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Text von Dekan Sütterlin (Heimatkunde 1904)
Martin Vogt versah den Schul- und Orgeldienst in hier [Arlesheim] von 1812 bis 1823. Vogt war ein origineller Mann. Die 'Katholischen Schweizerblätter' nennen ihn einen berühmten Musiker. Er verdient es darum, dass wir etwas Mehreres über ihn berichten; wir erhalten damit zugleich ein Sittenbild jener Zeit. Wir folgen dabei seinen eigenen Mitteilungen in seiner Selbstbiographie, welche er einige Zeit vor seinem Tode verfasst hat und die im 'Basler Jahrbuch' von 1884 veröffentlicht worden ist. Nach dieser Selbstbiographie stammte Vogt aus Kullmain, Landgerichtsstadt Kemnath, in der obern Pfalz, welche damals zu Böhmen gehörte und ward geboren den 3. April 1781. Er entstammte einer musikalischen Familie, und zwar von väterlicher wie von mütterlicher Seite. Sein Vater, Ambrosius Vogt, war, nebst Gutsverwalter, noch Schullehrer und Organist und "spielte alle Instrumente". Ein Bruder desselben war Benediktiner im Kloster Weissenbach bei Nürnberg und ebenfalls ausgezeichneter Musiker. Ein jüngerer Bruder diente als Weltgeistlicher und Musikdirektor im Jesuitenseminar zu Amberg und war berühmt nicht nur als Musiker, sondern auch als Komponist. Die Mutter Vogts, eine geborene Zach, Bierbrauerstocher aus Fichtelberg, war eine Anverwandte des berühmten Domkapellmeisters Zach in Mainz. Kein Wunder darum, wenn der junge Vogt schon als
6-8jähriger Knabe eine 'Duschfanfare' blies und bei der Primiz (ersten heil. Messe) seines Onkels das Benedictus cantu solo, d.h. allein vortrug, bald aber auch, was man ihm vorlegte, vom Blatte weg sang und Messen mit Orchester auf der Orgel begleitete.
Mit 10 Jahren fing Vogt an, bei dem Kaplan des Ortes Latein zu lernen. Wegen Ausnehmen eines Vogelnestes sah er sich jedoch bald darauf, um den Streichen seines Vaters, 'an denen er keinen Mangel hatte', zu entgehen, gedrungen, das väterliche Haus zu verlassen und kam zunächst zu einem in Amberg studierenden Bruder seiner Mutter. Da jedoch dieser sein Onkel ein sogenannter Bettelstudent war, konnte er nicht bei ihm bleiben. Deswegen begab er sich von da, nachdem sein Vater sich wieder mit ihm ausgesöhnt und seine Einwilligung dazu gegeben hatte, nach Cham (in der Oberpfalz), wo ein anderer Bruder seiner Mutter sich befand. Hier fing er bereits an, Aufsehen zu erregen, sodass man ihm in allen
umliegenden Klöstern zum Singen beim Gottesdienste verlangte, wobei, nebenbei bemerkt, auch Arien, die sonst nur bei Konzerten gehört werden, vorgetragen wurden. Nach einem halbjährigen Aufenthalt in Cham verbrachte ihn sein Vater in das Kloster Michelfelden in Franken unweit Nürnberg, um da als Chorknabe zu dienen, wo er wegen seines Rufes ohne die übliche Prüfung aufgenommen wurde und wo er neben der Musik auch in der lateinischen Sprache Unterricht erhielt.
Im Frühjahr 1794 verliess er Michelfelden, wo er "keinen Mangel an Essen und Trinken, aber auch nicht an Schlägen hatte", und siedelte ins Seminar von St.Paul in Regensburg über, wo über 1000 Studenten waren, beinahe alle Musiker. Hier begann er die Erlernung des (rationellen) Orgelspiels, worin er gute Fortschritte machte, während es im Lateinischen nicht recht vorwärts wollte, weswegen er oft das Mittagessen stehend oder sogar knieend einnehmen musste. Auch hier mangelte es ihm nicht an Schlägen, während es sonst, wie in den damaligen Seminarien (und Klöstern) überhaupt lustig zuging. Namentlich war die Musik sehr hoch gehalten. Während den Ferien besuchten die Studenten die Klöster und wurden da gastfreundlich traktiert, besonders wenn sie Musik verstanden.
