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Die Leserunde in unserem Forum zwingt mich, Die Horen beim zweiten Mal ein bisschen langsamer zu lesen, als beim ersten Mal. Das hat den Vorteil, dass ich nun viele kleine Juwele finde, die ich wohl beim ersten Mal überlesen habe. Jedenfalls muss ich meine vorherige Meinung, dass nämlich nach dem ersten Jahrgang (1795) nicht mehr viel gewesen sei, doch etwas modifizieren. Natürlich: Die Zeit der grossen ästhetischen Aufsätze Schillers ist bereits wieder vorbei; sein grosses Drama, den Wallenstein, wollte er nicht in den Horen vorab publizieren. Dass er damit den literarischen und den kaufmännischen Wert seiner eigenen Zeitschrift beträchtlich verminderte, scheint ihn nicht gekümmert zu haben. Aber trotz aller minderen Ware, die der Herausgeber Schiller in seine Zeitschrift stopft, findet sich doch immer mal wieder in einer Nummer eine kleine Schönheit.
Zwar, dass Goethes Benvenuto Cellini in dieser Nummer seinen Beschluß findet, ist sicher nichts, worüber ich trauere. Der erste Satz schon des letzten Teils ist typisch für Cellini:
Wie nun, nach Gottes Willen, alle Dinge denjenigen die ihn lieben und ehren zum besten gereichen, so begegnete auch mir ein sonderbarer Vorfall.
Wenn Max Weber diesen Satz gekannt hätte, hätte er es sich wohl zweimal überlegt, ob Die protestantische Ethik wirklich den Geist des Kapitalismus gezeugt haben könnte. Oder nicht einfach ein gehöriges Mass an Selbstverliebtheit kombiniert mit einer ebenso grossen Liebe zu den weltlichen Dingen.
Im übrigen ist Cellinis Autobiografie Fragment geblieben. Nicht in dem Sinn, dass natürlich keiner seinen eigenen Tod schildern kann. Aber Cellini hätte sein Leben schon noch weiter beschreiben wollen, kam aber nicht mehr dazu.
Dass der Cellini sozusagen abgelöst wird durch die Denkwürdigkeiten aus dem Leben des Marschalls Vielleville, dämpft die Freude über den Beschluß des ersteren allerdings gehörig. Eine weitere Heldenverehrungsbiografie (über den Protagonisten heisst es ziemlich zu Beginn: Er war edelmüthig, prächtig, uneigennützig bis zum Vergessen seiner selbst, verbindlich gegen alle Menschen, voll Ehrliebe, seinem Worte treu, in seinen Neigungen beständig, für seine Freunde thätig, edel gegen seine Feinde, heldenmässig tapfer, bis zur Strenge ein Freund der Ordnung, und bei aller Liberalität der Gesinnung furchtbar und unerbittlich gegen die Feinde des Gesetzes. Man entschuldige meine Flapsigkeit: Aber wenn ich über Superhelden lesen will, nehme ich lieber einen Comic in die Hand…), diesmal übersetzt von Schillers Studienfreund Wilhelm von Wolzogen. Allerdings fühlte sich Schiller offenbar veranlasst, die Übersetzung noch zu revidieren. Ein typischer Platzfüller, diesmal aus der französischen Geschichte.
Was ich aus Sophie Mereaus Briefe von Amanda und Eduard machen soll, weiss ich noch nicht, auch da droht uns der Herausgeber mit Fortsetzungen. Der erste Brief ist ein typisch romantischer Freundschaftsbrief, den man auf die erste Lektüre als völlig übertrieben betrachtet. Wenn man aber weiss, dass genau dieser Tonfall herrscht in den Freunschaftsbriefen der beiden Jünglinge Achim von Arnim und Clemens Brentano (mit dem die Mereau eine Zeitlang denn auch eine Affäre verband!), wundert man sich höchstens darüber, woher Sophie Mereau das kannte.
Lassen wir das und kommen wir zu den beiden Juwelen dieser Nummer. Da ist zum einen ein Aufsatz August Wilhelm Schlegels Ueber Shakespeares Romeo und Julia. Schlegel verteidigt darin den englischen Dramatiker gegen Vorwürfe, Romeo und Julia sei ein Drama mit völlig falsch motivierten Protagonisten. Insbesondere die Aussetzungen des englischen Grosskritikers Samuel Johnson an Shakespeare findet Schlegel vor allem eines: engstirnig und dem Thema nicht gewachsen. Ähnliches meint er zu David Garricks Änderungen, die dieser für seine Aufführungen von Romeo und Julia gemacht hatte.
Schlegel verteidigt die künstlerische Freiheit Shakespeares an der relativ drögen Geschichte, wie sie ihm überliefert worden war, signifikante Änderungen vorzunehmen – umso mehr als die Story, bei allem Schein der Historizität, eine erfundene gewesen sein muss. (Als Kronzeugen dafür zieht Schlegel übrigens Dante bei, der kurze Zeit nach den Ereignissen um Romeo und Julia in Verona war, und nichts von einer Enzweiung der beiden Familien gewusst hat – was er hätte müssen, den Cangrande della Scala wäre Julias Bruder gewesen!) Schlegel läutet mit seinem Aufsatz die romantische Ansicht ein, dass im Grunde genommen nur die Deutschen noch Shakespeare richtig verstehen könnten, weil die Volksseele (um es mal so auszudrücken) von Deutschen und Engländern doch sehr ähnlich sei. Dass Schlegel also als einzigen Kritiker, der Romeo und Julia richtig verstanden habe, einen Deutschen bringt, überrascht weniger als die Tatsache, dass hier der Romantiker Schlegel auf den Aufklärer Lessing hinweist. Alles in allem jedenfalls lohnt dieser Aufsatz Schlegels die Lektüre. Schlegel war der vielleicht erste Literaturkritiker im modernen Sinn, und sein Wissen, und seine Fähigkeit, Brücken und Verbindungen zu schlagen, ist enorm.
Last but not least finden wir in dieser Nummer ein Gedicht. Dieses Gedicht ist für einmal kein Lückenfüller – dafür ist es zu lang, und dafür ist der Name des Verfasser schon Bürge: Hölderlin. Der Wanderer ist vielleicht nicht Hölderlins Meisterwerk, aber eine schöne Elegie mit melancholischem Unterton. Der Wanderer ist dabei ebenso ein Wanderer durch eine Landschaft wie ein Wanderer durchs Leben. (In den Landschaften, die er beschreibt – die Afrikanischen dürren [sic!], den Eispol, aber auch die lieblichen Haine Deutschlands – zeigt sich übrigens immer noch das Echo des aristotelisch-mittelalterlichen Weltbilds mit den unbewohnbaren Zonen um den Äquator und am Pol, den einzig bewohnbaren Zonen im gemässigten Klima.)
Es bleibt nun noch ein halbes Jahr Horen, jedenfalls, wenn man die offizielle Zuschreibung der Monate als Massstab nimmt. De facto war die Auslieferung der Nummern bereits arg ins Hintertreffen geraten – diese Juni-Nummer hier wurde Ende August 1797 in Jena ausgeliefert… Kein Wunder, sank das Interesse des Publikums rapide; ein bisschen tut dieses Publikum so den Horen allerdings Unrecht.