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Von St. Gallen nach Hait! - und zurück
Am Anfang standen zwei Fragen: Sollte ich im Jubiläurnsjahr 2003 den Kanton feiern, an dem ich mich 10 Jahre lang als SP-Kantonsrat gerieben hatte? Nach Gesprächen mit Freunden entschied ich mich dafür: Im Gegensatz zu CH91 gab es bei SG-2003 keinen Grund zum Boykott, und es war eine Chance. Aber war da nicht das Risiko des Lokalpatriotismus, wenn 40 Projekte ein Jahr lang den eigenen kantonalen Nabel anschauen?
Plötzlich hatte ich Lust, dem offiziellen Gedenken an 1803 etwas Ironisches, Unsanktgallisches entgegenzusetzen: z.B. 100 Jahre Bolschewismus. Bis ich auf Haiti stiess und mich von seiner aufwühlenden Geschichte treiben liess: koloniale Unterwerfung seit 1492, SklavInnenaufstand 1791, Abschaffung der Sklaverei durch den Konvent 1794, Bürgerkrieg, Unabhängigkeit von Frankreich und der Tod des «Schwarzen Napoleons» Toussaint Louverture nahe der Schweizergrenze, beides im Jahre 1803.
Von Toussaint Louverture wusste ich erst nichts, als dass er in einem Sonett des englischen Romantikers Wordsworth vorkam. Ein Jahr, zehn Bücher und 50 Internetlinks später nannte ich mein Kabarettprogramm «Louverture stirbt 1803» und setzte das schöne (wenn auch etwas rassistische) Portrait Louvertures mit Uniform und Kokarde auf mein Premierenplakat.
Zufällig stiess ich auf die Tatsache, dass auf Saint-Domingue (wie die Kolonie damals hiess) auch 600 Schweizer Soldaten für die Wiedereinführung der Sklaverei gekämpft hatten. Nach Recherchen im Archiv der französischen Armee in Paris wusste ich: Es waren auch St. Galler dabei gewesen.
In meinem Programm trete ich als Ed Fagan auf, der an einer Pressekonferenz erklärt, die Schweiz müsse sich einem neuen Kapitel ihrer Vergangenheit stellen: der schweizerischen Beteiligung an Sklaverei und Sklavlnnenhandel im 18. Jahrhundert. Wie lustig oder ernst das gemeint ist, erfährt man an einem meiner 20 Auftritte dieses Jahr, auf meiner Website www.louverture.ch und in einem längeren Artikel in der nächsten Ausgabe der Finanzplatz-Informationen.
Hans Fässler
Hans Fässler war AAB-Aktivist, SP-Sekretär und Kantonsrat. Heute ist er Lehrer, Hausmann und Kabarettist.