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Will man die Tätigkeiten der Wikinger zusammenfassen, dann ergeben sich pro nordische Nation klare geografische Präferenzen. Dabei möchte ich präzisieren: Wenn ich von Norwegern, Dänen, Schweden spreche, dann meine ich immer hauptsächlich Norweger, . . . . denn es waren immer auch Angehörige anderer Nationen dabei. Aber grob zusammenfassend kann man folgende Aussagen machen:
Die Norweger „betätigten“ sich vor allem im Nordatlantik. Ab dem Jahr 787 überfielen sie Klöster und Küstensiedlungen in Nord-England, Schottland, auf den Hebriden, der Isle of Man und in Irland (ab 795). Sie siedelten sich ab dem Ende des achten Jahrhunderts auf den Orkneys und den Shetlands an, und gründeten später das „Norse Kingdom of Man and the Isles“. Rasch integrierten sie sich in die frühchristliche Bevölkerung von Irland und gründeten die südlichen Handelsstädte Cork, Waterford und Wexford sowie vor allem Dublin (Dub-linh = “schwarzer Teich“). Später entdeckten und besiedelten sie die Färöer und Island (ab 870) und wagten von dort aus den Sprung nach Grönland, wo sie an der Westküste während mehr als 400 Jahren Kolonien betrieben. Von den grönländischen Siedlungen aus segelten sie weiter westwärts über die Davisstrasse bis nach Nord-Kanada, ganz präzis der Insel Neu-Fundland im Golf des St. Lorenz-Stroms (ca 1000). Letzteres ist durch den Fund, die Ausgrabung und wissenschaftliche Beweisführung der Siedlung „L’Anse aux Meadows“ bewiesen. Die weiteren Reisen auf dem nordamerikanischen Kontinent verlieren sich im Dunkel der Geschichte, wenn sie denn überhaupt stattfanden.
Die Dänen „wirkten“ und wüteten in der Nord- und der Ostsee, aber auch in den anderen Meeren rund um Europa. Ab 795 überfielen sie Klöster und Küstensiedlungen im Frankenland und in Friesland und segelten weit in die grossen Flüsse hinein. So belagerten sie Paris mehrere Male (845, 858, 861 und 885), zerstörten Hamburg („Hammaburg“) 845 und gelangten bis nach Köln (881) und nach Trier (882 ). Sie wüteten auch im Golf von Biskaya und im Mittelmeer und überfielen Ansiedlungen in der Mündung des Tajo. Im gleichen Wikingerraid mit ca. 100 Schiffen fuhren sie in den Guadalquivir und plünderten Sevilla (844). Sie wurden dort von den Kriegern des damaligen maurischen Königreiches in Spanien aber bald wieder verjagt.
Für die spätere Geschichte jedoch viel bedeutender (heute würde man sagen: „nachhaltiger“!) war ihr Auftreten im angelsächsischen England, welches sie zwar auch schon früher (ab 787) punktuell überfallen hatten. Im Jahr 865 kamen sie dann um zu bleiben. In Ost-Anglien landeten die Söhne Ragnars mit angeblich mehreren tausend Kriegern auf 300 Schiffen – die „Grosse Dänische Armee“ war angekommen. Auch wenn die Angaben bezüglich Kriegern und Schiffen wohl übertrieben sind, so war es doch ein sehr effektiver Feldzug. Mit von den Küstenbewohnern requirierten Pferden und auf den alten Römerstrassen gelangten sie ins Landesinnere und zogen im Herbst 866 in York ein. Das Danelag, das Gebiet auf englischem Boden unter dänischer Herrschaft war gegründet. Fortan und bis zur endgültigen Bereinigung Ende 1066 durch die normannische Eroberung blieb England in einen angelsächsischen südlichen und einen dänischen nördlichen Teil zweigeteilt, wenn die Grenzen auch immer fliessend blieben.
„Endzustand“ der Expansion der Wikinger aus dem heutigen Dänemark und Norwegen war letztlich immer der Gewinn von Lebensraum – die definitive Besiedlung der eroberten Länder bzw. die Integration in die dortige Bevölkerung!
Die schwedischen Wikinger, auch Waräger genannt, hatten ihren Fokus von Anfang an auf den Handel ausgerichtet. Sie gelangten über den Ladogasee und den Wolchow auf die Waldaihöhen, wo sowohl der Dnjepr als auch die Wolga entspringen. Über diese russischen Ströme reisten sie im Laufe mehrerer Generationen bis nach Konstantinopel, das sie Miklagård nannten. Unterwegs gründeten sie Städte, wie Staraja Ladoga (Aldeigjuborg), Nowgorod und Kiew. So öffneten sie die Handelsrouten über das unendlich grosse Russland bis in den nahen und fernen Osten.
In Konstantinopel dienten sie als erfahrene Krieger in der Leibgarde der byzantinischen Könige (und Königinnen). Einer davon war sogar Kommandant der Waräger-Garde (Harald III. „der Harte“ von Norwegen). Wegen dieser Söldner-Tätigkeit nannte man sie später eben nicht Wikinger, sondern Waräger. Die Informationen über die Waräger sind zwar wesentlich dünner (vor allem die Dokumente), aber es gibt doch zahlreiche Hinweise, so z.B. auch die Funde von immensen Gold- und Silberschätzen auf Gotland!
Ein spezieller Fall sind die Normannen. Fälschlicherweise wird der Begriff „Normanne“ oft als Synonym für Wikinger verwendet. Dies ist aber nur ganz am Anfang deren Geschichte (vor 911) zulässig, nachher haben diese mehrfachen Staatengründer eine ganz eigene Geschichte.
Die Wege der Wikinger
Grafik: U. Pape