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Die Kunst eines erfüllten Lebens, ist die Kunst des Lassens...
Zulassen, Weglassen, Loslassen...
Aber Freunde nie im Stich lassen.
Es war einmal ein kleines Dorf, das an einem bewachsenen Hang lag. Die Pflanzen schienen grösser und prächtiger zu wachsen als überall sonst. Die Äpfel glänzten rotbackig von den Ästen, die Blumen verzauberten die Balkone in allen Farben, und die Häuser waren bunt und schön gepflegt. Die Kinder trafen sich auf dem Dorfplatz, jagten einander, lachten, sprangen umher, während die Alten auf ihren Stühlen sassen, dem Treiben zusahen, plauderten und strickten oder Schach spielten. Alles war wie in einem kleinen, subtropischen Paradies.
Ohne zu bemerken, zogen immer mehr dunkle Wolken über das Dorf. Anfangs nur kleine, unscheinbare. Doch sie wurden immer grösser und dunkler. Bis eines Tages alle sahen, dass die nun gelb violetten und dunkelgrauen Wolken über dem Paradies hingen. Einige verfielen in Panik und verkrochen sich in ihren Häusern. Andere taten so, als ob sich nichts geändert hätte, und wieder andere versuchten die Ursache und somit ein Gegenmittel zu finden. So leerte sich der Dorfplatz allmählich, das Lachen verschwand aus den Strassen, die Früchte verloren ihren Glanz, die Häuser wirkten blass und grau.
So ging es einige Zeit. Jeder war gefangen in seinem Verhalten. Jeder dachte, sein Verhalten sei das einzig richtige, alle anderen lägen falsch. So zerstückelte sich die Gemeinschaft und aus Freunden wurden Feinde, aus Familienmitgliedern wurden Fremde.
In dieser tristen Zeit jedoch, trafen sich Giuliana und Antonio jeden Nachmittag heimlich auf der alten Weide am Dorfrand. Dort konnten sie ihre Freundschaft geniessen, miteinander reden, ihre Sorgen und Freuden teilen. Sie waren füreinander da. Dort entstand auch die Theorie, woher die grauen Wolken stammen könnten und wie man diese wieder vertreiben könnte. Den beiden Kindern war aufgefallen, dass die Wolken seit dem Streit auf dem Marktplatz zu wachsen begannen, wo entschieden werden sollte, wie die Früchte und das Gemüse unter den Einwohnern verteilt werden solle. Der eine sagte, er wolle von seinen schönen, grossen Kartoffeln nicht gleich viel abgeben, er wolle mehr für sich behalten. Er habe schliesslich die Erde kräftezehrend bearbeitet, die Schädlinge ferngehalten und die Knollen gewässert, als die Sommerhitze da war. Eine Frau protestierte, sie habe mit den süssen Früchten Kompott für den Winter machen wollen und gebe deshalb nicht alles der Gemeinschaft. So kam einer nach dem Anderen und beanspruchte eine neue Regelung bezüglich Aufteilung der Nahrungsmittel und Materialien. Ein riesiges Durcheinander entstand, Streitereien häuften sich, Missmut kam auf. Und mit der Entzweiung der Dorfgemeinschaft, kamen die Dunkelheit und Trostlosigkeit. All dies verstanden, oder vermuteten die zwei Kinder und wollten nun etwas dagegen unternehmen. So schmiedeten sie einen Plan.
Zuerst schlichen sie sich zu Alma, der Alten und gebrechlichen Dorfältesten. Sie kam schon seit Tagen nicht mehr raus und hatte nur noch Äpfel im Keller, jedoch keine Gemüse oder Mehl. Giuliana und Antonio nahmen ihr zwei Körbe Äpfel weg, tauschten diese aber bei Pedro gegen Kartoffeln. Bei Cirilla tauschten sie Mehlsäcke, Alberto erwischte sie beim Maisklauen, musste aber über die Idee so lachen und freute sich, dass auch er half bei den Einwohnern die Nahrungsmittel zu tauschen. Innerhalb nur einer Nacht hatten sie ihren Plan umgesetzt. Einige Anwohner haben mitgeholfen, wie Alberto, andere liessen einfach gewähren, wieder andere bemerkten nichts. Doch alle freuten sich und waren überrascht, als am anderen Morgen ihre Keller und Vorräte kunterbunt gefüllt waren. Allen wurde leicht ums Herz und sie konnten wenigstens einen Teil ihrer trüben Gedanken loslassen und sich am Anblick erfreuen. Antonio und Giuliana beobachteten müde und zufrieden, wie immer mehr Leute auf den Dorfplatz gelaufen kamen und verwundert einander in die Gesichter blickten. Niemand verstand, was da geschehen war. Sie suchten Antworten auf das Wunder, wollten verstehen, lächelten verlegen und etwas beschämt. So kam es, dass die Menschen miteinander zu reden begannen und einander wieder offen und ehrlich begegneten. Die beiden Kinder und Alberto genossen den Anblick. Ihnen wurde warm ums Herz und so gingen sie zufrieden nach Hause und fielen in einen tiefen und stärkenden Schlaf. Unterdessen nahm das Treiben auf dem Dorfplatz immer mehr zu und verwandelte das trübe Fleckchen Erde in ein fröhliches, kleines Paradies. Im Laufe des Tages entwickelte sich die anfänglich zurückhaltende Begegnung zu einen grossen Fest: Jeder brachte ein Tischchen auf den Platz und liess dieses mit Köstlichkeiten beinah überquellen. Stühle und Bänke wurde herausgetragen. Musikanten spielten fröhliche Lieder, alle tanzten, tranken, assen und erfreuten sich der starken Sonnenstrahlen, die nun die düsteren Wolken durchbohrten und so auflösten.
Unterdessen wachten Giuliana und Antonio auf und hörten das Gelächter, die Musik und den Lärm durch die Fenster. Ihnen schien, als ob die Luft wärmer sei und es viel heller wäre. Erstaunt sprangen sie aus den Betten und schauten auf den Platz. Sie glaubten ihren Augen kaum! Sie sahen nach Wochen und Monaten nun das ganze Dorf auf dem Dorfplatz tanzen, lachen, singen und miteinander reden! Voller Freude rannten sie raus und sogen die Stimmung in sich auf. Sie wollten mit jeder Faser ihrer Körper wahrnehmen, wie Glück und Freude, Zugehörigkeit und Gemeinschaft sich anfühlt. Sie streckten ihre Gesichter der Sonne entgegen und fühlten sich durchflutet mit Liebe.
Als nun die Streitigkeiten beseitigt waren, die Dorfbewohner vereint, kam Alma die Dorfälteste, und stellte einen Korb voller Granatäpfel auf den Boden. Sie sprach zu den Bewohnern: „Diese Früchte sollen nun das Sinnbild unserer Gemeinschaft werden. So wie viele Kerne nahe beieinander liegen und in der umhüllenden Schale reifen, soll unser Dorf auch miteinander und aneinander wachsen. Mal wird es unbequem, mal wunderschön. Doch nur wenn alle miteinander wachsen, haben wir am Schluss eine gesunde Gemeinschaft und können miteinander Feiern und uns freuen.“ In dem Moment ertönten die Dorfglocken und läuteten den Frieden ein und versprachen Hoffnung, Fülle, Leben und Liebe.
Die Geschichte ist von Cornelia Hess geschrieben