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Seit einem halben Jahrhundert schreibt Rainer W. Walter als «Rhabilleur» für das «Bieler Tagblatt». Darüber hinaus hat er als Historiker, Politiker, Schriftsteller und Lehrer gewirkt — obwohl er eigentlich Matrose werden wollte.
Journalist, Schriftsteller, Politiker, Historiker, Lehrer, Kritiker, Zeitzeuge, Grenchner — von all den möglichen Etikettierungen, die zutreffend wären, eine Person wie Rainer W. Walter zu charakterisieren, hat jede einzelne ihre Berechtigung. Dennoch passt kein Begriff so präzise wie der des «Rhabilleurs».
Ein Rhabilleur befasst sich mit der Reparatur und dem Unterhalt von Klein- und Grossuhren sowie mit dem Zusammenbau von Produkten der Uhrenindustrie. Er kennt die damit verbundenen Produktionsverfahren und ist für die Qualitätssicherung zuständig. Der Rhabilleur wartet und repariert Zeitmessgeräte aller Art, baut Uhren zusammen und überwacht maschinelle Arbeitsvorgänge in der Fabrikation. Fehlende Teile weiss er selbst zu konstruieren und herzustellen.
Der Weltverbesser
Ein Rhabilleur, wie Rainer W. Walter ihn verkörpert, setzt sein Werkzeug an den Zahnrädern des gesellschaftlichen Räderwerks an, stets bemüht, dort zu justieren, wo es Korrekturen, Reparaturen oder Supplements benötigt, sei es in Fragen der Politik, der Gesellschaft oder der Erziehung. Seine Instrumente sind das geschrieben Wort, ein ungebändigter Enthusiasmus und ein nicht unerhebliches Quäntchen Idealismus.
Texte aus einem halben Jahrhundert, für die «Solothurner AZ», für «Verkehr und Sport», für den «Seebutz», für historische Jahrbücher. Zeitungsnachrichten, Zeitungsartikel, geschichtliche Abhandlungen, Festschriften, Lexikoneinträge, Portraits, Protokolle, Glossen, Kritiken, Kurzgeschichten, Erzählungen, und ein Roman. Es ist eine chaotisch anmutende Menge an Texten, die Walter seit dem Jahr 1965 produziert hat, die einzige klar erkennbare Konstante: Seit 50 Jahren erscheint seine Kolumne «Rhabillages» im Bieler Tagblatt.
«Ich bin ein historischer Messie», sagt Rainer W. Walter mit unüberhörbarem ironischem Unterton. Er sehe sich als Sammler von Geschichten und Ereignissen, als jemand, der sich einzelnen Geschehnissen annimmt, statt das zusammenhängende Grosse und Ganze als solches zu beschreiben. Es überrascht nicht, dass Walter sich Zeit seines Schaffens geweigert hat, ein persönliches Archiv anzulegen. «Wenn man etwas aufbewahrt, muss man Ordnung halten. Das kann ich nicht.» «Ich bewahre nichts auf, was ich geschrieben habe» — in solchen Äusserungen spricht eine Person, die das Fragment liebt, nicht das System.
«Rhabillage» — eine Uhr, die repariert werden muss. So nennt ihn die Mutter jeweils, wenn sie wütend auf ihn ist. Und weil es für Rainer W. Walter so viele Dinge gibt, die man richten, reparieren, berichtigen muss, wählt er später diesen Namen für seine Kolumne. «Früher wollte ich die Welt verbessern, habe mich mit allen und jedem angelegt», sagt er. Heute gehe es in seinen Texten vor allem um Grenchen. Das komme wohl vom Alter.
