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LGB, LGBT, LGB und T, LGB und TI, LGBT und I, oder gar LGBTI*? Gedanken und Fakten zur LGBTI-Community aus Sicht der Intersexualität.
Von Urs Sager, intersexuell
Medienverantwortlicher Transgender Network Switzerland
Was ist Intersexualität?
Als intersexuell bezeichnet man Menschen, die genetisch, hormonell und/oder anatomisch nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden können. Intersexualität wird den Sexualdifferenzierungsstörungen (DSD, Disorders of Sex Development) zugeordnet.
Betroffene stossen sich am pathologisierenden Begriff Störung und bezeichnen sich selbst als intersexuelle Menschen, Hermaphroditen, Zwitter, Intersex oder Inter*.
-> http://de.wikipedia.org/wiki/Intersexualit%C3%A4t
Wie gross der Anteil von intersexuellen Menschen an der Bevölkerung, ist lässt sich ebenso wenig genau definieren wie bei Trans*-Menschen. In der Schweiz kann von einer Zahl 40 bis 80 Neugeborenen, die jährlich intersexuell auf die Welt kommen, ausgegangen werden.
Probleme von Inter*-Menschen
Die Schweizer Gesetzgebung verlangt (noch), dass ein Kind nach seiner Geburt einem Geschlecht (männlich oder weiblich) zugeordnet werden muss. Da ein intersexuell geborener Säugling aber keinem Geschlecht eindeutig zugeordnet werden kann, greift die Medizin hier ein. Entgegen dem Artikel 10, Absatz 2 der Bundesverfassung:
Art. 10 Recht auf Leben und auf persönliche Freiheit
2 Jeder Mensch hat das Recht auf persönliche Freiheit, insbesondere auf
körperliche und geistige Unversehrtheit und auf Bewegungsfreiheit.
Und insbesondere auch Artikel 11, Absatz 1 und 2 der Bundesverfassung:
Art. 11 Schutz der Kinder und Jugendlichen
1 Kinder und Jugendliche haben Anspruch auf besonderen Schutz ihrer
Unversehrtheit und auf Förderung ihrer Entwicklung.
2 Sie üben ihre Rechte im Rahmen ihrer Urteilsfähigkeit aus.
wird in Absprache mit den Eltern und auf meist eindringliche Empfehlung der Mediziner eine Geschlechtsanpassung vorgenommen, das Kind also in die Geschlechternorm gezwungen. Diese, meist irreversiblen, Eingriffe greifen massiv in die Körper von Kleinkindern ein und können fatale physische und psychische Folgen im weiteren Lebensverlauf haben. Ausnahmen sind Eingriffe als lebensrettende Massnahmen, so sie denn notwendig und begründet sind.
Hat das I seinen Platz in LGBT?
Dazu muss erst festgehalten werden, dass sich die Interessen von Intersexuellen auf den Ersten Blick grundsätzlich von denjenigen von LGBT unterscheiden. Inter*-Menschen kämpfen in erster Linie gegen medizinische Eingriffe schon kurz nach der Geburt für eine eindeutige Geschlechtszuordnung und für die Selbstbestimmung welchem Geschlecht sie sich zuordnen möchten. Das heisst im Klartext, keine medizinischen Eingriffe bevor Kinder oder der Jugendliche selber entscheiden können welches Geschlecht für sie lebenswert ist. LGB Menschen kämpfen in erster Linie gegen Diskriminierung und für gesellschaftliche Akzeptanz (gleichgeschlechtliche Ehe, Adoptionsrecht etc.). Trans*-Menschen hingegen kämpfen auf beiden Seiten. Sie sind ebenso betroffen von Diskriminierung und Ausgrenzung wie von erzwungenen medizinischen Eingriffen (z.B. Sterilisation und/oder Geschlechtsanpassung für Personenstandsänderungen).
Intensive Diskussionen rund um die Buchstaben L, G, B, T und I sind im Gange. Klar scheint, denn das war immer so, LGB gehört als Einheit zusammen. Aber soll das T dazu? Und wo kleben wir I hin, wenn überhaupt? Ein wahrer Buchstabensalat …
Weltweit ist Bewegung in die LGBTI-Gemeinde gekommen, vor allem auch in Europa. Einem mittleren Erdbeben gleich treffen beinahe täglich Meldungen über Gesetze, Resolutionen und Absichtserklärungen ein, und das alles verteilt auf alle Bereiche bei LGBTI. Das ist das Resultat einer globalen Zusammenarbeit von Stiftungen, Organisationen und Gruppierungen, die sich allesamt für die Rechte der LGBTI-Gemeinde einsetzen. Trotzdem gibt es Menschen, die der Meinung sind, LGB sollte sich von T abspalten (oder vice versa) und I ist so oder so was ganz anderes. Teils wird extrem explizit argumentiert. So gibt es zum Beispiel Intersex Organisationen die darauf hinweisen, dass das I von LGB und vor allem T bloss vereinnahmt wird um deren eigene Interessen stärker hervorzuheben. Ähnliches hört und liest man aus dem Bereich LGB in Bezug auf T (I wird da gar nie erwähnt).
Fakt aber ist, alle Verbände vetreten gemeinsame Interessen! Wie sagte doch schon Äsop:
Gemeinsam sind wir stark, alleine gehen wir unter …
Aller Interessenkonflikte zum Trotz bin ich der festen Überzeugung LBGTI gehört zusammen, bin mir aber gleichzeitig auch bewusst, dass nicht alle gleicher Meinung sind oder je sein werden. Aber es gibt genug Fakten für eine weitere enge Zusammenarbeit:
- Auch Trans*- und Inter*-Menschen können schwul, lesbisch oder bi sein, möchten gerne heiraten und Kinder haben.
- Trans*- und Inter*-Menschen haben beide das Recht auf Selbstbestimmung
- LGBTI werden alle mit Diskriminierung und Ausgrenzung konfrontiert
- Inter*-Menschen, bei denen früh eine Geschlechtsanpassung vorgenommen wurde, können ebenso mit denselben rechtlichen Problemen konfrontiert werden wie Trans*-Menschen (Personenstandsänderung)
Das alles schliesst ja in keinster Weise autonome Forderungen innerhalb der einzelnen Gruppierungen aus, im Gegenteil. Der gemeinsame Nenner sind Diskriminierung, Selbstbestimmung und Akzeptanz. Darüber hinaus gibt es Bereiche, welche mal die Eine, mal die Andere Seite mehr betreffen. Was aber sicher bleibt, es geht ganz einfach um Menschen und deren Rechte, und die sollten für alle gleich sein.
*(LGBTI = Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender and Intersexual)