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Belinda Bencic war (noch) nicht bereit für den ganz grossen Schritt. Der erste Grand-Slam-Finaleinzug einer Schweizerin seit Martina Hingis am Australian Open 2002 war sehr nahe, doch die 22-jährige Ostschweizerin konnte die Möglichkeiten nicht packen. Zum Beispiel sechs Breakchancen - darunter ein Satzball - im ersten Durchgang gegenüber keinem einzigen von Andreescu. Oder zweimal eine Führung mit Doppel-Break (4:1 und 5:2) im zweiten Satz. Und schliesslich nach zwei abgewehrten Matchbällen nochmals eine Möglichkeit, sich auch im zweiten Satz ins Tiebreak zu retten.
"Sie spielte die Big Points definitiv besser als ich", stellte Bencic nach dem intensiven, fast zweieinviertel Stunden dauernden Kampf völlig zu Recht fest. Im Duell zweier Halbfinal-Debütantinnen auf dieser Stufe war die Jüngere die coolere und cleverere Spielerin. Anfang Jahr war Andreescu noch die Nummer 178 der Welt, doch seither gewann sie die Premier-Turniere in Indian Wells und ihrer Heimatstadt Toronto und am Montag wird sie je nach Ausgang des Finals gegen Serena Williams Position 8 oder 9 einnehmen.
Gegen Bencic zeigte die Kanadierin, die als erster Teenager seit Caroline Wozniacki vor zehn Jahren den US-Open-Final erreichte, alles, was sie so schnell nach oben gebracht hat: Spielübersicht, Nervenstärke, Kampfkraft, die Fähigkeit, ihre Taktik anzupassen und ein Faible, im Scheinwerferlicht über sich hinauszuwachsen. Es sind Qualitäten, über die auch Bencic in hohem Mass verfügt. Am Donnerstagabend Lokalzeit fand sie aber ihre Meisterin.
"Es war ein grosser Kampf, sehr taktisch", stellte die 22-jährige Ostschweizerin fest. "Bianca spielt sehr intelligent, und ich denke, ich kann auch intelligent spielen und die richtige Taktik finden." Am Ende fehlte aber im entscheidenden Moment ein bisschen. Nervosität hat laut Bencic keine Rolle gespielt. Sie habe einfach ein paar Mal einen falschen Entscheid getroffen und Andreescu oft sehr gute Bälle gespielt.
Ärgern dürfte sie sich eher über die vergebene Führung im zweiten Satz als über die nicht genutzten Breakbälle im ersten. Nachdem sie vorher im Verlauf des Turniers kaum zu breaken gewesen war, verlor Bencic ihre letzten vier Aufschlagspiele der Partie, notabene nachdem sie zuvor keine Breakchance zugelassen hatte. Erklären konnte dies die in Wollerau wohnhafte Ostschweizerin nicht.
Allzu lange liess sie sich von der Niederlage allerdings nicht die Laune verderben. Etwas mehr als eine halbe Stunde nach Spielende zeigte sie sich in guter Stimmung und blickte nach vorne. "Ich bin enttäuscht, der Final war zum Greifen nah", gab sie zu. "Aber ich bin auch stolz auf das Geleistete." Dazu hat sie allen Grund. Bencic, die das Jahr auf Platz 55 begonnen hat, wird am Montag als Nummer 10 nach dreieinhalb Jahren mit vielen Verletzungen in die Top Ten zurückkehren. Im Jahresranking belegt sie aktuell den 8. Rang und hat damit intakte Chancen, sich im letzten Fünftel der Saison als erste Schweizerin seit Hingis 2006 für das WTA-Masters der besten acht zu qualifizieren.
Der Name Hingis fiel in New York immer wieder. In den englischsprachigen Medien wird Bencic wie früher die fünffache Grand-Slam-Siegerin als "Swiss Miss" bezeichnet. Noch ist es ein ganzes Stück bis zu den Erfolgen der fünffachen Grand-Slam-Siegerin, bei deren Mutter Bencic die wichtigsten Ausbildungsjahre als Tennisspielerin verbracht hat. Sie hat in New York auf diesem Weg aber einen wichtigen Schritt gemacht - und will sich weiter verbessern. "Ich will die Konstanz von diesem Jahr beibehalten und regelmässig die Viertel- und Halbfinals bei den grossen Turnieren erreichen", sagt sie. "Dann erhalte ich weitere Chancen." Und sie weiss auch wie sie diese dann packen will. "Es geht um die kleinen Details. Wenn ich in Fitness, Mentalem, Aufschlag, einfach in allen Bereichen noch ein Prozent besser werde, macht das die entscheidende Differenz."
Im US-Open-Halbfinal machte Bianca Andreescu diese entscheidenden, kleinen Dinge etwas besser als Bencic. Gut möglich, dass die beiden noch ein paar weitere Duelle in wichtigen Partien auf höchster Ebene ausfechten werden. Dann vielleicht mit umgekehrtem Ausgang.
(sda)