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(Wissens)Gemeinschaften sind nichts neues. Worin unterscheiden sich virtuelle Gemeinschaften, die übers Internet oder SMS usw. geknüpft werden, von früheren Gemeinschaften? Wo liegen die Chancen insbesondere für Unternehmen?
Meiner Meinung nach bestehen zwei wesentliche Neuerungen: Zum einen ist es nun möglich, über grosse geografische Räume hinweg mit nur sehr kurzen zeitlichen Unterbrüchen zu kommunizieren -- im Gegensatz etwa zur klassischen Briefpost. Zum anderen können bei der online-Kommunikation über das Internet [nicht aber bei SMS!] aufgrund der Netzstruktur sehr viele Menschen *gleichzeitig* und *ohne Filter*, ohne Redaktion, ohne Zensur miteinander kommunizieren -- es besteht somit die Möglichkeit zu synchronen [gleichzeitigen] oder quasi-synchronen "many-to-many"-Kommunikationen. Dadurch entsteht im Prinzip ein immenser Wissenspool.
Allerdings gibt es dabei auch Restriktionen [Beschränkungen]: Zum einen ist die Kommunikation auf reinen Text beschränkt: Die Verständigung ist anspruchsvoll und anfällig für Missverständnisse, weil zBsp. Gesten oder der Tonfall jeweils explizit auf einer textlichen Ebene simuliert werden müssen. Eine weitere Schwierigkeit besteht darin, dass die Absender einer Mitteilung oft nur schlecht authentiziert werden können. Dadurch wird es schwieriger, den Wahrheitsgehalt einer Mitteilung beurteilen zu können: Meinungen oder Absender können gefälscht sein.
Wirkt die Teilnahme an virtuellen Gemeinschaften auf das Zusammenleben in der Realität zurück? Knüpft die Generation Internet z.B. heute Freundschaften anders als früher?
In unserer Studie (1) zur Nutzung von Chats und Newsgruppen fiel uns auf, dass sich viele der meist jugendlichen "frequent users" (häufigen NutzerInnen) oft auch "offline" treffen, nachdem sie sich in den online-Gefässen ein erstes Mal kennengelernt hatten, beispielsweise in einer Discothek. Sie trennen "online" und "offline" meist nicht in zwei separierte Bereiche von Sozialbeziehungen, sondern nutzen Chats und Newsgruppen als ein neues Medium -- mit den jeweiligen Vor- und Nachteilen. Auch SMS hat die Art, wie Jugendliche Kontakte knüpfen, sicher stark verändert. Bei allen alleine auf Text basierenden Kommunikationssystemen besteht ein grosser Vorteil darin, dass man eine viel grössere Kontrolle darüber hat, was man von sich selber preisgeben will: Man kann verzögert reagieren, auf eine Reaktion verzichten oder eine eigene Reaktion im Nachhinein als "joke" oder als "fake" bezeichnen. Gerade bei dem für Jugendliche sehr wichtigen Thema "Flirten" können auf diese Weise grössere Risiken eingegangen werden als bei Interaktionen von Angesicht zu Angesicht. Verlegenheiten müssen nicht öffentlich gezeigt werden und Enttäuschungen können "still" verarbeitet werden.
Wann ist eine virtuelle Community erfolgreich, d.h. welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit die Mitglieder teilnehmen und die Gemeinschaft stabil bleibt? Wie wichtig sind gelegentliche Treffen? Welche Rolle spielt die Größe? Wie entwickeln sich in der Gemeinschaft soziale Strukturen und eine Gruppenkultur?
Eine sehr schwierige Frage! Hierzu sind mir keine Patentrezepte bekannt. Der Anzahl der Teilnehmenden kommt sicher eine wichtige Bedeutung zu: Oft muss eine minimale "kritische Masse" vorhanden sein, muss also ein genügend grosser aktiver Pool an Teilnehmenden bestehen, der sich austauschen kann. Gleichzeitig besteht aus praktischen Gründen meist auch eine maximale Grösse, weil man eine zu grosse Informationsflut schon rein physisch verarbeiten kann. Hingegen gibt es auch Zusammenschlüsse von drei Personen, für die der Austausch über online-Dienste sehr fruchtbar und effizient ist, sowie gut funktionierende Gefässe mit sehr vielen Teilnehmenden.
