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Dranse Logbuch
von Liliane Waldner
Einführung in die Dranse
Die Dranse ist ein 44 Kilometer langer Fluss im Kanton Wallis. Sie entsteht als Zusammenfluss der Dranse de Bagnes und Dranse d’Entremont auf etwa 727 m.ü.M. bei Sembrancher und sie mündet auf etwa 456 m.ü.M. unterhalb von Martigny und des Coude du Rhone in die Rhone.
Die Dranse de Bagnes ist mit 31 Kilometern Länge der bedeutendere Quellfluss. Ihre Quelle liegt beim Otemmagletscher. Sie fliesst danach durch den Lac de Mauvoisin.
Der Ursprung der 25 Kilometer langen Dranse d’Entremont liegt beim Grossen St. Bernhard.
Mehr über die Dranse auf:
https://de.wikipedia.org/wiki/Dranse_(Wallis)
2. Juni 2018: Martigny - Bovernier
Ich habe eine gute Nase und starte am Morgen nicht bei der Mündung, sondern gehe ab dem Bahnhof via der Strassenbrücke unterhalb der Festung von La Bâtiaz entlang des Uferweges „Berge de la Dranse“ bis zur Bahnstation von La Croix. Ab La Croix beginnt ein anfänglich leichter Waldweg Richtung ein Gebiet namens Le Brocard. Der Weg verengt sich bald zu einem schmalen Pfad der ständig steil auf- und absteigt. Er fordert meine Motorik stark, denn unterhalb des Weges fällt das Gelände steil Richtung Bahnlinie ab. Rutschen oder Stolpern ist zu vermeiden. Ich komme nur in kleinen, gewählten Schritten langsam voran. Unten rauscht die Dranse. Nach scheinbar langer Zeit kommt endlich der steile Abstieg zur Hängebrücke. Dieser ist normalen Wandersleuten dringend anzuraten, denn die Fortsetzung des Wanderweges Richtung Bovernier wird auf der gleichen Hangseite noch schwieriger und felsig. Auf der gedruckten Wanderkarte würde die Via Francigena Richtung Bovernier dort weitergehen, aber auf der Online-Karte führt dieser Weg über die Hängebrücke. Das Wanderwegschild für die Via Francigena führt bei der Wegverzweigung nach unten, aber auf dem gelben Schild ist Champex angegeben. Bei der Hängebrücke mündet von der Gegenseite her der Wildbach Durand in der Dranse. Dieser Wildbach ist für seine markante Schlucht bekannt.
Vor der Hängebrücke komme ich mit einem einheimischen Mann ins Gespräch, der von zwei Hunden begleitet wird. Er kommt aus Martigny und kennt die Wege. Er bestätigt mir, dass der Wanderweg streng ist, meint dass der Weg ab Bovernier nach Sembrancher weniger hart sei und die Wanderung durch das Val de Bagne schön. Im Falle des Val d’Entremont würde der letzte Abschnitt zum Grossen St. Bernhard wieder streng.
Ich raste nach der Hängebrücke kurz. Danach steigt der Weg steil zur Kantonsstrasse an, quert diese und es kann auf einem Strässchen bequem bis zum Bahnhof Bovernier gewandert werden. Dort ist vorderhand Schluss, weil ich die Motorik nicht noch einmal herausfordern lassen will. Vom Bahnhof Martigny bis Bovernier könnte eine gesunde Person die Strecke in zweieinhalb Stunden schaffen.
Bei der Rast und Bahnfahrt nach Martigny erhole ich mich, gehe wieder zur Strassenbrücke über die Dranse und marschiere bis zu ihrer Mündung in die Rhone unterhalb des Coude du Rhone. 2015 habe ich das Mündungsbild ausgelassen. Dies hole ich jetzt nach. Die Wegstrecke Coude du Rhone nach Martigny beträgt 40 Minuten. Bis zur Mündung sind es noch etwa fünf Minuten. Ein erfrischender Wind erleichtert mir diese angenehme Zusatzschlaufe nach dem strengen Morgenprogramm.
