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Weissbauch-Fregattvogel
Fregata andrewsi
© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Der Weissbauch-Fregattvogel (Fregata andrewsi) brütet weltweit einzig auf der 137 Quadratkilometer grossen Weihnachtsinsel im Indischen Ozean. Diese liegt 360 Kilometer südlich von Java und rund 1400 Kilometer westlich von Australien, dem sie als Aussenterritorium politisch angehört. Das abgeschiedene Eiland bildet die Spitze eines Vulkans, der sich vom Meeresboden in 4300 Metern Tiefe erhebt und am höchsten Punkt 361 Meter über die Wasseroberfläche ragt. Seine Pflanzendecke ist - dem tropischen Klima entsprechend - üppig und reicht vom salzverträglichen Schraubenbaumgürtel an der zumeist felsigen Küste bis hin zum prächtigen, vierzig Meter hohen Regenwald im Inselinneren.
Innerhalb der Klasse der Vögel (Aves) gehört der Weissbauch-Fregattvogel zur Ordnung der Ruderfüsser (Pelecaniformes), welche nach traditioneller Auffassung die Familien der Pelikane (Pelecanidae), der Tölpel (Sulidae), der Fregattvögel (Fregatidae), der Kormorane (Phalacrocoracidae), der Schlangenhalsvögel (Anhingidae) und der Tropikvögel (Phaethontidae) umfasst. Neuere DNS-Analysen deuten allerdings darauf hin, dass diese Vogelfamilien keine natürliche Verwandtschaftsgruppe bilden. Es sind deshalb grössere taxonomische Umstellungen zu erwarten. Da diesbezüglich aber noch viele Fragen ungeklärt sind, wollen wir hier nicht weiter auf dieses Thema eingehen.
Unbestritten ist, dass die Fregattvogelfamilie aus weltweit fünf Arten besteht, welche alle überwiegend schwarz gefärbt und einander auch sonst, in Körperbau wie Verhalten, sehr ähnlich sind. Neben dem Weissbauch-Fregattvogel handelt es sich um den Adlerfregattvogel (Fregata aquila), den Prachtfregattvogel (Fregata magnificens), den Kleinen Fregattvogel (Fregata ariel) und den Bindenfregattvogel (Fregata minor). Alle fünf sind in warmen Ozeanregionen zu Hause.
Flügelspannweite bis 2,3 Meter
Die wissenschaftliche Erstbeschreibung des Weissbauch-Fregattvogels erfolgte 1914 durch den australischen Ornithologen Gregory Macalister Mathews (1876-1949). Den wissenschaftlichen Namen wählte er zu Ehren des britischen Paläontologen und Zoologen Charles William Andrews (1866-1924), der im Jahr 1897 mehrere Monate auf der Weihnachtsinsel verbracht und eine detaillierte Untersuchung der Inselfauna und -flora vorgenommen hatte.
Als erwachsener Vogel erreicht der Weissbauch-Fregattvogel eine Länge von 90 bis 100 Zentimetern, eine Flügelspannweite von 210 bis 230 Zentimetern und ein Gewicht um 1,4 Kilogramm, wobei die Weibchen durchschnittlich ein wenig grösser und schwerer sind als die Männchen. Äusserlich lassen sich die beiden Geschlechter gut anhand ihrer weissen Gefiederpartien unterscheiden. Bei den Weibchen sind Brust und Bauch sowie beiderseits Ausläufer von dort zur «Schulter» und zur «Achselhöhle» weiss; bei den Männchen dagegen findet sich nur auf dem Bauch ein weisser Fleck. Aus der Nähe betrachtet lässt sich ferner erkennen, dass bei den Weibchen der Schnabel und der nackte Augenring rosa gefärbt sind, während die Männchen einen dunkelgrauen Schnabel und einen schwarzen Augenring haben. Das auffälligste Merkmal zur Unterscheidung der beiden Geschlechter ist jedoch zweifellos der rote Kehlsack der Männchen, der bei der Balz zu einem roten «Ballon» aufgeblasen werden kann. Zwar verfügen auch die Weibchen über einen Kehlsack, doch ist dieser sehr klein und lässt sich nicht mit Luft füllen.
Wie bei den vier anderen Mitgliedern der Fregattvogelfamilie ist beim Weissbauch-Fregattvogel das Gewicht des Körpers im Verhältnis zur Grösse der Schwingen sehr klein und die Tragflächenbelastung dementsprechend gering - geringer als bei allen übrigen Vogelarten. Dies macht den Weissbauch-Fregattvogel zu einem der grössten Flugkünstler innerhalb der gefiederten Welt. Zum einen ist er ein überaus leistungsfähiger Segelflieger, der stunden- oder sogar tagelang ohne jegliche Anstrengung dahingleiten kann. Zum anderen ist er ein hervorragender Luftakrobat, der bei Bedarf mit unvergleichlicher Wendigkeit und Schnelligkeit zu manövrieren vermag. Dabei spielt neben den langen, schmalen Schwingen der lange, tief gegabelte Schwanz eine wichtige Rolle.
