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ADHS
Was ist ADHS?
Das Aufmerksamkeits-Defizit / Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) ist das häufigste von mehreren Syndromen im Kindes- und Jugendalter, bei denen Schwächen in der Aufmerksamkeitsfokussierung und Konzentration, Erregbarkeit, Unruhe und vor allem die Impulsivität eine zentrale Rolle spielen. Bei betroffenen Kindern werden diese Symptome auch als “hyperkinetische” Verhaltensmerkmale bezeichnet, da man früher statt von einem “ADHS” von einem sog. “HKS ( = Hyperkinetisches Syndrom”) sprach. Der Grund für die Namensänderung ist, daß die Schwächen in der Aufmerksamkeitsfokussierung bei Aufgabenstellungen häufiger und zentraler sind als die motorische Unruhe. Mädchen weisen im Vergleich zu Jungen seltener die motorische Unruhe auf. Sie haben also häufiger ein “ADS” (“Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom”). Das ADHS / ADS kann auch noch bei Erwachsenen behandlungsbedürftig sein. Wenn das ADHS nicht richtig diagnostiziert und behandelt wird, führt es meistens zu erheblichen seelischen, sozialen und schulisch-beruflichen Problemen wie Schulversagen, soziales Scheitern und familiäre Tragödien. Diese Schwierigkeiten können sich ins Erwachsenenalter fortsetzen mit beruflichen und Beziehungsstörungen. Trotz jahrzehntelanger Forschungen wird das ADHS leider oft noch nicht richtig erkannt, und es gibt viele Mißverständnisse, Fehldiagnosen und entsprechend auch unzureichende Behandlungen.
Der wichtigste Grund für Fehlbehandlungen und für die ernsten Probleme ist fehlendes oder unzureichendes Wissen über das ADHS. Deshalb brauchen die oft ratlosen und verunsicherten Eltern von Kindern mit ADHS, aber auch die Ärzte und LehrerInnen dieser Kinder dringend ganz genaues und konkretes Wissen über die Besonderheiten des ADHS. Dieses Wissen kann helfen, den Weg zu einem erfahrenen Diagnostiker zu finden, und das genaue Wissen über das ADHS ist auch der sicherste Schutz gegen die gravierenden Folgen und gegen unzureichende Behandlungen.
Wie kommt es zu dazu?
Bezüglich der vermuteten Ursachen des ADHS geht man aktuell von einer spezifischen Hirnstoffwechselfunktion aus, die die hyperkinetischen Kinder besonders reizoffen und damit streßanfällig macht und ihnen ihre Verhaltens- und Handlungskontrolle sehr erschwert. Die Kinder reagieren viel impulsiver auf Reize und Anforderungen als andere. Sie können weniger abwägen, weniger “vorsichtig” sein. Auch können sie aktuelle Erfahrungen weniger erfolgreich gegen frühere Erfahrungen abgleichen als andere Kinder. Deshalb sind Kinder mit ADHS in einem großen Nachteil angesichts eines Schul- und Ausbildungssystems, dessen zunehmende Anforderungen bzgl. Steuerung der Impulsivität, der mentalen Aufmerksamkeitsfokussierung und Teamarbeit die Patienten anhaltend und bis zum Scheitern überfordern.
Die Symptome
Das “spezifische Verhaltensmuster beim ADHS”
Dieses “spezifische Verhaltensmuster beim ADHS” setzt sich zusammen aus
1. den typischen hyperkinetischen Verhaltensweisen
2. den qualitativen Merkmalen dieser Verhaltensweisen
3. den sogenannten “Handlungsprinzipien”
Zu 1.: Zu den typischen hyperkinetischen Verhaltensweisen gehören:
- die ausgeprägten Schwächen in der Steuerung und Focussierung der Aufmerksamkeit
- die damit einhergehende hohe Ablenkbarkeit von internen und externen Reizen
- die Konzentrationsschwierigkeiten
- die motorische Unruhe
- die hohe psychosomatische Erregbarkeit
- die Reiz- und Frustrationstoleranz
- Schwächen in der Konditionierbarkeit, d.h. in der Übernahmen von Verhaltens- und Alltagsregeln.
