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Techno ist nicht das, was man erwartet auf einem Friedhof. Der Nordfriedhof von Manila ist jedoch auch das Zuhause von Tausenden von Lebenden. Ein paar Jugendliche tanzen auf einer Grabplatte. Eine Mutter wäscht ihr Kind zwischen zwei Gräbern. Ein junger Mann hat sich in eine Gruft zurückgezogen, um ein Mittagsschläfchen abzuhalten.
Eine gemischte Fünfer-WG
Die 68-jährige Tita Villarosa wischt eben das Mausoleum sauber, das ihr seit mehr als zwanzig Jahren als Zuhause dient. Es ist eng geworden in den letzten Jahren, denn Villarosa teilt ihr Zuhause mit dem 71-jährigen Rodolfo, mit David, dessen Geburtsdatum unbekannt ist, mit dem einjährigen John und einem Unbekannten. Alle haben in den letzten Jahren das Mausoleum bevölkert – und alle bis auf Villarosa sind tot.
Die ältere Dame klappt ihr Holzbett gegen eine Grabplatte, zieht ein kleines Tischchen hervor, lädt zum Tee und erzählt, wieso sie auf den Nordfriedhof gezogen ist. Ihr Mann habe als Mechaniker gearbeitet. Doch als es der Wirtschaft immer schlechter gegangen sei, habe er seine Arbeit verloren.
Wir konnten weder das Schulgeld für die Kinder noch unsere Miete bezahlen. Meine Schwester lebte bereits auf dem Nordfriedhof, und so zogen auch wir mit unseren vier Kindern hierher.
Zuflucht für die ärmsten der Armen
Villarosa gehört wie die meisten, die heute auf dem Nordfriedhof von Manila wohnen, zu jenem Viertel der Bevölkerung, das unter der Armutsgrenze lebt. Trotz der vielen Versprechen der Regierung hat sich die Armut in dem Land nicht vermindert. Auf dem Friedhof bezahlen die Menschen keine Miete, sondern verdienen ein paar Pesos mit Schreiner- oder Gärtnerarbeiten oder sie bringen Inschriften auf den Grabplatten an.
Villarosa schaut zu fünfzig Gräbern und Mausoleen, wischt sie, giesst die Blumen und bekommt dafür pro Jahr und Grab zwölf Franken – zu wenig, um zu überleben. Deshalb hängt sie von Almosen der Friedhofsbesucher ab.
Ein gefährliches Pflaster
Die Konkurrenz unter den Bewohnern sei gross. Wer nicht immer hier sei, verliere sein Grab. Und dann kämpften sie auch gegen die Friedhofsverwaltung, so Villarosa weiter. Sie dulde die Bewohner mehr schlecht als recht. Zudem sei der Friedhof ein rechtsfreier Raum. Erst vor zwei Wochen erstach ein Jugendlicher hier einen älteren Mann.
Der Nordfriedhof ist gefährlich und berühmt berüchtigt für Morde, Drogenhandel, Vergewaltigungen und Diebstahl. Die Verbrecher kommen hierher, um sich bei uns zu verstecken und ihnen folgen die Polizisten.
Der neuste Tote in Villarosas Mausoleum ist der Jugendliche im namenlosen Grab. Er wurde im Drogenkrieg von Präsident Rodrigo Duterte ermordet. Seine Familie hatte aus Angst vor Repressionen nicht einmal den Namen des Jungen auf der Grabplatte anbringen lassen.
«Geister» in der Schule
Villarosa öffnet das Mausoleum, in dem ihr Enkel und Urenkel wohnen. Das sei das Leben auf den Philippinen: Tod neben Leben, Fernseher auf Grabplatten, man müsse sich einrichten. Sie hoffe einzig, dass es ihre Enkel einmal besser haben würden und in ein richtiges Haus ziehen könnten.
Die grösseren Kinder dürfen ausserhalb des Friedhofs zur Schule gehen, doch laut Villarosa brechen sie diese oft frühzeitig ab.
Sie werden in der Schule als Geister gehänselt und ihre Mitschüler sagen: ‹Ihr trinkt Blut und esst Knochen!›
Deshalb haben Villarosa und andere Frauen in einem Mausoleum eine Krippe eingerichtet, wo sie Wochenendkurse für die Kinder anbieten, um ihr Selbstvertrauen zu stärken. Zusammenhalt und Selbsthilfe sei wichtig, betont Villarosa und führt über den Friedhof.
Die Hüterin des Friedhofsschatzes
Ein paar Schritte von ihrem Zuhause entfernt liegt das Prunkstück des Friedhofs: Das Mausoleum der Poe-Dynastie – ganz aus Marmor. Es wird in zweiter Generation von der 55-jährigen Gigi de los Santos unterhalten. Sie erklärt stolz, hier liege der berühmte Künstler und Filmstar Fernando Poe begraben, der auch Präsidentschaftskandidat gewesen sei.
Manchmal komme auch Poes Tochter Grace vorbei, die bei den letzten Wahlen für das Präsidentschaftsamt kandidiert hat. «Sie ist gut zu uns», betont de los Santos.
Ich mag es, hier zu leben. Es ist ruhig und grün, und das Beste: Wir stecken nicht im Stau fest.