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Genre
Genrebezeichnungen werden verwendet, um Literatur, Kunst oder Musik zu kategorisieren. Online-Shops beispielsweise verwenden Genrezuordnungen, weil sie für Orientierung im Angebot sorgen, oder Musikdatenbanken, weil sie Verwandtschaften kennzeichnen.1 Doch an Genrebezeichnungen lässt sich manches bemängeln und folglich kann man mit Recht die Frage stellen, ob man auf sie ganz verzichten soll.
1. Genre-Kategorien sind vage: Sie sind untereinander nicht stimmig und nur schwer gegeneinander abgrenzbar. Ein bestimmter Song ist nicht immer klar einem Genre zuordenbar, sondern mehreren oder keinem.
2. Was wird eigentlich einem Genre zugeordnet? Der Interpret, ein Album oder ein Song, oder gar alles das? Wir finden in Büchern und Webseiten alle genannten Möglichkeiten. AllMusic bietet bei einer Genreabfrage wahlweise an, dass man sich Artists, Alben oder Songs anzeigen lassen kann.2 Es mag ja korrekt sein, zu sagen: «Die Rolling Stones sind eine Rock-Band». Die Aussage unterschlägt aber, dass es im Stones-Katalog auch Stücke gibt, die man besser dem Pop, Beat, Soul, Blues oder Disco zurechnet.
3. Musiker/-innen sind mit Genre-Zuschreibungen selten glücklich. Die meisten von ihnen wollen in der Regel viel mehr sein, als jemand, der ein Genre bedient. Zeitgenössische Kunstschaffende verstehen sich als individuell und einzigartig, ihre Werke haben den Anspruch, unverwechselbar und originell zu sein. Musik ist eine Kunstform. Kunst ist als Ausdruck von Menschen so facettenreich, dass Genrebegriffe diese Einzigartigkeit von Kunstschaffenden und Werken nicht zu fassen vermögen.
4. Genrebegriffe bilden zuweilen ein Klassifikationssystem. Dies ist auch im Musikzimmer der Fall. Doch Klassifikationssysteme gelten spätestens seit der Postmoderne als ideologisch und Herrschaftsanspruch. Wer an ihnen festhält, macht sich der Ideologie verdächtigt (siehe zum Beispiel der Atikel von Die Macht der Klassifizierung. Abgründe des Wissens an den Klippen der Ordnung von Konrad Becker). In der Wikipedia steht beim Eintrag zu «Genre»: «Genre suffers from the same ills of any classification system» (10.9.16). Klassifikationssysteme sind grundsätzlich verdächtig. Hat Genre als Klassifikation von Literatur, Kunst und Musik ausgedient?
5. Was passiert in Räumen, in denen die postmodernen Forderungen nach gewaltfreiem Diskurs verwirklicht sind und keine Macht über Begriffe ausgeübt wird? Was passiert auf Internetplattformen, wo jeder User frei Genrebegriffe wie «Tags» vergeben kann?
Ivan Sterzinger hat vor einiger Zeit in der Zürcher Fabrikzeitung das Verschwinden von Stilgrenzen im Internet festgestellt. Stilbegriffe würden aufgeweicht, Hörgewohnheiten individualisiert (Fabrikzeitung 235, 10/2007, S. 2). In Webapplikationen, wo die User selbst über Stilbezeichnungen verfügen, sind sie vielfach überfordert oder unentschieden: House wird zu Techno, Folk zu Rock oder Heavy Metal zu Punk. Die Beliebigkeit regiert. Im Fall der Überforderung greifen Nutzer zu Restkategorien wie «Anderes». Durch beide Tendenzen verschwinden Genregrenzen zunehmend. Doch stimmt diese Diagnose nach fast zehn Jahren noch? Auf die Person, die Techno mit House verwechselt, kommen vielleicht drei Personen, die das korrigieren. Und wenn die Mehrzahl der Leute sich einig sind, dass die beiden Begriffe austauschbar sind, dann sind sie eben austauschbar und bedeuten zum Beispiel gleich viel wie «Elektronische Musik». Ist Genre letztlich nicht gleich viel wie jedes andere «Tag», mit dem Musik beschrieben wird: auswechselbar mit Stimmungs-Begriffen wie «traurig», «melancholisch», auswechselbar mit Formbegriffen wie «12-bar Blues», «bluenotes», «synkopisch», auswechselbar mit Dimensionen der Hörerfahrung wie «Schmerz», «Trauer» «verlassen werden». Hat Genre noch eine spezifischere Bedeutung als «Tag»?
