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Präsenz und Nicht-Präsenz
Die Grundstruktur, die der philosophische Daoismus immer wieder ins Spiel bringt, ist im Bild des Rades durch die beiden Komponenten Nabe und Speichen und deren Beziehung zueinander dargestellt. Oder anders gesagt, die Nabe und die Speichen im Bild des Rades stellen im wesentlichen als konkrete Illustration die zwei abstrakten Komponenten daoistischen Denkens und deren Relation zueinander dar. Diese beiden abstrakten Komponenten der Struktur daoistischen Denkens, auf denen die daoistische Bild und Vorstellungswelt aufgebaut ist, werden durch zwei Worte benannt, die nicht nur in der daoistischen Philosophie, sondern in der chinesischen Philosophie insgesamt zu den am häufigsten verwendeten zählen und die auch in der chinesischen Alltagssprache - im alten wie im neuen China - sehr geläufig sind. Diese beiden Worte heißen you und wu.
You bedeutet als Werk soviel wie "da sein" oder "vorhandensein" bzw. "haben" oder "besitzen", es kann sowohl die Existenz als auch den Besitz von etwas anzeigen. Als Substantiv hat you die Bedeutung von Dasein, Existieren, oder Sein.
Wu ist die Verneinung von you, kann also "nicht da sein" oder "nicht haben" ausdrücken. Dementsprechend bedeutet es als Substantiv Nicht-Dasein, Nicht-Existenz oder - als Verneinung des "Seins" - auch einfach das "Nichts".
Häufig kann man dieses gegensätzliche Begriffspaar im Wortfeld von "Sein und Nicht-Sein", aber auch viel konkreter als "Fülle" und "Leere" verstehen und dort, wo etwas ist, oder dort, wo es etwas gibt, ist Fülle, während dort, wo nichts ist, oder dort, wo es nichts gibt, Leere herrscht. In diesem Sinne bezeichnet you einen Ort oder einen Platz, wo etwas ist, während wu einen Ort oder einen Platz bezeichnet, an dem sich nichts befindet, also gewissermaßen eine Leerstelle. So besitzen eben im Bild des Rades die Speichen den Ort des you, d.h. Den Ort der Fülle, des Daseins oder des Seins, während die Nabe den Ort des wu, d.h. Den Ort des Nichts oder eben die Leerstelle "besetzt". Dieser spezifische Zusammenhang von you und wu, von Lehre und Fülle, von Sein und Nichts ist die Struktur daoistischer philosophischer Entwürfe.
In einem abstrakteren oder formaleren Sinne kann man die Konzeption des Gegensatzes von wu und you als die Konzeption des Gegensatzes von Gegenwärtigkeit und Nichtgegenwärtigkeit, bzw. Als den Gegensatz von Präsenz und Nicht-Präsenz bezeichnen.
Der Zusammenhang zwischen Präsenz und Nichtpräsenz in der daoistischen Ordnungsstruktur ist zugleich der Zusammenhang von Zentrum und Peripherie, von Ruhe und Wechsel, aber vor allem auch der Zusammenhang von Einheit und Vielheit (bzw. Zweiheit) - und insofern auch im Kontext der altchinesischen Zahlenspekulation angesiedelt. Die Nichtpräsenz steht ruhend im Zentrum und ist einfach, während sich um die Nichtpräsenz herum die Präsenz in Vielheit bzw. in Zweiheit bewegt.
Im Zentrum der Ordnungsstruktur steht der eine Angelpunkt, der weder yin noch yang ist, der keine positive Eigenschaften besitzt, der also "leer" ist. Er wird in der altchinesischen Zahlensymbolik mit der Ziffer "Eins" identifiziert (und nicht etwa mit der Null), da der Angelpunkt immer nur einer sein kann, aber mit eines Eins, die "nicht zählt", denn der Angelpunkt ist eben leer und nicht präsent. Diese nicht präsente, zentrale Einheit bedeutet zugleich nie etwas anderes als das Ganze. Die eine, leere Nabe wird mit dem ganzen Rad identifiziert, und ebenso der eine, nicht präsente Angelpunkt mit der Ganzheit. Auf diesen einen, nichtpräsenten Angelpunkt ist der Wechsel Yin und Yang bezogen. Die Struktur des Geschehens besteht aus der nichtpräsenten, einen Mitte und der (der Zweiheit entspringenden) Vielheit als Peripherie.
