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Was passiert mit Kindern, deren Mutter oder Vater psychisch erkrankt? Der Kinderpsychiater Kurt Albermann erklärt, warum sie häufig übersehen werden, worunter sie am meisten leiden und wie es Betroffenen gelingt, zu einem harmonischen Familienleben zurückzufinden.
Sozialpädiatrisches Zentrum Winterthur, erster Stock. Kurt Albermanns Händedruck zur Begrüssung ist fest, sein Lächeln charmant. Mit einer einladenden Geste weist er den Weg in ein Sitzungszimmer und offeriert Kaffee. Während des Gesprächs haut er mehrmals so fest auf den Tisch, dass das Getränk aus der Tasse zu schwappen droht. «Ich bin manchmal ein bisschen lebhaft», sagt er dann und lächelt.
Herr Albermann, Sie nennen Kinder, die mit einem psychisch erkrankten Elternteil aufwachsen, in einer Studie «vergessene Kinder». Warum?
Weil diese Kinder häufig nicht auffallen. Sie sprechen nicht darüber, wie es ihnen geht und dass die Eltern ein Problem haben. So übersieht man ihre Bedürfnisse in der Situation, in der sie leben.
Ist es nicht eher so, dass gerade diese Kinder oft auffällig sind in ihrem Verhalten?
Manchmal schon. Aber der Zusammenhang, dass ein Elternteil eine psychische Erkrankung hat, wird übersehen.
Können Sie einen Fall nennen, der zeigt, unter welchen Belastungen beispielsweise Kinder mit einer depressiven Mutter oder einem Vater leiden?
Ich erinnere mich an eine Vierzehn jährige mit zwei jüngeren Geschwistern, die sich an unsere Beratungsstelle gewandt hat. Seit sie denken konnte, kümmerte sie sich um die Mutter und um ihre Geschwister.
Wie sah ihr Tag konkret aus?
Sie überlegte bereits am Vortag, was es morgen zu Mittag geben sollte, und kaufte dafür ein. Ihre Eltern waren geschieden. Die Mutter kam phasenweise vor Müdigkeit kaum aus dem Bett. Deshalb weckte das Mädchen morgens die jüngeren Geschwister, half beim Ankleiden, machte Zmorge und Znüni. Sie schaffte es kaum zum Unterricht, weil sie die Schwester noch in den Kindergarten und den Bruder zu den Nachbarn bringen musste.
Und was erwartete den Teenager nach der Schule?
Im besten Fall eine «funktionierende» Mutter. Es kam aber auch vor, dass die Tochter die Sanität rufen musste, weil sich die Mutter nicht wecken liess. Auf dem Nachttisch lagen Tablettenpackungen. Die ständige Unsicherheit und Sorge um die Mutter veränderte die Hierarchie zu Hause. Die Vierzehnjährige über nahm die Rolle der Erwachsenen. Sie musste schon früh ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellen. Oft war sie selbst traurig. Und wütend.
Mit welchen Folgen?
Sie hatte kaum Kolleginnen, schämte sich, jemanden mit nach Hause zu bringen. In der Klasse wurde sie aus gegrenzt, weil sie nie Zeit hatte und manchmal komisch war. Sie ging auch nicht zum Sport. Von den Problemen ihrer Mutter wusste niemand etwas, ihr wäre es peinlich gewesen, darüber zu sprechen. Die Leistungen in der Schule waren gut, obwohl sie sich oft unendlich müde fühlte.
«Ich gehe in der Schweiz von bis zu 300.000 betroffenen Kindern aus.»
Man schätzt, dass in der Schweiz 20.000 bis 50.000 Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil leben. Woher kommt diese Zahl?
Sie stammt aus einer Umfrage, die wir in Winterthur bereits vor zehn Jahren gemeinsam mit der Hochschule für Soziale Arbeit und der Integrierten Psychiatrie Winterthur – Zürcher Unterland ipw gemacht haben. Ich persönlich halte diese Zahlen für eher konservativ. In Deutschland rechnet man mit gut drei Millionen betroffenen Kindern und Jugendlichen. Auf die Schweiz heruntergerechnet wären das etwa 300.000.
