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«Aus Versehn in Versen» verfasste Gedichte sind nie ganz aus Versehn entstanden. Soviel lässt sich mit Bestimmtheit zum neusten Gedichtband von Felix Philipp Ingold sagen. Der fast gleiche Klang von «Versehn» und den «Versen» unterbricht den geläufigen Sinn der beiden Wörter. Wenn man etwas «aus Versehn» tut, so versieht man sich, man tut etwas unabsichtlich. Die Frage ist dann, wer es tut, das heisst wer «aus Versehn in Versen» schreibt, wer sich derart in der Sprache versieht, dass er etwa die scheinbar zufällige, lautliche Nähe der beiden Wörter ernst nimmt, derart ernst, dass neue, unerwartete und unerhörte Beziehungen zwischen ihnen entstehen können. Dieses Versehn hat Methode. Es lässt Schichten der Sprache zu Worte kommen, die nicht der botmässigen Intelligenz unterstellt sind.
In einem solchen spielerischen Ernst gilt dann Sprache nur noch auf Zeit. Sie kündigt ihre Fron auf, zeitlose Bedeutungen unverändert transportieren zu müssen. «Aus Versehn» geschriebene Verse bilden «Gedichte auf Zeit» in dem Sinne, dass sie auf Zeit geschrieben sind, so wie die gedruckte Schrift auf weissem Papier erscheint. «Die Frage ist (wie jede Farbe) weiss.» Die Gedichte von Ingold erscheinen auf einem solchen stummen Hintergrund von Fragen, der weiss (ist). Wissen ist dadurch angesagt, aber keines, das begrifflich fassbar wäre. Es handelt sich eher um ein Ahnen, dessen Inhalte sich blitzartig in Anagrammen, Kalauern, Paronomasien sowie in der bildhaften Anordnung von Gedichten zeigen.
Lesen heisst dann nicht, den durch die Sprache scheinbar für immer geregelten Sinn der einzelnen Wörter nacheinander in deren chronologischen Abfolge als einen ihnen zukommenden sicheren Wert einzulösen. Es besteht vielmehr in der überraschenden Erfahrung, dass sich beim laut Lesen über den Klang eine eigene Form von Zeitlichkeit, von Beziehungen zwischen Wörtern und Klängen ausbildet, die konzentrisch, vertikal, spiralförmig sein kann. Ingolds «Gedichte auf Zeit» lassen Zeit entstehen «bis alle Zeit in Zeltform steht und gilt im Nu». Also bildet diese «Sprachzeit» kein festgefügtes Gebäude, sondern ein mobiles Zelt, in dem Klang und Sinn sich gegenseitig bedingen, wobei oft dem Klang die Rolle zukommt, den Sinn zu leiten.
So entsteht die Frage, ob dieses vorerst sinnferne «Lauschen, ein ‹wie Wissen› sei». Eine Art von Wissen bildet sich beim aufmerksamen Lauschen auf die sprachlichen Klänge der Wörter – ein Lauschen, das aber nicht zum vornherein weiss, auf was es achten soll; denn «auf Schlichen kommt / was plötzlich ähnelt und gehört». Erst wenn man – aber wer? – eine völlig neue Beziehung zwischen verschiedenen Wörtern gehört hat, geht dieses andere, nichtbegriffliche Wissen auf. Ihm auf die Schliche zu kommen, ist oft eine freudige und beglückende Erfahrung, die der Leser jeweils «aus Versehn» macht und dadurch diesen «Versen auf Zeit» zu ihrem Recht verhilft.
vorgestellt von Marco Baschera, Zürich
Felix Philipp Ingold: «Tagesform. Gedichte auf Zeit». Graz: Droschl, 2007.