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Professor Jean-Louis Frossard, Leiter der Gastroenterologie und Hepatologie des HUG in Genf, zum Thema Darmspiegelung.
Professor Frossard, was genau geschieht bei einer Darmspiegelung?
Die Darmspiegelung ist eine medizinische Untersuchung, mit der man den Zustand des Kolons oder «Dickdarms», wie man ihn allgemein nennt, untersuchen kann. Dieser ist ein rohrartiges Organ von etwa eineinhalb Metern Länge. Hierzu führt man über den Anus eine mit einer HD-Kamera ausgestattete Sonde ein. Diese Sonde schiebt man bis zum Übergang von Dickdarm zu Dünndarm hoch.
Was ist das Ziel einer Darmspiegelung?
Die erste Möglichkeit ist die Massen-Früherkennungskoloskopie, die unter anderem auf meine Initiative durch die Nationalräte in Bern eingeführt wurde. Ab einem Alter von fünfzig Jahren führt man eine Darmspiegelung durch, um einen möglichen Darmkrebs zu entdecken. Diese Krebsform gehört mit etwa 5.000 Fällen pro Jahr zu den «Top 2» der Krebsarten in der Schweiz. Seit einem Jahr führt Genf diese systematische Früherkennung bei allen Personen über fünfzig Jahren durch. Die zweite Möglichkeit sind Patienten, die über Bauchschmerzen klagen, unter einer Anämie leiden oder Blut im Stuhl haben. In diesem Fall spricht man von einer diagnostischen Koloskopie.
Muss diese Untersuchung zur Früherkennung danach regelmässig stattfinden?
Ja. Die Schweizer Gesellschaft für Gastroenterologie empfiehlt alle zehn Jahre eine Darmspiegelung. Da die Risikofaktoren (Fettleibigkeit, übermässiger Tabakkonsum) ansteigen, hat man in den Vereinigten Staaten festgestellt, dass der Krebs früher auftritt. Die neuesten Studien senken das Alter auf vierzig oder fünfundvierzig anstelle von fünfzig.
Wird eine Darmspiegelung ambulant durchgeführt oder muss sie stationär erfolgen?
Ein grosser Vorteil dieser Methode liegt darin, dass es sich um eine kurze Untersuchung von etwa 30 bis 45 Minuten handelt, die ambulant durchgeführt wird. Sie erfordert nur eine «Vorbereitung»: Um die Untersuchung richtig ausführen zu können, muss der Dickdarm sauber sein. Das bedeutet, dass man an den drei bis fünf vorhergehenden Tagen eine rückstandsfreie Diät halten muss, also ohne Lebensmittelfasern (Gemüse, Früchte). Und am Tag vor der Untersuchung muss man ein Abführmittel einnehmen, um den Darm vollständig zu reinigen.
Um diesen Eingriff ranken sich viele Mythen. Ist er schmerzhaft?
Der Vorgang an sich ist nicht schmerzhaft, ich würde ihn höchstens als unangenehm bezeichnen. Zu Beginn der Untersuchung wird die Sonde ins Rektum eingeführt, dann schiebt man diese Sonde das ganze Kolon entlang nach oben. Um den gesamten Dickdarm sichtbar zu machen, müssen wir Luft (CO2) hineinblasen, damit wir die Darmwand dehnen und alle Falten deutlich sehen können. Genau dieser Vorgang ist es, der zu einem gewissen Unbehagen führen kann. Allerdings ist der Patient während des gesamten Eingriffs sediert, deshalb handelt es sich eigentlich um keine schmerzhafte Untersuchung.
Wenn Sie von einer Sedierung sprechen, handelt es sich dabei um eine Teilnarkose? Eine Vollnarkose? Wird ein Anästhesist benötigt?
