Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03624.jsonl.gz/786

Bildverstehenskompetenz

Bildverstehenskompetenz — Einleitung
Dass ein Bild mehr als 1000 Worte sagt, ist ein einfältiger Spruch. Vgl. dazu den kleinen Test unten auf der Empfangsseite des Projekts.
W\Richtiger ist: Bilder sind ›Eye Catcher‹. Sie nehmen den Blick gefangen.
Die ganze Wirklichkeit lässt sich nicht ins Bild (auch nicht in einen Text) bringen, sie ist immer zu komplex. Dafür hat die Visualisierung andere, kognitive, Vorteile.
»Keine Gestalt ohne Gestalter« (William Stern). Das gilt für die Bilder-Macher wie für die Bild-Interpreten. Oder mit Christian Doelker (1997): »Grundsätzlich gibt es keine nicht-gemachten Blder.«
Ein Bild macht ein Referenz-Angebot (oder hat sogar einen Referenz-Anspruch). – Der Betrachter bringt Wahrnehmungs-Schemata ein, Hintergrundswissen, auch Bild-Schablonen, cognitive patterns.
Es gilt das Wort Goethes: »Was man weiß, sieht man erst!« (Propyläen, Einleitung, 1798)
Die Graphiker verlassen sich darauf, dass die Betrachter geübt sind, die Visualisierungs-Prozesse zu durchschauen. Gelegentlich geben sie auch Hilfestellungen (mehr dazu hier).
Grundlegend vor aller Interpretation ist, dass man überhaupt ein Bild als Bild wahrnimmt. Eine Lehrerin von Immigranten erzählt: Sie habe in einem Alphabetisierungskurs – um den Frauen beim Einkaufen behilflich zu sein – neben das Wort ›Salat‹ einen solchen gezeichnet. Aber ihre Schülerinnen hätten gesagt, das sei doch gar kein Salat! (Nicht weil das Bild schlecht gezeichnet war, sondern weil sie nicht geübt sind, Bilder zu verwenden.)

Vom Objekt zum Bild und wieder zurück
Um zu verstehen, wie man Bilder versteht, kann man sich überlegen, wie sie gemacht werden. Die Interpretation ist grundsätzlich zur Produktion invers, rück-läufig. Allerdings kommen dabei zusätzliche Faktoren in den Prozess.
••• Mimetische Visualisierungen
Plinius berichtet (Historia naturalis XXXV, 151) von einer Frau (die Tochter des Butades), die aus Liebe zu einem jungen Mann, der in die Fremde zog, bei Lampenlicht an der Wand den Schatten seines Gesichts mit Linien umzog: umbram ex facie eius ad lucernam in pariete lineis circumscripsit. Sie gilt als Erfinderin der Malerei. Die Anekdote enthält alles Entscheidende.
Zum Erstellen eines mimetischen Bildes braucht der Zeichner / die Zeichnerin • ein Objekt (hier: der geliebte Mann) sowie • Transformationsregeln und eine Abbildungstechnik (hier: Projektions-Lampe, Wand und einen Zeichenstift). Das mimetische Bild ist ein Modell des Objekts (zweidimensional und hier: einfarbig und ohne Binnenzeichnung; die Silhouette indessen stimmt). • Der Mehrwert des Abbilds liegt darin, dass es verfügbar ist, auch wenn das Objekt abwesend ist (der junge Mann in der Fremde).
Die Betrachterin des Bilds wendet die Transformationsregeln rückgängig wieder an, wenn sie sich anhand des Bildes an ihren Geliebten erinnern will: Er hat ein mehrdimensionales farbiges Gesicht usw. — So müssen alle Bildbetrachter die Transformationsregeln kennen und retrograd anwenden.
••• Diagrammatische Visualisierungen
Zuordnungen von Datenmengen sind sehr abstrakt. Hier eine (phantastische) "Cloud" der Datenerhebung einer Bevölkerung:
Die Transformationsregeln bei der Alterspyramide: Die Mengenangaben der Bevölkerungsstatistik werden sortiert und • in geometrische Formen = horizontal liegende Balken umgesetzt. Die Größe Geburtsjahr (stetige Abfolge) wird • von unten nach oben abgetragen. Sie wird der Größe Lebensalter (Kontinuum, Balken-Länge) • gegenübergestellt. Die Geschlechterunterschiede ♂ | ♀ werden • durch die Position von zwei Graphiken Rücken-an-Rücken beigegeben.
••• Überlagerung von mimetischer und diagrammatischer Visualisierung
Das klassische Beispiel ist die Choroplethkarte (mehr dazu hier): die zugrundeliegende Landkarte ist eine mimetische Visualisierung der Erdoberfläche + die darauf gelegten verschieden dichten Schraffierungen oder Farben sind diagrammatische Visualisierungen von statistischen Daten. (Gemeint ist nicht, dass dort die Erdoberfläche eine andere Färbung hat.)

