Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03209.jsonl.gz/131

«Hochsignifikante Ergebnisse» bei einem Medikament gegen Alzheimer vermeldete die Pharmafirma Biogen am 27. September 2022 in einer Pressemitteilung für die Investoren.
Von einem «historischen Moment» berichtete daraufhin die «BBC». «Biogen gelingt Durchbruch bei Alzheimer», titelte die «Finanz und Wirtschaft». Die «Financial Times» rühmte den «Studienerfolg» und die «New York Times» schrieb in grossen Lettern: «Alzheimer Medikament verlangsamt den geistigen Abbau in einer Schlüsselstudie».
«Jahrelang gab es Rückschläge bei Therapiekandidaten gegen Morbus Alzheimer. Nun gibt es für einen neuen Antikörper positive Resultate», berichtete die «Ärztezeitung» unter der Überschrift «Alzheimer: Lecanemab verbessert in Phase-III-Studie kognitive [geistige] Beeinträchtigungen.» Sie berichtete von einer Verbesserung «um relative 27 Prozent. Der Effekt sei bereits nach sechs Monaten ‹hochgradig statistisch signifikant› gewesen, so die Hersteller.»
«Winziger Unterschied», für Patienten und Betreuende nicht erkennbar
Rund zwei Monate nach dem medialen Triumphgeheul, am 29. November 2022, erschien im «New England Journal of Medicine» (NEJM) die Studie, deren Resultate die Pressemitteilung schon vorweg genommen hatte. Nun erfuhr die Fachwelt Genaueres.
«Die Daten zeigten, dass Lecanemab im Verlauf von 18 Monaten einen winzigen Unterschied beim geistigen Abbau ausmachte, der – obwohl statistisch signifikant – nicht klinisch signifikant ist, da er für Patienten, Betreuer oder Ärzte nicht erkennbar ist», fasste das «British Medical Journal» (BMJ) die Resultate zusammen.
Lecanemab hatte nicht nur keinen merklichen Effekt, es verursachte auch fast doppelt so oft Nebenwirkungen wie das Placebo. Die im «NEJM» veröffentlichte Studie zeigte, dass 6,9 Prozent der mit dem Medikament Behandelten die Behandlung wegen Nebenwirkungen abbrachen, verglichen mit 2,9 Prozent in der Gruppe, die Placebo erhielt.
«Grossartige Ankündigungen ohne wissenschaftliche Daten»
«Die Pressemitteilung ist zum Werkzeug der Propagandisten geworden», schrieb Kamran Abbasi, der Chefredaktor des «BMJ», schon im Juli 2022. «Wir haben das auf dem Höhepunkt der Pandemie regelmässig gesehen: Grossartige Ankündigungen von erfolgreichen neuen Behandlungen und Strategien, ohne wissenschaftliche Studie oder Daten, welche die hyperbolischen Behauptungen stützten.»
Lecanemab ist kein Einzelfall. Am 1. November 2022 verschickte Pfizer eine Pressemitteilung, in der die Pharmafirma die Zwischenresultate einer Studie mit einer Impfung gegen RSV für werdende Mütter bekannt gab. Die «Times» schrieb von einer «game changing vaccine», die Tausende von Babys retten könnte – ohne zu wissen, was die Studie genau ergeben hat. Denn sie lag zu diesem Zeitpunkt nicht vor.
Das «BMJ» wollte von Pfizer wissen, weshalb es die Zwischenergebnisse durch eine Pressemitteilung bekannt machte. Die Antwort des Konzerns: Die «Topline-Daten wurden für das Unternehmen als wesentlich erachtet.» Man würde weitere Daten sammeln, die dann in Form einer Präsentation oder eines von Fachleuten begutachteten Artikels veröffentlicht würden.
«Dreist und unredlich», aber üblich
Nicht nur Pharmafirmen, auch Regierungen schicken erst Pressemitteilungen vor und schieben – nachdem die Medienberichte erschienen sind – genauere Informationen nach. Das «BMJ» zeigt dies an einem Strategiepapier der britischen Regierung in Sachen Frauengesundheit auf.
