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In der Schweiz sind die Kantone für die Kultur und damit auch für die Archäologie zuständig. Jeder Kanton hat diesbezüglich seine eigene Gesetzgebung; die meisten betreiben für die Bewältigung der damit verbundenen Aufgaben eine Archäologie-Fachstelle, die sogenannten Kantonsarchäologien. Ihre Aufgaben können in fünf Punkten zusammengefasst werden: 1) das archäologische Erbe schützen; 2) bedrohte Bodendenkmäler vor ihrer Zerstörung dokumentieren; 3) die gemachten Funde und die Dokumentation langfristig archivieren; 4) die Grabungsergebnisse wissenschaftlich auswerten; 5) gewonnene Erkenntnisse ans Publikum und an die Wissenschaft kommunizieren. Aufgrund der föderalen Struktur der Schweiz sind die Kantone unterschiedlich gut aufgestellt. Sieben Kantone verfügen über keine Fachstelle, die aus eigener Kraft operative Aufgaben übernehmen kann. Vier Kantone haben eher schwach dotierte Kantonsarchäologien, während in vier weiteren Kantonen vergleichsweise grosszügige Mittel zur Verfügung stehen. Die übrigen 11 Kantone bewegen sich dazwischen. In den meisten Kantonen übernimmt der Staat die Kosten für die Archäologie; in einigen werden die Kosten mit der Bauherrschaft geteilt (Verursacherprinzip). Die Rolle des Bundesstaates bleibt begrenzt; er subventioniert einen Teil der kantonalen Leistungen und finanziert Untersuchungen, welche durch Bundesaufgaben ? z. B. Autobahnbau ? ausgelöst werden.
Die Archäologische Bodenforschung des Kantons Basel-Stadt misst der publikumswirksamen Vermittlung der Resultate ihrer Grabungs- und Forschungsprojekte grossen Stellenwert zu. Sie wendet dafür 14 % der personellen und finanziellen Ressourcen auf. In den Vermittlungsangeboten wird der gesellschaftliche Wandel berücksichtigt. Um ihre Visibilität in der öffentlichen Wahrnehmung zu erhöhen, arbeitet sie mit einer professionellen Agentur zusammen. Mit Vermittlungsinterventionen im öffentlichen Raum sowie dem Einsatz digitaler Mittel und kompetenter Medienarbeit soll die gesellschaftliche Relevanz der Archäologie in der Öffentlichkeit zur Geltung gebracht werden. Damit wird die gesellschaftliche Akzeptanz für die Anliegen der Archäologie gestärkt.
Archäologische Inventare in der Schweiz dienen der Raumplanung, der Forschung und der Information der interessierten Öffentlichkeit. Die Erfassung der archäologischen Fundstellen liegt in der Hand der Kantone. Die systematische Sammlung von Informationen zur Archäologie hat eine über 100jährige Geschichte. Während die Pioniere der Inventarisation ihre Erkenntnisse meist von Hand auf Karten festhielten, bietet die heutige digitale Erfassung die Chance, archäologische Informationen online einer breiten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Die lagegenaue Verfügbarkeit archäologischer Daten ermöglicht eine rasche Informationsbeschaffung für Planer, Bauherren und Gemeinden ? Grundlage zur Planungssicherheit für Bauprojekte. Daneben bieten die digitalen Daten viele Möglichkeiten zur effizienten Untersuchung wissenschaftlicher Fragestellungen, beispielsweise als Potentialkarte, die als Modell Prognosen für bislang fundleere Gebiete möglich macht.
Heutzutage ist in der Archäologie ? nebst unseren eigenen Kernkompetenzen ? sehr viel weiteres Disziplinenwissen gefragt. Verschiedene «artfremde» (meist naturwissenschaftlich ausgebildete) Fachpersonen begleiten unsere Projekte von der Ausgrabung bis hin zur Auswertung und Publikation. Der durch diese fruchtbare Zusammenarbeit generierte Erkenntniszuwachs ist unbestritten sehr gross. Allerdings wächst damit auch die Abhängigkeit von den verschiedenen Partnern. Deren Ergebnisse können durch die Archäologinnen und Archäologen angesichts des hohen Spezialisierungsgrades kaum mehr kritisch hinterfragt werden.
