Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03614.jsonl.gz/388

Qualen, Nutzen, Alternativen
unoL / shutterstock.com
Am 18. März 2019 wurde die eidgenössische Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» mit gut 120’000 Unterschriften bei der Bundeskanzlei in Bern eingereicht («Tierwelt online» berichtete). Es ist der vierte Anlauf innerhalb der letzten 35 Jahre, der Tests mit Versuchstieren zu unterbinden oder zumindest einzuschränken versucht. 1985 und 1993 wurde in der Schweiz ein totales Verbot von Tierversuchen gefordert. Beide Initiativen scheiterten deutlich. Nur relativ knapp abgelehnt wurde hingegen die Initiative von 1992, «Weg vom Tierversuch», die vom Schweizerischen Tierschutz STS lanciert wurde und forderte, dass Tierversuche nur noch erlaubt sein sollen, wenn sie unbedingt nötig sind.
Einen Teilerfolg konnten die Tierversuchsgegner in den 1980er-Jahren verbuchen, als Tierversuche von zwei Millionen (1983) auf rund 750’000 (1995) zurückgingen. Diese Reduktion dürfte darauf zurückzuführen sein, dass damals neu für belastende Tierversuche Gesuche gestellt und Schweregradeinteilungen (siehe Infobox) gemacht werden mussten sowie Bewilligungen verlangt wurden.
Zum Rückgang von Tierversuchen könnten ausserdem auch die 3R-Prinzipien beigetragen haben. Die drei R stehen für «Replace, Reduce, Refine» – zu Deutsch: Ersetzen, Reduzieren, Verfeinern. Durch bessere Techniken und Auswertung werde die Anzahl Tierversuche möglichst klein gehalten, sagt Michael Hottiger, Präsident des Vereins Forschung für Leben. «Tierversuche werden nicht durchgeführt, wenn es dafür Alternativmethoden wie Zellkulturen, Computersimulationen oder Tests im Reagenzglas gibt.» Zudem werde darauf geachtet, dass die Tiere so wenig wie möglich belastet werden, ergänzt Hottiger. So würden zum Beispiel Experimente mit operativen Techniken durch nichtinvasive wie Bildverfahren und MRI ersetzt.
Obwohl Forscher seit 1993 gesetzlich verpflichtet sind, die 3R-Prinzipen anzuwenden, gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre keinen nennenswerten Rückgang an Tierversuchen. Die Zahl der eingesetzten Tiere stagniert bei 580’000 bis 700’000. Hottiger erklärt diesen scheinbaren Widerspruch so: «Seit den 1990er-Jahren investiert die Schweiz sehr viel in die medizinische Forschung. Es gibt heute mehr Forschende und Projekte; trotzdem wachsen die für die Forschung eingesetzten Tiere wegen den 3R-Prinzipien und den genutzten Alternativmethoden nicht an.»
Für die Tierversuchsgegner ist aber jedes einzelne Tier, das leiden muss, zu viel. «Wir wehren uns vor allem aus ethischen Gründen für die Tiere», sagt Renato Werndli, Co-Präsident der IG Tierversuchsverbots-Initiative, die hinter der aktuellen Volksinitiative steht. Er spricht von einem «erschreckend hohen Stand» an Tierversuchen und kritisiert das 3R-Konzept als «reine Gewissensberuhigung». Es tauge zwar bestens zum Hinhalten der Kritiker, aber nicht zur Behebung der Missstände, sagt der Humanmediziner und führt an: «Mit über 50 Studien über Tierversuche können wir beweisen, dass sie wissenschaftlich ungenügend sind.»
Schweregrad 0: Keine Belastung. Es werden weder Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwere Angst zugefügt. Beispiele: Verhaltensforschung, Blutentnahme
Schweregrad 1: Leichte Belastung. Eingriffe mit leichten, kurzfristigen Schmerzen oder Schäden. Beispiel: Injizieren eines Arzneimittels
Schweregrad 2: Mittlere Belastung. Schmerzen, Leiden, Schäden oder schwere Angst; erhebliche Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens. Beispiel: Operationen (Knochenbruch)
Schweregrad 3: Schwere Belastung. Andauerndes Leiden oder Angst; schwere Schmerzen und Schäden. Beispiel: Tödlich verlaufende Krankheiten ohne vorzeitige Euthanasie.
