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Mediolaterale Balance
Am Anfang meiner Hufschmiedeausbildung hatte ich das grosse Glück, dass mich ein alter Hufschmied unter seine Fittiche nahm, gerade noch rechtzeitig, bevor die Zeit seinen verbrauchten Körper einholte, und ihn aus dem Geschäft schmiss. Er hatte Jahrzehnte zuvor bei einem anderen alten Hufschmied gelernt, und ich zweifle ernsthaft daran, dass einer von ihnen jemals einen Abschnitt aus einem Hufschmiede-Lehrbuch gelesen hat, und erst recht keinen veterinärmedizinischen Text. Die Methoden meines Mentors waren sehr einfach: lass die Pferde während der turnierfreien Saison barhuf und trimme sie regelmässig, damit die Sohle nach oben kommt; halte die Trachten niedrig und die Eisen zurückgesetzt unter dem Pferd. Setze die Zehen egal wie nach hinten, sofern das nötig ist, damit das Pferd nicht darüber stolpert, lass den Strahl in Ruhe, und vor allem, lass die gesunde Sohle in Ruhe und lass sie dir sagen, wo der Fuss stehen will. Ich bin doch tatsächlich ziemlich sicher, dass ich nie wirklich ein Hufmesser gebraucht habe, bis ich mein eigenes Geschäft hatte – jedenfalls weiss ich, dass ich unter seiner Aufsicht nie ein Messer schleifen musste. Wir schabten nur alle losen Schuppen von der abblätternden Sohle, und glätteten die Wände über der verbleibenden Sohle, als Vorbereitung für das Eisen.
Seine Kenntnisse über Ernährung waren offensichtlich auf einen starken Widerwillen gegen fette Pferde beschränkt – er liebte Muskeln und Rippen, «Nimm bei dem Pferd lieber das Futter zurück, sonst wird er dich nirgendwohin tragen können». Das ist so ziemlich alles, woran ich mich erinnere, was Pferde und deren Hufe anging; der Rest drehte sich alles um Metallbearbeitung.
Als ich mich später tiefer mit Korrekturbeschlägen befasste und hart an meiner Weiterbildung arbeitete, wurde ich besessen von der Welt der Hufwinkel, Messgrössen, T-Winkel, Formeln, Punkte, Brücken, COAs (Center of Articulation, das Drehzentrum des Hufgelenks, Anm.d.Ü.), HPAs (Hoof Pastern Axis, Huf-Fessel-Achse), Verhältnisse, und Kartierungen. Mein alter Chef erschien mir als «Cowboy Aufnagler» - inkompetent halt. Mir entging die Tatsache, dass in den schicken Ställen, wo die teureren gebildeten Hufschmiede mit ihren hochpreisigen Ausrüstungen (und 100 Gründen, die Sohle vom Pferd zu säbeln) beschäftigt waren, dass da die Leute Pferde und Hufe hatten, die durch Probleme völlig zugrunde gerichtet waren. Ich vergass bequemerweise auch für eine Weile, dass sehr wenige der Pferde, die mein alter Lehrer betreute, überhaupt jemals ein Problem hatten. Wenn, dann war das normalerweise wegen einer Verletzung, aber nicht wegen schmerzenden Hufen. Was war zuerst, die Henne oder das Ei? Meine damalige Antwort wäre falsch gewesen.
Seither musste ich viele Dinge, die ich dem Pferd anzutun lernte, und die mir einst gegenüber meinem alten Mentor ein Gefühl der Überlegenheit verliehen, systematisch wieder verlernen. Gleichzeitig entwickelte ich einen tiefempfundenen Respekt für die reine, rohe Effektivität seiner einfachen, «ungebildeten» Methoden, die über Generationen weitergegeben wurden.
Er balancierte das Trimmen und die Hufeisen, indem er sich an der natürlichen Sohlenfläche des Pferdes orientierte. Nie sah ich, dass er in die Sohle schnitt, um irgendeine mediolaterale Balance zu erzielen. Nach einem kurzen Abstecher in andere Methoden realisierte ich, dass weit öfter als nicht, seine Methode am besten funktionierte. Aber es kam auch vor, dass die Sohlenfläche täuschte; die Wahrheit ist, wie immer, nicht ganz so simpel – es kommt halt darauf an.
