Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03541.jsonl.gz/808

Titel
Bern,
Kanton. Umfang und Lage. Der Kanton Bern, mit 6885 km2 und 590000 Einwohner (85 auf 1 km2) das volksreichste und zweitgrösste Glied des schweizerischen Bundesstaates, erstreckt sich von 46° 20' N. bis 47° 30' N. und von 6° 45' bis zu 8° 20' ö. L. von Greenwich. Die mitteleuropäische Zeit geht der mittleren Sonnenzeit um 26 ⅔ bis 32 Minuten voran.
Als durchschnittlich 50 km breiter Streifen erstreckt sich der Kanton vom Kamme der Berneralpen in nordwestlicher Richtung 140 km weit über das von der Aare durchflossene Vorland und über die Ketten des Jura bis an den Doubs und die burgundische Pforte. Indessen ist die Breite ungleich, indem das Gebiet an der alpinen Basis 100 km misst, am Fusse des Jura dagegen auf 20 km einschrumpft, um endlich, nach wieder gewonnener Durchschnittsbreite, im äussersten Norden in die Spitze von Pruntrut auszulaufen.
An das Ausland grenzt das Kantonsgebiet im N. Dort verläuft die Grenze gegen das Deutsche Reich von Roggenburg bis Beurnevesain. Die weit längere französische Grenze biegt erst nach N. aus, um die nordwärts abgedachte kleine Landschaft Ajoie (Pruntrut) zu umfassen, und folgt sodann der tiefen Schlucht des Doubs aufwärts bis nach Les Bois. Die Hauptpunkte der innerschweizerischen Abgrenzung sind folgende: Den Kanton Neuenburg berührt der Kanton Bern von Les Bois bis Witzwil am Neuenburgersee; den Kanton Freiburg bis zur Dent de Ruth, den Kanton Waadt bis zum Oldenhorn, wo die Westgrenze mit einer scharfen Ecke abschliesst. Die Südgrenze verläuft über den wasserscheidenden Kamm der Berneralpen, ausschliesslich den Kanton Wallis berührend, bis zum Dammastock. Nur am Sanetsch- und am Gemmipass greift der Kanton Wallis unbedeutend auf die N.-Abdachung herüber. Im Osten stösst Bern vom Dammastock bis zum Thierberg der Titlisgruppe an den Kanton Uri, bis zum Brienzerrothorn an beide Unterwalden, bis St. Urban an Luzern, bis
Kanton Bern
GEOGRAPHISCHES LEXIKON DER SCHWEIZ
Liv. 12-13. ^[Karte: 5° 0’ O; 47° 0’ N; 1:550000]
Verlag von Gebr. Attinger, Neuenburg
Bevölkerungsdichtigk.
Densité de la population
Einw. per Kil.2 Hab. par Kil.2
░ 20-50
▒ 50-100
▒ 100-150
▓ 150-200
▐ +500
M. B.
V. Attinger sc.
1:550000
KANTON BERN
mehr
Murgenthal an Aargau, bis Duggingen an der Birs an Solothurn. Das noch fehlende Stück an der Nordgrenze berührt Baselland und zwei solothurnische Enklaven. Das Territorium des Kantons Solothurn dringt mit drei vorspringenden Ecken (Aeschi, Messen-Schnottwyl und Grenchen) tief in das bernische Gebiet ein. Eine solothurnische Enklave ist der Steinhof bei Aeschi. Endlich liegen zwei bernische Enklaven (Münchenwyler und Chavaleyres) im Gebiet von Freiburg bei Murten.
Es stösst demnach der Kanton Bern an zwei ausländische Mächte, neun Kantone und zwei Halbkantone (Ob- und Nidwalden). Kein anderer Kanton berührt so mannigfach das übrige schweizerische Gebiet. Zwischen dem Bodensee und den Juraausgängen bei Genf nimmt der Kanton eine zentrale Lage ein, die noch dadurch gekräftigt wird, dass er sich in so grosser südnördlicher Erstreckung über alle drei natürlichen Hauptteile der Schweiz: Alpen, Mittelland und Jura, ausdehnt. An der Grenze des deutschen und romanischen Volkstums gelegen, erscheint er in Geschichte und Gegenwart berufen, die westlichen Interessen der Eidgenossenschaft zu vertreten und für die berührten Gegensätze auf dem Gebiete des innerschweizerischen politischen und geistigen Lebens die Rolle des Vermittlers zu spielen.
Bodenbeschaffenheit.
Nicht ganz die Hälfte des Kantons liegt innerhalb der Alpen, etwas mehr als ⅓ gehört zum schweizerischen Mittelland (sog. Hochebene) und zum Gebirge des Jura. Alpen und Mittelland bilden zusammen eine einheitliche Abdachung, die vom Kamme der Berneralpen bis zur Senke am Fusse des Jura reicht. Der Jura hat seine besondere, wiederum nördliche Abdachung.
Alpen.
Der Anteil des Kantons Bern an der Alpenkette trägt den weltberühmten Namen des Berner Oberlandes. Dieses umfasst von der mächtigen Kette der Berner Alpen beinahe die ganze Nordabdachung mit allen vorgelagerten Gruppen und Ketten. Die Kantonsgrenze, welche fast durchwegs den wasserscheidenden Kämmen folgt, umgibt es nicht allein auf der West-, Süd- und Ostseite, sondern noch im NW. und NO., sodass das Oberland als eine vom übrigen Kanton etwas losgelöste, selbständige Landschaft erscheint. Durch die alleinige Oeffnung im Aarequerthal bei Thun wird sie indess zur natürlichen Dependenz des bernischen Mittellandes.
Das Berner Oberland ist das Fluss- und Thalgebiet der alpinen Aare und ihrer alpinen Zuflüsse. Das Ländchen Saanen in der äussersten Südwestecke besitzt insofern eine besondere Stellung, als aus ihm allein die Thallinie nicht zur Depression des Thunersees, sondern westwärts nach den Kantonen Waadt und Freiburg geöffnet ist.
Mit Recht unterscheidet man eine hochalpine Zone im S. und eine voralpine im N. Trotzdem die voralpinen Gebirgsketten sich wie fiederartige Verzweigungen vom Hauptstamm des Hochalpenzuges selbst loslösen, tritt doch eine Scheidungslinie der beiden Zonen in den Sätteln am Fusse der Hochalpen deutlich hervor. Südlich einer Linie Jochpass-Meiringen-Grosse Scheideck-Kleine Scheideck-Sefinenfurgge-Hohtürli-Kandersteg-Adelboden-Lenk-Gsteig-Col de Pillon sind alle Hauptgipfel höher als 3000 m. Dies ist der Hochalpenzug. Nördlich von derselben Linie übersteigt kein Gipfel 3000 m.: dies sind die Voralpen.
Die hochalpine Region ragt in massigen Stöcken auf, deren Ausdehnung und Höhe vom Oldenhorn im WSW. bis zum Finsteraarhornmassiv im ONO. zunehmen: Oldenhorn 3134 m, Wildhorn 3268 m, Wildstrubel 3258 m, Balmhorm 3688 m, Blümlisalp (Weisse Frau) 3661 m, Breithorn 3779 m, Jungfrau 4167 m. Der Wasserscheidekamm geht vom Balmhorn über den Petersgrat und vom Breithorn, als der wunderbar scharfe Eis- und Felsgrat, der den Hintergrund des Lauterbrunnenthals bildet, zur Jungfrau.
Hier erreicht das Gebirge seine wildeste Ausgestaltung. Der eigentliche Kamm wird von riesenhaften, nach NO. vorspringenden Vorwerken verdeckt, und von Bern gesehen erscheint das schlanke Finsteraarhorn, mit 4275 m der höchste Punkt des Oberlandes, niedriger, als die vorgeschobene Pyramide des Schreckhorns (4080 m). Weiter östlich glätten sich diese erhabenen Wellen um ein kleines. Jenseits des tiefen Grimselsattels erhebt sich das Massiv des Triftgebietes, dessen Hauptgipfel, der Dammastock, nur mehr 3630 m aufweist.
Charakteristisch für die ganze Bernerseite dieses Gebirgszuges ist der nach ihr gerichtete ungeheure Steilabsturz desselben. So ist beispielsweise der Eigergipfel (3975 m) in der Luftlinie nur 2 km von der bei 1600 m gelegenen Alp Mettlen entfernt, was einer mittleren Steilheit von 53° entspricht. Aehnlich nah überragt das Wetterhorn die grosse Scheideck, die Jungfrau das Trümletenthal, der Wildstrubel den Kessel hinter Adelboden etc. Das Geheimnis dieses Aufbaues, der an Grossartigkeit auf der Erde unübertroffen ist, liegt in der Härte des Hochgebirgskalkes und insbesondere in der eigentümlichen Art, wie dieser von der Jungfrau bis zum Wetterhorn in das
mehr
Urgestein eingefaltet ist. Diese innige Vereinigung von Urgestein und Kalk schuf hier, indem sie der Verwitterung den grössten Widerstand leistete, die Sturzwände und die schöne Bastionenform der Gipfel.
Mit der Höhe und Ausdehnung der einzelnen Stöcke nimmt die Vergletscherung von W. nach O. zu. Rings um das Schreckhorn breitet sich die grösste vergletscherte Fläche aus. Verhältnismässig noch firnreicher ist das Triftgebiet mit seinen vielen reinweissen Gipfeln. Das vergletscherte Areal im Kt. Bern wird auf 288 km2 geschätzt. Die Schneegrenze liegt nach den Ergebnissen Kurowskys und Zellers im Finsteraarhorngebiet bei 2950 m, im Triftgebiet bei 2750 m. Gegen W. hin dürfte sie noch etwas tiefer liegen.
Die grössten Thalgletscher sind der Triftgletscher, der obere und der untere Aaregletscher, der Gauligletscher, der Rosenlauigletscher, der obere und der untere Grindelwaldgletscher, der Tschingel- und der Kandergletscher. Sie sind auf das Gebiet östlich der Gemmi beschränkt. Der grösste und längste unter ihnen ist der Aargletscher (s. d.), der am tiefsten herabreichende der untere Grindelwaldgletscher, dessen Zunge zur Zeit bei 1200 m liegt. Kein Gletscher der Alpen steigt so tief zu Thal.
Die schon genannte allgemeine Steilheit dieses Nordabfalles der Berneralpen bringt es mit sich, dass hier die Kategorie der Hängegletscher mit periodischen Eislawinen sehr häufig ist. Diese Eisstürze entsenden ihren Donner an den Sommernachmittagen zu den frequentiertesten Turistenwegen. Katastrophenartig, wie 1895 und früher schon an der Altels, werden sie glücklicherweise selten. Von den Lawinen wird das Haslithal am gefährlichsten heimgesucht.
Die Voralpen dominieren im westlichen Teil des Oberlandes. Hier löst sich die vielverzweigte Niesenkette vom Stock des Wildstrubels los und dringt weit nach N. vor (Albristhorn 2767 m, Niesen als Eckpfeiler 2366 m). Diese Bergmasse ist im W. und N. umwallt von der Stockhornkette (Stockhorn 2193 m, Kaisereck 2186 m). Vom Hochalpenzug der Blümlisalp aus breitet sich die an hohen Gipfeln immer noch reiche Schilthorngruppe nach N. hin aus und vor dem Finsteraarhornmassiv bilden die kleineren Gruppen des Männlichen und des Faulhorns imposante Aussenwerke (Schilthorn 2973 m, Dündenhorn 2865 m, Schwalmeren 2785 m, Tschuggen 2523 m, Schwarzhorn 2930 m, Faulhorn 2683 m). Die Richtung der Stockhornkette ist jenseits des Thunersees von den gratreichen Gebirgen, die weiterhin im Kanton Luzern die Pilatuskette bilden, wieder aufgenommen, sodass auf der ganzen Nordseite das Oberland auffallend gegen die tieferen Regionen abgeschlossen ist. Hier sind der Brienzergrat mit dem Brienzerrothorn (2351 m) und der Hohgant (2199 m) die höchsten Gipfel. In der Nordostecke zieht die Aagruppe mit dem Hohstollen (2484 m) zum Titlis hin.
