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Mirra Andrejewa stammt wie einst Maria Scharapowa aus Sibirien, doch der Glamourfaktor ist nicht ganz so gross wie bei der langbeinigen Blondine, die fünf Grand-Slam-Titel gewann, zur Weltnummer 1 aufstieg und vor allem in der Dekade von 2004 bis 2014 zur Werbekönigin wurde. Dafür tritt Andrejewa zu bodenständig auf. «Ich bin doch eine ganz normale 16-Jährige», meinte sie in Wimbledon lächelnd.
Das ist die Russin natürlich nicht. Dafür spielt der Teenager, der sich selber als schüchtern bezeichnet, viel zu gut Tennis. Das bewies sie auch am Montag bei ihrem ersten Einsatz am Ladies Open in Lausanne. Mit einer für ihre 16 Jahre unheimlichen Ruhe und Abgeklärtheit kam sie bei ihrem erst vierten Turnier auf der WTA Tour locker zum Erfolg. Das kann nach den letzten Monaten nicht mehr überraschen, zumal sich Andrejewa in der Schweiz ausgesprochen wohl fühlt.
Berge und Siege im Tessin
Erst im April bestritt sie in Chiasso ihren ersten Wettkampf in diesem Jahr. Sie holte sich den Sieg beim mit 60'000 Dollar dotierten Sandturnier ebenso wie eine Woche später in Bellinzona. «Das liegt an den Vorgaben, dass ich wegen meines Alters nur eine bestimmte Anzahl Turniere spielen darf», erklärte sie im Gespräch mit Keystone-SDA. Sie müsse deshalb gut überlegen, wo und wann sie spiele. Und fügte mit einem frechen Lachen hinzu: «Natürlich gefällt mir die Schweiz. Wir waren in den Bergen, es ist wunderschön.»
Danach startete die junge Russin, die Roger Federer als Idol bezeichnet, aber auch von den Kämpfer- und Comeback-Qualitäten Rafael Nadals beeindruckt ist, so richtig durch. In Paris qualifizierte sie sich erstmals für das Hauptfeld eines Grand-Slam-Turniers und stürmte gleich in die 3. Runde. In Wimbledon gelang ihr das Gleiche, hier wurde sie dann sogar erst im Achtelfinal in drei Sätzen von der erfahrenen Madison Keys gestoppt. Das Jahr hatte Andrejewa als Nummer 293 des WTA-Rankings begonnen, nun ist sie auf Platz 64 bereits mitten in der erweiterten Weltspitze angekommen.
Selbstgespräch als Schlüssel zum Erfolg
Im Gespräch macht der Jungstar einen gefestigten Eindruck, als ob sie der Rummel nicht über Gebühr beeindrucken würde. Bisher kann sie sich auch der Diskussion um den russischen Krieg in der Ukraine entziehen, als Teenager wird sie - durchaus verständlich - nicht mit Fragen zu ihrer Einstellung dazu bedrängt. Sie ist noch in der Schule, natürlich online, und sei ganz gut, wie sie findet. Ausser in Chemie, da verstehe sie nichts. Dafür versteht sie die Geometrie eines Tennisplatzes hervorragend.
Nach Paris hatte Andrejewa ein tiefes und langes Gespräch - mit sich selber. «In meinem Kopf realisierte ich dabei einige wichtige Sachen. Ich habe Entscheide getroffen, die wichtig sind für mich.» Allzu sehr wollte sie dabei nicht ins Detail gehen. Aber: «Bis jetzt funktioniert es ganz gut.» Auch auf dem Platz handelt sie eher instinktiv. Sie höre natürlich den taktischen Erklärungen ihres Trainers zu, doch am Ende spiele sie das, was sie als richtig fühle.
Seit diesem Frühling trainiert sie in Cannes, in der Akademie, in der bereits ihr Landsmann Daniil Medwedew gross wurde. «Wir hatten zwei Optionen», erzählt Andrejewa, deren ältere Schwester Erika am Montag gegen Jil Teichmann chancenlos blieb. «Cannes oder die Rafa Nadal Akademie auf Mallorca.» Trotz ihrer Bewunderung entschied sie sich für Cannes. «Es war näher, deshalb gingen wir als erstes da hin, und es passte.»
Ein Problem mit den Augen?
So unkompliziert geht die 16-Jährige derzeit ihr Tennisleben an. Noch ist vieles neu. Bei ihrem ersten WTA-Turnier in Madrid staunte und schwärmte sie. Zum Beispiel von Andy Murray, den sie als «im echten Leben wunderschön» bezeichnete. Der für seinen trockenen Humor bekannte Schotte antwortete auf Twitter: «Stellt euch vor, wie gut die erst wird, wenn sie ihre Augen in Ordnung bringt.»
Diese sind allerdings völlig in Ordnung. Deshalb würde es nicht überraschen, wenn Mirra Andrejewa auch ihr drittes Turnier in der Schweiz gewinnt. Als nächstes stellt sich der Nummer 6 des Ladies Open die Ungarin Anna Bondar (WTA 60) in den Weg.