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Bruno Stefanini sammelte Häuser wie andere Briefmarken, so soll er es selbst gesagt haben. Er profitierte vom Immobilienboom der Nachkriegszeit und baute sich ein Milliardenimperium auf. Das Geld gab er für Kunst, Kuriositäten und historische Gegenstände aus. Darunter ein Milchzahn von Kaiserin Sisi, der Schreibtisch von John F. Kennedy und Napoleons Geschirr.
2018 verstarb der Winterthurer und hinterliess ein einziges Chaos – weil er das Gesammelte weder gepflegt noch inventarisiert hatte.
So wurde Stefanini zum Multimillionär
Bruno Stefanini, als Wirtssohn in einfachen Verhältnissen aufgewachsen, wurde mit Immobilien und Bauprojekten reich. Sein Vater verhalf ihm dank guter Kontakte zu Baugenossenschaften als 22-Jähriger zu einer ersten Liegenschaft.
Stefanini vernetzte sich schnell und profitierte vom Bauboom der Nachkriegszeit. Er baute Wohnblöcke über die Zürcher Kantonsgrenze hinaus und kaufte Altstadthäuser in Winterthur. Mieterinnen und Mieter beklagten wiederholt den schlechten Zustand der Liegenschaften – gleichzeitig wurde Stefanini gelobt, er biete bezahlbaren Wohnraum.
Heute kümmert sich die 1980 von Stefanini gegründete Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte (SKKG) um das Erbe. Rund 89'000 Objekte sind bereits in einer digitalen Datenbank erfasst, 25’000 bis 30’000 Objekte stehen laut Schätzung der SKKG noch aus. Die Sammlung wird an mehreren Standorten gelagert, ein Teil befindet sich unter dem Winterthurer Sulzer-Hochhaus.
In dem Lager sieht es aus wie in einem grossangelegten Logistikzentrum. Die Objekte sind über drei Untergeschosse verteilt; gelagert in langen Regalen, Mappen oder grauen Plastikboxen. An vielen Ecken brummen Umluftfilter, sie sollen Schadstoffe aus der Luft entfernen. Bei der Reinigung habe man mit Asbest und Schimmel gekämpft, sagt SKKG-Sammlungsleiter Severin Rüegg.
Es war wahrscheinlich nicht nur eine der grössten privaten kulturhistorischen Sammlungen, sondern auch eine der grössten Bananenkisten-Sammlungen der Schweiz.
Der Aufwand für die Reinigung und Inventarisierung sei enorm gewesen, kumuliert rund 40 Jahre Arbeitszeit, sagt Rüegg. Denn Stefanini sei im Umgang mit den Sammlungsobjekten «unerschrocken» gewesen: «Wir haben sehr viel in Bananenkisten gefunden. Es war wahrscheinlich nicht nur eine der grössten privaten kulturhistorischen Sammlungen, sondern auch eine der grössten Bananenkisten-Sammlungen der Schweiz.»
Von der liebevollen Sammlungspflege zum Chaos
Bereits als Kind war Bruno Stefanini ein Schnäppchenjäger und Sammler. Das zeigen Tagebucheinträge, die in der «Zeitblende» erstmals veröffentlicht wurden.
Der junge Stefanini schien seine Sammlung liebevoll zu pflegen. 1937 schrieb er in sein Tagebuch, mehrere Tage damit verbracht zu haben, Kartons dunkel zu färben. So würden die Münzen deutlicher herausstechen, schrieb Stefanini: «Sie verdienen es aber auch, denn ich habe sehr schöne darunter.»
44 Jahre später haderte der inzwischen schwerreiche Bruno Stefanini mit dem Chaos in seiner Sammlung. 1981, kurz nach seinem 57. Geburtstag, schrieb er in sein Tagebuch: «Ich habe Angst, dass eventuell alles verrottet oder mindestens leidet, da nicht konstant 18 Grad & 55 Prozent Luftfeuchtigkeit!» Es wäre eine Todsünde gegenüber der Schweizer Kultur, so Stefanini.
Ein grosses Museum als Vision
Der Sammler skizzierte also die Vision eines zugänglichen Museums für die Schweizer Öffentlichkeit. Er versuchte es wieder und wieder, in grossen Dimensionen und mit ebenso grosser Investitionsbereitschaft: darunter auf Schloss Brestenberg im Kanton Aargau oder in Winterthur.
Die Visionen scheiterten. Stefanini fühlte sich von Behörden und Einsprachen ausgebremst, Beteiligte bezeichneten ihn wiederum als unkooperativ. In der Folge zeigte der Sammler seine Kunstwerke und Objekte nur selten öffentlich und beschränkte seine Vision auf ein kleines Museum im Schloss Grandson am Genfersee.
