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In «Jeanne», seinem zweiten Biopic über Jeanne d’Arc, wirft der experimentiertfreudige Regisseur Bruno Dumont so viele Konventionen auf einmal über den Haufen, dass er dabei das Potenzial seiner Geschichte aus den Augen verliert.
Filme über Jeanne d’Arc, die sich während des Hundertjährigen Krieges als geschickte Soldatin und spirituelle Gallionsfigur der französischen Seite profilierte und 1431 im Alter von nur 19 Jahren von den Engländern als Ketzerin verbrannt wurde, bekunden oft Mühe damit, das turbulente Leben der Heiligen in einem Durchgang zu erzählen. Die meistgefeierten Porträts der «Jungfrau von Orléans» sprechen eine deutliche Sprache: Während sich Carl Theodor Dreyer und Robert Bresson in «La passion de Jeanne d’Arc» (1928) respektive «Procès de Jeanne d’Arc» (1962) auf den unfairen Prozess gegen die katholische Märtyrerin konzentrierten, widmete ihr Jacques Rivette mit «Jeanne la pucelle» (1994) einen imposanten fünfeinhalbstündigen Zweiteiler.
Bruno Dumont, trotz der zahlreichen Bresson-Vergleiche, welche ihm die spartanische Ästhetik seiner religiös geprägten Werke ( «La vie de Jésus», «Hadewijch») eingebracht haben, hat sich für den Rivette-Pfad entschieden. 2017 präsentierte er mit «Jeannette, l’enfance de Jeanne d’Arc» eine ureigene Vision über die Kindheit seiner Protagonistin: Er liess Tradition links liegen und warf seine Jeanne (Lise Leplat Prudhomme) in ein 15. Jahrhundert, in dem gerappt, gedabbt und zu wildem Elektro-Metal getanzt wurde. Dumont, so schien es, hatte keine Lust mehr auf Bresson’sche Askese und liess sich stattdessen vom ausgeflippten Tonfall leiten, den er zuvor in der bizarren Miniserie «P’tit Quinquin» (2014) und der abseitigen Konödie «Ma Loute» (2016) angeschlagen hatte.
In «Jeanne», dem zweiten Teil dieser exzentrischen Biografie, fährt er den Musical-Aspekt stark zurück, wehrt sich aber immer noch mit Händen und Füssen gegen die Erwartungen, die gemeinhin an einen faktenbasierten Historienfilm gestellt werden. Schon die zweite Szene sorgt für klare Verhältnisse: Die erst zwölfjährige und damit viel zu junge Lise Leplat Prudhomme trifft als 17-jährige Jeanne mit Rüstung und Schwert zu einer Krisensitzung inmitten einer kargen Dünenlandschaft ein, während eine Texttafel im Stile eines Bühnenstück-Manuskripts über Zeit und Ort informiert. Es gesellen sich weitere historische Persönlichkeiten dazu, deren Funktion denkbar ungelenk kommuniziert wird («Ah, hier kommt Monsieur…») und die emotionslos über die Lage beraten. Zum Schluss zieht sich Jeanne zum Gebet zurück – soll heissen: Sie starrt gut fünf Minuten lang regungslos in die Kamera, während eine heiser vorgetragene Synthpop-Ballade ihren inneren Monolog wiederzugeben scheint.
Es ist der irritierende Auftakt zu überraschend kurzweiligen 137 Minuten, in denen Dumont die letzten zwei Jahre im Leben der Titelfigur in drei markante Erzählpassagen unterteilt (deren Dramaturgie übrigens kein Publikum verlangt, das «Jeannette» gesehen hat). So dominiert zunächst, als Jeannes Ruf als militärisches Genie Schaden zu nehmen beginnt, die theatralische Entfremdung: Prudhomme und ihr Gefolge rezitieren ihren Dialog ohne Leidenschaft und ohne Anspruch auf Naturalismus, als befänden sie sich in Rainer Werner Fassbinders «Effi Briest» (1974) oder einem Stück des epischen Theaters. In der Theorie ist das ein mustergültiger Verfremdungseffekt, mit dem Dumont seine eigene Inszenierung ironisch aufs Korn nimmt. Doch in der Praxis führt dieser Gimmick ins Nichts: Die Selbstparodie allein reicht nicht, um die gefühlsentleerten Gespräche mit Humor oder gar Subtext anzureichern, wodurch die ersten 50 Minuten von «Jeanne» vorab wie mutwilliges Amateur-Handwerk wirken.
«Die Selbstparodie allein reicht nicht, um die gefühlsentleerten Gespräche mit Humor oder gar Subtext anzureichern, wodurch die ersten 50 Minuten von ‹Jeanne› vorab wie mutwilliges Amateur-Handwerk wirken.»
Darauf folgt jedoch der stärkste Abschnitt des Films, der die wortkarge Sinnlosigkeit von Jeannes Soldatinnenleben durch die faszinierend überhöhten Redefluten ihres Prozesses ersetzt. Hier singt Maître Nicolas Loyseleur (der herausragende Laiendarsteller Fabien Fenet) in wunderbar geschwollenem Französisch das Hohelied des voreingenommenen Priestergremiums, bevor sich seine Oberen ein surreal abstraktes Wortgefecht mit der Angeklagten liefern. Dumont filmt diese Szenen – wie Dreyer im stilbildenden «La passion de Jeanne d’Arc» – in simplen Nahaufnahmen, die einen ahnen lassen, was für ein eindringliches Drama unter all den Schnörkeln begraben liegt.
«Dumont ist dermassen beschäftigt mit seinen subversiven Spielereien, dass Jeanne – in ihrer ganzen historischen, religiösen, politischen und sozialen Ikonizität – eine unergründliche Leerstelle bleibt.»
Doch dann hält einer der Anwesenden ein Pop-Ständchen und die Magie ist vorbei – und «Jeanne» humpelt, mit der Protagonistin in Ketten, in Richtung Ziellinie. Zwar erhält die Verfremdung im letzten Drittel noch einmal eine neue Dimension – zum Dialog und den reduzierten Schauplätzen gesellen sich brutalistische Kulissen und widersinnige Zeitangaben –, doch es fehlt jegliche substanzielle Auseinandersetzung mit einem Motiv oder einer Idee. Das ist letztlich denn auch die Crux der Sache: Dumont ist dermassen beschäftigt mit seinen subversiven Spielereien, dass Jeanne – in ihrer ganzen historischen, religiösen, politischen und sozialen Ikonizität – eine unergründliche Leerstelle bleibt.
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Wegen des Coronavirus stellen Outside the Box und neun Schweizer Kinos den Film für zehn Franken zum Streamen zur Verfügung. Infos gibt es hier.
Filmfakten: «Jeanne» / Regie: Bruno Dumont / Mit: Lise Leplat Prudhomme, Fabrice Luchini, Jean-François Causeret, Fabien Fenet, Alain Desjacques, Daniel Dienne / Frankreich / 137 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Outside the Box
Das stilisierte Porträt von Jeanne d'Arc ist alles zwischen lächerlich und faszinierend, zwischen Genie und Wahnsinn. Die fehlende Stringenz hindert «Jeanne» aber an wahrer Grösse.