Erst einmal, was ist meine Vorstellung einer korrekten mediolateralen Balance? Ich glaube, dass bei über 99% der Hufe das Beste, was man tun kann ist, dass man auf beiden Seiten des Hufbeins und der Hufknorpel gleich viel Sohlendicke stehen lässt. Dann lässt man die Trachten, die hintere Hufwand und die Eckstreben beidseits gleich hoch über dieser Sohle überstehen. Sogar bei den meisten Pferden mit Winkelverschiebungen kann sich die Gliedmasse ein Stück weit wieder geraderichten, wenn der zum Boden hin ausbalancierte Fuss belastet wird. Dies ist die beste Chance, dass sich die Gelenke wieder zur Geraden hin adaptieren.
Aber… ich sah Pferde mit missgebildeten oder verformten Hufbeinen, die auf einer Seite dicker waren, und deren Gelenkspalten sich nur normal öffneten, wenn das Hufbein schief zum Boden gestellt wurde. Ich sah Gelenke, die so blockiert waren, dass der Huf nur einseitig auf dem Boden stand. Und ich sah Arthritis-Fälle, die mit einem balancierten Fuss Schmerzen zeigten, und die sich besser bewegten, wenn das Innere des Hufes ausser Balance auf dem Boden stand. Ich glaube, dass die meisten dieser Fälle entstanden, weil man den Huf langfristig durch die Haarlinie oder über den T-Winkel auszubalancieren versuchte. Ungeachtet der Ursache, wenn so ein Schaden erst einmal eingetreten ist, ist es oft das Beste, dass man alles tut, was dem Pferd gut tut. Dies kann heissen, dass man den Huf absichtlich unbalanciert hinstellt, damit die Schmerzen gelindert werden, und damit bestehende Imbalancen in der Gliedmasse unterstützt werden. Man muss sich jedoch dessen bewusst sein, dass man sich hier im Rettungsmodus befindet, und nicht im Reha-Modus. Diese Fälle werden am besten mit Hilfe von Röntgenbildern erkannt und behandelt.
Abgesehen von diesen Ausnahmen ist es in den weitaus meisten Fällen das Beste, die inneren Hufstrukturen gegenüber dem Boden auszubalancieren. Um dies im Feld draussen erreichen, kombiniere ich vier sehr fehleranfällige Indikatoren:
1) Röntgenbilder
Wenn man ein gutes 0°-DP (bodenparallel dorso-palmar, also von vorne geschossenes) Röntgenbild anschaut, so ist es einfach zu messen und zu vergleichen, wie viel Sohle auf beiden Seiten ist. So kann man feststellen, ob das Hufbein mediolateral bodenparallel ist. Dies ist ein sehr nützliches Mittel, um Probleme wegen Imbalancen zu erkennen, aber es hat einen grossen Schönheitsfehler: man kann wirklich nur eine mediolaterale Balance an einem Punkt nahe der breitesten Stelle des Fusses auf dem Röntgenbild sehen. Man sieht weder Trachten- noch Zehenbalance.
Ein zweiter Schönheitsfehler ist, dass wir oft keine Röntgenbilder zur Verfügung haben. Sogar wenn wir sie haben - wenn sie älter als einen Monat sind, sind sie im Feld draussen normalerweise nutzlos, um Entscheidungen wegen der Balance zu treffen. Nichtsdestotrotz, wenn ich im Zweifel wegen einer Balance-Entscheidung bin, ist das erste, was ich tue, 0°DP-Röntgenbilder in Auftrag zu geben. Das kann sehr aufschlussreich sein.
2) die Höhe der seitlichen Strahlfurchen über dem Boden
Wie schon in http://www.hoofrehab.com/HorsesSole.html diskutiert wurde, stellen die seitlichen Strahlfurchen ein sehr wichtiges Fenster ins Innere des Fusses dar, da die Distanz vom Grund jeder seitlichen Strahlfurche zur Lederhaut sehr konstant 9mm beträgt. So kann man die seitlichen Strahlfurchen brauchen, um die Lage des Hufbeins und der Hufknorpel zu bestimmen. Misst man die Tiefen beider seitlichen Strahlfurchen eines Hufes, und findet beide gleich tief, so sind sehr wahrscheinlich das Hufbein und die Hufknorpel zum Boden hin ausbalanciert. Ich vergleiche normalerweise die Tiefen beider Seiten 2.5cm hinter der Strahlspitze sowie an der tiefsten Stelle, normalerweise in der Mitte der Eckstreben. Bei der Messung versucht man das Messgerät entweder senkrecht zu halten, oder beidseits im gleichen Winkel (manchmal schwierig oder unmöglich im hinteren Hufbereich, aber man sollte es versuchen).
