Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03470.jsonl.gz/1168

VOM HAUS IM GRÜENE HOF UND ANDERN BAUTEN IM ÄUSSEREN LUFT
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2006 von Peter Ziegler
Im Februar 2005 entschied die Kantonale Baurekurskommission II und später das Verwaltungsgericht, das Haus Im Grüene Hof an der Luftstrasse 27 sei nicht schützenswert und dürfe zugunsten von neuem Wohnraum und eines Ausbildungszentrums für das Gastgewerbe abgebrochen werden. Der Abbruch erfolgte in den Monaten Juli und August 2006. Damit verschwand das älteste Gebäude zwischen Luftstrasse und Seestrasse im Gebiet zwischen Schlossbergstrasse und Schlossgass.
Diese ausserhalb des Wädenswiler Dorfkerns gelegene Gegend wurde als äusseres Luftquartier bezeichnet. Bis zum Bau der Seestrasse in den 1830er-Jahren war die heutige Luftstrasse eine Hauptverkehrsachse: Teil der Landstrasse von Zürich nach Chur. Das äussere Luftquartier war erst dünn besiedelt, und die dortigen Wohnhäuser hatten Ausgelände mit Seeanstoss. Erst der Bau der Seestrasse und in den 1870er-Jahren der Geleise der Nordostbahn und der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn, der späteren Südostbahn, trennten die Liegenschaften vom direkten Uferzugang. Bergseits der alten Landstrasse dehnten sich Reblagen bis ins Gebiet von Meierhof und Schloss aus.
ZEHNTENTROTTE
Ältestes Gebäude in der Gegend war die Zehntentrotte am Standort des heutigen Hauses Zum Wasserfels, Schlossgass 2. Von der «Herren Drott» liest man erstmals im Kirchenurbar von 1555.1 Das Wädenswiler Jahrzeitbuch, ebenfalls von 1555, umreisst die Lage der «Trottwysen» genauer: Sie stiess oben an die Martinsgasse, unten an den Zürichsee, und seitlich an den Schlossbach.2 Die Trotte, in welcher die als Zehnten abgelieferten Trauben gepresst wurden, dürfte bereits den Johannitern gedient haben, welche bis 1549 in Wädenswil die Herrschaft ausübten. Diese Annahme wird erhärtet durch die Tatsache, dass im Jahre 1566 grössere Reparaturen ausgeführt wurden.3 1648 war eines der beiden Trottwerke zu ersetzen.4 Zur Zehntentrotte gehörte ein grosser Weinkeller. Nach dem Bericht des Landvogtes Johannes Rahn aus den 1670er-Jahren konnten darin etliche hundert Eimer Wein (1 Eimer = 110 Liter) gelagert werden.5 Wurden die Trauben mit Schiffen angeliefert, landeten diese in der Seehaabe nahe der Trotte. Im 18. und 19. Jahrhundert diente die Zehntentrotte als Fixpunkt für Lagebezeichnungen in der Umgebung. Vom Haus Im Grünen Hof heisst es beispielsweise noch 1835, es liege bei der Zehntentrotte.6 Die Lage von Liegenschaften weiter westlich – so der «Walfisch» und der spätere Einsiedlerhof – wurde mit «hinterhalb der Zehntentrotte» umschrieben. «Vorhalb der Zehntentrotte» standen die Bauten Richtung Giessen.
Ausschnitt aus der Ansicht von Wädenswil, gezeichnet 1769 von Johannes Isler. Gebäude am See von links: Zehntentrotte, Riegelhaus Grüene Hof mit bergseitigem Anbau, Komplex Einsiedlerhof (China Garden). Über dem Rebberg das Haus Wellingtonia und rechts oben das Haus zum Walfisch.
Ausschnitt aus dem Zehntenplan des Geometers Rudolf Diezinger, 1830. Von links: Zehntentrotte an der Abzeigung der Schlossgasse von der Luftstrasse. Links des Rebbergs das Haus Grüene Hof mit Nebengebäuden, darüber am oberen Bildrand das Haus zur Palme. Über dem Rebberg das Haus Wellingtonia, am rechten Rand unten der spätere Einsiedlerhof, oben das Haus zum Walfisch.
