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Herr Jarren, ich will zu Anfang etwas Grundsätzliches klären. Die Leute sprechen gerne davon, dass wir heute eine Medienkrise hätten. Das stimmt nicht – es wird so viel gelesen, gehört und geschaut wie nie zuvor. Das Problem liegt woanders: bei der Finanzierung. Verlage haben traditionell Werbung verkauft, nicht Inhalte.
Absolut einverstanden. Was wir haben, ist eine Medienfinanzierungskrise mit Folgen für die journalistische Arbeit. Und das betrifft auch nicht alle, sondern nur einen Teil der Medien. «20 Minuten» beispielsweise funktioniert, privates Fernsehen funktioniert teilweise auch. Aber manche Medien können den Journalismus nicht mehr hinreichend finanzieren, weil die Werbung zu viele Alternativen hat und abwandert.
Genau da setzt die Argumentation um den sogenannten Service public an: dass man ein gewisses Angebot öffentlich finanzieren müsse, weil es sonst nicht bestehen würde. Lassen Sie uns das mal einordnen. Woher kommt diese Idee in Europa?
Das hat viel mit Konflikt- wie Kriegserfahrungen zu tun. Bereits zur Zeit der Russischen Revolution hat man entdeckt, dass man über das Radio sehr manipulative Massenkommunikation machen kann. Dann kam der Faschismus, der sich sehr stark auf Massenmedien abgestützt hat. Diese Erfahrung war der Hauptgrund, dass man Institutionen nach dem Vorbild der britischen BBC geschaffen hat. Die Idee war, Totalitarismus zu verhindern. Man wollte verhindern, dass eine politische Kraft alle Medien übernehmen und gleichschalten oder beeinflussen kann. Was übrigens heute in Ansätzen wieder geschah oder geschieht, mit Berlusconi in Italien, Orban in Ungarn oder der polnischen PiS-Partei. Darum hat man die Anstalten in ihrer heutigen Form geschaffen, unabhängig von der Regierung und mit Vielfalts- und Ausgewogenheitspostulat.
Das Faschismusargument hört man in der Schweiz heute selten.
Ja. Die Diskussion hat sich verschoben hin zur Idee des staatlichen, sozialen Zusammenhalts. Man argumentiert, dass das Land in seiner Vielfalt abgebildet sein müsse, mit allen Sprachregionen und verschiedenen Interessengruppen. Ebenfalls stark präsent ist das Argument, dass möglichst alle Menschen Zugang zu Informationen haben sollten, also die Grundversorgung.
Dazu habe ich kürzlich ein Interview mit Bakom-Direktor Philipp Metzger gelesen. Er sagte: «Stellen Sie sich vor, ein Landesteil würde schlechter informiert als die anderen. Das wäre in einer direkten Demokratie nicht tragbar.» Als Journalistin finde ich diese Sätze furchtbar, weil sie so technokratisch sind. Was ist denn das für ein mechanisches Verständnis von Medien? Menschen sind doch kein Gartenbeet, das man gleichmässig begiessen muss.
Trotzdem ist das Problem tatsächlich die Grösse der Populationen in den verschiedenen Landesteilen. Fernsehen ist wahnsinnig teuer. Fernsehen lässt sich nicht für einen sehr kleinen Sprachraum machen. Das können Sie niemals refinanzieren.
Das Argument ist doch verkehrt herum. Sie setzen das Medium Fernsehen als gegeben und begründen, warum es subventioniert werden muss. «Grundversorgung» bedeutet für mich: die Recherche und Aufbereitung von lokalen Stories. Das muss nicht unbedingt Fernsehen bedeuten und auch nicht die Institution SRG.
Na ja, mit Recherche und Stories alleine ist es nicht getan. Erstens brauchen Sie Planbarkeit. Fernsehen muss mit festen Formaten und Serien arbeiten. Einmalige Produktionen sind aber sehr teuer. Zweitens brauchen Sie einen Kanal oder eine Plattform, damit die Leute überhaupt wissen, wo sie zuverlässig was finden könnten.
Sie sprechen immer noch vom Fernsehen. Zur Klärung: Geht es bei der Service-public-Debatte nicht um Grundversorgung an sich, sondern spezifisch um Grundversorgung mit Fernsehen?
Ja, weil Fernsehen die meisten Menschen erreicht und weil es diese spezifischen Bedingungen hat. Es könnte ohne Förderung in einem kleinen, mehrsprachigen Raum wie der Schweiz nicht existieren.
Der Zwang zur Grösse betrifft heute alle Medien. Wir arbeiten zunehmend in einem «Winner takes it all»-Markt: amerikanische Online-Medien können jeden Winkel der Welt gratis erreichen. Das sind riesige Skaleneffekte; da haben kleine Schweizer Medienhäuser langfristig sowieso keine Chance.
Das ist so. Netflix beispielsweise kann unglaublich…