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Das Meer. Der Horizont. Freiheit. Aber auch Angst, Hoffnung, Migration. Und Handel. Mit der Ausstellung "Ein Schiff wird nicht kommen" begibt sich das Johann Jacobs Museum in Zürich an Bord der Geschichte der Schweizer Handelsmarine, um einige drängende zeitgenössische Fragen im Zusammenhang mit den Meeren zu erforschen.
"Weltraum: die letzte Grenze". Diese Einleitung der alten Star-Trek-Serie könnte in übertragenem Sinn auch die Bedeutung einer Handelsmarine für ein alpines Binnenland wie die Schweiz aufzeigen.
Ende der 1950er-Jahre war Ernst Christinger kaum volljährig, als er das Schweizer Dorf Azmoos, nahe der Grenze zu Liechtenstein, verliess, um Seemann zu werden. In den folgenden 15 Jahren erforschte er die letzte Grenze der Meere an Bord der MS Basilea. Sie war eines der wichtigsten Schiffe unter Schweizer Flagge auf den Weltmeeren.
Ernst und seine Besatzungskollegen dokumentierten ihr Leben auf hoher See mit Super-8-Filmkameras, die sie während eines Hafenaufenthalts in Hongkong billig gekauft hatten. Sie hätten sich nie träumen lassen, dass ihr Filmmaterial ein halbes Jahrhundert später zu einem aussagekräftigen historischen Dokument werden würde, das zeitgenössischen Kunstschaffenden, Wissenschaftern und Sozialforschern als Startrampe für deren Arbeiten dienen würde.
Die Handelsmarine stand in der Vorstellung der damaligen ruhelosen Jugend hoch im Kurs, wie Damian Christinger, Ernsts Sohn, erzählt. Viele Junge hatten nur begrenzte Aussichten auf Karriere und Aufstieg über das starre soziale Leben ihrer Heimatstädte und Täler hinaus und fanden ein alternatives, freieres Leben auf hoher See.
Nach dem Tod seines Vaters fand Damian eine Fundgrube an Erinnerungsstücken aus dessen Zeit auf hoher See: Postkarten, Fotos und die Super-8-Filme.
Christinger verspürte klar sentimentale Gefühle, als er das Material einscannte, welches das Leben von Ernst beleuchtete, bevor dieser sein Vater wurde. Gleichzeitig sah Damian, der Kurator, viele andere Möglichkeiten, wie das Material genutzt werden könnte.
Und so machte er sich gemeinsam mit dem Direktor des Johann Jacobs Museums, Roger Buergel, und der Forscherin Bettina Schuler dahinter, den Umfang des Materials zu erweitern, um die Ausstellung "Ein Schiff wird nicht kommen"externer Link zu entwickeln.
Die Johann-Jacobs-Methode
Roger Buergel, ehemaliger künstlerischer Leiter der prestigeträchtigen documenta XII (2007) in Kassel, Deutschland, hat das ehemalige Kaffeemuseum in Zürich (wie es früher hiess, denn die Familie Jacobs hatte ein Imperium aufgebaut, das hauptsächlich auf dem Handel mit Kaffee und Kakao beruhte), umgestaltet. Er verwandelte das Museum in eine Art Labor, das sich der Erforschung von Handelswegen und globalen Fragen durch die Verflechtung von Kunst, Wissenschaft und Sozialforschung widmet.
Auf diesem künstlerisch-wissenschaftlichen Spielplatz nahm das von Christinger ausgegrabene Material über die Handelsmarine eine ganz andere Richtung ein als nur die sentimentale Darstellung einer längst vergangenen Zeit. So berührt es nun eine Reihe von Themen, die über die nationalen Erzählungen der Schweiz hinausgehen.
Das Originalmaterial wird durch eine sorgfältig kuratierte Ausstellung mit Kunstwerken und Videos von zeitgenössischen Künstlern wie Adnan Softic und dem schweizerisch-brasilianischen Duo Dias & Riedweg ergänzt. Daneben macht es aber auch die Bedeutung der Schweiz als Handelsmacht in den Kolonialabenteuern Europas und des restlichen Westens über mehr als 300 Jahre hin deutlich.
