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2. Die Ersteigung des Bietschhorns
3953 m = 12,169 Par.F.
Die Nesthütte oder Hütte zum Nest, nach Dufour 1890 m ü. M., liegt auf einer kleinen Terrasse mitten im grossen Nestwald, einem weitausgedehnten Gemeinde-forst, der sich von dem linken Ufer des Nestgletschers dem Fusse des Schafbergs entlang, von einzelnen Runsen und Rüfenen unterbrochen, bis oberhalb Kippel hinzieht. Allerdings stehen dort noch riesige Lärchen, welche noch von alten Zeiten reden könnten; aber sehr gelichtet ist die Waldung durch Axtschlag, Windbruch und Rüfenen, und von jungem Aufwuchs oder Anpflanzung ist nichts zu sehen. Man nimmt aber auch dort, wie im Tessin und Wallis, wo die Gemeinden Herr und Meister über die Waldungen sind, wo kein Forstgesetz der Natur zu Hülfe kommt, man nimmt und schlägt, bis das Land zur Wüste und jede Anpflanzung unmöglich geworden. Die Hütte dient bloss Holzhauern zum zeitweiligen Aufenthalt und besteht aus einer einzigen, ziemlich grossen Stube mit angebautem Kochherd. Einige Bänke waren noch drin und ein primitiver Tisch. Wir brauchten von Ried aus etwas mehr als eine Stunde bis zur Hütte hinauf. Der Weg führt die ganze Zeit durch Wald mit hübschem Ausblick in 's Thal hinunter. Wir fanden den jungen Siegen schon in der Hütte, beschäftigt, selbige zu kehren und frisches Stroh darzulegen. Bald war ein grosses Feuer angemacht, und ein tüchtiger Nidlenkaffee mit Zubehör bildete unser Nachtessen.
Das Bietschhorn, im Lötschthale Nesthorn* ) genannt, bildet den hohen Kulminationspunkt der Gebirgskette, welche das Thal der Lonza vom Rhonethal scheidet und eine südwestliche Ausgabelung der Zentralmasse des Finsteraarhorns bildet. Es erhebt sich wie ein mächtiger Thurm im Hintergrunde der begletscherten Kessel der Grossthäler von Bietsch und Baltschieder, etwas südlich vom Hauptkamm der Lötschthaler Kette, welche vom Schienhorn bis zum Kastlerhorn von Nordost nach Südwest streicht. Seine Abhänge sind so steil, dass wenig „ ewiger Schnee " in den Runsen haften bleibt; nur die Ostseite zeigt weit hinauf eine zusammenhängende Firnbekleidung. Das Bietschhorn wird durch die Vereinigung dreier Hauptgräte gebildet, eines nach Norden, eines nach Süden und eines nach Westen streichenden.
Der nördliche Grat, auf der Ostseite begletschert, trennt die Firnmulden des Bietsch- und Nestgletschers von denen des Baltschieder- und Standbachgletschers; er erhebt sich nördlich vom Bietschhorn noch einmal zu einer dreiseitigen Pyramide, dem Kleinen Nesthorn, 3320 m- Der westliche Grat scheint weniger steil; er trifft den nördlichen Grat beinahe im rechten Winkel und trennt die Firnmulde des Bietschgletschers von der des Nestgletschers. Der südliche Grat, der zugleich den Gipfelgrat bildet, senkt sich vom höchsten Punkt plötzlich in lothrecht abgeschnittenen Wänden, um seine Fortsetzung bedeutend niedriger in dem langen Kamme zu finden, welcher die Thäler von Baltschieder und Bietsch trennt. Von Osten aus gesehen,
* ) Aber nicht zu verwechseln mit dem eigentlichen oder Grossen Nesthorn ( 3820 m ) östlich vom Lötschthaler Breithorn. A. d. ß.
