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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1978 von Jules Bernauer
Obwohl bereits die Römer zu Beginn unserer Zeitrechnung Pilze als besondere Leckerbissen erkannt hatten und auch genossen, verschwanden diese Sporenpflanzen im Mittelalter wieder von den Esstischen. Sie galten als Hexenprodukt und Teufelszeug, zudem wusste man, dass sie wenigstens teilweise tödlich giftig wirkten. Erst als im 18. Jahrhundert der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné, der vor 200 Jahren starb, sich ernsthaft mit der Erforschung der Pilze befasste, kam etwas Licht in diese rätselhafte Wissenschaft. Doch nur wenige Botaniker, meist Amateure, nahmen sich Zeit für weitere systematische Untersuchungen. So verwundert es nicht, dass auch noch anfangs des 20. Jahrhunderts nur sehr wenige wagemutige Naturfreunde sich an den Genuss von Pilzen wagten; von kommerzieller Verwertung konnte schon gar nicht die Rede sein. Als dann während der Kriegsjahre 1939–1945 die «Anbauschlacht» propagiert und durchgeführt wurde, besann man sich auch auf die Pilze als eine Nahrungsquelle, die zwar nicht sehr kalorienreich, aber immerhin magenfüllend war. Verschiedene Gemeinden errichteten mit zum Teil in Schnellbleiche ausgebildeten Funktionären Pilzkontrollstellen, deren Sortiment sehr bescheiden ausfallen musste, da ja nur sicher erkannte Speisepilze für den Genuss freigegeben werden dürfen. In Wädenswil eröffnete die Gesundheitskommission in diesen Jahren eine PilzkontrollsteIle. Als Amtlicher Pilzkontrolleur betätigte sich der Botaniker Dr. Johannes Anliker; das Kontrolllokal befand sich an seinem Arbeitsort, in der damaligen Eidg. Versuchsanstalt.
Nach Kriegsende stagnierte die «Pilzerei», weil sich der Konsument erst wieder einmal mit Fleisch sattessen wollte. Mit der überhandnehmenden Motorisierung in den 1960er Jahren stieg die Zahl der pilzsuchenden Sonntagsausflügler und Gastarbeiter, speziell der Italiener, welche schon früher Pilze zu geniessen wagten. Leider ist das Pilzsammeln teilweise zum Modesport degeneriert. Dazu kam rücksichtslose Raffgier mit sinnloser Zerstörung aller nicht bekannten Pilze. Mehrere Kantone mussten daher Einschränkungen zeitlicher oder quantitativer Art anordnen, damit sich die Wälder nicht wie Schlachtfelder präsentierten.
1 Spei-Täubling, 2 Hallimasch, 3 Parasol, 4 Echter Reizker.
Bekanntlich gehört Wädenswil zu den waldärmsten Gemeinden des Kantons Zürich. Die kleine Waldfläche ist aber vielseitig in Bezug auf das Mischungsverhältnis zwischen Laub- und Nadelholz. So finden wir zum Beispiel reinen Nadelwald im Geren-, Gulmen-, Rötiboden- und Winterbergholz; Mischwald im Reidholz, Rötiboden-, Gulmen- und Winterbergholz sowie reine Buchenbestände im Reidholz und auf Rötiboden. Jede dieser Waldarten bringt spezifische Pilzsorten hervor, weil eine sehr grosse Anzahl von Pilzen streng an bestimmte Baumarten gebunden ist. Noch während der Kriegsjahre fanden sich in der Mehrzahl der oben erwähnten Wälder ausserordentlich viele Pilzarten, darunter natürlich auch giftige und ungeniessbare. Aber man brauchte nicht weit zu gehen, um genug Speisepilze für eine Mahlzeit zu sammeln. Heute ist in den Wäldern der nächsten Umgebung nur noch eine sehr beschränkte Artenzahl anzutreffen. Die Ursachen für den Rückgang der Pilzflora können vielfältig sein: Luftverschmutzung, zu starkes Auslichten, − was Überwucherung mit Brombeerstauden zur Folge hat −, zu starkes Begehen (Bodenverdichtung) oder zu intensives Sammeln. Jedenfalls ist es gegenwärtig nicht möglich, den Grund für die jetzige Pilzarmut zu beweisen, da für wissenschaftliche Untersuchungen dieser Art Dutzende von Jahren benötigt würden, und das Geld für solche kommerziell uninteressanten Forschungen nicht erhältlich zu machen ist.
Relativ häufig sind im Nahgebiet sämtliche Holzbewohner zu finden, wie zum Beispiel Hallimasch und Schwefelköpfe. Ebenfalls nicht selten treten auf Wiesen unter Obstbäumen Safranschirmlinge und Schopftintlinge auf. Weniger häufig sind Nebelkappen, Perlpilze, Totentrompeten und Reizker zu finden, die früher massenweise auftraten, während die beliebtesten Speisepilze − Steinpilz und Eierschwamm − sozusagen ganz verschwunden sind.
In der Kontrollstelle erscheinen zuerst einmal Anfänger, welche der Ansicht huldigen, der grösste Teil der im Wald sichtbaren Pilze sei essbar. Das ist ein Irrtum: Die meisten Pilze sind für Speisezwecke ungeeignet, weil sie unangenehmen Geschmack aufweisen oder bitter und zäh sind. Nur ein kleiner Teil ist giftig, teils sogar tödlich. Aber gerade giftige Pilze weisen ein sehr appetitliches Aussehen und guten Geschmack auf. Aufklärung der Anfänger über diese Aspekte gehört ebenfalls ins Pflichtenheft des Kontrolleurs. Den grössten Anteil unter den Kontrollbenützern stellen diejenigen Sammler, welche sich wohl auf ein beschränktes Sortiment Speisepilze konzentrieren, ihre Ausbeute aber sicherheitshalber kontrolliert haben wollen.
Ein Spezialgebiet bilden die Italiener. Nach schweren, in der Tagespresse bekanntgewordenen Vergiftungsfällen, erscheinen sie mit ihrer Ware in der Kontrolle; schon im nächsten Jahr ist aber die Sache leider wieder vergessen.
Dass die Frequenz der PilzkontrollsteIle sehr grossen Schwankungen unterworfen ist, kann untenstehender Tabelle entnommen werden, welche einen Überblick über die Tätigkeit des Pilzkontrolleurs vermittelt. Über das Vorkommen von Pilzen in der näheren Umgebung sagt sie indessen nichts aus, da über die Herkunft des vorgelegten Materials kein Nachweis existiert.