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Der Mensch erscheint im Holozän, aber wann verschwindet er wieder? Jeff VanderMeer hat dazu eine aufreizend undurchsichtige Romantrilogie geschrieben, die an den Grenzen der Erkenntnis angesiedelt ist.
Die Ruinen der Zukunft befanden sich einige Kilometer nördlich von Taipeh. Wie gestrandete Raumstationen aus Beton sahen sie aus, die Häuser der Sanzhi Pod City. Die Siedlung sollte als Ferienresort für US-Militärs dienen, doch die futuristischen Rundhäuser blieben unbemannt. 1980, zwei Jahre nach Baubeginn, wurde das Projekt aufgegeben. Als die Geisterstadt fast dreissig Jahre später abgerissen wurde, entdeckte man, dass sie trotzdem bewohnt war. Im Gemäuer hatten sich fünf bis dahin unbekannte Arten von Orchideenmantis ausgebreitet. Der Mensch hatte sich eine Stadt der Zukunft bauen wollen, aber seine Zukunft wurde von Insekten besetzt.
Und wenn es nicht wahr ist, so ist es doch schaurig gut erfunden: Die Ruinen von Sanzhi gab es wirklich, den Rest hat sich der US-Theoretiker Benjamin H. Bratton vor einigen Jahren ausgedacht, als vermeintlich wissenschaftliche Anekdote, um den Begriff des «Anthropozäns» anschaulich zu machen. Gemeint ist damit die Vorstellung, dass wir seit der Industrialisierung in eine neue erdgeschichtliche Phase eingetreten sind – eine Phase, in der eine einzelne Spezies das gesamte Ökosystem unseres Planeten so umfassend und tiefgreifend beeinflusst, wie das davor noch bei keinem anderen Organismus der Fall war. Diese Spezies sind wir, der Mensch.
Dabei predigt Brattons Fabel nicht etwa das Evangelium der Ökomodernisten, die das Anthropozän als Verheissung und den technischen Fortschritt als Schlüssel für das Heil des Planeten sehen (siehe WOZ Nr. 18/15). Bei ihm ist die gespenstische Stadt der Zukunft eine Chiffre für die unvermeidliche Selbstauslöschung des Menschen. Erdgeschichtlich betrachtet, so Bratton, müsse man sich das Anthropozän als sehr kurzes Stadium vorstellen: nicht eigentlich als geologisches Zeitalter, sondern als geopolitischen Augenblick. Unsere Städte, schreibt Bratton, gehörten nicht uns: «Wir bauen die Lebensräume für Organismen, die nicht wir selbst sind. Wir sind ihre Werkzeuge, wir sind die Roboter für die Insekten der Zukunft.»
Wo die Wildnis wuchert
Man würde diesen Benjamin Bratton gerne einmal als Kundschafter in die Area X schicken, einen abgeriegelten Landstrich, wo die Natur so unerklärlich wuchert, als ob das Anthropozän bereits Geschichte und ein posthumanes Zeitalter angebrochen wäre. Allerdings sind die Berichte, die über diese mysteriöse Gegend greifbar sind, voller Widersprüche, und die Reise dahin ist sowieso um einiges schwieriger als nach Taipeh, denn Area X gibt es nur in der Literatur: Es ist eine spekulative Fiktion des US-Schriftstellers Jeff VanderMeer, der Schauplatz seiner jüngsten drei Romane, die zusammen die fast tausendseitige Southern-Reach-Trilogie bilden.
