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Fritz Kälin, lic. phil. hist. Universität Zürich ist Doktorand beim inzwischen emeritierten Professor für Militärgeschichte an der Uni Zürich, Prof. Dr. Rudolf Jaun. Er hat für unsere Leserschaft die zweitägige Konferenz zum Ersten Weltkrieg zusammengefasst und berichtet nun in zwei Teilen über diese Veranstaltung. Im ersten Teil fasst er die Vorträge des ersten Konferenztages zusammen, im zweiten Teil, der in zehn bis vierzehn Tagen auf dieser Seite veröffentlicht wird, bespricht er die Ergebnisse des zweiten Tages, der unter dem Titel der Erfahrungen und Lehren für die europäischen Armeen stand. Da einige Vorträge zeitgleich stattfanden, war es ihm nicht möglich, alle zusammenzufassen. Dies ist der zweite und letzte Teil des Tagungsberichts. Den ersten Teil finden sie hier.
Samstag, 1. März 2014
Plenarveranstaltung: Kriegserfahrungen und «Kriegslehren» in europäischen Armeen nach dem Ersten Weltkrieg
Teil I
Nach einer Einführung eröffnete Brigadier Daniel Moccand, Direktor MILAK, den zweiten Tagungstag. Michael Olsansky regte in seiner Begrüssung und Einleitung an, Militärgeschichte trotz Anwendung von Theorien und Methoden anderer Forschungsdisziplinen nicht an der Kernmaterie Militär und Krieg vorbei zu führen. So gewinnbringend es sein kann, z.B. kulturelle, gesellschaftliche oder ökonomische Einflüsse auf militärische Entscheidungsfindungen nachzuweisen, so dürfe darob doch nie vergessen werden, an welchem Frontabschnitt gegen welchen Gegner und unter welchen waffentechnischen Voraussetzungen die untersuchten Offiziere und Mannschaften jeweils standen.
Kriegserfahrungen und «Kriegslehren» im deutschen Militär nach dem Ersten Weltkrieg. Markus Pöhlmann (Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissen-schaften der Bundeswehr) führte aus, dass das deutsche Militär nach 1918 weniger von der eigenen Niederlage umgetrieben war, als von der durch den Versailler Vertrag geschaffenen Situation. Diese „Lernbedingungen“ nach Kriegsende schätzte Pöhlmann als einflussreicher ein als allfällige „Lehren“ aus dem Krieg. Die vielen Beschränkungen, die der Reichswehr auferlegt wurden, führten dazu, dass man sich notgedrungen vermehrt theoretisch mit dem Krieg beschäftigte, aber nicht nur durch die (verbliebenen aktiven) Offiziere, sondern auch durch ehemalige Offiziere sowie durch rein zivile Forscher, die sich aus eigenem Antrieb mit der Wehrhaft-machung der Nation zu beschäftigen begannen. Diese «Wehrwissenschaften» entwickelten in den Jahren 1927 bis 1933 eine immer regere Tätigkeit. Für sie war v.a. der totale Charakter des vergangenen und des (zwangsläufig erwarteten nächsten) Krieges von Interesse, denn sie leiteten aus dieser Entgrenzung auch den eigenen Anspruch ab, als Nicht-Militärs in Kriegsangelegenheiten mitreden zu dürfen. Für die deutschen Militärs der Zwischenkriegszeit stellte ein totalere Kriegführung hingegen kein Ansatz für einen deutschen Sieg in einem nächsten Krieg dar. Vielmehr sahen sie darin eine unwünschbare Kriegseskalation. Dass danach ihr Einfluss wieder zurückgebunden wurde, lag weniger an der Machtergreifung durch die NDSAP, sondern am Bestreben der Reichswehr bzw. Wehrmacht, die Deutungshoheit über Krieg und Kriegführung wieder zurückzugewinnen.
Kriegserfahrungen und «Kriegslehren» im niederländischen Militär nach dem Ersten Weltkrieg. Wim Klinkert (Universität Amsterdam und Niederländische Verteidigungsakademie Breda) schickte einleitend voraus, dass er als einziger Referent seinen Vortrag (trotz formidabler Deutschkenntnisse) auf Englisch halte, nicht zuletzt weil Holland infolge des Zweiten Weltkrieges in anglo-amerikanischen Einfluss geriet, was zur Zeit des Ersten Weltkrieges noch nicht der Fall gewesen sei. Eine nur auf den ersten Blick profane Feststellung! Man konnte es regelrecht fühlen, dass das heimische Publikum an Wim Klinkerts Lippen hing, denn seine Schilderung der Geschichte der niederländischen ‚Armee im Dienste der Neutralität’ klang in Schweizer Ohren allzu vertraut, selbst wenn man sich nie zuvor mit Hollands Geschichte befasst hatte. Und gerade wo die Gemeinsamkeiten zweier Länder zahlreich sind, erscheint die Identifizierung und Analyse der Unterschiede vielversprechend. Auf der Bühne regte Michael Olsansky Wim Klinkert spontan an, hierzu ein Holländisch-Schweizerisches Projekt ins Auge zu fassen. Eine Realisierung dieser Idee erscheint auf jeden Fall lohnend.
Auf der Suche nach «Kriegslehren»: Zögerliche Modernisierungsschritte des schweizerischen Militärs nach dem Ersten Weltkrieg. Michael Olsansky referierte in gewohnt kurzweiliger Form und spannte den Faden weiter, den er in seinem Referat des Vortages sowie bei der Geschichte des Reglements Felddienst 27 in der ASMZ zu sponnen begonnen hatte. Er erinnerte an einen Vortrag von Hans von Seeckt aus dem Jahre 1930, auf Einladung gehalten vor 900 (!) Offizieren der Zürcher Offiziersgesellschaft im Zürcher Bellevue (!). Trotz der Prominenz des Gastes hielt sich das mediale Echo in ziviler und militärischer Presse eher in Grenzen. Denn der bereits damals legendäre Reichswehr-General hielt sich in dieser Hochburg des Milizgedankens weder in seiner Kritik an Wehrpflichtarmeen noch bei seiner Vorliebe für eine Berufstruppe zurück.
Teil II und Podiumsdiskussion
Das Publikum durfte noch zwei weitere kurzweilige Vorträge zum einen von Adrian Wettstein über Der Einfluss des Ersten Weltkriegs auf die französische Doktrin und Militärkultur in den 1920er Jahren und zum anderen von Söhnke Neitzel zu den Kriegserfahrungen am Beispiel der British Mililtary Intelligence geniessen, bevor es für die abschliessende Podiumsdiskussion noch einmal gefordert wurde. Diese stand unter dem Titel: Are there lessons to be learned? Nationale Streitkräftekulturen und deren Umgang mit Kriegslehren am Beispiel des Ersten Weltkrieges.
Da Michael Olsansky die Tagung gegen Mittag aufgrund eines erfreulichen familiären Nachwuchsfalles verlassen musste, führte an seiner Stelle Rudolf Jaun routiniert die letzte Podiumsdiskussion, aus der noch einige Erinnerungsstücke festgehalten seien:
Rückblickend auf den Ersten Weltkrieg sprachen Militärs z.B. vom ‚Tod der Kriegskunst’ und von Seeckt forderte vor Schweizer Offizieren, dass dem Geist künftig im Krieg wieder jene Stellung eingeräumt werden müsse, die ihm die Materie geraubt habe. Dahinter schien eine stille Sehnsucht nach jener Zeit zu stecken, als Kriege noch Sache einer adeligen Offizierselite waren und der Genius seine Schlachten noch vom Feldherrenhügel aus leiten (oder zumindest live mitverfolgen) konnte.
Klinkert erinnerte noch einmal daran, welch hohen Wert die niederländische Militärführung der Moral der Soldaten einräumte. Eine Hoffnung auf ‚den Geist’, die gerade in Kleinstaaten oder auch in Deuts
chland wohl auch als Ersatz für fehlende ‚materielle Leistungsfähigkeit’ herhalten musste. Wobei sich zu dieser Hoffnung auf die Moral damals (nicht nur in Holland) die Sorge um die Moral der eigenen Truppe gesellte. Hinter dieser Sorge stand einerseits die Furcht vor politisch-ideologischer ‚Weichmachung’ der Soldaten, andererseits aber auch die Möglichkeit, dass die Soldaten angesichts des immer mörderischeren Vernichtungsfeuers industrialisierter Waffenarsenale den Krieg nicht mehr als männliche Prüfungsinstanz sondern als puren Selbstmord (ohne jede Bewährungsmöglichkeit) auffassen könnten – mit entsprechenden Folgen für die Moral.
Von Markus Pöhlmann kam die interessante Bemerkung, dass Lernprozesse im Militär nicht top-down ablaufen, was in der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg auch besser als in anderen Streitkräften gelungen sei.
Als letzter Eindruck sei hier die Feststellung von Wim Klinkert erwähnt, dass es der Holländischen Armee in der
Zwischenkriegszeit nicht gelang, bei der Politik die nötigen Mittel für eine fortschreitende Modernisierung der Streitkräfte zu erwirken. Für die 1920er Jahre erscheint die hohe Friedensdividende im Nachhinein noch als angebracht, dafür erscheint sie umso fahrlässiger für die 1930er und 1940er Jahre.
Nachtrag durch den Redakteur: Im Zusammenhang mit dem Jubiläumsjahr sind eine Reihe von Büchern erschienen, die sich mit dem Thema befassen. Nachfolgend sei eine kleine Auswahl von Literatur aufgelistet, die zur Lektüre anregen sollen.
Adam Hochschild: Der Grosse Krieg. Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg. Aus dem amerikanischen Englisch von Hainer Kober. Klett-Cotta, Stuttgart 2013. 525 S.
Annika Mombauer: Die Julikrise: Europas Weg in den Ersten Weltkrieg (C.H. Beck Wissen), Beck, München 2014, 128 S.
Christopher Clark: Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog. Aus dem Englischen von Norbert Juraschitz. Deutsche Verlagsanstalt, München 2013. 895 S.
Gerd Krumeich: Juli 1914. Eine Bilanz. Ferdinand Schöningh Verlag, Paderborn 2014, 362 S.
Herfried Münkler: Der Grosse Krieg. Die Welt 1914–1918. Rowohlt Berlin, Berlin 2013. 923 S.
Niall Ferguson: Der falsche Krieg: Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert. Aus dem Englischen von Klaus Kochmann. Pantheon Verlag, München 2013 (2. Auflage). 480 S.
Oliver Janz: 14 – Der Grosse Krieg. Campus, Frankfurt am Main 2013. 415 S.
Christian Stachelbeck: Militärische Effektivität im Ersten Weltkrieg – Die 11. Bayerische Infanteriedivision 1915 bis 1918, in: Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.), Zeitalter der Weltkriege, Band 6, Ferdinand Schöningh, Padeborn 2010.
Und noch ein Klassiker:
Erich Maria Remarque: Im Westen Nichts Neues, Kiepenheuer&Witsch, 2013, 368 S.