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Eine Familie will ernährt sein
Die Familie Coninx dominiert die Schweizer Medien und wird durch die alljährlichen Dividenden der Tamedia (kürzlich in TX Group umfirmiert) immer reicher. Sie lebt von Werbung, aber ihre Macht verdankt sie der Kontrolle über die Meinungsbildung in der Schweiz. Tamedia Papers, Kapitel 1.
Von Marc Guéniat (Text), Andreas Bredenfeld (Übersetzung) und Berto Martinez (Illustration), 09.12.2020
Jens Ellermann (82) ist ein Violinvirtuose. Er wirkte lange Jahre in Hannover und München als Geigenprofessor, spielte in namhaften Orchestern und bildete mehrere Solisten aus, die später steile Karrieren hinlegten und in ihren Lebensläufen den Lehrmeister als Referenz angeben.
«Ich habe ihm viel zu verdanken», sagt sein Schüler Ulf Schneider, der nun selbst Professor in Hannover ist. «Er behandelte mich fast wie einen Sohn. Ich erinnere mich an einen wundervollen Abend bei seinen Eltern in Vaduz mit viel Musik, Gesprächen, fantastischem Essen und sehr gutem Wein.»
Wem gehört die Zeitung, die Sie morgens zum Kaffee lesen? Das Onlineportal, das Sie in der Mittagspause anklicken? Die Geschichte einer reichen und mächtigen Verlegerfamilie. Und was sie mit ihren Medien macht. Zum Auftakt der Serie.
Für das zweistellige Millionenvermögen von Ellermanns in München ansässiger Firma und für die Stiftungen in Vaduz, die von seinen beiden nicht weniger vermögenden Schwestern kontrolliert werden, reicht das Geigentalent allein als Erklärung allerdings nicht aus.
Ellermanns Nichte besitzt ein hübsches Haus auf Ibiza, das in einem Bildband mit dem Titel «Ibiza Bohemia» überschwänglich gewürdigt wird. Beim Farbkonzept liess sie sich von ihren Kindheitsaufenthalten auf dem väterlichen Anwesen in der Karibik inspirieren. 1998 gab die Nichte dem Magazin «Stern» mit der Arglosigkeit einer 20-Jährigen Auskunft über sich selbst und berichtete von ihrem Münchner «Prinzessinnenleben», Disco-Abenden, Drogen und Amouren. «Wenn ich arbeite, habe ich das Gefühl, meine Zeit zu vergeuden», liess sie wissen.
Ihre Cousine Claudia Coninx-Kaczynski (46) sitzt im Verwaltungsrat mehrerer Unternehmen wie der Forbo Holding, die sich auf Bodenbeläge und Bauklebstoffe spezialisiert hat, und der Kommunikationsagentur Swisscontent, deren Chef ihr Ehemann ist. Dass sie durch ihre Aktivitäten für verschiedene Wohltätigkeitsorganisationen, die sich für Menschenrechte, die Entwicklung Afrikas oder klassische Musik starkmachen, mit der Hautevolee des Schweizer Kapitalismus und Bundesrat Ignazio Cassis engen Umgang pflegt, verdankt sie nicht nur ihrem Können.
Trotz mehrerer Versuche ist es nicht gelungen, uns mit Jens Ellermann und seiner Nichte zu treffen. Claudia Coninx-Kaczynski beantwortete unsere Anfragen erst gar nicht.
Alle drei gehören zur Zürcher Familie Coninx, die laut einer Schätzung des Magazins «Bilanz» 2019 über ein Vermögen von etwa 1,25 Milliarden Franken verfügte. Zu diesem Vermögen tragen unter anderem die Journalistinnen und Journalisten mit ihrer täglichen Arbeit in total 33 Schweizer Redaktionen bei.
Denn die drei Erben und 23 weitere Familienmitglieder leben von den Gewinnen der TX Group, wie die Tamedia seit Januar 2020 heisst. Die Familie Coninx hält 73,73 Prozent des Konzerns und streicht seit 20 Jahren alljährlich im Schnitt 39 Millionen Franken an Dividenden ein.
