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© copyright 2011 by Remo F. Roth, Zürich
Im Laufe der Entwicklung der Körperzentrierten Imagination, die ich im Krankheitsfall Symptom-Symbol-Transformation nenne, sah ich mich gezwungen neue Begriffe zu definieren, da ich in eine Welt vorgestossen war, die bis heute noch nicht begrifflich erfasst ist. Es ist die Welt hinter und vielleicht sogar jenseits der Spaltung in aussen und innen, in Physik/Naturwissenschaft und C.G. Jungs Tiefenpsychologe. Jung hat diese Welt in Anlehnung an den hermetischen Alchemisten Gerardus Dorneus (2. Hälfte des 16. Jh.) den unus mundus, die Eine Welt genannt, der Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli, der eng mit Jung zusammenarbeitete, verwendete dafür den Begriff der psychophysischen Realität. Der Begriff „Realität“ ist für einen Physiker unabdingbar mit jenem der Beobachtbarkeit verbunden. So muss der Nobelpreisträger des Jahres 1945 also geahnt haben, dass wir in irgend einer ihm damals noch nicht bekannten Form die Welt jenseits der physikalischen beobachten können.
Wie ich im zweiten Teil meines Buches Return of the World Soul, Wolfgang Pauli, C.G. Jung and the Challenge of Psychophysical Reality (erscheint im Jahr 2012; siehe auch den ersten Teil, erschienen im September 2011) zeige, ist diese Welt der psychophysischen Realität nur in einem veränderten Bewusstseinszustand beobachtbar, den ich das Eros-Bewusstsein nenne. Es ist komplementär (im Sinne von Niels Bohrs Komplementaritätsprinzip) zum heute verbreiteten Logos-Bewusstsein, das heisst, dass der Logos und der Eros sich, wie die Korpuskel- und Wellenansicht der physikalischen Materie, gegenseitig ausschliessen, aber beide nötig sind, um die Totalität der Realität wirklich zu erfassen.
Wenn die Wissenschaft von Bewusstsein oder von Seele spricht, meint sie immer das dem Gehirn und dem Zentralnervensystem (ZNS) verhaftete Bewusstsein. In der Terminologie C.G. Jungs würde man von einem Ich sprechen, das sich mit dem Denken und der extravertierten Empfindung (sensation) identifiziert. Ich nenne es auch das ZNS-Bewusstsein oder Logos-Bewusstsein. C.G. Jung hat dieses in seiner Psychologischen Typologie ausgeweitet und postuliert, dass auch das Gefühl und die Intuition zum Bewusstsein gehören. So ergeben sich total vier verschiedene Typen: der Denktyp, der Intuitive Typ, der Fühltyp und der Empfindungstyp (englisch: sensation). Diese Typologie wird noch dadurch verdoppelt, dass alle Typen extravertiert oder introvertiert gelebt werden können. Vergleiche auch die untenstehende Abbildung.
Meine Forschungsresultate haben mir gezeigt, dass heute eine weitere Ausdehnung des Bewusstseinsbegriffs nötig ist. Seit Michael Gershon vor ungefähr 30 Jahren entdeckt hatte, dass das vegetative und das enterische Nervensystem völlig unabhängig vom Gehirn funktionieren und innere Prozesse ohne dessen Mithilfe regulieren, wissen wir, dass wir ein zweites Gehirn, das Bauchhirn (english: belly brain oder gut brain) besitzen. Meine Entdeckung besteht darin, dass das Bauchhirn nicht nur in selbständiger Weise die inneren Prozesse reguliert, sondern auch eine eigene Sprache hat: die meist in der Gegend des Solarplexus (tantrisch: des manipura; bei Paracelsus der Archaeus, der „Alchemist des Magens“) erfahrenen inneren Bilder, die sich sogar zu einem eigentlichen „inneren Film“ auswachsen können, und die vegetativen Empfindungen (englisch: vegetative sensations), die meist als hysterische und hypochondrische Symptome abgetan werden. (Vgl. dazu das Beispiel des Christian Buddenbrook am Schluss des Artikels Bauchhirn…)
Ich definiere das Bauchhirn als das physische Substrat der Körper-Seele. Auch sie steht in einem Komplementaritätsverhältnis zur Geist-Seele, der Identifikation des Ichs mit dem Denken und der extravertierten Empfindung (und damit mit dem ZNS) einerseits, und seit Jung auch der Identifikation mit dem Gefühl und der Intuition. Während die Geist-Seele ihren Sitz im Gehirn hat, ist es das Bauchhirn, das über die Körper-Seele verfügt. So wie ein Individuum sich mit der Geist-Seele des Kopfhirns identifizieren kann, ist es auch in der Lage, sich mit der Körper-Seele des Bauchhirns zu vereinigen. Diesen Zustand nenne ich das (meist zutiefst introvertierte) Eros-Bewusstsein.
