwiefern gehen diese Änderungen auf die unaufhaltsamen Kräfte des Fortschritts zurück? Eine Erklärung, die Amerikaner der Rechten und der politischen Mitte gern anführen, lautet: Die wachsende Ungleichheit in den USA ist das Ergebnis eines technischen Wandels, der sich nicht politisch steuern lässt. Der Fortschritt führe dazu, dass die Früchte der wirtschaftlichen Entwicklung vor allem hochqualifizierten Arbeitskräften zugute kämen, deren Fähigkeiten in der neuen «Wissensökonomie» besonders gefragt seien, insbesondere Naturwissenschaftern und Ingenieuren. Die Lösung des Problems liege in der Verbesserung des Bildungsniveaus, vor allem auf den Feldern Naturwissenschaft, Technik, Ingenieurwissenschaften und Mathematik. Diese Theorie ist bei der ökonomischen Elite sehr beliebt, weil sie von der Regierung nicht mehr verlangt als höhere Investitionen in die Bildung. Doch leider entspricht sie nicht den Tatsachen.
Zunächst einmal ist ein Grossteil der Gewinne der letzten Jahrzehnte nicht an Naturwissenschafter und Ingenieure geflossen, sondern an Investmentbanker, Hedge-Fund-Manager und andere Finanzinvestoren, von denen viele technisch zu unbedarft sind, ihr eigenes Smartphone einzustellen. Abgesehen von Leuten wie Bill Gates oder Steve Jobs haben die Herrscher über amerikanische Firmenimperien ihr Geld selten mit Einfallsreichtum und Unternehmergeist verdient, sondern mit unproduktiven Finanzspekulationen, mit der Ausnutzung staatlicher Rettungsprogramme und dank lukrativen Seilschaften zwischen Kapital und Politik. Der Anteil der Finanz-, Versicherungs- und Immobilienwirtschaft an der US-Wirtschaft hat den des produzierenden Sektors längst überflügelt. Auch die Behauptung, dass die meisten Stellen in Zukunft eine bessere Ausbildung erforderten, entspricht nicht den Tatsachen. Laut einer Untersuchung des US-Arbeitsministeriums setzen im nächsten Jahrzehnt die meisten der zwölf am stärksten expandierenden Berufe keine vierjährige College-Ausbildung voraus.
Und schliesslich müsste der technische Wandel, wenn die Theorie stimmte, nicht nur in den USA, sondern auch in allen anderen Industrieländern vergleichbare Auswirkungen haben. Doch obschon die soziale Ungleichheit auch in jenen gestiegen ist, sucht die extreme Ungleichheit, die man in den USA vorfindet, ihresgleichen selbst unter den englischsprachigen Nationen, die traditionell ein stärkeres Sozialgefälle aufweisen als die mittel- und nordeuropäischen und asiatischen Demokratien.
Etwas besser lässt sich der Niedergang der amerikanischen Mittelschicht mit der Theorie der «Verhandlungsmacht» erklären. Laut dieser Auffassung hatte die Verhandlungsmacht der amerikanischen Arbeiter gegenüber den Unternehmern Mitte des 20. Jahrhunderts ihren Höhepunkt. Die Beschäftigten im damals dominanten Wirtschaftssektor, der verarbeitenden Industrie, waren stärker gewerkschaftlich organisiert, und die Tarifabschlüsse zwischen Unternehmern und Gewerkschaften beeinflussten sogar die Lohn- und Sozialleistungen in den nicht gewerkschaftlich kontrollierten Bereichen. Bis Ende des 20. Jahrhunderts hatte die US-Wirtschaft nur selten mit billigeren Importen zu konkurrieren, und die Verlagerung grosser Produktionsstätten ins Ausland war ein weitgehend unbekanntes Phänomen.
Heute ist ein Grossteil der amerikanischen Erwerbstätigen im Dienstleistungssektor beschäftigt, der kaum gewerkschaftlich organisiert ist und dessen schlecht bezahlte Stellen weder ausgelagert noch automatisiert werden können. Die Arbeitsgesetze erschweren es diesen Angestellten, Gewerkschaften zu bilden. Ein Grossteil der Industrie hat sich in den Süden verlagert, um von den gewerkschaftsfeindlichen Gesetzen vieler Südstaaten zu profitieren. Und es ist viel schwerer, kleine, mässig profitable Dienstleistungsfirmen – etwa Pflegeheime – zu organisieren, als seinerzeit im Detroit der 1950er Jahre bei den drei grossen Automobilproduzenten gewerkschaftliche Vertretungen durchzusetzen.
