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Dr. Alfons Stampfli ist zurück
Amschwyler hatte keine andere Lösung gesehen, als Dr. Alfons Stampfli persönlich im Spital über Sylas’ Eskapaden zu informieren. Statt einen weiteren Herzinfarkt auszulösen, brachte das den Alten zurück ins Unternehmen. Dort angekommen, sollte Amschwyler Stampfli helfen, den angerichteten Schaden zu begrenzen.
Auf der Fahrt ins Spital dachte Amschwyler lange darüber nach, wie er dem Alten beibringen sollte, was sein Sprössling angerichtet hatte. Er befürchtete, die Nachricht könnte einen weiteren Herzinfarkt auslösen. Doch während Amschwyler ihm dann mit leiser Stimme von den Geschehnissen berichtete, blieb Stampfli vollkommen ruhig. Als Amschwyler zu Ende erzählt hatte, riss sich Stampfli die Infusionsnadel aus dem Handrücken, zog sich den Mantel über, griff nach seinem Gehstock und deutete damit in Richtung Tür. Auf dem Weg in die Tiefgarage und während der Fahrt vom Spital zur Stampfli AG sagte er kein Wort. Amschwyler wunderte sich indes, dass niemand versucht hatte, Stampfli am Gehen zu hindern.
In Stanglisbiel angekommen blickte Stampfli auf sein steinernes Ebenbild. Er atmete schwer, stützte sich auf seinen Gehstock. Amschwyler stand einige Meter hinter ihm, liess Stampfli die Zeit, die er brauchte. Plötzlich erwachte Stampfli aus seiner Starre. Er machte zwei Schritte auf die Statue zu und versetzte ihr einen Schlag mit seinem Gehstock. Amschwyler wusste nicht, was er damit bezweckte. Aber vielleicht musste sich Stampfli vergewissern, dass sie wirklich vor ihm stand. Langsam drehte sich der Alte um. Seine Augen sprühten förmlich vor Zorn, sein linker Mundwinkel zuckte. Amschwyler erschrak. Die unzähligen Wutausbrüche, die allzu oft ihm persönlich gegolten hatten, hatten Amschwyler mit der Zeit abgehärtet. So hatte er seinen Chef aber noch nie erlebt. Amschwyler war froh, dass dieser Zorn nicht ihm galt. Zumindest hoffte er das.
„Wo ist er?“, presste der Alte zähneknirschend hervor. Gute Frage, dachte Amschwyler. Er hatte bereits Ausschau nach Sylas gehalten. Doch Autokran und Tieflader waren ebenso verschwunden wie Stampflis Wagen. „Ich weiss es nicht. Ich hatte damit gerechnet, dass wir Ihren Sohn hier antreffen würden“, entgegnete Amschwyler seinem Chef.
Stampflis Gesichtsfarbe begann, sich dem gewohnten Rot zu nähern. Amschwylers rechte Hand suchte instinktiv in der Hosentasche nach dem Handy, er bereitete sich vor, erneut den Notruf zu wählen. Doch dann ging ein Ruck durch den alten Mann und er sah plötzlich gar nicht mehr so alt aus. Er richtete sich auf, atmete zwei, drei Mal tief durch und wandte sich in Richtung Haupteingang. „Kommen Sie mit, Amschwyler. Ich kümmere mich später um meinen Sohn. Sie müssen mir helfen, den Schaden wieder gutzumachen. Ich wette, dieses …“, Stampfli blickte nochmal zurück, suchte nach dem passenden Wort, „… Ungetüm hat ein halbes Vermögen gekostet.“ Stampfli verzog angewidert das Gesicht und marschierte los. Bei jedem zweiten Schritt stiess sein Gehstock mit einem klackenden Geräusch auf dem Boden auf und gab so den Laufrhythmus vor. Amschwyler folgte ihm. Er war erstaunt, wie gut sich der Alte plötzlich beherrschen konnte. Amschwylers Hand entspannte sich, er liess das Handy wieder los.
