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Die Bergkante bildet die äussere Begrenzung der muldenförmigen Nordwand östlich der Plattform. Bei dieser Mulde handelt es sich um das Abrissgebiet mehrerer Bergstürze. Grosse Mengen an Gesteinsmaterial stürzten dabei in den See.
Abb. 1: Lage der Aussichtsplattform am Rand des Abrissgebietes mehrerer Bergstürze (rot markiert)
Der atemberaubende Blick von der Aussichtsplattform ist geologisch bedingt. Die Plattform liegt nämlich exakt auf der Gratlinie, die vom Gipfel steil hinunter bis zum See verläuft und die muldenförmige Wölbung mehrerer historischer Bergstürze begrenzt (Abb. 2).
Während der letzten Eiszeit (ca. 115‘000-11‘500 vor heute) war der Bürgenberg fast immer gut vom Eis „eingepackt“. Die gewaltigen Eismassen übten einen enormen Druck auf das Gebirge aus und modellierten die heutige Form. Mit dem Abschmelzen der Gletscher nahm der Druck ab. Die Felsmassen gaben nach und es setzten Abtragungsprozesse ein, die bis heute andauern. Vor allem auf der steileren Nordseite des Bürgenbergs kam es seither wiederholt zu teils umfangreichen Bergstürzen. Das grösste Abrissgebiet befindet sich unmittelbar unter dem Gipfel (Abb. 2). Aufgrund der besonderen Lage über dem Vierwaldstättersee beschränkt sich die direkte Beobachtung allerdings auf die Abrisszonen. Die für Bergstürze ebenso typischen Schuttkegel der Ablagerungsgebiete liegen nämlich unter dem Seespiegel.
Wie sind Bergstürze im Gelände erkennbar?
In den Schweizer Alpen sind rund 1500 Bergstürze bekannt. Praktisch in jedem Tal gibt es Orte, in denen seit Ende der letzten Eiszeit bei einem einzigen Ereignis grosse Felsmassen zu Tal gestürzt sind.
Abb. 3: Bergsturz von Morignone im Veltlin. Gut sichtbar sind Abriss- und Ablagerungsgebiet.
Mit wenig Hilfe können auch Laien Bergstürze einfach im Gelände erkennen. Typisch ist nämlich die Form, die einer Sanduhr gleicht (Abb. 3). Abriss- und Ablagerungsgebiet ähneln einem Kegel, ersteres allerdings in umgekehrter Form. Beim Ablagerungsgebiet spricht man denn auch vom „Bergsturzkegel“.
Bergstürze resultieren aus dem Zusammenspiel von inneren Ursachen, äusseren Einflüssen sowie von Auslöseereignissen. Zu den inneren Ursachen zählen Aufbau und Beschaffenheit des Gebirges. Äussere Einflüsse wie Wasser, Eis, und Wind verändern fortwährend die Statik von Felswänden. Einzelne Gesteinsbrocken oder auch grössere Felspartien können sich spontan lösen. Auslöseereignisse wie anhaltende Regenfälle, Erbeben oder auch menschliche Einflüsse vermögen die Bildung von Fels- und Bergstürzen zu beschleunigen und zeitlich zu bündeln.
Wo kam es am Bürgenberg zu Bergstürzen?
Entlang der Nordflanke des Bürgenbergs sind mehrere Berg- und Felsstürze abgegangen (Abb. 4). Vor allem aus dem Geländemodell gehen die markantesten Abrissgebiete deutlich hervor (Abb. 5). Das jüngste grössere Ereignis fand am 18. September 1601 statt, ausgelöst durch ein starkes Erdbeben. In Folge kam es auch zu mehreren Unterwasserrutschungen, die ihrerseits einen Tsunami verursachten.
Abb. 4: Bürgenberg-Nordflanke: Mit geschultem Blick sind die Bergsturz-Abrissgebiete gut erkennbar.
Abb. 5: Ungefähre Begrenzungen der Abrissgebiete historischer Bergstürze in der Bürgenberg-Nordflanke (rote Linien)
Die Bergstürze am Bürgenberg ereigneten sich nach dem Abtauen des eiszeitlichen Reussgletschers. Dieser hatte sich während der Eiszeit weit ins Tal hinaus ausgedehnt. Nach dem Rückzug hinterliess er über dem Seespiegel eine 700 Meter hohe, steile und instabile Nordflanke. Mit dem Wegfall des stützenden Eises kollabierten die Fels- und Lockergesteinsmassen.
Wann genau die vorgeschichtlichen Bergstürze am Bürgenberg stattgefunden haben, ist nicht bekannt Denn trotz neuesten Methoden zur Altersbestimmung braucht es für die Datierung dieser Ereignisse pflanzliche Überreste in den Ablagerungen, die zeitgleich mit dem Bergsturzmaterial verschüttet wurden. Bei den Ereignissen am Bürgenberg liegen diese jedoch im Ablagerungsschutt unter dem Seespiegel und bleiben somit verborgen.
Mit welchen Auswirkungen ist bei einem Berg- oder Felssturz zu rechnen?
Ein Bergsturzereignis bewirkt im Anriss- und im Ablagerungsgebiet markante Änderungen. Unterschieden werden direkte und indirekte Auswirkungen von Bergstürzen (vgl. Abb. 6).
Abb. 6: Bild von David Alois Schmid des Bergsturzes von Goldau – mit direkten und indirekten Folgen
Direkte Auswirkungen sind:
– Nachstürze und Setzungsbewegungen im Anrissgebiet
– Verschüttung von Siedlungsgebieten, Verkehrswegen (Strassen, Eisenbahnlinien) und Infrastrukturanlagen
– Bildung von Schuttkegeln und dadurch Verlagerung von Wasserscheiden, Wasserläufen und Talrichtungen
– Aufstauung von Flüssen und Bächen, Bildung neuer (Berg-)Seen (z. B. Türlersee, Lago di Poschiavo, Klöntalersee)
Indirekte Auswirkungen sind:
– Flutwellen, wenn Gesteinsmassen in grössere Gewässer stürzen (z. B. Vajont)
– Instabile Aufstauung von Flüssen und Bächen, welche später ausbrechen und so zu Flutwellen führen können (z. B. Biasca)
Setzungsbewegungen im Anrissgebiet (vgl. Abb. 7) sind auch am Felsenweg des Bürgenbergs eindrücklich beobachtbar. Hier fallen jährlich hohe Kosten für Felssicherung und Instandstellung beschädigter Wegabschnitte an. Zudem können aufgrund der steilen Lage der Nordflanke am Bürgenberg nur Teile des schmalen Küstenstreifens besiedelt werden. Damit wären die direkten Folgen eines grösseren aktuellen Bergsturzes nicht katastrophal. Die Bildung meterhoher Flutwellen als denkbare indirekte Folge stellt hingegen ein erhebliches Schadenspotential dar.
Abb. 7: Morignone im Veltlin. Links (1980): Setzungsbewegungen im Anrissgebiet vor dem Bergsturz. Rechts (1987): Abriss- und Ablagerungsgebiet sowie die Aufstauung des Flusses kurz nach dem Bergsturz