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Frau Professor Margitta Seeck, leitende Ärztin und Leiterin der Abteilung für Epileptologie der HUG Genf, spricht mit uns über Epilepsie.
Frau Professor Seeck, was genau ist eine Epilepsie?
Es gibt nicht nur eine, sondern zahlreiche unterschiedliche Formen der Epilepsie, die zu ebenfalls sehr vielfältigen epileptischen Anfällen führen (generalisierter tonisch-klonischer Anfall, Schüttelkrampf, Bewusstseinslücke, einfacher oder komplexer fokaler Anfall, etc.). Die Diagnose wird nur nach wiederholten Anfällen gestellt. Im Allgemeinen hängen diese Anfälle mit einer unkontrollierten Überaktivität des Gehirns zusammen, einer anormalen elektrischen Entladung in den Nervenzellen.
Was sind die Ursachen?
Auch hierauf gibt es keine einfache Antwort, da mehrere Ursachen in Frage kommen. Eine Epilepsie kann durch einen Tumor, eine Autoimmunerkrankung, ein Schädeltrauma, eine Infektion (Meningitis, Enzephalitis), einen Fieberanfall und andere Ereignisse ausgelöst werden.
Wie hoch ist der Anteil der von Epilepsie Betroffenen in der Bevölkerung?
An Epilepsie erkranken etwa 0,5 bis 1 Prozent der Bevölkerung.
Besteht ein Zusammenhang mit dem Alter?
Ja, Epilepsie betrifft Kinder und Jugendliche, kann aber auch im späteren Lebensalter bei älteren Menschen auftreten. Der Schwerpunkt liegt in zwei Lebensphasen: Einmal bei Kleinkindern und dann noch einmal bei Menschen ab 65 Jahren, und dieses Lebensalter gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Besteht ein Zusammenhang mit dem Geschlecht?
Nein. Bestimmte Epilepsie-Formen, die etwa aufgrund einer Autoimmunerkrankung auftreten, findet man häufiger bei Frauen. Aber im Allgemeinen gibt es bei Epilepsie keinen signifikanten Unterschied zwischen Männern und Frauen.
Besteht ein genetischer Zusammenhang?
Ja, wir wissen, dass manchmal eine genetische Ursache vorliegt, aber das sind nur wenige Fälle. Manchmal betrifft die Krankheit die Gene, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass sie erblich ist. Bei einem Elternteil mit Epilepsie besteht nur ein sehr geringes Risiko, die Krankheit an die eigenen Kinder weiterzugeben.
Welche Symptome treten bei einem epileptischen Anfall auf?
Sie sind sehr unterschiedlich und vielfältig. Man denkt bei einem epileptischen Anfall immer an seine spektakulärste Form, also eine Person, die das Bewusstsein verliert, hinfällt und krampft, mit verdrehten Augen und Schaum vor dem Mund. Doch es gibt noch viele andere Formen, die von einem einfachen Innehalten in der Bewegung bis zu Sprachverlust, unkoordinierten Bewegungen oder dem Formulieren von Sätzen, die keinen Sinn ergeben, reichen können.
Treten diese Anfälle immer wiederholt auf? Oder kann ein Anfall auch einmalig auftreten?
Man geht davon aus, dass etwa 5 Prozent der Betroffenen einen einmaligen Anfall erleben. Ich persönlich glaube allerdings, dass es sich in der Mehrzahl dieser Fälle nicht um einen Anfall, sondern vielleicht um einen Kreislaufzusammenbruch handelt. Das Problem liegt darin, dass die Anfälle so unterschiedliche Formen annehmen können. Und dass man teilweise nur schwer unterscheiden kann, ob es sich um einen epileptischen Anfall handelt oder nicht. Deshalb muss man sich an Spezialisten wenden.
Gibt es Vorzeichen?
Das hängt ganz von den Patienten ab. Einige können vorher nicht mehr sprechen. Andere schmecken einen komischen Geschmack oder erleben ein «Déjà-vu». Wieder andere klagen über Schmerzen im Brustkorb. Oder sie empfinden ein Kribbeln wie von Ameisen im linken Arm oder Bein ... Welche Symptome auch auftreten, man muss sie ernst nehmen und untersuchen lassen.
Wie wird Epilepsie erkannt?
Wir führen eine Reihe neurologischer Untersuchungen durch. Zuerst das Elektroenzephalogramm, klassisch oder über Nacht, um zu klären, ob es sich um eine Epilepsie handelt. Dann nutzt man bildgebende Verfahren, um zu sehen, ob im Gehirn irgendein Problem vorliegt. Dadurch erhalten wir ein genaues Bild der Gehirnaktivität und können einen Risikobereich erkennen.
Kann man einen Anfall verhindern, wenn man die Vorzeichen bemerkt?
Wenn die Patienten die Symptome kennen oder der Anfall rechtzeitig im Voraus bemerkt wird, kann man punktuell auf Benzodiazepine zurückgreifen, die im Notfall gute Ergebnisse erzielen. Aber das ist nur eine Notfallbehandlung, die nicht langfristig angewendet werden kann, weil sie abhängig macht. Und weil sie bei längerer Anwendung ihre Wirkung gegen Epilepsie verliert.
Kann man Epilepsie heilen?
Es gibt Antiepileptika, die man einzeln oder in Kombination einnimmt und auf die 70 bis 80 Prozent der Fälle gut ansprechen. Bei 10 bis 20 Prozent der verbleibenden Fälle kann man operieren, wenn der epilepsieauslösende Herd genau lokalisiert wurde und nicht zu nah an einem wichtigen Funktionsbereich, wie etwa dem Sprachzentrum, liegt. Ein dritter Weg, die sogenannte Neuromodulation, wird zurzeit entwickelt.
Was passiert bei der Neuromodulation?
Man stimuliert das Gehirn oder vorgelagerte Nerven und versucht so, die krankhaften Kreise zu unterbrechen, die zu epileptischen Anfällen führen. Dabei stimuliert man mithilfe von Elektroden, die direkt ins Gehirn implantiert werden, bestimmte Hirnbereiche elektrisch. Oder man stimuliert den im Hals verlaufenden Vagusnerv mithilfe einer Elektrode, die in seiner Umgebung angebracht wird. Hierbei handelt es sich um eine lindernde Behandlung, die zwar die Epilepsie nicht heilt, aber in 50 Prozent der Fälle dabei hilft, die Häufigkeit der Anfälle oder deren Heftigkeit zu verringern.
Ist Epilepsie vollständig heilbar?
Ja, mit einer chirurgischen Behandlung, wenn die Ursache des Problems behoben werden kann. Daneben beobachtet man bei jungen Patienten mit bestimmten Epilepsieformen manchmal, dass die Anfälle nach der Pubertät verschwinden. Doch das ist eher selten. Meist nehmen Epilepsie-Patienten über Jahre oder ihr Leben lang Antiepileptika ein.
Und gibt es dabei Nebenwirkungen?
Bei den modernen Medikamenten gibt es keine oder nur sehr wenige Nebenwirkungen. Die einzige häufigere Nebenwirkung ist ein Osteoporose-Risiko nach der langfristigen Einnahme von Phenobarbital. Aber in den Industrienationen wird dieses Mittel kaum noch gegen Epilepsie eingesetzt.
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