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Pazifikfruchttaube
Ducula pacifica
© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Erfolgreiche Inselsiedlerin
Die meisten Pazifikinseln verdanken ihre Entstehung dem Vulkanismus. Dort, wo sie sich heute befinden, war irgendwann in grauer Vorzeit aufgrund untermeerischer Eruptionen ein rauchender, feuerspeiender Vulkanschlot aus den Fluten aufgetaucht - um seither langsam unter seinem eigenen Gewicht wieder abzusinken, pro Jahrhundert vielleicht um einen Zentimeter.
Diesen Zentimeter vermögen die Korallenstöcke, die sich rasch rings um den aus dem Meer aufragenden Vulkangipfel gebildet hatten und die nur im lichtdurchfluteten, oberflächennahen Wasser gedeihen, spielend auszugleichen. Während der Berg allmählich tiefer sinkt, wachsen sie stetig in die Höhe. Sassen sie anfänglich in unmittelbarer Küstennähe den Vulkanschultern auf, so entfernt sich nun der abtauchende Vulkangipfel immer weiter von ihnen weg. Längst bilden sie ein separates Riff.
Und längst hat die immerwährende Brandung Sand, Korallengeröll und ganze Korallenblöcke lagunenwärts, hinter dem Riff, zu kleinen Inselchen aufgehäuft. Wenn die Bergspitze schliesslich ganz im Ozean verschwunden ist, bleiben diese «Motus», wie die Polynesier sie nennen, allein zurück - als mehr oder weniger kreisförmiger Inselkranz, der eine seichte Lagune umschliesst.
Solche Inselkränze, «Atolle» genannt, und andere Inseln, welche niemals eine Verbindung zu einem der Festländer aufwiesen, bezeichnet man als «ozeanische Inseln» (im Gegensatz zu «kontinentalen Inseln»). Anfangs waren sie bar jeglichen pflanzlichen und tierlichen Lebens. Durch Verwitterung entstand dann allmählich fruchtbarer Boden, der die Ansiedlung von Pflanzen ermöglichte, welche ihrerseits eine Lebensgrundlage für anfangs niedere, später höhere Tiere boten. Allerdings ist die Artenvielfalt auf ozeanischen Inseln gewöhnlich recht klein, denn die Vorfahren sämtlicher Pflanzen und Tiere, denen man heute auf Ozeaninseln begegnet, mussten ja zuerst eine Passage über das Meer finden - auf dem Wasser- oder auf dem Luftweg und oft über Hunderte oder gar Tausende von Kilometern.
Zu den Vögeln, welche bei der Besiedlung solchen «Neulands» besonders erfolgreich sind, zählen selbstverständlich vor allem Meeresvögel, welche die meiste Zeit ihres Lebens auf offener See verbringen und nur zum Brüten vorübergehend an Land gehen. Interessanterweise haben sich aber auch die Mitglieder einer ausgeprägten Landvogelgruppe, nämlich der Familie der Tauben (Columbidae), im Laufe ihrer Stammesgeschichte als begnadete «Ozeanreisende» betätigt. Zu ihnen zählt die Pazifikfruchttaube (Ducula pacifica)
, von der hier die Rede sein soll.
Früchte bilden die Hauptspeise
Die Gattung der Fruchttauben (Ducula)
, welcher die Pazifikfruchttaube angehört, ist von Indien im Westen bis Französisch-Polynesien im Osten verbreitet und umfasst insgesamt etwa 36 Arten. Es sind allesamt stattliche Vögel, und die Pazifikfruchttaube bildet diesbezüglich keine Ausnahme: Erwachsene Vögel weisen eine Gesamtlänge von etwa 40 Zentimeter auf, wobei die Männchen im Durchschnitt etwas grösser sind als die Weibchen.
