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Lloyd’s, die globale Versicherungsbörse, welche keinen Wünschen widersteht
Im Gegensatz zur weitverbreiteten Meinung gehört Lloyd‘s of London zu keiner Versicherungsgesellschaft, sondern ist schlechthin der Broker-Markt, an dem mit Versicherungen gehandelt wird. Ein Ort also, wo so ziemlich alles vor Unheil geschützt werden kann. Von Gitarristen Händen über Fussballerbeine bis hin zu Hochsee-Bohrinseln. Der Beginn klingt wie ein Märchen. Es war einmal…
Ursprünglich war Lloyd’s lediglich ein typisches, altes Kaffeehaus. Vornehm zwar, aber nicht mehr. Gegründet 1688 von Edward Lloyd in der Londoner Tower Street. Wie einige Kaffeehäuser jener Zeit, wurde Lloyd’s zum Treffpunkt von gut betuchten Geschäftsleuten. Darunter vornehmlich solche, die bereit waren, Risiken im Bereich der Schifffahrt und Warentransporte abzudecken. Aus Tisch-Gesprächen entwickelte sich ein Konzept, welches weltberühmt werden sollte. Das des ältesten Versicherers, heute Nummer zwei der Welt.
Als Edward Lloyd 1713 starb, bestand das Kaffeehaus unter dem Namen Lloyd’s weiter, zu wichtig war es inzwischen für die vornehmlich wohlhabenden Gäste und ihre Geschäfte geworden: 1771 wird Lloyd’s Eigentum der sogenannten «subscribers».
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich Lloyd’s zur zentralen Drehscheibe für private Versicherungen. Von 1774 bis 1928 residierte Lloyd’s standesgemäss in der Royal Exchange. 1871 wurde der Geschäftsbetrieb von Lloyd’s of London gar gesetzlich geregelt (Loyd’s Act). Der Schwerpunkt lag dabei auf voller Haftung und dem individuellen Engagement der Versicherungsgeber.
Von der Tower Street zur Royal Exchange in den Südwesten Londons
Seit 1928 befindet sich der Sitz der Institution in eigenen Liegenschaften. Das aktuelle, 1978 bis 1986 errichtete, respekteinflössende Gebäude im Südwesten Londons wurde von Architekt Richard Rogers entworfen. Doch typisch Britisch: Der Committee Room im 11. Stock ist noch immer das Original aus dem Jahr 1763. Es wurde von Rogers Stein für Stein in das futuristische Hochhaus transferiert.
Schmerzliche Downs in der Erfolgsgeschichte von Lloyd’s
Selbst in der Geschichte von Lloyd’s gab es schmerzhafte Einschnitte. Das Erdbeben in San Francisco 1906 zum Beispiel kostete das legendäre Unternehmen ein riesiges Vermögen. Lloyd’s of London zahlte mehr als US $ 50 Millionen, was einem heutigen Äquivalent von US $ 1,5 Milliarden gleichkommen würde.
Andere Naturereignisse wie Orkane, Erdbeben, Überschwemmungen und von Menschen verursachte Umweltkatastrophen trieben die Versicherer ebenfalls zeitweise an den Abgrund. Doch am Ende überlebte Lloyd’s sie alle.
Haften bis zum letzen Penny
Von durch Katastrophen verursachten wirtschaftlichen Rückschlägen persönlich betroffenen, waren Zehntausende jener unglückseligen «Names», die für die Verluste bis zum letzten Penny hafteten. Darunter auch erlauchte Namen konservativer Abgeordneter und sogar Premierminister wie Edward Heath oder Winston Churchill jr. Schwere Rückschläge von bis £ 3 Milliarden waren zu erleiden und tragen. Anfang 1993 wurde deshalb beschlossen die Führungsspitze auszuwechseln.
Neuer CEO wurde David Rowland. Eine der Zeit angepasste Strukturrevolution war die Folge. Um schlank zu werden und marktführend zu bleiben, reduzierte Rowland u.a. rund einen Viertel aller Lloyd’s Mitarbeitenden. Nur gerade noch 3 – 4% der «Names» haften bis heute mit ihrem Vermögen, den überwiegenden Teil des Gesellschaftsrisikos tragen nun die Aktionäre der Gesellschaften. Der Lloyd’s-Konzern besteht aktuell aus 51 Managing Agents und 88 Syndikaten.
Die teuren späten 1980er
Als am 6. Juli 1988 die Nordsee Bohrinsel Piper Alpha explodierte und einen Verlust von $ 1.4 Milliarden verursachte, hatten die «underwriters» in der Lime Street keine Ahnung, wie gross ihre Haftungssumme war. Der Verlust wurde herumgereicht und später bekannt als London «market excess of loss (LMX) spiral. Der Streitwert schraubte sich in die Höhe und geriet ausser Kontrolle. Andere Katastrophen, wie Hurrican Hugo und die Exxon Valdez Ölpest 1989 waren ebenso Teil dieser Spirale.