Das äussere Luftquartier, Luftaufnahme von 1920.
Das äussere Luftquartier, Luftaufnahme von 1948. Gut erkennbar die parallel verlaufenden alten Verkehrswege Palmenweg und Luftstrasse und die erst in den 1830er-Jahren angelegte Seestrasse.
Am 9. Juni 1832 stimmte der Zürcher Regierungsrat dem Verkauf des ehemaligen Landvogteischlosses Wädenswil an Johannes Hürlimann in Richterswil zu.7 Im Verkauf inbegriffen war auch die Zehntentrotte. 1835 liess der neue Besitzer das baufällige Gebäude bis auf die Höhe des Kellergeschosses abbrechen. 1850 wechselte das Kellergebäude, «ehemals Zehntenkeller», erneut den Besitzer. Conrad Theiler, bisher wohnhaft in der Seferen, baute hier ein Wohn- und Amlungfabrikgebäude.8 1850 hiess die Liegenschaft Weintrotte; 1875 taucht in den Grundprotokollen erstmals die Hausbezeichnung Zum Wasserfels auf.
HAUS ZUM WALFISCH
Zum ältesten Baustand im äusseren Luft zählte auch das Haus Zum Walfisch an der Ecke Schlossbergstrasse/Luftstrasse. Es wurde im September 1972 abgebrochen, nachdem bergseits der gleichnamige Neubau erstellt war. Das Areal ist jetzt öffentliche Anlage und Spielplatz. Die Geschichte dieses Hauses, über Generationen Besitz der Familie Huber, lässt sich bis in die 1690er-Jahre zurückverfolgen.9 1729 war das in zwei Hälften unterteilte Gebäude im Besitz von Caspar Huber und Heinrich Theiler. Das Grundprotokoll vermerkt, kürzlich sei der untere Hausteil um «eine neue Behausung» erweitert worden. Zur Liegenschaft, die unten an die Landstrasse grenzte, gehörten Garten- und Wiesland sowie Stickelreben.10 1790 kaufte Jakob Huber die Kinder seines verstorbenen Bruders Hans Heinrich Huber für ihr väterliches Erbgut aus. Bei dieser Gelegenheit wird erstmals die Hausbezeichnung «Walfisch» erwähnt.11
Haus zum Walfisch an der Ecke Schlossbergstrasse/Luftstrasse, abgebrochen 1972.
Im folgenden Jahr, am 13. Dezember 1791, verkaufte Jakob Huber dem Landschreiber Hans Konrad Keller (1741–1802) zu Wädenswil mit Antritt am 1. Mai 1792: «Ein Haus samt einem Garten und ungefähr einer halben Jucharte Reben, alles beieinander in einem eingemauerten Einfang im Dorf Wädensweil beim Walfisch gelegen und genannt.»12 Keller war 1773 als Nachfolger des verstorbenen Landschreibers Hans Jakob Eschmann (1691–1773) zum Schreiber der Herrschaft Wädenswil gewählt worden. Er hatte eine Mietwohnung bezogen, die ihm nach dem Tod des Vermietern gekündigt wurde. Darum entschloss er sich zum Kauf des Hauses Walfisch. Mit der Begründung, die Kanzlei werfe wenig ab, ersuchte er den Zürcher Rat um ein Darlehen und errichtete einen Schuldbrief von 5000 Gulden zu Gunsten des Seckelamtes Zürich. Am 1. Mai 1798 endete Kellers Amtstätigkeit. Nachfolger wurde Johann Jakob Huber (1752–1835), Substitut in Kellers Kanzlei.13 Am 23. Oktober 1804 konnte er von Kellers Erben das Kanzlei-Gebäude, «ehemals beim Walfisch genannt», erwerben.14 Es vererbte sich 1835 auf den Sohn – Notar Jakob Huber –, 1862 auf Regierungsrat Adolf Huber, und blieb als «Walfisch» auch im 20. Jahrhundert im Besitz dieser Familie.15
HAUS WELLINGTONIA
