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«Warum» so fragte eine Schulleiterin den damaligen Bildungsdirektor Pulver 2013 anlässlich einer Orientierung zur Einführung des Frühfranzösisch, «führen wir eigentlich Frühfranzösisch ein? Sollen die Schüler damit am Ende der Schulzeit besser Französisch sprechen können oder gleich gut oder will man einfach nur Frühfranzösisch einführen?»
Der leicht indignierte Magistrat drehte sich zu seinem Amtsvorsteher herum und fragte ihn: «Ja, was haben wir uns da als Zieldefinition vorgenommen?»
Der Chefbeamte blieb eine klare Antwort schuldig. Mittlerweile wissen wir, was bereits viele Studien vor der Einführung des Frühfranzösisch herausgefunden haben: «Im Restaurant eine Bestellung aufgeben, erzählen, wer man ist und wo man arbeitet, was man in der Vergangenheit getan hat und was man in Zukunft tun will: Das sind grob formuliert die Anforderungen, welche Berner Primarschülerinnen und -schüler am Ende ihrer Schulzeit im Fach Französisch erfüllen sollen. Gemäss einer Studie des Instituts für Mehrsprachigkeit in Freiburg erreichen nur gerade 11 Prozent der Jugendlichen solch ein Sprachniveau. Die Schülerinnen und Schüler können am Ende schlechter Französisch sprechen als vorher» schrieb Tamedia-Journalist Quentin Schlapbach (BUND 21.10.22.
Nun könnte man ja annehmen, dass eine evidenzbasierte Bildungspolitik diese Ergebnisse zur Kenntnis nimmt und entsprechende Änderungen vornimmt. Man könnte beispielsweise sagen: «Sorry, wir dachten, es käme gut, aber wir wissen jetzt – wissenschaftlich fundiert – es kam nicht gut. Also brechen wir den Versuch ab und versuchen etwas Neues, etwas, das uns alle Studien schon vor der Einführung prognostiziert haben: Frühlerner haben gegenüber den Spätlernenden keinen Vorteil. Verschieben wir den Französischunterrichtsbeginn von der 3. Klasse auf die 5.Klasse.»
Aber eine Kantonsregierung und ein Kantonsparlament, die allein im Kanton Bern 40 Millionen Franken in diesen kolossalen Irrtum investiert haben, kann sich ein solches Eingeständnis nicht leisten.
Aber eine Kantonsregierung und ein Kantonsparlament, die allein im Kanton Bern 40 Millionen Franken in diesen kolossalen Irrtum investiert haben, kann sich ein solches Eingeständnis nicht leisten. Und auch die Verantwortlichen der anderen fünf Passepartout-Kantone, welche zusammen 60 Millionen Franken in das ominöse Sprachbad investierten, werden wohl kaum die Grösse haben, sich jetzt auf die Evidenzen einzulassen.
Was also tun? Ganz einfach, man justiert die Ziele und beginnt zu schwurbeln. Die glühende Vertreterin von Frühfranzösisch, Frau Christine Le Pape formulierte es fast schon esoterisch: «Es gibt hingegen national und international unzählige Studien, die den Nutzen aus verschiedenen Gesichtspunkten aufzeigen.» (Biel-Bienne, 19.10.22)
Was es mit diesem Nutzen und den vielen Gesichtspunkten auf sich haben soll, erklärt die Dame nicht.
Ihr steht die Tamedia-Journalistin Mirjam Comtesse bei. In ihrem Plädoyer für den Frühfranzösischunterricht erklärt sie: «Bei den 8-Jährigen steht automatisch das spielerische Lernen im Vordergrund.» (Bund 21.10.22) Natürlich darf auch der Verweis auf die staatspolitische Bedeutung nicht fehlen: «Bern als zweisprachiger Kanton muss in der Schule zwingend mit Französisch als erster Fremdsprache einsteigen. Alles andere wäre aus staatspolitischer Sicht ein Fehler.»
Die Bildungshistorikerin Katharina Kellerhals gelangt in einem langen Gastkommentar ebenfalls im BUND (28.10.22) zur vielsagenden Erkenntnis: «Vielleicht lernen die Schüler und Schülerinnen nicht besser, aber anders – freudiger?»
Ob die Französischlernenden Freude haben, wenn sie am Schluss nichts können, könnte auch einmal eine Studie wert sein. Für die unterrichtende Lehrkraft sollte es dagegen nur eine Währung geben: Die Schülerinnen und Schüler müssen etwas lernen. Und wenn man mehr Geld investiert, müssen sie mehr lernen, sprich, am Schluss besser Französisch können. Nun ist ja die Entwicklung im Schweizer Schulsystem ziemlich gegenläufig. Anstatt auf überprüfbare harte Könnensziele (wie uns ja ursprünglich versprochen wurde) setzt man vermehrt auf «weiche» Faktoren wie Wohlgefühl, Integration und Sozialkompetenz.
Nichts gegen Freude und spielerischen Zugang, aber das sind allenfalls didaktische Wege und sollten nun nicht mangels Erfolgs an der Lernfront zu Zielen gemacht werden.
Die Leistungserwartungen werden abgebaut. Damit tut man vor allem den Kindern der unterprivilegierten Schichten keinen Gefallen.
Natürlich ist mir als langjährigem Französischlehrer die abnehmende Bedeutung der zweiten Landessprache nicht verborgen geblieben. Seit der Einführung von Frühfranzösisch befindet sich dieses Fach in einer regelrechten Abwärtsspirale. Das hat nicht nur mit dem völlig verfehlten didaktischen Konzept des konstruktivistischen Spracherwerbs à la Passepartout zu tun, sondern auch mit der Globalisierung, die vor unserem Bildungssystem keinen Halt macht.
Nicht aus staatspolitischen Gründen, sondern wegen dieser wunderbaren Sprache und der in ihr steckenden Kultur sollten wir sie trotz – oder sogar wegen – der Dominanz des Englischen privilegiert behandeln. Aber das darf nicht in Symbolpolitik enden, so nach dem Motto: «Wir beginnen mal mit Frühfranzösisch, dann sind die Romands zufrieden.»
Es ist dem Zusammenhalt unseres Landes wenig geholfen, wenn die Schüler und Schülerinnen am Schluss eines aufwändigen und kostenintensiven Fremdsprachenerwerbs weniger können als vorher, obwohl sie früher angefangen haben.
Nichts gegen Freude und spielerischen Zugang, aber das sind allenfalls didaktische Wege und sollten nun nicht mangels Erfolgs an der Lernfront zu Zielen gemacht werden. Im Übrigen sehen das die Unterstufenlehrpersonen, die Französisch unterrichten sollten, auch so. Sie verweigern sich dem Fach. Der Lehrkräftemangel ist im Unterrichtsfach Französisch besonders ausgeprägt. Es melden sich immer weniger Studentinnen und Studenten für diesen Studiengang an.
Dieser Artikel ist zuerst im Nebelspalter erschienen.