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Abbildung: Die Gewässer von Macun werden von zwei unterschiedlichen Einzugsgebieten gespeist: das nördliche Einzugsgebiet von Niederschlägen, das südliche vom Schmelzwasser der Blockgletscher (im Bildvordergrund). Die unterschiedliche Färbung des Wassers gibt einen ersten Hinweis auf die Lebensraumvielfalt.
Die Artenzusammensetzung in den Gewässern des Schweizerischen Nationalparks (SNP) ist typisch für diese Höhenlage: Sie wiederspiegelt die grosse Vielfalt an Lebensräumen – von überrieselten Felswänden über jahreszeitlich austrocknende Tümpel bis zu dynamischen Bergbächen. Die Anzahl vorkommender Arten ist in dieser Höhenlage jedoch vergleichsweise gering. In den Seen, Weihern und Tümpeln auf Macun im SNP kommen beispielsweise ein bis zwei Wasserkäferarten vor, im Vergleich zu zwölf Arten im Mittelland. Wichtig ist jedoch die Zahl der hochspezialisierten Arten, welche besonders sensibel auf Umweltveränderungen reagieren.
Seit den 1930er Jahren ist die Gewässerfauna auf der Seenplatte Macun sehr gut, aber noch nicht vollständig bekannt. Sie reicht von Algen über Wasserinsekten (z.B. Eintags- und Steinfliegen oder Zuckmücken), Milben, Schnecken und Muscheln bis zu Fischen. Seit 2001 werden hier (auf rund 2600 m ü.M.) jährlich Aufnahmen von Wasserinsekten, Kieselalgen oder Fischen durchgeführt. Die hochspezialisierten Wasserinsekten reagieren besonders sensibel auf Klimaveränderungen. Um mit den stark schwankenden Bedingungen dieser oft über lange Zeit gefrorenen und teilweise ausgetrockneten kleinen Seen umzugehen, haben sie sich besondere Strategien zugelegt. So weichen gewisse Insekten den kalten Temperaturen aus, in dem sie beispielsweise als Ei oder Junglarve eine Entwicklungspause einlegen, bis die Temperatur wieder ansteigt. Wird es dann jedoch zu warm, sterben ihre Larven ab.
In den Macun-Seen hat sich in den letzten rund 10 Jahren nicht nur die chemische und physikalische Zusammensetzung des Wassers verändert, sondern auch die Artenzusammensetzung. Gerade bei den Gewässern, welche von ehemaligem Gletschereis und Eis aus den Blockgletschern gespiesen werden, sind die Veränderungen durch den Klimawandel besonders gross.
Die gestiegenen Wassertemperaturen haben auch hier zwar grundsätzlich zu einer Zunahme der Arten geführt (bessere Umweltbedingungen für Wasserinsekten beispielsweise). So wurden beispielsweise bei Untersuchungen im Jahr 2014 zwei neue Arten von Steinfliegen, die aus tieferen Regionen stammen, festgestellt (Perla grandis und Leuctra moselyi). Auch die Alpen-Smaragdlibelle (Somatochlora alpestris) wurde in einem Tümpel auf 2628 m ü. M. nachgewiesen. Es ist der erste Schlüpfnachweis für eine Alpen-Smaragdlibelle in dieser Höhe. Es ist zu erwarten, dass noch mehr Arten die Flucht von tieferen Regionen nach oben gelingen wird.
Die einwandernden Arten sind oft an den Konkurrenzdruck tieferer Lagen gewohnt, entsprechend also konkurrenzstärker als die kälteadaptierten Spezialisten. Auch hier gilt demnach: besonders bedroht sind in hochalpinen Gewässern die an die Kälte angepassten Pflanzen und Tiere. Darunter sind besonders viele endemische Arten, die nur an wenigen Orten vorkommen. Sie werden langfristig von den wärmeliebenden Arten verdrängt. Auch hier geschieht, ähnlich wie bei der Gipfelflora, eine Vereinheitlichung der Lebensräume und der Artenanzahl. Sprich, die genetische Vielfalt insgesamt wird abnehmen.
Die hydrologischen Untersuchungen an Quellen im SNP aus den Vierzigerjahren gehören übrigens zu den ersten umfassenden Quellstudien im ganzen Alpenraum und sind deshalb sehr bedeutsame Referenzen.
Literatur:
Ilg C., E. Demierre, A.-S. Reymond & B. Oertli (2013): Alpen-Smaragdlibelle in Weltrekordhöhe. In: Cratschla 2/2013: 3 ►Cratschla Online lesen