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Pansentrinker
Typische Anzeichen für Pansentrinken sind ein gering- bis mittelgradig gestörtes Allgemeinbefinden, ein stumpfes Haarkleid (z. B. im Bereich des Kreuzbeins lassen sich Haare mühelos büschelweise ausziehen) und wechselnde Sauglust. Der Kot ist teilweise dünn, teilweise grau-bräunlich pastös („Kittscheisser“). Ein aufgekrümmter Rücken und häufiges Zähneknirschen lassen auf Schmerzen im Bauchraum schliessen. Bei der weiteren Untersuchung zeigt sich dann, dass sich viel Flüssigkeit im Pansen befindet; wird diese mit einer Sonde abgehebert, so ist eine milchige oder schottenartige Beschaffenheit des Panseninhalts mit säuerlichem Geruch typisch. Der pH-Wert des Panseninhalts liegt dabei unter dem Wert von 6. Jedoch sollte nur bei gleichzeitigem Auftreten von klinischen Symptomen von einer Erkrankung gesprochen werden.
Kurzfristiges Trinken von Milch in den Pansenraum führt bei gesunden Kälbern selten zu Problemen. Trotz leichter Ansäuerung wird der Panseninhalt innert weniger Stunden an den Labmagen weitergegeben.
Störung des Schlundrinnenreflexes
Im Zentrum der Entstehung der Krankheit steht der Schlundrinnenreflex. Beim neugeborenen Kalb sind zwar alle drei Vormägen (Pansen, Netz- und Blättermagen) sowie der Labmagen ausgebildet, jedoch noch sehr klein und nur der Labmagen ist voll funktionstüchtig. Beim Saugakt des Kalbes kommt es aufgrund bestimmter Reize und reflexartiger Aktivierung von Muskelsträngen in den Vormägen zur Ausbildung der sogenannten Schlundrinne (Haubenrinne). Durch diese „Kurzschlussverbindung“ gelangt die Milch unter Umgehung der Vormägen direkt in den Labmagen. Die Rinne wird innerhalb weniger Sekunden nach Reizung gebildet und bleibt höchstens 10 Minuten bestehen. Durch verschiedene Faktoren kann der Schlundrinnenreflex gestört oder die Dauer des Bestehens verkürzt werden. Milch gelangt dann in die Vormägen. Als wichtigste Störungen werden die typischen Kälberkrankheiten (Durchfall, Lungen-, Ohren- oder Nabelentzündung etc.) angesehen. Weiterhin begünstigt Stress (beispielsweise Umstallung) das Pansentrinken.
Zwangstränke
Zu einem erzwungenen Pansentrinken kommt es durch das Eingeben von Milch per Sonde oder mittels Drencher. Bei beiden Methoden kann sich die Schlundrinne nicht bilden, weil die notwendigen Reize aus dem Rachenraum fehlen. Dasselbe gilt mehrheitlich beim langsamen Einflössen der Milch mit der Flasche bei einem Kalb ohne Appetit. Die Milch gelangt in die Vormägen.
Rückfluss von Milch aus dem Labmagen
Weit weniger bedeutend wird der Rückfluss von Milch vom Labmagen in die Vormägen als Ursache für das Pansentrinken eingeschätzt. Ist die Tränkemenge grösser als das Fassungsvemögen des Labmagens, so kommt es zu einem Reflux von Milch aus dem Labmagen in die Vormägen.
Gelangt Milch oder Ersatztränke in die Vormägen, kommt es dort zu einem bakteriellen Ab- und Umbau. Wichtig sind die Kohlenhydrate (z. B. Laktose bei der Milch), welche zu den flüchtigen Fettsäuren abgebaut werden. Es wird sehr viel Laktat (Milchsäure) gebildet. Dadurch wird der Panseninhalt sauer und die Vormagenschleimhaut reagiert darauf mit einer Entzündung, welche wiederum den Schlundrinnenreflex hemmt. Der Teufelskreis ist eröffnet. Als Folge der Pansenübersäuerung kann sich auch eine Übersäuerung des Blutes (Acidose) entwickeln.
Diagnostik
Je nach Schweregrad und Dauer der Krankheit können verschiedene Symptome beobachtet werden.
Wechselhafter, schlechter oder fehlender Appetit
Typisch für alle Formen ist ein wechselhafter Appetit oder es wird gar keine Tränke mehr aufgenommen. Häufig scheinen die Kälber zunächst Appetit zu haben, jedoch schon nach wenigen Schlucken ist dieser wiederum gänzlich verschwunden.
