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«Die Auflösung dieses Gremiums [der Zwischenstaatlichen Kommission] ... tut not. Es hingegen durch Machtzuwachs zu adeln, wäre ein Witz.» Nein. Es wäre keiner […]. Es wäre ein Bubenstreich, ein Skandal, nicht im geringsten weniger grotesk als die Ernennung, mit der Caligula sein Pferd zum Senator machte […].
Aus presse und internet
26. 2. 2004
Manchmal fragen wir uns schon, wie zukunftsorientiert das Wissen ist, das an den Unis im deutschsprachigen Raum gelehrt wird. Insbesondere dann, wenn 50 Professoren nichts Gescheiteres zu tun haben, als die Rückkehr zur alten Rechtschreibung zu fordern.
Die Verfassungsrichter räumen darüber hinaus auch ein, daß es mit der rechtlichen Verbindlichkeit der Rechtschreibreform nicht weit her ist […]. Zumindest volljährige Schüler der oberen Klassen wird niemand zum Gebrauch der reformierten Orthographie zwingen können.
Das war schon nach der reform von 1892/1903 so. Unsereins hat schon in jüngeren jahren die eigennamengrossschreibung angewendet, andere haben dissertationen in fraktur abgeliefert; damals (und hier zu lande) sah man das nicht so verbissen.
25. 2. 2004
Wie Ihre Zeitung am 30. Januar berichtet, nannte ein Amtschefkommissionsvorsitzender der Kultusministerkonferenz die Rechtschreibungsregelung durch eine zwischenstaatliche Kommission "ungeheuer demokratisch". […] Demokratisch ist eine derartige Rechtschreibungsregelung nämlich keineswegs, dafür aber ungeheuer.
24. 2. 2004
Mit seiner knappen, kaum zwei Seiten umfassenden Stellungnahme zum vierten Bericht der Kommission, der trotz strengster Geheimhaltung bekannt wurde, erweist sich der Beirat aufs neue als besonders diensteifrig. Er übernimmt sogar die verhüllende Sprache der Kommission, die es nicht wagen darf, alle geplanten Änderungen der Rechtschreibreform als Änderungen zu bezeichnen. […] Man könnte also über den Beirat hinweggehen wie über einen schlechten Witz, aber das wäre ein Fehler. Im Kalkül der Kultusminister spielt er nämlich eine wichtige Rolle. Sie behaupten, in diesem Beirat seien die "professionell Schreibenden" vertreten, also vor allem die Schriftsteller und die Journalisten. Jeder weiß, daß nahezu alle namhaften Schriftsteller und die meisten Journalisten die Rechtschreibreform ablehnen, aber durch ihre Zwangsvertretung im Beirat, vor der sie gar nichts wissen, haben sie ihr zugestimmt. […] Der Beirat ist also eine wichtige Hilfskonstruktion, um die Änderungswünsche und das Machtstreben der Rechtschreibkommission gegen jede Kritik zu immunisieren.
21. 2. 2004
Mehr als fünfzig Rechtsprofessoren fordern, dass die Rechtschreibreform, die am 1. August 2005 endgültig verbindlich werden soll, sofort beerdigt wird. Irgendwie würde man sich freuen, wenn die Gämse wieder als Gemse am Stengel und nicht mehr am Stängel behende statt behände knabbern kann.
In einem Offenen Brief an die Kultusministerkonferenz haben zehn deutsche Akademien einen sofortigen Eingriff in die Rechtschreibreform gefordert. Insbesondere wenden sie sich dagegen, dass künftig die Zwischenstaatliche Kommission für deutsche Rechtschreibung in bestimmten Fällen die alleinige Zuständigkeit für die in Wörterbüchern niedergelegte deutsche Orthografie übernehmen soll.
Die so genannte Rechtschreibreform ist nicht nur eine Kulturschande, sondern auch eine Demokratieschande. Man weiß nicht, was man mehr verachten soll: die Inhalte der Reform oder die Art ihrer staatsstreichartigen Durchsetzung.
Thomas Steinfeld hat aber nicht Recht, wenn er behauptet: Nie waren in modernen Zeiten die Bildungsunterschiede zwischen den Schreibenden so erkennbar, wie sie es heute sind. Nicht Bildungsunterschiede zeigen sich, sondern wer sich mit der Rechtschreibreform eingehend befasst hat und wer sich nur oberflächlich informiert hat. Man sollte endlich zu der Einsicht kommen, dass Rechtschreibung etwas Gemachtes ist, das auch verändert werden kann, dass man bei jeder Festlegung irgendwelche Kröten schlucken muss, dass man aber nicht die neue Rechtschreibung aus der Erwartungshaltung beurteilen darf, die man mit der alten gelernt und verinnerlicht hat.
