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Der Gotthard und der Teufel
Rede an der Unicef Night vom 25.10.2003 in Zürich
Immer, wenn die Menschen sich am Gotthard zu schaffen machten, hat sich der Teufel eingemischt, bei jeder Strasse, jedem Tunnel hat er sich seinen Teil geholt.
Das erste Mal war es, als die Urner eine Brücke über eine enge Schlucht bauen wollten. Der Steinbogen, der den Abgrund hätte überwölben sollen, krachte immer wieder zusammen.
Die Urner Bauleute waren verzweifelt. Sie wandten sich an einen erfahrenen Mann mit vielen Falten und Kanten im Gesicht, der bei Katastrophen immer wieder geholfen hat, an Franziskus von Steinegg.
Doch der sagte nur mit kehliger Stimme: „Dr Tiifel hätts gsee.“
Also zogen sie den Teufel zu Rate. Dieser versprach ihnen, bei der Konstruktion zu helfen, unter der Bedingung, dass das erste Lebewesen, das die Brücke überqueren werde, ihm gehöre, ihm dem Teufel.
Wir kennen alle die Fortsetzung: Als die Brücke vollendet war, liessen die Urner als erstes Lebewesen nicht einen Menschen sondern einen Geissbock über die Brücke.
Der Teufel war wütend und er schwor Rache.
Der Teufel liebt es nicht, wenn man ihm an den Berg geht. Und der Teufel hat Zeit.
Jahrhunderte später, als der Gotthard wegen des Eisenbahntunnels durchbohrt wurde, holte er sich seinen Teil bei den Arbeitern im Tunnel. Auch der Chefingenieur und der Hauptfinancier des Tunnels waren unter den Opfern und konnten die Eröffnung nicht miterleben.
Der Teufel liebt es nicht, wenn man ihm an den Berg geht. Und der Teufel hat Zeit.
Eine spätere Generation konstruierte den Autotunnel.
Es gab warnende Stimmen, der Teufel werde sich auch hier seinen Zoll holen. Aber die Ingenieure lachten und sagten, der Teufel fahre schliesslich selber gerne Auto, gegen einen Autotunnel habe er sicher nichts.
Vorsichtshalber bauten sie dann aber doch nur eine Röhre.
Doch den Teufel selber hat niemand gefragt.
Und dieser liebt es nicht, wenn man ihm an den Berg geht. Und der Teufel hat Zeit.
Im Spätherbst des Jahres 2001 sorgte er für einen furchtbaren Unfall im Tunnel. Ein Lastwagen fuhr auf die Gegenseite, es brannte, es gab Tote und Verletzte.
Der schweizerische Bundespräsident eilte zur Unfallstelle. Es gibt Filmdokumente, die belegen, dass er nach seinem Besuch im Tunnel aschgrau und bleich in die Mikrophone hauchte: „Ich war in der Hölle.“
Das hat niemand wörtlich genommen. Der Präsident hatte in jenem Jahr viele Katastrophen zu besuchen und in Worte zu fassen, und so dachten die Leute: Er hat sich eben etwas blumig ausgedrückt, um so die richtigen Worte zu finden.
Was niemand wusste:
Als der Präsident in den Tunnel trat und schaudernd in die russigen und rauchigen Wracks blickte, trat aus dem schwarzen Aschennebel zwischen den völlig ausgebrannten Lastwagen der Teufel auf ihn zu:
„Das hier“, sagte er, „ist meine Rache für den Autotunnel. Doch jetzt sehe ich, dass Ihr begonnen habt, einen Basistunnel unter meinem Berg zu bauen. - Darf ich fragen, mit welchem Recht?“
„Das ist der NEAT Basistunnel. Er wird Hochgeschwindigkeitszügen dienen. Wir haben darüber abgestimmt. Wir sind eine Demokratie.“
„Ich erhielt kein Stimmcouvert. Was bekomme ich dafür?“
„Du darfst das Schweizer Bürgerrecht erhalten. Dann kannst du das nächste Mal bei der zweiten Röhre auch abstimmen. Wenn ich den Pass heute bei der Justizministerin bestelle, sollte er bis zu Eröffnung des Tunnels ausgestellt sein.“
„So, das Schweizer Bürgerrecht, um abzustimmen und zu wählen? Das genügt mir nicht. Ich will meinen Teil!“
Den Präsidenten durchzuckte ein Verdacht: Will der jetzt wohl plötzlich selber in den Bundesrat?
Doch der Teufel fuhr fort: „Ihr Menschen nehmt euch ohne zu fragen euren Teil an meinem Berg, um Zeit zu gewinnen. Wieviel Zeit gewinnt ihr eigentlich mit diesem Basistunnel?“
„Wir werden in zweieinhalb Stunden von Zürich nach Mailand fahren können. Von Arth Goldau bis Bellinzona braucht man heute 1 Stunde und 40 Minuten, nachher nur noch 40 Minuten. Wir gewinnen also eine Stunde.“
„Wieso wollt ihr Menschen eigentlich immer schneller an andere Orte fahren? Wieso nehmt ihr euch keine Zeit? Ich nehme mir Zeit und ich habe Zeit. Aber ich hab es nicht gern, wenn man mir an den Berg geht.
