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«Volkskunst ist eine uralte weltweite Tradition, die die Erhaltung kultureller Kunstproduktionen ermöglicht, sich an die Menschen richtet und nicht auf Massenproduktion abzielt. Viele Spielsachen, die Alexander Girard als kleines Kind im frühen 20. Jahrhundert geschenkt bekam, galten selber schon als Volkskunst, von daher kam er schon in seiner Kindheit mit ihr in Berührung. Eines seiner allerersten Spielzeuge war eine handgefertigte Pinocchio-Holzpuppe, die heute zu der Sammlung gehört, die er dem International Museum of Folk Art in Santa Fe, New Mexico, stiftete.
Sowohl sein Grossvater als auch sein Vater kauften und verkauften Antiquitäten, und so war das Sammeln für Girard von Anfang an integraler Bestandteil seines Lebens. Der Besuch von Märkten und Kuriositätenläden war genauso Familientradition wie das Weihnachtsfest. Auch wenn er in seiner Kindheit vor allem mit europäischer Volkskunst in Kontakt kam, sieht man doch früh die Spuren seiner in die ganze Welt ausgreifenden Interessen: Schon in die erste Innenraumgestaltung, die er noch als Jugendlicher für seine Wohnung im italienischen Florenz entwarf, integrierte er kleine afrikanische Skulpturen und Textilien aus Indien.»
Wie setzten sich diese Interessen um, als er später in den Bereichen Design und Architektur arbeitete?
«Alexander Girard liess sich grundsätzlich von allem inspirieren – ob auf einem Spaziergang durch die freie Natur, einem Markt oder seinen vielen Reisen durch die ganze Welt. Volkskunst wurde zum grundlegenden Bestandteil seines Designschaffens, er erweiterte seine Sammlung unentwegt, egal wo er war, und oft gingen Elemente seiner Sammlung in seine Arbeit ein. Spezifische Einflüsse auf sein eigenes Architektur- und Designwerk zeigen sich für uns am deutlichsten in einzelnen Mustern, Farben und der breiten Palette an Werkstoffen.»
Die von der Volkskunst beeinflussten Wooden Dolls gehören zu Alexander Girards wichtigsten und bekanntesten Werken. Welche Geschichte steht dahinter?
«Für Girard gehörte es zur Arbeit, neue Werkzeuge und ihre Eigenschaften zu erforschen. Die Wooden Dolls gehen auf Experimente mit einer neuen Bandsäge zurück, die er für sein Studio gekauft hatte. Viele seiner Artefakte waren zwar für bestimmte Jobs und Kunden gedacht, vieles fertigte er aber auch für sein eigenes Haus an, und diese Dinge blieben in seiner Privatsammlung. Für unsere Grosseltern waren ihre Wohnräume und deren Mobiliar immer auch Orte des Experimentierens und der Risikobereitschaft, und oft gehörten solche Gegenstände irgendwann zum festen Inventar.»
Wenn Sie die Wooden Dolls als Persönlichkeiten im Kleinformat charakterisieren sollten – wie würden Sie sie beschreiben?
«Wenn man sich die Figuren genau anschaut, entdeckt man offenkundige Einflüsse der Volkskunst verschiedenster Länder. Kachinas aus dem Norden von New Mexico, wo Girard lebte, als er sie anfertigte, afrikanische Ritualgestalten, Gliederpuppen aus Indien, die italienische Zierkeramik seines jüngeren Bruders, seine erste eigene Pinocchio-Puppe – die Liste ist lang. Die Figuren sprechen deshalb so viele Menschen an, weil man universell eine Beziehung zu ihnen herstellen kann. In ihren kollektiven Gesichtern sieht man das ganze Spektrum menschlicher Emotionen, und das hat unseren Grossvater immer fasziniert. Es fällt schwer, eine einzelne Puppe herauszugreifen, weil sich unsere Gefühle und Stimmungen täglich ändern – wenn nicht noch häufiger. Girard war immer bestrebt, mit seinem Design Brücken über Differenzen hinweg zu bauen, ob diese nun kultureller, ökonomischer oder sprachlicher Natur waren. Die Figuren enthalten die Essenz universeller Menschlichkeit.»