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Wichtig ist zunächst bei jeder Betrachtung irgendwelcher ökonomischer Daten oder Prognosen, dass man sich vergegenwärtigt, was genau hinter einer Zahl steht. Im Allgemeinen drückt man konjunkturelle Schwankungen als Veränderungsrate des Bruttoinlandprodukts (BIP) aus, auch wenn weitere Indikatoren möglich sind, etwa die Arbeitslosigkeit, die Beschäftigung oder die Lagerbestände. Konjunktur bedeutet im engeren Sinn, dass bestehende Produktionskapazitäten über- oder unterdurchschnittlich ausgelastet sind. Dem sehr nahe kommen die in Umfragen direkt bei Unternehmen erfragten Kapazitätsauslastungen in der Industrie oder im Bau.
Das BIP als Konjunkturindikator
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das BIP zu erklären und entsprechend zu messen, da es sich hier um einen Querschnitt aus dem wirtschaftlichen Kreislauf eines Landes handelt, und da man diesen Querschnitt an verschiedenen Stellen dieses Kreises bemessen kann. Angesetzt bei der Produktionsleistung bedeutet das BIP die Summe von Wertschöpfungen aller Unternehmen in einem Land. Das ist vereinfacht gesagt der Umsatz der Unternehmen, abzüglich dessen, was sie als Vorleistung dafür von anderen Unternehmen bezogen haben. Schon für eine einzelne Unternehmung kann es herausfordernd sein, die Wertschöpfung aus den Buchhaltungszahlen korrekt herauszurechnen. Daher ist klar, dass man das BIP eines Landes auch rückblickend nicht wirklich auf den Rappen genau bestimmen kann. Aber, die statistischen Ämter haben eine jahrzehntelange, international abgeglichene Erfahrung darin, wie man mit Hochrechnungen dem wahren BIP recht nahe kommt.
Das BIP, es schwankt
Historisch zurückschauend sieht man ein ständiges Auf und Ab der wirtschaftlichen Entwicklung. Es gab in jüngerer Vergangenheit einige Phasen, wo man «das Ende der Konjunktur» vermutete, weil man sich entweder gerade in einer längeren Boom-Phase befand (wie etwa kurz vor Platzen der «New-Economy-Blase» vor der Jahrtausendwende) oder weil man einen ungewöhnlich schweren wirtschaftlichen Schock erlitt (wie etwa mit der Finanzkrise).
Die Schwankungen der Konjunktur können sehr unregelmässig sein, aber eines ist gewiss: Seit die Marktwirtschaft beobachtet wird, zeigt sie nach einem Abschwung immer wieder einen Aufschwung, und umgekehrt. Was heute ist, kann morgen schon wieder anders sein. Oder aber vielleicht erst übermorgen: Wann die Wendepunkte im Konjunkturgeschehen kommen, das ist leider keiner Regelmässigkeit unterworfen.
Was sind Konjunkturprognosen wert?
Wie sind in diesem Zusammenhang die Konjunkturprognosen der Profis zu beurteilen? Die beiden Ökonomen und ehemaligen Konjunkturprognostiker Jörg Döpke und Ulrich Fritsche geben dazu einige interessante Hinweise in ihrem Artikel mit dem selbstironischen Titel «Die zehn Gebote zum Umgang mit Konjunkturprognosen». Zunächst stellen sie klar, dass grundlegende Unwägbarkeiten wohl für immer dazu führen werden, dass Konjunkturprognosen ein unsicheres Geschäft bleiben, trotz aller technischen und wissenschaftlichen Fortschritte.
Daher soll man bei den Konjunkturprognosen nicht allzu sehr auf die Kommastellen achten. Dass eine Konjunkturprognose gegenüber dem Tatsächlichen einen Prozentpunkt nach oben oder nach unten abweicht, damit ist zu rechnen. Nun die gute Nachricht: Konjunkturprognosen sind treffsicherer als eine zufällige Annahme oder eine simple Fortschreibung des jetzigen Zustands. Es ist auch nicht so, dass Prognosen aus politischen Gründen systematisch zu positiv wären, um die Leute optimistisch zu stimmen.