Ja mehr noch, die Arbeitslosen der «grossen Rezession» der letzten Jahre und die ungelernten Einwanderer bilden zusammen eine Klasse, die es vor einer Generation in den USA nicht gegeben hatte: die Working Poor. Diese verdienen so wenig Geld, dass sie auch bei einer Vollzeitstelle von 40 Wochenstunden unter die Armutsgrenze fallen. Fast drei Millionen Amerikaner gehören dieser Gruppe an.
Die Bildung einer Klasse von Working Poor, zu der auch viele ehemalige Mittelständler gehören, lässt sich zum Teil durch den Kaufkraftverlust des Mindestlohns im Lauf der letzten fünfzig Jahre erklären. Wenn der Mindestlohn seit den 1970ern mit der Inflation Schritt gehalten hätte, läge er heute bei 10 Dollar pro Stunde – in Wirklichkeit beträgt er aber nur 7,25 Dollar. Eine wachsende, auch von Präsident Obama unterstützte Bewegung fordert, dass der Mindestlohn zur Existenzsicherung ausreichen müsse, aber diese Forderung stösst in den USA sowohl bei jenen Firmen auf Widerstand, deren Geschäftsmodell auf der Beschäftigung von Arbeitnehmern zu Billiglöhnen beruht, als auch bei der amerikanischen Wirtschaftselite, die ihren Kindermädchen, Hausangestellten und Gärtnern mehr bezahlen müsste.
Statt die Löhne direkt zu erhöhen – oder indirekt durch stärkere Gewerkschaften –, haben sich Demokraten wie Republikaner während der letzten dreissig Jahre auf andere Mechanismen verlassen, um das Einkommen der Working Poor aufzubessern. Dazu zählt unter anderem der Earned Income Tax Credit, ein Lohnzuschuss in Form einer Steuergutschrift. Die Kombination von Steuergutschrift und Steuerabzügen hat zur Befreiung der niedrigsten Einkommen von der Bundessteuer geführt. Im übrigen hat die amerikanische Politik darauf gehofft, dass die negativen Auswirkungen der Niedriglöhne abgefedert würden: durch sinkende Preise für Importgüter aus Billiglohnländern wie China und durch Waren und Dienstleistungen inländischer Unternehmen mit schlecht bezahlten Angestellten wie McDonald’s und Wal-Mart.
Was tun gegen die wachsende Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft in Reiche und Arme, einschliesslich der Working Poor?
Protektionismus würde wenig helfen. Vielleicht wäre es wünschenswert, dass die USA mehr zur Verteidigung und Förderung ihrer eigenen produktiven Industrien tun sollten – insbesondere gegenüber Ländern wie China, das seine eigenen Hersteller subventioniert. Aber selbst wenn manche Firmen wieder nach Amerika zurückgeholt werden könnten, würde dies aufgrund der weitgehend automatisierten Herstellungsprozesse nur wenige gut bezahlte Arbeitsplätze schaffen.
Mehr als durch protektionistische Importbeschränkung könnte den Working Poor durch eine selektive Einwanderungsbeschränkung geholfen werden: Die Verknappung der Arbeitskräfte würde die Löhne für Zimmermädchen, Verkäufer, Kellner und Pflegerinnen in die Höhe treiben. Grossbritannien, Kanada und Australien haben in den letzten Jahrzehnten die Zuwanderung von Facharbeitern gefördert – mit Hilfe eines Punktesystems, das gut ausgebildete Arbeitskräfte bevorteilt. Im Gegensatz dazu sind die Einwanderer in den USA überwiegend Ungelernte, die im Rahmen des Familiennachzugs ihren ebenso schlecht ausgebildeten Verwandten folgen. Die Vorschläge, auch für die Immigration in die USA ein Punktesystem einzuführen, sind jedoch umstritten: Der Zuzug einer wachsenden Zahl qualifizierter Immigranten aus Europa und Asien ginge auf Kosten der Einwanderer aus Lateinamerika.
