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Herr Daly, welche Entwicklung hat Sie im vergangenen Jahr überrascht?
Die Fortschritte bei der von KI generierten Kunst. Mittlerweile kann man KI-Systemen einen beschreibenden Text als Vorschlag eingeben, aus dem sie ein passendes Bild kreieren. Das nachstehende Bild wurde zum Beispiel aus dem Text «Die ägyptischen Pyramiden im Art-déco-Stil» erstellt. Da sehen Sie, wie leistungsfähig KI ist. Dazu gibt es viele weitere tolle Beispiele.
Eine Schlüsseltechnologie in diesem Bereich nennt sich «VQGAN+CLIP» (Vector Quantized Generative Adversarial Network and Contrastive Language-Image Pre-training). Das hört sich zwar kompliziert an, ist aber im Grunde genommen einfach ein Haufen Code. Dieser kann auf der Grundlage von trainierten Datensätzen Wörter und Bilder erzeugen, um es mit den Worten von Phil Torrone zu sagen. Werfen Sie einen Blick auf unsere Twitter-Seite: Dort verfolgen und kommentieren wir die neuesten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz.
Mit Hilfe der KI schafft man gewisse Dinge schneller, besser und billiger als mit dem Einsatz von Menschen.
Wie erklären Sie Ihr Fachgebiet so einfach wie möglich?
Bei der Künstlichen Intelligenz geht es darum, mit einem Computer Dinge zu tun, für die normalerweise menschliche Intelligenz erforderlich ist: Zum Beispiel Spiele spielen, Sprachen übersetzen oder Auto fahren. Mit Hilfe der KI schafft man dies schneller, besser und billiger als mit dem Einsatz von Menschen.
Ich erwarte Widerstand gegen den «Wilden Westen», den einige Unternehmen praktizieren.
Was gilt es in Ihrem Fachbereich in diesem Jahr anzupacken?
Unsere Gesellschaft und mit ihr der Staat werden gewisse Auswüchse in der KI-Entwicklung zurückdrängen. Ich erwarte Widerstand gegen den «Wilden Westen», den einige Unternehmen praktizieren. Wer Daten von Privatpersonen ungehindert für kommerzielle Zwecke nutzt und damit der Gesellschaft schadet, kann nicht länger toleriert werden: Facebook und Cambridge Analytica haben mit ihren antidemokratischen Algorithmen den Lauf der Geschichte beeinflusst. Instagram weiss, dass seine Angebote für Mädchen im Teenageralter sehr schädlich sind. Gewisse Unternehmen, die Sprachmodelle trainieren oder Rechenzentren betreiben, verbrauchen so viel Energie wie eine Kleinstadt. Es ist an der Zeit, dem Einhalt zu gebieten.
Wir müssen diese Unternehmen zur Rechenschaft ziehen und sicherstellen, dass sie künftig die Verantwortung für die externen Auswirkungen ihrer Geschäftsmodelle übernehmen. Ich traue KI vieles zu, darum fordere ich starke Regulierungen. Das Jahr 2022 wird dafür ein Wendepunkt sein.
Wir werden schon bald wichtige Durchbrüche in der KI-Forschung feiern können.
Was erwarten Sie für 2022 bezüglich technologischer Leistungsfähigkeit?
Wir werden wohl schon bald wichtige Durchbrüche in der Forschung feiern können: Wirtschaft und Forschung könnten mit KI-Algorithmen Forschungsergebnisse hervorbringen, die einen Nobelpreis wert sind. Vor Kurzem war zum Beispiel der Google-Ableger DeepMind mit seiner KI-Maschine zur Proteinfaltung auf der Titelseite des weltweit führenden Wissenschafts-Journals «Nature». Dank dieser KI-Maschine machen wir einen gigantischen Schritt hin zum Verständnis von Proteinstrukturen. Die KI von DeepMind hilft mit, eines der grössten Rätsel der Biologie zu lösen. Diese Weiterentwicklung ist ein Gamechanger. Im Jahr 2022 werden wir noch mehr solche Entwicklungen sehen.
Die Zukunft ist bereits da.
Was aus dem Science-Fiction-Bereich wird es in Ihrem Fachbereich bald geben?
In vielen Science-Fiction-Filmen wird die Zukunft als Dystopie dargestellt, gemischt mit einigen supercoolen «magischen» Technologien wie etwa Teleportation. Darunter versteht man das «Beamen». Interessanterweise befassen sich jedoch viele Science-Fiction-Geschichten vielmehr mit den grossen ethischen und philosophischen Fragen der Menschheit: etwa damit, was uns als Menschen ausmacht. Ein klassisches Beispiel dafür ist der US-amerikanische Film Blade Runner aus dem Jahr 1982. Es gibt auch modernere Beispiele wie etwa Her und Ex Machina, die ebenfalls die Grenzen zwischen Mensch und Maschine ausloten.
Ich bin davon überzeugt, dass diese ethisch-philosophischen Herausforderungen aus der Science-Fiction in den nächsten Jahren Realität werden. Elon Musk und sein US-amerikanisches Neurotechnologie-Unternehmen Neuralink arbeiten an Gehirnimplantaten, an sogenannten Gehirn-Computer-Schnittstellen. Die kalifornische Nvidia Corporation hat zusammen mit Microsoft ein Sprachmodell mit 530 Milliarden Parametern veröffentlicht. Dieses wird in vielen Belangen nicht mehr von menschlicher Interaktion zu unterscheiden sein. In den USA gibt es bereits Roboterhunde, die mit Scharfschützengewehren und Gesichtserkennung ausgestattet sind. Diese Zukunft ist bereits da.
