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von Marc Guéniat, zurück aus Lusaka
Der massenhafte Aufkauf von Land ist ein Phänomen globalen Ausmasses, in Sambia ist es zu einem akuten Problem geworden. In Nampamba finden massive Auseinandersetzungen zwischen einem Biotreibstoff-Produzenten und ansässigen Bauern statt.
Normalerweise dient ein Zaun dazu, ein Landgut abzugrenzen. In Nampamba, einem kleinen Dorf im Norden Sambias, wurde dies in sein Gegenteil verwandelt. Der lange Elektrozaun scheint nicht zur Eingrenzung des Bodens der Firma ETC Bio-Energy Limited erstellt worden zu sein, sondern um die Dorfbewohner einzukesseln. Nur ein knapper Meter trennt ihn von den Erdhütten, die ihm am nächsten stehen, umgeben von einem Meer von Jatropha, einer Pflanze, aus deren Nüssen eines der effektivsten technisch nutzbaren Pflanzenöle gewonnen wird. Aus diesem Dorf mit etwa 500 Einwohnern gibt es nur einen Ausgang zur Strasse, ohne den Grenzzaun zu durchbrechen, der von einem südafrikanischen Biotreibstoffproduzenten um die 57 000 Hektaren seines Besitzes gezogen wurde. Seines Besitzes? Das ist die Frage.
Auf dem Gelände wie vor den Gerichten haben die Firma und die Bewohner einen zehnjährigen erbitterten Krieg über die Bodennutzungsrechte geführt. «Aber ETC hat ihn gewonnen, indem sie sich nach und nach und mit Gewalt unseren Boden angeeignet hat», fasst Francis Kamanda zusammen, ein Rentner, der die Führung des Aufstandes übernommen hat, vereint unter dem Namen Bauerngemeinschaft von Mimbolo (Communauté des fermiers de Mimbolo).
Das Grundproblem für diese Situation ist das duale Bodenrecht, das in Sambia in Kraft ist. Auf Grund des von der Verfassung anerkannten Gewohnheitsrechts wurde das Land durch Lesa, die Führerin des «Königreichs», unter die Bauern aufgeteilt. Parallel dazu hat der Staatspräsident den Investoren anfänglich eine Fläche von 10 000 Hektaren zugestanden. Die einen wie die anderen können deshalb auf ihrem Recht bestehen, die Landwirtschaftszone von Nampamba zu nutzen. Diese rechtliche Grauzone, die aus einer wenig präzisen Abgrenzung der Kompetenzen der Führerinnen und des Staatspräsidenten entstanden ist, bringt in erster Linie die Kleinbauern in grosse Not.
Harry Kampani von der NGO FIAN*, die auf Agrarthemen spezialisiert ist, beschuldigt die Investoren, dass sie «nicht zögern, die Verwaltung zu bestechen, um ihre Ziele zu erreichen». Ebenso steht ihnen nichts im Wege, dem traditionellen Führer ein Geschenk anzubieten, um seine Zustimmung zu erhalten. Derartige Abläufe sind jedoch in Nampamba fehlgeschlagen, da die Führerin Lesa ihre Untertanen unterstützt hat.
Eigentlich hatte das Zusammenspiel der verschiedenen Kräfte verhältnismässig gut begonnen bis zum Zeitpunkt, als sich die unabhängige britische Gesellschaft Mpongwe Development Company (MDC) 1996 in der Nähe des Dorfes niederliess – ETC hat diese Landfläche erst 2007 übernommen.
Ein aus Kadern der MDC und aus Einwohnern zusammengesetztes Komitee wurde gegründet, um die bodenrechtlichen Fragen durch gegenseitige Absprache zu lösen. Sechs Jahre später wechselt die Direktion der MDC, und die neue Art der Kommunikation wurde sehr viel brutaler. Die Dorfbewohner wurden durch Wachleute drangsaliert, einige Häuser, die den territorialen Ambitionen der Gesellschaft im Wege standen, wurden in Brand gesteckt. Während MDC mit Gewalt seinen Landbesitz vergrösserte, begannen die gerichtlichen Auseinandersetzungen.
Alle Instanzen der Justiz haben den Fall beurteilt bis zum Entscheid des Obersten Gerichts, das im letzten Sommer einen Schlusspunkt hinter den Konflikt und ebenso hinter die Hoffnungen der Dorfbewohner setzte. «Zwei Tage vor diesem letztinstanzlichen Entscheid haben sich der Vizepräsident und der Justizminister die Mühe gemacht, bis hierher zu kommen, um sich mit den Kadern von ETC zu unterhalten», hält Francis Kamanda fest und denkt dabei an mögliche Schmiergelder. Und wie bei allen Transaktionen in Sambia hat die Regierung die Höhe der Kosten dieser für 99 Jahre gültigen Konzession sorgfältig geheimgehalten. Sogar die Justiz hat keine Kenntnis davon, wie das Urteil, das sich in unserem Besitz befindet, bescheinigt.
