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Brillenpinguin
Spheniscus demersus
© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
In der Vorstellung der meisten Leute sind die Pinguine besonders «frosttaugliche» Vögel, deren Heimat die Antarktis ist. In Wirklichkeit leben jedoch mehrere der insgesamt siebzehn Mitglieder der Pinguinfamilie (Spheniscidae) deutlich ausserhalb der antarktischen und subantarktischen Zonen. Ja, der Galapagospinguin (Spheniscus demersus) und der Humboldtpinguin (Spheniscus humboldti) brüten gar in Äquatornähe unter tropischer Sonne.
Nicht ganz so weit nördlich, aber doch auch in einer recht warmen Erdregion - etwa auf halbem Weg zwischen der Antarktis und dem Äquator - ist der Brillenpinguin (Spheniscus demersus)
zu Hause, von dem hier berichtet werden soll: Er bewohnt die Küstenbereiche Namibias und Südafrikas.
Auf Plumpudding zu Hause
Der Brillenpinguin brütet hauptsächlich auf kleinen, den Küsten Namibias und Südafrikas vorgelagerten Inseln und nur an wenigen Stellen auch auf dem Festland. Die Mehrzahl der ungefähr dreissig Brutplätze befindet sich an der afrikanischen Südwestküste, also am Ufer des Atlantiks; nur wenige liegen an Afrikas Südostküste und damit am Rand des Indischen Ozeans.
In Namibia, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, ist der Brillenpinguin von der Hollomsbird-Insel (zwischen Walfisbaai und Lüderitz) im Norden bis zur Sinclair-Insel (rund 150 Kilometer nördlich der Grenze zu Südafrika) im Süden heimisch. Die übrigen Inseln, auf denen er in Namibia vorkommt, heissen Mercury, Ichaboe, Halifax, North Reef, Possession und Plumpudding. Sie alle liegen lediglich einen bis zwei Kilometer vom Festland entfernt. Ein einziger Brutplatz befindet sich an Namibias Festlandküste, und zwar an einer abgeschiedenen Stelle bei Sylvia Hill, ungefähr hundert Kilometer südlich der Hollomsbird-Insel.
Die Südwestküste Afrikas, in deren Bereich sich die Mehrzahl der Brutplätze des Brillenpinguins be-finden, wird vom Benguelastrom umspült. Es handelt sich dabei um eine mächtige, von Süden kommende Meeresströmung, welche nicht nur sehr kühl, sondern auch ausgesprochen nährstoffreich ist. Im Benguelastrom gedeiht deshalb eine Fülle freischwebender (planktonischer) Organismen. Diese bilden die Lebensgrundlage für eine überaus reiche Fischfauna, welche ihrerseits für fischfangende Tierarten wie den Brillenpinguin einen reichlich gedeckten Tisch darstellen.
Fischjäger an der Meeresoberfläche
Wie die meisten ihrer Vettern sind die Brillenpinguine sowohl im Wasser als auch an Land sehr gesellige Wesen: Gruppenweise brüten sie an Land, und gruppenweise gehen sie auch auf die Jagd. Im Unterschied insbesondere zu ihren grossgewachsenen Vettern Kaiserpinguin (Aptenodytes forsteri)
und Königspinguin (Aptenodytes patagonicus)
tauchen sie indes weder besonders tief, noch bleiben sie lange unter Wasser: Gewöhnlich finden sie ihre Nahrung in Tiefen von weniger als zwanzig Metern unter der Wasseroberfläche und bleiben selten länger als zwei bis drei Minuten unterge-taucht. Da der Benguelastrom die südwestafrikanische Küste unmittelbar umspült, braucht der Bril-lenpinguin bei der Nahrungssuche im übrigen nie weit zu schwimmen. In den meisten Fällen streift er während des ganzen Jahres in unmittelbarer Nähe seiner jeweiligen Heimatinsel umher und begibt sich kaum je auf das offene Meer hinaus.
