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Beobachter: Beat Richner setzte sich 1992 ins Flugzeug nach Kambodscha. Im Koffer hatte er 60'000 Franken für den Wiederaufbau eines Kinderspitals, das die Roten Khmer zerstört hatten. Das Spendengeld kam von Leserinnen und Lesern der «Schweizer Illustrierten». Sie waren damals dort Chefredaktor. Was machte Sie zuversichtlich, dass Richner nicht scheitern würde?
Peter Rothenbühler: Beat Richner war ja kein Nobody, er hatte einen guten Namen zu verlieren, als Künstler, als Kinderarzt. Und er kannte Kambodscha. Doch das Land war mausarm, stets konnten neue Konflikte ausbrechen.
Bis zu seinem Tod vor einem Jahr baute Richner fünf Spitäler in Kambodscha auf. 16 Millionen Kinder sind unentgeltlich behandelt worden. Doch am Anfang fielen ihm die Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Entwicklungsorganisationen in den Rücken. Warum?
Beat Richner war eine Art Revolutionär im Hilfs-Dschungel. Er hat zwei Prinzipien ignoriert, die für Hilfswerke heilig waren: Das importierte Geld muss normalerweise die Regierung kassieren und wieder ausgeben. Damit verschwinden in fast allen armen Ländern 30 Prozent oder mehr für Luxusautos, Schmuck und Swimmingpools. Richner aber liess alles Geld durch eine Zürcher Treuhandfirma verwalten. Kein Cent ging an die Regierung. Das ärgerte die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und die Schweizer «Entwicklungshilfe-Spezialisten». Und er bekämpfte das WHO-Prinzip, man müsse für arme Leute in armen Ländern eine arme Medizin machen, sogenannte Barfussmedizin. Das fand Richner menschenverachtend. Er wollte, dass jedes Kind von den modernen Erkenntnissen und Geräten der Medizin profitiert.
Richner war auf Geld aus der Schweiz angewiesen. Jedes Jahr reiste er mit dem Cello im Gepäck an, um Spenden zu sammeln. Wie war das für ihn?
Er war ein politischer Denker. Er war überzeugt, dass die Mächte, die Kambodscha zerstört haben, allen voran die USA, eigentlich den Wiederaufbau hätten finanzieren müssen. Er wollte nicht einfach helfen, er wollte Gerechtigkeit und Frieden. Er war anfangs der etwas naiven Meinung, die reichen Schweizer, sprich Banken, Versicherungen und der Bund, würden seine Spitäler finanzieren, quasi als positive Visitenkarte der Schweiz in Asien. Denkste! Er musste auf Betteltour gehen. Das war für ihn mühsam. Das Schöne ist, dass das Volk gespendet hat und private Grossspender sehr grosszügig waren.
Als Arzt war Richner für die Kinder da, zugleich kümmerte er sich um den Ausbau der Spitäler, rieb sich an der Bürokratie auf, bekämpfte Korruption und musste ständig neues Geld beschaffen, von dem viel zu viel für überteuerte Medikamente bei Pharmafirmen landete. Oft sei er abends erschöpft ins Bett gefallen, für Beziehungen war kaum Platz. Litt Richner unter diesem Leben?
Er war ein sehr kultivierter Mensch, brauchte das Theater, die Oper, die Buchhandlungen, den Austausch mit anderen. All das fehlte ihm in Kambodscha. Er litt zunehmend unter der Abgeschiedenheit. Er wusste, dass er nicht mehr zurückkommen konnte: Er wurde als Motor, Geldsammler und Garant vor Ort gebraucht. Nachdem er so viel Leid und Armut gesehen hatte, fand er den zur Schau gestellten Reichtum in Zürich obszön. Ein gemütliches Rentnerleben hätte er hier vielleicht nicht ausgehalten.
Die Jahrtausendwende brachte endlich die Anerkennung in Fachkreisen. Eine internationale Expertenkommission begutachtete Richners Kantha-Bopha-Spitäler im Auftrag der Deza…
Das Ergebnis ging in die Geschichte der Entwicklungshilfe ein: «das beste je gesehene Projekt» und «das beste je gesehene Management». Es gebe kein Spital mit einem besseren Verhältnis von Kosten und Heilungsrate. Bei der Deza setzte ein Gesinnungswandel ein. Das war für Richner eine grosse Genugtuung. Er war ja auch nahe daran, den Friedensnobelpreis zu erhalten.
Mit seinem Tod befürchteten Skeptiker den Niedergang der Spitäler. Der Spendenfluss könnte einbrechen, das Ansehen schwinden. Warum kam es nicht so?
Die Spitäler sind «too big to fail», die wichtigsten Pfeiler des Gesundheitswesens von Kambodscha und Leuchttürme korrekter Medizin für ganz Asien. Praktisch die gesamte Jugend verdankt ihre Gesundheit dem Arzt, den sie «Doctor God» nennen. Richner kommt für sie gleich nach dem König. Regierung und Neureiche helfen heute massgebend, die Spitäler zu finanzieren.
Ist die Zukunft der Spitäler damit gesichert?
Das Ziel war immer, dass Kambodscha sie selbst finanziert. Noch ist es nicht so weit. Personell ist die Weiterführung des Projekts vor Ort aber gesichert. Ich glaube nicht, dass es irgendwo auf der Welt ein anderes Hilfsprojekt gibt, das derart Bestand hat und dessen Zukunft so langfristig gesichert ist.
Buchtipp
«Dr. Beat Richner. Kinderarzt – Rebell – Visionär»
Der Arzt, Cellist und Musikclown war ein Pionier mit Herzblut, ein Visionär, ein Kämpfer, ein Macher, der sich auch von höchsten Magistraten nicht aufhalten liess.
Das Buch erzählt von Richners Kindheit, seiner Jugend- und Studienzeit, der Flucht aus Kambodscha und schliesslich von der Rückkehr und dem Aufbau der Kantha-Bopha-Spitäler und rückt den faszinierenden Menschen Beat Richner und sein Werk ins Zentrum.