Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03247.jsonl.gz/1016

Willkommen in Porto Cervo, die Uhrenmarke Panerai hatte mich zur Lancierung eines neuen Modells in den exklusiven Yachtclub Costa Smeralda eingeladen. Der Club ist nur Mitgliedern vorbehalten, deshalb erhielt ich von Panerai eine gebrandete Segeljacke, in dieser Club Jacke war ein Chip für eine lebenslängliche Clubmitgliedschaft eingenäht. Ich ahnte nicht dass diese Einladung mein Leben verändern wird.
Ausserhalb des Clubs war eine Vitrine mit interessanten Segelschuhen aufgestellt, daneben stand fast schüchtern ein unscheinbarer junger Mann mit Glatze. Wir kamen sofort ins Gespräch und wir stellten uns vor. Es war Giuseppe Santoni von den gleichnamigen Edeltretern. Er erzählte mir, dass das Unternehmen 42 Mitarbeiter hat, es war 1998, und dass er den Versuch unternahm mit Segelschuhen auch im Maritimen Bereich Fuss zu fassen. Die Chemie stimmt sofort zwischen uns beiden. Am Schluss fragte Guiseppe mich, ob ich ihm nicht einen Gefallen machen könnte. Ich fragte wie ich ihm helfen kann und er meinte, ob er mir nicht als Schuhliebhaber Santoni Schuhe schicken dürfte. Ich bejahte und fragte was es denn kosten würde. Und er meinte «lauf in den Schuhen und teile mir Deine Erfahrung mit» das reicht für mich. Zwischenzeitlich ist mein Closet voll mit Schuhen, die ich gerne jeden Tag trage.
«Lauf in den Schuhen und teile mir Deine Erfahrung mit!»Giuseppe Santoni
Einige Jahre später brachte ich Giuseppe Santoni mit Carlos Dias zusammen, dem Inhaber von der Genfer Luxus-Uhrenmarke Roger Dubuis. Giuseppe war ein Uhrenliebhaber und Carlos liebte Santoni Schuhe, somit war die Idee geboren, dass Roger Dubuis Uhren mit feinen Lederuhrenarmbänder von Santoni ausgestattet wurden, es gab auch limitierte Modelle Schuhmodelle und Uhrenarmbänder aus demselben Leder wie die Schuhe, heute sagt man dazu Crossmarketing. Diese Idee wurde dann später unter der Ägide von Georges Kern von IWC kopiert. Ein paar Jahre später fertigte Santoni einen Sneaker für Mercedes und für AMG einen handschuhweichen Rennfahrerschuh.
Fragt man heute Giuseppe Santoni, wie viele Schuhe er besitzt, dann antwortet er prompt und ungeniert: „400 Paar.“ Gehortet hat er sie an seinen drei Wohnsitzen, in Mailand, wo die Modemusik spielt, in St. Moritz, wo er ein Haus gekauft hat, als er seine Kinder im Lyceum Alpinum in Zuoz einschulte und natürlich in Corridonia in der italienischen Region Le Marche, wo er aufgewachsen ist. Natürlich sind es fast alles Modelle aus der Fabrik seiner Familie. Artfremd seien einzig ein paar Nike-Sneaker. „Ich mag es eben manchmal bequem“, gesteht er mit einem Gesichtsausdruck, als sei das Gesagte ein kleines bisschen unanständig.
“Diese Schuhe sind wie guter Sex mit einem wirklich schönen Mann“.Tatler-Magazin
Der Chef einer der glamourösesten Schuhmarken der Welt – „diese Schuhe sind wie guter Sex mit einem wirklich schönen Mann“, urteilte einst das britische „Tatler“-Magazin – trägt heute einen dunkelblauen, zweireihigen Blazer mit Goldknöpfen, knöchelkurze Hosen, eine Kette mit Heiligenanhänger und ein Paar dunkelblaue Lederslipper aus eigener Produktion. Er trägt sie barfuß. Als Stilmittel. Und es ist mehr als heiß zu dieser Jahreszeit in Corridonia, dem Heimatort seines Vaters Andrea.
“Ihre Schuhe sind Objekte der Begierde – ich würde sie am liebsten allesamt besitzen.“Philippe Starck, Französischer Designer
1975 hatte dieser das Unternehmen mit seiner Frau Rosa inmitten der sanften Hügel der Marken gegründet. Wie bei vielen damals entstandenen Handwerksbetrieben kam mit der nächsten Generation die Globalisierung ins Haus. Vater Andrea, Erfinder jener speziellen, längst kopierten Poliertechnik, die dem Leder seine ikonische Patina verleiht, hatte zwar auch schon Kunden jenseits der italienischen Grenzen, doch mit dem anglophil geschulten Sohn Giuseppe bekamen auch Begriffe wie Marketing, Expansionsstrategie, Kooperationen erfolgreiche Rollen im Betrieb.
