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Friedrich Glauser
Briefe und Dokumente
Ausgewählte Briefe zeigen den Stimmkünstler Friedrich Glauser. Die Briefe führen mitten hinein in das Netzwerk von Vater, Vormundschaftsbehörden, Psychiatrie und Polizei. Sichtbar wird erstmals auch ein zweites weibliches Netzwerk von Frauen, die Glauser emanzipiert und eigenständig umgeben.
Die Reihe wird fortgeführt bis zur Eröffnung der Installation «Friedrich Glausers Zelle» am 28. Mai 2021.
Schlussbericht Robert Schneider
Schlussbericht
Friedrich Karl Glauser
Muri, Kt. Bern
4. Febr. 1896
Dr. R. Schneider, 1. Amtsvormund
Selnaustr. 9, Zürich 1
Friedrich Glausers Laufbahn, die sich in den letzten Jahren so erfolgreich gestaltet hatte, ist jäh abgebrochen worden. Am 8. Dez. 1938 ist er in Nervi-Genua an einer Herzmuskellähmung ganz unerwartet und plötzlich gestorben. Die Kremation fand in Genua statt und die Beisetzung der Asche erfolgte hier in Zürich auf dem Friedhof Manegg. Mit Recht durfte man auf Glausers weiteres Schaffen gespannt sein und immer grössere Kreise setzten berechtigte Hoffnungen auf dieses schriftstellerische Talent. Zu den im letzten Bericht genannten Publikationen gesellte sich im Verlauf des Jahres 1938 der Roman «Die Fieberkurve», der zuerst in der «Zürcher Illustrierten» erschien und kurz vor Glausers Tod auch in Buchform herausgekommen war.
Mehrere Arbeiten hat Glauser unvollendet zurückgelassen, so eine Autobiographie und ein Roman «Schweizer im Auslande». Zu einem grossen Schweizer Roman liegen Notizen vor.
Der Nachlass ist von mir, soweit er bis jetzt gesammelt werden konnte, zusammengestellt worden und halte ich ihn den Erben zur Verfügung. Glauser hat ein Testament hinterlassen, wornach er als seinen Erben: Frl. Berthe Bendel, wohnhaft in Grub, Kt. Appenzell, bezeichnet. Das Testament liegt zur Eröffnung beim Einzelrichter des Bezirksgerichts Zürich und ist zweifelsohne nach jeder Richtung hin gültig.
[…]
Kontext
«Mit Kriminalromanen fangen wir an um uns zu üben. Das Wichtige erscheint erst später», schreibt Friedrich Glauser am 1. Dezember 1938 an Karl Naef vom Schweizerischen Schriftstellerverein. Eine Woche später stirbt er unvermittelt, am Abend vor der Hochzeit mit Berthe Bendel.
Bild: Friedrich Glauser mit Schreibmaschine. Nervi, Sommer 1938 © Schweizerisches Literaturarchiv. Foto: Berthe Bendel.
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Robert Schneider
27.06.1938
Lieber Herr Doktor,
ich danke Ihnen herzlich für Ihren freundlichen Brief. Entschuldigen Sie bitte meine Karte, ich arbeite am Roman, der nun bald fertig ist. Haben Sie Nachricht erhalten von meinem Geburtsschein? Muss ich noch lange warten? Hoffentlich nicht. Es tut mir leid, Ihnen soviel Mühe machen zu müssen. Sehr herzlich grüssen wir Sie.
Ihr Glauser
Kontext
Von Juni 1938 an halten sich Berthe Bendel und Friedrich Glauser im italienischen Küstenort Nervi bei Genua auf. Sie hoffen, dort heiraten zu können. Glauser steht an einem entscheidenden Wendepunkt: Auch wenn die Vormundschaft bestehen bleibt, so gewinnt er doch eine völlig neue Autonomie. Die Monate vor der Hochzeit sind begleitet von einer intensiven Selbstreflexion. Glauser hält Rückschau und erkennt eine Folgerichtigkeit im eigenen Lebensweg. Seine Briefe sind nun versöhnlich.
Bild: Postkarte von Friedrich Glauser an Robert Schneider. Nervi, 27. Juni 1938 © Stadtarchiv Zürich. Foto: Widmer&Fluri, Zürich
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Martha Ringier
Mai 1937
Vielen Dank für den Brief, maman Marthe, und für seinen Inhalt. Und sei nicht allzubös, wenn das Mulet etwas gespuckt hat gestern. Übrigens bin ich dir mehr schuldig. Das erklär ich dir, wenn du kommst. Und nun bewundere das Land, in das du kommst. Wir wollen es durchbummeln und schaffen uns zwei Velos an. Das ist eine erfreuliche Angelegenheit.
Viel viel Liebes von deinen Beiden
Kontext
Im März 1937 übersiedeln Friedrich Glauser und Berthe Bendel an die Atlantikküste nach La Bernerie. Dort weht eine frische Meeresbrise und der Horizont ist weit. Frankreich ist Glausers Wahlheimat, hier fühlt er sich nach vielen Jahren Internierung erstmals frei. Auch als Schriftsteller hat er nun Erfolg: In dichter Folge erscheinen seine Kriminalromane mit Wachtmeister Studer.
Bild: Postkarte von Friedrich Glauser an Martha Ringier. La Bernerie, Mai 1937 © Schweizerisches Literaturarchiv. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek Bern
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Robert Schneider
Angles, 21. Dezember 1936
Lieber Herr Doktor,
vielen Dank für Ihren freundlichen Brief. Das Geld, das Sie uns annonciert haben, ist bis jetzt noch nicht eingetroffen. Ist das ein Fehler der Kasse? Wir wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie die Sache so bald als möglich in Ordnung bringen könnten.
Nun wegen der «Fieberkurve»:
Ich habe Dr. Naef die Hälfte des Romans geschickt mit der Bitte mir einen Vorschuss von 500.- frs darauf zu geben. (…) Ich brauche das Geld aus folgenden Gründen: Es war mir absolut unmöglich neben der schriftstellerischen Arbeit die sehr schwere Instandsetzung des hinteren Gartens zu machen. Auch der Hof hat eine gründliche Säuberung und Instandstellung nötig. Einen Arbeiter habe ich dafür nicht nehmen können, das wäre zu teuer gekommen. (…) Ich habe auch viel mit dem Wettbewerb zu tun gehabt – für einen Menschen, wie ich, der ungewohnt ist Pläne zu machen, ist das eine Heidenarbeit; dann sollte ich für den «Schweizer Spiegel» eine Novelle schreiben – kurz, ich sollte wirklich eine Zeit lang sorgenlos leben können. Es ist so zermürbend, ständig in Sorgen zu leben. So kann ich auch die «Fieberkurve» nicht fertigbekommen. Risiko für Sie oder die Werkbeleihungskasse ist ja keines vorhanden. Ich habe vom Morgarten-Verlag noch 800.- frs. zu gut.
Die Rechnung wäre dann einfach:
Rückzahlung an die Werkbeleihungskasse 500.-
Rückzahlung an Sie 250.-
Total 750.-
Dann könnte man wieder klar sehen. Sind Sie so einverstanden? (…)
Nun möchte ich Ihnen, nach all diesen geschäftlichen Ausführungen, recht fröhliche und gute Festtage wünschen. Frl. Bendel schliesst sich mit ihren guten Wünschen mir an.
Mit freundlichen Grüssen und vielem Dank für all Ihre Mühe verbleibe ich
Ihr ergebener Glauser
Kontext
Friedrich Glauser steht während zwanzig Jahren unter Vormundschaft, von 1918 bis zu seinem Tod 1938. Die Vormunde Walter Schiller und Robert Schneider verwalten sein Geld, für jede Ausgabe muss Glauser um Erlaubnis fragen und Belege liefern. Die Briefe an die Vormunde sind gespickt mit Auflistungen über Kleinstbeträge. Diese Bettelbriefe zeigen, wie demütigend das System amtlicher Vormundschaft für Glauser war.
Bild: Kuvert der Amtsvormundschaft für Rechnungsbelege von Friedrich Glauser. Zürich, 31. Dezember 1935 © Stadtarchiv Zürich. Foto: Widmer&Fluri, Zürich
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser und Berthe Bendel an Martha Ringier
Angles près Gué de Longroi
Eure et Loir France.
den 15. August 1936
Sehr verehrte gnädige Frau,
anbei erlaub ich mir Ihnen zur gefl. Kenntnisnahme eine Skizze genannt «Seppl» zu übermitteln mit der Bitte dieselbe auf ihre Eignung in Hinblick auf eine ev. Aufnahme im Tierschutzkalender, dessen verdiente und langjährige Leiterin Sie seit langen Jahren sind, übermittelnd zu überweisen zwecks Prüfung derselbigen. In der Hoffnung, dass selbige Arbeit den strengen Ansprüchen Ihres werten Kalenders entsprechen möchte zeichne ich mit überaus freundlicher Hochachtung Ihr ganz und stets ergebener
der Obige.
Nachdem somit das Geschäftliche fruchtbringend erledigt wäre, begrüsse ich dich herzlich, liebe maman Marthe, (begrüssen! o heimatlicher Laut!) und danke dir für deinen Brief. Mein Zweifel, dass Kleiber den «Hühnerhof» nimmt, ist über alle Massen gross, denn es wird in selbigem despektierlich über Nervenärzte geredet und du weisst, dass das Motto jeder Schweizer Zeitung lautet: Nur niemandem auf die Hühneraugen treten!….
Mit dem «Seppl» kannst du machen was du willst, ihn kürzen, zurückschicken, in den Papierkorb werfen – nur sagen, was daran nicht stimmt. Zurückschicken ist eigentlich nicht sehr nötig, ich hab eine Copiieee behalten.
Das Wetter ist schön, ich hab den Hans heut Seiltanzen gelehrt, auf einem Wäschseil, mit der Zeit wird es gehen, er ist noch ein wenig ungeschickt aber sonst gelehrig. Und wenn alles schief geht tret ich im Küchlin als Hühnerdresseur auf – der junge Schweizer Schriftsteller, dessen Namen man sich wird merken müssen in einer Solonummer, umgeben von seinem Hühnerschwarm. Wenn das nicht zieht!.
Und somit sind wir auf dem Hund, obwohl wir keinen haben. Hoffentlich kommt Jucker morgen abladen, ich hab ihn eingeladen… Schneider schreibt wieder durch die Nase, die Luft in seinem Bureau scheint ihm nicht gesund zu bekommen. Von Briner hab ich einen netten Brief bekommen und einen noch netteren von einem Wärter in der Waldau, wo er mich bald ihrt, bald siezt. Er ist so schön, dass ich ihn aufbehalten werde. Seit ich fort sei, gehe es nicht mehr gut mit Abwaschen, schreibt er. Das hat mich geehrt. Fein, dass es mit der «Krähe»[1] zu einer guten Lösung kommt. Habt ihr jetzt auch Hitze in Basel? Bei uns holt die Sonne nach. Wir werden bald Bohnen haben und Kiefel und Salat und leben sehr sparsam. À part ça rien de nouveau. Viel Liebes und schreib bald, auch wenn ich schreibfaul bin. Das Ms. für die «G. S.» wird noch vor Oktober in deinem werten Besitze sein, d.h. wenn alles gut geht und sonst nichts dazwischen kommt. Seit es schön ist, hab ich wieder Lust zu schreiben.
Viel Liebes vom Mulet
Claus
und viel Liebes von mir, u. vom Hansi, jetzt muss er noch Seiltanzen lernen, nebst seiner grossen Aufgabe mit den 6 mutterlosen «Hüeli».
Deine Geiss
Kontext
Im Dezember 1935 beginnt Friedrich Glausers Brieffreundschaft mit der Redakteurin Martha Ringier. Die 99 überlieferten Briefe führen direkt in Glausers literarische Werkstatt. Alles kommt zur Sprache: Schreibstau und Schreibfreuden, Seitenhiebe gegen andere Autoren und ätzende Bemerkungen über den «Schweizer Literatur-Olymp». Wie eng sie befreundet sind, zeigen die Übernamen: Martha Ringier ist «maman Marthe» (frz. Mutter), Glauser nennt sich «mulet» (frz. Maultier) und Berthe Bendel «Geiss» (schweiz. Ziege).
Bild: Friedrich Glauser bei der Hühnerdressur. Angles, Sommer 1936 © Schweizerisches Literaturarchiv. Foto: Berthe Bendel.
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Berthe Bendel
Münchenbuchsee, [30. Juli 1935]
Sehr verehrtes Fräulein Bendel,
Unterzeichneter erlaubt sich höflichst anzufragen, ob Sie, verehrtes Fräulein, krank, unpassend, bös, verärgert, müde oder faul sind. Er hofft das Letztere. Endesunterzeichneter hat die Ehre, Sie anzufragen, ob Sie geneigt wären, nächsten Frühling den schon einmal in Münsingen ventilierten Plan, nämlich auf ein Gut zu gehen u. dort Hühner, Enten, Erbsen, Küngel, Bohnen, Salat, vielleicht auch Hunde, Katzen, Tauben, Gänse zu züchten, nun zur Wirklichkeit erstehen zu lassen. Über Ihre Einwilligung zu diesem Projekt wäre Ihr gehorsamster Diener sehr glücklich.
Geld wird sich finden.
Ohne Spaß, Berthie, Jucker hat mich anfragen lassen, ob ich nächsten Frühling die Sache übernehmen will. Da brauch ich dich natürlich. Oder bist du anderweitig verlobt? Ich glaub es wär sehr schön u. wird schön werden. Schuften müssten wir, denn das Zeug ist sicher verlottert. Aber das schad ja nichts. Man hätte ein eigenes Haus, nicht? Schreib doch endlich einmal, faule Seele, oder komm nächsten Sonntag. Weißt ich hab so am Roman49 geschuftet, daß ich daneben nichts geschrieben hab. Drum bin ich so auf dem Hund. Aber sobald ich Geld hab schick ich dir etwas.
Was ist los, Berthie? Wenn du nicht weitermachen willst, so sags lieber.
Übrigens heißt der Herr Fouché, war Herzog von Otranto, Staatsrat, Minister des allerchristlichen Königs Ludwig XVIII., hat in seinem Leben etwa ein halbes Dutzend Meineide geschworen, aber war ein kluger Kerl.
