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Martin Ott war langjähriger Biobauer, kurze Zeit Lehrer, Liedermacher, Buchautor; er sass von 1987 bis 1998 für die Grünen im Zürcher Kantonsrat und ist als «Kuhflüsterer» bekannt. Heute leitet er eine landwirtschaftliche Schule für biologisch-dynamische Landwirtschaft in Rheinau. Weshalb es am 25. November ein Ja zur Hornkuh-Initiative braucht, erklärt Martin Ott im Gespräch mit Nicole Soland.
Wozu brauchen die Kühe eigentlich Hörner?
Martin Ott: Dafür gibt es mindestens sieben Gründe: Erstens dienen die Hörner der Kommunikation. Da Kühe relativ schlecht sehen, nehmen sie Hörner und ihre Färbung – z.B. schwarze Spitze, weiss in der Mitte, gräulich/gelblich am Ansatz – als zusätzliche Orientierungspunkte. Zum Vergleich: Das Hinterteil des Rehs hat ein typisches Muster, und dieses erkennen seine Artgenossen selbst in grosser Gefahr und folgen ihm in schneller Flucht. Mit dem ‹Kopfmuster› der Kuh mit Hörnern ist es ähnlich. Zweitens sind die Hörner der Kuh nicht nur gut durchblutet, sondern an der Basis warm und an der Spitze kalt, denn sie dienen auch der Kühlung: Wärme kann über die Hörner reguliert werden. Entsprechend haben Kühe in wärmeren Gegenden längere Hörner als Kühe im kühleren Norden. Drittens dient das Horn dazu, beim Kampf die Köpfe zusammenzuhalten: Die Kühe stechen einander normalerweise nicht mit den Hörnern, sondern sie legen die Köpfe aneinander und beginnen zu stossen, sie betreiben also eher eine Art Wrestling. Ohne Hörner ist das schwierig, weil die Köpfe dann gern wegrutschen.
Und weiter?
Viertens können sich die Kühe dank den Hörnern an Stellen kratzen, die sie sonst nicht erreichen könnten. Fünftens sind die Knochen der Hörner von einer hoch empfindlichen Nervenhaut umhüllt, und innen befindet sich eine Höhle. Wenn die Kuh mit ihrem 200 Liter fassenden sauren Magen richtig verdaut, entstehen Gase, und diese steigen bis in die Hornhöhle und die Hörner hinauf. Untersuchungen haben gezeigt, dass bei enthornten Kühen die Stirnhöhle in der Mitte des Schädels ungewöhnlich gross ist: Die Kuh kompensiert dort offensichtlich die fehlenden Hohlräume der Hörner.
Bleiben noch zwei Gründe…
Sechstens bildet die Kuh jeden Tag Horn. Zum Vergleich: Ein Mensch, der einen Monat lang keine Gitarre in den Händen hatte und dann auf der Stahlsaiten-Gitarre spielt, dem tun bald die Finger weh. Drei Tage später hat sich aber Hornhaut an den Fingerkuppen gebildet. Der Hornknochen der Kuh ist hochsensibel, vergleichbar mit dem Schienbein des Menschen. Mit der den Knochen umhüllenden Hornbildung reguliert die Kuh somit ihre starke Sensitivität an der Aussenseite ihres Körpers täglich. Siebtens ist im ökologischen Ganzen die Kuh in ihrem ganzen Sein und Erleben ein Tier, das selber gefressen wird, weil es ja nicht zuoberst auf der Nahrungspyramide steht: Sie frisst Gras und schliesst diese Pflanzen damit für andere Tiere, wie Wölfe und andere Raubtiere, auf. Sie leistet quasi die Übersetzungsarbeit vom pflanzlichen zum tierischen Eiweiss, mit der intensiven Verdauung der Wiederkäuer, die vor allem darauf beruht, dass in einem Vormagen, dem Pansen, eine körpereigene Bakterienzuchtanstalt unterhalten und hochsensibel reguliert werden muss – und wieder sind es die Hörner mit ihren durchbluteten und durchnervten Höhlen, über die sie nicht nur den Gasaustausch, sondern auch ihre dazu erforderliche gleichgewichtige Innen- und Aussenwahrnehmung reguliert.
Es macht demnach einen grossen Unterschied, ob die Kühe ihre Hörner behalten dürfen oder nicht.
Ja, klar. Die Forschungsanstalt Agroscope hat kürzlich publiziert, dass, nachdem sie einigen enthornten Kühen künstliche Hörner montiert hat, anderen nicht, die Kühe mit Hörnern ihre Köpfe höher trugen. Das sagt eigentlich schon alles.
Wie ist es dazu gekommen, dass in der Schweiz heute die Mehrheit der Kühe enthornt wird?
