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Adolphe Braun, Oberland Bernois, ca. 1860s, Stereofotografie, Albumindruck, 8,6 x 17,6 cm, Victoria and Albert Museum, London
Mit der Stereofotografie, auch Stereografie oder kurz Stereo genannt, wird ein dreidimensionales Bild hergestellt. Die räumliche Wirkung (3D-Effekt) entsteht, wenn zwei fast gleiche Fotografien, die aus leicht horizontal versetzten Kamerawinkeln aufgenommen wurden, dicht nebeneinandergesetzt werden. Diese sogenannten stereoskopischen Halbbilder, die je einen kleinen verschobenen Ausschnitt zeigen, wurden auf einen rechteckigen Karton geklebt oder, im Falle etwa der , in Glas eingerahmt. Diese Stereografien betrachtet man durch einen brillenartigen Apparat, das sogenannte Stereoskop. Das menschliche Auge führt dabei beide Halbbilder zu einem einzigen, räumlich wirkenden Bild zusammen. Die Stereofotografie baut auf dem Prinzip des zweiäugigen Sehens des Menschen auf. Jedes Auge sieht ein leicht unterschiedliches Sichtfeld. Beim Betrachten durch das Stereoskop wird die Bildinformation des rechten Bildes auf das rechte Auge übertragen, umgekehrt die Information des linken Teilbilds an das linke Auge vermittelt. Das Gehirn vereint die zwei Bilder zu einem Bild, sodass man dieses räumlich wahrnimmt.
Für die Erstellung dieser zwei fast gleichen Aufnahmen braucht es eine Stereokamera. Diese hat zwei nebeneinandergesetzte Kameraobjektive, deren Zwischenraum dem menschlichen Augenabstand von 6,5 cm entspricht und Stereobasis genannt wird. Die Einstellungen der beiden Objektive wie Belichtung, Schärfe und Auslöser sind miteinander verbunden, damit die beiden Bilder unter fast gleichen Bedingungen aufgenommen werden. Als weitere Möglichkeit lassen sich zwei Apparate auf einer Doppelschiene verbinden.
Erfunden wurde die Stereofotografie in England. Ausschlaggebend war der Bau eines Spiegelstereoskops für Zeichnungen im Jahr 1838. Das Stereoskop lenkte den Blick der Betrachter_innen durch Spiegel um und machte das räumliche Sehen von gezeichneten Halbbildern möglich. 1849 baute der schottische Physiker David Brewster (1781–1868) das Linsen-Stereoskop für die Betrachtung von Fotografien aus. Die erste Zwei-Objektiv-Kamera wurde erst 1854 ebenfalls von Brewster erfunden. Die Stereofotografie erlangte ab den 1860er-Jahren als Unterhaltungs- sowie Bildungsmedium weltweit grosse Beliebtheit, weswegen sie auch massenweise gesammelt wurde. Auf der Basis der Stereofotografie konnten sich bis heute weitere Bildformen entwickeln, wie etwa die Holografie, die , 3D-Projektionen oder die .
Jean-Gabriel Eynard, [Gruppenporträt von zwölf Dienern von Jean-Gabriel Eynard], ca. 1852, Stereofotografie, Daguerreotypie, 84.XT.255.81, The J. Paul Getty Museum, Los Angeles. Digital image courtesy of the Getty’s Open Content Program
David Brewster, The Stereoscope. Its History, Theory and Construction (London: John Murray, 1856).
Oliver Wendell Holmes, «The Stereoscope and the Stereograph», in: The Atlantic Monthly 3, Nr. 20 (Juni 1859), 738–748.
Glenn Willumson, «Making Meaning. Displaced Materiality in the Library and Art Museum», in: Elizabeth Edwards und Janice Hart (Hg.), Photographs Objects Histories (London; New York: Routledge, 2004), 62–80.