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Die zentrale Einheit, die leere, nichtpräsente Mitte ist allein, sie ist die Eins, die Allein-heit. Zugleich ist sie als "allumfassende Ganzheit", als All-einheit die Totalität. Die nicht-präsente leere Ziffer 1 Symbol der "Alleinheit" im doppelten Wortsinn. In ihr ist alle gegensätzliche Zweiheit aufgehoben. Sowie die Nabe "Links und Rechts", "Oben und Unten" vereint, so wird auch die Eins als "Angelpunkt" der Zwei verstanden, als die Zweiheit integrierende und umfassende Einheit, Einheit und Zweiheit, Nicht-Präsenz und Präsenz, Zentrum und Peripherie bilden dementsprechend zusammen die "Welt". Die Zahl, wie diesem Zusammenhang von Einheit und Zweiheit symbolisiert, ist die Drei. Mit 3 "beginnt" deshalb die Zahlenreihe, mit ihr beginnt sich die Mannigfaltigkeit der Welt vor dem Hintergrund der Struktur von Einheit und Zweiheit zu entfalten.
Nichts anderes als eine in Worte gefasste, formelhafte Darstellung dieser Struktur begegnet uns in den berühmten Anfangsversen des 42.Kapitels des Daodejing:
Laozi 42
Das Dao bringt die Einheit hervor.
Die Einheit bringt die Zweiheit hervor.
Die Zweiheit bringt die Dreiheit hervor.
Die Dreiheit bringt die zehntausend Dinge hervor.
Das Dao, die Ordnungsstruktur schlechthin, wird zunächst durch die Einheit, die Alleinheit der Nichtpräsenz, durch die leere Mitte, die zugleich die Ganzheit bedingt, manifestiert. In dieser Einheit aber ist auch die Zweiheit des Präsenten mitgegeben: die Zweiheit von links und rechts, oben und unten, von alledem was sich in den Rubriken von Yin und Yang, um das Zentrum herum bewegt. Es ist also dieses "Zusammen" von Einheit und Zweiheit, das alles hervorbringt, es ist die Dreiheit (die Einheit plus Zweiheit ist), auf die sich die Mannigfaltigkeit der "zehntausend Dinge" gründet.
Laozi 40
Die Dinge der Welt gehen hervor aus der Fülle.
Die Fülle geht hervor aus der Leere.
天下
有生於無。
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Das Dao kann mit der Eins bzw. der Einheit identifiziert werden, die zugleich auch die Leere (wu) symbolisiert. Die Aussage "Das Dao bringt die Zweiheit hervor" ist deswegen gleichbedeutend mit der Aussage, dass das Dao die Leere hervorbringt. Und dementsprechend bedeutet auch die Aussage "Die Einheit bringt die Zweiheit hervor" genau dasselbe wie die Aussage "Die Fülle geht hervor aus der Leere", denn ebenso wie die Einheit die "Leere" (wu) symbolisiert, so symbolisiert die Zweiheit die "Fülle" (you). Wenn also Einheit Zweiheit zur Folge hat, dann folgt vor dem Hintergrund der genannten Analogien, das ebenso Leere Fülle zur Folge hat.
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Eine sehr schöne Textstelle (Zhuangzi 2.1 - Das Flötenspiel des Himmels) verdeutlicht auf poetische Weise, dass das Zusammenspiel von Leere und Fülle, dass alle Dinge trägt, nicht im Sinne einer Verursachungs- oder Erzeugungskette zu begreifen ist, sondern viel mehr als ein In- oder Miteinanderwirken. Entweder alle Elemente der Struktur stehen in der rechten Ordnung zueinander und lassen somit die Welt in Ordnung sein, oder aber sie tun dies nicht, und dann ist auch die Welt nicht in Ordnung.
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Das Dao erscheint bei Richard Wilhelm als Schöpfungsmacht, die "hinter" allem steckt. Gerade eine solche "Hinterwelt" wird dem wirklichen Text vom Meister Ziqi verneint...(dass) im genauen Gegensatz zum Flötenspieler des Menschen oder der Erde, beim Flötenspiel des Himmels überhaupt niemand bläst. Denn das Flötenspiel des Himmels zeichnet sich eben dadurch aus, dass es nicht so wie die beiden vorgenannten Weisen des Flötenspieler funktioniert: Hier spielt nämlich die Musik "von selbst".
Nun, (das Flötenspiel des Himmels) bläst in zehntausendfacher Verschiedenheit, aber es lässt (die zehntausend Dinge, wan wu) eben von selbst erklingen. Wenn alle (ihr Tönen) aus sich heraus nehmen, wer sollte sie dann noch anstimmen?
Anders als beim Pfeifen des Menschen oder des Windes gibt es beim großen Konzert aller "zehntausend Dinge", also beim Konzert all dessen, was ist die, keinen Pfeifenden. Hier pfeift alles von selbst (ziran), gerade weil die Mitte, oder der scheinbare "Ursprung" des Geschehens leer ist. Das Flötenspiel des Himmels - also alles das, was in der Welt geschieht - funktioniert wie eine Flöte ohne Bläser: eine leere Mitte lässt die Peripherie von selbst ertönen.
Hans-Georg Möller