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The International Ez Zantur Project
Vom Zelt in die Villa
Von Geneviève Lüscher. Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, Nummer 041, 22. Dezember 2002, Seite 65
Schweizer Archäologen erforschen im jordanischen Petra den Übergang vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit – eine Bilanz
Die Leser von Agatha Christie kennen die Szenerie: Im Kriminalroman „Der Tod wartet“ steht am Rand des Talbodens von Petra, unmittelbar vor einer roten, hoch aufragenden Felswand, ein Zeltcamp. Aus der Wand starren zahlreiche schwarze Höhlenlöcher. Und in einer dieser Felshöhlen passiert es dann.
Heute steht das Zeltlager nicht mehr; an seiner Stelle wurde ein kleines Hotel gebaut, das später zu einem Grabungshaus für Archäologen umfunktioniert wurde. Mittlerweile mit Hilfe von Bundesgeldern aus einem Umschuldungsabkommen zwischen der Schweiz und Jordanien renoviert, steht es den verschiedenen Ausgrabungsequipen als Unterkunft und Arbeitsplatz zur Verfügung.
Amerikaner, Finnen, Franzosen und Schweizer benützen nacheinander jeweils ein paar Wochen im Jahr die Infrastruktur. Nur sie allein – und die hier lebenden Beduinen – dürfen über Nacht auf dem Gelände Petras verbleiben, derweil Touristen das Feld zu räumen haben.
Das Schweizer Team, das sich hier jedes Jahr von August bis Oktober trifft, ist nicht gross. Neben zwei bis drei Studierenden sind es hauptsächlich Spezialisten, die in dieser einzigartigen Atmosphäre ihre Arbeit verrichten. Eine Archäozoologin, ein Mineraloge, eine Zeichnerin, ein Photograph, eine Restauratorin und verschiedene Archäologen arbeiten in den hellen, grossen Räumen im Erdgeschoss oder draussen auf dem geräumigen Vorplatz, wo auf langen Tischen oder am Boden Keramikscherben, Knochenfragmente, Stuckteile und Mörtelstücke mit Wandmalereien ausgebreitet sind. Im Obergeschoss des Gebäudes befindet sich eine Reihe kleiner einfacher Schlafräume – die ehemaligen Hotelzimmer.
„Die Arbeit hier ist nicht nur ein Zuckerschlecken“, betont Bernhard Kolb, der die Ausgrabungen seit sechs Jahren leitet. „Die Arbeitstage sind lang, das Klima ist ungewohnt. Es braucht eine gute Portion Enthusiasmus und die Bereitschaft, einige Wochen auf Komfort zu verzichten. Und trotzdem ist die Feldarbeit in Petra jedes Mal ein Erlebnis, auf das sich alle freuen.“
An der Weihrauchstrasse
In der Nabatäerstadt Petra wird seit rund einem halben Jahrhundert regelmässig gegraben. Trotzdem sind noch viele Fragen offen. So wird beispielsweise die Herkunft der Nabatäer in der Forschung kontrovers diskutiert. Sicher ist, dass sie in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. in das Gebiet zwischen dem Toten Meer und dem Golf von Akaba eingewandert sind und den Talkessel von Petra zu ihrem Stammeshauptsitz gemacht haben. Als Karawanenhändler und Kamelbesitzer wurden sie rasch reich. Ihr Herrschaftsgebiet dehnte sich aus; es lag nicht nur im Schnittpunkt verschiedener Kulturen wie der ägyptischen, aramäischen, jüdischen und griechischen, sondern auch in der Nähe grosser Handelsrouten. Besonders die von Südarabien nach Gaza führende Weihrauchstrasse, auf der auch Gewürze und Edelmetalle zirkulierten, verhalf den Nabatäern zu ihrem Reichtum.
Zuerst war Petra vermutlich ein kultischer Bezirk. Hier versammelte sich der Stamm auch, um Waren auszutauschen, um Feste zu feiern und um die Toten zu bestatten. Das erklärt die grosse Zahl der Freilicht-Heiligtümer und Felsgräber. Der Ort hiess auf Nabatäisch „raqm(n)“, was so viel heisst wie „bunt gestreifter Fels“. Man hatte den Platz möglicherweise gerade wegen dieses einzigartigen Naturschauspiels ausgewählt, das noch heute jeden Besucher in seinen Bann schlägt: Die Felswände, die den Talkessel umschliessen, leuchten in tiefem Rot, sind aber von nahe betrachtet in allen Schattierungen von Rot, Blau, Gelb, Weiss und Schwarz gebändert.
