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Herr Yimam, Sie wurden in Äthiopien geboren und kamen als Zehnjähriger in die Schweiz. Dabei soll sogar Kaiser Haile Selassie I eine wichtige Rolle gespielt haben. Wie war diese kulturelle Veränderung für Sie?
Das ist in der Tat eine spannende Geschichte. Bevor ich mit meiner Aufgabe in ein grosses Abenteuer entsandt wurde, war ich eines von 200 Kindern in einem äthiopischen Waisenheim. Es war eine glückliche Fügung, dass ich gemeinsam mit zwölf weiteren Kindern ausgewählt wurde, eine Mission zu erfüllen. Wir wurden in die Schweiz geschickt, um dort eine gute Ausbildung zu erhalten. Später sollten wir wieder nach Äthiopien zurückkehren und dem Land beim Aufbau helfen. Protegiert wurde die Reise durch Kaiser Haile Selassie I, weshalb wir auch in den kaiserlichen Palast eingeladen wurden. Durch diesen offiziellen Rahmen brachte er zum Ausdruck, dass er dieses Projekt unterstützen und fördern würde.
Sie sollten also in der Schweiz eine solide Ausbildung erhalten, wo sollte dies geschehen?
Ich kam 1974 in die Ostschweiz (AR), genau genommen ins Kinderdorf Pestalozzi Trogen, meine neue Heimat. Hier lebten Kinder aus ca. 15 Nationen. Dadurch empfand ich keine grosse kulturelle Veränderung und keine psychische Belastung. Somit konnte ich mich schnell wohlfühlen und eingliedern.
Für einen afrikanischen Jungen war der Wechsel in die Schweiz bestimmt eine grosse Herausforderung. Wie erlebten Sie diese Zeit?
Im internationalen Kinderdorf Pestalozzi wurde jeder Nation ein Haus zugeteilt, und mit mir teilten 15 äthiopische Kinder das gleiche Schicksal, die gleichen Voraussetzungen und die gleichen Herausforderungen. Das Leben im Pestalozzi Dorf hat mich in vielerlei Hinsicht positiv, multikulturell, liberal und weltoffen geprägt.
Das äthiopische Haus „Lalibela‟ bot uns Geborgenheit und eine neue Heimat. Ich hatte also 15 äthiopische Geschwister. Unsere Hauseltern kümmerten sich grossartig um uns und lehrten uns Amharisch, die äthiopische Amtssprache, Kochen und die Kultur Äthiopiens. So fanden wir ein Stück Heimat in der Schweiz. Aufgrund dieser geborgenen aber auch isolierten Umgebung hatte ich bis zu meinem 17. Lebensjahr nicht viele Begegnungen mit der Schweiz.
Nach der obligatorischen Schulzeit absolvierten Sie eine Ausbildung zum Bierbrauer. Anschliessend absolvierten Sie an der „Hochschule für Brauerei und Getränkeindustrie (München)‟ die Ausbildung zum Braumeister. Gibt es einen Grund, weshalb Sie sich für dieses traditionelle Gewerbe entschieden haben?
Meine Mission war ja, in der Schweiz eine Ausbildung zu machen und dieses Wissen später wieder nach Äthiopien zu bringen, um dem Land in seiner Entwicklung zu helfen. Also war es bald einmal mein Traum, in Äthiopien ein Geschäft aufzubauen.
Dass ich jedoch den Weg des Bierbrauers eingeschlagen habe, war die Idee meines Ziehvaters. Er schlug mir die Schnupperlehre in einer Brauerei vor. Dieses Handwerk hat mich von Anfang an in seinen Bann gezogen und bis heute nicht losgelassen, und so entschloss ich mich zur Gründung einer eigenen Firma. Unsere Vision ist es, mit traditionellem Handwerk alte Kulturpflanzen unter aktuellen Qualitätsansprüchen zu vergären und mit unseren Rezepten dem modernen Geschmacksempfinden zu entsprechen. Wir erfinden das Bier nicht neu, wollen aber die Bierszene mit dem einzigartigen Gäraroma jahrtausendealter Kulturpflanzen überraschen.
Sie wollen unter dem Brand Nubia Brew Biere afrikanischen Ursprungs brauen. Erzählen Sie uns etwas darüber?
Bereits vor 15 Jahren wollte ich eine eigene Firma gründen. Damals war die Zeit aber noch nicht reif. Vor einigen Monaten gründeten mein Geschäftspartner und ich die iMizan GmbH. Wir wollten afrikanisches, glutenfreies Getreide, Gewürze und Kaffee importieren und diese Rohstoffe in Europa aber auch Amerika vertreiben. Leider stellten uns strenge Importgesetze und der Amtsschimmel vor beinahe unüberwindbare Hürden. Internetrecherchen deckten bald ebenfalls auf, dass einige europäische Firmen bereits mit äthiopischen Rohstoffen handelten.
Da ich jedoch bereits im Besitz einiger Getreidemuster war, kam mir eines Tages der Gedanke, mit diesen Körnern Biere zu brauen. Also begann ich mit den Rohstoffen zu experimentieren und auf Basis afrikanischer Rezepte einige Probesude aufzusetzen. Schnell stellte sich heraus, dass sich aus den glutenfreien Hirsesorten geschmackvolle und leicht bekömmliche Biere entwickeln liessen. Da wir mit Gerstenmalz vergären sind unsere Biere jedoch nicht ausschliesslich glutenfrei [CAH1]. Somit sind unsere Biere glutenarm, und nach der Norm von IG Zöliakie der Deutschen Schweiz sind unsere Craft-Biere „Mulu Amber‟ und „Amsal Premium‟ sogar als glutenfreie Biere zertifiziert.
Die Fingerhirsen Dagussa und Maschela sind alte, äusserst genügsame Kulturpflanzen, welche heute in Europa, Afrika und weiten Teilen Asiens angebaut werden. Sie dienen heute noch als Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe für regionale Biere. Zusammen mit Schweizer Wasser und Qualitätsansprüchen ist es uns gelungen, lokale Biere afrikanischen Ursprungs zu entwickeln. Wir hoffen, mit unseren Produkten gerade auch der anspruchsvollen schweizerischen Bierszene gerecht zu werden, da die einzigartigen Gäraromen von Shorgum den Liebhabern von charakterstarken Bieren nicht vorenthalten werden sollten. Und wie sich der Kreis manchmal so schön schliesst, produzieren wir diese Biere in jener Traditionsbrauerei, in der ich vor über 30 Jahren meine Lehre zum Bierbrauer gemacht habe.