Abb. 1, 2 und 3
Ich kenne zwei Szenarien, die dazu führen, dass die Information, die man von den seitlichen Strahlfurchen bekommt, falsch ist. Erstens, wenn ein Abszess gleichzeitig im Strahl und in der Sohlenlederhaut war, können Sohle und Strahl abgelöst bleiben, was zu einer falschen (doppelten) Sohle und Strahl führt, inklusive einer falschen seitlichen Strahlfurche. Man kann nur hoffen, dass darunter neue Sohlen, Strähle und akkurate seitliche Strahlfurchen heranwachsen, und schliesslich das «falsche» Material abgestossen wird (hoffentlich erst, nachdem das neu gewachsene Horn die volle Dicke erreicht hat). Bis zu dem Moment ist die Information der seitlichen Strahlfurche ziemlich wertlos.
Das zweite Szenario, das die normale Distanz der seitlichen Strahlfurche zur Lederhaut verändert, sind Pilz- oder bakterielle Infektionen. Diese sind häufig in der mittleren Strahlfurche (tatsächlich betrachte ich Infektionen in der mittleren Strahlfurche als eine der wichtigsten Lahmheitsursachen beim Pferd – nicht nur wegen ihrer Häufigkeit oder wegen dem Schmerz, den sie unmittelbar verursachen, sondern wegen den Auswirkungen der daraus resultierenden Zehenlandung, die dünne Sohlen im Zehenbereich mit sich zieht, Hufrollenerkrankungen verursacht, die Lamellenschicht aufreisst, und Gelenke, Bänder und Sehnen schädigt…). Diese Infektionen sind beträchtlich seltener in den seitlichen Strahlfurchen, aber sie kommen vor. Infektionen der seitlichen Strahlfurchen können ihren Weg zur (oder sogar in die) Lederhaut fressen, und machen so Messungen der seitlichen Strahlfurche unbrauchbar. Seien Sie misstrauisch gegenüber diesen Messungen, sobald die Stellen schmerzhaft sind, Hüttenkäse-ähnliches Material vorhanden ist, oder wenn Sie den besonderen Geruch von Pilzinfektionen bemerken.
Selbst mit diesen beiden gelegentlichen Ausnahmen ist der Vergleich der beiden seitlichen Strahlfurchen bei weitem der exakteste und zuverlässigste unserer vier Indikatoren. Das grösste Problem ist, dass wir im hinteren Teil des Fusses nicht immer Zugang zu der hier versteckten Information haben. Manchmal sind die seitlichen Strahlfurchen zu eng, als dass man sie korrekt messen könnte; manchmal weiss man nicht wirklich, ob man bis zum echten tiefsten Punkt misst oder nicht. Diese Tatsache allein macht diese Messung nur zu einem weiteren brauchbaren Indikator, und nicht zu einer soliden einzigen Methode, um das Hufbein und die Hufknorpel zum Boden auszubalancieren.
Eine kritische Anmerkung: die flexiblen lateralen Hufknorpel passen sich leicht an eine vorgegebene Position an, die durch die häufigste Art des Auffussens vorbereitet wird (zum Beispiel: die laterale Seite eines Hinterhufes ist bei oft in hohen Geschwindigkeiten arbeitenden Pferden höher, weil sie bei jedem Schritt unter die Mittellinie treten). So ist es ok, wenn ein lateraler Hufknorpel einseitig höher bleibt, wenn der Huf unbelastet aus Ihrer Hand herabhängt. Die hintere Hufhälfte verdreht und verwindet sich beim Auffussen vertikal, um sich an die Bewegung in Wendungen und auf unebenem Boden anzupassen – aber auch dann müssen Sie Sohle, Eckstreben und Trachtenwand so trimmen, dass sie beidseitig in gleicher Dicke die Hufknorpel abdecken, auch wenn es Ihnen wegen dieser festgebackenen oder neutralen Position der lateralen Hufknorpel so vorkommt, wie wenn Sie den Huf unbalanciert lassen würden.
