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In den 1970er Jahren starteten die ersten Schwulen- und Lesbenorganisationen Projekte und gründeten auch einige Kliniken (z.B. das Fenway-Zentrum in Boston), um in Nordamerika und in einigen europäischen Ländern gezielt Gesundheitsdienste für Homosexuelle anzubieten.
Mit der Ausbreitung von Aids Anfang der 1980er Jahre mussten die meisten Gesundheitsdienste, aber auch Dialogai in Genf, ihre Prioritäten revidieren und auf die anschwellende Krise reagieren. Erst ab Ende der 1990er Jahre und mit dem Aufkommen der antiretroviralen Therapien gegen das HI-Virus sprachen sich Forscher und einflussreiche Aids-Aktivisten dafür aus, auch andere Gesundheitsprobleme zu berücksichtigen, die jahrelang vernachlässigt worden waren.
International
Die Renaissance der Bewegung für schwule Gesundheit nach der Einführung der antiretroviralen Therapien (ART) fand ihren Ausdruck 1999 in den USA im ersten Gay Men’s Health Summit 1999 und dem ersten LGBTI Health Summit 2002, beide in Boulder im Bundesstaat Colorado. Mitarbeiter von Dialogai nahmen an den Treffen des Gay Men’s Health Think Tank 2001 und 2002 in San Francisco bzw. Sydney, und am Gay Men’s Health Summit 2003 in Raleigh in North Carolina teil. Der Gay Men’s Health Think Tank war eine Gruppe von etwa fünfzig Aktivisten, Forschern und Verantwortlichen aus Schwulen- und Aidsgruppen, mehrheitlich aus dem englischsprachigen Raum, deren Anliegen die Förderung der Gesamtgesundheit schwuler Männer war.
Gleichzeitig wurde in den USA bei Forschern und Vertretern aus Kreisen der Public Health die Forderung laut, für eine bessere Aids-Prävention seien auch die anderen Gesundheitsbedürfnisse und der soziale Kontext zu berücksichtigen. 1999 rief die Amerikanische Vereinigung für öffentliche Gesundheit (APHA) öffentlich dazu auf, verstärkt über den Zusammenhang zwischen Krankheit und sexueller Orientierung zu forschen und begann die Begriffe «sexuelle Minderheiten» und «Gesundheit sexueller Minderheiten» zu verwenden.
2001 nahm Kanada als erstes Land die schwule Gesundheit in sein nationales HIV-Präventionsprogramm auf. Das kanadische Vorgehen wurde zum Vorbild für die ersten Schritte des Projekts schwule Gesundheit in Genf. Das kanadische Dokument « Valorisation des vies des hommes gays » (zu Deutsch etwa «Wertschätzung für die Lebensformen schwuler Männer») lässt diesen Ansatz gut erkennen.
In Frankreich nahm sich die Organisation Warning als erste der Frage der schwulen Gesundheit an, mit einer internationalen Konferenz 2005, bei der die bedeutendsten Aktivisten, Forscher und weiteren Akteure aus Australien, Kanada, den USA, dem Vereinigten Königreich und der Schweiz ihre Konzepte, Gedanken, Aktionen, Forschungsergebnisse und Projekte vorstellten. Aus der Konferenz ging 2010 die Veröffentlichung «Santé gaie» hervor.
Seit Beginn der 2010er Jahre befasst sich auch der europäische Arm des Internationalen Dachverbands der Lesben- und Schwulenorganisationen, ILGA-Europe, mit Fragen der Gesundheit von LGBTI-Menschen, insbesondere der Gesundheitsrechte.
Schweiz
Der Begriff schwule Gesundheit kam bei Dialogai im Jahr 2000 auf. Die Gruppe Dialogai, gegründet 1982 als ein Ort des offenen Gesprächs, der Information und der Solidarität für schwule Männer, wurde 1985 bei deren Gründung Mitglied der Aids-Hilfe Schweiz (AHS). Sie ist schweizweit die einzige Homosexuellen-Organisation, die die Aids-Prävention bei homosexuellen Männern, die Vertretung der Rechte HIV-positiver Menschen und das Eintreten für den Zugang zur Behandlung professionell vorangetrieben hat. Damit hat sich Dialogai Kompetenzen, Kenntnisse und einen Ruf erworben, die es ermöglichten, im Jahr 2000 das Projekt schwule Gesundheit ins Leben zu rufen.
Das 2005 angestossene Projekt Checkpoint wurde schnell zum Erfolg und von Zürich und Lausanne übernommen. Es machte das Konzept der schwulen Gesundheit von Dialogai über Genf hinaus bekannt und zeigte auf, wie wichtig Fragen der sozialen und psychischen Gesundheit für Schwule sind. Die Checkpoints, ursprünglich als Anlaufstellen für Beratung und Tests auf freiwilliger Basis (Voluntary Counselling and Testing VCT) gedacht, haben ihre Leistungen in der Folge erweitert, zunächst auf die psychische Gesundheit, in jüngerer Zeit auf gesamtgesundheitliche Anliegen.
2006 entstand die Stiftung Agnodice mit dem Ziel, in der Schweiz eine Gesellschaft zu fördern, welche die Variationen der Genderidentitäten und sexuellen Entwicklungen als Bereicherung und als Ausdruck der menschlichen Vielfalt begreift. Unter anderem hat die Stiftung den Zweck, jungen Transsexuellen den Zugang zu Pflege- und Gesundheitsdiensten von hoher Güte zu garantieren.
2007 nahm die Gruppe Santé PluriELLE der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) ihre Arbeit zur Gesundheit lesbischer und bisexueller Frauen auf. Sie war insbesondere an der ersten Studie zur Gesundheit von Frauen, die Frauen lieben (2013) und an der Arbeit der Gruppe Gesundheit von PREOS beteiligt.
