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Grausliche Rundfahrt
Im Corona-Sommer 2020 begibt sich Tim Moore auf die Route der Vuelta a España des Jahres 1941, die von Julián Berrendero (1912–1995) gewonnen wurde. Die Fahrt unternimmt der Autor auf einem 45 Jahre alten Velo, das aus der Werkstatt ebendieses Berrendero stammt. Auch bei der Kleidung macht Moore auf Nostalgie, die dann aber in beklemmende Zonen vorstösst.
Die Vuelta ist die jüngste, die arme und geplagte Schwester der prächtigeren Rundfahrten Giro d’Italia und Tour de France. Nach zwei Ausgaben findet sie wegen des Spanischen Bürgerkriegs in den Jahren 1937 bis 1940 nicht statt. Berrendero und ein paar andere spanische Profis fahren in diesen Jahren aber die Tour de France.
Reportern gegenüber erklären sie ihre Unterstützung für die Republikaner zu Hause, und das bekommen dort auch Francos Faschisten mit. Die Radprofis bleiben also besser in Frankreich. Doch 1939, als das Gemetzel zu Ende und Franco Diktator ist, kehrt Berrendero zurück nach Spanien, wird an der Grenze verhaftet und verbringt anderthalb Jahre im Konzentrationslager.
Da will Franco den beschädigten Ruf Spaniens aufpolieren, indem er das Propagandainstrument namens Radsport nutzt. 1941 und 1942 findet die Vuelta wieder statt, Berrendero gewinnt beide Rundfahrten, und so wird der Republikaner zum Aushängeschild der Faschisten wider Willen.
Auf der durchgehenden Rundtour, von Ort zu Ort, beschreibt Moore nicht nur die Gräueltaten der Vergangenheit, er stellt auch fest, dass sich hinter der tagtäglich erlebten Wurstigkeit der Spanier etwas anderes verbirgt: Auch achtzig Jahre später mag kein Mensch über den Bürgerkrieg sprechen, die Aufarbeitung der tragischen Vergangenheit scheint kaum zu interessieren.
Vuelta Skelter. Tim Moore. Covadonga-Verlag, Bielefeld 2022, 25.90 Franken
Flüssiger Körper
Olivier Haralambon war zehn Jahre lang Radprofi. Seine Manier, über dieses Metier zu schreiben, lässt den ganzen Tingeltangel einfältigen Sports hinter sich. Er zeigt manche Intimitäten der Profis, die unter ihresgleichen «wie Tiere einer Herde», also im Ghetto, leben, wir erleben den Peloton, der den Fahrer mitsaugt, der sich je nach Topografie und Wind in die Länge zieht oder wieder zum Knäuel ballt, der zum Monster wird, das «Fahrer verschluckt und andere ausspeit».
Er charakterisiert die achtzig Kilo schweren Roller, die sechzig Kilo leichten Kletterer, Kategorien, welche die phänomenalen Gewichtsmetamorphosen von Jean Nuttli und Lance Armstrong zünftig durcheinanderwirbeln. Im Tingeltangel wird die Leistung der Radrennfahrer bloss physisch «mit einem gewaltigen Quantifizierungsapparat ermittelt», dabei hat auch schlichtes Radfahren viele andere Dimensionen.
Ästhetisch etwa so: Unscheinbare Fussgänger, die aufs Velo steigen, überragen plötzlich alles um sich, veredeln sich zu «lebenden Kathedralen». Eine andere Dimension: «Mit voller Kraft einen Pass hinaufzufahren, erfordert den Einsatz des Körpers, (...) grundsätzlich aber ist es eine spirituelle Übung.» Haralambon widerlegt die These, wonach der runde Tritt eine einfache Sache sei.
Wer ihn erlangen will, muss beim Fahren erst die Gliedmassen so lockern, bis er einen «flüssigen Körper» hat, der im geschickten Spiel mit der Verlagerung über die fünf Kontaktpunkte Mensch und Maschine eins werden lässt.
Spätestens als der Mittfünfziger Haralambon über das Älterwerden auf dem Velo schreibt, wird klar, dass dieses Buch nicht nur vom Radrennfahren handelt, sondern auch Rennradfahrer bereichert.
Der Radrennfahrer und sein Schatten. Olivier Haralambon. Covadonga-Verlag, Bielefeld 2018, 28.90 Franken