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die Übersterblichkeit der jungen Erwachsenen in der Schweiz
Zeitbezogen, vermeidbar und sozial ungleich verteilt
- Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist die Übersterblichkeit der jungen Menschen in der Schweiz zwar gesunken, doch ein «Buckel» bleibt bestehen und weist darauf hin, dass in dieser Lebensphase nach wie vor ein erhöhtes Sterberisiko besteht
- Wenngleich die Fortschritte der Medizin eine wichtige Rolle gespielt haben, zeigt eine Langzeitstudie doch, dass nicht nur die öffentliche Politik, sondern auch das soziokulturelle Umfeld Auswirkungen auf die Sterberate der jungen Menschen haben
- Diese Auswirkungen sind jedoch ungleich verteilt: In Bezug auf die Übersterblichkeit junger Erwachsener besteht ein tiefer Graben zwischen sozial privilegierten und besonders verletzbaren Personen
Der kontinuierliche Rückgang der Sterberaten junger Erwachsener in der Schweiz kann als Bestätigung für den Erfolg der verschiedenen, auf diese Altersgruppe der Bevölkerung ausgerichteten Präventionskampagnen interpretiert werden. Von 1000 jungen Erwachsenen (15-39 Jahre) verlieren in der Schweiz jährlich nur eine Frau und zwei Männer ihr Leben. Aus Sicht der demografischen Forschung verschleiern diese positiven Befunde jedoch erhebliche Verständnisdefizite über die Ursachen des vorzeitigen Todes und hinsichtlich der Mittel zur Bekämpfung dieser Todesursachen. Denn trotz dieser Fortschritte, die dem allgemeinen Rückgang der Sterblichkeit in allen Altersgruppen zu verdanken sind, weist die Gruppe der jungen Erwachsenen nach wie vor eine Übersterblichkeit gegenüber den statistischen Werten auf, die mit Blick auf die insgesamt gute gesundheitliche Verfassung dieser Altersgruppe zu erwarten wären. Im Vergleich zur Sterblichkeit im Kindes- und Erwachsenenalter besteht diese Anomalie fort und führt bei den Sterberaten nach Altersgruppen zu einem ausgeprägten «Buckel», der hauptsächlich auf die höhere Zahl tödlicher Unfälle und Suizide bei jungen Erwachsenen zurückzuführen ist. Diese Todesursachen unterstreichen den Einfluss von soziokulturellen Faktoren, wie bspw. in den Jahren nach dem 2. Weltkrieg, oder von soziopolitischen Faktoren wie etwa der Bewusstseinsbildung im Bereich der Verkehrssicherheit in den 1970er-Jahren und späteren Präventionskampagnen. Und schliesslich zeigen unsere Studien, dass diese Übersterblichkeit bei der heutigen Jugend besonders ungleich verteilt ist. Angesichts der Tatsache, dass beispielsweise die Arbeitslosigkeit das Sterberisiko verdoppelt, erscheint es unerlässlich, dass die Bekämpfung der Übersterblichkeit der jungen Erwachsenen mit der Erarbeitung einer Strategie beginnt, die eine stärkere Fokussierung auf die verletzbarsten unter den jungen Menschen ermöglicht.
Übersterblichkeitsbuckel
Seit Bestehen der nationalen Statistiken ist die Lebenserwartung in der Schweiz förmlich explodiert – von 40 Jahren im Jahr 1876 auf nahezu 85 Jahre heute. Dieser beachtliche Erfolg ist das Ergebnis mehrerer, in ihrer Gewichtung schwer bezifferbarer Faktoren wie etwa der Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen, sozialer Fortschritte – insbesondere im Bereich der Bildung und der Arbeitssicherheit – sowie neuer Erkenntnisse im Bereich der Medizin. Ein zentraler Faktor beim Rückgang der Kindersterblichkeit war beispielsweise die Einführung der obligatorischen nationalen Impfkampagnen. Seit einigen Jahrzehnten werden die Fortschritte bei der Steigerung der Lebenserwartung hauptsächlich in den späten Lebensphasen erzielt, insbesondere dank bahnbrechender Behandlungsmethoden für Herz-Kreislaufkrankheiten und eines starken Rückgangs der Sterblichkeitsrate bei Krebspatienten.
Verglichen mit diesen extrem frühen und späten Lebensphasen weckte die Situation der jungen Erwachsenen seitens von Politik und Wissenschaft nur geringes Interesse. Ein Grund für diese relative Indifferenz könnte die Tatsache sein, dass das Sterberisiko im Alter von zirka acht bis zwölf Jahren generell einen Tiefststand erreicht und dieser Wert im Laufe der Zeit kontinuierlich gesunken ist. Bei der Gruppe der Jugendlichen und der jungen Erwachsenen ist die Sachlage jedoch komplexer, und zahlreiche Studien haben auf ein Phänomen hingewiesen, das gemeinhin als Übersterblichkeitsbuckel bezeichnet wird; dieser weist auf ein besonderes Sterberisiko in dieser Lebensphase hin, welches zu der mit der biologischen Alterung verbundenen natürlichen Seneszenz hinzukommt.
Ein Phänomen, das nach Erklärungen verlangt
Dieser Übersterblichkeitsbuckel wurde bisher jedoch nie vollständig erklärt, da anstelle eines wissenschaftlichen Ansatzes oft voreilige Schlüsse gezogen wurden – etwa durch den Verweis auf das spezifische Risikoverhalten einer orientierungslosen und zur Einschätzung der Folgen ihres Handelns unfähigen Jugend. Diese Sichtweise wurde insbesondere durch Studien gestützt, in denen Psychologen und Psychologinnen auf eine unvermeidbare oder gar notwendige Krise im Jugendalter hinwiesen, welche in Gestalt der Leiden des jungen Werther auch in der Literatur beschrieben wurde: Hier wird die Enttäuschung über eine unerfüllte Liebe bis zur Selbstzerstörung ausgelebt. Diese fatalistische Deutung der Sterblichkeit junger Erwachsener wurde vermutlich durch die reale, aber vereinfachende Feststellung zementiert, dass die Todesursachen in dieser Altersgruppe hauptsächlich gewaltsamer Natur sind – nämlich vor allem Unfall oder Suizid.
Aus gesundheitspolitischer Sicht werden diese oft als Gesellschaftskrankheiten bezeichneten Ursachen als schwerer bekämpfbar wahrgenommen als Infektionskrankheiten oder körperliche Leiden. Seitens der Politik werden sie zudem oft dem Bereich der persönlichen Verantwortung zugeordnet, einem Bereich, der über das mögliche – oder wünschenswerte – Aktionsfeld der öffentlichen Gesundheitspolitiken hinausgeht. Es erstaunt daher nicht, dass die Umsetzung von Präventionskampagnen zugunsten der Verkehrssicherheit wie Via secura sich besonders schwierig gestaltet und von deren Gegnern vehement bekämpft wird. Diese vielfältigen Hindernisse haben zur Folge, dass heute nur wenig über die Entwicklung der spezifischen Sterblichkeit junger Erwachsener und die tieferen Ursachen dieses Phänomens bekannt ist. Diese Feststellung gilt für die Schweiz, lässt sich aber im Grunde auf die gesamte Weltbevölkerung übertragen.
Mit gutem Grund lässt sich indes argumentieren, dass die Unterscheidung zwischen vermeidbaren und unvermeidbaren Krankheiten sowie zwischen individueller und kollektiver Verantwortung in weiten Teilen künstlich ist. Zum einen haben Studien zu den verschiedenen Lebensweisen gezeigt, dass Individuen gerade auch im Bereich der Gesundheit Verhaltensweisen wählen, die als Reaktion auf ihr soziales, kulturelles und wirtschaftliches Umfeld zu verstehen sind. Zum anderen sind die Verhaltensweisen der jungen Erwachsenen lediglich ein Spiegelbild der in der breiten Gesellschaft vorherrschenden Haltungen; von physischer oder moralischer Gewalt geprägte Gesellschaften ziehen gewalttätige Verhaltensweisen nach sich, wobei die jungen Erwachsenen oft gleichzeitig Haupttäter und -opfer sind. Der Versuch, die jungen Erwachsenen vom Rest der Bevölkerung zu isolieren, ist somit schon aus dem einfachen Grund nicht zielführend, weil die SeniorInnen von heute die Jungen von gestern sind und die Kritik, die sie mitunter an der heutigen Jugend üben, seinerzeit schon gegenüber ihrer eigenen Generation geäussert wurde. Es war daher notwendig, einen fundierteren Ansatz zu wählen, der es erlaubt, die für das spezifische Sterberisiko der jungen Erwachsenen verantwortlichen Kräfte wissenschaftlich zu dokumentieren. Diese im Rahmen des NFS LIVES durchgeführte Arbeit hat es ermöglicht, mehrere Schlussfolgerungen zu ziehen.
