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[* 2] (»Brennstein«, v. niederdeutsch.
bernen, d. h. brennen; auch Agtstein, Succinit, gelbe Ambra, gelbes Erdharz, lat. Succinum, Electrum), Mineral aus der Ordnung der
Harze, findet sich in rundlichen, stumpfeckigen, knollen- und plattenförmigen Stücken eingewachsen, eingesprengt, auch in
getropften und geflossenen Gestalten ganz wie Baumharz, ist wachs- bis honiggelb, gelblichweiß bis braun, in Sizilien
[* 4] auch
bläulich, smaragdgrün, violett, bisweilen geflammt, gestreift, fettglänzend, durchsichtig bis undurchsichtig,
vom spez.
Bei weitem der meiste Bernstein wird von der Nord- und Ostsee ausgeworfen. An der preußischen Küste lösen die
heftigen Nordweststürme den Bernstein von dem Meeresboden los und treiben ihn, in Seetang eingewickelt, mit den Wellen
[* 31] dem Lande zu.
In der Gegend von Palmnicken und Nodems im Samland wurden in einer Herbstnacht des Jahrs 1862: 2000 kg Bernstein gewonnen. Viel
Bernstein wird im Samland gegraben. Die 47-63 m hohen Strandberge des Samlandes zeigen drei verschiedene Schichtensysteme. Auf einem
durch viele Grünerdekörnchen (Glaukonit) grünlichgrau gefärbten Sand ruht eine Braunkohlenbildung mit lichtern Sanden und
grauen Thonen und auf dieser diluvialer Mergel und Sand mit nordischen Geschieben.
Alle drei Schichtengruppen enthalten aber nur der untere grüne Sand führt ihn in reichlicher Menge und
zwar in einer dunkel gefärbten thonig-sandigen Lage von 1,25-6 m Mächtigkeit, der sogen. blauen Erde, in Gesellschaft von Holzresten,
Haifisch- und Saurierzähnen, Seekrabbenresten, Muscheln,
[* 32] Seeigeln etc. Diese blaue Erde zieht sich am ganzen Nordstrand des Samlandes
von Brüsterort bis Rantau fort und ist auch in Kranz nachgewiesen worden. Gegen S. senkt sie sich derart
ein, daß sie bei Kraxtepellen schon 12,5 m unter See liegt. Da sie nun am Strand im allgemeinen nahe unter dem Meeresspiegel
bekannt geworden ist und beinahe horizontal liegt, so muß sie, weil der Meeresgrund sich einsenkt, nicht
fern vom Land aus dem Grund hervortreten, und dadurch erklärt sich der Bernsteinauswurf der See, welche an der blauen Erde
nagt und den losgespülten Bernstein forttreibt.
Auch in frühern Erdperioden hat das Meer diese Lagerstätten abgetragen; daher findet sich der Bernstein z. B. in der
Tuchelschen Heide in diluvialen Sandablagerungen mit Seetangresten, abgerollten Holzstücken und Steinen.
Überhaupt gibt es in West- und Ostpreußen,
[* 33] Hinterpommern und Posen
[* 34] Forstreviere, wo jährlich nicht unbedeutende Quantitäten
Bernstein aus dem Diluvium gegraben werden. Würde der heutige Bernsteinauswurf nicht von Menschen aufgelesen, so würden sich jetzt
noch ganz dieselben strich- und nesterweisen Bernsteinablagerungen im Seesand bilden, wie sie sich an den
genannten Orten, in der Mark, in Schlesien, bis ins Riesengebirge bei 424 m Seehöhe finden.
Schon früh hat man den Bernstein als das fossile Harz von Nadelbäumen erkannt, und durch die zahlreichen, gut erhaltenen Einschlüsse
hat man ein ziemlich deutliches Bild von dem einstigen Bernsteinwald erhalten. Die eigentlichen Bernsteinbäume
waren der unsrer Rottanne ähnliche Pinites succinifer, die mehr den Abiesarten entsprechenden Pinus eximius, Mengeanus und
radiosus, der unserm P. strobus ähnliche und am häufigsten vorkommende P. strobianus und der unsrer Kiefer nur entfernt
gleichende P. anomalus.
