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| Adolf von Harnack, Vorrede. In: Ein jüdisch-christliches Psalmbuch aus dem ersten Jahrhundert, aus dem syrischen übersetzt von J. Flemming, herausgegeben von Adolf von Harnack (TU 35/4), Leipzig 1910.

Vorrede
Vorrede.
[S. 3] Wenn diese Oden Salomos schon bekannt gewesen wären, als jüngst wieder einmal ein unberufener Dilettant die Christenheit mit der Behauptung beunruhigte, Jesus habe überhaupt nicht gelebt, so wären sie gewiß in die Debatte gezogen worden. Nimmt man sie in der Gestalt, in der sie uns vorliegen, als eine einheitliche und originale Sammlung, so läßt sich mit vielem Scheine zeigen, daß der verdiente Entdecker und Herausgeber im Unrecht ist, wenn er diese Gesänge als christlich (judenchristlich) bezeichnet hat, daß sie vielmehr jüdisch und vorchristlich sein müssen. In dem Momente aber ist „der vorchristliche Jesus“ gegeben; denn die Oden nehmen in der Tat soviel Christliches vorweg, daß die Geschichtlichkeit Jesu im höchsten Maße bedroht erscheint.
In Wahrheit aber führt sowohl die Entscheidung, diese Oden seien jüdisch, als auch die andere, sie seien christlich, zu so großen Schwierigkeiten, daß sie beide unhaltbar sind. Ich habe es auf den verschiedensten Wegen und mit Hilfe verschiedener Hypothesen lange versucht, die Einheitlichkeit der Oden zu retten, einen gnostisch-judenchristlichen Mystiker als Verfasser anzunehmen und von hier aus den complexen Charakter der Oden verständlich zu machen; aber alle diese Bemühungen sind fehlgeschlagen. So habe ich mich zu der Hypothese entschließen müssen, diese Oden seien wie die Testamente der zwölf Patriarchen ein jüdisches Werk, ein Psalmbuch aus dem Zeitalter Jesu, welches von der christlichen Gemeinde in Palästina übernommen und durchgreifend bearbeitet worden ist (schon etwa um das Jahr 100). Harris hat diese Annahme gar nicht in Rechnung gezogen; aber er hat sie insofern vorbereitet, als er die [S. 4] Möglichkeit, die Sammlung umfasse auch jüdische Oden, ausdrücklich offen gelassen hat. Daß ich mich nicht leicht zu einer Interpolationshypothese entschließe, wissen die Fachgenossen. In diesem Falle sah ich mich durch den Tatbestand zu ihr gezwungen und bin ihrer sicher geworden: nur auf diesem Wege läßt sich das geschichtliche Problem, welches diese Oden stellen, lösen. Sieht man von ihm ab, so ist die Annahme unvermeidlich (und sie würde auch von den Testamenten der zwölf Patriarchen, als einheitliche Schrift betrachtet, gelten), daß diese Oden eine beabsichtigte Confusion und eine formelle Mystification darstellen! Aber daran kann nicht gedacht werden!
Die meisten Ausscheidungen des Christlichen — so evident ist freilich keine wie Testam. Benjam. 11 — ergeben sich ohne Schwierigkeit; denn es zeigt sich schnell, daß die christlichen Sätze in vielen Fällen geradezu störend sind. Aber ich bin doch weit von dem Glauben entfernt und möchte das hier ausdrücklich ausgesprochen haben, als sei die Untersuchung bereits entgültig zu Ende geführt, vielmehr zweifle ich nicht, daß nicht Weniges noch zu verbessern ist, weil zwei Augen hier nicht genügen. Ich bin in Bezug auf die Lösung des Rätsels, wie ich hoffen darf, auf dem richtigen Wege, aber vollständig gelöst ist es noch nicht. Einige meiner Ausscheidungen sind mir selbst nicht recht sicher; an anderen Stellen mag ich über Schwierigkeiten hinweggelesen haben. Das Ergebnis kann aber schon deshalb kein völlig befriedigendes sein, weil die Zahl der Stellen nicht gering ist, die ich überhaupt nicht verstanden habe. Der Grund liegt m. E. nicht an der syrischen Übersetzung, die ich für vortrefflich halte, sondern schon an ihrer Vorlage. Manche Oden können in dieser nicht als originale Conceptionen vorgelegen haben, sondern waren vielleicht schon Compilationen, bevor die Christen sie interpolierten. Dies gilt besonders von der 41. und 42. Ode, aber auch von ein paar anderen. Auch Lücken und Auslassungen finden sich, die schwerlich erst der Übersetzer oder seine Abschreiber verschuldet haben.
