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Kurzum: Es bleibt offen, ob es irgendeine Figur – oder wie soll man es nennen – in der Matrix, ausserhalb der Matrix, in der Maschinenwelt oder in Zion gibt, der tatsächlich das Prädikat „Mensch“ aufgestempelt werden könnte. Ist Morpheus ein Mensch oder glaubt er es nur und ist „wirklich“ Teil einer riesigen, verschachtelten, komplizierten und komplexen Simulation, in der er nur eine bestimmte, programmierte Funktion im Spiel zu erfüllen hat? Wer aber sind dann die Programmierer? Menschen? Oder auch Maschinen, die sich verselbständigt haben? Das Orakel und der Architekt: Menschen oder Programme? Neo (Keanu Reeves) befindet sich zu Anfang des Films in einer Art „Zwischenwelt“, in der ein gewisser Trainman (Bruce Spence) als Handlanger des bereits aus „Matrix Reloaded“ bekannten Merowingers (Lambert Wilson) sein „Unwesen“ treibt. Morpheus (Laurence Fishburne) ahnt, dass der Erlöser, auf dessen befreienden Akt er sein ganzes Leben gehofft hat, vielleicht auch nur ein Rädchen im Getriebe der Macher der Matrix ist, so dass die Erlösung aus dieser Welt nur eine Erlösung in dieser Welt sein kann – und daher keine. Aber ahnt er auch, möglicherweise selbst nur Teil dieser Fiktion zu sein?
Es ist diese Unsicherheit, dieses Hin- und Her zwischen Hoffnung und Enttäuschung, zwischen der Sehnsucht nach einem handfesten Frieden in einer handfesten Welt, in der man sich an etwas ebenso Handfestem halten kann, und der Angst vor dem Sturz in die Tiefe einer Erkenntnis, die das genaue Gegenteil bedeuten würde, die in „Matrix Revolutions“ – abseits aller Kritik an dem Film im einzelnen – die Ereignisse bestimmt. Diese Kritik im einzelnen könnte man etwa so formulieren: Die Dialoge sind des öfteren allzu flach; das Übergewicht von Action gegenüber den vielfältigen Überraschungen des ersten Teils der Trilogie ist deutlich spürbar; die Figuren wirken oft eher wie Teile eines Schachspiels, z.B. Neo, der im ersten Teil noch eine selbständig handelnde Figur war, während er nun im Rahmen einer übertrieben inszenierten Endzeitstimmung, die auf dem Film schwer lastet, nur noch Bestimmungsfaktor in einem Spiel ist, dass die Wachowskis allzu drastisch in ein mystisch überladenes Spektakel hineintreiben – und so weiter.
Man kann das so sehen und man kann das auch so empfinden. Und teilweise würde ich dieser Kritik folgen. Allerdings berücksichtigt sie nicht, dass vieles (nichts alles) an ihr dem Umstand geschuldet ist, dass die Aufteilung einer solchen Geschichte in drei Filme nur in seltenen Fällen zu einem befriedigenden Ergebnis führt. Schaut man die drei Filme hintereinander, ergibt sich ein etwas anderes Bild, für mich jedenfalls. Die Zuspitzung der Erzählstränge auf eine Art Endzeitstimmung und die Bestimmung der Figuren in Richtung Schachspiel zum Beispiel bedeuten ja eben auch, dass der Eindruck von einer anfänglichen Selbstbestimmung der Handelnden trügerisch war, eine Illusion, die sich am Schluss von „Matrix Revolutions“ auch als solche erweist. Man nehme beispielsweise das Gespräch zwischen dem Architekten (Helmut Bakaitis) und dem Orakel (Mary Alice).