Um wirklich die Totalität der Welt und nicht nur ihren ZNS-Aspekt zu erfahren, müssen wir vom Kopfhirn in das Bauchhirn, von der Geist-Seele zur Körper-Seele gelangen. Dies bedingt immer einen Abstieg in den Bauch. Durch geeignete Übungen wird dieses Ziel erreicht. Die Identifikation mit dem Bauchhirn und dessen Körper-Seele ist die Voraussetzung für die Anwendung der Symptom-Symbol-Transformation (und der Körperzentrierten Imagination). Die Anwendung dieser Methode habe ich in einigen Beispielen vorgestellt, die meines Erachtens den möglichen Ablauf (der jedoch bei jedem Individuum verschieden ist) sehr schön schildern.
Wir wissen, dass C.G. Jung gegen das Ende seines Lebens noch geahnt hatte, dass es so etwas wie ein Bewusstsein des Unbewussten gibt. Zudem hatte er antizipiert, dass eine Erschliessung dieses anderen Bewusstseins ungeahnte Auswirkungen haben würde. Im Zusammenhang mit dem von ihm so genannten psychoiden Archetypus (ich würde vom unus mundus oder von der psychophysischen Realität sprechen; s. o.) schreibt er von[1] „seelenähnlichen“ Vorgängen, die er „von den eigentlich seelischen Vorgängen“ unterscheiden will [2]. Folgerichtig ahnt der Tiefenpsychologe in der Fortsetzung seiner Ausführungen, dass dem psychoiden Archetypus und/oder dem psychoiden Unbewussten, das heisst in meiner Terminologie dem unus mundus oder der psychophysischen Realität „eine zweite Art von Ich“ zugehörig sein müsste,
„… ein neben dem Bewusstsein existierendes zweites psychisches System“, das „insofern von absolut revolutionärer Bedeutung ist, als dadurch unser Weltbild von Grund auf verändert werden könnte. Vermöchten wir allein nur die Perzeptionen, die in einem zweiten psychischen System stattfinden, in das Ich-Bewusstsein überzuleiten, so wäre damit die Möglichkeit unerhörter Erweiterungen des Weltbildes gegeben.“ [Meine kursive Setzung]
In der Körperzentrierten Imagination und Symptom-Symbol-Transformation verlässt man vorerst die Geist-Seele, das Kopfhirn, und taucht in den Bauch ab. Dort vereinigt man sich mit dem Bauchhirn und seiner Körper-Seele und schafft so das Eros-Bewusstsein. In inneren Bildern oder Bildfolgen und vegetativen Körperempfindungen gibt es uns Auskunft über seine Sicht der Dinge. Diese Perzeptionen werden dann als Erinnerungen in das Kopfhirn, in das Logos-Bewusstsein übernommen. So findet der von Jung vermutete Übergang in das Ich-Bewusstsein (das Logos-Ich) statt. Die Erfahrung zeigt, dass im allgemeinen Fall der Körperzentrierten Imagination mit dieser imaginativen Tätigkeit nicht nur, wie Jung meinte, geistige, sondern auch physisch/physikalische Schöpfungs-ereignisse geschehen, die im Fall von Krankheit mithilfe der Symptom-Symbol-Transformation zu Besserung und Genesung führen können.
[1] Für das Folgende siehe Jung, C.G., Gesammelte Werke, Band 8, § 369
[2] Hier zeigt sich deutlich, dass Jung das vegetative Bewusstsein, das ich auch Eros-Bewusstsein nenne, noch nicht kannte. Folgerichtig ordnet er die Funktionen Gefühl und Intuition dem von ihm definierten seelischen Vorgängen im quaternären Logos-Bewusstsein zu. Diese Typologie C.G. Jungs erweitere ich mithilfe des Eros-Bewusstseins – in Jungs Terminologie wäre es das Seelenähnliche – das vor allem über die vegetative Empfindung verfügt. Mit dessen Hilfe kann es akausale Schöpfungsprozesse aus dem Vegetativum wahrnehmen.