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Die Finanzmarktkrise dauert schon bald zwei Jahre. Welches sind die Auswirkungen auf die griechische Wirtschaft?
Kostas Karamanlis: Der direkte Einfluss auf Griechenland war geringer als in anderen Ländern, weil unsere Banken über keine sogenannte «toxic assets» verfügten. Trotzdem war die Krise im europäischen Interbankmarkt auch für die einheimischen Geldinstitute spürbar, vor allem wegen des drastischen Anstiegs der Zinssätze. Dieser äussere Druck zeigte bis anhin in der realen Wirtschaft eine limitierte Wirkung, vor allem dank den von dieser Regierung seit 2004 eingeleiteten strukturellen Reformen. Das Wachstum hat sich abgeschwächt, aber es bleibt im Vergleich zu den anderen Mitgliedern der Eurozone auf einem höheren Niveau. Auch die Arbeitslosigkeit war bis im letzten Sommer rückläufig. Die Verschärfung der Finanzkrise im vergangenen Herbst hat den Druck auf das Bankensystem nochmals intensiviert. Ein eigentlicher «freeze» bei den Interbankausleihungen sorgte für eine massive Liquiditätsverknappung.
Die EU hat ihre Wachstumsprognosen für 2009 markant gesenkt. Gerät Griechenland in eine Rezession?
Karamanlis: Für Griechenland wird das Wachstum des Bruttoinlandproduktes im laufenden Jahr noch immer auf 2,5% geschätzt. Das ist deutlich mehr als die 0,2% innerhalb der EU und lediglich 0,1% in der Eurozone, mit verschiedenen Ländern im Negativbereich.
Bereitet die Regierung Ankurbelungsprogramme vor, um die Wirtschaft in dieser rückläufigen Wachstumsphase zu stimulieren?
Karamanlis: Damit wir den drohenden «Credit squeeze» in der griechischen Wirtschaft verhindert können, hat die Regierung einen Liquiditätsplan über 28 Mrd Euro vorbereitet, der von der EU-Kommission genehmigt und vom Parlament verabschiedet wurde. Mit dieser Massnahme eröffnen sich drei Varianten zur Liquiditätsversorgung der Kreditinstitutionen. Zunächst über eine Stärkung des Eigenkapitals durch einen staatlichen Einschuss von 5 Mrd Euro und entsprechender Übernahme von Aktien. Zweitens stellt der Staat eine Garantie für Kredite der griechischen Banken im Umfang von 15 Mrd Euro. Drittens gibt die Regierung Obligationen bis zu 8 Mrd Euro aus, um die Liquidität der Banken zu erhöhen.
Welches Ziel wird mit diesem Staatsfonds für Kreditgarantien verfolgt?
Karamanlis: Damit wollen wir sicherstellen, dass die Banken über die nötigen Mittel verfügen, um den Unternehmen und privaten Haushalten Kredite zu tiefen Zinssätzen zur Verfügung zu stellen. Unter den jetzigen Verhältnissen ist es für die Banken schwierig, die nötige Liquidität und das Kapital am Interbankmarkt zu beschaffen. Mit dieser Massnahme sollte es möglich sein, im laufenden Jahr in Verbindung mit dem gesamten Stützungspaket für eine 10%ige Kreditexpansion zu sorgen.
Wie hoch schätzen Sie die Gefahr eines «Credit crunch» ein und welche Auswirkungen hätte eine solche Kreditverknappung auf die griechische Wirtschaft?
Karamanlis: Mit dem eingeleiteten Stabilisierungsprogramm sind wir zuversichtlich, dass sich ein «Credit crunch» vermeiden lässt, der negative Auswirkungen auf die Geschäftstätigkeit hätte. Wenn sich die Unternehmen nicht ausreichend mit Krediten versorgen können, würde dies das Wachstumspotenzial erheblich einschränken.
Sind noch weitere Massnahmen vorgesehen?
Karamanlis: Ja, nebst dieser Zuführung von Liquidität wollen wir auch die Realwirtschaft unterstützen. Dazu gehören Wachstumsanreize und gezielte Unterstützungsmassnahmen für die ärmeren Bevölkerungsschichten. In diesem Rahmen wurde ein Programm für staatliche Kreditgarantien zugunsten von Klein- und Kleinstunternehmen bereits vorgestellt. Gleichzeitig treiben wir Entwicklungsinitiativen gemäss dem National Strategic Reference Framework 2007-2013 voran. Dazu kommt die Durchsetzung des Investitionsgesetzes, das starke Anreize für private Investitionen bietet. Ergänzt wird dies durch zusätzliche öffentliche Arbeiten und Public-Private-Partnership-Projekte. Mit dem Budget 2009 wird die Wirtschaft unterstützt, allerdings unter den Restriktionen des Stability and Growth Pact und der von früher geerbten Schuldenlast.
