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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
54. Als der Geber ist der Vater größer, der Sohn deswegen aber nicht geringer.
Doch wenn er etwa deswegen den Anschein der Ungleichheit erweckt, weil ihm nach der Entäußerung der Gestalt Gottes dieser Name gegeben wird,1 so weiß diese schmachvolle Deutung nichts von dem Geheimnis des angenommenen niedrigen Standes. Wenn nämlich die Geburt als Mensch ein neues Wesen beigebracht und der niedrige Stand durch die Knechtesannahme die Gestalt geändert hat: so gibt jetzt das Geschenk des Namens die Gleichheit der Gestalt wieder.
Denn was das Geschenk sei, das frage! Wenn das nämlich geschenkt wurde, was Gottes ist, so trägt das Geschenk dieses Wesens keine Unrühmlichkeit in jenes göttliche Wesen hinein. Wenn endlich auch dieser ihm geschenkte Name ein geheimnisvolles Geschenk in sich schließt, so hat er doch in dem Geschenk des Namens nicht einen fremden Namen. Jesus wird nämlich dieses geschenkt, daß die Himmlischen und Irdischen und die Unterirdischen vor ihm die Knie beugen und daß jede Zunge bekennt, Jesus sei in der Herrlichkeit des Vaters.2 Der Ehrenerweis dieses Bekenntnisses wird also deswegen gegeben, daß man von ihm bekenne, er sei in der Herrlichkeit des Vaters.
Hörst du also: „Der Vater ist größer als ich”?3 Wisse um denjenigen, von dem wegen des Verdienstes des Gehorsams gesagt ist: „Und er hat ihm einen Namen gegeben, der über alle Namen ist.”4 Höre wiederum: „Ich [S. 131] und der Vater sind eins”5 und: „Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen”6 und: „Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir.”7 Erkenne die Ehrung des gewährten Bekenntnisses, „daß der Herr Jesus in der Herrlichkeit des Vaters ist”!8
Wann besteht also das zu Recht, „daß der Vater größer ist als ich”? Dann nämlich, wenn ihm ein Name über alle Namen geschenkt wird. Wann ist es demgegenüber der Fall: „Ich und der Vater sind eins”? Nämlich (dann), wenn jede Zunge bekennt, der Herr Jesus sei in der Herrlichkeit Gottes des Vaters. Ist also etwa durch das Bekenntnis des Geschenkes der Sohn geringer, wenn der Vater vermöge der Überlegenheit des Gebers größer ist? Größer ist also der Geber; geringer vollends ist aber derjenige nicht, dem das eine (mit dem Vater gleiche) Sein geschenkt wird. Wenn dieses Jesu nicht geschenkt wird, daß man von ihm zu bekennen habe, er sei in der Herrlichkeit des Vaters, dann ist er geringer als der Vater. Wenn ihm aber geschenkt wird, in der gleichen Herrlichkeit zu sein wie der Vater, dann hat man in der Überlegenheit des Gebers das Größer-sein und in dem bekundeten Geschenk das Eins-sein (von Geber und Begabtem). Größer ist also der Vater als der Sohn, und in jeder Hinsicht größer, der so viel an Sein schenkt, als er selbst ist; dem er durch das Geheimnis der Geburt das Abbild der Ungewordenheit gewährt, den er aus sich zu seiner Gestalt erzeugt, den er aus der Gestalt des Knechtes wiederum zur Gestalt Gottes erneuert, den er ― als den gemäß dem Geist als Gott geborenen Christus ― wiederum durch ein Geschenk dem Fleische nach in seiner Herrlichkeit als den Gott Jesus Christus sein läßt, nachdem er gestorben war. Den Grund weist er also auf, warum sie ― wenn sie ihn liebten ― sich freuen sollten, daß er zum Vater gehe, weil der Vater größer sei.
1: Vgl. Phil. 2, 7―9.
2: Phil. 2, 10 f.
3: Joh. 14, 28.
4: Phil. 2, 9.
5: Joh. 10, 30.
6: Joh. 14, 9.
7: Joh. 14, 11.
8: Phil. 2, 11.