Die Bewohner von Nampamba sind also eingesperrt innerhalb dieser Umzäunung und müssen von einer Landwirtschaft leben, die nur gerade ihr Überleben ermöglicht. «Unsere Felder sind winzig. Wir können unmöglich einen Überschuss an Mais für den Verkauf produzieren», berichtet Godwin Ngira, ein etwa 50jähriger Bauer. Die Wirtschaft des Dorfes beschränkt sich nur noch auf Tauschhandel, mit allen Folgen, die das mit sich bringt, da die Kosten für Gesundheitswesen und Schulbildung weiterhin mit Bargeld bezahlt werden müssen. Viele müssen deshalb auf die Befriedigung dieser fundamentalen Rechte verzichten.
Im Unterschied zu zahlreichen anderen afrikanischen Ländern südlich der Sahara ist Sambia sehr schwach bevölkert und besitzt Wasser im Überfluss. Nur 15% des bebaubaren, ausserordentlich fruchtbaren Bodens werden genutzt. Deshalb hat die Regierung die Landwirtschaft zu ihrer Priorität gemacht – unter anderem auch die Produktion von Biotreibstoff –, um dem Erdölpreis, der in Sambia Spitzenwerte erreicht, etwas entgegenzusetzen. «Es geht also nicht um den Export, sondern darum, den lokalen Markt zu beliefern, um unsere Unabhängigkeit in der Energiefrage zu erhöhen», macht Thomson Sinkala, Präsident der Gesellschaft für Biotreibstoffe in Sambia, geltend.
Wie dem auch sei – in Anbetracht der verfügbaren Landflächen in Sambia sollte es keine Schwierigkeiten bereiten, den Investoren 30 Millionen der 70 Millionen Hektaren Ackerboden im Land zu überlassen. Die Zusammenstösse zwischen den Kleinbauern und den agroindustriellen Konzernen sind dennoch häufig, wie das Beispiel Nampamba zeigt.
Es geht dabei um Gegensätze, die aus wirtschaftlichen Gründen entstehen. «Die einen wie die anderen beanspruchen dieselben Landgebiete in der Nähe der Märkte, das heisst in der Nähe der Verkehrswege und des Stromnetzes», erklärt Henry Machina, Direktor der NGO Land Alliance, die den Einwohnern von Nampamba bei ihrem Kampf zur Seite steht. Bei einem Literpreis von 2 Dollar für bleifreies Benzin werden die Transportkosten für jeden, der weiter von den Märkten entfernt ist, unbezahlbar.
Indem sie auf die Landwirtschaft setzt, beabsichtigt die Regierung, die extrem schwache Produktivität dieses Wirtschaftssektors zu verbessern und die Anzahl Arbeitsplätze deutlich zu vermehren. Henry Machina macht allerdings keinen Hehl aus seinen Vorbehalten gegenüber der Qualität dieser Arbeitsplätze. Bei ETC zeigen die Lohnausweise, die wir einsehen konnten, dass ein Arbeiter für achteinhalb Stunden Arbeit in praller Sonne nur 2 Dollar pro Tag verdient. Mit einem solchen Lohn können nicht einmal die Grundbedürfnisse gedeckt werden, um so mehr als die Lebensmittelprodukte in Sambia auf Grund der bereits erwähnten hohen Transportkosten extrem teuer sind.
Nampamba ist nur ein Fall von Tausenden dieses weltweiten Phänomens, das man als «Land grabbing» bezeichnet. Letzten September hat selbst die Weltbank sich zu den zahlreichen NGOs gesellt, die mit der Veröffentlichung eines beunruhigenden Berichts die Alarmglocke läuten. Während von 2000 bis 2008 jährlich auf der ganzen Welt 4 Millionen Hektaren Land gekauft wurden, hat sich diese Zahl 2009 – im Jahr, das auf die Krise der Nahrungsmittelpreise folgte – verelffacht.
Sambia gehört mit zu den Ländern, die laut Olivier de Schutter, Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung, am meisten umkämpft werden. Etwa 2 Millionen Hektaren wurden dort von 2004 bis 2009 verpachtet. Und alles weist darauf hin, dass diese Tendenz weiter ausgebaut werden wird, entsprechend dem Willen der Regierung, die den Investoren grosse Steuervorteile gewährt.
Eine Hektare kann für 350 bis 500 Dollars erworben werden, das ist zehnmal weniger als in Argentinien. Eine staatliche chinesische Gesellschaft hat 2 Millionen Hektaren beantragt, ebenfalls um Jatropha anzupflanzen. Verhandlungen bezüglich Dutzenden von Projekten, mitunter auf Hunderte von Millionen Dollars beziffert, sind im Gange. Es handelt sich dabei oft um Länder, die wie etwa China oder die Scheichtümer am Persischen Golf, versuchen, ihre Ernährungs- oder Energiesicherheit zu sichern. Aber auch die privaten Investoren ruhen nicht; sie wittern saftige Gewinne auf Grund der steigenden Preise für Agrarprodukte. Ein Preisanstieg, der den Bauern in Nampamba keinerlei Vorteile bringt … •
Quelle: 24 heures, «Des terres très convoitées», 20.5.2011
(Übersetzung Zeit-Fragen)
* FIAN oder FIAN International, das FoodFirst Informations- und Aktions-Netzwerk, setzt sich als internationale Menschenrechtsorganisation dafür ein, dass alle Menschen frei von Hunger leben und sich selber ernähren können. FIAN kämpft für das Recht auf angemessene Ernährung auf Basis internationaler Menschenrechtsabkommen, insbesondere des Sozialpaktes.
(Quelle: Wikipedia)
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