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Referat von Peter Hüseyin Cunz
Am 1. Europäisches Symposium zum Herzensgebet, 22.-26. Juni 2011
Haus St. Dorothea, Flüeli Ranft
Arabische Ausdrücke werden der Einfachheit zuliebe in direkter deutscher Phonetik geschrieben.
Die meisten Gedichte stammen aus dem Mesnevi (6 Büchern I bis VI mit Vers-Nummern).
Quelle: Rumi: „Das Matnavi“, Edition Shershir, Dr. Peter Finckh, mit freundlicher Genehmigung der Übersetzergemeinschaft Bernhard Meyer, Kaveh und Jilla Dalir Azar
Bism-Allahi ar-Rachman-i ar-Rahim
Höre auf die Geschichte der Rohrflöte, wie sie sich über die Trennung beklagt:
„Seit ich aus dem Röhricht geschnitten wurde, hat meine Klage Mann und Frau zum Klagen gebracht.
Ich suche nach einer von der Trennung zerrissenen Brust, der ich meinen Sehnsuchtsschmerz enthüllen kann.
Jeder, der weit von seinem Ursprung entfernt ist, sehnt sich danach, wieder mit ihm vereint zu sein.“
(Mesnevi I:1-4)
Mit diesen Worten beginnt das Mesnevi, das Lehrwerk des islamischen Heiligen Cellaleddin Rumi, von seinen Verehrern Hazrati Mevlana (unser heiliger Meister) genannt. Die aus einem Bambusstück hergestellte Flöte, Ney genannt, dient als Symbol für den Menschen, der seiner Sehnsucht nachgeht, den Ursprung seines Seins wieder zu erlangen.
Hz. Mevlana kam vermutlich am 30. September 1207 in Balch (heute Afghanistan) zur Welt, und er starb am 17. Dezember 1273 in Konya (heute Türkei). Sein Todestag, den Hz. Mevlana selbst als einen Freudentag empfahl, wird in der Türkei mit grossen Feierlichkeiten zelebriert. Das Ritual des Drehreigens, das im Zentrum der Feierlichkeiten steht, wurde im Jahre 2007 von der UNESCO zum Weltkulturerbe erkoren.
Hz. Mevlana hinterliess ein eindrückliches Werk von 36‘000 Versen mystischer Gedichte, 26‘000 Versen Lehrgedichte sowie einige Reden in Prosa. Er hatte eine beachtliche Schülerschaft, welche nach seinem Tod unter der Leitung seines Sohnes Sultan Veled die Grundsteine des Mevlevi-Ordens legten. Dieser Orden wuchs zu einer bedeutenden Institution mit sehr viel Einfluss im Osmanischen Reich. Unter der Herrschaft Kemal Atatürks wurde er einige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg aufgelöst. Seither fristet dieser Orden ein sehr bescheidenes Dasein, auch wenn die moderne Türkei die Rituale des Ordens recht erfolgreich als türkisches Kulturerbe vermarktet. In der Schweiz sind wir etwa 30 Ordensangehörige, die sich wöchentlich zu geistigen Übungen zusammenfinden. Über Leben und Werk Hz. Mevlanas existiert eine beachtliche Literatur. Für Sie verweise ich auf Annemarie Schimmel, eine profunde Kennerin Hz. Mevlanas und des Sufismus allgemein.
Hz. Mevlanas Werk drückt einen möglichen Ausdruck des Islam dar. Oft wird gesagt, dass sein Lehrwerk, das Mesnevi, ein Spiegel des heiligen Korans sei. Wir vertreten die Ansicht, dass das Mesnevi für den Westen ein guter Weg ist, die koranische Botschaft verstehen zu lernen.
Der Inhalt meines Referates versucht, die Rolle des Herzens aus der Sicht der Sufi zu beleuchten. Beginnen will ich mit dem, was im Christentum im Zentrum steht, nämlich der Liebe. Die Liebe wird auf allen Ebenen und in allen Arten gepriesen. Zur Präzisierung benötigen wir dann Adjektive, um zum Beispiel „die emotionale Liebe“ von der „göttlichen Liebe“ zu unterscheiden. Im Arabischen, das den Islam geprägt hat, stehen für die verschiedenen Qualitäten der Liebe unterschiedliche Wörter zu Verfügung.
