Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/1286

Weibliche Lebensentwürfe
Grosser Ramuz-Preis für Anne-Lise Grobéty
Der Grosse Ramuz-Preis geht in diesem Jahr an die Neuenburger Autorin Anne-Lise Grobéty. Mit dem alle fünf Jahre vergebenen Preis in Höhe von 15 000 Franken zeichnet die in Pully, dem Wohnort von Charles Ferdinand Ramuz, domizilierte Fondation C. F. Ramuz seit 1955 das Lebenswerk von Westschweizer bzw. in der Romandie lebenden, französisch schreibenden Autorinnen und Autoren aus. Frühere Preisträger waren unter anderen Nicolas Bouvier, Georges Haldas, Alice Rivaz und Philippe Jaccottet. - Mit nur drei Romanen und drei Erzählbänden in dreissig Jahren ist Anne-Lise Grobéty keine Vielschreiberin, doch verkörpert sie in der Romandie die Avantgarde feministischer Literatinnen. Als sie 1968 achtzehnjährig ihren ersten Roman, «Pour mourir en février», publizierte, glaubte die Kritik am Genfersee und in Paris, es mit einer zweiten Françoise Sagan zu tun zu haben.
Ungeschminkt, ohne Tabu und mit einem Hauch arroganter Unbedarftheit inszenierte Anne-Lise Grobéty den Protest ihrer Protagonistin Aude gegen die stickige Kleinbürgerlichkeit ihrer Eltern, die ihre Tochter vor deren lesbischer Freundin schützen wollen. Grobéty hatte einen neuen Ton in der Westschweizer Literatur angeschlagen, einen jungen und weiblichen, der eine nie gekannte Radikalität erreichen sollte. In dem Roman «Zéro positif» (1975) sucht Laurence ein flüchtiges sexuelles Abenteuer und erkennt, dass sie sich eigentlich nach einer Schwangerschaft sehnt; und in Grobétys drittem Roman, «Infiniment plus» (1989; dt. «Unendlich mehr»), stossen die erotischen Phantasien einer jungen Frau auf so viel Unverständnis, dass man sie in eine Nervenheilanstalt steckt.
Anne-Lise Grobéty macht das Prekäre weiblicher Lebensentwürfe angesichts einer in radikalem Umbruch befindlichen Gesellschaft zum Thema ihrer Texte. Dabei stellt Grobétys Feminismus immer eher Fragen, als dass er sich mit falschen Sicherheiten zufrieden gibt. Trotzdem - oder deshalb? - blieb Platz für die Erziehung ihrer drei Töchter und ein zehnjähriges Engagement im Neuenburger Grand Conseil. - Die öffentliche Preisverleihung findet am 28. Oktober um 16 Uhr im Théâtre de l'Octogone in Pully statt.
Michael Wirth
19. Oktober 2000
www.culturactif.ch