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Max (1951)
Obwohl wir Schweizer vom Krieg weitgehendst verschont blieben, konnten wir auch in den Nachkriegjahren nicht in Saus und Braus leben. Wir hatten zwar genug, um zu leben, aber kein bischen mehr. So mussten wir uns überall einschränken.
In meinem bildlichen Gedächtnis findet sich eine Erinnerung vom Schrebergarten, als amerikanische oder englische Bomber von Frankreich kommend über unseren Schrebergarten flogen, um das in etwa 40 km Luftlinie liegende Kraftwerk und Schleuse von Kembs zu bormbardieren. Ich erinnere mich, dass mein Vater und ich auf das Dach der Gartenhäuschens kletterten, um das Schauspiel der über uns fliegenden Bomber zu verfolgen.
Dass ich mich daran erinnern kann, wundert mich. denn ich war zu der Zeit noch keine 3 Jahre alt. Es handelt sich um die älteste Erinnerung aus meiner Kindheit.
Auch wir Schweizer litten unter den Nachwirkungen des zweiten Weltkrieges. Waschpulver gab es auch in den ersten Nachkriegsjahren noch nicht, aber es kam 1-2 mal pro Jahr ein Mann mit einer Reibe zu uns, mit der er die harte Kernseife zu Spähnen verrieb. Damit liess sich die Seife in der Wäsche besser auflösen.
Einmal im Monat war Waschtag. Der Tag begann früh morgens mit dem Aufheizen des Kupfer-Waschzubers mit Holz und dauerte den ganzen Tag. Es war Schwerst-Arbeit. Ich sehe immer noch das Bild meine Mutter vor mir, wie sie mit einem grossen dicken Holz-Löffel die Wäsche im kochenden Waschzuber umrührte.
Es ist auch verständlich, dass dabei nicht viel Zeit übrig blieb, etwas Warmes zum Mittag zu kochen. Es gab meistens nur süsse Weggli oder einen "Bienenstich", einem Hefekuchen der mit einer Vanillecreme gefüllt wurde.
In der Nachkriegszeit gehörten die fliegenden Händler zum Leben. Die Gemüsefrauen aus dem Elsass zogen zweimal die Woche ihre voll beladenen Gemüsewagen durch die Strassen. Es gab noch keine Einkaufszentren. Frisches Gemüse kaufte man auf dem Marktplatz oder eben bei den Gemüsefrauen.
Der ACV-Milchmann vom Konsum brachte die rohe Offen-Milch, den Butter und Rahm mit einem Pferdewagen täglich vors Haus. Ein Pferd zog den Wagen. Mein Vater sass in späteren Jahren im Verwaltungsrat des Konsumvereins ACV und war deshalb ein Fan des Milchmanns.
Es war mein erster Traumberuf. Ich wollte Milchmann werden. Jeweilen am Morgen früh kam der Milchmann. In den Ferien passte ich dem Milchmann immer ab und half ihm beim Verteilen der Milch. Im jeweiligen Briefkasten stand eine Milchkanne mit dem Milchbüchli. Darin war die Milchmenge eingetragen. Bezahlt wurde Ende Monat. Als ich etwas erfahrener war, durfte ich sogar den Milchwagen führen. Einmal aber, ich machte wohl etwas falsch, da gallopierte das Pferd durch. Glücklicherweise erwischte aber der hinkende Milchmann das Gefährt, sprang auf den Bock und stoppte den schlingernden Wagen.
Das Pferd meines Milchmanns hiess "Florian". Aus diesem Grund wehrte sich meine Mutter gegen den Gedanken, dass unser erster Sohn den Namen Florian bekommen hätte. Wir dachten bei dieser Namensgebung eher an das Café Florian am Totentanz.
Dann gab es aber auch die Hausierer. Sie verkauften Kleinigkeiten, die man immer wieder im Haushalt brauchte: Wäscheklammern, Seife, Bürsten.
Im Krieg gab es die Lebensmittelrationierung mit den Lebensmittelmarken und die Zuteilung pro Person etc.