Der runde, weite Talboden wurde erst in hellenistischer Zeit, seit dem 2. Jahrhundert v. Chr., überbaut. Es entstanden eine von Kolonnaden gesäumte Hauptstrasse, ein Theater, Tempel und Plätze. Petra wurde königliche Residenz, finanziert aus den Gewinnen des Fernhandels. Die Fassaden einiger Königsgräber wurden immer prachtvoller und schmückten sich mit hellenistischen Architekturelementen, andere blieben orientalisch schlicht. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. wurde die Region als Provincia Arabia dem Römischen Reich einverleibt, der Stamm der Nabatäer löste sich auf. Petra entwickelte sich zu einer römischen Stadt, die im 4. Jahrhundert durch ein heftiges Erdbeben fast ganz zerstört wurde.
Untergang der Nabatäer
Das Schweizer Petra-Projekt hat 1988 begonnen. Mitten im Talboden, auf der leicht erhöhten Felskuppe von Ez Zantur, hat sich das Basler Seminar für klassische Archäologie einen Grabungsplatz ausgesucht. Nur die Zusage einer privaten Stiftung ermöglichte es, hier zu forschen; die SLSA, die Schweizerisch-Liechtensteinische Stiftung für archäologische Forschungen im Ausland, übernahm den grössten Teil der Kosten und sicherte langfristige Finanzierung zu. Nach vierzehn Jahren ist die Grabungstätigkeit nun vorläufig beendet. Im Anschluss daran wird nun der Nationalfonds noch eine dreijährige Auswertung finanzieren, die den Archäologen eine abschliessende Publikation ermöglichen soll.
Ziel des ganzen Projektes war nicht die prestigeträchtige Erforschung weiterer grossartiger Tempel und Gräber, sondern die Basler interessierten sich für die Entwicklung der Wohnplätze. Wann und wie vollzogen die Nabatäer den folgenschweren Schritt vom nomadischen Leben in Zelten zum sesshaften in festen Häusern? Wie sahen diese aus? Was übernahmen sie dabei von den benachbarten Hochkulturen und was nicht? Bernhard Kolb erläutert das methodische Vorgehen: Es sei von Anfang an das Ziel gewesen, „eine Schichtgrabung nach europäischen Standards durchzuführen, um für die Kleinfunde – vor allem die massenhaft zum Vorschein kommende Keramik – ein chronologisches Gerüst aufzubauen. Nur so kann die Entwicklung Schritt für Schritt verfolgt werden.“
Petra als Karriereleiter
Zum Konzept gehörte auch die jährliche Berichterstattung; dies sei bis anhin in Petra vernachlässigt worden, und die Schweizer hätten hier Pionierarbeit geleistet. Viele der langjährigen Mitarbeiter sind mittlerweile Spezialisten geworden, die von anderen Grabungsteams zu Rate gezogen werden. Rund zehn Lizenziats- und Doktorarbeiten sind aus Petra hervorgegangen, und Kolb selber möchte sich mit einem Petra-Thema habilitieren.
Die Forschungsfragen konnten nach Abschluss der Grabung zum Teil beantwortet werden, neue sind aufgetaucht. Bis in das 2. Jahrhundert v. Chr. war Petra offensichtlich eine über die leicht erhöhten natürlichen Terrassen verstreute Zeltstadt. „Aber im Gegensatz zu gemauerten Steinfundamenten ist es ausserordentlich schwierig, archäologische Spuren von Zeltplätzen zu entdecken“, meint Kolb. Bodenschichten mit viel Siedlungsabfall, aber ohne Begrenzung durch Mauerzüge, werden als Reste von Zeltstandorten interpretiert. Sie liegen übereinander und sind durch fundlose Schichten getrennt. Möglicherweise kehrten die Familien oder Clans alle Jahre wieder auf den gleichen Zeltplatz zurück. Spätestens im 1. Jahrhundert v. Chr. wurden die Nabatäer sesshaft, wobei der Wechsel sicher fliessend vonstatten ging; auch heute noch stellen die Beduinen in Jordanien in den heissen Sommermonaten neben ihren Steinhäusern das Zelt auf, um von den Vorzügen dieses mobilen Wüstenhauses zu profitieren. Die Phase der Steinbauten nimmt dann das Charakteristikum der Zelt-Streusiedlung auf: Die Häuser stehen ohne urbanistisches Konzept, ohne ersichtliche Orientierung und ohne Strassenraster in der Landschaft, so wie die Zelte vorher.
