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von Oliver Kaftan
Immer mehr Menschen sind mit ihrem Körper unzufrieden: Während Frauen typischerweise dünner sein möchten, nehmen Männer ihre Muskulatur als unterentwickelt wahr und wünschen sich mehr Muskelmasse (sog. Muskulositätsstreben).
Geht es um die Ursachen des Muskulositätsstrebens, stand in der bisherigen Forschung die mediale Verbreitung eines athletischen und muskulösen Körperideals im Vordergrund. Dieser Fokus bietet sich an, denn Medien, Werbung und Industrie spielen eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Schönheitsbildern. Etwas weniger naheliegend ist demgegenüber eine Annäherung an das Thema aus feministischer Perspektive, welche die Formung körperlicher Erfahrungen mitunter in patriarchalen Gesellschaftsstrukturen begründet sieht.
In ihrer Studie untersuchten Viren Swami und Martin Voracek zwei Aspekte einer patriarchalischen Einstellung. Einerseits interessierten sich die Forscher für den Zusammenhang zwischen einer sexistischen Einstellung und Muskulositätsstreben, andererseits vermuteten sie eine Verbindung zwischen der Tendenz zur Objektivierung von Frauen und Muskulositätsstreben.
Zur Stützung der angenommenen Beziehungen zitieren die Autoren Befunde, wonach eine muskulöse Statur als maskulin gilt und Frauen in patriarchalischen Gesellschaften Männern untergeordnet sind. Folglich könnten sexistischere Männer verstärkt danach streben ihre Maskulinität nach aussen zu zeigen, indem sie nach einem muskulöseren Körperbau streben und sich ihrer Umgebung damit als nicht-weiblich bzw. Personen höherer Ordnung kenntlich machen.
Frauenfeindliche Ansichten widerspiegeln sich ausserdem in der Tendenz weibliche Körper als sexualisierte Objekte zu betrachten. Da aus vorhergehender Forschung bekannt ist, dass Männer beim Betrachten von Bildern mit Frauen als Sexobjekten sich wünschen muskulöser zu sein, gingen die Autoren davon aus, dass Männer mit einer allgemeinen Tendenz zur Objektivierung von Frauen auch ein verstärktes Muskulositätsstreben zeigen.
Swami und Voracek legten zur Überprüfung ihrer Annahmen insgesamt 327 heterosexuellen Männern verschiedene Fragebögen vor. Das Muskulositätsstreben bzw. sexistische Einstellungen erfassten die Autoren durch das Ausmass der Zustimmung zu Aussagen wie „Ich wünschte, ich wäre muskulöser“ bzw. „Eine Vergiftung bei Frauen ist weniger schlimm als eine Vergiftung bei Männern“. Wenn Männern ferner das Aussehen von Frauen sehr wichtig, die Kompetenz aber unwichtig war, deutete dies auf eine hohe Objektivierung von Frauen hin. Die Befragung erfolgte anonym.
In der Tat zeigte sich, dass sexistischere Männer ein höheres Muskulositätsstreben aufweisen. Sie stimmen nicht nur offensichtlichen, sondern auch weniger offensichtlichen sexistischen Aussagen zu. Ebenso neigen muskulositätsstrebende Männer eher dazu Frauen als Objekte zu betrachten.
Auch wenn die Forscher die genauen Wirkzusammenhänge in ihrer Studie nicht hinreichend aufgezeigt haben, legt sie nahe, dass die Befürwortung eines maskulinen Ideals ein Mittel ist, um maskuline Kraft zu betonen: Wer sexistisch ist, ist mit dem eigenen Körperbild unzufrieden und wünscht sich einen muskulöseren Körper. Damit schaden patriarchalische Auffassungen nicht – wie oft angenommen – bloss Frauen, sondern auch der männlichen Gesundheit; zumindest in Form eines negativen Körperbildes, welches im Zusammenhang mit einer Vielzahl an physischen und psychologischen Gesundheitsproblemen steht.
Literaturangaben:
Swami, V., & Voracek, M. (2013). Associations among men's sexist attitudes, objectification of women, and their own drive for muscularity. Psychology of Men & Masculinity, 14, 168-174.
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