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|Zofinger Tagblatt|
Juni 2019
| ||Es darf festgestellt werden, dass die Mitglieder des «Ensemble Mondrian» jedes auf seine Art es verstand, sowohl im perfekten Zusammenspiel wie im Solo, sich auf feinste Weise einzubringen.gesamten Text lesen|
|Zwischen dem Maler Piet Mondrian (1872–1944) und dem im Jahr 2000 gegründeten Streichquartett gleichen Namens besteht durchaus eine Beziehung. Der Künstler Mondrian gilt als einer der wichtigsten Begründer der sogenannten «Konkreten Kunst». Diese legt nicht ein bestimmtes Motiv aus, sondern arbeitet mit ungegenständlichen Flächen und Linien, woraus Kompositionen aus abstrakten Spannungsfeldern entstehen.|
Ein perfektes Zusammenspiel
Ähnliches geschieht in der neuen, zeitgemässen Musik. Diese braucht kein Thema wie die traditionelle Klassik, sondern arbeitet mit unterschiedlichen Klangmustern und -effekten. Besonders deutlich war dies wahrnehmbar in den Kompositionen von Thomas Wally (*1981), der selber auf der Violine bei einigen seiner im Zofinger «Palass» aufgeführten Werke mitwirkte. Es geschah genau das, was der Titel «Transfigurations» versprach: das fortwährende Umwandeln, Abwandeln und Umbilden von Klangbildern, versehen mit überraschenden Effekten; manchmal laut und deutlich, dann wieder hauchfein eingefädelt, stets auf die spezifischen Möglichkeiten der betreffenden Instrumente abgestimmt.
Es darf festgestellt werden, dass die Mitglieder des «Ensemble Mondrian» jedes auf seine Art es verstand, sowohl im perfekten Zusammenspiel wie im Solo, sich auf feinste Weise einzubringen.
«Transfigurations für Klavier und Streichquartett» nannte sich das erste Stück. Beteiligt daran waren der Komponist Thomas Wally (Violine), Ivana Pristašová (Violine), Petra Ackermann (Viola), Karolina Öhmann (Violoncello) und Tamriko Kordzaia (Klavier). Das begann mit einem krachenden Auftakt, schrillen Einschüben der Streicher und schlagkräftigen Effekten des Klaviers. Langsam beruhigte sich das Spiel, verschob sich zu mystischen Klängen mit tröpfelnder Begleitung des Klaviers und gleitenden Passagen der Streicher. Darauf folgte ein Transfer in drängende Dynamik mit scharfen Akzenten. Und wieder war ein Wandel fällig, eingeleitet von klopfenden Tonfolgen des Klaviers, abgelöst von sphärischen Klangbildern der Streicher, die in ein hauchzartes Pianissimo versanken.
Die anschliessenden «Vier Bagatellen für Streichquartett» entstanden 2003. Ihre Eigenart beruht wieder in der Anwendung von Transfigurationen. Für die Streichinstrumente bedeutet dies im ersten Satz die Verwendung von typischen Techniken wie Tremolo, Triller und Flageolett und das Hinaufklettern in hohe Einlagen. In der zweiten Bagatelle sind die Einsätze der einzelnen Streichinstrumente wie in einem Kanon miteinander verschachtelt und die dritte erhielt die Form eines Scherzos mit abgewandelten Färbungen. Auch in der vierten Bagatelle ging das Spiel mit Transfigurationen weiter. Das Publikum wurde gewahr, mit welcher Finesse hier komponiert und musiziert wird und spendete langen Applaus.
Neue Musik begegnet Romantik
In der Uraufführung von «Les îles des nombres III» lieferte Thomas Wally in der Form eines Klavierquartettes das letzte Beispiel von Transfigurations. Die einzelnen Teile sind darin zu Inseln zusammengefasst, die aus unterschiedlichen Intervallen bestehen. Darin kommen nochmals die Fantasie und der Reichtum des Komponisten im Erfinden von ständig wechselnden Kontrasten und Stimmungsbildern und die Fähigkeit des Mondrian-Ensembles zu deren Auslegung zum Zug.
Danach folgte eine Transformation des Publikums nach draussen in die Pfistergasse. Dort herrschte die richtige Atmosphäre für die Aufführung der Serenade C-Dur für Violine, Viola und Violoncello von Ernst von Dohnányi (1877–1960). Darin vereinigen sich ein lebhafter Marsch im ungarischen Stil mit einer langsamen Romanze und einer liedhaften Einlage der Violine. Das Scherzo nimmt bereits Einflüsse der modernen Musik wahr und gleichzeitig werden Erinnerungen und Anlehnungen an Haydn, Mozart und Beethoven wach. Das Mondrian-Ensemble fühlt sich nämlich auch im klassischen Repertoire heimisch.

|Mittwochs um Zwölf - Peter Hagmann|
März 2019
| ||Wenn der Boden zu wanken beginntgesamten Text lesen|
|Schweres Gestänge hängt an den Wänden, im Raum stehen ausladende Werkbänke und massive Schraubstöcke – und mittendrin: ein Flügel. Wir nehmen Platz in der Schlosserei Nenninger, wo tagsüber Eisen geformt wird und abends Musik erklingt. Kunstmusik, neue Musik. Heute Abend etwa kommt es zu einer Begegnung mit Edu Haubensak, dem 1954 geborenen Zürcher Komponisten, der mit Mikrotönen arbeitet und für seine schwebenden Klänge bekannt ist. Drei Stücke aus unterschiedlichen Schaffensperioden sind angesagt, das letzte Werk erklingt als Uraufführung. In die Folge eingelassen sind Kompositionen des Baslers Mathias Steinauer und des viel zu früh verstorbenen Zürchers Hans-Jürg Meier. Eines ist fast allen Stücken des Abends gemeinsam. Es ist der Stein.|
Der klingende Stein. Tatsächlich stehen neben dem Flügel und den Notenpulten für ein Trio eigenartige Dinger im Raum. Da ist etwa das Instrument, das einem Vibraphon gleicht, aber kein Vibraphon sein kann. Die Platten, welche die Töne erzeugen, sind merklich breiter und massiver – kein Wunder: Beim Lithophon sind sie aus Stein. Gegenüber eine Konfiguration fast senkrecht stehender, nur leicht in die Schräge gebrachter Steinplatten, die am oberen Ende eigenartig gerundet erscheinen – das Orgalitho, das wie die Glasharfe gespielt wird, das ins Klingen kommt, wenn die gläserne Hauben über den Steinplatten von angefeuchteten Handflächen gerieben werden. Schliesslich hängt da noch ein kleines Tamtam, das allerdings grosse Töne von sich zu geben vermag – Töne, die sich förmlich ins Ohr schrauben und angenehme Schwindelgefühle erzeugen.
Das passt. Die Musik von Edu Haubensak kann einem durchaus den Teppich unter den Füssen wegziehen. Schon im Streichtrio von 1994, mit dem das Mondrian-Ensemble seinen Abend chez Nenninger eröffnete, war das so. Anfangs klang es, als hätten Ivana Pristašová (Violine), Petra Ackermann (Viola) und Karolina Öhman (Violoncello) ihre Instrumente eigenartig gestimmt. Das ist tatsächlich der Fall, wenn auch in voller Absicht geschehen. Die Mondrians spielen nur auf den leeren Saiten und verändern die Tonhöhen, indem sie die Wirbel und die Schrauben, die zum Stimmen verwendet werden, bei laufender Musik in erstaunlicher Virtuosität betätigen. Bald hat man sich eingehört, und schon beginnt man sich den ungewohnten klanglichen Reizen hinzugeben.
In «Octaves for Four» (2013) kommt das Klavier dazu. Auch in dieser Komposition geht Haubensak mit leicht ausserhalb der Norm stehenden Stimmungen zu Werk. Das einzige sozusagen normale Intervall ist die Oktave, die vom Klavier gleichsam als Rückgrat ins Spiel gebracht wird, mehr und mehr aber erschreckend unrein zu wirken beginnt. Das liegt nicht am Instrument und schon gar nicht an der fabelhaften Pianistin Tamriko Kordzaia, sondern an den drei Streichinstrumenten, die mit ihren minimalen, aber folgenreichen Skordaturen das vermeintlich Richtige in falsches Licht setzen. Ein erheiterndes Vergnügen, vom Mondrian-Ensemble mit leichter Hand aufgetischt.
Womit der Moment gekommen wäre für die Schlagzeugerin Erika Öhman, die Schwester der Cellistin im Mondrian-Ensemble. Zum Beispiel in «Fossils and Shadows» von Mathias Steinauer, hier in einer Version für Lithophon und Klavierquartett dargeboten. Da fallen Kiesel auf Metallplatten, mischt sich ein grosser Regenstab ein, wird geflüstert und gleich wieder gerufen – und wie Erika Öhman die Vielfalt der unterschiedlichen Schlägel zu nutzen weiss, schafft Überraschung auf Überraschung. Nochmals von Steinauer folgt «Schlussstein» für Streichtrio und Schwebeklang, wo die klingenden Steinplatten eine ganz eigene Aura erzeugen. Schliesslich «Tre», das Solo für grosses Lithophon von Hans-Jürg Meier, das phantasievoll das Potential des als dreimanualig bezeichneten Instruments erkundet. An einem gewissen Moment glaubt man Kuhglocken zu vernehmen…
Schluss- und Höhepunkt des Abends bildet «No Reality» von Edu Haubensak für Klavierquartett, Orgalitho in Skordatur und Tamtam, vom Mondrian-Ensemble in Auftrag gegeben und nun aus der Taufe gehoben. Ein echter USP – falls Sie wissen, was das ist: ein Unique Selling Point. Der temperierten Skala begegnet hier die Naturtonreihe, schon das führt zu angenehm kitzelnden Friktionen. Dazu kommt der meditative Grundzug, der das Geschehen bestimmt, wozu das unerhört lange klingende Tamtam das Seine beiträgt. Edu Haubensak hängt sein originelles Schaffen nicht an die grosse Glocke, er wirkt in einer Nische und aus ihr heraus, tut das aber, wie dieser Abend erwies, in aller Nachhaltigkeit.

|NZZ, 8.2.2018 |
Februar 2018
| ||Das Mondrian-Ensemble verbindet auf sinnreiche Weise Werke von Klaus Huber, Younghi Pagh-Paan und Michael Jarrell, denen der Sprung ins Repertoire zu wünschen wäre. Christian Wildhagen gesamten Text lesen|
|Warum spielt man sie nicht neben Mozart und Brahms?|
Das Mondrian-Ensemble verbindet auf sinnreiche Weise Werke von Klaus Huber, Younghi Pagh-Paan und Michael Jarrell, denen der Sprung ins Repertoire zu wünschen wäre.Gustav Mahler wird der kluge Satz zugeschrieben, Tradition sei nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers. Das gilt naturgemäss in besonderem Masse für die jeweils zeitgenössische Kunst und ganz besonders für die Musik. Denn nirgends sonst ist das blinde Bewahren oder blosse Repetieren einmal etablierter Errungenschaften derart unbarmherzig zu einem schnellen Tod im Staub der Archive verurteilt wie in der Komposition. Nur das Original überlebt, den Epigonen ereilt das Vergessen.
Das macht die besagte Weitergabe des Feuers, also eine bewusste Traditionspflege durch Schüler und Anhänger eines Originalgenies, zu einer hochgefährlichen Angelegenheit – laufen die Adepten doch Gefahr, als Nachahmer umstandslos im Schatten ihres Vorbildes zu verschwinden. Wie man die heikle Angelegenheit dennoch gewinnbringend übersteht, zeigte jetzt ein Gedenk- und Jubiläumskonzert des Mondrian-Ensembles mit dem Klarinettisten Ernesto Molinari. Zusammen huldigten sie im Basler Gare du Nord und im Zürcher Radiostudio des SRF dem (anwesenden) Genfer Komponisten Michael Jarrell zum 60. Geburtstag – und einem grossen Abwesenden.
Eine Art Familientreffen
Der Abwesende war der Schweizer Klaus Huber, der am 2. Oktober 2017 in Perugia gestorben ist – ohne Frage einer der bleibenden Leuchttürme in der Musik des späten 20. Jahrhunderts. Jarrell wiederum bekennt sich dazu, überhaupt erst durch Huber, seinen Lehrer, zu einem tieferen Nachdenken über Musik und die Bedingungen des Schaffens gekommen zu sein. Sein Werk lässt denn auch die geistige Nähe zu Huber klar erkennen, beschreitet aber eigenständige Wege. Als Dritte im Bunde gesellte sich die koreanische Komponistin – und Lebensgefährtin von Huber – Younghi Pagh-Paan hinzu. Eine Art Familientreffen also. Pagh-Paan beschreibt eindringlich, wie sie durch Huber schon Anfang der siebziger Jahre, kurz nach ihrer Übersiedelung nach Europa, dazu angeregt wurde, gleichsam ihre ganze Existenz in die eigene Musik «hineinzuwerfen», wie sie sagt. Als eindringliches Zeugnis dieser künstlerischen Selbstfindung erklingt «MAN-NAM I» für Klarinette und Streichtrio von 1977. Im Vergleich zu Hubers magischer Raumkomposition «Ein Hauch von Unzeit III», die das Konzert in völliger Dunkelheit eröffnet, wirkt Pagh-Paans Musik weniger streng im Umgang mit dem Material, dafür aber oft gestisch-sprechend, etwa wenn die Cellistin Karolina Öhman den konsonanten Schlussklang der Klarinette mit einem Akzent brüsk zum Verstummen bringt. Die Entwicklung dieser beredten Tonsprache hört man in «Silbersaiten II» von 2009, einer poetisch schwebenden Meditation über Gottfried Kellers Gedicht «Jugendgedenken». Molinari fügt sich hier mit subtilen Schwelltönen und Mehrklängen in das von der Geigerin Ivana Pristašová souverän koordinierte, aber ohnehin aus demselben Geist musizierende Ensemble.
Klingendes Skizzenbuch
Beim Anhören dieser avancierten, doch jederzeit zugänglichen Musik kommt man wieder einmal ins Grübeln über die Frage, warum nicht mehr dieser Werke den Sprung ins Kammermusikrepertoire schaffen, wo sie ein reizvolles Gegenstück zu den Klarinettenquintetten von Brahms und Mozart bilden würden. Dies wünschte man nicht zuletzt Jarrells Klangstudie «Assonance Ib» von 2014, in der ältere Kompositionsideen unter verschiedenen Vorzeichen neu befragt werden. Jarrell entwirft mit dem seit 1983 entstehenden «Assonance»-Zyklus folglich ein klingendes Skizzenbuch, dessen Form sich entsprechend offen, ja prinzipiell unabschliessbar gestaltet. Mit diesem fliessenden Formbegriff geht Jarrell einen entscheidenden Schritt über seinen Lehrer Huber hinaus.
Das Konzert wird am 8. Februar im Berner Yehudi-Menuhin-Forum wiederholt. Ein Mitschnitt des Zürcher Konzerts wird ausserdem am 21. März auf SRF 2 Kultur gesendet.
NZZ, 8.2.2018
Christian Wildhagen

|Dissonance / 17.12. 2017|
Februar 2018
| ||Eine Bitte des Komponisten zu Beginn: Im ersten Teil des Stücks sollen die ausgehändigten weissen Augenbinden angelegt, darunter die Augen aber nicht geschlossen werden. Dann sanfte Klaviergirlanden über langen, wiederholten Akkorden von Violine, Bratsche, Cello. Die Akkorde nicht ganz tonal, nicht atonal, stets etwas geräuschhaft, stets etwas variiert. Durch die Augenbinden mal leicht, mal stärker an- und abschwellendes Licht.gesamten Text lesen|
|Musik mit Augenbinde Zur Uraufführung von Klaus Langs The Beautiful Square mit dem Mondrian Ensemble, visuelle Gestaltung Sabine Maier (Kunstraum Walcheturm, Zürich, 17. Dezember 2017)|
Eine Bitte des Komponisten zu Beginn: Im ersten Teil des Stücks sollen die ausgehändigten weissen Augenbinden angelegt, darunter die Augen aber nicht geschlossen werden. Dann sanfte Klaviergirlanden über langen, wiederholten Akkorden von Violine, Bratsche, Cello. Die Akkorde nicht ganz tonal, nicht atonal, stets etwas geräuschhaft, stets etwas variiert. Durch die Augenbinden mal leicht, mal stärker an- und abschwellendes Licht. Die Musik leichtbewegt-statisch, sanft insistierend. Klaus Lang: 1971 in Graz geboren, Studium an der dortigen Musikhochschule und an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz, heute Professor. Zahlreiche Werke für Ensembles wie Klangforum Wien, Intercontemporain, Arditti Quartet sowie Arbeiten für das Musiktheater. Tritt als Organist mit alten und neuen Kompositionen sowie Improvisationen auf. Dann Liegetöne des Harmoniums – das Signal, die Augenbinden wieder abzunehmen. Über dem Klang des Harmoniums einzelne Pizzicati der drei nun um das Publikum verteilten Streichinstrumente, wechselndes Scheinwerferlicht koordiniert mit den Musikabschnitten. Später wieder in gleichmässiger Bewegung Akkorde, tonal-atonal, stets gleichzeitig beginnend, stets gleichzeitig endend. Dazu an der Wand Lichtbilder aus alten Projektoren: zwei, drei, vier Rechtecke, unterschiedlich gross, unterschiedlich
hell, manchmal nebeneinander, manchmal einander überlagernd, dem Raum etwas Tiefe gebend. Sabine Maier: Freischaffende österreichische Foto- und Medienkünstlerin, Mitbegründerin des Kunstlabels und Künstlerduos Machfeld (mit Michael Mastrototaro); seit 1999 realisierte das Duo unter diesem Namen eine Vielzahl von Kunstwerken: Artworks, Filme, Projekte. Mit Klaus Lang erarbeitete Sabine Maier bereits «viola.harmonium.licht» und «The Beautiful Guests». Die Abschnitte wiederholen sich, rund eine Stunde lang, die Musik lässt Raum für Gedanken und Abschweifungen: Immanuel Kants Satz vom Schönen, das interesseloses Wohlgefallen erweckt; Eduard Mörikes Gedichtzeile «Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst». Musik, die nicht ergreift, nicht packt, immer etwas Distanz wahrt, in der ausgefeilt schönen Interpretation eine gelassene Präsenz ausstrahlt. Mondrian Ensemble: Das Schweizer Ensemble gewann 2000 den Concours Nicati für die Interpretation zeitgenössischer Musik; es folgten verschiedene weitere Preise und Werkjahre. Spielt meist in der Besetzung des klassischen Klavierquartetts. Erfolgreiche Auftritte an internationalen Festivals und Konzerten. Dem Ensemble liegt an einer Programmierung, die Fäden zwischen älteren und neueren Werken spinnt. Noch eine zweite Bitte des Komponisten: Man möge die Augenbinden nicht mit nach Hause nehmen, sondern am Ausgang wieder zurückgeben. Zurück im Saal des Kunstraums Walcheturm scheint auch etwas die Erinnerung an die weissen Licht-Rechtecke zu bleiben, mit nach Hause kam der sanfte Nachhall einer gleichzeitig lapidar und nuanciert gestalteten Musik. Roland Wächter

|Neue Zürcher Zeitung - NZZ|
Dezember 2017
| ||Das Mondrian Ensemble lädt zur Begegnung mit neuester Musik. Diese angenehm undogmatische Art der Musikvermittlung verführt zu ungewöhnlichen Hörabenteuern.|
gesamten Text lesen
|Schlicht «Partitur» nennt das Mondrian Ensemble sein Vermittlungsformat für neue und neueste Musik. So unaufgeregt wie der Name ist das Konzept: Die Beteiligten bieten während einer guten Stunde Einblick in ein Werk der Gegenwart – und dieser Einblick ist tatsächlich ganz handfest ein Blick in die Noten. So wirft an diesem Abend im Basler «Gare du Nord» ein Beamer Partiturseiten aus dem neuen Klavierquartett «The beautiful square» von Klaus Lang auf die Leinwand, der Komponist gibt in einem moderierten Gespräch Auskunft, die Musikerinnen des Ensembles spielen Auszüge, und im Publikum sitzen verstreut ein paar Aufrechte, die den Weg durch die Dezemberkälte gefunden haben.|
Dieser letztere Aspekt offenbart indes den innovativen Wagemut, den solche «alternativen» Präsentationsformen Veranstaltern und Ensembles noch immer abverlangen: Dass Menschen aus purem Interesse solche Einführungen besuchen, ist nämlich alles andere als selbstverständlich. Musikvermittlung ist unterdessen ein Fach- und Forschungsgebiet eigenen Rechts geworden, und eine wiederkehrende, aber oft unbeantwortete Frage bleibt diejenige nach ihrem Zielpublikum.
Das Lieblingszielpublikum von professionellen Kulturvermittlern sind gewöhnlich Jugendliche – bevorzugt solche mit prekärem oder allenfalls rudimentärem Bildungsbackground. Denen gilt es dann an ungewöhnlichen Locations, eventuell gar unterstützt durch einschlägige Smartphone-Apps, Mozart, Monteverdi oder Morton Feldman näherzubringen. Die Veranstalter üben dabei nicht selten einen Spagat: einerseits einer elitären, bisweilen esoterisch wirkenden Kunstform zu dienen, während andererseits «Vermittlung» nach Zugänglichkeit und voraussetzungsloser Verständlichkeit schreit.
Dem verweigert sich Kunstmusik freilich oft – sei es wegen ihres Anspruchs, sei es infolge einer scheinbar schwer zu überbrückenden historischen Distanz. Das Esoterisch-Elitäre ist jedoch kein Makel, sondern gerade eine Voraussetzung ihrer Attraktivität: Wer bestritte denn, dass ein Tennisspiel zwischen Leuten, die Technik und Regelwerk beherrschen, für alle Beteiligten erquicklicher ist als das ungelenke Bälle-Zuspielen unter Anfängern?
Die Berechtigung kultureller Jugendarbeit soll damit keineswegs in Abrede gestellt werden. Es sei nur daran erinnert, dass auch Erwachsene – selbst gebildete! – durchaus Interesse und Neugierde haben können und dass es ein Wagnis, wenn nicht gar anmassend ist, die Beschaffenheit und Zielrichtung dieser individuellen Motivation immer im Voraus bestimmen zu wollen. Die Veranstaltung im «Gare du Nord» unterstrich dies gerade mit ihrer Offenheit spektakulär: Wer hätte etwa ahnen können, dass drei Wiesbadener auf Betriebsausflug hier auf die Idee kamen, sich mit Teil- und Vierteltönen und musikalischer «space notation» zu befassen? Die wohltuend lockere, gegenseitige Offenheit befördernde Ad-hoc-Atmosphäre war dem gänzlich Unerwarteten durchaus förderlich.
Zwar hat auch das Mondrian Ensemble sein Vermittlungsformat zuerst für Schulklassen entwickelt. Aber die Veranstaltungen blieben nie auf ein spezifisches Publikum beschränkt und haben selbst beim mittlerweile vierten Projekt dieser Art keine starre Form angenommen. Sie seien immer noch am Experimentieren, bekennt Tamriko Kordzaia, die Pianistin des Ensembles, im Gespräch. Darin klingt leise Selbstkritik mit an, und in der Tat war nicht alles befriedigend: Die Interpretinnen waren diesmal kaum Teil des Gesprächs, und zur frontalen Sitzordnung wären weniger abgrenzende Alternativen vorstellbar.
Das Improvisierte und Vorläufige schien immerhin gut zur ästhetischen Haltung des österreichischen Komponisten Klaus Lang zu passen. Ein Angebot, keine Botschaft wolle seine Kunst sein. Überhaupt gab sich Lang undogmatisch: Sein Entscheid, das musikalische Zusammenspiel mit Stoppuhren zu synchronisieren (und dadurch subtile Zufalls-Unschärfen in den zeitlichen Verlauf zu bringen), diene bloss der Praxis der Wiedergabe und sei «ohne künstlerische Bewandtnis»; ebenso die vergleichsweise einfache, dennoch Freiheiten lassende Notation, deren Erläuterung einen Grossteil der Veranstaltung einnahm.
Auch dass die beteiligte Lichtkünstlerin Sabine Maier vorwiegend liebevoll über ihre alten Diaprojektoren sprach, durfte nicht in die Irre leiten: Die Konzerte selber, die am 16. Dezember in Basel und am 17. Dezember im Zürcher Kunstraum Walcheturm stattfinden, sollen alles Handwerkliche, ja auch alles Vermittelbare dann entschieden transzendieren. Zu hören sind hier eine volle Stunde lang wiederkehrende Klangzustände, die zwischen Diatonik und Naturton-Schimmern changieren, bald in völliger Dunkelheit, bald zu feingestuften weissen Lichtflächen. Wie jede Meditation verspricht dies Anstrengung, Versenkung und Entrückung. Die Einführung, und das ist das Wichtigste, machte darauf entschieden neugierig.
Konzerte am 16. Dezember im «Gare du Nord» in Basel und am 17. Dezember im Kunstraum Walcheturm in Zürich.
www.mondrianensemble.ch.
Felix Michel

