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Auf der Jagd nach dem Kranzabzeichen
Unsere Autorin hat keine Erfahrung mit Waffen. Nun hat sie mit dem Sturmgewehr am 29. Mai in Zwillikon das Eidgenössische Feldschiessen absolviert. Das angepeilte Ziel: ein Kranzabzeichen.
Von: Livia Häberling
Es ist Samstagmorgen. Statt im Bett liege ich auf der Schaumstoffmatte von Bahn 10. Der linke Zeigefinger ist am Abzug, der Gewehrkolben liegt an meiner Schulter auf. Ich schliesse mein rechtes Auge und spähe mit dem linken durch das Visier, das einen runden Bildausschnitt freigibt. Auf dem Gewehrlauf ist ein Metallkreis angebracht, eine Art zweites Guckloch. Von unten ragt bis in die Kreismitte ein Stäbchen hoch, das sogenannte Korn. Noch machen wir Trockenübungen ohne Munition, und Albert Suter, mein Schiessinstruktor sagt, mit diesem Stäbchen solle ich nun das Zentrum meiner Zielscheibe anpeilen und vorsichtig abdrücken. Nur: Wo ist Scheibe 10? Ich kann die Nummern nicht lesen. Das Ziel in 300 Metern ist verflucht weit weg!
Wie realistisch es sei, als Anfängerin einen Kranz, also eine Auszeichnung zu schiessen, hatte ich ein paar Tage zuvor am Telefon wissen wollen. Und Albert Suter, Präsident der Feldschützen-Gesellschaft Zwillikon, machte mir Mut: «Je jünger die Augen, desto besser.» Ausserdem erzählte er mir, dass viele Frauen für den Schiesssport geradezu prädestiniert seien. Das zeige sich bereits bei den Jugendlichen: Dort seien es häufig die Mädchen, welche die Instruktionen besonders präzise umsetzten, die in der Lage seien, sich über längere Strecken zu konzentrieren und sich an Wettkämpfen an die Spitze der Rangliste setzten.
Mehr Treffsicherheit an der Waffe
Das Eidgenössische Feldschiessen findet einmal jährlich statt und wird in der ganzen Schweiz von den lokalen Schützenvereinen organisiert. Antreten dürfen Personen, die das zehnte Altersjahr erreicht haben.
Seit 1926 nehmen alle Kantone am Feldschiessen teil, die Tradition reicht jedoch weiter zurück, ins Jahr 1850. Damals wird erstmals das jährliche Zielschiessen für Mannschaften eingeführt, noch nicht gesamtschweizerisch, sondern kantonal geregelt. Die Resultate sind zunächst unbefriedigend: Bei den Übungen über 300 Meter landen nur 15% der Schüsse auf der Scheibe, deshalb wird im Jahr 1874 eine obligatorische ausserdienstliche Schiesstätigkeit eingeführt. Wer heute in der Schweiz militärpflichtig ist, muss nach der Rekrutenschule an jährlichen Schiessübungen teilnehmen. Möglich ist das an mehreren Veranstaltungen des Obligatorischen Bundesprogramms oder am Eidgenössischen Feldschiessen.
Der militärische Urgedanke des Anlasses sickert an diesem Samstag auch in Zwillikon durch: Geschossen wird nach Kommando und mit Ordonnanz-, also mit Dienstwaffen, die Scheibenform ähnelt einem Oberkörper, und die spitzförmigen Patronen, die hier alle nur «Kugeln» nennen, spendiert der Bund.
Albert Suter, der sich mit Leidenschaft im Bereich der Nachwuchsförderung engagiert, ist sich bewusst, dass das Schiessen häufig mit militärischer Intervention, also mit Kampf und Tod in Verbindung gebracht wird. Umso wichtiger ist ihm eine seriöse Ausbildung an jenem Gerät, das er bewusst nicht Waffe, sondern Gewehr nennt. «Wir fördern das sportliche Schiessen», sagt er, «und nichts anderes.»
Schiessen mit dem «Munggeli-Gwehr»
Nach den Trockenübungen gilt es ernst. In den nächsten Minuten soll ich das Programm schiessen. 18 Schuss insgesamt, die ersten sechs einzeln in sechs Minuten, die nächsten sechs als sogenanntes Schnellfeuer in zwei Mal je 60 Sekunden und zum Schluss noch sechs Schuss in 60 Sekunden. Zunächst aber muss ich die Munition in das Magazin einfüllen. Albert Suter zeigt mir, wie das geht – mit jener Besonnenheit, mit der er mich den ganzen Morgen umsichtig betreut. Überhaupt ist die Hilfsbereitschaft allerseits gross. Das Feldschiessen, sagt Suter, biete den Vereinen auch die Chance, sich der Öffentlichkeit vorzustellen. Rund 70 Junioren, Aktiv-, Passiv- und Ehrenmitglieder zählt die FSG Zwillikon heute – und sie würde sich über neue Mitglieder freuen, betont Suter.