Im einzelnen sind die voralpinen Bergformen nicht weniger wild als die hochalpinen. Die Gipfel zeigen vorzugsweise die Form verwitterter Thürme und schroffer Zacken. Die Bergrücken sind überaus häufig in schneidend scharfe Gräte zerlegt. Obgleich frei von Gletschern, erscheinen doch fast alle hohen Voralpenberge auch im Hochsommer nicht gänzlich schneefrei. Das Schilthorn trägt seinen Namen von dem grossen Schneeschild, das alljährlich im Sommer, von aperen Felsen eingerahmt, auf seiner Nordostflanke bestehen bleibt.
Die weiten Firne sind hier gegen nicht minder kulturfeindliche Trümmerhalden am Fusse der Sturzwände vertauscht. Die Regionen des Malms (Faulhornkette) und des Kreidekalks (Sigriswilgrat bis Schrattenfluh) sind reich an den Karren oder Schratten genannten Verwitterungsfeldern.
Folgen wir dem Hauptthal der Aare selbst, so sehen wir es bei Thun als breite vom Thunersee erfüllte Pforte zwischen die voralpinen Kalkketten des Stockhorns und des Sigriswiler- und Guggisgrates eintreten. Die Niesenkette bricht mit dem imposanten Steilabsturz des Niesen in einiger Entfernung vom See ab, während die Gruppe des Schilthorns im Morgenberghorn und Leissigengrat hart an ihn herantritt, sodass das Thal von Leissigen an in die Längsrichtung gedrängt ist.
Diese Längsrichtung ist am ausgesprochendsten vom Bödeli über den Brienzersee bis nach Meiringen: der Brienzergrat im N. und die Faulhornkette im S. schliessen das Längsthal ein. Auf dieser Strecke sind einige Wege zu nennen, welche die nördliche Umwallung übersteigen: durch das kleine Justisthal führt ein Pfad über die Sichel (1719 m) nach der abgeschlossenen Landschaft Eriz. Aus dem bei Unterseen sich öffnenden Habkernthal gelangt man über das Grünenbergli (1590 m) nach Eriz oder ins oberste Emmenthal und über die Habchegg (ca. 1500 m) nach den Thälern der grossen und kleinen Emme. Weit wichtiger ist aber die tiefe Einsattelung östlich vom Brienzerrothorn, der Brünig (1010 m), welcher eine uralte Verbindung, jetzt einen Schienenweg, nach dem Vierwaldstättersee bildet. Von Meiringen geht das Aarethal als Haslethal in die Querrichtung und
mehr
gleichzeitig (bei Innertkirchen) in das kristallinische Hochgebirge über und dringt zwischen den Gruppen des Finsteraarhorns und des Dammastocks bis an den Grimselpass (2065 m) vor, wo eine fahrbare Strasse die Verbindung mit dem Oberwallis, der Furka und dem früher viel begangenen Griespass herstellt. Nach O. und NO. sendet das Haslethal die Verzweigungen des Gadmen- und des Genthales. Das erste ist durch den Sustenpass (2262 m) mit dem Reussthale (Wassen) und das zweite durch den Jochpass (2215 m) mit dem obwaldischen Engelberg verbunden.
Bei Interlaken öffnet sich nach S. das gegabelte Querthal der beiden Lütschinen. Zwischen den voralpinen Gruppen des Faulhorns und des Männlichen führt das Grindelwaldthal hinauf bis an den Steilabsturz des Eiger, des Schreckhorns und des Wetterhorns. Hart an demselben führen die Grosse Scheidegg (1960 m) nach Meiringen und die Kleine Scheidegg (2069 m, Wengernalpbahn) nach Lauterbrunnen. Ueber die hochalpine Region selbst führen Gletscherpässe, von denen die Strahlegg (3351 m, zur Grimsel) und das Mönchsjoch (3612 m, zum Aletschfirn) die namhaftesten sind. Eine frühere bessere Gangbarkeit dieser Pässe wurde behauptet, aber gründlich widerlegt.
Das prachtvoll terrassierte und damit den wunderbarsten Rahmen für die im Hintergrund sich aufbauende Hochgebirgswelt bildende Thal von Lauterbrunnen dringt ebenso bis an den Fuss des nördlichen Steilabsturzes der Finsteraarhornkette. Die Sefinenfurgge (2616 m) führt nach dem Kienthal, der vergletscherte Tschingelpass (2824 m) nach dem Kanderthal, und der Hauptkamm kann da, wo er sich zum Petersgrate niedriger senkt, nach dem Lötschenthal hin überstiegen werden.
Das Kanderthal dringt vom Thunersee aus südwärts ins Gebirge ein und endigt am Balmhorn und am Petersgrat, wo rechts der alte vielberühmte Saumweg der Gemmi (2329 m) nach Leuk im Wallis führt, während links aus dem Gasternthal genannten Abschluss des Kanderthales der Lötschenpass (2681 m) eine beschwerliche Verbindung mit dem Lötschenthale herstellt. Das rechtsseitige Seitenthal des Kanderthales ist das Kienthal, welches neben der Sefinenfurgge noch den Ausweg über das Hohtürli (2707 m, nach dem Oeschinensee und Kandersteg) zur Verfügung hat.
Am Gemmisattel findet der höhere östliche (kristallinische) Teil des Oberlandes seine westliche Grenze.
In die westlich vom Gemmisattel gelegenen Alpen des Berner Oberlandes dringt zunächst vom Kanderthal aus das Engstligenthal ein, welches bei Adelboden am Fusse des Wildstrubels endigt und welches durch den Pass Hahnenmöser (1943 m) mit der Lenk in Verbindung steht. Das Hauptthal des Westens, das Simmenthal, geht von der anfänglichen Längsrichtung in die Querrichtung über bei Boltigen, wo aber die Jaunpass-Strasse (1550 m) die anfängliche Richtung am Fusse der Stockhornkette fortsetzt und eine Verbindung mit Bulle im Kanton Freiburg schafft.
Das Thal selbst endigt bei der Lenk und steht durch den Rawylpass (2421 m) mit Sitten in Verbindung. Ein wald- und weidereiches Seitenthal dringt gleich an der Wurzel des Stammthales in die Niesengruppe ein: das Diemtigthal. Von Zweisimmen führt eine Strasse über die Saanenmöser (1288 m) nach der Thalschaft Saanen. Sie ist aufwärts gegabelt: von dem westlichen Arm (Gsteig) führen die Strasse des Col de Pillon (1552 m) nach den Ormondsthälern und Aigle und der Sanetschpass (2246 m) nach Sitten. Vom östlichen Arm (Lauenen) führen bloss Pfade (Trüttlispass, Daubenpass) nach der Lenk.
Ein Hauptunterschied zwischen dem östlichen und dem westlichen Oberlande besteht darin, dass hier im Gegensatz zu dort auch der Hochalpenkamm der Kalkregion angehört. Die weiche Flyschregion ist weit verbreitet und bedingt die sanfteren Gehänge, den Weidereichtum und damit den altberühmten Viehreichtum der Simmenthaleralpen.
Dafür gehören dem östlichen Oberland die grossen hochalpinen Schaustücke und damit der Strom des Fremdenverkehrs.
Auf den Sohlen und an den untersten Halden all dieser Thäler liegen die Siedelungen. Im westlichen Oberland erklettern sie die hier weniger schroffen Gehänge, im östlichen Teil sind sie mit Ausnahme der wenigen Ortschaften, welche auf einer hoch zu Thal schauenden Terasse liegen, durchwegs auf die eigentliche Thalsohle beschränkt. So liegen im Hochthale von Saanen alle Ortschaften über 1000 m hoch, während andrerseits im weit wilderen Oberhasli 70% der Wohnstätten tiefer und nur 30% höher als 1000 m liegen.
Die Bewohnbarkeit der meisten Thäler endet bei 1100 bis 1300 m. Die höchstgelegene Ortschaft ist Mürren mit 1650 m. Sie ist eine ausgesprochene Terrassenansiedelung. Die einzigen ebenen Thalsohlen von grösserer Ausdehnung sind die Thalebene der Aare zwischen Meiringen und Brienz und das Bödeli. Beide sind Aufschüttungsgebiete der wilden Bergflüsse. Das Bödeli speziell ist erst seit der Eiszeit in Form von Kiesanschwemmungen der Lütschine und des Lombachs als Gebirgsdelta in den einstigen grossen Thalsee, der von Brienz bis Thun reichte, hineingefüllt worden und prangt jetzt als herrlich grünes fruchtbares Eiland zwischen den Seen und Felsen. Von ihm aus strahlen die Wege des Oberlandes nach allen Seiten.
Die Erschliessung des Hochgebirges des Berner Oberlandes ist für alle Zeiten mit dem Namen des Berners Gottlieb Studer verknüpft. Er durchwanderte selbst als erster die abgelegensten Winkel der Hochalpen (1839 Reise ins Triftgebiet), er brachte Ordnung in die bis dahin verwilderte Topographie des Gebietes und entflammte die
mehr
Begeisterung für den Alpinismus in den Herzen seiner Landsleute. Die Jahre 1840-1845 wurden für die wissenschaftliche Erforschung des Oberlandes äusserst fruchtbar, indem damals Agassiz und Desor ihre bahnbrechenden Gletscherstudien anstellten, B. Studer, E. von Fellenberg, A. Balzer erforschten die geologische Struktur des Gebirges. Unter den britischen Besuchern des Oberlandes ragen Tyndall und Forbes besonders hervor. Dem Sport war nun freie Bahn gebrochen.
Alljährlich, zu allen Jahreszeiten erhalten die Eisberge zahlreichen Besuch. In 13 Klubhütten des S. A. C. findet der Hochturist Unterkunft. Die älteste Hütte, der Pavillon des Neuchâtelois auf dem untern Aargletscher hat längst dem Pavillon Dollfus Platz gemacht. Unter den noch bestehenden ist die Trifthütte aus dem Jahre 1867 die älteste Klubhütte. Die beiden neuesten sind die Gaulihütte (1895) und die Dossenhütte (1899), beide im nördlichsten Teil des Finsteraarhornmassivs.
Mittelland.
Das Berner Oberland findet nach NNW. seinen Abschluss in den jäh und felsig abbrechenden Wänden der Stockhornkette, des Sigriswilergrats, der Sohlfluh, des Hohgants und der Schattenfluh. Von diesen Höhen aus dringt der Blick unbehindert über ein unruhig geformtes weit niedrigeres Land bis an den Fuss der Juramauer, an die dasselbe in ausgedehnteren Niederungen, zum Teil wasserbedeckt, anstösst: das bernische Mittelland, die alte, dicht bevölkerte Kernlandschaft des Kantons Bern. Hier scheidet der Berner einen östlichen Teil, das Emmenthal, einen nordöstlichen, den Oberaargau und einen nördlichen, das Seeland, besonders aus, sodass der Name Mittelland bloss dem um die Hauptstadt und bis an die freiburgische Grenze gelegenen Teil belassen wird. Für die orographische Einteilung ist aber diese mehr historisch bedingte Unterscheidung unbrauchbar.
