Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03130.jsonl.gz/52

Henri Rousseau (1844-1910) hat mit seiner Malerei Grenzen überwunden und neues Terrain betreten.
Der Zollbeamte Rousseau hatte keine Kunstschule besucht und malte zunächst nur in seiner Freizeit Bilder, die
ausserhalb der akademischen Tradition lagen. Lange als naiver Maler verkannt, schaffte er den Durchbruch in
den Pariser Salons erst spät. Es waren Dichter wie Apollinaire und Künstler wie Picasso, Léger, Delaunay und
Kandinsky, die als Erste seine herausragende Bedeutung erkannten. Hundert Jahre nach seinem Tod widmet die
Fondation Beyeler diesem Pionier der Klassischen Moderne eine Ausstellung mit rund 40 seiner Meisterwerke aus
renommierten Museen und Privatsammlungen Europas und Amerikas. Zu entdecken sind Rousseaus aussergewöhnliche
Portraits und seine poetischen Bilder von französischen Städten und Landschaften, in denen er im Alltäglichen
den Übergang zum Geheimnisvollen sichtbar macht. Höhepunkt der Ausstellung ist eine bedeutende Gruppe von
Rousseaus berühmten Dschungelbildern. Nie hat er einen Urwald gesehen, umso phantasievoller und farbenprächtiger
erschuf er sich den Dschungel und seine exotischen Bewohner in seiner Malerei. Mit seinen wunderbaren, oft
traumartigen Bildkompositionen steht Rousseau für die Wiederentdeckung der Phantasie am Anfang der Moderne.
Es gelang ihm so, der Kunst neue Welten zu eröffnen, welche etwa die Kubisten und die Surrealisten beeinflussten
und bis heute kleine und grosse Kunstliebhaber begeistern.
Die Ausstellung wurde von Philippe Büttner in Zusammenarbeit mit Christopher Green kuratiert. Das Musée d'Orsay
und das Musée de l'Orangerie in Paris haben das Projekt besonders gefördert.
Henri Rousseau wird am 21. Mai in Laval (FR) geboren.
1868
Zieht nach Paris, wo er als Schreiber bei einem Gerichtsvollzieher arbeitet.
1869
Heirat mit Clémence Boitard (gest. 1888).
1871
Er nimmt eine Stelle bei der städtischen Zollbehörde von Paris an. Womöglich erste Malversuche.
1884
Erhält die Genehmigung, im Louvre und anderen Pariser Museen zu Studienzwecken kopieren zu dürfen.
1885
Rousseau stellt im Salon des Refusés erstmals zwei Bilder aus. Er wohnt im Quartier Montparnasse, das
er auch während seiner folgenden Atelierwechsel nicht mehr verlassen wird.
1886
Teilnahme am juryfreien Salon der 1884 gegründeten Société des Artistes Indépendants, wo er (mit
Ausnahme von 1899 und 1900) jedes Jahr ausstellt.
1889
Besuch der Weltausstellung in Paris, die ihn sehr beeindruckt und zu einem Vaudeville in 3 Akten
inspiriert mit dem Titel Une visite à l’exposition de 1889.
1893
Im Dezember geht er mit einer kleinen Rente vorzeitig in den Ruhestand, um sich fortan ganz der
Malerei zu widmen. Begegnung mit dem Dichter Alfred Jarry.
1899
Heirat mit Joséphine Noury (gest. 1903).
1901
Grosse finanzielle Probleme. Rousseaus Frau eröffnet einen Schreibwarenladen und bietet auch Gemälde
ihres Mannes zum Verkauf an.
1905
Im Salon d’Automne zeigt Rousseau das Dschungelbild Le lion, ayant faim (Saal 9). Es ist sein erstes
Gemälde, das eine Jury passiert.
1906
Lernt den jungen Maler Robert Delaunay kennen, der zu einem seiner engsten Malerfreunde und grössten
Bewunderer wird.
Zweite Teilnahme am Salon d’Automne mit dem Werk Joyeux farceurs (Saal 9). Bekanntschaft mit dem Dichter
Guillaume Apollinaire.
1907
Im Salon d’Automne stellt er das wichtige Dschungelbild La charmeuse de serpents (Saal 9) aus, das
von Delaunays Mutter erworben wird.
Rousseau lässt sich in einen Bankbetrug hineinziehen, wofür er kurze Zeit im Gefängnis sitzt und 1909 zu
einer Geldstrafe und zu zwei Jahren Gefängnis auf Bewährung verurteilt wird.
