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Das Beurteilungs- und Bewertungssystem in unseren Schulen nagt stark am Selbstwert unserer Kinder. Wie können wir Kinder dabei unterstützen, trotzdem ein positives Selbstbild zu entwickeln und ihren Selbstwertakku aufzuladen?
Bevor ich dir Tipps mit auf den Weg gebe, wie du Kinder stärken kannst, möchte ich mit dir zwei Situationen teilen, die mich in den letzten Tagen beschäftigt haben.
Botschaften von Noten und Beurteilungen
Vor ein paar Tagen erzählte mir eine Freundin entrüstet folgende Situation:
Die Tochter ihrer Schwester kam letzte Woche ganz enttäuscht nach Hause. Sie war traurig und weinte. Als die Mutter nachfragte, was denn passiert sei, reichte ihr das Mädchen den korrigierten Einmaleinstest (siehe Bild unten).
Obwohl ihre Tochter 30 von 40 Punkten erreicht hatte, erhielt sie nur die Note 3 mit der Bemerkung "Lernziel nicht erreicht!"
Das Mädchen besucht die 3. Klasse. Dieses Jahr erhält sie zum ersten Mal Noten.
Welche niederschmetternde Botschaft versteckt sich hinter der Note 3? Was die Schülerin von dieser Note mitnimmt, ist:
"Du genügst nicht."
Es ist reiner Wahnsinn, dass ein Kind zu Beginn seiner Schulzeit, mitten im Lernprozess (der nicht geradlinig verläuft!) eine solche Botschaft erhält! 😠
Eine weitere Situation, die mir eine Kollegin letzte Woche schilderte, möchte ich auch hier mit dir teilen:
Ihr Sohn besucht die 6. Klasse (Kanton ZH). Im März stehen die Gymiprüfungen an, welche darüber entscheiden, wer nach der 6. Klasse ins Gymnasium darf und wer nicht.
An der Schule dieses Jungen ist es so, dass Kinder in der 6. Klasse in der Schule spezielle Förderlektionen zur Vorbereitung auf die Gymiprüfung erhalten. Voraussetzung, dass du an der Vorbereitung teilnehmen kannst, ist die Note 5.0 in Mathematik und in Deutsch.
Der Sohn meiner Kollegin möchte unbedingt ins Gymi, seine Eltern halten sich bei dieser Entscheidung zurück, unterstützen ihn aber dabei. Das Fach, das ihm am meisten Mühe bereitet, ist Deutsch. Mathe fällt ihm sehr leicht.
Nun ist es so, dass der Junge in Mathe eine 5.5, in Deutsch eine 4.5 hat. Das heisst, er darf nicht an der Gymivorbereitung teilnehmen.
Dem Kind werden also quasi folgende Botschaften mitgeteilt:"Du bist es nicht wert, dass wir Zeit in dich investieren. Wir trauen dir nicht zu, dass du es schaffst, dich zu verbessern." Mit anderen Worten: "Wir haben dich schon aufgegeben."
Unglaublich! Er erhält gar nicht erst die Möglichkeit und die Unterstützung, sein Potenzial zu entfalten. Er wurde quasi schon abgeschrieben, obwohl er sehr motiviert ist.
Der Junge liess sich jedoch von diesem Rückschlag nicht beirren und bereitet sich nun gemeinsam mit einem anderen Freund und externer Unterstützung auf die Gymiprüfung vor. Das nenn ich ein Growth Mindset! 💪🏻 Ich wünsche den beiden viel Erfolg bei der Prüfung! 🍀
"Kinder werden heutzutage verhätschelt"
Einige denken sich zu den genannten Beispielen vielleicht:"Na und? Das Lernziel wurde halt nicht erreicht. Das Kind muss lernen mit Rückschlägen umzugehen." Oder "So ist halt das Leben. Kinder müssen lernen, dass das Leben kein Ponyhof ist. Er hat eben nicht die Voraussetzungen fürs Gymnasium."
Kinder brauchen Zeit, sich zu entfalten und Menschen in ihrem Umfeld, die an sie glauben und sie bestärken.
Es geht nicht darum, Kinder zu "verhätscheln", wie es oftmals heisst. Auch ich finde wichtig, dass Kinder die Erfahrung machen, zu scheitern, Rückschläge zu erleiden oder Fehler zu machen. Das heisst jedoch nicht, dass wir sie ständig vergleichen und beurteilen müssen.
Entscheidend ist, sich darüber bewusst zu sein, dass jedes Kind in seinem individuellen Rhythmus lernt und dass ein Lernprozess nicht geradlinig verläuft. Kinder brauchen Zeit, sich zu entfalten und Menschen in ihrem Umfeld, die an sie glauben und sie bestärken.
