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(Quelle: Dr. Martin Bundi, Historische Aspekte der Gemeindebildung im Albulatal und Impulse zur künftigen Entwicklung, Novitats 2004.)
Funde belegen, dass das Albulatal bereits in prähistorischer Zeit besiedelt gewesen ist. Nachweisbar sind Siedlungen aus der Bronze- und Eisenzeit entlang der später von den Römern benutzten Nord-Süd-Transitroute über den Julier- bzw. den Septimerpass.
Im 9. Jahrhundert nach Christus bestand das Albulatal zusammen mit dem Surses aus einem Verwaltungs- und Gerichtsbezirk mit Sitz in Tiefencastel. Diese Einheit zerfiel im Hochmittelalter mit der Aufteilung von Macht und Besitz auf verschiedene Feudalherrschaften mit eigenen Vögten oder Gerichtsherren. Im Jahr 924 ist zum ersten Mal das Kloster Uapitines bei Alvaschein erwähnt. Dabei handelt es sich um das einstige Frauenkloster bei Mistail, zu welchem auch ein grosser Hofkomplex gehörte.
Im oberen Albulatal enstanden im 12. und 13. Jahrhundert zwei feudale weltliche Herrschaften mit je einem Burgbezirk in Belfort (Brienz / Brinzauls) und Greifenstein (Filisur). Belfort war eine Gründung der Herren von Vaz und ging später an die Herren von Toggenburg, dann an die Montforter und später an die Herzöge von Österreich. Greifenstein war Verwaltungsund Gerichtssitz der Herren von Wildenberg / Sagogn. Diese rätischen Freiherren waren im 13. Jahrhundert im Besitz grosser Ländereien, u. a. im Engadin. Sie traten als die ersten Interessenten eines Albulapass-Transits auf, um eine direkte Verbindung zu ihren Besitzungen im Engadin sicherzustellen. Die Besiedlung und Erschliessung des grössten Teils des oberen Albulatals erfolgte im 11. bis 13. Jahrhundert. Der Raum Bergün / Filisur dürfte vom Engadin, der Raum von Alvaneu hingegen vom unteren Albulatal aus besiedelt worden sein. Parallel zu den Wildenbergern förderten auch die Vazer die freie Kolonisation. Die Gebiete der heutigen Gemeinde Schmitten und der Davoser Fraktion Wiesen waren ursprünglich Alvaneuer Allmendgebiet. Nach und nach liessen sich im inneren Albulatal auch deutschsprachige Walser nieder. Um 1460 erscheinen Wiesen und Schmitten als Nachbarschaften von Alvaneu, um 1482 wurde eine Territorialteilung vollzogen. Während Wiesen und Schmitten dauerhaft germanisiert blieben, kehrte Alvaneu im Zuge der Gegenreformation wieder zur romanischen Sprache zurück.
Der Name Albula wurde erstmals urkundlich im Jahr 1349 als Ilbelle, später im Jahr 1365 als Albellen, erwähnt. Der Name dürfte lateinischen Ursprungs für «das weisse Wasser» (lat. albulus = weiss) sein. Im ausgehenden 15. und dann im 16. Jahrhundert gingen die administrativen Rechte von den Feudalherren auf die Nachbarschaften über, d. h. die Bevölkerung des Einzugsgebiets eignete sich dieses Recht durch Kauf an. Gerichtsorgan wurde die neue Gerichtsgemeinde, welche in der Regel mehrere Nachbarschaften (Dörfer; rom. vischnancas) umfasste. Die Nachbarschaften waren in erster Linie Selbstverwaltungskörper für die ökonomischen Belange, insbesondere der Landwirtschaft.
Das Albulatal umfasste insgesamt fünf Gerichtsgemeinden: Tiefencastel, Obervaz, Bergün, Inner- und Ausserbelfort, wobei letztere beiden im Jahr 1613 aus der ehemaligen Gemeinde Belfort entstanden.
