Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03372.jsonl.gz/367

Auf der Ostseite des Oberen Belvederes, das Anfang des 18. Jahrhunderts als Sommerresidenz für Prinz Eugen von Savoyen erbaut wurde, findet sich eine Mauer mit Nischen, in denen antikisierende Götterfiguren stehen. Vor dieser Mauer wächst eine Ahorn-Hecke, die so gestutzt ist, dass sie wie eine zweite Mauer parallel zu ersten verläuft. Auf Höhe der Figuren sind Fenster ins Geäst geschnitten. Zwischen Hecke und Mauer aber ist ein etwa 40 cm breiter Durchgang ausgespart. Gärtnerisch ist diese Passage sehr effizient, verhindert sie doch, dass sich der Ahorn auf die Mauer stützt. Der Gang ist gerade so breit, dass ein Mensch mit einer Heckenschere durchkommt und die Hinterseite der Ahorn-Mauer stutzen kann.
Für das Auge allerdings bilden die Hecke und die dahinterliegende Mauer eine Einheit, sind sie miteinander verschmolzen. Die Passage ist folglich eine Zone, die wir nicht erfassen und die sich also unserem Bewusstsein entzieht. Gut möglich, dass in dieser Zone dann und wann ein Trieb zu keimen beginnt, der eines Tages als farbige Blüte im Raum unseres Verstandes aufpoppt – im besten Fall wie ein lustvoller Gedanke, der die winterlich trübe Welt um uns her sofort zum Ort unverschämter Abenteuer erklärt.
First Publication: 30-11-2013
Modifications: