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Chancen und Risiken aus Sicht der Gleichstellung von Mann und Frau
- Eltern- und Vaterschaftsurlaube wirken den Ungleichheiten entgegen, die allgemein mit der Kindsgeburt zwischen Frau und Mann auftreten.
- Damit Eltern- und Vaterschaftsurlaube das Gleichstellungsbestreben wirklich unterstützen und die Väter sie auch nutzen, muss es sich um ein individuelles, unübertragbares Recht für alle Väter handeln, das adäquat vergütet und kollektiv finanziert wird.
- Die meisten bisher der schweizerischen Bundesversammlung unterbreiteten Vorschläge für einen Eltern- oder Vaterschaftsurlaub erfüllen diese Kriterien nicht.
- Die eidgenössische Volksinitiative "Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub – zum Nutzen der ganzen Familie", die 4 Wochen bezahlten Vaterschaftsurlaub vorschlägt, ist dem Gleichheitsbestreben sehr zuträglich.
Zurzeit werden Unterschriften zur Einreichung einer eidgenössischen Volksinitiative gesammelt, welche die Einführung eines vierwöchigen bezahlten Vaterschaftsurlaubs fordert. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist es in Sachen Eltern- und Vaterschaftsurlaub zu mehreren Dutzend Vorstössen gekommen – höchste Zeit also einen vertieften Blick auf diesen neuesten Vorstoss zu werfen. Die Wissenschaft weist eindeutig darauf hin, dass Elternurlaube geschlechterspezifische Ungleichheiten mindern. Die meisten Eltern in der Schweiz leben in Familienkonstellationen, wo der Vater Vollzeit und die Mutter Teilzeit arbeiten, wobei dieses Muster zumeist mit Geburt des ersten Kindes eintritt. Es gibt dafür viele Gründe. Aus Sicht der Wissenschaft reduzieren Elternurlaube geschlechterspezifische Ungleichheiten unter der Voraussetzung, dass sie gut bezahlt sind, von beiden Elternteilen in Anspruch genommen und von der Allgemeinheit finanziert werden. Die von der eidgenössischen Volksinitiative vorgeschlagenen Bedingungen für einen Vaterschaftsurlaub stimmt mit einigen dieser Kriterien überein, nämlich: 4 Wochen Urlaub mit 80% vom Lohn und genauso finanziert wie der Mutterschaftsurlaub. Mit der erhöhten Beteiligung der Väter bei der Kinderbetreuung sind längerfristig bedeutende Veränderungen zu erwarten. Bei der Geburt des Kindes kann für die Mutter der Vaterschaftsurlaub eine wichtige Stütze sein, vor allem aber fördert er den täglichen Umgang der Väter mit Babys und der Pflegearbeit. Wie Studien aus ganz Europa zeigen, Väter, die einen Elternurlaub in Anspruch nehmen, widmen mittelfristig ihre Zeit weniger der Erwerbsarbeit. Daher sollte es nicht überraschen, wenn Eltern- bzw. Vaterschaftsurlaube einen wesentlichen Grundstein für eine egalitäre Aufteilung der Familien- und Erwerbsarbeit im Elternpaar zu setzen vermögen.
Elternschaft verstärkt die Chancenungleichheit innerhalb des Paares
Die Geburt eines Kindes bringt zahlreiche Veränderungen für das Elternpaar. Neue Skills müssen erprobt und erlernt werden, um sich um das Kind zu kümmern und es kennenzulernen. Diese ersten Wochen und Monate bringen auch neue Gewohnheiten: Wer geht einkaufen, wer macht das Essen, wer füttert und wickelt das Baby? Wichtige Entscheidungen müssen getroffen werden, z. B. die Umstellung auf ein Teilzeitpensum bei der Arbeit und die Betreuungsverhältnisse für das Kind.
In der Schweiz – genau wie in anderen Ländern auch – erzeugt die Geburt eines Kindes eine Rollenspezialisierung innerhalb des Paares. Laut dem Bundesamt für Statistik ging im Jahre 2014 in 77% der Paare mit mindestens einem Kind von unter 7 Jahren der Mann einer beruflichen Vollzeit- und die Frau einer Teilzeitaktivität nach, oder die Frau war gar nicht berufstätig. Diese Ungleichheit zwischen Mann und Frau ist das Produkt verschiedener Mechanismen und wird namentlich durch den institutionellen Rahmen und die Familienpolitik beeinflusst. Neben den Betreuungseinrichtungen für Vorschulkinder, ein Grundstein für die Vereinbarung von Berufs- und Familienleben, spielt auch der Elternurlaub und dessen Dauer und Aufbau eine Rolle für die Arbeitsteilung zwischen Mutter und Vater.
