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Zwischen den Theorien der Geschlechterdifferenz und der Analyse des Finanzsektors ist das Feld der feministischen Ökonomie noch kaum abgesteckt.
Meine Artikelserie zur feministischen Ökonomie konzentrierte sich vor allem auf die Bereiche Arbeit und Einkommen. Andere, für die feministische Debatte ebenso zentrale Themen sind in der Serie kaum vorgekommen: Macht, Körper, Sexualität, Gewalt. Zum Abschluss der Serie möchte ich in Umrissen skizzieren, welche Fragen sich einer feministischen Ökonomie stellen, wenn sie dieses «weite Feld» einbezieht. Die Voraussetzungen, dies zu tun, sind insofern gegeben, als diese Themen in der feministischen Debatte seit langem untersucht und diskutiert werden. Sie tauchen in der Philosophie und Psychologie auf, in Kulturtheorien, Diskursanalysen, aber auch in den Diskussionen über Prostitution und Frauenhandel.
Mein Erkenntnisinteresse in der feministischen Ökonomie ist von der theoretischen Kontroverse über Geschlechterdifferenz geprägt. Diese geht von der Prämisse aus: Frau ist nicht als Frau geboren, Mann nicht als Mann, sie werden dazu gemacht. Daraus ergibt sich die Frage: Wie wird eine Frau zur Frau und ein Mann zum Mann? Die Antwort auf diese Frage wird in der Hauptsache in zwei Richtungen gesucht. Der eine Ansatz zur Erklärung der Geschlechterdifferenz knüpft an Ausbeutungs- und Sozialisierungstheorien an, der andere an psychoanalytische Theorien.
Grenzen der marxistischen Analyse
Im Zentrum des ersten Erklärungsversuchs – von meiner Ausbildung und politischen Geschichte her war er mein Ausgangspunkt – steht die These, dass das Sein wesentlich das Bewusstsein bestimmt. Dies bedeutet, dass das, was in ökonomischen Begriffen objektiviert wird – die Art der «Nutzenerwartungen», die Wahrnehmung ökonomischer Interessenlagen, der Grad von individualistischem und gemeinschaftlichem Verhalten, konkrete wirtschaftspolitische Forderungen -, darauf zurückgeführt wird, wie wir arbeiten und leben. Bei diesem Ansatz stehen Fragen zur Arbeitsteilung, Ausbeutung, finanziellen Existenzsicherung, Zeitökonomie im Vordergrund, aber auch analytisch schwerer Fassbares wie Lebensumstände und -perspektiven. Wie die wirtschaftlichen Daten zeigen und wie ich darzustellen versucht habe, sind die sozioökonomischen Unterschiede zwischen Frauen und Männern noch immer enorm gross.
Ein entscheidender Ausgangspunkt für diesen Erklärungsansatz ist für mich die marxistische Analyse, sie ist aber ungenügend. Marx hat zwar von der Ware Arbeitskraft gesprochen und von der unerhörten körperlichen Disziplinierung der Menschen durch die Industrialisierung. Wir können nicht arbeiten, ohne unsere Körper einzusetzen, aber schon bei persönlichen Dienstleistungen ist der körperliche Einsatz nur unzulänglich mit jenem bei der Produktion von Dingen vergleichbar. Der scheinbar geschlechtsneutrale Arbeitsbegriff wird problematisch. Erst recht problematisch wird es, wenn wir eine Begrifflichkeit suchen, um Prostitution zu analysieren. Ist es richtig, von Sexarbeit wie von anderer Arbeit zu sprechen, solange ein Arbeitsvertrag besteht und die Prostituierte – im Unterschied zur Frau, die durch Frauenhandel versklavt wird – nach getaner Arbeit Feierabend hat? Wie steht es mit den Frauenkörpern in der Werbung? Weshalb ist Frauenhandel heute ein so grosser Wirtschaftszweig? Es gibt nicht nur die Ware Arbeitskraft von Frauen und Männern; es gibt auch die Waren Sexualität und Körper von Frauen und zunehmend auch von Kindern und Männern. Wie und in welchen ökonomischen Kategorien denken und analysieren wir diese?
