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Der Erfolg der Coronastrategie eines jeden Landes steht und fällt mit den Testkapazitäten. Nur wenn bekannt ist, wer sich infiziert hat, kann die Pandemie effektiv eingedämmt werden. Der internationale Vergleich zeigt: Die Schweiz testet in der zweiten Welle wenig. Zu wenig.
Dieses Bild zeigt einen fast alltäglichen Vorgang: Die neuseeländische Premierministerin Jacinda Ardern trifft sich mit ihrem Kabinett. Ungewohnt ist das Bild dennoch: Keine Masken, kein Mindestabstand, keine Trennwände aus Plexiglas. Es wirkt wie aus der Zeit gefallen, dabei entstand das Bild am 6. November 2020. In einer Zeit, in der die Schweiz, wie viele andere Länder, mitten in der zweiten Welle der Coronapandemie steckt. Was hat Neuseeland besser gemacht als die Schweiz?
Der Erfolg der Pandemiebekämpfung hängt von den Testzahlen ab. Daraus ergibt sich eine Datengrundlage für alle weiteren Maßnahmen, beispielsweise Contact Tracing, Schulschließungen oder sogar nationale Lockdowns. Der Schweizer Weg stellt einen Kontrast zur Strategie anderer Länder dar. Das gilt sowohl bei Staaten, die im Bezug auf die politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen mit der Schweiz wenig gemeinsam haben, als auch bei der Schweiz sehr ähnlichen Staaten. Die Schweiz hat es trotz einer guten Ausgangslage zu Beginn der zweiten Welle versäumt, eine Datengrundlage für die erfolgreiche Bekämpfung der Pandemie zu schaffen. Coronatests fanden in vielen anderen Ländern in einem deutlich größeren Maß als in der Schweiz statt und halfen dort, das Ausmaß der Pandemie zu überblicken.
Unterschiedliche Systeme: Die Schweiz als Corona – Außenseiter
Die Pandemie verlief nicht in allen Staaten gleich. Die Corona Weltmeister sind mittlerweile hinlänglich bekannt. Dazu zählen zum Beispiel Südkorea, Taiwan, Singapur und auch China, sofern man den chinesischen Daten trauen darf. Ebenso Neuseeland, wie Jacinda Arderns Instagram Beitrag verdeutlicht. Die Schweiz, auch das ist bekannt, zählt nicht dazu.
Um verschiedene Länder miteinander zu vergleichen, ist die Positivrate eine weitverbreitete Große. Dabei wird der Anteil der Neuinfektionen an den insgesamt Getesteten berechnet. Eine Positivrate von 50% bedeutet beispielsweise, dass einer von zwei Tests positiv ist. Die Positivrate spiegelt allerdings nur dann den tatsächlichen Anteil der Infizierten in der Gesamtbevölkerung wider, wenn sich nicht nur diejenigen testen lassen, die Symptome aufweisen oder Kontakt mit infizierten Menschen hatten. Um das Ausmaß der Pandemie zu kennen, sollte am besten zufällig, zumindest aber unabhängig vom erwarteten Testergebnis getestet werden. Dennoch gilt: Je geringer die Positivrate, desto besser hat ein Land die Pandemie unter Kontrolle und desto näher kommt die Positivrate dem tatsächlichen Infektionsgeschehen. Im Umkehrschluss: Wer zu wenig testet, verliert den Überblick über die Entwicklung und kann die Infektionswelle nicht mehr gezielt bremsen. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt den einzelnen Staaten daher, den Grenzwert einer Positivrate von 5% nicht zu überschreiten. Maximal einer von 20 Tests sollte positiv sein.
Der Ländervergleich in der obigen Grafik zeigt, dass Russland, Südkorea, Taiwan und sogar die USA einen besseren Job gemacht haben als die Schweiz. Bei vergleichbarer Ausgangssituation im August wird deutlich, dass Südkorea und Taiwan nur einen leichten Anstieg zu verzeichnen hatten. Auch Russland und die USA befinden sich weit unterhalb der Spitzenmarke aus der Schweiz, wo schon im Oktober der empfohlene Wert von 5% überschritten wurde.
