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Frisch, fromm, fröhlich, frei — unter dieser Devise gründeten zehn wackere junge Burschen am 26. Juni 1894 den Turnverein Möriken. Sie begingen damit zwar keine Pioniertat, denn schon 1832 war im benachbarten Aarau von Turnvereinen der grossen Städte der Eidgenössische Turnverein gegründet worden und 1860 hatten sich Aargauische Vereine zum Kantonalturnverein zusammengeschlossen. Der Kreisturnverband Lenzburg bestand damals schon acht Jahre. Im Dorf selbst gab es schon andere Vereine.
Die Pflege der Leibesübungen war damals keineswegs selbstverständlich, vor allem nicht in den Dörfern. Das Schulturnen steckte in den allerersten Anfängen. Das Schulgesetz von 1865 erklärte zwar das Turnen als obligatorisches Schulfach für Knaben, doch der Lehrplan von 1866 ordnete an: „Wo das Turnen wegen Mangel an geeigneten Lehrkräften noch nicht eingeführt werden kann, ist die Turnstunde für den Schreibunterricht zu verwenden!“
Als der Turnverein Möriken gegründet wurde, konnte er also weder mit Nachwuchs aus der Schule noch mit allzu grossem Verständnis bei der älteren Generation rechnen. Das Selbstbewusstsein und die Eigenständigkeit waren die eigentliche Ursache für die Vereinsgründung und auch die Kraft, welche den jungen Verein über die ersten Schwierigkeiten hinwegtrug.
Die Eintragungen im ersten Protokollbuch in wunderschöner altdeutscher Schrift sollen uns über solche Schwierigkeiten Auskunft geben. Am 26. Juni 1894 war also die Gründungsversammlung. Der erste Präsident hiess Theodor Wädenswyler. Am 14. Juli gab sich der Verein Statuten, die jedoch im Protokollbuch nicht schriftlich festgehalten wurden.
Schon am 15. September 1894 wurde ein neuer Präsident gewählt in der Person von Hans Schmid, Bäcker. Ebenfalls wurde ein gewisser Herr Bohler als Vorturner gewählt. Daselbst wurde beschlossen, Grobheiten gegen den Vorturner mit einer Busse von 50 Cts. zu bestrafen.
Der Verein sieht van seiner Sitzung am 21. April 1895 vor, Passivmitglieder zu werben. Samuel Bryner, Lehrer, und Oberst Rivette au Schloss Wildegg werden zu den ersten Ehrenmitglieder ernannt, also nicht einmal ein Jahr nach der Gründung des Vereins.
Am 12. September 1895 entschuldigt sich der Aktuar, das Protokoll wegen ungünstiger Witterung nicht mitgenommen zu haben. Willhelm Rey wird als neuer Präsident gewählt.
Am 26. Juni 1896 wird Otto Gebhard als vierter Präsident seit Bestehen des Turnvereins innerhalb von 18. Monaten gewählt. Kassabestand Fr. 66.85.
Am 2. April 1896 gibt sich der Turnverein neue Statuten, die im Protokoll wörtlich vermerkt werden. Die Beiträge werden festgelegt:
Eintritt in den Verein Fr. 1.50
Monatsbeitrag Aktive Fr. 0.70
Monatsbeitrag Passive Fr. 0.50 oder Fr. 6.–jährlich
Diese blieben so bis 1914 und wurden angesichts des 1. Weltkrieges etwas herabgesetzt.
Jedes Aktivmitglied erhält ein Hutband, das später durch das Turnerband ersetzt wurde. Am 05. Mai beschliessen die Mitglieder, ein Trinkhorn anzuschaffen.
1897 weist der Kassabestand Fr. 68.–aus. Da mit der Kassaführung etwas nicht in Ordnung war, forderte man den Kassier auf, die Kasse sofort abzugeben. Da er dies nicht tat, wurde am 28. März beim Bezirksamt Klage erhoben.
Am 23. Juli 1897 werden die Bussen neu festgelegt: Für verspätetes Erscheinen 20 Cts, für Absenzen 40 Cts.
Zwischen 1898 und 1901 sind die Eintragung im Protokoll sehr dürftig, erst unter dem Präsidenten Fritz Fischer kommt wieder Ordnung ins Protokollwesen.