Herrschaft ist immer leibhaftig
Geschlechterdifferenztheorien, die an psychoanalytische Theorien anknüpfen, fragen danach, wie der Körper von Fantasien markiert wird, «die ihm ein Bild vom Männlichen und Weiblichen geben und ihm das Erleben von Lust und Unlust ermöglichen», wie die Philosophin Monique David-Ménard schreibt. Auf die Ökonomie bezogen geht es bei diesem Ansatz um Kategorien wie Macht, Geld oder Erfolg. Diese Erklärung der Geschlechterdifferenz geht davon aus, dass wir nicht einfach einen Körper und natürliche Bedürfnisse haben, sondern dass wir in eine symbolische Ordnung, eine Art sinnliche Infrastruktur hineingeboren werden. Diese gibt uns vor, unter welchen Bedingungen und wie wir elementare Bedürfnisse befriedigen, welche Fähigkeiten wir entwickeln können, wie wir über uns denken und zu welchen Anlässen wir uns wie zu fühlen lernen. Herrschaft ist immer leibhaftig und immer eingeschrieben in Sprache. Worum es geht, sei mit dem bekannten Beispiel des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan illustriert.
Wenn wir im öffentlichen Raum mal «müssen», dann betreten wir ein WC, an dessen Türe meist eine Figur mit einem Rock oder eine mit Hosen angebracht ist. Von klein auf lernen Mädchen, dass sie bei der Türe hineingehen müssen, an der die Figur mit dem Rock angebracht ist. Dies gilt auch dann, wenn Mädchen Hosen anhaben. Auch Jungen lernen, die richtige Türe zu wählen. Von Kind auf erfahren wir, dass wir unsere elementaren Bedürfnisse in öffentlichen WCs nur befriedigen können, wenn wir uns dieser «urinalen Segregation», wie es Lacan genannt hat, unterwerfen. Ob ich weibliche oder männliche Genitalien habe, wird für mich bedeutsam, weil ein intensives körperliches Bedürfnis mit der Unterscheidung zwischen weiblichem und männlichem Geschlecht durch die Anordnung der WCs verknüpft wird.
Ende der siebziger Jahre ging ich im zoologischen Garten von Johannesburg (Südafrika) auf das WC. Nachdem ich den Weg in Richtung Frauen-WCs gewählt hatte, stand ich vor zwei Wegweisern. Der eine war angeschrieben mit «White ladies only» (nur für weisse Damen) und wies auf ein weisses Gebäude. In Richtung eines Bambusbuschs – ein Gebäude war nicht sichtbar – zeigte der zweite Wegweiser mit der Aufschrift «Non-white females only» (nur für nichtweisse Frauen). Zwei verschiedene Körpermerkmale, die Genitalien und die Hautfarbe, sind also zu einem räumlich ordnenden Prinzip gemacht worden. Rassismus, Sexismus, Klassenhierarchien oder andere soziale Segregations- und Diskriminierungsmuster funktionieren auf die Dauer nur, wenn sie in unsere Körper eingeschrieben werden respektive uns körperlich überzeugen.
Der entscheidende Punkt bei «Grundbedürfnissen» ist, dass es einen Imperativ ihrer Befriedigung gibt und damit einen Imperativ ökonomischer Verhältnisse, die die Befriedigung von Grundbedürfnissen ermöglichen. Ich kann meine Bedürfnisse nur befriedigen, indem ich die vorgegebenen Möglichkeiten dazu nutze. Eine ökonomische Frage lautet beispielsweise: Wer hat die ökonomische Macht über diese Möglichkeiten? Die Befriedigung der Grundbedürfnisse ist in unserer Gesellschaft extrem geschlechterhierarchisch organisiert. Grundbedürfnisse sind deshalb ein zentraler Begriff in der feministischen Ökonomie. Bereits Marx hat in seiner Analyse des Interessenswiderspruchs von Kapital und Arbeit an der physischen (und psychischen) Erpressbarkeit von Menschen angeknüpft. Aber Marx hat dies nicht im Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Praktiken und Auswirkungen analysiert, mit dem, was wir heute «Doing Gender» nennen.
Männerfantasien und Börsenkurse
Bedeutungen, die männlichen oder weiblichen Körpern eingeschrieben werden, werden nicht nur im Zusammenhang mit der Befriedigung von elementaren materiellen und zwischenmenschlichen Bedürfnissen wirkungsmächtig. Heutzutage gibt es eine riesige Industrie der Bedeutungsproduktion, in den Medien, in der Werbung oder generell im öffentlichen Raum. Dazu braucht es Geld, sehr viel Geld sogar. So wie ohne riesige finanzielle Mittel und damit ohne den Finanzsektor die Entwicklung von Gentechnologie und die Finanzierung von Kriegen unmöglich wären, so ist die heutige Bedeutungs- und Wahrheitsindustrie nicht denkbar ohne den Finanzsektor.
