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26. April 1986, 01:24 Uhr – Super-GAU in Block 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl. Eine Explosion liess den Reaktor und das Gebäude bersten. Radioaktives Material flog buchstäblich in die Luft.
Mein letzter Bericht aus Tschernobyl ist dem Fotografen Igor Kostin gewidmet. Er schoss das erste Bild vom havarierten Reaktor in Block 4 des AKW. Kostin wurde am 26. April 1986 beim Mittagessen in Kiew von einem befreundeten Helikopterpiloten kontaktiert mit der Nachricht, dass in Tschernobyl ein grösserer Unfall passiert sein soll. Offizielle Nachrichten vom Unfall gab es zu diesem Zeitpunkt und noch tagelang nicht. Kostin flog mit dem Piloten zum AKW und schoss aus der Luft die ersten Bilder- ohne Genehmigung. Er erzählte nachher, dass beide Kameras nach einer Serie von Bildern ihren Dienst versagten. Ebenso seien alle Filme durch die Strahlung überbelichtet worden und die Abzüge waren darum schwarz bis auf ein einziges Bild (siehe rechts). Er sandte das Bild seiner Agentur Novosti, die es aber auf Weisung von oben 5 Tage nicht veröffentlichte, mit der Begründung, es sei illegal aufgenommen worden.
Kostin und der Pilot blieben von der Strahlung mehr oder weniger unversehrt. Er starb mit 76 Jahren 2015 bei einem Autounfall in Kiew.
Das Bild zeigt das zerstörte Reaktorgebäude. Man sieht das offene Dach und das in die Luft gesprengte Material rund um das Gebäude. Wie später ermittelt wurde, war es eine Explosion infolge Überdruck und keine Explosion aufgrund einer unkontrollierten Kettenreaktion wie bei einer Atombombe. Da wäre der Schaden wile grösser und vom AKW nichts mehr übrig gewesen. Die Explosion wurde durch eine Fehlmanipulation des Personals herbeigeführt, begünstigt durch die Konstruktionsart des Reaktors (Siedewasser-Druckröhrenreaktor RBMK-1000).
Der Beton, der Graphit im Reaktor, Stahlteile und sonstiges Zeugs wurden in die Luft geschleudert und teilweise pulverisiert. Der Staub wurde vom Wind in 1500 Meter Höhe bis über Weissrussland nach Skandinavien und später nach Mitteleuropa getragen. Die grösseren Brocken fiel rund um das Gelände herunter, sie wurden in den ersten Tagen durch die Feuerwehr zusammengeräumt und in das offene Reaktorloch geschmissen. Dabei verstrahlten sich 28 Feuerwehrleute, die innert weniger Tage starben. Weitere Todesopfer aufgrund der Verstrahlung gab es nicht, obwohl total bis 500’000 Arbeiter, sog. «Liquidatoren», in den Jahren nach dem Desaster das Gelände weiträumig (in der 30km-Zone) von Fallout befreiten. Über die Spätopfer der Verstrahlung weiss man nicht viel, bzw., wurde nie etwas Offizielles bekannt. Inoffizielle Schätzungen gehen von 3’000 Betroffenen aus.
Rund 30 ehemalige Bewohnende von Tschernobyl sind nach der Evakuation der Stadt wieder zurückgekommen. Es sind Bewohner wie Valentina, die sich an dem für sie zugewiesenen Ort nie wohlfühlten und wieder zurückgingen. Illegal, denn das Wohnen in Tschernobyl ist verboten. Doch sie liessen sich nicht mehr vertreiben und erreichte, dass sie jetzt doch da bleiben dürfen, wo sie ein Leben lang gewohnt haben.
