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Gefährdet die Wonne der Zerstreuung im Internet unsere Produktivität am Arbeitsplatz? Ein vernetztes Armband will uns jetzt das ziellose Surfen abgewöhnen.
Stellen wir uns mal vor, es gäbe Zeitmaschinen und wir müssten einer aus dem letzten Jahrhundert angereisten Ökonomin die flexible Arbeitskultur im digitalen Kapitalismus schildern. Wir könnten auf die digitale Boheme verweisen, die als Mensch-Laptop-Symbiosen in den Cafés dieser Welt sitzen – oder auch auf die infantilen Vergnügungsparks in modernen Konzernen wie Google, die dem Personal eine ausgeglichene Work-Life-Balance simulieren sollen.
Am besten jedoch scheint ein neues Produkt die Absurdität einer vorwiegend auf Informationen basierenden Wirtschaft auf den Punkt zu bringen: Pavlok. Das ist ein elektrisches Armband, das über eine spezielle Schnittstelle Elektroschocks aussendet, sobald ich als Nutzer unerwünschte Verhaltensweisen annehme – etwa, im Büro auf Facebook rumzuhängen.
«Pavlok verändert, wer du bist»
Der Produktname, ein Hybrid aus dem englischen Wort für «Schloss» und dem Namen des russischen Verhaltensforschers Iwan Pawlow, könnte nicht passender sein. Denn die Funktionsweise von Pavlok basiert auf der Idee der klassischen Konditionierung. Pawlow gelang in seinem bahnbrechenden Experiment von 1921, die Speichelsekretion eines Hundes kurz vor der Nahrungsaufnahme nur mit einem Glockenton anstatt des Anblicks der Nahrung auszulösen. Er bewies damit, dass Reflexe erlernt werden können, indem ein neutraler Umweltreiz mit einem angeborenen Reflex gekoppelt wird.
Pavlok funktioniert ähnlich – zwar in Form einer negativen Konditionierung, aber mit womöglich vergleichbarem Erfolg. Das umstrittene Milgram-Experiment von 1961, bei dem eine Versuchsperson dazu autorisiert wurde, als «Lehrer» einen «Schüler» bei falschen Antworten mit Elektroschocks zu bestrafen, zeigte, wie wirksam es ist, Gehorsam mithilfe von Schmerz einzufordern. Auch wenn die Bestrafung im Fall von Pavlok nur bei sich selbst stattfindet.
Selbst wenn das Armband ein verfrühter Aprilscherz wäre: Die 253 964 US-Dollar, die bereits auf der Crowdfunding-Plattform Indiegogo gesammelt wurden (und die das angestrebte Minimalziel um mehr als das Fünffache übertroffen haben), sind so real wie die vielen bereits eingetroffenen Vorbestellungen für das Armband, das ab Mai dieses Jahres in Serie gehen soll. Und sie sind so wirklich wie der schmerzverzerrte Blick des BBC-Journalisten, der in einem exklusiven Produkttest bereits in den Ungenuss des Armbands kam.
Entwickelt wurde Pavlok vom US-Unternehmer Maneesh Sethi, einem selbst ernannten Motivationstrainer mit Polemiktalent, der zuletzt mit der Website «Hack the System» bekannt wurde. Sie bietet Strategien an, um «besser zu leben, weiter zu reisen, mehr Geld zu verdienen und produktiver zu sein». Sethis bisher grösster Coup war ein viraler Blogeintrag, in dem er beschrieb, wie er eine Frau dafür bezahlte, ihn zu ohrfeigen, sobald er während der Arbeit Facebook benutzt. Diese Massnahme, so Sethi, habe seine Produktivität um das Vierfache gesteigert. Die Mischung aus esoterischem Werbesprech und neoliberalem Glücksversprechen auf der Pavlok-Website könnte den Eindruck erwecken, dass Sethi einfach nur ein genialer Scharlatan ist: «Pavlok kann nicht nur verfolgen, was du tust», heisst es da etwa. «Es verändert, wer du bist.»
