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Chick Corea on improvisation
Spiele nur, was Du hörst.
Kurz nachdem Chick Corea Anfang Februar 2021 gestorben war, tauchte in den sozialen Medien ein Typoskript von ihm mit 16 Tipps auf, worauf es beim Spielen in einer Gruppe ankommt. Die erste Empfehlung lautet: «Play only what you hear» – «Spiele nur, was Du hörst.»
Eigentlich ist das eine ganz einfache Regel. Im Falle von notierter Musik ist sie geradezu banal: Was anderes sollte man denn spielen, wenn nicht das, was auf dem Blatt steht? Ganz anders ist es beim Improvisieren – wenn also bei einer Jamsession der erste Chorus mit der Melodie gespielt ist und die Solisten an der Reihe sind.
Was genau bei einem Solo passiert, ist so vielfältig wie die Ahnengalerie grosser Jazzmusiker. Es gibt welche, die ihre Soli regelrecht einstudieren. Ein gutes Beispiel ist Harry Carney, der Baritonsaxophonist bei Duke Ellington, der sein Solo über «Sophisticated Lady» über Jahrzehnte ohne jede Abweichung exakt wiederholt hat. Bei anderen wiederum – etwa beim Altsaxophonisten Sonny Stitt – klingt jedes Solo praktisch gleich, unabhängig vom jeweiligen Song. Dann gibt es Meister wie Paul Desmond, der in seinen Solos eine Art Zwiegespräch mit sich selbst führt, das ihn scheinbar mühelos von einer musikalischen Idee zur nächsten leitet: instant composing at its best.
Bei Chick Corea kommt eine weitere Dimension dazu: Der Augenblick als solcher. Das verdeutlicht die zweite Empfehlung: «If you don't hear anything, don't play anything». Für den jeweiligen Solisten erfordert das ziemlich viel Mut, weil einem in einem solchen Moment natürlich immer etwas einfällt, was man jetzt spielen könnte, irgendein Lick oder ein Arpeggio entlang von Skalentönen. Es ist praktisch unmöglich, dieser Versuchung nicht nachzugeben (ausser für Chick Corea). In einem Jam ist es keine wirkliche Option, nicht zu spielen, wenn man als Solist an der Reihe ist. Was also tun?
Zuhören. Was hat der Pianist eben gespielt? Was hatte der Bassist beim turnaround gemacht? Und welche rhythmische Figur spielt der Schlagzeuger? Kann ich da etwas aufgreifen, zitieren und variieren? Im Jazz geht es nicht um den einzelnen Musiker. Sondern stets um die Gruppe, die sich jetzt für diesen Song zusammengefunden hat.