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«Carlo, der Narr»
Die Sciora fuhr gegen Abend aus dem Städtchen, wo sie Besorgungen gemacht hatte, durch das Tal hinauf nach Hause. Es war die Zeit zwischen sechs und sieben Uhr, die Essenszeit der Talleute. So begegnete sie niemandem auf der Strasse.
Sie fuhr rasch. Hinter der Mühle fiel der kleine scheckige Hund des Müllers den Wagen an, wie er es immer tat, und rannte kläffend hintendrein, bis er aus Atemnot zurückbleiben musste. Weiter oben stand auf dem Weg das alte, weisse Pferd vor dem Wagen des Gemüsehändlers, der wohl in der Wirtschaft daneben seine Abendsuppe ass.
Dieses gute alte Pferd! Seit wie vielen Jahren zog es jeden Freitag das mit Plachen gedeckte Wägelchen des Krämers durch das Tal hinauf und hinab? Der Mann war siebzig Jahre alt. Ein Italiener, schneeweiss mit hellblauen klaren Augen und einer edelgeschnittenen Nase. Pferd und Mann sahen sich übrigens ähnlich. Im Wagen lagen aufgetürmt Körbe mit Grünzeug, Früchten, Kartoffeln, doch auch ein Korb mit Faden, Wolle, kleinen Kinderspielsachen war dabei, ja etwa eine Jacke oder ein Paar Halbleinhosen.
Unter dem Wagen baumelte aufgehängt ein Käfig. Darin sassen verstobert zusammengedrängt einige alte Hennen, die der Krämer einer Bauernfrau gegen Ware abgenommen hatte und die er anderswo als Suppenhühner weiterverkaufte. Auch den Eierhandel besorgte er so: In einem Dorf tauschte er Eier ein gegen Grünzeug, im anderen verkaufte er sie wieder. Er war ein nützlicher und nicht wegzudenkender Faktor im Wirtschaftsleben des Dorfes.
Während die Sciora im Weiterfahren an den freundlichen alten Mann dachte, sah sie Carlo am Wegrand. Er lehnte gegen eine Grashalde und sah traurig vor sich hin. Carlo ist der «Dorftrottel». Seine Eltern seien als junge Leute ins Waadtland ausgewandert und hätten dort so zu trinken begonnen, dass bald beide nacheinander starben. Ihre zwei kleinen Kinder kamen in die Gemeinde zurück. Es zeigte sich, dass sie für die Gemeinde eine besonders grosse Last waren, denn sie konnten zu nichts herangezogen werden, sie lernten kaum das Sprechen.
Der ältere der Brüder starb, bevor er fünfzehn Jahre alt war. Der jüngere, Carlo, ist geblieben. Er wohnt bei der Witwe des Dachdeckers, bei der auch alle anderen Gemeindeschützlinge wohnen. Seinerzeit hatte der Dachdecker sich bereit erklärt, die Verwahrlosten, die der Gemeinde zur Last fielen, gegen eine kleine Entschädigung bei sich aufzunehmen. Es wurde gesagt, er mache damit ein Geschäft. Sein Haus war klein und ruinenhaft, und was er seinen Schutzbefohlenen zu essen gab, mochte auch nicht viel wert sein.
Er selbst hatte ausgesehen wie einer seiner Pensionäre: zwerghaft klein mit dicken schweren Beinen, die er mühsam in Bewegung setzte. Dafür war seine Zunge beweglicher. Er war bekannt und beliebt als der witzigste Mann des Tales. Wo er war, wurde gelacht, denn der kleine Mann wusste eine Menge lächerlicher Geschichten, die er mit einer heiseren, tiefen Stimme zum Besten gab, ob es auf der Strasse war, in der Post oder im Wirtshaus. Sogar über sich und seine Pfleglinge machte er sich lustig, drastisch und ohne Scheu. Er war ein richtiger Schalk.
