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Die Geschichte des Verlagswesens ist bis ins 18. Jh. kaum abgrenzbar von der Geschichte des Buchdrucks und des Buchhandels. Lange Zeit unterschieden sich ein Drucker-Verleger und ein Buchhändler-Verleger von einem einfachen Drucker oder Buchhändler lediglich dadurch, dass ihre Geschäftstätigkeit nicht regional, sondern länderübergreifend ausgerichtet war.
Schon bald nach der Erfindung des modernen Buchdrucks mit bewegl. Lettern, Druckerpresse und Druckfarbe durch Johannes Gutenberg in Strassburg und Mainz wurde Basel zum Mittelpunkt des schweiz. Druck- und Verlagswesens. Seine Exponenten waren nicht nur Drucker, sondern auch Verleger und Buchhändler und arbeiteten eng mit der 1460 gegr. Universität zusammen. Da Basel und sein wirtschaftl. Einzugsgebiet zu klein waren, um kostendeckende Auflagen herauszugeben, mussten Absatzgebiete im übrigen deutschsprachigen Raum und darüber hinaus gewonnen werden. Es wurden aber auch Aufträge von anderen Verlegern übernommen, z.B. vom bekannten Nürnberger Anton Koberger. Das Zeitalter der Reformation mit seinen theol. und polit. Streitschriften brachte eine erste Blüte des schweiz. Druck- und Verlagsschaffens, das in Genf und Zürich weitere Zentren hatte.
Im 16. Jh. zeigten sich Ansätze einer beginnenden Spezialisierung. Es gab erste Verleger und Buchhändler, die nicht mehr selbst eine Druckerei betrieben. Im 17. Jh. erfuhren Buchdruckkunst und Verlagstätigkeit einen Niedergang. Wirtschaftl. Notlagen, Kampfhandlungen und der weitgehende Wegfall des Exportgeschäfts zwangen Drucker und Verleger während und nach dem Dreissigjährigen Krieg zu einer Einschränkung ihrer Tätigkeit. Die Auswirkungen von Reformation und Gegenreformation sowie die damit verbundene Flut von schnell und daher eher lieblos hergestellten Kleinschriften in grossen Auflagen machten sich in der Buchgestaltung bemerkbar. Erst im Zeichen der Aufklärung im 18. Jh. blühte das Verlags- und Druckereiwesen wieder auf, wobei Zürich insbesondere mit der Druckerei Orell & Compagnie (später Orell Füssli) von Basel die Führungsrolle übernahm. Die Zahl der Verleger ohne eigene Druckerei und die der eigentl. Buchhändler nahm zu. Der Vertrieb der verlegten Bücher verursachte hohe Kosten und wurde dadurch vielen Druckern zu aufwendig. Zudem fehlten ihnen weitgehend die Kenntnisse des Buchmarkts im deutschsprachigen Raum, was erfolgreiche Verhandlungen mit den Autoren erschwerte.
Zu Beginn des 19. Jh. bewirkten die Revolutionskriege und die Erschütterung der europ. Machtverhältnisse, gefolgt von Restauration und Regeneration, eine Einschränkung des kulturellen und geistigen Schaffens im Vergleich zur Hochblüte Mitte des 18. Jh. Das Interesse vieler Leser richtete sich auf leichtere Unterhaltungsliteratur, die aus dt. V.n stammte und die Schweizer Verleger in eine Aussenseiterrolle drängte. Im Zeichen des Biedermeiers trat an die Stelle der umfassenden wissenschaftl. Veröffentlichungen das liebenswürdige intime Buch. Schweizer Schriftsteller wie Gottfried Keller, Conrad Ferdinand Meyer, Jeremias Gotthelf und Ernst Zahn liessen ihre Werke fast ausschliesslich im Ausland verlegen.
