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Wie würde die heutige Schweiz aussehen, wenn es Alfred Escher nicht gegeben hätte? Bestimmt hätten wir heute auch ein Eisenbahnnetz, Banken – wenn auch keine Crédit Suisse –, Versicherungen, eine technische Hochschule und zweifellos auch einen Tunnel durch die Alpen. Aber viele Entwicklungen wären wohl etwas anders abgelaufen, langsamer vielleicht, mit anderen Schwerpunkten, auf gewissen Umwegen, geprägt, gefördert und beeinflusst von unterschiedlichen Ideen und Absichten.
Einzigartige Verdienste
Escher war einer der bedeutendsten und ist heute noch einer der bekanntesten Zürcher, seine Verdienste für die Entwicklung der Schweiz als moderner Staat sind singulär. Seine Statue vor dem Hauptbahnhof Zürich zeigt eine imposante Figur. Warum die Statue gerade dort steht? Die Erschliessung der Schweiz mit der Eisenbahn war ein erstes grosses Anliegen, für das Escher sich – auch als Politiker im Nationalrat – engagierte. Wenn die Schweiz den Anschluss an die europäischen Bahnnetze verpasse, so der weitsichtige Pionier, würde die Schweiz «gänzlich umgangen werden und infolgedessen in der Zukunft das traurige Bild einer europäischen Einsiedelei darbieten».
Eschers Ideen und Projekte, für die er auf dem politischen Parkett ebenso wie aus der Perspektive der Wirtschaft kämpfte und in denen er wichtige Funktionen innehatte, bilden eine Art Gesamtkunstwerk, sie sind miteinander verbunden, eines bedingte das nächste. Die Eisenbahnen, ein neuer Wirtschaftszweig, erforderten Ingenieure und Techniker – Escher war eine der treibenden Kräfte bei der Schaffung des «Eidgenössischen Polytechnikums» (die heutige ETH). Der Bau von Eisenbahnlinien und Eisenbahnen kostete grosse Summen, Kapital, das bis dahin nur im Ausland zu haben war. Escher gründete die Schweizerische Kreditanstalt (heute Crédit Suisse). Zur Anbindung des schweizerischen Bahnsystems brauchte es unbedingt eine Verbindung nach Süden, sprich, eine Alpentransversale. Escher war Präsident der Gotthardbahn-Gesellschaft.
Hinter dem Visionär, der Politiker
Die Anfänge von Eschers Karriere liegen aber in der Politik. Er trat 1844 der radikal-liberalen Partei bei und wurde Mitglied der Parteileitung. Mit fünfundzwanzig Jahren wurde er in den Zürcher Grossrat gewählt und war 1845/46 dritter Tagsatzungsgesandter im Kanton Zürich. 1847, als Achtundzwanzigjähriger, präsidierte er den Zürcher Grossen Rat und war damit der jüngste Präsident, den es dort je gab. 1848 wurde er in den Regierungsrat gewählt. Wahrlich ein steiler Aufstieg innert weniger Jahre!
1848 wurde Alfred Escher überdies zweiter Tagsatzungsgesandte in Bern. Dort wurde im ersten Halbjahr die Bundesverfassung beraten. In diesem Gremium konnte der junge Escher seine Vorstellungen nicht durchsetzen. Zusammen mit Jonas Furrer, der der erste Bundespräsident wurde, kämpfte er gegen das Zweikammersystem; Furrer war das ein «widerwärtiges» System, und Escher sah das auch so. Er hätte einem Zentralstaat den Vorzug gegeben.
Im Nationalrat sass Alfred Escher volle vierunddreissig Jahre, bis zu seinem Tod 1882. Nach 1849 präsidierte er den Rat auch 1856 und 1862. In den Kommissionen arbeitete er über Jahrzehnte an Geschäften mit, welche die Schweiz prägten.
Escher war fast überall präsent, so dass er gelegentlich als «König der Schweiz» betitelt wurde.
Zürich. Bahnhofplatz. Alfred Escher Statue
Kritisierte Machtfülle
Diese – ganz und gar nicht schmeichelhaft gemeinte – Bezeichnung gehörte zur Kehrseite der Biografie dieses Mannes, der politisch wie wirtschaftlich in der Schweiz über lange Jahre grossen Einfluss hatte. Escher hatte zahlreiche – oder soll man sagen: zahllose – bedeutende politische Ämter und wirtschaftliche Funktionen inne. Er war unter anderem Direktionspräsident der Schweizerischen Nordostbahn, Verwaltungsratspräsident der Schweizerischen Kreditanstalt und im Aufsichtsrat der Schweizerischen Lebensversicherungs- und Rentenanstalt. Von 1848 bis 1855 war er überdies Zürcher Regierungsrat. Seine Machtfülle weckte Kritik, es bildete sich die «Demokratische Bewegung», die den Einfluss des «Systems Escher» schliesslich zu beschneiden vermochte. Besonders schmerzlich für Escher war, dass er als Präsident der Gotthardbahn-Gesellschaft zurücktreten musste, weil die Kosten aus dem Ruder gelaufen waren; das Projekt kostete schliesslich 40 Millionen Franken mehr als geplant. Bezahlen mussten der Bund, Deutschland und Italien. Eine bittere kleine Anekdote: Zu den Festlichkeiten rund um den Gotthard-Durchstich erhielt Alfred Escher keine Einladung.
Alfred Escher, Porträt