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Harald Schneider
Bernhard Altermatt, Sprache und Politik – Zweisprachigkeit und Geschichte. Die Schweiz als mehrsprachiger Bundesstaat und der zweisprachige Kanton Freiburg vom 19. ins 21. Jahrhundert (mit zwei Foto-Reportagen entlang der Sprachgrenze von Nadine Andrey und Pierre-Yves Massot)
Freiburg: Kultur Natur Deutschfreiburg, 2018, 375 Seiten.
Das Buch ist in drei Teile gegliedert mit jeweils vier (Teil I), fünf (Teil II) bzw. vier (Teil III) Unterkapiteln, mit einem Vorwort von F. S. Stulz und einem Nachwort von M. Meune.
Teil I: Sprachenpolitik im mehrsprachigen Bundesstaat
Teil II: Umgang mit Sprache und Zweisprachigkeit im Kanton Freiburg
Teil III: Zweisprachigkeit und Partnersprache(n) im Bildungswesen
Ergänzt wird das Buch durch eine Bibliographie sowie durch ein Register der Orts- bzw. Personennamen sowie zahlreichen Abbildungen, Diagrammen (ohne Verzeichnis) und einer Fotoreportage.
In seinem «Geleit und Dank» macht der Autor B. Altermatt den Anspruch der Publikation schon eingangs deutlich: Eine mehrsprachige Reise durch die Schweiz, Europa und darüber hinaus. Kann das vorliegende Buch an der Schnittstelle Geschichte/Politik bzw. Sprache/Kultur die Erwartungen erfüllen?
Die nachfolgende Buchbesprechung möchte die Antwort darauf geben.
Der Untertitel des Buches mit dem Haupttitel «Sprache und Politik – Zweisprachigkeit und Geschichte» lautet «Die Schweiz als mehrsprachiger Bundesstaat und der zweisprachige Kanton Freiburg vom 19. ins 21. Jahrhundert». Der methodische Ansatz des vorliegenden Buches zielt allerdings eher in die entgegengesetzte Richtung: Der Kanton Freiburg als Paradigma für Zwei-(Mehr) Sprachigkeit der Schweiz.
Im avisierten Vergleich mit weiteren Sprachregionen («darüber hinaus») wird die kanadische Provinz Ontario etwas optimistisch als zweisprachig bezeichnet. Wirklich zweisprachig sind jedoch lediglich 10% der Bevölkerung; 4% geben Französisch als L1 (Erstsprache) an (vgl. www.lexas.de).
Der Untertitel des ersten Teils «Sprachenpolitik im mehrsprachigen Bundesstaat» lautet «Der Sprachfrieden als ambivalenter Begriff und bremsender Faktor in der schweizerischen Sprachenpolitik». Die zentralen Themen sind Sprachfrieden und Minderheitenschutz sowie die Problematik des Fremdsprachenunterrichts in der Schule bzw. deren Verträglichkeit mit den Schweizer Landessprachen und der angeblich «nicht erwiesenen» ökonomischen Notwendigkeit von Englisch (S. 32). Altermatt konstatiert, dass die Schweizer Sprachenpolitik aufgrund ihrer föderalen bzw. direktdemokratischen Ausrichtung träge operiert. Des Weiteren fragt der Autor berechtigterweise, ob man den Sprachfrieden nur auf Kosten von Minderheitenschutz erhalten wolle. In diesem Zusammenhang beklagt Altermatt besonders das Fehlen bzw. die Nichtbereitschaft zur Umsetzung von Immersionsmodellen in Schule und Unterricht.
Untertitel 2 von Teil I umreisst die fünf Hauptpfeiler der Schweizer Sprachenpolitik (Föderalismus, symbolische Anerkennung, Proporz, Minderheitenschutz, Verständigungsförderung). In diesem Kontext wird insbesondere der Kanton Graubünden mehrfach erwähnt: Förderung der sprachlichen und kulturellen Eigenheit von Rätoromanisch bzw. Italienisch. Altermatt merkt jedoch kritisch an, dass vor allem für Rätoromanisch bzw. Rumantsch Grischun sämtliche Massnahmen bereits zu spät gesetzt worden sein könnten, da sie erst seit knapp 20 Jahren die entsprechende (politische) Anerkennung bzw. Wertschätzung finden würden (S. 48). Ein an der Pädagogischen Hochschule Graubünden lanciertes Projekt -- Sonderprofessur Mehrsprachigkeit -- zur Förderung der kantonalen Landessprachen Romanisch und Italienisch findet im «Studienplan 22» dabei keine Berücksichtigung mehr. Bildungspolitisch begründet wird dies mit dem Umstand, dass Mehrsprachigkeit per se kein universitätskonformes Studium darstelle. An die Stelle von Mehrsprachigkeit treten nun neu die Regel-Studienfächer «Italienisch» bzw. «Romanisch».
Als vorrangiges «Problem» in Graubünden ortet Altermatt den Fremdsprachenunterricht in der (Primar-) Schule unter der Auflage «eine Landessprache als erste L2 bei gleichzeitiger Vorverlegung von Englisch». Wie diese brisante sprachpolitische Frage für Rätoromanisch in Graubünden gelöst werden soll, bleibt jedoch weiterhin unklar.
Aufschluss darüber könnte der Vergleich der beiden Länder Schweiz und Belgien geben, den Altermatt in Unterkapitel 4 von Teil I behandelt. Einschränkend ist, wie Altermatt selbst betont, ein sprachpolitischer Vergleich nur bedingt zulässig, da Belgien, obgleich offiziell dreisprachig, nicht wie die Schweiz föderalistisch, sondern zentralistisch geprägt ist. Das prozentuale Verhältnis der Landessprachen ist ebenfalls anders: Die Mehrheit Belgiens (ca. 60%) ist frankophon, die Minderheit (ca. 40%) spricht Niederländisch (Flämisch) und eine verschwindende Minderheit (1%) ist deutschsprachig.
Im Unterkapitel 3 von Teil I steht der «Germanisierungsmythos» in besagtem Grenzgebiet der Westschweiz im Vordergrund. Altermatt entkräftet diesen Mythos mit, aus seiner Sicht, falschen Statistiken und subjektiver Wahrnehmung frankophoner Sprachpuristen. In Wahrheit, so Altermatt, sei die Sprachgrenzregion, demographisch stabil, ein Germanisierungsprozess somit sprachpolitisch inexistent (S. 55-57).
Einen solchen Prozess [der Germanisierung] sieht der Autor allerdings für den rätoromanischen Sprachraum in Graubünden. Auch für den frankophonen Teil Freiburgs konzediert Altermatt eine gewisse Germanisierung wirtschaftlicher Dominanz – insbesondere aus den Regionen Basel und Bern.
Dennoch befindet Altermatt, liege die Germanisierungsfurcht der Frankophonen in der Bilinguisierung des öffentlich-rechtlichen Bereiches begründet, denn Zweisprachigkeit [so die frankophone Sicht] komme immer der Minderheitensprache, im vorliegenden Freiburger Fall der Germanisierung entgegen. Auch die immer stärkere Präsenz von Englisch begünstige diese Entwicklung.
Im Bildungsbereich blieben die Vorwürfe der Germanisierung sowohl im Schul- als auch im Universitätsbetrieb zunächst (bis in die 1970er Jahre) bestehen. Altermatt beklagt in diesem Zusammenhang besonders die Ablehnung des Immersionsunterrichts im Rahmen des Referendums in Freiburg (21. Sept. 2000), wenngleich mit knapper Mehrheit von 50,4% (S. 64).
Damit – so Altermatt – findet die Germanisierungsangst ihre Fortsetzung. Ein weiterer Erklärungsversuch des Autors ist historisch begründet: Für die Frankophonen beginnt die Zeitrechnung offenkundig bereits mit dem Beitritt des Kantons Freiburg zur Eidgenossenschaft im 15. Jahrhundert, als Deutsch die vorherrschende (Amts-)Sprache war. Die frankophone Sichtweise der Sprachgrenze ist puristisch und klar: eine deutliche Trennlinie. Die Deutschsprachigen hingegen sehen einen fliessenden Übergang der Sprachgruppen (S. 66).
