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Wir laden Sie zu einem Jubiläumsrundgang durch das Parlamentsgebäude ein.
Sie besuchen den National- und Ständerat, sowie die Kuppel- und die Wandelhalle. An zentralen Orten der nationalen Politik erfahren Sie auf einer Zeitreise, wie die moderne Schweiz 1848 entstanden ist und sich in den letzten 175 Jahren entwickelt hat. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!
Historische Persönlichkeiten erzählen unglaubliche Geschichten aus der Gründungszeit der modernen Schweiz.
Der Berner Ulrich Ochsenbein, Sohn eines Wirts, Landwirts und Pferdehändlers, spielt eine bedeutende Rolle bei der Gründung der Schweiz. Als Präsident der Revisionskommission der Verfassung 1848 hat er genaue Vorstellungen, wie die Zukunft der Schweiz aussehen soll. Der lose Staatenbund soll zu einem «Staatsganzen» werden, einem Bundesstaat mit National- und Ständerat, mit Grenzen nach aussen und einer Zusammenführung der Kantone im Innern. Täglich wird verhandelt, täglich können Anträge scheitern und die einmalige Chance der Gründung des Bundesstaates vertan sein. Ochsenbeins Vorschläge haben Erfolg. Nach 31 Sitzungen während 51 Tagen ist die Verfassung geschrieben. Am 12. September 1848 erklärt die Tagsatzung die Bundesverfassung, nach Abstimmungen in den Kantonen und einem Volksmehr, als angenommen.
Bereits am 6. November 1848 tritt die im Oktober frisch gewählte erste Bundesversammlung zusammen. Ulrich Ochsenbein wird zum Nationalratspräsidenten und kurz darauf in den Bundesrat gewählt. Mit dem Ziel, dass Bern Bundesstadt wird, verzichtet Ochsenbein auf seine Ambitionen erster Bundespräsident zu werden und unterstützt die Kandidatur des Zürchers Jonas Furrer, welcher auch gewählt wird. Ochsenbeins Taktik geht auf: am 28. November bestimmt das Parlament Bern als Bundesstadt. Zürich erhält im Gegenzug die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH).
Bereits 1854 wird Ulrich Ochsenbein aufgrund parteipolitischer Grabenkämpfe im Kanton Bern nicht mehr in den Bundesrat gewählt. Um den Lebensunterhalt seiner Familie zu gewähren – er und seine Frau haben acht Kinder – wird er darauf General im Dienste Frankreichs. Eine Pension für Altbundesräte wird erst 1919 eingeführt.
Eine der ersten Aufgaben des Parlaments ist die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums in der Schweiz. Noch 1844 existieren 180 Zollstationen im Innern der Kantone und rund 370 Zollstationen an den Kantonsgrenzen. Auch unterschiedliche Währungen, Mass- und Gewichtseinheiten in den Kantonen erschweren den Handel. Die Unternehmerin und Chefin der Schokoladefabrik Cailler, Louise-Albertine Cailler Perret, gibt in der 1848-Jubiläumsführung einen Einblick wie sich diese Handelshemmnisse auf die Schokoladeproduktion auswirken. Sie übernimmt die Leitung des Geschäfts nach dem Tod ihres Mannes 1852 gemeinsam mit ihren Söhnen, nachdem sie bereits 1826-1828 während des Berufsverbots ihres Mannes aufgrund eines Konkurses das Schokolade-Geschäft erfolgreich geführt hat. Für die damalige Zeit ist eine Frau an der Spitze eines Unternehmens eine grosse Ausnahme.
Mit der Bundesverfassung wird ein gemeinsamer Aussenzoll eingeführt und die Zölle im Landesinnern abgeschafft. 1850 bestimmt das Parlament den Schweizer Franken als nationale Währung. Meter, Liter und Gramm gelten ab 1877 schweizweit. Hundert Jahre später schliesst sich die Schweiz dem weltweit angewandten SI-Einheitensystem (Système international d'unités) an. Meter, Kilogramm, Sekunde, Ampere, Kelvin, Candela und Mol bilden nun auch in der Eidgenossenschaft die Basis der Mengenbestimmung.
Die Kantone kennen bis 1853 auch unterschiedliche Lokalzeiten. Mit dem Ausbau der Post, Telegraphie und der schnelleren Mobilität aufgrund der Eisenbahn wird eine einheitliche Zeit nötig. Die Berner Zeit wird eingeführt. Seit 1894 ticken die Schweizer Uhren nach der Mitteleuropäischen Zeit MEZ.
