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Theologische Gedanken über eine geläufige Redensart
Zu den häufigen Redewendungen der deutschen Sprache gehört fraglos der Satz: «Die Hoffnung stirbt zuletzt.» Diese Redensart lässt sich in einem weiten Spektrum von Inhalten und Kontexten verwenden. Da sind Menschen, die trotz widriger oder tragischer Umstände ihre Träume, ihre Perspektiven und ihre Zukunft nicht aufgeben. Unabhängig davon wie dramatisch sich die Lage zuspitzen mag, die Zuversicht, dass es eine Besserung geben könnte, bleibt bis – zum oft bitteren – Ende lebendig. So hat sich das Diktum «Die Hoffnung stirbt zuletzt» gegenwärtig u.a. im Zusammenhang von Sport, Politik, Krankheit, Lebenskrisen oder Ökonomie beheimatet. In der Regel wird diese zum Sprichwort gewordene Sentenz auf den römischen Konsul und Philosophen, Marcus Tullius Cicero (106-43 v.Chr.) zurückgeführt. In seinen «Epistulæ ad Atticum» (Briefe an Atticus) schreibt Cicero: «Dum spiro, spero!» Also: «Solange ich atme, hoffe ich!» Die Hoffnung wird hier an die elementare Lebensfunktion des Atmens gebunden. Das Leben als solches wird mit dem persönlichen Vollzug des Hoffens verknüpft. Die christliche Philosophie sieht spätestens seit Thomas von Aquin (1225-1274) die Hoffnung gemeinsam mit Glaube und Liebe als eine göttliche Gabe, die schon in der Welt ein Dasein ermöglichte, das anfanghaft einen Teil der kommenden Welt realisiert. Diese von Immanuel Kant (1724-1804) weiterentwickelte Perspektive wird in der Moderne bei Ernst Bloch (1885-1977) zum «Prinzip», das alles menschliche Handeln bestimmt, jedoch in der Gefahr steht, die «erhoffte Zukunft» stets wieder in Unterdrückung und Unfreiheit abgleiten zu lassen. Das Bloch’sche Verständnis erlebte eine umfassende Popularisierung, während die christliche Theologie in Hinsicht auf die Hoffnung in der Moderne seltsam verstummte, bis mit Johann Baptist Metz (1928-2019) die Hoffnung in den Kontext der Theologie zurückkehrt: Sie vermag die konkrete Lebensführung zu prägen, indem sie Unfreiheit, Trostlosigkeit und Verfeindung überwindet.
1. In Bezug auf das Verständnis von Hoffnung haben die Schriften des Neuen Testamentes ihren Schwerpunkt in den paulinischen Schriften. Jesus von Nazareth nutzt nach Auskunft der Evangelien die Rede von der Hoffnung nur ein einziges Mal und zwar im Zusammenhang einer Selbstqualifikation (Joh 5,45). Bei Paulus von Tarsus aber rückt die Hoffnung gemeinsam mit Glaube und Liebe vielfach in den Fokus seiner theologischen Konzepte. Die weitaus bekannteste Fassung dürfte jene Stelle aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Korinth sein, wo in hymnisch-poetischer Rede die Liebe besungen wird. Dieser Gesang, der nach Paulus «den Weg zeigt, der höher ist als alle» (1 Kor 12,31), endet mit der Charakterisierung und inneren Zuordnung der wesentlichen Grundhaltungen: «Für jetzt bleiben drei Dinge; Glaube, Hoffnung, Liebe. Das grösste aber ist die Liebe.» (1 Kor 13,13). Diese Akzentuierung hat die Vorstellung des Christentums als einer Art blutleerer «Liebesreligion» stark befördert, die durch die triviale Kirchenromantik des 19. Jahrhundert zudem idyllisiert wurde.
Als ein Kennzeichen der paulinischen Hoffnungsvorstellung ist die Einteilung der christlicher Existenz in ein Vorher und ein Nachher anzusehen. Das Unterscheidende liegt in der Begegnung mit dem Heilshandeln Gottes, das sich in Jesus, dem Christus, aktualisiert. So bewirkt die Hoffnung eine neue Sichtweise auf das göttliche Wirken, die sich nur dem menschlichen Herzen erschliesst: «Er erleuchte euch die Augen des Herzens, damit ihr erkennt, von welcher Art die Hoffnung ist, zu der sein Ruf führt!» (Eph 1,18). Grundlegend braucht es zur christlichen Hoffnung also eine hermeneutische Korrektur durch Erkenntnis, Erleuchtung oder Enthüllung. Darum richtet sich die Hoffnung auf das Vollendungspotential der göttlichen Zusagen. Paulus konkretisiert dies im Römerbrief am Beispiel Abrahams: Obwohl Abraham aufgrund seiner Kinderlosigkeit hoffnungslos war, habe er der Hoffnung, «Vater vieler Völker» zu sein, Glauben geschenkt. (Eph 4,18-19). Der Grund für diese Hoffnung liege in den grösseren Möglichkeiten des Gottes, der die Toten lebendig mache und das Nicht-Seiende ins Sein rufe. (Eph 4.17).