Auf die Sehenswürdigkeiten von Martigny sowie deren Links bin ich im Rhone-Logbuch eingegangen. Hier folgt nur ein Verweis auf die Gorges du Durnand.
Links:
http://www.gorgesdudurnand.ch
9. Juni 2018: Bovernier - Sembrancher
An die für mich unendlich lange Tour durch ein Meer voller Felsblöcke werde ich noch lange denken. Nach anfänglich leichtem Waldweg und Waldpfad geht es bei einer Bachrinne richtig los. Immer muss ich in diesem Felsenmeer den nächsten Rhombus suchen. Es geht zudem häufig über Felsblöcke auf und ab. Der Wanderweg wird bei Schweiz Mobil als leicht beschrieben. Sagen wir es so, wo es keine Mountainbiker mehr gibt, ist ein Weg nicht mehr so leicht. Ein bayrisches Paar überholt mich. Die Frau bezeichnet den Weg als alles anderes als einfach. Sie hat sich bereits ihre Kratzer geholt. Auf ihrer Stirn und Nase ist Blut. Beide wollen nach Rom. Ein 80jähriger, sehr rüstiger Deutscher mit demselben Ziel bezeichnet den Weg als nicht ganz leicht.
Die offizielle Zeit bis Sembrancher beträgt 1 Stunde 40 Minuten. Für mich ist das eine Tagestour. Kurzzeitig ist der Weg bei einer Brücke über die Dranse einfacher und eine Bank lädt zur Rast ein. Danach geht es entlang eines Schotterhanges steil auf und ab. Ich bin froh, als sich das Tal endlich öffnet und mich ein bequemer Weg nach Sembrancher führt. Geradeaus sehe ich in das Val de Bagnes und weit hinten klebt hoch oben Verbier am Hang. Eingangs von Sembrancher komme ich an einem Treffen mit landwirtschaftlichen Einachsern vorbei.
Zu erwähnen ist, dass in Bovernier eine Legende der Vouipes besteht. Ich habe sie an der Wand der Kirche entdeckt.
Links:
https://www.bovernier.ch/data/documents/LegendeVouipes.pdf
Dranse de Bagnes
16. Juni 2018: Sembrancher - Lourtier
Heute will ich vorwärtskommen und mir auf einfachen Wegen einen schönen Tag machen. Die Dranse de Bagnes ist der Hauptquellfluss. Sie vereinigt sich in Sembrancher mit der Dranse d’Entremont. Ich gehe nicht auf dem offiziellen Wanderweg nach Le Chable, sondern ufernah dem Fluss entlang. Zuerst quere ich die Brücke über die Dranse d’Entremont und folge dem Wanderweg nach Etiez zum Ufer der Dranse de Bagnes. Der Weg zur Mündung ist durch Weidehage und Buschwerk versperrt. Danach folge ich der Dranse de Bagnes nach oben, quere sie aber nicht auf dem Steg nach Etiez, sondern gehe auf demselben Ufer geradeaus bis zu einer weiteren Brücke. Dort passiere ich die Brücke und komme flussaufwärts am Steinbruch mit dem Flurnamen Gravière vorbei. Am Schluss steigt der Weg zu einem Strässchen hinauf und mündet in einen Wanderweg. Beim Gebäude fällt der Weg wieder zum Fluss hinab und quert ihn. Danach kann ich auf gutem Weg durch einen Auenwald gehen und habe endlich die Dranse zum Geniessen. Das dauert nur kurze Zeit, denn der See bei Le Verney ist kein Badesee, sondern ein Baggersee. Auch dort wird Kies abgebaut. Danach geht es durch den alten Teil von Le Chable. Wer mehr über die Region wissen will, kann dort das Museum von Bagnes besuchen.
