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Isabel Snyder ist berühmt für ihre erotischen Porträts. Im –-Interview spricht sie über Agenten, die ihre Fotos kontrollieren, den modernen Schöhnheitswahn und den Sex-Appeal mancher Männer.
–: Auf Ihrem berühmtesten Bild trägt «American Beauty»-Darstellerin Mena Suvari nichts als eine Halskette mit Medaillon – allerdings über den Hüften. Wie kommen Sie auf so etwas?
Isabel Snyder: Aus dem Bauch heraus. Ich hatte einen Auftrag von «Vanity Fair», sie zu fotografieren, mit ziemlich klaren Vorgaben. Gleichzeitig hatte ich eine andere Fotostrecke in Arbeit und dachte, Mena wäre dafür ideal.
–:Nackt?
Snyder: Ich fragte sie, ob sie einverstanden wäre, eine Nacktaufnahme zu machen. Sie sagte, cool. Dann schaute ich, was die Stilisten mitgebracht hatten. Die Kette war reiner Zufall. Ich dachte nicht über all das nach, was später hineininterpretiert wurde. Wir haben einfach Dinge ausprobiert.
–: Warum liessen Sie Mena Suvari nicht lächeln?
Snyder: Weil das nicht richtig gewesen wäre. Sie sieht einfach gerade in die Kamera, weder einladend noch um Verzeihung bittend. Sie ist, wer sie ist. Take it or leave it.
–: Hätte ein Mann das Bild anders gemacht?
Snyder: Der Blickwinkel der Kamera ist sehr entscheidend. Ein Fotograf hätte Mena wahrscheinlich von weiter unten aufgenommen, was eine viel penetrierendere Perspektive ergeben hätte. Mein Blickwinkel ist fast auf ihrer Augenhöhe. Ich treffe keine Auswahl zwischen Gesicht, Ober- und Unterkörper.
–: Wie weit liegen erotische Bilder und Bilder, die Menschen zu Objekten machen, auseinander?
Snyder: Es ist ein schmaler Grat. Das ist mir beim Fotografieren sehr bewusst. Es gab Zeiten, wo ich keine sexy Bilder mehr machen wollte, weil alle Magazine nur Busen und Hintern wollten. Aber dann begann ich die Fotos so zu machen, dass dieses ausbeuterische Moment wegfällt.
–: Wie macht man das?
Snyder: Zum Beispiel, indem man klarmacht, dass Frauen die Situation, in der sie gezeigt werden, unter Kontrolle haben.
–: Sie galten in Hollywood von Anfang an als «sexy photographer».
Snyder: Die Erotik in meinen Bildern war von meinem ersten Porträt an da. Diese sinnliche Atmosphäre bringe ich mit. Ich bin nicht versessen darauf, das zu zeigen, es kommt einfach.
–: Wer bestimmt den Fotografen – der Auftraggeber oder der Star?
Snyder: Eigentlich das Magazin, das die Bilder will. Aber die Politik in Hollywood ändert sich gerade gewaltig. Früher hatten die Schauspieler kaum Einfluss, heute bestimmen sie immer mehr. Einfach, weil sie über Erfolg oder Misserfolg eines Films entscheiden.
–: Was bedeutet das für Sie?
Snyder: Dass die Publicists, die persönlichen PR-Angestellten der Schauspieler, bei Fotos immer mehr mitreden. Noch vor ein paar Jahren sagten viele Publicists über mich, die ist viel zu sexy, die will den Leuten sofort das Hemd ausziehen.
–: Was nicht unzutreffend ist.
Snyder: Ja, inzwischen sage ich selber, natürlich will ich das. Aber in den letzten Jahren ist die Fotografie wahnsinnig sexualisiert worden. Diese Art von Porträts verkauft sich jetzt plötzlich so gut, dass ich manchmal Lust habe, etwas ganz anderes zu machen.
–: Reden die Stars und ihre PR-Leute auch bei der Auswahl der Bilder mit?
Snyder: Noch nicht. Madonna ist eine der ganz wenigen, der man die Bilder zur Genehmigung vorlegen muss.
–: Würden Sie einen Star fotografieren, der diese Art von Zensur verlangt?
Snyder:Ja, weil ein gutes Foto ein gutes Foto ist. Und diese Leute sind sehr kreativ, sie haben ein gutes Auge. Ich würde ihr Urteil respektieren.
–: Kann man von unerotischen Stars erotische Bilder machen?
Snyder: Von Frauen leichter als von Männern. Ein bisschen Brust, echt oder falsch, BH, Strapse, Absätze und Lippenstift sind Attribute, mit denen man Erotik machen kann. Wenn ein Mann nicht erotisch ist, ist es schwer, ihn erotisch zu fotografieren, weil es von innen kommen muss. Es gibt kaum Hilfsmittel.
–: Was macht einen Mann erotisch?
Snyder: Neugierde, Lust, eine gewisse Weichheit, etwas verspielt Provokatives.
–: Gibt es viele erotische Männer?
Snyder: In Europa mehr als in den USA. Frauen übrigens auch.
–: Welchen Mann vor Ihrer Kamera fanden Sie besonders erotisch?
Snyder: Matthew McConaughey. Die Erotik kommt ihm aus allen Poren, und er geniesst es.
