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|Auszüge aus dem Buch

Sikhismus und traditionelle Sikhgemeinschaften
Geschichte
Der Ursprung des Sikhismus ist auf Guru Nanak (14691539) zurückzuführen. Guru Nanak, im Punjab (Nordindien) geboren, stand in der Bhakti-Tradition (liebevolle Hinwendung zu Gott), die um das 13. Jahrhundert entstanden ist.
Nanak verstand sich als Reformer eines sinnentleerten, ritualisierten Hinduismus und eines erstarrten Islam. Seine Anhänger lehrte er, dass es keine Hindus, keine Muslime gibt und alle Unterschiede hinfällig sind. Alle Menschen sollten sich als Glieder einer Gemeinschaft fühlen, in der Kasten keine Bedeutung mehr haben (Kaste: von anderen Ständen abgeschlossener gesellschaftlicher Stand mit strengen gesellschaftlichen, religiösen und wirtschaftlichen Normen). Im Unterschied zum Islam vertrat Guru Nanak die Wiedergeburt. Seine drei Prinzipien auch heute noch sehr wichtig sind: Arbeite für deinen Lebensunterhalt; bete; teile. Zuerst als Reformbewegung gedacht, entwickelte sich der «Sikhismus» später zu einer eigenständigen Religion. Das Wort Sikh bedeutet Schüler.
Nach Guru Nanaks Tod folgten ihm neun weitere Gurus, welche ebenso als unmittelbare Vermittler zwischen Mensch und Gott angesehen und dementsprechend verehrt wurden. Sie führten seine Lehren weiter, wobei jeder etwas Neues beitrug. Der letzte lebende Guru, Guru Gobind Singh, starb 1708. Guru Gobind Singh begründete 1699 die Khalsa Panth die «Bruderschaft der Reinen». Durch diesen Schritt wurde die spirituelle Reformbewegung zur eigenständigen Sikh-Religion. Vor seinem Tod gab Guru Gobind Singh bekannt, dass die Sikhs nicht mehr länger einen lebenden Guru (Lehrer) nötig hätten. Als seinen geistigen und zugleich physischen Nachfolger benannte er Sri Guru Granth Sahib, ein heiliges Buch, welches von 26 Autoren unterschiedlicher hinduistischer Traditionen verfasst worden ist. Die Weisheit, welche die Sikhs für die spirituelle Führung in ihrem täglichen Leben bräuchten, könne nun im Guru Granth Sahib, dem Ewigen Guru der Sikhs, gefunden werden. Die Sikhs nehmen an, dass derselbe Geist, welcher die zehn Gurus beseelte, dieser Schrift innewohnt. Seither wird der Guru Granth Sahib (granth = heiliges Buch, sahib = respektvolle Anrede) als geistiger Kopf der Sikh-Religion betrachtet, dem die gleiche Verehrung gilt wie seinen (menschlichen) zehn Vorgängern.
Nach dem Tod von Guru Gobind Singh erlebten die Sikhs eine wechselvolle Geschichte. Schon vor dessen Tod setzten durch die damaligen Machthaber schwere Verfolgungen ein, die seitens der Sikhs grössere Anstrengungen nötig machten, um nicht die eigene Identität und Religion zu verlieren. Ein Höhepunkt in der Geschichte der Sikhs war jedoch um den Beginn des 19. Jahrhunderts, als sie unter Maharaja Ranjit Singh (17801939) im Norden Indiens einen eigenen Staat erhielten. Das Sikh-Reich überdauerte ein halbes Jahrhundert, bis es 1849 von den Engländern annektiert wurde. Einen tragischen Tiefpunkt in der Geschichte der Sikhs bildete 1984 der von Indira Gandhi befohlene Sturm des Goldenen Tempels in Amritsar (Punjab), wo neben etwa 300 Extremisten auch über 1000 Gläubige ihr Leben lassen mussten. In der Folge flüchteten oder emigrierten tausende von Sikhs in den Westen, einige davon auch in die Schweiz.
Lehre
Die Lehre der Sikhs ist im Guru Granth Sahib, dem heiligen Buch, enthalten. Der Sikhismus ist eine praktische, optimistische Religion. Ein Gedanke des Sikhismus ist, dass das Leben in seinem Ursprung nicht sündig ist. Auch nachdem das Leben die reine wahre Quelle (Gott) verlassen hat, bleibt das wahre Eine in ihm. Eine weitere Aussage ist, dass Gott letztendlich unbeschreiblich ist, über allem steht und keine irdische Gestalt annimmt. Ein «Herabsteigen» Gottes, um sich in einem menschlichen Körper zu inkarnieren, wie es die Avatara-Lehre (Sanskrit: avatar = Herabstieg) des Hinduismus kennt, wird abgelehnt. Gott kann (wie im Islam) nicht bildlich dargestellt werden. Die Sikhs akzeptieren die Lehre der Reinkarnation. Im Gegensatz zum Hinduismus lehnen sie jedoch den Glauben an eine sich wiederholende Reihe von Geburten als Mensch ab. Ein Wesen steigt in tausenden von Leben von der niedersten zur höchsten Form der menschlichen Gestalt auf. Die Vereinigung mit Gott kann nur ein Mensch erreichen. Deshalb soll jeder Mensch aus seinen Fähigkeiten das Beste machen und sein Leben aktiv gestalten. Gegenüber anderen Menschen soll Toleranz, brüderliche Liebe und humanitärer Dienst ausgeübt werden. Zwischen geistigen und weltlichen Pflichten sollte ein Gleichgewicht aufrechterhalten werden. Ein Verzicht von der Welt oder gar das Zölibat wird strikt abgelehnt. Jeder, der ehrlich lebt und ein normales Leben führt, kann erlöst werden.
