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Prooemium
Iª q. 39 pr.
Post ea quae de personis divinis absolute tractata sunt, considerandum restat de personis in comparatione ad essentiam, et ad proprietates, et ad actus notionales; et de comparatione ipsarum ad invicem. Quantum igitur ad primum horum, octo quaeruntur. Primo, utrum essentia in divinis sit idem quod persona. Secundo, utrum dicendum sit quod tres personae sunt unius essentiae. Tertio, utrum nomina essentialia praedicanda sint de personis in plurali vel in singulari. Quarto, utrum adiectiva notionalia, aut verba vel participia, praedicari possint de nominibus essentialibus concretive acceptis. Quinto, utrum praedicari possint de nominibus essentialibus in abstracto acceptis. Sexto, utrum nomina personarum praedicari possint de nominibus essentialibus concretis. Septimo, utrum essentialia attributa sint approprianda personis. Octavo, quod attributum cuique personae debeat appropriari.

Neununddreißigstes Kapitel.
Das Verhältnis der drei Personen zum Wesen.
Überleitung
„Fremd sind geworden die Sünder vom Mutterleibe an: abgeirrt haben sie von dem, der sie geboren.“ Ps. 57,
Nachdem Thomas die Herrlichkeiten der einzelnen Personen in Gott geschildert und gleichsam das Thor geöffnet hat, wohindurch der Reichtum auf die Erde hinunterfließt, dak Thor der Liebe, sammelt er in den letzten Artikeln über das hehre Geheimnis der Dreieinigkeit gewißermaßen die Früchte, welche er auf dem Felde der Wahrheit geerntet und birgt sie in den Scheuern der Vernunft. Sie werden in seiner reinen Hand der Same werden, welcher, in die einzelnen Seinskreise des geschaffenen Seins gestreut, sie alle fruchtbar machen wird für das ewige Leben.
Das wichtigste, was Thomas hier, nachdem er es eigens für jede Person behandelt hat, soweit es jede einzelne Person im besonderen angeht, nun zusammen betrachtet mit Rücksicht auf alle Personen insgesamt, ist das Verhältnis des göttlichen Wesens zu den göttlichen Personen. Ist die Wärme etwas an sich? Hat sie ein eigenes Für-sich-bestehen? Nein; im Feuer bringt sie Feuer hervor, im Tiere Fleisch. Immer bringt sie irgend etwas hervor; immer ist sie irgendwie in Thätigkeit. Die eine Seele im Menschen sieht im Auge, hört im Ohr, denkt in der Vernunft, will im Willen, bewegt im Herzen. Vergeblich würde man nach einer von aller Thätigkeit losgelösten Seele suchen, die weder bewegte, noch dächte, noch wollte, noch lebte. Sie ist vielmehr die einige Kraft, aus welcher die Augen das Sehen schöpfen, die Ohren das Hören, die Hände das Fühlen, das Herz die Bewegung. Nicht zuerst wird die Seele als bestehend gedacht und dann erst ihre Äußerungen; sondern zugleich mit dem Sein der Seele besteht auch je nach dem betreffenden Organ ihre unterscheidende Thätigkeit.
So etwa bringt nicht das für sich bestehende Sein Gottes als Vernunft das Wort hervor und als Wille die Liebe; sondern das Wesen Gottes besteht für sich kraft der Relation der Vaterschaft und bringt so den Sohn hervor; und dieses selbe Wesen besteht für sich kraft der Relation der Vaterschaft und Sohnschaft und findet so seinen Ausgangspunkt im heiligen Geiste. Nicht die Natur Gottes bringt hervor, nicht die Vernunft in Gott, nicht der Wille; denn dazu müßte Gott zuvörderst ein absolutes, allen drei Personen gemeinsames und vor selbigen zu denkendes Für-sich-bestehen haben; da nur, was für sich besteht, thätig ist. Nein; als endend, oder sagen wir, als im Abschlußpunkte des Vaters befindlich, bringt das göttliche Sein hervor den Sohn nach Art der Vernunft, wie diese nämlich das Wort hervorbringt. Das Wesen Gottes hat an sich kein Für-sich-bestehen; es ist die gleiche eine Kraft, aus welcher Vater und Sohn und heiliger Geist, Macht, Weisheit, Liebe, im Vater, Sohn und heiligem Geiste schöpfen; und nur im Vater, Sohn und heiligem Geiste besteht es für sich. <140>
Die Geschöpfe führen uns nur bis zum Wesen Gottes, insoweit dasselbe die gemeinsame Kraft, das gemeinsame Erkennen, das gemeinsame Sein ist für die drei Personen; nicht aber zum Abschlüsse dieses Wesens in den drei Personen. Sie zeigen uns, daß dieses Wesen in nichts Anderem außerhalb seiner selbst sein Für-sich-bestehen haben kann; aber sie zeigen uns nicht, worin in sich selbst es dieses Für-sich-bestehen hat. Warum? Weil die geschöpflichen Vermögen selber nicht in sich bestehen; weil von ihnen aus ihr Für-sich-bestehen keine endgültige Grenze hat; weil ihre Grundlage nur Vermögen ist. Die Natur und Vermögen des Geschöpfes müssen der göttlichen Natur ähnlich sein. Also können sie.innerhalb ihrer selbst nicht das erste Princip ihrer höchsten abschließenden Wirksamkeit haben. Der freie Wille kann nicht in sich den ersten Anstoß für die Selbstbestimmung haben. Nur Endloses bieten die geschöpftichen Naturen und Vermögen von sich allein aus.
Warum arbeitet der Mensch? Weil er reich werden will. Warum will er reich werden? Weil er geehrt sein will. Warum will er Ehre? Weil er seine Familie heben will. Warum will er seine Familie heben? Weil er seine Kinder liebt. Da kommt man an kein Ende. Es erscheint da immer wieder Vermögen für anderes und nirgends ein Abschluß. Warum wird das Samenkorn in die Erde geworfen? Damit es keimt. Warum keimt es? Damit es Blüten treibt. Warum treibt es Blüten? Damit Früchte kommen. Was sollen die Früchte? Kein Abschluß ist da. Aus den Früchten wird wieder Same und so geht es weiter und zwar wieder von vorne an. Was ist das erste? Was das letze? Innerhalb der Natur ist nur Vermögen. Das Wesen eines jeden Dinges ist nur Vermögen. Die Erkenntniskraft ist nur Vermögen. Das Wort als Erzeugnis der Vernunft ist nur Vermögen.
Gesegnetes Geschenk des heiligen Geistes, wenn dieses Vermögen nicht in sich stehen bleiben will; wenn es sich aufrichten läßt, um außerhalb der Natur seinen Zweck zu finden! „Gott hat den Menschen aufrecht geschaffen; — er aber mischte sich in endlose Untersuchungen.“ Wenn das Wesen Gottes selber, von dem alles herrührt, sein Für-sich-bestehen nur in den heiligen drei Personen hat, trotzdem alle Kraft, alle Einheit, alle Dauer von Ihm allein in untrennbarer Einheit kommt;— wie soll da das geschöpfliche Wesen anders seine endliche Vollendung finden als in diesen selben drei göttlichen Personen. Thomas hat das so ergreifend eben geschildert, wie die dritte Person den schönsten, für uns anziehendsten Namen hat; sie ist „Geschenk“. Und ihr erstes Geschenk ist Liebe. Ihr erstes Geschenk ist sie selber. Wie soll nicht, da sie selbst zum ewigen Worte, wo alles, was in uns nur Möglichkeit, reine Wirklichkeit ist; wie soll sie nicht, in uns treibend und nach Augustin viele andere Gaben ausschüttend, zum Born aller Güter führen; sie, die da selbst eins ist mit dem Vater und dem Sohne!
Ewige Schande der Sünde! „Entfremdet sind sie worden vom Mutterleibe.“ O Mensch! Alles, was in dir ist, dein Wesen, deine Vernunft, dein Wille, dein Erkennen, dein Wollen, all deine Kräfte, welche deine Thätigkeit dem Vermögen nach in sich enthalten wie der Mutterleib das Kind; all dies ist Geschenk Gottes. Aber es ist Geschenk Gottes, nur damit auf Grund dessen mehr geschenkt werde; „daß noch viele andere Güter“ bis zur ewigen Vollendung hin „in dir ausgegossen werden“. Diesem Geschenke wirst du fremd, weil du endgültig stehen bleiben willst in einem reinen Vermögen. Der Reichtum soll Vermögen für dich sein, wie er [S. 141] ja auch seiner Natur nur Vermögen besagt zu beliebigem Gebräuche; nicht Abschluß soll er für dich bedeuten. Mißbrauchst du ihn, so bleibt er wohl Vermögen seiner Natur nach; aber für dich wird er Abschluß, Abschluß von Gott, Abschluß vom weiteren Gebrauche der Natur, Abschluß von der natürlichen Richtung deines Willens, Abschluß von deinem eigenen richtigen Urteile, Abschluß von der Vollendung deines Wesens; er wird nach allen Seiten hin für dich Verderben!
Das Vergnügen soll Vermögen für dich sein, wie es ja auch seiner Natur nach nur Vermögen ist; und wie andere dein eigenes Vergnügen zu ihren eigenen Zwecken gebrauchen. Aber — und das ist das „Entfremden“ Vom Mutterleibe, das „Fremdwerden“ deinem Gott und der Vollendung deiner Natur gegenüber — für dich wird das Vergnügen gegen seine Natur und gegen deine Natur so oft enggiltiger Abschluß und damit Verderben.
