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Und schon wieder ist einer der ganz Grossen von uns gegangen.
Wer schreibt jetzt diese wunderschönen Lieder, die wie ein Kleid aus lauter warmer Traurigkeit sind. Da geht sie hin, die friedliche Melancholie, in die man sich so gerne einwickelt. Um sich nach einem verstaubten Gefühl zu sehnen, das irgendwo zwischen den anderen Brocken gelebten Lebens vergraben liegt.
Meine Mutter sagte zu mir: «Ein Mann, der es erträgt, mit dir stundenlang Leonard Cohen zu hören, ist ein guter Mann.»
Mein Vater hatte es also über sich ergehen lassen. Für ihn war es mehr eine Tortur. Andererseits hätte ihn meine Mutter sonst nicht geheiratet.
Sie war damals 24. Und seither wird mein Vater jeden 26. Dezember mit Leonard Cohen gefoltert, immer wenn die ganze Familie zusammensitzt und mein Onkel so virtuos «Suzanne» auf der Gitarre spielt.
Meine Mutter bekommt dann ganz glasige Augen. Sie ist zuhause, wenn sie dieses Lied hört. Mein anderer Onkel blickt derweil hilfesuchend um sich und sagt seinem Bruder, er soll endlich aufs Gaspedal drücken. Damit meint er die Fussstütze, auf der das Bein des Gitarristen ruht und von dem er sich verzweifelt mehr Tempo verspricht.
Und meine drei Brüder rufen aus: «Nicht schon wieder dieser Schnulzen-Tiger mit der gebrochenen Stimme!» Sie weigern sich, die ersten Zeilen mitzusingen. Irgendwann tun sie es aber doch und sie schauen verstohlen zu unserer Mutter herüber. Ganz tief innen drin sind sie dann gerührt. Ich weiss das. Weil sie meine Brüder sind und weil sie gute Männer sind. Auch wenn sie es nicht immer zeigen.
Diese Zeilen schrieb Cohen für die junge Tänzerin Suzanne Verdal. Er besuchte sie oft in ihrem Haus, das sich ans Ufer des Sankt-Lorenz-Stroms schmiegte. Dort sassen sie auf der Terrasse bei Kerzenschein, tranken Tee, assen Orangen. Und er berührte ihren vollkommenen Körper mit seinem Geist: «For you've touched her perfect body with your mind». Und mein Bruder sagt dann jeweils: «If only my mind was a penis.»
Janis Joplin ist Cohen im Lift des Chelsea Hotels in New York begegnet. Er liebte diesen Lift: «Ich war Experte für die Liftknöpfe. Eine der wenigen Technologien, die ich wirklich beherrschte», sagte er einmal. Eines Tages stieg eine junge Frau mit ein. Mit derselben Lust, wie er sie verspürte, seien sie zusammen Lift gefahren. Er fragte, ob sie jemanden suche. Joplin antwortete: «Ja, ich suche Kris Kristofferson». Cohen versicherte ihr, er sei besagter Kris.
Später bereute er seine Widmung. Es sei die einzige Unbesonnenheit in seinem professionellen Leben gewesen. Niemals habe er konkret von einer Frau geschrieben, mit der er eine intime Beziehung gehabt habe. Nur in diesem Song habe er Janis Joplin erwähnt:
Leonard Cohen war Jude. Doch für eine ganz kurze Zeit war er auch Mitglied bei Scientology. Er habe sich allerdings nur dorthin gewandt, weil er gehört habe, dass es leicht sei, dort Frauen kennenzulernen.
Der britische Schriftsteller und Journalist Howard Jacobson beschreibt Leonard Cohens Tanzstil so:
Und vielleicht wagt er sogar jetzt ein ganz schüchternes Tänzlein, irgendwo hoch über uns auf den Wolken.