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Erweiterung einer Ikone
Schulanlage Riedhof, Zürich-Höngg; Einstufiger, selektiver Projektwettbewerb
Die Schulanlage Riedhof in Zürich-Höngg ist die einzige Schule, die Alfred Roth in der Schweiz realisierte, und damit ein bauliches Vermächtnis. Nun soll das im ISOS als schützenswertes Ortsbild der Schweiz von nationaler Bedeutung aufgeführte Ensemble erweitert werden.1
Zürich-Höngg erstreckt sich entlang der Südflanke des Höngger- und Käferbergs von Wipkingen bis zur Nachbargemeinde Oberengstringen. Ab Mitte der 1950er-Jahre erfolgte eine rasche Besiedlung und Urbanisierung des ländlich geprägten, bis 1933 selbstständigen Rebbauerndorfs Höngg. Neben Wohnbauten entstanden innert kurzer Zeit drei Schulen.2 Doch der Platzbedarf wuchs weiter, sodass am damaligen Siedlungsrand und am Brombach-Grünzug zwischen Hönggerberg und Limmat die Primarschule Riedhof errichtet wurde.
Das neue Schulhaus
Der Architekt Alfred Roth (1903–1998) hatte 1950 mit der Publikation «Das neue Schulhaus» eine neuartige Form des Schulbaus postuliert.3 Mit der Forderung nach einer kleinteiligen, kindgerechten Architektur zeigte er sich beeinflusst von den Reformschulkonzepten der 1920er-Jahre.
Die Schulanlage Riedhof ist Roths einziger Schulhausbau in der Schweiz und zeigt exemplarisch, wie er die Architektur der Moderne an die Bedürfnisse von Kindern anzupassen suchte. Insbesondere der Bezug zum Aussenraum erscheint essenziell. Die Klassenzimmer sind zweiseitig belichtet, Pausenhöfe und Gartenbereiche eng mit den Bauten verzahnt. Bereits 1948 setzte Roth beim Neubau eines Kindergartens in seinem Heimatort Wangen an der Aare diese Grundsätze um. «Die getroffene Kreuzform verleiht dem Gebäude den Charakter eines aufgelockerten Gartenpavillons; ausserdem sind dadurch vier windgeschützte Gebäudewinkel entstanden, die je nach Windrichtung für Spiel und allerhand Hantierungen im Freien benützt werden können.»4
Die Schulanlage Riedhof
In Höngg nutzte Roth die Hangsituation, um eine Verzahnung von Unterrichtsräumen und Aussenraum zu realisieren. Die Schule für zwölf Primarschulklassen mit einen Doppelkindergarten besteht aus parallel zum Hang angeordneten pavillonartigen Baukörpern, die sich über mehrere Geländeterrassen nach Süden abtreppen. Der Kindergarten liegt zurückgesetzt von den Schulbauten auf der nördlichsten Terrasse dicht am Brombach-Grünzug und am Wilden-Weg. Das Schulhaus besteht aus zwei zweigeschossigen Schulhaustrakten, einer Turnhalle und einem grosszügigen Aussenbereich.
Unterhalb des Kindergartens verläuft die Wildenstrasse, der rückwärtige Zugangsweg zur Schule, der die Wohngebiete im Westen und Osten anbindet. Durch die zum Hang ausgebildete Stützmauer wirkt der Weg wie eine schmale Gasse, was eine urbane Wirkung schafft – wie überhaupt die Anlage städtische Momente enthält. So bilden etwa die sich zwischen den beiden Schultrakten aufspannende Pausenhalle und die davorliegende Terrasse einen durchaus urbanen Platz, von dem aus der Blick über den darunter anschliessenden Pausenplatz und das Limmattal führt. Auch durch die orthogonale Positionierung der Baukörper und Freiräume zueinander erzeugte Roth ein stadträumlich wirkendes Ensemble, dessen unterer Abschluss zur Riedhofstrasse der grosse Turnplatz bildet.