z.B. von der Wetterlücke, vom Aletschhorn u. s. w. erscheint das Bietschhorn als steile, theils begletscherte, oben abgestumpfte Pyramide, während von Osten und Westen aus es einen mehr thurmartigen, südlich ganz jäh abgerissenen Bau zeigt. Von Süden aus, z.B. von den Höhen der Visperthäler und des Simplon, erscheint es als unzugänglicher, viele tausend Fuss über seine Umgebung in die Lüfte strebender, senkrechter Felsenkoloss, in dessen steinernen Falten kaum ewiger Schnee zu kleben vermag. Wir werden dagegen das Bietschhorn als eine wahre Granitruine kennen lernen, deren höchste Gräte so schmal und zersägt sind, dass man nicht begreift, wie es seine jetzige Form Jahrtausende lang hat wenig verändert beibehalten können. Herr Leslie Stephen hatte bei seiner Besteigung den nördlichen Grat als Angriffspunkt gewählt; er war von der Firnmulde des Nestgletschers aus auf die Einsenkung zwischen dem Gross- und Kleinen Bietschhorn und von da dem nördlichen Hauptgrat entlang unter vielen Mühsalen und Schwierigkeiten auf den Gipfel gelangt. Uns hatte bei der Untersuchung durch 's Fernrohr der westliche Grat weniger steil geschienen; allerdings schien er in den obern Partieen einzelne steil abgerissene Felszacken zu zeigen; jedoch hofften wir, jene umgehen zu können, und es schien uns auch der Grat weniger zerrissen, ganzer, wie Michel sich ausdrückte, zu sein. Desshalb beschlossen wir, den Koloss diesmal von der Westseite her anzupacken, und in der angenehmen Hoffnung, eine verhältnissmässig leichte und rasche Besteigung vor uns zu haben, legten wir uns auf 's Stroh, um einige Stunden Ruhe zu gemessen.
Um 1 Uhr waren die Führer schon auf, um vor dem Aufbruch noch das Frühstück zu bereiten. Wir hatten auf unsern Strohbündeln recht ordentlich geschlafen und waren glücklicherweise von gewissen Blutsaugern verschont geblieben.
Etwas vor 2 Uhr früh traten wir in 's Freie. Es war eine prächtige Mondnacht. Der Himmel wolkenlos, die Luft ziemlich frisch, alle Anzeichen versprachen einen prächtigen Tag. Von Gepäck nahmen wir nur das notwendigste mit; ausser meinem langen englischen Gletscherseil, welches Egger trug, hatte sich auch Anton Siegen mit einem längeren Seile versehen; Joseph Siegen trug einen Theil des Mundproviantes und meine Führer den Rest. Wir stiegen gleich von der Nesthütte weg in südwestlicher Richtung empor, zuerst durchHoch- Wald, durch dessen Lücken der Mond silberne Lichteffekte warf; allmälig wurde jedoch der Wald lichter, und dichtes Gestrüpp von Heidelbeeren und Alpenrosen, untermengt mit Farrenkräutern und allerlei Gebüsch, empfing uns. Hier wurde an den „ vom Monde nicht beschienenen Stellen " viel gestrauchelt und mancher vergebliche Schritt gethan. Endlich traten wir aus dem Wald heraus und stiegen langsam über eine sehr steile, steinige Alpweid empor. Des Mondes Licht wurde blasser; im Osten verblichen allmälig die wenigen sichtbaren Sterne; ein frischer Windzug ging dem anbrechenden Tag voran. Noch lag das Lötschthal im Schatten seiner Berge in schwarzer Nacht, während die weiten Schneefelder des Petersgrates und Telligrates uns gegenüber noch im matten Mondes-glanze leuchteten. Es war ein prachtvoller Uebergang von der Nacht zum Tag, wie ich ihn noch selten erlebt. Um 4 Uhr verliessen wir die obersten Schafläger am Fusse des Schafbergs oder Schafhorns, fortwährend umzingelt von salzbegierigen Schafen, deren wir uns nur durch Fusstritte und Stockschläge erwehren konnten, und nun stiegen wir über steile, gefrorene Schneefelder und sehr angenehme und kletterbare Felsen in südlicher Richtung auf Bietschhorn.15
die Höhe des Schafbergs, 3310 m, empor. Die Höhe dieses Gebirgszuges bildet das schöne Firnplateau, welches einestheils den Bietsch-, andererseits den Nestgletscher speist. Hier nun standen wir unmittelbar am Fusse unseres Recken und vor dem Angriff hielten wir kurze Rast und nahmen etwas Stärkung zu uns. Es war 6 Va Uhr.
