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Unsere gesamte Umgebung ist auf den Sehsinn ausgerichtet. Weit über 80 Prozent der Sinnes-Wahrnehmungen nimmt der sehende Mensch mit den Augen auf. Ob Automaten, Computer-Bildschirm, die Farben der Kleidungsstücke – alles muss eigentlich gesehen werden, um es nutzen zu können. Das heisst für blinde oder sehbehinderte Menschen, sich diese Lebensbereiche anders erschliessen zu müssen.
Streben nach mehr Selbständigkeit früh erkannt
Anfang der 1960er-Jahre drängten mehrere staatliche Organisationen und Rehabilitations-einrichtungen blinder Menschen den US-Kongress, einen jährlichen Gedenktag in allen 50 Bundesstaaten auszurufen, der an die Funktion des weissen Stockes als Hilfsmittel und Erkennungszeichen im Straßenverkehr erinnern sollte.
1964 verabschiedete der US-Kongress eine Resolution, die den 15. Oktober zum White Cane Safety Day erklärte, übersetzt ungefähr: «Verkehrssicherheitstag des weissen Stockes».
Mit seiner umgehenden Proklamation unterstützte der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Lyndon B. Johnson, das Streben blinder Menschen nach mehr Selbstständigkeit. Der Tag des weissen Stocks entwickelte sich schnell zum weltweiten Aktionstag der blinden und sehbehinderten Menschen.
Verkehrsteilnehmer noch mehr sensibilisieren
Die Fahrzeuge auf den Strassen werden immer leiser und machen es so Blinden und sehbehinderten Menschen nicht einfacher, die Strasse zu überqueren.
Haben Sie gewusst, dass, wenn eine blinde oder sehbehinderte Person den weissen Stock am Strassenrand hochhält, die Person die Strasse überqueren möchte?
Hierbei gilt der weisse Stock wie eine rote Ampel, was bedeutet, dass alle anderen Verkehrsteilnehmenden anhalten müssen und verpflichtet sind, der blinden oder sehbehinderten Person den Vortritt zu gewähren. Dies gilt übrigens nicht nur für Autos, sondern auch für Velos oder Elektro-Trottinetts und auch neben dem Fussgängerstreifen oder in Tempo-30-Zonen, in Begegnungszonen oder ausserhalb von Ortschaften. (Artikel 6, Absatz 4 der «Verordnung über die Strassenverkehrsregeln»).
Ernüchternde Bilanz
Gemeinsam mit betroffenen Personen und mit Unterstützung der Kantonspolizei Glarus fand zu diesem Anlass beim Bahnhof in Netstal, in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Blindenbund, Regionalgruppe Zürich, nach 2018, wiederum eine Aktion statt, welche auf das essenzielle Schutzzeichen der Blinden, den weissen Stock, aufmerksam macht.
Wer angehalten und geduldig abgewartet hatte (ohne das Auto abzustellen), bis die Passanten die Strasse vollständig überquert hatten, erhielt vom Blindenbund ein süsses Dankeschön in Form von Schokolade.
Die Bilanz allerdings ist mehr als ernüchternd: Mehr als 75% der Verkehrsteilnehmer (Autofahrer, Velo- und Motorradfahrer) ignorierten die Blinden am Strassenrand und sind einfach weitergefahren, um sich dann bei Polizist Markus Fritschi, Gfr mbA (Fachdienst Verkehr/Verkehrsinstruktion) mit Ausreden wie Passanten übersehen, weissen Stock nicht beachtet, noch nie etwas davon gehört, zu rechtfertigen. Sie wurden über das korrekte Verhalten informiert und erhielten einen Flyer, welcher auf die Problematik hinweist.
Es wundert darum nicht, dass die Überlegungen dahin führen, den Aktionstag «Weisser Stock = Vortritt» jährlich ins Programm aufzunehmen, um die Verkehrsteilnehmer noch mehr zu sensibilisieren.
Trotz der eigentlich niederschmetternden Bilanz, welche den Verkehrsteilnehmern ein schlechtes Zeugnis ausstellt, muss die eine Episode doch noch erwähnt werden: ein Fahrzeuglenker mit SG-Nummernschild hat die Blinden am Strassenrand gesehen, hat sein Auto auf dem Parkfeld vor dem Bahnhofkiosk abgestellt und gefragt, ob er behilflich sein kann bei der Überquerung der Strasse. Sehr lobenswert und die Aktion mehr als nur verstanden.