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«Alles andere als eine Medaille wäre eine Enttäuschung», hatte Livio Wenger seine Ambitionen unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Er wollte als erster Schweizer im Eisschnelllauf den Sprung aufs Olympia-Podest schaffen und damit hiesige Sportgeschichte schreiben. Schliesslich war er vor vier Jahren in Pyeongchang bei der olympischen Premiere des Massenstarts Vierter geworden und gewann er im Januar EM-Silber.
Der Plan von Wenger war offensichtlich, er hängte sich an den belgischen Europameister Bart Swings, versuchte in dessen Windschatten so viele Kräfte wie möglich zu sparen. Dennoch war er im Endspurt chancenlos, auch weil er in der zweitletzten Kurve - wohl wegen einer Berührung - nach aussen getrieben wurde, was ihn viele Meter kostete.
Die Ziellinie passierte er als Sechster, Siebenter wurde er deshalb, weil der Japaner Ryosuke Tsuchiya in den Zwischensprints sechs Punkte holte und damit zwei mehr als Wenger totalisierte - die ersten drei im Ziel haben die Medaillen auf sicher.
Wenger kämpfte nach dem Rennen mit den Tränen und rang nach Worten, sagte aber auch, dass er irgendwann stolz darauf sein werde, zum zweiten Mal ein olympisches Diplom geholt zu haben. Dazu gibt es auch allen Grund. Einerseits geniesst die Sportart in der Schweiz einen geringen Stellenwert, gibt es nicht einmal eine Eisschnelllauf-Halle. «Es ist extrem traurig, dass wir im Ausland (in Inzell) trainieren müssen», so Wenger.
Andererseits verlief die Vorbereitung auf Peking bei weitem nicht ideal. Anfang Dezember erkrankte er ziemlich heftig an Corona, lieferte er insgesamt elf Tage positive Tests ab. Das warf ihn arg zurück, «ich verlor extrem viel an Stärke», sagte Wenger.
Dem nicht genug erwischte ihn in Peking eine Grippe, lag er eine Woche mehr oder weniger im Bett. Das war mental nicht einfach für Wenger, er benötigte viele aufmunternde Worte. Von daher trat er nicht in Topform an und fehlten ihm auf den letzten der 6400 Meter verständlicherweise etwas die Kräfte. Dies umso mehr, als er nach seinem Halbfinal (3.) nicht viel Zeit zur Erholung hatte, dieser fand 75 Minuten vor dem Final statt.
«Ich kann mir nichts vorwerfen», sagte Wenger, der erst 2014 richtig mit Eisschnelllauf begonnen hatte, wobei er davon profitierte, dass er als Inliner eine gute Basis aufwies. «Bis auf die letzte halbe Runde war es ein super Rennen, dennoch tut es gerade brutal weh.» Er stellte aber klar, dass er nicht aufgeben werde: «In vier Jahren stehen wieder Olympische Spiele an.» Dann will er in Mailand einen dritten Anlauf nehmen, den Medaillen-Traum zu verwirklichen.
Dass Wenger eine gute Taktik wählte, unterstreicht die Tatsache, dass sich Swings die Goldmedaille sicherte. Der Olympia-Zweite von 2018 setzte sich vor den Südkoreanern Chung Jaewon und Lee Seung-Hoon durch. Letzterer war vor vier Jahren Olympiasieger geworden.
Bei den Frauen scheiterte Nadja Wenger, die Schwester von Livio, im Halbfinal, den sie als Zehnte beendete. Für die 30-Jährige war es allerdings schon ein Erfolg, überhaupt dabei zu sein, betreibt sie doch erst seit vier Jahren Eisschnelllauf. «Ich war unglaublich nervös, mein Magen spielte verrückt», sagte Nadja Wenger. «Ich wusste von Anfang, dass es hart wird.»
Gold ging an die Niederländerin Irene Schouten, die in Peking schon über 3000 und 5000 m triumphiert hatte. Sie siegte vor der Kanadierin Ivanie Blondin und der Italienerin Francesca Lollobrigida. (dab/sda)
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