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Um den japanischen Sport dem Rest der Welt verständlich zu machen, muss nicht zuerst über traditionelle Sportarten gesprochen werden. Weder über die Geschichte des Sumo noch über die Feinheiten des Kendo, der Schwertkunst. Sondern es geht darum, zu begreifen, was die Niederlage bedeutet. In einem älteren Artikel des asiatischen «Time Magazine» wird Mitsunori Urushibara zitiert, ein Professor für Sport-Philosophie. «Das Scheitern», sagt er, «ist in Japan nie nur eine individuelle Angelegenheit.
Sportler spüren immer den Terror, aus der Gruppe ausgeschlossen zu werden.» Als Beispiel wird Tomoko Hagiwara genannt. Als die Schwimmerin bei den Olympischen Spielen in Sydney nach dem Vorlauf über 200 Meter Lagen als Siebte aus dem Wasser steigt, lässt sie die Schultern hängen. Der Reporter des japanischen Senders NHK fragt sie: «Was war der Grund für Ihre schwache Leistung?» Als Hagiwara antwortet, sie hätte zwischen den Schlägen nicht reibungslos gewechselt und schlecht gewendet, belehrt sie der Reporter: «Bitte erinnern Sie sich an diese Punkte, und versuchen Sie es im nächsten Rennen besser zu machen.»
Die mit Abstand bekannteste und gleichwohl tragischste Geschichte dreht sich um den Marathonläufer Kokichi Tsuburaya bei den bislang letzten Sommerspielen in Japan, 1964 in Tokio. Hinter dem Äthiopier Abebe Bikila, der Weltrekordzeit läuft, biegt er als Zweiter in die Schlussrunde im vollen Stadion ein, wird aber noch vom Briten Basil Heatley abgefangen. Obwohl er die einzige Medaille für Japans Leichtathletik-Team gewinnt, sagt er später zu seinem Teamkollegen Kimihara: «Ich habe vor dem japanischen Volk einen unverzeihlichen Fehler begangen. Ich muss es wiedergutmachen, indem ich unsere Flagge bei den nächsten Olympischen Spielen in Mexiko hochziehe.»
Tsuburaya geht zum Militär, um sich dort in den kommenden Jahren optimal auf die Spiele vorzubereiten. Aber als ihn 1967 eine chronische Rückenverletzung und eine Achillessehnen-Verletzung mit anschliessender Operation zurückwerfen, ist er untröstlich. Nach der Neujahrsfeier mit seiner Familie am 9. Januar 1968 kommt er zurück auf die Militärbasis, geht ins Schlafzimmer und schlitzt sich die Pulsadern auf. Als sein lebloser Körper gefunden wird, hält er die Bronzemedaille von Tokio in der Hand. Im Abschiedsbrief steht: «Mein lieber Vater und meine liebe Mutter, euer Kokichi ist zu müde, um weiterzurennen. Vergebt mir. Es tut mir leid, dass ich euch Sorgen gemacht habe. Kokichi hätte gern an eurer Seite gelebt.»
Die Geschichte der Schande geht in Japan Jahrhunderte zurück, bis in die Ära der Samurai, die im späten 12. Jahrhundert begann. Wenn stolze Samurai im Kampf besiegt wurden, empfanden sie es als beschämend, vom Gegner getötet zu werden. Also nahmen sie sich das Leben in einem rituellen Selbstmord, dem Seppuku. Das Gefühl, in der Niederlage beschämt zu sein, hielt sich in der japanischen Kultur bis in die heutige Zeit. Japanische Sieger im Judo beispielsweise halten sich mit Jubeln überaus zurück. Aus Respekt vor dem Verlierer. Und um ihn nicht zu sehr zu beschämen.