Auch die Entscheidung für Englisch (als erste Fremdsprache – L2) in zahlreichen Kantonen der Deutschschweiz sei in Wahrheit gegen die Frankophonie gerichtet.
Das Thema von Unterkapitel 4 von Teil I – Unterrichtssprache und Minderheitenschutz im Schulwesen der Schweiz und Belgiens – leitet sich historisch aus den nationalstaatlichen Interessen zahlreicher europäischer Länder im 19./20. Jahrhundert ab. Für Altermatt stellen die «scheinbar harmonisch funktionierende Schweiz» und das «konfliktbeladene und vom Sprachenstreit gekennzeichnete Belgien» eine interessante Vergleichsperspektive dar. Das Bildungssystem der beiden Länder scheint für Altermatt ein repräsentativer Parameter zu sein. Dabei konzentriert sich die Betrachtung auf die L1 – also die Erst- bzw. Unterrichtssprache; den gleichermassen interessanten Aspekt des L2 Unterrichts (Fremdsprachen) lässt Altermatt unkommentiert.
Die Sprachensituation in der Schweiz mit 22 einsprachigen und drei zwei- (FR, VS, BE) bzw. einem dreisprachigen Kanton (GR) ist bekannt. Belgien dagegen weist fünf einsprachige Teilregionen auf, wovon nur eine, die Hauptstadtregion Brüssel, zweisprachig ist. Die weiteren Regionen sind Flandern (Flämisch), Wallonien (Französisch), die deutschsprachige Gemeinschaft im Osten des Landes an der Grenze zu Deutschland (Deutsch) sowie die sog. «Faszilitäten-Gemeinden», entlang der innerbelgischen flämisch-französischen Sprachgrenze.
Es liegt in der Natur der föderalen Struktur der Schweiz, dass, wie im Fall des Bildungssektors, die Kompetenz in den Händen der Kantone liegt. Der föderale Flickenteppich geht sogar so weit, dass in den sprachlich gemischten Kantonen FR, BE, VS und GR die Wahl der Unterrichtssprache im Primar- bzw. Sekundarbereich den Gemeinden überlassen wird. Beim Vergleich der Bildungssysteme kommt Altermatt zum Schluss, dass das sprachliche Territorialitätsprinzip, welches beiden Ländern zu eigen ist, die lokalen Minderheiten in Sprachgrenzregionen nicht zu schützen vermag, da Gemeinschaften nur dort geschützt würden, wo eine Mehrheit vorherrscht.
Abschliessend hält Altermatt fest, dass besagtes Territorialitätsprinzip dem Postulat der Mehrsprachigkeit zuwiderläuft.
In Teil II «Umgang mit Sprache und Zweisprachigkeit im Kanton Freiburg» lautet Unterkapitel 1 «Von sprachlicher Diskriminierung über den Sprachparallelismus zur Förderung der Zweisprachigkeit». Darin spannt Altermatt einen detailreichen historischen Bogen vom Beginn der Besiedelung im 3. Jahrhundert bis zum heutigen Tag. Die Zeit zwischen 1939 und 1945 bleibt bei Altermatts historischem Panoptikum allerdings nur spärlich berücksichtigt. Etwas pauschal hält der Autor fest, dass die Deutschfreiburger demnach mit Reaktionen von Indifferenz bis Ablehnung behandelt wurden. Eine vertiefte Betrachtung dieses besonderen Zeitraumes wäre sicherlich interessant gewesen (S. 95).
Die Zeit von 1945 bis 1960 ist laut Altermatt gekennzeichnet durch Unverständnis und Diskriminierung. Erst nach 1960, insbesondere nach 1980, kann von Verständnis für Zweisprachigkeit und deren Förderung gesprochen werden. Dies gilt jedoch nach wie vor nicht für den Bereich Schule und Unterricht und ebenfalls nicht für den öffentlich-rechtlichen Bereich von Behörden und Ämtern der Stadt Freiburg. Diese Situation ändert sich erst im Jahr 2012. Erst dann wurden Orts- und Städtenamen offiziell zweisprachig geführt. Das Fazit dieser historischen Rückblende sieht für Altermatt dann auch dementsprechend ernüchternd aus: Desillusioniert hält er fest, dass gesamtschweizerisch für die frankophone Minderheit von 20-25% volle Anerkennung gewährleistet sei, während die Umkehrung der Mehrheitsverhältnisse auf Freiburg bezogen besagte Anerkennung für Deutschfreiburger nicht zur Folge hatte.
