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Cla Bierts Scuol
«Tumasch zieht den Kristall aus der Tasche. Er hat sechs Flächen, und sechs Dreiecke formen die Spitze; die Kanten sind messerscharf. Im Innern schwebt eine feine weisse Wolke, und neben ihr ist ein rauchiger Streifen. Alles andere ist durchsichtig wie eine Träne. Mit einem Auge schaut Tumasch hindurch und dreht ihn. Geradeaus sieht man alles wie durch ein Fensterglas, nur die Berge sind länger und schmaler, die Bäume wachsen in den Himmel und die Wiesen sind breiter als lang. Doch wenn man von rechts schräg hindurchschaut, sieht man die Häuser nicht, wo sie sein sollten; dort, wo die Häuser stehen, sieht man die grasbewachsenen Abhänge der Gipfel, und die Häuser stehen in den Geröllhalden. Und oben? Der Berggipfel ist nicht mehr einfach schwarz, er ist grün, grau, blau, gelb und rosa. Helle Fenster öffnen sich am Himmel und werden gleich wieder von weissen Schleiern verhüllt, die das Tal bedecken und sich über die blauen Berge im abendlichen Grau hinziehen.»
Die Wende (Originaltitel: «La Müdada») erschien 1962 als einer der ersten Romane in rätoromanischer Sprache überhaupt, im Dialekt Vallader. Der Text von Cla Biert (1920-1981) erzählt von den tiefgreifenden Veränderungen, die das Unterengadin aufgrund der agronomischen Technisierung und wachsenden Tourismusindustrie durchlebt. Das Einbrechen des Fremden ebenso wie das Problem der Abwanderung werden als zwei gegenläufige Bewegungen erzählt, die sich in der Person Tumach Tach sammeln. Der junge Mann ist auf der Suche nach Abenteuer, Liebe und Heimat. Dann verliebt sich Tach, inmitten seiner Arbeit auf dem Feld, in eine dänische Touristin mit spanischen Wurzeln, Karin: «Auf den ersten Blick ist ihm klar, daß sie die mit dem Nelkenduft sein muß. Ihrem forschenden, fast durchdringenden Blick ist unter vier Augen bestimmt nicht so leicht standzuhalten. Jede ihrer Bewegungen ist eine Überraschung, die sich langsam in ihm auflöst wie ein Gewürz in einer Speise.» Tumasch Tachs Fernweh, der Traum, mit ihr nach Paris auszuwandern, konkurriert mit dem Wunsch, in der Heimat in und um Scuol zusammen mit Karin eine eigene Existenz aufzubauen. Aus dieser Spannung heraus speist sich dieses leidenschaftliche, atmosphärische und sinnliche Werk. Das Fremde wird dabei exemplarisch am «Grand Hotel» festmacht – ein «gestrandeter Luxusdampfer in erhabener Natur». In diesem Mikrokosmos Grand Hotel gibt es alles, was die unmittelbare Umgebung Scuols nicht bieten kann: teure Weine, prunkvolle Inneneinrichtung und Jazzmusik. Was das Hochtal jedoch bietet, das ist Heimat und damit Identität. Und diese wiegt letztendlich schwerer als alles Fernweh, als jeder Luxus. (AB)
Scuol (früher Schuls) liegt in einem der sonnigsten Gebiete der Schweiz, dem Oberengadin entlang des Inn. Nicht zuletzt Cla Biert und sein langjähriger Freund Andri Peer haben dazu beigetragen, dass in Scuol ein reichhaltiger Literatur- und Medienbetrieb in romanischer Sprache entstand. Scuol bietet dem Besucher neben viel Sonne und Schnee eine historische Wellnesslandschaft und mit Motta Naluns ein attraktives Skigebiet.