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Viel Charme, eine Prise Schalk, rhetorische Brillanz und Hartnäckigkeit, wenn es um seine politischen Ziele ging. So lässt sich die Person Harvey Milks umreissen, seines Zeichens erster bekennender Schwuler in den USA, der in ein öffentliches Amt gewählt wurde. 1977 schaffte er es im dritten Anlauf zum Stadtrat von San Francisco. Und dies war nicht nur ein persönlicher Sieg, sondern wurde auch als Triumph der Homosexuellenbewegung gefeiert: «I’m Harvey Milk, and I’m here to recruit you», pflegte dieser seine Reden zu beginnen – und seine Aufrufe blieben nicht ungehört.
Dass sich nun mit Gus Van Sant als Regisseur und Sean Penn als Protagonist ein eigentliches Dreamteam der Ereignisse um den legendären schwulen Stadtrat annahm und Milk realisierte, davon zeugt ein bisher kaum dagewesener Preis- und Nominationsregen – insbesondere von Filmkritikerseite – sowie die acht Oscar-Nominationen, die von der Auszeichnung als Bester Film und Beste Regie bis hin zum Besten Schnitt, Drehbuch und Hauptdarsteller reichen.
Die Fakten: Harvey Milk wurde 1930 im Staat New York geboren. Er diente in der Marine, war Lehrer und dann an der Wallstreet tätig. 1972 übersiedelte er mit seinem Partner Scott Smith nach San Francisco, wo er einen kleinen Fotoladen, «Castro Camera», eröffnete. Dieser Laden wurde innert Kürze nicht nur zu einem Zentrum für schwule Aktivisten, sondern auch zu einem Brennpunkt für sozial orientierte Quartierpolitik. 1973 kandidierte Milk erstmals für den Stadtrat. Erfolglos. Er kandidierte ein zweites Mal und nach einem weiteren Misserfolg auch für einen Sitz in der kalifornischen State Assembly. Ebenfalls erfolglos. In der Zwischenzeit konnte er die Gewerkschaften für sich gewinnen, er solidarisierte sich mit den Anliegen ethnischer Minderheiten und Senioren, vor allem aber wurde die Wahlbezirkseinteilung zu seinen politischen Gunsten verändert. Und so klappte es schliesslich beim dritten Anlauf. Gleichzeitig wurde der irischstämmige katholische Dan White gewählt, ein ehemaliger Feuerwehrmann. Doch während Milk sich gekonnt auf dem politischen Parkett bewegte und für seine Anliegen immer wieder Mehrheiten fand, erlitt White eine Niederlage nach der anderen. Frustriert entschloss sich White nach nur elf Monaten zum Rücktritt – um ihn anderntags zu widerrufen. Als der amtierende Bürgermeister Moscone es ablehnte, ihn wieder in Amt und Würden einzusetzen, ging White ins Rathaus und erschoss im Dezember 1978 seine “Gegenspieler” Moscone und Milk kaltblütig.
Der Mensch und Politiker Harvey Milk prägte ein Stück amerikanischer Zeitgeschichte, und sein Leben und Wirken kam auch schon zu filmischen Ehren: Wenige Jahre nach der Ermordung Milks realisierte Rob Epstein The Times of Harvey Milk (1984) – ein mit dem Oscar ausgezeichneter Dokumentarfilm. Epstein rekapituliert darin die sechziger/siebziger Jahre, angefangen mit «Stonewall», jenen legendären Krawallen um die gleichnamige Bar im New Yorker Greenwich Village im Juni 1969, als sich die Homosexuellen erstmals gegen die Repression durch die Polizei zur Wehr setzten und damit das Startzeichen für ihre politische und gesellschaftliche Emanzipation gaben. Anhand der Aussagen von Weggefährten und Mitstreitern liess Epstein in einem virtuos arrangierten Mix von Archivmaterial und Interviews mit Zeitzeugen die Geschehnisse um Harvey Milk wiederaufleben.
