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Sieger über sich selbst
“Vom Sumo, der nicht dick werden konnte” von Eric-Emmanuel Schmitt
Mit der Erzählung „Vom Sumo, der nicht dick werden konnte“ legt der französische Schriftsteller Eric-Emmanuel Schmitt einmal mehr eine kurze Geschichte mit grossem Inhalt vor. Die Wandlung eines Strassenjungen zum Sumoringer regt zum Nachdenken an und gewährt einen Einblick in eine nur scheinbar fremdartige Welt.
Von Lisa Letnansky.
Mit „Milarepa“ legte Schmitt 1997 den Grundstein für seinen „Zyklus des Unsichtbaren“. Weltberühmt wurde er dann 2001 mit dem Buch „Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran“, das 2003 auch verfilmt wurde. Es folgten „Oskar und die Dame in Rosa“ und „Das Kind von Noah“. Jetzt ist mit „Vom Sumo, der nicht dick werden konnte“ der fünfte Band des Zyklus’ erschienen. Jede dieser Geschichten erzählt bestimmte Aspekte einer der grossen Weltreligionen; dieses Mal ist nun der Zen-Buddhismus an der Reihe, auch wenn dieser bei genauerem Hinsehen eine eher untergeordnete Rolle spielt.
Herr über Körper und Geist
Das grosse Thema dieser Erzählung ist also weniger der Zen-Buddhismus als vielmehr, wie man Herr über seinen Körper und seinen Geist werden kann, dass man einmal gefällte Meinungen überdenken und sein Selbst so neu definieren kann. Genau diese Wandlung durchlebt der fünfzehnjährige Strassenjunge Jun, der sein Leben in Tokio damit verbringt, wertlose Gegenstände an belebten Strassenkreuzungen zu verkaufen. Er ist sich sicher, an einer Art „universeller Allergie“ zu leiden, denn unter Menschen fühlt er sich unwohl und ein schlimmer Juckreiz macht ihm zu schaffen. Diese „Krankheit“ bestimmt sein ganzes Leben; die Schule hat er hingeschmissen, Freunde hat er keine und am liebsten meidet er jeglichen Kontakt zu anderen Lebewesen.
Der Gipfel der Geschmacksverirrung
Juns Entwicklung beginnt mit einer scheinbar alltäglichen Begegnung, als eines Tages ein älterer Herr an ihm vorbei geht und meint: „Ich sehe schon, wie groß und stark du mal wirst.“ Der schmächtige und magere Jun glaubt zuerst, das Opfer eines übel gemeinten Scherzes zu sein, und auch nachdem der Alte ihm eine Eintrittskarte zu einem Sumoringkampf schenkt, fühlt er sich veräppelt. Mit diesem traditionsreichen Kampfsport kann Jun gar nichts anfangen, Sumo ist für ihn „der Inbegriff dessen, was ich an Japan haßte, der Gipfel der Geschmacksverirrung, der Fudschijama des Horrors“. Nachdem einige Zufälle dazu geführt haben, dass Jun auch noch sein letztes Hab und Gut verloren hat, entschliesst er sich aber doch noch dazu, diesem Wettkampf beizuwohnen.
Berufswunsch Sumoringer
Sein Ekel und Unverständnis für die Kämpfer wandelt sich allmählich in Ehrfurcht und Begeisterung. “Von Kampf zu Kampf verwandelten sie das Sinnlose zu Sinnvollem, ihre Masse wurde Waffe, ihre Körperfülle Kraft, ihr Speck Hammer und Schild“. Es folgt das Unausweichliche: Jun beschliesst, in die Schule des Alten einzutreten und Sumoringer zu werden. Nun stellt sich ihm nur noch ein Problem: Trotz immenser Nahrungsaufnahme und dem Ziehen aller Register nimmt er kein einziges Gramm zu. Dennoch wird alles, was er von diesem Zeitpunkt an erlebt und erfährt, sein Wesen von Grund auf ändern und ihn seinen Glauben an die Menschheit wiederfinden lassen.
„Vom Sumo, der nicht dick werden konnte“ ist ein kurzer Band für einen ruhigen und entspannten Abend, die Seiten fliegen unter den Augen des Lesers nur so dahin, und wenn man ihn zuklappt, hat wenigstens der Optimist in uns ein paar Gramm zugenommen.
Ammann
107 Seiten, ca. CHF 27.50