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Die Schweiz und grosse Teile Europas erlebten einen schlechten Sommer mit starken Regenfällen, während der Süden des Kontinents unter der Hitze stöhnte. Die zunehmende Häufigkeit und Intensität solcher Extremereignisse macht bewusst, dass wir uns dringend an den Klimawandel anpassen müssen.
Einige Gemeinden haben bereits in den letzten Jahren Massnahmen ergriffen, von denen sie heute profitieren. So ist in Delémont die Sorne – der Fluss, der das Tal geformt hat und heute durch die Stadt fliesst – trotz sintflutartiger Regenfälle im letzten Juli nicht über die Ufer getreten. Einer ihrer Nebenflüsse hingegen verursachte im Nachbardorf Develier grosse Überschwemmungen. Was hat Delémont besser gemacht? Die Sorne wurde im Rahmen eines umfassenden Hochwasserschutzprojekts mit dem treffenden Namen «Delémont marée basse» renaturiert («marée basse» bedeutet Niedrigwasser/Ebbe). Dabei wurde das Flussbett an einigen Stellen auf die doppelte Breite erweitert, so dass es dem Wasser nun viel mehr Platz bietet.
Nur ein paar Schritte vom Bahnhof entfernt, im neuen Stadtpark an der Sorne, sitzt Stadtplaner Hubert Jacquier am Rande einer Plattform mit Blick auf eine Wiese. Er erklärt, dass die Sorne bei schwerem Hochwasser kurzfristig ihr Flussbett verlassen und auf die Wiese vordringen dürfe. Deshalb hat das Büro, das diesen neuen Park geplant hat, Schwimmbad-Leitern zwischen Wiese und Plattform angebracht: ein Zeichen an die Bevölkerung, damit sie nicht vergisst, wie verheerend Überschwemmungen wie jene im Jahr 2007 sein können.
Das historisches Hochwasser von 2007
Der Stadtplaner betont, dass Delémont im Mai 2007 die erste Gemeinde des Kantons war, die eine Hochwassergefahrenkarte erhielt und anwenden musste. Sie zeigte, dass das Bahnhofquartier von potenziellen Überschwemmungen durch die Sorne bedroht war. Der damalige Stadtingenieur entwarf daraufhin Pläne, um den Abfluss der Sorne zu erhöhen. Zur gleichen Zeit arbeitete Hubert Jacquier an den Vorbereitungen für einen Europan-Architekturwettbewerb, der jungen europäischen Architektinnen und Architekten offen stand. Dieser Wettbewerb sollten Ideen fördern, wie die zwar eingezonte, aber noch landwirtschaftlich genutzte Fläche des heutigen Stadtparks mit einem urbanen Stadtquartier überbaut werden könnte. Bereits damals war der Stadtpark von Bauten umschlossen war.
Anfang August 2007 machte die Sorne die Pläne der beiden Männer zunichte: Der Fluss trat über die Ufer und überschwemmte das Bahnhofquartier massiv. Einen Tag lang war Delémont vom Rest der Schweiz abgeschnitten – sowohl die Kantonsstrassen als auch die Bahnlinien nach Basel und Biel standen weitgehend unter Wasser. Nur die Autobahn und der Zug in Richtung Porrentruy und Frankreich waren noch in Betrieb.
Weg frei für gute Ideen
Dieses Hochwasser verursachte Schäden von über 30 Millionen Franken, die glücklicherweise nur materieller Natur waren. Es hatte aber auch etwas Positives: Sehr rasch zeigte sich ein breiter Wille, das Problem an der Wurzel zu packen und anders vorzugehen. So organisierten die beiden Männer, unterstützt von der Stadtverwaltung, eine Reihe von partizipativen Veranstaltungen, um zusammen mit der Bevölkerung ein neues Hochwasserschutzkonzept für die Stadt zu entwickeln. Dieses sollte zusätzlich die biologische Vielfalt fördern und die soziale Dimension miteinbeziehen. An einer dieser Veranstaltungen erhielt das Raumplanungsprojekt denn auch seinen Namen: «Delémont marée basse» – ein treffender Slogan mit einem gemeinsamen Ziel. Schon zu Beginn des Prozesses war klar, dass die Bevölkerung einen Stadtpark erhalten soll.
Dafür wurde der Perimeter des geplanten Stadtquartiers verkleinert; den Plan, durch Veränderungen des Flussbetts die Abflusskapazität der Sorne zu erhöhen, liess man fallen: Im Rahmen eines Gesamtprojekts sollte der Fluss gar verbreitert und durch einen städtischen Park ergänzt werden.
Eine globale Strategie …
Das Projekt «Delémont marée basse» mit Strategie, Zielsetzungen, Finanzrahmen, Zeitplan und den verschiedenen Bauetappen wurde in einem Teilrichtplan verankert. Für dessen Umsetzung stimmten 2009 83 Prozent der Bevölkerung von Delémont einem Rahmenkredit in der Höhe von 15 Millionen Franken zu, davon 5,5 zu Lasten der Stadt. Da die Stadt mit ihren 12'500 Einwohnerinnen und Einwohnern nicht sehr finanzkräftig ist, entschied man sich für eine etappenweise Umsetzung des Projekts; bis 2025 soll es so weit sein. Wie erreicht man ein solches Abstimmungsergebnis? «Die Überschwemmungen waren in den Köpfen der Menschen noch sehr präsent und der politische Wille war da, das Eisen zu schmieden, solange es heiss ist. Und das hat funktioniert», fasst Hubert Jacquier zusammen.
… zahlt sich aus
Mit einem Budget von 15 Millionen Franken und einem zeitlichen Horizont von 10 bis 15 Jahren steht Delémont vor einer Herkulesaufgabe. Da stellt sich die Frage, wie sich diese Arbeiten ohne Überlastung des städtischen Personals und ohne Erhöhung des Steuersatzes durchführen lassen? Um einen reibungslosen Ablauf des Projekts sicherzustellen, beauftragte die Stadt den Umweltingenieur Denis Moritz, der früher beim kantonalen Amt für Umwelt die Fachstelle Naturgefahren geleitet und die Erstellung der Hochwassergefahrenkarte betreut hatte. Er war die ideale Besetzung, um die Arbeiten als Bauherrenberater zu koordinieren. «Mit Unterstützung des externen Experten konnte die Gemeinde das Projekt auf allen Ebenen optimieren», bestätigt der Stadtplaner. Dank seines Wissens gelang es, dass Delémont die maximalen Subventionen von Kanton und Bund beantragen konnte. Damit wurden die Kosten für dieses Mandat weitgehend durch die Fördergelder kompensiert (siehe Kasten «Projektfinanzierung «Delémont marée basse»).
Projektfinanzierung «Delémont marée basse»
Die Stadt konnte für die Kosten, die sie für die Hochwasserschutzmassnahmen tragen muss, auf einen besonderen kommunalen Fonds zurückgreifen. Dieser ist zur Finanzierung der Hochwasserschutzanlagen bestimmt. Mehrere jurassische Gemeinden haben diesen Fonds in den 1960er bis 1980er Jahren abgeschafft, weil sie der Meinung waren, der Bau von neuen Schutzdämmen sei nicht mehr notwendig. Damals dachte man, die Flüsse wären sicher kanalisiert. Delémont war vorsichtiger und behielt diesen Fonds bei, in den alle Grundeigentümer jährlich 0,24 Promille des amtlichen Wertes ihres Grundstücks einzahlen. «Wir müssen dieses Instrument als Investition über mehrere Generationen hinweg betrachten», erklärt Hubert Jacquier.
Der Modell- und Pioniercharakter des Projekts «Delémont marée basse», das die rasche Sicherung zahlreicher Liegenschaften ermöglicht, überzeugte die Mobiliar-Versicherung davon, die Arbeiten in einer ersten Phase auf Pilotbasis finanziell zu unterstützen. Aufgrund der sehr positiven Ergebnisse sagte sie ihre Unterstützung auch für die zweite und dritte Phase zu. Insgesamt hat die private Versicherungsgesellschaft dieses Projekt mit über 750'000 Schweizer Franken gefördert.
