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Welchen Einfluss hat die Beratung in den Regionalen Arbeitsvermittlungszentren (RAV) auf das Verhalten und die Erwartungen der Arbeitssuchenden bezüglich ihrer Wiedereingliederung? Eine Untersuchung des Observatoire Universitaire de l’Emploi (OUE) zeigt, dass die Befragten ihr Verhalten mit fortschreitender Dauer der Arbeitslosigkeit anpassen und ihre Kenntnisse der Funktionsweise der RAV verbessern. Auch ihr Informationsbedarf nimmt laufend zu. Für einen schnellen Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit sind offenbar individuelle Merkmale sowie die Erfahrung kürzlich durchlebter Phasen der Arbeitslosigkeit entscheidender als der Kontakt mit den Personalberatenden. Bisher ist uns keine Studie zu den Erwartungen der Arbeitssuchenden an die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit der RAV bekannt. Das liegt wahrscheinlich am Mangel an verfügbaren qualitativen Daten zu diesem Thema. Die Studie des OUE mit dem Titel Stratégie de réinsertion des ORP: l’influence des activités de conseil sur les comportements et les attentes des demandeurs d’emploi en matière de réinsertion betritt somit Neuland und hat einen explorativen Charakter, denn es ist das erste Mal, dass sich Arbeitssuchende zu den Erwartungen an ihre RAV-Beratenden äussern können. Die Untersuchung zielte darauf ab:
- das Verhalten der Arbeitslosen bezüglich ihrer Wiedereingliederung sowie die Erwartungen an die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit der RAV zu identifizieren;
- den Einfluss dieser Beratungs- und Vermittlungstätigkeit auf das Verhalten und die Erwartungen der Arbeitssuchenden zu messen;
- den Einfluss von Verhaltensweisen und Erwartungen auf die Dauer der Arbeitslosigkeit zu bestimmen.
Die Erhebung erfolgte in zwei Phasen. Eine erste Datenerhebung Anfang 2012 erlaubte, eine repräsentative Stichprobe von 819 Personen aus allen jenen herauszufiltern, die sich in dieser Zeit im Kanton Genf als arbeitslos meldeten. 249 Personen dieser Stichprobe hatten bereits kurz zuvor eine Phase der Arbeitslosigkeit durchlebt. Mit einer zweiten Datenerhebung ein halbes Jahr später konnten unter der ursprünglichen Stichprobe 244 Abgänger identifiziert werden, davon 140 mit einer neuen Stelle. Die verbliebenen 575 Personen waren noch immer beim RAV eingeschrieben und wurden ein zweites Mal befragt. Die Erhebungen wurden sodann mit den vornehmlich quantitativen Daten des Informationssystems für die Arbeitsvermittlung und Arbeitsmarktstatistik (Avam) abgeglichen.Die Stichprobe umfasst Personen beider Geschlechter. Im Durchschnitt sind die Personen 37 Jahre alt, verheiratet, Schweizer Staatsbürger, ohne kürzlich durchlebte Phase der Arbeitslosigkeit, verfügen über gute bis sehr gute Französischkenntnisse, sind relativ gut qualifiziert und haben mindestens eine obligatorische Ausbildung absolviert.
Verhalten und Erwartungen während der Arbeitslosigkeit
Bezüglich des Verhaltens weiss die Mehrheit der befragten Personen, dass Leistungen unter Umständen eingestellt werden können. Diese befragten Personen würden einen Arbeitsweg von maximal 30 Minuten zum Erreichen ihres Arbeitsplatzes in Kauf nehmen. Sie sind aber nicht in der Lage, die notwendige Dauer bis zum Finden einer neuen Stelle abzuschätzen. Mehrheitlich geben die Befragten an, in der Woche vor ihrer Anmeldung beim RAV eine Stunde pro Tag für die Arbeitssuche aufgewendet zu haben. Die Mehrzahl der Befragten haben nahezu ihr ganzes Umfeld von ihrer Arbeitslosigkeit informiert, zählen bei der Arbeitssuche hauptsächlich auf sich selber. Sie ziehen schwache Bindungen (formelles Netzwerk) den starken Bindungen (informelles Netzwerk) vor und denken, dass der Erfolg bei der Arbeitssuche weniger vom Glück, sondern eher von der geleisteten Arbeit abhängt.Hinsichtlich der Erwartungen nehmen die Befragten mehrheitlich gemässigte Haltungen ein, die geprägt sind von der jeweiligen emotionellen und finanziellen Lage, dem Informationsbedarf und der Arbeitsmarktfähigkeit. Die Erwartungen zur Wiedereingliederung sind hingegen hoch.Generell schätzen die Befragten die RAV-Beratenden zwar als recht fähig ein, zählen jedoch eher auf sich selbst um eine Stelle zu finden. Ausserdem fällt auf, dass die Befragten relativ geringe Kenntnisse der Funktionen und Abläufe der RAV haben.