Diese Praxis haben wir aus Amerika importiert, zusammen mit den Stehställen – ich sage bewusst nicht «Laufställe», denn in diesen Ställen stehen die Kühe oft in einem sozial unheimlich dichten Gefüge gefangen herum. Ob sie darin wirklich besser leben als in den traditionellen Ställen, lasse ich hier mal offen. Sicher ist, dass die Umstellung von Anbinde- zu Laufställen nicht aus Tierschutzgründen erfolgt ist, obwohl man das den Leuten natürlich so verkauft hat: Ein solcher ‹Stehstall› erlaubt rationelleres Arbeiten, aber nur, wenn dieses gleichzeitig auf möglichst wenig Raum stattfinden kann. Also nimmt man den Kühen die Hörner weg, sonst ist der Rationalisierungseffekt weniger gross.
Laut den Initianten der Hornkuh-Initiative haben die Kühe grausame Schmerzen, sobald die bei der Hornentfernung verwendete Betäubung nachlässt. Wenn das stimmt, hätte das Bundesamt für Landwirtschaft doch längst eingegriffen?
Vom Bundesamt für Landwirtschaft war stets zu hören, die Enthornung schade den Tieren nicht, wenn sie unter Betäubung und sachgemäss durchgeführt wird. Das, was bei der Enthornung passiert, entspricht jedoch dem Wegbrennen des Nagelbetts – eine katastrophale Vorstellung, etwas, was man aus Schilderungen von Folter kennt. Im Hinblick auf die bevorstehende Abstimmung hat sich nun eine Forscherin der Uni Bern mit dem Thema befasst und ist zum Schluss gekommen, dass das Enthornen eigentlich langanhaltende chronische Schmerzen verursacht; für eine lebenslange Untersuchung fehlte bezeichnenderweise das Geld. Allerdings hat man dieser Forscherin offensichtlich bereits wieder einen Maulkorb verpasst: In der Sendung ‹10vor10› im Schweizer Fernsehen wurde jedenfalls kürzlich in einem Beitrag zur Hornkuh-Initiative wieder frech behauptet, dass die Kühe nicht unter der Enthornung litten.
Wenn die Kühe derartige Schmerzen leiden, müsste die Hornkuh-Initiative doch ein Verbot des Enthornens fordern und nicht bloss einen finanziellen Zustupf für HornkuhhalterInnen.
SP-Ständerat Daniel Jositsch reichte eine entsprechende Motion ein und versuchte, ein Verbot zu erwirken – leider ohne Erfolg. Und wenn Landwirte heutzutage Geld für hölzerne Brunnentröge erhalten, dann kann man doch auch finanzielle Beiträge fürs Halten von Kühen mit Hörnern fordern. Unser System ist nun mal so konstruiert: Abgegolten wird das, was keinen finanziellen Nutzen hat, aber ethisch, kulturell und ökologisch als wichtig erachtet wird. Das kann man natürlich infrage stellen, doch das sollte man prinzipiell tun, anstatt ausgerechnet an der Hornkuh ein Exempel zu statuieren.
Werden eigentlich auch in Biobetrieben Kühe enthornt, oder machen das nur konventionelle Betriebe?
Enthornung ist auch in Biobetrieben erlaubt, doch BioSuisse unterstützt unsere Initiative. In Demeter- und KAG-Freiland-Betrieben wird nicht enthornt. Demeter-Betriebe sehen Wiederkäuer als die Erbauer der Kornkammer der Welt, durch ihren Beitrag an die Humusbildung: Rinder sind unter diesen die einzigen Tiere, die immer am selben Ort fressen und leben können, ohne weiterzuziehen. Sie waren deshalb am besten geeignet, die Menschen dabei zu unterstützen, sesshaft zu werden. Dank der Kuh können wir bleiben, wo wir sind – was sich ebenso darin ausdrücken kann, dass wir uns in der Schweiz von Fremden umzingelt sehen, wie darin, dass wir uns darüber freuen, wie schön es hier ist. Einen Zaun um sein Land zu bauen und sesshaft zu werden funktioniert mit der Kuh, nicht aber mit dem Schaf, der Ziege oder dem Pferd. Deshalb spielt die Kuh eine zentrale Rolle im biodynamischen Landbau.
Wenn Kühe mit Hörnern besser verdauen, ist dann auch ihre Milch und ihr Mist besser als jene von enthornten Kühen? Oder anders gefragt: Stimmt es, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen immer mehr enthornten Kühen einerseits und immer mehr Menschen, die Milch und/oder gewisse Milchprodukte nicht vertragen, andererseits?
Es gibt deutsche Ärzte, die von einem Zusammenhang zwischen enthornten Kühen und Milch-Unverträglichkeiten sprechen, aber es gibt noch keine wissenschaftliche Untersuchung dazu. Es müsste dann auch genau hingeschaut werden, ob die Milch nur wegen der fehlenden Hörner anders ist, oder ob Kühe mit Hörnern eventuell einfach besser gehalten, gefüttert oder mehr geweidet werden. Die Verarbeitung der Milch spielt zudem ebenfalls eine Rolle; kurz, ich will mich dazu nicht auf die Äste hinauslassen.
Als ein Grund fürs Enthornen nennen die GegnerInnen der Hornkuh-Initiative die Verletzungsgefahr. Die InitiantInnen jedoch nehmen diese in Kauf?
