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Die Rätsel der Fantasie
Die Kuratorin Andrea Lutz versteht es klug, die Druckwerke und Gemälde von Odilon Redon (1840-1916) in ihrem Gesamtzusammenhang der Zeit, der Mythen, der Forschung und der Kunst zu verorten, ohne dabei die verschlungene Rätselhaftigkeit seiner Traumwelten durch eine aufgesetzte Schubladisierung zu entzaubern.
Die Jahre um die vorletzte Jahrhundertwende sind eine Zeit der Umbrüche. Charles Darwin stürzt mit seinem Hauptwerk «The Origin of Species» die kirchliche Deutungshoheit über die Entstehung von Leben von ihrem Sockel. Sigmund Freud erforscht und publiziert nur wenige Jahrzehnte später sein Grundlagenwerk über das Unbewusste, «Die Traumdeutung». Charles Baudelaire übersetzt die abgründigen Schauergeschichten eines Edgar Allan Poe ins Französische. Derweil liegt Odilon, eigentlich Bertrand, in Jugendjahren wegen einer dem Stand seiner Familie nicht angemessen erscheinenden Krankheit von ihr separiert in einer atlantiknahen, rauen Natur rund um den abgeschiedenen Familienlandsitz am allerliebsten auf dem Rücken im Gras und gönnt seiner Fantasie gemeinsam mit den sich verändernden Wolkenbildern freien Auslauf. Insgeheim wird er sich von dieser Inspirationsquelle nie abwenden, aber für einen erwachsenen Mann schickt es sich nicht, mit einer solchen Vorliebe hausieren zu gehen.
Handwerk als Basis
Ein wohlhabendes Elternhaus ermöglicht ihm eine klassische Kunstausbildung, deren starre Ausrichtung ihn aber bald, salopp ausgedrückt, langweilt. Es sind Freundschaften zu Fachpersonen aus ergänzenden Wissensfeldern wie zum Botaniker Armand Clavaud und ein offenbar ausnehmend waches Interesse am technischen Fortschritt, aus deren daraus gezogenen Erkenntnissen sich ergänzend zum eigenen handwerklichen Können für Odilon Redon ein Möglichkeitsraum eröffnet, der allein durch die Grenzen der Fantasie beschränkt ist. Nach dem Dienst im Preussenkrieg lässt er sich mit 32 Jahren definitiv in Paris nieder, dem damaligen Zentrum der Welt, wo er breiten Anschluss in die Kunstkreise und auch deren Anerkennung findet. Er reist nach Amsterdam, um das Licht bei Rembrandt zu sehen, nach London, um das Licht bei Turner zu sehen und schafft ein beträchtliches druckgrafisches Werk. Wirtschaftlich wird ihm erst eine gross angelegte Versteigerung 1907 und die weitere Unterstützung von namentlich drei Mäzen:innen – Andries Bouger in Amsterdam, Gustave Fayet im Languedoc und Hedy und Arthur Hahnloser in Winterthur – ein gemeinhin als unabhängig geltendes Leben ermöglichen.
Transdisziplinär avant la lettre
Zeitlebens verwehrte sich Odilon Redon gegen den allgemeinen Trieb, seine Werke analytisch einer Eindeutigkeit unterordnen zu wollen. Eine Regung, die einen seinen Arbeiten gegenüber wie automatisch ereilt. Denn seine regelrecht freihändige künstlerische Kombination von antiker Mythologie mit biblischer Geschichte, dem Ungefähren des menschlichen Geistes genauso wie jenem der erst erwachten Entdeckerfreude über Mikroorganismen und in der Tiefseeerforschung, wiederum gepaart mit dem Bestreben, mit Ingenieurstechnik die Lüfte zu erobern oder immerhin bis in den Himmel hineinzubauen, fordern in ihrer Transdisziplinarität avant la lettre eine regelrechte Selbstbescheidung von Betrachter:innen, eine Ahnung als ausreichend begründet für die Faszination für sein Oeuvre anzunehmen. Oder anders, die Ambivalenz auszuhalten, dass eine Bedrohung und eine Verheissung nicht selten nur um Nuancen von einander überhaupt unterscheidbar sind und sich diesbezüglich eine Gewissheit auch nur einzustellen bereit ist, wenn sich der Geist verengt. Schauen, und sich von den dabei einstellenden Gedanken davontragen lassen, wie es Odilon Redon selbst während seiner Himmelsbestaunungen unternahm, erscheint angesichts der Ausstellung «Rêve et réalité» die gewinnbringendste Begegnung zu ermöglichen. Was an mythischer und mythologischer Bedeutung einem vielleicht nicht ebenso breit umfassenden Wissen fehlen mag, stellt Andrea Lutz in Texttafeln zur Verfügung. Und, wer freundlich fragt oder frech genug ist, findet bei den Miniaturen im Erdgeschoss Vergrösserungsgläser, womit sich gerade in den tiefschwarz erscheinenden Drucken ein unerwarteter Detailreichtum erhaschen lässt. Odilon Redon weckt den Spieltrieb, den Gedankenspaziergang, den Forschungsdrang, die Schaulust und ganz allgemein die Fantasie. Der Ausstellungsbesuch hat viel Gemeinsamkeit mit einem müssiggängerischen Flanieren im Geiste, währenddem die gewonnenen Eindrücke als Zugewinn an Inspiration ergo die grosszügige Geste einer möglichen Horizonterweiterung dankend als regelrechte Bereicherung ankommen. Das gilt genauso im von Odilon Redon bevorzugten Tiefscharf für die Drucke wie in seiner ungeheuren malerischen Farbvirtuosität.
«Redon. Rêve et réalité», bis 30.7., Kunst Museum Winterthur / Reinhart am Stadtgarten, Winterthur. Katalog.