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Die Weinreben und der Wein
Höhengrenzen. Der Emder Wein. Traubensorten. Der Heidenwein.
Rebhäuschen. Die Weinernte. Kelterung. Die Weintriele. Weinqualität.
Die Weingrille. Flurhüter. Weinertrag. Weinimport in alter Zeit.
Alle drei Berggemeinden besitzen Weinberge; die meisten Bauern pflanzen Wein genug für eigenen Bedarf. Die Reben befinden sich auf der untersten Talstufe, besonders auf dem Territorium der Gemeinden Stalden und Zeneggen. Das Klima ist daselbst « um einen Tschopen wärmer » als oben im Dorfe. Hier, am Rande der Föhrenregion, ist die Heimat der Rebe.
Im Wurtental unterhalb Zeneggen gehen die Rebberge bis in eine Meereshöhe von 1000 m, im Esch reichen sie bis an das Dörfchen hinan, 1050 m ü. M., während an der gegenüberliegenden, nach Südwesten exponierten Halde in den Rieben in Visperterminen die Rebe sogar bis 1200 m hoch steigt und noch höher hinauf fortkommen würde, wenn die steile Lage an der obern Grenze die Kultur nicht verunmöglichen würde. Sehr hoch ( 1080 m ) gehen die Reben auch oberhalb Kalpetran in der Gemeinde Emd, wo der Weinstock seine Trauben nur 4 km vom Riedgletscher entfernt reift. Freilich ist der Wein, der hier geerntet wird, nicht von besonderer Güte.
« Der Emder Wi chönnt e Bitzli siesser si! » Er sei ein « Dreimännerwein ». Beim Trinken müssten immer drei sein; einer, der trinkt, ein zweiter, der den Trinker festhält, damit dieser nicht ausreisst, und ein dritter, der diesem den Wein einschüttet. Ein Emder behauptete einmal in Sitten, der Emder Wein sei stärker als der von Sitten. Allgemeines Die Vispertaler Sonnenberge.
Hohngelächter. Es kam zu einer Wette, und der Emder gewann. Er sagte: « Wenn i mine Wi trichu, so schüttlot er mi; aber eua Wi schüttlot mi nit. Also ist der Emder Wi stärcher! » Es wird eine ganze Musterkarte von Traubensorten gepflanzt; ein Bauer von Törbel, der einige kleinere Weinberge sein eigen nennt, führte mir 20 Sorten auf, die in seinen Rebbergen vorkommen: Gwäs, Resi, Himbertscha, Lafnetscha, Heiden, Fendant ( weiss und rot ), Muskateller ( weiss und rot ), Arvine ( « Arbin » ), Johannisberger ( Riesling ), Malvasier, Gros Rhin ( Sylvaner ), Dôle, Burgunder, Bordeaux, Landroter, Grosser Roter. Die verbreitetste, genügsamste und wider-standsfähigste Rebe ist das Gwäs ( Gouais ), eine aus Lothringen stammende Sorte mit grossen, weissen Trauben, die einen ganz guten, nicht starken Wein liefern. Das Gwäs ist der Wein des Volkes. Verbreitet von weissen Sorten ist ferner der Rezé ( Resi ), aus welchem bei längerem Lagern der Gletscherwein ( Glacier ) entsteht; nicht selten ist der Fendant ( Chasselas ). Von roten Sorten ist der Walliser Landrote und der Dôle, eine Burgunderrebe, am häufigsten. Eine für die Gegend charakteristische Sorte ist der « Heiden », eine uralte Rebe, die, wie der Name andeutet, schon von den Heiden gebaut worden sein soll. Nach der Sage sei sie ursprünglich von den Römern im Nanztal an der Heidenwasserfuhr gepflanzt worden. Auch heute hat der « Heiden » seine grösste Verbreitung in Visperterminen. Die Heidentraube ist eine weisse, mit dem gelben Traminer verwandte Sorte, mit kleinen, zuckersüssen Beeren, die einen kräftigen Wein liefern. In guten Jahrgängen trinkt er sich « wie frisch gemolkene Milch ». Er löst die Zunge und versetzt den Menschen in eine glückselige Stimmung; man kann « unendlich gschid rede », fühlt sich reich und schön und hat die Kraft eines Riesen. Daneben ist er aber ein gefährlicher Bein-brecher; mancher fremde Wanderer ist in später Abendstunde nach dem Genuss von Heidenwein auf dem Heimwege von dem Botzen auf Abwege geführt worden und fand sich erst am andern Morgen zurecht. Wenn der junge Wein in voller Gärung in der « Tiné » siedet und warm ist, ist er ein Göttertrank. Ein Bauer in der Barmilli erklärte bei der Weinernte: « Wenn de mine Heida warm isch, gan i numme amuff is Dorf. » Weil die Reben bis zwei Stunden und mehr von den Dörfern entfernt sind, so besitzen viele Bauern daselbst kleine Häuschen ( Fig. 70 ) zur Unterkunft, zur Versorgung der Geräte und auch als Schlafstellen. In den Törbler Reben sind etwa 20 solche Häuschen. Manche derselben besitzen auch Keller, in welchen die gekelterten Trauben bis zum Ablass im Winter in Tinen gelagert werden.
