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«Soll ich Joni Mitchell verurteilen?»
Februar 1973. Wie ich nordvietnamesische Bauern mit Joni Mitchell verglich und warum die Sängerin auf Spotify nicht zu finden ist. Serie «ALS ICH MICH IN DIE WELT VERLIEBTE – Chronik einer Leidenschaft» #56 von Nicolas Lindt.
Das Jahr 1973 begann, und es sollte auch das Jahr werden, das mich dem sozialistischen Weg näher und näher brachte. Aus dem Kokettieren mit der Ideologie wurde mehr und mehr ein Bekenntnis, das mich in allem, was ich verfasste und dachte, begleitete. Am 4. Februar beispielsweise schrieb ich im Tagebuch:
«Heute Abend habe ich einen Dokumentarfilm über Nordvietnam gesehen: einen Film über natürliches Leben und ehrliche Existenz. Ich sah einfache Männer und Frauen, die sich selbstlos für den Aufbau ihres vom Krieg zerrütteten Landes einsetzen und vielleicht in ihrem Leben nie etwas anderes tun würden, als die Reisernte einzuholen. Sie üben nur eine einfache manuelle Tätigkeit aus, doch sie wirken glücklich dabei. Sie wälzen weder Bücher noch Theorien, sie benötigen weder das Fernsehen oder Luxusartikel noch Auslandsreisen, sie werden vielleicht nicht einmal ihre Hauptstadt jemals besuchen. Sie leben mitten in ihrer ländlichen Umgebung, die pausenlos viel von ihnen abverlangt, und doch oder gerade deshalb scheinen sie einen Sinn in ihrem Leben zu sehen.
Sie haben ihre Arbeit, ihr Essen, ihren Schlaf, ihre Feiertage, ihre ehrlich gebliebenen zwischenmenschlichen Beziehungen. Sie haben ihre gemeinsame traditionelle Kultur, ihre Musik, ihre Tänze und sie haben ihre Revolutionskomitees und revolutionären Schriften, auch wenn sie letzteres von alledem wohl am wenigsten brauchen. Bleibt ihnen ihr Land erhalten, werden sie aus dem Krieg als zufriedene Menschen hervorgehen – zufriedener als wir in unserer überzivilisierten Welt.»
Meine wachsende Begeisterung für den Sozialismus war nur vordergründig intellektuell. Als schwärmerisch veranlagter Mensch – der ich heute noch bin – bewegte mich vor allem die revolutionäre Romantik. Ich verklärte das Leben der nordvietnamesischen Bauern im Sozialismus, als ob ich selber so leben wollte: Ein Dasein ohne individuelle Bedürfnisse, wo sich der Einzelne anspruchslos und zufrieden in die Gemeinschaft, ins Kollektiv einfügt.
Eigentlich aber gab es keinen grösseren Individualisten als mich. Wie so viele meiner Generation wollte ich meine ganz persönlichen Träume und Ziele verwirklichen. Deshalb hätte ich niemals tauschen wollen mit einem nordvietnamesischen Bauern – sondern, wenn überhaupt, dann beispielsweise mit einer Sängerin wie Joni Mitchell.
Die damals 30-jährige Kanadierin, die ich für den Tages-Anzeiger porträtierte, gehörte zur Singer-Songwriter-Szene, die Ende der 60er Jahre an Amerikas Westküste immer mehr von sich reden machte. Crosby, Stills, Nash & Young machten den Anfang. Sie treten am Woodstock-Festival auf und - so schrieb ich in meinem Porträt – «überraschen das junge Publikum nicht mit den gewohnten Rock-Rhythmen, sondern mit einem eher zurückhaltenden, melodiösen Sound, einer Musik, die ihr Schwergewicht von der instrumentalen Improvisation auf den Gesangspart verlagert und deshalb auch nur mit einer Akkustikgitarre interpretiert werden kann. Vor allem aber werden die Texte persönlicher, das gesellschaftskritische Engagement rückt vermehrt in den Hintergrund, es geht um den einzelnen Menschen, seine Erfahrungen, seine Gefühle».
