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CO2-Reduktionspotenziale
Die Ziele des CO2-Gesetzes und des Kyoto-Protokolls sind nur mit koordinierten Massnahmen der Energie-, Bau- und Verkehrspolitik sowie der Investoren in Wirtschaft, öffentlicher Hand und privaten Haushalten zu erreichen. Rund drei Viertel des Beitrags zur Zielerfüllung sind von einer effizienteren Energieanwendung zu erwarten. Die verstärkte Erdgasnutzung und der Ausbau der erneuerbaren Energiequellen kommen zusammen für das restliche Viertel auf. Das Wirtschaftswachstum wird dadurch nicht wahrnehmbar beeinträchtigt. Die zusätzlichen Kosten zur Erreichung der Reduktionsziele werden durch die Vermeidung externer Kosten in etwa aufgewogen.
Langfristige Herausforderungen und Chancen
Drei energie- und umweltpolitische Makrotrends legen es nahe, die effizientere Anwendung von Energie und die Nutzung von Erdgas siehe Kasten 1
Seit den Achtzigerjahren gelten erwerbsabhängige Sozialtransfers in Form von Steuergutschriften (tax credits) als der beste Kompromiss für die Erfüllung der genannten Anforderungen. Im Gegensatz zur NIT sind bei den erwerbsabhängigen Steuergutschriften nur Haushalte anspruchsberechtigt, die
erwerbstätig sind. Den bezugsberechtigten Haushalten wird im Rahmen einer Steuergutschrift ein Teil ihrer Steuerschuld erlassen. Ist die Steuerschuld eines Haushalts zu klein,um seinen Unterstützungsanspruch abzudecken, wird die Differenz ausbezahlt. Erwerbsabhängige Steuergutschriften zielen auf Haushalte
sowie erneuerbarer Energiequellen in der Schweiz beschleunigt voranzutreiben:
– Der Klimawandel durch anthropogen bedingte Treibhausgasemissionen hat bereits begonnen (IPCC 2001). An der Notwendigkeit, die energiebedingten Klimagasemissionen – in den Industriestaaten absolut und in den Entwicklungsländern spezi-fisch – deutlich und langfristig zu reduzieren, besteht kein Zweifel mehr. Dies eröffnet den Schweizer Technologieproduzenten und Dienstleistern erhebliche Chancen.
– Die hohe Erdölabhängigkeit der Schweiz (derzeit 46% des Primärenergiebedarfs) stellt bei zunehmender Konzentration der Erdölproduktion in den Opec-Staaten – insbesondere im politisch labilen Nahen Osten – ein wachsendes Risiko für die Versorgungssicherheit dar. Dieses Risiko besteht weltweit, insbesondere für den Strassen-, Luft- und Schiffsverkehr mit seiner fast 100%igen Abhängigkeit von Erdölprodukten.
– Merkliche Preissteigerungen des Erdöls als Preisführer auf den Energiemärkten werden mit Erreichen des Produktionsmaximums der globalen Erdölproduktion etwa ab 2015 bis 2030 erwartet. Wegen der relativ langen Re-Investitionszyklen von Raffinerien, Tankstellen und Kesselanlagen erscheint eine beschleunigte Substitution von Erdölprodukten auch im Raum- und Prozesswärmebereich wichtig.
Diese drei Herausforderungen sind für die Produzenten neuer Energietechniken und Erdgasversorger eine unternehmerische Chance. Sie waren Ausgangspunkt der Analyse, welche hier zusammengefasst wiedergegeben wird (vgl. Jochem/Jakob 2004).
Wo liegen die technologischen Chancen für die Schweiz?
Zentrale Frage der durchgeführten Analysen war, welches die möglichen technologischen Lösungen zur Erreichung der Ziele des CO2-Gesetzes bzw. des Kyoto-Protokolls sind und wie hoch deren Kosten für die Schweiz liegen.