Der Vorgang als Ganzes droht der vielleicht undemokratischste Vorgang in der Geschichte der Bundesrepublik zu werden, obwohl das Thema geradezu absurd ist. Daran sind paradoxerweise nicht allein die Urheber schuld, sondern daran hat auch die Bevölkerung ihren Anteil: Hätte jeder den Mut, auch in der Öffentlichkeit so zu schreiben oder schreiben zu lassen, wie er es für richtig hält, hätten wir das Problem längst vom Hals […].
Genau, und für richtig halten wir bekanntlich die eigennamengrossschreibung.
Mit schöner Regelmäßigkeit macht die SZ die Rechtschreibreform zum Thema. Dabei fällt auf, dass es zwei erklärte Gegner der Reform sind, denen hier die Möglichkeit gegeben wird, ihre Standpunkte zu veröffentlichen. […] Die Regeln werden von den Redakteuren der SZ oft nur halbherzig, häufig sogar falsch angewendet. Hier sind andere Zeitschriften und Zeitungen sehr viel korrekter und damit leserfreundlicher. […] Meine Erfahrungen decken sich auch nicht mit denen, die Steinfeld in seinem Artikel und in seinem Kommentar beschreibt. Die neue Rechtschreibung wird nicht nur an Schulen und wenigen Ämtern praktiziert, sondern inzwischen auch von vielen Firmen und Unternehmen. Für diese ist die Anwendung der neuen Rechtschreibung nicht eine lästige Pflicht, sondern mit einem innovativen und modernen Image in der Kommunikation verbunden.
19. 2. 2004
Wenn es um die Muttersprache geht, scheint der Absturz ins Irrationale unvermeidlich. […] Konservative Sprachpuristen, ein querulantischer Lehrer aus Bayern und ein paar Hochschullinguisten befeuern die Pseudodebatte in regelmäßigen Abständen mit an den Haaren herbeigezogenen Beispielen, die die Reform je nachdem als überflüssig oder gefährlich hinstellen. Sollte es, was die Ultras stets suggerieren, um Sein oder Nichtsein des Deutschen gehen, ob wir "grünlich blau" oder "grünlichblau" bzw. "Recht haben" oder "recht haben" schreiben? Den "meisten" (alt) wie den "Meisten" (demnächst) ist das egal, auch wenn einer der Rührigsten unter den Reformkritikern diese Neuerung in ganz alter Theologenmanier als Rückfall in den "vorsintflutlichen Zustand" (Theodor Ickler) beschwört.
17. 2. 2004
Am 1. August 2005 wird, sofern die Politik sich nicht besinnt, die Rechtschreibreform verbindlich […]. Derweil versucht die Reformkommission ihr Werk durch Herumdoktern am System über die Zeit zu retten — vermehrt aber dabei die Schar der Kritiker. […] Die Juristen verlangen die Kündigung der «Wiener Erklärung» von 1996 (was durchaus möglich wäre, denn sie ist kein völkerrechtlich bindender Vertrag) und eine Rückkehr zur alten Orthographie […].
Zudem «könne von den Menschen erwartet werden, dass eine kompliziertere Rechtschreibung beizubehalten sei, wenn sie zum Kulturgut gehört», sagte Manfred Rehbinder […].
Nimmt blödelnd überflüssige Anglizismen auf die Schippe, übersetzt Location-Freelancer mit Penner, dann folgen die Rechtschreibreform heute schreiben wir Cholera wie Kohl-Ära die Fahrraddiscounter, das Dosenpfand, das Auto-Navigationssysteme, […].
16. 2. 2004
Die Professoren verweisen darauf, daß die meisten Menschen durch die überraschende Einführung der Rechtschreibreform den Eindruck einer demokratisch nicht legitimierten Bevormundung durch die Exekutive gewonnen hätten. Das Bundesverfassungsgericht habe zwar im Blick darauf, daß das neue Regelwerk grundsätzlich keine rechtlichen Wirkungen entfalte, einen Verstoß gegen das Demokratieprinzip nicht angenommen. Dies ändere aber nichts daran, daß die Aktivitäten der Kultusverwaltungen dem Vertrauen in die demokratisch legitimierte Staatsgewalt erheblichen Schaden zugefügt hätten. In einem mehrseitigen Anhang nennen die Rechtswissenschaftler Beispiele für Defizite der Reform.