Als markantes älteres Gebäude im äusseren Luftquartier ist das Haus Zur Wellingtonia, Luftstrasse 34, zu würdigen. Am 23. März 1747 erwarb Kirchenpfleger Heinrich Steffan von Heinrich Kunz «bei der Zehntentrotte» eine an die Wege und die Landstrasse grenzende ältere Behausung samt Matten, Acker- und Rebland.16 Auf dem Rebgrundstück erstellte er den Neubau und stattete ihn mit einem Kachelofen aus der Werkstatt der Stäfner Hafner Caspar und Matthias Nehracher aus, datiert mit 1752. Nach einer Erbteilung wurde der Geschworene Heinrich Steffan im Jahre 1782 Eigentümer der väterlichen Liegenschaft. Zum Erbteil zählten auch die benachbarte Altliegenschaft (anstelle des heutigen Platzes auf der Nordwestseite), eine oberhalb davon gelegene Scheune mit Trotte sowie Reben in der Gegend der heutigen Alterssiedlung «Bin Rääbe».17
Nach Heinrich Steffan wurde dessen Sohn, Schützenmeister Rudolf Steffan, Eigentümer der Liegenschaften. Dieser veräusserte seinen Besitz am 3. Februar 1825 dem Hauptmann Jakob Wild, bisher wohnhaft in der Eidmatt. Zum Haus gehörten damals ein angebauter Schopf mit Schmiede, ein Garten auf der Ostseite mit Waschhaus darin, ein Mattenstück mit Scheune und Trotte, anderthalb Jucharten Reben, eine Matte mit Scheune im äusseren Rothaus – abgebrannt 1873 – sowie die ursprüngliche Altliegenschaft der Steffan.18
Haus Wellingtonia, erbaut um 1750, mit Fassadenmalerei von 1881.
Im Jahre 1869 übernahm Felix Wild (1809–1889) die Liegenschaft im äusseren Luft aus dem väterlichen Erbe.19 Wild war früher Verwalter des Klosters Rheinau und der Statthalterei Mammern gewesen, amtete von 1839 bis 1869 als Regierungsrat und von 1874 bis 1879 als Gemeindepräsident von Wädenswil. 1881 liess Felix Wild die Nordfassade seines Hauses mit einer Sgraffitomalerei schmücken. Kunsthistoriker ordnen das Werk, das 1979/80 restauriert wurde, in die Semper’sche Bauschule ein.20 Durch Kauf wurde Metzger Heinrich Kunz im August 1889 Eigentümer der Liegenschaft Luftstrasse 34. Unter dem Namen «Wellingtonia» erscheint sie 1913 als Wohnhaus mit Wohnhausanbau und Zinne.21
HAUS ZUR PALME
Zu den älteren Bauten im Quartier zählen ausserdem die Häuser Talegg (Seestrasse 75), Einsiedlerhof (Seestrasse 77), Luftstrasse 25 – bestehend seit 1835 – sowie das Haus zur Palme am Palmenweg 6. Das bergseits des Einsiedlerhofs gelegene Haus Hecht aus der Mitte des 17. Jahrhunderts brannte 1973. Es wurde mit drei zusammengebauten Altbauten abgebrochen, damit auf dem Areal ein grosser Wohnblock erstellt werden konnte.
Bauherr des klassizistischen Wohnhauses Zur Palme war alt Giessenmüller Caspar Blattmann (1776–1850). Das Haus mit biedermeierlichem Gepräge ersetzte 1826 eine abgetragene alte Baugruppe mit Wohnhaus, Scheune und Trotte.22 Seit 1795 war Blattmann mit Elisabeth Blattmann (1771–1839) ab dem Boller verheiratet. 1832 verkaufte er sein neues Wohnhaus Zur Palme dem Maler Johannes Brupbacher und lebte fortan in Richterswil, wo er auch starb. Als spätere Besitzer lassen sich 1849 Ulrich Eschmann, 1864 Johannes Suter, 1868 Johann Jakob Hauser und 1890 Heinrich Blattmann (1850–1937) nachweisen.23 Letzterer lebte als Rebbauer, gehörte von 1892 bis 1895 dem Gemeinderat an und engagierte sich im Vorstand der Sparkasse. Mit Blattmanns Tod im Jahre 1937 erlosch seine ursprünglich vom Boller stammende Linie.24
Haus zur Palme, erbaut 1826.
