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Ulrich Richtmeyer
Der Vortrag grenzt das Themenfeld der visuellen Kommunikation auf einen Spezialfall ein, der allerdings Grundsatzprobleme im Bereich künstlerischer und wissenschaftlicher Bildpraktiken thematisiert: den Prozess der Bildgenese. Dabei gilt es, die zwischen dem entstehenden Bild und der Instanz seiner Hervorbringung immer schon auftretenden Formen visueller Kommunikation und Interaktion zu analysieren, etwa wenn Zeichner unter dem Einfluß der von ihnen gezeichneten Linien das veranschlagte Bildmotiv korrigieren und den Prozess der Bildgenese entsprechend verändern. Der Vortrag verbindet also eine grundlagentheoretisch orientierte Diskussion der Wirkungen des (entstehenden) Bildes mit einer Analyse der Methoden und Praktiken der Herstellung von Bildern, insbesondere Zeichnungen, wobei die Übertragbarkeit der untersuchten Fragen auf andere Bildtypen ebenfalls umrissen werden soll. Auf der Grundlage kunstwissenschaftlicher Theorien der Zeichnung und wissenschaftstheoretischer Positionen zur Visualisierung sollen für solche Interaktionen im Prozess der Bildgenese geeignete Begriffe und Kriterien formuliert werden. Adressiert wird somit auch das Thema der ästhetischen und epistemischen Kreativität, insofern sie sich visuell kommuniziert.
Es wird zunächst davon ausgegangen, dass Bildwirkungen nicht nur, wie üblicherweise angenommen, als Formen der Affektproduktion, der semantischen Unschärfe, der Ambivalenz, der Interpretationsbedürftigkeit oder der nachdrücklichen Evidenz an fertigen Bildern konstatiert werden können, sondern ebenfalls, wenn auch nicht in einer einfachen Übernahme dieses Wirkungsspektrums, bereits an entstehenden Bildern im Prozess ihrer Hervorbringung auftreten. Der Fokus der Untersuchung richtet sich also, und das ist zugleich sein Alleinstellungsmerkmal, weniger auf Bilder als Werke als vielmehr auf Bilder im Entstehen oder genauer auf grafische Elemente und zeichnerische Hervorbringungen, die im Prozess der Bildgenese sichtbar werden und damit in einer genauer zu untersuchenden Weise direkt in die Bildproduktion eingehen und in ihr wirksam werden.
Der Fokus der Untersuchung richtet sich damit auf ein systematisch noch unzureichend beschriebenes Themenfeld, dass von den aktuelleren Publikationen zur Zeichnung oftmals angeschnitten, aber in seiner Brisanz für Fragen der Entwurfsforschung sowie für Einsichten in Bildwirkungen bisher unbehandelt geblieben ist (Vgl.: Räume der Zeichnung; Öffnungen. Zur Theorie der Zeichnung; Randgänge der Zeichnung oder bereits: Mit dem Auge denken).
Für die anstehende Systematisierung dieses Themenfeldes ergibt sich daran anschließend folgende Vorgehensweise: So sollen explizit Bildwirkungen untersucht werden, die erstens im Prozeß des Zeichnens selbst vorkommen und von denen zweitens gezeigt werden kann, dass sie auf diesen Prozess maßgeblich einwirken, indem sie ihn orientieren und somit auf spezifische Weise in die Bildgenese eingreifen. Genau für diese Steuerungsfunktion des entstehenden Bildes auf den Prozess seiner Hervorbringung versucht der Vortrag ein geeignetes theoretisches Vokabular vorzustellen.
Drei Themenfelder werden im Vortrag beispielhaft besprochen, wenn es um die Frage einer spezifischen Vernüpfung von Bildwirkungen mit der Bildproduktion geht. Einerseits sollen die bestehenden Überlegungen zur Performativität der kunsthistorischen Entwurfszeichnung zur Sprache kommen, zweitens muss die Frage nach dem Disegno als Experimentalsystem diskutiert werden, wie sie im Anschluß an Hans-Jörg Rheinbergers wissenschaftshistorische Überlegungen denkbar ist und drittens gilt es die quasi-geometrischen Experimente die Wittgenstein zum Problem der zeichnerischen Evidenz in seinen Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik gemacht hat, als Ansätze zur begrifflichen Durchdringung des Entwurfsprozesses aufzugreifen.