Entsprechend beruhigt konnte der Patriarch Otto Coninx-Wettstein am Ende einer langen Karriere 1993 im Jubiläumsbuch «Medien zwischen Geld und Geist» zum 100-jährigen Bestehen des «Tages-Anzeigers» erklären: «Bei Erbschaften haben wir nie jemanden ausbezahlt, die bekamen immer Aktien.»
Treffender konnte Coninx-Wettstein die für die Geschicke der TX Group entscheidende Philosophie nicht auf den Punkt bringen. An dieser Philosophie änderten seit der Gründung 1893 weder Umbenennungen noch Wirtschaftskrisen etwas, weder wechselnde Führungsstile und erst recht nicht der unglaubliche unternehmerische Erfolg der Familie Coninx. Sie lautet: Das Kapital muss in den Händen der Gründerfamilie bleiben.
Otto Coninx-Wettstein, ohne Zweifel die prägendste Gestalt der bisherigen Konzerngeschichte, gehörte von 1942 bis 1987 dem Verwaltungsrat des Familienunternehmens an. Er sah voraus, dass es eine Herausforderung werden würde, die Kontrolle über den «Tages-Anzeiger» und alle später aufgekauften Pressetitel zu behalten – von der «Basler Zeitung» und «20 Minuten» über die «Tribune de Genève» bis zu «24 Heures» und «Der Bund».
Darauf besannen seine Nachfolger sich denn auch beim Teilbörsengang am 2. Oktober 2000. «Das Unternehmen brauchte frisches Geld, und in einem Familienunternehmen gibt es immer gegenläufige Strömungen. Um die Aktien der Familienmitglieder zurückzukaufen, die sich zurückziehen wollten, brauchte es einen Börsengang, weil die Unternehmenssatzung kreditfinanzierte Aktienrückkäufe nicht zugelassen hat», erinnert sich der damalige Tamedia-CEO Michael Favre.
Daher zapfte die Familie damals die Reserven an und genehmigte sich eine Sonderdividende von 250 Millionen Franken. Seit dem Gang an die Börse schüttete Tamedia 951,1 Millionen Franken an Dividenden aus.
Davon mehrten 785,6 Millionen Franken (die Sonderdividende eingerechnet) den Reichtum der Familie Coninx.
Um die Zügel auf jeden Fall in der Hand zu behalten, sorgte die Familie mit einem zweckmässigen Instrument dafür, dass die Inhaber des Aktienkapitals unter sich bleiben: mit einem sogenannten «Aktionärsbindungsvertrag».
Dieser Bindungsvertrag, der ausnahmslos Familienmitgliedern vorbehalten bleibt, bildet heute das Herzstück der Corporate Governance des Konzerns, der eine Milliarde Franken Umsatz erwirtschaftet, über 3700 Mitarbeiter beschäftigt und mehr als 50 Marken umfasst, zu denen nicht nur Pressetitel, sondern auch Werbefirmen und Onlineplattformen gehören. Am 30. Juni 2020 betrug der Eigenmittelbestand 1,9 Milliarden Franken.
Der Aktionärsbindungsvertrag regelt die Ernennung von Verwaltungsratsmitgliedern und die Ausschüttung von Dividenden. Ausserdem schiebt er Aktienverkäufen an Dritte einen Riegel vor, indem er den Unterzeichnern für den Fall, dass ein Mitglied der Gründerfamilie sich von seiner Beteiligung trennen möchte, ein wechselseitiges Vorkaufsrecht einräumt. In diesem Fall können die anderen Mitglieder des Pools nämlich dessen Beteiligung mit einem Abschlag von 20 Prozent gegenüber der Börsennotierung erwerben. Dieser Vertrag schliesst nahezu alle Mitglieder der Gründerfamilie ein, die in dieser Zusammensetzung insgesamt 69,1 Prozent der Anteile halten.
Dass die Familie die Kontrolle behält, ist also garantiert.
Doch für die Filetstücke der Schweizer Wirtschaft gilt das Gleiche wie für Ackerparzellen, die unter immer mehr Erbinnen aufgeteilt werden müssen: Irgendwann ernähren sie ihre Besitzer nicht mehr. Mit der fortschreitenden Zersplitterung des Anteilsbesitzes wächst für die TX Group die Gefahr, dass erstens die Interessen innerhalb der Familie nicht mehr unter einen Hut zu bringen sind und zweitens der Druck zunimmt, Dividenden auszuschütten.