Im deutschen Sprachraum wird die Pazifikfruchttaube mitunter «Tongafruchttaube» genannt. Dieser Name ist jedoch irreführend: Das Verbreitungsgebiet der Pazifikfruchttaube ist nämlich sehr ausgedehnt und reicht vom (zu Papua-Neuguinea gehörenden) Bismarck-Archipel im Westen über die Salomonen, Vanuatu, die (zu Neukaledonien gehörenden) Loyalty-Inseln, Fidschi, Tuvalu, Tonga, Westsamoa, Amerikanisch-Samoa, Kiribati und Tokelau bis zu den Cook-Inseln im Osten. Innerhalb dieses weiten Verbreitungsgebiets findet man die Pazifikfruchttaube gewöhnlich nur auf den kleinerflächigen Inseln, während sie auf den grösseren Inseln - etwa auf Viti Levu (Fidschi), Guadalcanal (Salomonen) und Neubritannien (Bismarck-Archipel) - fehlt.
Wie ihr Name andeutet, ernährt sich die Pazifikfruchttaube fast ausschliesslich von Früchten, Beeren und Nüssen. Dabei scheint sie nicht wählerisch zu sein und bei der Futtersuche ein breites Spektrum unterschiedlichster pazifischer Baumarten zu besuchen. Ihre Nahrung pflückt sie unmittelbar von den Bäumen und vermag dabei selbst grössere Steinfrüchte im ganzen zu verschlingen. Im übrigen scheint sie hin und wieder auch zarte Triebspitzen und Blütenknospen zu sich zu nehmen, denen sie bei der Nahrungssuche begegnet.
Ihrer kulinarischen Anpassungsfähigkeit wegen vermag die Pazifikfruchttaube ein verhältnismässig breites Spektrum von Lebensräumen innerhalb ihres Verbreitungsgebiets zu nutzen. Naturgemäss begegnet man ihr hauptsächlich in küstennahem Buschwald, denn dies ist oft die einzige natürliche Gehölzvegetation auf den tiefliegenden Koralleninselchen, die sie bewohnt. Doch kann man sie auf den grösseren der von ihr bewohnten Inseln - etwa auf Savai'i (Westsamoa) - durchaus auch in den Bergwäldern des Inselinnern antreffen.
Wo das Nahrungsangebot nicht das ganze Jahr über ausreichend ist, erweist sich die Pazifikfruchttaube als beherzter «Wandervogel»: In schnellem, kräftigem Flug setzt sie von ihrer «Heimatinsel» zu anderen Eilanden über und fliegt dabei mitunter beträchtliche Strecken über das offene Meer. In einigen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets haben diese Flüge, bei denen sich Schwärme von mehreren Dutzend Individuen bilden können, die Form regelmässig wiederkehrender, jahreszeitlich bedingter Wanderungen. Anderenorts scheinen sie in eher zufälliger Weise stattzufinden.
Flügelklatschen alarmiert Artgenossen
Innerhalb der von ihr bewohnten Lebensräume hält sich die Pazifikfruchttaube fast ausschliesslich im Geäst der Bäume und Sträucher auf und kommt nur selten auf den Boden hinunter. Selbst ihren Flüssigkeitsbedarf vermag sie gewöhnlich über dem Boden zu decken, indem sie in Baumhöhlungen angesammeltes Regenwasser trinkt und saftige Früchte verzehrt.
Aufgrund ihres Lebens in den Bäumen einerseits und ihres sehr scheuen Charakters andererseits bekommt man die Pazifikfruchttaube - trotz ihrer beachtlichen Grösse - in der Natur nur sehr selten bzw. fast nur im (Weg-)Flug zu Gesicht. Wenn nämlich Gefahr droht, «erstarrt» sie zuerst an ihrem Platz, der sich fast immer inmitten dichten Laubs befindet, und ist dann kaum mehr zu sehen. Erst im letzten Augenblick fliegt sie jeweils weg. Dabei schlägt sie - wie wir es von anderen Taubenarten her kennen - ihre Flügel oberhalb des Körpers mehrfach kräftig zusammen, so dass ein lautes «Klatschen» ertönt. Dieses plötzliche Geräusch lässt nicht nur den Feind einen Moment lang zusammenzucken (und wertvolle Sekunden verlieren), sondern warnt auch sämtliche Artgenossen in der näheren Umgebung vor dem «Störenfried».