Der Vortrag fasst in einem sytematischen Überblick also erstens den klassischen Konflikt in den Konzeptionen des Disegno zusammen, wonach die praktische Ausführung einer Zeichnung von der vorausgehenden imaginativen Intention des Zeichners unterschieden werden kann. Diese Differenz war in der Theoriegeschichte der Zeichnungen Gegenstand variierender Gewichtungen, wobei jeweils einer der beiden Positionen ein Vorrang eingeräumt wurde. Während die durch Zeichnungen offensichtlich möglich werdende Formulierung von Neuem aus der Perspektive der Innerlichkeit entweder als geniale Schöpfung einer Künstlerpersönlichkeit (vgl.: Wolfgang Kemp: Disegno) oder aber als Sediment verinnerlichter visueller Erfahrungen und Reflex mentaler Prozesse gilt, wird das Entwurfspotential der Zeichnung aus der Perspektive des Materialismus entweder zum Resultat historisch relativer Dispositive der Bildproduktion erklärt (z.B. Ralph Ubl/ Wolfram Pichler: Vor dem ersten Strich) oder als Folge zeichnerischer Entscheidungen aufgefasst, die unter dem Bann der jeweils ersten Linie stehen (vgl.: Norman Bryson: Ein Spaziergang um seiner selbst willen). Obwohl gerade in den materialistischen Positionen die zeichnerische Ausführung privilegiert wurde (vgl. Bryson) und in technischen Zeichensprachen als nahezu automatisierte Konstruktion jenseits imaginativer Leistungen denkbar ist (Robin Evans: Drawn Stone und Wolfgang Pircher: Kraftvolle Zeichnungen), bleibt eine Darstellung der zeichnerischen Handlung auch in diesen Ansätzen letztlich unbefriedigend, weil sie den Fokus der Untersuchung regelmäßig vom Prozess der Bildproduktion weg lenkt und auf die Summe seiner Vorbedingungen richtet, der Dispositionen und Dispositive, der Kenntnisse, Konventionen und Instrumente. Offen bleibt damit wiederum eine Erläuterung jenes Geschehens in dem diese Bedingungen auf bildspezifische Weise zur Anwendung gelangen. Eine weitere wichtige Position erläutert die Entwurfszeichnung indem sie entweder ihre Anfänglichkeit (Gottfried Boehm: Spur und Gespür), den ersten Strich (Bryson) oder die erste Skizze (Bredekamp: Denkende Hände, Gehry) betont, aber auf diese Weise ebenfalls hinter den Prozess des Zeichnens selbst zurückgreift. All diese Ansätze haben ihre Berechtigung und formulieren akzeptable Bedingungen zeichnerischen Entwerfens – allerdings ohne jemals wirklich das hier exponierte Phänomen zufriedenstellend beschreiben zu können, weil sie sich – so die Hypothese des Vortrags – nicht auf die am Prozess des Zeichnens beteiligten Bildwirkungen konzentrieren. Anders ausgedrückt fehlt eine medienspezifisch orientierte Auffassung der ikonischen Performativität.
Zweitens soll anhand von Hans-Jörg Rheinbergers wissenschaftshistorischen Untersuchungen (ders.: Experimentalsysteme, Augenmerk) die Serendipität im Prozess des Zeichnens herausgearbeitet werden, die als eine zufällig auftretende Neuschöpfung unter den Bedingungen ansonsten absichtsvollen Handelns verstanden werden kann. Auch hier wird zunächst von den materialen und situativen Bedingungen der Bildproduktion ausgegangen. Dass das Neue im Prozess der Bildproduktion allerdings selbst auch auf sich aufmerksam macht, impliziert zusätzlich wahrnehmungstheoretische Annahmen. Disegno wäre entsprechend als Experimentalsystem auszubuchstabieren, dass sich selbst über visuelle Evidenz differenziert, wie es letztlich und drittens vor allem bereits Wittgenstein thematisiert hat. Er spricht an, das innerhalb der Bildproduktion möglicherweise erst „das Ziehen der Linien überzeugt“ womit eine performative Version der Bildevidenz entworfen wird, die ebenfalls mit einer prozessualen Auffassung ihrer Heuristik korreliert. So untersucht Wittgenstein die Serendipität zeichnerisch entstehender Bilder, indem er ihre Neuheit und Einprägsamkeit (Evidenz) von ihrer experimentellen und reproduktiven Verfassung differenziert.
