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Etta James Burning Down The House und Live in New York
Der auf Bluesnews.ch bereits mehrfach erwähnte Film Cadillac Records mag vielleicht auch den einen oder die andere dazu veranlasst haben, sich erneut oder zum ersten Mal intensiver mit Etta James zu beschäftigen. Bei mir war auf jeden Fall der Film der Anstoss und ich wollte mich etwas ausführlicher mit der «Matriarchin des Blues» beschäftigen. Hier eine Einschätzung anhand zweier sehr unterschiedlicher Live-CDs jüngeren Datums.
Etta James ist natürlich eine bekannte Grösse im Blues, die grosse Frauenstimme der Klassischen Chess-Ära, die mit wunderbaren und zeitlosen Titeln wie I'd Rather go Blind oder ihrem ersten Riesenhit, At Last von 1961 den Bluesgesang in Chicago ebenso mitbestimmt hat wie Big Mama Thornton oder Koko Taylor. Etta James hatte dabei stets einen Hang zu R&B, also zu etwas plüschigeren Arragements mit mehr Streichern und Hörnern. Ein Beispiel aus dieser Zeit ist ihr Titel Sugar on the Floor. Mit anderen Worten: ihre frühen Aufnahmen, also jene, die Beyoncé in Cadillac Records covert, sind makellose Meisterwerke und die frühen Aufnahmen von Etta James sind rückhaltlos zu empfehlen.
(Bild aus der Sammlung von inszenierten, aber sehr schönen Bildern von Etta James: http://www.starpulse.com/Music/James,_Etta/Pictures)
Nun galt es aber, sich ein jüngeres Album anzuhören, um die weitere Entwicklung etwas einschätzen zu können. James ist sehr produktionsfreudig, und sie hat eine ansehnliche Diskographie, also war es nicht schwer, eine jüngere Live-Aufnahme zu finden. Der Grund, weshalb ich mich für eine Live-Aufnahme entschied ist schlicht, dass es dort keine Overdubs gibt, dass man die Aufnahmen nicht im Studio aufhübschen kann, und dass somit eine Live-CD die eigentliche Fähigkeit eines Künstlers oder einer Künstlerin besser zum Ausdruck bringen kann als ein Studioalbum.
Die Wahl fiel auf zwei Live-Aufnahmen: Burning Down The House aus dem Jahr 2002 und Live in New York von 2003. Beide Aufnahmen sind sehr unterschiedlich, überraschend unterschiedlich sogar, und während Burnin' Down the House vom Riesenlabel RCA publiziert, beworben und vertrieben wurde, stammt Live in New York vom sehr viel kleineren Label «Acrobat». Daher ist Burnin' Down The House weiter verbreitet in CD-Geschäften und Online-Portalen, aber Live in New York ist über Internetvertreiber auch zu bekommen.
Kurz gesagt, die kleinere, weniger bekannte und später veröffentlichte CD Live in New York ist sehr gut. Eine tolle Aufnahme und die Frau holt alles aus ihrer Stimme raus, was drinsteckt. Sie wirkt entspannt und rockt ab, dass es eine Freude ist. Ganz anders auf Burnin' Down The House. Diese Aufnahme wirkt unkoordiniert, was nach meiner Vermutung viel damit zu tun hat, dass Etta James hier mit einer neuen Band auftaucht. Die beiden Aufnahmen könnten unterschiedlicher nicht sein, auf der einen wirkt sie kraftvoll, auf der anderen irgendwie abwesend und unkonzentriert. Der Vergleich der beiden Aufnahmen scheint zu zeigen, dass die Frau auch vierzig Jahr nach ihrem Debüt noch immer viel draufhaben kann, aber dass es neben den guten auch weniger gute Tage gibt, an denen Aufnahmen entstehen, die man vielleicht besser nicht veröffentlicht hätte.
