Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03358.jsonl.gz/1178

Das Palmendach
von Philipp Honigmann (Bilder: P. Honigmann)
Es begann am 10.August 2002 in Buenos Aires, wo ich den ersten Teil des praktischen Jahres auf der Chirurgie verbrachte und mich an diesem Tag nach knapp 4 Monaten von meiner lieben Gastfamilie verabschieden musste.
Der Flug ging mit Zwischenstop in Santiago und Auckland nach Brisbane. Hier hatte ich eine Nacht Aufenthalt, die jedoch von den hypochondrischen Zöllnern in Australien verkürzt wurde. Man zerpflückte mein gesamtes Gepäck stundenlang und suchte verzweifelt nach Drogen und irgendwelchen kontaminierten Brotkrümeln! Weder das eine noch das andere waren in meinem Besitz, was die Jungs dann nach über 3 Stunden auch feststellten, mir aber trotzdem noch ein paar Dollar für das Deponieren einiger angeblich unerlaubter Souvenirs abknöpften.
Am kommenden Tag dudelte Islandmusik in meine Ohren, während ich wieder mit meinen Souvenirs im Flugzeug sitze und auf den Abflug der Vanuatu-Air Maschine in Richtung Salomonen warte. Stunden später teilte uns der Kapitän mit, dass wir wieder aussteigen müssten, denn das Bodenpersonal in Honiara würde streiken und uns nicht landen lassen. Damit sei der Flug für heute ersatzlos gestrichen. Jetzt hiess es, das ganze Gepäck wieder ausladen und erneut durchchecken lassen! Dieselben Zöllner vom Tag zuvor liessen mich heute problemlos einreisen!
Von einem Sprecher der Solomon Airlines wurde uns vor der Gepäckausgabe mitgeteilt, dass es nicht sicher wäre, ob überhaupt in dieser Woche noch ein Flug gehen würde. Ausserdem sei die Airline pleite und könnte keinem irgendwelche Kosten für Transport oder Übernachtung erstatten.
Mit einem Koreaner, der für eine asiatische Holzfirma auf den Salomonen arbeitet und zwei UN-Mitarbeitern verbrachte ich die kommenden Tage in Surfers Paradise an der australischen Ostküste. Zwei Tage später hatte sich die Situation auf den Salomonen entspannt und wir flogen endlich los.
Die Ankunft am Henderson Airport in Honiara war wie ein Gang in eine überhitzte Duschkabine! Feuchte tropische Hitze erschlug mich und trieb mir den Schweiss aus allen Poren. Die UN-Mitarbeiter nahmen mich bis in die Stadt mit und luden mich im Spital ab.
Schon auf dem Weg erkannte ich das Kiwihaus. Frühere Fotos im Internet waren nicht aus der Perspektive aufgenommen, wie sie mir jetzt begegnete: das Haus stand direkt an der Strasse! Es sah so aus, als ob es nicht nur als Unterkunft, sondern auch als Treffpunkt, Unterstand und Wartehäuschen einer Bushaltestelle diente. Einige Menschen standen direkt am Haus und suchten Schatten vor der glühenden Sonne.
Im Spital angekommen, wurde ich freundlich empfangen und sofort ins Kiwihaus gefahren, wo ein salomonischer Arzt Namens Pana Wade vorübergehend einquartiert war. Er empfing mich sehr freundlich und lud Freunde von sich zu einer Willkommensparty ein. Wir tranken Kava und einheimisches Bier (Solbrew) bis spät in die Nacht und ich konnte nicht glauben, wo ich gelandet war! Man zeigte mir mein Zimmer, wo eine Holzliege, ein kleiner Nachtschrank und ein spartanischer Wandschrank auf mich warteten. Ein Ventilator an der Decke versprach die notwendige Kühlung in der Nacht. Als ich das Ding anschaltete, mich auf das Bette legte und auf Abkühlung hoffte, wurde mir klar, warum niemand diesen Propeller benutzt. Das Teil produzierte mehr Lärm als Wind! Also Propeller wieder aus. Als dieser sich beruhigte und langsam die Stille der Nacht eintrat, hörte ich es! Meeresrauschen, wie ich es noch nie zuvor gehört hatte! Es klang so, als ob die Wellen direkt vor dem Haus auf das Ufer schlugen. So schlief ich zufrieden ein in meiner ersten Nacht im Kiwihaus.
In den kommenden Tagen machte ich mich mit allem im Haus und in der Umgebung vertraut. Nachbarn kamen vorbei, begrüssten mich sehr freundlich und luden mich zu sich ein.
Der Zustand im Kiwihaus war auf den ersten Eindruck katastrophal! Ein Zimmer war vor lauter Müll und Schrott nicht einmal begehbar. Dusche und Toilette dienten als Nährböden für Pilze, die sich schon reichlich breit gemacht hatten. Das Werk von weissen Ameisen war am Boden nicht zu übersehen, alles war voller Holzstaub und die Wände knöchelhoch angefressen. Obendrein kreuzte die eine oder andere Kakerlake meinen Weg!
Die Küche war zwar benutzbar und ausgestattet, doch hatte sie den beissenden Geruch von Mäuseurin angenommen und diente als Hauptverkehrsachse von Ameisen. Dann ein Blick in den Kühlschrank, der von aussen einen relativ neuen Eindruck machte, von innen jedoch die Katastrophe war! Alte Fische, Fleisch und irgendwelche abgelaufenen undefinierbaren Lebensmittel schimmelten dort vor sich hin und produzierten einen ekelhaften Mief.
