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Feminismus, antwortete sie auf eine Interviewfrage, sei eine Sache der Intelligenz. Das war zu einer Zeit, als der Feminismus noch nicht zum mainstreamfähigen Hintergrundgeräusch geworden war und man mit diesem Etikett aus der Zeit gefallen schien, so wie sich auch Silvia Bovenschen teilweise «unzeitgemäss» empfand. Das jedenfalls notierte sie vor gut zehn Jahren in ihrem aus Erinnerungssplittern zusammengesetzten Rückblick «Älter werden» auf ein vorläufiges Leben, das nicht zuletzt von ihrer Multiplen Sklerose geprägt worden war.
Weil man mit einer chronischen Krankheit in Deutschland nicht verbeamtet werden kann, wurde die 1946 geborene, in Frankfurt aufgewachsene und dort promovierte Literaturwissenschaftlerin keine ordentliche Professorin, wie es ihr eigentlich zugekommen wäre. Denn wann passiert es schon, dass eine Dissertation eine solche Breitenwirkung entfaltet wie die 1979 erschienene Studie «Die imaginierte Weiblichkeit», in der die schlichte Frage gestellt wird, wie es komme, dass Frauen zwar immer und überall als Objekte männlicher Fantasien herhalten müssten, als Autorinnen aber nicht oder selten in Erscheinung träten. Es war die richtige Frage zur richtigen Zeit, und ihre dialektisch an Theodor W. Adorno geschulten Überlegungen beeinflussten eine ganze Generation von Studentinnen.
2001 siedelte sie nach Berlin über, wo sie ihre essayistische und schriftstellerische Seite entwickelte und mit ihrem «feuerroten Spielmobil» – das Gefährt, das ihr ihre Mobilität erhielt – den Strassenverkehr unsicher machte. Hier entstand auch ihr schönstes Buch, «Älter werden» (2006), dieser auf dem schwankenden Boden der Erinnerung fussende Rückblick auf die Frankfurter Nachkriegsgesellschaft, die wortreich verdrängte Vergangenheit und den Einfluss der US-amerikanischen Kultur durch die dort stationierten GIs.
Es ist aber auch eine beissende Polemik gegen die zunehmende Altersdiskriminierung, eine Kritik, die in der Humoreske «Nur Mut» (2013) über eine Wohngemeinschaft vier alter Frauen wieder aufscheint. Die im engeren Sinn literarische Bühne hatte Bovenschen schon zwei Jahre zuvor mit der Geschichte des heruntergekommenen Schriftstellers Georg Laub («Wie geht es Georg Laub?») betreten. In «Sarahs Gesetz» (2015) beschrieb die Autorin das Leben mit ihrer Gefährtin, der Malerin Sarah Schumann, mit der sie bis zu ihrem Tod vergangene Woche in Charlottenburg zusammengelebt hat.