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Eine befruchtete Blüte wird zur Frucht. Die Pflanze produziert Früchte, um sich zu vermehren. So weit, so gut.
Dass man die Früchte, die an diesem heissen Sonntagnachmittag an den Sträuchern und Bäumen vom Hönggerberg vor sich hin reifen, botanisch in drei grobe Hauptkategorien einteilen kann, ist für viele der über 40 Naturspaziergängerinnen und Naturspaziergänger wohl eine neue Erkenntnis. Da gibt es zum ersten die Schliessfrucht, die sich als Ganzes verbreitet, zum zweiten die Zerfallfrucht oder Teilfrucht, die nach der Reifung in mehrere Teile mit meist einem Samen zerfällt, und zum dritten die Streufrucht, die ihren Samen direkt freigibt.
Die meisten Früchte, welche Sonja Hassold und Brigitte Bänninger sehr kompetent und charmant vorstellen, sind der ersten Kategorie Schliessfrucht zuzuordnen. Damit es aber ja nicht zu einfach sei - bei tieferem Eintauchen in die Materie wird es immer komplizierter - kann man die Schliessfrüchte in weitere drei Kategorien unterteilen: die Steinfrüchte mit einem einzigen Kern in der Mitte, die harten, verholzten Nussfrüchte und die eigentlichen Beeren mit mehreren kleinen Samen im Innern.
Zu den Steinfrüchten mit einem Kern gehören die blauen fleischigen Früchte des Roten Hartriegel oder Hornstrauch (Cornus sanguinea). Die Früchte des Schwarzdorn (Prunus spinosa), die wie die andern zur Überprüfung aufgeschnitten werden, haben auch nur einen einzigen Kern wie kleine Zwetschgen, also Steinfrucht. Im Frühling blüht der Schwarzdorn früh und weiss, noch bevor die Blätter kommen, dann kann man den namengebenden schwarzen Stamm besonders gut sehen. Zu den Steinfrüchten der besonderen Art gehören zwei Arten von Brombeeren: die Echte Brombeere (Rubus fruticosus) und die Blaue Brombeere (Rubus caesius), die blau bereift aussieht. Sie gehören zu den Rosengewächsen (Rosaceae); es gibt unzählige Arten, die sich auch untereinander kreuzen. Aus jedem Fruchtknoten entsteht eine Frucht, jedes einzelne Bällchen an der Brombeere ist also eine Frucht; die Botanikerin nennt sie «Sammelfrucht». Und da sie nur einen Kern hat, ist sie keine Beere, sondern eine Steinfrucht, genauer eine «Sammelsteinfrucht». Die Botaniker lieben lange Namen.
Nussfrüchte kann man bei der Hasel (Corylus avellana) entdecken, schön verpackt in ein grünes Hochblatt. Die männlichen Kätzchen und die weiblichen Knospen sind schon am Ast, was auf grosses Interesse stösst. Viele Pflanzen legen ihre Triebe jetzt in der «guten Zeit» an, damit sie früh im Januar austreiben können. Kleine Nussfrüchte gibt es ausserdem bei der Hainbuche oder Hagebuche (Carpinus betulus). Sie hängt im Moment voll Früchte; man sieht sie aber kaum, weil sie grün sind. Jede Frucht umgibt ein dreiteiliges Hochblatt, das als Propeller bei der Ausbreitung sehr hilfreich ist. Auch bei den Nussfrüchten wird eine Art betrachtet, die ein bisschen aus der Reihe tanzt: die Scheinerdbeere (Potentilla indica), eine invasive Pflanze mit gelben Blüten, die ursprünglich aus Asien kommt. Es handelt sich wie bei der Erdbeere um eine Scheinfrucht mit vielen kleinen Nüsschen an der Oberfläche, welche die eigentlichen Früchte sind: die «Sammelnussfrucht»…Scheinerdbeere und Erdbeere gehören zu den Rosengewächsen. So auch die Hagebutte, die eigentlich ein umgeformter Blütenboden ist, mit harten Kernen ausgefüllt: den Nussfrüchten, genauer den «Sammelnussfrüchten»…
