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Was motiviert KomponistInnen Neuer Musik, die meist nur eingeweihte HörerInnen erreichen? Hat das Weltgeschehen einen Einfluss auf ihre Arbeit? Der Komponist und Saxofonist Christoph Gallio hat KollegInnen befragt.
Christoph Gallios Motivation für die zwanzig Interviews mit KomponistInnen, die er im Rahmen seines Masterstudiengangs in Transdisziplinarität an der Zürcher Hochschule der Künste führte, waren unter anderem die jüngsten Revolutionen in Nordafrika. Mitschnitte aus den Gesprächen hat er für die Performance «Transform» aufbereitet, die nun in Zürich präsentiert wird. Aufgeführt werden auch die Zwölf-Sekunden-Miniaturen, die seine GesprächspartnerInnen für ihn komponiert haben. «Transform» führt Gallios Projekt «soziale Musik» von 2010 fort und ist ein Experiment, das simultan und paritätisch die drei Ebenen Information, Darbietung und Befragung zu Musik verschmilzt.
Dieter Schnebel: Optimist mit Trauerflor
WOZ: Kann Musik politisch etwas bewirken?
Dieter Schnebel: Wie mein verstorbener Freund Heinz-Klaus Metzger sagte, liegt das Dilemma aller politischen Musik darin, dass Noten weder kommunistisch noch katholisch sind. Musik vermittelt per se keine sprachlichen Inhalte. Es gibt aber durchaus Stücke, bei denen ein unmittelbarer politischer Drive durchkommt. Zum Beispiel beim «Solidaritätslied» von Hanns Eisler oder beim chilenischen Revolutionslied «El pueblo unido». Musik ist ein Medium, das Gefühle transportiert, die sich unmittelbar ausdrücken. Sie kann die Begeisterung für politische Bewegungen genauso fördern wie die Emotionen während eines Fussballspiels.
Verstehen Sie sich als politischer Komponist?
Mir scheint alles, was ich mache, politisch zu sein. In meinem Stück «Glossolalie» von 1961 kommen 43 Sprachen klanglich zur Geltung, und damit ergeben sich Bezüge zur damaligen Welt und ihren Problemen. Man hört Passagen von Stammtischgesprächen, oder es wird «13. August Berlin» ins Publikum hinaus geschrien, das Datum des Berliner Mauerbaus. Solche politischen Bezüge findet man in fast allen meiner Stücke, die nicht gerade in die Kategorie gehören, die man mit «absoluter Musik» bezeichnet, also etwa Streichquartette.
Erkennen Sie in der Neuen Musik von heute politische Inhalte?
Soweit ich das beurteilen kann, ist sie grösstenteils völlig apolitisch. Das liegt wohl an unserer Zeit. Von den Worthülsen und Gemeinplätzen unserer Politiker geht kein Impetus und erst recht keine Begeisterung aus. Wie viele andere Junge wissen die heutigen jungen Komponisten zudem nicht, wo sie unterkommen sollen. Ihre Arbeit wird im Unterschied zur Arbeit von Musiklehrern oder Orchestermusikern nicht bezahlt. So hangeln sie sich von Stipendium zu Stipendium und sind doch hauptsächlich daran interessiert, sich selbst auszudrücken.
Woran arbeiten Sie zurzeit?
An einer Komposition mit dem Arbeitstitel «Utopien». Sie handelt von der Herstellung einer idealen Welt, also von Versuchen, etwas Unmögliches möglich zu machen, die ja in der Regel zum Scheitern verurteilt sind. Aber ich denke beim Komponieren nicht an Kommunisten oder Christen oder an ein Publikum, das an klassischer Musik interessiert ist. Ich komponiere für alle.
Das gelingt?
Natürlich nicht, denn diese Wunschvorstellung ist selbst eine Utopie. Musik verstehen ist auch ein soziales Phänomen. Ich habe das in den sechziger Jahren erlebt, als ich von einer Unesco-Platte mit tibetanischer Musik so schockiert war wie beim ersten Hören von Arnold Schönberg. Wir Europäer hören Musik anders. Das gute alte Europa wird unwichtiger werden – man denke etwa an den sich rasant entwickelnden Kulturraum Asien.
Braucht es neue Strategien, um mehr Menschen für Neue Musik zu begeistern?