Etwas versöhnlich, wenngleich nicht durchgängig schlüssig, versucht Altermatt schliesslich dem Kanton Freiburg eine brückenbildende Rolle zur Überwindung des Rösti-Grabens zuzuschreiben, indem er einen Massnahmenkatalog präsentiert. Dessen innovativstes Element ist, wie bereits an anderer Stelle erwähnt, ein zumindest teilweise angewendeter Immersionsunterricht im Rahmen zweisprachiger Schulmodelle.
Im Kanton Graubünden, der von Altermatt wiederholt als Vorbild genannt wird, ist es zur Förderung der Kantonssprachen Italienisch oder Romanisch möglich, aufgrund eines von der Regierung genehmigten Konzeptes an den Stundentafeln der drei «Grundtypen» Änderungen vorzunehmen. Bei diesen Änderungen steht ein neues Mischverhältnis der zwei Unterrichtssprachen (Kantonssprachen) im Sinne einer «partiellen Immersion» während der ganzen obligatorischen Schulzeit im Mittelpunkt. Zusätzlich wird eine erhöhte Kompetenz im Gebrauch der Zweitsprache angestrebt. Zweisprachige Schulen mit unterschiedlichen Anteilen der L1 und L2 in Graubünden gibt es in Samedan, Pontresina, Bever, Schlagrina, La Punt, Trin und Sils/Segl. Zweisprachige Schulen mit gleichen Anteilen an L1 und L2 sind in Chur, Maloja, Ilanz und Domat/Ems zu finden. Die wissenschaftliche Begleitung und Evaluation einzelner Projekte (Maloja) hat unterschiedliche Ergebnisse zu Tage gefördert. Während in manchen Schulen (Maloja) die angestrebten Lernziele erreicht werden (Sach- und Sprachkompetenzen) und immersiver Unterricht in der L2 mit einer höheren Sprachkompetenz in L2 als im «normalen» Zweitsprachunterricht einhergeht, sind an anderen Schulen (Samedan) die Ergebnisse (insbesondere für Romanisch) nur mässig. Auffallend dabei ist ebenfalls, dass Oberstufenschüler meist schlechter abschneiden als Primarschüler. (vgl. Gregori, 2018)
Aus einer Umfrage (Todisco, 2017) wird deutlich, dass sich lediglich 17 % der Lehrerschaft an die vom Kanton vorgeschlagenen (immersiven) Unterrichtsorganisationen halten. Demnach sollte Italienisch vier Mal in Form einer halben Lektion über die ganze Woche verteilt unterrichtet werden (Link zum PDF).
Das Ziel der Verbindung des Fremdsprachenlernens (im vorliegenden Fall Italienisch) mit anderen Fächern, im Sinne eines fächerübergreifenden (immersiven) Ansatzes, wie Altermatt wiederholt fordert, ist in Graubünden auch auf der Sekundarstufe I kaum zu finden. Geschuldet ist diese Beobachtung vor allem dem Fachlehrersystem. Demnach hatten, zumindest bis zum Zeitpunkt der Erhebung, die Prinzipien einer Didaktik der Mehrsprachigkeit auf der Sekundarstufe I noch nicht Eingang gefunden.
Gleich zu Beginn von Unterkapitel 2 (von Teil II) «Die Wirkung des sprachlichen Territorialitätsprinzips in zweisprachigen Gebieten» räumt Altermatt mit einem weiteren Mythos auf: Mehrsprachigkeit in der Schweiz sei keineswegs jenes Leuchtturm-Beispiel, wofür es in der internationalen Wahrnehmung gerne gehalten wird. Vielmehr – so der Autor – beschränke sich Mehrsprachigkeit auf einige wenige Regionen, ansonsten sei sie hauptsächlich in der öffentlichen Verwaltung und Administration zu finden (S. 109).
