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100 Jahre nach Versailles
Jeder, der sich ernsthaft dafür interessiert, warum und wozu es auf dieser Welt immer noch Kriege gibt, obwohl eigentlich längst klar ist, dass die vergangenen und gegenwärtigen Kriege die Menschheit nicht einen Millimeter weitergebracht haben, wird sich früher oder später mit der Geschichte auseinandersetzen. Mit der traurigen Geschichte vom Kongo zum Beispiel oder aber auch, wie es den Menschen der Schweizerischen Eidgenossenschaft im Laufe von Jahrhunderten gelungen ist, Konflikte friedlich zu lösen. Man kann auch mit der Geschichte Russlands oder mit jener von Israel, die auf das engste mit der von Deutschland verbunden sind, anfangen. Oder mit der Geschichte Chinas, bei der eine grossartige, jahrtausendealte Kultur sichtbar wird, bevor diese von innen, besonders aber im 19. Jahrhundert durch europäische «merchants of death» zerstört wurde. Hundert Jahre lang drückten diese «Händler des Todes» mit Hilfe ihrer Kanonenboote bengalisches (britisches) Opium gewaltsam in die chinesische Gesellschaft. Diese Art von Völkermord liessen sie sich mit chinesischem Silber bezahlen, bis China arm und England reich war.
An welchem Ort wir auch anfangen, wenn wir uns vertiefen, die Zusammenhänge der Gegenwart verstehen wollen, landen wir fast zwangsläufig bei den Briten und ihrer über fünfhundert Jahre alten Kolonialgeschichte.
Thomas Morus (1478–1535) war in regem Kontakt und oft in Einklang mit den hervorragendsten europäischen Philosophen und Theologen seiner Zeit. Er gab bereits um 1500 in seinem Werk «Utopia» dem englischen König Heinrich VIII. eine «von Gott gewollte» und bis heute für Kolonisten gültige Begründung für die Inbesitznahme fremder Länder. So wird zum Beispiel festgestellt, Eingeborene hätten einen Überfluss an Ackerland und würden diesen «ohne Sinn und Zweck besitzen», dieses Ackerland also nicht bebauen, deshalb bestehe ein durchaus berechtigter Grund, die Eingeborenen zu vertreiben und/oder sich den Boden anzueignen.2
Warum auch nicht, denn Papst Alexander VI. hatte ein paar Jahre vorher, 1494 im Vertrag von Tordesillas, dem portugiesischen und dem spanischen Herrscherhaus den kirchlichen Segen sozusagen gegeben, sich fortan alle Welt – und zwar nach päpstlicher Vorgabe – genau aufzuteilen. Ab dem Zeitpunkt gab es erstmals in der Geschichte der Menschheit von der Kirche legitimierte globale Besitzansprüche – Portugal auf der östlichen und Spanien auf der westlichen Halbkugel. Kaum war in Europa das Wissen um die Kugelgestalt der Erde in intellektuellen und damit auch in kirchlichen Kreisen einigermassen gefestigt, begann der bis heute dauernde Raubzug.
Nun, wie wir in der Schule lernten, erkannte Heinrich VIII. auch wegen seiner Frauengeschichten den Papst nicht an. Er gründete als absoluter Herrscher seine eigene Kirche. Seitdem ist das englische Königshaus und damit der jeweils regierende Monarch für alle Zukunft Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Das ist bis heute so.
Wenn wir uns mit der Neueren Geschichte beschäftigen, gibt es auf Europa und die Weltkriege bezogen, sehr grob gesagt, zwei Ansätze. Die herrschende und bis heute bei akademischen Historikern immer noch gültige Lehrmeinung ist die, dass Deutschland die Alleinschuld an den beiden Weltkriegen trägt. Es ist kein Wunder, dass diese Auffasssung der Geschichte auch bei Nichtakademikern Teil der öffentlichen und veröffentlichten Meinung ist.
Willy Wimmer3 konstatiert, dass die Geschichte Deutschlands bis heute von den Alliierten geschrieben wird und damit eine Geschichte der Sieger ist, und zwar der Sieger des Ersten und des Zweiten Weltkrieges. Er meint damit, dass bis heute eine objektive, an den Fakten orientierte Geschichte noch nicht geschrieben werden durfte.
Es wäre sonst auch nicht möglich gewesen, dass Deutschland seine ihm nach dem Ersten Weltkrieg auferlegten Reparationszahlungen erst 2010 (!) ordentlich mit einer letzten Zahlung von 200 000 Euro an Frankreich beglichen hat.4 Nachdem also die deutschen Kriegsschulden durch verschiedene Gebietsabtretungen (etwa ein Drittel des Staatsgebietes ging an andere Staaten), gefolgt von Vertreibung der deutschen Bevölkerung, Zerstörung der Flotte, Beschlagnahmung von Industrie-Anlagen und Gütern usw. beglichen sind, zieren sich die Alliierten weiterhin hartnäckig, eine an den Fakten orientierte Geschichtsschreibung zuzulassen.
