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Die Frauen als Verliererinnen der Demokratie?
Echo der Zeit: Frage: Wie konnte es sein, dass die Schweiz 1848 ein allgemeines Stimm- und Wahlrecht einführte, das allen Schweizer Staatsbürgern Gleichheit und politische Beteiligung garantierte, und dabei aber die Hälfte des Volkes ausschloss - nämlich die Frauen?
Caroline Arni: Man ist ja geneigt, das als einen Widerspruch wahrzunehmen, dieses frühe sogenannte allgemeine Wahlrecht und das sehr späte Frauenstimmrecht. Aber aus historischer Perspektive muss man sagen: Das hängt zusammen. Die lange Ausgrenzung der Frauen aus der Politik hat etwas damit zu tun, dass in der Schweiz nicht einfach Politik, sondern spezifisch demokratische Politik stark an Männlichkeit geknüpft worden ist. Diese frühe demokratische Teilhabe, die in die Breite geht, wurde den Männern als Männern zugedacht und schloss Frauen als Frauen aus.
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Man ist ja geneigt, dieses frühe sogenannte allgemeine Wahlrecht und das sehr späte Frauenstimmrecht als einen Widerspruch wahrzunehmen,. Aber aus historischer Perspektive muss man sagen: Das hängt zusammen.
Sie sagen demokratische Politik ist an Männlichkeit geknüpft. Die Macht im Staat, die war aber nicht immer ausschließlich männlich und demokratisch. Es gab ja auch Königinnen.
Ja, aber die waren dann Herrscherinnen als Angehörige eines Herrschergeschlechts. Das hat etwas damit zu tun, dass in vormodernen, monarchischen Kontexten die Zugehörigkeit zu einem Stand oder einem Familiengeschlecht zentral war. Durch diese Zugehörigkeit konnten sie herrschen, obwohl sie Frauen waren. Deswegen gibt es tatsächlich in der Geschichte immer wieder Königinnen. Aber dann eben mit den demokratischen Staaten der Moderne ganz lange keine Präsidentinnen.
Frauen hatten also die Möglichkeit, politische Macht auszuüben, wenn sie einen gewissen Stand hatten oder über Besitz verfügten - und als die Demokratie eingeführt wurde, war das nicht mehr möglich. Das heißt, die Frauen waren eigentlich die Verliererinnen der Demokratie?
Nicht der Demokratie an sich, aber dieser Geschichte der Demokratie. In der so genannten demokratischen Moderne wurden politische Rechte an das Individuum geknüpft, nicht mehr an Kollektive wie Familiengeschlechter, Häuser oder Korporationen. Gleichzeititg aber wurde das Individuum als männliches definiert. Man unterschied zwischen den Männern, die individuierungsfähig sind und deswegen Rechte ausüben können. Und den Frauen, von denen man sagte, sie seien immer zuerst und vor allem Frau und dann vielleicht auch noch etwas individuell. Es wird, kräftig unterstützt durch die Wissenschaften, behauptet, Frauen verfügten eben nicht über die nötige Rationalität und innere Unabhängigkeit, die es braucht, um politisch verantwortungsvoll zu handeln.
Verlief diese Entwicklung denn in anderen Demokratien anders? Weil die Schweiz hat ja dann doch besonders lange, bis man das korrigierte.
Die Geschichte der Demokratie ist ja selten linear. Es gibt im 19. Jahrhundert vielerorts Zensus-Wahlrechte, wo das Wahlrecht an Besitz oder Einkommen gebunden ist. Dort waren dann vereinzelt sogar Frauen berechtigt, wenn sie eben über Besitz oder ein bestimmtes Einkommen verfügen. Bis zu dem Punkt, an dem das so genannte allgemeine Wahlrecht kam – das hat sie dann wiederum in aller Regel ausgeschlossen, weil es nicht nur in der Schweiz zunächst als männliches Recht verstanden wurde.
Warum brauchte Schweiz so viel länger als andere Demokratien, bis sie das Frauen Wahl- und Stimmrecht eingeführt hat?
Wichtig ist, dass die Schweiz keine große politische Zäsur erlebt hat seit 1848, gerade im 20. Jahrhundert: Es gibt hier eine vergleichsweise hohe Kontinuität mit Blick auf die Verfassung, die seit 1848 zwar revidiert worden ist, aber noch dieselbe ist. Auch die politischen Institutionen sind stabil. Es gab diese grossen politischen Brüche nicht, wie sie in andern Ländern vorkamen, durch Kriege, Revolutionen, Dekolonisierung. Und dann ist da in der Schweiz diese starke Koppelung nicht nur von Politik und Männlichkeit, sondern von Demokratie und Männlichkeit. Es gibt eine wunderbare offizielle Illustration von 1848. Das ist ein Gedenkblatt, das man zur Einführung der Bundesverfassung gedruckt hat. Und da sieht man, wie die allegorische Figur der Helvetia, dem geeinten Schweizer Volk die Verfassung überreicht. Dieses Volk ist repräsentiert durch Männer, das sind Soldaten, Gelehrte, Bauern, Bürger, Patrizier und Studenten. Interessanterweise steht nun hinter und eigentlich über der Helvetia ein alter Eidgenosse, der den Lorbeerkranz über sie hält. Er gibt der Allegorie überhaupt erst die Legitimität. Hier sehen wir, wie die moderne Schweiz, die mit dem Bundesstaat 1848 entsteht, ihre Identität aus einem weit zurückliegenden Ereignis bezieht, aus dem sie einen Gründungsmythos macht – der Schwur der ursprünglichen Eidgenossen: Männer, die sich als Gleiche zusammentun und Freiheit gegen Innen und Außen verteidigen. Das ist der Kern der schweizerischen Identität, die spezifisch demokratische oder republikanische Formen der Teilhabe mit Männlichkeit verknüpft.
50 Jahre Frauenstimmrecht
Am 7. Februar 1971 sagten die Schweizer Männer Ja zum Frauenstimmrecht – 123 Jahre nach der Staatsgründung. Die Schweiz war somit eines der letzten Länder, welche das allgemeine Wahlrecht einführte. Das macht sie, die international gern als Modell der direkten Demokratie zitiert wird, zu einer jungen liberalen Demokratie.
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