Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/1849

1 Gitarre, 1000 Konzerte
Toni Vescoli gehörte als Jugendlicher zur Zürcher Halbstarkenszene und war Leadsänger der bekannten Schweizer Beatband Les Sauterelles. Erinnerungen eines legendären 68ers.
Mit Nietenhose, Cowboy-Stiefeln und wehendem Fuchsschwanz an der Jeansjacke fuhr Toni Vescoli als 17-Jähriger mit einem Freund mit dem Velo – für einen Puch oder Ciao fehlte den Jugendlichen das Geld – ins Welschland in die Ferien. Am Ufer des Neuenburgersees sind zwei Fotos entstanden: Auf dem einen posiert Toni Vescoli in voller Halbstarken-Montur, das andere – das wie ein akkurat arrangiertes Stillleben anmutet – nahm er vor dem Baden auf.
Toni Vescoli wuchs in Peru, später in Küsnacht (ZH) auf, wo er sich als Jugendlicher in Kreisen der Zürcher Halbstarken bewegte. Nietenjeans, Lederjacken, auffällige Tätowierungen und Haartollen gehörten zum provokativen Outfit der rebellischen Jugendlichen, die sich gegen spiessbürgerliche Verhältnisse und Vorstellungen der älteren Generationen auflehnten. Wichtiger Bestandteil der neuen Jugendkultur war der Rock ’n’ Roll, zu den verehrten Vorbildern gehörten – neben Elvis natürlich – amerikanische Filmstars wie James Dean oder Marlon Brando.
Während seiner Lehre zum Hochbauzeichner Ende der 1950er-Jahre entwickelte Vescoli ein ausgeklügeltes Versteckspiel, um seine verschiedenen Rollen als Sohn, Lehrling und Halbstarker unter einen Hut bringen zu können. Damit der Vater sein Outfit nicht zu Gesicht bekam, hinterlegte er seine Cowboy-Stiefel, Jeans, Jacke und Accessoires gut geschützt in einer nahegelegenen Scheune. Wollte Vescoli nach Zürich, verliess er sein Elternhaus in «anständiger» Kleidung, zog sich auf dem Weg um und verwandelte sich so noch vor der Busfahrt in die Stadt in einen Halbstarken. Auch im Lehrbetrieb waren die Klamotten nicht gern gesehen und Vescoli musste sich den Vorgaben des Chefs anpassen und unter dem weissen Zeichner-Kittel «normale» Hosen und Schuhe tragen.
Einmal in Zürich angekommen, verbrachte Vescoli seine Freizeit im Espresso Café Schwarzer Ring im Niederdorf, in der Nähe des Bellevues oder half im Drahtschmidli (heute Dynamo) beim Umbau zu einem Jugendhaus mit. Von Vescolis Halbstarken-Kluft haben nur die mit Nieten versehene Jeansjacke und die dazugehörige Hose die Jahre überdauert. Sie ergänzen nun den Sammlungsbereich «Zeitzeugen» des Nationalmuseums und die Jacke wird ab April 2019 in der neuen Dauerausstellung Geschichte Schweiz zu sehen sein.
Der Schwarze Ring war das Halbstarken-Nest in Zürich. In der Kruggasse stand die aktuellste Musikbox der Stadt und die auffällig gekleideten Jugendlichen mit ihren Töfflis wurden geduldet. Im Schwarzen Ring war es dann auch, wo Vescoli sein erstes Engagement als Musiker erhielt und jeweils am Mittwochnachmittag für eine Gage von zehn Franken auf seiner Jazzgitarre spielte.
Bald schon wollte Vescoli nicht mehr alleine auf der Bühne stehen und suchte Musiker für eine Beatband. 1962 gründete er Les Sauterelles – die «Heuschrecken». Die Besetzung wechselte in den ersten Jahren häufig. Vescoli als Leadsänger und der Bandname blieben jedoch über all die Jahre bestehen. Eine weitere Konstante war Vecolis E-Gitarre von Höfner. 1963 erworben und über Jahre abgestottert, wurde die Gitarre zu Vescolis wichtigster Begleiterin auf der Bühne. Über die Jahre veränderte sich das Aussehen der Gitarre aufgrund des regen Gebrauchs so stark, sodass sie heute kaum mehr Ähnlichkeiten mit der weissen Höfner Gitarre aus den 6oer-Jahren hat. Vescoli spielte von 1963 bis 1971 weit über 1000 Konzerte auf dieser Gitarre. An einem der legendärsten Les Sauterelles-Konzerte war sie jedoch nicht dabei: Als die «Swiss Beatles» 1967 vor den Rolling Stones im Zürcher Hallenstadion auftraten, spielte Vescoli mit einer anderen Gitarre.
Während dem Stones-Konzert – dem ersten internationalen Beatkonzert in der Schweiz – kam es zu Ausschreitungen im Publikum, die mit zerbrochenen Holzstühlen und in Krawallen mit der Polizei endeten. Heute werden das Konzert sowie die Ausschreitungen oft als Vorboten der Jugendunruhen gedeutet, die im Sommer 1968 in den Globuskrawallen einen Höhepunkt erreichten.
Imagine 68. Das Spektakel der Revolution
Landesmuseum Zürich
noch bis 20.01.2019
Nach den erfolgreichen Ausstellungen «1900–1914. Expedition ins Glück» (2014) und «Dada Universal» (2016) zeigen Stefan Zweifel und Juri Steiner 2018 ihre Perspektive der 68er-Generation. Die Collage der beiden Gastkuratoren aus Objekten, Filmen, Fotos, Musik und Kunstwerken macht die Atmosphäre von 1968 sinnlich erlebbar. Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf die Kultur dieser Zeit und lässt die Besucherinnen und Besucher durch Warhols Silver Clouds ins Reich der damaligen Fantasien schweben.