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Der Schweizer Paul Ackermann leitet die Redaktion der französischen Ausgabe der Huffington Post. Eine privilegierte Position, um die Kampagne der französischen Präsidentschaftswahl zu beobachten, die er als enttäuschend beurteilt.
Als Anne Sinclair, die Star-Journalistin und Gattin von Dominique Strauss-Kahn, dem ehemaligen Chefs des Internationalen Währungsfonds (FMI), im letzten Dezember einen Journalisten für die Leitung der künftigen französischsprachigen Redaktion der Huffington Post suchte, stiess sie zwangsläufig auf Paul Ackermann.
Der im Jura aufgewachsene Genfer war Verlagsleiter des Figaro, bevor er die Internetausgabe 20minutes.fr. entwickelte.
Ein untypisches Paar
Sinclair-Ackermann: ein untypisches Paar. Mit 63 Jahren hatte die ehemalige Moderatorin der Sendung "7 sur 7" ihr grosses Comeback in den Medien. Paul Ackermann setzte eine Karriere fort, die er bei L'Hebdo begonnen hatte, wo er am Projekt "Bondy Blog" beteiligt war, eine Informations-Website, die von der Westschweizer Wochenzeitung nach den Unruhen von 2005 in den Vororten der französischen Städte ins Leben gerufen wurde.
"Mit Anne Sinclair sind wir komplementär", verrät Paul Ackermann. Sie verfügt über ausgezeichnete Kenntnisse in der französischen Politik und über grosse journalistische Erfahrungen. Vergessen wir nicht, dass sie in den 1990er-Jahren die Website der TV-Kette TF1 lanciert hatte. Ich kümmere mich um das Team im Alltag."
"Sie ist sehr herzlich, offen für Debatten", sagt Ackermann. Als Redaktionsleiterin kommt sie täglich vorbei und äussert sich zur journalistischen Ausrichtung".
Wie berichtet die Website über die Affäre DSK, in welcher dem ehemaligen FMI-Generaldirektor Kuppelei vorgeworfen wird? "Wir diskutieren das Thema, wie jedes andere, natürlich ohne Anne beizuziehen."
"Der dritte Mann"
Paul Ackermann erlebt bereits die zweite Präsidentschafts-Wahlkampagne. "2007 brachte Nicolas Sarkozy mit seinem direkten Stil frischen Wind, und auch sein Programm stellte eine Zäsur dar. Ségolène Royal war die erste Frau, welche den zweiten Wahlgang erreichte. Zwischen den beiden gab es eine echte Themen-Debatte", sagt Ackermann.
Die Kampagne 2012 sei im Vergleich dazu eher ein wenig enttäuschend. Die Debatte ist weniger frei: Sarkozys Bilanz sei sehr umstritten. "Er weicht der Konfrontation aus. Und François Hollande, gemäss Meinungsumfragen der Favorit, zieht sich zurück. Er hat kein Interesse, sich den Angriffen entgegenzustellen", sagt Ackermann.
Frischen Wind bringe eher der dritte Mann ins Spiel, Jean-Luc Mélenchon. "Obwohl er als Minister seit 10 Jahren zur 'Classe politique' gehört, ist es dem Kandidaten des "Front de gauche" gelungen, den Diskurs der Linken zu erneuern". Er sei sehr intelligent und politisiere geschickt. Aber sein Erfolg liege nicht nur an seiner Persönlichkeit. "Er gehört zu einer Anti-Globalisierungs-Bewegung. Eine Bewegung, die Arnaud Montebourg in den Primärwahlen der sozialistischen Partei verkörpert hatte".
Die Sicherheit im Zentrum der Debatte
Eine Renaissance des Kommunismus? Mélenchon werde zwar von der französischen KP unterstützt, aber "selber ist er kein Kommunist", glaubt Ackermann. Er sieht in ihm eher einen Geistesverwandten des ehemaligen trotzkistischen Kandidaten Olivier Besancenot. "Nur glaubwürdiger".
Rechtsaussen scheint Marine Le Pen Mühe zu bekunden, ihren im Winter erreichten Durchbruch weiterzuführen. "Doch das Stimmenpotenzial des Front National wird in den Befragungen regelmässig unterschätzt", so Ackermann. Eine Überraschung sei deshalb nicht auszuschliessen. "Ich glaube jedoch nicht, dass sie es bis in die 2. Runde schafft."
Zu Beginn der Kampagne pries die Mehrzahl der Präsidentschafts-Kandidaten eine Rückkehr zur direkten Demokratie an, in der Form von Referenden. In diesem sonst so jakobinischen Land wagten es einige sogar, von Dezentralisierung zu sprechen, sogar vom Ausstieg aus der Atomfalle - alles Themenbereiche, auf die auch die Schweizer sehr sensibel reagieren.
