Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03546.jsonl.gz/265

Hans Gfeller sitzt am Stubentisch in seiner Alterswohnung in Herzogenbuchsee, breitet den Stammbaum seiner Familie aus, deutet auf seinen Grossvater und sagt: «Das ist der Peter Schmalz in Looslis Roman ‘Es starb ein Dorf’.»
Zwischen 1952 und 1984 hat Hans Gfeller (* 1922) mit seiner Frau Elisabeth das Knabenschulheim Aarwangen geleitet. Aber aufgewachsen ist er in Bümpliz. Er erinnert sich wohl an den Alten mit der Zipfelmütze, der jeweils in der grossen Pause auf den Schulhausplatz kam, um mit den Lehrern hin- und hergehend zu diskutieren. Dieser Alte war der Schriftsteller Carl Albert Loosli (1877-1959).
Diesen Loosli hat Gfeller zeitlebens gelesen, nicht nur dessen vehemente Kritik an den Erziehungsanstalten («Anstaltsleben», 1924). Als sechzehn Jahre nach Looslis Tod aus dessen Nachlass ein weiteres Buch veröffentlicht wird, liest Gfeller auch dieses. Es heisst «Es starb ein Dorf» und ist halb Roman, halb wirtschafts- und sozialgeschichtlicher Essay. Geschrieben 1945, ist es Loosli danach nicht gelungen, den Text zu Lebzeiten bei einem Verlag unterzubringen.
Beim Lesen erkennt Gfeller hinter verschiedenen geschilderten Figuren mit fiktiven Namen unschwer Männer, die er als Bub in Bümpliz noch selber gesehen oder doch von ihnen erzählen gehört hat: «Es starb ein Dorf» ist unter anderem auch ein Schlüsselroman. Jetzt liegen vor Gfeller neben dem Stammbaum lokalhistorische Bücher über Bümpliz und ein Stoss eigener Notizen. Das Entschlüsseln kann beginnen.
In Loosli Text erzählt ein pensionierter Hausarzt die Geschichte des Dorfes Wydenau ab 1898. Verwirrlicherweise liegt zwischen Wydenau und Bern das Provinzstädtchen Seeburg, das sich nach der Jahrhundertwende zur «gewerbe- und industriereichen Stadt» gewandelt habe. Aber schnell wird klar: Seeburg ist Bern, Wydenau ist Bümpliz. Erzählt wird, wie das Bauerndorf nach dem Bau einer neuen Bahnlinie – gemeint ist jene von Bern nach Neuenburg – industrialisiert wird; wie die Bauern ihren Boden als Bauland für Wohnhäuser verkaufen; wie in diese auch viele jener Arbeiter mit ihren Familien einziehen, die in der Stadt arbeiten und deshalb nach dem damaligen Steuerrecht auch dort steuerpflichtig sind; wie Wydenau deshalb rasant steigende Ausgaben, aber kaum steigende Einnahmen hat und schliesslich unter der Kostenlast für neue Schulhäuser und Strassen, für Gas, Wasser und Kanalisation zusammenbricht. 1919 wird Wydenau in Seeburg eingemeindet.
Regiert wird Wydenau vom Notar und Gemeindeschreiber Peter Schmalz. Mit seinem langjährigen Wissen dominiert er die Gemeinderäte, die kommen und gehen. Gegen das politische Aufkommen der Arbeiterschaft wehrt er sich mit den Alteingesessenen aus Angst, die «sozusagen unbestrittene Gewalt über die öffentlichen Angelegenheiten» zu verlieren, wie Loosli schreibt. Für Hans Gfeller ist klar, dass hinter Schmalz sein Grossvater Niklaus Gfeller (1858-1927) steht: «Er ist als Notar und Gemeindeschreiber tatsächlich ein machtbewusster Mann gewesen.»
Dann die beiden Gemeindepräsidenten: Bei Loosli sind es der auf Ausgleich bedachte Albrecht Steffen und nach dessen Tod Alfred Zysset, eine integere, aber farblose Figur. Hinter Steffen steht der Niederbottiger Christian Burren, der Anfang August 1905 im Amt gestorben ist, hinter Zysset Friedrich Messerli (1868-1947). Dieser amtete als letzter Gemeindepräsident bis zur Eingemeindung von Bümpliz in die Stadt Bern am 6. Januar 1919.
