Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03654.jsonl.gz/493

Baugewerbliche Berufsschule Zürich (BBZ), Abteilung Montage und Ausbau, früher Nachmittag. Auf dem Stundenplan steht das Trainingsprogramm «Techniken des Leseverstehens», Abschnitt 1: «Sich orientieren».
Jugendliche blättern im «Tages-Anzeiger», Kollegen beobachten sie dabei und machen sich mit der Uhr in der Hand Notizen: Wo beginnt der Blätternde zu lesen? Wo bleibt er hängen? Was überspringt er? Auf welcher Seite ist er nach einer Minute, nach zwei, nach fünf? Anschliessend werden die Beobachtungen diskutiert. Die Lehrerin fragt nach, hält eine Zeitungsbeilage hoch, was das sei. Einer liest: «Alpha. Der Kadermarkt der Schweiz.» – «Was heisst Kadermarkt?», fragt die Lehrerin. «Ke Aanig», sagt der Schüler spontan. Dann: «Doch, ich weiss. Das ist für die Arbeitslosen.» – «Genau», sagt die Lehrerin, «das ist der Stellenanzeiger.»
Ratlos in der Hochsprunganlage
Mehr als fünfzig Prozent der Jugendlichen, die heute in die BBZ eintreten, erreichen beim so genannten «Leseverstehen» das Niveau B1 nicht. B1 ist das dritte von sechs Niveaus, das die Sprachkompetenzen in den Bereichen Leseverstehen, Schreiben, Hörverstehen, sowie dialogisches und monologisches Sprechen umschreibt. Im Bereich des Leseverstehens bedeutet B1, dass jemand Texte in Alltag und Beruf – längere private Briefe oder einfache Sachtexte und Aufgabenstellungen – verstehen kann. Das Niveau B1 ist Voraussetzung, um dem Unterricht an Berufsschulen folgen zu können.
Das Problem des rudimentären Leseverstehens lässt sich nicht darauf reduzieren, dass wer eine Berufsschule besuche, halt zumeist in einem fremdsprachigen Elternhaus aufgewachsen sei: Über achtzig Prozent der neu Eintretenden sind in der Schweiz neun Jahre lang in die Schule gegangen. Erika Langhans, die als Lehrerin an der BBZ ein Projekt leitet, das Fördermassnahmen beim Leseverstehen und Schreiben entwickelt und erprobt: «Für die sprachliche Entwicklung ist die Bildungsnähe des Herkunftsmilieus entscheidender als die Muttersprache.» Werde in einer Schulklasse am Zürichberg Arabisch, Spanisch und Chinesisch gesprochen, sei das eine Bereicherung – das gleiche Phänomen in Schlieren, Schwamendingen oder Dietikon wird anders wahrgenommen.
Darüber hinaus kann das Problem der Lese- und Schreibschwäche nicht nur als Problem der SchülerInnen gesehen werden:
• Die Behauptung, wer viel lese, lerne gut lesen, ist eine zweifelhafte These. Langhans: «Es reicht nicht, jemanden vor eine Hochsprunganlage zu stellen und zu sagen: Jetzt üb mal brav, dann schaffst du jede Höhe.» Lesen und Schreiben sind Kulturtechniken, die gelehrt und gelernt werden müssen. Die deutsche Sprachdidaktik ist im Vergleich zu jener im angelsächsischen Raum konservativ. Noch wird orthographische Perfektion zu stark mit Sprachkompetenz gleichgesetzt. Zu kurz kommen Verständlichkeit, Kohärenz, Stringenz der Argumentation und die Gliederung von Texten. «Didaktisch wichtig sind heute vor allem Metasprachkompetenzen», sagt Langhans. «Wenn ich einmal begriffen habe, mit welchen Strategien ich Texte knacken kann, muss ich das nicht in jeder Sprache neu lernen.»
