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Ich gebe zu: Ich habe vor, bei und nach der Lektüre dieses Buchs das eine oder andere Vorurteil revidieren müssen. Vorurteile sowohl gegenüber der Gottschedin, wie ich sie bei mir immer genannt habe, wie auch gegenüber ihrem Mann.
Letzterer war für mich immer nur der Vertreter einer platten Aufklärung, der zwar die deutsche Schaubühne von so manchem barocken Firlefanz gereinigt hatte, das deutsche Drama aber in einem rigiden Regelwerk seiner Kreativität berauben wollte und dessen verderblicher Einfluss dann letzten Endes durch die beiden Schweizer Bodmer und Breitinger gerade noch gehindert werden konnte. Literaturgeschichtlich gesehen der Verlierer also. Dass er sich in Bezug auf Orthographie und Lautung dessen, was wir heute unter der Standardsprache verstehen, mit der von ihm bevorzugten sächsisch-mitteldeutschen Variante gegenüber der oberdeutschen (u.a. auch von Bodmer und Breitinger verfochtenen) letztlich durchsetzte, hatte ich irgendwie wohl verdrängt. (Sicher – er verdankte seinen Sieg der Politik: Das nach dem Siebenjährigen Krieg geschwächte Österreich vermochte die oberdeutsche Variante nicht mehr zu unterstützen und lenkte ein, worauf der Rest der süddeutschen Staaten folgen musste.)
Gottscheds Frau wiederum habe ich nur als Handlungs- und Vollzugsgehilfin ihres Mannes rezipiert. Auch da hat mich diese Briefausgabe eines andern belehrt. Angefangen schon bei der Tatsache, dass die Appellation ‚Gottschedin‘, die in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwar noch keinen negativen Beigeschmack hatte, offenbar in erster Linie von ihrem Mann für sie verwendet wurde. Selber unterzeichnete sie ihre Briefe nur als ‚Ihre Gottsched‘. Ebenso, wie sie ihren primären Vornamen, Louise, immer in der französischen Schreibweise anwendete, ‚Luise‘ abermals offenbar die von ihrem Mann verwendete Form ist.
Und, was die eigentliche Handlungs- und Vollzugsgehilfin betrifft, hege ich mittlerweile den Verdacht, dass Louise ihrem Mann geistig, wenn nicht überlegen, so doch ebenbürtig war. Da ist z.B. die Tatsache, dass sie schon 1748 – lange bevor Johann Christoph seine entsprechenden Schriften zum Thema veröffentlichte – in einer öffentlichen Antwort an Rudolph Wedekind den mitteldeutsch-sächsischen Standpunkt in Bezug auf die deutsche Orthographie verficht. Ja, schon während der Werbe- und Brautzeit erweist sich das junge Mädchen als vernünftiger und kühler als Johann Christoph. Sie unterwirft zwar ihren Willen offiziell immer wieder dem des Mannes, was sie aber nicht daran hindert, ihm seine Ungeduld zu verweisen, weil sie in den Wirren des Kriegs in Danzig steckenbleibt, während er in Leipzig auf sie wartet. Als dann noch eine Masernepidemie Danzig heimsucht und auch Louise niederstreckt, hat sich Johann Christoph offenbar besorgt erkundigt, ob denn die Krankheit auch keine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen habe – was Louise Gelegenheit gibt zu einer kleinen Gardinenpredigt des Sinnes, ob er denn nur ihr Äusseres liebe und ihre inneren Werte eben keine seien? Gottscheds offenbar notorische Untreue wird nur hinter verschlossenen Türen abgehandelt; wir finden allenfalls kleine Hinweise auf die häuslichen Stürme.
Inka Kording hat in der Ausgabe von 1999, erschienen in der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft, die Briefe der Frau Louise Adelgunde Victorie Gottsched gebohrene Kulmus, 1771/72 von Dorothee von Runckel herausgegeben, neu veröffentlicht. Amerkungen (v.a. Personenerklärungen) und ein Vorwort wurden hinzugefügt, die von Dorothee von Runckel beigefügten literarischen Texte Louises grösstenteils wieder entfernt, die ursprünglich dreibändige Ausgabe in einem Band zusammengefasst. Der Titel deutet es im übrigen schon an: Es figurieren hier praktisch nur Briefe von Louise, kaum welche an sie.
Der erste Band umfasst fast ausschliesslich, was ich die ‚Brautbriefe‘ nennen würde, die frühen Briefe Louisens an Johann Christoph. Nach der Heirat und dem Umzug nach Leipzig schreibt Louise nur noch selten an ihren Mann. Der rasch wachsende Bekanntheitsgrad der Gottscheds führt zu einer Erweiterung des Kreises der Adressaten. Zunehmend breiteren Raum nehmen zwei, drei enge Freundinnen ein, allen vor die schon genannte Dorothee von Runckel. In diesem Kreis erleben wir Louise als Förderin weiblicher Intelligenz, weiblicher Ausbildung. Sie ist sich der durch die Gesellschaft gesetzten Grenzen wohl bewusst, will diese auch keineswegs beseitigen oder überschreiten (weibliche Doctoras der Medizin sind ihr ein Greuel, bei den in Mode kommenden literarischen Gesellschaften will sie keineswegs mittun). Dennoch bildet sich hier klammheimlich eine Gruppe weiblicher Intelligenz. Johann Christoph Gottsched weiss deren Kenntnisse zwar sehr wohl anzuzapfen, indem er Louise (und auch Dorothee) immer wieder einspannt, um für ihn zu übersetzen. Louise übersetzt aber nicht nur, sie schreibt auch selber (heute vergessene) Dramen – vor allem aber empfiehlt sie jungen weiblichen Bekannten ganz gezielt Ausschnitte z.B. aus dem Zuschauer, dem Spectator Addisons, den sie übersetzt. Dann aber lässt es sie ziemlich kalt, als Voltaire nach seinem Bruch mit dem preussischen König einige Tage in Leipzig Station macht. Sie hält ihn – wohl nicht ganz zu Unrecht – für einen ziemlich egoistischen Menschen, dem aufzuwarten unter ihrer Würde ist, auch wenn es sie für ihren Mann freut, dass er von Voltaire vorgeladen wird. Einmal entschlüpft ihr auch eine Verwünschung der Hausarbeit, der Überwachung der häuslichen Ökonomie, zu der sie ihr Geschlecht verdammt. Ansonsten aber ist sie keineswegs Feministin im modernen Sinn, auch wenn sie ganz froh darüber zu sein scheint, dass ihrer Ehe Kinder versagt blieben.
Der Titel meiner Ausgabe enthält übrigens eine Anspielung bzw. ein Zitat aus einem der frühen Briefe Louisens an Dorothee, wo sie meint, man würde sie wohl einmal mit der Feder in der Hand begraben müssen, weil sie so gar nicht aufhören könne zu schreiben. (Tatsächlich erblindete sie in ihrem letzten Lebensjahr und den letzten von ihr überlieferten Brief musste sie einer Nichte diktieren.)