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2. Die Mineralstoffe des Lebens
2.1.1 Wie fand Schüßler die Mineralstoffe, die für den Menschen von
Bedeutung sind?
Schüßler schreibt selbst in der ersten Auflage seiner „Abgekürzten Heilweise“2 „Die Grundlage meiner Forschung waren Histologie3, die darauf bezügliche Chemie, die anorganischen Bestandtheile der Gewebe und die physiologischen Wirkungen oder Funktionen dieser Bestandteile.“
„… Die Gebiete der anorganischen Funktionsmittel sind von mir auf den parallelen Wegen der Theorie und Praxis gefunden worden.“4
Aufgrund der Forschungen stellte er jene 12 anorganischen Substanzen zusammen, welche im „animalischen Organismus“ (Formulierung Schüßlers) enthalten sind. Später ließ er das zwölfte Salz weg, weil er es durch die Nummern 9 und 11 ersetzte.
Er legte sich auf folgende Mineralstoffe fest. Sie werden in der uns heute gewohnten Reihenfolge angeführt:
Nr. 1 Calcium fluoratum, Nr. 2 Calcium phosphoricum, Nr. 3 Ferrum phosphoricum, Nr. 4 Kalium chloratum, Nr. 5 Kalium phosphoricum, Nr. 6 Kalium sulfuricum, Nr. 7 Magnesium phosphoricum,
Nr. 8 Natrium chloratum, Nr. 9 Natrium phosphoricum, Nr. 10 Natrium sulfuricum, Nr. 11 Silicea und Nr. 12 Calcium sulfuricum.
Joachim Broy schreibt dazu in seinem Buch “Die Biochemie nach Dr. Schüßler“5 folgendes: „Schüßler war in der Auswahl seiner Funktionsmittel sehr vorsichtig. Er wollte vermeiden, dass unsichere oder schlecht geprüfte Mittel in seine Reihe Einzug hielten. Schließlich hatte er seine Heilmethode ursprünglich gerade aus diesem Grunde erstellt.
Als Untersuchungen bekannt wurden, die diese Anforderung für sein Mittel Calc. sulf. in Frage stellten, entfernte er es sofort aus seiner Reihe. Daraufhin enthielt diese nur noch elf Mittel. Schüßler schlug als Ersatz die Kombination Natr. phos. und Silicea vor. Dennoch gingen wichtige Indikationen wegen dieser Kürzung verloren.“
Wie sich Dr. Schüßler mit diesem Problem auseinandersetzt, kann in der letzten von ihm selbst überarbeiteten 25. Auflage der „Abgekürzten Therapie“6 nachgelesen werden:
„In Moleschotts ‘Physiologie der Nahrungsmittel’ ist der schwefelsaure Kalk als Nahrungsstoff aufgeführt. Das betreffende Werk ist im Jahre 1859 erschienen. Seitdem hat manche Anschauung eine Berichtigung erfahren.
In Bunges Lehrbuch der physiologischen und pathologischen Chemie, welches im Jahre 1887 erschienen ist, findet sich der schwefelsaure Kalk nur in Gallenanalysen, und zwar in zwei Analysen, in zwei anderen nicht.
In seinem Lehrbuch sagt Bunge vom Schwefel:
„Hauptsächlich in der Form des Eiweißes gelangt er in den Tierkörper und geht von dort aus der Spaltung und Oxydation des Eiweißes zum größten Teil wiederum in der höchsten Oxydationsstufe als Schwefelsäure hervor. In dieser Form an Alkalien gebunden, verlässt er den Tierkörper, um den Kreislauf aufs Neue zu beginnen.4
An ‘Alkalien’, d.i. an Kalium und Natrium, also nicht an Erden: Calcium und Magnesium, ist die Schwefelsäure gebunden.
Der schwefelsaure Kalk ist zwar gegen manche Krankheiten [Eiterungsprozesse, Haut- und Schleimhautaffektionen] mit Erfolg angewendet worden; da er aber, wie aus obigem ersichtlich, nicht in die konstante Zusammensetzung des Organismus eingeht, so muss er von der biochemischen Bildfläche verschwinden.
Statt seiner kommt Natrium phosphoricum und Silicea in Betracht.“
In der Zwischenzeit ist die Forschung mit Riesenschritten weiter vorangeschritten. Durch feinere Analysemethoden war es möglich, noch weitere Stoffe zu entdecken, welche zum konstanten Bestand des menschlichen Körpers gehören. Es ist darauf zu vertrauen, dass Dr. Schüßler auch diese neuen Erkenntnisse auf seine geniale Weise in seine Schau eingebaut und zielführend in das von ihm entwickelte System integriert hätte.
Die Nummer 12 wurde von manchen Nachfolgern wieder in die Reihe aufgenommen, andere ließen sie wiederum endgültig weg.
Schüßler selbst hatte eine sehr offene Einstellung gegenüber Veränderungen seiner Heilmethode, was er auch schriftlich bekannte: „Die Biochemie ist noch nicht perfekt, sie ist aber perfektibel7 und wird mit der Zeit perfekt werden.
