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Bei der Analyse der Verteilung der Geburtsmonate von Nationalspielern in Nachwuchsteams wird klar: Athleten, die im 1. Quartal geboren sind, werden bei der Talentselektion bevorzugt. Über den sogenannten «Relative Age Effect» in Schweizer Nachwuchs-Nationalteams.
Fairer Wettkampf und Chancengleichheit sind zentrale Werte im Nachwuchsleistungssport. Um diesen Werten zu entsprechen, werden Jugendliche in Altersklassen eingeteilt, die sich auf Jahrgänge beziehen (z. B. U-15, U-16 usw.). Diese auf den ersten Blick sinnvolle und gerechte Einteilung ist jedoch äusserst problematisch.
Tatsächlich kann es trotz der Altersklassen zu wesentlichen Altersunterschieden kommen. So hat ein Spieler, der kurz nach dem Stichtag geboren ist (im Januar), im Vergleich zu einem Spieler, der spät im Selektionsjahr geboren ist (im Dezember) einen entscheidenden Entwicklungsvorteil. Der Altersunterschied von bis zu einem Jahr entspricht zum Beispiel bei einem 6-Jährigen 18 Prozent der Lebenszeit. Die sich daraus ergebenden Folgen bezeichnet man als den «Relative Age Effect» (RAE) (Musch & Grondin, 2001).
Der Teufelskreis des «Relative Age Effects»
Die relativ älteren Spieler haben einen Entwicklungsvorsprung, der zu einem besseren Spielverständnis, einer besseren Übersicht und schliesslich einer besseren Gesamtleistung führt (Williams, 2000). Im physischen Bereich wirkt sich dieser Entwicklungsvorsprung in der Körpergrösse und der Muskelmasse aus. Ebenso können in der psychischen Entwicklung Leistungsvorteile beobachtet werden.
Durch die höhere Leistung schätzen Trainer daher relativ ältere Spieler tendenziell öfter als Talente ein. Dies wiederum führt zur Selektion in eine Auswahlmannschaft, zu besserer Förderung und zu mehr positivem Feedback von Trainern, der Familie und Mitspielern. Das zusätzliche positive Feedback erhöht die Motivation und die Bereitschaft, sich auf den Leistungssport zu konzentrieren. Die über die Ausbildungsjahre kumulierte erhöhte Trainingszeit, das höhere Spielniveau, die besseren Trainingspartner und die verbesserte Trainingsbetreuung begünstigen eine weitere Leistungsverbesserung.
Betrachtet man die relativ jüngeren Spieler, so zeigt sich ein umgekehrtes Bild: Sie erbringen durch die geringere Erfahrung und die weniger fortgeschrittene physische und psychische Entwicklung im Durchschnitt eine niedrigere Leistung. Dadurch werden sie nicht in Auswahlmannschaften selektioniert und bekommen von den Trainern und ihrem Umfeld weniger positives Feedback. Sie bleiben auf einem niedrigeren Spielniveau, haben weniger Training und Coaching und können auch nicht von speziellen Fördermassnahmen profitieren.
Dieser Teufelkreis (siehe Abb. 1) führt langfristig zum Verlust von potenziellen Talenten, da Spieler, die durch den RAE benachteiligt werden eher zur Aufgabe des Sports (Drop out) neigen (Helsen, Starkes, & Van Winckel, 1998).
Im Schweizer Fussball verbreitet
Der RAE ist ein Phänomen, das in vielen Sportarten auftritt. Wissenschaftliche Studien gibt es zum Beispiel im Tennis, im Volleyball, im Eishockey und im Fussball. Je höher die physische und psychische Komponente der Sportart ist, desto stärker ist im Normalfall der RAE. Zusätzlich wird der RAE stärker, je mehr Spieler die Sportart ausüben.
Im Fussball kommen beide Komponenten zusammen. Die Sportart hat einerseits eine hohe physische und psychische Komponente, und andererseits üben immer mehr Jugendliche diesen Sport aus, da die Popularität des Fussballs in der Schweiz stetig steigt.
