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Praefatio zu De herbarum virtutibus
Einführung: Christian Guerra (traduction française: Kevin Bovier/David Amherdt). Version: 10.02.2023.
Entstehungsdatum: 1527.
Ausgabe: Aemilius Macer de herbarum virtutibus, iam primum emaculatior tersiorque in lucem aeditus. Praeterea Strabi Galli poetae et theologi clarissimi Hortulus vernantissimus. Uterque scholiis Ioannis Atrociani illustratus, Basel, Faber, 1527, fol. 2ro-[6]ro, [8]vo.
Der aus Ravensburg gebürtige Basler Humanist Johannes Atrocianus hat eine Art literarisches ‘Doppelleben’ geführt. Als er im Jahre 1527 Scholien zu Pseudo‑Macers [eigentlich Odo de Meungs] De herbarum virtutibus und zu Walahfrid Strabos Hortulus herausgab, deutete noch nichts auf den Pamphletisten hin, der sich nur ein Jahr später mit grossem Engagement in den Basler Reformationsstreit einbringen sollte. Ebenso nahtlos kehrte Atrocian dann im Jahre 1530 zu seinen geliebten botanischen Schriften zurück, als die Auseinandersetzung für die katholische Seite verloren war und er wie viele seiner Zeitgenossen die Stadt am Rheinknie verlassen musste (er wanderte ins nahegelegene Elsass aus). Bei seinen alten Verleger Johann Faber, der unterdessen seine Druckerwerkstatt nach Freiburg im Breisgau verlegt hatte, liess er eine erweiterte Version seines Macer‑Kommentars herausgeben, ehe er von der literarischen Bühne abtrat.
Diese beiden botanischen Ausgaben waren als Schülerkommentar konzipiert (Atrocian war Schulmeister): nec criticis nostris, sed literarum candidatis haec scribimus (60vo), «Ich schreibe dies nicht für meine Kritiker, sondern für Lateinschüler», hält er 1527 fest. Entsprechend ist mancher Fachbegriff ins Deutsche übersetzt: icterici (60ro), ‘gelsüchtig’; parotides (61vo), ‘orenmutzel’; dysenteria (62vo), ‘rot růr’; gingivae (62vo), ‘daß zanfleisch’; arthreticos (62vo), ‘glidsüchtig’; apostema (63vo), ‘ein geschwer’. Neben den zu erwartenden, breitgefächerten antiken Autorenzitaten – genannt seien hier nur Cornelius Celsus’ De medicina und Quintus Serenus’ Liber medicinalis – zeigt Atrocian eine grosse Aufmerksamkeit für zeitgenössische Autoren: Neben Ermolao Barbaro (Castigationes Plinianae), Antonio Codro Urceo (Polemik gegen die Clavis sanationis des Simone da Genova), Giorgio Valla (Galen‑Übersetzungen) und Raffaele Maffei (Commentarii urbani) finden sich die Lexikographen Ambrogio Calepino (Dictionarium), Niccolò Perotti (Cornucopia) und Ludovico Maria Ricchieri (Antiquae lectiones) sowie der Dichter Angelo Poliziano. Atrocians Methode ist durchaus schon als wissenschaftlich zu bezeichnen, auch wenn sein Zugang zu den Naturwissenschaften noch nicht von der theologischen Weltdeutung emanzipiert ist. Seine botanischen Kommentare haben jedenfalls eine weite Verbreitung erfahren und liegen noch heute in allen grossen europäischen Bibliotheken vor. Sie sind für die schweizerische Wissenschaftsgeschichte von Interesse, weil zu ihren illustren Lesern auch der Zürcher Universalgelehrte Conrad Gessner gehörte, mit welchem die hiesige Naturforschung nur wenige Jahrzehnte später ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen sollte (Historia plantarum, 1541; De omni rerum fossilium genere, 1565).
