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Mit dem, was Uhrenliebhaber heutzutage spontan unter einem Chronographen oder – umgangssprachlich – unter einer Stoppuhr verstehen, hatte das 1821 von Nicolas Mathieu Rieussec in Paris Vorgestellte absolut nichts zu tun. Seine fünf Geräte, mit denen er ein Pferderennen auf dem Pariser Marsfeld zeitlich dokumentierte, zeichneten die Resultate mithilfe kleiner Tintenkleckse auf. Folgerichtig taufte der französische Uhrmacher seine Kreation höchstpersönlich Chronograph. Und weil diese Leistung eine wissenschaftliche Jury überzeugte, erhielt Erfinder Rieussec (1781–1866) noch im gleichen Jahr das von ihm beantragte Patent.
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Später mutierten die klobigen Holzkästen mit mechanischem Innenleben zu deutlich kleineren Zeitschreibern – dies in Gestalt der beim Adel, bei den gehobenen Bürgen und beim Klerus schon weit verbreiteten Taschenuhren. In dieser Form waren echte Chronographen auch noch im 20. Jahrhundert erhältlich, als tickende Chronoskope die Handgelenke auf breiter Front erobert hatten.
Eigentlich ein irreführender Begriff
Weil die Welt in Unordnung ist, wenn die Begrifflichkeiten sich vermischen, braucht es spätestens jetzt eine definierende Klärung: Chronographen schreiben, wie der griechische Name erkennen lässt, Zeitintervalle auf – Chronoskope zeigen diese nur an. Allerdings nimmt heutzutage dieses etwas schwer fällige Wort kaum mehr jemand in den Mund, weil sich für Zeitmesser mit unabhängig vom Uhrwerk start-, stopp- und nullstellbarem Zeiger der Terminus Chronograph rund um den Globus eingebürgert hat. Chronometer – und damit Uhren mit amtlich geprüfter Ganggenauigkeit – können eine Stoppfunktion besitzen, müssen dies aber nicht.
Zurück zum Curriculum vitae des Chronographen. Das Jahr 1831 brachte die erste Taschenuhr, deren Sekundenzeiger sich ohne Beeinträchtigung des Uhrwerks beliebig oft anhalten und wieder starten, jedoch noch nicht rückstellen liess. Diesem Manko half der Uhrmacher Adolphe Nicole mit dem 1844 konstruierten Nullstellherz ab. Bis 1862 blieb das bis heute unverzichtbare Bauteil graue Theorie. Im Rahmen der Londoner Weltausstellung stellte die im Vallée de Joux beheimatete Manufaktur Nicole & Capt den ersten patentierten Nullstellchronographen vor. Seinen Schönheitsfehler, nämlich die Montage der komplexen Kadratur direkt unter dem Zifferblatt, beseitigte Auguste Baud. 1868 verlegte der clevere Uhrmacher das aus vierzig oder mehr Komponenten assemblierte Schaltwerk servicefreundlich auf die Rückseite. Damit könnte man die illustre Geschichte des Zeitschreibers eigentlich als geschrieben betrachten. Aber eben nur eigentlich.
Im Laufe der anschliessenden Jahrzehnte stellten Techniker und Handwerker ihr Können immer wieder in den Dienst der unter anderem bei Militärs, Sportlern und Wissenschaftern immens wichtigen Kurzzeitmessung. Zum Beispiel beantragte Edouard Heuer am Heiligabend des Jahres 1886 recht lichen Schutz für seinen verblüffend simplen Schwingtrieb als Alternative zur vergleichsweise aufwendigen Räderkupplung. Wie das bereits erwähnte Nullstellherz kommt kein Chronograph ohne diese Baugruppe aus. Per Knopfdruck verbindet die Kupplung die Stoppmechanik mit dem unentwegt tickenden und dadurch die Zeit anzeigenden Basisuhrwerk.
Wem der erste Armbandchronograph zu verdanken ist, lässt sich retrospektiv schwer nachvollziehen. Womöglich war es die Genfer Timing & Repeating Company. Gegen 1895 versah sie ein rundes Nickelgehäuse, in dem ein patentiertes Taschenuhrwerk des nach Amerika ausgewanderten Henri Alfred Lugrin tickte, mit Metallschlaufen zur Befestigung eines Armbands. Ab 1910 fanden mehr und mehr Chronographen ans Handgelenk. Darunter auch solche mit Schleppzeiger zum Erfassen von Zwischenzeiten oder zum Stoppen zweier simultan ablaufender Ereignisse.
Bis in die frühen 1930er Jahre bewerkstelligte ein Drücker die konsekutive Abfolge von Start, Stopp und Nullstellung. Die Erfindung und Patentierung der Zwei-Drücker-Mechanismen unter anderem durch Breitling gestattete das beliebige Unterbrechen der Zeitnahme und damit sogenannte Additionsstoppungen.
Ein weiteres wichtiges Merkmal ist der Totalisator. Je nach Bauart zählte er anfangs bis zu maximal 60 Umläufe des zentral angeordneten Chronographenzeigers und damit bis zu 60 Minuten. Erste Patente für Stundenzähler finden sich aber schon 1892. Die Realisierung erfolgte 1937 durch Universal Genève und im Folgejahr auch durch Breitling in Grenchen.
Zu Beginn der 1940er Jahre bemächtigten sich ökonomische Aspekte des Chronographen. Landeron und Venus, zwei Mitglieder der damals mächtigen Ebauches SA, ersetzten das dreidimensionale Säulenrad zur Steuerung der Funktionen durch einen flachen und damit preisgünstig stanzbaren Schaltnocken. Danach hatten die Kunden die Qual der Wahl.
Der Selbstaufzug hat mehrere Väter
Ein weiterer Schritt in die Zukunft erfolgte 1969, als Breitling, Heuer, Seiko und Zenith erste Armbandchronographen mit Selbstaufzug präsentierten. In Gestalt des legendären, von Edmond Capt und seinem Team entwickelten Valjoux 7750 betrat 1973 das vermutlich erfolgreichste Chronographenwerk aller Zeiten die Bühne der Zeitmesskunst.
Als Pionierin der mit wenig Energieverlust arbeitenden und daher inzwischen weit verbreiteten Reibungskupplung kann die japanische Manufaktur Seiko gelten. Bereits 1969 stattete sie ihr erstes Automatikkaliber 6139 damit aus. 1987 setzte der Rohwerkefabrikant Frédéric Piguet beim 1185 aufs gleiche Kupplungspferd. Solche Vertikalkupplungen sind übrigens deutlich älter, als viele glauben. Schon 1876 hatte der bereits genannte Henri Alfred Lugrin ein simples System mit fein verzahnten Kegelrädern vorgestellt.
In Konkurrenz zum Handy – und sei es nur zum Eierkochen
Klassische Chronographen Eigentlich haben sie im Zeitalter multifunktionaler Smartphones prinzipiell ausgedient, dennoch erfreuen sie sich auch nach ihrem 200. Geburtstag bester Gesundheit. Die selten – etwa zum Kochen eines Drei-Minuten-Eis – oder nie gebrauchte Zusatzfunktion zieht Uhrenliebhaber weiterhin in ihren Bann. Der Grund liegt auch darin, dass die Schale mit zusätzlichen Drückern und das Zifferblatt mit seinen Totalisa toren am Handgelenk eine starke Optik bewirken. Ganz abgesehen davon kann man der kontinuierlich verstreichenden Zeit mit dem anhaltbaren Zeiger zumindest fiktiv ein Schnippchen schlagen. Ganz im Sinne des Dichters Johann Wolfgang von Goethe, der seinen Doktor Faust 13 Jahre vor Rieussecs Erfindung des Chronographen sagen liess: «Verweile doch, du bist so schön.»