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31.10.2010 | 3 Kommentare
Eckhard Höffner, Autor des Buchs Geschichte und Wesen des Urheberrechts, erklärt seine Überlegungen zu dieser Frage im Interview mit Telepolis. Der Wirtschaftsjurist widerspricht dem gängigen Lügengebilde der Kulturvervielfältigungsindustrie, demnach apokalyptische Verhältnisse vorherrschen und die Menschheit nur durch ein restriktives Urheberrecht mit hohen Strafen gerettet werden kann. Ich finde es übrigens schade, dass selbst ParlamentarierInnen wie Géraldine Savary diesen absurden Darstellungen auf den Leim gehen und abstruse Eingaben machen. Aber ich schweife ab, zurück zur Frage.
Am Beispiel Büchermärkte untersuchte Höffner die Autorenhonorare, Auflagen und Anzahl der neuen Titel. Dafür eignete sich der Direktvergleich zwischen der Statute of Anne (Grossbritannien, 1710) und dem landesweiten Schutz (Deutschland, 1837). Des Wirtschaftsjuristen Fazit: Dank dem fehlenden Urheberrecht konnte sich Deutschland durch ein blühendes Verlagswesen zur führenden Industrie- und Wissenschaftsnation entwickeln. Grossbritannien hingegen, einst Vorreiter der Industrialisierung, blieb auf der Strecke. Deutschland erlitt gut 100 Jahre später mit der Einführung des Urheberrechts schliesslich auch einen Rückgang des Buchdrucks. Das Resultat: Die Anzahl und Auflage von Neuerscheinungen sanken ebenso wie die Autorenhonorare. Dabei können die Neuerscheinungen als Mass für den Fortschritt, die Honorare als Mass für die Wirksamkeit des Urheberrechts gesehen werden. Noch eine Feststellung der Analyse: Das Urheberrecht kommt nicht automatisch den Urhebern zu Gute. Mehr Einnahmen der Verleger bedeuten nicht mehr Lohn für die Autoren. Ein Praxisbeispiel zur Veranschaulichung, in Form einer Frage: Wer verdient grundsätzlich an Musikverkäufen? Eine Analyse der RIAA-Buchhaltung bestätigt Höffners Ergebnisse. Von $1000 Einnahmen aus Musikverkäufen sieht ein durchschnittlicher Musiker $23.40. Die Antwort ist also: Nicht der Musiker.
Dem Herrn Höffner ging es auch um die Frage, warum in Deutschland in der Zeit von Goethe trotz der legalen Möglichkeit des Nachdrucks, des heutigen Kopierens, Bücher geschrieben und veröffentlicht wurden. Ein Widerspruch zu den gängigen ökonomischen Erkenntnissen. Doch seine Nachforschungen lassen nur einen Schluss zu: Das Urheberrecht im 18. und 19. Jahrhundert wirkte sich ausschliesslich negativ auf die Autoreneinkommen, Anzahl der Titel, Bücherpreise etc. aus. Die einzigen Gewinner waren die Interessengruppen der führenden Verleger und eine Handvoll Bestsellerautoren.
Kommt euch das bekannt vor? Diese Erkenntnis widerspricht der praktisch unbestrittenen Theorie zum geistigen Eigentum. Die Theorie, welche oft als Begründung für absurd hohe Strafen und für lächerliche Regelungen wie Hadopi oder dem three-strikes-Modell verwendet wird, ist falsch! Doch die Contentindustrie nutzt sie natürlich trotzdem auf polemische Art um ihr Gejammer glaubhaft erscheinen zu lassen und ihre Kassen zu überfluten. Wohlbemerkt: Die Kassen der Kulturvervielfältiger, nicht der Autoren. Ich empfehle die Konsultation des gesamten Interviews, die Argumente sind sehr einleuchtend. Unser Positionspapier zum Urheberrecht übrigens auch :).