1908
Pablo Picasso kauft bei einem Trödler auf dem Montmartre Rousseaus Portrait de femme (Saal 5) und
veranstaltet in seinem Atelier das legendäre »Banquet Rousseau« zu Ehren des Malers. Unter den Gästen
befinden sich unter anderen Georges Braque, Fernande Olivier, Marie Laurencin, Guillaume Apollinaire, Max
Jacob, Gertrude und Leo Stein.
Rousseau gibt Musik- und Zeichenunterricht und organisiert sogenannte »Soirées familiales et artistiques«,
wo neben Leuten aus dem Quartier auch die jungen Künstler der Avantgarde wie Picasso, Braque, Delaunay oder
Brancusi anzutreffen sind.
1909
Verkauft Bilder an seinen späteren Biographen Wilhelm Uhde und an die Kunsthändler Ambroise Vollard
und Joseph Brummer.
1910
Im Salon des Indépendants zeigt er das monumentale Dschungelbild Le rêve (The Museum of Modern Art,
New York).
Am 2. September stirbt Rousseau an einer Blutvergiftung. Nur 7 Personen kommen zur Beerdigung, darunter
Paul Signac sowie Sonia und Robert Delaunay. Apollinaire verfasst später die Grabinschrift, die Brancusi
und Ortiz de Zarate in den Grabstein meisseln.
1911
widmet der Salon des Indépendants dem verstorbenen Künstler eine von Delaunay organisierte
Retrospektive mit über 40 Werken.
1933
organisiert die Basler Kunsthalle die erste grosse Rousseau-Retrospektive.
Rousseau präsentierte dieses Bild 1886 bei seiner ersten Teilnahme am juryfreien Salon der
Unabhängigen Künstler in Paris. Als er es malte, war der früher geschmähte Impressionismus selber salonfähig
geworden. Rousseau arbeitet ganz anders als etwa Monet. Es geht ihm nicht darum, momentane Lichtphänomene zu
schildern. Vielmehr präsentiert er eine träumerische nächtliche Szenerie. Wir sehen einen winterlichen Wald,
den Rousseau bildet, indem er einen Baum vor den anderen stellt. Vor ihm tritt untergehakt ein Karnevals-Paar
ins Mondlicht hinaus. Weit weg vom Trubel werden die beiden Zeugen des nächtlichen Zaubers der Natur – und
verkörpern ihn zugleich.
Rousseau hat wiederholt Bildnisse gemalt. Diese beiden grossen Frauenportraits gehören zu
seinen aussergewöhnlichsten Werken. Das eine Bild zeigt eine jugendlich wirkende Frau, die riesig gross vor
einer Gartenlandschaft erscheint. Sie fügt sich perfekt in die zarte, liebliche Welt der künstlich angelegten
Natur zu ihren Füssen. Ihr Kopf überragt weit einige Büsche und Bäume, die sich hinter ihr abzeichnen. Hier
wird der Garten dichter und wilder. Die hohe Figur der anmutigen Frau erscheint als poetische Mittlerin zwischen
uns und der geheimnisvollen Natur.
Ganz anders das zweite Bild, das einem berühmten Bewunderer Rousseaus gehört hat: Pablo Picasso. Auch hier
sehen wir zwei Zonen: vorne eine Art Terrasse, an deren Rand wohl gezähmt Blumen in ihren Töpfen stehen.
Hinter dem Gitter des Geländers erblicken wir hingegen eine wilde, felsige Landschaft mit einem Wasserfall.
Zwischen beiden steht eine Ehrfurcht gebietende Matrone. Mit einem abgerissenen Ast in der Hand sieht sie aus,
als halte sie nicht eben viel von der Wildnis hinter ihr. Wird sie uns vorbei lassen, wenn wir jene erreichen
wollen?
Rousseau liebt es, Szenen der Landschaft und der Vorstädte um Paris zu malen. Hier zeigt er
einen kleinen Park, der von einer schlossartigen Architektur umgeben ist. Das Gras ist perfekt gemäht,
ordentliche kleine Wege führend durch das Gelände. Und alle Spaziergänger bleiben schön auf den Wegen dieses
typisch „französischen“ Parks. Was Rousseau interessiert, ist aber zugleich etwas anderes: der Gegensatz
zwischen diesem perfekt abgemessenen Bereich zu der viel wilderen Natur, die links durch eine Öffnung in der
Mauer zu sehen ist. Der Übergang vom Geordneten zum Wilden, Unbekannten ist ein grosses Thema von Rousseaus
Kunst. Ein Stück echte Wildnis entdeckte der Maler in Frankreich!
