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69. Jahresversammlung in Sempach
3. / 4. Mai 2014
Wetter an der Jahrestagung
Nach einer eher regnerischen Woche profitierten die rund 30 Teilnehmer/-innen an der diesjährigen Jahrestagung von einer markanten Wetterbesserung. Hingen die Wolken am Samstag noch tief und grau über dem Sempachersee, zeigte sich hingegen der Sonntag von seiner sonnigen Seite. Dazu blies ein kräftiger Nordostwind.
Besuch der Vogelwarte (Arthur Pünter)
Am Samstag, 3. Mai um 13 Uhr offizieller Beginn der Jahrestagung in Sempach Stadt in der Vogelwarte. Nach der Begrüssung durch Peter Albisser gab es einen Vortrag von Dr. Felix Liechti, Programmleiter Vogelzugforschung. In einer eindrücklichen Powerpoint-Präsentation gab Dr. Liechti interessante Einblicke in die Erkenntnisse aus der Vogelflugforschung. Ursache des Vogelzugs sind die jahreszeitlichen Veränderungen des für die Brut verfügbaren Nahrungsangebots. So ziehen Vögel auch zwischen Nord- und Südamerika, Kanada und südlichem Afrika aber auch zwischen der sibirischen Taiga und Laubwäldern von Russland nach Afrika südlich der Sahara und Australien. Beim Vogelzug wird unterschieden zwischen:
- Teilzieher
- Kurzstreckenzieher
- Langstreckenzieher
Teilzieher:
Diese Vogelarten verlassen im Winter die im Norden liegenden Brutgebiete und ziehen nach Südeuropa, während ihre mitteleuropäischen Artgenossen Brutgebiet überwintern, z.B. Buchfink oder Rotkehlchen. Bei manchen Arten sind in der gleichen Population Zug- und Standvögel vorhanden.
Kurzstreckenzieher:
In Europa überwintern viele Vogelarten wie beispielsweise der Star im südlichen Mitteleuropa oder im Mittelmeerraum. Viele Kurzstreckenzieher gehören auch zu den Teilziehern. Viele Arten ziehen am Morgen wie beispielsweise die Finken, andere wie die Singdrossel vor allem nachts, oder wie die Feldlerche tags und nachts. Manche Arten ziehen erst weg, wenn sie durch Schnee dazu gezwungen werden.
Langstreckenzieher:
Die meisten Langstreckenzieher wechseln von Europa in die Tropen im südlichen Afrika. Einzele Arten Osteuropas überwintern im tropischen und subtropischen Asien, wie die Waldammer. Die meisten Insektenfresser zählen zu den Langstreckenziehern, da ihnen bei uns in Mitteleuropa nicht genügend Nahrung zur Verfügung steht. Bei den Langstreckenziehern wird zwischen den kleinen Langstreckenziehern, den Schlagfliegern, z.B. Rauchschwalbe und den grossen Segelfliegern, z.B. Weissstorch, unterschieden. Die Segelflieger nutzen auf ihrem langen Flug die thermischen Aufwinde aus. Damit können sie beim Segeln und Gleiten eine grosse Menge an Energie für den Flug sparen und brauchen nur wenig zusätzliche Nahrung auf ihrem Zug nach Süden. Die grosse Mehrheit der Vögel fliegt mit kräftigen Flügelschlägen vorwärts. Für einen kleinen Vogel erfordert die von der Thermik bewegte Luft während des Tages einen zusätzlichen Energieaufwand. Deshalb fliegt er vorzugsweise in der Nacht oder frühen Morgen- und späten Abendstunden. Damit lässt sich auch erklären, dass der Vogelzug zu 1/3 am Tag und zu 2/3 in der Nacht stattfindet. In der Nacht vom 19./20. Sept. 1994 wurden 3 Millionen Vögel gezählt.
Es ist noch nicht eindeutig erforscht, woran sich die Zugvögel orientieren. Tagsüber und abends orientieren sie sich am Stand der Sonne und eine Art Innere Uhr scheint den Vögeln angeboren. In der Nacht orientieren sie sich mit Hilfe der Sterne und dem Magnetfeld der Erde.
Seit 40 Jahren wird der Vogelzug mit Hilfe von Radar erforscht. Dabei kommt das bei der Schweizer Armee in den 60er und 70er Jahren eingesetzte Feuerleitsystem «Superfledermaus» zum Einsatz. Mit diesem Gerät lassen sich die quantitative Verteilung des Zuges wie Zugintensitäten, Höhenverteilung bis auf 7,5 km, den zeitlichen Verlauf, die räumliche Konzentration und auch den Wettereinfluss erfassen und auswerten. Im Weitern können mit dem Radar auch qualitative Eigenschaften wie das Flügelschlagmuster, die Flugrichtung, Ausweichmanöver oder den Einfluss des Windes beobachten.
Auch Wetterradars im In- und Ausland - in Europa sind gegenwärtig rund 180 Wetterradaranlagen in Betrieb - liefern Informationen über den zeitlichen Verlauf und die Höhenverteilung des Vogelzugs.