Ich quere via Brücke die Dranse und gehe auf der Seite von La Villette am Bahnhofgebiet vorbei. Von dort fahren Gondelbahnen nach Verbier hinauf. Le Chable ist Endstation der Bahn. Auf der Karte 1 zu 10‘000 habe ich gesehen, dass ich auf einem Uferweg der Dranse entlang hinauf gehen kann. Bald nach dem Bahnhofparkplatz raste ich mit Blick auf die Dranse. Der Uferweg bringt mich bis Campsec. Vorher muss ich bei Le Liappey wiederum die Seite wechseln. In Champsec raste ich erneut. Ich habe das Gefühl, das flache Champsec sei ein Ort, wo man es sich gut sein lassen kann.
Nun gäbe es einen Wanderweg nach Lourtier, der teils durch ein bewaldetes und felsiges Gebiet führt. Ich will es aber heute gemütlich haben. Die Strasse ist verkehrsarm und Einheimische erklären mir, dass die etwa zwei Kilometer lange Strecke nach Lourtier problemlos begangen werden kann. So komme ich zügig nach Lourtier. Lourtier Village ist auch der Endpunkt der ganzjährigen Postautostrecke. Es fährt nur in der Hauptsaison, die in einer Woche startet, nach Mauvoisin. Ich kaufe im Dorfladen Käse von der lokalen Käserei und Walliser Brot für den Zabig.
Die offizielle Zeit von Sembrancher nach Le Chable ist eine Stunde 50 Minuten. Bis Lourtier muss auf meiner Route nochmals mit derselben Zeit gerechnet werden.
Übrigens: Der SAC Zeitschrift „Die Alpen“ entnehme ich, dass genau 200 Jahre vor meiner Wanderung ein Gletscherwall im Val de Bagnes brach, der die Dranse staute. Wasser und Geröll ergossen sich durch das Tal und töteten 44 Menschen. Der Gletscherwall entstand in der Kleinen Eiszeit durch einen Abbruch des Giétro-Gletschers.
Links:
http://www.museedebagnes.ch
Dranse de Bagnes
23. Juni 2018: Lourtier - Mauvoisin
Ab Lourtier wird die Wanderzeit je nach Schild mit drei Stunden 20 Minuten oder drei Stunden 50 Minuten angegeben. Der Weg verläuft teilweise auf dem verkehrsarmen Strässchen oder auf Naturwegen. Relevant ist, dass etwa 760 Höhenmeter zu überwinden sind. Diese verteilen sich angenehm auf die lange Strecke.
In Lourtier entdecke ich, dass es ein kleines „Maison des Glaciers“ gibt, das im Juli und August am Mittwoch, Freitag und Sonntag jeweils nachmittags offen hat. Auf dem Weg nach La Shleye komme ich an einem Lawinenkegel vorbei. Das Strässchen ist trocken und sauber, aber Tafeln warnen immer noch vor Steinschlag. Oberhalb einer Bachrinne hängt immer noch ein Altschneeabriss und unterhalb des Strässchens blicke ich wie in ein Gletschertor. Ich komme an kleinen Siedlungen mit vermutlich früheren Maiensässen vorbei, die als Ferienhäuser benutzt werden, so Plamprox, Fionnay, Bonatchiesse. Die Namen von Wildbächen und der Dranse sind zweisprachig angeschrieben, auf Französisch und Patois. Vom Postautochauffeur erfahre ich, dass nur noch die ältere Generation das Walliser Patois spricht. In Bonatchiesse gibt es einen geologischen Steingarten. Ob Bonatchiesse bedeckt ein weiterer Lawinenkegel samt Geröll die Dranse. In Bonatchiesse weiden viele Kühe und ich fotografiere, wie sie auf der Weide mit einer mobilen Einrichtung maschinell gemolken werden.
Ich bin erstaunt, dass die mächtige, in den Felsen kavernenartig eingerichtete Stromzentrale von Fionnay zum Grand Dixence Kraftwerk im benachbarten Tal gehört. Es wird ein Stollen von dort nach Fionnay geführt. Das Schweizer Volk ist Weltmeister: Im Bohren von allerlei Löchern durch mächtige Felsen.
