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GG 330
Claudii Galeni Pergameni Opera, iam recens versa... Basel: Andreas Cratander März 1531. Fol.
Cratander fährt in seinem Plan, sämtliche Werke Galens in lateinischer Übersetzung zu drucken, fort. Wieder vereinigt er mehrere Erstdrucke zu einem Band: die beiden Hauptschriften unseres Druckes, diejenigen über die Wirkkraft der einfachen Heilmittel in der Übersetzung des offenbar jüngstverstorbenen Dirk Gerard von Gouda, von seinem Freund Johannes Sturm postum herausgegeben mit Widmung an den Bischof von Noyon Jean de Hangest, und die über die Wirkkraft der Nahrungsmittel in der Übersetzung des von Erasmus geschätzten jungen Arztes Joachim Martens aus Gent (seit 1528 in Paris), die zusammen allein 152 der 172 Blatt des Druckes füllen, waren 1530 einzeln bei Simon de Colines in Paris erschienen, die elf Bücher De simplicium medicamentorum facultatibus mit der auch hier wiederabgedruckten Widmung Johannes Sturms (im Pariser Erstdruck datiert von Paris, 1. September 1530, bei Cratander ohne Datum), die zweite Schrift Jacopo Sadoleto gewidmet. Der kürzere Kommentar Galens zum Nahrungstraktat des Hippokrates oder Polybos (wie Galen meint) in der Übersetzung des Guinterius war schon 1528 in einem Sammeldruck bei Chrestien Wechel erschienen. Erstdruck in unserer Ausgabe sind hingegen immerhin - abgesehen vom Nutzen der Sammlung disparater Einzelschriften - die sechs kleinen Schriften am Schluss des Bandes (Bl.159-172 inkl. Widmungen), die der Frankfurter Student der Rechte Johannes Fichard für Cratander übersetzt und in Basel am 10. und 13. Dezember 1530 dem Leibarzt des Pfalzgrafen Ludwig, Johannes Loczer, als seinem Herrn, bzw. dessen Sohn, seinem Studienfrend, gewidmet hat. Da die Widmung Sturms von allgemeinerem übersetzungsgeschichtlichem Interesse ist und seine Gedanken auch Cratander nahegestanden haben dürften, sei hier auch die Pariser Widmung des späteren grossen Pädagogen, Reformers des Strassburger Schulwesens und Rektors des durch ihn dann berühmten Gymnasiums zusammengefasst (Schleiden in der Eifel 1507 - Strassburg 1589), der, nach Schulzeit in Lüttich und Studien in Löwen, dort eine humanistische Druckerei mitgegründet hatte und für diese 1529 nach Paris übergesiedelt war. Hier hatte er auf einen lateinischen Druck des Gesamtwerks Galens hin begonnen, medizinische Vorlesungen am Collège Royal zu besuchen, und hat auch bald als Dozent dort gelehrt. Als seine Bemühungen um eine kirchliche Reformation in Frankreich aussichtslos wurden, nahm er Ende 1536 den Ruf Martin Bucers nach Strassburg an. Oft habe er den Fleiss derer bewundert, die die Studien trotz dieser Zeit allgemeiner Verzweiflung fast an den alten Ort zurückgebracht hätten, beginnt er seine Widmung. Sie hätten einen steten und schwierigen Krieg gegen eine Masse von Barbaren zu führen gehabt. Schliesslich habe Gott der besseren Seite geholfen und die Schäden der Vergangenheit durch das Gedeihen der Gegenwart wiedergutgemacht. Ein Teil der Kämpfer geniesse schon das Gastrecht des Himmels, die andern erwarteten es. Die Truppen der Barbaren seien genügend geschwächt und der Ausgang zeige den unumgänglichen Nutzen der Künste und Sprachen. Seine Zeit scheine ihm den Studien eine echte Beredsamkeit, angenehme Ruhe und höchste Klugheit zu bescheren. Grosse Hilfe komme von der Menge Bücher, die der Buchdruck zur Verfügung stelle, sowie von den bewundernswert gelehrten Geistern. Doch nichts sei beständig. Die Studien gerieten in Gefahr, da viele aus Ehrsucht und Habsucht Dummes schrieben. Sie machten die Gelehrsamkeit lächerlich. Und durch die Fehler Weniger