Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03240.jsonl.gz/2930

Heute wird von vielen Neutestamentlern die Echtheit der Bücher des Neuen Testaments in Frage gestellt. Dreizehn Briefe geben Paulus als Verfasser an. Doch nur sieben sollen von Paulus sein. Bei den anderen wird mit unterschiedlichen Argumenten behauptet, dass sie nicht von Paulus sein können, sondern von seinen Schülern geschrieben wurden. Diese Briefe sind demnach Pseudepigraphen.
Was ist „Pseudepigraphie“?
Unter einem Pseudepigraph (von griech.: ψευδής, pseudēs: „lügenhaft“ und ἐπιγραφή epigraphē: „Inschrift“) versteht man ein literarisches Werk, das nicht vom Verfasser stammt, dessen Namen es im Titel trägt. Im Deutschen übersetzt man Pseudepigraphie am besten mit „Falschzuschreibung“.
Benutzte Gott Lügner als Verfasser seiner Heilsbotschaft?
Nun mag manch einer denken, dass es doch gar nicht so entscheidend ist, ob die Paulusbriefe von Paulus selbst oder von sonst jemandem geschrieben wurden. Doch können Autoren, die unter falschem Namen auftreten, Vermittler der göttlichen Offenbarung sein? Benutzte Gott Lügner als Verfasser seiner Heilsbotschaft?
Von kritischer Seite wird nun eingeworfen, dass die Verfasser der pseudepigraphen Paulusschriften diese ohne Täuschungsabsicht geschrieben hätten. Keine Täuschungsabsicht liegt vor, wenn ein Autor damit rechnet, dass die von ihm vorgenommene unzutreffende Verfasserangabe von den Lesern durchschaut wird. So schrieb etwa auch Kurt Tucholsky unter diversen Pseudonymen (z.B. Peter Panther). In der gesamten frühchristlichen Literatur lässt sich aber nur eine Stelle nachweisen, an der ausdrücklich von einem Pseudepigraph ohne Täuschungsabsicht die Rede ist. Der Presbyter Salvian (ca. 400–480 n. Chr.) verfasste unter dem Namen Timotheus vier Bücher. Deswegen stellte ihn Bischof Salonius zur Rede. Seinem Verteidigungsbrief ist zu entnehmen, dass er seinen Namen deshalb nicht nannte, um nicht in ungeistlicher Weise Ruhm zu ernten. Den Namen ‚Timotheus‘ wählte er wegen seiner Bedeutung (‚Ehre Gottes‘).
Somit hätte eine pseudepigraphische Apostelschrift selbst ohne Täuschungsabsicht im frühen Christentum mit hoher Wahrscheinlichkeit als literarische Fälschung gegolten.
Pseudepigraphien im biblischen Kanon?
Für die Kirchenväter war es grundsätzlich unmöglich, dass eine pseudepigraphe Schrift in den biblischen Kanon aufgenommen würde. Serapion von Antiochien, Tertullian, Julius Africanus, Origenes, Eusebius von Cäsarea, Augustinus, Hieronymus und Salonius sprachen sich deutlich dagegen aus, selbst orthodoxen Pseudepigraphen kanonische Normativität zuzuerkennen. Armin Daniel Baum schreibt dazu:
„Für keine der nicht-anonymen Schriften des Kanons lässt sich zeigen, dass sie in den Kanon gelangte, obwohl man sie als pseudepigraphe Fälschung einstufte. Keiner der dreizehn Paulusbriefe wurde als literarisch unecht betrachtet. Dasselbe gilt für den 1. Petrusbrief. Unsicher war man sich im Blick auf den Jakobus-, den Judas- und den 2. Petrusbrief. Es lässt sich aber beobachten, dass gemeinsam mit ihrer literarischen Echtheit auch ihre Kanonfähigkeit in Frage gestellt wurde.“ (Pseudepigraphie und literarische Fälschung, 459)
Ein „Paulus-Brief“ wäre also unmöglich in den biblischen Kanon aufgenommen worden, hätte man gewusst, dass er nicht von Paulus selbst (oder seinem Sekretär) verfasst wurde.
Die Problematik der Pseudepigraphie
Was wäre nun die theologische Konsequenz, wenn man nachträglich die Pseudepigraphie einer neutestamentlichen Schrift nachweisen kann? Eine solche Schrift müsste konsequenterweise aus dem Kanon entfernt werden, da sie nicht als inspiriert angesehen werden kann.
Keine Pseudepigraphie im Neuen Testament!
Wir dürfen heute aber mit guten Gründen annehmen, dass die Paulusbriefe tatsächlich von Paulus selbst geschrieben wurden. Folgende Gründe sprechen gegen Pseudepigraphie im Neuen Testament:
- Grundsätzlich stellt pseudonyme Briefliteratur im christlichen Raum eine Rarität dar.
- Pseudonyme Schriften galten in der Alten Kirche als literarische Fälschungen. Im „Anerkennungsprozess“ des ntl. Kanons wurden äusserst strenge Kriterien angelegt, so dass ein pseudonymes Schreiben keine Chance hatte, als kanonisch anerkannt zu werden.
- Die Echtheitsfrage war engstens verknüpft mit der Authentizitätsfrage. Jeder nicht-authentische, pseudonyme Paulusbrief wurde mit ganzer Entschiedenheit zurückgewiesen.
- Die Kirchenväter haben mit grosser Genauigkeit die Echtheitsfrage der kanonischen Bücher geprüft.
- Fraglich ist, wie ein Verfasser durch eine falsche Verfasserangabe an Autorität gewinnen sollte, wenn seinen Lesern der pseudepigraphische Charakter bekannt war.
- Ein Briefschreiber, der unter dem Pseudonym von Paulus schreibt, ist nach 2Thess 2,1ff ein Verführer und ein Betrüger. Es kann kaum angenommen werden, dass die frühchristliche Gemeinde Schriften, die nicht von Paulus oder einem Apostel waren, als „von Gott eingegeben“ angesehen hätte.
Wir können mit gutem Grund der Bibel vertrauen. Genau dieses Vertrauen in die Bibel wollen wir an der Sommerbibelschule stärken.
Ausgewählte Literatur:
- Armin Daniel Baum, Pseudepigraphie und literarische Fälschung im frühen Christentum, Tübingen: Mohr Siebeck, 2001.
- Erich Mauerhofer, Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments, Bd. 2, Nürnberg: VTR und Hamburg: RVB, 3. Aufl. 2004, 295–302.
- Heinz-Werner Neudorfer, Pseudepigraphie, Pseudepigraphen, In: Burkhard / Swarat [Hrsg.], Evangelisches Lexikon für Theologie und Gemeinde. Bd. 3. Wuppertal und Zürich: R. Brockhaus, 1994.