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Die amerikanische Eliteuniversität Harvard ist in eine Führungskrise geraten. Am 15. März entzog der Fakultätsrat für Wissenschaft und Kunst dem Uni-Präsidenten Larry Summers das Vertrauen. Grund für das drastische Verdikt ist Summers’ autoritärer Führungsstil und in zweiter Linie eine sexistische Bemerkung in einem Referat, wonach die Untervertretung von Frauen in den Naturwissenschaften und im Ingenieurwesen teilweise auf angeborene Geschlechterdifferenzen zurückzuführen sei.
Konkrete Konsequenzen hat das erstmals in der langen Geschichte Harvards ausgesprochene Verdikt allerdings keine. Summers kann auch ohne das Vertrauen des Fakultätsrates weiterregieren, denn als akademisches Gewissen der DozentInnenschaft hat der Rat im operativen Bereich nichts zu sagen. Entlassen werden könnte Summers nur vom obersten universitären Führungsgremium, der Harvard Corporation, und dieses billigt seinen bulligen Führungsstil auch weiterhin. Für die sexistische Bemerkung, die besonders unter den (wenigen) Harvard-Professorinnen und -Studentinnen für einen Sturm der Entrüstung sorgte, musste sich Summers entschuldigen.
Die siebenköpfige Harvard Corporation ist die Verkörperung der elitären, ja feudalen Machtstrukturen der ältesten Universität der USA. Die Corporation wählt ihre Mitglieder selber, ernennt den Präsidenten und verwaltet das 22,6-Mrd.-Dollar-Riesenvermögen der weltweit reichsten privaten Bildungsinstitution. Zurzeit sitzen beispielsweise der Investmentbanker und ehemalige US-Finanzminister Robert Rubin und der Investmentbanker James F. Rothenberg in der Corporation. Zurücktreten musste Herbert Winokur, Verwaltungsrat der Skandalfirma Enron.
Vor vier Jahren berief die Harvard Corporation den Ökonomen Summers zum Präsidenten. Summers, ein führender Exponent der neoliberalen Globalisierung, war zuvor Uni-Professor, später Chefökonom der Weltbank und schliesslich Finanzminister in der Clinton-Regierung.
Mit der Berufung eines aggressiven Marktfundamentalisten leitete Harvard eine Grossoffensive auf den globalisierten Bildungsmärkten ein. Nach der weltweiten Gleichschaltung der universitären Ausbildungsgänge auf das angloamerikanische Bachelor/Masters-System will Summers jetzt die akademische Handelsmarke Harvard global kommerzialisieren. «Die Universität», so Summers, «soll spezifischen Lehrstoff zum hausinternen und potenziell auch externen Gebrauch entwickeln.» Dahinter steckt die Idee, dass zukünftig nicht nur US-StudentInnen pro Jahr 42000 Dollar dafür bezahlen sollen, dass sie für ihren BA, MA oder PhD Harvard-Lehrstoff büffeln dürfen, sondern darüber hinaus auch StudentInnen auf der ganzen Welt. Auf den Spuren von Starbucks und McDonald’s träumt Summers davon, sein Bildungslabel mit einer Kette von Franchise-Universitäten zu globalisieren und das Harvard-Examen als Billett in eine amerikafreundliche globale Oberklasse zu etablieren.
An ihren Taten sollt ihr sie erkennen. Summers’ konkrete Aktivitäten geben Hinweise darauf, wie man sich einen solchen globalisierten Harvard-Lehrstoff inhaltlich vorzustellen hat. Gleichzeitig wird deutlich, dass die Erarbeitung dieses Curriculums auf einigen Widerstand stösst.
Als Summers mit der Wiedereinführung der seinerzeit als Reaktion auf den Vietnamkrieg abgeschafften Reserveoffiziersausbildung den Harvard-Campus remilitarisierte, murrten nicht nur die PazifistInnen. Als er sich mit seiner afroamerikanischen Abteilung verkrachte und einen schwarzen Star-Professor mobbte, bekam er schlechte Presse im ganzen Land. Als er eine israelkritische Initiative zur Desinvestition von Harvard-Geldern in Israel mit dem Hinweis abklemmte, «das sei faktischer Antisemitismus, auch wenn es nicht so gemeint sei», erntete der erste jüdische Harvard-Präsident Kritik wegen Unterdrückung des Rechtes auf freie Meinungsäusserung.