3) Die Haarlinie
Wenn ein Pferd gut betreut wird, wenn es sich über lange Zeit korrekt bewegt und es kontinuierlich balanciert ist, wird die Haarlinie an der Zehe bodenparallel sein (auf Bodenhöhe von vorne gesehen), und ebenso an den Ballen (auf Bodenhöhe von hinten gesehen). Deshalb ist es üblich, dass der Kronsaum als einzige Methode gebraucht wird. Das ist ein Fehler, weil der Kronrand lügt, und er lügt oft. Wenn entweder erhöhte Belastung oder eine zu lange Wand (üblicherweise durch weniger Belastung oder Abrieb auf dieser Seite) in irgendeinem Bereich des Hufes über längere Zeit besteht, wandert der Kronrand nach oben (nach proximal). Wenn ein Bereich des Hufs über längere Zeit wenig oder nicht belastet wird, wandert die Haarlinie nach unten (nach distal). Dieser Spielraum – wo die Haarlinie momentan relativ zum Hufbein und zu den Hufknorpeln steht – kann um 2.5 cm oder mehr variieren.
4) Die Sohlenebene
Pferde tendieren stark dazu, dass Sohlenschwielen in sehr gleichmässiger Dicke auf beiden Seiten des Hufes gebildet werden. Ausserdem (auch wenn man überschüssiges Sohlenhorn wegschneidet, bis die Sohle beidseits die gleiche Konsistenz und Feuchtigkeit hat) wird die Dicke normalerweise auf beiden Seiten balanciert sein. In den weitaus meisten Fällen kann man einfach die Sohlenebene brauchen, um den Huf auszubalancieren, indem man die gleiche Länge von Hufwand, Trachten und Eckstreben über der Sohle stehen lässt, wie es in den vorher- und nachher-Bildern unten gezeigt wird.
Die Schwäche bei dieser Methode ist, dass auch sie Sohle manchmal lügt. Es kann einseitig zu viel Abrieb vorkommen, eine nicht abgelöste falsche (doppelte) Sohle kann aussehen wie gut verhornte Sohle auf der anderen Seite des Hufes. Esel, Minipferde (oft)und einige normal grosse Pferde (selten) können zu viel Sohle bilden, die sich nicht richtig verdichtet oder ihre Konsistenz verändert, wenn sie von der Lederhaut wegwächst. Angesichts der Einschränkungen der anderen drei Indikatoren ist die Sohle trotz der erwähnten Ausnahmen im Alltag unser bester Indikator für die mediolaterale Balance. Man sollte nur die anderen drei mit einbeziehen, sodass man sich nicht täuschen lässt, wenn eine dieser Ausnahmen vorkommt.
Zusammenfassung
Wenn ich ein neues Pferd vor mir habe, berücksichtige ich von jedem einzelnen Huf alle Informationen, die ich von den vier Indikatoren bekommen kann. Ich schaue, wie sich das Pferd bewegt, und achte besonders auf Hufe, die nicht balanciert landen. Idealerweise hätte ich gerne, dass beide Trachten an jedem Huf gleichzeitig landen, wenn das Pferd auf einer Geraden trabt. Ich möchte, dass der ganze Huf flach auf dem Boden aufkommt, wenn das Pferd im Schritt auf einer geraden Linie geht. Dies gibt schon eine wichtige Information, aber seien Sie auch mit diesem Indikator vorsichtig – gewisse Pferde vermeiden Schmerz auf der Hufunterseite, indem sie bewusst auf der einen Hufwand landen. Diese Pferde benötigen eine Behandlung für was auch immer diesen Schmerz auslöst, aber sie haben die selben Bedürfnisse für die Erhaltung der mediolateralen Balance, die oben diskutiert wurde.
