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Das musst du wissen
- Der Geruchssinn von Babys ist ein Forschungsfeld, das noch in den Kinderschuhen steckt.
- Eine Studie zeigt nun: Der Geruch der Mutter löst im Hirn des Kindes Prozesse aus, die ihm Sicherheit geben.
- Zudem regt er an, dass sich die Sinne des Babys vernetzen: Dann können sie etwa Gesichter besser erkennen.
Dem Baby ein getragenes T-Shirt zum Schlafen geben? Viele Mütter tun dies, wenn das Kleine in der Nacht quengelt und weint, oder wenn sie ihr Kind von anderen Personen betreuen lassen. Die Intuition sagt ihnen, dass ihr Geruch eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden ihres Kindes spielt. Bis vor kurzem gab es jedoch keine stichhaltigen Beweise dafür. Mittlerweile weiss die Wissenschaft mehr über den Einfluss des mütterlichen Geruchs auf ein Baby.
Warum wir darüber berichten. Die Wissenschaft hat die Bedeutung des Geruchssinns für den Menschen lange Zeit unterschätzt. Der Mensch sei rational und vernünftig. So könne er nicht wie die Tiere von einem so «vulgären» Sinn wie dem Geruchssinn geleitet werden. In den letzten Jahren jedoch hat der Geruchssinn, insbesondere der von Kleinkindern, bei Forschenden der Psychologie und Neurowissenschaften wieder an Bedeutung gewonnen. Ein Beweis dafür ist etwa ein im Dezember 2021 erschienener Artikel mit dem Titel «Maternal Chemosignals Enhance Infant-Adult Brain-to-Brain Synchrony». Die Autoren beleuchten darin die Rolle mütterlicher Gerüche bei der Sozialisierung des Babys.
Die Studie. Die Gruppe mit Forschenden aus den USA, Kanada und Isreael wollte herausfinden, ob der mütterliche Geruch das Baby in eine pro-soziale Haltung versetzen kann. Um diese Hypothese zu testen,
- liessen sie 75 Mütter zwei Nächte hintereinander mit einem T-Shirt schlafen und bewahrten dieses anschliessend in einem Glas auf.
- Daraufhin setzten sie Mutter und Kind, zunächst ohne das T-Shirt, einander gegenüber und dann Rücken an Rücken.
- Dann wiederholten sie das Experiment mit einer anderen Frau. Einmal allerdings hatte das Baby dabei das T-Shirt seiner Mutter vor sich liegen, ein andermal ein neues, ungetragenes Oberteil.
Mithilfe von EEG-Elektroden auf dem Kopf von Mutter und Kind beobachteten die Forschenden die elektrische Aktivität des Gehirns beider Personen. Dabei konnten sie nachweisen, dass die Mutter-Kind-Interaktion zu einer starken Synchronisierung der Gehirne führt. Diese war noch einmal stärker, wenn Baby und Mutter einander zugewandt gegenübersassen, im Vergleich zur Rücken-an-Rücken-Situation. Das Ergebnis in den Szenarien mit der tatsächlichen Mutter – die Synchronisierung – sei zu erwarten gewesen, schreiben die Autoren. Nicht aber jenes mit der fremden Person: Denn in geringerem Masse synchronisierte sich das Gehirn des Babys auch mit dem der Fremden, wenn es den Geruch der Mutter wahrnahm.
Science-Check ✓Studie: Maternal chemosignals enhance infant-adult brain-to-brain synchronyKommentarDies ist ein Kommentar der Autorin / des AutorsDie Studie legte viel Wert darauf, verzerrende Faktoren zu minimieren und den Fokus auf den natürlichen Geruch der Mütter zu legen: So wurden die Mütter angewiesen, vor dem Tragen der T-Shirts kein Deodorant, Shampoo, Seife oder Parfüm zu verwenden. Babys, die während des Experiments weniger als 60 Sekunden stillsitzen konnten, wurden von der Analyse ausgeschlossen, ebenso jene, die krank zum Termin erschienen. Das Geschlechterverhältnis bei den Kindern war ausgeglichen.Mehr Infos zu dieser Studie...Zuverlässigkeit: Peer-reviewed, 150 Teilnehmende (75 Mütter und 75 Kleinkinder).Studien-Art: Beobachtungsstudie.Geldgeber: Die Studie wurde von der Simms/Mann Stiftung sowie der Bezos Family Stiftung unterstützt. Die Datenananlyse wurde vom Institut für Datenvalorisierung, Montreal, und vom Recherchefonds Québec finanziert.Alle Informationen zum higgs-Science-Check
Guillaume Dumas, Neurowissenschaftler am centre hospitalier universitaire Sainte-Justine, dem grössten Mutter-Kind-Zentrum in Kanada, und assoziierter Professor in der Abteilung für Psychiatrie und Sucht der Universität Montreal sowie Mitautor der Studie, kommentiert diese Ergebnisse:
«Wenn man sieht, dass sich das Gehirn des Babys mit dem der Mutter oder einer anderen Frau synchronisiert, bedeutet dies, dass das Kind eine pro-soziale Haltung einnimmt. Diese geht mit grösserer sozialer Aufmerksamkeit, positiver Erregung und einem Gefühl der Sicherheit einher.