Im dritten Jahre seines Aufenthaltes in Regensburg wurde der junge Mann bereits als Organist angestellt und galt mit 15 Jahren schon als meisterhafter Kenner des Generalbasses. Mit 17 Jahren komponierte er bereits verschiedene Stücke für Gesang und Orchester. Er war im Ganzen sechs Jahre Student in Regensburg. Nach einem kurzen Aufenthalte in Wien, das er wieder verliess, weil er keine Lust verspürte, gegen die Franzosen zu kämpfen, und nach Durchreisung von Österreich-Ungarn zog er mit andern Musikern nach dem kunstsinnigen Italien, kehrte jedoch nach einem Besuche Venedigs und Paduas durchs Tirol wieder nach Bayern zurück, fand aber die Klöster samt und sonders aufgehoben, deren es vormals in Bayern eine Menge muss gegeben haben; in sog. Pfaffenwinkel an der Tyroler Grenze war nach Vogt "alle halbe Stunde ein Kloster".
Nachdem er sich sodann eine Zeit lang in Salzburg aufgehalten, wo er sich der Theologie (Gottesgelehrtheit), aber noch mehr der Musik widmete, begab er sich auf Einladung von Pater Jakob in Einsiedeln und weil er dem Napoleon nicht als Soldat dienen wollte (bekanntlich hatte sich Bayern mit den Franzosen verbündet) nach der Schweiz. Wegen der Werbungen für den französischen Kriegsdienst, die hier überall betrieben wurden, verliess er dieses Land jedoch wieder und begab sich über St. Gallen, Zürich und Baden nach dem Kloster St. Trudbert auf dem Schwarzwald, wo man ihn freundlich aufnahm, wo er jedoch nur einige Wochen bleiben konnte, weil es bald darauf ebenfalls aufgehoben wurde. In St. Trudbert komponierte er u.a. eine Klavierbegleitung zu Hebels alemannischen Gedichten. Hier begegnete ihm auch einmal das Missgeschick, dass er beinahe erfroren wäre, und zwar um seiner Arglosigkeit willen. Das Kloster hatte nämlich einen etwas boshaften Knecht. Der hatte in der Nähe eine Geliebte, die er von Zeit zu Zeit besuchte. Eines Abends nun lud er unsern Vogt ein, den 'Kiltgang' mitzumachen. Statt ihn aber ins betreffende Haus mitzunehmen, hiess ihn der Boshafte in einem Schopfe warten und entfernte sich da nach gepflogener Unterhaltung mit seiner Auserwählten, ohne seinen Begleiter davon zu avertieren, so dass es diesem erging, wie dem Herodes, als er auf die Rückkehr der Weisen wartete. Es war aber strenger Winter, als der Arglose sich so täuschen liess.
Von St. Trudbert kam Vogt nach Mariastein, wo er nach dem Tode des P. Ambrosius die Kirchenmusik wieder zu restaurieren suchte, und von wo aus er u.a. bei einem Triduum (dreitägiger Andacht) zu Ehren des selig gesprochenen Bruders Chrispin in Dornachbrugg Amt und Vesper durch Instrumentalmusik verherrlichen half. In Mariastein blieb er jedoch nicht lange, sondern übernahm nach einer kurzen Vakanzreise durch die Schweiz und besonders durch den Kanton Graubünden die Musiklehrstelle des Instituts in Eschenzweiler im Elsass. Da aber dieses wegen Ablebens des Herrn Moll und Berufung seines Bruders nach Düsseldorf nach einem halben Jahre sich auflöste, begab er sich nach dem Bernhardinerkloster St. Urban im Kanton Luzern, kam aber gerade dorthin, als dessen Abt Ambrosius Glutz wegen Verwaltungsstreitigkeiten von der Regierung gefangen genommen und schliesslich abgesetzt wurde, so dass er nur den gottesdienstlichen Gesang besorgen konnte. (Nach den 'Kath. Schweizerblättern' war er daselbst Musiklehrer und Organist.) Dabei spielte er u. a. auch den sog. Episteltanz, d.i. die Symphonie oder ein Konzertstück nach der Epistel, wie es zu damaliger Zeit Brauch oder richtiger, Missbrauch war. Ergötzlich ist auch, was er vom dasigen Choralorganisten erzählt. Der Prior des Klosters forderte nämlich Vogt auf, demselben einige neue Versetten oder Responsorien zu lehren. Aber der Orgelmeister antwortete: 'Herr Prior! Wenn Sie einmal ein anderes Dominus vobiscum singen, werde ich auch andere Versetten auf der Orgel spielen'.
