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Liebesbriefe von Marie Antoinette unter der Lupe
Mit Hilfe chemischer Analyse hat ein französisches Forscherteam ausgestrichene Wörter in Briefen von Königin Marie Antoinette an den Schweden Axel von Fersen wieder sichtbar gemacht. Das Ergebnis: Der Graf war wohl mehr als nur ein Freund.
«Nicht ohne Sie», «Mein lieber Freund» und «Sie, den ich liebe» schreibt Marie Antoinette an ihren Vertrauten Axel von Fersen in Schweden. Die Briefe der französischen Königin aus den Jahren 1791 und 1792 untermauern Spekulationen über eine Affäre der beiden. Wohl um diesen Eindruck zu entkräften, wurden Passagen nachträglich geschwärzt – doch die Forschung deckt jetzt die Geheimnisse wieder auf.
«Es ist immer aufregend, wenn man entdeckt, dass man mehr über die Vergangenheit herausfinden kann als man dachte», sagt die Historikerin Rebecca Spang von der Universität Indiana über die Studie ihrer französischen Kolleginnen und Kollegen. Das Forscherteam schaffte es, die chemischen Komponenten verschiedener Tinten zu trennen und konnte so in den vermeintlichen Liebesbriefen die ausgestrichenen Textstellen wieder lesen.
«Zu dieser Zeit griffen die Menschen viel auf blumige Sprache zurück – aber hier ist es wirklich starke, wirklich innige Sprache», sagt Anne Michelin von der Universität Sorbonne, Mitautorin der jetzt im Wissenschaftsjournal «Science Advances» vorgestellten Arbeit. «Mit diesem Text wissen wir: Es ist eine Liebesbeziehung.»
In den Briefen, die bis 1982 von Fersens Erben aufgehoben wurden und jetzt im französischen Nationalarchiv bewahrt werden, geht es sowohl um politische Entwicklungen als auch um persönliches Befinden. Ausgestrichene Wörter und Phrasen werfen kein neues Licht auf die Aussagen, aber auf den Ton der Korrespondenz zwischen der Französin an dem schwedischen Grafen, steht da doch beispielsweise «heissgeliebt» oder zum «Verrücktwerden».
Marie Antoinette, geboren 1755 in Wien als österreichische Erzherzogin, heiratete im jugendlichen Alter den französischen Thronfolger Ludwig August. Mit 18 Jahren lernte sie in Paris den gleichaltrigen Axel von Fersen kennen. Beide blieben in Kontakt bis zum Tod Marie Antoinettes 1793: Im Jahr nach der Abschaffung der Monarchie in Frankreich wurde die für ihre Verschwendungssucht verpönte Exkönigin auf der Guillotine hingerichtet, wie wenige Monate zuvor bereits ihr Gatte Ludwig XVI.
Zu der Zeit, in der die untersuchten Briefe inmitten der französischen Revolution geschrieben wurden, stand die königliche Familie nach einem Fluchtversuch unter Bewachung in Paris. Insgesamt 15 Briefe aus dem Zeitraum von Juni 1791 bis August 1792 nahm sich das Forscherteam vor – und in acht davon fand es ausreichende Unterschiede in der chemischen Zusammensetzung der verwendeten Tinten, beispielsweise im Anteil von Kupfer oder Eisen, sodass die einzelnen Schichten getrennt betrachtet werden konnten. Damit lag der ursprüngliche Text wieder frei.
Was Michelin und ihr Team aber besonders überrascht hat, ist ihr Befund zum Urheber der Schwärzungen: nämlich Axel von Fersen selbst. Das Team konnte nachweisen, dass bei den Streichungen verfänglicher Wörter dieselbe Tinte in Gebrauch war, die Fersen zum Schreiben benutzte.
Über die Motivation können die Forscher nur spekulieren. «Ich wette, er versuchte, ihre Tugend zu schützen», meint die Historikerin Deidre Lynch von der Universität Harvard. Vermutlich habe Fersen zwei unvereinbare Dinge gewollt: die Briefe aufzubewahren, aber sie zugleich zu verändern. Denn: «Ihre Briefe wegzuwerfen, wäre gewesen, als ob er eine Locke ihres Haares weggeworfen hätte.»
AP/toko