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Der Termin rückt näher, an dem die Vision Pro in den Handel kommt und wir erfahren, ob die Computerbrille von Apple tatsächlich das Zeitalter des Spatial Computings einläutet. Eine gute Gelegenheit, in einer neuen Folge meiner Reihe der Tech-Premieren herauszufinden, wann denn die virtuelle Realität erstmals in den Schweizer Medien aufgetaucht ist.
Der Begriff hat gemäss Wikipedia eine interessante Entstehungsgeschichte:
1938 beschrieb der französische Avantgarde-Dramatiker Antonin Artaud in seiner Aufsatzsammlung «Le Théâtre et son double» die illusorische Natur von Figuren und Objekten im Theater als «la réalité virtuelle». Die englische Übersetzung dieses Buches, die 1958 unter dem Titel «The Theater and its Double» veröffentlicht wurde, ist die früheste veröffentlichte Verwendung des Begriffs virtual reality. Der von Myron Krueger geprägte Begriff artificial reality ist seit den 1970er Jahren in Gebrauch. Der Begriff «virtuelle Realität» wurde erstmals in einem Science-Fiction-Kontext in «The Judas Mandala», einem Roman von Damien Broderick aus dem Jahr 1982, verwendet.
Ich habe die Datenbanken nach artificial reality, réalité virtuelle, virtual reality, virtuelle Realität und Cyberspace abgesucht. Die französische Variante bringt einige alte Treffer hervor¹, ebenso die deutsche ², die allerdings nicht in dem Kontext stehen, die uns hier interessieren. Die artificial reality ist bei uns zum ersten Mal 2017 gebraucht worden.
Schweizer Medien sehen zwanzig Jahre lang auf dem Schlauch
Und die virtuelle Realität tritt zusammen mit dem Cyberspace zum ersten Mal am 21. September 1990 in der NZZ in Erscheinung. Der fragliche Artikel behandelt das Festival Ars Electronica in Linz – und wir begegnen auch unserem guten, alten Freund, der künstlichen Intelligenz:
Die synthetische Wirklichkeit wurde während einer Woche von einer beeindruckend grossen Zahl transdisziplinärer Forscher mit unterschiedlichen Ansatzpunkten diskutiert – darunter der Gründer der künstlichen Intelligenz, Marvin Minski (sic; richtig wäre Marvin Minsky) vom Massachusetts Institute of Technology, der Neuropolitologe und Psychedeliker Timothy Leary und William Gibson, der Autor von «Cyberspace». Das Prinzip der artifiziellen Realität wurde in einer Reihe von künstlerischen Installationen, Veranstaltungen und Demonstrationen kommerzieller Anwendungen veranschaulicht.
Der Artikel erklärt, wie man sich diese neue Technik vorzustellen hat:
Dieser [mathematisch erzeugten Raum] wird mittels eines mit stereoskopisch eingerichteten Minimonitoren versehenen Helms – dem «Eye Phone» – wahrgenommen. Der Anwender erlebt sich selbst im künstlichen Raum und kann sich darin visuell bewegen bzw. eingreifen. Die digitalisierte Hand ist gleichzeitig Wahmehmungs- und Handlungsorgan. Damit wurde ein wichtiger Schritt vollzogen: von dem auf eine Benutzeroberfläche – einen Bildschirm – beschränkten Eingreifen in die synthetische Wirklichkeit (so wie das zum Beispiel Flugsimulatoren ermöglichen) zu einem «Einsteigen in das Bild».
Das «Eye Phone»?
Und ja, ich konnte nicht anders, als darüber zu grinsen, dass die Brille damals «Eye Phone» genannt wurde – das Ding, dass der iPhone-Konzern heute «Vision Pro» nennt. Die Technologie stammte von Jaron Lanier, der mit seinem Unternehmen VPL Research ein Pionier in diesem Bereich war.
Was man damit würde anstellen können, macht der Artikel nicht wirklich greifbar. Die Nasa würde etwas damit anzufangen wissen, ebenso die Telemediziner. Der Autor der NZZ nennt das Konzept «revolutionär», übt aber auch Kritik:
Im grossen und ganzen hat man hier aber anhand eines neuen Produktes vor allem die Permanenz des Mythos der Möglichkeit technologischer Zukunftsgestaltung zelebriert. Die notwendigen anthropologischen Querverbindungen fehlen zurzeit noch.
