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Menschen schlafen in Schlafsälen in der Regel in bestimmten Zusammenhängen, für einen begrenzten Zeitraum oder nach einem ungewöhnlichen Ereignis. Deshalb findet man sie typischerweise in Ferienlagern, Jugendherbergen, Waisenhäusern, Militärstützpunkten, Klöstern, Krankenhäusern, Fähren, Nachtzügen und Flüchtlingslagern. Die Architektur von Schlafsälen hat sich im Laufe der Jahrhunderte stark verändert und folgt den sich entwickelnden Mustern von religiösen Überzeugungen, sozialen Strukturen, wissenschaftlichen Erkenntnissen und politischen Ideologien. Im Rahmen eines Kurses für Bachelor-Studierende der Architektur, der vom Labor für elementare Architektur und Typenstudien (EAST) der Fakultät für Architektur, Bau- und Umweltingenieurwesen (ENAC) der EPFL durchgeführt wird, haben sich die Studierenden mit der Architekturgeschichte der Wohnheime vom Mittelalter bis heute beschäftigt. Die Ergebnisse dieser Forschung werden in Studies on Types: Dormitories, von EPFL Press veröffentlicht. Im Einklang mit der Open-Access-Politik der EPFL und mit Unterstützung der EPFL-Bibliothek kann das Buch kostenlos von der Website des Verlags heruntergeladen werden.
Ein Vergleich einiger Case Studies aus dem Essay von Professorin Anja Fröhlich. © EAST Lab / 2023 EPFL
Hospize, Ferienlager und Berghütten
Das Buch beginnt mit einem historischen und theoretischen Überblick, in dem drei Gruppen von Wohnheimen vorgestellt werden. Das erste Beispiel sind die Hospize des Mittelalters, die Pilgern, Armen und Bedürftigen Unterkunft boten. Die Autorinnen und Autoren erläutern, wie in Europa die Krankenheime nach und nach den kreuzförmigen Grundriss annahmen – zum einen, um die Beaufsichtigung der Kranken zu gewährleisten, was die Intention des später entstandenen Panoptikums vorwegnahm, und zum anderen als symbolische religiöse Analogie zum Katholizismus, der die Erlösung der Menschheit vom irdischen Leid darstellt. Mit den Fortschritten der Wissenschaft wurden diese Schlafsäle im 18. Jahrhundert mit Gewölbedecken und Kuppelsälen ausgestattet, um den Raum zu belüften. Der kreuzförmige Grundriss wurde schliesslich zugunsten eines linearen Grundrisses aufgegeben, als die Verantwortung für die medizinische Versorgung von der Kirche auf die Gemeinden überging. Die Idee, Schlafsäle in kleinere Räume zu unterteilen, die durch von der Decke abgehängte Vorhänge voneinander getrennt sind, kam um die Wende zum 20. Jahrhundert. Im Laufe der Zeit entwickelte sich diese Aufteilung zu dem heute bekannten Konzept der einzelnen Patientenzimmer. Zwei weitere Beispiele für Schlafsäle, die in diesem Buch untersucht werden, sind Kinderferienlager im faschistischen Italien und in der Sowjetunion, die als Instrumente der Indoktrinierung konzipiert wurden, sowie Berghütten, wobei der entscheidende Beitrag des Schweizer Architekten Jakob Eschenmoser im Mittelpunkt steht.
Rekonstruktion von Studierendenwohnheimen anhand historischer Quellen
Der zweite Teil des Buches zeigt 27 «Artefakte» – Schlafsäle aus verschiedenen Epochen, die Studierende der EPFL anhand historischer Zeichnungen analysiert und nachgebaut haben, um einen Einblick in ihre Form, ihren Inhalt und ihren Zweck zu erhalten. «Wir haben viel aus dieser Vorgehensweise gelernt», sagt Prof. Anja Fröhlich, die zusammen mit Prof. Martin Fröhlich das EAST-Labor leitet und von Tiago P. Borges, Vanessa Pointet und Sara Monti unterstützt wird. «Die von uns untersuchten Fallstudien haben zum Beispiel gezeigt, wie wichtig es ist, dass um jedes Bett herum genügend Platz ist, um den Menschen ein Gefühl von Privatsphäre zu geben», so Prof. Fröhlich.
