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Ruka, Finnland, 5. Dezember 2020. Unter den sechs Athleten, die beim ersten Weltcup-Rennen zum Kampf um den Sieg antreten, ist auch der 1995 geborene Tessiner Marco Tadé, der Leader des Moguls-Teams von Swiss-Ski. Wie immer bleibt er am Start gelassen und konzentriert sich voll auf seine Fahrt.
Ein tiefer Atemzug vor dem Start, dann mit Schwung auf die Buckelpiste und hinein in die Sprünge. Ganze zwanzig Sekunden. Nach dem Überqueren der Ziellinie ein Schrei aus tiefstem Herzen: ein Schrei, als wolle Marco Tadé alles loswerden, was er in den letzten Jahren erlebt hat, mit allen Verletzungen, Zweifeln und schwierigen Momenten. Am Ende des «grossen Finales» schneidet nur ein einziger anderer Athlet besser ab – und Tadé darf über den 2. Platz jubeln. Seine Augen verraten sämtliche Emotionen eines Sportlers, der trotz aller Schwierigkeiten nie aufgab und es effektiv wieder an die Spitze geschafft hat.
Von den ersten Schritten mit der EYFA bis zur WM-Bronzemedaille
Zum ersten Mal auf den Skiern steht Tadé im Alter von ganzen anderthalb Jahren, als seine Eltern ihn mit auf die Piste nehmen. Während der Primarschule nimmt er an einigen Ausflügen des Skiclubs Airolo teil und amüsiert sich zwischendurch auch auf der Buckelpiste. Definitiv für Freestyle begeistert er sich 2006, an den Sommerkursen der European Youth Freestyle Academy (EYFA). Diese Schule für junge Freestyler wurde damals von Andrea Rinaldi gegründet, weil er nach seiner Zeit als Trainer der italienischen Moguls-Nationalmannschaft die Freestyle-Bewegung auch im Tessin etablieren wollte. Als Tadé rund elf Jahre alt war, wurde er in das Team von TiSki aufgenommen. So konnte er sich an den Jugend-Moguls-Wettkämpfen (Critérium Jeunes) sowie verschiedenen regionalen und nationalen Wettbewerben ausprobieren.
Einige Jahre später trat er Swiss-Ski bei und gab sein Debüt im Europacup: Im Januar 2010 nahm er an den europäischen Wettkämpfen in Prato Leventina teil, wo er als jüngster gemeldeter Athlet die Plätze 23 und 19 erreichte und damit alle überraschte. Im Dezember 2011 gewann er sein erstes Europacup-Rennen in Chiesa in Valmalenco (Italien) und gab er sein Weltcup-Debüt in Méribel (Frankreich). Zum Saisonende belegte Tadé den ersten Rang in der euro päischen Gesamtwertung. Derselbe Exploit gelang ihm in der Saison 2013/14 erneut – in einer Saison, in der er zugleich den 3. Platz bei den Junioren-Weltmeisterschaften im Dual Moguls belegte. Der erste Weltcup-Erfolg stellte sich Anfang 2015 ein: Auf der Königin aller Buckelpisten in Deer Valley (USA) eroberte der damals 19-jährige Schweizer, der bis dahin erst an zwei Finals auf diesem Niveau teilgenommen hatte, mit hochtechnischen Abfahrten den 3. Rang im Dual Moguls und schlug im «kleinen Finale» den Lokalmatador Patrick Deneen. Seinen zweiten Weltcup-Podestplatz holte sich Marco im Februar 2017 in Thaiwoo, wieder im Dual Moguls. Doch diesmal stiess er sogar auf den 2. Platz vor und musste nur hinter dem Kanadier Mikael Kingsbury zurückstehen. Im März 2017 gelang Marco Tadé das wichtigste Ergebnis seiner Karriere: Die Bronzemedaille an den Dual Moguls-Weltmeisterschaften in der Sierra Nevada (Spanien) – eine Auszeichnung, die er sich nicht entgehen liess, nachdem er am Vortag im Moguls nur knapp daran vorbeigeschrammt war.
Anhaltendes Verletzungspech
Doch Tadés Weg war keineswegs ein Sonntagsspaziergang, wie die lange Liste seiner Verletzungen belegt: «Im März 2015 habe ich mir die Kreuzbänder im linken Knie gerissen, und 2016 habe ich mich im gleichen Knie am Meniskus verletzt. 2017 waren dann die Kreuzbänder im rechten Knie an der Reihe, die ich erst 2018 operieren liess.»
Das Jahr 2018 brachte auch die grösste Enttäuschung mit sich: Wenige Tage vor der Abreise an die Olympischen Spiele in PyeongChang (Südkorea) verletzte sich Marco Tadé am rechten Knie, das bereits seit dem Training in Tignes (Frankreich) lädiert war. Diese unglückselige Episode brachte ihn sogar dazu, einen Abbruch seiner Karriere zu erwägen. Am Schluss waren jedoch die Liebe zu diesem Sport, der Wunsch, wieder ganz vorne mitzufahren und den olympischen Traum erneut zu jagen, stärker als sämtliche Zweifel. Damit nicht genug: In der Reha musste Tadé wegen eines hartnäckigen Problems mit den Knorpeln in beiden Knien äusserste Vorsicht walten lassen. Das hiess: Mit weniger Gewichten trainieren, kürzere Tage auf den Ski und besser auf den eigenen Körper hören. Sein Wettkampf-Comeback erfolgte fast zwei Jahre später, in der Saison 2019/20. Tadés oberstes Ziel war es, wieder Vertrauen zu den Skiern zu fassen und herauszufinden, wie sein Körper auf die Belastungen reagierte. Einziger Höhepunkt der Saison war sein 7. Platz im Dual Moguls vom März in Kasachstan. Und so rückte die die Saison 2020/21 rasch näher: Mit dem überraschenden und in gewisser Hinsicht unerwarteten 2. Platz in Ruka schlägt der Tessiner ein neues Kapitel seiner Karriere auf, im Vorfeld der Olympischen Spiele 2022. In Schweden, eine Woche nach dem finnischen Podest, belegt er Platz 12 im Moguls und Platz 5 im Dual Moguls. Jetzt stehen noch fünf Rennen auf dem Kalender, und Tadé geniesst seinen momentanen vierten Platz in der Weltcup-Gesamtwertung. Wie er selbst verrät, steckt hinter diesem grossen Comeback «kein Geheimnis, sondern nur massive Willensstärke und viel harte Arbeit».