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Mit Hund über der Schulter
Alain Claude Sulzers neuer Roman handelt von grossen Themen: Vertrauen und Verrat, erfüllten und unerfüllten Hoffnungen, Stolz und Selbstachtung. Im Zentrum der Geschichte steht der 22jährige Leo Heger, der im Sommer 1968 aus seiner tschechischen Heimat flieht und über Wien in die Schweiz gelangt. Durch ein Sozialwerk findet er Quartier bei einem älteren Ärztepaar, das ihn höflich, aber distanziert bei sich aufnimmt. Seine eigentliche Bezugsperson wird seine Sprachlehrerin Martha Dubach. Sie ist zwölf Jahre älter als Leo, hat zwei Kinder im Teenager-Alter und sieht die ehrenamtliche Tätigkeit vor allem als Chance, der bedrückenden Enge ihres Haushalts zu entkommen. Über den blossen Sprachunterricht hinaus werden die wöchentlichen Privatstunden für beide zur einzigen Gelegenheit, sich einem anderen Menschen mitzuteilen. Leo nutzt dies, indem er Martha von seiner Freundin Laura erzählt, die er ohne Abschied in Prag zurückgelassen hat, weil sie ihm bei seiner Flucht nur hinderlich gewesen wäre. Martha wiederum redet sich den Kummer über ihren Vater von der Seele, der nach dem Tod seiner Frau jede Kommunikation verweigert und in einem Altenheim dahinvegetiert. Aus der anfänglichen Nähe entwickelt sich bald eine Liebesaffäre, die der sexuell unerfahrene Leo geniesst, während Martha dadurch ihre Unabhängigkeit gegenüber der Familie behauptet. Gleichwohl ist die Beziehung ohne Perspektive. Denn Leo verschweigt, dass die Schweiz für ihn nur eine Zwischenetappe ist und er bereits heimlich Englisch lernt, um in den USA ein Medizinstudium zu beginnen. Tatsächlich, so erfahren wir aus zwei den Roman einrahmenden Episoden, bringt Leo Heger es später in Seattle zu einer gutgehenden Zahnarztpraxis und einem Haus in exklusiver Lage. An eine Martha Dubach kann er sich nach dreissig Jahren nur noch dunkel erinnern.
Die geradezu klassische Erfolgsstory eines mittellosen Emigranten wäre nicht weiter bemerkenswert, würde Sulzer sie nicht mit der parallel erzählten Geschichte von Leos Grossmutter Olga konterkarieren. Anders als ihr umtriebiger Enkel lebt die verhärmte Frau seit Jahrzehnten allein in einem abbruchreifen Bauernhaus in der tschechischen Provinz. Ohne Interesse an menschlichen Kontakten, redet sie nur noch mit sich selbst oder ihrem Hund. In der Beschreibung des von Pilz und Moder befallenen Hauses, der Spiegelscherbe über dem gebrochenen Spülstein und den sich von der Wand schälenden Tapeten wird die ganze Tristesse des sozialistischen Alltags gegenwärtig. Und doch erheischt diese karge Existenz keineswegs unser Mitleid. Gerade in der Beharrlichkeit, mit der die alte Frau stur ihren täglichen Verrichtungen nachgeht, zeigt sich ein unbändiger Stolz und der Wille zur Selbstbestimmung. Als man ihren Hund aus Rachsucht oder purer Bosheit erschiesst, weiss Olga, was zu tun ist. Mit dem toten Tier über der Schulter steigt sie auf den Dachboden, um sich am Haken, an dem früher der Schinken hing, aufzuknüpfen. Die Passage ist die traurigste, aber sicherlich auch die einprägsamste des ganzen Buches, geschrieben in einer respektvolle Distanz wahrenden, ganz und gar unsentimentalen Sprache. Darin steckt eine grosse Meisterschaft. Und das Wissen darum, dass sich Wert und Grösse eines Lebens nie allein am Erfolg bemessen.
vorgestellt von Georg Deggerich, Krefeld
Alain Claude Sulzer: Privatstunden. 237 Seiten. Zürich: Edition Epoca, 2007