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Jahrzehntelang verzichtete eine Mehrheit der ETH-Studierenden darauf, ein Diplom zu erlangen. Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wurde der "dipl. ETH" zum gängigen Studienabschluss.
1877 richtete die Gesellschaft ehemaliger Polytechniker GEP eine Petition an den Bundesrat, in der sie Reformen an der eidgenössischen polytechnischen Schule forderte. Der Ehemaligen-Verein war der Meinung, dass dem studierten Techniker nicht die ihm gebührende gesellschaftliche Anerkennung zuteil werde und seine berufliche Stellung oft nicht seinen Fähigkeiten und Kompetenzen entspreche. Diesen Missstand glaubte die GEP insbesondere durch eine breitere Ausbildung am Polytechnikum bekämpfen zu können. In seiner Antwort auf die Vorschläge warnte der Schulrat 1879 dagegen vor überzogenen Hoffnungen in dieser Richtung:
"Die Schweiz, als ein freies und republikanisches Land, will wohl die besten Einrichtungen treffen, dass seine Bürger in allen Gebieten der menschlichen Thätigkeit mittelst guter Vorbereitung sich zu den besten Leistungen befähigen können; aber aus einem bestimmten, als gut erkannten Bildungsgang Vorzugsrechte und Ausschlussrechte gegen Andere zu postulieren, ist die Republik kaum geeignet. ... Es wird eben die freieste Konkurrenz anerkannt. Es gilt Einer, was er leistet, und wie er zu dieser Leistungsfähigkeit gekommen ist, bleibt eine sekundäre Frage. Der Mann, sein Talent, seine Kraft und Freithätigkeit gilt mehr als die Methode der Erwerbung. So wird es wohl in der Schweiz in der Hauptsache, namentlich für die Techniker, bleiben."
Praktische Erfahrung war für eine Beschäftigung in der Industrie im 19. Jahrhundert die wichtigste Referenz, während das Bildungsgepäck und die schulischen Zeugnisse erst allmählich an Bedeutung gewannen. Die Karrieremöglichkeiten innerhalb eines Industriebetriebes, aber auch innerhalb einer öffentlichen Verwaltung, waren nicht durch formale Vorgaben an einen durchlaufenen Ausbildungsgang gebunden. Techniker, die nur eine technische Mittelschule besucht hatten oder gar keine formale technische Schulung besassen, konnten ebenfalls zu "Ingenieuren" oder "Oberingenieuren" aufsteigen. Grössere Industriefirmen wie die Gebrüder Sulzer bildeten Zeichner und Konstrukteure in eigenen Ausbildungsgängen aus. Auch der 1837 - also knapp zwanzig Jahre vor dem Polytechnikum - gegründete Schweizerische Ingenieur- und Architekten-Verband SIA stand im 19. Jahrhundert allen Technikern offen.
Bezeichnenderweise galt auch das Diplom des Polytechnikums während der ersten fünfzig Jahre lediglich als zusätzliche Auszeichnung zum Schlusszeugnis und nicht als Normabschluss. Sowohl in der Schweiz wie auch im Ausland hatte es für diejenigen, die es erwarben, "nur einen indirekten Werth. Es ist eine Empfehlung", wie sich Hermann Dietler, am eidgenössischen Polytechnikum diplomierter Bauingenieur und späterer Schulrat, 1871 ausdrückte. Die diplomierten Polytechniker machten im 19. Jahrhundert denn auch weniger als ein Drittel aller Schulabgänger aus, bzw. circa 40 Prozent, zählt man nur die obersten Jahreskurse. Darin kommt zum Ausdruck, dass viele Schüler nicht den gesamten Studiengang absolvierten. Viele schieden bereits frühzeitig aus, um andernorts weiterzustudieren oder aber in die Berufspraxis einzusteigen bzw. in diese zurückzukehren.

||Einer Verbreitung neuer Titel wie der Diplome des Polytechnikums stand weiter die föderalistische Struktur der Schweiz entgegen. Die staatliche Anerkennung von Befähigungsnachweisen war der kantonalen Ebene vorbehalten. Zudem waren Titel ideologisch anrüchig. Sie galten als unschweizerisch und unrepublikanisch, als Insignien einer Standes- und Klassengesellschaft, nicht aber einer Demokratie, in der allein die Leistung zähle. Aus diesem Grund erhielt das Polytechnikum erst vergleichsweise spät, nämlich 1908/09 das Promotionsrecht.|
Als die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts stieg, kam Titeln und Ausweisen allmählich ein höherer Stellenwert zuteil. Der Anteil der Studierenden, die ihr Studium am Polytechnikum mit einem Diplom abschlossen, wuchs in diesen Jahren deutlich. Ausserdem begannen die Hochschultechniker sich dezidiert gegen ihre weniger gebildeten Berufskollegen abzugrenzen. Es entbrannte nun ein Streit, ob sich auch Abgänger der so genannten Technika, den seit den 1870er-Jahren entstandenen technischen Mittelschulen, Ingenieure nennen oder sich nur als Techniker bezeichnen dürften. 1905 organisierten sich die Techniker mit mittlerer Bildung im Schweizerischen Techniker-Verband STV. Der SIA grenzte sich seinerseits gegen diesen ab und wurde explizit zur Interessenorganisation der höheren Technikerschaft. In diesem Professionalisierungs- und Differenzierungsprozess schuf die Ausbildung eindeutige Distinktionsmerkmale. Daher ist es nicht erstaunlich, dass Titelfragen und Berechtigungswesen in den Kriegs- und Zwischenkriegsjahren immer wieder Gegenstand politischer Diskussionen wurden. Ihren Höhepunkt fanden diese Auseinandersetzungen in der grossen Wirtschaftskrise der 1930er-Jahre, als der SIA einen gesetzlichen Schutz des Ingenieur und Architektentitels forderte, damit aber scheiterte. Schulratspräsident Arthur Rohn hielt einen besonderen Schutz des ETH-Diploms nicht für nötig. Das Diplom gelte als "Adelspatent, das dem Techniker die Pforten der Welt öffne". In diesen Jahren erwarben rund 90 Prozent der Studierenden im Abschlussjahr den "dipl. ETH". Das Diplom war zum Standardzertifikat geworden, das ein erfolgreich absolviertes Studium an der ETH dokumentierte.
Patrick Kupper