Wir standen nun dem eigentlichen Bietschhorn gerade gegenüber, von dem langen und doch so steilen westlichen Grat, unserm Angriffspunkt, nur durch eine sanfte Schneemulde getrennt. Diese Schneemulde, ein wellenförmiges, sich nach Süd und Nord sanft abdachendes Schneefeld, bildet die Höhe des Uebergangs vom Lötschthale in 's Bietschthal, eines sehr leichten und kurzen Passes von Ried oder Platten nach Raron. Hat man den Uebergang östlich vom Bietschhorn, zwischen letzterem und dem Elwerück, Baltschiederjoch genannt, so schlage ich für den westlichen Pass den Namen Bietschjoch vor. Der Bietsch-jochpass würde also über den Schafberg ansteigen, die Firnhöhe am Fusse des Bietschhorns überschreiten und über den Bietschgletscher führen. Hier würde man am besten thun, sich rechts gegen den Fuss des Thiereggen-horns zu halten und hier den Gletscher zu verlassen, um durch eine der Runsen südlich der Fluhsätze, die auf der Karte „ im Rämi " heissen, die Tiefe des Bietschthales bei 1843 m zu gewinnen. Der Uebergang über das Bietschjoch von Platten nach Raron soll in 8 Stunden für einen guten Gänger bequem zu bewerkstelligen sein; denn wie wir Morgens um 6V2 Uhr auf der Höhe standen und über den Bietschgletscher und die Räminen in 's Thal hinuntersahen, waren wir überzeugt, wir würden längstens um 11 Uhr Mittags in Raron anlangen können. War uns schon im Thale unten die weissliche Farbe des Bietschhorns aufgefallen, gegenüber dem eisenrostfarbigen An- sehen der die südliche Thalseite des Lötschthales bildenden grünen Schiefer, so trat uns erst hier der verschiedenartige petrographische Charakter des Berges recht deutlich vor Augen, und kaum hatten wir die Schneemulde überschritten und berührten wir die ersten losen Steine des Westgrates, so war ich erstaunt, hier sogleich dichten weissen Granit anzutreffen, mit dem wir nun einige Stunden lang die intimste Bekanntschaft machen sollten.
Auffallend war mir ein mitten im weissen Granit des Bietschhorns in bedeutender Höhe dem Westgrat ent-ragender Felsenzahn von röthlichbrauner Farbe ( er ist auf der kleinen Skizze des Bietschhorns vom Lötschenpasse aus angedeutet ), sowie eine andere Felsmasse von gleicher Farbe, welche am Nordwestabsturz des Berges sehr deutlich gegen den Granit abstach. Auch mit diesem rothen Felsenzahn werden wir noch Bekanntschaft machen.
Wir banden uns nun an 's Seil; voran ging Anton Siegen, dann Egger; dann kam ich, Peter Michel und zuletzt der junge Joseph Siegen, der einen im Walde mitgenommenen Holzsparren, der im Siegesfall als Fahnenstock dienen sollte, trug. Anfangs rückten wir auf dem Grate recht ordentlich vom Platze. Der Grat erhob sich nicht gerade sehr steil in die Höhe; die Felsen waren, obgleich eigenthümlich zersprengt und zerklüftet, doch ziemlich fest und durch Schnee und Eis zusammengekittet. Jedoch nach einer Stunde Marschirens, während welcher es uns schien, als ob der Berg immer weiter von uns weggerückt würde, kam es allmälig anders. Der Grat selbst wurde immer zersägter; der harte Granit zeigte nirgends Yer-witterungsdétritus, sondern war in unzählige tafel- und und plattenförmige Stücke zerspalten, welche locker aufeinander lagen und bei der geringsten Berührung ihr sehr labiles Gleichgewicht durch unheimliches Beben und Knirschen beurkundeten.
