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Brasilien ist einer der grössten Produzenten von Getreide und Fleisch unseres Planeten. Ausser den Nahrungsmitteln, der Baumwolle, der Hölzer oder der Energie, die aus Zuckerrohr gewonnen wird, bringen die Plantagen auch viele Feste hervor, Kultur und sogar Musik, wie zum Beispiel den Samba – der wurde auf dem gestampften Lehmboden der Fazendas geboren.
Wegen ihm sind bereits Adelige von ihrem Thron gestiegen, und er hat normale Leute in Majestäten verwandelt. Der Samba ist ein Ausdruck der Kultur, über den Rhythmus, den Tanz und den Gesang hinaus. Er ist ein Manifest der brasilianischen Seele.
Wenn man heutzutage vom Samba spricht, denkt die ganze Welt sofort an Rio de Janeiro. Die Parade der Carioca-Schulen erhielt den Titel des grössten Spektakels unter freiem Himmel auf diesem Planeten.
Es ist unmöglich, nicht vom Klang und der Energie der Perkussion einer Samba-Schule angesteckt zu werden. Was aber wenige Leute wissen, ist, dass der Samba auf dem Acker geboren wurde, in einem der traurigsten Momente der brasilianischen Geschichte.
Der Samba ist ein Sohn der “Sezala“ (Sklavenquartier). Seine Basis kam aus Afrika, zusammen mit den Afrikanern, die als Sklaven hergebracht wurden, um auf den Zuckerrohr- und Kaffeeplantagen zu arbeiten. Während dreier Jahrhunderte erklang der Sound der Trommeln und Schlaginstrumente auf den Fazendas des Nordostens, Rio de Janeiros und São Paulos.
Die Soziologin Olga ist Professorin der Universität von Campinas und eine Spezialistin der Materie. “In Wahrheit stammen sämtliche Sambas Brasiliens aus dem Einfluss von Angola. An jedem Ort, in dem Sklaven tätig waren, entwickelte sich dann ein etwas unterschiedlicher Samba, nachdem er sich mit den lokalen Traditionen gemischt hatte“.
Die Historiker schätzen, dass mindestens sieben Millionen Afrikaner zwischen 1550 und 1855 nach Brasilien importiert wurden. Ihre Mehrheit kam aus den ländlichen Gebieten des Staates Angola – sie wurden in den Häfen Salvador (Bahia) und Rio de Janeiro an Land gebracht.
In Rio de Janeiro gingen die Afrikaner am Kai von “Valongo“ von Bord, der extra für die “Entladung“ von Sklaven konstruiert worden war, so erzählt der Historiker André Diniz. “Der Kai von Valongo wurde im Jahr 1811 angelegt, um die Sklaven von der “Praia do Peixe“ – heute “Praça Quinze“ – wegzubekommen, die dort angekettet, von jedermann angegafft wurden. Die weissen Kolonialherren, die Sklaven kaufen wollten, hatten es nicht gern, wenn die ganze Bevölkerung die Barbarei mitbekam, die sie der schwarzen Bevölkerung Afrikas antaten“.
Vom antiken Kai sind heute nur noch Ruinen übrig geblieben, die zum historischen Erbe der Stadt gehören. Wenige Meter von dort befindet sich ein weiteres Andenken an die Sklavenzeit: der “Friedhof der jungen Schwarzen“. Gegen Ende der 1990er Jahre kaufte ein Unternehmerpaar aus Rio de Janeiro dieses Grundstück, um darauf ihre Villa zu errichten, Bei den Ausschachtungsarbeiten entdeckte man zahlreiche Skelette, Schädel und Knochenreste von Afrikanern, die an diesem Ort begraben worden waren. Es handelte sich um schwarze Sklaven, die durch die unmenschlichen Zustände auf den Schiffen, zwischen Afrika und Brasilien, oder gleich nach ihrer Ankunft, gestorben waren. Ihre Leichen wurden in Massengräbern verbrannt und wieder zugeschaufelt.
Nach dieser Entdeckung wurde das Grundstück für ein Museum genutzt, indem heute Knochen und Objekte exponiert sind, die einst Sklaven gehört haben.
Der Sklave hatte keinerlei Rechte, er arbeitete von Sonnenaufgang bis – untergang, stets unter der Bedrohung durch die Peitsche, aber kein Leiden konnte die Fröhlichkeit dieser Menschen zum Erlöschen bringen. Die Afrikaner trösteten sich gegenseitig mit trommeln und singen. Vielleicht kommt daher die Inspiration des Textes zum “Samba da Benção“ (Samba der Seligkeit), eine schöne Komposition des Poeten Vinícius de Moraes, die er zusammen mit den Gitarristen Baden Powell gechaffen hat.
