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Berichte
1999: 80 Jahre Citroën Motorfahrzeuge, 65 Jahre Traction Avant
Autor: Daniel Eberli

Vor 80 Jahren begann die interessante, wechselhafte Geschichte der Citroën Autos. 1934 brachte Citroën die ersten Frontantriebswagen auf den Markt und revolutionierte damit den Fahrzeugbau.

André Citroën wurde im Jahre 1878 geboren. Er absolvierte mit Erfolg das
Polytechnikum
und arbeitete einige Zeit in der Automobilfabrik "Mors". Bereits 1905, im Alter von 27 Jahren, gründete Citroën eine erste Firma unter dem Namen "André Citroën & Cie", die 1913 in die "Socitété des Engrenages Citroën" (Zahnradfabrik Citroën) umgewandelt wurde. Ebenfalls 1913 gründete Citroën eine andere Gesellschaft, die sich um die Nutzung eines Patentes für Vergaser bemühte, und die am Quai de Javel Sitz hatte. Schon früh war André Citroën beeindruckt von den Produktionsmethoden von Henri
Ford
, der bereits 1908 das Modell T am Fliessband produzierte. Er begriff, dass man Produktionsabläufe sorgfältig untersuchen und in einzelne Abschnitte einteilen musste, dass sich somit die industrielle Fertigung eines Produktes auf mathematische Art und Weise berechnen lassen.
Mit Ausbruch des 1. Weltkrieges 1914 bekam Citroën Anfang 1915 den Auftrag, 7500 75mm-Granaten herzustellen: Ein anständiger Auftrag für ein kleines Unternehmen. Citroën konnte dem Kriegsministerium klarmachen, dass er mit industrieller Fabrikation eine viel grössere Anzahl liefern kann. Das Unternehmen wuchs rapide, und 1918 erstreckte es sich am Quai de Javel in
Paris
über 8 Hektaren, auf denen 1914 noch Schrebergärten waren. 12'000 Personen waren mit der Herstellung von Granaten beschäftigt - in Spitzenzeiten bis zu 20'000 Stück pro Tag! Das Unternehmen war äusserst fortschrittlich im sozialen Bereich: Eine Kantine und ein Kindergarten waren ebenso selbstverständlich, wie eine betriebseigene Zahnklinik. Noch während des Krieges machte sich André Citroën Gedanken über "die Zeit danach". Er sprach davon, 1'000 Autos pro Tag zu fabrizieren, und dies zu einem Preis, der es jedermann ermöglichen sollte, einen Wagen zu besitzen.
1919: Der erste "Citroën"
1919 wird der erste Citroën-Wagen produziert, der Typ A. Ausgestattet mit einem einem 4-Zylinder-Motor von 1326 cm3 (10-Steuer-PS), der für eine Spitzengeschwindigkeit von ca. 65 km/h gut ist, sind bereits ab Werk 6 verschiedene Karrosserien erhältlich; und dies in einer Zeit, als Wagen von anderen Herstellern jeweils nur als Motor-Chassis-Gefährt geliefert und bei einem Karrossier nach Wahl komplettiert werden müssen! Sogar das Reserverad und die Beleuchtung ist im Preis von 7205.- F. inbegriffen! Von Juni bis Dezember 1919 produziert Citroën 2'500 Fahrzeuge. 1920 sind es bereits 20'200!
Ebenfalls 1920 macht Citroën erste Versuche mit Halbkettenfahrzeugen, sogenannten "Autochenilles" nach dem Patent von Adolphe Kégresse. In unwegsamen Gebieten bewähren sich später diese Fahrzeuge sehr, und ihre Zuverlässigkeit festigen den guten Ruf von Citroën. Sie werden nicht nur vom Militär, im Strassenbau und in der Landwirtschaft verwendet, auch verschiedene Postbetriebe bedienen sich ihrer, so auch die Schweizerische PTT, welche die "Autochenilles" im Winter an den Vorderrädern mit Skis ausstattet.
1921 erscheinen die ersten Citroën Taxis auf den Strassen von Paris. Als grosse Neuheit am Pariser Autosalon wird der 5 PS Typ C vorgestellt, ein richtiges Volksautomobil mit 856 cm3 - Motor, 60 km/h schnell und nur als 2-plätziges Torpedo erhältlich. Erst im Sommer 1922 geht er in Produktion und wird nur in gelber Farbe verkauft, die man "Citronengelb" nennt.
Das kleine Wägelchen macht eine beispielhafte Karriere. 1924 wird es als Dreiplätzer vorgestellt, wobei der dritte Platz hinten in der Mitte eingerichtet ist, und der Passagier seine Füsse zwischen die Vordersitze streckt. Durch diese Anordnung wird es unter dem Namen "Trèfle" (Kleeblatt) berühmt. Bis im März 1926 bleibt es mit kleinen Änderungen in Produktion, gegen 90'000 Exemplare dürften gebaut worden sein, wovon eine bemerkenswerte Anzahl bis heute überlebt hat.
