Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03093.jsonl.gz/1119

Der Abtransport der letzten radioaktiven Abfälle des ersten Schweizer Versuchs-Kernkraftwerks in Lucens VD hat am Mittwoch begonnen.
Die Behälter werden bis Ende Monat ins Zwischenlager Würenlingen gebracht. Danach wird das Gelände in Waadt umklassiert, aber weiterhin als Lager genutzt.
Das Bundesamt für Energie hat die Bewilligung für den Transport von sechs Grossbehältern mit radioaktiven Abfällen aus dem ehemaligen Versuchs-Kernkraftwerk Lucens im Waadtland ins Zwischenlager bei Würenlingen im Kanton Aargau erteilt.
Die Transporte werden zwischen dem 17. und dem 29. September unter der Leitung der ehemaligen Betreiberin des Versuchsreaktors, der Nationalen Gesellschaft zur Förderung der Industriellen Atomtechnik (NGA), durchgeführt.
Sechs mal 95 Tonnen Sondertransport
Der erste, 95 Tonnen schwere Sondertransport wurde am Mittwoch nach Würenlingen überführt und unterlag strengen Auflagen. Es handelt sich um schwach radioaktiven Abfall, der ins 160 km entfernte Zwischenlager transportiert wird.
Die Überführung wird von Strahlenschutz-Fachleuten begleitet. Abfahrtszeiten und Route werden so gewählt, dass der Verkehr möglichst wenig gestört wird.
Im Zwischenlager Würenlingen könnten die Container aus Lucens besser geschützt und gelagert werden, schreibt die Schweizerische Vereinigung für Atomenergie.
Ende Oktober 2001 hatte die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen (HSK) des Bundesamtes für Energie (BFE) den Betrieb des Lagers für mittelaktive Abfälle, vorerst mit gewissen Einschränkungen, freigegeben.
Erstes KKW der Schweiz: Gewichtiger Zwischenfall
Der Bau des ersten Kernkraftwerks (KKW) der Schweiz hatte im Sommer 1962 westlich von Lucens in der Westschweiz begonnen. Das unterirdische Versuchs-Atomkraftwerk gab am 29. Januar 1968 erstmals Elektrizität ins öffentliche Netz ab. Sein Reaktor wurde mit Natur-Uran betrieben.
Ein Jahr später, am 21. Januar 1969, wurde ein Brennstoff-Element überhitzt und zerstört. Dabei entwichen radioaktive Edelgase in die Kaverne. Glücklicherweise entwichen sie nicht. Der Reaktor wurde daraufhin dort stillgelegt. Für immer.
Radioaktivität trat laut offiziellen Angaben keine aus. Doch gewisse Experten bestätigen, dass in technischer Hinsicht dieses Unglück zu den gewichtigeren nuklearen Zwischenfällen zählte, die je aufgetreten waren.
Die Demontage-Arbeiten dauerten bis Ende 1972.
Noch Status einer Kernanlage
Die Kavernen wurden 1992 teilweise mit Beton gefüllt. Der grösste Teil des Areals wurde im April 1995 aus dem Status einer Kernanlage entlassen. Der Kanton Waadt erwarb anschliessend diesen Teil der Anlage und benutzt ihn seither unter anderem, um archäologische Fundgegenstände zu lagern.
Die übrig gebliebene Parzelle mit den sechs Abfallbehältern gilt im rechtlichen Sinne vorderhand noch als Kernanlage. Nach der Überführung aller Behälter ins Zwischenlager Würenlingen kann das Gelände aus der atomrechtlichen Aufsicht entlassen und für andere Zwecke freigegeben werden.
swissinfo und Agenturen
Fakten
In der Schweiz sind zurzeit 5 KKW in Betrieb.
Das älteste, Beznau, wurde 1969 in Betrieb genommen.
40% der produzierten Energie in der Schweiz sind Atomenergie, fast 60% sind Wasserenergie.
Dazu kommen Kehricht-, Erdgas-, Erdöl-, Biogas-, Wind- und Sonnenenergie.
In Kürze
Seit 1979 wurde in der Schweiz sechs Mal über Atom-Voragen abgestimmt, das letzte Mal am 18. Mai 2003.
Im letzten Mai zeigten sich klare Volksentscheide: Die Atom-Ausstiegs-Initiative war mit 66%, die Moratoriums-Initiative mit 58% abgelehnt worden.
Pannenchronologie:
1969 werden in Lucens wegen der unterirdischen Kaverne Strahlungen zurück gehalten.
70er Jahre: Brand im KKW Mühleberg. Das Feuer verursacht Kurzschlüsse, was sich wiederum auf die Sicherheitssysteme auswirkt.
80er Jahre: "Filterpanne" im KKW Mühleberg.
90er Jahre: Das Reaktor-Schnellabschalt-System in Leibstadt ist während mehrerer Stunden nicht einsatzfähig.