Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03100.jsonl.gz/227

|Sailer Karl Georg Jakob (1817 - 1870)

Karl Georg Jakob Sailer (1817 - 1870)
Im Jahre 1855 trat Clemens von Saylern nach 24jähriger Tätigkeit als Präsident des Kantonsgerichtes zurück. Sein Nachfolger wurde der 38-jährige Karl Georg Jakob Sailer aus Wil. Er war, wie Falck, aus einer Familie hervorgegangen, deren Vorfahren in äbtischen Diensten gestanden hatten, und er wollte, wie jener, zunächst Geistlicher werden, gab dann aber diese Ahsicht auf und ergriff das Studium der Jurisprudenz. Nach einer umfassenden wissenschaftlichen und praktischen Ausbildung hatte er sich zunächst in Wil als Fürsprech niedergelassen. Seine Intelligenz und Tatkraft brachten es mit sich, daß er schon mit 28 Jahren von seinen Mitbürgern zum Gemeindammann und Präsidenten des Ortsverwaltungsrates gewählt wurde. Wie Saylern brachte er in seine richterliche Tätigkeit, die im Jahre 1849 durch seine Wahl in das Kantonsgericht einsetzte, außer seinen Fachkenntnissen alle Eigenschaften und Fähigkeiten mit, die den Richter auszeichnen, einen unbestechlichen Gerechtigkeitssinn und die volle moralische Integrität. Aber anders als Saylern war er auch neben seiner richterlichen Begabung ein Mann von großen politischen Interessen und ausgesprochenen staats-männischen Fähigkeiten.
Seit 1851 gehörte er dem Großen Rate an und seit 1853 dem eidgenössischen Parlament, zuerst als Ständerat, später als Nationalrat. Er bekannte sich zu einer entschieden freisinnigen Ueberzeugung und gelangte frühzeitig in die Führerschaft der liberalen Partei. Dabei wandte er sich in den bewegten zwei Dezennien nach der Mitte des Jahrhunderts ebensosehr gegen konservative Ansprüche, wie gegen die ungestümen Forderungen der Radikalen. Es ist daher nicht verwunderlich, daß Sailer, wie seinerzeit Reutti und Falck, den ihm lieb gewordenen Sitz des Kantonsgerichtspräsidenten auf Drängen seiner Partei mit demjenigen eines Regierungsrates vertauschen mußte. Dazu ließ er sich umso eher bewegen, als durch die "Friedensverfassung" von 1861 die Kulturkampfperiode für einmal abgeschlossen war, und die Tätigkeit der Regierung stärker als bisher auf die Förderung der Volkswohlfahrt, den Ausbau der Gesetzgebung und des staatlichen Erziehungswesens gerichtet werden konnte. Sailer übernahm daher mit seiner im Jahre 1864 erfolgten Wahl in den Regierungsrat Glas Justizdepartement, um die gesetzgeberischen Arbeiten fortzuführen, die er schon als Kantonsgerichtspräsident begonnen hatte. In seinen Entwürfen für ein bürgerliches Recht, für ein neues Prozeßverfahren und ein neues Konkursrecht, sowie für die Abänderungen des Strafgesetzbuches, erwies sich Sailers hervorragendes gesetzgeberisches Talent. Freilich war es ihm nicht vergönnt, die Ueberführung seiner Entwürfe in Gesetse zu erleben. Da-gegen gelang es ihm, seine Prozeßordnung für Rechtsstreitigkeiten geringeren Belanges durchzusetzen, die sich gerade für die untern Volkskreise als außerordentlich segensreich erwies. Neben der Tätigkeit in seinem eigenen Departement war Sailer das unbestrittene Haupt der Regierung, sodaß ihm schon sechs Monate nach seinem Eintritt in dieselbe die Würde eines Landammanns übertragen wurde.
Seine umfassende juristische Begabung kam auch in den eidgenössischen Räten zum Ausdruck und in seiner nebenamtlichen Tätigkeit als Mitglied des Bundesgerichtes, in das er 1866 gewählt wurde. Von dem sagt sein Biograph: "Ueberzeugung war seine Parole, Wahrheit und Gerechtigkeit seine Devise'`. In der Mittagshöhe seiner staatsmännischen Tätigkeit ergriff ihn indessen ein Leiden, dem er schon im Herbst 1870 erlag. Der Kanton St. Gallen und die Eidgenossenschaft verloren mit ihm einen der fähigsten Staatsmänner der Zeit.
(Wilermappe 1936)