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|aus Debatte Nummer 17 – Sommer 2011|

Ende Mai ist die erste Ausgabe der neuen Zeitschrift Emanzipation* erschienen. Die Zeitschrift will zur Neuformierung einer antikapitalistischen Linken im deutschen Sprachraum beitragen. Christian Zeller zählt zu den Initiatoren von Emanzipation. Er stellt im Gespräch mit Sarah Schilliger die neue Zeitschrift vor.

Die Zeitschrift Emanzipation trägt den Untertitel Zeitschrift für sozialistische Theorie und Praxis. Wie ist es zum diesem Titel gekommen?
Der Begriff Emanzipation steht als sehr umfassender Begriff im Zentrum der neuen Zeitschrift. Er enthält die Perspektive der Befreiung, genauer der Selbstbefreiung der Lohnabhängigen und aller Ausgebeuteten und Unterdrückten. Die Zeitschrift will Bewegungen von Menschen verstehen lernen und unterstützen, die versuchen, die Geschichte in die eigene Hand zu nehmen, um sich sowohl individuell als auch kollektiv zu befreien. Emanzipation meint somit die Befreiung von jeder Form der Ausbeutung, Ungleichheit und Unterdrückung, egal, ob es sich um spezifisch kapitalistische Mechanismen handelt oder um solche, die älter als der Kapitalismus selbst sind.
Emanzipation also auch im Sinne von Geschlechteremanzipation?
Die Emanzipation von Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen, die mit den Geschlechtern zusammenhängen, gehört genauso dazu wie diejenige, die sich gegen die Diskriminierung auf Grund der Herkunft zur Wehr setzt. Die Emanzipation soll konsequent und grundsätzlich auf der Seite der Unterdrückten und Ausgebeuteten stehen, egal, um welche spezifische Form es sich handelt.
Hat die Emanzipation einen Avantgarde- Anspruch? Oder will sie in erster Linie bestehende Auseinandersetzungen beleuchten?
Die Emanzipation soll ein Produkt sein von gegenseitigem und gemeinsamem Lernen und Lehren. Sie soll bestehende Bewegungen aufgreifen, verarbeiten und von ihnen lernen, aber sie soll auch versuchen, neue Impulse zu liefern. Eine Zeitschrift kann aber keine Avantgarde sein. Ein wichtiger Aspekt ist, dass die Zeitschrift zwar auf Deutsch erscheint, inhaltlich allerdings klar international ausgerichtet ist. Sie soll sich nicht an den Sprachgrenzen orientieren, sondern für die Neuformulierung und Neuformierung einer internationalen antikapitalistischen und sozialistischen Perspektive wichtige Auseinandersetzungen zur Diskussion stellen. Dies bedeutet auch, dass ein Teil der redaktionellen Arbeit darin besteht, Artikel aus anderen Sprachen zu übersetzen und zu kontextualisieren.
Gibt es nicht viele Zeitschriften, die diesen Anspruch schon haben?
Im deutschen Sprachraum gibt es derzeit keine Zeitschrift, die erstens einen radikal antikapitalistischen und sozialistischen Anspruch hat, zweitens diesen Anspruch auch wissenschaftlich zu begründen versucht und drittens auch politisch eingreifen will. Letzteres soll vor allem dadurch geschehen, dass aktuell stattfindende politisch- soziale Kämpfe aufgegriffen, übersetzt und kontextualisiert werden. In diesem Sinne soll es keine rein akademische Debatte werden, sondern auch ein Projekt der politischen Intervention.
Da die Zeitschrift nur zweimal jährlich erscheint, ist es klar, dass sie nicht alle aktuellen Themen beleuchten kann. Auch deswegen wollen wir selektiv vorgehen und versuchen, bestimmte Themen so aufzugreifen und zu vertiefen, dass sie wiederum auch die politische Praxis befördern können.
Was erwiderst du auf den Vorwurf, die Emanzipation sei eine weitere Zeitschrift im bereits sehr dichten linken Blätterwald, wo viele linke Strömungen ihre eigenen Publikationsprojekte verfolgen? Oder soll eure Zeitschrift etwa strömungsübergreifend ausgerichtet sein?