Der häufigste Baum des Bernsteinwaldes scheint eine Thuja gewesen zu sein, die mit unserm heutigen Lebensbaum
völlig übereinstimmt. Außerdem enthielt der Wald viele Laubbäume, Pilze,
[* 35] Flechten,
[* 36] Moose,
[* 37] ein Farnkraut, die Heidelbeere,
viele Heidekräuter etc. Die Bernsteinbäume können in ihrem Harzreichtum mit der neuseeländischen
Dammara australis verglichen werden, deren Zweige und Äste von weißen Harztropfen so starren, daß sie
wie mit Eiszapfen bedeckt erscheinen. Das Bernsteinharz wurde teils an den Wurzeln der Bernsteinbäume ausgeschieden oder
angesammelt, teils tropfte es von den Zweigen und
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Man gewinnt den Bernstein durch Auflesen des von der See ausgeworfenen und geht auch bis 100 Schritt ins Wasser, um ihn mit großen
Netzen, welche an langen Stangen befestigt sind, zu »schöpfen«. Der herantreibende Tang, welcher den Bernstein eingeschlossen
enthält (Bernsteinkraut), wird mit den Netzen in der Mitte der überkippenden Welle aufgefangen, an den Strand geworfen und
ausgesucht. Nächst dieser ältesten, schon von Tacitus beschriebenen Art der Bernsteingewinnung ist das Bernsteinstechen
im Gebrauch.
Man wendet es an, wo große Steine in der Nähe des Strandes liegen, zwischen denen der Bernstein niederfällt;
4-5 Mann fahren bei klarer See in einem Boot hinaus, und während einer mit einem Speer den Bernstein zu lösen oder mit einem Haken
den Stein zu wenden sucht, fängt ihn ein andrer mit einem Käscher auf. Bei Brüsterort, wo in 5-9 m Tiefe eine reiche
Bernsteinablagerung vorhanden ist, hebt man die Steinblöcke mit Zangen und Flaschenzügen auf ein Floß und bewegt ein Netz
mit scharfem Rand kratzend (schrapend) auf dem Grund hin und her.
Seit etwa 200 Jahren wird endlich auch Bernstein auf dem festen Lande durch Graben gewonnen, und diese Methode ist ergiebig geworden,
seitdem man die blaue Erde als die eigentliche Lagerstätte des Bernsteins erkannt hat. Der Kubikfuß der blauen Erde enthält
durchschnittlich 40 g B. Die Strandberge werden in der ganzen Höhe abgestochen, und während sich eine
Arbeiterreihe mit Spaten rückwärts bewegt, sammeln die ihnen gegenüberstehenden Aufseher den bloßgelegten Bernstein Versuche,
den Bernstein unterirdisch durch Bergbau
[* 42] zu gewinnen, sind schon zweimal gescheitert, indem der sandige, lockere Boden zu große Schwierigkeiten
bot und man in den Braunkohlensanden, nicht in der blauen Erde arbeitete.
Gegenwärtig, wo man durch den norddeutschen Braunkohlenbergbau lockere, lose Gebirgsmassen zu überwinden gelernt hat, erwartet
man von dieser Methode sehr günstige Resultate. Die ganze Produktion des Bernsteins in Preußen
[* 43] beträgt jährlich ca. 100,000
kg, wovon auf die Baggereien im KurischenHaff 36,500, auf die Gräbereien im Samland 22,500, auf die Gräbereien
im Binnenland 3-5000, endlich auf den Seeauswurf 36-38,000 kg
kommen. Der Seeauswurf ist in den letzten 300 Jahren ziemlich gleichgeblieben.
50-60 Proz. des gewonnenen Bernsteins sind nur zu chemischen Präparaten und Räucherzwecken verwendbar.
Man unterscheidet den Bernstein im Handel nach Farbe, Reinheit, Größe und Form der Stücke, und um dies zu können,
entfernt man zunächst die in der Regel vorhandene chagrinartig genarbte Verwitterungsschicht durch die Feile.
[* 44] Stücke über
½ kg Gewicht kommen nur selten vor, das größte Stück Bernstein findet sich im königlichen Mineralienkabinett in Berlin,
[* 45] es wiegt 6750 g
und hat einen Wert von 30,000 Mk. Stücke über 75 g haben bei guter Farbe und nicht zu ungünstiger Form
Silberwert, sie dienen zu Schälchen, Bechern, Nippsachen, flache Stücke (Fliesen)
[* 46] zu Broschen etc. Der sizilische Bernstein wird in
Catania zu Kreuzen, Rosenkränzen, Heiligenbildern verarbeitet. Nach der Farbe unterscheidet man den kreideweißen oder lichtgelben
Knochen,
[* 47] der reich an Bernsteinsäure ist, und dem besondere heilkräftige Wirkungen zugeschrieben wurden;
durchscheinende, wolkige (flohmige) Varietäten und den ganz klaren Gelbblank und Rotblank; am geschätztesten ist der halbdurchsichtige
bis durchscheinende Bastart, Bastardstein, von licht grünlichgelber Kumst- oder Weißkohlfarbe.
