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Noch immer leidet die bosnische Hauptstadt unter den Folgen des Krieges. Mit Unterstützung aus der Schweiz kommt immerhin das Musikleben langsam wieder in Gang.
Die Sängerin Emina Zecaj sitzt entspannt auf einer gepolsterten Bank, die sich den Wänden des Zimmers entlang zieht. Sie hat sich eine Ecke ausgesucht, der Eingangstüre gegenüber, und mustert interessiert die Leute, die den Raum betreten. Neben ihr hat sich der Musiker und Arzt Mehmed Gribajcevic niedergelassen, der sie auf der Saz, einer türkischen Laute, begleiten wird. Es ist ein handverlesenes Publikum, das sich an diesem Freitagabend, kurz vor Beginn des Ramadan, im Haus der Familie Svrzo in Sarajevo einfindet, um die traditionellen bosnischen Lieder von Emina Zecaj zu hören. Das stilvoll renovierte ottomanische Haus aus dem 18. Jahrhundert wurde von der gut situierten muslimischen Familie bewohnt, bis es in ein Museum umgewandelt wurde. Die ursprüngliche Einrichtung des Hauses ist erhalten geblieben, und es lässt sich anschaulich nachvollziehen, wie die Familie gewohnt hat. Von der Strasse her betritt man den öffentlichen Bereich, davon abgeschirmt folgen die privaten Räume, die den Frauen vorbehalten waren.
Die über siebzig Jahre alte Zecaj gilt als Ikone der Sevdah, einer Liedform, die ursprünglich nur von Männern im urbanen und patriarchalen Milieu von Bosnien-Herzegowina gesungen wurde. Es sind melancholische Lieder über die Liebe, vergleichbar mit dem portugiesischen Fado und dem Blues. Ihre Lieder stammen aus einem Fundus von gegen sechshundert Liedern, die in den vergangenen Jahrzehnten von MusikethnologInnen zusammengetragen wurden. Zecaj singt seit Anfang der sechziger Jahre, sie singt vom ertrunkenen Liebhaber und der zurückgelassenen Frau, die mit dem Fluss zu sprechen beginnt, um ihre Trauer zu überwinden. Zwischen den Liedern unterhält sie sich mit Gribajcevic darüber, was sie als Nächstes spielen könnten. Sie sind sich nicht immer einig, doch die Sängerin gibt den Ton an oder meint trocken, sie hätte den Text vergessen, wenn ihr ein Vorschlag nicht passt.
Vor vier Jahren hat Zecaj zusammen mit ihrem Partner neunzehn wenig bekannte Lieder eingespielt und sie auf dem Gramofon-Label veröffentlicht. Es war ihre erste CD nach dem Krieg, der das Land zwischen 1992 und 1995 erschütterte und Sarajevo von der Welt isolierte. Seine Spuren sind im Stadtbild deutlich sichtbar, zerstörte Häuser, überwachsene Ruinen und mit Einschusslöchern übersäte Fassaden prägen es bis heute, lassen die Vergangenheit nicht ruhen. Auch die frisch aufgebauten oder wiederhergestellten spiegelnden Glaspaläste können nicht darüber hinwegtäuschen, dass Moscheen und Kirchen, die einst vom friedlichen Zusammenleben in Sarajevo zeugten, heute für Trennung stehen. Das Land existiert zwar, ist aber keine Nation geworden. Demokratie findet unter internationaler Aufsicht statt, und sie zieht einen schwerfälligen, schlecht funktionierenden und kaum finanzierbaren Verwaltungsapparat nach sich. Das dreiköpfige Staatspräsidium ist nach ethnischer Abstammung besetzt. Bosnische SerbInnen, BosnjakInnen (MuslimInnen) und bosnische KroatInnen arbeiten mehr gegen- als miteinander. «Mission Impossible Tour» heisst die angebotene, sechs Stunden dauernde Stadtbesichtigung, auf der man die wichtigsten Orte im Frontverlauf während des Krieges besuchen kann.
Aufbau eines Labels
Von Emina Zecaj gibt es nur vier Schallplatten und einige Singles aus der Zeit vor dem Krieg. Sie dokumentieren ihren Gesang und sind kaum mehr zu finden. Ihre neue CD mit traditionellen bosnischen Liedern bietet einen aktuellen Querschnitt durch ihr Schaffen. Es war eine der ersten CDs, die auf dem 2003 neu gegründeten Gramofon-Label erschienen ist, das sich neben der Pflege traditioneller und klassischer Musik vor allem mit Jazz und Pop aus dem unabhängigen Bereich von jungen einheimischen KünstlerInnen profiliert hat. Gramofon will mit ihren Produktionen einen Beitrag zur kulturellen Identitätsfindung leisten und zum gesellschaftlichen Wiederaufbau über die ethnischen Grenzen hinweg beitragen.