Zwischen den beiden Ausgaben sehen wir, wie Atrocian mit einem gewandelten Selbstverständnis als Autor auftritt: In der 1527er‑Edition sind seine Scholien noch am Schluss angefügt, als Scholiast tritt er stark hinter den kommentierten Text zurück. Nur in dem langen, hier vorgestellten Widmungsbrief an den Leser wird er für uns etwas greifbar. Allem Anschein nach holte der Drucker Faber Atrocian erst mit ins Boot, als die Gedichte schon gedruckt waren, wie die nachträgliche Stellung des Kommentars nach dem Kolophon sowie die unnummerierten Seiten der Praefatio (und des Catalogus) nahelegen. In der 1530er‑Edition ist das Layout gänzlich verändert: Die Kommentare stehen nicht mehr parataktisch am Ende, sondern sind im De herbarum virtutibus nach jedem Abschnitt zu einer einzelnen Pflanze eingeschoben, sodass sie zu einem integrierenden Bestandteil des Textes werden und mit dem mittelalterlichen Autor in einen Dialog auf Augenhöhe treten. Der Kommentar zum Hortulus hingegen fehlt in dieser Ausgabe (aus Platzgründen?) ganz. Um den Unterschied zu illustrieren, sei hier die erste Anmerkung im Macer‑Kommentar von 1530 zitiert, in welcher Atrocian eine Analogie zwischen der Arbeit des Philologen, der einen korrupten Text wiederherstellt, und jener eines Arztes, der Wunden heilt, zieht (der Widmungsempfänger dieser Ausgabe war Arzt). In einer Anekdote aus seiner Jugend präsentiert sich der Herausgeber als frühreifes Talent für die lateinischen Prosodie und Metrik:
Sunt tamen ex tanto studiosorum numero admodum pauci, quibus curae sit syllabarum discrimen, earundenque proba aut improba positio. Et cum totus orbis hodie refertus sit praeceptoribus, vix tamen unus aut alter reperitur, qui sciat discernere inter carmen et prosam. Olim mihi quidam nondum agenti annum 15 persuadere volebat, hymnos quos canit sacrosancta Dei ecclesia, orationem esse solutam ac prosam, in quo vicisset ille, si ab incunabilis aliter sentire haud edoctus fuissem. Quale genus hominum, hoc est indoctum et a Musis prorsus alienum, non solum Macro huic, sed optimis quibusque authoribus multum nocuit et multa foeda vulnera inflixit. Opera tamen nostra pristinae sanitati restitutus est Macer hic noster, quem et modo multo tutius legere possunt literarum candidati, quibus haec qualiacunque commentariola scribimus, quam antea. (1vo-2ro)
Es gibt unter einer so grossen Anzahl Gelehrter jedoch nur wenige, denen die Unterscheidung der Silben und deren billige oder unbillige Stellung angelegen sind. Und obschon heutzutage die ganze Welt voller Lehrer ist, finden sich kaum der eine oder andere, der zwischen einem Gedicht und einem Prosawerk unterscheiden kann. Einmal, als ich noch keine fünfzehn Jahre alt war, wollte mir einer weismachen, dass die Hymnen, welche die hochheilige Kirche Gottes singt, ungebundene Rede und Prosa seien, und er hätte Recht behalten, wenn ich nicht von Kindesbeinen an genau darin geschult worden wäre, es anders wahrzunehmen. Dieser Menschenschlag, der ungelehrt und den Musen völlig fremd ist, hat nicht nur diesem Macer hier, sondern gerade den besten Autoren sehr geschadet und ihnen viele hässliche Wunden zugefügt. Durch unsere Mühe ist dieser unser Macer jedoch zu seiner früheren Gesundheit wiederhergestellt worden. Ihn können jetzt auch die Lateinschüler viel sicherer lesen, für die wir diese kleinen Kommentare (wie beschaffen sie auch immer seien) schreiben, wie oben erwähnt.
