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João Ubaldo Ribeiro gilt in Brasilien als moderner Klassiker, sein Werk „Brasilien Brasilien“ (im Original: „Viva o povo brasileiro“) als eine Art Nationalepos. Es ist Brasilien und den Brasilianern hoch anzurechnen, dass es dieses Buch ist. Denn es handelt sich keineswegs um eines, das den Staat oder seine Einwohner in den Himmel hebt. In kurzen Ausschnitten schildert der Autor die Geschichte Brasiliens, von der Entdeckung und Besiedelung durch die Holländer und Portugiesen bis zu den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Er fokussiert dabei auf seine engere Heimat, Bahia und das Schicksal des sozialen Aufsteiger Amleto und der schwarzen Sklaven um ihn herum. So finden denn die meisten Kapitel in der Zeit so zwischen 1820 und 1870 statt.
Amleto ist eigentlich ein Mulatte, entstanden aus einem flüchtigen Abenteuer eines ebenso flüchtigen Engländers mit einer Schwarzen. Er wird zu einer Art Geschäftsführer des lokalen Herrschers, eines Barons. (Wir sind im brasilianischen Kaiserreich!) Durch nicht immer ganz saubere Geschäfte gelingt es ihm, schon zu Lebzeiten und dann vor allem nach dem Ableben des Barons dessen Vermögen an sich zu bringen. Mit dem gesellschaftlichen Aufstieg verleugnet er denn auch seine schwarzen Wurzeln. Er geht sorgfältigst der Sonne aus dem Weg und seine Mutter darf ihn nicht besuchen, jedenfalls nicht als seine Mutter. Erfolgreich sein, heisst in Brasilien: ein Weisser sein. Und nicht erfolgreich zu sein, das heisst nicht nur, schwarz zu sein, sondern auch, immer wieder grausam gedemütigt zu werden. Daran hat sich in Brasilien (aber nicht nur dort!) bis heute nichts geändert, was denn auch der Schluss des Buchs, der in der Gegenwart (i.e., zum Zeitpunkt des Verfassens des Buchs) handelt, aufs Eindrücklichste beweist. Das Wort „Sklaverei“ mag ersetzt sein, ja die Sklaverei nunmehr illegal sein – die brutale Unterdrückung Unterpriviligierter dauert fort. Und noch immer sind es vorwiegend Nicht-Weisse, die unterdrückt werden.
Ribeiros Sprache ist leicht und melodiös. Ribeiro beherrscht die Kunst des Sambas, der ebenfalls eine „schier unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ insinuiert, und wo die Worte die Melodie dann wieder desavouieren. Ribeiro erzählt ungeheuer melodiös – aber der Inhalt ist von düsterer Natur. Nur, wenn er Amletos Wesen und dessen Familie beschreibt, blitzt so etwas wie Humor hervor: satirische Zynik, die sich wenigstens verbal am zur Herrschaft Gelangten rächen will. Ribeiro tupft immer wieder kleine, mystische Einzelheiten hin, die seine Affinität zum magischen Realismus untermauern; dieses sein Buch aber ist aller Magie zum Trotz sehr in der Realität verwurzelt.