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Wann sind Fotos peinlich?
Ein paar Hinweise zu Selbstportraits. Und anderen Portraits. Und ein paar Worte zu Paul Ryan. Und Anthony Weiner.
Gerade lief das dritte und letzte TV-Rededuell von Barack Obama und Mitt Romney – doch wir wollen hier nochmal eben einen Blick auf die möglichen Vizepräsidenten werfen. Neulich, anlässlich der Fernsehdebatte der beiden Kandidaten für das US-Vizepräsidentenamt, Joe Biden und Paul Ryan, tauchten nämlich diese Fotos auf, die Paul Ryan, Kandidat der Republikaner und gerne als «jugendlich wirkend» apostrophiert, bereits 2011 von sich machen liess. Für das Nachrichtenmagazin Time. Sie sehen oben eins davon. Die Bilder sind in der amerikanischen Presse unter anderem als «lächerlich und unvorteilhaft» charakterisiert worden, und zwar zu Recht. Ryan looks like your creepy neighbor. Die Fotos sind peinlich. Das ganze Setting ist peinlich. Besonders peinlich für einen 42-jährigen Mann und konservativen Politiker ist diese umgekehrte Baseball-Kappe auf dem Kopf. Eurgh!
Paul Ryan auf diesen Fotos erinnert mich an Izzy Mandelbaum aus der wundervollen Mandelbaum-Episode von Seinfeld, aber die Bilder erinnerten mich auch noch an was anderes … und dann fiel es mir ein: Anthony Weiner. Wissen Sie noch, wer Anthony Weiner war? Dunkel? Genau: Anthony Weiner war dieser demokratische US-Kongressabgeordnete (für die Stadt New York), den ein sogenannter Sexting-Skandal zum Rücktritt zwang. Besagter Skandal, treffend auch «Weinergate» genannt (sein Nachname wurde Herrn Weiner im Laufe der gesamten Affäre immer mehr zum Verhängnis), wurde dadurch ausgelöst, dass Anthony Weiner das Online-Netzwerk Twitter benutzte, um ein indezentes Bild von sich einer 21-jährigen College-Studentin aus Seattle zugänglich zu machen. Irgendwie wurde besagtes Bild dabei allerdings unbeabsichtigterweise der ganzen Welt zugänglich gemacht und gelangte alsbald über einen konservativen Blog an die Öffentlichkeit (und zwar über den Blog des inzwischen verstorbenen Andrew Breitbart), und nach einigen Tagen des Leugnens und der Dementis räumte Weiner ein, dass das Bild von ihm stammte und dass er darüber hinaus auch andere sexuell mehr oder weniger explizite Bilder und Nachrichten elektronisch versandt habe, auch an weitere Damen, sowohl vor wie nach seiner Eheschliessung im Mai 2009. Nach wie vor dementierte Weiner jeglichen realen Kontakt mit seinen Sexting-Bekanntschaften. Weitere Enthüllungen und zunehmender Druck auch aus dem eigenen politischen Lager führten dann dazu, dass der Kongressabgeordnete Anthony Weiner am 16. Juni 2011 seinen Rücktritt erklärte.
Das war die Geschichte – und falls Sie sich nicht mehr erinnern konnten, so ist das auch nicht weiter besorgniserregend, sondern entspricht nur der verkürzten Aufmerksamkeits- und Gedächtnisspanne unserer informationsüberlasteten Zeit. Übrigens zeigt der Fall Weiner ein für unsere Zeit typisches Spannungsverhältnis: Auf der einen Seite steht das individuelle Recht auf informationelle Selbstbestimmung, also das Recht des Einzelnen, grundsätzlich selbst über die Preisgabe und Verwendung seiner persönlichen Daten zu verfügen, oder, mit anderen Worten: das Persönlichkeitsrecht des Einzelnen auf Privat- und Intimsphäre. Und auf der anderen Seite steht das Informationsinteresse der Öffentlichkeit, also die Informationsfreiheit. Die Spannung zwischen diesen beiden Polen ist nicht neu, doch sie hat eine ungekannte Intensität und Drastik bekommen, und zwar durch das World Wide Web, dessen Verhältnis zur Freiheit grundsätzlich ambivalent und problematisch ist.
Nach Ansicht einiger Sachverständiger ist es ein Glück, dass wir das Interweb noch nicht allzu lange haben. Wenn dieses Ding mit seinen Techniken und Tendenzen der Blossstellung und Destruktion von Persönlichkeiten und Biographien nämlich auch nur ein halbes Jahrhundert früher über uns gekommen wäre, hätten es wahrscheinlich etwa John F. Kennedy und Martin Luther King nicht weit gebracht. So lautete, auf dem Höhepunkt von Weinergate, jedenfalls die Einschätzung des amerikanischen Kulturkritikers Lee Siegel. Weiners Verhalten sei zwar «creepy» gewesen, schrieb Siegel, also auffällig und krass und unpassend, aber nicht illegal, ja, noch nicht mal wirklicher Sex, und das Ausmass der bornierten philiströsen Empörung als Reaktion darauf mittelalterlich und lächerlich.
Und was passiert jetzt? Jetzt werden Bilder eines US-amerikanischen Politikers und Bewerbers um die Vize-Präsidentschaft veröffentlicht, der ungefähr so alt ist wie Anthony Weiner und irgendwie auch so ähnlich aussieht und so ähnlich balzt. Der Hauptunterschied zwischen den beiden ist die Parteizugehörigkeit – und der Umstand, dass Ryan seine Mandelbaum-Fotos von vornherein für die Öffentlichkeit gedacht hat. Weniger peinlich als Weiners werden sie dadurch nicht. Beide Fotoserien scheinen einen alten Satz zu validieren: Politics is showbiz for ugly people. (Und Wahlen sind deren Academy Awards.) Weiners Bilder freilich waren sogenannte Selfies. «Selfie» ist der Fachausdruck für jene Art des Selbstbildnisses, das wohl für zukünftige Generationen bald die Hauptform der popkulturellen Hinterlassenschaft unserer Ära von Smartphones und Social Networks darstellen wird. (So wie mutmasslich seit Einführung des iPhones das männliche Geschlechtsteil endgültig zum meistfotografierten Objekt der Welt geworden ist, dicht gefolgt von: Essen. Und damit meine ich nicht diese Stadt da in Deutschland.) Ein Selfie erkennen Sie zuallererst am ausgestreckten Arm der abgebildeten Person (so wie oben bei Anthony Weiner auf dem unteren Bildchen), denn das ist der Arm mit der Hand, die die Kamera hält. Ferner ist die abgebildete Person gern wenig bekleidet und/oder macht mit der freien Hand das Victory-Zeichen sowie mit dem Mund: Duck Lips. Das ist also alles ziemlich vorhersehbar; doch wenn Sie das nicht davon abhalten kann, weiter Selfies zu schiessen, meine Damen und Herren, berücksichtigen Sie vielleicht wenigstens den Rat aus Reese Witherspoons Ansprache bei den MTV Movie Awards (egal ob der sich nun an Blake Lively richtete oder nicht): If you take naked pictures of yourself on your cell phone, hide your face. (Sowie die Familienfotos im Hintergrund, wie man mit Blick auf Herrn Weiner hinzufügen möchte.) Oh, und bitte benutzen Sie für Ihre Selfies keinen Blackberry; die sind sowas von aus der Mode. Wie in der «New York Times» zu lesen stand: «BlackBerry users are like Myspace users. They probably still chat on AOL Instant Messenger.»