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Wir erleben gerade online, wie eine neue Stadtgeschichte entsteht, die von der ersten keltischen Besiedlung am Rheinknie bis in unsere Zeit führen soll (hier gehts zur Basler Stadtgeschichte: https://www.stadtgeschichtebasel.ch). Eine solche Gesamtdarstellung hat vor zweihundert Jahren als Erster Peter Ochs-Vischer (1752-1821) versucht. Er war nicht nur Historiker, er war vor allem ein bedeutender Basler Politiker und Diplomat: Es war Ochs, der den Anstoss zur Revolution in Basel im Januar 1798 gab und zu den Begründern der Helvetischen Republik gehörte, die im April 1798 in Aarau ausgerufen wurde. Aus Anlass seines 200. Todestages findet dieses Jahr im Historischen Museum Basel eine Ausstellung statt, an der sich auch die Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek beteiligt.
Die «Geschichte der Stadt und Landschaft Basel», die zwischen 1786 und 1822 im Druck erschien, verstand Ochs als ein politisches Projekt: Sie sollte die schrittweise Durchsetzung der bürgerlichen Gleichheit darstellen, die mit der Befreiung der Untertanen der Stadt Basel durch die Revolution von 1798 ihr Ziel erreichte. Die Einleitung im ersten Band, der 1786 noch vor der Französischen Revolution erschien, ist ein engagiertes Plädoyer für die Volkssouveränität und die Menschenrechte. In seiner Geschichte machte Ochs aber auch erstmals wichtige Dokumente im Wortlaut zugänglich – er war der erste Basler Historiker, der die Archive der Stadt auswertete. Deshalb blieb diese als Handbuch für politisch engagierte Bürger konzipierte Kantonsgeschichte bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Edition der Basler Chroniken und Rechtsquellen einsetzte, das wichtigste Nachschlagwerk für die Geschichte Basels im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Einige der Manuskripte dieser ersten Kantonsgeschichte werden in der Vitrinen-Ausstellung im Historischen Museum Basel ab Mitte Juni 2021 zu sehen sein. Die «Schreibwerkstatt» von Peter Ochs ist im Mai Thema eines Vortrags an der Universitätsbibliothek. Die «Schreibwerkstatt» von Peter Ochs ist im Mai Thema eines Vortrags an der Universitätsbibliothek.
Glücklicherweise besitzen wir diese erste Basler Kantonsgeschichte nicht nur als Druck [Link: UB Basel / Geschichte der Stadt und Landschaft Basel (e-rara.ch)]. Auch die Manuskripte der insgesamt drei Überarbeitungen haben sich fast vollständig erhalten. Im Druck umfasst die Basler Geschichte von Ochs acht Bände. Der Text ist in insgesamt zwanzig Zeitabschnitte gegliedert, sogenannte Perioden. Wir können anhand der Druckjahre der einzelnen Bände verfolgen, wie äussere Ereignisse immer wieder die Veröffentlichung verhinderten. Der erste Band erschien 1786, die nächsten Bände folgten 1792, 1819, 1820, 1821 und 1822. Peter Ochs’ Sicht auf die Entwicklung veränderte sich zwischen 1792 und 1819 stark, besonders die Bewertung des Geschehens zu seiner eigenen Zeit. So war z.B. die Schilderung der revolutionären Ereignisse in Basel im ursprünglichen Konzept der Kantonsgeschichte gar nicht vorgesehen. Um 1819 war Ochs hingegen gerade an der Veröffentlichung dieses Teils besonders gelegen, weil die revolutionären Prinzipien der Volkssouveränität, der bürgerlichen Gleichheit und der Menschenrechte wieder in Frage gestellt waren.
