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Chantal Peyer arbeitet bei Brot für alle als Fachfrau für Ethisch Wirtschaften.
Das Coronavirus: Ein Appell, an die Menschen am anderen Ende der Produktionskette zu denken
Stellen Sie sich eine Welt vor, in der Sie beim Kauf eines T-Shirts das Bild einer lächelnden Näherin in Bangladesch vor Augen haben. Diese Arbeiterin ist nicht reich, aber sie hat einen Lohn, mit dem sie ihre Familie ernähren kann, sie hat geregelte Arbeitszeiten und eine Krankenversicherung. Ein solches T-Shirt zu kaufen wäre eine Freude, und Sie würden ihm Sorge tragen. Weil diese Frau, die es genäht hat, keine vom System unterdrückte anonyme Person ist, die wir nicht sehen wollen. In dieser Welt ist sie ein Mensch wie Sie und ich, ein kleines, aber wichtiges Glied in einer langen Kette.
Massenentlassungen wegen stornierter Aufträge
Wir müssen neu entdecken, dass wir eine Schicksalsgemeinschaft sind. Nicht nur innnerhalb der Schweiz: Auch die Menschen in den armen Ländern, die unsere T-Shirts nähen, unsere Smartphones zusammensetzen oder den Kakao ernten, gehören dazu. In der Textilindustrie im Süden zum Beispiel, ist die Situation dramatisch. Seit der Schliessung der Kleidergeschäfte in Europa haben die grossen Markenfirmen ihre Bestellungen storniert und sich auf höhere Gewalt berufen. Das Resultat: Die Produzenten in den Entwicklungsländern bleiben auf riesigen Lagerbeständen von bereits produzierter Kleidung sitzen, für welche die Firmen nicht bezahlen wollen. Mangels Liquidität müssen die Fabriken im Süden schliessen und Millionen von Arbeiterinnen ohne Gehalt und ohne Abfindung nach Hause schicken.
Allein in Bangladesch haben innerhalb von drei Wochen über 1000 Fabriken die Auftragsstornierung für 864 Millionen Kleidungsstücken im Wert von 2,81 Milliarden US-Dollar vermeldet. Über eine Million Arbeiterinnen und Arbeiter wurden entlassen. Für sie heisst das Hunger, Elend, ein endgültiger Schulabbruch für ihre Kinder und fehlender Zugang zu medizinischer Versorgung.
Soziale Verantwortung fordert Taten
Dies alles könnte vermieden werden. Sobald die Läden wieder öffnen, werden die grossen Marken wie Benetton, H&M oder Gucci wieder auf diese Fabriken und ihre Arbeiterschaft zurück greifen. Daran macht Rubana Huq, die Präsidentin der bangladeschischen Bekleidungsproduzenten und -exporteure, in einem eindrücklichen Video aufmerksam. Es ist kein Aufruf zu Wohltätigkeit, sondern die Aufforderung, dass die bestellte und bereits produzierte Ware vertragsgerecht bezahlt werden soll. Die Markenfirmen, die dauernd von sozialer Verantwortung und Menschenrechten in der Produktionskette sprechen, müssen jetzt ihre Prinzipien in die Praxis umsetzen.
Am 31. März 2020 hat H&M als erstes Unternehmen Massnahmen zur Bezahlung seiner Lieferanten angekündigt. Die anderen müssen diesem Beispiel folgen. An uns Bürgerinnen und Bürgern ist es, diesen Firmen und der Politik klarzumachen: Wir akzeptieren nicht, dass die ärmsten Arbeiterinnen den Preis für diese Krise bezahlen. Wir müssen erneut bekräftigen, dass wir in Zukunft stolz darauf sein wollen, ein T-Shirt aus Bangladesch zu kaufen, weil uns bewusst ist, dass wir der gleichen Schicksalsgemeinschaft angehören.