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Mr. Turner
Mike Leigh, GB, 2014o
Les dernières années de l’existence du peintre britannique, J.M.W Turner (1775-1851). Artiste reconnu, membre apprécié quoique dissipé de la Royal Academy of Arts, il vit entouré de son père qui est aussi son assistant, et de sa dévouée gouvernante. Il fréquente l’aristocratie, visite les bordels et nourrit son inspiration par ses nombreux voyages. A la mort de son père, profondément affecté, Turner s’isole. Sa vie change cependant quand il rencontre Mrs Booth, propriétaire d’une pension de famille en bord de mer.
Une œuvre rude, rustre, vive, exubérante, stridente et grinçante, empreinte de fantaisie et de mélancolie. Une de ces fresques intimes – comme seuls Stanley Kubrick et David Lean savaient en exécuter – dont chaque plan exhale et exalte une foi absolue en le septième art.Philippe Lagouche
Magnifique performance photogénique du film, signée Dick Pope, servie par une reconstitution historique sobre et atmosphérique, un casting des seconds rôles très évocateur du temps, avec des trognes spectaculaires.Jacky Bornet
Ab und zu löst sich ein Werk des Engländers Mike Leigh ja von der «Marke Leigh»: der intensiven Beobachtung britischer Gegenwart. Dann taucht der Regisseur ein in die Theatergeschichte (wie in «Topsy-Turvy», 1999) oder belebt die Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts. Und immer hat man das Gefühl: Besser kann man das kaum machen. «Mr. Turner» jedenfalls -- mit einem grossartig grimmigen Timothy Spall in der Titelrolle -- könnte, wenns ein Gemälde wäre, glatt von Turner sein.Christoph Schneider
Mike Leigh porträtiert den britischen Maler J.M.W. Turner - er gibt seinem Film das Licht mit, das auch Turners Gemälde durchflutet, und Hauptdarsteller Timothy Spall macht aus ihm einen Mann, der seiner Zeit voraus ist, weil er sich einen Teufel schert um die Meinung anderer Leute. Als Film über Kunst ein echtes Meisterstück.Susan Vahabzadeh
Galerie photoso
Meisterhaft erzählt der Regisseur Mike Leigh von einem Meister der Malerei. «Mr. Turner» zeigt den grossen William Turner bodenständig und wortkarg. Ein Mann, der einem Spiesser glich, wenn er gerade kein Genie war.
Es heisst, wann immer der Regisseur Mike Leigh und sein Kameramann Dick Pope in den letzten Jahren zusammen den Himmel betrachtet hätten, überrascht vom Strahlen eines Augenblicks, staunend über die Farbspiele eines Sonnenuntergang in einer Pause ihres Wirklichkeitssinns, dann habe der eine oder der andere gesagt: «Mein Gott, wir müssen diesen Turner-Film machen.»
Das ist eine schöne Vorstellung: Wie zwei jahrelang Lichtstimmungen und ihre Wechsel sammelten und Farbvaleurs in sich aufsogen, mit dem Blick von Filmemachern durch die Augen eines Malers. Und schliesslich haben sie diesen Film über den englischen Maler William Turner (1775–1851) eben gemacht. Und jetzt hat man das Gefühl, Leighs und Popes «Mr. Turner» könnte, wenns ein Gemälde wäre, glatt von Turner selbst sein, der ein Beobachter seiner Gegenwart war (wie Mike Leigh ein Beobachter der seinen ist) und ein Analytiker der Natur, die älter war als die Gegenwart und sie überleben würde in ihrer zeitlosen, gleichgültigen Schönheit.
Das Gespensterlicht eingefangen
Allein die Szene, in der 1838 das ehemalige Kriegsschiff The Fighting Temeraire, ohne das Admiral Nelsons Victory die Schlacht von Trafalgar (1805) kaum überstanden hätte, von einem kleinen, stämmigen Dampfboot zum Abwracken an seinen letzten Liegeplatz geschleppt wird! Turners Gemälde von dieser letzten Fahrt hängt heute in der Londoner National Gallery: Es ist, als ob darauf ein riesiges, weissgraues Gespenst seinem Grab zuführe, der Tag will schon Abend werden, Wolken changieren von hellem Weiss zu düsterem Braun, die Sonne steht tief über der Themse, und über dem Wasser hängen Fetzen von glühendem Dunst.
Leighs Film aber, der das nachinszeniert im gleichen Gespensterlicht, ist nicht nur reinster Turner mit den Mitteln des Kinos, nicht nur kinematografisch belebte Kunstgeschichte. Er führt die Kunst auch zu jenen Minuten Wirklichkeit zurück, in denen sie sich entwarf, bevor sie zum Bild gefror. Zurück zum Augenblick der Inspiration, in dem William Turner das Schiff sah und die Wolken darüber und das verhangene Glühen und wahrscheinlich erkannte, dass da die neue dampfbetriebene Zeit ihre Vergangenheit quasi zum Schrottplatz der Geschichte zog.
