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Der Zufall brachte Alberto Giacometti und Ernst Scheidegger zusammen. Scheidegger war 1943 als Soldat im Bergell stationiert. Der kunstinteressierte junge Fotograf hatte gehört, dass Alberto Giacometti in Maloja ein Atelier hatte. Giacometti war bereits ein namhafter Künstler.
Er ging bei den Giacomettis ein und aus
Ein Künstler, der grosse Teile des Jahres in Paris lebte. Der mit Ikonen der Moderne wie Picasso und Matisse verkehrte. Scheidegger suchte ihn in seinem Atelier auf. Nicht nur einmal. Immer wieder. Der junge Fotograf und der zwanzig Jahre ältere Künstler freundeten sich an.
Bald ging Scheidegger bei Giacometti ganz selbstverständlich ein und aus. Und vor allem: Er fotografierte Alberto Giacometti. Im Atelier, beim Zeichnen, beim Arbeiten mit Plastilin und Gips, beim Malen.
Alltagsbilder mit Familie und Freunden
Aber auch ausserhalb des Ateliers, beim Zusammensein mit der Mutter, der Familie, mit Nachbarn und Freunden in Maloja und Stampa.
Nach Ende des Zweiten Weltkriegs besuchte Scheidegger Giacometti in Paris, fotografierte sein Atelier in der Rue Hippolyte-Maindron. Porträtierte den Künstler im Café, auf der Strasse.
Ein schimpfender Maler
Alberto Giacometti war ein ideales Modell. Als Künstler war er ein Suchender und Unzufriedener. Jenen, die ihm beim Zeichnen und Modellieren Modell sassen – meist enge Verwandte und Freunde – machte es der Künstler nicht leicht.
Stets mit dem eigenen Werk hadernd soll er, während er seine Modelle zeichnete, unablässig geschimpft haben. Die Kamera aber, die ihn selber zum Modell machte, störte ihn nicht.
Blick ins Allerheiligste
Früh erkannte Alberto Giacometti, welche Möglichkeiten in den Fotografien aus seinem Atelier steckten. Die Bilder von Ernst Scheidegger, aber auch solche von anderen Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, erschienen in illustrierten Zeitschriften, die in den Nachkriegsjahrzehnten boomten. Die Bilder aus dem Künstlerleben wurden von einem breiten Lesepublikum rezipiert.
Das Atelier, der Ort des kreativen Geheimnisses, der zuvor einem kleinen Kreis von Sammlern, Händlern, Künstlerfreunden vorbehalten gewesen war, wurde zumindest im Bild zugänglich für praktisch jeden. Auf einmal konnte man einen Blick auf die Entstehungsorte der Kunst werfen.
Giacomettis Blick hatte es in sich
Ernst Scheideggers Fotografien zeigen den Künstler Alberto Giacometti als Denker und Zweifler, als Menschen, der sich konzentriert und gründlich mit dem Leben auseinandersetzt. Besonders eindrucksvoll sind die Porträtfotografien, an denen der fragende, forschende Blick Giacomettis auffällt.
Es ist ein Blick, der auf den Grund geht, der nach dem Kern des Menschen sucht, nach dem Wesentlichen. Ernst Scheidegger hat selber für Giacometti Modell gesessen und schildert in seinem Buch «Alberto Giacometti – Spuren einer Freundschaft» wie Giacometti ihn angesehen hat:
«Seine Augen befragten mich mit grosser Intensität, forderten von mir die gleiche Intensität, als ob ich aktiv an der Arbeit teilhätte – eine seltsame Verbundenheit entstand.»
Das Wesen Giacomettis festhalten
Viele von Scheideggers Fotos vermitteln etwas von diesem intensiven Blick. Und somit auch von der Art und Weise, wie Giacometti seine Welt betrachtet hat. Und sie zeigen, wie Giacometti das Gesehene umgesetzt, wie er gearbeitet hat.
So sind sie bis heute ein guter Einstieg in die Welt des Alberto Giacometti und seiner Suche nach dem Wesen des Menschen und dessen Darstellbarkeit.
Buchhinweis
Ernst Scheidegger: «Alberto Giacometti. Spuren einer Freundschaft» (überarbeitete Neuauflage), Scheidegger & Spiess, 2013.