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Es war kurz vor Ostern. Ein kleines Büchlein erreichte mich, eingepackt in ein wattiertes Couvert. Ich packte es sorgfältig aus, betrachtete es kurz, las, dass der Text von einem Hans Moehrlen stammt, dass es den Titel „Zwischen zwei Welten“ trägt, eine Novelle und ein „Reprint of the Original from 1942“ ist. Ich legte es beiseite, auf den Pendenzenberg, den ich in der nächsten Zeit abzutragen ins Auge fasste.
In der letzten Woche ist es mir beim Bemühen, doch noch Herr der Pendenzen zu werden, in die Hände gefallen. Erst jetzt fiel ein kleines Bild aus dem Büchlein, quasi ein ganz kleiner, zusammengefalteter vierseitiger Werbeprospekt. Auf der Frontseite oben in angemessen grossen Lettern „Wählt Landesring“, darunter das Bild eines Mannes mit einem offenen Gesicht, ein ganz leichtes Lächeln um den Mund und unter dem Bild die Bemerkung, wer zu wählen ist: „Dr. med. Hans-Martin Sutermeister in den Gemeinderat“. Im Inneren, auf der zweiten Seite, steht in zierlicher Schrift: „Sehr geehrter Herr Schaller, Frohe Ostern und eine spannende Lecture der autobiografischen Novelle meines Grossvaters, 1942 unter Pseudonym veröffentlicht, wünscht Ihnen
Paul Sutermeister.
Ich lege es wiederum beiseite, diesmal im Schlafzimmer auf den Beitisch, dort, wo ich hinlege, was ich nächstens zu lesen gedenke. Ich mache mir ein paar Gedanken, es könnte so eine Geschichte zur ehemalig stolzen Migros- oder Dutti- Partei sein, die ich 1999 – wahrscheinlich zu früh - zu Grabe getragen habe. Immer noch erfasst mich etwas Wehmut, wenn ich daran erinnert werde. Möglicherweise will der Enkel des Verfassers, der mir den Ostergruss sandte, gerade das erreichen. Doch es vergingen wieder ein paar Tage, bis ich zum kleinen Büchlein griff. Eigentlich wollte ich endlich die kleine Broschüre „Empört Euch" vom 93-jährigen Stéphane Hessel lesen, dem deutsch-französischen Diplomaten in französischen Diensten, der mit dem Satz „Neues Schaffen heisst Widerstand leisten, Widerstand leisten heisst Neues schaffen“ Aufsehen und höchste mediale Präsenz schuf. Ich finde es nicht auf Anhieb, greife zum besagten Büchlein „Zwischen zwei Welten“.
Bereits bei den zwei ersten Sätzen merke ich erstaunt, dass es sich nicht um den Landesring handeln kann. „Wenn Martin sich seiner Kindheit erinnert, so lag sie hinter ihm wie ein leuchtender Silberstreifen am Horizont, über den seither schwere Wolken aufgezogen waren.“. Und: „Den meisten Menschen geht es ja so, dass ihnen die Jugendzeit hinterher irgendwie verklärt vorkommt.“
Ich tauche in den hervorragend verfassten Text ein, er lässt mich nicht mehr los. Eine spannende Familiengeschichte wird da ausgebreitet und schonungslos aufbereitet, die sich vor dem Zweiten Weltkrieg in einem untadeligen Bürgerhaus im schweizerischen Mittelland abgespielt hat. Die Geschichte ist schnell erzählt. Martin wächst in einer Pfarrersfamilie auf, wie Christoph Blocher, wie Moritz Leuenberger. Die Sitten im Haus sind streng. Die Kinder haben eines vor den Eltern: viel Achtung, vor allem Respekt. Dafür erhalten sie wenig Liebe, kaum Zärtlichkeiten. Die Kinder sind artig. In der Schule die Besten, der Bruder ist gar vollkommen, angepasst, die Schwester nicht minder. Einzig Martin fällt etwas auf, er rebelliert, wenn auch nur ein wenig. Die beiden Söhne studieren, beide Medizin, die Schwester spielte schon als Jugendliche in der Kirche die Orgel. Der ältere Bruder kommt nach dem Studium mit dem Leben, trotz allem, trotz des erfolgreich absolvierten Studiums, nicht zurecht, er nimmt in den Bergen Abschied vom Leben. Die Schwester heiratet einen Beamten, führt ein unauffälliges Leben. Martin schert aus, unterbricht das Studium, nimmt Abschied vom Eltern-, vom Pfarrhaus, sucht den Kontakt zum einfachen Leben, zu den einfachen Menschen, sucht das Leben. Er versucht sich als mittelmässiger Geiger, kommt in einem Hotelorchester trotz bescheidenem Musikertalent unter, schliesst sich einer reisenden Musikkapelle an, sucht den Kick, sucht das, was das Leben in der Welt alles zu bieten hat: Wein, Weib und Gesang.
Doch in einer Stadt mit einer Universität tritt er doch wieder durch Pforte ein in die Wissenschaft, beendet das Studium, wird ansässig, wird Familienvater, Politiker, findet die Balance zwischen den zwei Welten, wird Landesring-Politiker, fühlt sich darin wohl, zwischen den Parteien von links und rechts.
Ich hab das Büchlein in einem Tag gelesen. Der Enkel des Autors wünschte mir „eine spannende Lecture“. Ich habe die Novelle genossen, war erstaunt über den hohen literarischen Wert. Ich habe mich erinnert. Obwohl kein Wort vom Landesring in der Novelle steht, ist die Wehmut an die vergangene Partei nicht gewichen. Im Gegenteil.

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