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Zehn Medaillen, vier Mal Gold und je drei Mal Silber und Bronze: Das war die Schweizer Ausbeute vor 50 Jahren an den Olympischen Spielen 1972 in Sapporo, den ersten Winterspielen ausserhalb Europas. Ein Bericht über exotische Erlebnisse und Schweizer Erfolge.
Die Spiele im fernen Sapporo, auf der nördlichsten Insel Japans, waren nicht nur für den olympischen Berichterstatter-Neuling, sondern für die meisten «Teilnehmer» ein exotisches Abenteuer. Wir Medienleute bildeten Teil der «Schweizer Mission» und trugen die entsprechende Einheitskleidung wie Aktive und Betreuer.
Fast alle reisten mit dem Flug der «Mission», einem Swissair-Charter, von Zürich nach Sapporo – und zwar mit Zwischenhalt in Moskau. Es war der erste Swissair-Flug über Sibirien, und alle Reiseteilnehmer erhielten dafür ein Diplom! In der Millionenstadt Sapporo beeindruckten das gigantische, alljährlich stattfindende Eisskulpturen-Festival und die kilometerlange, unterirdische Fussgängerzone unter der Stadt mit Hunderten von Läden und Restaurants – und das vor 50 Jahren!
Als ich eines Mittags in der Medienkantine zum Essen einkehrte, erkundigte ich mich am Buffet nach den Speisen, erfuhr, dass Bärenfleisch angeboten wurde und packte begeistert eine Art Bärenragout auf den Teller. Derart Exotisches war bei uns damals weitgehend unbekannt.
Ich nahm am Tisch neben einem Innerschweizer Kollegen Platz und begann zu essen. Er sagte zu mir: «Ah, du hast auch von diesem Voressen genommen, gell, das ist prima.» Ich antwortete: «Weisst Du, was für Fleisch das ist?» Er sagte: «Ich nehme an, Rindfleisch.» Ich sagte: «Nein, das ist Bärenfleisch.» Mein Kollege erbleichte und brachte keinen Bissen mehr hinunter.
Reaktion auf die «medaillenlosen» Spiele
So viel zum Exotischen. Das Sportliche war ebenso aufregend. Die «Goldenen Tage von Sapporo» stellen sich auf den ersten Blick und aus heutiger Sicht recht bescheiden dar. 1988 an den Winterspielen in Calgary resultierten sogar 15 Medaillen für die Schweiz, 2018 in Pyeongchang gab es ebenfalls 15 Mal Edelmetall. Aber: Die Gelegenheiten, Medaillen zu gewinnen, die Zahl der Wettbewerbe, haben sich seit 1972 verdreifacht. Vor 50 Jahren wurden lediglich 35 Medaillensätze vergeben, 1988 schon deren 46, und 2018 fanden nicht weniger als 102 Siegerehrungen statt.
So leuchtet Sapporo weiterhin als Sternstunde des Schweizer Sports. Die Ausgangslage 1972 war, verglichen mit den späteren Erfolgen, recht steinig. Acht Jahre zuvor hatte der Schweizer Wintersport mit den «medaillenlosen Spielen von Innsbruck» seinen Tiefpunkt registriert. Als Reaktionen wurden 1966 das Nationale Komitee für Elitesport (NKES) und 1970 die Schweizer Sporthilfe auf die Beine gestellt. 1968 in Grenoble resultierte zwar noch kein Olympiasieg, aber es gab immerhin schon sechs Medaillen.
Mit den alpinen WM-Abfahrtstiteln 1970 in Val Gardena durch Bernhard Russi und Annerösli Zryd wurde in der Schweiz der Erfolgshunger endgültig geweckt. Und dann kam vom 3. bis 13. Februar 1972 Sapporo – und fast alles ging auf! Die Schweizer Mission eilte von Erfolg zu Erfolg, die Euphorie im Land war gross, und wir Berichterstatter in Sapporo wussten nicht, wie uns geschah. Am Ende stand die Schweiz mit ihren zehn Medaillen auf Platz 3 im Medaillenspiegel, nur von der Sowjetunion (16 Medaillen) und der gefürchteten DDR (14) übertroffen. Die USA kamen auf 8, die Bundesrepublik Deutschland wie Österreich auf 5 Medaillen.
