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Haben die Geschichten der Personen, die am Bau eines Stauwerks beteiligt, oder von einem solchen Bau betroffen waren, heute noch Aussagewert und Einfluss? Sind sie noch aktuell?
Eltern erzählen ihren Kindern und Enkelkindern Geschichten, doch die mündliche Überlieferung nimmt ab. Die aufgezeichneten Geschichten, Briefe, Fotografien und Lieder schaffen es manchmal nicht in die Auswahl der Dinge, die bei der Leerung von Wohnungen, dem Verlassen von Häusern, Umzügen oder Erbschaften aufbewahrt und weitergegeben werden. Spätestens nach zwei Generationen ist die individuelle Überlieferung selten geworden, da die nachkommenden Generationen manchmal kaum mehr eine Verbindung zum Erbe ihrer Vorfahren haben, die sie nicht persönlich kannten.
Soziale Formen der Erinnerung, Erinnerungsorte (Museen, Monumente, Gedenkstätten, Friedhöfe, Bücher, Filme) oder Bräuche (Rituale, Feste) lassen zu, dass Erinnerungen wiederhergestellt werden, und zeugen von wichtigen Veränderungen und dem Einfluss, den die Stauwerke in der Schweiz des 20. Jahrhunderts auf die Menschen und die Landschaft hatten. Die Filme von Karl Saurer über den Sihlsee (Der Traum vom grossen blauen Wasser. Fragmente und Fundstücke einer Hochtal-Geschichte), von Karin Sudan über den Greyerzersee (Histoire d'un lac. À la recherche d'un passé englouti) oder von Gieri Venzin über die Geschichte von Marmorera (Strom für Zürich. Ein Requiem für Marmorera) tragen auch einen Teil zur Konstruktion der kollektiven Erinnerung bei.
Sihlhochtal, 1910. Fotograf: Karl Hensler. © Karl Hensler, Einsiedeln (Saurer 2002, S. 146).
Sihlsee, 2000. Fotograf: Robert Rosenberg. © Robert Rosenberg, Einsiedeln (Saurer 2002, S. 147).
Die zwei vorhergehenden Dokumente versuchen die Veränderung der Landschaft über 90 Jahre hinweg zu visualisieren. Von einer stark retuschierten (Verbesserung der Bildschärfe) Fotografie von 1910 ausgehend zeichnet Karl Hensler einen Gesamtplan des oberen Sihltals vor dem Stauwerk. Im zweiten Bild aus dem Jahr 2010 von Robert Rosenberg aus der gleichen Perspektive füllt der See das Tal, die ehemaligen Häuser sind zerstört und neue sind gebaut worden. Die Veränderung der Landschaft wird deutlich sichtbar.
Sihlsee. Eines der ersten visuellen Zeugnisse von Nostalgie für die verlorene Heimat. Bild von E. Bachmann, 1940, drei Jahre nach der Überflutung des Tals. © Walter Weber, Einsiedeln (Saurer 2002, S. 150).
1996, 50 Jahre nach dem «Andermatter Aufstand», der in Verbindung mit dem abgebrochenen Stauwerkprojekt von Urseren stattfand, organisiert das Talmuseum Urseren eine Ausstellung über die Problematik der Stauwerke. Während eines Jahres werden Aktivitäten rund um die Ausstellung organisiert. 1982 organisiert die Kulturvereinigung von Einsiedeln, das «Chärnehus», eine Ausstellung über die Landschaft des Sihltals vor der Überflutung. Ziel ist nicht nur, die Erinnerungen neu zu wecken. Es geht auch darum, ein Nachdenken über den Preis des technischen Fortschritts und die dadurch entstehenden Schäden an Natur und Umwelt anzuregen. In einem «Nachruf auf die versunkene Landschaft» wird die Frage nach der Zukunft des Sees und dessen Landschaftsordnung gestellt (Schwenn 2012, S. 177).
(Reales oder imaginäres) Wiederaufleben der versunkenen Vergangenheit
Die Wartung von Staumauern oder die komplette Entleerung von Stauseen (normalerweise findet dies alle 15-20 Jahre statt) lassen manchmal die Vergangenheit wieder hochkommen. Dies geschieht im Winter 2012/13, als im Lei-Tal der Grund des Sees zum ersten Mal wieder erscheint und alle Ruinen der damaligen Landschaft, selbst ehemalige Ställe und ein paar Grundmauern mit grossem Interesse und Faszination betrachtet werden. Das aktuelle Gebiet des Sees enthielt 15 Alpen.
Fotoreportage im Valle di Lei, Winter 2012/13
Valle di Lei, 2012/13. © Robert Heinz, Avers.
Fotografie: "Le lac de la Gruyère – il était si bas", 2012. Fotografin: Chantal Codourey Piguet. © Chantal Codourey Piguet, Maules (www.notrehistoire.ch).
Ein Stausee hat grundsätzlich einen variablen Wasserstand, da er zur Akkumulation gebaut wurde. Jedes Jahr wird er zum Teil geleert, um Wasser aus der Schneeschmelze auffangen zu können. Er wird somit von Zeit zu Zeit „nackt“ und zeigt seinen Untergrund. Die Wasserhöhe des Greyerzersees pendelt zum Beispiel zwischen 642 und 677 Metern. Die 35 Meter Spielraum entsprechen etwa der Höhe eines sechsstöckigen Hauses.
2012 ist die Wasserhöhe des Greyerzersees sehr niedrig. Der Fotograf des untenstehenden Bildes erinnert sich an das mysteriöse Seeufer:
«De nombreuses bandes de terre sont revenues à la surface. Se promener parmi ces souches réveille l'imagination et donne une impression étrange de lien avec le passé et de vies englouties. On s'attend à voir apparaître des fantômes endormis depuis plus de 50 ans.»
See von Salanfe, September 2014. Die Grundmauern der ehemaligen Häuser werden sichtbar, als der Wasserstand besonders niedrig ist. Fotograf: Mathias Montavon. © Mathias Montavon, Genf.
Inspiriert von dem Buch Marmorera, von Domink Bernet (2006), handelt der gleichnamige Film von Markus Fischer (2007) von einer mysteriösen Geschichte rund um das versunkene Dorf Marmorera. Die Stauanlage wird zu einem Schaffensraum für mythische Geschichten.
Auf dieselbe Weise erkundet die französische Serie Les Revenants (Canal+) das Imaginäre und das Mysterium in Verbindung mit einem Staudamm. 35 Jahre nach der Überflutung eines Dorfes erscheinen nach dem Einsturz des Staudamms die Toten wieder.
Les Revenants (Canal+)