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Die letzten Wochen waren stressig für Samir (59). Da waren all die Vorbereitungen für den Kinostart seines neuen Films «Iraqi Odyssey», die Reise an die Berlinale, wo sein Film eine Auszeichnung erhielt, und dann erwischte ihn auch noch die Grippe. Die epische Familiengeschichte «Iraqi Odyssey» beschäftigt den Regisseur seit über zehn Jahren. «Es ist ein Gefühl der Erleichterung, dass er nun fertig ist.» Und es freut ihn natürlich, dass sein Werk an Festivals bereits auf positive Resonanz gestossen ist – umso mehr, als es ein sehr persönliches Projekt ist.
In der Schweiz kennt man den schweizerisch-irakischen Filmemacher nur unter seinem Vornamen Samir. «Das erschien mir damals einfacher, nachdem mein Nachname bei meinem ersten Film mehrfach falsch geschrieben wurde.» Sein voller Name lautet Samir Jamal Aldin, und in «Iraqi Odyssey» lernen wir nicht nur seine weit verzweigte und in alle Welt verstreute Familie kennen, wir erfahren auch, dass er in direkter Linie vom Propheten Mohammed abstammt.
Samirs Grossvater erzog seine Kinder liberal
«Was auch immer das heissen mag.» Samir lacht. «Aber tatsächlich öffnet der Name Jamal Aldin, der diese Abstammung signalisiert, im Irak noch immer einige Türen, wie ich bei den Dreharbeiten realisiert habe.» Seine Vorfahren genossen deswegen diverse Privilegien, für ihn ist der hohe Rang bedeutungslos. «Ich war lange militanter Atheist, inzwischen bin ich etwas milder geworden.»
Aber bereits Samirs Grossvater, Ahmed Jamal Aldin, entledigte sich dieser Privilegien, indem er seinen schwarzen Turban (das Symbol für die direkte Abstammungslinie) ablegte, Richter wurde und seine sieben Kinder modern und aufgeschlossen erzog – so, wie auch der Irak in den 50er-Jahren ein aufgeschlossenes Land war. Basra im Süden des Landes etwa galt als «Venedig des Ostens»: Man ging dorthin, um sich zu vergnügen.
Samirs Film erzählt, wie sein Vater, seine Onkel und Tanten in jener Zeit aufwuchsen und studierten, wie das von den Briten nach dem Ersten Weltkrieg eingesetzte Königshaus 1958 in einer Volksrevolution mit Hilfe der Armee gestürzt wurde, wie sich seine Familie in der Kommunistischen Partei engagierte, um dem Land Fortschritt und Gerechtigkeit zu bringen. Wie nach einigen Wirren die Baath-Partei an die Macht kam und ein junger Offizier namens Saddam Hussein zum Diktator wurde, wie der Krieg gegen den Iran das Land herunterwirtschaftete, noch bevor der Konflikt mit den USA begann. Und wie sich mehr und mehr Mitglieder seiner Familie für eine Flucht ins Ausland entschieden – nach Moskau, Neuseeland, England, Paris, in die USA und eben die Schweiz.
Samirs Vater hatte seine Schweizer Frau bei einem Studienaufenthalt in England kennengelernt. Die beiden lebten jahrelang gemeinsam bei seiner Familie in Bagdad. Er wurde dort geboren, verbrachte seine frühe Kindheit in jenem Irak der Aufbruchstimmung. Als sich die Eltern 1961 entschieden, in die Schweiz umzusiedeln, war das nicht nur ein kleiner Kulturschock, sondern auch mit dem Verlust des materiellen Wohlstands verbunden. Trotzdem lebte sich der damals Sechsjährige rasch ein. Was ihn jedoch schon bald sehr irritierte, war die enorme Ignoranz gegenüber der arabischen Welt. «Wir kannten viele europäische Autoren und Künstler. Hier jedoch hatte kaum jemand eine Ahnung von unserem Kulturraum. Und das hat sich seither nicht gross verändert.»
Ein Beitrag gegen die Ignoranz des Westens
Dies erstaune umso mehr, als Europa eine offene und freie Gesellschaft sei, in der man leicht an Informationen komme. «Obwohl man alle Freiheiten hat, weiss man nichts. Der Glaube an die Überlegenheit der eigenen Kultur ist hier so tief verinnerlicht,dass man alles andere automatisch ignoriert. Dabei waren Europa und der Nahe Osten jahrhundertelang eng miteinander verzahnt.» Seinen Film sieht Samir deshalb auch als Beitrag, gegen diese Ignoranz anzugehen und dem hiesigen Publikum die tragische Geschichte seiner zweiten Heimat näherzubringen. «Der Irak hätte ein Land wie die Schweiz werden können, weltoffen und kulturell divers. Aber leider hat man Öl gefunden.» Die anschliessende Eroberung durch die Briten, die Treibstoff für ihre Kriegsschiffe brauchten, steht am Anfang der Historie, die Samir in «Iraqi Odyssey» dokumentiert.
