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Der Nürnberger Apothekersohn August Engelhardt reist zu Beginn des 20. Jahrhunderts in die Südseekolonie Deutsch-Neuguinea, um dort eine Kokosplantage zu betreiben. Die Kokosnuss, so glaubt Engelhardt, sei eine göttliche Frucht, von ihr ausschliesslich könne und solle sich der Mensch ernähren, um wahre Erfüllung zu finden. Aus dieser Überzeugung leitet er eine neue Form des Lebens ab, den «Kokovorismus». Schon bald stossen seine reformerischen Ideen auch im fortschrittsmüden Deutschland auf offene Ohren – und Engelhardt bekommt Besuch…
In dieser Zeit, in der nichts geschehen will, so dass man abwartet, was am Horizont dräut, tauchen unvermittelt zwei deutsche Kunstmaler in Rabaul auf; die Herren Emil Nolde und Max Pechstein. Beide haben herkömmlichen Sicht- und Malweisen abgeschworen und empfinden sich als Erneuerer eines im vorigen Jahrhundert stehen-gebliebenen, hoffnungslos antiquierten Kunstbegriffs, ja, vor allem die Franzosen und ihre verkopften, windelweichen Klecksereien gilt es zu überwinden. Pechstein trägt jeden Tag kurze Hosen.
Sie werden herumgereicht, es dreht sich das Karussell der Empfänge und Abenddarbietungen, tagsüber zieht sich Nolde meist ein paar hundert Meter in den nahen Urwald zurück, um einige, mit heftigem Strich geführte Skizzen anzufertigen. Pechstein fährt, als er sich zu langweilen beginnt, sich empfehlend mit dem Dampfer Richtung Palau, während Nolde, als ihm seine Zigarren ausgehen, nach Kabakon übersetzt, da er gehört hat, dort drüben wohne ein Deutscher im Zustand der Umnachtung, dieser sei aber harmlos und führe das einfache Leben eines nackten Eingeborenen.
Man versteht sich, so gut es eben geht, und spricht über die zukünftigen Möglichkeiten der Kunst – Engelhardt klagt seine alte Litanei, dass es wohl sein Schicksal sei, unverstanden zu sterben, vergessen, spurlos. Nolde nickt verständnisvoll, sagt, daran seien doch wohl die Juden schuld, und bittet, einer plötzlichen, heftigen Eingebung folgend, ihn in Öl malen zu dürfen, am Strand unter einer orangeroten Abendwolke sitzend, eine Schneckenmuschel, halb zum Horn erhoben, in der daumenlosen Hand; nun ist Engelhardt wirklich Kunstwerk geworden.
Das Gemälde geht zwar in den Wirren des Ersten Weltkriegs verloren, aber wiederum fünfzehn Jahre später wird sich Nolde, der sich selbst inzwischen gedanklich zum ersten Volksmaler der neuen Machthaber stilisiert hat, an das Bild erinnern und eine Skizze aus der Erinnerung anfertigen, und beginnen, anhand dieser Zeichnung das Ölportrait von Engelhardt erneut zu malen; ohne Hast, mit ausführlicher Farbendeckung entsteht diese Tafel, es ist wohl, so sagt er sich, sein bestes Werk.
Als es fertig ist, lädt er Gauleiter Hinrich Lohse zum Tee mit Kluntjes nach Seebüll, man versichert sich gegenseitiger Hochachtung, der Künstler führt den Politiker in sein Atelier, und während Ada Nolde ein Tablett mit Aquavit und Pils hereinbringt, inspiziert Lohse, stümperhafte, langgezogene Oohs und Aahs von sich gebend, die Arbeit, setzt sich hin, steht wieder auf, schluckt ein Glas Schnaps, geht um die Staffelei herum, sich dabei eine mentale Notiz machend, den Maler sobald als möglich bei der Reichskulturkammer anzuzeigen. Nolde bringt den leicht Angeheiterten zur Tür, man schüttelt einander lange und innig die Hände. Man versagt Lohse, der später Reichskommissar Ostland werden und in Riga, Wilna, Minsk und Reval viehisch herrschen wird, nach dem Kriege zu seiner Bestrafung lediglich die Pensionsbezüge.
Gegen die verfemten Pechstein, Tappert, Schmidt-Rottluff, Kirchner, Barlach, Weber, die freilich über grösseres Talent verfügen als Nolde, hat er jahrelang erfolgreich intrigiert, es nützt nichts, man belegt ihn ebenfalls mit Pinselverbot, räumt die Museen aus, zerstört ein paar Bilder, bis es jemand in der Reichsstelle für Aussenhandel dämmert, wie viele Schweizer Franken man für die Klecksereien (im Grunde, so sagt man, ausgedehnt aneinandergereihte Farbflächen, in denen manchmal ein Mund oder ein Hund zu erkennen ist, manchmal eine Wolke, Blumen, selten eine Menschengruppe – ein Kind hätte so malen können) erzielen kann, und so werden diejenigen Gemälde, die man nicht vernichtet hat, ins Ausland verkauft. Das zweite Portrait August Engelhardts geht an einen privaten Sammler in Mexiko-Stadt, in dessen Haus es bis heute hängt, über einer Anrichte, auf der in einer Vase jeden Tag frisch geschnittene Rosen verblühen.
Nolde, der er, seit er denken kann, gegen die Juden propagiert und der davon überzeugt ist, seine Malerei sei die Speerspitze einer neuen teutonischen Ästhetik, kann es sich nicht erklären, dass seine Bilder derartig nicht in die neue Zeit passen. Er verfällt in eine tiefe Depression, malt heimlich, wartet ab, wie so viele Opportunisten seiner Zeit, bis zum Finis Germaniae.
Christian Kracht ist Schriftsteller und lebt in Kenia. Zuletzt von ihm erschienen: «Imperium» (Kiepenheuer & Witsch, 2012). Der vorliegende Textabschnitt wurde von Christian Kracht aus der deutschen Ausgabe des Buches gestrichen. Er erscheint hier erstmals. Erschienen ist «Imperium» auch als Hörbuch bei Roof Music, gelesen von Dominik Graf. Die «deutsche Südseeballade» wird ausserdem bald verfilmt. Wir danken Christian Kracht für die freundliche Abdruckgenehmigung.