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santemedia.ch sprach mit Frau Bairbre Hickie, General Manager Takeda Pharma Schweiz, über das Schweizer Gesundheitssystem und Lücken bei der Diagnose und Behandlung von ADHS.
Frau Hickie, Sie kommen ursprünglich aus Irland und leben seit fünf Jahren in der Schweiz. Wie nehmen Sie das Schweizer Gesundheitswesen wahr?
In Irland ist die Ungleichheit zwischen den privat- und öffentlich-krankenversicherten Personen wesentlich grösser als in der Schweiz; gewisse Patienten warten jahrelang auf eine Behandlung. Das Schweizer Gesundheitswesen ist eines der besten der Welt, aber auch eines der teuersten. Der Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen ist hier über weite Strecken sehr gut.
Wo sehen Sie prioritär Handlungsbedarf?
Der Zugang ist auch hierzulande nicht überall gleich. Vor allem im Bereich der Psychiatrie sehe ich einen Handlungsbedarf: Es gibt in der Schweiz einen signifikanten ungedeckten Bedarf an psychiatrischen Leistungen, dadurch werden Diagnosen und adäquate Behandlungen verpasst.
Bairbre Hickie, General Manager Takeda Pharma Schweiz
Können Sie ein Beispiel nennen?
Nehmen wir das Beispiel Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Weniger als die Hälfte der Erwachsenen mit ADHS werden aktuell in der Schweiz diagnostiziert und entsprechend therapiert. Das heisst: die andere Hälfte erfährt keine adäquate Behandlung. Im Falle von ADHS zeitigt dies auf zwei Ebenen Auswirkungen:
1. Direkte Auswirkungen für die betroffene Person in Form von Komorbiditäten, die entwickelt werden, etwa Depressionen, Angststörungen, Suchtverhalten etc. Es wird geschätzt, dass ca. 80 Prozent der Erwachsenen mit ADHS mindestens eine komorbide psychiatrische Begleiterkrankung aufweisen.
2. Indirekte Auswirkungen für die Gesellschaft. Im Vergleich zu Menschen ohne ADHS zieht unbehandelte ADHS auch in anderen Lebensbereichen überdurchschnittlich oft negative Folgen nach sich, z.B. finanzielle Probleme, schulische und berufliche Schwierigkeiten (Schulabbrüche, Arbeitslosigkeit), Straftaten, erhöhte Unfall- oder Suizidgefahr.
Eine frühzeitige und adäquate Diagnose ist somit nicht nur im Interesse der Betroffenen, sondern birgt auch Vorteile für die Gesellschaft als Ganzes.
Können Sie die Einsparungen für die Gesellschaft spezifizieren?
Eine konservative Berechnung kommt zum Ergebnis, dass 88 Millionen Franken an Gesundheitskosten und 284 Millionen Franken an gesellschaftlichen Kosten eingespart werden könnten, wenn 70 Prozent der ADHS-Betroffenen in der Schweiz adäquat behandelt würden.
Ist ADHS nicht einfach nur eine Modediagnose oder gar eine Erfindung der Pharmaindustrie?
Nein, ADHS ist sicher nicht neu und auch kein aktueller Trend: In der medizinischen Literatur werden ADHS-Symptome schon im 18. Jahrhundert beschrieben. Überdies wurde ADHS bereits 1968 erstmals in das Klassifikationssystem für Diagnoseerstellung (DSM) aufgenommen.
Zusätzliche Informationen
Fachgesellschaften und Beratungsstellen:
• Elpos Schweiz, ADHS-Organisation, Fachstelle und Beratung: https://elpos.ch/
• Schweizerische Fachgesellschaft ADHS: https://www.sfg-adhs.ch/de/
• ADHS bei Erwachsenen: https://adhs20plus.ch/
Weiterführende Informationen:
• Historische Entwicklung von ADHS: Faraone et al., Attention-deficit/ hyperactivity disorder. Nature reviews 2015;1:1-23
Gesellschaftliche Kosten von ADHS: https://attentiononadhd.com/
Referenzen können gerne auf Anfrage zugestellt werden