Früher, als ihr zu Fuss über den Gotthard wandertet, habe ich nichts dagegen gehabt. Da habt ihr Menschen euch noch die Zeit genommen, sich auf die neue Umgebung einzustellen, sich an das andere Klima zu gewöhnen, die anderen Menschen kennen zu lernen, sich in die andere Kultur einzuleben. Da haben sie sich noch auf die Veränderungen vorbereitet. Heute, da steigt ihr im eiskalten Winter in ein Flugzeug und legt euch ein paar Stunden später in der Hitze des Äquators unter Palmen. Und dann glaubt ihr, ihr würdet Afrika kennen oder Indien. So kommt ihr Menschen euch doch gar nicht näher! Eine Reise brauchte Zeit. Heute stehlt ihr diese Zeit. Mit dem Basistunnel stehlt ihr eine Stunde. Ich will von jedem Bahnfahrer, der mit dem ersten Zug durch den Tunnel fährt, diese erste Stunde.“
Der Präsident dachte nach: Wenn ich auf diese Weise ein späteres Unglück verhindern kann, dann muss ich dem Teufel jetzt entgegen kommen. Aber ich muss verhandeln. Man sagt mir ja immer wieder, ich sei zu weich.
„Eine Stunde? Viel zu viel! Eine Minute höchstens.“
Es begann eine lange Feilscherei. Resultat: Eine Viertelstunde. Der Präsident achtete auf die genaue Formulierung: 15 Minuten, war der Kompromiss.
Und so unterzeichnete er eine Geheimklausel. Aber ruhig schlafen konnte er von da an nicht mehr.
Jenen, die ihn besser kannten, fiel auf, dass er seit jenem Jahr stiller geworden war, nur noch selten lachte er; irgendwie schien ihn etwas zu bedrücken.
Viele Jahre später nahte die Eröffnung des Tunnels. Der Bundesrat war damals schon zurückgetreten (man wusste nicht mehr genau, in welchem Jahr das gewesen war), aber man bat ihn doch, eine Rede zu halten. Früher waren seine Reden recht beliebt, aber mit dem Alter wurde er etwas tatterig und so liess man ihn nicht gerade bei der Eröffnung selber sprechen, aber doch vom Gepäckwagen aus via Lautsprecher. Die Organisatoren dachten sich: Die kann man ja dann etwas leiser oder ganz abstellen, wenn er wieder all zu moralisch wird.
Der grosse Tag kam. Es war der 25. Oktober.
All die ganz Grossen sind gekommen, diejenigen, welche die Geschicke dieser Welt leiten:
Sportmoderatoren, Talkmaster, Schönheitsköniginnen, der Gouverneur von Kalifornien.
Alle halten sie ein Champagnerglas in den Händen und reden angeregt durcheinander, als aus dem Lautsprecher die Stimme des alt Bundesrates ertönte. Sie ist mit dem Alter noch höher und zittriger als früher geworden:
„Verehrte Gäste, wir befinden uns jetzt gerade exakt unter der berühmten Teufelsbrücke. Genau hier, viele hundert Meter über uns, wurde im letzten Jahrtausend ein Geissbock geopfert. Ich möchte Sie höflich ersuchen, fünfzehn Minuten dieses Geissbockes zu gedenken.“
Niemand versteht, was das soll, doch niemand wagt, etwas zu sagen. Nervös starren alle auf das Remake einer SBB-Uhr mit jenem roten Sekundenzeiger, der nach jeder vollendeten Minute einige Zehntelssekunden wartet, bevor er weiter springt.
Die Minuten vergehen mit lähmender Langsamkeit.
Die letzten Sekunden sind eine wahre Folter.
Endlich sagt der alt Bundesrat durch den Lautsprecher: „Ich danke Ihnen.“
Der Zug fährt aus dem Tunnel. Entsetzt schauen sich alle gegenseitig an.
Alle sind um fünfzehn Jahre gealtert. Jetzt hatte der Talkmaster plötzlich eine Glatze, die Sportredaktoren Schuppen, die Fernsehmoderatorinnen Falten im Gesicht.
Aus der Menge der Greisinnen und Greise löst sich ein Mädchen. Als einziges ist es jünger und nicht älter geworden. Es geht auf den alt Bundesrat zu:
„Weißt Du noch, damals im Tunnel? Jetzt habe ich die vereinbarte Zeit von all diesen Erstfahrern genommen, von jedem fünfzehn Jahre, so wie wir es damals vereinbart haben.“
„Wir sagten fünfzehn Minuten, nicht fünfzehn Jahre!“
„Minuten, Jahre, kommt das so drauf an? Beim Vertrag um die Teufelsbrücke habt ihr es auch nicht so genau genommen und habt mir einen Geissbock statt einen Menschen geschickt.
Ich liebe es nicht, wenn man mir an den Berg geht. Aber ich habe Zeit. Jetzt hab ich wieder viel Zeit. „
Das Mädchen verschwand in der Menge der uralten Leute und diesen war es, als sähen sie auf seinem Kopf ganz deutlich zwei kleine Hörner.