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1/2011, Neuapostolische Kirche noch nicht anerkannt
Die Neuapostolische Kirche Basel hatte den Antrag auf die sogenannte kleine kantonale Anerkennung gestellt. Er wurde vom Regierungsrat gut geheissen, aber vom Grossen Rat abgelehnt.
Die rechtliche Situation
In Basel besteht die sogenannte hinkende Trennung von Kirche und Staat. Deshalb gibt es keine Landeskirchen.
Gemäss der Verfassung des Kantons Basel-Stadt, § 126, gibt es vier Öffentlichrechtlich anerkannte Kirchen und Religionsgemeinschaften. Nach § 133 ist eine Kantonale Anerkennung anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften möglich:
«Kantonale Anerkennung anderer Kirchen und Religionsgemeinschaften
§ 133. 1Privatrechtlich organisierte Kirchen und Religionsgemeinschaften können mit der Verleihung besonderer Rechte vom Kanton anerkannt werden, sofern sie:
a) gesellschaftliche Bedeutung haben,
b) den Religionsfrieden und die Rechtsordnung respektieren,
c) über eine transparente Finanzverwaltung verfügen und
d) den jederzeitigen Austritt zulassen.
2 Es besteht kein Rechtsanspruch auf eine kantonale Anerkennung.
3 Die kantonale Anerkennung erfolgt mit Beschluss des Grossen Rates. Dieser bedarf der Zustimmung von mindestens 51 Mitgliedern des Grossen Rates. Er unterliegt nicht dem Referendum.
4 Der Anerkennungsbeschluss legt die der Kirche oder Religionsgemeinschaft verliehenen Rechte und die von ihr zu erfüllenden Auflagen fest.»
Diese «Kleine» Anerkennung gibt den Religionsgemeinschaften aber keine besonderen Rechte, sondern ist mehr eine moralische Anerkennung und Aufwertung. Die Religionsgemeinschaft erhält kein Geld vom Kanton und ist auch nicht berechtigt, mit Hilfe des Kantons Kirchensteuern zu erheben.
Die Religionsgemeinschaften behalten den gleichen zivilrechtlichen Status, also meistens als Verein.
Gesuch der Neuapostolischen Kirche
Nachdem beklagt wurde, dass keine Religionsgemeinschaft von diesem Recht Gebrauch machen will, hat die Neuapostolische Kirche Basel ein entsprechendes Gesuch eingereicht. Damit ist nicht der Wunsch nach besonderen Privilegien verbunden. So braucht diese Kirche weder die staatliche Hilfe, um von den Mitgliedern Geld zu erhalten, noch benötigt sie Schulräume für den Religionsunterricht. Seelsorge in Spitälern oder Gefängnissen ist auch kein Problem mehr. Der wichtigste Grund für das Gesuch ist der Wunsch, entsprechend der intern vollzogenen Änderungen und Verbesserungen, aus der Schmuddelecke heraus zu kommen und als Kirche zur Kenntnis genommen zu werden.
Einschätzung der Neuapostolischen Kirche
Wer heute bei Google eingibt «neuapostolische kirche sekte» wird 25'600 Ergebnisse erhalten. Das zeigt, dass die grossen Änderungen bei dieser Kirche mehrheitlich unbemerkt geblieben sind und die Neuapostolische Kirche weiterhin als «Sekte» wahrgenommen und bezeichnet wird.
Auf einer sogenannt kritischen Seite sind die aktuellsten Beiträge von 2002 neben solchen aus dem Jahr 1994 und 1931. Der älteste Beitrag wurde 1901 verfasst und in der letzten Zeit ins Netz gestellt. Gebetsmühlenartig wird immer wieder die Neuapostolische Kirche als «Sekte» bezeichnet und beschrieben.
Auf dem Hintergrund dieser Änderungen, können Sie sich mit Hilfe der «Kriterienliste …» selber bestimmen, ob die Neuapostolische Kirche nach Ihrer Einschätzung eine «Sekte» ist.