Zur Vorgeschichte des Gramofon-Labels gehört das Jazzfest Sarajevo, das seit 1997 stattfindet und diesen November die zehnte Ausgabe feiert. Dort wurde an einem internationalen Netzwerk gearbeitet, es wurden Kontakte geknüpft und Erfahrungen ausgetauscht. Der Aufbau des Labels geschah dann mit substanzieller Unterstützung durch das Schweizer Kulturprogramm Südosteuropa und Ukraine (SCP). Das von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und der Kulturstiftung Pro Helvetia gemeinsam betriebene Projekt leistet finanzielle Hilfe und vermittelt das notwendige Know-how. Pro Helvetia, die Gramofon als Mandat betreut, unterhält in Sarajevo ein Büro, das verschiedenste weitere kulturelle Projekte im ganzen Land unterstützt. Die auf drei Jahre befristete Unterstützung beläuft sich auf 217000 Franken und sollte dieses Jahr enden, wird aber um ein Jahr verlängert und mit zusätzlichen 42000 Franken alimentiert. Damit können die in dieser kurzen Zeit gut entwickelten Strukturen gefestigt und weiter ausgebaut werden. Sechzehn CD-Produktionen und die DVD «A Propos de Sarajevo» mit Ausschnitten aus den Jazzfesten 1999-2004 sind bisher erschienen.
CD als Luxusartikel
Edin Zubcevic, der Gramofon zusammen mit Dana Karavdic, Dragan Jakubovic und Alma Gojak betreibt, setzt neben den CD-Produktionen vor allem auf die parallel laufende Agentur und die Vertriebstätigkeit für Labels wie ECM, Enja, Intakt und andere. Nach dem Ende des Krieges haben sie mit dem Aufbau einer eigenen Infrastruktur begonnen und diese kontinuierlich ausgebaut. Unter dem Namen Gramofon bieten sie seit drei Jahren verschiedene Dienstleistungen an, haben ein Aufnahmestudio zur Verfügung und helfen bei CD-Produktionen und grafischen Problemen, ohne nach der Herkunft zu fragen. Mit dem Erlös aus der Organisation von Konzerten, Kongressen, Ausstellungen und Seminaren können sie riskantere CD-Produktionen aus dem unabhängigen Bereich mittragen. Mit staatlicher Hilfe ist - zumindest vorerst - nicht zu rechnen, meint Zubcevic und beurteilt dabei die Lage des Gramofon-Labels optimistischer als die Lage von Bosnien-Herzegowina allgemein. Es bleibt das Vertrauen auf die eigene Kraft, auf Fantasie, Improvisation und auf Unterstützung für einzelne Projekte, die von aussen kommt.
Buchhandlungen wie Buybooks in Sarajevo und Mostar haben dank der Initiative von Gramofon vor kurzem CDs ins Sortiment aufgenommen, und im Basar der Altstadt der bosnischen Hauptstadt findet sich sogar ein kleines CD-Geschäft mit einem ausgesuchten Sortiment. CDs sind aber weiterhin Luxusartikel in einem Land mit über vierzig Prozent Erwerbslosen. Die gängigen Hits von Madonna und Pink sind zudem als Schwarzpressungen bei Strassenhändlern zu einem Bruchteil des Ladenpreises erhältlich. Zubcevic versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, da sie über die feinmaschigsten Vertriebsstrukturen in Bosnien-Herzogewina verfügen. Er will die Gramofon-Produktionen unter die Leute bringen, aber nicht um jeden Preis.
Bananenstaat
Die CDs von Gramofon haben es einfacher, ins Ausland zu gelangen, als die MusikerInnen, die sie bespielen, meint Aida Cengic. Sie arbeitet zusammen mit Lejla Buzar für Pro Helvetia Sarajevo. Die MusikerInnen brauchen alle, sofern sie nicht auch einen kroatischen Pass besitzen, ein kostspieliges Visum, um ins Ausland reisen zu können. Und es gibt Bands, die man in der Schweiz gerne hören würde, das zeigen die Konzerte von Basheskia & Edward EQ und der Gruppe Zoster aus Mostar im CDA-Club von Sarajevo und ihre CDs, die bei Gramofon veröffentlicht wurden. Basheskia & Edward EQ erinnern vom Gestus her an Kraftwerk und Devo. Laptop, Gesang und Gitarre liefern einen maschinengetriebenen Sound, dazu werden Fragmente aus experimentellen Filmen rechts und links von der Bühne projiziert, und das modisch gekleidete junge Publikum tanzt entspannt auf dem leicht abfallenden Boden. Nach ihrem Set beginnt sich der Raum zu füllen. Die fünfköpfige Zoster um den Sänger Mario Knezovic hat ihr Publikum. Sie spielen Reggae, Ska und Rock, träumen von Frieden, Toleranz und Fortschritt. Mit «Majka Jamajka» landeten sie einen ersten Hit und doppelten mit «Banana Stejt» nach, der an den Calypso «Banana Boat Song» angelehnt ist, den Harry Belafonte in den fünfziger Jahren berühmt gemacht hat. Sie besingen hier, zum Teil in charmant brüchigem Englisch, den Bananenstaat, in dem sie leben. Deshalb sind sie aber, wie sie singen, noch lange keine «Banana Men».