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Transkription oder Original? Diese und andere Fragen des Blasmusikrepertoires an den Eidgenössischen Musikfesten der Jahre 1864 bis 1948 untersuchte Silvio Badolato mit seiner Masterarbeit anhand der Kampfberichte der Eidgenössischen Musikfeste. Ein Einblick in seine Arbeit und die Ergebnisse.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gab es in der Schweiz rund 50 Militärmusikkorps und 40 zivile Blasmusikgesellschaften. Die wichtigste Gattung ihres Repertoires war der Marsch, doch auch Walzer waren in Stimmheften oft zu finden.
Die Anfänge
Nach dem Vorbild grösserer Militärmusiken erweiterte sich das Repertoire um 1850 und es wurden Ouvertüren und Auszüge aus bekannten und beliebten Opern vor allem italienischer Komponisten ins Repertoire aufgenommen. Daneben gab es auch originale Blasmusikstücke, welche Herbert Frei, ehemaliger Präsident der Musikkommission des EMVs, jedoch als «pseudoromantische Gebrauchsmusik» charakterisierte, die kaum höheren Ansprüchen genügen konnte.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich die zivile Blasmusik rasant, und so wurde 1862 in Olten der Eidgenössische Blechmusikverein gegründet, dessen Kernaufgabe die Organisation des Eidgenössischen Musikfestes war. Die Stückwahl an den ersten elf Festen zwischen 1864 und 1897 deutet durch eine hohe Komponistenbreite darauf hin, dass die Blasmusikliteratur von einer Kanonbildung noch weit entfernt war. Beliebte Komponisten waren Giuseppe Verdi, Gioachino Rossini und Richard Wagner.
Neben deren Opernstücken bestand jedoch ein breites Repertoire an unterschiedlichen Werken und die Herausbildung der Ouvertüre als Hauptform der musikalischen Praxis an Eidgenössischen Musikfesten war erst in ihren Anfängen. Die Dirigenten waren oft selbst die Verfasser der Arrangements. Die für die Kanonisierung bedeutenden Musikverlage waren erst gerade im Aufkommen begriffen.
Vor dem ersten Weltkrieg
Dieser Prozess der Kanonisierung schritt an den fünf Musikfesten von 1900 bis 1912 voran: Es wurden deutlich mehr Stücke mehrmals aufgeführt. Mit der Einführung des Aufgabe- und Blattlesestücks gab es zudem eine Neuerung im Festreglement, die einen später bedeutenden Einfluss auf die Repertoireentwicklung hatte, denn meistens wurden für diese Stücke Kompositionsaufträge erteilt.
1912 wurde diese Aufgabe dem Deutsch-Schweizer Komponisten Peter Fassbänder übertragen, der zugleich auch ein Stück für den Gesamt-Chor beitrug. Mit seiner Biografie reiht er sich in eine lange Liste in Deutschland geborener und ausgebildeter, in der Schweiz für die Blasmusikszene mit grosser Wirkung agierender Persönlichkeiten ein. Seine «Rhapsodie» etwa kam nach 1912 bis 1948 sechs weitere Male zur Aufführung – die damit einhergehende Erweiterung und Förderung des originalen Blasmusikrepertoires war vom Verband durchaus intendiert gewesen.
Der Erfolg dieses Unterfangens sollte sich jedoch erst gegen Mitte des Jahrhunderts einstellen. Die Wettstückliste von 1912, in der die Musikkommission die Werke nach Schwierigkeitsgrad einordnete, um den Vereinen einen Anhaltspunkt zu geben, enthielt fast ausschliesslich Opern- und Schauspielouvertüren sowie einige Konzertouvertüren. Vor allem die Opernouvertüren Mozarts, Flotows und Verdis waren beliebt, dagegen wurden Opernpotpourris kaum mehr aufgeführt. Erste Vereine wählten zwar auch Originalstücke, oft aber nur mit mässigem Erfolg.
Die Musikfeste der Zwischenkriegszeit
Bei den vier Musikfesten der Zwischenkriegszeit explodierte die Zahl der teilnehmenden Vereine. Die Gattung der Ouvertüre hatte sich nun definitiv etabliert, innerhalb der Gattung kam es jedoch zu einer Verschiebung hin zu einem deutlich grösseren Anteil an Konzertouvertüren gegenüber Opernouvertüren. Der Grund dafür liegt nicht in einer geringeren Beliebtheit der Opernouvertüren, sondern in der Zunahme der gespielten Original
werke, die oft in der Form einer Konzertouvertüre geschrieben oder zumindest so genannt wurden.
