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Pisa und was nun
S. 15
Unser Schulwesen ist krank. Das Wort Schule stammt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich Musse. Aber die Schülerinnen und Schüler, die als Erstklässler voller Neugier und Lust in die Schule eintraten, sind dauernd im Stress, viele mögen nicht mehr lernen, manche werden aggressiv. Viele Lehrerinnen und Lehrer sind weniger motiviert als früher, aber anderseits stehen sie unter erhöhtem Druck seitens der Eltern und der Behörden.
S. 25:
Aus den Schlussfolgerungen von PISA 2000 lassen sich keine direkten Vorschläge für eine Verbesserung ableiten. Deshalb formuliere ich im folgenden einige Postulate. Einige davon sind mir besonders wichtig; sie sind unterstrichen, und ich werde ihnen später ein ausführliches Kapitel widmen.
Gäbe es pro Klasse nur einen einzigen Schüler, so könnte der Lehrstoff optimal vermittelt werden, nämlich immer angepasst an die Intelligenz, die persönliche Reife und das aktuelle Können und Kennen des Schülers. Aus Kostengründen muss die Volksschule aus ganzen Klassen bestehen. Wenn in ihnen effizient gearbeitet werden soll, dann müssten die Schüler möglichst gleich gescheit und gleich reif sein. Deshalb werden die Klassen aus Schülern gleichen Alters gebildet.
Das ist aus vielerlei Gründen eine Illusion. Auch wenn alle Schüler einer Klasse am gleichen Tag geboren worden wären, sie wären mit Bestimmtheit nicht alle gleich intelligent, gleich reif und an den gleichen Dingen interessiert. Dazu kommt, dass in jeder dieser Klassen von gleichem Jahrgang faktisch immer ein Altersunterschied von wenigstens zwei, oftmals bis zu drei Jahren besteht. Da sind die Repetenten, da sind zu früh Eingeschulte, da sind aus anderen Gegenden zugezogene Kinder (die dort natürlich schlechter geschult wurden). Eigentlich entspricht diese breite Streuung fast den alten Dorfschulen, nur eben mit dem Unterschied, dass die Kinder in den Jahrgangsklasse alle gleich weit zu sein haben. Und während in den Dorfschulen die älteren Schüler den jüngeren und schwächeren lernen halfen und dabei helfen lernten, herrscht hier Konkurrenzdenken und ist es streng verboten, zu helfen und abzuschreiben. Während in den Dorfschulen die Gescheiteren unter den Jüngeren ganz natürlich von dem profitierten, was mit den Älteren erarbeitet wurde, langweilen sie sich in den Jahrgangklassen und treiben natürlich Unfug.
In Finnland besuchen alle Schülerinnen und Schüler während 9 Schuljahren die obligatorische Gesamtschule (6 Jahre Unterstufe und 3 Jahre Oberstufe). …
An älteren Schulhäusern kann man heute noch in Stein gemeisselt den schönen Spruch lesen: "Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir!" An diesem Spruch ist zweierlei falsch: Erstens hat der jüngere Seneca, von dem die Sentenz stammt, in Wirklichkeit genau das Gegenteil gesagt, nämlich "Non vitae sed scholae discimus", "Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir", und zweitens stimmt die richtige Fassung weitgehend noch immer. Im folgenden will ich aufzuzeigen versuchen, dass Seneca mit seinem Spott auch heute noch recht hat.
Das Hauptübel unseres Schulsystems besteht darin, dass es – mit verheerenden Folgen – geprägt ist durch die Selektion. Von diesem Prinzip sind unsere Schulen von oben nach unten durchdrungen. …
Der Musik und damit einem soliden MusikUnterricht kommt dabei eine ganz herausragende Rolle zu. Man weiss heute, dass die Musik schon in der frühen Kindheit (besonders für die Sprachentwicklung) eine wichtige Rolle spielt und dass aktives Singen und Musizieren und das Erlernen des musikalischen Symbolsystems die Entwicklung der Intelligenz fördern. Namhafte Forscher in der Neurologie wie Hellmuth Petsche und Gordon Shaw sind zur Erkenntnis gelangt, dass Musizieren viele Intelligenzbereiche wie die kinästhetische Intelligenz, die mathematische Intelligenz und die intrapersonale Intelligenz per se trainiert, und dass Musik als Übung für höhere Gehirnfunktionen dienen kann.
