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Reifenreparatursysteme und Noträder im Vergleich
Autos werden mit dem Rotstift konstruiert, das ist nicht erst eine Folge verschärfter Abgasgesetze. Das Ersatzrad ist den Konstrukteuren schon lange ein Dorn im Auge. Schon bald dürfte es durch sparsamere Alternativen ersetzt werden.
Anfang der 1970er-Jahre beschränkte man sich beim VW 412 noch darauf, den überhöhten Reifendruck des Ersatzrads für die Scheibenwaschanlage zu nutzen und dadurch die Pumpe für das Scheibenwaschwasser einzusparen. Danach wurde das vollwertige Ersatzrad nach und nach durch ein Notrad verdrängt. Diese Entwicklung ergab nicht nur wegen der Gewichts- und Platzersparnis Sinn. Für das fünfte Rad am Wagen musste ja auch ein ganz normaler fünfter Reifen gekauft werden, der aber nur selten einmal die Strasse sah.
Inzwischen verzichten die Autobauer aber meist sogar auf das Notrad und bieten es höchstens noch als Zubehör an. Ein Reifenreparatursystem, das den Reifen abdichtet und das Füllen ermöglicht, soll das Ersatzrad ersetzen. Was ist vom Reifenpannenset als Notradersatz zu halten?
Warum Pannenset statt Notrad?
Die Automobilfirmen werben für das Reifenreparatursystem mit einer Statistik, die besagt, dass eine Reifenpanne im Durchschnitt nur alle zehn Jahre vorkomme. Diese Angabe berechnet sich allerdings auf Grundlage einer durchschnittlichen Laufleistung von 15’000 Kilometern. Mit 150’000 Kilometern im Jahr wäre die Reifenpanne daher im Durchschnitt bereits jedes Jahr fällig.
Mehr oder weniger zufällige Ereignisse, wie sie von einer Reifenpannenstatistik erfasst werden, treten aber gerade nicht regelmässig auf. Beim Würfeln mit einem normalen Würfel kommen beispielsweise durchaus zwei oder drei Sechser hintereinander vor, obwohl die Zahlen im Durchschnitt gleich häufig geworfen werden. Auch der Zeitpunkt, wann eine Sechs kommt, lässt sich nicht vorherbestimmen. Genauso kann es einem Fahrer passieren, dass er mit einem Neuwagen bereits in den ersten Tagen eine Reifenpanne hat, während ein anderer eine Million Kilometer ohne Panne fährt. Wenn Sie aber tatsächlich mit einer Reifenpanne irgendwo stehen, dann nützt es Ihnen wenig zu wissen, dass so etwas im Durchschnitt nur alle zehn Jahre vorkommt. Dann ist der Zeitpunkt der Wahrheit: Ist das Pannenset wirklich geeignet, ein Ersatzrad zu ersetzen?
Wie funktioniert ein Reifenreparatursystem?
Die von Fahrzeugherstellern angebotenen Pannensets, zum Beispiel unter dem Namen Tirefit, bestehen hauptsächlich aus einem Behälter mit einer Reifendichtmasse und einem Kompressor. Bei einer Panne wird das Dichtmittel in den Reifen gefüllt und der Reifen mit dem Kompressor aufgepumpt. Das Ganze funktioniert allerdings nur bei sehr kleinen Schäden, etwa einem eingefahrenen Nagel, der zudem noch im Reifen verbleiben muss. Bei grösseren Beschädigungen ist die Dichtmasse völlig wirkungslos.
Durch das Pannenset wird zudem nur eine Notlaufeigenschaft des Reifens erreicht, das heisst, der Hersteller sichert Ihnen eine Strecke von höchstens 200 Kilometern bei einer Maximalgeschwindigkeit von 80 Stundenkilometern zu. Gerade bei kleinen Pannen, bei denen eine solche provisorische Reparatur mit dem Pannenset möglich ist, führt das Einfüllen des Dichtmittels aber dazu, dass der Reifen anschliessend völlig unbrauchbar ist. Wird das derart defekte Rad dagegen durch ein Notrad ersetzt, kann der beschädigte Reifen in einer Werkstatt oft noch günstig und dauerhaft repariert werden. Daran sollten Sie insbesondere dann denken, wenn Ihr Fahrzeug eine ungewöhnliche Reifengrösse besitzt oder Sie zum Beispiel in den Ferien in Länder fahren, in denen ein entsprechender Reifen schwerer erhältlich ist.
Was nützt das Pannenset als Ersatz für das Reserverad?
Die Argumentation der Autohersteller für das Reifenreparatursystem läuft darauf hinaus, dass der Verzicht auf das Notrad überflüssiges Gewicht einspart und zusätzlichen Platz im Kofferraum frei macht. Ein Notrad wiegt aber höchstens 20 Kilogramm, für das zusätzliche Gewicht eines Allradantriebs den Sie auf zeitgemässen Strassen etwa so selten brauchen wie ein Notrad, müssen Sie bei einem Kompaktfahrzeug der Mittelklasse dagegen etwa 70 Kilogramm einplanen. Der zusätzliche Platz im Kofferraum scheint ein gutes Argument zu sein, aber wenn Sie davon ausgehen, dass Sie die Notradmulde tatsächlich regelmässig als Stauraum benötigen, sollten Sie sich vielleicht besser nach einem grösseren Fahrzeug umsehen. Im Zweifelsfall können Sie das Notrad auch einfach zeitweilig selbst aus der Mulde herausnehmen, wenn Sie einmal mehr Platz benötigen, denn eine Mitführungspflicht für ein Reserverad gibt es in Europa nur noch in Spanien und in Serbien.
Wenn ein Auto mit Reifenreparatursystem ausgeliefert wird, sparen Hersteller ausserdem zunehmend nicht nur das Notrad ein, sondern auch den Wagenheber und das Bordwerkzeug. Sofern Sie nicht anderweitig vorsorgen, sind Sie dann bei jeder Panne auf fremde Hilfe angewiesen, auch wenn Sie vielleicht nur ein paar Kilometer bis zur nächsten Werkstatt oder zum Reifendienst zurücklegen müssten. Der von den Automobilindustrie propagierte Verzicht auf ein Notrad sollte daher gut überlegt sein.
Ist ein Pannenset als Notradersatz zu empfehlen?
In vielen Fällen, in denen ein Notrad hilft und die Wartezeit auf den Pannendienst einspart, nützt das Reifenreparatursystem gar nichts, weil das Loch zu gross ist. Das Pannenset braucht aber ebenfalls Stauraum und der Kompressor bringt einige Kilogramm auf die Waage. Wenn Sie tatsächlich Gewicht und Platz sparen wollen, dann verzichten Sie lieber auf das Reifenreparatursystem als auf das Notrad. Das Verhältnis des Aufwands zum Nutzen ist beim Notrad allemal besser als beim Pannenset für die Reifenreparatur.
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