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Südlich von Buchs liegen in der Rheinebene die beiden Dörfchen Burgerau und Räfis, das erstgenannte «ausser der Bahn» (also östlich der Bahnlinie) gelegen. Abgesehen von ein paar Häusern in Oberräfis, die auf Seveler Boden stehen, gehören beide zur Gemeinde und Kirchgemeinde Buchs. Laut dem «Geographischen Lexikon der Schweiz» von 1905 wohnten in Räfis 835 reformierte Einwohner in 144 Häusern, die sich mit Obst-, Mais- und Gemüsebau, Viehzucht, Stickfabriken sowie Handstickerei als Hausindustrie beschäftigten. Ferner wurde damals in der Rheinebene Streue gewonnen. Bis zur jüngsten Zeit waren beide von der Hauptsiedlung räumlich deutlich getrennt; erst die intensive Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte hat diesen Abstand mittlerweile gänzlich aufgehoben. Bis heute hat sich aber unter den eingeborenen Räfisern ein eigenes Gruppenbewusstsein erhalten.
Die Siedlung ist sehr alt; davon zeugt nicht nur ihr Name, dem wir uns hier zuwenden wollen. Auch die urkundlichen Nennungen reichen sehr weit zurück, fast so weit wie die Erwähnungen von Buchs selber: Im berühmten «Urbar des Reichsgutes in Churrätien» aus der Zeit Kaiser Ludwigs des Frommen (erste Hälfte des 9. Jhs.) wird unter zahlreichen anderen Gütern in ganz Churrätien, auch im Werdenberg, ein «Beneficium Lutonis, id est Reuena, curtis dominica» erwähnt (= ‘das Lehen eines Mannes namens Luto, nämlich Räfis, der Haupthof’). Ferner heisst es dort: «Ecclesia sancti Georgi ad Bougo, quae habet … pratos carratas CCC. Et decima de ipsa villa, et de Reueno» (= ‘die Kirche des hl. Georg in Buchs, welche von … Wiesen hundert Fuder hat. Und der Zehnte desselben Dorfes sowie von Räfis’). Damals wird Räfis also Revéna oder Reveno geheissen haben. Es bleibt da allerdings eine gewisse Unsicherheit, denn erhalten ist das Originaldokument aus jener Zeit nicht. Was wir haben, ist bloss die Kopie einer Abschrift durch Aegidius (Gilg) Tschudi aus dem 16. Jh.; wir können daher leider die Schreibung der Namensform nicht überprüfen.
Luftaufnahme über dem Rhein, mit Blickrichtung Nordwest: vorne links Burgerau und Räfis, in Bildmitte Buchs mit dem bewaldeten Buchser Berg; in Bildmitte hinten Grabs und Grabser Berg, rechts hinten Gams und Gamser Berg. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Die Reihe der urkundlichen Nennungen ist hier, wie bei Dorfnamen allgemein, viel länger als bei blossen Flurnamen: 60 Belege finden wir zum Namen Räfis seit Beginn der Überlieferung im 9. Jh. bis 1801. Dabei kristallisieren sich zwei Belegtypen heraus: a) das in vordeutscher Zeit geläufige /Revena/ (nennen wir es die «romanische» Form) mit Betonung der zweiten, und b) das heute übliche /Räfis/ mit Betonung der ersten Silbe (die «deutsche» Form). Nach den erwähnten Erstbelegen (Revena/Reveno) erscheint 1351 ein zwitterhaft anmutendes Reafens, aber 1393 schon Raefis, mit welchem die moderne Sprechform offensichtlich erreicht ist. (Das abweichende Refers von 1395 scheint verschrieben.) Von da weg wird die Liste dominiert von den Schreibungen Rafis, Reuis (= Revis), Räfis, Reffis und ähnlich. Einzig 1533 taucht mit «unden Jn dem dorff reffinen» nochmals eine Form auf, die ein später Reflex von Reafens (1351) sowie dem alten /Revena/ zu sein scheint – wobei fraglich bleibt, ob eine Form reffinen im 16. Jh. tatsächlich noch weiterlebte, oder ob nicht der Schreiber diese Form so zurechtgemacht habe. Auffällig ist, dass das Schluss-s der «deutschen» Form Räfis in der «romanischen» Form /Revéna/ ganz fehlt. Die Form 1351 Reafens wurde offenbar – unter deutschem Einfluss – bereits auf der ersten Silbe betont, und sie hat auch das Schluss-s bereits angenommen; aber das -n- des «romanischen» Typs /Revena/ ist gleichzeitig noch vorhanden. Es dürfte sich hier um eine Art Zwischenstufe, eine Brückenform zwischen dem alten und dem jungen Typ handeln. Das Auftauchen des -s hinten am Namen erinnert uns an die vielen Ortsnamen im alten Churrätien, welche (wie Trun/Truns, Flem/Flims, deren «deutsche» Form stets ein -s aufweist, das in der «romanischen» Form fehlt. Man glaubte früher, bei diesem Anhängsel handle es sich um ein Mehrzahl-s; es stellte sich aber heraus, dass wir es mit alten Einzahl-Nominativformen zu tun haben, die im Alträtoromanischen noch unterschieden wurden von der Akkusativform ohne -s. Da diese Unterscheidung eben damals, zur Zeit des Sprachwechsels zum Deutschen, im Romanischen aufgegeben wurde, erfuhren die nun «überflüssigen» s-Formen eine Umdeutung: Sie gerieten in den Bereich der in zweisprachigen Gebieten normalen Herausbildung je eigensprachlicher Namenformen: Das Endungs-s wurde zum Kennzeichen «deutscher» Namensformen (wie man eben auf deutsch Truns, auf romanisch aber Trun sagt), so dass dieses -s nun auch bei Namen eingesetzt werden konnte, wo es ursprünglich gar nicht hingehörte. Dies ist auch hier der Fall, wenn wir von altem /Revena/ ausgehen. Daran ist wohl nicht zu zweifeln. Die «deutsche» Form Räfis geht also auf altes Revena zurück, wurde von der alemannischen Bevölkerung als *Reven (mit Akzentrückzug) übernommen, dem sich nun das erwähnte -s anschloss (Revens, vergleiche Beleg Reafens von 1351). Schliesslich wurde die nunmehr tonschwache zweite Silbe -ens «erleichtert» zu -is, womit die heutige Form erreicht war. Somit wäre die formale Entwicklung des Namens seit dem Frühmittelalter im Wesentlichen erläutert.
Die sprachliche Herkunft des Namens ist damit allerdings noch nicht geklärt. Wie gingen unsere älteren Autoren mit dieser Frage um? Es ist leicht anzunehmen, dass sie sich auch hier mit mannigfachen Spekulationen abgaben.
Das Schulhaus Räfis an der Churerstrasse. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Unser Lokalhistoriker David Heinrich Hilty (1890) verzichtete ganz auf einen Deutungsvorschlag. Wilhelm Götzinger (1891) suchte eine Anknüpfung an lat. rapa f. (seltener für rapum n.) ‘Rübe, Räbe’, romanisch rava f. ‘Räbe’, engadinisch ravitscha f. ‘Räbe, Kraut (von Rüben)’; ähnlich Theodor Schlatter (1913), der lat. rapa (nach ihm ‘Rübenfeld’) vorschlug. Gabathuler (1928) begegnete diesem Ansatz skeptisch, «da Rüben ja überall wüchsen». Er verwies demgegenüber auf eine Kiesbank, die sich unterhalb Rans schräg gegen die Burgerau hinausziehe und auf der Räfis erbaut worden sei. Damit verband er den Namen mit dem engad. Wort röven, surselv. rieven m. ‘Rain, Bord’ (von ihm als ‘rauhe Halde’ übersetzt und fälschlicherweise mit lat. ripa f. ‘Ufer’ in Beziehung gesetzt). In seinem zweiten Namenbüchlein (1944) wiederholte Gabathuler seine These von der Kiesbank, und er wiederholte, dass vor 1200 hier wegen des Rheinlaufes sicher keine Rübenäcker gewesen seien (was grundsätzlich plausibel ist, wenn auch wohl nicht ausnahmslos gelten musste). Er dachte nun an romanisch rovina f. ‘Rüfe, Geröllhalde, Erdschlipf’. Schliesslich wurde im Namenkapitel des Churfirstenführers des ACS (1968) dann nochmals (nicht ohne Zweifel anzudeuten) das Rübengericht aufgewärmt, an das allerdings schwerlich zu glauben ist.
