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| Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius

An Olympias
Zweiter Brief.
13. Fortsetzung der Erklärung von I. Thess. 2, 17 ff. — Schluß.
Damit man aber erkenne, wie sehr er vor Verlangen nach dem Wiedersehen entbrennt, begnügt er sich nicht zu sagen: „Ich habe mir um so mehr angelegen sein lassen,“ sondern fügt hinzu: Mit großer Sehnsucht. Dann will er noch verhüten, daß man ihn in dieser Beziehung mit den Übrigen auf gleiche Linie setze; er zeigt, daß seine Liebe stärker ist, indem er nach den Worten: „ich habe mir große Mühe gegeben und wünschte sehr zu euch zu kommen,“ sich gleichsam von den Andern trennt, sich allein stellt und hinzufügt: „Ich, Paulus, einmal und noch einmal;“ also deutet er an, daß er sich größere Mühe gab als die Andern. Weil er aber nicht zu der Reise hatte kommen können, begnügt er sich nicht mit einem Brief, sondern sendet zugleich den Besten seiner Gefährten, den Timotheus, der ihm die Stelle eines Briefes vertreten sollte. Daher setzt er auch hinzu: „Denn weil ich es nicht mehr aushalten konnte“ — welch’ edle Art des Ausdrucks auch hier! welch’ bedeutungsvolles Wort, um die unwiderstehliche und unbezwingbare Liebe zu bezeichnen! Wie Jemand mitten im Feuer, von den Flammen versengt, Alles aufbietet, um Linderung des Brandes zu finden, so suchte auch er, als ob ihn ein Feuer brannte und ersticken wollte, nach allen möglichen Mitteln der Linderung, so sehr es nur anging. „Denn weil ich es nicht mehr aushalten konnte,“ sagt er, „habe ich den Timotheus, den Diener des Evangeliums, geschickt,“ meinen Mitarbeiter, indem ich mich so meines nothwendigsten Genossen beraubt und den einen Schmerz für den andern eintauschte. Daß es ihm nämlich auch schwer fiel, die Abwesenheit des Timotheus zu ertragen, und daß er sich ihretwegen diesen [S. 507] Schmerz auflud, auch Das deutet er an mit den Worten: „Ich habe beschlossen, allein zurückzubleiben.“ Wie war doch sein Herz recht eigentlich für die Liebe geschaffen. Eines Mitbruders beraubt, spricht er von Alleinsein, da er doch so viele Gefährten bei sich hatte. — Das also bedenke auch du fort und fort, und je schmerzlicher dieses Leid für dich ist, desto gewinnreicher — Das glaube nur — , wenn du es dankbar trägst. Denn nicht bloß Schläge, die den Leib treffen, sondern auch die Schmerzen der Seele erwirken himmlische Kronen, und zwar die Schmerzen der Seele noch mehr als die des Leibes, wenn die Getroffenen sie nur dankbar ertragen. Würdest du Geißelung und Zerfleischung des Leibes muthvoll ertragen und Gott dafür preisen, so würde dir großer Lohn zu Theil; so erwarte denn auch jetzt reiche Vergeltung, wo deine Seele von diesen Leiden geplagt wird. Sei aber auch überzeugt, daß du mich sicherlich wieder sehen wirst, dann wirst du von diesem Schmerze erlös’t werden; und groß ist der Gewinn, den dir dieser Schmerz einbringt, sowohl dann als jetzt.
Das wird hinreichen, um dich zu trösten, oder vielmehr auch einen ganz unverständigen Menschen mit steinhartem Herzen zu trösten. Wo sich aber so große Einsicht findet, ein so reicher Vorrath an Frömmigkeit und christlicher Weisheit, eine Seele, welche den Trug der irdischen Dinge vollkommen zu verachten weiß — da ist weit leichter Trost spenden. Zeige denn auch in diesem Punkte deine Liebe zu mir, und beweise, daß ich auch durch einen Brief viel bei dir vermag, und zwar so viel, als wenn ich persönlich mit dir zusammen wäre. Das werde ich dann für ausgemacht halten, wenn ich höre, daß mein Brief dir einen Vortheil gebracht hat, oder vielmehr einen so großen Vortheil, wie ich wünsche. Ich wünsche aber, daß du jetzt in derselben fröhlichen Stimmung seiest, in der ich dich zu Hause sah. Wenn ich Das höre, so wird auch mir die Einsamkeit, in der ich mich jetzt befinde, um Vieles erleichtert. Wenn du also auch mir noch mehr guten Muth verschaffen willst (ich [S. 508] weiß, daß du es willst, und daß du dich sehr darum bemüht hast), so melde mir, daß du alle Trauer wie Spreu verjagt hast und ganz ruhig und zufrieden bist. Damit vergilt mir meine wohlwollende Liebe zu dir. Du weißt ja, du weißt ganz gut, wie wohl es mir thun wird, wenn du Das fertig bringst und mir in deinem Briefe wahrheitsgetreu zu wissen thust.
[S. 509]