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Mein erster Kontakt mit Philosophie an der pädagogischen Maturitätsschule in Kreuzlingen war, als eines Tages ein Philosophie-Lehrer in den Unterricht kam und uns das Fach vorstellte. Neben den obligatorischen Fächern wie Mathematik und Biologie gab es Fächer, die man auswählen konnte, und das Fach Philosophie war eines davon. Es war Teil des Schwerpunkts “PPP”, kurz für Philosophie, Pädagogik und Psychologie.
Der Lehrer erzählte uns vom Höhlengleichnis, welches der antike Philosoph Platon aufgestellt hat: In einer Höhle leben Gefangene, die so angekettet sind, dass sie nur nach vorne auf eine Höhlenwand schauen können. Sie können nicht sehen, was sich hinter ihnen befindet, sie können sich nicht mal selber oder die anderen Gefangenen sehen. Das einzige, was sie sehen können, ist die Höhlenwand. Hinter den Gefangenen brennt ein Feuer, welches die Höhle erleuchtet. Vor diesem Feuer laufen Menschen durch, die Gegenstände in die Höhe halten, die wiederum Schatten auf die Höhlenwand werfen. Da die Gefangenen nichts anderes kennen, stellen die Schatten auf der Wand ihre gesamte Wirklichkeit dar. Sie versuchen die Schatten zu deuten, versuchen Regelmässigkeiten zu erkennen und loben andere Gefangene, wenn sie mit ihren Vorhersagen richtig liegen.
Was nun, wenn ein Gefangener losgebunden wird und der sich umdrehen würde? Er würde wahrscheinlich sehr verwirrt sein, würde das, was er sieht, als weniger real als die Schatten an der Höhlenwand ansehen und sich wieder umdrehen. Was, wenn man den Gefangenen aus der Höhle schleppen würde? Er würde nach und nach sich an der neuen Welt gewöhnen und irgendwann begreifen, dass es das Licht und die Gegenstände sind, welche die Schatten erzeugen und dass die Schatten nur Abbildungen sind. Wenn diese Person nun zu den Gefangenen zurückkehren und versuchen würde, den anderen Gefangenen zu erklären, was vor sich geht, dann würde ihm niemand glauben und alle würden ihn als verrückt bezeichnen.
Was mir an diesem Höhlengleichnis sehr gefallen hat, ist, dass es unbequeme Fragen aufwirft: Woher wissen wir, dass wir nicht verarscht werden? Und wie können wir uns sicher sein, ob die Dinge so sind, wie sie uns zunächst erscheinen? Und weil mir das Gleichnis gefallen hat, habe ich auch PPP als Schwerpunkt ausgewählt.
Das Fach Philosophie war anders als die anderen Fächer. Während man in den anderen Fächern viel lernen und viele Aufgaben lösen musste, musste man in der Philosophie mehr überlegen, was und worüber man schreiben soll. Man musste viel mehr argumentieren und selber auf Ideen kommen. Ich kann mich noch gut erinnern, wie wir im Unterricht über das Thema Verdinglichung geredet haben: Wir haben einen Ausschnitt von einem Text von Georg Lukács gelesen, in welchem das Beispiel erwähnt wurde, dass sogar so etwas wie Luft zu einer Ware werden kann, wenn Kurhäuser in den Alpen damit werben. Einzelheiten beiseite gelassen, es war eine erstaunlich fruchtbare und spannende Diskussion unter Schülern, die ich sonst selten in der Schule erlebt habe. Im Nachhinein denke ich, dass, gerade weil Philosophie versucht, Begriffe zu klären und Verwirrungen aus dem Weg zu räumen, es zuerst zu einer solchen tollen Diskussion kommen konnte.
Wir haben uns stellenweise auch mit antiken Philosophen versucht. So versuchten wir Sinn aus dem Zitat von Heraklit zu machen: “Niemand kann zweimal in denselben Fluss steigen, denn alles fließt und nichts bleibt.” Allerdings, so meine Erinnerung, hatten wir alle Mühe, einen Reim daraus zu machen und wir gingen mehr verwirrt als interessiert aus dem Klassenraum.
Mein Höhepunkt des Philosophie-Unterrichts war das Ende: Wir konnten selber ein philosophisches Thema aus einer Liste auswählen, ein Buch zu diesem Thema lesen und dann eine Prüfung dazu machen. Diese Freiheit und Gelegenheit, sich in einem Thema vertiefen zu können, hat mich begeistert und ich habe mich in das Werk “Kritik der zynischen Vernunft” von Peter Sloterdijk gestürzt.