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Was für ein seltsames Thema, denke ich zuerst. Jeremy Burchardt von der Universität Reading kündigt an, er werde über «transformative naming» sprechen: über Kinder, die Orte in ihrer Umgebung umbenennen, ihnen exotische oder magische Namen geben. Der Vortrag ist einer von fast achtzig an der Konferenz «Rural History», die im Spätsommer in Bern stattgefunden hat. Was soll das, denke ich, und hat das überhaupt mit ländlicher Geschichte zu tun?
Aber schon nach wenigen Sätzen sehe ich es anders. Burchardt erzählt von Jane Holmes, einer 1923 geborenen, kaum bekannten englischen Schriftstellerin, die beschrieb, wie sie als Kind die Umgebung der Familienfarm umbenannte. Ein unscheinbarer Bach wurde zum «Fluss des Lebens», eine Lichtung zu «Avalon», und von dort war es nicht weit zum «Paradies», einer weiten, baumbestandenen Wiese. Dort konnten Holmes und ihre Schwester tun, was sie wollten – und was sie wollten, würde man bis heute kaum als «typisch Mädchen» bezeichnen: fischen, auf Bäume klettern, im kalten Bach baden.
Auch die weiteren Beispiele, die Burchardt bringt, handeln von Mädchen, die sich ihre Umgebung aneignen und sie neu erfinden. Er sagt, «transformative naming» diene dazu, Vertrautes exotisch und Exotisches vertraut zu machen. Und vor allem: einen Raum zu schaffen, zu dem Erwachsene keinen Zutritt haben.
Das stimmt: Jahrelang waren die Baugruben in der Nähe meines Wohnquartiers mein eigenes privates Arizona – der aufgeschnittene Boden war lehmig und hatte Farben wie die Wüste, Ockergelb und Rot und Grauschwarz. In dieser Wüste lebte ich mit einer Gruppe Apachen, und alles, was in meinem Leben passierte, fand in anderer Form auch dort statt.
Einmal zeichnete ich eine Karte des Gebiets, da gab es Canyons, Kaktuswälder und Felsenlabyrinthe. Das Hier und das Dort überlappten, der Rohbau eines Einfamilienhauses konnte ein Felsblock sein. Die Baustellen waren noch nicht eingezäunt, sogar die Kräne frei zugänglich. Als überall Einfamilienhäuser standen, war ich alt genug, um den Ort zu verlassen; wer heute dort aufwächst, wird im Häuserbrei kaum noch Raum für eine Wüste finden.
Diese Erfahrung – gleichzeitig imaginär und verbunden mit einem realen Ort – präge das spätere Leben, sagt Burchardt. Auch das stimmt. Für mich ein Grund zur Sorge, wenn ich sehe, wie viele Kinder heute kaum aus dem Haus gehen. Die Baugruben gaben mir ein Gefühl von Freiheit – der Wind, der Dreck, die Experimente mit Feuer, der Geruch von zerquetschtem Bärenklau, mit Messern spielen, heimlich alle möglichen Rinden und Blätter zu rauchen versuchen (die meistens nicht brannten …). Computer sind für vieles gut. Aber solche Erfahrungen ermöglichen sie nicht.
Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin.