Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03471.jsonl.gz/534

Literatur
Das Leben einer Jüdin unter den Nazis und ihre Flucht in die Schweiz
1921 wurde Edith Königsberger in Bad Ems/Lahn geboren. Edith musste als Mädchen und junge Frau die Schreckensherrschaft der Nazis miterleben. Wohl kurz vor ihrer eigenen Deportation gelang ihr zusammen mit ihrer Schwester die Flucht in die Schweiz. Im vorliegenden Erlebnisbericht, den sie 1946 verfasst hat, schildert sie die Zeit von 1933 bis 1942 in Deutschland.
Vom Tag der Machtübernahme der Nazis an, Edith war zwölf Jahre alt, beschlich sie ein "Gefühl des Ausgeliefertseins", auch wenn sie als Kind die Tragweite des 25. März 1933 nicht verstehen konnte. Die Ausgrenzung und Verachtung durch Mitmenschen bekam Edith unmittelbar zu spüren. Sie und ihre Schwester wurden in Bad Ems immer wieder durch andere Kinder in blutige Prügeleien verwickelt. Ihr Vater starb an einem Herzinfarkt. Nach Zwischenstationen in Hamburg, Köln und einer Rückkehr nach Bad Ems, wo sich die Repression weiter verschärfte hatte, kam sie zu einem Rabbiner nach Worms und anschliessend in eine Familie nach Berlin, wo sie das Kindergärtnerinnen-Seminar besuchte - die letzte Ausbildungsmöglichkeit, die sie in Deutschland hatte.
Die Anonymität der Grossstadt hatte gewisse Vorteile, doch der Zwang zum Tragen des Judensternes und die damit verbundenen Einschränkungen und Schikanen machten das Leben unmenschlich. Wer den Stern nicht trug und dabei erwischt wurde, riskierte das Leben. Ein Risiko, das Edith immer wieder einging, dafür aber wenigstens für ein paar Stunden "normal" leben konnte. Von 1940 bis 1942 war Edith in Kindergärten und Horten tätig und musste auch zur Deportation bestimmte Menschen betreuen. Selber lebte sie in ständiger Angst, deportiert zu werden. Die abenteuerliche Flucht in die Schweiz gelang Edith und ihrer Schwester in letzter Minute.
Edith Dietz' Erlebnisbericht gibt Einblick in das unwürdige Leben, das Juden unter den Nazis führen mussten. Durch die individuelle Schilderung ergibt sich ein persönliches Bild und man kann - wenigstens im Ansatz - mitfühlen, was Ausgrenzung, Verfolgung und das Wissen um die systematische Vernichtung für den Einzelnen bedeuten. Eine wertvolle Ergänzung zur abstrakten Historie.