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Pepe Imaz steht für die sportlich wohl erfolgloseste Zeit in der Karriere von Novak Djokovic. Der Guru war einst selber Tennisprofi, zwischen 2016 und 2018 war er ein Teil von Djokovics Entourage. Seine Lebensphilosophie: «Liebe und Frieden». An seiner Tennisakademie im spanischen Marbella nutzt Imaz die «Kraft der Meditation und von langen Umarmungen». Djokovic war begeistert von Imaz' Methoden, seit dieser 2013 seinem Bruder Marko bei Depressionen half.
Trotz der Trennung sei das Verhältnis zu Novak Djokovic immer noch ausgezeichnet, betont Imaz, der den Serben mit seinen Inputs massgeblich beeinflusst hat. Für ihn ist der Ausraster Djokovics an den US Open «ein Produkt der Spannung, die sich aufgestaut hat». Der 33-Jährige hatte wütend einen Ball weggeschlagen und damit eine Linienrichterin am Hals getroffen, weshalb er disqualifiziert wurde.
«Schon drei oder vier Punkte davor hat man gesehen, dass sich Nole überhaupt nicht wohl auf dem Court fühlte und sein Gesicht voller Wut war. Das hat ihn zu diesem Fehler veranlasst», sagte Pepe Imaz zum spanischen Radiosender «Cadena Ser». Er denke, dass ihm diese Situation in Zukunft helfen werde: «Er hat die Verantwortung für seine Tat übernommen und wird sich damit auseinandersetzen müssen. Aber das Beste, was wir alle tun können, ist, ihm das Gefühl zu geben, dass wir an seiner Seite sind, wenn er etwas braucht.»
Djokovics Ex-Coach Boris Becker, der sich nach wie vor als Familienmitglied bezeichnet, sagte, der ehrgeizige Tennisspieler spüre stets die Konkurrenz zu Roger Federer und Rafael Nadal. «Er spielt in der Ära von zwei Tennisgöttern und wirkt wie ein ungebetener Gast. Ich glaube, es stört ihn, weniger beliebt zu sein als die beiden», glaubt Becker zu wissen.
Auch für Imaz sind die international populäreren Federer und Nadal ein Grund für Djokovics Ausraster in Flushing Meadows. «Novak spürte den Druck, dass er sehr nahe daran war, sich weiter den Rekorden seiner Rivalen Federer und Nadal anzunähern, da sie nicht in New York am Start waren.» Er hätte sich besser nur auf sich fokussiert, so der Guru.
Imaz glaubt auch, das Rezept zu kennen, um mental ein besserer Spieler zu werden: Früh übt sich, wer ein Meister werden will. In der Ausbildung im Juniorenbereich werde diesem Aspekt häufig zu wenig Beachtung geschenkt. «Ich glaube zudem, dass dieser Vorfall dazu beitragen wird, dass man Tennisspieler nicht vergöttert. Es ist wichtig, dass Djokovic einsieht, dass niemand Gott ist. Novak ist Novak und jeder hat seine eigene Persönlichkeit.»
Nebst der Konkurrenzsituation zu Federer und Nadal könnte es auch eine Verzettelung auf zu vielen Schauplätzen gewesen sein, die den Druck auf Djokovic erhöht hat. Kurz vor den US Open hatte die Weltnummer 1 die Gründung einer neuen Spielergewerkschaft angekündigt und die in weiten Kreisen kritisierte Adria-Tour, auf der er sich wie andere Spieler auch mit dem Coronavirus infiziert hatte, verteidigt.
«Novak ist manchmal sein grösster Feind, kann sich durch seinen Perfektionismus nervös machen lassen. Aber ich glaube nicht, dass es etwas zu tun hatte mit der Spielervereinigung», sagte im «Tages-Anzeiger» der serbische Journalist Sasa Ozmo, der Djokovic gut kennt. Er bezeichnet den Tennisspieler als eine sehr komplexe Persönlichkeit: «Manchmal scheint es, er sei mental stärker als jeder Sportler, den es je gab. Ein anderes Mal ist er nervös wie gegen Pablo Carreño Busta, gegen den er normalerweise in drei Sätzen gewinnt.»
Hoffnung gibt Ozmo, dass er «nach seinen bittersten Niederlagen oder Skandalen, wenn man es so bezeichnen will, immer stärker zurück kam.» Es passe nicht zu Novak Djokovic, dass er nach der Disqualifikation die Pressekonferenz geschwänzt habe. «Dafür wurde er zu Recht kritisiert. Das zeigt mir, dass ihn diese Disqualifikation stark getroffen hat und er eine Weile brauchen dürfte, um darüber hinwegzukommen.»
Anders als Imaz und Becker denkt der Reporter, dass es ihm bezüglich Konkurrenzsituation zum Duo Federer/Nadal bereits gelungen ist, darüber hinwegzukommen. Er glaube, so Ozmo, dass Djokovic dies früher noch mehr gestört habe. «Mit der Zeit fand er einen Weg, damit umzugehen, es sogar zu seinem Vorteil zu nützen. Während des Spiels macht ihn das nur noch entschlossener. Wenn er im Modus ‹Ich gegen die Welt› ist, ist er nur sehr schwer zu schlagen.»
«Liebe und Frieden» predigt Guru Pepe Imaz. Ausserhalb Serbiens wurde Novak Djokovic zuletzt kaum geliebt. Umso grösser ist die Zuneigung, die der 33-Jährige in seiner Heimat erfährt. «Viele haben das Gefühl, er sei benachteiligt worden», beschreibt Sasa Ozmo. «Wie Novak von den internationalen Medien und manchmal auch von den Grand Slams behandelt wurde, korrespondiert nicht damit, was er alles erreicht hat. Alles, was er tut, wird kritisch beäugt. Deshalb haben in Serbien viele das Gefühl, man habe ihn auch am US Open benachteiligt.» Wer sich jedoch näher mit Tennis befasse, der wisse: «Das war eine Disqualifikation, keine Frage.»
Während an den US Open in New York die Halbfinals feststehen (Dominic Thiem – Daniil Medwedew und Alexander Zverev – Pablo Carreño Busta), bereitet sich Novak Djokovic bereits auf die nächsten Einsätze vor. Vermutlich wird er nächste Woche das Sandplatzturnier in Rom bestreiten. (ram)