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Techno-Terrorismus?
London, irgendwann Mitte der 90er Jahre.
Ein gediegenes Haus im Finanzdistrikt, eine sogenannte erste Adresse. Vier Männer in perfekt sitzenden Maßanzügen betreten die Räume einer großen Investmentbank. Bei sich führen sie zwei mittelgroße, offenbar schwere Reisekoffer.
Sie begeben sich direkt in das Büro des Direktors, sie werden dringlich erwartet. Im schall-isolierten Besprechungsraum begrüßen sie drei Herren mittleren Alters, alle mit der typischen Ausstrahlung machtgewohnter Senior Manager, die alle einen sichtbar schlechten Nachtschlaf hatten.
Vor der Tür stehen zwei professionelle Sicherheit verkörpernde jüngere Männer mit militärisch kurzem Haarschnitt und etwas auftragenden Jacken. Drinnen werden die beiden Koffer mit zwei dicken Kupferseilen verbunden, einer aus der Vierergruppe erkundigt sich fürsorglich, ob etwa ein Herzschrittmacherträger in der Nähe sei. Daraufhin verläßt einer der Manager fluchtartig den Raum und sucht eilig das Weite.
Eine kurze, merkwürdig aussehende Antenne wird an einen der Koffer angeschlossen und auf einige an der Aussenwand stehende, in betrieb befindliche Computer gerichtet. Die Anwesenden treten ein paar Schritte zurück, ein tiefes Brummen gefolgt von einem kurzen aber scharfen elektrischen Knistern erfüllt den Raum. Die Rechner in der Ecke haben als letzte Lebenszeichen eine kleine Rauchwolke abgesondert. Nicht einer läßt sich wieder in Betrieb nehmen- Einer der Kofferträger bittet die Manager ans Fenster und zeigt ihnen einen LKW, der einen Block weiter parkt.
Danach überreicht er eine kleine Karte, die in edlen Leitern die Koordinaten eines Kontos in der Schweiz, eine Zahl mit relativ vielen Nullen am Ende und die lakonische Zeile "Vier Stunden. Keine Nachforschungen." aufweist. Die Herren verabschieden sich freundlich, aber kurz und verlassen das Haus.
Dreieinhalb Stunden später werden 10 Millionen Pfund von einem niemals zuvor oder danach benutzen Züricher Konto in mehreren tausend kleinen, unter der Auslöseschwelle der Anti-Geldwäsche-Systeme liegenden Transaktionen rings um die Wel verteilt.
So oder so ähnlich sollen sich über 40 Fälle von Erpressung zugetragen haben, wenn man den Recherchen eines britschen Journalisten der Sunday Times glauben möchte. Der angebliche Gesamtschaden soll etwa eine Milliarde Mark betragen.
Die Bewertung der Glaubwürdigkeit dieser Geschichte gestaltet sich aus verschiedenen Gründen problematisch. Die betroffenen Unternehmen (vor allem Banken aber auch Rüstungsunternehmen) haben naturgemäß keinerlei Interesse an einer öffentlichen Erörterung solcher Probleme.
Die Aussage, daß Kampfmittel aus dem Bereich der sogenannten Information Warfare (nichtnuklearer EMP, HERF/HIRF) gegen zivile Organisationen angewand wurden, läßt sich nach dem gegenwärtigen Stand der Informationen nicht wirklich verifizieren.
Nach den Erfahrungen, die der CCC im Rahmen der Aufklärung einer kleineren Sicherheitsschwankung gemacht hat, ist im Zweifel auch gar kein Einsatz von derartigen Mitteln erforderlich, um Banken u.ä. zu erpressen, Alleine die Vorspiegelung von genügender technischer Kompetenz, die es als möglich erscheinen läßt, das der Erpresser über die entsprechenden Fähigkeiten verfügt, führt in den allermeisten Fällen zur Zahlung der geforderten Summe,
Dank der unermüdlichen Tätigkeit von telegenen Fönfrisurenträgem wie dem amerikanischen "Sicherheitsberater" Winn Schwartau - der, nicht ganz zu Unrecht, auch schon als Computerapokalyptiker tituliert wurde - hat sich in den entsprechenden Kreisen eine solide Furcht vor Angriffen auf die EDV breitgemacht. Die ökonomisch Verantwortlichen haben oft ein eher irrationales Verhältnis zu Computern.
