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Technisch gesehen sind wir heute in der Lage, einen Menschheitstraum zu erfüllen: Wir könnten jedem Menschen alles, was er/sie zu einem menschenwürdigen Leben braucht, zur Verfügung stellen. Das Problem ist die die gerechte Verteilung des Geldes und damit des Zugangs zu den Ressourcen dieser Welt. Eine der Ursachen der ungleichen Verteilung ist das Zinssystem.
VON
DEN FETTEN, DIE FETTER WERDEN UND VOM GELD, DAS ROSTET
Das Geld, mit dem wir täglich umgehen, hat zwei Eigenschaften: Zum einen fungiert es als Tauschmittel. Dadurch ermöglicht es eine funktionierende Arbeitsteilung, welche die Grundlage jeder Zivilisation ist. Zum anderen ist es aber auch hortbar. In der Form des nicht investierten Wertaufbewahrungsmittels behindert es den Austausch von Waren. Um die Zirkulation des Geldes sicherzustellen, bietet unser Geldsystem eine Belohnung für das Ausleihen von Kapital: Den Zins. Die Zinsen werden jedoch nicht nur von den Kreditnehmern gezahlt, sondern von der gesamten Wirtschaft bzw. dem letzten Glied im Produktzyklus – den KonsumentInnen. Der Preis für jedes Produkt ist abhängig von den Kosten der Produktion und da sind die Zinskosten für Kredite eingeschlossen. Der Anteil der Zinskosten am Preis variiert von Produkt zu Produkt, durchschnittlich sind es 30–40%. Das heisst, dass wir alle mit unserem täglichen Konsum Zinsen zahlen.
Das
Problem ist nun, dass nur die reichsten 20% der Bevölkerung, die
ihr Geld für sich «arbeiten» lassen können, vom
Zinssystem profitieren. Für den Rest ist der Zinsanteil, den sie
durch den Konsum bezahlen, grösser als die Zinsen, die sie für
ihre Spareinlagen und andere Vermögenswerte erhalten. Das
heisst, das Zinssystem bewirkt eine massive Umverteilung des Geldes.
In Deutschland waren es 2002 ca. 1 Milliarde Euro täglich, die
vom Grossteil der Bevölkerung zu den reichsten 10% flossen. Seit
1916 liegt eine Lösung auf dem Tisch, die nicht nur verblüffend
einfach und elegant, sondern auch praktikabel und leicht verständlich
ist: Die «Natürliche Wirtschaftsordnung» des
deutsch-argentinischen Kaufmanns Silvio Gesell. Statt Zinsen zu
zahlen, schlägt Gesell vor, eine «Nutzungsgebühr»
für Geld, welches man in der Tasche oder auf dem Girokonto hat,
zu erheben. Damit verliert Geld, welches nicht weitergegeben wird, an
Wert. Hat man mehr Geld als man braucht, bringt man es zur Bank, die
es verleiht und somit wieder in Umlauf bringt. Dadurch entfällt
die Nutzungsgebühr. Es ändert sich an den heutigen
Gepflogenheiten kaum etwas. Der Anreiz zum Sparen bleibt bestehen.
Denn während auf dem Girokonto das Geld wie Bargeld behandelt
wird und der Gebühr unterliegt, wird das Geld auf dem Sparkonto
nicht belastet. Es behält seinen Wert. KreditnehmerInnen müssen
einzig die Arbeit der Bank und eine Risikoprämie bezahlen,
beides Gebühren, die auch heute in jedem Kredit als kleiner
Anteil enthalten sind. Sie betragen meist nicht mehr als 2,5% der
Zinskosten. Im heutigen System wird man dafür belohnt, Geld zu
verleihen, das man nicht braucht. Im neuen System wird man durch die
Nutzungsgebühr bestraft, wenn man nicht gebrauchtes Geld dem
Umlauf entzieht. Eigentlich gleich wie heute, denn wer sein Geld
nicht ausleiht, dem entgeht der Zins. Der grosse Unterschied ist,
dass bei einem zinslosen Währungssystem die Umverteilung von
«arm zu reich» entfällt.