Gus Van Sant liess sich für seinen Spielfilm nicht nur vom illustren Vorgängerfilm inspirieren, sondern inszenierte ihn als fast identisches Remake: Er lässt seinen Film mit eben den authentischen TV-Aufnahmen zu der Ermordung Milks beginnen, mit denen Epstein schon seinen Dokfilm begann. Wie jener blendet Van Sant in die Zeiten von Stonewall zurück und verwendet als «erzählerische Klammer» für seinen Film Milks ideelles Vermächtnis und «Testament», das dieser angesichts vielfacher Todesdrohungen nach seiner Wahl auf Tonband aufzeichnete und das er – wie Epstein – ebenfalls passagenweise zitiert. Virtuos verwebt Van Sant diesen roten Faden mit grobkörnigem Archivmaterial und den inszenierten Sequenzen. Ausserdem arbeitete Van Sant nicht nur mit brillanten Darstellern, er achtete auch auf ihre physische Ähnlichkeit mit den realen Persönlichkeiten – die manchmal geradezu verblüffend übereinstimmt (Fotos der realen Personen finden sich im Abspann). Mit Ausnahme vielleicht von Sean Penn, der aber die – nicht allzu grossen – physiognomischen Differenzen mit einer erstaunlichen Mimesis wettmacht: Mit Verve spielt er ebenso den koketten Charmeur wie den Lover, den Aktivisten wie den smarten Politiker – eine darstellerische Leistung, für die Penn, der bereits Oscar-Preisträger ist, nun zum fünften Mal nominiert ist.
Gus Van Sant, siebenundfünfzigjährig und selbst schwul, gilt als “Spezialist” für Geschichten rund um unangepasste Heranwachsende und ihre Initiation ins Erwachsenenleben. Van Sants schillernde Filmografie reicht vom intimen, homoerotischen Debüt (Mala noche, 1985) über gesellschaftskritische Hochglanzsatiren (To Die for, 1995, mit Nicole Kidman) bis hin zu seinem kommerziellen Durchbruch mit Good Will Hunting (1997, mit Matt Damon und Robin Williams) und der nüchternen “Dokumentation” über einen Highschool-Amoklauf in Elephant (2003 in Cannes mit der Goldenen Palme prämiert). Der neunundvierzigjährige Sean Penn, der als eingefleischter Hollywood-Kritiker gilt, kann seinerseits auf eine Karriere als renommierter Charakterdarsteller zurückblicken: Er spielte in rund vierzig Filmen mit, darunter unter John Schlesinger, Dennis Hopper, Brian de Palma, Tim Robbins, Woody Allen, Kathryn Bigelow, Clint Eastwood oder Sydney Pollack. In den Neunzigern begann er mit Indian Runner selbst Regie zu führen – und realisierte jüngst den beachteten Into the Wild, die Verfilmung einer Reportage von Jon Kracauer um einen jungen Aussteiger, der bei seiner Suche sowohl das Glück, aber auch den Tod fand.
Doch nicht nur Van Sant und Penn ergänzen sich hervorragend – auch die vielfachen weiteren Bezüge unter Darstellern und Crew bildeten augenscheinlich einen fruchtbaren Boden für das ebenso authentische wie stimmige «Biopic», das Milk nun geworden ist: So spielt Sean Penn etwa mit Emile Hirsch zusammen, seinem Protagonisten aus Into the Wild, der Milks jugendlich-ungestümen Mitstreiter Cleve Jones verkörpert. Und mit dem Darsteller von Milks überkandideltem Lover, Jack Lira (Diego Luna), trat Penn bereits in Julian Schnabels Before Night Falls vor die Kamera. Ausserdem liess Van Sant einige der Weggefährten Milks, die in Epsteins Werk auftraten und bei der Entstehung von Drehbuch (Dustin Lance Black) und Spielfilm eine ebenfalls wichtige Rolle spielten, in einem Cameo-Auftritt am Film teilhaben: so etwa Anne Kronenberg, Milks lesbische Wahlkampfmanagerin, die rund dreissig Jahre später “erneut” an Milks Wahlparty mittanzt. Oder Cleve Jones, der als Aktivist «Don Amador» im Film auftritt, sowie Carol Ruth Silver, damals Stadtratsmitglied, die in milk eine Wahlkampfhelferin spielt – als kleine Hommage an die Weggefährten Milks von damals. Dass der Film bei uns im vierzigsten Jubiläumsjahr von Stonewall in die Kinos kommt, ist ein perfektes Timing – nicht zuletzt für die Lesben und Schwulen, die zumindest diesseits des Ozeans zufrieden auf die mittlerweile beachtlichen Errungenschaften in ihrem Engagement um gesellschaftliche Gleichstellung blicken können. Last but not least trägt Milk dem Regisseur Gus Van Sant seine zweite Oscar-Nominierung ein und das Verdienst, einen weiteren Meilenstein des Queer Cinema realisiert zu haben.