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Samstag, 25. August 2012
Am Samstag trafen sich bei sonnigem, aber kühlen Wetter 29 Mitglieder des Vereins am Bahnhof Sursee zum Start zur Exkursion in die Luzerner Landschaft. Die Fahrt führte über Mauersee nach Willisau; Ziel war nicht die Stadt, sondern die über Stadt liegende ehemalige Stadtburg.
Mit Blick über die Stadt wurde die Exkursionsschar über die Entwicklung des Siedlungsraumes orientiert. Die sporadisch auftretenden keltischen und römische Funde geben den Hinweise auf die frühe Besiedlung des Ortes und des Raumes. Im Frühmittelalter bildet sich ein Dorf mit Kirche. Zahlreiche Burgen in unmittelbarer Umgebung von Willisau (Alt–Willisau, Wediswil, Hasenburg oder Kastelen) widerspiegeln die komplexen mittelalterlichen Herrschaftsverhältnisse.
Ab dem ersten Drittel des 13. Jh. werden die aus der jurassischen Ajoie stammenden Herren von Asuel oder Hasenburg als Inhaber von Rechten und Gütern in der Umgebung von Willisau fassbar. 1285 wird die Burg Hasenburg östlich von Willisau erstmals urkundlich erwähnt.
Um 1300 wird die vorbestehende Dorfsiedlung zur Stadt erhoben; Stadtherren sind die nun in habsburgischen Diensten stehenden Freiherren von Hasenburg. Aus dieser Zeit stammt die Stadtanlage mit ihrer Ringmauer, an dessen höchsten Punkten die Stadtburg sowie das Kirchherrenhaus der Hasenburger errichtet wurde. Nach 1364 gelangte die Stadt durch Erbschaft an die Freiherren von Aarberg–Valangin und wurde 1375 im Guglerkrieg und 1386 im Sempacherkrieg verwüstet. 1407 verkauften die Herren von Aarberg Willisau an die Stadt Luzern. Von den mittelalterlichen Wehrbauten sind Teile der Ringmauer und am westlichen Ende der Hauptgasse das Obertor von 1551 erhalten; das aktuelle Untertor ist in den 80er Jahren des 20. Jh. rekonstruiert worden.
Die Lage der Stadtburg Willisau war für die historische und archäologische Forschung lange Zeit unbekannt. Deshalb war man überrascht, als man bei Baumassnahmen beim Haus Bergli auf die Mauerreste der Burg stiess. Zu ihrem Schutz sind sie ausserhalb des aktuellen Gebäudes überdeckt und mit Steinplatten markiert; im Innern hingegen sind in den Büros im Untergeschoss die mittelalterlichen Mauern sichtbar. An einer Stelle wurde die Burgmauer aufgesägt, so dass man heute einen wunderbaren Mauerquerschnitt sehen kann.
Im weiteren befindet sich hier auf der Höhe ein ehemaliger Wehrturm (Chutzeturm) der Stadtmauer, an den 1690–95 das Landvogteischloss angebaut wurde. Ebenfalls im Rahmen von Baumassnahmen wurden unter dem Kirchherrenhaus weitere Strukturen eines Vorgängerbaues in dieser Ecke der Stadtmauer entdeckt. Diese Befunde sind heute durch ein archäologisches Fenster bzw. einen Archäologischen Kellerraum sichtbar und durch multimediale Installationen für den Besucher erläutert.
Nach kurzer Fahrt erreichten wir den bewaldetem Hügel über dem Dorf Alberswil, von wo wir zu Fuss auf bequemem Waldweg zur Burgruine Kastelen gelangten. Welch eine Überraschung: auf einem Tisch standen Getränke bereit. Der Burgverein Kastelen servierte einen Apéro mit Weisswein vom Burghügel, Mineralwasser und Bier. Für das Picknick standen weiteren Tische und Bänke bereit, so dass wir eine geruhsame Mittagpause geniessen konnten. Danach stellte uns Joseph Wermelinger den Burgverein Kastelen vor, welche Ziele sie erreichen möchten, und wie sie diese bisher erreichten.
Für die Finanzierung hatten sie eine besondere Idee: Von den steingerechten Fassadenaufnahmen der Bauforschung erstellten sie Kopien und setzten zu jedem Quaderstein ein Nummer. Dann gelangten sie an allfällige Sponsoren und baten sie, einen oder mehrere Steine zu kaufen". In einem Steinverzeichnis sind alle Steinnummern eingetragen, die einen Käufer haben. Auf diese Weise kam ein ansehnlicher Betrag zusammen.