Wir mussten uns den Abhängen des Grates entlang ziehen, um möglichst wenig uns an den überall wackelnden Felsen anklammern zu müssen; da aber der Abhang sehr steil und beeist war, so mussten Stufen gehackt werden, so dass unser Yorrücken ein langsames und langwieriges wurde. Endlich wurden die seitlichen Abhänge des Grates ganz ungangbar, und wir zogen es vor, über unzählige Tafeln und Zacken weg zu klettern, wobei jeden Augenblick die eckigen Granitstücke lose wurden und in die Tiefe hinunterpolterten.
Hier wäre uns bald ein Unfall zugestossen. Siegen klettert voran, umklammert einen losen Granitblock, welcher in langsames Rutschen geräth, andere Platten und Blöcke mit sich reissend. Egger nimmt einen gewaltigen Seitensprung; ich sehe die rutschende Masse auf mich zukommen, rufe den unter mir Stehenden Achtung! zu und, ehe ich mich auf die Seite werfen kann, werde ich von dem langsam rutschenden Block erfasst und auf die Seite gedrückt. Schon sehe ich mich zermalmt, indem mein Bein fest eingeklemmt wird. Andere Steine rücken nach, Michel spannt das Seil an und springt mir zu Hülfe. Glücklicherweise hatte eine kleine spitze Granittafel den rutschenden Block aufgehalten, und nach einigen vergeblichen Versuchen konnte ich rückwärts kriechend mein Bein unbeschädigt aus seinem steinernen Grabe befreien.
Wir waren allmälig, obgleich höchst langsam, bis aö den Fuss des rothen Thurms gelangt, welcher als gewaltiger Felsenpfeiler in der Nähe gesehen zu riesigen Dimensionen angewachsen war. Ich untersuchte das Gestein und fand, dass diese ganze rothbraune Felsmasse ai*8 einem chloritischen Schiefer bestand, welcher mitten im Granit eine Einlagerung bildete oder eine übrig gebliebene Scholle des ursprünglich das Bietschhorn bis in diese Höhe umgebenden und durch Erosion zerstörten Schiefermantels zu sein schien.
Von einer Ueberkletterung dieses rothen Thurmes war keine Rede; wir mussten uns wieder auf die südliche Abdachung des Grates schlagen; doch vorher nahmen wir, ziemlich erschöpft, eine sehr nothwendige leibliche Stärkung zu uns.
Es war 11 Uhr geworden, und jenseits einer tiefen Schlucht konnten wir schon das auf der äussersten Nordkante des Gipfelgrates erbaute Steinmannli erkennen. Etwas rathlos standen wir da, ehe wir die Umgehung des rothen Thurmes begannen; denn jetzt häuften sich Schwierigkeiten auf Schwierigkeiten. Michel verlangte nun die Führung, und sehr gefällig wechselte Anton Siegen mit ihm den Platz. Wir fingen nun ein schwieriges Traversiren an auf kaum zollgross hervorstehenden Granitkanten und über erweichtes Firneis, welches die Felsen nur dünn iiberkrustete. Bald gelangten wir an den Band einer entsetzlich steilen und tiefen Schlucht, welche nach oben auf den Vereinigungspunkt des westlichen Grates und der nördlichen Gipfelkante auslief, nach unten, in schauerlichen Tiefen auf den Gletscher endigend, sich dem Auge entzog. Konnten wir von hier unsern Westgrat über dem rothen Thurm wieder erreichenNein. Denn überhängend drohten Zacken auf Zacken auf uns hernieder zu stürzen. Einzige Ausflucht blieb, das scheussliche Couloir zu traversiren und jenseits direkt gegen das Steinmannli loszusteuern. Ich muss sagen, dass ich da einen schwachen Augenblick bekam und zuerst Peter Michel erklärte, da hinüber ginge ich nicht; eher wolle ich umkehren. Ich dachte an das Matterhornunglück; es war ähnliches Terrain, und ich dachte an ein in Grindelwald zurückgebliebenes liebes Wesen.
