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Soeben ist das Buch, das ich beim englischen Verlag bestellt hatte, bei mir eingetroffen. Es ist die zweite Neuauflage fünfzig Jahre nach der Erstausgabe: «Pebbles from My Skull» von Stuart Hood.
Ich hatte Hood im Jahr 2000 kennen gelernt, in London, als ich ebendieses Buch von ihm übersetzte (erschienen in der Zürcher edition 8 unter dem Titel «Carlino»). Des Deutschen mächtig, hatte er mir bei der Übersetzung geholfen und aus seinem Leben voller Abenteuer und Rätsel erzählt.
Im Zweiten Weltkrieg war er britischer Aufklärungsoffizier gewesen und hatte Kenntnisse vom Enigma-Programm gehabt, mit dem die Alliierten den deutschen Geheimcode entziffert hatten. Später hatte er in Norditalien mit den Partisanen gekämpft (wovon dieses autobiografische Buch handelt, das scharf, unerbittlich die Frage stellt, welche Gewalt gegen die Gewaltherrschaft zulässig ist). Im Nachkriegsdeutschland hatte er, wiederum als Aufklärungsoffizier, Ernst Jünger befragt und ein Buch von ihm übersetzt, um mehr über das Naziregime zu erfahren. Danach machte das frühere KP-Mitglied Karriere in der BBC, vom Verdacht begleitet, ein Roter unter dem Bett zu sein. In den siebziger Jahren verkehrte er bei Erich Fried in London und lernte Mitglieder der Rote-Armee-Fraktion (RAF) kennen (worüber er einen Roman schrieb), verkehrte auch mit spanischen WiderstandskämperInnen gegen das Franco-Regime (worüber er einen Roman schrieb). Die Frage, wie weit man sich mit Klandestinem und Gewalt einlassen soll, durchzieht sein Werk. Renée Goddard, eine frühere Lebenspartnerin, hat einmal gemeint, letztlich sei ihr Hood, im Innersten, ein Rätsel geblieben.
Das verstörendste Rätsel aber bleiben seine letzten Jahre.
Bis 2005 korrespondierte ich gelegentlich mit Hood, dann brach der Kontakt ab. Im Mai 2008 reiste ich wegen einer weiteren Übersetzung nach Brighton, wo er seit einigen Jahren wohnte und wohin er uns einmal zum Nachtessen eingeladen hatte. Seine dritte Frau, Svetlana, die ich zuvor zweimal getroffen hatte, wollte mich nicht mehr kennen, verweigerte jeden Zugang, drohte mit der Polizei. Andrew Hood, der Sohn aus erster Ehe, der als Filmemacher in Berlin lebte, sowie Klaus Fried, der Sohn von Erich Fried, hatten das Gleiche erlebt, waren bei Besuchen von Svetlana von der Tür gewiesen worden. Sie hielt ihn, mussten wir ohnmächtig akzeptieren, handgreiflich abgeschottet, wobei dies womöglich von ihm selbst gewählt worden war.
Dann, im November 2011, schrieb mir Andrew, er habe erfahren, dass sein Vater vor zehn Monaten gestorben sei, ohne dass dies bekannt wurde. Ich liess mir in Brighton einen Totenschein ausstellen: Stuart Hood, Autor, Dozent, gestorben am 21. Januar 2011 im Royal Sussex County Hospital Brighton. Alter: 96 Jahre. Todesursache: Herzversagen bei fortgeschrittenem Parkinson.
Nun liegt sein Buch wieder auf Englisch vor. Mit einem Vorwort der Witwe. Es ist so eindrücklich wie einst, und in seinem Innersten bleibt ein Rätsel.
Stefan Howald
Stuart Hood: «Pebbles from My Skull». Faber Finds. Faber and Faber. London 2013. 146 Seiten. Fr. 27.90.
Dieser Artikel erschien in der WOZ ? Die Wochenzeitung Nr. 49/13 vom 5. Dezember 2013; siehe www.woz.ch.