Auswirkungen des «Relative Age Effects»
In der Schweiz sind die Geburtsdaten der Normalbevölkerung gleichmässig über das ganze Jahr verteilt. Es ist davon auszugehen, dass Talente demnach auch gleichmässig übers Jahr verteilte Geburtsdaten haben. Untersucht man die Geburtsdaten der Schweizer Jugend Nationalspieler der Mannschaften U15-U18 (n=472) der letzen drei Jahre und die Spieler, die in der J+S-Nachwuchsförderung (n=2.025) trainieren, so zeigt sich aber eine extreme Abweichung der Verteilung der Nationalspieler von der Normalbevölkerung (siehe Abb. 2).
Um den RAE darzustellen, haben wir das Jahr in vier Quartale (Q) aufgeteilt. Q1 bedeutet, dass der Spieler zwischen Januar und März geboren ist, Q2 zwischen April und Juni, Q3 zwischen Juli und September und Q4 zwischen Oktober und Dezember.
Bei den Nationalmannschaften ist fast die Hälfte der Spieler in Q1 geboren, obwohl man nur 25 Prozent (siehe Normalbevölkerung) in Q1 erwarten würde. In den folgenden Quartalen sinkt die Anzahl der Spieler stetig. In Q4 sind nur noch 11 Prozent der Nationalspieler geboren.
In der J+S-Nachwuchsförderung ist der gleiche Trend zu erkennen. Der einzige Unterschied ist, dass aufgrund des niedrigeren Selektionsdrucks der RAE nicht ganz so extrem ausgeprägt ist. Aus der Abbildung wird auch klar, dass es zu zwei Kategorien von Irrtümern bei der Talentauswahl kommt:
- «Falsche Talente» werden gefördert. Das heisst, aus Q1 (Januar bis März geborene) werden aufgrund des höheren relativen Alters zu viele Spieler selektioniert. Spieler, die «nur» dank ihrer momentanen physischen Vorteile bessere Leistungen zeigen, aber wahrscheinlich nicht zu den «potenziell Besten» gehören.
- «Richtige Talente» werden nicht gefördert. In Q3 und Q4 werden möglicherweise zu wenige Spieler gefördert, da sie wegen ihrer momentanen physischen Nachteile weniger gute Leistungen zeigen. Hier gehen «echte» Talente auf Kosten der relativ Älteren verloren.
Zudem wird deutlich, dass keine Chancengleichheit besteht. Je früher ein Spieler im Jahr geboren ist, desto höher ist seine Chance, in einer Auswahlmannschaft zu spielen.
Mögliche Auswege
Um dem RAE entgegenzuwirken, ist die Weiterbildung (bzgl. der speziellen Problematik des RAE bei der Talentförderung) aller Nachwuchstrainer wichtig. Tendenziell sollte bei der Selektion im Fussball, entsprechend der Ausbildungsphilosophie des Schweizerischen Fussballverbands (SFV), eher auf spielerische und taktische Fähigkeiten als auf die aktuelle physische Leistungsfähigkeit Wert gelegt werden.
Zudem könnten strukturelle Änderungen langfristig Besserungen bringen und den Talentpool qualitativ und quantitativ verbessern. Möglichkeiten, die in wissenschaftlichen Studien diskutiert werden, sind:
- Einführung kleinerer Altersklassen (z. B. Halbjahresklassen)
- Einführung von Quoten
- Nachwuchsteams nach Grösse oder Gewicht zusammenstellen (nicht nach chronologischem Alter)
- Rotation des Stichtages (siehe Abb. 3)
Text: Michael Romann, Jörg Fuchslocher
Die Prognostisch Integrative Systematische Trainer-Einschätzung (PISTE) soll eine transparente, aussagekräftige und einheitliche Selektion ermöglichen. Die folgenden Beurteilungskriterien werden berücksichtigt:- Wettkampfleistung
– Leistungsentwicklung
– Psychologische Faktoren
– Athletenbiographie
– Biologischer Entwicklungsstand
Durch ein Punktbewertungsverfahren kann mithilfe dieser Kriterien eine Selektionsrangliste erstellt werden. Die PISTE wird in einer der nächsten «mobile»-Ausgaben ausführlich dargestellt.