Von St. Urban aus besuchte Vogt einmal das Chorherrenstift Beromünster an dessen Hauptfest St. Michael, wo ihm der Streich passierte, dass er als Sr. Hochwürden ins Empfangsbuch eingeschrieben wurde, und weil der ihm befreundete Kaplan beim Verlesen der Namen ausrief: 'Dreck ist er Hochwürden', vom Volke auf der Gasse 'Dreckhochwürden' genannt wurde. Nicht nur wegen dieses, sondern auch, weil er beim Zurückkehren nach St. Urban die zwei ihn begleitenden Mitglieder des Stiftes in allen Wirtshäusern gastieren musste und so die durch ein Orgelkonzert verdienten sechs Taler bis auf den letzten Kreuzer verbrauchte, ging er nie wieder nach Münster. In St. Urban schwebte er auch einmal in Lebensgefahr. Ein Student von Langenthal, mit Namen Desgouttes, war ins Kloster gekommen und Vogt hatte ihn trotz des Husarensäbels, den er bei sich trug, arglos mit in sein Zimmer aufgenommen. Derselbe wurde später wegen Ermordung des Schreibers seines Vaters und noch zweier anderer Mordtaten vor Gericht gestellt, und hier gestand er, dass er auch ihn, Vogt, damals zu ermorden beabsichtigt habe, um durch sein Zimmer in das des Kornherrn (Grosskellners oder Ökonomen) zu gelangen, resp. zu dessen Geldkasse. Ein weniger gefährliches, aber doch nicht gemütliches Abenteuer begegnete ihm bei einem Besuche des Kapuzinerklosters in Olten. Eine Jagdgesellschaft von Zofingen, mit der er auf dem Wege zusammentraf, hatte ihm nämlich ein Kalb übergeben, damit er es den Kapuzinern bringe zum Geschenke. Als er aber mit demselben nach Aarburg kam, wurde er vom Landjäger daselbst angehalten und vor den Bürgermeister geführt, weil er für das Kalb keinen Erlaubnisschein hatte. Natürlich war das Ganze ein verabredetes Spiel, und so kam derselbe mit dem Ausgelachtwerden davon.
Auf Einladung eines Herrn Sulger-Sprecher kam er später nach Basel, und von da aus besuchte er Herrn Vikar Vogelsang in Dornach (wohl den P. Vikar des dortigen Kapuzinerklosters). Hier lernte ihn nun Herr Generalvikar von Maler kennen, der, wie wir oben gehört haben, nach dem Revolutionssturm wieder nach Arlesheim zurückgekehrt war, und ersuchte ihn um Übernahme der vakanten Organisten- und Lehrerstelle daselbst, da der damalige Lehrer (Hodel) altersschwach geworden. Da er wegen Mangel an Ausweisschriften nicht in Basel verbleiben konnte, wo ihn Sulger gern gehabt hätte, sagte er zu und schloss schon Tags darauf mit dem Gemeinderat unter dem Vorsitze des Meiers (Präsidenten) Fontanais, eines pensionierten Offiziers, einen bezüglichen Vertrag ab und trat gleich noch 1812 die Stellen an. Pfarrer war damals noch der achtzigjährige Froidevaux, der 'weder Amt noch Vesper mehr halten konnte'. Schon nach zwei Monaten aber resignierte derselbe und an seine Stelle trat Friedolin Gürtler von Allschwil. So zu einer bleibenden Anstellung gelangt, dachte Vogt endlich daran, ein eigenes Hauswesen zu gründen, zugleich auch zu dem Zwecke, Musikschüler annehmen zu können. Er verheiratete sich zu diesem Ende mit einer Jungfer Adam von St. Urban, die er während seines dortigen Aufenthaltes kennen gelernt hatte. Von den Musikschülern mussten diejenigen, welche Lehrer werden wollten, Schule halten, während er in Basel Musikstunden gab. Später verwendete er auf das letztere drei ganze Tage per Woche. Im Jahre 1813 bekam er, wie andere Bewohner des Dorfes, Einquartierung von den Alliierten, wurde indessen, weil Schreiber der Quartierbillets auf der Mairie, wieder davon befreit. Einmal sollte er da einen österreichischen Hauptmann nachts mit einem Lichte ins Schloss des Herrn von Andlau führen. Weil dieser in einem engen Gässlein stolperte, versetzte er Vogt eines mit einer Rute, als hätte er ihm nicht gehörig geleuchtet. Da warf Vogt die Laterne in einen Graben und lief davon, ohne auf den Ruf des Hauptmanns: 'Halt, du Schweizerkuh'! zu achten. Zum Unglück fiel er aber beim Fliehen in den angeschwollenen Dorfbach. Der Messmer (Sigrist) aber, der ihn plätschern hörte, meinend, es sei ein fremder Soldat, rief, statt ihm zu helfen: 'Gott Lob, es hat so ein Hund; versauf´du!' Und so kam er pudelnass nach Hause.