Als Ökonomin, die sich vor allem mit dem Finanzsektor befasst, interessiert mich die Frage, wie Profitinteressen, das Streben nach Geld, der ökonomische Rationalitätsdiskurs, die enorme Risikofreudigkeit auf Finanzmärkten in unserer Kultur mit Männerdominanz, mit sexueller Identifikation und dem Begehren von Männern verknüpft sind. Ob Männer den Finanzsektor kritisieren oder als Börsenmakler daran verdienen, der Finanzsektor hat etwas mit moderner hegemonialer Männlichkeit zu tun.
Der Börsenhandel ist ein Handel mit der Zukunft, der trotz allen ausgeklügelten wirtschaftlichen Indikatoren und Computermodellen von Börsenumsätzen vorerst nur im Imaginären existiert. Es geht um das viele Geld, das die Zukunftsfantasien der Finanzmarktelite – fast ausschliesslich Männer – und damit die Börsenkurse beflügelt. Nur, welche Fantasien haben und von welchen menschlichen Errungenschaften träumen sie, und woher kommen diese Träume? Das, was in Wirtschaftsdebatten – auch in der linken – unaufhörlich als «ökonomisches Interesse», als «rationales Verhalten», als «Profitorientierung» und als «Risiko» theoretisch vorausgesetzt wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als etwas emotional mit Schöpfer-, Krieger-, Eroberer- und Abenteurerfantasien Aufgeladenes.
Handel mit der Zukunft
An der Börse wird mit vorhandenem, aber auch mit erst noch zu produzierendem Reichtum und noch zu entwickelnder Technik gehandelt, mit Zukunftsfantasien also und mit dem Vertrauen in eine bestimmte Zukunft. Die Börse war schon immer ein virtueller Raum, in dem wirtschaftliche, technische und politische Perspektiven inszeniert und getauscht wurden, lange bevor es den virtuellen Raum des Internets gab. Aber selbst als die Börsen und das Finanzsystem ein kleineres ökonomisches Gewicht hatten als heute, gab es das Geld, eine in allen Kulturen mit reicher Symbolik überfrachtete Ware. Die Kulturgeschichte des ersten kapitalistischen Weltgeldes, des Goldes, zeigt das deutlich.
Gold war, als es zum Weltgeld des Kapitalismus wurde, Symbol für das Göttliche, das Königliche, und es wurde in der Medizin zur Zeit des aufkommenden Kapitalismus als Verjüngungs- und Potenzmittel gebraucht. Aus Gold wurde auch Schmuck für die Damen der damaligen Eliten gemacht. Der Schmuck am Körper seiner Frau, der Kurtisane oder Edelprostituierten bestätigt den finanziell erfolgreichen Unternehmermann in seiner männlichen Potenz und Attraktivität, so lautete die Geschlechterdifferenzformel des aufkommenden Bürgertums. Wie lautet sie heute?
Goldfantasien waren zudem schon bei den Alchimisten mit dem Machbarkeitswahn verbunden. Es war der Traum von der Schaffung des Goldes aus dem Nichts. Wenn auch Geld heute nicht mehr durch Gold repräsentiert wird, so ist Geld immer mit einem Versprechen darüber verbunden, wie es sein könnte, ein Medium für eine Utopie, die denjenigen die Verwirklichung unerfüllter Sehnsüchte und Wünsche verspricht, die reich genug sind. Im Kapitalismus beinhaltet Geld das Versprechen, konsequenzen- und grenzenlos plündern, Reichtum und Macht vermehren zu können. Es verspricht den Zugang zum Paradies als dem Jenseits menschlicher Begrenzungen. Es verspricht – nicht zuletzt – den Zugang zu Frauen.
Ich glaube nicht, dass eine wirksame linke Politik gegenüber dem Finanzsektor ohne Miteinbezug solcher Überlegungen wird Erfolg haben können. Was dabei aus feministischer Sicht wichtig wäre, dazu fehlen leider bis heute nicht nur die politischen Debatten, sondern auch genauere Analysen.
Mascha Madörin plante, diese Themen in späteren Folgen zu bearbeiten. Ihr erneutes Engagement in der Aktion Finanzplatz Schweiz hat dies unmöglich gemacht.