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Elektrizität, die nach den beiden Weltkriegen die Industrialisierung antrieb, war in den meisten Ländern eine schmutzige Sache: Um Strom zu produzieren, wurde primär Kohle, später auch Schweröl eingesetzt. Diese fossilen Kraftwerke pufften nicht nur CO2, sondern anfänglich auch viel Dreck und Schwefel in die Atmosphäre. Ballungsräume wie etwa das deutsche Ruhrgebiet mutierten zu Russgebieten. Bis heute ist Kohle global die wichtigste Stromquelle geblieben.
Anders verhielt und verhält es sich im Alpenland Schweiz. Niederschläge und grosses Gefälle ermöglichen hier, viel Wasserkraft – «weisse Kohle» – in Elektrizität umzuwandeln. Ingenieure konstruierten kühne Mauern, hinter denen sie neue Seen stauten. Ihr reines Wasser rauscht auf blitzblanke Turbinen, die über Generatoren Strom erzeugen. Noch im Jahr 1968, als die aufrührerische Jugend gegen verknöcherte Strukturen und hochkonjunkturellen Konsumüberfluss revoltierte, reichte die reine Wasserkraft aus, um die ganz Schweiz mit Strom zu versorgen (siehe Grafik: Säulen 1968).
Von Wasser- zur Atomkraft
Mitte der 1960er-Jahre waren die grössten Flüsse erfasst, die ergiebigsten Quellen der hydrologischen Stromproduktion erschlossen. Die Konjunktur liess den Stromkonsum weiter steigen. Somit stellte sich die Frage, wie die Schweiz ihre Versorgung künftig sichern sollte. Damals stellten Stromwirtschaft und Bundesrat die Weiche, die den Schweizer Strompfad langfristig zementierte: Statt die «reine» Wasserkraft mit Strom aus Kohle-, Öl- oder Gaskraftwerken zu trüben, übersprangen sie diese Technik. Als Alternative boten sie die «friedliche Nutzung der Atomenergie» an, mit der die Schweiz im Versuchsreaktor Lucens schon früher experimentiert hatte, um sich die militärische Option für eigene Atomwaffen offen zu halten.
Der Einstieg in die Atomkraft verlief ebenso euphorisch wie einst jener in die Wasserkraft. Der Widerstand gegen Atomanlagen war anfänglich gering, die Bewilligungszeit kurz: Von 1969 bis 1972 gingen die drei kleinen Atomkraftwerke Beznau I und II sowie Mühleberg in Betrieb. 1978 folgte das dreimal so grosse KKW Gösgen, 1984 das KKW Leibstadt.
Dem Rausch folgte der Kater
Jedes AKW erhöhte die Schweizer Elektrizitätsproduktion sprunghaft. Um den überschüssigen Atomstrom abzusetzen, kurbelten die Stromunternehmen den Konsum weiter an, indem sie in den Wärmemarkt vordrangen: Die grossen Überlandwerke NOK (heute Axpo), BKW und EOS förderten Elektroheizungen und Elektroboiler, indem sie die Kunden mit happigen Mengenrabatten für Heizstrom köderten. Mit Erfolg: Von 1969 bis 1989, also innerhalb von nur 20 Jahren, verdoppelte die Schweiz ihren Stromverbrauch (siehe Grafik, Säulen 1988).
Mehr Atomkraftwerke erhöhten den Stromkonsum. Mehr Konsum rief nach zusätzlicher Produktion. Die Elektrowirtschaft plante ein AKW nach dem andern. Projekte entstanden in Kaiseraugst (AG), Graben (BE), Inwil (LU), Rüthi im St. Galler Rheintal und in Verbois bei Genf. Doch mit dem Boom wuchs der Widerstand. 1975 besetzten AKW-Gegner das Baugelände in Kaiseraugst und stoppten das Projekt. In Graben und andern Landesteilen nahm die Opposition ebenfalls zu. 1986 erschütterte die Katastrophe in Tschernobyl den Glauben an die Sicherheit der Atomenergie. 1988 begruben Regierung und Parlament die AKW-Projekte «Kaiseraugst» und «Graben». 1990 stimmte das Schweizer Volk der «Moratoriums»-Initiative zu, die einen zehnjährigen Baustopp für neue AKW verlangte. Die weitergehende Initiative zum Ausstieg aus der Atomkraft lehnte das Volk indes ab. Hier obsiegte die Angst vor Stromentzug.
