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Lebensgross steht er da, der Jäger mit dem toten Wild auf dem Rücken. Die Holzskulptur findet sich im Bündner Dorf Salouf und zeigt den Kapuziner und Dichter Alexander Lozza.
Das Bündner Dorf Salouf liegt auf einer sonnigen Terasse über der Julier-Passstrasse. Bis zu Beginn des 19.Jahrhunderts führte der Weg in den Süden durch dieses Dorf, die Strasse von Tiefencastel nach Savognin im Tal unten wurde erst um 1830 erbaut. In den Süden kam man via Savognin und Bivio, danach gings weiter über den Septimerpass, der bereits von den Römern genutzt wurde. Zu den markantesten Gebäuden in Salouf gehört das 1750 erbaut Kapuzinerhospiz. Einrichtungen dieser Art gab es an vielen Orten im Schweizer Alpenraum, am bekanntesten ist vielleicht das Hospiz auf dem Gotthard. Auch in Tiefencastel, am Eingang zum Julierpass war einst ein solches Hospiz. Ein Hospiz war ein einfaches Gasthaus in einer Zeit, wo es gerade an solchen Orten kaum Unterkünfte gab.
Unsere Holzskulptur steht genau vor dem ehemaligen Hospiz, das heute als Pfarrhaus dient. Eine schmucklose, kleine Kapelle im unteren Teil des Hauses ist jederzeit offen, auch wenn nur wenige Fremde davon wissen. Hier lebt die Gastfreundschaft der Kapuziner weiter. Dies war die Wirkungsstätte des Kapuzinerpaters Alexander Lozza (1880 – 1953). Die wichtigsten Angaben zu seinem Leben entnehmen wir einer Inschrift vor der Skulptur, korrekterweise ist sie zweisprachig, rätoromanisch und deutsch.
Alexander Lozza wurde 1880 in Marmorera, etwas weiter oben am Julierpass geboren. Seine Eltern waren Bergbauern und hatten zwölf Kinder. Wir wissen nicht, wieviele davon das fünfte Lebensjahr überlebt haben. Mit 15 Jahren also etwa 1895 schickten die Eltern den Jungen in eine Klosterschule nach Genua. Warum sie gerade diese Stadt gewählt haben, die nach damaligen Begriffen weit von der Heimat entfernt war, wissen wir nicht. Gut möglich wäre aber, dass ein Wanderprediger den Buben mitgenommen hat und die Eltern versprachen, dass er nach seiner Ausbildung in sein Kloster eintreten würden. So geschah es dann auch: Um 1900 trat Alexander Lozza in den Kapuzinerorden ein und wirkte ab 1906 als Seelsorger in seiner alten Heimat: In Vaz – heute Lenzerheide, in Salouf, in Tomils im Domleschg also ganz in der Nähe und schliesslich ab 1919 wieder in Salouf, Hier blieb er bis ins 1949. Danach zog er sich ins Kapuzinerhospiz von Tiefencastel zurück.
Alexander Lozza soll bereits in seiner Zeit in Genua Gedichte geschrieben haben, zunächst in italienischer Sprache. Später wechselte er ins rätoromanische und zwar ins hier übliche Surmirans. Er schrieb vor allem Gedichte, kurze Erzählungen und hat auch einige fromme Dramen verfasst. Seine Dichtung ist von einem tiefen Naturerleben aber auch von seiner Religiosität geprägt.
Zu den Aufgaben des Seelsorgers von Salouf gehört auch die Betreuung der Pilgerherberge von Ziteil. Dieser Ort gilt als höchster Wallfahrtsort in den Ostalpen und liegt auf rund 2500 Meter. Von Salouf geht man vier bis fünf Stunden zu Fuss. Heute kann man bis zum Parkplatz unterhalb der Alp Muntér mit dem Auto fahren. Von hier aus sind es dann noch gut zwei Stunden steil den Berg hinauf.
Hier oben in Ziteil gibt es weit und breit keine Alphütte mehr, dafür Steine, Fels, rohe Natur. Die Einsamkeit und die Ruhe müssen den Kapuzinerpater inspiriert haben. 1919 bis 1936 war er in den Sommermonaten auch als Kustos tätig und wohl auch zur Herbstjagd im September öfter hierher gekommen, vielleicht blieb er auch die ganze Zeit über hier.
Die Jagd war offenbar seine grosse Leidenschaft. Wohl deshalb hat der Künstler für seine Holzskulptur von Salouf auch die Jagd Pose gewählt. In den Fotos des Schweizerischen Literaturarchivs finden sich zwei Fotos zu diesem Thema: Auf einem sehen wir ihn neben einem kapitalen Hirsch am Boden knien. Das Bild dürfte unweit des Kapuzinerhospiz bei Salouf entstanden sein. Das zweite Jagdbild zeigt den Kapuziner in seiner Klause beim Reinigen seines Jagdgewehrs, neben ihm sitzt ein Hund, der ihn bei der Jagd unterstützt haben dürfte.
Alexander Lozza hat wohl regelmässig geschrieben, seine Texten wurden in Almanachen und Zeitschriften abgedruckt. Sammelausgaben entstanden erst kurz vor seinem Tod anfangs der 1950er Jahre durch das Engagement seines Neffen Duri Loza, der sich bewusst mit nur einem z im Namen schrieb. Eines der Bücher trägt den Titel Ziteil, ein anderes heisst Poesias.