Ikonische Performativität ist zwar ein materiell, situativ und mitunter auch kollektiv und kommunikativ bedingter Prozess (vgl. Michael Lynch, The Production of Scientific Images), der deshalb zu Recht rein intentionale, repräsentationale oder subjektphilosophische Auffassungen der Bildgenese kritisiert. Gleichwohl bleiben diese Erklärungen selbst reduktionistisch, wenn sie die interne Phänomenologie (Wahrnehmung) und die bildspezifische Evidenz (Denken) innerhalb der Prozesse der Hervorbringung von Bildern ignorieren. Bleibt deren steuernde Wirkung unberücksichtigt, kann die Bildgenese nur als indifferenter, homogener, geradezu automatistischer Vorgang beschrieben werden, der dem Phänomen der Entstehung des Neuen in Bildern nicht gerecht wird. Denn nicht jede Bildgenese bringt ein neues Bild (Kunst) oder im Bild etwas Neues (Wissenschaft) hervor. Die Tatsache, dass beides möglich ist, erweitert letztlich aber auch den Begriff der visuellen Kommunikation, weil sie ihn um genuin bildspezifische Potentiale ergänzt.
Verwendete Literatur:
Gottfried Boehm, Spur und Gespür. Zur Archäologie der Zeichnung, in: Friedrich Teja Bach/Wolfram Pichler (Hg.), Öffnungen. Zur Theorie und Geschichte der Zeichnung, München 2009, S. 43-59.
Horst Bredekamp: Denkende Hände. Überlegungen zur Bildkunst der Naturwissenschaften; in: A.Lammert, C.Meister, J.-Ph. Frühsorge, A. Schalhorn (Hg.) Räume der Zeichnung, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, S. 12-24. Horst Bredekamp, Frank Gehry and the Art of Drawing; in: Mark Rappolt, Robert Violette (Ed.), Gehry draws, 2004, 11-28
Norman Bryson, Ein Spaziergang um seiner selbst willen, in: Friedrich Teja Bach/Wolfram Pichler (Hg.), Öffnungen. Zur Theorie und Geschichte der Zeichnung, München 2009, S. 27-42.
Wolfram Pichler, Ralph Ubl, Vor dem ersten Strich, in: Werner Busch, Oliver Jehle, Carolin Meister (Hrsg.): Randgänge der Zeichnung, München (Fink) 2007, S. 231-255
Wolfgang Kemp, Disegno. Beiträge zur Geschichte des Begriffs zwischen 1547 und 1607, Marburger Jahrbuch für Kunstwissenschaft, 19. Bd. (1974), pp 219- 240.
Sybille Krämer, Übertragen als Transfiguration oder: wie ist die Kreativität von Medien erklärbar?, in: L.Engell u. B. Siegert (Hg.) Zeitschrift für Medien- und Kulturforschung, Hamburg 2010, Heft 2/10, S. 77-93.
Michael Lynch, The Production of Scientific Images: Vision and Re-vision in the History, Philosophy, and Sociology of Science, in: Communication & Cognition, Vol.31, Nr. 2/3 (1998), pp. 213-228.
Wolfgang Pircher, Kraftvolle Zeichnungen, Der Raum als Gefangener von Punkt und Fläche, in: A. Lammert, C. Meister, J.-Ph. Frühsorge, A. Schalhorn (Hg.), Räume der Zeichnung, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, S. 268-283.
Hans-Jörg Rheinberger, Experimentalsysteme und epistemische Dinge. Eine Geschichte der Proteinsynthese aus dem Reagenzglas, Göttingen (Wallstein Verlag) 2001.
Hans-Jörg Rheinberger, Augenmerk, in: Ders.: Iterationen, Berlin (Merve Verlag) 2005, S. 51-73.
Ludwig Wittgenstein, Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik, F.a.M. 1984 (Werkausgabe Bd.6).