Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03203.jsonl.gz/1031

Südliches Breitmaulnashorn
Ceratotherium simum simum
© 2013 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Im frühen Tertiär, vor 55 bis 25 Millionen Jahren, waren die Unpaarhufer (Perissodactyla) auf unserem Planeten die vorherrschende Huftierordnung. Damals gab es weit mehr Unpaarhufer als Paarhufer (Artiodactyla). Heute zeigt sich die Situation genau umgekehrt: Während die Paarhufer eine Vielfalt von rund 220 Arten aufweisen, sind die Unpaarhufer zu einer sehr kleinen Säugetierordnung geschrumpft und umfassen weltweit nur noch 16 Arten. Es handelt sich um sieben Arten von Pferden, Zebras und Eseln in der Familie der Pferde (Equidae), vier Tapirarten in der Familie der Tapire (Tapiridae) und fünf Nashornarten in der Familie der Nashörner (Rhinocerotidae).
Drei der fünf heutigen Nashörner sind in Süd- und Südostasien beheimatet: das Panzernashorn (Rhinoceros unicornis), das Java-Nashorn (Rhinoceros sondaicus) und das Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis). Die beiden anderen, das Spitzmaulnashorn oder Schwarze Nashorn (Diceros bicornis) und das Breitmaulnashorn oder Weisse Nashorn (Ceratotherium simum), sind in Afrika südlich der Sahara heimisch. Von letzterem - genauer von seiner südlichen Unterart, dem Südlichen Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum simum) - soll hier berichtet werden.
Hornlänge bis 150 Zentimeter
Nashörner muss man nicht beschreiben; selbst kleine Kinder kennen die gross gewachsenen, kompakt gebauten Tiere mit ihren ein oder zwei Hörnern auf der Nase. Mit einer Schulterhöhe von 160 bis 185 Zentimetern und einem durchschnittlichen Gewicht von 1700 Kilogramm bei den Weibchen und 2300 Kilogramm bei den Männchen ist das Breitmaulnashorn die grösste der fünf Arten. Es hat zwei Hörner, von denen das vordere gewöhnlich 50 bis 100 Zentimeter lang ist, in Ausnahmefällen aber eine Länge von über 150 Zentimetern erreichen kann, und das hintere in der Regel nicht mehr als 50 Zentimeter misst. Wie bei allen Nashörnern bestehen diese Hörner aus Keratin, dem gleichen Material, aus dem Haare und Fingernägel zusammengesetzt sind, und enthalten im Gegensatz zu den Hörnern der meisten Paarhufer keinen Knochenkern. Sie wachsen während der gesamten Lebensdauer des Nashorns.
Hinsichtlich des Vorkommens und der Bestandssituation muss man das Nördliche Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum cottoni) und das Südliche Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum simum) separat betrachten. Die beiden Unterarten leben - vielleicht schon seit einer Million Jahren - in voneinander getrennten Verbreitungsgebieten. Der Sambesi diente wahrscheinlich als bedeutendes Ausbreitungshemmnis zwischen den beiden Populationen, da das Breitmaulnashorn ein ausgesprochen schlechter Schwimmer ist.
In historischer Zeit war die nördliche Unterart in Teilen des nordwestlichen Ugandas, im Süden des Tschad, im südwestlichen Sudan, im Osten der Zentralafrikanischen Republik und im Nordosten der Demokratischen Republik Kongo (Kongo-Kinshasa) verbreitet gewesen. Eine Erhebung im Jahr 2006 hat jedoch nur noch vier Individuen dieser Unterart in freier Wildbahn ergeben, die alle im Garamba-Nationalpark in Kongo-Kinshasa lebten. Neuere Sichtungen von Nashörnern in dieser Gegend gibt es leider keine, weshalb befürchtet werden muss, dass das Nördliche Breitmaulnashorn in der Wildnis nun ausgestorben ist.
Die südliche Unterart war einst weit verbreitet gewesen in den Gras- und Buschländern des südlichen Afrikas, südlich des Sambesi, aber gegen Ende des 19. Jahrhunderts stand sie kurz vor dem Aussterben. Nur wenige Individuen verblieben im Bereich der heutigen Provinz KwaZulu-Natal in Südafrika. Heute, nach Jahrzehnten intensiver Schutzbemühungen und zahlreichen Umsiedlungen, ist das Südliche Breitmaulnashorn wieder eingebürgert in Botsuana, Namibia, Simbabwe, Swasiland und Mosambik sowie neu angesiedelt in Kenia, Uganda und Sambia - drei Ländern, die ausserhalb des historischen Verbreitungsbereichs dieser Unterart liegen.
