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Cornelius van Til stellt die unterschiedlichen Überzeugungen von Christen und Nicht-Christen kompakt gegenüber:
1. Wirklichkeit
Beide, Christen und Nicht-Christen haben Denkvoraussetzungen über die Natur der Wirklichkeit.
a. Der Christ setzt den selbstbestimmten Gott, seinen Plan für das Universum als Hintergrund aller Dinge und somit die absolute Unterschiedlichkeit von Schöpfer und Schöpfung voraus.
b. Der Nicht-Christ setzt „Chaos und Finsternis“, beziehungsweise die in gewissem Maß unabhängige Existenz von Materie voraus.
2. Epistemologie
Weder Christen noch Nicht-Christen können – als endliche Wesen – mittels ihrer Logik festlegen, was die Wirklichkeit sein sollte.
a. In diesem Wissen beobachtet der Christ Fakten und ordnet sie logisch in bewusster Abhängigkeit von Gottes Plan, wie dieser in der Schrift offenbart ist, d. h. der Christ hört auf Gottes Deutung seiner Offenbarung in Adam und in Christus, bevor er auf die „Fakten“ selbst „hört“, und während er sie beobachtet. Er weiß, dass die Furcht des Herrn der Weisheit Anfang ist. Indem Christen den Plan Gottes voraussetzen, wissen sie, dass die Fakten einer göttlichen Ordnung folgen. Die Aufgabe von Christen in der Wissenschaft ist es, die gottgegebene Struktur der Welt sichtbar zu machen. Für den Christen gilt: Der Mensch und die Welt sind füreinander erschaffen, so dass die rationalen Fähigkeiten des Menschen auf die Welt anwendbar sind, während der Mensch bemüht ist, sich „die Erde untertan“ zu machen.
b. Der Nichtchrist dagegen versucht mit diesem Wissen fortwährend das Unmögliche, indem er eine Kohärenz fordert, die ihren Ursprung bei ihm selbst hat. (1) Negativ muss er voraussetzen, dass die Wirklichkeit nicht von Gott erschaffen und nicht gemäß Gottes Plan gelenkt ist, und dass daher die christliche Botschaft nicht wahr sein kann. Die Welt der „Fakten“ entstammt „Chaos und Finsternis“ – also letztendlich dem Zufall. (2) Positiv muss er voraussetzen, dass die Wirklichkeit schließlich doch rational begründet ist und den Anforderungen seiner Logik vollständig entspricht. Wäre die Welt nicht rational oder „uniform“, könnte es keine Wissenschaft geben. Jede „kosmische Vernunft“, oder Gott, muss sich deshalb in die menschengemachten Kategorien fügen. Jeder Gott, der nicht auf logische oder empirische Kategorien rückführbar und somit restlos verständlich ist, ist für ihn ein falscher Gott.
3. Fakten
Beide, der Christ und der Nichtchrist, erheben den Anspruch, dass ihre Position „im Einklang mit den empirischen Fakten“ ist.
a. Der Christ behauptet dies, weil er die Fakten und seine Erfahrung mit diesen Fakten im Sinne seiner Denkvoraussetzungen interpretiert. Die „Uniformität der Natur“ und sein Wissen um diese Uniformität sind für ihn beide auf Gottes Plan gegründet. Die Kohärenz, die er in seiner Erfahrung sieht, versteht er als analog zu, und resultierend aus, der absoluten Kohärenz Gottes.