Wissenschaftliche Studien, welche in den fünfziger Jahren unseres Jahrhunderts durchgeführt worden waren, hatten gezeigt, dass sich die Brillenpinguine hauptsächlich von drei Arten oberflächennah lebender Schwarmfische ernährten: der Südafrikanischen Sardine (Sardinops ocellata)
, der Bastard-makrele (Trachurus trachurus)
und der Südafrikanischen Sardelle (Engraulis capensis)
. Als «Beikost» verspeisten sie allerdings ein breites Spektrum weiterer Kleinfischarten sowie Tinten-fische und Garnelen aller Art.
Selbstverständlich ist auch der Mensch schon früh auf den Fischreichtum in den südwestafrikanischen Küstengewässern aufmerksam geworden. Und längst hat er, wie fast überall auf der Welt, damit begonnen, die lokalen Fischbestände rücksichtslos zu plündern. Deren massive Übernutzung führte letztlich im Laufe der sechziger Jahre zu einem dramatischen Zusammenbruch unter anderem der Bestände der Südafrikanischen Sardine und der Bastardmakrele. Dadurch gerieten nicht nur Namibias und Südafrikas Küstenfischer in eine herbe Krise und mussten strukturelle Anpassungen vornehmen, sondern es waren auch die ansässigen Brillenpinguine dazu gezwungen, ihre tradierten Ernährungsgewohnheiten zu ändern.
Neuere Studien zeigen, dass sich die südlichen Brillenpinguinkolonien heute hauptsächlich von der Südafrikanischen Sardelle ernähren, deren Bestände weniger in Mitleidenschaft gezogen worden sind, dass aber zu gewissen Zeiten des Jahres auch Tintenfische einen erheblichen Teil der Pinguinkost ausmachen. Die nördlichen Kolonien scheinen sich hingegen auf eine «neue» Beutefischart spezia-lisiert zu haben, nämlich die Bartgrundel (Sufflogobius barbatus)
, deren Bestand - wohl durch das Wegfallen anderer Fischarten - in den vergangenen zwanzig Jahren stark angewachsen ist.
Kaltes Wasser, heisses Land
Mit seiner dicken Schicht Unterhautfett und seinem vorzüglich isolierenden Federkleid ist der Brillenpinguin bei seinen gewöhnlich ganztägigen Fischzügen im kalten Wasser des Benguelastroms wirkungsvoll vor Auskühlung geschützt. Mit dieser pinguintypischen «Winterkleidung» steht er jedoch an der südwestafrikanischen Küste ständig in Gefahr der Überhitzung. Denn diese treffend als «Skelettküste» bezeichnete Gegend ist ausgesprochen dürr, kahl und der Sonne ungeschützt ausgesetzt. Schattige Vegetation fehlt so gut wie vollständig.
Um sich vor übermässiger Wärme zu schützen, verbringen diejenigen Brillenpinguine, die nicht gerade ein Gelege zu bebrüten oder Junge zu beaufsichtigen haben, den Tag im Wasser: Kurz nach Sonnenaufgang verlassen sie ihre Insel und kehren erst am späten Nachmittag wieder zurück, um sich während der Nacht an Land auszuruhen. Aus demselben Grund legen sie dort, wo der Untergrund dies zulässt, ihre Nester in selbstgescharrten Erdlöchern an. Und dort, wo der Boden zum Graben zu hart ist, brüten sie im Schutz von Felsen, welche zumindest während der heissen Mittagsstunden Schatten spenden. Ihre Brutkolonien scheinen sich im übrigen ausnahmslos an Stellen zu befinden, wo vom Meer her ständig eine kühle Brise weht.
Eine klare Fortpflanzungszeit besteht in den meisten Brillenpinguinkolonien nicht. Zwar lässt sich vielerorts eine Häufung des Brutgeschehens im südlichen Winter und Frühling feststellen, wenn die Tageshitze den brütenden Altvögeln und ihren Jungen etwas weniger zusetzt. Es können aber in allen Brutkolonien zu jeder Jahreszeit einige brütende Brillenpinguine angetroffen werden.