Die enorme Manövrierfähigkeit des Weissbauch-Fregattvogels zeigt sich besonders dann, wenn er Jagd auf seine Hauptbeute, Fliegende Fische und andere - beispielsweise auf der Flucht vor Fressfeinden - über die Meeresoberfläche hinaus springende Fische macht. Zielsicher stösst er nach unten und packt die Beute blitzschnell mit seinem hakenbewehrten Schnabel - ohne wassern zu müssen oder auch nur das Gefieder zu benetzen. Auf ähnliche Weise fängt er oberflächennah schwimmende Fische und Tintenfische, packt essbare Dinge, welche auf der Meeresoberfläche treiben, erbeutet frisch geschlüpfte Meeresschildkröten vom Strand und raubt unbeaufsichtigte Küken mitten aus einer Meeresvogel-Brutkolonie.
Interessanterweise kann es sich der Weissbauch-Fregattvogel dank seiner meisterhaften Fähigkeit der Luftakrobatik leisten, ein Nichtschwimmer zu sein - was für einen Meeresvogel doch sehr ungewöhnlich ist. Tatsächlich kann er weder aktiv schwimmen noch tauchen. Zum einen sind seine Beine kurz und schwach. Zum anderen weisen seine Füsse praktisch keine Schwimmhäute zwischen den Zehen auf. Ausserdem ist seine Bürzeldrüse klein und produziert wenig Fett, weshalb das Gefieder kaum eingefettet und also keineswegs wasserfest ist. Der Weissbauch-Fregattvogel landet darum niemals freiwillig auf dem Wasser. Auch für einen Landgang sind die schwachen Beine des Flugkünstlers ungeeignet. Sein Reich ist weder das Wasser noch das Land, sondern allein der Luftraum über dem Meer.
Die Jungenaufzucht dauert 15 Monate
Das Brutgebiet der Weissbauch-Fregattvögel erstreckt sich zwar ausschliesslich auf die Weihnachtsinsel, einen winzigen Punkt inmitten des Indischen Ozeans. Ihr Streifgebiet dehnt sich jedoch über weite Bereiche der südostasiatischen Gewässer aus. Insbesondere die noch nicht brütenden jugendlichen und jungerwachsenen Individuen führen eine nomadische Lebensweise und streifen enorm weit umher. Ausserhalb der Brutsaison tun dies aber auch die Altvögel. Man kann ihnen dann in vielen Bereichen Indonesiens, weiter nördlich in den Gewässern bei Malaysia und Thailand und weiter westlich bei den Andamanen und den Nikobaren begegnen.
Dass sogar die mit der Aufzucht von Jungvögeln beschäftigten Altvögel weite Reisen unternehmen, wissen wir erst seit 2005 mit Sicherheit, als es gelang, die Ausflüge eines mit einem Satellitensender ausgerüsteten Weibchens, «Lydia» genannt, ein paar Monate lang mitzuverfolgen. Unter anderem unternahm Lydia einen 26-tägigen, 4000 Kilometer weiten Nonstopflug. Dieser führte es die meiste Zeit über das offene Meer, zunächst südlich der Weihnachtsinsel, dann westlich, dann nordostwärts durch die zwischen Sumatra und Java befindliche Sundastrasse bis nach Borneo und anschliessend südwärts über Java hinweg zur Weihnachtsinsel zurück. Die Signale des Senders belegten zweifelsfrei, dass Lydia keine einzige Zwischenlandung einlegte, sondern sich fast ständig über dem Meer aufhielt, sich dort ernährte und fliegend schlief. Interessanterweise blieb während der ganzen Reise sein nahezu flügges Junges in seinem Nest wohlauf, konnte also offensichtlich vom Männchen ausreichend ernährt werden.
Wie viele andere Meeresvögel sind die Weissbauch-Fregattvögel gesellige Brüter. Mit meistens weniger als zehn und höchstens etwa dreissig Brutpaaren sind ihre Brutkolonien allerdings recht klein. Letztere befinden sich in der Regel in der Krone eines hoch gewachsenen Baums, vorzugsweise eines Katappen- oder Seemandelbaums (Terminalia catappa), manchmal aber auch eines Timor-Zürgelbaums (Celtis timorensis) oder eines Wildfeigenbaums (Ficus spp.).
