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Sie ist der grosse Klassiker unter den Einspielungen von Beethovens-Cellosonaten – und das paradoxerweise, weil sie so gar nicht klassisch zurechtgebügelt daherkommt. Entsprechend löste die im Sommer 1959 realisierte Einspielung mit Pierre Fournier und Friedrich Gulda bei ihrer Erstveröffentlichung nicht nur Überraschung aus, sondern stiess teilweise – auch in Kritikerkreisen – auf Ablehnung. Der Grund dafür ist schnell benannt: Friedrich Gulda, das «enfant terrible» der Wiener klassischen Klavierszene. Denn seit seiner Einspielung sämtlicher Klaviersonaten Beethovens für Decca in den Jahren 1950 bis 1958 wusste man, mit wem man es da zu tun hatte. Als Gulda 1946 den Internationalen Musikwettbewerb in Genf gewann, nutzte er nämlich die Gelegenheit, in Genf auch Schallplatten legendärer Jazz-Grössen wie Duke Ellington, Count Basie oder Charlie Parker zu kaufen – Schallplatten, die damals im «erzklassischen» Wien noch nicht angeboten wurden. Und als er 1950 seine ersten Beethoven-Aufnahmen machte, war er bereits dem Jazz verfallen. Sechs Jahre später sagte er sogar einen Meisterkurs im hehren Salzburger Mozarteum ab, um im New Yorker «Birdland», dem Jazz-Mekka der Zeit, zu spielen, was in der europäischen Klassikszene zu einem Skandal führte.
Dieser Friedrich Gulda tat sich nun für Beethovens Cellosonaten mit Pierre Fournier zusammen, dem vornehmen Meistercellisten, berühmt für die aristokratische Egalität seiner Tongebung sowie für seinen eleganten und edlen, ja geradezu ideal klassischen Klang. Zu erleben war, wie sich Gegensätze anziehen, wie sich die beiden Musiker wechselseitig inspirierten, wie sich der eine vom anderen beeinflussen liess, ohne aber seine künstlerische Eigenständigkeit aufzugeben. Man verstand sich derart gut, dass Friedrich Gulda später wiederholt versuchte, den französischen Meistercellisten zu gemeinsamen Ausflügen in die Welt des Jazz zu überreden. Leider ohne Erfolg.
Das Bewundernswerte ihrer Beethoven-Einspielung: das schlafwandlerische Miteinander zwischen dem so unendlich schön spielenden Cellisten und dem kristallin apollinischen Pianisten. Fournier, von dem die französische Dichterin Colette in ihrem Roman «La Naissance du jour» schrieb, dass er «schöner singt als alles, was singt», beherrschte den bei Beethoven oft schwierigen Registerausgleich wie kein Zweiter, und die Eleganz seiner Phrasierung bleibt bis heute unerreicht. Dazu Friedrich Gulda mit seinem kristallklaren Anschlag und einer extremen Sparsamkeit in der Nutzung des Pedals – und mit einem virtuosen Laufwerk, das derart leicht und überirdisch über die Tasten dahinfliegt, als wollte er den Zuhörer damit direkt in den Himmel katapultieren. Derart vital hat kaum ein anderer Pianist Beethovens Klaviersatz zum Leben, zum Klingen und zum Strahlen gebracht – was nicht zuletzt die zweite DG-Einspielung Fourniers von 1965, diesmal zusammen mit Wilhelm Kempff, zeigt. Nun ist dieser Meilenstein der Beethoven-Interpretation zum 250-Jahr-Beethoven-Jubiläum in neuem Blue-ray- und CD-Remastering wieder verfügbar.
Beethoven: Sämtliche Werke für Violoncello
und Klavier. Friedrich Gulda (Klavier),
Pierre Fournier (Violoncello).
DG483 7472 (2 CDs + 1 Audio Blue-Ray
Disc)