Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03589.jsonl.gz/1224

Zeit für eine neue Währungsordnung?
-
David Milleker, Chefvolkswirt
In einer kürzlich gehaltenen Rede plädierte der noch amtierende Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, dafür, die Dominanz des US-Dollar als Weltleitwährung durch ein Bündel an Währungen abzulösen und wahlweise zu einer multipolaren Währungsordnung überzugehen. Oder dann alternativ eine Kryptowährung wie etwa Libra zu stützen, die sich an ein solches Bündel an Währungen anlehnt.
Eine Reihe von Gedanken, die Carney in seinem Vortrag anführt, sind nicht neu. Sie gehen zurück auf Robert Triffin, der die Zwänge einer Leitwährungsrolle im so genannte Triffin-Dilemma 1959 beschrieb. Neben dem eigenen Land muss der Rest der Welt ja auch mit Liquidität versorgt werden. Dazu gibt es grundsätzlich nur zwei Wege: Entweder muss die Geldschöpfung höher sein, als es den Bedürfnissen des Leitwährungslands selbst entspricht. Oder das Leitwährungsland muss ein permanentes (und wachsendes) Leistungsbilanzdefizit aufweisen. In welchem Ausmass dies der Fall ist, hängt davon ab, in welchem Verhältnis die heimische zur ausländischen Wirtschaftskraft aktuell steht bzw. wie sich dieses Verhältnis entwickelt.
Zu gross und zu verflochten
Carney ergänzt diese Betrachtung um weitere Argumente: Einmal begünstige das Streben nach Stabilität im die Leitwährung nutzenden Ausland die Heranbildung eines globalen Ersparnisüberschusses (etwa in Form der Akkumulation von Devisenreserven) und einen Nachfrageüberhang nach risikofreien Anlagen in der Referenzwährung. Zweitens führe die Globalisierung mit ihrer Vernetzung von Produktionsbeziehungen dazu, dass die nationalen Spielräume der Notenbanken für eine an nationalen Gegebenheiten orientierte Geldpolitik schrumpfen. Und drittens habe die US-Geldpolitik einen überproportional hohen Effekt auf die Wirtschaftslage im Rest der Welt. Oder kurz: Carneys wesentliches Argument ist, dass die Welt eigentlich zu gross und zu verflochten geworden ist, um sich auf eine einzige Weltwährung zu stützen.
Ökonomisch ist dieses Argument durchaus stichhaltig, wenn auch – siehe die ursprüngliche Entwicklung des Triffin-Dilemma vor sechzig Jahren – alles andere als neu. Das gilt auch für den Vorschlag, die Dominanz des US-Dollar durch ein Bündel an Währungen abzulösen, um den Anpassungsdruck zu lindern. So schuf der Internationale Währungsfonds 1967 als Reaktion auf die Dollar-Schwemme die Kunstwährung «Sonderziehungsrecht» (SDR). SDRs kamen allerdings nie über den Status einer Rechnungseinheit hinaus und spielen faktisch kaum eine Rolle.
Aufteilung in Blöcke?
Das durfte sich auf absehbare Zeit nicht ändern. Zu stark sind die Netzwerkeffekte, die zu einer Quasi-Monopolfunktion einer Leitwährung führen. Je mehr sie genutzt wird, desto grösser ist auch der Anreiz, sie zu nutzen. Es ist relativ unklar, ob die «Wahl» einer Reservewährungsrolle sich nun weitgehend nach rein ökonomischen oder vielmehr nach geopolitischen Gesichtspunkten richtet. Siehe etwa hierzu die wirtschaftshistorische Einwertung von Eichengreen. Was auch immer der Treiber hinter der Wahl einer Weltleitwährung ist: Eine multipolare internationale Währungsordnung scheint bestenfalls dann plausibel, wenn sich auch die Welt(wirtschaft) in Blöcke aufteilt. Etwa in eine US-amerikanische und eine chinesische Einflusssphäre, die dann jeweils ihre eigenen Leitwährungen haben.