Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03213.jsonl.gz/1122

Befindensqualität hörbehinderter Kinder in Schule und Freizeit
Ausgangslage und Ziele
Seit 1960 werden in der Deutschschweiz hörbehinderte Kinder in Regelschulen integriert unterrichtet. Medizinische und technische Versorgung, audiopädagogische Begleitung und Beratung und Kooperation mit Eltern und Regellehrpersonen machen dies möglich.
Untersucht wurde bei diesen Kindern in erster Linie die Wirkung integrativer Schulsettings in Bezug auf deren Effizienz, d.h. auf Leistung und Lernerfolg. Aspekte ihres psychosozialen Befindens in ihrem Alltag, in und ausserhalb der Schule, wurden bis anhin noch nicht grundlegend erforscht. Das Wohlbefinden aber ist, wie verschiedene Studien belegen, ausschlaggebend für die Leistungen in der Schule und in der Freizeit und hat Einfluss auf die spätere Lebenszufriedenheit und Gesundheit.
Fragestellung
Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage nach der Befindensqualität integriert geschulter, hörbehinderter 11-13 jährige Kinder in ihrem gesamten Alltag: in der Schule, in ihrer organisierten und in ihrer freien Freizeit.
Die Perspektive wurde dabei auf die subjektiven Bewertungen der Alltagssituationen der Kinder gelegt und mit Faktoren der Persönlichkeit, des sozialen Netzes, der auditiven Hilfsmittelversorgung und mit didaktischen Ansätzen im Unterricht in Verbindung gebracht. So wurde gefragt:
- Wie erleben die Kinder ihren Alltag in Schule und Freizeit?
- In welchen Alltagssituationen fühlen sie sich wohl?
- In welchen Situationen fühlen sie sich gestresst?
- Wird die Befindensqualität beeinflusst durch personbezogene Faktoren: Alter, Geschlecht, Hörstatus?
- Wird die Befindensqualität beeinflusst durch Umweltfaktoren: Technologie, Didaktik?
- Zeigen sich Unterschiede zu hörenden Peers?
Methodisches Vorgehen
Die quantitativ angelegte Studie wurde mit 78 hörbehinderten, einzeln in Regelklassen integrierten, 11-13 jährigen Kindern in der Deutschschweiz durchgeführt. Als Vergleichsgruppe wurde jeweils ein gut hörendes Kind derselben Schulklasse untersucht. Insgesamt nahmen 156 Kinder an der Untersuchung teil. Die unterrichtenden Lehrpersonen steuerten Daten zur Erfassung des didaktischen Settings bei.
Im Zentrum der Erhebung stand die Experience Sampling Method (ESM): ein signalkontingentes Zeitstichprobenverfahren, welches ohne verzerrende Erinnerungseffekte und ohne Fremdsicht durch Beobachtung, das direkte Erleben, die subjektive Wahrnehmung des Befindens in einer je aktuellen Situation misst. Dabei hatten die Kinder während 7 Tagen einen vorprogrammierten elektronischen Signalgeber und Kopien eines immer gleichen Fragebogens bei sich. 5-mal pro Tag bekamen sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein Signal. Daraufhin füllten sie während ca. 2 Minuten den Fragebogen aus, der die jeweils aktuelle Einschätzung des Befindens festhielt. So kamen pro Kind 35 Situationserhebungen zustande.
Zusätzlich diente die Erhebung soziodemographischer Daten der genaueren Beschreibung der Stichprobe. Ergänzend wurden mit standardisierten Fragebogen Daten zur Lebensqualität (Kid-KINDL) und zum Stress bei Kindern und Jugendlichen (SSKJ 3-8) erhoben.
Analysiert wurden intraindividuelle sowie interindividuelle Unterschiede in einzelnen Situationen und im Wochenverlauf. Damit wurden Situationen charakterisiert, die zum Wohlbefinden der Kinder beitragen. Diese wiederum sollten Inputs zur Verbesserung der Gestaltung schulischer und ausserschulischer Situationen schaffen.
Ergebnisse
Kinder im Alter von 11 bis 13 Jahren bewerten ihren Alltag recht positiv.
Unterschiede im Befinden sind in erster Line durch die Persönlichkeit beeinflusst (44% der Varianz), nur wenig wird durch den Hörstatus erklärt (6% der Varianz).
Zwischen den Kindern mit einer Hörschädigung und ihren normal hörenden Gleichaltrigen gibt es wenig, das sie unterscheidet und viel Übereinstimmendes.
Einige, wenn auch kleine Unterschiede zeigen, dass Alter, Geschlecht und Hörstatus einen Einfluss auf die Befindensqualität haben:
- Je jünger die Kinder sind, desto besser geht es ihnen. Mit Eintreten der Pubertät und an der Schwelle zum Übertritt in die Sekundarstufe I zeigen sich erste klarere Unterschiede zwischen normal hörenden und schwerhörigen Kindern.
- Mit zunehmendem Alter steigt der Stress bei den hörbehinderten Kindern, bei der normal hörenden Vergleichsgruppe nicht.
- Hörbehinderte Mädchen erleben mehr Stress als normal hörende Mädchen und diese beiden Gruppen wiederum erleben mehr Stress als die Jungen.
- Kinder mit einseitiger Hörschädigung schätzen ihr Wohlbefinden am tiefsten, Kinder mit einer Resthörigkeit am höchsten ein.
- Hörbehinderte Kinder, die eine FM-Anlage (Die drahtlose Signalübertragungsanlage nimmt direkt die Stimme des Sprechenden durch ein nahe am Mund getragenes Mikrofon auf. Störgeräusche werden maximal reduziert und Nachhall ausgeblendet) einsetzen, haben im Durchschnitt ein höheres Wohlbefinden als Kinder, die sie nicht benützen.
- In unklar definierten und in lauten Situationen fühlen sich hörbehinderte Kinder zwar aktivierter, aber auch gestresster und unsicherer als normal hörende Kinder.
- Hörbehinderte Kinder müssen in mehr Situationen nachfragen, sind eher unsicher und haben trotzdem weniger Misserfolgsbefürchtungen als normal hörende Kinder.