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Video-Buchtipp
In einer stillen Bucht
Sommer, Ferien, Reisezeit. In meiner literarischen Sommerserie entführe ich Sie mit einer Reihe von spannenden Romanen und Krimis an interessante Orte auf der ganzen Welt. Diese Woche geht es nach Capri, der traumhaft-schönen Insel im Golf von Neapel. Hier, an der Cala del Fico, wird auf einem unzugänglichen Felsen am Meer ein Koffer mit einem grausigen Inhalt gefunden: Im Koffer steckt die Leiche einer Frau. Enrico Rizzi von der Polizei der Insel und seine Kollegin Antonia Cirillo nehmen die Ermittlungen auf und verstricken sich bald in den Aussagen rund um die Frau im Koffer. Zwar übernimmt rasch die Mordkommission von Neapel die Leitung der Ermittlungen aber Neapolitaner haben ja keine Ahnung, wie es auf Capri zu und hergeht. Rizzi und seine Kollegen auf der Insel bleiben deshalb dran. In meinem 112. Buchtipp sage ich Ihnen, warum sich die literarische Reise auf die Insel Capri lohnt.
Die Insel Capri ist bekannt für ihre Grotten: Höhlen im Kalkstein der Insel, die nur vom Wasser aus zugänglich sind. Die bekannteste der Grotten ist die Grotta Azzurra im Nordwesten der Insel. Ähnlich schön ist die Grotta Bianca im Südwesten. Etwas südlich von dieser Grotte befindet sich die Punta del Massullo, dahinter öffnet sich eine kleine Bucht, die nur vom Meer aus zugänglich ist. Von hier aus hat ein Notruf die Polizeistation von Capri erreicht.
«Der Anrufer, Marcello Perasole, war der Sohn des mittlerweile auch schon verstorbenen Fischers Vittorio Perasole. Er hatte den Kutter seines Vaters so umgebaut, dass er damit nicht mehr zum Fischfang rausfuhr, sondern Inselumrundungen für Touristen machte, womit er wahrscheinlich in einem Sommer hundertmal mehr verdiente als der Vater seinerzeit mit dem Fischfang über das ganze Jahr. Marcello Perasole gehörte mit den anderen Männern seiner Zunft zu den Menschen, die den Blick von aussen auf die Insel hatten und denen dadurch fast schon so eine Art Wächterfunktion zukam. Sie meldeten regelmässig, wenn sie etwas an der Küste und den Steilhängen sahen, das da nicht hingehörte.» (S. 15) Deshalb hatte der ehemalige Fischer den Koffer mit der Leiche entdeckt und Enrico Rizzi alarmiert.
Rizzi ist auf Capri aufgewachsen und wohnt mit seinen Eltern und seiner Freundin in einem kleinen Bauernhof auf der Insel. Nach Feierabend legt er Auberginen ein, erntet Oliven oder produziert Tomatensauce für den Eigengebrauch. Er kennt die Insel wie seinen eigenen Garten und weiss deshalb sofort, dass die Frau nicht von Capri stammt. In der Rocktasche der Toten findet Rizzi einen Kugelschreiber des Hotels La Principessa. Im Hotel beginnen Rizzi und seine Kollegin denn auch mit den Ermittlungen.
Faszinierend an dem Roman ist der Alltag in Capri und Neapel, den Luca Ventura uns darin vermittelt. Die ermordete Frau im Koffer war die Direktorin des Konservatoriums von Neapel. Deshalb führen die Ermittlungen auch aufs Festland mitten in die Stadt Neapel. Die Perspektive wechselt dabei zwischen dem Blick über die Schultern von Enrico Rizzi, dem eingeborenen Caprese, und von Antonia Cirillo. Sie ist Norditalienerin und wurde nach Capri strafversetzt. Durch ihre Augen sehen wir Capri und Neapel quasi von aussen. Wir wundern uns mit ihr über die Insulaner, ihr südliches Temperament und die Touristen.
Das Reizvolle an Regionalkrimis, die an Touristenorten spielen, ist die Möglichkeit, die Orte unserer Sehnsucht mit den Augen von Einheimischen zu sehen und Einblick in ihren Alltag zu erhalten. Auch die Capri-Krimis von Luca Ventura bieten diese Möglichkeit. Darüber hinaus strahlen die Bücher aber eine grosse Gelassenheit und süditalienische Sinnlichkeit aus. Und das macht sie zur perfekten Ferienlektüre.
Luca Ventura: In einer stillen Bucht. Der Capri-Krimi. Diogenes, 352 Seiten, 21 Franken; ISBN 978-3-257-30090-1
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257300901
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Basel, 12. Juli 2022, Matthias Zehnder
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