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Biographische Stationen eines Sammlers
"Ich bin ein ganz gewöhnlicher Sammler aus Liebhaberei - nichts weiter", schrieb Karl Geigy-Hagenbach an den damaligen UB-Direktor Karl Schwarber, als dieser ihn nach einem Porträtfoto für die hiesige Kollektion anfragte. Wer war Karl Geigy-Hagenbach, dieser Sammler und Liebhaber von Autographen?
6 Fragen an Dr. Ueli Dill
Karl Geigy-Hagenbachs Heimatstadt Basel durchlebte zwischen 1850 und 1950 einen fundamentalen Umbruch. In der beschaulichen Stadt am Rheinknie wuchs die Bevölkerung im 19. Jahrhundert rasant an. Die alten Bollwerke und Stadtmauern wurden in den 1860er Jahren zum grossen Teil abgebrochen, der urbane Raum rückte an die Kantons- und Landesgrenzen. Der rasante Bevölkerungsanstieg hängt dabei eng mit der wirtschaftlichen Entwicklung Basels zum modernen Industriestandort und somit mit Geigy-Hagenbachs Familie zusammen.
Dank klugen Investitionen wird die mit wechselnden Namen geführte Firma J.R. Geigy zu einem grossen Hersteller und Händler von Farben. Neben den Basler Fabriken, die zur Jahrhundertmitte schon über 5000 Arbeiterinnen und Arbeiter beschäftigten, etablierte sich Basel als wichtiger Knotenpunkt des schweizerischen Eisenbahnnetzes. 1895 fuhr die erste Trambahn durch die Stadt, was die innerstädtische Mobilität nochmals stark vereinfachte. Neben typischen Modernisierungsmassnahmen, wie dem Ausbau der Kanalisation sowie der Elektrifizierung, gehörten um 1900 auch das Anlegen von Grünzonen sowie die Schaffung zahlreicher Museen und kultureller Institutionen (darunter die Kunsthalle, das Theater, der Musiksaal, das Historische Museum sowie die Universitätsbibliothek Basel) zur Stadtentwicklung.
Die Jahre vor dem Ersten Weltkrieg waren geprägt vom Aufstieg der Sozialdemokratie und der Einführung neuer Wahlsysteme. Die urbanen und sozialen Entwicklungen wurden mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 jäh unterbrochen. Gerade für die Grenzstadt Basel war der Krieg ein Schock, wenngleich die Firma J.R. Geigy durchaus gutes Geld dank dem Konflikt verdiente. Die folgende Zwischenkriegszeit war auch in Basel von Arbeitslosigkeit und sozialen Unruhen gekennzeichnet. Demonstrationen und Zusammenstösse mit der Polizei waren bis in die Dreissigerjahre keine Seltenheit.
Neue Gesetze im Schulwesen, das Obligatorium der Arbeitslosenversicherung für alle Beschäftigten und die kantonale Altersversicherung wirkten beruhigend auf die sozialen Spannungen; Errungenschaften, die unter anderem der Sozialdemokrat Fritz Hauser aushandelte. Neues Ungemach verursachte der Aufstieg des Nationalsozialismus, den man in Basel, direkt an der Grenze nach Deutschland liegend, unmittelbar mitverfolgte. Die Verachtung der Nationalsozialisten einte in Basel die Parteien von ganz links bis weit in die bürgerliche Rechte. Während des Krieges, insbesondere anno 1940, grassierte in Basel die Furcht vor einem Überfall Nazideutschlands auf die Schweiz. Das Kriegsende 1945 wurde in Basel, auch aufgrund der familiären Beziehungen über die Grenzen, intensiv gefeiert. Nach 1945 erlebte Basel und die hiesige Industrie einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Die Region Basel entwickelte sich zu einem der bedeutendsten kulturellen und wirtschaftlichen Zentren am Oberrhein.
