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Mobilmachung und Militarisierung des SRK
1914 beging das Rote Kreuz den 50. Jahrestag der Unterzeichnung der Genfer Abkommen. In diesem Jubiläumsjahr präsentierte es sich mit einem vielbeachteten Auftritt an der Landesausstellung, die am 15. Mai 1914 in Bern eröffnet wurde. Im Hinblick auf einen möglichen Kriegsausbruch trafen die Rotkreuzsektionen in aller Eile Vorkehrungen, um die Effizienz ihrer Tätigkeit zu verbessern.
Gut vorbereitetes SRK
Zahlreiche Sektionen nahmen in den ersten Monaten des Jahres 1914 Umstrukturierungen vor oder revidierten ihre Statuten. In Genf schlossen sich im April die Herren- und die Damensektion des Roten Kreuzes zusammen. Am 12. Juli, weniger als drei Wochen vor Kriegsausbruch, revidierte auch die nationale Rotkreuzgesellschaft ihre Statuten. Gemäss den neuen, vom Bundesrat genehmigten Statuten musste sich das SRK im Kriegsfall der Leitung des Sanitätsdienstes der Armee unterstellen: «Seine Angehörigen haben daher den Anordnungen der Militärbehörden und ihrer einzelnen zuständigen Vertreter im Kriege unbedingt Folge zu leisten.»
Am 3. August 1914 ordnete der Bundesrat die allgemeine Mobilmachung an. Ab diesem Zeitpunkt standen alle freiwilligen Hilfsinstitutionen des SRK unter der Leitung des Rotkreuz-Chefarztes, des Basler Obersten Carl Bohny. 12 Rotkreuz-Hilfskolonnen wurden unverzüglich für verschiedene Aufgaben in den Sanitätseinrichtungen der Armee und bei den Truppen im Feld eingesetzt. Gleichzeitig traten 24 Detachemente von je 40 Krankenschwestern ihren Dienst an. Damit war die Militarisierung des Hilfswerks angelaufen.
Tausende von Freiwilligen einsatzbereit
Die Erste-Hilfe-Kurse der Rotkreuzsektionen verzeichneten einen enormen Zulauf und Tausende von patriotisch gesinnten Freiwilligen boten dem Roten Kreuz ihre Dienste an: «In der Phantasie spielten das Schlachtfeld und die blutenden Kämpfer eine gewaltige und immer wiederkehrende Rolle und es war kein Leichtes, zu versichern, dass bisher unserm Volk die Greuel des Krieges erspart und damit die lindernde Hand von soviel Helferinnen zurzeit überflüssig sei» (Das schweizerische Rote Kreuz während der Mobilisation 1914–1919, Bern 1920, S. 33). Im ganzen Land wurden Spendenaktionen lanciert. Oft wurden die Samaritervereine, die Redaktionen von Lokalzeitungen, die Kirchgemeinden und die Damen der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft in die Organisation dieser Sammlungen einbezogen. Von August bis Dezember 1914 kam so knapp eine Million Franken zusammen.
Anpassung an die neuen Gegebenheiten
Da die Schweiz vom Konflikt verschont blieb, erwies sich das Engagement des SRK schon bald als hinfällig. Doch auch wenn das Rote Kreuz seine primäre Aufgabe nicht übernehmen konnte, fand es rasch eine andere Möglichkeit, um sich nützlich zu machen: Statt Verwundete zu pflegen, setzte es sich für die Förderung der Hygiene bei den Schweizer Soldaten ein. Es versorgte die bedürftigsten Armeeangehörigen mit Unterwäsche und persönlichen Utensilien. Wie die Spendenaktionen führten auch die Kleidersammlungen zu sehr beachtlichen Ergebnissen:
«Aus dem Depot der Stadt Lausanne wurden bis 30. November folgende Artikel an Schweizer Soldaten abgegeben: 7315 Paar Socken, 4317 Unterhosen, 2654 Westen, 6019 Hemden aus Baumwollflanell, 1804 Taschentücher, 1074 Bauchgurte, 373 Wäschebeutel, 64 Paar Hausschuhe, 13 Paar Schuhe, 124 Handtücher, 495 Waschlappen, […]. Diese Zahlen zeigen eindrücklich, dass das Rote Kreuz weiterhin eine äusserst nützliche Tätigkeit ausübt und die Soldaten mit zahlreichen persönlichen Ausrüstungsgegenständen versorgt hat.»
(Gazette de Lausanne, Artikel zum Schweizerischen Roten Kreuz, 17.12.1914)
In den ersten Augustwochen des Jahres 1914 hatte das SRK die ganze patriotische Begeisterung Tausender ziviler Freiwilliger auf sich vereinigt. Doch nur wenige Monate später hatte sich die Lage von Grund auf geändert. Statt mit der Bergung und Versorgung Verwundeter auf den Schlachtfeldern Heroismus und Menschlichkeit zu verkörpern, musste sich das SRK schliesslich mit einer weniger glanzvollen, aber zweifellos nützlichen Rolle abfinden.