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Andri Ragettli, Sie sind Spitzensportler und ein Star der sozialen Medien. Kein Schweizer hat jemals so viele Leute auf einen Schlag erreicht. Riskieren Sie mit Aktionen wie dem Parcours-Video Ihre Ambitionen bei Olympia?
Nein, dann wäre auch Treppensteigen gefährlich.
Sie kokettieren.
Auf eine Rolle zu springen, ist Übungssache. Es ist nicht einfach, aber für mich bestand keine wirkliche Verletzungsgefahr. Das kann ich gut genug. Auf den Swiss Ball zu springen, den Physiotherapie-Ball, war das Schwierigste. Beim ersten Versuch schlug ich mir den Kopf leicht an. Aber es war nichts dabei, das richtig gefährlich war.
Wie viele Versuche brauchten Sie?
Ich habe es in 30 Versuchen vielleicht zweimal geschafft, ohne zu fallen. Aber es war zum Teil etwas wacklig. Also probierte ich so lange, bis es fehlerlos war. Am Ende waren es 60 bis 70 Versuche. Innerhalb von sechs Stunden. Ich schwitzte dabei wie verrückt. Und am nächsten Tag hatte ich Muskelkater.
Wussten Sie: Jetzt lande ich einen Hit?
Ich erreichte schon vor einem Jahr mit einem ähnlichen Video ein grosses Publikum. Also haben wirs wieder versucht. Wir haben 10 bis 15 Minuten lang die Views zusammengezählt. Und da waren es bereits 60 Millionen.
Sie trugen ein Fussballshirt von Real Madrid. Der Verein hat Ihr Video aufgeschaltet. War das alles kalkuliert?
Das Real-Madrid-Shirt trug ich, weil ich Fan des Klubs bin. Und Ronaldo-Fan bin ich auch. Aber logisch: Ich wusste, wenn das Video gut kommt, dann teilen sie es wahrscheinlich. Ich kenne einen Filmer, der mit Real arbeitet. Er machte sie darauf aufmerksam.
Eine Vermarktungs-Strategie.
Logisch mache ich das, um mich zu vermarkten. Nachdem mein Video im vergangenen Jahr abging, wollte ich das wiederholen. Es war zudem eine gewagte Strategie. Wir haben auch darüber gesprochen, ein Sponsor-Shirt überzuziehen. Das haben wir nicht gemacht. Weil es authentisch sein soll. Sonst hätte ich gleich Werbeplakate aufhängen können im Hintergrund. Aber ich will meine Reichweite, einen Namen. Ich will meine Marke aufbauen, die über das Freeski hinausreicht. Wenn du weltbekannt bist, wirst du interessant für Sponsoren. Ich habe jetzt 40 000 neue Abonnenten. So bekommen jetzt die Sponsoren auch etwas zurück.
Sie schreiben den Leuten, die ihr Video kommentieren, oft zurück. Haben Sie zu viel Zeit?
Ich versuche die Bindung zu halten. Aber ja, ich bin froh, dass alles durch ist. Weil es streng war. Ich las viele Mails, war ganz oft am Handy. Ich bin sowieso zu oft online. Und so noch mehr. Es ist klar: Ich muss mich künftig mehr abgrenzen. Sonst ufert es aus.
Sie bewegen sich plötzlich im Bereich der Stars. Sie haben über 80'000 Abonnenten auf Instagram, 45'000 auf Facebook.
Wenn ich mal 100'000 habe, dann geht es immer schneller aufwärts. Das ist sehr wichtig. Und für die Fans spannend. Ich will auch wissen, was Ronaldo und Federer machen. Lustig war, dass sich dieses Video selbst Stars angesehen haben. Novak Djokovic folgt mir jetzt auf Instagram. Ich erhielt sogar eine Nachricht von ihm.
Was hat er geschrieben?
Was ich auf den Ski mache, sei brutal. Er hätte beim Zusehen Gänsehaut bekommen. Ich war sprachlos, dass so einer mir persönlich schreibt. Ich habe ihm gute Besserung gewünscht. Er hat mir extrem Auftrieb gegeben.
Sie haben beim Nine Royals einen Quad Cork 1800 gestanden. War das riskant?
Nicht unbedingt. Ich machte zuerst die Vorübungen mit dem Dreifachsalto. Damit fühlte ich mich ziemlich wohl. Ich habe den Vierfachen versucht, weil ich ein gutes Gefühl hatte und sicher war, dass ich ihn stehen würde. Sonst mache ich solche Sprünge nicht. Die Verletzungsgefahr wäre zu gross.
Führen Sie uns durch den Sprung.
Wichtig ist der Anlauf. Du hast oben einen Punkt fixiert, an dem du losfährst. Er muss perfekt bestimmt sein. Denn du musst die Weite haben und in der Anfahrt dafür den richtigen Speed. Das musst du spüren. Auf dem Kicker löse ich den Sprung im Gegenuhrzeigersinn aus. Es muss enorm schnell gehen, weil ich vier Salti machen muss. Nach der Auslösung fasse ich schnell an den Ski, halte mich dort. Das Interessante ist: Bei den ersten drei Salti sehe ich nicht viel, das geht so schnell. Wenn ich in den vierten Salto hineingehe, schaue ich Richtung Boden, orientiere mich, wo ich bin. Ich sehe: okay, ich springe weit, ich habe genügend Zeit, oder: o nein, ich muss mich beeilen, schnell drehen. Wenn es weit geht, kannst du verlangsamen, dich breiter machen. Die gute Orientierung in der Luft ist enorm wichtig für die Landung.