Gewöhnlich Ende Januar, Anfang Februar versammeln sich mehrere Männchen im Geäst eines geeigneten Baums, besetzen je einen günstigen Nistplatz und beginnen in der Gruppe, um die Gunst der vorbeifliegenden Weibchen zu buhlen. Segelt ein Weibchen langsam und offenbar partnersuchend über die Köpfe der «heiratswilligen» Männchen hinweg, so breiten diese die Flügel aus, zittern wild mit denselben, rattern mit dem Schnabel, äussern hohe Jodellaute und werfen den Kopf in den Nacken, um ihren zu einem roten Ballon aufgeblasenen Kehlsack zu präsentieren.
Hat sich ein Weibchen von einem der balzenden Männchen beeindrucken lassen, so gesellt es sich zu ihm. Während der folgenden Tage bleiben die beiden Vögel eng beisammen und tauschen allerlei «Höflichkeiten» und «Zärtlichkeiten» aus, welche schliesslich zur Paarung führen. Zumeist gegen Ende Februar beginnen sie mit dem Nestbau. Dem Männchen kommt die Aufgabe zu, die dafür benötigten Zweige herbeizuschaffen, während das Weibchen den Nistplatz besetzt hält und das Nistmaterial zu einem Nest verbaut. Das fertige Nest misst lediglich etwa 20 Zentimeter im Durchmesser, ist also für die grossen Vögel überraschend klein. Ausserdem ist es nur sehr locker und hinfällig gebaut.
Zwischen Anfang März und Mitte Mai legt das Weibchen ein einzelnes weisses Ei, welches in der Folge von beiden Partnern abwechslungsweise in ein- bis mehrtägigen Schichten bebrütet wird. Nach einer Brutdauer von ungefähr fünfzig Tagen schlüpft das Junge aus dem Ei. Es ist anfangs nackt und völlig hilflos, und es wächst in der Folge überraschend langsam heran. Mindestens sechs Monate verweilt es im Nest und muss durch seine Eltern mit Futter versorgt werden. Und auch nachdem es endlich flugfähig ist und das Nest verlassen kann, bleibt es noch weitere etwa neun Monate auf die Zufütterung durch seine Eltern angewiesen. Alles in allem beschäftigt also die Aufzucht eines einzigen Jungvogels das Weissbauch-Fregattvogelpaar über ein Jahr lang. Gewöhnlich schreiten die erwachsenen Vögel deshalb nur alle zwei Jahre zur Brut. Immerhin sind sie mit einer Lebenserwartung von mindestens 25 Jahren recht langlebige Vögel, weshalb sie im Laufe ihres Lebens trotzdem genügend Nachkommen aufzuziehen vermögen.
Waldvernichtung zwecks Phosphatabbaus
Obschon Katappenbäume in den meisten Bereichen der Weihnachtsinsel wachsen, schreiten die Weissbauch-Fregattvögel nur in drei kleinen Gebieten im nordöstlichen Zipfel der Insel zur Brut. Weshalb das so ist, wissen wir nicht. Anlässlich einer eingehenden Erhebung im Jahr 2003 wurden bei der so genannten Dryers-Kolonie auf einem Gebiet von 62 Hektaren 20 Nester, bei der Cemetery-Kolonie auf 46 Hektaren etwa 320 Nester und bei der Golf-Course-Kolonie auf 25 Hektaren etwa 830 Nester gezählt. Es gab also in jenem Jahr knapp 1200 brütende Paare. Aufgrund des zweijährigen Fortpflanzungszyklus der Weissbauch-Fregattvögel dürfte die ganze Population insgesamt etwa doppelt so viele, also rund 2400 Brutpaare umfassen.
Dies bedeutet einen sehr starken Rückgang gegenüber früher. Die Fachleute schätzen aufgrund diverser historischer Quellen und verschiedener Hochrechnungen, dass bei der Ankunft der ersten Inselsiedler im Jahr 1888 rund 6300 Paare jährlich auf der Weihnachtsinsel brüteten, 1910 noch rund 4500, 1945 rund 3500, 1967 rund 2500 und 1978 rund 1500 Paare. Die Weissbauch-Fregattvogelpopulation scheint somit von 1888 bis 2003 kontinuierlich um über 80 Prozent zurückgegangen zu sein. Heute gehört die Art zu den seltensten Meeresvögeln der Welt und wird von der Weltnaturschutzunion (IUCN) als «kritisch bedroht» eingestuft.
