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Er war bei den vergangenen fünf Fussball- Weltmeisterschaften Fifa-Präsident. Dieses Jahr schaut er die WM aus der Ferne. Joseph S. Blatter spricht über seine Favoriten und ein vorprogrammiertes Chaos.
Herr Blatter, heute startet die Fussball-WM in Russland. Wo schauen Sie sich das Eröffnungsspiel an?
Ich habe in meiner Wohnung in Zürich einen grossen Bildschirm eingerichtet, dort werde ich diverse WM-Spiele mitverfolgen. Es fühlt sich an, als ob man im Stadion wäre.
Also eine Art privates Public Viewing?
Ja, so ist es. (lacht)
Sie werden während der WM nach Russland fliegen. Wann ist es so weit?
Das wird im Laufe der nächsten Woche sein. Vorgesehen ist, dass ich um den 20. Juni in Russland bin.
Ist die Vorfreude auf die WM in Russland gross?
Die WM in Russland ist für mich seit dem Jahr 1974 die erste, an der ich nicht direkt involviert bin. Trotzdem interessiert es mich sehr, wie sich die WM-Teilnehmer in Russland zeigen werden. Ich habe 41 Jahre bei der Fifa gearbeitet, deshalb kann ich den weltweit grössten Sportanlass nicht ausblenden.
Fiebern Sie mit der Schweizer Nati mit?
Es würde mich sehr freuen, wenn die Schweiz am Turnier die Achtelfinals überstehen würde. Ich drücke ihr dazu natürlich die Daumen. Doch wenn es um den Titel geht, sehe ich andere Teams mit Vorteilen gegenüber der Schweiz.
Erzählen Sie.
Brasilien, Frankreich, Spanien und Deutschland gehören zum engen Kreis der Favoriten. Uruguay, Belgien und Nigeria muss man aber auf dem Zettel haben.
Habe ich mich verhört? Nigeria?
Die Mannschaft besteht aus hervorragenden Einzelspielern und sie haben mit dem Deutschen Gernot Rohr einen sehr guten Trainer. Ich traue ihnen einiges zu.
Durften Sie eigentlich in der Zeit als Fifa-Präsident für die Nati mitjubeln?
Ich nenne dazu gerne ein Beispiel: Als sich die Schweizer U17-Nationalmannschaft 2009 in Nigeria für den WM-Final gegen das Heimteam qualifizierte und diesen auch gewann, war ich im Stadion. Nach dem 1:0 der Schweizer feierte die kleine mitgereiste Schweizer Delegation. Ich war mittendrin. Da schaute mich der afrikanische Confederationspräsident plötzlich an und meinte, ich dürfe als Schweizer nun doch auch applaudieren. Das tat ich dann. Ansonsten verhielt ich mich jedoch stets neutral als Fifa-Präsident.
Was hat Sie in all den Jahren bezüglich WM-Begeisterung am meisten beeindruckt?
Das ist ganz klar die Fussball-WM 2010 in Südafrika. Durch die Vuvuzelas erhielt die WM einen anderen Ton und einen anderen Anstrich. Ich habe diese WM in bester Erinnerung. Es ist für mich rückblickend das Turnier, das am meisten Begeisterung ausgelöst hat.
Sie wurden im Jahr 1998 zum Fifa-Präsidenten gewählt. Inwiefern hat dieser Posten Ihr Leben verändert?
Seit dem Jahr 1998 hat sich nicht vieles verändert, einen Wandel erlebte ich, als ich bei der Fifa begann.
Das war am Ende des Jahres 1974.
Genau. Damals erkannte ich, wie der Fussball wirklich ist. Ich merkte, dass Fussball mehr ist als gegen einen Ball zu treten – more than kicking a ball.
Und inwiefern veränderte das Ihr Leben?
Ich stieg mit einem Engagement von mindestens 100 Prozent in den Fussball ein und habe zwischendurch vergessen, dass es neben dem Fussball noch andere Dinge gibt. So habe ich rückblickend die Familie und die Liebe vernachlässigt. Doch damit nicht genug.
Was meinen Sie?
Ich habe in den vergangenen Jahren gemerkt, dass ich zu meiner Gesundheit wenig Sorge getragen habe.
Apropos Gesundheit: Sie waren im Frühling im Spital. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Mein Spitalaufenthalt umfasste diverse Abklärungen. Heute erfreue ich mich guter Gesundheit.
Sprechen wir über die Fifa und die Uefa. Während der Weltfussballverband (Fifa) mit einer Klub-WM das Uefa-Modell der Champions League konkurrenzieren will, kontert die Uefa mit der Nations League. Teilen Sie diese Einschätzung?
