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Die Macht des stillen Wissens in der Architektur
Stillschweigendes Wissen spielt seit längerem eine Rolle in der Architekturausbildung und -praxis. Tom Avermaete, Professor für Geschichte und Theorie des Städtebaus an der ETH Zürich, koordiniert dazu ein EU-Forschungsprojekt mit dem Titel TACK / Communities of Tacit Knowledge: Architecture and its Ways of Knowing. Ein Gespräch mit ihm und dem Doktoranden Hamish Lonergan über den Transfer von Wissen ohne Worte.
Tom Avermaete, Sie koordinieren ein «Innovative Training Network», ein ITN der Marie-Skłodowska-Curie-Massnahmen von Horizon¬2020. Das Thema: stillschweigendes Wissen. Was ist das?
Tom Avermaete: Der Begriff ist sehr schwer zu verstehen. Am besten lässt er sich erklären, wenn man sich vor Augen führt, was Architekten und Stadtplanerinnen in der Stadt tun: Sie haben die Fähigkeit, Dinge zusammenzubringen, die man normalerweise nicht zusammenbringen würde.
Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Ein gutes Beispiel in Zürich ist der Gebäudekomplex Kalkbreite. Auf dem Papier handelt es sich um eine Verkehrsinfrastruktur, ein Tramdepot, das man normalerweise wegen des Lärms und seiner Grösse ausserhalb des Zentrums haben möchte. Aber in der Kalkbreite wird diese Infrastruktur innovativ mit Wohn-, Einkaufs- und Kulturräumen verbunden. Das ist es, was stillschweigendes Wissen ausmacht: die innovative Fähigkeit, durch Design verschiedene Dinge zu kombinieren, die man normalerweise getrennt halten würde. Wir nennen dieses Wissen ‚tacit‘, also stillschweigend, weil man dafür kein Rezept schreiben kann. Es muss in Projekten weitergegeben werden – indem man sich Beispiele seines Professors ansieht, indem man gemeinsam etwas entwirft. Wir sind sehr froh über dieses Forschungsprojekt, denn im Bereich der Architektur und des Städtebaus ist stillschweigendes Wissen ein sehr zentrales Thema.
Der Begriff wurde in den 1950er Jahren von Michael Polanyi, einem Chemiker und Philosophen, eingeführt. Seit wann spielt er in der Architektur eine Rolle?
Hamish Lonergan: Es gab einige Momente, in denen sich Architekten sehr für die Idee des stillschweigenden Wissens interessierten. Einmal in den 1970er Jahren und dann wieder in den letzten zehn Jahren. In den siebziger Jahren gab es Lehrpersonen in Kanada, in den Vereinigten Staaten und in Teilen Europas, die sich sehr für stillschweigendes Wissen interessierten, was sich auch auf ihren Unterricht auswirkte. Wir versuchen, etwas Umfassenderes zu tun, indem wir uns nicht nur mit der Architekturausbildung befassen, sondern auch damit, wie stillschweigendes Wissen in der Praxis funktioniert.
Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit diesem Thema?
Avermaete: Schon seit einigen Jahren. Ich begann, als ich noch an der Technischen Universität Delft arbeitete, mit kleineren Projekten und fand Forschende auf der ganzen Welt, die ebenfalls an diesem Thema interessiert waren. Daraus hat sich eine grössere Forschungsgemeinschaft entwickelt, die wir jetzt alle in diesem ITN-Projekt versammelt haben. Schritt für Schritt haben wir fünf Jahre gebraucht, um von den kleinen Projekten zum grösseren zu kommen.
Wie wichtig ist implizites Wissen denn?
In der täglichen Praxis von Architektinnen und Architekten ist es sehr wichtig, wenn man in einem Team arbeitet. Stillschweigendes Wissen wird von einem Teammitglied zum anderen weitergegeben. Und es ist superwichtig in der Ausbildung: In der Architektur haben wir eine besondere Lehrform, die so genannte Studioausbildung, bei der man eng mit dem Professor, der Professorin und den Assistierenden zusammenarbeitet und nach und nach deren stillschweigendes Wissen erlernt.
Lonergan: Auch ausserhalb der Architektur wird anerkannt, dass das Ateliermodell erfolgreich ist, wenn es darum geht, dieses stillschweigende Wissen weiterzugeben, die Art von immateriellem Wissen darüber, wie man etwas macht. Aber ich glaube nicht, dass wir sehr gut in der Lage waren, auszudrücken, was genau an diesem Modell erfolgreich ist. Dies ist ein Schwerpunkt unseres Projekts, insbesondere die Art und Weise, wie das Studio als Gemeinschaft funktioniert. Es handelt sich nicht nur um einen einseitigen Wissenstransfer von der Lehrperson zum Studierenden. Ein Atelier funktioniert als Kollektiv und in dieser Gemeinschaft wird implizites Wissen generiert.
