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Der Unterschied zwischen den beiden «Kursbuch»-Bänden «Frauen» von 1977 und «Frauen II» von 2017 lässt sich auf einen kurzen Nenner bringen: «Ich».
Kleines Rätsel. Aus welchem Jahr stammt der Satz «Es gibt keine ‹Frauenthemen›. Themen werden zu Frauenthemen, weil Männer sich nicht drum kümmern», 1977 oder 2017? Oder der hier: «Während wir reden, habe ich mich schon entschieden, mit ihm ins Bett zu gehen – vorausgesetzt, dass auch er will.» 2017? 1977?
Manche Aspekte der sogenannten Frauenfrage scheinen sich nie zu ändern. Im Grossen und Ganzen aber liegen Welten und vierzig Jahre feministischer Diskurs zwischen dem «Kursbuch 47. Frauen» von 1977 und dem «Kursbuch 192. Frauen II» von 2017. Auch das «Kursbuch» hat eine wechselvolle Geschichte: 1965 von Hans Magnus Enzensberger gegründet, war es lange eine massgebliche linke Kulturzeitschrift, erschien in Verlagen wie Suhrkamp, Rotbuch, Rowohlt, wurde 2008 wegen zu geringer Auflage eingestellt, 2012 aber unter der Herausgeberschaft von Armin Nassehi und Peter Felixberger neu belebt.
Erotische Unsicherheiten
Wenn man die Unterschiede von «Frauen» und «Frauen II» auf einen Begriff bringen sollte, dann hiesse der: «Ich». Das alte «Kursbuch» ist sehr eng gedruckt und voll mit Erfahrungsberichten und Erforschungen persönlicher Befindlichkeit. Schmerzhaft genau schildert etwa Beate Klöckner, warum sie es nicht wage, sich im Germanistikseminar zu Wort zu melden, auch wenn sie durchaus etwas zu sagen hätte. Alle Gedanken kreisen um dieses Sprechenwollen und die eigene dünnhäutige Unsicherheit: «Wenn ich jetzt was sage, dann schmunzeln die vielleicht über mich, wer weiss. Jetzt exponiert die sich auch noch. Das kommt mir alles so absurd vor.»
Zu lesen ist aber auch ein launiger Selbstversuch von Anna Petermann und Christine Darmstadt über Kneipenbesuche und die entsprechenden Kontaktanbahnungen mit Männern. Von hier stammt der eingangs zitierte Satz: «Während wir reden, habe ich mich schon entschieden, mit ihm ins Bett zu gehen.» Die Autorinnen geben zusätzlich Auskunft über beängstigend hohe Gasrechnungen, Stricken, Fernsehen und Schreibblockaden beim Verfassen des Textes. Andere Artikel in der Nummer 47 erzählen von der Sozialarbeit mit Mädchen aus schwierigen familiären Verhältnissen oder dokumentieren Statements siebzehnjähriger Schülerinnen über ihre Besuche in Frauengruppen, samt der erotischen Unsicherheiten, die das manchmal mit sich bringt.
1977 ist Frausein das brennende Thema. Wie bin ich Frau, wie will ich sein, wie fühle ich mich dabei – als sei die Frau für Frauen ein komplett neu zu entdeckender und vor allem zu erobernder Kontinent. Denn bislang war sie nur ein Spiegel der Wünsche des Mannes, ein Sichzurücknehmen, ein Nichts und, wie Barbara Duden es ausdrückt, durch die bürgerliche Gesellschaft zugerichtet zu «einer Person ohne Ich». Im «Kursbuch 47» liest man – sorry: frau – die Aufregung darüber auch zwischen den Zeilen: in die Sichtbarkeit hinauszutreten, sich ernst zu nehmen, sich selbst zu erfahren gemeinsam mit anderen Frauen und all das verquickt mit einer Prise Klassenkampf.
Die Themen, die «Frauen II» im Jahr 2017 besetzt, sind dagegen kaum noch persönlicher Natur: Es geht um Gender, Genderkritik, um die Care-Krise und Rollenverteilung, es geht um Rassismus und den Blick über den nationalen Tellerrand. Während im «Kursbuch 47» Ele Schöfthaler am historischen Beispiel von Zunftmeisterinnen zeigt, wie Frauen langsam aus dem Erwerbsleben ausgeschlossen wurden, ist im «Kursbuch 192» die persische spirituelle Lehrerin Tahiri das Guckloch zu anderen Welten. Es gab sie schon immer, die starken, unabhängigen Frauen. 1977 suchte man sie im Mittelalter, heute im Mittleren Osten.