Darum war die Freude besonders in den deutschen Medien gross, als, gerade noch kurz vor dem hundertjährigen Weltkriegsjubiläum, 2013 das Buch von Christopher Clark mit dem Titel «Die Schlafwandler» erschien. Dieses Werk wurde als umfassend, eine neue Sichtweise versprechend gepriesen. Was 100 Jahre nach dem fürchterlichen Weltkrieg allerdings hier bei der Ursachenforschung zugelassen wird, ist alter Wein in neuen Schläuchen. Ein «schlafwandlerisches» Hineintorkeln in einen Krieg? Das ist unrealistisch. Kein Wort davon, dass dem Ersten Weltkrieg eine umfangreiche (nicht nur, aber vor allem) britische Planung vorausging. Der gefeierte Christopher Clark wurde dennoch von Königin Elisabeth II. für seine Sichtweise geadelt. Wozu und wofür wird erst bei der Lektüre langsam klar. Clark belehrt seine Leser, indem er behauptet, der Erste Weltkrieg sei kein Agatha Christie-Thriller und die Ermittler bei der Schuldsuche neigten dazu, die Aktionen der Entscheidungsträger als «geplant und von einer kohärenten Absicht getrieben zu konstruieren». Es gäbe «keinen bösen Plan» (!).
Alle, die sich die Mühe machen, dieses vor allem in Deutschland gelobte Buch bis Seite 716 durchzuarbeiten, erfahren dort allen Ernstes, «dass die vorliegenden Quellen eine derartige Argumentation [es gäbe einen solchen Plan] nicht erhärten».5 Da kann man sich nur fragen, was Christopher Clark auf seinem Schreibtisch liegen hat. Die vorliegenden Quellen …! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen, wo es in Deutschland bis heute selbstverständlich dazugehört, dass die Siegernationen mit ihren Panzern oder Jeeps durch die Lande fahren. Die Russen sind bereits abgezogen. Aber ohne dass nur der Hauch einer Empörung spürbar wurde, besuchte zum Beispiel der amerikanische Präsident Trump kürzlich die nach wie vor in Ramstein stationierten US-Truppen.
Peter Heisenko hat in einem Kapitel seines Buches «England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert» dieses Verdrängen der Geschichte – und damit auch der Gegenwart – als kollektiv- und sozialpsychologisches Phänomen der Deutschen treffend beschrieben.6 Er nannte es Nationalmasochismus.
Christopher Clarks «Die Schlafwandler» entpuppt sich als weitere «Spin-doctor»-Arbeit. Als Historiker bleibt er bei der 100 Jahre alten Lesart; er bemüht, wenn auch sprachlich geschliffen, die längst widerlegte «Fischer-Kontroverse», nach der deutsche Historiker nachweisen, dass die preussischen Militaristen vor dem Ersten Weltkrieg unbedingt diesen Krieg wollten. Er legt falsche Spuren und stellt das Britische Empire und seine Politik in harmlosestem Licht dar. Unmerklich wird der Leser durch Banalitäten oder schlüpfrige Schilderungen in den Bann gezogen.
Es gibt eine erdrückende Fülle von Einzelereignissen, die den Gesamtzusammenhang vermissen lassen. Das Elend der historischen Wissenschaften scheint auch hier, dass durch die beabsichtigte Fülle, Atomisierung und Marginalisierung von Ereignissen ein übersichtlicher Zusammenhang nicht oder nur ungenügend herausgearbeitet wird.
Demgegenüber sind Geostrategen wie zum Beispiel George Friedman, Berater von Obama und ehemaliger Chef des privaten Nachrichtendienstes Stratfor, in der Lage, komplexeste Zusammenhänge und angloamerikanische Militärdoktrin in nur dreizehn Minuten auf YouTube für Laien verständlich darzustellen: 100 Jahre amerikanische Geostrategie sei es, dass Deutschland und Russland nicht zusammengehen dürfen. Die USA würden auch in Zukunft Kriege führen. Die USA sollten sich ein Beispiel an den Briten nehmen, die liessen Kriege führen. Jetzt käme es auf Deutschland an! Deutschland sei noch unentschlossen.7 Wenn also gegenwärtig Deutschland auf dem Kontinent eine starke Führungsrolle zugeschrieben wird, sollten bei jedem Bürger die roten Lampen leuchten. Die Nato steht an der russischen Grenze.
Wenn Deutschland aber ein wirklich souveräner Staat werden möchte, muss seine Geschichte wahrheitsgetreu und ohne Tabus aufgearbeitet werden.
Darum möchte ich auf zwei neue Büchlein aufmerksam machen, die genau aus diesem Grund Beachtung verdienen.
Wolfgang Effenberger8 versteht es, als Vertreter einer den Fakten verpflichteten Geschichtsschreibung – und von der Quellenlage her den Ansprüchen professioneller Geschichtsschreibung mehr als genügend – den roten Faden in Kürze überzeugend darzustellen. Das heisst, diese Büchlein sind der umfangreich verwendeten Literatur wegen sowohl für weiterführende Forschung als auch für interessierte Laien ausgesprochen lesenswert.
