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Vor 200 Jahren: Horace Benedict de Saussure auf dem Mont Blanc
Hans Amann, St. Gallen
Nicht um Ehre, sondern für die Wissenschaft H. B. de Saussure hat diesen Ruhm nie für sich beansprucht, aber die Namen der beiden Erstbesteiger blieben dennoch zeitlebens in seinem Schatten gefangen. Wohl nicht zuletzt, weil de Saussure primär von wissenschaftlichem Ehrgeiz getrieben war und deshalb viel mehr im Rampenlicht des allgemeinen Interesses stand. In seinem Lebensrück-blick stellte er denn auch fest, sein Alpinismus habe ausschliesslich wissenschaftlichen Zwecken gedient, mit dem Ziel, Neues zur Geschichte der Erde zu entdecken.
Sein vierbändiges Werk Voyages dans les Alpes- es erschien in den Jahren 1779 bis 1788 - legt Zeugnis ab von dieser unermüdlichen Forschertätigkeit1. Paccard hingegen hat nach erbärmlichen Anfeindungen ( seitens Balmats ) auf jede Publizität verzichtet und sich bescheiden zurückgezogen.
Angst vor Bergen und Menschen Noch in der Mitte des 18. Jahrhunderts wurden der Mont Blanc und die ihn umgebenden Berge les montagnes maudites, die verwünschten Berge, genannt. Man scheute sie und fürchtete sich sogar vor den Bewohnern des Tales. Als der durch seine zahlreichen Reisen berühmte Engländer Pocock 1741 zum er- 1 Die deutsche Übersetzung des Werkes durch den Berner Pfarrer Jac. Samuel Wyttenbach erschien in den Jahren 1781-1788 in Leipzig Dieser im Stil der Zeit verfasste Text wirkt, verglichen mit unserm heutigen Sprachgebrauch, gelegentlich etwas umständlich und schwerfällig, spiegelt aber sehr gut den Geist jener Zeit. Er wird darum hier, jeweils unter Angabe von Band und Seite, wörtlich zitiert.
Der 3. August 1787 gilt in vielen Bergsteigerkreisen als ( Geburtstag des Alpinismusals Tag, an dem die Eroberung des Hochgebirges ihren Anfang nahm. Damals hatte der Physiker und Geologe Horace Benedict de Saussure zusammen mit 19 Begleitern den Gipfel des Mont Blanc erreicht. Es entspricht also nicht den Tatsachen, wenn noch in Meyers Konver-sationslexikon von 1897 zu lesen ist:
sten Mal ins Tal von Chamonix kam, bewaffnete er sich, als ob hier wilde Horden anzutreffen wären. So schrieb jedenfalls der Genfer Bibliothekar Baulacre im Journal helvétique in der Mai- und Juni-Nummer des Jahrganges 1743.
Der Physiker und Geologe de Saussure Der 1740 in Conches ( GE ) geborene Horace Benedict de Saussure weilte als 20jähriger Student erstmals in Chamonix. Er war von der Aussicht vom nördlich vorgelagerten Brévent ( 2700 m ) fasziniert und liess ( in allen Kirch-spielen des Thales bekannt machen, dass ich denjenigen welche einen gangbaren Weg auf diesen Gipfel ausfindig machten, eine ziemliche Belohnung verspreche).2 Ein genauer Betrag wurde dabei jedoch nicht erwähnt.
Im 1779 erschienenen ersten Band seiner Voyages dans les Alpes ( deutsche Ausgabe 1781 ) schrieb de Saussure, dass er den Gipfel des Mont Blanc für unbesteigbar halte. Dennoch wurde in der Folge die Besteigung der höchsten Erhebung der Alpen immer wieder versucht - lag es am ausgesetzten Preis, oder am inneren Drang, den gewaltigsten Bergriesen Europas zu bezwingen?