In der Eingangshalle der Stampfli AG wartete die nächste Überraschung. Irgendjemand musste mitbekommen haben, dass Dr. Alfons Stampfli zurück war. Die gesamte Belegschaft hatte sich versammelt. Als Stampfli durch die Tür schritt, applaudierten sie ihm. Ihm, der selten in normaler Gesprächslautstärke zu ihnen gesprochen hatte, ihm, der weder ein Nein noch ein Vielleicht akzeptierte. Amschwyler staunte. Und so auch Stampfli. Das hatte der Alte ganz offensichtlich nicht erwartet. Er hob eine Hand, der Applaus verstummte. Sichtlich gerührt bedankte er sich. Stampfli liess seinen Blick schweifen, schaute jedem seiner Mitarbeiter einen Moment in die Augen. „Ich entschuldige mich bei Ihnen allen, dass ich Sie meinem Sohn ausgeliefert habe. Ich dachte, er sei bereit, sein Erbe anzutreten.“ Erneuter Blick in die Runde. Dann mehr zu sich selbst: „Offenbar habe ich mich geirrt.“
Er wisse noch nicht genau, welche Konsequenzen die Handlungen seines Sprösslings nach sich ziehen würden. Er wolle den Teufel nicht an die Wand malen, aber womöglich müsse er die eine oder andere Stelle streichen. Das werde sich in den nächsten Tagen zeigen. „Aber machen Sie sich keine Sorgen. Amschwyler hier“, Stampfli legte seinem IT-Chef die Hand auf die Schulter, „und ich werden eine Lösung finden, das versichere ich Ihnen!“
Na toll, dachte sich Amschwyler. Wieder war er es, der dran glauben musste. Andererseits war er nicht ganz unschuldig. Schliesslich hatte er Sylas vorgeschlagen, Teile der hausinternen IT auszulagern und so Kosten zu sparen. Ein Gutes hatte es aber. Er musste jetzt wenigstens keine Überzeugungsarbeit mehr leisten. Ausserdem wusste Amschwyler schon sehr genau, was und wie er es auslagern wollte.
Nachdem sich die Versammlung aufgelöst hatte und alle wieder ihrer Arbeit nachgingen, sass Amschwyler nun in Stampflis Büro. „Also, Amschwyler, wenn ich Sie richtig verstanden habe, wollen Sie unsere IT auslagern. Halten Sie das wirklich für eine gute Idee?“, fragte Stampfli. Amschwyler hielt es für eine sehr gute Idee. Sie würden nicht nur Kosten sparen, sondern auch effizienter arbeiten können. Das fange beim E-Mail-Verkehr der Mitarbeiter an. Immer wieder erhielt Amschwyler Beschwerden, wie umständlich der Zugriff auf E-Mails sei. „Wir betreiben immer noch einen eigenen Exchange-Server. Als wir den damals eingerichtet haben, war das die beste Lösung. Heute gibt es aber Alternativen, die für uns mehr Sinn ergeben. Mein Vorschlag lautet Google-Mail. Die Verwaltung ist einfach, und die Mitarbeiter können von überall aus ohne grosse Umstände auf ihre Konten zugreifen.“ Stampfli nickte. „Aber was ist mit der Sicherheit? Google ist doch immer wieder in Verruf geraten, E-Mails mitzulesen. Mir gefällt es ausserdem nicht, von solch einem Unternehmen abhängig zu sein“, gab Stampfli zu bedenken. Amschwyler hatte mit diesem Einwand gerechnet. „Ich verstehe Ihre Bedenken, aber es ist die günstigste Variante. Was die Sicherheit betrifft … Letztlich sind wir ein Backbetrieb. Wir stellen Lebensmittel her, keine Waffen.“
Weiter wollte Amschwyler sämtliche Server, die sie inhouse betrieben, abschaffen. Sie hosteten ja sogar ihre Website selbst. Vollkommen unnötig. Lediglich die Rezeptdatenbank, Stampflis Heiligtum, sollte bleiben. Ein kleiner Server würde ausreichen, um die Rezepte zu verwalten und die Teigmaschinen anzusteuern. Für alles Weitere sollte ein Cloud-Anbieter herhalten. Und zwar einer, bei dem sie einfach die Kreditkarte durchziehen konnten und dann bekamen, was sie wollten. Amschwyler schlug Amazon vor. Stampfli sagte, ein US-Anbieter sei genug. Er bevorzuge einen Anbieter in der Schweiz. Schliesslich einigten sie sich auf einen deutschen Dienstleister. Ein Kompromiss, mit dem beiden leben konnten.
