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Die kirchengeschichtliche Bedeutung der Kirche Reitnau
Die Bistümer waren im Mittelalter zuerst in Archidiakonate und dann in Dekanate unterteilt, die ihrerseits mehrere Pfarreien zusammengefasst haben. Diese Verwaltungseinheiten entstanden im 12. Jahrhundert. Sie wurden meist nach dem Sitz des Dekans benannt. Auch Reitnau war im Jahr 1275 Dekanatssitz. Das heisst, dass wohl seit der Dekanatsgründung im 12. Jahrhundert der jeweilige Dekan in Reitnau residierte. Aufgrund dieser Tatsache könnte hier im 12./13. Jahrhundert auch mit dem Neubau einer Kirche begonnen worden sein, der dann aber nach dem Tod oder dem Wegzug des Dekans wieder eingestellt wurde. 1324 und 1360 war dann Kulm, später stets Aarau Sitz und Namengeber des Dekanats.
Das hohe Alter der ältesten Überreste eines Reitnauer Kirchenbaus, die bis in späte 7. Jahrhundert zurückreichen, gibt der Vermutung Nahrung, dass Reitnau zusammen mit Wynau und Triengen ursprünglich eine eigene Urpfarrei gebildet haben könnte und demzufolge keine spätere, aus der Pfarrei Schöftland ausgegliederte Sekundärpfarrei gewesen war. Reitnau steht mit seiner adligen Kirchengründung (Eigenkirche) des späten 6. Jahrhunderts auf jeden Fall auf Augenhöhe mit den nachweislich sehr alten und bedeutenden Kirchen von Suhr und Schöftland.
Reitnau blieb auch
nach der Reformation von 1528 Kirchenort, in den andere Dörfer (Attelwil,
Wiliberg) kirchgenössig waren und bis heute sind.
Im Jahr 1993 erhielt die Kantonsarchäologie Aargau die Möglichkeit, anlässlich einer geplanten Innenrenovation der reformierten Kirche in Reitnau, Ausgrabungen durchzuführen. In erster Linie sollten Befunde von 1949 bestätigt und ergänzt werden. Damals waren nämlich Überreste einer hochmittelalterlichen Kirche ans Tageslicht gekommen. Doch davon konnten nun keine weiteren Baureste mehr gefunden werden, wohl aber von Grundmauern frühmittelalterlicher Kirchenbauten.
Eine erste Kirche erhielt Reitnau demzufolge schon deutlich früher als bisher angenommen. Sie bestand aus einem einschiffigen Langhaus mit eingezogenem, querrechteckigen Chor und dürfte im ausgehenden 7. oder im 8. Jahrhundert errichtet worden sein. Dass es sich um die Gründung einer ortsansässigen und hier begüterten Adelsfamilie gehandelt haben dürfte, belegen zwei Bestattungen im Kircheninnern des damaligen Kirchenbaus.
Im 9. oder 10.
Jahrhundert wurde (unter Wiederverwendung einzelner Bauteile der
Vorgängerkirche) eine zweite Kirche errichtet. Ihr Langhaus war in den
Ausmassen gleich gross wie der Vorgängerbau. Der Chor stellte eine schwach
gestelzte Apsis (Anbau mit halbkreisförmigem Grundriss) dar.
Grabungsplan (1993) der verschiedenen Reitnauer Kirchen, gezeichnet von Peter Frey (Kantonsarchäologie Aargau)
Irgendwann zwischen
1200 und 1250 sollte das zwischenzeitlich über 200 Jahre alte zweite Gotteshaus
durch einen leicht nach Norden verschobenen Neubau – die dritte Kirche –
ersetzt werde. Die Arbeiten wurden jedoch aus unbekannten Gründen bald
eingestellt und nicht mehr weitergeführt. Zurück blieben die 1949 vorgefundene
Apsis samt Schultermauer und einem Stück der Langhausmauer.
Die Entstehung der heutigen Kirche
Erst kurz vor der
Reformation wurde 1522/23 die zwischenzeitlich rund ein halbes Jahrtausend alte
zweite Kirche durch die vierte Kirche ersetzt. Hier haben wir es also
mit einem Gotteshaus der Reformationszeit zu tun, das noch in katholischer Zeit
errichtet, jedoch nur wenige Jahre als solches benutzt worden ist. 1528 ordnete
die Landesherrin Bern die Reformation an und liess alle katholischen Kirchen in
ihrem Herrschaftsgebiet in reformierte Gebetshäuser umwandeln. Dies bedeutete
die komplette Ausräumung und Entfernung des bisherigen (katholischen) Kirchenschmucks
(Heiligenfiguren, -bilder, Altäre etc.).
Grundriss der vierten (=heutigen) Kirche von Reitnau. [1] Turmanbau von 1900 [2] Chor [3] Kirchenschiff [4] Kanzel [5] Taufstein [6] Maximale Ausdehnung der Empore [7] Grabplatte von Margareta Steinegger [8] Chorfenster mit Wappen-/Figurenscheiben [9] Westzugang [10] Nordzugang durch den Turm
Beim Bau 1522/23 entstand nun die einschiffige Saalkirche mit ihrem schwach eingezogenem Polygonalchor, wie sie sich noch heute präsentiert. Der Bau stand wie seine Vorgänger in West-Ost-Richtung. Der Raum war gegliedert in einen 8.1 x 5.9 Meter grossen Chorbereich mit freistehendem Choraltar, ein 13 Meter langes und 7.45 Meter breites Kirchenschiff sowie eine 2.6 x 7.45 Meter messende Vorhalle.
Der Chorboden hatte
ursprünglich aus einem Mörtelboden bestanden. Später ersetzte man ihn durch
Sandsteinplatten. Die im Chor vorgefundenen Grabgruben und Trümmer von
Grabplatten deuten – wie damals üblich – auf Bestattungen von Pfarrherren hin.
Auf der Ostseite über dem Chor befand sich ein Dachreiter mit Glockenstuhl und
Geläut auf dem Kirchendach.
Das Aussehen der Reitnauer Kirche vor dem Turmbau im Jahr 1900
Den Schlusspunkt der grösseren Umgestaltungen stellt der im Jahr 1900 ausgeführte, rund 40 Meter hohe Turmanbau auf der Westseite des Kirchenschiffs dar. Er ersetzte den bisherigen Dachreiter.