„Wenn man unsere Schuhe trägt“ – Giuseppe Santoni schaut verschwörerisch, als er fortfährt –, „dann fühlt man sich sofort eleganter.“ Darin sehe er sich bestätigt, seit der französische Designer Philippe Starck einmal zu ihm gesagt habe: „Ihre Schuhe sind Objekte der Begierde – ich würde sie am liebsten allesamt besitzen.“
“Wenn man unsere Schuhe trägt, dann fühlt man sich sofort eleganter.“Giuseppe Santoni
Die Kunden kämen eben nicht, weil sie ein neues Paar brauchten, „sondern weil wir sie in Versuchung führen“, sagt er mit dem Selbstbewusstsein eines Geschäftsmanns, der die globalen Luxusmärkte intensiv studiert hat. Der Rest sei heutzutage Voraussetzung: gute Passformen, Komfort, perfekte Verarbeitung, Topmaterialien. „Wenn du das nicht hast, kannst du gleich einpacken.“
Giuseppe Santoni, ein weit gereister Mann, der seine Familie, schnelle Autos, teure Uhren und italienische Grandezza liebt, spricht aus Erfahrung. Direkt nach dem Schulabschluss stieg er ins Familienunternehmen ein, ging schon mit 19 Jahren auf Geschäftsreise. Im Jahr 1990 sagte sein Vater: „Nun gehst du nach Japan und öffnest dort den Markt für uns.“ Als er ins Flugzeug nach Tokio stieg, war er bereits CEO der Firma – mit 23. „Er wollte, dass ich ein großer Junge werde“, sagt der Sohn beinahe ehrfürchtig.
„Nun gehst du nach Japan und öffnest dort den Markt für uns.“Andrea Santoni, Vater von Giuseppe
Überhaupt, wenn Giuseppe Santoni von seinem „papà“ spricht, dann immer mit viel Achtung. Er sei ein großer Visionär gewesen, als er die kleine Manufaktur aufbaute. Damals schon hätte er erkannt, dass man in Zeiten von billigen Klebschuhen aus Fernost unbedingt das Gegenteil tun muss: in Qualität investieren. „Es gibt ein italienisches Sprichwort, das besagt: Wenn du Geld sparen willst, wirst du am Ende mehr ausgeben. Man sollte sich also überlegen, wie man Dinge besser machen kann. Dann kommt das Geld von ganz allein“, sagt er.
“Es gibt ein italienisches Sprichwort, das besagt: Wenn du Geld sparen willst, wirst du am Ende mehr ausgeben. Man sollte sich also überlegen, wie man Dinge besser machen kann. Dann kommt das Geld von ganz allein“Andrea Santoni
Trotz großen Lebensstils kümmert sich Giuseppe um vieles selbst, so wie der Vater es getan hat. Und deshalb ist auch nach wie vor die gesamte Produktion von Herren-, Damen-, Kinder- und Turnschuhen unter den Dächern inzwischen dreier Werkshallen auf dem 15.000 Quadratmeter großen Gelände untergebracht. 500 Paar Hände arbeiten hier tagtäglich daran, dass aus kostbarem Kalbs-, Straußen-, Pferde-, Rochen- oder gar Krokodilleder, aus Kork, Wachsfarbe und weißen Fäden Schuhe entstehen, die nun vor allem auch Frauen um den Verstand bringen sollen. Vor zehn Jahren erst hatte man die Damenlinie etabliert, heute mache sie bereits 45 Prozent des Gesamtumsatzes aus.
Unter Dröhnen und Quietschen, Surren und Schnurren, Sausen und Brausen wird in der Fabrik das Leder von Hand oder mittels Laser geschnitten, werden die Einzelteile des Oberschuhs mit alten Pfaff-Maschinen zusammengenäht, bis daraus nach und nach eine bereits schuhähnliche Form entsteht. Diese wird dann meist mit einer Maschine auf einen Leisten gehämmert, auf dem sie mindestens vier Wochen verweilt, bis sie auf die Ledersohle genäht werden kann.
