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Die Nachricht vom Kriegsende vernahm der heute 96-jährige Grigori Jastrebenezki als Soldat der Roten Armee in der Umgebung von Kaliningrad – damals noch Königsberg. Er erinnert sich an die Freude, ebenso wie an die Gefahr mit welcher das Kriegsende gefeiert wurde.
Vor Freude wurde einen Tag und eine Nacht lang aus allen Pistolen und Gewehren in die Luft geschossen.
«Man musste aufpassen, dass man ganz am Ende des Krieges nicht von einer Kugel getroffen wurde. Vor Freude wurde einen Tag und eine Nacht aus allen Pistolen und Gewehren in die Luft geschossen.»
Rückkehr in eine Geisterstadt
Grigori kehrte zurück in seine Heimatstadt Leningrad. Er traf die Stadt noch immer schwer zerstört an, so wie er sie wenige Monate zuvor verlassen hatte. «Ich setzte zuerst neues Glas in die Fenster ein und habe Ordnung gemacht», erzählt er über seine Rückkehr in das Zimmer, dass er schon vor dem Krieg mit seinen Eltern bewohnte.
Uns war nach dem Krieg nicht zum Tanzen zumute und so habe ich es bis heute nicht gelernt.
Die schrecklichste Zeit seines Lebens schien endlich vorüber zu sein und er begann mit dem Studium zum Bildhauer. Doch der Krieg war an der Kunstakademie weiter allgegenwärtig.
«Die meisten meiner Kommilitonen hatten nichts anderes anzuziehen als ihre Hemden und Uniformen aus dem Militär», erzählt er. «Uns war nach dem Krieg nicht zum Tanzen zumute und so habe ich es bis heute nicht gelernt.»
Leningrad sei während des Krieges zu einer Geisterstadt geworden. Fast alle Freunde und Bekannte waren im Krieg gestorben, die meisten waren verhungert. «In keiner anderen Stadt der Welt sind während des 2. Weltkriegs so viele Menschen ums Leben gekommen wie in Leningrad.»
Während fast 900 Tagen war die Stadt von der deutschen Wehrmacht umzingelt und von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten gewesen. Hitler und seine Soldaten brachten mit der Blockade von Leningrad den Tod über mehr als eine Million Menschen.
Zensur des Grauens
Die Erinnerung an den Hunger prägten Grigori über den Krieg hinaus. Als die Lebensmittel nicht mehr rationiert waren und man so viel essen konnte, wie man wollte, habe er gegessen und gegessen: «Ich konnte einfach nicht satt werden. Ich konnte schon längst nicht mehr essen, aber wenn noch Brot auf dem Tisch lag, wollte ich es essen.»
Mitte Dezember 1941 wurde Grigori mit Diphtherie in ein Spital gebracht. Um ihn herum starben jede Nacht hungernde Soldaten. Im Januar 1942 schickte man ihn direkt aus dem Spital wieder an die Front. In welche Verzweiflung der Hunger die Menschen in dieser Zeit trieb, erfuhr Grigori erst Jahre nach dem Krieg durch einen guten Freund und Schriftsteller, Daniil Granin.
Aus Gesprächen mit Überlebenden verfasste Granin ein Buch. «Man hat Granin in der Sowjetunion während Jahren verboten, die schlimmsten Schilderungen zu publizieren. Dass die Menschen einander aufgegessen haben. Als ob man mit dem Verbot das Grauen ungeschehen machen könnte.»
Erinnerung als Warnung
Der Schatten des Krieges verfolgte Grigori sein ganzes Leben lang und prägte sein Schaffen als Bildhauer. Er fertigt Kriegsdenkmäler in der Nähe von St. Petersburg an, ebenso Skulpturen in deutschen Städten zur Erinnerung an Kriegsgefangene und Lagerinsassen.
Krieg ist eine Tragödie für alle Menschen. Auch für die, die denken, es würde sie nicht betreffen.
Sich an den Krieg und die Blockade zu erinnern, ist für ihn schmerzhaft. Doch es sei wichtig, dass er über die Schrecken des Krieges spreche: «Krieg ist eine Tragödie für alle Menschen. Auch für die, die denken, es würde sie nicht betreffen.»
Wenn Grigori heute zu Bett geht, weiss er genau, wo er die Hausschuhe und den Morgenmantel hingelegt hat. Denn im Krieg musste man schnell die Stiefel anziehen können, wenn der Feind in der Nacht zu schiessen begann. «Das Wichtigste, was ich im Krieg gelernt habe, ist, den Krieg selbst zu hassen.»