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Die Zuwanderung ist seit langem eine tragende Säule des wirtschaftlichen Erfolgs der Schweiz. Aufgrund des starken Wachstums in der Nachkriegszeit und der schrittweisen Liberalisierung des internationalen Handels hat sich die Migrationspolitik zu einem makroökonomischen Instrument entwickelt. Im Zusammenhang mit den bilateralen Beziehungen wurde eine liberalere Migrationspolitik verfolgt. Damit konnte vorübergehend auf ausländische Arbeitskräfte zurückgegriffen werden, um den Bedarf unserer Wirtschaft zu decken. Parallel dazu entwickelten sich in Bezug auf die Zuwanderung gegensätzliche Auffassungen. Die Initiativen von James Schwarzenbach in den 1970er-Jahren waren Ausdruck von Befürchtungen über eine völlig unkontrollierte Zuwanderung. Seither stehen sich in dieser Frage zwei Lager gegenüber: auf der einen Seite die wachstumsorientierten Vertreter der Wirtschaft und auf der anderen Seite die Gegner der sogenannten Überfremdung.
Immer mehr Studien befassen sich mit den Beziehungen zwischen der Gesellschaft und der ausländischen Bevölkerung. Nur sehr wenige Untersuchungen gibt es hingegen zur spezifischen Situation in der Schweiz. Angesichts der nächsten Volksinitiativen zur Beschränkung der Zuwanderung ist es jedoch unerlässlich, dass die Faktoren, welche die Einstellung unserer Gesellschaft gegenüber den Ausländerinnen und Ausländern bestimmen, richtig erkannt und verstanden werden.
Ausbildungsniveaus sind Spiegel der Bedürfnisse der Wirtschaft
Die Grafik 1 zeigt die Verteilung der Ausbildungsniveaus nach obligatorischer Stufe, Sekundarstufe II und Tertiärstufe (siehe Kasten 2) in der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter, unterteilt in drei Gruppen: Schweizer Staatsangehörige, Total der ausländischen Staatsangehörigen sowie Ausländerinnen und Ausländer, die weniger als fünf Jahre in der Schweiz wohnhaft sind. Aus dieser Verteilung geht die Art der Zuwanderungsströme in die Schweiz seit dem Ende der 1990er-Jahre hervor. Diese haben sich seither nicht wesentlich verändert.
Da die Migrationspolitik vor den 1990er-Jahren die Zuwanderung von wenig qualifizierten ausländischen Arbeitskräften begünstigte, liegt es auf der Hand, dass der Anteil der Personen, die nur über eine obligatorische Ausbildung verfügen, bei den ausländischen Staatsangehörigen am höchsten ist. Ausserdem gehören zu dieser Kategorie ebenso viele kürzlich zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer wie Schweizer Staatsangehörige. Dies ist Ausdruck einer Politik, bei der die Zuwanderung aus europäischen Ländern Priorität hat, so dass auch heute noch Ausländer mit einem tiefen Ausbildungsniveau – hauptsächlich aus Italien und Portugal – in die Schweiz immigrieren.
Innerhalb des Ausbildungsniveaus Sekundarstufe II bilden Schweizerinnen und Schweizer mit einem Anteil von rund 60% die grösste Gruppe. Dies ist auf das duale System zurückzuführen, bei dem die Berufslehre gegenüber den anderen Bildungsgängen bevorzugt wird. Aus diesem Grund ist der Anteil der Personen mit einem Abschluss der Tertiärstufe bei den kürzlich zugewanderten Ausländerinnen und Ausländern deutlich höher als bei den anderen nationalen Gruppen. Hinsichtlich des Ausbildungsniveaus der Zugewanderten ist somit eine Art Bipolarität zu verzeichnen. Diese Konzentration auf die beiden Extreme der Verteilung ist auf den Mangel an bestimmten Arbeitskräften zurückzuführen, der den Arbeitsmarkt kennzeichnet. Mit der umgesetzten Zuwanderungspolitik scheint es somit zu gelingen, dem Mangel an wenig qualifizierten und hoch qualifizierten Arbeitskräften entgegenzuwirken. Historisch gesehen bedeutet dies, dass die Migrationspolitik zunächst auf wenig qualifizierte Arbeitskräfte ausgerichtet war und anschliessend ab den 1990er-Jahren auf die Zuwanderung von hoch qualifizierten Personen ausgeweitet wurde.