Wie wirkt sich eine psychische Störung von Vater oder Mutter auf die Gesundheit der Kinder aus?
Etwa ein Drittel erkrankt ebenfalls, ein Drittel hat immer wieder mal psychische Probleme und ein Drittel schafft es, gesund zu bleiben.
«Jedes dritte Kind von Eltern mit psychischen Störungen erkrankt ebenfalls.»
Eine elterliche psychische Belastung ist also ein Risikofaktor, ebenfalls zu erkranken?
Ja, bei den einen Erkrankungen mehr als bei anderen – und es lässt sich nicht voraussagen, ob ein Kind tat sächlich erkranken wird. Aber die Gefahr, an einer Depression zu er kranken, ist zum Beispiel bis zu sieben Mal höher, wenn man einen depressiven Elternteil hat.
Also können tiefgreifende oder chronische Stresserlebnisse der Eltern an die nächste Generation «vererbt» werden.
Das ist möglich und liegt unter anderem an den sogenannten epigenetischen Einflüssen: Unsere Zellen verändern sich, wenn wir unter chronischem Stress stehen. Diese gespeicherten Informationen können auf zellulärer Ebene an nachfolgende Generationen weitergegeben werden.
Ohne dass betroffene Eltern dagegen etwas tun können?
Es gibt auch gesund erhaltende Faktoren. Wenn die Mutter trotz psychischer Erkrankung in der Lage ist, die Bedürfnisse des Kindes wahrzunehmen und altersangemessen auf es einzugehen, ist die Gefahr, dass es erkrankt, viel geringer, als wenn es vernachlässigt wird.
Mit welchen Störungen sind Sie in ihrem Arbeitsalltag am häufigsten konfrontiert?
Bei Müttern sind es depressive Störungen, bei Vätern Suchterkrankungen. Häufig sind es auch Ängste oder traumatische Belastungsstörungen, zum Beispiel nach einer Scheidung. Das ist für Kinder doppelt schwierig, da sie selbst auch unter der Trennung leiden.
Kommt es oft vor, dass sich Kinder von psychisch erkrankten Eltern selbst bei Betreuungsstellen melden?
Nein. Je nach Krankheit und Situation wächst ein Kind ja schon in so einer gewissermassen «verrückten», also veränderten Umgebung auf und kennt gar nichts anderes. Es ist altersabhängig und schon eher die Ausnahme, dass ein Kind erkennt, dass der Vater oder die Mutter ein Problem hat.
Trotzdem leidet ein solches Kind unter dem Verhalten des kranken Elternteils?
Ja. Kinder schämen sich oder fühlen sich gar schuldig am Verhalten der Mutter oder des Vaters. So reden sie nicht darüber, dass es sie belastet, wenn zum Beispiel ihr Mami tagelang im Bett liegt. Psychische Krankheiten werden in unserer Gesellschaft tabuisiert, deshalb verbieten Eltern ihren Kindern auch oft, darüber zu sprechen.
Auch weil man befürchtet, dass einem die Kinder weggenommen werden?
Wenn ein Elternteil psychisch angeschlagen ist, wird ihm nicht automatisch das Kind weggenommen. Es gibt viele Unterstützungsmöglichkeiten zu Hause oder Einrichtungen, in denen Kinder nur für eine gewisse Zeit platziert werden. Hier in Winterthur haben Christine Gäumann und ich mit Partnerorganisationen unter dem Namen wikip solche Angebote initiiert: SOS-Kinderbetreuung, Patenfamilien oder Elterngruppen. Andernorts gibt es ähnliche Angebote. Bei einer Beratung schaut man gemeinsam, welche Unterstützung es braucht.
«Kleine Kinder empfinden das Verhalten ihrer Eltern als normal – Vergleiche fehlen.»