Erstaunliches aus der Welt der VögelVögel sind "Langstreckenflieger"!
- In 8.5 Tagen legte eine Pfuhlschnepfe von Alaska nach Neuseeland 11'500 km zurück.
- Blaukehlchen ziehen von Tschechien nach Indien. Distanz hin und zurück rund 14'000 km.
- Odinshühnchen brüten auf den Shetland-Inseln und überwintern vor der Küste Perus.
- Ein 21-jähriger Mauersegler legte in seinem Leben eine Distanz von 3'868'000 km zurück. Dies entspricht 5x der Strecke Erde ‐ Mond retour.
Vögel brauchen für die lange Reise Energie!
Pro Jahr überqueren ca. 2 Milliarden Zugvögel die Sahara Richtung Süden. Die dazu benötigte Energie, welche die Vögel vor ihrem Überflug als Nahrung aufnehmen, entspricht rund 34'000 t Insekten, 2'000 t Sämereien und rund 36'000 t Früchten.
Anschliessend an den Vortrag beantwortete Herr Dr. Liechti noch ein paar Fragen, bevor sich die VAKW'ler entweder im Extrabus oder in Privatwagen Richtung Campus Sursee verabschiedeten.
Vortrag zum Thema: "Ist der Sempachersee endlich saniert?" (Peter Albisser)
Sempachersee
Nach der Dislokation ins "Campus Sursee" gab es durch dipl. Natw. ETH, Robert Lovas (Amt für Umwelt und Energie des Kantons Luzern) einen weiteren Vortrag über die Sanierung des Sempachersees.
Der Sempachersee ist ein Musterbeispiel für ein Gewässer-Ökosystem, das in einer engen Beziehung zur Entwicklung der Lebensweise und dem Verhalten der Bewohner in seinem Einzugsgebiet steht. Die "Qualität" des Sees hat sich in den letzten Jahrzehnten allerdings stark verändert.
Sempachersee Luftaufnahme
Seit etwa Mitte des letzten Jahrhunderts führte die Zunahme der Bevölkerung und die Intensivierung der Landwirtschaft rund um den See sowie die damit verbundene vermehrte Einleitung von ungereinigten Siedlungsabwässern zu einem massiv höheren Nährstoff-Eintrag. Die Zufuhr von Phosphor beispielsweise hat im Zeitraum von 1954 bis 1988 von 4,4 auf 18,7 Tonnen pro Jahr zugenommen. Das bewirkte ein übermässiges Gedeihen von Algen. Nach ihrem Absterben entzogen diese bei ihrer Zersetzung im Tiefenwasser dem See viel Sauerstoff, was am 7./8. August 1984 zu einem grossen Fischsterben führte. Rund 30 Tonnen Fische starben damals durch Blaualgen-Toxine. Hauptsächlich dieses Fischsterben löste verschiedene Massnahmen aus, welche zu einer nachhaltigen Verbesserung der Qualität des Wassers im Sempachersee führen sollten.
In einem ersten Schritt wurde versucht, durch verbesserte Abwasserbehandlung, durch Einschränkung von Düngung und Nutzung von Flächen direkt am See oder durch Motivierung der Landwirte zu freiwilligen ökologischen Beiträgen gegen Entschädigung den Nährstoff-Eintrag in den Sempachersee einzudämmen. Damit alleine konnte das Problem der Überdüngung des Sempachersees jedoch nicht gelöst werden. Weitere Massnahmen waren notwendig.
Feinblasige Belüftung im Sommer
Seit 1984 wird der Sempachersee zusätzlich in einer Tiefe von etwa 80 Meter künstlich belüftet. Dabei wird Sauerstoff oder Luft mittels Schläuchen in den See gepumpt und dort über Düsen eingebracht. Von 1984 bis 1996 wurden im Sommer beträchtliche Mengen von reinem Sauerstoff in den See eingebracht (Maximum 1986: 580 Tonnen).
Grobblasige Belüftung im Winter
Im Winter wurde mit Druckluft-Eintrag die Wasserzirkulation im See unterstützt. Wenn Luft in den See eingetragen wird, wird der Sauerstoff im Wasser gelöst. Die aufsteigenden Gasblasen führen zudem zu einer Wasserdurchmischung. Ab 1997 zeigte die mit grossen Kosten verbundene Seesanierung Wirkung und der Reinsauerstoff konnte wegen der fortschreitenden Gesundung des Sees durch normale, feinblasig eingepumpte Luft ersetzt werden.
Nach heutiger Sicht müssen im Zusammenhang mit der Sanierung des Sempachersees die nachfolgend aufgeführten Massnahmenpakete weiterhin verfolgt werden:
- Halten der heutigen Überdüngung von Böden und Gewässern.
- Kontrollierter Ausstieg aus Belüftung im Sommer (bis in ein paar Jahren) und Weiterführen der Zwangszirkulation im Winter.
- Reduktion der Gewässerüberwachung als Erfolgskontrolle und Überführung in ein Gewässermonitoring.
