Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03160.jsonl.gz/2134

|Topstorys:|
Ab 2050 ist wieder viel Platz
|Fred Pearce|
Neue Hochrechnungen zeigen, dass das Horrorszenario der Bevölkerungs-Explosion nicht eintreten wird. Grund: Die Frauen verzichten lieber auf Kinder ! Der Babyboom scheint sich in einen Babymangel zu verwandeln. Und zwar nicht nur in der reichen Welt, sondern zunehmend auch in armen Ländern. Schon in fünfzig Jahren könnte sich die Weltbevölkerung im freien Fall befinden.
Das extremste Beispiel ist Italien. Die Töchter des Stiefels bringen weniger Kinder zur Welt als junge Frauen sonst wo in Europa. Es ist eine schöne Ironie, dass ausgerechnet das Heimatland der katholischen Kirche, die ja bekannt ist für ihre Ablehnung der Geburtenkontrolle, derart tiefe Reproduktionsraten aufweist - weit entfernt von jenem Wert, der eine stabile Bevölkerungszahl garantierte. Im Durchschnitt bekommen Italienerinnen 1,2 Kinder; um einen Bevölkerungsschwund zu verhindern, bräuchte es fast das Doppelte. Kommen weiterhin nur halb so viele Kinder zur Welt, wie zum Bevölkerungserhalt nötig wären, wird die Einwohnerzahl in Italien in den nächsten hundert Jahren von 56 auf 8 Millionen fallen.
Die Daumenregel besagt, dass es für eine stabile Bevölkerungszahl 2,1 Kinder pro Frau braucht; die zusätzlichen 0,1 sind eine Kompensation für jene Mädchen, die das gebärfähige Alter nicht erreichen. Mit einer Geburtenziffer von 1,2 ist Italien weit davon entfernt. Doch das Land ist nicht allein. Spanien und Griechenland haben ähnlich tiefe Geburtenraten, ebenso Tschechien, Russland, Armenien und weitere Staaten des ehemaligen Ostblocks. Ueber sechzig Länder haben heute Geburtenraten, die nicht mehr ausreichen, die Bevölkerungszahl zu erhalten (viele karibische Staaten, Japan, Korea, China).
Einige Staaten haben ihre Geburtenrate auf höherem Niveau stabilisiert. Argentinien oder Uruguay weisen seit fünfzig Jahren zwischen 2,5 und 3 Kindern pro Frau aus, in Israel und Malaysia liegt der Wert seit den neunziger Jahren um die drei. Einige afrikanische Staaten haben die demografische Trendwende noch nicht erreicht, und gewisse islamische Länder weisen Geburtenraten von 5,5 (Pakistan), 6,1 (Saudi-Arabien) oder 6,9 (Afghanistan) auf.
Dennoch die Weltbevölkerung wird zu sinken beginnen - wahrscheinlich zum ersten Mal seit der Pestepidemie im 14. Jahrhundert.
Warum nimmt die Welt die sich anbahnende demografische Veränderung nicht zur Kenntnis? Hauptsächlich, weil die Kinder der grössten Bevölkerungsexplosion der Geschichte jetzt selber im gebärfähigen Alter sind. Deshalb kommen heute trotz der tieferen Geburtenraten mehr Kinder zur Welt als je zuvor. Weil gleichzeitig auch noch die Lebenserwartung steigt, hält sich die Zahl der Europäer derzeit auf stabilem Niveau, während die Weltbevölkerung jährlich um etwa achtzig Millionen zunimmt. Doch wenn die Zeit kommt, da die Babyboomer des 20. Jahrhunderts wegzusterben beginnen, wird der Bevölkerungscrash schwerlich aufzuhalten sein.
Die zentrale Frage ist: Warum wollen die Frauen weniger Nachkommen haben, und wie weit wird dieser Unwille gehen? Ganz offensichtlich bewirkt die abnehmende Kindersterblichkeit, dass die Menschen es nicht mehr für nötig halten, viele Kinder zu haben. Weitere Faktoren haben diesen Prozess beschleunigt. In einem Bauernbetrieb sind Kinder nützliche Arbeitskräfte. In Städten sind sie eine Belastung - in rein wirtschaftlicher Hinsicht zumindest. Wenn sie klein sind, muss rund um die Uhr jemand auf sie aufpassen; wenn sie älter werden, brauchen sie eine teure Ausbildung. Schliesslich haben kulturelle Veränderungen die Frau von ihrer Rolle als Gebärerin befreit. In armen Ländern mit traditionell patriarchalen Strukturen hat das Fernsehen vielen Frauen eine neue Welt gezeigt, und moderne Methoden der Empfängnisverhütung helfen ihnen, neue Rollen tatsächlich zu leben.
Wohlstand ist nicht mehr Voraussetzung für das Sinken der Geburtenzahlen. Bangladesch gehört heute zum halben Dutzend ärmster Länder ausserhalb Afrikas. Die Mädchen von Bangladesch gehören zu den am schlechtesten ausgebildeten, und ihr Heiratsalter ist tiefer als in den meisten Ländern. Und doch haben sie im Schnitt nur 3,3 Kinder, halb so viele wie ihre Mütter. Im noch ärmeren Vietnam haben Frauen ihre Fortpflanzungsrate zwischen 1985 und 1995 auf 2,3 Kinder halbiert.
"Italien ist die Zukunft"
Ob reich oder arm, sozialistisch oder kapitalistisch, islamisch oder katholisch, mit oder ohne strenge Familienplanung - die meisten Länder erzählen die gleiche Geschichte: Frauen bestimmen selber, wie viele Kinder sie gebären wollen.
(ungekürzter Weltwochenartikel)