Im letzten Winter wurden seine Beine immer dicker. Er lachte darüber. Doch kam der Tag, an welchem er nicht mehr gehen konnte. Er machte seine Witze weiter. Da wurde er an einem Abend blau im Gesicht und war tot, noch bevor der Arzt kam. So blieb seine Witwe allein mit der seltsamen Gesellschaft und ihr Haus ist sowohl eine Verwahrungsanstalt wie ein Armen- und Irrenhaus. Der wichtigste Insasse des Hospizes ist Carlo. Wie alt er heute ist, wäre schwer zu sagen. Sein Gesicht ist mit Haaren zugewachsen. Alle zwei Monate ungefähr wäscht, schert und rasiert ihn seine Hausmutter. Dann kann man sehen, wie der liebe Gott ihn sich eigentlich gedacht hat.
Die Sciora fand immer, nicht schlecht, er habe eher schmale, feine Züge, nur alles seltsam verlottert und verwildert. Ebenso verwildert ist seine Kleidung, die aus geschenkten Stücken zusammengestellt ist. Da nie jemand etwas für ihn abändert oder flickt, hängen die Kleidungsstücke verwunderlich um seinen mageren, kleinen Körper herum. Er besitzt eine ziemlich ausreichende Garderobe. Uhrkette und Kinderuhr gehören dazu als Hauptstücke.
Im Winter hat Carlo die Gewohnheit, alle Hosen, die er besitzt, übereinander anzuziehen, so dass er Mühe hat, seine ohnedies kurzen Beine zu heben. Es entsteht nun wohl die Schwierigkeit, wo hinein das Hemd zu stecken sei und Carlo löst sie so, dass er dieses frei über alle Beinkleider flattern lässt. Das aber nur im Winter. Im Sommer sieht er weniger befremdlich aus. Er trägt das Hemd am Ort, Weste mit Uhrkette und Uhr darüber und auf dem Kopf stets eine viel zu grosse Mütze.
Carlos Gesang und der Regen
Carlo wird angestellt, um kleine Besorgungen von einem Dorf zum andern zu machen: einen Brief bringen, einen Sack Mehl abholen. Er besorgt alles auf das Gewissenhafteste. Nie lässt er sich ablenken oder vergisst, was ihm aufgetragen wurde. Wohl kommt er manchmal erst spät Nachts von einer Geschäftsreise zurück, aber er kommt immer erfolgreich zurück. Das Erfreuliche an seiner Person und das, warum ihn jedermann gut leiden mag, ist seine Vergnügtheit. Er ist immer guter Laune und lacht gerne kollernd vor sich hin. Oft muss er sich am Strassenrand niedersetzen, so lächert ihn etwas.
Die Sciora glaubt bemerkt zu haben, dass die Begegnung mit Frauen oder Mädchen ihn besonders zum Lachen anregt. Er torkelt dann vor sich hin, als ob er getrunken hätte, lacht krachend und quiekt dazwischen: «’s ist gut, ’s ist gut!» Es kommt auch vor, dass er singt. Immer dieselben Noten in demselben kräftigen Rhythmus. Es ist eine Art Marschlied. Doch singt er es nur, wenn Regen droht. Hören die Frauen im Dorf den singenden Carlo, sagen sie, ohne zum Himmel aufzuschauen: Es gibt Regen. Und es regnet auch vor dem Abend.
Die Sciora wollte das zuerst nicht glauben, doch musste sie bald zugeben, dass eine Beziehung zwischen dem Singen des Guten und dem Regen bestehen müsse, eine Beziehung, die durchaus unverständlich ist und als verrückt verlacht wird von ihren Gästen, wenn sie davon erzählt. Aber auch die Gäste lernen es, sich zu wundern, denn wenn am schönsten Morgen Carlo singend den Dorfweg hinaufzieht, da regnet es sicher am Nachmittag. Verstehe das, wer wolle.
