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Die Gaia GmbH war ein ziemlich grosses Unternehmen. Eigentlich ein globaler, nein, ein Weltkonzern. Geführt mit sanfter Hand von einer resoluten Matriarchin, welche von den Angestellten liebevoll Señora genannt wurde.
Das Unternehmen lief nicht schlecht, aber in Wirtschaftskreisen wurde bemängelt, dass mehr drin liegen würde. Dass mehr herauszuholen wäre, dass das Unternehmen sein Potenzial nicht ausschöpfen würde.
Eines Tages stieg ein schmächtiger, etwas unscheinbar wirkender Mann in einem massgeschneiderten hellgrauen Nadelstreifenanzug mit einem sehr flachen Aktenkoffer in der Hand aus seinem Aston Martin vor der Hacienda der Señora, welche gerade auf Ihrer Terrasse im Schatten von Königspalmen in einem Schaukelstuhl aus Rattan sass, kräftig an einer Cohiba Behike zog und sich in eine Aura aus Rauchschwaden hüllte.
Zwei bullige Bodyguards mit Maschinengewehren traten hinter dem Hibiskusstrauch neben dem Treppenaufgang zur Terrasse hervor, um dem Mann den Weg zu versperren.
„Lasst ihn herkommen. Ich habe auf ihn gewartet“, drang eine heisere, tiefe Stimme durch den Nebel.
Die Bodyguards zogen sich wieder hinter den Hibiskusstrauch zurück, wo sie sich auf zwei kleine Hocker niederliessen und einander Wasser einschenkten aus einer Karaffe, auf deren Boden sich schwarze Steine befanden.
Der Mann im Nadelstreifenanzug betrat die Terrasse.
„Ich möchte Ihnen ein Angebot machen, Señora.“ Seine Stimme war leise und monoton und wirkte glattrasiert, genau wie seine Haut.
Eine Bewegung in einer der Palmen über ihm liess den Kopf des Mannes hochzucken. Ein Vogel schoss in die Luft und verschwand mit einem lauten „toc-coro“ im Feuchtwald hinter der Hacienda.
Ein purpurroter Fächer nahm langsam im Nebel Form an. Seine Bewegungen schufen erst ein Fenster, dann einen Durchgang, welcher den Blick auf die Silhouette der Señora freigab. Ihre Haut war dunkel, ihre füllige Gestalt war in ein enges purpurrotes Kleid gezwängt und der Schaukelstuhl ächzte unter ihrem Gewicht. Ihr Gesicht war schweissbedeckt, ihre Gesichtszüge glichen tiefen Schluchten und die Falten um ihre Augen wirkten, als ob sie von Greifvögeln in ihr Gesicht eingekerbt worden wären. Von ihren tiefschwarzen Augen ging ein heiteres Funkeln aus.
„Ich höre.“
Der Mann richtete sich so gerade auf, wie er konnte.
„Mein Name ist Mr. Ego.“
„Ich weiss.“
„Ich möchte mich Ihnen anbieten, Ihr Unternehmen zu übernehmen und an die Spitze zu bringen. Ich bin mir sicher, dass Sie sich bewusst sind, dass es nicht schlecht läuft, dass da aber mehr drin liegt. Ihr Unternehmen schöpft sein Potenzial nicht aus. Mit meinen Qualifikationen bin ich genau der Richtige dafür.“
Er öffnete seinen sehr flachen Aktenkoffer und nahm ein mehrseitiges Dokument hervor. Er gab sich Mühe, seine Bewegungen nicht hastig wirken zu lassen und streckte es der Señora hin. Diese nahm einen tiefen Zug an ihrer Cohiba, stiess eine Rauchschwade in Richtung des Mannes hin aus, legte dann ihren Fächer auf den Tisch neben sich, nahm das Dokument entgegen, legte es ebenfalls auf den Tisch, nahm den Fächer wieder in ihre Hand, wehte den Rauch damit zur Seite und drückte langsam ihre Zigarre auf dem Dokument aus. Dem Mann lief nun ebenfalls Schweiss über das Gesicht.
„Sie sind genau der Richtige für diesen Job.“
Der Mann hustete. Einer der Bodyguards eilte herbei, klopfte ihm vorsichtig auf den Rücken und bot ihm dann ein Glas Wasser an.
„Opalwasser. Gut für das Immunsystem. Schwarze Opale, sehr selten und sehr wertvoll.“
Der Mann räusperte sich und lehnte das Glas ab. Der Bodyguard lächelte ihm zu und kehrte zu seinem Hocker hinter dem Hibiskusstrauch zurück.
Der Mann streckte seinen Rücken durch.
„Wollen Sie nicht ein Assessment mit mir durchführen? Mir zumindest irgendwelche Fragen stellen?“
Die Señora senkte leicht ihren Kopf. Ihre Augen funkelten stärker.
„Ich erkenne einen richtigen Mann, wenn ich einen richtigen Mann sehe.“
Der sehr flache Aktenkoffer in der Hand des Mannes zitterte. Rasch stellte er ihn ab.
Die Señora holte tief Luft und blies die Rauchschwaden um sich zur Seite, so dass sie nun deutlich sichtbar wurde, wie sie in ihrem purpurroten, tief ausgeschnittenen Kleid auf dem Schaukelstuhl sass und diesen sanft zum Schaukeln brachte. Ihr bis zu den Hüften hochgerücktes Kleid gab die makellose Haut auf ihren übereinander geschlagenen Beinen preis.
„Was ist Ihr Preis, Mr. Ego?“
Der Mann atmete nun deutlich sichtbar. Er hob die Hand, lockerte die Krawatte und öffnete den obersten Knopf seines Hemdes.
„Eine Nacht mit Ihnen. Sobald ich das Unternehmen an die Spitze gebracht habe, will ich eine Nacht mit Ihnen verbringen.“
Die Señora schaukelte etwas heftiger mit ihrem Stuhl und brach dann in lautes Gelächter aus, das die Bodyguards aufspringen liess.
Sie lachte so lange, bis dem Mann die Schamesröte ins Gesicht trat, was ziemlich lange dauerte. Dann verebbte ihr Lachen. Die Schluchten auf ihrem Gesicht hatten sich zu einem breiten Grinsen verformt und verharrten in dieser Formation.
„Darling, dafür musst Du Dich nicht abrackern. Wir können gleich jetzt in mein Dormitorio gehen.“ Sie schaute ihn erwartungsvoll an, den Kopf wiederum leicht gesenkt.
Dunkle Flecken waren auf dem Sakko unter den Schultern des Mannes aufgetaucht. Sein Atem ging weiterhin schnell. Er schien innerlich mit sich zu ringen. Ringsherum herrschte gebannte Stille. Die Bodyguards hielten den Atem an. Ein lautes „Toc-coro“ durchbrach die Stille und der Vogel landete wieder auf der Palme über der Señora.
„Señora sind zu gütig. Aber ich kann dieses Angebot nicht annehmen. Ich muss erst meinen Wert beweisen.“
Die Bodyguards atmeten hörbar aus. Einer der beiden liess sein Glas fallen. Die Señora funkelte dem Mann mit ihren tiefschwarzen Augen verschwörerisch zu.
„Ich verstehe, Darling. Dann gib Dein Bestes und komm schnell wieder zu mir zurück.“ Sie hauchte dem Mann einen Kuss zu, zog an einer neuen Zigarre, die in ihrer Hand aufgetaucht war und hüllte sich in dichten Nebel, der sich rasch ausbreitete und den Mann sanft von der Terrasse schob.
Die beiden Bodyguards händigten ihm alle benötigten Dokumente aus, so dass er in seinen Aston Martin steigen und sich gleichentags in die Arbeit stürzen konnte.
*
Einige Jahre später.
„Du hast Deine Sache wirklich gut gemacht, Darling.“ Señora liess aus ihrem Mund eine elegante Rauchsäule, die an eine Doppelhelix erinnerte, an die Decke des Dormitorios steigen, wo bereits eine Nebelwolke über dem Bett schwebte und betrachtete die nackte Rückseite des Mannes, der vor ihr am Fenster stand, lange an einer Zigarette zog, bis sie verglimmte und sich gleich eine neue anzündete.
Der Mann schüttelte den Kopf, als ob er aus einem Traum erwachen würde. „Fast hätte ich alles kaputt gemacht. Ich habe Menschenleben zerstört, Ressourcen verschwendet, über meine Verhältnisse gelebt, die Meere verschmutzt, Müllberge geschaffen und die Wälder abgebrannt.“ Er sah auf den Feuchtwald hinaus wo ein Leguan an einem Palmenstamm klebte und sich von der Sonne wärmen liess.
„Aber du hast deinen Auftrag erfüllt, Darling.“ Das Funkeln, das in den Augen der Señora lag, schwang nun auch in ihrer Stimme mit. „Du hast mein Unternehmen an die Spitze gebracht. We are number one.“
Der Mann drehte sich um. Seine Augen waren rot und müde. Rauch floss langsam aus seinen Mundwinkeln. „Aber zu welchem Preis? All das wäre fast für immer verschwunden.“ Er wies mit seiner Hand zum Fenster, wo ein Schwarm bunter Schmetterlinge sich zu dem Leguan gesellt hatte und diesen umtanzte. „Und alles wäre meine Schuld gewesen.“ Die Stimme des Mannes zitterte. Er führte die Hand mit der Zigarette an den Mund und senkte den Kopf.
Señora hob die purpurrote Satindecke und klopfte auf die Matte neben ihr. „Unsinn, Darling. Komm her.“ Der Mann näherte sich mit gesenktem Kopf, legte sich aufs Bett auf Señoras Arm.
„Du hast das getan, was Du tun musstest. Du konntest gar nicht anders. Das war dein Job, deine Aufgabe. Alles hat seine Richtigkeit.“
Sie legte die purpurrote Satindecke über den Mann neben ihr, zog seinen Kopf sanft auf ihre Brust und trocknete mit ihren Lippen die Tränen, die aus seinen Augen liefen.
„Wusstest du denn, worauf du dich einlässt, als du mir den Auftrag gabst?“
Das schallende Lachen der Señora füllte den Raum aus.
„Natürlich.“
„Und wieso hast du mir dann den Auftrag gegeben?“
Señora zog den Mann auf sich und sah ihm von unten mit ihrem funkelnden Blick tief in die Augen.
„Damit du nicht noch Schlimmeres anrichten konntest.“