Tschernobyl – hier sind wir zu Besuch bei Valentina und Dana. Die 79-jährige Valentina ist in Tschernobyl geboren und hat bis zur Evakuation im April 1986 hier gewohnt. Nach dem Unfall wurden alle Einwohnenden in Camps, dann in neu erstellten Wohnsilos im Oblast Kiew (Kanton Kiew) neu angesiedelt. Valentina und ihr Mann sowie Kinder mussten aus ihrem Häuschen in ein «Appartement» in einer total fremden Gegend umziehen. Die meisten der Evakuierten akzeptierten ihre neuen Wohnverhältnisse, Valentina und mit ihr rund 30 TschernobylerInnen litten darunter und zogen nach einigen Jahren in ihre Stadt zurück. Man versuchte, die «renitenten» Zurückkehrer wieder zu vertreiben, setzte sich aber nicht durch. 2006 legalisierten die Behörden den Zustand, womit Valentina, deren Mann vor zehn Jahren an einem Herzinfarkt verstarb, mit ihrer tanzenden Hündin Dana nun ohne Angst vor der Wiedervertreibung ihren Lebensabend in ihrer Geburtsstadt verbringen kann.
Einfach ist das Leben in der gesperrten Stadt nicht. Es leben noch rund 700 Menschen in Tschernobyl, wo einst 14’000 Menschen wohnten. Sie gehören dem Militär an, der Miliz (Polizei), den Kontroll- und Sicherheitsdiensten und stellen Strom-, Gas- und Wasserversorgung sowie die Entsorgung sicher. Sie sind alle bei der Kraftwerksgesellschaft angestellt und werden alle 15 Tage abgelöst. Valentina lebt von 150 €Staatsrente pro Monat, zahlt keine Steuern und keinen Zins für das Haus. Sie versorgt sich weitestgehend selbst aus ihrem Garten. Wenn sie einkaufen gehen muss, muss sie sich einen Transport nach Kiew organisieren oder Nachbarn beauftragen. Die medizinische Versorgung ist sichergestellt und erst noch gratis. Die Daten über ihren Gesundheitszustand dienen wissenschaftlichen Zwecken.
Nach unserem Besuch wissen wir, warum die fast Achzigjährige kerngesund und keine Schäden vom Unfall davongetragen zu haben scheint: Wodka, selbstgebrannt.
Kurz nach der Evakuation der Dörfer und Städte in der Exclusion Zone wurde alle dort lebenden Haustiere getötet. Die Kühe und Schafe der Kolchosen, die Katzen und Hunde der Familien – erschossen und begraben. Heute gibt es wieder Hunde in Tschernobyl, es sind keine streunenden Hunde, sondern sie dienen wissenschaftlichen Zwecken.
Von manchen Tierschützern oder Hundehassern, ob sie je in Tschernobyl waren oder nicht, werden die Hunde herumlungernden Hunde als streunende Nachkommen der vor 32 Jahren zurückgelassenen Haushunde bezeichnet. Mit solchen Behauptungen lässt sich natürlich auch Geld scheffeln: Man lanciert in Europa eine Hilfsaktion für die «verlassenen», armen und kranken, grässlich strahlenden Tschernobyl-Hunde. Man wolle sie einsammeln, kastrieren, impfen und hochpäppeln. Der Aufruf verfängt und die TierliliebhaberInnen schieben artig Geld rüber.
Nur, es gibt nichts einzusammeln in Tschernobyl. Es gibt tatsächlich zahlreiche Hunde im Städtchen. Aber wo Menschen leben, gibt es immer auch Haustiere. In Tschernobyl leben und arbeiten ein paar hundert Menschen und die haben u.a. auch Hunde. Sie sind nicht angeleint und lungern halt herum. Sie leben nicht gefährlich weil es keinen grossen Verkehr auf den Strassen gibt. Sie sind alle wohlgenährt, gechippt (sichtbar an der Ohrplaquette), kastriert und geimpft. Sie sind vollkommen zahm und strahlen nicht mehr als jeder Mensch, der sich in Tschernobyl aufhält. Auch nützen sie der Wissenschaft als Versuchskaninchen, bzw. -hunde. Als das Gebiet in der 30km-Zone um das Kraftwerk ab dem 27. April 1986 evakuiert wurde, wurden alle Haustiere getötet, auch das Vieh der Bauern. Somit dürfte es nicht allzuviel bis keine Nachkommen der damaligen Hunde geben. Leider aber scheinen die Hunde ein aktives Nachtleben zu pflegen. Oder sie kommen ihren Pflichten als Schutzhunde nach. Jedenfalls ist es schwierig, im Hotel bei offenem Fenster zu schlafen.
