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Nach jahrzehntelangem Niedergang der Badekultur, dem nur wenige Hotels wie der «Limmathof» standhielten, wird in der Bäderstadt Baden jetzt ein neuer Badekomplex gebaut, entworfen vom Tessiner Stararchitekten Mario Botta.
Baden im Aargau brüstet sich damit, das mineralienreichste Badewasser der Schweiz zu haben, mit einem hohen Gehalt an Eisen, Fluor, Jod, Kalium, Calcium, Magnesium und so weiter. Das Wasser stammt aus einer Tiefe von bis zu 3 000 Metern. Im Hotel «Limmathof», das momentan das einzige Thermalbad in der traditionsreichen Bäderstadt betreibt, werden täglich gut 70’000 Liter Thermalwasser in die Spa-Bereiche gepumpt und von 47 Grad Celsius auf angenehme 36 Grad heruntergekühlt.
Die schmucke, kleine Altstadt, das Bäderquartier, ist momentan eine Grossbaustelle, und es bedarf einiger Fantasie, um sich Badens einstigen Glanz vorzustellen. Schon die Römer hatten sich hier im warmen Quellwasser gesuhlt. Sie gaben dem Ort den Namen Aquae Helveticae, die «Helvetischen Wässer». Im Mittelalter waren die Bäder bekannt, beliebt und ein bisschen verrucht, weil hier eine gewisse Freizügigkeit herrschte. Ein eigentlicher Badeboom setzte Mitte des 19. Jahrhunderts ein; zahlreiche Hotels wurden gebaut. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg erreichte der Badetourismus seinen Höhepunkt; dann bereiteten ihm Kriegs- und Krisenjahre ein Ende. Das majestätische Grand Hotel aus den 1870er-Jahren am Limmat-Knie etwa ging pleite und wurde 1944 abgerissen.
Lorenz Diebold, der von hier stammt, macht die Stadt Baden mitverantwortlich für den Niedergang: Jahrzehntelang habe Baden voll auf die Industrie gesetzt; den Tourismus habe man vernachlässigt. Wo sich einst reiche Berner und Zürcher, Elsässer und Deutsche, Franzosen und Belgier ein Stelldichein gaben, wo Hermann Hesse und andere Berühmtheiten ihre Spuren hinterliessen, herrschte Tristesse: Nur zwei benachbarte Hotels am Kurplatz, der «Limmathof» und die «Blume» mit ihrem mediterran anmutenden Atrium, waren noch in Betrieb. Alle andern Häuser, etwa der «Ochsen», der «Bären» und der einst prachtvolle «Verenahof» waren verwaist.
2012 musste auch das öffentliche Thermalbad dichtgemacht werden, weil sich die notwendige Sanierung nicht finanzieren liess. Blieb nur das Novum Spa im «Limmathof» als einziges noch betriebenes, öffentlich zugängliches Thermalbad. Als Lorenz Diebold, der «Limmathof»-Direktor, 2015 seine Stelle antrat, war er mit gerade 32 Jahren nicht nur einer der jüngsten Hoteldirektoren der Schweiz; er übernahm auch eine herausfordernde Aufgabe.
Ein Hotel in zwei Gemeinden
Der «Limmathof» ist ein gehobenes Viersternhaus mit 20 Zimmern, dem erwähnten Novum Spa und privaten, zweistundenweise mietbaren Spa-Suiten. Bis zu vier Gäste können es sich in diesen edel anmutenden Rückzugsräumen gemütlich machen, die mit Whirlpool, Sauna oder Dampfbad, Dusche und Ruhezone ausgestattet sind.
Der «Limmathof» allerdings, und hier beginnt der Erklärungsbedarf, besteht aus zwei Häusern: einem alten, 1834 erbauten, inzwischen total sanierten, und einem neuen, anstelle des abgebrochenen Hotels «Hirschen» errichteten Neubau. Die beiden Gebäude sind nicht etwa zusammengebaut; nein, sie stehen mehrere hundert Meter auseinander, voneinander durch die Limmat getrennt, die über einen Fussgängersteg überquert werden kann. Und sie liegen erst noch auf dem Gebiet zweier Gemeinden, der Stadt Baden und Ennetbaden.
Geplanter Aufschwung
Nun soll in Baden der neue Aufschwung kommen: Ein grosses, vom Tessiner Architekten Mario Botta entworfenes Thermalbad ist im Bau. Zwar hat man Verspätung: Der Spatenstich fand erst am 17. April 2018 statt, und der Aushub danach nahm sehr viel mehr Zeit in Anspruch als geplant. Statt schon 2018 kann erst im Frühling 2019 mit den Baumeisterarbeiten begonnen werden, und die schrittweise Eröffnung musste auf 2020 / 21 verschoben werden.
Einige alte und nicht so alte Gebäude, vor allem auch ein hässlicher Betonklotz aus den 1960er-Jahren, der den Kurplatz und das Limmatufer verschandelte, mussten dem Botta-Bau weichen. Neben dem Thermalbad kommt ein Wohn- und Geschäftshaus zu stehen. Auch in den «Verenahof», den «Ochsen» und den «Bären» soll neues Leben einziehen. Hier entstehen ein Gesundheits-, Präventions- und Rehabilitationszentrum mit Arztpraxen, ein Diagnostik- und Therapiezentrum sowie ein Zentrum für ganzheitliche Chinesische Medizin. Dazu sind 35 Wohnungen geplant. Mit den Neubauten wird zudem die Uferpromenade an der Limmat aufgewertet.
Vor diesen neuen Mitbewerbern fürchtet sich Lorenz Diebold nicht. Im Gegenteil. «Mit der Schliessung des öffentlichen Thermalbades 2012 wurde es schwieriger, im Bäderquartier zu geschäften», sagt er, «weil die Laufkundschaft ausblieb.» Mit dem neuen Thermalbad werde Badens Altstadt massiv aufgewertet und neu belebt. Zusammen mit dem Casino in der Nachbarschaft, «einem wichtigen Bestandteil des Tourismusangebotes», werde die Bäderstadt wieder zum attraktiven Reiseziel werden, ist Diebold überzeugt.
An ihm soll es jedenfalls nicht liegen, sagt der «Limmathof»-Direktor: Die Mehrheit seiner Gäste sind bisher Geschäftsreisende. «Lokale Unternehmen und Organisationen bringen uns den grösseren Teil des Umsatzes.» Doch das soll anders werden, vor allem an Wochenenden: «Wir bemühen uns sehr, mehr Ferienreisende zu gewinnen.» Attraktive Wochenend-Arrangements mit Gratiseintritt ins Casino, vergünstigtem Zugang zu den Spa-Suiten und weitere Bonbons wirken bereits. Immer mehr Schweizer merkten, dass man sich im zentral gelegenen Baden bestens entspannen und erholen könne, sagt Diebold: «Die Zahl der privaten Gäste nimmt zu. Vor allem Paare entdecken unser Angebot.»
Lorenz Diebold strahlt Optimismus aus: Längerfristig müsse man über zusätzliche Hotelzimmer nachdenken, meint er. Diebold glaubt an Badens Zukunft. Oder überhaupt an die Zukunft: Seit einiger Zeit gibt es in der «Limmathof»-Garage eine Station, an der Tesla-Besitzer ihre Elektroautos aufladen können.