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Im 17. Jh. war die Geografie der Schweiz noch wenig bekannt. Die 1544 erstmals veröffentlichte und bis 1650 laufend neu edierte "Cosmographia" von Sebastian Münster, zugleich Reisebericht und wissenschaftl. Kompendium, war Wegbereiterin für die Ortsbeschreibung, während Konrad Gessners "Descriptio montis Fracti" von 1555 eine neue Wahrnehmung der Berge einleitete. Zu Beginn des 18. Jh. erneuerte Johann Jakob Scheuchzer mit dem "Ouresiphoítes Helveticus" ("Der Schweizer Berggänger" 1708) die Alpenliteratur und weckte das Interesse für die Schweiz. Die 1712 von ihm verfertigte Schweizerkarte blieb für ein Jahrhundert massgebend. Zu unterscheiden sind v.a. zwei grosse Phasen der S., die Zeit der Grand Tour oder Kavalierstour im 17. und 18. Jh. (Reisen) sowie die des Tourismus im 19. und 20. Jh.
Die Grand Tour, die zu einem festen Bildungsbestandteil wurde, war in ihren Anfängen ab der 2. Hälfte des 17. Jh. eine Bildungsreise für junge aristokrat. Engländer. Ihr Zweck war es, die während des Studiums erworbenen Kenntnisse durch die Erfahrung mit eigenen Augen und die Reflexion vor Ort zu vervollkommnen. Die Reise durch den Kontinent führte sie auf einer vorausgeplanten Route v.a. in die Städte Frankreichs, Italiens (bis Neapel), Deutschlands und der Niederlande. Bei der Rückkehr mussten alle die gleichen Orte gesehen und über die gleichen polit. oder religiösen Fragen nachgedacht haben. Zum Ritual gehörte auch das Verfassen eines Reiseberichts. Nach und nach löste sich aber der starre Rahmen der Grand Tour auf, und junge Leute mit guter Erziehung aus ganz Europa brachen zur Tour auf. War die Schweiz zu Beginn nur eine obligate Etappe auf der Reise nach Italien, die zudem wegen der Überquerung der Alpen unbeliebt und aus objektiven wie subjektiven Gründen gefürchtet war, wurde sie am Ende des 18. Jh. selbst zum Reiseziel. Für diesen Wandel gibt es sowohl ästhet. wie naturwissenschaftl. Gründe: Zum einen wich der klass. Schönheitskanon (eine fruchtbare, klar geordnete Natur) in der 2. Hälfte des 18. Jh. dem Pittoresken und später der Ästhetik des Erhabenen, für die die Alpen, u.a. bei Albrecht von Haller und Caspar Wolf, zum Erfahrungsfeld wurden, zum anderen begannen Gelehrte wie Horace Bénédict de Saussure, Jean-André Deluc und Déodat de Dolomieu die Alpen zu erforschen. Indem sie diese bekannter machten, nahmen sie den Leuten die Furcht davor. Auf dieser Grundlage entwickelte sich die romant. Reise.
Entsprechend wandelte sich die Reise zu Beginn des 19. Jh., die Grand Tour wurde vom Tourismus abgelöst, und die Aristokraten machten bürgerl. Touristen Platz. Die Tour, die ursprünglich im Durchschnitt zwischen anderthalb und zwei Jahre gedauert hatte und einer finanziell gut gestellten Elite vorbehalten war, verkürzte sich vorerst auf vier bis fünf Monate, später auf einige Wochen, wobei die Idee des persönl. Gewinns im Zentrum der tourist. Reise stand. Um diese neue Art der Rundreise zu erleichtern, wurden zahlreiche Infrastrukturen wie Dampfschifflinien, Hotels, Eisenbahnen, tourist. Attraktionen (u.a. Aussichtspunkte und Tage auf der Alp) geschaffen. Das Reisen wurde demokratischer; die ersten von Thomas Cook organisierten Touren kamen in England ab 1843, in der Schweiz ab 1863 auf.
Mit diesen Veränderungen verschwand auch die Reiseliteratur in der Art der alten "Voyages d'Italie" eines François-Maximilien Misson oder Charles de Brosses. An ihre Stelle traten einerseits die persönl. Berichte eines Arthur Young und Louis Ramond de Carbonnière sowie Johann Wolfgang von Goethes "Briefe auf einer Reise nach dem Gotthard” (1796), andererseits die modernen Reiseführer. Das Pionierwerk von Johann Gottfried Ebel, "Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweitz zu reisen" (1793) wich ab den 1840er Jahren den generalist. Kulturreiseführern eines John Murray, Adolphe Joanne und Karl Baedeker, die immer neutraler und umfassender wurden. Auch die Interessenschwerpunkte der Reisenden verschoben sich. Lagen sie z.Z. der Grand Tour bei der Beschreibung der Sitten und der versch. Regierungsformen, so entfernten sie sich allmählich von der Gesellschaftsstudie und konzentrierten sich auf die persönlichen ästhet. Gefühle.
Von den zahlreichen Schweizreisenden sind etwa Sebastian Münster und Michel de Montaigne im 16. Jh., Marc Lescarbot und Gilbert Burnet im 17. Jh., Joseph Addison, Voltaire, Giacomo Girolamo Casanova, Edward Gibbon, Johann Wolfgang von Goethe, William Coxe, Christoph Meiners, William Wordsworth und Nikolai Michailowitsch Karamzin im 18. Jh. zu nennen. Mit ihren Berichten über die lokalen Eigenheiten halfen sie mit, den Alpenmythos eines freien, im Einklang mit der Natur lebenden Hirtenvolks zu festigen. Im 19. Jh. war die Schweiz eines der meist bereisten Länder im romant. Europa (u.a. George Byron, Rodolphe Töpffer, George Sand, Alexandre Dumas, Victor Hugo, John Ruskin, Adam von Gurowski, Théophile Gautier, Fjodor Michailowitsch Dostojewski). Im 20. Jh. gehörten Rainer Maria Rilke, Katherine Mansfield, Thomas Stearns Eliot, Ernest Hemingway oder Jean Paulhan zu den grossen Namen der Literatur, die sich die Erfahrung einer S. nicht entgehen lassen wollten.
Literatur
– A. Corbin, L'avènement des loisirs: 1850-1960, 1995
– Dictionnaire européen des Lumières, hg. von M. Delon, 1997, 518-521, 722-725, 1092-1095
– Le voyage en Suisse, hg. von C. Reichler, R. Ruffieux, 1998
– Wanderzwang - Wanderlust, hg. von W. Albrecht et al., 1999
– L. Tissot, Naissance d'une industrie touristique, 2000
– A. Brilli, Als Reisen eine Kunst war, 2001 (ital. 1995)
– C. Reichler, Entdeckung einer Landschaft, 2005 (franz. 2002)
– A. Devanthéry, Itinéraires: les guides de voyage en Suisse de la fin du XVIIIe siècle à 1914, 2008
– U. Hentschel, Wegmarken: Studien zur Reiseliteratur des 18. und 19. Jh., 2010
– Le tourisme suisse et son rayonnement international (XIXe-XXe siècles), hg. von C. Humair, L. Tissot, 2011
Autorin/Autor: Ariane Devanthéry / CN