Wir haben einen antikapitalistischen und kritisch-sozialistischen Anspruch. Die Emanzipation soll unterschiedliche antikapitalistische Perspektiven, seien sie revolutionärsozialistisch, anarcho-syndikalistisch, libertär, öko-sozialistisch und feministischsozialistisch zum Ausdruck bringen und kritisch hinterfragen. In diesem Sinne will die Zeitschrift Farbe bekennen und zugleich pluralistisch sein. Das heißt aber nicht, dass wir ein unverbindliches und nach allen Seiten offenes Debatteforum sein wollen.
Wie beurteilst du in diesem Zusammenhang die Zeitschrift Widerspruch? Hat der Widerspruch nicht einen ähnlichen Anspruch?
Der Widerspruch hat ein widersprüchliches Profil. Einerseits publizieren regelmässig Autor_innen vor allem aus Deutschland durchaus interessante, radikale Beiträge zu grundlegenden und internationalen Themen. Wenn es aber um die Schweiz geht, so gehen die Artikel kaum über eine etwas «linkere» sozialdemokratische Position hinaus. In Bezug auf die Schweiz, so ist der Widerspruch kaum mehr als eine sanfte, intellektuelle Begleit- und Korrekturstimme zur Sozialdemokratischen Partei und zu den Führungen der grossen Gewerkschaften. Das ist nicht interessant.
Gibt es in der Schweiz derzeit Themen, die für die Emanzipation von Bedeutung sind?
Von pulsierenden sozialen Kämpfen kann im deutschen Sprachraum zur Zeit nicht wirklich gesprochen werden. Dennoch gibt es in all diesen Ländern Fundstücke von Auseinandersetzungen, in denen Lohnabhängige anfangen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. Die vergangenen Arbeitskämpfe etwa in Deisswil oder Bellinzona hatten durchaus eine Bedeutung, auch wenn sie regional begrenzt waren. Aber auch Auseinandersetzungen im nichtbetrieblichen Bereich wie etwa der Kampf der Flüchtlinge, Kämpfe um Umweltfragen und Lebensbedingungen allgemein sind da zu nennen.
Interessanterweise hat sich in Deutschland um den Bahnhof Stuttgart eine reelle und grosse Volksbewegung formiert, die teilweise auch neue Fragen aufgeworfen hat: Es geht um das Recht auf die Stadt! Wie wird heute das Leben in einer Stadt organisiert? Und wie könnte es anders organisiert sein? Diese Bewegung wehrt sich dagegen, dass die Stadt nur als Quelle von Kapitalverwertung und Profit verstanden wird.
Aber auch die Anti-AKW Bewegung hat in Deutschland sehr viel Einfluss und Dynamik. Und sie hat es mittlerweile geschafft, die Kräfteverhältnisse tatsächlich zu beeinflussen. Überhaupt spielen die Umweltprobleme, die immer zugleich soziale Fragen verkörpern, und besonders die globale Erwärmung eine zunehmend wichtigere Rolle.
In der ersten Ausgabe befasst ihr euch mit dem Thema Ökologie und mit Ökosozialismus…
Wir haben das Thema der Wachstumskritik aufgegriffen. Die Umweltfrage ist mit dem Klimawandel wieder verstärkt ins Bewusstsein grosser Teile der Bevölkerung geraten. Auch in der Linken wird sie wieder häufiger diskutiert. Verschiedene Strömungen stellen die Kritik des Wirtschaftswachstums ins Zentrum ihrer Argumentation. Sie plädieren für eine Postwachstumsgesellschaft. Hier stellt sich die Frage, inwiefern eine kapitalistische Produktionsweise ohne Wachstum überhaupt möglich ist. Gerade die jüngste Krise zeigt deutlich, dass ein wachstumsschwacher Kapitalismus mit schweren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Krisen verbunden ist. Kapitalherrschaft ist auf Kapitalakkumulation angewiesen. Wir haben in der ersten Ausgabe von Emanzipation die Wachstumskritik aufgegriffen, gleichzeitig aber auch versucht, darüber hinauszugehen und auch danach zu fragen, wie und was produziert und reproduziert wird.
