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Gebot 9:
Der Wille, mit dem Herrn zusammen zu sein
Der Wille ist das beste Hilfsmittel, um zu Sein und mit dem Herrn zusammen zu sein. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg. Willensstarke Menschen erreichen ihr Ziel. Der Wille ist Feuer. Es bahnt sich seinen Weg, sogar dort, wo es keinen Weg gibt. In den Büchern wird der Wille als feurige Aspiration beschrieben. Das Feuer sollte immer brennen. Solange das Feuer brennt, finden fortwährend Umwandlungen statt, und wenn die Umwandlungen ohne Unterbrechungen erfolgen, bringt der grobstoffliche Körper zwei feinere Körper hervor: den Ätherkörper und den Kausalkörper. Durch das Feuer wird jeglicher Unrat und alles Grobe abgelegt. Feuer macht den Körper feiner, so dass er die Energien des Lichts und der Liebe aufnehmen kann.
Wie können wir dafür sorgen, dass der Wille aktiv ist, dass er arbeitet, dass er nicht schwächer wird, dass das Feuer des Willens entzündet wird? Zunächst existiert der Wille im Denken, doch sein ursprünglicher Platz ist das reine Bewusstsein. Im Denken erzeugt der Wille Gedanken und Wünsche. Ununterbrochen bringt das Denkvermögen Gedanken und Wünsche hervor. Das Denken ist Feuer, und das Feuer der Gedanken ist ein Aspekt des Willens. Wenn das Denken auf das Göttliche gerichtet ist, wendet sich das Feuer der Gedanken dem Göttlichen zu und wird zu einer Flamme. Eine Flamme bewegt sich vertikal. Sie wird stabil, wenn wir den Gedanken an das Göttliche gut festhalten.
Lord Sanat Kumâra empfiehlt: „Bewahrt stets den Gedanken an das Göttliche.“ Beständiges Denken an das Göttliche muss kultiviert werden. Das heißt nicht, dass sich ein Aspirant von der Welt abwenden soll. Es heißt auch nicht, dass er seine normalen Pflichten gegenüber seinem Körper, seiner Familie und der Gesellschaft nicht mehr erfüllen soll, sondern es bedeutet: den göttlichen Gedanken in jeden Aspekt des Lebens zu tragen. In jeder Handlung und jeder Kommunikation mit anderen Personen sollten wir an ihm festhalten. In unserer Zeit drückt die Hierarchie dies mit den Worten aus: „Jeder Handlung, die man ausführt, sollte man den spirituellen Wert hinzufügen.“ Wir können keiner Arbeit einen spirituellen Wert hinzufügen, wenn wir bei unserer Tätigkeit nicht auch den Gedanken an den Geist haben. Um also beständig an das Göttliche denken zu können, müssen wir erkennen, dass alles Leben göttlich ist. Das ist Synthese. In jüngster Vergangenheit hat Šrî Aurobindo dies zum Ausdruck gebracht: „Alles Leben ist Yoga. Alles Leben ist göttlich.“
Wenn wir in der Lage sind, dies wahrzunehmen, ist alles Leben grundsätzlich spirituell. Wichtig ist die Wahrnehmung. Die Menschen leben in äußeren Konzepten. Sie leben mit geborgten Konzepten, auferlegten Konzepten oder traditionellen Konzepten. Solche Konzepte sind verfestige Formen von Vorstellungen oder Ideen. Die Wahrnehmung geht tiefer als eine Vorstellung oder ein Gedanke. Hinter allem, was uns umgibt, steht das Göttliche. Doch das Göttliche wird durch unsere Vorstellung verborgen. Unsere Vorstellung vom Ehepartner ist ein Schleier vor dem Göttlichen dahinter. Unsere Vorstellung von einer Familie ist ein Schleier vor der verborgenen Göttlichkeit. Genauso ist es mit unseren Vorstellungen vom Beruf, von gesellschaftlicher Aktivität, vom Dienen usw. Hinter allem steht das Göttliche. Es ist das Hintergrundbewusstsein aller Projektionen, die als Klänge, Farben, Zahlen und Symbole erscheinen.
Fortwährendes Denken an das Göttliche ist möglich, wenn wir im Inneren wahrnehmen, dass alle Aktivität auf dem Hintergrund des Göttlichen stattfindet. Unser tägliches Leben sollten wir als Gelegenheit betrachten, das Göttliche in jeder Beziehung zu einer Form oder einem Lebewesen zu erfahren. Wie weit erinnern wir uns an das Göttliche, wenn wir unseren Lebenspartner sehen? Wie weit erinnern wir uns an das Göttliche, wenn wir unsere Kinder, Enkel, Freunde, Verwandten, angenehme Personen, unangenehme Personen, angenehme Situationen, unangenehme Situationen usw. erleben? In allem, was auf uns zukommt, können wir neben den wechselnden Tätigkeitsbereichen gleichzeitig auch dem Göttlichen begegnen. Es wird wahrnehmbar, wenn wir dies regelmäßig üben.