Aus den Scholien von 1527 spricht unverhohlene Bewunderung und genuine Begeisterung für den mittelalterlichen Autor Walahfrid Strabo. Gleich zu Beginn des Kommentars nennt Atrocian den Hortulus ein «elegantes und gelehrtes Gedicht» (Quis unquam in re tam humili scripsit carmen elegantius atque magis doctum…?, 71ro) und den Mönch, der es geschrieben hat, gar einen «Wohltäter der Lebenden und der Toten» (utinam multos tales haberemus monachos, qui et viventes et mortui prodessent!, ebd.). Einige Verse über die Salbei – Sed tollerat civile malum etc. (50ro) –, in denen das Wuchern der Pflanze mit einem Bürgerkrieg verglichen wird, bringen ihn derart ins Schwärmen (de cuius loci elegantia satis cogitare nequeo, 72ro), dass er ihrem Autor sogleich ein ewiges Leben und eine reiche Leserschaft wünscht: Precamur igitur Strabo, ut ipsius molliter ossa quiescant. Nam illud vel unico hoc ingenii sui specimine meruit vir immortalitate dignus et quem omnes legant dignissimus. (72ro), «Daher bete ich, dass Strabos Knochen weich ruhen mögen. Denn der Mann – er ist der Unsterblichkeit würdig und sehr wert, dass alle ihn lesen – hat dies aufgrund seines einzigartigen glänzenden Verstandes verdient». Auch ein Gedanke zur Poleiminze (Herzbleich) – O magni laudanda Tonantis / virtus et ratio etc. (54vo) – entlockt ihm einen Ausruf frommer Begeisterung: Consydera, lector optime, consydera, inquam, hic divinam providentiam. (73ro), «Betrachte, bester Leser, betrachte hier, sage ich, die göttliche Vorsehung!» Trotz der geringen Zahl solcher Autorkommentare tritt uns Atrocian doch als gottesfürchtiger Mann entgegen, der mit den Unsitten seiner Zeit hadert. Die Pflanzenwelt und insbesondere der sorgsam angelegte Kräutergarten Strabos, in denen sich die göttliche Ordnung manifestiert, scheinen dem Autor einen tröstlichen Zufluchtsort vor den Irrungen und Wirrungen seiner eigenen Zeit zu bieten. Als Beweggrund für sein Editionsvorhaben gibt der Schulmeister Atrocian in dem hier vorgestellten Vorwort die ‘Hilfeleistung’ (solatium, 3vo) an, die er den Lesern anbieten will, um ihm den Zugang zu den botanischen Gedichten zu erleichtern.
Im Kommentar tritt uns – recht unverhofft – Atrocian auch immer wieder als Dichter entgegen. So zitiert er in der 1527er‑Ausgabe, als er zu Strabos Hortulus bei der Beschreibung der Rose das unübliche Verb indupediret (56vo) kommentiert, ein eigenes Epigramm, das später als sechsunddreissigstes mit dem Titel ‘Pro imperatoris Turcarum imagine’ in die Sammlung der Epigrammata (1529) aufgenommen worden ist. Noch spannender ist jedoch die 1530er‑Ausgabe, in welcher wir gleich zwei bisher unveröffentlichte Gedichte Atrocians finden: Im Kommentar über den wilden Knoblauch (bulbus, 46vo) bemerkt er:
Et ego olim sic lusi:
Qui praestare virum Cypriae certamine nescit,
Manducet bulbos et bene fortis erit.
Languet anus, pariter bulbos ne mandere cesset,
Et sua ridebit proelia blanda Venus.
Auch ich dichtete einmal verspielt folgendermassen:
Wer im Liebeswettstreit seinen Mann nicht stehen kann,
Der esse wilden Knoblauch und er wird recht rüstig sein.
Ist die Alte ermattet, lasse sie ebenso nicht nach, wilden Knoblauch zu kauen,
Und die schmeichelnde Venus wird ihren Kämpfen lachen.
Als hingegen weiter vorne die Rede auf das Antoniusfeuer fällt, schreibt er (18ro):
De quo malo nos libro 3. de origine morborum haec scripsimus carmina:
Illius exurit scintillans ignibus anthrax
Membra, latent causae, nulla medicabilis arte,
Progreditur morbusque hominem depascitur omnem,
Concremat et rapidis invisus corpora flammis.