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
März 2017
| ||Das im Jahr 2000 gegründete Mondrian Ensemble ist ein klassisches Klavierquartett, bringt aber gerne auch Werke der Moderne zur Aufführung. Diesmal erklangen sogar feurige Protest-Gesänge.gesamten Text lesen|
|Diesen Protestsong hätte man dem Komponisten wahrlich nicht zugetraut: Die Texte, die Maurice Ravel 1926 in seinen «Chansons madécasses» vertont hat, stellen seinem Vaterland nämlich ein wahrhaft schlechtes Zeugnis aus. Der zweite der drei Gesänge beginnt mit den Worten «Aoua! Méfiez-vous des blancs» und formuliert eine scharfe Kritik an den Weissen, welche die Insel Madagaskar erobert und die dortige indigene Bevölkerung versklavt und ausgebeutet hatten. Mit den «Weissen» sind natürlich die Franzosen gemeint, eine der grossen Kolonialmächte im frühen 20.Jahrhundert. Zu Frankreichs Kolonien zählten damals etwa ein Drittel der Fläche Afrikas, einschliesslich Madagaskar, dazu Laos und Gebiete in der Karibik. Den Text hat der in Réunion geborene Dichter Evariste-Désiré de Parny bereits 1787 in prophetischer Voraussicht geschrieben.|
Die Mezzosopranistin Solenn' Lavanant Linke, die bei diesem Konzert des Mondrian Ensembles im Kunstraum Walcheturm als Gast mitwirkt, schreit das «Aoua!» aus tiefster Seele heraus. Und auch in der Folge bringt sie die Ravels Musik eingeschriebene Wut wirkungsvoll zur Geltung. Der Ausbruch wirkt umso stärker, als sich die Sängerin im ersten Lied, das eine Liebesnacht mit der schönen Nahandove schildert, in der Kunst der zarten Andeutung geübt hat. Für das Parfum und den aufrüttelnden Gestus der Chansons sind aber auch die drei mitwirkenden Instrumentalistinnen massgeblich verantwortlich: Dass anstelle der von Ravel vorgesehenen Flöte die Geigerin Ivana Pristašová mitwirkt, beeinträchtigt allerdings den exotischen Charakter der Lieder.
Eine perfekte Ergänzung zu Ravel bilden die zu Beginn des Abends interpretierten «Trois chansons de Bilitis» für Singstimme und Klavier von Claude Debussy. Hier wendet sich der Blick ebenfalls in eine imaginierte Gegend, nämlich in das antike Griechenland der Dichterin Bilitis. In Wirklichkeit stammen die Texte vom Franzosen Pierre Louÿs, der vorgaukelte, sie aus dem Altgriechischen übersetzt zu haben. Debussy huldigt dem «antiken» Charakter der Gesänge mit einem einfachen, stilisierten Ausdruck. Solenn' Lavanant Linke bringt den erotischen Charakter von Text und Musik in einer sehr sinnlichen Weise zum Ausdruck, und selbst wer die Texte nicht versteht, kann die Bedeutung der Worte im Gesicht der Sängerin ablesen.
Das im Jahr 2000 gegründete Mondrian-Ensemble ist von der Besetzung her ein klassisches Klavierquartett, bringt aber gerne auch Werke der Moderne zur Aufführung. Zur Pianistin Tamriko Kordzaia, der Cellistin Karolina Öhman und der Bratschistin Petra Ackermann gesellt sich seit zwei Jahren die Geigerin Ivana Pristašová. Nachdem zuerst Ravels Duosonate für Violine und Violoncello einen passenden Übergang vom einen Liedzyklus zum andern geboten hatte, kam zum Schluss die ganze Formation in Gabriel Faurés erstem Klavierquartett zur Geltung. Bei dieser Komposition, die noch ganz dem französischen Geschmack des «Romantisme» verpflichtet ist, darf nach Herzenslust musiziert und gelegentlich auch dick aufgetragen werden, was den vier Frauen bestens gelingt. Die «Unité de doctrine» ist sehr hoch, und gleichwohl kann man Unterschiede der Charaktere erkennen: Die Pianistin ist die treibende Kraft, die Cellistin wirkt als Koordinatorin, die Bratschistin hält sich etwas im Hintergrund, und die Geigerin will nicht Primaria um jeden Preis sein.
Wer das Programm des Mondrian-Ensembles und der Sängerin Solenn' Lavanant Linke in Zürich verpasst hat, kann es in den nächsten Tagen noch in Ilanz, Zofingen oder in Basel noch geniessen.
Thomas Schacher

|Aargauer Zeitung|
März 2017
| ||Am 29. April spielt das Mondrian Ensemble Basel im Gare du Nord. Seit 17 Jahren gibt es das das Quartett schon – was ist die Eigenart der vier Musikerinnen?gesamten Text lesen|
|Fäden spinnen über gewachsene Gräben. Das ist die selbstgestellte Aufgabe der vier Musikerinnen des Basler Mondrian Ensembles. Da bleiben zunächst die Gedanken am Namen hängen: der niederländische Maler Piet Mondrian, natürlich, der fällt uns ein, klar: Musik und Kunst. Computernerds haben möglicherweise nur eine Software gleichen Namens im Kopf. Das kann’s also nicht sein.|
Das 2000 gegründete, seither vielfach preisgekrönte Mondrian-Ensemble ist erstmal ein klassisches Klavierquartett: also Violine, Viola, Cello und Klavier. Aber die vier Musikerinnen spielen zwischen den Stilen und den Sparten, diese verbindend, Neues versuchend. Neue und neueste Musik ist ihnen ebenso wichtig, wie das klassisch-romantische Repertoire. So changieren sie unbekümmert zwischen Streichtrio, Klaviertrio und dem -quartett. Und mit Gästen, sei’s instrumental, sei’s vokal, lässt sich ein noch umfangreicheres Programm spielen.
Überraschende Kombinationen
Für ihr aktuelles Konzert im Basler Gare du Nord, dem Spielort (nach eigener Aussage und eigenem Erleben) «für die überaus lebendige und produktive zeitgenössische Musikszene der Schweiz, der Dreiländer-Region (Basel, Freiburg im Breisgau, Strasbourg) und über die Grenzen hinaus» zuständig, für dieses Konzert also haben sie sich ein rein französisches Programm gebaut.
Claude Debussy mit «Trois Chansons de Bilitis» - einem Liedzyklus erotisch-lesbischer Gedichte – Maurice Ravel mit seinen «Chansons madécasse», Liedern nach Madagaskanischen Poëms und der Sonate «a la mémoire de Claude Debussy», sowie Gabriel Faurés 1. Klavierquartett: ein impressionistischer Abend also. Als genialer Gast ist morgen Abend die Mezzosopranistin Solenn’ Lavanant Linke – langjähriges Ensemblemitglied des Theater Basel und jetzt freie Sängerin – zum Quartett dazugeladen.
Und Piet Mondrian, der Maler? Ist er nun Namensgeber für die vier Mondrianistinnen? Er, der Grenzgänger zwischen den Zeiten und Stilen, zwischen Impressionismus, Konstruktivismus und Abstraktem? Noch wissen wir’s nicht. Aber se non è vero, è ben trovato.
Nik Broda

|Mannheimer Morgen|
Dezember 2016
| ||Es sind Kontrapunkte zum Gewohnten und zur Erwartung, die auf unverzügliche Erfüllung aus ist. Unbequem, unerhört, unbestimmbar.|
Das Ensemble überzeugt auch hier durch hohe Konzentration, bezwingende Impulsivität, Synchronizität des Spiels und die sichere Bewältigung technischer Herausforderungen. gesamten Text lesen
|"Nachtstundenstücke" oder "Verlorene Spuren" lauten die Titel dieser Musikstücke, die sich trotz ihrer Zeitgenossenschaft anachronistisch ausnehmen - eingerahmt von Rokoko-Porträts des Mannheimer Florian-Waldeck-Saals und konfrontiert mit einer Stimmung, die sich dem romantizistischen Adventszirkus nur schwer entziehen kann. Es sind Kontrapunkte zum Gewohnten und zur Erwartung, die auf unverzügliche Erfüllung aus ist. Unbequem, unerhört, unbestimmbar.|
Mit dem Konzert des Mondrian Ensemble beschliesst die Gesellschaft für Neue Musik das Jahr. In den "Nachtstücken" von Alfred Zimmerlin setzt sich ein gemächlich schwingendes Pendel in Bewegung, das Tamriko Kordzaia am Flügel anstösst, während die gleissenden Flageolettöne und die Dissonanzen durch Violine (Ivana Pristašová) und Cello (Karolina Öhmann) von Unruhe künden.
Auch die "Gehörte Form" von Dieter Ammann für Streichtrio - auf dem Podium sitzt nun auch Bratschistin Petra Ackermann - bringt Unhörbares zum Klingen. Instektenartige Blitzattacken und enge Mikrointervalle erzeugen wilde Bewegungsmuster. Das Ensemble überzeugt auch hier durch hohe Konzentration, bezwingende Impulsivität, Synchronizität des Spiels und die sichere Bewältigung technischer Herausforderungen.
Pfeifende Streichertöne und aberwitzige Zwitscherklänge setzen Gérard Pessons Stück "Mes béautidues" in Szene. "Lost traces" von Detlev Müller-Siemens huldigt formal der Gattung des Klavierquartetts - und sprengt sie durch mirakulöse Obertongespinste. Grenzerfahrungen, die alles auf den Kopf stellen. Geht es im Advent nicht eigentlich genau darum?

|Kultur-Tipp|
Dezember 2016
| ||Das Schweizer Mondrian Ensemble spielt in seinem neuen Programm Werke der beiden Zeitgenossen Dieter Ammann und Enno Poppe.gesamten Text lesen|
|Früher hatte es ein Komponist leichter. Die Form seiner Stücke war vorgegeben – Sonate, Fuge, Suite. Die Hörer wussten ungefähr, was sie erwartete, und ein Titel war damit auch gleich gefunden. Heutzutage hat es der Komponist schwerer: Nicht nur muss er sich von der Pike auf selbst entscheiden, wie er sein Werke aufbauen will. Er steht auch unter Zugzwang, dem Publikum eine wortreiche Orientierungshilfe durch das neu Erdachte mitzuliefern. Zwei Zeitgenossen, die sich dieses zweiten Problems entledigen, sind der 54-jährige Schweizer Dieter Ammann und der 47-jährige Deutsche Enno Poppe. Die beiden Shootingstars des aktuellen Konzertlebens, denen das Mondrian Ensemble nun ein Doppelporträt widmet, beziehen ihre Werktitel aus dem Kompositionsprozess.«Gehörte Form – Hommages» nennt Ammann sein Streichtrio von 1998. Die «Hommages» gelten György Ligeti, Wolfgang Rihm und Arnold Schönberg. In Anlehnung an ihr Werk entwickelt Ammann das musikalische Material, dem die Form «abgehört» wird, statt sie als traditionelles Zwangskorsett überzustülpen. Mit dem Titel gibt Ammann einen Anhaltspunkt und eröffnet zugleich weite gedankliche Räume für sich selbst. Das gilt auch für die Hörer, die nie sicher sein können, was auf sie zukommt, und sich unwillkürlich im Sog der Neugier finden.|
Bei Enno Poppe fallen die Titel knapper aus. «Trauben» lautet einer seiner meist losen Hinweise auf strukturelle Assoziationen, die dem Werk zugrunde liegen könnten – oder auch nicht. So wirft das 2004/05 entstandene Klaviertrio kurz die notwendigsten Informationskerne in die Runde – einen Akkord, ein Glissando –, die anschliessend ausführlich auf ihre Möglichkeiten hin abgeklopft werden. Der Komponist bemerkt dazu lakonisch: «Zunächst sollte das Stück ‹Kerne› heissen, was aber zu dürr klingt. Trauben sind saftig.» Das soll reichen. Den Rest sollen des Hörers Ohren und Fantasie erledigen.Wie Ammann gewährt auch Poppe mit seinen Titeln lediglich einen Ausgangspunkt. Wie Ammann ist er in den 1960er-Jahren geboren, wie dieser in einem musikalischen Umfeld aufgewachsen. Erst eine Generation später trat das Mondrian Ensemble in Erscheinung.
2000 gegründet, nimmt sich das Mondrian Ensemble der Verbindung von zeitgenössischer Musik und klassischem Repertoire an. In der Ensemble-Geschichte ist Ammann ein roter Faden: «Dieter war sehr wichtig für das Ensemble», sagt Pianistin Tamriko Kordzaia. «Erste Erfolge waren mit der Aufführung seiner Musik verbunden. Uns reizt ihre Energie, ihre Virtuosität. Instrumental bringt sie den Interpreten an seine Grenzen, aber wenn es gelingt, dann eben auch darüber hinaus …» Eine weitere Eigenschaft, welche die Musik des Schweizers Dieter Ammann mit der des Deutschen Enno Poppe verbindet. Hier enden jedoch die Parallelen.Poppe wollte schon früh Komponist werden und steht als Dirigent zeitgenössischer Musik auf der Bühne. Ammann machte dagegen zunächst einen Umweg über den Jazz, bis er zu einer komponierten Musik fand, deren Entstehungsprozess sich kaum stärker von dem Enno Poppes unterscheiden könnte. «Imagination Against Numbers» untertitelt Ammann sein «Piece for Cello» von 1994/1998. «Nummern» als Symbol für Vorgaben, die sich der Komponist auferlegt und doch minimal halten will um der «Vorstellungskraft» willen, mit der er alle erdenklichen Formen der Toerzeugung durchspielt.
Für Poppe hingegen ist strenge Form das Mittel, Ideen systematisch auszutesten. Ist seine Musik zu Papier gebracht, gibt er sie zur Überprüfung in den Computer ein, weil ihre komplexen mikrotonalen Strukturen die Vorstellungskraft übersteigen. Er spricht lieber über Algorithmen als über Wirkung. Was in Poppes Worten oft klingt wie der Lösungsweg zu einer logischen Gleichung, klingt jedoch im Ergebnis bei einem Werk wie «Trauben» kraftvoll und kommunikativ. Und der Glissandi-Exzess in «Haare» (2013/14) für Violine solo ist schwer vorstellbar ohne die unbedingte Expressivität, die er dem Interpreten abverlangt.
Der Intensitätsgrad ist es, in dem sich die Musik der beiden Komponisten annähert. Tamriko Kordzaia bringt es auf den Punkt: «Poppes Musik ist extrem kompakt, aber auch unglaublich energiegeladen. Seine musikalische Sprache ist reduzierter, Dieter Ammann dagegen setzt alle Hebel in Bewegung. Beide sind auf sehr unterschiedliche Art komplex.»
Lisa D. Nolte

|FonoForum|
November 2015
| ||Das schweizerische Mondrian Ensemble agiert als (oft um ein zweites Cello) erweitertes Klavierquartett und hat im letzten Jahr mit einer eloquenten Detlev-Müller-Siemens-Einspielung (Wergo) auf sich aufmerksam gemacht. Nun hat man sich drei renommierten Eidgenossen gewidmet und präsentiert feinnervige Kammermusik in Ersteinspielungen (…)|
Das Mondrian Ensemble lässt in dieser sublimen und vielfarbigen Musik nicht die kleinste Nuance unbeachtet!gesamten Text lesen
|Das schweizerische Mondrian Ensemble agiert als (oft um ein zweites Cello) erweitertes Klavierquartett und hat im letzten Jahr mit einer eloquenten Detlev-Müller-Siemens-Einspielung (Wergo) auf sich aufmerksam gemacht. Nun hat man sich drei renommierten Eidgenossen gewidmet und präsentiert feinnervige Kammermusik in Ersteinspielungen. Rudolf Kelterborn, der Grandseigneur der schweizerischen Gegenwartsmusik, hat mit den "Four Pieces For Four Players" für Klavierquartett (2005) ein altmeisterliches Glanzstück abgeliefert, das als verkappte Sonate in stark kontrastierenden Einzelsätzen eine grosse Vielfalt der Gesten, Farbenund Idiome an den Tag legt und sich dabei meilenweit entfern von geläufigen Collage-techniken bewegt. Auch im mikrotonal eingefärbten "HALL - mit Gegenstimmen" (2010) von Roland Moser, das auf eine Island-Reise des Komponisten zurückgeht, ist eine kristalline Konzentration auf das Wesentliche spürbar, die lyrisch vergrübelte "Nachtspaziergänge" ebenso beinhaltet wie polymetrisches Klanggestrüpp. Obertonreichtum, interessante Reibungen von Mikrotonalität und Naturintervallik sowie subtile Klavierpräparationen erzeugen, in dieser "Fantasie" für Bratsche, Cello und Klavier Klangbilder, deren elementare Gestik direkt der Natur abgelauscht scheint.|
Eine kompositorische Begegnung mit der Malerei Piet Mondrians ist der "Mondrian-Zyklus" (2001-10) von Michel Roth. Die Trias von Einzelstücken für Streichtrio, Klaviertrio und Klavierquartett beginnt mit totaler Unrast ("erschöpfung") und führt über schattenhafte Melancholie mit sphärischen Oberton-Bändern ("verinnerung") zur endgültigen "verrückung (…Boogie-Woogie)" der malerischen Vorlage, die ruhige Klangbewegungen mit blitzartigen Störungen konfontiert.
Das Mondrian Ensemble lässt in dieser sublimen und vielfarbigen Musik nicht die kleinste Nuance unbeachtet!
Dirk Wieschollek, FonoForum, 11/2015.

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Juni 2015
| ||Bezwingend waren diese Interpretationen des exzellenten Ensembles, und auch in Janáčeks selten gehörter Violinsonate hüllten Ivana Pristašová (Geige) und Tamriko Kordzaia (Klavier) ein formidabel präzises rhythmisches Skelett in eine sinnliche Hülle voll herber Süsse. Janáčeks eigenwillig expressive Behandlung von Form, Tonalität und Verhältnis der Instrumente kam so prächtig zur Geltung.gesamten Text lesen|
|Das Mondrian-Ensemble mit Werken von Giger, Wally und Janáček.|
"In der multimedialen Hexenküche"
Nicht völlig zu überzeugen vermochte eine vielversprechende Multimedia-Komposition, die das Mondrian-Ensemble in Auftrag gegeben hatte. Dafür geriet anderes im Konzert vorzüglich.
«Intime Skizzen» heisst Jannik Gigers Werk für Klavierquartett, Elektronik und Video, das im Auftrag des Mondrian-Ensembles als multimediale Reflexion über kaum bekannte Klavierminiaturen von Leoš Janáček entstanden ist. Die ausgeklügelte und in ihrer Ausführung entsprechend anspruchsvolle Partitur des jungen Baslers schöpft aus einer Fülle möglicher Medien-Beziehungen: Mal wird der im Bild fehlende Ton von den Musikerinnen unterlegt, mal kommentieren Glissando-Akzente Sprachsamples, und Zuspielung und Live-Klänge verschmelzen bald zu mikrotonalen Schichtungen, bald zu harmonisch klingenden Ballungen (wobei sich die trockenen Dokumentarfilmbilder dieser poetischen Transformativität leider verweigern).
Daraus bezog die Interaktion zwar bisweilen einen abgründigen Reiz; etwa, wenn die Cellistin Karolina Öhman ihren digitalen Zwilling dialogisierend in einen Glissando-Sturm verwickelte – oder war es umgekehrt? Oft aber blieben die Verflechtungen dramaturgisch undurchsichtig, nicht zuletzt wegen der ausgezeichneten Klangqualität der von Cedric Spindler aufbereiteten und zugespielten Samples. So krankte Gigers ambitioniertes Amalgam paradoxerweise auch an seinen Stärken und liess – zumindest bei der ersten Begegnung – zugleich Gefühle kognitiver Überforderung und ästhetischen Mangels zurück.
Der nur wenig ältere Wiener Komponist Thomas Wally schöpft in seiner Werkgruppe kammermusikalischer Capricen ebenfalls aus dem Vollen, allerdings rein musikalisch, nämlich aus der blubbernden Hexenküche klanglicher Phantasie – ganz dem Begriff der «Caprice» folgend.
Während die vierte, im Konzert uraufgeführte Caprice für Klavierquartett eine nochmals erweiterte Palette an auch variantenreich gedämpften Klängen aufbot und den Gestus wilder Naturhaftigkeit ebenso streifte wie den rigider Kontrapunktik, so stach das frühere Schwesterwerk für Streichtrio mit einer fasslicheren Formgestalt hervor, der dennoch stets das nötige Mass an Unvorhersehbarkeit beigemengt war. Blitzend rührte das Werk ans Groteske, in das Petra Ackermanns Bratschenstimme eine Vielschichtigkeit des Ausdrucks einflocht.
Bezwingend waren diese Interpretationen des exzellenten Ensembles, und auch in Janáčeks selten gehörter Violinsonate hüllten Ivana Pristašová (Geige) und Tamriko Kordzaia (Klavier) ein formidabel präzises rhythmisches Skelett in eine sinnliche Hülle voll herber Süsse. Janáčeks eigenwillig expressive Behandlung von Form, Tonalität und Verhältnis der Instrumente kam so prächtig zur Geltung.
Felix Michel, 15.06.2015

|Schweizer Musikzeitung|
April 2015
| ||Lost traces mélange la microtonalité en clusters avec des rythmes répétés obsessivement jusqu'à l'incandescence : un vrai régal.|
Un autre moment de grâce : la troisième partie de ...called dusk, une cantilène aérienne en flageolets du violoncelle, avec un piano mélancolique gravitant à l'entour.gesamten Text lesen
|L’Ensemble Mondrian nous fait découvrir la musique de chambre du compositeur allemand pleine de couleurs et de diversions.|
Moins médiatisé que d'autres collègues de sa génération, Detlev Müller-Siemens, professeur de composition à Bâle puis à Vienne, n'est que peu présent dans les pays latins. Ces quatre œuvres de musique de chambre enregistrées par l'excellent Ensemble Mondrian aidera peut-être à réparer cette lacune.
Le langage de Müller-Siemens est contrasté à l'extrême, toujours très coloré, tantôt violent et dramatique, tantôt d'un lyrisme vertigineux ; on n'y vivra pas une seconde d'ennui, pas une minute de routine. L'aspect sensuel de la sonorité y reste de plus à tout moment présent, inventif et surprenant.
Le Trio à cordes se joue sur plusieurs plans, caractéristiques jusqu'à la caricature, entre lesquels l'auditeur se voit propulsé sans transition, chacun d'eux ayant son développement dramatique propre. Les nombreux effets de couleurs fonctionnent parfaitement grâce à la qualité de la sonorité et de la coordination de l'Ensemble Mondrian.
Distant traces à la mémoire de Ligeti est une révérence au maître, pleine d'allusions, de clins d'oeil même, où on retrouve sans peine l'esprit du compositeur hongrois qui a tellement marqué la musique allemande depuis 1950.
Lost traces mélange la microtonalité en clusters avec des rythmes répétés obsessivement jusqu'à l'incandescence : un vrai régal.
Un autre moment de grâce : la troisième partie de ...called dusk, une cantilène aérienne en flageolets du violoncelle, avec un piano mélancolique gravitant à l'entour.
Le CD est accompagné d'un livret avec un excellent essai sur les générations qui se sont succédées à Darmstadt, éclairant les origines artistiques de Detlev Müller-Siemens.

|Schweizer Musikzeitung|
Oktober 2014
| ||Über den Auftritt des Mondrian Ensembles beim Tonkünstlerfest in Cernier : gemeinsam mit dem Vokalensemble Zürich und Gästen unter Peter Siegwart|
Chaque inflexion, chaque solo, fut restitué avec une caractérisation exemplaire, un à propos stylistique aussi, qui permit d'accéder sans peine aux multiples références du langage de Langlotz. Un engagement fervent qui déclencha une véritable ovation.gesamten Text lesen
|Über das Tonkünstlerfest in Cernier|
Le matin du dimanche 31 août, la Grange aux concerts était pleine pour la Missa Nova de Lukas Langlotz, une oeuvre ambitieuse pour douze voix et petit ensemble, de plus d'une heure quinze. Le Vokalensemble de Zurich était dirigé par Peter Siegwart de manière engagée, voire passionnée. L'extraordinaire travail de préparation du chef laissait entendre chaque détail de la partition, avec un soin particulier apporté aux équilibres subtils ménagés entre les tessitures des chanteurs (remarquables) et les registres parfois extrêmes des instrumentistes (tout aussi remarquables). Chaque inflexion, chaque solo, fut restitué avec une caractérisation exemplaire, un à propos stylistique aussi, qui permit d'accéder sans peine aux multiples références du langage de Langlotz. Un engagement fervent qui déclencha une véritable ovation.

