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Quartier Inneres Lind
«Inneres Lind» hat sich als Oberbegriff durchgesetzt für das Gebiet zwischen Stadthaus- und Römerstrasse und dem Lauf der Bahnschienen. An Stelle der Feldwege baute die Stadt 1864-1866 ein rechtwinklig konzipiertes Strassennetz als Ergänzung der 1862 als neue Ausfallachse erbauten Lindstrasse. In dieser Zone befanden sich dreissig Jahre später die schönsten Wohnhäuser der Stadt. Die Lindstrasse bildete den nördlichen Ast der repräsentativen Achse als Fortsetzung der Graben-Allee.
Quellen
1. „Winterthur, Architektur und Städtebau 1850-1920“, 2001 von Hauser und Bütikofer.
2. „Im Orient von Winterthur, Freimaurer und die Architektur der Gründerzeit“ Neujahrsblatt 2005
In den Jahren vor und nach der Jahrhundertwende um 1900 erlebte das Innere Lind, also das Gebiet zwischen der Bahnlinie und der Altstadt respektive der Römerstrasse, einen Wachstumsschub, der das Aussehen und den bürgerlichen Charakter dieses Quartiers bis heute prägt. In seinem auf das eidgenössische Schützenfest von 1895 erschienenen Buch über Winterthur würdigte der spätere Stadtrat Alexander Isler das innere Lindquartier als Strassennetz, wo «sich die schönsten und stillsten Wohnhäuser der Stadt lagern» und «die stilvollen, in kunstgerechten Parkanlagen ruhenden Villen stellenweise prachtvollste Szenerien formieren». Auch wenn einige dieser Landhäuser in der Zwischenzeit verschwunden sind, hat dieser Stadtteil doch wie kaum ein anderer sein Wesen als grüne, ruhige und vornehme Wohnlage wahren können.
Der städtebauliche Aufbruch in die Moderne
Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts präsentierte sich Winterthur als Stadt mit einem mittelalterlichen Gefüge. Ausserhalb der Stadtmauern erstreckte sich freies Gelände, das landwirtschaftlich genutzt wurde. An den Brühlberg- und Lindberg-Südhängen wurde Rebbau betrieben. Vor den Stadttoren befanden sich neben einigen Bauernhöfen lediglich einzelne gewerbliche Betriebe wie Mühlen, Gerbereien oder Bleichereien.
Doch schon um die Mitte des 18. Jahrhunderts zeichnete sich langsam eine neue Entwicklung ab: Vertreter politisch wie wirtschaftlich einflussreicher Familien liessen sich vor der Stadt spätbarocke und frühklassizistische Landsitze errichten, die den herrschaftlichen Anspruch dieser Personen, aber auch den Wunsch nach komfortableren Wohnverhältnissen ausdrückten.
Verschiedene dieser von Parkanlagen und Nebengebäuden umgebenen Ensembles befanden sich im Gebiet des heutigen Inneren Lind, so das Haus «zum Palmengarten» Römerstrasse 26 (errichtet um 1740/50; abgebrochen), «zur Pflanzschule» St. Georgenstrasse 5 (1771/ 72; Bauherr Hans Heinrich Biedermann), «zum Hoffnungsgut» Museumstrasse 21 (später «zum Hoffnungshaus» und «zum Platanengut»; erbaut um 1780 von David Biedermann; abgebrochen) und «zum Jakobsbrunnen» Schwalmenackerstrasse 4 (erbaut um 1790 von Stadtschreiber Jakob Troll). Es dauerte allerdings einige Zeit, ehe die mittelalterlichen Strukturen der Kleinstadt tatsächlich aufgebrochen wurden. Das rasche Ansteigen der Bevölkerungszahl und die engen Verhältnisse innerhalb der Stadt waren grundlegende Impulse für eine Öffnung nach Aussen. Mit der allmählichen Beseitigung der Befestigungsanlagen und einer Aufschüttung der Gräben begann sich die Topografie ab 1830 schrittweise zu ändern.