HAUS IM GRÜENE HOF
Im Jahre 1721 wurde «hinter der Zehntentrotte», zwischen Zürichsee und Landstrasse (heutige Luftstrasse), ein in Fachwerk konstruiertes Wohnhaus erstellt, das seit 1832 die Bezeichnung «Zum Grünenhof» trug. Aktenmässig lässt sich das Baujahr nicht belegen, und auch die Bauherrschaft ist unbekannt.
Die Jahreszahl 1721 wurde auf dem Sturz der zur Luftstrasse orientierten Haustüre überliefert, zusammen mit den beidseits des Zürcher Standeswappens angeordneten Initialen HIH und SAH. Auffällig ist die Verwendung des Zürich-Wappens im Türsturz. Denn an Wädenswiler Häusern befinden sich sonst Allianzwappen: das Familienwappen des Mannes und der Ehefrau. Als Gebäude der Landvogtei kommt das 1721 erbaute Haus nicht in Frage. Die Initialen bezeichnen eine Allianz, also links das Kürzel für den Mann Hans Jakob H., rechts jenes für die Ehegattin Susanna H. Anhand der Wädenswiler Ehebücher oder der Bevölkerungsverzeichnisse lassen sich die meisten Allianzen deuten.25 In diesen Quellen finden sich zwei Ehen mit den entsprechenden Vornamen: 1684 fand die Heirat zwischen Hans Jakob Hauser und Susanna Hammer statt, und 1723 waren laut Bevölkerungsverzeichnis Jakob Hotz (geb. 1665) und Susanna Haab (geb. 1680) in Wädenswil ansässig.26 Ob eine der beiden Familien in Frage kommt, und allenfalls welche, lässt sich nicht mehr klären.
Hauseingang mit Zürich-Wappen, Initialen und Jahreszahl 1721 im Türsturz.
Im Besitz der Familie Blattmann
Um 1760 war Hans Conrad Blattmann-Hüni (1731–1761), ein Sohn des Eichmüllers Hans Caspar Blattmann (1679–1759), Eigentümer des Hauses bei der Zehntentrotte. Conrads Söhne, die Brüder Caspar und Jakob Blattmann, kauften im Dezember 1783 ihre Schwester Elisabeth Blattmann (1760–1824), Ulrich Hausers Gattin, mit 3000 Gulden vom väterlichen Erbgut aus und übernahmen darnach gemeinsam «ein Haus mit Garten und Ausgelände, beieinander am See, bei der Zehntentrotte gelegen, samt drei Vierling Reben».27 Zwölf Tage später kaufte der ältere Hans Kaspar (1759–1805) mit 6000 Gulden den jüngeren Bruder Jakob Blattmann (1762–1844) aus und wurde Alleinbesitzer des väterlichen Heimwesens. Im selben Jahr hatte sich Hans Kaspar Blattmann mit Anna Blattmann (1753–1820), der Tochter des Schützenmeisters Jakob Blattmann-Aeschmann bei der Weinrebe, verheiratet. In seinem Haus bei der Zehntentrotte richtete Hans Kaspar Blattmann eine Gerberei ein, deren Geschäftsaufnahme für 1786 belegt ist. Der Betrieb rentierte; bereits 1793 konnte Blattmann andern ortsansässigen Gewerbetreibenden gegenüber als Geldgeber auftreten. Um 1800 verfügte er über ein Vermögen von 20 000 Gulden. Und die drei Viertel Jucharten Reben, die er bewirtschaftete, trugen ihm im Jahre 1802 26 Eimer (28,6 Hektoliter) Wein ein.28
Gerber Hans Kaspar Blattmann starb am 4. Juli 1805. Die Witwe Anna Blattmann bewohnte mit ihren vier Töchtern weiterhin das Haus bei der Zehntentrotte. Jakob Blattmann, der Bruder des Verstorbenen, übernahm die Vormundschaft.
