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Autor: Heinz Scholz, Wissenschaftspublizist, Schopfheim D
Roter Fingerhut
In der Notaufnahme des King’s College Hospital in London schilderte eine 63-jährige Patientin, welche Beschwerden sie hat. Sie klagte über Herzklopfen und Benommenheit und musste sich zu Hause erbrechen. Sie hatte bisher keine Herzprobleme und nahm auch keine Medikamente ein. Es wurden einige Tests und ein Elektrokardiogramm (EKG) durchgeführt. Das EKG zeigte einige Auffälligkeiten. Die Blutwerte waren normal, ebenfalls der Elektrolythaushalt und die Entzündungswerte.
Die Patientin schilderte, sie habe am Abend vorher einen Tee gegen ihre Schlafstörungen konsumiert. Ein Freund hatte ihr empfohlenen, es doch einmal mit einem Tee von Beinwell (Symphytum officinale) zu versuchen.
Wie wir wissen, hilft Beinwell gar nicht bei Schlafstörungen, sondern äusserlich gegen Arthrose, Arthritis, Entzündungen im Unterhautzellgewebe, Sehnenscheidenentzündung, Furunkel, Unterschenkelgeschwüren und anderen Beschwerden. Beinwell-Zubereitungen wirken abschwellend, entzündungshemmend und schmerzlindernd.
Die Frau schilderte dann, sie habe Beinwell-Blätter auf einem Wochenmarkt gekauft. Daraus bereitete sie sich einen Tee. Die obigen Symptome stellten sich wenige Stunden später ein.
Zunächst waren die Ärzte ratlos, dann verglichen sie die Teeblätter mittels einer Bildersuche im Internet. Dabei stellten sie fest, dass sich die Blätter von Beinwell denjenigen vom Roten Fingerhut (Digitalis purpurea) ähneln. Nun untersuchten die Ärzte das Blut der Patientin auf Digoxin. Das Herzglykosid wurde in erhöhten Mengen festgestellt. Fingerhutarten enthalten nämlich herzwirksame Glykoside (Digitaloide).
Die Frau erhielt sofort einen Antikörper, der das Digoxin im Blut unschädlich macht.
Die Patientin erholte sich bald darauf. Nach 5 Tagen wurde sie entlassen.
Tipps: Die Ärzte hatten noch einen guten Rat an die Frau. Sie solle doch den Händler auf die Verwechslung hinweisen. Auch sollte man nicht auf Tipps von unkundigen sogenannten “Heilpflanzen-Experten“ hören.
Apotheker Frank Hiepe von Zell im Wiesental bat ich um eine Stellungnahme. Er schrieb mir dies:
„Ich habe immer gewarnt, Tees auf Märkten zu kaufen. Nur die Apotheke garantiert für korrekte pflanzliche Drogen. So findet man immer wieder Pestizidrückstände auf Tees ausserhalb der Apotheke. Vergiftungen kenne ich ausser den von Dir erwähnten mit farbigen Früchten, wie Eibe, Berberitze, Stechpalme, Bittersüsser Nachtschatten, Trauben-Holunder, Kirschlorbeer, Tollkirsche, Zwergholunder oder durch Rauchen von Engelstrompetenblätter.“
Weitere Vergiftungsfälle
Dietrich Frohne und Jürgen Pfänder berichten über weitere Vergiftungsfälle mit Fingerhut.
Ein Mann verzichtete Zeit seines Lebens auf ärztliche Hilfe. Er hat sich immer auf die Wirkung von diversen Tess verlassen, zumal seine Frau immer die richtigen Blätter sammelte. Als seine Frau krank wurde, ging er in den Garten und pflückte einige Blätter von einer Pflanze, die ihm unbekannt war. Eine spätere Untersuchung ergab, dass es sich um die Blätter des Roten Fingerhuts handelte. Der Mann bereitete sich einen Teeaufguss zu und trank eine Tasse. Er wunderte sich, dass der Aufguss ungewöhnlich bitter schmeckte. Der 85 jährige Mann überlebte.
In einem anderen Fall starb ein älteres Ehepaar an einer Vergiftung durch Fingerhutblättertee.
Eine 86jährige „Kräuterexpertin“ sammelte im spätherbstlichen Garten Gurkenkrautblätter für einen Salat. Sie verwechselte diese mit Blättern des Roten Fingerhuts. Nach der Mahlzeit starb ihr Ehemann noch in der Nacht. Die Ehefrau hatte mehr Glück. Sie wurde mit Vorhofflimmern und Herzrhythmusstörungen in eine Klinik eingeliefert. Hier wurde sie mit Colestyramin und einer Herzschrittmachertherapie behandelt und konnte bald darauf die Klinik verlassen.
Tipps: Diese Fälle zeigen, dass es wichtig ist, welche Pflanze man sammelt. Ursachen für Verwechslungen können schlechte Sehverhältnisse bei älteren Personen sein. Menschen, die Heilpflanzen nicht kennen, sollten die Finger vom Sammeln lassen.
Literatur
Frohne, Dietrich; Pfänder, Jürgen: „Giftpflanzen“, WVG mbH, Stuttgart 1987.
Scholz, Heinz; Hiepe, Frank: „Arnika und Frauenwohl“, Ipa-Verlag, Vaihingen 2013.
Spiegel Online, „Ein rätselhafter Patient: Gift im Tee“, Hamburg von 12/2016