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Das Leid in der Ukraine ist immens. Der russische Angriffskrieg kostet tausende Menschenleben, zerreisst Familien, zerstört ganze Städte. Derweil bereitet sich die Ukraine auf eine Gegenoffensive vor. Diese wird massiv ausfallen müssen, sollte sie die russischen Truppen zurückdrängen können. Man müsse dringend darüber reden, wie dieser Krieg beendet werden könnte, fordert der Friedens- und Konfliktforscher Laurent Goetschel.
Laurent Goetschel
Professor für Politikwissenschaft
Laurent Goetschel lehrt an der Universität Basel und ist Direktor der Schweizerischen Friedensstiftung Swisspeace in Bern. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Friedens- und Konfliktforschung sowie die europäische Integration.
SRF News: Unter welchen Bedingungen würden die Parteien sich an den Verhandlungstisch setzen?
Laurent Goetschel: Es gibt die bekannte These, dass Parteien erst dann zu Verhandlungen bereit sind, wenn Kriegsmüdigkeit vorherrscht und sie deswegen fast nicht mehr anders handeln können. Man darf aber nicht vergessen, dass Krieg immer, auch wenn er von einer oder mehreren Parteien ungewollt geführt wird, gewissen Zielen dient, die die Parteien zu erreichen hoffen. Ab dem Moment, wo sie denken, dass sie ihre Ziele nicht mehr auf dem Schlachtfeld erreichen können, besteht eine Möglichkeit, Verhandlungen führen zu können.
Wieso sollte die Ukraine mit Russland verhandeln?
Die Ukraine wird früher oder später mit Russland verhandeln müssen, weil es unwahrscheinlich ist, dass man Russland in diesem Krieg vollends besiegen wird.
Einerseits wird es bei Verhandlungen um die Frage gehen, welche Territorien wieder an die Ukraine zurückgehen. Alle? Ein Teil davon?
Weshalb sind Sie da so sicher?
Es hängt davon ab, was man unter «Krieg gewinnen» versteht. Nicht gewinnen meinte ich in dem Sinne, dass Russland auf eine Art besiegt werden würde, wodurch das Land nicht mehr die Fähigkeit hätte, irgendwelche Bedingungen für Verhandlungen zu stellen. Das erachte ich aufgrund der Ressourcen dieses Landes, der weitgehenden sozioökonomischen-politischen Autarkie dieses Landes und auch des Grössenverhältnisses als sehr unwahrscheinlich.
Wenn sich die Ukraine auf solche Verhandlungen einlässt, besteht nicht die Gefahr, dass Russland Zeit gewinnt und dann erneut zuschlagen könnte?
Diese Gefahr besteht immer. Sie besteht aber für beide Seiten. Auch die Ukraine würde beim Führen von Verhandlungen Zeit gewinnen. Wenn man sich zusammensetzt und über wichtige Dinge zu sprechen beginnt, heisst es nicht, dass man irgendwelche Sachen, die gegeben sind, zum Beispiel Besetzungen, als gegeben akzeptiert.
Wie könnte eine solche Lösung aussehen?
Einerseits wird es um die Frage gehen, welche Territorien wieder an die Ukraine zurückgehen. Alle? Ein Teil davon? Zudem wird darüber geredet werden müssen, welchen Status die Territorien erhalten sollen, die nicht oder noch nicht an die Ukraine zurückgegeben wurden. Schliesslich geht es auch um Sicherheitsgarantien, sicherheitspolitische Einbindungen und die Rolle von Drittstaaten.
Ich erwarte nicht und wäre sehr enttäuscht, wenn Russland diese Gebiete zugesprochen werden würden.
Nehmen wir an, Russland bekommt trotz eines völkerrechtswidrigen Angriffs in Friedensverhandlungen Teile der Ukraine zugesprochen. In was für einer Welt würden wir leben?
Das wäre keine besonders schöne Welt. Aber ich erwarte auch nicht und wäre sehr enttäuscht, wenn Russland diese Gebiete zugesprochen erhalten würde. Zwischen dieser völkerrechtlichen Anerkennung der Aggression und der Wiedereroberung dieser Gebiete durch ukrainische Streitkräfte gibt es aber eine grosse Grauzone, wo man einen Zustand unter gewissen Bedingungen teilweise so belassen könnte, wie er heute ist. Ohne Anerkennung der geschaffenen Tatsachen und mit dem deklarierten Ziel, eine Änderung im Sinne einer Rückgabe an die Ukraine zur erreichen, wann auch immer dies wäre. So wären zumindest die Kriegshandlungen gestoppt.
Das Gespräch führte Simone Hulliger.