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Was ist "wirklich" ?
zum Verhältnis der "gesehenen" zur "getasteten" Welt
Johannes Kühl
Der grosse englische Schriftsteller Owen Barfield beginnt sein Buch Saving the Appearences mit dem Satz: "Look at a rainbow" – um dann die Frage zu stellen: Ist er wirklich da, existiert er? Denn das Bedenken mag sich einstellen: Man kann ihn wohl sehen, aber nicht berühren. In diesem Sinne ist alles, was wir sehen, nur Bild. Im Alltag fällt das nicht weiter auf, was wir da sehen, ist in gewissem Rahmen auch tast- und greifbar. Oft ist uns das Sehen sogar nur ein Hinweis auf ein zu Tastendes, auf einen Gegenstand. Aber schon der Blick in einen Spiegel zeigt uns, wie Seh- und Tastraum auseinanderfallen können: Wir blicken in einen neuen Raum, gelegentlich "Spiegelraum" genannt, in dem sich alles "vernünftig" verhält, in den wir aber niemals hineingreifen können.
Ähnliches erfahren wir beim schrägen Blick in ein Wasserbecken: Der für das Sehen gehobene Grund bleibt für das Tasten in der gleichen Tiefe. – Wir sind geneigt zu sagen: "In Wirklichkeit" bleibt er unten, damit andeutend, dass wir Getastetes als "wirklicher" empfinden als Gesehenes.
Es gibt noch andere ähnliche Situationen, wo wir die tastbare Wirklichkeit anders einschätzen als das, was wir sehen: So wird niemand sagen, der Freund, der sich auf dem Fahrrad entfernt, wird "wirklich" kleiner – obwohl das gesehene Bild tatsächlich kleiner wird. Hier erkennt man, dass Grössenangaben im Bereich des Sehens nicht mit einem Längenmass gemacht werden können, sondern eher, indem man den Anteil des Gesichtsfeldes angibt, den ein Bild oder eine Strecke ausfüllen; für Strecken wäre ein solches Mass der Sehinkel, unter dem sie erscheinen.
Bleibt man im Bereich des Sehens, d.h. im Gebiet der Optik, so ist diese Trennung von Sehraum und Tastraum von sekundärer Bedeutung. Hier ist allein das Gesehene, sind die Bilder relevant. Allenfalls bei Fragen nach der Entstehung von Helligkeit und Dunkelheit kommen andere Vorgänge wie Erwärmung, chemische oder elektrische Prozesse usw. in Betracht. [...]
Für unseren Zusammenhang ist es wichtig sich klar zu machen, dass die gesehene Welt durchaus von der getasteten verschieden sein kann, dass es aber eher psychologische Gründe sind, die uns das Getastete "wirklicher" erscheinen lassen. Für die Optik sind gerade die Bilder, das Gesehene "wirklich". Niemand würde beim Regenbogen oder bei der perspektivischen Verkürzung von "Sinnestäuschung" sprechen.
Diese Beobachtungen können lehren, die Wahrnehmung als solch ernst zu nehmen. Ihre Beurteilung ergibt sich aus dem Kontext, nicht anhand einer vorher gewussten, vorgegebenen "Wirklichkeit". [...]
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