Wenn ich jemanden nach der Definition der Liebe frage, herrscht oft Ratlosigkeit. Ich will Sie jetzt nicht rätseln lassen, wo ich hinaus will. Was ist Liebe? Liebe ist nichts anderes als der Drang nach Einheit. Diese Definition meiner ersten spirituellen Lehrerin, Elisabeth Haich, hat mich seit der Studentenzeit begleitet. Im Islam und dessen Poesie und insbesondere im sufistischen Islam fand ich diese Definition sehr gut bestätigt. Wir sagen selten „Gott ist die Liebe“, denn die Liebe ist bereits ein Ausdruck, ein Geschehen aus einer Ursache. Dies gilt auch für das arabische Wort aschk, das für die göttliche Liebe steht. Wir sagen, dass von Gott eine Kraft des Ur-Mitgefühls ausströmt, welche Seine Schöpfung am Leben erhält, und die sich nicht nur im positiv empfundenen Ausdruck der Liebe manifestiert. Diese Kraft oder „Eigenschaft Gottes“ wird mit dem „Gottesnamen“ ar-Rachman ausgedrückt.
Ein Physiker würde vielleicht sagen, dass es sich bei ar-Rahman um jene Kraft handelt, die dafür sorgt, dass die Entropie nicht zunimmt. Der Koran sagt diesbezüglich einfach „Jeden Tag nimmt Er ein Geschäft vor.“ (55:29).
Dass die Sehnsucht im Ursprung aller Dinge liegt, zeigt ein ausserkoranisches Gotteswort (hadith qutsi), wo Gott von Seiner eigenen Sehnsucht spricht, die Ihn veranlasste, die Schöpfung in Gang zu bringen:
Ich war ein verborgener Schatz und sehnte mich danach, erkannt zu werden, also erschuf Ich die Welt, auf dass ich erkannt würde.
Das göttliche Mitgefühl für Seine eigene Schöpfung, das in der Tiefe jedes Menschen spürbar ist, erzeugt im Menschen eine Sehnsucht nach dem Ursprung seiner selbst. Ständig sucht diese Sehnsucht nach Verwirklichung, und da der Mensch in seinem Bewusstsein über die Wirklichkeit beschränkt ist, manifestiert sich der Versuch nach Verwirklichung in allen möglichen Ebenen des Verliebtseins: verliebt in Gegenstände, Tiere, Menschen, in die Macht, in theologische und philosophische Ideen oder gar in sich selbst. Mir gefällt die präzise Aussage der Hesychiasten: "Jesus ist die liebende Kraft Gottes."
Hz. Mevlana erinnert uns immer wieder daran, dass die Liebe nur in der Polarität existiert. Es braucht immer zwei, den Verliebten und den Geliebten.
Kein Liebender sehnt sich in Wirklichkeit nach Vereinigung, ohne dass sein Geliebter sie ersehnt.
..........
Eine deiner Hände bringt ohne die andere Hand kein klatschendes Geräusch hervor. Der Durstige stöhnt: „O köstliches Wasser!“ Auch das Wasser stöhnt und sagt: „Wo ist der Wassertrinker?“
Der Durst in unseren Seelen ist die Anziehung, die das Wasser ausübt: Wir gehören dem Wasser, und doch ist es unser.
Gottes weise Vorsehung und Sein weiser Ratschluss haben uns zu Liebenden gemacht.
Diese Vorsehung hat alle Atome der Welt paarweise miteinander verbunden, und jedes Atom liebt seinen Partner.
(III:4393 ff)
Die islamische Botschaft lehrt uns, dass der Mensch das höchste Wesen dieser Schöpfung ist. Um das zu bezeugen, verlangte Gott von Seinen Engeln, dass sie sich vor dem eben erschaffenen Adam niederwerfen. Einer der Engel verweigerte sich, und wurde zu Satan.
Im Gegensatz zu den Engeln ist der Mensch mit der Vernunft ausgestattet und mit der Fähigkeit zu reflektieren, was die Erkenntnis ermöglicht und ihm das Werkzeug gibt, in dieser Welt der Erscheinungen zu überleben und zu bestehen. Er erkennt sich in der Dualität und kann den Schmerz aushalten, nicht in der Einheit zu sein. Die Engel haben diese Eigenschaft nicht; sie führen lediglich die Befehle Gottes aus. Sie werden darum auch als Kräfte Gottes gesehen.
Wohl ist der Mensch das höchste Wesen auf dieser Erde, aber er ist aus dem Paradies gefallen und befindet sich in ständiger Unruhe. In seinem Innern spürt er das Mitgefühl Gottes, aus dem eine Sehnsucht entsteht, zurück zum Ursprung, zurück ins Paradies zu streben. Auch wenn er ständig versucht, auf dieser Erde paradiesische Zustände zu erreichen – es wird ihn nie ganz befriedigen können. Und wenn er mit letzter Kraft versucht, Gott zu erreichen, wird er es nicht aushalten können – wir kennen das auch von Prophetengeschichten. Hz. Mevlana beschreibt das sehr schön:
Du liebst Gott, und Gott ist so, dass kein Haar von dir bleibt, wenn Er kommt.
Bei Seinem Anblick verschwinden hundert wie du; ich glaube, mein Freund, du bist in die Verneinung deiner selbst verliebt.
