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Die Allesheilende keltische Mistel
Die Mistel wird erst in den Wintermonaten richtig sichtbar, wenn die Bäume kahl sind. Die weisse Mistel ist eine immergrüne Pflanze mit kleinen, grünlichen Blüten, die als Früchte weisse Beeren entwickeln. Die Pflanze zählt zu den Halbschmarotzern, da sie selbst über grüne Blätter verfügt und daher Photosynthese betreiben kann. Nährstoffe und Wasser bezieht sie von der Wirtspflanze. Die Mistel ist zweihäusig, Früchte trägt hingegen nur die weibliche Pflanze, während die männliche den Pollen spendet.
Von einer Mistelverehrung keltischer Druiden erhält die Nachwelt durch einen Römer Kenntnis, und zwar erst, nachdem römische Heere die Kelten unterworfen haben und deren Kultur bereits zerfällt. Diesen ersten und lange Zeit einzigen Bericht über den keltischen Mistelkult hat der Natur-Historiker Plinius der Ältere in der Naturalis Historia Band XVI, 249-251, verfasst. Er lebte von 23 bis 79 n.Chr., also nachdem Kaiser wie Augustus, Tiberius und Claudius das Druidentum der Kelten [und damit die Schulen der keltischen Kultur] verboten hatten:
Bei dieser Gelegenheit darf man auch nicht die Bewunderung der gallischen Provinzen [für die Mistel] übergehen. Denn nichts halten die Druiden, so nennen sie ihre Magier, für heiliger als die Mistel und den Baum, auf dem sie wächst, sofern es nur eine Stein-Eiche ist. Sie wählen an sich schon die Eichen-Haine aus und verrichten kein Opfer ohne das Laub dieses Baumes ... Ja, sie glauben, Alles, was an den Eichen wächst, sei vom Himmel gesandt, und sehen dies als einen Beweis an, dass die Gottheit selbst sich diesen Baum erwählt habe. Man findet aber die Mistel in Gallien sehr selten; und hat man sie gefunden, so wird sie mit grosser Ehrfurcht abgenommen, vor allem am sechsten Tag des Mondes, der bei ihnen den Anfang der Monate und Jahre und nach 30 Jahren einen neuen Zeitabschnitt bildet, ein Tag, an dem der Mond schon genügend Kräfte hat und noch nicht halbvoll ist. Sie nennen die Mistel in ihrer Sprache die alles Heilende. Sie bereiten nach ihrer Sitte das Opfer und das Mahl unter dem Baum und führen zwei weisse Stiere herbei, deren Hörner da zum ersten Mal umwunden werden. Der Priester, bekleidet mit einem weissen Gewand, besteigt den Baum und schneidet die Mistel mit einer goldenen Hippe ab: Sie wird mit einem weissen Tuch aufgefangen. Endlich schlachten sie dann die Opfertiere und bitten die Gottheit, sie möge die Gabe glückbringend machen für diejenigen, denen er sie gab. Sie glauben, ein von diesem Gewächs bereiteter Trank mache ein jedes unfruchtbare Tier fruchtbar; auch sei es ein Hilfsmittel wider alle Gifte. Soviel Verehrung bezeugen oft ganze Völker den gewöhnlichsten Dingen.
Wohl kein Detail aus der spärlichen Überlieferung von den Kelten auf dem Festland ist so oft rezitiert und voneinander abgeschrieben worden wie die Beschreibung vom Mistelkult durch Plinius mitsamt den dadurch entstehenden missverständlichen Eindrücken. Bei den erwähnten Gottheiten und Heiligtum kann es sich nämlich nur und ausschliesslich um die Märchenwelt des Römers handeln. Keltisch ist das Natürliche selber das Göttliche. Die besondere Bedeutung der Mistel stellt folglich in der Mythologie der Kelten eine Signatur dar [→ Esus] und klar ist auch, auf welche Zusammenhänge in der Gegenwart sie hinweist:
Auffällig ist die Entwicklung der Mistel, welche sich in zwei deutlich verschiedene Phasen gliedern lässt, die ihrerseits eng mit dem aufsteigenden oder absteigenden Sonnenjahr einhergehen. Im absteigenden Jahr, insbesondere vom Herbst-Äquinoktium bis zum Winter-Solstitium, tendiert die Pflanze zur Ruhe, während im aufsteigenden Sonnenjahr, insbesondere vom Frühlings-Äquinoktium bis zum Sommer-Solstitium, die Tendenz zur Bewegung dominiert.
