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Schauplatz einer dramatischen Geschichte. Ein goldgieriger, machthungriger Sohn, ein gestürzter König und ein grausamer Vatermord, danach die Flucht in den Dschungel. Hier auf dem Löwenfelsen entsteht eine einmalige Festung…
Es ist früh am Morgen. Eine leichte Brise weht und die Luft ist noch frisch. Die grosse Hitze aber wird erst später kommen. Eine kühle, kleine Hand ergreift die meinige. Ein Wispern dringt an mein Ohr. Die scheinbar schwebende Gestalt zieht mich in Richtung Eingang. „Komm, komm“, ich habe versprochen, dir mein Zuhause zu zeigen und dir die Geschichte zu erzählen“.
„Sigiriya‚ ein geheimnisvoller Name, Sigiriya ein geheimnisvoller Ort, der nur entstehen konnte durch einen Vatermord. Jede Geschichte hat einen Anfang und auch diese“, fährt die kristallklare Stimme fort.
Der wahnsinnige Vatermörder
„Schauplatz ist Anuradhapura, die alte Königstadt nördlich von hier. Kassapa, der verblendete Sohn stürzt seinen Vater, den mächtigen König Dathusena vom Thron. Aber das genügt ihm nicht, er möchte auch die Schätze seines Vaters besitzen. Doch der grösste Reichtum des Vaters, der als grosser Erbauer des ausgeklügelten Bewässerungssystems gilt, ist das Wasser. Der Sohn wird wütend, kettet den Vater an einem Felsen und lässt ihn qualvoll verdursten. Sein Bruder, Moggallana, der rechtmässige Erbe wird verjagt.
„Warum Kassapa in Panik geriet, darüber weiss ich nichts“, fährt meine Begleiterin fort. „Doch bald beherrscht die Angst vor Moggallanas Rache Kassapas Leben und er flüchtet mit seinen Anhängern in den Dschungel. Diesem Wahnsinnigen verdankt die Welt Sigiriya.
In kurzer Zeit wird das Naturphänomen des Löwenfelsen zum Ausdruck menschlicher Schöpferkraft. Der Löwenfelsen wird in eine Festung verwandelt mit zahlreichen Gängen, hunderten von Stufen und vielen Ziegelmauern. In dieser Festung zwischen Himmel und Erde mauert er sich buchstäblich ein. Seine Angst und sein Wahn verwandeln Kassapa in einen verblendeten Wahnsinnigen. Er hält sich für einen Gott, der von bösen Mächten bedroht ist, genauer gesagt für die Inkarnation des Hindugottes Kubera, der Gott des Reichtums. Auf dem Rücken des Löwenbergs wird der eigentliche prächtige Palast angelegt. Von seinem Thron in luftiger Höhe schaut Kassapa I, wie er sich jetzt nennt, den tanzenden jungen Mädchen zu.“
Wolkenmädchen
„Komm weiter. Jetzt zeige ich dir mein Zuhause“, sagt meine fast fliegende Begleiterin. Wir befinden uns auf halber Höhe, zwischen Dschungel und Himmel ien einer luftigen Höhle, die man heutzutage über steile Wendeltreppen erreichen kann.. In dieser Höhle entdecke ich die Gefährtinnen meiner Begleiterin, die berühmten Wolkenmädchen, die seit Jahrhunderten die Besucher verzaubern. Ich schaue in die jungen, reizvollen Gesichter und es ist als seien sie gerade frisch gemalt worden. Mein „persönliches“ Wolkenmädchen neigt leicht den Kopf und fährt leise mit ihrer Geschichte fort. „In der Literatur heisst es, dass wir Mädchen die Wolken sind, die den Berg umgeben. Die Spiegelwand – genau wie unsere Bilder – und der gesamte Palast wurden in nur sieben Jahren anlegt. Auf dem Putz wurden Eiweiss und Honig aufgetragen und alles immer wieder poliert und poliert bis der Hochglanz erreicht wurde.“ Dieser Glanz ist wohl kaum verloren gegangen in den letzten 1500 Jahren.
Langsam trenne ich mich von den faszinierenden Bildern der Wolkenmädchen und der Spiegelwand. Wir gehen weiter durch den ursprünglichen Eingang der Löwenburg. Noch heute sind die aus Ziegeln erbauten Tatzen zu erkennen. Darüber prangte der in den Felsen gehauene mit Ziegeln modellierte und Stuck bemalte Löwenkopf.
Wir kommen oben an. Der Ausblick ist gigantisch. Tief unten liegt der grüne Dschungel. Von hier aus konnte jeder Angreifer schon weit gesichtet werden. „Doch das wird dem inzwischen zum Buddhismus bekehrten Kassapa auch nicht mehr helfen. Im 18 Jahr seiner Herrschaft näherten sich die Truppen seines Bruders Moggallana, die bereit sind, den König und Vatermörder in seiner Festung Sigiriya zu stellen. Kassapa verlässt die Himmelsburg und die entscheidende Schlacht findet ausserhalb der Festung auf einem Feld statt. Nach dem Sieg über seinen Bruder zerstört Moggallana Sigiriya. Die Ruinen werden den buddhistischen Mönchen überlassen. Die Löwenfestung mit uns Wolkenmädchen gerät im Laufe der Zeit in Vergessenheit.
UNESCO Welterbe
1828 wird Sigiriya durch Zufall von britischen Großwildjägern entdeckt und schon bald von Archäologen freigelegt. 1982 wird es in die Liste der UNESCO Welterbe aufgenommen aufgrund von Kriterium II („bedeutender Schnittpunkt menschlicher Werte in Bezug auf die Entwicklung von Architektur oder Technologie, der Großplastik, des Städtebaus oder der Landschaftsgestaltung“), Kriterium III („außergewöhnliches Zeugnis von einer kulturellen Tradition oder einer bestehenden oder untergegangenen Kultur“) und Kriterium IV (ein hervorragendes Beispiel eines Typus von Gebäuden, architektonischen oder technologischen Ensembles oder Landschaften, die einen oder mehrere bedeutsame Abschnitte der Geschichte der Menschheit versinnbildlichen).“
„So nun kennst Du die Geschichte von Sigiriya, den wahnsinnigen Kassapa und uns Wolkenmädchen“. Die kristallklare Stimme wird leiser bis der Wind sie ganz verschluckt. Alleine steige ich hinunter durch das höfische Paradies mit den Überresten der einstmals eleganten Gartenanlage, Pavillons, Bädern und Springbrunnen. Und immer wieder kommt mir das Bild der Wolkenmädchen in den Sinn, die so zwischen Himmel und Erde verweilen und nach mir noch hoffentlich viele Besucher verzaubern.
Photos & Story: Sabina Herbst