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Während eines Jahres verkaufte Baheylu Weldegargis das Magazin «Surprise» in einem Einkaufszentrum in der Nähe von Bern. Dabei lernte er viele Menschen kennen und fand eine neue Stelle: Seit drei Monaten arbeitet der Eritreer als Privatpfleger.
Hier ein kurzer Schwatz mit der Kioskverkäuferin, dort ein «Wie geht’s?» zum Herrn in der roten Denner-Uniform, der die Regale füllt. Baheylu Weldegargis kennt jeden im Einkaufszentrum in Wittigkofen (BE) mit Namen und scheint beliebt zu sein. «Wo waren Sie so lange?», fragt die Dame hinter den Zeitschriften. «Seit dem 1. Oktober arbeite ich als Pfleger», sagt der Eritreer. Von der Stelle erfuhr er von einer Passantin im Zentrum, wo er während eines Jahres das Strassenmagazin «Surprise» verkaufte. Der vorläufig aufgenommene Flüchtling konnte sich dank der Stelle von der Sozialhilfe lösen und steht nun finanziell auf eigenen Füssen.
Baheylu Weldegargis’ feiner Körperbau wirkt sich auf seine Stimme aus. Der 32-Jährige, der seit 2007 in der Schweiz ist, spricht leise. Bei der Unterhaltung mischt sich immer wieder ein englisches Wort in das Gespräch ein. Er hat ein spitzbübisches Lachen, das von einem Rund-um-den-Mund-Bart verziert ist. Seine Worte wählt er mit Bedacht. Bei der ersten Begegnung fällt die silberne Madonna auf, die an einer Halskette über dem weissen T-Shirt mit der eritreischen Flagge seine Brust ziert. Ob er denn katholisch sei? «Mein Papa ist katholisch, meine Mama eritreisch-orthodox», sagt er lächelnd. Er fühle sich beiden Glaubensrichtungen verbunden. Die Religion scheint in seinem Leben eine wichtige Rolle zu spielen: «Schau auf das Kreuz auf dem Bundeshaus. In solch einem Land fühle ich mich wohl und habe keine Angst mehr. Hier habe ich die Freiheit, zu glauben und zu sagen, was ich will.»
Flucht vor dem Militär
Zu Hause, in Adi Kuala, nahe der äthiopischen Grenze, machte ihm die politische Situation zunehmend Mühe. Er konnte sich als Privatperson nicht frei bewegen. Im Land waren überall Militärposten, bei jedem musste er sich ausweisen. Das Land spürte die Nachwehen des dreijährigen Krieges zwischen Äthiopien und Eritrea, der im Jahr 2000 mit dem Sieg Äthiopiens endete.
Bereits als Schüler pflegte Baheylu Weldegargis seinen Vater, dessen rechte Körperhälfte gelähmt ist und der trotz der Behinderung einen Kiosk betreibt. Sein Sohn stand ihm immer zur Seite. «Im Laden half ich meinem Vater, zu Hause kochte ich das Mittagessen, brachte meinen Vater wieder in den Laden, und dann ging ich zurück in die Schule», erzählt Baheylu Weldegargis. Seine Eltern waren zu diesem Zeitpunkt bereits geschieden, und er lebte als Jüngster von neun Geschwistern bei seinem Vater. «Wir haben keine AHV oder Krankenkasse», sagt er, «in Eritrea sorgt die Familie füreinander.»
Nach der obligatorischen Schulpflicht musste auch Baheylu Weldegargis ins Militär. Aufgrund der andauernden innenpolitischen Spannungen war er dort jedoch um seine Sicherheit besorgt, was ihn dazu bewog, dem Dienst zu entfliehen. Ein zweijähriges Versteckspiel mit den Behörden begann, bis zum Tag, als er sich entschied, sein Heimatland zu verlassen.