Arbeiten alle Universitäten in Europa mit dieser Art von Unterricht?
Avermaete: Viele Universitäten arbeiten mit Studiopädagogik, aber nicht viele tun es auf methodische Weise. Wir versuchen zu verstehen, welchen Beitrag diese Art der Lehre leisten kann: In der Architektur haben wir es mit sehr komplexen Problemen zu tun. Wir müssen wirtschaftliche Parameter mit sozialen, materiellen und ökologischen Parametern kombinieren – und das alles in einem einzigen Projekt. Das kann man nicht als Einzelperson tun. Man muss es also im Team machen und so das Wissen unter den Leuten teilen, ohne es aufzuschreiben und während der Arbeit. Dies ist sehr wichtig, um die Probleme zu bewältigen, mit denen unsere Städte und Gebiete heute konfrontiert sind.
Die Parameter werden immer umfangreicher.
Das stimmt. Wir stehen in unseren Städten vor enormen Herausforderungen in Bezug auf Klima und Energie. Das erfordert den stillschweigenden Austausch von Wissen in einem Projektteam. Das ist es, was wir unseren Studierenden beibringen. Und in unserem Projekt wollen wir besser verstehen, wie wir diese Koproduktion von Wissen aktivieren und betreiben können.
Lonergan: … und auch, wie man zwischen Menschen innerhalb und ausserhalb der Gemeinschaft kommuniziert. Eine grosse Herausforderung bei stillschweigendem Wissen besteht darin, dass es innerhalb der Gemeinschaft relativ leicht zu verstehen ist. Aber wenn zum Beispiel eine Gruppe von Architekten einen Entwurf an die Öffentlichkeit oder an eine Gruppe von Ingenieuren weitergeben muss, ist die Wissenslücke zwischen diesen Gemeinschaften oft eine grosse Herausforderung – vor allem, wenn es sich um viel komplexere Probleme wie eine ganze Stadt oder den Klimawandel handelt. Eine der Erkenntnisse, die wir gewonnen haben, ist, dass die Brücke zwischen dem stillschweigenden Wissen einer Gruppe und dem einer anderen darin besteht, sich auf greifbare Dinge zu konzentrieren, auf Materialien, auf eine Zeichnung oder ein Modell oder das Gebäude selbst – was wir in diesem Projekt materielle Vektoren nennen.
Sie wollen also dem stillschweigenden Wissen die Bedeutung geben, die es verdient?
Avermaete: Ja. Es gibt so viele Probleme, die rein quantitativ angegangen werden. Wir können die grossen gesellschaftlichen und ökologischen Probleme, mit denen wir heute konfrontiert sind, nicht mit einfachen Excel-Tabellen lösen, in denen wir sehen, wie viel Beton wir verbrauchen, wie viele Quadratmeter wir haben. Wir brauchen eine komplexere Herangehensweise: Wir müssen Wissen im Team teilen, bestimmte Situationen betrachten und stillschweigendes Designwissen aktivieren, um die Probleme anzugehen und innovative Lösungen zu finden.
Hamish, Sie untersuchen einen historischen Aspekt des stillschweigenden Wissens. Können Sie mir mehr darüber erzählen?
Lonergan: Mein Projekt besteht aus zwei Teilen, einem historischen und einem zeitgenössischen Teil, die sich beide mit der Ausbildung von Designstudios an Universitäten befassen. Ich interessiere mich also für die beiden bereits erwähnten Momente, in denen stillschweigendes Wissen für Architekten von Interesse war. Eine wichtige Fallstudie aus den 1970er Jahren ist das Internationale Labor für Architektur und Städtebau, kurz ILAUD. Dies war ein Sommerworkshop in Norditalien, bei dem viele verschiedene Schulen zusammenkamen, um sich mit komplexen architektonischen Problemen zu befassen, wobei jede Schule ihr eigenes stillschweigendes Wissen mitbrachte, einige mit einem eher technischen Hintergrund, andere mit einem eher humanistischen oder künstlerischen Hintergrund. Was mich wirklich interessiert, ist die Art und Weise, wie Menschen aus verschiedenen Gemeinschaften im Bereich der Architektur zusammenkommen, um die Unterschiede in ihrem impliziten Wissen zu verhandeln und diese Art von komplexen Problemen zu diskutieren.