“É melhor ser alegre que ser triste
(Es ist besser fröhlich als traurig zu sein)
Alegria é a melhor coisa que existe
(Frohsinn ist das Beste, was es gibt)
É assim como a luz no coração”
(Das ist wie ein Licht im Herzen)
Von allen Orten, an denen Sklaven arbeiteten, gibt es registrierte Aufzeichnungen von deren “Batuques” (Gesang- und Tanzvergnügen) – aber ob es wohl eine “Wiege des Samba“ gibt? Alle Experten in Sachen Samba stimmen darin überein, dass das “Recôncavo Baiano“ einer der ersten Orte war, wo dieses kulturelle Manifest aufgetaucht war – das Land des “Samba de Roda“.
Das so genannte “Recôncavo“ ist jenes Gebiet, das die Allerheiligenbucht umgibt, an der auch die Stadt Salvador, sowie die Tanzschule der “Fundação Cultural do Estado da Bahia“ (Funceb) liegt. Der “Samba de Roda“ ist ein Tanzstil, der auf den Zuckerrohrfeldern des “Recôncavo“ geboren wurde, während der brasilianischen Kolonialepoche.
Eine Forscherin, Ballerina, Sängerin und Tanzlehrerin an der Universität von Sergipe erklärt, dass das Wort “Samba“ in den afrikanischen Dialekten verschiedene Bedeutungen hat. “Samba bedeutet beten, bitten. Der “Candomblé de Caboclo“ (religiöse Zeremonie) ist unserem “Samba de Roda“ sehr ähnlich – beim “Candomblé de Angola” gibt es einen “Orixá“ (Geistwesen), der “Samba“ heisst“.
Der Rhythmus der Trommel, der Gesang und der Tanz sind bedeutende Elemente des Candomblé-Rituals. Es sind Darbietungen zu Lob und Ehre der “Santos“ (Heiligen). “Samba stammt auch aus einer multilinguistischen Wurzel, die sich “Semba“ nennt – damit wird eine Umdrehung um den eigenen Nabel herum bezeichnet. Der Samba bedeutet auch zu spielen, zu springen, sich zu erfreuen wie ein “Cabrito“ (Zicklein). Ich pflege zu sagen, dass dieses Vergnügen im Kopf und an den Schultern beginnt, zu den Hüften hinuntergleitet, weiter an den Beinen entlang die Füsse erreicht. Eh man es sich versieht, tanzt man wie ein Zicklein, springt wie ein Zicklein, tanzt Samba wie ein Zicklein – den “Samba-Cabrito“.
Einige im kolonialen Brasilien entstandene “Batuques” und Tänze wurden auch nach Portugal exportiert. In Europa bekamen die afro-brasilianischen Trommeln eine Begleitung von Saiteninstrumenten, wie der “Viola“ (Bratsche) und des “Cavaquinho“ (Ukulele). Diese Mischung ergab den “Samba de Roda”, der einen eigenen Rhythmus besitzt, geprägt von den Perkussions-Instrumenten und durch das Händeklatschen, wie ein Musiker erklärt. “Wenn du genau hinhörst, wird der Samba beim “Samba de Roda“ vom rhythmischen Händeklatschen “verpackt“ – das Händeklatschen ist der Schlüssel, wie eine Führung“.
Mit dem Sound der “Congas“ und Tamburine bekommt der Samba Gestalt. Die Melodie wird von den Saiteninstrumenten diktiert. Früher spielte man nur mit der “Viola machete“, einem Saiteninstrument, das im Recôncavo spezielle für den Samba de Roda geschaffen wurde. Heute sieht man diese Art Bratsche kaum noch, sie wurde von der Gitarre ersetzt.
Wie bei jeder Volksmusik sind die Worte des Samba de Roda einfach, und sie geben den Alltag dessen wieder, der im Recôncavo lebt. “Also ist klar, dass ein Samba, der in den ländlichen Gebieten entstand, wahrscheinlich von Viehzucht und Zuckerrohrplantagen erzählt, denn das ist sein Universum. Und dieses Universum zieht sich durch die gesamte Komposition“.
Die Schülerinnen der “Funceb“ lernen, ausser dem “Samba de Roda“, auch andere afro-brasilianische Rhythmen. Auf diese Weise führen sie fort, was ihnen ihre Vorfahren als Vermächtnis hinterlassen haben.