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| Athanasius (295-373) - Schreiben an die Antiochier (Tomus ad Antiochenos)

6.
Allein da Einige auch hinsichtlich der Menschwerdung des Heilandes unter einander zu streiten schienen, fragten wir beide Theile; und was die Einen bekannten, das gaben auch die Andern zu, daß nämlich nicht, wie das Wort des Herrn in die Propheten kam, so es auch bei dem Ablaufe der Jahrhunderte in einen heiligen Menschen gekommen, sondern daß das Wort selbst Fleisch geworden sey, und obwohl es göttlicher Natur war, Knechtesgestalt angenommen habe, und aus Maria dem Fleische nach unsertwegen Mensch geworden sey, und daß so das Menschengeschlecht durch dasselbe völlig und gänzlich von der Sünde befreit, von den Todten zum Leben erweckt und in das Himmelreich eingeführt werde. Denn sie sprachen in ihrem Bekenntnisse1 auch dieses aus, daß der Heiland keinen unbeseelten Leib ohne Gefühl und Verstand gehabt habe; denn es war unmöglich, daß, da der Herr für uns Mensch wurde, sein Leib ohne Verstand war, denn durch das Wort selbst ist nicht bloß das Heil des Leibes, sondern auch das der Seele bewirkt worden; und da es wahrhaft Gottes Sohn war, ist es auch Menschen - Sohn geworden; und da es der eingeborne Sohn Gottes war, ist es auch der Erstgeborne unter vielen Brüdern geworden. Und daher war der Sohn Gottes nicht ein Anderer vor Abraham, ein Anderer aber nach Abraham; und nicht ein Anderer war der, welcher den Lazarus auferweckte, ein Anderer hingegen der, welcher sich über ihn erkundigte; sondern es war Einer und derselbe, welcher auf menschliche Weise sagte:2 „Wo liegt Lazarus,“ und auf göttliche Weise ihn erweckte; es war Einer und derselbe, welcher auf körperliche Weise als Mensch ausspuckte, und auf göttliche Weise als Gottes Sohn die Augen des Blindgebornen öffnete; und welcher zwar im Fleische für uns litt, wie Petrus sagt3, auf göttliche Weise aber die Gräber öffnete und die Todten erweckte. Dann behaupteten sie auch, daß sie Alles, was im Evangelium steht, auf die nämliche Weise verstehen und eben so von der Fleischwerdung und Menschwerdung des Wortes denken.
1: Dieses sind die Worte der Abgeordneten des Apollinarius, wie aus dem Briefe des Apollinarius an die zu Diocäsarea versammelten Bischöfe deutlich erhellt. Dieser Brief steht bei Leontius von Byzanz (er war zuerst Anwald zu Konstantinopel, darauf Mönch im Sabakloster bei Jerusalem, schrieb um das Jahr 610—620 mehrere Werke gegen die Nestorianer, Eutychianer und Apollinaristen;) in seinem Werke gegen die Betrügereien der Apollinaristen; und es lohnt wohl der Mühe, diesen Brief hier anzuführen, weil er zum Verstehen dieser Stelle viel beitragt. Er lautet so:
Meinen verehrtesten Herrn Bischöfen zu Diocäsarea meinen Gruß in dem Herrn!
Wir erwarteten nach der Absendung unsers Schreibens an euch, daß auch wir von euerer Liebe einen Brief erhalten würden, verehrteste Herrn! wie wir solche stets von dem seligen Bischofe Athanasius erhalten, welcher weiß, daß wir sowohl in allen Dogmen mit ihm übereinstimmen, als auch in allen Stücken ihm gehorchen. Weil ihr aber nicht geantwortet habet, so dachte ich, es möge vielleicht die Weitläufigkeit des Briefes euch unsere Gesinnung und Ansicht nicht hinlänglich erklärt haben. Sehet! wir schreiben übereinstimmend mit unserm und euerem gemeinschaftlichen Lehrmeister. Ich sage nun dieses von der göttlichen Menschwerdung, weil hierüber vieler Lärm nicht von uns, sondern von Andern, die ich verschweige, erregt worden ist. Wir bekennen, daß nicht in einen heiligen Menschen das Wort Gottes gekommen sey, welches in den Propheten war, sondern daß das Wort selbst Fleisch geworden sey, aber nicht angenommen habe das menschliche Gemüth, ein Gemüth, welches veränderlich und Sklave schändlicher Gedanken ist, sondern ein göttliches himmlisches und unveränderliches Gemüth. Daher hatte der Heiland nicht einen unbeseelten Leib ohne Gefühl und Verstand. Denn es war nicht möglich, daß, da der Herr unsertwegen Mensch wurde, sein Leib ohne Verstand war. Da er wahrhaft der Sohn Gottes war, ist er Menschen-Sohn geworden; und da er der eingeborne Sohn Gottes war, ist er der Erstgeborne unter vielen Brüdern geworden. Daher war der Sohn Gottes nicht ein Anderer vor Abraham, ein Anderer aber nach Abraham, sondern der Eine vollkommene Eingeborne Gottes, vollkommen aber durch göttliche Vollkommenheit und nicht durch menschliche. Mit denen, die so denken, bekennen wir Gemeinschaft zu haben. Mit jenen aber, die diesem Entgegengesetztes denken und schreiben, haben wir keine Gemeinschaft. — Das Gift der Ketzerei liegt darin verborgen, daß er sagt, das Wort habe nicht ein menschliches, sondern ein göttliches Gemüth angenommen, indem Apollinarius nämlich annahm, Christus habe bloß ein göttliches Gemüth gehabt.
2: Ioh. XI.
3: I. Petr. IV, 1.