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Juni 2014
| ||Nähe und Trennung|
(...) Da zeigt sich einmal mehr die Fähigkeit des Mondrian-Ensembles, die ausgewählten Stücke in einen erlebbaren Zusammenhang zu stellen. (...)
Der Schluss des Konzerts mit einer zündenden Interpretation des Klavierquartetts in A-Dur von Johannes Brahms verdeutlicht, wie selbstverständlich dieses Ensemble von einem Stilbereich zu einem andern wechseln kann. gesamten Text lesen
|«Retour an dich» hiess das Motto der Pfingst-Tournee des Basler Mondrian-Ensembles. Da mag sich die Vorstellung eines Liebesbriefes einstellen, der von der Adressatin zurückgeschickt wird, aber mit dem vertraulichen Vermerk «an dich». Eine Rückweisung, die aber immer noch eine bestimmte Nähe zulässt. «Retour an dich» heisst auch das Klaviertrio von Beat Furrer, das im Brennpunkt des Konzerts im Kunstraum Walcheturm in Zürich stand. Dass wir mit unserer Vermutung nicht so falsch liegen, belegt ein Kommentar des Komponisten, der mit folgenden Worten beginnt: «Ich spreche nicht von mir – nicht von dir, schon längst aus den Augen verloren – von der Stunde unserer geheimnisvollen Begegnung spreche ich.» Musik also als ein Akt der Seelenhygiene, als Verarbeitung einer Trennung vielleicht.|
Die Geigerin Daniela Müller, die Cellistin Karolina Öhman und die Pianistin Tamriko Kordzaia scheinen beim Spiel auch von solchen Inhalten künden zu wollen. Zerbrechlich erklingen die musikalischen Gesten im ersten Satz. Danach verbinden sich Violine und Cello zu einem demonstrativen Miteinander, manchmal sogar in konsonanten Intervallen. Der dritte Satz knüpft wieder an den ersten an, doch die Einzelaktionen der Streichinstrumente werden nun von einer harmonischen Klammer des Klaviers zusammengehalten, und zum Schluss stellt sich sogar melancholische Schönheit ein.
Das Stück des schweizerisch-österreichischen Komponisten wird eingerahmt von zwei Werken Roman Haubenstock-Ramatis, bei dem Furrer in Wien studiert hat. Die Streichtrios – an der Bratsche Petra Ackermann – passen aber nicht nur biografisch, sondern auch stilistisch. Da zeigt sich einmal mehr die Fähigkeit des Mondrian-Ensembles, die ausgewählten Stücke in einen erlebbaren Zusammenhang zu stellen. Darüber hinaus offenbart die Gegenüberstellung der beiden Trios von 1948 und 1985, wie stark sich die Ausdruckspalette Haubenstocks in dieser Zeitspanne erweitert hat. Der Schluss des Konzerts mit einer zündenden Interpretation des Klavierquartetts in A-Dur von Johannes Brahms verdeutlicht, wie selbstverständlich dieses Ensemble von einem Stilbereich zu einem andern wechseln kann. Und der Zusammenhang zu Furrer? Im Adagio zitiert Brahms aus einem Lied Schuberts, dessen letzte Strophe lautet: «Die Sonne hebt sich noch einmal leuchtend vom Boden empor, und zeigt mir jene Stelle, wo ich das Liebste verlor.»
Thomas Schacher

|Aargauer Zeitung|
Juni 2014
| ||Neue und alte Klangwelten tief ausgelotet|
Das mehrfach ausgezeichnete Mondrian Ensemble setzt sich mit der Neuen Musik ebenso intensiv auseinander wie mit dem klassisch-romantischen Repertoire zwischen Bach und Strawinski. Im Kulturhaus West spielte das Ensemble am Pfingstmontag Werke von Roman Haubenstock-Ramati, Beat Furrer und Johannes Brahms – ein Kontrastprogramm, das spannungsreicher kaum sein könnte. Während die beiden erstgenannten Komponisten dem Genre «Neue Musik» zuzurechnen sind, gilt Johannes Brahms als Vollromantiker. Das Mondrian Ensemble ist in beiden musikalischen Welten gleichermassen zu Hause und interpretierte die Kompositionen auf höchstem Niveau.
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|Neue und alte Klangwelten tief ausgelotet|
Das mehrfach ausgezeichnete Mondrian Ensemble setzt sich mit der Neuen Musik ebenso intensiv auseinander wie mit dem klassisch-romantischen Repertoire zwischen Bach und Strawinski. Im Kulturhaus West spielte das Ensemble am Pfingstmontag Werke von Roman Haubenstock-Ramati, Beat Furrer und Johannes Brahms – ein Kontrastprogramm, das spannungsreicher kaum sein könnte. Während die beiden erstgenannten Komponisten dem Genre «Neue Musik» zuzurechnen sind, gilt Johannes Brahms als Vollromantiker. Das Mondrian Ensemble ist in beiden musikalischen Welten gleichermassen zu Hause und interpretierte die Kompositionen auf höchstem Niveau.
Zuerst die Neue Musik
Vermutlich wegen der drückenden Hitze und/oder dem Pfingstwochenende hatten sich nur rund 25 Musikinteressierte im Kulturhaus West zum Konzert des Mondrian Ensembles eingefunden. Als Veranstalter und Hausherr begrüsste Matthias Kipfer die Gäste und gab die Bühne frei für die vier Musikerinnen Daniela Müller (Violine), Petra Ackermann (Viola), Karolina Öhmann (Cello) und Tamriko Kordzaia (Klavier).
Von Roman Haubenstock-Ramati (1919– 1994), einem polnischen Juden und Holocaust-Überlebenden, erklang zunächst das Streichtrio Nr. 1 «Ricercari» aus dem Jahr 1948. Das Ricercari ähnelt eigentlich der Fantasie oder Toccata und ist eine Vorform der Fuge. Bei Haubenstock-Ramati stützen sich die drei «Ricercari» auf Elemente
der frühen Polyphonie. (...) Eine höchst avantgardistische Klangwelt also, die von den Interpreten absolutes Können verlangt – kein Problem für das Mondrian Ensemble!
Zitternd, flimmernd, glitzernd
Beat Furrer (geb. 1954) war in Wien Schüler von Roman Haubenstock-Ramati (...) Von ihm erklang das Klaviertrio «retour an dich». Es handelt sich um die musikalische Beschreibung einer Begegnung, einer Annäherung und davon, auf sich selbst zurückgeworfen zu werden. (...)
Zum Abschluss intonierte das Mondrian Ensemble das Klavierquartett A-Dur, op. 26 von Johannes Brahms. Das Werk gilt als bedeutend, umfasst vier Sätze und dauert 50 Minuten. (...) Die Interpretation gelang meisterhaft und wurde entsprechend frenetisch applaudiert.
Klaus Plaar

|DISSONANCE|
März 2014
| ||Anti-Ekstasen|
Neue Musik-Projekte mit der Basel Sinfonietta, dem Mondrian Ensemble und der "Budapest Basel Connection" der Hochschule für Musik Basel (Dezember 2013)
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|Anti-Ekstasen|
Neue Musik-Projekte mit der Basel Sinfonietta, dem Mondrian Ensemble und der "Budapest Basel Connection" der Hochschule für Musik Basel (Dezember 2013)
Ganz gegen das Vergessen oder Verschwinden war das Konzert des Mondrian Ensembles in der Gare du Nord gerichtet. Unter dem Titel "Russische Avantgarde ll" erlebte der Zuhörer hier eine tour d'horizon russischer Komponisten des beginnenden 20. Jahrhunderts, von denen die meisten politische Repressalien erleben mussten und heute in Westeuropa kaum bekannt sind.
Mit viel Emphase und Inbrunst musizierten die Geigerin Daniela Müller, die Bratschistin Petra Ackermann und der Gast-Cellist David Pia die innige Zwölftondauermusik für Streichtrio von Jefim Golyscheff aus dem Jahr 1914, das einzige noch erhaltene Werk dieses Komponisten. Auch Stücke anderer damals junger Komponisten aus dem Dunstkreis von Alexander Skrjabin standen auf dem Programm. Besonders eindrücklich wirkten die Pleurs de la Vierge Marie für Alt und Streichtrio (1915) von Arthur Lourié, der - zunächst noch stark von Skrjabin inspiriert - sich zu einem der frühesten Futuristen entwickelte. Bei dem dargebotenen Stück handelt es sich allerdings eher um ein impressionistisch geprägtes Werk mit einigen spirituell-folkloristischen Einflüssen. Zart und zerbrechlich dagegen wirkte Sergei Protopopovs Des Lebens Frühling für mittlere Stimme und Klaviertrio op. 3 (1917), dessen ersten und dritten Satz Michel Roth für die Aufführung arrangiert hatte. Die Mezzosopranistin Kazuko Nakano, die als Gast in dem Programm mitwirkte, interpretierte die Komposition in warmer Vielfarbigkeit.
Das Mondrian Ensemble ging diese zwischen emphatischer Geste und experimenteller Klangfarbentechnik changierenden Werke frei von Pathos an und bewahrte sie damit vor gängigen russischen Klischees. So kam vor allem das hervorragende Handwerk dieser Komponistenriege zur Geltung, deren Musik in einer Übergangszeit zur Avantgarde entstand. Formen und Farben der spätromantischen Musik sind so weit ausgedehnt, dass Klanggestalten entstehen, die zwar noch mit den alten Mitteln hergestellt sind, doch trotzdem erfrischt erscheinen und leuchten. Ohne dogmatisch einem bestimmten Klangkonzept zu folgen, werden da Einflüsse aus den verschiedensten Bereichen (Impressionismus, Expressionismus, Folklore, Romantik) vermischt und neu verarbeitet.
Anja Wernicke

|Basellandschaftliche Zeitung|
Dezember 2013
| ||Projekt einer russischen Moderne|
Gare du Nord: Das Mondrian Ensemble spielte in einem ausgezeichneten Konzert die Musik der Russischen Avantgarde
Im Sommer 2012 dokumentierte das Museum Jean Tinguely mit der Ausstellung «Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt», dass es in ...gesamten Text lesen
|Projekt einer russischen Moderne|
Gare du Nord: Das Mondrian Ensemble spielte in einem ausgezeichneten Konzert die Musik der Russischen Avantgarde
Im Sommer 2012 dokumentierte das Museum Jean Tinguely mit der Ausstellung «Tatlin. Neue Kunst für eine neue Welt», dass es in Russland in den ersten beiden Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts kraftvolle und eigenständige geistige Bewegungen gab, die die existierenden politischen und gesellschaftlichen Zustände revolutionär verändern wollten. Dieser kühne Aufbruch in die Moderne blieb in Ansätzen stecken, denn 1920 dekretierte Lenin: «Russisch-kommunistische Partei + Volkskommissariat für das Bildungswesen = Summe des Proletkults.» Was daraus folgte, ist bekannt: «An die Stelle der revolutionären Utopie trat die Fiktion der sozialistischen Wirklichkeit, das heisst, der totalitäre Staat» (Karl-Heinz Ruffmann).
Nicht mit Tradition gebrochen
Sieben Jahre nach seinem ersten Konzert mit Musik der russischen Avantgarde griff das Mondrian Ensemble am Samstag das Thema erneut auf und spielte im Gare du Nord Kompositionen von Jefim Golyscheff, Alexander Skryabin, Sergei Protopopov, Arthur Lourié, Alexander W. Mossolow und Nikolai Roslawez. Diese Komponisten bedrängte wie auch die politischen Reformer die Frage: Lehnen wir uns an den Westen an oder schaffen wir die Veränderungen aus eigener Kraft und unserer Tradition?
Hört man die Musiken der sechs Genannten, wird gesamthaft erkennbar, dass sie nicht bereit waren, mit ihrer Tradition zu brechen, und in diesem Festhalten am Erbe erweist sich für unsere Ohren ein Gutteil russischer Authentizität. Diese Komponisten waren keine «Ingenieur(e) der menschlichen Seele» (Stalin), sondern leidende, sich freuende, traurige und fröhliche, vor allem aber singende Menschen. Sprachlich nachweisbar wird das zum Beispiel in Skryabins Satzbezeichnungen seiner «5 Préludes»: «Douloureux déchirant, contemplatif, drammatico, vague, indécis, fier, belliqueux.» Geradezu massiv hörbar wird es in Roslawez´ 3. Klaviertrio, einer sich bis in Orkane auslebenden Dekonstruktion der anfänglichen Kantabilität, einer tönenden «Gewitterfront», die die Stille eines viertönigen Abgangs von Geige und Cello zurück lässt.
Emotionale Momente
Arthur Louriés «Pleurs de la Vierge Maria» für Alt und Streichtrio bleibt in der Führung der Singstimme zwar fast konventionell, lässt die Tränen dafür in den Vor-, Nach- und Zwischenspielen ungehemmt fliessen. Emotionen sind dazu da, ausgelebt und gezeigt zu werden. Seiner Tränen muss sich kein Russe schämen.
Da wurde es im konzentrierten und hoch emphatischen Spiel der Mondrians – Daniela Müller, Petra Ackermann, Tamriko Kordzaia und David Pia – die grosse Überraschung zu hören, wie emotional kontrolliert Skryabin in seiner letzten Komposition, den «5 Préludes», sich äussert. Die drei langsamen Miniaturen darin, empfindsam von Tamriko Kordzaia gespielt, strömen eine anrührende und bezwingende Melancholie aus, die den Begriff «Avantgarde» singend ausser Kraft setzt. Starker, langer Beifall für ein ausgezeichnetes Konzert.
Nikolaus Cybinski

|Neue Luzerner Zeitung NLZ|
Dezember 2013
| ||Süffige Avantgarde|
Eine allgemeingültige Avantgarde gibt es in der zeitgenössischen Musik längst nicht mehr. Da ist der Blick auf die Zeit, in der der Begriff geprägt wurde, umso spannender. Das Mondrian-Ensemble um die Luzerner Geigerin Daniela Müller ...
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|Süffige Avantgarde|
Eine allgemeingültige Avantgarde gibt es in der zeitgenössischen Musik längst nicht mehr. Da ist der Blick auf die Zeit, in der der Begriff geprägt wurde, umso spannender. Das Mondria-Ensemble um die Luzerner Geigerin Daniela Müller tat es am Donnerstag im Theaterpavillon Luzern mit russischer Avantgarde ab 1910.
Da zeigte sich, dass schon damals von einer geschlossenen Avantgarde keine Rede sein konnte. Russische Komponisten gingen in der jungen Sowjetunion ohnehin einen eigenen Weg zum Avantgarde-Mainstream, wie ihn Schönberg und Strawinski repräsentieren. Und die im Konzert repräsentativ vertretenen Avantgardisten selber entpuppten sich als
bunter Haufen von Individualisten.
Archaische Gesänge
Am nächsten der vom damaligen Schönberg geprägten Avantgarde kam Jefim Golyscheffs Zwölftondauermusik für Streichtrio (1914). Suchende Intervallbewegungen, die spätromantisches Erbe rätselhaft auflösen und nur einmal durch eine jäh anspringende Gestik unterbrochen werden, erzeugen Schwebezustände mit offenem Ausgang. Ganz eigenständig wirkten – ein Höhepunkt – Alexander Mossolows Nocturnes für Klavier: Klangprozessionen, durch impressionistisch verschwimmende oder hart hingepeitschte Akkorde kontrastiert, schufen eine fremde Schönheit von grosser Ausdruckskraft. Als russisch mochte man in Sergej Protopovs Gesängen von «Des Lebens Frühling» die archaische Reduktion expressionistischer Gesten hören: Ein Zug, den die Arrangements des Luzerner Komponisten Michel Roth durch den Kontrast zwischen dunkel beschwörenden Unisono-Klangflächen mit geigerischer Süsse und verfremdeten Klangeinsprengseln verdeutlichten.
Die übrigen Werke zeigten, wie sich die Avantgarde schon damals auf Traditionen bezog. Arthur Louriés Mariengesang entfaltete sich über einem Choralthema und aus nervösen Mittelstimmen heraus zu hymnischer Grösse, Nikolai Roslawez’ Klaviertrio war fieberhaft übersteigerte Spätromantik: In den hochkarätigen Wiedergaben durch die Mezzosopranistin Kazuko Nakano und das Mondrian-Ensemble waren das schlicht hinreissende, ja süffige Entdeckungen, die die Frage nach der Avantgarde erübrigten.
Urs Mattenberger

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Juni 2013
| ||Musikalische Risikobereitschaft|
Was für ein verrückter Klang: Martin Jaggis «Plod on» für Klavier, Violine, Viola und Violoncello von 2005 beginnt mit aller Kraft mit einem Mischklang, bei welchem die Streicher mit sinkenden ...gesamten Text lesen
|Musikalische Risikobereitschaft|
Was für ein verrückter Klang: Martin Jaggis «Plod on» für Klavier, Violine, Viola und Violoncello von 2005 beginnt mit aller Kraft mit einem Mischklang, bei welchem die Streicher mit sinkenden Glissandi in einen sehr speziell gesetzten Klavierklang eingreifen und ihn als Resultante ziemlich radikal verändern. So wird man im ganzen Werk immer wieder an nie gehörte Klänge herangeführt – aber wie! Mit einer Klangordnung, die immer plausibel wirkt und einen doch ständig überrascht, mit einem Feingespür für Zeitverläufe sondergleichen. Und wie gut wird dieses Werk gespielt: Das Mondrian Ensemble, dessen Cellist Martin Jaggi auch ist, hat sich diese Musik ganz zu eigen gemacht; Daniela Müller (Violine), Petra Ackermann (Viola), Tamriko Kordzaia (Klavier) und Jaggi spielen sie mit einer Spannung sondergleichen. Eindrücklich.
Ebenso lässt Rudolf Kelterborn in seinen dramatischen, ja beinahe theatralen «Four Pieces for Four Players» (2005) Momente des Nie-Gehörten aufblitzen. Vier sehr unterschiedliche Sätze erklingen da; in jedem Augenblick wirkt die Musik wagemutig wie eine Wanderung auf schmalem Grat. Doch sie bewegt sich dabei so überzeugend durch die Zeit, bindet das Klangmaterial auch in den heikelsten Kombinationen so kommunikativ in das Ganze ein, dass man sich staunend vom Sog von Kelterborns Musik mitnehmen lässt. Das Ensemble wird gleichsam zu einem Organismus, in welchem immer wieder neue Bindungen, Kommunikationswege ausprobiert werden. Und das letzte der «Four Pieces»: Atemberaubend, mit welcher Härte Kelterborn hier nochmals alles relativiert, was man in diesem starken Werk in den vorangegangenen Sätzen gehört hat.
«Wagemut» hätte als Motto über diesem Abend des Mondrian Ensemble im Zürcher Kunstraum Walcheturm stehen können, denn kühn und überraschend ist es, zwischen Jaggi und Kelterborn Claude Debussys «Sonate pour violon et piano» (1917) aufzuführen, kühn ist diese Musik, und wagemutig, aber bestechend war die extrem das Gestische, Körperliche und die klanglichen Feinheiten herausstreichende Interpretation durch Daniela Müller und Tamriko Kordzaia. Alles riskiert hat auch Wolfgang Amadeus Mozart in seinem Klavierquartett Es-Dur KV 493, in dem er mit einer Frechheit und Frische sondergleichen mit der musikalischen Grammatik seiner Zeit hantierte. Was das Mondrian Ensemble zum Abschluss eines grossen Abends mit Biss zeigen konnte.
Alfred Zimmerlin

|Basellandschaftliche Zeitung|
Mai 2013
| ||Martin Jaggis Hommage an seinen Lehrer|
Drei Generationen von Lehrern und Schülern verband das Porträt-Konzert der IGNM mit kammermusikalischen Werken von Detlev Müller-Siemens. Interpretiert wurden sie vom Mondrian-Ensembleum den Basler Cellisten und Komponisten Martin Jaggi, der sein ...gesamten Text lesen
|Martin Jaggis Hommage an seinen Lehrer|
Drei Generationen von Lehrern und Schülern verband das Porträt-Konzert der IGNM mit kammermusikalischen Werken von Detlev Müller-Siemens. Interpretiert wurden sie vom Mondrian-Ensembleum den Basler Cellisten und Komponisten Martin Jaggi, der sein Studium an der Basler Musikhochschule bei Müller-Siemens abgeschlossen hat und der Musik seines Lehrers sehr verbunden ist. Das gilt auch umgekehrt. Müller-Siemens hat immer wieder für das Ensemblekomponiert, zunächst sein Streichtrio, später «...called dusk» und «lost traces» aus «in memoriam György Ligeti». Diese Trilogie ist eine Hommage des Komponisten an den grossen Ungarn, bei dem Müller-Siemens seinerseits an der Hamburger Hochschule für Musik gelernt hat.
Intensives Musizieren
Das rund halbstündige Streichtrio von 2002 bildete den ersten Teil des Konzerts. Die Geigerin Daniela Müller, Petra Ackermann, Bratsche, und Jaggi am Cello packten durch ihr intensives gemeinsames Musizieren. Da war jedes Detail genau ausgehört, jeder Übergang stimmig, jede Note präzis.
«In memoriam György Ligeti» umfasst drei unterschiedlich besetzte Stücke. «Distant traces» für Violine, Viola und Klavier ist 2007 entstanden für ein Hamburger Erinnerungskonzert an den im Jahr zuvor verstorben Komponisten. Das Stück spielt mit kleinsten musikalischen Elementen – Einzeltönen, rhythmischen Motiven. Sie erklingen nebeneinander, treten kaum je offen in Dialog, sind aber verbunden durch die Spannungsverhältnisse, die zwischen ihnen entstehen. Das ist minutiös gesetzt und spricht den Hörer direkt an. Das Stück «...called dusk» für Cello und Klavier ist für das Mondrian-Ensembleentstanden. Sein Schlussteil bleibt haften: Die langen, auf- und absteigenden Piano-Linien des Cellos werden vom Flügel beantwortet mit glitzernden Läufen, die teilweise im Pedal lange nachhallen. Die Pianistin Tamriko Kordzaia und Martin Jaggi, der hier mit grosser Zärtlichkeit agierte, machten daraus pure Schönheit.
In «lost traces» für Klavierquartett treibt ein markantes rhythmisches Motiv die Musik voran, wird variiert, sequenziert und kehrt in der Coda triumphal zurück.
Die vier Mondrian-Musiker interpretierten auch diese Stücke sehr differenziert, in sensibel abgestimmtem Zusammenspiel. Das Programm wird aufgezeichnet und beim Label Wergo als CD erscheinen. Da war jedes Detail genau ausgehört, jeder Übergang stimmig, jede Note präzis.
Alfred Ziltener

|Schweizer Musikzeitung SMZ|
November 2012
| ||Das Mondrian Ensemble Basel|
Nur Neue Musik aufzuführen wäre ihnen zu einseitig: den Uraufführungshype möchten sie nicht bedienen. Von Beginn weg hat sich das Mondrian Ensemble Basel vorgenommen, Neues mit bestandener Moderne und dem alten Repertoire zu kombinieren, Schubert ...gesamten Text lesen
|Das Mondrian Ensemble Basel|
Nur Neue Musik aufzuführen wäre ihnen zu einseitig: den Uraufführungshype möchten sie nicht bedienen. Von Beginn weg hat sich das Mondrian Ensemble Basel vorgenommen, Neues mit bestandener Moderne und dem alten Repertoire zu kombinieren, Schubert mit Morton Feldman etwa oder Schumann mit Musik von Franz Furrer-Münch. Dabei legen die Mondrians grossen Wert darauf, zwischen den Werken innere oder äussere Beziehungen darzulegen. Derlei überzeugt nicht nur den Musikliebhaber.
Das Ensemble hat damit Erfolg gehabt; weil es seine technische und interpretatorische Kompetenz so auf vielerlei Weise ausspielen konnte. Im Jahr 2000 gegründet, gewann es kurz darauf bereits den "Concours Nicati - Concours d'interprétation de musique contemporaine" und debütierte bald in der Tonhalle Zürich, beim Lucerne Festival, im Musikverein Wien (2006) und in der Londoner Wigmore Hall (2007). 2012 erhielt es das Werkjahr der Stadt Zürich.
Von der Gründungsbesetzung sind heute noch die Geigerin Daniela Müller und der (auch komponierende) Cellist Martin Jaggi mit von der Partie: Seit 2009 gehören die aus Georgien stammende Pianistin Tamriko Kordzaia und die österreichische Bratschistin Petra Ackermann zur festen Besetzung. So ergibt sich ein klassisches Klavierquartett, das allerdings variabel ist. Ein Programm kann durchaus auch Solo-, Duo- oder Triostücke enthalten, und es kommt auch vor, dass sich Gäste hinzugesellen. Diese "géometrie variable" ist mit für die abwechslungsreiche und zuweilen experimentelle Programmgestaltung verantwortlich.
Regelmässige Subventionen erhält das Mondrian Ensemble Basel noch keine, es muss für jede Saison die Finanzen neu zusammensuchen. Ein Freundes- und Gönnerkreis unterstützt es aber. Und so ist es in der Lage, regelmässig Kompositionsaufträge zu geben - so an Rudolf Kelterborn, Roland Moser, Felix Profos, Michel Roth und Martin Jaggi oder in der bald anlaufenden Saison an Jürg Frey und Wanja Aloe.
"Auf Schloss Weidenkam entfesselte das Schweizer Mondrian Ensemble brennende, impulsive Leidenschaft und Ausdruckskraft und schlug damit neue Brücken zwischen Klassik und Moderne", schrieb eine Journalistin kürzlich nach einem Konzert auf Schloss Weidenkam in Bayern und titelte dementsprechend: "Die Himmelsstürmer".

