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Bart,
der dem männlichen
Geschlecht des
Menschen und einiger andrer
Säugetiere eigentümliche Haarwuchs,
welcher beim
Eintritt in das mannbare
Alter auf und unter dem
Kinn, auf dem hintern Teil der
Backen und über der Oberlippe als
Lippen- oder Knebel
bart (Schnurr
bart), Backen
bart, Kinnbart und Kehlbart erscheint. Die Barthaare (über ihren
Bau s.
Haare)
[* 2] sind starrer als die Haupthaare und richten sich in der
Farbe nicht immer nach letztern. Der Rot
bart ist
den nördlichen
Ländern eigentümlich, eine
Abart des schwarzen
Bartes ist der
Blaubart. Ein
Bart aus zarten, wenig gefärbten
Haaren heißt Milch
bart.
Beim
Weib ist ein Bart nur ausnahmsweise entwickelt. Die kaukasische
Menschenrasse besitzt den stärksten
Bartwuchs; die
Mongolen und
Neger, besonders die Amerikaner, haben einen sehr geringen. - Einen Bart besitzen
auch manche
Affen
[* 3] (s. d.) sowie der Ziegenbock. - »Bart« der
Auster,
[* 4] s. d.
Der Wert des menschlichen Bartes wurde bei den verschiedenen Völkern verschieden angeschlagen. Meist galt er als Zeichen der Männlichkeit, obwohl er kein Beweis dafür ist, sowenig als das Fehlen des Bartes durchaus fehlende Männlichkeit anzeigt. Im Orient stand er von alters her hoch in Ehren, und mit Ausnahme der Ägypter, die nur einen schmalen und kurzen am Kinn stehen ließen, wurde er allgemein in vollem Wuchs getragen. Die Hebräer gaben demselben durch Abstutzen verschiedene Gestalten, salbten ihn fleißig und hielten einen solchen für die größte Zierde des Mannes.
Daher war es eine Beschimpfung, wenn jemand unfreiwillig der Bart abgeschoren ward. In der Trauer raufte oder schnitt man die Barthaare ab oder ließ den Bart ungereinigt. Sklaven durften gar keinen Bart tragen, denn der Bart war zugleich das Zeichen des freien Mannes. Gleiche Grundsätze galten durch den ganzen Orient. Auch die Griechen betrachteten in den ältern Zeiten den Bart als einen Würde verleihenden Schmuck des reifern männlichen und des Greisenalters. Man ließ den Bart um Wangen, Lippen und Kinn wachsen.
Cyniker, Philosophen und dergleichen Leute trieben mit dem Bart, dessen langem Wuchs und Struppigkeit eine gewisse Koketterie. Erst durch Alexander d. Gr. wurde das Bartscheren üblich. Die neue, vermutlich aus dem Orient und Ägypten [* 5] entlehnte Sitte fand zwar in manchen Staaten heftigen Widerstand, und besondere Gesetze verboten das Bartabnehmen; trotzdem aber gewann sie rasche Verbreitung. Das Gewerbe der Barbiere war daher bei den Griechen ein sehr gewöhnliches und wichtiges und die Barbierstuben die Quelle [* 6] der Stadtneuigkeiten und des Stadtklatsches.
Alexanders Nachfolger blieben dieser Sitte auch für ihre Person treu, und seitdem erscheinen die Bildnisse aus den makedonischen Dynastien mit wenigen Ausnahmen bartlos. Ebenso sind auch die Bildnisse von Dichtern, wie Menander, Ärzten, wie Asklepiades, Philosophen, wie Aristoteles, ohne Bart. Die Sophisten behielten indes die frühere Sitte noch bei. Die Römer [* 7] trugen den Bart unrasiert bis 300 v. Chr., in welchem Jahr zuerst P. Ticinius Mena einen Tonsor, d. h. Barbier, aus Sizilien [* 8] nach Rom [* 9] brachte.
Scipio Africanus war der erste, welcher sich täglich rasieren ließ. Seitdem folgten die meisten diesem Beispiel. Daher erscheinen die Bildnisse aus dem letzten Jahrhundert der Republik und bis Hadrian fast durchgängig bartlos; in den niedern Ständen aber wurde das Rasieren nicht ganz allgemein, und außerdem pflegten junge Stutzer den Bart nur teilweise zu scheren und zu besonders zierlichen Formen zuschneiden zu lassen. Sonst ließen die höhern Stände in Rom nur bei Trauer den Bart wachsen (barba promissa).
