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von Zita Mayer
Wie gelingt es Menschen, sich nach einem Konflikt wieder zu versöhnen? In Konflikten geht es neben materiellen Ressourcen, wie z.B. Geld, häufig auch um symbolische Ressourcen. So nehmen Arie Nadler und Nurit Shnabel in ihrem Bedürfnisbasierten Modell der Versöhnung an, dass Täter und Opfer in einem Konflikt jeweils unterschiedliche Identitätsbedrohungen erleben: Während sich Täter um ihre kommunale Identität (ihr moralisches Ansehen) sorgen, fürchten Opfer um ihre agentische Identität (ihr Ansehen als kompetent und handlungsfähig). Diese unterschiedlichen Bedrohungserfahrungen, so die Annahme, resultieren in verschiedenen Bedürfnislagen beider Parteien: Opfer streben nach Selbstbestimmung und Ermächtigung, um ihre agentische Identität zu sichern, während Täter nach moralischer Akzeptanz streben, um ihre kommunale Identität zu sichern.
Die Forschungsgruppe um Shnabel und Nadler hat in mehreren Studien untersucht, ob eine Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse von Tätern und Opfern deren Versöhnungsbereitschaft erhöht. In einer dieser Studien konfrontierten die Forschenden Deutsche mit ihrer Rolle als Holocaust-Täter und jüdische Israelis mit ihrer Rolle als Holocaust-Opfer, um deren kommunale bzw. agentische Identität zu bedrohen. Anschliessend wurden den Teilnehmenden zwei Reden präsentiert, die angeblich von VertreterInnen der jeweils anderen Nation am Holocaust-Denkmal in Berlin gehalten worden waren. Die Reden betonten entweder Akzeptanz (z.B. „wir sollten die [Juden/Deutschen] akzeptieren und uns daran erinnern, dass wir alle Menschen sind“), oder Ermächtigung (z.B. „die [Deutschen/Juden] haben das Recht, stark und stolz zu sein“).
Danach bewerteten die Teilnehmenden, in welchem Ausmass die beiden Botschaften ihre Bereitschaft erhöhten, sich mit der anderen nationalen Gruppe zu versöhnen. In Übereinstimmung mit den Vorhersagen des Bedürfnisbasierten Modells der Versöhnung erhöhten Ermächtigungsbotschaften die Versöhnungsbereitschaft der israelischen Teilnehmenden, während Akteptanzbotschaften die Versöhnungsbereitschaft der deutschen Teilnehmenden verstärkten. Die jeweils anderen Botschaften hatten keinen Einfluss auf die Versöhnungsbereitschaft der Teilnehmenden – obwohl sie ebenfalls positiver Natur waren.
In vielen Konflikten ist eine Zuweisung von Täter- und Opfer-Rollen jedoch weniger eindeutig als im Holocaust. Oftmals sind Konfliktparteien gleichzeitig Opfer und Täter, wie z.B. im Kontext des Israelisch-Palästinensischen Konflikts. Dennoch unterstreichen die obigen Befunde, dass es für ein Verständnis von Versöhnungsprozessen wichtig sein kann, die verschiedenen Bedürfnislagen zu berücksichtigen, die aus (vorübergehend) aktivierten Täter- und Opferidentitäten resultieren.
Literaturangaben:
Nadler, A., & Shnabel, N. (2015). Intergroup reconciliation: Instrumental and socio-emotional processes and the needs-based model. European Review of Social Psychology, 26(1), 93-125.
Shnabel, N., Nadler, A., Ullrich, J., Dovidio, J. F., & Carmi, D. (2009). Promoting reconciliation through the satisfaction of the emotional needs of victimized and perpetrating group members: The needs-based model of reconciliation. Personality and Social Psychology Bulletin, 35(8), 1021-1030.
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