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Über die Trennung von Kirche und Staat wird nicht erst seit der gerichtlichen Auseinandersetzung zwischen dem Bischof von Basel und dem Priester Franz Sabo laut nachgedacht.
Dass die Kirche nicht nur Politik macht, sondern umgekehrt auch Spielball der Politik ist, lehrt zum Beispiel die Geschichte des Benediktinerklosters Mariastein im solothurnischen Schwarzbubenland.
Im Jahr 1874 mussten die Mariasteiner Ordensbrüder auf staatlichen Befehl auswandern. Erst rund 100 Jahre später durften sie ihr Kloster wieder in Besitz nehmen.
Über diese Zeit des Exils hielt der Historiker und heutige Abt des Mariasteiner Konvents, Lukas Schenker im ehemaligen Kloster Dornach einen Vortrag.
Das Schwarzbubenland sei dem Fortschritt verschlossen, "weil die Mönche des Klosters Mariastein (...) daselbst ihr Wesen treiben, die führen dort das Wort. Wo der Mönch steht, wächst kein Gras mehr!"
Diese Worte sagte 1841 Augustin Keller, Aargauer Grossrat und liberaler Katholik, als er für die Aufhebung sämtlicher Aargauer Klöster plädierte, was er schliesslich auch erreichte.
Das auf Solothurner Gebiet gelegene Kloster Mariastein hatte dagegen noch eine Gnadenfrist, obwohl die Regierung auch dort vieles unternahm, den Klerus endlich loszuwerden.
Feindbild Katholische Kirche
Für viele fortschrittliche und liberale Politiker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts war die katholische Kirche das Symbol für mittelalterliche Rückständigkeit und ein Feindbild für die Aufklärung.
So bemühten sie sich, den Einfluss des Klerus wo immer möglich zu bekämpfen. Den grössten Erfolg erzielten die Gegner der Konservativen 1848 mit der Bundesverfassung, die anders als der Bundesvertrag der 22 Kantone von 1815, den Fortbestand der Klöster nicht garantierte.
Zur Auswanderung gezwungen
Da die neue Bundesverfassung 1874 die Neugründung von Klöstern in der Schweiz verbot, mussten sich die in Solothurn immer mehr in Bedrängnis geratenen Mönche auf ein Auswandern ins Ausland einstellen.
Sie schickten eine Delegation nach Ecuador, dort war ihnen Land angeboten worden. Das Land genügte den Ansprüchen jedoch nicht.
1875 mussten die Benediktiner Mariastein und die Schweiz verlassen. Sie fanden eine Bleibe im französischen Delle, gleich hinter der Grenze bei Pruntrut. In den folgenden Jahren verschlechterte sich jedoch auch in Frankreich das politische Klima in Bezug auf die katholischen Gemeinschaften.
1901 musste der Orden Frankreich verlassen. Als nächste Station wurde ein Platz in der Donaumonarchie Österreich-Ungarn angepeilt. In die engere Auswahl kamen Ketzelsdorf in Böhmen, ein Kloster in Triest und eine Abtei im heutigen Polen.
Auch Dürrnberg und der Wallfahrtsort Maria Plain in der Nähe von Salzburg standen zur Diskussion. Das Rennen machte schliesslich Dürrnberg, aber das erwies sich als Provisorium.
Offizieller Sitz im Ausland
Bereits 1906 zog man ins vorarlbergische Bregenz, das der offizielle Sitz des Klosters wurde. Als nun ausländische Gemeinschaft war es den Mariastein-Benediktinern erlaubt, das neu gegründete Kollegium Karl Borromäus im urnerischen Altdorf übernehmen. Dies sicherte den Ordensnachwuchs einigermassen.
Während der gesamten Exilzeit waren einige Patres in Mariastein verblieben. Sie kümmerten sich unter der Aufsicht des Staates um die Marienwallfahrt – ein wohl einmaliger Vorgang.
Naziherrschaft - Asyl
Nach dem Anschluss Österreichs ans deutsche Hitlerreich 1938 und dem danach ausbrechenden Zweiten Weltkrieg, war die Existenz des Ordens in Bregenz gefährdet.
Anfang Januar 1941 mussten die Schweizer Benediktiner Grossdeutschland verlassen. Die Schweiz gewährte den Mönchen im alten Klostergebäude zu Mariastein Asyl. Es wurde jedoch betont, es handle sich nicht um eine Neuerstehung des ehemaligen Klosters.
