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von Victoria Schüttengruber, MSc
Im Alltag bemerken wir häufig, dass sich Menschen darin unterscheiden, in welchem Ausmass sie unterschiedliche Emotionswörter (z.B. ängstlich, wütend, beschämt) verwenden, um ihre eigenen Gefühle in verschiedenen Situationen zu beschreiben. Der Begriff «Emotionsdifferenzierung» bezeichnet diese Fähigkeit zur adäquaten und differenzierten Verwendung unterschiedlicher Emotionswörter zur Beschreibung von Emotionen in verschiedenen Situationen. So verwenden Personen mit hoch ausgeprägter Emotionsdifferenzierung unterschiedliche Emotionswörter (z.B. besorgt, traurig, wütend oder enttäuscht), um damit differenziert zu beschreiben, wie sie sich in verschiedenen Situationen fühlen. Dagegen verwenden Personen mit gering ausgeprägter Emotionsdifferenzierung unterschiedliche Emotionswörter auf eine gänzlich auswechselbare Weise (z.B. «besorgt» und «traurig» als austauschbare Begriffe). Die Bedeutung der Emotionsdifferenzierung für das subjektive Wohlbefinden wurde bereits in früheren Studien untersucht. Beispielsweise zeigen Personen, die über ihre eigenen Emotionen differenziert berichten können, weniger depressive Symptome, weniger Stress und einen allgemein günstigeren Umgang mit ihren eigenen Emotionen.
Doch inwieweit hängt die Fähigkeit zur Emotionsdifferenzierung auch mit dem Erkennen von Emotionen bei anderen Personen zusammen? Schliesslich ist es im Alltag auch wichtig, die Emotionen des Gegenübers richtig zu erkennen um die eigenen Reaktionen, abhängig von der Emotion des Gegenübers (z.B. traurig, enttäuscht oder wütend), adäquat anzupassen. Dies ist allerdings kaum möglich, wenn die verschiedenen Emotionen anderer Personen nicht richtig erkannt werden (z.B. «irgendetwas stimmt nicht»). Der Begriff «Emotionserkennung» bezieht sich auf die Fähigkeit, verschiedene Emotionen anderer Personen anhand der Mimik, Stimmlage und Körperhaltung richtig erkennen zu können.
Der Frage nach dem bisher kaum erforschten Zusammenhang zwischen der Emotionsdifferenzierung und der Emotionserkennung widmeten sich niederländische ForscherInnen. Dabei hatten die ForscherInnen folgende Annahme: Je differenzierter Personen zwischen ihren eigenen Emotionen in verschiedenen Situationen unterscheiden können, umso genauer können sie auch unterschiedliche Emotionen bei anderen Personen erkennen. Diese Annahme untersuchten die ForscherInnen in zwei vergleichbaren Studien mit 363 TeilnehmerInnen (Studie 1) und 217 TeilnehmerInnen (Studie 2). Um die Emotionsdifferenzierung zu erfassen, beurteilen die TeilnehmerInnen beispielsweise, mit welchen Emotionen sie auf verschiedene Bilder reagierten. In weiteren Aufgaben sollten die TeilnehmerInnen unterschiedliche Emotionen in verschiedenen Gesichtern korrekt erkennen. Die Ergebnisse beider Studien zeigten, dass – wie von den ForscherInnen erwartet – eine höhere Fähigkeit zur Emotionsdifferenzierung auch mit einer höheren Fähigkeit zur Emotionserkennung zusammenhängt. Personen, denen es gelingt, genau zwischen ihren eigenen Emotionen zu unterscheiden, sind auch besser darin, die Emotionen in den Gesichtsausdrücken anderer Personen richtig zu erkennen.
Welches Fazit lässt sich aus diesen Studienergebnissen schliessen? Die Fähigkeit, die eigenen Emotionen in verschiedenen Situationen differenziert beschreiben zu können, spielt nicht nur für das eigene Wohlbefinden eine wichtige Rolle, sondern auch für die Fähigkeit, die Emotionen anderer genau zu erkennen und dann angemessen darauf zu reagieren (z.B. empathisches Verhalten). Kurz gesagt: Wenn wir unsere eigenen Emotionen besser verstehen, können wir auch die Emotionen anderer besser verstehen.
Literatur:
Israelashvili, J., Oosterwijk, S., Sauter, D. A., & Fischer, A. H. (2019). Knowing me, knowing you: Emotion differentiation in oneself is associated with recognition of others' emotions. Cognition & Emotion, 33(7), 1461–1471. https://doi.org/10.1080/02699931.2019.1577221
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