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Text: Quentin Mayerat
Nostalgie ist ein starkes Gefühl. Wehmütig und doch glücklich erinnern wir uns an die Gerüche aus der Kindheit, an den Geschmack der Süssigkeiten, das Elternhaus und manchmal an das Boot des Grossvaters. Christopher Odier ist fest entschlossen,
seine Kindheitserinnerungen nicht verblassen zu lassen. Er will die Vergangenheit festhalten, indem er die Genferseejacht Peccadille, die ihm sein Grossvater vermacht hat, wieder in Schuss bringt.
Es gibt Geschenke, die eigentlich gar keine sind. Die Peccadille gehört definitiv dazu. Das Erbstück hat sich für den 24-jährigen Christopher Odier als grosse Herausforderung erwiesen. Um den 23 Meter langen 17-Tönner mit dem Rumpf aus galvanisiertem Eisen zu sanieren, musste er viel Liebe und Entschlossenheit aufbringen. Gerettet ist die Motorjacht zwar noch nicht, die Renovationsarbeiten wurden aber aufgenommen. Derweil versucht ein Team aus Freiwilligen, die sich zu einer Vereinigung zusammengeschlossen haben, die für eine vollständige Restaurierung notwendigen Mittel aufzutreiben.
Weltrekord
Der Ruf der Peccadille eilt ihr voraus. Sie wurde 1897 an der Themse nach den Plänen englischer
und französischer Zerstörer gebaut und war dank des schlanken Rumpfs für damalige Verhältnisse überaus schnell. Genau dazu wurde die ursprünglich auf Sevillana getaufte und von Henri Say in Auftrag gegebene Jacht auch gebaut. Der reiche Geschäftsmann, der seinem Rang entsprechend in der Villa Prangins (ein von Napoleon Bonapartes Neffen Jérôme errichtetes Herrenhaus) residierte, wollte damit den Geschwindigkeitsrekord auf dem Genfersee brechen. Dazu brauchte er ein Boot, das der übermächtigen Gitana I die Stirn bieten konnte. Sein Plan ging auf. Die Sevillana blieb mehrere Jahre ungeschlagen, bis 1902 die Baronin Caroline de Rothschild mit Gitana II wieder das Zepter übernahm. Nach diesen glorreichen Jahren erlebte die Sevillana eine für damalige Luxusjachten typische Achterbahnfahrt mit vielen Besitzerwechseln, rosigen Zeiten und Momenten, in denen sie vor sich hinvegetierte. 1947 kaufte Jean Tremolière das Boot
für ein Butterbrot und nannte es Peccadille, was übersetzt «Lappalie» bedeutet. Christopher
Odiers Grossvater David Ades erwarb es erst in den 1970er-Jahren. Er steckte viel Herzblut in die Jacht, die neben der Walkyrie eine der letzten Zeuginnen aus der Zeit der
Genfersee-Dampfschiffe ist.
Restaurieren oder weggeben
Der junge Christopher verband mit dem Boot die gleiche Leidenschaft wie sein Grossvater. Als dieser starb, war Christopher 15 Jahre alt und erbte mit seinen kleinen Schwestern die Peccadille. Das Erbstück stellte sich aber als grosse Belastung heraus. Den Geschwistern blieb nichts erspart. 2016 bestand das Boot die Schiffsprüfung nicht. «Wir hatten die Wahl: Entweder wir wasserten es aus und begannen mit den nötigen Renovationsarbeiten oder wir gaben es weg. Ich konnte es nicht verkaufen und wollte es nicht verlieren, denn ich hänge viel zu fest daran», erzählt Christopher Odier. Ein paar Liebhaber alter Schiffe, die teilweise in Rettungsgesellschaften mitwirken, griffen Christopher unter die Arme, um das Stück Genferseegeschichte zu retten.
2017 wurde die «Association pour la sauvegarde de la Peccadille» gegründet. Christopher
und seine Schwestern traten ihre Eigentumsrechte an die Vereinigung ab, das Boot wurde in die Shiptec-Werft gegeben und die Suche nach dem nötigen Geld gestartet.
Grossprojekt mit sozialer Komponente
Wenn das Boot schon renoviert werden sollte, dann richtig. Will heissen: Es sollte seine ursprüngliche Gestalt zurückerhalten. Die Vereinigung beschloss, die Peccadille nach den Originalplänen restaurieren zu lassen, was zahlreiche Änderungen am Aufbau erfordert. Das hat natürlich seinen Preis. 780 000 Franken soll der Spass kosten. «Wir haben nicht damit gerechnet,
dass die Geldsuche so schwierig sein würde», gesteht Christopher Odier, der sich deswegen aber nicht geschlagen gibt. «Die Peccadille soll gemeinschaftlich genutzt werden. Wir würden interessierten Menschen gern die Möglichkeit bieten, auf einem alten Schiff zu fahren.» Christopher und seine Weggefährten haben mit ihrer ansteckenden Begeisterung bereits 20 Prozent der nötigen Mittel aufgetrieben. Damit wurden das Sandstrahlen des Rumpfes vorbereitet, die beschädigten Metallteile repariert, ein Bugstrahlruder montiert und der Kabine ihre Originalform zurückgegeben. Der Antrieb wird in einer zweiten Phase installiert. Er soll hybrid (Diesel/elektrisch) sein. Je nachdem, wie gut die Werft die Technik beherrscht, wäre sogar ein Wasserstoffmotor denkbar. Parallel zur Mittelbeschaffung kümmert sich Christopher Odier um sein soziales Projekt. Die Peccadille soll nach der Restauration nicht ungenutzt im Hafen liegen, sondern rege genutzt werden. Ihm schweben unter anderem Schulausflüge, Spazierfahrten mit behinderten Kindern oder älteren Menschen sowie Vermietungen für Privatoder Unternehmensanlässe vor. Christopher könnte sich auch gut vorstellen, mit einer grossen Firma, die das Schiff als Gönner bevorzugt nutzen kann, eine Partnerschaft einzugehen. Wir drücken Christopher Odier die Daumen, dass die Peccadille gerettet werden kann!