Du bist ein Schatten und in die Sonne verliebt: Die Sonne kommt und sofort verschwindet der Schatten.
(III:4621 ff)
Also eine hoffnungslose Situation für den sehnsüchtig Suchenden? Die islamische Botschaft offeriert einen anderen Weg zu Gottesnähe, sagt Gott doch im Koran:
Und wahrlich, Wir erschufen doch den Menschen, und Wir wissen, was ihm sein Seele einflüstert, denn Wir sind ihm näher als die Halsader. (50:16)
Statt sich Gott nur in Seiner Transzendenz zu nähern, wird uns auch ein Weg nach innen offeriert. Gott ist dort zu finden, wo Er mit Seinem Mitgefühl wirkt, im Innersten des Menschen, in seinem Herzen (qalb). Es ist der Weg, ausgedrückt im ersten Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses: La ilaha il-Allah; oder in den Worten Meister Eckharts: „Lass weg, was nicht Gott ist, und dann bleibt nur noch Gott übrig“. Es ist der Weg der Negation, dem Loslassen von sich selbst und allem Begehren nach Kontrolle und Grösse. Im Gegensatz dazu fordert uns der zweite Teil des islamischen Glaubensbekenntnisses, Mohammad ar-Rasul Allah, dazu auf, uns in dieser Welt auf eine bestimmte Art zu verhalten, um als „Hüter Seiner Schöpfung“ gottesgefällig zu sein.
Ein weiteres Gotteswort (hadith qutsi) lautet:
Weder Mein Himmel (Thron) noch Meine Erde (Schemel) umfassen Mich, doch Mich umfasst das Herz Meines treuen Dieners.
Das Herz ist der Ort, wo wir uns Gott nähern können, ohne zu verbrennen. Es ist dort, wo Sein Thron (’arsch) ist. Hz. Mevlana sagt:
Das Kreuz und die Christen, von einem Ende zum anderen, habe ich durchsucht;
Er war nicht dort.
Ich ging zum Hindu-Tempel, zur alten Pagode;
an keiner der beiden Stellen war ein Zeichen von Ihm zu sehen.
Ich wandte mich zum Hochland von Herat, und nach Kandahar;
ich suchte; Er war weder auf den Höhen noch in der Ebene.
Entschlossen ging ich auf den Gipfel des berühmten Berges Kaf;
dort fand sich nur das Nest des legendären Vogels Anqa.
Ich ging zur Kaaba von Mekka; Er war nicht dort.
Ich fragte Avicenna den Philosophen nach Ihm; Er überstieg das Denkvermögen Avicennas.
Ich schaute in mein eigenes Herz. Dort, an Seinem Platz, sah ich Ihn;
Er war an keinem anderen Ort.
(Divan)
Doch der Weg zum Herzen, wo Sein Thron steht, kann nur durch das Aufgeben seiner Ich-Bezogenheit begangen werden. Hz. Mevlana ist da sehr klar:
Es gibt für niemanden, der noch nicht entworden ist, Zutritt in den Audienzsaal Seiner Majestät.
Was ist das Mittel, um zum Himmel aufzusteigen? Nichtsein!
Nichtsein ist der Glaube und die Religion der Liebenden.
(VI:232 f)
Ich hoffe, dass Sie aus dem Bisherigen erkennen, wie bedeutungsvoll der Platz des Herzens im Islam ist. In den unterschiedlichen Strömungen des Sufitums zeigt sich das am deutlichsten, steht doch dort die Praxis des Herzensgebets in den oberen Rängen. „So gedenkt Meiner, damit Ich euer gedenke“ steht im Koran (2:152). Zikr Allah, was Gotteserinnerung bedeutet, wird in allen Sufi-Strömungen geübt. Dabei werden Gottesnamen oder koranische Kurztexte repetiert, allein oder in der Gemeinschaft. Es ist ein Üben des Loslassens von sich selbst und Fallenlassens in die Hände Gottes. Die letztendliche Hingabe an Gott nennt sich fana fi Allah.
In unserem Orden üben wir nebst dem Zikr auch das Sema. Sema bedeutet „hören“ (auf die Klänge der anderen Welt) und steht für das Ritual des Drehreigens, welches im Verlaufe der letzten Jahrzehnte im Westen gut bekannt wurde. Durch das Drehen um die eigene Achse im Klange von Lobliedern zwingen wir unsere Aufmerksamkeit ins Zentrum unseres Ichs – ins Herz. Und dort erfahren wir Gottesnähe – so Gott will (insch Allah).