Im 1. Drittel des 20. Jh. behielten die dt. V. ihre Vormachtstellung auf dem schweiz. Markt. Erst die nationalsozialist. Machtergreifung im Dt. Reich 1933 brachte eine Wende. Im gleichen Jahr etablierte sich in Zürich, gut vierzig Jahre nach den ersten dt. Buchgemeinschaften, mit der Büchergilde Gutenberg die erste unabhängige Buchgenossenschaft der Schweiz. Ihre gewerkschaftl. Initianten verstanden sie als Bildungsinstrument der Arbeiterbewegung. Im Frühjahr 1934 trafen sich Buchhändler und Verleger in Basel, um eine gemeinsame Strategie zur Förderung des Schweizer Buchs festzulegen. Die folgenden Jahre bis etwa 1950 werden häufig als Sternstunde des Schweizer Verlags bezeichnet. Stieg doch in weniger als zehn Jahren die Anzahl der V. durch Neugründungen sprunghaft an und die Zahl der herausgegebenen Titel konnte von 1'705 (1938) auf 4'002 (1946) mehr als verdoppelt werden. Vom Nationalsozialismus verfolgte Schriftsteller publizierten bei Schweizer Verlegern. So erschien 1935 Wolfgang Langhoffs Klassiker "Die Moorsoldaten" im Schweizer-Spiegel-Verlag. Nach dem Wiederaufbau der dt. Verlagsszene im Anschluss an den 2. Weltkrieg zeigte sich, dass nicht nur den versch. neu gegründeten, sondern auch den etablierten Schweizer V.n die Mittel fehlten, um sich über den Aufbau eines entsprechenden Vertriebsnetzes in Deutschland das langfristige Bestehen zu sichern. Zudem fehlten bei Familienbetrieben wie dem Europa-Verlag häufig die Nachwuchskräfte. Aus der Zwangsliquidation der Dt. Buch-Gemeinschaft um 1949 ging der durch Gottlieb Duttweiler als Gegengewicht zur Büchergilde Gutenberg gegründete Ex Libris Verlag hervor. Gab Ex Libris in seiner Gründungszeit bedeutende literar. Reihen heraus, betätigte sich das Unternehmen etwa ab den 1980er Jahren vorwiegend als Bücher-Discounter.
Vom Umschichtungs- und Konzentrationsprozess, der in den 1980er Jahren einsetzte und sich ab 1990 verstärkte, waren viele V. betroffen: Artemis, Benziger, Birkhäuser, Manesse, Hans Huber, Albert Müller, Sphynx, Walter sowie Nagel & Kimche gingen in dt. Besitz über. Der Aare-Verlag in Solothurn, Helbing & Lichtenhahn in Basel, sowie der Kinderbuchverlag Luzern (Kinder- und Jugendliteratur) wurden von Sauerländer übernommen, wobei Teile von Helbing & Lichtenhahn 1999 an Schwabe gelangten. Atlantis, Francke und Rotapfel wurden zwischen dt. und schweiz. Besitzern aufgeteilt. Der Eugen-Rentsch-Verlag wurde 1981 von Orell Füssli übernommen. Bei anderen Verlagen war der Wechsel weniger augenfällig, da ihre Besitzer ihnen ein gewisses Mass an Selbstständigkeit beliessen, wie etwa beim Scherz Verlag, der 1996 von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck übernommen worden war. Einige Unternehmen konnten ihre Unabhängigkeit bewahren, u.a. die literar. Verlage Diogenes und Ammann (Betrieb 2010 eingestellt), die Wissenschaftsverlage S. Karger, Schwabe und Stämpfli und (mit gemischter Palette) Hallwag (bis 2001, seither nur noch Kartenverlag), Haupt, Sauerländer (bis 2001) und der Verlag Huber (bis 2011) in Frauenfeld. Die Zürcher Verlage Unionsverlag und Limmat Verlag haben sich aus Synergiegründen 1991 zusammengeschlossen, 2001 jedoch wieder getrennt. Dank der Unterstützung durch ein im Printmedienbereich tätiges Mutterhaus entstanden neue, erfolgreiche Unternehmen wie der AT-Verlag der Aargauer Zeitung (seit 1996 AZ-Medien) und der NZZ-Verlag. Weitere Konkurrenten überlebten dank Kosteneinsparungen über eine Beschränkung der Titelzahl. Zahlen zu Umsatz und Mitarbeitern sind bestgehütete Geheimnisse vieler V. und insbesondere des Sortimentsbuchhandels. Ende des 20. Jh. waren vermutlich ca. 3'000-4'000 Personen im Buchhandel, Zwischenbuchhandel und Verlagswesen tätig. Die Wiedereinführung der u.a. vom Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband geforderten Buchpreisbindung wurde vom Volk 2012 in der Referendumsabstimmung abgelehnt.