Dies war der Hintergrund, auf dem Valentin Vincenz 1983 in seiner Dissertation das Namensproblem Räfis anging. Er brachte keine neuen Ansätze ins Spiel, sondern versuchte die bereits bekannten Thesen zu klären:
a) Eine Ableitung *rov-ena oder *rov-ina aus vorröm. *rova ‘Erdschlipf’ wäre durch (deutschen) Akzentrückzug zu *rovena, dann zu *ravena und schliesslich zu revens > Räfis denkbar. Zur Stützung des Ansatzes führte er ins Feld, dass Räfis teils erhöht am Bergfuss liege (damit soll auf die Möglichkeit von Erdschlipfen angespielt werden); allerdings trifft diese Lageumschreibung ja nur für ein Randgebiet zu. Auch erwähnt Vincenz, dass Räfis im Einflussgebiet des noch ungebändigten Rheins lag.
b) Bei vorröm. *rovinu ‘Erdschlipf, Geschiebefläche’ (das zu romanisch röven, rieven ‘Rain, Bord’ wurde) sah er nicht zu Unrecht die Schwierigkeit, diesen Ansatz mit dem Tonvokal -ä- von Räfis zu vereinbaren; auch liegt dieser Ansatz ja in Ruefa (Wartau) vor, was nicht zur Entwicklung bei Räfis passt. Auch sind eigentliche «Börter» mit Erdschlipfen zumindest für das heutige Siedlungsgebiet von Räfis ja nicht typisch; ob umgekehrt ein Erdrutsch am Hangfuss oberhalb von Räfis dieser Siedlung den Namen hätte geben können, muss dahingestellt bleiben (eben wahrscheinlich scheint es auch nicht).
Nachgewiesen ist hingegen, dass der Rhein tatsächlich in früherer Zeit den Dörfern so nahe war, dass er Räfiser Kulturland wegschwemmen und Kiesbänke ablagern konnte. Vom Gebiet Frol (Wiesland zwischen Räfis und Altendorf) heisst es im «Werdenberger Urbar 1543»: «Aber zechen mittmal [= Fläche von rund 2,5 Juchart] acker uff Eriöl [= auf Frol] an ein anderen stossent an den Rhin der hatt etwa vil gnon».
Haus zur Langen Stege in Oberräfis. Im Hintergrund die Räfiser Halde mit der neuen Überbauung. Bild: Hans Jakob Reich, Salez.
Ob vorrömisch *rova ‘Erdschlipf’ bzw. die Ableitung *rovena nicht nur zur Bezeichnung von Hangrutschen, sondern auch von Geschiebeverfrachtungen (Kiesbänken) im Flachland annehmbar ist, wäre noch näher zu untersuchen, etwa anhand der Topographie anderer solcher *rova-Namen in Graubünden und Unterrätien.
c) Schliesslich lässt Valentin Vincenz auch lat. rapum ‘Rübe’ «rein lautlich» (d. h. ohne sich zur Bedeutung auszusprechen) als vertretbar durchgehen, in einer Ableitung *rap-enu oder *rap-inu. Da solche Bildungen aber sonst nirgends vorzukommen scheinen, ist die Wahrscheinlichkeit dieses Ansatzes freilich sehr gering.
Wir kommen zum Schluss. Die hier nachgezeichneten Deutungsversuche führen nicht zu einem rundum überzeugenden Ergebnis; Zweifel bleiben bestehen, und ein Weiterkommen scheint – jedenfalls mit wissenschaftlich vertretbaren Mitteln – einstweilen nicht ersichtlich. Gerade bei Siedlungsnamen, die ja oft besonders alt sind, kommen wir nicht selten in diese Lage. Sollte der Name Räfis ebenfalls in die vorrömische Epoche, also in die vorchristliche Zeit vor dem Einrücken der Römer, zurückreichen (deren Sprachleben uns ja nur fragmentarisch zugänglich ist), dann sind insbesondere die Spekulationen und Operationen mit jüngeren Sprachschichten vergebens. Dann bleibt es einstweilen einfach bei der Feststellung: Name wohl vorrömisch, Deutung unbekannt.