Das wirkliche Ausmaß der Abhängigkeiten von rechnergestützten Systemen und Netzwerken ist den meisten Verantwortungsträgern nicht bewußt und teilweise wegen gerontologischer Hinderungsgründe auch nicht beizubringen. Insofern ist eine reale Abschätzung der Bedrohungslage für sehr viele Manager nicht möglich. Offenbar gilt bei nahezu allen Unternehmen, egal ob Banken, Rüstungskonzerne oder chemische Industrie, der Grundsatz, daß bei ausreichend glaubwürdiger Bedrohung gezahlt wird.
Das Risiko, daß bei Ermittlungen Informationslecks entstehen und es womöglich zu einem öffentlichen Interesse an dem Fall kommt, wird geradezu paranoid gefürchtet. Denn damit wird die funktionsweise einer Bank vom Prinzip her gefährdet; die Deutsche Bank formuliert es in Anzeigen mit dem Satz "Vertrauen ist der Anfang von allem."
Im Falle der erwähnten Sicherheitsschwankung war ein Mann namens Ungerbühler, der aus einer psychatrischen Klinik ausgebrochen war, an verschiedene Unternehmen mit Geldforderungen herangetreten.
Er behauptete Mitglied des CCC zu .sein und durch Hacking etc. an unternehmensinterne Daten über Steuerhinterziehungen etc. gekommen zu sein. Unter Vorlage seines echten Ausweises kassierte er mehrfach und regelmäßig mehrere tausend Mark, wobei er gelegentlich Disketten mit "Daten" übergab.
Wie die panischen Sicherheitsbeauftragten der erpressten Konzerne regelmäßig feststellten, hatten sie einige sehr teure Leerdisketten erworben. Unter den genarrten Firmen waren Großbanken, Rüstungsunternehmen aber auch Mittelständler. Die Ziele für seine Aktionen wählte Markus Ungerbühler teilweise nach Presseberichten über Firmen aus, die z.B. Probleme mit dem Finanzamt haben. Ungerbühler wurde, nachdem er seine "Geschäfte" über Monate hinweg unbehelligt betreiben konnte, nicht zuletzt durch die Aktivitäten von privaten Sicherheitsorganisationen, die im Auftrag von betroffenen Firmen arbeiteten, festgenommen und in seine Klinik zurückgebracht.
Stellt man die Erkenntnisse aus dem Fall Ungerbühler den mageren Informationen zur britischen HERF-Bankenerpressungstory gegenüber, erscheinen sowohl die Anzahl der Fälle als auch die Schadenssumme als nicht völlig unrealistisch.
Zum jetzigen Zeitpunkt kann man aber davon ausgehen, daß die Anwendung von "eletronischer Gewalt" gegen zivile Entitäten noch nicht stattgefunden hat. Die üblichen Trittbrettfahrer und Nachahmer dürften nicht lange auf sich warten lassen.
Die Herstellung von EMP/HERF-Geräten - soviel lässt sich den aus dem militärischen Bereich bekannt gewordenen Informationsfragmenten entnehmen - ist auf jeden Fall einfacher als die Produktion von Atombomben - schon allein, weil man keine kontrollierten Materiallien wie Uran benötigt. Aus dem erheblichen Mangel an zuverlässigen Informationen zum Thema resultieren die üblichen Probleme. Der "Sunday-Times" Journalist wollte 30.000 Pfund für ein Video, daß eine solche Waffe im Einsatz zeigt. Für diese Summe lässt sich mühelos ein Video produzieren, daß so aussieht, als ob. Offenbar hat der gute Mann ob der schönen Story den Blick für die Realitäten etwas verloren.