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Simba schlenderte weiter. Er fühlte sich sehr gut, denn er hatte in den letzten Tagen genug Nahrung zu sich genommen. Schon lange hatte er sich nicht mehr so stark gefühlt. Nun konnte er seinen Blick über die Felder schweifen lassen und das Leben einfach geniessen. Er sah zwar die kleine braune Feldmaus, die aus ihrem Loch hervorschaute, doch sie liess ihn kalt. Er war satt. Sein Bauch war prall gefüllt und er war zufrieden.
Sein Weg führte ihn an einen kleinen See. Er hörte quakende Frösche und sah ein paar Fische, die langsam umher schwammen. Irgendwie hätte es ihn gereizt, einen Fisch zu fangen. Er sass direkt davor, hätte mit seiner Pranke nur zuschlagen müssen. Doch dann hätte er nasse Füsse bekommen, und davor graute ihm. Er liess den Fisch leben und beobachtete ihn noch ein paar Minuten. Dann schlenderte er weiter. Er sah hinter dem Feld ein paar Häuser. Hier begann die nächste Wohngegend und hier gab es bestimmt auch einen Unterschlupf, in dem er die Nacht verbringen konnte. Wieder spazierte er von einem Garten zum nächsten. Die Katzen waren auf der Lauer und beobachteten den grossen Simba voller Argwohn. Wehe, wenn der sich in ihrem Revier niederlassen würde! Sie würden sich zur Wehr setzen und ihn vertreiben. Dies war ihr Revier, hier waren sie der Boss. Simba dachte nicht daran, irgendwem das Revier streitig zu machen. Er wollte eh nicht hier bleiben, er brauchte nur eine Bleibe für eine Nacht. Sein Blick erhaschte einen Schuppen, in dem vermutlich Geräte untergebracht sind. In diesem Garten gab es keine Hofkatze, die ihn vertreiben würde. Er kroch in den Schuppen und schaute sich um. Tatsächlich standen überall Gartengeräte herum. Auch zahlreiche Blumentöpfe waren aufgestapelt. In einer Ecke lagen ein paar Säcke mit Erde. Sie würden ihm als Bett dienen, obwohl sie nicht gerade weich waren. Immerhin hatte er ein Dach über dem Kopf. Kalt war es hier nicht sonderlich, denn der Schopf war am Haus angebaut und wurde über die Hausmauer leicht geheizt. Er legte sich auf den obersten Sack, direkt an die Hausmauer und schlief ein. Mitten in der Nacht wurde er geweckt. Hatte er geträumt oder hatte er wirklich ein Miauen gehört? Er kroch nach draussen und schaute in die dunkle Nacht hinaus. Vom Garten her konnte das nicht kommen. Hier war doch alles still. Sogar die Nachbarskatzen hatten sich verzogen, denn es war eine kalte Nacht geworden.
Da entdeckte er etwas. Das Etwas war ein undefinierbares Wesen. Es miaute zwar wie eine Katze, doch hätte man die Kreatur auf den ersten Blick nicht als Katze erkannt. Hinter dem Fenster sass ein Tier, das einen Riesenkopf voller Haare und einen gewaltig buschigen Schwanz besass. Dazwischen war alles nackt. Es sass hinter dem Fenster und schaute in die Nacht hinaus. Das arme Geschöpf hatte kugelrunde Augen und weit geöffnete Pupillen. Aus den Ohren sah man lange Haare hervorschauen. Simba wusste nicht recht, was er von dieser Nacktkatze halten sollte. War das wohl Mode hier oder eine neue Züchtung? Oder war er vielleicht an einem FKK-Strand gelandet?
Währenddem er die eigenartige Katze ausgiebig betrachtete, gesellte sich ein zweites Wesen zum ersten. Es schien sich um einen Kater zu handeln. Auch er war nackt. Bei ihm wuchs bereits wieder der erste Flaum. Er sah aus wie ein Schäfchen. Auch er hatte langes Haar am Kopf, an den Beinen und am Schwanz. Nun musste Simba aber wirklich lachen. So was Komisches hatte er tatsächlich noch nie zuvor gesehen.
Die beiden Katzen sahen Simba, der lachend draussen stand. Sie hätten ihm gerne eine Ohrfeige verpasst für sein freches Lachen, doch wussten sie genau, dass der Garten ein Tabu für sie war. Sie waren Wohnungskatzen.
Sie waren erst vor wenigen Tagen hierher gekommen. Ihre ursprüngliche Familie hatte keine Zeit mehr für sie. Nachdem ein Baby in die Familie gekommen war, hatte man mit dem kleinen Menschenkind alle Hände voll zu tun. Es gab einfach zu wenig Zeit, um Arbeit, Haushalt, Mann, Kind und Katzen unter einen Hut zu bringen. Die Familie war überfordert. Es gab lange Diskussionen und etliche Versuche, alles in den Griff zu bekommen. Die Besitzer mussten einsehen, dass die Katzen die Leidtragenden waren. Schweren Herzens entschied man sich, die Perserkaten wegzugeben. Dann suchte man für die beiden wunderschönen Langhaarkatzen ein neues Zuhause. Dies war gar nicht so einfach, denn Perserkatzen sind eine Liebhaberei. Viele Leute haben Angst vor den vielen Haaren, die überall im Hause herumfliegen. Zudem waren die beiden Stubentiger Zuchttiere mit sehr flachen Nasen, was einigen Leuten gar nicht gefällt. Zusätzlich waren die beiden Katzen vollkommen verfilzt. Ihre Besitzer hatten keine Zeit mehr gefunden, die Katzen zu bürsten. Bei Langhaarkatzen führt das sehr schnell zu Filz und Haarballen. Die Tiere leiden unter diesem Zustand, können aber die verfilzten Stellen selber nicht mehr aufbekommen. Je mehr sie an den Haarballen herumlecken, desto dichter wird der Filz, denn mit der rauen Zunge bringen sie die Haare noch weiter durcheinander. Es gab nur noch die Möglichkeit, die Filzstellen herauszuschneiden. Sie sahen erbärmlich aus mit ihrem zerschnittenen und verfilzten Fell. Niemand würde diese Katzen aufnehmen, denn sie sahen absolut verwahrlost aus. Doch ein glücklicher Zufall hatte das Geschwisterpaar zu Martina geführt. Hier war nun ihr neues Zuhause. Yuna und Letty, so heissen die beiden, fanden bei Martina ein wunderschönes Daheim. Es gab dort bereits einen Perser-Kater und der war über die Neuankömmlinge nicht sonderlich erfreut. Doch sein Fauchen hatte nichts genützt, die beiden Katzen blieben. Er musste nun seine Katzenbäume mit den beiden Viechern teilen – grrrrrr.
Einen Vorteil hatte der Neuzugang jedenfalls. Yuna war kaum eingezogen, wurde sie rollig. Das war etwas Leckeres für Gizmo. Seit 14 Jahren lebte er hier ganz alleine. Eigentlich hatte er schon längst vergessen, dass es noch Kätzinnen gab. Er war ein Einzelgänger, der von seinen Besitzern verwöhnt und geliebt wurde. Er musste mit niemandem das Futter teilen, durfte alle fünf Katzenbäume alleine erklimmen. Nachts legte er sich zu seinem Herrchen aufs Bett und tagsüber verkroch er sich darunter, in SEINE Höhle. Dieser Unterschlupf war ihm heilig und er bewachte ihn den ganzen Tag. Er wusste genau, dass Letty in seine Höhle wollte, doch das kam ja gar nicht in Frage. Eigentlich war er sauer, dass plötzlich zwei weitere Katzen hier lebten. Doch Yunas Rolligkeit liess ihn alles in einem besonderen Licht erscheinen. Nun musste er plötzlich erkennen, dass er eben ein Mann war. Sie faszinierte ihn, wie sie vor ihm herumstolzierte. Sie duftete derart gut, dass er ihre Nähe suchte. Er lief der miauenden Yuna auf Schritt und Tritt nach. Sie hatte etwas Anziehendes an sich, sonderte ein Katzenparfüm aus, das einen Kater wahnsinnig machen konnte. So was nennt man eine scharfe Braut. Natürlich war er kastriert, doch der Wille ist eben stärker als das Fleisch.
Yuna miaute ununterbrochen. Gizmo gefiel das, doch für Martina und Michael begann ein Nervenkrieg. In Katerohren mag das Miauen einer rolligen Katze ja gut klingen, doch für Menschen ist das eine Zumutung. Martina entschloss sich sehr schnell, Yuna sterilisieren zu lassen. Sie brachte die Katzendame mitsamt dem Bruder zum Tierarzt, der dem Katzengeheul ein Ende setzte. Er sterilisierte Yuna und schor ihr die Filzstellen weg. Nur noch Beine, Kopf und Schwanz waren behaart. Der Rest war nackt. Auch Letty wurde ruhig gestellt und geschoren. Es gab keine andere Möglichkeit, denn die Tiere hätten sich mit den verfilzten Stellen gequält. Die Haut spannte durch den Filz und je mehr sie sich leckten, desto schlimmer wurde es. Natürlich sahen die beiden nicht gerade beneidenswert aus, als sie aus der Narkose erwachten. Sie würden zum Gespött der ganzen Nachbarskatzen werden, das wussten sie, als sie sich im Spiegel betrachteten. Dafür hatten sie eine neue Freiheit bekommen. Endlich konnten sie wieder rumtoben. Nichts spannte mehr, die Haut war frei und das neue Haar würde schon bald nachwachsen. Bis in ein paar Wochen würde niemand mehr etwas sehen. Bis dahin würden sie sich versteckten und nur nachts ans Fenster gehen.
Ja, nun war es Nacht und Yuna und Letty standen am Fenster. Sie sahen den Mond und die Sterne und wussten, dass niemand sie sehen konnte. Sie hatten nicht mit Simba gerechnet, der in ihrem Schuppen Unterschlupf gesucht hatte. Simba hatte aufgehört zu lachen. Eigentlich war er unfair gewesen, er schämte sich. Auch er war ein Langhaarkater und wusste, wie schwierig es ist, das Fell zu pflegen. Sein Vorteil war aber, dass er eine norwegische Waldkatze zum Vater hatte und sein Haar nicht so
fein war wie das der Perserkatze. Er konnte seinen Pelz problemlos pflegen und sah fast immer sauber aus. Yuna und Letty waren grundsätzlich wunderschöne Katzen. Natürlich sahen sie im Moment etwas eigenartig aus, doch in wenigen Monaten würden sie jeden Schönheitswettbewerb gewinnen. Er sass am Fenster und schaute ins Haus hinein. Schön hatten es die beiden. Es gab zahlreiche Höhlen, Bäume und Klettermöglichkeiten. Bestimmt war es auch wohlig warm im Haus. Ein bisschen neidisch war er schon. Da standen auch zwei Futternäpfe mit Futter und eine Schale mit Wasser. Ja, die beiden hatten Glück gehabt und waren zu einer Familie gekommen, in der man sie liebte. Sie wurden hier auch jeden Tag gebürstet, damit das nachwachsende Fell nicht gleich wieder verfilzte. Letty liess die Fellpflege ohne Murren über sich ergehen. Eigentlich hatte er es noch ganz gerne.
Die Bürste erinnerte ihn an Mamas Zunge, die ihm das Haar säuberte. Yuna hingegen hasste die Borsten, die über ihren Rücken glitten. Sie lief weg und fauchte ihr Frauchen böse an. Da half auch gutes Zureden nichts, Yuna verweigerte die Fellpflege mit Krallen und Hieben. Sie wollte nichts von der Bürste wissen. Erst Leberpastete brachte den gewünschten Erfolg. Das Herrchen fütterte vorne die gute Yuna mit Leberpastete, währenddem das Frauchen hinten das Fell bürstete. Mit diesem Trick wurde Yuna überlistet und bald merkte sie, dass das Bürsten nichts Böses war sondern etwas, bei dem man sich entspannen konnte. Sie gewöhnte sich an das tägliche Ritual und merkte eines Tages gar nicht mehr, dass die Leberpastete eingestellt wurde. Nun würde sie schon bald wieder ein zauberhaftes Fell haben. Von der Farbe her war sie wunderschön und ihre riesengrossen Augen blickten staunend in die Nacht.
Simba entschuldigte sich bei den beiden Perserkatzen für sein blödes Benehmen und verkroch sich wieder in den Geräteschuppen.
Als ihn die ersten Sonnenstrahlen weckten, war es schon mitten am Vormittag. Er fühlte sich gut. Heute war es schon bedeutend wärmer als an den Vortagen. Bald würde der Sommer Einzug nehmen und er konnte die Nächte wieder draussen verbringen. Erst musste er sich aber eine neue Bleibe suchen. Er schaute noch ein letztes Mal ins Haus, wo er am Abend die beiden Perser gesehen hatte. Diese lagen nun ausgestreckt auf den Liegeflächen des Katzenbaumes. Die Futterschalen waren leer geworden und er sah Martina und ihren Mann am Frühstückstisch sitzen. Auf dem Stuhl neben ihnen sass ein grosser Kater, der gute Gizmo. Manchmal fiel ein Stückchen Schinken vom Tisch, das Gizmo verschlang. Er genoss es, dass die beiden Neuzugänge am Schlafen waren und er seine Besitzer ganz für sich alleine hatte.
Simba machte sich wieder auf den Weg. Noch wusste er nicht, wohin er gehen sollte. Er liess es einfach auf sich zukommen. In den Gärten sah er keine Katzen mehr. Diese hatten sich bei Anbruch des Tages in die Häuser zurückgezogen.
