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Kultur
75 Jahre Capitol Records
"Schneide dir nicht die Haare und kaufe dir deine Klamotten nicht dort, wo meine Leute ihre Sachen kaufen und mach mit denen nicht auf Kumpel.", meinte einst Glenn Wallich zu Barney Hoskyns, denn nach dem Abgang von ihrem Zugpferd Frank Sinatra zu seinem eigenen Reprise Label musste sich die Plattenfirma nach einem neuen Image umsehen. Mit den Wilson-Brüdern - besser bekannt als Beach Boys - war der erste Teenager-Sound und eine Art Pop-Art-Musik bei Capitol Records erschienen - 1962. "I want to hold your hand" war dann die logische Fortsetzung der Teenager-Ausrichtung, denn die britische Plattenfirma der Beatles hatte mit Capitol einen Lizenzvertrag und so kamen die Beatles - nach einer Million verkaufter Singles - 1964 endlich auch in die USA. Langsam übernahmen dann auch bei der eher konservativen Capitol die Hipster das Ruder und schließlich veröffentlichten einige der wichtigsten Künstler der vergangenen sieben Popjahrzehnte bei Capitol. Der vorliegende Prachtband des TASCHEN-Verlages erzählt die Geschichte des Labels, aber auch der Künstlerinnen und Künstler nach Jahrzehnten geordnet und in großformatigen Bildern in schwarz-weiss und Farbe und umhüllt von Gold.
Heimat vieler Musiker
Denn eine Goldene Schallplatte ziert das Cover dieser Publikation des renommierten TASCHEN-Verlages über Capitol Records. "Das Capitol-Gebäude erzählt die Geschichte eines Orts zwischen Kunst und Kommerz, Jazz und Rock'n Roll; zwischen einem goldenen Zeitalter, urbanem Verfall und Wiedergeburt", schreibt Beck, der "Looser"-Star, selbst bei Capitol unter Vertrag, in seiner Einleitung zu einem einzigartigen Werk über die Geschichte eines Plattenlabels, das nicht nur durch Format und Ausstattung, sondern auch durch seinen Inhalt glänzt. Wie ein Plattenstapel sehe der 13 Stockwerke umfassende Capitol-Turm vor der Skyline Hollywoods aus, meint Beck, und resümiert aus seinen Kindheitstagen: "Wenn ich den Capitol-Turm sehe, bin ich zu Hause.", was wohl für viele Künstlerinnen und Künstler heute zutreffen dürfte. Jimi Hendrix, Natalie Cole, A Taste of Honey, sogar die deutschen Kraftwerk sind ebenfalls Teil dieser Heimat-Geschichte.
Beatles & Co
Am 30. Januar 1969 gaben die Beatles ein "impromptu" Konzert auf dem Dach des Apple-Headquarters in der 3 Saville Row London. Im Rahmen der Aufnahmen zum Let-it-Be-Film. Es war ihr letzter öffentlicher Auftritt. "It’s cold up there", soll Ringo gejammert haben, worauf John geantwortet "Fuck it. Let’s do it". Ringo soll 1974 auf dem Dach des Capitol-Building-Turms in Hollywood eine Replica von sich aufgestellt haben, um sein Album "Goodnight vienna" zu promoten. Auch die Solokarrieren der Beatles nahm Capitol Records unter ihre Fittiche. John Lennon soll damals gesagt haben: "There’s definitely more energy in America, and I don’t think it’s the size of the country or the amount of people. It’s just that Americans have more energy. America is more my speed", steht unter einem Foto des Beatles-Masterminds von 1975, auf dem er ein "I love New York"-T-Shirt trägt.
Die Neue Hochkultur
"Pink Floyd evokes images of cold, clear, far interstellar regions, of black moving water, of the exhilarating bleakness of the moon. It is easily the most intellectual music in Rock", schrieb das Magazin Rolling Stone 1970 über die vier Psychedelic-Astronauten aus England, die mit "Dark Side of he Moon" von 1971 den Grundstein zum Progressive-Rock der Siebziger-Jahre legten. Es wurde auch in den Abbey Road Studios aufgenommen, wo auch viele andere Klassiker der Dekade entstanden. Capitol Records Chairman Bhaskar Menon wusste schon damals, dass er Anteil an etwas Geschichtsträchtigem hatte: "When I saw them play in 1972, I had the feeling that it was like watching one of the greatest Verdi operas for the first time".
Wille zum Erfolg
"We’re taking hip-hop to where it’s never been before. You can stretch hip-hop a long way before it stops being hip-hop. Its appetite and ability to swallow stuff and incorporate influences is infinite," formulierte Mike-D von den Beastie Boys das Credo für die Neunziger. Und ungefähr genau das passierte dann auch. In den Achtzigern bis zur Milleiniumswende standen u. a. folgende KünstlerInnen bei Capitol unter Vertrag: Duran Duran, George Clinton, Tina Turner, Beastie Boys, Foo Fighters, Grace Jones, Iron Maiden, W.A.S.P, Poison, Megadeth. "Our job is just to take them as a left-of-center band and bring the center to them. That’s our focus, and we won’t let up until they are the biggest band in the world", umriss Capitol President Gary Gersh 1997 die Vermarktungsstrategie von Radiohead auf dem amerikanischen Kontinent und bewies damit ziemlich viel Gespür für eine über 30-Jährigen. 2000 waren Radiohead spätestens mit ihrem Album "Kid A" auch in den USA zu Superstars avanciert. Später folgten auch Coldplay, Arcade Fire, Rod Stewart, Neil Diamond, Pete Yorn oder Katy Perry dem Ruf aus der 13. Chefetage bei Capitol.