Ein partizipativer und interdisziplinärer Prozess
Die Stadt wollte von Anfang an neben den Finanzierungspartnern (Bund, Kanton, Gemeinde und die Mobiliar) auch die Bevölkerung und interessierte Umweltverbände in den Prozess einbeziehen. Nach mehreren partizipativen Veranstaltungen setzte sie eine Begleitgruppe mit Vertreterinnen und Vertretern der Bevölkerung und interessierter Kreise ein. Diese Begleitgruppe besteht noch heute und nimmt zu allen Entscheidungen im Zusammenhang mit der Umsetzung des Konzepts «Delémont marée basse» Stellung.
Das Projekt wird auch innerhalb der Verwaltung ämterübergreifend bearbeitet, insbesondere zwischen Stadtplaner und Stadtingenieur. Als der damalige Ingenieur in den Ruhestand trat, nutzte die städtische Exekutive die Gelegenheit, die beiden Ämter zu einer gemeinsamen Verwaltungseinheit zusammenzulegen: dem neuen Amt für Stadtplanung, Umwelt und öffentliche Arbeiten (UETP) unter der Leitung von Stadtplaner Hubert Jacquier – eine Fusion, die weitere Synergien zwischen Siedlungsentwicklung nach innen, Umwelt und öffentlichen Arbeiten ermöglicht hat.
Diese Synergien ermöglich(t)en effiziente und pragmatische Lösungen, welche die öffentlichen Finanzen schonten: Für die Verbreiterung und Renaturierung der Sorne brauchte es Land. Statt knapp 14'000 m2 Bauland zu einem Quadratmeterpreis von 600 Franken zu erwerben und dafür über acht Millionen Franken auszugeben, handelte die Stadt mit dem Grundeigentümer eine unentgeltliche Abtretung der Fläche aus. Im Gegenzug erhielt dieser die Möglichkeit, auf dem restlichen Teil seines Grundstücks höher zu bauen. So entstand am Rande des Stadtparks ein zehnstöckiger Rundturm mit 48 Eigentumswohnungen.
Ein Ökoquartier als Bonus
Hinter dem Turm nimmt zudem ein Ökoquartier Form an, das indirekt aus dem Architekturwettbewerb von 2007 hervorgegangen ist. Das ursprüngliche Projekt wurde nach der Genehmigung des Teilrichtplans überarbeitet; der Stadtrat verabschiedete 2013 den daraus entwickelte Sondernutzungsplan.
In diesem Quartier, das sich momentan im Bau befindet, werden demnächst neun Wohnbauten mit insgesamt fast 340 Wohnungen fertig gestellt. Die Siedlung wird verkehrsfrei, da alle Parkplätze unterirdisch angeordnet werden. Die neuen Gebäude werden dem Minergie-P-Standard entsprechen. Das künftige Ökoquartier wurde vom Bund bereits als Modell für eine nachhaltige Stadtentwicklung anerkannt und mit dem Label «2000-Watt-Areal» ausgezeichnet. Investor und Projektträger ist ein Genfer Architekt, der das grosse Potenzial dieses Ortes erkannt hat. Die ersten Bewohnerinnen und Bewohner werden im kommenden Herbst in dieses neue, grüne Quartier am Ufer der Sorne einziehen können.
Ein konkreter Mehrwert für die Bevölkerung
Anlässlich der Einweihung des Stadtparks 2018 lobte Franziska Schwarz, Vizedirektorin des Bundesamts für Umwelt, das Projekt «Delémont marée basse» als Schulbeispiel für Schweizer Gemeinden. Mit dem Park ist die Hälfte der Umsetzung geschafft. Schon vor rund zehn Jahren wurde auf dem Campingplatz westlich von Delémont ein kleiner, frei zugänglicher Strand eingerichtet. Nun verfügt die Bevölkerung mit dem neuen Park mitten in der Stadt über einen zweiten Zugang zum Fluss und über ein grosses Naherholungsgebiet, das teilweise als Spielplatz und für Veranstaltungen genutzt werden kann.