Inzwischen führt die fünfte Coninx-Generation das Regiment im Konzern. Sie besteht aus 26 Familienmitgliedern, die in Hamburg, München, Vaduz, Bern, Luzern und natürlich Zürich leben.
«Wenn man ihre Kinder, also die sechste Generation, mit einrechnet, kommt man insgesamt auf rund 50 Nutzniesser. Sie sind erwerbstätig, aber ihr Lebensstandard liegt in der Regel über dem, was ihre Arbeitseinkünfte hergeben. Es käme ihnen nie in den Sinn, auf Dividenden zu verzichten», sagt jemand, der der Familie nahesteht und lange im Konzern gearbeitet hat.
So mancher sieht das Familienmodell durchaus kritisch, wie etwa Artur Vogel, Journalist und Autor mehrerer Bücher. Er verliess Ende 2014 die Tageszeitung «Der Bund» als Chefredaktor und beendete damit seine über 30-jährige Karriere im Konzern: «Für die Presse», sagt Vogel, «ist die Familie Coninx ein grosses Problem. Eine erhebliche Anzahl ihrer Mitglieder leistet keinen Beitrag zur Konzernleitung; sie haben Aktien geerbt und fordern Dividenden, um ihren Lebensstil zu finanzieren.»
Der Druck, Dividenden auszuschütten, lastet auf einem einzigen Familienmitglied: Pietro Supino. Der 1965 in Mailand geborene Supino war unter anderem als Management Consultant für McKinsey tätig und ist heute Verleger und Verwaltungsratspräsident der TX Group. Auf sein spezielles Profil werden wir noch zurückkommen.
1906 gelangten die Coninx durch Heirat in den Besitz des «Tages-Anzeigers für Stadt und Kanton Zürich», den der Deutsche Wilhelm Girardet 1893 gegründet hatte. Der junge Ingenieur Otto Coninx, ebenfalls Deutscher, hatte Girardets Tochter geheiratet, liess sich daraufhin in Zürich nieder und übernahm die Geschäftsführung. Das Paar hatte drei Kinder. Jedes dieser drei Kinder begründete einen der drei heutigen Familienzweige.
Die beiden Söhne Otto Coninx-Wettstein und Werner Coninx sowie Tochter Irmgard Ellermann-Coninx bildeten die dritte Generation und erbten jeweils ein Drittel des Aktienkapitals. Alle drei sind inzwischen verstorben. Heute liegt das Aktienpaket in den Händen ihrer Nachkommen, die der auch schon in die Jahre gekommenen vierten und fünften Generation angehören.
Ellermann-Coninx: Der deutsche Zweig
Irmgard Ellermann-Coninx hatte drei Kinder mit dem Hamburger Verleger Heinrich Ellermann, mit dem sie sich 1950 in Vaduz niederliess. Obwohl sie mehrere Jahre dem Tamedia-Verwaltungsrat angehörte, spielte sie in den geschäftlichen Angelegenheiten der Firma nie eine bedeutende Rolle. Im Grunde gilt dies für den gesamten Familienzweig mit Ausnahme von Irmgards Enkelsohn Konstantin Richter – gegenwärtig der einzige Journalist im Verwaltungsrat. Auch er wollte unsere Fragen nicht beantworten.
Mittlerweile sind Irmgard Ellermann-Coninx’ Aktien in den Besitz von Einrichtungen zugunsten ihrer Kinder übergegangen. Im Falle von Sabine Richter-Ellermann und Antje Landshoff-Ellermann handelt es sich um Stiftungen in Liechtenstein, beim Violinisten Jens Ellermann um eine Firma in Süddeutschland. Zusammen kommen die drei Geschwister auf 17 Prozent des Kapitals, was ihnen jedes Jahr mehrere Millionen garantiert. Der Präsident der beiden Stiftungsräte, Guido Albisetti, erläutert den Stiftungszweck: Sabine Richter-Ellermann und Antje Landshoff-Ellermann «haben keinen Zugriff auf das Vermögen und die Erträge der Stiftung. Im Rahmen der Beschlüsse des Stiftungsrates können sie Zuwendungen erhalten. Diese Leistungen werden ordnungsgemäss an ihrem Wohnort – also in Deutschland – versteuert. Das Gleiche gilt für ihre Nachkommen. Die Stiftungen erfüllen einen karitativen Zweck, indem sie mit ihren Spenden karitative oder künstlerische Organisationen oder Einrichtungen unterstützen.»
