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Mariella Mehr wird oft als die «Jeanne d’Arc der Jenischen» bezeichnet, denn ihr Lebenswerk bestand darin, sich für die Rechte ihresgleichen einzusetzen und ihre Stimme für die Stimmlosen zu erheben. Die 1947 in Zürich geborene Mehr wurde als Tochter von Fahrenden Opfer des Hilfswerks «Kinder der Landstrasse» der Stiftung Pro Juventute. Diese nahm zwischen 1926 und 1973 systematisch rund 600 jenische Kinder ihren Eltern weg und stellte sie unter Vormundschaft.
Das Ziel des vermeintlichen Hilfswerks war es, die Kinder zu assimilieren, indem man sie von den Eltern und deren Kultur trennte. Mariella Mehr verbrachte weite Teile ihrer Jugend in Kinderheimen, Erziehungsanstalten, psychiatrischen Kliniken und später auch im Gefängnis.
«Wenn ich nicht literarisch töten würde, dann hätte ich in meinem realen Leben töten müssen.»
Seit den 1970er Jahren engagierte sich Mehr für die Interessen der Jenischen. Sie nutzte das Schreiben als Ventil, um die Ungerechtigkeit und die Verbrechen zu verarbeiten, denen sie in ihrer Vergangenheit ausgesetzt war, und für ihren Kampf um Anerkennung des immensen Leids der Betroffenen: «Wenn ich nicht literarisch töten würde, dann hätte ich in meinem realen Leben töten müssen», so Mehr in einem Interview.
Zu ihren bekanntesten Werken gehören ihr erster Roman «Steinzeit» (1981), ihre Trilogie «Daskind» (1995), «Brandzauber» (1998) und «Angeklagt» (2002) sowie das Theaterstück «Kinder der Landstrasse» (1986).
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Als politische Kämpferin erhielt sie einen Ehrendoktortitel
Neben ihrer literarischen und journalistischen Tätigkeit war Mehr auch Gründungsmitglied der Radgenossenschaft der Landstrasse (1975) sowie Mitglied und zeitweise auch im Vorstand der International Romani Writers’ Association (IRWA). Als Schriftstellerin wurde sie mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet und als politische Kämpferin für die Rechte der Jenischen erhielt sie 1998 einen Ehrendoktortitel der Universität Basel.
Mariella Mehr verstarb am 5. September 2022 im Alter von 74 Jahren in einem Zürcher Pflegeheim. Damit ist eine der bedeutendsten Stimmen der jenischen Minderheit in der Schweiz verstummt. Doch ihr Lebenswerk wird weiterwirken. Mariella Mehr prägte nicht nur das Bild der Fahrenden hierzulande, sie hat auch eines der dunkelsten Kapitel in der jüngeren Geschichte unseres Landes ausgeleuchtet.