Und jetzt zu den Beeren. Die fleischigen Früchte des Schwarzen Holunders (Sambucus nigra) mit dem saftigen Mark gehören dazu, mit zwei bis drei Kernen in der Mitte. Sie sind roh nicht geniessbar, aber gekocht kein Problem. Für Sirup braucht man bekanntlich die Blüten. Welche Früchte man wann in rohem oder gekochtem Zustand essen kann oder nicht und ob sie auch schmecken ist ein weiteres Kapitel für sich. Richtige Beeren sind auch die weissen «Chlöpf»- oder «Knack»beeren, die Schneebeeren mit zwei Kernen. Sie gehören zu den Geissblattgewächsen (Caprifoliaceae) und sind Neophyten. Leider wurden sie zu Dekorationszwecken am Waldrand gepflanzt und dringen jetzt in den Wald ein. Sie haben keine Fressfeinde, dafür sehr viele Blüten, das bedeutet sehr viele Beeren mit einem leider grossen Vermehrungspotential. Wie die Kanadische Goldrute oder das Indische Springkraut, auf die hin man seinen Garten überprüfen sollte.
Als Beispiel für eine Zerfallfrucht oder Teilfrucht dient das «Fliegerli» des Bergahorn (Acer pseudoplatanus). Man kann es leicht in zwei Teile mit je einem Kern brechen. Für die Streufrucht schliesslich steht die Mohnkapsel oder das Gewöhnliche Pfaffenhütchen (Euonymus europaeus). Die Frucht ist vierteilig verwachsen: sie platzt auf, wenn sie reif ist und gibt orangefarbene Samen preis, die überall hin springen. Rotkehlchen lieben diese besonders, obwohl sie mit giftigen Sekundärstoffen angereichert sind.
Längst nicht alle Vögel vertragen das. Wie es sich damit verhält, bringt Barbara Nikles sehr informativ und charmant den Teilnehmenden nahe. Kohlmeise, Amsel, Singdrossel, Mönchsgrasmücke und viele andere Vögel fressen «Beeren», der Begriff dient jetzt als Oberbegriff für sämtliche Früchte. Zum einen gibt es im Herbst weniger Insekten, aber die Flavonoide in den Beeren stärken auch das Immunsystem der Tiere, wie eine Studie ergeben hat. Beeren liefern die Energie für den Zug in den Süden oder für den Winter im Norden.Die Vögel wählen die Früchte mit viel Zucker, Proteinen und Fetten und vermeiden meist die mit den giftigen, schwer verdaubaren Sekundärstoffen. Kreuzdorn wird zum Beispiel weniger gefressen als Roter Hartriegel. Dass gewisse Vögel giftige Beeren überhaupt vertragen, liegt an ihrem besonderen Stoffwechsel und speziellen Enzymen. Star und Singdrossel zum Beispiel haben eine grosse Leber und können trotz Alkoholgehalt in den vergorenen Früchten auch nach deren Genuss noch gerade fliegen.
Die Vögel achten auf den Suchaufwand für die Beeren. Manche fressen nur das Fruchtfleisch oder lassen den Samen im Kropf und würgen ihn später wieder hervor, was der Verteilung dient. Und natürlich verteilt sich der Samen über den Kot. Wer jetzt in dieser Darstellung den sehr häufigen Weissdorn vermisst, eingrifflig und zweigrifflig, der zu den Rosengewächsen gehört und überall am Waldrand wächst, hat natürlich recht. Dessen Früchte, nein, Scheinfrüchte gehören, wie die des Rosengewächses Apfel, zu den Balg- oder Sammelbalgfrüchten. Aber das ist jetzt ein absoluter Spezialfall.
Pia Schad (Text), Dorothee Häberling (Fotos)