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Wenn es um Coming-of-Age geht, führt im gegenwärtigen amerikanischen Kino kaum ein Weg an Richard Linklater vorbei. Bereits seine früheren Filme wie Slacker (1991), SubUrbia (1996) oder Waking Life (2001) kreisten um die grossen Fragen des Erwachsenwerdens. Und auch seine wohl bekannteste Filmreihe, die Before-Triologie mit Julie Delpy und Ethan Hawke, lässt sich als eine fortwährende Auseinandersetzung mit der Frage verstehen, was denn nun eigentlich Erwachsensein bedeuten kann. Spätestens aber seit seinem viel beachteten Langzeitprojekt Boyhood (2014) gilt der Amerikaner als Spezialist für die Fragen der Adoleszenz. An den Titel seines neuen Films Everybody Wants Some!! lässt sich dementsprechend auch mit der Frage anknüpfen: «Who wants more?»
Denn der Film knüpft konsequent an Linklaters Kultfilm Dazed & Confused (1993) an. Der folgt im Jahr 1973 einer Gruppe High-School-Seniors aus der Provinz von ihrem letzten Schultag in eine ausgedehnte Partynacht, an deren Ende ein ungewisser Sommer steht. Everybody Wants Some!! wiederum steigt am Ende des Sommers ein, nun im Jahr 1980 und mit neuen Figuren, und verlegt das Geschehen ans College, genauer auf das Wochenende vor Semesterbeginn. Linklater macht sich einen Spass daraus, zahlreiche Parallelen zu seinem Kultfilm zu schaffen. Während in Dazed & Confused ein junger freshman beim Baseballtraining eine Lektion fürs Leben lernen muss, geht es nun gleich um eine ganze Baseballmannschaft. Allzu viel hat sich in den sieben Jahren, die zwischen den Filmen scheinbar vergangen sind, nicht verändert: Auch hier hängt die Sportlerclique zunächst in der Disco herum, schiebt die Billardkugeln über den Spieltisch und wartet darauf, dass etwas Grosses passiert. Als die Jungs nach einer Auseinandersetzung aus der Disco geworfen werden, muss ein neuer Plan her. Die nun beginnende dreitägige Suche nach der besten Party wird zum Selbstfindungs-Trip (im doppelten Wortsinn).
Bei aller Bierseligkeit und allem Machogehabe gerät der Film aber nicht in Gefahr, den Trip zu einer lauten Aneinanderreihung von Exzessen zu verflachen. Das liegt in erster Linie an dem harmonierenden Ensemble aus noch weitestgehend unbekannten Schauspielern, die eine tolle Chemie entwickeln. Und an Linklaters Fähigkeit, die überschwänglichen ersten Collegetage in ihren alkoholgetränkten Auswüchsen, aber eben auch mit genauer Beobachtung und leisen Zwischentönen zu inszenieren. Anstatt auf eine rigide Handlung zu bauen, vollzieht der Film so ganz unaufgeregt und doch mit grossem Enthusiasmus den Collegebeginn nach. Nicht zuletzt über die pointierten, witzigen Dialoge entsteht ein leichtfüssiger Rhythmus, der die Euphorie einer neuen Lebensphase für den Zuschauer greifbar macht.
Wie für Linklater üblich, verwebt sich die Identitätssuche mit einem Streifzug durch die Popkultur. Dazed & Confused erhielt seinen Kultstatus vor allem durch den Soundtrack, der das Lebensgefühl der Siebziger transportierte, war damit auch ein stückweit Hommage an Georges Lucas’ Sechzigerjahre-Pendant American Graffiti. Für sein Langzeitprojekt Boyhood nutzte er die Musik der Nullerjahre. Während man dort dem jungen Mason über zwölf Jahre beim Heranwachsen zusieht, dient der Soundtrack immer wieder als Dreh- und Angelpunkt, um die vorbeifliegenden Jahre zeitlich zu markieren und emotional greifbar zu machen. Der Trip der Collegehelden in Everybody Wants Some!! führt dementsprechend auch durch die Popkultur der achtziger Jahre. Die Partys sind eine Reise durch Disco, Country und Punk, bei ausgebreiteter Plattensammlung wird über den musikalischen Wert von Van Halen und Pink Floyd gestritten, bei einem Joint mit kindlicher Wehmut über die beste Folge von Twilight Zone philosophiert und in der Spielhalle mit «Space Invaders» die Zeit bis zur nächsten Party totgeschlagen.
Die Sportler reiben sich dabei an verschiedenen Identitätskonzepten, ohne dass sie in ein für Collegekomödien oft so typisches Gruppendenken verfallen. Hier kämpfen nicht Nerds gegen Sportler, Punker gegen Hillbillys oder Cheerleader gegen das vermeintlich hässliche Entlein. Vielmehr blickt der Film mit grosser Wärme auf die Heranwachsenden und den Versuchsraum College. Dass der Blick auf die dort überall verfügbaren weiblichen Schönheiten und den nie versiegenden Biernachschub ein dezidiert männlicher ist, weiss der Film genau. Und nimmt sich in seiner naiven Begeisterung selbst nicht allzu ernst, baut ganz bewusst Stereotype auf, um sie kurz darauf wieder zu brechen. Neben markigen Aufreisserposen und einstudierten Hook-up-Lines gewinnen die Figuren in stillen Momenten an Tiefe, ohne dass der ironische Spass am Klischee verloren ginge.
Das College wird so trotz kalkuliertem Dauerexzess zu einem utopischen Ort des Aufbruchs und der Inspiration: Linklater gibt vor allem seiner Hauptfigur Jake immer wieder Gelegenheiten, über den Tellerrand hinauszuschauen – was sich insbesondere an dessen nachhaltigem Interesse an Beverley, einer schlagfertigen Theaterstudentin, manifestiert. In der Freude über die nie enden wollende Party gibt sich der Film auch als Gegenpart zu Coming-of-Age-Entwürfen, die sich an gegenwärtigen Partyritualen abarbeiten. Anders als etwa Harmony Korines Spring Breakers übersetzt Linklater den College-Exzess nicht in einen gespenstischen Loop, der sich aus der Clip-Ästhetik der Neunziger- und Nullerjahre speist. Korines hyperrealistische Bilder höhlen die Innenwelt der Figuren aus, widmen sich ganz der Oberfläche, um diese als Reflexionsraum produktiv zu machen. Everybody Wants Some!! gibt sich im Vergleich dazu doppelt nostalgisch: indem er von der Oberfläche zu den Wünschen und Motivationen der Collegeboys zurückkehrt. Und indem er einen wehmütigen Blick auf das College als utopischen Ort der Selbstverwirklichung wirft. Der – und das ist die zeitlose Botschaft des Films – ist dann auch einer, den es so wohl nur auf der Kinoleinwand geben kann.