Die Sciora hat Carlo als Barometer angenommen und fährt gut damit. Ehedem hatte Carlo einen Wagen besessen, einen kleinen Kinderleiterwagen. Er hielt nicht mehr zusammen, ja, wahrscheinlich hatte er schon nicht mehr zusammengehalten, als er ihm geschenkt wurde. Aber dieser Wagen war sein Glück. Der Gemüsehändler konnte an seinem Gefährt nicht mit mehr Liebe hängen, als Carlo an dem seinen. Mit immer neuer Kunst befestigte er die widerspenstigen Räder, von denen jedes auf seine eigene Seite wegrollen wollte, oder nagelte mit einem Stein die sich stets wieder lösenden Seitenbretter fest.
Jeden Tag kam er mit dem Wagen durch das Dorf hinauf. Bald war er das Ross, dann trabte er heftig stampfend dem Wagen voran, wie es das alte weisse Ross des Krämers tat, um die letzte Böschung vor dem Dorfplatz zu überwinden. Oder er war der Kutscher, dann ging er, wie der Krämer, mit wichtigem Gesicht hinter dem Wagen und schrie: «Hü.» Dieser Wagen musste ihm genommen werden. Carlo hatte die Gewohnheit nicht auszuweichen. Kam ihm ein Wagen, ein Auto oder gar der Gemüsewagen mit seinem Blachenverdeck entgegen, blieb er mit seinem Gefährt mitten auf der Strasse stehen, überwältigt von dem grösseren. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er sich entschloss, auf die Seite zu rücken.
So bedeutete er eine Störung des Verkehrs. Besonders das Postauto wollte nicht mehr Carlos wegen stehen bleiben und Zeit verlieren. Der Wagen musste ihm genommen werden. Wie sollte der kleine Mann diese Bosheit verstehen? Er konnte sie nicht begreifen. Betrübt schlich er nun mit einem Körbchen am Arm durchs Dorf. Er schämte sich. Ein Korb ist keine Männersache. … An diesem Abend also lehnte Carlo, seinen Korb am Arm, gegen eine Grashalde und staunte traurig vor sich hin. Die Sciora bremste ihren Wagen, doch war er im Schuss, so dass sie ein gutes Stück Weges über den kleinen Mann hinausfuhr.
Als der Wagen stand, kehrte sie sich um und rief Carlo zu, ob er mitfahren wolle. Sie dachte, ihm damit eine Freude zu machen und seinem niedergedrückten Ichgefühl etwas aufzuhelfen. Er rührte sich nicht. Er staunte weiter vor sich hin. Die Sciora rief noch einmal, lauter, wenn er mitfahren wolle, solle er schnell kommen, sie könne nicht viel Zeit verlieren. Carlo bewegte sich nicht. Endlich rief er: «Pazienza!» Die Sciora fand, er habe recht, pazienza sei ein gutes Wort, und wartete weiter. Nach einer Weile hörte sie seine schlurfenden Schritte und dann tauchte sein Kopf neben dem Wagenschlag auf.
Die Sciora erschrak nun doch, als sie dieses Gesicht zum ersten Male so sehr in der Nähe sah. Dieses Gesicht! War das überhaupt ein Gesicht! Eher war es eine Landschaft mit Buckeln und Bergen, wilden Hängen, Schluchten und Schründen, verwüsteten Wäldern, Felsbläcken, Strudeln in Löchern, Аckern nach Erdbeben, Lawinenzügen und Bergstürzen. Aus der Urwelt dieses Gesichtes schauten zwei Augen, das eine klein und matt, vom entzündeten Augenlid fast verdeckt. Doch aus dem anderen kam ein Strahl der Vernunft, der die Wildnis erhellte. In einer alten Bilderbibel brach so, nach der Sündflut, der versöhnende Strahl aus Gottes Himmel auf die Wüstenei der Erde.
