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Das Amazonasbecken präsentiert das grösste zusammenhängende Regenwaldgebiet unseres Planeten – sechs Millionen Quadratkilometer – von denen 60% auf Brasilien entfallen. Er ist die Heimat von 20% aller Pflanzen- und Vogelarten der Erde – zirka 10% aller Säugetierarten – einer unschätzbaren Zahl von Insekten und vielleicht 2.000 Arten von Fischen, welche die rund 1.000 Nebenflüsse des Amazonas bevölkern. Wenn der grosse Strom während der Regenzeit den Wald in seinen oberen Etagen für kurze Zeit unter Wasser setzt, schafft er damit ein einzigartiges Habitat, die so genannte “Várzea” – die tiefer gelegenen Waldareale bleiben sogar zwischen vier bis sieben Monaten unter Wasser, diese Areale nennt man “Igapó”, gefluteten Wald.
Regenwald und Amazonas-Strom
Die Nebenflüsse des Amazonas werden in Schwarz- und Weisswasserflüsse unterteilt. Erstere sind von dunkler Färbung durch den stark säurehaltigen Waldoden und dessen dekompostierende Materie – sie enthalten nur wenige gelöste Stoffe. Die Weisswasser dagegen, haben ihre lehmig-gelbe Färbung von den gelösten Erdpartikeln, welche sie aus dem Andengebiet mit sich schleppen. Jede Flussart hat ihre charakteristischen Fisch-Spezies. Innerhalb eines 30-Kilometer-Radius um Manaus findet man nach Schätzungen zirka 700 verschiedene Arten von Fischen. Deren grösster Vertreter ist der “Pirarocu” – er wird bis zu drei Metern lang und kann über 150 kg wiegen. Er schnappt nach Luft an der Wasseroberfläche und wird von eingeborenen Fischern mit einer Harpune erlegt. Der “Pacu” – man nennt ihn auch “Silberdollar-Fisch” – ernährt sich im gefluteten Regenwald von den von Bäumen herunter fallenden Früchten. Die fressgierige “Piranha” ernährt sich normalerweise von anderen Fischen, kann aber auch für grössere Tiere eine Bedrohung darstellen, deren Fleisch sie in Sekundenschnelle von den Knochen schält. Dieser Räuber beschützt andererseits das Ökosystem, indem er kranke und sterbende Tiere beseitigt. Ein grösseres Risiko geht von den elektrischen Aalen und Stachelrochen aus, die sich gerne in trüben Gewässern aufhalten. Man hat einen elektrischen Schlag von 650 Volt an solch einem gefangenen “Zitteraal” gemessen – seine elektrischen Felder nutzt er zum orten und töten seiner Beute. Der Rochen injiziert kein Gift, aber sein 10cm langer Stachel zerreisst das Fleisch und der ihn bedeckende Schleim wirkt wie eine Giftinjektion – äusserst schmerzhaft.
Die “Varzea” ist ein äusserst produktiver, periodisch überschwemmter Regenwaldteil, der sich entlang der Ufer von Weisswasserflüssen erstreckt. Er ist reich an Nährstoffen aller Art, welche von den Flüssen in den Bergen ausgewaschen und in gelöster Form bis in die Ebenen getragen werden. Einer der häufigsten Bäume in der “Várzea” ist der Gummi- oder Latex-Baum. Die brasilianische Latex-Industrie brach im 19. Jahrhundert zusammen, nachdem ein Engländer heimlich Samen des wertvollen Baumes nach Asien geschmuggelt hatte, wo man aus ihnen riesige Gummibaum-Plantagen entwickelte.
Im Gegensatz zu den “Várzeas” sind die “Igapós” charakteristische Überschwemmungsgebiete der Schwarzwasserflüsse – mit viel weniger Nährstoffen führen sie zu weissen Flussstränden, welche den Wald einrahmen. Obwohl diese Terrains bis zu sieben Monate lang unter Wasser stehen können, dessen Tiefe bis zu 15 Metern erreichen kann, beherrschen verschiedene Palmenarten dieses sumpfige Terrain und der massive Kapokbaum ist ebenfalls typisch. Während der Regenzeit werden diese gefluteten Waldabschnitte von Schildkröten und kleineren Fischen bewohnt – sowie den Tieren, die sich von diesem Bestand ernähren.
Überschwemmte Savannen findet man häufig innerhalb der träge fliessenden Ausläufer der “Várzea”. Die weitläufigen Teppiche von schwimmenden Wasserlilien, Wasserlinsen und Wasserhyazinthen sind der Lebensraum des “Peixe-Boi” (englisch: Manatee) – ein grosser aquatisch lebender Pflanzenfresser, der durch Lungen atmet – ein Süsswasser-Verwandter der Seekuh, die in der Karibik zuhause ist. Grosse Zahlen von Kaimanen bevölkern die Seen, welche sich von dem reichhaltigen Fischangebot ernähren.
Die Flussläufe sind oft die besten Plätze zur Beobachtung der Tierwelt. Kaimane und Schildkröten entdeckt man häufig auf den Sandbänken, wo sie sich in der Sonne aalen. Neotropische Kormorane, Rosarote Löffler und Jabiru-Störche kann man beim Fischen im flachen Wasser beobachten.
Im relativ konstanten warmen Klima haben sich Fauna und Flora im Lauf der Jahrtausende zu einer erstaunlichen Vielfalt entwickelt. Man schätzt, dass etwa vier Quadratkilometer Regenwald zirka 1.200 vaskuläre Pflanzen, 600 Baumarten und 120 holzhaltige Pflanzenspezies beherbergen können. Hier auf diesem relativ flachen Boden, bis in eine durchschnittliche Höhe von 45 Metern, befindet sich die Energiestation des Regenwaldes. Ein Lebensraum, der von Kriech- und Kletterpflanzen durchzogen ist, in denen Woll-, Kapuziner- und Spinnenaffen Jagd auf Insekten und kleine Kriechtiere machen. Grüne Gelb- und Blaustirnamazonen und die grossen, herrlich bunt gefärbten Aras machen einen Riesenspektakel auf ihren Futterbäumen – ab und an trifft der stille Beobachter auch auf den Riesentukan, dessen gelb-orange gefärbter Schnabel länger ist als sein ganzer Körper.
Der Amazonas-Regenwald ist ein Superlativ der Natur, der zweifellos alles andere in den Schatten stellt, was ein Naturliebhaber bisher während seiner Entdeckungen auf unserem Planeten kennengelernt hat. Dass ihn einige Schreiberlinge dermaleinst als “Grüne Hölle” bezeichneten, beweist nur, wie ohnmächtig und unwissend der Mensch einem solch unbegreiflichen Wunder der Schöpfung gegenüberstand. Dass es immer noch Menschen gibt, die riesige Regenwaldflächen abbrennen, um damit Grasland für ihr Vieh zu gewinnen, beweist, dass in den Gehirnen dieser Ignoranten die Idee der “Grünen Hölle” immer noch weiterlebt. Den Regenwald als ein “Grünes Paradies” zu erkennen, welches nicht nur als wertvolles Sauerstoff-Reservoir für die gesamte Menschheit von grosser Bedeutung ist, sondern auch als schier unerschöpfliche Fundgrube der Natur für eine unschätzbare Vielfalt von Heilpflanzen und –extrakten, das scheint leider nur wenigen Wissenschaftlern und einigen wenigen weitsichtigeren Zeitgenossen in unserem Land klar zu sein.