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Chroniken und deren spezifische spätmittelalterliche Formen scheinen in der Mittelalterforschung momentan im Schwang zu sein. In letzter Zeit sind gerade drei eindrückliche Arbeiten zu spätmittelalterlichen eidgenössischen Chroniken erschienen. […] Regula Schmid beschäftigt sich grundlegend mit den spätmittelalterlichen städtischen Chroniken und mit öffentlichen Inschriften an Gebäuden, welche amtlichen Charakter hatten, also von Ratsherren gewünscht, initiiert oder zumindest im engeren Umfeld der städtischen Führungsschichten entstanden sind. Ihr Untersuchungsraum sind die eidgenössischen Städte Freiburg, Bern, Luzern, Zürich und Basel. Zeitlich bewegt sie sich zwischen 1350 und 1550. […]
Regula Schmids Arbeit überzeugt vor allem in der Breite der erfassten und ausgewerteten Quellen und in ihrem grundlegend interdisziplinären Ansatz. Durch die erstmalige Aufnahme und Bewertung von mehreren amtlichen Chroniken und den schwierig aufzufindenden Inschriften aus verschiedenen eidgenössischen Städten ist es ihr möglich, sehr interessante Vergleiche und Intertextualitäten aufzuzeigen. Zudem zeigt sie überzeugend auf, dass die Chroniken Ausdruck einer jeweils spezifisch kommunalen Kultur waren. Interessant und weiterführend ist die präzise kontextualisierende Analyse der Intentionalität und des Gebrauchs der Chroniken. Chronisten schrieben meist, ähnlich wie es Vonarburg Züllig und Gutmann zeigen, um in die Führungsschichten aufzusteigen, oder sich dort zu etablieren, wobei das nicht zwingend ein Erfolgsrezept sein musste. Deutlich macht Schmid den Aufstiegswillen auch anhand der Bildungshintergründe der Autoren, die diese als kulturelles Kapital einsetzen konnten. In diesem Zusammenhang jedoch pauschal von «Gelehrten» (325) zu sprechen, erscheint mir angesichts der grossen Divergenzen und der häufigen Unvollständigkeit der Ausbildung noch zu diskutieren. Der Verweis auf alte Quellen, Augenzeugenschaft und auf «Wahrheit» hatte wohl auch viel mit Habitus und erzählstrategischen Referenzen auf Autoritäten zu tun und weniger mit einer formalisierten klassischen Ausbildung der Schreiber. Müsste man eventuell nicht vergleichend fragen, ob solche Muster des Andienens und der bewusst gewählten verifizierenden Narrative und Erzählabsichten sich nicht auch in früh- und hochmittelalterlichen Chroniken häufig finden? Und wie gestaltet sich gerade im Spätmittelalter das sich wandelnde Verhältnis von veritas zum rhetorischen decorum? Dennoch, Schmids Arbeit überzeugt in der Übersicht wie auch in der Tiefe und liefert faszinierende Einblicke in spätmittelalterliche städtische Geschichtspolitik und deren Auswirkungen in die Frühe Neuzeit.
Allen drei Arbeiten ist gemein, dass sie neben der sehr wichtigen Grundlagenforschung, Erschliessungsarbeit und historischen Kontextualisierung die Bedeutung der Chroniken und ihrer Autoren für die Folgezeit insbesondere für die heutige Geschichtsschreibung in den Vordergrund rücken und gleichsam neue Fragenkomplexe aufwerfen. Während die Historiker des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, typisch für den Historismus urkundenfixiert, mittelalterliche Chroniken oftmals als zu poetisch oder zu sagenhaft abtaten, gelten Chroniken heute als wichtige Elemente der spätmittelalterlichen Schriftkultur und werden dementsprechend als Produkte ihrer Zeit verstanden; als kulturelle Produkte, aus denen die heutige Geschichtsschreibung wie auch die Germanistik vor allem neue Indizien über Textualitäten, Medialitäten und narrative Logiken lernen kann. Nicht die einzelnen Inhalte, Heldentaten und Ereignisse stehen bei einer solchen Analyse im Vordergrund, sondern letztlich interessiert die Forschung heute mehr die Art und Weise des Umgangs der Chronisten mit der eigenen Vergangenheit, mit dem ihnen vorliegenden Material wie beispielsweise ältere Chroniken und Urkunden, mit den eigenen narrativen Strategien, mit Bildern im Verhältnis zum Text und wie die Autoren alle diese Elemente zu Geschichten verwebten. Es liegen nun für den schweizerischen Raum drei sehr wichtige Arbeiten vor und man kann ihnen nur wünschen, dass sie alle breit rezipiert werden und ihrer Vorbildhaftigkeit weitere Forschungen und Editionen folgen.
Michael Jucker (Luzern) in Traverse