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Die Vormundschaftsbehörde der Stadt Zürich nimmt im Sommer 1914 dem Ehepaar S. die Kinder weg. Der Vater sei, so das Protokoll der Behörde, «ein brutaler, in hohem Masse dem Trunke ergebener Mann», der als Angestellter des Abfuhrwesens allerdings «zu keinen Klagen Anlass» gebe. Die Mutter verstehe es als «Hausfrau nicht, mit dem Gelde haushälterisch umzugehen», sei «macht-, willens- und energielos», zwar von «grosser Liebe zu ihren Kindern erfüllt, ihrer Erziehung und Pflege aber in keiner Weise gewachsen». Ein Amtsvormund und eine Fürsorgerin holen die Kinder zu Hause ab: «Frau S. leistet zuerst hartnäckigen Widerstand, ergibt sich aber schliesslich, als sie sieht, dass es nichts nützt».
Vormundschaftliche Kindswegnahmen sind in der Schweiz ab 1900 ein neuartiges Instrument der Sozialpolitik. Wenn man bei der Erziehung der Jugend ansetzen würde, so die Hoffnungen der Fürsorgereformer, könnten auch die sozialen Probleme der industrialisierten Schweiz gelöst werden. Was als persönliches Anrecht auf Erziehung formuliert wurde, war in Wahrheit der Anspruch des Staates auf gesellschaftliche Tüchtigkeit seiner Bürger und Bürgerinnen.
Die Autorin untersucht die Vormundschaftspraxis aus verschiedenen Perspektiven. Sie geht auf die rechtlichen, institutionellen und wissenschaftlichen Voraussetzungen ein und beleuchtet den Handlungsspielraum der beteiligten Personen: Beamte, FürsorgerInnen, wissenschaftliche ExpertInnen und bevormundete Familien.