Einfluss der Beratungs- und Vermittlungstätigkeit
In einem zweiten Analyseschritt ging es darum herauszufinden, wie die Beratungs- und Vermittlungstätigkeit der RAV die zuvor beschriebenen Verhaltensweisen und Erwartungen beeinflusst hat. Der dafür verwendete Ansatz war grösstenteils induktiv mit Signifikanztests und multivariaten Modellen, um die verschiedenen Stichproben miteinander vergleichen und gleichzeitig bestimmte Charakteristika berücksichtigen zu können.
Wiederholt und einmalig Arbeitslose
In einem ersten Schritt wurden die bei der Anmeldung beim RAV geäusserten Verhaltensweisen und Erwartungen von Personen, die kurz davor bereits eine Phase der Arbeitslosigkeit durchlaufen hatten (wiederholt Arbeitslose), mit denjenigen anderer Personen (einmalig Arbeitslose) verglichen. Wiederholt Arbeitslose waren in der Regel besser darüber informiert, dass Taggelder eingestellt werden können, wenn der Nachweis für Arbeitsbemühungen fehlt. Sie sind bezüglich Informationen und Einhaltung der rechtlichen Verpflichtungen anspruchsvoller. Schliesslich kennen sie die Funktionsweise der RAV besser als die einmalig Arbeitslosen.
Entwicklung nach sechs Monaten Arbeitslosigkeit
In einem zweiten Schritt haben wir die Verhaltensweisen und Erwartungen der einmalig Arbeitslosen zum Zeitpunkt der Anmeldung beim RAV mit der Situation sechs Monate später verglichen. Die Entwicklung ist signifikant und erklärt sich mit und den Kontakten zum RAV-Beratenden. Die Befragten erleben ihre Arbeitslosigkeit im Durchschnitt besser. Auf Ebene des Verhaltens zeigen sich folgende Veränderungen:
- Sie nehmen grössere Arbeitswege in Kauf.
- Sie sind weniger optimistisch bezüglich der Dauer der Arbeitssuche.
- Der Anteil derjenigen, die ihre Bekannten vollständig oder zur Mehrzahl über ihre Arbeitslosigkeit informiert haben, hat sich vergrössert.
- Sie zählen bei der Arbeitssuche vermehrt auf schwache Bindungen.
Bezüglich der Erwartungen zeigt sich:
- Sie sind in Bezug auf Informationen und Einhaltung der rechtlichen Verpflichtungen anspruchsvoller geworden.
- Ihre Haltung bei der beruflichen Weidereingliederung ist flexibler geworden.
Die veränderten Erwartungen an die RAV-Beratenden lassen sich als Anpassung an die Situation interpretieren. Dies ist allerdings nicht als Resignation bezüglich einer Wiedereingliederung zu verstehen, zumal die Befragten längere Arbeitswege akzeptieren und ihr Umfeld vermehrt über ihre Lage informieren. Vielmehr scheinen sich die Arbeitslosen mit der Zeit auf ihre RAV-Beratenden einzustellen, von denen sie anfänglich zu viel erwartet hatten.Im Allgemeinen zeigen die Befragten folgende Merkmale:
- Bei der Stellensuche zählen sie mehr auf sich selbst und weniger auf die RAV-Beratenden.
- Sie zeigen bessere Kenntnisse der Abläufe innerhalb der RAV.
- Sie schätzen die Fähigkeiten der RAV-Beratenden höher ein.
