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(Fortsetzung Zürcher Staatskellerei)
1803 kam Rheinau unter die Räder des konservativen, protestan tischen Zürich. Einschneidende Verwaltungsmassnahmen setzten der Abtei arg zu. 1862 wurde das Kloster aufgehoben. Süffisantes Intermezzo für literarisch interessierte Weinwissen: Die amtlichen Weisungen für die Verweltlichung wurden vom damaligen Staats schreiber und Weinliebhaber Gottfried Keller ausgestellt....
Das Kloster Rheinau war nicht die einzige geistliche Institution, die vom langen Arm der reformatorischen Kräfte erfasst und für weltliche Zwecke freigestellt wurde. Ähnlich erging es den Barfüssermönchen im Herzen der Stadt Zürich, allerdings schon 300 Jahre früher.
Der Orden der Minderbrüder (Minoriten) oder Franziskaner, in Zürich wegen des Verzichts auf eine Fussbekleidung auch als Barfüsser- orden bekannt, spielt im Zusammenhang eine gewichte Rolle. Denn der Keller des Barfüsserklosters diente zugleich als Versorgungsinsti- tution für das von den Zähringer-Herzögen auf demselben Areal ge- gründete Spital, damals noch „Armenspital" genannt.
Der vinifizierte Rebensaft spielte im Haushalt eines Pflegeinstituts eine massgebende Rolle. Allen Ernstes: Wein war das hygienisch einwand- freiste Getränk. Bier oder Milch verdarben schnell. Und Wasser war zu jenen Zeiten ein Herd gefährlicher Erreger.
1525 wurde das Barfüsserkloster auf unbestimmte Zeit für weltliche Zwecke freigestellt. Was folgte war ein vier Jahrhunderte dauerndes Wechselspiel von Umbauten und Zweckänderungen. Einzige Konstante die Weinkellerei, die weiterhin als Versorgungsinstitution der Spitals fungierte.
Importe, die Renaissance des Biers, aufkommende Abstinenzlerbewe- gungen und Panscherei setzten dem Wein im 19. Jh. Arg zu. Das Einschleppen der Reblaus und des falschen Mehltaus aus Amerika zerstörte auch die Rebberge in der Schweiz.
Das fast mystische Vertrauen in den ehemals klösterlichen Betrieb kam der nunmehr staatlich beaufsichtigten Kellerei entgegen.
Der erste Weltkrieg zeitigte dramatische Entwicklungen: Die Importe stiegen, die Preise für einheimische Gewächse sanken, die Nachteile des staatlich gelenkten Betriebes in finanzieller Hinsicht drangen mehr und mehr ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Im Jahre 1921 dann der unweigerliche Frontalangriff im Ratsaal: „Der Regierungsrat wird be auftragt die Aufhebung der Staatskellerei auf Ende Jahr durchzuführen". Im Jahre 1935 wurde die Kellerei der zürcherischen Volks wirtschaftsdirektion unterstellt und fortan Staatskeller genannt.
Die Kellereien in Zürich und Rheinau blicken auf eine vier- bis fünfhundertjährige Tradition zurück, der Rebbau in Rheinau ist sogar seit über 1000 Jahren verbrieft. Die historischen Wurzeln veranschaulichen das Vermächtnis der von der Caves Mövenpick SA in die Zukunft begleiteten Staatskellerei.
Die Zürcher Staatskellerei heute
In den modernst ausgestatteten Kellereien werden nicht nur gängig Traubensorten vinifiziert. Zum Zuge kommt auch das Ursprüngliche, Rare oder überraschend Neue, handelt es sich nun um einen altehrwürdigen Räuschling, einen Federweissen aus der Barrique, eine gelungene Cuvée, einen edlen Schaumwein, einen Pinot noir Prestige oder einen raren Eiswein.

Zeittafel Zürcher Keller
Ende 12. Jh.: Die Zähringer gründen das „Armenspital"
1247: Erste urkundliche Erwähnung des Barfüsserklosters
Mitte 13. Jh.: Fertigstellung der frügotischen Barfüsserkirche
1293: Umbenennung in „Heiligen Geist Spital"
1336: Im Hof des Barfüsserklosters wird die Zunftrevolution Rudolf Bruns beschlossen.
1415: Der quadratische Kreuzgang mit den reichen Formen der Hochgotik entsteht.
15. Jh. : Massive Ausweitung des klösterlichen Grundbesitzes, hauptsächlich durch Rebberge
1524/25: Reformations-Willkür: Das Barfüsserkloster wird auf unbestimmte Dauer für weltliche Zwecke „freigestellt".
Um 1550: Erste urkundliche Erwähnung des Spitalamtkellers.
1784: Im mittlerweile abgetragenen Schrättelis- oder Wolfsturm stellt Froschauer, der erste Buchdrucker Zürichs, seine Pressen auf. Hierher führt auch die Suche nach den Wurzeln der Neuen Zürcher Zeitung.
1807: Der Regierungsrat verkauft die Baulichkeiten. Sie werden in ein Kasino umfunktioniert – während Jahrzehnten ein gesellschaftlicher Mittelpunkt im alten Zürich.
2. Hälfte 19. Jh: Die Eisenbahn begünstigt den Weinhandel, was Importen Vorschub leistet, dem sauber vinifizierten Wein aus der Staatskellerei jedoch nachhaltig einen guten Ruf verschafft.
1871: In einer statistischen Erhebung fungiert der Kanton Zürich als zweitgrösster Weinbaukanton der Schweiz.
Jahrhundertwende: Die aus Amerika eingeschleppte Reblaus und der falsche Mehltau zerstören grosse Teile der Rebflächen in ganz Europa.
6. August 1902: Weitsichtige Politker verfügen, dass die Staatskellerei nur reelle nd rein gehaltene Landweine in den Handel bringen dürfte.
1904: Der Verkauf von Staatskellerei-Weinen an Private ist erstmals erfolgreich.
1921: Erfolgloser Vorstoss, die Staatskellerei aufzlösen.
1932: Abstinenzler verlangen die Abschaffung der Staatskellerei.
1935: Zusammenlegung Rheinau und Spitalkellerei unter der Bezeichnung „Staatskeller".
1997: Die Staatskellerei wird privatisiert und der Schulterschluss mit der Caves Mövenpick SA vollzogen.
2002 wird durch die Geschäftsleitung der Mövenpick-Gruppe verkündet, dass der Staatskeller in Zürich geschlossen wird und damit eine lange Tradition, nicht aus wirtschaftlichen Gründen, ein Ende findet. Die Räumlichkeiten werden durch das Zürcher Obergericht beansprucht.