Was muss der Betrachter einer Visualisierung wissen/können, um aus dem Bild das Objekt zu erschließen?
Thema sind hier über die generelle Bild-Verstehens-Kompetenz hinaus anzuwendende spezielle Fertigkeiten.
Für die in diesem Kapitel zusammengestellten Teilbereiche können wir immer wieder auf die in den anderen Kapiteln dargestellten Transformationstechniken verweisen.
Übersicht
➜ Typisierungen als solche erkennen
➜ Aus der zweidimensionalen Darstellung die dritte Dimension rekonstruieren
➜ Perspektive erkennen
➜ Die Größe des Dargestellten richtig einschätzen
➜ Visualisierungs-Behelf als solchen erkennen
➜ Vom Besonderen auf das Allgemeine schließen
➜ Vom Allgemeinen auf das Besondere schließen
➜ Nonvaleurs ignorieren
➜ Synoptische Darstellung von Objekten deuten
➜ Den Realitäts- / Fiktionalitätsgrad einer Visualisierung erkennen
➜ Glaubwürdigkeit einschätzen
➜ Rhetorische Techniken durchschauen
➜ Didaktische Mittel als solche erkennen
➜ Bild-Ebenen voneinander trennen
➜ Kulturspezifisches Wissen berücksichtigen
➜ Konventionen von arbiträren Zeichen kennen
➜ Das Lesen von Tabellen beherrschen
➜ Diagramme lesen können (1)
➜ Diagramme lesen können (2)
➜ Hervorhebungen mittels Farben verstehen
➜ Die Regeln der Modellierung einer Abbildung kennen
➜ Ermitteln der wirklichen der Größe
➜ Erkennen, wie wichtig die Detailtreue ist
➜ Ein kompliziertes Beispiel: das Differentialgetriebe

••• Hier der Idealplan eines Zisterzienser-Klosters. (Die Frage: "Wo befindet sich dieses Gebäude?" ist sinnlos.)
••• Der hier abgebildete Bahnhof – so naturalistisch er abgebildet ist – steht nirgends auf der Welt, nur im Lexikon, wo er dazu dient, die Einzelelemente zu veranschaulichen:

••• Der französische Künstler Jehan Cousin (ca. 1522 – ca. 1593) lehrt in seiner »Vraye science de la Pourtraicture« (hier der Druck 1656), u.a., wie man einen perspektivisch verkürzten Arm zeichnet – genau so rekonstruieren wir aus der Zeichnung eines bras racourci den wirklichen Arm (und nehmen normalerweise nicht an, es sei hier ein Mensch mit einer Missbildung gezeichnet).
Bei der Einschätzung der Größe von Gliedmaßen des menschlichen Körpers je nach ihrer Lage im Raum sind wir sicher, weil wir den Normalfall aus der alltäglichen Anschauung kennen; aber dies lässt sich nicht zwingend auf andere Objekte übertragen.
••• Der Kartographie-Spezialist Erwin Raisz (1893–1968) zeigt in seiner »General cartography« (2nd ed. 1948) sehr schön, wie man aus einer mit Höhenkurven versehenen Karte das Gelände rekonstruieren kann. (Die Bilderfolge hier ist für unsere Absichten von unten nach oben zu lesen.)