Es ist nun, wie es bei gutem Kino immer ist: Man spinnt es weiter und fügt hinzu und sieht zum Beispiel William Turner sich alt fühlen (denn manchmal sieht man im Kino ja tatsächlich Gefühle). Man fühlt, dass er die Geister Nelsons und Napoleons, die seine Zeitgenossen waren, über der Temeraire schweben sieht und vielleicht auch all die unbekannten Toten von Trafalgar (denn manchmal fühlt man Gesehenes nur). Nicht, dass Mike Leigh selber in «Mr. Turner» so konkret würde, der gestandene Realist würde sich hüten; aber man erlebt dank ihm, um es etwas feierlich zu sagen, einen melancholischen Moment von romantischer Erhabenheit.
Selten hat ein Künstlerfilm so schön und klug gezeigt, wie Kunst wurde. Indem er es nämlich nicht zeigt. Oder bloss so weit, um ein prächtiges Resultat zu beglaubigen. Nur andeutungsweise wird Leighs Turner-Verehrung praktisch als Inszenierung des Kunstschöpfungsaktes (Vergleiche mit filmischen Grässlichkeiten wie James Ivorys «Surviving Picasso», 1996, oder «Klimt» von Raoul Ruiz, 2006, drängen sich also nicht auf). Wenn sie es wird, ist es kunstgeschichtlich begründete Anekdote und hat seinen dramaturgischen Sinn. Aber das wahrhaft künstlerische Wesen, die originale Interpretationskunst von «Mr. Turner» ist atmosphärischer Natur.
In seinen Stimmungen handelt dieser Film, in dem selten gemalt wird, von der Alchemie der Malerei: vom Verwandlungswunder, das geschieht, wenn auf die Wirklichkeit ein künstlerischer Blick geworfen wird. Genie vorausgesetzt und das Handwerk sowieso. Kunsthistorisches Stimmungskino aus dem Zentrum des romantischen Denkens also. Aber im Zentrum der Stimmung dann: ein recherchiertes Porträt aus Realitäten, Möglichkeiten und längst Biografie gewordenen Gerüchten. Skizzen eines bodenständigen Lebens. Und dieser Mann, William Turner in seinen letzten 25 Jahren, eine vitale dramatische Figur.
Es ist kein ätherischer Geniehauch um ihn. Ein grober, wortkarg grunzender, sarkastischer Mann wäre das gewesen, so wie Leigh ihn zeichnet; einer, der es fast verlernt hatte, sich Zeit für die menschliche Freundlichkeit zu nehmen, und von sich überrascht war, wenn sie ihm einmal passierte. Ein Spiessbürger eigentlich, wenn er nicht Genie war und rastlos reiste auf der Suche nach den Lichtspielen der Welt und sich an den Mast eine Schiffes binden liess, um die Natur eines Sturms auf See am eigenen Leib zu erfahren (er hat sich dabei, scheints, elend erkältet).
Ewig wahr und traurig
Und da ist nun vom Schauspieler Timothy Spall zu reden: davon, wie er diesen Turner spielt und erdet als Gefühlsrohling. Wie es bei ihm aber zart durch das Rohe schimmert. Wie verletzlich und weich sein Turner wird in der Liebe zum Vater und wie handzahm im geheimen Verhältnis zu jener Gastwirtin, Sophie Booth, bei der er sich von der Genialität ausruht, die kein Zuckerschlecken ist, sondern sich zu Markte tragen muss.
Spalls Bestes jedoch steckt in jenen Posen des Sarkasmus, die die Verzweiflung tarnen. Dann steht ein grimmiger alter Mann gegen seine Zeit, für die und über die hinaus er malt, bis sie ihm nicht mehr folgen will in die Geheimnisse seiner immer schleierhafteren, moderneren Abstraktionen. Sein Ruhm nützt ihm nichts. Denn sie, die Zeit, entwickelt schon eine Gourmandise für die süsse Malerei der Präraffaeliten. Und wieder ist das alles in einer kleinen Szene konzentriert. Darin betrachtet der alte Turner so eine zuckerige präraffaelitische Madonna, und es schüttelt ihn vor Lachen. Es ist, kommt einem vor, das grausame, aber machtlose Lachen des Künstlers gegen das vollendete Kunsthandwerk. So ein ewig wahrer und so ein trauriger Film ist «Mr. Turner».
Données du filmo