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Der Rest der vorletzten Woche verlief grundsätzlich ereignislos. Ich war dann aber doch erstaunt zu hören, dass angeblich 470 Personen über den Schock über Jayalalitha’s Tod gestorben seien. Wir merkten im Alltag nichts mehr, abgesehen von den Parteiflaggen, die in den Strassen hingen und dem leicht besseren Verkehr.
Am Donnerstag gingen wir ins Kino, einen Hindifilm mit Untertiteln anzuschauen. Leider ist zur Zeit kein typischer Hindifilm mit Tanz und Gesang (gedreht in den Schweizer Bergen) im Kino, wir begnügten uns mit einem romantischen Drama mit Shah Rukh Khan, einem der bekanntesten Schauspieler Indiens. Obwohl der Film in Hindi war, sprachen sie etwa 20% in English. Das ist hier eigentlich normal, in Hindi noch eher als in Tamil, aber auch in Tamil sind viele Worte in Englisch. Das vereinfacht uns hier manchmal einige Situationen….
Am Samstag besuchte ich einen Freund, der neu zwei junge Katzen in seiner Wohnung hat. Normalerweise sehe ich nur freilaufende Hunde und Kühe, aber kaum Katzen hier in Indien. Anschliessend Abendessen bei einem anderen Freund zu Hause, bevor ich dann zu einem ruhigen Abend nach Hause zurückkehrte. Auch der Sonntag war ruhig, mein zweitletztes Wochenende in Chennai. Ich verbrachte einige Zeit am Pool, bis es zu windig und zu kalt wurde, entschied mich aber gegen ein weiteres Mal ins Kino. Gegen Abend zog dann schlechtes Wetter auf, bis ich dann die Nachricht bekam, dass ein Zyklon namens Vardah auf Chennai zurase. Er soll vergleichbar sein in der Intensität wie einer, der Chennai im Jahr 1994 streifte. Die Hoffnung, dass er erst nördlich von Tamil Nadu auf das Festland treffen würde, hatte sich zerschlagen. Die Regierung hatte angeblich schon die Schulen und Regierungsgebäuden schliessen lassen für den kommenden Montag. Ich begann mal nachzulesen, was ich finden konnte, fand aber keine Informationen, die verlässlich waren und wartete mal ab.
Am Montag 12. Dezember 2016 kamen die Nachrichten wieder sehr früh rein. Die Mitarbeitenden wurden aufgefordert, von zu Hause aus zu arbeiten und das Haus nicht zu verlassen. Das Büro sei aber offen, falls jemand ins Büro gehen wollte. Wir hatten noch genug von letzter Woche und liessen uns zum Büro fahren. Es war sehr ruhig in den Räumen. Von unseren 12 Teammitgliedern waren nur 2 anwesend. Einige andere arbeiteten von zu Hause aus, bis ihnen der Strom oder die Internetverbindung ausging. Am späten Morgen begann es stark zu regnen, der Wind peitschte um die Hausecken und pfiff lautstark. Die Fenster bebten. Innert kürzester Zeit tropfte es (wieder) durch das Fenster neben meinem Arbeitsplatz. Immer wieder standen wir am Fenster, um dem Schauspiel zuzuschauen.
In der Mittagspause verliessen wir das Gebäude kurz, trauten uns aber nicht weit, der Wind war echt zu stark, die Bäume biegten sich bereits. Viele Inder standen draussen, schossen Fotos und Videos und schauten besorgt zu, was sich ereignete. Bereits eine Stunde später hatte sich der Himmel stark verdunkelt. Zurück im Büro hörten wir das Pfeifen des Windes und das Prasseln des Regens lauter. Der Sturm hatte an Intensität zugenommen, wir hofften, dass die Fenster halten würden. Die Spitzengeschwindigkeiten lagen bei 154 km/h, wie ich später erfahren musste. Das Dach eines kleinen Gebäudes vor unserem Büro war bereits weg, die Wellbleche weggewindet. Ein Wellblech sah ich später auf unserer Höhe (8. Stockwerk) herumwirbeln. Bäume waren umgeknickt.
In einem anderen Gebäude gegenüber, wo EY seit wenigen Monaten auch Büroräume hat, war es schlimmer. Der Balkon lief mit Wasser voll, das Fenster war undicht, angeblich spielten unsere Kollegen dort mit Papierschiffen.
Nach 3 Uhr nachmittags war draussen Ruhe, Ruhe vor dem Sturm. Waren wir denn im Auge des Zyklons, der aufgrund der Windgeschwindigkeiten als “sehr stark” eingestuft wurde? Uns wurde mitgeteilt, dass nach 5 Uhr wieder stärkere Sturmböen erwartet wurden. So organisierten wir uns ein Auto zur Heimfahrt, schickten Vaibhav nach Hause und überredeten Vandhana, sich von uns nach Hause fahren zu lassen. Sie wohnte unweit des Büroareals, aber abseits der Hauptstrasse. Wir passierten riesige Wasserpfützen, umgefallene Bäume, abgerissene Äste und gefallene Werbebanner. Am ersten Baum quer über der Strasse kamen wir noch sehr knapp vorbei, beim zweiten mussten wir aufgeben. Es war zum Glück kurz vor Vandhana’s Zuhause.
Wir kehrten zu unserem Zuhause zurück, vor dem Hotel waren die Strassen klar unter Wasser. Der Concierge meinte, es sei bereits zurückgegangen seit dem Nachmittag. Strom war an vielen Orten ausgefallen, Internet- oder Telefonnetzwerk war auch nicht verlässlich. Ich hatte noch keine Bestätigung von allen Teammitgliedern, dass alles ok sei.
Am Dienstag war immer noch Ausnahmezustand, kaum Strom oder Internet in den meisten Teilen der Stadt. Zusätzlich zur aktuellen Bargeldknappheit seit der Ungültigerklärung der grossen Noten (kaum ein Geldautomat hatte Geld, wenn dann lange Schlangen davor) war es heute unmöglich, mit Karte zu bezahlen. Ich hatte zum Glück noch genügend Bargeld, da ich in den letzten Wochen nur mit Karte bezahlt hatte, so hatten doch einige Kollegen doch noch ein gutes Mittagessen. In den Wohnungen wird viel mit Gas gekocht, Essen war also dort weniger ein Problem. Ich hoffte, dass bald eine Lösung für die Geld- und Stromprobleme gefunden wurde.
Mitte Woche wurde dann langsam das Ausmass der Zerstörung bekannt. 75% der Bäume seien entwurzelt, hunderte Strommasten geknickt. Mindestens 16 Personen kamen ums Leben, meist erschlagen von Bäumen oder herumfliegenden Objekten. Der Zyklon war schwerer als alles, was Chennai bereits gesehen hatte. Es kamen Erinnerungen an die Überschwemmungen im letzten Dezember auf. Chennai scheint im Dezember nicht empfehlenswert zu sein. Zwei der Staatshaupter (auch Jayalalitha’s Vorgänger) starben im Dezember, nun bereits die dritte Naturkatastrophe in diesem Jahrtausend. Hoffentlich bleibt das nicht so.
Am Donnerstag hatte ich dann endlich auch von der letzten Person die Bestätigung, dass alles ok ist und wir waren wieder fast vollzählig im Büro. Strom war noch nicht überall wieder eingeschaltet, somit hatten einige immer noch kein fliessendes Wasser, aber es ging aufwärts!
Danke Bernhard für die Bilder!