|Isar-Loisach-Bote|
August 2012
| ||Die Himmelsstürmer|
Auf Schloss Weidenkam entfesselte das Schweizer "Mondrian Ensemble" brennende, impulsive Leidenschaft und Ausdruckskraft und schlug damit neue Brücken zwischen Klassik und Moderne...gesamten Text lesen
|Die Himmelsstürmer|
Auf Schloss Weidenkam entfesselte das Schweizer "Mondrian Ensemble" brennende, impulsive Leidenschaft und Ausdruckskraft und schlug damit neue Brücken zwischen Klassik und Moderne.
Ja, ist denn heut' schon wieder Weidenkam? Schnell vergeht der Jahresreigen, und ehe man es sich versieht, kann man sich schon wieder über einen der Fixsterne kammermusikalischer Köstlichkeiten freuen: die Konzerte auf Schloss Weidenkam im Rahmen des Meisterkurses Klavier. Und wie immer war auch heuer das Gastkonzert am Samstag hervorragend besucht.
Gut, wenn ein Schubert-Trio auf dem Programm steht, ist das für die meistern eh' eine freudige Entdeckung und Grund genug, das Konzert zu besuchen. Gerade das Trio op. 100 gehört zu den Werken, die jeder Freund der Kammermusik liebt und gut zu kennen glaubt. Und doch waren viele der Zuhörer am Ende des Konzertabends überrascht. Denn das Schweizer "Mondrian Ensemble" hatte sich entschlossen, statt plakativer Wucht frische, stürmische Leidenschaften neu zu entfesseln, Hörgewohnheiten ordentlich durchzurütteln, Gräben zu überwinden und damit zu zeigen, wie wenig die zum Klischee gewordenen Vorstellungen von Klassik und Neuer Musik angebracht sind.
Daniela Müller an der Violine, Martin Jaggi am Cello und Tamriko Kordzaia am Klavier eröffneten den Abend mit Robert Schumanns Fantasiestücken op. 88. Erste Gelegenheit, ihre Variationsbreite durch den Wechsel von innigen, lebhaften und dramatisierenden Ausdrucksformen zu zeigen, auch wenn die Humoreske ein Hauch mehr Leichtigkeit brauchen hätte können. Im Anschluss daran präsentierten die jungen Schweizer ein Werk von Mauricio Kagel. Dessen zweites Trio für Violine, Violoncello und Klavier von 2001 bricht mit der Form, denn es ist nur einsätzig. Bemerkenswert waren vo allem die Kontraste, die das moderne Werk prägten. Sie spiegelten sich weniger in einer durchgängig verfolgbaren thematischen Arbeit, als in zum Teil sehr scharfen rhythmischen Wechseln, vor allem aber im Gegensatz der Stimmen. Immer wieder beherrschten lange, getragene Töne das Feld, die mit den kontrastierend bewegten Antipoden eine suggestive, bildgewaltige, manchmal dräuende und extreme Stimmung schufen.
Das Ensemble zeigte sich hier wie auch schon zuvor als überaus sicheres Interpretentrio von nahezu perfekter Abstimmung, bestechender Virtuosität und differenzierter Klangfärbung. Verblüffend und mitreissend war auch die schier unbändige Energie ihrer überwältigenden Musizierweise, die alles in einen Strudel voll Leidenschaft und Intensität zog. Da war der letzte Programmpunkt klug gewählt: In Schuberts Es-Dur-Trio op. 100 sieht man sowieso ein energisches Werk. Es war also zu erwarten, dass das Ensemble aus dem Werk viel Feuer schlagen würde. Das Versprechen wurde eingelöst: Da wurde der Staub nicht von den Noten geblasen, sondern gesprengt, mit dem Temperament des Trios als musikalischer Brandbeschleuniger, im positiven Sinne.
Ein glänzender Triumph für Schuberts Kompositionskunst und zugleich ein Konzertabend mit solch emotionaler Tiefe, dass jeder Ton zum Ausrufezeichnen der inneren Überzeugung wurde. Am Ende gab es rauschenden Applaus und verdiente Bravo-Rufe. Nach diesem geballten Ausdruckskraftakt war die Luft aber buchstäblich raus: Musiker wie Publikum hatten alles gegeben, keine Zugaben also.
Claudia Koestler

|Der Landbote|
Mai 2012
| ||Schubert und Feldman|
Zuerst das Trio von Franz Schubert mit dem berühmten zweiten Satz, der geprägt ist vom unerbittlichen Vorwärtsschreiten des Klaviers und der wehmütigen ...gesamten Text lesen
|Schubert und Feldman|
Zuerst das Trio von Franz Schubert mit dem berühmten zweiten Satz, der geprägt ist vom unerbittlichen Vorwärtsschreiten des Klaviers und der wehmütigen Melodie des Cellos. Nach der Pause das Quartett von Morton Feldman, das aus dem Traum zu kommen scheint und doch so hellwach ist. Das Mondrian-Ensemble spielte am Dienstag in der Villa Sträuli ein spannungsreiches, auch in seiner Länge anspruchsvolles Programm.
Von Musik zu sagen, sie habe es mit der Zeit, mag schnell einmal wahr sein, es stimmt indes bei diesen beiden Werken in besonderem Mass. Schuberts 1828 entstandenes Klaviertrio Es-Dur bildet zuweilen sehr direkt den Gang der Zeit ab, um ihn als Sprungbrett in ganz andere Sphären zu benutzen, während Feldmans «Quartett für Piano, Violine, Viola und Violoncello» aus dem Jahr 1987, sein letztes Werk, mit Wiederholung und ruhigem Gleichmass die gewohnten Zeitstrukturen auszuhebeln versucht.
Das Mondrian-Ensemble mit Daniela Müller, Violine; Martin Jaggi, Cello; und Tamriko Kordzaia, Klavier, interpretierte das Trio mit einer trockenen Klarheit, welche die Strukturen dieses geheimnisvollen Werks deutlich hervortreten liess; der zweite Satz wurde langsam angegangen, was den Vierteln des Klaviers ihre Strenge nahm. Feldmans sehr reduziertes Stück erfordert von allen Beteiligten höchste Konzentration und wurde vom Ensemble – nun mit Petra Ackermann an der Viola – mit bewundernswerter Präzision und einer schlafwandlerischen Sicherheit dargeboten.
Als das Stück nach etwa achtzig Minuten zu Ende war, ging die Musik unmittelbar in eine Stille über, die sehr gross war.
Helmut Dworschak

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Mai 2012
| ||Zeitlose Verwandte:|
Das Mondrian-Ensemble im Kunstraum Walcheturm
Im Spätherbst 1827, als Franz Schubert ein Jahr vor seinem Tod das Klaviertrio in Es-Dur D 929 ...gesamten Text lesen
|Zeitlose Verwandte:|
Das Mondrian-Ensemble im Kunstraum Walcheturm
Im Spätherbst 1827, als Franz Schubert ein Jahr vor seinem Tod das Klaviertrio in Es-Dur D 929 komponierte, konnte er nicht ahnen, dass ein seltsamer Seelenverwandter anderthalb Jahrhunderte später Kompositionen von noch himmlischerer Länge als die seinen schreiben würde. Achtzig Minuten dauert Morton Feldmans «Piano, Violin, Viola, Cello», achtzig lange Minuten, in denen wenig passiert – doch viel geschieht.
Es ist ein Werk der Zurücknahme und der Expansion zugleich. Hier, in seiner letzten Komposition, reduziert Feldman, der einst die Trauer um Schuberts Tod als starken Antrieb für sein Komponieren bezeichnete, die Dynamik auf den äussersten Pianissimobereich. Wenige Klänge in variierender Rhythmisierung reichen als musikalisches Material, das vom Pedal des Klaviers zusammengeschmolzen wird. Auf diesem trägen Fluss mit verschwimmenden Konturen, wo ein durchgehender Puls zugunsten eines sanften Anschwappens von Wellen aufgehoben ist, wird ein Arpeggio des Klaviers zum Ereignis, ein Pizzicato der Streicher zum Abenteuer, eine Zweiunddreissigstelfigur zur unerhörten Geste.
Scheint in Schuberts Instrumentalmusik oft die Zeit im Raum aufzugehen, wenn sich Sehnsuchtsmelodien über scharf konturierten rhythmischen Feldern aufschwingen, verändert auch Feldmans von der Teppichknüpfkunst inspirierte Kompositionsweise die Wahrnehmung, wenn bereits vergessen geglaubte Wegmarken, Bojen, allmählich wieder an die Oberfläche gespült werden.
Das Mondrian-Ensemble mit Tamriko Kordzaia (Klavier), Daniela Müller (Violine), Petra Ackermann (Viola) und Martin Jaggi (Violoncello) ermöglichte dem Publikum im Kunstraum Walcheturm diese Zeiterfahrung in einer konzentrierten Wiedergabe. Zuvor hatte es Schuberts Landschaften in einer stimmigen, die Balance zwischen den Instrumenten wahrenden Interpretation durchmessen. Zum emotionalen Zentrum wurde das Andante, wo die Pianistin die Ausbrüche kraftvoll vom Klavier aus initiierte und auch im dreifachen Forte einen durchgestalteten Anschlag bewahrte. Leichten Ton zeichnete das Scherzo aus, und mit bewusster, doch unaufdringlicher Artikulation wurden die beiden Streicher der Vielgestaltigkeit des Finales gerecht.
Beim Schubert-Trio ist es ein Schritt ins Freie, ins Licht, wenn das Moll-Thema aus dem Andante in der Coda des Finales nach Dur durchbricht – eine kurze chromatische Floskel im Klavier setzt in «Piano, Violin, Viola, Cello» den Schlusspunkt, oder vielmehr: drei Auslassungspunkte. Die Musik mäandert weiter, im Kopf, im Herzen – oder im Himmel, wo Schubert und Feldman vielleicht schon lange eine schöne Freundschaft geschlossen haben.
Jürg Huber

|DISSONANCE|
März 2012
| ||Zürcher Splitter: Ein Streifblick über die freie Szene|
(...) Das radikale Experiment: (...) Ein wahnwitziger Versuch der Vermittlung zwischen zwei Welten? Ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment? Nichts davon. Das lag zum einen in der Konzentration auf Liszts Spätwerk begründet, dessen ...gesamten Text lesen
|Zürcher Splitter: Ein Streifblick über die freie Szene|
(...) Das radikale Experiment: (...) Ein wahnwitziger Versuch der Vermittlung zwischen zwei Welten? Ein aus dem Ruder gelaufenes Experiment? Nichts davon. Das lag zum einen in der Konzentration auf Liszts Spätwerk begründet, dessen Radikalität, Düsternis und Brüchigkeit Daniela Müller, Petra Ackermann, Martin Jaggi und Tamriko Kordzaia besonders herauszustreichen vermochten. Zum anderen reflektierte die Improvisation diese Musik auf eigene und einmalige Weise und leitete wunderbar in Kordzaias tief gehende Interpretation von Liszts Unstern! - Sinistre über. Die radikale Konfrontation hatte hier ihre Schlagkraft.
Michelle Ziegler

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Dezember 2011
| ||Abschied und Aufbruch|
Da ist einer auf dem Weg. Weg von dieser Welt, beinahe schon auf der Überfahrt ins Reich der Toten. Noch ein Jahr wird Franz Liszt zu leben haben nach der Niederschrift von «La lugubre gondola» in der Fassung für Violoncello und Klavier. In der Villa Sträuli in Winterthur, wo ...gesamten Text lesen
|Abschied und Aufbruch|
Da ist einer auf dem Weg. Weg von dieser Welt, beinahe schon auf der Überfahrt ins Reich der Toten. Noch ein Jahr wird Franz Liszt zu leben haben nach der Niederschrift von «La lugubre gondola» in der Fassung für Violoncello und Klavier. In der Villa Sträuli in Winterthur, wo jegliche Distanz zwischen Bühne und Publikum wegfällt, fährt die Depression der «Trauergondel» ins Zwerchfell, ist aus jeder Note Abschied zu hören. Das gilt auch für die gläsern-brüchigen Streichtrio-Klänge von «Am Grabe Richard Wagners» oder für «Tristia», Liszts Bearbeitung von «Vallée d'Obermann» aus dem ersten Band der «Années de pèlerinage», das die Essenz ohne jedes Virtuosengeklapper hinstellt.
Wie diese Stücke mit ihrer aufgelösten Tonalität zugleich einen Aufbruch markieren, wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannt. So verwundert nicht, dass sich mit dem Mondrian-Ensemble ein Spezialensemble für Zeitgenössisches dieser Musik zwischen persönlicher Betroffenheit und radikaler Modernität mit grosser Empathie annahm. Neben Originalkompositionen aus Liszts Spätwerk hatte das Ensemble auch Bearbeitungen ihres Cellisten Martin Jaggi im Repertoire. In der Streichtrio-Fassung von «Die Wiege» mit Daniela Müller (Violine) und Petra Ackermann (Viola) wurden repetitive Strukturen hörbar, während in «Nuages gris» mit schwer lastenden Streicherakkorden der programmatische Aspekt der Musik stärker zur Geltung kam als in der originalen Klavierfassung. Mit «Unstern! – Sinistre», von der Pianistin Tamriko Kordzaia in seiner ganzen Härte zum Klingen gebracht, fand die konzentrierte Musikstunde einen eindringlichen Abschluss.
Für den zweiten Teil ihres Liszt-Programms hat das Mondrian-Ensemble eigentlich eine Improvisation mit dem Schlagzeuger Peter Conradin Zumthor und dem Kontrabassisten Daniel Sailer vorgesehen. Allein, die Platzverhältnisse liessen eine solche Konfrontation mit zeitgenössischen Klängen nicht zu. Dafür führte Roland Moser mit Ausschnitten aus der ersten Biografie Liszts, die dessen Schüler August Göllerich 1908 vorgelegt hatte, in die Welt des Komponisten ein. Dem Gewohnheitsträgen sei das Verständnis dieser Stücke erschwert, hiess es da; vielleicht könnten sie sich erst im intimen Rahmen voll erschliessen. Im schmucken Salon der Villa Sträuli jedenfalls konnte man sich dem Sog dieser Musik nicht entziehen.
Jürg Huber

|Laudatio zum Werkjahr Interpretation|
Dezember 2011
| ||Eine Laudatio zum Werkjahr Interpretation an das Mondrian Ensemble|
Das Mondrian Ensemble hat die Distanz zwischen Basel und Zürich überbrückt. Es wurde im Jahr 2000 am Rhein gegründet, ist aber seit Jahren an der Limmat ...gesamten Text lesen
|Eine Laudatio zum Werkjahr Interpretation an das Mondrian Ensemble|
Das Mondrian Ensemble hat die Distanz zwischen Basel und Zürich überbrückt. Es wurde im Jahr 2000 am Rhein gegründet, ist aber seit Jahren an der Limmat ansässig. Sein Ziel ist die anspruchsvolle, produktive Grenzüberschreitung. Das Ensemble spielt in traditioneller Klavierquartett-Besetzung, aber auch in allen möglichen Derivaten: Streichtrio, Klaviertrio oder Soloinstrument mit Klavier. Diese ungewöhnliche Offenheit hat den Horizont des Ensembles weit gehalten. Auf dem Programm stehen stets Werke in unterschiedlichsten Besetzungen, die auf kluge Weise miteinander kombiniert werden. Und man ist flexibel in den zeitlichen Grenzen des Repertoires. Das Mondrian Ensemble, wiewohl es Werke von Komponisten wie Dieter Ammann, Detlev Müller-Siemens oder Rudolf Kelterborn zur Uraufführung gebracht hat, ist kein Spezialensemble für zeitgenössische Musik. Das gesamte Repertoire seit dem 18. Jahrhundert geniesst sein volles Recht, und eines der wichtigsten Ziele der Programmgestaltung liegt darin, Verbindungen zu ziehen, Kontraste zu erproben oder Zusammenhänge aufzuspüren.
Die vier Musiker haben in den letzten zehn Jahren ein erstaunlich umfangreiches, vielfältiges Repertoire erarbeitet, von Carl Philipp Emanuel Bach bis zu Galina Ustwolskaja, von Ludwig van Beethoven bis zu Dmitri Schostakowitsch, von Franz Schubert bis zu Georg Friedrich Haas. Auch vergessene, aber bedeutende Aussenseiter der Musik des 20. Jahrhunderts nehmen einen gewichtigen Rang ein, darunter Philipp Jarnach, Henry Cowell oder Sandor Veress. Die nahezu unbegrenzte Abenteuerlust ist gepaart mit dem Willen zu höchster interpretatorischer Genauigkeit, in der festen Überzeugung, dass der weit gespannte Horizont Deutungen reifen lässt, ihnen genauere und klarere Konturen zu geben vermag. Die Deutung eines Streichtrios von Schubert gewinnt eine andere Plausibilität, wenn es einem Streichtrio von Bernd Alois Zimmermann gegenübergestellt wird - und umgekehrt.
Die vier Musiker konzertieren inzwischen, seit den Debüts im Wiener Musikverein und in der Londoner Wigmore Hall, weltweit und geniessen hohes internationales Ansehen. Auf Antrag der Musikkommission erhält das Mondrian Ensemble mit Daniela Müller (Violine), Petra Ackermann (Viola), Martin Jaggi (Violoncello) und Tamriko Kordzaia (Klavier) das Werkjahr Interpretation 2011 der Stadt Zürich. Damit soll die ausserordentliche Arbeit des Ensembles gewürdigt, zugleich aber eine Fülle neuer Vorhaben ermöglicht werden, darunter Projekte zur Musik von Franz Furrer-Münch und Roman Haubenstock-Ramati.
Laurenz Lütteken

|Schweizer Musikzeitung SMZ|
November 2011
| ||Kleinstintervalle in der Berner Dampfzentrale|
Programmreichtum und Künstlervielfalt begeisterten am Festival "Mikrotöne" vom 7. und 8. Oktober. (...)
Zu Hochform lief auch das Mondrian Ensemble auf, mit Iwan Wyschnegradskis (1893-1979) Trio à cordes (1979) und dem klanglich und gestisch ...gesamten Text lesen
|Kleinstintervalle in der Berner Dampfzentrale|
Programmreichtum und Künstlervielfalt begeisterten am Festival "Mikrotöne" vom 7. und 8. Oktober. (...)
Zu Hochform lief auch das Mondrian Ensemble auf, mit Iwan Wyschnegradskis (1893-1979) Trio à cordes (1979) und dem klanglich und gestisch bestechenden Streichtrio August Frommers Dinge (2008) des Deutschen Leopold Hurt (*1979). Beide Werke erfuhren eine grossartige Wiedergabe.
Heinrich Aerni und Lucas Bennett

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Juni 2011
| ||Zwischen den Halbtönen|
Mit seinen in Halbtonschritten gestimmten Saiten, die für das Spiel in der temperierten abendländischen Dur-Moll-Tonalität geschaffen sind, sträubt sich das Klavier gegen mikrotonale Skalen. Deshalb setzten sich Pioniere wie Ivan Wyschnegradsky in den zwanziger Jahren ...gesamten Text lesen
|Zwischen den Halbtönen|
Mit seinen in Halbtonschritten gestimmten Saiten, die für das Spiel in der temperierten abendländischen Dur-Moll-Tonalität geschaffen sind, sträubt sich das Klavier gegen mikrotonale Skalen. Deshalb setzten sich Pioniere wie Ivan Wyschnegradsky in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts hartnäckig für die Entwicklung von Vierteltonklavieren ein.
Diskrepanz
Doch die Müh war für Wyschnegradsky vergebens. Die damaligen Konstruktionsversuche führten nicht zu praktikablen Lösungen, worauf der russische Querdenker, der im Streben nach einem Klangkontinuum die Oktave zunächst in Viertel-, dann in Sechstel- und Zwölfteltöne geteilt hat, seine Kompositionen für zwei im Vierteltonabstand gestimmte Klaviere umgeschrieben hat – was glücklicherweise den Aufwand für Aufführungen heute verringert.
In einem aufschlussreichen Porträtkonzert veranschaulichte das Mondrian-Ensemble mit dem Pianisten Dominik Blum Wyschnegradskys Schritte hin zur Umsetzung seiner zukunftsweisenden Vorstellung eines unendlichen Klangraums. In «Méditation sur deux thèmes de la journée de l'existence» sind die Mikrointervalle noch vornehmlich als Fremdkörper wahrnehmbar. Die Komposition ist einer spätromantischen Musiksprache verpflichtet, was schon bei den Zeitgenossen auf Erstaunen und Kritik gestossen war. Sie taucht in ein Espressivo, das Tamriko Kordzaia und Martin Jaggi im Kunstraum Walcheturm schwelend auskosteten.
Systematik
Progressive Ansätze wurden im Konzert in «Chant nocturne» für Violine und zwei Klaviere im Vierteltonabstand erkennbar, indem das Klangkontinuum immer wieder in Aggregaten um einen Ton kondensiert wird. In dem als Fragment zurückgebliebenen Streichtrio op. 53, das Claude Ballif vervollständigt hat, führt Wyschnegradsky die Systematisierung des Tonraumes anhand komplexer polyfoner Abläufe weiter. Das Mondrian-Ensemble führte eine neue, von Martin Jaggi anhand des Quellenmaterials ausgearbeitete Version auf, welche die Linearität der Stimmen nicht künstlich unterbrach und so einen guten Eindruck von Wyschnegradskys ausgereiftem Raumdenken gab.
Zugleich schlüssig und originell haben auch die zwei zeitgenössischen Komponisten des Abends die Frage nach der Gestaltung des Klangraums gelöst: Leopold Hurt in einem reizvoll konstruierten Streichtrio «August Frommers Dinge» und Manfred Stahnke in seinem komplex angelegten «Holzschnitt» für Streichtrio und zwei Klaviere im Vierteltonabstand.
Michelle Ziegler

|Neue Luzerner Zeitung NLZ|
März 2011
| ||Starker Abend der Kontraste|
Zwei ganz unterschiedliche Ensembles haben den Porträtabend für den Schweizer Komponisten Felix Profos am Dienstagabend im Kleintheater Luzern bestritten: Das Mondrian-Ensemble mit Streicherklängen und Klavierimpulsen, das Duo Lucas Niggli und Peter ...gesamten Text lesen
|Starker Abend der Kontraste|
Zwei ganz unterschiedliche Ensembles haben den Porträtabend für den Schweizer Komponisten Felix Profos am Dienstagabend im Kleintheater Luzern bestritten: Das Mondrian-Ensemble mit Streicherklängen und Klavierimpulsen, das Duo Lucas Niggli und Peter Conradin Zumthor mit Schlagwerk und Rhythmus.
Es war ein ausnehmend starker Konzertabend, den uns das Forum Neue Musik Luzern mal wieder beschert hat. Die unterschiedlichen Ensembles und Kompositionen hielten einander in Spannung, die Musik vibrierte, die Ensembles waren grosse Klasse. Das Mondrian-Ensemble interpretierte in herausragender Explosivität Kagels «Zweites Klaviertrio». Totale Kopfmusik, die trotzdem berührte.
Furiose Improvisation: Die zwei Tänze, die Profos für die Schlagzeuger Niggli und Zumthor geschrieben hat, kamen sehr elementar und wurden solide Schlagzeugkunst ohne gespreizte Finger. Was ein dringliches und universales Schlagzeugspiel ist, machte erst die furiose Improvisation richtig klar. Da war sofort eine Energie im Raum, die bei den komponierten Stücken völlig fehlte.
Profos ist ein heimlifeisser Komponist. Seiner Musik kommt man trotz klaren Strukturen und einer gewissen Eingängigkeit nicht so einfach auf die Schliche. Das Auftragswerk «Leonardo» ist klanglich und vom Aufbau her recht konventionell. Einzelne Motive wurden aufgebaut, erweitert, alles sehr nachvollziehbar. Dennoch blieb etwas Unerklärliches. Etwas unerklärlich Einfaches, Nüchternes, das wie ein Geheimnis wirkte. Profossionell.
pb.

