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«20 Minuten»: Herr Cosandey, der Nationalrat will das Rentenalter für Frauen auf 65 Jahre erhöhen. Welchen Nutzen hat das?
Jérôme Cosandey: Diese Massnahme ist ein Hebel mit Doppelwirkung, um die AHV zu sichern. Wer ein Jahr länger AHV-Beiträge einzahlt, bezieht ein Jahr weniger lang Rente. Das ist eine vernünftige und gerechte Anpassung an die demografische Entwicklung.
Ist es gerecht, Frauen zu längerem Arbeiten zu verdonnern?
Es ist nur gerecht, wenn Frauen länger arbeiten. Schliesslich leben sie im Schnitt drei Jahre länger als die Männer. Man könnte die Frage auch umgekehrt stellen: Ist es gerecht, dass die Frauen heute früher in Pension gehen, obwohl sie länger leben?
Sollten Frauen denn nicht sogar länger als Männer arbeiten, wenn sie doch auch älter werden?
Nein, das ginge zu weit. Ich bin der Meinung, dass Männer und Frauen gleich lang arbeiten sollten. Dann sind beide gleichgestellt.
Die Gegner der Alterserhöhung argumentieren, dass die Löhne der Frauen im Schnitt tiefer sind.
Oft liegt es daran, dass Frauen aufgrund von Karriereunterbrüchen wie der Babypause weniger Lohn erhalten. Das sind strukturelle Unterschiede, die es an der Wurzel zu packen gilt. Diese beiden Themen müssen politisch getrennt gelöst werden.
Gegner im Parlament kritisieren, dass die Vorlage in einer Volksabstimmung kaum Chancen hätte: Durch die Familien- und Erwerbsarbeit würden Frauen ihr Leben lang doppelte Arbeit leisten.
Solche Argumente sind heute nicht mehr salonfähig. Würde man das Rentenalter deswegen bei 64 belassen, wären die Frauen die Ersten, die protestieren würden. Sie würden sich in ihrer Rolle als Hausfrau zementiert fühlen.
Müssen wir mit einer höheren Arbeitslosigkeit rechnen, wenn Frauen länger arbeiten?
In der Schweiz würden wir nicht das erste Mal das Rentenalter der Frauen anheben. 2001 wurde es von 62 auf 63 erhöht, 2005 von 63 auf 64. Es hat sich gezeigt, dass die Wirtschaft diese Sprünge automatisch mitmacht. Arbeiten die Menschen länger, gibt es auch mehr Jobs.
Woher sollen Jobs kommen, wenn Stellen länger besetzt werden?
Arbeiten die Leute länger, kurbelt es die Wirtschaft an. Die Angestellte brauchen zum Beispiel einen Arbeitsplatz, Geräte oder Restaurants. Und sie haben mehr Geld zum Konsumieren zur Verfügung. All diese Bedürfnisse schaffen neue Jobs. Übrigens zeigt sich auch, dass die massive Zunahme an Arbeitnehmerinnen die Arbeitslosigkeit nicht angekurbelt hat. Und: Wir erhöhen das Rentenalter nicht auf einen Schlag um ein Jahr, sondern in vier Schritten. So kann die Wirtschaft problemlos mitziehen.
Ab wann könnte das neue Rentenalter eingeführt werden?
Die Idee ist, das Rentenalter innerhalb von vier Jahren zu erhöhen. Die erste Tranche beginnt 2018 mit einer um drei Monate verlängerten Erwerbszeit. Wer heute 62-jährig ist, wird also nur drei Monate länger arbeiten müssen.
Der Nationalrat hat auch beschlossen, das Rentenalter auf 67 Jahre zu erhöhen, greifen alle anderen Massnahmen nicht. Wäre das das Allheilmittel?
Das ist ein absolut vernünftiger Notfallknopf, um zu verhindern, dass die Finanzierung der AHV pleitegeht. Es ist nicht das Ziel, die Menschen zu längerem Arbeiten zu verdonnern. Dieser Interventionsmechanismus würde frühestens 2030 umgesetzt. Auch stellt sich die Frage, ob es dann überhaupt so weit kommt. Wie die Konjunktur dann aussieht, weiss noch niemand.
Gibt es noch andere Massnahmen, um die Renten zu sichern?
Die AHV-Leistungen lassen sich nur sicherstellen, wenn die Arbeitnehmer mehr einzahlen oder weniger Leistungen in Anspruch nehmen. Die AHV 2020 setzt stark auf die Zusatzfinanzierung durch die Mehrwertsteuer. Auch diskutiert wird, dass kinderlose Witwen allenfalls keine Witwenrente mehr erhalten.
Dieses Interview ist am 29. September 2016 in «20 Minuten» erschienen. Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.