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Keiner schweigt so beredt wie der US-amerikanische Schauspieler Harry Dean Stanton. In ihrem Porträtfilm «Harry Dean Stanton. Partly Fiction» bringt ihn die Bernerin Sophie Huber zum Singen und taucht in die Tiefe seiner Seele.
«Do I have any lines?», fragt seine Stimme ins Dunkel des Vorspanns: Wie lautet mein Text? Und kurz darauf halb verunsichert, halb mit dem Mythos kokettierend: «Wie wärs mit Stille? Ich rede nicht gerne.» Dann erst, nach einem nächtlichen Blick über die flirrenden Lichter von Los Angeles, sieht man Harry Dean Stanton. Sein Name sagt vielen wenig, aber sein Gesicht haben die meisten schon gesehen. In Filmen, die man nicht so schnell vergisst wie den Namen des ewigen Nebendarstellers. Er war der angsterfüllte Bordmechaniker in Ridley Scotts «Alien» (1979), der im gespenstisch leeren Raumschiff nach einer Katze sucht und allein schon damit den Atem des Kinopublikums ins Stocken bringt. Er war der Detektiv in David Lynchs «Wild at Heart» (1990), der sich aus Liebe dazu bringen lässt, die Liebe von Lula und Sailor zu hintertreiben. Und er war der Mann mit den kurzen, knappen Sätzen in über 200 Filmen, denen er seine schlaksige Erscheinung geliehen hat. Zuletzt in Martin McDonaghs «Seven Psychopaths» (2012), wo Stanton zu einem illustren Ensemble zahlreicher prominenter NebendarstellerInnen gehört.
Seine berühmteste Rolle war zugleich seine einzige echte Hauptrolle. Aber auch da sagt Stanton nicht viel, sondern ist einfach da: In «Paris, Texas», mit dem Wim Wenders 1984 in Cannes die Goldene Palme gewann, stolpert er sprachlos durch die Wüste. Ein Mann ohne Gedächtnis, der sich langsam seine Vergangenheit zurückerobert, nur um am Ende auf eine glückliche Zukunft zu verzichten.
Texmex-Songs von Harry Dean
Da sitzt er nun auf seinem Sofa, blinzelt etwas verlegen und dabei doch mit der Attitüde des alten Hollywoodstars in die Kamera von Sophie Huber und sagt nichts. Oder jedenfalls nicht viel. Und damit in paradoxer Weise viel mehr, als er mit langen Geschichten erzählen könnte.
Huber, die Bernerin, die seit zwanzig Jahren zeitweise in Los Angeles lebt und den Protagonisten ihres Porträts fast ebenso lange kennt, zeigt die Gespräche und Beobachtungen in Stantons mit Souvenirs gefülltem Haus in kargen Schwarz-Weiss-Einstellungen. Dazwischen schneidet sie Szenen aus seinen berühmtesten Filmen und – farbige – Bilder einer Autofahrt durch die Nacht, die in Stantons Stammkneipe endet, wo der Barkeeper ein paar Anekdoten zum Besten gibt.
Huber lässt sich und ihrem Protagonisten Zeit, vor allem aber lässt sie ihn singen. Schon immer tingelte Stanton mit seiner Band durch die Bars rund um L. A. und sang romantische Folk- und Texmex-Songs. Trotz mehrerer Angebote nahm er aber nie eine Platte oder CD auf. Schade eigentlich, denn in den Liedern offenbart sich ein sensibler Musiker, der auch Zuhörende in seinen Bann zu schlagen versteht, die sonst dieser Musik wenig abgewinnen können. Es sind sehnsuchtsvolle Balladen, die nur deshalb nicht kitschig wirken, weil Stanton sie so innig und ehrlich interpretiert. Wenn er singt, zerbrechlich wie einst Chet Baker, ist er genauso wahrhaftig wie in seinen Filmrollen, die genau deshalb immer so unmittelbar berühren, weil sie nie gespielt wirken. Es passiert quasi zwischen den Zeilen: Immer dann, wenn nichts geschieht, spiegelt sich in seinen Augen der ganze Schmerz, der ganze Stolz des einsamen Mannes, als der er meist besetzt wird.
Er sei ein «Loner», bestätigt Stanton in einem der leise und mit einem spöttischen Unterton geführten Interviews, die Huber als klugen Schachzug manchmal auch Stantons Freunden überlässt. David Lynch, mit dem er neben «Wild at Heart» auch «The Straight Story» (1999) und vier weitere Filme gedreht hat, frotzelt mit Stanton auf dem Sofa über Kaffeequalitäten («damn good coffee») und seine zahllosen Liebschaften. Aber auch über seine Beziehung zu Rebecca De Mornay, die ihm «das Herz gebrochen» habe, als sie ihn für Tom Cruise verliess. Stanton sieht sich allerdings lieber als «Womanizer» und Freigeist, der sich nie festlegen wollte und letztlich nur deshalb alleine blieb.
Deborah Harry, die einst als «Blondie» sang: «I want to dance with Harry Dean», lässt anklingen, dass sie tatsächlich mehr als nur mit dem Schauspieler tanzen wollte. Und Kris Kristofferson, der Stanton seine Zweitkarriere beim Film verdankt, erinnert sich mit ihm an die wilden Zeiten in der Villa von Jack Nicholson, der noch heute zu Stantons engsten Freunden gehört.
Wie ein Chamäleon
Ähnlich wie in den Filmen des heute 86-jährigen Stanton entsteht so wie nebenbei das Bild eines Menschen, der sich einem Chamäleon gleich in die Atmosphäre seiner Umgebung einpassen kann. Und über das Schauspielerporträt hinaus entwickelt sich in Hubers Film eine Reflexion über die Kunst der Interpretation zwischen Selbstaufgabe und Stargehabe. Das sensible Porträt ist zwar die erste eigene Regiearbeit von Sophie Huber – übrigens eine Schwester der bekannten Tänzerin Anna Huber –, doch diese ist im Filmgeschäft kein Neuling. Nach ihrer Ausbildung am Lee Strasberg Institute in Los Angeles war sie in Berlin als Schauspielerin, Koautorin, Koregisseurin und Komponistin für verschiedene Projekte aktiv. Mit ihrem einfühlsamen und geradezu musikalisch komponierten Dokumentarfilm, der bereits eine beachtliche Festivalkarriere hinter sich hat, tritt sie nun erstmals ins Rampenlicht einer grösseren Öffentlichkeit. Man freut sich und darf durchaus gespannt sein, ob sich Huber damit als neues Talent am Schweizer Dokumentarfilmhimmel etablieren kann.