«Also, steig ein», sagte die Sciora und öffnete den Wagenschlag. Carlo stieg recht geschickt rückwärts in den Wagen und setzte sich mager und schmal wie ein Kind brav in die Ecke neben die Frau, den Korb auf den Knien. Und die Fahrt ging weiter. Man kam an einzelnen Häusern vorbei. Die Leute sassen nun auf ihren Holzbalkonen oder standen an den Zäunen herum. Carlo hob sich, ohne den Kopf zu wenden, bei jedem Haus ein wenig in die Höhe, so dass ein jeder sehen musste, er sitze im Wagen der Sciora und fahre Automobil. Das war etwas anderes als sein Wägelchen und auch als der Gemüsewagen! Und jeder sah und bewunderte ihn.
Als die Sciora zum Hause der Dachdeckerwitwe kam, wo Carlo wohnte, liess sie den Wagen ganz langsam fahren, denn sie dachte, er werde jetzt aussteigen wollen. Seine Hausgenossen standen unter der Türe. Sie erkannten ihn, zeigten auf ihn und riefen ihm in ihrer Stammelsprache zu. Er aber schaute angestrengt geradeaus, er sah und hörte nichts mehr. Also fuhr die Sciora weiter, durch das letzte Tobel und bis zu ihrer Garage. Dort hielt sie den Wagen an und stieg aus.
Carlo merkte nichts. Er schaute angestrengt geradeaus. Die Sciora ging um den Wagen herum, den Wagenschlag zu öffnen. Carlo sah nichts. Sie sprach ihn an. Er hörte nichts. Sie machte Zeichen, die nach und nach in eine Art Tanz ausarteten, der dem Guten die Bewegungen suggerieren sollte, die er jetzt zu machen habe, um den Wagen zu verlassen. Alles vergebens. Carlo sass fest und schaute mit seinem einen vernünftigen Auge geradeaus.
Was war zu tun? Die Sciora setzte sich wieder in den Wagen neben den kleinen Mann. Sollte sie ihn noch ein wenig spazieren fahren? Das hatte keinen Sinn, er würde auch später nicht aussteigen wollen. Wenn er mich nur anschauen wollte, dachte sie verzweifelt. «Carlo, schau mich an, schau mich an»; sie wiederholte diesen Satz einige Male und neigte sich näher zu dem Gesicht des Ärmsten. Da wendete er langsam den Kopf und sah die Sciora an.
Sein Blick kam von weit her aus ungreifbaren Gegenden. Etwas verdichtete sich darin, als er das Auge der Sciora traf. Er hakte sich da ein, er hielt sich daran fest. Dann seufzte Carlo tief auf und murmelte: «Ich gehe schon», stieg rückwärts aus und ging sich gegen die Grasböschung neben der Garage lehnen. Die Sciora fuhr erleichtert den Wagen in die Garage, schloss ab, sagte Carlo gute Nacht und ging in ihr Haus hinauf.
Viel später schaute sie in der Dunkelheit nochmals die Strasse hinunter. Da sass immer noch Carlo am Wegrand und wartete. Sie ging die Treppe hinab zur Garage, um mit ihm zu reden und ihn zu bewegen, doch nach Hause zu gehen. Sie hatte eine Zigarette mitgenommen und gab sie ihm. Er liebte Zigaretten. Die einen rauchte er, wenn sich jemand fand, der sie ihm in Brand steckte, denn er hatte es nie fertiggebracht, ein Zündholz anzuzünden, es an die Zigarette zu halten und gleichzeitig die Luft einzuziehen. Er verstand nur die eine oder die andere Handlung allein auszuführen. Oder er kaute die Zigarette.
Ein Geschenk mit Folgen
Auch diesmal steckte er den Tabak sogleich in den Mund. Sein Gesicht hellte sich aber nicht auf und das fröhliche: «’s ist gut, ’s ist gut!» blieb aus. Erst als die Sciora ihm, einem plötzlichen Einfall folgend, eine Mundharmonika versprach, wurde er heiterer. Er kicherte vor sich hin, reichte der Sciora seine schlaffe Affenhand und trollte sich davon. Am nächsten Morgen früh stand er vor dem Haus. Die musica. Es war nicht leicht, ihm verständlich zu machen, dass sie erst gekauft werden müsse.
An dem Tag kam der Gemüsehändler von oben her durch das Tal zurück. Die Sciora traf ihn auf der Strasse mit seinem Karren und frug ihn, ob er vielleicht eine Mundharmonika unter seinem Spielzeug habe. Er suchte und kramte wirklich ein kleines Instrument heraus. Nun war alles gut. Die Sciora zeigte Carlo, der den ganzen Tag ums Haus herumgelungert war, den Gegenstand. Er begriff sogleich, zu was er zu gebrauchen sei, riss ihn an sich, ohne ein Wort zu sagen, eilte davon, die Strasse hinan, und machte Musik: Durch Einziehen und Ausblasen des Atems durch das Instrument hindurch entlockte er ihm Töne. Es waren nur zwei Töne, immer dieselben zwei Töne, die er so wiederholte.
Zu jedem Ton machte er einen Schritt. Da er immer schneller, immer leidenschaftlicher seinen Atem ein und aus durch die Mundharmonika jagte, musste er immer schnellere Schritte machen. Bald rannte er. So kam es, dass die erstaunte Sciora ihn am selben Nachmittag viermal durch das Dorf hinauf und hinunter laufen sah. Es waren jedes Mal einige Kilometer zurückzulegen zwischen Kommen und Gehen, denn Carlo ging in der einen Richtung so weit, als die Strasse überhaupt führte. Dort kehrte er um und rannte zurück bis zu seinem Haus, das ziemlich weit unten vor dem Dorf lag.
Gegen Abend stolperte er nur noch und sah ganz abgehetzt aus. Die Sciora fragte sich, ob er aus Freude an der Musik sein Restchen Verstand verloren habe. Kurz nach dem ersten Morgenläuten des nächsten Tages, noch halb im Schlaf, hörte die Sciora schon wieder die Töne aus Carlos Instrument. Er zog die Strasse hinauf und machte seine Musik. Dann zog er die StraІe hinunter und machte seine Musik. Es waren immer die gleichen zwei Töne, aber er fügte eine Pause ein, die sie rhythmisch zu dreien gruppierte. g-a-g a-g-a. Den ganzen Tag rannte Carlo musizierend durch das Dorf.
Er blies ein und aus, besessen von seinen zwei Tönen, verhext von ihrem Rhythmus. Das ging so weiter manchen Tag. Er war zu nichts mehr zu gebrauchen, kaum dass er sich Zeit nahm zum Essen. Wenn er auf dem Dorfplatz erschien, empfingen ihn die Kinder, die auf sein regelmässiges Auftauchen warteten, mit grossem Geschrei. Die Leute schauten ihm nach, wie er davonmarschierte, und schüttelten bedauernd den Kopf. Die Sciora horchte jedes Mal hin: «Er ist irrsinnig geworden», dachte sie erschrocken.
Dann aber reihten sich bald die Töne ein zu den gewohnten Geräuschen des Tages: zu dem Läuten der Glocken, dem Ruf des Posthorns, dem Hühnerlärm und dem Girren der Tauben. Man achtete nicht mehr sonderlich darauf. Oder achtete man doch darauf?
An einem heissen Nachmittag sass die Sciora unter der grossen Kiefer, die fast trotzig am Rande des Gartens stand. Ihr kühler Schatten tat wohl. Die Sciora sah, sich zurücklehnend, durch die dunkelgrünen Nadeln den Himmel hell und fern. Die Schwalben füllten das Tal mit ihrem zirpenden Schrei. Der Springbrunnen schwatzte und eine Grille geigte in der Nähe. Mitten in die Laute, die zu einem einschläfernden Geräusch verschmolzen, erklangen deutlich Carlos Töne. Die Sciora horchte auf. War er schon wieder da? Nein, Carlo war es nicht, aber seine Töne waren da.