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Februar 2011
| ||Mit vertrauten Gebärden|
Mondrian-Ensemble in Zürich: Unerwartet schnell und gut vergeht die Zeit im Klavierquartett «Leonardo» (2010) von Felix Profos, welches vom Mondrian-Ensemble im zweiten ...gesamten Text lesen
|Mit vertrauten Gebärden|
Mondrian-Ensemble in Zürich: Unerwartet schnell und gut vergeht die Zeit im Klavierquartett «Leonardo» (2010) von Felix Profos, welches vom Mondrian-Ensemble im zweiten ...
Alfred Zimmerli

|Schweizer Musikzeitung SMZ|
Januar 2011
| ||Programm in der Repertoirelücke|
Werke mit Seltenheitswert prägen die Konzerte des Mondrian Ensembles, klug kombiniert und hervorragend interpretiert. Ein Porträt
Sperrige Klänge haben es im öffentlichen Konzertleben schwer. Musik ab 1950 erklingt im ...gesamten Text lesen
|Programm in der Repertoirelücke|
Werke mit Seltenheitswert prägen die Konzerte des Mondrian Ensembles, klug kombiniert und hervorragend interpretiert.
Ein Porträt
Sperrige Klänge haben es im öffentlichen Konzertleben schwer. Musik ab 1950 erklingt im gewöhnlichen Kammer- oder Sinfoniekonzert so gut wie nie. Durchs Quotenraster fallen unter anderem bedeutende Werke von lannis Xenakis, von Giacinto Scelsi und sogar von Helmut Lachenmann. Festivals mit Neuer Musik begegnen diesem Missstand wenig; hier liegt der Schwerpunkt auf Uraufführungen. Was bleibt, ist eine unübersehbare Repertoirelücke etwa vom späten Schönberg bis ins Jetzt. Nicht nur dieser grossen Lücke hat sich das Mondrian Ensemble angenommen. Es stösst auch in andere Bereiche vor, die auf der musikalischen Landkarte kaum oder schlecht vermessen sind: Das Andante mit Variationen und Scherzo für Klaviertrio Op. 18a (1884) des 18-jährigen Ferruccio Busoni hat es im Konzert einmal kombiniert mit den Drei Rhapsodien für Violine und Klavier (1928) von Philipp Jarnach, der in den 20er Jahren noch der meistgespielte Komponist bei den Donaueschinger Musiktagen war, alsbald aber weitgehend in Vergessenheit geriet. Auch Wladimir Vogel, Jacques Wildberger und die vergleichsweise wenig gespielte Heidi Baader-Nobs finden sich in diesem Programm, das getragen war von einer Leitidee. Um Lehrer-Schüler-Bezüge ging es dem Quartett: Jarnach studierte bei Busoni. Vogel bei Jarnach. Wildberger bei Vogel und Baader-Nobs wiederum bei Wildberger.
Für Martin Jaggi ist Geschichte wichtig. Woher die Komponisten kommen, wohin sie gehen, das interessiert ihn sehr. Joseph Haydns Musik stellten Jaggi am Cello, Daniela Müller an der Violine, Petra Ackermann an der Viola und Tamriko Kordzaia am Klavier schon mal zeitgenössischen Schweizer Komponisten - dem jungen Michel Roth, Mischa Käser und Roland Moser - gegenüber, um Zeiten überspannende Bezüge deutlich zu machen. Sensibilisierung für die Überraschungsmomente, für das Sprunghafte bei Haydn stand als Ausgangsidee dieses Programms. Aber nicht immer muss hinter den Begegnungen von "Alt und Neu" ein struktureller, vielleicht auch didaktischer Ansatz stecken. Manchmal lässt sich das Mondrian Ensemble auch einfach verführen von plötzlichen Eingebungen, von der Lust am ungewöhnlichen Versuchsaufbau oder - was dies nicht ausschliessen muss - von Kommentaren einzelner Komponisten. Warum also nicht Johannes Brahms kombinieren mit Iannis Xenakis, der mit gesundem Selbstbewusstsein einmal äusserte, dass er allein Brahms neben sich gelten lasse als Komponist? Gesagt, getan: 2007 tourten die Mondrians mit den lyrisch-kurzen Klavier-lntermezzi von Brahms im Gepäck, daneben lagen die harschen Dhipli Zyia fur Violine und Cello (1952) oder Ikhoor für Streichtrio des Griechen Xenakis.
Hervor ging das Mondrian Ensemble aus dem Basler Umfeld der Camerata Variabile. Ursprünglich hatte sich der Cellist und Komponist Martin Jaggi mit der Geigerin Daniela Müller zusammengetan, mit Walter Zoller am Klavier und Christian Zgraggen an der Bratsche. Ein erstes Projekt war die Einspielung eines für Hörer und Spieler enorm fordernden Streichtrios des Schweizer Komponisten Dieter Ammann namens Gehörte Form (1998), das speziell für die Musiker entstand, das sie schon mehr als 40mal im Konzert gespielt haben und das auf der eigenen, bei Musiques Suisses 2004 erschienenen Porträt-CD des jungen Quartetts (MGBcrS-M 88) zu finden ist. (Neu eingespielt ist das Streichtrio auch auf der Porträt-CD Ammanns: MGBcrS-M 124.) Obwohl sich Schweizer Komponisten angesichts eidgenössischer Förderrichtlinien einfacher in Programme integrieren lassen, ist die Ausrichtung betont international. Zwei bis drei Aufträge an Schweizer Komponisten sollen immer möglich sein, doch werden sie meist eingebunden in Zeiten und Orte umspannende und dadurch spannungsreiche Programme. Felix Profos' Leonardo für Klavierquartett erblickt im Februar das Licht der Welt im Angesicht grosser Namen: Mit Profos ist Beethoven zu hören in Form seines frühen Streichtrios Es-Dur op. 3 (1792) und Mauricio Kagels Zweites Trio in einem Satz fur Violine, Cello und Klavier (2001).
Entschieden mikrotonal geht es zu, wenn Ivan Wyschnegradsky auf den Hamburger Manfred Stahnke trifft, von dem im Juni eine neue Kreation für Streichtrio und zwei Klaviere im Vierteltonabstand zu hören ist. Gerade haben die Mondrians ein rein amerikanisches Programm mit Seltenheitswert gespielt (s. Kritik S.22), im Juni letzten Jahres blickten sie gen Osten mit tiefsinnig-kräftiger Kammermusik von Schostakowitsch und seiner Schülerin Galina Ustwolskaja.
Seit der Frühzeit des Quartetts hat es einige Umbesetzungen gegeben. Tamriko Kordzaia, die mit aussergewöhnlicher Musikalität gesegnete Pianistin aus Georgien, ist erst 2008 anlässlich zweier Konzerte mit Werken von Bela Bartok, György Ligeti und dem einstigen Kompositionslehrer von Martin Jaggi, Detlev Müller-Siemens, zu den Mondrians gekommen. Seit 2009 spielt die heute in Baden lebende Österreicherin Petra Ackermann mit, deren Vielseitigkeit dem Profil der Mondrians entspricht: An der Londoner Royal Academy of Music studierte sie bei Jan Schlapp Barockviola, später ging sie mit Garth Knox in Paris das zeitgenössische Violarepertoire durch. In der jetzigen Besetzung mit Ackermann, Daniela Müller, Tamriko Kordzaia und Martin Jaggi absolviert das Quartett etwa 30 bis 40 Konzerte im Jahr. Vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem ersten Preis am «Concours Nicati - Concours d'interpretation de musique contemporaine" und dem «10th Swiss Ambassador's Award" haben die Vier den Schritt zur Professionalisierung getan, proben vor den Konzerten intensiv und haben seit Februar letzten Jahres ein Mondrian-Büro, in dem sich jemand kümmert um Promotion, Akquise von Fördergeldern und eigens in Auftrag gegebene Programmhefte. Spürbar ist der Wunsch nach Eigenverantwortung, um sich auch zukünftig den eigenen besonderen Programmen widmen zu können.
Zahlreiche Auftritte bei Festivals und Konzertreihen - die Mondrians treten schon mal in Wien auf, beim Lucerne Festival oder bei den Weimarer Frühjahrstagen für zeitgenössische Musik - stehen neben drei thematischen Konzerten pro Jahr. Diese wollen die vier nicht missen. Potenzielle Hörer in den angestammten Schweizer Tourstationen in Zürich, Luzern, Basel und Winterthur sollten das ebenso wenig.
Torsten Möller

|Schweizer Musikzeitung SMZ|
Januar 2011
| ||Neueres aus der Neuen Welt|
Das Mondrian Ensemble spielt im Zürcher
Kunstraum Walcheturm Werke der
amerikanischen Moderne und Avantgarde.
John Cage geht es so wie seinem einstigen Lehrer Arnold Schönberg. Man kennt seinen Namen, weit weniger aber seine ...gesamten Text lesen
|Neueres aus der Neuen Welt|
Das Mondrian Ensemble spielt im Zürcher Kunstraum Walcheturm Werke der amerikanischen Moderne und Avantgarde.
John Cage geht es so wie seinem einstigen Lehrer Arnold Schönberg. Man kennt seinen Namen, weit weniger aber seine Musik. Eklatant fehlen cagesche Werke auf den europäischen Spielplänen. Obwohl das Ensemble Neue Horizonte Bern oder der Aarauer Kurator Jürg Frey einige Vorarbeit geleistet haben, ist auch in der Schweiz eine - euphemistisch gesagt - «Cage-Lücke» unübersehbar. So eifrig der Amerikaner seltene Pilzarten suchte, so eifrig muss der Interessierte sich auf die Suche machen nach seiner Musik. Vermutlich steht John Cage stellvertretend für die amerikanische Moderne. Ähnlich selten zu hören sind Kompositionen von Charles Ives und Henry Cowell, beide als Enfants terribles des jungen vergangenen Jahrhunderts zumindest namentlich bekannt.
Merkwürdiger Kontrapunkt
Es hatte sich schon gelohnt, wegen der Erweiterung des «imaginären Museums der Musikgeschichte» (Carl Dahlhaus) in den schönen Kunstraum Walcheturm zu gehen. Doch schnell wird das musikhistorische Interesse überlagert von Unmittelbarkeit, von einer frischen, vitalen und vor allem hohen Kunst. Famos spielt Tamriko Kordzaia The Tides of Manaunau (1912), ein wahrlich ver-rücktes Klavierstück von Henry Cowell. Gefällige Melodien in der rechten Hand begleiten kräftige Cluster der linken, wohl nicht ohne Augenzwinkern sass Cowell da am Schreibtisch und hatte seinen Spass an der merkwürdigen Auffassung vom Kontrapunkt. Eine natürliche Frische, kombiniert mit einem je eigenen Ansatz, prägt auch Cowells Anger Dance (1914) und Aeolian Harp (1923), beide für Klavier. Klar strukturiert ist Anger Dance, Phrasen werden wiederholt, je leicht variiert, und erscheinen stets in neuem Licht. In Aeolian Harp streicht Kordzaia ebenso sensibel wie harfengemäss über die Saiten im Flügelinneren. Stumm gedrückte Tasten ergeben Akkorde, die aus einem ausgedünnten, quasi skelettierten Choral zu kommen scheinen. Zwischen Cowells Klavierstückchen erklingt das Fideliotrio für Viola, Cello und Klavier (1987) von Alvin Lucier und James Tenneys Harmonium #5 für Streichtrio (1978). Von gänzlich anderer Charakteristik bilden beide je einen eigenen spannungsreichen Gegensatz zu ihrem Umfeld. Was Tenney und Lucier mit Cowell teilen, ist die Konzentration auf eine Ausgangsfrage. Auf mikrotonale Schwebezustände konzentriert sich Lucier und findet mit Martin Jaggi und Petra Ackermann akkurate Streicher, die den feinen Unterschieden von wenigen Cents ebenso sensibel wie hoch konzentriert nachspüren. Eine spezielle Art des amerikanischen Minimalismus pflegt James Tenney. Seine steten Wiederholungen klingen einfach, erfordern - wie die Musik Steve Reichs oder Philip Glass' - enorme Tempostringenz, Jaggi und Ackermann gelingt diese ebenso wie Daniela Müller an der Violine. Elegant, mit wunderbar weichflexibiem Strich agiert das Trio in einer Komposition, die stets in angenehmen Lagen verweilt und jene Natürlichkeit hat, die schon Cowells Werke auszeichnete.
Dionysisches Vorbild
Mehr als blosser Zufall, dass die amerikanische Moderne für viele europäische Komponisten Bezugspunkte bot und noch bietet. In einer «Anthologie der Vorbilder» würde Charles Ives einen der ersten Plätze einnehmen - das zu Recht, denn radikal quer steht seine Musik zu der Ästhetik seiner Zeit. Als Pionier der Collage steht er neben Gustav Mahler, weitet seine ausgiebigen Zitatkompositionen aus zu einem wahrhaft farbigen Kaleidoskop von "hohem" und "niedrigem" Stil. Amerikanische Volksmusik steht in seinem kraftvollen Klaviertrio neben Beethoven-Reminiszenzen, als Allusion kommt die instrumentale Virtuositat des 19. Jahrhunderts hinzu. Sichtlich hat das Mondrian Ensemble seine Freude an dieser dichten Musik. Rauschhaft nehmen sie das Stück, dabei gelingt dem Trio das Kunststück, die Volksweisen - darunter My Old Kentucky Home oder Sailor's I-Iorn-pipe - so zu intonieren, dass der typisch distanzierte ives'sche Tonfall deutlich wird. Etwa 40 Jahre nach Ives schreibt John Cage seine Six Melodies für Violine und Klavier. Sie haben wie alle Werke des Abends diesen (typisch amerikanischen) ungezwungenen Gestus, der mit dem kompositorischen Kalkül eines Arnold Schönberg nichts gemein hat. Tonalitätsverbot, Wiederholungsverbot, Zusammenhang, Fasslichkeit - all das sind für Cage Fremdwörter. Seine Six Melodies sind einfach da. Tamriko Kordzaia (Klavier) und Daniela Müller (Violine) fangen diese Selbstverständlichkeit höchst musikalisch
ein. Sie verstärken den Wunsch, ja das Bedürfnis, mehr von dieser Musik zu hören.
Torsten Möller

|Nordwest-Zeitung|
November 2010
| ||Traditionelle Musik und viel Avantgarde|
Konzert Mondrian Ensemble begeistert
Oldenburg - Warum „Mondrian“? Weil Piet Mondrian seine Malerei klassisch begann und zur Moderne entwickelte, ein Künstler also an der Schnittstelle von Tradition und Avantgarde. Das erläuterte Martin Jaggi, ...gesamten Text lesen
|Traditionelle Musik und viel Avantgarde|
Konzert Mondrian Ensemble begeistert
Oldenburg - Warum „Mondrian“? Weil Piet Mondrian seine Malerei klassisch begann und zur Moderne entwickelte, ein Künstler also an der Schnittstelle von Tradition und Avantgarde. Das erläuterte Martin Jaggi, und der ist Cellist im Mondrian Ensemble, einem Klavierquartett aus Basel, das sich auf seine Fahnen geschrieben hat, eben diese Schnittstelle musikalisch auszuleuchten.
Mit wie viel Eleganz und Musikalität, Wagemut und Perfektion ein solches Unterfangen — über alle Unterschiede von Idiom und Syntax der Musiksprachen hinweg — gelingen kann, demonstrierte man im Rahmen der „Klangpol“-Konzertreihe einem begeisterten Publikum in der Exerzierhalle an Wiener Klassik und Neuer Musik.
Ein schlanker, transparenter Klang, somnambule Geschlossenheit im Miteinander und sorgsam diszipliniertes Virtuosentum sind Konstanten im Spiel der Vier. Mit den auch solistisch überzeugenden Martin Jaggi, Petra Ackermann (Viola), Daniela Müller (Violine) und Tamriko Kordzaia (Klavier) wirkt es ideal besetzt; schon die strahlende Gestaltungskraft der georgischen Pianistin oder die glühende Entäußerung der Geigerin — sie ist Konzertmeisterin der „Sinfonietta Basel“ — waren das Eintrittsgeld wert.
Von Josef Haydn gab es das Klaviertrio C-Dur, Hob. XV:27, und sein B-Dur-Divertimento, Hob. V:8; zudem brachte das Programm „in dialog“ Werke von Zeitgenossen aus der Schweiz: von Germán Toro-Pérez ein Stück für Solobratsche (entnommen einem Zyklus auf den Schriftsteller Juan Rulfo), ebenso rau, verträumt und zügellos wie das Rubato von dessen Erzählstrom. Dazu „Gehörte Form“, ein Streichtrio von Dieter Ammann, und „HALL mit Gegenstimmen“, eine Fantasie für Viola, Violoncello und Klavier, komponiert vom anwesenden Roland Moser. Gewiss weiß sich das Ensemble, selten genug, in der klassischen Musik ebenso zu Hause wie in der zeitgenössischen. Dennoch hätte man sich für Haydn die Streicher mit mehr Schmiss vorstellen können.
Die Kante gab man dann Ammann und Moser. Das ganze Repertoire hergebrachter und „erweiterter“ Techniken, Flageoletts, Glissandi, Collegno-Attacken, jähe Lagenwechsel, eingebettet in ein halsbrecherisch beherztes (und wenig bogenschonendes!) Wechselspiel beförderte immer neue Hörerlebnisse. Variative Wiederholung, jenes Thema, das die Werke des Abends lose miteinander verband, geriet unter diesen Vorzeichen bei Ammann packend intensiv, während es Mosers „HALL“ wie hingetupft anmuten ließ, fast flirrend, ein Geflecht Mondrianscher Rechtecke.
Reinhard Rakow

|Der Landbote|
September 2010
| ||Die raumsprengende Kraft der Musik|
Das Mondrian Ensemble gastierte zusammen mit Sopranistin Sylvia Nopper im Kultursalon der Villa Sträuli. Ein höchst eindrückliches Konzerterlebnis ...gesamten Text lesen
|Die raumsprengende Kraft der Musik|
Das Mondrian Ensemble gastierte zusammen mit Sopranistin Sylvia Nopper im Kultursalon der Villa Sträuli. Ein höchst eindrückliches Konzerterlebnis.
Ramona Früh

|Basellandschaftliche Zeitung|
Juni 2010
| ||Der Flügel brüllte los|
Das Mondrian Ensemble präsentierte sich mit einem kompromisslosen Programm mit neuerer russischer Musik. Es dürfte wohl nicht allzu viele Werke in der Neuen Musik geben, die von einem Pianisten ...gesamten Text lesen
|Der Flügel brüllte los |
Das Mondrian Ensemble präsentierte sich mit einem kompromisslosen Programm mit neuerer russischer Musik. Es dürfte wohl nicht allzu viele Werke in der Neuen Musik geben, die von einem Pianisten so viel abverlangen wie das «Duett für Violine und Klavier» (1964) der russischen Komponistin Galina Ustwolskaja (1919–2006). Da muss schon eine Kämpfernatur ans Werk wie der Pianist Jürg Henneberger, der schon seit Jahren zum Urgestein der Schweizer Avantgarde gerechnet werden muss.
Diverse Male hämmerte der Pianist bei der Interpretation dieses Werks mit unglaublicher Wucht rasende Wirbel auf die Tastatur seines Flügels, dass dieser unter donnernden Tonkaskaden förmlich losbrüllte. Parallel dazu entlockte die Violinistin Daniela Müller ihrem Instrument verzweifelt schreiende Töne, die Assoziationen an die grausam gequälten Seelen in Dantes «Inferno» heraufbeschworen.
Kein Werk für zart besaitete Gemüter hatte da das Mondrian Ensemble für seinen Konzertabend im Hans-Huber-Saal im Stadtcasino Basel auf das Programm gesetzt. Zumindest eine Spur weniger radikal war das als erstes gespielte Stück mit dem Titel «Grosses Duett für Violoncello und Klavier» (1959), ebenfalls von Galina Ustwolskaja. Auch dieses Werk zeichnete sich durch extreme Kontraste aus: Mal waren von der Pianistin Tamriko Kordzaia wilde, rhythmisierte Tonfolgen auf den höchsten, fast leer klingenden Tasten des Klaviers zu hören, dann wiederum entlockte der Violoncellist Martin Jäggi seinem Instrument traurige Melodielinien, die einen Hauch von Melancholie heraufbeschworen.
Auf Passagen aufwühlender Intensität im grösstmöglichen Fortissimo folgten elegische Abschnitte im leisesten Pianissimo: Galina Ustwolskaja liebte die Extreme.
Die Ustwolskaja gilt heute neben Sofia Gubaidulina als die bedeutendste Komponistin Russlands. Sie erlernte das Handwerk des Komponierens bei Dimitrij Schostakowitsch, der die Arbeit seiner Kollegin begeistert unterstützte. Nicht zufällig also, dass das Mondrian Ensemble an diesem Konzertabend noch ein Werk von Dimitrij Schostakowitsch aufs Programm gesetzt hatte: Die «Sieben Romanzen nach Worten von Alexander Blok für Sopran, Violine, Violoncello und Klavier, op. 127» (1967). Dieses Werk mit seiner aufs Wesentliche konzentrierten Musik war eines der letzten, das der Komponist zu Papier brachte.

|Basellandschaftliche Zeitung|
Mai 2010
| ||Haydn besteht neben zeitgenössischen Komponisten|
Nach dem qualitätsvollen Abend ist der Rezensent geneigt festzustellen, dass die drei Kompositionen von Haydn und die drei Werke heutiger Tonschöpfer in erstaunlich einvernehmlicher Weise nebeneinander ihr Eigenleben ...gesamten Text lesen
|Haydn besteht neben zeitgenössischen Komponisten|
Nach dem qualitätsvollen Abend ist der Rezensent geneigt festzustellen, dass die drei Kompositionen von Haydn und die drei Werke heutiger Tonschöpfer in erstaunlich einvernehmlicher Weise nebeneinander ihr Eigenleben bewahren konnten und doch zu einem gerundeten Gesamtbild zusammenfanden.
Das Mondrian Ensembles eröffneten das gut besuchte Konzert mit Haydns Klaviertrio D- Dur Hob. XV :24. Es musizierten Stefka Perifanova, Klavier (Gast), Daniela Müller, Violine und Martin Jaggi, Violoncello. Von den ersten Takten an gefielen der gestalterische Gestus des Hin- und Hineinhorchens in das Werk und in das Spiel des Partners und der Partnerin.
Was zu dieser Komposition zu sagen ist, trifft auch auf die beiden weiteren Werke Haydns zu, die im Verlaufe des Abends gespielt wurden. Haydn, dieser grosse Erneuerer im 18. Jahrhundert verdankt seine ungebrochene Beliebtheit und die ungeheure Breitenwirkung seiner unbeirrbaren Geradlinigkeit, der Ausgewogenheit der Mittel und dem Gleichgewicht zwischen persönlicher Gestaltung und Allgemeinverständlichkeit.
Anschliessend die erste Uraufführung: Mischa Käsers «7 kleine Stücke für Viola und Klavier» (Petra Ackermann). Jazzoid die ersten Takte, gefolgt von einem zarten Adagio. Verhalten, leise, Ton für Ton deutlich artikuliert mit viel klanglicher Empfindsamkeit in der Weiterführung. Nach einem «Sehr laut, grob» wieder asketische Konzentriertheit und Losgelöstes aus dem Innern der Musik.
Danach das nächste Werk von Haydn. Sein berühmtes Divertimento B-Dur für Streichtrio Hob. V:8 in drei Sätzen. Grundierend der Celloton, lebensvoll und virtuos der musikantische Duktus der Streicher.
Noch vor der Pause eine weitere Uraufführung. Das Werk für Klavierquartett mit dem Titel «Verrückung (...Boogie-Woogie)». Roth wurde 1976 in Altdorf geboren, gehörte wie Mischa Käser der Kompositionsklasse von Roland Moser an. Das zwölf Minuten dauernde Stück zeigte effektvolle Möglichkeiten auf, wie man vier Instrumentalisten einsetzen kann, die das Publikum klanglich attackieren, von leise bis zu einem markigen Fortissimo. Passend wäre auch von einem Klangraum der Zerrissenheit zu sprechen.
Die dritte Uraufführung stammte von Roland Moser, von dem als Lehrer schon die Rede war. Sein Auftragswerk des Mondrian Ensembles «HALL – mit Gegenstimmen. Phantasie für Viola, Violoncello und Klavier». Dass Mosers kompositorische Palette, bedingt durch seine forschende Neugier, sehr breit ist, weiss man. Ein nachhaltiges Island-Erlebnis, die Landschaft, die Luft, die Fauna, regten ihn zur fünfsätzigen Komposition an. Entstanden ist ein wundersames, fast magisch zu nennendes Stück Musik. Faszinierend vor allem, jenes klangliche Gewebe von Tönen, das entstand durch speziell präparierte Klaviersaiten. Zauberisch die den Raum verändernde Atmosphäre. Starker Beifall. Moser durfte ihn persönlich geniessen. Mit pulsierendem Elan spielte das Ensemble zum Abschluss Haydns Klaviertrio C-Dur Hob. XV:27.
P. Schorno