Um die Sommersonnenwende [21. Juni] bilden sich in den Achseln der ausdifferenzierten Zweiganlagen Sprosse [Urmeristem]; diese ruhen zunächst neun Monate, bevor aus ihnen von Anfang April bis Ende Juni die Anlagen einer nächsten Generation von Mistelzweigen entstehen. Diese Zweiganlagen ruhen abermals mehrere Monate, bevor sie sich im Frühjahr als Jahrestriebe entfalten und im Juni ihre endgültige Stellung im Mistelbusch einnehmen. Nachdem zu Beginn des dritten Jahres, zwischen Juli und September, in den Blütenanlagen die Pollen und Embryosack-Zellen ausdifferenziert wurden, öffnen sich im Anschluss an eine weitere Ruheperiode zwischen Januar und März die Blüten der Mistel, worauf sich bis Ende Juni in den Früchten rein vegetativ das Nährgewebe entwickelt. Dann, genau drei Jahre nach dem Entstehen der Sprosse, entfalten junge Misteln die zweite Blatt-Generation. Bereits Ende September sind diese prinzipiell lebensfähig; sie fallen jedoch in eine Art Winterruhe, während im November die Früchte reifen und weiss im Licht aufglänzen.
Polarität und Gleichgewicht
Vorausgesetzt, die keltische Mythologie erfasse Polarität mit der Hauptachse Beltane-Samonios, das sind die Tagundnachtgleichen vom 21. März und 21. September, die jeweils 40 Tage später, am 1. Mai und am 1. November thematisiert werden, dann wird in der Mistel das Gleichgewicht sichtbar der Sonnenwenden vom 21. Juni und 21. Dezember, die jeweils am 1. August und 1. Februar erfasst werden mit der Achse Imbolg-Lughnasad.
Mit der weissbeerigen Mistel, die ab Februar blüht und im November die Vollreife der weiblichen weissen Beeren beendet, kann auch eine Verbindung zwischen den beiden Hauptachsen hergestellt werden durch Februar [Imbolc, Lichtmess, Imbolg] und neun Monde [Schwangerschaft] später November [Samonios, Samhain, Weihnacht].
Mit Allesheilende ist also das Gleichgewicht gemeint, das Alles ausgleichende.
Das hat noch überhaupt nichts mit Heilen im Sinne von Krankheit zu tun. Krank ist man, wenn etwas fehlt - ist man aus dem Gleichgewicht. Die Entdeckung von Pflanzen als Heilkräuter und die Entstehung der Signaturen-Lehre sind eng miteinander verknüpft. Seit Anbeginn der Pflanzen-Heilkunde wurde aufgrund von besonderen Pflanzen-Merkmalen auf eine bestimmte Heilwirkung geschlossen. Paracelsus [1493-1541] hat diese gängige Praxis festgehalten: Die Natur zeichnet ein jegliches Gewächs zu dem, wozu es gut ist. Auch wenn die eine oder andere Heilwirkung der empirischen Überprüfung nicht standhielt, so findet sich heute noch die Spuren der Signaturen-Lehre mit ihren einfachen und bildhaften Hinweisen in der Volksmedizin und in der Geschichte der Heilkräuter. Vor leichtfertiger Deutung der Signaturen warnten alle Kräuterkundigen. So etwa Paracelsus, der nicht nur an den Universitäten, sondern auch bei den einfachen Bauern, Hirten und Kräuter-Frauen lernte: Die Natur zeichnet ein jegliches Gewächs, das von ihr ausgeht, zu dem, dazu es gut ist; darum, wenn man erfahren will, was die Natur gezeichnet hat, so muss man es an den Zeichen erkennen, was Tugenden in ihm sind [De rerum naturae].
Prominentester Zeuge der angeblichen Seltenheit von Mistel-Eichen war Napoléon III., der im Rahmen seiner Arbeit an der Histoire de Jules César [1865/1866] bei Plinius auf die Beschreibung des gallischen Druiden-Kultes stiess. Er beauftragte die Förster in seinem Kaiserreich, die Existenz von Misteleichen zu überprüfen. Keine einzige konnte damals gefunden werden [was nachweisbar falsch war].
Die Eiche von Isigny-le-Buat - Wahrzeichen der Eichenmistel in Frankreich.
Der Baum steht allein und gross mitten in einer Weide der "Ferme du Bois" in Isigny-le-Buat, eingebettet in die Landschaft der Normandie im Departement Manche mit zum Teil riesigen Büschen der Mistel. Es handelt sich um eine Stieleiche [Quercus robur]. Das Alter wird auf rund 400 Jahre geschätzt. Der gegenwärtige Zustand der Eiche zeigt, dass sie nicht mehr lange leben wird. Bereits 1978 aber hat die botanische Abteilung des Instituts Hiscia [siehe Link unten] begonnen, Nachkommen dieses Baumes aus Eicheln aufzuziehen. Ein erstaunlich grosser Anteil dieser Nachkommen nimmt ausgesäte Mistel an und belegt damit die Vererbbarkeit der Mistel-Empfänglichkeit von Eichen. Die Misteleiche von Isigny-le-Buat wird also in ihren Nachkommen, die bereits in der zweiten Generation angepflanzt sind, der Nachwelt erhalten bleiben.