- Verbessern des Wasserkreislaufs im ganzen Einzugsgebiet (z.B. Versickerung).
- Aufwerten der Gewässer und Ufer im Einzugsgebiet (Revitalisierungsplanung).
Nach dem Abschluss des Vortrags beantwortete Herr Lovas geduldig und mit viel Kompetenz die zahlreichen Fragen der Teilnehmenden. Das interessante Referat wurde viel herzlichem Applaus verdankt.
Geführte Besichtigung von Sursee (Arthur Pünter)
Sursee zählt Ende März 2014 9126 Einwohner auf einer Fläche von 607 ha. Seit den sechziger Jahren hat sich Sursee zu einem modernen kleinstädtischen Zentrum entwickelt. Es herrscht eine rege Bautätigkeit und in Zukunft will sich Sursee als eine attraktive Mittellandstadt profilieren.
Der Name dürfte vom Flüsschen Sure und dem See, der seit 1386 Sempachersee heisst, herrühren. Sure ‐ ahd.suhre ‐ bedeutet «saurer, auch sumpfiger Boden». Im Jahre 1256 wurde Sursee erstmals in einer Urkunde als Stadt erwähnt. In der Vergangenheit wurde Sursee von mehreren Bränden heimgesucht, zum letzten Mal 1734.
Um 10 Uhr begrüsste uns Herr Emil Scherer beim Rathaus in der Oberstadt. Diese geschichtsträchtige, eigentlich eine breite Strasse, wird gesäumt von zahlreichen historischen Gebäuden, u.a. das Beck'sche Haus, ein repräsentatives Wohnhaus im Renaissance-Stil erbaut. Die vielen Gaststätten erinnern an die Zeit, als Sursee ein wichtiger Etappenort an der Gotthardroute war.
Noch bis 1969 rollte der gesamte Transitverkehr durch die Altstadt von Sursee.
Der Rundgang führte in die Unterstadt, wo früher das Gewerbe, wie Gerbereien, Färbereien und Metzgereien angesiedelt waren. An der Suhre, die seit 700 Jahren durch die Altstadt fliesst, wurden einst fünf Mühlen betrieben.
Weiter führt uns Herr Scherer zum Hexenturm oder Diebenturm, 1681 als Gefängnis- und Pulverturm erbaut. Angebaut ist das obere Waschhaus aus dem 18./19. Jahrhundert, welches bis Mitte des 20. Jahrhunderts in Betrieb war. Via Unterer Graben zum Untertor und Schützenhaus. Das Untertor, auch Baslertor genannt, wurde 1674 an der Stelle eines mittelalterlichen Stadttores erbaut. Das Schützenhaus wurde 1676 bis 1679 neu erbaut. Im Obergeschoss befindet die Gesellschaftsstube der Schützen mit einer schönen Wappendecke.
Nächster Halt beim Martigny-Platz mit dem dominanten Stadthof vom Tessiner Architekten Luigi Snozzi. Einst als Gebäude für die Stadtverwaltung geplant, dient es heute als Geschäftssitz verschiedener Firmen, u.a. auch als Poststelle und als Wohnhaus. Ebenfalls am Platz befindet sich die kleine Kreuzkapelle. Diese wurde 1604 erbaut und ist die Kapelle der Zunft und Bruderschaft der Metzger, Gerber und Schuhmacher. Über den Hinteren Graben, vorbei am Sankturbanhof, der bei der Restaurierung 2005 - 07 auf die Bedürfnisse eines Museumsbetriebs ausgerichtet worden war, erreichten wir das Kapuzinerkloster, erbaut 1606 - 1608. 1998 wurde das Kloster aufgehoben und von der katholischen Kirchgemeinde erworben. Eindrücklich war der Besuch des Murihofs. Das hohe Gebäude war vermutlich die Stadtburg der Grafen von Kyburg. Der Murihof wurde vom 16. bis zum 18. Jahrhundert baulich verändert und 1785 - 87 durch einen spätbarocken Festsaal mit grossem Deckengemälde von Josef Anton Messmer bereichert. Die interessante Führung fand ihren Abschluss erst um 12.30 Uhr im Bürgersaal des Rathauses. Das spätmittelalterliche Markt- und Rathaus wurde 1539 - 46 erbaut und kunstvoll ausgestattet. Im Erdgeschoss befindet sich im Eingangsbereich die Ankenwaage mit mächtigen Säulen aus Eichenholz. Auch die Tuchlaube, wo früher Marktfahrer ihre Geschäfte tätigten und die Sust sind sehenswerte Räume, deren Bezeichnungen Hinweise auf die vielfältige Nutzung des Rathauses geben. Auffallend und reizvoll sind neben den malerischen Treppengiebeln die beiden ungleichen Türme, wobei der achteckige Treppenturm «Schneggenturm» mit einem barocken Helm versehen ist.Quellen:
Vortrag Dr. Felix Liechti (Schweizerische Vogelwarte Sempach)
Vortrag dipl. Natw. ETH Robert Lovas (Amt für Umwelt und Energie des Kantons Luzern)
Broschüre der Stadt Sursee