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Es werde meins
Praxisbeispiele I THOMAS ABPLANALP
Die Frage, wem etwas gehört, lässt sich nicht immer einfach beantworten. Ein Gang nach draussen kann helfen.
«Der Erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte und dreist sagte: ‹Das ist mein› und so einfältige Leute fand, die das glaubten, wurde zum wahren Begründer der bürgerlichen Gesellschaft.» Mit dieser These hob Jean-Jacques Rousseau 1755 den (vermeintlichen) Wert von Eigentum in einer Gesellschaft hervor. Dabei bezeichnet Eigentum das, was einem gehört, bzw. das Recht, mit einer Sache nach Belieben zu verfahren. Privates Eigentum hilft den Mitgliedern einer Gesellschaft entsprechend, Mein und Dein zu unterscheiden. Durch privates Eigentum raubt eine Person der anderen die Möglichkeit, deren Güter zu benützen, und fühlt sich aufgrund dieser Klarheit sicherer (lat. privare = berauben).
Doch dieser Gedanke besitzt gemäss Rousseau nicht genügend Überzeugungskraft. Eigentum führt seiner Ansicht nach nicht nur zu einem Gefühl der Sicherheit, sondern auch zu Konkurrenz, Rivalität und Neid, weil sich viele Menschen innerhalb einer Gesellschaft zu vergleichen begännen. Deshalb schreibt er weiter: «Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde, Leiden und Schrecken würde einer dem Menschengeschlecht erspart haben, hätte er die Pfähle herausgerissen oder den Graben zugeschüttet und seinesgleichen zugerufen: ‹Hört ja nicht auf den Betrüger: Ihr seid alle verloren, wenn ihr vergesst, dass die Früchte allen gehören und die Erde keinem. ›»
Anders als Rousseau betont John Locke 1689 den Mehrwert von Eigentum für das eigene, individuelle Leben. Im Gegensatz zu Rousseau sieht er Eigentum nicht als Mittel zum Zweck, sondern neben Leben und Freiheit als gottgegebenes Naturrecht. Und zu Eigentum gelange der Mensch durch Arbeit. Wer ein Naturgut bearbeitet, investiere einen Teil des eigenen Selbst in das Gut und mache es sich so zu eigen. Zum Beispiel gehöre Wasser in der Natur niemandem, sobald es aber jemand in einen Krug gefüllt hat, gehöre das Wasser dieser Person. Dabei dürfe sich der Mensch nur so viel von der Natur aneignen, wie er verbrauchen könne. Doch dieser Gedanke verlöre durch das Geld seinen Wert. Als etwas Unverderbliches übernehme Geld eine Platzhalterrolle für verderbliche Güter. Dementsprechend könnten Menschen Reichtum entsprechend ihrer geleisteten Arbeit anhäufen.
Eigentum entdecken
Die Auseinandersetzung mit diesen beiden Positionen zeigt bereits die Komplexität von Fragen rund um das Thema Eigentum. Deshalb ist es wichtig, das Thema im Unterricht zu behandeln. Das kann mitunter auf entdeckende Weise ausserhalb des Schulhauses passieren. Beispielsweise bietet sich ein Spaziergang durch das Quartier oder das Dorf an, auf dem die Lernenden miteinander überlegen und diskutieren, welche Güter, die sie wahrnehmen, wem gehören, wenn überhaupt: Wem gehört dieser Apfelbaum? Dieses Haus Diese Strasse? Die frische Luft? Das saubere Flusswasser? Und: Warum? Die Lernenden erkennen, dass gewisse Güter wie öffentliche Strassen Gemeineigentum sind, andere wiederum privates Eigentum und einige Güter niemandem gehören. Hier sind vor allem globale Güter wie saubere Luft und sauberes Wasser gemeint. Daran anknüpfend lenkt die Lehrperson im Sinne von BNE die Diskussion auf natürliche und soziale Dringlichkeiten im Zusammenhang mit Eigentum: Alle brauchen ein Dach über dem Kopf, Nahrung, saubere Luft und sauberes Trinkwasser. Aber wem sollen (globale) Gemeingüter gehören, damit sie für alle zugänglich sind und bleiben? Und wer kümmert sich um deren Erhalt? Was kann jeder einzelne Mensch tun, um diese lebensnotwendigen Güter zu schützen?
Eigentum erschaffen
Alternativ wandelt die Klasse auf den Spuren Lockes. Beispielsweise beobachten die Lernenden im Wald, was alles auf dem Boden zu sehen ist, und überlegen, wem das Gesehene (Zweige, Steine, Blätter usw.) gehört. Danach erschaffen sie in Einzelarbeit etwas aus dem Material. Der Fantasie darf hierbei freien Lauf gelassen werden: von Naturarmbändern, Waldtieren aus Tannenzapfen über Naturbilder bis hin zu Waldinstrumenten und Unterschlupfmöglichkeiten: Alles ist erlaubt. Danach präsentieren sich die Lernenden ihre Güter gegenseitig.
Von diesem Erlebnis ausgehend, bietet eine darauffolgende Diskussion Raum für viele Fragen: Gehört der von mir kreierte Gegenstand mir? Darf ich ihn mit nach Hause nehmen? Wer darf damit spielen? Unter welchen Umständen? Was unterscheidet diesen Gegenstand von einem gekauften ähnlichen Gegenstand in einem Laden? Wann gehört jemandem grundsätzlich etwas? Wie hängen Eigentum und Arbeit zusammen? Etc.
Fragen und alltägliche Erfahrungen helfen zudem dabei, den Zusammenhang zwischen Eigentum und nachhaltiger Entwicklung zu erkennen: Trage ich zu meinen Spielsachen zu Hause mehr Sorge als zu jenen in der Schule oder bei Freunden? Gibt es Gegenstände, die niemandem gehören? Wer kümmert sich um diese? Wer sorgt dafür, dass es weiterhin genug gesunde Wälder gibt? Frische Luft? Sauberes Wasser? Was soll allen, was niemandem, was einzelnen Personen gehören? Wie gelingt es, etwas zu teilen? Wie sollte sich diesbezüglich das Zusammenleben ändern?
Nach der visionsorientierten Diskussion überlegen sich die Lernenden, was sie bereits jetzt als Konsumierende von Gemein- und Privatgütern für eine nachhaltige Zukunft tun können. Die Handlungsspielräume sind vielfältig: grundsätzlich weniger Spielsachen kaufen, sofern sie kaum benutzt werden; Müll nicht herumliegen lassen; keine Pflanzen ohne guten Grund ausreissen; eigene Spielsachen teilen usw.
In einer derartigen Auseinandersetzung mit dem Thema Eigentum analysieren die Lernenden gesellschaftliche Prozesse und hinterfragen diese. Dabei erkennen sie individuelle und gesellschaftliche Handlungsspielräume, ganz zugunsten der BNE-Kompetenz Partizipation. Auch erfahren sie sich als Teil der Umwelt und lernen so, verantwortungsvoll mit Gemein- und Privatgütern umzugehen. So nimmt BNE den Unterricht erfolgreich in Besitz.