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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

ZEHNTES BUCH. Das durch das Gedächtnis, die Einsicht und den Willen dargestellte Bild der Dreieinigkeit nach seinem Bestande.
10. Kapitel. Jeder Geist weiß mit Bestimmtheit, daß er einsieht, ist und lebt.
13. Der Geist soll also nichts Fremdes zu seiner Selbsterkenntnis hinzufügen, wenn er vernimmt, daß er sich erkennen soll. Mit Sicherheit weiß er nämlich, daß er es ist, dem dieses Gebot gilt, er, der ist, liebt und einsieht. Sein hat indes auch der Leichnam, Leben auch das Tier, Einsicht aber hat weder der Leichnam noch das Tier. Er weiß also, daß er so Sein und Leben hat, wie die Einsicht Sein und Leben hat. Wenn sich also der Geist etwa für Luft hält, dann glaubt er, daß die Luft Einsicht hat; er weiß jedoch, daß er Einsicht hat, daß er aber Luft sei, weiß er nicht, sondern glaubt es bloß. Er unterscheide also, was er von sich glaubt, er sehe zu, was er von sich weiß. Dann wird ihm verbleiben, was auch jene nicht bezweifeln können, die den Geist bald für diesen, bald für jenen Körper hielten. Nicht jeder Geist glaubt ja, daß er Luft sei, sondern die einen [S. 86] glauben, daß der Geist Feuer, die anderen, daß er Gehirn, wieder andere, daß er irgendein anderer Körper sei, wie wir oben erwähnten. Alle jedoch wissen, daß sie Einsicht, Sein und Leben haben. Das Einsehen ordnen sie dabei auf die Dinge hin, die sie einsehen, das Sein und Leben aber auf sich selbst. Niemandem ist ferner zweifelhaft, daß nur Einsicht hat, wer Leben hat, und daß nur Leben hat, wer Sein hat. Jeder weiß also, daß, was Einsicht hat, Sein und Leben hat, nicht wie der Leichnam Sein, aber kein Leben hat, nicht wie die Seele des Tieres Sein, aber keine Einsicht hat, sondern auf eine eigene und eben deshalb überragende Weise. Ebenso wissen alle, daß sie wollen, und in gleicher Weise wissen sie, daß dies niemand kann, der nicht Sein und nicht Leben hat; ebenso ordnen sie auch den Willen auf das hin, was sie mit dem Willen wollen. Auch daß sie Gedächtnis haben, wissen alle, und zugleich wissen sie, daß niemand Gedächtnis hat, der kein Sein und Leben hat; aber auch das Gedächtnis ordnen sie auf etwas hin, dessen wir uns mit dem Gedächtnis erinnern. In zweien von diesen dreien also, im Gedächtnis und in der Einsicht, ist die Kenntnis und das Wissen vieler Dinge enthalten; der Wille aber ist da, auf daß wir durch ihn diese Dinge genießen oder gebrauchen. Jene Dinge nämlich genießen wir, wenn wir sie erkannt haben, in denen der Wille, an ihnen um ihretwillen sich freuend, ruht; jene hingegen gebrauchen wir, die wir auf andere, die man genießen soll, hinordnen. Das fehlerhafte und schuldhafte Leben der Menschen besteht in nichts anderem als darin, daß sie schlecht genießen und schlecht gebrauchen. Doch ist hier nicht der Ort, darüber zu handeln.1
14. Weil es sich jedoch um die Natur des Geistes handelt, wollen wir aus unseren Überlegungen alle Kenntnisse ausscheiden, welche von außen durch die Leibessinne gewonnen werden, und noch sorgfältiger [S. 87] unsere Aufmerksamkeit dem zuwenden, was, wie wir festgestellt haben, jeder Geist von sich selbst weiß und worüber er Sicherheit besitzt. Ob nämlich die Kraft, zu leben, sich zu erinnern, einzusehen, zu wollen, zu denken, zu wissen, zu urteilen, der Luft zukomme oder dem Feuer oder dem Gehirn oder dem Blute oder den Atomen oder einem von den vier gewöhnlichen Grundstoffen verschiedenen fünften von ich weiß nicht welcher stofflichen Beschaffenheit, oder ob das Gefüge oder die Ordnungsverhältnisse unseres Fleisches diese Vorgänge zu bewirken vermögen, darüber zweifelten die Menschen; der eine versuchte dies, der andere jenes zu behaupten. Wer möchte jedoch zweifeln, daß er lebe, sich erinnere, einsehe, wolle, denke, wisse und urteile? Auch wenn man nämlich zweifelt, lebt man; wenn man zweifelt, erinnert man sich, woran man zweifelt; wenn man zweifelt, sieht man ein, daß man zweifelt; wenn man zweifelt, will man Sicherheit haben; wenn man zweifelt, denkt man; wenn man zweifelt, weiß man, daß man nicht weiß; wenn man zweifelt, urteilt man, daß man nicht voreilig seine Zustimmung geben dürfe. Wenn also jemand an allem anderen zweifelt, an all dem darf er nicht zweifeln. Wenn es diese Vorgänge nicht gäbe, könnte er überhaupt über nichts zweifeln.2