Wie viele jahrzehnte hätten denn die professoren gebraucht, um die defizite der reform zu untersuchen? Ihre «überraschung» fügt dem vertrauen in die professoren schaden zu.
In ihrer Sachkritik ist der Petition der fünfzig Rechtswissenschaftler gegen die Rechtschreibreform ausnahmslos zuzustimmen. […] Juristen sind auf sprachliche Feinheiten angewiesen, deshalb ist ihre Kritik — ähnlich wie die der Dichter und Schriftsteller — nicht zu unterschätzen.
In der tat, «ähnlich wie die der Dichter und Schriftsteller». Dazu ist auf diesen seiten einiges zu finden, z. b. stellungnahme zu «Willkür in den Worten».
Seinen Einsatz für sprachliche Disziplin und angemessenen Stil machte der glänzende Rhetoriker in seiner ebenso unermüdlichen wie unerbittlichen Kritik an der Rechtschreibreform deutlich.
13. 2. 2004
Vizebürgermeister Gisbert Becker (CSU) verlangte Stellenkürzungen im Landratsamt. Darüber hinaus rechnete er mit der Rechtschreibreform ab, die Millionen Euro gekostet habe.
12. 2. 2004
Und dann gäbe es ja noch den zivilen Ungehorsam. Wenn die deutschen Verlage und Zeitungsredaktionen dem Beispiel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung folgen würden und einfach wieder richtiges Deutsch schrieben, würde sich der ganze Spuk von selbst erledigen.
10. 2. 2004
Der Streit um die Rechtschreibung hat bei Meier tiefe Narben hinterlassen. «Mein Glaube an die Demokratie ist erheblich erschüttert worden», sagt er und findet deutliche Worte: «Ich ärgere mich nicht nur über die schlechte Reform, noch schlimmer ist die Anmaßung unfähiger Minister, über die Sprache bestimmen zu wollen.» Die Sprache habe sich über Jahrhunderte bestens ohne politische Einmischung entwickelt.
Einen schweren Stand hat Rolf Dieter Hasse. Er vertritt den Verlag Klett-Pons, dessen Wörterbücher in Havanna enorm gefragt sind. Hasse jedoch präsentiert nur Ausstellungsexemplare. […] Im nächsten Jahr will der Verlag nun alte Wörterbücher anliefern, die in Deutschland nach der Rechtschreibreform nicht mehr verkäuflich sind.
Nun ist es offensichtlich! Nach kurzer Zeit ist das Gebäude der Rechtschreibreform wieder einmal reparaturbedürftig.
Die hat dazu geführt, dass die Orthografie inzwischen freigegeben ist — und wir uns ungefähr auf dem Orthografie-Status Goethes und Schillers wiederfinden — was ja, bei Lichte betrachtet, vielleicht kein Nachteil sein müsste, wenn wir dazu nur die Goethes hätten . . .
Abgesehen davon, dass eher das gegenteil richtig ist (oder gab es zu Goethes zeit eine rechtschreibkommission?), sehen komma- und gedankenstrichsetzung in diesem beitrag tatsächlich nach freigabe aus.
5. 2. 2004
Die grundlegenden Verbesserungen im Vergleich zur alten Regelung werden allgemein anerkannt, heißt es im vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung […]. Dass diese Behauptung eine Lüge ist, weiß jeder Leser: In weiten Bereichen […] ist die deutsche Orthographie de facto freigegeben. Ein solches Durcheinander hat es seit der ersten Reform zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben. […] Denn mit ihrem vierten Bericht verbinden sich wieder mehrere tausend Veränderungen der Schriftsprache […]. Die Unsicherheit der Schreibenden wird sich durch die neuesten Veränderungen weiter vergrößern. […] Mit dem vierten Bericht verbindet sich nun allerdings noch etwas Gravierenderes als die neueste Variante der Reform, nämlich das Ansinnen, die Kommission von ihrer Aufsicht durch die Kultusministerien zu befreien und sie zur zentralen Anlauf- und Schlichtungsstelle für Probleme der Orthografie zu erklären.