Die praktizierenden Ärzte sind entsprechend ausgebildet und führen die Sedierung selbst durch, so lange der Patient kein besonderes Risiko aufweist. Sonst ruft man einen Anästhesisten dazu. Bereits wenige Minuten nachdem über einen intravenösen Zugang ein Narkosemittel (Propofol) injiziert wurde, beginnt man mit der Endoskopie, wodurch der Vorgang für die überwiegende Mehrheit der Patienten erträglich wird. Nach Beendigung des Eingriffs bleibt der Patient etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten unter Beobachtung, bevor man ihn wieder nach Hause entlässt.
Gibt es noch andere Methoden, mit denen man dasselbe Ergebnis erzielen kann?
Neben der klassischen optischen Endoskopie kann man auch eine virtuelle Endoskopie durchführen: Man fertigt einen Scan des Patienten an und führt dann eine 3D-Rekonstruktion des Kolons durch.
Worin liegen die jeweiligen Vor- und Nachteile dieser beiden Methoden?
Der Vorteil der optischen Darmspiegelung liegt darin, dass man gleichzeitig die Darmwand betrachten und eine eventuelle Operation durchführen kann. Wenn man eine Läsion entdeckt, führt man eine Biopsie durch und kann gegebenenfalls direkt eingreifen und sie entfernen. Der Vorteil der virtuellen Darmspiegelung liegt darin, dass keine Sonde eingeführt wird, es gibt also keine Schmerzen und keine Sedierung. Man muss allerdings dennoch Luft hineinblasen, um eine gute Auflösung zu ermöglichen. Der Nachteil liegt darin, dass man bei einem Fund für einen Eingriff in jedem Fall eine weitere Darmspiegelung durchführen muss, und zwar eine optische, für die ein weiteres Mal die gesamte Vorbereitung anfällt. Aufgrund der Interpretation des 3D-Bildes kann es ausserdem zu «falsch positiven» oder «falsch negativen» Befunden kommen. Nicht zu vergessen, dass der Patient während des Scans Röntgenstrahlung ausgesetzt wird, die in grösserer Menge ein Risiko darstellt.
Gibt es Indikationen, die gegen eine Darmspiegelung sprechen?
Da man eine Sedierung einsetzt, kann es Risiken geben, falls der Patient bereits ein fortgeschrittenes Alter hat, geschwächt ist oder unter Atemproblemen leidet. In diesem Fall muss man im Vorfeld sorgfältig die möglichen Vorteile und Risiken des Eingriffs abwägen. Besonders vorsichtig muss man auch vorgehen, wenn bei dem Patienten eine Schwäche der Kolonwand vorliegt (beispielsweise bei der Einnahme von Kortikoiden). In einem solchen Fall besteht das Risiko einer Blutung oder sogar Perforation.
Hat sich die Einführung der Früherkennungskoloskopie auf die Zahl der Darmkrebsdiagnosen ausgewirkt?
Bei der Idee der Früherkennung geht es natürlich darum, vor dem Krebsstadium einzugreifen. Die Darmspiegelung ist eine wirtschaftlich akzeptable, reproduzierbare, sichere Methode, mit der im Polypenstadium eingegriffen werden kann, also vor dem Krebs. Die Studien haben einige Zeit gebraucht, aber seit einigen Jahren weiss man, dass die Früherkennungskoloskopie ermöglicht, die Sterblichkeit aufgrund von Darmkrebs deutlich zu senken.
Was kostet eine Darmspiegelung?
Für eine einfache Darmspiegelung fallen etwa 500 Franken an. Der Preis wird vom Tarmed festgelegt und variiert je nach Kanton.
Werden die Kosten von den Versicherungen übernommen?
Ja, zumindest wenn man in einem Kanton lebt, der die Früherkennung praktiziert. Das ist in den Kantonen Waadt, Genf, Freiburg und Wallis der Fall. Neuenburg und Jura sind gerade in der Einführungsphase. Basel-Stadt, Uri und Graubünden haben ebenfalls bereits ein Programm eingeführt. Und in anderen Kantonen befindet sich die Früherkennungskoloskopie in der Einführungsphase.
Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.
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