Sobald ich ein Pferd kenne – sofern alle Indikatoren zusammenpassen und wenn es keine Hinweise auf unbalancierte Bewegung gibt (zu viel Abrieb auf der einen Seite, eine Eckstrebe oder eine Trachte, die weggebogen werden, zerdrückt erscheinen oder sich einrollen, etc.) – tendiere ich dazu, dass ich bei den Erhaltungstrimms nur noch die Sohle zum balancieren brauche. Aber sobald ich wieder verdächtige Abnutzungsmuster, Verbiegungen oder Bewegungen sehe, gehe ich sofort wieder dahin zurück, dass ich alle Informationen, die ich bekommen kann, von den anderen Indikatoren mit erfasse.
Kurz gefasst: ich verarbeite die Informationen von vier sehr fehleranfälligen Quellen (fünf, wenn man das Auffussen dazu nimmt), und rate dann, wie ich zur mediolateralen Balance komme. Dies tönt schlecht, ich weiss, aber es funktioniert sehr viel besser, als wenn man irgendeine davon alleine betrachtet. Nachdem alles gesagt und getan ist, scheint es, dass ich ziemlich gut darin bin, Probleme der Imbalance aufzuzählen. So nehme ich an, dass wenn man zwar auf schwankendem Boden steht, aber dabei denkt, das besser sein kann, als wenn man sich stabil und ohne nachzudenken in irgendeine Methode verschanzt hat, die einen zu Fall bringen kann.
Aymmetrische Hufe
Betrachtung der steilen und der schrägen Seite des Hufes
Von vorne oder von hinten gesehen, haben viele Hufbeine eine steilere und eine schrägere Seite. Desgleichen haben die Seitenwände eine steilere und eine schrägere Wand. Allgemein gesprochen, haben bei neugeborenen Fohlen Hufbeine und die Wände den gleichen Winkel innen und aussen. Diese Asymmetrie ist das Produkt der Art, wie sich das individuelle Pferd bewegt – eine Verformung, vielleicht eine Adaptation. Die Hufseite, die kontinuierlich mehr gebraucht/stärker belastet wird, wird sich zur steileren Wand des Hufes entwickeln. Die Seite des Hufes, die weniger gebraucht/weniger belastet wird, wird sich zur schrägeren Hufseite entwickeln. Der Strahl wird in der Regel nicht mehr in der Mitte stehen, wobei die Hufhälfte mit der steileren, stärker belasteten Wand, schmaler ist.
Meistens ist die steilere/stärker belastete Seite der Vorderhufe die innere (mediale) Seite, ausser wenn das Pferd Fehlstellungen (zeheneng) in den Gelenken des Fusses hat. In diesem Fall wird die steile (mehrbelastete) Seite eher die äussere (laterale) Seite sein. An den Hintergliedmassen wird die steile /mehr belastete Seite häufiger die äussere (laterale) sein, weil die Pferde ihre Hinterbeine beim normalen Bewegungsablauf gegen die Mittellinie hin aufsetzen, was mehr Gewicht auf die äussere Wand bringt. Verschiedene Probleme, meistens Hüftgelenks- oder Rückenprobleme, können das Pferd an dieser Art der Bewegung hindern, so dass dann meistens die steile/mehr belastete Seite des Hufes auf der inneren (medialen) Seite ist.
Diese steilen und weggedrückten Seiten des Hufes müssen erkannt und völlig anders behandelt werden, als alles andere. Pferde können die Wachstumsrate der Hufwände sehr gut bremsen oder beschleunigen, um dem aktuellen Bedürfnis zu entsprechen. Aber sie können die Wände schlecht innen und aussen unterschiedlich schnell wachsen lassen. Wenn eine Stelle ein vermehrtes Wachstum benötigt, wächst die Wand überall schneller.
Was sehr oft bei diesen Hufen mit unterschiedlich steilen Wänden passiert: die Wachstumsrate der Hufwand ist perfekt an den höheren Abrieb auf der steilen/mehr belasteten Seite angepasst. Diese Seite wird sich oft selber im Gleichgewicht halten, wenn man ihr die Chance dazu gibt, und muss nur wenig oder gar nicht getrimmt werden. Aber dies bedeutet fast immer überschüssiges Wachstum auf der schrägen/weniger belasteten/weniger abgeriebenen Seite des Hufes. Das Resultat dieses konstant überschüssigen Wachstums ist eine weggedrückte Wand, die man nur sehr schwer dazu bringen kann, gerade herauszuwachsen.