Joni Mitchell selbst verpasste Woodstock, weil ein anderer Termin sie daran hinderte, rechtzeitig an das Festival zu gelangen. Stattdessen sah sie die Bilder im Fernsehen und versuchte dann, ihre persönliche Vorstellung in Worte zu fassen. «So entsteht ‚Woodstock‘, eine ihrer beliebtesten Kompositionen, ein Lied voller reicher und treffender Bilder. Sie singt von Bombern am amerikanischen Himmel, die sich in Schmetterlinge verwandeln, und sie singt von den jungen Leuten am Festival – ‚We are stardust, we are golden‘ –, und sie singt in der Wir-Form, weil sie spürt, dass die Jugend von Woodstock ähnlich empfindet wie sie. Alle suchen sie nach derselben lebendigen Freiheit.»
Die Sängerin wurde mit Eigenkompositionen wie «Chelsea morning», «Big yellow taxi» oder «California» rasch sehr erfolgreich, doch sie versuchte sich selber treu zu bleiben und nach ihrem eigenen Rhythmus zu leben. Beeindruckt von ihrer Kompromisslosigkeit schrieb ich im Tages-Anzeiger:
«Joni Mitchell hat sich dem Showbusiness nur soweit wie nötig ausgeliefert. Sie gibt selten Konzerte und verzichtet fast ganz auf ermüdende Tourneen. Wenn sie dann einen Auftritt ankündigt, ist ihr die Resonanz sicher. In der neuen amerikanischen Folk-Szene gilt sie als Kostbarkeit, und das erlaubt es ihr, sich monatelang zurückzuziehen und neue Erfahrungen zu sammeln. Denn von der ganzen Musikmaschinerie war sie zunächst verwirrt. Es fiel ihr nicht leicht, ‚in einem Business, in dem soviel Lüge herrscht, aufrichtig zu bleiben‘. Wenn sie auftrat, fühlte sie sich nicht wohl: ‚Ich dachte, meine Songs wären zu persönlich, um öffentlichen Applaus zu erhalten.‘»
Nachdem sie lange herumgereist war, kehrte sie zurück in ihr Häuschen im Laurel Canyon, einer damals noch wenig besiedelten Gegend in den Hügeln hinter Los Angeles. Dort verspürte sie wieder den Wunsch, neu entstandene Songs mit einem Publikum zu teilen und wieder Konzerte zu geben. Doch die Freiheit, jederzeit auszusteigen, wenn sie es wollte, blieb für sie lebenswichtig.
«Joni Mitchell gehört zu den Menschen, die keine Urkunde vom Standesamt benötigen, um glücklich zu sein, die sich auch mit dreissig nicht festlegen, nicht etablieren möchten. Freiheit bedeutet für sie, empfänglich für neue Impulse zu sein, offen für neue Begegnungen. Darauf möchte sie nicht verzichten, denn nur so glaubt sie ihr Leben intensiv genug leben zu können.»
Was ich hier über die Lebenseinstellung der Musikerin im Tages-Anzeiger verbreitete, war nichts anderes als mein ureigenstes Credo. Wenn ich der Redaktion etwas vorschlug, war die Aktualität für mich nicht entscheidend. Viel wichtiger fand ich die Botschaft, die ich aussenden wollte. Und weil es an Themen, die mich bewegten, nie mangelte, wusste die Redaktion, dass ich schon morgen mit der nächsten Idee an sie herantreten würde. So waren beide Seiten zufrieden.
Im Falle von Joni Mitchell jedoch durfte ich nicht wirklich zufrieden sein. Denn noch während ich im Tages-Anzeiger ihr Unabhängigkeitsstreben bewunderte, meldete sich die andere Stimme in mir - die unerbittliche, fordernde Stimme des Sozialismus, die gegen das privilegierte Dasein der Sängerin Einspruch erhob. Ich schlug das Tagebuch auf und notierte meine Bedenken:
«In der kapitalistischen Gesellschaft können einige wenige auf Kosten der vielen, die es nicht können, kreativ tätig sein, und sie werden sogar noch reich dabei. Nur dank der großen Masse der Durchschnittsbürger, die eine geregelte Arbeit verrichten müssen, haben Menschen wie Joni Mitchell die Freiheit, den ganzen Tag ihren persönlichen Interessen zu folgen, mit ihren Gedanken zu spielen, zu experimentieren, und auf diese Weise ihre wundervollen Werke zu schaffen. Joni Mitchell könnte das nicht, wenn sie fünf Tage pro Woche irgendwo angestellt wäre. Ihre Songs entstehen gerade erst durch die Möglichkeit, frei und unabhängig zu sein.
