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"Meine Milch wäre bei euch in La Brévine schneller angeliefert, wenn da nicht die Grenze wäre!", sagt der Franzose Eric Monney amüsiert zu seinem Besucher, dem Neuenburger Milchbauern André Aeby. Die Grenze, die zwischen dem Kanton Neuenburg und dem französischen Departement Doubs verläuft, ist in dieser Gegend nur schwer zu finden. Vor dem Dörfchen Le Gardot, wo Monney wohnt, auf der Strasse steht eine lange Holzlatte als Barriere, die nachts zugezogen wird, und in der Mitte der Wiese vor Monneys Hof findet sich ein Grenzstein. Seine Inschrift, 1819, erinnert an die Zeiten, als die schweizerischen und die napoleonischen Autoritäten sich darauf geeinigt hatten, dass die Nachbargemeinde Le Cerneux-Péquignot zum schweizerischen Territorium gehören soll. Dieses Dorf ist seither das einzige katholische im Kanton Neuenburg.
Rassenförderung und Comté-Produktion
Eric Monney hält rund 100 Kühe, darunter etwa 40 Milchkühe, alle von der Montbéliard-Rasse. Die Rasse war in Frankreich lange vernachlässigt worden. Um die Zahl der Montbéliard-Tiere wieder zu erhöhen, ist die Rasse im Pflichtenheft für den herkunftsgeschützten Comté AOC vorgeschrieben, den Käse, zu dem Monneys Milch verarbeitet wird. Der Comté ist vergleichbar mit dem Gruyère, wird aber weniger lang gelagert und ist deshalb auch milder und weicher. Er ist vor allem im französischen Jura verbreitet und wird in 170 Dorfkäsereien hergestellt. Der Comté ist der wichtigste französische Käse mit geschützter Herkunftsangabe, jährlich werden rund 50'000 Tonnen davon produziert.
Monney hat 75 Hektaren Grünfläche, davon 45 Hektaren Wiesen und 30 Hektaren Weiden. "Ich habe noch einige Zugpferde, nur zum Spass", sagt Monney, der ein Milchkontingent von 250'000 Kilogramm hat. Die Comté-Käsekooperative mit 18 Milchproduzenten, die er leitet, befindet sich in Montlebon, knapp zehn Kilometer von Le Gardot entfernt.
Ein Neuenburger Milch-Insider
Monneys Besucher, der Milchbauer André Aeby bewirtschaftet in der Nähe von La Brévine im Kanton Neuenburg einen 70-Hektaren-Betrieb. Gut ein Viertel davon ist Weidefläche, der Rest sind Wiesen. Damit werden rund 100 Kühe gefüttert, davon 45 Milchkühe der Rassen Holstein und Fleckvieh. Mit einem Kontingent von 270'000 Kilogramm produziert Aeby vor allem Milch für die Gruyère AOC-Produktion. Der Käse wird in der Käsereigenossenschaft La Brévine hergestellt. Zur Milchproduktion kommt ein Wald von 12 Hektaren, damit füttert Aeby vor allem im Winter seine Holzschnitzelheizung. Aeby war Präsident der Käsereigenossenschaft La Brévine, dann Präsident der Neuenburger Milchbauern, heute ist er Vizepräsident der Dachorganisation der Schweizer Milchproduzenten (SMP).
Die französische Milch ist zu sauber
Die beiden haben ähnliche Betriebe. Bei beiden wird die silofreie Milch streng auf Keime, Bakterien und Kolibazillen kontrolliert. Die Franzosen haben es, nach hygienischen Problemen in früheren Zeiten, offenbar mit ihren Anforderungen ins andere Extrem getrieben. "Unsere Milch ist zu aseptisch, zu sauber, sie kann dann weniger gut verkäst werden", sagt Monney. Die Käser geben Fermente dazu, um dem wieder abzuhelfen. Das System mit Bezahlung je nach Qualität ist in beiden Ländern gleich. Anhand der Analyse von Eiweissgehalt, Fett und Kasein wird der Wert der Milch festgelegt und mit Punkten und Prämien honoriert.
André Aeby liefert seine Milch täglich zwei Mal an die Käserei, während bei Monney der Tankwagen einmal pro Tag die Milch abholt. Für einen Comté-Laib von 41 Kilogramm braucht es 400 Liter Milch. Diese Menge reicht für einen Gruyère von nur 35 Kilogramm. Man könnte auch beim Gruyère aus gleich viel Milch mehr käsen, meint Aeby, aber dann käme der Geschmack der Kräuter nicht mehr durch, die die Kühe fressen, und die je nach Region und Höhe etwas anders sind. Monney stimmt ihm zu: "So würde man das Terroir auslöschen."
Sommerserie 2008: Schweizer Bauer trifft EU-Bauer
LID. Je offener die Grenzen werden, umso näher rückt das Ausland. Und umso wichtiger wird der Vergleich mit der Landwirtschaft jenseits der Landesgrenze: Wie leben die Bäuerinnen und Bauern in den Nachbarregionen, was läuft gut, womit kämpfen sie, wie sehen sie ihre Zukunft? Der LID wirft im Sommer einen Blick über die Landesgrenzen.