erlösche die Liebe zu ihr in den Andern. Ohne Ehr- und Habsucht erschienen bessere Werke, wären die Fürsten gewogener. Höchst klug habe der König von Frankreich (Franz I.) vorgesorgt, dessen Hof schon voller Gelehrter sei und der die Wissenschaften habe hoffen lassen: einst durch das Versprechen eines Gebäudes für Künste und Wissenschaften, jetzt durch die Wahl und Berufung bester Gelehrter in dieses, damit kein Zweifel bleibe (Collège Royal, gegründet 1530). Christus möge ihn ihnen lange erhalten: er habe der Welt Frieden gebracht, seinem Reich werde er Ruhe und Gedeihen bringen, die übrigen Völker unterstützen, ein Beispiel allen Fürsten. Er, der Bischof, der die Studien fördere, werde gern solches hören. - Nach einem Lobpreis seines Ruhmes, den er bei allen Gelehrten geniesse, kommt Sturm auf den Übersetzer des Werkes zu sprechen, das unter dem Patronat des Bischofs ausgehen solle: Theodoricus Gerardus, den leider der Tod zu früh von seiner Arbeit hinweg dahingerafft habe. Er habe allerdings nicht für eine Publikation übersetzt, sondern für seine eigenen Arbeiten, nach der Gewohnheit, bei der Lektüre eines wertvollen griechischen Autors das Werk zugleich ins Lateinische zu übersetzen, in der richtigen Meinung, dass man nicht gründlich genug lese, was man nicht verstehe, und nicht verstehe, was man nicht zu übersetzen vermöge. Dies sollten die studiosi nachahmen; sie würden umsichtiger und es würden weniger schlechte Bücher erscheinen. Er habe noch viele andere Schriften Galens übersetzt, die er vor seinem Tod seinen Freunden anvertraut habe, die zuvor noch nicht oder unzuverlässig, barbarisch übersetzt gewesen seien. Obwohl er somit in der Herstellung des Werkes des verstorbenen Freundes so viel getan habe, wie man bei einem unvollendeten und im Text wegen anderweitiger Beschäftigungen springenden Werk dürfe, so sei doch sein Plan gewesen, die Arbeiten des gewissenhaften Mannes nicht untergehen zu lassen, und dafür zu sorgen, dass nichts dem öffentlichen Nutzen vorenthalten werde. Es sei mit vorzüglicher Werktreue und lateinisch übersetzt, was bisher nur barbarischst greifbar gewesen sei. Und notwendig seien diese Übersetzungen für seine Zeit, da manche erst in höherem Alter sich der griechischen Sprache zuwendeten, andere sich erfolglos mit ihr abmühten und diese Hilfe brauchten. Die alten Übersetzer seien insofern zu empfehlen, dass sie Handschriften als Vorlagen gehabt hätten und vieles in gutem Zustand, was jetzt durch die Unerfahrenheit und Gleichgültigkeit der Drucker verderbt sei, so dass man auch aus ihnen das Werk eines Autors ergänzen könne (d.h. daraus auch korrupten Originaltext ergänzen oder verbessern könne). Wenn diese Gründe nicht wären, würde er es vorziehen, dass sämtliche Übersetzungen zugrundegingen und für die Ungebildeten keine Gelegenheit bliebe, das Beste gering zu achten, die ständig das Studium des Griechischen für überflüssig erklärten, da sie alles auf lateinisch zur Verfügung hätten. Doch solche läppischen Urteile möge man fahren und nicht den Nutzen der Guten unterbrechen lassen; jeder möge sich bemühen, auf seine Weise der Menschheit zu nützen. Johannes Fichard (1512-1581), der Sohn eines Frankfurter Gerichtsschreibers und spätere Syndikus seiner Vaterstadt (ab 1533), einer der bedeutendsten Juristen und Diplomaten seiner Zeit, hatte nach seiner Schulzeit unter Jacob Micyllus 1528 im benachbarten Heidelberg das Rechtsstudium begonnen und war im April 1530 nach Freiburg gekommen, um dort unter Ulrich Zasius weiterzustudieren. Im Herbst 1530 hat ihn die Pest nach Basel vertrieben. Um hier etwas Geld zu verdienen, übersetzte er für Cratander, bei