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Warum die Wipkingerbrücke nicht Aussersihlbrücke heisst
14. Dezember 2016 von Martin Bürlimann
Online seit
14. Dezember 2016
Printausgabe vom
15. Dezember 2016
Der Bau der Brücke über die Limmat zeigt, wie die Wipkinger bauernschlau stets das Optimum herausholten.
Pfarrer Kesselring, Präsident der Gemeinnützigen Gesellschaft Wipkingen (GGW), fragte 1860, im zweiten Jahr des Bestehens der Gesellschaft, was die besonderen Wünsche der Wipkinger seien. Nebst dem Bahnhof solle man eine Brücke zwischen Aussersihl und Wipkingen bauen, regte Friedensrichter Dietschi an. Zwischen Zürich und Baden gab es nur die gedeckte Holzbrücke beim Kloster Wettingen. Wer über die Limmat wollte, musste zum «Fahr» beim Kloster, zur Fähre in Engstringen oder über die Bahnhofbrücke in Zürich. Die GGW klärte ab und fand heraus, dass die Nachbargemeinde Höngg in Beratung mit Aussersihl war. Die Höngger wollten eine Verbindung zur Spanisch-Brötli-Bahn in Altstetten. Aussersihl wehrte sich mit Einsprachen und Rekursen gegen die Pläne, weil die Brücke am äussersten Zipfel ihrer Gemeinde liegen würde. Sie verlangten eine zentral gelegene Brücke, am besten als Ersatz der Fähre.
Schneller als die Höngger
Der «Anker» war wohl das markanteste Haus in Wipkingen. Das Land beim alten Kirchlein war im Besitz der Familie Siegfried. Jakob Siegfried, genannt «Siegfried am Wasser», war auch eine Zeit lang Gemeindepräsident. Die Siegfrieds waren eine begnadete Unternehmerfamilie. Sie betrieb eine Fuhrhalterei und übernahm ab 1841 auch den Fährdienst neben ihrem Wirtshaus «Anker». Als dann 1870 Ankerwirt Siegfried die zehnjährigen Fährschiffe ersetzen musste, war die Gelegenheit günstig. Er regte selbst eine Brücke beim Anker an. Jene in Höngg war mit Einsprachen blockiert. Aussersihl war sofort einverstanden. Die GGW schrieb den Wunsch an beide Gemeinderäte «…machen wir noch anhängig, eine Sammlung von freiwilligen Beiträgen in allen Teilen zu unterstützen». Die Sammlung brachte 13’786 Franken in Aussersihl, vorab bezahlt durch Bauern und Unternehmer, und 6’167 Franken in Wipkingen. Damit finanzierte die GGW die Brückenkommission, die sofort ausschreiben liess. Sie erhielt drei Offerten von bekannten Brückenbauern und einen Brief vom Mechaniker Robert Reimann in Wald, Kantonsrat und Respektsperson im Oberland, der dann mit zwei Tagen Verspätung konkurrenzlos günstig eine Eisenbrücke mit zwei steinernen Pfeilern offerierte.
Verzögerungen
Der Regierungsrat hatte die Pläne bereits genehmigt, als der Deutsch-Französische Krieg im Sommer 1870 die Arbeiten unterbrach. Kein Eisen war mehr erhältlich und die meisten Wipkinger Männer standen im Aktivdienst an der Grenze. 1871 stoppte ein regenreicher Frühling die Arbeiten, im Juni riss eine Flut den Steg weg und die Arbeiter mussten das «Lukomobil», eine Art Dampfwalze, aus der Limmat fischen. Ankerwirt Siegfried hatte die Fähren bereits verkauft und seine Knechte spedierten die Fahrgäste für fünf Rappen mit Pontons ans andere Ufer. Ein Augenschein bei Mechaniker Reimann in Wald ergab, dass dieser Berge von Eisen bestellt, aber mit den Arbeiten noch nicht begonnen hatte. Erst im Januar 1872 waren die Brückenpfeiler fertig, im März der chaussierte Belag. Am 28. April, zur Einweihung des neuen Schulhauses an der Rosengartenstrasse, hätte das Brückenfest stattfinden sollen – aber die Wipkinger hatten die Zufahrt zur Brücke noch nicht gebaut. Der grosse Schülerumzug, der die vier Jahreszeiten darstellen sollte, unterblieb. Die GGW berichtete 1872 in der Chronik: «Einige Zeit nach der Schulhauseinweihung war es möglich, die Brücke dem Verkehr zu öffnen – festlos, kalt».