Im Laufe der Jahre untersuchten die Basler mehrere Gebäude, vom einfachen Wohnhaus bis zum villenähnlichen Palastbau. In diesen luxuriösen Gebäuden richtete sich der repräsentative Teil nach westlichem Geschmack, während die Privaträume im orientalischen Stil gehalten waren: Für die Archäologen ergibt sich ein kulturgeschichtlich spannungsreiches Nebeneinander von lokaler Tradition und hellenistischem Einfluss.
Die in den letzten sechs Jahren untersuchte Villa zeigt eine überaus qualitätvolle Architektur, was von einem zahlungskräftigen Bauherrn zeugt. Alle Böden waren mit grossen Steinplatten oder Mosaiken belegt, ein heizbarer Winterraum und ein Badetrakt sorgten für Annehmlichkeit. Der von Säulen flankierte Hof brachte Licht und Luft ins Hausinnere. Als eigentliche Sensation entwickelte sich die Ausgrabung der mit über sechs Metern Raumhöhe repräsentativen Bankettsäle: Die Wände des einen Saales waren farbig mit illusionistischen Architekturdarstellungen bemalt, im oberen Teil prangten reiche, mit Blattgold versehene und in Orange und Blau bemalte Stuckaturen. Es handelt sich hier um eine einzigartige Entdeckung, laut Kolb „die qualitätvollsten Wandmalereien aus jener Zeit im ganzen Vorderen Orient“.
Als einzige vollständig ausgegrabene Wohnhäuser in Petra[50] soll der Komplex als Beispiel nabatäischer Wohnarchitektur und Lebenswelt zugänglich gemacht werden. Geplant sind eine Konsolidierung der Mauern und eine Überdachung des bemalten Bankettsaals, alles soll bis 2004 fertig sein. Bezahlt wird diese touristischen Erschliessung wiederum von der SLSA-Stiftung und von der eidgenössischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit.
Kein Geld für Schweizer Grabungen im Ausland
Die Schweiz hat – verglichen mit anderen europäischen Ländern – eine bescheidene Tradition archäologischer Auslandaktivi täten. Begonnen haben diese in Petra: 1812 hat der Basler Johann Ludwig Burck hardt alias Scheich Ibrahim die Felsen stadt für den Westen wiederentdeckt. Heute gehört Petra zu den wichtigsten Projekten. Dazu zählen auch Eretria in Griechenland (Ausgrabungen seit 1964; zurzeit liegt der Forschungsschwerpunkt auf der Freilegung des Apollotempels der antiken Stadt durch die Schweizerische Archäologische Schule in Griechenland), der Monte Iato auf Sizilien (seit 1971; die Universität Zürich erforscht dort eine Höhensiedlung aus Epochen von der Antike bis in die Zeit der Staufer) und Kerma im Sudan (seit 1965; Grabungen in einer an tiken nubisch-äthiopischen Stadt durch die Universität Genf). Weitere kleinere Forschungsvorhaben existieren in Ägypten, Zypern, Syrien, Israel, der Türkei und Frankreich.
Allen diesen Projekten gemeinsam sind strukturelle und finanzielle Probleme, da sie von öffentlicher Seite kaum unterstützt werden. Die zeitlich begrenzten und eher bescheidenen Finanzierungsmöglichkeiten des Bundes durch den Nationalfonds lassen eine Planung langfristiger Projekte kaum zu. Der grösste Teil der Vorhaben muss deshalb durch private Mittel finanziert werden.