15. Alle diese Vorgänge wollen jene, die den Geist für einen Körper oder für den Zusammenhalt oder die Ordnungsverhältnisse des Leibes halten, in einem Träger sein lassen, so daß die Substanz die Luft oder das Feuer oder irgendein anderer Körper wäre, den sie mit dem Geiste gleichsetzen, die Einsicht hingegen diesem Körper anhafte als seine Eigenschaft; das eine wäre so der Eigenschaftsträger, das andere im Eigenschaftsträger; der Geist nämlich, den sie für einen Körper halten, wäre der Eigenschaftsträger; im Eigenschaftsträger aber wären die Einsicht oder die sonstigen Vorgänge [S. 88] , von denen wir, wie wir oben erwähnten, Sicherheit besitzen. Eine ähnliche Anschauung vertreten auch jene, die den Geist nicht für einen Körper halten, sondern für das Gefüge oder die Ordnungsverhältnisse des Leibes. Der Unterschied liegt nur darin, daß die einen den Geist selbst als die Substanz bezeichnen, in der die Einsicht als in ihrem Eigenschaftsträger ist, die anderen aber behaupten, der Geist selbst sei in einem Eigenschaftsträger, im Körper nämlich, dessen Zusammenhalt und Ordnungsverhältnis er ist. Was sollten sie daher folgerichtig anderes glauben, als daß auch die Einsicht in dem gleichen Körper als ihrem Eigenschaftsträger ist.
16. Alle diese Leute beachten nicht, daß der Geist sich kennt, auch wenn er sich sucht, wie wir schon gezeigt haben. In keiner Weise aber kann man mit Recht von einer Sache behaupten, daß man sie kennt, wenn man ihre Substanz nicht kennt. Wenn sich daher der Geist kennt, dann kennt er seine Substanz; und wenn er von sich Sicherheit besitzt, dann besitzt er über seine Substanz Sicherheit. Sicherheit aber besitzt er über sich, wie meine obigen Ausführungen dartun. Nicht besitzt er völlige Sicherheit darüber, ob er Luft oder Feuer oder sonst etwas Körperhaftes ist. Er ist also nichts von all dem. Und das ganze Geheiß, sich selbst zu erkennen, hat es darauf abgesehen, daß er Sicherheit gewinne, daß er nichts von dem sei, worüber er keine Sicherheit hat, daß er andererseits Sicherheit gewinne, daß er nur das sei, was allein zu sein er Sicherheit hat. In der gleichen Weise nämlich denkt er Feuer oder Luft oder, was er sonst Körperhaftes denkt. Es könnte aber auf keine Weise geschehen, daß er das, was er selbst ist so dächte, wie er das denkt, was er selbst nicht ist. Durch die Einbildungskraft denkt er ja dies alles, sei es das Feuer, sei es die Luft, sei es dieser oder jener Körper oder auch dieser Teil, sei es das Gefüge oder das Ordnungsverhältnis des Körpers. Freilich sagt man nicht, daß der [S. 89] Geist dies alles ist, sondern, daß er etwas hiervon ist. Wenn er aber etwas hiervon wäre, dann dächte er dies anders als das übrige, nicht nämlich durch eine bildhafte Vorstellung der Einbildungskraft, wie Abwesendes gedacht wird, das vom Leibessinn berührt wurde, mag es selbst oder mag etwas von derselben Art gedacht werden, sondern in einer Art innerer, nicht eingebildeter, sondern wahrer Gegenwart — nichts ist ihm nämlich gegenwärtiger als er sich selbst —, wie er denkt, daß er lebt, Gedächtnis hat, einsieht, will. Er kennt nämlich dies alles in sich und er stellt sich nicht durch seine Einbildungskraft vor, daß er es gleichsam außer sich mit dem Sinn berührte, wie alles Körperhafte berührt wird. Wenn er sich nun von solchen Gedanken nichts andichtet, daß er sich für etwas Derartiges hielte, dann ist er allein das, was ihm von sich noch übrig bleibt.
1: Siehe Seite 58, Anm. 1.
2: Jedermann sieht die Verwandtschaft mit Gedankengängen Descartes’. Vgl. Gilson a. a. O. 427―445.