Das Wort „ Verantwortung " drängte sich mir imperativ vor 's Gewissen.
Da schlug Michel vor, er wolle am Seil untersuchen, ob der Uebergang über das Couloir überhaupt möglich sei.
Wir banden beide Seile zusammen, und Michel begann, von uns festgehalten, sich in die Schlucht hinabzulassen. Mit den Schuhnägeln griff er in den harten Granit ein, der hier gar zu ganz und noch dazu von Wasser und Eis abgeschliffen war. Stellenweise musste er mit dem Pickel lange Eiszapfen und Eiskrusten abschlagen, um am Gehänge von vielleicht 60° Neigung irgend prekären Stand fassen zu können. Endlich erreichte er die Tiefe des Couloir und rief uns Muth zu; es gehe jenseits leichter, und wir seien bald oben. Egger nahm mich nun fest beim Gurt und wir unternahmen miteinander die böse Passage. Langsam, Schritt für Schritt, wurde Fuss und Hand eingesetzt, die Augen auf die geringsten Felsvorsprünge und Anhaltspunkte geheftet, statt sie in die grausigen Tiefen des Abgrundes irren zu lassen. Mit laut pochendem Herzen langte ich glücklich bei Michel an. Nun hielten wir das Seil straff gespannt, und bewunderungswürdig sicher und gewandt kamen die beiden Siegen nachgeklettert. Besonders brav und unerschrocken zeigte sich hier der junge Blondin, der mit Katzengewandtheit, beinahe im Laufschritt, hergetrippelt kam und lachend seinen Fahnensparren als Bergstock zur Aushülfe henutzte.
Kaum waren wir Alle wieder beieinander, als mit einem unheimlichen Geraschel sich einige Steine oben auf dem Grat loslösten und mit noch unheimlicherem Sausen, ähnlich dem schwirrenden Splitter einer geplatzten Granate über unsern Köpfen der Tiefe zuflogen. Unseres
Schweizer Alpenclub.11
Bleibens war hier nicht. Auf allen Vieren fing Michel an der gegenüberliegenden Wand des Couloirs an mit Fieberhitze emporzuklettern, mit gewaltiger Kraft mich nolens volens nachreissend; denn wieder und wieder flogen Steine über uns und neben uns vorbei. Bald waren wir Alle auf einem aus ganz lockeren und rutschenden Steinen bestehenden Grätchen angelangt, welches sich noch etliche 60 Schritt weit bis zum Steinmannli auf dem Gipfelgrat steil in die Höhe zog. Mit äusserster Vorsicht, ja keinen Stein zu deplaciren, ja wie auf Eiern laufend, überkrochen wir das heikle Grätchen, welches, wie das Gemäuer einer alten Ruine, sich buchstäblich unter uns bewegte. Noch zwei Minuten, und ein lauter Juchzer kündigt an, dass wir beim Steinmannli, dem auf der äussersten nördlichen Gipfelecke erbauten, angelangt sind. Es war 12V2 Uhr Mittags. Wir hatten also glücklich den Vereinigungspunkt des Nord- und Westgrates erreicht und somit, man kann sagen, den Anfang des Gipfels. Dieser Gipfelgrat selbst ist das Merkwürdigste in seiner Art, was ich noch in den Alpen gesehen habe.Von fest anstehenden Felsen sieht man nichts; dagegen erstaunt man über die Wildheit dieses kaum einen Fuss breiten, aus chaotisch aufeinander gethürmten, eckigen, unverwitterten Granitsplittern aufgebauten ruinenhaften Gebildes. Wir haben wirklich hier das Skelett eines Berges vor uns, dessen Muskulatur Frost und Hitze, Wasser und Trockenheit weggerissen und zu Thal befördert haben. Der Grat erhebt sich nun in südlicher Richtung vom ersten Steinmannli aus noch einige Fuss hoch und bildet einen zweiten Gipfelpunkt; von diesem senkt er sich einige Fuss und erhebt sich zu einem dritten, ebenfalls mit einem Steinmannli gekrönten Gipfel- punkt, welcher anscheinend der höchste ist. Südlich davon ragt jedoch noch eine vierte, mit mächtiger Schnee- gwächte gekrönte Spitze hervor, welche ebenso hoch zu sein scheint, so dass, wollen wir unsere Aufgabe vollständig lösen, wir sogleich uns daran machen müssen, alle vier Gipfelpunkte der Ruine zu betreten.
