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Die Operative Kunst - die in der Schweiz wenig bekannte Ebene der Kriegführung
Technologische Entwicklungen rufen nach neuer Strategie, Einsatzdoktrin und konsequenter Weise auch nach neuer Organisation.
Tukhachevskii und Triandafillov haben dies zwischen 1923-1937 nicht nur intellektuell mit der Formulierung der Deep Battle Doktrin und damit mit der Einführung der operativen Ebene in der Kriegskunst herausgearbeitet, sondern sie haben es erreicht, die Möglichkeiten der modernen Kriegsinstrumente auf die Zukunft zu projizieren. Gleichzeitig verstanden sie es im Spiegel der Lehren aus vergangenen Konflikten, die Streitkräfte so zu organisieren und auszubilden, dass der Staat in einem künftigen Interessenkonflikt bestehen würde.
Heute befinden wir uns mit der Armee XXI erneut in einer solchen Phase des Umbruches.
Traditionelle Zweiteilung der Kriegskunst
Bis Mitte 19. Jahrhundert beherrschte die Zweiteilung "(Militär-) Strategie - Taktik" die Kriegskunst. Militärische Operationen waren von kleinen Streitkräften mit gegebener Bewaffnung eingeschränkter Reichweite geprägt. Dabei resultierte für die Antagonisten im Kriegstheater frei verfügbarer Manövierraum, der durch offene Flanken und ungeschützte Verbindungslinien zur rückwärtigen Operationsbasis gekennzeichnet war.
Es oblag der (Militär-) Strategie, die eigenen Streitkräfte so in eine vorteilhafte Position zu manövrieren, dass zur Entscheidungsschlacht - also in die Sphäre der Taktik - übergegangen werden konnte. So wurde der Ausgang eines Krieges oft durch das Ausfechten einer einzigen Schlacht entschieden.
Zweiteilung in der Sackgasse
Das Ende des 19. Jahrhunderts und der Beginn des 20. Jahrhundert waren durch die fortschreitende Industrialisierung geprägt. Diese brachte mittels Maschine die Automatisierung von Arbeitsschritten und ermöglichte gleichzeitig eine Qualitätssteigerung in der Produktion. Vereinheitlichung und Arbeitsteilung steigerten massiv die Effizienz in den Arbeitsprozessen. Die allgemeine Wehrpflicht brachte Massenheere, Maschine steigende Qualität, Präzision und Reichweite. Dies führte zu einer noch nie dagewesene Letalität auf dem Schlachtfeld. Die Eisenbahn ermöglichte rasches Manövrieren und nachhaltige Versorgung der Massenheere über grosse Distanzen. Telegraphie und Radio stellte sichere und rasche Kommunikation mit den verschiedenen Heeresverbänden sowie mit der Operationsbasis sicher. Fronten erstreckten sich da an über mehrere hundert Kilometer, Aufmärsche und Dispositive erreichten mehrere Dutzend Kilometer Tiefe. Schlachten erstreckten sich über Wochen und Monate. Sie setzten sich aus einer Kombination von Offensive, Defensive sowie Rückzug zusammen. Ein Schwerpunkt, eine Entscheidungsschlacht, die es zu schlagen galt, existierte nicht mehr. Krieg wurde von da an mittels einer Vielzahl von kleineren Begegnungen, die in Raum und Zeit verteilt waren, ausgefochten. Manövrierraum, freie Flanken und ungeschützte Verbindungslinien verschwanden zusehends. Der Erste Weltkrieg demonstrierte, dass es unmöglich wurde, die gesamte gegnerischen Armee in einer Schlacht - sei es auch durch eine gigantische strategische Operation (Schlieffenplan) - auszuschalten. Um aus dieser Sackgasse der kontinuierlichen Front ausbrechen zu können, erkannte in der Zwischenkriegszeit die sowjetische Militärwissenschaft, dass es galt, eine neue Ebene in die Wissenschaft der Kriegskunst einzuführen und zu studieren: die Operative Ebene.
Die Operative Ebene
Die Operative Ebene beinhaltet denjenigen Bereich, der sich mit der praktischen Umsetzung der Vorgaben der strategischen Ebene (Auftrag der politischen Führung an die Streitkräfte) beschäftigt. Die Operative Ebene formuliert die Vorgaben der strategischen in operative Ziele für die Teilstreitkräfte um. Dabei stimmt die Armeespitze die Zwischenziele und Einsatzarten auf die vorhandenen Mittel im Hinblick auf das Endziel ab. Dies erreicht die Operative Ebene, indem sie die der taktischen Ebene zugewiesene Teilaufgaben in einem umfassenden Plan als ganzes kohärent aufeinander abstimmt, mit allen Teilstreitkräften synchronisiert, indem sie die logistischen Voraussetzungen schafft, die eigene Kräftekonzentration auf den gegnerischen Schwachpunkt ansetzt und indem sie die Überraschung wahrt. Die Operative Ebene schafft die Voraussetzungen und formuliert die Teilaufgaben so, dass diese für die taktischen Formationen lösbar werden. Die Operative Ebene übt somit eine Scharnierfunktion zwischen strategischer und taktischer Ebene aus.
Die Operative Führung koordiniert und fasst alle zu Verfügung stehenden militärischen Mittel zusammen. Sie stimmt Vorgehensweisen mit den realisierbaren Zwischenzielen zwecks strategischer Zielerreichung ab. So soll sich derjenige Synergieeffekt einstellen, welcher einzig durch Gleichzeitigkeit, Kreativität, Einsatztiefe, Verbund und durch einheitliches Zielbewusstsein über alle drei Ebenen der Konfliktaustragung hinweg erzielt werden kann. Nur durch eine gemeinsame, kognitiv erarbeitete Zielausrichtung aufgrund strategischer, operativer sowie taktischer Überlegungen, führt eine Aneinanderreihung von taktischen Erfolgen nicht zu operativen Niederlagen und schliesslich in eine strategischen Sackgasse. Will man eine Kampagne erfolgreich zum Abschluss bringen, so muss jede Ebene auf ihrer Stufe das Ihrige zur Zielerreichung in einer untereinander harmonisierenden Vorgehensweise dazutun.
Information Warfare - die strategische Herausforderung für die Armee XXI
Heute gilt es die Informatikrevolution und ihre Auswirkungen auf das sozioökonomische Gefüge des Staates zu verstehen. Nur so können Wirkung und Zusammenspiel der neuen Instrumente in einem künftigen Interessenkonflikt vorausgedacht werden. Erst danach kann man gestützt auf unsere spezifische kulturelle Erfahrung die Gegenwart so beeinflussen, dass sich Organisation, Ausbildung sowie Ausrüstung auf die Zukunft ausrichtet. Was auf jeden Fall zu vermeiden ist, ist dass wir uns auf einen Interessenkonflikt und deren Austragungsmittel der Vergangenheit vorbereiten. Oder gar vergangene Erfolge nachäffen ohne den veränderten Umständen Rechnung zu tragen.
Gerade im Informationszeitalter und im Bereich der Gewalt unterhalb der Kriegsschwelle tragen Führerentscheide auf unterster taktischer Stufe operative Auswirkungen nach sich. So ist es wüschenswert, dass in Zukunft die operative Schulung breiter abgestützt wird und in jede Offiziersausbildung einfliesst. Denn die Kriegskunst ist nur dann verständlich und erfolgreich, wenn die Interdependenz der strategischen, operativen sowie taktischen Ebenen erkannt und vertraut ist.
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Hptm
Christoph M. V. Abegglen
18.5.99