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Anna Meierhans* lebt mit ihren zwei jüngeren Geschwistern und ihren Eltern auf dem Land in Rüti. Sie absolviert die Haushaltsschule und muss der Mutter bei der Hausarbeit helfen. Ihr Weg scheint vorgezeichnet; sie wird auf einem Bauernhof oder in einer der Fabriken im Zürcher Oberland arbeiten. Anna Meierhans träumt aber von einer Heirat und einem Leben in der Stadt Zürich. Sie will dem engen Elternhaus entfliehen. Mit neunzehn Jahren lernt sie auf der Chilbi einen jungen Mann kennen. Ein Jahr später wird Anna Meierhans schwanger. Sie ist schockiert, bezüglich Verhütung war sie nur unzureichend aufgeklärt. Der junge Mann will die Vaterrolle nicht übernehmen, schon bald kommt es zur Trennung. Auch von ihren Eltern, die Angst haben vor dem Gerede im Dorf, erhält Anna Meierhans nur wenig Unterstützung. Kurz nach der Geburt gibt die junge Frau ihr Kind zur Adoption frei. Der Beistand, den das Kind von der Vormundschaftsbehörde erhalten hat, drängt sie zu diesem Schritt, denn sie könne alleine nicht für die kleine Ruth sorgen. Zudem brauche das Kind eine Mutter und einen Vater, so seine Argumente. Anna Meierhans hat zu diesem Zeitpunkt keine feste Stelle. Ohne Ausweg unterschreibt sie die Unterlagen zur Adoptionsfreigabe. Zu Beginn besucht sie ihre Tochter Ruth regelmässig immer am letzten Sonntag des Monats. Schon bald aber wünschen sich die Adoptiveltern, dass der Kontakt unterbunden wird. «Ruth ist jeweils nach dem Besuch der Kindsmutter verstört und braucht Ruhe, um in der neuen Situation anzukommen», heisst es in den Unterlagen der Vormundschaftsbehörde. Anna Meierhans tritt im Kanton St. Gallen eine Stelle als Haushaltshilfe an und heiratet ein paar Jahre später. Ruth weiss lange nicht, wer ihre leibliche Mutter ist. Erst Ende der 1970er-Jahre, als sie erwachsen ist und schon selbst eine Familie hat, beginnt sie zu recherchieren. Es ist zu dieser Zeit kaum mehr denkbar, dass eine Mutter ihr Kind zur Adoption freigibt, nur weil sie arm und ledig ist.
Fakt
Das Schweizerische Zivilgesetzbuch, am 1. Januar 1912 eingeführt, vereinheitlichte das bislang kantonal geregelte «aussereheliche Kindesverhältnis». Die unverheiratete Mutter konnte neu eine Alimentenklage einreichen. Dieser Einspruch stellte eine reine Geldforderung dar. Im juristischen Sinne war damit keine Anerkennung des Verwandtschaftsverhältnisses zwischen Vater und Kind verbunden. Nur wenn ein sogenanntes formloses Eheversprechen vorlag, konnte eine Klage auf Standesfolge in der väterlichen Linie einreicht werden. Wurde der ledigen Mutter hingegen ein «unzüchtiger Lebenswandel» unterstellt, verloren sie und ihr Kind jedes Recht zur Anfechtung. Ab den 1950er-Jahren ist in der Schweiz ein leichter Anstieg der ausserehelichen Geburten feststellbar, was gemäss der Vormundschaftsbehörde Zürich mit den ausländischen ledigen Arbeiterinnen zusammenhing, die «schon im schwangeren Zustand» anreisten. 37 Erst mit der Revision des Zivilgesetzbuches von 1976 wurden die unehelichen den ehelichen Kindern gleichgestellt. Dass ledige Mütter zu diesem Zeitpunkt weniger stigmatisiert waren als früher, zeigt sich auch daran, dass die Zahlen der Inlandadoptionen stark zurückgingen zugunsten von Adoptionen aus den Ländern der sogenannten Dritten Welt.