Prognosen können aber nur so gut sein wie die Daten, auf denen sie basieren. In der Coronapandemie war beispielsweise für jede Prognose entscheidend, ob mit einer weiteren Welle zu rechnen sei oder nicht. Ökonominnen und Ökonomen bemühten sich natürlich stets, auch hierzu plausible Annahmen in die Modelle fliessen zu lassen. Aber auch sie konnten die Pandemie nicht besser voraussagen als Virologinnen und Virologen selbst. Döpke und Fritsche ermahnen daher die Leserschaft von Konjunkturprognosen, jeweils auch deren grundlegenden Annahmen und ihre immanente Unsicherheit zu beachten, und die Prognostiker entsprechend fair zu beurteilen.
Gute Quellen für Prognosen
Wer sich über die Publikums- oder Fachmedien hinaus gezielt über aktuelle Konjunkturprognosen informieren möchte, hat verschiedene gute Möglichkeiten. Empfehlenswert ist zum Beispiel das statistische Quartalsheft der Schweizerischen Nationalbank (SNB). In gut aufbereiteter Form finden sich dort neben geldpolitischen Daten auch allgemeine Konjunkturprognosen und Erklärungen dazu, die schon aufgrund des Absenders vertrauenswürdig sind.
Ein Geheimtipp ist die Metaanalyse Konjunktur von Fahrländer Partner Raumentwicklung (FPRE). Im Monatsrhythmus werden hier die aktuellen Konjunkturprognosen der wichtigsten Prognostiker für die Schweiz übersichtlich nebeneinander und zusammen mit verschiedensten Indikatoren dargestellt. Ersichtlich ist auch eine Durchschnittsprognose, welche nicht selten am besten zutrifft. Vertiefte Analysen findet man auf der Website der Konjunkturforschungsstelle der ETHZ (KOF). Wer besonders aktuelle Prognosen wünscht, kann seit Herbst 2021 im Nowcasting Lab der KOF eine täglich aktualisierte BIP-Prognose einsehen. Dabei werden Hunderte von Datenreihen tagesaktuell mit dem Prognosemodell abgeglichen und in Echtzeit publiziert.
Konjunkturschocks bleiben unwägbar
Die Pandemie hat das Bedürfnis für ein zeitnahes Monitoring der Wirtschaftslage verstärkt. Sie dient als Musterbeispiel, wie ein von aussen kommendes Ereignis sich sehr rasch und signifikant auf den Wirtschaftsverlauf auswirken kann. Im Frühjahr 2020, als die erste Welle hereingebrochen war, war es noch äusserst schwierig abzuschätzen, wie sich die Wirtschaft mittelfristig von den weltweiten Lockdowns erholen würde. Eine lange und tiefe Rezession vom Kaliber der 1930er Jahre konnte nicht ausgeschlossen werden. Wir dürften es zu guten Teilen auch dem beherzten fiskalpolitischen Handeln der USA und der EU verdanken, dass es global nicht zu einer grösseren konjunkturellen Abwärtsspirale gekommen ist. In der Schweiz haben Kurzarbeit und Coronakredite gewirkt. Dass wirtschaftspolitisch so weitreichende Massnahmen ergriffen wurden, hatte sicherlich auch mit deutlich pessimistischen Konjunkturprognosen zu tun – womit diese sich selbst widerlegt haben. Ziel erfüllt!
Im Rückblick auf die Coronakrise zeigt sich noch etwas Weiteres: Die Entwicklung verlief je nach Wirtschaftszweig oder -region sehr unterschiedlich. Es wurde weniger Geld für Dienstleistungen und mehr für Waren ausgegeben. Die einen Branchen litten unter gestörten Lieferketten, andere unter Zwangsschliessungen. In dem Sinne gab es gar nicht die eine Konjunktur, sondern verschiedene, teils divergierende Entwicklungen. Für boomende Branchen entstanden andere Schwierigkeiten als für solche mit Nachfrageproblemen.
Mit dem Angriffskrieg Russlands in der Ukraine und dessen Folgen tauchen abermals neue, ungeahnte konjunkturelle Risiken auf. Big Data zum Trotz, es lässt sich nicht sicher voraussehen, wie sich die Wirtschaft in Zukunft entwickeln wird. Sie dürfte weiter schwanken, und verschiedene Szenarien sind möglich. Am besten ist es, wenn man sich mit diesen unterschiedlichen Szenarien befasst und je eine angepasste Antwort darauf parat hat. Wer sich mit Konjunkturprognosen beschäftigt, gewinnt dabei vor allem die Einsicht, dass die Zukunft verschiedene Möglichkeiten bereithält.