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10.08.2022, 11:48 Uhr
Dafür, dass er nicht direkt messbar ist und sich mit der Zeit ändert, wird erstaunlich viel über den neutralen Zinssatz diskutiert, meint Russell Silberston von Ninety One. Und das zu Recht.Artikel lesen
Michael Power, Stratege bei Investec Asset Management, erwartet, dass in den nächsten zehn Jahren nur ca. 20% des Wirtschaftswachstums im Westen generiert werden. Der Grossteil entfällt mit 80% auf den Rest der Welt. Auf diese Verdrängung des Westens durch den Osten müssen sich die Anleger einstellen, um nicht ins Hintertreffen zu geraten.
"There's a feeling I get when I look to the West, and my spirit is crying for leaving."
Diese Zeile aus Led Zeppelins unvergesslichem Song Stairway to Heaven ist eine passende Analogie auf das derzeitige Dilemma der überwiegenden Mehrheit des weltweit mobilen Kapitals, von dem noch ca. 85% im Westen und bisher nur 15% in der restlichen Welt investiert sind.
Berücksichtigt man, dass im nächsten Jahrzehnt etwa 80% des Wirtschaftswachstums in diesem Rest und nur 20% im Westen generiert werden, muss das westliche Kapital befürchten, dass eine Investmentparty, so denn in den nächsten 10 Jahren eine steigt, auf jeden Fall nicht zuhause stattfindet. Die westlichen Regierungen wiederum müssen genau das Gegenteil befürchten, nämlich dass ein Grossteil "ihres Kapitals lieber im Ausland feiert, statt zuhause zu bleiben.
Selbstverständlich ist das westliche Kapital herzlich eingeladen, an der Aufstiegsparty der Neuen teilzunehmen, auch wenn Türsteher in Form von Kapitalkontrollen nicht immer jeden hineinlassen. In Brasilien etwa wurde der Kapital-Karneval 2011 zu einer solchen Massenveranstaltung, dass sich der dortige Finanzminister Guido Mantega gezwungen sah, die Eintrittspreise zu erhöhen und ungebetenen Gästen gar den Währungskrieg erklärte. China und Indien allerdings haben ausländischem Kapital allein im vergangenen Monat die Teilnahme an ihrer Volljährigkeitsparty erleichtert. In Indien war der Grund zweifellos der Bedarf an ausländischem Kapital zum Ausgleich der Leistungsbilanz und der Wunsch, ein ganz neues Kapitel in seiner wirtschaftlichen Entwicklung aufzuschlagen. China könnte Prognosen zufolge bereits 2014 in eine ähnliche Lage geraten.
Wie viel westliches Kapital an der Party teilnimmt, hängt auch davon ab, inwiefern es seine instinktive Heimatpräferenz abschütteln kann. Diese ist in westlichen Kernländern wie den USA ausgeprägter als in Peripherieländern wie Schweden, Dänemark und Finnland, was auch daran liegen mag, dass in ersteren mehr attraktive Inlands-Chancen zum Bleiben bewegen. Daneben bewegt westliche Anleger die bis vor kurzem undenkbare, nun aber zunehmend bange Frage: Was passiert, wenn finanzielle Repression in der "Alten Welt" zur Tagesordnung wird und das westliche Kapital "elterliches" Ausgehverbot erhält und nicht mitfeiern darf, obwohl es zur Party der anderen eingeladen wurde?
Der zentrale Zielkonflikt ergibt sich wahrscheinlich aus den sehr offensichtlich attraktiven Chancen an den globalen Finanzmärkten fernab der Heimat in der Neuen Welt und den eher verhalten attraktiven Chancen zu Hause in der Alten Welt. Diesen zu lösen wird die globalen Finanzmärkte in den nächsten zehn Jahren stark beschäftigen. Dabei trennt die Lösung dann nicht nur die Spreu vom Weizen (also die Gewinner von den Verlierern). Vielmehr führt sie auch zu einer völlig neuen Definition der Parameter für globales Risiko. Könnte die Rendite einer Anleihe in chinesischen Renminbi 2022 mehr Einfluss auf die Bestimmung der globalen Kapitalkosten haben als die Rendite einer US-Staatsanleihe? Orientieren wir uns 2022 nicht mehr an der Wall Street sondern an der Great Wall Street (also der Strasse der Grossen Mauer)?
Besonders aufmerksam gilt es in diesem Zusammenhang zu verfolgen, wie sich das Gesamtbild in den nächsten zehn Jahren verändert, denn diese Veränderung hat epochale Ausmasse und vollzieht sich in Dimensionen, wie wir sie nicht mehr erlebt haben, seit die westliche Welt Anfang 1800 Asien im Zentrum der Weltwirtschaft ablöste. Dieser Verlagerungsprozess - oder genauer die Verdrängung des Westens durch den Osten wir laut, chaotisch und in Schüben verlaufen. Nicht alle sind gleichermassen betroffen, weil rohstoffreiche Länder wie Kanada, Australien, Neuseeland und Norwegen sich aus dem wirtschaftlichen Orbit der Alten Welt lösen und zu Ehrenmitgliedern der Neuen Weltwirtschaft werden. Und womöglich ist auch in der Neuen Welt nicht alles eitel Sonnenschein: Osteuropa muss noch viel tun, um sich seinen Platz in der Neuen Ordnung zu verdienen, und wenn Südafrika Erfolg haben will, muss es sich für seine neue Identität als Anrainer des Indischen Ozeans und gegen seine alte Identität als Mitglied der atlantischen Wirtschaftsgemeinschaft entscheiden. Für Anleger weichen alte Gewissheiten neuen Zweifeln. Dabei müssen sie darauf achten, dass sie nicht ihren altbewährten Reflexen folgen und dem Bekannten, wenn auch tendenziell Unvorteilhaften den Vorzug vor dem zwar tendenziell vielversprechenden, aber eben auch unbekannten Neuen geben.
