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Gemeindepräsident zur Zeit der Spanischen Grippe
Aus gegebenem Anlass: Wir alle stehen ja noch unter dem Eindruck der verheerenden Corona-Pandemie. Werfen wir deshalb einen Blick zurück: Wie sah die Welt vor 100 Jahren aus?
Dienstag, 16. Juli 1918, ein heisser Tag nach einem kühlen Monatsbeginn. In Russland erschossen die Bolschewiki den letzten Zaren, Nikolaus II. In der Schweiz hatte man andere Sorgen. Auf dem Schlieremer Friedhof fand die dritte Beerdigung eines jungen Mannes und Soldaten innert dreier Tage statt. Mit der Familie Wismer stand eine kleine Trauergemeinde um ein offenes Grab. Ein militärisches Ehrengeleit unterstrich die wehmütige Stimmung. Albert, der jüngste Sohn des Gemeindepräsidenten Johannes (Jean, wie man ihn nannte) Wismer wurde beerdigt. Wismer mag seine Frau Margaretha gestützt haben. Die beiden andern Söhne Hans und Alfred trugen die Uniform, denn alle drei standen im Aktivdienst. Von Alfred wissen wir, dass Vater und Mutter diesen Verlust bis ans Lebensende fast nicht verwinden konnten. Es gab keinen Trost, nur die Totenglocke erklang vom Dorf her. Nur wenige hatten den Trauerzug von der Kirche zum Friedhof begleitet, wie es eigentlich Sitte gewesen wäre. Die Spanische Grippe wütete – die Menschen hatten Angst. Zwei Tage später beschloss der Bundesrat ein landesweites Versammlungsverbot.
Die Militärsanität hatte Albert nicht helfen können, wie so vielen anderen jungen Männern auch nicht. Die drei Brüder hatten in der gleichen militärischen Einheit Wachtdienst geleistet, an der Grenze im Pruntruter Zipfel. Die Männer standen – wie seit 1914 – an der französisch-schweizerischen-deutschen Grenze im Jura, in der Nähe des Dorfes Bonfol. Hier standen sich die feindliche Armeen Frankreichs und Deutschlands auf Rufweite gegenüber – damals gehörte das Elsass ja noch zu Deutschland. Vier lange, eintönige Jahre bauten die Schweizer Soldaten Unterstände, errichteten Grenzzäune und Gräben: Durchschnittlich 500 Diensttage. Sie waren in Kontakt mit der deutsch-französischen Frontlinie. Viel später, 1941, berichtete Franz Schnyder in seinem Film «Gilberte de Courgenay» über diese Zeit. Aber nicht über die Grippe: 1918 wurden 40 – 80 % der dort stationierten Soldaten krank; die Kommandanten schickten sie zum Teil nach Hause, wo sie die Krankheit verbreiteten.
Entsetzliche Seuche – nicht aus Spanien
Im Mai 1918 hörte man hierzulande zum ersten Mal von einer bösartigen Krankheit. Dann ging es schnell. Am 8. Juli schrieb der Zürcher Regierungsrat an den Bund: «Ende Juni und anfangs Juli brach die Seuche auch bei uns explosionsartig fast überall zu gleicher Zeit aus.» Diese Übersterblichkeit betraf vor allem junge Menschen, zuvorderst die Männer. 60 % der Todesopfer waren zwischen 20 und 40 Jahre alt, der Tod konnte sie innert Stunden ereilen. Oft bluteten die Opfer plötzlich aus der Nase oder aus dem Mund. Um Ansteckungen zu vermeiden, wurden sie sofort begraben, innert 2 × 24 Stunden. Todesursache war nicht das Virus selbst (von dessen Existenz hatte man noch keine Ahnung, möglicherweise stammte es aus der Gruppe H1N1), sondern in den meisten Fällen eine anschliessende bakterielle Lungenentzündung. Aber Antibiotika gab es noch nicht.
Der wahrscheinliche Ursprung lag im Frühjahr 1918 in einem Ausbildungslager der US-Army im US-Bundesstaat Kansas. Die Soldaten nannten die Krankheit lakonisch, aber treffend «3-day-fever» oder «knock-me-down-fever». Nur: Die Pressezensur verbot Meldungen darüber. Und: Gegen Ende des Ersten Weltkrieges, vom Frühling 1918 bis August 1918, trafen mehr als 1 Million amerikanischer Soldaten in Europa ein. Im April traten die ersten Fälle der Krankheit in Frankreich auf, und sofort in ganz Europa. Die Zensur verbot Berichte darüber, nur in Spanien meldete die Presse, dass der spanische Monarch Alfonso XIII und Teile seines Kabinetts im Mai von einem grässlichen Fieber geschüttelt wurden.