Im Turminnern ist eine freistehende Stahlkonstruktion für die Treppe zur Plattform eingebaut. Beim Hocheingang befindet sich ein "Kässeli", das um weitere Unterstützung bittet. Das Besondere an diesem Münzeinwurf ist, dass das Geldstück durch eine längere, gewundene Rohrkonstruktion nach unten fällt und dabei Klingeltöne zu hören sind – u.a. durch eingebaute Glöcklein. Bei einem Besuch mit Kindern wird da der Geldbeutel der Eltern bald leer von Münzen sein – und der Burgverein kann seine Arbeit weitermachen. Die Burgruine und ihre Geschichte wurden uns durch Jakob Obrecht (Füllinsdorf) vorgestellt, der die Bauuntersuchungen leiteten. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass der Schweizer Burgenverein plant, diese Bauuntersuchungen in einem Jahresband der Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie zu publizieren.
Die begleitenden archäologischen Untersuchungen ergaben, dass auf diesem markanten Molassehügel am Rande des Wauwilermooses Spuren von bronzezeitlichen Wohnbauten und zugehörige Kleinfunde entdeckt wurden. Eine Silex–Pfeilspitze gibt zudem den Hinweis, dass bereits in der Jungsteinzeit der Platz zumindest begangen wurde.
Aus dem Hochmittelalter stammen Spuren einer Holz–Erde–Burg mit massivem Holzbau und anschliessender Palisade, die wohl im 12. Jh. zum Besitz der Grafen von Lenzburg gehörte. Um 1250, dendrodatiert 1252(d), entstand der massive Burgturm durch die Grafen von Kyburg. Neben dem donjonartigen Turm ist von dieser Anlage heute der 52 m tiefe Sodbrunnen erhalten, daneben zeugt ein Graben und das vorgelagerte Plateau von einer abgetrennten Vorburg.
Der Wohnturm ist von beeindruckender baulicher Qualität mit einem grosszügigen Raumprogramm. Die am Mauerwerk ablesbaren Spuren zeugen u.a. von einer Burgkapelle und repräsentativ ausgestatteten Wohnräumen in den Obergeschossen (Rundbogenfenster mit Sitznischen). Das oberste Geschoss mit vier Eckerkern wies auf alle Seiten weite Maueröffnungen auf (Wehrplattform?).
Nach dem Aussterben der Kyburger fällt die Burg 1264 an die Habsburger, welche die Herrschaft Kastelen durch Ministerialen aus dem niederen Adel verwalten liessen. Durch Verkauf gelangte sie 1481 an die Luzerner Patrizierfamilie Feer und 1598 an die Stadt Luzern. Im Bauernkrieg 1653 wurde die Burg von Aufständischen verwüstet und anschliessend nicht mehr in Stand gestellt. 1680 erwarb die Familie von Sonnenberg Herrschaft und Burgruine Kastelen und erbauten sich unterhalb der Burg das Landschlösschen. Die Besitzer der Ruine schienen bewusst auf einen Abbruch der Ruine verzichtet zu haben, denn nur so ist erklärlich, warum der Quadermauermantel des gesamten Burgturmes noch erhalten ist. Seit 1996 kümmert sich der Burgverein Kastelen um den Erhalt der noch bestehenden Ruine.
Nach einer weiteren kurzen Fahrt gelangten wir nach Sursee. Vor dem St– Urban–Hof nahm uns Stefan Röllin, Alt–Archivar von Sursee in Empfang und führte uns mit kenntnisreichen Erläuterungen durch die Stadt Sursee.
Grab– und Siedlungsfunde aus dem Neolithikum, der Bronzezeit und der Eisenzeit belegen eine prähistorische Besiedlung am nördlichen Ende des Sempachersees. Die römische Kleinstadt (vicus) lag beidseits der Sure, teils ausserhalb der späteren Altstadt. Nachgewiesen sind neben Wohn– und Gewerbebetriebe auch kleinere Gräberfelder u.a. aus der Spätantike. Ein frühmittelalterliches Gräberfeld befand sich bei der wahrscheinlich im 7. Jh. errichteten Kirche St. Georg. Siedlungsreste finden sich sowohl im Bereich der Altstadt wie auch vor ihren Toren (z.B. Wüstung Mülihof). Daraus entstand im Hochmittelalter eine Pfarrei und ein Dorf mit einem lenzburgischen Hof. Dieser ist wohl im turmartigen präurbanen Steinbau beim späteren Obertor zu lokalisieren.