Sie hatten sich selbständig gemacht und beherrschten, lauter als die wirklichen Geräusche, von innen her das Ohr der Frau … Sie summte den Singsang nach … immer die gleichen zwei Töne, durch die Pause rhythmisch zu dreien verbunden … Die Töne waren hartnäckig, sie übertönten alles … Sie liesen sich nicht verscheuchen … Ja, das waren gar nicht Carlos Töne. Was sie da nachsang, war etwas Tiefbekanntes, ganz Vertrautes. Aber was?
Diese zwei Töne, in ihrer wiegenden Wiederholung, in ihrem Ein und Aus, woher kannte sie diese zwei Töne? Sie stöberte in sich dem Klang nach wie ein Jagdhund einer Fährte. Bruchstücke von Gelesenem flogen durch ihren Kopf. Einatmen – ausatmen … zweierlei Gnaden, ja, das hatte Goethe gesagt, aber das war es nicht, was sie suchte. Mit innigem Eifer grübelte sie weiter dem Ursprung der Töne nach. Die Nadeln der Kiefer über ihr verschwammen vor ihren Augen. Aus einer kleinen, hellen Himmelsinsel wurde ein weiter Plan, von blauen Blumen und Lilien bestanden und von einem düsteren Wald umrahmt wie von einem Wall.
Dort brachen wilde Kirschbäume in Blüte aus, dass sie aussahen wie mit Schnee beladen. Und nun sah sie: In der Mitte des Planes stand eine altväterische Wiege, darin lag ein kleines Kind. Das spielte mit einem Holzlöffel. Vor der Wiege kniete eine Frau. Sie trug die einfache Tracht der Dienstboten und sah der ersten Kinderfrau der Sciora ähnlich, jener Maria, die sie so geliebt hatte, mehr als ihre eigene Mutter. Die Frau schaute erstaunt und entzückt auf das Kind, dann erhob sie sich, nahm es in ihre Arme und begann mit ihm rings um die Wiege herumzugehen.
Dazu summte sie zwei Töne … immer dieselben, aus denen ein kettenartiges Lied wurde, und wiegte das Kind im Rhythmus dieser Töne, während die Kirschbäume glänzten, die Lilien und die blauen Blumen dufteten, und darüber sich grosse bunte Vögel mit langen Federn hin und her schwangen und quirilierten: Der König, der König! …
Die Sciora fuhr auf, was geschah ihr? Sie träumte am hellen Tag. Verwirrt stand sie auf und ging, wie an einem Draht gezogen, langsam ins Haus, die Treppe hinauf in den Raum, wo die Notenhefte standen. Dort nahm sie ein Heft heraus, es war die h-moll- Messe von Bach, und blätterte darin herum, bis sie zu der Seite des Credo kam, wo es heisst: et in unum dominum Jesum Christum Filium Dei unigenitum et ex patre natum.
Lange schaute sie hinein. Das ist es, murmelte sie fast erschrocken, da sind die beiden Töne. Wirklich: Bach hat an jener geheimnisvollen Stelle im Credo, wo er nach des Schöpfers Einheit im Vater seine Entfaltung im Sohn darstellt, die zwei sich folgenden Noten mit ihrer hineingezauberten Umkehrung: g-a-g a-g-a als Thema benutzt. Dieser alte Bach, dachte die Sciora … Um von dem grössten Geheimnis zu sprechen, bedient er sich der einfachsten Sprache, jener zwei sich folgenden und wiederholenden Noten, die, so in sich verkettet, ein Sinnbild des Lebens sind, das Einheit und Entfaltung, ein und aus gleichzeitig ist. Und dieser Carlo! So himmelweit voneinander und doch so nah beieinander! …
Der fehlende Ton
Nach einigen Tagen hörte man Carlos Töne nicht mehr. Er selbst schlich müde herum. Er schien gequält. Endlich setzte er sich umständlich auf einen Randstein vor dem Garten der Sciora und wartete. Sie sah ihn und fragte, was mit ihm los sei, wo er die Musik habe. «Kaputt, kaputt», wiederholte er schnell, etwa zwanzig Male. «Wo hast du sie?», fragte die Sciora. Er zog sie aus seiner oberen Westentasche: «Kaputt.» Die Sciora bat ihn, hineinzublasen. Er tat es und die Mundharmonika tönte. «Die Musik geht ja gut», meinte begütigend die Frau. Carlo wiederholte beglückt: «Geht gut, geht gut», stand auf und ging kichernd davon, doch blies er nicht.