Alfred Escher ist eine zentrale Persönlichkeit der Anfangszeit des Bundesstaates. Geboren in eine reiche Familie, wird Escher Jurist, Regierungsrat im Kanton Zürich, und mit 29 Jahren einer der jüngsten Nationalräte im ersten Parlament. In der 1848-Jubiläumsführung teilt Escher seine Visionen als Eisenbahnpionier. Im Gründungsjahr der modernen Schweiz gibt es gerade mal 23 Kilometer Eisenbahnlinien der Spanisch-Brötli-Bahn zwischen Baden und Zürich, während in England, Frankreich und auch Bayern bereits 1825 beziehungsweise 1835 Personentransportlinien betrieben werden. Die Schweiz hinkt hinterher. Alfred Escher und weitere Eisenbahnpioniere treiben mit ihren Privatbahnen die Erschliessung der Schweiz voran und ermöglichen dadurch die Industrialisierung des Landes. Bereits 10 Jahre nach der Gründung des Bundesstaates verbindet eine durchgehende Eisenbahnlinie den Bodensee mit dem Lac Léman. Die Erteilung von Konzessionen ist denn auch eine wichtige Aufgabe des frühen Parlaments. Eschers Schweizerische Kreditanstalt (SKA), die heutige Credit Suisse, ist eine wichtige Geldgeberin.
Mit der Gotthardbahn verfolgt Alfred Escher eine grosse Vision: die Schweiz über die Nord-Süd-Achse mit Europa verbinden. Wegen grosser Verzögerungen und massiver Kostenüberschreitungen wird Escher 1877/78 zum Rücktritt als Verwaltungsratspräsident der SKA und Direktionspräsident der Gotthardbahn-Gesellschaft gezwungen. Zum Gotthard-Durchstich wird er nicht einmal eingeladen. Zwei Jahre später verstirbt Alfred Escher im Amt als Nationalrat, im gleichen Jahr wie das Jahrhundertbauwerk fertiggestellt ist.
Stefano Franscini wird als armer Bauernsohn in Bodio im Tessin geboren und steigt auf bis an die Spitze der neuen Landesregierung. Als einziger seiner Familie besucht er die Schule. Das Theologie-Studium in Milano bricht er ab und bildet sich autodidaktisch in Geschichte, Recht, Volkswirtschaft, Statistik und Pädagogik weiter. Im Tessin, wo er später unterrichtet, gründet er unter anderem eine Mädchenschule. Er setzt sich zeitlebens für Bildung für alle ein und ist, gemeinsam mit Alfred Escher, ein grosser Verfechter der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH).
Stefano Franscini gilt als Vater der Bundesstatistik. In der 1848-Jubiläumsführung berichtet er über die erste nationale Volkszählung des Bundesstaates, die er 1850 durchführt. Die Schweiz zählt damals 2'392'740 Einwohnende. Genf ist mit 31'238 Einwohnenden die grösste Stadt, gefolgt von Bern und Basel mit je ca. 27'000 Einwohnenden. In Zürich leben damals erst 17’000 Menschen, heute ist sie mit knapp einer halben Million Einwohnenden die grösste Stadt der Schweiz.
Wegen seiner Schwerhörigkeit und mangelhafter Deutschkenntnisse fühlt sich Stefano Franscini in Bundesbern zunehmend unwohl. Nach einer knappen Wiederwahl in den Bundesrat 1854 entscheidet er sich für eine Rückkehr ins Tessin, wo er eine Stelle als Verantwortlicher der kantonalen Druckerei und des Archivs angeboten erhalten hat. Er verstirbt aber noch zuvor im Amt als Bundesrat.
Der St. Galler Johann Baptist Weder gründet den «St. Galler Boten» und berichtet als Journalist aus Bundesbern. Gleichzeitig politisiert er selbst lange Jahre im National- und Ständerat. Die Tagespresse ist von eminenter Bedeutung für die Politiker, um im Land bekannt zu werden. Unterstützung durch politische Parteien, Wahllisten, professionell organisierte Wahlkämpfe, Berichte in Radio, Fernsehen oder gar über soziale online Medien gibt es zur Gründungszeit der Schweiz noch nicht. Politiker sind Einzelkämpfer und die gedruckte Presse das wichtigste Medium, um auf sich aufmerksam zu machen. Im Rahmen der 1848-Jubiläumsführung berichtet Weder über den Alltag im noch jungen Parlament: Tagungsorte, Sitzungszeiten, lange Geschäftslisten, grosse Redefreudigkeit der Parlamentarier und ein meist gesitteter Umgang – bis auf eine Ausnahme. Welche? Hören Sie rein!
Die historischen Figuren sind von Jared Muralt gezeichnet, Grafikdesignstudio BlackYard, Bern 2023.