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Der Kaufmann: Ich kleide die Welt in Konsumprodukte ein. Ich entwerfe neue Geschichten, um bestehende Geschichten von Pflanzen, Tieren, Mikroben, Wasser und vom Erdboden, von Leben und Nicht-Leben, zurückzuhalten. Ich bringe die Dinge zum Erscheinen, so wie es mir gefällt!
Die Singende Stimme: Kaufmann, dann erzähle mir eine Geschichte!
Der Kaufmann: Wieso eigentlich nicht. Doch bevor ich dir eine Geschichte erzähle, musst du gegen alle anderen Geschichten immun sein. Ich impfe dir einen Krankheitserreger ein. Aber wenn eine andere Geschichte in deinen Körper gelangt ist, als jene, die ich dir erzählen will, stirbst du noch in diesem Augenblick.
Die Singende Stimme: Wie du wünschst!
Der Kaufmann verkauft der Singenden Stimme eine Injektion mit dem Impfstoff.
Der Kaufmann: Du kannst dir diesen Impfstoff selbst spritzen. Es ist eine bedienungsfreundliche Kanüle.
Die Singende Stimme kauft die Kanüle und spritzt sich anschließend den Impfstoff. Doch die pathogene Substanz trifft im Körper der Singenden Stimme auf einen Widerstand, der den Prozess der Immunisierung behindert…Am Tag darauf kehrt die Singende Stimme zum Markt zurück.
Der Kaufmann: Gut, dass du kommst. Da du nun gegen jegliche Geschichten immun bist, möchte ich dir meine Geschichte erzählen.
Die Singende Stimme: Nein, Kaufmann, die Impfung ist gescheitert. Da ist etwas in meinem Körper, das den Prozess der Immunisierung blockiert.
Der Kaufmann: Was!? Was sagst du da? Was ist da in deinem Körper?
Die Singende Stimme: Es ist ein Webstuhl, Kaufmann!
Der Kaufmann: Ein Webstuhl!?!
Der Kaufmann dreht sich mit einem Kopfschütteln von der Singenden Stimme ab. Nach einem Moment der Besinnung kommt er zurück und fragt:
Was sprichst du da für verrückte Dinge. Sag mir besser, wofür man einen Webstuhl brauchen kann!
Die Singende Stimme: Der Webstuhl ist zum Weben da. Ich webe, damit die wiederholten Schaffensprozeße nie zu Ende kommen. Ich webe, um mich mit der Welt zu verbinden. Weben ist Kommunikation.
Der Kaufmann: Ich bin ein Kaufmann, meine Tugend ist der Handel. Ich kalkuliere und akkumuliere.
Der Kaufmann ist eine neugierige Person. Er denkt, dass es nicht schlecht wäre, auch so einen Webstuhl zu besitzen. Nach einer Weile kehrt er zur Singenden Stimme zurück.
Der Kaufmann: Kannst du mir zeigen, wie das geht?
Die Singende Stimme: Ok, ich will es dir zeigen.
Die Singende Stimme: Zuerst kommst du mit mir in einen Raum. In diesem Raum steht ein Webstuhl. Dort zeige ich dir, wie es geht. Der Raum hat neun Türen. Jedesmal, wenn ich hineingehe, wähle ich intuitiv eine Türe.
Der Kaufmann: Seltsam, all diese Türen öffnen und schließen sich fortwährend. Weshalb? Es weht doch hier kein Wind.
Die Singende Stimme: Diese Türen antworten auf unser Atmen. Du bist nun in die virtuelle Domäne deines Körpers eingetreten. Dieser Raum ist innen und außen, nirgendwo, aber auch überall. Kannst du noch etwas anderes sehen?
Der Kaufmann: Ja, ich kann hier unter dem Wasser einen Baum sehen. Er ist mit Früchten und Blüten bedeckt: der Baum bewegt die drei Flüsse von innen!