Der griechische Tourismus ist abhängig von der weltwirtschaftlichen Entwicklung, speziell jener in Europa. Was bedeutet das abgekühlte Wirtschaftsklima für die kommende Sommersaison?
Karamanlis: Es gibt Gefahrenmomente für die Tourismusperiode 2009, weil unsere Aktivitäten durch den konjunkturellen Gang in den anderen europäischen Ländern wesentlich beeinflusst werden. Einige dieser Nationen sind bereits in eine Rezession geschlittert. Aus diesem Grund haben wir ein Massnahmenpaket zur Förderung der Tourismusbranche verabschiedet, um im internationalen Wettbewerb noch konkurrenzfähiger zu sein.
Mit den zusätzlichen Ländern in der EU wird das verfügbare Geld für Griechenland knapper. Wann sehen Sie einen unmittelbaren Einfluss auf die Finanzierung der Wirtschaft voraus?
Karamanlis: Die EU-Erweiterung wird den Zufluss von Strukturgeldern vermindern. Das volle Ausmass wird aber erst nach 2013 spürbar sein. In der laufenden Finanzierungsphase 2007-2013 konnte sich Griechenland noch respektable finanzielle Mittel aus dem EU-Fonds sichern. Vorgesehen sind insgesamt über 24 Mrd Euro, die der griechischen Wirtschaft zugute kommen. Wenn alle diese Gelder beansprucht werden, sollte unser Land näher an den EU-Durchschnitt heranrücken, und damit nicht mehr im gleichen Umfang auf Fondsmittel angewiesen sein.
Wie gestalten sich die bilateralen Beziehungen zwischen Griechenland und der Schweiz?
Karamanlis: Die gegenseitigen Beziehungen sind sehr gut. Es gibt ein ständig wachsendes Potenzial an Kooperationen und Verständigungen. Die Schweiz ist ebenfalls ein Efta-Mitglied und damit ein enger EU-Partner, womit sich eine weitere Verbindung mit Griechenland ergibt. Natürlich gibt es Raum für weitere Entwicklungsschritte im politischen und wirtschaftlichen Bereich, speziell im Handel, bei den Investitionen und im Tourismus.
Auffallend ist das grosse Handelsbilanzdefizit.
Karamanlis: Ja, wir glauben, dass sich dies verbessern liesse, wenn man die hohe Qualität unserer mediterranen Landwirtschaftsprodukte in Betracht zieht, die auch auf dem Schweizer Markt einen starken Anklang finden. Bei den Direktinvestitionen sind Schweizer Firmen in Griechenland bereits sehr stark vertreten. Da würde es sich lohnen, noch mehr in Richtung einer Ausweitung der Partnerschaft zwischen den beiden Län- dern zu arbeiten, speziell auch unter dem Aspekt der strategischen Position, die Griechenland in Südosteuropa einnimmt.
Wie sind die Kontakte in anderen Bereichen?
Karamanlis: Als Tourismusnation können wir bereits auf einen regen Zustrom an Schweizer Touristen zählen. Unser Tourismusmarkt bietet zusätzliche Opportunitäten für eine Zusammenarbeit. Auch die kulturellen Beziehungen dürfen nicht unterschätzt werden. In der Schweiz besteht eine lange Tradition, und es gibt ein grosses Interesse für klassische griechische Studien, ebenso wie in den modernen Sprachen und der Literatur. Der Kulturaustausch kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass 11000 Griechen in der Schweiz leben.
Welche Rolle spielt Griechenland derzeit im südosteuropäischen Raum und in der Zukunft?
Karamanlis: Als ältestes Mitglied der EU und der Nato in Südosteuropa versuchen wir seit zwei Jahrzehnten für politische Stabilität in dieser Region zu sorgen. Damit verbunden sind hohe Investments von griechischen Unternehmen in diesen benachbarten Ländern. Insgesamt tragen wir zur Stärkung von regionalen Kooperationen bei und bringen diese etwa mit unserer Thessaloniki-Agenda weiter. Dies soll das wirtschaftliche Wachstum in der Region ankurbeln zugunsten des gesamten europäischen Kontinents.