Vorhaben
Ich habe vor, den Begriff Genre gegenüber freien Beschreibungskategorien («Tags») zu retten und Genre als Kategoriensystem zu rehabilitieren.
Es gibt neben dem Genre noch andere Begriffsklassen, die verwendet werden, um Musik zu beschreiben und um musikalische Ähnlichkeit zu bezeichnen, zum Beispiel: Gattung, Art, Architext (Intertextualitäts-Begriff von Gérard Genette), Stil (Richtung), Form, Sparte, Format, Stimmung (Mood), Typ (Prägung), Feld, Thema, Motiv, Epoche, Bezeichnungen von Rhythmen und zugehörigen Tanzschritten.
Ein Teil dieser Begriffe bezeichnen eine genealogische Beziehung (siehe nächsten Abschnitt), nämlich Gattung, Art und Genre. Andere Begriffe bezeichnen eher Merkmale der Musik (Stil, Richtung, Form), mediale Bedingungen (Format), Wahrnehmungskategorien (Stimmung, «Mood») oder Kontextbedingungen (Typ, Prägung, Feld).
Ich möchte im Folgenden den Genrebegriff untersuchen, gegenüber anderen Begriffen differenzieren und Genre als genealogisches und taxonomisches Kategoriensystem rekonstruieren, um dieses in Musikzimmer zur Feststellung von Ähnlichkeitsbeziehungen zwischen Alben, Songs und Acts zu verwenden.
Genre als Herkunftsbegriff
Das Wort «Genre» ist verwandt mit anderen Wörtern, zum Beispiel mit Genetik (Abstammungslehre), dem Genitiv (dem grammatischen Fall, der Herkunft und Verwandtschaft zum Ausdruck bringt – der Sohn des Vaters, die Tochter der Mutter), Genesis (Teil in der Bibel, der die Entstehung der Welt erklärt) – hat alles mit dem deutschen Wort «Abstammung» zu tun und kommt vom griechischen Wort «γένος» («genos»).
Ein musikalisches oder literarisches Genre ist eine Einteilung, eine Schublade, in die man musikalische Werke versorgt, die sich ähnlich sind wie Brüder oder Schwestern. Wichtig: Diese Ähnlichkeit ist nicht zufällig, sondern kann auf gemeinsame Elternschaft zurückgeführt werden. Man nennt diese Ähnlichkeitsbeziehung «genealogisch».
Genre ist damit ein Herkunftsbegriff und nicht so sehr eine Menge von herrschenden Konventionen (à la «Folk ist Musik in der Form von Songs, die mit akustischen Saiten-Instrumenten gespielt wird»). Doch Musiker/-innen wie Konsument/-innen verstehen das vermutlich meistens gerade anders. Musiker/-innen fassen Genre als Form auf, die sie ästhetisch gestalten oder aus der sie ausbrechen können. Doch nimmt man Genre als einen genealogischen Begriff ernst, dann müsste man sagen: «Man kann nicht aus seiner Herkunft ausbrechen. Man kann sich weit von den eigenen Wurzeln entfernen und man kann die Wurzeln verleugnen, aber man kann sie nicht ausreissen.» Dennoch muss man in Erinnerung behalten: Genres werden meistens mit Eigenschaften, Formmerkmalen, Besetzungseigenarten usw. beschrieben. Es ist prima vista unklar, wie Genre als Merkmalsbündel und Genre als Herkunft miteinander vermittelt werden können.