Zentral für den ganzen Modernisierungsprozess in Wydenau ist aber in Looslis Darstellung der Ingenieur Hermann Stalder, Gutsbesitzer des «Grossfeldes». In Wirklichkeit war dieser Mann Geometer, hiess Karl Feller-Sahli (1842-1905), war Besitzer des Tscharnerguts und des dazugehörenden Wohnhauses, des «Fellerstocks». Nach Loosli ist Stalder ein weitsichtiger und grossherziger Mann, der – in den Gemeinderat gewählt – sofort Reformen einleitet. Die Bauernschaft lässt ihn aber auflaufen, er zieht sich zurück und verfolgt von nun an seine eigenen Interessen. Weil er die neue Eisenbahnlinie über seinen weitläufigen Grund und Boden führen lässt, gelingt es ihm, die Industrialisierung Wydenaus am Gemeinderat vorbei voranzutreiben. Auch Stalders Bruder Ernst, der konservative Stampfenweid-Bauer, ist historisch verbürgt: Er hiess Gottfried Feller-Sahli (1846-1916) und war Besitzer des Bethlehemgutes. Dessen Sohn heisst bei Loosli Emil Stalder, arbeitet als Kaufmann in England und wird von seinem Onkel Hermann zum Haupterben gemacht. Hinter Emil Stalder steht Adolf Feller-Richi (1879-1931), der als Kaufmann tatsächlich zeitweise in England tätig war und später in Horgen die Elektrohandelsfirma Adolf Feller AG gründete.
Hinter dem Tessiner Luigi Quadri schliesslich, der sich bei Loosli in die Bauunternehmung Kunz & Cie einheiratet und nach dem kurz hintereinander erfolgten Tod von Sohn und Vater Kunz die Firma übernimmt, steht Giulio Benjamin Clivio (1872-1928), übrigens kein Tessiner, sondern Italiener aus Cocquio bei Varese. Laut dem Lokalhistoriker Paul Löliger hat Clivio als «initiativer Bauunternehmer» das Bümplizer Nordquartier massgeblich geprägt.
Stärker zu fiktivem Personal greift Loosli bei der Schildung anderer Firmen von Wydenau. Ganz weg lässt er zum Beispiel die Gfeller AG, die für die Elektrifizierung von Bümpliz massgeblich war. Deren Firmengründer Christian Gfeller (1869-1943) war der Bruder des Gemeindeschreibers Niklaus Gfeller alias Peter Schmalz und demnach der Grossonkel meines Gesprächspartners in Herzogenbuchsee.
Stattdessen siedelt Loosli in Wydenau zum Beispiel die fiktive chemische Fabrik Rothenberger & Söhne an. Erfunden ist also auch der Junior des Firmenchefs, Hektor Rothenberger, der bei Loosli die Rolle eines Schlitzohrs für die gute Sache spielt: Mit endlosen Wortmeldungen verzögert er die nachmittägliche Gemeindeversammlung so lange, bis die Fortschrittlichen mit den Stimmen der Arbeiter, die gegen Abend aus den Fabriken kommen, die entscheidende Abstimmung gewinnen. An der legendären Gemeindeversammlung vom 26. Dezember 1908 ist Loosli selbst dieses Schlitzohr gewesen.
C. A. Looslis «Es starb ein Dorf» erschien erstmals 1975 (Büchergilde Gutenberg, Frankfurt), danach 1978 ein zweites Mal im Huber-Verlag (Frauenfeld). Beide Ausgaben sind nur noch antiquarisch greifbar. Die Gattungsbezeichnung «Roman» wurde erst von der posthumen Herausgeberschaft gesetzt. In einem Brief an Fritz Schwarz hatte Loosli selbst den Text am 11. Februar 1956 als «Novelle» bezeichnet.
Die am Schluss erwähnte «legendäre Gemeindeversammlung vom 26. Dezember 1908» ist detailliert beschrieben in: Erwin Marti: Carl Albert Loosli 1877-1959. Biografie Band 1, Zürich (Chronos) 1996, 294 ff. – Die Versammlung begann am Samstagnachmittag 14 Uhr, die Fabrikarbeiter waren noch an der Arbeit, die Bauern anwesend, die konservative Dorfkönige hatten die Mehrheit. Weil sich die Versammlung bis 20 Uhr hinzog, die Arbeiter unterdessen anwesend und die Bauern im Stall am Melken waren, änderten sich gegen Schluss die Mehrheitsverhältnisse: So erhielt unter «Unvorhergesehenes» der Antrag, Gemeindeversammlungen seien ab sofort am arbeitsfreien Sonntagnachmittag durchzuführen, eine Mehrheit. Das Protokoll dieser Versammlung führte übrigens der Gemeindeschreiber Niklaus Gfeller.
Dieser Beitrag erschien in: Daniel Gaberell [Hrsg.]: Bern West. 50 Jahre Hochhausleben, Bern (herausgeber.ch) 2007, S. 44-45. – Nachgedruckt in: Ich schweige nicht! Bulletin der C. A. Loosli-Gesellschaft, Nr. 11/2019, S. 6-7.