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Die Bürener Uhrenfabrik Williamson erlebte 1917 einen Aufschwung. Da damals viele Familien in Geldnot waren, stellte sie vermehrt auch weibliche Arbeitskräfte ein – und leistete ganz nebenbei Pionierarbeit in der Kinderbetreuung.
Text: Jana Tálos, Bild: Mémreg
Donnerstag, der 4. Oktober 1917. Jenseits der Schweizer Grenzen nähert sich der Erste Weltkrieg langsam aber sicher einem Wendepunkt. Die Kriegsschauplätze haben sich nach Belgien und Ostafrika verlagert, aber auch auf den Meeren und in der Luft wird nach wie vor heftig geschossen und gekämpft.
In Russland machen sich derweil die ersten Anzeichen einer weiteren Revolution bemerkbar. So schreibt das Bieler Tagblatt in der damaligen Ausgabe, ein Telegramm besage, «dass politische Agiatoren sich als revolutionäres Komitee proklamiert haben». Neben Revolution und Krieg, die zusammen mehr als eine Seite der sechsseitigen Ausgabe einnehmen, schreibt die Redaktion jedoch auch über Lokales. So zum Beispiel über den Anbau der in Büren ansässigen Uhrenfabrik Williamson, der zu dieser Zeit fertiggestellt wurde.
Expansion am Standort Büren
Die Uhrenfabrik Williamson, die aus der Übernahme der Firma Fritz Suter & Cie. durch die Londoner H. Williamson Ltd. entstand, fasste im Jahre 1898 in Büren Fuss. Sie produzierte sowohl Taschen- als auch Tischuhren. Wegen des bereits bestehenden Bahnanschlusses aber auch wegen des Aufschwungs der Uhrenindustrie, expandierte die Firma 1916 weiter und baute ihren Standort in Büren aus.
Ganz zur Freude der ansässigen Bevölkerung. Denn mit dem Anbau, so der Autor des BT-Artikels, sei nun so viel Raum geschaffen, «dass ganz gut rund hundert weitere Personen aus der Uhrenbranche hier beschäftigt werden können». In Anbetracht der stetig wachsenden Teuerung der Lebensmittel und der dadurch in Geldnot geratenden Arbeiterfamilien hätte sich die Direktion der Fabrik zudem entschlossen, so viele weibliche Arbeitskräfte wie möglich anzustellen.
Was er dann schreibt, scheint für diese Zeit doch eher aussergewöhnlich zu sein: «Um nun auch den einzelnen Müttern mit noch kleineren Kindern die Gelegenheit zu bieten, das Einkommen ihrer Familie zu vergrössern, macht sich die Direktion soeben daran, eine Krippe zu eröffnen.» Sie würde sämtliche Mütter in «löblicher Weise» dazu einladen, ihre Kinder in dieser schweren Zeit dieser Anstalt anzuvertrauen.
«Der Krippe steht eine in ihrem Berufe sehr gewandte Wartefrau vor, sodass die in der Fabrik arbeitenden Frauen ganz unbesorgt um ihre Kinder sein können.» Sämtliche Kosten im Betrieb würden von den Besitzern der Uhrenfabrik übernommen.
Krippenverein gibt es seit 1906
Schaut man sich in der näheren Umgebung um, so stösst man gerade mal auf eine weitere Institution, die in dieser Zeit für die Betreuung der Kinder arbeitender Frauen bekannt war. Es handelt sich dabei um die Kinderkrippe Bubenberg in Biel, die bereits 1890 gegründet wurde. Die Stadt befand sich damals in einer Periode grosser industrieller Entwicklung. Die Nachfrage an Betreuungsangeboten war vorhanden, in der Bevölkerung allerdings nur wenig bekannt, weshalb sich die Krippe anfangs nur mit Mühe über Wasser halten konnte. So steht es zumindest im Bieler Jahrbuch 1990, in der das 100-Jahr-Jubiläum der Krippe gefeiert wird. Erst um die Jahrhundertwende habe die Zahl der betreuten Kinder dann deutlich zugenommen und die Krippe Bubenberg wurde zur festen Institution im Bieler Stadtwesen.
Obwohl es keine Hinweise auf andere in dieser Zeit existierende Betreuungsangebote in der Region gibt, waren Kinderkrippen damals keine Seltenheit, wie Nadine Hoch, Geschäftsleiterin des Verbands Kinderbetreuung Schweiz (Kibesuisse) erklärt. «Unser Vorgängerverband, der Schweizerische Zentralkrippenverein, publizierte bereits 1906 seinen ersten Krippenbericht, in dem Kinderkrippen aus allen Teilen der Schweiz erwähnt werden», sagt sie. Besonders in den Städten seien Krippen zu dieser Zeit schon relativ verbreitet gewesen. Aber auch in ländlichen Gebieten, in denen die Industrie florierte, wurden um die Wende vom 19. ins 20. Jahrhundert einige solche Institutionen gegründet.
«Die Verbreitung von Kinderkrippen war eng verzahnt mit der Industrialisierung», sagt Hoch. Immer dann, wenn man Frauen für die Fabrikarbeit rekrutierte, wurden in der näheren Umgebung Kinderkrippen errichtet. «In der Ostschweiz war das während der Stickereihochblüte Ende des 19. Jahrhunderts», sagt Hoch. In der Westschweiz dürfte dies der Aufschwung der Uhrenindustrie gewesen sein.
Gehütet und verpflegt
Mit dem steigenden Bedarf an Arbeitskräften in der Firma Williamson nahm auch die Zahl der Kinder in der Krippe schnell zu und sie wurde bald zu einer bekannten Institution in der Umgebung. So wird sie auch im Buch «Die Geschichte der Uhrmacherei in Büren» der lokalen Vereinigung für Heimatpflege erwähnt. Aus dem Beitrag ist zu entnehmen, dass die arbeitenden Mütter vor allem Kleinkinder in das Kindertagesheim gebracht hätten, was an den davor stehenden Stubenwagen zu erkennen gewesen sei. «Aber auch grössere Kinder wurden dort gehütet, verpflegt, schliefen nach dem Essen und spielten miteinander und mit Spielzeugen.»
Die Villa, in der das Tagesheim untergebracht war, befand sich direkt gegenüber der Fabrik, an der Bahnhofstrasse 21. Später, so heisst es in dem Buch, sei das Haus sogar noch um einen Raum und eine Garage erweitert worden. In diesem Raum wurde dann gespielt, während in den Zimmern die Kinderbetten standen.
Nur wenige Jahre nach dem US-Börsencrash, welcher der Firma Williamson später zum Verhängnis werden sollte, wurde die Krippe 1932 aus Kostengründen geschlossen und das Haus zum Wohnhaus umfunktioniert. Ganz im Gegensatz zu der Kinderkrippe Bubenberg in Biel. Sie wechselte zwar den Standort, blieb den arbeitenden Müttern aber bis heute erhalten.
Dieser Artikel ist am 12. Oktober 2017 im Bieler Tagblatt erschienen und Teil der Serie «Zeitreise».