Ich möchte an dieser Stelle Genre als Herkunftsbegriff weiter vertiefen. Dazu konstruiere ich folgende Geschichte: Ein Müller-Sohn wird wie sein Vater zunächst Müller; eine Bäcker-Tochter wie ihr Vater zunächst Bäckerin. Nun sind beide jung und wollen etwas erleben. Sie gehen auf eine Reise nach Amerika. Beide kommen nach Kalifornien und es gefällt ihnen so gut, dass sie dort bleiben und leben wollen. Nun beginnen sie in Kalifornien zu arbeiten, aber dort braucht es grad keine Bäcker und Müller. Sie müssen Orangen pflücken, um überleben zu können. Nun haben Müller-Sohn und Bäcker-Tochter eine Gemeinsamkeit (sie sind Orangenpflücker in Kalifornien), obwohl sie von der Abstammung her, genealogisch verschieden sind. Eine solche Gemeinsamkeit nennt die Evolutionsbiologie «analog», eine Gemeinsamkeit, die auf eine gemeinsame genetische Abstammung zurückzuführen ist hingegen «homolog».
Analog sind zum Beispiel britischer Pubrock und texanischer Honkytonk. Ersterer kommt aus dem Powerpop und Poprock, letzterer aus der Countrymusik. Verschiedene Abstammungen (Genres) brachten musikalisch ähnliche Formen hervor. «Psychedelic» ist ein Stil und kommt in verschiedenen Genres vor: Es gibt Psychedelicpop, Psychedelicrock, Psychedelicsoul. Psychedelic kommt innerhalb von verschiedenen Familien/Stammbäumen vor und ist daher eine typische analoge (nicht homologe) Ähnlichkeit. Ein Stil ist abhängig vom Kontext: den Leuten, die involviert sind, den Orten, wo eine Musik gespielt wird, der Zeit. Psychedelic kommt auf, durch die Drogenerfahrungen, die viele Musiker/-innen ab 1966 machen. Im Fall von Pubrock und Honkytonk prägt das Lokal, in dem die Bands spielen, die Musik.
Homolog sind Artpunk und Streetpunk, da sie sich beide aus dem Punk differenzieren. Zu Beginn gibt es nur die «Mutter» Punk und die beiden «Brüder» differenzieren sich langsam aus. Im Lauf der Zeit werden sie zu rivalisierenden Antagonisten. Um im Bild der Brüder zu bleiben: Ein Bruder geht an die Kunsthochschule, der andere lebt auf der Strasse und in besetzten Häusern.
Wenn wir das bisher Gesagte strukturell etwas aufdröseln: Musik ist geprägt von Herkunft (Genre), gestalteter Form und Kontext. Die Herkunft kann von der Art einer Prägung sein, z.B. wenn eine Musikerin mit einer Musiktradition aufwächst und kaum anders kann, als diese Tradition weiter zu führen. Die Herkunft kann aber auch eine gewählte sein, wenn ein DJ-Producer zum Beispiel entscheidet, House zu produzieren und nicht Techno. Die gestaltete Form an einer Musik, ist die kreative Arbeit, die durch die Musikerin oder den Musiker ins Werk gesetzt wird: Komposition, Instrumentaltechnik, Arrangement, Soundgestaltung und viele andere Dimensionen. Zum Kontext gehören die technischen Möglichkeiten, die Räume, in denen man auftritt, und weitere aussermusikalische Einflüsse.
Die Gestaltung hat die Kraft, die Herkunft zu verwischen. Taylor Swift beginnt mit Countrypop. Einige ihrer frühen Hits sind «Crossovers», sie kommen in die nationale Hitparade. Nun beginnt die Singer-Songwriterin neben dem Country- auch den Popmarkt zu erobern und ist dabei äusserst erfolgreich. Ihre neueren Hits sind Pop-Hits und haben mit anderen Pop-Hits gemeinsame analoge (nicht homologe) Merkmale. Aber niemand denkt dabei noch an Country.