Neue Wege für den Fuss- und Veloverkehr entlang des Flusses und durch drei Passerellen stellen die Verbindung zwischen Park, Bahnhof, Stadtzentrum und angrenzenden Wohngebieten sicher. Beides bestand schon vorher, musste aber wegen der Verbreiterung des Flussbettes ersetzt werden.
Und das ist noch nicht alles
Nach einem Jahrzehnt Arbeit ist das ehrgeizige Vorhaben «Delémont marée basse» bereits weit fortgeschritten, aber noch nicht abgeschlossen. Als nächstes steht die Umgestaltung des zentralen kanalisierten Flussabschnitts bevor, der 1930 von den Arbeitslosen der Stadt entlang dem Quai de la Sorne nahe des Bahnhofs gebaut wurde. Die Begleitgruppe arbeitet aktuell an diversen Vorschlägen, um dieses «Bauwerk» für Fauna und Flora angenehmer zu gestalten und der Bevölkerung auch hier Zugang zum Wasser zu verschaffen.
Zusätzlich dazu hat die Stadt im letzten Jahr mit der Entwicklung ihres Klimaplans begonnen und möchte die vorgeschlagenen Massnahmen direkt in das kommunale Baureglement integrieren. Das wäre ein Novum in der Schweiz. Im Frühling dieses Jahres fand eine breit angelegte Online-Konsultation statt und die städtischen Ämter arbeiten derzeit an einer Auswertung der Ergebnisse. Es besteht kein Zweifel daran, dass die Mitwirkung der Bevölkerung bei allen Schritten der Schlüssel zum Erfolg für die Stadt Delémont darstellt.
Im Interview mit Renate Amstutz
Renate Amstutz, was beeindruckt Sie am meisten an dem Projekt «Delémont marée basse»?
Das Projekt ist sehr zukunftsgerichtet und mit seiner ganzheitlichen Herangehensweise beispielhaft. Man hat begriffen, dass Hochwasserschutz nicht isoliert möglich ist und auch eine grosse Chance darstellt. Es geht um Sicherheit, gleichzeitig sind Umweltmassnahmen integriert. Soziale, räumliche und wirtschaftliche Veränderungen wurden mitgedacht und ermöglicht. Mit den neuen Strukturen gelingt es, eine Stadt aufzuwerten und ihre Identität zu prägen. Der neu geschaffene Erholungsraum holt die Natur in die Stadt. Stadt und Natur gehören zusammen. In Delémont wurden Natur und Biodiversität, Verkehr, Freiräume, Siedlungsentwicklung, Zusammenleben gemeinsam gedacht. Das ist nicht einfach eine Korrektur, sondern ein Entwicklungsprojekt.
Das Projekt in Delémont wurde vor über zehn Jahren nach einer großen Überschwemmung beschlossen. Auch andere Städte haben Probleme mit Hochwasser. Warum gibt es so wenige Projekte dieser Art in städtischen Gebieten?
Es sind sicher nicht wenige. Hier hat längst ein grosser Wandel eingesetzt. Das früher manchmal vorhandene «Silodenken» wird immer mehr abgelöst durch Projekte mit einer umfassenden Integration sehr vieler Themen. Das ist auch zentral. Denn was bisher ein Jahrhundertereignis war, geschieht nun alle paar Jahre. Ganzheitliche Projekte werden deshalb immer mehr an Bedeutung gewinnen.
Aber es braucht Zeit?!
Ja, es braucht sehr viel Zeit. Verfahren dauern oft lange und können sich über mehrere Instanzen hinziehen. Zudem braucht es in der Projektorganisation ein neues Denken. Man muss auch Bereiche einbeziehen, an die man früher gar nicht dachte, und die Partizipation breiter Kreise von Anfang an mitdenken. Am Schluss kann dies aber ein Zeitgewinn sein. An Delémont ist auch wichtig, dass man die Naturschutzorganisationen miteinbezog. Eine prima Vista vielleicht unbequeme Haltung kann eine Chance für bessere Lösungen sein. Um Projekte ganzheitlich aufzugleisen, müssen wir vermehrt auch bei der Ausbildung von Fachleuten, zum Beispiel von Planern oder Architektinnen ansetzen.