Die inzwischen 80-jährige Antje Landshoff-Ellermann war Mäzenin, Galeristin und Verlagschefin. Ihrer Ehe mit dem deutschen Verleger Thomas Landshoff entsprang nur eine Tochter – die erwähnte Besitzerin des hübschen Hauses auf Ibiza. Die genaue Höhe der persönlichen Geschäftsanteile dieser Tochter an der TX Group ist nicht bekannt, ganz zu schweigen von den Einkünften, die sie durch die Stiftung in Liechtenstein bezieht. Bekannt ist nur, dass sie einer Gruppe von 19 Kleinaktionären der Familie angehört, die sich 2,14 Prozent des Kapitals teilen, was einer durchschnittlichen Jahresdividende von 818’102 Franken entspricht.
Der Zweig des Bruders des Patriarchen: Pietro Supinos Stamm
Werner Coninx (1911–1980), Sammler, Maler und Freund von Max Frisch, sass 36 Jahre im Verwaltungsrat, stand aber stets im Schatten seines Bruders Otto, des Patriarchen. Aus dem Jubiläumsbuch «Die Medien zwischen Geld und Geist», das die ersten 100 Jahre des «Tages-Anzeigers» Revue passieren lässt, erfährt man, dass seine – nach Meinung seines Sohnes Severin nie ausreichenden – Dividenden in seine Kulturstiftung flossen.
Werner hatte zwei Kinder, die heute das grösste Aktienpaket halten. Dies ist zum einen Severin, der als pensionierter Arzt in Bern und Neuenburg lebt und in den 1990er-Jahren gegen die «Brutalität» des Konzerns protestierte und unsere Fragen ebenfalls nicht beantworten wollte. Zum anderen hatte Werner mit einer anderen Frau die Tochter Rena Maya. Diese verliebte sich als 18-Jährige in einen Italiener, der im Zweiten Weltkrieg dem Widerstand angehörte und später einen Führungsposten beim Reifenhersteller Pirelli in Mailand übernahm: Ugo Supino. Aus dieser Verbindung gingen der heutige Konzernchef Pietro Supino und seine Schwester hervor.
Die Linie des Patriarchen Otto Coninx
Der dritte Familienzweig ist die Linie von Otto Coninx (1915–2001), der 45 Jahre lang dem Verwaltungsrat angehörte. Er hatte vier Kinder mit Emmy Wettstein – darunter Hans Heinrich, 1945 geboren, der 1987 seine Nachfolge als Verleger und Verwaltungsratspräsident antrat.
Der musikbegeisterte Hans Heinrich Coninx – der «Mann mit der Fliege» – ehelichte fünfmal und hat mehrere Kinder, darunter Claudia Coninx-Kaczynski. Sie führt den Vorsitz im Aktionärspool der Gründerfamilie und fungiert als Schiedsrichterin, wenn es um Familieninteressen geht. Sie hat das Nutzniessungsrecht an 3,71 Prozent der Anteile. Für 2019 erhielt sie somit eine Dividende von 1’376’315.50 Franken. Insgesamt wurden im April 2020 37,1 Millionen Franken ausgeschüttet. Zur gleichen Zeit wurden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Konzerns wegen des Einbruchs der Werbeeinnahmen infolge von Covid-19 in Kurzarbeit geschickt (die Angestellten erhalten dennoch ihren vollen Lohn).
Der Patriarch kann weiterhin sanft im Grabe ruhen: Die Kontrolle der Coninx über das familieneigene Kronjuwel ist gesichert.
In der ersten Version dieses Beitrags hatten wir den Namen des Ehemanns von Antje Landshoff-Ellermann mit Heinrich statt Thomas angegeben. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen.