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Im Koran steht: Der Prophet Mohammed erhielt die göttliche Offenbarung durch den Erzengel Gabriel vermittelt. Diese Handlung bezeichnen Sie in Ihrem neuen Buch als «Rufrede». Was meinen Sie damit?
Reinhard Schulze: Im siebten Jahrhundert sprachen Dichter, Zauberer oder Wahrsager in einer ganz bestimmten Form über das Heilige. Dabei war klar, dass ein Dichter meist sich selbst zu Wort kommen liess. Im Geflecht der vielen Formen heiliger Reden muss es eine Variante gegeben haben, die als Rufrede bezeichnet werden kann. Durch sie sprach nicht ein Dichter, sondern etwas, was als Wahrheit empfunden wurde, die sich des Sprechers bedient.
Gott sprach also durch den Propheten zu den Menschen. Die göttlichen Offenbarungen wurden in den Anfangsjahren mündlich verbreitet. Die Absicht einer heiligen Schrift entstand erst später?
Es ist wichtig zu verstehen, dass sich die frühen Offenbarungen (vielleicht 610-615) deutlich von den späteren nach 615 überlieferten Offenbarungen unterscheiden. In den Rufreden der Anfangszeit sind keine Hinweise auf einen geschlossenen Text zu finden. Sie sind Sprechakte, die zu einer bestimmten Zeit erfolgten. Als Sammlung waren sie zu diesem Zeitpunkt wohl nicht vorgesehen. Erst in der spätmekkanischen Zeit, etwa zwischen 619-622, zeichnet sich die Absicht ab, koranische Rufreden zu sammeln und damit gesamthaft als Buch zu deuten.
Die muslimische Tradition betrachtet den Koran als «unveränderlich» in Raum und Zeit. Sie verfolgen in Ihrem Buch eine nicht-theologische Perspektive. Wie entstand der Koran aus historischer Sicht?
Der Koran ist das Ergebnis einer neuen Art über das Heilige zu sprechen. Ein neuer Modus, der sich etabliert hat. Andererseits ist der Koran, historisch gesehen, als eine Sammlung aller göttlichen Offenbarungen zu begreifen. Hier interessiert die Frage, wie sich die einzelnen Reden zu einem geschlossenen Korpus gewandelt haben.
Wie ging dieser Sammlungsakt vor sich? Ein Autor setzt sich hin und verfasst den Koran?
Tatsächlich haben wir ein solches Bild. Aber niemand setzte sich mit dem Entschluss hin, einen Koran zu schreiben, der nach 22 Jahren komplett war. Nein, diese moderne Perspektive hat nichts mit den Prinzipien der Textkomposition der Spätantike zu tun. Hier war die Technik der Sammlung ausschlaggebend.
Wie sieht diese Technik aus?
Lassen Sie mich den Sammlungsakt anhand der Märchensammlung der Gebrüder Grimm darstellen: Jacob und Wilhelm Grimm sammelten ab 1806 Märchen aus ihrem Bekanntenkreis und aus verschiedenen literarischen Werken. Diese Sammlung schuf einen neuen Rahmen für künftiges Märchenerzählen der Gebrüder Grimm. Zugleich wurden immer mehr Texte als Märchen identifiziert und in die Sammlung integriert. Diese bestimmt, was fortan als Märchen zu gelten hatte. Dasselbe Prinzip wurde in vielen spätantiken Texten verwendet, und so wohl auch bei der Sammlung der koranischen göttlichen Offenbarungen.
Die Rufreden wurden also gesammelt und verschriftlicht. Wann begann man damit?
Das ist unbekannt. Man weiss nur, dass der Prozess der Kanonisierung noch unter dem dritten Kalifen Uthman im 7. Jahrhundert abgeschlossen war. Die letzte Redaktion des Korans erfolgte somit kurz nach dem Tode des Propheten Mohammeds 632. Es gibt Indizien dafür, dass der Sammlungsprozess bereits vorher seinen Anfang nahm: So habe Uthman auf eine Sammlung seine Vorgängers Umars zurückgegriffen, dieser wiederum auf eine des ersten Kalifen Abu Bakrs und letzter auch auf Sammlungen zu Zeiten Mohammeds. Die Verschriftlichung war also ein ständiger Prozess des Sammelns und Editierens.
Ist dieser Sammlungsakt im Text des Korans nachvollziehbar?
Ja, denn faktisch ist der Koran nach dem Sammelakt organisiert. Stellen wir uns vor, ich beginne heute mit einer Sammlung. Mein Fokus liegt erst auf den gerade aktuellen Texten – nicht darauf, was lange zurückliegt. Der Prozess der Sammlung begann in den letzten Jahren Mohammeds in Mekka und in seiner Anfangszeit in Medina. Es erstaunt also nicht, machen Offenbarungen dieser Zeit den grössten Teil des Korans aus.
Westliche Islamwissenschaftler behaupten, der Koran sei nach der Länge der Suren geordnet. Deshalb stünden die kurzen frühen Offenbarungen am Ende des Buches.
Dieser These widerspreche ich. Die frühen kurzen mekkanischen Suren wurden im Akt der Sammlung an die gerade aktuellen Offenbarungen angehängt. Sie bilden heute eine Art Anhang zum sogenannten Hauptbuch des Korans.
Reinhard Schulze
Reinhard Schulze ist Direktor des Instituts für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern. Ein Schwerpunkt seiner Forschung sind zeitgenössische islamische politische Kulturen.
Buchhinweis
Reinhard Schulze: «Der Koran und die Genealogie des Islam.» Schwabe, 2015.