Auf dem Bild mit den beiden auf dem Weg liegenden Baustämmen erscheint der vordere kürzer als der hintere – mit dem Maßtab auf der Zeichnung gemessen, sind beide genau gleich lang. (Zeigt man man die Zeichnung auf den Kopf gestellt einer Person, der man vorgaukelt, es handle sich um die Zeichnung eines biologischen Präparats, so meint diese Person, beide Stäbchen seien etwa gleich lang.)
Unsere Wahrnehmung vollzieht also bei einem Bild, das wir als perspektivische Darstellung erkennen, eine Korrektur.

Die Größenunterschiede der (in typischen Nationaltrachten dargestellten) Männer spiegeln den Verbrauch an elektrischer Energie der Nationen, die sie repräsentieren – und nicht die Durchschnittsgröße der Einwohner dieser Länder. (Vgl. dazu das im Kapitel über Tabellen Gesagte.)
Ganz anders sind die Größenunterschiede bei diesem Andachtsbild zu taxieren. Die betende – im Verhältnis zu Maria mit dem Jesuskind kleiner dargestellte – Figur ist der Autor oder der Verfasser des einleitenden Briefs Jacob Locher ›Philomusus‹. Der Größenunterschied ist Kundgabe der Bescheidenheit.
••• Olaus Magnus (1490–1557) beschreibt in seiner »Historia De Gentibus Septentrionalibus« (1555) im 5.Buch, Kapitel viii die sagenhafte Schlacht von Brávellir / Bråvalla der Schweden gegen die Dänen: De maximo, ac terribili bello Suecorum, ac Gothorum: cui Starchaterus præsuit contra Danos.
Auf zwei Bildern werden die an Land Kämpfenden gezeigt; davor im Meer Schiffe:
Aeneas erzählt, wie die Trojaner nach der Zerstörung der Stadt eine Flotte bauten und die Heimat verließen (Vergil, Aeneis, III.Gesang, Verse 1ff.). In der von Sebastian Brant betreuten Ausgabe 1502 wird diese Szene so illustriert. (Auch auf anderen Bildern mit Meeresschiffen stimmen die Größenverhältnisse nicht.)
Ähnlich auf diesem Flugblatt: Amerigo Vespucci, Das sind die new gefunden menschen oder volcker Jn form vnd gestalt Als sie hie stend durch den Cristenlichen Künig von Portugall/ gar wunnderbarlich erfunden [Nürnberg ca. 1505] > http://diglib.hab.de/drucke/quh-26-5s/start.htm?image=00002
Seltsamerweise verwendet Theodor de Bry diese Darstellungstechnik ebenfalls in einer Zeichnung des Kampfs von Kolumbus (auf dessen vierter Amerika-Reise 1502–04) gegen die Meuterer unter Diego und Francisco Poraz / Porras / Poresius am 19.Mai 1504:

Hier ist eine Kirche aufgeschnitten gezeigt. Es handelt sich nicht um eine Ruine, sondern um einen visualisierungstechnischen Kunstgriff, um die Konstruktion zu zeigen, hier das Gewölbesystem der Kirche von Lippoldsberg.
So ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer mimetischen Ansicht einer Ruine:

Die Kathedrale Saint-Front von Perigueux als Beispiel für eine Pendentifkuppel:

Anders ausgedrückt: Man muss einsehen, dass eine schematische Darstellung nicht etwas real Existierendes wiedergibt, sondern einen Typus repräsentiert.
Bei der Darstellung von Typen muss bezüglich Vorkommen, Aussehen und Anordnung der Elemente bei einzelnen Exemplaren des Typs mit Variation gerechnet werden, wobei aus dem Bild selbst nicht ersichtlich ist, wie weit diese geht.
Hier verschiedene Gewölbetypen:

••• Auf dem Bild zum Erkennen von giftigen und essbaren Pilzen kommt es auf kleinste Unterschiede an:
••• Hingegen geht es bei diesem Bild einfach darum, verschiedene Ausprägungen der Bekleidung zu zeigen, ohne dass diese eine besondere Bedeutung hätten:
••• Bei der Darstellung von Individuen muss abgeschätzt werden, wie genau die Darstellung gemeint ist: Handelt es sich um eine reine Referenz (es gibt ein Erkennungszeichen, aber darüber hinaus keine Ähnlichkeit), eine Karikatur, eine (z.B. zu Repräsentationszwecken) beschönigende Darstellung, eine Inszenierung, eine möglichst neutrale Darstellung? Mehr zu Personendarstellungen hier.

