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27. Februar bis 30. Mai 2010
Ruth von Morgen, Berlin, 1934
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz
Aus der Serie "Freizeit eines arbeitenden Mädchens", Berlin 1933
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz
„Interessiert hat mich nur die Realität, und zwar die unwichtige, die übersehene, von der grossen Masse unbeachtete Realität.“
Marianne Breslauer hinterliess nur ein kleines, dafür aber umso reicheres und heute unverändert frisch anmutendes fotografisches Werk, das sie in der Zeit zwischen 1927 und 1938 geschaffen hatte – jener Zeit also, in der sich die Fotografie von einer „malerischen“ Salonkunst zur radikalen „neuen fotografie“ wandelte, zu einem neuen künstlerischen Medium, das ganz auf die ihm eigenen Qualitäten baute. Marianne Breslauer stand mitten in diesem Umbruch und damit auch zwischen der Experimentierlust einer künstlerischen Avantgarde und der (vermeintlichen) Stabilität ihres grossbürgerlichen Elternhauses.
Marianne Breslauer wird am 20. November 1909 als Tochter von Dorothea Breslauer, geb. Lessing und Alfred Breslauer in eine wohlhabende und kunstinteressierte Familie hineingeboren. Ihre Kindheit, Jugend- und Ausbildungszeit verbringt sie in einer von ihrem Vater, einem bekannten Architekten erbauten Villa in der Rheinbabenallee in Berlin. Eine Ausstellung der Berliner Porträtfotografin Frieda Riess in der Galerie Flechtheim weckt 1925 Marianne Breslauers Interesse für die Fotografie, für das junge künstlerische Medium, das wie der Film damals in der Luft lag. Im Unterschied zu vielen Autodidaktinnen wie Gisèle Freund oder Ilse Bing beginnt Marianne Breslauer ihre Karriere als Fotografin mit einer professionellen Ausbildung. Sie schreibt sich 1927 an der Abteilung für Bildnisphotographie der Photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins, dem „Lette-Haus“, ein und beendet ihre zweijährige Lehre mit der Gehilfenenprüfung zum Thema Porträt vor der Berliner Handwerkskammer.
Danach zieht es sie nach Paris, wo Helen Hessel, Modekorrespondentin der Frankfurter Zeitung und Freundin der Familie den Kontakt zu Man Ray herstellt. Breslauer hofft mit ihm zusammenarbeiten zu können, doch kommt es anders: der berühmte Surrealist ermuntert die junge Fotografin, ohne seine Hilfe ihren eigenen Weg zu gehen. Sie folgt seinem Rat und entdeckt mit ihrer Kamera die faszinierende französische Metropole. Vor allem interessiert sie sich hier für das Leben der Clochards am Ufer der Seine, lässt sich aber gleichzeitig auch von der exklusiven Atmosphäre um die Pferderennen in Longchamps fesseln sowie vom Treiben des Foire an der Route d’Orléans. Wie viele junge zeitgenössische Fotografen schätzt Marianne Breslauer die Arbeiten von André Kertész und Brassaï und kommt ihren Vorbildern in ihren eigenen Fotografien ästhetisch sehr nahe. Doch auch die künstlerische Richtung des „Neuen Sehens“, die im Umfeld des Deutschen Werkbunds und des Bauhauses eine breite Aufmerksamkeit auf sich zog, lässt sie nicht unberührt.
Auteuil, 1929
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz
Paris, 1929
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz
Ihre Aufnahmen finden schnell den Weg in die Printmedien. Schon vor ihrer Rückkehr aus Paris werden zwei der Pariser Aufnahmen in Für die Frau, einer Beilage der Frankfurter Zeitung publiziert und 1930 setzt Breslauers fotojournalistische Tätigkeit ein. Sie findet eine erste Anstellung als Fotografin im Fotoatelier des Ullstein Verlags und arbeitet dort unter der ebenfalls am „Lette-Haus“ ausgebildeten Elsbeth Heddenhausen. Breslauer perfektioniert bei Ullstein ihren Umgang mit der Technik, erkennt aber auch bald, dass die schnelle Suche nach der Sensation und die gewisse Portion Unverfrorenheit, die sie als Reporterin benötigt, ihr nicht wirklich entsprechen. Ihr persönlicher Blick gilt vielmehr den Menschen und Details am Rande des urbanen Lebens. Nie setzt sie die Kamera als ein Instrument des Übergriffs oder der Überlegenheit ein, sondern beobachtet das Geschehen unbemerkt. Viele ihrer Aufnahmen werden in den neu aufkommenden illustrierten Zeitungsbeilagen und Magazinen des Ullstein Verlages wie Die Dame, Funk-Stunde oder Der Querschnitt publiziert, aber auch in anderen deutschsprachigen und vereinzelt sogar internationalen Publikationen. 1932 verlässt Breslauer das Ullstein Atelier und beginnt als selbstständige Fotografin zu arbeiten.
