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Wie Frank weiter oben schrieb, macht es vielleicht einen Unterschied, ob sich jemand bereits seit 30 Jahren mit Uhren beschäftigt oder erst seit 10. Ich selber beschäftige mich sogar erst seit etwa 5 Jahren intensiver mit Uhren. Vor diesem Hintergrund darf man das folgende Statement sehen.
tourbillon69 hat geschrieben:
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Und damit sind wir beim Thema "Scheininnovation":
Die Liste oben ist da ein gutes Beispiel dafür. Da ist nichts dabei was nicht schon da war oder einen echten Vorteil gegenüber dem vorherigen technischen Stand bringt.
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Mir gefällt die negative Stimmung dieses Posts von Richard überhaupt nicht - vor allem stört mich das Wort "Scheininnovation". Also eine Keramikklinke soll eine Scheininnovation sein, nur weil es vorher schon eine andere funktionierende Klinke gab? Dann könnte man dieses Argument aber auf jeden x-beliebigen Industriezweig anwenden. Beispiele gefällig?
- Mein Vater fährt einen 34-jährigen Volvo. Der hat keinen Airbag, keine Servolenkung, keine Fahrassistenzsysteme und keinen Katalysator. Aber hey, er hat vier Räder und ein Steuerrad, genau gleich wie die heutigen Volvos! Die Volvo Entwickler haben in den letzten 34 Jahren also nur Scheininnovation betrieben.
- Die Grossmutter meiner Frau hat mittlerweile seit 28 Jahren ein künstliches Hüftgelenk. Es funktioniert immer noch einwandfrei. Heute werden aber Hüftschäfte aus beschichtetem Titan, Kugeln aus Keramik und das UHMWPE des Pfanneninlays mit Vitamin E angereichert hergestellt. Aber hey, das heutige Hüftgelenk besteht immer noch aus Schaft, Kugel und Pfanne! Die Entwickler bei Zimmer und J&J haben also nur Scheininnovation betrieben.
- Die Gebrüder Wright sind mit ihrem ersten Flugzeug grad mal ein paar Meter geflogen. Damals gab es aber schon Zeppeline und Heissluftballone, welche Dutzende von Kilometer weit flogen. Hat vielleicht damals bei den Gebrüdern Wright jemand von "Scheininnovation" gesprochen? Vielleicht ja, aber gemerkt haben die es dann erst Jahre später...
Das sind nur Beispiele. Ich denke, praktisch jedes erdenkliche Produkt könnte hier aufgezählt werden. Das Wort "Scheininnovation" greift aber nicht nur grundsätzlich daneben, sondern speziell für die Uhrenindustrie ist es geradezu absurd. Uhren gehören zu den Luxusgütern und die Definition von Luxus ist ja gerade, dass das Produkt keinen zwingenden Nutzen haben muss. So kann man doch z.B. bei einem digitalen Ewigen Kalender nicht von Scheininnovation reden, da das Produkt an sich ja nur existiert, weil sich jemand damit schmücken möchte und ohne wirklichen Nutzen Freude daran haben möchte. Denn wir sind uns ja wohl einig, das absolut niemand eine Uhr braucht, weder eine IWC noch eine Habring2.
Gleiches zum Thema Service: Gibt es für den Volvo meines Vaters noch Ersatzteile? Die meisten ja, aber längst nicht mehr alle. Man muss sich da auch auf dem Gebrauchtmarkt umschauen (gilt wohl für fast alle Autos älter als 30 Jahre). Wie steht es mit dem Hüftgelenk? Sollte das PE-Inlay aufgrund von Verschleiss ausgewechselt werden müssen, so gibt es leider dieses Modell nicht mehr. Man muss dann gleich die ganze Pfanne ersetzen.
Ich wehre mich auch entschieden gegen das negative Bild, das von Innovationszellen in der Uhrenindustrie gezeichnet wird! Es gibt ja bei weitem nicht nur Innovation bei den einzelnen Marken sondern auch bei den Lieferanten. Sind denn da alles nur Deppen und Däumchendreher und gemäss Richard "Bescheisser" am Werk? Auch dort arbeiten Menschen, welche ihre Familie ernähren möchten. Und nicht wenige tun das mit grossem Einsatz und Leidenschaft.
Nicht zuletzt sind aus meiner Sicht in den letzten Jahren doch einige Innovationen dazugekommen, welche dem Nutzer auch tatsächliche Vorteile bringen. Die Uhren werden immer genauer, halten Temperaturwechsel, Feuchtigkeit und Schläge immer besser aus. Die Garantiezeit wurde und wird stets erhöht - 2 Jahre, 4 Jahre, bei Rolex mittlerweile 5 Jahre. Das gleiche gilt für Serviceintervalle. Das Thema Magnetismus, das von Omega's Innovationsabteilung (oder meinetwegen jener der Swatch Group) grandios gelöst wurde.
Daneben betreiben zumindest die F&E Abteilungen der grossen Uhrenfirmen einige Anstrengungen, um eigene Manufakturkaliber zu entwickeln. Dies hat sicher auch mit dem Entscheid der ETA zu tun. Natürlich ist für diese neuen Kaliber nicht grossflächig mit revolutionären Innovationen zu rechnen. Aber praktisch alle Uhrenliebhaber, natürlich auch hier im Forum, ärgern sich immer wieder über die "ETA Standardkaliber". Die Arbeit, ein neues Kaliber zu entwickelt, das zu X0'000 Stück pro Jahr produziert werden kann ist beileibe keine einfache und sicher ein vielfaches aufwändiger, als ein Uhrwerk zu kreieren, welches ein paarmal pro Jahr verkauft wird. Und auch in dieser Innovationszelle arbeiten dann also nur Deppen, Däumchendreher und Bescheisser?
tourbillon69 hat geschrieben:Für die "Kleinen" mache ich mir wenig Sorgen. Die werden das gut durchtauchen, schließlich hängt ihre Existenz dran. Bei einigen "Großen" bin ich mir nicht sicher
Da bin ich genau anderer Meinung. Wenn sich die aktuelle Krise noch intensiviert, dann werden die kleinen zuerst Probleme bekommen. Denn die haben kein Netz, wo sie sich auffangen können. Es gibt ja bereits einige Kleinstmarken, welche in den letzten eineinhalb Jahren den Laden dicht machen mussten. Ein Grosser fällt mir grad spontan nicht ein. Und: Gibt es vielleicht einen Grund, warum es die "Grossen" schon seit 100 und mehr Jahren gibt?
Ich gebe zu: Das ist Aussage gegen Aussage. Nur die Zukunft kennt die Antwort...
Fazit: Natürlich darf man das Wort "Scheininnovation" benutzen. Aber dann gehört es zu jedem x-beliebigen Produkt und zu jedem Industriezweig. Was die F&E und Innovationsabteilungen in der Uhrenindustrie angeht, so bin ich mit meiner kurzen Erfahrung immer noch überzeugt und lasse mir meinen Optimismus nicht nehmen.