Zutreffender ist folgende Teilung: 1. Oberhalb Berns ist das Mittelland höher und rauher. Das breite und tiefe Aarethal teilt es in zwei Teile. Oestlich von ihm sind die Berge des Emmenthals und westlich die Berge des Gurnigels. Beide Gruppen sind ausgesprochene Thallandschaften, wo in eine Bergmasse weicherer Gesteine (Nagelfluh, Sandstein, zusammen mit dem geologischen Ausdruck Molasse genannt) zahllose Thäler eingesenkt sind, welche der einst einheitlichen, als sanftes Glacis abfallenden Hochlandsfläche nur beschränkten Entwicklungsraum übrig gelassen haben.
Gerade in der Zahl und Ausbildung der Thäler zeigt sich indes ein bemerkenswerter Unterschied zwischen dem Bergland des Emmenthals und demjenigen des Gurnigels. Dort sind die Thäler äusserst zahlreich und zerlegen die Bergmasse in eine grosse Zahl schmaler auf- und abwogender Kämme, welche oft strahlenförmig in einem Punkte zusammenlaufen (Napf); hier dagegen bilden sie nur wenige kañonartige Einschnitte in der mehr flachen Hochlandsmasse (Gebiet des Schwarzwassers).
Die Richtung der Erhebungen wird nur unmittelbar am Fusse der Alpen von der Alpenrichtung, weiter nördlich aber durchwegs von der Wasserabführung bestimmt. Wie die Thäler der Aare, der Emme, der Gürbe und der Sense verlaufen die zwischenliegenden Bergmassen nordnordwestwärts und bewirken so eine Verlegung des dem Alpenfuss folgenden natürlichen Verkehrsweges bis hinaus in die Linie Freiburg-Bern-Burgdorf-Langenthal. Die Höhenverhältnisse mögen durch folgende Zahlen veranschaulicht werden: es beträgt die Höhe der meist bewaldeten Hochlandsrücken am Fusse der Alpen noch 1500-1700 m, dagegen nur noch 800 m bei Bern. Thäler, deren Sohle die Isohypse von 600 nicht übersteigt, sind das Aarethal, das Gürbethal bis Wattenwyl, das Emmenthal bis Lützelflüh, das Sensethal bis zur Einmündung des Schwarzwassers und das in die schon niedrigere Berglandsmasse des Oberaargau eindringende Thal der Langeten.
2. Unterhalb Berns (genauer unterhalb der Linie Freiburg-Bern-Burgdorf-Langenthal) ist das Molasseland niedriger und tritt der Plateaucharakter deutlicher hervor. Gleichzeitig geht die bis dahin einheitliche Abdachung senkrecht zur Alpenrichtung in eine dem Jurafuss ostnordöstlich folgende über, welche alle grösseren Flüsse zu einem entsprechenden Umlenken veranlasst. Noch erhebt sich der Frienisberg bedeutender über das Land. Seine Haupterstreckung geht bereits dem Jura parallel.
Ebensolche Richtungen zeigen die langgestreckten Tafelberge im tiefsten Teile des Mittellandes. Es sind stehengebliebene Reste des Plateaus inmitten der grössten Ebenen des Kantons, welche einerseits vom Neuenburgersee aus (Grosses Moos) andererseits vom Grauholz aus in annähernd nordöstlicher Richtung verlaufen, sich in der Gegend von Solothurn vereinigen und an den Endmoränen des Rhonegletschers bei Wangen abgeschlossen werden. Diesen Ebenen entlang tendiert der Verkehr. Doch ist die nordwestliche Richtung der Thäler auch hier nicht ganz verschwunden (Trockenthal des Lyssbachs). Kein Punkt liegt unter 400 m, indem die Aare den Kanton bei Murgenthal in 402 m verlässt. Das Schwemmland der Aare und der Emme liegt durchschnittlich 450 m, das Plateau 500-600 m hoch.
Jura.
Vom Jura umfasst der Kanton Bern denjenigen Teil, in welchem die nach Osten zusammenlaufenden Ketten dieses Gebirges in grösster Zahl auftreten, d. h. den umfassendsten Teil des sogenannten Kettenjura. Gerade die höchste Kette desselben, die Weissenstein-Chasseral-Kette, erhebt sich in unmittelbarer Nähe des bernischen Mittellandes, demselben fast sämtliche natürlichen Wege nach N. verschliessend. Doch ist diese Kette in 2 Schluchten (Klusen) durchbrochen.
Durch die Schluchten der Schüss bei Biel (Taubenloch und Rondchâtel) dringt man in das St. Immerthal ein, welches nach dem Hochland von La Chaux-de-Fonds leitet; durch die «Klus» von Oensingen, die zwar schon auf solothurnischem Territorium liegt, führt der Weg zum Passwang, einer in der bernischen Geschichte wichtigen strategischen Strasse. Die einzige, etwas geräumige, bewohnte Hochfläche des Jura, welche sich nach Bern abdacht, ist der über dem Bielersee gelegene Tessenberg.
Das übrige Gebirge hat lauter nördliche Ausgänge. Von Basel aus ist der Jura Jahrhunderte lang beherrscht worden. Von dort, dem Thale der Birs aufwärts folgend, tritt man durch die Klus von Grellingen in das Laufenthal, durch diejenige von Delémont in das gleichgenannte Becken, das flachste Gebiet innerhalb der Juraketten ein. Eine Serie von drei Engpässen, die Klusen von Choindez, Moutier und Court, durchqueren die eng aufeinander folgenden zentralen Parallelketten, und man erreicht neuerdings ein breiteres Längsthal, dasjenige von Tavannes.
Dieses zieht sich westlich aufwärts, lässt den Verkehr über und durch den Sattel von Pierre Pertuis nach dem St. Immerthal hinüber entschlüpfen und weist ihm Wege nach der weiten Hochfläche der Franches Montagnes, wo die Faltungen der Kalkfelsen, welche sonst die Ketten des Jura bilden, von den Gewässern der Vorzeit abgehobelt sind und der hochgelegene Boden (900-1000 m) sich wellenförmig hinzieht bis zur tiefen, waldreichen Schlucht des Doubs, welcher die Grenze bildet. Diese Schlucht tritt nach Osten hin auf bernisches Gebiet über, bildet die überaus merkwürdige scharfe Ecke bei St. Ursanne und wendet sich, am Südfuss der Lomont-Kette, wieder Frankreich zu. Jenseits dieser genannten Kette senkt sich als abgelegenster Teil des Kantons Bern das Hügelland Ajoie (Pruntrut) zur burgundischen Pforte.
Der höchste Punkt des bernischen Jura ist mit 1609 m der Chasseral (deutsch Gestler). Der tiefste Punkt, des Jura, wie des ganzen Kantons, ist bei Duggingen, wo die Birs den Kanton verlässt (322 m). 65% der Bewohner des bernischen Jura leben höher als 500 m ü. Meer.
Gewässer.
Der Kanton Bern gehört zum Stromgebiet der Aare vom Alpenkamm bis zu einer Linie, welche über Sonnenberg, Pierre Pertuis und Montozkette zieht. Die nördlichen Juraflüsse sind teils direkt dem Rhein, teils dem Doubs und damit der Rhone tributär. Das Flussgebiet des Doubs dringt nur in der Ajoie durch die Allaine namhaft in den Kanton ein.
Innerhalb der Alpen sind fast sämtliche bedeutenderen Flüsse Gletscherflüsse. Dieser Umstand hat zur Folge, dass sie besonders im Hochsommer reichlich dahinfliessen. Nimmt man hinzu, dass sowohl diese Gletscherflüsse als ihre übrigen Trabanten durch eine Schneeschmelze verstärkt werden, deren Maximum auf die Monate Mai, Juni und Juli fällt, so wird begreiflich, dass sich die Aare in ihrem Wasserstand durch starke sommerliche Anschwellung auszeichnet. Das Pegel bei der Bahnbrücke unterhalb Meiringen, die Pegel von Brienz, Interlaken, Thun etc. zeigen alle an, dass sowohl der Fluss, als die Seen im
mehr
März anzuschwellen beginnen, im Juli und August den höchsten Stand erreichen, um erst im Dezember ein Niedrigwasser aufzuweisen, das bis zum April anzuhalten pflegt. Die Schwankungen durch eigentliche Hochwasser sind mächtig, werden aber durch die Seen gemässigt. Im Winter führen die Flüsse Grundeis. Im Hochsommer sind sie alle bedeutend kühler als die Temperatur der Luft und führen grosse Massen Gletscherschlamms mit sich, welche den Anlagen für elektrische Kraft hinderlich werden, indem der feine Schlamm die Ventile der Turbinen verstopft.
Eine grosse Zahl von Wildbächen ergiesst sich von den seitlichen Gehängen der Thäler. Gefährlich werden diese überall dort, wo unter entwaldeten Alpweidebergen fruchtbares Land eine dichtere Bevölkerung angelockt hat. Verwüstend aufgetreten sind im Berner Oberland vor allem der Lambach bei Brienz, der Saxetenbach bei Wilderswil, der Lombach bei Unterseen, die Gürbe am Nordfuss der Stockhornkette. Der Lambach bedeckte noch 1896 einen grossen Teil des Dörfchens Kienholz mit Erdbrei.
Die Korrektion dieser Bäche fällt den betroffenen Gemeinden anheim, doch wird die Hülfe des Staates (Verbauung und Aufforstung) in immer ergiebigerem Masse gewährt. Von grösseren Flusskorrektionen sind folgende zu nennen: Im Mittelalter leiteten die Mönche des Klosters Interlaken die Lütschine in den Brienzersee. 1714 liess die Berner Regierung die Moränenwälle bei Strättligen durchstechen und verschaffte der Kander die Ableitung in den Thunersee. 1878 wurde die Aarestrecke des Haslethales zwischen Meiringen und dem Brienzersee geradegelegt.
Ueberaus reich ist das Oberland an Wasserfällen. Kein Teil der Alpen kann sich hierin mit ihm messen. Es vereinigt auf seinem Gebiet sowohl die hinten in den zirkusähnlichen Thalabschlüssen von allen Seiten als dünne Silberfäden herniederwallenden Wasserstürze nach Art der Sieben Brünnen bei Lenk, als die mächtigen Stürze eines Hauptflusses über die Thalstufe (Handeckfall der Aare). Besonders ausgezeichnet sind aber die von seitlichen Thalterrassen niedergehenden Fälle vertreten, sei es, dass sie, wie der Staubbach, nur einen einzigen wallenden Flug über eine Wand herunter nehmen, sei es, dass sie, wie die Giessbachfälle, einen in Treppenform aufgebauten Terrassenhang in mehrfachen Sprüngen herabstürzen. In den Fällen des Lauterbrunnenthales, des Oeschinenzirkus, der Thalabschlüsse von Gastern und Adelboden, rings um Meiringen, wird man die erwähnten Formen der Wasserfälle in vielfacher Wiederholung und Abänderung wiederfinden.
Von den Seen des Oberlandes werden die zwei grossen ihre besondere Besprechung finden. Der Brienzersee ist 30, der Thunersee 48 km2 gross. Ihre Höhe über Meer (565 und 560 m) ist fast dieselbe, indem sie einst mit einander zusammenhingen. Die tiefste Stelle (262 m) und die mittlere Tiefe sind beim Brienzersee beträchtlicher als beim Thunersee (grösste Tiefe 217 m). Beide Seen sind die grossen Geschiebereservoire der Hochalpenflüsse, der Thunersee insbesondere seit der Kanderregulierung. Sie ermässigen die Temperatur der Flusswasser in erheblichem Masse, mit dem kalten Flusswasser senkt sich auch der feine Gletscherschlamm zur Tiefe des Seebodens. Beide Seen gefrieren sehr schwer und immer nur teilweise, meist ist die Schiffahrt auch im Winter ungestört.
