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Das Album «Blütenlese des deutschen Geistes» versammelt rund zwanzig sehenswerte Karikaturen des Exilschriftstellers Ulrich Becher.
Von Moritz Wagner
Der aus Berlin stammende Ulrich Becher war ein veritabler Tausendsassa. Er war nicht nur einer der humorbegabtesten und sprachmächtigsten Autoren der deutschen Exilliteratur, ein guter Pianist, wortgewandter Conférencier und furchtloser Raufbold, sondern auch ein begabter Maler.
Der Sohn eines deutsch-jüdischen Rechtsanwalts und einer Schweizer Klavierlehrerin ging als Grafikschüler beim grossen George Grosz in die Lehre, mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verband. Becher verewigte seinen Mentor in mehreren Werken wie den «New Yorker Novellen», deren groteske Figurenporträts und Milieuskizzen unübersehbar vom Einfluss des Älteren zeugen. Beide Künstler einte die Vorliebe für die Karikatur als kritische Waffe des Geistes.
Wie schonungslos und zugleich witzig Becher auch zeichnerisch agieren konnte, veranschaulicht ein rot-silbernes, kordelgebundenes Album aus seinem Nachlass. Becher versammelt in dieser «Blütenlese des deutschen Geistes» eine Reihe sehenswerter Karikaturen: Die Galerie reicht von Carl Zuckmayer über Thomas Mann bis hin zu Hitler. Auch der Schriftsteller Ernst Glaeser figuriert mit einem Portrait, das dessen kontinuierliche Entwicklung vom Demokraten über den Deutschen und Preußen bis hin zum Nazi anhand des ansteigenden Winkels seines ausgestreckten rechten Arms mit scharfem Witz offenlegt. Ein genialer Einfall mit einer Vorgeschichte.
Der Verleger Emil Oprecht hatte Glaeser gegen Bechers Willen beauftragt, das Vorwort zu dessen Erzählband «Die Eroberer» zu schreiben. In seinem persönlichen Exemplar hielt Becher später fest: «Der Autor lehnt dies Vorwort zu Vierfünftel ab.» Glaeser, gefeiert für seinen Antikriegsroman «Jahrgang 1902», war zunächst in die Schweiz emigriert, ehe er sich vom antifaschistischen Exil distanzierte und im April 1939 ins «Dritte Reich» zurückkehrte. Nicht nur Becher, dessen Novellenband «Männer machen Fehler» auf dem Scheiterhaufen der Bücherverbrennungen gelandet sein soll, erblickte in dieser «Tragödie eines kurzsichtigen Opportunisten» einen beispiellosen Verrat.
Die ganze Tragweite der Karikatur erschliesst sich dem Betrachter erst beim Öffnen des Albums im Archiv: Denn Becher konfrontiert den Verräter der Exilgemeinschaft mit einem ihrer prominentesten Protagonisten, dem 1939 in Paris verstorbenen Joseph Roth. Der Dichter des «Hiob» verkörpert hier den von Gram und Alkoholkonsum gezeichneten Exilanten, dessen vergangenheitsorientierte Perspektive zwar ebenfalls kritisiert wird, den Becher jedoch in scharfen Kontrast zum korrumpierten Antagonisten Glaeser rückt. Dazwischen klafft eine, die ideologische Distanz gleichsam ironisch materialisierende, Lücke, wo einst, das supponieren die Klebespuren, eine weitere Karikatur angebracht gewesen sein muss. Von Ödön von Horváth vielleicht, den Roth im Wiener Liliputanercafé in Bechers Beisein hellsichtig vor dem «Anschluss» gewarnt hatte? Oder von Becher selbst? Bei genauerem Betrachten vermeint man den Schemen eines Reiters zu erkennen, eines Don Quijote im aussichtslosen Kampf gegen die Nazis, als der der Autor bezeichnet worden ist.
Tatsächlich konnten sich Bechers Feder, Pinsel oder Mine durchaus gegen sich selbst richten, wie die Selbstkarikatur oberhalb des Albums zeigt. Doch nicht als Don Quijote, vielmehr als Moby-Dick begriff sich Becher, als Verfolgten, der künstlerisch über die Verfolger triumphiert.
Ulrich Becher (1910–1990) war ein deutscher Schriftsteller, der 1933 ins Exil ging. Seine bekanntesten Werke sind das Stück «Der Bockerer» und der Roman «Murmeljagd».
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Mehr Moby-Dick als Don Quijote. (PDF, 530 kB, 14.04.2021)Der Bund, Dienstag, 13. April 2021
Letzte Änderung 14.04.2021