Er zeigt auf, wer Ende des 19. Jahrhunderts ein Interesse an der Neuordnung Europas hatte, wer im Hintergrund die Lunten legte, ab wann dieser Krieg geplant, warum er für das britische Empire notwendig und wie die Planung umsichtig, perfide und fast nicht bemerkbar aufgegleist wurde. Welche Rolle Iswolski als Diplomat beim Papst bei der Vermittlung zwischen dem republikanischen Frankreich und dem zaristischen Imperium spielte. Und nicht zuletzt, welche Versprechen im Vorfeld vielen europäischen Staaten gemacht wurden, um ihnen eine Beteiligung an diesem Waffengang schmackhaft zu machen.
Der Papst zum Beispiel sollte wieder einen eigenen Staat bekommen. Russland wurden Istanbul und die so dringend benötigten Dardanellen angeboten. Frankreich sollte mit dem westlichen Teil von Afrika und Gebieten im Nahen Osten belohnt werden. Den Polen versprach man einen neuen Staat auf den Gebieten des Deutschen Reichs und Österreich-Ungarns, Italien die dalmatische Küste, Bulgarien …, Rumänien …, Ungarn … und so weiter. Um das Filetieren des Osmanischen Reiches kümmerten sich die Briten selber.
Was bei der Lektüre von Wolfgang Effenbergers Buch sehr klar wird: Es sind Menschen mit Motiven, die auch diesen Waffengang geplant und zur Ausführung gebracht haben. Diese Menschen haben Namen. Belegt ist, dass eine Gruppe um den «Prince of Wales», den späteren König Edward VII., bestehend aus britischem Hoch- und Finanzadel, 1887 den Plan fassten, Russland und Frankreich zu verbünden und gegen Deutschland einen Krieg anzufangen. Unmittelbar nach der Planung begann die geheime Diplomatie unter britischer Kontrolle ihre Arbeit.9
Wolfgang Effenberger nimmt in jedem dieser spannenden Büchlein den Leser mit auf die geopolitische Reise der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Bücher haben einen gut nachvollziehbaren roten Faden. Er stellt dabei verdienstvollerweise immer mal wieder an passenden Stellen den Bezug zur Gegenwart her und besticht durch viele Literaturangaben.
Er beschreibt die Rolle der amerikanischen Hochfinanz, speziell die des Bankhauses J.P. Morgan, während des Krieges und warum der Verlauf des Ersten Weltkrieges für die USA, als neutralen Staat wohlgemerkt, die Gelegenheit war, sich fortan mit britischem Know-how als einzige Weltmacht zu positionieren. Arthur Ponsonby und die (noch immer gültigen) Prinzipien der Kriegspropaganda runden die Büchlein ab.10
Auch heute rieseln täglich Feindbilder über verschiedene Kanäle in unsere Köpfe. Tatsächlich wird über diese Lektüre jeder von uns eingeladen, darüber nachzudenken, wie in dieser alles andere als friedlichen Welt der Beitrag der Bürger zu einer nachhaltigen Friedensstiftung aussehen könnte. •
1 Nicholson, Harold. Friedensmacher 1919. Berlin 1934. Harold Nicholson musste in Versailles als britischer Staatsekretär von Aussenminister Sir Edward Grey die in immer neu auftauchenden geheimen Verträgen ausgehandelten Grenzverschiebungen kartographieren.
2 Hervorragend dargestellt in: Munier, Gerald. Thomas Morus, Urvater des Kommunismus und katholischer Heiliger, VSA, Hamburg 2008, S. 136 f. sowie der Originaltext: Morus, Thomas. Utopia – Lateinisch/Deutsch, Stuttgart 1964, S. 129 ff
3 Wimmer, Willy. Deutschland im Umbruch. Höhr-Grenzhausen 2018, S. 133
4 Kellerhoff, Sven Felix. Deutschlands Reparationszahlungen laufen aus. In: «Die Welt» vom 28.09.2010.
5 Clark, Christopher. Die Schlafwandler. München 1912, S. 716
6 Heisenko, Peter. England, die Deutschen, die Juden und das 20. Jahrhundert. München 2010, S. 297 ff
7 Friedman, George. Rede beim Chicago Council on Foreign Relations Anfang 2015, You Tube
8 Effenberger, Wolfgang. Europas Verhängnis 1914/18, Die Herren des Geldes greifen zur Weltmacht. Höhr-Grenzhausen, Mai 2018
9 Riemeck, Renate. Mitteleuropa – Bilanz eines Jahrhunderts. Freiburg 1965
10 Effenberger, Wolfgang. Europas Verhängnis 1914/18, Kritische angloamerikanische Stimmen zur Geschichte des ersten Weltkrieges. Höhr-Grenzhausen, November 2018
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