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Bessere Chancen für Menschen ohne Berufsabschluss
Deutsch ist für Hector der Schlüssel zum Aufbau seiner neuen Heimat
Integration – Die Schweiz wird von Ausländern gebaut – kaum ein anderes Gewerbe ist so international wie der Bau. Für eine bessere Integration der ausländischen Arbeitnehmenden ist «Deutsch auf der Baustelle» zentral. Deshalb – und weil er bald Vater wird – besucht der 30-jährige Spanier Hector Ortells seit einem Jahr einen Deutschkurs.
Anschauliche, langsame und deutliche Worte sind gefragt, wenn Markus Ramseier mit Hector Ortells spricht. «Manchmal rede ich mit ihm auch Spanisch», sagt der Chef.
Die Hauptprobe: Hector Ortells (links) und sein Kollege bereiten sich auf ein Rollenspiel vor, das sie vor der Klasse präsentieren müssen.
Hector Ortell’s Kopf ist gesenkt, die braunen Augen blicken konzentriert auf das Notizkärtchen vor ihm auf dem Tisch. In der rechten Hand hält er einen Kugelschreiber, die linke liegt auf der Platte. Seine Lippen formen die Wörter: «Er hat den Sand gesiebt.» Langsam, konzentriert. Das S in die Länge gezogen, das R stark gerollt. Bedacht darauf, keinen Fehler zu machen. «Gut», lobt ihn die Lehrerin. Der Spanier blickt sie kurz an, lächelt, hebt ein zweites Kärtchen auf. «Hämmern» steht drauf. «Ich habe den Nagel in die Wand gehammert», sagt er. Die Lehrerin mahnt: «Bist du dir sicher? Versuche es nochmals.» Er zögert. «Ich habe den Nagel in die Wand gehämmert?» Seine Aussage klingt wie eine Frage. «Sehr gut, Hector», sagt die Lehrerin.
Hämmern. Das ist nicht die einzige Aufgabe, die Hector auf der Baustelle hat. Angestellt bei der Ramseier AG in Bern betoniert er, begradigt und misst ab. Er bohrt ein Loch in den Boden. Seine dunklen Augen verengen sich zu Schlitzen. Staub quillt aus dem Loch. Hector hustet, zieht sich seinen Helm tiefer ins Gesicht und den Kragen seines Pullovers über den Mund.
Die Hauptprobe
Direkt auf der Baustelle und während der Arbeitszeit Deutsch lernen. Das war vor drei Jahren noch so. Heute finden die Kurse am Abend statt. Nicht mehr auf der Baustelle, weil es für viele Bauunternehmer schwierig ist, mehrere Mitarbeiter zur selben Zeit freizustellen.
Zusammen mit fünf anderen Migranten aus Italien und Portugal sitzt Hector am Montagabend im Ausbildungszentrum Maurerlehrhalle in Bern. Normalerweise sitzen hier Maurerlehrlinge im Berufsschulunterricht. Die Tische stehen zusammengerückt in der Mitte des Raumes. Neonröhren füllen ihn mit künstlichem Licht. Die Wände sind weiss und leer. Auf den Tischen liegen die Aufgaben für Hector und seine Kollegen bereit. «So, meine Lieben. Das letzte Mal vor der Prüfung, also quasi die Hauptprobe. Heute wird noch einmal repetiert», sagt Kursleiterin Judit Peszlen. Sie ist jung, Mitte 30, trägt Jeans und einen Wollpullover. Sie hebt ihre Augenbrauen, klatscht in die Hände. «Der Kurs läuft heute so ab wie immer. Wir beginnen mit dem Postenlauf, danach präsentiert ihr eure Rollenspiele.» Sie spricht schnell.
Die Kurse werden vom Schweizerischen Baumeisterverband organisiert und mit Hilfe des Kantonal-Bernischen Baumeisterverbands durchgeführt. Das Baugewerbe sieht sich dabei in der Pflicht, die Migranten und Arbeiter auf ihren Baustellen zu unterstützen. Auf Schweizer Baustellen arbeitet eine grosse Zahl von ausländischen Arbeitnehmenden. In den 60er Jahren waren es 160 000, heute noch rund ein Viertel. Knapp die Hälfte davon sind Portugiesen, Italiener und Spanier.