Gestörtes Allgemeinbefinden, Abmagerung
Als Folge der Blutübersäuerung werden die Kälber müde. Sie bewegen sich lustlos, liegen die meiste Zeit nur noch herum und in schlimmen Fällen kommt es zum endgültigen Festliegen. Wegen der Schleimhautentzündung in den Vormägen stehen die Kälber mit einen aufgekrümmten Rücken da, und zeitweise ist Zähneknirschen zu hören. Statt Gewicht zuzulegen, magern die Kälber ab. Das Haarkleid wird stumpf und es kann zu Haarausfall kommen.
Voller Bauch
Trotz schlechtem Appetit erscheint der Bauch, speziell auf der linken Seite, „voll“ zu sein. Der geübte Untersucher bemerkt beim Betasten einen gasgefüllten Pansen und - wenn die Bauchdecke in Schwingung versetzt wird - kann man im unteren Bauchbereich typische Plätschergeräusche hören. Der Verdacht auf Pansentrinken kann vom Tierarzt durch eine Pansensaftentnahme und die Bestimmung des pH-Wertes mit einfachen Teststäbchen erhärtet werden.
Vorgeschichte
Die meisten Pansentrinker haben bereits eine Kälberkrankheit durchgemacht. In den meisten Fällen sind dies Durchfall oder eine Lungenentzündung. Eventuell wurde ihnen auch Tränke zwangsweise eingegeben. Die Vorgeschichte muss deshalb unbedingt in die Diagnosestellung einbezogen werden.
Risikofaktoren/Ursachen
Die wichtigsten Risikofaktoren für Pansentrinken
Kälberkrankheit
Der absolut wichtigste Risikofaktor für Pansentrinken ist eine Kälberkrankheit und wie der Landwirt damit umgeht. Dabei scheint es kaum eine Rolle zu spielen, um welche Krankheit es sich handelt: Durchfall, Lungen-, Ohren- oder Nabelentzündung. Entscheidend sind die Schwäche und Appetitlosigkeit. Durch ersteres wird die Schlundrinne entweder zu wenig verschlossen oder sie öffnet sich wieder zu früh. Durch den fehlenden Appetit verlängert sich die Tränkedauer und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Rinne bereits wieder während dem Trinken öffnet.
Einmaliges Trinken in den Pansen scheint für das Kalb kein grosses Problem darzustellen. Mehrmaliges jedoch schon. Je länger die Krankheit dauert, desto häufiger besteht eine erhöhte Gefahr für das Pansentrinken und desto wahrscheinlicher wird „Pansentrinken“.
Zwangstränke
Wird auf die Appetitlosigkeit mit einer Zwangstränke von Milch oder Milchersatz per Schlundsonde oder Drencher reagiert, so gelangen viele gut abbaubare Kohlenhydrate in den Pansen. Der mikrobielle Abbau und eine Pansenazidose sind vorprogrammiert. Das gleiche, aber etwas weniger schwerwiegend, gilt beim Einflössen der Milch ins Maul. Auch hier gilt: je häufiger die Zwangstränke, desto wahrscheinlicher und gravierender das Problem des Pansentrinkens.
Ungeeignete Tränkemethode
Natürlicherweise trinkt das Kalb die körperwarme Milch stehend und mit gestreckter Kopfhaltung aus einer Zitze mit kleinem Loch (hoher Saugwiderstand). Zusätzlich erfolgt der Milcheinschuss im mütterlichen Euter erst nach einigen Sekunden der Stimulation. Dies garantiert das Auslösen des Schlundrinnenreflexes. Je weniger die angewandte Tränkemethode dem natürlichen Verhalten entspricht, desto wahrscheinlicher kann sich Pansentrinken entwickeln. Das Paradebeispiel dafür ist das Vertränken von abgekühlter Milch aus einem Eimer und ohne Nuggi.
Stress
Unter Stress kann es zu einer Störung des Schlundrinnenreflexes kommen. Als wichtigste Stressfaktoren sind lange Transporte, „Crowding“ und Futterumstellung zu nennen. Jedoch scheinen auch die Betriebsführung (liebevoller Umgang mit den Kälbern) und die Qualität der Tränke einen entscheidenden Einfluss zu haben.
Bedeutung der Tränkemenge
Das Fassungsvermögen des Labmagens beim frischgeborenen Kalb beträgt lediglich etwa zwei Liter. Dennoch ist das Vertränken grösserer Einzelportionen beim gesunden Kalb völlig unproblematisch, sofern die Tiere dies ab dem ersten Tag gewohnt sind. Ein „Übersaufen“ und Verdauungsstörungen treten dann nicht auf. Auch das Anbieten von Milch zur freien Aufnahme („ad libitum“) hat sich bei Aufzuchtkälbern bewährt. Kälber trinken dann im Mittel 10 Liter Vollmilch am Tag und erreichen bei sehr guter Tiergesundheit Tageszunahmen von mehr als 1 kg. Zwar gelangt dabei auch Milch retour in den Pansen, doch treten die typischen klinischen Symptome des Pansentrinkens nicht auf.