Die Manuskripte der ersten achtzehn Perioden (Band I – VII) werden heute in der Handschriftenabteilung der Universitätsbibliothek aufbewahrt. Die Manuskripte der letzten beiden Perioden mit der Darstellung der Auswirkungen der Französischen Revolution auf Basel und der Basler Revolution bis zur Ausrufung der Helvetischen Republik (Band VIII) befinden sich hingegen im Staatsarchiv Basel-Stadt. Zudem besitzt die Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich eine eigenhändige Abschrift der Revolutionsdarstellung aus dem Nachlass des Zürchers Paul Usteri (1768-1831). Wie ist diese Verteilung der Manuskripte zustande gekommen? Erste Hinweise gibt die Entstehungsgeschichte, die sich aus einer genauen Analyse der erhaltenen Manuskripte und den Druckjahren der einzelnen Bände ergibt. Die ersten beiden Bände erschienen 1786 und 1792, also kurz vor und nach der Französischen Revolution. Der Druck aller weiteren Bände begann erst 1819, die letzten drei Bände erschienen posthum 1821 und 1822. Zwischen der Publikation des zweiten Bandes und des dritten Bandes lagen also fast dreissig Jahre. Haben sich für die ersten beiden Bände nur Entwürfe und Vorarbeiten erhalten, ist die Entstehungsgeschichte des Textes der folgenden Bände, die erst nach 1819 erschienen, sehr komplex, was wir jedoch nur dank der in Basel und Zürich erhaltenen Manuskripte wissen.
Zwischen 1792 und 1821 überarbeitete Ochs den Text dieser Bände insgesamt drei Mal. Eine erste Fassung, die nur 18 Perioden umfasste und im Jahr 1787 endete, lag bereits 1795 oder 1796 vollständig vor. Ein Versuch im Jahr 1797, die Fortsetzung drucken zu lassen, scheiterte, weil Ochs’ Verleger ein lukrativeres Angebot erhielt und sich ab Mai 1797 die politischen Ereignisse so schnell entwickelten, dass Ochs die Revolutionierung Basels und der Eidgenossenschaft einzuleiten begann. Eine zweite Überarbeitung erfuhr der Text in den Jahren 1800 und 1801 kurz nach Ochs’ Sturz aus der Helvetischen Regierung. Er erweiterte nun die Darstellung um die Jahre 1787 bis 1798, die in dieser Fassung noch in einer einzigen Periode zusammengefasst sind. Erst in der letzten Überarbeitung, mit der Ochs 1817 begann, unterteilte er den letzten Band in die Periode 19 (1797-1798) und 20 (Revolutionsgeschichte), jedoch nicht aus inhaltlichen Gründen oder um den Stoff besser gliedern zu können. Ochs fürchtete bis zuletzt, dass Bürgermeister Johann Heinrich Wieland-Schweighauser (1758-1838) den Abdruck der Revolutionsgeschichte (also Periode 20) verhindern könnte. Wieland gehörte die Basler Druckerei, die den Text verlegte. Ochs kopierte deshalb eigenhändig heimlich wenige Monate vor seinem Tod diese letzte Periode und schickte die Kopie an seinen Freund Paul Usteri in Zürich, damit er den Text veröffentlichen könne, falls in Basel der Druck verboten werden sollte. Der Begleitbrief hat sich erhalten. Aus der Korrespondenz zwischen Ochs und Usteri wissen wir auch, welch grosses Verdienst Usteri um die erste Basler Kantonsgeschichte zukommt: Er motivierte Ochs 1817, den Druck wieder an die Hand zu nehmen, und unterstützte ihn von da an mit Rat und Tat bei der Niederschrift der letzten Fassung.
Wie erklärt sich aber die Überlieferungslage in Basel: die Aufteilung der Manuskripte zwischen Universitätsbibliothek (Band I – VII) und Staatsarchiv (Band VIII)? Die Erhaltung der Manuskripte ist das Verdienst der Söhne von Peter Ochs, besonders des jüngsten, Eduard His-La Roche (1784-1871). Er nannte sich His, weil er – wie schon früher sein älterer Bruder Friedrich His-Vischer (1782-1844) – den Familiennamen seines Vaters abgelegt und den Namen seines Grossvaters mütterlicherseits angenommen hatte, um aus dem Schatten seines als Revolutionär politisch stigmatisierten Vaters heraustreten zu können.
