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Rezension
Solange Rebecca sich erinnern kann, erzählte Gemma ihren Enkelinnen das Märchen von Prinzessin Dornrose. Dass mit Gemmas “Dornröschen”-Version etwas nicht stimmt, merken Rebecca und ihre Schwestern erst, als sie längst erwachsen sind. In der Erzählung ihrer Grossmutter sind die Dornen spitz wie Lagerdraht, die böse Fee trägt silberne Adler auf dem Hut und Prinzessin Dornrose erwacht als Einzige im Schloss aus dem 100-jährigen Schlaf. Auf dem Totenbett gesteht Gemma, dass sie Dornröschen sei. Ihren letzten Wunsch richtet sie an Rebecca: Sie soll das Schloss im Dornenwald suchen.
Rebeccas Verwirrung steigert sich noch, als die Familie eine Truhe mit unbekannten Dokumenten und Fotos findet. Es wird klar, dass niemand weiss, wo Gemma herkommt oder wie sie mit richtigem Namen hiess. Sicher scheint nur, dass sie 1944 in die USA flüchtete. Rebecca macht sich auf die Suche nach der Vergangenheit ihrer Grossmutter. Die Reise führt sie nach Polen. Im Vernichtungslager Chelmo wurden die Gefangenen in einem alten Schloss untergebracht. Doch niemand ist je lebend aus Chelmo herausgekommen.
Jane Yolen ist mit “Dornrose” – erstmals 1992 unter dem Titel “Briar Rose” in New York erschienen – ein berührender und äusserst lesenswerter Jugendroman über den Holocaust gelungen. Mit dem Märchen “Dornröschen” spinnt sie den roten Faden durch die Geschichte, in der Rebecca die Vergangenheit ihrer Grossmutter sucht. Der Spannungsaufbau macht es fast unmöglich, das Buch wegzulegen. Rebeccas Reise nach Polen bringt Unerwartetes zutage. Man bleibt erschüttert zurück.
Helene Mühlestein