Er schlenderte von einem Haus zum anderen, durchquerte dann ein grosses Feld. Am See trank er etwas Wasser. Wo würde es ihn hintreiben? Wieder sah er Häuser, die nächste Ueberbauung. Hier wurde noch immer gebaut. Es war ein relativ neues Quartier, das von Woche zu Woche wuchs. Es entstanden zahlreiche Einfamilienhäuser, und die Baumaschinen brummten vor sich hin. Wenn er keinen Unterschlupf fände, könnte er sich in der Baustelle verstecken. Noch gab es keine Türen und Fenster im Rohbau. Stattdessen gab es bereits einen Abgang in die Tiefgarage, also Platz genug für einen Kater auf Wanderschaft.
Beim letzten Haus vor dem grossen Parkplatz blieb er stehen. Ein bekannter Duft drang in seine Nase – Futter. Jetzt merkte er, dass sein letztes Mahl schon einige Stunden zurück lag und er einen Happen brauchen könnte. Er kroch unter der Hecke hindurch und stand mitten in einem Garten. Hier gab es Sträucher und kleine Bäume. Was war denn das? Auf dem Sitzplatz, der Wand entlang, stand ein riesengrosser Katzenbaum, auf dem es Körbe gab, in die sich die Katzen legen konnten. Allerdings war keine Katze zu sehen. Er schaute sich noch weiter um. Am Boden stand zudem eine grosse Kiste, die nach Katze roch. Der Eingang war klein, absolut katzengerecht. In der Holzkiste lag ein Kissen, das mit einem Lammfell bedeckt war. „Nicht schlecht“, dachte Simba. Hier könnte man wohnen. Er kroch in die Kiste und schnupperte daran. Irgendwie kam ihm das alles so bekannt vor. Er konnte sich nicht erklären, wieso, denn er war noch nie hier gewesen. Hätte er lesen können, hätte Simba den Schriftzug auf dem alten Katzenhaus erkannt. Dort stand in grossen Buchstaben „Emsy“. Er hatte Emsys altes Katzenhaus gefunden und seinen Duft erkannt.
Nur wenige Meter neben dem Garten erstreckte sich ein kleiner Park, der als grüne Ueberdachung der Einstellhalle erbaut worden war. Er wurde mehr oder weniger naturbelassen und beherbergte zahlreiche Igel. Normalerweise schliefen die Stacheltiere um diese Zeit noch immer in ihren Höhlen unter der wilden Brombeerhecke. Dieses Jahr wurden sie aber durch die Baumaschinen früh aus dem Winterschlaf geweckt. Da sie hungrig waren, machten sie sich wie jedes Jahr auf den Weg in den benachbarten Garten. Dort stand Nacht für Nacht leckeres Futter für sie bereit. Die Bewohnerin hatte sie entdeckt, als sie eines Tages ausgehungert in ihrem Garten standen. Sie gab ihnen
Igelflocken, Sultaninen, Nüsse und Katzenfutter. Seit vielen Jahren kamen die Igel hierher und wurden von der netten Frau verköstigt. Sie brachten ihr im Sommer dafür den Nachwuchs vorbei. Sie zeigten ihr die Igelbabies, auf die sie wahnsinnig stolz waren. Die Igel hatten keine Angst. Die Frau durfte die Babies sogar auf die Hand nehmen. Solange die kleinen Igel noch jung waren, konnte man sie ohne Probleme hochheben. Ihr Eigengewicht war noch so gering, dass es ihr die Stacheln noch nicht in die Hand drückte. Wenn die Igel aber schwerer wurden, musste sie Handschuhe anziehen. Sie untersuchte sie ab und zu nach Parasiten. Manchmal sprayte sie den Tieren ein Mittel ein gegen die Plaggeister. Da sie ja nicht wusste, welches Tier sie eben behandelt hatte, versah sie es mit einem Tippex-Strich. Nun wusste sie, ob das Tier schon an der Reihe gewesen war oder nicht.