Gelegentlich kontextualisieren Graphiker das ›eigentlich‹ zu Zeigende; und der Betrachter muss von diesem Kontext absehen.
••• Um die Technik des Krebs-Fangs mittels Köder (in Honig geröstetes Fisch-Gedärm) und Reusen zu illustrieren, braucht es die lustige Landpartie am Ufer des Seeleins nicht:
••• Während Conrad Gessner (1516–1565) in seinen Tierbüchern die Tiere jeweils ›freigestellt‹ hat, präsentieren andere Zoologen die Tiere in ihrer Umwelt. (Am deutlichsten Sibylle Merian). Hier ist also die Umgebung nicht ein zu ignorierendes Kolorit, sondern gehört zur Bildaussage.
••• Gelegentlich ist es zweifelhaft, ob ein Bildelement zum Wissens-Inhalt gehört oder bedeutungslos und zu vernachlässigen ist. Beispiel:
Ist die eine Maschine bedienende Person nur Dekoration oder wird gezeigt, dass die Maschine eine Bedienung durch Menschen braucht, oder wird etwas über die Bedienungsweise ausgesagt?

Bei Formen von Bildvielheit stellt sich gelegentlich die Frage, ob verschiedene Elemente dargestellt sind oder eines in verschiedenen Ausprägungen oder eines in verschiedenen zeitlichen Phasen.
••• Hier werden verschiedene Typen von Flugzeugen nebeneinander ungeordnet gezeigt. Die fliegen nicht alle gleichzeitig so in der Luft:
••• Hier fliegen nicht Flugzeuge einander nach, sondern es ist jeweils dasselbe Flugzeug, aber in verschiedenen Positionen gleichsam stroboskopisch dargestellt:
••• Oft werden aufeinander folgende Phasen einer Erzählung in ein und demselben Bild simultan dargestellt, vgl. das Kapitel hier.
Im folgenden Beispiel ist nicht eine Szene in einem Garten und eine Szene vor dem Gartentor gezeichnet, sondern der Sündenfall von Adam und Eva und die anschließende Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies:

Die oft perfekt gezeichneten Rekonstruktionen verleiten dazu zu glauben, dass es das Objekt in der Realität wirklich gab.
••• Bei der realistisch daherkommenden Scenographia Templi (gemeint des salomonischen Tempels in Jerusalem) handelt es sich um eine Rekonstruktion:
••• Gab es 1797 eine solche Zusammenkunft von Schiller, Wilhelm und Alexander von Humboldt und Goethe, wie es das Bild suggeriert? Oder entspringt die Szene der Phantasie des Graphikers?
••• Ist das nicht eine schöne Darstellung der Stadt Mainz, mit dem Main und den Stadtkirchen?

Älteren Bildern trauen wir zu, dass deren Zeichner Objekte dargestellt haben, die es – nach heutiger Auffassung – gar nicht gibt, denen sie indessen einen Realitätsgehalt zugeschrieben haben. — Aber: Wo gehen wir heutzutage einem ›Fake‹ auf den Leim?
••• Erstes Beispiel:
••• Zweites Beispiel:
Literaturhinweis: Paul Michel, Was zur Beglaubigung dieser Historie dienen mag. Drachen bei Johann Jacob Scheuchzer, in: Fanfan Chen / Thomas Honegger (Eds.), Good Dragons are Rare. An Inquiry into Literary Dragons East and West. Frankfurt am Main u.a.: P. Lang, 2009 (ALPH: Arbeiten zur Literarischen Phantastik), S. 119–170.
••• Ähnliche Fälle:

••• Bei dem von vielen Wunden geplagten Mann ist nicht gemeint, dass er die alle hat, sondern das der Arzt einen Patienten von all diesen (einzeln auftretenden) Übeln heilen kann.
••• Durch die Einnahme des Mutterkornpilzes kommt es zu einer Verengung der Blutgefäße und zu schmerzhaften Symptomen, dem sog. Mutterkornbrand. > https://de.wikipedia.org/wiki/Ergotismus
Der auf dem Bild den Heiligen Antonius (Eremita) als Helfer gegen die Krankheit Anflehende hat bereits einen Fuß verloren, und nun schmerzt ihm seine Hand ›wie Feuer‹ – dies wird als brennende Hand dargestellt.
••• Seit etwa 1910 werden Diagramme mit mimetischen Bildern über-formt. Solche Bilder bringen im Vergleich zum Diagramm keine neue Information; ihre Leistung liegt im Psychologischen: Sie helfen unserer Vorstellungskraft oder haben eine mnemotechnische Funktion.
Hier ein frühes Beispiel: Das Säulendiagramm (bar chart) als Visualisierung von statistischen Daten wird inszeniert mit Soldaten, die den Krieg überlebt haben bzw. gefallen sind.
••• In der Regenbogenpresse werden mitunter sog. ›Symbolbilder‹ angeboten, denen kein Realitätsgehalt entspricht:

In der »Margarita Philosophica« (Erstausgabe 1503) von Gregor Reisch findet sich im Buch über die spekulative Geometrie eine Abbildung mit einem von drei Lanzen perforierten Mann. Das dazugehörige Kapitel befasst sich mit dem (geometrischen) Körper und seinen Eigenschaften (De corpore et eius speciebus) und ist als Dialog zwischen einem Discipulus und einem Magister gestaltet.
Der Magister definiert einen Körper (corpus) über die drei Dimensionen des Raums, wörtlich als ›eine Länge mit einer Breite und Tiefe‹, und verweist darauf, dass sich in einem Körper drei Linien in einem Punkt orthogonal schneiden.
Zusätzlich nennt er die Begriffe, mit welchen die äußeren Grenzen der Linien bezeichnet werden. Um diese Definition in ihrer Dreidimensionalität zu veranschaulichen, werden die in der rein wörtlichen Erklärung diffus erscheinenden Eigenschaften auf einen biologischen Körper (corpus) übertragen.
Der Magister wählt hierzu das Beispiel eines Menschen, der gleichsam (gleichsam!) von Lanzen durchbohrt wird. Je nach Ein- und Austrittsstelle würde entweder die Länge (Scheitel und After), Tiefe (Brust und Rücken) oder Breite (die eine und die andere Körperseite) gemessen.
Der Holzschneider visualisiert das theoretische Gedankenspiel des Durchstoßens, wie es im Text vorangelegt ist. Die drei Lanzen sind entsprechend ihrer Funktion als Länge (longitudo), Breite (latitudo) und Tiefe (profunditas) beschriftet. Zusätzlich sind im Raum die Bezeichnungen für die Grenzen des Körpers aufgeführt, wofür der Blickwinkel der Figur eingenommen wurde: oben (sursum), unten (deorsum), vor (ante), hinter (retro), auf der rechten Seite (dextrorsum) und auf der linken Seite (sinistrorsum).
Vt si lancea una per verticem capitis humani intraret et per anum exiret — ›Wie wenn eine Lanze hineinginge …‹ Das verstehen heutige Betrachter des Bilds kaum je und meinen erschreckt, wie übel doch das Mittelalter mit den Menschen umgegangen sei.
Conrad Gessner stellt oft Pflanzen auf demselben Bild in mehreren Phasen im Jahreszyklus dar, mit Blüten und Früchten/Samen. Das bedeutet nicht, dass die Blüten und Samen zur gleichen Zeit sichtbar wären:

Mimetische und symbolisch gemeinte Bildelemente unterscheiden
••• Wenn auf einem Bild, das den heiligen Hieronymus zeigt, ein Löwe abgebildet ist, so ist dieser als das Tier Löwe zu deuten, zurückgehend auf die Legende, wonach Hieronymus einem Löwen einen Dorn aus der Tatze zog und die Wunde pflegte, worauf der geheilte Löwe als Haustier bei ihm blieb. Vgl. den Text in der »Legenda Aurea« (13. Jh.) > https://www.heiligenlexikon.de/Legenda_Aurea/Hieronymus.htm
••• Wenn auf einem Bild, das den Evangelisten Markus zeigt, ein Löwe abgebildet ist, so handelt es sich nicht um ein echtes Tier, sondern um das (echt wirkend wiedergegebene) ›Logo‹ dieses Mannes, das zurückgeht auf die Zuordnung der vier Tier-Gesichter in der Vision des Ezechiel (Tetramorph Ez 1,10) zu den vier Evangelisten.
••• Während auf den Bildern mit Hieronymus und Markus die Bilder der dargestellten Männer mimetisch gemeint sind, ist die Visualisierung von Psalm 7,2–3 ganz symbolisch:
Vgl. zu dieser Passage auch das Kapitel Homonyme.

