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Aus meiner Lektüre von Christoph Nonns “12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des deutschen Kaiserreichs 1871-1918”:
Exemplarischer Zugang, unterschiedliche Perspektiven
Das Buch besteht als zwölf Geschichten. … Jeder dieser zwölf Geschichten behandelt einen Aspekt der Geschichte des deutschen Kaiserreichs.
(Deren zentrale Themen:) Reichsgründung, ‘Kulturkampf’, Sozialistengesetz, Sozialversicherung, Kolonialpolitik, wirtschaftliche und gesellschaftliche Umbrüche, Flotten- und Aussenpolitik, Antisemitismus, Militarismus, das Verhältnis von Parteien, Parlament und Regierung.
In jeder der Geschichten dieses Buches spielt ein bestimmter Mensch die Hauptrolle. Unter den Akteuren sind (Reichskanzler, Kaiser, Admiral, ein katholisches Bauernmädchen, eine politisch engagierte Putzmacherin, Hausfrau und Mutter, ein gewitzter Schuhmacher mit Faible fürs Militärische, der erste Sozialdemokrat und dann Soldat werdende Sohn eines jüdischen Bäckers, ein Herero aus Südwestafrika, ein prozestantischer Sozialreformer, eine frustrierte Verlegerfrau, ein Tischlersohn mit künsterlischen Ambitionen).
Ziel ist eine multiperspektivische Darstellung, eine Art Kaleidoskop, das die ungeheure Vielschichtigkeit des Lebens im deutschen Kaiserreich zumindest ansatzweise abbildet.
(Post-)Moderner Anspruch
Natürlich ist dieses Buch aber keine ‘Gesamtdarstellung‘ des Kaiserreichs. Die gibt es nicht und wird es nie geben. Die historische Forschung über die deutsche Geschichte zwischen 1871 und 1918 füllt schliesslich ganze Bibliotheken.
Zudem kommen ständig neue Erkenntnisse über diese Zeit hinzu, werden lange für Gewissheit gehaltene Annahmen widerlegt, ändern sich die Fragen, die in der Gegenwart an die Vergangenheit gestellt werden.
Jeder Versuch, eine alle Aspekte der Zeit berücksichtigende, definitive Geschichte des Kaiserreichs zu schreiben, wäre deshalb von vornherein zum Scheitern verurteilt.
… Das Buch ist kein ‘Handbuch’. Es ist eine Lesebuch. Das hat zum einen etwas mit meiner grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Idee des Handbuchs zu tun. Diese Idee scheint mir der nativen Vorstellung verwandt zu sein, dass man getrost nach Hause tragen kann, was man schwarz auf weiss besitzt.
Tatsächlich vermitteln aber sogenannte Handbücher ebenso wenig zweifelsfreie Wahrheiten wie das Internet oder die Zeitung.
… Vor allem aber konzentrieren diese Handbücher sich auf Strukturen und vermitteln damit ein eher statisches Bild des Kaiserreichs.
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