Elternurlaub in der Schweiz: ein genderspezifisch geprägtes Regime
Dank dem Bundesgesetz über den Erwerbsersatz für Dienstleistende und bei Mutterschaft (EOG) haben seit 2005 beruflich aktive Mütter Anrecht auf einen bezahlten Mutterschaftsurlaub in Höhe von 80 % des Lohnes während 14 Wochen. Ein Elternurlaub für beide Elternteile und auch ein Vaterschaftsurlaub für den Vater gibt es jedoch nicht. Aus einer Dissertation, die das Aufkommen der Debatte über Elternurlaub und Vaterschaftsurlaub in der Schweiz analysiert, geht hervor, dass der aktuelle Ansatz vergleichsweise begrenzt und genderspezifisch geprägt ist. 2016 waren die Schweiz, die Türkei und die USA die einzigen Mitgliedsländer der OECD, die weder über einen Elternurlaub noch über einen Vaterschaftsurlaub verfügten.
Dies bedeutet konkret, dass Väter in der Schweiz keine Garantie haben, ihrer Arbeit fernbleiben zu dürfen, wenn ein Kind geboren wird. Der Anspruch auf ein Urlaub hängt von Betriebsvorschriften und Gesamtarbeitsverträgen (GAV) ab, wobei der bezahlte Vaterschaftsurlaub in den grosszügigsten Fällen bei einem Monat liegt, in der Regel jedoch zwischen 1 oder 2 Tagen beträgt. Da Arbeitgeber gesetzlich nicht in der Pflicht stehen, entfällt für zahlreiche Väter der Anspruch auf bezahlten Urlaub. In einigen Fällen besteht dagegen Anspruch auf einen mehrmonatigen, unbezahlten Urlaub. All diese Massnahmen kommen nur einer Minderheit der Erwerbstätigen zugute. Im Jahre 2013 schätzte der Bundesrat, dass 27% der einem GAV unterstellten Arbeitsnehmenden (d. h. etwa die Hälfte der beruflich aktiven Bevölkerung), über einen bezahlten Vaterschaftsurlaub von mindestens 1 Tag und/oder einen mehrmonatigen, unbezahlten Elternurlaub verfügten.
Das Potenzial des Elternurlaubs für die Gleichstellung
Dank wissenschaftlichen Untersuchungen in Ländern mit langjähriger Erfahrung mit Elternurlaub ist bekannt, dass derartige Massnahmen nicht nur den Alltag von jungen Eltern direkt nach der Geburt des Kindes beeinflussen, sondern auch generell Normen und Praktiken der Elternschaft.
In Bezug auf soziale Normen helfen Elternurlaube zu definieren, was es bedeutet, eine „gute“ Mutter und ein „guter“ Vater zu sein. Auch das Zusammensein mit dem Kind kann durch Elternurlaube normativ geprägt werden. Im Hinblick auf die elterlichen Praktiken beeinflussen Elternurlaube die Aufteilung der Berufsarbeit innerhalb des Paares. Der Mutterschaftsurlaub wirkt sich positiv auf den Verbleib der Frauen in der Arbeitswelt aus. Hinzu kommt, dass, wenn die Männer einen Vaterschafts- oder Elternurlaub nehmen, sie sich stärker in die Kinderbetreuung und manchmal auch in die Hausarbeit investieren. Vergleichsweise verbringen sie auch später weniger Zeit mit ihrer Berufsarbeit als Väter, die über keinen Eltern- oder Vaterschaftsurlaub verfügen.
Die Dauer des Urlaubs ist ein wichtiger Faktor: Je nach dem untersuchten Land sind etwa 2 bis 4 Wochen Urlaub nötig, damit ein höheres familiäres Engagement identifiziert werden kann. Auch das Timing und der Kontext des Urlaubs spielen eine Rolle. Wird der Urlaub in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt des Kindes genommen, ermöglicht er insbesondere, der Mutter zu helfen, sich um das Neugeborene zu kümmern und sich kompetent zu fühlen. Wird hingegen der Urlaub später, wenn die Mutter wieder ihrer Berufstätigkeit nachgeht, mit dem Kind allein genommen, erlaubt er, die volle Verantwortung für das Kind zu übernehmen und wirkt dadurch mittelfristig auf die gleichmässige Teilung der familiären und beruflichen Rollen innerhalb des Paares hin.