Der Lehrer
Vielleicht der Kampfgeist, nicht aber die Produktivität hat nachgelassen. Keine Überraschung bei einem, der immer geschrieben hat. Keine Überraschung, wenn man aus einer Familie stammt, die den Walter Verlag Olten hervorgebracht hat. Eine Familie, in der viele Mitglieder den Lehrerberuf ausüben, der Vater, der Grossvater, der Götti. «Du bist aus einer Lehrerfamilie, also werde Lehrer», sagt ihm der Berufsberater und radiert damit den lange gehegten Bubentraum, sich als Rheinmatrose zu verdingen, von Rainer W. Walters Horizont. Gestört habe es ihn nicht. Seinem Idealismus verleiht es eher zusätzlichen Auftrieb. Ist für ihn doch ein Lehrer, der seinen Beruf ernst nimmt, zwingend ein Weltverbesserer. 1958 erhält er das Primarlehrerpatent und tritt seine erste Stelle an der Gesamtschule Huggerwald an. «Das war echt hart», sagt er rückblickend. 40 Kinder, erste bis neunte Klasse, alle in einem Schulzimmer, es gilt alle Fächer zu unterrichten, bis auf Handarbeiten und Religion. Dennoch wird ihn dieser Beruf so schnell nicht loslassen. 1959 bis 1973 unterrichtet er an den Stadtschulen Grenchen, anschliessend im Grenchner Kinderheim Bachtelen. Dort kümmert sich Rainer Walter um verhaltensauffällige Kinder, unterstützt sie bei der Berufsfindung. Das sei zwar viel härter als in einer öffentlichen Schule, dennoch fühlt er sich sichtlich erleichtert, aus der «Mühle des Schulbetriebs» raus zu sein, da ihm dies eine wesentlich kreativere Unterrichtsgestaltung ermöglicht. Da ist beispielsweise dieser lernschwache Schüler, dem er lesen, schreiben und rechnen beibringen soll. «Er war davon besessen, Töffli fahren zu lernen. Also habe ich ihm Mathematik via Bremswegberechnungen und Lesen durch das Lösen der Theoriefragen beigebracht.»
Der Autor
Rainer W. Walters Kreativität macht sich auch in Form literarischen Schreibens bemerkbar. Alltagsbeobachtungen verdichtet er zu leicht absurd anmutenden Kurzgeschichten, beispielsweise über einen Mann, der Papier sammelt und darin fast erstickt. An Schreibwettbewerben nimmt er spontan teil und wird prompt ausgezeichnet. «Ich suche nicht das Absurde, das Absurde findet mich», antwortet er auf die Frage nach seiner Inspiration. In einem Roman verarbeitet er die Zeit, in der er höchstpersönlich an den Rädern des politischen Betriebs gedreht hat.
1961 bis 1973 waltet er als Gemeinderat in Grenchen, 1981 bis 1985 als Verfassungsrat des Kantons Solothurn und 1969 bis 1993 als Präsident der Kulturkommission Grenchen. Besonders die Tätigkeit als Kantonsrat weckt seinen Elan, jenseits des politischen Tagesgeschäfts die Verfassung des Kantons auszuarbeiten. Auf dieses Wirken geht auch die Einführung der Volksmotion in Solothurn zurück. Politik habe ihn grundsätzlich immer am meisten fasziniert, nirgendwo anders ist die Möglichkeit direkter Einflussnahme grösser. «Politik war für mich auch immer eine Art Spiel, eine Kunst des Abwägens, wie weit man gehen kann», beschreibt es der Rhabilleur mit leicht boshaftem Beigeschmack.
Und da ist er wieder, dieser bissig-sardonische Unterton, der sich wie ein roter Faden durch ein halbes Jahrhundert seines Schreibens zieht. Zumindest in Gestalt des Rhabilleurs. Die Sprache des Lokaljournalisten und ‑chronisten Rainer W. Walter ist wesentlich nüchterner.
Ab 1956 schreibt er während 38 Jahren als redaktioneller Mitarbeiter für das BT über Grenchen und Umgebung. Möglichst einfach komplizierte Sachverhalte zu erklären — darin sieht er sowohl die Aufgabe des Journalisten als auch des Lehrers. «Belehrend wollte ich jedoch nie sein», stellt er klar. Zu Grenchen öffnet sich neben dem journalistischen Zugang auch der des Historikers. 1972, Rainer W. Walter ist zu dieser Zeit Präsident der Kulturkommission, stört er sich einmal mehr daran, dass die von der Stadt Grenchen publizierte Geschichtsschreibung 1964 endet — und ruft daraufhin das «Grenchner Jahrbuch» ins Leben. Eine Chronik mit spezifischen Schwerpunkten, das ist die Idee. Auch die Kunst ist darin prominent vertreten, da Grenchen damals noch nicht über ein Kunsthaus verfügt. Walters Texte leisten einen wesentlichen Beitrag für die neuere Grenchner Geschichtsschreibung, mit welcher sich das 1999 gegründete kultur-historische Museum befasst.
Am vergangenen Freitag ist Rainer Walter 77 Jahre alt geworden. Und er schreibt weiter. Im Moment arbeitet er an einem Lehrmittel, das Schulklassen den Museumsbesuch erleichtern soll. Vielleicht will er auch wieder Kurzgeschichten herausgeben, wenn er denn dazu kommt. «Ich trete erst ab, wenn ich die 3500 Bücher gelesen habe, die noch bei mir herumliegen», sagt er trocken. Zuallererst stehen aber nun Ferien an. Unter anderem nach Basel, zum Rheinhafen. Es ist nie zu spät, vom Matrosenleben zu träumen.
(Bieler Tagblatt 11.06.2015)