Die Hingabe an Gott (fana fi Allah) ist das zentrale Thema der Praxis im Islam. Dies konsequent auszuüben in der äusseren Welt der Erscheinungen ist ein riskanter Weg, denn dies fordert ja eine Vorstellung von dem, was Gott von uns in der äusseren Welt will. Viele Gottesfürchtige sind in diesem Versuch gescheitert und endeten als Märtyrer oder als verkrampfte Anhänger einer bestimmten theologischen Vorstellung, wenn nicht gar als missbrauchte Anhänger eines Meisters.
Das innere Herz (qalb) des Menschen wird oft auch als Spiegel beschrieben, in welchen das göttliche Licht fällt. Unsere Gefühle, Gedanken und Taten sind eine Widerspiegelung dieses Lichtes. Je nach Beschaffenheit dieses Spiegels werden diese schön oder verzerrt und hässlich sein. Darum werden wir aufgefordert, „unaufhörlich den Spiegel zu putzen“.
Dann mache es dir zur Gewohnheit – auch wenn du einen dunklen Körper wie Eisen hast – zu polieren, zu polieren, zu polieren;
Damit dein Herz ein Spiegel voller Bilder wird und dir aus jeder Richtung reizende weisse Schönheit zeigt.
Auch wenn das Eisen dunkel war und kein Licht besass, hat es durch Polieren doch die Dunkelheit verloren.
Das Eisen hat das Polieren ertragen, und seine Oberfläche wurde davon schön, und man kann Bilder darauf sehen.
Weil der Körper grob und dunkel ist, poliere ihn – denn er ist für das Poliermittel empfänglich;
Damit die Formen des Unsichtbaren in ihm erscheinen und der Widerschein von Hûrî und Engel auf ihn treffen.
Gott hat dir Poliermittel gegeben, die Vernunft, um die Oberfläche des Herzens glänzend machen zu können. .....
(Mesnevi IV: 2469 ff)
In diesem Gedicht erkennen wir nochmals ganz schön, warum der Mensch das höchste Wesen in Gottes Schöpfung ist. Er ist mit dem Intellekt ausgestattet, der die Vernunft ermöglicht. Schon allein dank der Vernunft kann er gesellschaftsfähig und "gut" sein. So können wir sagen, dass wir Menschen durch das Reinigen unserer inneren Haltung und durch eine korrekte Lebensführung die Tore zur anderen Welt öffnen, und dass dies auch für andere sichtbar wird. In diesem Sinne will ich den Titel dieses Referates verstanden haben: „Beim Sufi spricht das Herz“. Dieses Herz wird um so wertvoller sein, desto leerer es ist, desto weniger es etwas sein will. Wer ein Sufi sein will, ist es noch nicht, und wer von sich sagt, er sei ein Sufi, ist es nicht.
Lassen Sie mich zum Schluss nochmals Hz. Mevlana zitieren:
Im Obstgarten legte ein Sufi auf die Art der Sufis das Gesicht auf die Knie, um sein Herz zu öffnen,
Und versank tief in sich. Ein aufdringlicher Kerl fühlte sich gestört, weil der Sufi aussah, als schliefe er.
„Warum“, sagte er, „schläfst du? Schau lieber auf den Wein, betrachte die Bäume und Zeichen und grünen Pflanzen.
Hör den Befehl Gottes, denn Er hat gesagt: „Schau!“ (Koran XXX:50); richte deinen Blick auf diese Zeichen der Barmherzigkeit“.
Der Sufi antwortete: „O du Sinnlicher, die Zeichen sind im Herzen; aussen sind nur die Zeichen der Zeichen.“
Die wahren Gärten und Wiesen liegen im Inneren der Seele; deren Widerspiegelungen im Äusseren sind wie Spiegelungen in fliessendem Wasser.
Im Wasser ist nur das Abbild des Gartens, das wegen der feinen Eigenschaft des Wassers zittert.
Die wahren Gärten und Früchte liegen im Herzen; der Widerschein ihrer Schönheit fällt auf Wasser und Erde.
Wäre die weltliche Zypresse nicht das Abbild der inneren Zypresse, hätte Gott die Welt nicht Welt der Täuschung genannt.
Die Täuschung besteht darin: Die Welt der Bilder existiert durch den Widerschein des Herzens und des Geistes der Menschen.
Alle Getäuschten betrachten das Abbild und denken, dass es der Ort des Paradieses ist.
Sie fliehen vor dem Ursprung der Gärten; sie erfreuen sich an einer Illusion.
Wenn ihr Schlaf der Unachtsamkeit zu Ende ist, sehen sie wirklich, doch was nutzt ihnen dann diese Sicht?
Dann entsteht auf dem Friedhof grosses Wehklagen; wegen ihres Fehlers schreien sie bis zur Auferstehung „Wehe¨“
„Oh, glücklich ist, wer vor dem Tod gestorben ist“, denn er hat einen Hauch vom Ursprung dieses Weinbergs erhascht.
(IV: 1358 ff)