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Chur (sda/ots) Graubünden, der gebirgigste und grösste Kanton,
gilt als kleine Schweiz. Eine Schweiz im Miniformat ist das
Bündnerland auch sprachlich und in der Sprachenpolitik - ein
klassischer Sonderfall.
Ein Viehmarkt irgendwo in Graubünden. Mehrere Bauern sind
vertieft in ein Wörterbuch. "Manchmal verstehen wir Bündner uns
selbst nicht", lautet der Kommentar zum Reklamebild für Ferien in
Graubünden.
Das Plakat hat durchaus Realitätsbezug. Unterschiedliche Idiome
sprechende Rätoromanen aus dem Bündner Oberland und dem
Unterengadin benutzen bisweilen das Deutsche, um sich zu
verständigen. Es ist wie bei Ostschweizern und Westschweizern, die
sich des Englischen bedienen, wenn sie sich sonst nicht verstehen.
Einziger dreisprachiger Kanton
Graubünden ist der einzige dreisprachige Stand. Deutsch,
Italienisch und Rätoromanisch sind die Kantonssprachen. Die
Dreisprachigkeit wird überlagert von nicht weniger als fünf
rätoromanischen Idiomen, die wegen eigener grammatikalischer Regeln
mehr sind als blosse Dialekte.
Zusätzlich kompliziert die einheitliche Schriftsprache Rumantsch
Grischun die Sprachenlandschaft. Die Einheitssprache, als Mittel
zur Rettung der erodierenden vierten Landessprache geschaffen, soll
bald in den Schulen unterrichtet werden, was umstritten und ein
hochbrisantes Sprachpolitikum in der Rumantschia ist.
Unikum bald auch in der Frühfremdsprache
Ein Unikum ist der Sprachenunterricht in den Schulen ohnehin.
Italienisch ist in Deutschbünden seit 1999 Frühfremdsprache ab der
vierten Primarklasse. Der Kanton Uri führte Italienisch ab der
fünften Klasse im Jahre 1994 ein, wechselt aber ab dem Schuljahr
2005/06 auf Englisch.
Solch ein Wechsel ist nicht vorgesehen. Englisch soll auch
nicht, wie von der Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK) empfohlen,
als zweite Fremdsprache in der Unterstufe eingeführt werden. Die
Bündner Regierung will zuerst Erfahrungen mit dem Sprachenfächer
sammeln und sich punkto zweite Fremdsprache alle Optionen
offenhalten.
Englisch unverzichtbar
Italienisch als Frühfremdsprache hat das Konzept für den
Sprachenunterricht an der Volksschul-Oberstufe von der siebten bis
zur neuten Klasse präjudiziert. Weil der Italienischunterricht
fortgeführt werden sollte und die Weltsprache Englisch als
unverzichtbar galt, fiel das Französische durch die Maschen und
wurde zum Freifach zurückgestuft.
Die Nachfrage von Schülerinnen und Schülern nach Französisch
hält sich sehr in Grenzen, wie Erfahrungen zeigen. Das hat nichts
mit Abneigung zu tun. Der Grund liegt vielmehr bei der schon
grossen Belastung durch andere Schulfächer.
Ohne Franz-Obligatorium
Bricht der Kanton am Südostzipfel der Schweiz deshalb weg von
der Romandie? "Was heisst von der Romandie? Graubünden bricht weg
vom Rest der Schweiz", meint Sandro Steidle, Französischlehrer an
der Kantonsschule in Chur. Graubünden sei der einzige Kanton ohne
obligatorischen Französischunterricht an der Volksschule.
Steidle wollte das Steuer herumreissen. Eine von ihm
mitinitiierte Volksinitiative zur Aufwertung des Französischen als
Wahl-Pflichtfach an der Oberstufe wurde von der Regierung heftig
bekämpft und an der Urne abgelehnt.
Nachteile beim Kantonswechsel
Das Sprachenkonzept an der Bündner Volksschule benachteiligt
Schülerinnen und Schüler, die in einen anderen Kanton wechseln. Es
kann Eltern mit Kindern aus anderen Kantonen davon abhalten,
Wohnsitz in Graubünden zu nehmen. "Das hätte nicht sein müssen",
bedauert Steidle.
Auch im ausserkantonalen Arbeitsmarkt können junge Bündnerinnen
und Bündner Probleme bekommen - in der kaufmännischen Branche etwa.
Peter Massüger, Konrektor an der Wirtschaftsschule KV Chur, sieht
Schwierigkeiten, wenn junge Berufsleute eine Stelle suchen, da
Französischkenntnisse im Rest der Schweiz weit häufiger als in
Graubünden verlangt werden.
Italienisch keine Bedrohung
Regierungsrat Claudio Lardi, aus dem italienischsprachigen
Puschlav stammend, kann sich in der Sprachenpolitik auf
einschlägige Volksentscheide berufen. Aus dem Welschland seien ihm
wegen der Rückstufung des Französischen keine negativen Reaktionen
bekannt, sagt er. Die besondere Situation des Kantons werde
anerkannt.
"Die Gefährdung des Französischen kommt nicht vom Italienischen,
sondern von der englischen Sprache", betont der Erziehungsdirektor,
der in der Umsetzung der sprachpolitischen Beschlüsse keine
einfache Aufgabe hatte.
In der regierungsrätlichen Botschaft zum Sprachkonzept auf der
Volkschul-Oberstufe steht der erhellende Satz, dass es im Grunde
keine Lösung gegeben habe, mit der alle zufrieden gewesen wären.
Eine Aussage, die für alle gutschweizerischen Sprachkompromisse
Gültigkeit haben dürfte.
Notiz: Die vorliegende Meldung erscheint im Rahmen der zweiten
Ausgabe des Projektes Discours Suisse. Hinter diesem Projekt, das
zur Verständigung zwischen den Sprachregionen beitragen will,
stehen das Forum Helveticum, das Netzwerk Müllerhaus und die sda.
Nähere Informationen sind im Internet unter www.discours-suisse.ch
zu finden. Die Email-Adresse lautet <email-pii>