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| Hippolytus von Rom († um 235) - Widerlegung aller Häresien (Refutatio omnium haeresium)

Buch V.
17.
Das ist die buntschillernde Weisheit der peratischen Sekte; es ist peinlich, sie ganz darzustellen, denn sie ist widersinnig, da sie offenbar von der Sekte der Astrologen hergeleitet ist. So weit als möglich haben wir mit wenig Worten ihren ganzen Kern herausgeschält. Um aber kurz gedrängt ihre ganze Lehre darzustellen, möchten wir noch folgendes beifügen. Nach ihnen ist das All Vater, Sohn, Stoff; von diesen dreien hat jeder unendliche Kräfte in sich. Mitten zwischen der Materie und dem Vater hat der Sohn seinen Sitz, der Logos, die Schlange, die sich immer zum unbewegten Vater und zur bewegten Materie wendet; bald wendet sie sich zum Vater und nimmt die Kräfte in sich auf; wenn sie aber die Kräfte aufgenommen hat, wendet sie sich zur Materie, und die eigenschafts- und gestaltlose Materie prägt in sich die Ideen des Sohnes aus, die der Sohn vom Vater her in sich ausgeprägt hatte. Der Sohn wird nun nach dem Vater auf unaussprechliche, tonlose und unveränderliche Weise ausgeprägt, so wie nach den Worten des Moses von den Stäben in den Tränkrinnen die Färbung der Lämmer im Mutterschoße gekommen sei1. Ebenso seien vom Sohne die Kräfte zur Materie geflossen gleich der Befruchtung durch die Kraft, die von den Stäben auf die Lämmer im Mutterschoße kam. Der Unterschied in der Färbung und die Ungleichheit, [S. 123] die von den Stäben durch das Wasser zu den Schafen kam, bedeutet den Unterschied des vergänglichen und des unvergänglichen Entstehens. Wie aber der Tierzeichner nichts von den Tieren nimmt, sondern mit dem Stifte alle Merkmale auf die Tafel überträgt, so überträgt der Sohn durch seine eigene Kraft die väterlichen Merkmale vom Vater auf die Materie. Es ist nun alles vom Vater Stammende dort und doch nichts. — Wenn nun einer zu erkennen vermag, daß die irdischen Dinge das von oben herabgekommene väterliche, verkörperte Merkmal haben, gänzlich gleich dem Vater im Himmel, so wie ein Lamm weiß wie der Stab wurde, der kommt dort hinauf; wer aber dieser Lehre nicht teilhaft wird und die Notwendigkeit des Werdens nicht erkennt, wird, wie eine Fehlgeburt, in der Nacht zur Welt gebracht, in der Nacht untergehen. Wenn also der Erlöser sagt: „Euer Vater im Himmel“2, so meint er jenen, von dem der Sohn die Merkmale übernommen und hieher gebracht hat; wenn er aber sagt: „Euer Vater ist der Mörder von Anbeginn“3, so meint er den Archon4 und Demiurgen5 der Materie, der die vom Sohn übergebenen Merkmale aufnahm und hier erzeugte; der ist der Mörder von Anbeginn, sein Werk zeugt nämlich Verderben und Tod. Niemand also kann gerettet werden und hinauf gelangen ohne den Sohn; und dieser ist die Schlange. Wie er von oben die väterlichen Merkmale herabgebracht hat, so trägt er sie von dort wieder hinauf, wenn sie aus dem Schlaf erweckt und wesenhafte väterliche Merkmale aus dem Nichtwesenhaften geworden sind. Dies bedeutet das Wort: „Ich bin die Türe“6. Er bringt es aber hinüber, heißt es.....7..... wie das Naphta das Feuer von allen Seiten an sich zieht, ja mehr noch, wie der Magnet das Eisen und nichts anderes (an sich zieht), oder wie der Röhrknochen des Seeadlers das Gold und nichts anderes (an sich zieht), oder wie die Spreu vom Bernstein angezogen wird, so wird von der Schlange das ausgeprägte, vollkommene, [S. 124] wesensgleiche Geschlecht aus der Welt wiederangezogen, nichts anderes aber, als was von ihr herabgebracht wurde. Zum Erweise dieser Sache führen sie die anatomische Beschaffenheit des Gehirnes an und vergleichen das Gehirn selbst mit dem Vater wegen seiner Unbeweglichkeit, das Kleinhirn mit dem Sohn wegen seiner Beweglichkeit und seiner Schlangenähnlichkeit; dieses zieht, wie sie sagen, auf geheimnisvolle und dunkle Art durch die Eichel die aus dem Gehirnbogen fließende Geistes- und Zeugungskraft an sich; nachdem es sie aufgenommen, gibt es sie weiter, wie der Sohn lautlos der Materie die Ideen mitteilt, d. i. in das Rückenmark fließen die Samen und die Geschlechter der dem Fleische nach Entstehenden. Unter Benützung dieses Beispiels meinen sie geschickt ihre geheimnisvollen, schweigend überlieferten Mysterien einführen zu können, die auszusprechen für uns nicht angängig ist, die aber auf Grund des Gesagten leicht zu durchschauen sind.
1: Gen. 30, 37 ff.
2: Z. B. Matth. 7, 11; 5, 48.
3: Joh. 8, 44.
4: Herrscher.
5: Schöpfer, Gestalter.
6: Joh. 10, 7.
7: Nach Gö. Lücke.