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Philharmonische Königinnen
Basel (Musiksaal des Stadtcasinos), Genf (Victoria Hall), Luzern (KKL), Zürich (Tonhalle); europaweit in Essen (Philharmonie), Dresden (Kulturpalast), Duisburg (Philharmonie Mercatorhalle), Hamburg (Elbphilharmonie), Kopenhagen (Koncerthuset), Neubrandenburg (Konzertkirche St. Marien), Paris (Auditorium Radio France und Philharmonie), Salzburg (Mozarteum), Wien (Musikvereinssaal).
Auf dem Lettner oder ebenerdig steht die Orgel in der Kirche. Im Konzertsaal thront sie über dem Orchesterpodium. Sie wird neuerdings vom fahrbaren Spieltisch aus mit elektrischer Traktur oder vom angebauten Spieltisch mit mechanischer Traktur gespielt, solistisch oder als Begleitinstrument für Chöre und Orchester. Die Konzertsaalorgel ist eine eigene Gattung. Ihre Disposition mit 70 und mehr Registern, auf drei bis vier Manuale und Pedal verteilt, ist multifunktional ausgelegt mit tragenden Grundstimmen, krönenden Mixturen, starken Zungenregistern. Die Spieltraktur ist digitalisiert mit einem modularen SPS-Bussystem, das per Touchscreen Display schier unbegrenzte Voreinstellungen ganzer Konzertprogramme ermöglicht.
Eine Saalakustik mit Nachhallzeiten von um die zwei Sekunden und damit einem wesentlich kürzeren Nachklang als etwa eine gotische Kathedrale fordert ein präsentes Klangbild. Die Konzertsaalorgel muss eine Hundertschaft an instrumentalen und vokalen Stimmen übertönen können. Von der Orgelbank auf dem Podium gesteuert, entfacht das Instrument Klangzaubereien vom Säuseln bis zum Sturm in Schalldruckgrössen von wenigen bis über hundert Dezibel.
Konzertsaalorgeln sind wieder in Mode gekommen, nachdem sie fast nur noch als zentral positionierte Prospekt-Attrappen die traditionellen Säle geschmückt hatten. Eigentliche Konzertsaalorgeln sind auch die Instrumente an den Konservatorien und Musikhochschulen. Oft sind Saalorgeln schlecht gewartet, selten gestimmt, ihre Trakturen ausgeleiert. So bekommt man die Orgeln im Amsterdamer Concertgebouw, dem Prager Smetana-Saal oder im Jugendstil-Palau de la Musica von Barcelona nur selten zu hören. Sie scheinen sich an ihr Dornröschendasein gewöhnt zu haben.
Von Neubrandenburg bis Kopenhagen
Erst bei Neu- oder Umbauten der Kulturhäuser besinnt man sich wieder auf die Funktion einer Konzertorgel. 2004 baute die Firma Kuhn Männedorf für die Philharmonie Essen eine Orgel mit 62 Registern und 4502 Pfeifen auf drei Manualen und Pedal. Horizontal aus dem Prospekt ragen die 61 Pfeifen des 8-Fuss-Hauptwerk-Registers «Tuba en chamade» heraus. Die Traktur des Spieltisches auf der kleinen Empore ist mechanisch, diejenige des fahrbaren Spieltischs auf dem Podium elektrisch.
2009 baute die Firma Eule aus dem ostdeutschen Bautzen die Orgel in der Philharmonie Mercatorhalle Duisburg im Stil einer englischen Townhall-Orgel. Im Vereinigten Königreich des 19. Jahrhunderts wurde die Tradition populärer Saal-Orgelkonzerte gepflegt. So gab William Thomas Best, der 1871 die Orgel im Crystal Palace eingeweiht hatte, in der St. George’s Hall zu Liverpool virtuose Orgelpiecen zum Besten. Noch heute wird die Orgel der Londoner Royal Albert Hall bei den spektakulären Proms Concerts gefeiert. Als Vorbild der Duisburger Konzertorgel dienten die Orgeln der Kinnaird Hall im schottischen Dundee (Harrison&Harrison 1923) und der Usher Hall zu Edinburgh (Norman&Beard 1913). Klanglich aufgefächert und breitbandig voluminös klingt die Mercatorhallenorgel mit ihren 72 auf vier Manuale und Pedal verteilten Stops.
2010 baute die Vorarlberger Firma Rieger im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins eine Orgel mit 6138 Pfeifen und 81 Registern im historischen Prospekt der ersten Orgel, 1872 gestaltet vom Weissenfelser Friedrich Ladegast. Und im gleichen Jahr baute Eule Bautzen im Saal des Mozarteums Salzburg eine dreimanualige Orgel mit 51 Registern und mechanischer Traktur.
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- Foto: Rieger-Orgelbau
91 Register, auf vier Manuale und Pedal verteilt, hat die 2009 von Orgelbouw Van den Heuvel (Dordrecht) französisch disponierte Orgel im 2000 Plätze fassenden Koncerthuset Kopenhagen. Die drei Werke Positif, Récit und Solo expressif sind in Schwellkästen eingebaut, um ihre Klänge abgestuft zu mischen. Im Positif als eine Art spanische Trompete herausragend ist das Cor Harmonique, während Tuba Mirabilis und Tuba Magna nach englischem Vorbild intoniert sind.
