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| Hieronymus († 420) - Briefe

VII. Briefe an Augustinus von Hippo
112. An Augustinus
19.
In einem anderen Briefe 1 wünschest Du Auskunft darüber, warum ich in der ersten Übersetzung der kanonischen Bücher Asterisken und Obelisken angewandt habe, während ich sie in einer neuen Übersetzung ausließ. Zur Beruhigung will ich Dir sagen, daß Du Dir selbst über Deine Frage nicht klar zu sein scheinst. Die erste Übersetzung ist die der Septuaginta. Die spitzen Strichlein oder Obelisken besagen, daß die Septuaginta mehr enthält als der hebräische Text. Wo aber Asterisken, d.h. kleine Sternlein stehen, da hat Origenes Zusätze aus der Übersetzung des Theodotion übernommen. Diese erste Übersetzung habe ich aus dem Griechischen angefertigt, die zweite ist sinngemäß aus dem Hebräischen hergestellt, wobei es mir mehr darauf ankam, den wahren Sinn zu erfassen als mich an eine wörtliche Übertragung zu binden. Übrigens bin ich erstaunt darüber, daß Du die Bücher der Septuaginta nicht in der ursprünglichen Fassung, in welcher diese sie herausgegeben haben, liesest, sondern in der verbesserten oder richtiger in der durch Asterisken und Obelisken [S. 456] verdorbenen Ausgabe des Origenes. Warum gebrauchst Du nicht die Übersetzung eines christlichen Mannes, zumal Origenes die Zusätze aus einer Übersetzung entnommen hat, die ein Jude und Gotteslästerer nach dem Leiden des Herrn fertiggestellt hat? 2 Liegt Dir etwas am echten Text der Septuaginta? Dann laß weg, was zwischen den Sternchen steht, oder tilge es aus Deinen Handschriften! Damit wirst Du in den Bahnen der Alten wandeln. Freilich sprichst Du damit allen kirchlichen Büchereien das Urteil. Denn Du wirst kaum das eine oder andere Exemplar finden, welches diese Zusätze nicht enthält.
1: Ep. 104, 3 (Hilberg).
2: Theodotion aus Ephesus, ein Jüdischer Proselyt (Ebionit?) des 2. Jahrhunderts.