Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03360.jsonl.gz/811

Während über 600 Wissenschaftler und Umweltschützer von der Europäischen Union Auflagen für den Handel mit Agrarprodukten aus Brasilien fordern, wird dem südamerikanischen Land in einer internationalen Studie der traurige Weltrekord als größter Regenwaldzerstörer bescheinigt.
Laut dem Bericht des Global Forest Watch der Universität Maryland in den USA sind 2018 weltweit zwölf Millionen Hektar Tropenwald zerstört worden. Allein auf Brasilien entfallen dabei 1,3 Millionen Hektar. Damit steht Brasilien an der Spitze, was die Zerstörung der Urwälder betrifft.
Bestätigt wird das Ausmaß von dem Projekt “Mapbiomas“, das in Parnternschaft mit brasilianischen Universitäten, Nichtregierungsorganisationen, internationalen Einrichtungen und Google durchgeführt wird. Nach den Daten von “Mapbiomas“ sind in Brasilien zwischen 1985 und 2017 etwa elf Prozent der gesamten Waldfläche des Landes verschwunden. Der Großteil davon entfällt mit 61 Prozent auf den Amazonas-Regenwald.
Verantwortlich gemacht werden für die Kahlschläge vor allem die Land- und Viehwirtschaft. Große Bereiche des abgeholzten Regenwaldes werden in Weiden für die Rinderhaltung und in Acker für den intensiven Anbau von genmanipulierten Soja verwandelt.
Fleisch und Soja gelten als wichtige Exportgüter Brasiliens. Handelspartner sind unter anderem Länder der Europäischen Union. Über 600 Wissenschaftler und zwei Dachorganistaionen der brasilianischen Ureinwohner haben deshalb die EU in einem in der Fachzeitschrift “Science“ veröffentlichten, offenen Brief aufgerufen, bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen mit Brasilien den Umweltschutz und die Einhaltung der Menschenrechte einzufordern.
Statt die großflächige Abholzung mit den landwirtschaftlichen Produkten zu importieren, solle der nachhaltige Handel im Vordergrund stehen, heißt es in dem Schreiben.
Die für die EU geltenden Regeln zur Produktion sollten ebenso für importierte Güter gelten, sagt der brasilianische Forscher Tiago Reis von der Université catholique de Louvain, weil ihr Konsum Zerstörung und Gewalt im Produktionsland fördere.
In dem offenen Brief wird ebenso darauf verwiesen, dass 2011 in Brasilien für den Export von Fleisch und Tierfutter in die EU etwa tausend Quadratkilometer Wald gerodet und damit täglich etwa 300 Fußballfelder Regenwald zerstört wurden. Verzeichnet werden illegale Kahlschläge auch in Schutzgebieten, indigenen Territorien und in Gebieten, in denen es noch isoliert lebende Indios gibt.
Von der indigenen Dachorganisation Articulação dos Povos Indígenas do Brasil (Apib) wurde am Donnerstag (25.) ein Bericht veröffentlicht, der den Export von Soja, Fleisch und Holz belegt, das von Invasoren in Indio-Territorien produziert wird.
Nachgewiesen wurden laut Apib Handelsverbindungen zu europäischen, nordamerikanischen und kanadischen Unternehmen. Fianzierungshilfen soll es dabei auch von deutschen und schweizerischen Banken geben.
Die Regierung des rechtspopuistischen Jair Bolsonaro will von den Vorwürfen nichts wissen. In einem Interview des TV-Senders Globo stufte Umweltminister Ricardo Salles das Manifest als “nicht glaubwürdig“ ein. Hinter dem offenen Brief stehe ein wirtschaftliches Interesse. Mit ihm werde ein “wirtschaftlicher Krieg“ gegen Brasilien versteckt, so Salles.
Darüber hinaus verweist er auf den Umweltschutz in Brasilien. Keines der europäischen Länder setze sich bei Weitem so für den Schutz der Umwelt ein, wie die Agroindustrie Brasiliens, so Salles, der das südamerikanische Land als weltweites Beispiel in Sachen Umweltschutz preist.
Dass Präsident Jair Bolsonaro den Umweltschutz wirtschaftlichen Interessen unterordnen will, hat dieser schon im Wahlkampf verdeutlicht. Die “Bußgeldmafia“ müsse unterbunden werden, sagte Bolsonaro mehrfach, der sich dabei auf die Ausstellung von Bußgeldern durch die Umweltbehörde Ibama bezog.
Bekräftigt hat er dies einmal mehr am Montag (29.) bei der Eröffnung der größten, Landwirtschaftsmesse Südamerikas, der Agrishow in Ribeirão Preto. Die Umweltbehörden Ibama und ICMBio würden “gesäubert“ und mit Mitarbeitern besetzt, die an der Seite der Produzenten stehen. Einschränken will er damit die “schiitischen“ Kontrollen gegen die Produzenten, so Bolsonaro.
In unlängst ausgestrahlten Videos prangert er zudem die Praxis der Umweltbehörden an, in abgelegenen Gebieten des Amazonas-Regenwaldes entdeckte Materialien illegaler Kahlschläger zu verbrennen. Mit der Zerstörung von Maschinen und Material soll hingegen vermieden werden, dass die illegalen Machenschaften nach Abzug der Kontrolleure ungehindert weiter gehen.
Auswirkungen auf die ohnehin viel zu wenig stattfindenden Kontrollen wird auch eine weitere Maßnahme des Umweltministers Ricardo Salles haben. Er hat das Budget der Umweltbehörde Ibama um weitere 24 Prozent gestrichen.
Auch deshalb wird der Druck von Außen von Umweltschützern, Menschenrechtsvertretern und Wissenschaftlern auf einen nachhaltigen Handel als wichtig angesehen.
Angesichts der politischen Signale in Brasilien hoffen Umweltschützer, Menschenrechtsvertreter und Wissenschaftler auf einen interantionalen Druck, um einen nachhaltigen Handel durchzusetzen und damit Regenwälder, Savannen und Feuchtgebiete Brasiliens zu schützen.