Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/748

Nach Gaddafis Putsch im Jahr 1969 verdienten Schweizer Firmen prächtig am Aufbau des Wüstenstaats. Das belegen bisher unveröffentlichte Dokumente.
Die Europäische Union dreht Libyen den Geldhahn zu. Die harte Gangart der Regierungschefs gegen den libyschen Diktator und sein Regime kontrastiert scharf mit dem Schmusekurs, den Sarkozy, Berlusconi & Co. bis vor kurzem noch fuhren. Die Weltgemeinschaft liess sich schon vor Jahrzehnten von den immensen Erdölvorkommen im Wüstenstaat blenden - so auch die Schweiz.
Bereits kurz nach der Machtübernahme Gaddafis am 1. September 1969 träumten helvetische Unternehmer und Diplomaten in Tripolis von lukrativen Aufträgen und fetten Renditen, wie Dokumente im Bundesarchiv zeigen. Der Fünfjahresplan, der die wirtschaftliche Marschroute Libyens in den 1970er-Jahren skizzierte, weckte grosse Hoffnungen. «Am Ende dürfte Libyen zu den entwickelten Ländern gezählt werden. Das Per-Capita-Einkommen dürfte bis dahin zu den höchsten aller afrikanischen Länder zählen», schrieb die Botschaft in Tripolis kurz nach Gaddafis Putsch an das Eidgenössische Volkswirtschaftsdepartement in Bern. Die Diplomaten schwärmten vom «beeindruckenden» Potenzial des Landes: Unzählige neue Schulhäuser, Spitäler, Fabriken und Strassen.
Etliche Schweizer Firmen wie Sulzer, Escher Wyss, Elektrowatt, Frutiger, Cablex, Geilinger oder Walo Bertschinger beteiligten sich intensiv am Aufbau und an der Modernisierung der Arabischen Republik Libyen. Die ABB-Vorgängerin BBC baute zwei starke Mittelwellensender, die für die neue Revolutionsregierung «ein willkommenes Propagandainstrument» im arabisch-israelischen Konflikt waren, wie die Schweizer Behörden festhielten.
Munition für Gaddafi
Die Walter Franke AG ersuchte 1973 die Direktion der eidgenössischen Militärverwaltung, Stahlhelme nach Libyen ausführen zu können. Die Antwort folgte prompt - wohl auch, weil die Firma zuvor einen Auftrag der Schweizer Armee nicht erhalten hatte: «Bei diesen Stahlhelmen handelt es sich nicht um Kriegsmaterial.» Die beiden Verschlüsselungsfirmen Gretag und Crypto erhielten mit der gleichen Begründung die Bewilligung, Chiffriermaschinen nach Tripolis zu exportieren. Die Oftringer Stahl- und Metallbaufirma Senn AG belieferte die libysche Armee mit Hangars. Der ehemalige Rüstungsproduzent SIG in Neuhausen verkaufte dem Gaddafi-Regime Munition.
In einem Fall musste der Bundesrat allerdings intervenieren, weil die Neutralität strapaziert wurde. Die Schweizerische Helikopter AG erklärte sich bereit, 24 libysche Piloten auszubilden. Es kamen Gerüchte auf, darunter befänden sich Armeeangehörige. Der Bundesrat verbot die Ausbildung mit der Begründung: «Neutralitätspolitisch unerwünscht und gegen die Landesinteressen verstossend.»