Wir gelangen verhältnissmässig leicht zum zweiten Gipfelpunkt; von diesem jedoch in die Einsenkung gegen den dritten hinabzusteigen, ist höchst misslich, und wieder schwankte ich einige Minuten, ehe ich der Ruine das Gewicht meines ziemlich massiven und schweren Corpus anzuvertrauen wagte. Hier musste unter Anderm eine „ stötzlig " stehende, wenige Zoll breite Granitplatte von 8'Länge überklettert werden, welche schief in loses Trümmermaterial eingekeilt war und jeden Augenblick den Einsturz drohte.. Dass links und rechts, östlich und westlich, viele tausend Fuss tiefe Abgründe gähnen, brauche ich nicht zu erwähnen. Das zweite Steinmannli wird auch, Dank der grossen Vor- und Umsicht Michels, glücklich erreicht. Da jedoch das Steinmannli selbst die ganze Breite des Grates einnimmt, so müssen wir es umklettern und streben sogleich dem südlichsten schneegekrönten Gipfelpunkt zu. Wie wir langsam auf den lockern Steinen hinzutreten, stösst Michel seinen Pickel durch die Gwächte durch und konstatirt, dass sie den ungeheuren Abgrund nach Süden weit überragt. Also graben Wir uns am Fuss der Gwächte Raum, um neben einander, einen Fuss auf dem festen Fels, stehen zu können; Joseph stösst den Sparren in die Gwächte; bald flattert fröhlich die rothe Fahne und gibt dem Thale Zeugniss, dass um * Uhr, nach zwölfstündigem Marsch, das Bietschhorn besiegt sei!
Also war mir wirklich die Freude zu Theil geworden, den Gipfel des Bietschhorns zu erreichen, und zwar bei Wetter und wolkenlosem Himmel, und eine
11* durch Nichts getrübte Aussicht zu gemessen, welche ich keinen Augenblick anstehe, als eine der schönsten, wenn nicht als die aller schönste zu bezeichnen, welche unsere Alpen aufzuweisen haben.
Ich glaube nicht, dass für eine Ansicht der Berner Alpen und der ganzen " Walliser Kette ein Gipfel so frei steht wie das Bietschhorn. Allerdings sehen wir die Berner Alpen im Profil und ihre einzelnen Gipfel treten dicht gedrängt neben und hinter einander hervor; aber wir werden reichlich entschädigt durch die Ansicht des herrlichen Aletschhorns, das seine Trabanten mächtig überragt.
Imposant ist der Blick auf die Lötschthaler Kette mit ihren prächtigen, zu wenig gekannten Hochfirnen, auf das schöne Kegelhaupt des Nesthorns, das gegen Süden senkrechte Wände zeigt, auf die elegante Doppelspitze des Lötschthaler Breithorns, das seine herrlichen Firnhänge dem weiten Kessel des Beichfirns zusendet. Wir sehen hinein in die stillen Hochfirne des Baltschiederthals, auf den-weiten Jägifirn, auf den begletscherten Elwerück; da unten, sehr bescheiden, ist der Schafberg, überragt vom hübschen Kegel des Hohgleifen, hinter dem noch das Kastlerhorn als letzter Pfeiler der Lötschthaler Kette hervortritt.