Im Jahre 1819 verheiratete sich die jüngste Tochter Barbara Blattmann (1793–1832) mit Gemeinderat Ulrich Hauser im Giessen und übernahm aus dem väterlichen Erbe das Haus bei der Zehntentrotte, das 1783 um einen strassenseitigen Anbau erweitert worden war.29 Hier lebte die Familie bis 1825. Dann zog sie in die Giessenmühle um und schrieb das bisher bewohnte «Heimwesen zur Trotten» in der «Zürcher Freitags-Zeitung» vom 16. und 23. September 1825 zum Verkauf aus. Es bestand damals «in einem solid gebauten Hause mit Nebenbäuli, mit einem schönen Garten – alles in einem mit einer Ringmauer umgebenen Einfange – am Ende des Dorfes zwischen Seesgestad und der Landstrasse nach Richterswil, schön gelegen».
Brauerei im Grünenhof
Der Kauf kam erst am 17. Juli 1826 zustande. Neuer Eigentümer wurde Heinrich Rusterholz aus Schönenberg.30 Zu Beginn der 1830er-Jahre entschloss sich Rusterholz zur Gründung einer Brauerei. Zu diesem Zweck veränderte er die Liegenschaft bei der Zehntentrotte gründlich. Das bergseitige Waschhaus wurde für den Braubetrieb hergerichtet, auf der Westseite entstand ein neuer Anbau mit gewölbtem Keller und eingemauertem Brennkessel und seeseits des Wohnhauses ein kleiner Anbau für die Malzdarre. Heinrich Rusterholz gab seinem Besitz zudem einen neuen Namen: «Zum Grünenhof».31 Im November 1837 kaufte der Inhaber der Kleinbrauerei von Gerber Kaspar Huber im Rothaus ein Stück Mattland. Hier errichtete er in der Folge eine neue Brauerei und legte einen Hopfengarten an. 1839 wurde auf diesem Areal – nachmals Brauerei Weber – eifrig gebaut. Dann ging das Geld aus. Deshalb nahm Rusterholz 1840 den Gerber Hans Caspar Blattmann (1787–1861) als Teilhaber auf. Gemeinsam führten sie die Brauerei «Rusterholz & Blattmann» vom 4. Februar 1840 bis 30. Dezember 1841.32 1844 geriet Bierbrauer Heinrich Rusterholz Zum Grünenhof in Konkurs. Züger der Liegenschaft Grünenhof und der Einrichtungen beim Rothaus wurde der Geldgeber und frühere Teilhaber Kaspar Blattmann «auf dem Platz» in Wädenswil. Er verpachtete den zwischen neuer Seestrasse und alter Landstrasse gelegenen Betrieb einem Jakob Biber und 1853 dem Weinbauern Heinrich Rellstab, der ihn – nun im Rothaus – bis 1856 leitete. Am 15. Oktober 1856 verkaufte Kaspar Blattmann die Brauerei dem Lehrer Gottlieb Naef von Hausen am Albis. Dieser berief seinen Schwager, den Bierbrauer Michael Weber, als Teilhaber und Mitarbeiter und nannte die Brauerei nun «Naef & Weber, Bierbrauer in Wädenswil».33
Haus zum Grünenhof mit westlichem Erweiterungsbau und Zinnenvorbau aus den 1830er-Jahren.
Bierhaus mit Kegelbahn
Am 19. Dezember 1848 verkaufte Kaspar Blattmann die Liegenschaft Grünenhof an Johannes Zollinger im Giessen.34 Die Braueinrichtungen wurden in die neue Firma im Rothaus gebracht, und die Bauten im Grünenhof zu Wohnzwecken und zu einer Wirtschaft umgestaltet. Für 1849 erwähnt das Grundprotokoll ein Haus mit einem Anbau hinten, einem Waschhaus oben und einem Zinnenanbau unten daran, ferner ein «Kegelbahngebäude und Gartenwirtschaftsgebäudchen» im Garten auf der Südostseite des Wohnhauses.35 1850 wird ein neues Waschhaus erwähnt und 1855 ein Zinnenanbau.36
Im September 1857 starb Johannes Zollinger. Die Witwe verkaufte die Liegenschaft 1859 an Kaspar Blattmann auf der Fuhr. Dieser liess den an die Luftstrasse grenzenden Waschhausanbau 1862 zum Wohnhaus umnutzen. Und im Stammhaus Grünenhof vermietete er der Sekundarschule Wädenswil-Schönenberg für die neu gebildete Mädchenabteilung von Martini 1862 bis Mai 1868 – bis zur Einweihung des Sekundarschulhauses bei der Kirche – ein Schulzimmer.37
Blattmanns Erben veräusserten den Grünenhof 1867 an den Musiklehrer Emil Isler. 1873 musste Isler einen Teil seines südöstlich des Wohnhauses gelegenen Gartens für den Bau des Trasses der Wädenswil–Einsiedeln-Bahn abtreten. Das Kegelbahngebäude wurde abgebrochen; der Garten am See musste dem Bau der Nordostbahnlinie Zürich–Ziegelbrücke geopfert werden.38
Haus Grüene Hof mit bergseitigem Anbau auf einer Ansichtskarte um 1900. Rechts der Bahnübergang Seestrasse der SOB.