Sie schaffen Rasenflächen
Im Gegensatz zu ihren afrikanischen Vettern, den Spitzmaulnashörnern, sind die Breitmaulnashörner ausgeprägte Grasesser. Vorzugsweise halten sie sich in kurzhalmigen Grasländern auf. Dort fungieren sie als grosse «Rasenmäher» und nutzen ihr breites Maul, um das Gras wie auf einem gut gepflegten Golfplatz zu trimmen. Die Gräser in ihren Weidebereichen sind an die intensive Beweidung gut angepasst, wachsen schnell nach und bilden dichte Rasen. Da sie zudem im Unterschied zu höherwüchsigen Gräsern einen relativ hohen Eiweissgehalt aufweisen, ist die Schaffung kurzhalmiger Weideflächen nicht allein für die Nashörner von Nutzen. Die von den Nashörnern geschaffenen Flächen werden auch von anderen Weidetieren gern aufgesucht, umso mehr als die offenen Bereiche es ihnen erleichtern, Raubtiere frühzeitig zu erkennen.
Tendenziell bevorzugt das Breitmaulnashorn Grasländer mit reichen Böden und mittleren Niederschlagsmengen von etwa 700 bis 800 Millimetern pro Jahr. Solche existieren innerhalb des Verbreitungsgebiets nicht nur im Tiefland, sondern auch im Hügel- und Bergland. Die Art ist daher keineswegs auf Gebiete in niedriger Höhe beschränkt. Das Breitmaulnashorn benötigt im Übrigen steten Zugang zu Wasser und trinkt im Allgemeinen täglich aus kleinen Still- oder Fliessgewässern, kann nötigenfalls aber auch einige Tage ohne Wasser überleben. Ausserdem braucht es Schlamm und Wasser zum «Suhlen». Dieses Schlammbaden dient teilweise der Abkühlung, vor allem aber dem Aufbau einer Schlammschicht, die vor stechenden Insekten schützt.
Die Breitmaulnashörner grasen tags- wie auch nachtsüber. Sie verbringen etwa 50 bis 60 Prozent ihrer Zeit mit dieser Aktivität, wobei sie ihre Hauptmahlzeiten in den frühen Morgenstunden und am späten Nachmittag einnehmen. Während der heissesten Zeit des Tages ruhen sie oft im Schatten eines Baums oder suchen sich eine Schlammpfütze zum Suhlen.
Freundliche Kühe, unverträgliche Bullen
Die meisten Nashörner leben mehr oder weniger einzelgängerisch. Auch das Breitmaulnashorn bildet keine grossen Verbände. Es lebt aber oft zu zweit, zu dritt oder zu viert, ja manchmal bis zu zehnt mit seinesgleichen zusammen und ist damit die geselligste der fünf Nashornarten. Oft ziehen Jungtiere in kleinen Trupps umher. Gelegentlich tun dies auch jungerwachsene Nashornkühe ohne Kälber. Selbst ausgewachsene Kühe vergesellschaften sich mitunter mit anderen Kühen oder erlauben es jüngeren Tieren, sich ihnen dauerhaft anzuschliessen. Darüber hinaus findet man im Bereich von Gewässern oder auf guten Weidegründen hin und wieder grössere, temporäre Ansammlungen von weiblichen, jungen und jugendlichen Breitmaulnashörnern. Die ausgewachsenen Bullen hingegen leben - abgesehen von den Tagen, in denen sie eine brünftige Kuh begleiten - immer als Einzelgänger.
Die erwachsenen Weibchen haben Streifgebiete von gewöhnlich 10 bis 15 Quadratkilometern. Diese überlappen beträchtlich mit denen anderer Weibchen, und es gibt keine Anzeichen von Territorialität zwischen ihnen. Es ist sogar so, dass die benachbarten Nashornkühe häufig einander freundschaftlich begegnen und dabei ihre Nasen aneinander reiben. Die kräftigen unter den erwachsenen Männchen hingegen besetzen klar definierte Territorien. Diese sind mit Flächen von zumeist 1 bis 2,5 Quadratkilometern recht klein. Sie werden mittels Kothaufen und Harnspritzern eifrig duftmarkiert, dies insbesondere im Randbereich, beim Patrouillieren entlang der Territoriumsgrenzen.
Ein dominantes, territoriales Männchen mag zwar durchaus ein unterwürfiges, zumeist jüngeres Männchen in seinem Territorium dulden, sofern dieses ihm ausweicht, keine Duftmarken setzt und kein Interesse an einwandernden Weibchen zeigt. Ebenbürtige Männchen vertreibt es hingegen nach Kräften von seinem Grundstück. Wandert ein brünftiges Weibchen in das Territorium eines dominanten Bullen ein, so begleitet und umwirbt er es möglichst so lange, bis es zur Paarung bereit ist. Verlässt das Weibchen schon vorher sein Revier, übernimmt der «Nachbar» das Werben. Besitzlose Männchen werden von den Weibchen nicht berücksichtigt und haben keine Möglichkeit sich fortzupflanzen.