Wenn Ärzte, die auf den Gebieten der physiologischen Chemie und pathologischen Anatomie sich gründliche Kenntnisse erworben haben, mir beim Ausbau meines Werkes behilflich sein wollten, so würden ihre Beiträge mir sehr willkommen sein.“
Im Laufe der mehr als hundert Jahre, die seit dem Tode Dr. Schüßlers ungefähr vergangen sind, wurden eine Reihe weiterer Mineralstoffverbindungen im menschlichen Körper gefunden, welche nicht nur vorübergehend in der Zusammensetzung vorhanden sind, sondern konstant. Sie erweitern den Bestand der 12 von Dr. Schüßler in Anwendung gebrachten Mineralstoffverbindungen auf insgesamt 27, wobei in letzter Zeit in der Adler Pharma das Bestreben besteht, die Reihe der Mineralstoffe auf weitere notwendige und im Organismus nachgewiesene Spurenelemente zu erweitern. Voraussichtlich wird es
6 weitere Erweiterungsmittel geben.
Hauptsächlich finden allerdings die ursprünglichen 12 bzw. 11 biochemischen Mittel nach Dr. Schüßler Verwendung.
Sie stellen die Grundmittel der Biochemie nach Dr. Schüßler dar.
2.1.2 Die Zubereitung der Mineralstoffe durch Dr. Schüßler
Durch die Homöopathie und das Arndt-Schulz’sche Reizgesetz wusste Dr. Schüßler, wie bedeutungsvoll die Zubereitung der Mineralstoffe ist. Außerdem erkannte er durch die damals ganz moderne Zellforschung, dass nur einzelne Ionen in die Zelle eindringen können. So konnte er auf das Wissen und Können, das er sich als homöopathischer Arzt angeeignet hatte, zurückgreifen.
Die Mineralstoffe werden also deshalb potenziert, damit sie einzeln, vereinzelt, in der Trägersubstanz, dem Milchzucker, vorhanden sind. Auf diese Weise können sie unmittelbar in den Bestand der einzelnen Zellen eingehen.
Drei Mineralstoffe werden dabei besonders stark potenziert, weil sie vom Körper schwer aufgenommen werden: In D12: Nummer 1, Calcium fluoratum, Nummer 3, Ferrum phosphoricum, Nummer 11, Silicea. Die übrigen Mineralstoffe werden nicht so stark potenziert, es genügt die sechste Dezimalverreibung. In besonderen Fällen können auch andere Potenzierungen sinnvoll sein. Dafür sind aber spezielle, fachliche Kenntnisse notwendig.
„In meiner Praxis wende ich durchschnittlich die 6. Dezimalverreibung an. Ferrum phosphoricum, Silicea und Fluorcalcium verabreiche ich in der 12. Verreibung. In akuten Fällen nehme man stündlich oder zweistündlich, in chronischen drei bis viermal täglich ein erbsengroßes Quantum von der Verreibung, entweder trocken oder in einem Teelöffel voll Wasser gelöst.“8
Das Ausweichen in tiefere Potenzen ist nicht empfehlenswert. Besser ist es, mehr von den Tabletten in der höheren Potenzierung zu nehmen, weil sie vom Organismus besser aufgenommen werden können. Die Mineralstoffe nach Dr. Schüßler sollten ausdrücklich als solche verlangt werden und immer in der von Dr. Schüßler empfohlenen Verdünnung.
Dr. Schüßler gibt bezüglich der Potenzierung in der 25. Auflage der „Abgekürzten Therapie“9 eindeutige Hinweise:
„Alle in Wasser unlöslichen Stoffe (Ferrum phosphoricum, Calcarea fluorica, Silicea) müssen bis auf mindestens die 6. Stufe der dezimalen Verdünnungs-Skala gebracht werden; die in Wasser löslichen können auch in niedrigeren Verdünnungen durch die erwähnten Epithelzellen treten.“
Für Dr. Schüßler war die Verwendung verschiedener Potenzen selbstverständlich, war er doch ausgebildeter Homöopath. Er legt sich nicht unbedingt auf bestimmte Potenzen fest, gibt aber Mindestpotenzierungen für die drei unlöslichen Mineralstoffverbindungen an. Tatsächlich besteht in der Wahl der Potenzierung von Dr. Schüßler her eine große Freiheit, wie sie auch von Dr. Schneider in seinem Buch formuliert wird. Die in dem nachfolgenden Zitat beschriebene Wahlmöglichkeit der Potenzierungen ist aber unseres Erachtens eher dem ausgebildeten Fachmann, in diesem Falle einem ausgebildeten Homöopathen, vorbehalten.
Für alle jene, welche in diesem Fachgebiet keine besonderen Kenntnisse sich erworben haben, empfiehlt es sich, jene Potenzierungen beizubehalten, welche von Dr. Schüßler allgemein empfohlen wurden. Diesen Standpunkt vertritt auch Kurt Hickethier, wie das weitere Zitat aufzeigen wird.