Viel Liebes u. einen sehr zärtlichen Kuss von deinem
Friedel.
Kontext
Im Herbst 1933 lernt Friedrich Glauser in der Anstalt Münsingen die Pflegerin Berthe Bendel kennen und die beiden werden ein Paar. Ein Tabu im damaligen Psychiatriebetrieb. Bendel kündigt zwar prompt ihre Stelle, doch liefert diese Beziehung das Argument, dass Glauser nicht wie geplant Anfang Januar 1934 freigelassen wird, sondern weitere eineinhalb Jahre interniert bleibt bis im Mai 1936. Im Juni 1936 übersiedeln Glauser und Bendel nach Frankreich und übernehmen einen kleinen Hof in Angles bei Chartres.
Bild: Briefkuvert adressiert an die Pflegerin Berthe Bendel. Münsingen, 17. November 1933 © Schweizerisches Literaturarchiv. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek Bern
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Ulrich Brauchli, Direktor der Anstalt Münsingen, an den Vormund Walter Schiller
Münsingen, den 14.VII.31
Sehr geehrter Herr Doktor!
Mit Gegenwärtigem erlauben wir uns, Sie zu ersuchen, Ihrem Mündel Herrn Friedrich Karl Glauser ein Taschengeld zuschicken zu wollen. Er hat nämlich nichts mehr zu rauchen. Die Entziehung ist zwar schon durchgeführt, der psychische u. körperliche Normalzustand aber leider noch nicht hergestellt.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Brauchli
Kontext
Glauser war ein starker Raucher. Das belegen die vielen Quittungen von Zigarrengeschäften in den Akten der Amtsvormundschaft. Ulrich Brauchli (1862-1939), von 1912 bis 1938 Direktor der Anstalt Münsingen, ist als Ulrich Borstli in Glausers Psychiatrieroman Matto regiert eingegangen. Direktor Borstli wird im Roman tot im Kohlenkeller gefunden, und die Aufklärung des Mordfalls führt tief in die Zwischenwelt von ‹Wahnsinn› und Normalität. Das Buch löst 1936 einen Skandal aus und wird vor Brauchli versteckt.
Bild: Brief von Ulrich Brauchli an Walter Schiller. Münsingen, 14. Juli 1931 © Stadtarchiv Zürich. Foto: Widmer&Fluri, Zürich
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Max Müller
Liestal, den 11. März 1927
Lieber Herr Doktor,
Um es gleich zu sagen: ich bin wieder in meine alte Manie zurückgefallen, und habe mir bei einem Apotheker widerrechtlich Opiumtinktur angeeignet. Ich verlangte jeweils ein Glas Wasser um ein Pulver einzunehmen, und trank währenddessen einen Schluck Tinktur. Dabei wurde ich einmal überrascht, arretiert. Der Statthalter, der als Untersuchungsperson funktionierte, (Rein heißt er und sagt, er kenne Sie) war sehr menschlich mit mir, bewog den Apotheker, die Strafklage zurückzuziehen (ich musste 20 frs. zahlen) und entließ mich schon am nächsten Tag. Nun rät mir mein Vormund eine Zeitlang nach Münsingen zu gehen um mein Gleichgewicht wiederzufinden. Ich sage Ihnen offen, daß es mir kaum möglich scheint mich allein zu entwöhnen, obwohl ich in der Dosis schon ziemlich herunter bin. Ich war auf etwa 20 g Tinktur im Tag gekommen, bin jetzt zwischen 7 u. 10. Was meinen Sie dazu. Wäre es möglich in Münsingen so viel zu arbeiten, daß ich meine Pension verdienen würde und doch etwas Zeit zum Schreiben finden würde? Wirklich kann ich mit gutem Gewissen behaupten, daß ich fähig bin alle Arbeiten zu verrichten. Könnten Sie Hrn. Brauchli den Vorschlag machen? Und dann schreiben Sie mir bitte, was Sie denken. Sie kennen mich ja gut genug, um zu wissen, was mir frommt. Ich selbst bin ziemlich ratlos und müde, auch verzweifelt.
Mit vielen Grüßen (auch für Frau Doktor) bin ich stets Ihr
Glauser
Die Kosten spielen natürlich eine große Rolle, ich möchte nicht gern der Gemeinde oder meinem Vater zur Last fallen. Meine Aufnahme müßte nichts mit der Behörde zu tun haben, denn ich habe große Angst wieder in Witzwil interniert zu werden. Bitte berücksichtigen Sie das auch.
Kontext
Sucht, Delinquenz und psychiatrische Behandlung gehen bei Glauser nahtlos ineinander über. Glausers Lungentuberkulose wird 1917 mit Morphium behandelt, was zu einer fatalen Morphiumsucht führt. Trotz diverser Therapien und Entzüge bleibt Glauser bis an sein Lebensende süchtig. Um an «Mo» zu gelangen, fälscht er Rezepte und Unterschriften, begeht Einbrüche und verschuldet sich. Als er 1934 die Unterschrift des Psychiaters Max Müller fälscht, um an Morphium zu gelangen, zerbricht die Freundschaft.