Mehrere grosse Städte haben in den letzten Monaten ihre Klimakonzepte vorgestellt. Man erhält den Eindruck, dass da jede Stadt einzeln vorgeht und die Koordination fehlt.
Natürlich muss am Schluss jede Stadt ihre eigenen Schwerpunkte setzen. Das sind letztlich politische Entscheide. Aber ein Austausch findet durchaus statt, regional, national und international und zwischen den Staatsebenen. Nehmen Sie nur die Klima- und Energiecharta, die bereits von einer erfreulichen Anzahl von Städten und Gemeinden unterzeichnet wurde. Zudem bietet der Städteverband mit seinen Arbeitsgruppen und Kommissionen ideale Plattformen für den Austausch. Dies ermöglicht Städten und Gemeinden, voneinander zu lernen.
Vor allem die grösseren Städte haben die Mittel für eine eigene Klimastrategie. Was können kleinere Städte tun, wenn die finanziellen Mittel fehlen?
Eine umfassende Klimastrategie gibt Planungssicherheit, was man wie angehen will. Man kann aber auch in einem kleinen Bereich ansetzen, der für eine bestimmte Stadt oder Gemeinde besonders wichtig ist. Es gibt viele gute Einzelmassnahmen, die für kleinere Städte und Gemeinden machbar sind. Morges zum Beispiel ist in der Hydrothermie aktiv, Schaffhausen war die erste Energiestadt der Schweiz, Montreux setzt auf E-Bikes. Es sind also nicht nur die ganz Grossen, die sich bewegen. ‘Wir sind zu klein’ gibt es nicht.
Wie lassen sich Klimaschutzmassnahmen finanzieren, falls einer Gemeinde nur begrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung stehen?
Die finanzielle Frage stellt sich überall, weil die Mittel überall beschränkt sind. Langfristig kommen uns aber die Klimafolgen teurer zu stehen als Schutz- und Anpassungsmassnahmen. Investitionen in Fernwärme beispielsweise sind sehr teuer; dennoch verfolgen Städte und ihre Stadtwerke diesen langfristig sinnvollen Pfad. Wichtig sind Förderbeiträge der Kantone, zum Beispiel bei Photovoltaik-Projekten. Die Bevölkerung hat zwar das CO2-Gesetz abgelehnt, aber wir müssen trotzdem rasch zu neuen Massnahmen kommen. Ich lade gerne den Bund ein, Impulse in verschiedensten Bereichen zu setzen. Warum nicht befristet auch Beiträge an Ladestationen für e-Fahrzeuge? Aber – das möchte ich betonen – es ist nicht alles nur eine Frage der Finanzen. Ganzheitliches Denken muss nicht teuer sind. Partizipative Prozesse zum Beispiel können zu kostengünstigen Ideen führen.
Sehen Sie die Mehrwertabgabe bei Ein-/Um- und Aufzonungen auch als mögliche Quelle für Klimaprojekte?
Darüber kann man sicher diskutieren. Die Begehrlichkeiten für die Mehrwertabgabe sind aber sehr gross. Diese Mittel werden vor allem in den dichter besiedelten Gebieten generiert. Es ist wichtig, dass sie auch in erster Linie dort im Interesse einer hohen Lebensqualität eingesetzt werden.
Wie sehen Sie die Rolle der Raumplanung bei der Anpassung an den Klimawandel? In der Klima- und Energiecharta ist sie kaum erwähnt. Ging sie vergessen?
Auch wenn sie nicht explizit erwähnt ist, wird sie doch in vielen der aufgelisteten Massnahmen gespiegelt. Für mich ist die Raumplanung zentral und hat eine extrem wichtige Funktion. Wo schafft man welche Zone? Welche Nutzungen sind wo und unter welchen Voraussetzungen möglich? Die raumplanerische Gesamtbetrachtung ist sehr wichtig. Wenn die Raumplanung nicht die geeigneten Voraussetzungen schafft, fehlen sie auch für den Klimaschutz und eine Anpassung an den Klimawandel.