Die Lehre der Sihks liefert Verhaltensregeln zur richtigen Lebensweise, Alkohol, Tabak und Würfelspiele sind (streng) verboten, ebenso der Genuss von Rind. Die Sikhs sind durch den obligaten Turban (Frauen durch ein Kopftuch) und ihre fünf Ks zu erkennen:
Die fünf Ks gelten für Männer wie auch für die Frauen. Frauen dürfen keinen Sari (indisches Frauengewand) tragen, die Kleidung ist derjenigen der Männer sehr ähnlich wenn nicht dieselbe, wobei Farben und Schnitt in neuerer Zeit ein wenig weiblicher geworden sind.
Frauen werden in der Sikh-Gemeinde gleich behandelt wie die Männer. Im Sinne der Gleichwertigkeit tragen alle Männer den Beinamen Singh (Löwe), die Frauen den Beinamen Kaur (Prinz, nicht Prinzessin!). Sikh kann jeder werden, der die Sikh-Taufe-Zeremonie durchlebt hat und dem Sikh-Code von Verhalten und Konventionen (streng) folgt. Nach der Taufe ist der Neuling Mitglied der Khalsa (die «Reinen»).
Die Sikh-Tempel oder Versammlungsorte werden Gurdwara (Tür des Guru) genannt. Der Gurdwara ist für gemeinsame Gottesdienste wichtig. In jedem Gurdwara befindet sich im Hauptraum, in dem die Gottesdienste stattfinden, auf einer altarähnlichen Einrichtung ausgelegt, der Guru Granth Sahib. Beim Betreten des Hauptraumes nähert man sich diesem heiligen Buch und zeigt ihm durch eine Verbeugung seine Ehrbietung. Erst dann wird Platz genommen. In Indien sind die Gurdwara vielmals grossartige Bauten, im Ausland ist es manchmal auch nur ein bescheidener Raum. Manche Familien haben ein Zimmer, welches nur für Gebete benutzt wird (Indien und Ausland). In jedem Gurdwara, egal ob gross oder klein, ist ein Exemplar des Granth Sahib ausgelegt. Zu jedem Gurdwara gehört ein Langhar (öffentliche Küche), wo sich jeder Mensch gratis verpflegen kann. Dies geht aus dem dritten Prinzip von Guru Nanak hervor (Teile). Es gibt den Gedanken, dass kein Gottesdienst gefeiert werden kann, wenn um den Gurdwara herum Menschen hungern. So werden in indischen Grossstädten täglich hunderte von Armen verpflegt, die oft keine andere Nahrung haben als die, die sie im Langhar erhalten.
Der Sikhismus kennt keine Priester, da dieses Amt von Guru Gobind Singh abgeschafft wurde. Sikhs haben lediglich so genannte Granthis. Ein Granthi ist ein Mensch, der den Granth Sahib öffentlich liest. Eine spezielle Ausbildung ist nicht nötig, wichtig ist die korrekte Rezitation. In der Nacht wird der Granth Sahib in Tücher eingewickelt und in einem separaten Zimmer oder im gleichen Raum (dann jedoch abgetrennt) ins Bett gelegt. Im Gurdwara wird nach Geschlechtern getrennt auf dem Boden gesessen. Gebete zu Gott können jedoch immer und überall verrichtet werden.
Das bedeutungsvollste historische religiöse Zentrum der Sikhs ist Harmandir Sahib («Gottestempel», der als der «Goldene Tempel» bekannt ist) in Amritsar im Punjab. Es ist der inspirative und historische Mittelpunkt der Sikh-Religion, jedoch keine obligatorische Stelle für Pilgerfahrt oder Verehrung. Jeder Ort, an dem der Guru Granth Sahib Einzug erhalten hat, wird von den Sikhs als gleichwertig heilig erachtet.
Wie in anderen Religionen auch, entwickelten sich im Laufe der Zeit auch im Sikhismus verschiedene Richtungen. Neben den traditionellen Sikhs gibt es auch die Keshadhari (streng gläubige Sikhs), die Sahjdhari (die sowohl Taufe wie Krieg verweigern), der Asketenorden der Udasis (Weltabgewandte), die Nirmala Sadhus (fleckenlose Heilige) und andere mehr.
Organisation und Verbreitung
Die meisten Sikhs leben im nordwestlichen Bundesstaat Punjab, dem Geburtsland von Guru Nanak. Dort bilden sie mit etwa 53 % die Mehrheit der Bevölkerung. Von den rund 20 Millionen Sikhs lebt eine beachtliche Zahl ausserhalb ihres Ursprungslands Punjab, sie sind auch zahlreich über ganz Indien zerstreut. Ein grosser Teil der Sikhs lebt in England (ca. 600000) und Kanada (ca. 700000). Die Schätzungen gehen zum Teil jedoch weit auseinander. Die Sikh-Gemeinschaft ist zahlenbezogen eine der kleineren Weltreligionen und zählt auch in der Schweiz zu den kleinsten Religionsgemeinschaften. Bedingt durch die zunehmende Geburtenzahl ist sie jedoch auch hier am Wachsen. In der Schweiz gibt es zwei voneinander unabhängige Sikh-Gemeinden. Der Gurdwara (Tempel) des Sikh Zentrums Schweiz befindet sich in Langenthal BE. Die (grössere) Sikh Gemeinde Schweiz Gurdwara trifft sich in Dänikon SO zwischen Olten und Aarau, wo 2002 ein neuer Gurdwara eingeweiht worden ist. In der Schweiz leben insgesamt etwa 600 bis 800 Sikhs, die meisten mit ihren Familien. Im Kanton Zürich sind es ca. 100, in der Stadt Zürich um 30 bis 40 Personen.
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