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daraus den Satz abgeleitet, daß, wenn eine Differenz in der Größe bei der Paarung nicht zu vermeiden sei, wenigstens das männliche Tier das kleinere sein solle. Einer solchen Ansicht widerspricht aber die alltägliche Erfahrung; bei vielen wilden und bei unsern Haustieren ist normal das erwachsene männliche Tier größer als das weibliche. Man stützt den abgeleiteten Satz aber darauf, daß man sagt, die kleinere Mutter könne die Frucht von einem großen Vater nicht genügend entwickeln, nur schwer gebären und später nicht genügend ernähren.
Dagegen ist zu sagen, daß die kleine Mutter die Frucht in dem Maße sich entwickeln läßt, als es ihr Beckenraum gestattet, und daß der Einfluß des großen Vaters auf die Entwickelungsfähigkeit der Frucht in der Regel erst nach der Geburt hervortritt. Ferner ergeben sich Geburtsschwierigkeiten aus der Größe des Vaters an sich keinesfalls, denn oft genug hat man 25 Ztr. schwere Bullen mit 8 Ztr. schweren Kühen und 200 Pfd. schwere Böcke mit 80 Pfd. schweren Schafen gepaart, ohne diese Schwierigkeit zu beobachten.
Die letztern treten nur ein, wenn der Kopf oder das Becken (die Hüften) des vielleicht gar kleinern Vaters ungewöhnlich groß ist. Endlich hängt die Milchergiebigkeit nicht ab von der Körpergröße. Freilich kann die größere Mutter mehr Milchnahrung liefern als die kleinere, wenn sie beide gute Milchgeberinnen sind, und insofern hat der Satz etwas Richtiges; aber wenn man große Tiere ziehen will, wird man das sicherer erreichen, wenn man große Mütter mit großen Vätern paart.
Festgestellt ist es dagegen, daß physiologische Eigenschaften (gute Futterverwertung, Parallelogrammform), wie oben erörtert, sich nur in der Anlage vererben, daß sie verloren gehen, wenn sie nicht dauernd durch die Haltung und Ernährung gestützt werden, und daß natürliche Eigenschaften (Eigentümlichkeiten des Skeletts, Zahl der Schwanzwirbel) sich sicher auf die Nachkommen übertragen. Paart man ein kurzschwänziges Schaf [* 2] mit einem langschwänzigen, so wird das Junge sicher einen mittellangen Schwanz bekommen.
Zufällige Eigenschaften vererben sich hingegen nicht sicher. In einer Merinoherde wurde ein Lamm geboren mit einer Wolle, deren Fäden seidenglänzend und dabei schlichter und weniger gekräuselt als die der gewöhnlichen Merinowolle waren. Das Tier wurde zur Zucht benutzt, vererbte seine Charaktere auf manche Nachkommen und ist der Stammvater der Mauchampsrasse geworden. Ein zufällig ohne Hörner gebornes Rind [* 3] hat den Anstoß und die Möglichkeit gegeben zur Heranzüchtung einer hornlosen Rinderrasse.
Weniger erwünscht ist es aber, daß auch manche zufällige Eigenschaften, welche man geradezu als Mißbildungen bezeichnen kann, und verschiedene Krankheiten, wenn auch meist nur in der Anlage, von den Eltern auf die Kinder übergehen. Die letztern bezeichnet man als Erbkrankheiten und nennt als solche bei dem Pferde [* 4] den Dummkoller, das Kehlkopfspfeifen, die Mondblindheit, den Spat und sonstige Knochenleiden, bei dem Rind und Schwein [* 5] die Tuberkulose, bei dem Schaf die Traberkrankheit. Es gilt als Grundsatz in der [* 6] alle Tiere von der Benutzung zur Zucht auszuschließen, welche solche erbliche Krankheiten oder Krankheitsanlagen besitzen.
Dabei muß man indes wohl unterscheiden, ob es sich um eine Krankheit handelt, welche die Tiere erst im Lauf ihres Lebens erworben hatten, ohne daß ihnen die Anlage überkommen war. Ein Pferd [* 7] kann sich durch eine heftige Einwirkung den Spat zuziehen, ohne daß die Eltern oder Voreltern denselben hatten, und ohne daß es selbst ein dazu inklinierendes, schlecht gebautes Sprunggelenk besitzt. Ein solcher Fehler würde ebensowenig vererblich sein wie eine zufällige oder absichtliche Verstümmelung.