Area X bezeichnet hier eine Sperrzone, in der die gesamte Biosphäre irgendwie aus den Fugen zu sein scheint. In der offiziellen Version der Behörden ist die Rede von Experimenten auf einer örtlichen Militärbasis, die im Umland zu einer Umweltkatastrophe geführt haben. In «Auslöschung», dem ersten Band der Trilogie, liegt dieser nicht näher bestimmte Vorfall bereits über dreissig Jahre zurück, als die zuständige Behörde namens Southern Reach eine Gruppe von Forscherinnen entsendet, um das betroffene Gebiet zu erkunden. Ihre Namen mussten die Frauen vor ihrer Reise ablegen, denn sie sollen dem Unbekannten hinter der unsichtbaren Grenze in ihrer reinen Funktion begegnen: als Psychologin, Anthropologin, Linguistin, als Landvermesserin und Biologin. Die Expeditionen vor ihnen brachten kaum gesicherte Erkenntnisse, viele Mitglieder blieben verschollen. Die wenigen aber, die zurückkehrten, erschöpften sich in vagen Berichten von einer «unberührten, leeren Wildnis», die sich in Area X erstrecke. Andere fanden zwar gespenstische Reste von Siedlungen, aber keine Spuren menschlicher Gifte oder Abfälle.
Rückeroberung Reloaded
Das klingt nach einer weiteren Variation jenes alten Motivs, wie es auch Franz Hohler in seiner Erzählung «Die Rückeroberung» (1982) schon durchgespielt hat: die literarische Fantasie von der Verwilderung der Zivilisation, also vom Ende dessen, was mittlerweile unter dem Modewort vom Anthropozän durch wissenschaftliche Diskurse geistert. Doch wo sich Hohler den Ausnahmezustand einer Revanche von Flora und Fauna erträumte, geht die Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer weit über eine ökologische Parabel hinaus. Area X ist keine dieser gerade so populären Visionen von einer Welt nach der Apokalypse, aber sie bietet auch kein naives Versprechen von einer Rückkehr zur Natur. Es ist etwas Drittes, eine unheimliche Umgebung der dritten Art.
«Die Luft war so frisch, dass sie in den Lungen schmerzte», so bemerkt die Biologin schon bald nach der Ankunft in der Sperrzone. Das ganze Gebiet wirkt so berauschend wie beklemmend, ein fremdartiges Paradies, das dich jederzeit verschlingen könnte: eine «Mischung aus Euphorie und Grauen», wie es an einer Stelle heisst, was ja auch eine Definition des Erhabenen ist. Aber Area X ist nicht einfach eine biologische Wildnis, die uns erschauern lässt, weil sie grösser ist, als wir zu fassen vermögen. Es ist ein semantisches Biotop, wo die Bedeutungen ins Rutschen kommen, ein Gravitationsfeld, das sich jeder menschlichen Sinngebung zu widersetzen scheint.
Klingt psychedelisch? Ist es auch. Da stossen die Forscherinnen etwa auf eine «topografische Anomalie», die aussieht wie ein Tunnel – nur die Biologin sieht darin einen Turm, der sich in die Erde hinunter schraubt. Als die Biologin die Öffnung erkundet, entdeckt sie im Inneren des Turms eine Schrift, die wie eine rätselhafte Predigt die Wände ziert. Aber selbst die Sprache als menschliches Medium, so scheint es, ist hier von neuen Organismen besetzt worden: Die Buchstaben, die an der Wand aufscheinen, bestehen aus den Fruchtkörpern eines Pilzes, und wenn man sie berührt, entsenden sie einen winzigen Strahl von goldenen Sporen. So kann die Biologin zwar die Worte entziffern, nicht aber das Material, aus dem sie gemacht sind. Das Mysterium wird dadurch umso grösser: Wörter in einer fremden Sprache, so notiert sie, wären ihr lieber gewesen.
In den suggestivsten Momenten von «Auslöschung» muss man sich diese Wildnis also etwa so vorstellen, wie wenn David Cronenberg die fluoreszierende Flora aus «Avatar» gekapert und in seinem Labor von sämtlichen Kitschmolekülen befreit hätte. In den schwächeren Momenten, das soll auch gesagt sein, erweist sich Jeff VanderMeer auch einfach als begnadeter Vernebler, der lieber neue Rätsel in den Raum schichtet, als die alten zu klären.