Die Feststellung der Tatsache, daß wir in den Oden ein jüdisches Psalmbuch etwa aus dem Anfang unserer [S. 5] Zeitrechnung und in nicht viel späterer christlicher Bearbeitung erhalten haben, genügt, um die außerordentliche Bedeutung des neuen Fundes ans Licht zu stellen. Dem glücklichen Entdecker gebührt aber auch als Herausgeber der wärmste Dank! Seit der Entdeckung der „Apostellehre“ vor bald dreißig Jahren haben wir nichts gleich Wertvolles erhalten — die Bedeutung des Fundes der Fragmente des Petrus-Evangeliums und der Petrus-Apokalypse muß hier zurücktreten — , und in mancher Beziehung ist der neue Fund sogar noch wichtiger als jener urchristliche Katechismus; denn wie er in neuer Weise die Originalität und Einzigartigkeit der Verkündigung Jesu sichert, so ist er für die höhere Kritik des Johannesevangeliums epochemachend, weil diese jüdischen Oden (nicht erst die christliche Bearbeitung) bereits alle wesentlichen Stücke der johanneischen Theologie samt ihrer religiösen Klangfarbe enthalten. Die Tat des „Johannes“, sie mit Jesus Christus zu verknüpfen und sie zu noch größerer Erhabenheit und Werbekraft zu bringen, bleibt gewaltig genug; aber sie erschöpft sich auch ganz wesentlich hierin.
Daß diese Oden, die in der christlichen Bearbeitung außerordentlich anziehend sein mußten und den tiefsten Stimmungen der Christenheit entgegenkamen, doch eine so schmale Überlieferungsgeschichte haben und so frühe in das Dunkel zurückgetreten sind, erscheint höchst auffallend; allein das Rätsel löst sich, sobald man die Christologie der Gesänge näher ins Auge faßt: durch die christliche Bearbeitung ist an mehreren Stellen der jüdische Dichter mit seinem „Ich“ zu Jesus Christus geworden, und daraus sind Seltsamkeiten, ja schwere Anstöße entstanden, die nur ganz naive Menschen zu übersehen vermochten. Wer genauer zusah, dem mußten diese Anstöße unerträglich erscheinen, auch wenn er eine solche Ausführung, wie man sie im Anfang der 19. Ode liest, sich gefallen ließ. So erklärt es sich, daß eine Liedersammlung schon frühe bei Seite geschoben wurde und bald fast ganz aus der Kirche verschwand, die ein selbständiges und einzigartiges Dokument des Urchristentums und seiner bedeutendsten Vorstufen ist. Die fünf Stücke, die [S. 6] uns bisher allein (aus der Pistis Sophia) bekannt waren und die ich vor 19 Jahren (Texte u. Unters. Bd. 7, Heft 2) untersucht habe, waren eine zu schmale Grundlage, um eine haltbare Vorstellung von dem Charakter und der Bedeutung der ganzen Sammlung zu gewinnen. Doch darf ich mich dessen freuen, daß ich mich an einigen wichtigen Punkten bei ihrer Kritik nicht geirrt habe.
Mein Kollege an der Königlichen Bibliothek, Herr Direktor Flemming hat die Güte gehabt, den syrischen Text durchzuprüfen und ins Deutsche zu übertragen, da meine einst erworbenen syrischen Kenntnisse für eine solche Aufgabe nicht ausreichen. Den syrischen Text abzudrucken haben wir unterlassen, um der Editio princeps die Unentbehrlichkeit zu sichern.
Berlin, den 25. März 1910.
A. Harnack.