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Romain Graf und Pierre-Adrian Irlé schreiben Drehbücher, inszenieren und produzieren. Porträt zweier Karrieren und Cinéasten, die mit «Station Horizon» für RTS eine Autoren-Fernsehserie geschafft haben.
Von Winnie Covo
Pierre-Adrian Irle befasst sich 2003 erstmals mit dem Film. Er geht noch ins Gymnasium in Genf, wo er Kurse in Filmanalyse und Fotografie besucht. Da eröffnet sich ihm die reiche Welt der siebten Kunst. Er gönnt sich ein Jahr Auszeit und macht ein Praktikum bei Navarro Films, der Produktionsfirma von Xavier Ruiz. Dort lernt er Valentin Rotelli kennen (er arbeitet heute als freischaffender Filmeditor und Regisseur). Gemeinsam drehen sie ihre ersten Kurzfilme. «Filme, die heute niemand sehen will», schmunzelt der Genfer. Während des Praktikums wird ihm bewusst, wie komplex das Handwerk ist. Will er seine Projekte verwirklichen, muss er sich finanzielle, juristische und administrative Kenntnisse aneignen, so viel ist ihm klar. Und so beginnt er ein Wirtschafts- und Managementstudium, damit er das nötige Gepäck mitbringt, falls seine Leidenschaft andauern würde. Seine Wissensschmiede ist die Managementschule HEC in Paris. Als frisch Diplomierter bietet er Strategie-Beratungen an. Die «gute Arbeitsmethode» ist das Ziel. Parallel dazu macht er mit Valentin einen Kurzfilm nach dem anderen. «Zwei entstanden in Koproduktion mit der RTS, darunter auch ‹Big Sur›, ein mittellanger Film, der für den Quartz 2008 nominiert war.» Er bildet die Grundlage für das Roadmovie «All That Remains» aus dem Jahr 2011: Das Filmabenteuer zwischen Japan und Kalifornien kommt beim Westschweizer Publikum und bei der Kritik gut an und erhält den Quartz für die beste Darstellerin, Isabelle Caillat.
Nach diesem ersten Langfilm beschliesst Pierre-Adrian, einen seiner Meinung nach greifbaren Traum zu verwirklichen. Er hängt seinen Pariser Beraterhut an den Nagel. Zurück in der Schweiz, arbeitet er als Freelancer an verschiedenen Projekten, engagiert sich in der Filmproduktion und nimmt verschiedene Beratungsmandate an, um seine Rechnungen bezahlen zu können. Eines davon ist die Entwicklung von Swisscom TV. «Nach ‹All That Remains› wollte ich in dieser Richtung weitergehen und meine Tätigkeit im Audiovisionsbereich professionalisieren. Ich widmete mich vermehrt der Werbefilmproduktion, davon ausgehend, dass es in der Schweiz unmöglich ist, vom Film allein zu leben. Das Fernsehen war für mich damals noch keine Option. Ich kannte diese Welt nicht, für mich gab es das Kino oder die Werbung. Damit wollte ich meinen Lebensunterhalt verdienen. Später motivierte mich der Aufschwung der Fiktion am Fernsehen, mich als Produzent und Regisseur weiterzuentwickeln.»
Gemeinsames Interesse
Zu jener Zeit trifft er Romain Graf wieder. Die zwei Genfer kennen sich schon lange. Romain hat soeben sein Filmstudium in Belgien beendet und arbeitet als unabhängiger Fotograf.
Er hatte schon immer eine Passion für die Audiovision, entschied sich aber für das Studium der Internationalen Beziehungen in Genf. «Ich interessierte mich vor allem für den Journalismus. Während meines Studiums besuchte ich aber auch mehrere Seminare im Bildbereich und in Filmgeschichte.» Romain merkte, dass ihm der Journalismus nicht genügen würde. Zwar hatte er während seiner Studienzeit ein eigenes Politmagazin ins Leben gerufen: Le Genevois libéré. Er brauchte jedoch mehr. Er wollte seine künstlerische Veranlagung ausleben, sie weiterentwickeln, Leute berühren, Emotionen wecken. Als Studienort wählte er das belgische Institut des arts de diffusion (IAD), Abteilung Filmregie. «Ich wollte mit Studenten lernen, die sich spezialisierten. Die Schulen in Belgien, zum Beispiel das IAD oder das INSAS sind klar strukturiert. Es gibt Klassen mit den Schwerpunkten Schnitt, Bild, Ton, Schauspiel oder Regie. So entsteht ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und man macht seine ersten Erfahrungen gemeinsam.»
Nach der Schule wird er wie alle neu diplomierten Filmer mit der harten Realität konfrontiert: Er muss einen Produzenten, eine Struktur, nützliche Kontakte finden. Es folgt das Jahr 2011, und das Wiedersehen mit Pierre-Adrian kommt wie gerufen. Romain gibt Pierre-Adrian seine kürzlich publizierte Novelle zu lesen: «Pixeliose». Letzterer ermutigt ihn, einen Kurzfilm daraus zu machen. Dieser wird dann schliesslich von RTS koproduziert und 2012 an Festivals präsentiert.