The Artek complex, entworfen von A.T. Poljanski, mit zehn Sommercamps in der Krim. Auf dem Bild 1957. © EAST Lab/ EPFL
In einem Beispiel untersuchten die Studierenden ein Sanatorium, das für die Behandlung tuberkulosekranker Kinder gebaut wurde. Sie stellten fest, dass die Betten eng beieinander standen – vielleicht, um die jungen Patientinnen und Patienten zu beruhigen – und dass Liegestühle in der Nähe eines Fensters aufgestellt waren, um Licht in den Schlafsaal zu bringen, was ein wesentlicher Bestandteil der Behandlung der Patientinnen und Patienten war. Mit dem Fortschreiten der Erforschung der Krankheit wurden Fenster und Belüftung zu wesentlichen Bestandteilen dieser Räume – ebenso wie Betten auf Rädern, mit denen die Patientinnen auf die Terrasse gebracht werden konnten. Auch die Architekturfachleute interessierten sich zunehmend für die Sicht der Patienten von ihren Betten aus, so dass dies in einigen Fällen der Ausgangspunkt für ihre Entwürfe wurde.
Zwei vom EAST-Labor analysierte Fallstudien: Das Krankenhaus Notre-Dâme des Fontenilles in Tonnerre, Yonne (links) und das Refuge Tonneau von Charlotte Perriand in den Bergen von Haute-Savoie (rechts). © EAST Lab / 2023 EPFL
Die Studierenden untersuchten Schlafsäle aller Art, von einem indischen Kloster, einer Londoner Jugendherberge und einem russischen Schlafwagen bis hin zu einem italienischen Ferienlager, einer Schweizer Berghütte und einem deutschen Feuerwehrschlafsaal. «Zukünftige Studierende können diesen Fundus als vielfältige, evidenzbasierte Quelle für ihre Überlegungen nutzen – vielleicht für den Entwurf neuer Schlafsäle oder die Modernisierung bestehender Strukturen», sagt Prof. Anja Fröhlich. Laut Borges könnte dieses Kompendium historischer Wohnheime auch für praktizierende Architektinnen und Architekten lehrreich sein und zum Nachdenken anregen: «Wir halten es für wichtig, optimale Ansätze für das ‹gemeinsame Schlafen› und gemeinschaftliche Werte zu verstehen und gleichzeitig das Wohlbefinden der oder des Einzelnen zu berücksichtigen. Diese Erkenntnisse könnten Architektinnen dabei helfen, die grossen Herausforderungen unserer Zeit zu bewältigen, wie Pandemien, Konflikte und Naturkatastrophen, die alle mit Massenflucht einhergehen und Notunterkünfte erfordern.»
Von Studierendenwohnheimen bis zu Tankstellen
Das Buch ist das erste in einer Reihe, die EAST zum Thema «Typen» veröffentlichen will, um einzigartige, wiederkehrende Elemente in der Architektur zu untersuchen. Im nächsten Kurs werden sich die Studierenden mit Tankstellen im Zusammenhang mit nachhaltiger Mobilität beschäftigen: «Wir erforschen gerne Räume, die auf den ersten Blick banal erscheinen, weil sie so alltäglich sind», sagt Prof. Anja Fröhlich, «sie sind selten Gegenstand historischer und architektonischer Forschung. Die strukturierte und bewusste Auseinandersetzung mit solchen Räumen ist aus unserer Sicht aber für die Architektur- und Grundlagenforschung immens wertvoll – nicht zuletzt, weil sich unsere Disziplin rasant weiterentwickelt. Das Verständnis architektonischer Typen aus der Vergangenheit gibt Aufschluss über kontextuelle Veränderungen und Entwicklungen. Mit diesem Wissen sind wir besser gerüstet, um zukünftige Herausforderungen zu meistern.»