23 Mitglieder waren an der Vereinsversammlung vom 28. Februar 1902, Präsident wurde Jakob Brack.
1903 schaffte sich der Verein eine bestickte Seidenfahne an, Anschaffungspreis ca. Fr. 250.–
1905 findet das Bezirksturnfest in Möriken statt. Die Zeitbegriffe waren damals wirklich anders:
Anlässlich der Versammlung vom 03. Dezember 1904 wird beschlossen, dass sich die Delegierten an der Versammlung des Bezirksturnverbandes Lenzburg für das Bezirksturnfest 1905 bewerben sollen.
Am 23. Februar 1905 wird beschlossen, dass man sich definitiv bewerben soll. Am 12. April wird das Organisationscomité gewählt, und am 05. Mai werden sechs Untercomités bestellt, Auszug aus dem Protokoll vom 05. Mai:
Es wird ferner beschlossen, dass das Turnfest am 30. Juli stattfinden soll. Sollte jedoch dieser Tag schon von einem anderen Verband für ihr Turnfest bestimmt sein, so soll es auf den 06. August verlegt werden.
Protokollauszug vom 19. Juni:
Dem Decorationscomité ist ein Betrag von 30 Frs. Zur Verfügung zu stellen.
Das auch schon damals das liebe Geld eine grosse Rolle spielte, zeigt ein weiterer Auszug aus dem gleichen Protokoll:
Die Festwirtschaft ist mit 24 gegen 4 Stimmen dem Rud. Gebhard z. äsch übertagen. Derselbe hat für die Reinigung der für seine Gebrauch nötigen Räumlichkeiten zu sorgen. Die Kollationen (Imbiss) kosten den Verein 80 Ctms., das Mittagessen frs. 1.60, das Kreuz 15 Ctms., macht zusammen frs. 2.55. Der Preis der Festkarte ist frs. 3.50. Es bleiben dem Verein somit 95 Ctms. Den beiden Wirten Rud. Gebhard z. Rössli und Joh. Fischer, Metzger, werden eine Anzahl Turner zum Mittagessen übergeben. Der Festwirt erklärt sich bereit, dem Verein einen Beitrag von 30 frs. Zu entrichten.
An welchen der beiden Daten das Fest dann stattgefunden hat, ist leider nirgends festgehalten. Am 26. August liegt jedoch die Festabrechnung vor, die mit einem überschuss von Fr. 304.44 abschliesst.
1918 wurde dem Verein eine Altersriege angefügt. Anfangsbestand 19 Mann. Diese wurde 1927 nochmals gegründet und nannte sich Männerriege, somit ist das Gründungsjahr der Männerriege 1927.
Das Jahr 1919 brachte für den Verein einige Höhepunkte. Da entschloss man sich, ein gebrauchtes Blumenhorn für Fr. 45.–dem Turnverein Mägenwil abzukaufen. Im selben Jahr kaufte man eine neue Vereinsfahne und weihte diese am 28. September ein. Der damalige Kaufpreis belief sich auf Fr. 740.–und diente dem Verein bis 1970, wo anlässlich des 75-jährigen Jubiläums das neue, aktuelle Vereinsbanner gewählt wurde.
Im fortwährend erstarkenden Turnverein gab es auch Schwierigkeiten. So musste beispielsweise die Vereinskasse mit Darlehen gestützt werden, die bei finanzkräftigen Turnern aufgenommen wurden.
Oder mussten Turner wegen Aussagen von Schimpfwörtern gegen den Vorturner mit Fr. 1.–pro Mal gebüsst werden. Der Protokollauszug vom 10. Januar 1905 weist uns auf rigoroser Massnahmen hin:
Da sich Jacob Gebhard, Schaffners, gegen einige Vereinsmitglieder unanständig aufgeführt hat, so wird beantragt, denselben aus dem Verein auszuschliessen. Die Abstimmung ergibt, dass obiger mit 16 gegen 2 Stimmen aus dem Verein ausgeschlossen ist.
Einem Aktivturner wurde das „Maulörgelen“ während der Turnstunde gänzlich verboten, unter Androhung einer Busse von 50 Rappen.