Entscheidender sind somit die Tränkemengen in Phasen von Krankheiten mit schlechtem Appetit. Die angebotene Portion sollte zur Entlastung des Verdauungstraktes dann nicht zu gross sein (ca. 1 Liter); es sollten aber möglichst viele Portionen (4 - 6) über den Tag verteilt angeboten werden.
Prophylaxe
Prinzipiell müssen die bekannten Riskofaktoren eliminiert oder zumindest minimiert werden:
Ruhiger Umgang mit den frischgeborenen Kälbern ist gefordert und behutsames Angewöhnen an das Trinken. Die erste Verabreichung von Kolostrum sollte tränkewarm erfolgen; anschliessend ist auch die Vertränkung von angesäuerter, abgekühlter Milch möglich. Immer einen Nuggi verwenden, dessen Loch nicht zu gross ist, damit das Trinken für das Kalb mit Arbeit verbunden ist. Milch sollte nicht im offenen Eimer angeboten werden.
Auftretende Kälberkrankheiten möglichst frühzeitig und adäquat behandeln. Die Tiere genügend lange therapieren.
Falls das Kalb keinen Appetit mehr hat, darf weder Milch noch Milchersatz mit der Sonde oder dem Drencher eingegeben werden. Stattdessen soll eine Elektrolyttränke angeboten werden. Wird diese nicht freiwillig aufgenommen, darf man diese im Einzelfall auch drenchen. Kolostrum ist die einzige Milch, welche mittels Drencher verabreicht werden darf, jedoch nur in den ersten Lebensstunden und wenn das Kalb diese nicht selber aufnehmen will.
Die Entwicklung zum Wiederkäuer soll gefördert werden. Dies erreicht man durch das Anbieten von Heu bester Qualität und speziellem Kälberkraftfutter. Kraftfutter für Kühe ist für Kälber in den ersten Lebenswochen nicht geeignet.
Wasser muss jederzeit zur freien Verfügung stehen. Am besten wird dies in einem Kessel oder Trog angeboten mit einer offenen Wasseroberfläche. Wasser nie über Nuggi anbieten.
Stress für die Kälber (Umstallen, neue Gruppe etc.) sollte möglichst vermieden werden. Nach unvermeidbarem Stress (z. B. durch Transport) sollen die Kälber zunächst eine Elektrolyttränke angeboten bekommen; die Milchmenge kann dann allmählich gesteigert werden.
Therapie
Die Behandlung hängt im Wesentlichen vom Zustand des Kalbes ab. Festliegende oder sehr schwache Kälber benötigen Infusionen. Der Tierarzt wird damit dem Kalb neben Flüssigkeit auch Elektrolyte, Energie und eine Puffersubstanz gegen die Übersäuerung des Blutes (Azidose) zuführen.
Zentrale Bedeutung besitzt die symptomatische und/oder ursächliche Therapie der Grundkrankheit (Durchfall, Lungenentzündung, Ohrenentzündung). Sie ist die Voraussetzung dafür, dass die Kälber die angebotene und notwendige Ration Milch überhaupt zu sich nehmen.
Logischerweise müssen die eventuell verabreichten Zwangstränken mit Milch oder Milchersatz sofort gestoppt werden. Ein kurzfristiger Entzug von Milch über 24 Stunden hat sich bewährt. Während dieser Zeit werden mehrmals täglich ausschliesslich Elektrolyttränken in kleinen Mengen angeboten. Nimmt das Tier diese nicht selbständig auf, so kann man die notwendige Menge auch Drenchen. Spätestens nach 24 Stunden bietet man wieder Milch an, zuerst nur kleine Portionen (1 Liter) und dazwischen Elektrolyttränke. Die Milchmenge kann, wenn das Tier keinen Rückfall erleidet, kontinuierlich gesteigert werden und im gleichen Umfang kann die Menge an Elektrolyttränke verringert werden.
Eigene Erfahrungen zeigen, dass diese Kälber auch später in der Regel maximal 2 Liter pro Mahlzeit aufnehmen können, ohne einen Rückfall zu erleiden. Daher empfiehlt sich täglich dreimaliges Tränken (mit Nuggi, trinkwarme Milch etc.), und Wasser sollte jederzeit frei zur Verfügung stehen. Damit die Tiere ihren Nährstoff-Bedarf decken können, sollte ihnen unbedingt Dürrfutter bester Qualität sowie Kälberkraftfutter angeboten werden. Ein frühes Absetzen der Milch ist anzustreben.