«Sauber, aufgeräumt und gut organisiert»
Hector ist vor vier Jahren in die Schweiz gezogen. «Ich fand in Valencia keine Arbeit mehr», sagt der 30-jährige werdende Vater. Die Finanzkrise im Jahr 2008 hat in Spanien dafür gesorgt, dass viele Baustellen schliessen mussten, die Arbeitnehmer landeten auf der Strasse. «Ich sah damals keinen anderen Ausweg mehr, als ins Ausland auszuwandern», sagt Hector. Er habe einen Kollegen kontaktiert, der schon seit geraumer Zeit in der Schweiz lebte. Der hat ihm einen Job besorgt. «Ich arbeitete zuerst in Biel und jetzt seit etwa einem Jahr bei der Ramseier AG in Bern.» Die Arbeit gefalle ihm, sagt der ausgebildete Maurer und Gipser. Und warum gerade die Schweiz? «Hier ist alles so sauber, aufgeräumt und gut organisiert», sagt Hector. «Hier kann ich mit meiner Familie ein gutes Leben führen.»
«Ein gutes Leben»: Das bedeutet Integration. Diese geht einher mit dem Beherrschen der Landessprache und dem sich Aneignen von Regeln, Sitten und Gebräuchen eines Landes. Und: Wer Deutsch spricht, integriert sich schneller. Das weiss auch Markus Ramseier, 38 Jahre alt, CEO der Ramseier AG in Bern und Hectors Chef. Er will seine Mitarbeiter unterstützen. Ramseier steht mitten in der Baustelle beim PostParc in Bern. Staub, Lärm, Schutt. Bohrer dröhnen, Hämmer schlagen auf Metall. Bretter liegen auf dem Boden, Stimmen und Rufe sind zu hören. Die Hände hat er in den Taschen seiner Leuchtweste verstaut, die Schutzbrille lenkt jeden Blick ins Gesicht. Wenn Ramseier mit «seinen» ausländischen Bauarbeitern spricht, tut er dies langsam. Braucht deutliche, einfache Worte. Er benutzt seine Hände. Wenn er von fünf Zentimetern spricht, formt er diese Distanz mit den Fingern.
«ZweiMal pro Woche, für jeweils zwei Stunden, besucht HecTOr den Kurs.»
«Loyale Mitarbeiter verdienen es, fair behandelt zu werden. Nur so fühlen sie sich ernst genommen und gefördert», sagt Ramseier. «Eigentlich ist es klar: Wenn sie sich keine Sorgen machen müssen, dass sie ihren Alltag nicht bewältigen können, sind sie freier, weniger absorbiert und zufriedener.» Und dadurch auch leistungsfähiger. Deshalb hat Ramseier Hector geraten, einen Deutschkurs zu besuchen.
«Deutsch zu lernen macht mir Spass», sagt Hector. Zusammen mit seiner kubanischen Frau Maria lebt er in Bern-Bethlehem in einer Wohnung. Im März wird er Vater. «Spätestens als meine Frau schwanger war, wurde mir klar, wie wichtig es ist, dass ich Deutsch spreche.» Seien es Wohnungsbesichtigungen, das Ausfüllen von amtlichen Dokumenten oder dann auch RAV-Formularen – «kein Weg führt daran vorbei».
Die alltäglichen Dinge
Hector und sein Kollege sind beim zweiten Posten angelangt. 13 Zettel liegen verstreut auf dem Tisch. «Sich beim Nachbarn vorstellen» steht auf dem grössten und «Hallo, entschuldigen Sie die Störung» auf dem zweiten. Das Ziel sei es, das fiktive Gespräch zu rekonstruieren, erklärt Lehrerin Judit Peszlen. Hector greift zum nächsten Kärtchen. «Hallo, Sie stören gar nicht», liest er vor. Kurz knetet er seine Hände, wischt sie am dunkelblauen Pullover ab. Stimmengewirr. Spanische Wortfetzen. Die beiden Spanier diskutieren miteinander. Schritt für Schritt ordnen Sie die Zettel, schaffen es ohne grosse Probleme, die Kärtchen richtig anzuordnen. War das jetzt schwierig? «Es geht», sagt Hector. «Ich verstehe viel mehr, als ich sprechen kann.»
