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Meine elfjährige Tochter Nina ist ein intelligentes, aber total verträumtes Kind. Sie hat eine „lange Leitung“ und ist Weltmeisterin im Trödeln. Sie schafft es, mich ab und zu zur Weissglut zu treiben. Gibt es eine Methode, um das Trödel-Syndrom abzustellen?
Antwort: In erster Linie muss abgeklärt werden, wieso Barbara so trödelt. ADHS kann – muss aber nicht – eine Ursache für Barbaras Trödeln darstellen. Im Zweifelsfall – vor allem bei Vorliegen von Teilleistungsstörungen wie beispielsweise Legasthenie oder bei anderen Auffälligkeiten (Bettnässen, Tics, unerklärlichen Ängsten, schnelles Ermüden usw.) – ist eine psychologische Abklärung bei einer Fachperson für ADHS angezeigt. Viele Symptome der ADHS kommen nämlich auch bei (und/oder mit) anderen psychischen Erkrankungen und Reaktionen vor und müssen deshalb von einem Fachmann bzw. einer Fachfrau genau untersucht werden. Siehe dazu auch hier.
Im Rahmen dieser Untersuchungen wird u.a. abgeklärt, ob emotionale familiäre Konflikte, allgemeine intellektuelle Überforderung oder allenfalls auch sexuelle Ausbeutung als Ursache des Problemverhaltens infrage kommen kann. Trödeln bei ADHS wird wie gesagt sehr häufig beobachtet. Und zwar bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Nicht selten stellt dieses störende Verhalten den Anlass dar, welcher schliesslich zur Abklärung führt.
Wie kann Trödeln mit ADHS zusammenhängen?
Der bekannte ADHS-Forscher Barkley formulierte 1997, dass die bei ADHS ungenügend arbeitende zerebrale Inhibition (Filterung von überschüssigen inneren und äusseren Reizen, Hemmung der Reaktion auf diese Reize) dazu führen kann, dass das Verzögern und Abstoppen von Reaktionen nicht oder nicht ausreichend funktioniert. Es ist, als könnten die betroffenen Kinder (und Erwachsenen) nicht recht „abbremsen“. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um gefühlsmässige, gedankliche, körperliche oder verhaltensbezogene Reaktionen auf einen Stimulus (Reiz) handelt. Der Stimulus kann wiederum ein Ereignis, Gedächtnis bzw. innere Bilder, Gefühle oder physiologische Veränderungen sein.
Das Nicht-abstoppen-können, welches wie gesagt auf verschiedenen inneren und äusseren Ebenen stattfinden kann, hat Folgen: Ärger hört nicht auf, das Nägelkauen kann nicht gestoppt werden, über negative Ereignisse wird gegrübelt „bis zum geht nicht mehr“, schöne Fantasien entführen den/die Träumer/-in in andere Welten usw.
Dieses Nicht-abbremsen-können fördert u.a. auch das Träumen und das Trödeln. Trödeln heisst (im Zusammenhang mit dem Vorliegen einer ADHS) häufig, dass zu viele Reize gleichzeitig auf das Gehirn des betroffenen Kindes einströmen. Reize, welche nicht ausreichend sortiert und in eine sinnvolle Reihenfolge gebracht werden können. Das führt zu mehr oder weniger bewussten Entscheidungsproblemen: „Welchem Impuls soll es nun nachgeben? Tut es A, vernachlässigt es B und könnte C verpassen. Am liebsten alles auf ein Mal. Aber wo bloss beginnen…?“. Schliesslich macht sich lähmende Langeweile breit, welche u.a. zur Folge hat, dass die neuronale Aktivität in denjenigen Teilen des Gehirns, welche für die Inhibition (Hemmung überflüssiger Reize) zuständig ist, noch weiter abnimmt. Es kommt folglich zu einem Teufelskreis, welcher die Betroffenen gegebenenfalls auch motorisch immer unruhiger werden lässt.
Damit einhergehend zeigen die meisten ADHS-Betroffenen ein „gestörtes“ Zeitgefühl: Sie können im Einkaufsgeschäft eine halbe Stunde vor einem Regal stehen und verträumt die Inhaltsdeklarationen jedes Produktes studieren und sich selbst und die Zeit total vergessen. Um nicht in diesen „zeitlosen“ Zustand zu geraten, gehen einige ADHS-Patienten nur noch mit Einkaufszetteln ins Kaufhaus und versuchen, so schnell wie nur möglich ihre Einkäufe zu tätigen.
Ähnliches spielt sich auch bei Kindern ab. Beim Aufräumen etwa können sich auch ältere Kinder mit einer ADHS total verlieren. Jeder neue Gegenstand, welcher eigentlich an seinen Platz geräumt werden sollte, packt die Aufmerksamkeit das Kind von Neuem und veranlasst dieses, die mit diesem Gegenstand verbundenen Spiel- und Erlebnismöglichkeiten auszuloten. Die Aufgabe, nämlich das Zimmer aufzuräumen, vergessen diese Kinder. Dieses Vergessen geschieht jedoch nicht aus Faulheit oder Nachlässigkeit, sondern ist Folge der zu wenig stark arbeitenden Filterfunktionen des Gehirns.
Durch das „Verhaftetsein“ in den Augenblick, bzw. die überaus starke Stimulusgebundenheit (also die „Sucht“ nach starken äusseren oder inneren Reizen) von Menschen mit ADHS, leiden natürlich auch die Fähigkeiten des Vorausplanens. Gleichzeitig ist aber auch das rückwärtsgerichtete Zeitempfinden nur sehr mangelhaft ausgeprägt. Dies bringt es mit sich, dass Kinder und Erwachsene mit ADHS sich vor allem auf schwierige Situationen immer wieder neu einstellen müssen. Aus alten Erfahrungen zu lernen, ist für sie sehr schwierig. Auch Erfolgserlebnisse bleiben leider nicht „hängen“. Infolge dieses „Defektes“ des Zeitgefühls brauchen diese Kinder (aber auch viele Erwachsene mit ADHS) deutliche Zeitablaufshinweise.
Was tun?
Beim Lernen, beim Hausaufgaben erledigen sowie bei der Durchführung anderer Tätigkeiten leisten Uhren, welche so programmiert werden können, dass sie alle 15 Minuten einen Signalton von sich geben, herausragende Dienste. Wesentlich erscheint ferner, dass Eltern von Ihren Kindern nie zu früh ein selbständiges Erledigen der übertragenen Aufgaben einfordern. Diese Kinder müssen oft lange und mit viel Geduld gecoacht und begleitet werden. Zu leicht verlieren sie das Wesentliche aus den Augen und zu schnell vergessen sie, was sie eigentlich vor hatten.
Bei Vorliegen der Diagnose ADHS und bei Indikation für eine Therapie mit Stimulanzien, kann eine medikamentöse Therapie viel mit dazu beitragen, dass sich diese Kinder weniger zerstreut und zielgerichteter an ihre Arbeiten machen. Für die Persönlichkeitsentwicklung dieser Kinder ist es evident, dass sie ihre Intelligenz auch „ausleben“ können. Ritalin oder andere Stimulanzien können dazu beitragen, dass diese Kinder lern- und entwicklungsfähiger werden.
Dieser Text wurde letztmals 09/2016 aktualisiert.
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© 2016 Piero Rossi