dem er wohnte, diese Schriften, unter denen die beiden autobibliographischen von bedeutenderem Gewicht sind. Im März 1531 weilt er wieder in Freiburg, wo er im November dieses Jahres in den Rechten promoviert. Vieles habe ihn abgehalten, diese Übersetzung herauszugeben, beginnt er die Widmung, seine unerprobte Jugendlichkeit, die Kritisiersucht der Zeit. Auch sei er nicht auf Ruhm aus. Als jedoch der zur Förderung aller Studien wie geborene Cratander (zu dem er hierher vor der Pest geflüchtet sei), nachdem ja er ihn zu dieser Arbeit veranlasst und ihm die nötigen Bücher verschafft habe, ihn darum gebeten habe, habe er es ihm nicht undankbar abschlagen können. So erschienen sie nun und trügen nicht wenig zur Galenlektüre bei. Nirgends könne man so gut Zweck, Entstehungsgeschichte oder Echtheitsfragen behandelt finden, wie in seinen beiden Schriften über die eigenen Bücher und über die Anordnung der Bücher. Und nirgends sonst lerne man seine Lehre wie die Verluste allein bei diesem Autor besser kennen (es lägen denn noch Bücher bei Neidern verborgen). Man müsse feststellen, dass nicht einmal die Hälfte seiner Werke erhalten sei. Worauf Fichard die einzelnen Werkgruppen und -zahlen aufführt. Von etwa 500 Büchern seien etwa 220 erhalten, diese zudem fehler- und lückenhaft. Galen scheine von Natur ein Vielschreiber gewesen zu sein. So nützlich seine Schrift über die eigenen Bücher sei, noch unvergleichlicher wäre es, wenn sie etwas vollständiger wäre. Man erfahre auch, nach welcher Methode man seine Schriften lesen könne und was ihre Inhalte seien. Wegen ihrer Fehlerhaftigkeit brauche der Übersetzer allerdings einen Delischen Schwimmer. Der sei ihm im scharfsinnigen und gelehrten Simon Grynaeus mit Rat beim Übersetzen zu Hilfe gekommen. Das meiste könne zwar wohl leicht aus gewissenhafter Lektüre wiederhergestellt werden. Doch dazu habe er weder Zeit noch Auftrag gehabt. Immerhin könne man aus der Schrift die fehlenden Werke erschliessen. Er habe die Schriften getreu übersetzt, so dass sie wenigstens beim Vorhaben einer besseren Übersetzung helfen könnten. Er widme sie ihm wegen seiner ärztlichen Fähigkeiten und besonders für seine Verdienste um ihn im vorletzten Jahr bei ihm in Heidelberg. Die auf die beiden Autobibliographien folgenden kürzeren Schriften hat Fichard seinem Heidelberger/Freiburger Studienfreund und zuerst noch Basler Mitflüchtling, dem gleichnamigen Sohn Lotzers gewidmet: Er habe immer gehofft, ihm für seine Freundschaft in Heidelberg und Freiburg Dank abstatten zu können. Nun sei ihm durch seinen Rückruf diese Möglichkeit genommen und ungewiss, ob sie sich je wiedersähen. Darum widme er ihm als Dank dieses Consilium Galens, das er mit den andern Büchern zusammen noch während seiner Anwesenheit übersetzt habe. Er habe kein besseres Andenken ihm nachzusenden. Wenn ihn etwas nicht befriedige (auch in den vorangehenden Büchern, die ihm mit seinem Vater zusammen gehörten), sei es seiner Jugend oder den Zeitumständen zuzuschreiben, nicht dem Autor. Er wisse, in welchem Lärm, welchem Zeitdruck, mit wie vielen Unterbrüchen durch andere Arbeiten (offenbar in der Offizin) er sie übersetzt habe. Daher werde er gerecht urteilen. Wenn er sie zu Hause in genügender Musse ausgefeilt hätte, wären sie Galen angemessener geworden. Er möge in der Galenlektüre fortfahren und es einmal, wie alle hofften, seinem Vater gleichtun oder ihn gar übertreffen.
In Sammelband mit zwei weiteren Galendrucken Cratanders von 1530 und 1532 aus dem Besitz des Basler Arztes Johannes Screta (Ssreta) zu Anfang des 17. Jahrhunderts: L e II 15 Nr. 1
Bibliothekskatalog IDS
Signatur: Le II 15:1