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Dezember 2009
| ||Extreme: Mondrian Ensemble in Zürich|
Ein Abend mit drei grossen Kammermusikwerken aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert in Zürich: Das Mondrian Ensemble spielte ihn mit berstender Intensität. Zunächst das Streichtrio op. 45 (1946) von Arnold Schönberg, ...gesamten Text lesen
|Extreme: Mondrian Ensemble in Zürich|
Ein Abend mit drei grossen Kammermusikwerken aus dem 19., 20. und 21. Jahrhundert in Zürich: Das Mondrian Ensemble spielte ihn mit berstender Intensität. Zunächst das Streichtrio op. 45 (1946) von Arnold Schönberg, eines der besten Werke dieses Komponisten überhaupt. Auf engstem Raum wechseln Ausdruckswerte und Farben, fiebrig kann die Musik ausbrechen, leise und zerbrechlich auch ihre Vergänglichkeit zeigen. Solche Extreme auszuloten, liegt dem Ensemble; so wählten Daniela Müller (Violine), Petra Ackermann (Viola), Martin Jaggi (Violoncello) und Tamriko Kordzaia (Klavier) auch beim den Abend abschliessenden Klavierquartett Es-Dur op. 47 von Robert Schumann nie den interpretatorischen Mittelweg. Ganz vom Körperlichen her wurde das Werk empfunden, denn bei Schumann können die Körperhaltungen mitunter so schnell wechseln wie bei Schönberg die Spieltechniken. Selten wurde das so radikal vermittelt.
In der Mitte erklang die Uraufführung eines Duos für Violoncello und Klavier, das Detlev Müller-Siemens als Abschluss einer «in memoriam»-Trilogie für seinen einstigen Lehrer György Ligeti komponiert hatte. Das dreisätzige «. . . called dusk» (2008/09) scheint eines der wichtigen Werke von Müller-Siemens geworden zu sein. Beide Instrumente führen ihr Klangmaterial je eigenständig durch, und doch gehören sie ganz zusammen. Verhaltensweisen der Unabhängigkeit und der Berührung werden thematisiert. Das Klavier öffnet weite Klangräume, die charakteristisch gefärbt sind und so eine je eigene Qualität erhalten. Sie beanspruchen den ganzen Umfang der Klaviatur, oft aber auch nur ihre Ränder. Gerade dadurch öffnen sie den Raum für ein grosses, geheimnisvolles Klang-Gebäude.
Auch das Cello lotet seinen ganzen Umfang aus, bisweilen suchend, mit oft vibratolosen Klängen unterschiedlicher Dauer, die sich zu weitgespannten melodischen Ordnungen verbinden. Oft möchten diese Melodien in Wellen himmelwärts führen: ein Schaukeln zwischen Tiefe und Höhe. Und dort oben, mit natürlichen Flageolettklängen, hat Müller-Siemens gleichsam in Geheimschrift – denn die gegriffenen Töne entsprechen nicht den erklingenden – ein Kaddisch eingeschrieben (ein jüdisches Gebet unter anderem zum Totengedenken). Das ganze Werk wirkt wie ein Prozess der Erinnerungsarbeit, mit einem Moment des Aufbegehrens im zweiten Satz, des «Wegräumens» von Material, um anderswo hinzugelangen. Ein starkes Stück.
Alfred Zimmerlin

|Der Landbote|
Dezember 2009
| ||Eine gehörige Portion moderne Klassik|
Das Mondrian Ensemble steht für moderne Musik ein. Dabei kommen aber auch klassische Werke nicht zu kurz. Das Konzert in der Helferei in Zürich bot einen vielversprechenden Ausblick auf kommende ...gesamten Text lesen
|Eine gehörige Portion moderne Klassik|
Das Mondrian Ensemble steht für moderne Musik ein. Dabei kommen aber auch klassische Werke nicht zu kurz. Das Konzert in der Helferei in Zürich bot einen vielversprechenden Ausblick auf kommende Auftritte in Winterthur.
Schönberg – Müller-Siemens – Schumann. Auf den ersten Blick meint man im aktuellen Programm des Mondrian- Ensembles den altbekannten Kniff zu erkennen, zeitgenössische Kompositionen publikumsgerecht durch klassische Werke zu entschärfen. Das ist jedoch hier nicht der Fall. Denn Arnold Schönbergs Trio op. 45 und das Klavierquartett op. 47 von Robert Schumann umgeben auf ausdrücklichen Wunsch des 1957 geborenen Komponisten Detlev Müller-Siemens dessen neues Werk «... called dusk», das am Donnerstagabend in der Helferei Zürich im Zentrum der Aufmerksamkeit stand.
Zeitgenössische Musik ist den vier Musikern also nicht Pflichtprogramm, sondern Kür. Und das hört man: Mit ungebremster Spielfreude starteten Daniela Müller (Violine), Petra Ackermann (Viola) und Martin Jaggi (Violoncello) in Schönbergs spieltechnisch äusserst ambitioniertes Streichtrio. Die musikalischen Kontraste der Komposition liessen sie ebenso schroff aufeinanderprallen, wie sie das Zusammenspiel von und vor allem die Übergänge zwischen den einzelnen Stimmen feinfühlig gestalteten.
Hier wurde buchstäblich auf der vordersten Stuhlkante sitzend musiziert – und nicht weniger intensiv zugehört. Mit ihrem expressiven, äusserst konzentrierten Spiel bewiesen die Aufführenden, dass Schönbergs Werk, entgegen dem oft geäusserten Vorwurf der Episodenhaftigkeit, gerade durch diese ungewöhnliche Schnitttechnik einen speziellen Reiz gewinnt.
Auch Detlev Müller-Siemens’ «... called dusk» verweigert sich der Technik von thematischer Gestaltung oder gar Entwicklung. Für das Mondrian-Ensemble geschrieben, lässt das Werk für Violoncello und Klavier (Tamriko Kordzaia) durch die immer wiederkehrende Kombination melodischer Splitter eine vage Erinnerung an vergangenes Singen entstehen. Immer wieder deuten sich zwar lyrische Linien und musikalische Gestalten an, jedoch nur um gleich wieder in ihre elementaren Bestandteile zu zerfallen. Während diese Musik als Ganzes auf etwas Verlorenes zu verweisen scheint, deutet der dritte Satz mit den körperlosen Flageoletttönen des Violoncellos auf die plötzlich schon weit zurückliegenden ersten zwei Sätze.
Gegenüber Robert Schumanns Klavierquartett wurden ähnliche Vorwürfe geäussert, wie sie Arnold Schönberg für sein Trio hat hinnehmen müssen. Auch Schumann verzichtete auf traditionelle entwickelnde Techniken zugunsten einer Reihung von musikalischen Charakteren. Seine Modernität, welche das Werk mit den zwei vorangegangenen Kompositionen in eine nachvollziehbare Linie rückte, wurde von den Aufführenden durch eigenwillige Tempogestaltung und radikale Ausdruckssteigerung unterstrichen. Das Hörvergnügen, welches dieser sprühende Enthusiasmus bereitete, konnte auch nicht getrübt werden vom etwas turbulenten zweiten Satz, in welchem vielleicht etwas viel riskiert worden ist.
Das Mondrian-Ensemble blickt auf eine zehnjährige Geschichte zurück; dank der 2008 hinzugekommenen Pianistin Tamriko Kordzaia – eine feste Grösse im hiesigen Musikbetrieb durch ihre Tätigkeit am Konservatorium und im Ensemble Theater am Gleis – ist es mit Winterthur verbunden. Das bereits in Basel, Zürich und Luzern aufgeführte Programm wird nun im Januar auch in der Villa Sträuli zu hören sein. Das Konzert bildet den Auftakt zu einer dreiteiligen Kammermusikreihe: Ein russisches Programm mit Kammermusikwerken von Dmitri Schostakowitsch und dessen Schülerin Galina Ustwolskaja folgt im März (zusammen mit der Sopranistin Sylvia Nopper), ferner dann im Mai ein Abend, der Kompositionen von Joseph Haydn und zeitgenössische Werke der Schweizer Komponisten Mischa Käser, Michel Roth und Roland Moser miteinander verbindet. Die Gelegenheit ist also günstig, das ungewöhnliche Ensemble auch in Winterthur kennen zu lernen.
Marc Hoppler

|Basellandschaftliche Zeitung|
Mai 2009
| ||Johann Sebastian Bach und kein Ende|
Das Mondrian Ensemble brachte Lukas Langlotz’ «Ricercare für Streichtrio» in der Gare du Nord zur Uraufführung: ein fantastischer Kammermusikabend.
Robert Schumann, Franz Liszt, Max Reger, dann Hanns Eisler, Ernst Krenek, Anton Webern: Sie ...gesamten Text lesen
|Johann Sebastian Bach und kein Ende|
Das Mondrian Ensemble brachte Lukas Langlotz’ «Ricercare für Streichtrio» in der Gare du Nord zur Uraufführung: ein fantastischer Kammermusikabend.
Robert Schumann, Franz Liszt, Max Reger, dann Hanns Eisler, Ernst Krenek, Anton Webern: Sie reizte die Aufgabe, die geheiligte Tonfolge «b-a-c-h» komponierend weiter- und auszudenken, um schliesslich festzustellen, dass Joahnn Sebastian Bach, an den, wie Maurizio Kagel sagte, alle Musiker glauben, unausdenkbar bleibt. Einer, der sich davon nicht abschrecken liess, ist der Basler Komponist Lukas Langlotz (geboren 1971). Sein «Ricercare für Streichtrio», seine Paraphrasen des «Musikalischen Opfers» (BWV 1079) brachte das Mondrian Ensemble in der Gare du Nord in Basel zur Uraufführung: Die Violinistin Daniela Müller, die Bratschistin Petra Ackermann und der Cellist Martin Jaggi spielten Langlotz’ neue Komposition höchst konzentriert, technisch makellos und musikalisch klug und sensibel.
Vergleicht man die Basler Aufführung mit den b-a-c-h Paraphrasen von Eisler, Krenek und Webern, die Mondrian im ersten Teil des Konzertes spielte, knüpfen Langlotz’ «Ausdenkungen» › so die ersten Höreindrücke › an Anton Weberns Streichtrio von 1926/27 an. In einer Zwölftonreihe versteckt wird da das b-a-c-h abstrakt hörbar, das als denkbare Nähe und zugleich erlebbare Ferne immer gegenwärtig ist.
Und auf diesem Niveau bewegt sich Langlotz’ «Suchen», denn «ricercare» heisst (nach)forschendes, ergründendes Suchen. Ihn lockte allerdings das «Königliche Thema» (Friedrichs II. von Preussen), um das herum Bach das «Musikalische Opfer» komponierte. In dessen «canones diversi» setzte er vier «Insegna» (Ab-, Kennzeichen) und einen «Spiegel», in denen seine Klangvorstellungen sich Bachs Musik entgegenstellen und sie ergänzen. Der Kontrast könnte nicht grösser sein, auch in Bezug auf die Spieltechniken, und dennoch gelingt Langlotz ein dauerndes «hin zu Bach» und «weg von ihm», ein Sichfinden in ihm und dabei in sich selbst.
Hochkonzentrierte Kammermusik hat Langlotz geschaffen, die auf jede effektvolle Anbiederung verzichtet und die in ihrem radikalen Ernst «die schönste Musik, reine Anschauung, . . . die alle Möglichkeiten in einer traumähnlichen Gleichzeitigkeit offenbart» (Langlotz) suchend zu finden, tatsächlich fündig wird.
Lukas Langlotz ist Musik geglückt, die in Anlehnung an den Bach’schen Titel Opfer in Form konzentrierter Neugier und Aufmerksamkeit von den Zuhörern einfordert. Das Königliche Thema fragmentiert in Flageoletts, sein chromatischer Abgang als Glissandi, seine Akkorde als zerkratzte Zumutungen: Johann Sebastian Bach ist in Langlotz’ Musik fern und zugleich doch immer nah.
Die Zuhörer erlebten in der Gare du Nord einen beeindruckenden Kammermusikabend. Langer Beifall für das exzellente Spiel der drei Mondrians und den sich freuenden Basler Komponisten Lukas Langlotz.
Nikolaus Cybinski

|St. Galler Tagblatt|
Mai 2009
| ||Kunst des kleineren Uebergangs|
Das Mondrian Ensemble mit Toro-Pérez und Feldman im letzten Contrapunkt-Konzert dieser Saison.
Zum Contrapunkt-Saisonende führte uns das Mondrian-Ensemble eine Kunst des noch kleineren Übergangs vor. Ein asketisches Programm mit zwei Werken...gesamten Text lesen
|Kunst des kleineren Übergangs|
Das Mondrian Ensemble mit Toro-Pérez und Feldman im letzten Contrapunkt-Konzert dieser Saison.
Zum Contrapunkt-Saisonende führte uns das Mondrian-Ensemble eine Kunst des noch kleineren Übergangs vor. Ein asketisches Programm mit zwei Werken (von 45 bzw. 90 Minuten) hinterliess den Eindruck eines erfrischenden Kammermusikabends. Solche Musik mit einem so guten Ensemble zu erleben, erinnert an das Privileg einer Ars subtilior, an eine musikalische Raffinesse, die nur im Geist des nutzfreien (profitunabhängigen) Spiels möglich ist.
Zu Beginn lässt Toro-Pérez' Erzählgestus in Rulfo/voces/ecos aufhorchen. Was im ersten Teil noch an Nono erinnern mag, gewinnt schnell eine eigene Handschrift. Das Streichtrio nimmt sich, wie in einem halbkreisförmigen Säulengang plaziert, Raum. Behutsam wird in der elektroakustischen Installation mit Spektral-, Glocken- und Echoklängen an den Streicherklang angeknüpft. Durch die konzentrierte Aufführung und die Logik der Form wirkt das fünfsätzige Werk trotz seiner Gefahr, sich in seiner Länge zu verlieren, schlüssig. Juan Rulfos Texte, worauf das Werk basiert, bleiben mysteriös; unheimliche Rituale einer fremden Sprache.
Die Virtuosität aller Streicher, im Ensemble der Ecksätze wie auch in den solistischen Binnensätzen, macht betroffen. Es ist eine Lust, die horrend schwierigen Techniken (Springbogen, Arpeggio-, Pizzicato-, Glissando-, Ponticello-Spiel sowie unerhörte Triller und Doppelgriffe) so meisterhaft ausgeführt zu erleben. Ein Ballett!
Die zweite Hälfte führt durch die Reduktion der Lautstärke und der Bewegungsdynamik zu noch grösserer Aufmerksamkeit. Erstaunlich, wie in Feldmans Trio durch die Zurücknahme jeglicher Erzähldramatik im unverrückbaren Pianissimo viele kleine Feuer zu brennen beginnen. Das Klaviertrio dringt bis an die Grenzen des Hörbaren, eine extreme Konzentration, die eine heitere Stille bewirkt. Immer wieder das Gleiche anders gesagt, Feldmans abstrakter Expressionismus wird in diesem Spätwerk zum besonderen Erlebnis. Das Werk ist so lang, dass jegliches Gefühl für Form sich auflöst zugunsten des Ereignishaften; schon zu Beginn scheint alles gesagt, aber mit unendlicher Phantasie werden die Muster in neue Konstellationen, in neues «Licht» gebracht.
Das Ensemble spielt diesen Minimalismus mit ungeahnter rhythmisch-dynamischer Differenzierung und aggressiver, klangsinnlicher Artikulation. Eine Gelassenheit ohne Zurückhaltung, wie beim Knüpfen eines türkischen Nomadenteppichs, in dem Abrash entsteht: Die kleinen Unterschiede der Wollfärbung, dieser «herrliche Schimmer», die «unmerklichen Schattierungen», die Feldman so gefielen. Sie sind tatsächlich da!
Charles Uzor

|Basellandschaftliche Zeitung|
April 2009
| ||Dieter Ammann als Komponist und als Musiker|
Zweites und drittes Konzert von «les muséiques» mit Überraschungen. Das Mondrian Ensemble spielte Bach, Xenakis und Ammann. Cellist Sebastian Hess und Pianistin Margarita Höhenrieder Gabrielli bis Genzmer.
Am zweiten Abend von "les muséiques" ...gesamten Text lesen
|Dieter Ammann als Komponist und als Musiker|
Zweites und drittes Konzert von «les muséiques» mit Überraschungen. Das Mondrian Ensemble spielte Bach, Xenakis und Ammann. Cellist Sebastian Hess und Pianistin Margarita Höhenrieder Gabrielli bis Genzmer.
Am zweiten Abend von «les muséiques» im Museum Tinguely in Basel hat das Mondrian Ensemble ein ausserordentliches Konzert gegeben. Als Ensemble sind die drei Streicher auf zeitgenössische Musik spezialisiert und bringen entrückende Versionen von Iannis Xenakis’ «Ikhoor» (1978) und Dieter Ammanns zwanzig Jahre jüngerem Stück «Gehörte Form › Hommages» zur Aufführung. Aber auch die dazwischen gelegten drei Contrapunti aus der Kunst der Fuge von Johann Sebastian Bach sind Perlen skizzierter, hingestrichener Struktur und Klarheit.
Dieter Ammanns Stück hat das Ensemble seit Jahren im Repertoire, und der als Composer in Residence am Festival weilende Komponist bedankt sich nach dem Konzert bei dem Ensemble, das seine Musik «so spielen kann, wie sie intendiert ist».
Andreas Fatton

|Basellandschaftliche Zeitung|
März 2009
| ||Vom Lehrer zum Schüler|
Ein farbenreiches Konzert hat das Mondrian Ensemble samstags in der Gare du Nord gegeben › und mit einem schönen Programmeinfall zwei Jahrhundertwenden umfasst und übersprungen. «Vom Lehrer zum Schüler» ...gesamten Text lesen
|Vom Lehrer zum Schüler|
Ein farbenreiches Konzert hat das Mondrian Ensemble samstags in der Gare du Nord gegeben › und mit einem schönen Programmeinfall zwei Jahrhundertwenden umfasst und übersprungen. «Vom Lehrer zum Schüler» lässt sich das Prinzip zusammenfassen, angefangen bei Ferruccio Busoni, der als eine der herausragenden Lehrergestalten des 20. Jahrhunderts zahlreiche Meister- und Musterschüler prägte. Ein Meisterwerk spielt das Ensemble allerdings gerade von Busoni nicht; wir können das Andante mit Variationen und Scherzo (1880/84) aber gerne ein Gesellenstücklein nennen, in das man schon denselben musikalischen Eifer hineingeben muss wie der damals 14-jährige Komponist, um ihm den Glanz zu geben, den es verdient.
Schon mit dem Komponisten Philipp Jarnach gelangen wir darauf in die Schweiz: Er hat während des Ersten Weltkriegs bei Busoni in Zürich studiert. Aus dem richtigen Holz geschnitzt sind seine Drei Rhapsodien (Violine und Klavier, 1928) für Daniela Müller und Tamriko Kordzaia: In ihnen darf man sein Instrument noch anfassen, und die beiden Musikerinnen bringen das instrumentale Verständnis des Komponisten zur prächtigsten Geltung.
Von Wladimir Vogel, der sich 1933 im Tessin niedergelassen hat und dort in einen Künstler- und Freundeskreis um Max Bill aufgenommen wurde, erklingt Graphique (1976) für Streichtrio, ein sehr klares, vielleicht auch ein bisschen leergeräumtes Stück, das dem Freund Max Bill gewidmet ist und sich dessen Werk in mehreren unterschiedlich ausgeleuchteten und beschallten Kanälen annähert. Die Musik für Violoncello und Klavier (1959) des Vogel-Schülers Jacques Wildberger klingt ungleich rebellischer; für eine lyrische, starke Cello-Stimme ist sie geschrieben, das kommt Martin Jaggi nur entgegen.
Bei Jacques Wildberger hat sich in Basel Heidi Baader-Nobs ausgebildet und ihr Trio à cordes (2002 › 04) hinterlässt einen nahezu sprachlos. Aus der ganzen Handlungskontrolle, die die Komponistin den drei Streichern auferlegt, entsteht und erklingt eine lebendige Kraft, die einen durch die kleinen Stockungen und Stolpersteine musikalischen Moment-Terrains schwungvoll mitträgt. Nicht zum ersten Mal gibt das Mondrian Ensemble das Trio zum Besten, aber zum Besten gehört es dieses Mal: eine Benchmark-Aufführung legen die Musiker nicht nur sich selbst vor.
Die gezogene Erinnerungs- und Entwicklungslinie wäre auf der musikalischen Landkarte vielleicht nicht als schnellste und breiteste markiert. Aber zum Glück gibt es die Nebenwege › und zum Glück entwischen auf ihnen die Schüler regelmässig ihren Lehrern.
Andreas Fatton

|The Strad (Concert Reviews)|
Oktober 2008
| ||Debut at the Wigmore Hall|
Back at Wigmore Hall, the Swiss Ambassador's Award Concert (9 October) spotlighted the Mondrian Ensemble Basel, which performed the world premiere of a piano quartet, PLOD ON..., by its cellist Martin Jaggi. There's an engaging sense of restlessness in the work's alternation of crash and ...gesamten Text lesen
|Debut at the Wigmore Hall|
Back at Wigmore Hall, the Swiss Ambassador's Award Concert (9 October) spotlighted the Mondrian Ensemble Basel, which performed the world premiere of a piano quartet, PLOD ON..., by its cellist Martin Jaggi. There's an engaging sense of restlessness in the work's alternation of crash and decay, a prevalence of sighing gestures and a wide repertoire of effects - from feather-light spiccato passages, fast ricocheting between instruments and even a mad jazz interlude. The players proved equally committed to the work's technical difficulties and its shifting moods. Along with a performance of the String Trio by Sandor Veress - warmly expressionistic, yet distinctly Hungarian - this new work formed a foil to two trio sonatas by C.P.E. Bach (in C major Woty.91 no. 4 and in E minor Wotq.89 no.5), meticulously phrased and boasting clarity, elegance and muscular "attitude". Brahms's Piano Quartet no.3 (op.60) ended the concert, confirming that these players are as intelligent and far-sighted as they are collectively inspired and individually capable.

|Zofinger Tagblatt|
August 2008
| ||Zum Gedenken - Gross ist der Einfluss der Volksmusik|
Ein Weltklasse-Ensemble spielte im Siegfried-Forum ganz gross auf. Sentiments romantiques in der nuit rouge und Folclore imaginaire der nuit bleue waren die Themen des zweiten und dritten Konzertabends ...gesamten Text lesen
|Zum Gedenken - Gross ist der Einfluss der Volksmusik|
Ein Weltklasse-Ensemble spielte im Siegfried-Forum ganz gross auf. Sentiments romantiques in der nuit rouge und Folclore imaginaire der nuit bleue waren die Themen des zweiten und dritten Konzertabends mit dem Mondrian Ensemble Basel im Siegfried-Forum in Zofingen, wo sich Konzertbesucherinnen und -besucher aus der ganzen Schweiz trafen.
Auch das Hirzenberg Festival Zofingen 2008 bot die unmittelbare Begegnung mit der Musik, mit der Sonate für Violine und Klavier von Leos Janácek, dem Duo für Violine und Violoncello von Zoltán Kodály und dem Klarinettentrio a-Moll op. 114 von Johannes Brahms. Durch alle Höhen und Tiefen menschlicher Empfindungen führten die Musikerin und die Musiker, die in unterschiedlicher Zusammensetzung, aber immer in voller Harmonie konzertierten.
Behutsam, fast zärtlich fing Daniela Müller den ersten Janácek-Satz an, in den Anton Kernjak mit dem Klavier brutal einfiel. Wenig später fand es zu empfindsamen Tönen, und perlende Läufe reihten sich zu Melodien. Jetzt protestierte die Geige trotzig in aufbegehrender Wildheit und führte den Widerstreit zum viel beklatschten Ende.
Im Duo für Violine und Violoncello von Zoltán Kodály verband sich Daniela Müller mit Martin Jaggi im wechselnden Pizzicato. Sacht und subtil, elegisch gefühlvoll brachte dieser sein Cello zum Klingen. Wie in einem Geflecht verschlangen sich die Ton-Girlanden von Violine und Violoncello und zauberten eine fast andächtige Stimmung, die aber jäh unterbrochen wurde durch ein tänzerisches Duett, in dem Ballerinas und Holzschuhe miteinander bis zum atemberaubenden Finale wetteiferten.
Tanzen war auch bei Johannes Brahms angesagt. Martin Jaggi, Violoncello, Lars Heusser, Klarinette, und Anton Kernjak, Klavier, interpretierten das Klarinettentrio a-Moll op. 114, in dessen drittem Satz die Töne immer mehr in Fluss kommen, bewegter werden und plötzlich in einen Ländler umkippen. Dieter Ammann, der künstlerische Leiter des Vereins Kulturraum Hirzenberg, hatte die Zuhörer darauf hingewiesen, dass viele berühmte Komponisten volkstümliche Elemente in ihre Werke einbauen, als er im Pausengespräch Daniela Müller, Martin Jaggi und Anton Kernjak auf den Zahn fühlte und auch Privates aus ihnen herauskitzelte. Aufschlussreich für die Gäste war, dass er bestätigte, was sie selber gemerkt hatten: Mit der Beschäftigung mit der Neuen Musik verändern die Künstler ihre Interpretation: Die Kontraste der Tempi und Lautstärke werden grösser, und Kompositionen, die man als harmlose Werke ihrer Schöpfer zu kennen glaubt, weisen plötzlich ungeahnte Brüche auf.
Folclore imaginaire der nuit bleue
Im blau beleuchteten Forum hämmerte das Cello wie ein Schlagzeug den Beginn von Dhipli zyia für Violine und Violoncello von Iannis Xenakis, wurde dann aber unvermittelt fein und leise. Witold Lutosawskis Dance Preludes war ein Antwortspiel von Klarinette und Klavier, eine Folge ganz kurzer Sätze verschiedenster Stimmungen. Mal beschwörend eindringlich, dann locker oder dumpf. Wie Tropfen fielen die Töne des Klaviers in das Lied der Klarinette hinein, die nur noch zu hauchen schien - als müsste sie Atem schöpfen für das schnelle und rhythmisch ausgeprägte finale Crescendo.
Grosse Begeisterung weckte die Sonate Nr. 1 für Violoncello und Klavier von Bohuslav Martinu, eine Komposition wie aus der Natur entlehnt. Sanfte Meereswellen wurden plötzlich vom Sturm gepeitscht, der wieder verebbte, die Wogen aber später mit umso grösserer Wucht ans Ufer donnern liess und sich steigerte bis zu aufwühlenden Schlussakkorden.
Am letzten Abend wurde dieses Konzertstück nur noch von Antonín Dvoráks Klaviertrio «Dumky» Op. 90 e-Moll übertroffen. Was Daniela Müller, Martin Jaggi und Anton Kernjak ihren Instrumenten entlockten, war sensationell im wahrsten Sinn des Wortes.
Nicht nur Gehör und Augen nahmen dieses Trio für Violine, Violoncello und Klavier auf, der ganze Körper lebte und empfand mit, was Antonín Dvorák in seine Kompositionen hineingelegt hatte. Hier spürte man hautnah den Einfluss der Volksmusik, dem sich kein grosser Musiker entzieht. Jeder Satz hatte ein Herzstück, und das war ein Tanz. Daniela Müller wurde zum Zigeunerprimas, riss ihre Kollegen mit und mit ihnen das ganze Publikum, das nicht aufhören wollte Beifall zu klatschen - einerseits der hervorragenden Interpretation, andererseits dem Komponisten, der sie mit der ungeheuren Fülle seiner musikalischen Einfälle spannende Musik hatte erleben lassen.
Adelheid Aregger

|Zofinger Tagblatt|
August 2008
| ||Tonsprache voll ausgeschöpft|
Am ersten Abend des Hirzenberg-Festivals trat das Mondrian Ensemble im Siegfried-Forum auf.
Wegen der Witterung findet das Hirzenberg-Festival mit dem phänomenalen Mondrian-Ensemble im Siegfried-Forum statt. Vor vollem Haus (180 Personen) interpretierte ...gesamten Text lesen
|Tonsprache voll ausgeschöpft|
Am ersten Abend des Hirzenberg-Festivals trat das Mondrian Ensemble im Siegfried-Forum auf.
Wegen der Witterung findet das Hirzenberg-Festival mit dem phänomenalen Mondrian-Ensemble im Siegfried-Forum statt. Vor vollem Haus (180 Personen) interpretierte das Ensemble am ersten Abend Werke von Carl Philipp Bach, Dieter Ammann und Ludwig van Beethoven. Jolanda Senn, Präsidentin des Vereins Kulturraum Hirzenberg, begrüsste die rund 180 Besucherinnen und Besucher zur «Nuit jaune», dem ersten Abend des Hirzenberg-Festivals mit dem Mondrian-Ensemble. Sie versprach nicht zu viel, wenn sie dieses Ensemble als «phänomenal» ankündigte. Der Verlauf des Konzertes machte deutlich, dass es sich um Musiker von Weltklasse handelt.
Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788) gilt als der berühmteste der Bach-Söhne. Von ihm wurde die Sonata Wotq. 90 Nr. 2 vom Trio Anton Kernjak (Piano), Daniela Müller (Violine) und Martin Jaggi (Cello) intoniert. Wer nun ein typisches Barockstück erwartet hatte, der wunderte sich, denn C.P.E. Bach gibt sich in dieser Sonata bald als der Hauptvertreter des Sturm und Drang zu erkennen. Zwar mangelt es dieser Komposition nicht an lieblichen Passagen, doch gibt es hier die typisch zerrissenen Melodien und ungewöhnliche Sprünge, Harmonien und Wendungen, die sich von der Barock-Tradition unterscheiden. Die Tempi wechseln und steigern sich, wobei die Präzision der Einsätze beeindruckte. Sehr schön und stimmungsvoll waren auch die Hintergrund-Projektionen der innig spielenden Musiker.
«Gehörte Form - Hommages»
Von Dieter Ammann, dem Zofinger Komponisten Zeitgenössischer Musik, stammt die Komposition «Gehörte Form - Hommages» aus dem Jahre 1999. Es handelt sich um ein Stück für Streichtrio. Der Komponist selbst erklärte dazu, er habe von einer Schönberg-Komposition fünf Töne als Ausgangspunkt genommen und dann in anderen Klangfarben umgesetzt und anders phrasiert und rhythmisiert. Vor allem im dritten Satz liegen die Rhythmen teils übereinander. Die Musik trifft zusammen und zerbröselt dann wieder.
Neue Musik muss man unmittelbar auf sich wirken lassen, ohne sie denkend zu analysieren oder in ihre Bestandteile zu zerlegen. Wer dieses Wagnis eingeht, wird reich belohnt. Worte reichen kaum an solche Hörerlebnisse heran. Nur so viel sei gesagt, dass langgezogene Töne das Stück eröffnen, fast wie Sirenen, dass die Töne pfeifen und quietschen, flattern und vibrieren wie heisse Sommerluft. Anschwellend werden Spannungen erzeugt, die sich bald wieder verflüchtigen, ein faszinierendes Spiel von laut und leise bis hin zur Stille.
Nach einem Gespräch mit den Musikern und einer kurzen Pause ging es weiter mit dem «Geistertrio» D-Dur op. 70 Nr. 1 von Ludwig van Beethoven. Dieses Klaviertrio bewegt sich überwiegend auf der musikalischen Sonnenseite. Kernstück ist ohne Zweifel das Largo espressivo.
K.P.