Unbekannte Ursache – keine Hilfe
Daher der eigentlich falsche Name. Die Zusammenhänge kannte man nicht, Ärzte tappten diagnostisch im Dunkeln. Das möglicherweise ursächliche Vogelgrippevirus (hochansteckend, Risikogruppe 3 aus der N1H1-Gruppe) konnte erst 1933 isoliert werden. Allerlei Wundermittel wurden beworben, Seifen, Mundspülungen und Nasensalben, sogar Staubsauger sollten helfen, die Erreger loszuwerden. Fake news schon damals: Das Gerücht ging um, dass Tabak und Alkohol helfen sollten, sich vor der Grippe zu schützen und sie sogar zu behandeln. Wirkungslos, wie Aspirin, Chinin, Heroin, Morphium. Ärzte injizierten Quecksilber, Arsen, Salvarsan, verordneten Bettruhe, Nasenduschen, Inhalationen. Zu den Todesopfern gehörten u.a. Frederick Trump, Grossvater des heuten US-Präsidenten, der Maler Edgar Schiele und Mehmed V, der Türkische Sultan.
Man war in jeder Hinsicht völlig unvorbereitet. Erkrankte Soldaten wurden auch in der Schweiz in provisorischen Militärspitälern und Sanatorien behandelt; 1918 mussten solche in Turnhallen, Schulen oder Sälen eingerichtet werden. Das Schweizerische Rote Kreuz stellte 742 Krankenschwestern zur Verfügung; 69 von ihnen starben an der Grippe. Es gab in unserem Land 25 000 Tote (davon 1805 Soldaten). 750 000 Krankheitsfälle wurden gemeldet, angesichts der Dunkelziffer vermutet man bis zu 2 000 000 Infizierte. Das wäre dann die Hälfte der Bevölkerung gewesen. Die Zahl der Opfer weltweit ist nicht klar: Man spricht von mindestens 20 bis 50 Millionen Toten, in Europa alleine schätzungsweise 2,3 Millionen. Trost gab es während dieser Zeit nicht. Keine Gesellschaft und Unterhaltung; Kirchen, Märkte und Schulen wurden geschlossen, Tanz-, Theater- und Konzertaufführungen abgesagt, Beerdigungszüge waren verboten. Es war die verlustreichste Pandemie der Menschheitsgeschichte.
Gemeindepräsident Wismer: Tüchtiger Kapitän…
Zurück zu Gemeindepräsident «Jean» Wismer. Geboren wurde er 1862 als Sohn einer alteingesessenen Schlieremer Familie. Er war das achte Kind seiner Eltern Dorothea und Johannes Wismer-Boll. Seine Familie wohnte in einem einfachen Häuschen am Brunnackersteig 6. Wir wissen nicht viel von seiner Jugend und Ausbildung; eine Ur-Enkelin erzählt jedenfalls, es seien einfachste Verhältnisse gewesen. Er muss ein strebsamer Mann gewesen sein und führte die Gemeinde so lange wie wohl kein Präsident vor ihm und gewiss keiner nach ihm: Fast 30 Jahre. Trotzdem ist er fast vergessen – sehr zu Unrecht.
Wismer war zunächst Schulverwalter und Betreibungsbeamter; 1898 wurde er, 39-jährig, in einer Kampfwahl zum Gemeinderat gewählt. Das Parteienspektrum war in den Landgemeinden damals nicht so segmentiert wie wir das heute kennen. Aber Opposition zu den lang ansässigen Familien gab es in Schlieren schon: In den neuen Industrien Gaswerk und Wagonsfabrik gab es einen Arbeiterverein, aus dem später die Arbeiterunion und die SP entstanden.
1901 wurde Wismer Gemeindepräsident – der amtierende Albert Meier war abgewählt worden. Gleichzeitig war er von 1911 bis 1924 Kantonsrat. Als Gemeindepräsident wurde er neun Mal bestätigt – und dies meist mit dem besten Wahlergebnis. Er verstarb unerwartet 1931 im Amt. Wohl hatte er eine Machtposition inne, aber es gibt in den Quellen weder Hinweise auf deren Missbrauch noch ist ein Misstrauen spürbar.