Die Verletzungsgefahr besteht ohne Zweifel, aber sie ist kein Grund, den Kühen die Hörner wegzunehmen. Einem Hund reisst man ja auch nicht die Zähne aus, weil er jemanden beissen könnte. Den Umgang mit Kühen, die Hörner tragen, kann man lernen und üben; dadurch kann man das Risiko sehr vermindern – und im übrigen ist das Leben nun mal tödlich.
Laut den GegnerInnen würde die Annahme der Hornkuh-Initiative dazu führen, dass wieder mehr Kühe im Stall angebunden würden. Ist die Variante «behornt, aber angebunden» wirklich besser für die Tiere als die Variante «hornlos, aber mit Bewegungsfreiheit»?
Ich denke nicht, dass die Kühe wieder angebunden würden. Die zwei, drei Stunden pro Tag, die man dank der Unterbringung des Viehs im Freilaufstall gewinnt, kann man sich nicht einfach wieder nehmen, denn die hat man heutzutage schlicht nicht mehr. Viele Landwirte haben aber gute Ideen und probieren spannende Sachen aus; man kann die Kühe beispielsweise nur zum Melken anbinden und sonst draussen lassen. Das «Anbinde»-Argument von Bundesrat Schneider-Ammann ist ein trauriges Argument: Die Bauern haben viel mehr Fantasie!
Warum müssen dann die Hornkühe unbedingt in die Bundesverfassung? Würde ein Gesetz oder eine Verordnung nicht reichen, um den Umgang mit behornten Kühen und Ziegen zu regeln?
Dieses Argument der GegnerInnen ist ausgesprochen unfair, denn das Instrument der Volksinitiative gibt es nur auf Verfassungsebene – und alle anderen Versuche sind, wie am Beispiel von Ständerat Jositschs Vorstoss gezeigt, gescheitert. Uns blieb nach jahrelangen Verhandlungen, Petitionen und Vorstössen gar nichts anderes übrig, als eine Volksinitiative zu starten. Wir waren immer überzeugt, die Kühe und die Bevölkerung wollen das.
Wird sie angenommen, erhalten die HornkuhhalterInnen Geld, geschätzte 15 Mio. Franken pro Jahr: Weshalb braucht es eigentlich immer Geld vom Staat? Könnten die Bauern nicht einfach ein «aus Milch von Hornkühen»-Label gründen, mehr für die entsprechenden Produkte verlangen und so die zusätzlich entstehenden Kosten ausgleichen?
Es braucht für eine gute Landwirtschaft Geld vom Staat, weil wir das in der Schweiz so geregelt haben, weil die Gesellschaft mit den Bauern einen entsprechenden Vertrag abgeschlossen hat: Wir produzieren gesunde und faire Lebensmittel, bringen also eine Leistung, und erhalten dafür Geld, so wie die Ärzte dafür Geld erhalten, dass sie in der Grundversorgung vom Bund festgelegte Preise verrechnen. Das «Geld vom Staat» ausgerechnet hier infrage zu stellen, ist nicht fair. Zudem wird in der Landwirtschaft so einiges bezahlt, auf das man gut verzichten kann.
Zum Beispiel?
Unter dem Titel «Versorgungssicherheit» wird etwa die Rübenproduktion hochsubventioniert. Die Rübenproduktion wird heute schweizweit zu 90 Prozent durch hochmechanisierte Lohnunternehmer geleistet; die Bauern stellen quasi nur das Land zur Verfügung. Doch die kubanischen Bauern könnten die Zuckerproduktion besser für uns erledigen. Sie könnten das ökologischer tun als wir, und zwar selbst dann, wenn man das CO2 einrechnet, das beim Transport in die Schweiz anfällt. Im übrigen ist Zucker erst noch schlecht für die Volksgesundheit.
Kommen wir zum Schluss: Weshalb sollten wir am 25. November die Hornkuh-Initiative annehmen?
Das Horn ist mehr als «nice to have». Es ist wichtig für die Kuh, wichtig für die Würde der Kuh. Der Uristier hat Hörner, die Kühe in der Werbung haben stets Hörner; das kommt nicht von ungefähr. Das Horn ist auch ein starkes Symbol für unser Verhältnis zu den Tieren: Wollen wir die Tierhaltung unserer Vorstellung von Landwirtschaft anpassen – oder umgekehrt? In der Schweiz haben wir in der Landwirtschaft noch vergleichsweise gute Bedingungen, wir haben inzwischen viele achtsame Tierhalterinnen und -halter. Wir können es uns leisten, jene zu belohnen, die den Kühen ihre Hörner lassen, und sagen darum am 25. November Ja!
www.hornkuh.ch
Literatur: Ott, Martin / Capaul, Armin / Sprengler Neff, Anet / Butscher, Christian / Wilhelm, Eva-Maria: Von der Würde der Kuh. Aufsätze und Gespräche. Fona Verlag, Lenzburg 2018, 144 Seiten, 28 Franken.
Ott, Martin: Kühe verstehen. Eine neue Partnerschaft beginnt. Fona Verlag, Lenzburg 2016, 172 Seiten, 34.90 Franken.