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Weinexperten schätzen, dass es weltweit etwa 25'000 Rebsorten geben könnte. Sie alle gehören zur Familie der Weinrebengewächse und sind dementsprechend weitschichtig miteinander verwandt. Seit dem 19. Jahrhundert beschäftigt sich die Ampelographie, die Rebsortenkunde, mit der Klassifizierung, Bestimmung und Beschreibung von Rebsorten. In vielen Fällen konnten enge Verwandtschaften oder identische Sorten mit verschiedenen Namen in verschiedenen Regionen aber erst durch die moderne DANN-Analyse erkannt werden.
Der DNA des Weines auf der Spur
Die Geschichten der Rebsorten-Bestimmung mittels DNA-Analyse klingen beinahe wie die Fälle amerikanischer Krimiserien und sind für Weininteressierte mindestens genauso spannend. So wie diese z.B.: Lange Zeit konnte sich niemand den deutlichen Geschmacksunterschied zwischen chilenischen Merlotweinen und denen aus dem Rest der Welt erklären. Erst 1994 gelang es dem französischen Ampelographen Jean-Michel Boursiquot, den Fall durch DNA-Analyse zu knacken. Bei den chilenischen „Varianten der Merlot-Rebe“ handelt es sich nämlich um die Rebsorte Carmenère. Da sich die Merlot- und Carmenère-Rebstöcke äusserlich sehr stark ähneln, wurden aus Frankreich gemeinsam importierte Rebstöcke der beiden Sorten in Chile nicht unterschieden und gemeinsam in Mischbeständen gepflanzt. Carmenère ist übrigens das Ergebnis einer natürlichen Kreuzung von Gros Cabernet und Cabernet Franc, auch das wurde durch eine DNA-Analyse entdeckt.
Die Mutter des Grünen Veltliners
Ein wahrer Krimi ist auch die Suche nach der Herkunft der österreichischen Parade-Weissweinrebe, des Grünen Veltliners. Die Ampelographie konnte recht wenig darüber sagen, ausser dass es sich um eine jüngere Bezeichnung einer früher als Weissgipfler oder Grünmuskateller genannten Sorte handelt und der Grüne Veltliner mit dem Roten und Braunen Veltliner nicht verwandt ist. Auch historische Untersuchungen brachten wenig Licht in die Angelegenheit, da in der Literatur wenig Konkretes zu finden ist und offensichtlich auch Vieles verwechselt wurde. Eine Analyse von über 100 Varianten der Sorte führte schliesslich zu der Überzeugung, dass es sich um eine eher junge Sorte handeln müsse.
Erst genetische Untersuchungen konnten die Herkunft des GV einigermassen erhellen. So wurde der Traminer als ein Elternteil identifiziert. Das erklärt auch die Ähnlichkeit mit dem Rotgipfler, sind die beiden doch Halbgeschwister. Nachdem mit dem Traminer der Vater des Grünen Veltliner also gefunden war, begaben sich die Forscher auf die Suche nach dem zweiten Elternteil und tappten lange im Dunkeln.
Fündig wurde schliesslich Dr. Regner von der Weinlehranstalt Klosterneuburg und zwar interessanterweise in Form einer einzigen Rebe, die er in St. Georgen am Leithagebirge entdeckte. Das Spannende daran ist, dass es sich bei dieser „Mutter“ des Grünen Veltliners um eine völlig unbekannte Rebsorte handelt, von der bis dato nur dieser einzige Rebstock bekannt ist. Dieser dürfte etwa 400 Jahre alt sein und befindet sich nach einem Vandalenakt in einem ziemlich schlechten Zustand, was seine Beschreibung erschwert. Damit bleibt unklar, ob es sich dabei um eine früher weiter verbreitete Rebsorte handelt und wie die weiteren Verwandtschaftsverhältnisse aussehen.
Auslese, Klonen und Kreuzen
Seitdem Wein von Menschen kultiviert wird, wird versucht, neue Sorten mit günstigeren Eigenschaften zu kultivieren. Günstig kann dabei vieles bedeuten, von Geschmack und Farbe über Reifezeit bis zu Unempfindlichkeit gegenüber Krankheiten oder Witterung reichen die Wünsche. Die einfachste Methode ist die Auslese. Dabei werden Rebstöcke, die in irgendeiner Art günstigere Eigenschaften aufweisen ausgesucht und bevorzugt weiter vermehrt, unabhängig davon, wie die günstigen Eigenschaften natürlich entstanden sind.
Beim Klonen werden Rebstöcke ungeschlechtlich, also durch Stecklinge vermehrt, sodass grundsätzlich weitere Pflanzen mit identischen Genen wachsen. Jedoch entstehen auch beim Klonen durch Mutatio Nachfahren, die sich in einzelnen genetischen Informationen unterscheiden, die wiederum gezielt selektioniert werden.
Völlig neue Sorten entstehen durch die geschlechtliche Vermehrung bei der Kreuzung genetisch unterschiedlicher Sorten. So ist der berühmte Cabernet Sauvignon z.B. eine Kreuzung von Cabernet Franc und Sauvignon blanc, Chardonnay ist ein Kind von Pinot (Burgunder) und Gouais Blanc (Weisser Heunisch) und die Eltern der Merlot-Rebe sind der Cabernet Franc und die nahezu ausgestorbene Magdeleine Noire des Charentes, die übrigens auch die Mutter der Rebsorte Malbec ist.
Die genetische Abstammung der Weinreben
Vitis vinifera ist botanisch betrachtet eine der 50 Arten der Untergattung Euvitis, der Gattung Vitis (Weinreben), der Familie Vitacea (Weinrebengewächse), die zur Ordnung der Kreuzdorngewächse gehört. Als Mutter der Edlen oder Echten Weinrebe ist Vitis vinifera die genetische Urmutter aller Kulturrebsorten. Spätestens jetzt wird die Sache jedoch wirklich kompliziert, denn an dieser Stelle kommt eine weitere Technik ins Spiel, die im Weinbau (und generell im Anbau von Nutz- und Zierpflanzen) eine entscheidende Rolle spielt, das sogenannte Veredeln durch Aufpropfen. Die Reblausplage hat dazu geführt, dass die allermeisten europäischen Rebsorten nicht mehr auf Vitis vinifera Unterlagen sondern auf Reblausresistenten amerikanischen Unterlagssorten wachsen. Aber das ist eine andere lange Geschichte, die wir in der nächsten Ausgabe erzählen möchten.
«Die Weinherstellung ist wahrlich eine Wissenschaft - zum Glück ist das Wein-Kaufen einiges einfacher...»