Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03390.jsonl.gz/3241

Kaum jemand gesteht sich ein, nicht tolerant zu sein. Jedenfalls habe ich noch nie von jemandem gehört, der von sich behauptet (oder dazu steht), nicht tolerant zu sein. Doch bei genauerer Betrachtung kann die Sache dann schon ziemlich schwierig werden. Zum Beispiel in der Politik: Kann ein Politiker, dem der Schutz des Klimas sehr am Herzen liegt, die Meinung eines anderen Politikers tolerieren, dem der Ausbau der Autobahnen und die Förderung des Individualverkehrs am Herzen liegen? Kann ein katholisch geprägter Vater tolerieren, wenn seine Tochter ihr Gesicht mit Tattoos und Piercings «schmückt», die Haare violett färbt und dann gar noch einen für ihn nicht akzeptablen Mann heiraten möchte?
Kann eine vegan lebende Ehefrau tolerieren, wenn ihr Ehemann sich zu Mittag am liebsten zwei saftige Steaks einverleibt und zum Nachtessen noch einen Wurstsalat? Kann eine Mitarbeiterin in einem Büro tolerieren, dass ihre neue Kollegin eine komplett andere Vorstellung von Arbeitsabläufen und Ordnung hat, dazu im Büro noch raucht und ein Parfüm benützt, das eher an Giftstoffe erinnert statt an Wohlgerüche?
Wenn man bedenkt, wie sich das gesellschaftliche Leben vor einigen hundert Jahren abspielte, könnte man doch meinen, in einer offenen und toleranten Welt zu leben. Vorbei sind die Zeiten, wo naturliebende Frauen, die sich mit Kräutern auskannten, als Hexen verfolgt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurden. Vorbei sind auch die Zeiten, wo man die Sexualität verteufelte und im Extremfall Frauen nach einem Seitensprung steinigte und ausserdem die Homosexualität als schwere Krankheit und als Sünde betrachtete. Aber sind wir denn wirklich immer tolerant? Und: Müssen wir immer tolerant sein?
Das Wort «tolerant» stammt aus dem Lateinischen «tolerare». Das bedeutet «tragen, ertragen, erdulden». Wer also glaubt, wirklich tolerant zu sein, muss sich die Frage gefallen lassen, was und wieviel er zu tragen, zu ertragen oder zu erdulden bereit und fähig ist. Schön wäre es vielleicht ja schon, wenn wir alle in allen Belangen immer tolerant wären. Vielleicht? Denn:
Müssen wir es tolerieren, wenn unser Nachbar Besuch hat, ein Fest veranstaltet und bis in die frühen Morgenstunden einen Höllenkrach macht? Oder müssen wir es tolerieren, wenn die Ehepartnerin oder der Ehepartner noch drei Liebschaften nebenher pflegt?
Was beim Thema «Toleranz» aber vor allem wichtig zu sein scheint, ist die Gegenseitigkeit. Begegnen sich zwei unterschiedliche Welten, so kann man kaum erwarten, dass die eine Seite tut und lässt, was sie will und die andere Seite alles einfach stillschweigend ertragen und erdulden soll. Diese Diskussion hatte ich kürzlich in einer Runde, als es um die Integration von Ausländerinnen und Ausländern in der Schweiz ging. «Wir sollten doch gegenüber Menschen aus fremden Kulturen einfach viel toleranter sein», meinte ein Diskussionsteilnehmer. Ja natürlich; doch ist es gerecht, wenn nur wir tolerant sind und wenn nur wir uns anpassen, während die anderen scheinbar so bleiben können, wie sie sind?
Aber die ganze Sache ist, wie man sieht, nicht ganz so einfach. Vor allem dann, wenn andere in unseren Augen nicht tolerant sind und gleichzeitig von uns erwartet wird, es zu sein…
Theologen, Philosophen oder Mystiker haben es x-fach betont: Wahre Liebe soll bedingungslos sein. Wer wirklich liebe, der stelle keine Bedingungen. Das heisst: Wer keine Bedingungen stellt, ist wirklich tolerant. Er erträgt und er duldet alles, weil er liebt. Doch ist das wirklich möglich? Und ist das notwendig? Wohl kaum. Und so stehen wir also wieder vor der schwierigen Frage, wann wir tolerant sein müssen und was wir allenfalls doch besser nicht tolerieren sollten. Ist letztlich also der Begriff «Toleranz» ein unmögliches und sinnloses Wort?
Tolerieren heisst auch, wie bereits eingangs erwähnt, erdulden. Etwas erdulden können müssen wir immer auch dann, wenn wir krank sind und Schmerzen haben. Eine Grippe, ein gebrochenes Bein, ein ekelhafter Husten oder was auch immer: Es braucht Zeit, bis eine Störung ausgeheilt ist. Wie gut können wir das ertragen? Wie tolerant sind wir also in diesem Bereich?
Übrigens:
Und Geduld heisst übrigens auf Italienisch «pazienza». Bei einer Krankheit oder bei einem Schmerz stellt sich also immer die Frage, wie lange wir etwas erdulden und ertragen können, bis wir dagegen etwas unternehmen (Arztbesuch, Operation, Medikamente). Und es stellt sich danach auch noch die Frage, wie viel Geduld wir aufbringen können, bis wir wieder geheilt sind.
Wer von sich behauptet, wirklich tolerant zu sein, dem könnte man vorwerfen, gleichgültig durch das Leben zu gehen. Er erträgt alles, er trägt alles, er duldet alles. Dürfen wir das? Ist das der Sinn des Lebens, einfach alles zu erdulden und zu ertragen?
Die Gleichgültigkeit entspricht einer desinteressierten, passiven und vielleicht sogar einer frustrierten Haltung gegenüber sich selbst, gegenüber anderen und gegenüber dem Leben überhaupt. Das hat mit Toleranz nichts tun.
Gelassenheit hingegen ist etwas Aktives. Es heisst, etwas, was nicht veränderbar ist, anzuschauen, es aber so lassen zu können, wie es ist, ohne sich darüber grün und blau zu ärgern. Somit liegt die Gelassenheit also der Toleranz viel näher. Das Leben schenkt uns ja bekanntlich nicht immer genau das, was wir uns wünschen. Unangenehme und unveränderbare Tatsachen gelassen hinnehmen zu können, wäre folglich auch eine Form der Toleranz …
«Fordere viel von dir selbst und erwarte möglichst wenig von anderen, so ersparst du dir viel Ärger.» Dieses Zitat stammt von Konfuzius, einem Philosophen und Politiker aus China. Er lebte zirka 2500 Jahre vor Christus. Das heisst, dass dieses Zitat über 4500 Jahre alt ist. Und es ist wohl immer noch genauso aktuell wie damals. Dieses Zitat klingt wirklich sehr gut, doch die Umsetzung im Alltag ist wohl kaum immer ganz einfach. Möglichst wenig von anderen zu erwarten, wäre dann eben auch eine Form der Toleranz.
Sollte mich demnächst jemand fragen, wie ich es mit der Toleranz habe, werde ich wohl ein «ich weiss nicht so recht» zur Antwort geben. Und ich weiss es tatsächlich nicht so recht. Was könnte ich tolerieren und was nicht? Und warum? Muss ich alles tolerieren und wo sind allenfalls die Grenzen? Sicher bin ich mir aber in der Erkenntnis, dass ich die Intoleranz nur schwerlich tolerieren kann …