Im Kern geht es Altermatt um die Problematik des Territorialitätsprinzips. Diesem zufolge bestimmen einsprachige Regionen den Ausprägungsgrad der Mehrsprachigkeit. Auf Freiburg bzw. die Schweiz bezogen bedeutet dies, dass Zweisprachigkeit auf geographisch engem Raum, mehrheitlich in der öffentlichen Verwaltung (Schulen, Finanzwesen, etc.) auftritt. In diesem Zusammenhang beklagt Altermatt, dass bis 1960 eine «Französisierung» deutscher Vornamen auf Dokumenten vorgenommen wurde. In der Folge schildert Altermatt detailreich die Facetten des Territorialitätsprinzips und sieht erst im Jahr 1991 Licht am Ende des Tunnels, als etwa an der Universität Freiburg zweisprachige Diplome verliehen wurden (S. 120).
Altermatt führt noch einen weiteren Aspekt aus. Wie an anderer Stelle bereits erwähnt, konstatiert der Autor für die deutschsprachige Minderheit im Kanton Freiburg [sic] nicht dieselbe vollumfängliche Anerkennung wie dies der französischsprachigen Minderheit in der gesamten Schweiz zuteilwird. Dazu erklärt Altermatt, dass die Mobilität der Deutschschweizer grösser sei als die der «Suisses romands». Folglich gebe es in den frankophonen Gebieten grundsätzlich eine grössere sprachliche Durchmischung und demnach stärkere Bestrebungen, das Territorialitätsprinzip aufrecht zu erhalten. Sprachkonflikte und Diskriminierung seien die Folge davon. Beharrlich wiederholt Altermatt das [frankophone] Argument der Germanisierungsangst sowie jenes der Verwendung falscher Zahlen und Statistiken von Vertretern der Frankophonie.
Schliesslich nimmt Altermatt einmal mehr Anlehnung an einer kantonalen Gesetzgebung. In Graubünden habe das eidgenössische Sprachengesetz von 2008 (zumindest im öffentlich-rechtlichen Bereich) eine «Lücke geschlossen» (S. 141).
Altermatt beschliesst diese Betrachtung mit dem Appell, dass frankophone Ethnolinguisten einerseits und deutschsprachige Segregationisten andererseits in der Schweiz im Allgemeinen und im Kanton Freiburg im Besonderen nur mittels eines «differenzierten Territorialitätsprinzips» in ein gemeinsames (mehrsprachiges) Boot geholt werden könnten.
In Unterkapitel 3 («Die institutionelle Zweisprachigkeit in der Kantonshauptstadt Freiburg») beleuchtet der Autor die historische Entwicklung Freiburgs aus sprachpolitischer Sicht. Vom Gründungsjahr 1153 bis zum heutigen Tag zeichnet Altermatt ein detailliertes Bild und veranschaulicht die wechselnden Tendenzen der Mehrsprachigkeit und Bikulturalität anhand des Bildungswesens – für Altermatt ein zuverlässiger Indikator. Von Latein über Französisch zu Deutsch und Französisch bis zur de jure Anerkennung der Zweisprachigkeit gibt Altermatt eine vertiefte Betrachtung wieder. Dabei geht es thematisch primär um immer wiederkehrende Anliegen und Aspekte. Die frankophone Sichtweise einerseits – geprägt von Germanisierungsängsten einer Stadt, die sich de facto als solche (frankophone) Stadt sieht, und die Perspektive der Deutschfreiburger Minderheit, die sich wiederholt mit der nicht vorhandenen Akzeptanz der verfassungsrechtlich verankerten Zweisprachigkeit konfrontiert sieht, andererseits. Altermatts Zugang ist vom Ansatz her analog zu den an anderer Stelle beschriebenen Defiziten. Harter Kritik («nur schöne Worte in Hochglanzbroschüren») weicht schlussendlich der Hoffnung auf ein «language valley of Switzerland». Es bleibt allerdings vage, was genau damit gemeint ist (S. 169).