«Zeitungen und Zeitschriften wurden gezwungen, den Behauptungen in der Pressemitteilung Glauben zu schenken. Diese Medientaktik ist dreist und unredlich. Sie minimiert die Kritik und verstärkt die Botschaften der Pressemitteilung. Bedauerlicherweise ist sie inzwischen gang und gäbe», stellte der Chefredaktor des «BMJ» fest. «Es ist eine Kommunikationsform, die den Unternehmen und ihren Aktionären dient und nicht den Patienten oder den Ärzten, die versuchen, sie zu behandeln.» Medienmitteilungen anstelle der vollständigen Daten zu benutzen, sei ein «Missbrauch der Macht«, sagte Abbasi.
Aufruf an andere Medien, dem Beispiel zu folgen
Das «BMJ» zog im Juli die Konsequenzen: Es berichtet nicht mehr über «nicht-substanzielle» Pressemitteilungen und verzichtet auf eine entsprechende Berichterstattung, solange aus Sicht der Redaktion wichtige Informationen fehlen. Würde das Blatt doch einmal eine Medienverlautbarung aufgreifen, dann «stellen wir klar, dass wir nur die Pressemitteilung zur Verfügung hatten und warum wir uns dennoch für eine Veröffentlichung entschieden haben. Wir hoffen, dass uns andere folgen werden», schrieb Abbasi.
Noch konsequenter wäre, wenn Nachrichtenagenturen und Medien nur über Studien berichten würden, bei denen auch Rohdaten oder die viel ausführlicheren Datensätze offen gelegt werden, welche die Arzneimittelbehörden erhalten. Denn immer wieder zeigte sich in der Vergangenheit, dass das, was als der Fachwelt als Studienergebnis präsentiert wird, längst nicht immer das ist, was sich aus den Daten wirklich ableiten lässt. Das geht beispielsweise aus einem Artikel in «BMJ Evidenced-based Medicine» hervor.
Seien es Antidepressiva, Diabetes- oder Asthmamedikamente, das Grippemittel Tamiflu, Arzneimittel gegen Krebs oder HIV: Wenn Wissenschaftler tatsächlich einmal die veröffentlichten und die nicht-öffentlichen Informationen dazu vergleichen konnten, kam oft heraus: Die veröffentlichten Studien stellten die Wirkungen und / oder Nebenwirkungen von Medikamenten beschönigend dar.
Erst die Pressemitteilung, einen Monat später die Fachpublikation
Wäre beispielsweise die Pharmafirma Pfizer verpflichtet worden, die Daten der grossen Covid-Impfstudie von Anfang an öffentlich zu machen, hätten manche Zweifel ausgeräumt – oder womöglich auch bestätigt – werden können. Auch hier spurten die Pharmahersteller mit einer Medienmitteilung vor: Am 9. November 2020 veröffentlichten Pfizer/Biontech eine Pressemitteilung, die es weltweit in die Schlagzeilen schaffte. Die Covid-Impfung habe eine Wirksamkeit von über 90 Prozent, lautete die frohe Botschaft.
Die Angabe in Prozent weckte hohe Erwartungen. Was fürs Einordnen jedoch fehlte, waren zusätzliche Angaben zur Risikoreduktion in absoluten Zahlen, die in der evidenz-basierten Medizin üblich sind (Infosperber berichtete).
Dass sich diese sagenhafte Wirksamkeit nur auf einen kurzen Zeitraum bezog, dass zu diesem Zeitpunkt offen war, wie lange die Impfung wirkt und welche längerfristigen Nebenwirkungen auftreten können, das ging im medialen Rummel weitgehend unter. Ebenso verschiedene kritische Einwände, die Zweifel weckten, ob bei dieser Studie alle Daten seriös erhoben und ausgewertet worden waren.
«Die prognostizierten 95 Prozent waren weit überzogen»
Rund einen Monat nach der Pressemitteilung folgte die Fachpublikation im «New England Journal». Sie bestätigte die Aussagen in der Pressemitteilung, räumte aber die Zweifel nicht aus, zumal weitere Punkte bekannt wurden, die Fragen aufwarfen (Infosperber berichtete).
«Die prognostizierten 95 Prozent waren weit überzogen», sagte kürzlich Franz Allerberger in einem Interview in «Profil». Allerberger gehörte zum Beraterstab der Corona-Taskforce im österreichischen Gesundheitsministerium und war bis zu seiner Pensionierung letztes Jahr Leiter der Abteilung Öffentliche Gesundheit der staatlichen Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES).
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.