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Coopzeitung: Wie um Gottes Willen verschlägt es einen Journalisten des britischen Guardian ins Périgord?
Martin Walker: Ich verliebte mich in die Region, als ich sie zum ersten Mal besuchte. Gute Freunde von uns, französische Journalisten, zügelten ins Périgord. Als ich in Moskau lebte, besuchten wir sie ab und zu, und es war immer sehr schön. Im April 1999 war ich im Weissen Haus und kurz davor, zu Präsident Clinton geführt zu werden, als meine Frau Julia anrief und sagte: «Egal, was du gerade machst, lass alles stehen und liegen und komm nach Frankreich. Ich habe für uns ein Haus gefunden.»
Und? Haben Sie Clinton einen Korb gegeben?
Ich habe das Treffen mit Clinton natürlich nicht abgesagt. Ein paar Tage später traf ich Julia in Paris, wir fuhren zusammen ins Périgord und schauten uns das Haus an. Es war Liebe auf den ersten Blick. Es ist ein Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert. Wir haben seither viel Renovationsarbeit reingesteckt. Die ehemalige Tabakscheune ist jetzt bewohnbar und im Taubenturm habe ich mein Schreibatelier eingerichtet. Wir halten Hühner: Der Gockel heisst Sarkozy, die vier Hennen heissen Angela Merkel, Carla Bruni, Hillary Clinton und Margaret Thatcher. Bruni ist die schönste, aber Merkel gibt am meisten Eier.
Was haben Sie am Périgord so gern, dass Sie geblieben sind?
Das Essen, das Klima, den Wein, den Geruch nach Geschichte, den Lebensstil … und ich fühlte mich von Anfang an zu Hause. Ich bin fasziniert von den Höhlen und der prähistorischen Welt. Ich lebe im Tal der Vézère, wo sich die Höhlen von Lascaux mit ihren berühmten, prähistorischen Gemälden befinden. Man pflegt ja zu sagen, die Summe allen Glücks sei es, zu leben wie Gott in Frankreich. Aber wenn Gott sich eine Auszeit nehmen und sich eine schöne
Pause gönnen will, dann kommt er bestimmt ins Périgord.
Ihr Protagonist ist der Dorfpolizist Bruno Courrèges, der verwurzelt ist in seinem Dorf Saint-Denis. Wie sind Sie auf Bruno gekommen?
Bruno hat, wie die meisten Figuren in meinen Romanen, ein reales Vorbild: Einer der ersten Freunde, die ich im Périgord gewann, war der Dorfpolizist Pierrot. Er ist ein enger Freund, Tennispartner und Jagdgefährte. Pierrot war die Inspiration für die Geschichten und für Bruno – obwohl der richtige Pierrot älter, dicker und verheirateter ist als Bruno in den Romanen.
Wenn man Saint-Denis sucht, findet man – nichts.
Saint-Denis ist erfunden. Es ist eine Mischung aus mehreren Orten im Périgord noir, es hat etwas von Le Buisson, von Le Bugue, von Les Éziers. Eine Kirche von da, eine Mairie von dort … Zusammen ergibt es ein stimmiges Bild des Périgord. Ich habe jahrelang als Journalist gearbeitet, vieles von dem, was ich schreibe, ist Reportage. Mittlerweile kommen ganz schön viele Touristen ins Périgord, die nach Bruno fragen. In jedem Dorf sagen die Dorfpolizisten, dass sie Bruno seien. Sie unterschreiben das Buch, die Touristen freuen sich und alle sind glücklich. Das Office de Tourisme des Périgord hat mich sogar zum Botschafter für die Region ernannt. Leider gibt mir das keine diplomatische Immunität für Parkbussen, ich habe mich erkundigt.
Sie leben auch in Washington. Was machen Sie dort?
Ich leite das Global Business Policy Council, einen Thinktank zu Themen der Weltwirtschaft. Ich reise rund um die Welt, halte Vorträge und betreibe Forschung. Letztes Jahr habe ich so fast 300 000 Kilometer absolviert. Romane zu schreiben, ist eine wunderbare Abwechslung.
Und das Périgord ist eine Art Flucht vor der bösen Welt?
Ich würde nicht sagen, vor dem Bösen der Welt, aber vom Geschmack der weiten Welt. Es ist ein Heim, ich bin bloss Martin, der Schotte, die Leute sind sehr
freundlich, sie gelten als die freundlichsten in Frankreich. Ich bin einfach ein «ordinary guy», wenn ich mit meinen Freunden ein Glas Wein trinke.
Wie kommen Sie auf die Geschichten, die Sie erzählen?
Eigentlich sind es drei Quellen: Das Thema, was passiert, wenn Probleme der globalisierten Wirtschaft auf ein Dorf treffen, entstammt meiner Arbeit. Wie es in dem Dorf aussieht, das erfahre ich hier, im Périgord, auch aus vielen Gesprächen mit meinen Freunden. Eine dritte Inspirationsquelle ist meine Faszination für französische Geschichte.
Ist es einfacher für Sie, als Schotte über das Périgord mit einer gewissen Distanz zu schreiben?
Ich denke schon, ja. Ich habe eine andere Perspektive und ich liebe den Platz. Ich habe nicht das ganze Gepäck, das man hat, wenn man da aufgewachsen ist. Ich habe keine Verwandten oder Freunde aus der Schulzeit, ich habe also eine gewisse Freiheit, über die Dinge zu schreiben.
Bruno ist Gourmet und Hobbykoch. Sie auch?
Ich arbeite jetzt sogar an einem Bruno-Kochbuch. Mein Enthusiasmus für die französische Küche ist allerdings grösser als meine Qualität als Koch. Aber ich habe alle Rezepte in meinen Romanen ausprobiert. Die meisten habe ich von Pierrot, dem richtigen Polizisten, und anderen Freunden im Périgord.
Bloss die den Frauen zugeneigte Seite von Bruno, die teilen Sie nicht?
Ich bin seit 33 Jahren mit derselben Frau verheiratet, wir haben zwei Töchter: Kate ist Sportjournalistin und Fanny ist Dichterin.
Wie steht es mit der Liebe von Bruno zu Rugby?
Ich helfe Pierrot manchmal im Rugby-Training – er trainiert die Kindermannschaft. Rugby habe ich schon an der Schule und der Uni gemacht. Im Périgord ist Rugby wichtiger als Fussball.
Bis jetzt sind drei Bruno-Krimis auf Deutsch erschienen – wann folgt der nächste?
Auf Deutsch erscheint der vierte Bruno-Krimi «Delikatessen» im Mai. Nummer fünf erscheint in diesem Jahr auf Englisch und 2013 auf Deutsch – und ich arbeite im Moment an Nummer sechs.