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| Tertullian († um 220) - Über die einmalige Ehe (De monogamia)

6. Kap. Was von der Polygamie Abrahams zu halten sei.
Wir wollen aber noch fortfahren, uns einige Stammväter aufzusuchen. Denn manchen genügen Adam [S. 487] und Noë, als nur einmal verheiratete Vorväter, noch nicht, vielleicht nicht einmal Christus. Zuletzt berufen sie sich auf Abraham, obwohl es ihnen doch verboten ist, einen andern als Vater anzuerkennen außer Gott. Möge denn Abraham nun unser Vater sein, möge aber auch Paulus es sein1. "Durch das Evangelium", sagt er ja, "habe ich euch erzeugt"2. Auch als Abrahams Sohn zeige dich. Denn deinen Ursprung aus ihm kannst du nicht nach Belieben ansetzen3. Die Zeit, wo er dein Vater ist, ist eine ganz bestimmte. Wenn wir nämlich als Söhne Abrahams aus dem Glauben angesehen werden, wie der Apostel in seinen an die Galater gerichteten Worten lehrt: „Ihr sehet nämlich ein, daß die, welche aus dem Glauben sind, Söhne Abrahams sind“4, wann hat denn Abraham Gott geglaubt und ist es ihm zur Gerechtigkeit angerechnet worden? Ich denke, als er noch in der Monogamie lebte, weil er noch nicht beschnitten war. Wenn nachher sein Stand nach beiden Beziehungen hin sich änderte, zur Doppelehe durch den Konkubinat mit der Magd und zur Beschneidung durch das Zeichen des Bundes, so kannst du5 ihn nur in dem Zeitraum als deinen Vater anerkennen, wo er Gott glaubte; denn du bist sein Sohn aus dem Glauben, nicht dem Fleische nach6. Oder wenn du es darauf anlegst7, dem späteren Abraham, als deinem Vater, nachzufolgen, d. h. dem doppelt verehelichten, dann nimm auch den beschnittenen als Vater an. Wenn du den beschnittenen als Stammvater verschmähest, dann mußt du auch den doppelt verheirateten ablehnen. Seine beiden Zustände, [S. 488] die auf zweifache Weise untereinander verschieden sind, kannst du nicht miteinander mischen. Ein Digamus fing er erst an mit der Beschneidung zu werden, ein Monogamus war er in der Vorhaut. Nimmst du die Digamie an, so laß dir auch die Beschneidung gefallen. Hältst du aber das Recht aufrecht, in der Vorhaut zu leben, dann bist du an die Monogamie gebunden. Du bist aber in dem Grade ein Sohn des monogamischen wie auch des nicht beschnittenen Abrahams, daß du, wenn du dich beschneiden ließest, schon nicht mehr sein Sohn wärest, weil du es nicht aus dem Glauben sein würdest, sondern nur durch das Zeichen des Glaubens, der in der Vorhaut zur Gerechtigkeit angerechnet worden war8. Du hast den Apostel, laß dich mit den Galatern belehren! Wenn du mithin den bereits zweimal Verheirateten für dich in Anspruch nimmst9, so bist du kein Sohn jenes Abraham, dessen Glaube in der Monogamie vorherging. Wenn er auch nachher Vater von vielen Völkern genannt wird, so ist er es nur von denen, welche infolge des Glaubens, der der Digamie vorausging, als Söhne Abrahams gelten sollten.
Doch nunmehr mögen diese Dinge außer Betracht bleiben10. Etwas anderes sind Vorbilder, etwas anderes feste Einrichtungen11, etwas anderes Bilder, etwas anderes feste klare Bestimmungen. Die Vorbilder gehen vorüber, wenn sie erfüllt sind, die Bestimmungen bleiben, damit sie erfüllt werden. Die Vorbilder weissagen, die festen Bestimmungen regieren. Was jene Doppelehe Abrahams soll, das lehrt uns derselbe Apostel, als Erklärer beider Testamente, wie er denn auch behauptet, [S. 489] daß in Isaak unser Same zur Berufung gelangt sei. "Wenn du von der Freien bist"12, zu Isaak gehörst, so war dieser sicher bis an sein Ende nur in einer Ehe. Das sind also, sollte ich denken, diejenigen, in welchen ich meine Abstammung habe. Von den übrigen will ich nichts wissen. Wenn ich die Beispiele von solchen anschaue, etwa das eines David, der sogar durch Blutvergießen seine ehelichen Verbindungen vermehrt, oder etwa eines Salomon, der reich ist auch an Weibern: so sollen wir doch besseren Beispielen folgen, und wir haben den nur einmal vermählten Joseph, den ich in diesem Punkte besser als seinen Vater zu nennen wage, Moses, der Gott aus nächster Nähe schaute, Aaron, den ersten Priester. Auch der zweite Moses der zweiten Generation, der unser Vorbild ins Land der Verheißung einführte, in welchem zum ersten Male der Name des Herrn auftrat13, war kein Digamus.
1: der jungfräulich war.
2: 1 Kor. 4,15.
3: Non enim passivus tibi census est in illo darf nicht übersetzt werden „denn die Zugehörigkeit zu ihm haben wir nicht mit allen gemein“, sondern ist wie oben zu übersetzen. passivus heißt hier: nach Belieben, bald so, bald so. Vgl. de ieiun. 2: passive currant; de pud. 2; sine passiva concessione.
4: Gal. 3,7.
5: als Christ.
6: wie die Juden.
7: Oehler liest sequeris. Die Handschriften haben sequere sat est. Es wird wohl zu lesen sein sequere satagis.
8: fidei in praeputiatione iustificatae. T. denkt an das Wort reputatum est illi ad iustitiam (Gen. 15,8; Gal. 3,6) und will hervorheben, daß dies vor seiner Beschneidung stattfand.
9: Oehler liest etsi digamiam tibi intuleris. Die Handschriften bieten digamiam iam tibi. Es wird zu lesen sein: digamum iam tibi intuleris.
10: viderint. Die Redensart viderit, viderint wird von T. sehr häufig angewandt, und häufig dann, wenn er über eine Sache nichts mehr sagen will.
11: Aliud sunt figurae aliud formae; forma bezeichnet hier eine feste Einrichtung, die bleibenden gesetzlichen Charakter hat. In diesem Sinne steht forma oft = Gesetz; vgl. Oehler I, 99.
12: Vgl. Gal. 4,22 ff.
13: Josue, Jesus Nave.