Wenn wir am Willen festhalten, beim Göttlichen zu sein, halten wir bei jeder Aktivität am Gedanken an das Göttliche fest. Dann öffnet sich für uns innerhalb der Welt eine andere Welt. Die Welt und die feinstoffliche Welt stehen uns gleichzeitig offen, und wir fühlen den ganzen Tag die fortwährende Berührung des Göttlichen. Es heißt, dass solche Personen den ganzen Tag über in Meditation sind. Meditation ist ein Zustand der Verbindung mit dem Göttlichen. Diese Verbindung können wir auch während der täglichen Arbeit aufrechterhalten, wenn wir uns in verschiedenen Situationen mit unterschiedlichen Leuten befinden. Auf diese Weise sind fortgeschrittene Schüler den ganzen Tag in einem meditativen Zustand. In dieser Verbindung schlafen sie, erwachen sie, meditieren sie und arbeiten sie in der Welt.
Wenn wir den göttlichen Gedanken im Hinterkopf behalten, während wir in der Welt arbeiten, sickert die göttliche Energie langsam in die Persönlichkeit ein. Sie durchdringt die Persönlichkeit und bringt sich hin und wieder in Handlungen und Worten zum Ausdruck. Darin sollten wir das In-Erscheinung-Treten des Reiches Gottes auf Erden erkennen. Aus den überirdischen Ebenen tritt das Göttliche in die irdische Ebene ein. Wenn das Göttliche in unsere Handlungen einsickert und sie durchdringt, wird unsere Persönlichkeit langsam umgewandelt. Schließlich ist sie so vollständig umgewandelt, dass ihre ursprüngliche grobstoffliche Beschaffenheit und der verfeinerte Endzustand nicht mehr miteinander zu vergleichen sind.
Können wir uns vorstellen, dass sich eine Raupe in einen Schmetterling verwandelt? Wenn eine Raupe über unsere Haut kriecht oder von einem Baum auf die Haut fällt, spüren wir ihr Krabbeln ein paar Stunden lang wie Nadelstiche. Aber wenn ein Schmetterling auf unserer Haut landet, entfaltet sich unser Gesicht lächelnd wie eine Blume. Dabei ist es dieselbe Raupe, die zu einem Schmetterling geworden ist. Genauso wandelt sich eine raupengleiche Persönlichkeit zu einer schmetterlingsgleichen Persönlichkeit. Es ist schön, einen Schmetterling zu erleben. Schon der Anblick eines Schmetterlings macht uns Freude. Seine Farben, sein Flattern – alles stimmt uns freudig. Doch eine Raupe verabscheuen wir. Sie kriecht, ängstliche Leute fürchten sich sogar vor ihrem Anblick, und wir vermeiden es, sie zu berühren.
Gemeinschaft
Bevor unsere Persönlichkeiten vom Göttlichen durchdrungen sind, zeigen sie vielfältige, unterschiedliche Verhaltensweisen. Durch unsere Persönlichkeiten stellen wir die artenreiche Vielfalt der Tiere dar. Manche Leute sind scheu wie Katzen, manche bellen wie Hunde, manche sind klug wie Ratten, manche sind unsensibel wie Bullen, manche sind wie stechende Skorpione, manche sind aggressiv wie Tiger, manche sind rachsüchtig wie Schlangen. Was für eine Vielfalt! Nur sehr wenige Persönlichkeiten sind wie sanfte Kühe, wie Tauben, die fliegen können oder wie Schwäne, die außergewöhnlich rein sind. Die Persönlichkeit ist das Gefängnis der Seele. Wenn wir beharrlich am göttlichen Gedanken festhalten, verwandelt sich das Gefängnis der Persönlichkeit in einen Palast. Eine Seele in einem Palast ist wie ein König. Solche Umwandlungen sind möglich, wenn wir diese neunte Lehre von Sanat Kumâra befolgen. Ein feiner Magnetisierungsvorgang findet statt, wenn wir den Gedanken an das Göttliche so beständig wie möglich während der Tagesarbeit beibehalten.