Vielleicht erst zur aus meiner Sicht «besseren» Aufnahme: Live in New York bietet neben dem Gesang des Stars vor allem einen wirklich tollen Gitarristen (leider liess sich nicht rausfinden, mit welcher Besetzung sie spielt und mithin, wer hier Gitarre spielt). Die Gitarre klingt nach West Side Blues, sie hat einen stechenden Ton und klingt aufsässig. Damit passt sie perfekt zur «sassy voice» von Etta James. Ansonsten ist die Aufnahme mit einem Bass und einem Schlagzeug orchestriert, also eher sparsam, und das ist gut so, denn das fordert Etta James offenbar stärker heraus als ein grosses Arrangement. Die Titel sind alle kurz und die CD hat somit leider nur eine Gesamtlänge von 37 Minuten, aber jedes Stück ist ein Vergnügen anzuhören. Die Titel sind am Ende dieses Artikels aufgeführt, hervorzuheben ist I'll Drown in My Own Tears und I Can't Turn You Loose, beides perfekte Stücke für den sanften, respektive fetzigen Aspekt ihrer Stimme. Shake Your Booty und Respect Yourself ist beides funky Stücke, das erstere im Stile James Browns. Schliesslich erfahren die beiden Klassiker Rock Me Baby und Stormy Monday hier zwar keine Interpretation, die neue Horizonte eröffnet, die aber solide und hörbar sind.
Die andere Live-CD ist die besagte Veröffentlichung Burnin' Down The House, das Etta James am 9. Dezember 2001 im House of Blues in West Hollywood aufnahm. Unterstützt wird sie hier von the Roots Band, einer zwölfköpfigen Band, die recht rockig klingt. Die CD ist leider eine Enttäuschung, bzw. sie trifft einfach nicht meinen Geschmack. Ich finde die Arrangements zu üppig und ich finde Etta James schrecklich. Vielleicht hatte die 63-jährige keinen guten Abend, aber Ihr Gesang hier klingt nach Karaoke von sich selbst. Die Lautstärke hat sie nicht unter Kontrolle (Sugar on the Floor) und manchmal trifft sie schlicht den Ton nicht (I Just Want to Make Love to You, At Last, You Can Leave Your Hat On).
Die Band ist für meinen Geschmack viel zu heavy, was auch daran liegt, dass sie üppig ausgestattet ist: Zwei Gitarren (Josh Sklair, Bobby Murray), einen Keyboarder (David K. Mathews) und einen Hammond B-3 Organisten (Mike Finnigan), eine dreiköpfige Rhythm Section (Sametto James, b; Donto James, dr; Luis Conte, perkussion) und eine fünfköpfige Horn Section, die Trompete, Flügelhorn, Posaune, Bluesharp, und Tenor- und Bariton-Saxophon abdeckt (Tom Poole, Ronnie Buttacavoli, Lee R. Thornburg, Jimmy «Z» Zavalla und David L. Woodford). Die Band bringt bis drei Trompeten gleichzeitig und dominiert den Sound merklich. Bei den rockigen Nummern, etwa Born to Be Wild erdrücken sie Etta James beinahe.
Etta James scheint sich bewusst zu sein, dass ihre Stimme nicht mehr ist wie einst, denn sie macht die verständlichen Tricks eines Sängers oder einer Sängerin: wenn sie nicht mehr so hoch kommt, wie sie müsste, sie singt so viel zu tief, um die eigentliche Melodie zu konterkarieren. Allerdings hat man bei diesem Auftritt von James nicht den Eindruck, dass sie eine Wahl hat, sie versucht aus der Not eine Tugend zu machen und das gelingt nicht immer.
Die Arrangements sind ebenfalls missglückt: Joe Cockers Stripteasae-Hit You Can Leave Your Hat On (aus dem Film 9 ½ Wochen) wird hier zum Funk-Stück, und erleidet eine furchtbare Bauchlandung. Das Tempo ist zu langsam, das Stück fetzt nicht. Die Band scheint Etta James auch noch nicht so lange zu kennen, zu oft laufen Band und Sängerin rhythmisch auseinander. James singt ihre Lieder runter, zahlreiche Balladen (I'd Rather Go Blind, At Last, Sugar on the Floor) darunter, und ihre Ansagen zwischen den Songs klingen auch nicht gerade animiert. So eröffnet sie ihren ersten Riesenhit mit den Worten «Everytime someone gets married, they say: sing At Last». Und genauso singt sie dann auch, wie der Ehrengast an einer Hochzeit.
