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LID: Frau Pfammatter, was hat Sie zu Ihrer Arbeit inspiriert?
Prisca Pfammatter: Ich bin im Tessin aufgewachsen. In einem Haus, wo seit 20 Jahren nur Frauen wohnten. Ich, meine Schwester, meine Mutter, meine Grossmutter. Und dennoch habe ich in unserem Garten keine landwirtschaftliche Gartenarbeit betrieben. Zunächst interessierte mich das auch nicht. Doch als mein Interesse wuchs hiess es: «Lass das doch die Männer machen, die wissen, wie das geht». Das Bild einer Frau, die sich landwirtschaftlich betätigte, passte nicht.
Und das zog sich in Ihren Erfahrungen weiter?
Ja. Ich machte verschiedene Praktika in der Landwirtschaft, oft als einzige Frau. Also kleidete ich mich dabei eher männlich. Ich hatte das Gefühl, ich würde nicht ernst genommen, wenn ich weiblich aussehe. Und dann kamen Fragen wie: «Bist du lesbisch?» Ich denke, dass dort die Fragen angefangen haben: Wie hängt 'das Bauern' mit meinem Geschlecht und sogar meiner Sexualität zusammen? Was hat die Kartoffelernte mit meinen Geschlechtsorganen zu tun? Aber am wichtigsten: Wo und wie kann ich Landwirtschaft betreiben, ohne sexualisiert und gegendert zu werden?
Und deshalb beschäftigten Sie sich im Studium an der Universität Wageningen mit solchen Fragen?
Ich habe im Studium den positiven Ansatz gelernt. Nicht auf das Negative fokussieren, sondern nach positiven Beispielen suchen und diese sichtbar machen. Deshalb habe ich mich auf die Suche nach queeren Bauernhöfen gemacht.
Wie gestaltete sich die Suche nach solchen Höfen in der Schweiz?
Über Institutionen, Organisationen oder Beratungsstellen funktionierte es nicht. Es konnten keine Höfe vermittelt werden. Aber informell erhielt ich viele Hinweise, etwa via feministische Netzwerke oder via solidarische Landwirtschaft. Schliesslich fand ich drei Betriebe, die von queeren Menschen geleitet wurden, sowie einen Kollektivbetrieb mit 5 Personen, queer und non-queer.
Welches Ziel setzten Sie sich mit der Studie?
Ich wollte die Sache so offen wie möglich angehen. Ich war interessiert daran, zu erfahren, was wichtig ist und was nicht. Fragen waren etwa: «Wo entsteht diese Männlichkeit, wo entsteht diese Weiblichkeit?» Und ich wollte erfahren, welche Aktivitäten mit welche Identitäten verbunden werden.
Gab es bereits Studien zum Thema?
Erste Studien in den 1970er-Jahren zu Gender und Landwirtschaft beschäftigten sich mit der Rolle der Frau auf den Betrieben. Vor fünf Jahren gab es in den USA erste Studien zur queeren Landwirtschaft. Es wurde vor allem danach gefragt, wo die Hürden liegen. In Europa jedoch ist es meines Wissens die erste Arbeit zum Thema.
Prisca Pfammatter ist im Tessin aufgewachsen. An der Universität Wageningen in den Niederlanden hat sie einen Master of Organic Agriculture mit Vertiefung in nachhaltigen Ernährungssystemen absolviert. Die Masterarbeit zur queeren Landwirtschaft (Englisch) können Sie hier abrufen. An der 4. Internationalen deutschsprachigen Tagung «Frauen in der Landwirtschaft» vom 23. bis 25. März am Inforama Rütti in Zollikofen wird Pfammatter einen Vortrag zum Thema halten.
Welches sind für Sie die wichtigsten Erkenntnisse?
Bezüglich Forschung ist ein Ergebnis, dass es mehr Studien in Richtung queere Landwirtschaft braucht. Queere Menschen zeigten mir neue Wege, wie Landwirtschaft abseits der Produktion von Männlichkeit und Weiblichkeit betrieben werden kann und welche Möglichkeiten dies für mehr Nachhaltigkeit, Gemeinschaftsbildung und soziale Gerechtigkeit bietet. Wichtige Erkenntnisse für mich sind auch, dass die queere Landwirtschaft mehr Visibilität, Unterstützung sowie Vernetzung braucht und dass viele Hürden existieren.
Welche Hürden meinen Sie damit?
