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(Auf die Schnelle habe ich nur eine deutsche Übersetzung gefunden, die auf den zweiten Teil des Titels der Kurzgeschichte verzichtet; ein “Sacque” war eine Art Überwurf oder eine Jacke, oben eng, unten weit, die von Frauen getragen wurde, aber schon zur Zeit der Entstehung der Geschichte, 1829, seit mindestens 50 Jahren aus der Mode gekommen. Mehr braucht der Leser auch nicht zu wissen, um die Rolle dieses Kleidungsstücks in der der Geschichte zu verstehen.)
Sir Walter Scott (1771-1832) ist hierzulande vor allem als Verfasser von Romanen bekannt. Waverley, sein anonym erschienener Erstling (von daher die in der angelsächsischen Philosophie klassische logische Diskussion: Inwiefern ist der Autor von Waverley mit Scott identisch oder nicht?), Ivanhoe, Das Herz von Midlothian oder Quentin Durward, um nur mal die zu nennen, die ich selber schon gelesen habe. Ich hatte vorher keine kürzere Geschichte von ihm gelesen, von daher also einmal mehr die Frage: Kann der Autor auch ‘kurz’?
Die Antwort ist klar: Ja, er kann. Ich bin weit davon entfernt, Scott unter die ganz, ganz grossen Autoren zu zählen – ein Victor Hugo, der späte Dickens oder auch der späte Tieck sind bei weitem besser, weil realistischer ohne sich in der Realität zu suhlen wie Zola -, aber Scott versteht sein Handwerk, ob als Romancier oder als Novellist.
Die Geschichte selber ist eine klassische “ghost story” – eine Gespenster-Geschichte. General Browne, der auf britischer Seite im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg gekämpft und unglücklich verloren hat, reist zur Erholung in Grossbritannien. Dabei stösst er auf ein altes, pittoresk gelegenes Schloss. In der Gaststätte, wo er die Pferde wechselt, erfährt er, dass der Bewohner des Schlosses ein alter Schulfreund, jetzt Lord Woodville, ist. Er besucht ihn, und findet dort auch eine grosse Anzahl weiterer Freunde Woodvilles vor, der eine Art Einweihungsparty feiert, nachdem er ja gerade eben im Schloss eingezogen ist. Die Freude, den alten Freund wiederzusehen, ist auf beiden Seiten gross. Browne beschliesst, ein paar Tage im Schloss zu bleiben. Woodville weist ihm das beste Zimmer zur Übernachtung an. Es ist zwar ein bisschen altmodisch eingerichtet, so hängen z.B. statt moderner Tapeten alte Gobelins von den Wänden und auch die Möbel sind nicht immer die neuesten. Dennoch akzeptiert der Reisende sein Schlafzimmer.
Am nächsten Morgen allerdings teilt ein völlig aufgelöster General seinem Freund mit, dass er unvorhergesehener Weise nun doch sofort abreisen müsse. Auf langes Nachfragen dann gibt er zu, dass in dieser Nacht, als er schon im Bett lag, plötzlich eine alte Frau im Zimmer erschienen ist, die eben diesen altmodischen “Sacque” trug. Zuerst glaubte er ja, einem lebendigen Wesen gegenüber zu liegen, aber als sich die alte Frau näherte, und er ihr Gesicht erblickte – fiel er in Ohnmacht. Woodville gibt zu, an seinem Freund ein Experiment durchgeführt zu haben, da er auch schon davon gehört hatte, dass es in diesem Zimmer spuken sollte, er es aber bis anhin nicht glauben wollte. Zum Abschied führt er seinen Freund noch im Schloss herum und zeigt ihm dabei unter anderem seine Gemäldegalerie. Welch ein Schock für den General, als er an der Wand das Portrait einer alten Dame sieht, das genau die Alte zeigt, die ihm den Schlaf und die Nerven geraubt hatte!
Lord Woodville gesteht, dass das Portrait eine Vorfahrin von ihm darstellt, die Verbrechen begangen hat, die zu fürchterlich sind, als dass er sie erzählen könnte. Damit endet die Geschichte; Browne fährt ab.
Sauber durchgeführt, spannend erzählt – Scott, wie gesagt, versteht sein Handwerk. Er operiert mit den klassischen Versatzstücken der Romantik: Das einsame, halb zerfallene, aber eben dadurch und durch seine landschaftliche Lage pittoreske Schloss, das Gemälde, die “unaussprechbaren Verbrechen” und natürlich das Gespenst selber. Vor allem Browne ist eine gut gezeichnete Figur: kein Übermensch, auch keine krankhaft überspannte Natur (hierin also völlig un-romantisch, und es stellt sich sogar die Frage, ob sich der Kriegsveteran das Ganze in einer Art posttraumatischem Schock eingebildet hat). Sir Walter Scott gelingt es, die Gespenstergeschichte in einem Ton zu erzählen, als ob es sich um eine völlig normale Reise durch die britische Provinz handle und gibt ihr so einen Anstrich von Realität, die sie lesenswert macht.