Kurzum Elternurlaub setzt die Grundlage für eine egalitäre Aufteilung der bezahlten und unbezahlten Arbeit zwischen Vätern und Müttern. Allerdings nur unter einer Bedingung: Dass Väter auch diesen Elternurlaub in Anspruch nehmen!
Die entscheidenden Faktoren für eine egalitäre Inanspruchnahme
Die Elternurlaubsmodelle in den europäischen Ländern sind, was ihre Dauer angeht (Vaterschaftsurlaub 2 Tage bis 9 Wochen, Elternurlaub 4 Monate bis 3 Jahre) sehr unterschiedlich, die Vergütung (Prozentsatz des Lohnes, Pauschalbetrag oder gar keine Vergütung) und die Kriterien (aufteilbares Anrecht der Familie, individuelles Anrecht, Quoten) ebenfalls. Mit Blick auf ihre Inanspruchnahme können drei Erkenntnisse festgehalten werden: 1) wenn der Urlaub ein Anrecht der Familie ist oder wenn er von einem Elternteil zum anderen transferiert werden kann, nutzen die Mütter nahezu den ganzen Urlaub; 2) die Väter nutzen nur den Teil des Urlaubs, der ihnen persönlich zusteht; 3) ist der Urlaub (Eltern- oder Vaterschaftsurlaub) nicht finanziell vergütet, nutzen Väter und Mütter ihn nur selten. Im Laufe der letzten Jahrzehnte haben zahlreiche Länder wie Deutschland, Österreich, Spanien, Frankreich, Island, Norwegen, Portugal und Schweden den Ansatz ihrer Urlaubsmodelle revidiert, um dieser geschlechtstypischen Nutzung entgegenzuwirken. Insbesondere wurden das Anrecht auf Elternurlaub individualisiert und die Übertragbarkeit abgeschafft, Quoten für die Väter eingeführt, der Vaterschaftsurlaub verlängert oder Fördermassnahmen wie finanzielle Boni eingerichtet.
Seit Einführung dieser Massnahmen, insbesondere der Quoten, vergrössert sich der Anteil Männer, die einen Elternurlaub in Anspruch nehmen, erheblich. Das Beispiel der Reform des Elternurlaubsansatzes von 2001 in Island ist besonders aussagekräftig. Als der Elternurlaub ein Anrecht der Familie war, 6 Monate dauerte und durch eine relativ niedrige Pauschalzulage vergütet wurde, nutzten ihn weniger als 1% der Väter. Als er dann auf eine Dauer von 9 Monaten angehoben wurde – davon 3 Monate exklusiv für die Väter und zu 80% des Lohnes vergütet – stieg der Prozentsatz auf 82%.
In welche Richtung wird der Eltern- und Vaterschaftsurlaub in der Schweiz gehen?
Seit Einführung des Mutterschaftsurlaubs auf Bundesebene wird in der Schweiz mehr und mehr über die Inexistenz eines Eltern- und Vaterschaftsurlaubs diskutiert. Zu dieser Schlussfolgerung kommt eine Studie, die den politischen Vorstössen und Diskussionen nachgeht. Von 1995 bis 2014 gab es im Bundesparlament 33 Vorstösse zur Einführung eines Eltern- oder Vaterschaftsurlaubs, ohne dass je eine Mehrheit sie unterstützte.
Die zitierte Studie untersuchte die Bedingungen der vorgeschlagenen Urlaube mit dem Ziel, das Potenzial für die Geschlechtergleichstellung innerhalb der schweizerischen Familien zu bestimmen. So ging sie der Frage nach, welche parlamentarischen Vorstösse zum Eltern- oder Vaterschaftsurlaub die Inanspruchnahme durch die Väter fördern oder die geschlechterspezifische Rollenteilung verstärken würden. Die Studienergebnisse zeigen, dass nur wenige Vorstösse das Potenzial hätten, die Geschlechtergleichstellung innerhalb der Familien und die Inanspruchnahme des Urlaubs durch die Väter zu fördern. Die Mehrheit der Vorstösse würde das Gegenteil bewirken und die Rollenspezialisierung der Elternteile festigen, neue Ungleichheiten schaffen oder kaum eine Wirkung auf die väterliche Inanspruchnahme zeitigen.
