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Das Schweizer Stimmvolk hat sich 2006 deutlich für die neuen Bildungsartikel in der Bundesverfassung ausgesprochen. Seither sind die Kantone unter anderem dazu verpflichtet, die Ziele der obligatorischen Schule zu harmonisieren. Um dieser Verpflichtung nachzukommen, haben sie bereits verschiedene Massnahmen ergriffen. So hat die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) 2011 in den vier Fächern Mathematik, Naturwissenschaften, Schulsprache und Fremdsprache nationale Bildungsziele formuliert. Diese beschreiben, welche Grundkompetenzen die Schülerinnen und Schüler in den jeweiligen Fachbereichen an drei wichtigen Schnittstellen der obligatorischen Schule erwerben sollen.[1] Grundkompetenzen umfassen grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten sowie grundlegendes Wissen in diesen Fächern. Im Grunde handelt es sich also um den «Kern» der schulischen Bildung.
Mit den Grundkompetenzen haben sich die Kantone erstmals über die Sprachregionen hinweg auf wichtige Ziele für die obligatorische Schule verständigt. Die nach 2011 entwickelten sprachregionalen Lehrpläne basieren auf diesen Grundkompetenzen. Gleichzeitig gehen die Lehrpläne aber über die Grundkompetenzen hinaus und umfassen auch alle anderen Fachbereiche und betreffen alle Schuljahre.
Drei Fächer analysiert
Wie viele Schülerinnen und Schüler verfügen über die von der EDK definierten Grundkompetenzen? Und wie gross ist die Übereinstimmung bei den Bildungszielen zwischen den Kantonen? Um diese Fragen zu beantworten, hat die EDK zwei Erhebungen durchgeführt.
Im Mai 2019 wurden die Ergebnisse veröffentlicht. Sie haben schweizweit für einiges Aufsehen gesorgt. Erstmals liegen damit nämlich Ergebnisse aus einer Leistungsmessung vor, die – anders als die internationale Pisa-Studie – rein schweizerische Instrumente verwendet und detaillierte Aussagen zu den einzelnen Kantonen ermöglicht. Dabei beschränkten sich die Erhebungen auf drei Fachbereiche (Mathematik, Schulsprache und Fremdsprachen) und auf zwei Jahrgangsstufen (ca. 12- und 15-jährige Schülerinnen und Schüler, die sich jeweils am Ende der Primarschule resp. der Sekundarstufe I befinden). Die Ergebnisse dieser Leistungsmessung dienen unter anderem als Indikator für den Grad der Harmonisierung zwischen den Kantonen. Mit diesen Resultaten kann auch Rechenschaft gegenüber dem Verfassungsauftrag abgelegt werden.
Vertiefte Analysen in den Kantonen
Die Schweiz nimmt seit dem Jahr 2000 am «Programme for International Student Assessment» – kurz: Pisa-Studie – teil und erhält dadurch regelmässig wichtige Informationen zu den Leistungen der Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich. Doch weder die Pisa-Studie noch irgendeine andere internationale Studie sagen etwas aus über die Zielharmonisierung der Kantone in der obligatorischen Schule. Dazu braucht es eigene Instrumente, die sich auf die nationalen Bildungsziele stützen. Die vielfältigen Kontextmerkmale, die in den beiden Studien erhoben wurden (sozialer Hintergrund, Migrationsstatus, motivationale Aspekte etc.), erlauben vertiefte Analysen auf kantonaler Ebene. Mögliche Einflussfaktoren in Bezug auf die Schülerleistung lassen sich damit nicht nur auf nationaler, sondern auch auf kantonaler Ebene besser beschreiben. Zusammen mit den Ergebnissen aus der internationalen Pisa-Studie ergibt sich so ein recht umfassendes Bild der erreichten Kompetenzen im interkantonalen und im internationalen Vergleich.
Ein erster Eindruck
Die ersten Erhebungen im Auftrag der EDK zur Überprüfung der Grundkompetenzen fanden 2016 und 2017 statt. 2016 wurde am Ende der obligatorischen Schule das Fach Mathematik geprüft und 2017 am Ende der Primarstufe die Schulsprache und die erste Fremdsprache.
Je nach Sprachregion und Kanton waren die neuen Lehrpläne damals noch nicht oder noch nicht lange eingeführt. Auch die Anpassung der Lehrmittel und die entsprechende Aus- und Weiterbildung der Lehrpersonen sind noch ein laufender Prozess. Folglich erlauben die Ergebnisse dieser ersten Erhebungen zwar Aussagen zur Zielharmonisierung, jedoch geben sie nur ein erstes Bild davon. Dieses kann sich im Zuge der weiteren Entwicklungen und bei späteren Erhebungen noch verändern.