«Wie immer aufreizend undurchsichtig», urteilt etwa der Protagonist des zweiten Bandes einmal ziemlich genervt über seine Mutter. Man muss das auch als ironischen Kommentar des Romans über sich selbst lesen. Und manchmal macht sich VanderMeer einen diebischen Spass daraus, selbst die ominösesten Andeutungen beiläufig zu entkräften. «Der Terror», so raunt ein Mitarbeiter von Southern Reach einmal, «der Terror», und es klingt wie ein Echo des wahnsinnigen Kurtz aus Joseph Conrads «Herz der Finsternis».
Terror? Terroir!
Als der Mann später gefragt wird, was er damit gemeint habe, stellt sich heraus, dass sich jemand verhört hat: Der Mann hat nicht «Terror» gesagt, sondern «Terroir».
Terroir statt Terror: Das ist auf jeden Fall das passendere Schlüsselwort für diese literarische Expedition in eine imaginäre Landschaft, die in ihrer ungeheuren Sinnlichkeit ganz eigenen, ganz unbekannten Gesetzen folgt. Allerdings: Nach dem überwältigenden ersten Teil wirken die anderen Bände der Trilogie stellenweise wie ausgedehntes Bonusmaterial. «Autorität» etwa, der zweite Teil, spielt jetzt in jenem Amt, das für das Sperrgebiet zuständig ist, also auf dem Areal von Southern Reach. Und wo dieses Amt in «Auslöschung» noch wie eine allmächtige Instanz im Hintergrund des Geschehens dräute, wird dieses Bild nunmehr drastisch revidiert.
Die Direktorin ist verschollen, der designierte Nachfolger, der das Schicksal der Expedition aus dem ersten Band ergründen soll, findet eine demoralisierte, von Sparmassnahmen ausgehöhlte Behörde vor, die kurz vor der Auflösung zu stehen scheint. Und durch die Korridore weht überall ein seltsamer Geruch von fauligem Honig. Der Neue kommt sich hier vor wie in einem Mausoleum, in dem die Neugier begraben liegt. Dass er den Übernamen «Control» trägt, erweist sich als blanker Hohn. Vergeblich müht er sich ab, die Zeichen und Daten, die er vorfindet, unter Kontrolle zu bringen. Bezeichnend auch, dass die Behörde in einem Gebäude von der Form eines Hufeisens untergebracht ist – was Control nicht als Symbol des Glücks sieht, sondern als unfertigen Kreis, ein Sinnbild des Unvollständigen, das hier angehäuft wird: «Unvollständige Gedanken. Unvollständige Schlussfolgerungen. Unvollständige Berichte.»
Transzendenz im Fremden
Wer sich also von den weiteren Büchern Klärung erhofft, verliert sich dort nur noch tiefer im semantischen Dickicht von Area X. So fügt sich die Southern-Reach-Trilogie zu einem metaphysischen Katastrophenroman, bei dem man bis zuletzt nicht sagen könnte, worin die Katastrophe genau bestand (oder ob überhaupt eine stattgefunden hat).
Vor allem den ersten Band kann man dabei auch als ironische Abrechnung mit dem technologisch hochgerüsteten Outdoorfetischismus unserer Zeit lesen. Die neusten Gadgets, mit denen wir uns heute auf jedem Abstecher in die Natur (oder das, was von ihr übrig ist) abzusichern pflegen, sind nämlich nutzlos in Area X. GPS, Smartphone, Digitalkamera: Hilft alles nichts hier, darum haben die Forscherinnen in «Auslöschung» nur veraltete Geräte dabei. Man denkt unweigerlich an diesen Slogan einer Schweizer Outdoorkette, der ja auch schon mehr wie eine Drohung in Befehlsform klingt denn wie eine Verheissung: «Raus. Aber richtig.». In Area X ist die Wildnis kein Naherholungsreservat, sondern ein Ort, der in seiner fundamentalen Fremdheit nicht zu enträtseln ist – und der gerade deshalb auch Transzendenz verspricht.
