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| Chrysostomus († 407) - Homilien über den ersten Brief an die Korinther

Zweiundzwanzigste Homilie.
II.
Ferner sucht er von einer andern Seite die Sache zu erheben und als groß darzustellen, nicht um sich selbst zu berühmen, — denn er ist fern von dieser Leidenschaft, sondern um seine Freudigkeit an den Tag zu legen und jeden Verdacht niederzuschlagen. Und was sagt er?
[S. 370] 16. 17. 18. Denn wenn ich das Evangelium verkünde, so ist Das für mich noch kein Ruhm; das ist meine strenge Verpflichtung, denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde! Denn wenn ich willig Dieses thue, so erhalte ich Lohn, wenn aber widerwillig, so ist mir doch einmal das Amt anvertraut. Welches ist nun mein Lohn? — Daß ich das Evangelium predigend unentgeltlich mache das Evangelium, damit ich mein Anrecht im Evangelium nicht mißbrauche.
Wie, sage mir, bringt dir Das keinen Ruhm, daß du das Evangelium predigst, wohl aber Das, daß du es unentgeltlich thust? Ist denn Dieses mehr als Jenes? Keineswegs! Doch von einer andern Seite betrachtet ist es mehr; weil Jenes geboten ist, Dieses aber von meiner freien Wahl abhängt. Denn was ohne Gebot aus freiem Antrieb geschieht, ist eben darum großen Lohnes werth; nicht so Das, was man auf irgend einen Befehl thut. In dieser Beziehung ist also, wie er sagt, das Letztere größer, nicht aber in Rücksicht auf die Sache selbst: denn was ist wohl zu vergleichen mit der Hoheit des Predigtamtes? Denn durch dieses wetteifern die Apostel sogar mit den Engeln. Weil aber das Predigen Gebot und Pflicht ist, die freudige Übernahme dieses Amtes aber von freiem Willen abhängt, so hat Dieses einen größern Werth als Jenes. Er selbst gibt diese Erklärung, indem er sagt: „Thu’ ich es willig, so erhalte ich Lohn; wenn aber widerwillig, so ist mir doch einmal das Amt anvertraut.“ Jenes „willig“ bezieht sich auf das nicht Anvertraute und jenes „widerwillig“ auf Das, was anvertraut war. So muß auch der Ausdruck: „Das ist meine strenge Verpflichtung“ aufgefaßt werden, nicht als ob er derselben in irgend einem Punkte ungerne nachkäme, das sei ferne! sondern daß er für das ihm aufgetra- [S. 371] gene Amt verantwortlich sei und hierin nicht die freie Wahl habe wie bei der Annahme des Unterhaltes. Darum sprach auch Christus zu den Jüngern: „Wenn ihr Alles gethan habt, so sprechet: Wir sind unnütze Knechte; wir thaten nur, was unsere Schuldigkeit war!“1
„Welches ist nun mein Lohn? Daß ich das Evangelium predigend es unentgeltlich thue.“ Wie nun, empfängt also Petrus keinen Lohn? Wer hat wohl jemals größeren Lohn empfangen als er? Und dann die übrigen Apostel? Wie konnte also Paulus sagen: „Thu’ ich es willig, so erhalte ich Lohn; wenn aber widerwillig, so ist mir doch einmal das Amt anvertraut“? Siehst du auch hier die Weisheit des Paulus? Er sagt nicht: Thu’ ich es widerwillig, so empfange ich keinen Lohn, sondern: „So ist mir doch einmal das Amt anvertraut,“ wodurch er zu erkennen gibt, daß er auch so noch einen Lohn zu gewärtigen habe, aber als Einer, der da erfüllt, was geboten war, nicht aber als Einer, der in hochherziger Weise mehr gethan hat, als ihm befohlen war. Welches ist nun dieser Lohn? „Daß ich das Evangelium predigend unentgeltlich mache das Evangelium, damit ich mein Anrecht im Evangelium nicht mißbrauche.“ Siehst du wie er beständig von einem Anrechte spricht und dadurch zeigt, wie ich schon oft gesagt habe, daß Diejenigen keinen Tadel verdienen, die davon Gebrauch machen. Er setzt aber bei: „im Evangelium“, wodurch er dieses Anrecht auf dessen Verkündigung einschränkt und dasselbe auf andere Gegenstände auszudehnen verbietet. Denn nur dem Lehrer, nicht aber dem Müssiggänger steht dieses Recht zu.
[S. 372] 19. Denn obgleich ich unabhängig bin von Allen, habe ich mich Allen zum Knechte gemacht, damit ich die Mehreren gewinne.
Abermals gebraucht er hier einen gar kräftigen Ausdruck. Es ist zwar etwas Großes. Nichts anzunehmen; aber Das, was er sagen will, ist viel größer als jenes. Was sagt er denn aber? Nicht nur, spricht er, habe ich mich meines Anrechtes nicht bedient und Nichts angenommen, sondern ich habe mich auf mancherlei Weise und in jeglicher Hinsicht zum Knechte gemacht. Nicht nur in Bezug auf irdische Güter, sondern was weit mehr ist, in Rücksicht auf viele und mannigfaltige Geschäfte habe ich Das bewiesen: obwohl ich in keinem Stücke abhängig war und keinem Zwang unterlag, so habe ich mich doch zum Knechte gemacht (denn Das will er sagen, wenn er spricht: „Obgleich ich unabhängig bin von Allen“ ) und diente nicht etwa einem Einzelnen, sondern der ganzen Welt. Darum fügt er bei: „Ich habe mich Allen zum Knechte gemacht.“ Zu predigen und das Evangelium zu verkünden war mir geboten, aber tausenderlei Wege und Kunstgriffe zu ersinnen war meinem Eifer überlassen. Die milden Beiträge ihrer Bestimmung zuzuführen war ich verpflichtet; „allein ich that mehr, als mir geboten war, indem ich Alles versuchte, dieselben zu sammeln. Weil er nämlich Alles aus eigenem Antrieb, mit Freudigkeit und aus Liebe zu Christus vollzog, so hatte er ein unersättliches Verlangen nach dem Heile der Menschen. Darum übersprang er auch mit großer Lust die Schranken (eines gewöhnlichen Eifers) und er schwang sich hoch in den Himmel hinauf. — Nachdem er von der Knechtschaft geredet, nennt er nun auch die verschiedenen Arten derselben. Welches sind nun diese?
20. Und ich bin, sagt er, für die Juden gleichsam Jude geworden, um die Juden zu gewinnen.
Und wie geschah Das? Er bediente sich der Beschneidung, um die Beschneidung aufzuheben. Darum sagt er [S. 373] nicht: Ein Jude, sondern: „Wie ein Jude,“ was eine Herablassung war. Was sagst du? Der Weltapostel, der bis an die Himmel ragt, und in dem eine solche Gnade strahlt, läßt sich auf einmal so tief herab! Freilich! denn Das heißt man sich erheben. Denn du darfst nicht bloß darauf sehen, daß er sich herabließ, sondern auch wie er die Niedrigen aufrichtet und zu sich emporhebt.
1: Luk. 17, 10.