Verstehen Kinder überhaupt, was mit Mama oder Papa los ist?
Kleine Kinder empfinden das Verhalten oft als normal – sie haben ja keinen Vergleich. Spätestens wenn sie in den Kindergarten kommen, realisieren sie aber, dass es in anderen Familien anders läuft. Dann wird der Leidensdruck grösser. Man kann nicht, wie die anderen, Gspänli mit nach Hause nehmen. Weil der schizophrene Vater alle Fenster mit Brettern zugenagelt hat. Oder weil die Mutter eine Zwangsstörung hat und den fremden Dreck fürchtet.
Es gibt aber noch einen anderen Elternteil...
Oftmals handelt es sich bei betroffenen Müttern um Alleinerziehende. Wenn es einen präsenten anderen Elternteil gibt, der die Kinder unter stützt, kann dieser die Belastung kompensieren. Es kommt übrigens auch ab und zu vor, dass Kinder die Krankheit des Elternteils gar nicht als so extreme Belastung empfinden, sondern sie zu gewissen Zeiten sogar gut finden.
Wie bitte?
Ein Kollege von mir hat ein Buch über seine Kindheit mit einem Vater mit bipolarer Störung geschrieben, bei der Stimmung und Verhalten unkontrollierbar zwischen manischen und depressiven Phasen hin und herschwanken. Er fand das als Kind zeitweise toll. In guten Phasen hatte er den besten Vater überhaupt, der mit seinem Sohn Ausflüge unternahm, ihn mit Geschenken überhäufte. In depressiven Phasen lag der im Bett und trank, und der Sohn hielt sich einfach vom Vater fern.
Das klingt, als ob es manchmal gar nicht so schlimm ist, einen psychisch kranken Elternteil zu haben?
Das stimmt so natürlich nicht. Gerade bei bipolaren Störungen kommt es immer wieder zu gefährlichen Situationen. Man braust in einer manischen Phase mit dem Kind auf dem Nebensitz mit 200 Sachen über die Autobahn. Oder verschuldet sich total, weil man dem Kind ein Pferd gekauft hat.
Sprechen Sie von Fällen aus Ihrer eigenen Praxis?
Nicht aus meiner, aber eine Kollegin hatte eine Patientin, die plötzlich mit einem Pferd auftauchte und das auf der Veranda «deponierte». Solche Anekdoten sind witzig zum Erzählen, aber im Alltag sind sie für die Familien nicht lustig.
«Eine Meldung an die KESB ist heikel. Doch wir haben auch die Pflicht, aufeinander zu schauen.»
Was soll ich denn zum Beispiel als Nachbarin machen, wenn ich das Gefühl habe, nebenan leben Kinder mit einer psychisch kranken Mutter?
Erst mal die betroffene Person an sprechen. Wenn ich mir nach einem Gespräch immer noch grosse Sorgen mache, kann ich eine Gefährdungsmeldung bei der KESB machen. Das ist zwar heikel und ein Eingriff in die Privatsphäre. Aber wir leben in einer Gemeinschaft und haben auch die Pflicht, aufeinander zu schauen.
Wenn eine solche Mutter in psychiatrische Behandlung kommt – was passiert dann mit den Kindern?
Ich setze mich dafür ein, dass Eltern in solchen Fällen automatisch kompetent und professionell beraten und unterstützt werden, was leider noch lange nicht überall der Fall ist. Wichtig ist, dass man einen Notfallplan macht: Was soll das Kind im Falle eines Zusammenbruchs der Mutter tun? An wen kann es sich wenden?
Das setzt voraus, als Vater oder Mutter mit den Kindern über die eigene psychische Störung zu reden.
Das ist extrem wichtig. Man muss sich als Erwachsener trauen, den Kindern einzugestehen, dass es einem gerade nicht gut geht. Man soll fragen, wie es den Kindern geht, und ihre Fragen beantworten. Das klappt am besten in einem beraten den Umfeld, zum Beispiel gemeinsam mit einem Psychologen.
