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Yoga kennt heute jeder: geschätzte 200 Millionen Sterbliche praktizieren es. Viele Übersetzungen der zugrunde liegenden Sanskrittexte – hunderte englische und deutsche und abertausende in anderen Sprachen – sind allerdings unzulänglich. Übersetzungen ganzer Sätze sind oft geradezu haarsträubend (etwa so, wie wenn man das Englische friendship zu Deutsch als Freundschiff übersetzen würde). Erst im letzten Jahrzehnt wagten sich seriöse Sprachwissenschafter an die Texte heran. Sie entdeckten, dass es in Indien nach der systematischen Zerstörung der grossen Klosteruniversitäten im 11./12. Jahrhundert zu einem hermeneutischen Gedächtnisverlust kam. Hier ein tragisches Beispiel: gute Smṛti ist etwas, was den Begründern als Voraussetzung für Yoga am Herzen lag. So sagt Patañjali, Autor des Standardwerks «Yogasutra»: «Andere üben sich im Yoga mit Vertrauen, Mut, Smṛti, Konzentration und Weisheit.» Und etwas später im Text: «Sobald die Smṛti makellos wird, scheinbar ohne eigenständige Form erstrahlt, ist dies das Verweilen in vollkommener Konzentration.» Alle Übersetzer ab dem 12. Jahrhundert verstanden Patañjali dahingehend, dass, wenn das Gedächtnis makellos wird, man in vollkommener Konzentration verweilt. Noch heute sind die meisten Yogastudios weltweit im Besitz solcher Fehlerübersetzungen.
Warum ist die Übersetzung von Smṛti als «Gedächtnis» eine Katastrophe? Durch linguistische Vergleiche mit Texten des frühen Buddhismus wurde Indologen erst im Jahr 2013 klar: das Wort hatte in den Yogatexten überhaupt nichts mit «Gedächtnis» zu tun. Es bedeutet ganz einfach: Achtsamkeit. Als man die buddhistischen Texte studierte, fand man dort exakt dieselben Qualitäten – Vertrauen, Mut, Achtsamkeit, Konzentration und Weisheit – in derselben Reihenfolge (jedoch mit detaillierten Erklärungen). Nach Patañjali sollte ganz einfach Achtsamkeit als Voraussetzung für die Yogapraxis geübt werden. Eine Fehlübersetzung führte also zu einem globalen Missverständnis – nämlich einem Yoga für Gedächtniskünstler.
Christoph Rentsch studierte in Indien Sanskrit und erhielt den traditionellen Acharya-Titel verliehen. Heute lebt er als Lektor und Übersetzer in Winterthur.