Es fehlte den Igeln an nichts und sie mussten keinen Hunger leiden. Als kleines Dankeschön halfen sie der Frau bei der Entsorgung der Schnecken. Sie hielten die Rabatten von den verfressenen Schnecken frei. Die Frau hatte keine Ahnung, wie viele Igel jede Nacht zu ihr kamen, denn sie konnte die Tiere nicht wirklich unterscheiden. Sie wusste nur, dass es einige sind, denn sie frassen Unmengen Futter. Im Sommer sass sie abends lange im Garten und sah der Igelfamilie zu. Wenn es dunkel wurde, kamen sie über den Hügel geklettert, der den Garten vom Park trennte. Sie kamen aus allen Ecken und machten sich gierig über das Futter her. Das Alter der Stacheltiere konnte sie nur schätzen. Man sah allerdings, dass es sich um verschiedene Generationen handelte, denn der Grössenunterschied war klar erkennbar. Die Frau hatte nachgefragt, ob es sinnvoll sei, Igel zu füttern. Sie wollte der Natur nicht vorgreifen. Die Igelstation hatte ihr erklärt, dass es gut sei, Igel nachzufüttern, denn auch Schnecken und Käfer seien heute derart mit Gift belastet, dass mancher Igel durch den Verzehr vergiftet wird. Also blieb die Futterstelle jeden Abend gefüllt und die Igel folgten regelmässig dem Duft in den Garten.
Diese Nacht folgte auch Simba den Stacheltieren. Auch er roch den Leckerbissen, der für die Tiere bereit lag. Als er sich unter der Hecke hindurchzwängte, sah er sie. Sie sass im Dunkeln und schaute den Tieren zu, die über den Hügel in ihren Garten krochen. Manchmal machten die Igel so eigenartige Geräusche, als ob sie schnarchen würden. Stand das Futter noch nicht da, konnten sie laut rufen. Dieses Schnauben erinnerte sie daran, dass es Zeit war, die Futterschale rauszustellen.
Heute jedoch stand das Futter bereit. Noch immer sass Simba unter der Hecke und schaute auf die Frau, deren Blick auf die Igel gerichtet war. Sie sass im Dunkeln und Simba konnte nur ihre Silhouette erkennen. Er schätzte sie auf Mitte Vierzig. Sie hatte kurzes dunkelblondes Haar und war das, was man mollig nannte. Sie sass unbewegt in einem Schaukelstuhl und hatte sich in eine Wolldecke eingewickelt. Leise summte sie vor sich hin. Dabei liess sie die Augen nicht von den Igeln. Sie hielt ein Glas Wein in der Hand, von dem sie in regelmässigen Abständen einen Schluck zu sich nahm. Manchmal redete sie leise vor sich hin, als wolle sie mit den Igeln sprechen. Ihre Stimme war warm und sanft und liess ihn aufhorchen. Er spitzte seine Ohren, um noch mehr der leisen Worte zu vernehmen. Ja, das hatte er schon einmal gehört. Diese Stimmlage kannte er. Noch immer sass er unbewegt unter der Hecke. Er versuchte sich zu erinnern, wo er die Stimme schon mal gehört hatte, doch es fiel ihm nicht ein.
Da stand sie plötzlich auf, ging ins Haus und verschloss die Türe. Simba schlich zur Glastüre. Er sah ins Wohnungsinnere und entdeckte unweit von ihm entfernt einen Futternapf. Seine Augen fixierten den Leckerbissen. Aus seinem Mund tropfte bereits das Wasser, denn Hunger hatte sich nun bei ihm breitgemacht. Er ging zurück zur Igelfutterstelle. Vielleicht hatten die Stacheltiere ja etwas Futter übriggelassen? Er hörte sie schnauben und knabbern. Sie sassen im Igelhaus vor einem grossen, gefüllten Topf. Ihre Körper waren eng aneinander geschmiegt. Es gab keinen Freiraum, in den er sich hätte setzten können. Alle schmatzten. Es gab keinen Platz für ihn. Wo er hinschaute, waren Stacheln. Er musste tatenlos zusehen, wie sie den Napf allmählich leerten. Dann verschwanden sie über den Hügel. Als Simba ins Igelhaus schaute, war der Napf leer. Sie hatten ihm nichts übriggelassen und er hatte noch immer Hunger. Er setzte sich wieder zur Katzentüre und wartete auf einen günstigen Moment, um hineinzugehen. Er musste noch lange draussen verharren, bis die Frau endlich schlafen ging und das Licht löschte. Nun konnte er hineinhuschen. Ganz vorsichtig öffnete er die kleine Katzentüre. Er musste ganz leise sein, denn er war ja ein Einbrecher.
Auf leisen Sohlen schlich er sich zum Futter. Endlich konnte er sich wieder den Bauch füllen. Zwar waren die Töpfe nur noch halb voll, doch genügte ihm das bescheidene Mahl für den Moment. Er sah sich um. Auch in der Wohnung gab es Kratzbäume. Wo er hinsah, lagen Körbe und Kissen. Es roch nach Katze. Entdecken konnte er keine, denn sie waren um diese Zeit im Ausgang.
Nun war sein Bauch voll und er ging zurück in den Park, aus dem er gekommen war. Dort legte er sich unter einen Busch und schlief ein.