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Theaterstücke haben mit Filmen viel gemeinsam. Es gibt einen Text und dieser wird für Bühne oder Leinwand verarbeitet. Die Qualität der Inszenierung als Inszenierung und des Films als Film misst sich an der Differenz von Text und desjenigen, was auf der Bühne oder auf der Leinwand zu sehen ist. Wie hat die Regisseurin oder der Regisseur den Text interpretiert, was hat sie oder er bei der Inszenierung hinzugedacht? Erwin Koch, fünf Reportagen, eine Anekdote. Daraus Theater. Wie interpretiert man Texte, die schon für sich selbst glänzen?
Leere Ränge, rote Sitzpolster. Die Zuschauerinnen und Zuschauer sitzen auf der Bühne, in drei bis vier Reihen, im Kreis. Drei maskierte Gestalten stehen im Raum verteilt. Eine Digicam projiziert folgende Sätze auf eine Leinwand: «Dies sind wahre Geschichten. Auf Wunsch der Lebenden wurden die Namen geändert. Aus Respekt vor den Toten wird alles andere genau so erzählt, wie es geschah.» Die Sätze stammen aus dem Vorspann von «Fargo» (USA 1996). In Interviews mit den Coen-Brüdern stellten sie sich als Scherz heraus. Heute Abend sind sie ernst gemeint.
Der in der Mitte stehende Schauspieler setzt seine Maske ab, es ist Adrian Furrer. Er befestigt sie an der Spitze eines zwei Meter langen Holzstabs und setzt sich auf einen leeren Stuhl. Furrer nimmt ein Buch hervor und beginnt zu lesen: «Kalt war die Welt und nass, als ich heute Nacht Schötz erreichte.» Es ist die Geschichte von Erwin Schröter (eine Anspielung auf Erwin Koch und Regula Schröter, Künstlerische Leiterin Schauspiel), ein Bankverwalter aus Schötz. Er hilft den Armen im Dorf: «Erwin Schröter finanzierte.»
Am Ende will er sich umbringen, die Gerechtigkeit ist nicht eingetreten. Diese kürzere Anekdote wurde von Koch eigens für «Die schwarze Null» geschrieben und umrahmt fünf Zentralschweizer Reportagen. Wir lernen das Liebespaar Doris und Josef kennen, den 11-jährigen Rico, die Ménage-à-trois Albert T., Laura N. und Oskar D., Marie Blättler-von Wyl, die letzte Winterwartin des Pilatus und Felix G., er hat sich zu Tode gespart.
Erwin Koch ist promovierter Jurist und Journalist, er schrieb Reportagen für «Die Zeit», das Magazin des «Tages-Anzeigers», für den «Spiegel». Seine Stoffe entnimmt er Zeitungsannoncen, Geschichten von Mord, Totschlag, Tod. Koch schreibt in einer Weise, die nie zu wenig und nie zu viel sagt. Es sind genug Worte und die richtigen Worte.
Kayser, Furrer und Reichert, die Lesenden, leben die Sprache von Erwin Koch. Furrer, dritte Person Einzahl, Präteritum von «warten»: ein warmes, sich aufbäumendes «war», gefolgt von zwei Maschinengewehrsalven «te»-«te». Aber muss der Sprache von Erwin Koch zusätzliches Leben eingehaucht werden? Es sind Geschichten, gemacht fürs Papier und darüber schweifende Augen. Zu viel Theater, Öffentlichkeit heben diese bereits verdichteten Geschichten auf Sinnesebenen, für die sie nicht gedacht wurden und auf der sie zerfasern und ihre Dringlichkeit verlieren können.
Ivna Žic wirkt dieser Gefahr entgegen, indem sie «Die schwarze Null» so reduziert wie möglich inszeniert. Viel Schwarzraum, einzelne, pittoreske Tupfer. Wenig Bewegung, Ruhe, Sprache. «Die schwarze Null» ist mehr inszenierte Lesung denn Theaterstück. Und als solche findet sie einen unerwarteten Zugang zu Erwin Kochs Reportagenstil.
Später wird es dann doch noch lauter, bunter. Die Masken werden wieder angezogen, die Hüllen fallen. Reichert (in einem grotesk-genialen Kartoffelsackkostüm), Furrer und Kayser tanzen in und um einen regenbogenfarbenen Fadenvorhang, dann in den leeren Publikumsrängen. Es ist Fasnacht und es ist Mord. Rüüdig guet und rüüdig böse. Es sind starke, absurde Momente. Sie wachsen über Erwin Kochs Sprache hinaus und werden zu entzückendem Theater.
Die schwarze Null, noch SO 18. Oktober bis MI 6. Dezember, auf der Bühne des Luzerner Theaters. Weitere Informationen und alle Spieldaten unter: http://www.luzernertheater.ch/dieschwarzenull
Alle Fotos: © Ingo Hoehn