Beim Musizieren kann sehr schön gezeigt werden, wie die drei Bereiche Denken, Fühlen, Handeln ineinandergreifen und einander gegenseitig unterstützen. Jedes notierte Musikstück besteht aus vielen hochbedeutsamen Zeichen, welche die Höhe der Töne, ihre Dauer und ihre Lautstärke genau festlegen; sie zu lesen, ist vor allem die Aufgabe der linken Hirnhemisphäre. Aber auch schon einfache Stücke bestehen aus einer Partitur; um sie zu überblicken, zu begreifen und in eine Klangvorstellurig umzusetzen, bedarf es der rechten Hirnhemisphäre. Diese wird auch dafür sorgen, dass das Stück nicht einfach maschinell abläuft, sondern beseelt erklingt. Noch muss es aber realisiert werden, und dazu ist ein hochdifferenziertes Spiel der Hände nötig, wohlgemerkt: beider Hände; und damit sind auch beide Hemisphären zu präziser Koordination genötigt. Alle drei Aufgaben fordern den menschlichen Geist in hohem Masse heraus; und umgekehrt manifestiert sich dieser in der Dreiheit Kopf, Herz und Hand.
S. 53
Genau genommen ist der Begriff der Intelligenz eigentlich nie definiert worden; er hat sich einfach aus den Intelligenztests ergeben. Unterdessen haben wir uns jedoch an den Terminus gewöhnt, und wir laufen Gefahr, an die Existenz dessen zu glauben, was er zu bezeichnen vorgibt.
„Denn eben wo Begriffe fehlen, da stellt ein Wort zur rechten Zeit sich ein,
Mit Worten lässt sich trefflich streiten, mit Worten ein System bereiten,
An Worte lässt sich trefflich glauben, von einem Wort lässt sich kein Jota rauben“
lässt Goethe den Mephisto im ‚Faust“ spotten ...
S. 55
An Gardners Konzept war vor allem zweierlei neu: dass musikalische, körperliche und personale Kompetenzen in den Rang einer Intelligenz erhoben wurden, und dass alle Intelligenzen als weitgehend voneinander unabhängig betrachtet werden. Diese „neuen“ Intelligenzen werden im folgenden kurz besprochen, wobei die musikalische Intelligenz, die in der Aufzählung von Gardner bereits an zweiter Stelle erscheint und von ihm in ihrer Bedeutung entsprechend hoch eingeschätzt wird, aus dramaturgischen Gründen erst zuletzt an die Reihe kommt.
S. 110
Jede der sieben Gardner’schen Intelligenzen hat also eine starke Beziehung zur musikalischen Intelligenz, zu den andern Intelligenzen jedoch meist nur schwache oder keine Beziehungen (mit Ausnahmen: Die mathematische und die räumliche Intelligenz und ebenso die beiden personalen Intelligenzen haben starke Beziehungen miteinander). Es drängt sich daher auf, die musikalische Intelligenz ins Zentrum eines Sechsecks zu zeichnen und darum herum in den Ecken die sechs andern Intelligenzen anzuordnen. Durch diese Darstellung wird die zentrale Bedeutung der Musik für den Menschen überraschend deutlich sichtbar.
S. 132
Liebe Leserin. lieber Leser: Was in diesem letzten Kapitel dargelegt wurde, sieht für Sie vielleicht aus wie ein Schulreglement, ein trockenes, dürres Papier, wie ein schönes, aber noch leeres Gebäude, das auf den Einzug der Bewohner wartet. Wäre es verwirklicht, könnte ich Ihnen berichten von pulsierendem Leben in dem Haus, von fröhlichem, ernsthaften Lernen junger Menschen zusammen mit verständnisvollen, engagierten und klugen Lehrerinnen und Lehrern, von beglückendem Erleben beim Musizieren, Singen und Tanzen, beim Theaterspielen, beim Zeichnen, Malen und Modellieren, von leuchtenden Augen und Stolz bei bestandenen Tests, bei gewonnenen sportlichen Spielen, bei Auszeichnungen für besonders anspruchsvolle Arbeiten. Die Rede wäre von Schulen, die es verstanden haben, alle Eltern, auch die bildungsfernen einzubeziehen bei Schulanlässen, im Elternrat, in den Schulbehörden, in Erziehungskursen und sogar im Unterricht, so dass sie sich mitverantwortlich fühlen für das Wohl und den Erfolg der Schule.
Ich kann nicht mehr selber Hand anlegen. Aber ich hoffe, dass es mir gelungen ist, Sie für meine Vision zu erwärmen oder gar zu begeistern, so dass Sie mithelfen werden, dass die künftigen Generationen von Schülerinnen und Schülern in den Genuss einer Schule kommen, in der einige meiner Vorschläge verwirklicht sind, und wo vor allem die musischen Fächer und besonders die Musik zu ihrem Recht kommen.