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Als Juniorin war Selina Gasparin (31) noch reine Skilangläuferin. Die Biathlon-Leidenschaft packte sie erst während ihres Studiums in Norwegen. Danach kämpfte sie sich Schritt um Schritt und Schuss um Schuss an die Weltelite heran. Nach Olympia-Silber in Sotschi 2014 gründete sie mit dem russischen Spitzenlangläufer Ilja Tschernoussow eine Familie.
Wie sieht bei Ihnen ein Tag aus, wenn Sie an Ihrem Wohnort S-chanf trainieren?
Mit einem kleinen Kind fängt er früh an, schon um 7 Uhr. Dann hat unsere Tochter Hunger und ich als Spitzensportlerin muss auch genügend essen, um Leistung zu bringen. Nach dem Frühstück folgen am Morgen zwei Trainingseinheiten und am Nachmittag eine dritte. Dazwischen spiele ich mit Leila und schlafe noch zwei Stunden, da ich nachts öfter davon abgehalten werde. Am Abend bleibt noch ein wenig Zeit fürs Familienleben.
Wie haben Sie sich organisiert, um trotz der Mutterschaft wieder in den Weltcup einsteigen zu können?
Es ist mir ein grosses Anliegen, dass ich so viel Zeit wie möglich mit Leila verbringen kann. Deshalb haben wir eine Nanny aus Ungarn, die mit mir auch zu den rund 40 Rennen reisen wird.
Wie haben Sie Ilja kennengelernt?
2011 waren wir zufällig gleichzeitig in einem Trainingslager in Andermatt und begegneten uns beim Mittag- und Abendessen in der Militärkaserne. Ich habe mich sofort in seine grünbraunen Augen verliebt. Im Weltcup wäre das nie passiert, da Langläufer und Biathleten nie zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind. So war es ein ungewohntes Gefühl, als wir uns im Olympischen Dorf in Sotschi erstmals während Wettkämpfen nicht nur per Skype sahen, sondern uns treffen und Wettkämpfe verfolgen konnten.
Sie standen bei seinem 50-Kilometer-Rennen sogar als Helferin im Einsatz.
Ja, ich habe Ilja weit draussen im Wald verpflegt und war jedes Mal froh, wenn ich ihm seinen Becher richtig gegeben hatte. Ich war mega nervös, fast schlimmer als bei meinen eigenen Einsätzen, weil ich sonst nichts für ihn tun konnte und lange warten musste, bis ich wusste, dass es tatsächlich mit der erhofften Medaille geklappt hatte: Bronze.
Sie beherrschen neben Romanisch und Deutsch auch Italienisch, Englisch und Norwegisch – auch Russisch?
Nur ein paar Wörter und Sätze. Da uns der Sport momentan noch sehr oft trennt, unterhalten wir uns in der wenigen gemeinsamen Zeit auf Englisch, um sicher zu sein, dass wir uns verstehen. Oder wir reden gar nicht. Russisch lerne ich später – allein schon, um zu verhindern, dass sich mein Mann und meine Tochter in einer «Geheimsprache» unterhalten können!
Hat sich Ihr Trainingsaufbau gegenüber früher verändert?
Jede Schwangerschaft verläuft anders und jede Frau erlebt sie anders. Deshalb gibt es niemanden, der Bescheid weiss, wie man den Wiedereinstieg am besten plant. Ich habe mich vor allem auf mein Körpergefühl verlassen. Nach einem dreimonatigen Aufbautraining bin ich im Sommer wieder ins Mannschaftstraining eingestiegen. Glücklicherweise zeigen mein Trainer und meine Teamkolleginnen viel Verständnis für meine spezielle Situation.
Mit welchen Erwartungen geben Sie am 3. Dezember in Schweden Ihr Comeback?
Es ist noch sehr schwierig einzuschätzen, wie viel mein Körper verträgt. Positiv ist sicher, dass die Bedeutung des Sports durch die Geburt von Leila relativiert wurde und ich seit der Silbermedaille nicht mehr das Gefühl habe, etwas beweisen zu müssen.
Wird Ihre neue Gelassenheit Sie zu einer besseren Schützin machen?
Mein Ziel wäre es! Im Training klappt das schon gut, aber die grösste Schwierigkeit liegt darin, die Treffsicherheit in einem vollen Stadion, vor laufenden Fernsehkameras und bei wechselnden Windverhältnissen zu bewahren.
Jagen Sie als Bündnerin auch?
Nein, ich würde es nie fertigbringen, auf ein Tier zu schiessen. Da gehe ich lieber Pilze sammeln. Das Gewehr ist für mich nur ein Sportgerät. In meinem Beruf als Grenzwächterin trage ich die Pistole nur zur Selbstverteidigung und bin froh, dass ich sie noch nie einsetzen musste.
Was bedeutet Ihnen die WM in Oslo?
Da ich in Norwegen Sport- und Bewegungswissenschaften studiert habe, freue ich mich riesig auf den Saisonhöhepunkt. Ich bin froh, dass ich noch bis im März Zeit habe, wieder in Bestform zu kommen. Momentan sind meine Schwestern noch stärker. Ich hoffe, ihnen gelingt nun ebenfalls der Durchbruch. λ