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Der Geruch trifft mich, sobald ich die Schwelle überquere. Ich bin in Tripoli, im Nordlibanon, zu Besuch bei Ayman. Es riecht nach Sanitäranlagen, nach Feuchtigkeit und abgestandener Luft und nach etwas Saurem, was ich nicht definieren kann. Vielleicht kommt das von den Ratten, die Ayman und seine Familie einfach nicht loswerden. Kein Wunder, haben beide Töchter von Ayman Asthma.
Dass die Familie so wohnen muss ist unausweichlich. Es gibt keine andere Option. Ayman ist sehbehindert und kann nicht arbeiten. Wenn er nicht in den nächsten Wochen operiert wird, wird er für immer vollständig erblinden. Er erzählt uns, dass er für die OP kein Geld habe: „Ich weiss nicht, wovon ich das alles zahlen sollte. Wenn ich es könnte, würden Sie uns nicht hier so sehen.“
Vor zehn Jahren in Syrien fiel Ayman auf dem nächtlichen Heimweg in eine ungesicherte Baugrube. Er trug unzählige Knochenbrüche im Gesicht davon und auch seine Augen wurden verletzt. Das Gesundheitssystem in Syrien galt vor dem Krieg als eines der Besten im Vergleich zu anderen Ländern, wie Brasilien oder China. Die medizinische Betreuung war bezahlbar und flächendeckend. Die nationale Pharmaindustrie konnte 90 Prozent der Medikamente selbst herstellen.
Ayman wurde nach seinem Unfall medizinisch gut in seiner Heimatstadt Homs versorgt. Er wurde mehrmals operiert und bekam Medikamente. Das alles verbesserte zwar nicht seine Sehkraft, hielt aber seinen Zustand stabil. Ayman konnte arbeiten und lernte Noha kennen und lieben. Sie heirateten kurz bevor der Krieg begann. Homs stand unter Beschuss und wurde permanent bombardiert. Durch den entstehenden Staub bekam Ayman grössere Probleme mit den Augen. Jetzt einen Arzt zu finden wurde immer schwieriger. Denn die meisten verliessen das Land. Auch an die notwendigen Medikamente kam er nicht mehr.
So hatte sich sein Augenlicht schon markant verschlechtert, als er mit seiner schwangeren Frau Noha 2012 in den Libanon floh. Sie liessen sich in Tripoli nieder, wo Ayman einen Job als Strassenverkäufer fand. Bald kam das Baby auf die Welt, ein wunderschönes Mädchen namens Hanadi, auf das schon bald die kleine Schwester Aya folgte. Im Gegensatz zu Syrien, hat der Libanon kaum ein öffentliches Gesundheitssystem. 86 Prozent der Spitalbetten sind Privatpatienten vorbehalten, und Arztbesuche wie auch Medikamente sind für viele unbezahlbar. Aymans Einkommen reichte nur für die nötigsten Dinge, die die Familie brauchte. Geld für die Behandlung seiner Augen hatte er nicht, und sein Zustand verschlechterte sich noch mehr.
Die Familie war in den Libanon geflohen, um sich in Sicherheit zu bringen. Doch Tripoli war auch kein sicherer Platz mehr, 2014 kam es zu internen, gewaltsamen Konflikten. An einem frühen Freitagnachmittag im August stand Ayman mit seinem Stand in der Nähe einer Moschee, als eine Autobombe hochging. 42 Menschen starben und Ayman war unter den mehr als 300 Verletzten. Wieder wurden seine Augen getroffen. Diesmal erblindete er auf einem Auge vollends. Das zweite Auge kann jetzt nur noch mit einer zeitnahen Operation gerettet werden.
Seit dem Vorfall arbeitet Ayman nicht mehr. Caritas unterstützt die Familie mit Essensgutscheinen und Mietzuschüssen, doch das Wichtigste wäre eine OP. Caritas und die UN steuern einen grossen Beitrag zu, doch noch fehlt die Finanzierung einer Ersatzlinse.
Text und Bild: Tabitha Ross, Caritas Internationalis