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"Seelandschaft mit Pocahontas" von Arno Schmidt wurde 1953 veröffentlicht. Der Text wird von Klaus Theweleit als Schaubild für die deutsche Nachkriegsgesellschaft, ihr Verhältnis zu "Amerika" und zur Sexualität und zum Umgang mit der sog. Vergangenheit verwendet.
Der studierte Germanist und Anglist Klaus Theweleit machte schon vor einigen Jahrzehnten mit seinen "Männerphantasien" auf sich aufmerksam. Sein vierteiliges Pocahontas-Projekt findet mit vorliegendem Band sein (vorläufiges) Ende. Als roter Faden zieht sich der freundlicherweise im Buchumschlag vollständig angeführte Songtext von John Davenport/Eddie Cooleys "Fever", in dem Pocahontas ebenfalls eine gewichtige Rolle spielt. Die "Indianertochter" war es, die Anfang des 17. Jahrhunderts nicht nur das Leben von John Smith rettete, sondern auch das seiner Mannschaft. Die Siedler wären ohne die tatkräftige Unterstützung der "Indianer" in ihrem ersten Winter in der sog. Neuen Welt elendiglich verhungert. Die Vermutung, dass die gesamte Geschichte der Kolonisation Amerikas ohne die Rettung durch Pocahontas anders verlaufen wäre, liegt nahe. Aber damit beschäftigten sich die ersten drei Bände. Im vierten Band geht es vorrangig um Arno Schmidts Text, den Theweleit mit gewohnt witzigen Illustrationen neu aufbereitet und interpretiert. Cantabit vacuus coram latrone viator (Der leere Reisende singt vor dem Straßenräuber) ist gerade für die Schmidtsche Lektüre als Leitmotiv passend. Ohne die Erstlektüre des Originaltextes kann der Theweleit-Text nicht empfohlen werden.
Wer das Original gelesen hat, wird sich freuen, dass Klaus Theweleit reichlich daraus zitiert und so die Erinnerung daran wieder wachruft. So lernen wir den Zusammenhang zwischen Binnen- und Bienenkolonisation neu zu entdecken und die Schmidtschen Wortketten immer mehr schätzen, denn scheinbar hat er beim Verfassen seines Textes nichts dem Zufall überlassen. Nur durch die Wiederaufnahme der von den Nazis unterbrochenen sexuellen Emanzipation durch die "Politik der Körper" könne der Nazismus ausgelöscht werden, intoniert Theweleit: "Trotz dieser Bürde, die der Sexualität hier aufgebürdet wird, ist der Text leicht, er hüpft, das Boot hebt ab, dreht Pirouetten im Tiefebenen-Slang, im Ton der Erzählung ist das, was wenig später Swinging genannt wird im Westen." Zugespitzt ist darin aber auch die Anklage versteckt, dass die Generation der Revolte (die 68er) die Wahrnehmung der Teilhabe ihrer Eltern an Auschwitz durch exzessiven Sex überdeckt hätten. Eine Verschiebung von Angst zu Angstlust und vielleicht auch etwas Nekrophilie? Theweleit widerspricht und doziert weiter über occhiellaia und die Tatsache, dass Schmidt und seine Frau sich als Näherinnen kennengelernt hätten. Die freie Assoziationstechnik, das Herstellen von Zusammenhängen, wo es gar keine gibt, und das zur Schau getragene (Halb-)Wissen mögen nicht alle Leser begeistern, aber dass das Verfassen dieses Textes zumindest dem Autor sehr viel Vergnügen bereitet hat, daran besteht sicherlich kein Zweifel. Natürlich fällt dabei auch einiges für die Leserinnen ab, was spätestens durch den Nachruf "In Die Ana" einleuchtet. Agnus dei, anus dei, manus dei. Amen.