Es ist kein Zufall, dass Sethi an der kalifornischen Stanford-Universität studiert hat, der zurzeit wichtigsten Kaderschmiede für Internetunternehmen. Stanford liegt mitten im Silicon Valley, der Heimat der «Big Three» (Apple, Google und Facebook), jener Konzerne also, deren Produkte unseren Alltag und unsere Art zu leben seit einigen Jahren massgeblich prägen. Ein Lebensstil, in dem wir unser ganzes Sozialleben über Smartphone-Apps organisieren, in dem jegliche Informationen vom Weltgedächtnis Google gefiltert werden und die persönliche Browser-History zum Spiegel der eigenen Identität geworden ist.
Dass damit die Möglichkeiten der totalen Überwachung enorm gestiegen sind, ist inzwischen bekannt – und wird in den Medien spätestens seit den Enthüllungen von Edward Snowden kontrovers diskutiert. Weniger Beachtung findet die von sozialen Medien geförderte Tendenz zur freiwilligen Selbstbeobachtung, wenn nicht gar Selbstkontrolle. Facebook, Twitter und Co. sorgen nicht nur dafür, dass wir uns freiwillig zu gläsernen BürgerInnen machen, sondern sie stehen auch für ein neues, digitales Über-Ich, das die NutzerInnen in einem Zustand der ständigen Selbstreflexion gefangen hält. «Ist mein Profilfoto nicht doch zu salopp?» oder «Poste ich auch genügend politische Inhalte?» sind häufige Fragen, die sich NutzerInnen im Angesicht ihres digitalen Selbst stellen.
Pavlok ist die nächste Stufe dieser Tendenz. Denn selbst wenn das Armband ein Fake und damit Sethis subversivster «Hack» sein sollte, zeigt die Nachfrage nach dem Produkt das Bedürfnis nach einer Selbstdisziplin, die dem Subjekt 2.0 in Zeiten der Informationsübersättigung offenbar immer stärker abhandenkommt. Damit erzählt Pavlok auch von einer Welt, die sich von einer Disziplinargesellschaft im Sinn des französischen Philosophen Michel Foucault zu einer Kontrollgesellschaft gewandelt hat. Waren es in den siebziger Jahren noch die Chefs, die ihre Autorität durch disziplinäre Massnahmen ausübten, so wirkt die Macht in der heutigen Dienstleistungsgesellschaft vor allem als unsichtbare Instanz in uns selbst.
Ach, süsser Schmerz!
Mit der perfiden Selbstkontrolle ist Pavlok ein Update alter Repressalien wie etwa den Stempelkarten in den Fabriken. Heute, wo immaterielle Arbeit im Vordergrund steht, sind viele dank des Internets sowohl zeitlich wie örtlich unabhängiger als je zuvor. Doch die neuen Freiheiten – vom Homeoffice bis zur Gleitzeit – bringen auch neue Unfreiheiten mit sich. Die ständige Erreichbarkeit oder die sich auflösende Grenze zwischen Arbeitszeit und Freizeit sind ein Phänomen, das der Philosoph Gilles Deleuze bereits in seinem Essay «Postskriptum über die Kontrollgesellschaft» (1990) prophezeite. Wenn er dort von «Kontrollformen mit freiheitlichem Aussehen» schrieb, so erscheint diese Formulierung heute treffender als je zuvor.
Aktuell ist die Produktivität nicht mehr von mangelnder Motivation, sondern von der Wonne der digitalen Zerstreuung gefährdet, wie eben dem ziellosen Surfen im Büro. In einer Zeit der fortschreitenden Individualisierung, in der die Umsetzung kollektiver disziplinarischer Massnahmen schwieriger geworden ist, wird Pavlok zum perfekten Tool im Werkzeugkasten der grassierenden Selbstoptimierung. Am deutlichsten tritt sie in der Quantified-Self-Bewegung zutage, einem Netzwerk aus Anwenderinnen und Anbietern von Methoden, mit deren Hilfe persönliche Daten aufgezeichnet und ausgewertet werden. Ihre AnhängerInnen würden sich wohl auch am wenigsten davor scheuen, Selbstkontrolle mithilfe einer schmerzhaften Konditionierung auszuüben.