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Erster Spaziergang nach 68 Jahren im Gefängnis
Mit 15 Jahren wurde Joseph Ligon nach Raubüberfällen eingesperrt. Jetzt ist er frei und freut sich auf das Leben «wie ein Kind».
Wie verlief sein Leben im Gefängnis? Joseph lernte richtig lesen und schreiben, arbeitete in seinem Zellenblock als «Hauswart» − Stundenlohn: 43 Cent. Für Kabelfernsehen in der Zelle musste Joseph extra zahlen. So konnte er die Veränderungen der Gesellschaft − Mondlandung, Massenmotorisierung, Internet, Smartphones − zumindest am TV-Bildschirm verfolgen.
Eine Änderung im US-Strafrecht sorgte schliesslich dafür, dass Ligon doch noch aus dem Gefängnis kam: 2012 stufte der Oberste Gerichtshof lebenslange Haftstrafen für Jugendliche als «unmenschlich» und damit verfassungswidrig ein. Doch der US-Staat Pennsylvania, in dessen Gefängnis Ligon einsass, weigerte sich anfänglich, dies anzuerkennen. Erst 2017 war der Bundesstaat bereit, Ligon freizulassen − seine Haftstrafe wäre in eine lebenslange Bewährungsstrafe umgewandelt worden. Ligon lehnte ab! «Ich wollte richtig frei sein. Ohne dass ich mich dauernd beim Bewährungshelfer melden muss oder die Stadt nicht verlassen darf.»
Und so musste Ligons Anwalt Bradley Bridge vier Jahre kämpfen, bis Ligon das Gefängnis als komplett freier Mann verlassen durfte. Jetzt hat er nur ein paar hundert Dollar in der Tasche. Eine Entschädigung für die Zeit in Haft bekommt er nicht. Er wird von einer staatlichen Mindestrente leben müssen. Von der Familie lebt nur noch seine Schwester (80). Die Hilfsorganisation «Philadelphia’s Youth Sentencing & Reentry Project» kümmert sich um den Ex-Häftling.
Verspürt Joseph Verbitterung? Er schüttelt den Kopf: «Nein. Ich habe noch viel Zeit vor mir. Ich will noch viele Dinge sehen. So wie einen normalen Sonnenaufgang. Das ist aufregend.»