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HIV/Aids-Prävention in Bluefields, Nicaragua
Mit stetem Tropfen den Stein höhlen
Von Marc Isler
Die Gruppe für Entwicklungszusammenarbeit Basel (GEAB) unterstützt in Bluefields, der wichtigsten Hafenstadt der nicaraguanischen Ostküste, ein in das staatliche Gesundheitswesen integriertes Projekt zur HIV/Aids-Prävention. Dies auf dem Hintergrund, dass die Häufigkeit von HIV/Aids in Nicaragua, etwa im Vergleich zum Nachbarland Honduras, nach wie vor gering ist und deshalb das Problem für den Grossteil der Bevölkerung nur sehr langsam sichtbar wird.
Die etwa 50 000 Einwohner Bluefields gehören verschiedenen Kulturen und Sprachgruppen an. Spanischsprechende Mestizos, englischsprachige Kreolen und Abkömmlinge der indianischen Urbevölkerung, die Miskitos, mit ihrer eigenen Sprache, dem Miskitu. Offizielle Sprache ist Spanisch. Die Hälfte der Einwohner sind Kinder und Jugendliche unter 15 Jahren. Die Ostküste war in der vergangenen Dekade Austragungsort eines Bürgerkrieges, der die Migration vieler ihrer Bewohner ins Ausland, Costa Rica, Honduras oder Nordamerika bewirkte. Viele dieser Flüchtlinge sind in den Neunzigerjahren wieder zurückgekehrt, in eine durch Krieg und Isolation (US-Embargo) dezimierte Ökonomie. Die Fischerei gibt einigen ein Auskommen. Etwa 1000 vor allem englischsprachige Kreolen arbeiten auf Touristenkreuzern als billige Arbeitskräfte. Die nicaraguanische Karibikküste ist auch ein Umschlagsplatz der Kokainkartelle Kolumbiens, und der Kleinvertrieb von Crack unter der jungen einheimischen Bevölkerung in Bluefields bildet vielen Haushalten ein Auskommen. Die Prostitution vieler oft sehr junger Mädchen ist ein immer häufigeres Phänomen. Diskotheken verschiedener Gattungen sind in keinem anderen Ort Nicaraguas so häufig anzutreffen wie in Bluefields, etwa so wie die Gastwirtschaften im Appenzell.
HIV/Aids-Prävention in Bluefields
Vor 6 Jahren wurde erstmals mittels einer Umfrage erhoben, was die Bevölkerung von Bluefields über HIV/Aids weiss, wie es um die Einstellung dazu steht und in welchem Masse präventive Praktiken wie Kondomgebrauch existieren. Seither wurde mit verschiedenen Methoden versucht, die Bevölkerung für die Problematik zu sensibilisieren: Radioprogramme, Wandmalereien, Hausbesuche in marginalisierten Zonen der Stadt, Workshops mit Taxifahrern, Jugendgruppen, Gesundheitspersonal, Schulbesuche. An kulturellen und sportlichen Veranstaltungen wurden selbst produzierte Reggae-Songs zu Aids präsentiert, inspiriert von Polo Hofer und der Schweizer Stop Aids Kampagne.
Gleichzeitig wurde die Verteilung der Kondome verbessert. Zu Beginn gab es Kondome nur im Warenlager des Spitals, in grosser Menge und mit überschrittenem Verfalldatum. Schrittweise wurde die Verteilung der Kondome verbessert. Heute gehen in Bluefields ca. 10 000 Kondome monatlich weg, nicht nur in Gesundheitszentren, sondern in Diskotheken, Bars, Pensionen, Billardsalons, Tankstellen. Auch in den kleineren Gemeinden der Region verbesserte sich die Zugänglichkeit unseres Latexartikels. Natürlich werden in der Kampagne immer auch andere nützliche Massnahmen, wie Abstinenz und Monogamie, empfohlen. Proteste gegen die Propagierung des Kondoms sind vereinzelte geblieben. Die meisten lokalen Behörden und auch kirchliche Institutionen scheinen trotz Opposition in der oberen Etage der Hierarchie (Erziehungsministerium, Bischofskonferenz etc.) die Kampagne zu tolerieren. Nur der Zugang zu den Schulen ist durch ministerielles Dekret für alle ausserministeriellen Organisationen unterbunden worden. Neben dem erhöhten Kondomumsatz konnten wir auch anhand der Wiederholung der eingangs erwähnten Umfrage eine vermehrte Sensibilisierung der Bevölkerung für HIV/Aids feststellen. Dazu haben wohl auch die ersten Aids-Todesfälle beigetragen, die in den betroffenen Quartieren jeweils hohe Wellen schlugen.
Zur Verbesserung der Erfassung und Behandlung ortsüblicher Geschlechtskrankheiten wie Tripper, Syphilis, weicher Schanker und Trichomonalinfektionen wurde eine spezielle Sprechstunde für sexuell übertragbare Krankheiten eingerichtet, mit freiem Zugang ohne bürokratische Schikanen und kostenloser Diagnostik und Behandlung. Seit Beginn dieser Sprechstunde vor etwas mehr als 5 Jahren sind 5000 verschiedene Frauen, Männer und Kinder behandelt worden. Viele von ihnen wiederholte Male. Dies entspricht immerhin mehr als 10% der Bevölkerung von Bluefields. In der Klinik kommen von der WHO ausgearbeitete Behandlungsrichtlinien zur Anwendung, die ein Minimum an Laboruntersuchungen benötigen. Medikamente und Kondome werden durch das nationale Gesundheitsministerium zur Verfügung gestellt. Was fehlt, wie etwa gegen den Tripper wirksame Medikamente, wird durch das Projekt ergänzt.
HIV/Aids wird zweifellos auch in Nicaragua sichtbarer werden, denn die Armut der Bevölkerung und die Schwächung von staatlichen Gesundheits- und Erziehungsprogrammen sind zu schwer wiegende Faktoren, als dass sie mit einer kleinen Kampagne aufgewogen werden könnten. Unsere längerfristige Hoffnung bezüglich HIV/Aids in Bluefields und vergleichbaren Regionen dieser Erde scheint mir persönlich mehr in einer künftigen einfachen und billigen medikamentösen Behandlung von HIV-Infizierten zu liegen, die eine begrenzte Kontrolle der Pandemie ermöglichen könnte, wie dies etwa bei der Tuberkulose heute der Fall ist. Bis dahin bleibt uns wohl nichts anderes, als mit unserer Kampagne weiterzufahren und mit stetem Tropfen den Stein zu höhlen.
Marc Isler ist Arzt und leitet das Projekt der GEAB in Bluefields, wo er mit seiner Familie lebt. Die Gruppe für Entwicklungszusammenarbeit Basel GEAB ist eine Organisation von Studierenden der Uni Basel und Mitglied von Medicus Mundi Schweiz. Kontakt. GEAB, Postfach, 4003 Basel, Internet: www.unibas.ch/geab/; e-mail: <email-pii>. Spenden für das Nicaragua-Projekt: Basler Kantonalbank, 16.515.702.92