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Frau Dr. med. B. Flütsch, Frauenklinik des Inselspitals, Bern
Lesben und Gesundheit
erschienen im MediGay-Bulletin vom Mai 2002
Für die Erforschung der Gesundheit von schwulen Männern in der Schweiz wird von öffentlicher Seite nur zaghaft Geld zur Verfügung gestellt. Es braucht deshalb engagierte Männer wie Jen und Michael, welche aus persönlichem Interesse an der Sache ein solches Projekt starten.
Wen wundert’s nicht, dass über Lesben in der Schweiz praktisch gar keine (gesundheitsrelevante) Forschung betrieben, geschweige denn von der öffentlichen Hand bezahlt wird - denn diese Gesellschaftsgruppe ist wirtschaftlich gesehen zu wenig interessant und hat sowieso aufgrund des Geschlechtervorteils eine höhere Lebenserwartung als Männer. So werden die Lesben in den allgemeinen Topf der “Frauen “ geworfen und bezahlen, ganz nebenbei, auch brav ihre höheren Krankenkassenprämien als ihre schwulen Kollegen (potentielles Schwangerschaftsrisiko).
Damit wir uns doch ein ungefähres Bild der gesundheitlichen Probleme spezifisch von Lesben machen können, sind wir einmal mehr auf us-amerikanische Untersuchungen angewiesen. Aber diese Ergebnisse können nur bedingt auf Schweizer Verhältnisse bezogen werden, denn der Lebensstil unterscheidet sich sehr stark und hat einen grossen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten.
Vor rund zwei Jahren ist im Journal of the Gay and Lesbian Medical Association ein ausführlicher Bericht über die Gesundheit von Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen erschienen. Ich habe im Folgenden versucht, die lesbenrelevanten Untersuchungsergebnisse auf Deutsch zusammenzufassen.
Lesben und Krebserkrankungen:
Nach wie vor fehlen klare Studien zu diesem Thema, aber es besteht kein Zweifel, dass Lesben ein erhöhtes Risiko für bestimmte Krebserkrankungen haben.
Brustkrebs ist wahrscheinlich die am häufigsten untersuchte Krebsart bei Lesben. Verschiedene Forschergruppen nehmen an, dass Lesben gegenüber heterosexuellen Frauen ein erhöhtes Risiko haben, da sie häufiger übergewichtig sind, mehr Alkohol konsumieren, seltener Kinder gebären und seltener sich regelmässig bei der Frauenärztin kontrollieren lassen (Haynes 1994; Denenberg 1995).
Da Lesben viel seltener gynäkologische Hilfe brauchen, werden sie auch seltener gynäkologisch untersucht und laufen in Gefahr, häufiger an einem Ovarialkarzinom oder Endometriumskarzinom zu sterben, da die Diagnose oft in einem fortgeschrittenen Stadium gestellt wird. Häufig resultiert dieses ablehnende Verhalten gegenüber gynäkologischen Kontrollen auch aus den Schwierigkeiten, mit welchen Lesben konfrontiert sind, wenn sie sich gegenüber GynäkologInnen offenbaren müssen.
Leider existieren praktisch keine Untersuchungen über andere Krebsarten bei Lesben. Theoretisch kann jedoch angenommen werden, dass aufgrund des höheren Risikoverhalten bei Lesben, u.a. der vermehrte Konsum von Alkohol und v.a. Nikotin zu einer erhöhten Inzidenz von Bronchuskarzinomen, Pharynx/Oesophaguskarzinomen und anderen, noxenabhängigen Krebsarten führt.
Lesben und HIV:
Spezifische Untersuchungen über das Ansteckungsrisiko in der Lesbenpopulation existieren schlicht keine. Lesben welche weder sexuellen Kontakt mit Männern haben noch i.v. Drogenkonsum betreiben, verschwinden irgendwo in der Statistik bei den nicht drogenkonsumierenden heterosexuellen Frauen. Es gibt kleine Studien über serodiskonkordante Lesbenpaare, welche keine Hinweise für eine Frau-zu-Frau-Ansteckung liefern (Raiteri et al, 1994). Angeblich sind seit dem Jahr 2000 Kohortenstudien in Washington D.C., San Francisco und New York im Gange, welche etwas mehr Licht auf diese Frage werfen sollen (R. Smith, 2000). Doch die Gefahr einer HIV-Ansteckung bei Lesben ist trotzdem berechtigt: Laut einer Studie (Young et al, 1992) konsumieren HIV-positive Frauen in San Francisco, welche weibliche Sex-Partnerinnen haben, doppelt so häufig i.v. Drogen und haben signifikant häufiger Analsex mit Männern als Frauen, welche keine weibliche Sex-Partnerinnen haben.
Körperbewusstsein und Essstörungen:
Interessanterweise zeigen die untersuchten Studien ein gehäuftes Vorkommen von Essstörungen bei Schwulen, jedoch nicht bei Lesben.
Geschlechtskrankheiten:
Es gibt keine gynäkologische Erkrankung die speziell nur bei lesbischem Sex auftritt und es ist nicht bekannt, dass gewisse venerische Erkrankungen bei Lesben häufiger vorkommen als bei bisexuell oder heterosexuell aktiven Frauen. Geschlechtskrankheiten kommen bei vorwiegend homosexuell aktiven Frauen viel seltener vor im Gegensatz zu heterosexuell aktiven Frauen oder zu Schwulen. Dies kann einerseits bedingt sein durch die relative epidemiologische Isolation dieser Bevölkerungsgruppe vor Männern und andererseits durch das Fehlen von penis-vaginaler Penetration.
HPV (human papilloma virus) und bakterielle Vaginose (v.a. Gardnerella vaginalis) sind bekannte Erreger, die auch unter Frauen übertragen werden können. Somit können auch Frauen, welche nur Sex mit Frauen haben, an einer HPV-Infektion erkranken. Dies hat wiederum Konsequenzen im Hinblick auf die regelmässige Vorsorgeuntersuchung mit Pap-Abstrich. Denn heute ist bekannt, dass bei 99% der Zervixkarzinome HPV-Viren im Spiel sind. Auch können Pilzinfektionen, Trichonomaden und Filzläuse unter Lesben ausgetauscht werden (Marazzo et al, Berger et al 1995; Degen and Weitkevicz, 1982). Frauen, welchen nur mit Frauen Sex haben, haben das geringste Risiko an Gonorrhoe oder Syphilis zu erkranken (ausser denjenigen natürlich, welche nie im Leben Sex haben).
Herpes genitalis und Chlamydien kommen in der lesbischen Population viel seltener vor, beide Erreger sind aber grundsätzlich auch zwischen Frauen übertragbar.
Hepatitis B und C kommen nur vor, wenn andere Risikofaktoren dazukommen (ob da gewisse S/M-Praktiken gemeint sind? - Anmerkung).
Der Bericht führt weiter Themen wie Drogen- Alkohol- und Tabakkonsum auf, geht auf die häusliche Gewalt in homosexuellen Beziehungen ein und äusserst sich auch über die gesundheitlichen Probleme von Transsexuellen. Die Zusammenfassung dieser Themen würde jedoch den Rahmen diese Artikel sprengen.
Für mehr Informationen: <email-pii>