Der Wiederaufbau von Gewerkschaften in der amerikanischen Privatwirtschaft wäre ein schwieriges Unterfangen, das, selbst wenn es gelänge, erst nach Jahrzehnten eine Wirkung hätte.
Eine weitere Option wäre die Ausweitung der Steuersubventionen für niedrige Einkommen. Aber diese Option führt zu zweierlei Problemen: Erstens schöpfen Arbeitgeber jede staatliche Lohnergänzung teilweise ab; perverserweise werden sie für die Anstellung billiger Arbeitskräfte belohnt. Zweitens gehört zum Bild des amerikanischen Mittelstands von jeher nicht nur ein anständiges Einkommen, sondern auch ein gewisses Mass an Unabhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der die meisten so schlecht bezahlt werden, dass sie staatliche Lohnzuschüsse brauchen, wäre der amerikanische Traum zum Albtraum geworden.
Wie steht es mit Gesetzen, die die Arbeitgeber zumindest in den untersten Segmenten zu einer besseren Bezahlung zwingen? Eine bundesstaatliche Gesetzgebung, die den Mindestlohn auf das Niveau der Existenzsicherung anhöbe, würde die Working Poor von heute zur Arbeiterklasse von morgen machen. Durch diese Anhebung würde der höhere Mindestlohn auch dort, wo keine Gewerkschaften mit am Tisch sitzen, die Verhandlungsposition der besser bezahlten Arbeitskräfte stärken.
Doch selbst ein erheblich höherer Mindestlohn würde vielen amerikanischen Arbeitnehmern noch nicht den Erwerb jener Güter und Dienstleistungen ermöglichen, die in einer entwickelten Gesellschaft für das Leben in der Mittelschicht unerlässlich sind. Dazu gehören Gesundheitsversorgung, Kinderbetreuung und eine bezahlbare Ausbildung (ob Berufslehre oder Universitätsstudium). Die meisten entwickelten Länder betrachten diese Dienstleistungen entweder als öffentliches, durch Steuern zu finanzierendes Gut oder als private Dienstleistung, deren Kosten (wie im Fall der Gesundheitsversorgung) im öffentlichen Interesse staatlich reguliert werden müssen.
In den Vereinigten Staaten werden die Kosten für die höhere Bildung von den Gliedstaaten und Gemeinden auf die Studenten abgewälzt; die medizinische Versorgung wird teilweise subventioniert, ohne dass zugleich die Preise reguliert werden. Subventionen ohne Preiskontrolle haben im Bereich der höheren Bildung wie in der Gesundheitsversorgung zu einer Kostenexplosion geführt: monopolistische Dienstleister nutzen auf Kosten der Konsumenten und Steuerzahler ihre Marktmacht aus. Und da ein Teil ihrer Profite in die Wahlkampfkassen amerikanischer Politiker fliesst, haben die Bildungs- und die Gesundheitslobby die politische Macht, alle Reformen zu blockieren, die eine bezahlbare Ausbildung und Gesundheitsversorgung zum Ziel haben.
Die Herausforderungen sind beträchtlich – aber nicht grösser als jene, denen der amerikanische Mittelstand früher gegenüberstand. In seinem 1909 erschienenen Buch «Die amerikanische Verheissung» schrieb der Publizist Herbert Croly: «Die Verheissung Amerikas bestand im wesentlichen in der Aussicht auf wirtschaftliche Unabhängigkeit und Wohlstand.» Für die meisten, aber nicht alle Amerikaner hat sich diese Verheissung im 19. und 20. Jahrhundert erfüllt.
Wenn der politische Wille da ist, könnte es den USA gelingen, den Working Poor zum Aufstieg in eine neue, stabile Mittelschicht zu verhelfen. Der Preis dafür ist vielleicht das Beschreiten eines «europäischen» Wegs mit höheren Steuern und einer teilweisen oder vollständigen Vergesellschaftung der Gesundheitsversorgung und der höheren Bildung. Es könnte sein, dass die Vereinigten Staaten ihren «amerikanischen Sonderweg», der sie von westeuropäischen Gesellschaften unterscheidet, verlassen müssen, wenn sie einen anderen Aspekt der amerikanischen Identität erhalten wollen: die Idee von Amerika als einer Nation des Mittelstands.