Nach dem Untergang des Dreibündenstaates und im Zuge der Errichtung der Helvetischen Republik im Jahr 1798 wurden die bestehenden politischen und justiziellen Organsationen aufgelöst. Anstelle der Gerichtsgemeinden wurde ein Bezirk Albula geschaffen, in dem es ein einziges Gericht für die Straf- und Zivilfälle gab. Um 1803 wurden durch die Mediationsakte die föderalistischen Strukturen wie zur Zeit des Dreibündenstaates wiederhergestellt, insbesondere die Gerichtsgemeinden. Die Gesetzgebungskompetenz lag nun aber beim Grossen Rat. Mit dem Entstehen des Bundesstaates 1848 und der Kantonsverfassung von 1854 wurden direktdemokratische Strukturen geschaffen, und die Gerichtsgemeinden gehörten endgültig der Vergangenheit an.
Alvaneu Dorf (rom. Alvagni) liegt auf einer sonnigen Terrasse auf einer Höhe von knapp 1200 m ü. M. entlang der Verbindungsstrasse nach Davos. Alvaneu Bad liegt am Talboden an der Albula. Die erste Erwähnung erfolgte im Jahr 1244 als Aluenude, später um 1530 als Allweneü. Obschon Alvaneu Dorf im 19. Jahrhundert von zwei verheerenden Bränden heimgesucht worden ist, besteht im Dorfkern noch teilweise eine mittelalterliche Bausubstanz. Die Kirche Mariae Geburt sowie das daneben stehende grosse Pfarrhaus mit Walmdach prägen das historische Dorfbild. Ab etwa 1975 entstanden in den Gebieten Salonder und Tgaplotta zahlreiche Ferienhäuser und -wohnungen, welche das Dorfbild veränderten.
Alvaneu liegt an der Grenze zwischen der deutschen und der romanischen Sprache. Walser Siedler aus Davos liessen sich im 13. und 14. Jahrhundert in Alvaneu nieder. Während der Gegenreformation im späten 17. Jahrhundert brachten die in Tiefencastel wirkenden Kapuziner die romanische Sprache zurück. Die ehemaligen Alvaneuer Nachbarschaften Schmitten und Wiesen blieben hingegen bei der deutschen Sprache.
Oberhalb des Maiensässgebiets, der Aclas, liegt die Kreuzalp (alp da la creusch). Auf der anderen Seite des Berggrats befindet sich die Alp Ramoz, welche als Galtviehalp bewirtschaftet wird und auf welcher eine Hütte der SAC-Sektion Arosa steht. Den unteren Teil des Welschtobels kauften die Alvaneuer im Jahr 1481 den Aroser Bauern ab. Die Verbindung auf der neuen Albulastrasse brachte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einen gewissen Aufschwung für die Fraktion Alvaneu Bad. Die schwefelhaltige Quelle wurde über Jahrhunderte zu Heilzwecken genutzt. Das 1866 ausgebaute Kurhaus wurde 1904 erweitert, 1962 geschlossen und war später dem Zerfall preisgegeben. Im Jahr 2001 konnte das neue Badezentrum eröffnet werden. Der im Jahr 1997 eröffnete Golfplatz erweiterte das touristische Angebot für die gesamte Region.
Die Fraktion Alvaschein (rom. Alvaschagn) liegt auf einer Terrasse auf einer Höhe von rund 1000 m ü. M., rund 200 Meter über der Albula, am Eingang zur Schynschlucht. Das Dorf wird von Bahn und Strasse um- bzw. unterfahren. Die erste Erwähnung erfolgte im Jahr 1154 als Alvisinis, im Jahr 1551 erstmals als romanisierte Version Dalvaschain. Auf dem Fraktionsgebiet wurden bronzezeitliche Werkzeuge gefunden.
Alvaschein war vermutlich eine Zollstation im Grenzbereich der Herrschaften der Freiherren von Vaz und des Bischofs von Chur. Bedeutsam ist die karolingische Dreiapsidenkirche St. Peter Mistail, welche um 800 gebaut wurde. Das Dorfbild wird von der in den Jahren 1653 – 57 erbauten barocken Pfarrkirche St. Joseph geprägt. Schlüssel und Zimmermannsbeil im Wappen der ehemaligen Gemeinde verweisen auf die Kirchenpatrone St. Peter und St. Joseph.
