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Der Herzog von Croÿ, ein deutsch-französischer Adliger, lebte von 1717-1784. Er schrieb sein Leben lang Tagebuch und füllte rund 40 Bände damit. Gemäss seinem letzten Willen sollte es in seiner Familie bleiben, dieser zu Erbauung und Instruktion dienen. Die Französische Revolution, die dann schon bald nach seinem Tod ausbrach, hat dies verhindert; aber die Texte sind auf uns gekommen. Die Tagebücher sind bis heute – auch auf Französisch – nie vollständig gedruckt worden. In vielen Passagen finden sich eher uninteressante technische Details zu der Verwaltung jener Regionen, die Anne Emmanuel Ferdinand François Herzog von Croÿ, so sein vollständiger Name, als Kommandant führte.
Auf Deutsch existiert unter obigem Titel seit 2011 eine Auswahl, übersetzt und herausgegeben von Hans Pleschinski, im Verlag C. H. Beck. Die Auswahl ist sorgfältig editiert und kommentiert, mit ein paar Schwarz-Weiss-Abbildungen versehen.
Der Herzog war vielseitig, vor allem aber naturwissenschaftlich sehr interessiert. Kein Wunder also, dass er bei seinen Begegnungen mit Benjamin Franklin sich zuerst einmal über dessen Forschungen zu Elektrizität austauschte und nicht über die Tagespolitik. (In die mischte sich der Herzog zwar auch gern und ausführlich ein mittels an allen möglichen Amtsstellen eingereichter Memoranden, und er machte sich durchaus seine eigenen Gedanken zur Anerkennung der amerikanischen Unabhängigkeit durch Frankreich, die er zu Beginn mit grossem Unbehagen sah.) Kein Wunder also auch, dass er bis kurz vor seinem Tod mit dem Phänomen der Heissluft- und Gasballons sich beschäftigte, mit den Brüdern Montgolfier darüber Briefe wechselte.
Am interessantensten allerdings finde ich Croÿs Auslassungen über den französischen Hof. Croÿ hatte es im Laufe seines Lebens mit drei Ludwigen zu tun: XIV, XV und XVI. Es ist faszinierend, nachzuverfolgen, mit welchen Mitteln, Konnexionen und eingereichten Memoranden Croÿ seine Laufbahn verfolgt. Das war zu jener Zeit für ein Mitglied des französischen Hochadels nicht nur eine Frage des persönlichen Ehrgeizes. Das Oberhaupt so einer Familie war, worauf Pleschinski zu Recht hinweist, so etwas wie der CEO einer grossen Firma, und es hing von ihm und seinem Rang im Staat ab, zu welchen Verbindungen seine Kinder, seine Enkel, seine Nichten und Neffen kommen konnten, um weiteren materiellen und ideellen Einfluss im Staat gewinnen zu können. Wie oft seufzt Croÿ nicht über die Mätressenwirtschaft Ludwigs XV.! Und dennoch ist Croÿ ein offener, unvoreingenommener Beobacher und durchaus in der Lage, bei persönlichem Zusammentreffen mit den jeweiligen Damen seine Meinung über sie zu korrigieren. Er kann seine Meinung auch zum Schlechteren korrigieren, so, wenn er realisiert, dass Ludwig XVI. seine guten Ansätze der ersten Tage der Thronfolge sehr rasch vergisst und sich vor allem um die Jagd kümmert, während seine Frau, Marie-Antoinette, offenbar zusehends der Spielsucht verfällt und gewissenlos Staatsgelder am Spieltisch verschleudert. Da wird dem alternden Croÿ bewusst, dass so eine Mätressenwirtschaft nicht nur schlechte Seiten gehabt hatte.
Natürlich lachen wir heute, wenn wir lesen, dass der französische Finanzminister der Epoche, Abbé Terray, ihm nach den Hochzeitsfeierlichkeiten für den Dauphin und die österreichische Prinzessin allen Ernstes versichert, dass der die Ausgaben des Hofs durchgesehen und keine Sparmöglichkeiten gefunden habe. Doch der Abbé wusste ebenso, dass von den vielen „unnötigen“ Ausgaben auch viele Jobs abhängen, wie wir es heute ausdrücken würden, und dass solche Sparmassnahmen deshalb sehr unpopulär wären. Was den französischen Staat nicht daran hinderte, in einer ähnlichen Bredouille zu stecken wie aktuell der griechische: zu wenig Flüssiges, keine Kreditwürdigkeit mehr, zu hohe Zinsen auf dem Geldmarkt, Schuldenmacherei um alte Schulden tilgen zu können. (Der Abbé Terray war es übrigens, der m.W. als erster die These aufbrachte, dass ein Staat so alle 100 Jahre einmal Bankrott machen müsse, um seine Bilanz bereinigen zu können. Ein hochaktuelles Buch also!)
Alles in allem eine lohnende Lektüre.