Während all des Ungemachs, der Hitze des Gefechts und des Chaos der nächsten zehn Jahre sollten Anleger das arabische Sprichwort nicht vergessen, das da lautet: Die Hunde heulen, aber die Karawane zieht weiter. Nach meinem Dafürhalten müssen sich alle Anleger - im Westen und im Rest der Welt - in den nächsten zehn Jahren auf ihr Ziel konzentrieren und mit der Karawane weiterziehen, anstatt mit den Hunden zu heulen und zurückzubleiben.
Wie Daten des Economist zeigen, hat China die USA 2011 bei unterschiedlichen Kennziffern vom Stahlkonsum hin bis zu Autoverkäufen überholt* und damit ein Jahrzehnt wahrhaft monumentaler Veränderungen eingeläutet. Das westliche Kapital mag dies bedauern: "There's a feeling I get when I look to the West, and my spirit is crying for leaving." Letztendlich muss das westliche Kapital aber jetzt die schwierige Entscheidung treffen, in wieweit die Abkehr vom Westen und die Hinwendung zum Rest der Welt tatsächlich in einen neuen Himmel führt, und wenn ja, welcher Weg der Beste ist.
Quo vadis Investor?
Prognostizieren zu wollen, wie viel dieses allumfassenden Themas in jedem einzelnen Jahr des kommenden Jahrzehnts zum Tragen kommt, gleicht einem Vabanque-Spiel. Zumal seit 2011 eines sicher ist: Eine Einbahnstrasse ist dies nicht. Das westliche Kapital wird während dieser Zeit mal hierhin, mal dorthin schwappen und sich mit dem Kapital aus anderen Teilen der Welt, das an Einfluss und Gewicht gewinnt, vermischen. Besonders die Kapitalüberschüsse rohstoffreicher Nationen, die oft von deren Staatsfonds verwaltet werden, steigen im kommenden Jahrzehnt zu Titanen des mobilen Kapitals auf.
Sofern keine unvorhergesehene Katastrophe eintritt, ist Investec aber letztlich davon überzeugt, dass bis 2022 netto mehr Kapital aus dem Westen in den Rest der Welt geflossen sein wird, als umgekehrt wieder in den Westen zurückschwappt. Die grosse Wanderung des Kapitals von den abgegrasten und nur langsam spriessenden Weidegründen des Westens zu den chancenreichen und schnell wachsenden Weiden der restlichen Welt hat begonnen.
2012 ist nur ein Jahr auf dieser ereignisreichen Reise und die unterdurchschnittliche Entwicklung der Neuen Welt im Vergleich zur Alten Welt, die wir im vergangenen Jahr erlebt haben, wird diesmal vermutlich nicht wiederholt. Wie während der meisten Zeit im 21. Jahrhundert fliesst 2012 mehr Geld in die Neue Welt als aus ihr heraus.
Ein Teil des wandernden Kapitals kommt in anderem Gewand daher: Westliche Multis, die im Rest der Welt investieren, lenken auch Kapital westlicher Anleger in die Neue Welt. Für diese westlichen Besitzer von Kapital, die weniger risikofreudig sind oder die Perspektiven der Neuen Welt weniger gut einschätzen können, ist dieser Weg möglicherweise der beste, um ihr Engagement im Rest der Welt zu erhöhen. Daneben ziehen Anlageklassen wie Rohstoffe, die ebenfalls vom Aufstieg der restlichen Welt profitieren, westliches Kapital an; gleiches gilt für Immobilienfonds, die sich auf die neue Welt konzentrieren.
Es ist unwahrscheinlich, dass sich Schwellenländeraktien zwei Jahre hintereinander schlechter entwickeln als ihre Pendants in den Industrienationen, zumal wenn man deren derzeitigen relativen und absoluten Wert betrachtet.
Auch wenn Aktien mit Abstand die meiste Aufmerksamkeit geniessen, vollzieht sich der grösste Wandel des kommenden Jahrzehnts womöglich im Anleihensegment: In den nächsten zehn Jahren sind Lokalwährungsanleihen der Schwellenländer aller Voraussicht nach unter allen Anlageklassen die grössten Gewinner. Ganz vorne im Anleihenklassement liegen daneben die Unternehmensanleihen der Schwellenländer.
Und auch das Liquiditätsmanagement wandelt sich: Globale Anleger, die sich der kommenden Veränderungen bewusst sind, werden zunehmend darauf bestehen, dass die Währungen in ihren Portfolien unabhängig gemanagt werden. Der US-Dollar bleibt zwar wahrscheinlich die bevorzugte Basiswährung dieser Portfolien, aber 2022 hat der US-Dollar womöglich sein angestammtes Recht verloren, in allen global ausgerichteten Liquiditätsfonds den Ton anzugeben.
*Quelle: Economist, Januar 2012