Der Aussersihler Gemeinderat war verstimmt. Sie mussten zahlen, hatten nichts zu sagen und wurden nicht gefragt. Die Brücke erhielt auch noch keinen Namen, sie war einfach da. Sie brachte Industrielle nach Aussersihl und bescherte Wipkingen einen Bauboom, der 1890 in einem gewaltigen Bankrott mündete. Bauruinen säumten die Wege durchs Dorf und die Pleitiers verzogen sich nach Amerika. Bei der Eingemeindung von Aussersihl und Wipkingen 1893 erhielt die Brücke offiziell ihren Namen: «Wipkingerbrücke». Lehrer und GGW-Präsident Armin Birch, Pfarrer Rudolf Wachter und der letzte Wipkinger Gemeindepräsident Heinrich Kleinert hatten dies diskret, aber wirksam beim Zürcher Grossen Rat bewirkt.
Die Verbreiterung
Der Anstoss kam aus Höngg, welches die altertümliche Postkutsche nach Baden durch moderne «Tramways» ersetzen wollte. Die Wipkingerbrücke war nur 18 Fuss, also 5.40 Meter breit und nicht für solche Belastungen gedacht, also baute die «AG Elektrische Strassenbahn Zürich-Höngg» parallel zur Brücke für 30’000 Franken einen Steg. Erstmals bimmelte das Hönggertram am 27. August 1898 über die Brücke und um das Kirchlein. Die Industrie in der Hard wuchs gewaltig, in Wipkingen wurde wieder gebaut wie verrückt und der Verkehr floss in Lawinen über die Brücke am Anker vorbei. Der Grosse Stadtrat brachte eine Vorlage für eine Verbreiterung, welche das Volk am 17. August 1900 haushoch annahm, und bereits elf Monate später feierte man die neue Brücke.
Zur Asphaltierung reichte der Baukredit nicht, deshalb war das Trassee vorerst lediglich chaussiert. Die Tramgeleise wurden integriert, und damit war die Wipkingerbrücke mit 18 Metern der breiteste Limmatübergang zwischen Zürich und Baden. Die Höngger erhielten für ihren Tramsteg noch den Schrottwert von 2’000 Franken – die Wipkinger blieben einmal mehr unbeschadet.
Freudenfest ohne Gäste
Für die Feier schmückte man die Brücke mit Girlanden und brachte Inschriften an. Jene auf der Wipkinger Seite zollten der neuen Brücke Respekt. Die Zeilen stammen von Dr. Moosberger:
«Mit Klugheit erdacht,
Mit Eifer erschafft,
Vom Kirchlein bewacht,
Vor Unglück beschützt,
Sei emsig benützt!»
Pfarrer Otto Roth segnete die Brücke, für das nächtliche Fest gab es bengalisches Feuer und Lampions, in der Mitte der Brücke stand ein Podium, Würdenträger redeten, der Töchterchor sang, der Ankerwirt zapfte Bier und Most, Feuerwerk knallte, Musik spielte, und das Dorfvolk feierte und tanzte auf der Brücke bis es wieder hell wurde. Nur die Aussersihler feierten nicht mit. Erst jetzt meldete sich der Aussersihler Industrie-Quartierverein wegen dem Namen, dieser passe so gar nicht als Verbindung zwischen den beiden Stadtquartieren. Zur Einweihungsfeier liess sich der Industrie-Quartierverein Aussersihl entschuldigen, da es eine «Wipkinger Brücke» sei und somit die Aussersihler nichts angehe. Die Wipkinger Festbrüder hatten sich den Spass nicht nehmen lassen und brachten an der Tafel auf der Aussersihler Seite einen Spottvers an:
«Wipkingerbrücke heisst sie ja,
So tönt’s vom Industrievorstand,
Das gaht eus ja grad nüd viel a,
Mir wised’s höfli vo der Hand!»
Dem Vernehmen nach waren trotzdem viele Aussersihler an der Feier anwesend und der Vorstand wurde an der nächsten Versammlung abgewählt.
Quelle: Archiv Jakob Frei (Stadtarchiv Zürich).