Sicher scheint nur, dass sich die Grenzen fortwährend verschieben, und es ist diese entgrenzende Energie, die diese Bücher letztlich auch zu einer hochaktuellen Allegorie für unsere Zeit der verschärften Grenzpolitik macht. Wie aber sieht sie denn aus, die Grenze? «Eine kindische Frage», so heisst es in «Akzeptanz», dem letzten Band. «Eine Frage, deren Antwort bedeutungslos ist. Es gibt überhaupt nur Grenze. Es gibt keine Grenze.» Bis auf die Grenze der Erkenntnis, versteht sich. Area X aber lässt sich nicht abriegeln: Sie migriert, sie dehnt sich aus und nistet sich in deinem Kopf ein, bis du nicht mehr weisst, ob da ein Riss in der Realität ist oder in deinem Verstand.
Die Southern-Reach-Trilogie von Jeff VanderMeer ist, übersetzt von Michael Kellner, beim Verlag Antje Kunstmann in München erschienen: «Auslöschung» (24 Franken), «Autorität» und «Akzeptanz» (je 27 Franken).
New Wierd
Das Fantastische vor der Haustür
Ist es Horror? Ist es Fantasy? Ist es Science-Fiction? Wenn nichts von alledem passt, weil irgendwie doch alles passt, dann darf man es mit dem Label New Weird versuchen. Der Begriff kursiert seit einigen Jahren für ein Subgenre der fantastischen Literatur, zu dem auch die Werke des 47-jährigen Jeff VanderMeer gerechnet werden. Der Autor der Southern-Reach-Trilogie hat das Label nicht erfunden, aber er hat ihm zu grösserer Verbreitung verholfen, mit einem Sammelband, den er zusammen mit seiner Frau Ann VanderMeer herausbrachte («The New Weird», 2008).
Dabei handelt es sich bei New Weird weniger um eine Bewegung oder einen Verbund von AutorInnen als um eine ziemlich heterogene Strömung innerhalb der spekulativen Fiktion, mit einer Ahnengalerie, die von Franz Kafka und Jorge Luis Borges bis zu Haruki Murakami reicht. Was VanderMeer, der britische Autor China Miéville und andere VertreterInnen des New Weird jedoch gemeinsam haben: Fast alle berufen sich auf H. P. Lovecraft (1890–1937) als Galionsfigur der «weird fiction» – ohne aber dessen konservative Schlagseite oder dessen unverhohlenen Rassismus zu reproduzieren.
Ob unter Aufbietung von Ungeheuern und anderen fantastischen Kreaturen oder ganz ohne vordergründig übernatürliche Effekte: Was unter New Weird gefasst wird, ist eine Literatur, die stets von den Grenzen der Erkenntnis handelt, wo das Schöne unauflöslich mit dem Grauen gepaart ist. Dabei, so schrieben die VanderMeers in ihrem Vorwort zu «The New Weird», gehe es immer auch darum, die romantische Topografie, wie sie in der gängigen Fantasyliteratur vorherrsche, zu dekonstruieren und ins Unheimliche zu wenden.
Jeff VanderMeer selbst fand übrigens die Inspiration zu der fantastisch wuchernden Natur seiner Southern-Reach-Trilogie gleichsam vor seiner Haustür in Florida, wo er in der Nähe des Apalachicola National Forest lebt. Für «Annihilation», den ersten Band der Trilogie, wurde er jüngst mit dem renommierten Nebula Award für fantastische Literatur ausgezeichnet. Eine Verfilmung ist bereits in Arbeit, unter der Regie von Alex Garland («Ex Machina»), der auch das Drehbuch schreibt. Für die Hauptrolle der Biologin ist Natalie Portman im Gespräch.
Florian Keller