Genre als Gestaltungsdimension
Aus der Sicht von Künstler/innen ist ein Genre eine Form, die sich ästhetisch gestalten lässt, d.h. die Genrekonventionen können bedient werden (Beispiel: Tanzmusikproduktion) oder sie können bewusst verletzt werden (Dylan, der in Newport elektrischen Folkrock spielt). Manchmal entsteht durch Verletzung der Konventionen ein neues Genre. Auch können diese Formen kombiniert werden: die Byrds spielen Folksongs im Stil englischer Beatbands und erfinden Folkrock.
Genre als Intertextualitätskategorie
siehe Blogpost zu Gérard Genettes Architext
Gebrauchsdimensionen
1. Genre als Ordnungssystem: Wie ordnet man CDs/Platten, mit welche Metadaten beschriftet man die Songsammlung in iTunes? Gar nicht: gibt wenig zu tun, macht aber das Wiederfinden schwierig, wenn die Sammlung gross wird. Alphabetisch nach Interpreten: sehr einfaches Ordnungsprinzip, Probleme damit: Stört es, wenn Beethoven hinter den Beatles steht, weil beide mit BE anfangen. Die haben ja in musikalischer Hinsicht wenig miteinander zu tun. Was hat denn in musikalischer Hinsicht miteinander zu tun? Eine mögliche Antwort heisst «das Genre». Ich will meine Pop-Platten alle zusammen haben: Abba und Zombies nicht an anderen Enden des Regals, sondern näher zusammen.
2. Genre als Mittel der Aufmerksamkeitslenkung: In den Medien, die über Musik berichten oder Kanäle mit Musik füllen, dienen Genrebezeichnungen zur Aufmerksamkeitslenkung. Sie helfen, wenn über eine Neuveröffentlichung (oder ein Konzert) geschrieben oder berichtet wird, diese Musik ästhetisch zu verordnen. Medien können Genrebezeichnungen pflegen, so dass die Grosszahl ihrer Konsumenten wissen, was unter ihnen zu erwarten ist. Mit der Zeit versteht eine Leserin von The Wire was «Avantrock» ist. Genrebezeichnungen clustern genügend ähnliche Musik und reduzieren damit die Komplexität, mit der über Musik geschrieben oder gesprochen wird.
Genrebezeichnungen findet man auch in Diskografien und in Musikdatenbanken. Nach Genres suchen kann man beispielsweise im All Music Guide, in Rate Your Music und natürlich in Onlinelexika wie Wikipedia (vor allem das englische), wo hingegen in Discogs Genres nur als Attribut verwendet werden.
3. Genre als Beschreibungs-Kategorie des Marketings: Die Industrie führt die Konsumenten von Radioprogrammen sowie die Schallplatten- bzw. CD-Käufer/innen mittels Format- und Genrebezeichnungen zum Produkt: Radio-Formate spezifizieren den Charakter von Radioprogrammen. Genrebezeichnungen leiten Kunden in CD- und Schallplattenläden zu den Regalen, die sie interessieren. Wie Pachet und Cazaly (A Taxonomy of Musical Genres, 2000, PDF, S.2) beschreiben, arbeiten diese Taxonomien in der Regel auf vier Stufen:
- Globale musikalische Kategorien wie Klassik, Jazz, Rock,
- Subkategorien wie Hardrock, Oper, Swing,
- Alphabetische Ordnung der Interpreten bzw. Musiker/innen und
- die einzelnen Alben selbst.
