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Meier-Classen: Anselm von Canterbury, Sie haben in Ihrem Werk Proslogion
von 1078 einen Gottesbeweis aufgeführt, der über viele Jahrhunderte
intensiv diskutiert worden ist, unter anderen von Thomas von Aquin, Descartes,
Hegel und Kant. Wie sind Sie auf diesen Beweis gekommen?
Anselm: Ich habe den Herrn, an den wir glauben, gebeten, mir zum
Glauben hinzu die Einsicht zu geben, dass er ist, wie wir glauben, und
dass er das ist, was wir glauben. Und zwar glauben wir, dass er etwas
ist, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann.
Meier-Classen: Dass es also Gott etwas ist, über das hinaus
nichts Vollkommeneres gedacht werden kann?
Anselm: Nein! Ein ungläubiger Tor sagt dann gleich: es gibt
keinen Gott! Wenn er aber eben genau das hört, was ich sage, nämlich
"etwas, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden
kann", dann versteht er das.
Meier-Classen: Dies kann er mit seinem Verstand akzeptieren, auch
wenn er nicht an Gott glaubt. Sie wollen mit Ihrem Gottesbeweis über
den Verstand allein auch grösste Zweifler überzeugen können.
Anselm: Es ist ein Unterschied, ob ein Ding nur in unserem Verstand
ist, oder ob wir einsehen, dass dieses Ding tatsächlich da ist. Wenn
ein Maler sich im Kopf ausdenkt, was er erschaffen wird, hat er das zwar
in seinem Verstand, aber er kann es noch nicht in der Wirklichkeit erkennen.
Meier-Classen: Da muss der Maler sein Werk erst erschaffen. Dann
hat er es nicht nur im Kopf, oder im Verstand, wie Sie sagen, sondern
er kann dann sehen, dass das Geschaffene auch wirklich da ist. Wie geht
Ihr Gedankengang weiter?
Anselm: So bringe ich auch die ungläubigen Toren zur Überzeugung,
dass immerhin zumindest im Verstand etwas ist, über das hinaus nichts
Grösseres gedacht werden kann. Das versteht jeder. Und wenn er es
verstanden hat, dann hat er es auch in seinem Verstand.
Meier-Classen: Also haben wir in unserem Verstand etwas, über
das hinaus es nicht Grösseres gibt?
Anselm: Ja. Sicherlich aber kann das, worüber hinaus nicht
Grösseres gedacht werden kann, nicht allein nur im Verstand sein.
Denn wenn wir es schon in unserem Verstand denken können, dann können
wir auch denken, dass es in Wirklichkeit da sei.
Meier-Classen: Wenn also das, über das hinaus nichts Grösseres
gedacht werden kann, nur im Verstand allein ist, dann ist es etwas, über
das hinaus also doch noch etwas Grösseres gedacht werden kann
?
Da stimmt doch etwas nicht.
Anselm: Weil das eben nicht möglich ist. Etwas, über
welches nichts Grösseres gedacht werden kann, ist nicht etwas, über
das hinaus doch noch ein Grösseres gedacht werden kann. Das kann
gewiss nicht sein! Damit wäre eindeutig klar, dass zweifellos etwas
existiert, über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann
- sowohl im Verstande als auch in der Wirklichkeit.
Meier-Classen: Irgendwie klingt das überzeugend, aber
Anselm: Und noch etwas: Wenn von dem, über das hinaus nichts
Grösseres gedacht werden kann, gedacht werden könnte, dass es
nicht da sei, dann wäre dieses Grosse, über das hinaus nichts
Grösseres gedacht werden kann, nicht das, über welches nicht
Grösseres gedacht werden kann. Das ist ebenfalls ein Widerspruch,
das lässt sich nicht vereinbaren.
Meier-Classen: Das würde ja bedeuten, dass man von dem, über
das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann, nicht einmal denken
kann, dass es nicht da sei?
Anselm: Damit haben wir den klaren Beweis: Es existiert also etwas,
über das hinaus nichts Grösseres gedacht werden kann! Und das
ist der Herr, unser Gott. So wahrhaftig existiert er, das von ihm nicht
einmal gedacht werden kann, er sei nicht da oder es gäbe ihn nicht!
Und tatsächlich: wenn ein Geist etwas Besseres als Gott denken könnte,
dann erhöbe sich das Geschöpf über den Schöpfer und
urteilte über ihn - was überaus widersinnig wäre.