Viele Gruppierungen bleiben stabil, wenn sie über längere Zeit an einem gemeinsamen Thema interessiert sind -- das kann Briefmarkensammeln sein, indonesisch kochen, oder antike Röhrenverstärker... Oft versuchen jene Menschen, die sich online miteinander unterhalten, sich früher oder später auch offline zu treffen. Manchmal werden auch grössere offline-Treffen organisiert. Offline-Treffen sind allerdings immer ein bisschen riskant, weil das Image oder der Nimbus einzelner Personen oder einer Gruppe dabei zerstört werden kann, also die "Faszination des wenig Bekannten, Exotischen" abrupt verschwindet.
In den von uns untersuchen online-Gefässen erwiesen sich die moderierten Gefässe als weniger lebensfähig als die nicht moderierten: Es scheint wichtig zu sein, dass sich die Teilnehmenden selber organisieren können und diejenigen Strukturen entwickeln, die sie für angemessen halten. Oft werden online-Diskussionsgefäss durch zuviel Moderation, das heisst: durch zu starke von aussen eingebrachte Ordnungsbildung, richtiggehend "erschlagen".
Welche Menschen engagieren sich besonders in virtuellen Gemeinschaften? Sind es dieselben, die auch sonst engagiert sind? Was kann ein Unternehmen tun, um die Motivation dafür zu fördern?
In den von uns untersuchen online-Gefässen waren die häufigsten -- und oft auch die engagiertesten -- Nutzer meist männlich, jugendlich und mit einer Ausbildung oder einem Beruf, die mit Computer oder Internet zu tun haben. Das hat sicher zunächst mit den Möglichkeiten eines Zugangs zum Internet zu tun, aber auch mit den technischen Fähigkeiten, und schliesslich sehr stark mit dem zur Verfügung stehenden Zeitbudget. Inzwischen haben sich in westlichen Ländern die Kennzahlen derjenigen Menschen, die das Internet häufig nutzen, allmählich verändert: Nun sind beispielsweise auch ältere Menschen sehr aktiv, oder Hausfrauen nutzen Chats und Newsgruppen zur relativen Überwindung ihrer Isolation -- wie einst beim Telefon.
Grundsätzlich engagieren sich auch im Internet eher Menschen, die sich auch sonst besonders engagieren. In unserer Studie fiel uns auf, wie viel Zeit und Energie einige investierten, um anderen zu helfen oder um den Betrieb am Laufen zu halten. Warum engagiert sich jemand? Der Gewinn an Prestige ist sicher ein wichtiger Faktor, aber auch die oft vertretene Grundüberzeugung, dass die Gesellschaft letztlich als ein Netzwerk funktioniert, nicht als eine Ansammlung von Einzelpersonen, die jeweils ihren Profit optimieren wollen: "Wenn ich heute jemandem helfe, so hilft mir jemand übermorgen." Ein interessantes Studienbeispiel sind hier Open-Source-Programmierer, die ihre Produkte im Quellcode und ohne kommerzielles Copyright der Allgemeinheit zur Verfügung stellen -- hier könnten "klassische" Unternehmen vieles lernen!
Welche Rolle werden virtuelle Gemeinschaften in fünf oder zehn Jahren spielen und welche Plattformen/Tools werden dann zur Verfügung stehen?
Neil Stephenson beschrieb in seinem Science-Fiction-Roman "Snow Crash" bereits 1992 Cyborgs, eine Art Maschinenmenschen, denen die Handy-Antennen direkt ins Hirn implantiert wurden und die dadurch ihre audiovisuellen Eindrücke permanent an eine Zentrale übertrugen und Befehle empfingen. Vielleicht geht es mit MMS-fähigen Mobiltelefonen, mit WAP, mit UMTS oder auch mit WLAN-Netzwerken in diese Richtung. Ob aber die Menschen bestimmte Geräte nutzen, in welcher Form und für wie lange Zeit, dies lässt sich kaum vorhersagen. Oft werden technische Geräte auch umgedeutet, für etwas anderes gebraucht, das zuvor gar nicht bedacht wurde. Als Soziologe bin ich Zukunftsforschung und Trendstudien gegenüber eher skeptisch eingestellt. Was mich mehr interessiert, sind Grundregeln oder Prinzipien, die gewissermassen hinter den konkreten Anwendungen stecken -- und diese sind oft auch über längere Zeiträume hinweg recht stabil.
Christoph Müller (*1964), schloss sein Studium in Soziologie, Sozial- und Wirtschaftsgeschichte und politische Theorie an der Uni Zürich mit einer Lizentiatsarbeit zur <Technikkritik in der Moderne ab. Anschliessend Mitarbeit an einem Forschungsprojekt zur <Gemeinschaftsbildung im Internet, unter der Leitung von Prof. Dr. Bettina Heintz. Diese Studie wird zur Zeit zu einer Dissertation erweitert.
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