Das Hotel Mauvoisin sitzt wie ein Adlerhorst auf einem Felssporn. Dahinter ist die mächtige Staumauer von Mauvoisin sichtbar. Grand Dixence ist Nummer 1 dieser Art Wasserkraftwerk der Welt. Mauvoisin weist mit 250 Metern Höhe die höchste Bogensteinmauer der Schweiz auf. Von der Staumauer fliesst nur ein kümmerlicher Rest der Dranse. Dank der rauschenden Wildbäche an ihren Flanken unterhalb der Staumauer macht sie als Wildbach rasch einen anständigen Eindruck. Noch ein letzter Aufschwung und ich bin oben im Hotel, trinke Kaffee und esse Rhabarber-Apfel-Wähe.
Links:
http://www.museedebagnes.ch/les-maisons-sauvages-du-val-de-bagnes/maison-des-glaciers
http://www.grande-dixence.ch/de#fionnay
https://www.axpo.com/content/dam/axpo2/Documents/Switzerland/Newsroom/dossiers-publikationen/Broschüre-Wasserkraft-DE-2016-06.pdf
Dranse d’Entremont
30. Juni 2018: Sembrancher - Liddes
Die Via Francigena Route nach Orsières verläuft teilweise auf groben Wegen und ihre Wegzeit beträgt 1 Stunde 55 Minuten. Ich habe mich für die Route via Chamoille entschieden und kann auf dieser Seite aus einem „Menü“ von bequemen, schnell begehbaren Feld- oder Fahr-Wegen nach Orsières wählen. Dort beträgt die Wegzeit 2 Stunden 25 Minuten. Zuerst geht es etwa 300 Höhenmeter hinauf und danach wieder 100 hinab. Ich geniesse eine Panoramasicht auf das Tal mit Blickwinkel in das Val de Ferret. Ich streife Orsières nur und raste in der Nähe des nicht gut sichtbaren Zusammenschlusses der Dranse d’Entremont mit der Dranse de Ferret.
Bis Liddes beträgt die Wegzeit entlang der Via Francigena 2 Stunden 40 Minuten. Bis Montatuay beträgt die Wegzeit 50 Minuten und es sind fast 200 Höhenmeter zu überwinden. Der Weg kurvt bei den Druckleitungen des Elektrizitätswerkes von Orsières vorbei. Ich halte die Zeit gut ein. So steile, breite Wege sind meine Stärke. Auf der Höhe geht es an Fornex vorbei bis zur Brücke bei Les Moulins und am anderen Ufer durch eine schöne, waldige Flusslandschaft bis zum felsigen Engpass von La Tsi. Der Aufstieg auf schmalem Pfad ist sehr steil, meine Beine mittlerweile klobig und ich vertraue den alten Wanderschuhen, die für schnelles Gehen auf einfachen Wegen gut sind, nicht, mir auf den sehr steilen, trocken-rutschigen Passagen genügend Halt zu geben. Sehr wahrscheinlich gebe ich nach anfänglichem Anstieg zu früh auf, wie eine Nachbetrachtung auf der Online-Karte ergibt. Ich gehe zurück, finde einen alternativen Weg nach Liddes im Hang unterhalb der Strasse. Ich gelange auf einem Fahrweg, danach einem Grasweg bis fast unterhalb der Brücke und Kapelle vor Liddes auf die Passstrasse. Der Grasweg ist allerdings am Schluss völlig verbuscht und sehr mühsam zu begehen. Auf der Passstrasse sind es noch 10 bis 15 Minuten nach Liddes. Der letzte Bus mit dem ich in Zürich noch das letzte Tram erreicht hätte, fährt an mir vorbei, als ich beim Ortsschild nach Liddes hineinkomme. Ich schliesse den Wandertag ab, in dem ich vom Tramdepot Wiedikon nach Hause laufe. Hauptsache: Zielort an diesem heissen Sommertag heil erreicht.
