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Als Johann Wolfgang von Goethe 1799 seine Ballade "Die erste Walpurgisnacht schuf, dachte er schon an eine Vertonung des Gedichts in Form einer grossangelegten Chorkantate. Das Thema der sagenhaften Walpurgisnacht hatte er bereits im ersten Teil des Fausts bearbeitet und in einer grotesken Traumvision geschildert. In der Ballade versuchte er sich in einer einfacheren, verdichteten Nacherzählung der Sage über die Heidengemeinschaft, die ein Hexenspiel inszenieren um die kolonisierenden Christen zu vertreiben. Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847) nahm sich 1831 auf seiner ausgedehnten Italien-Reise der Vertonung der Ballade an und setzte Goethe in einem Brief in Kenntnis seines Vorhabens – Goethe sollte die Vertonung indes nicht mehr zu hören bekommen, er starb 1832 wenige Monate vor deren Uraufführung. In seiner Walpurgisnacht beschritt Mendelssohn neue Wege und schuf ein Werk, das die Gattung des Oratoriums an ihre Grenzen führt. Die musikalische Gestaltung ordnet sich ganz der dramatischen Erzählung unter. Die nahtlos in einander übergehenden Sätze beschreiben bildmächtig die verschiedenen Szenen der Handlung – von der eröffnenden Gewittermusik über die wild-tobende Hexenszene bis zum feierlichen Schlusschoral. Die Komposition, welche höchste Anforderungen an Chor und Orchester stellt, weist in ihrem verdichteten Erzählfluss auf Richard Wagners Musikdramen voraus und schafft einen dramaturgischen Spannungsbogen, den wir in vokaler Konzertmusik nur selten finden.
Im Gegensatz zu dieser mitreissenden Erzähldramaturgie ist Robert Schumanns (1810-1856) Nachtlied Op. 108 ganz der Ausgestaltung poetischer Stimmungsbilder gewidmet. Der erste Teil dieses elegischen Gesangs für Chor und Orchester deutet in farbenreicher Instrumentierung ein düsteres Traumbild aus, während im zweiten Teil ein inniges Schlaflied erklingt. Ganz im Geiste der musikalisch-literarischen Romantik steht die Nacht hier sinnbildlich für das Unterbewusste und die seelischen Regungen, die in der bürgerlichen Gesellschaft im Verborgenen bleiben müssen.
Den komponierenden Frauen jener Epoche war das Erschaffen solch gross besetzter Werke zumeist verwehrt. Wenngleich sich im Oeuvre von Fanny Hensel (1805-1847) und Clara Schumann (1819-1896) auch orchestrale Werke finden, so wurden sie kaum je öffentlich aufgeführt. Den Frauen war der Salon und somit die Kammermusik zugedacht. Gerade die Klavierlieder Clara Schumanns und Fanny Hensels zeigen jedoch wie es den Komponistinnen gelang die Dramatik und die Erzählbögen grosser Dichtungen und Opernstoffen auf engstem Raum zu verdichten. In neuen
Orchesterarrangements erklingen Lieder dieser beiden Tondichterinnen, die den Themenkomplex der Nacht auf poetisch vielgestaltige Weise ausdeuten. Im ausgehenden 19. Jahrhundert konnten sich Frauen endlich als Komponistinnen im öffentlichen Konzertleben behaupten. Emilie Mayers (1812- 1883) düster-dramatische Faust Ouvertüre Op. 46 für grosses Orchester legt hiervon ein eindrückliches Zeugnis ab.