«Tschernobyl» war zur Zeit des Reaktorunfalls in Block 4 noch nicht fertig gebaut. Geplant waren 6 Reaktorblöcke (andere Quellen sprechen von 10 Reaktoren), womit Tschernobyl zum grössten Kraftwerk der Sowjetunion werden sollte.
AKW Tschernobyl – Block 5, angeblich zu 85% erstellt. Die Baurbeiten wurden nach dem Unfall eingestellt. Erst mal, weil die Strahlung in den ersten Wochen viel zu hoch war um sich hier aufzuhalten. Dann aber wurde der Bau gestoppt, weil hier ein Reaktor des gleichen Typs wie in den Blöcken 1 bis 4 eingebaut werden sollte. Dieser Reaktortyp (Siedewasser-Druckröhren-Reaktor) hat neben gewissen Vorteilen (u.a. dass man damit auf einfache Weise waffenfähiges Plutonium anreichern hätte können) den offensichtlichen Nachteil, dass er bei fehlerhafter Bedienung beim Herunterfahren in die Luft fliegt (was nicht erst hätte bewiesen werden müssen). Er hat zudem kein Containment, was die Explosion zwar nicht verhindert hätte aber zumindest wäre (vermutlich) der Inhalt nicht nach aussen gedrungen.
In der Bildmitte ist das Reaktorgebäude, rechts davon die Maschinenhalle. Vorne sieht man das vorbereitete Fundament von Block 6. Dieser Teil des AKW steht etwa 500m entfernt von den Blöcken 1 bis 4 und hätte 1987 und 1990 in Betrieb gehen sollen. Weil auch hier alles leicht erhöht strahlt, kann die Ruine nicht einfach zerlegt und der Stahl wiederverwertet werden. Deshalb geschieht hier erst mal nichts und das seit 32 Jahren. Das zweite Bild zeigt den fast fertigen Kühlturm von Block 5. Die Blöcke 1 bis 4 wurden mit dem Wasser aus dem künstlichen See, der von mehreren Flüssen der Umgebung gespeist wurde, gekühlt. Für die Blöcke 5 und 6 waren Kühltürme vorgesehen, weil das Wasser des Sees für die Kühlung nicht mehr gereicht hätte und zu warm geworden wäre.
Die Justiz reagierte nach dem Unfall in Tschernobyl schnell. Die Schuldigen waren bald eruiert: Der Direktor und führende Ingenieure mussten das Desaster auf sich nehmen.
Der russische Ingenieur Viktor Bryukhanov war von 1979 bis 1986 Chef der Kernkraftwerkanlage, also von der Inbetriebnahme bis zum Unfall in Block 4. Sein Büro befand sich im Gebäude der Kraftwerksadministration auf dem Gelände der Anlage (im Bild rechts). Bryukhanov wurde in der Nacht der Explosion in seinem Prypjater Wohnhaus ziemlich schnell geweckt und er stand schon eine Stunde nach dem Unfall im Kommandoraum des Blocks 4. Wie viele andere dort sich Aufhaltenden wurde er zünftig verstrahlt, man spricht von einer 250-fachen Jahresdosis, was nicht unbedingt den sofortigen Tod bedeutet, aber ziemlich sicher Langzeitschäden (was dann auch zutraf für Bryukhanov).
Schon 1987, also nur ein Jahr nach dem Unfall, wurden Bryukhanov und fünf weitere führende Manager als die Schuldigen am Unfall zu Gefängnisstrafen verurteilt. Der Chef erhielt 10 Jahre, wovon er wegen seines sich verschlechternden Gesundheitszustands nur 5 Jahren absass. 2011 war der ehemalige Tschernobyl-Direktor 75, ob er heute noch lebt habe ich nicht herausgefunden.
