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Am 2. Oktober 2013 erlebe ich zusammen mit meiner erwachsenen Tochter im Schiffbau/Matchbox ZH eine intensive und bewegte Theaterstunde.
Es gibt viel zu schauen, zu entziffern und zu decodieren. Die beiden ungleichen Brüder, die wir kennenlernen, haben Mühe sich zu verstehen, sind genau wie das Publikum auch am Entziffern und Decodieren. Der eine der Brüder ist Autist. Das Spiel entwickelt sich in einem Raum mit quadratischem Grundriss. Die Ausstattung von Antonio Viganò, der auch Regie führte, besteht aus 6 Kronleuchtern, die in unterschiedlichen Höhen von der Decke hängen. Dazu kommen 6 grob gezimmerte Holzkisten und ein Kleiderständer mit einer fein gebügelten Hose und einer dazugehörigen Jacke.
Wir schauen den beiden Brüdern zu, wie sie versuchen miteinander zu kommunizieren, einander zu verstehen. Immer wieder entstehen Momente der Gemeinsamkeit. Diese halten jedoch nie lange an. Der Nichtautist scheint getrieben von der Idee, die Welt des Autisten zu verstehen, ihn aus dieser Welt zu holen, ihn zu heilen. Er opfert sich auf, bemüht sich zu verstehen, experimentiert, forscht und setzt immer wieder neu an. Die Pinocchio-Geschichte scheint eine gemeinsame Basis zu sein. Darauf aufbauend, sieht man Fortschritte. Oft führen die Experimente zu Ritualen, die sich bis zur Erschöpfung wiederholen. Man sieht Versuche, die scheitern, man sieht Versuche, die man ablehnt, man sieht Versuche, die verwirren, man sieht Versuche, die gelingen. Für den einen wird der Raum zum Spiel- und Tummelfeld für den andern zum Gefängnis. Immer wieder entsteht Zeit und Raum für eigene Gedanken – dies insbesondere dann, wenn tänzerische Sequenzen unterlegt mit melancholischer Musik die Geduld oder ist es die Ungeduld des Zuschauers herausfordern. Ich habe mich zum Beispiel gefragt: Warum kümmert sich der Nichtautist um seinen Bruder wie eine Mutter um ihr Kind? Muss man immer alles verstehen? Darf man nicht sein wie man ist? Muss man genügen? Wenn ja, wem muss man genügen? Und wer sagt, wie man sein muss, dass man passt und genügt? Woher kommt der Antrieb, jemanden ‚erziehen‘ zu wollen? Was für Fragen tauchen wohl bei Kindern ab 10 Jahren auf?
Auf dem Heimweg tausche ich mich mit meiner Tochter intensiv aus. Es scheint, dass das Stück viel Anreiz gibt, grundlegende Fragen der Kommunikation und des Zusammenlebens zu stellen und zu reflektieren. Das intensive Spiel der beiden Schauspieler ermöglichte ein spannendes gemeinsames Erlebnis.