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1997 fand ein bemerkenswerter Schachwettkampf statt: Die Kontrahenten waren Garry Kasparow, der wohl beste Schachspieler aller Zeiten, und Deep Blue, ein IBM-Computer, der nur zu dem Zweck geschaffen worden war, Kasparow zu schlagen. Kasparows Niederlage wurde als Anfang vom Ende der Vorherrschaft menschlicher Intelligenz gedeutet – als Bestätigung, dass die Maschinen sich anschickten, die Kontrolle zu übernehmen. Wir wissen aber, wie Deep Blue Kasparow besiegte: Er war eine überaus mächtige Maschine, konnte viele Züge vorausdenken, alle Ergebnisse in einem riesigen Verzeichnis speichern und sie nach Bedarf auslesen. Er war nicht schlauer als sein menschlicher Gegner, sondern besass eine grössere Rechenleistung.
Unbesiegbar
2016 gab es eine Neuauflage des Ringens Mensch gegen Maschine: einen Wettkampf zwischen Lee Sedol und AlphaGo. Gespielt wurde nicht Schach, sondern Go – ein Spiel, das eine andere Art Denken erfordert. In der dritten Partie spielte AlphaGo einen völlig überraschenden Zug. Der Zug schien verrückt, nicht einmal Sedol konnte die Logik dahinter erkennen, doch leitete dies schliesslich Sedols vernichtende Niederlage ein. Dieser Zug wird heute als einer der aussergewöhnlichsten der Go-Geschichte angesehen. Im November 2019 gab Lee Sedol das Ende seiner professionellen Karriere bekannt. Der Grund: Es gebe einen neuen Gegner, der «nicht besiegt werden kann».1
Der neue Champion heisst künstliche Intelligenz. AlphaGo funktioniert auf der Grundlage sogenannten maschinellen Lernens. Wir wissen nicht, warum die Maschine jenen Zug tat. Wir werden nie verstehen, wie AlphaGo zu dieser Entscheidung kam. Im Kontrast zum Wettkampf zwischen Deep Blue und Kasparow, wo die Prozesse des IBM-Computers Schritt für Schritt nachvollziehbar waren, verstehen wir die Entscheidungen von Maschinen der neuesten Generation nicht mehr. Das bringt uns in eine überaus befremdliche Lage: Nicht nur überholen uns die Maschinen in puncto Denken, sondern ihr Denken ist zudem derartig verschieden von unserem, dass wir nie imstande sein werden, ihren Denkprozessen zu folgen. Diese neue Art Intelligenz könnte ein «New Dark Age» einläuten, in dem wir noch weit machtloser sind.
Der Weg zu mehr Verständnis
Was sollen diese Technologien für uns tun? Wie können wir sie verstehen und sie tatsächlich in unseren Dienst stellen, anstatt dass sie gegen uns verwendet werden? Diese Frage betrifft nicht nur Technologen, sondern uns alle. Es braucht dringend eine Demokratisierung jener Technologien. Sie müssen für den allgemeinen Zugriff geöffnet werden und ein weiteres gesellschaftliches Spektrum repräsentieren, statt von spezialisierten Experten gebaut zu werden. Die Öffentlichkeit muss zu einem Verständnis moderner Technologien gelangen. Das ist leichter gesagt als getan – aber notwendig, um die heutigen Machtverhältnisse zu durchschauen.
Fortgeschrittene und insbesondere netzwerkbasierte Technologien bringen ein seltsames Phänomen hervor: Es ist, als seien sie hinter Glas versiegelt. Wir haben keinen Zugang mehr zu ihnen. Wir leben in einer Welt, in der nur noch wenige zu verstehen scheinen, wie die Dinge in unserer Umgebung funktionieren. Die Frage etwa, wie unser Postsystem funktioniert, können die meisten Menschen einigermassen korrekt beantworten: Man schreibt einen Brief, steckt ihn in einen Umschlag, schreibt eine Adresse darauf, versieht ihn mit einer Briefmarke, wirft ihn in einen Briefkasten, woraufhin jemand kommt und den Brief dem Adressaten zustellt.
Wie aber funktionieren etwa E-Mails? Angesichts dieser Frage stellen wir plötzlich fest, dass wir über viele der Systeme, mit denen wir täglich zu tun haben, völlig im Dunkeln sind. Ist Zauberei im Spiel? Natürlich nicht. Sie sind voll und ganz erklärbar. Doch wenn wir ihre Funktionsweise nicht verstehen und nicht durchschauen, von…