Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03218.jsonl.gz/759

Urbane Gärten, um eine Stadtbelagerung zu überleben
Die Glückskette lanciert heute den Spendenaufruf «Hungersnot in Afrika» nochmals. Mit 6 Millionen Betroffenen, das heisst der Hälfte seiner Bevölkerung, gehört der Südsudan zu den Ländern mit der grössten Ernährungsunsicherheit. Eine Situation, die die Gesundheit und das Leben von Kindern gefährdet. In Yei, einer von staatlichen Streitkräften und Rebellen umzingelten Stadt, hilft Terre des hommes Familien dank Stadtgärten zu überleben.
Die fruchtbaren grünen Böden der Region Yei kontrastieren mit den Bildern von Dürre und Verzweiflung, die man gewöhnlich mit einer Hungersnot in Verbindung bringt. Denn die Katastrophe im Südsudan ist keine Naturkatastrophe. Sie ist nicht auf Wasserarmut oder Missernten zurückzuführen, sondern auf den Bürgerkrieg, der 2013 entbrannt ist. Dieser Konflikt hat das jüngste Land der Welt in eine schwere Nahrungskrise gestürzt.
Die Region Yei im Süden, bislang die «Kornkammer» des Landes, ist nicht verschont geblieben. Mehr als 200’000 Personen, 15 Prozent davon Kinder, sind akut mangelernährt. «Die Regierungskräfte haben die Stadt Ende des vergangenen Jahres abgeschnitten und erklärt, dass jeder, der sich in 2.5km Umkreis des Gebiets aufhalte, als Unterstützer der Rebellen betrachtet werde», erklärt Cynthia Winkelmann, Programmbeauftragte für humanitäre Hilfe bei Terre des hommes und kürzlich aus dem Südsudan zurückgekehrt. «Die Bauern mussten ihr Land in der Umgebung der Stadt aufgeben und in leerstehende Häuser in Yei ziehen, die in andere Länder geflüchtete Familien zurückgelassen hatten.»
Die Lage ist kritisch. Die Stadt mit 60‘000 Einwohnern kann nur noch auf schwindende Vorräte, Lebensmittelverteilungen und urbane Gärten zählen, um ihre Einwohner zu ernähren. «Die urbane Landwirtschaft hilft, in Belagerungssituationen zu überleben. Zum Beispiel kann man mit zehn Gramm Samen Tausende Tomatenpflanzen heranziehen», fährt Cynthia Winkelmann fort. «Seit diesem Frühling haben wir Saatgut und landwirtschaftliche Werkzeuge an 2000 besonders bedürftige Familien verteilt, wie zum Beispiel an alleinstehende Frauen mit Kindern und an Binnenflüchtlinge, und sie auch in Anbau- und Lagerungstechniken ausgebildet.» Unsere Teams lancierten das Projekt zusammen mit der Schweizer NGO HEKS, die bereits mehrere Jahre in der Region präsent war, und mit lokalen Organisationen.
Erste Ernten
Die geschulten Personen haben ihre ersten Tomaten vor einigen Wochen geerntet, unter ihnen Margaret, die mit neun weiteren Familien in einem Stadtviertel von Yei lebt. «Was ich zu viel habe, gebe ich meinen Nachbarn ab, wie dem kleinen Hamin und seiner Mutter, die hierher geflüchtet sind, nachdem sie ihr Haus hatten verlassen müssen», erzählt sie. Die Wahl fiel auf Tomaten, um der Bevölkerung der Region eine Diversität an Nahrung zur Verfügung zu stellen. In den Gärten werden auch Auberginen, Kohl, Okra und Zwiebeln angebaut. Parallel dazu ermöglicht ein Ernährungsprojekt in Schulen, 3000 Kinder mit einer täglichen Mahlzeit zu versorgen.
Das Immunsystem der Kinder stärken
Eine ausreichende, vor allem aber abwechslungsreiche Ernährung ist sehr wichtig, ruft Martin Morand in Erinnerung, der für die Aktionen im Südsudan verantwortlich ist. «Besonders für Mütter und Kinder in den ersten 1000 Lebenstagen. Mangelerscheinungen können ein Kind krankheitsanfälliger machen und seiner Entwicklung schaden.» Martin erinnert zudem daran, dass man selten verhungert, sondern dass es Krankheiten sind, für die man anfälliger wird, die zum Tod führen. Der Südsudan kämpft aktuell mit einer Cholera-Epidemie. «In unserer Strategie werden die Ernährungsprogramme von Terre des hommes mit anderen Projekten verknüpft, um die Hygiene und das Trinkwasser zu verbessern. Das eine geht nicht ohne das andere.»
Bildernachweis: ©Tdh