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Vic Chesnutt (1964–2009): Eine Karriere zur falschen Zeit
Der US-amerikanische Songwriter starb an einer Überdosis Beruhigungsmittel. Hätte ein intaktes Gesundheitssystem das verhindern können?
Seine im letzten November erschienene Platte, eingespielt mit dem kanadischen Bandkollektiv Thee Silver Mt. Zion, liess auf eine grosse Zukunft hoffen. So brüchig, intensiv und zugleich intim wie auf «At the Cut» klang Vic Chesnutt noch nie. Nun ist das Album zum Abschiedsgeschenk geworden, zum Epitaph. An Weihnachten ist der 45-jährige Songwriter verstorben, an einer Überdosis Beruhigungsmittel. «Flirted with You All My Life» heisst ein Song, eine Hymne auf den Tod. «You’re always right with me», heisst es dort, aber auch: «O death ... I’m not ready». Wirklich nicht? Einige Agenturen meldeten kurz nach dem Tod, dass es sich um Selbstmord handeln könnte, um eine Verzweiflungstat.
In der Schuldenfalle
Seit einem Autounfall im Jahr 1983 sass Vic Chesnutt im Rollstuhl und musste sich immer wieder Operationen unterziehen. Eine Krankenversicherung konnte sich der Musiker nicht leisten. Der Sampler «Sweet Relief» von 1996 machte bereits auf das katastrophale US-amerikanische Gesundheitssystem aufmerksam. Er bestand ausschliesslich aus Chesnutt-Coverversionen, eingespielt von prominenten Bands wie R. E. M. und Smashing Pumpkins. Mit den Erlösen des Samplers wurden MusikerInnen unterstützt, die kein Geld für eine Krankenversicherung haben.
Für Chesnutt kam jedoch alle Hilfe zu spät. Ein Krankenhaus klagte im letzten Jahr gegen ihn, weil nach mehren Operationen Klinikkosten von 70 000 US-Dollar angefallen waren. Gegen diese Schuldenfalle half nicht einmal mehr intensives Touren. Sein Tod, ganz gleich ob Selbstmord oder nicht, liest sich vor dem Hintergrund von Barack Obamas Bemühungen um eine Gesundheitsreform besonders tragisch. Hätte es die geplanten Reformen bereits unter der Amtszeit von George Bush gegeben, wäre einer der bedeutendsten Folkmusiker der USA heute wohl noch am Leben. Doch der Tod kennt keinen Konjunktiv.
Chronist der Bigotterie
Neben den MusikerInnen von Bands wie Giant Sand oder Lambchop, mit denen er oft die Bühne teilte, war Vic Chesnutt einer der Wegbereiter dessen, was heute Americana genannt wird – die Renaissance des US-amerikanischen Country und Folk, jedoch frei von Cowboyromantik, Patriotismus und ländlichem Idyll. In der Tat: Gott, Eigenheim und Kleinfamilie als zentrale Werte sucht man in seinen Songs vergebens. Kruzifixe an der Wand hatte Chesnutt einmal in einem Song als «mad metallic icons» bezeichnet. Die ländlichen, religiösen USA waren ihm fremd, gaben aber viel Stoff für bissige Songs ab. Doch Chesnutt war nicht nur der humorvolle Chronist einer bigotten Gesellschaft, die Wasser predigt und Wein in der Papiertüte mit sich führt – er war auch sich selbst gegenüber schonungslos offen. Immer wieder werden Alkoholismus und Depressionen in seinen Songs thematisiert, sogar den Tabletten, die zu seinem Tod führen sollten, hatte er in «Hot Seat» eine bissige Zeile gewidmet.
Mit Chesnutt ist ein Musiker gestorben, dessen Karriere zur falschen Zeit begann. Von Michael Stipe (R. E. M.) entdeckt und gefördert, nahm Chesnutt 1990 sein Debüt «Little» auf. Doch in den neunziger Jahren interessierten sich die wenigsten Menschen für Folk. Hip-Hop, Techno, Grunge und Crossover waren angesagt. Da half auch nicht viel, dass die ersten Chesnutt-Platten auf Texas Hotel erschienen, dem Label von Henry Rollins. Den Ruhm jenes Genres, dessen Popularität Chesnutt vorbereitet hatte, sollten in den letzten Jahren andere abbekommen. Von Müdigkeit war bei ihm dennoch keine Spur zu bemerken. Im vergangenen Jahr hatte Chesnutt gleich zwei Alben veröffentlicht. Ein Nachlass, mit dem wir uns jetzt leider begnügen müssen.