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Rentiere auf Svalbard führen im Allgemeinen ein recht sorgenfreies Leben: sie werden nur in manchen Tälern bejagt, sie müssen keine Raubtiere fürchten und es gibt ausreichend Nahrung für sie. Und dies spiegelt sich offenbar in ihrer Statur wider — Spitzbergen-Rentiere gehören zu den dicksten Huftieren überhaupt. Zu dieser Erkenntnis kommt die Doktorandin Sam Dwinnell, die auf Svalbard untersucht, wie die Rentiere auf den Klimawandel reagieren.
Sam Dwinnell beobachtet bei ihrer Studie nicht nur das Verhalten der Tiere, sondern untersucht auch deren Körperbau im Zusammenhang mit dem Klimawandel. Zuvor hat die US-Amerikanerin aus Minnesota mit Huftieren unter anderem in den Rocky Mountains gearbeitet, Rentiere hatte sie noch nie gesehen. Als sie vor einem Jahr für ihre Doktorarbeit nach Svalbard kam, war sie überrascht, wie gut genährt — oder eher wie fett — die Rentiere dort sind. Sie sagt, dass ihre Waage von null bis sechs reicht und viele der Rentiere auf Svalbard bei fünf landen.
«Sie sind die dicksten Huftiere, die ich je gesehen habe», sagt Dwinnell, die ihre Dokotorarbeit am University Centre in Svalbard (UNIS) erstellt, gegenüber Svalbardposten. «Wir messen ihr Fett mit Ultraschall am Hinterteil und an anderen Stellen des Körpers. Es könnte sein, dass sie unter anderem deshalb so dick sind, weil sie nicht von Feinden gejagt werden und ihre ganze Zeit mit Fressen verbringen können. Aber sie brauchen diese Fettschicht, um die Winter zu überleben.» Denn die Winter sind hart auf Svalbard und die Rentiere haben keine Möglichkeit in mildere Regionen zu ziehen. Mit dem Klimawandel könnte sich das Nahrungsangebot jedoch vergrößern.
«Wärmere Sommer bedeuten, dass es mehr Nahrung gibt. Dies ist eine einzigartige Umgebung für meine Forschung, denn hier kann man alle Bedingungen ausschalten, die das ökologische System kompliziert machen, wie Raubtiere und Hitzestress. Die Rentiere auf Svalbard leben in einer idealen Welt», sagt sie.
Auf Svalbard leben der letzten Zählung im Jahr 2020 zufolge wieder etwa 22.000 Rentiere. Bis sie 1925 unter Schutz gestellt wurden, waren sie wegen der starken Bejagung fast ausgerottet worden.
«Es gibt sogar sechs Populationen der Spitzbergen-Rentiere, die sich genetisch voneinander unterscheiden, weil sie isoliert wurden. Viele Leute denken, dass wir hier viele Rentiere haben, aber wenn man bedenkt, dass ihre Genetik die einzige dieser Art auf der Welt ist, versteht man vielleicht, dass es wichtig ist, sich um sie zu kümmern», erklärt Dwinnell.
Auch wenn steigende Temperaturen mehr Nahrung für die Rentiere im Sommer bedeuten, so erschweren sie den Tieren im Winter das Leben. Kommt es in der kalten Jahreszeit zu Regenfällen, sickert das Wasser durch den Schnee und bildet auf dem Boden eine Eisschicht, die es den Tieren mitunter unmöglich macht, ihr Futter darunter zu erreichen. Dwinnell hat allerdings festgestellt, dass die Tiere auf solche ungünstigen Bedingungen reagieren und in Gebiete ziehen, in denen das Futter besser erreichbar ist.
Eine unmittelbare Bedrohung für die Spitzbergen-Rentiere ist Müll, der vor Jahren oder Jahrzehnten hinterlassen wurde, und Netze aus der Fischerei, die an den Stränden angespült werden. «Leider gibt es in der Tundra viel Müll, und in dem Jahr, in dem ich hier war, habe ich unter anderem einen großen Bock gesehen, der meterlange Stahldrähte in seinem Geweih hatte. Ich denke, dass es den Rentieren besser geht, wenn solche Dinge beseitigt werden», sagt Dwinnell.
Sie überlegt, ob sie nach ihrer Doktorarbeit weiterhin auf Svalbard leben möchte. «Auch wenn ich täglich versuche, so wenig Spuren wie möglich zu hinterlassen, ist es klar, dass es unmöglich ist, auch hier ein ‘unsichtbares’ Leben zu führen. Svalbard ist ein einzigartiger Ort zum Leben, aber es ist schwierig, hier nachhaltig zu leben.»
Julia Hager, PolarJournal