Anspruchsvolle Musik hat zu Beginn immer nur ein kleines Publikum erreicht. Selbst Beethoven musste sich für seine ersten Sinfonien ein Orchester mieten. Wenn Kunst aber etwas taugt, kommt sie irgendwann zutage. Ich bin durchaus optimistisch, freilich im Wissen um einen Satz des von mir sehr verehrten Philosophen Ernst Bloch: «Ich bin Optimist, aber mit Trauerflor.»
Edu Haubensack: Die Kehrseite der Medaille
WOZ: Sie haben sich für die Rote Fabrik in Zürich engagiert und die Konzertreihe «FabrikKomposition» mitbegründet. Hat sich dieses politische Engagement in Ihren Kompositionen widergespiegelt?
Edu Haubensack: Kulturpolitisch schon, aber ich habe keine direkt politische Musik gemacht. Ich war Teil der Bewegung, befand mich aber zwischen den Stühlen: zu jung für die Achtundsechziger und zu alt für die Jugend der achtziger Jahre. Wir veranstalteten Konzerte mit dem damals noch unbekannten Morton Feldman und haben Alvin Lucier in die Schweiz eingeladen. Heute bin ich an einem anderen Ort und habe andere Aufgaben.
Welche?
Mitte der achtziger Jahre sind für mich meine Forschungen im mikrotonalen Bereich zentral geworden. Meine Interessen in diesem weitläufigen Gebiet haben vor allem mit meinen Vorstellungen zu tun, wie Musik erklingen könnte in anderen, selbst gewählten Tonsystemen. Ich denke nicht, dass es dabei direkte Verbindungen zum politischen Weltgeschehen gibt. Indirekte vielleicht, aber darüber weiss man eigentlich wenig.
Was treibt Sie an, Klänge zu organisieren?
Ich habe früh das Komponieren gewählt als tägliche Auseinandersetzung und bin ständig an neuen musikalischen Fragen interessiert. Als ich siebzehn oder achtzehn Jahre alt war, fragte mich jemand aus dem Umfeld meiner Familie, was ich denn werden wolle. Die Musik oder das Theater seien meine Optionen, antwortete ich. Wenn es Musik sein soll, sagte der andere, solle ich mir unbedingt Schönberg anhören, was ich sogleich in einem Schallplattengeschäft tat. Als ob ich jede Note verstanden hätte, erschien mir sein Beginn des Violinkonzerts. Später kam dann Schönbergs Harmonielehre dazu, an der ich autodidaktisch zu arbeiten begann. Der Virus Komponieren hat mich bis heute nicht losgelassen.
Haben Sie als Komponist ein Zielpublikum?
Nein, das ist eine abwegige Vorstellung, denn jedes Publikum ist unterschiedlich zusammengesetzt. Um meine Musik zu verstehen, braucht es Neugier und Interesse.
Was gäbe es für Strategien, neues Publikum anzusprechen?
In Zürich ist die Situation unbefriedigend, es fehlt ein guter, zentral gelegener Konzertraum für die zeitgenössische und die klassische Musik. Ein mittelgrosser Raum mit guter Akustik und einem angenehmen Ambiente, wo man sich treffen kann. Obwohl ich Off-off-Orte mit einem breiten kulturellen Angebot gerne besuche, braucht es einen Konzertsaal mit einem Heimpublikum.
Kann man als Komponist Karriere machen wie ein Banker?
Selbstverständlich, aber ohne das grosse, teilweise schmutzige Geld. Einige Jungkomponisten gehen wie Raketen ab und werden überall aufgeführt. Sie schliessen sich weltweit vernetzten klassischen Zirkeln an, die sind. Für eine solchen Karriere braucht es sehr viel Fleiss und Virtuosität im Umgang mit Medien und ein Gespür für den momentanen Mainstream. Im Moment laufen drei, vier Komponisten in Europa auf dieser Schiene, bringen aber aus meiner Sicht keine interessanten Resultate. Das ist die Kehrseite der Medaille.
Annette Schmucki: Die Schönheit der Stolpersteine
WOZ: Sie spielten mit dreizehn im Keller in einer Punkband Gitarre. War das der Beginn Ihrer Komponistenlaufbahn?