Dr. Schneider setzt sich wie Dr. Schüßler in der „Abgekürzten Therapie“10 in seinem schon zitierten Buch „Biochemischer Hausarzt“ mit der Potenzierung der Mineralstoffe in folgender Weise auseinander:
„Die biochemischen Funktionsmittel sind daher nicht nach dem Ähnlichkeitsprinzip gewählt wie die homöopathischen Arzneien im weiteren Sinne, sondern chemisch reine Salze, welche den Mineralstoffen der Zellen des Körpers homogen sind, zu diesen in physiologisch-chemischer Wirkung stehen und die Störungen der Moleküle der Zellen direkt auszugleichen imstande sind, indem sie ersetzen, was den Zellen während der Krankheit verloren gegangen ist. Dadurch kommen sie dem natürlichen Heilbestreben des Körpers in angemessener Weise zu Hilfe, ihre Molekularbewegungen sympathisieren mit jenen der gleichartigen Elemente der kranken Zellen und letztere ziehen die Salze an und erneuern damit ihre Struktur. Die kranken Zellen werden so wieder gesund und sind nun imstande, der Krankheit Herr zu werden. (energetische Steuerung)
So fehlt z. B. bei Rachitis den Knochenzellen die Fähigkeit, neue Knochen zu bilden. Die Knochen bleiben weich und schwach. Gibt man phosphorsauren Kalk, an welchem es den Knochenzellen mangelt, so sind diese in den Stand gesetzt, wieder in normaler Weise gesunden, festen Knochen zu bilden.
Die Gesamtmenge der Salze ist im Körper eine geringe, wie folgendes Beispiel zeigt.
In 1 g Blutzelle sind an Salzen enthalten:
0,000 998g Eisen,
0,000 060g Magnesiumphosphat,
0,000 094g Calciumphosphat
0,000 132g Kaliumsulfat
0,000 633g Natriumphosphat
0,002 343g Kaliumphosphat
0,003 079g Chlorkalium
Es sind dies Verdünnungsstufen, welche der 3., 4. und 5. Dezimalverdünnung entsprechen. Dies ist der Grund, weshalb wir abweichend von Dr. Schüßler außer der 6. auch die niederen Verdünnungen empfehlen.“
Bei Dr. Schneider zeigt sich ein sehr eigenständiger Standpunkt, auch bezüglich der Verdünnungen, den er von sich aus gut vertreten kann. Er beschreibt auch die Wirkung der Calcium phosphoricum Moleküle, welche die knochenbildenden Zellen befähigen, ihren Calciummantel wieder aufzubauen und damit einen festen Knochen zu bilden. Nicht jeder, der Mineralstoffe nach Dr. Schüßler anwendet, hat jedoch so ein qualifiziertes Wissen über die Zusammenhänge und ist auf einfache Vorgaben angewiesen.
… wird fortgesetzt
2 Schüßler, Abgekürzte Heilweise, 1. Auflage 1874, Seite 3
3 Wissenschaft und Lehre vom Feinbau (u. der Funktion) der Körpergewebe.
4 Zur Zeit Dr. Schüßlers war es auch üblich, Erkenntnisse aus verbrannten Leichenteilen und der Analyse der Asche zu gewinnen. Auch Dr. Schüßler hat sich an diesen Analysen zum Teil orientiert, weil er sich sagte, dass die Analyse der Asche von kranken Menschen anders sein müsse, als die Analyse von Asche gesunder Menschen, die z. B. durch einen Unfall ums Leben gekommen sind. So kann es vorkommen, dass völlig Unwissende in der Biochemie nach Dr. Schüßler behaupten, die Mineralstoffe nach Dr. Schüßler würden aus der Asche von verbrannten Leichenteilen gewonnen. Ja manchmal gelangen solche Meinungen sogar in die Artikel völlig außen stehender Journalisten. Ich selbst habe eine solche Meldung von einem Arzt erlebt, einem Leiter einer Selbsthilfegruppe für Osteoporose, zu der ich zu einem Vortrag über die Biochemie nach Dr. Schüßler eingeladen war. Es gab dann eine klärende Auseinandersetzung, in der das Missverständnis bereinigt wurde.
5 Broy, Joachim: Die Biochemie nach Dr. Schüßler, München: Klaus Foitzick Verlag, 1992, Seite 62
6 Schüßler, Abgekürzte Heilweise, 31. Auflage, 1904, Seite 25
7 Das heißt, er meinte, dass sie noch verfeinert oder erweitert werden könne.
8 Schüßler, Abgekürzte Heilweise, 31. Auflage, 1904, Seite 12
9 Schüßler, Abgekürzte Heilweise, 31. Auflage, 1904, Seite 13
10 Schneider, Dr. Med. J.: Biochemischer Hausarzt, Seite 10f