Der vierte Bericht der Zwischenstaatlichen Kommisson für deutsche Rechtschreibung ist unveröffentlicht, enthält aber vieles, was die Öffentlichkeit interessieren muß. Zum einen geht es um die Ermächtigung der Kommission, künftig nicht nur Vorschläge für weitere Eingriffe in die deutsche Orthographie zu unterbreiten, sondern solche Eingriffe jederzeit auf eigene Verantwortung vornehmen zu können. […] Von den 12 500 Wörtern der amtlichen Liste waren bisher rund 1030 durch ein Sternchen als reformbetroffen gekennzeichnet, also rund acht Prozent des Wortschatzes (mit Silbentrennung etwa 15 bis 18 Prozent). Die neuen Vorschläge verändern wiederum zwei bis drei Prozent der Wörterbucheinträge. Folgenreicher ist, daß inzwischen so gut wie niemand mehr weiß, wo es Veränderungen gegeben hat oder bald geben wird und warum das alles sein muß.
Freilich muss auch gesagt werden, dass sich jede systematische Orthografie in Widersprüche verstrickt; weil Sprache nun einmal nicht vollständig systematisch ist. Auf der sicheren Seite sind nur rein phonetische Systeme (wie im Italienischen oder Portugiesischen); dann müsste man sich allerdings entscheiden, ob man lieber Hühnerai oder Keiser schreibt. Die Reform hat, indem sie den Blick für solche Kalamitäten schärfte, der Rechtschreibung die Autorität genommen. […] Wunderbarerweise ist damit nur ein Zustand erreicht, den in den siebziger Jahren, als die Reformdebatte begann, ein kluger Germanist empfohlen hatte: auf die Lösung verzwickter Einzelfälle zu verzichten und nur das Gros der Schreibweisen festzulegen. Mit einigen wenigen Regeln lassen sich nämlich neunzig Prozent aller Wörter erfassen; den Rest, hieß es damals, könne man getrost freilassen. So ist es gekommen. Jetzt müssen sich nur noch die Schulen an die neue Toleranz gewöhnen.
4. 2. 2004
Die Böcke wollen Gärtner werden: So muss muss man wohl die jetzt bekannt gewordenen Ambitionen der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung kommentieren. Wenn am 31. Juli 2005 die Übergangsfrist endet […], dann soll nicht nur das missratene und bereits stillschweigend modifizierte Reformwerk in Schulen und Amtsstuben endgültig verbindlich sein. Obendrein wünscht sich die Kommission grössere Machtfülle. […] Die Auflösung oder zumindest Neubesetzung dieses Gremiums tut not. Es hingegen durch Machtzuwachs zu adeln, wäre ein Witz.
Siehe stellungnahme.
Bis dahin schaffte es nur der Berliner Verein für deutsche Rechtschreibung und Sprachpflege. Beim Versuch, die Rechtschreibreform zu kippen, scheiterte er aber. Nur 108000 Bürger forderten den Volksentscheid. Etwa 250000 (zehn Prozent der Wahlberechtigten) hätten es sein müssen.
3. 2. 2004
Die zwölf Halbweisen der Zwischenstaatlichen Kommission haben die Vorschläge ausgearbeitet. […] Die jetzt angekündigten „Anpassungen“ sorgen erneut für Unmut. Es gehe mitnichten um leichte Variationen, so Theodor Ickler, Oberkritiker der Rechtschreibreform […]. Künftig soll die Zwischenstaatliche Kommission allein über die deutschen Rechtschreibregeln befinden dürfen, ohne politische Kontrolle. […] Die Kommission ist weder demokratisch legitimiert, noch hat sie durch ihr Treiben bisher von ihrer Qualifikation überzeugt.
Die schleichende Revision, die mit jeder Duden-Ausgabe einhergeht, wird mit den jüngsten Vorschlägen offensichtlich. Was 1996 als Regulierung der deutschen Rechtschreibung geplant war, gerät zur Deregulierung. Die Halbherzigkeiten werden immer halbherziger. Die Kommission muss den Begriff Wahlfreiheit falsch verstanden haben. So war das nicht gemeint!
Der kontinuierliche Strom geistiger Diarrhö, der sich als Ausfluss in der Sache überflüssiger Schlechtschreibreformen seit Jahren über den deutschsprachigen Raum ergießt, ist doch letztlich ein Glücksfall für die Freiheit. Was ist denn so schlecht an der faktischen Deregulierung der Rechtschreibung? […] Und im Ergebnis ermöglicht es eine weitere Stratifizierung der Gesellschaft in ganz neuartige Soziolekte: Schon jetzt kann man auf Anhieb zwischen obrigkeitshörigen Trotteln auf der einen und ihrer eigenen Sprache noch mächtigen, freien Bürgern auf der anderen Seite unterscheiden.