Bild: Brief von Friedrich Glauser an Max Müller mit Briefkopf der Strafanstalt Witzwil-Bern. Witzwil, 11. Oktober 1925 © Schweizerisches Literaturarchiv. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek Bern
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
1925–1932: Anstalt, Analyse, Arbeit
Anstalt, Analyse, Arbeit – die Zeit von 1925 bis 1932 lässt sich mit diesen drei Stichworten treffend zusammenfassen. Im Mai 1925 wird Friedrich Glauser aus Belgien in die Schweiz zurückgeschafft. Lange Aufenthalte in der Strafanstalt Witzwil und der Psychiatrischen Klinik Münsingen wechseln ab mit kurzen Phasen in der Freiheit. Friedrich Glauser arbeitet als Schriftsteller und gleichzeitig als Hilfsgärtner draussen auf dem Feld.
Der Psychiater Max Müller ist in diesen Jahren seine wichtigste Bezugsperson. Glauser lernt Max Müller 1925 in der Anstalt Münsingen bei Bern kennen und beginnt eine Psychoanalyse bei ihm. Diese ermöglicht ihm neue Einsichten: «Wie ein Tiefseetaucher» taucht er in sein eigenes Inneres ab und kann in der Analyse seinen Vaterkomplex, wie er sagt, «fröhlich zu Grabe» tragen.
Der Psychiater Max Müller wirkt als Vermittler zwischen Glauser und dem Vormund Walter Schiller. Vor allem aber ist er bis zu Beginn der 1930er Jahre Glausers wichtigster literarischer Begleiter. Er liest seine Texte und versucht sie bei Zeitungen und Zeitschriften unterzubringen. Der Briefwechsel mit Max Müller gibt einen intimen Einblick in die verschlossene Welt der Psychiatrie in dieser Zeit.
Von 1926 hat Glauser eine Liebesbeziehung mit der Tänzerin Beatrix Gutekunst. Sie übersiedeln 1932 gemeinsam nach Paris, doch der Versuch, sich dort als Journalist und freier Schriftsteller zu etablieren, scheitert und sie kehren nach fünf Monaten zurück. Gutekunst heiratet kurze Zeit später den Kunstmaler Otto Tschumi.
Kontext
Der Zürcher Illustrator Hannes Binder beschäftigt sich seit dreissig Jahren mit Friedrich Glauser. Er hat alle Romane und viele Erzählungen illustriert. Für den Band Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies …» hat er sich von Glausers Briefen inspirieren lassen und eigens Schabkartonzeichnungen angefertigt.
Bild: © Hannes Binder
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an die Zeitschrift Die Schweiz
Paris, Hôtel Suisse
Rue Lafayette 5,
den 29. Juni 1923
Sehr geehrter Herr Redaktor,
Als ich vor zwei Jahren die Schweiz verließ, ließ ich bei Ihnen eine Novelle «der Heide» druckfertig, deren Korrekturbogen ich schon durchgesehen hatte. Außerdem ließ ich die Manuskripte zweier Novellen zurück («der Kleine» und «der Dieb»), die Sie mir versprochen hatten durchzusehen. Auch einige Gedichte. Es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, mir Nachricht zu geben, was aus all diesen Sachen geworden ist. Zwei Jahre lang habe ich in der französischen Fremdenlegion gedient, viel gelitten und möchte nun, nach Europa zurückgekehrt, gerne erfahren, was aus meinen Erzeugnissen geworden ist. Falls etwas in der «Schweiz» erschienen ist, wäre ich Ihnen dankbar, mir ein Belegexemplar zukommen zu lassen. «Der Heide» ist mir vom damaligen Redaktor gezahlt worden. Falls mit der Zusendung ins Ausland irgendwelche Spesen in Verbindung stehen sollten, wollen Sie diese bitte per Nachnahme einziehen. Wenn Sie für Skizzen und kurze Novellen aus der Fremdenlegion Verwendung haben sollten, lassen Sie es mich bitte wissen. Ich hoffe daß ein «Coup de tête» auf die Bewertung litterarischer Werke keinen Einfluß hat. Wollen Sie mir auch bitte mitteilen, ob Herr Müller, der ehemalige Redaktor der «Schweiz», noch in Zürich ist, und mir seine Adresse mitteilen. Ich habe nie die Güte und Liebenswürdigkeit vergessen, die er mir stets gezeigt hat und möchte ihm noch danken.
