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Uniformen und Waffen des Schweizer Bundesheeres im 19. Jahrhundert
Gewiss hat sich manch einer schon Gedanken darüber gemacht, dass der Wehrmann von heute mit seiner Feldmütze, seiner Gefechtspackung aus Kunststoff, seinem oliven T-Shirt und seinem Tarnanzug in "Woodland-Farben" dem US-Soldaten immer ähnlicher sieht. Solche Nachahmungen gab es aber schon vor 150 Jahren, auch wenn damals die Vorbilder andere waren.
Der Weg zur Ordonnanz 1852
Kaum gegründet, nahm sich der Bundesstaat auch des Militärs an, das bis dahin noch weitgehend Angelegenheit der Kantone war. Mit der Militärorganisation vom 8. Mai 1850 und dem Reglement vom 27. August 1851 zu Bewaffnung, Bekleidung und Ausrüstung eidgenössischer Truppen schuf der Bundesrat allgemeine Richtlinien zur Vereinheitlichung des Heereswesens. Der kantonalen Uniformenvielfalt sollte Einhalt geboten werden, damit alle Soldaten der eidgenössischen Armee ein einheitliches Bild boten. Bereits 1817 und 1842 waren Schritte in diese Richtung unternommen worden, doch an die damals erlassenen Direktiven hielten sich nur wenige Kantone wie etwa Bern oder Aargau. Schon diese Vorgänger des Reglements von 1851 hatten sich ihre Inspirationen zu Uniform und Ausrüstung im Ausland, überwiegend in Frankreich, geholt. Napoleons Schatten ragte weit. Auch Schweizer hatten in seinem Heer gedient und militärische Anregungen aller Arten mit in die Heimat gebracht. Es verwundert daher nicht, dass sich in vielen Kantonen ab 1817 etwa die Füsiliere uniformmässig nur wenig von der Linieninfanterie des grossen Korsen unterschieden. Der Tschako und der blau-rote Frack waren getreue Kopien französischer Vorbilder der Grande Armée. Mit den Jahren änderten sich zwar der Mode entsprechend Teile des Tenüs, dabei stand aber nach wie vor Frankreich Pate. Unter den zurückgekehrten Bourbonen dienten bis 1830 auch Schweizer Fremdenregimenter, daher ergab sich ein steter Fluss militärischer Trends in die Schweiz. Wurden also in Frankreich die Tschakos schlanker und höher, folgte eine Anpassung hierzulande einige Jahre später. So bildete die Ausrüstung und Uniformierung der französischen Armee die Grundlage für die Eidgenössische Ordonnanz 1852.
Die kantonale Bewaffnung
Punkto Bewaffnung war die Grande Nation ebenfalls Trendsetter, wenn auch eher notgedrungen. Nachdem die Franzosen 1798 in die Schweiz einmarschierten, räumten sie als Gegenleistung für die mitgebrachten Revolutionsideale unter anderem auch die Zeughäuser aus. Man konnte bei der Wiederbewaffnung des Kantonsmilitärs nicht wählerisch sein, denn gerade Gewehre waren Mangelware, solange Napoleons gewaltige Heeresmassen für Feldzüge bewaffnet werden mussten. Folglich nahm man alles, was sich anbot, wie etwa zurückgelassene Waffen der Russen oder Österreicher, die 1799 durch die Schweiz gezogen waren. Man kaufte auch liegen gebliebenes Material von den grossen Schlachtfeldern Europas, um aus den Einzelteilen neue funktionstüchtige Musketen zusammenzustellen. Mit dem Ende von Napoleons Herrschaft 1815 konnten die Kantone aus den Liquidationsbeständen der einstigen Grande Armée zahlreiche Waffen erwerben. Das modifizierte französische Steinschlossgewehr 1777 avancierte zur verbreitetsten Infanteriemuskete der Eidgenossenschaft und wurde zu dem, was man heute unter dem Gewehr Ordonnanz 1817 versteht. Man muss sich aber im Klaren darüber sein, dass unter diese Ordonnanzbezeichnung auch viele der zusammengeschusterten Gewehre aus der Notstandszeit fallen. Es gab nie ein klar definiertes Modell 1817, denn als Ordonnanz galt "alles, was in den kantonalen Zeughäusern vorhanden war." Mit der Einführung des Perkussionssystems kam zwar das Infanteriegewehr Ordonnanz 1842 mit seiner charakteristisch-eckigen Schlossplatte. Nach einer eidgenössischen Weisung vom 13. August 1843 wurden aber auch die alten Steinschlossgewehre der Ord. 1817 weitgehend zu Perkussionsgewehren umgebaut. Somit war das junge Bundesheer von 1850 nicht nur kantonal unterschiedlich uniformiert, sondern auch ebenso bewaffnet.
