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Heiterkeit(1)
Unterstützt von Roger Girod
In der Silvesternacht des Jahres 2000 hatte Hubert Brechbühl vor, früh schlafen zu gehen. Ein Jahr zuvor, in der Nacht des grossen Zahlensprungs, hatte er dem Datumswechsel noch regelrecht entgegengefiebert, mit gemischten Gefühlen und gut ausgerüstet mit Kerzen, Thermodecke und haltbaren Lebensmitteln für vier Wochen. Die Badewanne, Töpfe und Krüge hatte er mit Wasser gefüllt. Dann hatte er den gefütterten Anorak angezogen, in dessen Innentaschen er bereits – verteilt auf mehrere Briefumschläge – sein kleines Vermögen verstaut hatte, das er sich zwei Tage zuvor in der Post am Limmatplatz hatte auszahlen lassen. In die Aussentaschen hatte er ein Klappmesser, ein Feuerzeug, einen Flachmann mit Enzian und eine kurbelbetriebene Taschenlampe gesteckt. Er war in die Moonboots geschlüpft (und wie dankbar war er nun, dass er vor dreissig Jahren nicht nachgegeben hatte, als seine Mutter, die ihm beim Umzug half, sie der Caritas hatte schenken wollen), dann hatte er sich eine letzte Kanne schön heissen Kaffee gekocht, eine Kerze angezündet und schwitzend vor dem Fernseher darauf gewartet, dass mit dem Datumswechsel die komplexe Technik, auf der das westliche System beruhte, und damit das gesamte Abendland zusammenbrach.
Als Mitternacht nahte, hatte seine Aufregung sich nochmals gesteigert, zweimal musste er aufs Klo, auch ein Butterbrot musste noch geschmiert sein, denn wer konnte schon sagen, was geschehen würde und wann er wieder zum Essen kam. Doch immer rannte er gleich wieder vor den Bildschirm, in dem eine feuchtfröhliche Festgesellschaft schlagersingend blindlings ihrem Untergang entgegenfeierte. Er eilte nicht, weil er etwas zu verpassen fürchtete, er wollte nur so lange als möglich unter Menschen sein. Denn das Leben nach dem Millennium-Crash malte er sich als einsame Sache aus, zumal ganz offensichtlich kaum jemand gerüstet war wie er, und so schätzte er, dass sich die Menschheit innerhalb weniger Wochen halbieren würde.
Die Kirche gegenüber läutete das Jahr aus wie stets, dann trat die „Stille zwischen den Jahren“ ein, und Hubert öffnete das Fenster, um die Glockenschläge danach nicht zu verpassen. Die Festgesellschaft im Fernseher hatte sich ebenfalls erhoben und zählte im Chor die Sekunden ab, dann war das neue Jahr da.
Und nichts geschah. Die Stromversorgung blieb erhalten, das Fernsehen war weiter auf Sendung, und mit etwas Verspätung schlug auch die Glocke der Sankt-Josefs-Kirche. Kein Hochwasser-, Strahlungs- oder Brandalarm erklang, es gab kein Grossaufgebot von Feuerwehr- und Notfallwagen. Nur einige Raketen knallten, und zwei Familien mit halbwüchsigen Kindern traten aus dem Nachbarshaus und zündeten auf dem Trottoir Vulkane. Weil er nicht wusste, was sie noch alles zünden würden, schloss er zur Sicherheit das Fenster wieder. Von der Strasse her riefen sie ihm Neujahrswünsche zu – nein, nicht Neujahrswünsche, sie wünschten ihm ein fröhliches Jahrtausend. Als gehörte es nicht zur allgemeinen Bildung, dass das neue Jahrtausend erst in einem Jahr begann.
Eine halbe Stunde hatte er darauf gewartet, dass der Crash sich noch einstellte, dann hatte er Anorak und Moonboots wieder ausgezogen und sich bettfertig gemacht. Er hatte sich geärgert, dass er so viel Kaffee getrunken hatte, denn er hatte kaum Schlaf gefunden, und obwohl er sich vor der Zeit nach dem allgemeinen Zusammenbruch gefürchtet hatte, war er unzufrieden wieder aufgewacht.