Angesichts dieser Resultate lässt sich festhalten, dass die Verhaltensweisen bei der Arbeitssuche und die Erwartungen bezüglich der Leistung der RAV-Beratenden mit einer kürzlich oder einer gegenwärtig gemachten Erfahrung mit einem RAV hinsichtlich mehrerer Aspekte in einer ganz bestimmten Weise verändert werden. Es gibt allerdings auch Konstanten. So gilt für wiederholt und einmalig Arbeitslose gleichermassen:
- Sie haben ihre Ansprüche bezüglich Informationen und Einhaltung der rechtlichen Verpflichtungen erhöht.
- Sie kennen die Abläufe innerhalb der RAV besser, was darauf hindeutet, dass die überbrachten Informationen kohärent sind.
Auswirkungen auf das Tempo der Wiedereingliederung
Im dritten und letzten Analyseschritt ging es darum festzustellen, inwiefern die Verhaltensweisen und Erwartungen die Dauer der Arbeitslosigkeit beeinflussen. Dazu verwendeten wir das halbparametrische Durationsmodell von Cox.Generell beeinflussen mehrere Faktoren den Anteil derjeniger Personen, die unmittelbar eine neue Stelle finden. Faktoren mit negativem Einfluss sind das Alter, das Geschlecht (Frauen finden weniger oft schnell eine neue Stelle) oder Schwierigkeiten im Umgang mit der Situation, arbeitslos zu sein. Zu den Faktoren mit einem positiven Einfluss gehören eine Phase der Arbeitslosigkeit in den letzten zwei vorhergegangenen Jahren oder der Umstand, verheiratet zu sein.Auf Ebene des Verhaltens erhöht die Einschätzung, dass der Erfolg vor allem von den eigenen Bemühungen und weniger vom Glück abhängig ist, signifikant die Chance auf einen schnellen Ausstieg aus der Arbeitslosigkeit. Andere Verhaltensvariablen sind diesbezüglich nicht signifikant. Ebenso scheint es nicht, dass die allgemeinen Erwartungen und Kenntnisse auf individueller wie auch auf aggregierter Ebene die Dauer der Arbeitslosigkeit wirklich beeinflussen. Individuelle Eigenschaften ebenso wie die Erfahrung durch kürzlich erlebte Phasen der Arbeitslosigkeit scheinen einen grösseren Einfluss auf die Dauer der Arbeitslosigkeit zu haben als Verhaltensweisen oder Erwartungen gegenüber den RAV-Beratenden. Ein indirekter Einfluss scheint aber von gewissen Kontrollvariablen auszugehen, die im Modell eingeführt wurden.
Empfehlungen
Die wichtigsten Resultate dieser exploratorischen Studie für den Kanton Genf lassen sich als Empfehlungen zuhanden der RAV formulieren.Jene Personen, welche zum Zeitpunkt ihrer Anmeldung ihre Arbeitslosigkeit als schwierig erleben, finden weniger schnell eine Stelle. Deshalb ist es enorm wichtig, vom ersten Kontakt an auf die emotionelle Lage der Person einzugehen.Beschleunigt wird die Wiedereingliederung auch durch die Meinung, dass der Erfolg eher von den eigenen Bemühungen abhängt und weniger eine Glückssache ist. Folglich ist es unabdingbar, dass die RAV-Beratenden den Stellensuchenden immer wieder klarmachen, dass der Erfolg von der Energie abhängt, die sie investieren, um das Ziel zu erreichen – und dies unabhängig von der vorgeschriebenen Anzahl Bewerbungen, die jeden Monat verschickt werden müssen. Die Studie zeigt, dass einmalig Arbeitslose weniger schnell eine Stelle finden als andere. Auf diese Gruppe sollten die RAV-Beratenden deshalb ein spezielles Augenmerk legen. Personen, welche sich beim RAV anmelden, vermögen den Zeitrahmen, den es braucht, um wieder in die Arbeitswelt einzusteigen, nicht korrekt einzuschätzen. Folglich sollten die RAV-Beratenden realistische Ziele vorschlagen und den Stellensuchenden begleitend und motivierend zur Seite stehen.Die Studie zeigt, dass die Erwartungen an den Wiedereinstieg mit der Zeit sinken, während die Ansprüche an die Information zunehmen. Darin zeigt sich die zunehmende Anpassung an das System mit fortschreitender Dauer der Arbeitslosigkeit. Die RAV-Beratenden sollten deshalb darauf achten, dass die Stellensuchenden nicht zu sehr in Routine verfallen, da dies den Wiedereinstieg verzögern kann. Grafik 1: «Ziele der Arbeitssuche» Tabelle 1: «Geschätzte und effektive Dauer der Arbeitslosigkeit» Kasten 1: Durchschnittlicher Arbeitssuchender zum Zeitpunkt seiner Anmeldung
Durchschnittlicher Arbeitssuchender zum Zeitpunkt seiner Anmeldung
Individuelle Merkmale
- 37 Jahre alt;
- verheiratet;
- Schweizer Staatsbürgerschaft;
- Gute oder sehr gute Kenntnisse der französischen Sprache;
- keine vorausgehende Phase der Arbeitslosigkeit in den letzten zwei Jahren (einmalig arbeitslos);
- qualifiziert, mit spezialisierter Funktion bei der letzten Stelle, obligatorische Schulbildung und mindestens 1–3 Jahre Berufserfahrung;
- wurde aus wirtschaftlichen Gründen entlassen;
- hat Mühe mit der Tatsache, arbeitslos zu sein und hat finanzielle Einbussen zu verkraften;
- verfügt über einen Internetzugang zuhause;
- jede(r) Zweite ist Mitglied mindestens eines Vereins.