Der Tag der ersten Bartabnahme war ein Festtag, weil der Jüngling dadurch zum Mann wurde. Das abgeschnittene Haar [* 10] pflegte man einer Gottheit zu weihen. Hadrian war der erste, der sich den Bart wieder wachsen ließ, um die Muttermale im Gesicht [* 11] zu verbergen; nach ihm wurde dies wieder allgemein üblich. Wie bei den ältern Germanen, den Westgoten und Burgundern das Abscheren des Bartes ein Zeichen der Unfreiheit und des Verlustes der Ehre war, so trugen auch die Edlen der Langobarden Locken und langen Bart bei geschornem Hinterkopf, die Franken zur Zeit der Merowinger kurzen Vollbart.
Unter Karl d. Gr. trugen die Vornehmen höchstens einen Schnurrbart, das Volk vollen Bart. Bei den Sachsen [* 12] und Franken kam um die Mitte des 10. Jahrh. der Bart als Auszeichnung der höhern Stände wieder in Aufnahme und erhielt sich als solche, teils kurz, teils lang getragen, bis zum 12. Jahrh. Später herrschte fast das ganze Mittelalter hindurch bei den gebildeten Ständen im allgemeinen die Bartlosigkeit, nur ältere Männer trugen oft einen Vollbart. Während man also im Occident mehr dahin neigte, den Bart ganz oder teilweise zu scheren, hielt man dagegen im Orient den Bartschmuck für unveräußerlich.
Hieraus entstanden Streitigkeiten zwischen der griechischen und römischen Kirche. Die griechischen Geistlichen nahmen sich der Bärte an und schmähten auf die bartlosen Heiligen der Lateiner. Fürsten, Ritter, Krieger, Künstler, Gelehrte und Staatsmänner trugen aber auch im Abendland seit dem Ende des Mittelalters meist wieder Bärte. Berühmt ist der Knebel- und dreizackige Kinnbart Heinrichs IV. (»Henri quatre«) von Frankreich. Weil Ludwig XIII. als neunjähriger Knabe den Thron [* 13] ohne Bart bestieg, so ließen sich die Höflinge aus Gefälligkeit für den jungen Monarchen rasieren und nur einen Backenbart und einige Haare an der Unterlippe (»belle royale«, auch »Virgule à la Mazarin« genannt) stehen, eine Mode, die anfänglich wenig Nachahmung fand.
Peter d. Gr. besteuerte die Bärte, um die Russen äußerlich zu zivilisieren; nur die Bauern und Geistlichen durften den Bart unbesteuert tragen. Daß Philipp V. von Spanien [* 14] das Abnehmen des Bartes begünstigte, erregte Unzufriedenheit beim Volk. Unter Ludwig XIV. waren die Schnurrbärte in großer Gunst, und sowohl der König selbst als Turenne, Condé, Colbert, Corneille, Molière etc. gefielen sich in dieser Mode. Bis zum Ende des 17. Jahrh. trugen auch die protestantischen Geistlichen Schnurr- und Zwickelbärte; dieselben verschwanden aber mit dem ersten Jahrzehnt des 18. Jahrh. In Rußland, teilweise auch in Polen, Galizien und Ungarn [* 15] trägt heute noch der Bauer seinen vollen auch die russischen Landgeistlichen (Popen) tragen volle Bärte. Besondere Regulierungen mußte ¶
mehr
der Bart beim Militär durchmachen. So war in der englischen Armee der Schnurrbart bis 1840 verbannt, seitdem ist er gesetzlich eingeführt. Der Henri quatre war in Frankreich früher sehr üblich, unter dem zweiten Kaiserreich der Kinnbart à la Napoleon III. Seit 1848 wurde das Barttragen allgemein, auch beim Militär. Indessen wurden bald die Bärte, namentlich die sogen. Demokratenbärte, politisch verdächtig, und so wurde bei dem Militär jene Freiheit des Barttragens wieder beschränkt; in Hessen-Kassel war sogar unter Friedrich Wilhelm I. den Zivilbeamten das Tragen eines Vollbartes verboten.
Als Kuriosum mag noch erwähnt werden, daß vor 1848 den Militärpersonen in Kurhessen vorgeschrieben ward, ihren in Form eines W zu tragen. In Deutschland [* 17] ist in neuester Zeit besonders der Vollbart sehr gewöhnlich geworden. In Polen und besonders in Ungarn blühen die Schnurrbärte. Der ganze Orient ist dem Bart treu geblieben. Der Mohammedaner schwört beim Bart des Propheten und bei seinem eignen, und über das Kinn des Sultans darf kein Schermesser gehen.
Vgl. außer den größern Werken über Kostümkunde: Dulaure, Pogonologie (Par. 1786);
»Geschichte des männlichen Barts bei allen Völkern« (a. d. Franz., Leipz. 1787);
Philippe, Histoire de la barbe (Par. 1845);
Falke, Haar und Bart der Deutschen (im »Anzeiger des Germanischen Museums« 1858).