Dranse d’Entremont
23. Juli 2018: Liddes - Bourg St. Pierre:
Die heutige Strecke sieht kurz und einfach aus: Von der Bushaltestelle durch den alten Dorfkern, an der Kapelle St-Etienne vorbei, hinab zum Ausgleichsbecken von Palasuit, auf einer Brücke über die Dranse, den bequemen Forstweg dem Ufer entlang bis zur Brücke von Tsaveresse, über die Brücke und das Strässchen hinauf nach Bourg St. Pierre, alles in allem in gut zwei Stunden offizieller Wanderzeit. Endlich einmal eine richtige Flusswanderung entlang der Dranse!
Es ist dann allerdings anders gekommen. Beim Steg unterhalb des Flurnamens Allèves zeigt ein Schild Steinschlag an und verweist auf einen Umweg über diesen Steg. Ich will aber heute endlich einmal eine Flusswanderung durch ein so schönes, bewaldetes Gebiet geniessen und gehe stur weiter geradeaus. „Chute de Pierres“ steht ja an so manchen Orten. Ich komme gut voran und denke mir, dass es nicht mehr weit bis zur Brücke von Tsaveresse sein kann. Da erhebt sich vor mir plötzlich an ein Bergsturzgebiet. Es geht nicht mehr weiter. Der ganze Hang ist hinuntergekommen und bedeckt den Wanderweg mit Felsblöcken und heruntergerissenen Bäumen unüberwindbar. Erschreckt kehre ich um und wage nicht einmal zu fotografieren, weil mein Instinkt sagt, wenn solches kommt, kann es wieder kommen. Ich merke beim Abstieg, wie weit und hoch gestiegen ich bin. Ich konsultiere beim Steg mit dem Umweg-Hinweis die Karte und entdecke erfreut, dass zuerst ein schmaler, guter Pfad hinaufführt. Etwas weiter oben geht er bei einem gelben Wanderwegzeichen in einen breiten Feldweg über. Dieser führt zur Passstrasse hinauf, quert sie, verläuft oberhalb der Strassengalerie und senkt sich zu einem Rastplatz an der Passstrasse. Dort muss ich ruhen und trinken. Danach steigt der Weg auf Weiden und entlang eines Skilifttrassees bis zu einem breiten Weg hinauf. Dort steht schon die Kapelle Notre Dame de Lorette und es dauert nur noch eine Viertelstunde bis Bourg St. Pierre. Leider ist auch diese Kapelle geschlossen.
Links:
http://www.paroisses-entremont.ch/chapelle-saint-etienne/
http://www.paroisses-entremont.ch/chapelle-notre-dame-de-lorette/
Dranse d‘Entremont
28. Juli 2018: Bourg-St-Pierre - Grand St. Bernard
Das Wanderwegzeichen gibt die Wegzeit mit vier Stunden an, Wandersite mit fünf Stunden 10 Minuten. Ich benötige achteinhalb Stunden, obwohl ich mir opportunistisch eine vereinfachte Route aussuche. Wegen der Verkehrsverbindungen kann ich erst nach einem Kaffeehalt etwa um halb eins Mittags starten.
Napoleon war 1800 in Bourg St. Pierre und bezahlte die Rechnung nicht. Die Gemeinde fordert dies immer noch von Frankreich. Früher sind bereits die Römer durchgezogen, heute ist es Etappenort für die Pilgernden auf der Via Francigena. Ich wähle den einfachen, geraden Weg am Alpengarten vorbei bis zur Staumauer des Lac des Toules. Dort gehe ich über die Brücke mit dem Restwasser der Dranse und steige das Natursträsschen steil auf, passiere ein Gehöft und steige danach auf einem steilen Pfad zum verfallenden Gebäude Sur le Four auf. Auf dem Aufstieg knorze ich an einer felsigen Stelle, als eine Familie entgegenkommt und mir der Mann spontan behilflich ist. Er gibt mir seine Handy-Nummer und ersucht mich, ihm nach der Ankunft am Abend anzurufen. Nach dem Gehöft geht es kurz steil hinab. Danach ist der Pfad ob dem See bis Bourg St. Bernard gut zu bewältigen. Dort raste ich nochmals nahe der Postautohaltestelle und nutze opportunistisch aus, dass der Verkehr auf der Passtrasse gegen den Abend hin nachlässt. Die Rechnung geht auf und ab Hospitalet mit dem Lüftungskamin des Strassentunnels wird es kühler.
