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Am 9. November dieses Jahres wird Marco Bellocchio 70 Jahre alt. Als die Heldin seines aktuellen Films, Ida Dalser, am 11. Dezember 1937 im Irrenhaus starb, war er also noch nicht mal geboren. Und als der Mann, der die Frau um den Verstand, ihr Glück und schliesslich ihr Leben gebracht hatte, am 28. April 1945 von Partisanen erschossen wurde, war Marco Bellocchio auch erst knapp 5 Jahre alt. Aber der Furor, den Bellocchio Benito Mussolini, dem Duce, angedeihen lässt, ist inspiriert und massiv.
Ida Dalser ist die Frau, die dem jungen Mussolini auf den ersten Blick verfällt, ihr Vermögen in seine junge faschistische Zeitung steckt, sich von ihm heiraten lässt und seinen Sohn gebiert. Nur um gegen Ende des ersten Weltkrieges herauszufinden, dass Mussolini schon eine Frau und eine Familie hat. Den Rest ihres kurzen Lebens verbringt sie damit, um ihre und die Rechte ihres Sohnes zu kämpfen. Vom Duce wird sie dafür verleugnet, kaltgestellt, ins Irrenhaus abgeschoben. Das alles dient Bellocchio vor allem dazu, eine Duce-Collage zusammenzustellen, die sich einerseits an den eigenwilligen Diktatoren-Porträts von Alexander Skitour orientiert, andererseits aber auch sehr von Polo Sorrentinos Il divo inspiriert zu sein scheint. Vincere heisst der Film, „siegen“, und das ist einer Rede Mussolinis entnommen, die am Ende des Films gleich doppelt gehalten wird: Einmal in einer historischen Aufnahme vom Duce selbst, und einmal von seinem nicht anerkannten Sohn in einer grausamen Parodie des grausamen Originals.
Vincere ist ein echter Bellocchio, ein kunstfertiger, manchmal ziemlich effizienter Film mit einem klaren Anspruch und klassischer Unterfütterung. Vom historischen Wissen des Altmeisters profitiert der Film eben so sehr wie von seinem Kunstsinn; die Rekonstruktion der faschistischen Ästhetik kulminiert am dichtesten in einer Sequenz, die eine Ausstellungseröffnung der Futuristen zeigt, welche Mussolini martialisch mitschnarrend besucht. Vieles im Film bleibt allerdings Behauptung, die wunderschöne Giovanna Mezzogiorno als Ida kommt nie ganz auf den Boden, und Filippo Timi, der sowohl den jungen Mussolini wie auch später seinen nicht anerkannten Sohn spielt (und sich in dieser zweiten Reinkarnation auch noch als Parodist des Originals betätigt) flüchtet sich ein wenig zu oft ins Augenrollen und Stirnfalten legen, um völlig zu überzeugen. Vincere ist Italiens Beitrag zum Wettbewerb, und Bellocchio rettet die Ehre seines einst grossen Filmlandes hier nicht zum ersten Mal. Aber nach Paolo Sorrentino und Matteo Garrone im letzten Jahr ist dieser Film doch eher wieder ein Rückfall für Italien. Allerdings ein sehenswerter, allen Schwächen zum Trotz. Oder, wie Kollege Thomas Allenbach heute treffend bemerkte: Man jammert beim diesjährigen Wettbewerb auf hohem Niveau.