Soll man eine psychische Krankheit im Umfeld der Kinder – Schule, Eltern der Freunde – kommunizieren?
Grundsätzlich muss das nicht sein. Wenn es für das Verständnis wichtig ist, zum Beispiel weil das Kind sich in der Schule nicht konzentrieren kann, kann man in einem Gespräch mit der Lehrperson auch sagen, dass man gerade in einer schwierigen Situation ist, ohne auf die konkrete Diagnose einzugehen. Wenn ein Vertrauensverhältnis besteht, kann eine offene Kommunikation aber auch hilfreich sein und zum Verständnis beitragen.
Was passiert, wenn der betroffene Elternteil nicht fähig ist, für seine Kinder zu sorgen?
Dann wird versucht, zu einer gemeinsamen Lösung zu kommen. Ist er oder sie nicht einsichtig, erfolgt im Notfall eine Gefährdungsmeldung an die KESB. Sie hat die Aufgabe, nach den aktuellen Belastungen und nach Unterstützungsmöglichkeiten zu schauen.
«Wichtig ist, dass Kinder wissen, dass sie nicht schuld sind am Verhalten von Mami oder Papi.»
Falls es zu einem Entzug kommt – wie erklärt man das einem Kind?
Bei kleineren Kindern machen wir das gern mit Bilderbüchern. Es gibt zum Beispiel eines über eine Fuchsfamilie. Immer, wenn Vater Fuchs den grünen Mantel anhat, ist er komisch. Dann kann er nicht für seine Kinder sorgen. Aber er ist immer noch der Papi. Jugendlichen kann man die Sachverhalte natürlich anders erklären. Wichtig ist, dass die Kinder wissen, dass sie nicht schuld sind am Verhalten oder an der Krankheit von Mami oder Papi.
Es gibt aber auch psychisch kranke Eltern, die ihre Kinder konkret gefährden...
Ja. Ich habe Kinder gesehen, die von der stark überlasteten Mutter buchstäblich an die Wand geknallt wurden. Oder einen Jungen, dem von der Mutter in einem schweren schizophrenen Schub die Pulsadern auf geschnitten wurden. Da darf nicht lange gefackelt werden, die Kinder müssen sofort weg von den Eltern. Später kann man die Situation analysieren und schauen, wie die Beziehung weiter gestaltet werden kann.
Mit Verlaub – aber eine Mutter, die ihrem Sohn die Pulsadern aufschneidet, darf diesen nie wieder sehen...
Der Fall liegt zehn Jahre zurück. Die Psychiater der Mutter meinten, sie brauche den Kontakt zu ihrem Sohn, um gesund zu werden. Der Junge hatte Angst, ein Wiedersehen mit der Mutter nicht zu überleben! Das zeigt, dass auch Fachleute immer wieder überfordert sind. Ich kenne einen psychisch erkrankten Vater, der seine kleinen Kinder in einer Extremsituation aus dem Fenster warf. Der Mann war in Therapie, nimmt weiterhin Medikamente und hat heute ein herzliches Verhältnis zu den Kindern.
Ist es auch möglich, als betroffene Familie ein normales Familienleben zu führen?
Wenn man davon ausgeht, dass jeder zweite Mensch im Laufe seines Lebens irgendwann psychisch er krankt und etwa jeder zehnte eine psychische Störung hat, muss es möglich sein.
«Das Familienleben kann auch harmonischer sein als vor der Erkrankung.»
Wie gestaltet sich das Familienleben nach einer Erkrankung und einer Therapie?
Das ist von der Krankheit und den möglichen Folgen abhängig. Nicht selten plagen die Eltern Schuldgefühle. Das ist nachvollziehbar, aber wenig hilfreich. Wenn es gelingt, als Familie die Entstehungsgeschichte zu verstehen und die Rahmenbedingungen anzupassen – ausreichende Entlastung und notwendige Unterstützung zu ermöglichen –, kann das Familienleben harmonischer sein als vor der Erkrankung.
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