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von Alex Baur
zf. Die Fragen nach der Herabsetzung der AKW-Risiken, die H. W. Gabriel, Ingenieur im kerntechnischen Bereich, in «Zeit-Fragen» Nr. 25 vom 2. August aufgeworfen hat, harren weiter der Beantwortung durch Fachkollegen und verantwortliche Politiker. In einer Demokratie können solche Problembereiche, für die alle Bürger das Risiko tragen, nicht schweigend übergangen werden. Sie können auch nicht mit einer undefinierten grünen Polit-Welle überkleistert werden. Demokratie verlangt Ehrlichkeit.
Sehr erhellend ist in diesem Zusammenhang fürs erste der Bericht von Alex Baur über notwendige Nachrüstungsschritte für die japanischen AKW, auf die die Japaner in einer Fachanalyse bereits im Jahre 1983 aufmerksam gemacht worden waren. Schweizer Ingenieure haben damals das Gutachten geschrieben, was an dieser Altersgruppe von AKW nachzurüsten sei.
In Europa rüsteten die AKW-Betreiber damals nach, doch in Japan und in den USA verschwanden die Sicherheitsstudien in der Schublade.
Ferruccio Ferroni kann sich noch gut erinnern an seine Japan-Reise vom Herbst 1992. Der mittlerweile pensionierte damalige Chefinge-nieur der Firma Elektrowatt traf sich damals in Tokio mit zahlreichen Vertretern der Regie-rung und der Nuklearindustrie. Das Ziel seiner Mission: Ferroni sollte den Japanern das Filtersystem nahebringen, das Elektrowatt in Zu-sammenarbeit mit der Winterthurer Firma Sulzer entwickelt hatte und das im Falle einer Kernschmelze in einem Atomkraftwerk die Freisetzung von radioaktiven Stoffen sowie die Gefahr einer Explosion verhindert.
Worum geht es? Bereits der Unfall von Har-risburg von 1979 hatte gezeigt, dass bei einer Kernschmelze grosse Mengen an explosivem Wasserstoff im Reaktor entstehen können. Wenn ein Reaktor überhitzt, entsteht zudem ein gefährlicher Überdruck. Man muss also ein Gemisch von Dampf und Wasserstoff aus dem Reaktorkessel ablassen, das erstens mit radio-aktiven Partikeln verseucht ist und zweitens hochexplosiv wird, sobald es sich mit Luft ver-mischt. Erst diese Kombination macht die Kernschmelze zum nuklearen GAU.
Vor diesem Hintergrund hatte Elektrowatt das Filtersystem entwickelt, das radioaktive Stoffe beim Austritt aus dem Reaktor bis auf un-gefährliche Restmengen fast vollständig her-ausfiltert und auffängt. Zudem wird der Wasserstoff durch sogenannte Rekombinatoren in harmloses Wasser zurückverwandelt. Das Ge-niale an diesen Notaggregaten ist, dass sie passiv ausgelegt sind. Das heisst: Sie funktionieren oh-ne Fremdenergie auch bei einem totalen Strom-ausfall allein auf Grund physikalischer Naturge-setze. Die Nachrüstung eines Kernreaktors mit den Filter-Filtern und Rekombinatoren kostet 20 bis 30 Millionen Franken.
Die Japaner hätten sich damals, so Ferroni, be-eindruckt und interessiert gezeigt. Die Firmen Mitsubishi und Toshiba, Marktführerinnen der japanischen Nuklearindustrie, bestellten in der Folge bei Elektrowatt zwei Studien. Die-se wurden 1993 abgeliefert und zeigten, dass sich die Notsysteme von Elektrowatt problem-los in japanische Kernkraftwerke integrieren liessen. Zu den Interessenten gehörte nament-lich der Stromgigant Tokyo Electric Power Company (Tepco). Sein Anliegen war unter an-derem die Nachrüstung der Reaktoren von Fu-kushima, die in den siebziger Jahren nach Plä-nen der US-Firma General Electric gebaut wurden und von der Tepco betrieben werden.
Die Elektrowatt übermittelte 1996 eine detail-lierte Studie zur Nachrüstung der Kernkraft-werke von Tepco. Danach hörte Ferroni nichts mehr vom Tokioter Stromriesen – bis zum letzten März, als es in drei der sechs Reaktoren von Fukushima Daiichi im Nachgang der Tsunami-Katastrophe zur Kernschmelze kam. Dabei trat exakt das Szenario ein, vor dem Ferroni zwei Jahrzehnte zuvor eindringlich gewarnt hatte. Nachdem Kühlung und Notstromversorgung ausgefallen waren, kam es zur Kernschmelze; weil die Tepco in Fukushima weder Filter noch Rekombinatoren eingebaut hatte, wurde der Dampf aus den überhitzten Reaktoren in die äussere Gebäudehülle abgelassen; dort ver-mischte sich der Wasserstoff mit Luft und ver-puffte; bei der Explosion der Reaktorgebäude gelangten grössere Mengen an radioaktiven Stoffen unkontrolliert in die Umgebung.
Warum die Tepco auf die Nachrüstung ihrer Anlagen mit dem Sicherheitssystem verzich-tete, ist eine offene Frage. Tatsache ist, dass das System von Elektrowatt bei den Kernkraft-werken von Leibstadt und Beznau problemlos eingebaut wurde. Mühleberg und Gösgen wurden mit ähnlichen Systemen von Siemens nachgerüstet, ebenso sämtliche Kernkraft-werke in Deutschland. Die Franzosen ihrer-seits entwickelten ein eigenes -System.
