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Die Welle der Pop-Musik der 1960er-Jahre wäre ohne den markanten Sound der E-Gitarren nicht denkbar gewesen. Wie hätten Led Zeppelin oder die Rolling Stones ohne die Klangfülle aus den aufgedrehten Marshall-Verstärkern wohl geklungen?
Auch der amerikanische Folksänger Bob Dylan konnte sich der Faszination der E-Gitarren nicht entziehen. Am Newport Folk Festival 1965 stellte er seine Akustik-Gitarre in eine Ecke und stöpselte zum Entsetzen der Folk-Puristen eine Fender Stratocaster ein. Er wurde zwar von den Fans ausgepfiffen und musste das Konzert abbrechen. Von diesem Tag an wandelte sich der Singer-Songwriter aber zunehmend zum Rock- und Popmusiker.
Die Wurzeln der Pop-Musik finden sich vor rund 100 Jahren in den USA. Technische Entwicklungen, wie der Tonfilm, der Plattenspieler und das Radio ermöglichten die rasche Verbreitung neuer Formen der populären Musik in der Epoche der Roaring Twenties. Aus «schwarzem» Jazz und «weisser» Schlagermusik entwickelte sich in Amerika der Swing, der – von Big Bands dargeboten – einen Siegeszug um die Welt antrat. Daneben entstanden Genres wie die Western-, Country- sowie die Hawaii-Musik. Und die technischen Entwicklungen machten nicht bei der Verbreitung der Musik halt, sondern schafften es auch auf die Bühne selbst.
Als Erfinder der E-Gitarre gilt der texanische Gitarrist George Beauchamp. Er pröbelte an einer lauten Gitarre, die sich auch in einer Big Band behaupten konnte. Mit einem Tonabnehmer (Pick-up), der die Schwingungen der Stahlsaiten in eine Wechselspannung umwandelte, konnte der Ton über einen Röhrenverstärker beliebig laut hörbar gemacht werden. Damit war der Grundstein für die elektrische Gitarre, die sogenannte E-Gitarre, gelegt.
Als «Vater der E-Gitarre» wird in den USA der Ingenieur Adolph Rickenbacker bezeichnet. Dessen Wurzeln finden sich in der Schweiz. 1887 wurde Adolf Adam Riggenbacher, wie er laut Taufregister hiess, am Gemsberg 7 in der Basler Altstadt als Sohn eines Schreiners in ärmlichen Verhältnissen geboren. Die Familie wanderte 1891 mit 3 Kindern in die USA aus. Der junge Adolph Rickenbacker, wie er sich nun in Amerika nannte, gründete in Los Angeles eine Firma.
Mitte 1931 brachte Rickenbacker die erste E-Gitarre auf den Markt, die wegen ihrer Form Bratpfanne Frying Pan genannt wurde. Der Patentantrag wurde 1932 gestellt und das US-Patent schliesslich 1937 erteilt. Die Firma lieferte bald Gitarren mit dem Label «Rickenbacker» in die Musikläden des ganzen Landes. Sie existiert noch heute in Santa Ana, Kalifornien. Erst 1936 bekam Rickenbacker Konkurrenz durch die Gibson Guitar Corporation, die eine in industrieller Serienfabrikation hergestellte E-Gitarre auf den Markt brachte.
Erste amerikanische Jazz-Big-Bands kamen noch vor dem Zweiten Weltkrieg auch in die Konzertsäle und Clubs der europäischen Metropolen. In der Altstadt von Basel, unweit vom Geburtsort Rickenbackers entfernt, bekam Karl Schneider, ein junger Geigenbauer im Musikhaus Meinel, erstmals eine amerikanische E-Gitarre zu Gesicht. Fasziniert von der Technik und dem vollen Sound des Instruments, führte er selber Versuche mit Pick-ups durch. Die E-Gitarre sollte ihn in der Folge nicht mehr loslassen.
Karl Schneider wurde 1905 in Heilbronn geboren. Der Vater arbeitete als Braumeister und die Familie zog immer wieder um. Von Heilbronn nach Mulhouse, dann in den Schweizer Jura nach Porrentruy und wieder zurück ins deutsche Oggersheim. Die ständigen Orts- und Sprachwechsel erwiesen sich für die Bildung der drei Kinder als unvorteilhaft. Als der Vater infolge eines Betriebsunfalls 1918 starb, zog die Familie nach Lörrach-Stetten, nahe der Schweizer Grenze.
Der junge Karl interessierte sich für alles, was mit Technik zu tun hatte. Er wollte Ingenieur werden. Ein Studium war aber aufgrund seiner Schulbildung und der finanziellen Verhältnisse der Familie nicht möglich. Ein Onkel Karls, der in Bern als Konzert-Cellist tätig war, erkannte die guten handwerklichen Fähigkeiten des Jünglings. Er vermittelte ihm eine Lehrstelle als Geigenbauer beim renommierten Geigenbaumeister Paul Meinel in Basel.
