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Das Swiss Plasma Center der EPFL in Lausanne forscht an der Zukunft der Elektrizität. Mittendrin: David Simon, Student im Master Transdisziplinarität, der während seiner dreimonatigen Master Series Residency das komplexe Zusammenspiel von Wissenschaft, Infrastruktur und Ästhetik aus einer künstlerischen Perspektive befragt.
VON FLURIN FISCHER
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Dampf steigt auf aus einem Gewirr von Kabeln und Leitungen, die von Serverschränken und Gasflaschen wegführen, sich überkreuzen und verbinden und zu einem mit weiteren Kabeln, Leitungen und Magnetfeldspulen überzogenen Gefäss in ihrer Mitte führen. Von Leuchten angestrahlt, ist es auf allen Seiten über Leitern, Treppen und Brücken erschlossen. Irgendwo in dieser nur scheinbar chaotischen Assemblage versteckt sich ein kleines Glasfenster, ähnlich einem Bullauge. Dahinter verbirgt sich der Fusionsreaktor. Er trägt den rätselhaft klingenden Namen Tokamak. Hier in der mehrstöckigen Halle des Swiss Plasma Center (SPC) werden Experimente durchgeführt, die helfen sollen, ein grosses Versprechen einzulösen. Das Versprechen der Produktion von Elektrizität durch Kernfusion. Im Prinzip entspricht sie jenem Vorgang, der die Sonnenenergie erzeugt. Dabei vereinigen sich zwei Atomkerne zu einem neuen, grösseren. Im Reaktor wird dieser Vorgang imitiert, indem innerhalb eines Magnetfelds Gase auf 150 Millionen Grad Celsius erhitzt und durch eine ringförmige Röhre gejagt werden. In gar nicht mehr so ferner Zukunft soll es auf diese Weise gelingen, Plasma zu entzünden und einen stationären Zustand, eine Art Strom zu erzeugen, in dem laufend Deuterium- und Lithiumkerne zu Helium verschmelzen. Im Gegensatz zur bereits genutzten Kernreaktion, bei der Atome gespalten werden, wäre Kernfusion massiv effizienter, sauberer sowie – beinahe – risikolos.
Ein transdisziplinäres Setting
«On commence le tir numéro 77555», plärrt der Warnhinweis durch die Lautsprecher. Yves Martin eilt zur Sicherheitsschleuse und lässt meterhohe Wände aus massiven Betonblöcken hinter sich, bevor der Raum hinter dem Bullauge für einige Sekunden von grellem Licht erhellt wird. «Es braucht grüne Energie, es braucht einen weltweiten Effort, um Fusionsenergie zu einem wichtigen Faktor zu machen», sagt der stellvertretende Direktor des SPC über den Bau möglicher Fusionskraftwerke, die frühestens ab dem Jahr 2050 zu erwarten sind. Trotz der jüngst in den USA verkündeten Erfolge gibt es bis dahin noch viele offene Fragen zu beantworten, und im Rahmen eines internationalen Konsortiums wollen die rund 180 Mitarbeitenden des SPC ihren Teil dazu beitragen. Genauso selbstverständlich wie die Forschenden, aber mit seiner eigenen Agenda bewegt sich der Künstler David Simon durch den Gebäudekomplex, der am südlichen Rand des Campus der école polytechnique fédérale de Lausanne (EPFL) liegt – mit Blick auf den Genfersee und die französischen Alpen. «In den Treppenhäusern und Gängen finden die kurzen, aber wichtigen informellen Gespräche statt, in denen Ideen ausgetauscht oder Verabredungen getroffen werden», sagt Simon, der für drei Monate recherchiert, Gespräche führt und Zugang zu den meisten Infrastrukturen des Forschungszentrums hat.
Den Rahmen seines Aufenthalts bildet das Format Master Series Residency, das gemeinsam vom artists-in-labs program und vom Master Transdisziplinarität am Departement Kulturanalysen und Vermittlung der ZHdK angeboten wird. Auf die jährliche Ausschreibung zweier Residencies können sich Masterstudierende aller Departemente mit einer Projektidee bewerben. Interesse an wissenschaftlicher Forschung und Motivation zum vertieften transdisziplinären Austausch in einer komplexen Denk- und Arbeitsumgebung vorausgesetzt, bietet das Format die Möglichkeit einer mentorierten, prozessbasierten künstlerischen Recherche, die viel Freiheit für Exploration lässt. Der Weg ist hier das Ziel; der Output setzt sich zusammen aus Skizzen, Notizen, Entwürfen und Prototypen sowie einem Abschlussbericht. Die allfällige Umsetzung einer künstlerischen Arbeit erfolgt erst nach Abschluss der Residency.
