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«Ja, ich bin eine männliche Gluggere!»
Ein Papablog von Mahmud Tschannen*
Auf die Frage, ob ich eine Liste zum Thema «Vater sein, heisst …» schreiben würde, habe ich sofort mit Begeisterung zugesagt. Nichts einfacher als das. Aber: Ich wollte das Thema ernsthaft anpacken. In mich gehen und erkunden, was das nun heisst. Vater sein.
Eine Woche später hatte ich noch immer nichts aufgeschrieben: Mein Vatersein hat keinen Platz auf einer mickrigen Liste. Es müsste mindestens ein Listicle sein. Womit ich beim nächsten Problem war: Listicle. Will ich wirklich etwas schreiben, das einen so unmöglichen Namen hat? Einen Namen, der sich für mich eher nach etwas anhört, womit eine Ärztin oder ein Arzt in eine Körperöffnung schaut? Nein, definitiv nicht.
Also gut, zurück zur Liste. Nur: Wie viele Punkte sollte sie haben? 10, 20 oder 37? So was ist ja zurzeit Mode. Eine Liste mit einer willkürlichen, nervenden Anzahl an Punkten. Sehr hipp. Sehr gaga. Meine Lösung für dieses Dilemma ist einfach. Ich habe eine Liste zusammengestellt, die so viele Punkte hat, wie mein Sohn alt ist. Also vierzehn. Scheint irgendwie sinnvoll zu sein. Oder gibt sich zumindest so.
Und los gehts: Vater sein, heisst …
0. (und schon habe ich beschissen, aber der 0-Punkt ist wichtig) … sich ernsthaft mit seiner Rolle als Vater auseinanderzusetzen und zu beschliessen, viel Freude daran zu haben, d.h. bei allem Ernst den Humor nicht zu verlieren.
1. … im ersten halben Jahr nach der Geburt des Kindes aufzuwachen, wenn das Baby schreit, die Mutter zu wecken und frustriert wieder einzuschlafen, weil es sowieso etwas will, das man ihm nicht geben kann: die Brust. Zum Glück geht das vorbei, bevor der Brustneid allzu ausgeprägt ist.
2. … am Hintern seines Babys zu riechen und finden, dass die volle Windel wie ein feiner Käse riecht, etwa St. Pauli. Das geht so lange gut, bis man den St. Pauli vor sich hat und sich vor dem Käse ekelt.
3. … den Kinderwagen alleine in den Bus zu hieven, jede Hilfe abzulehnen und danach breitbeinig neben dem Gerät zu stehen. Und dann dem Kleinen den Schnuller wieder in den Mund zu stecken und hemmungslos gluggsende Geräusche von sich zu geben und in Babysprache rumzufachsimpeln. Mit dem Kind – und dem nächsten Bekannten, der zu einem in den Bus steigt.
4. … am Sandkasten plötzlich alleine zu hocken, weil entweder die Sozialisation oder die Hormone fehlen, um das Thema «Zinksalbe bei rotem Füdli» zum gefühlten hundertsten Mal mit Leonies Mami (und den anderen Mädels) durchzukauen.
5. … dem Verkehr plötzlich sehr skeptisch gegenüberzustehen, den Kinderwagen am Zebrastreifen hinter sich zu stellen und nicht direkt an die Fahrbahn, wo Autos in einem Abstand von 50 Zentimetern am Kind vorbeirasen. Vielleicht hat das mit der räumlichen Vorstellungskraft des Mannes zu tun.
6. … auf dem Velo im Verkehr nicht mehr sinnlos herumzufluchen, wenn der Nachwuchs hinten drauf ist. Das Kind muss erfahren, dass es legitime Momente gibt zum Fluchen. Gerade in gefährlichen Verkehrssituationen. Etwa wenn das Kind nicht mehr im Anhänger sitzt, sondern auf einem dieser Schattenvelo-Anhänger, und einzuschlafen droht. Schimpfen weckt und verhindert Übleres.
7. … bei sturmfreier Bude zu putzen statt zu feiern. Nach dem Putzen könnte man ausgiebig feiern. Nur geht die Lust dazu irgendwie flöten. Viel lieber geniesst man seine aufgeräumte, saubere Wohnung und macht sich einen ruhigen Abend vor der Kiste. Kuscheln inklusive, wenn sturmfrei heisst: ohne Kind. (Mehr dazu bei Punkt 8)
8. … zu wissen, dass echte Sturmfreiheit bedeutet, dass sowohl Mutter und Kind weg sind, man das Putzen auf später, viel später verschiebt, ausgeht, all seine alten Bars abklappert und allen, die es hören wollen (und, je später der Abend, auch allen anderen), erzählt, wie locker man das Familienleben meistert.
9. … zur Einsicht zu gelangen, dass das Flohnerleben schön und gut ist, aber einen in der Entwicklung als Mensch nicht weiterbringt. Das Kind im Mann, der ewige Teenager und der Kindskopf bleiben einem jedoch auch als Vater erhalten. (Sorry, meine Damen. Das ist vermutlich genetisch. Siehe dazu auch Punkt 0)
10. … das erste Mal schmerzhaft zu erfahren, was es heisst, loszulassen, wenn man sein Kind in die Krippe bringt. Und vor der Türe stehen bleibt und lauscht, ob es immer noch weint.
11. … sich verzweifelt fühlen, weil das Kind bereits in der zweiten Woche der ersten Klasse vor die Tür gestellt wird. Menschen erhalten sehr schnell einen Stempel, den sie nicht mehr so einfach loswerden.
12. … zu begreifen, dass man zwar immer das Beste für sein Kind will, es aber sehr viele Meinungen zu dem Thema gibt. Wenn Sie mit der Mutter in groben Zügen einig sind, ist das schon mal nicht schlecht. Ihre Eltern, Schwiegereltern, die Eltern der Gspänli und irgendwelche Wildfremden werden ungefragt ihren Senf dazugeben. Bleiben Sie einfach ganz entspannt, nicken Sie freundlich und machen Sie weiter, was Sie für richtig halten.
13. … auf die Frage, wovor man Angst hat, nicht mehr spontan und unbeschwert «Gar nichts!» rufen zu können. Weil man weiss, dass das eine schamlose Lüge ist: Bei der Vorstellung, dass seinem Kind etwas geschehen könnte, bekommt auch der kühnste Mann ein flaues Gefühl im Magen und einen Anflug von Panik.
14. … der Welt zurufen zu können: «Ja, ich bin eine männliche Gluggere! – Wotsch eis i’d Fressi?»
Wie Sie am letzten Punkt sehen können, ist das Vatersein als Rolle manchmal etwas ambivalent. Für mich jedenfalls. Aber das ist kein Problem.
Wie sehen Sie das?