Die Weibchen bringen nach einer Tragzeit von etwa 16 Monaten ein einzelnes Junges zur Welt. Es wiegt bei der Geburt zwischen 40 und 65 Kilogramm und kann schon nach wenigen Stunden leidlich gehen und seiner Mutter nachfolgen, ist aber die ersten Tage noch etwas wackelig auf den Beinen. Die Mutter beschützt ihr Junges und bleibt ständig an seiner Seite. Mit zwei Monaten beginnt das Kalb zu grasen, ist jedoch bis zum Alter von etwa einem Jahr noch nicht vollständig entwöhnt. Es bleibt bei seiner Mutter, bis es im Alter von zwei bis drei Jahren, nach der Geburt des nächstjüngeren Geschwisters, von ihr verjagt wird.
Die weiblichen Breitmaulnashörner erreichen mit 6 bis 7 Jahren die Geschlechtsreife und nehmen von da an am Fortpflanzungsgeschehen teil, während die Männchen erst im Alter von 10 bis 12 Jahren in der Lage sind, ein eigenes Territorium zu erobern und ihr Erbgut weiterzugeben. Das Höchstalter der Breitmaulnashörner liegt unter natürlichen Bedingungen bei ungefähr 45 Jahren.
Nasenhorn als Allheilmittel
Der Mensch bildet eine enorme Gefahr für alle fünf Nashornarten. Er verfolgt und tötet sie gnadenlos, und zwar einzig darum, weil er ihre Hörner für horrende Summen absetzen kann - im Fernen Osten zur Herstellung diverser hoch gepriesener «Heilmittel» und im Nahen Osten zur Herstellung prestigeträchtiger Dolchgriffe. Falls ein Wunder geschehen und das Wildern aufhören würde, wären sowohl das Schwarze als auch das Weisse Nashorn vermutlich sicher, da es ihnen nicht an geeignetem Lebensraum mangelt. Leider wird es aber dieses Wunder kaum geben.
Die historischen Hintergründe der beiden Unterarten des Breitmaulnashorns sind sehr unterschiedlich. Sie erzählen die Geschichte des Sturzes der einen und des Aufstiegs der anderen. Es wird angenommen, dass es vor 1900 mehr Nördliche als Südliche Breitmaulnashörner gab. Bereits 1924 wurde jedoch berichtet, dass das Nördliche Breitmaulnashorn ein wichtiger Bestandteil der Ernährung der örtlichen Bevölkerung sei und dass seine Hörner aus dem Sudan nach Südostasien exportiert würden. Zwischen 1960 und den frühen 1980er-Jahren fielen die Bestandszahlen von rund 2000 Individuen auf unter 70. Begünstigt durch Bürgerkriege und Unruhen sanken sie durch Wilderei bis Mitte der 1980er-Jahre weiter, so dass schliesslich nur noch ein kleiner Restbestand im Garamba-Nationalpark in Kongo-Kinshasa überlebte. 2006 war dessen Grösse auf vier Individuen gefallen, und bei Bestandsaufnahmen in den folgenden Jahren wurden überhaupt keine Nashörner mehr gesichtet. Damit überleben in Afrika sehr wahrscheinlich nur noch jene vier Nördlichen Breitmaulnashörner, welche 2009 aus dem tschechischen Zoo Dvur Kralovein ins Ol-Pejeta-Reservat in Kenia umgesiedelt wurden, um sie dort in gut geschützten Gehegen zu erhalten und wenn möglich zu züchten. Ohne Einkreuzung von Südlichen Breitmaulnashörnern wird dies jedoch kaum gelingen. Es muss also befürchtet werden, dass das Nördliche Breitmaulnashorn nicht oder zumindest nicht reinrassig überleben wird.
Im Gegensatz zum Nördlichen Breitmaulnashorn stand das Südliche Breitmaulnashorn schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts am Rand des Aussterbens. Es überlebte nur ein kleiner Bestand von etwa 20 bis 50 Individuen im Bereich der heutigen Provinz KwaZulu-Natal in Südafrika. Die anderen waren für den Verzehr oder als Jagdtrophäen erlegt worden, teils auch, weil sie ein Ärgernis in landwirtschaftlichen Gebieten darstellten.
