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Nr. 20: Sympathiebonus für Schweizer in der Franche-Comté
Keine 100 Meter von unserem neuen Anwesen entfernt, erinnerte ein Denkmal an den deutsch-französischen Krieg von 1870/71. An dieser Stelle hatten preussische Soldaten einen Priester erschossen. Mitten im Dorf Grosmagny mit seinen 500 Einwohnern steht ein zweites Kriegsdenkmal, auf dem die vielen Gefallenen der beiden Weltkriege aufgeführt werden. Darunter befinden sich überraschend zahlreiche deutsche und italienische Familiennamen. Der Schulweg der meisten Kinder führt daran vorbei. Wir erlebten bewegende Zeremonien zu den Gedenktagen der Kriegsende.
Nach und nach kam zum Vorschein, weshalb wir als Schweizer im Dorf so freundlich empfangen wurden, obschon wir die wohl teuerste Immobilie erworben hatten. Unser Makler aus Belfort mit Jahrgang 1936 war mit vielen anderen Kindern 1944 in die Schweiz gebracht worden, als die Deutschen auf ihrem Rückzug sich der Franche-Comté näherten. Allein bei der Befreiung von Grosmagny waren auf französischer Seite 22 Personen umgekommen.
Auf dem ersten Rundgang durchs Dorf mit den beiden Kindern lud uns ein altes Ehepaar spontan in ihr Bauernhaus ein. Wie manche Veteranen des Zweiten Weltkriegs erzählte er von der Zwangsarbeit in deutscher Kriegsgefangenschaft. Einen andern liessen wir in unserem Teich nach Karpfen, Forellen und Barschen fischen.
Auch in der Dorfschule, wo unsere Kinder als Ausländer ohne Französischkenntnisse anfangs Exoten waren, gab es keine Probleme. Unser Sohn hatte im Tessin die 2. Klasse besucht und kam nun in die 1. Klasse. Nach drei Monaten hatte er die neue Sprache adaptiert. Im flexiblen französischen Schulsystem konnte er später zwei Klassen überspringen und schloss das BAC (Matura) ein Jahr früher als seine Kollegen ab, mit Auszeichnung und Porträt in der Lokalpresse. Unsere fünfjährige Tochter besuchte weiterhin den Kindergarten. Bereits auf dieser Stufe wurden die Kinder, wie schon im Tessin, über Mittag verpflegt und betreut.
Falls Eltern, die mit ihren Kindern in ein fremdes Sprachgebiet ziehen, sich Sorgen um die Bewahrung der Muttersprache machen, kann ich sie beruhigen: Wir sprachen mit unseren Kindern stets nur Mundart. Wie sie später an Schweizer Universitäten in Hochdeutsch beste Arbeiten ablieferten, ist für mich allerdings ein unerklärliches Phänomen. Denn sie hatten nie auch nur eine Stunde Deutschunterricht genossen. Lernten sie über deutschsprachige Tonträger oder den einzigen deutschen TV-Kanal, den wir dank einer hohen Antenne auf dem Gipfel unseres Anwesens empfangen konnten? Eine weitere Erkenntnis: Sie lernten mit grösserer Leichtigkeit als ihre Klassenkameraden Englisch und Spanisch. Zwei- oder Mehrsprachigkeit kann als Investition in die berufliche Zukunft gesehen werden.
Wie bereits im Tessin existieren in Frankreich viel zahlreichere Alternativen zur staatlichen Schule als in der Deutschschweiz. Dies hängt mit dem laizistischen Schulwesen zusammen, das heisst: Staat und Kirche sind streng getrennt. In öffentlichen Schulen findet kein Religionsunterricht statt. In diesem seit der Vertreibung der Hugenotten durch Ludwig XIV. weitgehend katholischen Land wurden wir nie auf einem Formular nach der „Konfession“ gefragt. Wer es sich als überzeugter Katholik in der Südschweiz oder in Frankreich leisten kann, schickt die Kinder in Privatschulen meist religiöser Prägung.
Eine Privatschule zogen wir schon deshalb nicht in Betracht, weil wir die ersten acht von elf Jahren in der ostfranzösischen Provinz ohne Auto verbrachten. Das Wenige an öffentlichem Verkehr bestand aus Schulbussen, zum Beispiel dreimal täglich nach dem 12 Kilometer entfernten Belfort für die Lycée-Schüler. Je weiter weg unsere Kinder später Schulen besuchten, desto dringlicher aber wurde die Anschaffung eines Autos, weil in höheren Klassen keine Blockzeiten mehr üblich waren.