Die weniger belasteten Hufwände scheinen fast über Nacht davonzuwachsen und herauszudrücken, weil sie mit der gleichen Geschwindigkeit wachsen, die die mehr belastete Hufseite braucht. Es ist schwierig (und teuer) für einen Hufprofi, ein Pferd so oft zu bekommen, dass er die Wände trimmen kann bevor sie überwachsen und wegdrücken, womit sich wieder Zusammenhangstrennungen in der neuen, gut verbundenen Wand ausbreiten. Ein brauchbarer Trick ist, dem Pferdebesitzer zu zeigen, wie er nur diese überwachsende, weggedrückte Hufseite wöchentlich selber trimmen kann. Das erspart Ihnen das Hamsterrad, wenn Sie versuchen, die Wandverbiegungen herauswachsen zu lassen, während Sie die übrigen Hufe in einem 5-Wochen-Rhythmus bearbeiten.
Der brauchbarste Trick, um diese Verbiegungen herauswachsen zu lassen, ist jedoch, aufzupassen, dass man die Wachstumsrate der Wände nicht künstlich anregt. Die erreicht man, indem man nie irgend einen Teil der Wand (und auch der Eckstreben!) trimmt, der nicht überwächst. Das tönt leicht – aber es ist für einen Profi das schwierigste auf der Welt – wir neigen dazu, dass wir alles hübsch, glänzend und sauber hinterlassen wollen. Aber jeder Teil des Hufes, der nicht überwachsen ist, sollte schmutzig hinterlassen werden. Trimmen Sie nur die Teile der Wand, die überwachsen sind, oder Sie werden das Wachstum überall künstlich beschleunigen.
Ich lernte das, als ich Pferdebesitzern beibrachte, dass sie bei ihren eigenen Hufen wöchentlich leichte Trimms machen sollten. Wenn sie die ganzen Wände trimmten, wuchsen diese so schnell, dass wöchentlich grosse Trimms gemacht werden mussten, damit die Wände zwischen den Trimms nicht davon wuchsen und sich verbogen. Wöchentlich trimmen ist etwas Grossartiges und ist der beste Weg, um gut verbundene Wände herauswachsen zu lassen - aber man darf nur die Teile der Wand, die überwachsen, trimmen. Man benutzt dabei die Teile des Hufes, die sich selbst erhalten, als Richtschnur für die Entscheidung, wie viel Wand das individuelle Pferd braucht, um im gegebenen Gelände über der Sohle zu stehen. In den vorher- und nachher-Bildern unten ist die (im Bild) rechte Seite des Fusses während einem sechs-Wochen-Zyklus perfekt selbsterhaltend. Man liess sie in Ruhe. Die überwachsene Seite des Hufes (links im Foto) wurde getrimmt, um die Höhe über der Sohle und den Winkel der Rolle am Tragrand zu treffen. Dies verlangsamt die Wachstumsgeschwindigkeit, und so wurde es möglich, dass die Verbiegungen der Wand bei einem vernünftigen Trimm-Intervall herauswachsen konnten.
Abb. 4 und 5
Für die Diskussion der Trachtenhöhe lesen Siehttp://www.hoofrehab.com/HeelHeight.html
Jetzt kommt der knifflige Teil – Ausbalancieren asymmetrischer Hufe
Sehr oft haben diese Hufe mit unterschiedlichen mehr- bzw. weniger belasteten Seiten des Hufes eine gut verbundene Wand auf der steileren Seite, weil der Huf hier nie zu lang gewachsen war. Im Gegensatz dazu hat die weniger belastete schräge Seite grosse Verbiegungen der Wand, weil sie konstant überwachsen war. Wenn man diese grossen Verbiegungen herauswachsen lassen will, braucht dies grosse Bearbeitungen, um die Hebelkräfte aus der Wand zu nehmen. (Nebenbei: wenn Sie einmal eine Seite des Hufes, die das Pferd nicht stark braucht, identifiziert haben, können Sie sich erlauben, auf dieser Seite sehr aggressiv zu trimmen, ohne dass Sie das Pferd fühlig machen, oder ohne besonderes Risiko, die Sohle zu verletzen – dieser Leckerbissen war doch schon das Eintrittsgeld wert!)
