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Studley Royal Water Garden – eine englische Parklandschaft
Englische Landschaftsgärten sind so etwas wie der Versuch, Naturlandschaft und menschliche Gartenkultur miteinander zu verbinden. Einer der ältesten Parks, der diesem Prinzip folgt, ist der Studley Royal Water Garden in Nordengland.
Er hat spätere Parkgestaltungen nicht nur in England, sondern in vielen Ländern der Erde beeinflusst – Grund genug den Park und sein Umfeld zum UNESCO-Weltkulturerbe zu erklären. „Königlicher Park von Studley mit den Ruinen von Fountains Abbey“ heisst die Welterbestätte mit ihrer vollständigen Bezeichnung deutsch übersetzt.
Die Folge eines Börsencrashs
Studley Park liegt rund fünfzig Kilometer nordwestlich von York in der Grafschaft Yorkshire. Der Landschaftsgarten hat seine Existenz einem spektakulären Finanzskandal und Börsencrash im Jahre 1720 zu verdanken. In seinem Mittelpunkt stand die South Sea Company, eine Handelsgesellschaft, die ihren Aktionären fantastische Gewinne in der Südsee in Aussicht stellte. Als sich diese Hoffnungen zerschlugen, kam es zum Börsencrash mit anschliessender Rezession in ganz England. Es sollte nicht das letzte Vorkommnis dieser Art in der Weltgeschichte bleiben. Der Eigentümer des Geländes von Studley Park, der damalige britische Schatzkanzler John Aislabie, war unglücklich in den Skandal verwickelt. Er verlor dadurch seine politische Stellung und zog sich nach Studley Park zurück, um sich in der Folge ganz der Gestaltung des Landschaftsgartens zu widmen.
Loslösung von strengen Barock-Formen
Die Entstehung des Parks fällt in eine Zeit, in der man sich gartentechnisch von den strengen geometrischen Formen des Barocks löste und sich bei der Gestaltung mehr natürlichen Landschaftsformen zuwandte. Studley Royal Water Garden ist insofern eine Gartenanlage des Übergangs. Die Bezeichnung „Water Garden“ weist dabei auf den Versuch hin, das Naturelement Wasser systematisch in die Gartenformung zu integrieren. Dies geschieht zum Beispiel durch künstlich angelegte Teiche, Wasserbecken, Wasserfälle, Brunnen, Bachläufe usw.. Die Bepflanzung mit Wasserpflanzen gehört ebenfalls dazu.
Das Parkgelände erstreckt sich auf einer Fläche von gut drei Quadratkilometern, die einst ein verwildertes Waldtal umfasste. Auch heute sind kleinere Waldstücke noch Teil des Parkgeländes. So gibt es neben anderen einen Robin Hood Wood. Der legendäre Räuberheld wird u.a. auch in Yorkshire verortet. Das Wasser des Parks wird vom Flüsschen River Skell gespeist, dessen natürlicher Lauf in Teilen des Gartengeländes stark verändert wurde. So entstand ein kanalartiges Teilstück mit mehreren Teichen und Erweiterungen des urprünglichen Flusslaufs. Zum Teil hat man dabei auch auf geometrische Anlagen geachtet, die Gartenkunst des Barock wirkte hier offenbar noch nach. Zwischen den Bäumen und Waldstücken erstrecken sich ausgedehnte Rasenflächen. Neben dem vorhandenen Baumbestand wurden vor allem Buchen und Ulmen angepflanzt. Blumen sind in Studley Park eher die Ausnahme. Die Farbe Grün dominiert und spiegelt sich in den Gewässern des Landschaftsgartens wieder.
Fountains Abbey – einstige Kloster-Pracht
Zur Landschaftsarchitektur gehörten seinerzeit auch selbstverständlich Bauwerke. Der ursprüngliche Wohnsitz der Besitzer, Studley Royal House, existiert heute nicht mehr. Es war im damals sehr beliebten Palladio-Stil gehalten und wurde 1946 durch einen Brand zerstört. Dafür haben andere Bauwerke die Zeitläufte mehr oder weniger heil überstanden.
Ein wichtiger Teil der Welterbestätte sind die Ruinen von Fountains Abbey. Sie liegen im südwestlichen Bereich des Parkgeländes und geben diesem Teilstück ein besonderes romantisches Flair. Fountains Abbey war im Mittelalter einmal eines der bedeutendsten und reichsten Klöster Englands. Die Äbte von Fountains Abbey sassen sogar im englischen Parlament. In der Abtei wirkten Zisterzienser-Mönche. Die Ansiedlung an diesem Ort ist nicht ungewöhnlich. Auch andernorts liessen sich Zisterzienser gerne in abgelegenen Waldtälern nieder.
Selbst im „ruinierten“ Zustand sind die Klosterkirche und die Klosteranlage noch gut zu erkennen. Die Kirche weist dabei typische gotische Stilelemente auf, ihr Wahrzeichen ist der wuchtige Turm. Das Ende der Abtei kam 1539 unter dem berühmt-berüchtigten König Heinrich VIII. Im Zuge seiner Trennung von der katholischen Kirche löste er zahlreiche Klöster auf, um sich an ihren Schätzen zu bereichern. Fountains Abbey gehörte dazu. Danach verfielen die Klostergebäude. Dennoch gilt die Anlage heute als eines der am besten erhaltenen ehemaligen Zisterzienser-Klöster in Grossbritannien. Einer der späteren Besitzer des Klostergeländes errichtete in der Nachbarschaft Fountains Hall, einen typischen Landsitz im elisabethanischen Stil. Um das Haus ranken sich noch heute mehrere Geister- und Spukgeschichten, wie sie für englische Herrensitze nicht unüblich sind.
Mit dem Kopf unter dem Arm
Ein gut erhaltener Sakralbau auf dem Parkgelände ist die St. Marys Church. Sie bildet zusammen mit dem nahen Chorister House ein typisches Beispiel viktorianischer Architektur aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Daneben finden sich im Studley Royal Water Garden noch einige charakteristische Dekorationsbauten aus der Zeit der Park-Entstehung und danach – zum Beispiel ein achteckiger Aussichtsturm, ein Weinhäuschen im Palladio-Stil, ein dorischer Tempel der Frömmigkeit, ein Venustempel und manches mehr. Typische Gartenelemente dieser Zeit stellen auch die Einsiedlergrotte und der Serpentinen-Tunnel dar.
Ein besonders schöner Blick auf das Parkgelände und die alte Abtei bietet sich Besuchern vom sogenannten Anne-Boleyn-Sitz aus. Hier soll einmal eine Statue von Anne Boleyn, der zweiten Ehefrau Heinrichs VIII. gestanden haben. Wie manche der Gattinnen des englischen Königs verlor sie ihren Kopf wegen vermeintlichen Ehebruchs und Hochverrats. Der Legende nach soll die Statue die berühmte Frau ihren Kopf unter dem Arm tragend und den Rücken der Abtei zugewandt gezeigt haben. Sie steht ebenso wie der Begründer von Studley Royal Water Garden für möglichen Aufstieg und Fall im menschlichen Leben – symbolisiert im Wirken der Schicksalsgöttin Fortuna, dem sich an diesem Ort besonders gut nachsinnen lässt.
Oberstes Bild: Studley Royal Water Garden in England gehört zum UNESCO-Welterbe. (© Iain Gilmour – www.silverexpressions.co.uk, Wikimedia, CC)