Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03252.jsonl.gz/855

Literatur und Region
Buchkultur und literarische Beziehungen des Benediktinerinnenklosters St. Andreas Engelberg
Die Stiftsbibliothek Engelberg beherbergt eine geschlossene - bis anhin nicht systematisch erforschte - Sammlung vorwiegend deutschsprachiger Handschriften und Frühdrucke aus dem Besitz des Benediktinerinnenklosters St. Andreas in Sarnen, das bis 1615 in Engelberg mit dem Mönchskonvent ein Doppelkloster bildete. Die Büchersammlung ist nicht überdurchschnittlich groß, aber erlesen. Engelberg besitzt die früheste Überlieferung von Seuses 'Büchleins der ewigen Weisheit' oder von Taulers Predigten. Verschiedene Texte dürften in oder für Engelberg verfasst, redigiert, übersetzt, kompiliert und illustriert worden sein, weiteres kam als Schenkung ins Kloster.
Ziel des Projekts ist es, das literarische Leben des Frauenkonvents von den Anfängen im 12. Jh. bis 1615 zu rekonstruieren. Gefragt wird nach dem klosterinternen Schreibbetrieb, der literarischen Produktion und der Übersetzungstätigkeit, den Sammelinteressen der Nonnen und dem Profil ihrer Bibliothek. Das 'Engelberger Gebetbuch' wird aufgrund der Vorarbeiten von Peter Ochsenbein ediert. Die Handschriftensammlung soll zugleich als Baustein einer Geschichte der geistlichen Literatur der Region untersucht werden, indem nach der Herkunft der Texte und damit nach dem Literaturtransfer in der Region gefragt wird. 'Region' wird nicht als politisches Territorium oder als sprachgeografische Einheit vordefiniert; sie soll sich vielmehr durch die literarischen Beziehungen des Klosters Engelberg konstituieren. Über den Einzelfall hinaus sind hier grundlegende Einsichten in die spezifischen Bedingungen des vormodernen Literaturbetriebs, seiner medialen Voraussetzungen, seiner Abhängigkeit von personalen und institutionellen Netzwerken sowie seiner stets regionalen Ausprägung zu erwarten.Die Studien setzen bei der Materialität der Textüberlieferung an und stellen den Versuch dar, im methodischen Zugriff Paläographie und Literaturwissenschaft sowie historische und liturgiegeschichtliche Aspekte zu verbinden. Ausgehend von einer konkreten historischen Büchersammlung leistet die Untersuchung mit Überlegungen zu Autorschaft und Textbegriff, Textvarianz, Medialität sowie zur Alterität vormoderner Literatur zugleich einen Beitrag zu den aktuellen Theoriediskussionen des Fachs.