Doch auch in „Matrix Revolutions“ erweist sich anfangs noch vieles als Teil einer realen Welt. Unter Führung von Commander Lock (Harry J. Lennix) versuchen die Einwohner von Zion mit Unterstützung durch Zivilisten wie Zee (Nona Gaye) und Kid (Clayton Watson) dem Ansturm der Maschinen, der Wächter, Stand zu halten, nachdem Trinity (Carrie-Anne Moss) und Morpheus Neo aus der Umklammerung durch den Merowinger befreit haben. Aufgrund von Ratschlägen des Orakels kommt Neo zu der Erkenntnis, in das Zentrum der Maschinenwelt vordringen zu müssen, um dem Krieg ein Ende setzen zu können. Zusammen mit Trinity, die zuvor durch Agent Smith (Hugo Weaving), der sich im Körper von Bane (Ian Bliss), versteckt hatte, fast getötet worden wäre, macht sich Neo auf. Niobe (Jada Pinkett Smith), die an Neo glaubt, stellt ihr Kampfschiff gegen den Widerstand von Lock zur Verfügung, während sie selbst mit Morpheus in einem anderen Kampfschiff über einen Versorgungsschacht versucht, den scheinbar durch nichts aufzuhaltenden Wächtern Herr zu werden.
Der Kampf um Zion, geführt auf seiten der Soldaten mit krakenähnlichen bewaffneten Maschinen, gelenkt von Commander Mifune (Nathaniel Lees) und seinen Leuten, ist ein über sicher mehr als eine halbe Stunde dauerndes, visuell beeindruckendes Spektakel, das mich stark an die besten Zeiten von „Star Wars“, aber auch an den schicksalhaften Endkampf in „Lord of the Rings“ erinnerte. Die Ungetüme, in denen die Soldaten kämpfen, erscheinen als geronnener Ausdruck der gesamten Geschichte von der industriellen Revolution und ihren ersten Maschinen bis zu modernen computergesteuerten Technologien. Der vermeintliche Rest der Menschheit bietet alles auf, um den von ihr erst ermöglichten, verselbständigten, programmierten Welten entgegenzutreten, während Neo im Zentrum der Maschinenstadt deren „Herrscher“ davon zu überzeugen versucht, Agent Smith, einem Programm also, Einhalt zu gebieten, das sich immer weiter zu verselbständigen droht.
Auch der an anderer Stelle gezeigte Zweikampf zwischen Neo und Agent Smith ist nicht nur visuell beeindruckend, sondern zeugt von der die Trilogie jetzt erkennbar durchdringenden Erkenntnis von der Unauflösbarkeit der Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion. Gerade dies verursacht nach Sicht des Films eine Art Unbehagen, die meinem Gefühl nach dem Umstand geschuldet ist, in einer Epoche der Rationalität Anspruch auf rationale Antworten zu haben, wo es keine gibt.
Der Film endet eben nicht mit banalen Antworten, wie andernorts zu lesen war („Blickpunkt: Film“), vielleicht mit einer schlichten Feststellung, einem unangenehmen Gefühl und nicht erfüllten Erwartungen, aber nicht mit Banalität. „Matrix Revolutions“ ist für mich ein krönender Abschluss der Trilogie, deren zweiter Teil „Matrix Reloaded“ nicht ganz überzeugen mochte. Ich kann durchaus nachvollziehen, dass andere anders empfinden. Das Unbehagen ist für mich jedenfalls eines unserer Kultur und gegenüber unserer Kultur, in der – gerade auch vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen – ein ausgeprägter „Realitätssinn“ und Rationalitätsglaube (ein nur scheinbar in sich widersprüchliches Begriffspaar) sowie die felsenfeste Überzeugung, alles, aber auch wirklich alles liesse sich auf- und erklären, integraler und scheinbar unumstösslicher Bestandteil unseres Denkens und Handelns geworden sind. Was dabei auf der Strecke bleibt? Die Frage möge jeder für sich beantworten. „Matrix Revolutions“ jedenfalls und die Trilogie insgesamt nähren Zweifel und bohren an den richtigen Stellen. So empfand ich jedenfalls den Film. Das Unbehagen hat sich – abseits der Matrix – längst eingenistet. Vielleicht wollen wir es nur nicht wahrhaben.
USA
2003-
129 min.
Regie: Andy Wachowski, Larry Wachowski
Drehbuch: Andy Wachowski, Larry Wachowski
Darsteller: Keanu Reeves, Laurence Fishburne, Carrie-Anne Moss
Produktion: Joel Silver
Musik: Don Davis
Kamera: Bill Pope
Schnitt: Zach Staenberg