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Ich oder ADHS?
Heinrich Weingartner hat ein wissenschaftlich beglaubigtes Aufmerksamkeitsdefizit. Ein typisches Symptom: Aufschieberitis. Wieso ihn das nicht stört.
Heinrich Weingartner — 05/17/22, 06:30 PM
Heinrich Weingartner fühlt sich manchmal wie eine Wüstenkatze. (Illustration: Lina Müller)
Lange Zeit dachte ich, ich sei einfach ein Arschloch. Aber das konnte nicht der alleinige Grund sein, weshalb ich in und aus Beziehungen rutschte, deshalb viel zu viel trank und sich aufgrund des Alkoholmissbrauchs meine Beziehungsprobleme verschlimmerten. Daher ging ich vor sieben Jahren in die Walk-In-Sprechstunde des Psychologischen Instituts der Universität Zürich. Nach einer Stunde wurde ich zu einem Spezialisten weitergeschickt. Ich musste ein ganz komplizierter Fall sein. Nach einem Bogen mit über 100 Fragen hatten sie mich geknackt: ADHS. Eine Frage lautete: Warten Sie immer bis zum letzten Moment, bis Sie etwas erledigen?
Was ich seit jeher als Nachlässigkeit und Faulheit meinerseits interpretierte, ist ein Krankheitssymptom? Und dafür gibt es einen Namen? Ich erinnerte mich an eine Filmwissenschafts-Seminararbeit: Den Hauptteil schrieb ich in der Nacht vor der Abgabe, mit einem Auge schaute ich ein FIFA-Final und trank während dem Schreiben einige Dosenbiere. Nach der Abgabe verlangte meine Dozentin nach einem Gespräch mit mir. Mist. Hat meine Arbeitsweise meine akademische Laufbahn ruiniert? Mitnichten: Meine Arbeit wurde mit Bestnote ausgezeichnet und für den Semesterpreis nominiert.
Es will mir nicht in den Kopf, weshalb ich eine Pille schlucken soll, um den Standards meiner Mitmenschen zu entsprechen.
Diese Aufschieberitis entsteht laut Ärztinnen, Psychologen und Therapierende wegen fehlender Impulskontrolle und einem Aufmerksamkeitsdefizit. Eigentlich wollen sie mir aber sagen, dass ich ein fauler Sack bin. Ein merkwürdiges Urteil für die Wissenschaft. Natürlich braucht es bei bestimmten Sachverhalten eine professionelle Einschätzung. Zum Beispiel wenn jemand in einer Fantasiewelt lebt und glaubt, Interpol sei hinter ihm oder ihr her. Solche Träumer müssen vor sich selber geschützt werden. Aber wenn ich lieber stundenlang Videos von afrikanischen Wüstenkatzen auf YouTube schaue, statt meine Seminararbeit zu schreiben, brauche ich dann eine Diagnose? Ich bin halt selber eine Wüstenkatze, erledige meine Beute, wenn es sein muss und erhole mich in der restlichen Zeit von meiner hyperkonzentrierten Jagd.
Ich kenne übrigens noch jemand Anderes, der an Aufschieberitis leidet: Die Gesellschaft. In 100 Jahren hat sie zu diesem Thema keine nennenswerten Fortschritte gemacht. Statt «Zappelphilipp» sagt sie nun «ADHS». Statt mit dem Lineal auf die Finger zu schlagen, verabreicht sie nun Ritalin. Statt das Problem an der Wurzel zu packen, bekämpft sie die Symptome. Es will mir nicht in den Kopf, weshalb ich eine Pille schlucken soll, um den Standards meiner Mitmenschen zu entsprechen. Mein eigener Standard genügt mir völlig. Natürlich leide ich darunter, wie ich bin. Nicht jedoch, weil ich etwas falsch mache, sondern weil meine Verhaltensweisen von der Gesellschaft als Fehler angesehen werden. Aus meiner Perspektive hat sie die Störung.
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Ich oder ADHS
Unser Geschäftsleiter Heinrich Weingartner wurde vor sieben Jahren mit ADHS diagnostiziert. Er glaubt, dass ADHS kein medizinisches, sondern ein gesellschaftliches Problem ist. In dieser vierteiligen Mini-Reihe fragt er sich, ob seine Marotten zu seinem Charakter oder zu ADHS gehören.