Ähnliche Systeme: Die Schweiz wieder als Corona – Außenseiter
Diese Daten deuten an, wie stark die Diskrepanz zwischen der Schweiz und anderen Staaten ist. Ein Vergleich mit Russland hat allerdings schon ob der Größe und Besiedelungsdichte seine Grenzen und die Coronapolitik der USA schien nicht immer durch das Bestreben nach Informationen geleitet. In Südkorea und Taiwan mag der Erfolg auch mit autokratisch anmutenden Lockdown Gesetzen zusammenhängen, deren rechtliche Voraussetzungen in der Schweiz nicht gegeben sind. Beispielsweise ist es in Korea kein Problem für die Regierung, die personalisierten Ergebnisse der Coronatests zentralisiert zu speichern, was in der Schweiz nicht möglich ist. Dennoch bleibt festzuhalten, dass die Schweiz in diesem Vergleich nicht besonders gut abschneidet. Wenn politische und rechtliche Strukturen tatsächlich einen Einfluss auf den Erfolg der Pandemiebekämpfung haben, müsste ein Vergleich der Schweiz mit ähnlichen Ländern ein positiveres Zeugnis für den „Schweizer Weg“ ausstellen. Die nächste Grafik kontrastiert die Schweiz mit Belgien, Irland, Neuseeland und Norwegen. Diese Länder sind politisch miteinander vergleichbar und sind alle von den Vereinten Nationen in der Spitzengruppe der weltweit lebenswertesten Länder gelistet. Relativiert das die Sicht auf die hiesige Coronastrategie?
Die kurze Antwort ist: nein. Der Vergleich mit ähnlichen Staaten bestätigt dieses Bild, auch wenn der Verlauf der Positivrate in Belgien und der Schweiz recht ähnlich scheint. Doch dazu später mehr. In Irland, Norwegen, und ganz besonders Neuseeland konnte der Ausbruch der zweiten Welle verhindert werden, nicht nur Jacinda Arderns Instagram Account zeugt davon. Diese Länder sind nicht autokratisch und halten sich an demokratische, moderne Standards des Datenschutzes. Dennoch haben sie es geschafft, einen erneuten Ausbruch des Virus zu verhindern. Um das zu verstehen, lohnt sich ein detaillierterer Blick auf die Daten. Wie bereits erwähnt, setzt sich die Positivrate aus den Neuinfektionen und den insgesamt durchgeführten Tests zusammen. Die untere Grafik schlüsselt diese Pandemie Parameter für vier vergleichbare Länder auf.
Die fettgezogene Linie zeigt dabei die positiven Fälle, die gepunktete höher liegende Linie gibt Auskunft über die Gesamtzahl an Tests pro Tag, jeweils als Inzidenz pro 100.000 Einwohner. Neuseeland ist, wie erwartet nach dem einleitenden Bild von Jacinda Ardern, allen hier gezeigten Staaten voraus. Die Linie mit den Neuinfektionen bleibt konstant flach – es gab in Neuseeland nach der ersten Welle quasi keine Corona Fälle mehr. Umso erstaunlicher ist es, dass die Testzahlen dennoch bereits im August in die Höhe schnellen. Höher noch als zu irgendeinem Zeitpunkt in Irland, wo es ebenfalls relativ wenig positive Tests gab und vor allem aber auch höher als jemals in der Schweiz. Zur Erinnerung: Die helvetischen Coronainzidenzen zählen mit zu den höchsten weltweit. Grund zu testen gäbe es hier also viel eher als in Neuseeland. Dort spiegelt die Positivrate viel besser das tatsächliche Infektionsgeschehen wider: Unter den Getesteten befanden sich, im Gegensatz zur Schweiz, viele Personen, die weder Symptome hatten noch in Kontakt mit Infizierten gekommen waren. Die Positivrate wurde somit deutlich aussagekräftiger als in der Schweiz.