Kinder mit ADHS fallen schon früh durch anhaltendes Schreien, Erregbarkeit und Schreckhaftigkeit sowie bis in die Grundschulzeit vorliegende Einschlafschwierigkeiten auf. Sie haben ein bedeutsames Defizit an Konditionierbarkeit und in dessen Folge große Schwierigkeiten, Regeln des Alltagslebens und der sozialen Integration zu übernehmen. Sie können Gefahren nicht gut einschätzen, und sie haben in ihrem hektisch-getrieben wirkenden Verhalten große Schwierigkeiten, sich vorsichtig, rücksichtsvoll und planerisch zu verhalten. In ihrem emotionalen Befinden sind sie überwiegend und meist bis in die mittlere Grundschulzeit fröhlich-unbekümmert, später nimmt die Tendenz zu sekundären, empört-depressiven Reaktionen zu.
Aber die meisten Kinder mit ADHS weisen auch ausgeprägte prosoziale Verhaltensweisen wie spontane Hilfsbereitschaft und (impulsiver) Einsatz für ungerecht behandelte Kinder auf, Verhaltensweisen, die angesichts der von der Umwelt als “störend” erlebten ADHS-Symptomatik tragischerweise zu häufig übersehen werden.
Zu 2.: Zu den sogenannten qualitativen Merkmalen der hyperkinetischen Verhaltensweisen gehört besonders ihre Chronizität aus der Säuglingszeit bis ins Erwachsenenalter, der Tatbestand, daß sie durch erzieherische und psychotherapeutische Bemühungen nicht hinreichend beeinflußt werden können, sowie vor allem ihre Situationsabhängigkeit. So wird die Ausprägung der hyperkinetischen Verhaltensweisen regelhaft verstärkt in Situationen, die durch erregende Stimulationsfülle, durch disziplinierende und mentale Anforderungen und durch die Anwesenheit einer ärgerlich und ratlos reagierenden Person gekennzeichnet sind. Konkret bedeutet dies beispielsweise, daß die hyperkinetischen Verhaltensweisen unter schulischen Leistungsanforderungen verstärkt werden. Andererseits können die Kinder bei einer zugewandten ärztlichen oder psychologischen Untersuchung durchaus unauffällig sein, da hier ja die spezifischen, symptomverstärkenden Bedingungen nicht vorliegen.
Zu 3.: Die oben erwähnten, sog. “Handlungsprinzipien” besagen, daß in den verschiedenen Verhaltensformen der hyperkinetischen Kinder bestimmte wiederkehrende Handlungsmuster erkennbar sind. Und zwar stellen sich in den hyperkinetischen Verhaltensweisen zugleich (für das Kind nicht bewußte) zweckorientierte Handlungsmuster oder -prinzipien dar. Deren “Zweck” zielt auf eine Übertönung bzw. eine Verringerung derjenigen situativen Merkmale, die für das Kind einen verstärkenden Effekt auf die Ausprägung seiner hyperkinetischen Verhaltensweisen haben. So weicht das hyperkinetische Kind beispielsweise immer wieder der als überfordernd erlebten Gruppenbeschäftigung im Kindergarten aus, oder es versucht regelhaft, das Spiel anderer Kinder zu dominieren. Der meist hochexplosiven Schulaufgabensituation versucht es immer wieder auszuweichen, oder es drängt beim Familieneinkauf ungeduldig und nachhaltig quengelnd nach Hause.
Wenn man die hyperkinetischen Verhaltensweisen als beständige Versuche der Kinder zur Stimulationsverringerung ansieht, wird erkennbar, daß sie neben ihrer Störqualität (für das hyperkinetische Kind und für Andere) zusätzlich auch noch eine funktionale Adaptations- oder Selbst-Behandlungs-Qualität haben. Diese erkennt man in den beständigen Versuche der Kinder, fremdbestimmter Stimulation und Anforderung durch Selbstbestimmung auszuweichen und ihre entsprechend hohe Neigung, besonders mentalen Anforderungen durch “Nein!”, durch Aufschieben oder Verweigerung zu entkommen. Bei selbstgewähltem Spiel im eigenen Zimmer oder mit nur einem Freund, der sich auf das Fremdbestimmtwerden durch das ADHS-Kind einlassen kann, können längerfristige, auch konzentriertere Beschäftigungen durchaus gelingen.
