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Die verheerende Explosion, die am 4. August die libanesische Hauptstadt Beirut verwüstete, war so stark, dass sie noch im mehr als 200 Kilometer entfernten Zypern wahrgenommen wurde. Das deutsche Geoforschungszentrum (GFZ) registrierte die Erschütterung als Erdbeben der Magnitude 3,5. Die auf zahlreichen Videos der Detonation deutlich sichtbare Druckwelle und die enorme, pilzförmige Rauchsäule liessen manche Beobachter sogar vermuten, es habe sich um eine Atombombe gehandelt.
Dies war jedoch nicht der Fall. Experten wie Martin Pfeiffer von der Universität von New Mexico wiesen darauf hin, dass bei einer nuklearen Explosion ein blendender Lichtblitz und extreme Wärmestrahlung auftreten müssten. Die Rauchsäule würde zudem viel schneller aufsteigen, und schliesslich müsste man auch radioaktive Strahlung feststellen.
Dennoch war die Wucht der Explosion in Beirut gewaltig. Grund dafür war nach bisherigen Erkenntnissen, dass eine grosse Menge von Ammoniumnitrat durch einen Brand entzündet wurde. Diese Chemikalie, die als Ausgangsstoff für Dünger und Sprengstoffe dient, zerfällt bei einer Explosion schlagartig zu Wasserdampf, Stickstoff und Sauerstoff. Der Zerfall in ausnahmslos gasförmige Zersetzungsprodukte führt zu der ungeheuren Sprengkraft der Substanz.
Die gesamte Energie, die bei Explosionen freigesetzt wird, gibt man üblicherweise in TNT-Äquivalenten an, also im Vergleich mit dem Sprengstoff Trinitrotoluol (TNT). Die Sprengkraft ist streng genommen nur ein Teil dieser Energie; Atomwaffen geben beispielsweise sehr viel mehr Energie in Form von Wärme ab. Ammoniumnitrat weist knapp die Hälfte des Energiepotenzials von TNT auf, ein Kilogramm der Substanz entspricht also rund 500 Gramm TNT.
Im Hafen von Beirut lagerten 2750 Tonnen Ammoniumnitrat, das entspricht maximal 1375 Tonnen TNT-Äquivalent. Dies übersteigt sogar die Sprengkraft der kleineren Atombomben aus dem aktuellen Arsenal der US-Streitkräfte – so kann etwa die Wasserstoffbombe B61 auf eine Sprengkraft von lediglich 300 Tonnen TNT-Äquivalent eingestellt werden. Die über Hiroshima abgeworfene Atombombe «Little Boy» hingegen erreichte eine Sprengkraft von mindestens 13'000 Tonnen TNT-Äquivalent.
Die ungeheure Zerstörungskraft dieser ersten militärisch eingesetzten Atombombe – die wiederum von den später konstruierten stärksten Wasserstoffbomben bei weitem übertroffen wird – setzen wir hier ins Verhältnis mit der Detonation in Beirut, weiteren bekannten Explosionen sowie einigen nuklearen und nichtnuklearen Sprengsätzen:
Die erste der beiden im Zweiten Weltkrieg von den USA über Japan abgeworfenen Atombomben zerstörte die Hafenstadt Hiroshima. Ihre Stärke wird meist mit 13 bis 15 Kilotonnen TNT-Äquivalent angegeben. Bei der Explosion der «Little Boy» genannten Bombe kamen etwa 70'000 bis 80'000 Menschen sofort ums Leben, später starben noch zehntausende an Verletzungen und Strahlenschäden.
Bei der Erweiterung des Flughafens der südchinesischen Stadt Zhuhai brachten Ingenieure 12'000 Tonnen Dynamit im Inneren eines Bergs zur Explosion. Die Explosion, die als grösste künstliche, nichtnukleare Detonation gilt, war im 50 Kilometer entfernten Hongkong deutlich zu spüren. Sie verursachte eine Erschütterung von mindestens 3,4 auf der Richter-Erdbebenskala.
Neun Menschen kamen ums Leben, als etwa die Hälfte der 7000 Tonnen im Depot Mitholz eingelagerten Munition explodierte und das Berner Oberländer Dorf verwüstete. In den eingestürzten Anlageteilen und im Schuttkegel davor befinden sich schätzungsweise noch rund 3500 Tonnen Munition. Mitholz soll in 11 Jahren für zehn Jahre evakuiert werden, damit diese gefährliche Altlast geräumt werden kann.
Die Munition detonierte in drei unterschiedlich heftigen Explosionen, deren Stärke sich nicht beziffern lässt und die hier zusammengefasst sind. Selbst im 120 Kilometer entfernten Zürich wurden noch Erschütterungen registriert.
Es ist nicht sicher, ob bei der Explosion des Ammoniumnitrats im Hafen von Beirut tatsächlich die gesamte potenzielle Energie von 1375 Tonnen TNT-Äquivalent freigesetzt wurde. Es gibt Schätzungen, wonach eine Sprengkraft von 1100 Tonnen TNT-Äquivalent erreicht wurde, andere Experten gehen sogar von noch niedrigeren Zahlen aus, etwa um die 240 Tonnen. Die Folgen sind auf jeden Fall verheerend: Mindestens 135 Menschen kamen ums Leben, mehr als 5000 wurden verletzt, nach wie vor werden hunderte vermisst. Die Stadt wurde schwer verwüstet, zahlreiche Gebäude stürzten ein.
In der Festung Dailly oberhalb von Saint-Maurice, einem der grössten Artilleriewerke der Schweizer Armee, explodierten rund 450 Tonnen Artilleriemunition. Ein grosser Teil des Forts wurde zerstört, zehn Menschen kamen ums Leben.
Bei zwei kurz aufeinanderfolgenden Explosionen starben in der chinesischen Hafenstadt 173 Menschen, beinahe 800 weitere wurden verletzt. Die in den beiden Detonationen freigesetzte Energie belief sich laut Untersuchungsbericht auf 450 Tonnen TNT-Äquivalent. Neben 800 Tonnen Ammoniumnitrat explodierten auch 500 Tonnen Kaliumnitrat und Natriumnitrat.
Die 1968 in Dienst gestellte B61 ist eine amerikanische Wasserstoffbombe, die mit einer frei wählbaren Sprengkraft konstruiert wurde. Diese variiert je nach Quelle zwischen 0,3 und 340 Kilotonnen oder zwischen 0,3 und 400 Kilotonnen. Hier ist die geringste Sprengkraft von 300 Tonnen TNT-Äquivalent dargestellt. Bei der grössten einstellbaren Sprengkraft ist die B61 20 bis 30 Mal stärker als die Hiroshima-Bombe.
Auf der Steinalp beim Sustenpass, einem Munitionssprengplatz der Schweizer Armee, explodierten aus unbekannten Gründen zwischen 225 und 840 Tonnen Munition und 279 Feststoffbooster von Flugabwehrraketen. Die Lagerkaverne wurde völlig zerstört, es entstand ein riesiger Schuttkegel.
Das Akronym АВБПМ steht für Авиационная вакуумная бомба повышенной мощности («Vakuum-Fliegerbombe mit gesteigerter Kraft»). Der auch «Vater aller Bomben» genannte thermobarische Sprengsatz, bei dem ein Aerosol entzündet wird, soll eine Explosionskraft von 44 Tonnen TNT-Äquivalent erreichen. Damit handelt es sich um die konventionelle Bombe mit der grössten jemals erreichten Sprengkraft.
Das amerikanische Gegenstück zur АВБПМ ist die GBU-43/B Massive Ordnance Air Blast, abgekürzt MOAB (auch als «Mother of All Bombs» bekannt). Sie enthält knapp 8,5 Tonnen Sprengstoff und erreicht damit eine Sprengkraft von 11 Tonnen TNT-Äquivalent.
(dhr)