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GG 235
Aelii Aristidis Adrianensis Oratoris clarissimi Orationum Tomi tres nunc primum Latine versi A Gulielmo Cantero Ultraiectino. Huc accessit Orationum tomus quartus ex veteribus Graecis orationibus concinnatus: eodem interprete. Item De ratione emendandi scriptores Graecos, eiusdem Syntagma. Basel: Peter Perna für eigenen und Verlag Heinrich Petris März 1566. Fol.
Erst 1517 war bei Filippo Giunta in Florenz die erste griechische Gesamtausgabe der Reden des griechischen Redners Aelius Aristides aus dem zweiten Jahrhundert nach Chr. erschienen, die dieser auf Vortragsreisen bis nach Rom, vor allem aber in Smyrna gehalten hat, Lobreden auf Städte, Reden über Themen aus der griechischen Geschichte wie auch zum Dank an den Heilgott Asklepios für Heilung von langer Krankheit. Auch der erste Druck einzelner Reden war erst 1513 erschienen: die beiden Lobreden auf Athen und Rom im Anhang an die Aldina des Isokrates, die Romrede darauf lateinisch in einem Anhang 1519, nachdem die Rhodierrede schon 1496 lateinisch erschienen war. Unser Druck ist nicht nur der erste der Übersetzung des niederländischen Philologen Wilhelm Canter, sondern diese ist die erste vollständige Übersetzung der Reden des Aristides überhaupt. 1542 in Leeuwarden geboren, studierte Canter in Utrecht und Löwen, wo er nach einer Bildungsreise von 1558 bis zu seinem Tode 1575 ein stilles Gelehrtenleben geführt hat. Neben seinen 'Novarum lectionum libri quatuor' mit Erklärungen und Textverbesserungen lateinischer und griechischer Autoren, erweitert als '...libri septem', nochmals erweitert als '... libri octo' in Basel bei Oporin 1564, 1566 und in Antwerpen bei Plantin 1571 erschienen, und seiner griechischen Euripides-Ausgabe bei Plantin 1571 gilt die hier vorliegende lateinische Ausgabe des Aristides mit dem Anhang einer kleinen Schrift über die Methode der Verbesserung griechischer Autoren als eines seiner drei Hauptwerke. 1564 hatte Canter, 1563/64 an der Universität immatrikuliert, in Basel geweilt, wohl für den Druck seiner 'Novae lectiones'. Damals dürfte sowohl diese Aristides-Übersetzung beschlossen worden sein sowie, mit Oporin, eine neue Ausgabe der 'Alexandra' Lykophrons (nach der Erstausgabe bei Oporin von 1546), die ebenfalls 1566 - im Mai - bei Oporin und Perna erschienen ist (GG 184), mit wörtlicher Übersetzung, Prolegomena, Annotationes, einer griechisch-lateinischen Kurzfassung in anakreontischen Versen und griechischen Widmungen Canters sowie einer metrischen Übersetzung - in "Alexandrinern" - von Joseph Justus Scaliger, den Canter in Paris kennengelernt haben dürfte. Im zusätzlichen kurzen Geleitbrief entschuldigt sich Canter bei Scaliger für die Verspätung des Druckes damit, dass er ihm - zur Kontrolle, als "ergepistatēs" - habe beiwohnen wollen. Wir wissen durch einen Brief Canters an Joachim Camerarius von der Frankfurter Herbstmesse 1567, dass er "vor einigen Tagen auf dem Rückweg aus Italien" in Basel einen oder mehrere Briefe von diesem vorgefunden habe (er hatte auf Handschriftensuche in Bologna, Padua und Venedig geweilt); aus der Tatsache, dass Camerarius ihm im Oktober 1566 nach Basel geschrieben hat, dürfen wir wohl schliessen, dass Canter ihm zuvor aus Basel geschrieben und dass er demnach auf dem Heimweg nach Italien auch bei den Drucken vom Frühjahr 1566 in Basel als "Aufseher" tätig gewesen ist.
