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Die Bettini-Brüder: Eine Gang. Aber 20, 30 Jahre später ("Was ist Zeit?") ist der eine, Sandro, scheinbar auf der Erfolgsstraße. Der andere, Mike, der Loser. Doch was so aussieht wie eine ausgemachte Sache, erfährt eine radikale Wendung: Sandro, der erfolgreiche Immobilienanwalt, liegt nach einem Schlaganfall im Koma. Mike kommt von seinem siebzehnjährigen Roadtrip zurück und wittert seine Chance. Bei Penelope. "Streunerjahre sind Herrenjahre", aber jetzt wird's ernst.
Die beiden Kinder von seiner Schwägerin Gloria und seinem Bruder Sandro auf seine Seite zu bringen, ist ihm ein leichtes. Niki (14) und Stefanie (verdächtige 17) lassen sich von dem neuen Mitbewohner, ihrem Onkel, in ihrem Haus gerne ablenken. Zu fad war ihnen das Leben mit ihren spießigen Eltern. Aber Mike will eigentlich über die Kinder zur Mutter, denn mit Gloria hatte er ein kleines Intermezzo, noch bevor sie Sandro heiratete: vor 17 (!) Jahren. Bei Odysseus waren es 20, aber als literarisches Vorbild war Homer noch keinem zu schade. Liebt sie ihn immer noch? Liebt er sie immer noch? Oder will er einfach nur einen Sieg über seinen im Koma liegenden Bruder erringen? Alte brüderliche Konkurrenz resp. "konstruktive Rivalität", wie man so sagt. Schließlich hatte Sandro ihm doch damals die Gloria ausgespannt. Oder hatte Mike sich lieber vertschüsst, weil er Angst vor Verantwortung hatte? Ostrowski schreibt sich in seinem Debüt selbst in Rausch und Rage hinein, betitelt seine Kapitel in lässigem Denglisch oder Ausdrücken aus der Populärkultur sowie dem Wienerischen Charme und Schmäh. Die Sprüche, die sein Mike klopft, sind so gut, man müsste sie sich alle raussschreiben, aber dann müssten sie einem auch noch im richtigen Moment einfallen. Ostrowski entfaltet in seinem "Buch zum Film" (der gleichnamige Film lief im Frühjahr 2022 im Kino) seinen Protagonisten in epischer Breite zum "King of Mau Mau", so der Autor selbst in einem Interview. In einem Buch könne man sich viel besser ausbreiten, als im Film.
Der österreichische Schauspieler, Drehbuchautor und Moderator hat einen rasanten und witzigen Roman geschrieben und lässt es ordentlich darin krachen. Noch lauter als im Film sogar. Denn es ist nicht nur ein sprachliches Vergnügen, ihm beim Zerlegen des idyllischen Kleinfamilientraums inkl. Villa zuzusehen, sondern auch eine klammheimliche Freude. In der Person von Udo, des Nachbarn der Bettinis, bekommt auch die liebe Polizei ihr Fett ab und angesichts der Inflation von Kriminalkommissaren in der derzeitigen deutschsprachigen und internationalen Literatur tut es gut, dass mal wieder ein Antiheld und vermeintlicher Loser die Oberhand gewinnt. Denn Mike, der Protagonist, ist ein klassischer Drückeberger, ein Verlierer eigentlich, der es aber doch immerhin schafft, nach seinen eigenen Gesetzen zu leben und den Immobilienhaien und Naturzerstörern ordentlich eins auswischt. Ganz anders als Udo, der Mann fürs Grobe. Als "Spieler und Streuner" schlug sich Mike bisher mit Gelegenheitsverbrechen und Kavaliersdelikten durch und ließ auch bezüglich dem weiblichen Geschlecht nichts anbrennen. Udo hingegen, der Antagonist, ist mit Jenny verheiratet und als Polizist stets zum Dienst verpflichtet. Auch in der Freizeit spioniert er seinen Nachbarn nach und spitzt dabei auf Gloria, obwohl er nicht mal seiner Frau Jenny etwas zu bieten hat. "Wir kommen alle aus einem schwarzen Loch und gehen dorthin wieder zurück." Ein bißchen "Mike" steckt ja in jedem von uns. Oder eher der Udo?
Ganz großes Kino ist "Der Onkel" - und ich spreche jetzt von dem Buch! - für alle jene, die mit dem österreichischen Humor vertraut sind. Ein Schelmenroman. Und Ostrowski legt auch gleich den Soundtrack dazu vor. Ein skurriler Einfall jagt den nächsten. Ostrowskis Debüt steht stark in der Tradition des Strizzimilieus der Wiener Vorstadt. So legt er gleich zu Beginn die auf Betrug (im Spiel) spezialisierten Taxifahrer aufs Kreuz, sein großer Auftritt, der sich allerdings später noch rächen wird. Ostrowski lässt in seinem Text einige Songtexte einfließen, die in einem Duell zwischen Yung Hurn und Bilderbuch gipfeln. "Nichts mehr fühlen" und "Maschin" passen so gut zusammen, dass ein Dialog zwischen den Liedern entsteht. Wenn es nicht wahr wäre, müsste man es erfinden. Auch dass Strizzi aus dem Tschechischen stammt und eigentlich "Onkel" bedeutet. Aber das ist nur einer von vielen Leckerbissen in diesem Romandebüt, das mit Anke Engelke, Hilde Dalik, Simon Schwarz und Gerhard Polt (inkl. Slomo natürlich) verfilmt wurde. Die Bilder sind bombastisch, die Großbuchstaben verlocken zum Laut-Lesen und die Handlung ist packend wie ein Thriller, ein Strudel von aufregenden Ereignissen und Erlebnissen für die andere ein ganzes Leben brauchen. "Der Onkel" ist so ein Leben im Zeitraffer. Solche Momente gibt es im Leben eines jeden Menschen, wenn alles unweigerlich auf eine Eskalation zusteuert und die Kulmination dann zu einer Katharsis wird.
"Der Selbstvernichtung als Verdichtung des Daseins hält nicht jeder stand." Da muss man schon ein Mike sein. Eben. Die BluRay/DVD zum Buch erscheint am 8. Dezember bei hoanzl.