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Aschgabat, die bizarre Hauptstadt eines bizarren Landes. Man sollte nicht versuchen, diesen Ort zu begreifen, weil das sowieso scheitern und zu nichts führen würde.
Deshalb werde ich hier auch nicht anfangen, etwas über seine Geschichte zu erzählen, sondern einfach eine Reihe von Eindrücken schildern und ein paar zusammenhangslose Fakten und Geschichten erzählen, die wir bei unserem Besuch aufgeschnappt haben.
Die Ära Turkmenbaschi
- Der selbsternannte “Führer der Turkmenen” (Turkmenbaschi) Saparmyrat Nyýazow prägte das Land von 1992 bis zu seinem Tod 2006 mit seinem Personenkult und vielen interessanten Regeln und Gesetzen: So liess er zum Beispiel das Musikhören im Auto verbieten und änderte die Namen der Monate (der April trägt jetzt den Namen seiner Mutter).
- Sein (angeblich selbst geschriebenes) Buch, “das Buch der Seele” (Ruhnama), ist eine seltsam verdrehte, religiös angehauchte Geschichte Turkmenistans und war bis zu Turkmenbaschis Tod Pflichtlektüre an allen Schulen und musste einen Viertel (!) der Unterrichtszeit in Anspruch nehmen.
- Verschiedene westliche Firmen haben keine Skrupel, sich an der Gehirnwäsche des turkmenischen Volkes zu beteiligen, und finanzierten Übersetzungen des Buches um sich dafür Aufträge in Turkmenistan zu sichern. Darunter Siemens und DaimlerChrysler! Hier ein interessanter Trailer eines Dokumentarfilms zum Thema.
- Als wir vor der überdimensionalen Ruhnama-Statue in Buch-Form standen, konnten wir auch nicht mehr widerstehen, und haben uns eines als Souvenir gekauft.
- Überdimensionale Statuen waren voll Turkmenbaschis Ding. Sein Meisterwerk war wohl das peinlich riesige Neutralitätsdenkmal mit einer Goldstatue von sich selbst auf der Spitze, welche sich fortlaufend nach der Sonne dreht (Das Denkmal wurde vom neuen Präsidenten 2010 an den Stadtrand “verbannt” und die Statue dreht sich seither nicht mehr).
- Der neue Präsident, Gurbanguly Berdimuhamedow, bastelt mittlerweile an seinem eigenen Personenkult. Er hat sich noch keinen Titel à la Turkmenbaschi verliehen, sondern begnügt sich bisher mit dem selbst geschaffenen “Orden des Mutterlandes”. Berdimuhamedow hat sich übrigens durch seine Dienste als Turkmenbaschis Zahnarzt für seine heutige Präsidentenrolle qualifiziert.
Die CIA weiss über Berdimuhamedow folgendes: “Berdimuhamedov does not like people who are smarter than he is. Since he’s not a very bright guy, our source offered, he is suspicious of a lot of people.“
- Apropos Zahnarzt, hier eine etwas ältere Episode von Turkmenbaschi: Bei einem Interview mit einer Studentin gefielen ihm deren Goldzähne nicht. Sein Wort ist Gesetz, und so waren Goldzähne Tage später verboten. Turkmenbaschis Rat dazu: “Kaut mehr Knochen, damit eure Zähne nicht ausfallen”.
Ashgabat
- Die Stadt zeigt sich als ungewöhnliche Oase in der Wüste, zu einem grossen Teil aus blütenweissem Marmor gebaut, mit Gold verziert, und von bewässerten Parks umgeben. Perfekte Strassen auf denen neue Autos fahren (ganz im Gegensatz zum Rest des Landes, wie wir schon gesehen haben), die Parks und viele der neuen Häuser scheinen jedoch menschenleer.
- Die paranoide Seite der autokratischen Regierung zeigt sich, wenn man die unglaublich fotogenen Häuserreihen fotografieren will: Uniformierte (und nicht uniformierte) Polizisten und Soldaten sind jederzeit in Sichtweite (die nicht Uniformierten erkennt man an ihrem schlendernden Gang, ihrem starken Parfüm, und dem Funkgerät am Gürtel). Da das Fotografieren jeglicher Regierungsgebäude streng verboten ist, und die halbe Stadt aus Regierungsgebäuden besteht, haben wir nur wenige Fotos gewagt.
