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Guy Bodenmann fasst im Lehrbuch Klinische Paar- und Familientherapie (2016) die Funktion der Familie früher und heute zusammen (S. 87ff):
Reproduktion
Früher: Die Koppelung von Ehe und Familie wurde über Jahrtausende als Selbstverständlichkeit propagiert und hat die Gesellschaft über Generationen geprägt. Ein Paar hatte die Aufgabe, die insbesondere von der Kirche streng eingefordert wurde, sich in der Ehe zu reproduzieren und möglichst viele Kinder hervorzubringen. // Heute ist die Partnerschaft sowohl von der Ehe wie der Reproduktion weitgehend entkoppelt. Paare entscheiden sich willentlich, ob sie heiraten wollen und Kinder haben möchten. Die hohe Rate an außerehelichen Kindern in der EU zeugt von dieser Entkoppelung.
Produktion
Früher: Über Generationen waren Familie und Produktion in ländlichen Gebieten (Bauernfamilien), aber auch im städtischen Gewerbe (familiäre Handwerksbetriebe) eng miteinander verbunden. Produktion und Familie gehörten eng zusammen. // Heute ist diese Koppelung nur noch selten und in Bauernfamilien zu finden, wobei auch hier die Scheidungsraten zusehends steigen und diese Funktion der Familie auch auf dem Land reduzieren.
Sexualitätsregulation
Früher: Partnerschaft, Ehe, Sexualität und Familiengründung gehörten früher als Begrifflichkeiten zusammen. Die Sexualität wurde in der Ehe gelebt und diente dem Familienzuwachs. // Heute sind alle vier Begriffe voneinander entkoppelt. Sexualität findet in aller Regel bereits vor der Eheschließung oder in alternativen Beziehungsformen statt. Die hohe Rate an Untreue zeigt zudem, dass auch die Sexualitätsregulation in der Ehe an Bedeutung verloren hat und heute Sexualität viel weniger reglementiert gelebt wird.
Erziehungsfunktion
Früher: Lange fand Erziehung vor allem in der Familie statt. Hier lernten die Kinder von ihren Eltern meist in gemeinsamen Aktivitäten und durch Beobachtungslernen. // Heute: Die Idee, dass die Erziehung insbesondere in der Familie stattfindet, hat seit der Aufklärung an Bedeutung verloren. Obgleich immer noch viele Erziehungsaufgaben der Familie obliegen, haben Kinderkrippen, die Schule, Peers und Medien eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang übernommen. Dennoch bleiben die Eltern als Erziehungsinstanz weiterhin zentral.
Emotionsregulation
Früher: Emotionen wurden im intimen Kreis der Familie ausgetauscht. Hier lernten die Kinder Emotionen der Eltern zu deuten, eigene wahrzunehmen und auszudrücken. Emotionaler Austausch und Bindungserfahrungen fanden in der Familie statt. // Auch heute noch kann diese Funktion der Familie in hohem Maße zugestanden werden. Es ist eine der letzten Funktionen, die die Familie behalten hat. Dennoch sieht man mit den Social Media auch hier eine Auslagerung, die neusten Datums ist. Auch die frühe Platzierung von Kindern in Krippen und Tagesstätten lagert diese Funktion der Familie zusehends aus.
Welche Funktionen erfüllt die Familie also heute?
Sicherheit, Bindung, Schutz: Nach wie vor ist die Familie der Ort, wo dem Kind materielle, physische und soziale Sicherheit geboten wird, aber auch, wo emotionale Sicherheit erlebt werden kann («refueling base»).
Emotionale Regulation und Nähe: In der Familie lernt das Kind, fundamentale Gefühle wahrzunehmen, zu dekodieren, auszudrücken und angemessen zu bewältigen. Es erfährt hier Zuneigung, Liebe, Geborgenheit und emotionale Wärme, aber auch den Umgang mit negativen Gefühlen wie Frustrationen, Ärger, Traurigkeit, Angst usw. … Die Aufwertung des Kindes hängt eng mit der niedrigeren Kindersterblichkeit im Zuge gesteigerter Hygienebedingungen und des medizinischen Fortschritts (Impfungen usw.) seit rund 100 Jahren zusammen. Sie hängt auch mit der niedrigeren Anzahl Kinder pro Familie zusammen, wodurch mehr Zeit und Liebe in das einzelne Kind investiert werden können und man in der Interaktion mit dem Kind mehr Gefühle reguliert.
Stimulation und Bildung: Nach wie vor ist die Familie neben Schule, Medien und Peers die wichtigste Lernumgebung für das Kind, wo es seit der Geburt durch die Eltern Stimulation erfährt und lernt.
Wertevermittlung: Die Vermittlung von Einstellungen, Werten, Normen und ethischer oder religiöser Verankerung gehört nach wie vor zu den Kernaufgaben der Familie. Hier erfährt das Kind moralische Erziehung, teils explizit, teils implizit, indem die Vorbilder der Eltern über Modelllernen nachgeahmt werden.
Erziehung: Während heute Erziehung durch Tagesstätten, Schule, Peers und Medien flankiert erfolgt, bleibt die Erziehungsaufgabe eine familiäre Priorität.
Pflege und Fürsorge: Ernährung, Hygiene und Pflege des Kindes stellen eine wichtige Aufgabe der Familie dar, weil damit direkt das Überleben und Gedeihen des Kindes verbunden sind.
Beziehungserfahrungen: Die Eltern sind dem Kind auch Modell bezüglich des Umgangs miteinander, wie man Beziehungen lebt, wie man Partnerschaft und Ehe gestaltet. Sie sind Modelle für Kommunikation und Konfliktlösung.
Kompetenzenvermittlung: Bei den Eltern lernt das Kind Sozialkompetenzen, Stressbewältigungskompetenzen, Problemlösekompetenzen usw.