… in struben Zeiten
Trotzdem ist er heute fast vergessen. Das verdient er eigentlich nicht, denn er führte das Gemeinde-Schifflein in ganz schwierigen Zeiten. Die Einwohnerzahl stieg während Wismers Zeit stürmisch von 1670 bis auf 4086 Personen. Grosse Aufgaben wurden gestemmt und brachten die Gemeinde auch in finanzielle Bedrängnis. Zählen wir auf: Zwei Schulhäuser (Graben- und Schulstrasse) wurden gebaut, ein neuer Friedhof ersetzte den Kirchhof, die Kanalisation wurde geplant und errichtet, die Gemeinde beteiligte sich voller Hoffnung an der Limmattal-Strassenbahn, die Elektrifizierung erfolgte und mit ihr der Ersatz der Gasbeleuchtung. Schlieren wuchs gegen Osten und Westen, die neuen Quartiere mussten erschlossen werden mit Strassen. Die Quellwasserversorgung war qualitativ nicht einwandfrei (Kommentar des Stadtchemikers 1918: «Qualität lässt sehr zu wünschen übrig») und kam an ihre Grenzen: 1917 drohte Wasserknappheit. Das erste Grundwasserpumpwerk im Betschenrohr wurde gebaut. Die Wohnungsnot war ein Dauerthema. Eine Kinderkrippe wurde gefordert. Eine alte Schuld (der Gemeindebeitrag an die Limmatkorrektion der 1880er-Jahre war immer noch offen!) wollte getilgt werden.
Gute alte Zeit?
Im letzten «Schlieremer» haben wir von den armseligen Lebensbedingungen erzählt, von Krankheiten (Tuberkulose, Diphtherie, Keuchhusten, Pocken, Typhus). Dazu kam nun noch die Mobilmachung am 3. August 1914. Keiner ging gern, denn eine Erwerbsausfall-Entschädigung kannte man nicht, erst im Lauf des Krieges wurde eine «Wehrmannssoldzulage» von 50 Rappen pro Diensttag ausgerichtet. Auf den Frauen zu Hause lastete alle Arbeit. In Zürich musste die Bevölkerung mit Notrationen (Kartoffeln) versorgt werden. Das schlechte Wetter tat ein Übriges: Dem nassen und kalten 1916 folgte ein eisiges Frühjahr 1917. Die Kartoffeln verfaulten in den Lagern, es herrschte Mangel an Milch und Gemüse.
Das neue Jahrhundert brachte nicht den ersehnten Aufschwung, sondern Krieg, Seuchen und Not und nach dem Krieg auch noch eine Weltwirtschaftskrise. Als der erste Weltkrieg begann, hatten die Behörden, wohl in Erwartung einer nur kurzen Kriegsdauer, erst spät reagiert und teilweise ungeeignete Massnahmen ergriffen. Spätestens ab 1916 kam es zu Versorgungsengpässen bei Kohle; Grundnahrungsmittel waren rationiert. Verschärft wurde die Misere durch klimatisch bedingte Ernteausfälle. Ab dem Jahresende 1917 litt ein Grossteil der Schweizer Bevölkerung an Hunger und Unterernährung. In Schlieren gab es im zweiten Halbjahr 70 Fälle von Diphtherie, Scharlach und Masern; im folgenden ersten Quartal 59 weitere Fälle. Dazu traten noch Mumpf und Keuchhusten auf und man befürchtete eine Pocken-Epidemie.
Nun kam dazu noch die erste Welle der sogenannten «Spanischen Grippe», über die wir eingangs berichteten. Bis 1920 sollten noch zwei weitere, schlimmere Ausbrüche folgen. In der Schweiz gab es die erste – schwächere – Ansteckungswelle von Mai bis August 1918; ihr fiel u.a. Albert Wismer zum Opfer. Auch damals wurden, wie 2020, Schulen und Läden geschlossen, es gab Versammlungsverbote, die Menschen suchten sich mit Mundschutz abzusichern. Chorproben, Gottesdienste wurden verboten, die Chilbi abgesagt. Wohl fälschlicherweise lockerte man dann die Auflagen, mit dem Resultat, dass in der zweiten Welle von September 1918 bis Mai 1919 massiv mehr Todesopfer beklagt werden mussten.
