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Sonntagsstory Gefangen im «ewigen» Eis, Pioniere der Arktisforschung
- Samstag, 11. März 2017, 16:00 Uhr
Mit dem Ziel einen Seeweg durch das Eismeer zu finden, Neuland zu kartographieren, sowie die Natur und das Wetter der Polarregion zu erforschen, machte sich 1872 eine österreich-ungarische Polarexpedition auf den Weg. Keiner ahnte, dass ihr Forschungsschiff für immer im Eis festsitzen würde.
Ein gut geplantes Vorhaben
Es gründete auf der Theorie (Petermann), dass warmes Wasser des Golfstromes auch im Winter eine befahrbare Rinne zwischen Spitzbergen und Nowaja Semlja offen halten könnte. Man müsse nur den Treibeisgürtel überwinden und könne dann in offenem Wasser zum Nordpol segeln.
Training
Nach einer Vorexpedition auf der «Isbjörn», die 1871 systematisch Eis- und Witterungsverhältnisse der nördlichen Teile der Barentssee untersuchte, folgte während der Jahre 1872-1874 die Hauptexpedition.
Expeditonsstart
Am 13. Juni 1872 verliess das Forschungsschiff «Tegetthoff» Bremerhaven mit dem Hauptziel, die nördliche Seeroute über das Nordkap nach Asien und zur Beringstrasse zu finden.
Der 32 Meter lange Dreimastschoner war mit einem 100 PS starken Schiffsmotor ausgerüstet, 130 Tonnen Kohle wurden für den Betrieb der Dampfmaschine gebunkert und Verpflegung für 2 1/2 bis 3 Jahre an Bord verstaut.
Unter dem Kommando von Kapitän Carl Weyprecht und Expeditionsleiter Julius von Payer nahmen 24 Seeleute aus Istrien, Dalmatien, Italien, Ungarn, Böhmen und Südtirol die Strapazen dieser Expedition auf sich.
Umschlossen von Eis
Nach zunächst problemloser Reise wurde das artktische Eis 512 Tage lang zum Gefängnis.
Im Polarwinter 1872 sass die Expedition zunächst im Packeis fest. Im teils wieder offenen Polarmeer, im Sommer 1973, schob sich eine riesige Eisscholle unter das Schiff. Mit ihr trieb die Tegetthoff nördlich von Nowaja Semlja bis auf 79° 51'. Ende August steckten sie dann endgültig im Eis fest. Der Mannschaft stand eine weitere Überwinterung bei Temperaturen um minus 50 Grad bevor.
Neues Land
Das Unbekannte lockt und immer wieder sorgt der Zufall für neue Erkenntnisse.
Am 30. August erblickten sie von ihrem steuerlos dahintreibenden Schiff «ein strahlendes Alpenland», sie tauften es «Franz-Joseph-Land».
Diese Inselgruppe (Rönnebeck-Land) kannten damals nur ein paar norwegischen Fischer. Die gefährlichen, offenen Stellen im Packeis liessen jedoch im gleichen Jahr keinen Landgang zu.
Ein Fotograf war nicht an Bord, Julius Payer nutzte die Zeit und fertigte Skizzen an, mit denen er später in Gemälden die Schönheit und den Schrecken der Kälte vermittelte. Schiffskommandant Weyprecht machte in dieser Zeit meteorologische und erdmagnetische Beobachtungen, dokumentierte Polarlichter und untersuchte die Eisbeschaffenheit.
Was schreckt uns Eis und Finsternis?
Nach der Überwinterung entschloss sich Julius Payer mit Schlitten das Eis zu überqueren und das Land zu kartographieren. Nach drei anstrengenden Gewaltsmärschen erreichte der Trupp am 12. April 1874 den nördlichsten Punkt der Inselgruppe. Auf der Meridianhöhe von 82 Grad 5 Minuten wurde die österreichisch-ungarische Flagge gehisst. So weit in den Norden ist zuvor noch nie ein Mensch gekommen. Die Sowjetunion errichtete 60 Jahre später an dieser Stelle, im «Kronprinz-Rudolf-Land», eine Forschungsstation.
Der Rückzug
Nach der Rückkehr der Expedition war klar: auch im nächsten Sommer bestünden kaum Chancen, das Schiff vom Eis frei zu bekommen. Einen weiteren Winter würde keiner mehr überleben.
Ausrüstung, Proviant sowie die dokumentierten Messergebnisse und Karten wurden in die Beiboote gepackt. In diesen wollten sie nach Erreichen der Eisgrenze über das offene Polarmeer zurücksegeln. Am 20. Mai 1874 verliessen sie das eingeschlossene Schiff.
Das Ziehen der Boote über das aufgetürmte und oft aufgebrochene Eis erforderte unmenschliche Anstrengungen. Zwei Monate kämpften sie sich durch die lebensfeindliche Umgebung, da sahen sie am Horizont plötzlich wieder die Tegetthoff. Das nordwärts driftende Eis hatte sie wieder in die Nähe des festsitzenden Dreimasters zurückbefördert.
Niemals umkehren
Man kann sich vorstellen, was dies für Auswirkungen auf die Moral und den Überlebenswillen der Entdecker hatte. Kapitän Weyprecht bekniete die Männer, nicht zum Schiff zurückzukehren, sondern den Marsch in Richtung Süden, zum offenen Meer, fortzusetzen. Julius Payer hat diese dramatische Situation in einem Ölgemälde festgehalten. Im August 1874, nach einem 87 Tage langen Gewaltsmarsch über das arktische Eis, erreichten sie offenes Wasser. Vor der sibirischen Küste wurden sie dann von russischen Fischern gerettet.
Die Erkenntisse und Resultate dieser Forschungsreise, neu gewonnene meteorologische und astronomische Aufschlüsse, mehr Wissen um den Erdmagnetismus sowie die Beobachtung des Nordlichtphänomens wurden entscheidende Anstösse für die Polarforschung (Internationales Polarjahr).
Quellen und Links:
C. Ransmayer. Die Schrecken des Eises und der Finsternis ISBN 3829113897
3sat: Die Eisfalle