Das Areal zwischen Grüene Hof (links aussen) und Talegg, um 1907. Im Zentrum der erste Bau der OWG von 1906, rechts die Häuser Beau Séjour und Talegg. Im Hintergrund links das Schloss, rechts das Krankenasyl.
Die Gebäude der OWG im Jahre 1995. Links das renovierte Haus Grüene Hof, anschliessend die 1988 erstellte neue Lagerhalle.
Ansicht von Süden. Hauptgebäude mit Eingang, bergseitiger Anbau.
Dachuntersicht mit Rankenmalerei in Grisaille-Technik.
Im Mai 2006 beginnt der Abbruch des Hauses im Grüene Hof.
Im Hausinnern werden die Riegelwände sichtbar.
Ölmalerei mit Vögeln und Rankenwerk in einem Zimmer des Anbaus gegen die Luftstrasse.
Bald verschwindet auch der hölzerne Dachstuhl.
Seeseitige Giebelwand in Fachwerkkonstruktion.
Im Besitz der OWG
Zwölf Landwirte und Mostproduzenten gründeten 1895 die «Obst- und Traubenweingenossenschaft Wädensweil», die 1897 in «Obst- und Weinbaugenossenschaft vom Zürichsee» umbenannt wurde. Sie kauften die Häuser Seestrasse 69 (von 1833) und Seestrasse 71 (von 1841) zwischen den Liegenschaften Beau Séjour und Grünenhof.39 1897 konnte von Fritz Burghard-Fleckenstein das 1879 erstellte Haus Beau Séjour (Seestrasse 73) erworben werden. 1906 liess die OWG nach Plänen von Robert Maillart in Zürich an stelle abgebrochener Altbauten ein Kellerei- und Keltereigebäude erstellen, und 1910 erweiterte sie die Liegenschaft mit dem Ankauf des Grünenhofs.40 Dies ermöglichte 1918 auch die Anlage des Industriegeleises ab Trasse der Südostbahn.
Ist das Haus Im Grüene Hof zu retten?
Das vom See aus gut sichtbare, markante Riegelhaus Im Grüene Hof wurde 1984 inventarisiert und als schützenswertes Gebäude eingestuft. Besonders vermerkt wurden die mit Grisaille-Malereien verzierten Dachuntersichten, der Türsturz mit Zürcher Wappen und Initialen und der Vorgarten auf der Südostseite. Hingewiesen wurde sodann auf die lokalhistorische Bedeutung des Hauses als Gründungsort der Brauerei Wädenswil.
Am 7. Juni 2004 beschloss der Stadtrat Wädenswil, auf die definitive denkmalpflegerische Unterschutzstellung des Hauses Im Grüene Hof an der Luftstrasse 27 zu verzichten. Gegen diesen Beschluss rekurrierte der Zürcher Heimatschutz. Die Baurekurskommission II stufte das Gebäude als nicht schützenswert ein, was am 17. Februar 2005 der «Zürichsee-Zeitung» entnommen werden konnte. Das Verwaltungsgericht, das sich nach dem Weiterzug mit dem Fall zu beschäftigen hatte, entschied im gleichen Sinne. Damit stand der Umnutzung des OWG-Areals und dem Abbruch des Riegelhauses von 1721 nichts mehr im Wege. Anfang Mai 2006 wurde das Dach abgedeckt, und man entfernte die Bretter der Untersichten mit den Malereien. Im Juli und August fuhren die Bagger auf und rissen die Gebäude nieder. Dabei kamen vorübergehend nicht nur die Riegelkonstruktion und die Kellergewölbe zum Vorschein; es gelang Anton Monn aus Zürich auch, im Anbau gegen die Luftstrasse Malereien freizulegen und zu dokumentieren. Sie zeigten in Öl gemalte Vögel in Rankenwerk. Entstanden ist diese Wandverzierung beim Umbau des Gebäudes vom Waschhaus zu Wohnraum im Jahre 1862.41
Peter Ziegler
Nach dem Hausabbruch wird der Blick frei auf das bergseitige Kellergewölbe.
