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| Tertullian († um 220) - Gegen Praxeas. (Adversus Praxeas)

30. Cap. Auch die Verlassenheit Christi am Kreuz, sein Wirken nach dem Tode und sein Sitzen zur Rechten Gottes verträgt sich nicht mit der patripassianischen Lehre.
Wenn Du noch weiter gehst, so bin ich imstande, Dir eine derbe Antwort zu geben und Dich mit einem Ausspruche des Herrn selbst in Widerspruch zu setzen, indem ich sage: Was stellst Du darüber Untersuchungen an? Du weisst ja, dass er bei seinem Leiden ausrief: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen”?1 Entweder war es der Sohn, welcher litt und vom Vater verlassen wurde, dann litt [S. 557] der Vater nicht — oder es war der Vater, welcher litt, und dann frage ich, nach welchem Gott rief er? Das war nur ein Ruf, den das Fleisch und die Seele, d. h. der Mensch, ausstiess, kein Ruf des Wortes und des Geistes, d. h. Gottes, und er wurde deshalb ausgestossen, um zu zeigen, dass Gott leidensunfähig sei, der den Sohn verliess, indem er dessen Menschheit in den Tod hingab. Dieser Ansicht war auch der Apostel, als er schrieb: „Der Vater hat seines Sohnes nicht geschont.”2 Das hat zuvor schon Isaias angekündigt mit den Worten: „Und der Herr hat ihn dahin gegeben für unsere Sünden.”3 Er hat ihn verlassen, indem er seiner nicht schonte; er hat ihn verlassen, indem er ihn dahingab. Im übrigen aber verliess der Vater den Sohn gar nicht, da der letztere seinen Geist in dessen Hände übergab. Er übergab ihn also und starb sofort. Denn so lange der Geist im Leibe bleibt, kann der Leib in keinem Falle sterben. Daher bedeutet das Verlassenwerden vom Vater nur das Sterben des Sohnes.
Der Sohn also stirbt und wird vom Vater wieder auferweckt zufolge der hl. Schrift. Der Sohn steigt in die oberen Himmelsregionen auf und in die unterirdischen Räume hinab. Dort sitzt er zur Rechten des Vaters, nicht etwa der Vater zu seiner eigenen Rechten. Ihn schaute Stephanus, als er gesteinigt wurde, wie er noch zur Rechten Gottes stand, damit er sich von da an setze, bis der Vater ihm seine Feinde zu seinen Füssen legen wird. Er wird wiederum kommen auf den Wolken des Himmels, so wie er aufgestiegen ist. Mittlerweile giesst er die vom Vater erhaltene Gabe aus, den heiligen Geist, den dritten Namen in der Gottheit und die dritte Stufe in der Majestät, den Verkünder der einzigen Monarchie, der zugleich der Erklärer der sogenannten Ökonomie ist, wenn man die Worte seiner neuen Prophezie aufnimmt, der Einführer in alle Wahrheit, die da besteht im Vater, Sohn und hl. Geist gemäss der christlichen Glaubenslehre.
1: Matth. 27, 49 [lies: Matth. 27, 46].
2: Röm. 8, 32.
3: Is. 53, 5 u. 6.