Einer der bedeutendsten Komponisten dieser Werke war der ebenfalls aus Deutschland stammende Carl Friedemann, dessen Ouvertüren fast doppelt so oft gewählt wurden wie diejenigen Verdis und Mozarts. Seine Ouvertüre «Roland der Waffenschmied» wurde 14-mal von Blech- und Harmoniemusiken der mittleren und unteren Leistungsstufen gewählt.
Die Bewertung dieser Stücke durch die Kampfrichter war in musikalischer Hinsicht gemischt, die Komponisten und Verleger fanden aber in weniger starken Vereinen zahlreiche Abnehmer. Während die Vereine tieferer Stärkeklassen somit den Trend der originalen Blasmusikliteratur massgeblich trugen, spielten leistungsstarke Vereine noch deutlich länger Bearbeitungen aus dem klassischen Repertoire. Dies lag nicht nur am Mangel an anspruchsvoller Originalliteratur, sondern auch an der Furcht vor einem Prestige-Verlust, würde man unbekannte Blasmusikstücke spielen.
Doch gerade ab den 1930er-Jahren kamen durchaus auch anspruchsvollere Originalwerke auf, nicht zuletzt durch Stephan Jaeggi, der mit seiner sinfonischen Ouvertüre «Menschen von heute» – der Anspruch wird bereits in dem Gattungsnamen ersichtlich – 1931 erfolgreich debütierte.
Ausblick – Das Musikfest von 1948
Die Entwicklung hin zu originalen Blasmusikstücken setzte sich auch nach dem zweiten Weltkrieg fort. Deren Anteil stieg von 35 % in der Zwischenkriegszeit auf 49 % am Musikfest von 1948 an. Spätestens ab der Mitte der 1960er-Jahre war diese Entwicklung abgeschlossen und es wurden kaum mehr Bearbeitungen an Eidgenössischen Musikfesten aufgeführt.
Anstelle von Aufgabestücken versuchte der Blasmusikverband 1948, Komponisten mit Studienpreisspielen zu fördern, in denen die Werke bewertet wurden, um hochwertige Originalwerke und Bearbeitungen zu erlangen. Gerade in Bezug auf die ersteren konnte das Ziel noch nicht erreicht werden, viele Werke wurden von Kampfrichtern als unbefriedigend oder gar «fehl am Orte» beschrieben. Professor A.-E. Cherbuliez war schon 1948 der Ansicht, der Begriff der «sinfonischen» Blasmusik werde missbräuchlich verwendet. Dennoch waren es die Werke von Jaeggi, Gustav Holst und Ralph Vaughan Williams, die dem heute als «sinfonisch» beschriebenen Blasmusikrepertoire zum Durchbruch verhalfen.
Mehr Infos zur Methodik und Auswertung von Silvio Badolato
Im Rahmen meiner Masterarbeit am musikwissenschaftlichen Institut der Universität Zürich untersuchte ich systematisch die an Eidgenössischen Musikfesten gespielten Stücke, um so Entwicklungen im Repertoire der Schweizer Blasmusikliteratur feststellen zu können. Ein Fokus war dabei die Frage der Originalkompositionen für Blasmusik, die bereits Herbert Frei, ehemaliger Präsident der Musikkommission des Eidgenössischen Musikverbandes, in seinen Recherchen behandelt hat. Die Eidgenössischen Musikfeste eignen sich für eine solche Untersuchung besonders, da sie verhältnismässig gut dokumentiert sind. So beinhalten die Kampf- und Expertenberichte nicht nur die Namen der gespielten Stücke, sondern oft auch Kommentare der Kampfrichter in Bezug auf die Stückwahl. Gleichzeitig gilt es zu beachten, dass die Musikfeste eine Art «Hochform» der schweizerischen Blasmusikausübung darstellen, die mit grossem Prestige verknüpft ist. Sie sind daher nicht zwingend repräsentativ für andere Aufführungskontexte wie etwa normale Blasmusikkonzerte.
Aus den im Untersuchungszeitraum vom ersten Musikfest von 1864 in Solothurn bis zum 21. Musikfest von 1948 in St. Gallen ausgewerteten Berichten konnte ich eine Datenbank mit 1727 aufgeführten Stücken, davon 1160 Selbstwahlstücken, zusammenstellen. Neben den Titeln der Werke, Namen der Komponisten und Arrangeure und den Interpreten versuchte ich, jedes Werk einer bestimmten Gattung zuzuordnen. Dies offenbarte diverse Schwierigkeiten. So sind etwa viele Einträge unvollständig. Zudem liessen sich die Werke oft nicht mehr eindeutig identifizieren – eine Zuteilung zu einer Musikgattung nur nach dem Titel ist mit grossen Unsicherheiten verbunden.
Weitere Fragen dürfen gerne persönlich an <email-pii> gerichtet werden.