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Anfang des Jahres sah es für die Weltwirtschaft recht ordentlich aus. Der Arbeitsmarkt in den USA näherte sich der Vollbeschäftigung, grosse Schwellenländer wie China oder Brasilien schienen sich ganz gut zu schlagen und es sah so aus, als würde 2015 das Jahr, in dem die Zentralbanken weltweit mit der Normalisierung der Geldpolitik beginnen würden.
Doch dann setzte der Verfall der Rohstoffpreise ein. Die Erholung in den USA verlangsamte sich, und die chinesische Wirtschaft kühlte erst so richtig ab. Infolgedessen erwies es sich als ziemlich schwierig, die Leitzinsen vorherzusagen. Bei 20 von 28 grossen Zentralbanken weltweit lagen die Analysten daneben. Meist unterschätzten sie, wie tief die Zinsen gehen würden. Bei manchen Notenbanken verkalkulierten sie sich aber auch beim Ausmass der Straffungen.
Nur ein Land straffte stärker als erwartet
«Im Vergleich zu Anfang des Jahres bestand die Fehldiagnose über die Zentralbanker in der Dynamik des globalen Wachstums zusammen mit der Hartnäckigkeit des deflationären Drucks», sagte Mike Moran von Standard Chartered Bank in New York. «Dadurch wurde die Prognose zu einer grossen Herausforderung.»
Und so teilen sich die 20 Fehlurteile auf: Zwölf Zentralbanken haben heute niedrigere Zinsen als für Jahresende vorhergesagt, wie die ursprüngliche Februaranalyse von Bloomberg für diese Gruppe zeigt. Sieben davon lockerten aggressiver und fünf entschieden sich für unveränderte Zinsen, anstatt sie zu straffen.
Prognose: US-Zinswende im Sommer
Die anderen acht Zentralbanken haben jetzt höhere Zinsen als vorhergesagt, fast alle davon in Schwellenländern, die die Zinsen anhoben, um die zunehmende Inflation bei schwachem Wachstum zu bekämpfen. Nur ein Land - Brasilien - straffte stärker als erwartet. Ins Schwarze trafen die Analysten bei den übrigen acht Zentralbanken; drei davon lockerten die Zinsen, und fünf liessen sie unverändert.
Im Februar erwarteten die meisten Ökonomen, dass die Federal Reserve ihren Leitzins im Juni anheben würde. Das erwies sich als falsch, als das Wachstum im ersten Quartal abkühlte. Die Analysten gehen nun von einer Anhebung im Dezember aus, nachdem Marktturbulenzen dazu beitrugen, eine Erhöhung im September zu verhindern. Für die Bank von England wird prognostiziert, dass die Straffung im April kommenden Jahres beginnt, nachdem die Ökonomen zuvor eine Anhebung im September 2015 vorhergesagt hatten.
Chinesen handelten entschlossen
Die Analysten lagen richtig bei der russischen Zentralbank, die ihren Leitzins fünf Mal auf das aktuelle Niveau von elf Prozent gesenkt hat, nachdem sie im vergangenen Jahr auf 17 Prozent erhöhte, um einen Rubel-Kollaps zu verhindern. Weit daneben lagen die Ökonomen bei ihrer Einschätzung, wie weit die People’s Bank of China gehen würde, um die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt zu schützen. Die Bank senkte in den letzten zwölf Monaten den Leitzins sechs Mal auf ein Rekordtief von 4,35 Prozent, verglichen mit einer Jahresendprognose vom Februar von 5,35 Prozent.
Von den sieben Ländern in der Gruppe, die dieses Jahr bislang die Zinsen anhoben, bezweckten die meisten eine Abschwächung der hohen Inflation und nicht eine Verbesserung der Wirtschaftslage. Einer der extremsten Fälle ist Kenia, das den Leitzins um drei Prozentpunkte auf 11,5 Prozent anhob, als die Währung des Landes absackte.
Brasilien will die Inflation bändigen
Die brasilianische Notenbank hob dieses Jahr trotz Rezession den Leitsatz Selic auf 14,25 Prozent an. Die Geldpolitiker erhöhten den Satz fünf Mal, um die hohe Inflation zu bändigen, die von der lockereren Haushaltspolitik und der schwachen Währung ausgelöst worden war. Bei ihren letzten beiden Sitzungen hielt die Zentralbank still, sie hofft auf eine Verlangsamung der Preissteigerungen.
Weitere Veränderungen bei den Zentralbanken könnten noch bevorstehen. Für Neuseeland und Russland werden weitere Lockerungen noch vor Jahresende prognostiziert. Für die USA, Mexiko und Südafrika werden Straffungen für 2015 und weiter für 2016 vorhergesagt. Brasilien sticht unter den Zentralbanken mit Lockerungspolitik heraus, mit einer prognostizierten Zinssenkung von mehr als 1,5 Prozentpunkten bis Jahresende.
(Bloomberg/mbü)