Die Planung einer neuen Strasse in Richtung Schaffhausen löste einen Impuls aus, der für die Entwicklung im Inneren Lind entscheidend wurde. Winterthur baute 1862 die Lindstrasse als neue Achse, nicht als Verkehrsweg, sondern als alleengesäumte Avenue, die als Verlängerung des Grabens zu verstehen war. Die Kreuzung der heutigen Stadthaus- mit der Lindstrasse war gleichermassen der Knoten- und Ausgangspunkt für das «neue» Winterthur. Hier entstanden mit Stadthaus, Schulhaus und dem Geschäftshaus «zum Warteck» ein monumentales Platzensemble, das die Blütezeit Winterthurs wie kein anderes verkörpert. Textil- und Maschinenindustrielle wie die Bühler, Volkart, Sulzer und Reinhart wetteiferten im Streit um die stattlichsten Häuser. Prachtvoll ausgestattete Wohnsitze, oft umgeben von grossen Parkanlagen mit Ökonomie- und Nebengebäuden, machten die Ambitionen der neuen grossbürgerlichen Elite augenfällig.
Die Geburtsstunde eines Wohnviertels
Mit dem Bau der Lindstrasse quer durch Äcker, Obstkulturen und den barocken Garten des Kaufmanns Bidermann «zur Liebe» bis zur 1855 angelegten Bahnlinie und weiter zum Rosenberg erfolgte die Erschliessung des bisher kaum bebauten Gebietes. Aus holprigen Feldwegen entstanden in den 1860er Jahren die spätere Theater-, Museums- und Schwalmenackerstrasse, völlig neu angelegt wurden die Troll-, St.-Georgen-, Kreuz- und Grütlistrasse, die nachmalige Hermann-Götz-Strasse. Langsam fasste ein Netz von Strassen die Lindstrasse ein und gab dem entstehenden Quartier eine Struktur. Während im Westen neben dem bis in die 1860er Jahre benutzten Friedhofs St. Georgen ein kleines Industrieareal mit einer Giesserei und der Seifensiederei Sträuli samt Arbeiterhäusern entstand, verlief gegen Osten die Überbauung etappenweise bis ins 20. Jahrhundert, massgeblich getragen von Persönlichkeiten wie Jakob Blatter und Julius Ott, die als «Bauspekulanten» dem Wohngebiet das bis heute gültige Aussehen verliehen. Bis zur grossen Wirtschaftskrise um 1880 prägten die in den 1860er Jahren angelegten Strassen den Raster der Erschliessung.
Grösster Bauunternehmer seiner Zeit
In einer ersten Phase trieb vor allem Jakob Blatter die Bautätigkeit voran. Der 1876 verstorbene Blatter war ein Sohn des Holzhändlers Jakob Blatter und Bruder des späteren Stadtrats Heinrich Blatter, der nachträglich als «grösster Bauunternehmer» Winterthurs gewürdigt wurde. Jakob begann mit seinem Vater jene «spekulative» Baupolitik, die Heinrich schliesslich perfektionieren sollte: Kauf grosser Bauflächen, enge Zusammenarbeit mit Architekten und anderen Vertretern der Bauzunft. Errichtung von frei stehenden standardisierten Mehrfamilienhäusern bei möglichst einheitlicher Überbauung und späterer Verkauf der Häuser an die Bewohner.
