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In einem Facebook-Eintrag vor ein paar Monaten sprach Kollege Köllerer davon, dass diese Philosophiegeschichte „unter Fachphilosophen“ als Witz gelte. Nun, Russell war eigentlich selber ‚Fachphilosoph‘, und wozu ‚Fachphilosophen‘ selber fähig sind, haben wir gerade vor kurzem erst demonstriert. Definitiv kein Massstab…
Gelungen ist Russell die Philosophie des Abendlandes nicht. Russell hat zwar 1950 den Nobelpreis für Literatur (unter anderem auch für) für seine Philosophiegeschichte erhalten – aber exakt das ist sie auch: Ein literarisches Werk – ein literarisch zugegeben gelungenes Werk, stilistisch auf hohem Niveau, witzig, süffig zu lesen.
Russell verfasste seine Philosophiegeschichte in den USA, während des Zweiten Weltkriegs – offenbar, weil er Geld brauchte. Seine Kenntnisse der Philosophiegeschichte sind leider eindeutig bescheiden. Man weiss, dass die meisten diesbezüglichen Data von seiner damaligen Frau gesammelt und ihm zur Verfügung gestellt worden sind. Im Laufe der Ausarbeitung hat Russell eindeutig auch das Interesse verloren, oder den Aufwand im Verhältnis zum (finanziellen) Ertrag als übermässig eingeschätzt, und ihn entsprechend reduziert. Jedenfalls fällt die Geschichte gegen hinten ab, das Werk ist ungleich gewichtet: Die antike Philosophie und die Scholastik haben ein unverhältnismässiges Übergewicht. Je näher Russell seiner eigenen Zeit kommt, um so allgemeiner und nichtssagender werden seine Kapitel, um so grösser und schwerwiegender werden die Auslassungen: der Neukantianismus fehlt, Husserl fehlt, Wittgenstein wird totgeschwiegen. Der Leser spürt, dass einfach aufgelistet wird, was Frau Russell in Lexika und ähnlichem gefunden hat – in Nachschlagewerken, die eine US-amerikanische Sichtweise vertraten und / oder nicht mehr auf neuestem Stand waren.
Russell teilt die Geschichte der Philosophie in verschiedene Epochen ein. In jeder Epoche erhalten die seiner Meinung oder seines Wissens nach herausragenden Philosophen ein eigenes Kapitel. Eine ganz klassische, schulbuchhafte Einteilung also. Bei der Darstellung der Systeme der einzelnen Denker kann sich Russell einer Einmischung nicht enthalten. Alle philosophischen Systeme werden an seinem eigenen gemessen. Zum Teil verletzt Russell Grundregeln der historischen Darstellung, indem er naturphilosophische Systeme nicht am naturwissenschaftlichen Wissen der Zeit misst, sondern für obsolet erklärt anhand naturwissenschaftlicher Erkenntnisse des beginnenden 20. Jahrhunderts. Überhaupt gibt es für ihn nur zwei Arten philosophischen Denkens: Philosophie ist entweder die Frage nach der Wahrheit oder die Frage nach der Erkenntnis – Logik oder Epistemologie. Ethik oder Ästhetik als philosophische Disziplin, als Fragestellung, existieren für ihn nicht. Weil er die Ethik nicht kennt, ist seine Kant-Interpretation hinfällig, weil er den Ästhetiker Nietzsche nicht kennt, sondern nur das (zugegeben erst später als grobe Fälschung seiner Schwester entlarvte) Buch Der Wille zur Macht in Betracht zieht, kann er Nietzsche nicht gerecht werden.
Schon nach dem Erscheinen wurde diese Kritik laut, sehr zum Ärger des Briten. Er plädierte nun dafür, dass man das Werk an seinem, Russells, eigenen Anspruch messen sollte, einem Anspruch, den er im Untertitel festgehalten hatte, und der auf Deutsch so lautet:Eine Darstellung des Zusammenhang[s] [nämlich der Philosophie des Abendlandes – P.H.] mit der politischen und der sozialen Entwicklung. Die Idee einer sozialen bzw. politischen Geschichte der Philosophie ist gut. Leider kann Russell sie nicht realisieren. Am ehesten noch in den Kapiteln zur mittelalterlichen Philosophie, wo er mit einem generellen Überblick über die Epoche beginnt. Doch steht die Einteilung der Kapitel nach Personen schon per definitionem einer sozialen Interpretation im Weg. Noch schlimmer wird’s in der Neuzeit, der nach-cartesianischen Epoche. Hier beschränkt sich Russell auf eine politische Interpretation mit einem äusserst merkwürdigen Gerüst, das von der Romantik über Schopenhauer und Nietzsche eine Filiation des Nationalsozialismus postuliert, während der Marxismus-Leninismus der Sowjetunion über Descartes und Hume hergeleitet und als rational-empirisches Denken dargestellt wird. (Lenin übrigens auch einer, der nicht erwähnt wird. Die Sowjetunion scheint nur marxistisch zu sein – das Dilemma jedes linken Intellektuellen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, wo die diktatorisch-repressive Seite von Stalins Regierung ganz einfach nicht wahrgenommen wurde, nicht wahrgenommen werden konnte und durfte.)
Solche Filiationen sind, selbst wenn wir die Entstehungszeit der Philosophie des Abendlandes berücksichtigen, einfach nur bizarr. Nein, auch an Russells eigenem Anspruch gemessen muss diese Philosophiegeschichte als gescheitert betrachtet werden.
Süffige Lektüre: Ja. Als Splitter der intellektuellen Biografie von Bertrand Russell ebenfalls ganz interessant. Als Geschichte der abendländischen Philosophie würde ich sie keinem anraten.