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«Schon mal dort gewesen?», fragte Buck. «In South Bend ist nichts – es ist eine Nichtsstadt.» Buck ist traveling salesman in Schmier- und Spezialölen, Rayon oberer Mittelwesten, und in 23 Jahren viel herumgekommen. Sein Wort zählt.
Man stand am Tresen in Nemo’s Bar, corktown Detroit, wo die Gentrifizierung sich bereits so festgekrallt hat, dass man um das Quartier fürchten muss. Das Tiger Stadium ist zu einer Edelwohnanlage rückgebaut, es gibt ein neues Hotel in der Gegend. Die Bar, wo Onkel Gil’s Porträt und jene der anderen Lions hingen, die Glanzepoche der Fünfziger Jahre, ist geschlossen. Aber Nemo’s steht noch. So standen wir an der Zapfsäule und redeten. Wie üblich zuerst vom Sport, das Elend mit den Spartans, die Dauermisere der Lions.
Dann von der Politik. Da war die Rede von Pete Buttigieg, den Präsidentschaftskandidaten aus South Bend/Indiana, an welchem Punkt Buck sein Urteil über den Ort kundtat. Buttigieg war dort bis vor kurzem Bürgermeister und hat in den Vorwahlen einen Blitzstart hingelegt – Sieger in Iowa, Zweiter in New Hampshire, Dritter im fernen Nevada. In den Debatten schlägt er sich meisterlich, und er ist weit und breit der einzige Kandidat, der noch eine Lebenshälfte vor sich hat. «Die mögen ihn überhaupt nicht in South Bend», sagt Buck. «Keiner mag ihn.»
Das ist cum grano salis zu nehmen: Buck steht rechts und ist Trumpist, und er wittert Gefahr. Buttigieg könnte dem Caudillo im Weissen Haus gefährlich werden, weil er a) richtigen Militärdienst geleistet hat (Trump drückte sich wegen einem dubiosen Überbein am Fuss), b) kein Million- oder Milliardär und c) als Rhodes Scholar ein ausgewiesener Scharfdenker ist (Trump besuchte zwar die renommierte Wharton-Uni in Philadelphia, aber seine Leistungsausweise sind unter Verschluss). Er ist eine der grossen weissen Hoffnungen gegen den «Sozialisten» Bernard Sanders, der die Vorwahlen gewinnen wird, wenn die Nicht-Sozialisten in der Demokratischen Partei – es sind sehr, sehr viele – ihm nicht noch ein Bein stellen können. Und sei es mit dem schwulen jungen Mayor Pete, der auf dem politischen Standblatt nichts als seine Aktivdienstzeit (Afghanistan, keine gröberen Kampfeinsätze) und zwei Amtsperioden Stadtpräsidium von South Bend vorzuweisen hat.
«Nichts» in South Bend? Auf der Rückfahrt von Detroit nach Kansas auf der I-80 drängt sich ein Lokaltermin auf, der Umweg dauert nur ein Stündchen. Die Einfahrt auf der Portage Avenue ist, wie sie eben ist in den amerikanischen Mittelstädten. Ein paar Fast-Food-Schuppen, etwas Gewerbe, schäbige Häuschen mit Gerümpel auf der Veranda, die Strasse löchrig. Ungewöhnlich ein grosses Schild am Strassenrand: Right to End Life. Das Recht auf Abtreibung. In dieser Gegend eine Seltenheit. Normalerweise wird der Reisende mit christlichen Erbaulichkeiten und Right to Life bombardiert.
Weiter stadteinwärts zur Main Street. Hier gibt es neuere Bauten, höhere Bürogebäude, ein klotziges Arts Center, ein massives Gerichts- und Verwaltungsgebäude. Es fehlt jedes Zeichen grösserer Betriebsamkeit. An der Ecke West Colfax ist eine leere Hauswand mit einem grossen Mural bemalt: South Bend for Pete 2020. Dahinter findet sich die Madison Oyster Bar. Parkieren ist problemlos, und die Investition von zehn Dollar in ein Bier und ein Plättli mozzarella sticks (man ist in der Tat weg von der Grosstadt) ermöglicht eine erste Verifikation von Bucks Behauptung.
Ich bin auf der Durchreise und habe in Detroit gehört, dass Pete Buttigieg hier sehr unbeliebt ist. Stimmt das?
