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aus dem Kunstmuseum Hamburg
„Was wir brauchen, ist eine zeitgemäße, d. i. einfach klare, aber blutvolle und erdgebundene Zeitstilform; eine Form, die sachlich ist, ohne seelenlos zu sein, die nicht eine Theorie, d. i. etwas Erdachtes ist, sondern die aus dem Bewußtsein wachsen muß, Ausdruck einer nationalen Kultureinheit zu werden.“
R. A. Brandes.
Während in früheren Jahrhunderten der Weg vom nationalen Stil auf dem Umweg über eine an die jeweilige Nation gebundene Modifizierung zum international anerkannten Stil führte (siehe z.B. das Barock, das in Frankreich seinen Ursprung hat, im Dresdner Zwinger seine deutsche Modifizierung erlebte, um sich dann über die ganze zivilisierte Erde zu verbreiten), geht unsere Zeit den umgekehrten Weg. Sie „stabiliert” die internationale Technik wie einen „rocher de bronce” und überläßt es dem Selbstgefühl der Nationen, den nationalen Baustil daraus herzuleiten.
Von einem solchen Selbstgefühl, das nur in einer kraftvoll lebendigen Volksgemeinschaft entstehen kann, ist in Deutschland wenig zu spüren. Erst seitdem eine dauernd erstarkende Bewegung sich bemüht, weite Teile des deutschen Volkes zu einer geschlossenen Kultureinheit zusammenzuschweißen, ist dieses Selbstgefühl im Erwachen. Noch aber ist das durch die internationale Technik (die auch irrtümlicherweise Baukunst genannt wird) zum Ausdruck gebrachte Spiegelbild unserer Kultur weit entfernt davon, den Willen zu einem nationalen Baustil erkennen zu lassen. Noch täuscht die internationale Technik einen Sieg auf dem Gebiete der Baukunst vor, aber es ist ein Pyrrhussieg.
Befangen in einem Netze über den ganzen Erdball verbreiteter Jdeologien (unter denen die van de Velde’sche vom Wert der ,.verstandesmäßigen Schöpfung” obenan steht) einerseits, andererseits im Banne der Diktatur neuer Baustoffe (unter denen nur dem Eisen eine wirklich umwälzende Bedeutung zukommt) glaubt unsere Zeit den Sinn für nationale Ansprüche dem Popanze der Internationalität opfern zu dürfen. Doch erwacht bereits die Erkenntnis, daß die Ideologie von der „verstandesmäßigen Schöpfung” die Menschheit auf die Dauer nicht befriedigt, und daß die Anwendung neuer Baustoffe mit Ausnahme des neuartige Konstruktionen erlaubenden Eisens (eine Eigenschaft, auf die wir noch an anderer Stelle zurückkommen) sich weder durch größere Billigkeit noch durch besondere Güte rechtfertigen läßt.
Die Lehre, daß der nüchterne Verstand genüge, um mit dem Komplexe Leben in jeder Beziehung fertig zu werden, verdanken wir einer Zeit der Hypertrophie der Natur- und technischen Wissenschaften, die keinen Platz für die Gebiete der Metaphysik, des Übersinnlichen, haben. Im Rausche ihrer Erfolge vergaßen sie, daß im Leben — nach Keyserling — nicht nur das Prinzip des Logos (männliches Prinzip) sondern auch das
Prinzip des Eros (weibliches Prinzip) herrscht und daß nur die harmonische Durchdringung beider neues Leben zu zeugen vermag. Diese Epoche der rein materialistischmechanistischen Lebensauffassung findet denn auch in der Baukunst unserer Tage ihren entsprechenden Ausdruck, und wenn wir ihn seelenlos, intellektuell, unkünstlerisch, errechnet, nüchtern, kalt nennen, so sind dies alles Attribute, die nur dem rein Verstandesmäßigen zukommen.
