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Trump und Kant
Wenn Sie dies lesen, wissen Sie, meine Damen und Herren, wie die US-Präsidentschaftswahl ausgegangen ist; während ich aber dies schreibe, weiss ich es noch nicht, kann ich es noch nicht wissen, dafür aber weiss ich was anderes, und zwar dies: 2016 war für mich das Jahr, in dem ich mich vom Gedanken des Fortschritts in der Geschichte distanzieren musste. Es gibt ja diese schmerzlichen Einschnitte im Leben, wo man realisiert, dass irgendein Paradigma, ein Satz, an den man bisher glaubte, vielleicht doch nicht stimmt. Nicht alle Erwachsenen haben immer recht, zum Beispiel. Nicht alle Homosexuellen sind mit Humor begabt. Oder gut aussehend. Und nun dies. Der Fortschritt ist womöglich kein Motor der Geschichte. Das hätte ich freilich schon bei Schopenhauer nachlesen können.
Aber ich hielt es immer eher mit Kant. Bei Kant heisst die Verbindung: Fortschritt und Vernunft. Denn die Konzeption eines Fortschritts in der menschlichen Geschichte hängt für Kant unmittelbar mit dem menschlichen Vernunftvermögen zusammen. Kant pflegt eine teleologische, also eine auf einen Zweck, einen idealen Endzustand hin ausgerichtete Betrachtung der Geschichte, nach der sich die Menschheit, einem sogenannten Naturplan gemäss und durch sozialen Antagonismus getrieben, in die Richtung eines politischen Friedenszustandes fortbewegt (oder sogar in die Richtung einer moralischen Welt). Diese Bewegung ist der Fortschritt.
Eine Entwicklung zum Autoritären
Und was haben wir nun? Wir haben es mehr oder weniger plötzlich mit einer globalen Hydra zu tun, mit Köpfen wie Putin, Erdogan, Orban, Modi, Duterte. Zwischen diesen Herrschaften gibt es beträchtliche Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten, und eine der wesentlichen scheint mir zu sein: Für diese Herren ist die Vergangenheit, also Geschichte, nicht etwas, was man studiert, sondern etwas, was man formt. Und alle diese Herren sind durch mehr oder weniger freie Wahlen an die Macht gekommen.
Nicht nur in Russland oder der Türkei, auch in unseren westlichen Gesellschaften ist eine Entwicklung zum Autoritären zu beobachten. Die Attraktion des Autoritären entsteht aus der Unfähigkeit, Differenz und Ambivalenz zu ertragen. Wie lässt sich hier der Gedanke des Fortschritts in der Geschichte noch aufrechterhalten? Auch dabei hilft uns Immanuel Kant, der glorreiche Alte aus Königsberg. Dessen Idee einer übergreifenden zweckgerichteten Naturordnung, in der alle historischen Individuen, ohne es zu wissen oder zu wollen, eine Rolle spielen, hatte für ihn den Status einer sogenannten regulativen Idee. Was heisst das? Das heisst: Die teleologische Hypothese, also die Annahme eines Fortschritts in der Geschichte, leitet unser Erkennen und Handeln, ohne dass ihr objektive Realität zugeschrieben werden kann und muss; ungeachtet ihrer kognitiven Nichtgesichertheit ist sie allerdings für ein rationales Begreifen der Geschichte wie auch für ein vernünftiges Handeln in der Geschichte unverzichtbar.
Die Worte eines grossen Republikaners
Wir müssen uns also weiterhin einfach so benehmen, als gäbe es den Fortschritt – dann gibt es ihn auch. Wer in der Geschichte vernünftig im Sinne Kants handeln will, agiert auf ein Fortschrittsziel hin, in Richtung einer friedvollen, moralischen Welt freier und gleicher Menschen. Darinnen besteht die spezifisch Kantische Konzeption eines nichtmetaphysischen Geschichtsdenkens, die einen Strang moderner Geschichtsreflexion kennzeichnet. Und genau darinnen, in jenem Fortschrittsziel, auf das wir uns idealerweise zubewegen, liegt auch die Aspiration der Politik, die diesen Namen verdient. Oder, in den Worten eines grossen Republikaners, Abraham Lincoln: «Es ist vielmehr an uns, der grossen Aufgabe geweiht zu werden, die noch vor uns liegt … auf dass die Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk, nicht von der Erde verschwinden möge.»
Der Fortschritt bleibt, sofern wir ihn (in doppeltem Sinne) annehmen und ihn annehmend umsetzen, daran halte ich fest, meine Damen und Herren. Andere Dinge jedoch verschwinden. Ich kann zum Beispiel nie wieder ein Tic Tac konsumieren.