Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03373.jsonl.gz/327

«Appropriiere! Aber tue es richtig!» Das ist das Motto von Jens Balzers Essay «Ethik der Appropriation», das diesen Donnerstag erscheint. Darin bringt der Berliner Kulturjournalist einen ethischen Ansatz ins Spiel. «Wie wäre es, anstatt Verbote auszusprechen, zu fragen, was wir durch Aneignung gewonnen haben? Wir können ohnehin nicht anders als aneignen. Das ist der Kern jeder Kultur, also machen wir es doch richtig!», sagt er im Interview.
Doch was ist sie, diese gute, ethisch richtige Aneignung? Jens Balzer plädiert in seinem Buch für eine bewusste Haltung. Er schreibt: «Gutes, reflektiertes, kritisches Appropriieren denkt immer die Machtverhältnisse mit, in denen wir leben, und stellt sie infrage. Es wendet sich also gegen ideologische Verfestigungen jeder Art.»
Das Dilemma um die «Kulturelle Aneignung»
«Fight the Power» von Public Enemy ist ein Rap-Klassiker aus dem Jahr 1989. Am Anfang der dritten Strophe wird abgerechnet: mit Elvis, dem sogenannten King of Rock'n'Roll. «Den meisten war er ein Held», rapt Chuck D, «aber mir hat er nie was bedeutet, denn er war ein Rassist.» Weiter heisst es in den Lyrics: «Die meisten meiner Helden wurden nie auf Briefmarken verewigt.»
In «Fight the Power» kritisieren Public Enemy eine historische Verzerrung: dass nämlich Elvis als Erfinder des Rock'n'Roll gilt, die wahren Schwarzen Pioniere aber im Schatten stehen. Aber nicht nur das, sagt Jens Balzer: Der Song thematisiere für ihn eindeutig kulturelle Aneignung. Public Enemy fordern zurück, was der schwarzen Kultur gestohlen wurde. Dabei gehen sie von einer einheitlichen afroamerikanischen kulturellen Identität aus.
Scharfe Grenzen zwischen Kulturen?
So einem Verständnis von «kultureller Aneignung» folgt 15 Jahre später auch die US-amerikanische Juristin Susan Scafidi in ihrem Buch «Who owns culture». Darin schreibt sie: «Cultural Appropriation ist, wenn man sich bei dem intellektuellen Eigentum, dem traditionellen Wissen, den kulturellen Ausdrücken oder Artefakten von jemand anderem bedient, um damit den eigenen Geschmack zu bedienen, die eigene Individualität auszudrücken oder schlichtweg: um daraus Profit zu schlagen.»
Scafidi suggeriert damit, dass es ein Eigentumsrecht an kulturellen Ausdrücken gäbe. Und, dass sich scharfe Grenzen zwischen den Kulturen ziehen lassen, so Jens Balzer.
Ständige Vernetzung
In seinem Essay stellt er Scafidis Verständnis jenem von Paul Gilroy gegenüber: Kultur sei immer hybrid, schreibt der britische Kulturwissenschaftler 1993 in «The Black Atlantic», einem Gründungsdokument der postkolonialen Theorie.
«Gilroy versteht die Kultur des schwarzen Atlantik als eine diasporische Kultur, die ständig dabei ist sich mit anderen Kulturen zu vernetzen und zu vermischen», so Balzer.
Zwei gegensätzliche Theorien
Lange standen zwei verschieden Theorien von kultureller Aneignung im Konflikt. Jens Balzer beobachtet: «Heute hat die identitätspolitische Definition Überhand gewonnen, es ist also mehr von kulturellen Traditionen die Rede, die einem gehören, als auf das Potenzial zu schauen, das durch Vernetzung und Vermischung entsteht.»
Beispiele von Elvis, Clapton und Eminem
Auf knappen hundert Seiten geht der Autor den Verästelungen der Diskurse nach. Nicht polemisch, sondern systematisch: «Ich wollte, dass wir aus der Empörungsspirale herauskommen», sagt er. Er schaut auf die Potenziale von kultureller Aneignung, ohne deren Probleme auszublenden.
Balzer blickt auf die Machtverhältnisse, die sich zum Beispiel im Erfolg von Elvis, Eric Clapton oder Eminem offenbaren: Sie wurden zu Ikonen des eigentlich schwarzen Rock’n’Rolls, des eigentlich schwarzen Blues und des eigentlich schwarzen Hip-Hops.
Unsere Sehnsucht nach dem Authentischen
Einen neuen Dreh in die Debatte bringt Jens Balzer, indem er die Sehnsucht nach Authentizität entlarvt – eine problematische Motivation für kulturelle Aneignung. Im Interview sagt er: «Weisse Musiker haben sich Anfang des 20. Jahrhunderts den Jazz der Afroamerikaner angeeignet, weil sie ihn für besonders wild hielten. Die Hippies haben sich Indianerkostüme übergeworfen, weil sie in die Indianer eine Naturverbundenheit hineinprojiziert haben. Man wollte also eine Ursprünglichkeit konsumieren, die man in der eigenen technisierten Gesellschaft verloren zu haben glaubte.»
Solche Vereinfachungen beobachtet Jens Balzer aber nicht nur in der kulturellen Aneignung selbst, sondern auch in ihrer Kritik. Zum Beispiel in der jüngsten Debatte: Sie wurde entfacht wegen des Abbruchs eines Konzertes der Reggae-Band «Lauwarm» in einer Berner Quartierbeiz.
«Reggae hat nichts mit indigenen Kulturen oder Ursprünglichkeit zu tun, sondern ist eine postmoderne Verbindung unterschiedlichster musikalischer Traditionen aus Afrika, den USA, aus dem karibischen Raum in den 1950er- und 1960er-Jahren», sagt Balzer dazu.
Konstruktiven Austausch fördern
Als die Debatte Ende Juli nach Deutschland schwappte, war das Buch schon im Druck. Trotzdem kommt es genau zur richtigen Zeit. Denn es differenziert die Debatten, die dem Berner Konzert oder dem jüngsten Zürcher Vorfall zu Grunde liegen. Es lädt ein, darüber nachzudenken, wie man es besser machen könnte.
«Anstatt mit einem aktivistischen Furor ein Konzert abzubrechen, könnte man es zu Ende spielen und im Anschluss dann diskutieren.» Und das ist es auch, was sich Jens Balzer für die Zukunft wünscht: «Wir sollten lernen Diskurse zu führen ohne letzte Wahrheiten. Und was immer gilt: Erst denken, dann twittern.»
Buchhinweis
Jens Balzer: «Ethik der Appropriation». Matthes & Seitz Berlin, 2022.
Social Login
Für die Registrierung benötigen wir zusätzliche Angaben zu Ihrer Person.{* #socialRegistrationForm *} {* firstName *} {* lastName *} {* emailAddress *} {* displayName *} {* mobile *} {* addressCity *} {* /socialRegistrationForm *}