|Basellandschaftliche Zeitung|
Mai 2008
| ||Wie Muster von Orientteppichen NEUE MUSIK|
In der Gare du Nord in Basel gab es ein kleines Morton-Feldman-Festival. Das Mondrian Ensemble spielte von ihm spätere und frühere Werke. Komponisten und Musiker, die bei Morton Feldman gelernt haben, ...gesamten Text lesen
|Wie Muster von Orientteppichen NEUE MUSIK|
In der Gare du Nord in Basel gab es ein kleines Morton-Feldman-Festival. Das Mondrian Ensemble spielte von ihm spätere und frühere Werke
Komponisten und Musiker, die bei Morton Feldman gelernt haben, erzählen vom unerbittlichen stundenlangen Frontalstil, den der 1987 gestorbene amerikanische Komponist gepflegt habe. Auch seinem Konzertpublikum hat Feldman das Anhören fünfstündiger Stücke zugetraut. Und wenn das jenem sogar leichtfällt, dann nicht, weil Feldmans Musik ein unterhaltsam sprudelnder Ideenbrunnen wäre. Sie ist vielmehr ziemlich kleinteilig, ziemlich artig, und manchmal ohne Zweifel einzigartig.
Sagen wir es so: Wir hören ein kleines Motiv, ein kleines Muster von Tönen. Wir hören es gleich noch mal. Dann noch mal. Dasselbe und das gleiche, mit leichten Veränderungen. Und noch mal: aber anders gemeint. Wir haben es gehört, vor Augenblicken, leise Cello-Töne, die auf einen Klavierakkord antworten vielleicht. Und irgendwann ist man sich nicht mehr sicher, wie beim Zählen von Glockenschlägen. Dazwischen Stille, Pausen, die nicht weniger als die gespielten Patterns selbst Teil der zyklischen Formen sind, die sich schliesslich nur als Erinnerungsspiralen erhalten.
Ich glaube nicht, dass es sich um eine Hypnose des Hörzentrums handelt, ich bilde mir ein, es sei mathematisch angeregt. Die Muster orientalischer Teppiche würde man normalerweise zum Vergleich ausbreiten, auch Feldman selbst hat das gerne getan.
Auf die fünfstündigen Brocken haben das Mondrian Ensemble und Jürg Henneberger am Morton Feldman-Wochenende in der Basler Gare du Nord allerdings verzichtet; man hat sie dort in anderen langen Feldman-Nächten schon hören können. Immerhin drei Stücke aus den vier Konzerten weisen aber eine Dauer von über einer Stunde auf, und stellen so jeweils ein eigenes Konzert dar. Diese drei Stücke stammen aus einer Schaffensphase zwischen 1980 bis 1982, als Feldman zu einer extremen Vereinheitlichung seiner Musiksprache bereits gefunden hatte. «For John Cage» (1982) für Violine und Klavier und «Patterns in a Chromatic Field» (1981) für Cello und Klavier nehmen Daniela Müller, Martin Jaggi und Jürg Henneberger in Angriff. Seit den fünfziger Jahren stand Feldman mit John Cage in freundschaftlichem Austausch, nicht nur für Cage, sondern auch für andere Künstlerpersönlichkeiten aus dieser New Yorker Zeit hat Feldman Jahre später grosse Widmungsstücke geschrieben.
Man kann Feldman beim Komponieren zuhören, sobald die Musiker zu spielen beginnen. Um die durchwegs äusserst leisen Stücke in Bewegung › und in einen Bereich biegsamer Zeitbegriffe › zu bringen, ist unablässige Konzentration vonnöten. Auch das Trio von 1980 für Violine, Cello und Klavier (Anton Kernjak) klingt und gelingt ausgezeichnet.
Einer glücklichen Idee entspringen die beiden «Vorkonzerte»: es gibt auch den «kurzen Feldman». Im Vergleich zum Spätwerk sind diese Stücke aus den fünziger und sechziger Jahren geradezu kontrastfreudig und bereichern gewiss das Bild, das sich an diesem Wochenende von Morton Feldman gewinnen oder verfeinern lässt. Gleichzeitig zeigen die früheren Stücke aber auch, dass nicht alles von Feldman von gleicher Bedeutung und Wirkung ist. Aus den gespielten Werken sind «Vertical Thoughts 1» (1963), «Four Instruments» (1965) für Röhrenglocken, Klavier, Violine und Cello, und «Piano» (1977) hervorzuheben.
Morton Feldman gehört zu den Komponisten, die man › als Musiker wie als Hörer › entweder liebt oder meidet. Wenn sich das Mondrian Ensemble, im Bereich zeitgenössischer Musik ja für ein äusserst breites Interesse bekannt, einmal für mehrere Konzerte auf einen einzigen Komponisten beschränkt, dann braucht man sich vor den Folgen einer «Monokultur» nicht zu ängstigen. Der Dirigent und Pianist Jürg Henneberger zudem ist Feldman-erprobt wie kaum ein anderer. In fünf Konzerte sind die zwei Konzertabende verpackt › und es ist keineswegs so, dass dieser musikalische Marathon kein Publikum findet. Konzerte sind eben gesund, man muss es nur wagen.
Andreas Fatton

|Basellandschaftliche Zeitung|
Februar 2008
| ||Kammermusik: Mondrian Ensemble in der Gare du Nord|
Etwas gar sanft eingebettet fand sich Detlev Müller-Siemens neues Stück im Konzert des mondrian ensemble zwischen Janaceks pohadka, dem "Märchen" für Violoncello und Klavier und der einzigen Sonate für Violine ...gesamten Text lesen
|Kammermusik: Mondrian Ensemble in der Gare du Nord|
Etwas gar sanft eingebettet fand sich Detlev Müller-Siemens neues Stück im Konzert des mondrian ensemble zwischen Janaceks pohadka, dem "Märchen" für Violoncello und Klavier und der einzigen Sonate für Violine und Klavier des tschechischen Komponisten. Nicht dass gegen die beiden Janaceks etwas einzuwenden wäre, zumal Martin Jaggi, Daniela Müller und Anton Kernjak hier formidabel in ihrem musikalischen Element sich bewegen. Aber gegenüber Müller-Siemens sind sie eben das: Märchen, entfernt und damals.
Müller-Siemens Stück, ein Klavierquartett in einem Satz, das ist Musik von heute, "lost traces" betitelt allerdings. Was ist da seinerseits verloren gegangen? "Lost traces" erinnert an "Distant traces", die Müller-Siemens im letzten Jahr für den verstorbenen György Ligeti geschrieben hat, ein Klaviertrio, im Vergleich zum Klavierquartett von halber Dauer. Ob und wie zwischen den Stücken ein engerer Zusammenhang besteht, ist mir unbekannt; eine Spurensuche liegt in beiden. Was sich da aber auf den Weg macht zu suchen, hat nichts von schwärmerischer Natur. Es ist ein ziemlich verzweifelter Spürhund, der da zu Beginn nach musikalischen Resten scharrt und gegen immergleiche Hindernisse anrennt. Aus den zitternden Bewegungen und Attacken dieses Anfangs findet das Stück nach wenigen Minuten hinaus, es ist im Ganzen episodisch organisiert, mit abwechselnder Intensität und Dynamik. Es entsteht aber tatsächlich auch der Eindruck eines Katalogs musikalischer Suchbewegungen im Kleinen. Bohrend und stur kann man immer wieder die gleiche Schublade aufziehen oder meditierend dasitzen. Die nagenden Klavierakkorde, die molekular-beweglichen Streicher, ein gänzliches Innehalten: es finden sich immer musikalische Entsprechungen für die Bilder.
Detlev Müller-Siemens, langjähriger Professor für Komposition an der Musikakademie in Basel (und nun in Wien), hat einmal mehr ein kantiges, aber hochinteressantes Stück geschrieben. Das Mondrian Ensemble mit dem Gast-Bratschisten Hannes Bärtschi ist dieser Uraufführung mehr als gewachsen, ja es wächst zu der nötigen Einheit zusammen, die das Stück fordert, da gerade die Streicher häufig, wie die Finger derselben Hand sozusagen, als einzelnes Instrument geführt werden.
Emotional, geschmeidig und intensiv folgte Ludwig van Beethovens "Geistertrio" von 1808. Zu recht vollends geliebt und gefeiert wurden die Musiker des Basler Mondrian Ensemble dafür vom Publikum.
Andreas Fatton

|Neue Luzerner Zeitung NLZ|
Dezember 2007
| ||Der Thrill der alten und neuen Musik|
Junge Kammermusikspitze: Das Tecchler-Trio und das Mondrian-Ensemble spielten Moderne und Romantik
Beide Ensembles haben einiges gemeinsam. (...) So bewies das Mondrian Ensemble am Samstag mit Werken von Ammann und Veress, dass es die Facetten ...gesamten Text lesen
|Der Thrill der alten und neuen Musik|
Junge Kammermusikspitze: Das Tecchler-Trio und das Mondrian-Ensemble spielten Moderne und Romantik
Beide Ensembles haben einiges gemeinsam. (...) So bewies das Mondrian Ensemble am Samstag mit Werken von Ammann und Veress, dass es die Facetten zeitgenössischer Musiksprachen von leisesten Schwingungen bis zum zupackenden Thrill atemberaubend beherrscht. (..)
Frappant an Ammanns Werken ist, wie sinnlich und atmosphärisch sie auf die Zuhörenden wirken. Sie ziehen einen rein, ohne dass man sich geblendet fühlt. Das top engagierte Mondrian Ensemble hat zu dieser Transparenz seinen starken Teil beigetragen.
Pirmin Bossart/Urs Mattenberger

|Berner Zeitung|
März 2007
| ||Veress-Festival - Präzis und brilliant|
Das zweite Wochenende des Veress-Festivals gewährte tiefe Einblicke in das Schaffen des Komponisten. (...) Ein besonderes Ereignis stellte auch die lange Nacht der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik dar. In der grossen Halle der Hochschule der ...gesamten Text lesen
|Veress-Festival - Präzis und brilliant|
Das zweite Wochenende des Veress-Festivals gewährte tiefe Einblicke in das Schaffen des Komponisten. (...) Ein besonderes Ereignis stellte auch die lange Nacht der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik dar. In der grossen Halle der Hochschule der Künste Bern waren bis Mitternacht verschiedenste Stücke von Veress, seinen Schülern und Zeitgenossen sowie Uraufführungen seiner Enkelschüler zu hören. Für das hohe Niveau der Interpretation sorgten Spezialisten in Sachen Neue Musik, wie das Mondrian Ensemble und das SWR-Vokalensemble Stuttgart. Dazwischen wurden dem Publikum ungarische Gaumenfreuden serviert, (...).
Murielle Ehrler

|Der Bund|
März 2007
| ||Sandor Veress lebt - Lange Nacht zu Ehren des Komponisten|
Bemerkenswerte Interpreten prägten die Lange Nacht der IGNM in der Berner Hochschule der Künste
Dem Komponisten ist es möglich, nach dem Tod weiterzuleben. Er tut es in seiner Musik, doch er hat noch einen anderen Zugang ...gesamten Text lesen
|Sandor Veress lebt - Lange Nacht zu Ehren des Komponisten|
Bemerkenswerte Interpreten prägten die Lange Nacht der IGNM in der Berner Hochschule der Künste
Dem Komponisten ist es möglich, nach dem Tod weiterzuleben. Er tut es in seiner Musik, doch er hat noch einen anderen Zugang zur Nachwelt: seine Schüler. Bei einem so aktiven Pädagogen wie Sandor Veress hat sich das Netzwerk seiner Studenten wie ein Stammbaum bis in die Gegenwart verästelt. Seine Enkelschüler mögen sich weiter vom Stamm entfernt haben, doch im Hintergrund ist noch immer die Persönlichkeit des ungarisch-schweizerischen Komponisten zu vernehmen. (...)
Die IGNM integriert ihre Lange Nacht in der Berner Hochschule der Künste in die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag des Komponisten und nähert sich seinem Schaffen mit dem nötigen Ernst. (...) Dichte Ausdruckskraft und verträumte Poesie tönen aus dem Streichtrio von 1963. Die sieben Madrigale "Songs of the Seasons" wagen die experimentelle Verbindung von ungarischer Volksmusik mit der Vokalpolyfonie der Spätrenaissance, ein höchst anspruchsvolles Werk, das in seiner Ausführung nur dann bestehen kann, wenn es von einem hochkarätigen Chor gesungen wird. Im SWR Vokalensemble Stuttgart hat die IGNM einen solchen verpflichten können. (...)
Die Enkelschüler
Der Rest des Abends steht unter dem Titel "Veress' Enkelschüler" und wird mit dem Mondrian Ensemble ebenfalls von preisgekrönten Interpreten Neuer Musik gespielt. Die Komponisten der Klasse von Roland Moser führen vor Augen, wie sich die zeitgenössische Musik entwickelt hat. (...) Michel Roths Streichtrio "erschöpfung" pendelt zwischen Grenzpunkten der Dynamik, leichtes Antippen von Saiten wird kaum mehr als Sirren wahrgenommen. Es wird unterbrochen von groben Klangflächen, die in ihrer Massigkeit den Raum in Beschlag nehmen.
Die zwei Uraufführungen der Langen Nacht stellen den Klang und sein Entwicklungspotential ins Zentrum. Isabel Klaus' Klavierquartett spielt mit Klangobjekten, die pulsieren und flimmern, sich konkurrenzieren oder zusammenwirken. In Wanja Aloes "Soleil Noir" bilden sehr leise Flageolett-Töne eine Fläche für die Projektion kantiger Klangobjekte.
Schliesslich stellt der Abend mit Werken von Dieter Ammann einen Schweizer Komponisten vor, dessen Werk eine ganz persönliche Note hat. In "Regards sur les traditions" für vierhändiges Klavier und im Streichtrio "Gehörte Form - Hommages" demonstriert Ammann sein ausgeprägtes Gefühl für Akzente, Rhythmus, Patterns und Klang. Das Mondrian Ensemble unterstützt diese Neue Musik und erfüllt sie mit Leben.
mzb

|Basellandschaftliche Zeitung|
Februar 2007
| ||Musikalische Spaziergänge durch Calvinos Städte|
"Unsichtbare Städte" von Lars Heusser: Das Mondrian Ensemble in der Gare du Nord
Den imaginierten Städten aus Italo Calvinos Roman "Le città invisibili" folgt Lars Heussers gleichnamiger kammermusikalischer Zyklus. ...gesamten Text lesen
|Musikalische Spaziergänge durch Calvinos Städte|
"Unsichtbare Städte" von Lars Heusser : Das Mondrian Ensemble in der Gare du Nord
Den imaginierten Städten aus Italo Calvinos Roman "Le città invisibili" folgt Lars Heussers gleichnamiger kammermusikalischer Zyklus. Mehr als 50 dieser Portraits finden sich bei Calvino, Heusser hat mittlerweilen sieben vertont und für das Konzert des Mondrian Ensembles zusammengestellt. Wunderbar anzuhören ist hier, wie Heusser die jeweils unterschiedliche formale Anlage, aber auch den allegorischen Gehalt der Beschreibungen in Musik übersetzt. Die Vorlage dient eher dazu, narrative Spaziergänge zu unternehmen als strikte Charakterstücke abzulesen. Auf maximal fünf Instrumente wächst die Besetzung, Felix Renggli und Lars Heusser verstärken für die zwei Uraufführungen im Rahmen des Zyklus das Mondrian Ensemble.
Zu Oinda schreibt Calvino: "Sie ist wahrlich nicht die einzige Stadt, die in konzentrischen Kreisen wie ein Baumstamm wächst, der jedes Jahr einen Ring zunimmt", eine Passage, die die meditativen Erinnerungs- und Erneuerungsgesten dieses Klavierstücks (Anton Kernjak) nur spiegelt.
Die städtebaulichen Absurditäten Calvinos baut Heusser melodiereich, wo nötig auch mit attackierender Geste nach. Er profitiert nicht nur von der urbanen Farbigkeit und Polyrythmik, sondern auch von der paradoxen Anlage, dem geheimnisvollen Leben, das sich in den Orten abspielt. Gleichzeitig - das gehört zum Überraschendsten des Zyklus - schafft es Heusser, eine grundsätzliche Reduktion in die Stücke zu bringen: Sie sind lediglich zwischen fünf und zehn Minuten lang und bei aller Vielfalt doch auch von einer einheitlichen Musiksprache. Äusserst "bezogen" und integrierend lassen sich infolgedessen die sieben Stücke, die ja als einzelne entstanden sind, denn auch hören.
In den Städten Calvinos sucht Heusser jeweils nach einer Grundbewegung, einem psychologischen Prinzip oder vielleicht einem formalen Kontrast. Es zeugt von guter Zusammenarbeit mit dem Komponisten, wie das junge Mondrian Ensemble diese Musik begreift und umsetzt. Heusser setzte sich als Interpret vor allem in Eutropia (2000) für Klarinette solo in Szene, während Felix Renggli vor allem in den Flötenparts von Eusapia (2001) sich brillant entfalten durfte. Nicht einmal eine ganze Stunde dauert die Aufführung; ein begeistertes Publikum machte klar, dass es sich um seine Zeit keineswegs betrogen fühlte.
Andreas Fatton

|Neue Zuger Zeitung |
Oktober 2006
| ||Keine Angst vor Zwölftonspielen|
Musikhochschule Luzern im Kunsthaus Zug
(Eröffnungskonzert der Studienwoche)
(...) Golyscheffs Streichtrio (...) erwies sich gar als ein Werk von visionärer Kraft. Das war auch dem exzellenten Mondrian Ensemble Basel zu verdanken, das sich nicht scheute, ...gesamten Text lesen
|Keine Angst vor Zwölftonspielen|
Musikhochschule Luzern im Kunsthaus Zug
(Eröffnungskonzert der Studienwoche) (...) Golyscheffs Streichtrio (...) erwies sich gar als ein Werk von visionärer Kraft. Das war auch dem exzellenten Mondrian Ensemble Basel zu verdanken, das sich nicht scheute, auch extreme Ausdruckszonen anzupeilen und bis hart an die Grenzen des Möglichen zu gehen.
Fritz Schaub

|Der Bund|
September 2006
| ||"Zeitgenossen auf dem Prüfstand"|
Der Concours Nicati, der grösste Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik, kommt nach Bern
(...) Das Mondrian Ensemble aus Basel schaffte dank dem Concours Nicati den Karrieresprung. (...)
Das blutjunge Mondrian-Ensemble aus Basel etwa hat den ...gesamten Text lesen
|"Zeitgenossen auf dem Prüfstand"|
Der Concours Nicati, der grösste Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik, kommt nach Bern
(...) Das Mondrian Ensemble aus Basel schaffte dank dem Concours Nicati den Karrieresprung. (...)
Das blutjunge Mondrian-Ensemble aus Basel etwa hat den Concours Nicati vor sechs Jahren gewonnen. Heute gehört es zu den führenden europäischen Ensembles im Bereich zeitgenössische Kammermusik. Es konnte eine CD herausgeben, und namhafte Komponisten haben speziell für das Ensemble komponiert. (...) Hier hat das Sprungbrett Wettbewerb funktioniert.
Marianne Mühlemann

|www.musicalpointers.co.uk|
September 2005
| ||Recitals - Debut at the Lucerne Festival|
Totally different in aim and achievement was the Mondrian Ensemble, a widely acclaimed piano quartet whose members have played and trained in UK (Daniela Müller, Lucerne born, was recently in London with a scholarship to the Guildhall School). Their unusually structured lunchtime ...gesamten Text lesen
|Recitals - Debut at the Lucerne Festival|
Totally different in aim and achievement was the Mondrian Ensemble, a widely acclaimed piano quartet whose members have played and trained in UK (Daniela Müller, Lucerne born, was recently in London with a scholarship to the Guildhall School). Their unusually structured lunchtime programme consisted of four trios, two for strings, two for piano trio. They presented impressive classical credentials in an HIP account of Haydn (his trios still needing advocacy, having been eclipsed by Mozart's for centuries), and a deeply thought and perfectly balanced Brahms Op.8 (revised version) which sent us out to lunch by the river Reuss richly satisfied.
The audience appreciated those fully, but were undaunted at all by the rather tough 1954 string trio of Veress (Hungarian born, from 1950 Switzerland his second home, and latterly championed by his pupil Heinz Holliger) - a strong two-movement work with obvious nods to Bartok in the fast second movement. For radical 'now' music on a flourishing Swiss scene, we had Erschöpfung from their 'house composer' Michel Roth's Mondrian Cycle (eponymous for the ensemble) - its abrasive energy took its toll of Martin Jaggi's cello bow, with a broken string right at the end!
The Mondrian Ensemble's CD (Grammont Portrait MGB CTS-M 88) was on sale; an unusual debut disc, very strongly recommended. Two modern classics for string trio - Scelsi's forward-looking trio of 1958 which explores in each movement the potential locked in a single note) and Ikhoor by Xenakis (1978) - are neither of them as well known as each deserves. The rest are Swiss originals; Michel Roth (b.1976) with an earlier piano trio in his Mondrian Cycle which takes Piet Mondrian's Composition with Red, Yellow & Blue as a cue for 'transformational processes' involving 'subtle intonational dissonances', and an eclectic string trio by another, Dieter Ammann (b.1962), who plays entertainingly with clichés, full of surprises. And Michel Jaggi, the ensemble's cellist, who is worthily represented as composer by Scbebka for the core ensemble plus double bass, a powerful work deriving from numerous journeys in Africa which 'expanded his knowledge far beyond the scientific and cultural' (bassists should carry the score of Scbebka around with them to rehearsals for their Trout gigs!). We must hope that the Mondrian Ensemble will soon be invited to Wigmore Hall in London (or to The Warehouse or Blackheath Halls) as ideal ambassadors for new Swiss chamber music, a rich quarry yet to be explored in UK.
Dr. Peter Grahame Woolfe, London

