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Multiple Sklerose und intensiver Sport? Noch vor wenigen Jahren rieten Mediziner bei dieser Nerven-krankheit von Sport ab, und intensiv sollten Betroffene schon gar nicht trainieren. «Gefürchtet war eine Überhitzung des Körpers», erklärt Jens Bansi, Sportwissenschafter an den Kliniken Valens. Beim sogenannten Uhthoff-Phänomen verringert sich die Leitfähigkeit der Nervenfasern durch die steigende Körperkerntemperatur, wodurch die Krankheitssymptome verstärkt werden. Das Problem tritt bei vier von fünf Menschen mit MS auf.
«Der Körper ist aber kein V8-Automotor, der arbeitet und sich überhitzt», sagt Jens Bansi. «Die Muskulatur und das Herz-Kreislauf-System sind vielmehr lernfähig und können sich an ein intensives Training gewöhnen.» So bilden sich auch beim gefürchteten Uhthoff-Phänomen die MS-Symptome mit wiederholtem Training zurück, und der Körper kann sich anschliessend regenerieren.
Mehr Kraft und Ausdauer
Nun zeigt eine kürzlich publizierte Studie der Kliniken Valens erstmals, dass hochintensives Training durchweg positive Auswirkungen bei MS hat («Multiple Sclerosis Journal»). So verbesserte sich das verbale Lernvermögen der Studienteilnehmer, sie konnten zielgerichteter handeln und entscheiden, und ihre Ausdauer und Kraft stiegen an.
Insgesamt nahmen 60 Patienten mit schubförmiger und sekundär fortschreitender MS an der Studie teil. Nach abklärenden Untersuchungen wurden 29 Personen der Gruppe mit hochintensivem Training, die übrigen 31 Personen der Kontrollgruppe zugeteilt. In der Trainingsgruppe mussten die Teilnehmer zwischen September 2015 und Mai 2016 dreimal pro Woche in fünf Zyklen drei Minuten intensiv Velo fahren. Die Herzrate und die Sauerstoffkonzentration in der Atemluft wurden regelmässig gemessen.
Insgesamt dauerte eine Trainingseinheit 20 Minuten. Am Anfang einer Trainingseinheit erfolgte ein Aufwärmen, im Abschluss eine Cool-down-Phase. Nach dem Training mussten sich die Teilnehmer während 45 Minuten ausruhen. Teilnehmer der Kontrollgruppe fuhren fünfmal pro Woche für 30 Minuten Velo, allerdings in einem gemächlicheren Tempo. Beide Gruppen wurden vor Studienbeginn auf ihre kognitiven Fähigkeiten hin untersucht.
Um in der Trainingsgruppe Überlastungssituationen zu vermeiden, führten Forscher die Teilnehmer vor Studienbeginn an ihre Belastungsgrenze heran. «Reduzierte sich beispielsweise die Beinkraft deutlich oder sagte der Teilnehmer, dass es nicht mehr gehe, war der Punkt der Belastungsgrenze erreicht», sagt Bansi. Dies ermöglichte es den Studienleitern, während der Studie mit der Intensität der Belastung zu spielen.
«Die Studienteilnehmer haben es als sehr spannend und motivierend empfunden, dass sie noch so viel leisten konnten», sagt Jens Bansi. Ebenso wichtig wie die Belastung ist aber die Erholung nach dem Training. «Der Körper muss zur Ruhe kommen, sonst steigen Entzündungsstoffe wie Tu-mornekrose Faktor-alpha oder Interleukin-6 an», sagt der Forscher. «Achtsam und im Moment sein und in sich ruhen, ist für die Erholung des Körpers enorm wichtig.»
Wachstum neuer Synapsen
Blutproben, die während des Trainings regelmässig entnommen wurden, ergaben ein klares Bild. So schnitt die Trainingsgruppe in Bezug auf den Hirnstoffwechsel besser ab als die Kontrollgruppe. Bei ihnen nahm die Menge Wachstumsfaktor BDNF (Brain- derived neurotrophic factor) stärker zu. Dieses Protein schützt Neuronen und Synapsen im Gehirn und in der Peripherie. Es fördert aber auch das Wachstum neuer Nervenverbindungen und beeinflusst Gedächtnis und Verarbeitungsgeschwindigkeit von Informationen.
Ferner wiesen die Personen in der Trainingsgruppe geringere Mengen an Matrix- Metalloproteinase-2 (MMP) auf. MMP scheint eine wichtige Rolle bei Entstehung und Fortschreiten von MS zu spielen, da es für die Durchlässigkeit der Blut-Hirn-Schranke verantwortlich ist. Für den Sportwissenschafter sind die Ergebnisse der Studie wegweisend: «Wir sollten in Zukunft weniger vorsichtig sein und Menschen mit MS nicht bremsen, sondern ihnen Mut machen, sich sportlich zu betätigen und sie unter Anleitung bis an ihre Belastungsgrenze trainieren lassen.»
>> Zum Originalartikel der NZZ am Sonntag