Unterkapitel 4 dieses Teils (II) behandelt die Periode der so genannten «Mediation» – vom «Ancien Regime» bis 1814 am Vorabend zu einer bundesstaatlichen Schweiz. Zusammenfassend stellt Altermatt fest, dass diese Zeit geprägt ist von einer Politik der territorialen Einsprachigkeit, die der Anerkennung der Zweisprachigkeit für die deutschsprachige Minderheit diametral entgegengesetzt war. Einmal mehr verleiht Altermatt der Hoffnung auf eine integrative Auslegung der Sprachenpolitik zu Gunsten der Deutschfreiburger Ansinnen Ausdruck. Dabei stützt sich diese Hoffnung auf den – in anderen Kantonen (insbesondere Graubünden für Rätoromanisch) bereits institutionalisierten – Immersionsunterricht. Zu diesen Kantonen zählen auch Neuenburg, Jura, Basel-Land sowie die Stadt Bern, die derartige Projekte bereits erfolgreich auf Schiene gebracht hätten.
Das nächste Unterkapitel (5) widmet Altermatt dem Begründer der Deutschfreiburger Arbeitsgemeinschaft (DFAG), P. Boschung, der wie es im Gründungspamphlet der DFAG (1959) heisst, seine zentrale Aufgabe in der gebührenden Anerkennung und Gleichberechtigung der deutschen Sprache und Kultur sah (S. 196). Altermatt beschreibt chronologisch und ausführlich das beharrliche Einwirken der DFAG auf die politische Trägerschaft in Behörden und Administration. Vorbilder für die DFAG waren für den Begründer Boschung auch andere regionale Bewegungen. Altermatt nennt vorrangig den Kanton Graubünden, wo die Lia Rumantscha (Rätoromanisch) bzw. die Bewegung Pro Grigioni Italiano (Italienisch) schon seit längerem für die Anerkennung und Gleichstellung der Sprachminderheiten kämpfen (S. 199).
Für den Kanton Freiburg brachte nach zahlreichen Auf- und Ab Bewegungen die Fusion mit dem Deutschfreiburger Heimatkundeverein (HKV) unter der Bezeichnung Kultur Natur Deutschfreiburg (KUND) neue Dynamik für ihr primäres Anliegen: Volle Anerkennung der Zweisprachigkeit.
Die imposante Kulisse der Altstadt der zweisprachigen Stadt Fribourg/Freiburg. (Foto O. Eckhardt)
Teil III des Buches «Zweisprachigkeit und Partnerschule(n) im Bildungswesen in Freiburg» beginnt mit einem Unterkapitel «Schule und Bildung als zentrale Politikfelder in zweisprachigen Gemeinschaften». Dabei spannt der Autor die historische Betrachtung vom Ancien Regime bis ins 21. Jahrhundert. Die Anfänge im Bildungswesen waren – so Altermatt – dem deutschen Sprachraum zugewandt; danach gewann Französisch an Einfluss. Schliesslich wurde das Bildungswesen zum Spielball zwischen Kirche und Staat. Altermatt konstatiert, dass erst nach Entstehen der bundesstaatlichen Schweiz (1847/48) die Säkularisierung einsetzte.
Auf der Ebene der höheren Bildung wurde zunächst nur auf Französisch unterrichtet, bevor auf der Sekundarstufe die letzten beiden Schuljahre (z. B. am Kollegium St. Michael) auf Deutsch absolviert werden konnten. Als «Pionierleistung» geglückter Integration deutschsprachiger Studiengänge bezeichnet Altermatt schliesslich die gemischten Klassen am kantonalen Lehrerseminar (1975). Erst ab 1990/91 jedoch wurden dann auch an Gymnasien und Hochschulen zweisprachige Studiengänge eingeführt. Auf Primarschulebene hingegen – so Altermatt – fehlen zweisprachige Klassen völlig. Ein, so der Autor abschliessend, markantes sprachpolitisches Defizit (S. 231).
Am Beispiel der «Freien öffentlichen Schule Freiburgs» (FOSF) wird die Entwicklung der Integration der reformierten Minderheit im überwiegend katholischen Kanton Freiburg veranschaulicht. Altermatt bezeichnet diese Entwicklung als «doppelte Minorisierung» (S. 253). Konkret meint Altermatt damit eine reformierte Schule in der Stadt Freiburg und im überwiegend katholisch geprägten Bezirk Saane sowie die Bestrebung, einen deutschsprachigen Unterricht im mehrheitlich frankophonen Teil zu gewährleisten.
