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Grippeimpfung von Kindern schützt die Erwachsenen
Epidemiologische Studien aus Japan hatten schon vor 20 Jahren vermuten lassen, dass die Grippe-Imfpung von Kindern viel besser wirken dürfte als die Impfung von älteren Menschen. Nun wurde dieser Effekt in einer randomisierten Doppelblindstudie eindeutig gezeigt.
Wenn Kinder eine Virusinfektion haben, so scheiden sie in der Regel das Virus in hohen Konzentrationen in ihren Sekreten aus. Wir wissen auch, dass Kinder in Kinderhorten sehr oft Virusinfektionen nach Hause bringen und die Eltern anstecken. Als man in Japan in den 60-er und 70-er Jahren die Kinder und nicht die alten Menschen gegen Grippe geimpft hatte, war die Grippe-Mortalität viel tiefer als in den Jahren später, als man auf die Impfung der alten Menschen umstellte (Reichert, NEJM 2001). Ob nun aber tatsächlich die Impfung der Kinder für die Wirkung verantwortlich war, konnte nie schlüssig bewiesen werden.
Das geniale Studiensetting:
Nun hat eine sauber durchgeführte randomisierte und verblindete Studie genau diese Frage prospektiv geprüft ( Loeb et al, 2010) . Die Studie wurde in Kanada in insgesamt 49 klar umschriebenen Babtistenkolonien ("Hutterer") in der Grippesaison 2008/9 durchgeführt. Die gesamten Gemeinschaften konnten entscheiden, ob sie sich an der Studie beteiligen konnten. Eine solche "Kolonie" besteht aus ca. 60-120 Menschen. Dann wurden in der Grippe-Impfsaison die Kinder und Jugendlichen (3-15 Jahre) entweder gegen die saisonale Grippe oder gegen Hepatitis A geimpft.
Randomisierung und Verblindung
Niemand von den Geimpften oder von den Untersuchern (nur die Statistiker) wusste, welche Region mit Grippeimpfstoff oder mit Hepatitis-Impfstoff (gemäss Zufallsprinzip) versorgt wurde. Die Intervention bestand darin, dass allen Kindern zwischen 3 und 15 Jahren die Impfung empfohlen wurde. Grippeimpfungen bei Personen, die im Rahmen der Routinebahandlung erfolgte, wurden dokumentiert.
Eindeutige Endpunkte
Beobachtet wurde nun, wie viele (geimpfte oder ungeimpfte) Menschen in den einzelnen Regionen an Grippe erkrankten. Als Erkrankung wurde nur registriert, wer bei entsprechenden Symptomen einen positiven Nasenabstrich auf Influenzavirus hatte (RNA-PCR).
Klein aber fein
Die Impfrate bei Kindern war mit 83% (Influenza-Regionen) respektive 79% (Hepatitis-Regionen) sehr hoch. In 25 Kolonien wurden die (502) Kinder mit Grippeimpfstoff geimpft, in 24 wurde (n=445) die Hepatitis A Impfung benutzt. Nun zeigte sich sehr schön, dass in den Kolonien, in welchen die Kinder Grippeimpfstoff erhielten, die Infektionsrate bei nicht geimpften Erwachsenen mit 4.5% signifikant geringer ausfiel als bei den Kontroll-Kolonien (10.6%). Daraus lässt sich eine Wirksamkeit der Grippeimpfung von Kindern für die ungeimpfte Population von 61% berechnen. Das ist sogar noch besser als die durchschnittliche Wirkung (59%) bei allen Personen (geimpft und nicht geimpft). Auch bei Personen mit hohem Grippe-Komplikationsrisiko fand sich in den Interventionsgruppen eine geringere Gripperate (4.4 vs. 8.4%, nicht signifikant bei relativ geringer Fallzahl).
Deutliches Resultat – Und die Umsetzung?
Das Resultat dieser Untersuchung ist sehr deutlich. Es genügt tatsächlich, einfach die Kinder zu impfen, wenn man die Erwachsenen schütze will. Dies hängt natürlich damit zusammen, dass die Impfwirkung bei jungen gesunden Menschen viel besser ist als bei Betagten und chronisch Kranken. Eine Voraussetzung, dass die Intervention überhaupt wirken kann, ist dass Jung und Alt zusammen leben, eine Bedingung, die in diesen Gemeinschaften ideal erfüllt war. Doch auch bei uns leben Erwachsene und Kinder recht nahe beeinander. Doch ich wage zu bezweifeln, dass diese hochwirksame Methode bei uns akzeptiert würde….
Quelle: Loeb et al, JAMA, 10.3.2010