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Woher die Kinder kommen? Kinderbücher und Grosseltern haben uns beigebracht: Der Storch pflegt so mal eben übers Haus zu fliegen und – husch! – ein Schwesterchen oder Brüderchen in den Kamin plumpsen zu lassen. Über kleine Ungereimtheiten (im Schlafzimmer gab’s keinen Kamin) pflegten wir Kinder grosszügig hinwegzusehen.
Die Mär vom Storch als Kinderbringer gilt allgemein als uralt. Sie soll damit zusammenhängen, dass Weissstörche während der Brutsaison monogam leben, dass beide – Männchen und Weibchen – sich gleichermassen um ihre Brut kümmern und dass Störche oft an Teichen, in Sümpfen und Mooren zu sehen sind, wo alten Sagen zufolge die Seelen ungeborener Kinder wohnen.
Viel wahrscheinlicher ist aber, dass die Mär vielmehr der bürgerlichen Prüderie des 19. Jahrhunderts entstammt. Die Geschichte vom Storch, der die Mutter ins Bein beisst und sie so ins Krankenbett zwingt, worauf er ihr ein Baby bringt – diese Mär war ein schamhaftes Manöver, um den zu allen Zeiten ganz normalen kindlichen Fragen nach Sexualität und Fortpflanzung elegant auszuweichen.
Doch der Storch als Kinderbringer ist nicht auszurotten. Eine deutsche Studie von 2004 zeigte auf, dass in Niedersachsen die Anzahl der Störche von 1970 bis 1985 ebenso sank wie die der Neugeborenen; danach blieben beide Werte konstant. In Berlin, wo es kaum Störche gibt, verzeichneten die Statistiker zwischen 1990 und 2000 einen Anstieg der Hausgeburten. Die Forscher bezogen darauf das Berliner Umland in ihre Storchenzählung mit ein – und siehe da, dort wuchs die Storchenpopulation proportional zu den Berliner Hausgeburten. Der logische Schluss: Der Storch vom Lande bringt die Babys in die Stadt.