Wenn ich mir hier einen Seitenhieb erlauben darf: Die anthropologischen Querverbindungen fehlen mir bei der Vision Pro noch immer.
Das allererste Mal erschien die virtual reality eine Woche zuvor im Fernsehprogramm. Am 14. September 1990 lief eine Sendung mit dem Titel «Hypermaten und Cyberpunks. Fernsehen ade – Virtual Reality ist die Zukunft». Und da sie im ORF lief, der mit dem Festival in Linz verbandelt ist, liegt die Vermutung nahe, dass es auch in der um die Ars Electronica ging.
«Tron»? Fehlanzeige!
Wir kommen zum Schluss, dass die Schweizer Medien auch in Sachen VR nicht zu der schnellen Truppe gehört haben. 1990 war die Idee des virtuellen Raums, einer simulierten Computerumgebung, nicht mehr brandneu. Wir erinnern uns an Tron; einen Film, der diese Idee schon 1982 aufgebracht hat.
Es könnte natürlich sein, dass sich der Begriff erst 1990 etabliert hat und die eigentliche Idee zuvor unter einer anderen Bezeichnung abgehandelt worden ist. Ich habe darum nach Filmkritiken zu «Tron» gesucht, um herauszufinden, ob die vielleicht das Konzept umschrieben haben, ohne es beim Namen zu nennen. Doch diese Spur verlief im Sand: Ich habe keine Filmkritik gefunden, die VR thematisiert hätte – ja, ich habe überhaupt keine Besprechung entdecken können. Vielleicht stehe ich auf dem Schlauch – oder die Medien waren damals tatsächlich noch so elitär, um sich um derlei trivialen Themen kümmern zu müssen …
Fussnoten
1) «La Gruyère» verwendet den Begriff am 17. August 1939 in einem Artikel zu einem möglichen Verkauf des Kantonsspitals, wo ich ihn so verstehe, dass ein Dementi auf eine «eingebildete Realität» Bezug nimmt. In diesem Sinn trifft man ihn auch in den nächsten Jahrzehnten ein paar wenige Male an. Die NZZ hat am 2. September 1951 über den Begriff beim Theaters berichtet, wie er von Antonin Artaud eingeführt worden ist. ↩
2) Ich war verblüfft, die virtuelle Realität in einer Zeitschrift aus dem Jahr 1907 vorzufinden. Die heisst «Jahrbuch für Philosophie und spekulative Theologie», und mir bleibt es an dieser Stelle nicht erspart, aus dem Artikel «Zur neuesten Literatur» zu zitieren:
Die Annahme sog. Grundwahrheiten (P. Pesch), unter ihnen als erster Bedingung die Fähigkeit der Vernunft, zu erkennen und als erster Tatsache, die Existenz des Denkenden, ist als unzutreffend mit Recht zurückgewiesen. «Nur die principia per se nota sind Grundwahrheiten und unter ihnen das Prinzip des Widerspruches die erste» (S. 105).
Die Objektivität der Sinnesqualitäten wird mit Recht nicht nur im virtuellen, sondern im formellen Sinne aufrecht erhalten (S. 115): «Einer unlösbaren Schwierigkeit verfallen auch jene, welche den sensiblen Qualitäten (d. i. den sens. propria) eine sog. virtuelle Realität zuerkennen wollen» (S. 116). ↩
Beitragsbild: Ein VR-System von 1995 in New York. Der Helm wurde in Zusammenarbeit mit dem Rome Laboratory, dem Armstrong Laboratory und dem Wright Laboratory entwickelt. Die Software ist in erster Linie eine gemeinsame Entwicklung des Rome-Labors, der Mitre Corp. und der Einbeziehung von Codeteilen aus verschiedenen von der Advanced Research Projects Agency (ARPA) geförderten akademischen Bemühungen (The U.S. National Archives/picryl.com, CC0).