Die Ordonnanz 1852
Die neuen Bekleidungs- und Ausrüstungsvorschriften liessen den Kantonen vorerst noch einige Freiheiten. Es war gestattet, altes Material aufzubrauchen und auszutragen, bevor man den endgültigen Wechsel zur Ordonnanz 1852 vollzog. Daher konnte man in den folgenden 20 Jahren im Bundesheer noch manches Uniformstück antreffen, das eigentlich schon längst hätte verschwinden müssen. Dennoch war man endlich aufrichtig um Einheitlichkeit bemüht. Vieles kantonaler Herkunft entsprach den Vorschriften des Eidgenössischen Kriegsrats von 1841/43 und war daher einigermassen konform mit der neuen Ordonnanz. Interessant ist hier beispielsweise der Tschako 1843. Bis auf zwei Seitennähte war er ein exaktes Gegenstück zum Helm der königlich-französischen Armee. Sogar die Garnitur war beinahe identisch, bis auf die Tatsache, dass anstelle der französischen Nationalkokarde in der Schweiz die entsprechenden Kantonskokarden prangten. Diese Tschakos wurden oft nach 1852 den neuen Vorschriften angepasst. Die alte Bataillonsnummer wurde durch einen neuen Schild in Form einer Halbsonne mit durchschlagener Nummer ersetzt. Dass die alten Helme etwas höher waren als es die neuen Richtlinien erlaubten, tolerierte man aus eingangs erwähnten Gründen.
Vorbilder aus Frankreich
Konsequent richtete man in der Schweiz den Blick gen Westen beim Erstellen der neuen Direktiven. Der Waffenrock der Infanterie entsprach bis ins Detail dem königlich-französischen Uniformierungsreglement von 1820. Rote Vorstösse, der Kragen, sogar die Anzahl der Knöpfe waren identisch. Bei der Policemütze hatte man einfach die Bourbonenlilie weggelassen. An ihrer Stelle wurde bei den Jägern ein Horn getragen. Neu war auch die Gamelle, ein rundes Esskesselchen mit Deckel, welche man mit dem langen Mittelriemen auf den Tornister schnallte. Der französische Name überlebte und wird unkorrekterweise bis heute für das AluminiumKochgeschirr Ordonnanz 98 verwendet.
Bei der Kavallerie können wir nur eben im Säbel der Ordonnanz 1842/52 französische Wurzeln erkennen (sein Pate war der Sabre Mle 1822). Die grüne Uniform und der Raupenhelm unserer Kavallerie hatten ihre Ursprünge in Bayern bei der leichten Reiterei. Der Helm, schon vor 1852 in einigen Kantonen in Varianten verbreitet, glich stark dem bayrischen Modell von 1832. Auch die Uniformfarbe, Jägergrün mit rotem Besatz, kam eindeutig aus der bavarischen Ecke.
Weitere Neuerungen ab 1861
Noch näher rückte der Schweizer Soldat seinem französischen Nachbarn mit der Ordonnanz 1861. Der unpraktische Frack wurde durch einen langen Waffenrock ersetzt. Die weiten Hosen entsprachen im Schnitt dem damals sehr populären Stil der nordafrikanischen Kolonialregimenter Frankreichs. Der niedrigere Tschako 61 hatte nun keinen Schild mit durchschlagener Bataillonsnummer mehr, sondern wieder einzelne Metallziffern. Er ähnelte in seiner Form dem französischen Vorbild von 1860 wie ein Ei dem anderen. Nach wie vor trugen je nach Kanton einzelne Truppenteile (hauptsächlich die Jäger der Infanterie) den Säbel der Ordonnanz 1842/52. Bereits die Grenadiere Napoleons 1. führten das Original dieses Säbels. Nach 1869 verschwand er allmählich aus unserer Armee, hielt sich jedoch länger in den zahlreichen Landjägerkorps. Bis vor einiger Zeit war er übrigens noch in den Händen eines manchen Appenzellers an den Landsgemeinden zu sehen.
Südländischen Einflüssen begegneten wir ab 1861 bei den Scharfschützenkompanien, wo die neue federgeschmückte Melone dem Bersaglieri-Hut von 1860 der Armee des Königreichs von SardinienPiemont sehr nahe kam. Amerikanische Strömungen konnte man wiederum ab 1868 bei den Schulterabzeichen der Offiziere beobachten. Diese sogenannten Briden waren bis 1898 Ordonnanz und gingen auf die US-Schulterabzeichen der Offiziere in den 1840er-Jahren zurück. Diese als "Boxes" bekannten Insignien sind bei den US-Streitkräften noch heute auf Paradeuniformen zu bewundern. Ebenfalls gegen Ende der 60er-Jahre gelangte das amerikanische Peabodygewehr zu uns. Der Hinterlader mit Fallblockverschluss kam in den USA zu spät, um noch auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs eingesetzt zu werden. In der Schweizer Armee wurde er zur neuen Waffe der Scharfschützen, bis er schon nach wenigen Jahren durch den Vetterli-Repetierstutzer Modell 1871 ersetzt wurde.