Eine besondere Qualität schreibt Paulus der Hoffnung im Brief an die Christengemeinde in der Stadt Kolossai zu. Dieser Brief ordnet das innere Verhältnis von Hoffnung, Liebe und Glaube so, dass die Hoffnung als der Wurzelgrund der beiden anderen verstanden werden kann. Aus ihr erwachsen Glaube und Liebe. Diese Neukonzeption ist umso bedeutsamer, als dass sich in der judenchristlichen Gemeinde in Kolossai, einem Ort mit erfolgreicher Wollverarbeitung, eine besondere Kultur der Engelmystik und der kosmischen Frömmigkeit entwickelt hatte. Paulus reagiert auf diese Situation, in dem er die Hoffnung auf Christus in den Blickpunkt rückt.
Vielleicht mag es in diesem Kontext sinnvoll sein, zunächst auf die Übersetzung der «Guten Nachricht» zu schauen. Denn dort wird die zentrale Schriftstelle markant und klärend in folgender Weise übertragen: «Immer, wenn wir für euch beten, danken wir Gott, dem Vater unseres Herrn Jesus Christus. Wir haben von eurem Glauben gehört, der durch Jesus Christus in euch lebt, und von eurer Liebe zu allen, die auf Christus getauft sind. Sie beide – Glaube und Liebe – erwachsen aus eurer festen Hoffnung auf das Leben, das Gott im Himmel für euch bereithält.» (Kol 1,4-5). Auf diese Weise wird nun die Hoffnung zur Basis von Glaube und Liebe: Wer hofft, ist frei für die Liebe und kann sich ohne Umstände den raum- und zeitlosen Verheissungen Gottes zuwenden. Die Entscheidung zur Hoffnung eröffnet – so Paulus – der Spiritualität neue Dimensionen der inneren Wahrnehmung und der Liebe einen neuen transzendenten Raum. Und dieser Trostgewinn vollzieht sich in jedem Menschen ohne irgendeine hierarchische Vermittlung.
2. Die christkatholische Kirche stellt die genannten Verse aus dem Kolosserbrief in ihrer Liturgieordnung in einen Zusammenhang mit der Heilung eines syrophönizischen Mädchens (Mk 7,24-30). Die liturgische Verbindung eröffnet in Hinsicht auf das Verständnis der Hoffnung als einer Grundlage christlicher Spiritualität eine lebendige Perspektive. Die griechische Mutter des Mädchens bittet Jesus von Nazareth um Hilfe. Er lehnt eine Heilung mit dem Hinweis auf seinen Auftrag, der sich auf das Volk Israel beschränke, harsch ab. Mit der verächtlichen Metaphorik vom Brot, das den Kindern und nicht den Hunden gegeben werde, teilt er der Griechin unmissverständlich seine Verweigerung mit. Mit dem diskreten Hinweis auf die herunterfallenden Brotkrümel, die die Hunde doch erhalten dürfen, versetzt die Mutter Jesus in Erstaunen. Er willigt in die Heilung des erkrankten Kindes ein. Mit ihrer Antwort illustriert die Griechin gleichsam die paulinische Hoffnungstheologie: Sie will und kann sich nicht mit dem Status quo abfinden. Sie vertraut der Überfülle des Heiles, das zwar zuerst den «Kindern Abrahams und Sarahs» zukommt. Doch sie vermag die göttliche Güte als so unbegrenzbar und gross zu erhoffen, dass auch die restlichen Brosamen mehr als ausreichend erscheinen. In dieser Erzählung erweist sich die Hoffnung auf die Unermesslichkeit der göttlichen Zuwendung als die Grundlage einer Haltung, die alle religiösen Konventionen zu sprengen vermag. Die Hoffnung der syrophönizischen Mutter setzt im Grund bei der Göttlichkeit Jesu an, die sich in der österlichen Überwindung des Todes erst noch bewähren wird. Doch das ist der Grund, warum ihre Hoffnung, die österlichste aller Tugenden, nicht stirbt. In dieser geistlichen Perspektive ergänzen sich der Paulusbrief und der markinische Heilungsbericht überaus fruchtbar. Im Kontext einer christlichen Liturgie kann die Hoffnung gar nicht anders als leben. Oder sie ist totes Theater!
Michael Bangert