Neben diesen zwei grossen Thalseen enthält das Oberland eine beträchtliche Zahl von Bergseen. Der durch einen prähistorischen Bergsturz des Fisistockes aufgedämmte Oeschinensee ist der bekannteste von ihnen. Ihm reihen sich an der Engstlensee, der Arnen-, Iffingen- und Lauinensee, das durch seine vitriolblaue Farbe berühmte Blauseeli. Besonders reich an jenen kleinsten Bergseen, die erst in einer Höhe von ca. 2000 m aufzutreten pflegen, ist die Faulhorngruppe. Es sind sog. Karseen, die am Fusse schneereicher Wände gelegen und deren Becken in früher Zeit vom Eise und Schnee ausgewittert und durch die Eisbewegung ausgehobelt worden sind. Der schönste unter ihnen ist wohl der Gelmersee. Diese Bergseen befinden sich in einem Stadium relativ raschen Verschwindens. Bergschutt füllt ihre oft tiefen Becken zu, und eine Stein- und Schlammebene tritt bald an die Stelle des grünblauen Gewässers.
Die Gewässer des Mittellandes haben einen wesentlich anderen Charakter. Zwar zeigt noch die Aare an ihren sämtlichen Pegelstationen die Nachwirkung des alpinen Regimes der Wasserführung. Aber die eigentlichen Vorlandflüsse, welche zwar an der Alpenwand entspringen, doch nicht vom andauernden Schnee der Hochalpen gespeist werden, zeigen neben den winterlichen auch ausgesprochene hochsommerliche Niedrigstände. Im Durchschnitt ist freilich immer noch die Wasserführung des Sommers etwas grösser als die des Winters, wie es das Pegel der Sense von Laupen zeigt.
Alle Hochwasser fliessen rasch und mächtig zu Thal. Zu gewöhnlichen Zeiten fliessen die Flüsse so wasserarm dahin, dass z. B. an der Emme oft das sämtliche noch fliessende Wasser von den Fabrikkanälen stellenweise abgeleitet ist. Die Temperatur dieser Gewässer ist im Sommer meist ziemlich hoch, da sie untief durch gewaltige Kiesmassen laufen. Im Winter dagegen kühlt sich das Wasser entsprechend ab. Grundeis führen am häufigsten die Schluchtenflüsse des Gurnigelberglandes (Sense, Schwarzwasser und Saane); in mässig
mehr
kalten Wintern schon bilden sich hier kleine Eisstösse, worauf der reduzierte Fluss sich aufwärts staut und zufriert; kleine Eisgänge sind nicht selten. Verwüstungen können diese in steilwandigen, unbewohnten Cañons fliessenden Gewässer des Südwestens nur in geringem Masse anrichten. Desto gefährlicher sind die Flüsse des Emmenthals, welche sich in entwaldeten Gräben sammeln und in breite, bewohnte Thäler hervorbrechen. Hier mussten die Bewohner seit Jahrhunderten einen Kampf gegen die Hochwasser führen, um ihnen das Land der Thalsohle (Schachen) zu entreissen und der Kultur zuzuführen. So bildeten sich die Schachengemeinden des Emmenthals, Organisationen, welche schon im 16. Jahrhundert die Lasten der Abwehr und der Verbauung, der Brückenerstellungen etc. unter den sämtlichen Anstössern rechtmässig verteilten und welche heute noch fortexistieren.
Die Ableitung der Aare in den Bielersee (Hagneckkanal) und die übrigen damit in Zusammenhang stehenden Arbeiten der Jahre 1868-1889 (s. Art. Aare) haben für das Alluvialland des Seelandes eine grosse Sanierung der Wasserstands- und damit der Bodenverhältnisse zur Folge gehabt. Die jetzige Mittelhöhe des Niveaus des 42 km2 grossen und in der Nähe von Tüscherz 75 m tiefen Bielersees beträgt 432,1 m, während das Wasser vor 1870 noch bei 434 m stand.
Ausser dem Bielersee beherbergt auch das Mittelland eine grössere Zahl kleiner Seen. Die namhaftesten sind der Amsoldingen- und der Uebischisee, der Dittligen- und der Geistsee, der Gerzensee, der Moosseedorfsee, der Burgäschi- und der Inkwilersee. Meist liegen sie gesellig inmitten fruchtbarer Hügelwellen: es sind Moränenseen. Auch sie teilen das Schicksal der Bergseen, sie gehen an Tiefe und Umfang zurück. Doch geschieht dies hier langsamer und weniger durch die Herbeiführung von Flussgeschieben, als durch ein allmähliges Verwachsen mit Wasserpflanzen.
Der Jura besitzt keine ihm speziell angehörenden Seen. Seine Flüsse (Birs, Doubs, Schüss, Allaine mit ihren Zuflüssen) wiederholen mit ihren stark gebrochenen Profilen den Charakter der Alpenflüsse, in ihrer Wasserführung dagegen mehr denjenigen der Mittellandflüsse: es treten sowohl im Hochsommer als im Winter Niedrigstände ein, welche jedoch, wie zu jeder anderen Zeit, durch grosse Hochwasser unterbrochen werden können.
Der gesamte Wasserhaushalt ist im Jura anders als im übrigen Kanton. Während z. B. das Mittelland bis hoch in die Berge hinauf Quellen aufweist, welche genügend ausdauern, sieht sich der Bewohner jurassischer Höhen sofort von Quellwasser entblösst, sobald der Schnee geschmolzen und trockenes Sommerwetter eingetreten ist. Das fallende Regenwasser ist in den Kalkboden geschlüpft (Fondrières der Freiberge), welcher an zahllosen Stellen unterirdisch ausgelaugt ist. Jetzt muss auf den Höhen die Cisterne, welche Regenwasser von den Hausdächern sammelt, in Thätigkeit treten, während unten in der Tiefe der Klusen das unterirdische Wasser in herrlich kalten Quellen zu Tage tritt.
Vormals besass der Kanton Bern das ausgedehnteste Moor der Schweiz: das grosse Moos. Dieses ist jetzt schon zum grössten Teil entsumpft und in freilich noch mageren Kulturboden umgewandelt. Die zahlreichen kleinen zerstreuten Möser des Mittellandes sind meist verwachsene Seen und Sümpfe. Hochmoore von bedeutender Ausdehnung sind auf den Freibergen, auf den Sätteln der Berge des westlichen Oberlandes und in der Gegend zwischen Schangnau und Thun ausgebreitet. Doch haben sie ihre ursprüngliche Form fast nur noch im Jura bewahrt.
Die Nutzbarkeit der Gewässer des Kantons Bern gehört einerseits der Vergangenheit an, indem die ehemals grossen Holztransporte mit Ausnahme derjenigen auf dem Doubs per Floss vollständig aufgehört haben, ist jedoch andererseits die brennende Frage der Gegenwart, indem man in der Wasserkraft das Heil für eine neue Entwicklung des Verkehrs und der Industrie sucht. Der Transport zu Wasser wird einzig durch die drei grösseren Seen in nennenswertem Maasse gefördert.
Geologie.
Für den geologischen Untergrund der besprochenen Verhältnisse kann auf das beigegebene Kärtchen (Art. Alpen) verwiesen werden. Aus diesem ist zu ersehen, dass in der Südostecke des Kantons Gesteine krystallinischen Alters (zumeist Gneiss, verschiedene krystallinische Schiefer, seltener eigentlicher Granit) anstehen. Die übrigen Teile des Oberlandes bestehen an der Oberfläche aus Gesteinen sekundären Alters; auch durch die tiefsten Thaleinschnitte wird hier das Urgestein nirgends mehr angeschnitten.
Dogger und Malm von der jurassischen, Urgon und Neocom von der Kreidezeit, Flysch und Sandstein des Eozän sind die hervorragendsten geologischen Stufen. In die Flyschmassen des westlichen Oberlandes sind Gesteinsmassen der Trias, des Jura (Lias!) und der Kreide in zwei Streifen (Stockhornkette und Saanen-Wimmisfluh) auf eigentümliche Weise eingebettet. Noch merkwürdiger sind die sog. exotischen Blöcke des Habkernthales, grosse Granitblöcke, ebenfalls in den Flysch gebettet (s. Art. Alpen). Sämtliche geologischen Glieder von dem Urgestein bis zum Eozän sind stark gefaltet und häufig verworfen. Im Mittelland ist die Nagelfluh und der Sandstein des wenig oder gar nicht gefalteten jüngeren Tertiär ausgebreitet. Ueber den zu Gestein verfestigten Schutt der Tertiärzeit lagerten in der Folgezeit die eiszeitlichen Gletscher ihre Moränen und Geschiebemassen ab, und die Thäler füllen sich noch heute langsam mit dem Schutt der Flüsse an.
Der Jura hat namentlich die versteinerungsreichen Kalksteine und Mergel derjenigen Formation aufzuweisen, welcher er den Namen gegeben hat (Juraformation), enthält aber auch, auf seiner Südseite besonders, die Kreideformation und umschliesst da, wo seine Ketten in breiteren Zwischenräumen auseinandertreten, tiefliegende und langgestreckte Inseln von Tertiär (Tramethal und Becken von Delémont).
An nutzbaren Mineralien steht der Kanton Bern etwas besser da, als die übrige Schweiz. Voran stehen die Eisenvorkommnisse des Jura. Wo hier das Tertiär dem tieferen Gesteine aufliegt, findet sich in taschenförmigen Vertiefungen eine stark eisenhaltige Mergelmasse, die in dünne Bänke übergeht, welche ganz von einem ausgezeichneten Erze, Bohnerz, durchsetzt sind. Die reichsten Vorkommnisse sind im Becken von Delémont (s. u. S. 208). Eisenerze finden sich ferner auf dem Hasliberg und bei Innertkirchen.
Bleiglanz, der früher ausgebeutet wurde, gibt es im hinteren Lauterbrunnenthal. Kohle weist in der Form sog. Pechkohle die Klus von Boltigen auf, und hoch oben am Guggisgrat betrieb die Regierung noch in den 50er Jahren des 19. Jahrh. auf dünnen Lagen einer Tertiärkohle ein unrentables Bergwerk. Beide Fundstellen sind aufgegeben. Der Goldreichtum der Emmenthaler Flüsse existiert fast nur noch als Sage. An Bausteinen und Bausteinmaterialien (Cement und hydraulischer Kalk, Ziegelthon, Gips etc.) ist der Kanton sehr reich.
Alle Landesteile participieren an diesen Vorkommnissen, doch steht der Jura mit seinem Kalkreichtum voran. Die Mineralquellen sind ungleich verteilt. Reich an solchen ist besonders das westliche Oberland und das anschliessende mittelländische Bergland des Gurnigel, wo Quellen, die Gips und Schwefel in mannigfacher Zusammensetzung enthalten, zahlreich sind. Faulensee, Heustrich, Weissenburg, Lenk, Schwefelberg und Gurnigel sind die bekanntesten davon. Weissenburg ist eine Gipstherme. Die Quelle von Rosenlaui am Fusse des Wellhorns enthält kohlensaures Natron; zahlreiche erdige Stahlquellen finden sich im Molassegebiet.
Klima.