Nach dem B12 von 1925 erscheint 1927 der B14, angetrieben von einem 1538 cm3-Motor mit 22 echten PS, welcher 1929 vom C4 abgelöst wird. Ebenfalls 1929 wird der C6 vorgestellt (6 Zylinder, 2442 cm3), womit erstmals ein Citroën die 100 km/h-Grenze durchbricht.
André Citroën versucht erfolgreich, mit Werbeaktionen auf seine Produkte aufmerksam zu machen. Schon 1922 schreiben Flugzeuge den Namen "Citroën" in den Himmel. 1925 erscheint er zum ersten Mal am
Eiffelturm
: 200'000 Glühlampen sind dafür und für Verzierungen notwendig, dazu eine komplizierte Steuerung und mehrere hundert Kilometer Kabel...
Waghalsige Expeditionen
17. Dezember 1922 bis 7. Januar 1923 durchquert eine erste Citroën Expedition erstmals mit Autos die Sahara, von Algier bis Timbuktu; eine Distanz von 3'200 Kilometern bei einem Mittel von 150 Kilometern pro Tag, und das mit 10-PS-Fahrzeugen des Typs B2! Eine gewaltige Leistung in der damaligen Zeit!
28. Oktober 1924 bis 26. Juni 1925 wird eine weitere Expedition durchgeführt, die "Croisière Noire", bei der ganz Afrika von Algerien über Kenia bis zum Kap mit "Autochenilles" durchquert wird, und die auf grosse Anerkennung stösst. Enorme Strapazen werden bewältigt.
Am 4. April 1931 startet die "Croisère Jaune" in Beirut. Ziel ist das ferne Peking. Dazwischen liegen unwirtliche Gebiete wie Wüsten, Gletscher, höchste Gebirge und Kriegszonen. Ein C4F erreicht 4208m ü/M und stellt damit einen Weltrekord auf. Streckenweise sind die Wege unbefahrbar, die Autos werden zerlegt und getragen. Am 12. Februar 1932 erreichen die Fahrzeuge triumphierend Peking.
Rekordfahrten
Ab Anfang 1932 werden die C4 und C6 erstmals mit dem "Moteur flottant" ausgestattet: Der Motor wird nach einem Patent von
Chrysler
weich gefedert auf dem Chassis befestigt, wodurch ein grosser Teil der Vibrationen eliminiert werden können. Die ersten Fahrzeuge dieser Art sind gekennzeichnet durch einen stilisierten Schwan vor den Citroën-Winkeln.
Ende 1932 folgen die Typen "8", "10" und "15", im Volksmund "Rosalie" genannt, nachdem eine Citroën "Rosalie" "8" 300'000 km in 134 Tagen einen Schnitt von mehr als 93km/h gefahren und 106 Weltrekorde gebrochen hat. Weitere Fahrten dieser Art folgen und beweisen die Zuverlässigkeit der kleinen Wagen.
André Citroën wirbt nicht nur bei den Erwachsenen für seine Produkte. Schon bald stellt er auch Spielzeugautos her, um bereits früh seine zukünftige Kundschaft zu gewinnen. "Mamma, Papa, Citroën" sollen sie als erste Worte sprechen lernen...
Finanzielle Probleme
Erste Wolken am Citroën Himmel zeigen sich nach dem Wall-Street-Crash vom Oktober 1929 und der darauf folgenden Weltwirtschaftskrise. Auf dem Höhepunkt der Krise, 1933, lässt Citroën seine Fabrik am Quai de Javel in kürzester Zeit komplett neu bauen, um für sein neues Modell Kapazitäten zu schaffen. Riesige Werkhallen entstehen. Zur Einweihung sind 6'000 Gäste geladen.
Der Neubau belastet die Marke Citroën sehr. Im April 1933 kommt es zu einem Streik, der die Schwierigkeiten verstärkt. Im Ausland verkaufen sich die Autos schlecht, wegen ungünstiger Wechselkurse und protektionistischen Massnahmen verschiedener Länder. Ende 1933 ist Citroën so stark verschuldet, dass die Firma
Michelin
zu Hilfe gerufen werden muss.
Mit Frontantrieb in die Zukunft
In kürzester Zeit wird der Traction Avant Typ "7" entwickelt. Ein Fahrzeug, das sich komplett von den Autos der damaligen Zeit unterscheidet: Selbsttragende Karrosserie, Frontantrieb, Torsionsstab-Federung, um nur die wichtigsten Unterschiede zu erwähnen. Ursprünglich soll sogar ein automatisches Getriebe eingebaut werden, doch muss dieser Plan fallengelassen werden. Augenfälligstes Merkmal des neuen Wagens ist, dass er rund 20 cm niedriger ist, als die Vorgänger und die Konkurrenten, und dies bei gleichem oder besserem Raumangebot. Dank dem tiefen Schwerpunkt und dem Frontantrieb zeichnet sich der Traction Avant durch eine beispiellose Bodenhaltung aus.