Erste Versuche am Mont Blanc 1761 versuchte der einheimische Peter Simon von der Tacul-Seite, aber auch vom Bossongletscher her, den Berg zu besteigen,
Rund 15 weitere Jahre vergingen, bis vier Bergführer aus Chamonix zur Jonction am Bossongletscher und von dort zu den Felsen der Grands Mulets vordrangen. Doch auch sie kehrten ohne Gipfelerfolg zurück, weil - wie sie nachher sagten - die intensive ( Sonneneinstrahlung und eine erstickende Hitze ) ihnen arg zugesetzt habe und sie durch ( grosse Müdigkeit und Schwachheit erschöpft ) waren.
Weitere acht Jahre verstrichen, bis wiederum drei Führer zu den Grands Mulets aufbrachen und auf der Montagne de la Côte biwakierten. Der Stärkste von ihnen wurde aber von einer ( ganz unüberwindlichen Schlafsucht 2 Bd.4, S.314 3 Bd.4, S.316 4Bd.4,S.317 5 Bd. 3, S.92 überfallen ). Seine Begleiter wollten ihn nicht allein zurücklassen und stiegen deshalb mit ihm zu Tal, ( denn jene Schlafsucht, welche durch die Dünnheit der Luft verursacht worden, hörte auf, sobald er im Hinabsteigen wieder in eine dickere Atmosphäre geführt wurde ). Sie hatten alle auch unter einem ausgesprochenen Appetitmangel gelitten, so dass einer von ihnen im vollen Ernst behauptete, es sei unnütz, auf diese ( Reise irgend einen Mundvorrat mitzunehmen ). Das nächste Mal würde er ( nichts als einen Sonnenschirm und ein Fläschchen mit wohlriechendem Wasser mit sich nehmen).3 De Saussure konnte es nicht unterlassen, sich über diese Bemerkung zu mokieren: Er könne sich nicht vorstellen, wie ( der grosse, starke Bergmann in der Hand den Schirm und in der anderen ein Fläschchen mit Sanspareille-Wasser haltend empor-klimmt).4 M.T. Bourrit, der 1775 eine Beschreibung der Gletscher ob Chamonix im Druck herausgegeben hatte, versuchte 1784 ebenfalls einen Weg über die La Côte zu finden, gelangte aber nur bis zur Jonction. Dann musste er wegen eines Unwetters umkehren. Er kam jedoch zur Überzeugung, dass der Bergriese von einer anderen Seite angegangen werden müsse. Zusammen mit zwei Gemsjägern erkundete er daraufhin einen möglichen Weg, und sein Bericht vermochte dann auch de Saussure zu überzeugen.
De Saussures Angriff misslingt 1784 erforschte H. B. de Saussure auf einer Bergfahrt, die ihn auf dem Gletscher beinahe in eine bedrohliche Lage gebracht hätte, den geologischen Aufbau der Granitzacken der Aiguilles im Massiv des Mont Blanc. Folgen wir nun seinen Spuren anhand von Auszügen aus seinen Aufzeichnungen:
( Um nun meine Absichten gänzlich zu erfüllen, blieb mir nur noch die fünfte Pyramide übrig, welche, von Chamouny gesehen, die nächste an dem Montblanc zu seyn scheint und Mittaghorn oder Aiguille du Midi genannt wird.)5 ( Ich stieg gerade hin gegen den Gletscher des Mittaghorns und sah unter dem Eise desselben einen grossen Felsen, von dem ich vermuthete, er mache einen Theil des Grundes dieses Berges aus. Ich sähe, dass es eine blät- terichte, sehr harte und dichte, mit grauen Adern gestreifte Felsart sey, in deren Streifen eine Vermischung von Glimmer und Quarz, mit gleichfarbigen Nestern, wellenförmig abwechselten.
