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Aus den französischen Druckbogen erstmals übersetzt, mit einem Anhang und einem Vorwort versehen von Stefan Zweifel. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2017.
Ich würde dieses Buch ohne zu zögern in die Kategorie „Bücher, die die Welt nicht braucht“ einordnen, was nicht daran hindert, dass ich es gern gelesen habe und gut finde. Aber im Grunde genommen ist es völlig nutzlos.
Hier kurz die Vorgeschichte, die zur Veröffentlichung dieses Buchs in genau dieser Form geführt hat: Als Proust 1913 die Korrekturfahnen des ersten Teils jenes Romans erhielt, der später als À la recherche du temps perdu berühmt werden sollte, korrigierte er mehr als Rechtschreibung oder Wortstellung in diesem oder jenem Satz. Er machte aus den Korrekturen ein ganz neues Buch. (Da er sich zu der Zeit noch nicht an der Börse verspekuliert hatte, besass er genug Geld, um den Verleger und den Drucker für den so entstehenden Mehraufwand zu entschädigen – der ganze Roman erschien ja auf Prousts Kosten. (Das soll kein Anreiz sein für Self-Publisher von heute: Bis der Roman fertig war – und ganz fertig wurde er ja nicht – war Proust verarmt und froh darüber, dass ihm der nicht ganz regelkonform verliehene Prix Goncourt etwas Luft verschaffte – was man beim schweren Asthmatiker Proust wörtlich nehmen darf.)) Die Korrekturfahnen aber verschwanden, nachdem das neue Buch gesetzt worden war. Erst im Juli 2000 wurden sie in London ver- und von der Fondation Martin Bodmer ersteigert, und erst 2013 erschien bei Gallimard (dem Original-Verlag der Recherche) eine luxuriöse Faksimile-Ausgabe. Eine Ausstellung, die Stefan Zweifel kuratierte, führte ihn dazu, diese Fahnen zu übersetzen. Für den Druck ging er so vor, dass er auf der linken Seite den endgültigen Text des ersten Bandes der Recherche stellte, auf der rechten den Originaltext. In verschiedener Farbe jeweils die Zusätze bzw. Streichungen markiert. Zusammen mit der fotografischen Reproduktion fast jeder Korrekturfahne ein von der Buchgestaltung her recht ambitiöses Unternehmen.
Dennoch braucht die Welt dieses Buch nicht. Natürlich ist es spannend, nachzuvollziehen, wie sich Proust vom Symbolismus, von dem er ausgegangen ist, langsam distanziert, wie aus den intermittences du cœur eine Suche nach der verlorenen Zeit wird. Bis hinein in den Titel des Romans und der einzelnen Bände, der einzelnen Kapitel, lässt sich das nachvollziehen. So wird aus dem ersten Band, der ursprünglich Le temps perdu (Die verlorene Zeit) hiess, zunächst ein Charles Swann, um dann zur endgültigen Form Du côte de chez Swann zu finden, und aus Cambray wird Combray. Auch die berühmten Madeleines spielen in der Original-Version noch nicht ganz jene Rolle, die sie in der endgültigen Fassung einnehmen sollten. Dafür setzt sich das erzählende Ich des Langen und des Breiten mit Gustave Flaubert und George Sand auseinander, deren persönlichem wie literarischem Verhältnis. Dabei erringt George Sand die Palme der besseren Autorin – vor allem, weil die Mutter des erzählenden Ich sie bevorzugt. Ebenso finden sich in der Original-Version noch Spuren der ganz ursprünglichen Absicht Prousts, eine Auseinandersetzung mit Sainte-Beuves Ästhetik zu verfassen. Aber eine Auseinandersetzung mit Prousts Änderungen bedingte im Grunde genommen, die Texte in der Original-Sprache, auf Französisch, vor sich zu haben. So haben wir ein ambitioniertes Projekt vor uns, das sicher seine Freunde finden wird, dies aber geradezu im Sinne des Dandys Proust: schön, interessant – aber sinnfrei.
Im Übrigen gebe ich Stefan Zweifel recht, wenn er im Vorwort schreibt, je mehr Proust ändere, desto mehr bleibe sich gleich. Den Grundton der recherche hat Proust schon in den intermittences du cœur gefunden. Auch das den Leser so irritierende Homosexuellen-Bashing, das hier wie dort zuerst an weiblichen Homosexuellen ausgeübt wird, findet sich schon in der Original-Version, genaus so wie die ebenfalls irritierenden antisemitischen Ausfälle des Onkels des Ich-Erzählers. Nicht zu reden von der seltsamen Abhängigkeit des Kindes und des jungen Mannes von seiner Mutter. (Und, ja: Der Ich-Erzähler hat auch in den intermittences du cœur keinen Namen.)
Der Proust-Aficionado wird das Buch zweifellos lesen müssen. Und er wird es – so wie ich – zweifellos mit Genuss lesen. Die Übersetzung liest sich flüssig und sie trifft Prousts Ton sehr gut. Das Buch ist, wie alle Bände der Anderen Bibliothek, in einer limitierten Auflage von 4’444 Stück erschienen. Ich bin relativ spät darauf aufmerksam geworden. Mein Exemplar trägt die Nummer 3’889. 4’444 Aficionados – das könnte gerade so hinkommen…