–: Haben Sie sich je beim Fotografieren verliebt?
Snyder: Heikle Frage. Ich habe einen Freund.
–: Was wollen Sie mit einem Bild?
Snyder: Etwas aussagen, was ich spüre von der Person. Wahrheit ist ein grosses Wort, sagen wir lieber Ehrlichkeit.
–: Dazu müssen sich auch die Porträtierten auf Sie einlassen.
Snyder: Das ist manchmal das Problem. Manche wollen das nicht. Es kommt auch vor, dass Stars bekifft oder betrunken zu Shootings kommen. Heute sind sie allerdings eher auf Prozac und Kokain.
–: Ist es interessanter, Stars zu fotografieren als unbekannte Leute?
Snyder: Sagen wir so: Es gibt unter den Stars sehr viele interessante Leute.
–: Sind sie schwierige Modelle?
Snyder: Nein. Stars arbeiten mit der Kamera. Es ist, wie wenn man mit einem Musiker ein Stück spielt. Das ist einfacher, als wenn einer noch nie ein Instrument in der Hand hatte.
–: Wie hoch sind Ihre Honorare?
Snyder: Bei Magazinen fünfhundert Dollar pro Tag. Dort verdiene ich am Wiederverkauf.
–: Und in der Werbung?
Snyder: Zwischen zehn- und dreissigtausend Dollar pro Tag. Mein Haus habe ich nicht mit Magazinen verdient.
–: Wie bereiten Sie sich auf die Shootings vor?
Snyder: Ich bekomme Filme und Videos der betreffenden Person, die ich sehr genau anschaue. Ich lese die verfügbaren Websites. Ich hasse es, als Fotografin auf jemanden zuzugehen, von dessen Welt ich nichts weiss. Das Vorwissen ist der erste Kontakt.
–: Mit wie vielen Leuten arbeiten Sie im Studio?
Snyder: Ich habe zwei oder drei Assistenten. Dazu Leute für Haar-, Make-up- und Kleider-Styling. Diese Leute müssen wir immer häufiger von den Publicists absegnen lassen. Oder sie wollen ihre eigenen mitbringen.
–: Wie lange dauern die Vorbereitungen?
Snyder: Drei, vier Stunden, bei Frauen länger als bei Männern. Das ist gut für mich, da kann ich etwas von ihnen sehen. Hängen sie dauernd am Handy? Albern sie herum? Stinkt es ihnen? Mein erster Assistent sorgt für die Musik. Am liebsten hätte ich einen DJ, der den Stimmungen folgen kann.
–: Will niemand Ruhe beim Fotografiertwerden?
Snyder: Es fällt Menschen schwer, zusammen zu schweigen. Also flüchtet man ohne Musik ins Reden. Das geht nicht beim Fotografieren.
–: Stars werden auf Schritt und Tritt fotografiert. Wie bringt Sie sie dazu, ihr Kameragesicht abzulegen?
Snyder: Ich konzentriere mich völlig auf ihr Gesicht und sage ihnen genau, was ich sehe. Diese Konzentration und die Intuition haben eine Wirkung.
–: Wissen Filmschauspieler genau, wie ihr Gesicht und ihr Körper wirken?
Snyder: Meistens. Deswegen frage ich vorher, ob sie eine Lieblingsseite haben oder etwas, was sie nicht fotografiert haben wollen. «Flashdance»-Star Jennifer Beals sagte zum Beispiel, ihre Beine seien nicht lang genug. Sie hat wunderbare Beine. Aber auf den Bildern sah ich, dass sie Recht hatte. Die Proportionen waren nicht optimal.
–: Mit wie vielen Ihrer berühmten Modelle sind Sie befreundet?
Snyder: Mit wenigen, aber das hat mit mir zu tun. Ich bin sehr schweizerisch. Ich habe einen Partner, ein grosses Haus und zehn Tiere. Ich kann daneben nicht beliebig
viele Freunde haben. Aber Jennifer Beals und Ali McGraw sind wirkliche Freundinnen.
–: Wie viele der Frauengesichter und Frauenkörper vor Ihrer Kamera wurden nicht vom Chirurgen korrigiert?
Snyder: Von den ganz Jungen viele, von den über Dreissigjährigen kein einziger.
–: Heisst das, die Künstlichkeit wird zur Schönheitsnorm?
Snyder: Ja, und es erschreckt mich. Ich denke manchmal schon selbst, hier könnte ich etwas lasern, da schnipseln. Vor fünf Jahren hätte ich noch behauptet: ich – niemals. Aber hier in –: Bereinigen Sie Ihre Bilder am Computer von Falten und Pickeln?
Snyder: Das ist die riesige Diskussion unter uns Fotografen. Ich retuschiere heute mehr als noch vor zwei Jahren, weil die Presse so gnadenlos ist, wenn man bei Stars irgendwo Falten, Adern oder Orangenhaut sieht.
–: Womit Sie bewirken, dass immer mehr Leute zum Chirurgen rennen, um auszusehen wie die retuschierten Stars.
Snyder: Es ist eine wahnsinnig schwierige Frage. Aber müssen Hinz und Kunz wirklich über jede Falte Bescheid wissen?