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Band 2 der bei der WBG wieder aufgelegten Auswahl aus des Erasmus Werken enthält den wohl berühmtesten Text des grossen europäischen Humanisten: Das Lob der Torheit. Ich gehe davon aus, dass auch heute noch der Inhalt jedem Leser bekannt ist. Unter dem Deckmantel einer Schrift, die von der Torheit höchstpersönlich abgefasst worden sei, bringt Erasmus hier eine Kritik vor, die sowohl das Verhalten der weltlichen Herrscher wie das der kirchlichen scharf angreift. Auch die von Erasmus so gar nicht geliebten Scholastiker kriegen ihr Fett weg. (Ich vermute, unser heutiges Bild der Scholastik als einer weltfernen und nichtsnutzen Pseudo-Wissenschaft geht in grossem Mass auf Erasmus und sein Lob der Torheit zurück.)
Erasmus ist dabei nicht der erste, der Spott und Häme über menschliches Verhalten ausgiesst. Er selber führt einige seiner Vorgänger an: Homers Froschmäusekrieg – eine Parodie der Ilias (die, wie wir heute wissen, nicht von Homer stammt, aber zu Erasmus‘ Zeiten ihm noch zugeschrieben wurde); Vergils Gesang auf eine Mücke (Culex) – auch nicht von Vergil stammend; ein Lob der Ungerechtigkeit, das Glaukon (Platons Bruder) verfasst haben soll; last but not least Lukian, den auch Wieland noch schätzte. Ein Werk, das Werk, das man heute – zumindest im deutschen Sprachraum – als erstes mit dem Lob der Torheit assoziiert, führt Erasmus allerdings nicht auf: Brants Narrenschiff. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.
Gewidmet hat Erasmus Das Lob der Torheit seinem Freund Thomas Morus. (Und er konnte es natürlich nicht unterlassen, mit dem griechischen Wort für ‚Torheit‘ und dem Namen seines Freundes wortzuspielen.)
Für den heutigen Leser ist auch die Unbekümmertheit interessant, mit der Erasmus die antike, griechisch-römische Götterwelt und christliche Theologie vermischt, mal Sitten der alten Götter ironisch darstellt, unter deren Gewand sich natürlich zeitgenössische Sitten verbergen; mal die Kirche und ihre Vertreter angreift (hier vor allem das Mönchstum bzw. dessen praktische Ausprägung, weniger die Theorie des Mönchswesens, ein bisschen die Bischöfe und Kardinäle, den Papst lässt er – soweit ich sehe – aus dem Spiel). Aber auch christliche Gepflogenheiten wie das Einsetzen von jeweils separaten Heiligen für jede Lebenslage oder die Gesundheit eines jeden Körperglieds werden von der Torheit satirisch gelobt.
Eine gelungene und auch heute noch lesenswerte Satire. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft publiziert die ‚klassische‘ Übersetzung von Alfred Hartmann.
Von den Gedichten kann man hingegen nicht sagen. dass sie gelungen, geschweige denn unverzichtbar wären. Wohl ist mit einem Carmen bucolicum von 1481 (?) der wohl früheste erhaltene Text des Erasmus mit aufgeführt. Aber auch bei Erasmus gilt, dass Juvenilia halt eben sind, was sie sind: Erste, meist mühsame Gehversuche eines Autors. Man kann von einem 14-Jährigen nicht erwarten, dass er Liebesleiden und -freuden halbwegs überzeugend darstellen kann – um so mehr, als dies in der lateinischen Dichtung des ausgehenden 15. Jahrhunderts keineswegs das Ziel der Dichtung war, die vielmehr eine geschickte Aneinanderreihung verschiedener Topoi zu einem Thema anstrebte. Erasmus‘ Gedichte wurden von Wendelin Schmidt-Dengler in deutsche Prosa übersetzt. Das führt leider dazu, dass auf der deutschen Seite des Texts oft eine Art Bleiwüste entsteht, weil Schmidt-Dengler im Original kaum Strophen fand und deshalb im deutschen Text eine Gliederung in Abschnitte für überflüssig hielt. Auch sprachlich kommen die Gedichte nicht an das Lob der Torheit heran – was den jeweiligen Originalen geschuldet sein mag.