Auf dem Bild sieht man im Hintergrund den 2017 gebauten Sarkophag über dem Block 4, davor die lange Maschinenhalle, die die Blöcke 1 bis 4 verband. Am Bürogebäude rechts hängt ein Kunstwerk, das einen Vogel als «friedliches Atom» darstellt . Die Wandskulptur wurde 1986 kurz vor dem Unfall montiert. Der Künstler erhielt sein Honorar leider nie, weil seine Rechnung im Chaos nach dem GAU wohl irgendwie verlorenging.
Das AKW Tschernobyl befindet sich heute im Rückbau. Der havarierte Block 4 wurde 2017 mit einem sogenannten Sarkophag überdeckt und komplett stillgelegt. Derweil haben die Vorbereitungen für den Rückbau der Blöcke 1 bis 3 längst begonnen.
Ein Bild das es nicht geben dürfte. Es ist ist nicht erlaubt, das AKW aus einer anderen als der von den Behörden vorgegebenen Perspektive zu fotografieren, deshalb habe ich dieses Pic aus dem fahrenden Bus gemacht. Man sieht hier die ganze Kraftwerksanlage mit den Blöcken 1 (rechts) bis 4. Auf Block 4 sieht man den Sarkophag der im letzten Sommer nach fast zehnjähriger Planungs- und Bauzeit über den havarierten Reaktor, der nach dem Unfall provisorisch mit viel Beton verschlossen wurde, geschoben wurde. Im geborstenen Reaktor brodelt immer noch ein Tel des nuklearen Kernbrennstoffs, von dem man nicht weiss, wieviel noch drin ist. Ein wesentlicher Teil des Brennstoffs sowie grössere Mengen des Graphitmoderators wurden ja in die Luft geschleudert und ist dabei zerbröselt. Der Staub kam dann als Fallout in der Umgebung und im weiteren Verlauf über ganz Mittel- und Nordeuropa wieder runter.Die Blöcke 1 bis 3, ein jeder mit etwa der gleichen Leistung wie das AKW Gösgen (950 MW) sind nacheinander, der letzte 2000, abgestellt worden und werden nun für den Rückbau vorbereitet. Die Reaktoren befinden sich in den schwarzen Gebäuden hinter der Maschinenhalle, also dem Generatorenraum im Vordergrund. Ganz vorne sieht man das Becken für den Kühlwassereinlauf. Dieses Becken ist Teil eines grösseren künstllichen See-Reservoirs, das seinerseits durch Zuläufe von Flüssen in der Umgebung, darunter der Dnjepr, gespiesen wird.
Die Strahlung in der Umgebung der Anlage ist nicht höher als sonstwo auf der Welt. Das heisst, man kann sich der Anlage gefahrlos nähern, es arbeiten ja noch ca. 3’000 Leute da drin. Die allerdings nach der Schicht aus der 30km-Zone raus müssen und ausserdem nach jeweils 15 Tagen abgelöst werden. Das heisst, wer hier arbeitet, hat stets 15 Tage à 8 Stunden Dienst, dann 15 Tage Ferien. Für diese Leute wurde ab 1986 ca. 200km östlich die neue Stadt Slawutytsch gebaut, wo heute etwa 25’000 Menschen leben.36’000 Tonnen Beton und Stahl, 250m Spannweite, 108m hoch, 1,5 Mia € Kosten (die die EU und 40 Staaten bezahlt haben). Das grösste bewegliche Bauwerk der Welt wurde nur 1x bewegt und zwar vom Ort, wo es gebaut wurde, zum Block 4, der havarierte, 300m weiter östlich. Er soll 100 Jahre halten, bei guter Pflege, und allen Unbill vom Reaktor, bzw. das was von ihm noch übrig ist, ab-, bzw. den Unbill, der aus ihm entweichen könnte, drin behalten. Natürlich wird das radioaktive Zeug, das da geschützt wird, noch ein paar hunderttausend Jahre weiterstrahlen, doch erst mal ist Ruh‘ für 100 Jahre, derweil man sich überlegen kann, wie es danach weitergeht.
