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Der Fall Jack Johnson erhitzte 2018 in Insiderkreisen der NHL die Gemüter. Damals musste er Privatkonkurs (10 Millionen Schulden) anmelden, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bei den Columbus Blue Jackets mitten in einem Siebenjahresvertrag stand, der ihm insgesamt ca. 30 Millionen einbringen sollte (4,35 Mio./Jahr). Aber: Seine Eltern haben 15 Millionen Dollar seines Vermögens für Häuser und gemäss Aussagen einen ausschweifenden Lebensstil ausgegeben. Jack Johnson Senior - in der Branche als übermotivierter Vater bekannt – war auch sein Agent. Dieser hatte – so wurde berichtet - die Finanzlage nie im Griff. Was folgte, war ein Tilgungsplan. Dieser sah vor, dass Jack Johnson so lange mit einem Minimalauskommen von 50'000 Dollar im Jahr spielen sollte, bis die Schulden beglichen sind. Das war der Fall während seiner Saison in Pittsburgh (Jahressalär 3,25 Mio.) und bei den New York Rangers sowie nach einem Buyout der Columbus Blue Jackets von über einer Million (1,15 Mio). Seit 2020/21 kann er wieder ein normales Salär beziehen. Dieses beläuft sich auf gegenwärtig 750’000 USD (Cap Hit) bei den Colorado Avalanche, wo er über einen Probevertrag im September 2021 einen Einjahresvertrag beim nunmehr amtierenden neuen Stanley-Cup-Sieger unterschrieb. In deren Trikot bestritt er im März 2022 sein 1000. Spiel in der NHL (Regular Season).
Die Resilienz von Stehaufmännchen Jack Johnson
Jack Johnson gehört zu jenen Verteidigern, die man nicht hoch genug loben kann für ihre defensive Zuverlässigkeit und Präsenz im inneren Zirkel einer Mannschaft. Wenn jemand behauptet, wie Phoenix aus der Asche entstiegen zu sein und glaubwürdig vermitteln kann, wie wichtig es ist, an sich zu glauben, dann ist es sicherlich der mittlerweile 35-Jährige. Man bedenke, was er alles durchmachte: Er wurde 2005 von den Carolina Hurricanes als 3rd Overall Pick in der ersten Runde gedraftet. Der 1,85-Meter grosse Verteidiger durchlief das Junioren-Förderprogramm bei USA Hockey. Während seiner Collegezeit stand Johnson im Team der University of Michigan in der CCHA und stellte damals mit 149 Strafminuten, 32 Punkten und 16 Toren als Verteidiger drei neue Schul-Saisonrekorde auf. Er wurde auch zum „CCHA Offensive Defenseman of the Year“ erkoren. Im September 2006 transferierten die Hurricanes die Rechte an Johnson zusammen mit dem Verteidiger Oleg Twerdowski im Tausch gegen Tim Gleason und Éric Bélanger zu den Los Angeles Kings, bei denen Jack Johnson im März 2007 einen Vertrag unterschrieb. Gegen die Vancouver Canucks absolvierte er am 29. September sein erstes NHL-Spiel, erzielte rund drei Wochen später seinen ersten Scorerpunkt und kurz danach auch sein erstes NHL-Tor. Es folgten danach ganz passable Saisons, in welchen er natürlich daran gemessen wurde, ein hoher Erstrunden-Draftpick gewesen zu sein. Nach guten Saisons bei den L.A. Kings folgten passable oder mittelmässig erfolgreiche in Columbus. Besonders seine Zeit bei den Blue Jackets war nicht einfach aufgrund des sportlichen aber auch privaten Umfelds. Immerhin wurde er mehrfach US-Nationalspieler (spielte im US-Trikot auch mit seinem aktuellen Teamgefährten und Namensvetter Erik Johnson) und sogar zum Olympioniken. Nun hat er sein ultimatives Ziel erreicht und darf sich als amtierender Stanley-Cup-Sieger feiern lassen. Etwas mehr als ein Jahr, nachdem er fast seinen NHL-Rücktritt beschlossen hatte.
Pleite bei NHL-Millionären: Jack Johnson nur ein Beispiel von vielen
Situationen mit Schulden bei Spielern, wie sie Jack Johnson erlebte, kommen in der NHL-Historie immer wieder vor. Seien diese selbst verschuldet oder auch nicht. Wir berichteten schon mal im Januar 2021 in einem vielbeachteten Beitrag auf NHL Observer ausführlich darüber (Den Blog zu diesem Thema findest du hier).