Diodor, Strabon und Plinius haben alles zusammengestellt, was über den Bernstein damals bekannt war; nach Plinius
soll man ihn Succinum genannt haben, um anzuzeigen, daß er aus dem Saft (succus) der Bäume entstanden sei, und Plinius selbst
leitet ihn von einer Pinie ab. SchonPytheas hatte zur Zeit Alexanders d. Gr. eine Entdeckungsreise unternommen, um die Heimat
des Zinnes, des Bernsteins und köstlicher Felle zu erkunden; er erzählt, daß der Bernstein auf der InselAbalus
im Ozean, gegenüber dem germanischen Volk der Guttonen, von den Wellen angetrieben werde, aber er ist schwerlich über die
Weser oder Elbe hinausgekommen, und so kann Abalus nicht auf das Samland bezogen werden.
Plinius spricht bestimmter und verlegt die Bernsteininseln, Glessarien oder Elektriden, ins GermanischeMeer, gegenüber Britannien, so daß mit Sicherheit angenommen werden kann, daß die Alten Bernstein aus der Nordsee erhalten haben.
Die erste sichere Andeutung der samländischen Küste gibt Dionysios von Halikarnaß, und wenn Plinius erzählt, daß die Germanen
den Bernstein hauptsächlich nach Pannonien gebracht haben, von wo er durch die Veneter rings am Adriatischen
Meer verbreitet wurde (daher die Fabel vom Ursprung des Bernsteins aus dem Po), so kann auch hierin wohl eine Hinweisung auf
die Ostseeküste gesehen werden.
Daß Überlandhandel mit Bernstein schon in der vorrömischen Zeit stattgefunden habe, scheinen die Massenfunde bei
Giebichenstein bei Halle
[* 68] a. S. zu beweisen. Verarbeiteten Bernstein findet man in den Nekropolen Norditaliens, in den großen Gräberfeldern
von Hallstatt und in süddeutschen Hügelgräbern. Epochemachend für den Bernsteinhandel war die Entsendung eines römischen
Ritters durch KaiserNero. Wahrscheinlich wurde durch diese Expedition die bernsteinreiche Küste des ostpreußischen Samlandes
dem römischen Handel erschlossen, der vorher auf den Zwischenhandel, namentlich der im nördlichen Elbgebiete
wohnenden Teutonen, angewiesen war.
Durch diese in der Folge sehr lebhaften Handelsbeziehungen erklärt sich der große Reichtum der ProvinzPreußen an römischen
Fabrikaten. Der Bernstein war bei den Römern als Schmuckstein ungemein beliebt, auch schrieb man ihm Heilkräfte
zu, und die Dichter, besonders Martial, sind seines Lobes voll. Auch in der merowingischen Zeit noch war der Bernstein als Schmuck
sehr beliebt, wie dies zahlreiche in Gräbern dieser Zeit gefundene Perlen bezeugen. Mit dem immer mehr hervortretenden Übergewicht
des Orients am Ende des ersten Jahrtausends unsrer Zeitrechnung bahnten sich auch Verbindungen für den
Bernsteinhandel nach dem Orient an. Zeugen dafür sind die zahlreichen Funde an orientalischen (kufischen) Silbermünzen und
Schmuckgegenständen, meistens aus dem 10. und 11. Jahrh. stammend.
Gegenüber der Klarheit der Alten bezüglich der wahren Natur des Bernsteins herrschte in der neuern Zeit viel Verwirrung.
Agricola verwarf die Ansicht von der vegetabilischen Abstammung des
Bernsteins vollständig, und Linné
mußte dieselbe noch verteidigen. Erst zu Ende des vorigen Jahrhunderts wurden die natürlichen und geologischen Verhältnisse
des Bernsteins genauer erkannt, und durch die bis in die neueste Zeit reichenden Bemühungen von Schweigger, Aycke, Berendt,
Göppert, Menge, Zaddach, Heer, Runge u. a. haben wir jetzt eine sehr vollständige Kenntnis
derselben erlangt.
In den ältesten Zeiten war das Auflesen des ausgeworfenen Bernsteins jedermann erlaubt, erst die Bischöfe erkannten in dem
»Börnstein«, lapis ardens, eine sehr ergiebige Einnahmequelle und ein
geeignetes Steuerobjekt (die älteste Urkunde datiert von 1264). Die DeutschenRitter beuteten das Bernsteinregal
in größtem Maßstab
[* 69] aus und gestatteten niemand, gefundenen Bernstein zu behalten oder auf eigne Rechnung zu vertreiben.
Die erste Bernsteindreherinnung bildete sich 1534 in Stolp.
Eine bedeutende Einnahme des Staats aus diesem Regal steht aber den mannigfachen Beschränkungen, welche die Regalverwaltung
mit sich bringt, nicht gegenüber; der größte Teil des Gewinnes fällt den Besitzern günstig gelegener Strande oder den
Bernsteinhändlern zu. Die vier StellenSchwarzort, Brüsterort, Sassau und Warnicken liefern eine Pachtsumme
von 260,000 Mk.
Vgl. Hartmann, Succini prussici historia (Frankf. 1677);