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Zweimal Tote leben länger: Luigi Pirandello (1867-1936)
Auf die Frage, wer er sei, antwortet der Friedhofsbesucher, der eben einen Strauss auf das Grab mit der Inschrift «Von widrigem Schicksal gefällt, ruht hier freiwillig Mattia Pascal» gelegt hat, dem Neugierigen: «Ja, mein Bester... Ich bin Mattia Pascal selig.» Und das Buch mit dem überraschenden Finale erzählt dann natürlich das Leben dieses Mattia Pascal, der eines fehlgedeuteten Leichenfunds wegen als lebender Toter der Tyrannei von Gattin und Schwiegermutter entkam, beim Spiel ein Vermögen gewann und als Adriano Meis ein neues Leben begann, bis er einsah, dass das neue in einer bigotten verwalteten Welt um nichts besser als das alte war und er mittels eines fingierten Suizids auch von diesem Abschied nahm und so als ein zweimal Gestorbener weiterlebte.
Was in dem 1904 erschienenen Roman «Il fu Mattia Pascal» doppelt vergeblich durchgespielt ist - der Versuch, einer verlogenen Rolle zu entkommen -, hat Luigi Pirandello nicht nur als Epiker, sondern auch als Dramatiker lebenslang interessiert. Denn in Stücken wie «Sechs Personen suchen einen Autor», «Enrico IV» und 41 anderen, die er unter dem Titel «Maschere nude» gesammelt edierte, tat er im Grunde nichts anderes als eben diese Divergenz zwischen Kunst und Leben, Sein und Schein, Wesen und Maske aufzuspüren. Und er tat das in jener stupend modernen Schreibweise, die er 1908, im Essay «L'umorismo»/«Der Humor», ankündigte, wo er forderte, dass der Dichter «ein Humorist» zu sein habe, «der zerlege, verwirre und durcheinanderwerfe».
Obwohl er ihn als Wegbereiter des existentialistischen modernen Theaters im Grunde in Frage stellte, schaffte es Pirandello dennoch, sich mit dem Faschismus zu arrangieren und war sogar Dirrettore generale der Theater in Rom, Turin und Mailand. Irritation verursachte er nur, als er 1934, zwei Jahre vor seinem Tod im Alter von 69 Jahren, den Literaturnobelpreis bekam, wo doch ganz Italien den Mussolini-Intimus Gabriele d'Annunzio für gesetzt gehalten hatte...