Frau im guten Alter: Nein, wir mögen ihn. Aber wir sind in einem konservativen Staat. Das gilt nicht für alle. Mein Mann steht auf der anderen Seite.
Junge Frau mit Lippenringen: Wir haben ihn gern. Er kommt oft hierher, man kann mit ihm reden.
Buck hat unrecht. «Niemand» ist übertrieben. Zumindest zwei Einheimische mögen Herrn B. Aber Buck hat auch ein bisschen Recht. South Bend stellt wahrhaftig nicht viel dar. Eine gewaltige Gewöhnlichkeit scheint diese Ortschaft abseits von Metropole und Hauptstadt (zwei Stunden von Chicago, drei von Indianapolis) auszumachen. Es fehlt jeder Hauch von Kleinstadtromantik, es fehlt auch jedes Anzeichen einer «Wo-das-Leben-noch-in-Ordnung-ist»-Inszenierung. Kein Ramschladen, der als ye olde shoppe firmiert. Das South Bend, das sich im kurzen Abstecher präsentiert, kommt so daher wie Mayor Pete: Unauffällig, unprätentiös, nicht ganz arm, aber sicher nicht reich, ohne natürliche Schönheiten. Ein Mittelmass.
Der Ort ist zwar mit 100’000 Einwohner so gross wie Bern, aber für amerikanische Verhältnisse ist das klein. Kein Bern, sondern eher ein Olten oder ein Langenthal. Früher wurden hier die Studebaker-Automobile gebaut, es gäbe ein Museum zu besichtigen (keine Zeit, leider) auf dem Fabrikgelände soll ein industrial park entstehen. Der grosse Arbeitgeber ist das Gesundheitswesen. Und die riesige katholische University of Notre Dame ein paar Kilometer weiter nördlich.
Warum sollte ein Präsident hier keinen politischen Schliff erwerben können? Wenn nicht den letzten, so doch den Rohschliff? Buttigiegs Gegner, gerade auch diejenigen in der eigenen Partei, machen das Eliteargument: zu wenig Erfahrung, zu wenig Ahnung von den grossen Zusammenhängen, nie den Duft der grossen weiten Welt geschnuppert. Im politischen Amerika meint das die Ausdünstungen von Washington und der daran angeschlossenen Zirkel aus think tanks, Universitäten, Anwaltskanzleien und Lobbygruppen. Einem grossen Teil der Wählerschaft stösst das unangenehm auf. Der Weg zur Präsidentschaft ist mit den Wracks unzähliger «erfahrener» Kandidaturen gesäumt, die letzten Schiffbrüche gab es vor vier Jahren.
Die Strasse stadtauswärts Richtung Westen führt an ein paar älteren Herrschaftshäusern vorbei und dann wiederum durch ein eher schäbiges Quartier. Auf ein imposantes Hells’ Angels-Lokal folgt die Ruine eines Veterans of Foreign Wars-Postens. Die Geschäfte sind hier spanisch angeschrieben. Peluquerias und talleres. Es sind keine Pete 2020-Plakate zu sehen.
Aus seiner Zeit als Bürgermeister wisse er aus erster Hand, was es mit der «Integration» von Einwanderern, mit der medizinischen Versorgung oder mit der Finanzierung von Volksschulen auf sich habe, pflegt Buttigieg zu sagen. Und er habe in South Bend einiges erreicht. In Nevada schnitt er bei den Latinos – eine Minderheit von wachsendem Gewicht – weit besser ab als die Konkurrenz hinter Sanders und dem ebenfalls auf die 80 Jahre zugehenden Joe Biden. Falls in den kommenden Monaten die Idee Fuss fasst, dem alternden Despoten im Weissen Haus etwas Jüngeres entgegenzuhalten, ist Mayor Pete schon bald die erste Wahl. Ein Emmanuel Macron für Amerika, zweite gespürigere Auflage. Unwahrscheinlich, dass ein Präsident Buttigieg als erstes die Besteuerung der grossen Vermögen abschafft und dann den Leuten auf dem Land den Benzinpreis hinaufsetzt.
Warum sollte einer, der sein Handwerk in einer Stadt wie South Bend gelernt hat, nicht auch Präsident der Vereinigten Staaten sein können? All politics is local, sagte Tip O’Neil, einst der demokratische Gegenspieler von Ronald Reagan im US-Kongress.
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