Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/630

Erst nach dem verwerteten Matchball bricht es so richtig aus Coco Gauff heraus. In den Armen ihres Vaters Corey weint sie auf der Tribüne hemmungslos - auf Schritt und Tritt verfolgt von TV-Kameras, rund 47'000 Augen im riesigen Arthur Ashe Stadium und Millionen an TV-Geräten. Weg ist die für einen Teenager so verblüffende Coolness, mit der sie nach einem eklatanten Fehlstart zum 2:6, 6:3, 6:2-Sieg gegen die Favoritin und neue Nummer 1 Aryna Sabalenka gestürmt war.
Und dann setzt Gauff zu einer selten bei einer Siegerehrung gehörten Brandrede an. «Danke an alle, die nicht an mich geglaubt haben», wirft sie ihren Zweiflern entgegen «Sie dachten, dass sie Wasser in mein Feuer schütten, dabei haben sie nur Benzin hinzugefügt, und jetzt brenne ich so hell.» Speziell nach dem Erstrunden-Aus in Wimbledon hatten sich die zuweilen unsachlichen Kritiken gemehrt. «Sie hatte ihren Höhepunkt. Sie ist erledigt. Es war alles nur Hype», zählte Gauff ein paar der Kommentare auf.
Kampf mit den Erwartungen
Der Hype startete so richtig, als sie im Alter von 15 Jahren und 3 Monaten in Wimbledon unter anderen Venus Williams bezwang und bis in die Achtelfinals stürmte. Danach ging es nicht ganz im gleichen Stil weiter. Gauff etablierte sich zwar in der erweiterten Weltspitze, erreichte in Paris im letzten Jahr auch erstmals einen Grand-Slam-Final, blieb in diesem aber gegen Iga Swiatek chancenlos. «Seit ich klein war, hatte ich diese Erwartungen, diesen Druck», blickt der Teenager aus Süd-Florida zurück. «Es war nicht einfach, ich hatte das Gefühl, als ob ich ein Alterslimit hätte.»
Gauff reagierte, indem sie in diesem Sommer mit Brad Gilbert einen wahren Coaching-Guru in ihr Team mit dem spanischen Cheftrainer Pere Riba holte. Es wirkte sofort, in einem eigentlichen Steigerungslauf gewann sie in diesem Sommer die Turniere in Washington (500er), Cincinnati (1000er) und nun New York. Sie hatte aber auch am US Open heikle Momente zu überstehen. Dreimal verlor sie den Startsatz - unter anderem in der 1. Runde gegen die deutsche Qualifikantin Laura Siegemund.
Kühlen Kopf bewahrt
Nach dem klar verlorenen ersten Satz im Final verschwand sie in der Garderobe und wusch sich - im wörtlichen Sinn - den Kopf. «Ich war nervös», gab sie zu. «Ich leerte Wasser über meinen Kopf und sagte mir: ‹Jetzt fängst du nochmal bei Null an.›» Gauff wendete die Partie eindrücklich und durfte als Lohn 3 Millionen Dollar Preisgeld entgegennehmen.
Sie sprach dabei von einem «Traum, der wahr geworden» sei. Ein Traum ist ihr Triumph aber auch für das amerikanische Tennis und seine Vermarkter. Die Einschaltquoten dürften gigantisch gewesen sein, im Stadion tummelten sich Stars aus dem Showbusiness wie Nicole Kidman bis Ben Stiller, und die amtierenden und ehemaligen US-Präsidenten Joe Biden, Barack Obama und Bill Clinton gratulierten sofort.
Von den Williams-Schwestern inspiriert
Gauffs grösstes Problem war zunächst, ihre beiden jüngeren Brüder via Facetime zu erreichen, ehe die Siegerehrung dazwischen kam. Sie ist der dritte Teenager als US-Open-Siegerin in den letzten fünf Jahren, aber die erste Amerikanerin unter 20 Jahren seit Serena Williams 1999. Bei dieser und deren Schwester Venus bedankte sie sich dann ausdrücklich. «Sie sind der Grund, warum ich diese Trophäe habe. Sie haben mir erlaubt, an diesen Traum zu glauben, als ich aufwuchs», sagte sie. Nun hoffe sie, andere Mädchen - gerade auch dunkelhäutige - inspirieren zu können, in ihre Fussstapfen zu treten.
Dass sie mit dem Druck umgehen kann, hat Coco Gauff, die eigentlich wie ihr Vater Cori heisst, aber genau deswegen Coco bevorzugt, eindrücklich bewiesen. Es dürfte deshalb nicht ihr einziger grosser Titel bleiben. In der Weltrangliste verbessert sie sich von Position 6 auf 3, im Doppel ist sie schon die Nummer 1.