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Jonathan Roberts glaubte alle Fehler zu kennen, die unerfahrene Kartographen machen: den Berg, der nicht Teil einer Kette ist, den Fluss, der sich auf dem Weg zum Meer gabelt, den Wald, der übergangslos zu Wüste wird. Doch das bewahrte ihn nicht davor, bei seinem wichtigsten Auftrag selber einen zu begehen. Er legte die Drachenstrassen auf Essos in Schlangenlinien an. «Das ist Unfug. Drachen fliegen immer geradeaus», erklärte ihm sein Auftraggeber.
Es waren erst wenige Monate vergangen, seit Roberts am 14. Januar 2012 eine E-Mail des Verlags Random House in seinem Postfach gefunden hatte. Man sei auf der Suche nach einem Kartographen, der die Welt der Fantasy-Serie «A Song of Ice and Fire» von George R. R. Martin zeichnen könnte. Roberts war überrascht, denn er hatte ein Geheimnis: Er war gar kein professioneller Zeichner. Er war theoretischer Physiker, der nach Feierabend «Fantasy Maps» erschuf – Karten von imaginären Landstrichen, erfundenen Städten und fiktiven Inseln. Random House war nur deshalb auf ihn gestossen, weil er sich so gut mit Suchmaschinen auskannte, dass sein Blog fantasticmaps.com an erster Stelle erschien, als die Verlagsleute im Internet nach Fantasy-Karten googelten. Wenige Wochen später übernahm Roberts den Job.
George R. R. Martins Buchserie «A Song of Ice and Fire» spielt in einem erfundenen Mittelalter. Es ist die verworrene Geschichte mehrerer Clans, denen jedes Mittel recht ist, an die Macht zu gelangen, eine Mischung aus Intrige, Gewalt und Sex, gespickt mit Untoten, Hexen und den geradeaus fliegenden Drachen. Martin hat die Geschichte auf sieben Bände angelegt. Seit 1996 sind fünf davon erschienen, die alle zu Bestsellern wurden. Zum globalen Phänomen machte den Stoff allerdings die vom amerikanischen Fernsehanbieter HBO aufwendig produzierte Fernsehserie «Game of Thrones», die auf Martins Büchern basiert. Seit im April 2011 die erste Folge ausgestrahlt wurde, haben sich die Einschaltquoten vervierfacht. Heute schauen allein in den USA bis zu 8 Millionen Menschen zu, wenn sich in der 5. Staffel die Lannisters und die Starks, die Nachtwache und die Wildlinge, bekriegen.
Roberts kannte die Bücher bereits, als die Anfrage kam, er hatte sie als Student gelesen. Allerdings konnte er sich nur noch vage an den Inhalt erinnern. Also ging er in die nächste Buchhandlung und besorgte sich alle Bände. Als er sie las, stellte er fest, dass George R. R. Martin die Wüsten, Städte, Wälder und Flüsse mit einer Präzision beschreibt, als seien die Bücher als Anleitung für Kartographen gedacht.
Zwölf grosse Karten in zwölf Wochen wollte Random House von Roberts. Eine Karte pro Woche. «Ich sagte zu meiner Frau: Goodbye, ich sehe dich in drei Monaten wieder», erinnert er sich. Alle Karten zusammen nahmen sieben Quadratmeter Fläche ein, «was ein ansehnlicher Teil meines damaligen Apartments war».
George R. R. Martin schickte Roberts exakte Skizzen der Welt von «A Song of Ice and Fire», mit langen Beschreibungen, wie die Landschaften in seiner Vorstellung aussahen. Doch Roberts stellte bald fest, wie schwierig es ist, Hunderte Ortsnamen korrekt zu placieren oder einen Gebirgszug so anzulegen, dass sich daraus dramaturgisch Sinn ergibt. Er hatte genug Erfahrung mit Fantasy-Karten, um zu wissen, worauf es bei dem Projekt ankommt: Details, Details, Details. Doch neu war für ihn, wie pedantisch die Fans von «Game Of Thrones» jede Kleinigkeit in Frage stellten. Bei einem Fankongress stellte Roberts eine frühe Version vom Land des ewigen Winters vor. Einige Fans fanden, der Entwurf sei nicht schlüssig: Eine Strecke, für die Jon Snow zu Pferd fünf Tage benötige, dürfe auf der Karte nicht gleich lang sein wie eine, für die er zehn Tage brauche. «Wenn du die erste Expertenfrage in so einem Forum nicht zur vollen Zufriedenheit beantworten kannst, bist du verloren», sagt Roberts, «die erste Antwort muss sitzen, sonst stellen die Leute alles in Frage.» Auch erfundene Karten müssen glaubwürdig sein.
Um genug Details in jeder Karte unterzubringen, dass selbst der verbissenste Fan sie als glaubhaft anerkennt, musste Roberts jeden Schritt von Dutzenden von Protagonisten nachvollziehen. Seine Entwürfe beruhen auf exakten Bewegungsmustern dieser Figuren; sie sehen aus wie übertrieben komplizierte U-Bahn-Pläne.