Obschon die Brillenpinguinpaare gewöhnlich mehrere Jahre, oft sogar ein Leben lang zusammenhalten (die jährliche «Scheidungsrate» scheint unter zwanzig Prozent zu liegen), beginnt das Brutgeschäft stets mit einer langgezogenen Balzperiode, während der sich die beiden Partner auf die bevorstehende Aufgabe einstimmen. Es folgt der Nestbau, wobei das Nest selbst eine wenig kunstvolle, hauptsächlich aus pflanzlichem «Strandgut» bestehende Sache darstellt. Dann legt das Weibchen gewöhnlich zwei Eier, welche anschliessend von den beiden Altvögeln abwechslungsweise in knapp sechs Wochen ausgebrütet werden. Die Einsätze dauern jeweils rund vierundzwanzig Stunden, und die Schichtwechsel finden stets im Verlauf der Nacht statt.
Nach dem Schlüpfen bedürfen die jungen Brillenpinguine weitere elf Wochen lang der elterlichen Fürsorge. Dann erst ist der Wechsel vom wolligen Daunenkleid zum wasserdichten Jugendgefieder abgeschlossen. Kurz darauf erfolgt die Loslösung der Jungvögel von ihren Eltern. Stets tauchen sie ohne Begleitung und Hilfe derselben ins Meer ein und ziehen auf eigene Faust los.
Im Gegensatz zu den Altvögeln streifen die jungen Brillenpinguine entlang der südwestafrikanischen Küste oft weit umher und können an einem einzigen Tag dreissig Kilometer zurücklegen. Erst im Alter von ungefähr zwei Jahren lassen sie sich dann an einem geeigneten Ort nieder und werden sesshaft.
Die durchschnittliche Lebenserwartung der Brillenpinguine beträgt etwa sieben bis zehn Jahre; das Höchstalter in freier Wildbahn liegt bei ungefähr fünfzehn Jahren.
Riesensturmvogel, Schwertwal und Mensch
Die Hauptgrund dafür, dass der Brillenpinguin vornehmlich auf Inseln lebt und brütet, dürfte das dortige Fehlen von vierbeinigen Fressfeinden und Nestplünderern - wie Schakalen (Canis spp.)
, Mangusten (Herpestes spp.)
und Ginsterkatzen (Genetta spp.)
- sein. Das Spektrum natürlicher Feinde, vor denen sich der fluglose Vogel in acht nehmen muss, vermindert sich dadurch einerseits auf die Dominikanermöwe (Larus dominicanus)
, den Heiligen Ibis (Threskiornis aethiopicus)
und den Südlichen Riesensturmvogel (Macronectes giganteus)
, die sich mitunter als Eier- und Kükendiebe betätigen, und zum anderen auf den Südlichen Seebären (Arctocephalus pusillus)
, den Schwertwal (Orcinus orca)
und verschiedene Haiarten, die ihm hin und wieder im Wasser nachstellen.
Im Laufe seiner Stammesgeschichte hat der Brillenpinguin mit diesen Feinden durchaus zu leben gelernt. Er vermag die durch sie verursachten Verluste über seine Nachzuchtrate problemlos auszugleichen. Dass die Population des Brillenpinguins in unserem Jahrhundert dennoch besorgniserregend zurückgegangen und die Art heute als «demnächst gefährdet» («near-threatened») einzustufen ist, geht einzig und allein auf die schädigenden Einflüsse seitens des Menschen zurück.
Noch zu Beginn unseres Jahrhunderts scheint die Brillenpinguinpopulation im Südwesten Afrikas überaus kopfstark gewesen zu sein. Es existiert zwar nur für die südafrikanische Dassen-Insel (nordwestlich von Kapstadt) eine verlässliche Bestandsschätzung: Die dortige Brutkolonie umfasste seinerzeit mindestens anderthalb Millionen Vögel. Dies lässt aber erahnen, wie umfangreich die Gesamtpopulation einst gewesen sein muss.
