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Niemand wusste genau, wann er zum ersten Mal auf der Baustelle aufgetaucht war. Es musste so ziemlich am Anfang gewesen sein, als das Gelände umzäunt wurde. Da stand er und beobachtete alles durch das schwere Gitter hindurch. Hinterher konnte sich keiner mehr erinnern, wer ihm erlaubt hatte, das Grundstück zu betreten. Für die Bauarbeiter gehörte Karl ganz einfach zur Baustelle. Er stapfte mitten in der Betriebsamkeit umher, schleppte überallhin einen schweren Balken, grüsste jedermann freundlich und bot allen seine Dienste an. «Helfen – darf ich helfen?»
Die meisten Männer begegneten ihm freundlich. Sie machten gutmütige Spässe und liessen ihn, wo es möglich war, Handlangerdienste verrichten. Als die Pfähle eingerammt wurden, durfte er zu seiner grossen Enttäuschung nicht zu nahe herangehen. Der dröhnende Rhythmus der Ramme brachte ihn in Verzückung. Er schaute von weitem zu und ahmte die Maschine nach, mit beiden Armen begeistert den Takt schlagend.
«Abong, abong, abong.»
«Alles in Ordnung, Chef?», neckten sie ihn.
«Helfen – darf ich helfen?»
Den Rhythmus im Blut
Karl begrüsste jeden ankommenden Laster, der Sand, Steine, Kies, Stahldraht oder Beton brachte. So, als ob ohne ihn alles schiefgehen würde, stand er da, winkte und wies die Wagen sicher über die Stahlplatten in die Baustelle ein.
«Danke, Karl! Gut gemacht», spielten die meisten Fahrer das Spiel mit. Dann strahlte er stolz und sein grobes Gesicht leuchtete vor Freude. Er rieb seine breiten Hände aneinander, als ob er sagen wollte: Wieder eine Arbeit geschafft! Es gab nur wenige, die ihn ignorierten und das meist, weil sie nicht wussten, wie sie ihm begegnen sollten.
Das grosse, sonderbare Gesicht mit den wenigen strähnigen Haaren, der breiten, flachen Nase, den kleinen, runden Ohren und den schief stehenden Augen mit den seltsamen Falten machte manchen unsicher. Sie trauten sich nicht, mit ihm zu lachen, und das war wahrscheinlich das Problem. Karl aber war die Freundlichkeit in Person. So viel an ihm lag, war das Eis schnell gebrochen.
Überglücklich war er, wenn er dem Zimmermann zuschauen durfte. Der liess von Zeit zu Zeit seinen Hammer fallen und Karl hob ihn dann auf.
«Helfen.»
Wenn etwas geschweisst wurde, war Karl immer zur Stelle. Das Knistern und Spritzen des elektronischen Flammenbogens fand er wunderbar. Er ahmte alle Geräusche nach. Er stöhnte, zischte, piepste und kreischte mit all dem Geschehen auf der Baustelle mit. Er tat es mit viel Gefühl für Rhythmus und es tönte so täuschend echt, dass die Arbeiter manchmal lauthals lachen mussten.
«Du hättest Musiker werden sollen, Karl. In dir steckt was.» Karl liebte Musik. So wie viele dieser «Kinder», war er dafür sehr empfänglich. In allen Baumaschinen bis hin zum Betonmischer entdeckte er Musik und konnte auch selbst welche machen. Nicht nur durch das Imitieren der Geräusche, er spielte auch Mundharmonika. Dies hatten die Bauarbeiter an einem regnerischen Tag bemerkt.
Karl war an einen windgeschützten Platz gekrochen und hatte seine Mundharmonika hervorgezogen. Nie hätten die Bauarbeiter ihm zugetraut, dass er so spielen konnte. Als sie zu ihm hingingen, hörte er gleich auf. Sie störten ihn nicht mehr und gewöhnten sich daran, dass, wenn Karl nicht seinen Balken herumschleppte, er in irgendeiner Ecke ein Konzert gab.
Er soll wegbleiben!
Von Anfang an gab es nur einen, der den Jungen nicht mochte. Es war einer der Stahlflechter, Jakob.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 12/2021