Uneindeutig war die Welt auch 1977 und kompliziert die Frage, auf welche Weise frau Erotik und Sex entdecken soll, wie sie mit Konkurrenz unter Frauen umgeht, wie sie es mit den Männern hält, ob sie «politisch korrekt» (bevor das so hiess) die Frauenfrage mitbedenkt. Das «Kursbuch 192» dagegen kommt eher als luftiges Netz aus abstrakten Fäden daher, gesponnen aus dem Wissen um die auszuhaltende «fuzzy logic» der Geschlechterverhältnisse. Der Begriff «Frau» geht jedenfalls nur noch in Anführungszeichen, meint Paula-Irene Villa. Ein Alltagsbezug aber, die persönliche Dringlichkeit ist in «Frauen II» wenig spürbar, und ein kämpferisches Ich bleibt allenfalls noch bei Margarete Stokowski, die – tausendmal ironischer als ihre Vorgängerinnen – über «Mein Leben als feministische Kolumnistin» schreibt. Hier löst sich auch der Rest vom Eingangsrätsel: «Es gibt keine ‹Frauenthemen›», hat sie geschrieben.
Wie beim «Bäumchen wechsel dich» scheinen jene Mastertheorien, die die Welt erklären und das Denken leiten, heute ausgetauscht. Kulturwissenschaften haben die Psychoanalyse beerbt, postmoderne und postkoloniale Theorie den Marxismus als Gesellschaftslehre. Es schwingt nur noch ein wenig Erinnerung an psychoanalytische Denkweisen mit, wenn Christina von Braun im «Kursbuch 192» die gegenwärtige populistische Kritik an Gender als einen «Deckdiskurs» deutet.
Über die Frage der «Wandelbarkeit der Körper» werde ein Kampf ausgetragen, bei dem es in Wirklichkeit gar nicht um Geschlecht gehe, sondern vielmehr um soziale und kulturelle Mobilität, meint von Braun. Fluidität gegen Stillstand, Hybridität gegen Eindeutigkeit – sind das die Frontlinien heute? An die Stelle des Klassenkampfs als Aufgabe der politischen Avantgarde, so scheint es, ist nun Antirassismus getreten. Das «Kursbuch 47» erwähnt noch Arbeiterinnen, die in Deutschland in der Fabrik schuften – heute sind die Fabriken weit weg, und die Unterdrückten kommen von fern her. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass uns als ausgezeichnetes politisches Subjekt heute nicht mehr der/die ArbeiterIn erscheint, sondern der/die MigrantIn.
Arbeit als Gewalt
«Sex», «Arbeit», «Gewalt», das waren 1977 die Kernbegriffe und Themen. Heute sind sie gar nicht mehr so leicht auf den Punkt zu bringen, sie heissen vielleicht «Gender», «Migration», «Inklusion» . Sind die alten Fragen gelöst oder nur die alten Kategorien stumpf geworden? Das Scharnier zwischen den beiden Frauen-«Kursbüchern» ist ein Text der Schriftstellerin Karin Reschke, der 1977 erschien und 2017 erneut abgedruckt ist. In ihm artikuliert sie ihr Unbehagen an den «Power Frauen», und sie stellt auch die Frage, ob Arbeit nicht eine Form von Gewalt sei, die nur aus Gewohnheit ertragen werde. Ist das beantwortet? Vielleicht lösen sich Probleme ja gar nicht, sondern werden nur abgelöst von anderen, vergessen und hängen dann wie ziellose Fäden abgerissen im Nichts.
Karin Reschke geht mit ihren feministischen Schwestern hart ins Gericht: «Ihr setzt euch ordentlich zusammen in Arbeitsgruppen und geht die Texte durch wie Briefmarken.» War das damals auch schon so? In der Rückschau erscheint der alte Feminismus lebendiger, gefühlvoller, existenzieller und aufgewühlter als die gendermultiple «fuzzy logic», die wir heute kennen. Aber wenn «man» mittendrin steckt, ist das theoretisch-politische Geschäft wohl immer ein Stück weit öde, und daher stammen die folgenden Sätze von 1977 und von 2017: «Und dabei seid ihr trocken, Frauen, wie Strohfutter. Kaum ein Text, der euch so an die Nieren geht, dass ihr schreit.»