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Spätestens seit Ende August 2022 ist der Gänsegeier zum heiss diskutierten Thema geworden: Gänsegeier haben bei Lumnezia GR an einem noch lebenden, neugeborenen Kalb gefressen. Die Verletzungen waren so schwerwiegend, dass das Kalb eingeschläfert werden musste. Dass Gänsegeier auch an noch lebenden Tieren fressen können, ist spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts bekannt. Die wenigen ausreichend dokumentierten Fälle zeigen aber, dass die betroffenen Tiere schwer verletzt, alt, krank, schwach oder frisch geboren waren. Wenn sich solche Tiere nicht wehren oder nicht verteidigt werden, kann es vorkommen, dass Gänsegeier bereits zu fressen beginnen, bevor das Tier tot ist. Verteidigte oder gesunde Tiere, die gut gehen können, gehören nicht in das Nahrungsspektrum des Gänsegeiers. Insbesondere auch deshalb, weil er als eigentlicher Aasfresser mit seinen schwachen Krallen kaum Tiere verletzen oder töten kann.
Zwar gab es vor allem in den letzten Jahren aus Frankreich und Spanien immer wieder Meldungen von vermeintlichen Attacken von Gänsegeiern auf Nutztiere. Fundierte Abklärungen haben jedoch gezeigt, dass in den allermeisten Fällen niemand vor Ort war, der eine vermeintliche Attacke beobachtet hat. Je nach Studie betrafen rund 70 % der gemeldeten Fälle nachweislich Tiere, die beim Eintreffen der Gänsegeier bereits tot waren. In der französischen Region «Grands Causses » gab es von 2007–2014 182 Meldungen von vermeintlichen Gänsegeierangriffen auf Nutztiere, die veterinärmedizinisch untersucht wurden. In nur 15 Fällen konnte bestätigt werden, dass Gänsegeier an noch lebenden Nutztieren gefressen hatten, wobei alle betroffenen Tiere unfähig gewesen waren, zu gehen. Die Geier wurden deshalb laut den Veterinärberichten nie als hauptsächliche Todesursache angesehen. Zum Vergleich: Im selben Zeitraum starben in derselben Region jährlich insgesamt rund 40 000 Nutztiere an unterschiedlichen Ursachen.
Der Fall bei Lumnezia muss in einem ähnlichen Licht betrachtet werden: Obwohl sich seit rund 10 Jahren alljährlich schätzungsweise mehrere Hundert Gänsegeier den ganzen Sommer in der Schweiz aufhalten, ist der Vogelwarte erst dieser eine bestätigte Fall bekannt. Bedauerlicherweise ist laut kantonalem Amt für Jagd und Fischerei unklar, wie der Gesundheitszustand des Kalbs war. Zudem passt der Fall ins Bild der Untersuchungen in Spanien und Frankreich: Viele der vermeintlichen Angriffe wurden entweder bei Kälbern oder gebärenden Kühen registriert. Geburtskomplikationen, Totgeburten oder die Nachgeburt locken Gänsegeier an und können zu Missinterpretationen seines Verhaltens oder tatsächlichen Vorfällen führen.