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Die Überschwemmungssprache
"Prag unter Wasser." Genau genommen heisst das, die Stadt sei unter die Wasseroberfläche geraten. Die ganze goldene Stadt? Selbstverständlich nicht. Wer davon hört, kann davon ausgehen, dass die Bodenoberfläche (also zum Beispiel Strassen) von Wasser bedeckt ist und Wasser in die Erdgeschosse der Häuser eingedrungen ist und tiefere Geschosse aufgefüllt hat. Das heisst, die meiste Bausubstanz der Gebäude ragt aus dem Wasser. Die Situation war Mitte August 2002 dennoch dramatisch genug; man sprach mit guten Gründen von einem "Jahrhunderthochwasser".
Und wie verhält es sich mit der Kirche von Graun im Reschenstausee im Vinschgau (I)? Ihr Turm schaut noch aus dem Wasser; aber das Kirchenschiff ist untergegangen, überflutet worden, das heisst, nur dieses ist vollständig von Wasser bedeckt. Das alte Dorf Graun und auch das alte Reschen sind vollständig "unter Wasser". An diesen Beispielen wird klar, dass man differenzieren muss. Es ist also übertrieben zu sagen, etwas stehe unter Wasser, wenn es im Wasser steht. Auch ein "überschwemmtes" Gebäude steht in der Regel einfach im Wasser.
Wie verhält es sich mit diesem Begriff überschwemmen, Überschwemmung? Ein Hochwasser kann zu verheerenden Überschwemmungen führen. Es kann ganze Gebiete Äcker, Strassen, Dörfer überschwemmen. Der Begriff ist bei Hochwassersituationen richtig; ein Dorf kann überschwemmt oder von einer Überschwemmung heimgesucht sein.
Auch Flut und fluten sind treffende Ausdrücke; fluten umschreibt einen Vorgang, bei dem grössere Wassermengen herein- oder herbeiströmen. Eine Stadt kann überflutet sein: Das bedeutet, dass grössere Wassermengen in sie eingedrungen sind. Auch der britische "Guardian" benützte dieses Wort: "Tide of misery floods Europe." In der Bibel wird von einer Flut erzählt, die aufgrund von sündigem Leben zustande kam: von der Sintflut, angebliches Resultat einer göttlichen Bestrafung. Wenn man an die inszenierten Treibhauseffekte denkt und zur Kenntnis nimmt, dass steigende Temperaturen mehr Niederschläge bringen, weil die Verdunstung von Wasser aus den Ozeanen beschleunigt wird, ist der im biblischen Kulturraum verbreitete Strafgedanke auch bei den aktuellen Überschwemmungen naheliegend.
"Land unter in Deutschland" beschreibt die Lage zutreffend: Land ist unter Wasser, nicht das ganze Land zwar, aber einige Gebiete. Man versteht oder erahnt, was gemeint ist.
Die bildhafte Sprache neigt immer zu Übertreibungen. Im August 1998, als "China unter Wasser" war, nahm ich zufällig gerade an einer Exkursion auf dem Hochwasser führenden Jangtse (Yangtsekiang) teil. Wir fuhren tagelang auf diesem Gelben Fluss ohne eine einzige wesentliche Überflutung zu sehen, obschon es solche neben anderen Flussabschnitten gab. Die Reisebegleiter waren bei Exkursionen auf dem Landwege offenbar dahingehend instruiert worden, uns keine ausser Kontrolle geratene Situation zu zeigen.
Umgekehrt vermitteln Medien ein konzentriertes Bild von all dem Elend, und es ist für den Nutzer enorm schwierig, sich ein Bild von den tatsächlichen Ausmassen zu machen. Eine exakte Ausdrucksweise könnte dabei immerhin eine wesentliche Hilfe sein.
Walter Hess
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