Die öffentlichen Räume sind ein wichtiger Hebel für diese Anpassung. Wie liessen sich auch Eigentümerinnen und Eigentümer vermehrt motivieren, Massnahmen für ihre privaten Grünflächen zu ergreifen?
Ich halte die Sensibilisierungsarbeit für sehr wichtig, auch wenn sie anspruchsvoll ist. Sicher könnten gute Beispiele Private motivieren. Ich beobachte, wie Biodiversität und Entsiegelung immer mehr auch in privaten Gärten zum Thema werden. Grün und Wasser sind wichtig für eine menschen- und naturfreundliche Umgebung, die Freude macht und für Schatten und Kühle sorgt. Auch die Investoren werden sich zunehmend bewusst, dass attraktive Aussenräume entscheidend sind für die Qualität einer Siedlung, in der man sich gerne aufhält. Der Einfluss der Planer und Beraterinnen auf private Eigentümer ist auch wichtig. Man muss nicht überall mit Fördergeldern winken, aber mit der Auszeichnung guter Beispiele oder einer Good-practice-Sammlung erreicht man auch Private.
Einerseits müssen die Städte die Bebauungsdichte erhöhen, um das Bevölkerungswachstum zu bewältigen. Andererseits sollen sie wegen des Klimawandels mehr Grünflächen schaffen. Wie bringen sie beides unter einen Hut?
Nutzungskonflikte in dicht besiedelten Städten und Gemeinden sind ein Faktum. Wir haben aber gerade in der Pandemie gesehen, wie wichtig eine hohe Aufenthaltsqualität bereits vor der Haustüre ist. Wir brauchen diese Freiräume. Das muss nicht bedeuten, dass man riesige Flächen bereitstellt. Auch kleine Flächenspielen eine Rolle. Früher war ein versiegelter Boden rund um Bäume entlang von Quartierstrassen üblich. Heute spriessen dort oft Pflanzen. Nur schon durch dieses Grün erhält die Strasse eine ganz andere Anmutung. Auf Kreiseln lässt man heute auch zunehmend Raum für Biodiversität. Und viele Menschen lassen in ihren Gärten oder auf Balkonen insektenfreundliche Bepflanzungen wachsen. Städte und Gemeinden stellen Pflanzflächen zur Verfügung, Gemeinschaftsgärten stossen auf zunehmendes Interesse. Solche Anstrengungen lohnen sich. In neuen Quartieren kann man Grünräume und Wasserflächen ganz anders denken. In bereits dicht besiedelten Städten lässt sich auch im Kleinen sehr viel erreichen. So lädt der städtische Raum zum neugierigen Entdecken ein und dazu, sich zu Hause zu fühlen.
Was raten Sie den Städten und Gemeinden, damit sie den Klimawandel besser bewältigen können?
Ein Wort mit drei Buchstaben: Tun! Man muss beginnen und dranbleiben, auch Unkonventionelles ausprobieren. Städte und Gemeinden sollten dort ansetzen, wo sie Handlungsspielraum haben, Erfahrungen sammeln und austauschen und diese multiplizieren. So gestalten sie die Zukunft.
Interview: Alain Beuret
Der grüne Bahnhof
Die Natur und die biologische Vielfalt halten im Bahnhof von Delémont Einzug. SBB Immobilien investiert – in Zusammenarbeit mit dem ETH-Wasserforschungsinstitut Eawag, Energie du Jura, Pro Natura, der Stadt und dem Kanton – zwei Millionen Franken, um den Bahnhof Delémont in den ersten grünen Bahnhof der Schweiz zu verwandeln.
Geplant sind eine Reihe von Massnahmen: Fotovoltaikanlagen, die Begrünung eines Teils der Perrons, die Anpflanzung von Bäumen, die ökologische Aufwertung und die Installation von Trinkwasserbrunnen. Das Experiment hat diesen Herbst begonnen und soll bis Ende 2023 abgeschlossen sein.
Gut zu wissen
Der Jahreskongress zum Thema Raumplanung und Klimaschutz von EspaceSuisse fand am 24. Juni 2021 online statt. Die Referate und Diskussionen der 14 Referentinnen und Referenten sind auf der Website von EspaceSuisse abrufbar.