Seit hundert Jahren werden den Merinoböcken und -Schafen in Deutschland [* 8] die Schwänze gestutzt; aber wohl noch nie ist es vorgekommen, daß ein Merinolamm mit natürlich verstümmeltem Schwanz geboren wäre. Auch sonstige vermeintliche Einflüsse auf die Vererbung muß man bestimmt zurückweisen, so namentlich das sogen. Versehen und die sogen. Infektionstheorie, wonach eine Mutter von dem männlichen Tier, das sie das erste Mal befruchtet, so affiziert werden soll, daß auch die spätern Produkte derselben von andern Vätern gewisse Anklänge oder Ähnlichkeiten von dem zuerst benutzten männlichen Tier zeigen.
Die wissenschaftlichen Erklärungen, welche man für die Infektionstheorie vorgebracht hat, sind völlig haltlos, und wenn man aus der letztern den praktischen Schluß gezogen hat, man dürfe nur solche weibliche Tiere bei Prämiierungen berücksichtigen, welche die Garantie bieten, nicht infiziert zu sein, so ist das entschieden zurückzuweisen. Dagegen sind zuweilen Enkel in irgend einer Eigenschaft den Großeltern in der That ähnlicher als den Eltern, oder sie besitzen Eigenschaften, welche nicht bei den Eltern, sondern bei den Großeltern oder bei noch weiter zurückliegenden Vorfahren vorhanden waren.
Diese Erscheinung nennt man Rückschlag oder Atavismus. Das Auftreten gefleckter oder schwarzer Lämmer in Merinoherden, in denen seit 100 Jahren nur die weißen Tiere zur Zucht verwendet wurden, ist z. B. ein Beweis für das Vorkommen des Atavismus. Wenn man eine größere Zahl von weiblichen Tieren, um eine wirtschaftlich nicht vorteilhafte Eigenschaft derselben in der Nachzucht zu beseitigen, mit männlichen Tieren paart, welche diesen Fehler nicht besitzen, und dann in den weitern Generationen immer noch Tiere auftauchen, welche Anklänge an die fehlerhafte Eigenschaft der Urgroßmütter zeigen, so kann das recht störend sein.
Die Rückschläge werden um so seltener auftreten, je länger die Reihe der Vorfahren ist, die von dem Fehler frei waren. Paart man nun Tiere miteinander, so sollen beide Eltern möglichst diejenigen Eigenschaften besitzen, welche wir von den Kindern verlangen. Ein züchterischer Satz lautet: Gleiches mit Gleichem gibt Gleiches, oder besser gesagt: »Ähnliches, miteinander gepaart, gibt Ähnliches«. Die Befolgung dieses Grundsatzes ist aber nicht immer möglich.
Oft genug muß der Züchter sich bemühen, Fehler der Mütter durch Benutzung eines in denselben Punkten vorzüglichen Vatertiers in der Nachzucht auszugleichen, da nicht lauter gute Tiere vorhanden sind. Stuten mit langem Rücken, schwacher Lende, kurzem, abschüssigem Kreuz [* 9] werden gepaart mit einem Hengst mit kurzem Rücken, kräftiger, breiter Lende, langem, geradem Kreuz, um Fohlen von letzterer Beschaffenheit zu erhalten. Merinoschafe mit kahlem Bauch [* 10] und mit einer Wolle, die zu kurz und unausgeglichen ist und losen, offenen Stapel hat, werden gepaart mit Böcken mit gut bewolltem Bauch, ausgeglichener Wolle und langem, dichtem, geschlossenem Wollstapel, um Schafe [* 11] der letztern Qualität zu erzielen. Hierauf beruht ein zweiter Satz: Ungleiches, miteinander gepaart, gibt Ausgleichung. Nur muß man diesen Satz nicht so verstehen, daß man einen Fehler durch den entgegengesetzten ausgleichen, daß man also z. B. einer senkrückigen Stute, um aus derselben geradrückige Fohlen zu erhalten, einen Hengst mit aufgebogenem (sogen. Karpfenrücken) geben solle. So notwendig solche Zucht oft ist, so schwierig ist sie; ¶
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nicht immer gelingt es, die Ausgleichung herbeizuführen. Bis vor kurzem glaubte man allgemein, daß Sicherheit der Vererbung nur zu erwarten stehe, wenn die zur Zucht benutzten Tiere reiner Rasse, nicht aber, wenn sie gemischter Abstammung seien. Gegen diesen Satz sprechen schon die englischen Vollblutpferde, die Shorthornrinder, die Southdownschafe, die neuern englischen Schweinerassen. Alle diese modernen Rassen sind nachweislich nicht rein, und doch sind sie nicht weniger konstant in der Vererbung als andre.