Um das Festhalten am göttlichen Gedanken zu erleichtern, sollten wir erwägen, uns mit solchen Aspiranten zusammenzutun, die in dieser Übung schon ein wenig weiter fortgeschritten sind. Regelmäßiges Zusammenkommen mit ihnen stärkt den guten Willen. Eine ‚Verbindung guten Willens‘ bezeichnet das Zusammenkommen von Personen, die gemeinsam den Gedanken an das Göttliche viel besser aufrechterhalten können. Zu diesem Zweck finden Gruppentreffen statt. Doch meistens vergessen die Gruppen die eigentliche Absicht und reden. Viele Gruppen sind Rede-Gruppen. Wenn sich ein Aspirant solchen Gruppen anschließt, wird er auch bald die Gewohnheit des Redens annehmen.
Satsang ist der passende Begriff. Satsang bezeichnet eine Gruppe von Personen, die zusammenkommen, um das Göttliche in ihnen zu stärken. Dies sollte die einzige Absicht spiritueller Gruppen sein. Satsang wird als eine Erleichterung betrachtet, denn durch die Stärkung des Gedankens an das Göttliche ermöglicht Satsang die Überwindung der eigenen Grenzen. Die besten Satsangs waren die Brindavans in Indien und die pythagoreischen Gruppen der Griechen. Wahrscheinlich gibt es viele erhabene Gruppen auf dem Planeten, die nicht bekannt sind, aber die beschlossen haben, sich mit der Wahrheit zu vereinen.
Ebenfalls ist es hilfreich, sich von Zeit zu Zeit Heiligen und anderen losgelösten Personen anzuschließen. Heilige zu treffen und eine Zeitlang in ihrer Gegenwart zu verweilen, ist äußerst hilfreich. Für Aspiranten wäre es gut, in der Gegenwart eines Heiligen zu schweigen statt drauflos zu schwatzen. Redselige Aspiranten, Aspiranten mit zu vielen Fragen oder zweifelnde Aspiranten empfangen in der Gegenwart eines Heiligen nicht viel. Ein Heiliger übermittelt die Dinge schweigend. Dem Reden misst er einen anderen Wert bei. Als erstes schenkt er viel Stille und Ausrichtung. Später, wenn der Schüler aufnahmebereit ist, spricht der Heilige.
Pilgerreisen
Genauso sind auch Pilgerreisen zu heiligen Orten von großer Bedeutung. Wir sollten bedenken, dass es Pilgerreisen und keine Ausflugsfahrten sind. Der Unterschied liegt in der Ausrichtung. Wenn die Reise von der Sehnsucht nach dem Göttlichen begleitet ist, wird sie zu einer Pilgerreise. Andernfalls ist es einfach eine Reise, bei der eine angenehme Fahrt, gutes Essen und ein bequemes Bett wichtig sind. Allen Aspiranten werden regelmäßige Pilgerreisen empfohlen. Ein- oder zweimal im Jahr sollten sie sich auf solche Reisen begeben. Sie sind hilfreich, um diese Lehre von Sanat Kumâra zu erfüllen.
Auch das Baden in heiligen Flüssen, heiligen Wasserfällen und heiligen Wasserquellen stärkt unseren Willen, beim Göttlichen zu sein. Unseren Jahresurlaub können wir nutzen, um heilige Orte, heilige Flüsse und heilige Wasserfälle zu besuchen. Wir sollten bedenken, dass solche Anstrengungen im Geist einer Pilgerreise stattfinden müssen, jedoch nicht als touristisches Erlebnis. Den Tagesablauf sollten wir so organisieren, dass wir die regelmäßigen Gebete und andere Verehrungen nicht verpassen.
Außerdem ist es hilfreich, wenn wir von Zeit zu Zeit allein in der Natur verweilen. Die Energien eines zivilisierten Menschen beruhigen sich, wenn er sich nah bei der Natur aufhält. Für solche Pilgerreisen sind der Frühling und die Jahreszeit, in der alles in voller Blüte steht, besonders vorteilhaft, da es in dieser Zeit kaum regnet, die Sonne nicht zu heiß brennt und auch keine frostige Kälte herrscht. Sich bei Regen, Schnee oder sengender Sonne in der Natur aufzuhalten, birgt seine eigenen Hindernisse, Einschränkungen und Unannehmlichkeiten. In diesen Jahreszeiten ist es kaum möglich, einen innigen Umgang mit der Natur zu pflegen, weil man sich vor Extremtemperaturen oder heftigen Regenfällen schützen muss. Im heißen Sommer, bei klirrender Kälte oder heftigem Regen sollte man von solchen Reisen Abstand nehmen und alle Übungen zu Hause durchführen. Als beste Jahreszeiten zum Reisen gelten jene, in denen die Wasser rein fließen und eine natürliche Wärme besitzen.
… wird fortgesetzt