Die Singende Stimme: Versuch mehr Relationen um dich zu finden. Deine Haut, Knochen, Nägel, dein Hirn und Blut sind die virtuellen Erben des Kommunikationsnetzwerks. Nun kannst du über eine Schleife oberhalb eines Netzes schweben oder rennen. Die äußere Schleife steht für die Koordination des Einatmens, die innere Schleife für die Koordination des Ausatmens.
Als das Netzwerk unsere Bewegungen und Gedanken zu replizieren begonnen hatte, reduzierte jeder Code all unsere Bewegungen und Gedanken zu einfachen Aktionen: das Pedal arbeitet über die alternativen Bewegungen des Fußes, die die Kettenfäden zur Hälfte anheben, während die Hände das Schiffchen, das die Fäden des Schusses trägt, hin- und herwerfen.
Der Kaufmann: Das ist großartig! Das ist die komplexeste menschliche Maschine, die ich je gesehen habe! Mit diesem Gerät ist es einfach, diese wunderschönen, exotischen Stoffe zu produzieren!
Der Kaufmann zieht einige Stoffe hervor und wirft sie über die Theke, um sie der Singenden Stimme zu zeigen.
Der Kaufmann: Ich möchte diese Maschine investieren und die Produktion steigern.
Die Singende Stimme: Hör auf damit! Diese Stoffe sind noch nicht fertig. Das Weben kann nie zu Ende sein. Anfang und Ende sind nur zwei Idealzustände, in denen du nicht mehr kommunizieren kannst.
Der Kaufmann: Ich möchte diese Technologie für meine eigenen Zwecke nutzen. Ich werde diesen Webstuhl aus deinem Körper entfernen.
Die Singende Stimme: Was?
Der Kaufmann: Ich muss mehr Baumwolle importieren, um die Produktion anzukurbeln. Die Bevölkerung soll wachsen und mehr und mehr ArbeiterInnen werden für mehr und mehr Webstühle benötigt. Schließlich wird der Markt zu einem Ort, wo ich alles in etwas anderes umwandeln kann!
Die Singende Stimme: Doch wie kannst du das tun? Was ist das für eine Wissenschaft? Eine Wissenschaft der Verwandlung von einem Ding ins andere?
Der Kaufmann: Wenn du weißt wie man Arbeit stiehlt, kannst du das auch tun. Ich spritze gestohlene Arbeit in Dinge ein, um sie wertvoll zu machen. Doch bevor du lernst, wie man Arbeit stiehlt, musst du Kommunikation verunmöglichen. Ich, zum Beispiel, konnte ins “Paradies gestohlener Arbeit” eintreten, indem ich die Technologie des Webens mechanisieren ließ.
Die Singende Stimme: Oh, ich sehe, diese Stadt ist auch ein “Paradies gestohlener Arbeit“.
Der Kaufmann: Solange du Arbeit stiehlst, kommt der Akt des Schaffens nie zu einem Ende. Vergiss alles und werde ein Konsument. Jetzt werde ich den Webstuhl aus deinem Körper entfernen. Dafür verwende ich einen Zauberspruch:
Melancholische Retrospektive.
Antike Berühmtheit.
Beträchtlicher Wohlstand.
Gesetzliche Veränderungen.
Domestizität.
Territoriale Bedürfnisse.
Mittellos.
Makroinventionen.
Zweihundert Meterlang.
Dreißig Meter Weit Und von Vier-Bis-Sechs Stockwerke Höhe.
Transozeanisch.
Netzwerke Hervorbringend.
Fliegendes Schiffchen.
Die Singende Stimme: Entwende den Webstuhl nicht aus meinem Körper! Stell keine solchen Gegensätze auf! Wenn du das tust, wird diese Technologie einer Mutation untergehen und sich gegen deinen Markt wenden. Die wechselseitigen Beziehungen zwischen den Dingen werden zu groß sein, um sie noch verkörpern zu können.
© Samrat Banerjee & Stefanie Knobel, 2017
Übersetzung: Stefanie Knobel