Könnten Sie abbrechen?
Nein, eigentlich nicht. Wenn man auf dem Kicker ausgelöst hat, sollte man den Sprung auch machen. Weil du so viel Rotation auslöst, die du nicht mehr bremsen kannst.
Eiskunstläufer planen Sprünge mit einem Sportwissenschafter. Wie viel Rotation, wie hoch, wie weit. Warum Sie nicht?
Weil bei uns die Schanzen immer unterschiedlich sind. Andere Höhe, Winkel. Das Eis ist immer gleich. Bei uns läuft alles über das Gefühl, über die Erfahrung ab. Ich machte fünf Dreifachsalti. Ich merkte: es geht. Dann löst du einen Vierfachen aus, aber öffnest am Ende die Ski. Du weisst: okay, ich hätte Platz für einen vierten gehabt.
Üben Sie nie mit einer Schnitzelgrube?
Ich kann nicht in eine Schnitzelgrube springen. Die Zweifachsalti kann man auf dem Trampolin üben, die Vierfachen nicht mehr. Das macht den Skifahrer aus. Das Körpergefühl haben, überzeugt sein, dass du es schaffst. Wenn ich etwas versuche, bin ich überzeugt, dass es klappt.
Auf dem Video klatschen Sie vor dem Sprung einen Kollegen ab, dann fahren Sie los. Sie scherzen wohl!
Ja, das ist natürlich geschnitten. Ich brauche zwei Minuten Konzentration, in denen ich alles im Kopf durchgehe. Da bin ich im Tunnel. Das ist unheimlich wichtig.
Aber Sie transportieren dem Publikum, dass ein Vierfachsalto locker geht.
Einerseits pflegen wir ein Image. Unser Sport soll mit Spass verbunden, nicht verbissen sein. Aber ja, man kann darüber diskutieren, was bei den Menschen ankommt. Manchmal stört mich, dass Leute das Gefühl haben, es sei der Plausch. Wenn wir oben am Start stehen, sind wir hundert Prozent fokussiert. Wir trainieren im Sommer pausenlos, machen Krafttraining. Wir sind nicht in den Ferien. Aber das Bild hält sich. Ich glaube hingegen nicht, dass die Kids denken, sie könnten die Tricks nachmachen. Sie probieren nicht mal einen Salto. Das ist gesunder Menschenverstand. Ich bin beispielsweise einer, der überhaupt nicht risikofreudig ist. Wenn ich etwas mache, weiss ich, dass ich es kann.
Die Schanze stand im Südtirol. Gibt es noch grössere Schanzen?
Das ist jedenfalls die grösste, die ich bislang gesprungen bin. Der Sprung war auf 25 Meter angesetzt. Ich bin mindestens 35 Meter weit geflogen. Dazu war er sehr steil. Das hilft enorm, um einen Vierfachen zu stehen.
Wo liegen die Grenzen?
Das habe ich mich auch schon gefragt. Der Sprung ist schon langsam an der Grenze. Ich weiss nicht, was da noch kommen soll. Wenn man die Schanzen noch grösser baut, noch mehr Anlauf nimmt, kann man das vielleicht machen. Ein Fünffachsalto ist so vielleicht realistisch. Nur sprechen wir da von gigantischen Schanzen. Mehr als fünf Salti halte ich für unrealistisch. Daswird meiner Meinung nach das Letzte sein, das einer probiert.
Wie professionell sind Sie geworden?
Mit 19 bist du nicht mehr derselbe wie mit 16. Ich denke anders. Als Teenager fragst du dich mit 14 Jahren, was du überhaupt im Kraftraum willst. Heute weiss ich es genau. Auch die Ernährung kommt dazu. Ich trinke seit einem Jahr nur noch Wasser. Süssgetränke gibt es keine mehr. Und ich versuche meinem Körper mehr Sorge zu tragen. Jeden Abend eine halbe Stunde stretchen. Solche Sachen. Aber es gibt noch viel Luft nach oben.
Zum Beispiel?
Ich fand interessant, wie penibel es ein Top-Athlet wie Ronaldo mit dem Schlaf nimmt. Ich habe gelesen, dass er fünf Mal am Tag 90 Minuten schläft. Das hätte ihm sein Schlafcoach geraten. Weil acht Stunden Schlaf am Stück unnatürlich sind und zu einem Mittagstief zwischen 13 Uhr und 15 Uhr führen.
Wie wichtig wäre ein Erfolg bei Olympia?
Olympia würde sicher etwas verändern. Ich will mir aber nicht zu viel Druck machen. Danach werde ich zurück in die Schule gehen und die Matura machen. Es ist megastressig in diesem Winter. Danach kann ich mich voll auf den Sport konzentrieren.
Was reicht für Medaillen?
Vieles hängt von der Tagesform ab. 10 bis 15 Athleten können Medaillen gewinnen.
Ein Erfolg würde finanziell helfen.
Sagen wir es so: ich kann bereits davon leben. Und wenn ich etwas reisse, wird es sicher besser. Mein Ziel ist es, so gross zu werden, dass ich mit meinem Sport eine Existenz habe. Wenn du über Jahre der Beste bist und dich über Social Media vermarktest, schaffst du das.
Ein Interview aus SI Sport