Lange Reise
Gemeinsam mit einem Freund ging der Eritreer 2006 in die sudanesische Hauptstadt Khartum. Dort trennten sich ihre Wege, doch Baheylu Weldegargis traf zufällig auf einen anderen Freund der Familie. Zusammen fuhren sie in einem Lastwagen nach Libyen. Beim vierten Anlauf fand Baheylu Weldegargis ein Plastikboot, auf dem er mit 40 anderen von Misrata nach Italien aufbrach. Der Freund nahm ein anderes Boot.
Sechs Tage war Baheylu Weldegargis unterwegs. Lange Tage, die von Ungewissheit geprägt waren. Die schlechte Nachricht erreichte ihn in Italien: Sein Freund war auf dem Weg nach Europa gestorben. Das Schiff war gesunken. «Sein Tod macht mich traurig und schmerzt mich jeden Tag. Ich fühle mich besser, wenn ich arbeite und was zu tun habe.»
Der Anfang in der Schweiz war nicht einfach. Keine Sprachkenntnisse, keine Arbeit. Der junge Mann nimmt den Ordner mit seinen Bewerbungen hervor. Seine gepflegten Finger streichen über den Stapel. «Viele Bewerbungen und keine Antwort», sagt er. Als Sozialhilfeempfänger half er im bernischen Grosshöchstetten einem Bauern bei der Apfelernte, bei einer Hausreinigung in Belp absolvierte er ein neunmonatiges Praktikum. Ab Dezember 2012 vertrieb er das Strassenmagazin «Surprise» in Wittigkofen. Das sei richtige Arbeit gewesen: «Ich wusste nie im Voraus, wie viele Exemplare ich verkaufen konnte. Manchmal wurde ich während vier Stunden kein einziges Heft los», sagt er. Pro Heft verdiente er 2.70 Franken. Doch manchmal erhielt er ein Zehnernötli, ein gutes Trinkgeld. «Durch die Arbeit kam ich mit vielen Leuten in Kontakt, das gefiel mir sehr.»
Neue Arbeit, neue Hoffnung
Im Sommer 2013 erhielt er ein überraschendes Arbeitsangebot. «Ich hatte allen erzählt, dass ich eine Arbeit suche», sagt er. Eine Passantin erzählte ihm, dass sie von einer Stelle gehört habe. Eine Privatperson suche einen Pfleger. «Ich kannte den Herrn bereits vom Verkauf», sagt Baheylu Weldegargis. Seit dem 1. Oktober arbeitet er nun von Montag bis Freitag. Er putzt, kocht, geht einkaufen, wäscht und macht Übungen mit dem 54-Jährigen, der aufgrund einer körperlichen Behinderung auf Hilfe angewiesen ist. Baheylu Weldegargis ist überglücklich, endlich Arbeit gefunden zu haben. «Die Stelle ist ein neuer Schritt in meinem Leben.»
Mit dem neuen Einkommen kann er seinen Lebensunterhalt selber bestreiten. Nun hofft Baheylu Weldegargis, eine permanente Niederlassungsbewilligung zu erhalten: «Ich weiss nicht, was die Zukunft bringen wird, aber ich möchte hier bleiben. Ich bin glücklich in der Schweiz», sagt er. Für einen Moment des Träumens hält er inne und spricht einen weiteren Wunsch aus: «Ich möchte Jerusalem besuchen», und er schaut dabei gegen den Himmel.
Sportlich unterwegs
Baheylu Weldegargis läuft ein- bis dreimal pro Woche. Seine Bestzeit für 21 Kilometer lässt sich sehen: eine Stunde und 29 Minuten. Der Langstreckenläufer Viktor Röthlin rennt die gleiche Distanz in einer Stunde und zwei Minuten. Doch der neue Terminplan erlaubt nicht mehr so viele Trainings. Daran muss sich Baheylu Weldegargis erst noch gewöhnen.
