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Im 19. Jahrhundert tauchten die ersten Automobile auf den Strassen auf. So nannte man damals Fahrzeuge, die Personen oder Güter transportierten, aber nicht von Pferden gezogen, sondern mit einem Motor angetrieben – also selbstfahrend waren. Wie Kutschen und Fuhrwerke waren sie mehrspurig und nicht schienengebunden. Als Vorbild für die ersten alltagstauglichen Automobile dienten dreirädrige Fahrräder, die sogenannten Tricycle. Diese wurden durch einen Dampf-, Elektro- oder Verbrennungsmotor angetrieben.
Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts erhielt das Automobil allmählich die heutige Form mit vier gleich grossen Rädern und einem tiefen Schwerpunkt. Bis zum Ersten Weltkrieg hatten die meisten Autos noch keine geschlossene Karosserie. Um Wind, Wetter und den Staub der noch nicht asphaltierten Strassen abzuhalten, trugen die Autofahrenden eine spezielle Kleidung. Für die meisten war das Autofahren ein Schönwettervergnügen. Automobile waren vor dem Ersten Weltkrieg noch selten, aber ihre Zahl nahm zu. Im Herbst 1902 gab es in der Schweiz 370 Autos, im Frühling 1914 waren es 5’411. Für ein Auto musste man allerdings tief in die Tasche greifen. Ein Preisvergleich: Der durchschnittliche Jahreslohn eines Arbeiters betrug 1901 rund 1’370 Franken, der einer Arbeiterin 780 Franken. 1896 belief sich die durchschnittliche Jahresmiete einer 6-Zimmer-Wohnung in der Stadt Bern auf jährlich etwa 1’100 Franken. Man bezahlte also für drei Jahre geräumiges Wohnen etwa gleich viel wie für das günstigste Auto. Die Autos faszinierten, galten aber auch als Spielzeug reicher Leute, die damit rücksichtslos Lärm, Gestank und Staub verbreiteten und das Leben der anderen Verkehrsteilnehmenden gefährdeten. Das erste Auto, das ab 1896 in Thun herumfuhr, gehörte dem technikbegeisterten Fotografen Jean Kölla. Es war wahrscheinlich ein Benz-Motorwagen Victoria, das erste vierrädrige Automobil, das Benz ab 1893 produzierte.
Verschiedene Artikel in den lokalen Zeitungen legen nahe, dass die meisten Autos, die vor dem Ersten Weltkrieg durch die Thuner Gassen kurvten, mit Verbrennungsmotoren ausgestattet waren. Nebst vielen Unfallberichten war nämlich der Lärm der Fahrzeuge ein wiederkehrendes Thema. So regte sich 1902 das Geschäftsblatt für den oberen Teil des Kantons Bern über die «fauchenden Ungetüme» auf und hätte am liebsten die Privatautos ganz verboten. Im selben Jahr berichtete der Tägliche Anzeiger für Thun und das Berner Oberland, dass ein Auto beim Lauitor mit seinem «Gerassel» ein Pferd so sehr erschreckt habe, dass dieses scheute und die Schaufensterscheiben des Coiffeurs Schallenberg zertrümmerte. 1912 meldete wiederum das Geschäftsblatt, dass ein «neues Auto-Ungeheuer» die Ruhe der Bewohner der Aussenquartiere störe: «Es zeichnet sich nicht nur durch das markerschütternde Gesurre seines kräftigen Motors aus, sondern auch durch eine besonders liebliche Stimme, zu vergleichen ungefähr mit dem zehnfachverstärkten Gebrüll einer geblähten Kuh.» Die Polizei solle doch bitte diesem «Tonkünstler» das Maul stopfen.
Neben den privaten Autos fuhren 1901 auch Lastwagen auf den Thuner Strassen herum. Die ersten motorisierten Lastwagen gehörten der Armee. Motorräder gab es in Thun ab 1904 zu kaufen.