Der mütterliche Geruch spielt also eine Rolle dabei, wie ein Säugling sich selbst und andere kennenlernt. Zudem hilft ihm der Geruch, seine sozialen Kompetenzen zu entwickeln.»
Mit anderen Worten: Mütter, die ihrem Baby intuitiv ihr T-Shirt dalassen, wenn sie weggehen, haben alles richtig gemacht. Umso mehr, als Guillaume Dumas präzisiert:
«Wir haben keinen Unterschied zwischen stillenden und nicht stillenden Müttern festgestellt. Während die anderen Sinne während des Schlafs ‹einschlafen›, bleibt der Geruchssinn, der direkt mit der Hirnrinde verbunden ist, wach.»
Vernetzung der Sinne. Diane Rekow ist Forscherin für Entwicklungspsychologie und Neurowissenschaften am Zentrum für Geschmack und Ernährungsverhalten (CSGA) in Dijon. Auch sie beschäftigt sich mit der Rolle der mütterlichen Gerüche. Ihre Arbeiten haben gezeigt, dass diese die Gesichtserkennung bei Säuglingen fördern:
«Der Geruchssinn ist der am weitesten entwickelte Sinn bei Neugeborenen. Er neigt dazu, die anderen Sinne zu regulieren, die noch nicht voll funktionsfähig sind. Wir konnten darlegen, dass ein Baby, das dem Geruch seiner Mutter ausgesetzt ist, zum Beispiel Gesichter besser wahrnehmen kann. Es gibt also eine Vernetzung zwischen den verschiedenen Sinnen, und der mütterliche Geruch scheint ein Vermittler zu sein.»
Benoist Schaal, Forschungsleiter am CSGA in Dijon, konnte ebenfalls überraschende Mechanismen aufzeigen:
«Von Geburt an fördert der Geruch der Mutter beim Säugling das Öffnen der Augen und die Bewegungen des Mundes. Daraus ergibt sich die Idee, dass der mütterliche Duft zum Erkennen und Erinnern von Gesichtern und Stimmen beiträgt und damit zur Entwicklung sozialer Kompetenzen.»
Der Forscher verweist auch auf Untersuchungen, die zeigen, dass autistische Kinder Erwachsene besser imitieren, wenn sie den Geruch ihrer Mutter wahrnehmen können – selbst dann, wenn diese nicht anwesend ist.
Eine olfaktorische Welt, die es zu erforschen gilt. Heute steckt die entwicklungspsychologische und neurowissenschaftliche Forschung über den Geruchssinn von Säuglingen noch in den Kinderschuhen. Diane Rekow meint zu den noch offenen Fragen:
«Wir wissen nicht, welche Informationen aus dem mütterlichen Geruch eine Rolle bei der sozialen Entwicklung des Babys spielen. Wir wissen auch nicht, wie viel davon biologisch ist und wie viel von der Beziehung zwischen Mutter und Kind abhängt. Könnten sich die von uns beobachteten Mechanismen auch bei anderen Gerüchen, die dem Kind vertraut sind, wiederholen? Das ist noch ein ungelöster Punkt.»
Weitere offene Fragen sind etwa, ob die Gerüche des Vaters eine Rolle spielen und wie dies in Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern oder bei Adoptionen aussieht. Nicht zuletzt hat die Covid-19-Pandemie ein weiteres Problem aufgeworfen, nämlich das der sogenannten Anosmie. Was passiert also mit der Bindung zur Mutter, wenn ein Kind plötzlich seinen Geruchssinn verliert? Da die Erforschung des Geruchssinns im Aufschwung ist, sind in den nächsten Jahren weitere Entdeckungen zu erwarten.