Peter Ochs hatte Anweisungen hinterlassen, wie mit den Familienporträts und Objekten aus seinem persönlichen Besitz umzugehen sei: Sie «sollen immer an den ältesten vom Vater auf den Sohn weitergegeben werden, falls dieser nicht einwilligt, diese bei einem anderen meiner Nachkommenschaft zu deponieren». Weniger Sorge trug er hingegen um seinen schriftlichen Nachlass: «Meine Manuskripte», schrieb er weiter, «gehören auch dem ältesten, um nach und nach alles zu verbrennen, was nicht verdient aufbewahrt zu werden.» Die Hinterlassenschaft gelangte also zuerst in den Besitz des älteren Sohnes Fritz und nach dessen Tod 1844 an Eduard, da Fritz keine Kinder hatte. Dieser Erbgang ist in einer Schenkung an die Universitätsbibliothek dokumentiert. In einem Schenkungsverzeichnis findet sich unter dem Datum des 20. Januar 1845 der Vermerk: «Von Herrn Hisz: Miniatur-portrait auf Kupfer den 1691 hingerichteten Dr. Joh[annes] Fatio vorstellend».
Rund zwanzig Jahre später schenkte Eduard His die Manuskripte der «Geschichte der Stadt und Landschaft Basel» der Perioden 1 bis 18 zusammen mit anderen Schriften von Peter Ochs der Universitätsbibliothek. Im «Bericht über die Verwaltung der Universitätsbibliothek im Jahr 1867» findet sich dazu ein kurzer Eintrag: «[…] ferner von Herrn Apelationsrath His Papiere aus dem Nachlasz von Peter Ochs». Anlass für diese Schenkung könnte die Reorganisation der Universitätsbibliothek und die Wahl des Historikers Wilhelm Vischer-Heussler (1833-1886) zum ersten fest angestellten und besoldeten «Oberbibliothekar» gewesen sein. Die Universitätsbibliothek war zu diesem Zeitpunkt noch Teil des 1849 eröffneten Museums an der Augustinergasse, in dem damals alle dem Kanton gehörenden Sammlungen untergebracht waren. Der Bau eines eigenen Bibliotheksgebäudes am heutigen Standort kam erst 1896 zustande . Auch das Staatsarchiv, so wie wir es kennen, existierte 1867 noch nicht. Die Stelle eines Staatsarchivars, der als Registrator nicht nur die Verwaltung der laufenden Akten unter sich hatte, wurde erst 1875 geschaffen, der Bau des Staatsarchivs war erst 1898 abgeschlossen. Weshalb aber hielt Eduard His-La Roche 1871 die Manuskripte der letzten beiden Perioden zurück mitsamt der historisch wertvollen Korrespondenz seines Vaters? Die Stigmatisierung von Peter Ochs wirkte 1871 immer noch nach. Eduard His-La Roche musste befürchten, seine Familie und Angehörige anderer Basler Familien blosszustellen, wenn die Papiere in einer öffentlichen Sammlung ausserhalb der Kontrolle der Familie verwahrt würden. Die in den Augen von Eduard His-La Roche kompromittierenden Manuskripte gelangten deshalb erst nach dem Zweiten Weltkrieg im Mai 1947 durch seinen Urenkel Eduard His-Eberle (1886-1948) ins Staatsarchiv Basel-Stadt [PA 633d Archiv der Familie Ochs genannt His (sog. „Schrank-Archiv“), 1490-1950 (Bestand) (bs.ch)]. Bereits dessen Vater Eduard His-Schlumberger (1857-1924) hatte jedoch die Korrespondenz von Peter Ochs für eine wissenschaftliche Edition zugänglich gemacht. Nach Abschluss dieser Briefedition 1937 hinterlegte Eduard His-Eberle das ganze Familienarchiv, nicht nur den in Familienbesitz verbliebenen Nachlass von Peter Ochs als Depositum im Staatsarchiv. Bis 2008 lagerten diese Papiere in einem grossen, speziell angefertigten Archivschrank, in dem Eduard His-Eberle und vielleicht auch schon sein Vater und Grossvater die Familienpapiere aufbewahrt hatten.