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Johann Sebastian Bachs zwei Passionen nach den Evangelisten Matthäus und Johannes dürfen zu Ostern nicht fehlen. Weshalb sie auch beim Luzerner Oster-Festival regelmässig auf dem Programm stehen, in diesem Jahr die Johannes-Passion. Aber was heisst schon «die» Johannes-Passion, liegt das Werk doch in einer Vielzahl von Versionen vor, ohne je eine «endgültige» Gestalt erhalten zu haben.
Mindestens viermal hat Bach seine Johannes-Passion in Leipzig zu Gehör gebracht, erstmals am Karfreitag 1724 in der Nikolaikirche, im Jahr nach seinem Amtsantritt als Thomaskantor also. Doch bereits im Folgejahr, als er eine erneute Aufführung vorbereitete – dieses Mal in der Thomaskirche –, entschloss sich Bach zu markanten Veränderungen und tauschte eine Reihe von Sätzen aus. Und auch danach revidierte er die Johannes-Passion: In den 1730er Jahren nahm er für eine weitere Darbietung sowie in einer Fragment gebliebenen Reinschrift der Partitur neuerliche Umstellungen und Ergänzungen vor, um dann 1749, ein Jahr vor seinem Tod, wieder nahezu die erste Version zu rekonstruieren.
Man kann die späte Rückkehr zur Erstfassung als Hinweis darauf sehen, dass es sich hierbei um die Wunschversion des Komponisten handelte und auf ihrer Grundlage eine Mischfassung im Sinne einer «idealen Version» erarbeiten (wie es die Neue Bach-Ausgabe 1973 in einer Edition getan hat, die heutigen Aufführungen meist zugrunde liegt). Man kann aber auch akzeptierten, dass die Johannes-Passion für Bach ein «work in progress» darstellte, das er immer wieder überarbeitete: kein unantastbares Kunstwerk im emphatischen Sinne, sondern religiöse Gebrauchsmusik, die es für jede Aufführung neu einzurichten und den jeweils verfügbaren Solisten, den unterschiedlichen Raumverhältnissen der Leipziger Kirchen und den sich wandelnden eigenen künstlerischen Erfahrungen anzupassen galt. Auch der jeweilige thematische Schwerpunkt der Karfreitagspredigt hatte wohl einen Einfluss, denn die Predigt stand im Zentrum – die Musik diente lediglich der Rahmung. Und schliesslich steht zu vermuten, dass Bach seinen Leipziger Hörern 1725 wohl nicht dieselbe Musik anbieten wollte wie im Vorjahr.
Diesem Ansatz folgt Thomas Hengelbrock: Mit seinem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble interpretiert er am 6. April beim Luzerner Oster-Festival die zweite Fassung der Johannes-Passion von 1725. Sie beginnt nicht mit dem wohlbekannten Chor «Herr, unser Herrscher», sondern mit der ausgedehnten Choralbearbeitung «O Mensch, bewein dein Sünde gross», die Bach später als Schlusschor des ersten Teils der Matthäus-Passion wiederverwenden sollte. Auch der finale Choral «Christe, du Lamm Gottes» ist neu. Darüber hinaus tauschte Bach drei Arien aus. Kurz: Der Höreindruck mag ein ungewohnter sein – gerade weil es sich um eine authentische Werkgestalt handelt, um eine Fassung, die Bach tatsächlich einst aufgeführt hat. Thomas Hengelbrock lässt uns einen Blick in die «Werkstatt» des Komponisten werfen und erweckt einige viel zu selten gespielte, wunderbare Sätze Bachs aus ihrem Dornröschenschlaf.
Malte Lohmann | Redaktion LUCERNE FESTIVAL