Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03510.jsonl.gz/1162

Als «Hikikomori» wird die soziale Isolation bezeichnet, wenn sich Menschen für mindestens sechs Monate – oft aber auch viel länger – vollständig aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen. Lange als genuin japanisches Phänomen betrachtet, gibt es sogar in der Schweiz Fälle, die dem Hikikomori zu ähneln scheinen.
Der Begriff Hikikomori wurde vom japanischen Psychologen Tamaki Saito geprägt und durch seinen 1998 veröffentlichten Roman «Hikikomori – Adolescence without End» einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Bisher wurde das Phänomen primär in Japan erforscht, und es wurde davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein kulturgebundenes Phänomen handelt. Fallberichte aus Spanien und den USA liessen daran jedoch Zweifel aufkommen. Eine gross angelegte Studie von Kato et al. eruierte im Jahr 2012 Hikikomori in Bangladesh, Indien, Iran, Japan, Korea, Taiwan, Thailand und den USA. Darüber, ob es auch in der deutschsprachigen Schweiz Menschen gibt, welche sich auf eine Art und Weise sozial zurückziehen, wie es durch Hikikomori beschrieben wird, gibt es bisher keine Datenlage.
Im Kontakt mit 30 Fachstellen konnten in der deutschsprachigen Schweiz acht Fälle von starkem sozialem Rückzug eruiert werden, die dem Phänomen Hikikomori zu ähneln scheinen. Zwei der Betroffenen erfüllten die Mindestdauer von sechs Monaten sozialem Rückzug nicht, was jedoch auf das tiefe Alter und die damit verbundene Schulpflicht zurückzuführen war. Die beiden Fälle wurden trotzdem in die Analyse einbezogen.
Die restlichen sechs Fälle erfüllten alle Kriterien von Hikikomori. Die betroffenen Personen waren beim ersten Kontakt mit den Fachpersonen zwischen 14 und 55 Jahre alt, wobei bei fast allen der soziale Rückzug mit spätestens 22 Jahren begonnen hat. Bei allen Fällen bestanden Komorbiditäten mit psychischen Erkrankungen oder zumindest ein Verdacht diesbezüglich. Dazu gehörten beispielsweise Persönlichkeitsstörungen, Suchterkrankungen, depressive Störungen, soziale Störungen oder Angststörungen. Somit kann davon ausgegangen werden, dass das Phänomen Hikikomori in der Schweiz vorkommt, wobei dieses in Analogie zu bestehender Forschung aus anderen Ländern eine hohe Komorbidität aufweist und unklar bleibt, ob der soziale Rückzug als Ursache oder Folge der komorbiden Erkrankung betrachtet werden kann.
Die Fachpersonen mit Kontakt zu Hikikomori oder Angehörigen stammten aus den Arbeitsfeldern Schulpsychologie, Psychotherapie, Jugendberatung, Familienberatung, Suchtberatung, Sozialberatung und Beistandschaft. Sieben der acht Fachpersonen hatten Kontakt zu den Betroffenen selbst. Bei einer Person bestand der Kontakt aus der Beratung der Familienangehörigen.
Erstaunlich war, dass bei sieben der acht Fälle rückblickend Frühwarnzeichen benannt werden konnten. Dabei handelte es sich zum Beispiel um dissoziales Verhalten sowie Absenzen in der Schule, aber auch um Trennungsängste oder schwieriges Verhalten im familiären Kontext. Auch Suchtverhalten wurde wiederholt als Frühwarnzeichen genannt. Bei allen Fällen wurde eine schleichende Entstehung beschrieben.
Die durch die Fachpersonen vermuteten Ursachen für den sozialen Rückzug sind sehr vielseitig und multifaktoriell. Wichtige Rollen scheinen eine maladaptive Familiendynamik, belastende Ereignisse, Persönlichkeitseigenschaften sowie ein hoher Leistungsdruck zu spielen. Weiter scheinen auch fehlende Anschlusslösungen sowie eine bereits bestehende psychische Erkrankung von hoher Relevanz.
Der Verlauf des sozialen Rückzuges zeigt ein sehr pessimistisches Bild. Nur bei einer Person ist die Reintegration in die Gesellschaft gelungen. Dabei handelt es sich um eine der beiden sehr jungen Personen mit einer kurzen Rückzugsdauer. Bei allen anderen zeigte sich trotz Behandlung eine Tendenz zur Chronifizierung.
Dies ist insbesondere erschreckend, als davon ausgegangen werden muss, dass, bedingt durch die Symptomatik des totalen sozialen Rückzuges, nur ein kleiner Teil der Betroffenen überhaupt in Behandlung ist. Die Tendenz zur Chronifizierung lässt sich durch die fehlende Motivation und den fehlenden Leidensdruck der Betroffenen selbst erklären. Weiter spielen auch die Familien der betroffenen Personen eine aufrechterhaltende Rolle. Dabei scheinen einerseits bestehende Muster innerhalb der Familie sowie ein zu hoher Druck, andererseits aber auch die Schuldgefühle der Familienmitglieder den Betroffenen gegenüber aufrechterhaltende Faktoren darzustellen.
Die Interventionen bei Hikikomori in der Schweiz sind momentan noch stark von der involvierten Fachperson abhängig. Es gibt keine allgemeinen Empfehlungen diesbezüglich. Einig sind sich die befragten Fachpersonen hinsichtlich der Wichtigkeit einer frühzeitigen Intervention und einer schrittweisen Reintegration in die Gesellschaft sowie des Einbezugs des Familiensystems.
In Japan empfiehlt das Ministerium für Gesundheit, Arbeit und Soziales in seinen Richtlinien für Hikikomori eine vierstufige Intervention. In der ersten Phase wird die Familie der betroffenen Person unterstützt. Dadurch entsteht ein erster Kontakt zum Betroffenen, und diagnostische Abklärungen können vorgenommen werden. In der zweiten Phase folgt eine Einzeltherapie für die betroffene Person. Im Anschluss an diese Phase besucht die betroffene Person ein Gruppentraining oder eine Gruppentherapie, worauf abschliessend ein soziales Partizipationstraining stattfindet (Kato et al. 2018).
Das Phänomen Hikikomori ist in der westlichen Gesellschaft nach wie vor wenig erforscht. Valide Studien zur Prävalenz oder Verteilung fehlen. Noch immer ist unklar, ob es sich bei dem Phänomen um ein eigenständiges Syndrom oder ein Symptom einer zugrundeliegenden Erkrankung handelt. Diesbezüglich ist auch der Zusammenhang mit anderen psychischen Erkrankungen kaum erforscht. In Bezug auf die Behandlung stehen die Fachpersonen vor grossen Herausforderungen, da der Leidensdruck und die Behandlungsmotivation der betroffenen Personen sehr tief sind, das familiäre Umfeld jedoch oftmals unter der Situation leidet. Weiter muss davon ausgegangen werden, dass ein grosser Teil der Betroffenen aufgrund der Symptomatik keine Behandlung in Anspruch nimmt, wodurch sich der Rückzug zusätzlich zu chronifizieren droht.
Durch die Präsenz in den Medien gewinnt das Phänomen immer mehr an Sichtbarkeit und Bekanntheit, wodurch vielleicht auch das Umfeld der Betroffenen vermehrt zu reagieren beginnt und Unterstützung in Anspruch nimmt.
«Dieser Beitrag erschien als Erstpublikation im Punktum»