Schon als Frau ist es schwer, sich als Landwirtin durchzusetzen, als queere Person noch schwieriger. Die Schweizer Landwirtschaft wird immer noch sehr traditionell dargestellt, Heterosexualität und traditionelle Geschlechterrollen prägen deren Weltbild. Dazu spielt in der Schweiz auch die Ausbildung eine wichtige Rolle. Frauen werden in Richtung Bäuerinnen-Ausbildung – die einzige Ausbildung ohne eine genderneutrale Bezeichnung - gelenkt, Männer in Richtung Landwirt-Ausbildung. 81 Prozent der Personen, welche eine Landwirtschafts-Lehre absolvieren, sind Männer. Und erst vor rund 2 Jahren absolvierte erstmals ein Mann die Bäuerinnen-Ausbildung. Schliesslich arbeiten wir in der Schweiz sehr stark mit dem traditionellen heterosexuellen Konzept der «Familienbetriebe», was sogar im ersten Artikel des bäuerlichen Bodenrechtes bekräftigt wird. Ein Teil der untersuchten Betriebe kann sich nicht mit diesem Begriff identifizieren, andere haben ihn für sich selbst neu definiert. Für sie sind alle, die auf dem Hof arbeiten, Teil der Familie.
Und wie sieht es in der landwirtschaftlichen Praxis aus?
Was die Rollenverteilung auf dem Betrieb betrifft, so spielen Sex, Gender oder Sexualität kaum eine Rolle. Es gibt dort viel wichtigere Fragen: Wie stark ist jemand? Wer hat Zeit? Wer hat Interesse an welcher Arbeit? Es werden andere Faktoren als Gender entscheidend für die Arbeitsaufteilung. Diese Faktoren werden aber teilweise wieder von Gender und Sexualität beeinflusst. Ein Studienteilnehmende ist zum Beispiel auf einer traditionellen heterosexuellen Familienfarm aufgewachsen und hat als Kind Angst vor Maschinen entwickelt. Sie hatte den Eindruck, dass sie als Frau nicht auf einen Traktor gehört. Ihre Brüder hingegen wurden positiv ermutigt, Traktoren zu fahren. Dieser kleiner Wissens- und Interessens-Unterschied wurde während der Ausbildung als Landwirt/in immer grösser. Auf dem Lehrbetrieb hat sich nämlich niemand die Zeit genommen, das praktisch zu üben und die kleine Wissenslücke zu schliessen. Sie fuhr dann erstmals an der Prüfung rückwärts mit einem Anhänger. Die Ausbildung verstärkt also die kleinen Unterschiede, die schon bei Kindern durch eine genderspezifische Sozialisierung da sind. Wenn es als komisch angeschaut wird, wenn ein Mädchen mit Traktoren spielen will, wirkt sich das eben aus.
Wie liesse sich diese Situation verbessern?
Derzeit öffnet sich in der öffentlichen Wahrnehmung viel Raum. Aber viele queere Menschen bleiben aus verschiedenen Gründen unsichtbar. Die Gründe dafür sind komplex. Es ist für sie zum einen eine Überlebensstrategie des Selbstschutzes. Sie treffen dann auf weniger Diskriminierung. Zweitens haben die Institutionen und die Forschung bisher kaum ihre Annahmen hinterfragt, so werden alle als heterosexuell und cisgender angenommen. In der Schweiz existiert keine Statistik zu queeren Höfen. Klar, man kann jetzt sagen, die Sexualität einer Landwirtin spiele keine Rolle. Aber solange es Diskriminierung gibt, spielt sie eben doch eine Rolle.
Sie haben die Ausbildung angesprochen. Was wünschen Sie sich diesbezüglich?
Ich plädiere für eine Kombination der Bäuerinnen- und Landwirt-Ausbildungen. Aktuell lernen die Landwirt/innen nicht, den Haushalt zu machen. Das ist wenig erstaunlich, arbeiten sie doch sehr lange und es ist normalerweise strukturell so bedingt, dass sich jemand anderes – oft die Frau oder die Mutter - um den Haushalt kümmert. Und viele Bäuerinnen machen eigentlich auch den Landwirt-Job, packen überall mit an bei Maschinen und bei Tieren. Aber das ist so nicht anerkannt und zu Beginn ist schlicht ihr Wissen wegen der Ausbildung kleiner. Eine Kombination würde hier helfen.
Sie haben viele Schwierigkeiten aufgezählt, fanden Sie auch Positives?
Ja. Ich konnte aufzeigen, dass es eine Landwirtschaft gibt, die auch für queere Menschen passt. Wo man einfach Mensch sein kann und sich nicht verstecken und verkleiden muss, um das zu tun, was man mag. Dass es diesen Raum für eine Landwirtschaft für alle gibt. Mir ist aber aufgefallen, dass es im Bereich Bio-Landwirtschaft mehr Frauen gibt und es dort auch für queere Menschen einfacher ist, sich zu etablieren und so zu leben, wie sie wollen, abseits die normativen Vorstellungen von Gender, Sex und/oder Sexualität.
Bleiben Sie am Thema dran?
Ich verfasse derzeit einen wissenschaftlichen Artikel zum Thema. Nach einem einjährigen Praktikum überlege ich mir, eine Doktorarbeit zu verfassen. Aber vieles dazu ist noch offen.