Im Bereich von Tronchet fliessen einige Quellbäche zusammen. Der Hauptquellbach wird von den Einheimischen im Patois Torrin de Barasson genannt und kommt aus dem gleichnamigen Tälchen mit demselben Berggipfel her. Der andere Quellbach ist der Torrin de Tronchet und einer fliesst von unterhalb dem Pass bei der Bushaltestelle Tronchet in die Dranse. Ich beobachte und fotografiere die Situation. Dann ist es Zeit, zum Pass aufzusteigen. Ich geniesse die Abendstimmung, die Ruhe und die grandiose Sicht zurück über das Val d’Entremont mit den schneebedeckten Gipfeln von Grand Combin und Velan im Hintergrund. Auf der letzten Strecke zum Pass plärre ich Melodien, mitunter auch „Grosser Gott wir loben Dich“.
Vor dem Hospiz telefoniere ich dem hilfreichen Mann. Er und seine Familie reagieren erleichtert und freudig. Bei der Treppe zum Hospiz werde ich von einem herzlichen Bruder empfangen. Er fragt nach meinen Bedürfnissen. Zuerst darf ich mich in das Refektorium setzen und die Köchin bringt mir Suppe, Wurst, Käse und Brot. Danach meint er, dass das Schlafen im Hospiz für mich als MS-Betroffene zu beschwerlich ist und teilt mir mit, mir ein Zimmer im Hotel gegenüber organisiert zu haben. Er begleitet mich zur Hoteliere. Nach der guten Nacht im komfortablen Zimmer besuche ich um 07.15 Uhr das Gebet der Bruderschaft. Unter ihnen ist eine Frau (Oblate), ebenfalls in Mönchskutte. Zuerst sammeln sich Bruderschaft und Gäste. Danach werden aus einem Liedbuch Psalmen gelesen und gesungen. Dabei machen im Wechselgesang oder Lesung Alle mit. Von der Hoteliere habe ich erfahren, dass der herzliche Mann Raphael heisst. Er ist auch dabei. Ich fühle mich Gott ganz nah und aufgehoben in dieser kleinen betenden Gemeinschaft.
Danach erhalte ich im Hotel ein währschaftes Frühstück und spaziere den See entlang auf die italienische Seite, um Alpkäse und Trockenwurst aus dem Aostatal zu kaufen. Die berühmten Bernhardinerhunde sehe ich nur von aussen. Der Eintritt zu ihnen kostet etwas. Ich habe sie vor wenigen Jahren in Martigny besucht und streicheln können.
Links:
https://www.bourg-saint-pierre.ch/?Historique
https://www.gsbernard.com/fr/
Dranse de Bagnes
2. August 2018: Lac de Mauvoisin, Dranse-Quellgebiet
Die Rundtour um den Mauvoisin-Stausee ist eine anspruchsvolle Bergwanderung. Meine Cousine und ich begnügen uns, vom Hotel de Mauvoisin auf die Staumauer, das Natursträsschen entlang dem See bis oberhalb dem See zur jungen, ja noch jungfräulichen Dranse zu wandern. Dies allein bietet einen überwältigenden Eindruck über die Herkunft des Wassers des Hauptquellflusses Dranse de Bagnes. Die Chanrion-Hütte des SAC weit oben wäre vom Hotel Mauvoisin laut Wanderwegschild in vier Stunden zu erreichen. Hin und zurück wären in einem Tag zu viel, weil die Wanderzeit für mich effektiv viel länger wäre. Wir kehren deshalb etwa einen Kilometer ob dem See zurück, mit Blick auf die Serpentinen zur Hütte.
Vom Hotel bzw. der Postautohaltestelle gibt es einen Lehrpfad bis zur Krone der Staumauer. Danach verläuft das Strässchen anfänglich in einem Tunnel samt Galerien. Während des ganzen Tunnelweges hören wir das Donnern des Wasserschachtes im Berginnern, aus dem unterhalb einer Galerie ein wuchtiger Wasserstrahl in den See tost. Das minutenlange Gehen im schummrigen Licht raubt mir viel Energie. Ich bin trotz des Wasserkonzerts im Ohr froh, wieder im Tageslicht zu sein. Die Schau geht weiter. Gegenüber stürzt vom Giétro-Gletscher ein Wasserfall in den See. Von den Gletschern auf unserer Seite, die zu den Gipfeln um das Grand Combin Massiv herum gehören, stieben Wildbäche in den See. Es tost und rauscht den ganzen Tag.
Vor einer einfachen Schäferhütte sitzt eine junge Frau mit einem Buch auf den Knien und einem Feldstecher neben sich. Sie holt Stühle zum Sitzen aus der Hütte. Wir kommen ins Gespräch. Sie verbringt ihre Ferien allein in dieser Hütte, die sie gemietet hat. Sie muss alles Essen selber hinauf tragen. Sie hat Gas zum Kochen, Wasseranschluss und ein WC mit Wasserspülung. Sie liebt die Natur und ihre Grossmutter ist ihr im Umgang mit der Natur und dem Umweltschutz ein Vorbild. Sie ist vom Gewitter am Vorabend tief beeindruckt gewesen. Vor dem Gewitter hat sie in der Höhe sieben Adler kreisen sehen. Dann ist das Gewitter wie eine Sintflut ausgebrochen. Die Kühe am Gegenhang sind wegen der Blitze und laut krachenden Donnerschlägen ganz eng zusammengestanden. Die Frau hat ob der Naturgewalten gebetet.
Leider müssen wir die interessante Konversation mit der jungen Eremitin beenden, um weiterzukommen. Zwei Bekannte der Eremitin, die vorbeiwandern und sich mit ihr unterhalten, erleichtern das. Wir passieren zuerst eine Stelle mit Steinschlagwarnung. Oberhalb des Sees rasten wir an den Ufern der schäumenden, jungen Dranse und geniessen die Bergwelt mit ihren Gletschern und dem Wasserreichtum. Was passiert, wenn die Gletscher nicht mehr sind? Meine Cousine erzählt besorgt, wie bei ihr in Winterthur die Töss fast ausgetrocknet ist und leer gefischt werden musste. Die Töss ist im Gegensatz zur Dranse ein „armer“ Fluss. Ihr fehlt der Reichtum des in Gletschern gespeicherten Wassers.
Auf dem Rückweg überholen uns im Tunnel die Frauen einer Wandergruppe, die samt ihrem Wanderleiter auch im Hotel unten logieren. Sie haben eine grandiose Tour unternommen. Mit gesundem Körper wäre viel möglich, denke ich. Aber trotz MS habe ich die Dranse und ihre beiden Hauptquellbäche Bagnes und Entremont in den vergangenen Wochen gut kennengelernt. Wer weiss, vielleicht reicht es eines Tages noch für die kürzere Dranse de Ferret.
Links:
https://www.valais.ch/de/aktivitaeten/ausflugsziele/staudamm-besichtigen/mauvoisin
http://www.verbier.ch/de/fppoi-mauvoisin-staumauer-3498.html
https://www.strom.ch/de/bildung/unterrichtsmaterialien/poweron/karte/barrage-de-mauvoisin.html
https://www.hoteldemauvoisin.ch
Dranse de Bagnes
15. September 2018 : Mauvoisin - Cabane de Chanrion
Die Cabane de Chanrion liegt nahe der Dranse-Quelle und dem Otemmagletscher. Der Aufstieg zur Chanrion-Hütte lohnt sich unbedingt. Selten kann auf einer einfachen und sicheren Naturstrasse zu einer SAC-Hütte inmitten einer atemberaubenden Gletscherwelt mit schäumenden Gletscherbächen und Schnee-bedeckten Riesen mit einer prominenten Sicht wie zum Grand Combin gewandert werden.
