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Das letzte Semester bin ich in das finnische Lappland gegangen. Eine ein bisschen verrückte Entscheidung was die Destination betrifft, sagst du dir vielleicht. Aber der Norden hat mich schon immer mehr angezogen als der Süden, die Kälte macht mir keine Angst. Und letztendlich, dieses Semester war unvergesslich!
In Rovaniemi angekommen, war alles wie neu : die verbesserte Neuheit!
Es war, wie wenn man vier Jahre alt war und sein Weihnachtgeschenk in den Armen des Weihnachtsmanns geöffnet hat. Außer, dass das Geschenk eine ganze Welt war, die ich bezwingen musste. Schnee überall und Kälte! Am nächsten Tag nach meiner Ankunft waren es -28°C, und wir sind zu Fuß in die Stadt gegangen. Von unserem Viertel waren es ein paar Kilometer.
Ebenso war es Nacht. Während ungefähr einem Monat haben wir keine Sonne gesehen, nur ein paar Mal etwas Licht am Tag. Wir sind morgens zur Uni gegangen und sind nachmittags zurück, mit dem Eindruck, dass die Zeit überhaupt nicht vergangen ist. Die Universität war viel größer als meine Schule in der Schweiz. Alle Fakultäten grenzten aneinander und man konnte sie manchmal sogar verwechseln. Es gab ein großes Gebäude mit einer Garderobe in der Mitte, in der alle Studenten ihre Jacken und auch ihre Skihosen abgaben. Alles war sehr gut strukturiert: ein Sekretariat, ein Informationsbüro, eines der internationalen Verbindungen und der Studentenvereinigungen. Letzteres war sehr aktiv und organisierte fast jede Woche Partys oder andere Events. Das Universitätssystem unterscheidete sich sehr von unserem. Wir suchten uns einen Kurs aus und schrieben uns über eine online Plattform ein, die uns direkt über alle Termine des Seminars oder andere Sessions informierte. Hin und wieder konnte es vorkommen, dass wir einen Monat lang nicht zur Universität gehen mussten. Der Rhythmus war also variabel, zwei Wochen glichen einander fast nie.
Und zudem, gab es nie zwei gleiche Tage. Das Licht, die Farben der Wolken, des Nebels und des Himmels variierten jeden Tag, ebenso die Temperatur. Um sich fortzubewegen, fuhren wir Fahrrad auf großen, mit Schnee oder Eis bedeckten Gehwegen, je nach Wetter und Monat des Jahres. Die Stadt breitet sich kilometerweit aus, auch wenn sie nicht sehr dicht besiedelt ist. Mit dem Wald, den vielen Seen und dem durchkreuzenden Fluss, war die Natur allgegenwärtig. Sie war Teil von unserem Alltag, sie bestimmte ihn fast. Ich glaube, dass die Mehrheit von uns noch nie so viel Zeit draußen verbracht hat, wie in diesem Land, bei nicht immer klimatisch angenehmen Konditionen. Der Wald, welcher an unser Viertel der Stadt grenzte, war riesig und erschien endlos. Wir sind dort fast jeden Tag spazieren gegangen, besonders abends, um Nordlichter zu „jagen“ und ein Feuer zu machen. Dann haben wir Würstchen oder Marshmallows gegrillt. Dieser Schnee und Wald waren nicht nur physisch präsent sondern auch kulturell. Die Finnen sind der Natur, die sie umgibt, sehr nahe und als wir dort lebten, wurden auch wir sensibler.
Nach der Akklimatisierung am Anfang hat sich alles verändert. Ich habe gedacht, dass die Ankunft der größte Schock wäre. Doch wenn man seine Gewohnheiten findet, das Gefühl des Neuen vergangen ist, veränderte sich alles von Neuem. Man vergisst, dass das Leben dort nur für kurze Zeit anhält und fängt an es aufzubauen. Freunde sind sehr schnell zu einer Familie geworden und die kleine Wohnung, zu einem Haus. Wir fühlten uns wie zuhause. Es schien uns als würde nichts fehlen. Auf eine Art und Weise haben wir alles ersetzt, auf Zeit. Es war wie in einem Traum, in welchem wir uns unserer Illusion bewusst waren.
Man wacht schließlich auf, wenn man von der Rückkehr träumen muss. Das war eine seltsame Zeit. Wir sahen die Zeit schneller und schneller vorbeirasen. Es war Tag, die Abende schienen nie zu enden. Wir waren zwischen den Stunden des Schlafs und Lebens desorientiert. Wir versuchten das Maximum zu nutzen und jedes Bild in unserem Innersten zu sichern. Doch das Thema der Rückkehr kam in jedem Gespräch auf, wie eine Offensichtlichkeit vor der wir versuchten zu fliehen. Und dann ist der Tag gekommen, an dem der erste von uns zurückkehren musste. Die Welt ist klein, wir sagten uns, dass wir uns bald wiedersehen würden. Wir werden uns schreiben. Doch im Inneren wussten wir, dass uns unsere Leben erwarteten und dass niemals alles wieder gleich sein würde.
Die Wochen vergehen schnell, wenn ein Ereignis vor einem steht, auf welches man keine Lust hat. Der Tag der Abreise ist gekommen und viele sind bereits nach Hause gefahren, ihrem richtigen Zuhause sagte man. Alles passierte sehr schnell, mit zwei Flugzeugen, in einigen Stunden hatte man alles verlassen und wiedergefunden. Man nimmt seine Gewohnheiten schneller wieder auf als man denkt, aber alles ist doch anders. Ich weiß nun, dass mein Zuhause nicht hier ist, vielleicht überall wo man sich gut fühlt, wo man gut umsorgt ist.
Falls ich in der Zukunft wieder die Möglichkeit bekomme wegzufahren, werde ich weniger Angst haben. Ich weiß nun, dass aus seinem Alltag raus zu gehen, nur positiv sein kann. Man findet sich in einem universitären Umfeld wieder, wo wir alle gut begleitet werden und nur selten auf uns allein gestellt sind. Für all diejenigen, die immer noch zögern, ich würde sagen, man muss sich reinhängen. Weit weg von allem, ist bei dieser Erfahrung nicht alles einfach: die Behördengänge können lang sein und verlangen viel Organisation. Aber ich kann euch versprechen, dass ihr nichts zu verlieren habt, nur zu gewinnen.
Während eines Semesters quasi abseits der Realität zu leben, muss man als eine Chance betrachten, die sich nicht oft bietet. Ich bin davon überzeugt, dass niemand seinen Austausch bereut, ob es das Lappland ist oder woanders…