«Mein lieber Vater und meine liebe Mutter, euer Kokichi ist zu müde, um weiterzurennen. Vergebt mir. Es tut mir leid, dass ich euch Sorgen gemacht habe. Kokichi hätte gern an eurer Seite gelebt»Kokichi Tsuburaya, Marathonläufer
«Jeder versucht zu gewinnen. Aber wenn einer nicht gewinnt, ist es eine Schande. Es ist gleichzeitig eine gute Möglichkeit, diese Schmach beim nächsten Mal zu überwinden. Wir Japaner wissen, wie wir den Sieger ehren, aber auch die Verlierer. Solange sie ihr Bestes geben», sagt Kojiro Shiraishi. Der japanische Botschafter in Bern hat sich im Restaurant Innere Enge an einen Tisch gesetzt und nimmt sich Zeit, um über die Bedeutung des Sports in seiner Heimat zu sprechen. Shiraishi ist durchaus berufen. In Japan war er Journalist, später Präsident des Medienkonglomerats Yomiuri Shimbun mit der gleichnamigen Tageszeitung, mit über zehn Millionen Exemplaren die auflagenstärkste der Welt. Das Konglomerat besitzt auch die Yomiuri Giants, die älteste und erfolgreichste Mannschaft im japanischen Baseball.
«Japaner sind unübertroffen in ihrer Liebe zum Sport», sagt Shiraishi. «Wir haben viele Sportarten von westlichen Nationen übernommen. Andere, traditionelle Sportarten sind geblieben.» In der Beliebtheitsskala rangieren Sumo und Tennis auf den Plätzen vier und fünf, Golf auf Rang drei, Fussball auf Rang zwei. Aber noch immer deutlich hinter Baseball, das in Japan Yakyu (Feldball) genannt wird.
Nach einer Tournee des amerikanischen All-Star-Teams um Babe Ruth und Lou Gehrig 1934 wurde der Sport populär und professionalisiert. Schon lange gibt es mit der Central League und der Pacific League zwei Profi-Ligen, deren jeweilige Gewinner am Ende der Saison in den Nippon Series den Landesmeister ausmachen.
Die High-School-Finals im Baseball werden aber fast ebenso herbeigesehnt. Es ist das Sprungbrett für aussergewöhnliche Baseball-Talente. Die amerikanischste aller Sportarten gehört nicht zu den schulischen Pflichtfächern. Dafür Judo und Kendo, die wiederum nicht so populär sind wie Sumo, der Ringkampf mit den uralten Ritualen der Shinto-Religion. «Seit über zehn Jahren sind ein paar der besten Sumo-Kämpfer aber keine Japaner, sondern junge Mongolen», sagt Shiraishi. Wie etwa Hakuho Sho, der den höchsten Rang eines Yokozuna erreicht hat. «Die Mongolen kommen nach Japan in die Highschool, werden dort ausgebildet und sind schliesslich oft besser als die Japaner. Wahrscheinlich, weil sie vom Reiten so starke Beinmuskeln haben.»
Äusserliche Einflüsse schmerzen die Japaner vor allem in ihren eigenen, traditionellen Sportarten. Anderes haben sie adaptiert. Baseball eben, das durch die nach dem Zweiten Weltkrieg in Japan stationierte US-Armee zusätzlich Support erhielt. Auch der Fussball hat sich in den vergangenen Jahrzehnten durchgesetzt. «Denn die europäische Kultur ist in Japan mindestens so beliebt wie die amerikanische», sagt Shiraishi.
Ambivalent zeigen sich die Japaner, wenn es um Einheitlichkeit und Abgrenzung der Nationalität geht. Wie bei Naomi Osaka etwa, der Weltnummer 2 im Tennis, die in Japan als Kind einer japanischen Mutter und eines haitischen Vaters geboren wurde und in Long Island im US-Bundesstaat New York aufwuchs. Zwar legte sie 2019 die amerikanische Staatsbürgerschaft ab, weil ein japanisches Gesetz Menschen mit doppelter Staatsbürgerschaft verpflichtet, sich bis zum 22. Geburtstag für eine Staatsbürgerschaft zu entscheiden. Und weil sie nur so für Japan an den Spielen teilnehmen konnte. Sie wird von den japanischen Fans gefeiert und bewirbt als Aushängeschild die Olympischen Spiele. Dennoch sieht sie sich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Eine Sponsoren-Werbung im Cartoon-Format stellte sie als hellhäutig dar, ein Comedy-Duo im Fernsehen meinte, sie «braucht etwas Bleiche, weil sie Sonnenbrand hat».
