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Hier hat einer authentisch gesprochen
Der Ethnograf und Schriftsteller Al Imfeld ist zu seiner letzten Reise aufgebrochen – ein Nachruf. von Florian Vetsch
Am Dienstag, den 14. Februar 2017, brach Al Imfeld im Zürcher Universitätsspital, 82-jährig, zu seiner letzten Reise auf. Mögen seiner Seele alle guten Geister beistehen, nicht nur die afrikanischen, die ihm sowieso im Speziellen freundlich gesinnt sind! Denn dieser Schweizer entfaltete eine Wirkung weit über die Grenzen unseres kleinen Landes hinaus.
Am 14. Januar 1935 als erstes von 13 Kindern einer Bergbauernfamilie geboren, wuchs der auf Alois Johann Imfeld Getaufte im Weiler Etzenerlen bei Ruswil im Kanton Luzern auf: in einem tiefkatholischen Milieu, das keltische Elemente wunderlich durchmischten. Es herrschte «eine Einheit aus Lourdeswasser und keltischem Zahnwehkreuz», wie Imfeld das Klima seiner ersten Lebensjahre zu charakterisieren pflegte.
Am Gymnasium Immensee erlangte er die Matura, trat in die Missionsgesellschaft Bethlehem ein, studierte Theologie und Philosophie. Dabei ging ihm der bauernschlaue Ratschlag seines Vaters, immer nur die Hälfte von dem, was man ihm sage, zu glauben, nie aus dem Sinn; das habe ihm nicht nur ein gesundes Misstrauen gegen jede Autorität eingeflösst, sondern ihn auch zur Toleranz erzogen, meinte er.
In den USA doktorierte er in Evangelischer Theologie, studierte, da ihm der theologische Horizont für seine vielen Fragen nicht genügte, zusätzlich Soziologie, Journalismus und Tropenlandwirtschaft, so dass er schliesslich vier Studienabschlüsse in der Tasche hatte. Doch Al studierte in den USA nicht nur – er engagierte sich auch, brachte sich ein. So kooperierte er in der Bürgerrechtsbewegung mit Martin Luther King, wofür ihn der nixonfreundliche Kardinal Spellman in New York als Priester exkommunizierte; der Vatikan hatte ihn vor Jahren bereits in Rom der Häresie verdächtigt und des Studiums an der päpstlichen Universität Gregoriana verwiesen.
Doch Al wirkte weiterhin als freischaffender Priester und unabhängiger religiöser bzw. spirituell erschlossener Mensch. Die Missionsgesellschaft Immensee schickte ihn 1967 ins damalige Rhodesien, um dort am Aufbau der Presse mitzuarbeiten. Imfelds Ansichten passten jedoch weder der weissen Minderheitenregierung noch der katholischen Kirche. Nach zwei Jahren musste er Rhodesien verlassen. Reisen in unabhängige afrikanische Länder wie Malawi, Tanzania, Kenya folgten, in denen er allerdings konstatieren musste, dass korrupte Diktaturen die ausbeuterische Logik des Kolonialismus oft nur umso brutaler fortsetzten.
Ein Mammutteil mit 800 Seiten
In die allseits bewegten 1960er-Jahre, in denen unser Mann auf drei Kontinenten aktiv gegen Rassismus, Ökoterror und die Ausbeutung sozial Benachteiligter vorging, reichen auch die Ursprünge des Projekts zurück, das 2015 wie kein anderes Al Imfelds Lebenswerk zum 80. Geburtstag krönte: Afrika im Gedicht, ein Mammutteil, das, runde 800 Seiten schwer, im Offizin-Verlag erschien: Gedichte aus über 40 Ländern, immer in der deutschen Übersetzung sowie im Original, welches auf Französisch, Englisch, Portugiesisch, Arabisch, Swahili oder Afrikaans vorliegt, insgesamt über 1100 Texte, entstanden zwischen 1960 und 2014, flankiert mit Quellenangaben, Worterklärungen und einem zünftigen Autoren-Verzeichnis.
Die vielen, vielen Texte kommen in diesem Band jedoch keineswegs als öde Bleiwüste daher, sondern als fruchtbar bestelltes Ackerland, unterteilt in 63 sogenannte «Cluster», also in Bündel, Büschel, Schwärme, kleine regionale oder thematische Zusammenstellungen, allesamt informativ eingeleitet und immer geschmückt mit je einer farbigen Zeichnung des Künstlers Frédéric Bruly Bouabré (1923-2014) von der Elfenbeinküste.
Das Titelbild zu dem schwarzen leinengebundenen Opus magnum steuerte die in Zürich und Kapstadt lebende Künstlerin Evelyn Wilhelm (*1975) bei: ein rätselhaftes Schriftbild, ein Rückgrat, eine Wirbelsäule, ein Teppichmuster, ein Flussnetz; eine Studie in Weiss und Schwarz. In der Einleitung erzählt Herausgeber Al Imfeld die Genese des Thesaurus. 1963 in den USA sei in ihm die Frage nach dem typisch Afrikanischen zum ersten Mal aufgetaucht; doch bald habe er bemerkt, dass nicht er den Afrikanern etwas über sie, sondern sie ihm viel über sich selbst zu erzählen hätten.
Damals streifte er den eurozentristischen Ansatz ab und begann, «systematisch neo-afrikanische Literatur anzuschaffen und zu lesen.» Bereits 1968 gab er an einer rhodesischen Mittelschule an den freien Samstagmorgen Kurse in afrikanischer Geschichte und neuer afrikanischer Literatur. Am Radio, durch Bücher und Vorträge wurde Al Imfeld im Folgenden ein wichtiger interkultureller Brückenbauer zwischen Afrika und Europa.
Im Jahr 2000 reifte in ihm die Idee, nach der eindrücklichen, aber nicht mehr zeitgemässen afrikanischen Lyrik-Anthologie Schwarzer Orpheus (Hanser, München 1954/1964) ein aktuelles Museum für die afrikanische Poesie im deutschsprachigen Raum einzurichten. 2011 begann er das Projekt Afrika im Gedicht mit der Lektorin Lotta Suter und einem Übersetzerstab auf die Zielgerade zu schicken.
Wie Al es sich wünschen würde
Dieses Panoptikum afrikanischer Poesie ist nun Al Imfelds Vermächtnis. Doch der mächtige Band wurde nicht nur für die schmale Gemeinde der Poesie-Aficionados konzipiert. Imfeld hat recht, wenn er meint, dass dieser Band «in allen Bibliotheken stehen, in Schulen und Entwicklungseinführungskursen benutzt werden müsste.» Auch die kleinen Ausleihbibliotheken in Quartieren sollten ihn präsentieren, die Deutschkurse für fremdsprachige Mütter und Väter, die Dolmetsch-Seminare und jene für Internationale Beziehungen.
Und in den Schulen dürfte er in lebendige Unterrichtsprojekte einfliessen, zum Beispiel in den Fächern Deutsch, Englisch, Französisch, Geografie, Geschichte, Religion oder Philosophie. Die Schülerinnen und Schüler dürften dabei ihren Fragen zu diesen Gedichten aus Afrika nachgehen, Songs und Raps daraus machen, Bilder dazu malen, eigene Texte entwickeln, Diskussionen führen, Recherchen anstossen… Das wäre ein Fortleben seines Schaffens, wie Al es sich wünschen würde.
Dabei umspannte, wie oben angedeutet, Al Imfelds Horizont keineswegs nur die Literatur. In seinem letzten Jahresbrief – Al pflegte die Sitte, immer vor Jahresbeginn einen Rundbrief an seine Bekannten zu schreiben – hielt er im frühen Dezember 2016, Afrika im Gedicht wie nur en passant erwähnend, fest:
«Genau in diesen Tagen wird mein Sachbuch AgroCity – Die Stadt für Afrika – Skizzen zu einer neuen Urbanität beim Rotpunkt Verlag (Zürich) herauskommen. Ich bin glücklich: All meine einst geplanten Bücher über die verschiedensten Aspekte Afrikas kamen damit zustande: von der Agrarentwicklung bis zur Stadtentwicklung, von der Mission bis zur tiefen Religiosität Afrikas, von den Frauen bis zu den Dichtern. Ich bin tief zufrieden, Afrika wo immer nur möglich ein neues Gesicht zusammen mit anderen verliehen zu haben. Statt zu missionieren, half ich mit bei der langsamen Befreiung. Genau das ist der Sinn einer weltweiten Entkolonisierung, die erst am Anfang steht und längst nicht nur Afrika einbezieht. Zu lange haben wir im Westen auf Afrika und seine Menschen herabgeschaut. Wir haben ihnen alle Kleidung entrissen – genau wissend, dass Kleider Leute machen. Ich bin stolz, dass es mir gelang, in verschiedensten Aspekten Afrika ein würdiges Gesicht zurückzubringen.»
Deshalb ist es nicht nur angesichts der Maxime «de mortuis nil nisi bene», sondern auch und gerade angesichts dieses Lebensertrags nichts als eine unangebrachte Beckmesserei aus dem Lager der etablierten Literaturkritik, wenn es im bescheidenen Nachruf der NZZ – bei aller Ehrung – heisst, Al Imfelds Sprache habe «im Literarischen dem Kunstanspruch nicht immer genügt».
Oh nein, ganz im Gegenteil: Al Imfelds Sprache hat immer genügt, auch im Literarischen! Hier hat einer gesprochen, der viel erfahren, gesehen und verarbeitet hat, hier hat einer authentisch gesprochen. Das ist tausendmal mehr wert, als das dem Kunstanspruch der NZZ allenfalls genügende Herbeiraspeln raffinierter Wortkombinationen. Al Imfeld hat geholfen, die Welt differenzierter, reicher und auch etwas unreiner zu sehen. Dank gebührt ihm dafür!
Mögen seiner Seele alle guten Geister beistehen, nicht nur die afrikanischen, wenn sie jetzt die nadelfeine Brücke ins pan-ethnische Paradies passiert!