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Die Liebe wächst mit der Entfernung. So scheint die Regel zu lauten, die Juden und Araber beherrscht: je weiter sie voneinander entfernt sind, desto grösser ist ihr gemeinsames Interesse und je grösser ihre Nähe unterdessen, desto antagonistischer erscheinen sie. Die Faszination, welche diese blutsverwandten Menschen füreinander haben, und das zänkische Wesen ihrer Beziehung, ist nicht nur ein zeitgenössisches Phänomen, das aus der „Situation“ im Nahen Osten heraus geboren wurde; sie gibt es bereits, seit Mohammed seine erste Offenbarung veröffentlichte und versuchte, andere zu seinem Anliegen zu konvertieren.
Im Verlauf der nachfolgenden Jahrhunderte versuchten Juden und Araber die Religion des jeweils anderen zu qualifizieren und kategorisieren, sowie gemeinsame Merkmale und Schnittpunkte zu entdecken. In seinem Klassiker Jews and Arabs beschreibt S.D. Goitein die Beziehung zwischen beiden als „Symbiose“; eine passende Charakterisierung von zwei Religionen und Kulturen, die nach einem Leben in Kooperation und gemeinsamen Nutzen strebten.
Der Islam hat seine Vor-Geschichte als Zeitalter der Ignoranz betrachtet und erklärte kein Interesse an Details aus dieser Zeit – ausgenommen an Persien und Israel. Diese Ausnahme ist unklar, könnte aber lediglich zweckdienlich gewesen sein: da beide Gruppen nahe Nachbarn waren, galten sie wahrscheinlich als Quelle für potenzielle Konvertiten. Die Ausnahme könnte jedoch auch theologisch begründet sein: das Judentum und der Zoroastrismus – neben dem Christentum – sind Religionen, die auf einer Schrift (Bibel) basieren und deren Anhänger, die im Koran als „Volk des Buches“ bezeichnet wurden, relative religiöse Toleranz gewährt wurde.
In seiner Beurteilung der jüdischen Bibel war der Islam nicht so nachsichtig; er hat sie als grundlegend mangelnd, wenn nicht sogar als gänzliche Fälschung angesehen. Überzeugt von der Wahrheit ihres eigenen Propheten und seiner Offenbarung, suchten Muslime nach Beweisen dafür in der jüdischen Religionstradition. Als sie nichts fanden, schlossen sie daraus, dass ihnen diese mutwillig vorenthalten würden. Diese Ambivalenz dem Judentum gegenüber wurde vergolten. Maimonides entschied, dass es verboten sei, die Bibel Muslime zu lehren, und rechtfertigte seinen Entscheid auf der Grundlage, dass Muslime von der Wahrheit des Judentums nicht überzeugt werden würden, da sie von Argumenten, die aus einer von ihnen als unzuverlässig erachteten Quelle stammen, nicht beeinflusst würden.
Vielleicht war das bedeutendste und erfolgreichste Medium des bi-kulturellen Austausches zwischen Juden und Arabern die arabische Sprache, welche zum Vehikel des jüdischen und säkularen Ausdrucks wurde beispiellosen Ausmasses bis zum späten 20. Jahrhundert als Englisch verwendet wurde. Judentum und Islam haben nicht nur auf linguistischer Ebene in parallelen Spuren agiert, sondern auch im Inhalt. Das Originalwerk der Philosophie, das Salomon ibn Gabirol im 11. Jahrundert in Spanien verfasst hatte, war so in Übereinstimmung mit der vorherrschenden neo-platonischen philosophischen Normen – und nicht zu unterschieden als jüdische Komposition – dass es als muslimisch oder christlichen Ursprungs vermutet wurde, als die arabische Sprache kollabierte und das Werk in einer lateinischen Version wiedergefunden wurde. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der wahre Verfasser identifiziert. (Heute ist das Werk hauptsächlich unter seinem hebräischen Titel Mekor Hayim bekannt).
Juden waren mit die Ersten aus dem Westen, die ein wissenschaftliches Interesse am Islam in der Neuzeit fanden. Abraham Geiger, Gründer des Reformjudentums, verfasste den akademischen Aufsatz „Was hat Mohammed aus dem Judentum aufgenommen?, für den er einen Preis erhielt. Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte Solomon Schechter, Cambridge-Gelehrter und späterer Gründer der United Synagoge of Conservative Judaism, die Kairoer Genizah, sicherlich die wichtigste Fund judeo-arabischer Literatur.
Heute sind die Institute für arabische Sprache und Literatur an israelischen Universitäten weltbekannt für ihre multi-facettenreiche Abdeckung sowohl der arabischen Geschichte und Kultur als auch des zeitgenössischen Nahen Ostens und versorgen gleichzeitig das israelische Militär und die Regierung mit Nachrichtenspezialisten.
Die arabische Wissbegierde über das Judentum wurde jedoch durch Analphabetentum und den Widerwillen, sich fremden Kulturen zu öffnen, begrenzt. Heute erscheinen diese Beschränkungen – irgendwie unpassend – verbreiteter zu sein als im Mittelalter. Im Mittelalter haben sich viele Muslime mit jüdischen Quellen vertraut gemacht; einige aus Gründen der vergleichenden Wissenschaften und andere aus Gründen der Polemik.
Das American Jewish Committee veröffentlichte 2001 eine zweibändige Schrift mit dem Titel Children of Abraham, bestehend aus „An Introduction to Islam for Jews” von Khalid Durán, und „An Introduction to Judaism for Muslims” von Reuven Firestone.
Wenn beide Autoren die Religion des jeweils anderen vorgestellt hätten, und nicht ihre eigene, wäre es aufschlussreicher gewesen. Ferner bekommt man den Eindruck, dass der Begriff „abrahamische Religionen“ apologetisch ausgewählt wurde, um den Islam in den bis dato ausschliesslichen Kreis der „judeo-christlichen“ Tradition miteinzubinden.
Fundamentalismus verzerrt Religion und militanter Fundamentalismus lässt die Absicht ecclesiastischer Anerkennung – abgesehen von Annäherung – sogar noch entfernter und unnahbarer erscheinen. Wir sollten all jenen dankbar sein, die versuchten und danach strebten, anfängliche Vorurteile zu überwinden und zu einem gemeinsamen Verständnis beizutragen.
Moshe Sokolow ist Professor für jüdische Pädagogik an der Azrieli Graduate School of Yeshiva University, und Autor von Studies in the Weekly Parashah Based on the Lessons of Nehama Leibowitz (2008).
Nachdruck mit freundlicher Genehmigung von Jewish Ideas Daily.
Originalversion: Cousins: Jews and Arabs Seek Each Other Out by Moshe Sokolow © Jewish Ideas Daily, October 18, 2012.