In den 1930er Jahren hat Alexander Lozza auch ein Wallfahrtspiel für Ziteil geschrieben. Es thematisiert die Ursprungslegende des Wallfahrtsortes und heisst L’appariziung da Nossadonna da Ziteil / Die Erscheinung der Madonna von Ziteil. Das Spiel wurde 1933 uraufgeführt, weitere Aufführungen sind für 1949,1951 und 1980 dokumentiert. Die fromme Geschichte erzählt davon, wie die Muttergottes im Jahr 1580 wiederholt einem Mädchen und später auch einem Jungen erschienen sein soll mit einer klaren Botschaft:
Gehe hin und sage dem Volk im Land Oberhalbstein, es habe nun soviel gesündigt, dass nicht noch mehr ertragen werden könne. Wenn es sich nicht bessere, werde Gott es streng bestrafen, so dass er nicht nur die Feldfrüchte verdorren, sondern das Volk vom Jüngsten bis zum Ältesten sterben lassen werde. Ich kann bei meinem Sohn für dieses Volk nicht mehr Fürbitte einlegen.
Die Kinder erzählten von dieser Erscheinung im Tal – darauf wurde eine Prozession mit über 3000 Gläubigen organisiert und am Ort der Erscheinung wurde eine Kapelle gebaut.
Die fromme Geschichte erscheint aus heutiger Sicht einigermassen merkwürdig. Was mögen die Sünden der mausarmen Bergbevölkerung in dieser Gegend gewesen sein? Zu viel kann sich da nicht angestaut haben. Dass Kinder im religiös aufgeladenen Klima jener Zeit solche Dinge erzählen, darf nicht weiter erstaunen. Wie auch immer – der Wallfahrtsort existiert noch heute und wird in den Sommermonaten gerne besucht, in den letzten Jahren führt eine attraktive Mountainbike-Route an der Kapelle vorbei und den Besuchern stehts wohl mehr nach einer kurzen Pause als nach geistiger Erbauung.
Alexander Lozza hat sich im Alter von 56 Jahren vom Amt des Kustos auf Ziteil zurück gezogen. Bis 1949 blieb er in Salouf und verbrachte seinen Lebensabend im Kapuzinerhospiz in Tiefencastel. Geschrieben hat er weiterhin und er hat sich auch in die wohl wichtigste Diskusson jener Jahre eingemischt: Den Bau des Marmorera Stausees durch das Elektrizitätswerk der Stadt Zürich EWZ. Der See wurde 1954 fertig gestellt und liefert bis heute Strom für die Stadt Zürich. Das Dorf Marmorera musste der Elektrizitätsgewinnung geopfert werden. Ein Teil der Gebäude wurde gesprengt, andere blieben und sind heute ein attraktives Ziel für Taucher. Das Dorf wurde am Hang wieder aufgebaut. Aber viele Bewohner zogen weg, wohl nicht ohne eine gewisse Bitterkeit, die sich auch in den Worten von Alexander Lozza zeigt:
Dem grossen Moloch Zürich opferst du
Geschichte, Sprache, Tradition.
Vom Tun und Trachten unsere Alten
nur die Sage bleibt erhalten.
Alexander Lozza gilt als wichtiger Dichter des Rätoromanischen. Er ist aber über seine engere Heimat kaum bekannt, auch wenn es für die meisten seiner Werke zweisprachige Ausgaben gibt. Im Parc Ela gibt es eine Wanderroute mit 13 seiner Gedichte. Sie führt von Savognin nach Stierva und trägt den Namen Veia digl Pader übersetzt Der Weg des Paters. Die Bewohner des Tals kennen ihn, legendär ist auch seine Jagdleidenschaft. Alexander Lozza soll, so erzählte mir ein Einheimischer, auch ein fleissiger Wilderer gewesen sein. Nun denn, er war wohl nicht der einzige. Interessant wäre die Frage, ob Kleriker jagen dürfen. Hier gibt es verschiedene Meinungen und für Näheres müsste man wohl bei Gelegenheit einen Kirchenrechtler konsultieren.
Eine Bemerkung am Rand: Das geltende Urheberrecht verbietet die Reproduktion von Gedichten, solange der Urheber noch nicht 70 Jahre tot ist. Das wäre erst 2023 respektive ab 2024 der Fall. Erlaubt bleibt aber die Reproduktion von Werken, die im Freien zugänglich sind. Sie sind von der so genannten Panoramafreiheit gedeckt. Die Auflösung des unteren Bildes, das sich durch anklicken vergrössern lässt, sollte genügend gross sein, um das Gedicht lesen zu können.
Der Schreibende hat sich im Sommer 2020 zum ersten Mal mit dem dichtigenden Kapuziner befasst und in dieser Zeit auch einen neuen Wikipedia-Eintrag zu Alexander Lozza verfasst. Dort und im Eintrag zu Ziteil finden sich auch weiterführende Informationen. Die einschlägigen Lexika wie etwa das Historische Lexikon der Schweiz verzeichnen alle Einträge zu seinem Namen. Sein Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern in der Nationalbibliothek. Dort sind auch die weiter oben erwähnten Fotos zu finden.
Mon, 30.Juli 2020