Thomas Steinfeld scheint für eine andere Zeitung denn die SZ zu arbeiten, wenn er feststellt, dass die neue Rechtschreibung kaum praktiziert werde, gehört diese Zeitung doch zu den hervorragenden Apologeten eben dieser Schreibung. Dabei zählt sie zu den Anhängern der Mischformen, die sich dadurch auszeichnen, dass sie weder die alten noch die neuen und auch nicht die eigenen Regeln einhalten.
2. 2. 2004
Und wieder ist eine Debatte um die Rechtschreibreform entbrannt. Es ist die ungefähr 117. von allen und nicht die letzte. […] Nun also wird wieder ein bisschen zurückgerudert (zurück gerudert?). Wer fortan gutes Deutsch lernen, lehren und schreiben soll, kann einem angesichts der immer grösser werdenden Verwirrung leid tun (leidtun? Leid tun?).
2. 2004
Die Reformer haben in unseren Wortschatz eingegriffen. […] Wem die lebendige Sprache ein Anliegen ist, der muß sich gegen die Reform stellen.
Konnte sich früher ein schwächerer Schüler darauf verlassen, im Duden oder mit Hilfe seines Rechtschreibprogramms eine sinnvolle Trennstelle zu finden, so kann er heute entweder Atmo-sphäre oder auch – der Wortstruktur zuwiderlaufend – Atmos-phäre trennen – und damit sowohl regelkonform schreiben als auch seine Unkenntnis der Zusammenhänge demonstrieren.
«Atmos-phäre» gab es nur anfänglich bei wahrig und in den duden-zwischenauflagen 22 und 23. In kenntnis der zusammenhänge plädieren wir für «atmos-färe».
Sprachen sind genauso wie Märkte als spontane Ordnungen nicht das Ergebnis menschlichen Entwurfs, wohl aber menschlicher Handlungen. Der Sprachwissenschafter Rudi Keller nennt Sprache in Anlehnung an Hayek ein «Phänomen der dritten Art», das weder künstlich noch natürlich ist. […] Sprache ist somit eine kollektive Ordnung und ein evolutionäres System, das stetem Wandel unterliegt und organisch gewachsen ist. Ein Ziel kennen evolutionäre Prozesse jedoch nicht. Und gleiches gilt für die Rechtschreibung als Teil der Sprache.
Der denkfehler kommt im letzten satz zum ausdruck: die gleichsetzung von sprache und schreibung. 1. Die deutsche rechtschreibung ist nicht in jeder hinsicht teil der deutschen sprache. 2. Die rechtschreibung ist das ergebnis menschlichen entwurfs, und sie hat ein ziel: die buchstabenschrift.
Angesichts der Tatsache, daß wir offenbar wieder einmal nicht in der Lage sind, uns aus eigener Kraft von verderblichen, ideologisch gefärbten politischen Bestrebungen zu befreien, ist es tröstlich und erfreulich, aber auch wieder beschämend, daß wir inzwischen vor allem auf Widerstand gegen die «Missstand-Schreibung» aus dem Ausland hoffen müssen. Vielleicht werden also ausländische Autoren mit ihrem Protest gegen die «Rechtschreibreform» erreichen, was deutschen Schriftstellern bisher nicht gelungen ist.
Vielleicht kommt hilfe vom Mars.
Die im Druck- und Verlagswesen Tätigen – also die Hauptbetroffenen – wurden bei der Erarbeitung der Reform geflissentlich ferngehalten und alle ihre Warnungen in den Wind geschlagen. […] Sie müssen sich mit drei Schreibvarianten herumschlagen: mit der alten Orthographie (die viele Autoren weiterhin verlangen), der offiziellen neuen Duden-Schreibung sowie deren Variante gemäß dem Duden-Praxiswörterbuch […].
Und leider viel zu wenig mit einer vierten: substantivkleinschreibung.
31. 1. 2004
Es ist ein Skandal, dass diese Kommission immer noch im Amt ist und weiter im Geheimen an der deutschen Sprache herumfummelt, sagt der Deutschlehrer aus Weilheim. […] Kultusministeriumssprecher Thomas Höhenleitner sagte, die neuen Vorschläge setzten die bisherige Regelung nicht außer Kraft. Sie ließen vielmehr in einigen Zweifelsfällen weitere Varianten zu. Damit werde man dem diffizilen System der deutschen Sprache gerecht. Gleichzeitig betonte der Ministeriumssprecher, dass die bayerischen Schüler mit der Umstellung auf die neuen Regeln gut zurechtgekommen seien.