• Gerade im Fachunterricht werden heute zudem nicht selten Texte verwendet, die redigiert oder neu geschrieben – das heisst didaktisch aufbereitet – werden müssen, bevor sie verwendet werden können. «Es gibt ganze Lehrmittel», sagt Langhans, «die in einer Sprache geschrieben sind, die nicht verständlich ist.»
Das Sprachförderungsprojekt der BBZ
In der zweiten Hälfte der neunziger Jahre entwickelte die BBZ für neu eintretende Schüler und Schülerinnen pädagogische Fördermassnahmen im Bereich der Mathematik, weil auch hier schulische Lücken bestanden, die das Weiterarbeiten in Frage stellten. Analog dazu beschloss man 1999, zusammen mit der Berufsschule Mode und Gestaltung für die ebenso gravierenden sprachlichen Defizite im Bereich des Lesens und Schreibens entsprechende Trainingsprogramme zu entwickeln. Das für die fachliche Beratung beigezogene Zürcher Institut für Interkulturelle Kommunikation (IIK) riet von isolierten Massnahmen ab und empfahl, in der ganzen Schule allmählich eine neue Kultur der Sprachförderung zu schaffen. Schliesslich wurde entschieden, ein Projekt auszuarbeiten, das sich einerseits auf die zentralen Kompetenzen Leseverstehen und Schreiben beschränkte, andererseits eine nachhaltige, in den Unterricht integrierte Förderung anstrebte. Zudem sollten die Fachtexte überarbeitet und das Lehrpersonal mit neuen sprachdidaktischen Strategien vertraut gemacht werden.
Im Sommer 2001 startete das Sprachförderungsprojekt an der BBZ als eines von über 500 Projekten, die das Bundesparlament mit den 100 Millionen Franken des «Lehrstellenbeschlusses 2» (LSB2) 1999 ermöglicht hatte. Die damals formulierten Ziele sind unterdessen erreicht worden: Es gibt heute im Bereich Leseverstehen ein Testverfahren für alle neu eintretenden SchülerInnen und aufbauend auf dem Europäischen Sprachenportfolio adaptierte Checklisten für Berufsschulen, mit denen die sprachlichen Leistungen differenziert beurteilt werden können. Es gibt ein Förderungscurrikulum und eine didaktische Weiterbildung für Lehrkräfte. Auch das Ziel, das erarbeitete Know-how «an mindestens drei weitere Berufsschulen» weiterzugeben, ist erreicht: Unterdessen arbeitet man mit dem Material auch in Bülach, in Wetzikon und an der Berufsschule für Gestaltung Zürich. Eine Wegleitung und ein Trainingsprogramm wurden publiziert – weitere Publikationen, unter anderem ein Didaktikbuch zum Projekt, sollen noch dieses Jahr folgen. Geplant ist zudem, die Unterrichtsmaterialien auf dem Schweizerischen Bildungsserver educanet.ch zugänglich zu machen. Das Interesse für den Informationsaustausch in der ganzen Deutschschweiz besteht: Auch an anderen Berufsschulen sind in den letzten Jahren Projekte mit der gleichen Stossrichtung angelaufen.
Das LSB2-Projekt wurde im Sommer 2004 abgeschlossen und von einem dreijährigen Nachfolgeprojekt abgelöst, das von der Zürcher Erziehungsdirektion unterstützt wird: Im Zentrum steht nun die Implementierung der Förderung von Leseverstehen und die gezielte Schreibförderung mit sogenannten «didaktisierten Schreibanlässen» und individuellem Schreibcoaching.
Vom Pilotprojekt zur Schulkultur
An der BBZ sind unterdessen die ersten acht Kurse abgeschlossen worden, die aus je vier Lektionen in fünf aufeinanderfolgenden Wochen bestanden. Rund neunzig Prozent der Teilnehmenden bestehen den Schlusstest «Techniken des Leseverstehens». Die Kursleiter und -leiterinnen bestätigen: Der grösste Teil der Jugendlichen arbeitet gerne und engagiert mit.
