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Bundesrat Moritz Leuenberger lobte den Zürcher Schriftsteller und Literaturwissenschafter Adolf Muschg einmal als "die Stimme der denkenden Minderheit". Und in Deutschland gilt Muschg als weltoffener, kritischer Vorbild-Intellektueller.Dieser Inhalt wurde am 13. Mai 2009 - 15:03 publiziert
Einige deutsche Medien sehen ihn sogar als Nobelpreis-Anwärter. Von Zeit Online gefragt, ob er noch auf den Nobelpreis hoffe, antwortete Muschg vieldeutig: "Wer auf den wartet, verdirbt sich nur die Zeit".
Orakel wie diese sind sonst gar nicht Muschgs Ding. Im Gegenteil äussert er sich stets dezidiert und oft mit markigen Worten zu gesellschaftlichen und politischen Fragen. Vor den Wahlen 2007 bemängelte er beispielsweise den "hoffentlich einzigartigen Tiefstand politischer Kultur".
Muschg sei ein "Füllhorn der Zuständigkeiten", sagte Bundesrat Leuenberger in der bereits zitierten Rede zu Muschgs 70. Geburtstag vor fünf Jahren: Der Autor war unter anderem Mitbegründer der "Gruppe Olten", kandidierte Mitte der Siebziger für den Ständerat und arbeitete an der Totalrevision der Bundesverfassung mit.
Mehrfach ausgezeichnet
Muschg veröffentlichte Romane, Erzählungen, Biografien, Essays, Hörspiele, Drehbücher und Theaterstücke. Er erhielt nahezu alle bedeutenden deutschsprachigen Literaturpreise, darunter 1994 den wichtigsten, den Georg-Büchner-Preis.
Schon sein literarisches Debüt "Im Sommer des Hasen" (1965) fiel durch kompositorische und stilistische Artistik auf. Meist aber wirken in seinen bisher über 30 Werken akademische, politische und literarische Erfahrungen und Anliegen zusammen.
So etwa 1974 im Roman "Albissers Grund", in dem ein Gymnasiallehrer, wie Muschg selber einer war, seinen Psychiater erschiesst, was dem Autor Gelegenheit gibt, zwei 68er-Biografien aufzurollen. Auch in seinem Opus Magnum "Der rote Ritter" (1993), in dem er die Geschichte vom Gralsucher Parzival neu erzählt, findet seine Dreifachbegabung auf brillante Weise zur Einheit.
Irritationen und Fluchten
In letzter Zeit irritierte Muschg die Öffentlichkeit öfter einmal mit persönlichen Protestaktionen. So stieg er letztes Jahr als Finalist für den Schweizer Buchpreis erst am Vortag der Verleihung aus dem Wettbewerb aus. Böse Zungen warfen ihm nachher vor, er habe nur vorsorglich der Demütigung einer Niederlage entgehen wollen.
Zwei weitere "Fluchten" machten Schlagzeilen: Im Dezember 2005 gab er sein Amt als Präsident der Berliner Akademie der Künste wegen "unüberbrückbaren Differenzen mit dem Senat der Akademie" ab. Er sah seine Forderung, Künstler sollten sich politisch stärker einmischen, von der Akademie nicht hinreichend mitgetragen.
Im Februar 2009 schliesslich erklärte Muschg nach 35 Jahren das Ende seiner Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag und seinen Wechsel zum Verlag C. H. Beck. Als Stiftungsrat warf er der Suhrkamp-Verlegerin Ulla Unseld-Berkéwicz Eigenmächtigkeit vor.
Dass er seine privilegierten Stellungen als Suhrkamp-Autor und Akademie-Präsident scheinbar schmerzlos aufgab, erklärt sich möglicherweise mit dem Alter: "Das Schöne am Älterwerden ist, dass man nichts mehr werden muss", wie er es kürzlich formulierte.
Irene Widmer, sda/swissinfo.ch
Adolf Muschg
Er wurde am 13. Mai 1934 in Zollikon, Zürich, geboren.
Er studierte Germanistik, Anglistik und Psychologie.
Nach der Dissertation arbeitete er drei Jahre als Lehrer.
Später lehrte er an Universitäten in Tokio, Göttingen, Ithaca (New York) und Genf.
1970 bis 1999 war er ausserordentlicher Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der ETH Zürich.
Von Mai 2003 bis Ende 2005 war er Präsident der Akademie der Künste in Berlin.
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