Die klimatischen Verhältnisse sind im wesentlichen denjenigen der gesamten Nordschweiz analog. Für das Mittelland diene die Lage Berns als Beispiel, welches bei 572 m Meereshöhe eine mittlere Jahrestemperatur von 8,2 °C, ein Julimittel von +18,1 und ein Januarmittel von -1,7 °C aufweist. Bedeutend milder als Bern (um ca. 1° mittlerer Temperatur und deshalb in den Blütenzeiten der Pflanzenwelt und in deren Artreichtum dem übrigen Plateau voraus) ist in erster Linie die Gegend am Jurafuss, das Gestade des Bielersees. Oasen milden Klimas sind ferner das Laufenthal an der Birs und das Thal der Oberländerseen, wo das Bödeli durch seine Wallnussbäume, Merligen und Oberhofen durch südliche Gartengewächse und Reichtum des Epheus ihre geschützte und dem Föhn ausgesetzte Lage verraten. Der Föhn tritt im oberen Haslethal (Station Guttannen) jährlich weit über 100 mal auf. Bei Meiringen ist er seltener, aber dann um so heftiger. Interlaken, Thun und
Kanton Bern, Landwirtschaft und Bodenerzeugnisse
GEOGRAPHISCHES LEXIKON DER SCHWEIZ
Lf. 26 & 27. ^[Karte: 5° 0’ O; 47° 0’ N; 1:550000]
Verlag von Gebr. Attinger Neuenburg.
Hypsometrische Karte
░ Unter 500 m
░ v. 500 - 750 m
▒ v. 750 - 1000 m
▓ v. 1000 - 1500 m
▓ v. 1500 - 2500 m
▐ über 2500 m
|Steinbruch||⤧|
|Eisenbergwerke||F.|
|Cimentgrube||Ci.|
|Gypsgrube||Gy.|
|Glas-Sand||S.|
|Ziegelerde||⌂|
|Thonerde||∂|
|Mineralquellen||ٮ|
|Holzhandel||➚|
|Gärtnerei||♧|
|Fischerei||⤚|
▓ Wald
░ Ackerland
░ Bergackerbau
▒ Weide
▒ Unproductiver Boden
▐ Weinbau
▒ Torfmoos
1:550000
V. Attinger, sc.
KANTON BERN
LANDWIRTSCHAFT UND BODENERZEUGNISSE
mehr
besonders der Beatenberg haben wieder eine grosse Föhnfrequenz. Bis nach Bern hinunter klärt er das Wetter auf, macht die Luft farbengrell und schwül und wird, wenn er anhaltender geweht hat, fast immer von regenbringendem Südwestwind abgelöst.
Das Mittel der jährlichen Niederschläge beträgt in Bern 945 mm. Bern liegt in einem Gebiet etwas geringerer Niederschläge, als der übrige Kanton sie aufweist. Dieses Gebiet (mit etwas weniger als 1000 mm) umfasst das Seeland und das Aarethal bis Thun. Ein zweites, etwas trockeneres Gebiet ist das Becken von Delémont. Im höheren Mitteland steigt die Niederschlagsmenge bis auf 1500 mm, im Jura auf 1200 mm und im Oberland auf über 2000 mm. Es hatten:
|mm|
|Bern||945|
|Thun||1052|
|Interlaken||1231|
|Meiringen||1371|
|St. Beatenberg||1622|
|Guttannen||1740|
|Brünig||1991|
Niederschläge in einem relativ trockenen Jahre (1897).
Die Bewölkung ist auffallend gross. In einem allerdings durchschnittlich etwas trüben Jahre (1897) hatten wolkenlose Tage:
|Bern||20|
|Affoltern i/Emmenthal||64|
|Thun||67|
|Interlaken||61|
|St. Beatenberg||75|
|Guttannen||82|
Hier zeigt sich das Höhenklima der hochgelegenen Stationen, das auch im Jura sehr ausgeprägt vorhanden ist. Das herbstliche und winterliche Nebelmeer ist gerade um Bern eine gewohnte Erscheinung. Schon der Gurten (860 m) pflegt aus demselben in die reine, sonnige Luft des NO-Windes zu tauchen.
Verheerenden, von Hagelschlag begleiteten Gewittern sind besonders die beiden Bergländer des höheren Mittellandes ausgesetzt. Der freiwilligen schweizerischen Hagelversicherung waren 1898 vom Kt. Bern 7408 Personen mit einer versicherten Wertsumme von Fr. 8838000 beigetreten.
Flora.
Durch seine in der Schweiz einzige Lage umfasst der Kt. Bern Teile der drei grossen Floraregionen der Alpen, des Mittellandes und des Jura.
I. Im Oberland finden sich zwischen den Seen von Thun und Brienz einerseits und dem vergletscherten Kamm, welcher sie speist, andererseits alle Uebergänge von der nivalen bis zur mediterranen Flora.
Entsprechend der scharfen Scheidung dieses Gebiets vom benachbarten Wallis, fehlt hier gänzlich das warme und trockene Klima, welches das Wallis auszeichnet und sind die sämmtlichen Thäler kälter und feuchter.
Vergeblich sucht man hier die im Wallis endemischen Formen wie Koeleria valesiaca, Artemisia valesiaca, Ephedra helvetica, Onosma helveticum, Cytisus radiatus, Silene vallesia etc.
Immerhin dringen auf die Höhe der tieferen Passlücken, welche der Walliserflora einige Pforten öffnen, mehr oder minder ausgedehnte Kolonien von Arten vor, welche dem übrigen Oberland gänzlich fremd sind: Crepis jubata, Saxifraga cernua auf dem Sanetsch;
Carex ustulata auf dem Rawil;
Oxytropis lapponica und Potentilla frigida auf dem Lötschenpass etc. Ueber die Grimsel sind ins obere Aarethal eingedrungen: Salix myrsinites und glauca, Androsace tomentosa, Pinguicula grandiflora, Phaca alpina, Potentilla frigida.
Unabhängig von den übereinstimmenden Naturbedingungen des orographischen Baues sind im Oberland verschiedene Regionen von floristisch verschiedener Wichtigkeit vertreten.
Von dem centralen Gebiet der Kander und der Simme kann man die Thalschaft Saanen absondern, wo westliche Einflüsse stattfinden, sowie die Thäler von Hasle und Gadmen, wo von Osten und Süden her Arten eingedrungen sind, die anderswo fehlen.
Endlich besitzen die nördlichen Vorketten des Stockhorns und des Faulhorns Elemente, die dem Hauptkamme fehlen.
Unter den westlichen Elementen der Saanenberge seien erwähnt: Pedicularis Barrelieri, Senecio aurantiacum, Saussurea depressa, Ranunculus parnassifolius, Papaver alpinum, Mulgedium Plumieri.
Im Hasle- und Gadmenthal finden wir: Eritrichium nanum, Saxifraga Seguieri, Bupleurum stellatum, Polygonum alpinum, Saxifraga Cotyledon, meridionale, selbst südalpine Arten, deren Vorkommen sich durch die wärmende Wirkung des Föhns erklärt.
Das centrale Gebiet weist Formen auf, die man durch die ganze Alpenkette hin wiederfindet. Es besitzt, wie Christ sich ausdrückt, eine neutrale Flora. Wir nennen nur Aquilegia alpina, Potentilla minima und grandiflora, Gaya simplex, Viola calcarata, Trifolium alpinum, Phaca australis etc. (vgl. zur Ergänzung Art. Alpen, Flora). Die Stockhornkette, wo bereits mehrere östliche Arten fehlen, beherbergt einige in der übrigen Schweiz sehr seltene arktisch-alpine Elemente Carex vaginata, Draba incana, Cochlearia officinalis, Pedicularis versicolor, etc., zu denen sich die spezifisch jurassiche Androsace lactea gesellt.
So arm die alpine Region des Oberlandes ist und so wenig sich hier der Einfluss der Nachbarschaft des Wallis fühlbar macht, so reich erscheint die Region der Seen und der Ausgänge des Kander- und des Simmenthales, dank dem Einfluss des Föhns. Hier wird noch an den Ufern des Thunersees die Rebe kultiviert, hier trifft man selbst einige Edelkastanien und Lorbeersträucher. Von meridionalem Charakter finden wir am Gestade der beiden Seen: Helianthemum Fumana, Rhamnus alpina, Coronilla Emerus, Vicia Gerardi, Bupleurum falcatum, Cyclamen europaeum, Hemerocallis fulva etc. (vgl. Alpen, Flora).
Am Eingang des Kanderthals findet sich Thalictrum foetidum, von dem man nö. der schweizerischen Alpen nur noch 2 Standorte kennt und die in der Schweiz ebenfalls seltene Aethionema saxatilis.
In der Boltigerschlucht gedeiht und blüht der wilde Epheu (Hedera Helix) und Hieracium lanatum, Arten welche den wärmsten Regionen des Wallis und des Jura eigen sind. Ebendort finden sich: Atragene alpina, Aethi-
mehr
onema saxatilis, Lathyrus heterophyllus, Peucedanum austriacum, Calamintha grandiflora (tessinische Art), Arabis saxatilis und brassicæformis, Orchis sambucina, Viola sciaphila, Hieracium sabinum.
II. Mittelland. Das zwischen dem Thunersee und dem Bielersee gelegene Gebiet umfasst einen der floristisch unbedeutendsten Teile der schweizerischen Hochfläche. Abgesehen von einigen bevorzugten Standorten am Aareufer und am Gestade des Bielersees besitzt dieses Gebiet kaum hervortretendes Gepräge. Immerhin finden sich in den Mösern: Ranunculus lingua, Viola stagnina und pratensis, Oenanthe Phellandrium, Iris sibirica, Scirpus triqueter etc. (vgl. Flora des Plateau).
Erwähnen wir noch als besonders interessante Arten: Leucojum æstivum in den Sümpfen des Seelandes, Inula Vaillanti auf den Kiesbänken der Aare, endlich eine endemische Art: Typha Shuttleworthii.
III. Jura. Vom floristischen Standpunkte aus ist der Berner Jura einer der am wenigsten begünstigten Teile dieses an wechselnden Standorten alpiner und meridionaler Natur so reichen Gebirges. Indem wir nur die spezifisch bernischen Elemente herausgreifen, verweisen wir im übrigen auf den Artikel Jura.
Von interessanten Vorkommnissen erwähnen wir die Edelkastanie, welche bis Neuenstadt und auf die St. Petersinsel vordringt, den schneeballblättrigen Ahorn (Acer opulifolium), eine meridionale Art, welche in Gesellschaft mit Quercus pubescens und dem Buchsstrauch bis zu den Klusen von Münster eindringt. Zerstreut findet sich in den Umgebungen von Neuenstadt und Ilfingen Geranium nodosum, ferner Cheiranthus Cheiri (Levkoje) und Vinca major (Sinngrün) bei Neuenstadt, endlich Lactuca perennis und Dianthus sylvestris, sowie virginis Jacq. bei Biel. Die einzige im rigorosen Sinne endemische Art des Berner Jura ist die merkwürdige Anthriscus torquata, welche den Grund zweier Felskessel bei Bressancourt am Mont Terrible bewohnt. In der mittleren Region von 400 bis 700 m, wo noch Nussbaum, Buche und Eiche fortkommen, gedeihen u. a. der Buchs, Coronilla Emerus und Bupleurum falcatum.
Von 700 bis 1300 m, in den grossen Weisstannenwäldern, welche von Kulturen, Wiesen und Weiden unterbrochen sind, erscheinen ab und zu der Taxus und der Bergahorn, Acer pseudoplatanus, während das Unterholz aus Sträuchern von Ribes alpinum (Johannisbeere), Rhamnus pumila (zwergartiger Wegdorn), verschiedenen Heckenrosen, Sorbus scandia, Lonicera alpigena (Geissblatt) etc. zusammengesetzt ist.
Von Krautpflanzen seien erwähnt: Calamagrostis sylvatica, Ranunculus lanuginosus und aconitifolius, Laserpitium latifolium, Poa alpina, Libanotis montana, Cirsium eriophorum, Gentiana lutea und asclepiadea, Orchis globosa, Narcissus pseudonarcissus (Jonquille) etc.