Das ist eine lange Geschichte. Seit João Havelange in den 70er-Jahren Fifa-Präsident wurde, versucht die Uefa ständig das Präsidium zurückzuerobern. Als es im Jahr 1998 – nach 24 Jahren – um die Nachfolge von Havelange ging, erwarteten alle, dass Johansson sein Nachfolger wird. Meine Wahl war dann für viele eine Überraschung. Doch auch die Uefa spielt eine interessante Rolle.
Was meinen Sie?
Die Uefa wollte mehrmals die Fifa übernehmen.
Nun ist mit Gianni Infantino ein ehemaliger Uefa-Mitarbeiter Präsident der Fifa.
Ja, und wissen Sie was, die Uefa ist noch immer nicht zufrieden damit.
Demnach findet die angesprochene Rivalität durchaus statt?
Ja, diese Rivalität gibt es durchaus. Sie besteht seit mehreren Jahren und ich glaube, das wird noch lange so bleiben.
Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die Uefa eines Tages die Austragung der Fussball-WM übernehmen will.
Zurzeit ist das kein Thema mehr, aber es wurde dereinst laut darüber nachgedacht.
Der Machtkampf von Fifa und Uefa wird auf dem Buckel der Spieler ausgetragen. Droht dereinst eine Übersättigung?
Wenn die Meisterschaften erweitert werden sollen, oder, wie es heisst, eine Klub-WM mit 24 Teams entstehen soll, dann droht eine Übersättigung, oder es muss ein anderer Kalender her.
Ein anderer Kalender?
Der gregorianische Kalender umfasst nur 365 Tage. Falls es die Möglichkeit gibt, diesen auf 500 Tage auszudehnen, gäbe es gewiss noch einige Optionen. Doch Spass beiseite: Es droht wirklich eine Überlastung des Kalenders.
Beim Stichwort «Überlastung» sprechen wir auch die WM in vier Jahren in Katar an. Es herrschte dereinst die Idee, diese mit 48 Teams zu spielen.
48 Teams an einer WM wären nicht optimal, deshalb finde ich es gut, dass dieses Traktandum für die Fussball-WM im Jahr 2022 vom Tisch ist. Doch 2026 kommen die 48 Mannschaften. Dann soll in Dreiergruppen gespielt werden. Das finde ich schlecht. Gerade im letzten Gruppenspiel können zwei Teams ein Gentlemen’s Agreement vereinbaren.
Herr Blatter, Sie haben sich skeptisch gegen den Videobeweis an der WM in Russland geäussert. Doch eigentlich sind Sie ein Befürworter dieser Technik? Erklären Sie.
Ich bin nicht gegen den Videobeweis. Aber ich finde es nicht gut, dass man diesen an der Fussball-WM einführt, ohne ihn vorgängig getestet zu haben. Der Videobeweis hat einen grossen Einschnitt im Schiedsrichterwesen zur Folge, deshalb muss man diesen Schritt sehr durchdacht angehen.
Was wurde diesbezüglich falsch gemacht?
Jeder Verband hätte den Videobeweis testen sollen, jetzt beginnt die WM und 80 Prozent der Schiedsrichter haben noch nie mit dem Videobeweis gearbeitet. Das geht nicht. Hinzu kommen die Spieler, viele Spieler kennen den Videobeweis gar nicht.
Demnach ist ein Chaos bereits Vorprogrammiert?
Ich hoffe nicht. Aber es gibt an der WM Spieler und Trainer, die diese Meinung teilen.
Sie haben das Buch «meine Wahrheit» geschrieben. Warum eigentlich?
Im Bewusstsein, dass ich etwas sagen will und sagen muss, habe ich mich entschieden, ein Buch zu schreiben. Das Buch ist in der «Ich-Form» verfasst und zeigt auf, wie ich den Fussball und seine Entwicklung empfinde.
Sie haben betont, dass Sie im Buch mit niemandem abrechnen. Trotzdem: Wer hat Sie in all den Jahren am meisten enttäuscht?
Das sind Leute innerhalb und ausserhalb der Fifa. Wer das Buch liest, erhält auf diese Frage eine Antwort.
Ist es Ihr Nachfolger Gianni Infantino?
Nein, der war ja damals noch nicht bei der Fifa. Ihm mache ich nur einen Vorwurf.
Er will sich nicht mit Ihnen unterhalten.
Ich verstehe nicht, dass sich ein Nachfolger nicht mit seinem Vorgänger austauschen will. Gerade Gianni, der wie ich Walliser ist. Nach seiner Wahl haben wir zusammen ein gutes Glas Wein getrunken und Salami gegessen. Seit zwei Jahren und dem Kongress in Mexiko habe ich nichts mehr von ihm gehört.