Methodisch verfolgte die Analyse einen vergleichenden Ansatz: Zwei Emissions-Reduktions-Szenarien mit unterschiedlichen Reduktionszielen wurden einer energiewirtschaftlichen Referenzentwicklung der Schweiz gegenübergestellt. Das Referenz-Szenario beinhaltet alle bisher in Kraft getretenen und beschlossenen energie- und umweltpolitischen Massnahmen ausser denjenigen des CO2-Gesetzes und des Kyoto-Protokolls. Die beiden Reduktions-Szenarien (I und II) gehen von einer teilweisen bzw. vollständigen Zielerfüllung des CO2-Gesetzes aus. Das anspruchsvolle Szenario II mit Zielerfüllung im Inland unterstellt zusätzliche energiepolitische Massnahmen, darunter:
- Reduzierte Treibstoffsteuer für Erdgas und Biomasse als Treibstoff;
- – CO2-Lenkungsabgabe: 50 Fr./t CO2 für Brennstoffe, 100 Fr./t CO2 für Treibstoffe (1,0 Rp./kWh Erdgas, 13 Rp./l Heizöl, 24 Rp./l Benzin, 26 Rp./l Diesel).
Analysiert wurden die Emissionsentwicklung von Treibhausgasen und konventionellen Luftschadstoffen, kostenseitige Auswirkungen (direkte Kosteneffekte und externe Kosten) sowie energiewirtschaftliche Aspekte und gesamtwirtschaftliche Auswirkungen. Hierzu wurden prozessorientierte sektorale Rechenmodelle des Centre for Energy Policy and Economics (Cepe) und des Paul Scherrer Instituts (PSI) verwendet.
Die Kostenrechnungen auf der prozess- bzw. mikro-ökonomischen Ebene basieren meistens auf projektorientierten Investitions- und Betriebskosten, wobei für die Berechnung der jährlichen Kapitalkosten in der gesamtwirtschaftlichen Perspektive ein Realzinssatz von 2,5% und in der einzelwirtschaftlichen Perspektive ein solcher von 8% bzw. 5% (Gebäude) zugrunde gelegt wurde. Meist sind keine Transaktions- bzw. Programmkosten enthalten; hierüber liegen derzeit noch wenige empirische Informationen in unmittelbar verwendbarer Form vor.
Was kann man von der Energieeffizienz erwarten?
Bezogen auf das Bruttoinlandprodukt (BIP) verbessert sich im Referenz-Szenario die Endenergieintensität – d.h. das Verhältnis zwischen Endenergiebedarf und BIP – um durchschnittlich gut 1% pro Jahr, was eine übliche Intensitätsverbesserung vieler OECD-Staaten in den letzten zwei Jahrzehnten darstellt. Basis dafür bilden typische Trends technischer Effizienzverbesserungen im Re-Investitionszyklus (z.B. bei Heizanlagen, Industrieprozessen und Gebäuden), der Strukturwandel zu weniger energieintensiven Branchen sowie Sättigungseffekte in einer Gesellschaft mit hohem Pro-Kopf-Einkommen.
Im Reduktions-Szenario II geht der Endenergiebedarf um rund 30 PJ auf rund 760 PJ im Jahre 2010 zurück; der Rückgang beträgt also etwa –5,7% gegenüber 1999. Die grössten Reduktionen werden im Gebäude- und Strassenfahrzeugbereich erreicht. Gesenkt wird der Energiebedarf auch durch eine veränderte Verkehrspolitik (erheblich) und durch eine Materialeffizienzpolitik (gering). Diese Energieeffizienzgewinne sind allein durch investive und organisatorische Massnahmen – d.h. ohne Beeinträchtigung des Konsum- oder Produktionsnutzens – erreichbar.
Was leistet das Erdgas zur CO2-Minderung?
Seit der Einführung des Erdgases zu Beginn der Siebzigerjahre wurde die flächenspezifische Erdgasversorgung erheblich ausgebaut. Allerdings ist der eigentliche Gasanschluss weit weniger fortgeschritten: Zwar leben rund zwei Drittel der Bevölkerung in gasversorgten Gemeinden, aber nur ein Fünftel der Wohnungen und gut ein Zehntel der Einfamilienhäuser sind ans Erdgasnetz angeschlossen. Im Dienstleistungs- bzw. Industriesektor ist der Anschlussgrad im Vergleich zum Erschliessungsgrad etwas höher.