Einige Problemfelder lassen sich ausmachen: Es gibt individuelle Arbeitsweisen anstelle von standardisierten Prozessen ? darunter leiden Überprüfbarkeit und Nachvollziehbarkeit; es fehlen Austauschgefässe für eine gelebte Fehlerkultur und einen kritischen Diskurs zwischen den Anbietern (Stichworte: «best practice», «lessons learned); Desinteresse oder schlicht fehlende Möglichkeiten verhindern Lösungen für freien Datentausch und die zentralisierte Langzeitlagerung von wichtigen Daten.
Als Auftraggebende stehen wir zweifelsohne mit in der Pflicht. Ohne eine funktionierende Qualitätssicherung entstehen Fehler, leidet die Glaubwürdigkeit, und die oft knappen Mittel können nicht effektiv eingesetzt werden.
Seit 2011 sind die «Prähistorischen Pfahlbauten um die Alpen» als serielle und transnationale Stätte Teil des Unesco-Welterbes. Die Stätte umfasst 111 Fundstellen in Seen und Mooren in der Schweiz, Italien, Deutschland, Frankreich, Österreich und Slowenien. Die Vielzahl der Fundstellen sowie die internationale Ausrichtung der Welterbestätte stellen besondere Anforderungen an Koordination und Management.
Um diesen Anforderungen entsprechen zu können, wurden in allen sechs Ländern entsprechende Strukturen geschaffen. Nach der gemeinsamen Kandidatur, die auf Initiative der Schweiz erfolgte, schlossen sich ausserdem alle beteiligten Länder zur International Coordination Group ICG zusammen. Diese übernimmt auf internationaler Ebene die Koordinierung in den Bereichen Schutz, Forschung und Vermittlung. Hierbei stellen unterschiedliche institutionelle und gesetzliche Voraussetzungen in den beteiligten Staaten eine besondere Herausforderung dar.
Die Einrichtung gemeinsamer Monitoring- und Schutzstandards, Datenaustausch und Qualitätssicherung in der Forschung sowie gemeinsame Projekte in Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit können als erste Schritte einer erfolgreichen internationalen Zusammenarbeit gewertet werden. Anfragen zu Best Practice, die erfolgte Ratifizierung der «Konvention zum Schutz des Kulturerbes unter Wasser» durch die Schweiz sowie das Engagement einiger beteiligter Gemeinden sich grenzüberschreitend auszutauschen, zeigen, dass die Einschreibung bereits einige Entwicklungen im Sinne der Unesco auch ausserhalb der Welterbestätte angestossen hat.
Seit über 150 Jahren beschleunigt die Klimaerwärmung das Abschmelzen unserer Gletscher. In den alpinen Regionen hat dieses Phänomen, das auf die Kälteperiode der Kleinen Eiszeit im 18./19. Jahrhundert folgte, zur Entdeckung mehrere Jahrtausende alter archäologischer Objekte im Hochgebirge geführt. So zerbrechlich diese oft sind, sie erweitern unsere Kenntnisse zur Benutzung hochgelegener Übergänge und zum Verhalten der damaligen Menschen jenseits bewohnter Zonen grundlegend. Die ersten Erwähnungen von Gletscherfunden in der Schweiz stammen aus dem 19. Jahrhundert, stark zugenommen haben sie gegen Ende des 20. Jahrhunderts. Aber erst mit den spektakulären Funden auf dem Schnidejoch in den Berner Alpen im Jahr 2003 begannen Rettungsmassnahmen und Projekte zur Lokalisierung der sensibelsten Fundstellen.
Es ist voraussehbar, dass weitere wichtige Funde gemacht werden, vor allem in den Grenzgebieten. Dies sollte für die verantwortlichen Fachstellen Anlass sein, zusammenzuarbeiten oder ihre Unternehmungen mindestens zu koordinieren. Bedingt durch die Grösse der Fundgebiete wird ein grosser Teil der Entdeckungen durch Wanderer und Bergsteigerinnen gemacht werden. Darum sind breit angelegte Sensibilisierungsmassnahmen und der Einbezug von Laien absolut notwendig.