Die Hauptursache für den Bestandsschwund lautet Nistplatzzerstörung: Ab 1897 wurden auf der Weihnachtsinsel im Tagbau die oberflächlichen, teils mehrere Meter dicken Kalziumphosphatschichten abgebaut. Die Gewinnung dieser Stickstoffverbindung, welche in der Düngemittelproduktion Verwendung findet, machte es erforderlich, die Pflanzendecke Stück für Stück zu entfernen. Rund 30 Prozent des Inselregenwalds wurden zu diesem Zweck vollständig zerstört. Für den Weissbauch-Fregattvogel bedeutete dieser Raubbau eine grosse Gefahr, denn durch die Rodung des Waldes wurde er Baum für Baum seiner weltweit einzigen Nistplätze beraubt.
1987 wurde auf der Weihnachtsinsel erfreulicherweise jeglicher Phosphatabbau eingestellt - einerseits auf Druck der australischen Naturschutzbehörde, andererseits weil die wirtschaftlich besonders interessante A-Qualität des Kalziumphosphats ohnehin vollständig abgetragen war. Gleichzeitig wurden jene zwei Drittel der Insel, die noch eine einigermassen intakte Pflanzendecke aufwiesen, als Nationalpark unter Schutz gestellt. Zudem wurde ein aufwendiges Programm zur Förderung des Aufkommens einer natürlichen Pflanzendecke auf den ausgebeuteten Flächen eingeleitet. Dadurch sieht die Zukunft der Tier- und Pflanzenwelt auf der Weihnachtsinsel heute trotz der beim Phosphatabbau entstandenen «Wunden» wieder ganz erfreulich aus.
Die gilt auch für den Weissbauch-Fregattvogel. Zwar existiert von ihm nur eine einzige, recht kleine und äusserst langsam nachzüchtende Population, welche zum Brüten auf die verbleibenden Waldbäume einer winzigen Ozeaninsel angewiesen ist. Da aber die australische Regierung gewillt ist, auf der Weihnachtsinsel für einmal den Naturschutz höher zu werten als die wirtschaftlichen Interessen des Landes, und da überdies im Rahmen des 2004 vom deutschen Ornithologen Janos Hennicke initiierten «Weihnachtsinsel-Seevogelprojekts» gezielt die wissenschaftliche Grundlage für wirkungsvolle Schutzmassnahmen zugunsten des Weissbauch-Fregattvogels erarbeitet wird, stehen seine Überlebenschancen dennoch recht gut.
Legenden
Der Weissbauch-Fregattvogel (Fregata andrewsi) ist ein grosser, leicht gebauter Meeresvogel: Erwachsene Individuen erreichen eine Länge von 90 bis 100 Zentimetern und eine Flügelspannweite von bemerkenswerten 210 bis 230 Zentimetern, wiegen jedoch nur um 1,4 Kilogramm. Die Männchen (links) sind im Durchschnitt etwas kleiner als die Weibchen (rechts). Die Jugendlichen (unten) sind anhand ihres gelbbraunen Kopfes und hellgrauen Schnabels gut von den Erwachsenen unterscheidbar.
Zur Brut schreiten die Weissbauch-Fregattvögel weltweit einzig auf der 137 Quadratkilometer grossen, politisch zu Australien gehörenden Weihnachtsinsel im Indischen Ozean. Ihr Streifgebiet dehnt sich jedoch über weite Bereiche der südostasiatischen Meere aus. Fliegende Fische und andere über die Meeresoberfläche hinausspringende sowie oberflächennah schwimmende Fische bilden ihre Hauptspeise. Sie packen ihre Opfer im Vorbeiflug mit dem Schnabel, also ohne wassern zu müssen.
Wie viele andere Meeresvögel sind die Weissbauch-Fregattvögel gesellige Brüter. Mit zumeist weniger als zehn und höchstens etwa dreissig Nestern sind ihre Brutkolonien allerdings ziemlich klein. Sie befinden sich mehrheitlich im oberen Kronenbereich eines stattlichen Laubbaums.
Das Gelege der Weissbauch-Fregattvögel umfasst stets nur ein einzelnes Ei. Das Junge schlüpft nach einer Brutzeit von ungefähr 50 Tagen. Es ist anfangs nackt und hilflos und wächst in der Folge ausgesprochen langsam heran. Mindestens sechs Monate lang verweilt es im Nest, bis es endlich flugfähig ist. Während der ganzen Zeit wird es fürsorglich von beiden Eltern verpflegt.
Die Fregattvögel gehören zu den wenigen Meeresvögeln, welche regelmässig Süsswasser zu sich nehmen, wenn solches erreichbar ist. Sie trinken wie sie essen, nämlich im Flug, und zeigen, wenn sie mit dem Unterschnabel die Wasseroberfläche «ritzen», wie unglaublich präzis ihre Flugmanöver sind.
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