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Weniger bügeln, den Backofen nur noch ab und zu benutzen, auf der Arbeit duschen: Viele Europäer versuchen verzweifelt, ihren Energieverbrauch zu senken - aber ihre Rechnungen für Strom und Gas steigen weiter. In der ostenglischen Stadt Grimsby schaltete Philip Keetley seinen Ventilator zu Hause selbst dann nicht ein, als Grossbritannien im Sommer unter einer Rekordhitzewelle ächzte. Ein Blick auf sein Bankkonto zeigt, dass er sich das nicht leisten konnte. "Die Lebenshaltungskosten sind gestiegen, und trotzdem wird von uns erwartet, dass wir von dem Geld leben, das wir zur Verfügung hatten, als es noch keine Krise gab", klagt Keetley und fügt mit Blick auf den anstehenden Herbst und Winter hinzu: "Ich kann entweder heizen - oder essen."
Auch in anderen europäischen Ländern ergreifen die Bürger jetzt mehr oder weniger freiwillig Massnahmen, um ihren Energieverbrauch zu drosseln. Die Gas-, Strom- und Kraftstoffpreise sind aufgrund des russischen Krieges in der Ukraine, der Sanktionen gegen Russland und der Folgen der Corona-Pandemie in die Höhe geschnellt. Der europäische Gaspreis ist in den vergangenen zwölf Monaten um 550 Prozent nach oben geschossen. Die Energiekosten für britische Verbraucher werden ab Oktober um 80 Prozent steigen, wie die Regulierungsbehörde Ofgem am Freitag mitteilte. Die durchschnittlichen jährlichen Haushaltsrechnungen steigen dadurch auf 3549 Pfund (knapp 4200 Euro). In diesem Winter werden die Briten durchschnittlich zehn Prozent ihres Haushaltseinkommens für Gas, Strom und andere Heizstoffe sowie für Benzin und Diesel ausgeben - doppelt so viel wie 2021, so die Berechnungen des Portals Carbon Brief.
«Völlig beispiellos»
Damit wiegt die derzeitige Energiekrise schwerer als die der 1970er und 1980er Jahre. Das Embargo von Ölproduzenten und die iranische Revolution im Jahr 1979 führten zu Stromausfällen und langen Warteschlangen an den Tankstellen im Westen. Auf dem Höhepunkt dieser Krise im Jahr 1982 gaben die Menschen im Vereinigten Königreich 9,3 Prozent ihres Einkommens für Energie aus.
Die Wohltätigkeitsorganisation National Energy Action (NEA) schätzt, dass ab Oktober 8,5 Millionen britische Haushalte von Energiearmut betroffen sein könnten. Ein Jahr zuvor waren es 4,5 Millionen. Nach Angaben der NEA und anderen Wohlfahrtsverbänden gilt ein Haushalt als von Energiearmut betroffen, wenn er über ein geringes Einkommen verfügt und mindestens zehn Prozent für Energie ausgeben muss. "Der Anstieg der Energierechnungen, den wir erleben, ist völlig beispiellos", sagt Peter Smith, Direktor für Politik und Interessensvertretung bei National Energy Action.
«Regierung muss mehr tun»
Keetley verlor im April seinen Job als Berater der Stadtverwaltung und lebt seither von 600 Pfund im Monat aus einem Sozialversicherungsprogramm. Die Hälfte davon geht für die Miete drauf, sagt er. Der Rest deckt kaum das Nötigste. Er isst nur noch eine Mahlzeit am Tag und gibt trotz Reduzierung seines Verbrauchs auf ein Minimum mehr als 15 Prozent seines Einkommens für Energie aus.
Eine Studie des Financial Fairness Trust hat ergeben, dass bereits ein Drittel der britischen Haushalte den Verbrauch von Herd und Backofen reduziert hat. Ebenfalls jeder Dritte duscht seltener, die Hälfte hat die Temperatur in den eigenen vier Wänden gesenkt. "Die Menschen tun viel, um ihre Rechnungen niedrig zu halten, aber die steigen trotzdem", sagt Jamie Evans von der Universität Bristol, der an der Studie des Financial Fairness Trust beteiligt war. "Deshalb wollen wir, dass die Regierung mehr tut."
Die nierenkranke Dawn White befürchtet, dass die steigenden Energiekosten in Grossbritannien dazu führen, dass sie sich die Kosten für ihre lebensrettende Behandlung nicht mehr leisten kann. "Ohne mein Dialyse-Gerät, das ich fünfmal pro Woche 20 Stunden lang brauche, werde ich sterben", sagt die 59-jährige White, die im Südosten Englands lebt.
In der EU sind italienische und deutsche Familien mit am stärksten von den steigenden Gaspreisen betroffen, wie Daten der Internationalen Energieagentur zeigen. In Europas grösster Volkswirtschaft Deutschland haben sich die Haushaltsrechnungen für Gas im Juli im Vergleich zu 2021 mehr als verdoppelt, wie Daten des Preisportals Check24 zeigen. Die Heizölpreise für Familien mit einem Reihenmittelhaus lagen im Mai um 78 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Ercan Erden aus Nidda nordöstlich von Frankfurt arbeitet als Maschinenführer in einer Mineralwasserfabrik. "Ich dusche nach der Arbeit am Arbeitsplatz und rasiere mich bei der Arbeit", sagt er.
(Reuters)