Jakob Blatter begann mit der Überbauung des Inneren Linds und legte 1863/64 erste Baupläne für Wohngebäude an der Schwalmenackerstrasse vor. Sein Vorgehen setzte auch die Behörden unter Druck. Es wurde um Baulinien und Strassenbreiten gestritten. Dies alles hielt Blatter aber nicht von seinen Aktivitäten ab. Neben der Realisierung mehrerer Gebäude an der nachmaligen Hermann-Götz-Strasse sah Blatter 1866 an der stolz nach ihm benannten Jakobstrasse eine Überbauung von drei Reihen à vier Bauten vor — tatsächlich ausgeführt wurde allerdings nur eine Reihe (Nr. 2-8, wobei Nr. 2 durch einen Neubau ersetzt wurde). Es handelt sich dabei um die ersten in Serie erbauten Häuser des Quartiers. Diese modellhaften Zweifamilienhäuser, die sich in der Nähe der Bahnlinie befanden, waren im Gegensatz zu den etwas später errichteten Häusern am Kreuzweg sowie an der Trollstrasse für Familien des oberen Mittelstandes (also höhere Beamte und Angestellte) bestimmt. Die jüngeren Zeileneinfamilienhäuser an Kreuzweg und Trollstrasse von 1875 beziehungsweise 1878-1880 entstanden unter Baumeister Jean Forrer. Diese ebenfalls für den gehobeneren Mittelstand (Akademiker, Angestellte in leitenden Stellungen, selbständige Kaufleute) konzipierten Wohnhäuser präsentieren sich in einer reicheren Gestaltung. Im Geist des Historismus errichtet, weisen die Reihenhäuser neurenaissanceartige und neubarocke Formen auf und verfügen über ein Mansardendach.
Das Ausgreifen der Stadt ins Innere Lind weckte neue Bedürfnisse. 1876/77 entstand an der St.-Georgen-Strasse (heute Nr. 59a) der erste Kindergarten im heutigen Stadtgebiet überhaupt, errichtet durch die Hülfsgesellschaft. Gleichzeitig schritt die Bebauung östlich der Trollstrasse weiter voran und fand — nach einem Unterbruch während der grossen Wirtschaftskrise um 1880 — erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einer praktisch lückenlosen Überbauung der Parzellen bis zum Stadtrain ein Ende. So entstand 1888/89 an der (privaten) Nelkenstrasse eine weitere Siedlung historistischer Mehrfamilienhäuser. Die Häuser wurden durch die sanktgallischen Bauunternehmer Peter und Josef Schmid in einem Zuge erbaut und bis 1897 an Private verkauft.
Gab die Lindstrasse gegen Norden hin den Impuls, so übernahm die Römerstrasse gegen Osten diese Aufgabe. Hängige Baugesuche zwangen die Behörde, in den 1870er Jahren Baulinien zu bestimmen. So hielt die Baupolizei bei der Römerstrasse im Frühjahr 1876 fest, dass «die Bedeutung dieser schönen Strasse es rechtfertigt, die Baulinien etwas grosszügiger festzusetzen. Ein weiterer Wachstumsschub löste in den 1890er Jahren die Überbauung der Ländereien des «Jakobsbrunnens» und des «Palmengartens» zwischen Römer-, Schwalmenacker- und Pflanzschulstrasse aus.
Die Erschliessung erwies sich allerdings als zäher Prozess, konnten sich doch die verschiedenen Grundbesitzer lange nicht mit der Stadt über eine sinnvolle Streckenführung einigen, da der Landkomplex unregelmässig und das Wegnetz deshalb nicht einfach rechtwinklig anlegbar war, was in den heute noch ablesbaren stumpfwinkligen Hausgrundrissen beispielsweise an der Bahnstrasse Spuren hinterlassen hat.
Ein «gutbürgerliches» Wohnquartier
Die ursprünglich von der Lindstrasse bis zur Römerstrasse projektierte Bahnstrasse blieb zwar schliesslich Fragment, das restliche, meist in Zusammenhang mit konkreten Bauvorhaben angelegte Wegnetz — Falken-, Frieden- und Palmstrasse sowie die verlängerte Museums- und St.-Georgen-Strasse — trug aber dazu bei, dass sich das Innere Lind nach der Jahrhundertwende zu einem geschlossenen Wohnquartier verdichtete.
Im Vergleich zu anderen Wohngebieten wie dem Äusseren Lind, dem Deutweg oder dem Tössfeld bewertete man schon um 1900 das Innere Lind als Quartier mit den besten Wohnverhältnissen. Laut einer statistischen Untersuchung von 1896 betrugen im Inneren Lind und im Neuwiesenquartier die jährlichen Mietzinsen durchschnittlich mehr als 500 Franken und bildeten in Winterthur einen Höchstwert, belief sich doch der durchschnittliche Mietpreis auf jährlich 400 Franken. Die tiefsten Mieten bezahlte man im Deutweg (296 Franken) sowie im Tössfeld (356 Franken). Die Wohnungen der beiden ausserhalb der Industriezone liegenden Viertel besassen im Gegensatz zu Deutweg, Tössfeld oder Altstadt einen Wasseranschluss und eine eigene Küche.
Ein Blick auf die sozialen Verhältnisse um 1910 macht die Vermögensstrukturen augenfällig. In der um 1840 von Leonhard Zeugheer erbauten Villa «Wehntal» (heute der Standort der Winterthur Versicherungen) wohnte mit dem Kaufmann Gottfried Volkart der nach den Industriellen Sulzer reichste Winterthurer seiner Zeit, im benachbarten «Jakobsbrunnen» lebte lange die Familie des Bundespräsidenten Jakob Scherer. Bei den Fabrikanten und Händlern waren Lind- und Römerstrasse besonders beliebte Wohnstrassen, wobei nicht der Verkehrslärm, sondern der repräsentative Charakter der Strasse im Vordergrund stand. An der Römerstrasse befanden sich auch die Villa von Ernst Jung und das Haus des Stadtnotars Johann Ulrich Denzler — beides gewichtige Freimaurer.
Gegen das Innere des Stadtviertels differenziert sich das Bild, was am Beispiel der Frieden-, Nelken- und St.-Georgen-Strasse aufgezeigt werden kann. Die 1889 von den bereits erwähnten Gebrüdern Schmid erbaute Nelkenstrasse unterstreicht den grossbürgerlichen Charakter des Inneren Linds vielleicht am ausgeprägtesten. Hausbesitzer waren ein Direktor, ein Statthalter, Kaufleute, ein Architekt, ein Ingenieur und ein Lehrer, alle mit zum Teil beträchtlichem Vermögen. Ähnliches lässt sich bei der Friedenstrasse feststellen, deren Häuser sich allerdings zu einem Grossteil im Besitz des Bauunternehmers Ott und des Metzgermeisters Herzog befanden. Hier lebten neben Lehrern, einem Buchdrucker, Kaufleuten und kaufmännischen Angestellten auffallend viele Ingenieure. Grössere Vermögensunterschiede zeigten sich auch an der östlichen St.-Georgen-Strasse, wo Bäckermeister neben Kanzlist, Kaufmann neben Spezereihändler, Schreiner neben Lehrer (nämlich den engagierten Sozialdemokraten Wirz und Gasser) und Bahnbeamter neben Nagelfabrikant ein Haus besassen. Insgesamt besteht kein Zweifel, dass sich als Hausbesitzer und als Mieter vor allem besser gestellte Personen im Inneren Lind niederliessen.
Das im Wesentlichen zwischen 1860 und 1910 erbaute Innere Lind spiegelt geradezu beispielhaft die konstant fortschreitende Aufsiedlung der Aussenbezirke der Altstadt wider. Das von Spekulanten und Bauunternehmern erworbene Gebiet wurde innert weniger Jahrzehnte systematisch von West nach Ost verbaut, ausgehend von der Hermann-Götz- und der Jakobstrasse. Prägend wurde die Situation als nahezu ausschliessliches Wohnquartier für gehobene Ansprüche. Villen und vornehme Wohnhäuser wohlhabender Bürger mit dem gehobenen Mittelstand als Mieter dominieren das Viertel. Nur in den Randzonen waren Ansätze von Industrie, Dienstleistungsbetriebe und Verwaltung vorhanden. Der besondere Charakter blieb immer unangetastet, als zentrales, ruhiges und gutbürgerliches Wohngebiet. Das Innere Lind bleibt also weiterhin eine besondere Wohnlage.
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