Hoffnung auf bessere Zeiten
Nach dem Krieg wurde das St. Gallusstift in Bregenz den Schweizer Mönchen wieder zurückgegeben. Diese wären jedoch gerne in der Schweiz geblieben. So verkauften sie ihren Besitz in Österreich dem Staat, der daraus ein Mädchengymnasium machte.
Dass die Schweiz die Mönche, die Schweizer Bürger waren, nun ausweisen würde, war nicht sehr wahrscheinlich. Und so wartete man in Mariastein und hoffte auf bessere Zeiten.
Diese kamen tatsächlich: In den 1950er- und 60er-Jahren setzte sich auch die Politik für eine Aufhebung des Klosterartikels in der Bundesverfassung ein.
Happy End
Ein juristisches Gutachten sagte zudem, dass das Kloster Mariastein rechtlich gar nie aufgehoben worden war. 1970 bewilligte das Solothurner Volk die Wiederherstellung des Klosters, welche 1971 vollzogen wurde.
"Damit bewahrheitet sich einmal mehr, dass Gott auf den krummen Wegen der Menschen gerade schreiben kann", schloss Abt Lukas Schenker seinen Vortrag.
swissinfo, Etienne Strebel, Dornach
Lächelnde Madonna
Nach Einsiedeln ist Mariastein der zweitgrösste Marienwallfahrtsort der Schweiz. Gemäss der Legende stürzte ein Kind über einen hohen Felsen und wurde von der Gottesmutter Maria vom sicheren Tod bewahrt.
Dieser Ort, eine natürliche Felsenhöhle, ist das Zentrum der Marienwallfahrt mit dem Gnadenbild der lächelnden Madonna.
Darüber erhebt sich die Klosteranlage mit der Wallfahrts- und Klosterkirche.
Heute besteht die Kloster-Gemeinschaft aus 24 Mitgliedern. Davon leben 15 Patres und 6 Laienbrüder in Mariastein.
1940 erreichte die auf drei Orte (Mariastein, Bregenz und Altdorf) verstreute Gemeinschaft ihren Höchstbestand von 70 Mitgliedern.
Chronologie
"Maria im Stein", die Gnadenstätte in einer natürlichen Felsenhöhle, wurde 1434 erstmals erwähnt.
Das Kloster selbst ist eine Gründung von Benediktiner-Mönchen, die 1636 die Wallfahrts-Seelsorge übernahmen.
1798, während der französischen Revolution, wurde das Kloster aufgehoben. 1802 durfte der Konvent wieder ins verwüstete Kloster zurückkehren.
1875: Der Orden wird faktisch aufgelöst, die Mehrheit der Mönche zieht nach Delle in Frankreich, nur wenige bleiben in Mariastein zur Betreuung der Marienwallfahrt.
1902 bis 1906 richtet sich der Konvent in Dürrnberg bei Salzburg ein.
1906 bis 1941: Die Gemeinschaft lebt im St. Gallus-Stift in Bregenz.
1906 bis 1981 betreibt der Konvent auch das Kollegium Karl Borromäus in Altdorf.
1941: Das St. Gallus-Stift in Bregenz wird von den Nazis geräumt, die Mönche erhalten Asyl in der Schweiz.
Die Gemeinschaft kommt in ihrem ehemaligen Kloster Mariastein unter. Sie erhält jedoch keine definitive Aufenthaltsbewilligung.
Erst 1971 wird das Kloster staatsrechtlich wiederhergestellt.
Mariastein in den Mühlen der Lokalpolitik
Kürzlich geriet Mariastein aus lokalpolitischen Gründen in die Schlagzeilen, nämlich im Zusammenhang mit der Affäre um den katholischen Röschenzer Pfarradministrator Franz Sabo.
Nach jahrelangen Konflikten mit dem Bistum Basel darf Sabo seit November 2007 mit dem Segen des Gerichts in Liestal (Baselland), aber gegen den Willen seines Bischofs, in Röschenz weiterarbeiten.
Keine Gültigkeit hat dieses Urteil im benachbarten Dorf Kleinlützel, Kanton Solothurn, wo Sabo eigentlich Aushilfspfarrer wäre und sich das Lesen der Messe mit den Patres von Mariastein teilen sollte.
Das akzeptiert aber der Bischof des Bistums nicht, weil er mit Sabo im Clinch ist. Er hat den Patres untersagt, die Messe in Kleinlützel zu lesen.
Eine Mehrheit der Katholiken in Kleinlützel möchte Sabo aber als Aushilfspfarrer haben.
Nun müssen auch die Solothurner Behörden oder Gerichte über den Fall Sabo befinden.
Derweil bleiben die Gläubigen in Kleinlützel ohne Messe, und die Patres fallen zwischen Stuhl und Bank.