Im April 1934 beginnt die Produktion.- Anfänglich mit 1303 cm3 und 32 PS (gut für 95km/h) und mit zahlreichen Kinderkrankheiten behaftet, folgen im gleichen Jahr verbesserte Modelle mit 1529 cm3 und 1911 cm3 (7 Sport, Spitze 110 km/h). In den folgenden Jahren hält sich der Motor von 1911 cm3 . Der Wagen wird "11CV" genannt und als Traction Avant weltberühmt und bleibt mit nur kleineren Änderungen bis 1957 in Produktion. Die folgenden Karrosserien werden ab Werk angeboten:
Mit schmalerer Spur und kürzerem Radstand, genannt "Légère": Berline, Cabriolet und Faux-Cabriolet (Coupé), mit breiter Spur und mittlerem Radstand, genannt "Large": Berline, Cabriolet und Faux-Cabriolet, und mit gleicher Spur aber langem Radstand: Familiale und Commerciale. 1934 werden ca. zwölf sagenumwobene Prototypen eines Acht-Zylinder-Modells mit Frontantrieb gebaut, genannt "22", wovon drei am Pariser Salon der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Sie gehen nie in Serie und sind heute alle verschollen.
Ebenfalls am gleichen Salon zeigt Citroën einen Werbefilm, bei dem ein neuer Traction Avant von einer 8 Meter hohen Felswand gestürzt wird, mit der Front aufschlägt, zurück geworfen wird, wieder mit der Front aufschlägt, und nach einer Drehung um die eigene Achse auf den Rädern zu stehen kommt. Lediglich eine Scheibe ist zerbrochen, alle Türen lassen sich öffnen, und der Wagen fährt mit eigener Kraft davon.
Nach und nach hat man die Kinderkrankheiten 4-Zylinder-Modelle ausmerzen können, doch für André Citroën kommt dies zu spät. Am 21. Dezember 1934 wird die Liquidation des Unternehmens Citroën beschlossen, André Citroën stirbt am 3. Juli 1935 als armer, gebrochener Mann.
Unter der Führung von
Michelin
entwickelt sich das Unternehmen weiter. Anfang 1939 kommt der Traction Avant 15/Six heraus, dessen Spitzengeschwindigkeit über 130km/h liegt, und dessen Fahreigenschaften legendär werden. "Reine de la Route", "Königin der Landstrasse" wird der Wagen genannt. Seine 2867 cm3 aus sechs Zylindern verhelfen ihm zu Fahrleistungen, die sich heute noch sehen lassen dürfen. Da auch die Unterwelt Gefallen an diesem besonderen und schnellen Wagen findet, wird er bald einmal "Gangsterwagen" genannt, derweil die Polizei mit den 4-Zylinder-Modellen hinterherfahren muss...
Im zweiten Weltkrieg wird die Produktion praktisch eingestellt. Die vorhandenen Fahrzeuge dienen sowohl den deutschen Besetzern, als auch den Flüchtlingen und der Résistance. Nach dem Krieg wird die Produktion wieder aufgenommen, und die Wagen sind weiterhin sehr beliebt. Geschäftsleute, Ärzte, aber auch wohlhabende Bauern bedienen sich ihrer. In den Jahren nach dem Krieg werden die meisten Traction Avant in schwarzer Farbe ausgeliefert, und so sind sie auch den meisten Leuten in Erinnerung geblieben.
Leider wird die Fabrikation der Cabriolets und Coupés nach dem Krieg nicht mehr aufgenommen. Lediglich einige Karrossiers produzieren kleine Serien von offenen Autos. In der Schweiz sind dies berühmte Firmen wie "Langenthal", "Worblaufen" und "Beutler".
Am Pariser Salon von 1948 wird der
2CV
vorgestellt. Obwohl von allen belächelt, startet dieser komfortable Kleinwagen mit anfänglich 375cm3 zu seinem Siegeszug um die ganze Welt.
1955 beginnt sich das Ende der Traction Avant abzuzeichnen:
"La Déesse"
, "Die Göttin" wird vor- und die automobile Fachwelt auf den Kopf gestellt. "Dies ist nicht das Auto von morgen, es ist das Auto von heute. Aber alle anderen sind daneben von gestern..." lautet ein Werbespruch. In der Tat: Ein aussergewöhnlicher, stromlinienförmiger Wagen: Natürlich mit Frontantrieb, höhenregulierbarer hydraulischer Federung, Servolenkung, halbautomatischer Schaltung, Einspeichen-Sicherheitslenkrad und vielem mehr.
Trotzdem dauert es bis zum 25. Juli 1957, bis die letzte der legendären Tractions, eine 11 Familiale, vom Band rollt. Die Legende aber lebt weiter. Heute sind weltweit die Besitzer von Citroën-Veteranen in Clubs zusammengeschlossen. Ersatzteile werden nachgefertigt,
Treffen und Ausflüge
abgehalten. In der Schweiz dürfte es noch gegen 1000 Wagen der verschiedenen Traction Avant-Typen geben.