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Muss man schwarz sein, um den Blues spielen zu können? Ist der Blues rassistisch?
Unter Blues-Liebhabern kommt es zu immer wiederkehrenden Diskussionen darüber, ob ein Bluesmusiker schwarz sein muss, damit der Blues «echt», also authentisch, ist. Eine Teilfrage hiervon oder eine Variante ist die Frage, ob ein Bluesmusiker seine Laufbahn auf einem Baumwollfeld begonnen haben muss oder nicht. Auch hierbei geht es um Authentizität und Glaubwürdigkeit.
Weil die Diskussion immer wieder aufflammt,
gibt das Redaktionsteam von BLUESNEWS.CH hier seine Meinung zum Thema bekannt.
Wenn Ihr eine Meinung äussern wollt, seid Ihr herzlich dazu eingeladen, Euren Kommentar abzugeben, entweder als Kommentar zum Artikel oder im Bluesforum.
Der Blues ist eine Kunstform, die wie allgemein bekannt, von der schwarzen Bevölkerung der USA begründet wurde. Die Musik geht dabei auf afrikanische Ursprünge zurück und offenbar lässt sich eine Verbindung zu westafrikanischen Erzähltraditionen herstellen.
Zur Musikform des Blues wurde dies dann zwischen der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert und der Depression, und auch hier war es ausschliesslich die schwarze Bevölkerung, die Blues hörte. Im Gegensatz zum Jazz, der etwa in Harlem auch einem hippen weissen Publikum zugänglich war bliebt der Blues eine rein schwarze Angelegenheit.
Es ist eine historische Tatsache, dass Muddy Waters und B.B. King auf den Baumwollfeldern gearbeitet haben. Es ist auch eine historische Tatsache, dass ausnahmslos alle Bluespioniere schwarzer Hautfarbe waren: Robert Johnson, Son House, Blind Lemon Jefferson, Lightnin' Hopkins, Blind Blake, John Lee Hooker, Furry Lewis Robert Lockwood Jr., David Honeyboy Edwards und wie sie alle heissen mögen. Und für manche von ihnen wurden sicher auch die Baumwollfelder zu Blau-Wollfeldern.
Der Grund, weshalb alle diese Musiker Blues spielten ist, dass sie im Blues aufgewachsen sind. Ebenso wie heute junge schwarze Musiker in den amerikanischen Ghettos selbstverständlich Hip-Hop als Ausdrucksform wählen, war es bei den Bluesern eben der Blues. Sie spielten also nicht Blues, weil das in ihrem Blut angelegt war (oder in ihren Pigmenten), sondern weil es ihrer Kultur entsprach.
Sie hätten natürlich auch Gospel singen können, aber wenn man Lust hat, eine Geschichte über Liebe, Eifersucht, Glücksspiel oder ähnliches zu singen, eignet sich der Blues eben besser als der Gospel. Zumindest bis uns Ray Charles eines Besserns belehrte.
Auch die folgende Generation Buddy Guy, Otis Rush, Junior Wells wuchsen musikalisch in einem Blues-Umfeld auf. Sie hatten zwar nie auf den Baumwollfeldern gearbeitet, aber sie spielten ihre Weiterentwicklung der in jeder Hinsicht orthodoxen Tradierungslinie der Musik. So wie Muddy Waters von Big Bill Broonzy gefördert wurde, protegierte dieser Guy und Wells, und eine grosse Zahl weiterer Blueser, die zwar nicht gleich spielten wie Muddy, aber in dessen Tradition standen.
Der Blues breitete sich weiter aus und erreichte weisse Menschen: Musiker, Musikliebhaber, Tänzer. Diese begannen den Blues zu lieben und ihn selbst zu spielen. Weltweit gibt es eine Generation von weissen Musikern, die ebenfalls den Blues spielen, allerdings in der Regel, weil sie ihn toll finden. Alexis Korner, John Mayall, Eric Clapton entschieden sich ebenso für den Blues wie Chris Barber sich für den Jazz entschieden hat.
Sind sie deshalb keine Blueser? Doch, sind sie, nur sind sie etwas andere Blueser. Ihre Musik klingt anders, sie haben andere Einflüsse, haben ihre Instrumente anders erlernt, aber sie spielten (und spielen) genauso den Blues wie Muddy Waters. Die Musik ist nicht identisch, aber beides sind Formen des Blues.
Denn der Blues hat nichts mit der Hautfarbe zu tun, sondern damit, ein Gefühl nachzuempfinden und es so präsentieren zu können, dass das Publikum es wahrnimmt. Es gibt eine gewisse Tiefes des Gefühls, und einen Ausdruck davon, den wir den Blues nennen. Als Ausdruck dieses Gefühls bedient man sich der Musik, deren Grundform die Blues Progression über die Akkordstufen I-IV-V ist. Ebenso wie es keine Rolle spielt, ob man für «echten» Blues das Piano oder die Gitarre, die Mundharmonika oder den Bass zu Hilfe nimmt, spielt es keine Rolle, welche Hautfarbe man hat (Nur am Rande: In New Orleans habe ich meinen ersten asiatisch-amerikanischen Blues-Gitarristen gesehen).
Auch amerikanische weisse Blueser wie Michael Bloomfield, Jeff Healey oder auch Roy Buchanan spielen zweifelsohne «echten» Blues, wenn er auch ganz und gar nicht so klingt wie B.B. King.
Selbstverständlich ist es aufgrund der Tatsache, dass die Blues-Ausdrucksweisen unterschiedlich klingen möglich, dass jemandem die eine oder andere Art besser gefällt, dass man mit der rohen Ursprünglichkeit John Lee Hookers einfach mehr anfangen kann als mit John Mayall's Blues Breakern in einer ihrer zahlreichen Inkarnationen.
Deshalb ist es meiner Meinung vollkommen in Ordnung, schwarzen Blues besser zu mögen als weissen Blues, so unterschiedlich er von Robert Lockwood Jr. bis Luther Allison auch sein mag, so gibt es Gemeinsamkeiten, die schwarze Musiker von weissen unterscheiden. Dies ist natürlich keine Regel, nur eine Beobachung.
Es gibt freilich eine beträchtliche Zahl schwarzer Blueser, die sich musikalisch dem Blues-Rock oder dem schnellen harten Blues verschrieben haben, der eher auf die britischen Ursprünge zurückgeht, Little Jimmy King, Bernard Allison oder Melvin Taylor etwa. Und es gibt wenig weisse Blueser, die sich an der Ausdrucksweise schwarzer Musik orientieren, das heisst, sie versuchen nachzuspielen, ohne dass sie museal oder gekünstelt wirken. Peter Greens zwei Alben mit Robert-Johnson-Coverversionen würde ich etwa dazu zählen oder Claptons From The Cradle.
Hier wären zudem noch Bluesfrauen zu erwähnen. Von Rory Block bis The Uppidy Women, Angela Strehli oder die Schweizerin Yvonne Moore hat keine der Damen auf dem Baumwollfeld gearbeitet, und ihre Musik klingt nicht wie schwarzer Männerblues, und doch ist es Blues. Selbst Shemekia Copeland oder Zakiya Hooker klingen nicht wie ihre berühmten Väter.
Mit anderen Worten und sehr viel kürzer gesagt: Es gibt als Folge der unterschiedlichen Sozialisation der einzelnen Musiker wohl schwarzen und weissen Blues, und man kann den einen oder anderen besser mögen, aber es gibt keine genetische Disposition dafür, guten Blues nachempfinden und damit spielen zu können.