Von INFOREL, Information Religion wurde die Neuapostolische Kirche Basel in den letzten 20 Jahren immer wieder kritisch beleuchtet, um die zahlreichen Fragen und Vorwürfe zu beantworten respektive zu untersuchen. In mehreren Besuchen und vielen Gesprächen konnten wir uns eine umfassende Meinung bilden.
Seit dem ersten Artikel, der von uns 1996 veröffentlicht worden ist, hat sich viel verändert.
Sanfte Reform
Dass Manches innerhalb der Kirche und ihrer Lehre nicht mehr zeitgemäss war, haben die Verantwortlichen der Neuapostolischen Kirche auch gemerkt und sich Gedanken gemacht über mögliche Reformen und ihre Auswirkungen.
Am 28.10.1999 wurde die „Projektgruppe Ökumene“ der NAK gegründet, die sich, hochrangig besetzt, zunächst mit der Frage der Verträglichkeit der eigenen zentralen Lehraussagen mit der Ökumene beschäftigte.
Die Einschätzung, dass die Reformen aus taktischem Kalkül sanft und über mehrere Jahre verteilt eingeführt und umgesetzt worden sind, ist Spekulation. Allerdings wäre dieses Vorgehen sehr verständlich, wenn wir zum Beispiel das Schicksal der «Weltweiten Kirche Gottes» (WKG) betrachten. Diese hat den Wandel von der «Weltweiten Kirche Gottes» mit Absolutheitsanspruch zu einer der vielen evangelischen Freikirchen teuer bezahlt. So ist etwa die Hälfte der Mitglieder ausgetreten.
Dieses Schicksal ist der Neuapostolischen Kirche offensichtlich erspart geblieben.
Am 6. Juni 2010 erschienen die zehn Glaubensartikel der Neuapostolischen Kirche in geänderter Fassung. Dies hat kirchenintern keine grossen Wellen geschlagen, hat aber auf die Beziehung zu anderen christlichen Kirchen Auswirkungen.
Vorwürfe gegen die Neuapostolische Kirche
Absolutheitsanspruch
Die Hauptvorwürfe richten sich gegen den Absolutheitsanspruch. So hiess es früher:
«Die Neuapostolische Kirche versteht sich als Fortsetzung der christlichen Urkirche.»
Dieser wurde aufgehoben.
So schreiben die Verantwortlichen der Neuapostolischen Kirche:
«Wesentlicher Ausdruck der Dialogbereitschaft ist die Erweiterung des Kirchenbegriffs in dem Sinne, dass alle, die im Namen des dreieinigen Gottes getauft sind, an Christus glauben und ihn als ihren Herrn bekennen, als zur Kirche gehörend - also als Christen – gesehen werden. Die Denominationen, denen diese Christen angehören, bezeichnen wir als Kirchen.»
Dass diese Änderungen vereinzelt doch zur Kenntnis genommen werden, zeigt der Kommentar von Matthias Neff vom römisch-katholischen Bistum Trier:
«Als bisher wichtigste Veränderung nahm die NAK im Januar 2006 Korrekturen an zwei ihrer zentralen Lehraussagen vor. So erkennt sie die Taufe anderer christlicher Kirchen und Gemeinschaften seit dem als gültiges Sakrament an. Vor allem rückte sie von ihren bis dahin vertretenen Anspruch ab, als exklusive Endzeitkirche im Sinne eines umfassenden Absolutheitsanspruchs die einzig legitime christliche Kirche darzustellen. Auch anderen Kirchen wird nun ein gewisses eigenes Recht im Heilsplan Gottes zugestanden.»
→ Die Neuapostolische Kirche verändert sich, Die Neuapostolische Kirche auf dem Weg zur ökumenischen Partnerschaft.
Unterstrichen wird in einer aktuellen Publikation der Neuapostolischen Kirche der Gedanke der wesentlichen Einheit der christlichen Kirchen:
«Festzuhalten ist: Die Kirche Jesu Christi ist überall dort sichtbar und erfahrbar, wo die Heilige Wassertaufe gespendet, der Glaube an den einen Herrn Jesus Christus bekannt, die Nachfolge Christi praktiziert und tätige Nächstenliebe geübt wird. Sie ist in jenen Glaubensgemeinschaften präsent, in denen Anbetung und Lobpreis des dreieinigen Gottes geschieht und in denen, wenn auch in unterschiedlicher Weise und Ausprägung, der Einheit, Heiligkeit, Allgemeinheit und Apostolizität von Kirche Rechnung getragen und diese Merkmale angestrebt werden. »
→ Leitgedanken zum Gottesdienst, Seite 6.
