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Viele Länder in Europa werden in eine tiefe Rezession fallen. Gleichzeitig wird die Corona-Krise laut Martin Gilbert von Aberdeen Standard Investments grundlegende und langfristige Veränderungen bringen und bestehende Trends stark beschleunigen.
14.05.2020, 09:11 Uhr
Redaktion: maw
Letzten Monat wurde das handschriftliche Original des Songtexts von Bob Dylans "The Times They Are A-Changin" für ganze 2,2 Mio. US-Dollar zum Verkauf angeboten. Dieser Dylan-Song scheint für Martin Gilbert, Chairman von Aberdeen Standard Investments (ASI), heute relevanter als je zuvor. Inmitten all unserer Versuche, mit der Covid-19-Krise fertig zu werden, ist laut Gilbert eines klar: Zeiten wie diese hat niemand zuvor je erlebt.
Europa steht eine Rezession bevor
Allen Ländern Europas stehe entweder eine tiefe Rezession bevor oder sie befinden sich bereits mittendrin. Wie tief die Rezession ausfallen werde, sei schwer zu quantifizieren. Das ASI Research Institute prognostiziert einen Rückgang des Eurozonen-BIP von 25% im ersten Halbjahr 2020. Damit würde die Wirtschaft sehr viel stärker schrumpfen als in der globalen Finanzkrise und wäre bei dieser Grössenordnung eher mit der Grossen Depression oder den von den beiden Weltkriegen ausgelösten Wirtschaftskrisen vergleichbar.
Darüber hinaus werde die zu erwartende Erholung, gemessen am ursprünglichen Schock, nur langsam vorankommen. Die Rezession werde in europäischen Ländern, denen es gelingt, das Virus schneller unter Kontrolle zu bringen, wie zum Beispiel Deutschland, weniger heftig ausfallen. Aber Länder wie Italien, Spanien oder Grossbritannien, in denen es zu einem stärkeren Ausbruch kam, werden sich mit einer noch tieferen Rezession und noch langsameren Erholung konfrontiert sehen.
"Darüber hinaus wird es zu signifikant hohen Arbeitsplatzverlusten kommen. Die Lage wird dramatisch werden und könnte weitreichende gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen. Eine radikale, noch über die bereits angekündigten Massnahmen hinausgehende Reaktion wird dann erforderlich sein", kommentiert Gilbert.
Pandemie beschleunigt Megatrends
Gilbert ist der Meinung, dass sich über die direkten wirtschaftlichen Folgen hinausgehende Veränderungen vollziehen werden. Die Menschen werden akzeptieren, dass es so wie vor der Krise nicht weitergehen könne. Das gelte in besonderem Masse im Hinblick auf die Umwelt. "Wir sind der Auffassung, dass die Pandemie viele der bestehenden Trends in der Wirtschaft, auf den Märkten und in der Gesellschaft beschleunigen wird. In der Umweltagenda kommen die Trends aus allen drei Bereichen zusammen. Sie stand schon vor der Krise im Fokus und wir sind überzeugt, dass sie danach noch an Bedeutung gewinnen wird."
In den letzten Wochen sei es in der Industrie und im Transport- und Verkehrswesen still geworden – der Himmel wurde blauer, die Luft reiner. Dieser Effekt werde aber nicht von Dauer sein. Denn auch wenn die Wirtschaft innehält, schreitet der von Menschen verursachte Klimawandel weiter voran. In den USA zum Beispiel zeichnet sich eine Mega-Dürre ab, die nach Ansicht der Wissenschaftler durch Treibhausgase noch verschlimmert wird.
"Wenn der Lockdown wieder aufgehoben wird, werden die Menschen meines Erachtens offener dafür sein, die Umweltfolgen unseres Lebensstils einer nüchternen Bilanz zu unterziehen – und bereiter, diese Folgen zu minimieren. Wir sehen einerseits, wie wir die Umwelt auch weiterhin schädigen und andererseits, wie der jetzige Lockdown in Megacities wie Peking und Delhi für klarere Luft gesorgt hat", sagt Gilbert. Die Bewohner dieser und anderer Städte werden von ihrer politischen Führung erwarten, mehr zu tun als bisher und den Weg für Veränderungen freizumachen.
Gleichzeitig vollziehen sich grundlegende Veränderungen bei den Arbeitsgewohnheiten der Menschen und manche dieser Veränderungen könnten uns dauerhaft erhalten bleiben. Mithilfe von Videokonferenzen haben Teams gelernt, effizienter von zu Hause aus zusammenzuarbeiten. Das könnte Unternehmen sowohl aus Kosten- als auch aus Umweltgründen überprüfen lassen, inwieweit Geschäftsreisen wirklich erforderlich sind.
Für Anleger heisse all dies, dass sie sich noch stärker auf das "Impact Investing" und ökologische, soziale und Governance-Kriterien (ESG) konzentrieren müssen. Wenn Dylans berühmtester Song etwas sei, dann eine Warnung: "Ihr fangt besser an zu schwimmen, sonst sinkt ihr wie ein Stein." Die Corona-Krise mache noch einmal deutlich, wie wichtig es ist, mit dem ESG-Strom zu schwimmen. Gilbert meint, dass Unternehmen dazu ermutigt werden sollten, den positiven Veränderungsprozess zu beschleunigen und sich hohe Ziele zu setzen.
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