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Kein Platz für «Fahrende» in Merenschwand?
Ich bin nicht mehr der Jüngste. Damals, als ich in Merenschwand wohnte, herrschte im «Hirschen» noch Hochbetrieb. Wenn ich dort mein «Schnipo» bestellte, war ich nie alleine. Heute steht der «Hirschen» leer. Damals wurde in der Dorfmitte, neben Volg und Postauto-Haltestelle, noch gejasst. Doch das Postauto fuhr nicht im Halbstunden-Takt. So war ich, ob gewollt oder nicht, auch von meinem Haus in Merenschwand aus ein «Fahrender», ein Motorrad-Fahrender. Mit dem Töff erreichte ich in nützlicher Zeit meinen Arbeitsplatz in Zürich.
Ein paar Jahre später kaufte ich meinen ersten Wohnwagen, der fortan mein Zuhause war. Als Mitbegründer des «Zigeuner-Kultur-Zentrums» zog ich von Stadthaus zu Stadthaus, um mit den Behörden Mietverträge auszuhandeln. Auf den für zwei Wochen gemieteten Plätzen hatten wir unser temporäres Zuhause, gingen von dort unserer Arbeit nach und leisteten am Wochenende mit dem «Zigeuner-Markt», mit Ausstellungen, Vorträgen, Diskussionen, Konzerten Aufklärungsarbeit über unsere Minderheit. Nach Merenschwand kam das «Zigeuner-Kultur-Zentrum» leider nie. Die Gemeinde war zu klein. Auch in grösseren Städten brauchte es viel Werbung, um genügend Publikum an unsere Veranstaltungen zu locken.
Vielleicht erreiche ich nun ein paar meiner damaligen Merenschwander Nachbarn auf diesem Weg?
In der Schweiz leben ca. 30'000 Jenische. Meist merken Sie gar nicht, dass auch Sie einen jenischen Nachbarn haben, denn nur 2'500 Jenische leben als "Fahrende". Ich bin einer von «denen». Während Jahren habe ich an der Zürcherstrasse gewohnt. Auch heute finde ich im Merenschwander Telefonbuch jenische Familiennamen.
Nun soll in Benzenschwil ein Durchgangsplatz geschaffen werden, auf dem die Schweizer Fahrenden (fast ausnahmslos Jenische) einen Zwischenhalt machen können. Das ist ihr Recht als anerkannte Schweizer Minderheit. Warum sollen meine Cousine, mein Onkel nicht dürfen, was mir als «Beton-Jenischem» (scherzhaft für «sesshafter Jenischer») selbstverständlich war: Das Recht auf Aufenthalts- und Niederlassungsfreiheit gemäss Bundesverfassung auch in Merenschwand ausüben.
Falls eine Podiumsdiskussion in Merenschwand zustande kommt, bin ich gerne bereit, Ihnen dort mich und mein Volk vorzustellen. Die fremdenfeindliche Hetze, die da entfacht wurde, hat nämlich übersehen, dass es bei dem Platz um meine Familie geht, die seit über 200 Jahren den Schweizer Pass hat, länger vielleicht als mancher, der nun im Namen von SVP und Vaterland mich loswerden will...
Nicht nur wir Jenischen legen Wert auf unsere Selbständigkeit. Auch mein Hund war sehr freiheitsliebend. Kurz nach Mittag war er in meinem Merenschwander Haus meist nicht anzutreffen. Es dauerte seine Zeit, bis ich endlich herausfand, wieso er immer dicker wird: Auch er war Stammgast im «Hirschen». Brav wartete er vor der Küchentür, bis der Wirt ihm die Reste der Schnipo-Teller im Napf servierte. Wer, ausser den Merenschwandern selbst, hat so viel Verbundenheit und Erinnerung an Euer Dorf?
Der Merenschwander General Fischer, Anführer des Freiämtersturms, liebte die Freiheit auch. Kann sein, dass meine Vorfahren in seiner Gaststube im «Schwanen» sassen.
Ein Durchgangsplatz für Fahrende ist keine Kapitulation vor «denen da oben» in Aarau, sondern ein stolzes Zeichen der Gemeinde, dass freie Leute zusammenhalten, ob Merenschwander oder Jenische!