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Das indigene Dorf Tamaquito in Kolumbien musste vor acht Monaten der Kohlemine Cerrejón weichen. Der Führer des Dorfes, Jairo Fuentes, war zu Besuch in Zug. Er kämpft seit Jahren gegen Vertreibung, Umweltverschmutzung und korrupte Minen-Geschäfte. zentral+ traf ihn zum Gespräch. Zug verlässt er beeindruckt, aber auch verärgert.
Sein Dorf hiess Tamaquito. Weil es direkt in der Einflusszone der Kohlemine Cerrejón lag, mussten die 31 Familien umsiedeln. Jairo Dionisio Fuentes Epiayu ist der indigene Führer der Gemeinschaft, die heute ohne ausreichende Wasserversorgung und ohne Lebensgrundlage dasteht – obwohl die Betreiber der Mine Cerrejón ein vorbildliches Vorgehen versprachen.
Mit seinem Besuch in Zug will Jairo Fuentes die Menschen für die Problematik in seiner Heimat sensibilisieren und Firmen wie Glencore, die zu einem Drittel an Cerrejón beteiligt ist, zu mehr Verantwortung zwingen.
«Die Kohle aus Cerrejón ist schmutzig»
«Wir wurden vor acht Monaten an einen neuen Ort umgesiedelt und nun stehen wir vor vielen Problemen: Umweltverschmutzung, zu wenig Wasser, kein fruchtbares Land, keine Jagd, keine Fischerei», sagt Fuentes. Das Ziel seines Besuchs in Zug und in ganz Europa ist es, den Leuten zu erzählen, woher die Kohle kommt, die sie brauchen. «Die Leute hier sollen die Auswirkungen einer Umsiedlung verstehen.» Die Betreiber der Mine Cerrejón hätten viel versprochen, es habe schriftliche Vereinbarungen gegeben, doch sie hielten fast nichts davon ein, sagt Fuentes, «die Kohle aus Cerrejón ist schmutzig.»
Cerrejón ist eine Steinkohlemine im nördlichsten Teil von Kolumbien, im Departement Guajira. Sie erstreckt sich über ein Gebiet von insgesamt 69'000 Hektaren und ist die größte Steinkohlemine in Lateinamerika sowie einer der größten Steinkohletagebaue der Welt. Die Mine gehört zu gleichen Teilen den drei Firmen Anglo American (USA), BHP Billiton (Australien) und Glencore (Schweiz).
Ungefähr 23 Kilometer wohnen die 31 Familien des Volks der Wayuu von ihrem alten Ort entfernt. «Wir können uns in dem Gebiet nur sehr beschränkt bewegen, weil die Mine immer grösser wird und die Sicherheitskräfte der Betreiber sowie die Polizei alles absperren», sagt Fuentes. Dort wo sie jetzt leben, gebe es nur Krankheiten, Leid und Zerstörung. Es gebe noch nicht einmal ein einziges nachhaltiges Projekt oder eine Stiftung für landwirtschaftliche Produktion, wie es versprochen worden sei. Aktuell sei aber das Wasser das grösste Problem: «Sie versprachen uns, dass wir 24 Stunden Wasser haben werden. Jetzt haben wir drei Stunden Wasser am Tag und das Wasser ist verschmutzt.» Sie hätten mit den getroffenen Vereinbarungen ihr Land verlassen, in der Hoffnung, im Gegenzug ein gleichwertig produktives Land zu erhalten. «Was wir wollen, ist dass wir wieder eine Gemeinschaft von Produzenten sein können, und nicht abhängige Konsumenten, so wie jetzt.»
Beeindruckt vom sauberen Wasser
Auf die Frage, wie es für ihn sei, einen Ort wie Zug zu besuchen, wo viele Rohstoffe gehandelt werden, sagt der Kolumbianer: «Für mich ist es sehr beeindruckend, wenn ich sehe wie viel sauberes Wasser hier vorhanden ist.» Wenn er das hier aber so sehe und gleichzeitig wisse, dass die hier gehandelte Kohle aus seinem Land komme, sei das sehr hart für ihn.
«Die Leute hier sitzen im Büro und erhalten am Ende des Monats ihr Gehalt, gleichzeitig wird mein Land zerstört.» Die Leute wüssten nicht, was dort passiert. «Ich wünschte mir, dass auch sie eine solche Tour machen würden wie ich, um zu sehen, wie es den Gemeinschaften rund um die Mine Cerrejón geht.»
Er habe auch versucht, mit einer Firma das Gespräch zu suchen, die in der Nähe von Cerrejón den Betrieb aufnehmen wolle. Sie hätten gesagt, dass sie mit ihm gar nichts zu bereden hätten. Also spricht Fuentes vor allem an Universitäten, mit Medien und schildert interessierten Leuten sein Anliegen. Von Zug reist er enttäuscht ab. Auch weil das von ihm an der Generalversammlung von Glencore angebrachte Anliegen nicht auf offene Ohren stiess.
«Im Fall von Glencore bin ich ein bisschen verärgert. Sie erzählen von sozialer Verantwortung, Entwicklung, und ich weiss genau, dass ihnen geglaubt wird und alles so gemacht wird, wie sie sagen, dass es gut sei. Was ich wollte, ist dass Glencore einen Brief an die übrigen Betreiber von Cerrejón schreibt und ihnen sagt, dass die Probleme mit der Landwirtschaft und dem Wasser ernst zu nehmen seien.» Doch alle würden die Verantwortung abschieben und immer wieder sagen, dass es ja Standards und Vereinbarungen gebe.
Die Unternehmen als zweiter Staat
Ebenfalls möchte er die Regierungen in Zug und in Bern fragen, was sie denn dazu sagen würden, wenn die Wayuu hierher kämen und ihnen die Flüsse verschmutzen würden. «Ich fordere diese Regierungen auf, dass sie solidarisch sind, und die Unternehmen, dass sie die Kohle von Cerrejón nur unter der Bedingung kaufen, dass die abgemachten Standards eingehalten werden.»
Er wisse selbstverständlich auch, dass die kolumbianische Regierung für vieles verantwortlich sei. Die Unternehmen seien wie ein zweiter Staat. Die Gesetze und die Verfassung würden seiner Gemeinschaft keinen Schutz bieten. «Wir reichen Klagen bei verschiedensten einflussreichen Personen ein, doch dort bleibt es hängen. Die Unternehmen ziehen ihr Ding weiter. Sie mögen noch so viel von Entwicklung und Arbeitsplätzen reden, das ist alles eine Lüge.» Aus Zug reist er «beeindruckt» aber auch «ein bisschen verärgert ab». Aufgeben ist für ihn trotz Frust keine Lösung, auch weil er wisse, dass viele Leute ihn unterstützten.