Die LID-Reporter besuchen in sieben Sommerserie-Folgen typische Landwirtschaftsbetriebe aus den Regionen Vorarlberg, Aostatal, Elsass, Baden-Württemberg, Doubs, Südtirol und Liechtenstein. Sie werden jeweils von einer Bäuerin oder einem Bauern aus der Schweiz begleitet, die ebenso neugierig sind.
Trotz Grossbetrieb keine Lust auf Roboter
Ein Thema, das die beiden bewegt, ist der Melkroboter. Für die Comté-Milchproduzenten kommt der Einsatz nicht in Frage. Beim Gruyère ist man misstrauisch geworden, seit es gewisse Probleme mit Milch gegeben hat, die von Melkrobotern gemolken wurde. Der daraus produzierte Käse wurde zum Teil ranzig. Die Gruyère-Interprofession hat deshalb ein Moratorium für neue Melkroboter beschlossen. "Ich möchte das nicht, ich ziehe die Handarbeit vor", sagt Monney. Seine Frau doppelt nach: "Ich würde es nicht ertragen, immer mit einer Panne rechnen zu müssen. Das hält einen ja 24 Stunden auf Trab." André Aeby hat kürzlich ausgerechnet, welche Kosten und welche Einsparungen ein Melkroboter bringen würde – und ist zum Schluss gekommen, dass es sich für ihn nicht lohnt.
"Kämpfen Sie für einen hohen Milchpreis?", fragt Monney seinen Schweizer Kollegen. Die Frage unter Milchbauern ist nicht so rhetorisch wie sie tönt. Monney selber will vor allem den Käse gut verkaufen. "Wir verteidigen einen hohen Käsepreis und nehmen für uns, was bleibt", sagt er. Aebis Genossenschaft in La Brévine hingegen vermietet das Käsereilokal an den Käser und dieser arbeitet auf eigene Rechnung. Aeby als Milchbauer ist deshalb interessiert an einem möglichst hohen Milchpreis.
Der Comté wird nur von Genossenschaften hergestellt. Die französischen Milchkäufer interessieren sich vor allem für Molkereimilch. Diese wird von grossen Unternehmen gekauft, die grosse Mengen verarbeiten – viel grösser als diejenige von Monney und seinen 18 Kollegen. Sie liefern zusammen 3,5 Millionen Tonnen Liter im Jahr.
Was die Preise angeht, stellen Monney und Aeby einen Ansteig auf das Niveau von 2003 fest: Für den Comté gibt es im Durchschnitt neun Euro pro Kilogramm (14.70 Franken), für den Gruyère 18 Franken pro Kilogramm.
Verhandlungen beim Gruyère dauern an
In der Schweizer Landwirtschaft gab es im Milchsektor die stärksten Veränderungen. Vier Prozent der Betriebe verschwinden Jahr für Jahr. Aber der Milchmangel in ganz Europa sollte es doch wenigstens ermöglichen, die Preise zu verbessern? Die sechs Rappen pro Kilogramm, die sich die Milchbauern kürzlich mit einem Milchboykott erstritten haben, betreffen die Molkereimilch, die Diskussionen um die Käsereimilchpreise sind schwierig und dauern an. Aeby hofft auf eine Einigung, welche die Milchbauern an den generell höheren Milchpreisen teilhaben lässt.
Die beiden Milchbauern sind einigermassen zufrieden mit ihrer Situation. Aber wenn das Benzin und auch die Produktionsmittel vom Dünger bis zum Futter teurer werden, wenn der Staat mit dem Abbau der Marktstützungen weiterfährt (was schon klar ist), und wenn die nächsten paar Sommer so schlecht werden wie im letzten Jahr, dann wird es auch für sie nicht einfach...
Die erkämpften sechs Rappen würden auf den Molkereimilchbetrieben zwar helfen, die Preiserhöhungen zu kompensieren, sagt SMP-Vizepräsident Aeby. Die finanziellen Probleme der kleinen Betriebe könnten damit aber nicht gelöst werden, das sei auch der Grund, weshalb er weiterhin für einen guten Milchpreis kämpfe.
Hoffen auf einen guten Sommer
Die ökologischen Auflagen der Gemeinsamen Agrarpolitik oder des Ökologischen Leistungsnachweises (ÖLN) werden auf beiden Seiten der Grenze ähnlich gehandhabt. Die gezieltere Düngerausbringung zum Beispiel, hat positive Auswirkungen für die Natur und fürs Portemonnaie. Auf der anderen Seite wird die Freiheit eingeschränkt, zu wachsen, die Extensivierung wird aufgezwungen, die Büroarbeit wird zeitaufwendiger.
Wer möchte auf die andere Seite der Grenze wechseln? Keiner der beiden! "Die Sonne scheint überall gleich, aber hier haben wir die beste Luft", sagt Monney. und fügt an: "Man glaubt immer, hinter dem Zaun sei das Gras noch grüner." Die beiden Bauern hoffen gemeinsam auf einen guten Sommer und beteuern, dass sie sich wieder sehen wollen.