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Wie sehr gefährdet die zunehmende Kapitalkonzentration im Mediensektor die Pressefreiheit in Frankreich? Diese Frage wird in der französischen Öffentlichkeit mit zunehmender Heftigkeit diskutiert.
Am 29. Juli machte ein Bericht der Internetzeitung «Mediapart» bekannt, dass die Leitung des Fernsehsenders Canal+ im Mai die bewusste Entscheidung traf, einen Dokumentarfilm inhaltlich zu zensieren. Vincent Bolloré, Multimilliardär, achtgrösster französischer Vermögensbesitzer und Aufsichtsratsvorsitzender des Mischkonzerns Vivendi – zu ihm gehört Canal+ –, hatte dabei persönlich eingegriffen.
«In fünfzehn Jahren (Tätigkeit) habe ich noch nie eine derart offene und brutale Zensur gesehen», sagte Jean-Pierre Canet, der Regisseur des Dokumentarfilms, in der Tageszeitung «Le Monde». Im Film geht es um Praktiken der Schweizer Bank Pasche, einer Filiale des französischen Crédit Mutuel-LCI. Sie soll ausländischen KundInnen aktiv Beihilfe zur Steuerhinterziehung leisten. Bekannt ist auch der Grund für die Zensurentscheidung bei Canal+: Vincent Bolloré steht dem Chef des Crédit Mutuel-LCI, Michel Lucas, persönlich nahe. Die Bank hat Konzernchef Bolloré bei Übernahmegeschäften beraten.
Bolloré begann seine Karriere als Chef der elterlichen Papierfabrik und wurde vor allem im neokolonialen Afrikageschäft reich. An die Spitze des Konzerns Vivendi mit 21 Milliarden Euro Eigenkapital kam er erst 2014. Bolloré hatte in den letzten drei Jahren fünfzehn Prozent der Kapitalanteile zusammengekauft und hält heute den stärksten einzelnen Aktienblock; der Rest entfällt meist auf Streubesitz.
Anfang Juli beschloss der Patron, bei Canal+ aufzuräumen. Dazu entliess er zunächst Rodolphe Belmer, Nummer zwei in der Hierarchie. Im gleichen Zeitraum hiess es, er wolle die einflussreiche Satiresendung «Les Guignols de l’Info» einstampfen. Inzwischen wurden diese Pläne allerdings modifiziert: Die Satiresendung wechselt «nur» ins Bezahlfernsehen und kann künftig nicht mehr kostenlos betrachtet werden. Gleichzeitig verzichtet man auf die vier bisherigen Textschreiber der «Guignols», angeblich sind sie «zu teuer». Bekannt ist aber auch, dass Vincent Bolloré ihren bisweilen beissenden Humor nicht schätzt. Die Pläne des Milliardärs laufen darauf hinaus, aus Vivendi eine Kopie seines weltweiten Hauptkonkurrenten, des Disney-Konzerns, zu machen: Geld soll vor allem im internationalen Vertrieb von standardisierten Kulturprodukten verdient werden.
Eine am 25. Juli auf der Website «touchepasauxguignols» (Rühr die Kasperlifiguren nicht an!) publizierte Petition gegen das Verdrängen der «Guignols» erreichte innerhalb der ersten vier Tage schon 115 000 Unterschriften.
Kommen wir zurück zur Frage, wie sehr die Kontrolle der Medien durch wenige grosse Unternehmen die Pressefreiheit gefährdet. Fünf im Mediengeschäft tätige Konzerne erzielen in Frankreich einen jährlichen Umsatz von jeweils über 500 Millionen Euro. Mit 5,5 Milliarden ist Vivendi der mit Abstand grösste von ihnen. Soeben entsteht übrigens ein sechster Konzern. Am 27. Juli wurde bekannt, dass der französisch-israelische Geschäftsmann Patrick Drahi – er ist hauptsächlich im Mobiltelefongeschäft tätig – bis 2019 die Kontrolle über die konservativen und einflussreichen Sender BFM TV (Fernsehen) und RMC (Radio) übernehmen wird. Drahi ist bereits Hauptaktionär der linksliberalen Tageszeitung «Libération» und des Wochenmagazins «L’Express».
Bernard Schmid schreibt für die WOZ aus Paris.