Ihrer baldigen Antwort entgegensehend verbleibe ich mit Hochachtung
Friedrich Glauser
Kontext
Von 1921 bis 1923 ist Friedrich Glauser Fremdenlegionär in Nordafrika. Statt Abenteuer erlebt er vor allem gähnende Langeweile. Nach der Ausmusterung verschlägt es ihn nach Paris, wo er im Hôtel Suisse als Tellerwäscher arbeitet und versucht, die früheren literarischen Kontakte wieder aufzunehmen, wie der Brief an die Zeitschrift Die Schweiz belegt.
Bild: Brief von Friedrich Glauser nach der Rückkehr aus der Fremdenlegion an Redakteur Hans Müller-Bertelmann. Paris, 29. Juni 1923 © Stadtarchiv Winterthur, Nachlass Hans Müller-Bertelmann
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Elisabeth von Ruckteschell aus der Anstalt Burghölzli, Zürich
Samstag 14. Aug. 20
Für dich schreib ich das kleines Lison, weil ich allein bin und niemandem erzählen kann als dir. Es hätte keinen Sinn für mich zu schreiben. Dies ist nicht Pose oder Litteratur, sondern es ist ganz einfach so. Ich bin müd heute und dumm, es regnet. Der Saal in dem ich sitze ist voll Rauch und Geschrei. Zwei braune Tische langweilen sich und dehnen sich gegen die harte Wand der umgebenden Stühle. Und das grüne Tuch bedeckt das Billard. An den Fenstertischen jassen die Leute, kreischen, lachen. Ein kleiner Buckliger mit grüner Schürze (er schläft in meinem Zimmer und hat Schweißfüße) krächzt ein heiseres Lachen wenn er Karten mit geballter Faust auf den Tisch trumpft. Ein dicker alter Mann, Schaeppi heißt er, steht daneben und gibt Ratschläge. Weiße Watte quillt hervor unter einem schwarzen Kreis der sein Auge bedeckt. Sein Sohn habe ihn hierher getan, klagt er, weil er zuviel trank. Er ist wie ein guter alter Papa, gar nicht alkoholikergrob, verschenkt Äpfel und lächelt gütig unter gelblichem Schnurrbart. Der Kopf ist rund wie der Körper; er hat fleischige Hände und klopft mir bisweilen väterlich auf den Kopf. Draussen regnets ununterbrochen und der Tag war lang. Am Morgen im Saal, der überfüllt war, denn heute wird nicht gearbeitet weil man rasiert. Am nachmittag Kohl gepflanzt. Dann in einem Schundroman gelesen bis zum Abendessen. Gestern hab ich dir einen langen Brief geschrieben und wollte ihn mitgeben, aber Monsieur hat scheint es das letztemal geflucht. Nun weiß ich nicht mehr wie ich zu dir kommen soll, Kleines. Bist du weit oder nah? Mir ist sentimental zu Mute und ich sehne mich. Lebwohl.
Kontext
Glauser begibt sich auf Anraten von Hans Raschle nach der Flucht aus der Irrenstation Holligen im August 1920 in die Psychiatrische Anstalt Burghölzli in Zürich. Das Ziel ist ein psychiatrisches Gegengutachten zu erstellen zur Diagnose, die 1919 in der Klinik Bel-Air in Genf gestellt wurde und auf «Dementia praecox» lautet.
Bild: Plan von Friedrich Glauser des Burghölzli-Hügels. Zürich, 22. August 1920 © Schweizerisches Literaturarchiv. Foto: Schweizerische Nationalbibliothek Bern
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Telegramm zum Ausbruch aus der Irrenstation Holligen
Bern 30. Juli 1920
Polizeikommando zuerich
Glauser friedrich karl, von muri, 1896, geisteskrank, sieh z.p.a. 1920 art 5103, ist letzte nacht aus der irrenstation holligen entwichen, offenbar unter mithilfe einer aeltern frauensperson namens ruckteschell aus zuerich stop beide duerften sich vermutlich in zuerich aufhalten stop ersuchen um verhaftung des glauser und direkte zufuehrung an 1. Amtsvormund dr schiller zuerich
= stadtpolizei
Ausführlicher Polizeirapport zum Ausbruch aus der Irrenstation Holligen
gegen Glauser Friedrich Karl
betrifft: Entweichung aus der Irrenstation Holligen
Bern, den 30. Juli 1920
An die Städt. Polizeidirektion II. Abteilung Bern
Donnerstag den 29. Juli um 20.00 wurde von Polizist Müller IV auf hiesiges Fahndungsbureau telephonisch der Bericht erstattet, dass ein unbekanntes Paar mit einem Automobil nach Zollikofen gefahren sei. Bei diesen Leuten müsse etwas nicht in Ordnung sein. Am Bahnhofe konnten wir dann bei den Chauffeuren Bigler und Graber folgendes in Erfahrung bringen.
