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Die Edition der Engelberger Predigten
>> Die Engelberger Predigten als Quellenbasis des MüBiSch-Projektes
Für die erste Phase des Projektes wurde als Textsorte die der Predigt gewählt, eine primär mündliche bzw. mündlich gehaltene und institutionell gebundene Form der Rede, die aber auch in ihrer schriftlichen Form (in welcher die mittelalterliche Predigt einzig überliefert ist) als eines der gattungskonsti-tuierenden Merkmale Mündlichkeitssignale aufweist und damit die kirchlich institutionalisierte Predigtsituation vorspiegelt bzw. den Eindruck einer authentischen, d.h. mündlich so gehaltene Predigt erweckt. Spätestens seit Kurt Ruh (z.B. Ruh 1981) hat sich als communis opinio durchgesetzt, in den schriftlich überlieferten volkssprachigen Predigten des Mittelalters primär Muster- und Lesepredigten zu sehen. Die konzeptionelle Mündlichkeit der volkssprachlichen, schriftlich überlieferten Predigt des Mittelalters macht diese Textsorte zu einem Testfall für das Genfer Projekt, zumal gerade die volkssprachliche Predigt auch sehr stark vom Einsatz der Bildlichkeit lebt, und dies nicht nur als rhetorisches Mittel oder als mnemotechnische Stütze, sondern vor allem auch als ein Weg, der dem Rezipienten gewiesen wird, um den Text besser assimilieren, verinnerlichen und "begreifen" zu können.
Eine andere, allerdings schwer zu beantwortende Frage ist, inwieweit sich Prediger und Verfasser von Predigten sporadisch auch auf konkrete Bilder stützten, sei es dadurch, dass sie sich Bildmotive oder ganze Bilderzyklen zunutze machten, die sie vor Ort (in der Kirche) vorfanden, sei es, dass sie auf anderes Bildmaterial (z.B. Andachtsbilder in Handschriften) zurückgriffen oder auf bekannte Bildmotive rekurrierten. Eigentliche Bebilderungen von Predigten in Handschriften sind äußerst selten. Es drängt sich somit auf, in dieser Phase vom imaginierten Bild in der Rede, vom bildhaften Sprechen auszugehen, d.h. die Funktion der Bildlichkeit bzw. der Intermedialität in der konzeptionell mündlichen, aber schriftlich verfassten Lese- oder Musterpredigt zu untersuchen.
Das Projekt schlägt vor, die bedeutendste Predigtsammlung des 14. Jahrhunderts im Bereich der heutigen Schweiz als Untersuchungskorpus heranzuziehen: die um die Mitte des 14. Jahrhunderts zu datierenden 'Engelberger Predigten', die – obwohl sie in jeder Literaturgeschichte des Spätmittelalters mehr oder weniger ausführlich gewürdigt werden – mit Ausnahme von vereinzelten Predigten noch nicht ediert vorliegen.
Das Korpus besteht in der Engelberger Überlieferung (drei Korpushandschriften) aus insgesamt 49 Texten zum Temporalen und Sanktoralen. Ein zweiter, sekundärer (z.T. jedoch komplementärer) Überlieferungszweig ergänzt den Textbestand um sechs weitere Texte. Diese zweite Überlieferung findet sich hauptsächlich bei Dominikanerinnen und Klarissen im Bodenseeraum und im Raum Baden-Schwaben bis Straßburg (9 Korpus-Handschriften). Die Streuüberlieferung umfasst bisher 13 Handschriften.
Die jetzige Bindung der beiden, im vorletzten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts entstandenen Engelberger Haupthandschriften 335 und 336, welche die Texte nach dem Kirchenjahr zu sortieren sucht und die beiden St. Andreas-Predigten an den Anfang setzt, erfolgte erst im 15. Jahrhundert. Und erst zu diesem Zeitpunkt können die Schwestern des St. Andreas-Klosters (Teil des Benediktiner-Doppelklosters Engelberg) mit einiger Sicherheit als primärer Rezipientenkreis der Engelberger Predigten’ genannt werden. Die offensichtliche Heterogenität der Sammlung, die seit den Untersuchungen von Beck 1952, Ruh 1957 u. 1980/81, sowie Stauffacher 1982 in unterschiedlichem Masse festgestellt wurde, lässt es heute als illusorisch erscheinen, die Texte einem "Engelberger Prediger" zuzuschreiben. Einzelne Predigten ließen sich überdies bereits als deutsche Bearbeitungen von Soccus-Predigten nachweisen (Stauffacher 1982, Bd. 3, Kap. 11). So ist es noch unwahrscheinlicher, dass die Predigten in dieser Form für den Einsatz in der Liturgie vorgesehen waren.
Auch wenn die ursprünglichen Produktions- und Rezeptionsbedingungen der 'Engelberger Predigten' mehr denn je unklar sind (ihre Klärung gehört mit zu den Zielen des Projektes), so passt die Predigtsammlung doch gut in das Frömmigkeitsprofil der Engelbergerinnen und in ihre Vernetzung mit anderen literarisch aktiven Zentren bzw. Klöstern. So verfügten die Nonnen etwa über die aktuellsten Werke der oberrheinischen Mystik. Es sei nur auf die älteste, vermutlich aus dem direkten Besitz oder Umkreis der Elsbeth Stagel aus Töß stammende Abschrift von Seuses ‚Büchlein der ewigen Weisheit’ (Cod. 141) oder an die noch zu Lebzeiten des Autors erstellte Taulerhandschrift (Cod. 124) verwiesen (Ruh 2000).
An Tauler erinnern auch viele der 'Engelberger Predigten', und dies nicht zuletzt auch wegen ihrer ausgeprägten Bildlichkeit und mystischen Bildersprache, die zwischen Katechese, praktischer Frömmigkeit und mystischer Versenkung schwankt und die sie für das Projekt so interessant machen (Beck 1952, Ruh 1980/81). Besonders auffällig sind die divisiones und distinctiones, die auf eine für heutige Leser verwirrende Weise sich gegenseitig durchdringende Bildfelder konstruieren.
Da die 'Engelberger Predigten' als Sammlung unediert sind, strebt das Projekt als erstes ihre Erschließung durch eine Edition sowie eine Kommentierung und Untersuchung ihrer Entstehungs- und Wirkungsgeschichte an. Dieser Teil des Projektes wird in Kooperation mit der Universität Freiburg i. Br. (Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer) in Angriff genommen, wobei der deutsche Teil als Bereich von Schiewers größerem Forschungsvorhaben "Literarische Topographie des deutschsprachigen Südwestens im 14. Jahrhundert" separat (d.h. unabhängig vom NFS) finanziert wird.

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