Die gerade noch rechtzeitig ergriffenen Schutzmassnahmen zugunsten des Südlichen Breitmaulnashorns im heutigen Hluhluwe-Umfolozi-Park waren ein unglaublicher Erfolg. Ab 1961 konnte mit der Wiedereinbürgerung von Südlichen Breitmaulnashörnern in ehemalige Vorkommensgebiete begonnen werden. Später erlaubte das starke Anwachsen der Bestände sogar die Ansiedlung an Orten, an denen die Unterart ursprünglich nicht heimisch war. Gemäss Schätzungen aus dem Jahr 2010 gibt es inzwischen wieder gut 20 000 wild lebende Südliche Breitmaulnashörner, die meisten davon immer noch in Südafrika. Namibia ist Heimat von fast 500 Individuen, Kenia von fast 400 und Simbabwe von etwa 300. Auf dem fünften Platz findet sich mit 135 Individuen Botsuana, das Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken. Die Erfolgsgeschichte der Südlichen Breitmaulnashörner gilt als eine der weltweit eindrucksvollsten des Artenschutzes.
Dennoch steht das Südliche Breitmaulnashorn leider weiterhin in der Kategorie «Potenziell Gefährdet» auf der Roten Liste der IUCN. Seit der Hornsubstanz der Nashörner im Fernen Osten, insbesondere in Vietnam, nun auch noch Krebs heilende Eigenschaften zugesprochen werden, ist deren Wert und dementsprechend die Nashornwilderei durch gut organisierte und hervorragend ausgerüstete kriminelle Banden erneut massiv angewachsen. Die erschreckenden Statistiken - allein in Südafrika 668 getötete Nashörner im Jahr 2012 - scheinen darauf hinzuweisen, dass selbst das Breitmaulnashorn, das gegenwärtig zahlreichste der fünf Nashörner, in naher Zukunft von der Erdoberfläche zu verschwinden droht.
Legenden
Mit einer Schulterhöhe von 160 bis 185 Zentimetern und einem durchschnittlichen Gewicht von 1700 Kilogramm bei den Weibchen und 2300 Kilogramm bei den Männchen ist das Breitmaulnashorn (Ceratotherium simum) das grösste der fünf Mitglieder der Nashornfamilie. Es hat zwei Hörner, von denen das vordere gewöhnlich 50 bis 100 Zentimeter lang ist, in Ausnahmefällen aber eine Länge von über 150 Zentimetern erreichen kann, und das hintere in der Regel nicht mehr als 50 Zentimeter misst. Das Bild zeigt ein Weibchen mit einem älteren Kalb in Kenia.
Von den beiden Unterarten des Breitmaulnashorns ist die nördliche (Ceratotherium simum cottoni) in der freien Wildbahn sehr wahrscheinlich ausgestorben. Auch die südliche (Ceratotherium simum simum) stand einst kurz vor dem Aussterben, konnte aber dank intensiver Schutzbemühungen und zahlreicher Umsiedlungen gerettet werden. Heute leben wieder rund 20 000 Südliche Breitmaulnashörner in neun afrikanischen Ländern. Das Bild zeigt einen kräftigen Bullen im Krüger-Nationalpark in Südafrika.
Das Breitmaulnashorn gilt als das geselligste unter den fünf heutigen Nashörnern. Gesellig, in kleinen Trupps, leben allerdings nur die jugendlichen und weiblichen Tiere. Die ausgewachsenen Männchen hingegen leben einzelgängerisch in klar definierten Territorien, aus denen sie alle Rivalen fernzuhalten versuchen - nötigenfalls mit Gewalt. Territoriale Männchen haben auf ihrem Grundstück das Vorrecht zur Paarung mit den einwandernden Weibchen; besitzlose Männchen gehen leer aus.
Die weiblichen Breitmaulnashörner bringen nach einer Tragzeit von etwa 16 Monaten jeweils ein einzelnes Junges zur Welt. Es wiegt bei der Geburt zwischen 40 und 65 Kilogramm und kann schon nach wenigen Stunden leidlich gehen und seiner Mutter nachfolgen. Mit ihr bleibt es im Allgemeinen zwei bis drei Jahre zusammen, das heisst bis zur Geburt des nächstjüngeren Geschwisters.
Niemand hat bisher eine einleuchtende Antwort auf die Frage gefunden, warum die beiden afrikanischen Nashornarten landläufig auch Schwarzes und Weisses Nashorn genannt werden. Anhand ihrer Hautfarbe lassen sie sich jedenfalls nicht unterscheiden: Beide sind in sauberem Zustand mittelgrau gefärbt - und nach dem Schlammbaden je nach der Farbe des Bodens in ihrem Lebensgebiet bräunlich, gelblich, weisslich oder gar rötlich wie dieses frisch der Suhle entstiegene Breitmaulnashorn im Krüger-Nationalpark in Südafrika.
ZurHauptseite