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Wieder einmal hatte ich Gelegenheit, das Verhalten der
Kolkraben zu verfolgen. Ich war im Eggwald beschäftigt und konnte die Arbeit
mit der Beobachtung der interessanten Vögel verbinden. Ich hörte schon längere
Zeit das Gekrächze von Jungvögeln aus einem Tannenwipfel.
Das Zu- und Wegfliegen von Krähen verriet mir, dass sich in
den höchsten Etagen einer Ecktanne eine Brut dieser Vögel befinden müsse. In
der Folge kam täglich ein Paar der mächtigen Kolkraben, um etwaige Beute zu
erspähen. Diese Schläulinge plünderten das ausgemacht Nest nicht sofort, nein,
sie liessen die Kräheneltern die Nestlinge gut füttern, damit sie diese erst
später, kurz vor dem Flüggewerden als währschaften Brocken erbeuten könnten.
Die Rabenkrähen sind jedoch auch tapfere, kampferprobte Vögel.
Nun spielte sich Folgendes ab: Die Nestlinge wagten sich bereits auf die Äste hinaus, um ihren noch nicht ganz ausgewachsenen Flügel zu bewegen, dies auch mit lärmendem Gehabe. Dies war nun der Moment für die Kolkraben. Eines Morgens kamen sie zu Dritt. Die Krähen hielten an jeder Ecke des Waldes Wache, und plötzlich gaben sie höchste Alarmstufe, denn die Ausbeuter flogen heran. Sie setzten sich auf benachbarte Tanne, und eine Zeitlang blieb alles ruhig.
Nun machte einer der Räuber einen Versuch, an das Nest zu gelangen. Aber die Krähen waren sofort zur Stelle, also gab’s nochmals Ruhe. Doch dann kam der Generalangriff! Die Krähen hatten durch Laute Verstärkung aufgeboten. Nur wurde der Angriff zu zweit versucht, dieser wurde aber durch drei Krähenpaare erneut abgewiesen. Die viel mächtigeren Vögel wurden in den freien Luftraum vertrieben, aber das wollten die Räuber ja gerade.
Jetzt herrschte eine Zeitlang ein ordentliches Durcheinander. Es war ein wahrer Genuss, diesen Vorgang zu verfolgen, wegen der Flugkünste beider Parteien. Aber die Krähen hatten wahrscheinlich den dritten Räuber vergessen, denn während sich die Balgerei in der Luft immer mehr entfernte, war es für ihn ein Leichtes, eine der Jungkrähen zu packen und mit mächtigen Flügelschlägen Richtung Hirschberg abzuhauen.
Das zweite Jungtier wollte fliehen, aber seine noch unreifen
Flügel trugen es noch nicht recht. So segelte es in rasantem Tempo den Abhang
hinunter, wollte auf dem Zaun aufsetzen, da hörte das angstvolle Krächzen
abrupt auf. Als ich mittags heimging, konnte ich den zerschmetterten Körper
neben dem Zaun entdecken. Wenigstens war es ein gnädiges, schnelles Ende!
August 1989