Lloyd’s versichert nahezu alle Spezialrisiken
Schlechtwetterversicherung, Erdbebenversicherung, Gebäude- und Haushaltversicherung für Ferienhäuser im Ausland, Versicherung von im Ausland immatrikulierten Schiffen und Booten, Flugzeugversicherung, Instrumentenkaskoversicherung, Versicherung von Kunstgegenständen, Deckung des Lösegeldes bei Entführung, Erwerbsausfallversicherung für Sportler, Sänger, Schauspieler, etc., Tierversicherungen, Versicherung von Pferdezuchten (Unfall, Krankheit, Tod), Deckung der Kosten im Fall von «Non Appearance und Abandonment», Unfallversicherung von Minenräumer «Anti Personal Mines, politische Risiken, wie War on Land, Evakuationen, Terror, Körperversicherungen… Noch nicht genug? Lloyd’s deckt auch äusserst individuelle Spezialrisiken ab.
Rolling Stone Keith Richards liess seine Hände bei Lloyd’s versichern und erhielt US $ 1,2 Millionen Krankentaggeld als er 2006 auf Fidschi von einer Palme fiel(!) und sich dabei den kleinen Finger brach. Als Konsequenz mussten drei Konzerte abgesagt werden. Selbst die Brusthaare von Tom Jones sind für sagenhafte € 5,2 Millionen gedeckt. Das am teuersten versicherte Lächeln der Welt gehört Julia Roberts, US $ 22 Millionen stehen im Vertrag. Die mit CHF 153 Millionen am höchsten versicherten Sportlerbeine besitzt Cristiano Ronaldo. Der Körper von Jennifer Lopez ist mit rund US $ 1 Milliarde von Lloyd‘s geschützt.
Gute Zeiten, schlechte Zeiten
In der über 330 Jahre alten Geschichte von Lloyd’s of London wurde 2013 Dame Inga Beale die erste Frau an deren Spitze. Ihre grosse Leistung bestand u.a. in der Digitalisierung sowie Modernisierung des Unternehmens. Sie führte Lloyd’s während fünf Jahren als CEO. 2018 übernahm John Neal bis heute ihren Sitz. Sein Start ging gleich als sehr turbulentes und negatives Jahr in die Annalen des Unternehmens ein. Eine Serie von Naturkatastrophen – Hurrikane, Taifune und verheerende Feuer – führten zu einem dicken Verlust von 2 Milliarden. Lloyd’s forderte in der Folge von seinen 80 Syndikaten sich aus allzu risikobehafteten Geschäften zurückzuziehen und reduzierte so das Minus um die Hälfte. 2019 schrieb das Unternehmen wieder schwarze Zahlen. Der Gewinn lag wieder bei stolzen £ 2,5 Milliarden.
Wichtigste Ratingagenturen der Welt geben Lloyd’s Bestnoten
Lloyd’s wird von drei führenden Rating Agenturen regelmässig geprüft. Seit 1993 gelten die Lloyd’s Market Ratings für alle Geschäfte und alle Syndikate.
Standard and Poors: A+ (Strong)
Fitch Ratings: AA- (Very Strong)
A.M. Best: A (Excellent)
Sichere Basis: die Lloyd’s Sicherheitskette
Diese Sicherheitskette von Lloyd‘s besteht aus drei Links (Quelle: Finanzbericht vom März 2019)
- Link: Vermögen auf Syndikatsstufe £ 53‘451‘000‘000, alle Prämien werden zur Auszahlung von Ansprüchen treuhänderisch verwaltet.
- Link: Mitgliederfonds bei Lloyd’s £ 26‘483‘000‘000, jedes Mitglied muss ausreichend Kapital zur Unterstützung seiner Zeichnung bei Lloyd’s zur Verfügung stellen.
- Link: Zentralvermögen £ 4‘138‘000‘000, das Lloyd’s Zentralvermögen steht nach Ermessen des Council of Lloyd’s zur Begleichung eines berechtigten Anspruchs, der nicht durch die Mittel eines Mitglieds gedeckt werden kann, zur Verfügung.
Lloyd’s in der Schweiz
Seit 1948 ist Lloyd’s gemäss Bundesratsbeschluss vom 31. Oktober 1947, auch in der Schweiz stark vertreten. Die Anzahl der Lloyd’s Swiss Broker beträgt total 89, wobei viele de facto inaktiv bleiben. Der harte Kern besteht aus 35 Brokern, vorwiegend Coverholder. 25 sind LSBA-Mitglieder (Lloyd’s Swiss Broker Association).
Der Coverholder hält einen Rahmenvertrag mit Lloyd’s Versicherern und eine ihm delegierte Zeichnungskompetenz. Er gestaltet die Versicherungs-Verträge, Wordings und Fragebögen eigenverantwortlich. Als Coverholder funktioniert er wie ein Versicherer, stellt Policen aus, ist für den Prämieneinzug verantwortlich und zahlt Courtagen an die Vermittler. Ihm obliegt die Information des Korrespondenz-Büros der Lloyd’s in Zürich, Ablieferung der Bundesstempel und Erledigung der Schäden.
Der Coverholder und seine Kollegen sorgen dafür, dass die Lloyd’s-Kunden sich rund um die Erde möglichst sorgenfrei ihren Kaffee geniessen können. Wie das Beispiel zeigt, entwickelt sich beim Genuss eines noch so kleinen Mokkas manchmal etwas ganz Grosses. Wie im Märchen.
Binci Heeb