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Das Wichtigste in Kürze:
- Unser Dorf wurde während der Landnahme der Alemannen gegründet. Zunächst war es nur eine Mühle und eine Heimstätte, welche zu Wigoltingen gehörte.
- Dieses „Heim mit Mühle“ schenkte ein König Arnulf im Jahre 889 seinem Getreuen namens Deothelm, der „ein Vormann der Abtei Reichenau“ war.
- So gelangte Müllheim unter die Herrschaft dieses Klosters.
- Der älteste Kern des Dorfes liegt bei jener leichte Erhebung, auf der heute die evangelische Kirche steht. Dort steht heute noch der Kehlhof, gleich daneben war die Mühle gebaut.
- Der älteste erhaltene Gebäudeteil ist der untere Teil des Kirchturms.
- Ab dem Jahre 1260 werden in Urkunden zunächst das Dorf und dann einzelne Gebäude genannt.
Das Heim mit Mühle
Unser Dorf wurde von den Allemannen während ihrer Landnahme gegründet. Der Name «Heim mit Mühle» deutet aber an, dass es zunähst wohl nur ein einzelner Hof, bestimmt aber mit einer zugehörigen Mühle war. Wahrscheinlich ist, dass diese Mühle für die Siedlung des Wigwalt, also für Wigoltingen, erbaut wurde.
In allen Quellen wird Müllheim ganz selbstverständlich als „von altersher zur Reichenau gehörig“ betrachtet. Unser Dorf ist sogar eine der grössten „Villikationen“ (Dorfbildungen) der Reichenau südlich des Bodensees.
Trotzdem ist Müllheim in einer Liste über die Besitzungen der Reichenau, die aus dem Mittelalter stammt, nicht zu finden. Diese Liste, auch Oheims Chronik genannt, enthält dafür seltsamerweise den Namen Wigoltingen. Unser Nachbardorf, sein Herrenhof und die wichtigsten Güter, gehörten aber nie zur Reichenau, sondern zum Domstift Konstanz. Dies war ganz bestimmt im Jahre 1155 der Fall, als Kaiser Friedrich den Domherren den Besitz der Rechte über Wigoltingen bestätigte.
Auch in einer Königsurkunde, in der Schenkungen an die Reichenau beschrieben werden, taucht der Name unseres Nachbardorfes auf: „Privilegum de Cachananc et Wigoltinga“ heisst es dort, es seien der Abtei also Privilegien über Gachnang und Wigoltingen geschenkt worden. Dies trifft zwar für Gachnang zu, die Urkunde erweist sich aber als gefälschte Abschrift eines uralten Dokuments. Man wollte mit ihr in unsicherer Zeit den Besitzanspruch über Gachnang festigen, der Begriff „Wigoltinga“ wurde übernommen, um den Schein der Echtheit zu bewahren.
Glücklicherweise ist aber auch die echte Königsurkunde erhalten geblieben. Sie ist in Bezug auf Wigoltingen präziser als die gefälschte Abschrift. Es heisst hier nämlich, dass der Fronhof in Gachnang und „ein beim Dorf Wigoltingen gelegener Hof sammt Zubehörde, Leuten, Gehöften, Häusern, Aeckern, Wiesen, Weiden, Weidgängen, Wäldern, Wassern, Wasserläufen, und Mühlen“ verschenkt wurde.
Wir dürfen annehmen, dass mit diesem Hof der Kehlhof Müllheim gemeint war, ohne dass sein Name erwähnt wurde. Somit sind, wie A. Puppikofer in seiner „Geschichte des Thurgaus“ schreibt, „die Hofgüter Müllheims als Dependenzen von Wigoltingen an die Abtei Reichenau gekommen.“
Das „Heim mit Mühle“ war also in alter Zeit eine Filiale von Wigoltingen. Der Frage, warum in der Königsurkunde Müllheim nicht genannt wurde, ist auch F. Beyerle in seinem Werk „Die Grundherrschaft der Reichenau“ nachgegangen. Er vermutet, dass „der Name <<Wigoltingen>> ehemals auch das Dorf Müllheim mitumfasst“ habe.
Die echte Schenkungsurkunde stammt aus dem Jahre 889. Mit ihr schenkte der König Arnulf (der von 892 an auch Kaiser war) die noch kleine Siedlung seinem Getreuen namens Doethelm, der „ein Vormann der Abtei Reichenau“ war. Von diesem adeligen, im Thurgau ansässigen Doethelm gelangte Müllheim dann an die Reichenau. So wurde Müllheim von Wigoltingen abgetrennt und entwickelte sich zum selbständigen Dorf.
