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Indianer tanzen mit Wölfen, sagt ein zudem schiefes Klischee. Oder haben mit Skinwalkers zu tun, wenn sie in Kriminalromanen auftreten, wissen Bescheid über uralte Mythen, Riten, Kulte und kennen sich in Natur und Wildnis bestens aus. Sie leben selten mit snobistischen, fast exzentrischen Katzen zusammen. Eigentlich nie. Aber bei Thomas King schon. Denn dessen indianischer Held Thumps DreadfulWater, dessen ersten Auftritt wir hier in DreadfulWater kreuzt auf erleben dürfen, hat eine exzentrische Katze namens Freeway und entspricht auch sonst keineswegs einer der Figuren, die wir aus mittlerweile Hunderten, wenn nicht Tausenden von Ethno-Krimis kennen. Wobei schon bezeichnend genug ist, dass man den Terminus »Ethno-Krimi« bzw. »Ethno-Sleuth« in den meisten Fällen mit Büchern in Zusammenhang bringt, die irgendwie mit den Indianern der USA zu tun haben.
Das ist ein bisschen sehr reduziert, und schräg ist es auch. Denn den »eingeborenen Detektiv« in der Kriminalliteratur hat der Engländer Arthur W. Upfield erfunden: Seit den späten Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts schrieb er seine Serie um den Aborigines-Polizisten Napoleon Bonaparte; in den Sechzigerjahren gesellte sich Inspector Ghote aus der Feder von Upfields Landsmann H. R. F. Keating dazu und löste in Bombay seine Fälle, und erst in den Siebzigerjahren entdeckte Tony Hillerman mit seiner Navajo Tribal Police die Indianer des Südwestens der USA als Helden. Auch Hillerman ist kein Navajo, sondern ein WASP wie die beiden anderen Autoren auch, wenn sie nicht vornehmlich Brits wären. Allerdings hatte er einen Trend geschaffen. Die Achtziger- und Neunzigerjahre waren Boomjahre für die US-amerikanische Variante des nunmehr auch so genannten Ethno-Krimis, der sich heute als fest etabliertes Sub-Genre einer kontinuierlichen Beliebtheit erfreut. Selbst renommierte Non-Genre-Autoren wie Rudolfo Anaya, der große alte Mann der Tex-Mex-Literatur, sprangen freudig auf diesen schon schwer auf die New-Age-Schiene geratenen Zug. Nur Sherman Alexie mokierte sich bitterböse, sarkastisch und karikierend in seinem Roman Indian Killer über diese Welle und über gewisse weiße Indianer-Krimi-Schriftsteller aus der dritten Reihe, die sich selbst als die besseren native americans fühlen. Alexie hat alles Recht dazu, denn er ist Indianer (und verweigert es auch, sich native american zu nennen).
Thomas King, halb Cherokee und eher Kanadier, verfährt dagegen mit einem stoischen Lächeln. Weil er weiß, dass sich literarische Reihen ganz zwangsläufig verändern, bis sie entweder völlig erlöschen oder sich zu irgendetwas Neuem, Anderem entwickeln, setzt er auf leise Subversion. Sein DreadfulWater ist ein Großstadt-Mensch, Ex-Cop aus Nordkalifornien, der sich im US-amerikanischen Teil der Rocky Mountains als Fotograf dem eher ruhigen Leben hingeben will. Von Natur und Wildnis hat er keine Ahnung, seine Cherokee-Gene helfen ihm da überhaupt nichts. Er fühlt sich auf dem Golfplatz wohler und hat so seine kulinarischen Probleme in der neuen Umgebung – schließlich lebt King in Kanada und weiß, wovon er redet. Dass schließlich eine Computerfirma ein indianisches Kasino angreift, hat ganz und gar nichts mit der politischen Situation zu tun. Profitgier kennt keine Ideologie und kann notfalls von einem Ex-Medizinmann gestoppt werden, der höchstens eine göttliche Einsicht hinsichtlich eines Hightech-Problems hat.
Kings charmante Art, dem Ethno-Krimi eine neue Richtung zu geben, hat ihren großen Vorzug: Er vermeidet Klamauk, Parodie und Effekthascherei und damit eine »Spaghettisierung« des Sub-Genres, wie sie zum Beispiel mit dem guten, alten Western passiert war, oder auch mit dem Privatdetektivroman in den späten Achtzigerjahren. Damit gewinnt King aber alle Möglichkeiten, einen realitätstüchtigen, klischeefreien und somit reicheren Roman zu schreiben, in dem Indianer oder native americans von der Last befreit auftreten können, eine besonders exotische Bevölkerungsgruppe darzustellen. Deswegen fügt sich DreadfulWater kreuzt auf auch organisch in Kings Gesamtwerk, obwohl dieser Roman sein erster Krimi ist.
Kings mit Preisen und Auszeichnungen überhäuftes Gesamtwerk weist einen gemeinsamen Nenner quer durch Gattungen und Genres auf: Er schreibt wider die Marginalisierung der Indianer, deswegen wider alle Klischees, um ihre Spezifik in einem möglichst unexotischen Kontext möglichst »authentisch« zu erfassen. Vom »Ethno« ist in unserem Fall ein voll funktionstüchtiger »Krimi« übriggeblieben, der unter interessanten Menschen in interessanter Umgebung spielt. Ein ideales metro-Buch.