Die Bearbeitung, die für das Herauswachsen von Wandverbiegungen nötig ist (allgemein gesprochen, trimmen Sie die Wände auf die Höhe der Sohle, und schrägen Sie oder berunden Sie die volle Breite der Wand), hinterlässt die Sohle ohne jeden Wandüberstand (oder meistens ist die Wand bereits auf die Sohlenebene plattgedrückt, wenn Sie kommen). Das verleitet viele Praktiker (wie auch mich, während vielen Jahren) dazu, im Namen der mediolateralen Balance die gut verbundene Seite automatisch zu stark zu kürzen. Vielleicht wissenSie ja, dass die gut verbundene Seite 6mm über der Wand stehen muss, aber sie kürzen sie dennoch weg, weil Sie die fehlende Wandhöhe auf der verbogenen Seite des Hufes ausbalancieren müssen, richtig? Das beschleunigt künstlich die Wachstumsrate auf beiden Seiten des Hufes, und so wird es schwierig bis unmöglich, die Verbiegung herauswachsen zu lassen.
Um aus dieser Falle auszubrechen, behandeln Sie jede Seite dieser Hufe unabhängig voneinander. Das tönt wirklich falsch, ich weiss; aber dieser Huf belastet nicht ausbalanciert, egal wie sehr Sie ihn ausbalancieren. Ausserdem zeigt es sich, dass dies in den meisten Untergründen, in denen der Huf ein bisschen einsinken kann, die Belastung oder die Bewegung nicht aus dem Gleichgewicht bringt. Das Pferd balanciert sich auf der grösseren Fläche von Sohle und Strahl aus. Diese 6mm Wandüberstand sinken einfach im Dreck ein, und bieten wenig bis gar keinen Widerstand. Denken Sie an einen Schneeschuh, dessen Rahmen auf einer Seite 6mm dicker ist - der würde Ihre Fortbewegung im Schnee nicht beeinflussen.
Wichtige Anmerkung: das trifft nicht auf hartes, flaches Terrain zu. Hufe, die an diese Art Gelände angepasst sind, benötigen eher Hufe, die auf Sohlenhöhe getrimmt oder abgelaufen sind, so dass sich die Sohle und die Wände die Last teilen können.
Anmerkung: die stärker verbogene Seite des Hufes ist meistens die Seite, die weniger stark belastet ist, aber nicht immer. Durch übermässige Belastung kann gelegentlich die stärker belastete Seite des Hufes kollabieren oder sich verbiegen. Ausserdem, wenn das Hufbein und die seitlichen Hufknorpel nicht konstant zum Boden ausbalanciert gehalten werden, so können sich Wände, Trachten und Eckstreben mechanisch verbiegen, meistens auf der Seite, die länger gelassen wird, egal, wie das Pferd den Huf belastet. Das ist eine weitere häufige Folge der T-square Methode(dabei wird am aufgehobenen Bein ein T-förmiges Gerät Mitte Röhrbein bis zu den Trachten angesetzt und kontrolliert, ob sich die Bodenebene rechtwinklig zur Beinachse verhält, Anm.d.Ü.), oder der Beurteilung der Bein-Huf-Achse am baumelnden Bein(dabei fasst man das Röhrbein an, und lässt das Bein senkrecht herunterhängen. Anm.d.Ü.)
Anmerkung: die Seite, die den Boden zuerst trifft, ist nicht notwendigerweise die Seite des Hufes, die mehr gebraucht oder mehr belastet wird. Wir müssen jedes Pferd, jeden Huf individuell betrachten – und DENKEN.
Erst wenn es ihnen einmal gelungen ist, auf beiden Seiten dieser asymmetrischen Hufe gut verbundene Wände heranzuzüchten, dann balancieren Sie sie normal, indem Sie auf jeder Seite die gleiche Höhe von Wand, Trachten und Eckstreben über dem Sohlenniveau zulassen. Das andere war eine zeitlich beschränkte Massnahme, um aus einer Falle auszubrechen.
Originaltitel: Pete Ramey:Mediolateral Balance 22.10.2004 (mit Ergänzungen aus 2018)
Übersetzung mit freundlicher Genehmigung vom Autor Pete Ramey,www.hoofrehab.com
© Pete Ramey