Nicht nur im Rohstoffhandel, wie wir ihn heute kennen, spielte die Schweiz eine bedeutende Rolle. So war der Sklavenhandel in Nord- und Südamerika eine der Aktivitäten, der sich Schweizer Firmen, Finanziers und Händler von ganzem Herzen widmeten, aber nicht nur.
Ungeachtet der politischen Neutralität des Landes profitierten Schweizer Unternehmer immens von den Geschäftsmöglichkeiten, welche die Kolonialmächte im 19. Jahrhundert eröffneten. Und sie akkumulierten Kapital, das den kleinen Alpenstaat noch immer zu einem Hauptakteur der Weltwirtschaft macht – und zum Eigentümer der grössten Seeflotte unter den Binnenstaaten.
Ungewissheit als roter Faden
Damian Christinger sagt, er erinnere sich daran, seinen Vater nur einmal weinen gesehen zu haben: Als sie in den Ferien an einem Strand in Griechenland angekommen waren. Ernst habe damals zum ersten Mal nach langer Zeit weitab vom Meer erneut dessen Weite gesehen und unter Tränen seine "ewige Liebe" für dieses erklärt.
Die Kuratoren wollten diese romantische Nostalgie mit der Erfahrung von Millionen von Migranten und anderen Menschen kontrastieren, deren Lebensader heute von den Meeren abhängt und die diese nicht so erleben, wie Ernst es tat.
Die Ausstellung blickt unter anderem auf die Millionen von Flüchtlingen, die den Gewässern trotzen und einen unbekannten Zufluchtsort fernab von Mord, Plünderung oder Not suchen; und auf die Arbeiter in den riesigen Werften in indischen und pakistanischen Häfen, die unter erheblichem persönlichem Risiko Schiffe zu Schrott zerlegen.
Der Titel der Ausstellung spielt die Idee eines kommenden Schiffes als Vorbote der Hoffnung herunter. Stattdessen erklärt Buergel, die Ausstellung sei der "Seereise mit ungewissem Ausgang – was nicht heisst, dass ein ungewisser Ausgang notwendigerweise katastrophal sein muss" gewidmet.
Über die Ausstellung hinaus
Parallel zur Ausstellung organisierte das Museum eine Reihe von öffentlichen Vorträgen: Diese beleuchten zeitgenössische Themen, die teilweise so weit von unserem Alltag entfernt zu sein scheinen wie die hohe See.
Die menschliche Vorstellungskraft ist ein fruchtbarer Boden für die Erfindung aller Arten von Meeresungeheuern, Tropen und Metaphern für die Ehrfurcht und Angst, welche die hohe See hervorrufen kann. Kartographische Entwürfe erzählen reale Geschichten, die in den Diagrammen und Symbolen verborgen sind.
In der künstlerischen Darstellung ist das schiere Ausmass des Meeres gegenüber der Unsichtbarkeit und Stimmlosigkeit des Menschen eine Konstante in vielen Kunstwerken, die sich zum Beispiel mit der Notlage der Migranten von heute beschäftigten, wie Hannah Baader, leitende Forscherin am Kunsthistorischen Institut in Florenz (Italien) erklärt.
Der italienische Fotograf und Filmemacher Armin Linke macht sich Gedanken über die Langeweile und Ereignislosigkeit wesentlicher Angelegenheiten, wie die Entwicklung eines internationalen Rechts-Kodex für die Meere und Ozeane, bei der Anwälte und Gesetzgeber vor der Frage stehen, ob das Meer selbst – und jedes andere nicht-menschliche Wesen – eine rechtliche Vertretung verdient. Er befasst sich auch mit rechtlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Fragen im Zusammenhang mit dem Tiefseebergbau.
Wegen der Coronavirus-Krise wurden die Ausstellung und die geplanten öffentlichen Vorträge bis auf weiteres abgesagt. Die Organisatoren sagten jedoch, dass das Museum die Ausstellung möglicherweise über den geplanten Schlusstermin im Mai hinaus verlängern könnte, und empfehlen Besuchern und Besucherinnen, die Website des Johann Jacobs Museums zu konsultieren.
(Übertragung aus dem Englischen: Rita Emch)