Auf den Punkt gebracht: Der GAU von Fuku-shima wäre in Westeuropa in dieser Form tech-nisch nicht möglich gewesen. Anders sieht es in den USA aus, wo passive Filter- und Rekombinationsanlagen von den Aufsichtsbehörden nicht gefordert werden. Gemäss Ferroni gibt es in Amerika noch eine ganze Rei-he alter Kernkraftwerke, deren Sicherheitsstan-dard jenem von Fukushima Daiichi entspricht.
Trotzdem hat sich die haltlose Behauptung, wonach die Katastrophe von Japan jederzeit in jedem Kernkraftwerk möglich sei, in vielen Köpfen festgesetzt. Doch die eingängigen Slogans («Tschernobyl ist überall»), mit denen die Anti-AKW-Lobby bereits in den achtziger Jahren erfolgreich agitierte, sind heute noch so falsch, wie sie es schon damals waren.
Je mehr Details über den GAU von Fukushima bekanntwerden, desto mehr schlägt die anfäng-liche Solidarität der europäischen Kernenergie-Fachleute gegenüber ihren japanischen Kolle-gen in Entsetzen und bisweilen harsche Kritik um. Bruno Pellaud, der am Filter-Projekt von Elektrowatt ebenfalls beteiligt war und später bei der Internationalen Atomenergie-Organisa-tion (IAEO) als stellvertretender Generaldirek-tor amtierte, hat eine ganze Reihe von Sicher-heitsmängeln in Fukushima aufgelistet. Neben Filteranlagen, Wasserstoffumwandlern und einer äusseren Schutzhülle, wie sie in europäi-schen Atomanlagen längst selbstverständlich sind, fehlten alternative Systeme, welche die Kühlung bei einem Zusammenbruch der Not-stromversorgung aufrechterhalten.
Unverständnis herrscht unter Fachleuten aber vor allem auch gegenüber der krassen Fehlein-schätzung der Gefahr von Seebeben in Japan. Gemäss deutschen und britischen Fachzeit-schriften sollen allein in den letzten fünfhun-dert Jahren an der japanischen Küste vierzehn Tsunamis mit einer Wellenhöhe von zehn Me-tern und mehr registriert worden sein. Dass die Japaner vor diesem Hintergrund die Kühl-systeme und Notstromaggregate von Fuku-shima nicht durch Bunker gegen Hochwasser schützten, wie sie in Westeuropa ebenfalls zum Standard gehören, erscheint geradezu grobfahrlässig. Mittlerweile wird in Fachkrei-sen sogar Kritik am anfänglich noch gelobten Notstandsdispositiv der Japaner laut.
Der Ärger der Europäer ist nachvollziehbar. Ausgerechnet in der Schweiz und in Deutsch-land sollen Kernkraftwerke, die mit milliar-denschweren Investitionen nachgerüstet wur-den und zu den sichersten der Welt gehören, nun heruntergefahren und ausgemustert werden – weil am anderen Ende der Welt im Bereich der Sicherheit geschlampt oder an der Sicherheit gespart wurde. Länder mit tieferen Sicherheitsstandards wie etwa die USA, wo im-merhin knapp ein Viertel der weltweit gebau-ten Kernkraftwerke stehen, gehen derweil un-ter dem Radar durch. Die Situation ist grotesk.
Allerdings sind die irrationalen Atom-Ängste, die sich vor allem auf den deutschsprachigen Raum konzentrieren, hausgemacht. Aus physi-kalischer Sicht ist das Phänomen, das offen-sichtlich politischer, ideologischer und psycho-logischer Natur ist, jedenfalls nicht zu erklären. Gerade die Studien von Elektrowatt aus den neunziger Jahren zeigen, dass nicht nur die Ge-fahren der Kernenergie, sondern auch die an-gezeigten Gegenmassnahmen bis ins Detail längst bekannt sind. In technischer Hinsicht hat der GAU von Fukushima keine neuen Er-kenntnisse gebracht. Nüchtern betrachtet, macht der GAU die Kernenergie sicherer, hat er doch dazu geführt, dass die Sicherheits-standards weltweit verbessert werden.
Neu ist einzig, dass man in ein paar Jahren konkret wissen wird, mit welchen Schäden nach einem GAU in einem westlichen Kraft-werk zu rechnen ist. Da es eine vergleichbare Verseuchung bislang nie gab, weiss man nicht, wie lange es dauert, bis man im verseuchten Gebiet wieder leben und arbeiten kann. Wie es heute aussieht, werden die Gefahren der Radioaktivität tendenziell massiv überschätzt. Allen Sicherheitsmängeln zum Trotz ist in Japan bislang kein einziger Mensch an den Fol-gen der Kernschmelze von Fukushima gestor-ben. Ausser drei Arbeitern, die mit Halbschu-hen in eine verseuchte Wasserpfütze traten, hat bislang niemand eine gefährliche Strahlen-dosis erhalten. Zurzeit weist nichts darauf hin, dass sich daran etwas ändern wird. •
Quelle: Weltwoche Nr. 30/31, 2011
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