Autorin/Autor: Peter Oprecht
Bereits im 15. Jh. erreichte die neue Buchdruckerkunst einzelne Orte der heutigen Westschweiz. Zwischen 1478 und 1500 waren in Genf, wo sich ein veritables Buchgewerbe entwickelte, sieben Drucker-Verleger (darunter Louis Cruse) tätig, die Hunderte von Druckerzeugnissen produzierten. Diese Aktivität flaute zwar in der 1. Hälfte des 16. Jh. etwas ab, nahm aber während der Reformation stark zu. Zwischen 1550 und 1600 waren über 330 Drucker beschäftigt, darunter einige prot. Glaubensflüchtlinge aus Lyon oder Paris. Die Blütezeit setzte sich in anderer Form bis ins 17. Jh. fort: Genfer Drucker versorgten über Lyon die Märkte des Mittelmeerraums (Italien, Spanien, Portugal) mit wissenschaftl. Büchern. Mit ihrer Präsenz auf den Messen und Märkten in Nordeuropa spielten sie eine Vermittlerrolle zwischen deutsch- und romanischsprachigen Ländern. Dieser Handel dauerte bis Mitte des 18. Jh. Danach traten die Herausgabe und der Nachdruck franz. Werke in den Vordergrund. Diese Entwicklung wurde durch die Niederlassung Voltaires in Genf und die Tätigkeit seiner Drucker, der Gebr. Cramer, gefördert. Versch. wichtige, an der Genfer Schule ausgebildete Verleger liessen sich im 18. Jh. in Lausanne nieder und verhalfen der Stadt zu einem gewissen Ruhm. Sie standen in Konkurrenz zu Fortunato Bartolomeo de Felice in Yverdon. In dieser erfolgreichen Zeit wurden mehrere typograf. Gesellschaften wie die Société typographique de Neuchâtel, die Société typographique de Lausanne, die Typographische Gesellschaft Bern, die Société littéraire et typographique d'Yverdon und die Société typographique de Genève gegründet. 1769-89 übte jene von Neuenburg eine Vorreiterrolle aus. Parallel zu den Verlegern, die sich auf den grossen internat. Handel konzentrierten, entstanden in den meisten Städten der Westschweiz kleinere Offizinen, so 1585 in Freiburg, 1592 in Pruntrut, 1644 in Sitten, 1652 in Lausanne, 1688 in Neuenburg, 1708 in La Neuveville, 1724 in Yverdon, 1742 in Biel, 1744 in Vevey, 1779 in Moudon und 1781 in Nyon. Sie belieferten mit unterschiedl. Erfolg den regionalen Markt. Versch. Erlasse, welche die Lieferung von ausländ. Büchern nach Frankreich verhindern sollten, die Revolutionswirren und die napoleon. Kriege brachten die Buchproduktion der franz. Schweiz in der Zeit um 1800 beinahe zum Erliegen.
In der 1. Hälfte des 19. Jh. erstarkte das Westschweizer Druck- und Verlagswesen für den lokalen Markt wieder. Nur die ref. Buchproduktion behielt ihre ausgedehnten Kontakte mit Paris und Südfrankreich. Gegen 1860 brachten strukturelle Veränderungen - die Abschaffung der kant. Zölle und die Verbesserung des Kommunikationsnetzes - einen neuen, diesmal von der Westschweiz ausgehenden Aufschwung der einheim. Produktion. Die 1866 gegr. Société des libraires et éditeurs de Suisse romande setzte sich die Förderung von Publikationen der französischsprachigen Schweiz zum Ziel. Da die Westschweizer V. unter grossem Konkurrenzdruck von Pariser Buchhändlern standen, versuchten sie die Gestaltung und den prakt. Nutzen regionaler Werke zu verbessern. Sie setzten auf die neuen Marktlücken in der sich wandelnden Gesellschaft, indem sie Schul-, Kinder- und Jugendbücher, Volksliteratur sowie wissenschaftl. und populärwissenschaftl. Publikationen verlegten. Zudem wollte der Berufsverband ein Bücherlager für die Auslieferung der Westschweizer Publikationen in Paris einrichten; der Versuch scheiterte zwar, führte aber durch die Initiative Einzelner vor 1914 zur Eröffnung der Pariser Filialen von Attinger und Payot.
Diese Doppelstrategie war auch für das 20. Jh. typisch. Einerseits stand eine regionale Produktion im Vordergrund, die sich auf eine typograf. Tradition und die Dynamik des Grafischen Gewerbes stützte, z.B. bei den Verlagshäusern Attinger, Kündig oder Zahn vor dem 1. Weltkrieg, beim Unternehmen Cahiers vaudois 1914-19 sowie bei den Editions Mermod in Lausanne und La Baconnière in Boudry ab Ende der 1920er Jahre. In den 1960er Jahren lebte die Publikation von literar. Werken der Westschweiz wieder auf mit dem Verlag von Bertil Galland und in der Reihe "L'Aire" der Verlagsgenossenschaft Rencontre, die einheim. Schriftsteller hervorheben wollten. Die beiden Publikationsreihen "Livre du mois" (1969-71) und "La Bibliothèque romande" (1971-74) brachten den Reichtum der französischsprachigen Schweizer Literatur einem breiteren Publikum näher. Andererseits versuchten zahlreiche Buchhändler und Verleger, über den lokalen Markt hinaus zu wachsen, z.B. nach der Zwischenkriegszeit der Buchklub La Guilde du Livre sowie Albert Skira und die Fam. Gonin mit den Kunstbüchern. Der 2. Weltkrieg führte dazu, dass sich mehrere Westschweizer Verleger in Paris niederliessen, um Werke franz. Autoren zu veröffentlichen. Diese fruchtbare Periode, in der 1941 die Editions Ides et Calendes sowie Marguerat, 1942 Les Portes de France und 1944 Le Griffon entstanden und sich die Librairie de l'Université de Fribourg entwickelte, dauerte nur etwa zehn Jahre; auch als die Pariser V. wieder marktführend wurden, verfolgten mehrere Unternehmen ihre Tätigkeit im Ausland in Bereichen weiter, in denen es nicht nur um Preiskampf und literar. Aktualität ging: Rencontre nahm das Modell des Buchklubs wieder auf und Edita setzte bei Publikationen für den internat. Markt auf Koproduktionen.