Die Spirale drehte weiter
«Leibstadt» blieb das – vorläufig – letzte Atomkraftwerk, das die Stromwirtschaft im Inland realisierte. Ihre Expansion setzte die Stromwirtschaft vorerst im Ausland fort: Im nuklearfreundlichen Frankreich erwarben Schweizer Stromgesellschaften AKW-Beteiligungen im Umfang von heute total 2400 Megawatt. Damit machten sie den Verzicht auf die Projekte in Graben und Kaiseraugst mehr als wett. Die Rezession in den 1990er-Jahren bremste vorübergehend den Zuwachs des Konsums. Auf der andern Seite erhöhten zusätzliche Kraftwerk-Kapazitäten in Frankreich sowie Leistungserhöhungen in den AKW Leibstadt und Mühleberg das Angebot. Folge: Überfluss prägte von 1990 bis 2000 den sich öffnenden Strommarkt in ganz Europa.
Die damalige Stromflut hätte es der Schweiz erleichtert, die Abhängigkeit vom Atomstrom schrittweise abzubauen. Grüne Ökonomen empfahlen Lenkungsabgaben, um den Stromverbrauch mittels Effizienzsteigerung zu verringern und die erneuerbare Stromproduktion zu fördern. Doch die Einführung von Lenkungsabgaben auf Energie und strenge Verbrauchsvorschriften für Elektrogeräte scheiterten am Widerstand von Wirtschaft und bürgerlichen Parteien. Stattdessen kurbelte der Staat die Wirtschaft wieder an. Die Elektrizitätsbranche förderte zusätzliche Stromanwendungen, um ihre Überkapazitäten auszulasten, und die Industrie forcierte den Absatz von Elektrogeräten.
Die Wachstumsstrategie wirkte: Ab 2000 nahm der Stromkonsum wieder stärker zu (siehe Grafik: Säulen 2008). Das Pensionsalter der alten Schweizer AKW rückte näher – trotz Laufzeitverlängerung auf 50 bis 60 Jahre. Stromunternehmen und Bundesämter entwarfen Szenarien, die spätestens ab 2020 eine wachsende Lücke in der Stromversorgung prophezeiten. Mit dem Begriff «Stromlücke» rückte die Stromwirtschaft den Bau von neuen Atommeilern wieder ins Zentrum der Energiedebatte, nachdem das Volk 2003 eine Verlängerung des seit 1990 geltenden Atom-Moratoriums abgelehnt hatte. Mittlerweile haben die Stromkonzerne Axpo, BKW und Alpiq Gesuche zum Bau von neuen Atomkraftwerken in Beznau, Mühleberg und Gösgen eingereicht.
Atomkraft birgt viele Risiken
Das Erdbeben in Japan erschüttert jetzt die Akzeptanz der Atomenergie – zumindest kurzfristig. Darum sistierte Bundesrätin Doris Leuthard die laufenden Bewilligungsverfahren. Doch Atomkraftwerke bedrohen uns nicht nur mit ihrer Radioaktivität. Sie beinhalten auch politische und ökonomische Langzeit-Risiken. Beispiel: Sollte das Schweizer Volk in den nächsten Jahren trotz allem ein neues Atomkraftwerk bewilligen, kann dieses kaum vor 2030 in Betrieb gehen. Danach produziert es, wenn alles gut geht, Strom bis zum Jahr 2090 und sein Müll belastet Generationen.
Diese langfristige Fixierung passt schlecht zu einer demokratischen Gesellschaft, welche die Freiheit braucht, unabhängig auf äussere Ereignisse oder neue Entwicklungen zu reagieren. Die langen Planungs-, Amortisations- und Laufzeiten stehen auch quer zur real existierenden Wirtschaft, die auf schnelle Renditen drängt und ihre Erfolge im Quartals-Rhythmus misst. Wer AKW baut, ist auf langfristige Konstanz in Form von regelmässig steigendem Stromverbrauch angewiesen – oder muss solche Konstanz herbei zwingen. Das hemmt den Umstieg auf neue Techniken.
Ein Ausstieg aus der Atomenergie ist kein Spaziergang. Er braucht Zeit wie das Absetzen von Drogen, damit es nicht zum Kollaps kommt. Die Frage ist, was uns langfristig mehr schmerzt: Die fortdauernde Abhängigkeit oder der Entzug von einer stetig steigenden Stromdosis.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine