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Vom Westernheld zum rassistischen Kolonialisten: Die Sicht auf den Schweizer Pionier Johann August Sutter veränderte sich in den letzten Jahrzehnten.
Johann August Sutter, der Schweizer Amerika-Auswanderer und Pionier, stand lange auf einem zentnerschweren, unumstösslichen Heldensockel. Bereits zu Lebzeiten war er berühmt. Ein Nissenan (Indigener Kaliforniens) fand 1848 auf dem Grundstück des Schweizers das Goldnugget, welches den Goldrausch auslöste. Der indigene Arbeiter gab das Edelmetall seinem Vorgesetzten James Marshall und löste damit eine regelrechte Hysterie aus. Sutter, 1803 in Kandern geboren, wurde zwar durch den Goldfund bekannt, ein Held war er aber nicht. Dazu wurde er erst später in der Erinnerungskultur zweier Nationen stilisiert.
Kein Unternehmen von Sutter war erfolgreich. Weder in der Schweiz noch in den USA. 1834 führte er eine Kurz- und Tuchwarenhandlung, die er mit dem Geld seiner Schwiegermutter in Burgdorf aufgebaut hatte, in den Konkurs. In einer Nacht- und Nebelaktion flüchtete er über den Atlantik in die USA und entkam so dem Schulden- und Konkursgefängnis. Seiner Frau Anna und seinen fünf Kindern hinterliess er damit ein Schicksal im Armenhaus.
Kaum in den USA angekommen, musste er wieder wegen seines erfolglosen Unternehmertums und aufgebrachten Gläubigern vor dem Berufungsgericht von Jackson County (Missouri) erscheinen – auch dieser Aufforderung leistete er nicht Folge, sondern flüchtete 1838 erneut westwärts. Damit wurde er – ungeplant – zu einem Schweizer Pionier des «Wilden Westens». Sein Grossgut «Neu-Helvetien» an den Ufern des Sacramento war nie rentabel, Sutter die meiste Zeit alkoholisiert und hoch verschuldet. Trotzdem erscheinen seit über 100 Jahren fast nur wohlwollende künstlerische und literarische Interpretationen seines Lebens, das 1880 in Washington endete. Wieso?
Der Vormund seiner verarmten Frau, Martin Birmann (1828-1890), schrieb 1868, noch vor Sutters Tod, ein kleines Büchlein, das in Basel herausgegeben wurde. Darin fasste er Sutters Leben zusammen, schliesslich kennt man den Mann, auf dessen Grundstück der berühmte Goldrausch seinen Anfang nahm und möchte wohl von dieser Bekanntschaft profitieren. Nur, Sutters Habitus wird stark beschönigt. Diese verklärte Sichtweise auf den USA-Pionier wird bis heute übernommen und weiterverbreitet.
Blaise Cendrars schrieb rund 55 Jahre später den Abenteuerroman «Gold. Die Fabelhafte Geschichte des Generals Johann August Suter». Damit wurde die Lebensgeschichte Sutters, so wie Cendrars sie sich vorstellte, zur Heldengeschichte und bildete die Basis für viele nachfolgende Interpretationen. Die Zürcher Uraufführung des Dramatikers Cäsar von Arx’ war 1930 beispielsweise ein grosser Erfolg. Aber nicht nur in der Schweiz wurde die Geschichte immer wieder rezipiert. Auch die Nationalsozialisten wussten den glorreichen Schweizer, der in Deutschland das Licht der Welt erblickte, für ihre Propagandastrategie zu nutzen: der von Luis Trenker 1936 produzierte Film «Der Kaiser von Kalifornien» wurde von Joseph Goebbels an den Filmfestspielen in Venedig in den höchsten Tönen gelobt. Die Hochkonjunktur des heldenhaften General Sutter scheint bis heute nicht abzunehmen. 2016 erschien in der Schweiz der jüngste Roman über ihn. In Kandern, seiner Geburtsstadt, strebt man seit 2017 eine Städtepartnerschaft mit Sacramento an.
Jenseits von kulturellen Reminiszenzen war Sutter auch in politischen Kontexten immer wieder identitätsstiftend für die Schweiz. In der 1976 von der Pro Helvetia geplanten und organisierten Wanderausstellung «Swiss in American Life» zum 200-Jahr-Jubiläum der USA, nahm Sutter einen zentralen Platz ein.
In den 1980er-Jahren forderte die «New Western History» die bisherige Deutungshoheit der amerikanischen Geschichtswissenschaften über das frontier- und damit auch das Sutternarrativ heraus, indem sie die klassische Leseweise der «Wildwest»-Geschichte in Frage stellte: Interessiert war man nicht mehr an den weissen, meist männlichen Pionieren, welche die Helden innerhalb der amerikanischen Meistergeschichte schlechthin darstellten, sondern man fragte nach den durch die Westwanderung dezimierten indigenen Gesellschaften, den kaum erwähnten Frauen und den restlichen bis dato unsichtbaren Personen der Winning of the West-Story.
Was die Sutter-Erzählung angeht, wurde bekannt, dass er Hunderte indigene Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hatte, die sein Gut nicht nur aufbauten, sondern auch unterhielten. Und, dass er mit indigenen Kinder handelte. Bemerkenswerterweise begann die Schweizer Exilgemeinde United Swiss Lodge of California (U.S.L.O.C.) aus Sacramento just in dem Moment, als die schillernde Fassade des Heldenmythos Risse erhielt, die Erinnerung an ihren Vorfahren zu festigen.
Die U.S.L.O.C. wandte sich mit der Bitte, sich für die Erinnerung an Sutter einzusetzen, an private und politische Interessensgruppen im Kanton Basel-Landschaft, da Sutter das Bürgerrecht des Baselbieter Dörfchens Rünenberg besass. So geschah es, dass sich der Besitzer der General Sutter-Brennerei in Sissach und verschiedene Regierungsräte des Kantons ab Mitte der 1980er-Jahre für eine finanzielle Beteiligung am Bau einer übermannshohen Sutter-Statue in Sacramento einsetzten.
Auch das Auslandschweizersekretariat der neuen Helvetischen Gesellschaft (heute ASO) schaltete sich 1986 in die Bestrebungen, Sutter prominent zu ehren, ein und legte der Baselbieter Regierung die Unterstützung eines Denkmals des «wohl grössten Schweizers» ans Herz. 1987 war es dann so weit: Der Regierungsratspräsident reiste an die Einweihungsfeier der Statue, welche Basel-Landschaft mit 50'000 Franken aus dem Lotteriefonds mitfinanziert hatte. Gleichzeitig arbeiteten die verschiedenen Interessensgemeinschaften an gefestigten Beziehungen zwischen den beiden Städten. 1989 ging Liestal eine Städtepartnerschaft mit Sacramento ein und initiierte damit eine offizielle Ehrung Sutters.
Diese Städtepartnerschaft existiert bis heute. Die Statue wurde im Zuge der Black Lives Matter-Bewegung auf Druck verschiedener indigener Gesellschaften Kaliforniens und der Wissenschaft im Juni 2020 vom Sockel genommen – eindeutig ein Signal für eine differenziertere Erinnerung an den Schweizer Helden.