Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03542.jsonl.gz/166

Drei Jahre nach der Havarie der Costa Concordia mit 32 Toten wartet Italien gespannt auf das Ende des Prozesses gegen Kapitän Francesco Schettino. Am Montag kommen noch einmal Verteidigung und Staatsanwalt zu Wort. Das Urteil könnte am Mittwoch gefällt werden.
Der Prozess mit Schettino als einzigen Angeklagten läuft seit Juli 2013 vor einem Gericht in der toskanischen Stadt Grosseto. Nach dem Schlussplädoyer der Verteidiger hat wieder die Staatsanwaltschaft das Wort, die 26 Jahre und drei Monate Haft für Schettino gefordert hatte. Auch wollen sich mehrere Nebenkläger noch einmal äussern.
Dem 54-jährigen Schettino, der nach dem Unglück fast sechs Monate unter Hausarrest verbracht hatte, werden mehrfache fahrlässige Tötung, das vorzeitige Verlassen des Schiffes während der Evakuierungsaktion, die Verursachung von Umweltschäden und falsche Angaben an die Behörden vorgeworfen.
Sollte der Kapitän wie erwartet verurteilt werden, könnte er Rekurs einlegen. In diesem Fall könnte der Berufungsprozess noch in diesem Jahr beginnen.
Die geforderte Strafe für Schettino betrachtet die Staatsanwaltschaft von Grosseto nicht als übertrieben. Der Kapitän sei zwar unbescholten, verdiene jedoch wegen seines unannehmbaren Verhaltens keine Strafmilderung.
Die Staatsanwaltschaft forderte neben der hohen Haftstrafe, dass Schettino wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft genommen werde. Der Kapitän besitze eine Wohnung in der Schweiz und habe viele Verbindungen ins Ausland. Gefordert wurde auch ein lebenslanges Berufsverbot für den Kapitän.
Die Staatsanwaltschaft sparte nicht mit Kritik an Schettino, den sie als eine Mischung aus «einem leichtsinnigen Optimisten und einem wendigen Idioten» bezeichnete, der seine Fähigkeiten überschätzt habe. «Gott sei mit Kapitän Schettino barmherzig, weil wir es nicht sein können», sagte Ankläger Stefano Pizza in seinem Schlussplädoyer.
Die Verteidigung klagte über Voreingenommenheit Schettino gegenüber. Von Anfang an habe die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen nicht auf objektive Weise geführt. Sie habe sich nicht auf die Havarie, sondern auf den «feigen Kapitän» konzentriert, um Schettino als «negative Figur» und als einzigen Verantwortlichen des Unglücks darzustellen, betonte Rechtsanwalt Donato Laino.
Die Staatsanwaltschaft habe sich keineswegs mit den Fehlern der Offiziere befasst, die bereits zu geringeren Strafen verurteilt worden sind. Die Strafforderung der Staatsanwaltschaft sei übertrieben; sie komme fast einer lebenslänglichen Haftstrafe gleich, was bei Fahrlässigkeit unannehmbar sei, klagte Laino.
Schettino hat zwar eine Mitschuld eingeräumt, jedoch stets behauptet, seine Crew habe die entscheidenden Fehler gemacht. Vier Crewmitglieder und ein Manager der Reederei Costa Crociere hatten sich vor dem Prozess mit dem Gericht gegen Schuldeingeständnisse auf Haftstrafen bis zu knapp drei Jahren geeinigt.
Beim Prozess geht es nicht nur um Schettinos Strafe sondern auch um hohe Entschädigungen für Passagiere und andere Nebenkläger. So verlangt die ehemalige moldawische Geliebte des angeklagten Kapitäns, Domnica Tschemortan, eine Entschädigung von 200'000 Euro.
Die Gemeinde der Insel Giglio forderte eine Entschädigung von 20 Millionen Euro, denn sie sieht sich auch in Zukunft wegen der Havarie Touristenziel beeinträchtigt. Die insgesamt 330 Nebenkläger, darunter Überlebende der Katastrophe, die Region Toskana, der Konsumentenschutzverband Codacons und mehrere italienische Ministerien, beanspruchen Schadenersatz in Millionenhöhe.
Das mit 4200 Passagieren – darunter 69 Schweizer – besetzte Schiff war am 13. Januar 2012 vor Giglio auf einen Felsen aufgelaufen und binnen Stunden gesunken. Nach dem Unglück war heftige Kritik an der Betreibergesellschaft und am Kapitän laut geworden. Das Wrack der Costa Concordia wurde im Juli zum Verschrotten nach Genua geschleppt.
Das Theater der toskanischen Stadt Grosseto ist die Bühne, auf der voraussichtlich diese Woche der Prozess gegen Costa Concordia-Kapitän Francesco Schettino endet. Neben dem Angeklagten, der für seine Ausreden bekannt ist, sind weitere interessante Akteure dabei.
Staatsanwälte ohne Gnade, ein erfahrener Richter, gewiefte Verteidiger, eine blonde Ex-Geliebte und sogar ein Ex-Briefträger: sie alle haben etwas zu sagen. Eine Übersicht über das «Who is Who» im Costa-Prozess:
Seit Juli 2013 steht Francesco Schettino als einziger Angeklagter im Mittelpunkt des Mammut-Prozesses. Der 54-Jährige nahm an fast jeder der Verhandlungen teil und sorgte vor Gericht und abseits der Verhandlungen immer wieder mit abstrusen Ausreden für Aufsehen. Schettino hat zwar Fehler zugegeben, die Hauptschuld für die Havarie mit 32 Toten sieht er aber bei seiner Crew.
Bis vor wenigen Wochen war der angesehene Staatsanwalt Francesco Verusio für den Prozess zuständig, dann ging er in Rente. Die Plädoyers hielten daher die drei Ankläger Stefano Pizza, Maria Navarro und Alessandro Leopizzi. Sie gingen mit Schettino hart ins Gericht und forderten eine Haftstrafe von 26 Jahren und 3 Monaten. «Gott habe Gnade mit ihm, weil wir keine haben können», sagte Pizza.
Auf Giovanni Puliatti werden sich alle Augen richten, wenn das Urteil fällt. Der Vorsitzende Richter in Grosseto leitet die Verhandlung bestimmt, ruhig und besonnen. Über Puliatti ist relativ wenig bekannt – auch nicht, ob er als eher strenger oder nachsichtiger Richter gilt. Der Costa-Prozess ist sein bisher grösster. Vorher hatte er in der beschaulichen Toskana-Stadt Grosseto eher mit weniger aufsehenerregenden Verfahren zu tun.
Schettino wird von den beiden Anwälten Donato Laino und Domenico Pepe vertreten. Angeführt wird das Team, dem im Hintergrund eine ganze Reihe von Anwälten zuarbeitet, von Pepe. Der grauhaarige Anwalt ist Anfang 60, er und Schettino lernten sich laut einem Medienbericht bei einer Kreuzfahrt kennen. Pepe hat reichlich Erfahrung in Strafprozessen. Mit seinem Team bastelte er sorgfältig an einer Strategie für die Verteidigung.
Das meiste Interesse zog Domnica Cemortan auf sich. Die Moldauerin soll in der Unglücksnacht mit Schettino zu Abend gegessen haben und hatte ein Verhältnis mit dem Kapitän zugegeben. Sie fordert 200'000 Euro Schadenersatz – für ihren Schaden als Passagierin und wegen der «Aggressivität der Medien».
Dutzende Überlebende des Unglücks treten in dem Prozess als Nebenkläger auf, dazu kommen Ministerien, die Insel Giglio, die Region Toskana und ein Verbraucherschutzverband. Obwohl die Reederei Costa Crociere auch in der Kritik stand, verlangt sie als Nebenklägerin von Schettino Schadenersatz für das Schiff. Bizarr: Die Reederei sitzt neben Opferanwälten auf der Bank, die wiederum von dem Unternehmen Schadenersatz verlangen.
Der indonesische Rudergänger Jacob Rusli Bin soll zum Zeitpunkt des Unglücks am Steuer gewesen sein – weshalb Schettino ihm eine Mitschuld gibt. Vor allem Verständigungsprobleme zwischen den beiden sollen aus Sicht von Schettino die Katastrophe ausgelöst haben. Der Rudergänger selbst einigte sich mit dem Gericht ohne Prozess gegen ein Schuldeingeständnis auf eine geringe Haftstrafe.
Der pensionierte Postmann Stefano Bigliazzi ist bereits so etwas wie ein Einrichtungsgegenstand in dem Prozess. Seit Beginn hat der 65-Jährige kaum einen Verhandlungstag verpasst. «Jetzt, nach etwa 67 Sitzungen kommt es mir komisch vor, dass der Prozess zu Ende geht», sagte er. Er ist überzeugt, dass Schettino eine Schuld an der Havarie hat. Aber 26 Jahre Haft kommen ihm ein bisschen viel vor. (mbu/sda/dpa)