Ein vom Nationalfonds finanziertes Projekt
Im Rahmen eines Projekts, das vom Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF) finanziert wird, versuchen wir, die Einstellung gegenüber den Ausländerinnen und Ausländern zu erklären. Dabei konzentrieren wir uns auf die individuellen Unterschiede bei der Einstellung in Bezug auf die Chancengleichheit gegenüber ausländischen Staatsangehörigen in der Schweiz. In der Fachliteratur wird häufig die Auffassung vertreten, negative Verhaltensweisen gegenüber Ausländerinnen und Ausländern würden mit dem Arbeitsmarkt zusammenhängen. Dabei wird geltend gemacht, die Zuwanderer seien eine in wirtschaftlicher Hinsicht unerwünschte Konkurrenz; hinzu kämen kulturelle Aspekte. Wir verfolgen einen innovativen Ansatz, indem wir wirtschaftliche und politische Aspekte kombinieren und gleichzeitig ein besonderes Augenmerk auf die verschiedenen Erklärungstheorien richten. Dazu verwenden wir Einzeldaten des Schweizer Haushalts-Panels (SHP), das vom Schweizer Kompetenzzentrum Sozialwissenschaften (Fors) durchgeführt wird. Auf dieser Basis lässt sich überprüfen, in welchem Ausmass die Hypothese zutreffend ist, dass in der Schweiz die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt die Einstellung gegenüber Ausländerinnen und Ausländern beeinflusst. Der Zusammenhang zwischen dieser Einstellung und dem Ausbildungsniveau wird systematisch und gründlich untersucht.
Im Gegensatz zu den meisten früheren Studien berücksichtigen wir die Nichtlinearität beim Ausbildungsniveau. Mit anderen Worten: Wir verwerfen die Hypothese, dass die ausländischen Arbeitskräfte mehrheitlich ein tiefes Ausbildungsniveau aufweisen. Denn die ausländischen Staatsangehörigen sind sowohl bei den obersten als auch bei den untersten Ausbildungsniveaus übervertreten (siehe Grafik 1). Die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt wird in der Regel nach den verschiedenen Ausbildungsniveaus oder der Anzahl Ausbildungsjahre beurteilt. Dank unserer Modellbildungsstrategie können wir diesbezüglich mehr ins Detail gehen. So können wir insbesondere die Wechselwirkungen zwischen dem Ausbildungsniveau und dem Arbeitslosigkeitsrisiko untersuchen. Auf diese Weise sind wir in der Lage, besser zu erkennen und zu evaluieren, in welchem Ausmass ausländische Arbeitskräfte dem Wettbewerb ausgesetzt sind. In der Studie werden im Weiteren auch gewisse nichtwirtschaftliche Faktoren berücksichtigt, wie beispielsweise die Befürwortung von Schweizer Traditionen. Auf diese Weise soll festgestellt werden, ob der Zusammenhang zwischen dem Ausbildungsniveau und der jeweiligen Einstellung gegenüber Ausländerinnen und Ausländern nicht eher Ausdruck von kulturellen Werten und Überzeugungen als von Wettbewerb auf dem Arbeitsmarkt ist.