Österreichs Glanz…
Schon mit der Einführung der Ordonnanz 1869 ging die Schweizer Armee langsam eigen(willig)e Wege, was die Kopfbedeckung betraf. Der Tschako Ordonnanz 1861 wurde durch den sogenannten "konischen Hut" der Ordonnanz 1869 ersetzt. Dies war eine helvetische Mutation, die sich aus dem 61 er-Tschako ergeben hatte. Das neue Modell hatte einen Rundumschirm von der Front bis in den Nacken, bei den Soldaten spöttisch "Trottoir" genannt. In gutschweizerischer Sparsamkeit sägte man eine gewisse Anzahl 61erTschako zurecht und versah sie ebenfalls mit dem neuen Schirm. Da jedoch der Filztubus des Helms nicht wie beim neuen Modell hinten geschwungen geformt war, entstanden monströse Missgeburten. Die Scharfschützen mussten ihre Melonen abgeben und fassten ebenfalls den konischen Hut.
Mit dem Ende des zweiten französischen Kaiserreichs 1870, infolge des Deutschfranzösischen Krieges, büsste Frankreich bei uns seine Vorreiterrolle in der Militärmode ein. Immer stärker prägten austrodeutsche Strömungen das ausgehende Jahrhundert. Der Ceinturon, seit 1861 Ordonnanz, ging auf die österreichische Armee zurück. Er ersetzte die kreuzweise getragenen Schulterriemen für Patronentasche und Seitengewehr. In den 80erJahren wuchsen die niedrigen Offiziersschirmmützen der Ordonnanz 1875 immer mehr in die Höhe, bis sie jenes Bild boten, das den Schweizer Offizier für rund 100 Jahre prägte. Infolge privater Extravaganzen ragten aber damals einige Mützen noch wesentlich mehr in die Höhe, womit wohlbewusst Ähnlichkeit mit der Kopfbedeckung der K.u.K.-Offiziere angestrebt wurde. Auch der 1885 eingeführte Säbel für höhere Unteroffiziere hatte optisch vieles vom österreichischen Infanteriesäbel 1836. Mit der Ordonnanz 1898 bewegte man sich im Uniformschnitt, etwa bei der Feldbluse, sehr nahe am Tenü des braven Soldaten Schwejk. Die Quartiermütze 98 war, abgesehen von der Stofffarbe, bis ins Detail ein Plagiat der österreichischen Feldmütze. Es soll auch erwähnt sein, dass unsere Dragoner in den 90er-Jahren eine neue Waffe fassten, den österreichischen Mannlicher-Karabiner Modell 1893.
…Preussens Gloria
Auch bei der Kopfbedeckung gingen die Dragoner eigene Wege. Pünktlich zur Landi 1883 in Zürich erhielten sie einen neuen Helm mit stark wilheiminischem Einschlag. Der alte konische Hut mit wallendem Rosshaarbusch wich einem metallbesetzten Tschako, dessen Frontgarnitur ein Stern mit Schweizerkreuz, Eichenkranz und Einheitsnummer war. Diese Plakette war dem in Berlin gängigen Gardestern sehr ähnlich. Für Offiziere gab es zur neuen Kavallerieuniform Schulterstücke, die absolut identisch mit dem deutschen Vorbild waren. Mit derartigen Neuerungen erhoffte die sich stets an Rekrutenmangel leidende Kavallerie, einen Hauch von Preussens Gloria zu erhaschen, verbunden mit einer Imagehebung. Ulrich Wille, der spätere General, war damals übrigens Oberinstruktor der Kavallerie und hatte ein starkes Faible für das deutsche Kaiserreich. Wer sich noch an die Helme deutscher Schutzmänner, zum Beispiel in Berlin in den 60er-Jahren erinnert, stellt bei einem Vergleich eine gewisse Verwandtschaft mit dem Schweizer Tschako fest. Die Zeitspanne zwischen den Tagen von General Henri Dufour, dem einstigen Franzosen und Off izier in der Armee Napoleons 1., bis zu jenen von Wille Senior, liess am Kleid des Schweizer Wehrmannes die grossen Umwälzungen in Europa erkennen. Die Uniform wurde zu mehr als einer Einheitsbekleidung, sie wurde zum Zeitzeugen, der uns noch heute vieles zu erzählen weiss.
Literatur:
Jürg Burlet, "Geschichte der eidgenössischen Militäruniformen 1852 bis 1992"
Hugo Schneider, "Vorn Brustharnisch zum Waffenrock"
Don Troiani, "Soldiers in America 1754-1865" Paul Willig, "L’Armée de Napoléon 111"
Verschiedene Autoren "Die Tiroler Kaiserjäger"
Osprey Men-at-arms-Serie, Nr. 323, "The Austrian Army 1836-1866, Infantry"
Der "Tanzbödeler", Magazin für Uniformkunde und Militärgeschichte, Nr. 57