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Neun Monate lang, von Juni 1802 bis März 1803, schrieb der Wiener Bibliothekar mit Schweizer Wurzeln, Johannes von Müller, feurige Liebesbriefe an einen ungarischen Grafen. Dann brach der Skandal aus. Was war genau geschehen?
Johannes (später: von) Müller wurde 1752 in Schaffhausen in der Schweiz geboren. Er starb 1809 in Kassel. Schon früh war dem Jungen bewusst, dass er homosexuell veranlagt sei, und er machte zeitlebens daraus kaum ein Hehl. Seine Homosexualität hinderte ihn nicht daran, unter den Intellektuellen seiner Zeit Berühmtheit zu erwerben; vor allem seine Geschichten der Schweizer galten als vorbildlich. (Heute ist man diesem Werk gegenüber kritischer; wie weit allerdings diese Zurückhaltung einem Anti-Schwulen-Reflex der Fachleute geschuldet ist, wie der Herausgeber des Briefwechsels, André Weibel, antönt, kann ich nicht beurteilen.) Johannes von Müller lebte, was die Rezeption seiner sexuellen Orientierung angeht, in einer Übergangsepoche (oder Sattelzeit, wie es Weibel formuliert). Das lässt sich sehr schön an den literaturgeschichtlichen Strömungen der Jahrhundertwende aufzeigen. Die Klassiker zu Weimar waren noch der (spät-)aufklärerischen Toleranz verpflichtet, die sie auch Winckelmanns Homosexualität allenfalls mit dem Bedauern hatte aufnehmen lassen, dass sie ihn zum Tode geführt hatte. Goethe meinte nach Müllers Ableben:
Unser abgeschiedener Freund war eine von den seltsamsten Individualitäten, die ich gekannt habe. Er ist eine Natur, dergleichen auch nicht wieder zum Vorschein kommen wird.
Schiller lässt in Wilhelm Tell (!) die Wahrheit des Gerüchts von der Ermordung Königs folgendermassen bestätigen:
ein glaubenwerther Mann, Johannes Müller bracht‘ es von Schaffhausen.
Selbst der verhältnismässig untolerante Herder war mit Johannes und seinem jüngeren Bruder gut befreundet; und noch die ansonsten am wenigsten tolerante Karoline liess Johannes von Müller nach dem Tode ihres Mannes als einen der Herausgeber der ersten Werkausgabe tätig werden.
Schon die frühe Romantik wusste ihre Toleranz auf dem Serviertablett darzubringen und sich so schon intoleranter zu machen. Müller schreibt selber an ‚Graf Batthány‘, dass die Brüder Schlegel in der Rezension eines seiner (Müllers) Werke sich nicht entblödeten, darauf hinzuweisen, dass er (Müller) die antiken Gebräuche auch sonst sehr wohl kenne und schätze. Müller nahm’s im Grossen und Ganzen gelassen und fand es witzig; ein bisschen verärgert war er allerdings wohl schon. (Müller schreibt diese Frechheit explizit beiden Brüdern zu; ich vermute, dass sie vom immer schon das Maul weiter als der bedächtigere August Wilhelm aufreissenden Friedrich stammt.) Die spätere Romantik schliesslich verurteilte die Homosexualität bereits bedingungslos. Es soll Aussagen von Achim von Arnim geben, die direkt auf Müller zielen; die habe ich nicht gefunden, aber ich weiss von etwelchen äusserst beleidigenden Aussagen von Arnims über Homosexualität im Allgemeinen.
