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Zum 60. Jahrestag des Kriegsendes fragt swissinfo den Historiker Bergier, ob die Schweiz mit ihrer Kriegsvergangenheit Frieden geschlossen habe.
Die Kapitulation Nazi-Deutschlands bedeutete das Ende eines 6-jährigen Horrors in Europa und eine grosse Erleichterung für die Schweiz.
Die Schweiz war während des ganzen Kriegs darum bemüht, sich die Nazis nicht zum Feind zu machen, und lebte in ständiger Angst vor deren Einmarsch.
Aber in den 1990er-Jahren wurde Ungemütliches über Schweizer Banken aufgedeckt, welche von den Nazis geplünderte Vermögenswerte verwalteten und sich weigerten, Einzelheiten von nachrichtenlosen Vermögen von Holocaustopfern bekannt zu geben.
Der Skandal führte dazu, dass die Regierung eine unabhängige Expertenkommission unter der Leitung von Jean-François Bergier bildete, welche das Verhalten der Schweiz während des Zweiten Weltkriegs untersuchen sollte.
Der 2002 veröffentlichte Schlussbericht zerstörte viele Mythen über die Kriegesvergangenheit des Landes. Die Bergier-Kommission kam zum Schluss, dass Regierung und Industrie mit den Nazis kooperiert und die Schweiz Tausende von Juden an der Grenze zurückgewiesen hatte.
swissinfo: Wo waren Sie, als der Waffenstillstand bekannt gegeben wurde?
Jean-François Bergier: Ich erinnere mich, dass ich mit einem Freund auf einem Spaziergang in den Wäldern oberhalb Lausannes war. Plötzlich hörten wir alle Glocken der Stadt läuten. Wir wussten, was das bedeutete, nämlich dass die Unterzeichnung eines Waffenstillstands bevorstand.
Ich rannte, so schnell ich konnte, nach Hause, um zu melden, es sei vorbei. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie glücklich wir uns an diesem Tag fühlten.
Die Leute waren in den Strassen und schwenkten Schweizer Fahnen und solche der Alliierten. Es lag ein Gefühl der Erleichterung in der Luft.
swissinfo: Die Schweiz war neutral und nicht am Krieg beteiligt. Können Sie ihre Situation mit der ihrer Nachbarländer vergleichen?
J.F. B.: Nein, das war nicht vergleichbar, weil die Schweiz nicht besetzt war. Die Auswirkungen des Krieges waren kaum spürbar, ausser vielleicht bei der (unbeabsichtigten amerikanischen) Bombardierung von Schaffhausen.
Tod und Trauer blieben uns erspart, deshalb kann man unsere Situation nicht mit jener unserer Nachbarn vergleichen.
Aber man hatte Angst in der Schweiz. Wir standen ausserhalb des Konflikts, aber gleichzeitig waren wir davon umgeben. Es war eine Angst, die nun dank dem Ende des Kriegs weg war. Die Bedrohung unserer traditionellen Werte, der Demokratie, war vorbei.
swissinfo: Viele Schweizer sagten, dass der Bericht Ihrer Kommission mit der Schweiz zu hart ins Gericht ging. Einige fühlten sich verraten. Sind Sie mit dieser Meinung einverstanden?
J.F. B.: Nein, überhaupt nicht. Die Leute sehen das falsch. Zunächst werden in diesem Bericht nur einige kritische Punkte beleuchtet. Es ist nicht eine umfassende Übersicht über die Schweiz während des Krieges.
Er ist auch nicht nur negativ. Wir wiesen darauf hin, dass die Neutralität mithalf, die Schweizer Institutionen zu wahren und unsere grundlegenden Werte trotz aller Widrigkeiten zu verteidigen.
Dazu mussten Kompromiss-Lösungen gefunden werden, es geschahen Fehler, wie zum Beispiel unsere Flüchtlingspolitik. Wir zeigten auch, dass die Schweizer Wirtschaft manchmal über das hinausging, was die Achsenmächte verlangten.
Aber wir müssen einräumen, dass es für die Geschäftsleute und die Behörden manchmal schwierig war, zu wissen, wie weit sie gehen sollten.
swissinfo: Lange dachten viele Leute in der Schweiz, dass das Land ihre Unabhängigkeit dank der Militärstrategie bewahren konnte. Wie weit stimmt das?
J.F. B.: Das ist sehr schwer zu sagen. Eine ganze Menge von Gründen wurde vorgebracht, warum die Deutschen nicht in die Schweiz einmarschierten.
Unsere Verteidigung war einer davon. Ab 1940 konnte die Armee glaubhaft machen, dass ein Einmarsch die Deutschen teuer zu stehen kommen würde.
Aber das ist nur eine von mehreren Erklärungen. Bis 1943 war Deutschland überzeugt, den Krieg zu gewinnen. Damit war die Schweiz ein relativ kleines Problem, da sie keinen strategischen Wert besass.
Ausserdem profitierten die Deutschen von einer unabhängigen Schweiz mit ihrer Währung. Dank dem Handel hatten sie ihre Hand auf dem Schweizer Franken, der einzigen Währung, die weltweit gehandelt werden konnte.
swissinfo: Hat die Schweiz nun mit ihrer Kriegsvergangenheit Frieden geschlossen?
J.F. B.: Es ist wahrscheinlich zu früh, das zu sagen. Sicher nicht ganz. Wir sahen, dass eine ganze Anzahl von Leuten die auf Archivquellen beruhende, revidierte Sicht der Schweizer Haltung während des Kriegs nach wie vor nicht akzeptieren.
Das nicht mehr ganz saubere Bild der Schweiz passt einfach einigen Leuten nicht - nicht nur den Älteren.
swissinfo-Interview: Scott Capper
(Übertragung aus dem Englischen: Charlotte Egger)
In Kürze
Jean-François Bergier wurde 1931 geboren und stammt aus Lausanne.
1969 wurde er Geschichtsprofessor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.
Seine Arbeit befasst sich vorwiegend mit der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Geschichte der Schweiz und anderer Alpenländer, vom Mittelalter bis zur Gegenwart.
1999 wurde er zum Präsidenten der Unabhängigen Expertenkommission ernannt, welche die Kriegsvergangenheit der Schweiz untersuchte.