Leider gibt es auch für die heutige Brillenpinguinpopulation keine genauen Zahlen. Dies hat hauptsächlich damit zu tun, dass zuverlässige Bestandserhebungen kaum durchführbar sind, weil sich tagsüber stets ein Grossteil der schwarzweissen Vögel im Meer aufhält. Die Fachleute nennen heute eine Gesamtpopulation von rund 170 000 Vögeln, weisen aber darauf hin, dass es sich dabei nur um eine grobe Schätzung handelt. Dennoch ist offensichtlich, dass die Brillenpinguine im Laufe unseres Jahrhunderts enorme Bestandseinbussen erlitten haben.
Das Beutefischangebot ist knapp
Mehrere Faktoren haben zum massiven Schwund der Brillenpinguinpopulation beigetragen: Den Anfang machte das Einsammeln der Pinguineier für den menschlichen Verzehr. Das Übermass, in welchem das «Eiergeschäft» betrieben wurde, hatte die südafrikanischen Behörden schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts veranlasst, im Sinne einer nachhaltigen Bewirtschaftung dieser Nahrungsquelle saisonale Schonzeiten und vorübergehende Schliessungen einzelner Kolonien zu verfügen. Dennoch wurden weiterhin unglaubliche Mengen Eier eingesammelt: Allein auf der Dassen-Insel wurden zwischen 1900 und 1930 vierzehn Millionen Brillenpinguineier «geerntet». Die massive Schädigung der Population hielt somit an, bis das unselige Pinguineiersammeln 1969 endlich durch ein striktes Verbot gänzlich unterbunden wurde.
Beeinträchtigt wurden die Brillenpinguine im Laufe unseres Jahrhunderts des weiteren durch die Abtragung der oft meterhohen Guanoschichten auf ihren Brutinseln. Guano - der während Jahrhunderten angehäufte Kot unzähliger Generationen von Pinguinen und anderen Meeresvögeln - ist sehr phosphathaltig und deshalb als Rohstoff für landwirtschaftliche Dünger sehr begehrt. Der Guanoabbau brachte nicht nur jahrelange massive Störungen der Pinguinkolonien mit sich, sondern beraubte die Vögel auch auf grossen Flächen der Möglichkeit, Nisthöhlen zu scharren.
Mehrfach haben die Brillenpinguine in unserem Jahrhundert auch unter der Verseuchung südwestafrikanischer Küstenabschnitte nach Öltankerhavarien gelitten. Tausende von ihnen kamen durch erdölverschmiertes Gefieder bzw. ihre Versuche, dieses zu reinigen, ums Leben.
Es gibt ferner Hinweise darauf, dass die Brillenpinguine heutzutage zeitweise unter Nahrungsknappheit leiden, verursacht durch die Übernutzung ihrer Beutefischbestände. Jedenfalls ist eine allgemeine Verminderung des Bruterfolgs zu beobachten, vermutlich weil es den Altvögeln zusehends schwerer fällt, zusätzlich zum eigenen Nahrungsbedarf auch noch den ihrer nimmersatten Jungen zu decken. Es ist zu befürchten, dass sich dieses Problem zukünftig eher noch verschärft, da die krasse Übernutzung der lokalen Fischbestände weiter anhält.
Sowohl in Namibia als auch in Südafrika zählen die Brillenpinguine heute zu den gesetzlich geschützten Vogelarten. Ausserdem sind mehrere ihrer Brutinseln als Reservate ausgewiesen. Die Zukunft wird weisen, ob diese Massnahmen ausreichen, um den Fortbestand dieser hochspezialisier-ten Meeresvögel sicherzustellen. So oder so wäre es wünschenswert, dass endlich wirksame gesetz-liche Schritte gegen die Plünderung der Fischbestände im Bereich der Südwestküste Afrikas unter-nommen werden - zum Wohl der ansässigen menschlichen Bevölkerung genauso wie zu dem der Brillenpinguine und all der anderen tierlichen Nutzniesser dieser reichen marinen Ressource.
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