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Die halbierte Erinnerung der Deutschen
Die neusten Zahlen zur Inflation in der Eurozone haben die Währungshüter in Frankfurt aufgeschreckt. Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), hat angedeutet, dass er noch dieses Jahr erhöhen möchte. Die Reaktion der meisten Kommentatoren ist sehr kritisch ausgefallen. Seither wird eifrig debattiert (siehe hier und hier).
Auffällig ist, dass bei solchen Debatten über die europäische Inflation immer wieder das Trauma der deutschen Hyperinflation nach dem Ersten Weltkrieg beschworen wird. Die Deutschen, so wird argumentiert, seien wegen der historischen Erfahrung besonders sensibel. Dieser Angst müsse man Rechnung tragen.
Das mag sein, aber ist aus wirtschaftshistorischer Sicht nicht wirklich überzeugend. Denn Deutschland hat auch besonders schlimme Erfahrungen mit der Deflation gemacht. Hitler wäre im Januar 1933 nie zum Reichskanzler ernannt worden, wenn die deutsche Wirtschaft nicht jahrelang in einer Deflationsfalle gefangen gewesen wäre. Vor dem Ausbruch der Wirtschaftskrise war die NSDAP eine unbedeutende Kleinpartei gewesen. In der Reichstagswahl vom September 1930 stieg ihr Anteil von weniger als 5 Prozent auf knapp 20 Prozent, in der Wahl vom Juli 1932 auf 37 Prozent.
Ich will damit nicht behaupten, dass die Deflation die ganze deutsche Geschichte von 1929 bis 1933 erklärt. Aber sie hatte einen entscheidenden Einfluss auf die politische Entwicklung. Ohne Deflation kann man den Aufstieg Hitlers nicht verstehen.
Warum hat die Deflationserfahrung keine Spuren in der historischen Erinnerung der Deutschen hinterlassen? Wahrscheinlich lässt es sich damit erklären, dass die Hyperinflation sofort im Alltag sichtbar wurde, während die Deflation nur langsam wirkte. Wie auch immer: Wenn ich wählen müsste zwischen fünf Prozent Inflation und fünf Prozent Deflation in den nächsten paar Jahren, würde ich mich ohne Zögern für die erste Variante entscheiden – deutsche Hyperinflation hin oder her.