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suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1445
In vier Studien exploriert Martin Seel das Konzept eines glücklichen vs. dem eines guten Lebens. Die vier Studien bauen dabei aufeinander auf: 1. Die Spannung zwischen Glück und Moral erforscht das Gelände und stellt die bisher in der Geschichte der Philosophie gefundenen Problemlösungen vor. Die titelgebende Studie 2. Versuch über die Form des Glücks versucht, eine adäquatere (oder auch nur zeitgemässere) Lösung für das Problem von Glück und Moral zu geben. Die beiden Schluss-Studien vertiefen und verfeinern diese Lösung: 3. Moralischer Adressat und moralisches Gegenüber behandelt die Frage der Universalität einer Moral (bis hin zur Frage, ob wir auch gegenüber Tieren eine moralisch-ethische Verpflichtung haben), und 4. Der Vorrang der Moral untersucht, ob und in welchen Fällen moralisches (= gutes) Handeln gegeben ist.
Der erste Satz der ersten Studie (der auch auf dem hinteren Buchdeckel figuriert) präsentiert das von Seel untersuchte Problemfeld:
Am Anfang dessen, was wir heute Moralphilosophie nennen, steht der Verdacht, die Moral gehe auf Kosten des Glücks.
Dieses Problemfeld wurde zuerst von den Sophisten thematisiert. Für sie – und so dann durch das ganze Buch Seels hindurch – steht die Moral für (grosso modo) altruistisches Verhalten; das Glück ist das individuelle Glück. Während die Sophisten – etwas zugespitzt – behaupteten, dass nur wirklich und ganz glücklich sein könne, wer sich um die Moral foutiere, hielt schon Sokrates (und mit ihm also Platon) dagegen, dass der so Lebende sich einer Täuschung hingibt, sein Leben gar nicht glücklich sei. Kant sieht, dass Moral und Glück eine Einheit bilden, ohne (wie von Sokrates-Platon postuliert) identisch zu sein. Rücksicht auf andere kostet nicht selten den Preis des Verzichts auf das eigene Glück:
Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie ein allgemeines Gesetz werde. (So der sog. “Kategorische Imperativ” in der “Metaphysik der Sitten” Kants)
Allerdings, so Seel, verwische Kant die Härte seiner Moral, indem er sozusagen eine Aufhebung der im Diesseits unvereinbaren Prinzipien Glück und Moral im Jenseits zumindest vermutet. Erst Nietzsche, wiederum Seel, sollte mit der Unvereinbarkeit Ernst machen: Auf der Seite der Unmoral stehen für ihn nicht nur die, die der Moral im herkömmlichen Sinn (nämlich der Bereitschaft zum Verzicht auf ein eigenes Glück) eine Absage erteilen, sondern auch die, die (wie Sokrates, Epikur oder die Stoiker) bestreiten, dass hier überhaupt ein Verzicht stattfinde. Allerdings leugnet auch Nietzsche letzten Endes die Existenz einer Tugend, einer Moral, nicht. Glück und Moral sind auch für ihn, wie für Platon, täuschend ähnlich. Nur kann Nietzsches glücklicher Mensch auch ausserhalb jeder (sozial verbindlichen) Moral glücklich leben. Seel kommt zu einem dramatischen Schluss:
Es scheint unmöglich zu sein, die jedem vertraute Spannung zwischen Glück und Moral im Namen beider, des Glücks und der Moral, zu aktzeptieren. Der Konflikt zwischen dem guten und dem gerechten Leben scheint gegen jede Moral zu sein, oder jedenfalls gegen jede Philosophie der Moral.
Wir sind immer noch in der ersten Studie, nunmehr aber nähern wir uns deren Ende. Seel stellt einige Lösungsversuche des 20. und 21. Jahrhunderts kurz vor, darunter Foucaults Versuch, die oben beschriebene Spannung in einer Ästhetik der Existenz aufzuheben oder aufzulösen. (Letzten Endes kehrt Foucault damit zu einem der Ausgangspunkte der Existenzialphilosophie zurück, zu Kierkegaard.)
Seel seinerseits plädiert dafür, dass die Begriffe von Glück und Moral weiter gefasst werden als in der bisherigen Diskussion, dass vor allem keine Einheit der beiden Zustände gesucht werden soll und kann, sondern allenfalls deren Konsonanz festgehalten (und dabei soll auch nicht ausser Acht gelassen werden, dass sie sich häufig auch in Dissonanz befinden).
Dem sind dann die folgenden Studien gewidmet, auf die ich jetzt nicht im Detail eingehen werde. Seel bringt zwei Beispiele der dissonanten Konsonanz von Glück und Moral, eines aus der Realität, eines aus der Fiktion: Das reale Beispiel ist Paul Gaugin, der, um sein eigenes Glück (seine Berufung als Maler) zu leben, Weib und Kind in nicht gerade günstigen Bedingungen zurück lässt und sich in die Südsee begibt. Dies als Beispiel einer geglückten (! – aus individueller Sicht geglückten!) Emanzipation des Individuum von der öffentlichen, also allgemeinen Moral. In der Fiktion findet Seel die Hauptfiguren aus Tolstois Anna Karenina, die um ihrer Liebe willen auf die allgemeine Moral pfeifen – und daran zu Grunde gehen. Den Grund für ihr Scheitern sieht Seel darin, dass Anna Karenina und vor allem Wronskij das nur für kurze Momente mögliche Erleben höchsten Glücks perpetuieren möchten, also den glücklichen Moment mit dem glücklichen Leben verwechseln. Denn nach Seel besteht auch das glückliche Leben keineswegs nur aus glücklichen Momenten; es kann sogar im Gegenteil sehr wenig davon beinhalten.
So endet für Seel die Auseinandersetzung zwischen individuellem Glück und öffentlicher Moral mit einer Reformulierung der Pascal’schen Wette:
Wähle den Weg der Moral, der zwar ein genau so unsicherer Weg ist wie der einer relativen Unmoral, der aber, wenn er an das Ziel eines gelingenden Lebens führt, ungleich mehr und größere Freuden bereithält als der Weg der Unmoral.
Auch wenn er selber nur Platon und Kant ins Rampenlicht stellt, kann sich Seel letzten Endes nicht aus den Fesseln des Idealismus lösen, des deutschen Idealismus zumal, mit Fichtes Priorisierung des Ich, aber auch natürlich auch nicht aus den Fesseln des Descartes, der ebenfalls beim Ich anhebt. Um Seel zusammenzufassen: Moral und Glück sind immer ein Kampf zwischen dem Ich und der Welt. (Oder, milder formuliert, eine Auseinandersetzung in deren Spannungsfeld.) Aus diesem Blickwinkel betrachtet, sind Glück und Moral tatsächlich immer Antagonisten, und es bleibt dem Individuum nichts anderes, als zu versuchen, sie miteinander, zumindest temporär, zumindest ansatzweise, und nur für sich persönlich, zu versöhnen. Dies aber ist wohl nur möglich, indem das Individuum auf ein höheres Glück, eine höhere Moral rekurriert – eine Spannung, die auszuhalten ist, wenn das Individuum nicht zu Grunde gehen will.
Wer eine andere Ethik sucht, müsste gleich zu Beginn auf den idealistischen Ansatz verzichten. So ganz befriedigen kann mich Seels Lösung deshalb nicht.