- Am gefährlichsten ists in der Nähe von Turkmenbaschis goldbedomtem Präsidentenpalast. Man muss als Fussgänger auf die andere Strassenseite wechseln, weil auf dem breiten Trottoir vor dem Palast anscheinend nur die Sicherheitsleute erlaubt sind.
- Der Name der Stadt bedeutet nicht “liebliche Stadt” (persisch ʿSchghābad), wie in den meisten Quellen genannt, sondern geht auf Arsakes I zurück, den Begründer des Partherreiches, und sollte demnach eigentlich Arschgabat heissen. Das würden wir viel cooler finden. Quelle: Rafi, unser Tourguide in Maschhad
- Die vielen schwer nachvollziehbaren Regeln, die das Land seinen Bürgern auferlegt, scheinen auch im Verhalten der Bevölkerung ihre Spuren zu hinterlassen. So waren wir die einzigen die sich wunderten, eine Putzfrau zu sehen, die das Trottoir vor einer Universität feucht aufnahm. Oder dass in unserem Hotel morgens um 07:59 unser Wunsch nach Frühstück abgelehnt wurde, mit dem Hinweis, Frühstück gibt es erst ab acht.
- Apropos Hotel: Unseres hatte den kuriosen Namen “Ministry of Internal Affairs”, und ist im Internet komplett unauffindbar. Viele Hotels in Ashgabat sind angeblich verwanzt, teuer, und (abgesehen von verschiedenen uniformierten Menschen darin und davor) weitgehend menschenleer.
Trotzdem baut die Regierung weiterhin wie besessen neue Hotels, die dann leer rumstehen.
- Wenn die Regierung wieder einen der (wenigen) noch verbliebenen Sowjet-Blocks abreisst, könnte man meinen, dass die Leute dafür in ein schönes neues Marmorgebäude umgesiedelt werden. Dem ist aber scheinbar nicht so, da die neuen Prunkbauten vor allem für leerstehenden Büros, Ministerien, oder eben Hotels ‘benötigt’ werden. Viele Familien leben deshalb in provisorischen Baracken ausserhalb der Stadt.
- Allgemein scheint ein hoher Lebensstandard zu herrschen. Die Bürger bekommen ihren Anteil am “gottgegebenen” Erdgasreichtum des Landes, durch symbolische Preise für Energie (1 Liter Benzin kostet weniger als 20 Rappen), Wohnungen und Lebensmittel (Salz ist gratis).
- Leider scheint es keinerlei Bestrebungen zu geben, irgend etwas Nachhaltiges mit diesem Reichtum anzufangen: Sehr viele Produkte werden importiert, der französische Baukonzern Bouygues baut die neuesten Fantasieprojekte des Diktators (und ist darauf mächtig stolz), Infrastruktur ausserhalb von Ashgabat ist kein Thema, und in die Bildung wird auch nicht investiert.
- Stattdessen werden regelmässig Stadtteile wieder abgerissen (auch solche die schon aus Marmor sind) und Prestigeprojekte wie die 2017 Asian Games, das Turkmenbaschi Disneyland (so gut wie nie geöffnet), die grösste Fahnenstange der Welt, der grösste Brunnen der Welt oder das grösste Indoor-Riesenrad der Welt (wie beknackt ist das denn?) finanziert.
Turkmenistan rangiert auf der Rangliste der Pressefreiheit an drittletzter Stelle, nur noch geschlagen von Eritrea und Nordkorea. Nach der Veröffentlichung dieses Blogartikels können wir nur auf die Unfähigkeit seines Auslandgeheimdienstes hoffen, wenn wir jemals wieder ein Visum wollen 🙂
In diesem Zusammenhang hier ein kurzer Einblick ins wirre turkmenische Fernsehen, ohne weiteren Kommentar (News Independent Neutral Turkmenistan in the Prosperous Era of the Powerful State):
An unserem letzten Abend in Aschgabat genossen wir die letzten gemütlichen Bierchen in der Gartenbeiz, und stellten uns auf die Trockenzeit in der islamischen Republik ein.