Ich musste noch höher steigen und über den Gletscher selbst gehen, um zu Felsen zu gelangen, die gewiss zum Körper der Pyramide gehörten.)6
Ein neuer Anlauf Er beauftragte Pierre Balmat und den ebenfalls aus Chamonix stammenden Marie Coutet, den Berg täglich zu beobachten und ihm Nachricht zu geben, wenn sie einen Aufstieg für möglich hielten. Dr. Paccard war im Sommer ebenfalls unterwegs gewesen, um eine neue Route im Gebiet des Taculgletschers auszukundschaften, und noch am 9./10. September war er mit zwei Führern bis auf 3700 m ü. M., das heisst bis knapp unter den Gipfel der Aiguille du Goûter gelangt.
Riesige Schneemengen, die vom ungewöhnlich harten Winter 1784/85 her noch auf den Höhen lagen, und der nasse und kalte Sommer des Jahres 1785 ermöglichten es aber erst Mitte September, an einen neuen Angriff zu denken.
6 Bd. 3, S. 93/94 7 Bd. 3, S. 97/98 8 Bd. 3, S.100 Aus de Saussures Aufzeichnungen Wir folgen auszugsweise der Beschreibung eines weiteren Versuches de Saussures auf den Mont Blanc:
Ich hatte mir vorgenommen, mein Nachtlager so hoch als möglich unter Decken, die wie Zelte sollten ausgebreitet werden, aufzuschlagen; Herr Bourrit aber hatte den glücklichen Einfall, zween Tage vorher drey Männer von Chamouny hinauf zu schicken, um uns unter den Felsen, nahe der Aiguille du Goute aus trockenen Steinen eine Art von Hütte zu bauen.)9 ( Hinter unserer Hütte stieg eine kleine, 40 Fuss höhere Kette von Felsen empor, auf welche ich sogleich zu gelangen trachtete.)10 ( Ich wählte diese Höhe zu meinem Observatorium und hieng meine Hygrometer und Thermometer an einen Stab an die freye Luft auf, ich aber stand zu oberst auf dem Felsen und mass mit meinem Elektrometer den Grad der Luftelektrizität. Zu meinem grossen Missvergnügen konnte ich einen Versuch, von welchem ich mir sehr viel Vergnügen versprochen hatte, nicht machen, nämlich über die Hitze, welche zum Sieden des Wassers in verschiedenen Höhen nöthig ist.)11 ( Die Schönheit des Abends und die Majestät der Aussicht, die ich bey dem Untergang der Sonne hatte, trösteten mich über dieses mein Unglück. Die Dünste des Abends verminderten, gleich einer leichten Gase, den Glanz der Sonne und verhüllten zum Teil die unermessliche Ausdehnung, welche wir zu unseren Füssen hatten, sie bildeten eine Art von Gürtel, der, mit dem schönsten Purpur be-mahlt, den ganzen westlichen Theil des Horizonts umgab, indem unterdessen die durch dieses Licht bemahlten Schneelasten an den untern Höhen des Montblanc gegen Abend das grösste und wunderbarste Schauspiel uns darstellten.)12 Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch:
( Wir fanden nothwendig, etwas von warmen Speisen zu geniessen, um uns gegen die Kälte zu schützen, dann verreiseten wir um sechs ein Viertel Uhr mit der grössten Hoffnung eines glücklichen Erfolges.)13 ( Da wir schon 1422 Klafter 14 über das Meer erhaben waren, so blieben uns noch etwa 1000 Kafter bis auf den Gipfel des Montblanc zu ersteigen übrig.)15 ( Der Gletscher, über welchen wir giengen, steigt an eine der Wände die Aiguille du Goute hinauf, welche ihrer Steilheit wegen unersteigbar ist und wird von den andern, welche wir ersteigen sollten, durch eine jener tiefen und steilen Rinnen, abgesondert. Wir mussten durch diese Rinne hinüber: der Schnee, welcher sie bedeckte, war noch gefroren und sehr hart; aber Couttet und Gervais waren glücklicherweise den Abend vorher dahin gegangen, hatten den Schnee durch die Wärme der Sonne erweicht gefunden und gute Tritte in denselben gemacht, die uns nun fürtreffliche Dienste leisteten.)16 ( Ein jeder von uns stellte sich zwischen zween Führer, welche die zwey äussersten Ende eines ihrer langen Bergstöcke fest in den Händen hielten. Dieser Stock oder Stab machte eine Art von Verzäunung gegen den Abgrund aus, auf welche wir uns lehnen konnten, und die stets mit uns fortrückte, so dass wir ganz sicher daran fortgehen konnten und gegen alle Gefahr geschützt waren.