Das wollte er im Jahr darauf vermeiden und beschloss, den Jahres- und Jahrtausendwechsel schlicht zu ignorieren. Das war nicht einfach, denn im Lauf des Jahres hatte er sich einer Clique angeschlossen, die stets donnerstags im „Schwänli“ Schieber jasste und dort auch gemeinsam „rüberfeiern“ wollte. Dazu hatte er nun gar keine Lust und hatte unbedacht behauptet, seine Nichte in Wattwil habe ihn zu sich eingeladen. Nun fürchtete er, dass die aus dem „Schwänli“ vorbeischauten, um zu sehen, ob er die Wahrheit gesagt hatte, es waren ja nur hundert Meter. Oder Paul oder Ahmet nahmen den Weg vom Tram zum „Schwänli“ durch die Röntgenstrasse. Deshalb sass er den ganzen Silvesterabend beim Licht einer einzelnen Kerze (so konnte er wenigstens endlich seinen Vorrat reduzieren) und traute sich auch nicht, den Fernseher einzuschalten. Dabei hatte er sich so sehr auf die Sportrückschau gefreut. Insbesondere hätte er nur zu gern nochmals gesehen, wie bei der WM die Eishockey-Nati Russland weggeputzt hatte. So sass er in der Stille und hörte alle möglichen Geräusche im Haus: einen Fernsehsender wohl griechischer Sprache, zwei machten Liebe, mindestens zwei, und einmal hörte er sogar das kleine Mädchen aus dem vierten Stock kreischen. Auch nebenan in der früheren Hausmeisterwohnung, die nur noch interimistisch, in Notfällen vermietet wurde, weil eine vom Gartenbauamt für schützenswert erklärte Föhre sie von Jahr zu Jahr finsterer machte, lachte, sang und prostete eine äusserst vergnügte Gruppe Menschen, die offenbar nicht wusste, wie dünn die Wände waren. Nur direkt über ihm war es still wie meist, seit der Sportstudent ausgezogen war, und Hubert dachte, dass er das gemütliche Surren und Knarren seiner Rudermaschine vermisste.
Um zehn Uhr ging er zu Bett, blieb aber lange wach liegen. Erst kurz vor Mitternacht – als er sich eben zu einem Spaziergang durchs Quartier hatte aufraffen wollen, um sich „müde zu laufen“, wie er es bei sich nannte, und um heimlich seine Clique feiern zu sehen – schlief er ein. Und so geriet sein Jahreswechsel noch unerwartet heiter. Denn Hubert Brechbühl träumte nicht nur – er träumte fast nie –, es war zudem ein Traum mit Folgen.
Er träumte sich als Pianisten, und als bedeutenden, mit Frack und Orden. Er spielte als Solist in der Zürcher Oper, begleitet von grossem Orchester, eine Fantasie von Grieg (seine Mutter hatte Grieg geliebt). Und zwar nicht auf einem Flügel, sondern auf dem altmodischen Hochklavier, das vierzig Jahre zuvor im Probelokal der Blasmusik in seiner Militärkaserne gestanden hatte. Dieses Hochklavier wiederum war vernetzt mit einem System mannshoher Spiegel, die er durch die Art, wie er die Tasten schlug, bewegen konnte. So konnte er – und das war seine eigentliche Meisterschaft – musizierend den gesamten Erdball spiegeln und dem Publikum jede beliebige Sicht auf die Menschheit vorführen. Und offenbar war er gar nicht Pianist, sondern Magier, denn er beendete seine Darbietung mit zwölf donnernden Schlägen in die untersten Tasten. Daraufhin verwandelte sich alles: Zuerst verlor das Hochklavier in einer Explosion den Deckel, ein Schwarm Vögel, die im Traum Prinzesstaucherchen hiessen, entstieg dem Schallkasten, flatterte durch den Saal, und eine zweite Explosion sprengte das Dach des Opernhauses fort. Gleich entschwebte in allgemeiner Heiterkeit das gesamte Publikum in einen tiefschwarzen Nachthimmel hinaus, weiter umschwirrt von den Prinzesstaucherchen, aber auch von Spiegelscherben und Splittern der elfenbeinernen Tastatur, die er dennoch weiter spielte. Denn auch er war nun ein ganzer Schwarm und unterhielt die vornehme Gesellschaft während ihrer Reise hinaus ins All musikalisch, derweil in ihren Rücken sich die alte Welt in einem Flammenball verzehrte. Die Leichtigkeit, die Hubert Brechbühl während dieses Traums erfuhr, war grenzenlos, und sie verliess ihn auch nicht, als er anderntags erwachte.