Ausbildungsniveau und beeinflussen die Einstellung
Aus den Ergebnissen geht hervor, dass Arbeitskräfte, die nur über eine obligatorische Ausbildung verfügen, im Vergleich mit den Erwerbstätigen, die eine Ausbildung der Sekundarstufe II abgeschlossen haben (in der Regel Inhaber eines Lehrabschlusses), eher eine negative Einstellung gegenüber Ausländerinnen und Ausländern haben. Die am besten ausgebildeten Arbeitskräfte (tertiäre Ausbildung) sind diesbezüglich tendenziell aufgeschlossen. Somit besteht ein Zusammenhang zwischen der Haltung gegenüber dem sozialen Umfeld und dem Bildungsniveau. Dies stimmt mit den Ergebnissen früherer Studien überein, gemäss denen zugewanderte Arbeitskräfte mehrheitlich als wenig qualifiziert eingeschätzt werden. Berücksichtigt man auch kulturelle Werte und Überzeugungen, die in der erwähnten Fachliteratur anscheinend nicht berücksichtigt wurden, sind praktisch keine solchen Beurteilungsunterschiede mehr festzustellen. So besteht bei einer Person, die eine obligatorische Ausbildung absolviert hat, und einer Person mit einem Abschluss der Sekundarstufe II in etwa die gleiche Wahrscheinlichkeit, dass sie gegenüber Ausländern negativ eingestellt sind.
Wenn ausschliesslich auf das Ausbildungsniveau abgestellt wird, ergibt sich nur ein unvollständiges Bild in Bezug auf die Frage, in welchem Ausmass die Schweizerinnen und Schweizer auf dem Arbeitsmarkt der Konkurrenz durch ausländische Arbeitskräfte ausgesetzt sind. Diesbezüglich schlagen wir zusätzliche Analysen vor, mit denen die Wechselwirkungen zwischen dem Ausbildungsniveau und dem Arbeitslosigkeitsrisiko untersucht werden können. Denn der Zusammenhang zwischen dem Ausbildungsniveau und der Einstellung gegenüber der ausländischen Bevölkerung wird vom Arbeitslosigkeitsrisiko, mit dem die einzelnen Personen konfrontiert sind, nicht beeinflusst. Hingegen neigen hoch qualifizierte Arbeitskräfte zu einer ablehnenden Haltung, wenn sie es als wahrscheinlich einschätzen, selber von Arbeitslosigkeit betroffen zu sein. Es besteht also eine signifikante Wechselwirkung zwischen Ausbildungsniveau und Arbeitslosigkeitsrisiko. Bei der grafischen Darstellung dieses Zusammenhangs kommt dies wie folgt zum Ausdruck: Bezüglich der Erwerbstätigen mit einer tertiären Ausbildung weist die Kurve in Grafik 2 die grösste Steigung auf. In der linken Abbildung ist die Steigung positiv, während sie in der rechten Abbildung negativ ist. Dieser Zusammenhang ist auch signifikant, wenn die kulturellen Werte und Überzeugungen berücksichtigt werden. Der Zusammenhang zwischen einem hohen Ausbildungsniveau und einer positiven Einstellung gegenüber Ausländerinnen und Ausländern verbirgt somit eine komplexere Beziehung, in deren Rahmen ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko weniger positive Verhaltensweisen gegenüber ausländischen Staatsangehörigen zur Folge hat.
Gegenseitige Ergänzung der wirtschaftlichen und kulturellen Erklärungen
Insgesamt bestätigen unsere Ergebnisse Elemente der Theorie des Wettbewerbs zwischen schweizerischen und ausländischen Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt. Dieser Zusammenhang besteht ausschliesslich bei der Gruppe der hoch qualifizierten Personen. Am anderen Ende der Kompetenzskala scheinen die negativen Einstellungen gegenüber Ausländerinnen und Ausländern von individuellen Werten und Überzeugungen beeinflusst zu sein. Daraus lässt sich die Schlussfolgerung ziehen, dass die wirtschaftlichen und kulturellen Erklärungen bei der Darlegung der Einstellungen gegenüber Ausländerinnen und Ausländern nicht im Widerspruch zueinander stehen. Sie ergänzen sich vielmehr und betreffen die verschiedenen Teile der Bevölkerung auf unterschiedliche Weise.