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Leseprobe aus: „Jenseits vom Ozean“ von Coralie Frei
Erneute Flucht
Ouani, Flughafen von Anjouan. Kein Lautsprecher hatte es angekündigt. Kein Willkommensgruss. Der Flug Moroni-Anjouan hatte, in ohrenbetäubendem Dröhnen der Flugzeugmotoren und einer beängstigend bedrückten Stille und spürbarer Ungeduld der Passagiere vierzig Minuten gedauert. Kein Gute-Reise-Gruss beim Start, und während des Fluges kein Essen in den Wolken, noch Getränke auf Anfrage, wie es an Bord der Boeing 547 Paris-Moroni Usanz war. Die Toiletten fehlten, und die Hostessen mit dem beruhigenden Lächeln fehlten. Die Air-Comores-Fluggesellschaft war das Stiefkind der Aviatik.
Beim Ausfahren der Fahrgestelle sprang der zweimotorige Vogel noch einmal in die Höhe. Panikartig griffen die Passagiere nach dem ersten besten Gegenstand, den sie gerade in ihrer Nähe zu fassen kriegten, sei es die Rückenlehne des Vordersitzes, den Schenkel des Sitznachbarn oder den Arm des einzigen Stewards. Die Maschine sackte im freien Fall ab, küsste beinahe die Wellen und den schwarzen Sandstrand, hob dann noch einmal ab, um endlich auf der Landepiste mit aufheulenden Motoren in einer stinkenden Abgaswolke und mit quietschenden Reifen auf dem asphaltierten Boden aufzusetzen, um dann gleich wieder hochzuspringen, bis sie im dumpfen Grollen der ersterbenden Motoren am Ende der Piste zum Stillstand kam.
Meine Uhr zeigte fünf. Die Schatten am Boden wurden immer länger, beinahe unendlich. Bald würde sich der helle, lichtspendende Himmelskörper verabschieden. Ein glänzender, goldener Schleier hüllte den Horizont in gleissendes Licht und schien das Meer zu entflammen. Die Wellen funkelten wie Gold und Diamantklumpen. Eine sanfte Brise, vermischt mit den Gerüchen von Jod und exotischem Parfüm, liebkoste mein Gesicht und meine Nase und verriet mir, dass ich zuhause angekommen war, im Lande meiner Vorfahren.
„Herzlich willkommen zu Hause, Catidja Badjini!“, sang und flüsterte meine Insel. Ein Esel wieherte. Ein wohliges Entzücken durchfuhr meinen ganzen Körper bis ins Innerste. Mein Grossvater war zwar in der Zwischenzeit gestorben, aber doch schien er noch hier zu sein, wie mir seine Esel verkündeten. Dieses heimelige Gefühl trug mich weg in die Zeit, als ich um meinen Platz in der Gesellschaft gekämpft hatte. Alle Unbill dieses Kampfes hatte ich aus meiner Erinnerung gestrichen, und ich liess nur noch die guten Momente aufleben. Ich war erwacht. Und jetzt wurde mir auf einmal klar, dass ich mich selbst belogen hatte, indem ich vorgab, kein Heimweh zu empfinden.
Ich liebte sie ja doch, diese Insel mit all ihren Fehlern, ihren Schattenseiten, aber vor allem mit ihren vielen Qualitäten: das Wellengemurmel, die vom Ozean herüberströmende salzige Luft, das unglaubliche Blau des Himmels, die vielfältigen, unterschiedlichen Grüntöne der Berge, die betörenden Düfte der Flora, das offene Lächeln der Kinder. Sonnenaufgang und -untergang sind sich gleich. Die Sonnenstrahlen brennen, ohne zu versengen. Der warme, wasserfallähnliche Regen während der Wirbelsturmsaison lässt die Erde immer hellwach sein. Das ist Anjouan. Das sind die Komoren. Meine Inseln.
So liebe ich dieses gesegnete Land, diese Felsen, aus Wasser und Feuer geboren, den Mond und seine getreuen Vasallen, die Sterne, die sich wie schöne Kurtisanen um ihn scharen. Die Nächte der Kometen hier auf der Insel berühren einen auf magische Weise, ebenso die Schreie der Käuzchen und das Miauen der Katzen in der Monotonie der mondlosen Nächte!
All dies machte aus dieser Insel, dieser schönen Wilden ― „La Perle des Comores“, wie die Wazoungous, die Kolonialisten, wohlwollend und bewundernd noch zur Zeit meiner Kindheit sagten, die so unerfüllt und rebellisch gewesen war, und aus der ich siegreich hervorgegangen war. Da wurde mir jäh bewusst, wie sehr mir diese kleine Perle im Ozean in den letzten zwei Jahren gefehlt hatte. Und genau in diesem Augenblick wurde ich Anjouanesin ― zum allerersten Mal!