Ich engagiere mich für ein Start-up-Ökosystem in unserer Region. Wir wollen die Zentralschweiz zu einem Hightech-Hub entwickeln.
Was nehmen Sie sich fachlich vor? Und was ganz persönlich?
Beruflich ist mein nächstes Ziel, dass unser Bachelor-Studiengang Artificial Intelligence & Machine Learning 2023 die ersten Absolventinnen und Absolventen hervorbringt. Das wird ein grosser Meilenstein für unsere Hochschule und die Region. Ausserdem will ich mithelfen, die Zentralschweiz zu einem Hightech-Hub zu entwickeln. Wir wollen möglichst viele unserer Absolventinnen und Absolventen in unserer Nähe halten können.
Ausserdem wünsche mir ein Start-up-Ökosystem hier in der Region: Es gilt dafür zu sorgen, dass Risikokapital verfügbar wird, dass wir Talente mit grossem Potenzial fördern. Wir wünschen uns eine Innovationszusammenarbeit zwischen multinationalen Unternehmen und KMUs in der Region. Wenn wir uns mit anderen Hightech-Regionen vergleichen, zum Beispiel mit Lausanne, so stehen wir noch ganz am Anfang unserer Bestrebungen. Ich engagiere mich aber beruflich und persönlich sehr für diese Vision einer Hightech-Zentralschweiz.
Die KI ist noch sehr weit von einer allgemeinen Intelligenz entfernt. Es ist aber richtig, dass Superintelligenzen entstehen können
Was ist ein typisches Vorurteil gegenüber Ihrem Fachgebiet?
Viele Menschen sind besorgt darüber, dass die Künstliche Intelligenz superintelligent wird. Sie fürchten, dass die KI die Weltherrschaft übernehmen und die Menschheit unterjochen könnte. In absehbarer Zeit wird dies nicht der Fall sein. Die KI ist noch sehr weit von einer allgemeinen Intelligenz entfernt und bewegt sich noch immer in einem engen Rahmen im Bereich des statistischen Lernens.
Was sagen Sie den Menschen, die befürchten, dass dereinst eine böse KI die Weltherrschaft an sich reissen könnte?
Es ist per se richtig, dass Superintelligenzen entstehen können. Zumindest einmal ist das auf unserem Planeten schon geschehen: Die Evolution hat durch natürliche Selektion den Menschen hervorgebracht. Es ist folglich auch denkbar, dass wir weitere Superintelligenzen mithilfe von Künstlicher Intelligenz erschaffen. Wenn wir die Entwicklung der Technologie betrachten, dann sehen wir indes, dass es noch Jahrzehnte oder Jahrhunderte dauern kann, bis wir so weit sind. Daraus schliesse ich, dass KI dereinst ein Problem werden könnte, aber jetzt noch keines ist.
Was wollten Sie als Kind werden?
Als Kind wollte ich Schriftsteller werden. Mir gefiel die Idee, Fantasiewelten auf dem Papier zu erschaffen. Als ich älter wurde, lernte ich, dass es mit dem Unternehmertum ähnlich ist wie mit dem Schreiben: Man stellt sich eine andere, bessere Welt vor und erschafft sie. Dies in Form von neuen Nutzererfahrungen mit seinen Produkten und Dienstleistungen.
Zur Serie «Prognosen»: Expertinnen und Experten der Hochschule Luzern – Informatik geben einen Ausblick auf Entwicklungen in ihrem Fachgebiet.
An unsere Leserinnen und Leser: Welche Prognosen machen Ihnen Freude oder Sorge? Welche Entwicklungen streben Sie im Bereich Cyber Security und Kryptologie an? Schreiben Sie es unten in die Kommentarspalte!
Veröffentlich am 7. Januar 2022
Unser Experte für Künstliche Intelligenz: Donnacha Daly ist Studiengangleiter des Bachelor-Studiums Artificial Intelligence & Machine Learning an der Hochschule Luzern – Informatik. Er ist Mitglied des Algorithmic Business (ABIZ) Research Teams. Daly ist seit über zwanzig Jahren in verschiedenen Bereichen des maschinellen Lernens und der Signalverarbeitung tätig.
Angebote für Partnerfirmen: Das ABIZ-Forschungsteam der Hochschule Luzern – Informatik unterstützt Industrie- und Kooperationspartner. Es begleitet sie bei der Entwicklung von Geschäftsmodellen und Dienstleistungen auf der Basis komplexer Algorithmen (Algorithmic Business). Nebst Forschung und Entwicklung bietet das Team folgende Dienstleistungen an: Beratung betreffend Digital Business, Vor-Ort-Schulungen, Audits und Coachings in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Maschinelles Lernen, Bildverarbeitung und Datenanalyse.
Blick in die KI-Zukunft: Folgen Sie unserer Twitter-Seite: Dort verfolgen und kommentieren Expertinnen und Experten der Hochschule Luzern die neuesten Entwicklungen im Bereich der KI.
Bilden Sie sich weiter: Im CAS Artificial Intelligence/Künstliche Intelligenz (AI/KI) lernen Sie KI zu verstehen und innovativ anzuwenden.
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