Dies ist die Perspektive, von der aus man fotografieren darf. Näher lassen sie uns Touris nicht ran. Unsere Dosimeter registrieren hier keine übermässige Strahlung. Was unsere Gedanken anregt, ist eine andere Sache. Kein Ort, an dem man länger verweilen möchte.
In der Region um Tschernobyl (Oblast Kiev – Kanton Kiew) gab es vor dem GAU auch einige kleinere Dörfer. In der topfebenen Landschaft wurde Landwirtschaft betrieben – nach sowjetischer Art in Kolchosen bzw. Kollektivbetrieben.
Kopachi, Oblast Kiev (51°20’43.4″N 30°06’34.4″E) – hier sind wir auf dem Maschinenhof einer ehemaligen Kolchose (sozialistisches Landwirtschaftskollektiv). Natürlich wurden auch diese Betriebe wie alle Dörfer innerhalb der 30km-Zone im April 1986 geräumt. Von diesem Betrieb stehen heute nur noch die Mauern der Lagerhallen, Garagen und Ställe. Alle Bauten aus Holz wurden niedergerissen und vergraben. Das hat seinen Grund darin, dass Holz wie alle organischen Materialien, auch Erde, die radioaktiven Elemente (hier Cäsium 137) absorbiert. Das heisst, dass ein Getreidefeld (bzw. das Getreide) oder ein Baum noch jahrelang strahlen kann, auch wenn die Strasse daneben es nicht mehr tut, weil sie gereinigt wurde. Auch die Luft ist hier völlig strahlungsfrei. Die Radioaktivität kann sich akkumulieren, wie hier in dieser Milchkanne, in der sich nach dem Unfall viel radioaktiver Fallout angesammelt hatte. Ihr Inhalt strahlt daher mit höherer Energie als die Kanne selbst.
Man nennt diese Orte mit erhöhter Strahlung sinnigerweise «Hot Spots». Unsere Dosimeter beginnen in ihrer Nähe wie verrückt zu piepen und zeigen auf dem Display die Werte an, hier 0.67mSv, was etwa einem Drittel des Wertes entspricht, der man in Mitteleuropa auf natürliche Weise pro Jahr ausgesetzt ist. Das bedeutet noch keine extreme Exposition, es bedeutet einfach, dass wenn man hier drei Stunden neben der Kanne sitzen würde, ebensoviel Radioaktivität aufnehmen würde wie in Degersheim das ganze Jahr, was man, also ich, auch nach 25 Jahren noch überlebt.
Sofort nach dem Unfall wurde der Betrieb in den Kolchosen eingestellt, die Dörfer evakuiert. Die damaligen Getreidefelder und Weiden sind heute natürlich bewaldet. Der Natur hat die Bestrahlung durch den Fallout scheinbar nicht geschadet. Nur wo viel Schutt aus den Helikopterlasten fiel, starb der Wald ab («Red Forest» genannt, weil die Bäume durch die Strahlung rot wurden). Diese Zone wurde gerodet und neu angepflanzt. Heute steht auch da ein lichter Birkenwald und nichts weist auf irgendwelche Verseuchung hin. Auch die Fauna entwickelt sich in der Zone erfreulich und zudem ungehemmt, weil nicht gejagt werden darf. Es leben hier nebst allerlei Kleingetier und Vögel (u.A. Adler) auch Wölfe und Bären sowie eine Herde wilder Pferde. Natürlich wird die Entwicklung von Flora und Fauna kontinuierlich wissenschaftlich begleitet, wobei man bestimmte nicht überlebensfähige Mutationen festgestellt hat. Es rennen keine dreiäugigen Hasen herum und die Bäume wachsen nach wie vor nach oben und nicht seitwärts.
Das Hallen-Schwimmbad «Lazurny» war das grösste von drei Schwimmbädern in Prypjat. Es blieb nach der Evakuation der Stadt noch 10 Jahre für Mitarbeiter des AKW weiterhin geöffnet. In den Strassen erobert sich die Natur derweil ihren Anspruch zurück
Das Gebäude des Плавательный бассейн «Лазурный» – Swimming Pool Lazurny ist ein sowjetisches Standardgebäude (Typ 2043R-00-AR) für Schwimmbäder und wurde mit Wärme aus dem AKW fernbeheizt.