In Arlesheim begegnete unserm vielgeprüften Musiker noch ein anderes Schlimmes, wenn auch weniger gefährliches Abenteuer. Als nämlich seine Familie sich mehrte, fand er es angezeigt, eine "Gais" zuzutun, um eigene und billigere Milch zu haben und vielleicht auch darum, weil man sich auch schon damals auf das 'Taufen' verstand. Er ging deswegen mit seinem älteren Knaben nach Grellingen und kaufte dort eine Ziege. Als aber seine Frau des andern Tages dieselbe melken wollte, gab sie keine Milch; es war nämlich - ein Bock. Unser sorglicher Hausvater war nämlich, als er von Grellingen kam, im 'Ochsen' in Dornachbrugg eingekehrt - Musiker können bekanntlich keinen langen Durst aushalten. Die Gais wurde unterdessen in einen Stall gestellt. Da kamen sich einige schlimme Gesellen des Ortes auf den boshaften Gedanken, die Gais gegen einen Bock zu vertauschen. Unser Schulmeister, nichts Böses ahnend, band, nachdem er sich erfrischt hatte, den Bock los in der Meinung, er bringe seiner geliebten Ehehälfte eine milchergiebige Ziege. Am andern Tage aber, als die über die 'Dummheit ihres gelehrten Gatten' aufgebrachte Frau Lehrer eine gesalzene Predigt über den Text: 'Je gelehrter, desto verkehrter', in Bereitschaft hatte, klärte sich die Geschichte auf und die wahre Ziege traf zur grossen Erleichterung für Herrn und Lehrer ein, während der Bock wiederum dahin wanderte, wo er vorher war.
Von Arlesheim aus wirkte Vogt in Basel bei Konzerten mit und gab selber solche auf der Orgel, besonders in der Peterskirche, wo, wie hier, eine Silbermannische Orgel war. Auch auf der hiesigen Orgel, die er ein herrliches Werk nennt, gab er fast alle Sonntage Abende ein Konzert. Eben ein solches gab er auch einmal in Bern, wo er wiederholt bei dem französischen Gesandten, dem berühmten Talleyrand, zu Tische geladen und von demselben für Paris mit glänzenden Aussichten engagiert wurde, was er aber auf Andringen der Basler Herren ausschlug, und ebenso ein noch glänzenderes Engagement nach London im Jahre 1819.
In Basel wurde Vogt mit den berühmtesten Musikern seiner Zeit bekannt und von diesen auch in Arlesheim besucht, so von Fränzl in München, Carl Maria von Weber, Spohr, Romberg und dem Sohne des von ihm besonders verehrten Mozart.
Trotz seinen vielen Musikstunden in Basel und hier scheint Vogt dennoch eine gute Schule gehabt zu haben, für die damalige Zeit wenigstens; denn die birseckische Verwaltungskommission gibt ihm das Zeugnis, 'dass er sich durch seine Fähigkeiten und seinen Eifer vor den andern Lehrern vorteilhaft ausgezeichnet habe' (vergl. Akta der Verwaltungskommission des Bezirks Birseck, I). In Anerkennung dieser Verdienste um die Jugendbildung schenkte ihm denn auch die Gemeinde Arlesheim 1819 das Bürgerrecht gegen die kleine Entschädigung von Fr. 80 a.W.
Bis hieher reicht die Selbstbiographie Vogts, allem nach durch seine Freunde in Basel veranlasst. Ungeachtet der ehrenden Aufnahme ins Bürgerrecht verliess er dennoch im Sommer 1823 Arlesheim, um zunächst die vakante Domorganistenstelle in St. Gallen zu übernehmen. Später aber siedelte er nach Colmar im Elsass über, wo er den 18. April 1854 starb. Von seinen Kindern sind nur zwei Söhne hier geblieben. Der eine, ein Lithograph, ist früh gestorben und, wie es scheint, ohne Kinder. Der andere, Joseph mit Namen und seines Berufes Schuhmacher, ist der Vater der hiesigen Bürger Vogt. Nach seinem Schüler Nebel liegt seine irdische Hülle in der Münsterkirche zu Colmar begraben.
Siehe auch Christoph E. Hänggi, Martin Vogt - ein vergessener Kirchenmusiker und Komponist, in: Zeitschrift "Musik und Gottesdienst", Zürich 1994, Seite 166-176.