Bereits Mitglied in einem Schützenverein ist Rolf, der an jenem Morgen wiederum auf mich und meinen Schreibblock aufmerksam wird. «Bisch interessiert a öppis Währschaftem?», fragt er und präsentiert mir sein Langgewehr. Dieses hat einen Schaft aus Holz, kam schon in den Händen von Rolfs Vorfahren zum Einsatz, ist inzwischen über 100-jährig und feuert das Geschoss mit mehr als 800 Metern in der Sekunde aus dem Gewehrlauf. Für detailliertere, technische Auskünfte reicht die Zeit leider nicht mehr: Das Kranzabzeichen ruft.
Ich positioniere mich erneut auf der Schaumstoffmatte, suche meine Zielscheibe und finde sie sogar (inzwischen weiss ich: Es ist die dritte von rechts), entsichere die Waffe, warte auf das Kommando, kneife wieder das rechte Auge zu, suche das Ziel, ziehe den Abzug bis zum Druckpunkt, halte – wie von Albert Suter empfohlen – die Luft an und: Peng! Dieses Prozedere wiederhole ich in den folgenden fünf Minuten fünf Mal. Peng. Peng. Peng. Peng. Peng.
Das Sturmgewehr 90 ist kleiner und leichter als seine Vorgänger, der Rückstoss sei bei diesem «Munggeli-Gwehr» kaum noch spürbar, hatte Albert Suter gesagt. So ganz kann mein Schlüsselbein das nicht bestätigen. Aber ich soll ja schiessen, nicht jammern.
Pro Schuss sind vier Punkte zu holen. Im ersten Durchgang erziele ich dreimal zwei und dreimal drei Punkte. Es gibt Luft nach oben. Albert Suter ist mit dem Sackmesser zur Stelle, schräubelt an der Visiervorrichtung und siehe da: In den nächsten Durchgängen sind mehrere 3er dabei und auch einige 4er.
Ein paar Minuten später sitzen wir bereits in der Festwirtschaft. Wir stossen an – leider nicht auf mein Kranzabzeichen. Mit einem Total von 53 Punkten verfehle ich es um vier Punkte, und auch für die Anerkennungskarte fehlen zwei Punkte. Zähneknirschend fotografiere ich den Kranz eines erfolgreicheren Schützen. Aber so schnell gebe ich nicht auf.
Zweiter Anlauf mit der Pistole
Am Sonntagmorgen biege ich wieder auf den Parkplatz des Schützenhauses Zwillikon ein. Dieses Mal peile ich das Lokal der Pistolenschützen-Gesellschaft Affoltern an. Mit der Pistole will ich das Programm über 25 Meter absolvieren. Auch hier werden in vier Durchgängen insgesamt 18 Schuss abgefeuert. Zunächst heisst es: Warten. Der Andrang ist gross, sodass Geduld gefordert ist, bis ich schliesslich im Schiessraum stehe. Auch hier helfen die Anwesenden gerne. Zunächst erhalte ich die Waffe eines Mitglieds, dann aber bietet mein Instruktor, Peter Schoch, mir seine Pistole an, weil diese etwas leichter ist. Da ich keine Erfahrung im Pistolenschiessen habe, darf ich zwei, drei Mal den Abzug ziehen, als die Waffe noch nicht geladen ist. Dann gilt es wieder ernst. Ich bringe mich in Stellung, drücke ein erstes Mal ab, und ... treffe trotz gefühlt zittriger Hände ziemlich prächtig! Ein zweites, drittes, viertes Mal ebenso. Anfängerglück? Vielleicht. «Eifach eso wiitermache», rät mir Peter Schoch. Dagegen habe ich nichts einzuwenden.
Mit 160 Punkten nehme ich im Sekretariat in Feierlaune mein Kranzabzeichen entgegen. Dann erkläre ich meine Schützenkarriere offiziell als beendet. Wobei ... Insgeheim habe ich die Sache noch nicht ganz abgehakt. Ein Kranz mit dem Sturmgewehr wäre schon auch lässig ...