Unter den wenigen Vorschlägen mit hohem Potenzial für die Geschlechtergleichstellung sind jene zu finden, die einen gut bezahlten Urlaub auf Bundesebene zu regeln suchen und für die Dauer von 1 bis 2 Monaten exklusiv für Väter bestimmt sind. Unter den Vorschlägen, welche die Geschlechterungleichheit fördern würden, indem sie vor allem Mütter dazu anhalten, den gesamten Urlaub zu beanspruchen, sind jene Vorstösse zu finden, die einen bezahlten und zwischen den Eltern frei aufteilbaren Elternurlaub anregen. Hinter der Tatsache, dass frei aufteilbare Elternurlaube geschlechterspezifisch in Anspruch genommen werden, stecken wirtschaftliche Gründe: sie werden selten zu 100% des Lohnes vergütet und die Zuschüsse sind meist von begrenzter Höhe. In Anbetracht der bestehenden Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen knickt das Haushaltseinkommen umso stärker ein, wenn der Vater und nicht die Mutter den Urlaub in Anspruch nimmt. Zu den Vorstössen, die neue Ungleichheiten hervorrufen würden, finden sich insbesondere jene, die eine freiwillige, private und steuerlich abziehbare Elternversicherung vorschlagen. Letztere würden zuzüglich zur Geschlechterungleichheit auch noch eine klassen- und einkommensspezifische Ungleichheit schaffen, denn dieses Modell wäre nur für mittlere und hohe Lohnklassen tragbar. Schliesslich sind noch die Vorstösse in den Kantonen oder im öffentlichen Dienst zu nennen. Auch sie neigen dazu neue Ungleichheiten zu schaffen, denn je nach Wohn- oder Arbeitsort und Erwerbsbereich würden Eltern unterschiedliche Bedingungen vorfinden.
Wir stellen also fest, dass Elternurlaube nicht unbedingt der Gleichstellung von Frau und Mann zuträglich sind. Die dazugehörigen Bestimmungen müssen bis ins Detail untersucht werden, um deren Wirkung zu verstehen. Unter den Vorstössen, die in nächster Zeit in der Schweiz zur Debatte stehen, ist insbesondre die eidgenössische Volksinitiative des Vereines „Vaterschaftsurlaub jetzt“ zu finden. Sie schlägt einen Vaterschaftsurlaub mit einer Vergütung von 80% des Lohnes von mindestens 4 Wochen vor. Gleich dem Mutterschaftsurlaub soll er durch das EOG finanziert werden. Aus Sicht der Gleichstellung geht diese Initiative in die richtige Richtung: Sie schlägt einen individuellen Urlaub auf Bundesebene vor, nicht übertragbar, gut bezahlt, von einer gewissen Dauer und von der Allgemeinheit finanziert.
Isabel Valarino, Forscherin des Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, eingeladen von der Autonomen Universität Madrid und der Universität Lausanne. E-mail: <email-pii>
References / links:
- http://www.leavenetwork.org/
- http://www.conge-paternite.ch/
- Valarino, I. (2014). The Emergence of Parental and Paternity Leaves in Switzerland: A Challenge to Gendered Representations and Practices of Parenthood. (Ph.D. in social sciences), University of Lausanne, Lausanne.
- Valarino, I., & Gauthier, J.-A. (2016). Paternity leave implementation in Switzerland: a challenge to gendered representations and practices of fatherhood? Community, Work & Family, 19(1), 1-20.
- Valarino, I. (2016). Parental and paternity leave proposals in Switzerland: Do they promote gender equality? LIVES Working Papers, 2016(53).
- Valarino, I. (2017). Fathers on Leave Alone in Switzerland: Agents of Social Change? In M. O'Brien & K. Wall (Eds.), Comparative Perspectives on Work-Life Balance and Gender Equality: Fathers on Leave Alone (pp. 205-230). Cham: Springer International Publishing.
Diese Veröffentlichung wurde vom EU-Projekt Garcia unterstützt.

LIVES Impact (ISSN: 2297-6124) veröffentlicht regelmässig Kurzdarstellungen mit einschlägigen Erkenntnissen aus Untersuchungen des Nationalen Forschungsschwerpunkts LIVES „Überwindung der Verletzbarkeit im Verlauf des Lebens“ (NFS LIVES). Sie richten sich an ein Fackpublikum, das sich im weitesten Sinne mit sozialpolitischen Fragen beschäftigt.
Editor: Pascal Maeder, KTT Officer, pascal.maeder@hes-so-ch