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Auf den ersten Blick macht Alberto Giacomettis Gipsskulptur aus dem Jahr 1931 durchaus einen heiteren Eindruck. Man könnte meinen, ein Drahtmännchen spiele Alphorn. Blickt man jedoch etwas genauer hin, macht sich Unbehagen breit. Das Alphorn scheint eher ein bedrohlicher Dorn, und der Kopf des Drahtmännchens mit den sechs Armen ähnelt einem Auge, das der Spitze des Dorns ausgeliefert ist. Beide, Dorn und Männchen, sind auf einer Gipsplatte montiert. «Pointe à l’oeil» hat Giacometti sein Werk genannt.
Zweieinhalb Versionen
«Pointe à l’oeil» existiert heute in zwei Versionen. Eine ist aus Gips; sie ist im Kunsthaus Zürich ausgestellt und mit «Plâtre» original signiert. Eine weitere ist in Holz ausgeführt und befindet sich in Paris im Centre Pompidou. Die ebenfalls in Paris beheimatete Fondation Alberto et Annette Giacometti besitzt aber noch eine halbe Version: ein einzelnes Gipselement, den langen Dorn. «Die Stiftung wollte diesen nun gerne im Zusammenhang zeigen. Eine Leihgabe der gesamten Zürcher Version kam jedoch nicht infrage, dafür ist sie einfach zu fragil», sagt Philippe Büttner, Sammlungskonservator am Kunsthaus Zürich. Die Rechteinhaber stimmten der Herstellung einer dokumentarischen Kopie unter zwei Bedingungen zu: Bei jeder Ausstellung muss sie klar als solche gekennzeichnet sein.
Die zweite Bedingung beschreibt Kerstin Mürer, Restauratorin am Kunsthaus Zürich, folgendermassen: «Herkömmliche Abformverfahren wie zum Beispiel mit Silikon können auf der Oberfläche ölige Rückstände hinterlassen. Ausserdem ist die mechanische Beanspruchung beim Entfernen der Negativform recht gross, was für ein Gipsobjekt ein erhebliches Risiko darstellt. Aus diesem Grund kam für uns zur Reproduktion nur ein berührungsfreies Verfahren infrage.» Wie aber lässt sich ein Abguss herstellen, ohne das Werk zu berühren?
Eine Leihgabe der gesamten Zürcher Version kam nicht infrage, dafür ist sie einfach zu fragil.
Kunst scannen
Philipp Schütz, Ralf Legrand und das Team des Instituts für Maschinen- und Energietechnik hatten die zündende Idee, eine Kopie mit einem 3D-Scanner zu erstellen. Normalerweise setzt das Team diesen Scanner für Projekte mit der Industrie ein, zum Beispiel um technische Objekte wie Spritzgussteile oder Zahnräder zu erfassen. «Ist ein Objekt grösser als der Leistungsbereich des Scanners, so werden mehrere Scans gemacht und anschliessend zu einem vollständigen Bild zusammengesetzt», erklärt Philipp Schütz.
Das Team scannte also die Daten ein, beriet das Kunsthaus bei der Auswahl des Druckverfahrens und bereitete die Daten für den Druck vor. Dabei konnte es auf langjährige Erfahrung zurückgreifen, die nun dem Projekt zugutekam. «Ein Zahnrad hat klare Konturen, hier ist das Zusammensetzen der überlappenden Scans für uns mittlerweile kein Problem mehr», sagt Philipp Schütz. Die Oberfläche von Giacomettis Gipsplatte hingegen ist nur wenig strukturiert. Die Herausforderung, die sich daraus ergab, sieht derjenigen eines Puzzles mit Landschaftsbild ähnlich: Die Teile mit den Bergen fügt man einfacher zusammen als die monotone Fläche des Himmels. Und so erforderte dieses komplexe dreidimensionale Puzzle das ganze Können und die ganze Erfahrung des Teams – Kunst kopieren ist und bleibt: Handwerk.
Autorin: Senta van de Weetering
Bild: Succession Alberto Giacometti / 2017, ProLitteris
Kein Ersatz für das Original
Das Kunsthaus Zürich gab zu Dokumentationszwecken eine Kopie von zwei Teilen der Gipsskulptur «Pointe à l’oeil» von Alberto Giacometti in Auftrag. Die Grundlage dazu lieferte ein vom Departement Technik & Architektur erstellter 3D-Scan.
Wie gut ist diese Kopie als Kopie erkennbar?
Tobias Haupt, Restaurator: Zunächst einmal einfach dadurch, dass sie in Ausstellungen wie zum Beispiel in der grossen Retrospektive der Londoner Tate im Sommer 2017 als dokumentarische Kopie gekennzeichnet sein muss. Wir haben den hochaufgelösten 3DPrint aus Kunstharz erstellt, diesen dann noch einmal mit Silikon abgeformt und in Gips giessen lassen. Das Endresultat war somit zwar aus dem gleichen Material wie das Original, wies aber bei Streiflicht und genauem Hinsehen noch feinste Linien durch das Printverfahren auf. Wir betrachten diese nicht als Mangel, gerade weil so auch für den Laien die Reproduktion vom Original unterscheidbar bleibt.
Würden Sie diese Technik wieder anwenden?
Tobias Haupt: Grundsätzlich hat sie sich sehr bewährt. Heute ist es jedoch noch nicht möglich, grössere Objekte in der für uns perfekten Auflösung in einem Stück zu drucken. Zusätzlich sind auch die Kosten ein erheblicher Faktor. Bei grösseren Objekten und maximaler Druckauflösung können sie schnell ins Unermessliche steigen.
Die Scan-Daten existieren ja nun, im Prinzip könnte man sie wiederverwenden.Was ist damit geschehen?
Philippe Büttner, Sammlungskonservator: Die Scan-Dateien sind Eigentum der Alberto Giacometti-Stiftung und im Kunsthaus Zürich archiviert. Eine weitere Verwendung ist nicht vorgesehen.
Wäre es für Sie denkbar, auch andere Kunstwerke für eine Ausstellung kopieren zu lassen?
Hanspeter Marty, Chefrestaurator: Solange für den Besucher klar ersichtlich ist, worum es sich handelt, kann das Ausstellen einer Reproduktion eine Option sein, wenn zum Beispiel ein Original nicht reisen kann oder aus anderen Gründen nicht verfügbar ist. Es sollte aber immer die Ausnahme bleiben, da der museale Kunstbetrieb letztendlich vom Reiz authentischer Originale lebt.
Interview: Senta van de Weetering