Das Areal nach dem Abbruch des Hauses Im Grüene Hof, Blick Richtung Rothaus und Giessen, September 2006.
ANMERKUNGEN
StAZ = Staatsarchiv Zürich
1 StAZ, F IIc 87.
2 StAZ, F IIc 88.
3 StAZ, F III 38, Landvogteirechnung 1566.
4 StAZ, F III 38, Landvogteirechnung 1648.
5 Zentralbibliothek Zürich, Manuskript G 22.
6 StAZ, B XI Wädenswil 21, S. 512.
7 StAZ, B XI Wädenswil 21, S. 158–160.
8 StAZ, B XI Wädenswil 303, S. 441, 558.
9 StAZ, B XI Wädenswil 4, S. 252b, 290a.
10 StAZ, B XI Wädenswil 5, S. 240a.
11 StAZ, B XI Wädenswil 13, S. 459.
12 StAZ, B XI Wädenswil 13, S. 460.
13 Georg Sibler, Zinsschreiber, geschworene Schreiber und Landschreiber im alten Zürich. Zürcher Taschenbuch 1988, S. 178–180.
14 StAZ, B XI Wädenswil 16, S. 464.
15 StAZ, B XI Wädenswil 306, S. 497.
16 StAZ, B XI Wädenswil 6, S. 136.
17 StAZ, B XI Wädenswil 11, S. 846–850.
18 StAZ, B XI Wädenswil 19, S. 637.
19 StAZ, B XI Wädenswil 312, S. 439.
20 Peter Ziegler, Das Haus Zur Wellingtonia und seine Sgraffitomalerei. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1980, S. 22–27.
21 StAZ, B XI Wädenswil 323, S. 367; B XI Wädenswil 335, S. 499.
22 StAZ, B XI Wädenswil 20, S. 94.
23 StAZ, RR I 260f.
24 Diethelm Fretz, Die Blattmann, Bd. 1, Zürich 1934, S. 19, 62 und Bd. 2, Zürich 1938, S. 92.
25 Peter Ziegler, Allianzwappen an Wädenswiler Häusern. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2002, S. 91–101.
26 StAZ, E III 132.x, S. xx und E II 700.116, Bevölkerungsverzeichnis 1723.
27 StAZ, B XI Wädenswil 11, S. 528/529. – Fretz, Blattmann Bd. 1, S. 94 und Tafel 18; Bd. 2, S. 95–98.
28 Fretz, Blattmann Bd. 1, S. 96/97.
29 StAZ, B XI Wädenswil 20, S. 199b.
30 StAZ, B XI Wädenswil 20, S. 199.
31 StAZ, B XI Wädenswil 21, S. 186, 512.
32 Fretz, Blattmann Bd. 1, S. 87 und Tafel 15.
33 Albert Hauser, Aus der Geschichte der Brauerei Weber in Wädenswil, Zürich 1956, S. 11–15.
34 StAZ, B XI Wädenswil 303, S. 276.
35 StAZ, B XI Wädenswil 303, S. 428.
36 StAZ, B XI Wädenswil 304, S. 632.
37 Jakob Pfister, Die Ortsnamen der Pfarrei Wädenswil, Wädenswil 1924, S. 72.
38 StAZ,. B XI Wädenswil 310, S. 264.
39 StAZ, B XI Wädenswil 325, S. 387. – Peter Ziegler, 100 Jahre Obst- und Weinbaugenossenschaft vom Zürichsee. Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1995, S. 57–65.
40 StAZ, B XI Wädenswil 334, S. 223.
41 Lukas Matt, Bunte Vögel im «grüene Hof», Zürichsee-Zeitung, linkes Ufer, 26. Juli 2006.