«Als wir diese Karten entwarfen», sagt Roberts, «bestand die Arbeit vor allem darin, eine Logik in die Geographie zu bringen: Wie weit kann ein Segelschiff in einem Monat fahren? Wie weit fliegt ein Drache an einem Tag?» Immer wieder tauschte er sich mit den Lektoren von Random House darüber aus, wie die Landschaften und Städte aussehen sollten. Eine Diskussion betraf die Häuser ausserhalb der Stadtmauern von King’s Landing: Würden sich die Menschen dort überhaupt niederlassen, wo die Stadt doch schon mehrmals belagert worden war? Und falls ja: wo genau?
Eine besondere Herausforderung war der Stadtplan der Hafenstadt Braavos im Nordosten von Essos. George R. R. Martin hatte bloss eine grobe Skizze davon gefertigt, auf der viele Ortsangaben aus dem Buch fehlten. Andererseits geschah etwas, woran Roberts erkannte, wie gross die Bedeutung von Braavos in den verbleibenden, noch unveröffentlichten Büchern sein musste: Nachdem er mehrere Vertraulichkeitserklärungen unterschrieben hatte, erhielt er einzelne Kapitel des nächsten Bandes, «Winds of Winter», vorab per E-Mail. Das war, als hätte man die Kronjuwelen mit der Post verschickt.
Roberts suchte in allen Büchern jene Stellen, die in Braavos spielten, und verfolgte die Routen der Protagonisten, «ob sie rechts abbogen oder links, wie weit sie gingen». Am Ende ging es darum, alle Schauplätze so lange auf dem Plan zu verschieben, bis ihre Positionen mit der Geschichte übereinstimmten. Nachdem er sich mit den Lektoren bei Random House auf eine Version geeinigt hatte, erhielt er eine überraschende E-Mail von ihnen. «Wir mögen die Pläne, aber wir fänden eine Vogelschau noch schöner.» Also begann Roberts Hunderte von Häuschen, Dutzende von Türmen, Palästen und Tempeln zu zeichnen und teilte seinem Auftraggeber mit, dass es etwas länger dauern könnte.
Roberts hat Braavos im Jahr 2012 fertig gezeichnet; zu dieser Zeit war die Stadt in der TV-Serie noch gar nicht aufgetaucht. «Als ich Braavos am Ende der 4. Staffel dann zum ersten Mal am Fernsehen sah, erkannte ich es sofort. Ich vermute, die Filmemacher orientierten sich an meiner Karte.»
Nachdem die Geographie geklärt war, folgte der anstrengendste Teil des Auftrags: die Umrisse zeichnen. Zuerst den Verlauf der Küsten, dann Berge, Hügel, Flüsse, Wälder, Strassen, Orte. Wenn die Berge an die Anden erinnern, dann aus gutem Grund: Roberts zeichnete sie in Argentinien, wo er sich zu einer Physikkonferenz aufhielt, der er bereits vor dem Auftrag zugesagt hatte; während der Vorträge hatte er oft sein Grafiktablet und den Stift in der Hand. Zu Hause hingegen liess er beim Zeichnen den Fernseher laufen, um die Zeit zu verkürzen. «Es gibt gute TV-Serien, bei denen es reicht, wenn man nur zuhört.» Das Einfärben empfindet Roberts übrigens als die befriedigendste Arbeit: «Es ist eine Freude, wenn aus dem Skelett aus Linien eine bunte Welt wird.» Unangenehm wurde es nur, als sich George R. R. Martin und die Lektoren über die Farben nicht einig wurden: Bei Random House war man der Meinung, Roberts’ Entwürfe für Westeros seien zu kalt, Martin waren sie zu warm. «Das machte mich unsicher. Ich änderte die Farbtöne marginal, und irgendwann waren alle Beteiligten zufrieden.» Manche Details änderte er Dutzende Male – das Blau des Sommermeeres etwa oder das Grün der Wälder von Ulthos.
Das Buch – im Grunde ist es eine dicke Mappe mit zwölf gefalteten Karten – erschien am 30. Oktober 2012. Am 31. Oktober meldete Roberts auf Twitter, «#44 auf der Amazon-Bestsellerliste. Es stellt sich heraus: Die Leute mögen Karten!» «The Lands of Ice and Fire» machte Jonathan Roberts zu einem Star unter den Fantasy-Kartographen. Obwohl er diesen Ausdruck nicht mag. «Es gibt keine Stars in dieser Szene. Die Leute, die ich getroffen habe, sind die uneitelsten und hilfsbereitesten Menschen, die ich kenne.» Niemand zeichnet Karten, um reich oder berühmt zu werden, denn Geld gibt es in dieser Nische kaum zu verdienen. Roberts kennt keinen Fantasy-Kartographen, der allein vom Zeichnen leben kann. Aber als Hobby würde er die Kartographie auch nicht bezeichnen. «Die Faszination besteht darin, den Leuten dabei zu helfen, sich in eine andere Welt zu versetzen», sagt Roberts, «Wir helfen ihnen dabei, nicht an der Fiktion zu zweifeln.»