Für Altermatt stellen die Tendenzen einen wesentlichen Beitrag zur Gewährleistung von Minderheitenschutz und zum Erhalt von Zweisprachigkeit dar. Der Autor geht sogar noch einen Schritt weiter, indem er diese Entwicklung der FOSF einerseits als Paradigma für (partielle) Säkularisierung als auch für Entterritorialisierung andererseits hält; und zwar nicht nur für die Schweiz, sondern auch für Europa. Einschränkend hält Altermatt jedoch fest, das besagter Aufbruch von religiösen und sprachpolitischen Grenzlinien den Nachweis einer förderlichen Integration erst noch erbringen muss. Dabei ist das von Altermatt wiederholt gebrauchte Argument einer Verankerung von Immersionsunterricht letztlich wenig überzeugend. Konkrete Vergleiche mit Kantonen (z. B. Graubünden), in denen diese Unterrichtsmodelle bereist angewendet und erprobt wurden, kommen in diesem Abschnitt (2, Teil III) nicht vor.
Das letzte Subkapitel von Teil III ist untrennbar mit dem Namen M. Aebischer verbunden. Dem ersten Deutschfreiburger Vorsitzenden der Erziehungsdirektion schreibt Altermatt das Verdienst zu, Gleichberechtigung in der Sprachenfrage erreicht zu haben. Zentraler Aspekt dieser Errungenschaft ist der Immersionsunterricht für Deutschfreiburger Schüler auf Französisch. Auch die Ablegung der Maturitätsprüfungen in ihrer Muttersprache (Deutsch) für deutschsprachige Schüler (Kollegium St. Michael) war ein Meilenstein. Altermatt bezeichnet dies als «schulisch-sprachlichen Parallelismus». Etwas gar beiläufig erwähnt er die dadurch entstandene «vorübergehende Distanzierung» der Sprachgruppen (S. 278).
Die positiven Aspekte – nämlich jene des Immersionsunterrichts, der zweisprachigen Studiengänge an der Universität und an der Pädagogischen Hochschule, sowie diverse Austausch- und Zweisprachigkeitsprojekte – überwiegen nach Altermatt bei weitem jene der Ablehnung durch Teile der Lehrerschaft, die grössere berufliche Belastung befürchten oder sie sind dem Umstand geschuldet, dass sich Zweisprachigkeit auf der Ebene der Primarschulen noch nicht durchgesetzt hat.
Zusammenfassung
Die Lektüre des vorliegenden Buches ist von grosser Nachhaltigkeit geprägt. Altermatts Publikation ist ein wichtiger Beitrag zur Zweisprachigkeit in Freiburg. Diese Wertschätzung wird auch durch die nachfolgenden Kritikpunkte nicht getrübt.
Den Anspruch des Buches einer mehrsprachigen Reise durch «Europa und darüber hinaus» kann das Buch nicht erfüllen, dazu reicht das Nachwort «von der Saane bis zum St. Lorenz» des befreundeten Germanisten M. Meune nicht aus. Die angestrebten Vergleiche «Schweiz und andere Kantone» werden in ihrer Abhandlung häufig nur angerissen. So wird etwa die wichtige Frage, welche Rolle der L2 Unterricht im Allgemeinen, vor allem aber Englisch in verschiedenen Kantonen der Schweiz im Besonderen, bzw. in vergleichbaren europäischen Ländern spielt, wohl mehrfach angesprochen, aber nicht schlüssig beantwortet. Das daran geknüpfte, zentrale Problem (Fremdsprachenunterricht in der (Primar-) Schule unter der Auflage «eine Landessprache als erste L2 bei gleichzeitiger Vorverlegung von Englisch») ist nach wie vor ein ungelöstes Problem der Schweizer Sprachenpolitik.