Auf der obersten Geländeterrasse, westlich des Doppelkindergartens, sollte in einer zweiten Etappe ein Sekundarschulhaus für zwölf Klassen mit Zusatzräumen, Aula, Turnhalle und Freizeitzentrum entstehen. Im Gegensatz zu den Bauten der Primarschule wäre dieser Klassentrakt viergeschossig und senkrecht zum Hang angeordnet gewesen. Der Turnplatz sollte den räumlichen Abschluss zur nördlich verlaufenden Regensdorferstrasse bilden, der sich dazwischen aufspannende Grünraum als Spielwiese dienen. Heute befindet sich dort ein Sportfeld.
Im Frühjahr 1963 besuchten die ersten Kinder die Schule, bereits 1962 war der Kindergarten am Wilden-Weg eröffnet worden. Doch Höngg wuchs weiter und die Schulanlage war bald zu klein, 1972 entstand westlich der Turnhalle ein weiterer Kindergarten im Stil der bestehenden Gebäude. Unterhalb dieses Kindergartens wurden später «Züri Modular»-Pavillons erstellt.
Seit der Sanierung 1999–2001 entsprechen die Gebäude der ersten Bauphase wieder weitgehend dem Originalzustand, eine weitere Instandsetzung ist nach dem Bau der Erweiterung geplant.
Die zweite Bauetappe wurde nie realisiert. Inzwischen sieht die Stadt Zürich den grösseren nördlichen Teil des Grundstücks für eine Wohnüberbauung vor – eine Folge des ungebrochenen Wachstumsdrucks. Der verbleibende schmale Streifen oberhalb der Wildenstrasse ist der Wettbewerbsperimeter.
Der Wettbewerb
Die Schule soll um 21 Primarklassen ergänzt werden, sodass mit dem geplanten Neubau 30 Schulklassen und drei Kindergärten auf dem Areal untergebracht sind. Hinzu kommt das Verpflegungs- und Betreuungsangebot, eine Küche, die pro Tag 720 Mahlzeiten bereitstellt, eine Doppelsporthalle mit Kiosk und Zuschauergalerie für 100 Personen sowie Räume für die Musikschule Konservatorium Zürich und eine Bibliothek. Die Stadt Zürich als Bauherrin hat für die geplante Erweiterung einen einstufigen Projektwettbewerb im selektiven Verfahren für Generalplanende ausgelobt, zehn Teams wurden zugelassen.
Aufgrund des umfangreichen Raumprogramms und der Abgrenzung des nördlichen Areals für einen zukünftigen Wohnbau war es für die Teilnehmenden kaum möglich, die Anlage mit jener Leichtigkeit zu erweitern, mit der Alfred Roth seinerzeit planen konnte. Das Spiel von Volumen und Freiraum konnte in dieser Form nicht weitergeführt werden. Das Raumprogramm erforderte eher ein Nebeneinander von Alt und Neu als ein Weiterbauen. Die Gebäude mussten deutlich kompakter organisiert und in Teilen unterirdisch angeordnet werden, wobei die damit verbundenen massiven Erdarbeiten und die Ausführung der unteren Geschosse in Hinblick auf ein klimaschonendes Bauen durchaus kritisch zu sehen sind.
Kuckuck
Während ein Teil der Beiträge versucht, die Zweiteilung des Klassentrakts mit dazwischenliegendem Pausenhof für die Neubauten zu interpretieren, löste sich das Siegerprojekt «Kuckuck» von Jonas Wüest Architekten von dieser städtebaulichen Setzung und platziert einen kompakten Neubau in die nordwestliche Ecke des Areals, der mit seinem Volumen eher den angrenzenden Wohnbauten an der Reinhold-Frei-Strasse entspricht. Der Massstabssprung ist beachtlich. Über einem Sockelgeschoss erhebt sich ein fünfgeschossiger Baukörper mit zurückgesetztem Dachgeschoss, darunter liegt der in die Erde gesetzte zwei- beziehungsweise dreigeschossige Sockelbau, der die Sporthalle und Nebenräume aufnimmt und sich nach Osten weit in den Hang schiebt. Der Bereich über der Turnhalle ist als Frei- und Sportfläche ausgewiesen. Somit bleiben Blickbezüge für die zukünftige, oberhalb liegende Wohnsiedlung gewahrt, zudem ist die Kaltluftbahn, die kühle Luft in die Stadt transportiert, nicht tangiert. Beides waren Vorgaben der Auslobung.
