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Elternhaus
Zentrale Aussagen von Kultur- und Sozialwissenschaft lauten sinngemäss, dass nichts so sehr den Charakter der Menschen erkläre wie die Art der Umgebung und die Form der Siedlung, welche die Generationen erfahren haben. Meine Autobiographie beginnt darum mit der Örtlichkeit, in welche ich hineingeboren wurde:
Der Bauernhof Im Herner in Horgen am Zürichsee mit weitem Umland wurde 1918 für 78'000 Franken gekauft durch meinen Grossvater, Landwirt Kaspar Pfister, 1895-1971, gemeinsam mit seiner verwitweten Mutter, als Ersatz für den verkauften Bauernhof Neuhus am Rain in Schönenberg im Wädenswilerberg. Verkäuferin war seine Tante Seline Pfister, Witwe des Walter Heinrich Höhn. Der Umzug erfolgte aus familiären und wirtschaftlichen Gründen, direkter Auslöser war vermutlich der Zusammenbruch der Heimarbeit durch die fortschreitende Industrialisierung. Im Januar 1919 heiratete mein Grossvater die Seidenweberin Alina Laura Leuthert, Tochter eines Fergger-Meisters in der Seidenweberei Thalwil, welche im März 1920 ihr erstes Kind, meinen Vater, zur Welt brachte.
Meine Vorfahren väterlicherseits waren allesamt freie Landwirte mit Grundbesitz im Wädenswilerberg. Erfassbar zurück bis zum 9. Urgrossvater Werner [Werni] Pfister, geb. 1570 und gestorben 1640 in einer Täufer-Bekehrungshaft im Oetenbach-Gefängnis in Zürich.
Zitat aus dem Märtyrerspiegel der Wiedertäufer:
Das Ende des Jahres steckte der Verfolgung noch kein Ziel, und es konnte auch alles nichts helfen, was zur Entschuldigung beigebracht wurde. Dieses erhellt deutlich, denn das sechszehnhundert und vierzigste Jahr hatte kaum angefangen, so hörte man in der Gegend von Wadischwil wieder von Verfolgung, so dass die Diener der dasigen Obrigkeit mit erschrecklichem Gerase und Getöse (wie brüllende Wölfe und Bären) das Haus eines alten frommen Dieners der Gemeine, genannt Werner Phister, überfallen, Türen und Fenster, und alles was im Hause war, in Stücken geschlagen, und ihn mit seiner Hausfrau und seines Sohnes Frau, gefangen genommen und nach Zürich geführt haben, wo sie in Othenbach fest geschlossen und verwahrt wurden. Unterdessen hat die Hausfrau des alten Mannes (versehentlich durch einen Zufall) ihre Freiheit erlangt, aber dieser alte fromme Diener selbst, wie auch seines Sohnes Weib, als sie keineswegs von ihrem Glauben abweichen, oder in die allgemeine Kirche gehen wollten, haben es mit dem Tode bezahlen müssen, denn man hat sie durch Mangel, Armut und Ungemach elend sterben lassen.
Im Bild die Grosseltern Pfister-Leuthert in der Mitte mit meinem Vater, links die Urgrossmutter Witwe Bertha Pfister-Rusterholz, rechts die Witwe Selina Höhn-Pfister, von welcher mein Grossvater den Hof 1918 übernommen hat.
Horgen war bis zum Beginn der Industrialisierung im 19. Jahrhundert landwirtschaftlich geprägt, wobei Weinbau und Milchwirtschaft vorherrschten. 1880 hatte Horgen als Bezirkshauptort und einem Zentrum der Seidenindustrie mit dem Beinamen Klein-Lyon am linken Ufer des Zürichsees 5268 Einwohner. Der Weinbau wurde im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts vollkommen aufgegeben infolge einer ab 1850 in Europa einsetzenden Schädigung durch die aus Amerika eingeschleppte Reblaus und der nicht begünstigten Lage (das Getränk wurde von Weinkennern als Suur-Gürpsler von der Pfnüsel-Küste bezeichnet). Ab Mitte des 19. Jahrhundert begann die Erfolgsgeschichte des Apfelweins als Weinersatz. Im Herner war die Viehhaltung schon früh auf ein Minimum reduziert worden nach der Abtretung von grossen Teilen an Weideland für den Bau des Krankenhaus Horgen 1868 und dessen Um- und Ausbau 1951/55. Die grosse Scheune mit den Stallungen im Erdgeschoss wurde umgebaut und vom Feinmechanik-Betrieb Ehrat genutzt mit Büro im Obergeschoss.