Ihr Schüler habe schon grosse Fortschritte gemacht, sagt Peszlen. «Er traut sich, überhaupt zu sprechen. Das war am Anfang nicht so.» Das sei bereits der zweite Kurs, den Hector besuche. «Im ersten Kurs eignen sich die Teilnehmer vor allem den Grundwortschatz an, den sie bei ihrer Arbeit brauchen. Dabei lernen sie vor allem, wie die Arbeitsgeräte und Materialien heissen und wozu man sie einsetzt», so Peszlen. Alltägliche Dinge also. «Sie sollen fähig sein, ein Gespräch mit dem Nachbarn zu führen und mit dem Chef über ihre Arbeit zu reden.»
«Alles wird sehr viel einfacher, wenn man Deutsch versteht und spricht.»
An zwei Abenden pro Woche, für jeweils zwei Stunden, besucht Hector mittlerweile den Deutschkurs. Das nächste Mal findet die Prüfung statt. Nervös? «Oh ja, und wie», gibt er zu.
Sprache als Integrationswerkzeug
Pause. Zusammen mit seinen Kollegen steht Hector draussen vor dem Ausbildungszentrum, zieht an seiner Zigarette. «Es ist sehr kalt», sagt er. Und: «Der Kaffee schmeckt gut.» Dinge, die er bereits gelernt hat. Er unterhält sich mit den anderen Teilnehmern. Mit Händen und Füssen verständigen sie sich, mischen deutsche Ausdrücke mit spanischen, portugiesischen oder italienischen. Sie lachen, machen Witze. Wird Hector noch einen weiteren Deutschkurs besuchen? «Ich denke schon. Ich habe schon viel gelernt.» Vorher sei er kaum mit der deutschen Sprache konfrontiert worden. Mit seiner Frau spricht er Spanisch, seine Freunde sind vor Kurzem in die Schweiz gezogen. Er sei deshalb sofort auf das Angebot seines Chefs eingegangen, einen Deutschkurs zu besuchen. «Alles wird einfacher, wenn man Deutsch versteht.»
Die deutsche Sprache spielt bei der Integration eine wichtige Rolle. Das weiss auch Judit Peszlen. «Gelungene Integration bedeutet für mich, dass man sich anpasst, sich dabei aber immer noch wohlfühlt», sagt sie. «Es geht darum, die Schweizer Kultur zu verstehen, aber dabei nicht zu vergessen, woher man kommt.» Sie selbst stammt ursprünglich aus Ungarn, hat dort die Ausbildung zur Primarschullehrerin abgeschlossen. Deutsch lernte sie als Zweitsprache. «Ich mag den Gedanken, dass ich anderen helfen kann, sich besser zu integrieren. Und dies geschieht nicht zuletzt über die Sprache und das Arbeitsumfeld.»
Jetzt gilt es ernst
Das Rollenspiel geht weiter. Zu zweit müssen die Teilnehmer vor den Rest der Klasse treten. Hector ist als Erster an der Reihe. Seine Hände zittern. Fest steht er auf beiden Beinen, dreht sich zu seinem Partner. Hector hält sich sein imaginäres Telefon ans Ohr: «Guten Tag, hier ist Rui Mendosa. Ich interessiere mich für die 3-Zimmer-Wohnung an der Klybeckstrasse.» Seine Augen lösen sich vom Blatt, verunsichert blickt er auf. Ein Blick zu Peszlen, ein aufmunterndes Nicken. «Wann kann ich die Wohnung anschauen?» – «Der Besichtigungstermin ist am Freitag um 17 Uhr», antwortet sein Kollege. – «Der Termin ist gut für mich. Vielen Dank und auf Wiederhören.» – «Auf Wiederhören.» Die Klasse applaudiert. Hector lächelt. Seine Wangen röten sich. Geschafft!