1923 schloss Schneider die Geigenbauerlehre erfolgreich ab und blieb bis zum Tod seines Lehrmeisters 1928 in dessen Atelier. Nachdem der Schwiegersohn Meinels, der Musikhändler Hugo Schmitz, den Betrieb an der Steinenvorstadt übernommen hatte und das Geigenbau-Atelier zum Musikhaus Meinel erweiterte, blieb Schneider als einziger Instrumentenbauer im Geschäft.
In der Krisenzeit nach 1930 brach die Nachfrage nach Streichinstrumenten ein. Auf der Suche nach einem neuen Geschäftsfeld begann Karl Schneider Gitarren zu bauen. Er entwarf Modelle von Konzert-, Jazz- und Hawaii-Gitarren, die er im Musikhaus Meinel herstellte und unter dem Gitarren-Label «Grando» seines Chefs, auf den Markt brachte.
Gegen Ende der 1930er-Jahre suchte ein amerikanischer Gitarrist in Basel Hilfe für seine defekte E-Gitarre. Im Musikhaus Meinel wurde er fündig. Bei der Reparatur konnte Karl Schneider das Instrument aus den USA, vermutlich eine Gibson ES-155, unter die Lupe nehmen. Kurze Zeit später standen die ersten Grando-E-Gitarren, die genau betrachtet, gewisse Ähnlichkeiten mit den amerikanischen Gibson-Modellen hatten, im Schaufenster des Musikhauses. Diese Grando-Modelle aus Basel gelten als die ersten handelsüblichen E-Gitarren Europas.
Schneider tüftelte weiter und langsam reifte der Entschluss, sich selbstständig zu machen. 1945 gründete er schliesslich in Riehen seine eigene Firma K. Schneider Instrumentenbau. Mit grossem Elan entwarf der Jungunternehmer eine breite Modellreihe mit Akustik- und E-Gitarren, die er nun unter der neuen Marke «Rio» auf den Markt brachte. Das bisherige Label Grando konnte er nicht weiterverwenden, da dieses seinem ehemaligen Chef gehörte.
Karl Schneider entwickelte seine Modelle weiter, führte technische Verbesserungen ein und strebte eine hohe Qualität seiner Produkte an. Seine Jazzgitarren hatten alle einen Metallstab im Gitarrenhals. Damit konnte der Spannkraft der Stahlsaiten entgegengewirkt und eine allmähliche Krümmung des Halses vermieden werden.
Der kommerzielle Erfolg der neuen Firma blieb nicht aus. Die Instrumente wurden in Musikgeschäfte der ganzen Schweiz und ins nahe Ausland geliefert. Obwohl der Verkauf von Musikinstrumenten in der Nachkriegszeit noch mit einer Luxussteuer belastet war, stieg die Nachfrage nach Gitarren aus Riehen rasch. Um genügend Raum für den Betrieb und die junge Familie zu schaffen, wurde 1945 ein Wohn- und Geschäftshaus am Dorfrand von Riehen erbaut. 1947 wurde ein erster Mitarbeiter eingestellt.
Die Verbreitung der populären Musik in der Nachkriegszeit in Europa hat dazu beigetragen, dass das Geschäft mit den E-Gitarren florierte. Eine Welle neuer Stilrichtungen aus den USA wie die Hawaii-Musik und die Western- oder Country-Songs erreichte Europa.
In Basel entstanden mehrere Jazz- und Hawaii-Bands, deren Auftritte mit den laut heulenden E-Gitarrenklängen in Klubs und bei öffentlichen Anlässen Erfolge feierten. Ein Beispiel waren die Hula-Hawaiians, eine erfolgreiche Band, die auch mit Gitarren und Ukuleles aus Riehen auftrat. Auch bekannte Jazz-Musiker, wie Django Reinhardt spielten zeitweise auf Rio E-Gitarren.
Die Räumlichkeiten des Gewerbebetriebs mussten in den Jahren nach der Gründung den Anforderungen der expandierenden Firma mehrmals angepasste werden. In den 1960er-Jahren stieg die Instrumentenproduktion auf 1000 Stück pro Jahr. Mit den wechselnden Musikstilen veränderten sich auch die Rio-Gitarren. Karl Schneider passte sie in Form und Farben den aktuellen Trends und hatte auch immer ein offenes Ohr für Sonderwünsche. Etwa von den Minstrels, welche ihren Hit «Grüezi wohl, Frau Stirnimaa» mit Instrumenten aus Riehen einspielten.
Nach der Ölkrise 1973 wurden die wirtschaftlichen Voraussetzungen für den Instrumentenbau in der Schweiz immer schwieriger. Einerseits kamen vermehrt billige Konkurrenzprodukte aus Asien auf den Markt. Andererseits stiegen die Preise für die benötigten Tropenhölzer. Obwohl Schneider grosse Anstrengungen unternahm, die gewerbliche Produktion mit dem Einsatz von Maschinen zu rationalisieren, schwanden die Margen für die Produkte. Bis 1982 wurden in Riehen noch Gitarren hergestellt.
Nachdem Karl Schneider die Firma seiner Tochter und dem Schwiegersohn übergeben hatte, kehrte er zu seinen Wurzeln zurück und baute bis an sein Lebensende 1998 wieder Geigen. Allerdings in einem kleinen Rahmen in einem kleinen Atelier in seinem Wohnhaus.
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