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Diese Werkausgabe gehört in die Reihe der Werkausgaben, die zu publizieren der Wallstein-Verlag dankenswerter Weise auf sich genommen hat. Die erste Auflage erschien 1998, vor mir liegt die zweite von 2008. Vielleicht ist es der Umstand, dass sie doch fast 15 Jahre älter ist als ihre hier auch schon erwähnten Geschwister, die Werkausgaben von Brockes oder Merck – jedenfalls ist sie vom Format her kleiner, wenn auch ansonsten gleich sorgfältig zusammengestellt, kommentiert und illustriert. Auch hier herrscht die Sitte, dass, was seinerzeit nicht in gebrochener Schrift publiziert wurde sondern in Antiqua, mit einer speziellen Schriftart wiedergegeben wird. Sitte oder Unsitte? Der Wechsel der Schriftarten hatte zu Höltys Zeit rein praktische Gründe, waren doch z.B. Vokale mit französischen Akzenten für gebrochene Schriften im Setzkasten der Druckereien selten vorhanden. So sind ganz einfach die meisten Fremdwörter aus dem Latein und dessen Töchtern in Antiqua gesetzt worden, ohne dass Konsequenz oder inhaltliche Sinndifferenz beabsichtigt war. Daher könnte man heutzutage, wo alles in Antiqua gesetzt wird, auf solche Mätzchen gerade so gut verzichten. Und das kleinere Buchformat stört natürlich den Bibliophilen, der nun seine Wallstein-Werkausgaben nicht zueinander stellen kann, weil der Hölty von seinen grösseren Brüdern erdrückt wird. Schade.
Ansonsten aber gibt es, wie schon angedeutet, wenig zu meckern – und wenn, dann auf hohem Niveau. Der Herausgeber, Walter Hettche, hat seine Anmerkungen um den grössten Teil des kritischen Apparates entlastet, indem er bei Varianten (betrifft vor allem Gedichte!) alle gleichberechtigt hintereinander druckt. Begründet wird das damit, dass auch für Hölty in den meisten Fällen verschiedene Varianten eines Gedichts gleichberechtigt nebeneinander standen. Ein heutiger nicht philologisch geschulter Leser wird es Hettche jedenfalls danken.
Die Ausgabe gliedert sich in folgende Teile: Gedichte – Übersetzungen und Bearbeitungen (mit den Unterabteilungen „Griechische Literatur – Italienische Literatur – Englische Literatur“) – Briefe von und an Hölty – Dokumente – Anhang. Höltys Leben war kurz; und er hat zu Lebzeiten vor allem gedichtet und übersetzt. Zu seinen Gedichten habe ich bereits ein paar Worte verloren. Zu seinen Übersetzungen gibt es wenig zu sagen. Hölty war ein Sprachentalent, selbst Grundkenntnisse des Arabischen hat er sich offenbar angeeignet. Es ist schade, dass der Herausgeber der Wallstein-Ausgabe auf die grösste Übersetzung Höltys, nämlich die von Shaftesbury, verzichtet hat. Es wäre interessant gewesen, zu sehen, wie der vor allem als Mitglied des Göttinger Hainbundes und somit als Empfindsamer bekannte Hölty mit dem Aufklärer und Locke-Schüler umgegangen ist. Dafür hätte ich persönlich die übrigen Übersetzungen noch so gerne hingegeben. Auf jeden Fall bestätigt Höltys intensive Beschäftigung mit einem Aufklärer, dass die Fronten für Zeitgenossen bedeutend weniger klar verliefen, als es sich der Nachfahre vorstellt. Und wer weiss, wohin es Hölty noch verschlagen hätte, hätte er länger gelebt. Vielleicht wäre er wie Merck, der ja auch als Empfindsamer und Klopstock-Imitator begonnen hat, in der Naturwissenschaft gelandet?
Die Briefe dann sind im Grossen und Ganzen wenig aufschlussreich. Hölty war kein begnadeter Briefsteller wie Goethe und der Kreis seiner Bekannten und Verwandten ist klein, die Empfänger seiner Briefe heute unbedeutend. Die einzige Ausnahme bildet Johann Heinrich Voß. Doch auch Voß – etwas mehr als zwei Jahre jünger noch als Hölty – war zu dessen Lebzeiten keineswegs die grosse Persönlichkeit, der bekannte Übersetzer, der er erst nach Höltys Tod wurde. Man betete Klopstock an und verbrannte Wielands Werke. Viel mehr leisteten die Jünglinge – als Bund – nicht.
Die vielleicht interessantesten Teile dieser Werkausgabe – ausser den Gedichten selbstverständlich – sind dennoch die Dokumente. Höltys Leben als Schriftsteller war eng mit dem Göttinger Hainbund verknüft. So ist es nur logisch, dass Hettche hier unter anderem auch Voß‘ Bericht über die Gründung des Göttinger Hainbunds untergebracht hat, ein Dokument, auf welches oft angespielt wird, das aber selten integral publiziert ist, wenn ich mich nicht täusche. Den Abschluss bildet, wie gesagt, ein ausführlicher Anhang mit Worterklärungen (wo zwar darauf verzichtet wird, mir zu erklären, dass Zeus der oberste der griechischen Götter sei [wahrscheinlich, weil er schlicht und einfach nicht in Höltys Werk erscheint …], aber dafür wird mir Eurydike als „Gattin des Orpheus.“ erklärt. Ja …
Als Studienausgabe gedacht, erfüllt dieser eine Band Hölty ohne Probleme seinen Zweck, dem Interessierten eine Figur der deutschen Literaturgeschichte näher zu bringen, die schon kurz nach ihrem Tod von den Giganten Goethe, Herder und Schiller in den Schatten gestellt wurde, und deren an und für sich nicht unbeträchtliches lyrisches Erbe ein anderer Frühvollendeter antrat, der seinen Vorgänger dann seinerseits ebenfalls in den Schatten stellte – ich meine natürlich Hölderlin.