Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03201.jsonl.gz/2475

Montevideo programmiert seine Brachen neu
Gefäss:
Kann eine Neuprogrammierung von Brachen Auswirkungen auf die ganze Stadt haben? Diese Frage untersuchte eine Gruppe im Rahmen des Archiprix-Work-shops anhand von Montevideo, der Hauptstadt von Uruguay.
Der «returnable space» ist ein zurückgelassener Ort, der wieder entdeckt und durch neue städtische Nutzung reaktiviert wird. Innerhalb des zehntätigen Archiprix Workshops befasste sich eine von sieben Gruppen intensiv mit den Problemen der zurückgelassenen Flächen. Die jungen Architekten und Landschaftsarchitekten untersuchten die vorhandenen Mechanismen zwischen bebauter Stadtstruktur und den unbebauten Freiflächen einer Stadt. Sie beschäftigen sich mit den Gedanken der Rückgewinnung der verlassenen und vergessenen Orte sowie mit der Planung ihrer Programmierung.
Attraktive Standorte am Meer
Die Hafenstadt Montevideo entwickelte sich vom historischen, kompakten Zentrum nach aussen in Richtung der äusserst lang gezogenen Küste. Vor allem Industrieanlagen wurden an dieser Küstenlinie meist direkt am Wasser mit besten Bedingungen für den In- und Export erstellt.
Später begann eine Stadtentwicklung und Verdichtung ins Landesinnere, wobei der historische Stadtkern erhalten und gut erschlossen blieb, die Küstenbereiche aber an Bedeutung verloren.Die Hochblüte der Stadt fand im Industriezeitalter statt. Nach der wirtschaftlich guten Zeit kam allmählich der Rückgang der Grossindustrie und Brachen begannen sich auszubreiten. Die ehemaligen Industrieanlagen befinden sich an den besten Lagen der Stadt und dennoch ist der Zerfall dieser Areale schon fortgeschritten. Heute verhindern sie direkte Zugänge zum Wasser und die öffentliche Nutzung.
Die Areale bilden grosse Landreserven innerhalb der dichten Stadtstruktur und Dank dem direkten Meeranschluss besitzen sie eine hohe Standortqualität. Die Tourismusbranche der Stadt ist eher klein und es steht zwingend eine Neuorientierung in dieser Branche an. Die Regierung bekundete nun auch Interesse an den wertvollen Landreserven: Sie will anstelle einer weiteren Stadtentwicklung ins Landesinnere eine Verdichtung beziehungsweise eine Neubesetzung der nahe gelegenen Gebiete direkt am Wasser erreichen.In vielen europäischen Städten haben solche Umstrukturierungen von Industriebrachen schon früher begonnen und sind schon umgesetzt oder befinden sich im Bau.
Ein aktuelles Beispiel ist die Hafencity in Hamburg. Das ehemalige Hafenquartier, das in eher schlechtem Ruf stand, soll zu einem neuen exklusiven Quartier der Hansestadt heranwachsen. Die Werften müssen neuen Freiräumen, Wohn- und Geschäftshäusern und Kulturgebäuden wie etwa der neuen Philharmonie weichen.
Das Ziel des Workshops war, der Stadt mögliche Ideen und Stossrichtungen für eine zukunftsorientierte, nachhaltige Entwicklung aufzuzeigen. Die brachliegenden Landreserven sollten erschlossen und in ein Gesamtkonzept eingebaut werden. Umstrukturierungsmassnahmen einzelner Areale sollten zu einem nachhaltigen Städtebau führen und mit gezielten Eingriffen wünschte man Impulse für eine weitreichende Belebung der vernachlässigten Flächen sowie für die umliegenden Quartiere. Vor allem war es wichtig, die Verbindung von Wasser und Stadt zu verbessern.Entlang des ausgewählten Küstenbereichs fanden sich zahlreiche Brachen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Zehn Areale wurden für die Analyse ausgewählt, darunter eine ehemalige Fleischfabrik, eine Werft, ein Güterbahnhof, ein altes Sportstadion aber auch ein landschaftliches Element, ein natürliches Flussdelta. Mithilfe eines Kriterienkatalogs wurden die Areale analysiert und typologisiert. Drei unterschiedliche Brachen wurden daran anschliessend vertieft ausgearbeitet.