Zu Beginn des Harmonisierungsprozesses bewertet die EDK den Harmonisierungsgrad zwischen den Kantonen im Bereich Sprachen als recht hoch. Auch der Anteil der Schülerinnen und Schüler, welche die Grundkompetenzen erreichen, ist mehrheitlich hoch: Im schweizerischen Mittel erreichen 88 Prozent der Schülerinnen und Schüler am Ende der Primarstufe die Grundkompetenzen im Bereich Lesen in der Schulsprache. Bei der Orthografie in der Schulsprache sind es je nach Sprachregion zwischen 80 und 89 Prozent. In der ersten Fremdsprache (Deutsch, Französisch oder Englisch) erreichen rund 90 Prozent die Grundkompetenzen im Hörverstehen, während der Anteil beim Leseverstehen etwas niedriger ist (Französisch 65%, Deutsch 72% und Englisch 86%).
Grösser sind die Unterschiede zwischen den Kantonen im Fach Mathematik am Ende der obligatorischen Schule: Der Anteil der Schülerinnen und Schüler, die in diesem Fach die Grundkompetenzen erreichen, schwankt je nach Kanton zwischen 43 und 83 Prozent. Der gesamtschweizerische Anteil liegt bei 62 Prozent. Im Vergleich zu den anderen Fächern erreichen in der Mathematik also weniger Schülerinnen und Schüler die angestrebten Grundkompetenzen.
Harmonisierung wird voranschreiten
Die Unterschiede in den Ergebnissen zwischen Mathematik und Sprachen können zu einem gewissen Grad durch die bisherigen und teilweise noch gültigen kantonalen Lehrpläne der obligatorischen Schule erklärt werden. Diese sind (resp. waren) bei den Sprachen stärker harmonisiert als in der Mathematik. Es ist davon auszugehen, dass die zunehmende Anwendung von gemeinsamen Lehrplänen oder weiterentwickelten Lehrmitteln das Erreichen der Bildungsziele weiter harmonisieren wird. Noch nicht abschliessend geklärt ist jedoch die Frage des Anspruchsniveaus in der Mathematik. Eine Einschätzung von Fachpersonen nach der Testdurchführung hatte ergeben, dass die Grundkompetenzen – bzw. die daraus abgeleiteten Aufgaben zur Überprüfung der Grundkompetenzen in Mathematik – recht anspruchsvoll sind. Eine Kommission der EDK wird dieser Frage nachgehen.
In den wissenschaftlichen Berichten zu den Erhebungen wurde auch untersucht, ob individuelle Merkmale der Schülerinnen und Schüler – wie Geschlecht, soziale Herkunft, Migrationsstatus und zu Hause gesprochene Sprache – einen Effekt auf die Ergebnisse haben könnten. Die Autorengruppe kommt zum Schluss, dass ein solcher Effekt zwar existiert, dass die Merkmale aber nicht überall gleich wirken. Anders gesagt: Je nach Kanton und Fach sind die Unterschiede zwischen zwei Schülergruppen (z. B. Schülerinnen mit und ohne Migrationshintergrund) statistisch signifikant oder nicht signifikant.
Weitere Überprüfungen geplant
Die ersten Erhebungen konnten ein Startbild der Situation zu Beginn des Harmonisierungsprozesses vermitteln. Weitere Überprüfungen der Grundkompetenzen werden dieses Bild ergänzen. Solche sind für 2020 und 2022 geplant: 2020 im Bereich Sprachen am Ende der obligatorischen Schule und 2022 im 4. Schuljahr, wobei noch nicht entschieden wurde, in welchen Fachbereichen. Diese Überprüfungen geben kontinuierlich Auskunft über den Stand der Harmonisierung, indem sie messen, ob die Grundkompetenzen erreicht werden und ob es dabei kantonale Unterschiede gibt. Auf diese Weise kann regelmässig bilanziert werden, inwieweit der Verfassungsauftrag zur Harmonisierung der Bildungsziele erreicht wird.
Die Resultate aus den Erhebungen fliessen zusammen mit den Erkenntnissen aus vielen anderen Studien ins Bildungsmonitoring ein. Das Bildungsmonitoring Schweiz ist die systematische und auf Dauer angelegte Beschaffung und Aufbereitung von Informationen über das Schweizer Bildungssystem und dessen Umfeld. Das Bildungsmonitoring Schweiz wird von der EDK und dem Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) verantwortet. Die von der EDK in Auftrag gegebenen Erhebungen zu den Grundkompetenzen stellen einen Beitrag zum Bildungsmonitoring dar. Sowohl die Erkenntnisse aus der Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen als auch jene aus zusätzlichen vertiefenden Analysen und Studien werden erstmals 2022 in den Bildungsbericht aufgenommen. Sie ergänzen damit das Wissen über das gesamte Bildungssystem und dienen dessen Weiterentwicklung.
- Die EDK hat Grundkompetenzen für die vier genannten Bereiche festgelegt, die bis am Ende des 4., des 8. und des 11. Schuljahres der obligatorischen Schule erworben werden sollen. Da der Fremdsprachenunterricht in der Regel erst nach dem 4. Schuljahr beginnt, sind für die Fremdsprachen nur Grundkompetenzen am Ende des 8. und des 11. Schuljahres festgelegt worden.