Noch in der Nachkriegszeit waren gewisse Lebensmittel, die heute zum täglichen Angebot gehören, Luxus-Artikel. Hühnchen oder Kaninchen gab es nur an Weihnachten. Sie wurden lebend geliefert.
Autos gab es zu der Zeit noch keine, resp. nur reiche Leute konnten sich eines leisten. Jedermann fuhr mit dem Fahrrad. Ich kann mich noch an die umgebauten Autos mit Holzvergaser erinnern. In unserer Verwandtschaft war es Onkel Dolfi, ein Allschwiler, der als erster ein modernes Auto fuhr: ein schwarzer "Citroen legere". Wir stiegen erst Jahre später um 1960 in dieses Vergnügen ein, denn mein Vater hatte keinen Führerschein.
Der Telefon-Rundspruch war während des Krieges das gebräuchliche Drahtfunk-Verfahren zur Übermittlung von Radio-Sendungen wie die des Landessender Beromünster, Sottens und Monte-Ceneri. Über die Telefon-Leitung wurde das Radio-Programm auf einen Verstärker zu Hause übertragen. Röhren-Radios gab es erst später zu annehmbaren Preisen. Mit der Einführung des HF-TR (Hochfrequenz-Telephon-Rundspruches) im 1940 wurde es möglich, unabhängig von einem laufenden Telefongespräch mehrere Programme über die Telefonleitung zu übertragen.
Baden einst und jetzt: Noch an der Mülhauserstrasse haben wir in einem verzinkten Zuber gebadet, meist in kaltem Wasser. Wir kannten keine Badewanne, noch weniger Warmwasser. Am Klingelberg hatten wir anfänglich auch keinen Warmwasser-Boiler, aber eine eiserne emaillierte freistehende Badewanne. Das heisse Wasser kochte meine Mutter in der Küche auf dem Gasherd, um das kalte Wasser etwas aufzuwärmen. Später kam das Warmewasser vom Elektro-Boiler. Es war üblich, dass die ganze Familie nacheinander im selben Wasser badete. Zuerst wir Kinder und dann die Erwachsenen.
Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, wie wir in den ersten Jahren an der Mülhauserstrasse und Muespacherstrasse geheizt haben. Am Klingelberg heizten wir anfänglich mit je einem Heizofen je Stockwerk. Die Brikets und Kohlen waren im Kohlekeller und mussten hochgetragen werden. Jedes Haus hatte zur damaligen Zeit eine kleine Fenster-Oeffnung direkt über der Strasse, durch die die Kohle in den Kohlekeller geschüttet werden konnte.
Christeli und ich schliefen im Dachgeschoss, wo es keine Heizung gab. Es war im Winter bitter kalt. Es gab noch kein schwedische Bettwäsche, sondern Leintuch, Wolldecke und ein schweres Duvet mit Enten- und Gänse-Federn, aber keine Daunen. Aber es gab bereits die Bettflaschen, mit denen wir das Bett anwärmten. Später anfang der 50er-Jahre wurde dann der Klingelberg an die Fernwärme angeschlossen und wohlige Wärme durchströmte alle Räume, aber nie den Estrich mit den Mansarden!
Das Geld, das unser Vater nach Hause brachte, reichte, um zu leben. Aber es gab dennoch nur einmal in der Woche Fleisch und am Freitag Fisch . Eine günstige Gelegenheit, um zu etwas zusätzlichem Geld zu gelangen, bildete die Zimmervermietung anlässlich der Schweizerischen Mustermesse. Die MUBA war damals noch eine internationale Messe mit Ausstellern auch aus dem Ausland. So hatten wir 2 oder 3x Amerikaner in unseren Mansarden. Der eine trug als grosse Sensation weisse Nylon-Hemden, die er abends waschen, aufhängen und am morgen wieder tragen konnte, ohne sie zu bügeln. Meine Mutter war fasziniert. Ein anderer Amerikaner verkaufte spezielle Hammer mit einem Hammerkopf aus Leder. Als er im Folgejahr zum zweiten Ma kam, liess er einen dieser tollen Leder-Hammer zurück, den ich bis heute im Camping fürs Einschlagen der Häringe benutze.

Autobiografie von Max Lehmann

Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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