Um 19.15 sei ein unbekanntes Frauenzimmer nach dem Bahnhofe gekommen und habe den Chauffeur Graber gebeten, sie nach der Eggimannstrasse zu führen. Vor der Abfahrt habe sie ihm erklärt, dass sie an der Eggimannstrasse an das Fenster klopfen werde, dann solle er sofort anhalten und den Wagen wieder nach der Stadt zu kehren. Im weiteren gab sie ihm zu verstehen, es werde dann ein jüngerer Bursche zu ihr in den Wagen kommen und mit ihr nach der Stadt fahren. Graber ist dann mit dem Frauenzimmer nach der Eggimannstrasse gefahren und als sie ihm das Zeichen zum Halten gab, hielt er an. Als er noch mit dem Umkehren des Wagens beschäftigt war, sei ein unbekannter Bursche eiligst daher gekommen und sei schnell in den Wagen hineingesprungen. Vorher habe die Frauensperson die Tuchvorhänge an den Fenstern heruntergelassen, sodass der Wagen vollständig abgeschlossen war. Nun habe ihm die Frau als Ziel das Hotel zum roten Kreuz angegeben. In der Meinung es handle sich um das Hotel zum Eidg. Kreuz an der Zeughausgasse sei Graber dorthin gefahren. An der Spitalgasse vor dem Geschäft Hirschel habe er anhalten müssen und die beiden Personen hätten die Fahrt bezahlt und seien ausgestiegen. Während der Fahrt von der Eggimannstrasse nach der Spitalgasse habe sich der Unbekannte vollständig umgekleidet. Graber ist dann mit dem Taxameter wieder nach dem Bahnhofe gefahren. Kaum war er dort, als das Frauenzimmer wieder kam und seinen Wagen bestieg; sie müsse nach Zollikofen oder Freiburg fahren. Sie verliess aber den Wagen sofort wieder mit dem Bemerken, der Wagen sei zu wenig verschlossen. Sie ging hierauf zu dem Taxi Nr. 2 (Chauffeur Rindlisbacher) und fuhr mit ihm nach dem Bärenplatz, wo vor der Wirtschaft zur Börse, auch der Unbekannte wieder in den Wagen hineinstieg. Rindlisbacher musste nun mit den beiden nach der Tiefenau fahren. Beide benahmen sich äusserst aufgeregt und waren sehr pressant. Nachdem dann Rindlisbacher zurück kam und wir die Fahrtrichtung der beiden wussten, telephonierte ich an Feldw. Studer, der dann den Befehl gab, den beiden Personen mit einem Taxi nachzufahren und sie zu kontrollieren. Wir fuhren sofort mit dem Chauffeur Bigler nach der Tiefenau und konnten hier feststellen, dass die beiden kurz vor 20.00 mit der Bahn nach Zollikofen gefahren seien. Sofort fuhren wir ebenfalls nach Zollikofen. Hier konnten wir aber die beiden nicht mehr finden, da sie vermutlich um 20.10 mit dem Zug nach Solothurn gefahren waren. Wir telephonierten an die Kantonspolizei Solothurn und ersuchten um Kontrolle der beiden Personen, falls sie bis dort fahren würden. Das Telephon langte noch zur rechten Zeit in Solothurn an.
Auf der Rückfahrt nach Bern kontrollierten wir noch sämtliche Wirtschaften, doch ergebnislos. In Bern wurde der Unbekannte in der Wirtschaft zur Börse gesehen. Hier will ihn niemand kennen. Nach Mitteilung der Kantonspolizei in Solothurn sind die beiden Personen nicht bis dorthin gefahren. Ohne Zweifel müssen sie vorher den Zug verlassen haben.
Da die städt. Irrenstation Holligen sich in der Nähe der Eggimannstrasse befindet, haben wir Freitag den 30. Juli 1920 um 8.00 den Verwalter Fuchser angefragt, ob dort eventuell ein Pflegling entwichen sei. Wir erhielten richtig auch die Antwort, dass Donnerstag den 29. ds. zwischen 19 und 20.00 Uhr der Pflegling Glauser, Friedrich Karl, Sohn des Karl Peter und der Friederike Skubitz, von Muri, Bern, geb. den 4. Februar 1896, ledig, Schriftsteller, entwichen sei. Glauser ist ein gemeingefährlicher Geisteskranker, der am 14. Juli 1920 in hiesiger Stadt aufgegriffen und der Irrenstation Holligen zugeführt wurde. Der I. Amtsvormund von Zürich, Herr Dr. Schiller hatte gegen Glauser im Schweiz. Polizei-Anzeiger einen Steckbrief erlassen. Dieser Steckbrief ist seither revoziert worden.
