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Reformen benötigen push- und pull-Faktoren, um erfolgreich zu sein. Bei der Lehrplan21- Einführung dominieren die push-Faktoren. Wichtige pull-Faktoren, die von der Sekundarstufe II ausgehen, fehlen weitgehend. Wenn die LP21-Einführung gelingen soll, muss die Sekundarstufe II stärker eingebunden werden.
Wenn Schülerinnen und Schüler in der Schule erfolgreich sein wollen, dann tun sie gut daran, die vorherrschenden Normen und Strukturen der Schule zu kennen. Wer es schafft, sich schnell und passgenau daran anzupassen, wird wahrscheinlicher gute Noten schreiben. Es ist mitunter eine Aufgabe der Lehrperson, die Schülerinnen und Schüler auf die nächst folgenden Schulen vorzubereiten. Die Primarschulen bereiten die Schüler/innen auf die Sekundarschule vor, die Sekundarschulen auf die Gymnasien und Berufsfachschulen, die Mittelschulen auf die Hochschulen. Die Lehrpersonen antizipieren also sowohl das Fachliche wie auch die Lernkultur der nächst höheren Schule und richten ihren Unterricht auch auf diese Anforderungen aus. Ihr Anreiz, dies zu tun, ist mehrfach: Erstens werden hohe Übertritts- und Abschlussquoten bzw. gute Noten der Schüler/innen auf der nächsten Stufe als Qualitätskriterien der Schulen und Lehrpersonen gedeutet. Es existieren mitunter (informelle) Schulrankings an Gymnasien und Hochschulen, die Schulen und Lehrpersonen motivieren, nach „oben“ konform zu sein. Zweitens wollen die Schüler/innen und ihre Eltern mit hoher Bildungsaspiration, dass sich der Schulerfolg auch nach dem Übertritt fortsetzt. Sie üben einen entsprechenden Druck auf die Schulen und Lehrpersonen aus, die Schüler/innen umfassend z.B. auf den Gymnasialunterricht vorzubereiten. Es kann also davon ausgegangen werden, dass Abnehmerschulen Lehr- und Lernkulturen als auch die Erwartung an von Schüler/innen zu erreichende Kompetenzen massgeblich beeinflussen und bestimmen.
Reformen brauchen push- und pull-Faktoren
Was heisst das nun für Schulreformen, die in der Primarschule beginnen, auf der Sekundarstufe I ihre Fortsetzung finden, jedoch keine Veränderungen auf der Sekundarstufe II vorsehen? Sind die push-Faktoren der Reform der Politik, der Behörden, der Pädagogen, der Fach- und Erziehungswissenschaftler/innen ausreichend, um ohne adaptierte pull-Faktoren der Sekundarstufe II auszukommen? Diese Fragen stellen sich bei der Einführung des vielversprechenden Lehrplans 21. Bei den Vorarbeiten der Lehrplan-21-Einführung, d.h. bei den Lehrplan-21-Weiterbildungen für Schulleitende und Lehrpersonen, ist der Reformwille gross. Die push-Faktoren scheinen gut zu wirken. Ob aber die Anreize aus der Sekundarstufe II (pull-Faktoren) für die konkrete LP21-Umsetzung im Klassenzimmer der Sekundarstufe I gross genug sind, muss aktuell bezweifelt werden.
Sekundarstufe II in die LP21-Einführung einbinden
Noch bemühen sich die Schulen der Sekundarstufe II wenig um den Lehrplan 21. Es heisst, der Lehrplan 21 betreffe sie frühestens im 2022 (im Kanton Luzern), wenn die ersten LP21-Schüler/innen in die Sekundarstufe II wechseln. Und in der Tat gibt es für die Schulen der Sekundarstufe II kaum Anreize, sich auf den Lehrplan 21 der Volksschule auszurichten. Soll aber die Lehrplan21-Einführung gelingen, dann muss die Sekundarstufe II mitgedacht und mitgenommen werden. Die Sekundarstufe II muss eingebunden und ihre Verantwortung, „volksschulkompatibel“ zu sein, eingefordert werden. Es wird die Aufgabe der Volksschulämter und der Pädagogischen Hochschulen sein, die Ämter der Sekundarstufe II, die Mittel- und Berufsfachschulen sowie die Lehrpersonen der Sekundarstufe II adäquat in die LP21-Einführung einzubinden, wenn die Umsetzung in den Volksschulen erfolgreich sein soll.