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Am vorweihnachtlichen St. Nikolaustag werden in der Regel Erdnüsse, Mandarinen und «Grittibänze» aufgetischt. Und manchmal auch eine zusätzliche Überraschung: Am späteren Nachmittag des 6. Dezembers ist im Zoo Zürich ein Kappengibbon zur Welt gekommen. Spärlich behaart und mit rosarot durchschimmernder Haut lässt das Neugeborene bereits die für Gibbons typischen langen und feingliedrigen Arme und Beine erkennen. Eingebettet zwischen den angewinkelten Beinen und der Bauch- und Brustpartie der Mutter ist vom Jungtier oft nur eine Hand oder ein Fuss sichtbar.
Der junge Kappengibbon wurde in eine «klassische» Familie hinein geboren, denn Gibbons leben paarweise mit ihrem noch nicht geschlechtsreifen Nachwuchs zusammen. Die Eltern sind Khmer, 1984 in Zürich geboren, und Willow aus Twycross (GB), Jahrgang 1987 und seit 1992 in Zürich. Zur Familie gehören weiter Bruder Laju (2011) und Schwester Nyanyi (2013). Ein weiterer Bruder, Jantan (2009), bewohnt die Anlage nebenan mit Lawa (2011), der jüngsten Schwester des Vaters als Gesellschafterin. Und auch die über vierzigjährige Grossmutter lebt, nochmals eine Anlage weiter, noch hier.
Der jüngste Spross dieser Familie ist ein Weibchen. Die Suche nach einem geeigneten Namen war insofern eine Herausforderung, als dass in diesem Jahr der Anfangsbuchstabe «Q» vorgegeben ist. Mit «Qiwèn» wurde ein chinesischer und für einmal nicht aus dem Verbreitungsgebiet der Art stammender Name gewählt.
Zwischen 1939 und 1974 hatte der Zoo Zürich Weisshandgibbons im Bestand. In dieser Zeitspanne lebten auch zwei einzelne Kappengibbons hier. 1981 und 1982 baute der Zoo Zürich mit sieben importierten Tieren einen Kappengibbon-Bestand auf. Bereits 1982 wurde das erste Jungtier geboren; die aktuelle Geburt ist die nunmehr 29-ste. Lange Zeit pflegte der Zoo Zürich zwei Familiengruppen. Der zurzeit neun Tiere umfassende Bestand gliedert sich in die eine Familie mit Zuwachs, ein junges Paar, das aber in dieser Zusammensetzung nicht für die Zucht vorgesehen ist, und ein älteres, nicht reproduzierendes Paar.
In Zürich geborene Kappengibbons leben in Deutschland, Frankreich, Polen, England und in den USA.
Kappengibbons bewohnen das Blätterdach von Regenwäldern im südöstlichen Thailand, südwestlichen Laos und im westlichen Kambodscha bis in Höhenlagen von 1500 Metern über Meer. Ihre Nahrung besteht vor allem aus Früchten, jungen Trieben und Blättern sowie vereinzelt Insekten. Die einzelnen Familien besetzen Territorien, die akustisch mit Duettgesängen der monogamen Elterntiere markiert werden. Ihre Gesänge werden dabei durch einen Kehlsack verstärkt.
Die Kappengibbons weisen einen ausgeprägten Geschlechtsdimorphismus auf. Die Männchen haben ein schwarzes Fell. Einzig ein Haarkranz am Kopf, die Gesichtseinfassung und die Hände und Füsse sind hellgrau-weisslich. Bei den Weibchen sind die Kopfoberseite, das Gesicht und der Brustbereich schwarz, das restliche Fell ist hellgrau. Jungtiere beider Geschlechter starten mit einem weisslich-hellgrauen Fell und wechseln dann zur Weibchenfärbung. Männliche Jungtiere werden mit etwa vier bis fünf Jahren grauer und dunkler, bis sie schliesslich die schwarze Adultfärbung einnehmen. Derart umgefärbt, werden sie vom Vater aus dem Familienverband vertrieben.
Obgleich der Wildbestand noch auf mehrere 10‘000 Individuen geschätzt wird, stuft die Welt-Naturschutzunion IUCN den Kappengibbon auf ihrer Roten Liste als «stark gefährdet» ein. Die Einschätzung basiert auf dem Umstand, dass der Kappengibbon-Bestand innerhalb von drei Generationen (45 Jahre) um mehr als 50 Prozent abgenommen hat. Als wesentliche Gefährdungsursachen werden die Jagd zur Fleischgewinnung sowie die Fragmentierung und Zerstörung des Lebensraums bezeichnet.
Rund fünfzig Kappengibbons leben in europäischen Zoos. Sie sind in einem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm (EEP) zusammengefasst. Es wird – zusammen mit dem Internationalen Zuchtbuch – vom Zoo Zürich koordiniert.
Die Familie der Gibbons (Hylobatidae: altgriechisch «Waldgänger») ist in Südost-Asien verbreitet. Sie umfasst vier Gattungen mit sechzehn Arten. Ihr grösster Vertreter ist der Siamang, der auch zum Tierbestand des Zoo Zürich gehört. Gibbons haben mit dem Schwinghangeln eine eigene, in den Baumkronen sehr effiziente Fortbewegungsart entwickelt. Die Vorderextremitäten sind länger als die hinteren, die Fingerglieder sind verlängert. Mit einem einzelnen Schwung können Distanzen von bis zu drei Metern überbrückt werden. Am Boden bewegen sich Gibbons aufrecht und halten mit erhobenen Armen die Balance.
Als Schwestergruppe zu den Menschenaffen werden die Gibbons auch als kleine Menschenaffen bezeichnet.
Qiwèn ist das nunmehr zwölfte Junge von Khmer und Willow (sieben Söhne und fünf Töchter). Sie kam nach einer Tragzeit von etwa 210 Tagen und mit einem Geburtsgewicht von ungefähr 350 bis 450 Gramm zur Welt. Im Titel zum Medien-Apéro steht das Wort «unerwartet». Darauf nimmt auch der chinesische Name Qiwèn des jungen Kappengibbons Bezug. Übersetzt bedeutet er so viel wie «fantastische Anekdote», «seltsame Geschichte» oder «merkwürdige Begebenheit». Die körperlichen Veränderungen von Mutter Willow im Vorfeld der Geburt waren wohl wahrgenommen, aber nicht gerade mit einer Schwangerschaft in Verbindung gebracht worden. Denn Willow erhielt – um das Geburtsintervall von normalerweise zwei bis zweieinhalb Jahren etwas zu verlängern – die Pille. Was auch immer die Wirksamkeit der Empfängnisverhütung ausser Kraft gesetzt hat, Qiwèn ist, etwas früher als erwartet, herzlich willkommen.