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Ab Herbst 1918 war Francis Picabia für einen Kuraufenthalt im waadtländischen Bex-les-Bains, hin- und hergerissen zwischen Mätresse und Familie und heimgesucht von einer Neurasthenie, dem zeittypischen Burn-out, unter dem auch andere Dadaisten litten. Nach Tristan Tzaras Kontaktaufnahme mit ihm wollte Picabia, der dadaistische «Funny Guy», das Abenteuer Dada vor Ort kennenlernen und entschied sich zu einem zweiwöchigen Hotelaufenthalt in Zürich. Im Kunsthaus waren in der Ausstellung Das Neue Leben einige seiner mechanomorphen Bilder ausgestellt, die zuvor vom Kunstsalon Wolfsberg als zu modern zurückgewiesen worden waren. Wenige Monate vorher hatte er bereits für Dada 3 Beiträge geliefert. Und für Dada 4-5 legte er während seiner Stippvisite in Zürich Materialien in die Pipeline, darunter eine Zeichnung, in welcher er den Aufstieg und Status des Mouvement Dada via Namensleiter nachzeichnete und mechanisch mit seiner Zeitschrift 391 verband.
Mit der achten Ausgabe von 391 – zwischen 1917 und 1924 erschienen insgesamt 19 Nummern – fügte Picabia im Februar 1919 seinem «journal en voyage» neben den Erscheinungsorten Barcelona, New York und Paris mit Zürich eine weitere Station hinzu. In der klischierten Strichzeichnung Construction moléculaire auf der Umschlagseite entwarf er eine visuelle Teilsynthese seines Universums, zu dem nun auch Tzara gehörte, dem er gleich unterhalb seines Pseudonyms «Pharamousse» einen Ehrenplatz widmete. Auch seine Frau Gabrielle Buffet, die ihn nach Zürich begleitet hatte, ist in der Zeichnung präsent. Ihr Petit Manifeste erinnert an Tzaras Rhetorik und bildet den Auftakt des Heftes. Der persönliche und intime Charakter – Ausdruck des engen Beziehungsnetzes und Spiegel von Lebens- und Liebeskunst – irrlichtert immer wieder in den dadaistischen Zeitschriften, insbesondere in den jeweils beigefügten «Notes». Der Bildteil in der Zürcher Ausgabe von 391 besteht fast uniform aus Picabias «déssins méchanomorphes» und «dessins poèmes», die er auch für seine in Lausanne verlegten Poesiebändchen verwendete. Eine Überraschung ist das Picabia-Porträt der Genferin Alice Bailly, die mit Picabia im Kunsthaus ausstellte, wie auch vorher schon in Paris. Neben Sophie Taeuber war Bailly die zweite Schweizerin, die von Tzara später in den Olymp der Dada-«Présidents et Présidentes» aufgenommen wurde.
Die Bekanntschaft zu Picabia öffnete den Dadaisten im Zürcher Exil und insbesondere Tzara das französische Tor um einige Spaltbreiten mehr. Mit dem Grossversand von Dada 3 nach Paris sorgte Picabia für flächendeckende Publizität. Seine spätere abrupte, offizielle Verabschiedung vom Dada-Zirkel war Teil seiner Mobilität und künstlerischen Unabhängigkeit. Immer wieder suchte er nicht nur den örtlichen, sondern auch den klimatischen und geistigen Wechsel. «Notre tête est ronde pour permettre à la pensée de changer de direction» (La Pomme de Pins, Paris 1922).
Auflage: 1000 Expl. Rosarotes Papier. Die Abbildungen von Hans Arp (S. 3) und Picabia (S. 7) sind eingeklebte Autotypien. Provenienz: 391, Nr. 8 wurde 1968 in der Auktion «Teile der Bibliothek und Sammlung Tristan Tzara (Kornfeld und Klipstein, Dokumentations-Bibliothek III, Bern)» vom Kunsthaus erworben.