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Es muss um die Jahrtausendwende gewesen sein, als ich die WOZ zum ersten Mal in die Finger bekam. Aber erst ein paar Jahre später stiess ich im Archiv auf einen Namen, der klang wie ein grosses Abenteuer: Paolo Fusi.
Wahrscheinlich war Paolo Fusi der gefährlichste Journalist, den die WOZ je hatte. Mit seinen Recherchen ärgerte er das Schweizer Finanzestablishment. In seinen Texten ging es um Waffenhandel, Schmiergelder, Geheimkonten – und um viele Namen. Fusi schrieb einmal: «Meine Theorie von einem guten Text war, möglichst viele Namen pro Artikel zu bringen. Meine Texte waren redaktionell gedruckte Adressbücher mit allen möglichen klagefreudigen Bösewichten.»
Gefährlich war dieser Journalismus aber auch für Fusi selbst. Im Sommer 1994 war er in 27 Prozesse gleichzeitig involviert. Einmal soll er sich mit einem einzigen Artikel sechs Klagen eingefangen haben. Fusi sagt zurückblickend: «Ich habe in meiner Karriere 133 Prozesse erlitten. Davon habe ich nur drei verloren.»
Im Sommer 2002 veröffentlichte die WOZ die unvergessliche achtteilige Serie: «Das Leben des Paolo Fusi», geschrieben von Paolo Fusi. Es war eine Autobiografie über den Rausch der Müdigkeit, kurzen Ruhm und wiederkehrendes Versagen. Es ging um Liebe und Revolution, um Depression und Verrat. Eine irrwitzige Sache, eine grossartige Erzählung, mit der mich die WOZ eroberte – zuerst als Leser und später als Schreiber.
Heute lebt Paolo Fusi wieder in Rom, wo er vor 55 Jahren geboren wurde. Seit zehn Jahren ist er Eigentümer von Information Brokers International, einer Firma, die so arbeitet, wie sich Fusi in seiner Jugend Journalismus vorgestellt hatte: «Jemand im Trenchcoat mit Schlapphut, in eine dunkle Ecke gedrückt, sagt zu mir: ‹Psst.›»
Doch Paolo Fusi hat sich nicht nur auf den Tausch von brisanten Dokumenten spezialisiert. In den letzten Jahren war er vermehrt politisch aktiv. Und vor allem ist Fusi auch als Theaterautor und Musiker unterwegs, womit er heute «ungefähr ein Drittel» seines Einkommens verdient, wie er sagt. Derzeit befindet sich Fusi mit den Osama Sisters auf Konzerttournee in Italien.
Nebenher schreibt Fusi zudem einen politischen Blog, der laut seinen eigenen Angaben bis zu 3000 LeserInnen pro Tag erreicht. Die WOZ liest er dann und wann, wenn er kann. «Ich betrachte die WOZ nach wie vor als eine der grössten Lieben meines Lebens», sagt Paolo Fusi.
Beim Aufräumen der Redaktion ist mir einmal eine Kiste in die Hände geraten, beschriftet mit «Paolo Fusi». Ich habe sie nie wirklich studiert. Sie wartet geduldig auf meinem Archivschrank. Sie ist wie ein Versprechen auf ein neues Abenteuer.
* Wunsch von Marcello Vincenti: «Was macht eigentlich Paolo Fusi?»