Das grüne, freundliche Lötschthal liegt da so friedlich und still zu unsern Fussen; wir erkennen deutlich die stattliche Pfarrkirche in Kippel und Freund Brunner's neues Pfarrhaus. Gegen Norden werden wir frappirt durch die unschönen, in Schnee und Eis erstickenden Gräte der Lauterbrunner Grenzkette vom Gletscherhorn, hinter welchem hervor die Jungfrau mich freundlich grüsst, bis zum Breithorn und Tschingelhorn, welche einzig hübsch individualisirt hervortreten. Ebenso abstossend zeigen sich Blümlisalp, Gspaltenhorn und Dol-
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denhorn mit ihren kahlen, mauerartigen Kalkwänden; prächtig dagegen ist wiederum das Doppelpaar Attels und Balmhorn mit dem zu Füssen liegenden Lötsehenglet-scherli. Der Petersgrat und Tellirück zeigen ihre weiten Firnebenen und bilden einen angenehmen Kontrast gegen die dahinter hervortretenden Kalkwände der zwischen Kander und Lütschine liegenden Gipfel. Einzig das Schilthorn entragt diesem ungeheuren Firnmeer.
Von unbeschreiblicher Pracht ist die Aussicht auf die ganze Kette der penninischen Alpen vom Monte Leone bis zum Montblanc, der, in röthlichen Duft gehüllt, diese fünfzig Stunden lange, vielgestaltige Reihe der schönsten europäischen Berggipfel gegen Westen abschliesst. Da gehört halt wiederum die Krone der Schönheit dem unvergleichlichen Weisshorn, dessen Form ebenso wie seine Firnbekleidung unerreicht ist; dahinter blickt finster und trotzig das furchtbare Matterhorn hervor. ist unser Auge genug von Gipfel zu Gipfel geflogen, ist es durch Schneeglanz und Formenmannigfaltigkeit müde geworden, so erholt es sich im Anblick des 10,000 Fuss unter uns liegenden Rhonethals, welches wir in seiner ganzen Länge bis Martigny überblicken. Ja da hinunter über die Gwächte weg, in einem Winkel von vielleicht 60°, durch die schluchtähnliche Oeffnung des Baltschiederthals sehen wir ein Stück Poststrasse und Pappelallee ausserhalb Vispach! Und das ist ganz richtig: Geht man von Visp die Pappelallee gegen Brieg zu, so erblickt man, während ungefähr hundert Schritten, den höchsten Gipfel des Bietschhorns über den Eingang des Baltschiederthals weg. Hätten wir Musse genug, die vorbeifahrende Simplonpost abzuwarten, so könnten wir dem eidgenössischen Schwager einen Gruss an unsere Freunde in Sitten hinunter telegraphiren! Ausserhalb La Souste trifft unser Blick wieder
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ganz in 's Thal hinunter und wir verfolgen die im Sonnenschein glitzernde Rhone und ihre TJeherschwenimungen, können noch die Hügel bei Siders erkennen und, in warmen Duft gehüllt, die reben- und kaktusbewachsenen Tourbillon und Yaleria bei Sitten. Dies in kurzen Zügen die unvergleichliche Aussicht vom Bietschhorn aus.
Wir waren Alle zu ermattet, um viel zu gemessen; ich fühlte mich beklommen und dachte nicht ohne Grauen an den Rückweg; von Appetit, den ich sonst in den Hochalpen lange bewahre, keine Spur! Ein Schlückchen alten " Walliser Muskateller's blieb nicht lange bei mir. lieber den Rückweg waren wir bald einig, da den Herweg einzuschlagen, geradezu Gott versucht gewesen wäre. Unser einziger Trost lag im nördlichen Grat.
Um 3 Uhr exakt schlugen wir den Rückweg ein. Ohne Unfall, und rascher als im Herweg, da wir an diese neue Seiltänzerei schon etwas gewohnt waren, erreichten wir das nördliche Steinmannli und blickten über den ganz übereisten und mit hohen Schneegwächten bedeckten, steil abfallenden Nordgrat hinunter, wo unser Trost war, dass wir hoffentlich mit Trohlfelsen nichts mehr würden zu schaffen haben.
Wir hatten Anfangs allerdings die Wahl zwischen der scharf aufgeblasenen, schmalen Gwächte und den darunter hervorstehenden, zerbröckelnden Felsen. Stellenweise hieben wir uns in die Gwächte ein, stellenweise folgten wir dem Rand des Abgrunds, da wo die Gwächte zu hart gefroren war und wir mit dem Trittehacken zu viel Zeit verloren hätten. Die Gwächte war da, wo der Grat abbricht, so steil abgeschnitten, dass wir uns Mann für Mann am Seile herunterlassen mussten, und zwar bald über die ganze Schärfe der Gwächte, bald an ihrer innern Seite, um weiter unten die Felsen wieder zu ge- winnen.
