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Schwerpunkt
Kirchenglocken
von Kuno Schmid
Wenn alle Gottesdienste und Veranstaltungen abgesagt sind, bleiben die Kirchenglocken ein starkes Zeichen der Verbundenheit. Trotz Corona-Massnahmen läuten sie den Sonntag ein und bilden die Klangsilhouette von Dörfern und Städten. Sie geben Orientierung im Tages- und Wochenverlauf, gliedern die geschenkte Zeit und laden ein, über die Zeit hinaus innezuhalten und nachzudenken.
Die Kirchenglocken laden vornehmlich zum Gottesdienst ein. Weil keine Gottesdienste stattfinden, bleiben sie oft stumm. Sie läuten jedoch auch regelmässig zu bestimmten Tageszeiten und haben einen Signalcharakter bei besonderen Ereignissen, beispielsweise wenn sie vor Unwetter warnen, einen Todesfall verkünden oder den Frieden ausrufen.
Tagesrhythmus
Zuerst wurden Glocken in Klöstern verwendet, um die Mönche oder Nonnen mehrmals täglich zum gemeinsamen Gebet zusammenzurufen. An den «grossen» Stundengebeten am Morgen (Laudes) und am Abend (Vesper) konnten auch die Menschen ausserhalb des Klosters teilnehmen. Türme und grössere Glocken machten es möglich, dass das Glockenläuten weitherum gehört wurde. Im Kloster drinnen wurden im Verlaufe der Woche oder des Monats alle 150 biblischen Psalmen gelesen oder gesungen, zusammen mit Schriftlesungen, Hymnen und dem Vaterunser. Den Leuten, die nicht lesen konnten, wurde empfohlen, anstelle jedes Psalms ein Ave-Maria zu beten. Aus dieser Praxis entstand das Rosenkranzgebet.
Betzeitläuten
Dieses Betzeitläuten gibt es bis heute. Weil das Ave-Maria seit der frühen Neuzeit in das Angelusgebet einbettet wurde, wird das Glockenläuten auch Angelusläuten genannt:
Angelus Domini nuntiavit Mariae et concepit de Spiritu Sancto. Ave Maria …
Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft und sie empfing vom Heiligen Geist. Gegrüsst seist du Maria …
Am Morgen, am Mittag und am Abend lädt das Betzeitläuten ein, den Alltag für einen Moment des Innehaltens und des Gebets zu unterbrechen. Diese täglichen Gebete gehören auch zum Judentum und zum Islam. Die Muslime werden nicht durch Glocken, sondern durch den Gebetsruf des Muezzins fünfmal täglich zum Gebet gerufen.
Stundenschlag
Weil die Menschen die Uhrzeit immer genauer wissen wollten, genügte die Orientierung am Betzeitläuten immer weniger. Es kamen Turmuhren dazu, und die Glocken verbreiteten die Uhrzeit mit ihrem Stundenschlag. Heute wird die Uhrzeit auf Armbanduhren oder am Handy angezeigt. Manche beachten den Glockenschlag kaum und nehmen ihn erst wahr, wenn er fehlt. Wenn die Glocken nicht mehr läuten, legt sich eine bedrückende Stille über das Land. Es ergibt eine Karfreitagsstimmung, wie zwischen dem letzten Läuten am Hohen Donnerstag und dem ersten Läuten zum Gloria der Osternacht.
Interview mit Daniel Kilchenmann
Die Glocken von Selzach
Daniel Kilchenmann ist Sakristan in Selzach. Er stellt im Interview die Glocken und das Kirchenläuten der Pfarrkirche Selzach vor:
Daniel Kilchenmann: Seit den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts besitzt unsere Pfarrei ein wunderbares Geläut, welches mehrmals am Tag zum Gebet einlädt. 1906 beschloss man, das alte Geläut zu ersetzen und neue Glocken giessen zu lassen. Initiant war Adolf Schläfli. Als Besitzer der örtlichen Uhrenfabrik, Kantonsrat und Gemeindeammann war er eine prägende Persönlichkeit für das Dorf. Er war auch Urheber der über die Landesgrenzen hinaus bekannten Selzacher Passionsspiele, die viele Jahre aufgeführt wurden. Am 10. Dezember 1922 wurden die ersten fünf Glocken geweiht. Zusammen wogen sie rund 4.5 Tonnen. Ein halbes Jahr später, am 31. Mai 1923, kam die grosse Glocke hinzu. Diese mächtige Glocke wiegt alleine rund 3.5 Tonnen und hängt, als Besonderheit, über den zuvor geweihten Glocken, direkt hinter dem Zifferblatt der Turmuhr. Die Glocken wurden von der Firma Rüetschi in Aarau gegossen.
Wie lassen sich die Selzacher Glocken charakterisieren?