Meist werden aber die Trauben gleich nach der Ernte in Brenten mit Maultieren oder Stieren ins Dorf gesäumt ( Fig. 69 ). Die entferntem Rebbauern brechen schon um drei Uhr früh mit den Maultieren auf, damit sie den Gang vom Dorf in die Reben zwei- bis dreimal im Tage machen können.
Die geschnittenen Trauben werden in ovalen, hölzernen Brenten befördert. Eine Brente hält ungefähr 40 Liter; zwei Brenten bilden einen « Saum », d. i. die Last für ein Saumtier. Die Trauben kommen dann in aufrechte, oben mit einem Fasstürchen verschliessbare Kufen ( « Tinen » ), werden hier mit dem « Troser » verstossen und gären gelassen. Erst nachdem die Gärung vorbei ist, im November oder später, wird der Wein abgepresst. Vorerst wird der « Vorlass » abgezapft, das ist der Wein, der ohne Pressung abfliesst. Inwendig in der Kufe ist dem Hahnen ein « Palmzweig » ( Wacholderzweig ) vorgelegt, der als Filter dient und die Trester zurückhält. Die nach dem Ablass zurückbleibenden Trauben werden nun auf dem « Trieb ( Weinpresse ) abgepresst; man nennt diesen zweiten Wein « Trielwein ».
In Zeneggen ist fast in jedem Weiler, meist in einem offenen Schuppen, ein Triel mit langem Trottbaum ( Fig. 71 ). Bei der Kirche daselbst ist der Triel in der alten, 1608 erbauten Kapelle ( Fig. 97 ) untergebracht. Die Trottbäume sind etwa 6 m lang. Im Gstein trägt der Triel die Jahrzahl 1741, und auch das Alter der übrigen ist dementsprechend. W¾hrend die Trottbäume der alten Trotten in der Ostschweiz aus Eichen bestehen, sind sie im Wallis meist aus Lärchen; in der Neubrücke bei Stalden ist es ein 7½ m langer Nussbaumstamm. Törbel besitzt ausser demjenigen im Gemeindekeller drei Triele, die abgeschlossen werden können.
Der Trielwein ist weniger kräftig und weniger haltbar als der Vorlass. Er wird meist zuerst getrunken; der Vorlass wird auf die Zeit der strengen Arbeit im Sommer gespart. Die ausgepressten Weintrester werden entweder sofort nach der Pressung, oft aber erst im April und Mai destilliert.
Selbstverständlich ist die Qualität des Weins je nach dem Jahrgang verschieden gut. Wenn das Wiwanni, eine Bergmulde an dem südlich des Bietschhorns gelegenen Wiwannihorn ( s. Fig. 2 ), im Herbst schneefrei wird, soll der Wein gut werden. Aber auch die verschiedenen Lagen liefern verschieden guten Wein. Die besten Lagen sind die geschützten Südwesthänge. Die Rieben, der höchste Rebberg Europas, wo der erwähnte Heidenwein wächst, ist von der Morgensonne abgekehrt und leidet deshalb nicht unter den Spätfrösten. Er war z.B. am 11. August 1921 vormittags 9 Uhr noch im Schatten, trotzdem der Tag sonnig war. Der Wein der Rebberge, die gegen das Baltschiedertal gekehrt sind, soll sauer werden; denn aus diesem im Norden gelegenen Tal kommt ein rauher Wind. Ein Spassvogel in Visperterminen hat einmal auf den 1. April das Gemeindewerk aufgeboten, man wolle das Baltschiedertal zumauern. Am besten wird der Wein, wenn man im Herbst bei der Weinernte « beitet », d.h. möglichst lange wartet. Ein schöner Tag im « Wimanet » ( Oktober ) fördert den Wein mehr als eine Woche im « Heri>stmanet ».
« Der Wi muess dr Wimanet gseh, de wird er guet! » Im Herbst, wenn der WTein zu reifen beginnt, hört man an sonnigen Hängen überall ein hohes « gri, gri, gri »; es ist der Ton der Singzikade. Die Bewohner schreiben den Gesang unrichtigerweise der Gottesanbeterin ( Mantis religiosa L ) Die Vispertaler Sonnenberge.
zu, einem heuschreckenähn-lichen Insekt mit rundlichem Kopfe, so genannt, wegen den langen, nach vorn vorgestreckten Fangarmen, die an einen Betenden erinnern. Die Gottesanbeterin ist aber stumm und singt nicht. Sie kommt nur in wärmern Gegenden der Schweiz vor, ist aber in den Weinbergen im Vispertal heimisch und steigt im Herbst bis weit den Hang hinauf. Man kann sie im Nachsommer im Wurtental leicht fangen. Anfänglich grün gefärbt, wird sie mit fortschreitender Reife des Weins allmählich bräunlich. Die Singzikade und die Gottesanbeterin sind zwei verschiedene Insekten.