Ich bin nicht ganz zufrieden damit gewesen, dass ich mit meiner Cousine Anfang August nicht so weit gekommen bin. Sie hat mich deswegen auf den Arm genommen. Das konnte ich so nicht stehen lassen.
Ich fotografiere die Gletscherbäche des Brenay- und Mont Durand-Gletschers. Kaum ein Alpenfluss kann auf eine solche Fülle von Gletschern als Wasserzubringer zählen. Mein Trip dient auch dazu, anhand der Dranse die Bedeutung der Gletscher als Wasserlieferanten aufzuzeigen.
Weil ich wegen der MS langsam gehe, komme ich erst beim Einnachten in die Nähe der Chanrion-Hütte. Weil ich die Landmarke Lac de Chanrion neben der Hütte nicht mehr sehen kann, gehe ich das Strässchen weiter hinauf, um die Hütte zu finden. Es wird zunehmend dunkel. Das Strässchen hat ein totes Ende in einem schrundigen Tobel. Ich kehre deshalb um, kann aber wegen der schwarzen Nacht nichts sehen.
Ich setze mich auf einen Stein. Weil mein Swisscom-Handy kein Netzwerk hat, erreiche ich die Hütte nicht. Ich richte mich für die Nacht auf dem Stein ein und ziehe warme Jacken an. Ich bete zu Gott, dass er mich durch die Nacht begleitet und schützt. Der Himmel über mir ist Sternen-übersät. Direkt über mir erstreckt sich die Milchstrasse. Der Sichelmond geht unter und es wird dunkler. Der Mars wandert mit einem rötlichen Halo durch den Himmel und verschwindet auch. So klar sieht man dies in den Siedlungsgebieten nicht. Die hohen Berge heben sich Scherenschnitt-artig vom Sternenfirmament ab. Glühwürmchen besiedeln leuchtend um mich herum das Grasland. Ich bin erstaunt, weil ich sie bisher nicht in der Schweiz gesehen habe, sondern bei den Murchison Falls in Uganda. Entscheidend ist, die Nacht trocken, warm und wach zu durchstehen. Ich bin froh, die Fausthandschuhe in der kühlen Nacht dabei zu haben. Ich reibe damit vor allem die Beine und andere Partien des Körpers. Dazu zähle ich von 1 bis 1‘000 und dann wieder von vorne. Die Nacht nimmt eine aufregende Wende. Auf der italienischen Seite flackert ein Wetterleuchten und erscheint allmählich auch hinter dem Grand Combin. Das intensive, stundenlange Flackern hat die Kapazität eines respektablen Gewitters. Ich bete, dass Gott mich trocken hält, dann bleibe ich auch warm. Um vier Uhr donnert es einmal hinter dem Grand Combin und ich bete wieder. Die Sterne kommen wieder zurück. Um halb sechs poltert beim Grand Combin ein respektabler Steinfall. Es beginnt zu nieseln. Ich bete. Es hört auf. Als es vor sieben Uhr tagt, beginnt es wieder zu nieseln. Gott hat seinen wunderbaren Job getan. Es ist jetzt an mir, meine Beine zu lockern, aufzustehen und zur Chanrion-Hütte zu wackeln. Vater und Sohn Buemi kommen mir erleichtert entgegen. Sie haben bereits eine erste Meldung erstattet und können jetzt entwarnen. Ich muss nichts für das Nicht-Erscheinen und das aufgetischte Frühstück bezahlen. Mutter Buemi nimmt sich auch meiner an. Schade, habe ich nicht das familiäre Hüttenleben geniessen können. Vater Buemi bestellt für die Rückfahrt das alpine Taxi, das hinauffahren darf, denn meine Beine sind zu klobig, um den Weg zurückzugehen.
Links:
http://www.chanrion.ch