Diese Hütte sollte also für die kommenden Monate mein Zuhause werden, na dann...
In den ersten Wochen arbeitete ich mich nicht nur im Spital ein, sondern versuchte nebenher das Kiwihaus auf Vordermann zu bringen. Nach diversen Reinigungsaktionen standen kleine und grosse Reparaturen ins Haus, die der hospital secretary Julian organisieren wollte (Moskitonetze vor den Fenstern, durchgebrochene Treppen und Teile der Veranda ersetzen). Er versprach mir über mehrere Wochen, dass der Spitalhandwerker vorbeikäme und die notwendigen Reparaturen vornehmen würde. Es passierte aber erstmal wieder nichts und das war nach der verzögerten Anreise schon meine zweite Erfahrung mit der bekannten -solomon time-.
Irgendwann passieren die Dinge dann doch und nach weiterem Drängeln und Diskutieren mit Julian ging es dann endlich vorwärts. Natürlich arbeiten Handwerker auf den Salomonen ähnlich wie in Europa. Um 12 Uhr mittags fiel dem Schreiner reflexartig das Werkzeug aus der Hand, egal ob die Reparatur in einer weiteren Viertelstunde abgeschlossen wäre oder nicht. Zudem wurde vor allem die Holzarbeit zum Ärgernis von Christian, der in einer Schreinerei gearbeitet hatte, schlecht durchgeführt und bedurfte seiner Korrektur.
So langsam wurde das kleine weisse Häuschen an der Strasse gut bewohnbar. Was aber die ganze Zeit über fehlte, war ein Vordach.
Setzte man sich auf die ungeschützte Terrasse, wurde man entweder von der Sonne gegrillt oder man hatte das Gefühl, im Zoo die Attraktion zu sein und von allen Nachbarn und Vorbeischlendernden bestaunt zu werden.
Meine Versuche, Nachbarn und Bekannte für den Bau eines Vordachs zu gewinnen, schlugen bis zu dem Tage fehl, als Dr. Christian Himmelberger, ein Schweizer Assistenzarzt, der einen Monat nach mir ins Kiwihaus zog, den richtigen Mann für das Unternehmen kennenlernte. Jimmy Morgan, der Platzwart vom schönsten Stadion der Salomonen in Honiara, erklärte sich bereit, alles in die Hände zu nehmen. Zuerst war ich skeptisch, denn viele Leute, die ich vorher gefragt hatte, wollten das Dach schon längst gebaut haben. Christian jedoch war voller Optimismus und das zu recht, denn Jimmy fuhr am nächsten Samstag mit uns auf den Markt und besorgte riesige Bündel Palmenblätter und Bambusstangen.
Am selben Tag versammelten sich alle bei Toglen, dem Nachbarn und fingen an, die Blätter an den Bambusstangen zu befestigen. Einen Tag später waren über 70 Lagen fertig. Jetzt fehlte nur noch das Gerüst. Jimmy fuhr am Montag zu einem Bekannten, kaufte dort Holz und baute das Gerüst auf, während wir in der Klinik waren. Am Montagabend feierten wir schon Richtfest und am Dienstagabend, dem 29. Oktober, stand das Dach komplett fertig da. Endlich konnte man sich an den Wochenenden vor dem Haus aufhalten, lesen, schreiben oder mit Freunden zusammensitzen, egal ob die Sonne gleissend schien oder es einen dieser wasserfallartigen tropischen Regengüsse gab. Es war phantastisch!
Während wir nun draussen im Trockenen sassen, regnete es jetzt teilweise in Strömen ins Haus hinein und das vorwiegend auf die Betten in Christians und meinem Zimmer. Und manchmal war es völlig paradox! Die Wasserversorgung des Hauses läuft über eine elektrische Pumpe, die bei den häufigen Stromausfällen natürlich versagt. Draussen regnete es also in Strömen, das Meer liegt keine 20 Meter vor dem Haus und wir sassen da und hatten kein Trinkwasser mehr! Im Übrigen haben wir beide das Wasser aus dem Hahn problemlos vertragen.
Seit dem Bestehen des Vordaches entwickelte sich nun ein reger Besucherstrom zum Kiwihaus. Es war wie ein Magnet und das nicht nur für Freunde und Kollegen. Einige Male mussten wir nachts Leute vertreiben, die betrunken unter dem Dach lagen oder dort laut herumschrien und feiern wollten. Doch abgesehen von kleineren Zwischenfällen war das Dach eine absolute Bereicherung!
Schlussendlich lernte ich das Kiwihaus lieben und schätzen wie eine Oase, die man nach anstrengender Kliniksarbeit aufsucht und sich dort entspannt (übrigens: Solbrew oder VB sind eine gute Ergänzung im Entspannungsprogramm).
Im Kiwihaus beweist sich, wer sich auf die Salomonen mit all ihren Höhen und Tiefen einlassen kann. Es ist einfach, Housesitting zu machen und das Kiwihaus als schmutzig und runtergekommen abzustempeln. Doch dann hat man meines Erachtens einen grossen und wichtigen Teil der Salomonen nicht er- bzw. gelebt!
Und zum Rest meiner Erlebnisse auf den Salomonen möchte ich hier nur ein Zitat aus dem sehr lesenswerten Buch "Solomon Time - Adventures in the South Pacific" von Will Randall anfügen: "...'the islands are like a drug; they entice and they lull you. They will lure. You will be hooked. You will always want to go back.' They had, I was and I do."
© 2002 Philipp Honigmann