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Diagnostik bei Menschen mit einer geistigen Behinderung
Für das Feststellen von Anzeichen einer Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung ist eine intensive und fundierte Verhaltensbeobachtung und -dokumentation über eine längere Zeit und durch nahestehende Personen unumgänglich. Für alle Menschen mit einer geistigen lebensbegleitenden Behinderung muss der Leitsatz dieser Verhaltensbeobachtung sein: War es ihm/ihr möglich, dies in der Vergangenheit zu tun, und kann er/sie es heute nicht mehr? Wenn ja, was ist die Ursache dieser Veränderung?
Hinweise auf eine Veränderung können zudem von der an Demenz erkrankten Person selbst kommen, wenn sie sich etwa über eine abnehmende Fähigkeit beklagt oder sich erkundigt, was mit ihr passiert oder warum Verrichtungen nicht mehr bewerkstelligt werden können.
Die Diagnose einer Demenzerkrankung bei Menschen mit einer geistigen Behinderung ist also vor allem durch die Einschätzung von Veränderungsprozessen in der Retrospektive möglich. Daher ist die Erhebung des Ist-Standes bzw. einer Baseline-Messung von erworbenen Fähigkeiten zu einem früheren Lebenszeitpunkt und noch bevor eine Erkrankung auftritt, von grosser Relevanz für die zukünftigen Untersuchungen. Ohne eine solche Messung wird die Unterscheidung zwischen einem behinderungstypischen Funktionslevel und einem demenzbedingten Abbau erschwert. Eine Wiederholung der Baseline-Messung sollte mit steigendem Lebensalter in kürzeren Intervallen durchgeführt werden.
Die eigentliche ärztliche Diagnose einer demenziellen Erkrankung bei Menschen mit einer geistigen Behinderung fordert grundsätzlich ähnliche Methoden wie bei Menschen mit Demenz generell und beinhaltet umfassende medizinische, neurologische und psychologische Untersuchungen im Rahmen von Labortests, bildgebenden Verfahren, körperlichen Untersuchungen sowie Eigen- und Fremdanamnese, z.B. durch Angehörige oder langjährige Begleitpersonen.
Bezüglich der Klassifikationssysteme werden einerseits die diagnostischen Kriterien aus dem DSM-IV für Menschen mit geistiger Behinderung empfehlenswerter eingeschätzt, da hier ein besonderer Fokus eher auf den funktionellen Abbau in den alltagspraktischen Fähigkeiten als auf die nicht kognitiven Beeinträchtigungen gelegt wird. Andrerseits werden die ICD-10-Kriterien empfohlen, da hier nicht kognitive Symptome wie emotionale Labilität, Irritierbarkeit oder Apathie eingeschlossen sind. Eine Vielzahl dieser Verfahren liegt zum aktuellen Zeitpunkt nur in englischer Sprache vor.
Einzig bildgebende Untersuchungen können mit grösster Wahrscheinlichkeit Hinweise auf eine sich entwickelnde Demenzerkrankung geben. Allerdings müssten diese Untersuchungen in regelmässigen Abständen erfolgen. Ergänzend wird die dokumentierte Verhaltensbeobachtung eingesetzt.
Sowohl bei Menschen mit als auch ohne geistige Behinderung muss eine umfassende körperliche Untersuchung erfolgen, um behandlungsrelevante Erkrankungen zu erkennen, welche das Auftreten von auffälligen Symptomen begünstigen können. So können etwa Verwirrtheitszustände auch durch Mangelernährung und Dehydration ausgelöst werden. Zu denken ist in diesem Zusammenhang auch an Herzerkrankungen, Atemaussetzer während der Nachtruhe, Hör- und Sehbeeinträchtigungen, Trauer, Schmerz, Depression oder Reaktionen auf strukturelle Veränderungen wie z.B. Umzüge oder Krankenhausaufenthalte.
Quelle und weiterführende Literatur
Lubitz, H. (2014). «Das ist wie Gewitter im Kopf!» – Erleben und Bewältigung demenzieller Prozesse bei geistiger Behinderung. Bildungs- und Unterstützungsarbeit mit Beschäftigten und Mitbewohner/Innen von Menschen mit geistiger Behinderung und Demenz. Bad Heilbrunn.