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Der französische Philosoph André Glucksmann, geboren am 19. Juni 1937, verstorben vor wenigen Tagen in der französischen Hauptstadt, war als Renegat der Linken ein stark beachteter Totalitarismuskritiker. Seine Vorfahren, die aus der Bukowina (Vater) und Prag (Mutter), stammten, repräsentierten ein aufgeklärtes Judentum. Die Familie lebte zunächst in Palästina, ab 1930 in Deutschland. Die Angabe auf Wikipedia, die Glucksmanns hätten sich dort 1933 dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen, ist insofern unpräzise, als verschiedene dem Faschismus und Nationalbolschewismus nahestehende Deutsche in der Zeit nach dem 30. Juni 1934, nach dem sogenannten «Röhm-Putsch», ihrerseits von den Nationalsozialisten verfolgt und erschossen wurden. Der bei Wikipedia verwendete Faschismus-Begriff, wie er bei vielen Marxisten und Kommunisten geläufig ist, kann nicht als wissenschaftlich gelten.
Die kritische Bemerkung ist umso mehr angebracht, als Glucksmann ab 1976 seinerseits zu den meistbeachteten Kritikern des Kommunismus und des Totalitarismus allgemein wurde. Er verdankte seine Prominenz weitgehend der Wandlung vom linksextremistischen Maoisten zum Verteidiger der bürgerlichen Demokratie – allerdings mit Erkenntnissen, die andere politische Denker längst vor ihm gemacht hatten. Sein sogenanntes Hauptwerk über »Meisterdenker«, «Les maîtres penseurs», 1977 erschienen, übertraf kaum, was Karl Popper bereits während des Zweiten Weltkrieges im 2. Band von «Die offene Gesellschaft und ihre Feinde» geschrieben hatte. Mit seinen Kenntnissen betreffend Fichte, Hegel und Nietzsche, denen er vorwarf, mit ihrer mythischen Überhöhung der «abschliessenden, totalen und endgültigen Revolution» dem totalitären Staat vorgearbeitet zu haben, konnte er bei der Spitzenforschung über diese drei Philosophen nicht mithalten. Was seine Kritik an Marx betraf, so waren beispielsweise die Ansätze von Ernst Kux, unter anderem in «Karl Marx, die revolutionäre Konfession» (1966) sehr viel weiterführend, zum Beispiel, was die Nichtbeachtung der Gewaltentrennung betrifft. Auch der Totalitarismus-Kritik von Eric Voegelin (1901 – 1985) ist wenig hinzuzufügen.
Das Verdienst von André Glucksmann bleibt es freilich, dass er diese Zusammenhänge einem frankophonen, über die jüdischen und amerikanischen Verbindungen internationaleren als auch linkeren Publikum zugänglich machen konnte, wodurch sich das Gerücht vom letztendlich totalitären Charakter des Marxismus bei mehr Lesern verdichtete, als dies vorher der Fall gewesen war. Glucksmanns Kommentare zum Weltgeschehen waren stark geprägt von der Sowjetkritik Andrei Amalriks («Kann die Sowjetunion das Jahr 1984 erleben?») und Alexander Solschenizyns, der freilich als panrussischer christlicher Nationalist im Sinn von Dostojewskij und Tolstoi zu verstehen ist und mit seinen Schilderungen des sich konkret entfaltenden Totalitarismus sich weniger als Philosoph denn als grosser Erzähler Weltruhm erwarb.
Als Kommentator der Tagespolitik wurde André Glucksmann meines Erachtens gelegentlich überschätzt. Dafür konnte er mit zwei lesenswerten Werken seine Prägung durch die französische phänomenologische Schule ausweisen. Eindruck machte mir sein Buch «Der Stachel der Liebe. Ethik im Zeitalter von Aids» (1995). Leider wurde das Buch mit zeitgeistigen Phrasen angepriesen, so mit der fragwürdigen These, Aids habe «den Glauben an die moderne Wissenschaft erschüttert und die bestehenden sozialen Konzepte in Frage gestellt.» Die Wirklichkeit war simpler. Dabei legte Glucksmann, was im Ethikunterricht zitierbar war, den Schwerpunkt nicht wie der etwas jüngere Pop-Sänger Polo Hofer auf «den Gummi drum» beim Seitensprung. André Glucksmann: «Die individuelle Verantwortung ist der ethische Impfstoff zur Bekämpfung aller Arten von Aids, physischem wie moralischem.»
Was wohl von Glucksmann bleiben wird? Er repräsentierte den Typus des auch in Deutschland verbreiteten «aufgeregten» Philosophen, für Talkshows besser geeignet als für das Verfassen von Standardwerken, wie sie etwa «Geschichtsbegriff und Geschichtsinteresse» von Hermann Lübbe darstellen. Ein faszinierender Titel Glucksmanns bleibt indessen «Hass. Die Rückkehr eines elementaren Gefühls», ausgehend von Sartres These, Hass sei «ein Glaube, der für Argumente und Erfahrungen unzugänglich macht». Von diesem Ansatz her ergeben sich Weiterungen, besonders dann, wenn man wie Glucksmann bei Montaigne ausholt und sich auf dem Weg des Essays einer bemerkenswerten Vertiefung nähert. Ein Nachteil des politisierenden Philosophen Glucksmann bleibt allerdings, dass er den Betrachter mit möglichst aktuellen Beispielen zu gewinnen versucht, vom Antiamerikanismus bis zur religiösen Wut losgelassener Islamisten.
Mutig ist dagegen, dass André Glucksmann mit der Publikation «Gott rette die Vernunft» der Regensburger Islamkritik von Papst Benedikt XVI. zu Hilfe eilte, wohingegen für die Papstkritiker Hans Küng und Kurt Flasch der Balken im Auge des Islam gegenüber den ebenfalls nicht zu unterschätzenden christlichen Splittern wegen «Islamophobie» und mangelnder weltethisch-ökumenischer Gesinnung ausser Betracht bleibt. In diesem Punkt des christlich-jüdischen Dialogs bekundet der zum bürgerlich-liberalen Denker gewandelte Franzose keine Mühe mit der Bekämpfung eines real existierenden Aggressionspotentials. Mit den Linken teilte er allerdings weiterhin die Gemeinsamkeit, immer zu wissen, wogegen man sein musste.
Zusammenfassend lässt sich festhalten: André Glucksmann war ein bedeutender philosophischer Essayist und engagierter Schriftsteller im Sinne eines Sartre (wenn Sartre auch politisch teilweise entgegengesetzt). Um aber beim grössten Thema des Autors zu bleiben: Gerne hätte man von ihm über «Hass» ein Standardwerk gelesen, wie es seinerzeit dem Soziologen Helmut Schoeck mit «Der Neid» (1965) gelungen ist. Glucksmann bewährte sich als ein philosophischer Autor, der als Publizist den Forderungen des Tages gerecht werden wollte. Diesen selbst gestellten Ansprüchen hat er auf jeden Fall genügt.
Einen Descartes hat es im Frankreich der letzten 50 Jahre allerdings nicht (mehr) gegeben. Immerhin einen Roland Barthes. «Fragmente einer Sprache des Hasses» wäre ein tauglicher Titel für die Fortschreibung eines der wichtigsten Bücher von Glucksmann. Philosophen sollten mehr philosophieren und weniger politisieren. Was an Glucksmann hier posthum kritisiert wird, gilt auch dem noch stärker moralisierenden Habermas und dem pragmatisch sein wollenden Sloterdijk. Wenn schon Glucksmann uns verlassen hat, mögen die anderen uns noch lange erhalten bleiben.