Als Karl Geigy-Hagenbach anno 1866 geboren wurde, war die seit über drei Generationen von der Familie geführte Firma J.R. Geigy fest in Basels Wirtschaftsleben etabliert. Besonders Karls Grossvater Carl sowie sein Vater Johann Rudolf modernisierten die Firma mit einem feinen Gespür für Innovation und Marktlage, sodass aus dem alten Drogen- und Spezereigeschäft bei Karls Geburt die J.R. Geigy nun im Farbgrosshandel und in der synthetischen Farbherstellung tätig war. Karl durchlief die klassische Ausbildung für Kinder aus grossbürgerlichen Basler Familien: Nach einigen Semestern am Humanistischen Gymnasium wechselte Karl an die Realschule, danach folgte die Ausbildung zum Kaufmann in Neuenburg. Früh interessierte er sich für Kunst, Musik und Literatur. Diese Vorlieben mussten jedoch dem familiär vorgegebenen Berufsweg weichen und fanden vorerst keinen vorrangingen Platz in seinem Leben. Vielleicht deshalb begann Karl Geigy-Hagenbach während seiner Lehre in Neuenburg mit dem Sammeln von Autographen, um seinem Faible für Schöngeistiges (neben seinem Beruf als Kaufmann) wenigstens ein bisschen nachzugehen. Nach seiner Ausbildung als Kaufmann folgte eine weitere Lehrzeit im Familienunternehmen und Praktika in England, Russland und Wien. Nicht zuletzt gehörten zwei Bildungsreisen dazu, eine führte Karl Geigy-Hagenbach u.a. nach Italien und Griechenalnd, eine weitere nach Amerika.
Die erste Filmaufnahme Basels wurde anno 1896 auf der Mittleren Brücke aufgenommen. Geigy-Hagenbach war damals bereits 30 Jahre alt und seit fünf Jahren Teilhaber in der väterlichen Firma J.R. Geigy.
Nach den Lehrjahren trat Karl Geigy-Hagenbach anno 1891 als Teilhaber und in der Funktion eines Korrespondenten der kaufmännischen Abteilung in die Firma J.R. Geigy ein. Im selben Jahr heiratete er Emmy Hagenbach und bezog 1904 den Hardhof (heute Hardstrasse 52). Als der Vater in der Firma langsam aufgrund seiner vielen Verpflichtungen kürzertrat, übernahm vorwiegend Carl Koechlin-Iselin dessen Funktionen als Leiter, während Karl Geigy-Hagenbach der kaufmännischen Abteilung in der Firma vorstand. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 brachte der Firma durchaus finanzielle Vorteile, da die Schweiz als neutrales Land nicht vom Boykott gegen die Entente betroffen war und fleissig exportieren konnte. Als 1917 der Firmenpatron Johann Rudolf Geigy starb, übernahm sein Sohn Karl Geigy-Hagenbach das Vizepräsidium des Verwaltungsrats der Firma Geigy. In den 20er Jahren zeichnete sich mehr und mehr ab, dass Karl Geigy-Hagenbach der neuen pharmazeutischen Produktion, der Dezentralisierung der Fabriken und somit der neuen Firmenausrichtung kritisch gegenüberstand. Nach einer Reorganisation der Firma 1924 blieb Karl Geigy-Hagenbach zwar noch kaufmännischer Leiter, zog sich aber bereits ein Jahr später, mit 59 Jahren, aus dem Berufsleben zurück und widmete sich fortan voll und ganz seiner Leidenschaft: Dem Autographensammeln.
Als Karl Geigy-Hagenbach in den Ruhestand trat, konnte er sich endlich ganz jenen Dingen zuwenden, die ihn seit seinen Jugendjahren interessierten: Musik, Theater, Kunst, Literatur und natürlich seine Autographensammlung. Er besuchte Kurse und Vorlesungen an der Universität Basel, präsidierte den lokalen Theaterverein, war Mitglied und gerngesehener Gast bei zahlreicher Gesellschaften, darunter der Historischen und Antiquarischen Gesellschaft Basel, der Basler Sektion des Schweizer Alpenclubs oder der deutschen Shakespear- und Goethegesellschaften. Seine Autographensammlung erweiterte er im grossen Stil und ordnete und katalogisierte sie fachmännisch. Einen Freund und Gefährten in seiner Leidenschaft für Autographen fand Karl Geigy-Hagenbach im Schriftsteller Stefan Zweig, der ebenfalls die begehrten Schriftstücke sammelte. Es entwickelte sich zwischen den Sammlern ein reger Austausch, gekrönt von diversen Treffen.
Die späten Dreissigerjahre waren neben der Sammlungstätigkeit auch von Schicksalsschlägen geprägt: So verstarb Karl Geigy-Hagenbachs geliebte Frau nach längerer Krankheit im Jahre 1938. Des Weiteren distanzierte sich Karl Geigy-Hagenbach immer mehr vom Familienunternehmen. Neben den Einschränkungen im Zweiten Weltkrieg traf der Freitod Zweigs den feinsinnigen Karl Geigy-Hagenbach schwer. Er fand aber in den letzten Lebensjahren in Cäsar von Arx, dem damals erfolgreichsten Schweizer Theaterschriftsteller, nochmals einen Korrespondenten, mit dem er sich in Freundschaft über Autographen, Literatur und viele Belange des Lebens austauschen konnte. Am 6. September 1949 verstarb Karl Geigy-Hagenbach in seiner Heimatstadt Basel.