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Wieso Omikron für Kinder potenziell gefährlicher ist
Die Variante B.1.1.529 von SARS-CoV-2, Mitte November 2021 erstmals beschrieben, wurde von der WHO kurz darauf als Variant of Concern mit der Bezeichnung «Omikron» versehen. Diese neue Variante zeigt nicht nur eine rasante Verbreitung, sondern gemäss ersten Daten auch stärkere Auswirkungen v. a. auf kleine Kinder.
Für eine endgültige Analyse der Ursachen ist es – wenige Wochen nach Auftreten der Variante – noch zu früh. Die Uni Hong Kong berichtet in einer Pressemitteilung von einer Studie von M Chan Chi-wai, in der offenbar gezeigt wurde, dass sich die Omikron-Variante in Bronchialgewebe rund 70 mal schneller repliziert, als die Delta-Variante. Peacock et al. postulieren, dass Omikron eine breitere Anzahl von Zellen der oberen Atemwege infizieren kann. Falls dem so ist, könnte das für kleine Kinder katastrophal sein. Wieso?
Gewebe und die konstituierenden Zellen und Fasern wachsen sehr unterschiedlich. Es gibt Zelltypen, die im Verlauf der Entwicklung vom Neugeborenen zum Erwachsenen stark wachsen können (z. B. Muskelzellen, Neuronen), andere wachsen kaum und das Gewebe wächst primär durch Vermehrung (Teilung) der Zellen (z. B. die Schleimhäute). Die menschliche Lunge ist bei Geburt noch nicht fertig entwickelt. Wohl ist das Bronchialsystem angelegt, v. a. der Alveolarbereich wird sich aber erst in den ersten 6 Lebensjahren richtig entwickeln. Mit dem Bronchialsystem ist auch die sie auskleidende Schleimhaut bereits vorhanden (Schittny 2017).
Die Trachea eines Erwachsenen hat einen Durchmesser von knapp 20 mm, die eines Neugeborenen rund 4 mm. Die Schleimhaut ist dabei sehr ähnlich – im Normalzustand wenige µm dick. Bei einer Infektion kommt es zu einer starken Schleimhautschwellung, die Schleimhaut kann bis zu einer Dicke von 1 mm anschwellen. Beim Erwachsenen ändert sich durch die Reduktion des Durchmessers von 20 auf 18 mm nur wenig. Beim Neugeborenen sind die Folgen aber katastrophal: Der freie Durchmesser hat sich von 4 auf 2 mm halbiert. Weil der Widerstand beim Durchfluss mit der vierten Potenz des Radius zunimmt (Hagen-Poiseuille, stark vereinfacht!), steigt die Atemarbeit bei kleinen Kindern auch bei nur geringer Schwellung der Schleimhaut massiv an.
Hinzu kommt: Ist die Nasenschleimhaut stärker betroffen, führt das bei Säuglingen zu grossen Problemen: Sie atmen beinahe ausschliesslich durch die Nase. Entzündungen der Nasenschleimhaut kann daher sehr rasch zu Atemnot führen. Daher lohnt es sich, insbesondere kleinere Kinder vor einer Infektion mit der neuen Omikron-Variante zu schützen. Weil die Gefahr besteht, dass – sollte sich die verstärkte Replikation in der Bronchialschleimhaut bestätigen – sehr viele Kleinkinder eine notfallmässige Spitalbehandlung benötigen werden.