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Hat ein jüdischer Notar das Versteck der Tagebuchschreiberin Anne Frank und ihrer Familie verraten? Diese neue These sieht ein niederländisches Forscherteam als wahrscheinlich an. Trotzdem blieben Fragen offen, sagt SRF-Korrespondentin Elsbeth Gugger in Amsterdam.
Elsbeth Gugger
Niederlande-Korrespondentin, SRF
Die Journalistin arbeitet seit 1992 als Korrespondentin aus den Niederlanden für SRF und «NZZ am Sonntag». Vorher war sie bei der Schweizerischen Depeschenagentur tätig.
SRF News: Auf die neue These kamen die Rechercheure aufgrund eines Briefs aus dem Nachlass eines niederländischen Fahnders aus den 1960er-Jahren. Was hat es damit auf sich?
Elsbeth Gugger: Otto Frank, der Vater von Anne, der den Krieg als einziger der Familie überlebte, fand nach seiner Rückkehr nach Amsterdam ein Schreiben in seinem Briefkasten. Darin hiess es, «Ihr Versteck wurde von A. van den Berg an die jüdische Auswanderungsbehörde verraten.» Dieses Schreiben tippte Otto Frank mit seiner Schreibmaschine fein säuberlich ab. Wo sich das Original befindet, ist unbekannt.
Dieses abgetippte Schreiben fanden Fahnder im Nachlass des niederländischen Polizisten. Für sie ist es einer der wichtigsten Beweise, dass der jüdische Notar Arnold van den Berg der Verräter gewesen sein muss. Er war Gründungsmitglied des jüdischen Rates. Als solches habe er Zugang zu den Versteck-Adressen gehabt. Gut möglich, dass er den Besatzern diese Adressen gegeben hat in der Hoffnung, so seine eigene Familie vor der Deportation retten zu können. Das jedenfalls vermutet das Untersuchungsteam.
«Wer sind wir, um da noch ein moralisches Urteil zu fällen?
Pieter van Twisk ist einer der Initianten der Untersuchung zu Anne Frank. Er hält zu den neuesten Erkenntnisse unter anderem fest: «Wer sind wir, um da noch ein moralisches Urteil darüber zu fällen. Das hätte ich vielleicht auch getan, um meine Kinder zu retten.»
Warum hatte Anne Franks Vater nach diesem Hinweis nichts unternommen, der die mutmassliche Mitschuld am Tod seiner Familie im KZ darlegt?
Dafür gibt es mehrere Gründe. Otto Frank soll zu seinem in der Schweiz wohnenden Neffen Buddy Elias gesagt haben, er wolle nicht, dass die Kinder des Verräters bestraft würden. Die jüngste der drei Töchter des Notars war gleich alt wie Anne Frank. Ein anderer Grund war wohl für Otto Frank, dass der mutmassliche Verräter ein Jude gewesen sein soll. Otto Frank beschäftigte sich nach dem Krieg sehr stark mit Antisemitismus. Wenn er den Brief veröffentlicht hätte, hätte es wohl geheissen, die Juden hätten es selbst getan. Das habe er wohl verhindern wollen, wie einer der Rechercheure in einer niederländischen Zeitung sagte.
Übrigens hatte auch das Fahnder-Team zunächst Skrupel, die Ergebnisse zu publizieren. Sie fragen einen Rabbi um Rat. Diese sagte ihnen, die Wahrheit sei das höchste Gut. Darauf hätten sie nicht mehr gezögert.
Der Direktor des Jüdischen Historischen Viertels in Amsterdam wird zitiert, dass diese Theorie die wahrscheinlichste sei. Yves Kugelmann vom Anne-Frank-Fonds in Basel ist da kritischer. Wie glaubhaft ist die neue These?
Das Fahnder-Team erhält in den niederländischen Zeitungen sehr viele Komplimente für die grossangelegte Untersuchung. Aber die meisten Expertinnen und Experten sind doch sehr skeptisch. Sie beurteilen den Beweis als zu dünn. So etwa Johannes Houwink ten Cate, Professor für Holocaust und Genozid-Studien an der Universität Amsterdam: Zu grossen Anschuldigungen gehörten grosse Beweise, und die gebe es nicht, sagte er.
Tatsächlich sind wichtige Fragen weiterhin nicht geklärt. Etwa, wer diesen Brief an Otto Frank geschrieben hat und wo sich das Original befindet. Aber auch die ominöse Liste mit den Adressen der Verstecke ist nicht auffindbar. Mehrere andere Untersucher sagen zudem in den heutigen Zeitungen, dass der Notar Arnold van den Berg niemals Zugang zu diesen Adressen gehabt haben könne. Auch ist unklar, wo der Notar war, als das Versteck von Anne Frank im August 1944 entdeckt wurde.
Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.
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