Bis Mitte des 20. Jahrhunderts wurde vorwiegend Viehwirtschaft betrieben. Eine Gesamtmelioration wurde bereits im Jahr 1950 abgeschlossen. Etwas Kleingewerbe und Dienstleistungsbetriebe bieten – nebst der Land- und Forstwirtschaft – einige wenige Arbeitsplätze an. Der Bau der Schynstrasse (1870), der RhB-Linie (1900), des Kraftwerks Niselas / Solis (1905) oder der Umfahrungsstrasse (1980) führten zu jeweils kurzfristigen Anstiegen der Wohnbevölkerung. In den Jahren 1903 – 06 und 1929 – 64 baute die Gips- Union AG Zürich Gips ab.
Die Fraktion Brienz/Brinzauls liegt auf einer Terrasse an der Verbindungsstrasse von Lantsch/Lenz nach Davos auf einer Höhe von rund 1150 m ü. M. Zur Fraktion gehört auch die an der alten Julier-/Septimerstrasse (Obere Strasse) gelegene Siedlung Vazerol. Die erste Erwähnung erfolgte im Jahr 840 als Brienzola. Den deutsch-romanischen Doppelnamen trägt die ehemalige Gemeinde seit dem 1. Januar 1997.
Östlich des Dorfes thront die Burgruine Belfort, deren älteste Teile aus der Zeit um 1200 n. Chr. datieren. Die Burg war Hauptsitz der Freiherren von Vaz. In den vergangenen Jahren wurden an der stattlichen Ruine aufwändige Konservierungsarbeiten ausgeführt. Weitere markante Bauwerke sind die 1873 erstellte gedeckte Holzbrücke Belfort und die restaurierte alte Belfortbrücke (Paunt dalla dieschma) an der alten Strasse. Kirchlich löste sich Brienz / Brinzauls im Jahr 1526 von Lantsch / Lenz. Die Kirche ist dem heiligen Calixtus geweiht und birgt im Innern einen bedeutsamen geschnitzten Flügelaltar.
In der Nacht vom 30. auf den 31. März 1874 zerstörte ein Dorfbrand 24 von 37 Häusern bzw. 30 von 45 Haushaltungen sowie die Kirche. Die Häuser mit stattlichen Ausmassen wurden entlang der begradigten Strasse neu erbaut. Nach wie vor ist der primäre Wirtschaftssektor (Land- und Forstwirtschaft) für Brienz / Brinzauls wichtig. Seit etwa 1400 besitzt Brienz / Brinzauls wie die ehemaligen Gemeinden Alvaschein und Surava (heute alle drei Fraktionen der Gemeinde Albula/Alvra) die Alpen Altein auf Davoser Gebiet (Wiesen). Weiter besitzt die fusionierte Gemeinde Albula/Alvra dank den drei ehemaligen Gemeinden im Miteigentum im Alteingebiet eine Jungviehalp jenseits der Wasserscheide auf Gemeindegebiet von Arosa.
Die Fraktion Mon liegt auf einer Höhe von rund 1200 m ü. M. südwestlich von Tiefencastel. Während der Römerzeit und bis ins Spätmittelalter lag Mon an der Durchgangsstrasse über den Julier- bzw. den Septimerpass. Der Crap Ses zwischen Tiefencastel und Cunter bildete damals ein zu grosses Hindernis, als dass der Zugang ins Oberhalbstein durch dieses Gebiet erfolgen konnte. An der Durchgangsstrasse liegt die über 1000-jährige Kirche St. Cosmas und St. Damian. Der mächtige Turm mit den gekuppelten Rundbogenfenstern weist noch Spuren einer Darstellung des heiligen Christophorus auf, des Schutzheiligen Reisender. Das Wappen der ehemaligen Gemeinde Mon weist zudem auf den ehemaligen Grundbesitz des Klosters Pfäfers hin: Einziger Unterschied ist ein goldener Span im Schnabel der Taube, währenddem das Siegel des Klosters Pfäfers einen hölzernen Span aufweist. Im Dorf steht die in den Jahren 1643 – 48 erbaute barocke Kirche St. Franziskus.
Die erste Erwähnung erfolgte um das Jahr 1001 als de Maune, 1281 erfolgte die Bezeichnung Mans. Bis 1943 wurde die deutsche Bezeichnung Mons als offizieller Name gebraucht.
