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Sankt
Moritz, romanisch
San Murezzan (Kt. Graubünden,
Bez. Maloja,
Kreis
Ober Engadin). Gem.,
Bad und Dorf im
Ober Engadin.
St.
Moritz
Bad in 1760 m, St.
Moritz Dorf in 1856 m. Das
Bad liegt 1,5 km s. vom Dorf in der
Ebene s. vom
St. Moritzersee beim
Einfluss des
Inn in denselben und
das Dorf an dem sö. gegen den
See abfallenden linken Thalgehänge und
an der Strasse
Samaden-Silvaplana. Prachtvolle Gebirgswelt: im O. erheben sich der
Piz dell'Ova Cotschna, der
Piz Rosatsch und
erblickt man den
Piz Languard, im W. steht der
Piz Nair und sieht man die
Spitze des
Julier und den
Piz
Albana, fern im S. endlich
ragt der mächtige
Piz della
Margna auf.
Die Albulabahn, eine der kunstvollst angelegten Alpenbahnen, verbindet St.
Moritz, welches deren Endstation ist, mit
Chur
und der übrigen
Schweiz. Dorf und
Bad sind durch eine elektrische Strassenbahn miteinander verbunden. Kunststrassen führen
von St.
Moritz über den
Julier und den
Albula nach
Chur, über den
Maloja ins
Bergell, durch das
Engadin hinunter
ins Tirol und über den
Bernina nach
Puschlav und Tirano im Veltlin. Die Post fährt trotz der Bahn täglich mehreremale von
Samaden über St.
Moritz nach
Silvaplana.
Postbureau, Telegraph, Telephon im Dorf und
Bad. Viele stattliche Gasthöfe und
Villen und längs der Strasse, welche
sich auf der rechten Innseite vom
See thalaufwärts gegen das Kurhaus (das älteste Etablissement im
Bad) hinzieht, eine Menge
Verkaufsmagazine. In St.
Moritz
Bad stehen die in prachtvoller Lage an den Berg angeschmiegte neue evangelische französische
Kirche, in der Thalebene die neue katholische Kirche, eine Basilika mit schmuckem Kampanile, am Weg zwischen
Dorf und
Bad, doch noch im Rayon des letztern, die englische Kirche, im Dorfe selbst die Pfarrkirche mit einem neuen und sehr
schönen, aber im Verhältnis zum
Kirchlein allzu grossen
Turm, am nö. Ende des Dorfes der schiefe
Turm der alten, jetzt abgebrochenen
Pfarrkirche und in unmittelbarer Nähe die ältere katholische Kirche.
Eine Zierde des Dorfes bildet neben den Hotelpalästen und schmucken
Villen das stattliche Schul- und Gemeindehaus. Gemeinde,
mit einem Teil des 2,5 km thalaufwärts gelegenen Dörfchens
Campfèr: 114
Häuser, 1603 Ew. Hievon entfallen 88
Häuser und 1368 Ew.
auf das Dorf, sowie 19
Häuser und 194 Ew. auf das
Bad. 837 Reformierte, 743 Katholiken, 12 Israeliten; 475 Ew.
sprechen deutsch, 23 französisch, 504 italienisch, 433 romanisch, die übrigen meist englisch. Diese Zahlen gelten für
die am vorgenommene eidgenössische Volkszählung. Ungleich stärker belebt und bevölkert sind aber
Bad und Dorf
St.
Moritz im Sommer. Die am in der Gemeinde St.
Moritz veranstaltete lokale Zählung weist
eine Gesamtzahl der Bevölkerung
mehr
von 10404 Personen auf. Davon sind: ständige Einwohner 1732, Angestellte 2172, Arbeiter 1877 und Kurgäste 4623. Daraus
ersieht man übrigens auch, dass die Zahl der ansässigen Bevölkerung seit 1900 um 129 zugenommen hat. Im Dorf St.
Moritz
entwickelt sich auch im Winter ein sehr lebhafter Verkehr (Wintersport), während das mehr im Schatten
liegende Bad zu dieser Zeit fast unbelebt ist und die Hotels daselbst alle geschlossen sind. Die Landwirtschaft der St.
Moritzer,
Wiesen- und Alpwirtschaft, wird fast nur durch fremde (italienische) Wanderarbeiter besorgt.
Die Haupteinnahmequelle für St.
Moritz bildet der gewaltige Fremdenverkehr und die ausserordentlich entwickelte Hotelindustrie,
wodurch auch andere industrielle Geschäfte sich eines guten Gedeihens erfreuen. St.
Moritz ist Sitz
einer Bank und dreier Bankfilialen. Seinen Ruf verdankt St.
Moritz ohne Zweifel seinen Sauerquellen, deren eine schon im Mittelalter
eine gewisse Rolle gespielt hat. Vor der Reformation war St. Moritz Wallfahrtsort, und noch 1519 verlieh Papst Leo X. den
Pilgern zur Stätte des h. Maurizius durch eine Bulle befreienden Ablass.