Meier-Classen: Ihr Gottesbeweis, Anselm von Canterbury, hat viel
zu Reden gegeben. Bereits Ihr Zeitgenosse, der Benediktiner Gaunilo, hat
in einer anonymen Schrift versucht, Ihren Beweis zu widerlegen, indem
er meinte, man könne nicht allein vom Begriff auf die Existenz eines
Sachverhaltes schliessen. Der blosse Begriff beweise noch nicht die tatsächliche
Existenz. Der blosse Begriff einer "vollkommenen Insel etwa beweise
nicht schon deren tatsächliche Existenz. Sie hatten dann darauf erwidert,
dass Ihre Argumentation sich auf nichts anderes anwenden lassen als auf
das, worüber hinaus nicht Grösseres gedacht werden könne.
Anselm: Natürlich! Gott allein hat, wie meine Beweisführung
zeigt, von allem und damit am meisten von allem das Sein. Alles andere,
was sonst noch da ist, ist nicht ebenso wahr und hat daher weniger das
Sein.
Meier-Classen: Sie verwenden das Verb Sein, wie Kant ein paar Jahrhunderte
später kritisierte, gleichsam als Eigenschaftswort. Damit würden
Sie in Ihrem Beweis, der als ontologischer Gottesbeweis in die Geschichte
eingegangen ist, die verschiedenen Kategorien vermengen. Ich will an dieser
Stelle aber weder auf die Argumentation Kants noch auf die später
folgenden von Frege, Husserl und anderen Philosophen eingehen, sondern
mich bei Ihnen, Anselm von Canterbury, für dieses Gespräch bedanken!

Anselm von Canterbury (lat. Anselmus Cantuariensis; Anselmo de
Candia Ginevra 1033 -1109; auch Anselm von Aosta (Geburtsort)
oder Anselm von Bec (sein Kloster)) war ein Theologe und Philosoph
des Mittelalters. Er wird vielfach als Begründer der Scholastik
angesehen („Vater der Scholastik“) und ist Hauptrepräsentant der
Frühscholastik. Anselm wurde 1033 in Aosta, das in den italienischen
Alpen an der Grenze zu Frankreich liegt, geboren. Mit 15 Jahren
suchte er den Eintritt in ein nahegelegenes Kloster, was ihm aber
verweigert wurde, vermutlich, um Anselms Vater nicht zu verärgern,
denn dieser hatte eine politische Karriere für ihn vorgesehen.
Mit 23 Jahren verließ Anselm sein Heim und zog drei Jahre durch
Frankreich, bis er, angezogen vom Ruhm Lanfrancs, dessen Nachfolger
in Canterbury er später werden sollte, zur Benediktiner-Abtei
Le Bec kam. Nach einigem Zögern trat er ein Jahr später, im Jahre
1060, in diese Abtei ein. Schon drei Jahre später wurde er zum
Prior gewählt, weitere 15 Jahre später zum Abt. In diese Zeit
fallen auch seine ersten philosophischen und theologischen Werke,
insbesondere seine beiden berühmten Schriften Monologion und Proslogion.
Als der damalige Erzbischof von Canterbury Lanfranc 1089 verstarb,
wurde Anselm von vielen als sein Nachfolger favorisiert, doch
erst 1093 von William II. ins Amt gesetzt. In den nachfolgenden
vier Jahren trugen die beiden den Investiturstreit über das Verhältnis
weltlicher und geistlicher Macht in England aus. Im Jahre 1097
bekam Anselm die Erlaubnis, Rom aufzusuchen, um dort um Hilfe
zu bitten, die er jedoch nur in beschränktem Maße erhielt. Die
Rückkehr nach England wurde ihm von William verweigert, weshalb
Anselm von 1097 bis 1100 in Lyon im Exil lebte. Erst als William
1100 starb, konnte Anselm unter dessen Nachfolger Henry I. nach
England zurückkehren, musste jedoch 1103 ein weiteres Mal ins
Exil gehen, in welchem er vier Jahre bleiben musste, bis er 1107
nach England zurückkehren konnte, wo er bis zu seinem Tode 1109
blieb. Anselm wurde 1494 heilig gesprochen und 1720 von Clemens
XI. zum Kirchenlehrer ernannt.