Als Reaktion auf die Erkenntnis, wie lückenhaft das Wissen über die Gesundheit von Frauen, die Frauen lieben ist, entstand 2008 ein Kollektiv, aus dem 2012 der Verein Les Klamydia’s hervorging. Les Klamydia’s entwickelt Präventionstools, darunter das Gesellschaftsspiel „Lez Game! le jeu saphique hétéroCLIT“.
Auf Initiative der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und des Schweizer Dachverbands der schwulen und bi Männer (Pink Cross) fanden 2011 in Lausanne und anderen Westschweizer Städten die sogenannten „journées PREOS“ statt, Aktionstage für die Prävention von Ausgrenzung wegen sexueller Orientierung und Genderidentität bei jungen Menschen. In diesem Kontext erstellte eine Fachgruppe Gesundheit den sehr lesenswerten Bericht «Schritte zu einem fairen und inklusiven Gesundheitssystem für LGBT-Menschen», der eine Bestandesaufnahme vornimmt und Empfehlungen dazu abgibt, wie das Gesundheitssystem besser an die Bedürfnisse anzupassen wäre.
Inzwischen haben sich die LGBT-Organisationen der Romandie mit Experten zu der «Plattform LGBT-Gesundheit » zusammengeschlossen mit dem Ziel, geeignete Ausbildungsmodule für Gesundheitsfachpersonen auszuarbeiten.
Das Projekt schwule Gesundheit
Schon ab Ende der 1990er Jahre, nach der Einführung der antiretroviralen Therapie gegen Aids, begann sich die Aids-Kommission von Dialogai Gedanken über die Zukunft der HIV-Prävention und über andere Fragen der Gesundheit schwuler Männer zu machen. Im Jahr 2000 beschloss die Hauptversammlung, die Arbeit von Dialogai im Gesundheitsbereich auszubauen und beauftragte Michael Häusermann, eine Strategie und Handlungsvorschläge für schwule Gesundheit zu verfassen. Das Strategiepapier mit dem Titel «santé gaie, papier de discussion» stellte dar, wie Aids-Gruppen homosexueller Männer vor allem in angelsächsischen Ländern mit den gleichen Herausforderungen wie Dialogai konfrontiert waren; es formulierte den Vorschlag für ein Community-basiertes, handlungsorientiertes Forschungsprojekt, um die Gesundheitsbedürfnisse schwuler Männer in Genf zu analysieren: das « Projekt schwule Gesundheit». Dank ihrem langjährigen Engagement in der Aidsbekämpfung, den dadurch erworbenen Kenntnissen und Kompetenzen, und als anerkannt führende Homosexuellenvertretung in Genf hatte Dialogai alles in der Hand, um die Gesamtgesundheit und die Lebensqualität schwuler Männer zu verbessern.
Um die Qualität der Forschungsmethoden und –ergebnisse zu gewährleisten, um die Ergebnispräsentation vor der Gay Community und die Realisierung konkreter Massnahmen und Projekte zu begleiten, und um Zugang zu Forschungsmitteln zu erhalten, wurde 2001 eine Zusammenarbeit mit dem Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Zürich und mit dem Epidemiologen Dr. Jen Wang, Experte für bevölkerungsnahe Forschung, eingegangen.
Da es, abgesehen von Aids, in der Schweiz absolut keine Daten zur Gesundheit schwuler Männer gab, wurde eine vertiefte qualitative und quantitative Studie zur Gesundheit dieser Personengruppe in Angriff genommen: 2001 wurde eine Reihe von Diskussionen in Fokusgruppen, 2002 dann auf der Grundlage der dabei erhobenen qualitativen Daten eine quantitative Basisbefragung bei 570 schwulen und bisexuellen Männern durchgeführt. Die Basisbefragung zeigte auf, dass es Probleme der sozialen und psychischen Gesundheit sind, die bei schwulen Männern am schwersten wiegen und den grössten negativen Einfluss auf die Lebensqualität haben. Diese Ergebnisse wurden unter dem Titel «Die ersten Ergebnisse der Basisbefragung zur Gesundheit schwuler Männer» in publikumsgerechter Form veröffentlicht und der Genfer Gay Community vorgestellt, um mit ihr zusammen Prioritäten festzulegen und Projekte zu definieren, die ihren Bedürfnissen gerecht werden. So entstanden nach und nach die Projekte «être gay ensemble» (2004), die Liste der Gay friendly Therapeuten (2004) und Checkpoint (2005).
Angesichts der besorgniserregenden Ergebnisse bei psychischer Gesundheit und Suizid wurden 2007 bzw. 2011 zwei Zusatzbefragungen zu diesen Themen bei Homosexuellen durchgeführt und die suizidrelevanten Ergebnisse von drei Schweizer Umfragen miteinander verglichen. Die beiden Zusatzbefragungen zur psychischen Gesundheit wurden anschliessend als Referenztool benutzt, um die Wirkung des Projekts Blues-out vor und nach der Intervention zu evaluieren. Blues-out, ein einmaliges Projekt zur Entstigmatisierung, Information und Aufklärung über die Depression, wurde 2008 von der Schwulen- und Lesben-Community ins Leben gerufen.
Die Forschungsergebnisse zum Suizid wurden 2013 bei einer sehr gut besuchten nationalen Pressekonferenz vorgestellt und flossen in den Aktionsplan Suizidprävention Schweiz ein, der 2016 vom Bundesrat beschlossen wurde.
Der Artikel «Das Projekt schwule Gesundheit von Dialogai : von der Forschung zur Umsetzung» beschreibt die Geschichte des Projekts schwule Gesundheit von 2000 bis 2009 im Detail.