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ts. In der «International Herald Tribune» vom 8./9.9.2012 berichtet Jane Perlez aus Peking über einen eindrücklichen Vorgang: Der winzige Stadtstaat Singapur nimmt eine wohltuend friedensstiftende Rolle zwischen zwei Grossmächten ein – ein Modell für Friedensstiftung, wie wir sie in Europa durch das Handeln der neutralen Schweiz kennen: Kleinstaaten, die vermitteln und auf gütlichen Ausgleich hinarbeiten, zum Wohle der Menschheit.
Zur Ausgangslage: Seit geraumer Zeit lässt das aufstrebende China vermehrt die Muskeln spielen, wohl, so vermuten Analysten der Region, weil das Reich der Mitte davon ausgeht, die USA seien im Niedergang.
In dieser heiklen Situation, wo der Streit um Inseln schnell zu einem grösseren Konflikt führen könnte, der in seiner Dimension wie jeder Krieg nicht im voraus abzuschätzen und allenfalls einzugrenzen wäre, unternimmt der Premierminister von Singapur einen wichtigen Schritt: Er reist nach China, und zwar zu einem Referat in der zentralen Parteischule der Kommunistischen Partei, und fordert die asiatische Grossmacht zu einer Politik des Augenmasses auf. Da Singapur seit langem gute Beziehungen zu China und den USA pflegt, kann der Premierminister Singapurs in Peking eine realistische Sicht der Dinge einbringen, die da lautet: Fühlt euch in die Situation des anderen ein und handelt so, dass ihr das Gegenüber bei seinem vollen Wert nehmt. Wer den anderen falsch einschätzt, könnte sich zu einem Verhalten verführt sehen, welches das Gegenüber zu einer militärischen Reaktion veranlassen könnte, auf die wiederum militärisch reagiert würde, und ein grösserer Krieg wäre die Folge. Ein Krieg, der sich hätte vermeiden lassen können, hätte man nur die Gegenseite richtig eingeschätzt. Ein Vorgang, den der inzwischen verstorbene US-Verteidigungsminister der 1960er Jahre Robert S. McNamara in seinem Film «Fog of war» als wichtige Lehre für die Nachkommenden hinterlassen hat: «Denke wie der Feind», «entwickle Empathie», dann lässt sich eine Kuba-Krise lösen, im Gespräch und ohne Krieg, oder gar den Atomkrieg.
Wie füllt nun aber Singapur seine Rolle als Friedensvermittler aus? Die amerikanische Journalistin Jane Perlez beschreibt den Ablauf wie folgt: «In einem unüblichen öffentlichen tour d’horizon über strategische Probleme im Zusammenhang mit Chinas Aufstieg warnte der Premierminister von Singapur, Lee Hsien Loong, das Reich der Mitte, es sollte die USA nicht als Macht im Niedergang betrachten, sondern als eine Nation mit der Fähigkeit, sich zu erneuern und rasch wieder auf die Beine zu kommen.»
Herr Lee habe sich an die Chinesen gewandt anlässlich eines Besuchs der zentralen Parteischule in Peking, der Kaderschmiede der KP Chinas, und dringend geraten, China solle die Inselstreitigkeiten im Rahmen der Asean lösen, nicht mit den diversen Ländern einzeln, so wie dies auch die USA vorzögen. Herr Lee ist der Sohn von Lee Kuan Yew, dem langjährigen Staatsoberhaupt von Singapur, welcher enge Beziehungen sowohl mit China als auch den USA pflegte und bei den chinesischen Kommunisten grosses Ansehen auch bezüglich seiner politischen Einschätzungen genoss. Dass Lee gerade diesen Ort für seine Warnung gewählt habe, die KP-Kaderschmiede, die vom künftigen starken Mann Chinas, Xi Jinping, geleitet wird, unterstreiche die Wichtigkeit und Dringlichkeit, die Lee seiner Warnung beimisst, so Perlez weiter.
Herr Lee habe in seiner Rede die Stellung der USA in der Welt thematisiert, ein Thema, welches die chinesischen Akademiker und Publizisten fasziniere, wobei sie in den letzten Monaten eher in bissigem Ton über einen angeblichen Stillstand der USA berichtet hätten.
«Zurzeit sehen sich die USA mit einigen sehr schweren Problemen konfrontiert, aber es ist keine Nation im Sinkflug», habe Lee über die USA gesagt, und weiter: «Die USA sind eine enorm belastbare und kreative Gesellschaft, welche Talente aus der ganzen Welt anzieht und absorbiert, darunter auch viele aus China und dem restlichen Asien.»
Mit einem leichten Augenzwinkern gegenüber seinen Gastgebern bemerkte Lee, dass alle acht Nobelpreisträger chinesischer Abstammung schon US-Bürger gewesen oder dies in der Folge geworden seien. «Wir sollten die Fähigkeit der USA, sich neu zu beleben und sich neu zu definieren, niemals unterschätzen», so die aus einem tiefen Friedensanliegen resultierende Quintessenz des Gastes aus Singapur.
Der Stadtstaat Singapur ist seit Jahren ein wichtiger Stützpunkt für die US-Navy und deren Zugang zum Südchinesischen Meer. Auch hat Singapur letztes Jahr der neusten Generation schneller Kriegsschiffe der US-Marine erlaubt, seine Häfen zu benutzen.
Gleichzeitig unterhält Singapur aber starke Verbindungen zu China, und zwar seit dem Besuch von Deng Xiaoping im Jahre 1978. Der Nachfolger von Mao Zedong soll sich ob der Wirtschaftskraft Singapurs derart beeindruckt gezeigt haben, dass er das Modell für China vorschlug, zuerst in Sonderwirtschaftszonen, dann in ausgedehntem Masse. Das Resultat der Übernahme des Modells Singapur ist das heutige China, die aufstrebende Weltmacht – so nachzulesen in den Büchern des Spitzendiplomaten aus Singapur, Kishore Mahbubani.
Der Vorgang um den Premierminister aus Singapur zeigt, dass die Ideen eines Immanuel Kant, formuliert in seinem Werk «Über den ewigen Frieden» und auf den Punkt gebracht im kategorischen Imperativ, weil universell und überzeitlich gültig, überall auf der Welt umgesetzt werden können – nicht nur von Europäern, welche, so Kishore Mahbubani bedauernd, dies heute leider verlernt hätten. Um so wichtiger die Handlung von Premierminister Lee, welche auch im Westen Nachahmer finden sollte, – Konflikte gäbe es genug, die ehrliche Vermittler dringend nötig hätten, man denke nur an Syrien, Iran, Palästina und viele andere. •
Quelle: International Herald Tribune vom 8./9.9.2012
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