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Begegnungen auf dem Gandhi Square Neue Wege Nr. 6 Juni 2016
Die Main Street war einst die Hauptader Johannesburgs, als nach der Entdeckung der reichhaltigen Goldadern im Untergrund 1886 die Stadt aus dem Boden gestampft wurde. Aufwändig gebaute und kunstvoll verzierte Hochhäuser entlang der Strasse zeugen vom enormen Goldreichtum, den zahllose Arbeiter im Verlauf der Jahrzehnte aus der Tiefe heraufgearbeitet haben. Reich sind dadurch aber nicht sie, sondern andere geworden. Und bis heute sind in Südafrika Einkommen und Vermögen so ungleich verteilt wie kaum sonst auf der Welt. Seit der demokratischen Wende 1994 sind auch zahlreiche Schwarze sehr vermögend geworden und es hat sich eine schwarze Mittelschicht mit höherer Ausbildung, eigenem Auto und Haus gebildet.
An der Main Street haben die Minengiganten BHP-Billiton, Anglo Platinum, Anglo Gold und Gold Fields, sowie die Minenkammer ihren Sitz. In der gepflegten Umgebung ist man nicht nur geografisch, sondern auch mental meilenweit entfernt von den Abbaugebieten, wo die Bergarbeiter auch heutzutage unter schwierigen Bedingungen leben und Gold und Platin fördern. Dennoch kommt mir Marikana, der Bergwerkort von Lonmin, einem der weltgrössten Platinproduzenten, in den Sinn, anderthalb Autostunden von Johannesburg entfernt. Dort wurden am 16. August 2012 34 Minenarbeiter bei einem Polizeieinsatz im Kugelhagel der Polizisten getötet und 78 weitere verletzt wurden. Marikana ist der Tiefpunkt des demokratischen Südafrika.
Die Main Street führt zum Gandhi-Square. Der ist jetzt für Privatfahrzeuge gesperrt und ein Knotenpunkt vieler Buslinien. Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei, alle dunkelhäutig, und besteigen die Busse, die in stetem Rhythmus an- und abfahren. Die Stimmung inmitten all der Leute ist friedlich und fern der Gedanke, dass in Südafrika die Kriminalität sehr hoch ist, dass Verbrecherbanden die Townships terrorisieren und deren Bewohner immer mal wieder Einbrecher, Kriminelle und Ausländer lynchen. Ich setze mich auf eine Bank beim Gandhi-Denkmal. Als junger Anwalt hatte der Inder Gandhi in Südafrika die rassistische Behandlung durch Weisse am eigenen Leib erfahren und danach gegen die Diskriminierung der indischen Bevölkerung in Südafrika gekämpft. 2002 errichteten die Behörden Gandhis Denkmal und tauften den Platz mit seinem Namen. Zwei junge Frauen setzen sich neben mich. Nach einer kurzen Weile erbeten sie sich die Zeitungen, die ich dabei habe. Ich bin überrascht, weil in Südafrika nur wenige, und kaum junge Leute Zeitungen lesen. Die beiden Frauen lesen sie auch gar nicht, sondern blättern sie rasch durch. Sie suchten Stelleninserate, entgegnen sie auf meine entsprechende Frage, könnten aber nichts Passendes entdecken. Es sei für sie schwierig, eine Stelle zu finden. Sie haben die Sekundarschule absolviert und seither immer nur befristet gejobbt, sagen sie, als Büroangestellte, aber auch in Restaurants und Cafés. Nach offizieller Statistik hat rund ein Viertel aller Arbeitsfähigen Südafrikas keine Stelle. Tatsächlich sind es weit mehr.
Als die Frauen wieder weg sind, setzt sich eine ältere Frau neben mich. Wir grüssen uns. Sie trägt die weissen Ohrhörer ihres Handys und ist ins Hören vertieft. Doch es ist nicht Musik, was sie in Bann hält, sondern ein Rugby-Match. Sie verfolge ihn live, sagt sie, sie sei ein Rugby-Fan, was für eine Schwarze ungewöhnlich ist, und will mir, da ich davon keine Ahnung habe, auch gleich die Regeln erklären. Sie heisst Thembi Mapanthe und reinigt unter der Woche schon drei Jahrzehnte lang Büros vom Abend bis in die späte Nacht hinein. Sie arbeite mit Kolleginnen im Team, das sei gut, sie hätten schon wiederholt gemeinsam zu einem besseren Arbeitgeber gewechselt. Seit einigen Jahren liege ihr Arbeitsort in Randburg im Westen von Johannesburg, weit entfernt von ihrem Wohnort Freedom Park im Süden von Pretoria. Die Busfahrt via Gandhi-Square, wo sie umsteige, dauere mindestens anderthalb Stunden, oft mehr, denn heutzutage könnten sich immer mehr Leute Autos leisten und die Autobahnen seien im Stossverkehr heillos verstopft. Die 50Jährige sieht ihre Lage positiv. „Ich muss noch 10 Jahre arbeiten, bis ich pensioniert werde. Dann ziehe ich wieder nach Port Elizabeth. Ich stamme von dort. Port Elizabeth boomt so wie Johannesburg!“ Das ist übertrieben, trotz der Fahrzeug-Montagewerke von VW-Audi, General Motors, DaimlerChrysler in Port Elizabeth und East London mit ihren vielen Arbeitsplätzen. Thembi Mapanthes Zuversicht schmälert das nicht. Und sie macht freimütig ein Bekenntnis, das mich sehr erstaunt. Ihre Tochter sei jetzt über 20 und habe sich in den Kopf gesetzt, Journalistin zu werden. Dafür sei sie jetzt aber selber verantwortlich. Sie habe als Mutter bisher alleine für die Tochter gesorgt, ihr Mann habe sich schon lange aus dem Staub gemacht. Jetzt sei sie froh, nicht mehr für ihre Tochter sorgen zu müssen. «Ich will jetzt auch etwas vom Leben haben», sagt Thembi Mapanthe. « Ich ‚verbrenne‘, was ich verdiene.» Und erläutert bereitwillig, was das heisst: «Ich leiste mir etwas, ich gehe ins Kino, ins Restaurant.»