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Ein Leserbrief von letzter Woche hat mich nachdenklich gemacht. In einem überaus klugen Mail bat mich ein Leser im Hinblick auf meine journalistische Arbeit darum, mir meiner Privilegien bewusst zu sein. Voilà:
Ich habe Lehrereltern. Das heisst: Ich bin in einem Zuhause voller Bücher aufgewachsen, hatte Unterstützung bei den Aufgaben, konnte vom Wissen meines Altphilologen-Vaters profitieren. Ich bin gross, weiss und habe dunkelblonde Haare. Das heisst: Ich entspreche dem gängigen Schönheitsideal, finde passendes Make-up für meine Hautfarbe, wurde noch nie von der Polizei kontrolliert.
Ich bin gesund. Das heisst: Das Kino meiner Wahl muss nicht rollstuhlgängig sein, ich muss nicht an irgendwelche Medikamente denken, ich werde von der Gesellschaft nicht ausgeschlossen. Ich bin heterosexuell. Das heisst: Ich werde auf der Strasse nicht angegriffen, musste kein Outing durchstehen, habe bei der Partnersuche eine grosse Auswahl. Ich bin Journalistin. Das heisst: Ich habe einen Job, ein Dach über dem Kopf, Zugang zu Informationen, kann Beiträge in meine Altersvorsorge einzahlen.
Ich bin Schweizerin. Das heisst: Ich komme schnell durch Flughafenkontrollen, würde bei Notfällen im Ausland von einer Botschaft gerettet werden, muss keine Existenzängste haben. Ich bin extrovertiert. Das heisst: Ich kann für meine Anliegen einstehen, knüpfe schnell Kontakte, kann mich verteidigen.
Bis auf die Tatsache, dass ich kein Mann bin, habe ich als Mensch auf dieser Welt jeden Lottosechser gezogen. Keines dieser Privilegien habe ich irgendwie «verdient». Und das darf man nie vergessen.
Autor: Anne-Sophie Keller
Fotograf: René Ruis