Gleich zwei neue Konzertsaalorgeln entstanden in Paris: die 2014 von Gerard Grenzing mit Sitz in El Papiol bei Barcelona erbaute Orgel im Auditorium Radio France mit 86 Registern und 5320 Pfeifen sowie in der 2500 Plätze fassenden Philharmonie die 2015 von der Vorarlberger Firma Rieger erbaute, von Michel Garnier intonierte Orgel mit 6055 Pfeifen und 91 auf 4 Manuale und Pedal verteilten Registern.
Die Orgel in Hamburgs Elbphilharmonie hat 2017 die Bonner Orgelbauwerkstatt Johannes Klais errichtet. Die Pfeifenreihen des offenen, quadratischen Prospekts (15 x 15 Meter) sind über drei Etagen angeordnet. Zum Anfassen sind die Prospektpfeifen speziell beschichtet. Die 4765 Pfeifen und die 69 Register sind vier Manualen (Chorwerk, Hauptwerk, Schwellwerk, Solowerk) und Pedal zugeordnet. Aus der Höhe des Akustik-Reflektors strahlt das Fernwerk mit vier kräftigen Zungenregistern über die Weingärten des Rundherum-Konzertsaals. Die Klais-Orgel kann am angebauten Spieltisch in der Höhe mit mechanischer Traktur oder vom fahrbaren Spieltisch auf dem Podium mit elektrischer Traktur gespielt werden.
Dresden hat seinen Kulturpalast aus DDR-Zeiten mit einem neuen, 1800 Plätze fassenden Konzertsaal und einer 2017 von Hermann Eule Bautzen ebenfalls nach dem Prinzip der englischen Town Halls konzipierten Orgel ausgestattet. Die 4109 Pfeifen der 67 Register sind auf vier Manuale und Pedal verteilt und mit elektrischer Traktur am mobilen Spieltisch zugeordnet.
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- Foto: Martin Döring
Zur 800-plätzigen Konzertkirche ist die backsteinerne Marienkirche in Neubrandenburg umgebaut worden. Hinter einem bis 12 Meter hochragenden Holzprospekt haben die Firmen Karl Schuke, Berlin, und Johannes Klais, Bonn, gemeinsam die im Juli 2017 eingeweihte Orgel gebaut. Ihre 2852 Pfeifen sind auf 70 Register, vier Manuale und Pedal verteilt und an zwei Spieltischen spielbar.
Von Genf bis Zürich
Nach dem Brand der 1894 erbauten Victoria Hall Genf im September 1984 musste auch die Orgel neu gebaut werden. Die holländische Firma Van den Heuvel baute ein Instrument mit 71 Registern auf vier Manualen und Pedal im Stile eines Aristide Cavaillé-Coll. Die 1992 über der Konzertbühne thronende Orgel hat eine mechanische Traktur, die mit einer pneumatischen Spielhilfe (Barker-Hebel) ausgestattet ist.
In der vom Architekten Jean Nouvel und dem Akustiker Russell Johnson entworfenen Salle blanche des KKL Luzern hat die Firma Goll, Luzern, im Sommer 2000 eine Orgel mit 66 Registern auf vier Manualen und Pedal eingebaut. Seit Herbst 2017 kann sie auch am Spieltisch auf dem Podium gespielt werden.
Basel bekommt im Sommer 2020 im Musiksaal des umgebauten Stadtcasinos eine von Metzler, Dietikon, erbaute Orgel und in die Tonhalle am See in Zürich kommt ein Instrument von Orgelbau Kuhn [siehe Artikel von Rudolf Meyer - Link].
Zu erwarten ist, dass die Konzertsaalorgeln des 21. Jahrhunderts ihre Zeit länger überdauern als ihre Vorgängerinnen aus dem 20. Jahrhundert. Geradezu beneidenswert sind die historischen Monumente des 18. und 19. Jahrhunderts. Ihre Pfeifen und Materialien, ihre Trakturen und Mechaniken sind so wertbeständig, dass sie als klingende Kunst-Werke der Nachwelt erhalten bleiben. Die Beherrschung der Raumakustik, von geschlossenen Gehäusen und ihrer allseitigen Abstrahlung zeugen von der einstigen Orgelbaukunst.
Die Pfeifenreihen der modernen Orgeln stehen frei oft wie Zinnsoldaten in Reih und Glied auf ihren Laden und präsentieren sich, gar farbig angestrahlt, dem Publikum als Son-et-Lumière-Spektakel. Showtime ist dann angesagt, wenn die Königin wie im Zirkus ihre virtuosen Volten in dressierten Figuren vorführen soll. Da wünschte man sich schon fast die Zeiten zurück, da die Orgel spielte und der Organist hinter dem Rückpositiv seine Gefährtin mit Händen und Füssen sanft streichelte oder liebevoll schlug: toccare l’organo.