Nachdem wir nun durch diese Rinne hinübergekommen, erreichten wir die Felsribbe, über welche wir hinauf steigen mussten, und hier fieng unsere Arbeit an, sehr beschwerlich zu werden. Oft wusste ich nicht, wo ich mich fest halten sollte und ergriff dann den Fuss des vor mir her steigenden Führers; der Abhang war an einigen Orten so steil, dass dieser Fuss in der Höhe meines Kopfes war. Vor zween Tagen frisch gefallener Schnee machte unsere Beschwerden noch grosser, denn dieser füllte die Zwischenräume der Felsen an und bedeckte den harten Schnee und das Eis, welches hin und wieder unter unsern Füssen lag.)17 Die Verhältnisse verschlechterten sich noch weiter, so dass Pierre Balmat schliesslich die anderen warten liess, um das Gelände vor ih- Bd.4, S 319 Bd. 4, S.324 Bd.4, S.325 Bd.4, S.326/327 Bd.4, S.329 1 Klafter = 1,7 m ( im Mittel ) Bd.4, S.330 Bd.4, S.333 Bd.4, S. 334/335 nen zu erkunden:
Aufgeschoben - nicht aufgehoben Im Juni 1786 war der Einheimische Jacques Balmat -wie andere auch - auf der Suche nach der besten Route.Viermal hatte er vorher, meistens allein und ohne Hilfsmittel, unter freiem Himmel genächtigt. Es gelang ihm zwar nicht, den Gipfel zu erreichen, wohl aber die Zugangsmöglichkeiten zu erkunden, wobei er zusammen mit fünf Führern bis zum Dôme und zu den Vallotfelsen vorstiess.
Erstbesteigung durch Paccard und Balmat19 Der 29jährige, sehr gut trainierte Arzt des Tales, Dr. Michel Paccard, hatte ebenfalls den Entschluss gefasst, den Mont Blanc zu bezwingen. Und er war der Meinung, dass der Sommer 1786 sich für dieses Unternehmen besonders eigne. Statt seines üblichen Begleiters nahm er Jacques Balmat mit. Am Dienstag, B. August, abends 18.30 Uhr, standen beide auf dem Gipfel des Mont Blanc. Zum ersten Mal genossen damit Menschen die gewaltige Rundsicht von diesem höchsten Punkt Europas. Balmat erhielt die von de Saussure 18 Bd.4, S.335/336 19 Vgl. QH 1/85, S.28ff 20 Die deutsche Übersetzung von Traugott von Gersdorf erschien als Broschüre 1788 in der akademischen Buchhandlung in Strassburg ( zitiert als: Gersdorf ) 26 Jahre früher ausgesetzte Prämie, die ihm Paccard vollumfänglich überliess. Trotzdem kam es bald zu Spannungen zwischen den beiden Erstbegehern - vor allem weil Balmat sich mehr und mehr in den Vordergrund schob und ebenfalls den ganzen Ruhm für sich beanspruchte, wodurch schliesslich auch das Bild der Eroberung des weissen Königs der Berge etwas getrübt wurde.
Ein Jahr später - de Saussure Der nun folgende Bericht de Saussures weicht im wesentlichen von anderen Schilderungen über das gleiche Thema ab. Ihm ging es nämlich nicht um den Ruhm der Erstbesteigung, sondern rein um das wissenschaftliche Interesse, selbst wenn er als eigentlicher Initiator aller Anstrengungen am Mont Blanc bezeichnet werden muss.