Tatkräftig, weitsichtig
Über die Person Wismers gibt es leider wenig Quellen. Sein Sohn Alfred heiratete die Schlieremer Lehrerin Anna Frey und wohnte zusammen mit einer Tochter später an der Zwiegartenstrasse 3. In seinem Lebensbericht erzählt er voll Wärme von seiner glücklichen Jugend am Brunnackersteig, von der sich aufopfernden Mutter und vom Vater, der alles tat, um den drei Söhnen eine gute Laufbahn im Leben zu ermöglichen.
Johannes Wismer war als Person unbestritten: Gemeindepräsident, Betreibungsbeamter, Polizeivorstand, Waisenrat – und als solcher dauernd präsent und ansprechbar. 1916 (also mitten im Krieg!) gewährte ihm die Gemeindeversammlung, nach offener Diskussion, eine Zulage von Fr. 1100.– zu seinem Lohn von 2000 Franken. Dies in Anerkennung seiner Leistungen («hat immer treu seines Amtes gewaltet und die Pflichten erfüllt»).
Wie klug und umsichtig er seine Gemeinde führte, zeigte sich im Kleinen und im Grossen. Hier einige Schlaglichter. Schlieren entwickelte sich ja rasant. Das Dörflein von 1890 war nicht mehr wiederzuerkennen – siehe Plan. Abwässer und Fäkalien der Häuser wurden bis anhin in Güllengruben, Strassengräben oder dem nächsten Rinnstein entsorgt. Wismer sah die Probleme und überzeugte die Gemeindeversammlung 1907 mit einem flammenden Appell, die Last eines Kanalisationsprojekts zu übernehmen. Er führte aus: « … Wie sind in solchen Verhältnissen die sanitarischen Anlagen? Gleich Null!!! Sümpfe, Morast, Schlammwasser und üble krankheitserregende Dünste. Es ist sicher, dass neben der sanitarisch gesunden Entwicklung eines Gemeinwesens auch der Bodenwert sich wieder steigert. Vermehrte Bauten werden entstehen und die Industrie wird sich mehren und entwickeln. Nicht zu vergessen ist, dass an Orte, wo Wasser, Gas, Elektrisch vorhanden ist und dann auch noch die Kanalisation, viel Steuerkapital hinzieht, was sich sonst flüchtig macht. In einer Gemeinde, wo die Kanalisation erstellt wird, kann Ordnung und Reinlichkeit den Einzug halten, wo heute in vielen Quartieren Schlamm, Morast, üble Dünste vorherrschend sind und der Krankheit Thür und Thor geöffnet.» Die Versammlung vom 15.12.1907 folgte ihm. Auch im Kleinen wirkte Wismer. Die Gemeindekrankenschwester Marie Saxer, gestorben 1919 an den Folgen der Grippe-Epidemie, erhielt auf sein Betreiben von der Stadt einen Grabstein. Die stolze Stadt Wien stand am Ende des Ersten Weltkrieges und nach dem Untergang der Donaumonarchie vor dem Ruin. Die Kantonale Gemeinnützige Gesellschaft organisierte eine «Wiener Hilfsaktion» – und das kleine Schlieren, selber gewiss nicht auf Rosen gebettet, unterstützte auf Anregung Wismers die Grossstadt mit Naturalien und einer Spende.
Ein Pensionskassenfonds wurde errichtet, ebenso einer für Ferienkolonien. Aber ein Sozialist war Wismer gewiss nicht. Die Gemeinde sollte in der Wohnungsnot nicht federführend sein, sondern nur Unterstützung leisten. So vermittelte Wismer mit Kantonsrat Alfred Hug einen Handel, in welchem die erste Wohnbaugenossenschaft nördlich der Schul-/Allmendstrasse Land erwerben konnte. Da seien eigentlich die Firmen in der Pflicht, meinte er. Ebenso zurückhaltend war er in der Frage der Kinderkrippen. Zwar hatte die Wagi einen Beitrag für einen solchen Fonds gespendet, aber Wismer war hier, dem Zeitgeist entsprechend, wohl eher der Meinung des Dorfpfarrers Schäppi: «Die Fabriken sollen die Lohnverhältnisse so gestalten, dass die Frauen die Kinder selber erziehen und nicht auf den Verdienst angewiesen sind.» Das Anliegen wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg verwirklicht.
Text: Philipp Meier; Fotos: zVg