Das Verschwinden dieser V. markierte Ende der 1970er Jahre eine Wende: Der Markt verkleinerte sich stark, nur L'Age d'homme fand weiterhin wichtige Absatzkanäle in Frankreich. Edipresse hatte in den 1980er Jahren die Kapitalmehrheit von Payot, Skira und Office du livre erworben, entfernte sich aber immer mehr vom Verlagswesen und profilierte sich v.a. als Pressegruppe. Kleine, spezialisierte V. blieben bestehen, wobei einige ein umfangreiches Angebot aufwiesen. Obschon die Branche an wirtschaftl. Bedeutung verlor, blieb ihr kultureller Einfluss auf regionaler Ebene bestimmend.
Autorin/Autor: Silvio Corsini, François Vallotton / SRL
In der italienischsprachigen Schweiz tauchten die ersten Druckereien Mitte des 18. Jh. auf, also erheblich später als in den grössten europ. und schweiz. Zentren. Eine Ausnahme bildete Italienischbünden, wo die Druckerei Landolfi in Poschiavo ihre Publikationstätigkeit im 16. Jh. im Zeichen des Konfessionsstreits aufnahm. Das erste typograf. Unternehmen in den ennetbirg. Vogteien wurde 1746 in Lugano von der Druckerfamilie Agnelli aus Mailand gegründet; es trug mit zahlreichen Publikationen zur Verbreitung der Ideen der lombard. Aufklärung, der jesuitenfeindl. Kreise und der franz. Revolution in Italien bei. Nach der Schliessung der Druckerei Agnelli 1799 ging der grenzüberschreitende, auf den ital. Markt konzentrierte Handel des Tessiner Verlagswesens bis Mitte des 19. Jh. weiter. Zahlreiche Druckereien v.a. in Lugano nutzten ihre Lage an der Grenze zur österr. Lombardei, um in Italien verbotene Bücher und Raubdrucke bereits erschienener Werke zu verlegen. Eine besondere Bedeutung hatten die Druckereien im Risorgimento, so 1823-27 Vanelli, 1823-42 Ruggia und 1842-51 Svizzera Italiana in Lugano sowie 1830-53 die Tipografia elvetica in Capolago, denn sie konnten dank einer toleranten Regierung wichtige Werke herausgeben und dabei auf die Hilfe von ital. Flüchtlingen im Tessin zählen. Andere Unternehmen wie Veladini in Lugano (1805-1924) trugen mit ihren Publikationen, u.a. Periodika, polit. Werken, Gesetzen und Reglementen, Schulbüchern und religiösen Schriften, zum polit., wirtschaftl., sozialen und kulturellen Wachstum des Kantons bei. Die V. des 20. Jh. wie das nach 1912 von Carlo Grassi gegr. Istituto Editoriale Ticinese setzten ebenfalls auf den Binnenmarkt. Während des 2. Weltkriegs veröffentlichte Pino Bernasconi in der von ihm gegr. Reihe "Collana di Lugano" Werke ital. Autoren wie Eugenio Montale und Umberto Saba. Für einige Zeit waren auch die Nuove Edizioni in Capolago tätig, die sich auf literar. Werke und Essays von antifaschist. Emigranten spezialisierten. Im Tessin verfolgte der Staat noch zu Beginn des 21. Jh. eine eigene Förderpolitik und unterstützte über die Finanzierung ausgewählter Werke V. des Kantons; unter diesen profilierten sich - gemessen an der Zahl ihrer Veröffentlichungen - Dadò in Locarno und Casagrande in Bellinzona. In Italienischbünden ist seit 1864 die Druckerei Menghini in Poschiavo tätig.
Autorin/Autor: Carlo Agliati / CN