Professionelle Grafiker erstellen seit Jahrzehnten Fantasy-Karten, meist für die Spieleindustrie. Doch seitdem sich jedes Kind mit Smartphone und Zeichenprogramm ausrüsten kann, nimmt die Zahl der Laien-Kartographen zu. Nach der Menge der Websites und Blogs zu urteilen, die sich mit diesem Thema beschäftigen, produzieren inzwischen Tausende von Zeichnern in aller Welt «Fantasy Maps». Und es werden immer mehr. Natürlich hat das auch mit «The Lands of Ice and Fire» zu tun: Es ist der erste Bestseller, der nur aus Karten ausgedachter Landschaften besteht. Den Erfolg liest Roberts an den Besucherzahlen seiner Website fantasticmaps.com ab, wo er seine Erfahrungen teilt und Ratschläge gibt. Einige seiner Ratgeber-Videos wurden zehntausendfach angeklickt. Besonders beliebt: «Wie man eine überschwemmte Tempelruine zeichnet».
In einer irischen Bierkneipe am Times Square sitzt Jonathan Roberts und isst eine Bratwurst mit Sauerkraut. Seit jenem Januar 2012, als er die schicksalhafte E-Mail erhielt, hat sich viel getan in seinem Leben. Er gab seinen Job als Physiker in einem Labor in England auf und zog mit seiner Frau nach New York. Hier leitet er jetzt die Datenanalyse beim Internetlexikon about.com, das Beiträge zu zwei Millionen Stichwörtern anbietet. «Meine Aufgabe ist es, Algorithmen zu schreiben, mit denen wir herausfinden, welche neuen Wissensgebiete lukrativ wären für die Firma.» So funktioniert Roberts’ Gehirn: Es absorbiert gewaltige Mengen Informationen und ordnet und bewertet sie. Sein Talent als Kartograph ist ein Nebenprodukt seines Berufs als Physiker und Analytiker. Roberts sieht weniger abenteuerlich aus als seine Karten. Der 34jährige trägt die Haare kurz, eine randlose Brille, die obersten zwei Knöpfe des Hemdes lässt er offen. Wenn er schnell spricht, klingt sein Akzent durch. Er ist in einem alten Bauernhaus mit dicken Mauern an der Westküste Schottlands aufgewachsen. Auf dem Hügel über dem Haus lag eine Festung aus der Bronzezeit, im Tal eine versteckte Burg.
In seiner Kindheit war Roberts einer jener Buben, die lieber mit anderen Jungs in Onlineforen Spielstrategien diskutieren als über den Fussballplatz rennen. Die Idee, Karten zu zeichnen, kam ihm allerdings erst, als er 2006 für einen Forschungsauftrag nach Polen zog. «Ich konnte meine alte Gaming-Gruppe in England kaum noch sehen und suchte einen neuen Zeitvertreib.» Seine Rettung war eine Kartographen-Software namens Maptool, die er im Netz fand. Er hatte schon immer gern und gut gezeichnet. Schnell entdeckte er sein Talent für Karten. Sein erster professioneller Auftrag war ein Spiel namens Living Airship, das bei einem kleinen Onlinespieleanbieter erschien.
Seither geht Roberts bei jedem Auftrag – Videospiel, Brettspiel, Illustration – nach dem gleichen Prinzip vor. Er beginnt mit groben Skizzen, in denen er die Informationen zusammenträgt, die die Karte beinhalten soll. Dann löchert er die Auftraggeber mit Fragen zu jedem Detail. «Denn nichts ist schlimmer als ein Kartograph, der sich den Inhalt einer bestellten Karte selber ausdenkt. Das führt nur zu Streit.» Sind seine Fragen beantwortet, beginnt er mit der ersten Fassung, die meistens mit einem Wust von Anmerkungen zurückkommt. Bei allem Erfolg: Zu seinem Beruf möchte Roberts das Erfinden von Phantasielandschaften nicht machen. Er ziehe eine enorme Befriedigung aus dem Kartenzeichnen, sagt er, aber eben auch aus der Wissenschaft und der Datenanalyse. «Diese beiden Interessen ergänzen sich perfekt.»
Eben beauftragten ihn die Produzenten von «Star Wars», eine Karte des Universums zu entwerfen, wie George Lucas und Alan Dean Foster es in den 1970er Jahren ersonnen hatten. Roberts erklärte seinen Klienten, dass es wie immer auf die Details ankomme, auf die Logik und die Glaubwürdigkeit. Es folgten monatelange Diskussionen und unzählige E-Mails mit Verbesserungsvorschlägen. «Die wussten nicht, dass ich auch Astrophysiker bin. Ich konnte nicht anders, als ihnen gewisse Ideen auszureden, mit denen wir uns wissenschaftlich lächerlich gemacht hätten.» Nichts wäre Jonathan Roberts unangenehmer, als auf der nächsten Konferenz der «Star Wars»-Fans die erste Frage nicht zur Zufriedenheit aller Experten beantworten zu können.