Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03459.jsonl.gz/342

Der Kachelofen im Winkelriedhaus
Kachelofen, NM 3510
Draussen wird es wieder kälter, und drinnen werden die Häuser und Wohnungen beheizt. Lange Zeit – manchmal heute noch – tat man dies mit grossen Kachelöfen, die mitten in den Räumen ihre Wärme verströmten. Diese prominente Platzierung machte die Öfen nicht nur zu Gebrauchsgegenständen, sondern auch zu dekorativen und repräsentativen Objekten, die immer aufwendiger verziert wurden. Im Winkelriedhaus in Stans steht ein solcher Kachelofen, dessen Bildprogramm eng mit dem Leben seines Auftraggebers, Ritter Melchior Lussi, verknüpft ist.
Der farbig bemalte Ofen zählt zu den Prunkstücken des Nidwaldner Museums. Er ist inschriftlich auf das Jahr 1599 datiert und wurde im Zuge eines Ausbaus des Winkelriedhauses zu einem repräsentativen Bau des Besitzers Melchior Lussi eingebaut. Knapp 300 Jahre später wird er abgebaut und ins deutsche Worms verkauft, wo er während des Zweiten Weltkrieges einer Bombe der Alliierten zum Opfer fällt und in tausende Fragmente zerfällt. Erst 1987 erhielt das Nidwaldner Museum Hinweise auf deren Existenz, kaufte die Fragmente an und liess den Ofen in mühseliger Feinarbeit an seinem ursprünglichen Standort im Winkelriedhaus museal rekonstruieren. Der Ofen zeigt auf seinen Kacheln in 18 Szenen die Passion Christi, beginnend mit dem Einzug Christi in Jerusalem und endend mit seiner Auferstehung und der Begegnung mit dem ungläubigen Thomas. Weitere Kacheln tragen die Bildnisse der Heiligen Georg und Martin oder die Motive der Caritas (Nächstenliebe) und ein Memento Mori – eine ständige Erinnerung an den bevorstehenden Tod. Die beiden Heiligen repräsentieren die Pflichten des guten Regenten, Barmherzigkeit zu üben und mutig das Böse zu bekämpfen. All die Darstellungen am Ofen nehmen Bezug auf Melchior Lussis Leben, sein Selbstverständnis als wichtige politische Figur seiner Zeit sowie seine Rolle als Anführer der Gegenreformation des 16. Jahrhunderts. Die enge Verknüpfung von Auftraggeber und Auftragswerk wird auch deutlich durch das mehrfache Vorkommen von Lussis Wappen am Ofen. Ebenfalls am Ofen, auf der untersten Kachel, finden sich das Wappen und der Name des Hafners Alban Erhart von Winterthur. Dieser gehörte um 1600 zu den führenden Hafnern Winterthurs, der auch von auswärts Aufträge annahm. So führte er neben dem Kachelofen auch den Plattenboden im benachbarten Prunksaal des Winkelriedhauses aus; wenige Jahre später lieferte er einen Ofen für das Luzerner Rathaus. Winterthur erlangte damals eine gewisse Berühmtheit für seine buntbemalten Fayenceöfen. Ihre Herstellung war aufwendig und teuer. Die Farben der Bemalung werden unmittelbar auf die zuvor getrocknete Glasur aufgetragen, bevor diese gebrannt wird. Die Glasur versiegelt und schützt die Farben, aber nur wenige Farbstoffe – allesamt Metalloxide – überstehen die sehr hohen Temperaturen des anschliessenden Glattbrandes. Das Farbspektrum der Fayence beschränkte sich deshalb anfänglich auf Grün, Blau, Manganviolett und Gelb, wie dies auch am Stanser Ofen ersichtlich ist. Neben Winterthur als Zentrum der Fayencekeramik gab es aber auch in der Zentralschweiz Hafner, die dieser Technik mächtig waren. Zu den bekanntesten gehört der Luzerner Martin Knüsel, aus dessen Werkstatt der 1566 datierte Fayenceofen der Stanser Rosenburg stammt. Der Ofen, der sich heute im Landesmuseum in Zürich befindet, weist eine aufwendige ornamentale Dekoration auf und war Melchior Lussi sicher bekannt. Auch in Zug (Hans Weckerli um 1588), Flüelen (Heinrich Buchmann 1588-1627) sowie in Sarnen (Christoffel Baumann 1605-1620) konnten lokale Hafner nachgewiesen werden. Der Zuger Weckerli sowie der Luzerner Knüsel waren beide äusserst versiert in der Technik der Fayence und bildeten zusammen den Höhepunkt der Innerschweizer Ofenproduktion ihrer Zeit. Dennoch verdrängte Winterthur die lokale Produktion bis 1600 weitgehend. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig. Es ist aber denkbar, dass das grosse Prestige der Winterthurer Produktion auch für Innerschweizer Auftraggeber den Ausschlag dazu gab, sich für eine auswärtige und nicht eine heimische Manufaktur zu entscheiden. Alban Erhart konnte sich ausserdem für seine Malereien auf die geübten Hände seines Sohnes Tobias verlassen, der vor allem als Glasmaler überliefert ist und im Stande war, auch kompliziertere Motive rasch und qualitätsvoll auf die Glasur aufzutragen. Damit näherte sich die Werkstatt den Praktiken der berühmten Südtiroler Hafner an, wo Malereien schon länger von professionellen Malern aufgetragen wurden. Vielleicht trug diese Kunstfertigkeit zum entscheidenden Vorteil der Winterthurer Hafner gegenüber den Innerschweizern bei. Tobias Erhart ist im Winkelriedhaus auf dem Plattenboden mit seiner Signatur verewigt und es kann davon ausgegangen werden, dass er sich auch für den Passionszyklus am Ofen verantwortlich zeigt. Dessen Komposition und Darstellung stammt allerdings nicht aus der Feder der Hafnerei, vielmehr wurde eine Vorlage aus der zeitgenössischen süddeutschen Druckgrafik verwendet: Die Passion basiert auf der 1511 vom Nürnberger Maler und Grafiker Albrecht Dürer veröffentlichten Kleinen Holzschnittpassion, die für den Stanser Ofen angepasst und verkürzt wurde. Dies ist für die Zeit durchaus üblich; graphische Vorlagen kursierten in jeder Künstlerwerkstatt, und es ist denkbar, dass die Motive auch in Form der Ofenkacheln weitergegeben wurden.
Melchior Lussis Ofen im Winkelriedhaus ist damit nicht nur Zeuge vom Leben und der Person seines Auftraggebers, sondern gibt uns auch Hinweise auf das Handwerk und die Kunstproduktion seiner Zeit. Er lässt Rückschlüsse zu auf den Transfer von Technologien und Ideen und ist damit eine wertvolle Quelle sowohl für die Kunst- als auch die Kulturgeschichte der Schweiz.
Autorin: Bettina Thommen, November 2019