Doch Amschwyler hatte noch mehr vorbereitet. In der Buchhaltung nutzten sie aktuell eine lokale Lösung von Abacus. Da Amschwyler die Buchhaltung als unternehmenskritisch einstufte, schlug er Stampfli vor, bei einem Schweizer Anbieter mit Rechenzentrum in der Schweiz zu bleiben. Sie könnten zu Abacus’ Cloud-Variante wechseln. Alternativ biete sich auch eine Lösung von Swisscom an. Der Telko habe Angebote für KMUs bis 50 Mitarbeiter im Programm. Perfekt für die Stampfli AG. Die Entscheidung würde er Stampfli überlassen.
Amschwyler wollte ausserdem Lieferantenbestellungen und andere Ausgaben in einer Cloud-Lösung zusammenführen. Da gebe es verschiedene Anbieter, die sich preislich nur kaum voneinander unterschieden. Stampfli unterbrach Amschwyler. „Warum wollen Sie uns so vielen verschiedenen Anbietern ausliefern? Wäre es nicht sinnvoller, alle Leistungen von einem zu beziehen?“ Auch mit diesem Einwand hatte Amschwyler gerechnet. Die Antwort gestaltete sich dennoch komplizierter.
„Ja und nein, Herr Dr. Stampfli. Für einen Anbieter, der alles abdeckt, spricht natürlich, dass wir leichter überblicken können, wo unsere Daten sind und welche Leistungen wir beziehen. Dagegen spricht, dass wenn es zu einem Problem mit diesem einen Anbieter kommt, wir alles zu einem anderen migrieren müssen. Verlassen wir uns hingegen auf verschiedene Anbieter, müssen wir im schlimmsten Fall immer nur einen Teil unserer Daten zügeln.“ Amschwyler hielt inne, suchte nach einem anschaulichen Beispiel. „Stellen Sie sich vor, wir stellen jemanden ein, der die Buchhaltung, die Lieferantenbestellungen, das Personalwesen und vielleicht noch das Marketing für uns übernimmt. Vorausgesetzt, ein einzelner Mensch könnte all diese Aufgaben in seiner Person vereinen, hätte er doch eine immense Verantwortung. Gleichzeitig wären wir vollkommen abhängig von ihm. Alle Kompetenzen lägen bei ihm. Würde er das Unternehmen verlassen, hätten wir ein ernstes Problem.“ Stampfli schien zu verstehen, worauf Amschwyler hinauswollte. Er griff nach seinem Gehstock und ging ans Fenster, blickte auf sein steinernes Ebenbild auf dem Vorplatz. Nach einigen Augenblicken drehte er sich wieder zu Amschwyler um. Es schien, als hätte er einen Entschluss gefasst.
„Also gut, Amschwyler. E-Mail zu Google, Rechenleistung nach Deutschland, Buchhaltung bleibt in der Schweiz. Die Sache mit den Ausgaben und den Lieferantenbestellungen möchte ich nochmals in Ruhe überdenken. Die Rezepte bleiben bei uns im Haus. Die will ich auf keinen Fall aus der Hand geben.“ Stampfli setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und griff nach dem Telefon. „Sie können alles Nötige in die Wege leiten. Ich möchte Sie zudem bitten, die Mitarbeiter über alles Nötige zu informieren. Ich kümmere mich jetzt um meinen Sohn und mein Alter Ego dort unten. Nicht auszudenken, was passiert, wenn unsere Kunden das sehen. Was hat der Junge sich bloss dabei gedacht?“ Stampfli begann zu wählen. Mit einem Nicken bedeutete er Amschwyler, zu gehen. Auf dem Weg in sein Büro fühlte sich Amschwyler erleichtert. Er konnte es selbst kaum glauben, aber es freute ihn, dass der Alte zurück war.
Amschwylers Welt erschien 2014 monatlich im IT-Markt Magazin, Netzmedien AG, Zürich.