Die Vermutung liegt nahe, dass die Heilquelle am Fuss des Rosatsch dem Ort zu solcher Würde verholfen hat. Dieser sog. Sauerbrunnen war wahrscheinlich schon im Altertum bekannt, doch ist dies nicht sicher erwiesen. Die erste bekannte schriftliche Nennung fällt ins Jahr 1525 und findet sich im Tractatus de morbis tartareis des Paracelsus, der die Quelle als besonders heilkräftig rühmte. Im 17. Jahrhundert war der Piemonteser Arzt Dr. A. Cesati ein Lobredner der Quelle, und ebenfalls aus dem 17. Jahrhundert stammt eine Marmorplatte, die mit lateinischer Inschrift die Bedeutung der Quelle für das Thal angibt.
Während aber noch im Sommer 1853 die Zahl der Kuranten in St. Moritz nur 150 betrug, stieg sie bis heute auf viele Tausende. 1853 wurde die Quelle neu gefasst, worauf sie die zehnfache Wassermenge gegen früher lieferte. Ungefähr 200 Schritte von dieser Quelle entfernt fand man 1815 die sog. neue oder Paracelsusquelle, die aber bis 1852 unbenutzt blieb. Heute dient sie vornehmlich als Trinkquelle, wogegen die alte meist zu Bädern benutzt wird. Beide Quellen weichen, wie die Analysen zeigen, ihrer chemischen Zusammensetzung nach nur wenig voneinander ab.
Analyse von Prof. Dr. A. Husemann 1873/1874:
|Temperatur||Alte Quelle||5.4 °C.|
|Spezifisches Gewicht||Alte Quelle||1.002319.|
|Temperatur||Neue Quelle||5.3 °C.|
|Spezifisches Gewicht||Neue Quelle||1.002325.|
Von kohlensauren Salzen (als wasserfreie Bikarbonate berechnet) sind in 10000 Gramm Wasser enthalten:
|Alte Quelle||Neue Quelle|
|Chlorlithium||0.00848||0.00885|
|Chlornatrium||0.43764||0.34683|
|Bromnatrium||0.00536||0.00099|
|Jodnatrium||0.00013||0.00024|
|Salpetersaures Natron||0.00333||0.00721|
|Borsaures Natron||0.03614||0.05228|
|Schwefelsaures Natron||3.07415||3.21101|
|Schwefelsaures Kali||0.14382||0.14800|
|Doppelt kohlensaures Natron||2.72356||1.81518|
|Doppelt kohlensaures Ammoniumoxyd||0.02928||0.02552|
|Doppelt kohlensaures Kalk||12.26916||13.01950|
|Doppelt kohlensaures Strontian||0.00114||0.00119|
|Doppelt kohlensaures Magnesia||1.97097||2.02188|
|Doppelt kohlensaures Manganoxydul||0.05292||0.05588|
|Doppelt kohlensaures Eisenoxydul||0.33098||0.38648|
|Eisenoxydhydrat||-||0.06108|
|Kieselsäure||0.40169||0.53445|
|Phosphorsäure||0.00156||0.00144|
|Tonerde||0.00050||0.00030|
|Baryt, Caesium, Arsensäure, Kupfer, organische Materien||Spuren||Spuren|
|Summe der festen Bestandteile||21.49711||21.71550|
|Wirklich freie Kohlensäure bei Quelltemperatur||12300.10 cm3||12828.12 cm3|
|Sogenannte freie Kohlensäure, bei Quelltemperatur||18916.06 cm3||19565.05 cm3|
Wieder etwa 200 Schritte sö. von der Paracelsusquelle wurde 1886 eine dritte Quelle gefunden, die in ihrer Zusammensetzung den beiden andern sehr ähnlich ist. Während die ersten beiden Quellen Eigentum der Gemeinde sind und zum Kurhaus-Etablissement gehören, befindet sich die dritte im Besitz der Aktiengesellschaft «Neues Stahlbad St. Moritz». An das Kurhaus reihten sich erst Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts das Hotel Victoria und das Hotel du Lac im Bad, und gleichzeitig nahm das aus sehr bescheidenen Anfängen hervorgegangene Hotel Kulm im Dorf immer grössern Umfang an, worauf neue grössere und kleinere Gasthöfe entstanden. 1889 erbaute man, veranlasst durch die Entdeckung der dritten Quelle, das Hotel «Neues Stahlbad», und heute erhebt sich am Abhang zwischen Dorf und See als grösster der St. Moritzer Gasthöfe das Grand Hotel. Im Besitz des Hotel Kulm in St. Moritz Dorf befindet sich eine Doppelgängerin der sixtinischen Madonna in Dresden, ein aus dem Besitz des Herzogs von Ferrara stammendes Bild von wunderbarer Schönheit, das aus dem 16. Jahrhundert stammt, auf Damast gemalt ist und wahrscheinlich einst ein Panner war. Die Reformation fand in St. Moritz erst 1576, d. h. später als in allen andern Dörfern des Engadin, Eingang; sehr wahrscheinlich hängt dies mit der Stellung von St. Moritz als Wallfahrtsort zusammen. Fund eines Beiles und eines Messers aus Bronze, sowie einer silbernen Alexandermünze. Vergl. Hoffmann, Camill. St. Moritz Bad. (Europ. Wanderbilder. 236/237). Zürich 1895.