Gegen den Willen des Sünders verherrlicht dieser einen Gott! Oder ist es nicht eine Herrlichkeit, wenn das niedrigste Geschenk des heiligen Geistes, das bloße Vermögen der Natur, schon eine solche Anziehungskraft ausübt, daß um seinetwillen die „Sünder die schwierigsten Pfade wandeln, müde werden auf dem Wege der Bosheit“ und alle ihre Kräfte anwenden, um vorübergehende, sie selbst mit Unruhe anfüllende Güter zu erlangen! Wenn also eine schwache Spur des Herrlichen in Gott, kaum ein Schatten von überaus weiter Ferne, solche Lieblichkeit zu bieten vermag; wie unendlich großartig muß dann erst diese Herrlichkeit selber sein, insofern sie in all ihrer Fülle und Wirklichkeit in den drei heiligen Personen ihren Abschluß findet. Und dieser Abschluß selbst ist wieder gewissermaßen neues Leben und neue Fruchtbarkeit. Denn diese drei heiligen Personen sind ihrem eigentlichsten Charakter nach Beziehungen, von denen die eine das Leben und Herrlichkeit der anderen ist, die nur durch Wechselseitigleit bestehen.
Das ist die Sünde, daß der Mensch fremd wird seinem eigenen Vermögen, seinem Gotte, seinem Wohle und seiner schließlichen Vollendung. Er kann seine Vollendung für jeden Alt in Gott suchen — und thatsächlich bleibt er in diesem Können, das in ihm, in seinem Wesen, in seinem Willen, in seiner Vernunft sich findet, das ihn rings umgiebt in den vergänglichen Gütern, die da alle ihm dienen können; — mitten in diesem Können bleibt er stehen. Er gebraucht vergängliche Güter, als ob sie ewig wären; was in sich kein Bestehen hat, gebraucht er, als ob es Freiheit und Selbständigkeit verleihen würde; was an sich nur Vermögen ist und Zeichen, das ihn weiter weist, das gebraucht er, als ob es die volle Wirklichkeit selber wäre.
Folgen wir diesem goldenen Faden vielmehr, mit dem der heilige Geist in uns als die Ursache unserer Vollendung und unserer Verbindung mit dem Dreieinigen unser Wesen, unser Vermögen, alle die Kräfte der Natur, die um uns sind, durchdringt, aneinander knüpft und uns hinaufzieht in ewiger Liebe zu seiner eigenen Vollendung. Festigkeit und zwar unerschütterliche Festigkeit kann nur da sein, wo das göttliche Wesen selber sein glorreiches Für-sich-bestehen in den drei Personen hat. Von Ihm, vom göttlichen Wesen, dem rein wirklichen, kommt unser Wesen, kommen alle natürlichen Vermögen. Der heilige Geist leitet in uns mit der Festigkeit der göttlichen Natur selber gemäß der Richtschnur, welche in der göttlichen Natur enthalten ist, unser Wesen zur Vollendung. Er übergiebt uns die natürlichen Vermögen als neues Geschenk zum Gebrauche für unser Wohl. Unter seiner Führung werden wir nicht „fremd dem Mutterleibe“ [S. 142] werden; nicht abirren werden wir von dem, was Gott selber in uns an Licht und Krraft niedergelegt.
Sorgsam, wie mit religiöser Scheu bewahrt die Braut die Geschenke des Bräutigams auf und stärkt daran ihre Liebe. Alles, was uns begegnet, das sehe unsere Seele an als ein Geschenk des heiligen Geistes; sie sehe es an als ein Mittel, um sie selber festzustellen auf dem ewigen Fundamente der Dreieinigkeit.
Dem eingeborenen Sohne gab der Vater durch den heiligen Geist als Geschenk der Liebe das Kreuz; — der Eingeborene drückte es mit Inbrunst an Sich; nicht das Kreuz sah Er darin, sondern die Liebe seines Vaters.
Bittere Armut gab der heilige Geist als Geschenk dem heiligen Franziskus. Der glorreiche Heilige jubelte ob dieses Geschenks. Er sah daran den Reichtum der göttlichen Liebe.
Glühender Rost brannte die Glieder des heiligen Laurentius; siehe da das Geschenk des heiligen Geistes. Aber der selige Levit jubelte auf vor Freude und spottete in heiligem Übermute seiner Verfolger.
Mit den verklärten Augen des Geistes sahen diese Helden und Führer der Auserwählten, wie solche Geschenke ihre Kostbarkeit darin haben, daß sie die Seele von der Gefahr entfernen, Ruhe und Sicherheit in den vergänglichen Gütern zu suchen, in diesen stehen zu bleiben, — und daß sie dieselbe wie auf Adlersflügeln emporheben, um im heiligen Geiste und durch den heiligen Geist im Vater und im Sohne ihre feste Stütze und Sicherheit zu suchen. Diese Geschenke führen die Seele, daß sie unter Leitung der heiligen, göttlichen Personen selber unmittelbar in jenen Wesen ihre Vollendung finde, welches als die Fülle aller Vollendung das eine Sein, das eine Wesen, die eine Kraft von Vater, Sohn und heiligem Geist bildet.
Denn was sagt die Schrift: „Siehe; das war die Sünde deiner Schwester Sodoma: Hochmut, Sattsein, Überfluß, Trägheit . . . und sie erhob sich in sich selbst und Abscheuliches that sie vor mir!“
Der Überfluß an natürlichen vergänglichen Gütern ist die erste Quelle, „daß die Sünder fremd geworden sind vom Mutterleibe und daß sie abirrten von dem, der ihnen alles gegeben.“