Vielmehr als beurteilen, sollten wir ihnen aufzeigen, dass wir an sie glauben und wie sie mit Fehlern umgehen und gestärkt aus Niederlagen hervorgehen können.
Was macht dieses Bewertungssystem mit unseren Kindern?
Leider sind obenstehende Situationen keine Ausnahme. Ein einziges Erlebnis dieser Art kann ein Kind sein Leben lang prägen. Die Bewertung nagt am Selbstwert des Kindes. Das Mädchen im ersten Beispiel kann aus dieser Beurteilung Ängste entwickeln. Die Ängste können wiederum Blockaden hervorrufen, wenn sie nicht thematisiert und aufgelöst werden.
Beurteilungen, Bewertungen und Vergleiche haben einen signifikanten Einfluss auf:
den Selbstwert
das Selbstbild
das Selbstvertrauen
und können Ängste auslösen: vor Versagen, Herausforderungen, vor Fehlern, vor Prüfungen
Durch solche Erlebnisse entstehen Glaubenssätze über uns. Diese laufen in unserem Unterbewusstsein weiterhin ab und limitieren uns. Viele negative Glaubenssätze entstehen durch Vergleiche mit anderen, durch Bewertung und Beurteilung:
Ich bin nicht gut genug.
Ich bin dumm.
Ich kann das nicht.
Das schaffe ich nicht.
Das konnte ich noch nie.
Mathe kann ich nicht.
Es ist aber nicht so, dass nur der Selbstwert von Kindern mit schlechten Noten leidet. Auch SchülerInnen mit ausgezeichneten Noten können durch Bewertungen und "falsches" Lob ein negatives Selbstbild entwickeln.
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Ein Appell an Lehrpersonen
Ich bin mir darüber bewusst, dass Lehrpersonen das vorherrschende Bewertungssystem nicht selbst ändern können und dass ihnen zu einem grossen Teil die Hände gebunden sind. Es freut mich auch, dass es bereits viele Lehrpersonen und Schulen gibt, die neue Wege in der Beurteilung gehen.
Und trotzdem möchte ich an dieser Stelle einen Appell an alle Lehrpersonen richten, die sich über die nachhaltigen Folgen von Beurteilungen noch nicht bewusst sind:
Pflege einen möglichst achtsamen Umgang mit Bewertungen, Beurteilungen, Vergleichen und Noten.
Sei dir bewusst darüber, welche Botschaften du mit Beurteilungen und Noten dem Kind sendest und wie diese das Kind nachhaltig prägen können.
Nutze den vorhandenen Spielraum zum Wohle der Kinder aus.
Zeige dem Kind, dass du an es glaubst.
Gehe mit den Kindern ins Gespräch und versuche zu verstehen, wo das Problem liegen könnte. Zum Beispiel oben: Vielleicht war das Kind an diesem Tag einfach sehr müde? Vielleicht fühlte es sich vom Zeitdruck total gestresst und konnte deshalb gar nicht mehr klar denken?
Versuche im Rahmen deiner Möglichkeiten auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes einzugehen. z.B. Test ohne Zeitlimite
Fokussiere auf die Stärken und die Ressourcen des Kindes.
Denke an den Selbstwertakku des Kindes.
Ich möchte hier nicht näher auf den Sinn und Unsinn des Bewertungssystem an Schulen eingehen und richte nun den Fokus darauf, wie wir Kinder von innen stärken können.
Wie kann ich Kinder stärken?
Was kann ich als Elternteil tun, wenn mein Kind diesem Beurteilungssystem der Schule ausgesetzt ist und darunter leidet? Wie schaffen wir es, unsere Kinder trotz Noten und Bewertungen zu stärken?
Gerade weil der Selbstwert unserer Kinder aufgrund des Schulsystems oftmals sehr leidet, ist es umso wichtiger, dass sie ihren Selbstwertakku zuhause und in ihrer Freizeit aufladen können.
So kannst du dein Kind stärken:
Zeige dem Kind, dass du an es glaubst.
Vergleiche das Kind immer nur mit sich selbst.
Sprich mit ihm über die Bedeutung von Noten.
Zeige ihm auf, wie es Fortschritte erzielen kann.
Sammelt gemeinsam, was das Kind schon alles gelernt hat.
Gib ihm konstruktive Rückmeldungen, damit es weiss, was es konkret verändern / verbessern kann.
Zeige auf, wie es mit Fehlern und Rückschlägen umgehen kann.
Nimm seine Gefühle ernst und gib ihnen Raum.
Ermögliche ihm Erfolgserlebnisse, damit es erkennt, dass es durch Anstrengung, die richtigen Strategien und Unterstützung Fortschritte erzielen kann.
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