Die 1256 erstmals erwähnte Stadt ist wohl eine kyburgische Gründung auf vorbestehender Siedlung. Aus dieser Zeit stammt die Stadtanlage mit Bauten wie der inneren Ringmauer, der kyburgischen Stadtburg (wahrscheinlich beim Murihof) oder dem Klosterhof von St. Urban. Im 14./15. Jh. wird die Stadtbefestigung ausgebaut mit Tortürmen, einer äusseren Stadtmauer und einem Rondenweg; in dieser Zeit entstehen auch die Klosterhöfe von Muri und Einsiedeln. 1415 wird die aufstrebende Stadt von Luzern erobert, kann aber gewisse Autonomierechte wahren. 1539 bis 1546 wird das neue Rat– und Markthaus erbaut; ein Zeichen des damaligen städtischen Selbstbewusstseins.
Die Jahresversammlung begann um 17 Uhr im Abtsaal der St. Urban–Hofes. Die Präsidentin begrüsste 28 anwesende Vereinsmitglieder zur 85. Jahresversammlung des Vereins; der Vorstand war mit einer Ausnahme vollständig anwesend. Die traktandierten Themen gaben wenig Anlass zu einer Diskussion. In Ergänzung zum Jahresbericht 2011 wurde auf einige Punkte des laufenden Jahres 2012 hingewiesen. So wird der Jahresband 39/2012, der sich mit der Ruine Marmels beschäftigt, erst im Januar 2013 ausgeliefert. Hingegen wird der bereits angekündigte Sonderband nach der Jahresversammlung der Öffentlichkeit vorgestellt.
Für das Jahr 2014 ist eine spezielle Jahresgabe geplant: der siebte Band der Reihe Die Schweiz vom Paläolithikum bis zum Mittelalter". Dieser Band wird einen Überblick über die Forschungsarbeiten im Bereich Mittelalter–Archäologie in der Schweiz geben. Die dieses Projekt vorbereitende Tagung fand im Herbst 2010 in Frauenfeld statt; die Referatstexte können seit Anfang 2012 online auf unserer Homepage heruntergeladen werden, oder bei der Geschäftsstelle als gedruckte Broschüre bestellt werden.
Im Anschluss an den Jahresbericht dankte die Präsidentin dem Vorstand, dem Geschäftsführer und dem Webmaster für die geleistete Arbeit im vergangenen Jahr. Einen besonderen Dank ging an Heinrich Boxler (Feldmeilen), der lange Jahre die Zürcher Vortrags–Reihe des Vereins organisierte. Diese Aufgabe hat seit Anfang des Jahres Gabriele Baltes (Zürich) übernommen. Einen Dank geht auch an die Schweizerische Akademie der Geistes– und Sozialwissenschaften SAGW für die stets grosszügige finanzielle Unterstützung unserer Publikationen, der Zeitschrift Mittelalter und der Jahresgaben der Reihe SBKAM. Bei den Mitteilungen sei erwähnt, dass die Generalversammlung 2013 am Samstag, 31.8.2013 in Genf durchgeführt werde.
Auf Vorschlag des Vorstandes wurden Christian de Reynier (Neuchâtel) als neues Vorstandsmitglied gewählt. M. de Reynier ist Mitarbeiter bei der kantonalen Denkmalpflege von Neuchâtel und dort als Bauarchäologe tätig. Er ist dem Vorstand nicht unbekannt, denn 2009 war er Mitglied der Bewertungskommission des Vereins, die im Auftrag des Bundesamt für Zivilschutz die Objekte des Einzelobjektinventars EOS bearbeitete.
Präsentation Sonderband "Ofenkacheln und Kachelofen"
In Heft 1/2012 haben wir den Sonderband in der Reihe der Schweizer Beiträge zur Kulturgeschichte und Archäologie des Mittelalters angekündigt. Dieser Band wird nicht als Jahresgabe an alle Mitglieder verschickt, sondern musste mit dem Subskriptionstalon gesondert bestellt werden. Im Anschluss an die Jahresversammlung wurde den Anwesenden der Sonderband vorgestellt, und konnte dort auch gleich erworben werden.
Zum Abschluss der Jahresversammlung spendierte Sursee einen Apéro im Garten des St. Urban–Hofes. Der Stadt Sursee sei an dieser Stelle ganz herzlich für die freundliche Geste gedankt.