JEDER REGION IHRE WÄHRUNG
Wie könnten wir nun in einer sinnvollen Grössenordnung ein dauerhaftes, stabiles und umlaufgesichertes Geldsystem praktisch einführen und erproben?
Tauschringe auf lokaler Ebene sind zu klein, um einen stabilen und attraktiven Markt zu schaffen. Auf der nationalen Ebene ist die politische Umsetzbarkeit
im Augenblick nicht gegeben. Es bleibt die regionale Ebene. Eine komplementäre Regionalwährung erlaubt, die in der Region produzierten Güter und Dienstleistungen als solche zu erkennen, sie bevorzugt einzukaufen und damit gezielt zu fördern.
Im Gegensatz zum Euro:
→
ist
eine Regionalwährung kein «offizielles»
Zahlungsmittel, d.h. die Annahme erfolgt
freiwillig.
→ kann die Regionalwährung nur geografisch begrenzt eingesetzt werden d.h., man kann mit ihr nicht auf den internationalen Finanzmärkten spekulieren.
→ trägt sie in jeder Region eine jeweils eigene Bezeichnung.
→ verursacht sie beim Umtausch in andere Regionalwährungen oder in die Landeswährung eine Umtauschgebühr.
→ lassen sich mit ihr keine Zinsen verdienen.
In der Region werden KonsumentInnen bestrebt sein, dieses regionale Zahlungsmittel zu benutzen, bevor sie ihre Euros ausgeben. Und genau das ist beabsichtigt, denn dadurch wird es attraktiv, Produkte und Dienstleistungen aus der Region zu beziehen. Die regionale Wirtschaft wird gefördert und Transportwege werden reduziert. Der Euro eignet sich für den nationalen und internationalen Austausch. Die Regionalwährung hingegen eignet sich als Tauschmittel für eine bewusste Förderung sozialer, kultureller und ökologischer Ziele. Sie unterstützt einen ethischen Umgang mit endlichen Ressourcen in einem überschaubaren Bereich, zu dem Menschen eine persönliche Beziehung haben.
DIE
REGIONEN STABILISIEREN
Die
Vision vom «Europa der Regionen» hat für viele
Menschen eine grosse Faszination. Anstatt die Globalisierung mit all
ihren positiven und negativen Folgen – sozusagen im Gesamtpaket –
zu akzeptieren, sehen viele in der Region die Möglichkeit,
direkte Veränderungen zu bewirken, die ihnen selbst zugute
kommen. Denn viele erleben die Globalisierung nicht nur als Verlust
eigener Handlungsspielräume, sondern auch als die Machtlosigkeit
der Politik, sich von den Standortentscheidungen einiger
Grossunternehmen und von der Instabilität des internationalen
Finanzsystems unabhängig zu machen. Das gegenwärtige
Geldsystem wirkt wie eine Pumpe, die das Kapital aus den Regionen, in
denen es verdient wird, absaugt und in Regionen pumpt, in denen es
die höchste Rendite erzielt, zur Zeit ist dies China, wo 40% des
weltweit anlagesuchenden Kapitals investiert wird. Nur wenn es
gelingt, den Kreislauf des Geldes wieder zu verkürzen, können
die einzelnen Regionen langfristig zu wirtschaftlicher Stabilität
finden.
Literatur :
-
Margrit Kennedy: Geld ohne Zinsen und Inflation, Goldmann
Verlag, München 1991
- Margrit Kennedy und Bernard Lietaer: Regionalwährungen – Ein neuer Weg zu nachhaltigem Wohlstand, Riemann Verlag, München 2004
- Helmut Creutz: Das Geldsysdrom, Wirtschaftsverlag Langen Müller /Herbig, München 1993 (3.Auflage 2001)
Prof. Dr. Margrit Kennedy arbeitete für verschiedene Forschungsprojekte der OECD und UNESCO in 15 Ländern Europas sowie in Nord- und Südamerika. Sie war Professorin für technischen Ausbau und ressourcensparendes Bauen an der Universität Hannover und baut derzeit zusammen mit einer Gruppe engagierter InitiatorInnen und UnterstützerInnen ein Netzwerk für die praktische Umsetzung von Regionalwährungen auf.