In den ersten Augusttagen des Jahres 1787 machte er sich mit seinen Begleitern zu
Ob es gleich von der Priorey zu Chamouni bis auf den Gipfel des Montblanc in gerader Linie nur zwey und ein viertel Stunden ist, so haben wir doch immer wenigstens 18 Stunden unterwegs zugebracht, weil es übel zu gehen ist, viele Umwege zu machen sind und man ungefähr 1920 Klafter zu steigen hat.
Um in der Wahl der Oerter, wo ich die Nacht zubringen könnte, völlig frey zu seyn, liess ich ein Zelt mitnehmen, und schlief dar- unter die erste Nacht oben auf dem Berge La Cote. Der Weg dahin ist ohne Mühe und Gefahr; man steigt immer auf Rasen oder auf Gestein, und macht ihn leicht in 5 oder 6 Stunden. Aber von da an bis auf den Gipfel geht man bloss über Eis und Schnee.
Die zweyte Tagereise ist nicht die leichteste. Man muss erst über den Gletscher von La Cote, um den Fuss einer kleinen Kette von Felsen zu gewinnen, die in dem Schnee des Montblanc eingeschlossen sind. Dieser Gletscher ist mühsam und gefährlich; er ist von breiten, tiefen und unregelmässigen Schrunden durchschnitten, und oft kann man nicht anders als auf Brükken von Schnee hinüber, die manchmal sehr dünne sind, und über Abgründe schweben. Einer von meinen Führern wäre bald darinnen umgekommen. Er war den Tag vorher mit zwey andern hingegangen, den Uebergang zu untersuchen: glüklicherweise hatten sie die Vorsicht gehabt, sich mit Stricken aneinander zu binden, mitten in einem breiten und tiefen Schrunde brach der Schnee unter ihm ein, und er blieb zwischen seinen beyden Gefährten hängen. Wir giengen dicht bey dem Loche vorbey, das er gemacht hatte, und mich schauderte, als ich die Gefahr sähe, in der er gewesen war.
Meine Führer wollten dass wir die Nacht bey einem von den Felsen zubringen sollten, da aber die höchsten davon 6 bis 700 Klafter niedriger sind, als der Gipfel, so wollte ich noch höher. Desswegen war es nöthig, mitten im Schnee Nachtlager zu halten; und dazu kostete es Mühe meine Reisegefährten zu bewegen. Sie bildeten sich ein, es herrsche bey Nacht in dem tiefen Schnee eine gar nicht auszustehende Kälte, und sie fürchteten im Ernste umzukommen. Ich sagte ihnen endlich, dass ich entschlossen wäre mit denjenigen von ihnen, auf die ich mich verlassen könnte, dahin zu gehen; dass wir tief in den Schnee graben, und das Loch mit dem Tuche des Zeltes bedekken würden; dass wir uns so miteinander einschliessen wollten und alsdann nichts von der Kälte auszustehen hätten, so heftig sie auch seyn möchte. Diese Anordnung beruhigte sie, und wir giengen vorwärts. Um 4 Uhr Nachmittags erreichten wir das zweyte von den drey grossen Schneethälern, über die wir gehen mussten. Daselbst hielten wir Nachtlager.