«Nebenbei will ich auch zeigen, dass Einwanderer aus jener Weltengegend nicht einfach religiöse Fanatiker oder Dummköpfe sind.» So möchte er seinen Teil gegen das stetig wachsende Misstrauen gegenüber den Muslimen beitragen. Gelegentlich bekommt er es auch selbst zu spüren. Als er an einer Diskussion im Schweizer Fernsehen mitwirkte, erhielt er eine ganze Ladung Hassmails. «Es gehört zu den grossen Ironien meines Lebens, dass ich, der Atheist, mich im Abstimmungskampf um die Minarett-Initiative für die Rechte der Religiösen einsetzen musste, weil die Religionsfreiheit nun mal ein Grundrecht ist.»
Mit der eigenen Familie einen solchen Film zu drehen, erwies sich als Herausforderung. «Die Aufarbeitung unserer Geschichte war oftmals ein schmerzhafter Prozess. Andere gehen zur Psychotherapie, ich habe diesen Film gemacht», sagt Samir und lacht. Zudem musste er nicht nur um die ganze Welt reisen, um alle Aufnahmen zu machen. «Es haben mir auch immer alle dreingeredet, morgens beim Frühstück ging es los.» Und natürlich gäbe es noch viel mehr Geschichten zu erzählen als jene, die es in den gut zwei einhalbstündigen Film geschafft haben. Etwa die von seinem Onkel in Paris, der nach der Aufnahme von 16 Stunden Gesprächsmaterial entschied, doch nicht am Film mitzuwirken. «Zu Beginn waren alle skeptisch. Jetzt, wo der Film fertig ist, sind sie aber sehr stolz.» Auch seine Frau, die Regisseurin Stina Werenfels, und die elfjährige Tochter Selma wissen nun einiges mehr über seine Wurzeln.
«Iraqi Odyssey» lief schon an einigen Festivals in der arabischen Welt, wo er auf grosse Resonanz stiess, weil viele dieser Staaten eine ähnliche Historie hinter sich haben. In Abu Dhabi erhielt er gar die Auszeichnung als Best Asian Film. Für den Schweizer Filmpreis ist er als Bester Dokumentarfilm im Rennen. Am 21. März wird Samir ihn erstmals im Bagdad zeigen. Anschliessend geht der Film mit einem portablen Kino auf Tournee durchs Land.
Optimismus für die Zukunft des Irak
Die jüngsten Entwicklungen im Irak − der Angriff des IS von Syrien aus, der vereinte Kampf des Westens mit dem Iran gegen die islamistische Terrorgruppe − kommen im Film nicht vor. «Aber diese Entwicklung war schon Ende 2013 absehbar, als ich das letzte Mal im Irak war. Wer sich mit dem Land beschäftigte, den konnte der Vorstoss des IS nicht überraschen.» Ursprünglich war die Freude in Samirs Familie gross, als die Amerikaner 2003 den verhassten Diktator stürzten. «Leider zerschlugen sie danach auch alle anderen Staatsstrukturen, sodass das Land im Chaos versank. Erst seither ist plötzlich auch die Religionszugehörigkeit wichtig.»
Doch in letzter Zeit registriert er einige positive Signale aus Bagdad, wo ein paar Familienmitglieder noch immer leben. «Auf Facebook sehe ich jetzt plötzlich wieder Fotos von draussen, an Silvester gab es sogar Feuerwerk. Die Lage hat sich offensichtlich gebessert.» Und insgesamt ist Samir sogar optimistisch für sein Land. «Der Angriff des IS hat paradoxerweise auch Positives bewirkt: Er hat die Iraker zusammenrücken lassen. Vorher war das Risiko grösser, dass der Staat zerfällt – jetzt jedoch besteht wieder Hoffnung.»
Fast der ganze Mittelstand hat das Land verlassen, so wie Samirs Familie. Rund ein Fünftel der irakischen Bevölkerung lebt irgendwo im Ausland. «So langsam bildet sich jedoch wieder eine neue Mittelschicht heraus. Und die Leute sind gut informiert, wissen, was in der Welt läuft, sie haben auch keine Angst mehr.» Allerdings dürfte es vermutlich 20 Jahre dauern, bis der Irak wieder einen Entwicklungsstand erreicht hat, wie Samir ihn aus seiner Kindheit kennt. «Ich werde das wohl nicht mehr erleben.»
«Iraqi Odyssey» läuft ab 5. März in den Kinos.