Rechts ein Bild aus dem Internet zur Zeit der Eröffnung. Die Uhr auf dem linken Bild (September 2018) zeigt exakt den Zeitpunkt des GAU’s im Block 4: 01:24 Uhr. Hier wird wohl ein Schelm seine Hände angelegt haben. Denn das Hallenbad wurde kurz nach dem GAU für das Personal («Liquidatoren») wieder in Betrieb genommen. 1996 wurde es aus sanitären Gründen endgültig geschlossen.

Derweil die Bauten in Prypjat vor sich hin verrotten und zerfallen, baut sich die Natur selbst zurück: Auf beiden Bildern sieht man eine der Hauptstrassen durch Prypjat, doch es liegen rund 40 Jahre dazwischen. Kaum zu glauben, was die Natur hier erreicht hat. Sie holt sich ihr Territorium einfach zurück. Die heutige Strasse (grosses Bild) wird nur zwecks Tourismus unterhalten. Katastrophentouristen sind die Einzigen, die hier noch verkehren, wären sie nicht, wäre nur noch Wald.
Prypjat wurde in den frühen 70erjahren auf dem Reissbrett skizziert und dann aus dem Boden gestampft. Sie sollte die schönste Atomstadt der Welt werden. Wie immer, damals, wenn die sowtischen Städteplaner etwas planten, planten sie grosszügig. Es wurden Prachtsalleen angelegt obwohl fast niemand ein Auto hatte. Und obwohl im real existierenden Kommunismus ja alle «gleich» waren, gab es Gleichere. Also solche, die in besseren und grosszügigeren Appartements an bevorzugterer Lage lebten und eben auch ein Auto hatten, bzw. denen der Antrag zur Anschaffung eines eigenen PKWs schneller stattgegeben wurde als anderen. Die «anderen», das Arbeitervolk, mussten den Zug zum Arbeitsplatz nehmen.
«Geisterstadt» – das trifft wohl für fast keine Stadt so zu wie für Prypjat im Norden der Ukraine. 1970 wurde dort das erste Fundament in Beton gegossen, 16 Jahre später wurde die Kleinstadt mit knapp 50’000 Einwohnenden innert 36 Stunden vollständig geräumt. Seither lebt kein einziger Mensch mehr da. Selbst die, die noch nach dem Rechten sehen, müssen jeden Abend raus aus dem Gelände.
Hier ein paar Fotos aus Prypjat’s Schulen, Kindergarten, Managerbüro, Sportanlagen, dem berühmten Freizeitpark. Auf den Bildern sieht es ziemlich wüst aus. Das kommt daher, dass im Laufe der Jahre sogenannte «Stalker» (aus dem Video-Game selben Namens, das in Prypjat spielt) die verlassene Stadt geplündert, alles irgendwie Verwertbare geklaut und den Rest zerstört haben. Dies obwohl das Betreten des Geländes ohne Bewilligung verboten ist und zudem nicht ungefährlich, da in der Umgebung – nicht in den Innenräumen – noch massiv radioaktiver Fallout herumliegt. Noch heute machen sich zahlreiche ukrainische Nachtbuben und Touristen (Sputnik) aus dem Ausland einen Spass daraus, nachts durch die Stadt zu streunen, um vielleicht doch noch etwas aus dem Nachlass der Einwohnenden zu finden.
Noch etwas zum Freizeitpark: Der «Парк культуры и» (Park für Kultur und Erholung) in einem Stadtteil im Norden Prypjats wurde 14 Jahre nach der Gründung der Stadt gebaut. Er sollte am 1. Mai 1986 eröffnet werden. Fünf Tage vorher, am 26. April, flog Block 4 des AKW Tschernobyl in die Luft und die Stadt Prypjat wurde evakuiert. Diese Vergnügungsbahnen (Ferriswhell, Karrussel, Schiffchenschaukel und Autoscooter) sind also sozusagen noch fabrikneu. Sie wären im Übrigen gratis zu benützen gewesen.