Und was ist mit Ihrer aktuellen Studie?
Hier interessiere ich mich für die ETH Zürich und die Art und Weise, wie die Abschlusskritik in den Designstudios funktioniert, wo die Studierenden ihre Arbeiten vor Gastkritikern und Lehrpersonen, aber auch vor Ingenieuren und anderen Studierenden präsentieren. Und auch hier interessiere ich mich für die unterschiedlichen Arten, wie Menschen aus diesen verschiedenen Gemeinschaften über Architektur diskutieren, aber auch für die Strategien, die sie anwenden, um die Unterschiede in ihrem stillschweigenden Wissen zu überbrücken. Ich komme auf diese Vektoren zurück, bei denen vielleicht ein Ingenieur oder eine Ingenieurin auf ein Modell zeigt und einen Studenten fragt: «Was passiert da?» – und der Student dann in der Lage ist, auf das gleiche Modell zu zeigen und zu erklären, wie sein Projekt mit den verschiedenen komplexen Problemen umgeht. Ich interessiere mich für diese Momente der Begegnung zwischen verschiedenen Gemeinschaften.
Avermaete: Der aktuelle Teil der Studie nutzt die ETH Zürich als eine Art Labor, um zu beobachten, was in der Architekturausbildung bereits geschieht, und um zu versuchen, es zu konzeptualisieren.
Dieses Projekt endet im November 2023. Was wird noch kommen?
Avermaete: Wir sind bereits kurz vor dem Ende. Im Juni 2023 werden wir eine grosse Abschlusskonferenz an der ETH Zürich veranstalten, aber auch eine Abschlussausstellung und eine letzte Online-Publikation. Das grösste Ergebnis dieses Projekts werden also definitiv die zehn Doktorarbeiten sein, aber auch diese Online-Publikation, die online bleiben wird und hoffentlich als eine Art Wissensbasis für Leute in der Zukunft dienen wird, wenn sie versuchen werden, mehr über stillschweigendes Wissen in der Architektur zu forschen.
Lonergan: Sie wird z.B. Online-Lehrmodule enthalten, mit denen künftige Lehrpersonen die Idee des stillschweigenden Wissens aus den zehn verschiedenen Perspektiven des Projekts vermitteln können.
Haben Sie Pläne für weitere EU-Projekte?
Avermaete: Wir denken im Moment darüber nach, was der nächste Schritt sein könnte. Wir sehen noch viele Möglichkeiten in diesem Bereich. Das Netzwerk ist sehr stark. Und für mich ist das Engagement, das es braucht, um ein solches Programm zu koordinieren, sehr lohnend, da es einen wichtigen Einfluss auf mein Fachgebiet hat.
Interview mit Tom Avermaete
Tom Avermaete
Tom Avermaete ist seit 2018 Professor für Geschichte und Theorie des Städtebaus am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur (gta) der ETH Zürich und seit Juli 2021 Leiter des gta-Instituts. Geboren 1971 in Antwerpen, studierte er Architektur in Belgien und Dänemark und erwarb einen MSc-Abschluss und ein Doktorat in Geschichte und Theorie der Architektur an der Universität Leuven, Belgien. Avermaete war Dozent an der Universität Kopenhagen (1997), Leiter des Zentrums für flämische Architekturarchive am Flämischen Architekturinstitut (2003) sowie ausserordentlicher Professor (2006) und ordentlicher Professor für Architektur (2012) an der Technischen Universität Delft in den Niederlanden. Er ist Mitglied des Redaktionsausschusses des «OASE Journal for Architecture» und Mitherausgeber der Reihe «Bloomsbury Studies in Modern Architecture».
Hamish Lonergan
Hamish Lonergan ist Architekt und Doktorand am Institut gta der ETH Zürich. Seine Forschungsarbeiten sind in Konferenzen und Publikationen wie «Footprint», «gta papers» und «OASE Journal for Architecture» erschienen. Er schloss 2017 mit einem Master of Architecture an der University of Queensland, Australien, ab. Bevor er 2021 zum gta kam, arbeitete er bei COX Architecture (2018-2020) und kuratierte die Ausstellung Bathroom Gossip (Brisbane, 2019).
Horizon 2020 Projekt
TACK: Communities of Tacit Knowledge: Architecture and its Ways of Knowing
- Projektart: Marie Skodovska-Curie European Training Networks
- Laufzeit: 1. September 2019 – 31. August 2023 (48 Monate)
- Beitrag für die ETH Zürich: 557’637 €