Diese Ausgangslage sowie die durchgeführten raumbezogenen Analysen legen es nahe, dass künftig dem so genannten Verdich-ten – d.h. dem Gewinnen von neuen Bezügern im gasversorgten Gebiet – eine hohe Bedeutung in allen Szenarien zukommt. Ebenfalls von Bedeutung ist das Erschliessen von Neubau-Gebieten, da bei der Erschliessung kostenreduzierende Synergieeffekte erzielt werden können. Im Reduktions-Szenario II wird von einem verstärkten und beschleunigten Ausbau der Gasversorgung aus Gründen der Diversifizierung der Primärenergieträger und des Klimaschutzes ausgegangen; die Diffusionsgeschwindigkeit der Neunzigerjahre bliebe bis 2012 erhalten (im Gegensatz zur Referenz, in der mit einem Sättigungsphänomen gerechnet wird). Der gegenüber der Referenz-Entwicklung höhere Erdgasanteil führt aufgrund des verdrängten Erdölbedarfs zu einer Verminderung der CO2-Emissionen von rund 340000 t CO2 im Jahr 2012 (Reduktions-Szenario II).
Beitrag der erneuerbaren Energien
Die weiter gehende Nutzung von erneuerbaren Energien bis 2012 ist vor allem im Wärmebereich von Bedeutung. Trotz stagnierendem Wärmemarkt wird bereits im Referenz-Szenario von steigender Holznutzung (der beobachtete Rückgang der traditionellen Holzheizungen wird durch neue, moderne Techniken überkompensiert), einer Zunahme der Wärmepumpen (der zusätzliche Strombedarf wird als Ergebnis der Annahmen durch den Ersatz von Elektroheizungen und -boilern überkompensiert), der Verbrennung organischer Abfälle und der solaren Warmwassernutzung ausgegangen. Im Szenario II erhöht sich der Anteil der erneuerbaren Energien und Abfallstoffnutzung von 6% am Primärenergiebedarf auf 7,7% (ohne Wasserkraft). Die erneuerbaren Energien werden eher in den nachfolgenden Dekaden eine grössere Rolle spielen.
Aufgrund der erforderlichen Aufbauzeit haben die erneuerbaren Energien im Strassenverkehr bis 2012 eine sehr geringe Bedeutung. Mittelfristig könnten auch Treibstoffe aus erneuerbaren Energien einen Beitrag zur Minderung des CO2-Ausstosses leisten.
Die meist vergessene ökologische Rendite von verminderten Emissionen
Die traditionellen Luftschadstoffe (NOx, SO2 und Partikel-Emissionen) vermindern sich um etwa ein Drittel gegenüber 1999. Allein die Gesundheitseffekte – gemessen an Mortalität und Morbidität – bedeuten im Jahr 2012 eine Kostenminderung um rund 200 Mio. Franken (ca. 1000 verlorene Lebensjahre pro Jahr) im Reduktions-Szenario II gegenüber der Referenz. Dabei sind die Adaptationsmassnahmen zum Klimawandel, die schon jetzt den Bergkantonen erhebliche Kosten verursachen, nicht berücksichtigt.
Die Abschätzungen der Schadenskosten durch Treibhausgasemissionen unterliegen derzeit grossen Unsicherheiten, zumal sie erstnach vielen Jahrzehnten sichtbar werden. Heute sieht man die ersten zusätzlichen Investitionen wegen Hochwasser-, Lawinen- und Murenschutz oder Beschneiungs- und Klimaanlagen. Bezieht man also die vermiedenen Kosten der Treibhausgasemissionen in den erwarteten Nutzen mit ein, so liegen diese in der gleichen Höhe wie die zusätzlich zu erwartenden Kosten (vgl. Tabelle 1).
Beitrag der drei technologischen Optionen zur CO2-Minderung im Vergleich
Wäre seit 1990 die Energie-Effizienz nicht laufend verbessert worden (verbesserte Neubauweise, Erneuerung von Gebäuden, Heiz- und Industrieanlagenersatz etc.), würden die CO2-Emissionen im Jahre 2010 aufgrund des Wirtschaftswachstums sowie des Zuwachses an beheizten Flächen und Fahrzeugen mit etwa 46 Mio. t CO2 wesentlich höher liegen als im Referenz-Szenario; es entstünde eine Ziellücke von rund 10 Mio. t CO2 (vgl. Grafik 1). Insgesamt ist denn auch der Beitrag der Effizienzsteigerungen zur CO2-Minderung zwischen 1990 und 2012 in allen Rechenläufen am grössten, nämlich rund drei Viertel. Im Vergleich dazu spielt die Substitution durch Erdgas mit einem Beitrag von 14% eine bedeutende, aber keine dominierende Rolle. Ein vergleichbarer Beitrag (12%) kommt von den erneuerbaren Energien (inklusive der Verbrennung von organischen Abfall-stoffen). In geringem Masse trägt die Substi-tution von Brennstoffen durch Strom zur Reduktion bei.
Wirtschaftswachstum kaum beeinträchtigt
Die Auswirkungen einer CO2-Abgabe auf das Wachstum des BIP sind nach den Erkenntnissen vorliegender Studien (siehe Grafik 2) als marginal einzuschätzen. Höhe und Richtung der Abweichung des BIP vom Referenzniveau sind von der Ausgestaltung der Abgabe-Rückerstattung und der Arbeitsmarktlage abhängig. Werden die Höhe der Abgaben begrenzt (etwa auf 30 bis 40 Fr./t CO2), die Staatsquote durch die Rückerstattung gemildert und/oder Innovationen bei Energieanwendungen und -dienstleistungen realisiert, kann ein positiver Nettoeffekt infolge der höheren Ressourcenproduktivität resultieren.
Die Beschäftigungswirkungen einer CO2-Abgabe sind laut vorliegender Studien bei Begrenzung der Abgabe bis zu etwa 60 Fr./t CO2 als positiv einzuschätzen, weil importierte Energie in hohem Umfang durch inländisch erzeugte Effizienzprodukte, erneuerbare Energien und Dienstleistungen substituiert wird und bei rentablen Massnahmen ein zusätzlicher Nachfrageeffekt entsteht (vgl. Grafik 2). Negative Beschäftigungseffekte konzentrieren sich im konventionellen Energiesektor, während die Technologieproduzenten und das Baugewerbe einen positiven Nettobeschäftigungseffekt aufweisen. Die involvierten Planungs-, Bau- und Erneuerungsarbeiten sind gerade in ländlichen strukturschwachen Gebieten speziell willkommen.
Schlussfolgerungen
Mit der bisherigen – meist auf freiwilligen Massnahmen basierenden – Energie- und Klimapolitik werden die Ziele des CO2-Gesetzes und von Kyoto nicht erreicht.
Bei grossen Anstrengungen könnten diese Ziele bis 2012 indes noch erreicht werden. Hierbei liefert die effizientere Nutzung von Energie etwa drei Viertel des Zielbeitrages und die Substitution von Erdöl durch Erdgas und die erneuerbaren Energien jeweils etwa die gleichen Restbeiträge. Gemessen an der energiepolitischen Aufmerksamkeit werden somit die Chancen der Energieeffizienz unterschätzt und die in der Bevölkerung und den Medien viel beachteten erneuerbaren Energiequellen für dieses Jahrzehnt überschätzt. Bisher wenig beachtet wurden auch die mit den Massnahmen verbundenen Nutzen auf der Umweltebene (Reduktion der externen Kosten) sowie im Bereich Gebäude (Erhöhung des Wohnkomforts, Werterhaltung/-steigerung). Konzeptionell herrscht noch immer eine Strategie des (alternativen) Energieangebotes vor, anstatt einer Strategie von Ressourceneffizienz und Innovationsoffensive.
Je länger Politik und Unternehmen mit weiteren Massnahmen zuwarten, desto kostspieliger wird es, bis 2012 das Kyoto-Ziel noch zu erreichen. Die Schweiz setzt gar ihr Image aufs Spiel, wenn sie als Hochtechnologieland die selbst gewählten Ziele nicht erreicht. Die Schweizer Wirtschaft vergibt sich zudem die Chance, durch den Export von hoch effizienten Anlagen und Maschinen Pioniergewinne im Ausland zu realisieren. Denn Klimawandel und drohende Preiserhöhungen fossiler Energieträger werden die Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte bleiben. Eine Lösung bietet sich nur durch eine völlige Erneuerung des Kapitalstocks in Richtung hoher Energie- und Materialeffizienz an.