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Zur Einführung: Paradigmawechsel in der Systemtheorie
Systemtheorie ist heute ein Sammelbegriff für sehr verschiedene Bedeutungen und sehr verschiedene Analyseebenen. Das Wort referiert keinen eindeutigen Sinn. Übernimmt man den Systembegriff ohne weitere Klärung in soziologische Analysen, entsteht eine scheinbare Präzision, die der Grundlage entbehrt. So kommt es zu Kontroversen, bei denen man nur vermuten oder aus der Argumentation rückschliessen kann, da die Beteiligten Verschiedenes meinen, wenn sie von System sprechen.
Zugleich kann man beobachten, dass das Forschungsfeld, das mit "allgemeiner Systemtheorie" bezeichnet wird, sich rasant entwickelt. Verglichen mit der soziologischen Theoriediskussion, die am Vorbild der Klassiker haftet und dem Pluralismus huldigt, findet man in der allgemeinen Systemtheorie und in damit zusammenhängenden interdisziplinären Bemühungen tiefgreifende Veränderungen, vielleicht sogar "wissenschaftliche Revolutionen" im Sinne von Kuhn. Die soziologische Theoriebildung könnte viel gewinnen, wenn sie an diese Entwicklung angeschlossen werden könnte. Umdispositionen in der allgemeinen Systemtheorie, vor allem im letzten Jahrzehnt, kommen den soziologischen Theorieinteressen stärker entgegen, als man gemeinhin sieht. Sie erzwingen aber auch einen Grad der Abstraktion und Komplikation, der in soziologischen Theoriediskussionen bisher nicht üblich war.
Für eine erste Vorwegorientierung dürfte es genügen, drei Analyseebenen zu unterscheiden und die Frage zu stellen, wie sich ein "Paradigmawechsel" auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie auf die allgemeine Theorie sozialer Systeme auswirkt.
Von System im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet.
Aus der allgemeinen Systemtheorie wird dann unversehens eine Theorie des allgemeinen Systems. Dies Problem wiederholt sich auf allen Konkretisierungsstufen mit den jeweils entsprechenden Einschränkungen. Im folgenden vermeiden wir diesen Sprachgebrauch. Wir wollen den Begriff (oder das Modell) eines Systems nicht wiederum System nennen, weil wir ja auch nicht bereit sind, den Begriff (oder das Modell) eines Organismus, einer Maschine, einer Gesellschaft wiederum Organismus, Maschine, Gesellschaft zu nennen. Wir lassen uns, anders gesagt, auch durch die höchsten Abstraktionslagen einer Theorie nicht dazu bringen, Erkenntnismittel (Begriffe, Modelle usw.) mit der Gegenstandsterminologie zu belegen - und zwar deshalb nicht, weil eine solche Entscheidung in konkreteren Forschungsbereichen dann doch nicht durchzuhalten ist. Die Aussage "es gibt Systeme" besagt also nur, dass es Forschungsgegenstände gibt, die Merkmale aufweisen, die es rechtfertigen, den Systembegriff anzuwenden; so wie umgekehrt dieser Begriff dazu dient, Sachverhalte herauszuabstrahieren, die unter diesem Gesichtspunkt miteinander und mit andersartigen Sachverhalten auf gleich/ungleich hin vergleichbar sind.
Eine solche begriffliche Abstraktion (die auf Theorie abzielt) ist von der Selbstabstraktion des Gegenstandes (die auf Struktur abzielt) zu unterscheiden. Die begriffliche Abstraktion ermöglicht Vergleiche. Die Selbstabstraktion ermöglicht Wiederverwendung derselben Strukturen im Gegenstand selbst. Beides muss man streng auseinanderhalten. Dann, und nur dann, kann man aber auch Überschneidungen feststellen. Es kann Systeme geben, die begriffliche Abstraktionen zur Selbstabstraktion verwenden, das heisst Strukturen dadurch gewinnen, dass sie ihre Merkmale mit den Merkmalen anderer Systeme vergleichen. Man kann also prüfen, wie weit begriffliche Abstraktionen auf Selbstabstraktionen in den Gegenständen aufruhen und insoweit auf Strukturvergleich hinauslaufen.
Das Abstraktionsschema der "drei Ebenen der Systembildung" benutzen wir als begriffliches Schema. Es dient zunächst dem Vergleich verschiedener Möglichkeiten, Systeme zu bilden. Bei der Ausarbeitung dieses Vergleichs stösst man aber auf Selbstabstraktionen im Gegenstandsbereich. Es ist möglich und kommt vor, dass Systeme Merkmale des Systembegriffs z. B. die Unterscheidung von innen und aussen, auf sich selbst auwenden. Insofern geht es nicht lediglich um ein analytisches Schema. Vielmehr dient uns der Vergleich der Systeme auch als Prüfverfahren für die Frage, wie weit die Systeme auf Selbstabstraktion beruhen und dadurch gleich bzw. ungleich sind.
Die Unterscheidung der drei Ebenen der Systembildung lässt auf Anhieb typische Fehler oder zumindest Unklarheiten in der bisherigen Diskussion sichtbar werden. Vergleiche zwischen verschiedenen Arten von Systemen müssen sich an eine Ebene halten. Dasselbe gilt für negative Abgrenzungen. Schon durch diese Regel werden zahlreiche unergiebige Theoriestrategien eliminiert.
Es ist zum Beispiel wenig sinnvoll zu sagen, Gesellschaften seien keine Organismen, oder im Sinne der Schultradition zwischen organischen Körpern (bestehend aus zusammenhängenden Teilen) und gesellschaftlichen Körpern (bestehend aus unzusammenhängenden Teilen) zu unterscheiden. Ebenso "schief" liegt der Versuch, auf der Grundlage von Interaktionstheorien allgemeine Theorien des Sozialen zu konstruieren. Das gleiche gilt für die neuerdings aufkommende, durch die Erfindung der Computer stimulierte Tendenz, den Maschinenbegriff auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie zu verwenden (was eine ebenso ungerechtfertigte Ablehnung provoziert).
Die Unterscheidung von Ebenen soll fruchtbare Vergleichshinsichten festlegen. Aussagen über Gleichheiten können dann auf die nächst höhere Ebene überführt werden. Zum Beispiel sind soziale Systeme und psychische Systeme gleich insofern, als sie Systeme sind. Es mag aber auch Gleichheiten geben, die nur für Teilbereiche einer Vergleichsebene gelten. Zum Beispiel lassen sich psychische und soziale Systeme, nicht aber Maschinen und Organismen durch Sinngebrauch charakterisieren. Dann muss man in Richtung auf Problemstellungen einer allgemeineren Theorie fragen, was in Maschinen und Organismen als funktionales äquivalent für Sinn benutzt wird.
Niclas Luhmann
Systemtheorie