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Meine Spaziergänge wurden in den vergangenen Monaten immer kürzer. Möglichst so, dass ich es im Laufschritt bis zum nächsten Nachrichtentermin ins Studio schaffte. In der Downing Street herrschte ein Kommen und Gehen, wie ich es vorher nur in Afrika erlebt hatte. Innerhalb von drei Monaten hat das Land drei Premierminister erlebt.
Mit den Ritualen sind wir Journalistinnen und Journalisten mittlerweile bestens vertraut. Wenn vor der berühmten schwarzen Tür das Rednerpültchen aufgestellt wird, küsst der neue Premierminister im Buckingham-Palast meist gerade die Hand des Monarchen. Wie im Mittelalter. Es wirkt aus der Zeit gefallen, aber bei näherer Betrachtung nicht ganz unsympathisch.
Der Monarch ernennt den Premierminister. Der muss dann bei einer wöchentlichen Audienz dem König über sein Tun rapportieren. Der Monarch hat keine politische Macht, aber das Ritual bewahrt den Premierminister vor Überheblichkeit – denn einen Steinwurf von der Downing Street entfernt residiert einer, der über dem Premierminister steht und ihn notfalls sogar entlassen kann. Die Monarchie bewahre Grossbritannien vor der Tyrannei, erklären manchmal überzeugte Royalisten.
Am beständigsten ist Kater Larry
Während der neue Premierminister vom Buckingham-Palast zur Downing Street gefahren wird, postieren sich die Weltmedien vor Nummer 10. Oft leistet uns Kater Larry Gesellschaft. Er schlurft zwischen Beinen, Kameras und Mikrofonständern herum und beäugt die Leute.
Larry lebt seit elf Jahren in der Downing Street und ist ein Routinier, was Regierungswechsel betrifft. Kater und Nuklearcodes werden weitergereicht, aber nicht das Rednerpult. Jeder Premier bekommt sein eigenes. Jenes von Liz Truss wirkte mit seinem gezwirbelten Fuss ziemlich futuristisch, musste aber bekanntlich bereits nach 45 Tagen ausrangiert werden. Die Expresswahl von Rishi Sunak brachte die Schreinerei ihrer Majestät aber offenbar an ihre Grenzen. Sunak musste erst einmal mit einem Rednerpult aus alten Beständen vorliebnehmen.
«Das reale Leben spielt sich nicht hier in Westminster ab»Grossbritannien-Korrespondent Patrik Wülser
Mit Rishi Sunak wird voraussichtlich wieder ein bisschen mehr Ruhe in die britische Politik einkehren. Damit wird auch der Radius meiner Exkursionen wieder grösser werden.
Monatelang warten auf den Zahnarzttermin
Ein Korrespondent sollte nicht nur in der Downing Street stehen. Denn das reale Leben der Britinnen und Briten spielt sich nicht in Westminster ab. Vor kurzem war ich im Süden Englands mit Zahnärzten unterwegs. In einer mobilen Klinik flicken sie Obdachlosen kostenlos die Zähne. Erstmals bin ich diesem Hilfswerk vor einigen Jahren als Afrika-Korrespondent in Uganda begegnet. Mittlerweile ist die zahnmedizinische Versorgung in der ehemaligen Kolonialmacht aber durchaus vergleichbar mit einem Schwellenland. Die BBC fand heraus, dass in England über 90 Prozent der Zahnarztpraxen des staatlichen Gesundheitssystems keine neuen Patienten mehr annehmen. Tausende warten monatelang auf einen Termin.
«Schauen, schauen, schauen. Und nie das Erstaunen vergessen. Wir sind nicht da, um zu richten. Wir sind da, um zu erzählen.»Zitat von Friedrich Glauser
Für die Britinnen und Briten haben die politischen Experimente der aktuellen Regierungspartei also durchaus schmerzhafte Auswirkungen. Mehrere Millionen Menschen leben mittlerweile unter der Armutsgrenze. Sie wünschen sich von ihrer Regierung nicht weitere Absurditäten, sondern Hilfe.
Als Korrespondent bin ich ein Beobachter. Täglich lerne ich das Andere und Fremde kennen. Ich realisiere ebenso, dass die Schweiz weder der Nabel der Welt noch der Referenzpunkt ist. Über meinem Schreibtisch begleitet mich seit Jahren ein Zitat von Friedrich Glauser: «Schauen, schauen, schauen. Und nie das Erstaunen vergessen. Wir sind nicht da, um zu richten. Wir sind da, um zu erzählen.»
Mein Beruf ist es, Fakten zu sammeln und möglichst die Wahrheit zu erzählen. Sie verwirrt gelegentlich. Macht regelmässig ratlos. Und zuweilen demütig und dankbar. Gerade in der aktuellen Weltlage finde ich unsere Arbeit wichtiger denn je. Gute Auslandberichterstattung zeigt Zusammenhänge auf, baut Vorurteile ab. Und im besten Fall sorgt sie für gesunde und wohlwollende Ansichten über andere Menschen und Dinge.