Der Dorfkern
Der älteste Kern des Dorfes lag in der Umgebung jener leichter Erhebung, auf der heute die evangelischen Kirche steht. Dieses Gebiet wurde in den alten Dokumenten „Rütti“ genannt, hier wurde also erstmals der Wald gerodet. Wie bei den allemannischen Dörfer üblich, stand der Kehlhof im Mittelpunkt. Gleich daneben wurde die Mühle erbaut, die der Siedlung den Namen gegeben hat.
a) Der Kehlhof
Das für die herrschaftlichen Verhältnisse wichtigste Gebäude in unserem Dorf war über Jahrhunderte der Kehlhof. Das Gebäude mit diesem Namen steht immer noch am selben Ort im Oberdorf und bildet den westlichen Abschluss der Gruppe Kirche / Schulhaus / Säge / Kehlhof. Seine Form dürfte sich aber im Laufe der Zeit stark gewandelt haben.
Erstmals erwähnt wurde der „kelnhof ze Mülain“ im „Habsburger Urbar“ von 1303, einer Aufzeichnung aller Besitzungen der Vogtei Habsburg. Im Jahre 1348 wurden vom Abt der Reichenau alle Einkünfte „uss unserem kelnhof und usser allen unsern huben, gelegen in dem dorf ze Mülhan“ weiterverliehen. Eine Hube war ein grösserer, selbständig wirtschaftender Bauernhof, von denen es in jener Zeit in Müllheim etwas über 20 gab.
Der Kehlhof erschien wegen seiner besonderen Bedeutung immer wieder in den Dokumenten. 1518 waren es zu Hof und Scheune „40 Jucharten Ackerfeld in den drei Zeigen, 5 Mannsmad Heuwachs und 14 Jucharten Wald.“ Der direkt zum Kehlhof gehörende Landbesitz nahm immer mehr ab. Im späten 18. Jahrhundert bestand der Kehlhof aus folgenden Teilen: „Haus, Scheune, Stall, Torkel und zwei Speicher, wovon einer noch direkt dem bischöflichen Amt gehört.“
b) Die Mühle
Im Jahre 1343 verlieh der Abt der Reichenau einen Acker, „genannt Büd ze der Wassermüli“. Es ist höchst wahrscheinlich, dass es sich bei dieser „Wassermüli“ um das Gebäude „zur Säge“ handelt. Diese Getreidemühle wurde später in eine Sägerei umgewandelt, die bis ins 19. Jahrhundert betrieben wurde. Diese „vorderen Mühle“ wurde von einem Bachlauf angetrieben, der vom Töbeliweiher her kommend den Kirchhügel in engem Bogen umfloss.
Erste Erwähnungen bis 1300
Nachdem bereits am 7. September 1260 auf einer Urkunde „ville de Mülhain“ (Dorf Müllheim) geschrieben wurde, taucht 1262 auch das erste Gebäude auf: „… curtim in Mulhaim, que dicitur Obirhof“, also ein herrschaftlicher Hof, der Oberhof genannt wurde. Dieser Hof stand im Bereich des heutigen Oberdorfes, laut Urkunde inmitten der herrschaftlichen Besitzungen, womit wohl die Güter des Ritters von Müllheim gemeint sind.
Im selben Dokument wurde erstmals eine „scoposam“ (Scheune) erwähnt, in der ein Heinricus Tuville residierte. Sie stand „in inferiori parte eiusdem ville“, also „im unteren Teil desselben Dorfes“.
Der Gütertausch, in dem diese Gebäude den Besitzer wechselten, wurde am 21. September 1275 wieder rückgängig gemacht. Nun wurden sie „Obernhof“ und „schupozam vor dem stege“ genannt. In diesem Dokument wurde erstmals auch von einer Mühle geschrieben: “molendinum situm ibidem < in dem tobel>“, also von einer Mühle, die in einem Tobel gebaut wurde.
Im Jahre 1270 musste die Witwe des Ritters de Mülhain schwören, dass sie auf den Hof „Hub“ im Dorfe Müllheim verzichte. Dieser Hof stand im heutigen Areal der Firma Utilis und wurde auch „St. Johannser Hub“ genannt, weil der Lehensherr das Stift St. Johann in Konstanz war. Gesichert taucht dieses Johannserhub erst wieder 1784 auf, sein Besitzer war damals der Bürgermeister Etter. Die Herren Hess und Rajmann, von Wald ZH, kauften das Haus „zum Betreibe des Baumwollgewerbes“ auf Ostern 1786, danach wurde das Gebäude nie mehr erwähnt.
Der älteste und noch in gleicher Form erhaltene Gebäudeteil Müllheims ist der untere Drittel des Kirchturms. Er war der Wehrturm der Ritter „de Mülhain“. Sie besassen wahrscheinlich eine zur Burg gehörende Kapelle. Im Jahre 1275 schrieb man zwar im Zusammenhang mit den Kreuzzügen von einer ,,ecclesia in Mulhain“ . Dieser Titel „ecclesia“ kann aber sowohl Kirchen wie auch Kapellen zukommen.