Die Brutzeit der Pazifikfruchttaube richtet sich nach den lokalen klimatischen Verhältnissen und fällt deshalb in den verschiedenen Teilen ihres weiten Verbreitungsgebiets in unterschiedliche Kalendermonate. Beim Nest handelt es sich um ein typisches Taubennest, das heisst um eine verhältnismässig lose, wenig kunstvolle Plattform aus Zweigen. Es befindet sich im allgemeinen möglichst hoch oben in einem kräftigen Baum, manchmal auch auf einer hohen Kokospalme. Soweit wir wissen, setzt sich das Weibchen beim Nestbau taubentypisch am Nistplatz hin und verbaut die Niststoffe unter sich, die das Männchen in kurzen Ausflügen sammelt und herbeiträgt. Das Gelege umfasst zumeist nur ein Ei. Die beiden Altvögel teilen sich partnerschaftlich in die Bebrütung desselben und kümmern sich auch gemeinsam um die Aufzucht des Nachwuchses.
Pazifischer Taubenbraten
Die Pazifikfruchttaube ist ein Charaktervogel der südpazifischen Inselwelt und hat im Leben der polynesischen Inselbewohner von alters her eine wichtige Rolle gespielt, teils in sagenumwobenen Geschichten, vor allem aber als Jagdwild. Eine so grosse Taube ist natürlich ein leichtes Ziel für Jäger, und sie ergibt zudem eine reichliche Mahlzeit. Daher ist die Pazifikfruchttaube pazifikweit viel stärker verfolgt worden, als ihr zuträglich war.
Zwar scheint das Fehlen der Pazifikfruchttaube auf den grösserflächigen Inseln innerhalb des Artverbreitungsgebiets nicht auf die Bejagung durch den Menschen zurückzuführen zu sein, sondern vielmehr auf den Wettstreit mit den ökologisch ähnlichen, jedoch biologisch überlegenen Flaumfusstauben (Ptilinopus spp.)
. Ohne Zweifel hat aber die Bejagung der Pazifikfruchttaube durch den Menschen für eine markante Ausdünnung der Bestände in fast allen Bereichen des Verbreitungsgebiets geführt, speziell seitdem die Trefferquote mit dem Aufkommen weitreichender und präziser Jagdgewehre stark zugenommen hat.
Massgeblich zum Rückgang der Art beigetragen hat im übrigen die vielerorts vollständige Umwandlung der ursprünglichen pazifischen Buschwälder in Kokosplantagen. Dadurch wurde die Pazifikfruchttaube auf breiter Front ihrer Futterquellen sowie ihrer Nist- und Schlafplätze beraubt.
Noch steht die Pazifikfruchttaube nicht auf der unrühmlichen Roten Liste der vom Aussterben bedrohten Tierarten. In Fachkreisen ist man sich aber bewusst, dass sie bereits arg in Bedrängnis ist. Gemäss BirdLife International, dem Weltverband der Vogelschutzorganisationen, sind von sämtlichen im Pazifik heimischen Taubenarten zwei Arten - die Marquesas-Flaumfusstaube (Ptilinopus mercierii)
und die Salomonen-Krontaube (Microgoura meeki)
- mit grösster Wahrscheinlichkeit bereits ausgestorben, und nicht weniger als fünfzehn Arten stehen heute am Rand der Ausrottung. Hält die unerfreuliche Bestandsentwicklung der Pazifikfruchttaube weiter an, so wird sie demnächst als sechzehnte Art hinzugezählt werden müssen.
Wird ihre Heimat überflutet?
Tokelau, das die vorliegenden Briefmarken verausgabt, ist ein neuseeländisches Aussenterritorium. Es liegt mitten im Pazifik, rund 500 Kilometer nördlich des Samoa-Archipels, und besteht aus den drei tiefliegenden Atollen Atafu, Nukunonu und Fakaofo, welche 60 bis 90 Kilometer voneinander entfernt liegen. Die gesamte Landfläche bemisst sich auf lediglich 12,2 Quadratkilometer und verteilt sich auf über 120 Inselchen, welche zwischen 90 und 6000 Meter lang und in keinem Fall breiter als 200 Meter sind. Nirgendwo erhebt sich das Land höher als 5 Meter über den Meeresspiegel, womit Tokelau zu den tiefstliegenden Territorien der Welt gehört.
Wie üblich bei Südseeatollen ist Tokelaus Tier- und Pflanzenwelt ziemlich artenarm. 26 Vogelarten sind regelmässig auf Tokelau zu beobachten. Bei 25 von ihnen handelt es sich um Meeresvögel, Küstenvögel und Zugvögel. Der einzige hier brütende und somit wirklich «einheimische» Landvogel ist die Pazifikfruchttaube.
Die Bevölkerung Tokelaus besteht aus etwa 1700 Personen, von denen rund 500 im Hauptort Fale auf Fakaofo leben. Von alters her machen die Tokelau-Insulaner gern Jagd auf die Pazifikfruchttaube (die sie «lupe»
nennen), um so ihren recht eintönigen Speisezettel etwas abwechslungsreicher zu gestalten. Dies hat nicht nur zu einer Verminderung des lokalen Bestands geführt, sondern ist auch der Grund dafür, weshalb die grosse Taube überaus scheu ist und sich vorwiegend auf den unbewohnten Motus der drei Tokelau-Atolle aufhält.
Gesetzlichen Schutz geniesst die Pazifkfruchttaube auf Tokelau keinen. Überhaupt existieren in dem kleinen Pazifikterritorium bis auf den heutigen Tag keinerlei Naturschutzgesetze. Allerdings wacht der Ältestenrat von Tokelau, dem die über sechzigjährigen Männer angehören, traditionsgemäss darüber, dass die beschränkten natürlichen Güter des Archipels schonend genutzt und nicht durch kurzsichtigen Raubbau vernichtet werden. Die meisten von diesem Senat beschlossenen Schutzmassnahmen betreffen den Fischfang sowie die Riff- und die Waldnutzung. So hat der Ältestenrat im Jahr 1990 jegliche Nutzung eines fünfzig Hektar grossen, mehrheitlich mit Buschwald bewachsenen Grundstücks auf Nukunonu für «tabu» erklärt und auf diese Weise ein ansehnliches Stück Lebensraum der Pazifikfruchttaube unter wirksamen Schutz gestellt. Die Ausgangslage wäre somit gar nicht schlecht, um der Pazifikfruchttaube - obzwar in verminderter Zahl - das längerfristige Überleben auf Tokelau zu gewähren.
Allerdings droht ihr - sowie allen anderen Bewohnern Tokelaus - inzwischen eine weit fundamentalere Gefahr: die Überflutung ihrer Heimat. Verursacht wird diese Katastrophe in erster Linie durch die ungehemmte Verbrennung fossiler Energieträger seitens des Menschen der Neuzeit, was den vielzitierten globalen «Treibhauseffekt» zur Folge hat: Die massive CO2
-Befrachtung der Erdatmosphäre führt zur verminderten Reflexion der Sonneneinstrahlung und dadurch zur allmählichen Erwärmung des Erdballs; dies bewirkt unter anderem ein verstärktes Abschmelzen der polaren Eiskappen und somit einen weltweiten Anstieg des Meeresspiegels. Übersteigt das Tempo des Pegelanstiegs die Wuchskraft der Korallen - und damit ist zu rechnen -, dann versinken tiefliegende Atolle wie Tokelau einfach in den Fluten. Glaubhaften Schätzungen zufolge dürfte dies ungefähr gegen Ende des nächsten Jahrhunderts soweit sein.
Zugegebenermassen sind die Meinungen bezüglich des Treibhauseffekts kontrovers, und einige Experten bestreiten sogar, dass dieses Phänomen überhaupt existiert. Jüngste Satellitenmessungen deuten jedoch darauf hin, dass der Meeresspiegel nicht nur tatsächlich steigt, sondern dass dies weit schneller geschieht, als bislang prognostiziert wurde. Die Zukunft der Pazifikfruchttaube sieht deshalb recht düster aus, denn es ist leider höchst fraglich, ob die Menschheit fähig, ja überhaupt gewillt ist, dieser fatalen Entwicklung beizeiten Einhalt zu gebieten.
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