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Kapitel 22: Bekannte Stimmen
Jamie hatte kein Wort mit ihr gewechselt, seit sie das Stewart-Haus verlassen hatte und Glenna wusste auch nicht, was sie mit ihm bereden sollte.
Ja, sie war eingeschnappt und ja sie wusste, dass er es nicht böse gemeint hatte. Aber ihr Kopf schwirrte und sie hatte keine Energie, sich mit ihm herumzuschlagen.
Kaum war sie auf dem Gelände angelangt, umgab sie die geschäftige Betriebsamkeit eines Festes in seiner besten Stunde: Kurz vor dem Abbruch der Marktstände und dem inoffiziellen Einläuten der Freinacht.
Die Dämmerung war nah und es kribbelte in Glennas Körper. Ganz egal, was ihr Plan war, sie hatte nur noch eine Chance, ihn umzusetzen, bevor der Cusith eventuell für immer verschwunden war.
Gelenkiger als man es einer Frau ihres Alters zutrauen würde, schlängelte sich Glenna durch die Menschenmenge in Richtung des kleinen Platzes mit den Verkaufsständen.
Dort zollte sie den Auslagen keine Beachtung, sondern marschierte einmal rundherum.
»Verdammt«, fluchte sie, als sie wieder bei ihrem Ausgangspunkt angekommen war.
Sie spürte den warmen Fleck auf ihrem Rücken, aber anders als sonst, bewegte er sich nicht, sondern machte sich einfach nur bemerkbar.
Glenna ignorierte ihn. Wenn er ihr etwas sagen wollte, sollte er doch.
Und ja, sie war sich bewusst, wie bescheuert es war, nach einer dummen Ziege Ausschau zu halten, nur weil sie schwarzes Fell hatte. Schlussendlich trat sie an den Stand heran, von dem sie glaubte, dass das Tier daneben angebunden gewesen war.
»Entschuldigen Sie«, fragte sie die Verkäuferin, die dabei war, ihre Waren zusammenzuräumen.
»Ja?«, fragte diese, klang aber nicht, als wäre sie noch bereit, sich wirklich um Kundschaft zu kümmern.
»War hier heute Nachmittag eine Ziege an ihrem Stand?«
Nun hob die schon etwas ältere Dame doch ihren Kopf und blickte Glenna aus zusammengekniffenen Augen an.
»Wie bitte?«
»Eine Ziege«, wiederholte Glenna mit einem freundlichen Lächeln.
Die Frau stemmte die Hände in die Hüften. »Soll das ein Scherz sein?«
Glenna blinzelte verwirrt. »Nein?«
Sie Augen der Frau wurden noch schmaler und auf einmal schien es Glenna, als wäre sie ein Mensch, die in ihrem Leben schon oft Namen genannt worden war, die sie nicht verdient hatte.
»Verzeihung«, sagte Glenna rasch. »Ich meine eine wirkliche Ziege. Eine mit schwarzem Fell.«
Die Züge der Frau glätteten sich etwas und sie widmete sich wieder ihrer Auslage.
»Nein«, sagte sie. »Der stinkende Bock war zwei Stände weiter.«
Glenna bedankte sich und ging zu besagtem Stand, nur um enttäuscht festzustellen, dass dieser seine Auslagen bereits zusammengepackt hatte und abgereist war.
Sie seufzte schwer und lehnte sich gegen den nackten Verkaufsstand. Irgendwie wollte die Tage auch gar nichts so funktionieren, wie sie mochte.
Sie nahm ihre Handtasche auf den Schoss und suchte darin nach dem Mobiltelefon. Für einen kurzen Moment überlegte sie sich, ob sie Aidan eine weitere dumme Frage senden sollte, entschied sich dann aber dagegen. Sie wollte ihr Glück nicht ausreizen und es mit dem Jungen vergraulen, so dass er ihr gar nicht mehr antwortete, wenn es dann wirklich dringend war.
Sie wusste, dass sie nicht einfach hier sitzen bleiben konnte. Aber was in aller Welt sollte sie nun tun?
Die Ideen gingen ihr langsam aus.
Plötzlich spürte sie ein Kribbeln in ihrem Nacken.
Im ersten Moment dachte sie, dass es Jamie war, der sich über ihren Körper bewegte, doch sie erkannte rasch, dass es eine andere Art von Gefühl war. Es war kein Erwärmen ihrer Haut, sondern vielmehr, als berührte sie etwas von weit entfernt, das dennoch wie viele feine Nadeln in ihre Haut eindrang.
Sie schauderte und sog scharf Luft ein, bevor sie einen Blick über ihre Schultern warf.
Hinter ihr stand niemand.
Trotzdem rutschte sie von der Ladefläche des Standes und ging um ihn herum. Auch wenn das Treiben immer noch im Gange war, schien es ihr, als wären alle Geräusche auf einmal gedämpft.
Sie zog die Augenbrauen zusammen und setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Auf einmal überkam sie eine Art Schwindel, als hätte sie an einem heißen Sommertag zu wenig getrunken.
Sie presste die Augen zusammen und klammerte sich an ihre Handtasche, auch wenn ihr diese nicht wirklich Halt versprach.
Ein beständiges Rauschen erhob sich um sie herum und wurde lauter und lauter. Sie konnte verschiedene Stimmen ausmachen, die miteinander flüsterten.
»Bonnie«, hörte sie eine verführerische Frauenstimme.
»Bonnie«, drang eine weitere, kehlige Männerstimme an sie heran.
Auf einmal war die Luft erfüllt von ihrem Namen und irgendetwas zupfte an ihrem Mantel.
»Was?«, murmelte Glenna, aber es fiel ihr schwer, irgendwas zu formulieren, oder nur schon, ihre trägen Gliedmaßen unter Kontrolle zu halten.
Schwerfällig setzte sie einen Fuß vor den anderen. Sie wollte wissen, was da war, was sie rief. Irgendwo tief in ihr drin erkannte sie die Stimmen.
»Létoile?«, flüsterte sie und streckte den Arm aus.
Sie spürte ein leises Kitzeln an ihrer Handfläche, als fremde Finger sie berührten. Fingernägel schabten über die sensitive Hautpartie, krochen weiter über ihr Handgelenk und ihren Unterarm.
Und dann auf einmal umfasste ein fester Griff ihren Oberarm, zerrte an ihr, so dass sie voran stolperte. Der Griff ließ nicht zu, dass sie hinfiel, sondern eine zweite Hand packte ihren anderen Arm und zerrte sie herum, in die Richtung zurück, aus der sie gekommen war.
Das Rauschen verstummte auf einen Schlag und der Schleier über ihren Augen, den sie bisher gar nicht aktiv bemerkt hatte, lichtete sich.
»Was in aller Welt ist hier los«, fluchte Glenna und versuchte sich aus dem fremden Griff zu befreien.
»Was los ist?«, zischte eine rauchige Stimme in ihr Ohr. »Du warst gerade dabei, in die Anderswelt überzutreten, Bonnie.«
Ihr Herz blieb für einen Moment stehen, aber es hatte nichts mit der Bedeutung der Worte zu tun, sondern vielmehr mit der Stimme, die sie sofort wiedererkannte.
Sie riss die Augen auf und starrte in das Gesicht des Mannes, der sie festhielt.
»Du!«, hauchte sie.
Vorschau auf das Kapitel „Goldene Augen“ von nächster Woche: