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Intervention des schweizerischen Generalkonsuls bei deutschen und alliierten Behördenvertretern in Frankfurt: Klagen über die beim schweizerischen Export auftauchenden Schwierigkeiten mit der Bizone.
Printed in
dodis.ch/4427
AUSFUHR NACH DER BIZONE
Ich beehre mich, den Empfang Ihres Schreibens vom 19. d. M. zu bestätigen2, mit welchem Sie mich ersuchten, bei Herrn Ministerialdirektor von Maltzan sowie bei nächster sich bietender Gelegenheit auch bei den verantwortlichen Stellen der Besetzungsbehörden auf die unbefriedigende Abwicklung des Warenverkehrs mit der Schweiz hinzuweisen.
Ich habe mich dieses Auftrags sofort entledigt. Am 25. Januar hatte ich eine lange Unterredung mit Herrn von Maltzan, in welcher ich ihn mit grösstem Nachdruck auf den Ernst der Lage hinwies, die dadurch entstanden ist, dass unsere Ausfuhren von 1. September bis 31. Dezember pro rata temporis kaum die Hälfte der in den Exportlisten vorgesehenen Ziffern erreichten. Ich schilderte ihm mit letzter Eindringlichkeit die Unzufriedenheit, die in unseren Exportkreisen Platz gegriffen hat, sowie die Enttäuschung der Handelsabteilung über die schleppende Durchführung der getroffenen Abmachungen. Ich wies darauf hin, dass im Gegensatz zu den Bezügen der Bizone die Schweiz den übernommenen Verpflichtungen nachgekommen sei, indem die Einfuhren sich ganz im Rahmen des vorgesehenen Importprogramms abwickelten. Ich warnte ihn mit allem Nachdruck vor den Folgen, die eine unbefriedigende Durchführung der getroffenen Abmachungen zeitigen könnte: die Verhältnisse zwängen uns, unsere Importe in den Dienst unserer Exporte zu stellen und wir könnten die bisher geübte liberale Einfuhrpolitik nur solchen Staaten gegenüber fortsetzen, welche Verständnis für die vitalen Bedürfnisse unserer sichtbaren und unsichtbaren Exporte an den Tag legen. Herr von Maltzan, der von Herrn Legationsrat Schueller begleitet war, war von meinen Ausführungen sichtlich beeindruckt. Er wies auf die ungeheuren administrativen und technischen Schwierigkeiten hin, mit denen die Verwaltung für Wirtschaft zu kämpfen hatte, und bat, noch eine kurze Zeit Geduld zu üben, denn die Verplanungen seien entsprechend den Programmen unseres Abkommens erfolgt und es müsste sich die Wirkung bereits in den allernächsten Wochen in den Ein- und Ausfuhrstatistiken zeigen. Ich entgegnete ihm, dass ich 5 Monate nach Unterzeichnung unserer Vereinbarungen die Entschuldigung der technischen und administrativen Schwierigkeiten einfach nicht mehr gelten lassen könnte. Diese Begründung sei so oft gebraucht worden, dass ich mich weigerte, sie der Handelsabteilung überhaupt noch vorzutragen; ich müsse darauf bestehen, dass eine prompte und radikale Abhilfe getroffen werde. Um die Wirkung meiner Demarche zu steigern sagte ich ihm, die Lage werde sowohl von unserer Industrie wie von den Leitern unserer Handelspolitik so ernst beurteilt, dass ich eine Audienz bei Herrn Minister Prof. Erhard wünschte um auch ihn auf die auf dem Spiele stehenden Interessen aufmerksam zu machen. Die Unterredung mit Prof. Erhard ist für Montag den 31. Januar vorgesehen. Unterdessen habe ich bereits von verschiedenen Seiten gehört, dass meine Ausführungen offenbar Eindruck gemacht hatten und in den verschiedensten Stellen der bizonalen Verwaltung für Wirtschaft der Sache nachgegangen werde.
Was die Demarche bei der JEIA anbetrifft, so waren vergangene Woche sowohl Mr. Logan wie auch Miss Dietrich und Brig. Robinson landesabwesend. Da ich, um einen Taktfehler zu vermeiden, simultan vorgehen musste, richtete ich ein ausführlich gehaltenes Schreiben an Mr. Logan, in dem ich ihm ebenfalls die Lage schilderte. Eine Abschrift dieses Schriftstückes lege ich Ihnen bei3.