Wenn man nun gesagt hat, diese Rassen seien schon so alt, daß man sie als rein ansehen dürfe, so ist das zunächst eine sonderbare Auffassung von »rein«; aber es sprechen auch ganz neue Rassen, wie die der Anglo-Normanner Pferde, der Oxford-Downschafe, ebenso bestimmt gegen den obigen Satz. Dieser Lehre [* 13] von der Konstanz [* 14] gegenüber, nach der man bei der Auswahl von Zuchttieren lediglich auf die Abstammung zu sehen habe und z. B. jeden beliebigen Bock [* 15] ohne Wahl nehmen dürfe, wenn er nur von reiner, konstanter Rasse sei, hat man in neuerer Zeit angefangen, die Bedeutung des Individuums gebührend hervorzuheben, auch wohl gar eine eigne Lehre von der Individualpotenz aufgestellt.
Jedes Tier, auch das von gemischter Abstammung, kann die Fähigkeit besitzen, sich gut zu vererben. Auf die Eigenschaften des Individuums, nicht auf dessen Rassenreinheit, hat man in erster Linie bei der Auswahl zu sehen. Je vollkommener ein Tier in allen den Eigenschaften ist, welche sich sicher vererben, desto wertvoller ist es als Zuchttier. Hat es bereits Beweise geliefert für seine gute Vererbungskraft, um so hoher steigt sein Zuchtwert. Manche Tiere, und zuweilen gerade Mischlinge, zeichnen sich vor andern durch die Fähigkeit aus, ihre individuellen Eigenschaften hervorragend zu vererben.
Der Zweck der Züchtung kann durch verschiedene Methoden erreicht werden. Man unterscheidet Reinzucht, Kreuzung, Inzucht, Verwandtschaftszucht. Unter Reinzucht versteht man die Paarung von Tieren derselben Rasse ohne weitere Rücksicht auf deren Verwandtschaft, unter Kreuzung das Paaren von Tieren verschiedener Rassen. Die Begriffe sind also abhängig von dem Rassenbegriff. Hält man z. B. die Suffolk- und Yorkshireschweine für verschiedene Rassen, so würde man bei der Paarung eines Yorkshireebers mit einer Suffolksau kreuzen; hält man sie für Schläge der einen großen Kulturschweinerasse, so würde man Reinzucht treiben.
Man versteht unter Reinzucht aber auch die Paarung von in ihren Eigenschaften gleichartigen, unter Kreuzung die Paarung von nicht gleichartigen Tieren ohne Rücksicht auf die Rasse. Reinzucht und Kreuzung sollen durch richtige Auswahl und richtige Paarung der Individuen entweder zur Erhaltung der in den Eltern vorhandenen Eigenschaften oder zur Abänderung und Verbesserung der vorhandenen Eigenschaften führen. Auf beiden Wegen kann man den Zweck erreichen. Werden Produkte einer Kreuzung verschiedener Rassen unter sich weiter fortgepflanzt, so treibt man Inzucht.
Man vermag auf dem Weg der Inzucht Eigenschaften, welche durch die Kreuzung hervorgerufen sind, in der Herde oder der Zucht sicher zu fixieren. Reinzucht und Inzucht sind unabhängig von dem Begriff der Verwandtschaftszucht, worunter man die Paarung nachweislich blutsverwandter Tiere versteht; die letztere kann aber beide begleiten. Die Verwandtschaftszucht wird zur blutschänderischen oder Inzestzucht, wenn man so weit geht, daß man Eltern mit den Kindern oder Enkeln, die Enkel und die rechten Geschwister miteinander paart.
Ist die Verwandtschaft der gepaarten Tiere nicht eine so nahe, so spricht man von Familienzucht. Die Befestigung gewisser Eigenschaften in einer Zucht wird allerdings durch die Verwandtschaftszucht rascher ermöglicht. Setzt man sie aber länger fort, namentlich als Inzestzucht, so tritt eine Schwäche der Konstitution, eine Überfeinerung der Tiere ein; bei männlichen Tieren zeigt sich eine Abschwächung der Geschlechtsfunktion, ja Impotenz, bei weiblichen Tieren verminderte Fruchtbarkeit, leichtes Verwerfen, bei den jungen Tieren verringerte Lebensfähigkeit.
Die Verwandtschaftszucht kann also nur ein gelegentlich gebotenes erfolgreiches Hilfsmittel sein. Gegen dieses Ausarten infolge der Inzestzucht oder, wie es auch kommen kann, infolge der Versetzung von Tieren in eine neue Heimat durch Einwirkung der neuen natürlichen Verhältnisse wendet der Züchter das Auffrischen an, d. h. die Einmischung neuen Bluts, und zwar im erstern Fall des Bluts nicht verwandter Tiere, welche wohl die erwünschten Eigenschaften der Zucht an sich tragen, im letztern Fall des Bluts von Tieren derselben Rasse aus der ursprünglichen Heimat.
Wenn eine Rasse mehrere aufeinander folgende Generationen hindurch mit glücklichem Erfolg verbessert ist, d. h. also, wenn bestimmte wichtige Eigenschaften in einer Zucht hergestellt sind, dann nennt man die auf solche Weise produzierten Tiere hochgezogene oder auch wohl edle. Nur muß man unter »edel« in diesem Sinne nicht die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stammbaum verstehen. Ist eine erfolgreiche Zucht eine gewisse Anzahl von Generationen hindurch in derselben Richtung fortgesetzt, dann erzielt man Vollblut.
Ursprünglich ist diese Bezeichnung in der Zucht der englischen Rennpferde entstanden, und noch heute denkt man an die Zugehörigkeit zu den letztern, wenn man von einem Pferd kurzweg sagt, es habe »Blut«. Im weitern Sinn spricht man aber jetzt von »Trakehnervollblut«, »Shorthornvollblut«, »Southdownvollblut« etc. Wenn man ein Vollbluttier mit einem Tier paart, das nichts von dem betreffenden Blut hat, so erhält man Halbblut; die nachfolgende Tabelle macht die Fortsetzung klar. Paart man Vollblut
|mit||0||Blut,||so||erhält||man||in||1.||Generation||½||Blut,|
|"||½||"||"||"||"||"||2.||"||¾||"|
|"||¾||"||"||"||"||3.||"||7/8||"|
|"||7/8||"||"||"||"||4.||"||15/16||"|
|"||15/16||"||"||"||"||5.||"||31/32||"|
|"||31/32||"||"||"||"||6.||"||63/64||"|
|"||63/64||"||"||"||"||7.||"||127/128||"|
|"||127/128||"||"||"||"||8.||"||255/256||"|
In der achten Generation fehlt noch ein so verschwindender Bruchteil an Vollblut, daß man das Produkt schon für wirklich vollblütig erachtet. In der Praxis nennt man in der Regel alle Produkte der Paarung von vollblütigen mit nicht vollblütigen Halbblütige; höchstens gebraucht man noch die Bezeichnung Dreiviertelblut. Die weitern Brüche berücksichtigt man im gewöhnlichen Sprachgebrauch nicht. Die Paarung der Tiere zum Zweck der Viehzucht erfolgt entweder in der Weise, daß einer größern Zahl weiblicher Tiere ein männliches Tier zugeteilt wird, so daß beim Auftreten der Brunst die Begattung stattfindet (wilder Sprung); oder es wird das männliche Tier zu dem brünstigen weiblichen geführt, um die Bedeckung zu vollziehen (Sprung aus der Hand). [* 16] Die Trächtigkeitsdauer ist nicht an eine bestimmte Zahl von Tagen gebunden; indes kommen erhebliche Abweichungen von der in nachstehender Tabelle angegebenen mittlern Tragezeit nicht häufig vor. ¶