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DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦
Den dritten Teil meiner Kolumnen-Serie über Bad Boy Michelangelo Merisi, alias Caravaggio, einem der grössten Kunstmaler aller Zeiten, beginnen wir 1608 in Malta. Da nämlich erhoffte er sich die Mitgliedschaft im mächtigen Glaubensorden der Malteser. Denn die Aufnahme als Ritter würde automatische Straffreiheit bedeuten für seinen Mord an Zuhälter Tomasini.
Um die Gunst der führenden Köpfe des Ordens zu gewinnen, fertigte er eine Reihe von Gemälden an, die mit Begeisterung aufgenommen wurden. Doch keines konnte mehr ehrfurchtsgebietende Wirkung erzielen als die Enthauptung Johannes des Täufers. Mit einer Grösse von 4x5 Metern ist es das grösste Gemälde, das Caravaggio je malte. Es zeigt Johannes den Täufer im Augenblick seiner Hinrichtung. Am Boden liegend, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Der Gefängniswärter gibt dem Schergen die Anweisung, den Kopf abzutrennen und in eine goldene Schale zu werfen, die Salome bereithält. Eine ältere Frau, die der Hinrichtung beiwohnt, kann das Entsetzen über das Geschehen nicht verbergen. https://bit.ly/3jH2T8b
Im Juli 1608 hatte er es geschafft, der Orden der Malteser ernannte ihn zum Ritter. Bei seiner Ernennung verkündete man ihn als einen der grössten Maler der Geschichte. Er war der Vollender des Chiaroscuro, der Hell-Dunkel-Malerei. Der Revolutionär, dessen Dramen nicht länger von Überirdischem, sondern von allzu Menschlichem handelten.
Dann, nur einen Monat nachdem man ihn feierlich zum Ritter ernannt und ihn zu einem der grössten Maler der Welt ausgerufen hatte, griff Caravaggio einen älteren Ritter des Ordens an und verletzte ihn schwer mit einer Pistole. Sofort wurde er verhaftet und ins Gefängnis geworfen.
Doch es gelang ihm die Flucht. Eine spektakuläre Flucht. Er schaffte es, ungesehen den Wachen zu entkommen, über die Gefängnismauer zu klettern und sich 60 Meter zu einem Boot abzuseilen, das auf ihn wartete. Von diesem Moment an war Caravaggio für den Rest seines Lebens ein Gejagter. Nicht mehr nur Rom war auf seinen Kopf aus, sondern nun auch noch der Malteser Orden, der ihn mit folgender Erklärung aus seinen Reihen stiess: «Er ist vertrieben und wie ein faules und krankes Glied aus unserem Orden und unserer Gesellschaft herausgestossen.»
Zunächst floh Caravaggio nach Sizilien und von dort erneut nach Neapel. Hier wurde er wahrscheinlich von seinen Verfolgern aus Malta eingeholt, schwer verletzt und für tot geglaubt zurückgelassen. Doch Michelangelo überlebte. Und dort nun also, in seiner dunkelsten Stunde, erreichte ihn die Nachricht, der kunstaffine Neffe des Papstes wolle ihm die Rückkehr nach Rom ermöglichen und ein päpstliches Pardon erwirken. Caravaggio machte sich an die Arbeit, ihm Tribut zu zahlen und malte dies: Den siegreichen David mit dem Haupt Goliats. https://bit.ly/36kCeuU
Doch weniger siegreich könnte David nicht sein. Gesenkten Hauptes hält er uns den abgeschlagenen Kopf Goliats entgegen. Und Goliat, das getötete Monster, ist Caravaggio. Es ist ein Selbstporträt. Ein bizarres Selbstporträt, das Schuldeingeständnis und Bitte um Vergebung in einem Gemälde vereint, wie es in der Geschichte der Kunst keines zuvor gab. Im Juli 1610, nach mehr als vier Jahren auf der Flucht, trat Michelangelo Merisi dann die Heimreise nach Rom an. Doch er sollte Rom nie wieder sehen. Auf dem Seeweg wurde er aus unbekannten Gründen verhaftet. Der Kunstmaler kaufte sich aus der Haft frei, doch das Boot mit seinem Selbstporträt an Bord war ohne ihn fortgesegelt. Er war gezwungen, in der Hitze des Sommers seine Reise auf dem Landweg fortzusetzen. Mit letzter Kraft erreichte er Porto im Süden der Toskana. Doch in Folge einer schlecht versorgten Wunde war sein Gesundheitszustand desolat, und die anstrengende Reise forderte ihren Tribut. Am helllichten Tag verendete er kläglich an einem Strand.
Eigentlich paradox für jemanden, der immer die Nacht gemalt hatte, im Feuer der Sonne unterzugehen.
Man setzte ihn in einem namenlosen Grab bei. Er wurde nur 39 Jahre alt. Im Gegensatz zu Rubens, Velasquez oder Rembrandt hatte Caravaggio weder Schüler, noch unterhielt er eine geordnete Werkstatt. Vielmehr malte er nach Vollendung eines Werkes monatelang überhaupt nicht. Und dennoch konnte niemand nachhaltigeren Einfluss auf sein Jahrhundert ausüben als er. Ja, sogar weit über die Malerei hinaus. Warum? Weil er seine meisterhafte Technik, seine ungeheuerliche Ausdruckskraft und sein künstlerisches Talent so bedingungslos in den Dienst nur einer Sache stellte: uns seine Kunst fühlen zu lassen.
Ich hoffe, es hat Euch gefallen.
Ganz liebe Grüsse
Euer Alon
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