Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03613.jsonl.gz/1143

Aufzeigen wolle er, so Arno Gruen auf den ersten Seiten dieses Buches, dass die Geschichte der grossen Zivilisationen die Geschichte der Unterdrückung unserer empathischen Natur sei. "Dadurch verlieren wir die ursprüngliche, jedem Menschen gegebene Fähigkeit in der Wirklichkeit zu leben."
Die Frage "Wer bin ich?" sei ersetzt worden durch "Was bin ich?", doch "Was ich bin, hat fast nichts damit zu tun, wer ich bin." Was ich bin hat zu tun mit Macht und Status und damit, wie ich mich in den Augen der anderen präsentiere. Dabei geht es um Anerkennung und Leistung. Bei der Frage wer ich bin geht es hingegen um eine ständige Konfrontation mit sich selbst und seinem Tun. Und das beinhaltet das Akzeptieren von Gefühlen der Unzulänglichkeit, der Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung.
Auch wenn die Humanwissenschaften heute noch lehrten, dass die auf Macht und Herrschaft aufgebauten 'grossen Zivilisationen' das Menschliche erst hervorgebracht hätten, die bestimmenden Faktoren unserer Evolution seien Kooperation und Empathie, führt Gruen aus. Ja, so recht eigentlich sei es umgekehrt: der Mensch habe sich nicht von primitiver Aggression zu zivilisierter Konfliktlösung entwickelt, erst die Einführung und Durchsetzung des Konzepts 'Besitz' habe dazu geführt, dass kooperative und gesellschaftliche Sozialbeziehungen sich aufzulösen begannen.
Arno Gruen zitiert aus vielen Büchern, und dabei auch aus J.M. Coetzees "Warten auf die Barbaren", wo dieser fragt, weshalb es für uns unmöglich geworden ist, "in der Zeit zu leben, wie die Fische im Wasser, wie die Vögel in der Luft, wie die Kinder." Gruen kommentiert das so: "Damit deutet er darauf hin, dass authentisch-empathisches Erleben nicht möglich ist in einer Kultur, die einerseits den Verstand verherrlicht, andererseits ihn problematisch macht, indem sie von Geburt an unser Gefühlsleben verkümmern lässt."
Ein Grund, weshalb wir nicht wahrnehmen können, was wirklich ist, ist der Gehorsam. Und den Gehorsamskulturen ist es eigen, dass sie Herrschaft und Besitz zementieren. Paradoxerweise erwarten wir von denen die Erlösung, die von unserem Gehorsam am meisten profitieren.
Gruen weist auf Forschungen hin, gemäss deren nur etwa 30 Prozent in frühen Jahren Liebe und Zärtlichkeit in grösserem Umfang erfahren haben und folgert: "Wenn Erwachsene als Kinder selbst durch ein Bewusstsein geformt wurden, das Liebe einschränkte und Macht über sie zum Zweck der Beziehung machte, dann werden sie selbst, wenn sie Eltern sind, ihre Kinder dazu benötigen, ihre eigenen Unsicherheiten und Demütigungen zu bewältigen." So sehr das einleuchtet (und auch meine Sympathie hat), mir ist schleierhaft, wie solche Forschungergebnisse zustande kommen können. Wie will man bloss messen, wie viel Liebe jemand in seiner Kindheit erfahren hat? Nicht zuletzt, weil ja das Gedächtnis bekanntlich ungemein kreativ und anpassungsfähig ist.
Ich fand besonders Gruens Ausführungen über den Gehorsam ausgesprochen inspirierend. "Unser Gehorsam, eine Folge der Identifikation mit dem Aggressor und Unterdrücker, bringt Menschen immer wieder dazu, trotz Rebellion, weiter nach Autorität zu suchen." Gibt es keinen Ausweg aus diesem Teufelskreis? Doch, meint Gruen, sofern wir "den Prozess der Selbstentfremdung unterbrechen, uns selbst mit all unseren Schwächen und unserem Selbst annehmen und die Schwächen anderer respektieren, dann können wir uns selbst und andere wieder lieben lernen."
Arno Gruen
Dem Leben entfremdet
Warum wir wieder lernen müssen zu empfinden
Klett-Cotta, Stuttgart 2013