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In Griechenland kommt wohl keine Regierung zustande. Welche Folgen hat das für die Euro-Zone?
René Hermann:
Die Wirkung der Entwicklungen in Griechenland auf die Euro-Zone hat seit dem Schuldenschnitt abgenommen. Der Privatsektor hat die Verluste bereits realisiert. Das System ist nicht kollabiert. Durch das Troika-Programm und die Stützungsmassnahmen haben nun aber der Internationale Währungsfonds und die Europäische Zentralbank ein Exposure zu Griechenland aufgebaut.
Wie geht es weiter
Der Schuldenschnitt von 50 Prozent reicht nicht aus, um die Staatsbilanz Griechenlands auf eine solide Basis zu stellen. In einem nächsten Schritt müssen die öffentlichen Geldgeber und Steuerzahler Verluste hinnehmen.
Über den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone wird wieder intensiver diskutiert. Zu Recht?
Griechenland kann die Auflagen der Troika kaum erfüllen. Dass noch mehr Geld zur Verfügung gestellt wird, ist immer schwieriger zu rechtfertigen. Ein mögliches Szenario wäre, dass Griechenland aus der Euro-Zone austritt, jedoch in der EU verbleiben darf. Dies würde den kompletten Kollaps des Landes verhindern und wäre ein Solidaritätsbekenntnis der Staatengemeinschaft.
Was wären die Folgen eines Austritts?
Ein Austritt aus der Euro-Zone wäre mit grossen Problemen verbunden, etwa dem Zusammenbruch des Bankensystems, Hyperinflation und sozialen Unruhen. Er hätte aber disziplinierende Wirkung für andere Staaten mit strapazierten Finanzen.
Droht auch Spanien und Portugal ein solches Schicksal?
Nach unserer Einschätzung wird auch Portugal mit hoher Wahrscheinlichkeit den Austritt prüfen. Dies ist innenpolitisch einfacher zu verdauen als ein jahrelanger, von aussen aufgezwungener Sparkurs. Spanien ist ein Wackelkandidat. Es wird sich weisen, ob der Euro-Rettungsschirm ESM und der Internationale Währungsfonds den Markt davon überzeugen können, dass Spanien sich aus eigener Kraft erholt.
François Hollande übernimmt das Zepter als Staatspräsident in Frankreich. Wie realistisch ist seine Forderung nach einer Neuverhandlung des Fiskalpaktes?
Frankreich muss seine Ausgaben unter Kontrolle bekommen. Die Forderung nach Neuverhandlungen wurde von Hollande im Wahlkampf geäussert. Zum jetzigen Zeitpunkt ist eine Neuverhandlung des Fiskalpaktes nicht realistisch. Einige Euro-Staaten haben den Vertrag bereits ratifiziert. Man kann nun nicht die Grundlagen revidieren. Es dürfte wohl eher auf begleitende Massnahmen hinauslaufen, die den bestehenden Vertrag ergänzen sollen.
Auch Frankreich hat zu viel Schulden. Sind die Pläne Hollandes realistisch?
Die Forderung nach mehr Arbeitsplätzen und nach Wachstum ist gerechtfertigt. Es ist aber keine Lösung, die kränkelnde Wirtschaft mit Staatsgeldern wiederzubeleben, ohne die überfälligen Reformen zur Wiederherstellung der Wettbewerbsfähigkeit durchzusetzen. So läuft man Gefahr, dass sich die Schulden aufblähen und der Stimulus ohne nachhaltige Wirkung verpufft.
Wie sollte sich ein Investor in diesem Umfeld positionieren?
Bis der mögliche Austritt Griechenlands und Portugals ordentlich abgewickelt ist, wird die Volatilität an den Märkten hoch bleiben. Es gibt aber auch in diesem Umfeld Perlen, die sich Investoren ansehen sollten. Wir empfehlen etwa solide Unternehmensanleihen, wie Hyundai, mit einem hohen Umsatzanteil in Schwellenländern. Aber auch Finanzunternehmen, die ihre Hausaufgaben gemacht haben, wie Citigroup oder Munich Re, können für Investoren interessant sein.
René Hermann ist Partner der unabhängigen Zürcher Kreditanalyse-Firma Independent Credit View