Wenn im Herbst die Trauben reifen, so wird zur Überwachung der Weinberge ein Flurhüter angestellt.
Misslich erging es einmal einem Visper Flurhüter. Als ein Terbiner einmal vom Berg hinunter nach Visp ging, bemerkte er, wie der Hüter seine Taschen mit Trauben füllte, in der Meinung, dass es niemand sehe. Der Terbiner stellte dem Hüter nun eine Falle und tat so, als ob er Trauben nehme, füllte seine Taschen aber nur mit Reblaub. Der Hüter, der dies sah, glaubte, es sei ein Traubendieb und nahm ihn mit zum Vorstand. Der Terbiner ging willig mit. In der Burgschaft angekommen, wollte der Hüter geschwind heim, seine Trauben zu versorgen. Der Terbiner verlangte aber, dass er sofort mit ihm zum Vorstand komme. Als nun dem Terbiner die Taschen ergebnislos untersucht waren, verlangte dieser, dass man nun auch dem Flurhüter Nachschau halte; nun stellte es sich heraus, dass nicht der Terbiner, sondern der Flurhüter der Dieb war.
In Törbel gibt es Bauern, die 30-40 « Saum » Wein ernten. Der Saum zu 80 Liter gerechnet, gibt dies 2400-3200 Liter. Mehrere sind es, die 20-30 Saum, also 1600-2400 Liter, erzielen. Der Wein wird nicht in den Handel gebracht, sondern er wird im Laufe des Jahres im eigenen Haushalt verbraucht. Fast jeder Bauer hat Wein im Keller. Mancher spricht ihm aber manchmal anfänglich zu stark zu und muss dann im Sommer bei der Hitze dürsten oder Wasser trinken.
Ein Bauer, der den Wein schon im ersten Monat austrank, tröstete sich mit den Worten: « Über elf erste Sunntig gibt 's wieder neue. » Eine Frau behauptete, ihr Mann trinke ihr allen Wein weg, sie komme deshalb zu kurz. Der Mann meinte, dem könne abgeholfen werden; er machte einen Kreidestrich vorn quer am Fass; ihr gehöre die obere Hälfte und ihm die untere, sagte er. So geschah es; er machte für die Frau einen obern Hahnen beim Strich ins Fass und einen untern für sich weiter unten. Der Frau ihre Hälfte war zuerst leer.
In alter Zeit, als der Weinbau in der Gegend noch nicht so allgemein war wie heute, wurde öfters über den Theodul Wein im Augsttal geholt.
In der Schalbmatte in Zeneggen wohnte ein Bauer, der alljährlich mit zwei Saumtieren, auf jedem Saumtier zwei Lagel, über den 3322 m hohen Pass hinüberging, um Wein zu holen. Einmal kam er auf dem Theodul in eine Schneeguxete und verlor daselbst sein « Gleit » ( Saumtiere ). Dieses ging ohne seine Begleitung vorwärts, das Nikolaital hinab und kam um Mitternacht in Zeneggen an. Man glaubte, der Mann sei irgendwo umgekommen. Unversehrt kam er aber nach etwa zehn Tagen zu Hause an und erzählte, dass ihn der Sturm auf dem Theodul nach Italien zurückgetrieben habe; er habe nun den sichern Weg über den Simplon genommen.
Derselbe Säumer begegnete einmal, wie er über den Theodul vom Augsttal kam, einem Mann, dessen Hände am Rücken gebunden waren. Der Mann erzählte, er sei in seiner Heimat, im Wallis, wegen einer Geringfügigkeit zum Tode am Galgen verurteilt worden, habe aber entfliehen können. Der Säumer möchte ihm doch die Hände freimachen. Ohne Bedenken schnitt dieser ihm mit dem Messer die Fessel entzwei. Der Flüchtling riet dem Mann, das Messer fortzuwerfen und niemandem etwas von dem Vorfall zu erzählen. Er dankte seinem Retter unter Tränen und verabschiedete sich. Nicht lange dauerte es, als dem Säumer der Henker begegnete, der dem Flüchtling nachgestellt kam und fragte, ob er nicht einen Mann mit gebundenen Händen getroffen habe und ob er ihm etwa den Strick durchschnitten habe. Der Mann erklärte, er habe kein Messer. Inzwischen entkam der Flüchtling nach Italien, wo er frei war. Er liess sich im Augsttal nieder, gründete daselbst einen Handel und betrieb nebenher eine Gastwirtschaft, wobei er es mit der Zeit zu Wohlstand brachte. Nach Jahren kam der Säumer von der Schalbmatten mit seinen zwei Gleiten hierher, kaufte von dem Krämer vier Lagel Wein und übernachtete daselbst. Der Gastgeber erkannte in dem Käufer sofort seinen Retter, während der Säumer nichts ahnte. Als am andern Morgen der Wein geladen war und der Zenegger bezahlen wollte, erklärte der Augsttaler, der Wein koste nichts, er sei derjenige, den er vor Jahren auf dem Theodul vor dem Henker gerettet habe; der Wein sei nur ein geringer Lohn für die Lebensrettung.
Die Vispertaler Sonnenberge.
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