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Bei einem Kletterausflug in den französischen Alpen verliert Jamie Andrew alle vier Gliedmassen. Das hält ihn aber nicht davon ab, an Marathons, Segelausflügen und der Besteigung des Matterhorns teilzunehmen.
Der Schotte Jamie Andrew und sein bester Freund Jamie Fisher machten sich im Februar 1999 auf, den Les Droites zu besteigen. Der niedrigste Viertausender der Alpen. Ein Kinderspiel für die zwei erfahrenen Kletterer. Fast oben angekommen, zieht aus dem Nichts ein Unwetter auf. Ihre einzige Rettung war, sich auf dem Gipfel einzunisten und dort auszuharren, bis der Sturm vorbeizog. Auf dem Bergkamm krochen sie in ihre Schlafsäcke und hatten gerade genügend Platz, um nebeneinander zu liegen. An der einen Seite ging es 500 und an der anderen 1000 Meter steil abwärts.
Bei 30 Grad minus und 130 km/h Windstärke hielten sie es vier Tage aus, bis der Rettungshelikopter kam. Nur fünf Meter war der am Seil hängende Rettungshelfer von den beiden entfernt. Der Wind war jedoch so stark, dass eine Bergung unmöglich war. So drehte der Helikopter wieder um und verschwand in der Abenddämmerung. Jamie bemerkte, dass seine Finger gefroren waren und dass sein Freund an Hyperthermie litt. Er fing an zu halluzinieren, wurde schliesslich bewusstlos und bewegte sich irgendwann gar nicht mehr. In dieser Nacht war sich Jamie sicher, dass sie beide starben. Er schloss die Augen und schlief ein. Am nächsten Morgen wachte er aber wieder auf. Die Sonne schien nach fünf Tagen wieder das erste Mal und er hörte die Rotoren des Helikopters. In einer der spektakulärsten Rettungsaktionen wurde Jamie geborgen.
Für seinen Freund, Jamie Fisher, kam die Hilfe aber zu spät. Er verstarb auf dem Les Droites.
Als Jamie im Krankenhaus wieder zu sich kam, war er umzingelt von Ärzten. Seine Hände und Füsse waren bis zu den Knochen gefroren - Körpergewebe und Zellen deswegen zerstört. Die Gliedmassen mussten langsam aufgetaut werden, doch vergifteten sie Jamies Körper. Er fiel in ein Koma und die Ärzte entschieden sich für eine Notoperation.
Als Jamie nach der Operation wieder erwachte, fehlten seine beiden Hände und Füsse. Er, der aktive, lebenslustige und sportliche Mann, konnte nie mehr so leben wie früher. Oft wünschte er sich, er wäre zusammen mit seinem Freund auf dem Berg gestorben. Dann fühlte er sich schuldig, dass er überlebt hat. Dann war er wütend, dass sein bester Freund gestorben war. Aber bald gewann die Erkenntnis, dass dies nur eine nächste Herausforderung ist. Sozusagen ein nächster Berg, den es zu bezwingen galt. Mit der Hilfe des Krankenhauspersonals und seiner damaligen Freundin, Anna, kam seine Lebensfreude zurück. Bereits drei Monate nach dem Vorfall erhielt Jamie seine erste Beinprothese und konnte bald darauf ohne Gehhilfe laufen.
Jamie heiratete seine Freundin Anna und die beiden brachten drei Kinder zur Welt. Das war die grösste Herausforderung für ihn. «Stellen Sie sich vor, die Windeln ihres Kindes mit den Zähnen wechseln zu müssen», spasst er. Aber Jamie hat schnell gelernt, alltägliche Dinge zu meistern. Dabei helfen ihm auch die zahlreichen Prothesen, die extra für ihn angefertigt werden. Sei es für nützliche Dinge wie Autofahren oder für den Spass wie Schneeballschlachten oder Jonglieren. Als er für die TV-Dokumentation beim Teemachen gefilmt wird, bemerkt er: «Du filmst das, weil du es spannend findest. Aber für mich ist es keine Leistung. Sondern nur Tee, den ich mache.»
Mit dem wieder erweckten Kampfgeist wollte Jamie herausfinden, was alles möglich war ohne Hände und Füsse. Er fing wieder an, zu wandern. Auch snowboarden, joggen und schwimmen waren bald kein Problem mehr für ihn. Der Herausforderung liebende Jamie trieb sich immer weiter an und lief 2002 seinen ersten Marathon. In 2004 bezwang er zusammen mit drei anderen körperlich Behinderten den Kilimandscharo. 2007 segelte er mit zwei Männern beim «North Sea Yacht Race». Ihr Motto: Drei Hände, drei Füsse, drei Männer, ein Boot. Als ob das alles nicht genug wäre, nahm er im selben Jahr auch noch am «Titanium Man» - ähnlich dem «Iron Man» - teil und schaffte 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42 km Laufen, alles in 24 Stunden.
Das Matterhorn zu bezwingen war immer ein grosser Wunsch von Jamie. Und nachdem er so vieles erreichte hatte - was er nach dem Unfall für unmöglich hielt - fing er an, für die Besteigung des Matterhorns zu trainieren. Zusammen mit seinem Kletterpartner Steve Jones wagte er in diesem Jahr den Aufstieg. Mit den Beinprothesen hat er kein Gefühl für die Schritte. Jeder muss präzise sein. Jamie darf sich keinen Fehler erlauben, muss immer hochkonzentriert sein. «Wäre es einfach, würde es keinen Spass machen», sagt Jamie. Die beiden setzen sich einen straffen Zeitplan, den es einzuhalten gilt. Ansonsten erhöht sich das Risiko mit jeder Viertelstunde. 260 Meter vor der Bergspitze sind sie hinter diesem Zeitplan. «Mit 18 hätte ich weitergemacht, wäre die Risiken eingegangen. Jetzt habe ich Frau und Kinder. Ich habe meiner Familie versprochen, dass ich nach Hause komme.» Mit diesen Gedanken beschliesst Jamie, kurz vor dem Ziel umzukehren.
Der ewige Optimist in ihm sieht die Niederlage folgendermassen: «Es wäre grossartig gewesen, hätte ich es geschafft. Aber nicht oben angekommen zu sein, hält wenigstens den Traum, den Gipfel zu erreichen, am Leben.» Und der nächste Versuch ist bereits geplant. Nächstes Jahr, dem 150-Jahr-Jubiläum der Matterhorn Erstbesteigung, soll er der erste handicapierte Mensch werden, der es bis zum Gipfel geschafft hat.