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Ein Zug, der ausserhalb des Schachbretts gezogen wird, ist kein Zug. Ein Zug, der neben dem Geleise steht, ist kein Zug, sondern irgendetwas. Eine Figur, die ausserhalb des Bretts steht, ist ohne Wert und Bedeutung. Was nicht stimmt! Denn wenn die Figur, indem sie vom Gegner geschlagen wurde, für den eigenen Spieler einen erheblichen Situationsvorteil errang, dann war sie das Opfer wert, das sie durch ihren Fall erbrachte. Zudem kann ein Bauer, der den gegnerischen Brettrand unbehelligt erreicht, eine der gefallenen Figuren zurück aufs Brett holen – und sogar eine neue Dame ins Spiel bringen.
Den Winkelzug jedoch, eben einen solchen wie jenen, der die Figur zu Boden geworfen hatte, halten die Menschen hoch. Sie lieben es, dem anderen ein Bein zu stellen. Das bringt Abwechslung und befördert die Lacher auf die eigene Seite. Wer klar denkt und handelt, der ist ein Schachspieler. Welm ist keiner. Darum fiel die Figur. Welm spielt ausserhalb des Brettes. Auf dem Brett hätte er das nicht erreicht, was er im Leben erlangte und was nun Geschichte ist, auf der er aufbauen kann.
Das Brett lässt keine Umwege zu. Dazu ist es zu klein. Die Felder lassen sich abzählen, ohne dass dies eine Beschäftigung fürs ganze Leben wird. Aber unermesslich sind die Felder aufgrund der Dimensionen, welche die Figuren auf ihnen aufmachen, wenn das Spiel beginnt. Der Geist wird frei, der Rausch tritt ein, körperlos wird die Zeit.
Das Spiel wird gross und weit. Tausende von Möglichkeiten bieten sich an, die alle bedacht werden müssen. Möglich ist aber nur ein Zug. Der Richtige! Nur, welcher von all diesen Zügen ist der Richtige. Man steht in einem Bahnhof vor hundert Zügen und weiss nicht, welcher zum Ziel führt. Rabak Satxe tas wurde es in Gedanken ganz schwindlig.
Einen Zug noch. Dieser wird frischen Wind in das Spiel bringen. Die verworrene Situation wird gesprengt werden, befreit das Spiel. Doch Rabak Satxe wusste, dass er sich vom Brett lösen musste. Es hatte einen Anruf gegeben. Die Figuren waren etwas Handfestes. Die Züge sind Gedanken.
Der Fall der Figur hatte die Gedanken aus dem Rauschhaften in die verpflichtende Wirklichkeit zurück geholt. Rabak Satxe vermochte keinen Zug zu finden, der die weg gesprengte Figur auf das Brett zurück brachte. Sie war wider die Regel von diesem Brett entfernt worden. Figuren werden auf dem Brett von einem Feld auf ein anderes verschoben. Sie dürfen das Brett nur verlassen, wenn sie von einer anderen Figur geschlagen worden sind.
Er hätte den Zug nehmen sollen, um abzufahren. Doch das Schach liess dies nicht zu, denn es war ein streng abgegrenztes Feld mit Tausenden von Möglichkeiten. Nur jene, den Zug zu nehmen, um zu gehen, zu entfliehen, bot das Schach nicht. Rabak Satxe war in seinem Spiel und in seiner Beziehung zu Welm gefangen. Das war ein Zug Welms gewesen, die Schachfigur vom Schachbrett auf den Boden zu spedieren, als wäre sie nichts anderes als ein Stück Fracht. Welm war heimtückisch. Im Schach gab es auch Kalkül, aber dieses stand im Verbund mit Klarheit. Der Rausch verträgt keine Heimtücke, sonst wird er sich selber zur Falle und erstickt den Spieler. Heimtücke benötigt Klarheit, damit sie wirksam wird.
Was wie ein Widerspruch aussieht, ist keiner. Welms Welt und Rabak Satxes Welt waren je auf ihre Art Klarheit. Und das war der Grund, warum beide Männer zueinander gefunden hatten. Die Klarheit, die bei Rabak Satxe als Gegenpol den Spielrausch hatte, fand bei Welm ihren Gegenpol in der Häme.
Unter den Tischen bewegt sich vieles. Warnsignale werden während Gesprächen mit den Füssen ausgeteilt. Die Hände wandern zuweilen unter den Tisch. Was unter den Tischen geschieht, ist unsichtbar. Auch die Stellung der Beine. Sind die Knie aneinander gelegt? Die Waden gekreuzt? Wo stehen die Füsse? Unter dem Stuhl? Irgendwo auf dem Boden lag die Figur. Diese hätte Auskunft geben können von dem, was unter den Tischen geschieht.
Das Schicksal vermag dem Menschen zuweilen üble Streiche zu spielen, besonders dann, wenn er nicht darauf gefasst ist. Rabak Satxe musste nun unter den Tisch und den Wänden entlang kriechen, beim Schrank nachsehen. Welch nicht-erhabener Anblick! Die Nase auf dem Boden, den Körper hintennach als wäre er ein Käfer, der mit den Fühlern die Erde abtastet. Wie sah das aus! Was gab das für ein Bild von einem Schachspieler ab! Einem Schachspieler, der sein Gesäss unter dem Tisch heraus reckte, und das alles, weil diese Schachfigur sich verselbständigt und aus dem Regelwerk des Spiels gesprungen war. Wie eine lockere Schraube! Das alles konnte auf Rabak Satxe gemünzt werden, sah man ihm zu, wie er auf dem Boden herum kroch, nach der verschwundenen Figur suchend, wie ein Verrückter.