Ein braun gebrannter Mann namens Luigi, der weiche Wildlederslipper zum roten Kittel trägt, kann es noch mit der Hand: Dafür wirft er sich eine Handvoll Nägel wie Erdnüsse in den Mund und gibt sie einzeln, einen nach dem anderen, zwischen zusammengepressten Lippen wieder frei. Diese Technik hat er mit der Zeit perfektioniert. Seit 30 Jahren arbeite er für die Santonis, mit Giuseppe ist er schon gemeinsam zur Schule gegangen, das prägt.
Durchschnittlich 170 Arbeitsschritte braucht es, durch rund 100 Paar Hände geht ein Schuh, bis er fertig ist. Eines dieser Handpaare gehört zu einer Frau mit pink lackierten Fingernägeln. Sie heißt Fiorella und koloriert seit 20 Jahren Schuhe für die Familie Santoni. Es dauere etwa eine Stunde, bis ein naturfarbenes Leder eine andere Farbe angenommen hat. Etwa vier Stunden brauche ein für das Haus typischer Farbverlauf. Dafür müssen bis zu zehn Schichten Farbe mit einem Läppchen und viel Geduld aufgetragen werden. Diese Technik hat der 76-jährige Andrea selbst entwickelt. Er legt Wert darauf, dass das Wissen weitergegeben wird.
Dafür hat er eine Schule eingerichtet, in der aktuell zehn junge Leute ausgebildet werden. Hier werden „Stitching“ und „Colouring“ gelehrt, aber auch das Schneiden von kostbaren Ledern will geübt sein. Vier bis fünf Jahre dauere es, bis ein Schüler das beherrscht. Und bis er weiß, wie man Hanffasern von Hand wachst, wie man sie mittels einer Spule und viel Körpereinsatz verzwirbelt, wie man sie über dem Knie rollt, bis eine robuste, wasserabweisende Schnur entsteht.
Warum man sich heute solch zeitintensive Techniken überhaupt noch leisten kann? Signore Santoni Senior zieht den einen Mundwinkel nach oben und sagt: „Weil Leute, die schöne Dinge lieben, immer Geld für schöne Dinge ausgeben werden.“ Und warum springen diese Leute ausgerechnet auf die drei Worte „made in Italy“ an? Jetzt folgt der zweite Mundwinkel: „Wir sind nicht besser als andere. Aber wir haben den besseren Geschmack.“ Sein Sohn pflichtet ihm bei: „Wir sind umgeben von Schönheit, von großartiger Architektur, wundervoller Landschaft und gutem Essen – all das reflektiert sich auch in unserer Arbeit.“
Damit das so bleibt, kommt Vater Andrea immer noch jeden Tag. Morgens begrüßt er seine Mitarbeiter, überprüft dann stichprobenartig die Qualität der Schuhe, sieht in der Schule nach dem Rechten. Seit Tochter Ilenia 2012 verstarb, lässt er es jedoch ruhiger angehen. Seinen weißen Kittel, jahrelang sein Erkennungszeichen, hat er seit dem Schicksalsschlag gegen Jeans und gestreifte Hemden eingetauscht.
Unverändert, ja mehr denn je teilt die Familie seitdem Freud und Leid. Wie Pech und Schwefel, „come pappa e ciccia“, wie man in Italien sagt, halten die Santonis zusammen. Und deshalb ist auch sie jeden Tag hier: eine sehr kleine Frau im rosa Kittel. „Sie mag klein aussehen“, erfahren wir von Mitarbeiterin Silvia, während sie die Fäuste ballt, „in Wirklichkeit aber ist sie eine große Frau.“
Die sehr kleine große Frau ist Giuseppes Mutter Rosa und der gute Geist der Fabrik. Aus ihrem Kittel lugt ein geblümter Saum hervor, während sie ihrer Arbeit nachgeht. Geschäftig und gut gelaunt läuft sie zwischen den Näherinnen umher – genäht wird grundsätzlich von Frauen, gehämmert und geschnitten von Männern, so will es die Tradition – , transportiert Kartons, hebt den Zeigefinger, erklärt. Die Santonis, das wissen alle hier, seien alle stets ansprechbar.
Wenn man Giuseppe dann fragt, ob Schuhe etwas über den Charakter eines Menschen aussagen, antwortet er prompt und ungeniert: „Klar! Wenn ich versuche zu verstehen, wer jemand ist, dann schaue ich auf seine Schuhe. Und auf seine Uhr. Auf diese Weise weiß ich sofort, mit wem ich es zu tun habe.“ Was es aussagt, dass sein Gast heute Birkenstock-Schuhe trägt? „Na, dass auch Sie es manchmal bequem mögen.“ Und da ist er wieder, dieser vielsagende Gesichtsausdruck.