Flexibilität mit kleinen Eingriffen
Die isolierte Lage ist das gemeinsame Problem der Areale. Die Hauptverkehrsachse zieht sich entlang der gesamten Küste und trennt die Stadt vom Wasser beziehungsweise von den möglichen Freiräumen. Auch Zäune um die Anlagen herum und Wasserzuflüsse stellen Barrieren dar, die die aktive Nutzung dieser Bereiche behindern. Mit einem neuen Infrastrukturprogramm wird die Integration dieser Räume durch neue Verknüpfungen mit der Stadt erreicht.
Zusammen mit einem Nutzungsprogramm wird auch ein Ausstattungskonzept entwickelt. Dabei steht die Flexibilität der Neugestaltung im Vordergrund. So sollen sich die neu programmierten Freiräume jederzeit unterschiedlichen Nutzungsbedürfnissen anpassen können. Die Neugestaltung darf nicht als neues Design über das Areal gestülpt werden: Die bestehenden Qualitäten werden mit einigen ergänzenden Ausstattungselementen erhalten und herausgearbeitet. So soll das ehemalige Recycling Areal als neuer Freiraum erlebbar gemacht werden.
Das Delta wird zukünftig eine Naturerlebnisfläche. Die geplante Bootsanlegestelle bietet einen Zugang zum Wasser und kann Touristen Touren durch das Gebiet ermöglichen. Für die ökologisch wertvollen Schilfflächen wurde zudem ein Pflegekonzept erstellt.Der Güterbahnhof soll zu einem Park umgestaltet werden, der temporären Nutzungen Raum gibt. Die bestehenden Gleisanlagen eignen sich für mobile Pflanztröge, mobile Bühnenelemente oder Sitzgelegenheiten. Die wenigen Eingriffe mit flexiblen Ausstattungselementen programmieren den Ort neu, lassen aber auch Änderungen in der zukünftigen Nutzung zu. So bieten die Flächen verschiedenen Nutzergruppen dynamische Freizeitaufenthaltsräume.
Unkonventionelles Vorgehen
Die Eingriffe sind jedoch nicht das Entscheidende des Workshopergebnisses, sondern das Vorgehen und die Impulse, die daraus entstehen. Die Gruppe hat nämlich ganz eigene Wege für die Bearbeitung des Themas gewählt. Sie haben Befragungen in der Bevölkerung durchgeführt, da die Nutzer ja bekanntlich den Raum bestimmen und deshalb für die Planung einen wichtigen Faktor darstellen. Das Interesse der Gruppe galt deshalb den Bedürfnissen der potenziellen Nutzer der jeweiligen Brachen. Eine Beschilderung sollte Vorbeikommende auf die Flächen aufmerksam machen und zum Nachdenken anregen. So wurde auf den Schildern gefragt: «Was würden Sie hier gerne sehen, was würden Sie hier gerne vorfinden?» Anhand eines Blogs hoffte die Gruppe auf Rückmeldungen aus der Bevölkerung, was jedoch innerhalb der Workshopzeit kaum möglich war. Dennoch wurden das Vorgehen der Gruppe und die interaktive Plattform von den verantwortlichen Behörden positiv aufgenommen.
Der Workshop konnte einen wichtigen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung von Montevideo leisten. Es bleibt zu hoffen, dass einige der Ideen auch umgesetzt werden.
STICHWORT
Alle zwei Jahre stellt Archiprix International die weltweit besten Abschlussarbeiten aus dem Bereich Architektur, Städtebau und Landschaftsarchitektur aus und lädt die Verfasser zu einem zehntägigen Workshop ein. An diesem Programm können nur Studenten teilnehmen, deren Abschlussarbeiten von den jeweiligen Universitäten eingereicht wurden. Rund fünfzig Architekten, darunter zwei Landschaftsarchitekten und ein Stadtplaner erhielten diesmal die Chance, am Workshop von Archiprix International teilzunehmen. Im März trafen sich die jungen Architekten aus der ganzen Welt in Südamerika, in Montevideo. Sie haben die Hauptstadt Uruguays genau analysiert und Vorschläge, ja gar Visionen zur Stadtentwicklung erarbeitet.
Der von der holländischen Archiprix Organisation und dem Hauptsponsor Hunter Douglas organisierte Workshop wurde bereits in fünf Städten auf drei Kontinenten durchgeführt. Den Start machte Rotterdam im Jahr 2001, es folgten Istanbul, Glasgow, Schanghai und schliesslich Montevideo.