Die grösste Glocke ist die Kreuzglocke. Sie wiegt 3438 kg und ist auf den Ton B gestimmt. Die zweite ist die Dreifaltigkeitsglocke, 2052 kg schwer und auf Des gestimmt. Es folgen die Herz-Jesu-Glocke (1057 kg in F) und die Mutter-Gottes-Glocke (656 kg in As). Die Kleinen heissen Josefsglocke (429 kg in B) und Annaglocke (268 kg in Des). Die Herz-Jesu-Glocke trägt die Inschrift «Göttliches Herz Jesu – Bekehre die Sünder – Komme zu Hilfe den Sterbenden – Befreie die armen Seelen im Fegefeuer».
Wann werden die Glocken geläutet?
Traditionell läuten die Kirchenglocken vor dem Gottesdienst, um die Gemeinde in die Kirche zusammenzurufen. Ebenso wird für Taufen, Hochzeiten, Bestattungen und für andere Feiern geläutet. 14 Minuten vor Beginn des Gottesdienstes wird «zusammengeläutet». Unabhängig von einem Gottesdienst werden der Sonntag und die Hochfeste «eingeläutet». Am Vortag wird um 14:00 Uhr während 10 Minuten mit allen 6 Glocken geläutet. Ein besonderes Geläut gibt es zum Jahreswechsel: An Silvester wird von 23:47 bis 23:58 Uhr das alte Jahr mit allen Glocken ausgeläutet, wobei die Herz-Jesu-Glocke zum Schluss 3 Minuten ganz alleine erklingen darf. Nach dem mitternächtlichen Stundenschlag wird das neue Jahr während 11 Minuten mittels Gesamtgeläute willkommen geheissen.
Gibt es in Selzach auch das Betzeitläuten?
Es gibt bei uns das sogenannte Angelusläuten. Um 06:00 Uhr, 11:00 Uhr und um 20:00 Uhr wird die Dreifaltigkeitsglocke während 3 Minuten und anschliessend die kleinere Josefsglocke während 2 Minuten geläutet.
Wird ein Todesfall auch mit den Kirchenglocken angezeigt?
Nach Bekanntwerden eines Todesfalls in unserer Gemeinde wird folgendermassen geläutet: Bei einem Mann ertönt die Dreifaltigkeitsglocke dreimal jeweils 2 Minuten. Beklagen wir den Tod einer Frau, läutet die Herz-Jesu-Glocke zweimal jeweils 3 Minuten. Beim Tod eines Kindes erklingt die Josefsglocke während 6 Minuten.
Der Selzacher Kirchturm hat ein Zifferblatt, auf dem man von weit her die Uhrzeit ablesen kann. Ist diese Uhrzeit auch hörbar?
Unsere Glocken haben auch eine profane Aufgabe. Mit dem Stundenschlag geben sie in unserem Dorf zur Tages- und Nachtzeit den Ton an. Jede Viertelstunde ertönen die drei kleinsten Glocken als Dreiklang, jeweils ein-, zwei-, drei- oder viermal. Zu jeder vollen Stunde erklingt zudem zweimal der Stundenschlag, zuerst mit den grossen Glocken 2 und 3 als Zweiklang und anschliessend nochmals mit der grössten, der Kreuzglocke.
Wie werden die Glocken zum Schwingen gebracht?
Bevor im Jahre 1942 die Glocken mit Motoren versehen wurden und das Geläut somit elektrisch betrieben werden konnte, wurden sie von Hand mittels Seilzugs geläutet. Heute verfügen wir über einen Läut-Computer (Apollo III), der als zentrale Schaltstelle für alle sechs Glocken und das Uhrschlagwerk der Turmuhr dient. Die Glocken können auch über YouTube digital aus der Ferne gehört werden. (Link zum Youtube-Video)
Freuen sich alle am Selzacher Glockenklang oder gibt es auch Reklamationen?
Zurzeit sind mir keine Diskussionen oder Beschwerden bezüglich unseres Geläutes bekannt. Unsere Glocken sind in der Gemeinde und der Bevölkerung verankert und geschätzt. Diese Tatsache konnte ich vermehrt feststellen, als im vergangenen Jahr infolge der Renovation des Kirchturmes und der Revision der Glocken diese beinahe ein Jahr lang schwiegen. Sie wurden regelrecht vermisst. Als die Glocken endlich wieder über den Dächern des Dorfes erklangen, waren die Rückmeldungen direkt ergreifend.
Daniel Kilchenmann ist seit 2019 Sakristan in Selzach. Im Februar 2020 hat er erfolgreich die Ausbildung an der Sakristanenschule Einsiedeln abgeschlossen. Die gastfreundliche Vorbereitung und Gestaltung von Feiern und die Begegnung mit unterschiedlichen Menschen kennt er bereits bestens aus seiner früheren Tätigkeit als Leiter von Hotels und Gaststätten.