Sie singt auch mehrere nahtlos ineinander übergehende Stücke, etwa I Just Want to Make Love to You und Born to be Wild, oder das Dreierpack Love & Happiness, Take Me to the River und My Funny Valentine. Auf einer Scheibe, bei der sich sowieso eine gewisse Eintönigkeit ausbreitet, trägt ein solches Medley nicht dazu bei, eine musikalische Vielfalt zu vermitteln. Und dies trotz der unbestrittenen Qualität der Roots Band. Dass sie sich schliesslich an My Funny Valentine vergreift, das die Band mit einer super-soften Lounge-Musik (cremiges Saxophon, sanfte Funk-Gitarre) zusätzlich verunstaltet, macht den Sack vollends zu. Sie hatte an diesem Abend nicht die Intensität für das Lied.
Wenn man sich den Unterschied zwischen den beiden CDs überlegt, so muss es einen anderen Grund geben als nur die Tagesform. Erst durch längere Recherche in Musikalienkatalogen war schliesslich zu bestimmen, dass es sich bei der Aufnahme aus New York um eine ältere Aufnahme aus dem Jahr 1980 handelt. Das heisst, die grössere Energie, die Spritzigkeit der Künstlerin erklärt sich schlicht damit, dass diese Aufnahme eine zwanzig Jahre jüngere Sängerin zeigt. Der Vergleich also zwischen diesen beiden Live-CDs hat ergeben, dass Etta James in letzten Jahren offensichtlich viel ihrer früheren Fähigkeiten verloren hat. Sie hat nicht mehr die Stimme, die Kraft für die Bühne. Insgesamt natürlich nichts gegen Etta James, sie hat auf vielen anderen Aufnahmen eine grossartige Stimme, aber auf Burnin' Down The House hat sie es nicht. Die Band und die grosse Dame liessen an diesem Abend das House of Blues sich nicht in Rauch aufgehen.
Von diesem Auftritt im House of Blues gibt es übrigens auch eine DVD, die laut einer zufällig gefunden Website [http://www.discover.de/dvd.php?id=14] ebenfalls relativ uninspiriert ist. Der Auftritt der Dame mag gut gewesen sein, und es gibt auch gute Live-Aufnahmen von Etta James (das besprochene Album Live in New York, auch Live in San Francisco), aber diese Aufnahme wäre vielleicht besser nicht veröffentlicht worden.
Etta James & The Roots Band - Burnin Down The House (Private Music/RCA 2002)
01. Introduction
02. Come to Mama
03. I Just Want to Make Love to You/Born to Be Wild
04. I'd Rather Go Blind
05. All the Way Down
06. At Last
07. You Can Leave Your Hat On
08. Something's Got a Hold on Me
09. Your Good Thing (Is About to End)
10. Rock Me Baby
11. Love and Happiness/Take Me to the River/My Funny Valentine
12. Sugar on the Floor
Josh Sklair, Bobby Murray, g
David K. Mathews keyb
Mike Finnigan Hammond B-3
Sametto James, b
Donto James, dr
Luis Conte, perkussion
Tom Poole tr
Ronnie Buttacavoli tr, flügelhorn
Lee R. Thornburg tr, flügelhorn, pos
Jimmy «Z» Zavalla tenor sax, harp
David L. Woodford baritone sax
Etta James Live in New York (Acrobat 2003)
1. Out on the Streets Again
2. I'll Drown in My Own Tears
3. I Can't Turn You Loose
4. Dust Your Broom
5. I'd Rather Go Blind
6. Shake Your Booty
7. Respect Yourself
8. Rock Me Baby
9. Stormy Monday
Bandzusammensetzung war nicht zu erfahren