|Tages-Anzeiger|
September 2005
| ||Wenige Kompromisse, viel Erfolg|
Gestern ging das Lucerne Festival zu Ende, einmal mehr spielte die Neue Musik eine wichtige Rolle im Programm. Wie eigentlich? (...)
Ungemein vital agierte auch das fabelhafte Basler Mondrian Trio in seiner Interpretation von Michel Roths Streichtrio ...gesamten Text lesen
|Wenige Kompromisse, viel Erfolg|
Gestern ging das Lucerne Festival zu Ende, einmal mehr spielte die Neue Musik eine wichtige Rolle im Programm. Wie eigentlich? (...)
Ungemein vital agierte auch das fabelhafte Basler Mondrian Trio in seiner Interpretation von Michel Roths Streichtrio "Erschöpfung". (...)
Michael Kunkel

|DISSONANCE|
September 2005
| ||Musik als Grenzgang|
105. Tonkünstlerfest in Kreuzlingen/Konstanz (17.-19. Juni 2005)
(...) Schiffe, auch solche der gediegenen Ausflugsdampferklasse, zu der die MS Graf Zeppelin gehört, besitzen einfach keine Säle, in denen sensibel-filigrane Musikstücke sich adäquat entfalten ...gesamten Text lesen
|Musik als Grenzgang|
105. Tonkünstlerfest in Kreuzlingen/Konstanz (17.-19. Juni 2005)
(...) Schiffe, auch solche der gediegenen Ausflugsdampferklasse, zu der die MS Graf Zeppelin gehört, besitzen einfach keine Säle, in denen sensibel-filigrane Musikstücke sich adäquat entfalten können. Selbst dann nicht, wenn das fabelhafte Mondrian Ensemble hier mit bewundernswerter Verve gegen alle äusseren Widrigkeiten anspielte, den Streichtrios von Michel Roth, Heidi Baader-Nobs, Detlev Müller-Siemens und Pierre Mariétan die bestmöglichen Chancen einräumte. (...)
Stefan Fricke

|Schweizer Musikzeitung SMZ|
Juli 2005
| ||L'aisance et la souveraineté de l'ensemble Mondrian|
(...) Déjà moult fois couronnés par des prix d'importance, les musiciens ouvrent la première plage de leur CD avec Ikhoor, pour trio à cordes, de Xenakis. Pièce bouillonnante, sauvage, faite de notes martelées, de glissandi inquiétants, de ...gesamten Text lesen
|L'aisance et la souveraineté de l'ensemble Mondrian|
(...) Déjà moult fois couronnés par des prix d'importance, les musiciens ouvrent la première plage de leur CD avec Ikhoor, pour trio à cordes, de Xenakis. Pièce bouillonnante, sauvage, faite de notes martelées, de glissandi inquiétants, de strates de tempi déstabilisants, elle ne semble donner aucun fil à retordre aux musiciens. En effet, ceux-ci ont tellement bien ingéré toutes les difficultés des pages de Xenakis qu'ils réussissent à les faire passer le plus naturellement du monde. (...)
Une musique de surprises, fraîche et inattendue, à découvrir d'autant plus agréablement qu'elle est divinement jouée par les Mondrian.
Thierry Dagon

|Irish Times|
Juni 2005
| ||West Cork Chamber Music Festival / Reviews|
(...) Two major works by Schubert featured in the day's offerings, the tunefully genial Trout Quintet (members of the Mondrian Ensemble with pianist Mihaela Ursuleasa and double bassist Hans Roelofsen), and his final string quartet...gesamten Text lesen
|West Cork Chamber Music Festival / Reviews|
(...) Two major works by Schubert featured in the day's offerings, the tunefully genial Trout Quintet (members of the Mondrian Ensemble with pianist Mihaela Ursuleasa and double bassist Hans Roelofsen), and his final string quartet... played by the Rosamunde Quartet.
The performance of the quintet had all the sense of ease and natural shapeliness which was lacking when it was heard at the Vogler Spring Festival earlier this year. (...)
Michael Dervan

|St. Galler Tagblatt|
Juni 2005
| ||Neue Musik: Auf schwankendem Grund|
Der Schweizerische Tonkünstlerverein feierte sein 105. Fest grenzüberschreitend auf dem Bodensee und diskutierte den Stand der Avantgarde
Uraufführungen gab es zu Wasser und zu Land, Neues hingegen kaum. ...gesamten Text lesen
|Neue Musik: Auf schwankendem Grund|
Der Schweizerische Tonkünstlerverein feierte sein 105. Fest grenzüberschreitend auf dem Bodensee und diskutierte den Stand der Avantgarde
Uraufführungen gab es zu Wasser und zu Land, Neues hingegen kaum. Am 105. Tonkünstlerfest in Kreuzlingen suchte die Komponisten-Avantgarde ihren Standort.
Martin Preisser
Zentrale Aktion des dreitägigen, erstmals grenzüberschreitenden Tonkünstlerfestes in Kreuzlingen und Konstanz war die neunstündige Schifffahrt über den Bodensee, Landgang in Überlingen inklusive. Wirklich neue kompositorische Ansätze spürte man aber weder in den Bläser-Appetithäppchen (intensiv blieb nur die bereits 17 Jahre alte «Atemlinie» für Horn und Tamtam aus René Wohlhausers Feder haften, beeindruckend umgesetzt von Olivier Darbellay) noch in den im heissen Schiffsraum anstrengenden vier Beiträgen zur Gattung Streichtrio (am ehesten noch liess Michel Roths «Erschöpfung» aufhorchen).
Brillante Interpreten:Hier wurde augenfällig, woran manche Avantgarde krankt: Es fehlt an Innovation, die Emotionen sind gebremst, Nabelschau ersetzt Welthaltigkeit, und das rein Intellektuelle hat in etlichen Werken ein Übergewicht. Immerhin: Dies lässt sich durch ein extrem intensives interpretatorisches Engagement wettmachen. Das junge Mondrian-Ensemble aus Basel leistete in Werken von Roth, Baader-Nobs, Mariétan und Müller-Siemens Hervorragendes. Da bringt dann musikantische Leidenschaft Verve in die Kompositionen.
Martin Preisser

|Tages-Anzeiger|
Mai 2005
| ||Klavierduo trifft Streichtrio|
Beim Zürcher Musikpodium wurde "gehämmert und gestrichen". Das Motto des Konzertes klang nach Baustelle, das Konzert selber zuweilen auch. Gehämmert wurde auf zwei Klavieren, gestrichen auf drei Streichinstrumenten ...gesamten Text lesen
|Klavierduo trifft Streichtrio|
Beim Zürcher Musikpodium wurde "gehämmert und gestrichen". Das Motto des Konzertes klang nach Baustelle, das Konzert selber zuweilen auch. Gehämmert wurde auf zwei Klavieren, gestrichen auf drei Streichinstrumenten, und zumindest im eruptiv-nervösen Streichtrio "erschöpfung" des 27-jährigen Luzerners Michel Roth hätte man sich nicht gewundert, wenn die Späne geflogen wären. Es war körperhafte, impulsive, alles andere als transzendentale Musik, die das junge Schweizer Ensemble Mondrian (...) und das Klavierduo Adrienne Soós/Ivo Haag in der Zürcher Musikhochschule präsentierten. Auf einem interpretatorischen Niveau allerdings, das alles andere als baustellenhaft war.
Klangstark und virtuos wirkte etwa die Uraufführung von Roths "molasse vivante" für zwei Klaviere. (...)
Den Rahmen des stimmig konzipierten Konzerts bildeten mit Rudolf Kelterborns schwungvoller Sonata für zwei Klaviere und Sandor Veress' Streichtrio zwei Stücke aus den 50er-Jahren, die bei allen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten haben. In den direkten, pulsierenden Rhythmen etwa, auch in einer bei aller strukturellen Strenge gänzlich unverquälten Haltung. Oder in der Art, wie sie die Interpreten beim Hämmern respektive Streichen auch zum Träumen, Singen, Streiten bringen: Die beiden Ensembles liessen sich die Gelegenheiten nicht entgehen.
Susanne Kübler

|DISSONANCE|
September 2004
| ||Energiezustände|
(Besprechung der Portrait-CD)
Sie spielen hervorragend, machen kluge Programme, haben einen alles andere als übel komponierenden Cellisten in ihrer Mitte und sich in den letzten Jahren mit ihrem fulminanten Spiel einen ausgezeichneten Ruf als (Nicht-nur-)Neue-Musik-Ensemble ...gesamten Text lesen
|Energiezustände|
(Besprechung der Portrait-CD)
Sie spielen hervorragend, machen kluge Programme, haben einen alles andere als übel komponierenden Cellisten in ihrer Mitte und sich in den letzten Jahren mit ihrem fulminanten Spiel einen ausgezeichneten Ruf als (Nicht-nur-)Neue-Musik-Ensemble erworben. Die MGB-Porträt-CD war also fällig, und sie hält denn auch einige jener Stücke fest, mit denen das Basler Mondrian-Ensemble mehrerenorts Erfolge feiern konnte. Fünf Werke sind's, im Zentrum steht SCHEBKA aus der Hand des Mondrian-Cellisten Martin Jaggi. Mit seinen schwarzen Klängen von Klavier und Streichquartett mit Kontrabass ist es tatsächlich so etwas wie ein Gravitationszentrum der CD. Mit präzisen Klangvorstellungen hat Jaggi diesen dunklen Anfang erfunden, aus dem sich die aufgestaute Energie in einem Accelerando entlädt, das so voraussehbar wie trotzdem packend und gerade deshalb ein Beleg guten Komponierens ist. Auch die weiteren Wechsel der Energiezustände, gewiss auch aus spielerischem Ausprobieren gewonnen, klingen gut bis süffig und zeugen von einem Komponisten, der genau hören kann, ohne dass er dies mit hypersensibel zerbröselndem Lauschen verwechselte, sondern bei allem Ernst des Geschehens Power und Rhythmus bewahrt und - selten genug unter den hiesigen Musikschreibern - auch spielerische Virtuosität als statthaften musikalischen Effekt auskostet.
Darum herum nun in konzentrischer Symmetrie kontrastierend die anderen Stücke: Michel Roths VERINNERUNG für Violine, Cello und Klavier verzichtet im Gegensatz zu Jaggi auf "Effekte" und legt stattdessen etwas grüblerische Intervallmeditationen in einen langen Fluss mit einem Tempo, das, sollte man von solchen Tonforschungen hörend nicht ausgelastet sein, auch ein Mitschreiben in Echtzeit möglich machte. Nicht leicht, diese 16 Minuten mit Spannung zu versehen. Dass es gelingt, spricht für das Ensemble Mondrian ebenso wie für die inneren Qualitäten des Stücks. Im Programm vis-à-vis zu Roth steht Giacinto Scelsis STREICHTRIO von 1958, vier Ein-Ton-Sätze mit Trance-Potenzial. Und Anfang und Ende der CD machen zwei Streichtrios mit gegensätzlicher Ausgangsästhetik: Steht Iannis Xenakis' IKHOOR mit seinen archaisch unbehauenen Klangbrocken, den obsessiven Tonrepetitionen und rohen Glissandi fürs "Naive", dann leistet Dieter Ammann mit Gehörte Form - Hommages das "Sentimentalische", indem es, seinem Titel treu, mit angenehm sparsam eingesetzten Konstruktionsmitteln Tonfälle des aus jüngerer Musikgeschichte Bekannten so ineinander fügt, dass daraus gleichsam verspiegelte, mitunter erheiternde, manchmal nicht ganz geheuere Räume entstehen. Dies alles mit voller musikalischer Präsenz umgesetzt und mit absolut unproblematisch wirkendem Verständnis für all die wechselnden Tonsprachen von einem jungen Ensemble, von dem noch einiges zu erwarten sein dürfte.
Michael Eidenbenz

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
Juni 2004
| ||Lebenslinien - Bilanz|
Zehn Jahre Ittinger Pfingstkonzerte: Andras Schiff schuf sie gemeinsam mit Heinz Holliger; über die Jahre haben die beiden die Konzeption verfeinert, ein Kammermusikfestival entstand, bei dem das Publikum sich mit offenem Geist mit der Musik der Vergangenheit und Gegenwart ...gesamten Text lesen
|Lebenslinien - Bilanz|
Zehn Jahre Ittinger Pfingstkonzerte: Andras Schiff schuf sie gemeinsam mit Heinz Holliger; über die Jahre haben die beiden die Konzeption verfeinert, ein Kammermusikfestival entstand, bei dem das Publikum sich mit offenem Geist mit der Musik der Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzt. Es sind zunächst intelligent aufeinander abgestimmte Programme, welche die beiden anbieten. Sie machen wach für die Wahrnehmung neuer Bedeutungsschichten, die Musik steht ganz im Zentrum. Das Zweite sind Interpretationen auf meist exzeptionellem Niveau, denn Holliger und Schiff führen Musikerinnen und Musiker zusammen, welche die Lust der beiden, sich intensiv mit einer Partitur auseinanderzusetzen, teilen. So sind oft Wiedergaben von einer Inspiriertheit sondergleichen zu hören. (...) Um "Lehrer und Schüler, Lebenslinien" ging es in der zehnten Ausgabe. (...) Unglaublich Perényis Auftritt mit der Cello-Solosonate op. 8 von Zoltan Kodaly. Oder das Streichtrio von Sandor Veress mit dem jungen Basler Mondrian Ensemble, das damit einen schlicht sensationellen Auftritt hatte. (...)
Alfred Zimmerlin

|Neue Zürcher Zeitung NZZ|
November 2003
| ||Verfeinerungen auf höchstem Niveau|
Einen grossen Auftritt hatte das Mondrian Ensemble, das zu den Spitzenensembles Neuer Musik gehört. Es ermöglichte unter anderem die Begegnung mit dem vom ersten bis zum letzten Ton attraktiven Klaviertrio "verinnerung" von Michel Roth; oder mit der Begabung des ...gesamten Text lesen
|Verfeinerungen auf höchstem Niveau|
Einen grossen Auftritt hatte das Mondrian Ensemble, das zu den Spitzenensembles Neuer Musik gehört. Es ermöglichte unter anderem die Begegnung mit dem vom ersten bis zum letzten Ton attraktiven Klaviertrio "verinnerung" von Michel Roth; oder mit der Begabung des Komponisten Martin Jaggi.
Alfred Zimmerlin

|Basler Zeitung|
Mai 2003
| ||Unheimlich dicht|
Das Mondrian Ensemble hat sich über die Region hinaus einen guten Namen für die Interpretation zeitgenössischer Musik erspielt - zu Recht, wie sich am Sonntagabend im IGNM-Konzert in der Gare du Nord zeigte. Es war nicht nur ein künstlerisch anspruchsvolles Programm ...gesamten Text lesen
|Unheimlich dicht|
Das Mondrian Ensemble hat sich über die Region hinaus einen guten Namen für die Interpretation zeitgenössischer Musik erspielt - zu Recht, wie sich am Sonntagabend im IGNM-Konzert in der Gare du Nord zeigte. Es war nicht nur ein künstlerisch anspruchsvolles Programm - die energetisch hoch aufgeladenen Stücke erforderten auch einiges an konditionellem körperlichem Einsatz von der Violinistin Daniela Müller, dem Bratschisten Christian Zgraggen, dem Cellisten Martin Jaggi, dem Kontrabassisten Daniel Sailer und dem Pianisten Walter Zoller.
Gleich zu Beginn war Enormes zu leisten: "Ikhoor" von Iannis Xenakis stellt mit seinen schroffen, überlauten, aggressiven Eingangsfiguren einige athletische Anforderungen - vor allem dann, wenn die Ausführenden die anfänglich losgelassene Energie in die subtile Fortsetzung mit ihren akkordisch dichten homophonen Spannungsbögen hinüberretten wollen - ein Kunststück, das dem Mondrian Ensemble hervorragend gelang.
Martin Jaggi scheint es als Komponist mit genau der Energie aufnehmen zu wollen, die das Ensemble mit Iannis Xenakis so überzeugend darstellt: Sein Stück "Schebka", dessen Titel sich auf die netzartigen Risse in Teilen des Bodens der Sahara bezieht, ist zuweilen geradezu unheimlich dicht gewoben, zieht sich in weichen, mulmigen Akkorden schroffen Rissen entlang und rechnet in der Feinverteilung der Stimmen jederzeit mit "seinem" Ensemble, das diese gewollt brüchige, im Endeindruck einfach sehr schöne Musik angemessen darzustellen weiss.
Als Uraufführung folgte das dem Mondrian Ensemble gewidmete "Streichtrio" von Detlev Müller-Siemens. Es scheint zunächst spätromantische Gesten zu zitieren, die es jedoch erwartungsgemäss in bewusst fahrigem Zerbröseln in Frage stellt. Das Ensemble stellt die unablässig einander folgenden Brüche zwischen lyrischen Versprechungen und schroffem Widerspruch so gekonnt dar, dass man glauben möchte, an einem engagierten - und nicht unamüsanten - Diskurs über die neuere Musikgeschichte teilzunehmen.
Michel Roth hat unter dem Titel "Mondrian Zyklus" drei zueinander gehörende Stücke für das Mondrian Ensemble geschrieben: "erschöpfung", "verinnerung" und "verrückung", die nun erstmals in ihrer Gesamtheit vorgestellt wurden. Auch Roth rechnet mit den überdurchschnittlichen Möglichkeiten dieses Ensemble, stellt gewissermassen eine kompositorische Schnittstelle zwischen ihm und seinem Namen her: In freier Assoziation bezieht er sich rückwärts auf Piet Mondrians Bilder und vorwärts auf das Ensemble, das sich nach dem Maler benannt hat. Wildes Figurenwerk kontrastiert in "erschöpfung" mit schattenhaften Nachwehen, in sorgsam ausgelotete Klänge fallen in "erinnerung" Tropfen bis hin zum Ausbruch in wilde Cluster-Sequenzen, reiben sich mikrointervallische Liniengänge an eruptivem Aufbegehren - und all das ist, zumindest in der Interpretation dieses Ensembles, schlüssig, folgerichtig, schön.
Die Gare du Nord war bis auf den letzten Platz besetzt; niemand hat sein Kommen bereut.
David Wohnlich

|Neue Luzerner Zeitung NLZ|
November 2002
| ||Elementarteilchen auf weissem Grund|
Das Mondrian Ensemble hat sich nicht nur mit atemberaubenden Interpretationen in die vordere Reihe junger Schweizer Kammermusikformationen gespielt. Bemerkenswert ist auch, dass es sich offensichtlich mit viel Herzblut für neue Musik engagiert. ...gesamten Text lesen
|Elementarteilchen auf weissem Grund|
Das Mondrian Ensemble hat sich nicht nur mit atemberaubenden Interpretationen in die vordere Reihe junger Schweizer Kammermusikformationen gespielt. Bemerkenswert ist auch, dass es sich offensichtlich mit viel Herzblut für neue Musik engagiert.
Urs Mattenberger

|Neue Luzerner Zeitung NLZ|
März 2002
| ||Wandlungsfähiger Brahms|
Nach nur zwei Jahren hat sich das Mondrian Ensemble (--) einen erstaunlichen Ruf erarbeitet. Zu Recht, wie am Freitag der fulminante Auftritt im Marianischen Saal, Luzern, bekräftigte. Starke persönliche Eindrücke in der Gestaltung und Haltung ...gesamten Text lesen
|Wandlungsfähiger Brahms|
Nach nur zwei Jahren hat sich das Mondrian Ensemble (--) einen erstaunlichen Ruf erarbeitet. Zu Recht, wie am Freitag der fulminante Auftritt im Marianischen Saal, Luzern, bekräftigte.
Starke persönliche Eindrücke in der Gestaltung und Haltung des Musizierens vermittelte Alfred Schnittkes Klaviertrio, in dem die drei jungen Musiker die rabiat hämmernden Ausbrüche, aber auch die entrückten Volkston-Idyllen mit geradezu fanatischem Ausdruckswillen in die Extreme trieben. Von der unerbittlichen Expressivität und der naiv ausgestellten Idyllensehnsucht in diesem Werk führte hier ein direkter Weg zu Brahms' draufgängerischem Klaviertrio in H-Dur. Denn auch in diesem romantischen Werk kultivierten die Musiker nicht einseitig die Fülle des Wohllauts, sondern brachen sie in einer erstaunlich persönlich geprägten und schlicht hinreissenden Wiedergabe, durch pointierte Phrasierung und Artikulation akzentscharf auf. Während der zwischen fahler Trauer und Jubelglanz äusserst wandlungsfähige Ton der Geigerin dem Zusammenspiel entscheidende energische Impulse gab, profilierten sich der Cellist Martin Jaggi und der Pianist Walter Zoller diskreter als lyrische Gestalter.
Urs Mattenberger

|Neue Luzerner Zeitung NLZ|
Januar 2001
| ||Ein dankbareres Publikum hätten sich die vier kaum wünschen können. Nicht nur bei Mozarts Klaviertrio G-Dur, selbst bei Giacinto Scelsis neutönerisch-subtilem "trio à cordes" (aus dem Jahre 1957, wie man mit Erstaunen feststellt) und vollends bei Dmitri Schostakowitschs ...gesamten Text lesen|
|Ein dankbareres Publikum hätten sich die vier kaum wünschen können. Nicht nur bei Mozarts Klaviertrio G-Dur, selbst bei Giacinto Scelsis neutönerisch-subtilem "trio à cordes" (aus dem Jahre 1957, wie man mit Erstaunen feststellt) und vollends bei Dmitri Schostakowitschs meisterhaftem Klaviertrio Nr. 2 Op. 67 (1944) sprang der Funke auf die Zuhörer über. Das war eben weit entfernt von einer blossen Pflichtübung. Da setzten sich eine Musikerin (--) und zwei Musiker (--) mit Herz und Können, mit sowohl innerer als auch äusserer Übereinstimmung im Zusammenspiel für jedes der stilistisch ganz unterschiedlichen Werke ein, und das spürt ein Publikum instinktiv.|
Fritz Schaub

|Basler Zeitung|
September 2000
| ||Hundert Jahre Tonkünstler (über das Tonkünstlerfest 2000 in St. Moritz)|
Zum Besten, was an diesem Fest der Künste zu hören war, gehörten die Konzerte des renommierten Amati-Quartetts und des noch ganz jungen Mondrian-Streichtrios. ...
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|Hundert Jahre Tonkünstler (über das Tonkünstlerfest 2000 in St. Moritz)|
Zum Besten, was an diesem Fest der Künste zu hören war, gehörten die Konzerte des renommierten Amati-Quartetts und des noch ganz jungen Mondrian-Streichtrios.
Dieter Ammann gelingt es in seinem Streichtrio, eine Vielzahl von Ideen zusammenzuhalten, ohne Zuflucht zu solchem Kitt oder vorgegebenen Formen zu nehmen, und hält, was er im Titel verspricht: Gehörte Form - Hommages. Daniela Müller, Christian Zgraggen und Martin Jaggi, die schon längere Zeit zusammenspielen und - seit sie den vom STV und der Bernischen Musikhochschule ausgerichteten Nicati-Interpretationspreis für zeitgenössische Musik gewonnen haben - unter dem Namen Mondrian Ensemble auftreten, gingen Ammanns Stück, Ikhoor von Iannis Xenakis und selbst das vergleichsweise akademische Trio von Sandor Veress mit solch fulminantem Zugriff und solch frappierender Virtuosität an, dass die wenigen Zuhörer, die sich am Samstagnachmittag in den Laudinella-Saal verirrt hatten, zu Ovationen hingerissen wurden.
Christoph Keller

|swissclassic.net|
April 2000
| ||Erster Preis ging ans Mondrian-Ensemble|
Über das vergangene Wochenende (6.-10. April 2000) wurde an der Hochschule für Musik und Theater in Biel der „Concours Nicati", ein Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik, erstmals durchgeführt. Vier Solisten und ein Ensemble wurden mit Preisen ausgezeichnet. ...gesamten Text lesen
|Erster Preis ging ans Mondrian-Ensemble|
Über das vergangene Wochenende (6.-10. April 2000) wurde an der Hochschule für Musik und Theater in Biel der "Concours Nicati", ein Interpretationswettbewerb für zeitgenössische Musik, erstmals durchgeführt. Vier Solisten und ein Ensemble wurden mit Preisen ausgezeichnet.
Das Streichtrio des Mondrian Ensembles aus Basel erhielt einstimmig den mit der stattlichen Summe von 18'000 Franken verbundenen ersten Preis zugesprochen. Die Geigerin Daniela Müller, der Bratschist Christian Zgraggen und der Cellist Martin Jaggi, die seit erst anderthalb Jahren in Basel gemeinsam proben, wurden zudem für das Eröffnungskonzert des Tonkünstlerfestes vom 26. August in St.Moritz eingeladen. Das Mondrian-Ensemble ist ein Quartett, das ausser den Streichern noch zusätzlich mit Klavier besetzt ist.
Der "Concours Nicati", der in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Tonkünstlerverein, Radio DRS und der Hochschule für Musik in Biel dieses Jahr zum ersten Mal durchgeführt wurde, zeichnet Berufsmusiker für die Interpretation zeitgenössischer Musik aus. Die gespielten Werke müssen nach 1945 entstanden sein. Bei der Vorprüfung und im Final muss mindestens eines der vorgetragenen Werke von einem Schweizer Komponisten geschrieben sein. Die Teilnehmer müssen Schweizerbürger oder in der Schweiz wohnhaft sein.
Dank der Stiftung Nicati-de-Luze für die Förderung der Schweizer Musik verfügte die Jury über einen Gesamtbetrag von 30'000 Franken, den sie für einen oder maximal vier Preise einsetzen kann. Sie kann auch auf eine Preisverleihung verzichten.
swissclassic.net