Die Nachricht, dass mit dem vierten Bericht der Kommission für die Reform der deutschen Rechtschreibung wiederum Änderungen an der deutschen Schriftsprache verbunden sein werden (siehe SZ vom 29. Januar), hat in der deutschen Öffentlichkeit großen Unwillen und Verärgerung ausgelöst.
30. 1. 2004
[…] zwölf Apostel, die bislang in Anbindung an die Kultusministerkonferenz eine Botschaft in die deutschsprachige Welt hinaustragen. Jetzt will sich die Kommission dieser Aufgabe völlig losgelöst von irgendwelchen lästigen Rückbindungen widmen können, Ergebnisse sollen nur noch alle fünf Jahre berichtet werden. Dieser absonderliche Plan […] führt den Gedanken der beratenden Kommissionsarbeit endgültig ad absurdum — und sorgt auf seiten derjenigen, die zuallererst mit der deutschen Sprache umgehen, für Bestürzung. Der Lyriker Reiner Kunze […] hat sich jetzt mit einem offenen Brief quasi auf die Barrikaden begeben. […] Die eminent politische Frage nach dem Umgang mit der Sprache wird nach Enzensbergers Beobachtung "hinter verschlossenen Türen abgehandelt — wie zu Metternichs Zeiten". […] Die Berliner Schriftstellerin Monika Maron fühlt sich durch die "Entscheidungsherrlichkeit" der Kommission gar an DDR-Zeiten erinnert […]. Siegfried Lenz, von Beginn an scharfer Gegner der Rechtschreibreform, quittiert die Angelegenheit mit einer gewissen Fassungslosigkeit.
Doch stets wenn die Kommission einen Zwischenbericht vorlegte, erhoben sich die Gegner mit dem Erlanger Linguisten Theodor Ickler an der Spitze und proklamierten den Untergang des Abendlandes. Jetzt kursiert eine Vorlage für eine unter Umständen entscheidende Sitzung am kommenden Donnerstag durch die Kultusministerien, und die Feuilletons der deutschen Großblätter wittern Verrat. Die "Süddeutsche" bezeichnet die Kommission gar als "obskuren Kader", der sich selbständig machen möchte, "als bräuchte dieses Land eine Sonderbehörde für Rechtschreibung mit nahezu geheimdienstlichen Kompetenzen".
Wenn in kommenden Jahrhunderten einmal ein Synonym für eine fatale Pattsituation gesucht wird, braucht man nur ein Wort seufzen: Rechtschreibreform.
29. 1. 2004
Die Kommission ist von der KMK damit betraut worden, auf die "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum" hinzuwirken. Diese Aufgabe zu erfüllen ist unmöglich, da die zu Beginn des 20. Jahrhunderts herbeigeführte Einheit der deutschen Orthographie durch die Reform zerstört wurde […]. Was das mangelhafte Regelwerk selbst betrifft, so glaubt die Kommission ihrem Auftrag zur "Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung" durch die Einführung immer neuer Schreibvarianten gerecht zu werden. […] Für die nähere Zukunft fordert die Kommission, weniger einschneidende Änderungen auch ohne vorherige Konsultierung der politischen Gremien beschließen und durchsetzen zu können. Da in der genannten Vorlage nicht definiert ist, welche möglichen Eingriffe "von grundsätzlicher Bedeutung und Tragweite" und damit weiterhin zustimmungspflichtig wären, würde ein entsprechender Beschluß der KMK die Kommission ermächtigen, eine Vielzahl bisher gescheiterter Vorschläge sukzessive einzuführen. Der Weg wäre grundsätzlich frei für "Ältern, Apoteke, Flopp" und "Pitza" […].
Durch die Amtsstuben der Kultusministerien wandert in diesen Tagen eine Entscheidungsvorlage. Sollte die Amtschefkommission Rechtschreibung sie auf ihrer Sitzung am 5. Februar billigen, so wird die deutsche Orthographie wieder einmal auf eine völlig neue Grundlage gestellt. Formell soll das Papier, das dieser Zeitung vorliegt, den vierten Bericht der Zwischenstaatlichen Kommission für deutsche Rechtschreibung absegnen ein Vorgang, der ärgerlich und lästig genug ist, weil er eine große Zahl neuerlicher Änderungen an der Schriftsprache zur Folge haben wird. Institutionell aber werden die Konsequenzen noch gravierender sein: stimmen die Amtschefs zu, dann wird in Zukunft allein die Kommission über Änderungen der Rechtschreibung entscheiden. Bislang benötigte sie dazu immer noch die Zustimmung der Kultus- und Bildungsminister.
