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Warum ist der Kanton Schwyz so reich?
Im Rahmen der neuen Schwyzer Kantonsgeschichte, die eben erschienen ist, durfte ich die Wirtschaftsentwicklung im 19. und 20. Jahrhundert untersuchen. Die zentrale Frage lautete: Wie war es möglich, dass ein traditionell armer Kanton so schnell reich wurde? Zur Erinnerung: Noch in den 1950er-Jahren war der Kanton Schwyz ein Subventionsempfänger, und das Pro-Kopf-Einkommen lag unter dem Schweizer Durchschnitt. Heute ist er einer der wenigen Nettozahler im Rahmen des Finanzausgleichs.
Die historische Untersuchung brachte auch in diesem Fall Resultate, die man nicht erwartet hätte. Bevor ich mit dem Studium der Quellen begann, ging ich davon aus, dass der Kanton Schwyz das Zuger Modell imitiert hatte: Steuersenkungen für Holding- und gemischte Gesellschaften, zahlreiche Firmengründungen, dann Steuersenkungen für vermögende natürliche Personen.
Völlig falsch. Am Anfang standen keine Steuersenkungen, sondern wachsende Pendlerströme zwischen Ausserschwyz und Zürich. Der Aufschwung fand völlig ungeplant statt. Mehrere Gründe waren für die Ansiedlung von Pendlern wichtig:
- Nähe zu Zürich (dank der Eröffnung der Autobahn A3 1968 verkürzte sich die Fahrzeit auf etwa dreissig Minuten)
- grosse Landreserven
- traditionell niedrige Steuersätze wegen der konservativen Einstellung der Bevölkerung (u. a. keine Erbschaftssteuern)
Dank der starken Zunahme von mittelständischen Familien verbesserten sich die Kantonsfinanzen. Dadurch gab es allmählich Spielraum für Steuersenkungen. Diese kamen aber erst 1988, also zu einem Zeitpunkt, als der Aufschwung längst in Gang gekommen war. Erst jetzt begann der Kanton Schwyz, vermögende natürliche Personen und juristische Personen mit Seuersenkungen anzuziehen. Das feuerte den Aufschwung zusätzlich an.
Interessant ist ferner der Grund für die grossen Landreserven, denn auch dieser Teil der Geschichte war nicht geplant. Im Gegenteil. Man hätte die Landreserven gerne bereits im 19. Jahrhundert genutzt, aber die Industrialisierung scheiterte nach einem vielversprechenden Start. In den frühen 1840er-Jahren hatte nämlich Caspar Honegger, einer der grössten Schweizer Wirtschaftspioniere, in seiner Weberei in Siebnen den berühmten «Honegger-Stuhl» entwickelt, der sich überall in Europa gut verkaufte. Wegen des Sonderbundskriegs von 1847 verlagerte er aber die Maschinenproduktion in einer Nacht- und Nebelaktion über den Zürichsee in seine Heimatgemeinde Rüti. Wäre Honegger in der March geblieben, hätte die Region durchaus ein Zentrum der schweizerischen Maschinenindustrie werden können. So aber blieb sie ein Randgebiet des Zürcher Wirtschaftsraums, und das Land blieb unverbaut.
Wer also glaubt, die Schwyzer hätten aufgrund eines langfristigen Masterplans darauf hingearbeitet, dem Kanton Zürich das Steuersubstrat wegzunehmen, irrt vollständig. Die Zürcher sind zuerst aus der Stadt und dem Kanton nach Ausserschwyz geflohen, weil sie mehr Platz brauchten und schöner wohnen wollten. Am neuen Wohnsitz zahlten sie ihre Steuern und ermöglichten dadurch den Kantonsbehörden, die Steuern zu senken.