Grossvater (rechts) im Herner bei der Arbeit
Der Landwirt Kaspar Pfister produzierte im Herner Most-Obst zur Kelterung von Apfelwein (suure Moscht), Milch, Butter, Gemüse, Eier, Honig und Schnaps (Trester und Zwetschgen) und Brennholz. Mit wenigen Handgriffen konnte der grosse kupferne Kessel im Waschhaus zur Schnaps-Brennerei umgerüstet werden. Die Hernerholzgasse führte hoch zum eigenen Wald, dessen Umfang durch den Bau der Nationalstrasse N3 im Jahre 1959 stark reduziert wurde. Die Produkte wurden einerseits ab Hof verkauft und andererseits belieferte Kaspar Gebiete bis weit in die Kantone Schwyz und Zug mit seinem Presto Motorlastwagen. Das Fahrzeug wurde auch ausgerüstet zum gelegentlichen Personen-Transport von Gesellschaften.
Motorlastwagen Presto Chemnitz um 1930
Hier im Herner wurde 1920 mein Vater Robert Kaspar Pfister geboren als ältester von vier Kindern und lebte an diesem Ort bis zu seinem Umzug 1994 in eine Alters-Siedlung der Gemeinde. Meine gesamte Kindheit und Jugendzeit verbrachte ich in diesem ehemaligen Bauernhof. Innerhalb der Liegenschaft sind wir zwei Mal umgezogen. Das ursprünglich im 18. Jh. gebaute grosse Bauernhaus wurde im 19. Jh. umgebaut und auf der Nord-Hälfte ergänzt mit drei separaten Wohnungen und einem aussen angebauten Treppenhaus bis zum zweiten Stockwerk sowie einer Waschküche im Erdgeschoss. Dort auf der 3. Etage habe ich meine ersten 4 Lebens-Jahre gelebt in einer Vier-Zimmer-Wohnung.
Das steinerne Treppenhaus führte nur bis zur 2. Etage, wo sich auch die Toilette mit Wasserspülung befand, welche sich zwei Wohnungen teilen mussten. Von der Wohnungstüre führte eine steile Holztreppe hinauf zur eigentlichen Eintrittstüre in den grossen Vorraum der Wohnung mit Türen zu den Zimmern. Geheizt wurde mit Holz, der Kachelofen im Wohnzimmer reichte bei offenen Zimmertüren für die ganze Wohnung. Vor dem Schlafen wurden mit Kirschen-Kernen gefüllte Kissen, die Steinsäckli, auf dem Kachelofen erhitzt und unter die Decke mitgenommen. An den Fenstern wurden im Spätherbst die Doppelfenster angebracht. Bei grosser Kälte draussen zeigten sich daran schöne Eisblumen. Gekocht wurde mit einem Gasherd, der war aber für uns Kinder tabu. In der Küche waren keine elektrischen Geräte, auch kein Kühlschrank.
Körperpflege erfolgte nach Bedarf. Wasser war nur kalt in der Küche vorhanden. Vater rasierte sich dort jeden Morgen nass mit Schaum. Noch klein, stellte uns Mutter im Wohnzimmer auf einem Stuhl in eine grosse Emaille-Schüssel und reinigte uns mit vorher erhitztem Wasser und Seife. Später wurden wir ab und zu im Erdgeschoss in der Waschküche gebadet. Dazu musste Mutter erst mit Holz den kupfernen Waschtrog aufheizen und das Wasser in eine grosse Zink-Gelte um schöpfen.
Als das neben dem Wohnhaus stehende Holz-Chalet, das frühere Stöckli, frei wurde, haben wir dort gewohnt für die nächsten sechs Jahre, bis die Grosseltern 1963 in eine Wohnung wechselten und wir das Haupthaus beziehen konnten. Im Chalet war eine geräumige Wohn-Ess-Küche, Wohnraum mit Kachelofen beheizt von der Küche aus, eine kleine Plumps-Toilette und im oberen Stockwerk drei Schlafzimmer, unter dem Giebeldach noch ein weiteres. Als einziger Sohn mit Schwestern hatte ich schon früh ein eigenes Zimmer für mich. Die Schlafzimmer waren unbeheizt. Wasser war einzig in der Küche am Schüttstein vorhanden. Gekocht wurde mit Erdgas.