«Ich merke, wie mich diese Frage verunsichert. Wie soll ich mich dazu stellen? Soll ich die Sängerin als Parasit verurteilen? Nachdem in einer sozialistischen Gesellschaft jeder Einzelne eine Leistung erbracht hat, die der Allgemeinheit zugutekommt, bleibt allen Menschen gleichberechtigt dieselbe Zeit, um sich kreativ zu betätigen. Aber diese Zeit wäre beschränkt. Kann unter diesen Umständen noch ein herausragendes schöpferisches Werk entstehen, wie es Joni Mitchell mit ihrer Musik erschafft? Müsste ich nicht so ehrlich sein, zuzugeben, dass die Musikerin ihre Begabung im Sozialismus gar nicht im gleichen Masse entfalten könnte?»
Eigentlich sah ich bereits voraus, warum ich der kommunistischen Weltverbesserungsutopie eines Tages abschwören würde. Weil sie das Kollektiv über die Freiheit des Einzelnen stellt. Aber noch war ich nicht soweit. Ich begann gerade erst Feuer zu fangen. Das romantische Bild des nordvietnamesischen Bauern verführte und blendete mich. Doch es nährte mich nicht. Je mehr ich den Sozialismus zu meiner Mission erkor, um so mehr brauchte ich in stillen Stunden zuhause die Musik aus der Marktwirtschaft. Joni Mitchell war nur der Anfang.
***
Nach ihren ersten erfolgreichen Jahren wurde ihre Musik immer jazziger, disharmonischer und spezieller, sodass ich mich enttäuscht von ihr abwandte. Sie blieb die Ikone, die sie geworden war, doch wie viele andere Musiker zehrte sie stets von den Songs ihrer ersten Zeit. Sie waren die besten. Seit bald zwei Jahren jedoch sind diese Lieder verschwunden. Verschwunden zumindest aus dem Fundus von Spotify. Denn vor zwei Jahren regierte rund um den Globus noch immer die Pandemie, und Joni Mitchells alter Gefährte aus jungen Tagen, der nicht weniger legendäre Neil Young, liess seine Songs bei Spotify sperren. Er begründete seinen Rückzug mit dem Verweis auf einen amerikanischen Podcaster, der auf Spotify unwissenschaftliche Lügen über Corona verbreite. Der schwedische Streamingdienst müsse den Podcaster löschen, verlangte Neil Young. Als Spotify diesen Eingriff in die Meinungsfreiheit zurückwies, machte der Musiker seine Drohung wahr.
Aus Solidarität mit Neil Young sperrte daraufhin auch Joni Mitchell ihr Gesamtwerk bei Spotify. «Unverantwortliche Leute», kommentierte sie ihren drastischen Schritt, «verbreiten dort Lügen, die Menschen das Leben kosten.»
Der Streamingdienst bietet mir viele musikalische Alternativen, aber ich vermisse Joni Mitchell. Ich höre ihre unvergänglichen Lieder noch immer so gern wie damals. Und ich kann auch bei ihr nicht verstehen, wie eine Musikerin, der die persönliche Freiheit zeit ihres Lebens so wichtig war, anderen Menschen das Recht abspricht, über ihren Körper selbst zu bestimmen. Noch dieses Jahr wird die Sängerin 80. Ich wünsche mir von ihr zu ihrem Geburtstag, dass sie ihr Werk bei Spotify wieder freigibt. Der Freiheit zuliebe
Link: Joni Mitchell «California» Live at the Isle of Wight
Nächste Folge am 3. September
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Nicolas Lindt (*1954) war Musikjournalist, Tagesschau-Reporter und Gerichtskolumnist, bevor er in seinen Büchern wahre Geschichten zu erzählen begann. In seinem zweiten Beruf gestaltet er freie Trauungen, Taufen und Abdankungen. Der Autor lebt mit seiner Familie in Wald und in Segnas.
Soeben erschienen: «Heiraten im Namen der Liebe» - Hochzeit, freie Trauung und Taufe: 121 Fragen und Antworten - Ein Ratgeber und ein Buch über die Liebe - 412 Seiten, gebunden - Erhältlich in jeder Buchhandlung auf Bestellung oder online bei Ex Libris, Orell Füssli oder auch Amazon - Informationen zum Buch
Nicolas Lindt publiziert den Podcast «5 Minuten» täglich von Montag bis Freitag – Gedanken, Beobachtungen, Geschichten. Zu finden auf Facebook, Spotify, iTunes oder direkt auf der Webseite von Nicolas Lindt: www.nicolaslindt.ch