Sie ist keine Ausnahme. Auch der dunkelhäutige NBA-Basketballer Rui Hachimura von den Washington Wizards, der eine japanische Mutter und einen Vater aus Benin hat, wird in Japan gleichzeitig geliebt und verspottet. Er bekomme «fast jeden Tag rassistische Nachrichten». Und sein Bruder Aren, der für eine japanische Universität spielt, bekam über Social Media rassistische Nachrichten mit dem Zusatz «stirb!».
Der Rassismus werde tendenziell dennoch weniger, erklärt Botschafter Shiraishi. «Er verschwindet von Tag zu Tag ein wenig mehr aus den Köpfen. Die Hautfarbe ist nicht mehr so entscheidend. Die Globalisierung macht in dieser Hinsicht auch vor Japan nicht Halt. Aber wir dürfen nicht vergessen: Die Schweiz ist ein Binnenland und schon deswegen ein Einwanderungsland, Japan eine Insel. Japaner sehen sich selber als ethnisch homogen. Aber sie sehen auch immer mehr, dass sich die Welt verändert.»
«Wir wollen nach schwierigen Zeiten wie dem Tohoku-Seebeben und Corona wieder aufstehen. Wir wollen der Welt zeigen, wie widerstandsfähig wir sind»Kojiro Shiraishi, japanischer Botschafter in Bern
Shiraishi hofft, dass Olympia in Japan etwas auslösen kann. Ein Gefühl von Stärke. «Dass wir nach schwierigen Zeiten wie dem Tohoku-Seebeben und jetzt nach der Corona-Zeit wieder aufstehen. Wir wollen der Welt zeigen, wie widerstandsfähig wir sind.»
Gerade bezüglich der Pandemie gibt es aber Bedenken. Laut Umfragen fürchten über 80 Prozent der Japaner, nach Olympia könnten die Covid-Zahlen wieder in die Höhe schiessen. Erst Ende Februar wurde mit dem Impfen begonnen, am 21. Juni waren erst 7,2 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft. In den Sportstätten sind deshalb keine Zuschauer zugelassen. Mit einer makellosen Durchführung rechnet die Welt. «Wir sind ja bekannt für perfekte Organisation. Aber zu viel Perfektion und Disziplin kann einen auch lähmen», sagt Shiraishi. Er würde eine lebhaftere und spontanere Version seiner Heimat begrüssen.
2016 in Rio gewann Japan 41 Medaillen. Darunter 12 im Judo, je 7 im Ringen und Schwimmen, 3 im Kunstturnen und Tischtennis. Diesmal kommen dank Naomi Osaka im Tennis und dem Golfer Hideki Matsuyama – dem Masters-Sieger 2021 – ein paar Gold-Hoffnungen dazu. Vor allem aber ist Baseball wieder olympisch, wo sich die Japaner – unter anderem mit dem ehemaligen New-York-Yankees- Pitcher Masahiro Tanaka – einiges ausrechnen.
«Weil wir Gastgeber sind, erwarten wir viele Medaillen», sagt Shiraishi. Im Land mit den 6852 Inseln und 126 Millionen Einwohnern ist die Erwartungshaltung drückend. «Es geht aber nicht um die Anzahl der Medaillen, sondern wie gut wir uns verkaufen, wie gut sie kämpfen. Für sich selber, nicht fürs Land.»
Und was geschieht bei Misserfolg? «In der heutigen Zeit passiert es, dass Athleten nach Misserfolgen weinen», sagt Shiraishi. «Vor dem Publikum. Aber das wird nicht geliebt, wird nicht akzeptiert. Vor allem nicht von der älteren Generation. Aber wissen Sie was? Die Jüngeren sind da toleranter, sie können damit umgehen.» Er lächelt sanft. Es bewegt sich etwas.