Die Neuapostolische Kirche und die Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen (ACK)
Die Neuapostolische Kirche bemüht sich seit einigen Jahren, die Mitgliedschaft in den «Arbeitsgemeinschaften christlicher Kirchen» zu erlangen und dort mitzuarbeiten.
Im benachbarten deutschen Bundesland Baden-Württemberg gibt es eine Orientierungshilfe für die Gemeinden, die von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen herausgegeben wurde. Darin wird in 10 Punkten auf die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen der Neuapostolischen Kirche und den Mitgliedskirchen der ACK eingegangen.
Seit Ende 2010 ist die Neuapostolische Kirche Basel bis Ostern 2013 Gastmitglied bei der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen im Kanton Basel-Stadt, ACK BS und «Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Baselland, ACK-BL».
Weltliches Recht und göttliches Recht
Zu reden gab ein Passus in den NAK-Schriften, wonach zwar das weltliche Recht einzuhalten sei, ausser jedoch bei Widerspruch gegen göttliche Regelungen. Dieser Passus bezieht sich auf den 10. Glaubensartikel des neuapostolischen Glaubensbekenntnisses:
«Ich glaube, dass ich der weltlichen Obrigkeit zum Gehorsam verpflichtet bin, soweit nicht göttliche Gesetze dem entgegenstehen.»
(→ auch: Kommentar zum 10. Glaubensartikel)
Dieser 10. Glaubensartikel wurde bereits 1992 geändert:
Galt bis dato die absolute Auffassung, dass jede Art weltlicher Obrigkeit von Gott gegeben und daher bedingungslos anzunehmen sei, relativierte man diese Einstellung: Der Mensch muss Gott mehr gehorchen als der Obrigkeit. Es ist nicht zu vermitteln, dass totalitäre und Menschen verachtende Regime, selbst wenn sie ein christliches Mäntelchen trügen, von Gott verordnet sein sollen. (Glaubensbekenntnisse der NAK im Wandel der Zeit - Ein Vergleich (Beigesteuert von Dieter Heussner) (6.5.2008))
Was dieser Glaubensartikel zum Beispiel nicht beinhaltet, ist das Recht auf Militärdienstverweigerung. Mitglieder der Neuapostolischen Kirche können sich im Falle einer Verweigerung nicht auf ihre Mitgliedschaft bei dieser Kirche berufen, sondern müssen sich auf ihr individuelles Gewissen beziehen.
Mitglieder der Neuapostolischen Kirche sind verpflichtet, Steuern zu bezahlen. Sie beziehen sich dabei auch auf die Aussage von Jesus:
«So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!» (Mat. 22.21)
Im Gesamten verstehen sich die Mitglieder der Neuapostolischen Kirche als loyale Staatsbürger. Dies zeigt sich in Basel, wo die Neuapostolische Kirche das Gesuch gestellt hat, deutlich: 1896 wurde hier der erste Gottesdienst gefeiert und 1927 wurde die erste Kirche eröffnet. Nie ist diese Kirche negativ aufgefallen.
Kommentar von Christoph Peter Baumann
Die Verweigerung der Anerkennung nach § 133 der Verfassung des Kantons Basel-Stadt ist unverständlich und nicht gerechtfertigt. Wie oben skizziert wurde, ist eine derartige Zurückweisung einer etablierten, seriösen Freikirche absolut nicht gerechtfertigt. Die vorgebrachten Vorwürfe sind nicht berechtigt.
Links
Neuapostolische Kirche noch nicht anerkannt (9.2.2011)
Die Neuapostolische Kirche Basel wird noch nicht kantonal anerkannt: Der Grosse Rat hat am Mittwoch die Vorlage dazu auf Antrag der SP an die Regierung zurückgewiesen.
[int.Nr.:i1271e5001101]
Aktualisiert: 14.2.2011
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