Mit der Zeit entwickelte sich nun ein organisierter, regelmässiger Turnbetrieb. Dem alljährlichen im Herbst stattfindenden Schlussturnen wurde sehr grosse Bedeutung beigemessen. Die Teilnahme war für alle Aktivmitglieder obligatorisch, die Kampfrichter aus dem Verein wurden an Versammlungen offiziell gewählt. Die Übungen wurden vorher schriftlich festgehalten und mussten von der Versammlung genehmigt werden.
Das Schlussturnen endete nach Möglichkeit jeweils mit einem gemütlichen Teil, der der zeit entsprechend organisiert war:
Protokollauszug vom 24. September 1918:
H. Hartmann Präsident betont, es sei ihm von verschiedenen Seiten zu Ohren gekommen die Turner seien nicht einverstanden, dass man den gemütlichen Teil nach dem Wetturnen im Vereinslokal verbringe, den es sei zu klein man könne sich nicht gut lustig machen. Er bringt vor, der Vorstand habe beschlossen, man wolle den Gemeinderat um Benützung des Saales anfragen, dieser Antrag wird einstimmig beschlossen.
Ferner stellte der Präsident den Antrag, dass jeder Turner eine Tänzerin mitbringen müsse ansonsten jeder dem Kassier 3 Lose abkaufen müsse. Auch dieser Antrag wird mit grossem Mehr zugestimmt.
Die Teilnahme an den Turnfesten waren, wenn finanziell irgendwie möglich, Ehrensache. Disziplin war oberstes Gebot, mussten die Turner doch auch in den Wartezeiten vor und während des Wettkampfes strammstehen und durften nicht miteinander sprechen.
Die Turnfahrten waren vom Verband vorgeschrieben und für jede Aktivsektion obligatorisch. Die Durchführung wurde durch den Turnverbandsverantwortlichen des Verbandes geprüft.
Meistens beteiligten sich auch Ehrenmitglieder und später auch Männerriegler an diesen Ausflügen. Die genaue Einhaltung der Marschroute (und das ehrbare und gesittete Verhalten der Turner) erfolgte „unter strenger Aufsicht“ der älteren Generation. Das Turntenue gehörte, obwohl nicht ideale Wanderbekleidung, genauso zum Erscheinungsbild wie auch die Begleitung der vereinseigenen Tambouren. Die Tambouren waren fester Bestandteil der Sektion und durften natürlich auch an keinem Turnfest fehlen. Wie viel Bedeutung dem akustischen Erscheinungsbild beigemessen wurde, ist dem Protokollauszug vom 23. März 1935 zu entnehmen:
Weber Karl wünscht neue Tambouren. Der Vorstand nimmt einen Antrag von Weber Ottos entgegen, worin dem Vorstand die Suche nach einem Tambourenleiter überlassen wird.
Der Eintritt in den Turnverein musste mit persönlicher Unterschrift auf eine Karte bestätigt werden, womit dann die Mitgliedschaft ausgewiesen war.
Um Austritte — insbesondere vor Turnfesten zu verhindern — wurde auch ein Austrittsgeld erhoben, beispielsweise Fr. 15.– im Jahre 1906. Das Austrittsgeld wurde nur in triftigen Gründen (Wohnortswechsel, Unfall) und auf schriftliches Gesuch erlassen.
Unterhaltungs- oder Turnerabende gehörten schon bald zum festen Bestandteil im Jahresprogramm. Die Unterhaltungsabende wurden meistens über den Jahreswechsel durchgeführt. Wohl aus Not an turnerischen Darbietungen gehörte auch immer ein Theater zu diesen Anlässen. Das Theater hat sich lange Jahre als Tradition an den Turnerabenden erhalten. Später standen die Turnerabende — wie auch heute noch — unter einem Motto.
Der Aktivdienst 1939 bis 1945 hemmte die turnerischen Tätigkeiten auch allen Ebenen. Trotzdem wurde vor und während der Kriegsjahre das Einzelturnern in unserem Verein gross geschrieben. Besonders die Kunstturner bildeten eine starke Gruppe innerhalb des Vereins.
Am 16. Februar 1946, nachdem der Krieg vorbei war, beging der Turnverein sein 50. Wiegenfest, das auch noch von einigen Gründungsmitgliedern mitgefeiert werden durfte.
Quelle Jubiläums-Festschrift 1995