Man kann wohl mit Aucouturier und Pachet (Representing Musical Genre: A state Of The Art, 2003, PDF, S. 83) behaupten, dass die Genrezugehörigkeit die beliebteste Beschreibungskategorie von Musik darstellt. Deshalb findet man sie auch in gängigen Musikdatenbanken im Internet. Auch Musikzimmer bietet Genremaps als Navigation an. Navigierbare Genres erlauben einen praktischen topdown Zugriff auf Musik: Über eine Genrebezeichnung wie Garagerock findet man viele spannende Bands, Releases und Songs, die miteinander verwandt sind. Oder wenn man ein Album wie Ys von Joanna Newsom mag, dann findet man über Genreverwandtschaften andere Alben, die einem vermutlich auch gefallen.
Die Kritik an Genres
Vagheit: Genres sind vage Kategorisierungen ohne klare Grenzen. Folgende Dimensionen machen die Vagheit von Genreklassen mit aus:
- Genrebezeichnungen sind mehrdeutig. R&B kann Rhythm & Blues zur Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bezeichnen und Urban Contemporary der 90er und der frühen 2000er Jahre.
- Genreklassen sind inkonsistent. Es wird nach musikalischen Formen eingeteilt (diese betreffen teils die Form des Rhythmus, teils die Form der Komposition: Beat, Rock, Symphonie), nach Instrumenten (Synthpop, Guitar Virtuosos), nach Nationen (Krautrock), nach Aufführungspraxen (Oper, Ballet, Chorwerk, Kirchenmusik, Dance), nach historischen Perioden (die akademische oder sogenannte «klassische» Musik verwendet Genreangaben wie: Barock, Klassik, Romantik etc.) usw.
- Genre-Taxonomien sind hierarchisch; es gibt Genres und Subgenres. Dabei kann die selbe Bezeichnung einmal für ein Genre, ein anderes Mal für die Bezeichnung eines Subgenres fungieren. Indie kann ein Genre oder ein Subgenre (von Rock oder Pop) sein. Rhythm & Blues kann für praktisch die gesamte afroamerikanische Popmusiktradition stehen oder für deren Phase nach dem zweiten Weltkrieg bis zum Soul.
- Klassifikationen von Genres sind teils taxonomisch (begriffslogisch), teils genealogisch (geschichtlich). Eine genealogische Verbindung zweier Genres zeigt eine musikalische Entwicklung. Beispielsweise entsteht Mersey-Beat aus Rhythm & Blues, Rock’n’Roll und Skiffle.
- Genreklassifikationen bzw. die Summe aller verwendeten Genrebezeichnungen ist sehr unterschiedlich. Musikläden kommen mit vielleicht fünf Genres aus, Musikdatenbanken wie der AMG arbeiten mit über 500 Genrebezeichnungen. Zwischen diesen Extremen liegt ein Faktor von 100! Je mehr Bezeichnungen, desto genauer, aber auch desto schwieriger zu verstehen. Grafische Repräsentationen mögen das ertragbare Mass von Genrebezeichnungen anheben.
- Immer wieder kommen neue Genres hinzu, was die Klassifikation schwierig macht. Ein neues Genre schafft neue Abgrenzungen und Zuordnungen.
Das alles schlägt negativ zu Buche: Genrebezeichnungen sind vage und demzufolge fehlt der Konsens weitgehend (siehe hierzu auch Pachet & Cazaly, 2000, S. 3).
Genrebezeichnungen als Autorleistung
Ist es aber nicht auch möglich, die Vagheit, Unbestimmtheit und die fehlende soziale Verbindlichkeit der Genrebezeichnungen als Tatsache anzuerkennen und diese positiv zu wenden und zu sagen, es ist eben die Leistung eines Autors, der sich mit der Geschichte und den Formen der Musik auseinandergesetzt hat, Genrebezeichnungen einzuführen und einigermassen konsistent zu verwenden?
Ich arbeite auf ein konsistentes System von Genres, Sparten und Stilen hin, das die musikalische Landschaft wenigstens zum grossen Teil zu umfassen vermag und das genügend fein ist, um Musik auch stilistisch zu fassen.