Doch dies ist alles weggefegt worden von einer Kampagne, die Krise und Sicherheit in den Vordergrund stellt. "Dezentralisierung - hierzulande begreift man nicht, was das bedeuten soll, wo doch alles in Paris entschieden wird", so Ackermann.
Markenzeichen "HuffPo"
Die Huffington Post deckt die Präsidentschaftswahlen auf ihre Weise ab: vielfältig, analytisch, mit den Beiträgen zahlreicher regelmässiger Kolumnisten. Die "HuffPo" gibt auch Anektoten zum Besten, bis zum Klatsch. Das ist ja auch ihr Markenzeichen.
Die amerikanische "HuffPo" war 2005 von Ariana Huffington gegründet worden. Sie hat sie kürzlich an AOL verkauft. Die Zeitung ist bekannt für ihre Art, wie sie die Aktualität abdeckt, aber auch für ihre Primeure, besonders im politisch-medialen Bereich.
Drei Tage Ausbildung in Amerika haben Paul Ackermann ermöglicht, sich in die journalistische Methode von "HuffPo" einzuleben. "Zwei Wochen vor der Lancierung kamen die Verantwortlichen der amerikanischen HuffPo-Version zu uns, um uns noch in einige Produktionsgeheimnisse einzuführen", erzählt Ackermann. Aber die französische Huffington sei redaktionell komplett unabhängig. Sie gehört zur Gruppe Le Monde.
Ermutigende Bilanz
Die Schlagzeilen der "HuffPo" fallen in der französischen Web-Medienwelt mit ihren ziemlich konservativen Präferenzen aus dem Rahmen.
"Sie sind das Symbol einer offensiven editorialen Linie", so Ackermann, "mit einer etwas tabloïden Form und Titeln, die mehr zum Lesen motivieren als erklären. Da ich aus der Schweiz komme, kenne ich das."
Die Bilanz nach drei Monaten sei ermutigend. Zwei Millionen einmalige Besucher (unique visitors) im Monat Februar machen aus dem Medium eine der wichtigsten Informations-Websites. "Wir nutzten den Umstand, dass Anne Sinclair in den Journalismus zurückgekehrt ist. Auch die Präsidentschaftswahlen sind uns zu Gute gekommen. Bald braucht es dann einen zweiten Anstoss - darüber machen wir uns jetzt schon Gedanken", sagt Ackermann.
Hollande in Führung
Zwei Wochen vor dem 1. Wahlgang der französischen Präsidentschaftswahlen scheint sich das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Nicolas Sarkozy und François Hollande in den Umfragen zu bestätigen.
Laut zwei am letzten Dienstag publizierten Studien soll der amtierende Präsident Sarkozy im 1. Wahlgang am 22. April mehr Stimmen erhalten, ohne aber seinen sozialistischen Gegner zu dominieren.
Das Ifop-Barometer ergibt für Sarkozy 28,5% der Stimmen, für Hollande 27% - dasselbe Ergebnis ist schon Ende März errechnet worden.
Hinter den beiden Favoriten, die ihr politisches Detailprogramm letzte Woche fertig gestellt haben, positioniert sich Marine Le Pen, dicht gefolgt von Jean-Luc Mélenchon, dessen Stimmenanteil zunimmt, während jener von François Bayrou abnimmt.
Laut derselben Umfrage dürfte Sarkozy im 2. Wahlgang knapp 47% erhalten, sein sozialistischer Widersacher Hollande jedoch mit 53% obenaus schwingen.Infobox Ende
Zehn Kandidaten
Eva Joly: Kandidatin der linken Öko-Partei "Europe Ecologie Les Verts" (EELV).
Marine Le Pen: Kandidatin des rechtskonservativen Front National (FN).
Nicolas Sarkozy: Amtierender Präsident der Republik, Kandidat der bürgerlichen Union pour un mouvement populaire (UMP).
Jean-Luc Mélenchon: von der Linksfront erkoren. Die Front setzt sich zusammen aus dem Parti communiste français (KP) und dem Parti de gauche (Linkspartei).
Philippe Poutou kandidiert für die neue linksextreme Nouveau Parti anticapitaliste (NPA).
Nathalie Arthaud: Kandidatin der linksextremen Lutte ouvrière (LO).
Jacques Cheminade: Er steht für die Partei Solidarité et Progrès (S&P).
François Bayrou: kandidiert für die Zentrumspartei Mouvement démocrate (MoDem).
Nicolas Dupont-Aignan: kandidiert für die von ihm gegründete Gaullisten-Partei Debout La République (DLR).
François Hollande: Kandidat der Sozialistischen Partei (PS).Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler), swissinfo.ch