Bis 1937 ist sie in den Bereichen Mode, Porträt, Werbung, Reisen, urbanes Leben und auch inszenierte Illustrationen für Zeitschriften tätig.
Einer ihrer thematischen Schwerpunkte liegt auf dem Porträt – wie bereits in ihrem Gesellenstück, der Serie „Porträts“ von 1928/29, in der sie eine Gruppe von befreundeten Künstlern – allen voran Paul Citroen – in den verschiedensten Konstellationen inszeniert. Sie porträtiert immer wieder Freunde aus ihrem Berliner Umfeld sowie Kollegen und Bekannte aus der internationalen Kunstwelt in Aufnahmen, in denen die Grenzen zwischen klassischem Porträt, Modeaufnahme für Werbezwecke und filmischer Inszenierung verwischt sind. Das Bild der selbstbewussten „neuen Frau“ der zwanziger Jahre, welches eng mit Berliner Fotografinnen wie Yva verbunden wird, prägt Marianne Breslauer mit. Ihre Aufnahmen von Ruth von Morgen, Maud Thyssen oder Jeanne Remarque zeigen einige der „neuen Frauen“ – zu denen sie selbst auch gehört.
Alleine, mit Freunden, Kollegen oder mit ihrem späteren Ehemann, dem Kunsthändler Walter Feilchenfeldt, reist Marianne Breslauer ab den frühen 1930er Jahren durch viele Länder Europas und den nahen Osten. 1931 zieht es sie nach Palästina und die Welt des Orients nimmt sie gefangen. Wie in Paris beobachtet sie auch hier die Einheimischen in den Strassen und Gassen Jerusalems oder porträtiert ihre schöne Freundin Djemila, zu deren Hochzeit sie gekommen war. Im Frühling 1933 reist sie im Auftrag der Agentur Akademia mit der Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach nach Spanien. Breslauers Fotografien dieser Reise sind keine sozialkritischen Aufnahmen, sondern sie konzentrieren sich auf die kulturellen Besonderheiten des Landes, die Architektur, erzählen von den Eigenarten seiner Bewohner. Doch finden die Ergebnisse der Spanienreise in Deutschland keine Veröffentlichung mehr. Die Nationalsozialisten haben die Deutsche Presse gleichgeschaltet und Marianne Breslauer kann als „Nicht-Arierin“ nicht mehr unter ihrem eigenen Namen publizieren. Dank der Vermittlung von Annemarie Schwarzenbach erscheinen schliesslich einige der Fotografien zusammen mit ihren Texten in der von Arnold Kübler geleiteten Zürcher Illustrierten.
Berlin 1931
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz
Walter Menzel, Berlin 1928
© Marianne Breslauer / Fotostiftung Schweiz
Auch nach 1933 kehrt Marianne Breslauer immer wieder nach Berlin zurück. Die politischen Entwicklungen zwingen sie jedoch 1936 dazu, ihre Heimatstadt zu verlassen und nach Amsterdam zu übersiedeln. Im gleichen Jahr heiratet sie Walter Feilchenfeldt und das Paar emigriert 1939, nach der Besetzung der Niederlande durch die Nationalsozialisten, in die Schweiz, wo sie erst in St. Gallen, dann in Ascona und schliesslich in Zürich leben. Dort widmet sie sich bis zu ihrem Tod 2001 ganz ihrer Familie und dem Kunsthandel. Schon vor dem 2. Weltkrieg hatte sie ihre Laufbahn als Fotografin beendet – eine bewusste Entscheidung; wie Marianne Breslauer später selber erklärte, war das Medium Fotografie für sie ausgereizt: „Wenn ich weiter in dem Bereich gearbeitet hätte, wäre ich zum Film gegangen. Mit dem Fotografieren war ich fertig.“
Marianne Breslauers erste umfassende Retrospektive zeigt viele bisher unbekannte Originalfotografien sowie Neuabzüge ab Originalnegativen aus dem Nachlass der Fotografin, der seit 2003 von der Fotostiftung Schweiz betreut wird. Ergänzt wird die Ausstellung mit Leihgaben des Literaturarchivs in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, der Berlinischen Galerie in Berlin sowie privaten Leihgebern. Zusammen mit ihren persönlichen Alben und Publikations-Belegsheften, die der Öffentlichkeit überhaupt zum ersten Mal präsentiert werden, beleuchtet die Ausstellung Marianne Breslauers künstlerische Position im Spannungsfeld von radikalem Realismus des "Neuen Sehens", filmisch inszenierter Illustration und subjektiver Reportage.
Martin Gasser und Kathrin Beer