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Autor: Imelda Ruffieux
Bis 1996 war bei Marcel Kolly alles in Ordnung. Nach der Schule hatte er eine Anlehre als Unterhaltsgärtner gemacht und dann ab 1987 bei Denner in Schmitten gearbeitet. Er sei der «schnellste Preisler» im Betrieb gewesen und habe selbst die Denner-Bosse aus Zürich durch seine Handfertigkeit zum Staunen gebracht, erzählt der St. Silvestner stolz.
Probleme beim Gehen
Probleme im rechten Bein haben ihn veranlasst, einen Arzt aufzusuchen. Es folgten Untersuchungen und Behandlungen, das Gehen fiel ihm immer schwerer, bis zwei Jahre später, 1998, die Diagnose erstmals klar ausgesprochen wurde. Marcel Kolly war an chronischer MS erkrankt, einer Krankheit, die langsam das Nervensystem zerstört und bis heute nicht heilbar ist.
Krankheit verdrängt
Marcel Kolly hat zwar weitergearbeitet, war aber immer mehr eingeschränkt. «Am 6. September 2002 hatte ich meinen letzten Arbeitstag», erzählt er. Zwei Jahre später hatte er einen erneuten Schub und musste für einige Zeit ins Spital. «Danach konnte ich nicht mehr autofahren. Ich hatte die Kraft nicht mehr.» Stattdessen konnte er nur noch mit Krücken laufen – eine Situation, an die er sich nur schwer gewöhnte. «Ich wollte herumlaufen, wie alle anderen. Ich habe die Krankheit verdrängt, wollte sie nicht wahrhaben», sagt Marcel Kolly heute. Die Folge davon war, dass er mehrmals umfiel.
Dann machte es bei ihm klick, und er fing an, sich mehr Gedanken über seine Zukunft zu machen. «Ich habe mir damals vorgenommen, dass das nicht mehr passiert», erklärt er. Und es wurde ihm bewusst: «Wenn ich nichts mache, verliere ich weiter an Kraft, und es wird schlimmer.» So hat er mit einem regelmässigen Geh-Training begonnen.
Distanzen dokumentiert
Um sich selber anzuspornen, fing er an, die kleinen Fortschritte auf einem Schreibblock festzuhalten: Er hat seine Wohnung ausgemessen und jeden Weg, den er im Alltagsleben auf Krücken zurücklegt, aufgeschrieben. Um fit zu bleiben, legt er auf dem Vorplatz seines Hauses regelmässig einen kleinen Parcours zurück: neun Meter bis zur Strasse, zehn Meter bis zum anderen Ende und neun Meter zurück zum Haus.
Auch Treppen, die er mit den Krücken bewältigt hat, werden dokumentiert, ebenso wie Kniebeugen, die er als Turnübung noch bis vor einigen Jahren regelmässig gemacht hat.
Bis nach Skandinavien
Mit der Zeit ist ein beachtliches Archiv zusammengekommen, jeder Tag ist dokumentiert. Stand in der letzten Mai-Woche: 165 261 Treppenstufen und 3824 Kilometer Gehstrecke. Auf diese Distanz ist er stolz. Wenn er sie mit dem Massband auf die Erdkugel umrechnet, ist er auf Krücken heute bis in den Iran oder bis nach Skandinavien «gereist». Sein Ziel ist klar: mindestens die halbe, lieber die ganze Welt einmal zu umlaufen.
«Ich muss einfach weiterlaufen, das ist meine Pflicht», sagt Marcel Kolly mit Bestimmtheit. Es gebe auch Tage, an denen er weniger Lust habe, doch treibe er sich selber an. «Wenn ich nicht weitermache, lande ich im Rollstuhl.» Das wolle er möglichst vermeiden.
Hilfe von aussen
Im Haushalt erledigt er soviel wie möglich selbst, wobei ihm die Spitex dreimal die Woche zur Seite steht. Das Mittagessen bekommt er sechsmal pro Woche vom Alters- und Pflegeheim Giffers geliefert. Dreimal pro Woche verabreicht er sich selbst eine Spritze, und einmal wöchentlich muss er ins Spital Tafers zur Physiotherapie.
Dank dem Fahrdienst des Passepartout kommt er nicht nur zu diesen Terminen, sondern auch einmal in den Ausgang, auch wenn er zu Fuss nur noch kurze Strecken schafft. Die Restaurants der Region kennt er mittlerweile aus einem ganz anderen Blickwinkel: Wer hat schwierige Eingangsstufen und wo ist das Geländer zu rutschig, um sich gut festzuhalten.
Marcel Kolly ist interessiert am Weltgeschehen und weiss auch einen Abenteuerfilm oder eine Musiksendung im Fernsehen zu schätzen. «Die Tage werden mir nicht lange», sagt er. «Ich mache immer etwas und sitze nicht nur herum und drehe Däumchen.»