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Arbeiten Katholiken weniger gern?
Sind protestantische Länder wirtschaftlich erfolgreicher als katholische? Im 500. Jahr der Reformation ist Max Webers berühmte These für viele gültig wie eh und je. Und schaut man sich die Situation in Europa seit der Finanzkrise von 2008 an, kann man sich ja auch bestätigt fühlen. Sind es nicht gerade Italien, Spanien und Portugal, die katholischen Länder des Südens, die besonders verschuldet sind? Und geht es dem protestantischen Norden nicht deutlich besser?
Der französische Präsidentschaftskandidat Emmanuel Macron sagte es so: «Es gibt eine Art Religionskrieg zwischen dem calvinistischen Nordeuropa, das den Sündern nicht verzeihen will, und einem katholischen Südeuropa, das dies alles hinter sich lassen will.» Macron sagte dies vor zwei Jahren; er war damals noch Wirtschaftsminister, und er sprach über den Umgang mit der Eurokrise. Seine Aussage zeigt: Webers Behauptung von der Prägung durch die Religion ist bis heute eine der meistdiskutierten der Soziologie.
Arbeit religiös überhöht
Max Weber suchte nach einer Antwort auf die Frage, woher der «Geist des Kapitalismus» kommt, das Streben nach immer mehr Wachstum, nach immer grösserer Produktivität. Die Erklärung fand er in der Reformation. Nicht in jener Luthers, sondern in jener Calvins – und in dessen Auffassung von Arbeit. Calvin, der am Seelenheil interessierter war als an Ökonomie, habe die Arbeit religiös überhöht: Wer reich werde auf Erden, der geniesse ganz offensichtlich die Gnade Gottes. Zur Bildung einer «protestantischen Arbeitsethik» habe beigetragen, dass besonders der Calvinismus die Menschen zu einer «asketischen Lebensführung» anhalte, schrieb Weber. Das heisst auch: Man verprasst sein Geld nicht, sondern spart – und bildet Kapital.
Lange sprach vieles dafür, dass an Webers These etwas dran war. In Europa setzte sich die Industrialisierung zuerst in protestantischen Gebieten durch: in England, Holland oder in der reformierten Ostschweiz, einer der am frühesten industrialisierten Gegenden überhaupt. Das katholische Europa brauchte dafür einiges länger. Und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Webers Aufsatz erstmals erschien, waren in Deutschland protestantische Gebiete reicher als die katholischen.
Und Bayern? Und Irland? Und Zug?
Heute darf man daran zweifeln, ob sich der wirtschaftliche Erfolg tatsächlich mit der Konfession erklären lässt. In Deutschland bilden die beiden grossen katholischen Bundesländer Bayern und Baden-Württemberg die wirtschaftliche Spitze; die protestantischen Bundesländer im Norden und Osten haben sie längst hinter sich gelassen. Auch Norditalien oder Irland, zwei ausgesprochen katholische Gebiete, weisen über lange Frist ein mindestens gleich grosses (eher grösseres) Pro-Kopf-Einkommen auf als die protestantischen Teile Europas. Und in der Schweiz gehören katholische Kantone wie Zug und Schwyz heute zu den erfolgreichsten. Alles Unsinn also?
Nicht ganz. Der deutsche Ökonom Horst Feldmann untersuchte 2007 die Arbeitsmarktdaten von 80 Staaten. Dabei stiess er auf ein klares Muster: In protestantischen Ländern gehen deutlich mehr Menschen einer bezahlten Arbeit nach. Im Schnitt lag die Erwerbsquote dort um sechs Prozent höher als in Staaten, in denen eine andere Religion prägend war – ob Katholizismus, Islam, Hinduismus oder Shinto (Japan). Betrachtet man nur die Frauen, so ist die Erwerbsquote sogar um elf Prozent höher.
Feldmanns Modell berücksichtigte auch die unterschiedliche Regulierung des Arbeitsmarkts, die Besteuerung, den Einfluss der Gewerkschaften – stets blieb der Zusammenhang zwischen Religion und Erwerbsquote statistisch signifikant.
Bibellesen heisst Lesenkönnen
Doch steckt dahinter wirklich das Arbeitsethos der Protestanten? Auch die Ökonomen Ludger Wössmann und Sascha Becker fanden vor einigen Jahren in ihrer Untersuchung des Landes Brandenburg Unterschiede: Dessen protestantische Gebiete waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts wirtschaftlich deutlich fortgeschrittener, ihre Einwohner hatten höhere Löhne als in den katholischen Gegenden. Den Grund für diese Unterschiede sehen die Forscher aber anderswo: bei der Bildung. Die Tatsache, dass die Protestanten in Brandenburg deutlich besser ausgebildet waren als die Katholiken, erklärt demnach ihren wirtschaftlichen Vorsprung – und nicht eine wie immer geartete Einstellung zur Arbeit.
Für diesen Unterschied machen Wössmann und Becker durchaus religiöse Prägungen verantwortlich. Im Verständnis der Protestanten sollte jeder Mann (und, mindestens so wichtig: jede Frau!) selber die Bibel lesen und verstehen können – und nicht auf einen Priester angewiesen sein, der das für ihn oder sie übernimmt. Es sei dieses Verständnis, das in den protestantischen Gebieten einen grossen Alphabetisierungsschub ausgelöst habe. Die wirtschaftliche Entwicklung sei die Folge davon.
Heute, 500 Jahre nach dem Beginn der Reformation, ist der wirtschaftliche Gegensatz in Europa noch immer zu sehen und zu spüren – ein reicher Norden, ein armer Süden. Es scheint ganz so, als wirke die Reformation noch immer nach.