Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03230.jsonl.gz/835

«Die Baronin ist da!» - Die Stimme der Chefsekretärin zitterte leicht. Es war nicht das Einzige, das vor der Baronin zitterte.
Anwalt Geier hievte sich aus seinem Stuhl: «Liebe, gnädige Frau Alles bereit wie jedes Jahr!»
Die Gräfin wurde in ein Zimmerchen geführt. Ein junges Mädchen schleppte einen grossen Goldspiegel an:
«Ich bin Lara», sagte sie zur Baronin.
Diese nickte. Winkte Geier aus dem Raum. Und setzte sich vor den Spiegel.
Zum ersten Mal lächelte die Baronin jetzt: «Die haben dir erzählt, da kommt jedes Jahr diese schrullige Adelstante aus München und wirft Schmuckstücke an ihren welken Hals...» Die Baronin schälte zwei Diamantencolliers aus einem Samtetui: «Waren Sie mal verliebt, Lara?» Das Mädchen flüsterte: «...Ist lange her zwei Jahre...»
Die Baronin lachte heiser: «Die erste Liebe hinterlässt Spuren. Karl war mein Erster. Er kellnerte. Wir mussten uns heimlich treffen...»
Ihre Augen gingen vom Spiegel: «Ich war glücklich. Eines Tages schenkte er mir ein kleines Goldkettchen mit einem Herzen - s e i n e m Herzen, wie er sagte. Dann hat er mich verlassen...»
Die alte Stimme brach: «Später hat er mir geschrieben - er habe Angst vor dieser Liebe gehabt, Angst, mir nichts bieten zu können...»
Die Baronin flüsterte nun: «Liebe ist nicht nichts...»
IM KLEINEN RAUM WAR ES STILL.
Die Alte hielt ein Collier nach dem andern an ihren Hals. «...Ich habe nie mehr lieben können. Aber ich aber mir meine Liebe von meinen fünf Ehemännern teuer bezahlen lassen.
SIE HABEN MICH WIE EINE WEIHNACHTSTANNE MIT DIESEM GLITTER BEHÄNGT!»
Lara lächelte: «Zumindest sind Sie e i n m a l glücklich gewesen. Viele Menschen haben überhaupt nie geliebt...»
Die Baronin flüsterte: «Schau mich an! Ein gesundheitliches Wrack. Der Arzt hat gesagt: Noch zwei Monate...»
Sie drückte auf einen Knopf. Anwalt Geier tauchte sofort auf. Die Baronin zeigte auf die Collierschachteln: «Alles versteigern lassen!»
Sie zögerte einen kurzen Augenblick. Dann lächelte sie: «Möchtest du dir als Erinnerung an dieses merkwürdige Treffen ein Collier aussuchen, Lara?...»
Das Mädchen zögerte: «Ich hätte gerne das mit dem goldenen Herzen gesehen...» Die Baronin nickte.
Langsam knöpfte sie ihre Bluse auf. Das goldene Kettchen schimmerte matt auf der welken Haut. Sie öffnete den Verschluss. Und legte den Schmuck in Laras Hand: «An einem jungen Hals sieht es netter aus!»
DREI MONATE SPÄTER WAR DIE BARONIN TOT.
Lara weinte. Sie war die Einzige.