Auf den ersten Blick mag das hyperkinetische Verhalten als “trotzig”, “oppositionell” oder auch als “unerzogen” erscheinen. Tatsächlich aber verdeutlichen diese Handlungsprinzipien, daß die Kinder einerseits selbst unter ihrer hohen Reizoffenheit, ihrem Ausgeliefertsein und dem für sie selbst so schwer steuerbaren Verhalten leiden, und daß die hyperkinetischen Verhaltensweisen andererseits (aus der Perspektive des Kindes) z. T. als Anpassungs- und Bewältigungsversuche verstanden werden können. Die Kinder versuchen sich vor allem gegen eine zu hohe Stimulation und Anforderung von außen (z.B. von besorgt-fordernden Eltern) zu wehren. So gesehen können wir alle von den hyperkinetischen Kindern lernen, uns gegen zu hohe Anforderungen und zu große Hektik zu wehren.
Genaue Kenntnisse über das ADHS stellen klar, daß Eltern an dem auffälligen Verhalten ihrer ADHS-Kinder keine Schuld trifft. Eltern können ihre Kinder gar nicht so erziehen, daß im Ende eine eindeutiges ADHS-Verhalten resultiert. Sie leiden in der Regel sehr an den Erziehungsschwierigkeiten und ihrer Ratlosigkeit und bedürfen wie ihre Kinder dringend professioneller Hilfe.
Die Diagnose
Ohne eine genaue Diagnostik (und nachfolgend eine spezifische Behandlung) kann das ADHS (je nach Ausprägung und Lebensumständen) schon im frühen Schulalter zu gravierenden sozialen und schulischen Integrationsstörungen und zu ausgeprägtem subjektiven und familiären Leid führen. Deshalb sind ab dem frühen Schulalter eine spezifische Diagnostik und Behandlung unbedingt erforderlich. Unzureichende Kenntnisse über das ADHS bei vielen Eltern und LehrerInnen, aber auch bei vielen PsychologInnen und PsychotherapeutInnen führen jedoch dazu, daß viele hyperkinetische Kinder und Jugendliche noch nicht zutreffend diagnostiziert bzw. behandelt werden. So verbleiben sie und ihre Familien in dem unheilvollen Zirkel von Nichtverstandenwerden, moralisierenden Beschuldigungen und gravierenden Auswirkungen auf die soziale Integration.
Die Diagnosestellung eines ADHS ist zeitaufwendig, und die differentialdiagnostische Abgrenzung kann auch für Erfahrene in Einzelfällen schwierig sein. Hinzu kommt, daß die Diagnose eines ADHS eine dimensionale und nicht eine kategoriale Diagnose darstellt. Anders formuliert: das ADHS bzw. die einzelnen Symptome sind mehr oder weniger ausgeprägt (und nicht: entweder ja oder gar nicht). Außerdem können Kinder mit ADHS zusätzlich noch andere körperliche oder seelisch bedingte Auffälligkeiten haben. Diese diagnostischen Schwierigkeiten erhöhen auch noch die z.T. erheblichen Kontroversen über die Diagnose des ADHS, über seine Ursachen und auch über die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen. Wesentliche Hilfestellung bei der differentialdiagnostischen Abgrenzung des ADHS von anderen Störungsbildern stellt das “spezifische Verhaltensmuster beim ADHS” dar (Wolff und Mitarbeiter, 2000).
Wie kann man behandeln?
Übersicht über die parallelen und sich ergänzenden Behandlungsformen bei Kindern und Jugendlichen mit dem ADHS
1. Information
- Sehr ausführliche Information/Aufklärung/Beratung der Eltern, der ErzieherInnen und LehrerInnen und der hyperkinetischen Kinder selbst über die spezifischen Besonderheiten des ADHS mit dem Ziel, ein besseres Verständnis zu erzielen.
- Die Neu-Interpretationen führen allmählich zu veränderten Haltungen gegenüber dem hyperkinetischen Kind
- Stimulations-/Erregungsreduktion; Regelmäßigkeit im Tagesablauf; realistisches Anforderungsprofil;
- Schließlich sind dann praktische Hilfestellungen für den tagtäglichen Umgang erforderlich bis hin zu einem praktischen Elterntrainig
2. Gezielte Behandlung mit Medikamenten mit begleitender Beratung
3. Ggf. auch Nahrungsumstellung bei solchen Kindern, bei denen die Verhaltensweisen durch natürliche und/oder künstliche Nahrungsmittelbestandteile verstärkt werden (dies trifft jedoch nur für einen sehr kleinen! Teil der hyperkinetischen Kinder zu).
Quelle: adhs-hilfe.de