In diesem Zusammenhang ist der industrielle Umbau, also die Neuausrichtung unserer Produktion, von zentraler Bedeutung und muss in eine Systemkritik integriert werden. Eine grundsätzliche Ablehnung von Wachstum kommt für mich nicht in Frage, gibt es doch zahlreiche Bereiche, auf die heute viel zu wenig Wert gelegt wird. Im Gesundheits-, Pflege- und Bildungswesen, aber auch in der Forschung sind heute enorme menschliche Bedürfnisse vorhanden, die ein selektives und qualitatives Wachstum erfordern. Da gibt es auch Bereiche, wo grosse Bedürfnisse nach weiterer menschlicher Arbeit bestehen.
Auch die Décroissance-Bewegung greift ihr in der ersten Ausgabe der Emanzipation auf. Nachdem diese ja in Frankreich einen gewissen Einfluss erlangt hat, werden Forderungen nach einer Abkehr vom Wachstums- und Konsumdogma nun auch in der Schweiz zum Thema. Dies leider nicht immer im emanzipativen Sinn – zu nennen wäre hier die Ecopop-Initiative, die eine Beschränkung des Bevölkerungswachstums vorsieht, um die «natürlichen Lebensgrundlagen zu sichern». Birgt die Idee der Décroissance nicht auch potenziell reaktionäre Tendenzen in sich?
Die Decroissancebewegung ist in sich vielfältig. In Frankreich hat sie einen gewissen politischen und intellektuellen Einfluss. Das Problem ist dabei oft, dass zwar wichtige Fragen gestellt werden, sie aber zuweilen auf reaktionäre Art und Weise beantwortet werden. Einige Autoren lehnen beispielsweise die Unterscheidung zwischen Wachstum und Entwicklung ab, zweier völlig unterschiedliche Prozesse. Autoren wie Serge Latouche stellen mit ihren Publikationen sogar den Sinn der Entwicklung periphererer Gesellschaften in Frage. Auch wenn eine solche Position abzulehnen ist, bleibt doch die Frage, in welche Richtung eine Entwicklung geht. Diese Frage ist immer legitim.
Müssen wir denn nicht auch den Entwicklungsbegriff selbst in Frage stellen?
Doch. Wichtig scheint mir, dass wir benennen, welche Art von Entwicklung und Wachstum wir kritisieren. Eine grundsätzliche Ablehnung scheint mir wie gesagt in der Perspektive sozialer Gerechtigkeit und Befreiung nicht vertretbar. Während einige schon erwähnte Bereiche zweifellos noch ausgebaut und damit «wachsen» müssten, sollten andere Bereiche nicht nur nicht mehr wachsen, sondern radikal umgebaut oder abgeschafft werden. Ich denke hier an die Rüstungsindustrie, aber auch die Auto- oder Atomindustrie. Hier müssen Konzepte entwickelt werden, die es ermöglichen, die darin gebundenen menschlichen Fähigkeiten und Kreativität für andere, gesellschaftlich sinnvolle und ökologisch vertretbare Bedürfnisse zu verwenden. Es stellt sich also die Frage der industriellen Konversion, des Umbaus. Dieser aber muss von den Beschäftigen der jeweiligen Bereiche und den Konsument_innen ausgehen. Er kann also nicht durch autoritäre Regierungsentscheidungen, sondern nur durch soziale und politische Kämpfe und die breite gesellschaftliche Selbstorganisation der Lohnabhängigen erreicht werden.
Eine Frage zum Schluss: Wie soll eure Leser_innenschaft aussehen?
Ich gehe davon aus, dass sie nicht homogen sein wird. Es wird politische und gewerkschaftliche Aktivist_innen geben, kritische Studierende und hoffentlich auch Forscher_ innen. Da der Charakter der Zeitschrift eingehende Auseinandersetzungen verlangt, ist die Leser_innenschaft natürlich eingeschränkt. Die Emanzipation wird also keine breitenwirksame Zeitschrift, das wäre ein anderes (auch wichtiges!) Projekt. Christian, vielen Dank für das Gespräch!
Diejenigen Abonnent_innen der Debatte, die ihr Abo während der letzten 12 Monate erneuert haben, erhalten die erste Ausgabe der Emanzipation probeweise zugesendet. Künftig bieten wir ein Kombiabo (Debatte & Emanzipation) zum Preis von 40 Franken jährlich an: Bitte auf dem Einzahlungsschein den Begriff «Kombiabo» vermerken. Infos zu den Themen der kommenden Ausgaben siehe www.emanzipation.org
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