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1978 gab Charles Linsmayer sein erstes Buch heraus. Er hatte sein Literaturstudium mit einer Doktorarbeit über den deutschen Schriftsteller, Orgelbauer und Pferdezüchter Hans Henny Jahnn (1894-1959) abgeschlossen, der in seinen grossen Romanen «Perrudja» und „Fluss ohne Ufer» die Utopie einer Kunst- und Lebensgemeinschaft aufscheinen lässt. Linsmayer arbeitete als Lehrer, Lektor, Journalist. Sein erstes Buch war die Neuausgabe von Jakob Schaffners frühen Erzählungen, «Stadtgänge», im Arche-Verlag, wo bald Friedrich Glausers «Morphium» und autobiographische Texte folgten.
«Frühling der Gegenwart»
Die Neuausgabe von Carl Spittelers „Das Wettfasten von Heimligen» begründete 1980 im Verlag Ex Libris die Reihe «Frühling der Gegenwart – Der Schweizer Roman 1890-1950», die 1983 zum Abschluss kam. Linsmayer hatte seine Aufgabe im Literaturbetrieb gefunden. Unter den Neuentdeckungen waren etwa Alfred Fankhausers „Die Brüder der Flamme» und Elisabeth Gersters «Die Sticker» oder C.A. Looslis «Die Schattmattbauern» – alles starke Auseinandersetzungen mit sozialen, religiösen und politischen Fragen ihrer Entstehungszeit.
Linsmayer bereicherte «seine» Neuausgaben mit stoff- und kenntnisreichen, bebilderten Nachwörtern. Stets unter Zeitdruck, erschloss Linsmayer (später mit Andrea Pfeifer) durch 27 Bücher und drei Bände mit 177 Erzählungen einen bedeutenden Teil der Schweizer Literatur rückwärts und entriss Werke dem Vergessen, bevor teilweise eine neue Rezeption einsetzte. Ihm und dem Buchclub Ex Libris kommt für das auch erschwingliche Zugänglichmachen ein grosses Verdienst zu. Dank der Reihe wurden der Reichtum und die Vielfalt gerade auch der sozialkritischen Deutschschweizer Literatur neu bewusst.
«Reprinted by Huber» hiess die Fortsetzung in offener Folge ab 1987, darunter Annemarie Schwarzenbachs Roman «Das glückliche Tal». Später kuratierte Linsmayer das «Weisse Programm Schweiz» im Suhrkamp-Verlag. Es folgten Taschenbuch-Ausgaben sowie Editionen in verschiedenen Verlagen. Kurzportraits über Autorinnen und Autoren bis hin zur Gegenwart.
«Den Büchern eine zweite Chance geben»
In einem Satz: Charles Linsmayer gab fast im Alleingang und ohne grosse Unterstützung «Büchern eine zweite Chance». So hiess 1999 an den Solothurner Literaturtagen stimmig die Ausstellung über sein herausgeberisches Werk. In seinen Nachworten, Fundgruben an wertvollen Informationen, wies Linsmayer stets ausdrücklich auf jeweilige Buchillustrator*innen hin – so zum Beispiel auf Werner Neuhaus in Fankhausers «Brüdern der Flamme» – , die einem Werk eine kongeniale Dimension beifügen können.
Ab 1990 war Linsmayer engagiert im Literaturhaus Basel, als Ausstellungsmacher über literarische Übersetzungen, als Literaturredaktor beim «Bund», als Theaterkritiker, als Referent, Moderator, Essayist, Kolumnist, Kurator und – wen wundert es – als Neuentdecker des hundertjährigen Pestalozzi-Kalenders. Linsmayer hat viele Auszeichnungen erhalten in Deutschland und in der Schweiz. Herausgehoben sei der Oertli-Preis 2008 für seine Verdienste um die Vermittlung zwischen den Schweizer Sprachkulturen. Die Verleihung fand im Theater an der Effingerstrasse statt; die Laudatio hielt Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss.
«20/21 synchron»
Im gleichen Theater wird nun das Lesebuch «20/21 synchron» vorgestellt. Lukas Bärfuss, Dana Grigorcea, Lukas Hartmann, Thomas Hürlimann, Ruth Schweikert, Peter Stamm, Raphael Urweider haben dafür auf Einladung Linsmayers neue Beiträge verfasst. Der Herausgeber schrieb für sie eine Kurzbiographie und eine persönliche Einschätzung. Er wählte aus 100 Jahren Schweizer Literatur aller Landessprachen die für ihn repräsentativsten Texte der sogenannt Grossen, der Alten, der Jungen, der Bekannten, der neu zu Entdeckenden. Zusammen gekommen sind 86 Texte aus der Deutschschweiz, 36 aus der Westschweiz, 8 aus dem Tessin und 5 aus der rätoromanischen Schweiz. Sie sind nicht chronologisch gegliedert, sondern anhand von Themen, etwa «Frühe Erfahrungen», «Väter und Mütter», «Blick auf die Schweiz» und bieten ein facettenreiches Bild der Schweizer Literaturen. Man muss einfach ins Lesen eintauchen.
Auf dem Umschlag des Lesebuchs sitzen Schriftstellerinnen und Schriftsteller aus hundert Jahren beisammen am Tisch mit einer Flasche Wein, Kaffee, Aschenbecher und Büchern: Dürrenmatt, Bichsel, Annemarie Schwarzenbach, Urs Widmer, Giorgio Orelli, Paul Nizon, zuhinterst Bärfuss und Hesse und, als schaue er auf dem Spaziergang zufällig hinein, Robert Walser. Das Gipfeltreffen strahlt Heiterkeit aus, Farbigkeit, Zusammengehörigkeit und Humor.
Linsmayer ist ein ernster Krampfer, ein Vielwisser, ein Kenner verästeltster Zusammenhänge in der Literatur- und der Literatenszene, ein zielstrebiger, zuweilen sturer Mensch. Wer über die Literatur der Schweiz und die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Bescheid wissen will, ist bei Linsmayer gut aufgehoben. Er hat sich nie mit dem Gängigen begnügt, sondern einerseits zurückgeblickt und andererseits versucht, mit den Entwicklungen Schritt zu halten. Die Literaturfreundinnen und -freunde und die Autorinnen und Autoren verdanken ihm viel.
«20/21 synchron» wird am 21. Januar um 20 Uhr im Theater an der Effingerstrasse vorgestellt: www.theatereffinger.ch/spielplan