Auf die Frage, ob er Eritrea nicht vermisse, antwortet er schnell und bestimmt: «Eritrea ist die Heimat meiner Eltern. Meine Heimat ist hier in der Schweiz.» Baheylu Weldegargis hat nicht viel Kontakt zu anderen Eritreern. «Ich mag nicht, wenn meine Landsmänner schlecht über Eritrea sprechen», sagt er. Deshalb sei ihm der Kontakt zu Schweizern lieber. Auch geht er kaum mehr in die Kirche, weil dort für seinen Geschmack zu häufig politisiert werde. «Ich bin nicht politisch.»
Seit Baheylu Weldegargis in der Schweiz ist, betreut sein älterer Bruder seinen Vater und kümmert sich um den Kiosk der Familie. Er ist Lehrer, unterrichtet morgens und führt nachmittags den Laden. Während Baheylu Weldegargis von seinen Eltern spricht, blitzt kurz Wehmut in seinen Augen auf, die er mit einem Lächeln kaschiert. «Meine Eltern habe ich seit sechs Jahren nicht gesehen», sagt er. Doch mit der neuen Stelle sei er seiner Familie wieder ein Stück näher. «Bei meiner Arbeit denke ich immer an meinen Vater.»
«Bei uns zählen andere Erfolge»
Andrea Blaser arbeitet für «Surprise» im Vertriebsbüro Bern. Sie gehört zu einem dreiköpfigen Team, das das Angebot von «Surprise» im Raum Bern-Mittelland sicherstellt.
Andrea Blaser, kann ich als erwerbstätige Person das Magazin «Surprise» verkaufen?
Ja. «Surprise» ist offen für alle. Einzige Bedingungen sind die Volljährigkeit und eine Aufenthaltsbewilligung. Jeder, der das Magazin feilbieten will, hat seinen Grund. Unsere Verkäufer sind mehrheitlich Sozialhilfebezüger, IV- oder AHV-Rentner, Asylsuchende und vorläufig aufgenommene Flüchtlinge.
Wie profitieren die Verkäufer?
Die Personen profitieren individuell. Den einen bringt die Arbeit wichtiges Geld, die anderen erhalten die für sie so bedeutende Tagesstruktur. Wir sind aber keine geschützte Werkstatt, die Verkäufer sind selbständig. Natürlich verdient sich niemand eine goldene Nase. Hier dominieren andere Aspekte.
Beispielsweise?
Ein Artikel in einem Mountainbike-Magazin porträtierte einen unserer Verkäufer. In seinem Heimatland fuhr er gerne Fahrrad. Hier in der Schweiz kann er sich aber kein Velo leisten. Aufgrund des Artikels brachte uns heute ein Leser ein Velo ins Büro Bern, das wir dem porträtierten Herrn übergeben sollen.
Vertreiben Menschen das Magazin auch in Teilzeitarbeit?
Ja. Wie viel Aufwand sie betreiben, müssen die Sozialhilfeempfänger mit ihren Coachs klären. Die Sozialhilfe schreibt vor, wie hoch der Betrag sein darf, den sie verdienen dürfen.
Sind «Surprise»-Verkäufer einfacher vermittelbar als Sozialhilfeempfänger, die zu Hause sitzen?
Ja, denn sie beweisen, dass sie etwas tun wollen. Auch kommunizieren sie durch den Schritt in die Öffentlichkeit, dass sie eine Arbeit suchen. Insbesondere Asylsuchende sind durch diese Tätigkeit einfacher vermittelbar, weil sie sonst kaum Kontakt zur Bevölkerung haben. Durch ihre Arbeit bei «Surprise» werden sie in unserer Gesellschaft sichtbar.
Was wäre für Sie der grösste Erfolg?
Ein Erfolg ist natürlich, wenn ein Verkäufer wie Baheylu Weldegargis durch den Verkauf des Magazins einen Job findet. Mein grösster Wunsch jedoch wäre, dass es soziale Armut und Arbeitslosigkeit nicht mehr gäbe.