Der Hauptzugang liegt zur Reinhold-Frei-Strasse, ein kleinerer Zugang sucht die Anbindung an die bestehende Anlage. Die strenge Gliederung der Fassade mit durchlaufenden hölzernen Brüstungen und einem Wechsel von Fensterflächen und Lüftungsflügeln kann dem grossen Schulhaus eine gewisse Leichtigkeit verleihen, jedoch besteht die Gefahr, dass bei Anpassungen, etwa der Reduktion der relativ grossen Fensterflächen, die Masse des Volumens umso deutlicher hervortritt. Mit «Kuckuck» wird nicht am bestehenden Ensemble weitergebaut, sondern eine zweite Schulanlage ergänzend daneben gesetzt.
Sylva und Hoinga
Die zweit- und drittplatzierten Beiträge, «Sylva» von Baumgartner Loewe Architekten und «Hoinga» von Meletta Strebel Architekten, führen das Thema der terrassierten Anlage weiter. Wobei letztere dieses überzeugend übersetzen und trotz des Raumprogramms eine schöne Folge von Aussenbereichen schaffen. Die städtebauliche Verzahnung wird jedoch von der gewählten Materialisierung negiert: Brettschichtholz, Betonelemente und Lehmziegelverband stehen in deutlichem Kontrast zu den hellen Putzfassaden von Roths pavillonartigen Bauten.
Letztlich zeigen alle Arbeiten die Schwierigkeit auf, angesichts der bestehenden Rahmenbedingungen und des geforderten Raumprogramms angemessen auf den Ort und Roths sorgfältig in den Hang gesetztes Ensemble zu reagieren. In Bedrängnis kommen wird es nochmals mit der Realisierung des geplanten Wohnbaus zur Regensdorferstrasse.
Anmerkungen
1 Das Ensemble wurde 1986 in das Inventar der kunst- und kulturgeschichtlichen Schutzobjekte von kommunaler Bedeutung aufgenommen, die Anlage mit ihren Grünräumen in das kommunale Inventar schützenswerter Gärten und Anlagen. Sie ist im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung ISOS mit dem Erhaltungsziel A geführt.
2 Die Schulanlagen Lachenzelg, Imbisbühl und Pünten.
3 Alfred Roth, The New Schoolhouse. Das neue Schulhaus. La Nouvele École, Zürich: Verlag Girsberg 1950.
4 Alfred Roth, «Kindergarten in Wangen a. Aare», in: Das Werk (Schulhäuser), Heft 7, 1949, S. 218–222.
Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 23–24/2023 «Die verlängerte Zukunft».
-> Jurybericht und Pläne auf competitions.espazium.ch.
Auszeichnungen
1. Rang, 1. Preis: «Kuckuck»
Jonas Wüest Architekten, Zürich
2. Rang, 2. Preis: «Sylva»
Baumgartner Loewe Architekten, Zürich
3. Rang, 3. Preis: «Hoinga»
MSA Meletta Strebel Architekten, Zürich
FachJury
Jeremy Hoskyn, Amt für Hochbauten, Zürich (Vorsitz); Corina Schneider, Amt für Städtebau, Zürich; Astrid Staufer, Architektin, Frauenfeld; Samuel Bünzli, Architekt, Zürich; Matthias Krebs, Landschaftsarchitekt, Zürich; Marianne Baumgartner, Architektin, Zürich (Ersatz)
SachJury
Gabriela Rothenfluh, Präsidentin Kreisschulbehörde Waidberg; Barbara Willimann, Schulamt, Stadt Zürich; Jennifer Dreyer, Immobilien Stadt Zürich; Benjamin Leimgruber, Immobilien Stadt Zürich; Tiziana Werlen, Quartiervertretung (Ersatz)