Annette Schmucki: Nun, es fiel mir schwer, mich für einen Weg zu entscheiden. Ich gehörte nie wirklich einer Szene an. Als Kind habe ich Lieder gemacht, einige Romane geschrieben und davon geträumt, Rockstar zu sein. Auch Schauspielerin wär ich gern geworden, wofür man mich jedoch als zu introvertiert befand. Als ich dann Gitarre studierte, wurde mir klar, dass mich mehr das Erfinden der Musik als deren sportliche Interpretation interessierte. Hier begegnete ich meinem ersten Kompositionslehrer Cornelius Schwehr.
Hat Ihre Musik politische Kraft, kann sie etwas verändern?
Das Politische der Musik kann nur in der Musik selber wohnen. In der Art, welche Töne, Klänge, Geräusche, auch Wörter ich zur Zusammenarbeit auffordere, wie ich mich musikalisch in der Zeit bewege, was ich Instrumenten und deren Interpretinnen und Interpreten zumute. In meinen Stücken gibt es ausschliesslich solistische Stimmen, immer von den Möglichkeiten, Grenzen, Rändern des jeweiligen Instruments aus gedacht. Ich habe noch nie für Orchester geschrieben. Ja, ich glaube, meine Musik verändert die Welt, weil ich keine Maschine bediene, sondern ein ungeöltes, fragiles Gefährt für holprige Wege erfinde, an dessen In-Gang-Kommen viele Ecken und Enden beteiligt sind – auch die Zuhörer, indem sie sich auf eine abenteuerliche Mitreise einlassen.
Haben Sie ein Zielpublikum?
Ich stelle mir beim Komponieren nie ein Publikum vor. Ich mag eine gemischte Zuhörerschaft. Leute mit offenen Ohren freuen mich immer, denn Musik soll nicht einlullen, sondern aufhorchen lassen, wie schon Hanns Eisler sagte. Jüngst habe ich erstmals für Kinder geschrieben; ein Gitarrenquartett. Ich habe gezögert, weil ich keine Kompromisse mag. Trotzdem soll es spielbar sein und Spass machen. Die Kinder führten das Stück an die zwanzig Mal auf. Es wurde ihr Hit, obschon es neuste Musik ist. Ihr Engagement übertrug sich so gut, dass auch Grossmütter und kleine Brüder das Stück toll fanden.
Das dürfte an Festivals für Neue Musik wohl kaum der Fall sein.
Ich kann mich nicht beklagen, aber ich fühle mich an solchen Anlässen nicht immer wohl. Meine Musik hat da den Status einer Exotin, die man sich alle drei Jahre gönnt. Ein Stolpersteinchen zwischen all der eingemitteten Neuen Musik ist chic und tut nicht weh.
Es darf mich nicht zu sehr kümmern. Mich interessiert die Schönheit der Stolpersteine. Und das Stolpern, der freie Fall, die Landung, hart oder weich, in unbekanntem Gebiet. Gerade bin ich dabei, zu fallen, neue Wege einzuschlagen.
In welche Richtung?
Wir haben eine Band gegründet, eine experimentelle Samplercombo, die Songs entstehen mündlich und aus dem Moment, sind kilometerlang und unverfroren sperrig. Und es werden andere Orte bespielt als ein Konzertsaal. Ich schreibe auch Texte als Musik: Musik, welche existiert, ohne zu erklingen. Zwischen zwei Buchdeckeln. Oder an der Wand. Zudem faszinieren mich Interventionen ohne bezeichnetes Publikum und ohne bezeichnete Künstler und Kunstobjekte: Langzeitperformances, die eher sich wandelnden Landkarten gleichen oder sich wandelnden Löchern in der Zeit; Arbeit an den Abschrankungen zwischen Genres, Rollen, Gültigkeiten.
Dieter Schnebel, geboren 1930 in Lahr, lebt in Berlin. Edu Haubensack, geboren 1954 in Helsinki, lebt in Zürich. Annette Schmucki, geboren 1968 in Zürich, lebt in Cormoret.
«Transform» mit Christoph Gallio (Sopransaxofon, Zuspielband), Tobias Gerber (Sopransaxofon), René Peier (Schauspiel), Raimund Vogtenhuber (Sampling), Andres Bosshard (Mix) und Jörg Schellenberg (Licht) sowie Ausschnitten aus den Interviews mit den KomponistInnen. Zürich, Vortragssaal ZHdK (Museum für Gestaltung), Sa, 10. Dezember, 20 Uhr. Eintritt frei.