Aller Anfang ist leicht
In den Tagebüchern bilanzierte Bruno Stefanini sein Leben mit strengem Buchhalterblick. Auf der Positivseite führte er als 76-Jähriger unter anderem seine Geschäftstätigkeit und die Gründung seiner Stiftung an. Doch ein Negativteil bestehe auch, fügte er an: zuallererst Pendenzen, dann Unordnung. Und: «ausser Grandson kein Museum».
Bruno Stefanini ging hart mit sich ins Gericht, reflektierte im Tagebuch sein Scheitern. Während es oft heisse, aller Anfang sei schwer, gelte für sein Naturell das Gegenteil, schrieb er: Anfangs gehe es gut, doch danach werde es härter.
Bruno Stefanini und Christoph Blocher
Ein langjähriger Bekannter Stefaninis war der Alt Bundesrat und Kunstsammler Christoph Blocher. Es sei zwar nicht zu einer Freundschaft gekommen, aber sie hätten sich jeweils vor Auktionen ausgetauscht, sagt Blocher.
Stefanini war ganz beseelt davon, etwas zu haben. Aber es war eigentlich mehr oder weniger unzusammenhängend.
Die beiden Sammler wollten so verhindern, dass sie gegenseitig die Preise in die Höhe treiben. Seine Politik sei in den Gesprächen mit Stefanini kaum Thema gewesen, sagt Blocher – aber das Weltgeschehen, und natürlich die Kunst.
Trotz des persönlichen Austauschs liess Stefaninis Sammelleidenschaft Christoph Blocher oft ratlos zurück. Es habe sich dabei nicht um eine Sache der Vernunft gehandelt, sagt Blocher: «Stefanini war ganz beseelt davon, etwas zu haben. Aber es war eigentlich mehr oder weniger unzusammenhängend.»
Augenwasser in Herrliberg
Kunstwerke, die Stefanini und Blocher kauften, gaben sie in der Regel nicht mehr her. Untereinander machten sie eine Ausnahme, erzählt Christoph Blocher: Sie hätten einmal ein Gemälde des Malers Albert Anker getauscht. Ein anderes Bild, an dem im Vorfeld beide interessiert waren, hätten sie zusammen gekauft, so Blocher. Beide hätten die Hälfte des Preises bezahlt, Blocher habe die Lagerung übernommen.
An eine Begegnung erinnere er sich besonders, sagt Blocher. Er habe Stefanini zu sich nach Herrliberg eingeladen und ihm die Bildersammlung gezeigt. Bruno Stefanini habe Augenwasser bekommen, erzählt der Alt Bundesrat – und zwar weniger wegen der Bilder als wegen der Ordnung. Er habe humoristisch geantwortet, tröstende Worte an Stefanini gerichtet: Er sei nun mal kein Archivar, sondern ein Sammler.
Forschung soll Licht ins Dunkel bringen
In Stefaninis Sammlungslager unter dem Sulzer-Hochhaus stapeln sich Armbrüste, Uniformen, Skulpturen und Ramsch. Beim Blick darauf fragt man sich in der Tat: Was hat Bruno Stefanini eigentlich nicht gesammelt?
«Die Antwort darauf ist gar nicht so einfach», sagt SKKG-Sammlungsleiter Rüegg. «Es sind etwa 10’000 Jahre primär europäische Kulturgeschichte, darin haben wir wirklich alles von Hoch- zu Populärkultur.» Die Bandbreite sei riesig.
Wer vor Ort in Stefaninis Sammeluniversum eintaucht, hat danach mehr Fragen als Antworten. Auch die geschichtswissenschaftliche Forschung weiss wenig über Stefaninis Sammelstrategien. Die Stiftung für Kunst, Kultur und Geschichte gab kürzlich bekannt, mit einer Auftragsforschung Licht ins Dunkel bringen zu wollen.
Laut der SKKG ist eine Publikation frühestens 2025 vorgesehen. Diese dürfte also erst nachträglich zu Bruno Stefaninis 100. Geburtstag erscheinen. Vielleicht ist das auch ganz im Sinne des Stifters: Hätte er selbst über das Geld verfügt, hätte er wohl ein weiteres Sammlungsobjekt dem langen Text vorgezogen.
Hinweis zu Bruno Stefaninis Tagebüchern
Die SKKG und die Zürcher Buchproduzentin Mirjam Fischer von «mille pages» kündigten an, die zwei ersten Tagebücher aus 1937 und 1938 im Laufe des Jahres in einer kommentierten Edition zu veröffentlichen.
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