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China und Indien werden oft im gleichen Atemzug genannt, wenn es um die neuen Realitäten in der globalen Wirtschaft geht. Beide Länder haben in den letzten dreissig Jahren eindrückliche Wachstumsraten erzielt, und weil sie zusammen rund ein Drittel der Weltbevölkerung beherbergen, hat das schnelle Wachstum zu einer grossen Gewichtsverschiebung geführt. Vielleicht ist der Aufstieg Chinas und Indiens in der Gegenwart so bedeutend wie die Industrielle Revolution, die vor 200 Jahren in England stattfand und die Vorherrschaft des Westens begründete.
Bei allen Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die Wachstumsmodelle aber fundamental. Das chinesische Modell beruht auf einer kontrollierten Privatisierung und Liberalisierung des Agrar- und Industriesektors. Der Motor des Wachstums ist die Exportleistung des Industriesektors. China ist heute die Werkstatt der Welt – so wie Grossbritannien im 19. Jahrhundert der «Workshop of the World» war. Und im Schlepptau der Industrialisierung wächst mittlerweile auch der Dienstleistungssektor in hohem Tempo.
Das chinesische Modell ist typisch für den ostasiatischen Raum. Bereits Japan, Südkorea und Taiwan haben mit einer kontrollierten Liberalisierung ein Export gestütztes Wachstum angestrebt. Es entspricht auch in vielerlei Hinsicht dem europäischen Industrialisierungsprozess. Deutschlands Wirtschaftsleistung im späten 19. Jahrhundert und nach dem Zweiten Weltkrieg war zu einem grossen Teil exportgetrieben.
Das indische Modell ist ganz anders und wohl auch problematischer, denn nur der Dienstleistungssektor weist überdurchschnittliche Wachstumsraten auf. Der Industriesektor stagniert dagegen immer noch, und der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung ist im Vergleich zu China immer noch sehr hoch. Ein Paper von Bosworth und Collins aus dem «Journal of Economic Perspectives» (2008, pp. 45–66) zeigt die sektoralen Differenzen klar auf.
Auf die gesamte Volkswirtschaft gerechnet ergibt sich ein grosser Unterschied zwischen den beiden Ländern. Das Durchschnittseinkommen ist in China deutlich höher als in Indien. In den 1990er-Jahren hat China Indien abgehängt.
Warum ist der indische Industriesektor so träge? Vermutlich liegt es an der Regulierung. Industriebetriebe, die mehr als hundert Beschäftigte zählen, werden vom Staat ausserordentlich streng überwacht. Deshalb versuchen die meisten indischen Unternehmer, ihre Firma klein zu halten. Das aber schadet der Produktivität. Denn nur grössere Betriebe sind in der Lage, Forschung und Entwicklung zu finanzieren und Kosteneinsparungen durch hohe Stückzahlen zu erreichen. Eine Tabelle aus einem Artikel von Kotwal, Ramaswami und Wadhwa im «Journal of Economic Literature» (2011) zeigt die einseitige Entwicklung innerhalb des Industriesektors:
Die Tabelle zeigt: Nur die kleinen Betriebe schaffen Stellen, aber gemessen an der gesamten Volkswirtschaft sind es viel zu wenige. Zudem handelt es sich hauptsächlich um Niedriglohn-Jobs, weil die kleinen Betriebe nicht besonders produktiv sind. Dadurch bleibt das Pro-Kopf-Einkommen gering, was das gesamtwirtschaftliche Wachstum hemmt.
Vor allem ist der zweite Sektor auf diese Weise nicht in der Lage, genügend Arbeitskräfte aus der unproduktiven Landwirtschaft zu absorbieren. Deshalb ist die Armut auf dem Lande immer noch sehr verbreitet. Wer im Dienstleistungssektor arbeiten möchte, braucht mindestens eine Primarschulausbildung. Diese fehlt vielen Bäuerinnen und Bauern. Im Industriesektor wären die Anforderungen an die Bildung geringer, aber eben: Es fehlt die Wachstumsdynamik.
Indien ist deshalb an einem Scheideweg. Wenn es nicht bald gelingt, den Industriesektor zu fördern, dürfte das Land weiterhin am meisten arme Menschen auf der Welt zählen. Die grösste Demokratie der Welt hat Eindrückliches vollbracht, aber das diktatorische China hat bisher erfolgreicher operiert.