Über diese Krankheit habe ich im 3. Buch von De origine morborum folgendes Gedicht geschrieben:
Sein leuchtendrotes Geschwür zerfrisst mit Wundbrand
Die Gliedmassen; seine Ursachen sind unbekannt, es gibt keine Behandlung, es zu heilen,
Die Krankheit schreitet immer fort und frisst den Menschen ganz,
Verbrennt ihn völlig und wütet mit verzehrender Flammen gegen den Körper.
Über das hier erwähnte Traktat in mehreren Büchern war leider nichts herauszufinden. Handelte es sich um ein eigenes Werk oder um eine Übersetzung oder vielleicht um einen Kommentar zu einer Schrift eines Zeitgenossen wie zum Beispiel Paracelsus? Jedenfalls bestätigen diese Epigramme die Verbindung zwischen Dichtung und Wahrheit, die aus Atrocians Strabo‑Kommentar spricht.
Hier soll nun der Widmungsbrief zu De herbarum virtutibus von 1527 vorgestellt werden. In dieser Einleitung geht Atrocian von einem (nicht eruierbaren) Augustinus-Zitat aus, wonach es für Gott leichter gewesen sei, eine vollkommene Welt zu erschaffen als die Sünden zu vergeben, und nimmt die «kleinsten Dinge» (minutissima, 2ro) genauer unter die Lupe. Dazu gehören neben den Heilpflanzen die Edelsteine. Entsprechend unternimmt der Autor zwei lange Exkurse, zuerst zu den Kräften der Steine, dann zu den Heilkräften der Kräuter.
Der Exkurs zu den Mineralien hängt zur Gänze vom mittelalterlichen petrologischen Werk De mineralibus von Albertus Magnus (um 1200-1280) ab. Hingegen wurden andere Werke wie das letzte Buch der plinianischen Naturalis historia oder das Speculum Lapidum (1502) des Zeitgenossen Camillo Leonardi nicht herangezogen. Wie andere mineralogische Werke jener Zeit enthält sein Katalog eine Vielzahl von Steinen, die nicht zweifelsfrei identifiziert werden können und teilweise wohl dem Reich der Sage angehören. Der Exkurs zu den Heilkräutern seinerseits beruht nicht, wie man erwarten könnte, auf Macer und Strabo, sondern scheint eine Synthese aus Atrocians eigener Feder zu sein. In der 1530er-Ausgabe entfallen diese beiden Exkurse ganz: Nach einem kurzen Widmungsschreiben an den Colmarer Arzt Michael Buclius, der allem Anschein nach Atrocian in der ersten Zeit nach dem Wegzug aus Basel unter die Arme griff, sind lediglich die Angaben zur Identifikation Macers erhalten. Hier ist zu sehen, dass der Kommentator (aufgrund eines Strabo‑Zitats, das ihm zuvor nicht aufgefallen war) diesbezüglich seine Meinung revidiert hat: Hielt er Macer in der 1527er‑Ausgabe noch für den Zeitgenossen Plinius’ des Jüngeren (61ro), nennt er ihn in der 1530er‑Ausgabe einen Nachfolger Strabos (49vo). Nach dem Index, das sich an die Praefatio von 1527 anschliesst, steht ein Gedicht von Atrocians Sohn Onofrius, das Fabers Macer‑Edition lobt.
Weiterführende Literatur
Albert le Grand, Le Monde minéral. Les pierres – De mineralibus (livres I et II). Présentation, traduction et commentaires par M. Angel, Paris, Les Éditions du Cerf, 1995.
Guerra, Ch., Harich-Schwarzbauer, H., Hindermann, J. (Hgg.), Johannes Atrocianus. Text, Übersetzung, Kommentar (Noctes Neolatinae 30), Hildesheim/Zürich/New York, Georg Olms Verlag, 2018.
Jansen, U., ‘Spuria Macri’. Ein Anhang zu ‘Macer Floridus, De viribus herbarum’. Einleitung, Übersetzung, Kommentar (Beiträge zur Altertumskunde 314), Berlin/Boston, De Gruyter, 2013.
Schnell, B., Crossgrove, W. (Hgg.), Der deutsche ‘Macer’. Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer Floridus De viribus herbarum, Tübingen, Max Niemeyer Verlag, 2003.