Meine Führer machten sich sogleich daran, den Platz auszuholen, wo wir die Nacht zubringen wollten; sie fühlten aber bald die Wir- kung der dünnen Luft. Diese starken Leute, denen ein Gang von 7 oder 8 Stunden die wir gemacht hatten, völlig wie nichts war, hatten kaum 5 oder 6 Schaufeln mit Schnee ausgeworfen, als sie es unmöglich fanden fortzufahren; sie mussten sich alle Augenblicke ablösen. Einer von ihnen, der zurük gegangen war, ein Fässgen voll von dem Wasser zu holen, das wir in einem Schrunde angetroffen hatten, befand sich im Hingehen übel, kam ohne Wasser zurük, und brachte den Abend in der schmerzlichsten Beängstigung zu. Ich selbst, der ich der Bergluft so gewohnt bin, und mich in ihr besser als in der Luft im Thale befinde, war von Müdigkeit erschöpft, als ich meine meteorologischen Werkzeuge beobachtete. Die Unpässlichkeit davon verursachte uns einen brennenden Durst, und wir konnten uns nicht anders als durch Schneeschmelzen Wasser verschaffen: denn das Wasser, das wir im Heraufsteigen gesehen hatten, war, als man wieder hingieng, gefroren, und die kleine Kohlenpfanne, die ich hatte mitnehmen lassen, that nur einen sehr langsamen Dienst für 20 durstige Leute.
Meine Führer, noch immer von Furcht vor Kälte eingenommen, verstopften alle Fugen des Gezeltes so genau, dass ich von der Hizze und der von unserm Athem verdorbenen Luft sehr viel litt. Wir fiengen endlich an einzuschlafen, als wir von dem Getöse einer grossen Lauwine aufgewekt wurden, welche einen Theil des Abhanges bedekte, den wir am folgenden Tage zu ersteigen hatten.
Wir giengen erst spät ab, weil wir noch Schnee zum Frühstük und auf die Reise schmelzen mussten; er war immer, so wie geschmolzen, auch getrunken: und eben die Leute, die den Wein, den ich hatte herauftragen lassen, so heilig bewahrten, stöhlen mit beständig das Wasser weg, das ich für mich behalten wollte.
Wir fiengen an zum dritten und lezten Schneethale hinauf zu steigen, und schlugen uns hernach zur Linken, um auf den höchsten Fels an der Morgenseite des Gipfels zu kommen. Er ist ausserordentlich steil, an einigen Stellen von 39 Grad. Als wir auf dem lezten Felsen waren, schlugen wir uns wieder rechts nach Westen, um den lezten Abhang zu erklettern, dessen senkrechte Höhe beynahe Çrcftffor« Ut mtltwifytit ju ©enf,
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mit Anmerkungen freveiefcerf. Tupfern.
:* Titelblatt der deutschen Übersetzung des ersten Bandes der
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150 Klafter ist. Dieser Abhang hat nur eine Neigung von 28 bis 29 Graden, und ist gar nicht gefährlich; aber die Luft daselbst ist so dünne, dass die Kräfte den Augenblik erschöpft sind. Am Gipfel konnte ich kaum 15 oder 16 Schritte thun, ohne nach Luft zu schnappen; ich fühlte sogar von Zeit zu Zeit eine angehende Ohnmacht, die mich zwang mich zu sezzen. So wie ich indess wieder zum Athem kam, stellten sich die Kräfte wieder
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ein; und wenn ich mich auf die Beine machte, glaubte ich in einem fort bis oben auf den Berg gehen zu können. Wir brauchten zwey Stunden von dem lezten Felsen bis zum Gipfel zu gelangen, und es war 11 Uhr, als wir hinaufkamen.
Mein erster Blik war nach Chamouni, wo ich wusste dass meine Frau und ihre beyden Schwestern, die Augen unverwandt durchs Fernrohr gerichtet, alle meine Schritte mit einer, vielleicht zu grossen, aber darum nicht minder heftigen Unruhe verfolgten: ich fühlte eine sanfte und trostvolle Bewegung, als ich die Fahne wehen sähe, welche sie mir in dem Augenblikke aufzustekken versprochen hatten, wenn sie mich auf dem Gipfel sähen, und ihre Besorgnisse wenigstens unterbrochen wären.