In seiner undatierten Widmung an Kaiser Maximilian II. weist Canter, ganz im Sinne des hier übersetzten Autors Aelius Aristides, auf die Bedeutung der Beredsamkeit hin als der Schöpferin von Kultur und menschlicher Gesellschaft schlechthin. Und wie sie dem Menschen Überlegenheit über die Tiere gewähre, so auch unter den Menschen selber. Weshalb sie besonders Hochgestellte ziere, wie etwa Nestor bei Homer oder die Könige bei Hesiod, von dem er darauf sieben Verse lateinisch wiedergibt, oder Platos Philosophenkönige, denn an leere Redefertigkeit denke natürlich niemand. Deshalb widme er diese erste lateinische Übersetzung des allerberededtsten Aristides, mit Korrekturen des Textes und Kommentar, Seiner Majestät. Und da Maximilian den eleganten Stil schätze, werde ihm der Autor willkommen sein. Er brauche den Unterricht durch ihn zwar nicht, doch die Hochschätzung des Aristides durch den Kaiser werde dem Werk viele Interessenten gewinnen. Weiter habe er Gorgias, Lesbonax, Andocines, Herodes, Antisthenes, Lysias, Dinarch und Alcidamas beigefügt, die seines Wissens noch nicht übersetzt, doch allgemein nützlich seien. Schliesslich folge des Thukydides Grabrede, auch wenn sie schon übersetzt gewesen sei; ob überflüssigerweise, möchten Übersetzungskundige beurteilen. Der Widmung lässt Canter noch eine Vorrede folgen, auch sie ohne Datum, in der er u.a. auf die Entstehung seiner Übersetzung zu sprechen kommt. Zunächst weist er, zur literaturgeschichtlichen Einordnung des Aristides, auf die drei Epochen der griechischen Beredsamkeit hin, in deren letzter Aristides führend gewesen sei. Hierauf werden Anekdoten aus dem Leben des Aristides erzählt, verbunden mit einer Charakteristik seines Stils, der die Vorzüge des Thukydides, Herodots und des Demosthenes in einem enthalte. Er habe die Reden in drei Bände geteilt und sie darin, entgegen der griechischen Ausgabe, ihrem Inhalt entsprechend folgen lassen, worauf er noch auf im Altertum zitierte nicht erhaltene Reden hinweist, sowie auf die zwei Büchlein über Rhetorik, die ihm für die Übersetzung zu spät zugekommen seien und die er in Kürze ebenfalls publizieren wolle. Zur Übersetzung selber weist er auf grösstmögliche Genauigkeit hin, auf die Schwierigkeiten aus fehlerhafter Überlieferung; der getreuen Übersetzung habe er nötigenfalls auch kurze Erklärungen beigegeben (marginal), besonders bei Zitierung anderer Autoren durch Aristides. Bei schwer entscheidbaren Stellen habe er den griechischen Wortlaut in Klammern beigefügt, um dem Leser selber ein Urteil zu ermöglichen. Wo nötig habe er den Text korrigiert, doch nicht leichtfertig. Bei der Athen- und Romrede habe ihm die Aldina sehr geholfen; was er daraus habe verbessern können, habe er mit einem A vermerkt. Im übrigen sei er nach der Methode vorgegangen, die er im Syntagma erkläre, ausser wo er etwas aus einem gemeinsamen Studium der Reden von Johannes Auratus aus Limoges habe. Und zu Beginn seiner Arbeit habe ihm der um die Wissenschaft hochverdiente Johannes Oporinus sein Exemplar des Aristides, das der hochgelehrte Arnoldus Arlenius einst mit einer Handschrift verglichen habe, mit seiner gewohnten Offenheit überlassen. Dieses Exemplar habe zahlreiche Konjekturen von seiner Seite bestätigt und einige weitere Korrekturen, die er mit O bezeichnet habe, sowie Lückenergänzungen gebracht. Auch anderes verdanke er fremden Werken, und verbliebene Fehler möge man ihm verzeihen, da er die Arbeit nicht zum eigenen Ruhm oder Vorteil, sondern zu allgemeinem Nutzen ausgeführt habe.
Für die Druckfehler entschuldigt sich dann, im Anschluss an eine "Gnomologia Graecolatina" (eine Sammlung von Sentenzen aus Aristides) und den Index, der Typographus selber gegenüber dem Leser: Wie Irren menschlich sei, so sei nicht weniger auch menschlich, damit niemand irregeleitet werde, Fehler einzugestehen und darzulegen; dieser freundlichen Offenheit (humanitas) möge auch der Leser entsprechen, zumal die Zahl der Fehler - es sind gegen fünfzig Fehlerkorrekturen mit genauen Seiten- und Zeilenangaben aufgeführt, bei 650 Folioseiten - für den Umfang des Buches nicht allzu gross sei, und sie ebenso freundlich korrigieren und ihm verzeihen.
Ex libris Bibliothecae Academiae Basiliensis als Geschenk des Übersetzers. Ex dono Gul. Canteri: B c II 53 Nr. 1
Bibliothekskatalog IDS
Signatur: Bc II 53:1