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Stéphane Estival (60) ist seit dem 1. Juli neuer Präsident des Westschweizer Verlegerverbandes Médias Suisses. Estival, der die Groupe ESH Médias als Generaldirektor führt, folgt auf Thierry Mauron.
Im Interview mit dem Klein Report spricht der Verlagsmanager über das Medienförderungspaket und über die Gründe, weshalb sich Radio Télévision Suisse (RTS) auf Radio und TV konzentrieren und nicht wie eine kostenlose Online-Zeitung daherkommen soll und weshalb sich Watson und «Blick» in der Romandie weigern, den westschweizerischen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für Medienschaffende zu unterstützen.
Was sind Ihre Ziele als Präsident von Médias Suisses?
Stéphane Estival: «Zuerst möchte ich die Leistungen von meinem Vorgänger Thierry Mauron, unserem Generalsekretär Daniel Hammer und dem Komitee würdigen. Ihre Arbeit hat es ermöglicht, die Probleme von allen Zeitungen zu berücksichtigen und den Zusammenhalt von Médias Suisses zu wahren.»
Und was brennt besonders unter den Nägeln?
Estival: «In Zukunft wird uns das mögliche Referendum über das Medienförderungspaket beschäftigen, das in der ersten Hälfte des nächsten Jahres zur Abstimmung kommen könnte. Ziel ist es, die Ja-Kampagne mit den beiden anderen Verlegerverbänden, Verband Schweizer Medien und Stampa Svizzera, zu koordinieren und der Bevölkerung klar zu machen, dass es um die Zukunft unserer Lokalpresse geht, die zu den Stärken der Schweizer Demokratie zählt.»
Auf welche Aufgabe freuen Sie sich am meisten?
Estival: «Auf die Umsetzung des Medienförderungspakets, über das das Parlament am 18. Juni abgestimmt hat. Dieses zeitlich befristete Hilfspaket ist für unsere Branche unerlässlich, um den digitalen Wandel in einem wirtschaftlichen Umfeld mit sinkenden Werbeeinnahmen zu beschleunigen. Ohne dieses Paket ist zu befürchten, dass zahlreiche private Medien ihren Informationsauftrag nicht mehr erfüllen können und viele Arbeitsplätze verloren gehen. Auf dem Spiel steht eines der Elemente, das eine gut funktionierende Demokratie ausmacht.»
Weshalb unterstützen Sie das Medienförderungspaket?
Estival: «Das Paket ist ein hervorragender Kompromiss, der sowohl das anspricht, was für unsere Gegenwart relevant ist (Unterstützung des Vertriebs von Printmedien), als auch das, was für unsere Zukunft relevant ist, nämlich die Förderung von digitalen Abos. Diese Massnahmen entsprechen den Bedürfnissen der Industrie und dem Bedürfnis unserer direkten Demokratie, auf gut informierte Bürger zählen zu können. Médias Suisses hat dieses Paket von Anfang an unterstützt.»
Wie würden Sie das Verhältnis zwischen RTS und den privaten Medien in der Westschweiz beschreiben?
Estival: «Die Medienlandschaft in der Westschweiz ist überschaubar, die Akteure kennen sich und reden miteinander. 2019 haben wir das 'Forum des Médias Romands' ins Leben gerufen, das den Austausch zwischen den Medien fördern soll. Auch RTS nimmt daran teil. Médias Suisses anerkennt den wichtigen öffentlichen Auftrag, den RTS verfolgt. Wir sind jedoch der Meinung, dass sich das RTS-Angebot auf Radio und Fernsehen konzentrieren und sich nicht in die Kompetenzbereiche der Printmedien einmischen sollte.»
Und wie stehen Sie zum ausgebauten Online-Angebot von RTS?
Estival: «Das digitale Angebot von RTS sollte sich auf die Hervorhebung der audiovisuellen Inhalte von RTS beschränken und nicht wie eine kostenlose Online-Zeitung daherkommen. Ein gebührenfinanziertes Online-Angebot, das einer Online-Zeitung ähnelt, würde für die Verlage eine nicht hinnehmbare Wettbewerbsverzerrung darstellen. Dies ist ein Thema, das in letzter Zeit auf der Tagesordnung der Bundesversammlung stand und dem wir auch in Zukunft unsere Aufmerksamkeit widmen werden.»
Wie stellt sich Médias Suisses auf die neuen Angebote von Watson und «Blick» in der Romandie ein?
Estival: «Beide Plattformen haben sich bisher nicht Médias Suisses anschliessen wollen und wenden den westschweizerischen GAV für Medienschaffende nicht auf ihre Mitarbeitenden in den französischsprachigen Redaktionen an. Wir bedauern dies, da wir der Meinung sind, dass die neuen Marktteilnehmer davon profitieren würden, wenn sie sich an die gleichen Regeln halten, die auch für die anderen hiesigen Verlage gelten. Die Weigerung von Watson und blick.ch/fr, den GAV anzuwenden, setzt diesen unnötig unter Druck. Unsere Tür bleibt jedoch weit offen und wir hoffen sehr, dass sie ihre Meinung ändern werden.»
Was sind derzeit die grössten Herausforderungen oder Probleme für die Medien in der Westschweiz?
Estival: «Das Paradoxe an den Printmedien ist, dass sie zwar einen Zuwachs an Leserinnen und Lesern verzeichnen, aber ihre Haupteinnahmequelle, die Werbung, dramatisch abnimmt. In den letzten zehn Jahren haben die privaten Medien mehr als die Hälfte ihrer Werbeeinnahmen verloren, die wiederum zu den GAFAM (Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) geflossen sind. Heute entspricht der Anteil von Facebook und Google am Schweizer Werbekuchen etwa demjenigen von Presse und Fernsehen. Wollen wir in einer Welt leben, in der soziale Netzwerke die Nachrichtenmedien abgelöst haben?»
Welche Themen stehen sonst noch auf Ihrer Agenda?
Estival: «Im Bereich des Urheberrechts wollen wir uns für die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Verlage einsetzen, das die GAFAM verpflichtet, für die Nutzung von redaktionellen Inhalten auf ihren Plattformen zu bezahlen. Australien und Frankreich haben auf diesem Gebiet Pionierarbeit geleistet, und auch die anderen EU-Länder werden eine entsprechende EU-Richtlinie in ihr nationales Recht übernehmen.»
Und was bedeutet das für die Schweiz?
Estival: «Auch die Schweiz muss ihre Gesetzgebung in diesem Bereich anpassen.»