Die Region über 1300 m hat nur geringen Umfang: Gipfel des Raimeux, des Montoz und des Chasseral, welche mit Weide bedeckt sind. Meridionalalpine Arten, welche im Westen des Jura zahlreich vertreteten sind, gehen hier nicht über den Chasseral hinaus. Dies ist speziell der Fall mit Rhododendron ferrugineum und Erysimum ochroleucum.
Andrerseits sind einige jurassische Arten auf das Gebiet nördlich von den Birsklusen begrenzt: Gentiana asclepiadea, Erinus alpinum, Primula auricula.
[Abschnitt Flora von Dr. P. Jaccard.]
Fauna.
Bezüglich der Fauna kann auf die Artikel Alpen, Mittelland und Jura verwiesen werden. In den meisten Tiergruppen zeichnet sich der Kanton durch die relative Armut seines Gebietes aus. Von den auffallenderen Gestalten des Tierreiches seien Wolf und Eber erwähnt, die zeitweise noch den Jura besuchen. Im Emmenthal verschwand der Wolf in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts, wohl 50 Jahre früher liess sich der Bär zum letzten Male erblicken. Die Jagd hat sich zumeist auf Hasen, Füchse und Federwild, in den Alpen dazu noch auf Gemsen und Murmeltiere zu beschränken. Ihre Bedeutung kann aus dem Ertrag der doch nicht unerheblichen Patente (50 bis 70 Fr.) geschlossen werden, welcher 1899 nur wenig über 50000 Fr. betrug. Unbedeutender ist die Fischerei. Alle grösseren Seen sind relativ fischarm. Berühmt sind die ausgezeichneten Bachforellen, die aber neuerdings der Stauwerke wegen zurückgehen, wo nicht künstliche Zucht eintritt. Man vergleiche die Artikel über die bernischen Seen.
Bevölkerung.
Der Kanton Bern gehört mit Freiburg und Wallis zu den zweisprachigen Kantonen an der deutsch-französischen Sprachgrenze. Diese tritt bei Roggenburg vom deutschen Reiche auf bernisches Gebiet über, zieht in südöstlicher Richtung über die Birs an die solothurnische Grenze, folgt derselben, das deutsch-bernische Gebiet von Schelten mit einschliessend, bis zur Seekette, steigt zwischen Ligerz und Neuenstadt zum Bielersee hernieder und geht der Thièle (Zihl) entlang zum Neuenburgersee. Es ist demnach fast der ganze jurassische Anteil des Kantons französisch.
Von den 590000 Einwohnern des Kantons gehören nicht ganz 100000 (16%) dem französischen, der Rest dem deutschen Sprachstamme an. Dieses Verhältnis existiert erst seit 1815, wo das aufgehobene Fürstbistum Basel mit Bern vereinigt wurde. Noch heute stehen sich der sogenannte «neue Kantonsteil» des Jura, der neben der fremden Sprache zudem eine kleine katholische Majorität aufweist, und der alte, seiner ganzen Vergangenheit nach deutsche Kanton als nicht völlig zu vermittelnde Gegensätze gegenüber.
Eine seit Jahrhunderten geübte Auswanderung der Deutschen ins Gebiet des französischen Jura erzeugt dort fast überall deutsche Minoritäten. Diese gehen aber langsam in der französischen Sprache auf, indem der deutsche Dialekt, der mitgebracht wird, der viel kräftiger entwickelten französischen Schriftsprache nicht gewachsen ist. Eine französische Einwanderung in deutsches Gebiet ist nur in der Stadt Biel zu konstatieren. Hier hält sich aber die französische Minorität aus denselben Gründen.
Die Elemente, aus denen sich die Bevölkerung zusammensetzt, erscheinen auch anthropologisch und ethnographisch betrachtet sehr verschiedenartig.
Die durch Virchow unter den Schulkindern Deutschlands und der Schweiz angestellten Erhebungen ergaben für den Kanton Bern ein bedeutendes Ueberwiegen des brünetten über den blonden Typus. Rein deutsche Gegenden, wie das Emmenthal, zeigten beinahe ebensoviele braune Elemente als der französische Jura, wo die letzteren allerdings ihr Maximum erreichen. Der blonde und blauäugige Typus ist im Oberland am zahlreichsten vertreten, aber auch da ist es einzig das Ländchen Saanen, wo derselbe dem brünetten numerisch überlegen ist.
Der Berner aller Landesteile ist fast durchwegs kurzköpfig (brachykephal). Die Körpergrösse ist höchst ungleich; Jura und Seeland weisen durchschnittlich die meisten grossen Leute, das Oberland dagegen die meisten kleinen Leute auf. Die Unterschiede der Körpergrösse treten oft ganz lokal sehr scharf hervor. So steht der Schlag hochgewachsener Rekruten, welche alljährlich der Hasleberg zu den Aushebungen zu senden pflegt, im ausgesprochenen Gegensatz zu den benachbarten Thalbewohnern. Der Durchschnittsberner ist breitschultrig, untersetzt und starkknochig.
Die Abstammung eines grossen Teiles des Volkes von der vorgermanischen Bevölkerung des Landes ist zweifellos. Lange vor dem Eindringen der Alamannen und der Burgunder war der heutige Kanton in allen seinen wesentlichen Teilen besiedelt. Aus den archäologischen Funden zu schliessen, war zur (jüngern) Steinzeit die Besiedelung auf die Pfahlbauten des Bieler-, des Inkwiler- und des Moosseedorfsees beschränkt. Berühmte Fundstellen sind insbesondere die Steinberge bei Nidau, Lattrigen, Mörigen, Lüscherz, Vindelz und Schafis (Chavannes) am Bielersee.
Zur Bronzezeit existierten ausser den Pfahlbauten bereits zahlreiche Landansiedelungen, welche bis in die Alpenthäler hinaufreichten (Wimmis, Frutigen und Boltigen).
mehr
Die Eisenzeit (La Tène) sah eine besonders zahlreiche und allem Anschein nach kriegsgewohnte Bevölkerung im Seeland (Funde von Port, Brügg, Hagneck, etc.). Der Reichtum an künstlerischem Gerät des damaligen unbekannten Volkes wird bezeugt durch die grosse in phönikischem Geschmack aus Bronze getriebene Urne, die bei Grächwil auf der Höhe des Frienisberges aufgefunden wurde.
Die Kelten werden auf unserem Gebiet speziell bezeugt durch den Namen Thuns, sowie durch fundreiche Grabhügel (Jolimont!) und gewaltige Erdburgen, wie die Knebelburg auf dem Jensberg und die Teufelsburg auf dem Plateau des Bucheggberges bei Rüti.
Römisches findet sich in grosser Menge. Die antoninische Reisekarte verzeichnet selbst den Namen einer Stadt auf bernischem Territorium. Das ist Petinesca, deren Reste in Form eines Thores, zahlreicher Fundamente und Befestigungswälle am Obstabhange des Jensberges bei Studen neu aufgedeckt wurden und zur Zeit unter der Leitung des Vereins Pro Petinesca in Biel ausgegraben werden. Römische Villen bestanden zu Toffen, Muri, Herzogenbuchsee etc. Die römische Hauptstrasse durchzog als Dammweg die Ebene des unteren Aarethales von Murten über das genannte Petinesca nach Solothurn. Sie wurde im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte allmählig an den meisten Stellen vom anwachsenden Alluvium überführt und verschüttet. In der späteren Kaiserzeit wurde die Strasse durch den Jura angelegt, von der die Inschrift am natürlichen Felsenthore Pierre Pertuis Kunde gibt.
Wann die römische Herrschaft durch diejenige der beiden germanischen Völkerschaften abgelöst wurde, kann nur annähernd auf die Mitte des 5ten Jahrhunderts n. Chr. angesetzt werden. Von einer Herrschaft der Alamannen im Kanton Bern meldet die Geschichte nichts; das erste Licht, das sie auf unser Gebiet fallen lässt, zeigt dasselbe vielmehr als Bestandteil zuerst des altburgundischen, dann des neuburgundischen Reiches, bis es 1032 zu deutschem Reichsland wird.
Für die Abstammung der Bevölkerung ist aber aus diesem rein politischen Verhältnis ebensowenig etwas zu schliessen, als aus dem Vorherrschen burgundischer Kulturgegenstände in den berühmten Grabstätten von Elisried, Rubigen und Bassecourt, welche lediglich die Ueberlegenheit der frühchristlichen Kultur der Burgunder über die der heidnisch-rohen Alamannen bezeugen. Einen besseren Schluss gestattet die alamannische Sprache, welche sich zwischen der freiburgischen und luzernischen Grenze als einheitliche Mundart bis heute erhalten hat. Die Berner sind als ein alamannischer Zweig zu betrachten.
Die ländlichen volkstümlichen Siedelungen bieten den höchst auffallenden Gegensatz des Dorf- und des Hofsystems dar. Im Jura und im flacheren Teile des Mittellandes, unterhalb der oben hervorgehobenen Abfallslinie Bern-Langenthal, herrscht das Dorfsystem vor. Hier stehen die Häuser in dichtgeschaarten Gruppen (Haufendorf), während das Feld umher in zahlreiche, lange, schmale und zerstreut liegende Parzellen eingeteilt ist.
Im höheren Teile des Mittellandes dagegen, auch im westlichen Jura (Franches-Montagnes), herrscht das Hofsystem. Hier sind die Wohnungen einzeln ausgestreut, die Bauern sind jeder einzeln Herr in der Bewirtschaftung des um den Hof liegenden Landes mit Acker, Weide, Wasser, Wald und Wegen.
Der Hausbau bleibt sich dabei im grossen ganzen gleich. Es herrscht von der Nordgrenze bis an den Alpenfuss das keltoromanische dreisässige Haus, welches die Alamannen auch sonst adoptiert haben. Im Jura ist es aus Stein, im Mittelland aus Holz erbaut.
Abweichende Verhältnisse zeigen immerhin der westliche Jura und besonders das Oberland. Man vergleiche die Hausbilder, Seite 203 u. ff. Im Oberland kann zwar zwischen den geschaarten Ortschaften der engen Thäler des Ostens und den über fruchtbarere, sanftere Thallehnen weithin ausgestreuten Höfen des Westens unterschieden werden. Doch sind die Gegensätze, weil nicht von der Bewirtschaftung des Ackers bedingt, weit weniger ausgesprochen, als im Flachlande. Das Haus des Oberlandes ist das Länderhaus. Im Osten ist es mit demjenigen des Wallis nahe verwandt, im Westen zeigt es burgundische Einflüsse.
Der Kanton Bern wies früher verschiedene Trachten auf, von denen einige ganz verschwunden oder im Absterben begriffen sind. Eine einzige Tracht lebt noch: es ist die kleidsame Tracht des tieferen Mittellandes. Sie ist so populär und bekannt, dass sie von Ausländern oft einfach als «schweizerische Nationaltracht» bezeichnet wird. Auch diese Tracht hat ihre Geschichte. Im 18. Jahrhundert trugen die Bernerinnen im Seeland und Emmenthal rote Mieder und blaue Röcke; dazu kamen sog. Schwefelhütli oder Hauben mit Rosshaarspitzen. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden die farbigen Mieder und Röcke durch schwarze verdrängt und dafür die Tracht mit reichem Silberschmuck ausgestattet. So entstand die heutige «Bernertracht».
Die Berner Bauern des 18. Jahrhunderts trugen meist nur Hemd und kurze Hosen aus dicht gefälteltem Zwilch, ohne Träger auf den Hüften sitzend. Die braunrote Weste wurde selten benützt und noch seltener der mit langen Schössen versehene Zwilchrock.
Der Bezirk Schwarzenburg ist die Heimat einer der originellsten Schweizertrachten, der Guggisbergertracht, die gegen Mitte des 19. Jahrhunderts ausstarb. Die Frauenröcke waren eigentümlich gefältelt und so kurz, dass sie die Kniee unbedeckt liessen. Die Taille reichte bis zur Mitte des Rückens. Als Schmuck trugen die Bräute prächtige Gürtel und niedliche Brautkrönchen.