Ich konnte also ohne Kummer das grosse Schauspiel geniessen, das ich vor Augen hatte. Ein leichter Dunst, der in den niederen Gegenden der Luft schwebte, raubte mir zwar den Anblik der niedrigsten und entferntesten Gegenstände, als die Ebenen von Frankreich und der Lombardie; ich bedauerte aber diesen Verlust nicht sehr; was ich gesehen hatte, und mit der grössten Klarheit sähe, war das Ganze aller dieser hohen Gipfel. Ich glaubte meinen Augen nicht, hielt es für einen Traum, als ich die majestätischen Gipfel, die fürchterlichen Hörner, den Midi, die Argentiere, den Geant izt unter meinen Füssen sah.
Indess schlugen meine Führer mein Zelt auf, und stellten den kleinen Tisch zurecht, auf welchem ich den Versuch mit dem aufsieden-den Wasser machen wollte. Aber wenn ich mich daran machen sollte, meine Werkzeuge anzuordnen und zu beobachten, ward ich jeden Augenblik gezwungen meine Arbeit zu unterbrechen, und daran zu denken, wie ich zum Athem kommen wollte. Wenn ich mich gänzlich ruhig hielt, so fühlte ich nichts als eine kleine Unpässlichkeit, eine leichte Neigung zum Erbrechen. Meine Führer hatten ähnliche Empfindungen. Die Lust zum Essen war ihnen vergangen, sie bekümmerten sich auch nicht einmal um Wein und gebrannte Wasser. Sie hatten wirklich gefunden, dass die starken Getränke die Unpässlichkeit vermehrten, wahrscheinlich weil sie den schnellen Umlauf des Geblütes noch beschleunigten. Bloss frisches Wasser that gut und war uns angenehm.
Ich blieb indess bis 3Vz Uhr auf dem Gipfel, und obgleich ich keinen Augenblik verlor, so konnte ich doch in den 41/2 Stunden nicht alle Versuche machen, die ich oft am Ufer der See in weniger als 3 Stunden vollendet habe.»21 Soweit die Aufzeichnungen de Saussures. In einem Nachtrag beschrieb er auch die Gestalt des Gipfels, die Schneeverhältnisse und die Art des Gesteins. Er übersah aber auch zwei Schmetterlinge nicht, ( der eine war ein kleiner grauer Nachtschmetterling, der über das erste Schneethal flog, der andere war ein Tagschmetterling, den ich für den gemeinen Wiesenvogel hielt).22 Der erste Wissenschaftler auf dem Mont Blanc Seine Träger hatten zahlreiche physikalische Instrumente auf den Gipfel geschleppt, mit denen er ununterbrochen Messungen aller Art vornahm. Zur Ausrüstung gehörten nebst vielem anderen auch zwei Barometer. Sein Sohn in Chamonix und Herr Senebier in Genf machten gleichzeitig entsprechende Beobachtungen, die de Saussure später vergleichen und zur Berechnung der Höhe des Mont Blanc verwenden wollte. ( Ein frühes Beispiel naturwissenschaftlichen Teamworks. ) Mit zwei Feuchtigkeitsmessern stellte er unter anderem fest, dass die Luft auf dem Gipfel sechsmal weniger Feuchtigkeit aufwies als in Genf, und er begründete damit die Ursache des brennenden Durstes, den sie empfanden. In einem Kessel liess er Schnee schmelzen und notierte sich, dass eine halbe Stunde nötig war, um das Wasser zum Sieden zu bringen,
Vor dem Aufbruch füllte er noch eine Flasche mit Luft und eine andere mit Schnee, um sie im Tal genauen Untersuchungen unterwerfen zu können. Im dritten Band seiner Voyages dans les Alpes beschrieb er alle Experimente peinlich genau, ebenso die Schlüsse, die er aus den Resultaten zog.
Nur sechs Tage nach der Rückkehr de Saussures mit seinen Führern stand Colonel Beaufoy auf dem höchsten Berg Europas. Mit ihm hatte nach Frankreich und der Schweiz nun auch Grossbritannien den Mont Blanc erobert.
1 Gersdorf, S.5-16 ( AuszugGersdorf, S.22'Gersdorf, S.26'Gersdorf, S.29