Immersionsmodelle in Schule und Unterricht – das ist das bevorzugte Argument zur Lösung sämtlicher Probleme im Zwei- bzw. Mehrsprachigkeitsdiskurs; Vergleiche mit Kantonen (z. B. Graubünden), in denen diese Unterrichtsmodelle bereits angewendet und erprobt wurden, werden punktuell angesprochen, werden im entsprechenden Abschnitt (2, Teil III) aber nicht weiterverfolgt.
Die Schweiz und Belgien – ein zulässiger Vergleich? Ob die «scheinbar harmonisch funktionierende Schweiz» und das «konfliktbeladene und vom Sprachenstreit gekennzeichnete Belgien» eine reliable Vergleichsperspektive darstellen, wird vom Autor selbst zumindest hinterfragt. Auch die beschränkende Betrachtung auf die L1 – also die Erst- bzw. Unterrichtssprache – lässt interessante Aspekte des L2 Unterrichts (Fremdsprachen) unberücksichtigt. Schliesslich ist die grösste Unterscheidung die der politischen Systeme von Zentralisierung (Belgien) und föderaler Struktur (Schweiz), die einen Vergleich dementsprechend beeinträchtigen. Ein weiteres, wiederkehrendes Argument des Autors ist jenes der latenten Germanisierungsangst. Aus frankophoner Sicht muss die Frage legitim sein, ob diese Angst wirklich so unrealistisch ist. Für den rätoromanischen Sprachraum in Graubünden nämlich ist dieser Prozess [der Germanisierung] wie der Autor zugesteht, allerdings mehr als latent. Leider erwähnt Altermatt den Beginn des Zerfalls des Vielvölkerstaates der Habsburger nur in einer Fussnote (vgl. Das Fanal von Sarajewo). Dabei hätte dieses Ereignis wie auch die Zeit von 1939 und 1945 in Altermatts historischem Panoptikum eine vertiefte Betrachtung verdient. Schliesslich prägt der Autor den Begriff des «language valley of Switzerland». Es bleibt allerdings unklar, was genau mit diesem etwas seltsamen Anglizismus gemeint ist (S. 169).
Dennoch: Das Buch zeichnet sich aus durch sehr interessante Fragestellungen, übersichtliche Struktur, gewissenhafte und kompetente historische Aufarbeitung, saubere Zitationsweise und durch eine klare Sprache. Auf formaler Ebene: Sämtliche Fussnoten, Bemerkungen, Abbildungen, etc. sind tadellos annotiert und erfasst. Der Leser wird ohne Umschweife auf die Kern-Thematik hingeführt. Der Autor macht keinen Hehl aus seiner Motivation bzw. Überzeugung. Altermatt ist Proponent der Deutschfreiburger und als solcher an einer soliden Beschreibung und Aufarbeitung der zentralen Fragestellung – Benachteiligung der (deutschsprachigen) Sprachminorität im Kanton Freiburg – intrinsisch interessiert. Der rote Faden des Buches lässt sich wie folgt definieren: Die Bestrebungen der Deutschfreiburger nach sprachpolitischer Anerkennung der Zweisprachigkeit im Spannungsfeld von (dominanter) Frankophonie und Germanisierungsangst. Dies wird konsequent und überzeugend verfolgt.
Was bleibt ist der überaus positive Eindruck des vorliegenden Buches: Ein zentrales Werk (Deutsch)Freiburger Sprachgeschichte.
Literatur
Gregori, G.P., Gross M., Todisco, V., Trezzini, M. Schule und Mehrsprachigkeit im Kanton Graubünden, in: Bündner Monatsblatt 1 (2011: 3-34).
Gregori, G.P. Rätoromanisch im mehrsprachigen Kontext des dreisprachigen Kantons Graubünden; in: Mehrsprachigkeit in Sprachtherapie und Unterricht. (2018: 27-42). Basel: Schwabe Verlag.
Maissen, T. Geschichte der Schweiz. (2016). Baden: hier + jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte.
Reinhardt, V. (2014). Geschichte der Schweiz. München: C. H. Beck.
Schläpfer, R. & Bickel, H. (Hg.); (2000). Die viersprachige Schweiz. Aarau: Sauerländer.
Watts, R. J. & Murray, H. (Hg.); (2001). Die fünfte Landessprache Englisch in der Schweiz. Zürich: vdf. Verlag ETH.
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