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Vor sechs Jahren hat Tahanur Abdelkader Eritrea verlassen – in Luzern hat der anerkannte Flüchtling ein neues Zuhause gefunden. In seinem Heimatland hat er Journalismus studiert, nun absolviert der 28-Jährige bei zentralplus ein Kurzpraktikum.
«Ich möchte schreiben», sagt Tahanur Abdelkader, «und mir in Erinnerung rufen, was ich in meinem Journalismusstudium in der Heimat gelernt habe.» Das sind die Gründe, wieso der 28-jährige Flüchtling aus Eritrea diese Woche ein Kurzpraktikum bei zentralplus absolviert.
Tahanur Abdelkader lebt seit diesem Samstag genau drei Jahre in der Schweiz, die letzten anderthalb Jahre davon in Emmenbrücke.
Journalismus studiert, Englisch unterrichtet
In seiner Heimat hat Abdelkader zwar Journalismus studiert, konnte aber nicht auf dem Beruf arbeiten. «In Eritrea sagt die Regierung, wo du arbeiten musst.» Und so war er als Englischlehrer tätig – und zwar weit weg von seinem Elternhaus, an der Grenze zu Äthiopien. Sein Lohn habe nicht zum Leben gereicht, erzählt er, seine Eltern mussten ihn finanziell unterstützen.
Dazu kam die staatliche Repression. Auf der Strasse könne man sich nicht frei bewegen, Soldaten führten immer wieder willkürliche Kontrollen durch; wer keine Papiere auf sich trage, lande im Gefängnis. Viele Junge, auch Bekannte von ihm, seien in Haft, «ohne Grund und ohne Gerichtsprozess», so Abdelkader. «In Eritrea herrscht ein diktatorisches System, wo der Einzelne keine Rechte besitzt.»
2011 flüchtete Tahanur Abdelkader illegal über die Grenze nach Äthiopien. «Viele werden an der Grenze von Soldaten verhaftet, ich hatte grosses Glück.» Dort schloss er sich in einem Flüchtlingslager 62 anderen Eritreern an, die zu Fuss in den Sudan weiterzogen. Neun Tage lang seien sie unterwegs gewesen, erzählt Abdelkader. «Die letzten zwei Tage hatten wir nur noch Wasser, nichts mehr zu essen.»
Im Sudan lebte er zwei Jahre lang, arbeitete bei einem Schneider und eröffnete später einen eigenen Laden. «Das Geschäft lief gut, aber auf dem Heimweg wurde ich regelmässig ausgeraubt.» Ohne den Rückhalt der Familie oder ein beschützendes Netzwerk konnte er sich nicht wehren; eine zermürbende Situation.
Mit dem ersparten Geld, das ihm blieb, zog er deshalb weiter nach Libyen, das zu dieser Zeit in den Wirren des Bürgerkriegs versank. Zu bleiben, sei keine Option gewesen, so Abdelkader. «Wir hörten Bomben explodieren, die Angst war ständig da.» Gemeinsam mit 350 anderen Flüchtlingen auf einem Schiff startete er die Reise übers Mittelmeer. Nach sieben Stunden sei ein italienisches Schiff gekommen und hätte ihnen geholfen, sagt er.
Leidenschaftlich an der Nähmaschine
Mit dem positiven Asylentscheid in der Schweiz hat seine Odyssee ein Ende genommen. In Emmenbrücke lebt er in einer Wohngemeinschaft mit drei anderen jungen Menschen, zwei davon ebenfalls anerkannte Flüchtlinge aus Eritrea. Mit seinen Eltern hat er durchschnittlich einmal pro Monat telefonischen Kontakt, sein Vater muss dazu jeweils in die Hauptstadt Asmara fahren, weil in seinem Dorf die Verbindung fehlt.
«Die Sprache ist eine grosse Hürde.»
Luzern ist zu seiner zweiten Heimat geworden, sagt Abdelkader. Woanders zu leben, das kann er sich heute nicht mehr vorstellen. Doch im Journalismus in der Schweiz einen festen Job zu finden, sei sehr schwierig für ihn. «Die deutsche Sprache ist eine grosse Hürde.» Der 28-Jährige spricht und versteht zwar gut Deutsch, ist aber nicht so sattelfest, wie es in der Branche üblicherweise verlangt wird.
Tahanur Abdelkader wird eine Woche auf der Redaktion von zentralplus arbeiten – und dabei über Erlebnisse und Eindrücke aus seinem Alltag berichten. Auch wenn die Medienbranche gerade für Fremdsprachige ein hartes Pflaster ist, möchten wir Tahanur Abdelkader durch das Praktikum einen Einblick in den Beruf bieten. Zugleich vermittelt Tahanur Abdelkader unseren Leserinnen und Lesern einen Eindruck seines Lebens in Luzern.
Flüchtlinge bleiben oft längerfristig in der Schweiz. Damit sie nicht von der Sozialhilfe abhängig sind, sollten sie rasch und nachhaltig in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt integriert werden. Der Kanton und der Gewerbeverband Luzern, die Industrie- und Handelskammer Zentralschweiz und das Schweizerische Arbeiterhilfswerk Zentralschweiz haben sich zusammengetan und koordinieren für Firmen verschiedene Angebote.
Deshalb hat er bisher in anderen Berufen gearbeitet, beispielsweise im Möbeltransport oder für fünf Monate als Lagerlogistiker in der Migros Dierikon. «Das war ebenfalls spannend.» Doch am liebsten würde er seine Leidenschaft zum Beruf machen: das Schneidern. Sein Vater, inzwischen pensioniert, betrieb in Eritrea ein Kleidergeschäft. Von ihm lernte er, Schnittmuster für Hosen, Hemden und Kleider zu zeichnen, Stoffe zuzunähen, saubere Nähte zu machen. Und das gefällt ihm bis heute. In seiner Wohnung in Emmenbrücke steht denn auch eine Nähmaschine, die oft in Gebrauch ist. «Weil ich relativ klein bin, muss ich die meisten meiner Hosen kürzen», sagt er.
Das Praktikum als Chance
Die ersten Schritte auf diesem Berufsweg hat er bereits hinter sich. Während mehreren Monaten arbeitete er im Nähatelier der Caritas und nähte unter anderem Fasnachtskleider. «Ich wusste am Anfang nicht, wofür die Kleider sind, und dachte, das sei traditionelle Schweizer Kleidung», sagt er und lacht. Im Nähatelier war er der einzige Mann unter zahlreichen Frauen. «In der Schweiz scheint das eher eine Frauenarbeit zu sein, was ich sehr schade finde», sagt er. Nach der Tätigkeit bei Caritas hat er bei zwei Schneidern für einen Job angefragt. «Doch sie hatten beide keine Vakanzen.»
Auch das Praktikum bei zentralplus sieht er als Möglichkeit, um ein Bein in den Arbeitsmarkt zu setzen. Er wolle jede Chance nutzen, die sich ihm bietet – mit Blick auf seine Zukunft. Das Bild ist zwar noch nicht so konkret gezeichnet, aber zwei Dinge sind für Tahanur Abdelkader zentral: «Ich hoffe, dass ich in fünf Jahren sehr gut Deutsch spreche und eine Arbeit gefunden habe.»
Hinweis: Hier geht es zum ersten Blogbeitrag von Tahanur Abdelkader.