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Wilhelm Tell
als Mythos und Gemeinplatz
Judith Arnold, Zürich, den 14.03.2007
Wilhelm Tell ist das typische Beispiel eines Mythos. Demnach verbindet sich ein Zeichen mit seiner Zeichenform (Signifikant) und Zeichenbedeutung (Signifikat) zu einem neuen Signifikanten auf einer höheren Ebene (Métalangage). Entsprechen ist Wilhelm Tell nicht nur der Schweizer Nationalheld, sondern darüber hinaus auch ein Symbol für Widerstand und Unabhängigkeit. Als Widerstands- oder Untergrundkämpfer hat er sich der Legende nach gegen das herrschende System aufgelehnt. Und als Unabhängigkeitskämpfer hat er die Schweiz gegen Übergriffe von aussen verteidigt. Als Widerstandskämpfer und als Verteidiger der Schweizerischen Werte ist Wilhelm Tell nicht nur ein Mythos, sondern auch ein Gemeinplatz (locus communis), denn er lässt sich je nach Kontext in unterschiedliche Ideologien einbinden. Das erklärt, weshalb Wilhelm Tell sowohl von der linken Propaganda als Widerstandskämpfer wie auch von der rechten Propaganda als Patriot eingesetzt werden kann (zum Myhos und zum sekundären Zeichensystem vgl. Barthes 1964: 130ff.; auch Bonfadelli 2002: 163).
Das Plakat links wehrt sich gegen die sog. "Lex Häberlin", benannt nach dem damaligen Bundesrat und Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements. Es handelt sich um eine Revision der strafrechtlichen Bestimmungen von 1853 betreffend Verbrechen und Vergehen gegen die verfassungsmässige Ordnung. Hintergrund ist der Generalstreik von 1918 und die darauf folgenden sozialen Unruhen 1919 in Zürich und in Basel. Mit der "Lex Häberlin" wollte das Schweizer Bürgertum die politische Agitation einschränken und die Arbeiterbewegung in Schach halten. Die Vorlage wurde knapp abgelehnt, fand aber 1937 unter dem Einfluss der Frontenbewegung eine Wiederaufnahme. Diesmal jedoch wurde die "Lex Häberlin" mit starkem Mehr verworfen (vgl. Meylan/Maillard/Schenk 1979: 46ff.). Das Plakat rechts hat die Volksinitiative zur Bekämpfung der Wirtschaftskrise in den 30er Jahren zum Gegenstand, die vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund und anderen Arbeitnehmer-Organisationen zusammen mit der Jungbauern-Bewegung eingereicht wurde. Diese sah verteilt über fünf Jahre verschiedene Massnahmen vor, um die Kaufkraft der Bevölkerung zu erhalten, die Preise und Löhne zu schützen, Arbeitsplätze zu schaffen, die Schuldenlast der bäuerlichen und handwerklichen Betriebe zu vermindern, eine Arbeitslosenversicherung einzuführen, die Ausfuhr von Industrie- und Landwirtschaftprodukten zu fördern und den Kapitalmarkt zu regulieren. Mit dieser Vorlage hätte der Bund von der Handels- und Gewerbefreiheit abweichen und das obligatorische Referendum gegen entsprechende Vorlagen umgehen können. Gegen diese Einschränkung der Arbeitgeberschaft regte sich heftiger Widerstand und die Vorlage wurde mit einer hohen Stimmbeteiligung abgelehnt (vgl. Meylan/Maillard/Schenk 1979: 80ff.). Während das Plakat von linker Seite Wilhelm Tell als Widerstandskämpfer gegen die Obrigkeit zeigt, steht er auf dem Plakat von rechter Seite für schweizerischen Patriotismus ein.
Die Eigenschaft als Widerstandskämpfer erlaubt auch den neuen sozialen Bewegungen, Wilhelm Tell als einer der Ihren ins Feld zu führen. Die folgenden Plakate haben die "Atomschutzinitiative" zum Gegenstand, die im Kontext des geplanten Atomkraftwerks bei Kaiseraugst eingereicht wurde. Auf dem Plakat links steht Wilhelm Tell als Behüter vor dem "Atomvogt" und auf dem Plakat rechts marschiert er gleich selber vor einem Demonstrantenzug mit. Beide Plakate bedienen sich übrigens dem künstlerischen Zitat: das Plakat rechts bildet die Statue des Bildhauers Richard Kissling von 1895 in Altdorf ab und das Plakat links zeigt Wilhelm Tell aus einem Gemälde von Ferdinand Hodler von 1897.
Der Widersacher von Wilhelm Tell, der Vogt Gessler, ist ebenfalls ein Mythos, der sich rhetorisch flexibel einsetzen lässt. Häufig ist die Verwendung des Wortstammes "Vogt" ("Brotvogt", "Bevogtung" etc.) auch von bürgerlicher Seite im Sinne eines unerwünschten staatlichen Eingriffs (vgl. Plakat links). In der Zeit des Nationalsozialismus wurde der Vogt (oder hier metonymisch der "Gesslerhut") auch als Symbol für die faschistische Machtergreifung eingesetzt (vgl. Plakat rechts).
Literatur:
Barthes, Roland (1964): Éléments de sémiologie. In: Communications 4, S. 91–134.
Bonfadelli, Heinz (2002): Medieninhaltsforschung. Grundlagen, Methoden, Anwendungen. Konstanz.
Meylan, Jean/ Maillard, Philippe/ Schenk, Michèle (1979): Bürger zu den Urnen. 75 Jahre eidgenössische Abstimmungen im Spiegel des Plakats. Lausanne.
Stirnimann, Charles/ Thalmann, Rolf (2001): Weltformat – Basler Zeitgeschichte im Plakat. (Ausstellung, Historisches Museum Basel, 20.01. bis 16.04.2001), Basel.
Rotzler, Willy/ Schärer, Fritz/ Wobmann, Karl (Hrsg.): Das Plakat in der Schweiz – mit 376 Kurzbiographien von Plakatgestalterinnen und Plakatgestaltern. Schaffhausen.
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