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Broker in Tokio, humanitärer Helfer im Iran, Schauspieler in Paris. Das Leben des Lausanner Neumitglieds Fabian Ferrari liest sich wie ein Filmskript – dabei ist ja seine Leidenschaft das Theater.
Fabian, die Vielseitigkeit deiner bisherigen Karriere fasziniert. Angefangen hat es mit einer kaufmännischen Lehre, dann hast du einige Monate in England verbracht und durftest anschliessend ein Praktikum an der Börse in Tokio antreten.
Und so wurde ich bereits mit zwanzig Trader! Eigentlich völlig verrückt, wenn ich heute so darüber nachdenke. Nach dem Börsencrash 1989 beschloss ich, als Administrator für das IKRK zu arbeiten; in Afrika, im Iran und auf dem Balkan. An die Begegnungen und Erlebnisse aus dieser Zeit erinnere ich mich noch sehr intensiv. Drei Jahre später kehrte ich als Kundenberater in die Finanzbranche zurück. Ich durfte viel reisen – zum Beispiel nach Israel, Indien und Südafrika – und an verschiedenen Standorten wie Antwerpen, Basel oder Genf Teams leiten. Doch diese Arbeit begann mich zu ermüden, ich fand darin immer weniger Sinn. Deshalb entschied ich mich, zu meiner ersten grossen Liebe zurückzukehren: dem Theater!
Du hast also schon früh in deinem Leben entdeckt, dass du die Schauspielkunst magst?
Tatsächlich war ich schon seit jeher von der Bühne angezogen und habe während meiner gesamten Kindheit und Jugend Theater betrieben. Ich hatte diesen Weg letztlich nur aus finanziellen Gründen nicht eingeschlagen. An meinem 40. Geburtstag habe ich Philippe kennengelernt, der inzwischen mein Ehemann ist. Er war es, der mich dazu ermutigt hat, mich wieder dem Theater zu widmen. Nach einem Sommerkurs in Paris wollte ich dort nicht mehr weg: Ich besuchte drei Jahre lang die Schauspielschule Claude Mathieu und arbeitete fürs Fernsehen, als Synchronsprecher und auf der Bühne. Ich liebte dieses Leben und es fiel mir schwer, nach Lausanne zurückzukehren.
Welche Bühnenrollen reizen dich besonders?
Ich mag es zwar, zu unterhalten, bevorzuge es aber, wenn die Zuschauer:innen nach meinem Stück eine Reflexion, Konfrontation oder eine Frage nachhause nehmen. In meinem Lieblingsstück spiele ich einen Lobbyisten im Europäischen Parlament, der alle Tricks ausplaudert, mit denen er die Politiker:innen manipuliert und besticht. Diese Rolle habe ich schon 100-mal gespielt; unter anderem am Festival von Avignon und in der Schweiz – ironischerweise nie in Brüssel oder Strassburg…
In den Ateliers Théâtre Fabian Ferrari in Lausanne gibt es vielfältige Workshops – auch für Unternehmen. Inwiefern kann das Schauspielern im Geschäftsalltag helfen?
Die Schule hat uns lesen, schreiben und rechnen beigebracht, aber leider nicht, wie man sich vor Publikum ausdrückt. In meinen Workshops lernt man, sich dabei wohlzufühlen; man lernt, den Mut zu haben, sich so auszudrücken, wie man wirklich ist. Die Schauspielkunst ist ein wunderbares pädagogisches Mittel, um Blockaden zu lösen und Ängste zu überwinden. Menschen können sich dadurch öffnen und entfalten, auch in Unternehmen, wo viele einfach still sein und zuhören sollen. Meine Interventionen bringen oft eine Befreiung für diejenigen, die Angst haben, sich zu äussern oder ihren Platz zu behaupten. Das lässt sich auch im privaten Coaching individuell anpassen; etwa für CEOs, Anwält:innen oder Personen des öffentlichen Lebens, die eine stärkere Überzeugungskraft und mehr Harmonie mit sich selbst bei ihren Auftritten wollen.
Du bist kürzlich in eine ganz neue Rolle geschlüpft: die eines network-Mitglieds. Was gefällt dir an diesem Verein?
Ich fühlte mich gleich von Anfang an aufgenommen, respektiert und integriert. Es ist grossartig, die Gelegenheit zu haben, Menschen aus allen Berufs- und Kulturbereichen zu treffen. Ich freue mich sehr darauf, bald mal eine network-Veranstaltung in meinen Werkstätten zu organisieren und meine Welt zu zeigen.
Kann man dich in naher Zukunft wieder in neuen Produktionen sehen?
Derzeit bereite ich mich auf ein sehr bewegendes Soloprojekt vor: Es ist die Geschichte von Daniel Pittet aus Freiburg, der in den 70er-Jahren im Alter von 9 bis 13 Jahren von einem Priester sexuell missbraucht wurde. Daniel blieb der Kirche trotz allem treu und wurde sogar kürzlich zum Diakon geweiht. Ich erzähle seine Geschichte auf der Bühne und beschäftige mich dabei mit der Vergebung: Kann man eine solche Tat von einem «Mann des Glaubens» überhaupt vergeben? Und ist Vergebung befreiend?
Dann gibt es noch ein Projekt, das du zusammen mit einem Networker realisierst.
Genau! Und zwar inszeniere ich Texte von Jean Villard alias Gilles, einem Dichter und Chansonier aus dem Waadtland. Aufgeführt wird das Stück von Networker Jean-Christophe Guédon. Network Vaud wird daraus eine Veranstaltung machen und eine private Aufführung vom 2. März im Théâtre Oxymore in Cully besuchen – Jean-Christophe und ich freuen uns sehr darauf!