28. 1. 2004
Sollte man in der Beurteilung dieses Wechselbalgs nicht einmal versuchen, nach strafrechtlichen Gesichtspunkten vorzugehen? Der Katalog der in Frage kommenden Tatbestände ist lang und schwerwiegend. Er reicht vom öffentlichen Ärgernis über groben Unfug (zum Beispiel Schlussstrophe, Stofffetzen), Körperverletzung am Sprachkörper der deutschen Sprache, Freiheitsberaubung (Zwang zur Getrenntschreibung), Verschwendung öffentlicher Mittel bis zur Kollektivbeleidigung aller Benutzer der deutschen Schriftsprache.
27. 1. 2004
Zähneknirschend nahm man es hin, dass im trüben Fahrwasser der Rechtschreibreform mit einem Mal "Helga's Hähncheneck" und "Rudi's Bierschwemme" höchste Ehren erhielten und offiziell sanktioniert wurden. Der von vielen gescholtene so genannte Deppen-Apostroph war über Nacht salonfähig geworden. Nun ja, vielleicht noch nicht salonfähig, aber zumindest imbissbudenfähig. […] "Was habt ihr denn? Ist doch richtig so! Steht sogar im Duden's!" Tatsächlich: dort […] heißt es in Übereinstimmung mit den neuen amtlichen Regeln: "Gelegentlich wird das Genitiv-s zur Verdeutlichung der Grundform des Namens auch durch einen Apostroph abgesetzt." Man beachte die Wortwahl: Gelegentlich. Das klingt wie: "Einige können es eben nicht lassen."
Schluss mit den Apostrophen-Katastrophen! Der "Zwiebelfisch" verrät, wo im Deutschen ein Apostroph gesetzt werden muss, wo man auf ihn verzichten kann und wo er schlichtweg "nicht's" zu suchen hat.
26. 1. 2004
"Deutschland ist Handballland" — korrekt nach der Rechtschreibreform formuliert, konnte Brand am Freitag schwarz auf weiß auf dem Fan-Transparent lesen[…].
Als zusätzliche Belastung der Lesefreundlichkeit erweist sich die Unterwerfung unter die Rechtschreibreform. Durch die neue Sprachbürokratie entsteht eine lächerliche Zweideutigkeit: Was ist bloß los mit euch verheirateten Männern, ihr gebt den allein Stehenden keine Chance. Entweder gebe man den allein Stehenden Stühle oder stelle sie zumindest etwas näher zueinander! […] Jedes literarische Werk muss vielmehr als Maßstab verstanden werden können und jeder Verlag eine feste Burg zu sein trachten gegen den Verfall des sprachlichen Ausdrucks, zu dessen Zeichen die Rechtschreibreform gehört, die unsere eigenen Literaten verdammen, der aber die fremdsprachigen unterworfen werden.
24. 1. 2004
Die nächste Rechtschreibreform wird das Werk des Lektors überflüssig machen. Mit dieser Prognose warb Karl-Heinz Zenker (FW) im Gemeinderat für einen Antrag des Arbeitskreises 175 Jahre Hallbergmoos: Die Entscheidung, für die Ortschronik einen Lektor zu bemühen, sollte aufgehoben werden.
23. 1. 2004
Die Pflege der deutschen Sprache im Ausland das ist die Aufgabe des Goethe-Instituts. Keine leichte Aufgabe, hat das Deutsche doch den Ruf, besonders unpraktisch zu sein. Die Rechtschreibreform hat daran wenig geändert.
22. 1. 2004
Im Deutschen werden Zahlen anders gesprochen, als sie geschrieben werden. Ein Bochumer Mathematiker will das ändern. Die Empörung war schon da, bevor der Vorschlag überhaupt ausgesprochen war […]. Paulwitz witterte Gefahr: "Es wäre für die deutsche Sprache nur schwer zu verkraften, nach dem Rechtschreibchaos jetzt auch noch ein solches Aussprachechaos zu schaffen!"