Mit diesem Zivilisationsstandpunkt kann sich ein Volk nicht länger abfinden, das kulturell einmal an der Spitze der Nationen marschierte und als Hort einer hochstehenden Kultur von allen Nationen anerkannt war. Aber es ist keineswegs ungesunder Ehrgeiz oder etwa Treitschke’sche Überheblichkeit, die „an deutschen Wesen die ganze Welt genesen“ lassen will, sondern es geht ein tiefes Sich-auf-sich-selbst-besinnen durch das deutsche Volk. Der im Irrationalen wurzelnde Drang, im eigenen Hause wieder Ordnung zu schaffen, Eigenschaften wieder zum Lichte zu heben, die ein nebelhaftes Welt-verbrüderungsgefühi verschüttet hat, den Glauben an Werte zu wecken, die jenseits alles und nur Zweckmäßigen, Errechenbaren und Meßbaren liegen, ist nicht mehr länger aufzuhalten. Wir wollen nach dem langen Winter der Gefühlsleere und Gefühlskälte wieder den fruchtbaren Sommer innerlichen Reichtums, nach der vernichtenden Eiszeit der Technik wieder das wärmende Klima der Kunst, nach der einseitigen Halbheit einer Homunkulusepoche wieder die Ganzheit eines gottgebundenen Menschentums.
Es ist selbstverständlich, daß diese Rückkehr zur Quelle unseres Volkstums die notwendige Vorbedingung für die baukünstlerische Gestaltung unserer Tage darstellt. Dabei ist es unsere feste Überzeugung, daß diese von der Seele des Volkes durchdrungene Baukunst einen nationalen Stil hervorbringen wird, der mit den Erzeugnissen der internationalen Technik nur das gemein haben wird, was unumgänglich nötig und als wahrer Fortschritt anzuerkennen ist.
Was die hypermoderne Baukunst unserer Tage grundsätzlich von der Architektur kultureller Hoch-Zeiten unterscheidet, ist die Überbetonung des technischen Bestandteiles. Auch Dome wie das Freiburger Münster oder das Deckengewölbe des Würzburger Schlosses von Balthasar Neumann sind ohne Technik nicht denkbar. Aber sie sind dennoch Bauwerke von einer unerhörten Harmonie und einer restlosen Ausgeglichenheit. Auch heute gibt es noch Bauaufgaben, die sich an Größe und Umfang mit den genannten messen können. Aber wenige sind aus einem einzigen Guß. Einigen merkt man an, daß der entwerfende Architekt schwankte, ob er sich mehr der Architektur oder mehr der Technik zuwenden soll. Die meisten schwanken überhaupt nicht, sondern stellen Bauwerke hin, bei denen nurdas Technisch-Konstruktive die Gestaltung bestimmte. Mag dies zum Teil als verständliche Reaktion auf eine Zeit der Überbetonung der Architektur, und noch dazu einer verlogenen Architektur, aufzufassen sein, so ist dies auch gewiß darauf zurückzuführen, daß unsere Gegenwart an einer Unzahl von Architekten krankt, die in überwiegender Mehrheit als Mitläufer anzusprechen sind und naturgemäß das verwässert und verdünnt von sich geben, was ein halbes Dutzend Bauingenieure als Gestaltung angesprochen wissen will; trotzdem sind auch diese technischen Gestalter, die nichts als die technische Vollkommenheit gelten lassen wollen, keine Vollnaturen, wie sie z. B. ein Balthasar Neumann verkörperte. Sie sind einseitige Halbnaturen, die ein Bauwerk schon für gestaltet halten, wenn es den Forderungen der Technik entspricht.
Daß aber in einem Bauwerk, das wir als gekonnt empfinden sollen, beide Faktoren, die Technik und die Kunst, stillschweigend zusammenzuwirken haben, ist ernstlich wohl nicht zu bestreiten.
Was wir von der künftigen Architektur erwarten, ist, daß sie ein harmonisches Ganzes darstellt, mit anderen Worten, der ,,verstandesmäßigen Schöpfung“ die vernachlässigte intuitive Schöpfung ebenbürtig an die Seite stellt (Bild 6). Denn nur die intuitive Schöpfung spricht die Sprache einer im Wesen eines Volkes wurzelnden Lebens- und Weltanschauung. Lebt diese als Gemeingut in einer zur Einheit gewordenen Volksgemeinschaft, dann ist der Schritt zum nationalen Stil in der Architektur nur noch Sache umfassend empfindender Persönlichkeiten, die im Bauwerk den Charakter ihres Volkes zum Ausdruck zu bringen wissen.
6. Neue Neckarbrücke in Mannheim.
Architekt: Prof. Abel -München. (Die Brücke ist ein harmonisches Ganzes; sachlich, zweckmäßig und dabei ästhetischen Ansprüchen durchaus genügend. Die Leuchttürme am Anfang und Ende der Brücke sind beachtenswert)
Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy
aus dem Kunstmuseum Hamburg