Organe auf einem Chip
Die Bevölkerung merke, dass Krankheiten wie Diabetes, Krebs oder Alzheimer trotz Tierversuchen immer häufiger würden. Jetzt müsse deshalb etwas Neues kommen – alternative Forschungsmethoden ohne Tierversuche gebe es schliesslich zur Genüge, sagt Werndli. «Mit computerbasierten Analyse- und Simulationstechniken sowie Organ-on-a-chip-Verfahren können Tierversuche ersetzt werden.»
Bei der Organ-on-a-chip-Methode werden Organminiaturen aus menschlichen Stammzellen auf einem Chip nachgebaut. An diesem menschenähnlichen Modell kann die Wirkung von Chemikalien und Medikamenten beobachtet werden. Michael Hottiger vom Verein Forschung für Leben bestätigt, dass Experimente an Zellen, Organoiden und Organ-on-chip immer häufiger verwendet werden.
Auch der Schweizer Tierschutz STS sieht die Zukunft in einer innovativen Forschung – ohne Tierleid und Tierverschwendung. «Belastende Tierversuche müssen ersetzt und der Verbrauch von Versuchstieren auf ein Minimum reduziert werden», sagt Julika Fitzi, die Leiterin der Fachstelle Tierversuche beim STS. Denn was an Mäusen, auch an höher entwickelten Tieren wie Primaten oder Hunden getestet wird, lasse sich oft nicht auf den Menschen übertragen. «Selbst Toxikologen haben bereits vor zwanzig Jahren gewarnt, dass Tierversuche die falsche Forschungsrichtung sind; weil es meist keine Übereinstimmung Tier – Mensch gibt», sagt Fitzi. Die Reaktionen seien zu unterschiedlich.
Der Forscher Michael Hottiger weist darauf hin, dass toxikologische Tests von Medikamenten gesetzlich vorgeschrieben seien und ergänzt: «Tierversuche dürfen nur durchgeführt werden, wenn es dafür keine tierversuchsfreien Alternativen gibt und müssen von einer unabhängigen kantonalen Tierversuchskommission begutachtet und bewilligt werden.»
Tierversuchs-Boom wegen Corona?
Für Julika Fitzi vom STS mangelt es jedoch an Transparenz: «Weder wir vom STS noch die Bevölkerung werden zeitnah über Tierversuche informiert. Erst drei Monate, nachdem ein Versuch abgeschlossen wurde, erfahren wir davon.» Sie befürchtet zudem, dass die Tierversuchsbranche wegen der Coronakrise boomen wird, und dass bereits jetzt enorm viele Versuche durchgeführt werden, ohne dass jemand genau hinschaut, ob diese notwendig und sinnvoll seien. «Nicht nur mit Mäusen, auch mit Nutz- oder Haustieren. Die Labors dürften momentan wohl kein Problem haben, Tierversuche zu rechtfertigen», sagt die Veterinärin.
Es wäre ein Rückschlag für den Schweizer Tierschutz, der sich seit langem dafür einsetzt, dass belastende, insbesondere schwer belastende Tierversuche verboten werden. Weiter fordert der STS, dass die Entwicklung tierversuchsfreier Methoden mindestens dieselbe staatliche Unterstützung wie Tierversuche erhält.
Allerdings geht der STS nicht so weit wie die Initianten der Volksinitiative, die ein totales Verbot von Tierversuchen fordern. «Die Initiative ist zu radikal formuliert und würde in der Konsequenz zu Rückschritten und zur Isolation der Schweiz führen», sagt Fitzi. Und schliesslich gebe es auch sinnvolle Tierversuche des Schweregrades null. «Zum Beispiel, wenn es um die Gesundheit von Tieren, mögliche Verbesserungen in der Tierhaltung oder um Verhaltensstudien geht.»