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Neu edierte Schriften des französischen Philosophen führen zu den politischen Kämpfen der siebziger Jahre und zugleich auf die Spuren der Gegenwart.
Von Michel Foucaults auf vier Bände angelegten «Dits et Ecrits» ist der dritte Band auf Deutsch erschienen. Die Schriften aus den Jahren 1976 bis 1979 rollen einen auf steiler Bahn in die Diskursschlaufen einer vergangenen Zeit zurück. Damals wurde vielen westlichen Linken die Wünschbarkeit der Weltrevolution fraglich, und neue soziale Bewegungen loteten tastend die Möglichkeiten feministischer und schwul-lesbischer Emanzipation aus. Die siebziger Jahre waren auch eine Zeit politischer Repression und sozialer Kontrolle. Im Herbst 1977 wanderte Herr Professor Foucault nach einem Nachtessen, bei dem gut hörbar über Ulrike Meinhof geredet wurde, von seinem westdeutschen Hotel direkt in die nächste Gefängniszelle.
Aber in der Ferne der foucaultschen Schriften begegnet uns auch die eigene Gegenwart. «Von nun an steht die Sicherheit über den Gesetzen», konstatierte Foucault, als zu jener Zeit der RAF-Anwalt Klaus Croissant von Frankreich an Deutschland ausgeliefert wurde. Schon damals stellte sich die Frage, ob sich Europa durch den gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus konstituiere. In den Sicherheitsdiskursen der westlichen Gesellschaften erkannte Foucault ein entscheidendes Element der so genannten «Biopolitik». Damit meinte er die staatlich-gesellschaftliche Verwaltung all der Gefahren, denen menschliches Leben ausgesetzt ist: Krankheit, Unfall, Kriminalität, Alter und Arbeitslosigkeit.
Um diese Gefahren herum konstituieren sich Techniken staatlicher Kontrolle, die das Herzstück der zeitgenössischen «Absicherungsgesellschaften» bilden. Sie tolerieren zwar Abweichungen und gewähren den Individuen einen gewissen Spielraum, ziehen aber zugleich eine radikale Grenze zu den als «gefährlich» definierten Dingen, Menschen und Verhaltensweisen. Foucaults Beschreibung der Gesellschaft nimmt die heutige europäische Asylpolitik vorweg, die als gesellschaftspolitisches Aktionsfeld par excellence wirkt: Sie verspricht Handlungsspielräume für einige nur unter der Voraussetzung, dass Flüchtlinge als gefährliche Individuen und als kollektive Gefahr ausgegrenzt werden. Dieses Zusammenwirken von Flexibilität und Ausgrenzung ist nach Foucault ein Merkmal der modernen liberalen Gesellschaften.
In seinem 1975 erschienenen Buch «Überwachen und Strafen» beschrieb Foucault noch, wie die Körper einzelner Subjekte in Gefängnissen, Kasernen und Schulen diszipliniert werden. In den späteren Texten zeigt er, wie seit dem 19. Jahrhundert der ganze «Bevölkerungskörper» biopolitisch kontrolliert und reguliert wird. Dabei kommen Bevölkerungsstatistiken und Polizeitechniken genauso zum Einsatz wie rassistische und eugenische Praktiken. Diese Machttechniken sind mit den kapitalistisch-liberalen Politikformen des 20. Jahrhunderts bestens vereinbar. Der liberale Gedanke der Selbstregierung und ökonomische Rationalisierungen steigern die biopolitischen Kontrolleffekte sogar. Die Individuen, die ihr eigenes Leben risikofrei managen und ökonomisch planen, machen den «starken» Staat überflüssig. Jeder Einzelne trägt zu seiner sozialen Kontrolle und Normierung bei und erweckt gerade dadurch den Schein einer «freien Gesellschaft». Diesen Zusammenhang, der auch unsere Gegenwart betrifft, bezeichnet Foucault als «Gouvernementalität». Zu diesem Konzept, das derzeit in der Foucault-Forschung besonders viel Gewicht hat, finden sich im dritten Band der «Dits et Ecrits» wichtige Texte.