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Neuerscheinungen: La femme en rouge (September 2018)
STADTPORTRÄT MIT FRAU
Er hatte ihr eine WhatsApp geschrieben: Ich glaube, es wäre besser für uns beide, wenn wir uns trennen würden. Danach war er verschwunden, Adresse, E-Mail und Telefonnummer aufgehoben.
Sie ist zum verlassenen Rummelplatz zurückgekehrt, in der Hoffnung, Klarheit zu gewinnen. Sie hatten es geliebt, in dieser städtischen Brache an der Mündung spazieren zu gehen, sich unter den verlotterten Schildern zu umarmen und, gegen den Arm eines im Sand halb versunkenen Riesenpolyps gelehnt, sich voneinander zu erzählen.
Nur einen Steinwurf entfernt liegt der neue glitzernde Vergnügungspark mit seiner rot lackierten Achterbahn. Wenig Leute unterwegs heute Nachmittag, Großeltern und kleine Mädchen, armselig gekleidete Spaziergänger, mit zerknitterten Trainingsanzügen, über Leggings und Plastikpantoletten wehenden geblümten Tuniken. Zweifellos Sans-Papiers, die gierig auf etwas Musik oder zumindest den Duft von Pommes- und Karamellbonbons sind. Sich im Lärm, inmitten der Leute aufzuhalten, als ob sie zur Menge gehörten, als ob sie existieren würden.
Direkt gegenüber auf der anderen Uferseite die Glasstadt, wo sie arbeitet. Ein großer verkehrsfreier, gepflasterter Platz, umrahmt von Türmen aus Glas und Metall, blau, rauchfarben, schwarz, wie ein kurioses Sammelsurium aus Totempfählen. Eine spitzbübische Wolke hat sich dorthin verirrt. Sie ist nur von diesem Ufer aus sichtbar, wenn sie den Platz überquert, schaut sie auch gar nie auf. Normalerweise geht sie über diese Pflastersteine wie alle anderen auch, die Augen innerlich auf berufliche Sorgen gerichtet: Mit dem Aktenkoffer in der Hand rennt man der Zeit hinterher. Dort drüben scheint die Luft mit Effizienz gesättigt zu sein.
Nun denkt sie an den fünfzehnten Mai dieses Jahres zurück, der Tag ihrer Begegnung vor dem Astag-Turm. Es hatte ein Vorzeichen gegeben. Der Duft eines blühenden Flieders war ihr ins Bewusstsein gedrungen, als sie mit gesenktem Kopf zum Eingang der Metro rannte. In dieser Umgebung sah der in einem Betonkasten gefangene Baum aus wie ein antikes Gewächs, das sich in dieses Jahrhundert verirrt hatte. Wenige Sekunden später stolperte sie über einen losen Pflasterstein, er fing sie auf, sie fiel ihm in die Arme. Aufbruch zur großen Überfahrt ins Reich der Illusionen.
Das Wasser, heute schmutzig-grün, umspült die hölzerne Uferpromenade, und sie sieht einen weißen Dreiviertelmond, der am helllichten Tag wie aufgehängt wirkt. Sie betrachtet die alte Achterbahn, diesen Dinosaurier aus cremefarbenem und rostrotem Metall, dieses von Möwen, Dornensträuchern und Gräsern besiedelte monströse Skelett, das als Startrampe für den Wind in den Himmel ragt. Die ausgeweideten Wagen, diese magischen Eier, die einst alle zwei Minuten vor Schreck und Freude schreiende Leute mit sich fortrissen, stapeln sich in den Brennnesseln.
Es ist vorbei mit den himmlischen Gefühlen, der wie im Flug vergehenden Zeit, den Schwindel erregenden Steigungen, vorbei mit dem Nervenkitzel; es ist aus mit Achterbahnen im Bauch und zentrifugalen Rauschgefühlen. Hinter ihrem Rücken, nutzlos, das Meer, es wird nicht gebadet. Das Meer, das seine Wellen vergebens unter die Schuhsohlen der gleichgültigen Passanten malt, und in ihm die Fische, wenn es welche gibt, die den hier erreichten Verschmutzungsgrad aushalten. Ihr Blick geht hin und her zwischen dem milchigen Mond und der Erde zu ihren Füssen, dieser blauen Kugel, die sich in einer Pore des Universums dreht, wie die rotierende Kabine eines Riesenrads. Sie hebt den Blick und erahnt den unsichtbaren Orion, ein weiteres überraschendes Fahrgeschäft, und dann erscheint ihr plötzlich der Mann, der ihr im Kopf herumschwirrt, diese unglaubliche Jahrmarktsattraktion, die Elektronenwelle, aus der seine Augen, sein Mund, sein Gehirn gemacht sind, diese Partikel, die unglaubliche Flugbahnen beschreiben und zwar anscheinend auf dem Mond genauso wie hier unten.
Ein überwältigender Lunapark in voller Aktion in seiner eigenen Materie. Zwischen jedem Elektron eine astronomische Leere. Hilfe, ihr ist schwindelig, sie lässt sich auf eine hauptsächlich aus Nichts bestehende Bank fallen. Kaum aus dem wundervollen Spiegelkabinett vertrieben, in das sie sich verirrt hat, erwartet sie das rohe Grauen der Wirklichkeit. Sie vertieft sich in ihre fast vollständige Unwissenheit über das Sein der Dinge. Davon, das Leben zu verstehen, das Wie und Warum des Lebens in diesem hektischen Jahrmarktstrubel, kann schon gar keine Rede sein. Und die „Liebe“ erst….
Zuckerwattenduft holt sie in die Wirklichkeit zurück. Sie steht auf und sagt zum Verkäufer: „Eine Zuckerwatte, bitte“, in der Befürchtung, er würde erwidern: „In Ihrem Alter?“. Die klebrigen Finger in die rosaroten Zuckerfaden getaucht, wird sie wieder zum kleinen Mädchen, das entzückt ist über die trockene Watte, die da auf seiner Zunge schmilzt.
Für heute müsste das reichen.