Südlich von Thun trug man die sogen. Simmenthaler-Tracht, die ebenfalls nahezu ausgestorben ist. Sie kennt keinen Silberschmuck, dagegen wurde um die Schultern ein mit Fransen verziertes seidenes Halstuch gelegt und das Gesicht war jeweilen mit schwarzen Spitzen umrahmt.
Auch die Haslitracht ist am Erlöschen. Im Anfang des 19. Jahrhunderts trugen die Frauen auf dem Hasliberg Röcke aus naturfarbenem, also gelblich-weissen Wollstoff. Diese Röcke waren in eigenartige Längs- und Querfalten gepresst. Später wurde blauer Wollstoff vorgezogen und der Rock mit einem farbigen Saum versehen. Die Alltagsröcke oder «Gloschli» hängen an Trägern, die Festkleider dagegen weisen schwarze Sammetmieder auf, an denen die Röcke befestigt sind. Die Haslifrauen tragen stets ein das Gesicht eng umschliessendes, rotgewürfeltes Kopftuch und nur an Sonn- und Feiertagen wird der breitrandige, feine Strohhut aufgesetzt.
mehr
Anfänge des Staates.
Städtische Anlagen treten geschichtlich erst später hervor. An eine der letzten derselben, Bern (1191), knüpfen sich die Anfänge des Staates. Im Sinne des Gründers sollte Bern ein Stützpunkt zähringischer Hauspolitik und wohl auch deutsch-nationaler Politik gegen den abfall-lüsternen burgundischen Adel sein.
Die Stadt wurde selbständig nach dem Ausgang der Zähringer, wo sie, um nicht zu einer kiburgischen Landstadt herabzusinken, beim Reiche und vorübergehend beim Herzogshause Savoyen Anlehnung suchte und fand. Als Grundlage ihrer Selbständigkeit hat in erster Linie die sog. Handveste zu gelten, eine Urkunde der Reichsfreiheit, welche von der Tradition dem Kaiser Friedrich II. zugeschrieben und auf das Jahr 1218 datiert wird. Darin erhält die Stadt eigenes Gericht in Sachen der niederen Gerichtsbarkeit und eigenen Markt. Nach und nach erwirbt die Stadt auch die hohe Gerichtsbarkeit, und das Privileg des Königs Sigmund (1415) gibt ihr vollends alle Selbständigkeit in Sachen der eigenen militärischen und finanziellen Verwaltung. Nachdem sie 1339 die Probe bei Laupen siegreich bestanden, wurde sie 1351 ein Glied des Bundes der Waldstätte.
Territorial entwickelte sich der merkwürdige Stadtstaat in grossartiger Weise vom 14. bis zum 16. Jahrhundert.
Im 14. Jahrhundert beginnt Bern um sich zu greifen, indem es sich durch Erwerbung von Laupen und Aarberg die meist gefährdete Westseite strategisch sichert. Dann richtet es in kühner Verkehrspolitik seine Blicke nach dem Oberland, wo es, um den italienischen Handelsweg der Grimsel in seine Gewalt zu bekommen, das kleine Reichsland Hasle sich zum Freund und Schutzbefohlenen macht. Mit den Baronen des unteren Oberlandes führt es darauf einen heftigen Kampf, der bis zum Schlusse des Jahrhunderts u. a. auch die Beherrschung der Gemmi zur Folge hat. Inzwischen hat der Kampf gegen Kiburg mit der Erwerbung Burgdorfs und Thuns, der Schlüssel zum Emmenthal und Oberland und der Angliederung des Seelandes geendigt. Eine grosse Zahl weltlicher und geistlicher Selbständigkeiten des Mittellandes ist bereits durch Burgrecht und Schirmvogtei in Berns Machtbereich getreten und am Schlusse des Jahrhunderts übt dieses zu beiden Seiten der Aare die landgräflichen Rechte in neuer kräftigerer Form.
Im 15. Jahrhundert erobert Bern den Aargau bis an die untere Reuss, und dieser in der Ferne ausgeteilte Schlag lässt näher heran im Oberaargau und Emmenthal zahlreiche nun isolierte Herrschaften mühelos Bern anheim fallen.
Eine grosse Festigung erfährt der Staat durch den glücklichen Ausgang des Twingherrenstreites, 1471: von nun an steht die militärische und hochgerichtliche Hoheit der Stadt zu in allen niederen Gerichten, deren Inhaber die vielen adeligen Bürger der Stadt sind.
Im Burgunderkrieg erwirbt Bern Erlach am Bielersee und fasst, mit Freiburg zusammen, im Waadtland Fuss.
Der Schluss des 15. und der Beginn des 16. Jahrhunderts sehen die Aufhebung und Säkularisierung der Klöster und Stiftungen. Dieses führt besonders zur Abschliessung der Beherrschung der Alpenthäler, wo das Kloster Interlaken Träger eines besonderen politischen Gedankens gewesen war.
Die Eroberung der Waadt 1536 hat u. a. zur Folge, dass sich ein grosser Teil der Besitzungen des 1555 liquidierten Hauses der Grafen von Greyerz Bern um so leichter angliedern lässt. Saanen wird bernisch.
Bis 1798 herrscht Bern über das Land von der untern Reuss bis zum Genfersee. 1798 lösen sich die auswärtigen Vogteien los. Der Kanton Bern entsteht, neben dem nur eine kurze Spanne der Kanton Oberland selbständig bleibt. 1815 geht das Pays-d'Enhaut endgültig an Waadt über, während, wie bereits erwähnt, das Bistum Basel mit Bern vereinigt wird. Damit hat der Kanton die eingangs beschriebenen Grenzen erreicht.
Einteilung und Statistik der Bodenfläche.
Der Kanton umfasst 30 Amtsbezirke, von denen Interlaken mit 679 km2 der grösste und Biel mit 17 km2 der kleinste ist. Die landschaftliche Einteilung wird von der offiziellen Statistik (kantonales statistisches Bureau in Bern) wie folgt berücksichtigt:
1. Oberland, 7 Amtsbezirke: Oberhasle, Interlaken, Frutigen, Ober-Simmenthal, Nieder-Simmenthal, Saanen, Thun.
2. Emmenthal, 2 Amtsbezirke: Signau, Trachselwald.
3. Mittelland, 7 Amtsbezirke: Bern, Schwarzenburg, Seftigen, Konolfingen, Fraubrunnen, Burgdorf, Laupen.
4. Oberaargau, 2 Amtsbezirke: Wangen, Aarwangen.
5. Seeland, 5 Amtsbezirke: Büren, Biel, Nidau, Aarberg, Erlach.
6. Jura, 7 Amtsbezirke: Neuveville, Courtelary, Moutier, Franches-Montagnes, Delémont, Porrentruy, Laufen.
Von der gesamten Bodenfläche sind 78% produktiv und 22% unproduktiv. Das unproduktive Land setzt sich zusammen aus Felsen u. Schutthalden (1000 km2 = 14½%), Gletscher und Firn (288 km2 = 4½%) und Seen (123 km2 = 2%). ⅔ des unproduktiven Bodens entfällt auf das Oberland.
Das produktive Areal verteilt sich folgendermassen: 22% der Gesamtbodenfläche sind mit Wald bedeckt, 19% sind Weiden und Alpen, 37% sind der landwirtschaftlichen Kultur überwiesen (245000 ha).
Landwirtschaft.
Die Bevölkerung des Bernerlandes hat sich von jeher mit grossem Erfolg der landwirtschaftlichen Arbeit zugewendet. Ihr widmete der alte Berner aus dem Bauern- wie aus dem Adelsstande seine ausdauernde Körperkraft, seinen Geist bedächtiger Spekulation, seine Liebe zur Scholle, seine Sparsamkeit, seinen religiösen Sinn. Deshalb erglänzen hier noch heute, wie nirgends in der Schweiz, die grossen Bauernhäuser und die Landsitze so sauber und so stattlich.
Der allmälige Uebergang vom Getreidebau zum Wiesenbau, und allgemeiner von den extensiven Wirtschaftsformen der älteren zu den intensiven der neuen Zeit, hat sich im Kanton Bern in der Weise vollzogen, dass das
Verteilung der Nutzviehhaltung im Kanton Bern
GEOGRAPHISCHES LEXIKON DER SCHWEIZ
Lf. 35 & 36. ^[Karte: 7° 26’ 20“ O; 46° 57’ 6“ N; 1:550000]
Verlag von Gebr. Attinger Neuenburg.
Stück Rindvieh auf 100 Einw.
Nombre de bovidés p. 100 hab.
░ 20-40
▒ 41-60
▒ 61-70
▓ 71-100
▐ 101-140
Stück Rindvieh auf ha.
Nombre de bovides par ha.
░ 20-30
▒ 31-40
▒ 41-60
▓ 61-80
▐ 81-100
|100 Pferde||= ▲ =||100 chevaux|
|200 Rinder||= ● =||200 bovidés|
|200 Schweine||= ❙ =||200 porcs|
|200 Ziegen||= v =||200 chèvres|
|200 Schafe||= ⥾ =||200 moutons|
|200 Bienenk.||= ^ =||200 ruches|
|1901||Pferde||Rinder||Schweine|
|Chevaux||Bovidés||Porcs|
|Jura||9781||46464||26494|
|Seeland||412||27192||19818|
|Ober Aargau||1978||23469||10813|
|Emmenthal||3406||36274||15972|
|Mittelland||12080||92550||45908|
|Oberland||3206||67913||18772|
|Kanton:||34563||293862||137777|
1:550000
V. Attinger, sc.
VERTEILUNG DER NUTZVIEHHALTUNG IM KANTON BERN
mehr
Oberland den Getreidebau fast ganz aufgab, die übrigen Landesteile ihn stark einschränkten. Der alte Weidgang konnte, als er abgeschafft wurde, nur durch Vermehrung der Wiesen um die neu aufgekommenen Futteräcker ersetzt werden. Dabei verschwand immer mehr das ehemalige Gemisch von Landbau und Weidwirtschaft. Die letztere wurde ins Gebirge verbannt. Aber gerade das erscheint charakteristisch für die Landwirtschaft des Kantons, dass die Beziehungen zwischen den beiden örtlich getrennten Wirtschaftsformen fortbestehen und mit dem grossartig zunehmenden Viehbestand nur immer grössere Bedeutung erlangen.
Das Kulturland ist wie folgt verteilt:
|ha||%||.|
|Aecker und Gärten||.||133750||= 54,6%||.|
|Davon Getreide||47940 ha = 19,5%||.||.|
|- Hackfrucht||25970 ha = 10,6%||.||.|
|- Handels- und Gemüsepflanzen||3470 ha = 1,4%||.||.|
|- Kunstfutter||55800 ha = 22,7%||.||↘|
|Wiesen und Obstgärten||.||110500||= 45,1%||67,8%|
|Reben||.||750 =||= 0,3%||.|
|Summe:||.||245000 =||= 100%||.|
Aus dieser Tabelle geht hervor, dass nicht weniger als 67,8% des gesamten Kulturlandes der intensiven Futtergewinnung übergeben sind, während der Getreidebau über bloss noch knapp 1/5 derselben Fläche verfügt.
Das meiste Viehfutter wird von den Wiesen gewonnen. Mähmaschinen sind erst seit einem halben Jahrzehnt im allgemeinen Gebrauch. Besondere Dörrvorrichtungen gibt es nicht; zur Unterbringung des Trockenfutters ist das bernische Bauernhaus durch seine Heubühne vorbereitet, welche unter einem gewaltigen Dach den ganzen Raum über der Tenne und den Stallungen einnimmt und zu welcher eine gedeckte Einfahrt führt.