Am folgenden Tag geschah dasselbe. Um zu beweisen, wie kaputt seine Musik sei, warf er das geliebte Instrument auf die Strasse. Er holte es wieder, wischte es ab und warf es wieder hin, um der Sciora so recht zu beweisen, dass es minderwertig sei. Erst nach einiger Zeit konnte sie ihn dazu bewegen, hineinzublasen. Die Harmonika tönte, Carlo stand auf: «Geht gut, geht gut», sagte er, aber er steckte sie in die Westentasche und ging missgelaunt davon. Als er das nächste Mal am Haus vorbeikam, fing er gleich damit an, das Instrument in grossem Bogen auf die Erde zu werfen. Es sei ganz kaputt.
Die Sciora wollte das nicht glauben, er solle nur versuchen zu blasen, es werde schon tönen. Er aber blieb fest, die Musik sei nicht mehr zu gebrauchen. Die Sciora fing an, sich zu wundern. Sie hätte gerne verstanden, was in Carlo vor sich ging. Es schien nicht eine List zu sein, um irgendetwas zu erreichen, wie er es etwa versucht hatte. Er war wirklich niedergeschlagen und kummervoll. Nun nahm Carlo die Harmonika vom Boden auf, putzte sie gut mit der Hand, klopfte sie aus, suchte die richtige Stelle, wo er hineinzublasen pflegte, schaute der Sciora eindringlich mit seinem einen vernünftigen Auge ins Gesicht, wie ein Hund, und blies.
Die Harmonika gab einen Ton. Doch jetzt erst merkte die Sciora, dass sie nur einen Ton gab. Der zweite Ton blieb stumm. Das a fehlte. Das a fehlte! Das Instrument war wirklich unbrauchbar geworden. Denn wie kann man Musik machen ohne zweiten Ton? Wie kann man leben ohne Entfaltung? Nicht einmal ein Gott kann das.
- Bisher erschienen: «Das Testament» (1), «Das Testament» (2), «Das Jesulein» (1), «Das Jesulein» (2), «Teresa» (1), «Teresa» (2), «Stella» (1), «Stella» (2), «Hintergründe» (1), «Hintergründe» (2)
- Mehr zu diesem Buch
- Einen anderen spannenden Fortsetzungsroman mit dem Titel «Blaues Blut. Royale Geschichten aus der Schweiz» finden Sie hier.
«Tessiner Geschichten»
Aline Valangin (1889-1986), aufgewachsen in Bern. Ausbildung als Pianistin. Verheiratet mit dem Anwalt Wladimir Rosenbaum. Im Zürich der Dreissigerjahre empfing und betreute sie in ihrem Haus Emigranten und Künstler. Tätigkeit als Psychoanalytikerin, Publizistin und Schriftstellerin. Befreundet mit Ignazio Silone und in zweiter Ehe verheiratet mit dem Komponisten Wladimir Vogel. Ab 1936 lebte sie im Tessin in Comologno und Ascona.
Die «Tessiner Erzählungen» erschienen in zwei Bänden: «Geschichten vom Tal. Neun Geschichten aus dem Onsernone» (1937) und «Tessiner Novellen. Sechs Geschichten aus dem Onsernone» (1939). Den Text «Zu diesem Buch» hat Aline Valangin für die Neuauflage 1981 der «Tessiner Novellen» geschrieben.
Typographie und Umschlaggestaltung von Trix Krebs
Umschlagbild: Linolschnitt von Clément Moreau / Carl Meffert, Frau am Brunnen, um 1934
© 2018 by Limmat Verlag, Zürich
ISBN 978-3-85791-849-0