Nadig, Russi und Collombin
Alles begann mit der noch keine 18 Jahre alten Marie-Theres Nadig aus den Flumserbergen. «Maite» eroberte in der Abfahrt die erste Schweizer Goldmedaille seit 12 Jahren; sie wurde zur jüngsten Ski-Olympiasiegerin aller Zeiten. Nie zuvor hatte sie ein grosses Rennen gewonnen, aber am Mount Eniwa, dem «glücklichen Berg», blieb sogar Favoritin Annemarie Pröll geschlagen. Drei Tage später fuhr Nadig im Schneetreiben am Mount Teine im Riesenslalom nochmals allen davon. Für Annemarie Pröll ging die Welt unter: wieder nur Silber.
Nadigs Triumph im Riesenslalom war schon die dritte alpine Schweizer Goldmedaille. Denn tags zuvor hatten unsere Abfahrer zugeschlagen: 1. Bernhard Russi. 2. Roland Collombin. 4. Andreas Sprecher. 6. Walter Tresch. Weltmeister Russi galt als Favorit, nachdem sein grosser Rivale Karl Schranz von IOC-Präsident Avery Brundage wegen damals verbotener Werbung vom Rennen ferngehalten worden war. Schranz hatte in Kitzbühel die beiden letzten Weltcup-Abfahrten vor den Spielen gewonnen; Russi wurde dort Dritter und Vierter.
In den Trainings in Sapporo erwuchs Russi jedoch mit dem noch im Dress des B-Kaders startenden Romand Collombin ein ungestümer Gegner, der im «Nonstop-Training» sogar Bestzeit erzielte. Russis Klasse entschied jedoch im unteren, extrem schnellen Teil der Eniwa-Piste. Er siegte mit 0,64 Sekunden Vorsprung, obwohl er bei der Zwischenzeit nur Vierter gewesen war. Die Piste am Mount Eniwa wurde nach den Spielen wieder aufgeforstet und gehört seither wieder den Bären.
Ogis Leute siegen heute
«Ogis Leute siegen heute» – so lautete ein Transparent, das damals um die Welt ging. Der Name des damaligen technischen Skichefs Adolf Ogi ist mit den Sapporo-Erfolgen eng verbunden. Minutiöse Vorbereitungen aufgrund der Erkenntnisse an den vorolympischen Wettkämpfen 1971 bildeten die Grundlage für die Schweizer Medaillen. So brachten die Schweizer Schneewasser für chemische Analysen aus Sapporo zurück. Ausserdem nahmen sie zu den Spielen Luftbefeuchter mit, die in allen Athletenzimmern installiert wurden. Wohl deswegen litten auch weniger Schweizer an Erkältungen als Athleten anderer Nationen.
Einmal jedoch hatten die Schweizer Alpinen nicht das optimale Wachs unter den Ski. Das war am ersten Tag des damals an zwei Tagen ausgetragenen Männer-Riesenslaloms. 7. Adolf Rösti, 10. Edi Bruggmann, 11. Werner Mattle: So lautete das enttäuschende Verdikt bei Halbzeit. Doch dann drehten die Schweizer auf: Bruggmann fuhr im 2. Lauf Bestzeit und gewann hinter dem Italiener Gustav Thöni Silber; Werner Mattle wurde Dritter.
Walter Steiner und die Langlaufstaffel
Der SSV reihte noch zwei weitere Glieder an seine Erfolgskette und schwang sich zum erfolgreichsten Skiverband der Welt empor. Auf der grossen Schanze sprang der Toggenburger Walter Steiner zu Silber, nur geschlagen vom «Patenkind der Glücksgöttin», dem Polen Wojcziech Fortuna, der von günstigem Wind zum Triumph getragen wurde.
Zum Abschluss der Skiwettkämpfe setzte die 4×10-km-Staffel das Pünktchen aufs i. Edi Hauser, der Schlussläufer aus dem Wallis, rang 15-km-Olympiasieger Sven-Ake Lundbäck aus Schweden auf den letzten Metern nieder und eroberte Bronze. Alfred Kälin, Albert Giger, Alois Kälin und Edi Hauser sorgten dafür, dass der SSV in allen Sparten Edelmetall gewann.
Jean Wicki mit zwei Bob-Medaillen
Aber es gab auch noch Gold und Bronze durch die Bobfahrer. Pilot Jean Wicki holte zunächst mit dem Kugelstoss-Rekordmann Edi Hubacher als Bremser im Zweierbob Bronze – wie 1968 in Grenoble. Und dann schlug der Walliser Pilot mit seiner Crew im Vierer zu, ebenfalls mit Hubacher als Bremser und den Passagieren Hans Leutenegger und Werner Camichel. Es war am zweitletzten Wettkampftag das vierte und letzte Schweizer Gold an den «Goldenen Tage von Sapporo».