Johannes von Müller war 1802 schon über 50 Jahre alt, als Fritz von Hartenberg (1781-1822), dessen Gönner und Vertrauter Müller seit Jahren war, zeitweise wohl auch dessen Geliebter, Müller ein Bild eines Unbekannten zeigte. Das Bild sollte einen ungarischen Grafen darstellen, Louis Batthány Szent-Iványi, der gerne in nähere Bekanntschaft mit von Müller getreten wäre. Hartenberg kannte seinen Pappenheimer gut genug: Müller verliebte sich sofort in das Bild und begann eine Korrespondenz mit dem Grafen, dann auch mit dessen Mutter und weiteren Personen aus dem Kreise des Ungarn, zuerst auf Französisch, dann auf Deutsch. Nebst feurigen Liebesbeteuerungen enthalten Müllers Briefe auch immer wieder Entwürfe für ein gemeinsames Leben: Mal wollte er mit Louis in der Toskana ein kleines Gut kaufen und dort von den gemeinsamen Renten leben, mal wurde die Miete einer grossen Wohnung in der Stadt Wien in Betracht gezogen, wo er, Louis und Fritz gemeinsam wohnen sollten. Von diesem vorsichtig angetönten Ménage à trois abgesehen, dachte von Müller im Grunde genommen nicht viel anders und an nicht viel anderes als jeder Verliebte, dessen Objekt der Gunst nicht einfach frei war. Denn Louis musste aufpassen: Als illegitimer Sohn einer illegitimen Tochter von Maria Theresia konnte er sich im Kaiserreich nur vorsichtig bewegen. Eine ungeheure und absolut unglaubliche Räuberpistole, die Hartenberg seinem Gönner da vorsetzte – denn der Graf mitsamt seiner Familie war eine Erfindung des jungen Hochstaplers. Allerdings kannte Hartenberg seinen Pappenheimer dann doch nicht gut genug: das Gehirntier1) von Müller wollte sich keineswegs mit einer Brieffreundschaft zufrieden geben. Immer wieder versuchte er, Treffen zu arrangieren; mit immer ausgefalleneren Ideen musste Hartenberg den Treffen erst zustimmen und dann eine plötzliche Verhinderung vorstellen. Da starb zuerst Louis‘ Vater unverhofft, dann war das nur ein Scheintod gewesen, schliesslich aber starb er doch, dann auch Louis‘ Mutter. Immer aber gelang es Louis-Hartenberg, Müller von Nachforschungen abzuhalten – Diskretion war geboten. Immer aber gelang es dem Hochstapler, vom Schweizer grössere oder kleinere Geldsummen zu erhalten – bis dieser schliesslich sein eigenes (nicht riesiges) Vermögen aufgebraucht hatte und sogar ihm anvertraute Gelder veruntreute. Als auch da nichts mehr war, und Louis immer noch nicht auftauchte, bekam es von Müller schliesslich mit der Angst zu tun und vertraute sich einem Freund an. Der tat, was jeder Nicht-Verliebte sofort getan hätte: Er schaltete die Polizei ein. Rasch wurde klar, dass in der grossen Familie der Batthyány Szent-Iványis kein Louis existierte, und rasch hatte man in einer Schublade Hartenbergs die Briefe Johannes von Müllers gefunden – zum Teil noch nicht einmal erbrochen. Die Affäre landete vor Gericht; und Johannes von Müller konnte grösseren Schaden von sich nur dadurch abwenden, dass er beschwor, den jungen Hartenberg nie sexuell belästigt zu haben. Aber von Müllers Ruf war ramponiert; bei der nächsten fälligen Beförderung an der Wiener Bibliothek wurde ihm ein Kollege vorgezogen. In Briefen an auswärtige Freunde drohte von Müller damit, sich ins Ausland zu begeben. Dies geschah im Wissen, dass seine Briefe ins Ausland von der Zensur geöffnet und gelesen wurden; Müller überschätzte hier aber seine Position gewaltig. Er war vielleicht eine der führenden Stimmen im Chor der deutschen Intelligentsia; als Staatsangestellter war er ein kleines Würstchen, und Stellungnahmen für Napoléon verbesserten seine Situation am Wiener Hof nicht.
Johannes von Müller verliess dann Wien später tatsächlich und liess sich von Napoléon eine Stelle bei dessen Bruder Jérôme in Kassel vermitteln. Aber das ist eine andere Geschichte.
2014 hat der Wallstein-Verlag Johannes von Müllers Briefe in einer zweibändigen Ausgabe (ein Band Briefe, ein Kommentar-Band) herausgegeben. Die Briefe des ‚Grafen‘ wurden seinerzeit, offenbar schon von Müller, verbrannt. Der erste Band enthält die sorgfältig editierten Briefe, der zweite Nachwort, Kommentare und weitere Dokumente (z.B. in Form von Briefen Johannes‘ an seinen Bruder Georg) zur Lage von Müllers.
Man erhält durch diese zwei Bände Einsicht in das Leben eines deutschen Intellektuellen der Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert einerseits, ins Leben eines deutschen Schwulen jener Epoche andererseits. Beide hatten es nicht leicht, sich zu verwirklichen – in Kombination war es de facto unmöglich, und so musste auch Johannes von Müller feststellen, dass er in seinem Leben kaum wirklich gute, wirklich glückliche Momente gehabt habe.
1) Arno Schmidt: Johannes von Müller oder vom Gehirntier. (Ein Radio-Essay von 1959)