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Das Gehirn einer Ameise wiegt 0,1 Milligramm. Eine Ameise ist also ausserordentlich dumm. Eine Ameisenkolonie hingegen ist ausserordentlich klug. Man kann das etwa an der Effizienz ihrer Nahrungsproduktion beobachten. Die grössten Ameisen schleppen Blätterreste zum Nest. Eine spezialisierte zweite Gruppe mit etwas kleineren Tieren zerteilt die Blätter. Die dritte Gruppe, wieder kleinere Exemplare, verarbeitet die Blätter zu Brei, eine vierte formt Granulatkügelchen, und die fünfte Gruppe, die kleinsten Ameisen von allen, transportiert diese Nahrung dann zu den Lagerräumen und verwaltet sie für den künftigen Verzehr.
Ameisenkolonien, oft mit Millionen Bewohnern, funktionieren nach dem Prinzip der dezentralisierten Kontrolle und der diversifizierten Problemlösung. Es gibt keine zentralen Chefs, keine zentralen Manager und keine Controller. Millionen von Gehirnen, jedes nur 0,1 Milligramm schwer, kumulieren sich selbst organisiert zu einer beeindruckenden kollektiven Intelligenz.
Interessant daran ist, wie wir Menschen oft umgekehrt funktionieren. Man braucht nicht gleich Hitler oder Mussolini zu zitieren, um den Mechanismus des Homo sapiens zu beschreiben. Millionen von menschlichen Gehirnen, jedes einzelne hochintelligent, kumulieren sich zu kollektiver Idiotie.
Wir konnten diesen Effekt auch in grösseren Unternehmen beobachten, etwa bei der UBS oder der Swissair. Es gelang nicht, die individuellen Intelligenzen zu einer allgemeinen Lösung des Problems zusammenzufügen. Im Gegensatz zu den Ameisen gab es hier zwar jede Menge von Chefs, Managern und Controllern. Die Führungsstruktur verhinderte allerdings die grotesken Fehlentwicklungen nicht.
Damit wären wir bei den Vogelzügen wie jenen der Stare und der Schwalben. Sie fliegen meist in V-Formation. Diese ändert permanent. Wenn der Vogel an der Spitze müde wird, übernimmt ein anderer. Auch bei wechselnden Bedingungen wie Regen, Dunkelheit, Gegenwind und Bedrohung durch Raubvögel wechselt die Formation. An der Spitze und an den Flanken fliegen dann jene Stare und Schwalben, die für diesen Job momentan am besten geeignet sind.
Bei der UBS oder bei der Swissair flog mit Marcel Ospel beziehungsweise Philippe Bruggisser immer derselbe Vogel an der Spitze. Der Spitzenvogel glaubte, nur er allein sei selbst bei Regen, Dunkelheit, Gegenwind und Bedrohung durch Raubvögel die ideale Besetzung. An solche Führungsgenies glauben Stare und Schwalben und Ameisen nicht.
Auch Bienen glauben nicht daran. Wenn Bienenschwärme ein neues Nest suchen, schicken sie ein paar Dutzend Späher aus. Diese legen zuerst mögliche Standorte fest. Dann umkreisen sie lange Standort um Standort. Der Platz, an dem der Air Traffic schliesslich am höchsten ist, ist dann als neues Domizil gesetzt. Aufgrund dieses komplexen Prozesses der Entscheidungsfindung ist die Sache unbestritten. Keine Bienenkönigin, kein CEO und kein VR-Präsident müssen nun noch ihre Zustimmung beisteuern.
Wer dezentrale Führungsstrukturen schätzt, gilt bestenfalls als Naivling, im schlimmsten Fall als übler Kapitalismuskritiker. Man kann die Frage aber auch unideologisch angehen: Die Geschichte der Menschheit ist etwa 200 000 Jahre alt, jene der Ameisen etwa 140 Millionen. Manchmal können wir durchaus von den Jungs lernen, die etwas mehr Erfahrung haben als wir.
Kurt W. Zimmermann ist Verlagsunternehmer. Er ist Kolumnist und Buchautor zu den Themen Medien und Outdoor-Sport. Zudem studiert er Biologie.