Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03604.jsonl.gz/1891

Kaum irgendwo in Europa gibt es so viele selbstverwaltete Betriebe wie in der italienischen Provinz Reggio Emilia. Woher kommt das, wie funktionieren diese Kooperativen – und wie überleben sie in Berlusconis Italien? Um das herauszufinden, muss man mal hin.
Coopsette ist ein überaus erfolgreicher Konzern. Das Unternehmen baut in ganz Norditalien Einkaufszentren, Eisenbahnstrecken, Hafenanlagen, neue Wohnquartiere, Autobahnbrücken, Industriehallen, Parkhäuser und Tramlinien. Im Jahr 2008 erzielte die Firma mit diesen Projekten – die zumeist schlüsselfertig übergeben werden – einen Umsatz von 465 Millionen Euro. Das Besondere an dieser hoch spezialisierten Firma: Sie gehört der Belegschaft.
Coopsette war 1977 aus einer Fusion etlicher Baugenossenschaften in der Provinz Reggio Emilia entstanden, deren Geschichte bis in die Anfänge der norditalienischen Arbeiterbewegung zurückreicht. Dem Zusammenschluss lag die Idee zugrunde, aus den kleinen, nur regional agierenden Kooperativen eine landesweit operierende Genossenschaft zu machen, die auch in der Lage ist, Grossprojekte zu bewältigen. Diesem Ziel (und dem Überleben während der Wirtschaftskrise der neunziger Jahre) diente auch die Fusion im Jahre 1990 mit zwei anderen Genossenschaften in Mantua und Reggio.
Rund 900 Beschäftigte hat Coopsette heute; etwa 600 davon sind EigentümerInnen. Sie zahlen beim Eintritt in die Genossenschaft eine Einlage, wählen die Konzernleitung und bestimmen auf den Versammlungen die Grundzüge der Geschäftspolitik. Dabei haben alle eine Stimme – ungeachtet ihrer Anteile. Ihr Lohn liegt etwas unter dem Durchschnitt der Branche, dafür aber erhalten sie am Jahresende eine Gewinnausschüttung; Ende 2009 zum Beispiel bekam jeder Genosse, jede Genossin rund 8000 Euro ausbezahlt. Der Rest des Gewinns geht in Ausbildungsprogramme und Kulturprojekte, finanziert Neuinvestitionen oder dient der Kapitalaufstockung. Coopsette zeigt, dass alternative Wirtschaftsmodelle auch in der Bauindustrie erfolgreich sein können. Aber wie geht es der Genossenschaft jetzt, in der Krise? Funktioniert die Betriebsdemokratie noch immer? Was ist mit den 300 nicht stimmberechtigten Angestellten?
Eine lange Geschichte
In der Emilia Romagna hat das Genossenschaftswesen eine grosse Tradition, sagt Massimo Storchi, Historiker am Istoreco, dem Geschichtsinstitut des Partisanenverbands Anpi in Reggio. In der Anfangszeit der italienischen Republik, als der Staat mehr schlecht als recht funktionierte, mussten die ArbeiterInnen der Region selbst für das Funktionieren ihrer Gemeinwesen sorgen: «Sie haben die Strassen gebaut, die Bahnverbindungen installiert, die Wasserleitungen gelegt», berichtete Storchi bei der ersten WOZ-Reise in die Region (siehe hier). «Fare come Reggio», sei damals ein geflügeltes Wort gewesen – machen wie in Reggio.
Aus dieser Selbsthilfe heraus entstand die Genossenschaftsbewegung, die nicht nur Arbeitsplätze schuf und im Konsumbereich die Ärmsten in Notlagen unterstützte, sondern auch dem Erhalt der proletarischen Gemeinschaften diente. Noch heute gibt es in Reggio kommunale Apotheken, die früher den Armen billigere Arzneimittel boten – und deren Gewinn jetzt der städtischen Altenpflege zugute kommt. Der Genossenschaftsgedanke war bald so populär, dass selbst Konservative und die Kirche die Gründung von Kooperativen förderten – sogenannte weisse Genossenschaften, die im Unterschied zu den «roten» aber keine gesellschaftsverändernde Perspektive hatten und auch während der langen Jahre des Faschismus akzeptiert waren.
Zu einem Aufschwung der roten Genossenschaften kam es erst wieder nach dem Zusammenbruch des faschistischen Systems. Einer, der von Anfang an dabei war, ist Fernando Cavazzini, mittlerweile 86 Jahre alt. Im Partisanenkrieg (Herbst 1943 bis Frühjahr 1945) gegen die deutsche Besatzungsmacht und die italienischen Faschisten war er Leiter einer Sabotageeinheit gewesen, die durch Brückensprengungen den Nachschub für die deutschen Truppen unterband und gegen Kriegsende den Abtransport lebensnotwendiger Güter verhinderte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Cavazzini in den Ortsvorstand der KPI von Reggio gewählt. Aber die Politik war nicht sein Ziel: «Wir wollten eine neue Gesellschaft aufbauen», sagt er – und gründete mit anderen eine Bauarbeiterkooperative, der er bald vorstand. Über viele Jahre hinweg reiste er in seiner Freizeit durch ganz Italien, um den Genossenschaftsgedanken zu verbreiten; zum Teil mit Erfolg. Über seine Geschichte, seine Bemühungen und auch die Rückschläge (eine von ihm mitbegründete Baugenossenschaft in Sizilien wurde von der Mafia zerschlagen), wird Fernando Cavazzini den TeilnehmerInnen der WOZ-Reise berichten.
Immer noch stark
Rund sechzig Prozent der regionalen Ökonomie werden in der Provinz Reggio Emilia von Genossenschaften erwirtschaftet, schätzen Fachleute. Dort gibt es Weinkooperativen, Agriturismo-Projekte, Käsereien, Handwerksbetriebe, Industrieunternehmen und viele öffentliche Einrichtungen, die sich dem Gedanken einer sozialen, demokratischen und nachhaltigen Wirtschaftsweise verpflichtet haben.
Nicht alle Genossenschaften in der Provinz Reggio Emilia streben nach einer besseren Gesellschaft; manche haben sich à la Migros in der Marktwirtschaft eingerichtet und verfolgen eine rein businessorientierte Politik. Andere hingegen (wie die Finanzkooperative Mag6) denken über das aktuelle Rechnungsjahr hinaus oder pflegen (wie viele Landwirtschaftsgenossenschaften) die Natur. Vor allem jedoch – und das unterscheidet Reggio von anderen Regionen, wo ebenfalls Kooperativen bestehen – gibt es hier eine Kultur des Genossenschaftsgedankens. Und ein funktionierendes Netz an Einrichtungen wie den Legacoop-Verbund zum Beispiel, dem 250 Kooperativen mit über einer halben Million Mitglieder angehören, oder das Finanzkonsortium CCFS, das mit einem Gesamtvolumen von rund einer Milliarde Euro die Entwicklung von über tausend Genossenschaften fördert.
Willkommen also in einer anderen Welt! Auf der WOZ-Reise, die wir in bewährter Kooperation mit dem Istoreco organisieren, treffen Sie AktivistInnen, Direktoren und Betriebsräte, Sie spazieren durch die Geschichte und wandern durch den Apennin zu Käse- und Weinkooperativen (vgl. Programm) – und können dabei jede Menge Fragen stellen. Die italienische Sprache müssen Sie übrigens nicht beherrschen: Uns begleiten engagierte Dolmetscher mit grossem Sachverstand.
Detailliertes Reiseprogramm (PDF)