Besonders der Fall von Topverdiener Evander Kane – damals noch bei den San José Sharks - war 2021 in aller Munde. Nicht wenige gönnen ihm sogar - auch ohne die vielfältigen Gründe seiner persönlichen finanziellen Pleite zu kennen - dass er auf diese Weise vielleicht wieder lernt, angemessen mit Geld umzugehen. Man erinnert sich noch an die Bilder, wie er vor Jahren (damals bei den Winnipeg Jets unter Vertrag) mit einem dicken Bündel Dollars (ans Ohr haltend wie ein Handy) vor einem Casino in Las Vegas posierte oder mit mehreren Bündel Geld auf dem Körper ein Workout-Video ins Netz stellte. Dieses Posing erinnerte an jenes einiger Rap-Stars und war befremdlich, besonders bei jenen Eishockeyfans, die sich Jahr für Jahr ihr teures Saisonabo vom Haushaltsgeld absparen. Bei Evander Kane (verdiente in seiner bisherigen Karriere weit über 50 Millionen Dollar minus Steuern) möge die Sachlage zwar eindeutig erscheinen (Spielschulden, kein angemessener Umgang mit dem Reichtum), aber auch er hat wohl strategisch falsche Investitions-Entscheidungen getroffen, die seine Schulden auf über 28,6 Millionen Dollar haben anwachsen lassen (allerdings sind auch drei Häuser im Wert von 10,2 Millionen Dollar als Vermögenswerte darin aufgelistet). Unter den falschen Entscheidungen fallen an: Seine Spielsucht – innerhalb von 12 Monaten habe er 2020/21 ca. 1,5 Millionen Dollar verspielt. Schon im April 2019 sorge Kane mit einem Glücksspiel-Skandal für negative Schlagzeilen. Der Flügelspieler verzockte in Las Vegas in einer Nacht viel Geld und wurde vom Hotel Cosmopolitan auf eine Gesamtsumme von 500'000 Dollar verklagt, weil er seine Spielschulden nicht bezahlte. Auch Banken und seine ehemalige Agentur Newport gehören zu den insgesamt 47 Gläubigern.
Frühwarnsystem bei den Agenturen
Bei alledem stellt sich die Frage: Warum greift niemand aus dem unmittelbaren Umfeld ein, wenn Tendenzen auftreten, die auf unangemessenen Umgang mit Geld deuten? Was machen die Partnerinnen? Wo nehmen die Agenturen ihre Pflicht ernst und beraten die Klienten auch im Bereich der Finanzen und der „Karriere danach“? Was kann man tun, wenn ein Spieler beratungsresistent ist? „Es gibt Agenturen und Agenten, die sich nur auf das Vermitteln und Verhandeln von lukrativen Verträgen konzentrieren. Aber die Aufgabe einer guten Agentur umfasst eben auch flankierende Dienstleistungen und Betreuung in den Bereichen Finanzberatung, Planung einer zweiten Karriere, Weiterbildungsberatung, Mentoring und so weiter“, heisst es beispielsweise bei der international tätigen Agentur Sportagon.
Denn viele NHL-Stars lassen sich auch – oft auch entgegen der Empfehlung der Agentur - mit scheinbar lukrativen Investitionsmodellen locken und folgen einer Dynamik. Viele weitere solcher Beispiele sorgten für Schlagzeilen. Hier eine kurze Auswahl: Die ehemaligen NHL-Legenden Bobby Orr (Agent Alan Eagleson kontrollierte seine Finanzen und zwackte Geld ab sowie zahlte keine Steuern für seinen Klienten), Sergei Fedorov (schlechtes Investment), Theo Fleury und Darren McCarty (beide durch Alkohol, Drogen, schlechte Deals, Fleury versuchte sogar einen Selbstmord), Kevin Stevens (unerlaubter Medikamentenhandel und anderes...) oder Dany Heatley (Betrug durch seinen Finanzberater) mussten alle untendurch. Auch Len Barrie und Mike Vernon (Fehlinvestment in ein Golf Resort). Eine weitere NHL-Legende, Derek Sanderson, sorgte für derlei negative Schlagzeilen. Nun ist er in der Funktion als „mahnender Berater“ für NHL-Spieler unterwegs und versucht jenen zu helfen, die möglicherweise einen schlechten Weg einschlagen könnten.
Joël Ch. Wuethrich publiziert wöchentlich Hintergrundberichte über die NHL in der führenden Deutschen Fachpublikation Eishockey News und hat ein ausgezeichnetes Beziehungsnetz in Nordamerika. Seit 1992 ist er Chefredaktor diverser namhafter Publikationen, unter anderem auch war er beim Slapshot sowie beim Top Hockey Chefredakteur und war zudem lange Jahre für den Spengler Cup strategisch in Marketing und PR sowie als Chefredaktor tätig. Joël Ch. Wuethrich leitet seit 1992 hauptberuflich eine crossmedial aufgestellte PR-Agentur und eine Player's Management Agentur (Sportagon), ist Crossmedia-Stratege und HF-Dozent mit Lehrauftrag für Kommunikation und Marketing. Er analysiert seit 30 Jahren als Autor/Chefredakteur in der Schweiz, Deutschland sowie in Kanada die NHL und beobachtet das Eishockeygeschehen weltweit intensiv. Der Familienvater (zwei Kinder) arbeitet in der Schweiz und in Montréal, wo ein grosser Teil seiner Verwandtschaft wohnt.