Mit dem Umzug in den Hauptteil des Wohnhauses öffnete sich eine neue Welt. Vom Natur-Keller durchgehend bis zur Räucherkammer im Dachstock konnten wir uns auf fünf Ebenen bewegen. Eine Steintreppe führte zur Türe vom überdachten Eingangsbereich (diese Tür war aber immer offen) und zu einer massiven Haustüre mit einem kunstvoll geschmiedeten Tür-Klopfer. Danach war ein langer Gang, zuerst gleich links die Tür zum Abtritt über der Jauche-Grube (mit einem Holzdeckel und einem Fach für die zugeschnittenen Zeitungen, welche als WC-Papier verwendet wurden). Weiter vorne die Tür zum Vorrat-Raum (wo bald ein Kühlschrank stand nebst einer Tiefkühl-Truhe im Schopf), dann der Durchgang zum Schopf-Anbau und dort rechts eine Besenkammer, welche später zu einer Toilette mit Wasser und Lavabo umgebaut wurde. Zuvorderst geradeaus der Treppenaufgang zum Obergeschoss und rechtswinklig ein offener Vorraum mit Türen zur Küche, zum Wohnzimmer und zur Kellertreppe unter der nach oben führenden Treppe. In der Küche stand ein Elektro-Herd mit vier Platten, daneben befanden sich die Lucke zum Kachelofen und noch ein Kochherd mit Brennholz-Betrieb. Auf der anderen Seite waren ein Geschirr-Schrank und ein alter Tisch mit Schieferplatte.
Küche mit einzigem Kalt-Wasser-Anschluss (1972)
Von der Haustüre führte ein Draht-Zug um die Ecke bis zur mit einer Spirale gefederten Glocke mit hellem Klang vor der Wohnstube. Im Wohnzimmer war gleich rechts die zweite Türe zurück zur Küche, daneben der mannshohe breite Kachelofen mit Wärme-Seiten-Fach für die Kirschen-Stein-Kissen, auf seiner linken Seite führte eine steile Holzstiege mit tiefen Schubladen unter den Tritten hinauf zu einer Lucke mit Klappe ins Eltern-Schlafzimmer. Auf der Seite zum Wasch-Haus (Südost) war ein Fenster mit mauerdick breitem Fenstersims, darunter ein eingebautes Schränklein, in Richtung Spital (Südwest) zwei ebensolche Fenster. Die vierte Seite hatte eine Tür zum Nebenraum, dem Stübli mit fünf zimmerhohen Einbau-Schränken und einem schwarzen, fest an die Wand montierten Wählscheiben-Telefon.
Eingang zum Wohnhaus, Kachelofen im Wohnzimmer
Im oberen Stockwerk waren vier Schlafzimmer, das grosse Eltern-Zimmer mit zwei Fenstern. Neben der Türe zum Windfang der Treppe nach oben führte eine Tür hinaus zum Obergeschoss im Schopf-Anbau. Dort waren die Estrich-Abteile der Wohnungen von nebenan und eine unverschlossene Tür in deren Treppenhaus. Im nächsten Stockwerk führte ein Gang bis zum Fenster an der Aussenseite. Links eine Türe zu einer abgeschrägten Kammer mit Einbauschrank, danach die Stiege zum Klapp-Deckel in den Dachstock mit der Räucherkammer, zuvorderst links ein offener Raum und rechts die Türe zu meinem grossen Zimmer mit zwei Fenstern über dem Blechdach vom Schopf mit Blick auf den See bis nach Zürich und einem kleinen Kachelofen, den ich selber beheizen konnte und musste.
Mein Zimmer 1970 (Hippie-Zeit)
Erstmals von zu Hause weg zog ich mit 20 im Jahr 1973, weil meine damalige Freundin, noch nicht volljährig, ihr Daheim verlassen wollte. Ich mietete ein möbliertes Zimmer am Goldbrunnen-Platz in Zürich mit WC/Dusche und Nutzung einer Etagen-Küche. Vier Monate später war die Beziehung nach beinahe vier Jahren zu Ende und ich kehrte wieder ins Elternhaus zurück bis ich 1975 endgültig auszog und seither mit meiner Frau zusammen lebe.
Nach dem Tod beider Eltern meines Vaters im gleichen Jahr 1971 kam es zum Verkauf der Liegenschaft. Das Land war damals vermutlich etwa 1.2 Millionen Wert. Die Erbengemeinschaft der vier Kinder verkaufte das Land an die Stiftung Spital Horgen und teilte den Erlös unter sich. Für den Unterhalt der Liegenschaft und die Ordnung besorgt war weiterhin der älteste Sohn vor Ort, mein Vater. Erst nach dessen Umzug 1994 in die Alters-Siedlung Tannenbach realisierte die Stiftung das Neubau-Projekt Tertianum Horgen, welches 2006 eröffnet wurde.
Durch die Real-Teilung unter den Erben mit dem Verkauf des Bodens zwecks Kapitalisierung zur Erb-Auszahlung wurde die Geschichte vom Hof im Herner beendet.