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So wie man nach den verschiedensten Dingen süchtig werden kann, sei es
Briefmarkensammeln oder Glücksspiel oder Heroin, kann man auch nach dem
Schreiben süchtig werden.
Jon Fosse
Einer nach dem andern schlurften sie herein.
Als erster, seiner Zeit wie immer voraus, erschien der avantgardistische Lyriker. Er wäre gern ganz aussen gesessen, denn nur am Rand der Gesellschaft sah er seinen Platz, doch die Stühle standen im Kreis. Vor ihnen waren die Anonymen Alkoholikern dran gewesen.
Als nächster kam der Essayist, die Hände tief in den Taschen seines Samtjacketts vergraben. In der letzten Nacht hatte er einen Rückfall gehabt, und die Spuren des Kugelschreibers hatten sich nicht ganz entfernen lassen.
Die Lyrikerin hatte ein Buch mitgebracht (kein eigenes natürlich, das war in dieser Runde nicht erlaubt) und las noch im Gehen zum zehnten Mal denselben Abschnitt. Seit sie das Schreiben aufgegeben hatte, konnte sie sich einfach nicht mehr konzentrieren.
Der Romancier kam, der Epiker und auch der Mann, der so stolz darauf war, dass seine Literatur nirgendwo einzuordnen war. (Die Literatur, die er früher mal geschrieben hatte, selbstverständlich, denn inzwischen war er clean. Die meiste Zeit clean.)
Die Luft im Versammlungsraum des Gemeinschaftszentrums war stickig, und das verblichene Theaterplakat an der Wand warb für eine Inszenierung, die schon lang nicht mehr auf dem Spielplan stand. Der Kaffee aus der ausgeleierten Filtermaschine schmeckte nach Löschpapier. Löschpapier, mit dem jemand die Tinte einer Kurzgeschichte getrocknet hatte, eines Essays, eines Einakters, eines…
Nein, an solche Sachen durften sie nicht einmal denken. Der Kaffee schmeckte, wie abgestandener Kaffee eben schmeckt, basta. Metaphern, das wusste jeder von ihnen, waren der erste Schritt zum Rückfall.
Der Versammlungsleiter war ein ehemaliger Krimiautor. Seit sieben Jahren hatte er kein Wort mehr geschrieben, und sie bewunderten ihn alle sehr dafür. Nicht jeder hatte die Stärke, den Entzug von der Sucht so konsequent durchzuhalten.
„Wer möchte als erster etwas sagen?“, fragte der Versammlungsleiter.
Der Essayist erhob sich mit blassem, schuldbewusstem Gesicht. Ganz langsam zog er die rechte Hand aus der Tasche und spreizte die Finger, so dass die andern die Kugelschreiberflecken nicht übersehen konnten. Ein Raunen ging durch den Raum. Nein, kein Raunen. Ein Stöhnen.
„Mein Name ist Wilhelm“, sagte der Essayist. Seine Stimme zitterte. „Mein Name ist Wilhelm und ich bin Schriftsteller.“
Erschienen in »Bücher am Sonntag« vom 27. April 2014,
Literaturbeilage der »NZZ am Sonntag«