Im Unterschied zu dieser historisch philologischen Arbeit versuchen Ingenieure seit längerem, die vage und fehleranfällige menschliche Genrezuschreibung durch eine automatische zu ersetzen. Mächtig ist der Traum vom Algorithmus, der aus einer Musikdatei das Genre automatisch extrahiert:
function analyzeGenre(song.mp3){
...;
return $Genre;
}
Es gibt diesen Algorithmus, doch (mich) befriedigende Antworten spuckt er nicht aus.
«State of the art» hingegen ist die als Autorleistung entstandene Musicmap von Kwinton Crauwels, die 30 Genres und 235 Sparten unterscheidet.
Genealogie und Taxonomie
Die Genres der Musikzimmer-Datenbank leiten sich nicht allein von taxonomischen Überlegungen her ab, sondern stellen eine Art Musikgeschichte im Überblick, also eine Genealogie dar. Eine Betaversion einer sochen Genealogie ist bereits seit einiger Zeit als Genremap von Musikzimmer online.
Und so gibt es innerhalb von Musikzimmer.ch zwei positive Zwecke für die Zuteilung von Genrebegriffen zu Alben und Songs: Diese Zuteilung lebt nicht so sehr von der Richtigkeit, sondern von den sich daraus ergebenden Querverbindungen, von Alben und Songs, die stilistisch zu einander gehören (synchrone Querverbindung, Logik der stilistischen Ähnlichkeit) und die genealogisch miteinander zu tun haben (diachrone Querverbindung, Logik der Genealogie).
Dreistufige Genrebezeichnungen
In Musikzimmer verwende ich in taxonomischer Hinsicht dreistufige Genrebezeichnungen. Die drei Stufen sind: «Genre – Sparte – Stil».
Als Genre bezeichne ich das, was früher in Schallplattenläden Departemente, Abteilungen, Regale, Reiter gebildet hat: Pop, Rock, Jazz, Blues, Folk usw. Es gibt eine Übersicht über die verwendeten Genres als kognitive Karte. Darin sind allerdings Volksmusik-Sparten wie Afrikana, Caribbeana, Europeana, Latin und Oriantalia nicht eingezeichnet.
Als Sparte bezeichne ich speziellere Bezeichnungen, die Fans und Sachverständigen durchaus geläufig sind: In der Sparte Rock sind das zum Beispiel: Bluesrock, Hardrock, Psychdelicrock, Progrock, Glamrock, Artrock, Punkrock usw. Einige Spartenbegriffe sind und bezeichnen Hybridisierungen, z.B. Folkrock, Countryrock.
Als Stile verwende ich Begriffe, die ein Genre weiter zu spezifizieren vermögen. Oft sind es geografische Kriterien, die hier ins Spiel kommen. Im Fall von Punkrock beispielsweise New York Punk, Cleveland Punk, London Punk, Manchester Punk. Die Stilbegriffe sind für mich optional, d.h. ich bin bereits zufrieden, wenn ich einem Release oder einem Song eine möglichst genaue Sparten- und Genrebezeichnung zuordnen kann.
In der Radiowelt ist der Begriff des Formats gebräuchlich. Ein Format beinhaltet oft mehrere Genres und Sparten. In Musikzimmer sind einige Formate als Tags erfasst. Die Erläuterung des Tags kann eine Navigation mit den im Format beinhalteten Genres enthalten.
Die Gattungsunterscheidung
Aber was ist eine Gattung? Ich mache einen vergleich mit der Literatur: Dort differenziert man zwischen drei Gattungen: Lyrik, Dramatik und Epik. Geht auf Goethe zurück. Über die Unterscheidung wird seither gestritten. In ähnlicher Weise brauche ich Gattung für die grundlegendste Unterscheidung dreier Arten von Musik: Folklore, Kunstmusik und Populäre Musik. Auch hier streitet man darüber, was diese drei musikalischen Gattungen eigentlich unterscheidet. 3