Nur die Herbstweide führt das Stallvieh an die freie Luft. Das ist wenigstens für das zum Schlachten bestimmte Jungvieh ein Uebelstand, welchem sehr viele Viehbesitzer dadurch abhelfen, dass sie gemeinde- oder korporationsweise Bergweiden in höheren Lagen des Alpenrandes erwerben. In den ersten Sommertagen (Mitte Juni) fährt dann der Hirt mit dem Jungvieh zu Berg, und es ist ein spezifisch bernisches Zeichen des Sommers, wenn dann an allen Oberlandstrassen (diejenigen der Bundesstadt nicht ausgenommen) die Nächte durch das Geläute dieser wandernden Herden erklingt. Im Jura gibt es noch viele Gemeindeweiden (Pâturages communaux), auf denen der Weidgang geübt wird von Herden, welche der Winter acht Monate lang in die Ställe gebannt hat. Es besitzt namentlich das Plateau der Freiberge solche durch alle Wälder sich erstreckenden Naturwiesen: eine Parklandschaft von grossartiger Schönheit, aber geringer wirtschaftlicher Bedeutung.
Die Verteilung des Wiesen- und Futterbaues auf die einzelnen Landesteile gestaltet sich folgendermassen: Vom behauten Boden entfallen auf die Wiesen im:
|Oberland||75%|
|Emmenthal||32%|
|Mittelland||27%|
|Oberaargau||29%|
|Seeland||40%|
|Jura||59%|
Von derselben Fläche entfallen auf den Anbau von Futterkräutern (Kunstfutter, meist als sog. Futtermischung: Klee, Lucerne und Esparsette, hin und wieder Grünmais) im:
|Oberland||9%|
|Emmenthal||37%|
|Mittelland||36%|
|Oberaargau||30%|
|Seeland||19%|
|Jura||14%|
Der Gesamtertrag der Wiesen und Futteräcker des Kantons beläuft sich in guten Jahren auf 10 Millionen q. mit einem Geldwert von 75 Mill. Fr. Das Jahr 1893, wo zur seltenen Ausnahme die Regen des Frühjahrs ausblieben, ergab freilich nur 5,2 Millionen q. Dennoch erreichte der Wert dieser Missernte die Summe von 75,6 Mill. Fr., ein schlagender Beweis für die enorme Wichtigkeit einer ordentlichen Futterernte für die gesamte Volkswirtschaft des Kantons Bern.
Getreidebau.
Noch beträgt in den flacheren, trockeneren aber auch in den verkehrsentlegeneren Gegenden sein Anteil bis ¼ des bebauten Areals. Die Bezirke Pruntrut, Aarberg, Burgdorf, Laupen und Schwarzenburg stehen in dieser Hinsicht im ersten, Nidau, Laufen, Erlach, Büren, Delsberg und Trachselwald im zweiten Range. Im Oberland hat nur noch Thun ansehnliche Getreideareale aufzuweisen. Saanen hatte 1895 bloss noch 5 ha mit Getreide bestellt.
Folgende Getreidearten sind in den einzelnen Landesteilen vorherrschend (die Reihenfolge gibt das Verhältnis der Areale an):
|Oberland||Korn (d. i. Dinkel), Weizen.|
|Emmenthal||Korn, Roggen.|
|Mittelland||Korn, Hafer, Roggen, Weizen.|
|Oberaargau||Korn, Roggen, Hafer.|
|Seeland||Weizen, Roggen, Korn, Hafer.|
|Jura||Weizen, Hafer, Gerste.|
Im ganzen Kanton waren 1895 von 46000 ha Getreideland:
|ha||mit|
|13870||Korn|
|11360||Weizen|
|10890||Hafer|
|7600||Roggen|
|2360||Gerste|
bestellt. Roggen und Gerste waren früher im Gebirge stark vertreten. Sie in erster Linie sind durch den Wiesenbau verdrängt worden.
Dem Kartoffelbau sind bedeutende Areale überwiesen: im Seeland und Oberaargau fast 1/6, im Mittelland 1/9, im Emmenthal 1/11, im Jura 1/12 und im Oberland 1/14 des bebauten Bodens. In den Bezirken Aarberg und Pruntrut ist der Kartoffelbau am bedeutendsten.
Die nämlichen zwei Bezirke weisen auch den meisten Gemüsebau auf. Das gesamte Flachland, besonders aber das Seeland, beginnt seit kurzem einen lebhaften Anbau von Zuckerrüben für die Zuckerfabrik in Aarberg. Im Emmenthal ist das am meisten angebaute Gemüse das Kraut. Reps wird besonders im Amtsbezirk Pruntrut, Hanf und Flachs immer noch in ansehnlichem Masse in Konolfingen und dem obern Emmenthal, Tabak in Laupen und Cichorie im Bezirk Burgdorf gepflanzt.
Der Weinbau spielt nur in der Gegend des Bielersees eine Rolle. Dort ist er aber für vier Gemeinden die Hauptkultur (Neuveville, Ligerz, Twann und Tüscherz). Als schmaler Saum, der 100-150 m am Berge ansteigt, zieht sich das Rebgelände dem jäh abfallenden Jura am Nordufer des Sees entlang bis nach Biel und Bözingen. Der Weisswein, der hier gewonnen wird und unter den Namen Neuveville und Twanner wohlbekannt ist, ähnelt an Säuregehalt dem Neuenburger, ist jedoch leichter als dieser. Auch am Jolimont und bei Ins wächst ein guter Wein. Von der ehemals viel ausgedehnteren Weinkultur durchs ganze Land zeugen noch Reste im Bezirk Büren, im Laufenthal, bei Spiez, Merligen und Oberhofen am Thunersee.
Obstbau.
Die Obstbaumzählung von 1888 ergab folgende Resultate:
|Bäume|
|Oberland||459000|
|Emmenthal||329000|
|Mittelland||926000|
|Oberaargau||300000|
|Seeland||342000|
|Jura||422000|
|Kanton:||2778000|
mehr
davon waren:
|Apfelbäume||1170000|
|Birnbäume||386000|
|Kirschbäume||625000|
|Zwetschgen- u. Pflaumenbäume||434000|
|Nussbäume||78600|
|Spalierbäume, etc.||84400|
Während Apfel- und Birnbäume in allen flacheren Obstbaugegenden des Kantons ziemlich gleichmässig verbreitet sind, findet sich der Kirschbaum in den höheren Lagen am stärksten vertreten, und sind die Nussbäume in den milden Fönthälern des Alpenrandes, dann aber auch im Seeland besonders zu finden. Die reichsten Obsterträge ergeben die Gegenden von Biel, Nidau, Burgdorf, Thun und Interlaken. Die Quantität der Ernten ist durchschnittlich gross. Trotz vielfacher Verbreitung feiner Sorten ist die Qualität im ganzen eher mittelmässig. Modernere und sorgfältigere Verfahren bei der Pflege der Bäume, namentlich aber bei der Ernte und dem Sortieren des Obstes kennt der eigentliche Landmann noch sehr wenig. Und doch würden sowohl die Gunst des Klimas als die Marktlage vielerorts der Tafelobstwirtschaft entgegenkommen. Dem Bauer liefert sein Obst eine tüchtige Zukost und als Most gesunden Trank.
Der Wert der Ernte belief sich 1895 auf 7 Mill., 1898 auf 14½ Mill. Frs. Im ersteren Jahr schlug die Apfelernte fehl, im letzteren war der Ertrag des Steinobstes gering.
Viehstand.
In der geographischen Verbreitung des Viehstandes hat sich im Laufe der letzten hundert Jahre eine bemerkenswerte Veränderung vollzogen. Das Gebiet der dichtesten Viehverbreitung ist aus den Alpen ins Flachland hinuntergerückt. Das engere Mittelland allein übertrifft jetzt das Oberland in dem Bestand aller Vieharten, ausgenommen der Schafe. Gleichzeitig hat aber auch der Viehstand des Kantons in gewaltigem Masse zugenommen, vollständig Schritt haltend mit dem Zuwachs der Bevölkerung. Wuchs nämlich die Volkszahl von 1819-1896 von 338000 auf 542000 an, so vermehrte sich der Viehstand in demselben Zeitraum von 230000 auf 368000 Einheiten. Beide Vermehrungen betragen 60%.
Der Pferdebestand bleibt bei rund 30000 Stück, soweit die Zählungen zurückreichen, ziemlich stabil. Er nimmt zu in den Städten und wohlhabenden Dörfern, ab dagegen in den rein ländlichen Bezirken. Sowohl die alte Pferdezucht des westlichen Oberlandes (Saanen, Erlenbach) als diejenige der Freiberge haben an Bedeutung eingebüsst, nur Kreuzung mit Auslandtieren bringt hier noch Erfolg. Die Nachfrage nach dem schweren Schlag ist infolge des eingegangenen Wagenverkehrs gesunken, während die nach Luxuspferden, wobei fremdes Geblüt bevorzugt wird, gestiegen ist. Ein beträchtlicher Teil der obigen Zahl fällt auf den Bestand an Militärpferden.
Der Rindviehbestand ist in der Periode von 1819-1896 von 158000 auf 276400 Stück angewachsen, die sich folgendermassen verteilen:
|Oberland||66355|
|Emmenthal||33113|
|Mittelland||82953|
|Oberaargau||21729|
|Seeland||24371|
|Jura||47888|
|Total||276409|
Die Zunahme kommt hauptsächlich dem Mittelland (42000) und dem Seeland (15000) zugute. Etwa die Hälfte des Bestandes entfällt auf die Kühe. An Zahl derselben excellieren besonders die Mittellandsgegenden, während Jura und Alpen sich durch grosse Bestände an Zucht- und Schlachtvieh hervorthun.
Der verbreitetste Schlag ist das Simmenthalerfleckvieh, dieses jetzt durch die ganze Erde verbreitete, durch Grösse sowohl wie durch Milchreichtum ausgezeichnete Tier, dessen Aufzucht im westlichen Oberland nach wie vor mit grossem Erfolg betrieben wird. Der Schlag des Braunviehs ist im östlichen Oberland heimisch.
Milchwirtschaft, Käsebereitung.
In weitaus den meisten Landesteilen ist das Hauptziel der Rindviehhaltung die Gewinnung der Milch und deren Verarbeitung zu Käse. Der jährliche Milchertrag wird auf 3550000 hl geschätzt, was auf den Kopf der Bevölkerung 646 l ausmacht. Davon werden verwendet: 1234000 hl für den direkten Konsum (224 l per Kopf), 1467000 hl zur industriellen Käsebereitung, 438000 hl zur Aufzucht, und 225000 hl zur häuslichen Butter- und Käsebereitung. Dabei ist die Sennerei des Oberlandes nicht berücksichtigt. Die Menge des in den Käsereien gewonnenen und in den Handel gebrachten Käse wird auf 112000 q (Wert 16 Mill. Fr.) jährlich geschätzt.
Nach wie vor ist das Emmenthal das Centrum der feinen Käsebereitung; doch machen ihm Mittelland und Oberaargau scharfe Konkurrenz in der Bereitung derselben Spezialität (Emmenthaler).
Saanen produziert seine kleineren und härteren Saanenkäse (Gruyère), und der Jura hat in seinem Weichkäse von Bellelaye eine ausgezeichnete Sorte aufzuweisen. Die Butterproduktion tritt gegen die des Käse naturgemäss stark zurück.
Die Mästung ist wenig entwickelt, sodass wenigstens in den Städten ein grosser Teil des Fleischbedarfs durch ausländisches Schlachtvieh gedeckt wird. Eine sehr