Der Park ist eine der am meisten radioaktiv verseuchten Zonen in der Stadt und zwar aufgrund des Umstands, dass die Helikopter, die den radiokativen Schutt von der Unfallstelle wegbrachten, hier drüberflogen. Weil es pressierte, waren die Ladungen nicht durchwegs sauber gesichert, so dass oft Material aus den Behältern fiel. Man kann hier Strahlenwerte von bis 25mSv/h messen, was schon ziemlich viel ist, bzw. lebensgefährlich. Diese Stellen sind jedoch den Guides bekannt und man wird darauf hingewiesen. Gehwege und Plätze sind im Park (wie in der ganzen Stadt) mehrmals dekontaminiert worden, so dass ein kurzer Aufenthalt oder das Durchgehen keine gesundheitlichen Schäden induzieren. Dennoch, das Durchstreifen des bizarren Parkts hinterlässt zutiefst zwiespältige Eindrücke.
Ziemlich beeindruckend auch das Video zu Pink Floyd’s «Marooned» aus dem Album «The Division Bell» (ab 2:29 Min.).
«Tschernobyl» (ukrainisch: «Chornobyl») ist das Synonym für das Atomkraftwerk, bzw. die Kernkarftwerksanlage am Dnjepr im Norden der Ukraine. Zurzeit der Planung und des Baubeginns gab es die Stadt Prypjat noch nicht. Es erhielt seinen Namen vom Fluss Prypjat, der in der Nähe fliesst.
Tschernobyl ist die nächste grössere Stadt (bzw. war, da heute fast unbewohnt), ca 20km südlich vom Standort der AKW’s entfernt. Die Anlage erhielt deshalb den Namen der Stadt (Чорнобильська атомна електростанція). Prypjat, nur 3 Kilometer von den AKW’s entfernt, wurde gleichzeitig mit dem Bau der Kraftwerke ab 1970 aus dem Boden gestampft. Es sind 6 Reaktorblöcke geplant gewesen, vier waren in Betrieb, als Block 4 explodierte. Block 5 und 6 waren zu 85% und 15% fertig. Block 1 bis 3 hat man auf Druck und mit viel Geld der EU nach und nach abgestellt, Block 3 als letzter im Jahr 2000. Block 4 ist, wie man weiss, sarkophagiert. Es brüten dort unter mehreren Metern Beton noch immer etwa 80% des radiokativen Kernmaterials und das wird wohl auch die nächsten ca. 10 Milliarden Jahre so bleiben.
Das Gebiet um die AKW-Anlage wurde nach dem Unfall weiträumig gesperrt (Chernobyl Eclusion Zone) gelegt. Innerhalb der Zone direkt um die Anlage (10-km-Zone/gelbe Umrandung auf der Karte unten) darf nicht gewohnt, wohl aber sich aufgehalten, gearbeitet oder besichtigt werden. Der Aufenthalt in dieser Zone ist auf 12 Stunden begrenzt. Prypjat, die Anlage selbst, ein paar (evakuierte) Dörfer und die Grenze zu Weissrussland liegen in dieser Zone. In der 30-km-Zone (orange Umrandung auf der Karte) darf man sich 15 Tage lang aufhalten, d.h. auch Ferien machen, wenn man das möchte. In dieser Zone liegt die Stadt Tschernobyl und die Radaranlage «Duga», die von der ehemaligen Sowetunion betrieben und am 26. April, am Tag des Unfalls, evakuiert worden ist. In der Stadt Tschernobyl leben trotz des Daueraufenthaltverbots etwa 30 ältere Menschen, die ursprünglich mit allen anderen evakuiert wurden, aber im Lauf der Jahre wieder zurückgekehrt sind. Der Zugang in die Zone wird restriktiv gehandhabt und kontrolliert. Beim Verlassen muss jeder Besuchende einen Detektor passieren. Danach darf man makabre Souvenirs kaufen, z.B. Tschernobyl-Glacé oder T-Shirts.