Der Funke springt über, und die beiden jungen Männer tun sich zusammen. Am Anfang mietet das Duo zwei Tische in den Räumlichkeiten von Freestudios in Genf. Gemeinsam beginnen sie, Auftrags- und Werbefilme zu machen. Das Abenteuer wird fast zwei Jahre dauern. «Wir stellten uns vor, unseren Lebensunterhalt mit institutionellen Projekten und Werbefilmen zu verdienen. So würden wir regelmässig drehen und parallel dazu heiklere und weniger rentable Filmprojekte entwickeln können», sagt Pierre-Adrian Irle.
Sie geben sich sechs Monate, dann ein Jahr und finden ihre eigene Art der Zusammenarbeit. Sie haben viele Aufträge, unter anderem auch von Caritas, für die sie mehrere Kurzfilme für die 360º-Kampagne realisieren.
Da sie eher Filmschaffende als Werbefilmer sind, dauert es nicht lange bis zum ersten Spielfilmprojekt. Mit der RTS produzieren sie die Webserie «Break Ups» von Ted Tremper, dann realisieren sie weitere Projekte. Für Institutionen arbeiten sie je länger, je weniger. Im Gegenzug nehmen die Produktionen für die RTS zu, und sie gewinnen deren Ausschreibung für eine Serie: «Station Horizon» (siehe folgende Seiten).
Zwischen Leinwand und Bildschirm
Wie kommen zwei Cinephile vom Kino zum Bildschirm? Für Pierre-Adrian Irle war «All That Remains» möglicherweise ausschlaggebend. «Verglichen mit dem bescheidenen Anspruch hatte jenes Projekt einigen Erfolg. Ich habe mir die Zähne daran ausgebissen. Ich habe zwar nie eigenes Geld in Filme investiert, denn ich wusste, dass ich es niemals zurückerhalten würde. Abgesehen davon hatte ich ja das Geld auch gar nicht. Übrigens ist ‹investieren› das falsche Wort. Ich würde eher von einem ‹Mäzenatentum› sprechen. Wie dem auch sei: Ich war nun realistisch genug und konnte nicht davon ausgehen, vom Film allein leben zu können.» Der Regisseur kommt zum Schluss, dass es schwierig ist, drei Jahre an einem Film zu arbeiten, der dann wegen Verleihproblemen schliesslich nur von einer Handvoll Leute gesehen wird. «Das macht keinen Sinn. ‹All That Remains› brachte uns etwas über 3ʼ000 Eintritte in der Westschweiz, einige Festivaleinladungen und einen Quartz ein. Ich traf Romain genau zu jenem Zeitpunkt, als ich mir all diese Fragen zur Filmarbeit stellte. Ich wollte ein breiteres Publikum ansprechen, ohne dabei meine Vorlieben zu opfern. Ich wusste damals noch nicht, dass das mit dem Fernsehen möglich sein würde.»
Romain Graf fügt bei : «Mit ‹Station Horizon›, einer Serie, ist es uns gelungen, ein breites Publikum anzusprechen. Durchschnittlich 150’000 Personen sind es jede Woche in der Westschweiz. Auch wenn wir an einer Fernsehserie weniger lang feilen können als an einem Kinofilm, bereitet es uns grosses Vergnügen. Wir machen aus den kreativen Einschränkungen das Beste, ohne uns je zu kompromittieren.» Diese Sicht der Dinge macht die Ziele ihres Unternehmens deutlich: «unterhaltsame und qualitativ gute» Inhalte produzieren.
Keine Kompromisse, sagt Romain Graf. Doch ist der Übergang zur Fernsehserie denn keiner? «Nein! Das Fernsehen ist das neue Kino». Die jüngsten Fernsehserien können heute sehr wohl als künstlerische, vollendete Werke betrachtet werden.
Ob in den USA oder in Europa: Die bekanntesten Autorinnen, Regisseure und auch immer mehr Schauspielerinnen und Schauspieler wenden sich dem Bildschirm zu. «Uns als Autoren, Regisseure und Produzenten macht es ebenso viel Spass, wie wenn wir einen Kinofilm machen würden. ‹Station Horizon› ist eine Autorenserie und mit den Produktionen von Arte, Canal+ und France Télévision durchaus vergleichbar. Die RTS geht nun auch in diese Richtung. Die TV-Serie befindet sich in vollem Aufschwung. Es ist also legitim, dass sich Filmschaffende, die vom Kino träumten, dieser Form zuwenden.»
Gleichwohl wagen sich die beiden Männer mit ihrer Produktionsfirma Jump Cut Production weiterhin an Kinoprojekte. Ob diese nun an sie herangetragen werden oder sie Lust dazu verspüren, die Liebe zum Kino bleibt erhalten. «Wenn eine Idee keimt und sich für das Kinoformat eignet, verfolgen wir sie weiter. Die Geschichte steht dabei im Vordergrund», sagt Romain Graf.
Und fügt hinzu : «Wir sind nicht enttäuscht vom Kino, aber wir stellen es einfach auf dieselbe Stufe wie das Fernsehen. Natürlich gibt es Qualitätsunterschiede, doch der Bildschirm ist auf bestem Weg, sein riesiges narratives Potenzial zu entfalten.»