Die kompakte Siedlung Stierva liegt auf knapp 1400 m ü. M. auf der linken Talseite über der Albula. Der deutsche Name Stürvis war bis 1943 die offizielle Bezeichnung. Aus dem Jahr 840 lässt sich die Bezeichnung Seturiuo belegen.
Die gotische Kirche, um 1521 errichtet und der heiligen Maria Magdalena geweiht, und der daneben stehende mittelalterliche Wohnturm La Tour sind Kulturgüter von regionaler Bedeutung. Der Wohnturm diente den im Jahr 1312 erstmals erwähnten Herren von Stürffis, welche im 15. Jahrhundert ausgestorben sind.
Das landwirtschaftlich geprägte Stierva liegt nicht an einer Durchgangsstrasse und ist von Tiefencastel her über die Fraktion Mon zu erreichen. Im Jahr 1959 wurde eine Gesamtmelioration beschlossen und in den darauffolgenden drei Jahrzehnten durchgeführt.
Der Name Surava ist romanischen Ursprungs und heisst «über dem Wasser». Das Strassendorf liegt am Talgrund rechts der Albula. Um 1580 lautete die Bezeichnung Surraguas. Zwischen 1869 und 1883 gehörten Surava und Brienz/Brinzauls politisch zusammen.
Das Dorfbild wird neben den teils reichlich verzierten Häusern, welche an die Baukultur im Engadin erinnern, von der Kirche Son Siari dominiert. Die Schaufassade der Kirche zeigt ein Gemälde des heiligen Georgs. Das Wappen der ehemaligen Gemeinde Surava symbolisiert die Szenerie der Drachentötung durch den heiligen Georg und das Flussband der Albula.
Surava liegt an der Wegstrecke nach Davos und in Richtung Engadin. Der Bau der Albulastrasse erfolgte 1855 – 58, der Anschluss an die Landwasserstrasse 1871. 1903 erhielt Surava eine Station an der Linie der Rhätischen
Bahn. Durch die verkehrsmässige Anbindung sowie die Wasserkraft des Mulognbaches entwickelte sich Surava damals zu einem kleinen Industriestandort mit einer Zwiebackfabrik, einer Schmiede, einer Töpferei, einer
Zündholzfabrik, einer Mühle und einer Färberei. In den Jahren 1920 – 1948 wurde ein Kalkwerk betrieben. Im Gebiet beim Bahnhof wurde um 1900 Tuff abgebaut. Der Betrieb ging 1961 in die Baustoffwerke Surava AG über.
Tiefencastel (rom. Casti) liegt am Zusammenfluss von Albula und Julia an einem seit jeher bedeutsamen Verkehrsknotenpunkt. 831 wurde Tiefencastel erstmals als Castello Impitinis mit Sitz des königlichen Verwalters erwähnt. Auf dem Kirchenhügel finden sich Reste eines römischen Kastells.
1343 wird die heutige Kirche St. Stefan erwähnt, die im Jahr 1650 durch Kapuziner neu erbaut und mit bedeutenden Schnitzereien und Malereien ausgestattet wurde. Am 11. Mai 1890 zerstörte ein Grossbrand grosse Teile des Dorfes. 24 Häuser und 34 Ställe lagen nach kurzer Zeit in Schutt und Asche. Der Wiederaufbau erfolgte auch dank grosszügiger Hilfe rasch und entlang der Oberen Strasse, dem ehemals stark frequentierten Handelsweg zwischen Chur – Lenzerheide – Tiefencastel. Die Strasse führte mitten durch das Dorf, bis dann 1999 eine Teilumfahrung eine Erleichterung für die verkehrsbelastete Ortschaft brachte.
Dem ursprünglich landwirtschaftlich geprägten Tiefencastel brachten ab etwa 1850 erste Hotelbetriebe, erstellt insbesondere für Durchreisende, Verdienstmöglichkeiten. Weitere Dienstleistungs- und Gewerbebetriebe haben sich in Tiefencastel angesiedelt und bieten Arbeitsplätze an. Tiefencastel übernimmt in administrativer und schulischer Hinsicht zudem eine regionale Zentrumsfunktion.