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Datierung
1964
Objektmasse
72 x 54 x 7 cm
Technik/Material
Acryl, Plastik, Gips, Bleikugeln, Drahtgitter, Holz, Metall
Nennung
Sammlung Museum Haus Konstruktiv
Schenkung der Sammlung Rolf und Friedel Gutmann
Inv.-Nr.
SK08017
Shooting Painting (Tir)
Edition MAT; Schussgemälde (Tir)
Bei dem Namen Niki de Saint Phalle (1930, Neuilly-sur-Seine, FR – 2002, San Diego, USA) denkt man als erstes an die «Nanas», grosse, stilisiert üppig gerundete Frauenfiguren, die in ihrer Buntheit vor Lebensfreude nur so strotzen. Weniger bekannt ist, dass diese auch sozialpolitisch aufgeladenen Skulpturen das reife Werk einer vielfältigen Künstlerin sind, die autodidaktisch und über die Verarbeitung von persönlichem Leid zur Kunst kam. Nach einer zerrütteten Kindheit als Tochter eines französischen Bankiers und einer Amerikanerin hatte Saint Phalle 1949 den amerikanischen Schriftsteller Harry Matthews geheiratet. Als junge, zweifache Mutter wurde sie mehrfach von Depression eingeholt, was 1953 zu einem Klinikaufenthalt führte.
In dieser schwierigen Phase und nach der Ankunft in Europa 1952 entdeckte Niki, die auf den Namen Catherine Marie-Agnès Fal de Saint Phalle getauft war, die Malerei als Katalysator. Schon in frühen Gemälden ist die Frau ihr Hauptmotiv. Bald beklebt Saint Phalle, die ihr Kunstverständnis in Pariser Galerien und Museen weiter schult, ihre Bilder mit verschiedensten Gegenständen und entwickelt sich zur Assemblage-Künstlerin. Ab Mitte der 1950er-Jahre kreisen ihre Arbeiten um Hexen, Huren, Gebärende und Bräute, womit sie die weiblichen Ideale und Rollenzwänge gleichermassen thematisiert. Zu dieser Zeit ist Saint Phalle bereits von Matthews geschieden und mit Jean Tinguely liiert, der ihr auch ein wichtiger Partner bei mehreren gemeinsamen Grosskunstprojekten werden sollte. 1961 stiess sie zur Gruppe der «Nouveau Réalistes», der Tinguely ebenfalls angehörte und die sich für eine realitätsnahe Kunst starkmachte.
Im selben Jahr erregte Saint Phalle mit ihren «Tirs» Aufsehen: Aktionen, bei denen sie mit einem Gewehr auf Gipsreliefs schoss, in die zuvor Farbbeutel eingelassen worden waren. Das Sammlungsstück des Museum Haus Konstruktiv ist ein Beispiel dieser Schaffensphase, mit der die Künstlerin unter anderem die männlich dominierte gestische Malerei der 1950er-Jahre kommentierte.
Die «Nanas», die ab 1965 entstanden, läuteten schliesslich die Feier einer emanzipierten Weiblichkeit ein. Saint Phalle hat diesen ihr eigenen Skulpturentypus verschiedentlich auch für den öffentlichen Raum und als begehbare Architekturen realisiert. In der Toskana legte sie ab 1978 den berühmten «Tarotgarten» an, der mit fantastischen Figuren inspiriert von Tarotkarten bevölkert ist. Es sind aber nicht nur diese originären plastischen Schöpfungen, sondern die innovative Haltung zur Kunst im Allgemeinen, die Saint Phalle zu einer der wichtigsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts machen.
Deborah Keller