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Espresso
sagt der italienische Chef de Service in Dubai im obersten Restaurant des höchsten Gebäudes der Welt Minuten vor der Eröffnung in die Kamera, jetzt brauche ich einen Espresso; als er aber an der eigenen Theke kurz warten muss, herrscht er den staunenden Angestellten, dem indischen Subkontinent entstammend – er muss unzählige Schulungen, Schreckungen durchlaufen haben, um hier oben zu stehen –, entspannt an: Espresso, you know, what that means? Espresso wurde am Bahnhof Milano erfunden, Espresso hiess der Dampfzug, der nur kurz hielt; so wurde am Gleisende eine dampfbetriebene Maschine gebaut, die das Wasser mit Druck durch die Bohnen jagt, als Resultat: ein kurzer Kaffee, eingekippt, um sofort wieder zuzusteigen, schon pfeift die Lokomotive; listen, sagt der Chef, und der Thekendiener starrt schreckgläubig zu ihm hoch, the machine neads to be under steam, sie muss immer auf Betriebstemperatur sein, Espresso: you understand, sonst hiesse es: Delay.
Spuckmund Südwest
Eine Wallisfahrt vor wenigen Jahren, du hast nicht mitbekommen, dass die erste Transversale bereits eröffnet worden war, du setzt dich in den Speisewagen. Seebläuen, vor Spiez bestellst du die Speisekarte, «zu spät: nur trinken», sagt die Speisewagenfrau in neuer Basissprache, mit Wissensvorsprung, kein Besteck in Spiez und das Getränk hat sofort bezahlt zu sein, «vous pourriez payer maintenant, monsieur?» Du bezahlst fragenden Auges, die Antwort kommt sofort: ein lautloser Taktschlag, du bist im Berg, keine Vibrationen, Röhrenlichterfahrt, kaum hast du dein Getränk ausgetrunken, wirst du in den Halbsüden entlassen, gespuckt: Sonne et cetera. Du siehst aus dem Augenwinkel seitlich das Betonwerk im ariden Kalkhang, aus dem die Gleise kommen – als würde sich die Anlage selbsttätig weiterbauen. Das Wallis ist irreal nah an Zürich gerückt, Teile des Oberlands entfallen. Visp City findest du bestausgebaut vor, funktional, in Erwartung der Massen. Neuhelle Helvetik. Willkommen im Arth-Goldau des Südwestens.
Telefondurchwahl
Gespräch mit Matteo Terzaghi eines Vormittags, mit deinem Südgegenüber, Verbindungsmann. Zunächst Triangulationen: in welcher Sprache wollen wir uns bewegen? Er spricht besser Deutsch als du Italienisch, hat in Zürich gelebt und versteht Hochdeutsch sehr gut, besser noch Berndeutsch, seine Frau spricht es mit den Kindern. Du hast ein halbes Süditalie-nerohr, aufgewachsen unter Leccesen, Calabresen, Sizzilianern, sprichst aber Strassenitalienisch. Jeder bewegt sich in seiner Sprache, beschliesst ihr, jedoch standardisiert, du sprichst Hochdeutsch, somit via Hannover, Niedersachsen, er sogenanntes Standarditalienisch, via Bologna? Möglich wäre eine Umgehung westwärts, durch Burgunderbögen, er hat in Genf studiert, du sprichst Gymnasiumsfranzösisch. Verabredung: Englisch sprecht ihr nur im Notfall. Matteo hat phasenweise in Zürich studiert und in Bellinzona gearbeitet, er kennt die Strecke hundertfach. Erster Titelvorschlag: La traversata del Gottardo in treno, unbedingt als Schmelzwort zu übersetzen: Gotthardzugsdurchfahrt. «Du Nord-Sud», sagt er, «ich Sud-Nord.» Perspektivenregelungen: «In welcher Person erzählst du?», fragt er. «Wahrscheinlich in der zweiten Person», sagst du – «bene», sagt er, «ich in der ersten.»
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Das Helmevangelium
Durchschlags-TV Mitte Oktober 2010, du schriebst damals tagelang mit. Es war ein internationaler Countdown, Berichterstattungen in allen Zeitungen auf allen Sendern, das Radio blieb live auf Sendung. Berichte über Behausungen der Tunnelbauer. Es…