Um die Wirksamkeit der Methode wirklich evaluieren zu können, muss sie allerdings zuerst im übrigen Unterricht besser implementiert sein. Denn klar ist, dass zwanzig Lektionen zu Beginn der Berufsschule nicht reichen, die sprachlichen Leistungen so zu festigen, dass sich das an der Lehrabschlussprüfung drei Jahre später niederschlägt. Erika Langhans: «Der Erfolg ist davon abhängig, ob die Förderung, wie sie in den Kursen begonnen wird, auch in den Pflichtunterricht integriert werden kann.» Dies ist in einem kleineren Teil der Fachlehrerschaft nicht unbestritten. Sie stellt sich auf den Standpunkt, Sprachförderung sei nicht ihre Aufgabe, weil man nicht Deutsch unterrichte. Hier wird erst noch Überzeugungsarbeit geleistet werden müssen, dass jeder Unterricht auch Sprachunterricht ist.
Voraussetzung dafür, dass in jedem Fachunterricht auch die Sprachkompetenz gefördert wird, ist einerseits die systematische didaktische Aufbereitung der Fachtexte, die im Unterricht verwendet werden. Andererseits, so Langhans: «Weg von der Abfragerei zu einem handlungsorientierten Unterricht!» Geschickter als Jahreszahlen abzufragen sei es, im Sinn von ‘Setzen sie über jeden Abschnitt des Textes einen Zwischentitel’ oder ‘Fassen Sie jeden Abschnitt in einem Satz zusammen’ Aufträge zu erteilen.
Die 112. Nummer des «Tagi»
Unterdessen arbeitet die Gruppe von Jugendlichen an der BBZ an der nächsten Aufgabe: Man versucht, die Elemente der Frontseite einer Tageszeitung zu bestimmen. Was die Nummer der Zeitung ist, ist einfach abzulesen: «Nummer 112, steht da.» – «Und was bedeutet das?» – «Das ist 112te Zeitung, die an diesem Tag gedruckt worden ist.» – «Nein, das bedeutets nicht.» – «Ja was denn?», fragt der Schüler irritiert. «Ja», sagt die Lehrerin, «was denn?»
Am Schluss dieser Lektion, die der Orientierung in der Zeitung gewidmet ist, werden die Jugendlichen die ersten zwei der «12 Regeln zum Knacken von Texten» kennen. Sie lauten: «1. Ich verwende Inhaltsverzeichnisse und Stichwortregister. 2. Ich achte auf Hervorhebungen, Bilder und Grafiken. Bei einer Zeitung achte ich auf den Bund und das Ressort.»
In der WOZ erschien der Beitrag unter dem Titel «Knack mal diesen Text!»
[Kasten]
Illettrismus
Die NZZ vom 11.5.2005 spricht von einem «beunruhigenden Befund» und fordert Massnahmen in Sozial-, Kultur-, Bildungs- und Familienpolitik: Die internationale Studie zu den Grundfertigkeiten Erwachsener (Adult Literacy and Lifeskills, ALL), die letzte Woche veröffentlicht worden ist, belegt, dass in der Schweiz rund 16 Prozent der Erwachsenen nicht über ein Mindestmass an Grundkompetenzen verfügt, um am gesellschaftlichen und politischen Leben teilzunehmen. Von den 16- bis 25-Jährigen 9 Prozent, von den 26- bis 45-Jährigen 12 Prozent und von den 45- bis 65-Jährigen 21 Prozent verfügen nur über ein rudimentäres Textverständnis und können weder Zeitungen noch Packungsbeilagen von Medikamenten noch Abstimmungsunterlagen lesen.
Dass das «funktionale Analphabetentum», das heute «Illettrismus» genannt wird, ein Thema ist, belegt auch die Tagung, zu der das Bundesamt für Kultur für den 1. Juni ins Kultur- und Kongresshaus Aarau einlädt. Allerdings: Unter «Lettristen» über das Problem des Illettrismus zu reden ist das eine. Das andere ist, Illettristen und Illettristinnen den Zugang zur Kulturtechnik des Lesens und Schreibens zu vermitteln.