b. Der Nichtchrist interpretiert die Fakten ebenfalls im Sinne seiner Denkvoraussetzungen. Einerseits ist da die Voraussetzung letztgültiger Nicht-Rationalität. Auf dieser Basis wäre jeder Fakt in jeder Hinsicht anders als alle anderen Fakten. „Uniformität“, die Grundlage jeder Wissenschaft, wäre unmöglich. „Chaos und Finsternis“ total! Andererseits gilt die Voraussetzung, dass alle Wirklichkeit rational und von menschlicher Logik erreichbar ist. Auf dieser Basis wäre die Natur eines jeden Faktes identisch mit der Natur aller anderen Fakten, oder, kurz gesagt, es gäbe einen einzigen großen, universalen Fakt. Es gäbe keine Erfahrung, weil es keine Veränderung gäbe. Alles wäre eine statische Einheit. Der Nichtchrist versucht, diese Widersprüche irgendwie im Gleichgewicht zu halten. Während er uns zunächst erklärt, dass er nie auch nur einen einzigen Fakt entdecken oder dessen Natur erkennen kann, erzählt er uns als nächstes, nachdem er entdeckt hat, was man nicht entdecken kann, alles darüber. Gemäß seinen Prinzipien weiß er alles, sobald er etwas weiß, während er gleichzeitig nichts wissen kann; doch er weiß etwas, und das bedeutet, er weiß alles.
4. Logik
Jeder behauptet, seine Position stehe „im Einklang mit den Ansprüchen der Logik“.
a. Der Christ behauptet dies, weil er den Geltungsbereich menschlicher Logik unter der Voraussetzung der Existenz Gottes und im Einklang mit Gottes Offenbarung über die Beziehung des Menschen zur Welt definiert. Genesis lehrt ihn, dass die Natur dem Menschen untertan, und beide wiederum Gott und seinem Ziel untertan erschaffen wurden. Damit harmonisiert seine Logik mit der Wirklichkeit, doch sie erhebt nicht den Anspruch, Gott selbst, und somit alle Möglichkeit, zu beherrschen.
b. Der Nichtchrist behauptet, seine Position sei logisch, kann jedoch keinerlei vernünftige Bedeutung in diese Behauptung legen. Folgt er seiner Denkvoraussetzung der letztendlichen Nicht-Rationalität der Fakten, dann läuft alle Logik ins Leere. Sie hat keine Berührung mit der Welt. Folgt er seiner Denkvoraussetzung von der Endgültigkeit aller Fakten, so sind alle Fakten auf Logik reduziert und dadurch zerstört, weil sie ihre Individualität verlieren; Logik hat somit nur rein formale Gültigkeit. Es wäre nur eine Logik der Identität, die lediglich sagen kann „A ist A“, denn alles wäre eins.
5. Das Böse
Jeder behauptet, dass im Hinblick auf das Böse seine Position im Einklang mit seinem Gewissen sei.
a. Der Christ behauptet dies, weil er sein moralisches Bewusstsein als einen Aspekt seiner Gesamterfahrung im Sinne seiner Denkvoraussetzung interpretiert. Er weiß, dass der Richter der ganzen Erde Recht üben muss. Alle Fakten und Probleme des Bösen und der Sünde erhalten ihre Bedeutung und finden ihre Lösung durch Gottes Plan gemäß der Schrift. Billigung und Missbilligung des Gewissens leiten ihre Bedeutung einzig und allein aus dem Wort Gottes ab.
b. Der Nichtchrist behauptet dies, weil er sein Gewissen als seinen eigenen letztgültigen Bezugspunkt ansieht. Das Böse ist nicht durch den Ungehorsam des Menschen in die Welt gekommen; es ist ein metaphysisches Grundprinzip, d. h. es ist einfach da! Böse lässt sich letzten Endes nicht von gut unterscheiden; was ist, muss sein. Mal angenommen, gut ließe sich von böse unterscheiden, gibt es dennoch kein Recht zu erwarten, dass das eine über das andere siegen werde. Wenn es jenen, die meinen, sie seien gut, gelingt, dem, was sie für „gut“ halten, auf der Erde zum Sieg zu verhelfen, kann dies nur durch Unterdrückung anderer geschehen, die ebenfalls denken, sie seien „gut“. Somit ersetzt Machtpolitik immer wieder alle ethischen Differenzierungen.
Cornelius van Til. Der reformierte Pastor und die Verteidigung des christlichen Glaubens. RVB: Hamburg, 2016. S. 29-33.