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Einige Leitlinien der Reform:
- Weniger Ausnahme- und Sonderregelungen (z. B. Verdoppelung von s unter denselben Bedingungen wie bei anderen Konsonantenbuchstaben, also Fass wie Fall; die einzige h-Schreibung nach au wird beseitigt, daher rau; Silbentrennung von st wie bei s-p, s-k, f-t, l-t …).
- In den Bereichen Groß-/Kleinschreibung und Getrennt-/Zusammenschreibung anstatt semantischer Kriterien solche der grammatischen Form und der Kollokation, die leichter objektivierbar sind.
- Verzicht auf manche semantisch motivierte Schreibungsunterschiede, die die Schreibenden belasten, ohne den Lesenden nennenswerten Nutzen zu bringen […].
- Einführung von Zonen der Wahlfreiheit (besonders innerhalb der Bereiche Fremdwortschreibung und Kommasetzung).
- In einigen Fällen neue Schreibweisen aufgrund synchronischer Assoziierbarkeit (z. B. überschwänglich wie Überschwang, Quäntchen wie Quantum).
- die neuen regeln
https://grammis.ids-mannheim.de/rechtschreibung
Niemand, der daran interessiert gewesen wäre
Die Reform war eine Beschäftigungstherapie für unterbeschäftigte Germanisten. Es gab keine Volksbewegung, keine Meinungsumfrage, keinen Schriftstellerverband, keinen Lehrerverband, überhaupt niemanden, der daran interessiert gewesen wäre, die deutsche Rechtschreibung zu reformieren.
Verbrechen
Ulrich Raulff, Süddeutsche Zeitung,
Die Auseinandersetzung um die Regeln ihres Schreibens beschäftigt die Deutschen mehr, als es jede andere soziale, politische oder kulturelle Frage seit langem getan hat. Übereinstimmend berichten Redaktionen von Zeitungen und Sendern landauf, landab von einer so immensen Flut von Leserbriefen und Zuschriften auf ihren elektronischen Seiten, wie sie sie seit Ewigkeiten nicht erlebt haben.
Reiner Kunze, Schweizer Monatshefte,
Es handelt sich um eine gravierende Beschädigung der deutschen Sprache, also um ein kulturelles Jahrhundertvergehen.
Hans-Jörg Vehlewald, Bild, , Bild-Kommentar
Ein Verbrechen an unseren Schülern und unserer Sprache!
Bayerische Staatszeitung,
Ein Verbrechen an der Jugend
Vergewaltigung der Sprache durch einige besessene Linguisten.
Friedhelm Farthmann, Bild,
Ich appelliere an den Kanzler, der Vergewaltigung der deutschen Sprache Einhalt zu gebieten.
Johano Strasser, Frankfurter Rundschau,
Das ist eine Vergewaltigung der Sprache.
Wolfgang Scheuermann, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Briefe an die Herausgeber,
Diese Vergewaltigung — anders kann man es kaum nennen — ist ohne Beispiel.
Nopper, Ingrid, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Briefe an die Herausgeber,
Großes Lob an die Vergewaltiger im Rechtschreibreform-Gremium. Sie haben ganze Arbeit geleistet.
Nicht radikal
Dabei ist zu beachten, dass die jetzige Reform beim besten Willen nicht als radikal bewertet werden kann. Sie lässt im Gegenteil verschiedene begründete Forderungen früherer Reformkonzepte, beginnend mit dem »Schleizer Duden« von 1872, offen. Außer der gemäßigten Kleinschreibung wäre hier vor allem die Beseitigung der zahlreichen Doppel- und Dreifachschreibungen für jeweils gleiche Laute (wie ei – ai, f – v oder a - ah – aa usw.) zu nennen.
Friedrich Denk, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Briefe an die Herausgeber,
Denn bekanntlich ist nur ein winziger Prozentsatz der Schreibung betroffen, in der Grundschule kaum 30 Wörter.
Niemandem weh tun
Dorothee Nolte, Tagesspiegel,
Die Experten wollten halt niemandem weh tun, die Gebildeten nicht verprellen und auch die nicht völlig enttäuschen, die angesichts zunehmender Schwierigkeiten von Schülern mit der Rechtschreibung für eine radikale Vereinfachung plädierten.
Es muſsten ſich alſo verſchiedene Erwägungen gegenſeitig in Schranken halten und nicht ſelten muſste auf das an ſich Richtigere und Beſſere verzichtet werden, weil es von den gegenwärtigen Gewonheiten zu weit ablag und darum minder leicht durchfürbar erſchien.
Um aber nicht ungerecht zu sein, darf ich einen grossen Nutzen nicht unerwähnt lassen, den diese Neuregelung der Rechtschreibung gestiftet hat: Sie hat der sakrosankten „historischen Orthographie“ den Glorienschein der Unveränderlichkeit und Unverletzlichkeit vom Haupte gerissen und dadurch einer künftigen Reform die Wege geebnet. Das Werk der Männer, welche vor 25 Jahren die deutsche Rechtschreibung regeln sollten, hat kein Uebermass von Beifall und Anerkennung gefunden.
Wer über das geringe Ausmaß an Verbesserungen, welche die Reform bringt, enttäuscht ist und meint, dass sie den Aufwand nicht lohnt, sollte bedenken: Wenn schon das wenige auf so viel Widerstand stößt, zeigt dies, dass unter den gegebenen Umständen mehr an Reform nicht zu erreichen war.
Unser standpunkt
- Ein spatz in der hand ist besser als eine taube auf dem dach.
- Nach der reform ist vor der reform.
Wie weit man darin im einzelnen gehen soll, darüber können und werden die Meinungen geteilt sein. Die Hauptsache ist, daß überhaupt etwas geschieht.
Im Nachhinein betrachtet, nach Corona und so vielem anderen, ist es schwer nachvollziehbar, dass damals so erbittert gestritten worden ist. […] Heute erscheint es wie ein Luxusproblem. Und rückblickend war es viel mit Streit vergeudete Zeit!
Jürg Niederhauser, Der Bund,
Eines der kennzeichnendsten Merkmale der Diskussion traut man sich fast nicht hinzuschreiben, weil man Klischees vermeiden soll: diese Diskussion ist «typisch deutsch». Man vergegenwärtige sich einmal die effektive Bedeutung der neuen Rechtschreibung und ihrer Auswirkungen auf den Sprachalltag und den enormen Umfang dieser Diskussion mit ihrer völlig unangemessenen Heftigkeit und Aggressivität. […] Vielleicht hat die schweizerische Zurückhaltung etwas damit zu tun, dass wir in der Schweiz den pragmatischen Umgang mit Kompromissflickwerken gewohnt sind. Einige Töne in dieser Diskussion sind aus Schweizer Sicht ziemlich bedenklich.