Die unbekannte Frauensperson, die dem Glauser zu der Flucht verholfen hat, ist ohne Zweifel identisch mit einer gewissen Elisabeth von Ruckteschell, vermutlich wohnhaft in Zürich oder Ronco, Kanton Tessin. Die Ruckteschell hat den Glauser öfters besucht, so auch Donnerstag den 29. ds. Ohne Zweifel wurde auch an diesem Tage die Verabredung zur Flucht getroffen. Die Ruckteschell hat dem Glauser von Zürich aus öfters Pakete und Briefe zugeschickt. Nach den angegebenen Signalementen kann kein Zweifel sein, dass die beiden Unbekannten, die mit den Taxametern in Bern umhergefahren sind, mit Glauser und der Ruckteschell identisch sind.
Nach einer telephonischen Meldung der Amtsvormundschaft Zürich soll die Ruckteschell in Ronco, Tessin wohnen und es ist anzunehmen, dass sich auch Glauser dort aufhält. Sollte dies nicht der Fall sein, so ist die Ruckteschell in der Lage, den genauen Aufenthaltsort des Glauser angeben zu können.
Die sofortige Ausschreibung des Glauser im «Schweiz. Polizei-Anzeiger» zur Verhaftung dürfte angezeigt sein.
Auslagen für Autofahrt, Telephon, Fr. 29.60.
Gygax, Corp.
Wyss. Pol.
Wenger I Pol.
Kontext
Ein Polizeirapport wie ein Krimi. Elisabeth von Ruckteschell verhilft Glauser am 30. Juli 1920 zur Flucht aus der Irrenstation Holligen bei Bern. Das Liebespaar entkommt per Taxi, zu Fuss und im Zug und gelangt schliesslich nach Baden, wo Glauser beim Ehepaar Raschle unterkommt. Der Jurist und Stadtschreiber Hans Raschle setzt sich 1920/21 stark für Glauser ein.
Bild: Telegramm der Städtischen Polizeidirektion Bern. Bern, 30. Juli 1920 © Stadtarchiv Zürich, Foto: Widmer&Fluri, Zürich
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.
Friedrich Glauser an Charles Glauser
Zürich den 4. März 1917
Lieber Vater
Soeben erfahre ich, dass du gedenkst mich unter Kuratel stellen zu lassen. Seit vier Wochen habe ich nichts von mir hören lassen, weil ich an einer Lungenentzündung im Spital krank lag. Es ist dies nicht meine Schuld. Ich begreife, dass du nichts mehr mit mir zu tun haben willst, habe jedoch noch eine letzte Bitte an Dich. Würdest du so gut sein und mich ein letztes Mal mit Dir sprechen lassen. Es gibt Dinge, die ich Dir mitzuteilen habe und die nicht schriftlich abgemacht werden können. Ich besitze schon meinen Pass nach Deutschland, brauche jedoch noch das Visum vom deutschen Consulat. Wurdest du so gut sein mir eine Bescheinigung zu schreiben, die von der Polizeibehörde Mannheim unterschrieben, und sagt, dass du mich wegen dringender Familienangelegenheiten sprechen musst. Es ist dies eine letzte Bitte, die ich an Dich richte, ich möchte gern, bevor wir ganz voneinander gehen, noch einmal Dir sagen und erklären was an Missverständnissen zwischen uns liegt. Ich bitte Dich, keine weiteren Schritte zu unternehmen bevor wir nicht miteinander gesprochen. Es ist, glaube ich, besser uns mundlich zu verständigen, als durch Einmischung des Gerichtes einen Prozess herbeizuführen.
Die Sache mit dem Buchhändler Bachmann beruht auf einem Missverständnis, das nun gelöst ist. Ich habe mit ihm gesprochen und er zieht seine Polizeiklage zurück.
Da ich im Spital war, habe ich mein Zimmer aufgegeben, sei bitte so gut, und schicke den Brief an
F. Glauser bei Herrn Max Forrer,
Plattenstr. 26, Zurich
Mein Freund wird ihn mir übergeben. Entschuldige, dass ich Dich noch einmal belästige, ich erkläre Dir auch mündlich warum nichts aus meiner Reise nach Amerika geworden ist.
Deiner Antwort entgegensehend, verbleibe ich mit den besten Grüssen
Dein Sohn
F. Glauser
Kontext
1917 eskaliert der seit langem schwelende Konflikt zwischen Friedrich Glauser und seinem Vater. Charles Glauser schreibt erboste Briefe an die Polizeidirektion Zürich und fordert wirkungsvolle Massnahmen gegen seinen Sohn. Auf Betreiben des Vaters bekommt Friedrich Glauser einen Beistand und wird Anfang 1918 mit 22 Jahren wegen «liederlichem Lebenswandel» entmündigt. Die Vormundschaft bleibt bis zu Glausers Tod 1938 bestehen.
Bild: Postkarte von Charles Glauser an die Polizeidirektion Zürich. Mannheim, 25. Februar 1917 © Stadtarchiv Zürich, Foto: Widmer&Fluri, Zürich
Aus: Friedrich Glauser «Jeder sucht sein Paradies…». Briefe, Berichte, Gespräche. Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Christa Baumberger. Zürich, Limmat Verlag 2021.