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Mein Leben
Irma Grandjean wurde während eines Schneesturms am 30. Oktober 1944 um 13 Uhr einen Tag vor Vollmond im Sternzeichen «Skorpion» geboren.
Mein Vater spannte seine zwei Pferde vor den Schlitten, ein weisses und ein schwarzes, und brachte meine Mama ins Hospital von Châtel St-Denis, wo ich zur Welt gekommen bin. Meine Mutter war eine geborene Levrat vom Sägewerk Bulle, eine Hauswirtschaftslehrerin und eine grosse Dame, die ihre Meinung selten änderte. Sie nannte mich Irma.
Nach den offiziellen Glückwünschen fuhr Papa mit dem Schlitten wieder nach Hause. Beim Hof angekommen, rief er meine fünf Brüder und Schwestern zusammen und teilte ihnen mit, sie hätten eine bezaubernde kleine Schwester bekommen. Da der Name Irma ihm überhaupt nicht gefiel, trug er den Mägden auf, für den Abend ein Festgelage mit seinem Akkordeon und seinen Freunden vorzubereiten. Nach ein paar Gläsern Weisswein und einer dem festlichen Anlass würdigen Mahlzeit gab er mir den Spitznamen «Nano».
Wir hatten Bauernhöfe in Grandvillard, Enney, Gruyère und Estavannens. Mein Vater, ein bekannter Käser und mit Leib und Seele Bauer, der jederzeit bereit war, andern zu helfen... lebte für seine Familie und seine Freunde, sein Land, seine Berge und seine Matten. Er hatte über 100 Kühe. Sein Käse, sein Doppelrahm, sein alter Greyerzer, sein Vacherin, sein Vin Cuit (eine Freiburger Spezialität aus Birnen und/oder Süssäpfeln) und seine Schnäpse waren berühmt.
Ich war noch ganz klein, als ich die Kunst des Kochens erlernte. Wir waren zuhause beim Essen immer um die zwanzig Personen. Kochen bedeutete spielen und Spass haben. Mama war vollkommen autonom, jeden Tag und in jeder Jahreszeit. Wir bauten alles selber an, was auf dem Feld, im Gemüse-, Obst- und Blumengarten gedeiht.
Unsere Kleider wurden unter Mamas Augen genäht. Die Auswahl eines Kleiderstoffs war ein Theater, ja ein Desaster! Rot, grün oder blau! Die Produkte lernte ich sehr schnell kennen, Gemüse, Früchte, Käse, Fleisch, Getreide... da wir Kälber, Kühe, Schweine und Geflügel hatten, wie das «Mädchen mit dem Milchtopf» sie erträumte. Meine Brüder fingen in der Saane und in den Flüssen des Hyntiamon Fische.
Die Schule habe ich in Gruyère und in Fribourg am «Technicum féminin» Joliemont besucht, unter dem Namen «Nano».
Wenn ich an dich denke, mein weisses Haus und mein grünes Greyerzerland, steigt meine ganze Kindheit vor mir auf. Wie süss sind die Erinnerungen an jene Zeit. Als ich 10 Jahre alt war, verlor ich meinen Vater, am 24. Dezember um vier Uhr nachmittags. Das ganze Greyerzerland trauerte. Die «Armaillis», die Bergbauern, waren mutlos und ohne Hoffnung.
Mama war eine Frau von Klasse, stolz und tüchtig. Sie führte die Höfe, die Käserei und das Haus so gut sie konnte weiter. Mein ältester Bruder war zwanzig. Kopf hoch!
Ich wusste schon sehr früh, dass ich Köchin werden würde. Aber ach, es war nicht einfach, denn niemand wollte ein Mädchen in der Küche.
Meine Lehre habe ich in Rheinfelden am Rheinufer gemacht. Später habe ich in Neuenburg in den «Halles» gearbeitet, im «Vieux Chalet» in Crésuz und dann ging es weiter... zum Hilton nach Montreal...
1967 wurde ich in der Kirche «Notre-Dame», in der Kapelle des alten Montreal, Irma Dütsch. Hans-Jörg, das ist mein Mann, der Koch, mit einem EHL-Diplom.
Sandra wurde in Montreal geboren; Sie hat ihr Jugendpsychologie-Studium mit dem Lizenziat abgeschlossen und arbeitet an ihrer Doktorarbeit über Kunst- und Ausdruckstherapie.
Danach habe ich in New York, St. Louis Missouri, in Kalifornien und Mexiko gearbeitet. Zurück in der Schweiz übernahmen wir das «Plaza» in Kreuzlingen am Ufer des Bodensees, wo Jörg geboren wurde. Caroline kam in Kreuzlingen zur Welt. Sie hat ein EHL-Diplom und ist heute in einer guten Position im Marketing tätig.
Jetzt blicken wir auf 30 Jahre im Fletschhorn in Saas Fee zurück, in diesen schönen und hohen Bergen, den Viertausendern, im Schnee und an der Sonne, dem Himmel und den grossen Gipfeln nahe. Wir haben Auszeichnungen von internationalen Institutionen erhalten, wie Alpes Latines, Strassburger Parlament, Le Tour du Monde en 80 Toques, Clef d'or, Gault-Millau, Michelin. Für eine Küche braucht es mehr als Rezepte. Und überhaupt, was ist ein Rezept? Ein Rezept ist eine Liebesgeschichte zwischen einem Produkt und einer Person. Ein Gericht hat einen Körper, eine Seele, eine Geschichte, einen Geschmack. Was ist ein Koch? Ein Koch ist jemand, der die Aromen und Essenzen aus den Produkten herauszuholen versteht, der Geschmacksverbindungen herstellen kann, der eine Technik und eine Meisterschaft in der Veredelung der Produkte entwickelt hat. Seit ich in Saas-Fee bin, habe ich in Bangkok, Jakarta, Hongkong, Peking, Tokio, Osaka, Fukuoka, Hiroschima, Seoul, San José, London, in der Toskana, im Tirol, auf Sylt in Deutschland und sogar an mehreren Orten in der Schweiz gekocht wie etwa in Bern, Langenthal, Gstaad, St. Moriz, Zürich, Greyerz, Zermatt und auch im Walliserhof in Saas-Fee, und demnächst werde ich in Tallinn und in Riga kochen.
Irma und Hans-Jörg Dütsch