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von Dr. René Hess
Der Begriff «systemisch» wird in beraterischen und therapeutischen Kontexten inflationär verwendet. Leider! Ich bin der Ansicht, dass systemische Beratung oder Therapie weder eine Frage des Settings (Einzel- oder Mehrpersonensetting), noch des methodischen Vorgehens (Entspannungstechniken, mit Klienten Lift fahren, usw.) ist. Die Entstehung des systemischen Ansatzes kommt einem Paradigmenwechsel gleich, also einem grundlegenden Wandel, Phänomene, die Gegenstand von Beratung und Therapie sind, zu betrachten.
In Anlehnung an Fritz B. Simon vertrete ich die Position, dass der systemische Ansatz auf zwei grundlegenden Säulen steht: dem Konstruktivismus und der Systemtheorie.
Der Kerngedanke des Konstruktivismus ist, dass es keine objektive Beobachterposition gibt. Matura und Varela haben das in ihrem bekannten Zitat schön auf den Punkt gebracht: «Alles, was gesagt wird, wird von einem Beobachter gesagt». Fritz Simon unterscheidet drei Ebenen der Wirklichkeitskonstruktion:
- Die Beschreibung von Phänomenen (Peter wirft die Kaffeetasse gegen die Wand).
- Die Erklärung von Phänomenen (Er muss an einem Problem der Impulssteuerung leiden).
- Und die Bewertung von Phänomenen (Das Verhalten von Peter ist unerwünscht, also problematisch).
Die konstruktivistische Wende führt zu herausfordernden Erkenntnissen. Beispielsweise, dass Phänomene nicht mit Symptomen gleichzusetzen sind. Symptome sind Ergebnis von kommunikativen Konsensveranstaltungen.
Systemtheorien (davon gibt es eine ganze Menge) fokussieren weniger auf die Eigenschaften der Elemente von Systemen (beispielsweise der Eigenschaften von Familienmitgliedern), sondern interessieren sich für die Wechselwirkungen, die Beziehungen zwischen den Elementen. Systemiker:innen müssten mit der Theorie autopoietischer Systeme von Maturana und Varela vertraut sein, die unter anderem besagt, dass autopoietische Systeme (also auch Klient:innen oder Patient:innen) sich strukturdeterminiert verhalten. Das heisst eigentlich nichts anderes, als dass sie sich von aussen (also auch von Fachleuten) zu keinem Verhalten zwingen lassen.
Der systemische Ansatz ist somit eng verbunden mit einem bestimmten Menschenbild und einer charakteristischen beraterischen und therapeutischen Haltung. Der Mensch wird als autonomes Wesen verstanden, welches über oftmals weit mehr Kompetenzen und Ressourcen verfügt, als ihm bewusst ist (Ressourcenorientierung). Deshalb versuchen wir Systemiker:innen unseren Klient:innen Angebote zu machen, welche zu einer Reaktivierung vorhandender (aber bisher dissoziierter) Ressourcen beitragen sollen. Wir interessieren uns für Probleme und Lösungen – im Wissen darum, dass es in der Welt da draussen weder das Eine noch das Andere real gibt.
Probleme sind letztlich Ist-Soll-Diskrepanzen, die negativ bewertet werden! Die kleine Lynn schafft es nicht 45 Minuten völlig ruhig auf ihrem Stuhl im Schulzimmer zu sitzen (Ist-Situation). Dieses Verhalten wird erst zu einem Problem, wenn jemand (beispielsweise die Lehrerin) der Ansicht ist, Lynn müsste 45 Minuten stillsitzen können (Soll-Vorstellung) und das Verhalten von Lynn als unerwünscht bewertet.
Probleme können auf zwei Arten gelöst werden. Die gängige Vorstellung ist, dass die Ist-Situation der Soll-Vorstellung angepasst werden müsste. Lynn soll ruhig sitzen können – dazu werden dann oft auch Medikamente zur Hilfe genommen. Es gibt aber auch noch einen anderen Lösungsweg und der besteht darin, die Soll-Vorstellungen in Frage zu stellen. Wären wir der Ansicht, dass kleine Kinder nicht 45 Minuten stillsitzen müssen, gäbe es kein Problem.
Abschliessend möchte ich festhalten: Es gibt kein systemisches Handeln, genauso wenig wie es ein verhaltenstherapeutisches oder tiefenpsychologisches Handeln gibt. Ich unterscheide gerne verschiedene Ebenen von Beratung oder Therapie:
- Die konzeptuelle oder theoretische Ebene (systemisch, verhaltenstherapeutisch, …)
- Wie erklären wir uns die Entstehung von Problemen?
- Wie erklären wir uns Veränderung?
- Menschenbild?
- Haltung und Rolle von mir als Fachperson?
- Die Ebene der Auftragsklärung: (wer will was von wem wozu und bis wann?)
- Die Strategische Ebene: (welchen längerfristigen Plan habe ich)
- Methodische Ebene (methodisches Vorgehen)
- Konkretes Handeln: also was genau sage oder tue ich?
- Wie reagiert der Klient auf meine Interventionen?
Deshalb habe ich als Systemiker keine Probleme mit einem Klienten eine Entspannungsübung zu machen oder über eine Brücke zu laufen und nach unten zu schauen. Denn all das, was ich tue, ist zielorientiertes Handeln, sind Versuche zieldienliche Unterschiede in bestehende (problematische) Muster einzuführen und den Klienten zu ermächtigen, wieder mit seinen Kompetenzen in Kontakt zu kommen und sich als kompetentes und steuerungsfähiges Wesen zu erleben.
Zum Autor:
René Hess ist Weiterbildungsleiter der Eidg. anerkannten Psychotherapieweiterbildung im wilob. Er ist Dr. phil., eidg. anerkannter Psychotherapeut FSP, Systemischer Therapeut und Supervisor (SG), Hypnotherapeut (M.E.G. & ghyps), Ego State Therapeut und Supervisor (ESTI). Arbeitet in eigener Praxis in Bern, leitet das Systemische Institut Bern.