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In den Jahren nach der Unabhängigkeit fanden Kalipa Asanakunova und ihre Familie kaum Geld genug fürs tägliche Brot. Heute tragen sie massgeblich zum Einkommen eines ganzen Quartiers bei.
Die Formel? Kreativität, eine Dorffabrik und ein DEZA-Flugticket.
"Vor zwanzig Jahren gab es nichts in dieser Gegend", erinnert sich Ura, unser Fahrer. "Man kam hierher, um Vögel zu schiessen," erzählt er in einem Französisch, das ebenfalls schon etwas angejährt tönt.
Wir befinden uns in der staubigen Peripherie von Bischkek, der Hauptstadt von Kirgisistan: Abgefahrener Strassenbelag, übervoll mit Schlaglöchern.
Kinder, die überall herumspringen, halbgerupften Hühnern nachrennen oder sich herumbalgen. Über der Erde liegende und mit Armierbeton notdürftig abgestützte Leitungsröhren, durch die man hindurchsieht.
Das Quartier ist von Zugewanderten bevölkert, die aus den zentralen, südlichen oder östlichen Landesteilen kommen. Es gibt auch "Einwanderer" aus Tadschikistan, Usbekistan und Afghanistan. Und es gibt vor allem Arbeitslose.
Kalipa Asanakunova wohnt hier. In einem Haus aus rötlichem Ziegelstein, wie viele andere Häuser auch. Sie plant allerdings, es zu vergrössern - denn sie ist gerade dabei, viel Geld zu verdienen.
Die Jung-Unternehmerin exportiert von Hand hergestellte Puppen nach Europa, Australien und Amerika. "Begonnen habe ich allein, und jetzt arbeite ich mit 50 bis 60 Mitarbeitenden, darunter Doktoren, Architekten und Lehrern", sagt sie.
Messe in Ungarn als grosse Chance
"1990, gleich nach der Unabhängigkeit von Kirgisistan, kollabierte das Wirtschaftssystem. Es gab auch keine Arbeit mehr. Am schlimmsten war es für mich im Jahre 1997", erzählt die als Handwerks-Designerin ausgebildete Asanakunova.
"Nach sehr schwierigen Jahren wurde ich im Jahr 2000 in einige kleine lokale Projekte miteinbezogen: Ich verkaufte Handwerksartikel an die Souvenirläden in Bischkek", erinnert sie sich.
Ein Jahr später erhielt Asanakunova von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ein Flugticket nach Ungarn, für den Besuch einer internationalen Handwerksmesse.
Das Ticket war als Beitrag gedacht, ihre Aktivitäten im Verkaufsbereich zu unterstützen. Damit könnten die Umsätze ausgeweitet und Arbeitsplätze geschaffen werden.
"Der Messebesuch war ein Schlüsselereignis", sagt Asanakunova heute. "Ich traf und entdeckte Designer, Modeströmungen und Geschmacksrichtungen verschiedener Länder. Damit konnte ich meine Produktion zuhause den verschiedenen Märkten anpassen."
Dezentralisierte Puppen-Montagekette
Auf diese Weise entstanden auch neue Produkte. Zum Beispiel graziöse Figuren, die Mann und Frau im traditionellen kirgisischen Hochzeitskleid zeigen. Verkaufspreis ab Fabrikation: 2 bis 3 Dollar. Auf den westlichen Märkten kosten sie dann bis sechsmal soviel.
Letzten September kam ein Auftrag aus Frankreich für 2500 dieser Puppen. Diese Order fiel wie Manna vom Himmel, wenn man bedenkt, dass der durchschnittliche Monatslohn in Kirgisistan ungefähr 30 Dollar beträgt.
Asanakunova und viele ihrer Angestellten – Nachbarinnen und Nachbarn - sind deshalb vollauf damit beschäftigt, Puppen zu montieren. Jeder arbeitet bei sich zuhause. Wobei sich jedes Haus um einen bestimmten Arbeitsschritt in der Fabrikation kümmert. "Die Familie im Haus gegenüber kümmert sich beispielsweise um das Modellieren der Köpfe. Niemand kann das besser machen", erklärt die Chefin.
Grosse Gefahr der Kopien
Alles in allem eine Erfolgsstory. Eine fragile zwar, die auf der Formel "Export von Billigprodukten mit geringer Wertschöpfung" beruht, die einfach zu kopieren ist. Aber ein Erfolg allemal.
Auf die Frage, ob sie sich ein Copyright auf ihren Produkten zulegen möchte, antwortet die Designerin, dass sie zwar schon daran gedacht habe. "Aber das Verfahren wäre wohl zu kompliziert", sagt sie. Und sie räumt ein, schon vielerorts Kopien ihrer Puppen gesehen zu haben.
"Doch was soll man dagegen tun?", fragt sich Asanakunova. "Auch das Kopieren gehört zum freien Markt. Das Wichtigste ist, als erster mit dem Produkt zu kommen. Wenn man kreativ ist, findet man immer einen Weg", ergänzt sie.
swissinfo, Marzio Pescia, Jean-Didier Revoin, Bischkek
(Übertragung aus dem Italienischen: Alexander Künzle)
Fakten
Monatssalär in Kirgisistan: 30 Dollar
Preis einer kirgisischen Puppe ab Fabrik: 2 bis 3 Dollar.
Preis einer solchen Puppe im Westen: bis sechsmal teurer.
In Kürze
Nach schwierigen Jahren nach der Unabhängigkeit Kirgisistans findet die Desginerin Kalipa Asanakurova eine neue Herausforderung: Sie beginnt mit der Herstellung von Puppen fürs Ausland.
Die DEZA finanziert ihr eine Reise nach Ungarn an eine Handwerks-Fachmesse.
Dort lernt Kalipa dem Geschmack der einzelnen westlichen Märkte kennen.
Gegenwärtig beschäftigt sie 50 bis 60 Mitarbeitende, die damit einiges über dem landesdurchschnittlichen Salär von 30 Dollar im Monat verdienen.
Im Dezember besuchte die Jung-Unternehmerin die "kirgisische Handwerk-woche", die als Ausstellung in Georgien lief.