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Wenn Frauen am Arbeitsplatz unterfordert sind: Was es mit dem Paula-Prinzip auf sich hat.
Werden Mitarbeitende solange befördert, bis sie überfordert sind, ist vom Peter-Prinzip die Rede. Ein Konzept, das auf den kanadischen Pädagogen Laurence J. Peter zurückgeht, der Ende der 1960er-Jahre den Beförderungsmechanismus beschrieb, wie er in Linienorganisationen begünstigt wird und vor allem Männer betrifft. Das Gegenteil davon ist nicht weniger verbreitet, es hat bis anhin nur weniger Aufmerksamkeit erhalten: Das Paula-Prinzip, eine Wortschöpfung von Tom Schuller, der sich damit auf Frauen bezieht, die unter ihren Möglichkeiten bleiben und im Job unterfordert sind.
Gründe für die Unterforderung
Das hat eine Reihe von Ursachen und kann nicht einfach auf den Willen des Individuums abgeschoben werden. Tom Schuller macht folgende Gründe für das Paula-Prinzip verantwortlich:
- Die Kinderfrage: Sobald Kinder unterwegs sind, sind die Karrierepläne von Frauen viel stärker beeinflusst als jene von Männern. Frauen, die ein Kind bekommen haben, erleben nach der Rückkehr an ihren alten Arbeitsplatz oft ihr blaues Wunder: Projekte werden ihnen weggenommen, es wird ihnen weniger zugetraut – so dass sie am Ende am Arbeitsplatz unterfordert sind.
- Die Erwartungshaltung: Die offensichtliche Diskriminierung von Frauen am Arbeitsplatz mag abgenommen haben, so Schuller. Aber sie fände heute einfach subtiler statt. So müssten Wissenschaftlerinnen heute oft noch immer doppelt so produktiv sein wie ihre männlichen Kollegen, um dieselbe Anerkennung zu erhalten.
- Das mangelnde Selbstvertrauen: Auch bekannt als Hochstapler-Syndrom, das vornehmlich Frauen betrifft. Schuller spricht von einer 60/20-Regel: Wenn sich Männern eine Jobgelegenheit bietet, nutzen die meisten die Chancen, wenn sie denken, 60 Prozent der Erwartungen erfüllen zu können. Viele Frauen hingegen würden bereits die Gelegenheit sausen lassen, wenn sie denken, dass sie 20 Prozent der Anforderungen nicht erfüllen. Frauen würden sich tendenziell deutlich weniger zutrauen, selbst wenn sie für eine Stelle die nötigen Qualifikationen mitbringen. Viele Männer hingegen hätten weniger Hemmungen, sich auch dann zu bewerben, wenn ihnen die nötigen Kompetenzen fehlen.
- Das fehlendes Netzwerk: Frauen fehlen die Kontakte nach oben, wo der informelle Austausch schon viele Karrieren zum Fliegen gebracht hat.
- Die bewusste Wahl: Frauen entscheiden sich auch eher ganz bewusst gegen mehr Verdienst und Status, weil sie andere Prioritäten setzen möchten. Allerdings erfolgen diese Entscheide längst nicht immer freiwillig - zumal der Löwenanteil der Haus- und Care-Arbeit noch immer von den Frauen wahrgenommen wird.
Lieber Routine statt Stress
Bei allen strukturellen Hindernissen, die sich Frauen im Berufsleben nach wie vor in den Weg stellen, kann die Unterforderung im Job auch gewollt sein - was natürlich für beide Geschlechter gleichermassen zutreffen kann. Zum Beispiel, wenn jemand seine ganze Energie lieber in das Privatleben steckt statt sich am Arbeitsplatz aufzureiben.
Das ist nicht gleichzusetzen damit, dass diese Person ihren Job unmotiviert erledigt. Sie möchte ganz einfach, wenn sie die Türe hinter sich schliesst und in den Feierabend geht, nicht weiter an den Job und an damit verbundene Herausforderungen denken. Lieber nimmt sie die Routine in Kauf, die sich am Arbeitsplatz zwangsläufig ergibt. Allerdings müssen sich jene, die sich für diesen Weg entscheiden und sich mit einem Job zufriedengeben, der nicht ihren Qualifikationen entspricht, im Bekanntenkreis oft rechtfertigen. Sie werden aber auch klammheimlich darum beneidet, dass sie sich ganz offensichtlich nicht über den Job definieren.
Entscheidend ist, dass am Ende jeder für sich selber entscheidet, was er unter „Karriere“ versteht. Solange die Unterforderung am Arbeitsplatz tatsächlich selber gewählt ist, geht dieser Weg nicht automatisch damit einher, demotiviert und unzufrieden zu sein.