Verhalten in Bezug auf Arbeitssuche
- Ist zum Zeitpunkt der Anmeldung beim RAV informiert über mögliche Einstellungen von Taggeldern;
- würde einen Arbeitsweg von maximal 30 Minuten akzeptieren;
- ist nicht in der Lage, die Dauer der Arbeitssuche abzuschätzen;
- hat den grössten Teil seiner Bekannten oder sein gesamtes Umfeld von seiner Arbeitslosigkeit informiert;
- hat in der Woche vor seiner Anmeldung 1 Stunde pro Tag für die Arbeitssuche aufgewendet;
- zählt bei der Stellensuche hauptsächlich auf sich selbst;
- hält den Erfolg bei der Arbeitssuche vor allem für ein Resultat der geleisteten Bemühungen und weniger für eine Glückssache;
- beurteilt sein Leben als selbstbestimmt.
Erwartungen
- Hat gemässigte Erwartungen bezüglich seiner emotionellen/finanziellen Situation und bezüglich Information;
- hat relativ hohe Erwartungen bezüglich Arbeitsmarktfähigkeit;
- hat hohe Erwartungen bezüglich Wiedereingliederung.
Allgemeine Kenntnisse
- Zählt bei der Stellensuche vor allem auf sich selbst und weniger auf seinen RAV-Beratenden;
- hat relativ schlechte Kenntnisse der Abläufe im RAV;
- schätzt die Fähigkeiten der RAV-Beratenden relativ hoch ein.
Kasten 2: Literatur
Literatur
- Behncke S., Frölich M. und Lechner M.: Unemployed and Their Caseworkers: Should They Be Friends or Foes?, in: Journal of the Royal Statistical Society, Bd. 173, 2010 (a), S. 67–92.
- Behncke S., Frölich M. und Lechner M.: Caseworker Like Me – Does The Similarity Between The Unemployed and Their Caseworkers Increase Job Placements?, in: Economic Journal, Bd. 120, 2010 (b), S. 1430–1459.
- Frölich M., Lechner M., Behncke S., Steiger H., Hammer S., Schmidt N., Menegale S., Lehmann A. und Iten R.: Einfluss der RAV auf die Wiedereingliederung von Stellensuchenden. Studie im Auftrag der Aufsichtskommission für den Ausgleichsfonds der Arbeitslosenversicherung, Arbeitsmarktpolitik, 20, 2007, Staatssekretariat für Wirtschaft SECO.
- Osberg L.: Fishing in Different Pools: Job Search Strategies and Job Finding Success in Canada in the Early 1980s, in: Journal of Labor Economics, Bd. 11, Nr, 2, 1993, S. 348–386.
- Van den Berg, G.J. et.Van der Klaauw B., Counseling and Monitoring of Unemployed Workers: Theory and Evidence from a Controlled Social Experiment, International Economic Review, Bd. 47, 2006, S. 895–936.
- Vassiliev A., Ferro-Luzzi G., Flückiger Y. und Ramirez J.: Unemployment and Employment Offices’ Efficiency: What Can Be Done?, Socio-Economic Planning Sciences, Bd. 40, 2006, S. 169–186.