Ich hoffe, dass die unternommenen Demarchen nicht ohne praktische Auswirkungen bleiben werden. Hier werden unterdessen durch schweizerische Geschäftsleute Gerüchte in Zirkulation gesetzt, wonach es bei den kommenden Wirtschaftsverhandlungen auf Biegen und Brechen gehen und eventuell sogar zur Explosion kommen werde, wobei schweizerischerseits auch ein vertragsloser Zustand in Kauf genommen würde. Gegen ein solches Präludium der Wirtschaftsverhandlungen habe ich selbstverständlich nichts einzuwenden. Ich weiss auch nicht, inwiefern die ausgestreuten Gerüchte Ihren Absichten entsprechen. Meinerseits möchte ich Sie lediglich bitten, die Vor- und Nachteile eines vertragslosen Zustandes auf das gründlichste abzuwägen. Zunächst darf ich auf Grund meiner Beobachtungen sagen, dass ich nicht den Eindruck gewonnen habe, die Verschleppungen in der Abwicklung unserer Vereinbarungen seien auf systematischen schlechten Willen zurückzuführen4. Obwohl ich das Argument der administrativen Schwierigkeiten nicht gelten liess, muss zugegeben werden, dass die Kompliziertheit und die Unerfahrenheit sowohl des alliierten wie auch des deutschen Behördenapparates an den eingetretenen Verzögerungen sehr viel schuld sind. Selbstverständlich hatten wir es in einzelnen Fällen auch mit schlechtem Willen und Sabotagetendenzen zu tun, die den Kreisen der deutschen Konkurrenz entsprangen und welche die Verwaltung unter Druck zu setzen versuchten. Indessen ist dies nicht die Regel. Wenn wir zu einer möglichsten Wiederherstellung des traditionellen Warenverkehrs gelangen wollen, müssen wir den mühsamen Weg des sukzessiven Aufbaues gehen. Bei brüsken Unterbrechungen, wie sie ein vertragsloser Zustand mit sich brächte, würde die Entwicklung über uns hinweggehen. Das Vertragsnetz, das die Bizone geschaffen hat, ist bereits so ausgebaut, dass sie den zeitweiligen Ausfall unseres Landes besser ertrüge als wir. Während der Dauer des vertragslosen Zustandes wären wahrscheinlich doch wir es, die mehr kaufen würden als die andern. Und wer würde den Anfang machen für die Wiederanbahnung? Jede Seite würde zögern, den ersten Schritt zu tun, wegen der Schwächung der Ausgangsposition der Verhandlungen. Wenn es dann eines Tages gelingt, diese Schwierigkeit zu überwinden, so werden unterdessen bedeutende Kredite zugunsten anderer Länder verplant sein und ungezählte Liefermöglichkeiten uns entgehen, nicht nur für die Dauer des Interregnums, sondern auch für eine weitere Zukunft. Es wird schwer fallen, sich an der bereits vollbesetzten Tafel mit einem neuen Platz hineinzuschieben, noch schwerer, sich die Gänge nachservieren zu lassen.
Ich glaube, dass die Gestaltung des schweizerisch-bizonalen Warenverkehrs den Amerikanern den Wert der Handelsbeziehungen mit unserem Lande gezeigt hat. Das Argument, dass man gegenüber guten Kunden handelspolitischen Erwägungen Raum geben müsse, für das sie anfänglich kein Sensorium hatten, setzt sich nach und nach durch. Indessen muss man sich darüber Rechenschaft geben, dass sich dieses Argument allmählich abnützt, ja sogar totläuft, wenn die Waren, die wir anbieten, qualitativ und infolgedessen preislich für die Bedürfnisse und die Zahlungsfähigkeit des hiesigen Marktes zu hoch sind. Wir würden uns einer gefährlichen Illusion hingeben, wenn wir davon ausgingen, dass der Absatz so wieder hergestellt werden könnte, wie er es vor dem Kriege war. Unser Export muss sich preislich und qualitativ auf die infolge der Verarmung eingetretene Änderung der Bedürfnisse einstellen, ansonst wir riskieren, nicht mehr «in die Kränze zu kommen»5. Auch die bisherige relativ grosse Bereitschaft, Fertigwaren abzunehmen, war eine vorübergehende Erscheinung, weil sie von Prof. Erhard gefördert wurde um das inländische Preisniveau zu senken. Es hat den Anschein, als ob er mit seinem «Jedermann-Programm» diesem Ziele näher komme. Je mehr dies der Fall ist, umso geringer wird deutscherseits die Aufnahmebereitschaft für Fertigfabrikate sein. Es gilt daher, die Gunst dieses Augenblicks zu nutzen und im jetzigen Moment Vereinbarungen nicht zu lösen, sondern für eine längere Spanne der Zukunft zu treffen.