Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03154.jsonl.gz/206

Nein, niemand will sie, vor allem keine Kandidatin, die gewählt werden will, und kein Aspirant, der gerade eine Charmeoffensive startet. Da sind sie sich alle einig, von ganz Aussen bis in die Mitte, dass es keine Zweiklassengesellschaft geben darf, etwa aus Geimpften und Ungeimpften. Nein, nur das nicht!
Doch was sollte das für eine Gesellschaft sein? Die der Eisenbahn, die immer noch unbekümmert Tickets für Erste und Zweite Klasse verkauft? Die der Krankenversicherung, in der es allgemein und privat gibt? Die der ersten Welt und aller anderen? Der Reichen und Armen? Oben und Unten?
Der Scheinbegriff ist gleich zweifach aus der Mottenkiste geholt. Erstens hätte einer, der vor zehn Jahren über Klassengesellschaft schwadroniert hätte, sich als Sozialist oder Kommunist verdächtig gemacht, sicher als Linker. Man hätte ihm gesagt, soziale Marktwirtschaft hätte sie längst überwunden. Und zweitens macht sich, wer heute den Begriff Klasse oder Schicht zur Beschreibung der Gesellschaft verwendet, als Urenkel überholter Vorstellungen erkennbar. Längst ist die Metaphorik schulischen Aufstiegs oder sedimentärer Ablagerung als ungeeignet erwiesen, um gesellschaftliche Unterschiede zu erfassen. Viel angemessener ist die Beschreibung mentaler und habitueller Muster, also dessen, was übereinstimmenden Lebenswelten im Kopf herumgeht und wie sie ihren Alltag gestalten.
Dann aber kommt keiner auf die Zahl Zwei! Im Gegenteil, es wird vielgestaltig und kunterbunt, reichhaltig und vielstimmig. Aber vielleicht steckt genau sie hinter dem anachronistischen Griff in die Mottenkiste abgestandener Ideologien: die Angst vor Uneinheitlichkeit, die nicht zu kontrollieren, vor Individualität, die nicht zu erfassen, vor Unregierbarkeit, die nicht zu vermeiden wäre.
Diese Angst verstehe ich, den Griff in die Mottenkiste nicht. Weder Vereinheitlichung noch Dualismus sind menschengerecht, und niemals entsteht wegen einer einzigen Frage, etwa des Impfens, eine Spaltung der Gesellschaft. Nur wo Vielstimmigkeit verschwiegen und Vielgestaltigkeit uniformiert wird, droht Unregierbarkeit. So wünsche ich jeder Kandidatin und jedem Aspiranten den Erfolg, den sie verdienen.