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Interview: Barbara Graf Mousa, Redaktorin Schweizerische Flüchtlingshilfe (SFH)
Oksana Zaiets, 45, arbeitet zu 80 Prozent in einer Eierfabrik und singt in einem Chor. Tochter Yuliia, 17, besucht das Gymnasium Hofwil mit Schwerpunkt Musik und Tochter Anna, 19, kann seit September 2022 an der Universität Zürich ihr Studium der Japanologie fortsetzen und unterrichtet in der Freizeit an einem Japanisch-Stammtisch in der japanischen Botschaft in Bern. Der Vater, Vitaly Zaiets, 49, ist Musikdozent in Kiew und musste in der Ukraine bleiben. Die SFH hat sie getroffen und mit ihnen über ihre Flucht aus der Ukraine und ihr Leben in der Schweiz gesprochen.
Ihr seid im März 2022 aus der Ukraine in die Schweiz geflüchtet. Seid Ihr bereit. ein Jahr später auf die letzten Tage in der Ukraine und auf eure Flucht zurückblicken?
Oksana Zaiets: «Aus familiären Gründen befanden wir uns zu Beginn der russischen Aggression gegen die Ukraine in verschiedenen Städten der Ukraine. Mein Mann Vitaly war in Ternopil, um die Beerdigung seinesBruders vorzubereiten, der am 23.02.22 verstorben ist. Ich selbst war in Tscherkassy im Haus der Eltern meines Mannes, um nach den Hühnern und Schafen zu schauen, denn die Eltern waren zur Beerdigung nach Ternopil gefahren. Das Schlimmste aber war, dass unsere Kinder im Epizentrum der Feindseligkeiten standen!»
Wo waren die Töchter Yuliia und Anna damals?
«Sie waren allein in Kiew in unserer Wohnung. Unser Bekannter nahm sie aus Kiew mit in ein Dorf, das später von den Russen zerstört wurde. Damals erschien es uns sicherer. Aber bereits vom ersten Tag an mussten wir dort wegen dem Beschuss 24 Stunden im Keller der örtlichen Schule verbringen.»
Yuliia und Anna Zaiets bestätigen: «Es war schrecklich, wir hörten dauernd die Sirenen, überall Geschosse und Kriegslärm, wir hatten grosse Angst und blieben 24 Stunden im Luftschutzkeller der Schule.»
Oksana Zaiets erzählt weiter:«Schliesslich haben wir es geschafft nach Tscherkassy zu kommen und waren dort als Familie endlich wieder vereint. Aber auch dort konnten wir nicht lange bleiben. Die schnelle Entwicklung des Kriegs hatte uns eingeholt. Wir wussten nicht, was als nächstes passieren würde.»
Wie habt Ihr entschieden, was Ihr nun tun werdet?
Oksana Zaiets: «Wir haben einen ganzen Tag zusammen gesprochen, Varianten überlegt und kamen zum Schluss, dass ich mit den Töchtern ins Ausland flüchte, weg vom Krieg. Das war für uns alle eine sehr schwere Entscheidung, am Anfang fehlte uns der Mut zu diesem Schritt. Vitaly ist zwar als Professor nicht militärpflichtig, aber wie alle Männer zwischen 18 und 60 Jahren durfte und darf er nicht ausreisen. Er schaut seither zu unseren Eltern und konnte noch bis September 2022 manchmal an der Musikuniversität in Kiew unterrichten.»
Wie habt Ihr die Ukraine verlassen können?
Oksana Zaiets: «Vater besorgte Benzin und ein Freund hat uns dann mit dem Auto über viele Umwege zur slowakischen Grenze gefahren. 12 Stunden dauerte die Fahrt, über die Grenze gingen wir zu Fuss. Vom slowakischen Grenzort aus fuhr ein Bus bis nach Bratislava, von dort nahmen wir den Zug direkt nach Zürich und schliesslich nach Bern.»
Wie habt Ihr das Bundesasylzentrum in Bern gefunden?
Yuliia Zaiets: «Als wir auf dem Bahnhofplatz standen, war da ein Mann in einer roten Weste, der uns freundlich erklärte und zeigte, wohin wir gehen sollten. Im Bus sprach uns eine Frau an und brachte uns dann direkt ins Bundesasylzentrum.»
Oksana Zaiets: «So etwas vergisst man nie mehr – wir sind wirklich sehr dankbar für die grosse Hilfe und die Freundlichkeit, die wir in der Schweiz von Anfang an erlebt haben. Im Zentrum fanden wir etwas Ruhe und bekamen eine warme Mahlzeit. Es waren die Mitarbeiter des Zentrums, die uns anboten, in einer Familie zu leben. Und gleich am nächsten Tag kamen wir zu unserer Gastfamilie. Noch heute danken wir den Mitarbeitern im Zentrum für ihren guten Rat!»
Das Zusammenleben ist stabil, bald lebt Ihr ein Jahr mit der Gastfamilie. Was trägt Ihr dazu bei, dass es so harmonisch funktioniert?
Oksana Zaiets: «Wir spürten vom ersten Tag bis heute, wie sich unsere Gastfamilie um uns kümmerte und all unsere Erfolge und Probleme mit uns teilte. Christoph und Renate sind grossartige Menschen! Sie gaben ihr Bestes, um uns die Integration in der Schweiz möglichst angenehm zu machen. Natürlich tun wir von unserer Seite alles, um ihnen nicht lästig zu sein. Es hilft uns allen, dass wir viele Gemeinsamkeiten teilen: wir sind kreative Menschen, wir lieben Musik und Zeichnen, wir haben beide zwei Töchter in unseren Familien. Das fördert die Harmonie.»
Yuliia und Anna Zaiets ergänzen: «Jeden Mittwochabend haben wir zusammen gekocht und gegessen. Das war sehr wertvoll und brachte uns in einer schönen Atmosphäre einander näher.»
Was fällt euch auf in der Schweiz im Vergleich zur Ukraine? Was ist hier ganz anders?
Oksana Zaiets: «Es gibt tatsächlich viele Unterschiede, angefangen bei einfachen und alltäglichen Dingen wie der Abfallteilung, der gemeinsamen Waschmaschine, der frischen Luft, dem sauberen Wasser bis hin zu den unterschiedlichen musikalischen, universitären und beruflichen Ausbildungen. In der Schweiz ist es ruhig und stabil, im Gegensatz zur Ukraine, wo das Leben im Kleinen wie im Grossen sehr turbulent und schnell ist.»
Der Vater und Ehemann ist auch Musikprofessor und durfte nicht aus Kiew ausreisen. Wie pflegt Ihr den Kontakt mit ihm?
Yuliia Zaiets: «Wir telefonieren mehrmals täglich, wenn es die technischen Möglichkeiten zulassen. In der Ukraine gibt es grosse Probleme mit Strom und Kommunikation. Sobald ein weiterer massiver Raketenangriff beginnt, informiert er uns, dass es möglicherweise für längere Zeit keine Kommunikation geben wird, und bittet uns, uns keine Sorgen zu machen.»
Am 24. Februar 2023 jährt sich der russische Angriffskrieg auf die Ukraine – was bedeutet das für euch?
Oksana Zaites: «Dies ist ein trauriges Datum für die Menschheit. Für mich bedeutet das, dass das erste Kriegsjahr vorbei ist, und es noch viele weitere schwere Prüfungen geben wird.»
Welche Pläne habt Ihr für die nahe Zukunft, wie geht es weiter?
Oksana, Yuliia und Anna Zaiets: «Wir fühlen uns in der Schweiz ruhig und sicher und sind sehr dankbar auch für die Unterstützung der Behörden. Yuliia und Anna möchten gerne ihre Ausbildungen hier in der Schweiz beenden, ich kann dank meiner Arbeit unsere Lebenskosten bezahlen. Wir ziehen am 1. April in eine eigene Wohnung hier im Quartier, nicht weit von unserer Gastfamilie entfernt. Renate und Christoph haben uns dabei wieder sehr geholfen! Wir möchten gerne in ihrer Nähe bleiben, denn wir haben uns an sie und auch an ihre Nachbarschaft sehr gewöhnt. Ja, unsere Familie ist grösser geworden mit Christoph und Renate! Vom ersten Tag an haben wir gespürt, dass wir uns alle sehr nahestehen.»