Dieses früheste bekannte Dschungelbild Rousseaus ist ein Hauptwerk der europäischen Malerei
des späten 19. Jahrhunderts. Es kommt wie ein Paukenschlag daher. In der Zeit, in der ein Monet sich mit der
Kathedrale von Rouen beschäftigte, geht der Autodidakt Rousseau hin und malt einen unheimlichen, regnerischen
Dschungel, in dem ein gefährlicher Tiger sein Unwesen treibt. Rousseau sagte zwar, er habe solche Landschaften
selber bereist. Doch wissen wir, dass er sie nur vom Hörensagen kannte, aus Büchern, Berichten. Tiere und
Pflanzen allenfalls aus dem Zoo und Gewächshäusern. Vor allem aber war Rousseau ein grossartiger Erzähler und
Erfinder. Denn sein Dschungel entstammt im Wesentlichen seiner Phantasie. Nicht abmalen war hier die Devise,
sondern selber völlig neu gestalten. Hier wagt sich ein begnadeter Künstler in das Unbewusste des Waldes, dem
er eine völlig neue Präsenz verleiht!
La charmeuse de serpents, 1907
In diesem Epoche machenden Werk hat Rousseau seinen legendären Dschungeln eine neue Facette
abgewonnen. Denn seine früheren Dschungel waren nicht selten gefährliche Orte. Wilde Tiere lauerten dort, es gab
Kämpfe, ein poetisch verklärter Darwinismus feierte Urstände. Hier nun aber geschieht etwas völlig anderes. Die
wilde Landschaft des Urwalds steht beruhigt vor uns. Links ein glitzernder Fluss, an dessen Rand ein Schreitvogel
steht, und in der Mitte entdecken wir eine von Rousseaus märchenhaftesten Schöpfungen: Da steht hoch aufgerichtet
die „charmeuse de serpents“, die Schlangenbeschwörerin. Sie hat den Dschungel für uns gezähmt. Schlangen winden sich
friedlich um sie und lassen sich von der Musik begeistern, die die geheimnisvolle dunkle Figur auf ihrer Flöte spielt.
Der Musik gelingt es also, das Wilde zu besänftigen und es mit unserem zivilisierten Standort im Museum zu versöhnen.
Rousseau war selber ein begeisterter Musiker und hat in diesem Bild eine der Ikonen der Moderne geschaffen.
Betrachtet man diese Bilder wie in der Ausstellung nebeneinander, so fällt etwas auf: Zwar
zeigen sie beide ganz verschiedene Szenerien, zum einen eine ländliche Hochzeit, zum anderen einen Urwald mit
neugierigen Äffchen, die aus der Vegetation zu uns schauen. Zugleich aber ist Vieles ähnlich: In beiden Fällen
gruppiert man sich hübsch symmetrisch in der Mitte des pflanzlichen Dekors. Und beide Male sieht es so aus,
als würden die Protagonisten eigentlich eher zu einem Photographen schauen, dessen Kamera bald „klick“ machen
wird. Ob Frankreich, ob imaginärer Urwald – in beiden Fällen baut Rousseau sein Bild ganz ähnlich auf. Er
schichtet Form auf Form, Blatt auf Blatt und baut so seine träumerischen Bildwelten, die zugleich etwas
zauberhaft Surreales haben.
Veranstaltungen
Franz Hohler
Affen, Sonnen, Luftballone - literarische Gedankensprünge zu Henri Rousseaus Bildern
Donnerstag, 11. Februar 2010, 19 Uhr
Jungle Scenes
Konzert mit Pierre Favre, Soloperkussionist
Donnerstag, 11. März 2010, 19.30 Uhr
Private Führungen für Gruppen
Wir bieten Führungen in verschiedenen Sprachen an. Während und abends
ausserhalb der Öffnungszeiten von Montag bis Samstag.
Information und Anmeldung: Tel. +41 (0)61 645 97 20, <email-pii>
Der Ausstellungskatalog, der in einer deutschen und englischen Ausgabe bei Hatje Cantz, Ostfildern,
erscheint, enthält Essays von Philippe Büttner, Christopher Green, Franz Hohler und Daniel Kramer sowie
Werkkommentare von Philippe Büttner, Nancy Ireson, Daniel Kramer und Simone Küng. 120 Seiten, 87 Abbildungen,
davon 82 farbig, CHF 64.–.
Es ist ausdrücklich verboten, Bildmaterial dieser Ausstellungsseiten für Veröffentlichungen zu verwenden!
Henri Rousseau
Forêt tropicale avec singes,1910
Öl auf Leinwand, 129,5 x 162,5 cm
National Gallery of Art, Washington, John Hay Whitney Collection
National Gallery of Art, Washington, Courtesy of the Board of Trustees