Vom Verstehen und Nichtverstehen
Ausgangspunkt für Davids Erkundungen ist das Gruppenbüro, das er sich mit PhD-Kandidatinnen und Postdocs teilt: «Meine Rolle hier ist privilegiert. Als Künstler kann ich Fragen stellen oder Dinge sagen, die andere sich nicht erlauben können.» Die grösste Herausforderung sei das Fehlen einer gemeinsamen Sprache; jedes Gespräch über Plasmaforschung oder seine künstlerische Praxis drohe sich in der Komplexität zu verlieren, in der man sich jeweils bewege und die dem Gegenüber nur schwer zu vermitteln sei. Gestartet war er mit der Idee, Aufnahmen des Plasmas zu machen, wenn es für wenige Augenblicke durch den Tokamak fliesst. Doch die Realität der Versuchsanordnung holte ihn rasch ein: «Meine Suche nach dem Bild des Plasmas war der Anfang vom Ende der ursprünglichen Idee. Es war naiv zu denken, dass es abgebildet werden könne.» Das Plasma entzieht sich einer optischen Auseinandersetzung durch Fotografie oder Film: zu flüchtig, zu diffus, zu sehr determiniert durch den technischen Apparat, der es in Bewegung versetzt. Stattdessen erstellte David eine 3D-Simulation des Tokamak, die er mit Daten aus den Experimenten fütterte. Der so erzeugte virtuelle Plasmastrom kann für künftige künstlerische Projekte genutzt werden. Im Jetzt geht es aber darum, den Zugang zu nutzen, den die Residency eröffnet. Und plötzlich spielt für David die Vergangenheit eine grössere Rolle als die Gegenwart oder die Zukunft.
Fusionsenergie wird seit Jahrzehnten erforscht und mehr als einmal dachte man schon, dass der Durchbruch gleich mit dem nächsten Experiment gelänge. Begründet im Schwung des Fortschrittsglaubens der Nachkriegszeit, der in mancher Hinsicht Ursache gegenwärtiger Probleme ist, haftet dieser Forschung auch etwas Anachronistisches an. Auf ihrer eigenen Zeitachse, die nun in die Mitte des 21. Jahrhunderts ragt, finden sich Brüche, Sackgassen, Abzweigungen, die sich materiell abgelagert haben. So auch im SPC, das David täglich durchstreift: «Ich sammle Aufnahmen und Artefakte und versuche ein Bild davon zu formen, was an diesem Institut bisher geschehen ist. Es ist eine Art archäologische Arbeit: ein Graben, ein Herausfinden, ein Versuch, die Herausforderung der Fusion zu rekonstruieren.»
Der Traum von der irdischen Sonne
Die Sonne ist als global wirksames Symbol ein Kristallisationspunkt philosophischer, religiöser und künstlerischer Reflexionen, die das Menschsein an sich berühren. In Mythologien nimmt sie eine starke Rolle ein. Ein Mythos aus dem antiken Griechenland besagt, dass Ikarus vom Himmel stürzte, als er der Sonne auf seinem Flug zu nah kam. Vielleicht ist das Versprechen der Kernfusion deshalb so verlockend, weil sie die Verhältnisse umzukehren und die mächtigen Kräfte, die auf der Sonne wirken, menschlicher Kontrolle zu unterwerfen verspricht? David Simon interpretiert den Traum von der irdischen Sonne als eine Erzählung, die sich in bestehende Mythologien einreiht. Sie hat sein Interesse an der Plasmaforschung geweckt und amüsiert ihn zugleich: «Sie ist einerseits eine Art prometheisches Versprechen, das als Aufhänger, als Bild im Diskurs über Kernfusion extrem gut funktioniert. Andererseits überdeckt sie auch die Eigenheiten und Probleme der noch zu erforschenden Technologie.»
Der Diskurs behält seine mythische Dimension, bis es so weit ist, die Atomkerne fusionieren und eine Flüssigkeit – erhitzt durch die in der Reaktion produzierten, sich verlangsamenden Partikel – eine Turbine antreibt, die Strom erzeugt. Ohne radioaktiven Abfall in den Boden zu drücken oder Treibhausgase in die Atmosphäre zu speien, wie wir es heute noch tun. Um unsere Fabriken zu betreiben, unser Essen zu kochen oder unseren Bildschirmen einen konstanten Strom zu entlocken, wie wir ihn uns künftig auch vom Plasma erhoffen – wenn es dann brennt. Damit sie nie versiegen mögen, die Bilder-, aber auch die Plasmaströme, und damit das Versprechen einlösen, die Sonne als ihren Avatar auf die Erde geholt zu haben.