17. 1. 2004
Das bayerische Kultusministerium wirft den protestierenden Lehrern bezüglich des achtklassigen Gymnasiums (G 8) Desinformation vor. Leider ist es umgekehrt. Ich erinnere an die Einführung der Rechtschreibreform. Da machte das Ministerium der Öffentlichkeit weis — und viele haben es geglaubt —, die Rechtschreibfehler der Schüler würden nach Einführung der Reform um 50 Prozent zurückgehen. Das war Propaganda.
16. 1. 2004
Der Schriftsteller Reiner Kunze ist in diesem Jahr einer der beiden Preisträger der Schweizer "Stiftung für Abendländische Besinnung". […] Kunze wird nach Angaben der Stiftung "für seinen Einsatz gegen die Unvernunft der Eingriffe in Sprache und Rechtschreibung" ausgezeichnet und für seine "ebenso wertvollen wie notwendigen Bemühungen im Umgang mit unserer Sprache und ihrer Schreibweise".
Jedenfalls meldete Oybin gestern „keine Wintersportmöglichkeiten bei 20 cm Nassschnee“. Dank der Rechtschreibreform übrigens wieder ein tolles Wort mit drei s: Nassschnee!
7. 1. 2004
Weitere knapp hundert Jahre später wird Dudens Werk immer lauter nachgetrauert. Der umstrittenen Reform der Rechtschreibung hat sich unlängst auch die Zeitschrift «Schweizer Monatshefte» gewidmet. Sie argumentiert unter der Regie des St. Galler Reformgegners Stefan Stirnemann durchwegs reformkritisch.
3. 1. 2004
Niemand, der mit der deutschen Sprache zu tun hat, kommt am Duden vorbei. Pünktlich zum 175. Geburtstag seines Namensgebers, Konrad Duden, am 3. Januar 2004 flammt eine alte Debatte wieder auf: Wie schreibt man richtig? […] Und wie zu Dudens Zeiten wird heftig gestritten über die Sprache - insbesondere seit der Einführung der Rechtschreibreform 1998. "Kein schöneres Geburtstagsgeschenk könnten wir Konrad Duden machen, als das Rechtschreibchaos wieder zu beenden", erklärte der Schriftleiter der Zeitung "Deutsche Sprachwelt", Thomas Paulwitz.
Die Universität "La Sapienza", das Istituto Italiano di Studi Germanici und die Casa di Goethe veranstalten am 6. und 7. Februar gemeinsam einen Kongreß, bei dem es auch um den vermeintlichen Verfall der deutschen Sprache und die inkriminierte Rechtschreibreform gehen soll.
1. 2004
Wie Konrad Duden zu einer heutigen Rechtschreibreform stünde, kann man nicht sagen. Gewiß ist allerdings, daß sich der „Vater der deutschen Einheitsschreibung“ mit den derzeit als Folge der „Reform“ zahlreich vorhandenen Hausorthographien nicht anfreunden könnte.
Abgesehen davon, dass man wirklich nicht sagen kann, wie 175-jährige zum heute üblichen stehen, gibt und gab es hausortografien nicht nur wegen der reform.
Wie die erste Vorsitzende des Sprachvereins „Lebendige deutsche Sprache e.V.", Claudia Ludwig, durch unfassende Nachforschungen herausfand, sind die Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung für die Kinder nicht zu erlernen. […] Und so müssen die Lehrer nun schlüssig erklären, warum „Kuss, Schluss, groß" und „Straße" den Regeln folgen, „was, bis, plus, Los, Mus“ oder „Preis“ aber nicht. Das können die Lehrer nicht, und deshalb können die Kinder nicht mehr richtig schreiben lernen, wie sehr sie sich auch anstrengen mögen. So steht immer häufiger in den Heften: wass, biss, Zeugniss … […] „Jeder, der einen intensiveren Blick in das Regelwerk der neuen deutschen Rechtschreibung geworfen hat, ist entsetzt zur alten Rechtschreibung zurückgekehrt." Nur den Kindern lasse man keine Wahl. Die müßten sich jetzt mit dem völlig unverständlichen, chaotischen und nicht lernbaren Machwerk der Reformer herumplagen.
Und wie haben die lehrer früher erklärt, warum „was, bis, plus, Los, Mus“ oder „Preis“ der regel nicht folgten, dass man also nicht „waß, biß, pluß, Loß, Muß“ oder „Preiß“ (und „Zeugniß“) schrieb? An der erklärung hat sich nichts geändert!