An solchen plötzlichen Abrissen des Grats mussten viele Tritte in die Gwächte eingehauen werden. An einer Stelle, wo die Gwächte schön geradlinig auf eine grosse Strecke bei massiger Neigung den Grat so bedeckte, dass die Felsen gar nicht mehr zum Vorschein kamen, nahm sie Anton Siegen, der wieder voranging, rittlings, und wir Alle fanden diese Methode sehr probat. So rutschten wir, ein Bein über dem Jägifirn, eines über dem Bietschgletscher schweben lassend, ein grosses Stück herunter.
Um 5 Uhr erreichten wir die Ecke, wo der Grat westlich umbiegt, und da mussten wir wieder in böse Felsen uns hineinlassen und wieder alle Vorsicht anwenden, um nicht Steine zu tröhlen oder gar wackelnde Felsblöcke ihres Gleichgewichts zu berauben. Endlich um 7 Uhr 40 Minuten, die Sonne war eben untergegangen, der westliche Himmel glühte in purpurnen Farben, die Walliser Alpen glühten im schönsten Rosenroth, während das Rhonethal in dicken, braunen Dunst gehüllt war, betraten wir mit lautem Jubel den flachen Plan des Bietschjochs. Zum Abschied sandte uns noch das Bietschhorn in Form eines Gletscherbruchs, der von der Kordostseite auf den Firnkessel oberhalb des Nestgletschers heruntergedonnert kam, seinen Abschiedsgruss. Rasch nahmen wir am Schafberg einige zurückgelassene Sachen auf, und im Trab ging es über die Schieferhalden und Schneefelder des Schafbergs dem Schaf läger zu, wo " wir wiederum von den Schafen belästigt wurden. Bei der ersten Quelle lagerten wir uns, erfrischten unsere erhitzten Köpfe und leerten nun erst mit Behagen die letzte übrig gebliebene Flasche " Wein. Dann ging 's wieder über die steinige Alp, durch die dichten Gebüsche und rden knorrigen Hochwald, und endlich, endlich standen wir vor der Nesthütte, wo uns ein Bruder von Siegen bereits û warmer Suppe erwartete. Es war 11 Uhr Nachts,
also 21 Stunden nach unserm Abmarsch von der Nesthütte.
Mit welcher Wollust wir uns auf unsere Strohbündel warfen, kann sich Jeder denken, und ich glaube, dass Keiner von uns ohne ein inniges Dankgefühl gegen eine höhere Hand, die uns beschützt und beschirmt hatte, den erquickenden Schlaf gefunden hat.
Dienstag den 20. stiegen wir bei Zeiten nach Kippel hinunter, wo uns das ganze Dorf freudig empfing, und ganz besonders mein lieber Freund Brunner, der wahre Angst um uns ausgestanden hatte und nun Küche und Keller in gespannteste Thätigkeit setzte, um das grosse Ereigniss des Thales, die erste schweizerische Besteigung des Bietschhorns, zu feiern.
Es bleibt mir nur noch übrig zu melden, dass ich in jeder Beziehung Anton Siegen und den jungen Joseph jedem Besucher des Lötschthals als vorzügliche Gänger des Wärmsten empfehlen kann. Dass ich hier zu früherm Lobe Peter Michel's und Egger's viel hinzufüge, wird nicht nöthig sein; sie haben sich beide wieder einen neuen Kranz der Tüchtigkeit zu so vielen andern gewunden und als Gletschermannen ersten Ranges ausgewiesen.
Und so zogen wir denn am 21., vom schönen Thunersee herkommend, wieder in Grindelwald ein, und die fröhlichen Jodler meiner Führer beurkundeten den glücklichen Abschluss meiner Clubistenthätigkeit im Jahre 1867.