Drei durch demografische Studien untermauerte Feststellungen
Erstens betrifft die Übersterblichkeit der jungen Erwachsenen sowohl junge Frauen als auch junge Männer, wenngleich das Phänomen bei letzteren stärker ausgeprägt ist. Auf internationaler Ebene lässt sie sich zurückverfolgen, soweit die öffentlichen Statistiken zurückreichen, d. h. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Es handelt sich aber nicht um ein universelles Phänomen, da dieses in spezifischen Kontexten – etwa während der Periode von 1950-1970 für die Frauen und die Kohorte der um 1930 geborenen Männer – komplett verschwunden ist, und dies in nahezu allen Ländern des Nordens. Dies legt den Schluss nahe, dass das günstige Klima der Wirtschaftswunderjahre in Verbindung mit Gendernormen, welche die Frauen von zahlreichen Risikofaktoren fernhielten, sozioökonomische und kulturelle Bedingungen schuf, die das Verschwinden einer besonderen Form der Verletzbarkeit bei jungen Erwachsenen begünstigten. Vor allem aber zeigt dies unwiderlegbar, dass es sich nicht um ein unvermeidbares Phänomen handelt, wie man lange geglaubt hatte.
Zweitens sind die mit dieser Übersterblichkeit assoziierten Todesursachen nicht so beschränkt wie ursprünglich gedacht. So entfiel bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts der überwiegende Teil der Übersterblichkeit der jungen Erwachsenen auf die Lungentuberkulose und bei den Frauen auf Todesursachen im Zusammenhang mit der Mutterschaft. Dieser internationale Befund gilt auch für die Schweiz, für die Statistiken zur Bevölkerungsbewegung einen ähnlichen Schluss zulassen. So sind zwischen 80 Prozent (Frauen) und 90 Prozent (Männer) der gestiegenen Lebenserwartung bei der Gruppe der 15-39-Jährigen zwischen 1885 und 1940 auf die Bekämpfung der Tuberkulose zurückzuführen, und weitere rund 20 Prozent auf den Rückgang des Kindbettfiebers bei den Frauen. Erst mit der Demokratisierung der Motorfahrzeuge in der Nachkriegszeit sind die Verkehrsunfälle zur häufigsten Todesursache bei jungen Erwachsenen avanciert, bevor sie durch Suizide überholt wurden (siehe nachstehende Abbildung). Die jungen Erwachsenen sind indes bei weitem nicht die einzigen Opfer dieser neuen Todesursachen, doch der allgemeine Rückgang der Sterblichkeit hat diese schrittweise als Hauptursachen für das vorzeitige Ableben junger Erwachsener ins Blickfeld gerückt.
Sterblichkeitsrate der 15-39-Jährigen in der Schweiz (1951-2015)
Quelle: Weltgesundheitsorganisation (2018), Berechnungen des Autors
Drittens war die Frage der sozialen Ungleichheiten in den Diskussionen über geeignete öffentliche Politiken zur Bekämpfung der neuen Leiden der Jugend selten ein zentrales Thema. Wenn man auch seit einiger Zeit einen bemerkenswerten Rückgang der Todesopfer im Strassenverkehr und der Suizide beobachtet, der dazu führt, dass die Sterblichkeit junger Erwachsener heute vermutlich weniger stark im Blickpunkt steht als noch vor 10 oder 20 Jahren, so bestehen doch weiterhin markante Ungleichheiten. So konnte beispielsweise gezeigt werden, dass die Arbeitslosigkeit das Todesrisiko bei den zwischen 1990 und 2008 in der Schweiz lebenden 15-35-jährigen Personen verdoppelt; mit einem Schulabbruch steigt das Todesrisiko um 60 Prozent und mit der Herkunft aus einer Einelternfamilie oder aus einem aussereuropäischen Land um 50 Prozent. Demgegenüber hat ein junger Erwachsener mit einer Tertiärbildung ein nur rund halb so hohes Sterberisiko wie ein Gleichaltriger, der lediglich die obligatorische Schule absolviert hat. Da sich diese Risikofaktoren oft kumulieren, sind Risikoverhältnisse von 1 zu 100 zwischen den am besten geschützten und den verletzbarsten Individuen zu beobachten. In der Tat kann der Nachweis erbracht werden, dass fast zwei Drittel der in der Schweiz lebenden jungen Erwachsenen vom Übersterblichkeitsbuckel nicht betroffen sind und dass die Verletzbarkeit benachteiligter junger Menschen allein ausreicht, um dieses Phänomen zu erklären.
Ein Appell für einen differenzierteren Ansatz
Dieser dreifache empirische Befund veranlasst uns somit, unser Bild von der Sterblichkeit der jungen Erwachsenen zu revidieren – in der Schweiz ebenso wie in anderen Ländern. Das Phänomen ist nicht nur keineswegs unausweichlich, seine Ursachen haben sich im Laufe der Zeit auch geändert und widerspiegeln die historischen Rahmenbedingungen, unter denen die Individuen aufgewachsen sind. Zudem haben die Präventionsbemühungen, insbesondere im Strassenverkehr, zwar zu einem allgemeinen Rückgang der Übersterblichkeit der jungen Erwachsenen in der Schweiz geführt, konnten aber die mitunter enormen Ungleichheiten zwischen den begünstigten und den verletzbarsten jungen Erwachsenen nicht beseitigen. Eine echte Politik zur Bekämpfung der Übersterblichkeit junger Erwachsener müsste daher mit der Erarbeitung einer Strategie beginnen, welche die verletzbarsten jungen Menschen gezielt anspricht. Diese gesundheitspolitischen Ziele sollten sinnvollerweise im Rahmen des bereits begonnenen Kampfes gegen Schulabbruch und wirtschaftliche Ausgrenzung verfolgt werden, die heute die wichtigsten Risikofaktoren für Übersterblichkeit junger Erwachsener in der Schweiz bilden.
Literaturhinweise
- Remund A. (2015), Jeunesses vulnérables? Mesures, composantes et causes de la surmortalité des jeunes adultes, Promotionsarbeit in Demografie unter der Leitung von Prof. Dr. Michel Oris, Universität Genf.
- Remund A., Camarda C.G. und Riffe T. (2018), A cause-of-death decomposition of the young adult mortality hump, Demography, vol. 55, S. 957-978.
- Remund A., The young adult mortality hump in Switzerland: the role of socioeconomic vulnerability, Population (im Druck).
- Remund A. (2014), La surmortalité des jeunes adultes : réalité individuelle ou artefact des inégalités sociales?, in: Pennec, S., Girard, C. und J.-P. Sanderson, C. (Hrsg.), Trajectoires et âges de la vie, Bari : AIDELF.
- Weltgesundheitsorganisation, WHO Mortality Data base, Department of Information, Evidence and Research, http://www.who.int/healthinfo/statistics/mortality_rawdata/en/, abgerufen am 5. April 2018.
Biografie

LIVES Impact (ISSN: 2297-6124) veröffentlicht regelmässig Kurzdarstellungen mit einschlägigen Erkenntnissen aus Untersuchungen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES „Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens“ (NFS LIVES). Sie richten sich an ein Fackpublikum, das sich im weitesten Sinne mit sozialpolitischen Fragen beschäftigt.
Editor: Pascal Maeder, KTT Officer, <email-pii>