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Arbeitskraft
Einstmals stand unten an jedem Skilift ein Mann, der den Leuten den Skiliftbügel reichte. Selbstverständlich gab es schon früher sehr viele Skilifte, also muss es sehr viele dieser Männer gegeben haben. Da das menschliche Erinnerungsvermögen aber die Tendenz hat, die Dinge zu vereinfachen, fasst es alle Skiliftbügelmänner inzwischen zu einem einzigen zusammen.
Mit Vorliebe Volksmusik
Meist trug dieser Mann die Wollmütze ganz oben auf dem Kopf, so dass die Ohren selbst bei kältestem Wind unbedeckt blieben. Bei der Mütze handelte es sich um ein weitverbreitetes Modell in den Farben Blau, Rot und Weiss. Eine Grossbank hatte diese Mütze gegen Ende der 1970er Jahre an die Bevölkerung verteilt. Viele Leute trugen diese Mütze, aber niemand trug sie mit der Nonchalance des Skiliftbügelmannes. Es kam einem vor, als wollte er den Skitouristen damit zeigen, dass für ihn eine Mütze kein Kälteschutz war, sondern ein obligatorischer Bestandteil der Berufskleidung. Ausserdem bildete die bunte Mütze zusammen mit den ebenso bunten Stiefeln eine Art Klammer der Farbigkeit. Denn sowohl die Winterjacke als auch die Hose des Mannes waren farblich vollkommen unauffällig. Die Stiefel des Skiliftbügelmannes waren leuchtend rot und dick gepolstert. Sie wirkten etwas plump und hiessen in Anspielung auf die seinerzeit hoch bewunderten Astronauten «Moon Boots». Und tatsächlich glichen die wenigen Schritte, die der Skiliftbügelmann für seine Tätigkeit verrichten musste, jenen der ersten Besucher auf dem Mond.
Der Skiliftbügelmann hatte grundsätzlich drei Hauptaufgaben zu erledigen. Er überprüfte die Skiliftabonnemente, er reichte den Skifahrern den Skiliftbügel, und er stoppte den Lift, wenn sich ein Bügel in der Anlage oder in der Kleidung eines Skifahrers verheddert hatte. Zu diesen Hauptaufgaben kamen kleinere Nebenaufgaben wie etwa das Zurechtweisen übermütiger Kinder, das Anzünden des feucht gewordenen Stumpens, das Auf- und Zuschrauben der Thermoskanne oder das gelegentliche Wechseln der Musikkassette. Der Skiliftbügelmann hörte mit Vorliebe Volksmusik. Meist lief diese Musik über ein kleines Kassettengerät, so dass die heimatlichen Klänge für die Benutzer des Skilifts erst zu hören waren, wenn sie in die Nähe des Skiliftbügelmanns kamen.
Da es zu jener Zeit noch keine Hochleistungssessellifte mit sechs Plätzen gab, mussten die Skifahrer normalerweise lange am Skilift anstehen. So freuten sie sich jeweils auf die Volksmusik, weil diese ihnen angab, dass die Warterei bald ein Ende haben würde. Wer in den Bereich der Musik vorgedrungen war, zog die Handschuhe aus, um das Abonnement, das damals noch an einer Schnur um den Hals getragen wurde, unter der Jacke hervorzuholen.
Niemand fragte sich damals, wie der Skiliftbügelmann die schneefreien Monate überbrückte. Man wusste einfach, dass er den ganzen Winter über unten am Skilift stand. Seine ständige Anwesenheit schien völlig normal zu sein. Und es fiel einem schwer, sich vorzustellen, dass es für ihn eine andere Jahreszeit als den Winter geben könnte.
Reichte der Skiliftbügelmann einer amerikanischen Touristin oder einem englischen Touristen den Skiliftbügel, sagte er manchmal ein englisches Wort. Das Wort hiess «please» und klang aus dem Mund des bärtigen Mannes sehr fremd. Im Übrigen redete er nur, wenn er es unbedingt tun musste. Das war zum Beispiel dann der Fall, wenn sich aus dem Funkgerät, das neben dem Kassettenrecorder auf einem Holztischchen stand, eine Stimme meldete. «Verstande», brummte er dann emotionslos ins Funkgerät, was die Umstehenden meist wunderte, denn die Stimmen aus dem Funkgerät waren in der Regel alles andere als verständlich.
Für uns Kinder strahlte der Skiliftbügelmann eine Autorität aus, die höchstens mit jener eines Bademeisters oder eines Schulhauswarts vergleichbar war. Nie wäre es uns in den Sinn gekommen, ihn ohne Not anzusprechen. Wenn er mit einem kaum merklichen Kopfrücken andeutete, dass wir an der Reihe waren, beeilten wir uns, zu zweit in die Spur zu stehen und beide Skistöcke in eine Hand zu nehmen.
Drehkreuze und Scanner
Irgendwann wurde die Kontrolle der Skiliftabonnemente automatisiert. Drehkreuze und Scanner gewähren seither den Zugang zum Transportmittel. An den Talstationen der Skilifte wurden Überwachungskameras installiert. Zudem ersetzten die Betreiber der Skiliftanlagen die alten Holzbügel durch Modelle, die weiter herunterhingen. Dies erlaubte es den Skifahrern, ohne fremde Hilfe an die Bügel zu kommen.
Die noble Arbeit des Skiliftbügelmanns ist überflüssig geworden. Seither ist der Skiliftbügelmann aus dem Sichtfeld der Skifahrer verschwunden. Vermutlich sitzt er nun in einem geheizten Raum voller Bildschirme und kontrolliert, ob alles reibungslos abläuft. Er braucht jetzt nicht mehr «please» zu sagen, die Volksmusik läuft über eine fest installierte Anlage, und die Mütze liegt unbenutzt auf dem Schreibtisch. Ertönt eine Stimme aus dem Funkgerät, quittiert er dies immer noch mit einem knappen «verstande». Aber niemand kann wissen, ob er wirklich alles verstanden hat.