Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03323.jsonl.gz/965

Im Halbfinalrückspiel der Champions-League läuft die 38. Spielminute, als Chelsea an der Liverpooler Anfield Road ein Corner zugesprochen wird. Liverpool führt zu diesem Zeitpunkt mit eins zu null und hat damit den Rückstand aus dem Hinspiel ausgeglichen. Ein Treffer Chelseas hätte aufgrund der Auswärtstoreregel für den Gastgeber fatale Folgen. Die Kamera fokussiert einen angegrauten Liverpool-Supporter Ende vierzig, wie er sich beide Hände vors Gesicht hält und durch seine Finger Richtung Strafraum blinzelt. Das kollektive Zittern der Anfield-Fangemeinde ist bis ins Wohnzimmer spürbar. Dann, nach wenigen Sekunden, vollzieht der Mann oder die Frau hinter der Kamera einen Schärfenwechsel. Der flehende Fan verschwimmt, vor ihm tritt scharf John Terry ins Bild, wie er sich, angespannt bis in die letzte Faser seines hochgegelten Haars, in den Strafraum begibt.
Terry gilt neben Didier Drogba als Chelseas gefährlichster Kopfballspieler bei Standardsituationen. Der Kameramensch hat mit seiner vielleicht fünfsekündigen Einstellung und der Schärfenverlagerung ein kleines Meisterstück abgeliefert, hat die Dramatik der Spielsituation und mit ihr jene der ganzen Begegnung erfasst. Für einen kurzen Augenblick war ich als Fernsehzuschauer im Glück, kam in den Genuss eines Bildes, wie ich es im Stadion nicht sehen kann. Das ist selten, und dass es so selten ist, ist erstaunlich.
Fussball ist heute in erster Linie Fernsehfussball: Der allergrösste Teil der KonsumentInnen verfolgt die Spiele vor dem Fernseher. Vom Fernsehen kommt das Geld, mit dem die Klubs die Saläre ihrer Angestellten bezahlen und Verbände wie Fifa (WM) und Uefa (EM, Champions-League, Uefa-Cup) sich die Kassen füllen. Das Fernsehen hat die braunen Lederbälle zum Verschwinden gebracht und die schwarz-weissen portiert, weil die am Schwarzweissbildschirm besser zu erkennen waren. Und das Fernsehen war eine der Kräfte hinter Regeländerungen wie dem verbotenen Rückpass zum Torhüter, die das Spiel schneller, attraktiver und damit vermarktbarer machen. Trotz diesem beispiellos dominanten Einfluss auf den Fussballsport und immensem technischem Aufwand bei einer Direktübertragung werden FernsehkonsumentInnen seit Jahren mit dem Immergleichen abgespeist. Digitale Animationen beschränken sich auf die unsägliche, von einer hohlen Besserwissermanier zeugenden Einblendung der Grenzlinie bei Offsidefragen; eine Technik, die schlichte menschliche Unzulänglichkeit anprangert und im Zusammenspiel mit kläffenden Reporterbemerkungen («Fehlentscheid! Ganz eindeutig!») nichts anderes als Assistentenbashing ist. Ebenfalls gewöhnt haben sich TV-FussballerInnen an den eingeblendeten Vektor mit Distanzangabe (nett zu wissen) und den Abstandskreis bei Freistössen, wobei Letzterer von Kommentatorenseite kaum je dazu verwendet wird, den Unparteiischen für ihre oftmals unfassbare Präzisionsarbeit ein Kränzchen zu winden.
Die Szene aus der Übertragung von Liverpool-Chelsea hat angedeutet, was Fernsehfussball auch noch sein könnte: Kein Realersatz für den Stadionbesuch, aber der Versuch einer Kunstform. Gerne verzichte ich auf die siebte Zeitlupe eines Elfmeters, wenn dafür die ausführliche Entstehung eines herausgespielten Tores wiederholt wird, vielleicht geschnitten mit Bildern von den Rängen, wo sich das Glück (oder Unheil, je nach Sektor) mit jedem Zuspiel konkretisiert. Ich wäre auch sehr empfänglich für Informationen aus Kommentatorenmund, die mir die am Fernsehen nur dumpf hörbaren Fangesänge erläutern. Ebenfalls sehr willkommen wäre eine Kameraeinstellung aus einer hohen Hintertorperspektive, die das ganze Feld erfasst und Eigenheiten oder Fehler der verschiedenen Spielsysteme erkennen lässt. TV-Fussball ist nicht einfach eine zweidimensionale Variante von Fussball im Stadion, es ist etwas komplett anderes. Dem dürfte ruhig und mutig Rechnung getragen werden.