Der Vergleich zu Belgien ist besonders interessant, denn die Positivrate schien dort relativ ähnlich zu sein. Es zeigt sich aber jetzt, dass es sich dabei nur um eine Momentaufnahme handelte. Belgien hatte kurzzeitig höhere Fallzahlen als die Schweiz, aber dennoch fast durchgängig auch höhere Testzahlen. Die Testkapazitäten wurden dann noch schneller ausgebaut, während sie in der Schweiz kurzzeitig sogar verringert wurden. Dementsprechend hatten die belgischen Gesundheitsämter einen besseren Überblick über die Lage, während die Schweiz weiter im Dunkeln tappte.
Der Vergleich veranschaulicht die Versäumnisse der Schweizer Coronapolitik: Obwohl die Fallzahlen sehr ähnlich zu Belgien sind, finden die Tests nur auf dem Niveau von Irland statt. Basierend auf dieser Analyse ist es nicht gewagt zu prophezeien, dass zuerst der irische Premier Micheal Martin und dann der belgische Premierminister Alexander de Croo Fotos aus dem Kabinett ohne Masken und Abstandsregelungen auf Instagram teilen werden. In der Schweiz wird es noch eine ganze Zeit länger dauern.
Datenquelle:
COVID-19 Data Repository by the Center for Systems Science and Engineering at Johns Hopkins University. Retrieved trough: https://raw.githubusercontent.com/owid/covid-19-data/master/public/data/owid-covid-data.csv
Reference to Johns Hopkins University Covid-19 Dashboard:
Dong E, Du H, Gardner L. An interactive web-based dashboard to track COVID-19 in real time. Lancet Inf Dis. 20(5):533-534. doi: 10.1016/S1473-3099(20)30120-1″
Validität:
Die Validität der Daten gilt als sicher. Sie stammen von der Johns Hopkins University und werden seit Beginn der Pandemie täglich geupdatet. Weltweit werden diese Daten von verschiedenen Institutionen, darunter führende Medien genutzt. Der Vergleich der Schweiz mit anderen Ländern erfolgt zunächst nach dem Most–Different Systems Schema in der ersten Grafik, dann nach dem Most–Similar–Systems Schema in der zweiten Grafik. Im Gegensatz zu klassischen Anwendungen der vergleichenden Politikwissenschaft wird hier jedoch versucht, im Ausschlussverfahren auf die Mängel des Schweizer Weges hinzuweisen. Die überschaubar erfolgreiche Corona Bekämpfung hat nach dieser Analyse nichts mit politischen Systemen, gesellschaftlichen Rahmenbedingungen oder rechtlichen Einschränkungen zu tun, da andere Länder mit vergleichbaren Strukturen deutlich erfolgreicher waren. Eine Limitation der Methodik ist, dass die Unteschiede zwischen den Ländern nicht quantifiziert werden. Zwar werden die unterschiedlichen Teststrategien mit Zahlen hinterlegt, die Analyse selbst ist jedoch eher qualitativ. Potential für weitergehende Analysen gibt es insbesondere im Bereich der Test-Policies, d.h. unter welchen Vorraussetzungen sich Menschen in der Schweiz testen lassen durften und welche Konsequenzen/Anreize eine solche Testung hatte. Ein weiterer unbeachteter Aspekt dieser Analyse sind die politischen Entscheidungen. Theoretisch könnten sich die politischen Entscheidungsträger natürlich auch bei besserer Informationslage aus politischen Gründen gegen strengere Infektionsschutzmaßnahmen aussprechen.
Der R–Code zu den Auswertungen ist auf Github verfügbar.
Formelles:
Titel: Warum die Schweiz Corona nicht unter Kontrolle bekommt
Autor: Florian Eblenkamp, Matr. Nr. 20-708-145
Email: <email-pii>
Datum d. Abgabe: 3. Januar 2021
Kurs: Vorbereitung zum Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus
Dozierende: Alexandra Kohler, Fabrizio Gilardi, Bruno Wüest
Anzahl Worte: 1086
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