••• Rein ästhetische Rahmung
In Drucken v.a. des 16. Jahrhunderts werden oft Holzschnitte mit Randleisten versehen, so dass sie in den Satzspiegel passen. Pro Buch gibt es nur wenige Randleisten, die immer wieder verwendet werden.
••• Erzählung / Präsentation eines inneren Vorgangs einer Figur
• Genesis 28,11 steht: Jakob kam an einen bestimmten Ort und übernachtete dort, denn die Sonne war untergegangen. Er nahm einen von den Steinen dieses Ortes, legte ihn unter seinen Kopf und schlief dort ein. Da hatte er einen Traum: Siehe, eine Leiter stand auf der Erde, ihre Spitze reichte bis zum Himmel. Und siehe: Auf ihr stiegen Engel Gottes auf und nieder.
Die Visualisierung muss mit zwei Ebenen rechnen: (a) die Geschichte von Jakob und (b) das, was Jakob in seiner Vision sieht.
In der Darstellung der Lübecker Bibel 1494 sind (a) und (b) visuell nicht auseinandergehalten; es sieht beinahe so aus, als sei die Leiter in Jakobs Brustkorb gerammt:
Dieser Illustrator macht dadurch, dass er die Leiter wolken-umhüllt zeigt, deutlich, dass es sich um eine Vision handelt:

••• In unserer eigenen Kultur ahnen (gebildete) Betrachter von mimetischen Bildern, dass diese evtl. aus der Bibel oder aus der antiken Mythologie oder aus einem Reisebericht stammen. Man muss den (im Text dargebotenen) Hintergrund kennen, um das Bild deuten zu können.
Beispiel: Was geschieht hier? Wird hier ein Mann von einem riesigen Raubfisch verschlungen?
••• Bei einem Bild aus einer fremden Kultur sind wir meist ratlos. — Beispiel: Wie ist dieses Bild aus der Ming-Dynastie in China (Anfang unseres 17.Jhs.) zu deuten?
••• Bei Comic Strips und ähnlichen Bild-Folgen zur Visualisierung eines Prozesses sind wir es gewohnt ›in [unserer!] Leserichtung‹, d.h. von links nach rechts zu lesen:
Menschen, die Lesen und Schreiben anders gelernt haben, tranchieren das Huhn zwar genau gleich wie wir, zeichnen die Anleitung aber anders:
Vgl. auch die Leserichtung im Manga.

Vgl. dazu das Kapitel Pictogramme
Bei Landkarten muss man die Visualisierungs-Konventionen kennen, um aus der Karte die landschaftliche Realität rekonstruieren zu können:

Das Lesen von Tabellen muss(te) gelernt werden. 1707 bekam der Benutzer der Vergleichung der Gewichte/ aller fürnehmsten Handels=Plätze in Europa eine ausführliche Gebrauchsanleitung:

Bei der Interpretation von Visualisierung statistischer Daten mittels geometrischer Figuren ist Vorsicht geboten. Beim Zurückrechnen vom Bild zu den Daten kann man sich bei gewissen Darstellungmethoden verschätzen.
Nehmen wir als (konstruiertes) Beispiel die Zunahme der Produktion eines Gutes über ein Jahr, die so visualisiert ist, und fragen:
A Um wieviel grösser ist das orange Quadrat als das gelbe davor liegende?
B Um wieviel größer ist der gelb-grüne Würfel als das gelbe Quadrat?
A linear gezeichnet:
B linear gezeichnet:
Noch prekärer ist es, wenn die kubische Form der geometrischen Figur nicht angedeutet wird, wie hier, wo Kreisflächen gezeigt werden, indessen Kugeln gemeint sind:
Das ist der Grund, warum Otto Neurath (1882–1945) diese Darstellungsform kritisiert und statt Flächen und Kuben Aufreihungen von Pictogrammen bevorzugt (mehr dazu hier).
Auch Willard Cope Brinton (1880–1957) hat die »visual inaccuracy« solcher Graphiken bemängelt:

Wir haben die Bild-Schablone im Kopf: oben = besser. Das stimmt bei den Börsenkursen. Aber wie ist es mit der Fieberkurve?
Bekannt ist die Kegel- oder Pyramidengraphik von Maslows Bedürfnishierarchie. Ähnlich gibt es eine Graphik »Cone of learning«, und zwar in zwei verschiedenen Varianten.
Ist das Lesen die "höchste" Leistung? Oder die "Basis", von der es aufwärts geht? Dabei geht es – ganz unabhängig von der Darstellung als Konus – einzig darum zu zeigen, wie viel Prozent des Stoffs je nach Präsentationsform im Unterricht im Gedächtnis bleiben.

Oft werden Farben verwendet, so wie man sie als anthropomorphe Universalien verstehen kann. Mit Kälte assoziieren wir blau, wohl weil Eis bläulich ist; mit rot Wärme, weil glühende Gegenstände rötlich erscheinen.
••• Hier die Visualisierung einer Fensterfabrik, intuitiv verständlich:
••• Auf dem folgenden Bild werden die Farben aber arbiträr für Intensität verwendet. Der Hurrikan ist nicht im Inneren wärmer:

Grönland wirkt auf einer Landkarte, die mittels der (winkelgetreuen) Mercator-Projektion hergestellt ist, riesig, so groß wie Afrika, das effektiv eine 14 mal größere Fläche hat.

Damit man das maßstäblich veränderte Objekt von der Graphik wieder auf die richtige Größe zurückführen kann, wird das Maß der Vergrößerung / Verkleinerung angegeben. Dazu gibt es verschiedene Techniken (vgl. das Kapitel zu den Verstehenshilfen):
Lange kursierte die folgende Geschichte: Ein Entwicklungshelfer hielt in einem abgelegenen Tropen-Gebiet einen Vortrag über die Gefährlichkeit der Tse-Tse-Fliege. Er hatte ein Schaubild dieses Insekts mitgebracht. Nach dem Vortrag sagte einer der Zuhörer beruhigt: »Glücklicherweise müssen wir uns darüber keine Sorgen machen; in unserem Gebiet sind die Fliegen nicht so groß.« (Tages Anzeiger Magazin Nr. 34, 27.8.1977; S. 6)
Ein Spezialfall: Der Maßstab ist in der vertikalen Dimension ein anderer als in der horizontalen (vgl. hierzu das Kapitel über Distortionen).
Wenn zum Thema Le Télégraphe sous-marine die Struktur des Atlantischen Ozeans gezeigt werden soll, dann werden die unterseeischen Berge im Verhältnis zum Abstand zwischen Irland und Neufundland überhöht dargestellt:

Das Ausgleichsgetriebe
Das Verständnis verlangt zweierlei Arten von Vor-Wissen:
Sachwissen: Man muss wissen, dass bei der Fahrt einer Kurve die äußeren Räder sich mehr bewegen als die inneren. Das ist bei einem Leiterwagen mit einzeln beweglichen Rädern kein Problem, aber wenn eine Starr-Achse von einem Motor angetrieben würde, würden sich bei einer Kurvenfahrt die Pneus auf der Straße reiben. – Das Differentialgetriebe sorgt dafür, dass die Drehbewegung, die vom Motor her kommt, sich automatisch auf das innere und äußere Rad verteilt.
Man muss die Darstellungstechnik kennen: Das Getriebe ist den Achsen entlang aufgeschnitten. Die Zahnräder werden in Aufsicht dargeboten, so dass man ihre Kreisgestalt nicht sieht. Man muss erkennen, dass mit den Schraffuren \\\\ und //// ein sich bewegendes Ganzes gemeint ist. Mit den runden Pfeilen ist im linken und rechten Teilbild angegeben, ob der Wagen geradeaus fährt (Bild a) oder eine Kurve (b).
Besser zu erkennen in diesem 3-D-Film > http://static.howstuffworks.com/flash/differential.swf

Online-gestellt im Frühling 2020.