«Integration ist Anpassung – und dabei nicht zu vergessen, woher man kommt.»
Nachdem auch die anderen Gruppen ihre Rollenspiele präsentiert haben, endet der Kurs. «Wir sehen uns am Mittwoch», sagt Peszlen. Die Teilnehmer nicken, Hector greift sich an die Stirn. «Sie werden die Prüfung alle schaffen und den Kurs erfolgreich abschliessen», sagt Peszlen. Er freue sich auf das Diplom, sagt Hector. «Vielleicht besuche ich anschliessend noch einen weiteren Kurs.» So könne er noch mehr lernen. Und das werde er auch brauchen. Spätestens in zwei Jahren, wenn seine Tochter zu sprechen beginne. «Ich will Deutsch mit ihr sprechen können. Sie soll sich nie für mich schämen müssen.»
Die Prüfung hat Hector Ortells bestanden. Einem weiteren Kurs und somit noch besseren Deutschkenntnissen steht also nichts mehr im Weg.
Stéphanie Jenzer
LINKS
Das Projekt
«Deutsch auf der Baustelle»
Wer in der Schweiz arbeitet, hat beste Voraussetzungen für eine gute Integration. Dafür muss er oder sie aber eine Landessprache beherrschen. Seit Oktober 2012 versuchen Bund, Arbeitgeberverbände und die Sozialpartner mehrerer Branchen – die sogenannte tripartite Agglomerationskonferenz TAK – die Integration von Flüchtlingen und vorläufig Aufgenommenen zu verbessern.
Koordiniert werden die Bestrebungen vom Staatssekretariat für Migration SEM. Michèle Laubscher, Fachreferentin im Direktionsbereich Zuwanderung und Integration, weiss, weshalb eine gelungene Integration am Arbeitsplatz beginnt: «Jeder zweite Einwanderer kommt in die Schweiz, weil ihm eine Stelle angeboten wird, und macht die ersten Integrationsschritte am Arbeitsplatz.» Es sei deshalb wichtig, dass Zuwanderer hier Akzeptanz und Wertschätzung erfahren würden. Zu den im Projekt engagierten Verbänden zählt auch der Schweizerische Baumeisterverband. Mit seinem Pilotprojekt «Deutsch auf der Baustelle» versucht der Verband, massgeblich zur Integration ausländischer Arbeitskräfte beizutragen. Die Kosten werden vom Paritätischen Fonds der Sozialpartner getragen.
Das angebot
«Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv»
Seit jeher arbeitet auf Schweizer Baustellen eine grosse Zahl von ausländischen Arbeitnehmern. Die Ansprüche an die Migranten steigen laufend, auch was die Sprache angeht. Der Schweizerische Baumeisterverband (SBV) engagiert sich deshalb seit mehreren Jahren für eine bessere Integration von ausländischen Arbeitnehmern. Das Pilotprojekt «Deutsch auf der Baustelle» habe sich aus Sicht des Verbandes bisher gelohnt, sagt Matthias Engel, Mitarbeiter Medien und Politik beim SBV. Ursprünglich machten am Projekt gesamtschweizerisch drei Unternehmen mit. Im Winter 2012 ⁄13 fanden erstmals auf Bauarbeiter zugeschnittene Sprachkurse à 52 Lektionen in den Firmen Implenia AG (Basel), Ramseier AG (Bern) und Stutz AG (Hatswil ⁄ TG) statt. Seitdem wurden Kurse in den Kantonen Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt, Bern, Graubünden, Luzern, Obwalden, Schwyz, Thurgau, Zürich und Zug durchgeführt.
Wie schon 2014 waren es auch 2015 wieder über 400 Mitarbeitende, die an Deutschkursen teilnahmen. «Die ersten Erfahrungen sind sehr positiv», sagt Engel. «Wir werden Mitte 2016 das Pilotprojekt abschliessen und die gemachten Erfahrungen auswerten. Dann werden wir auch abschätzen können, ob und in welchem Umfang die Kurse weitergeführt werden.»
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