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Altreu - am solothurnischen Jurasüdfuss bei Selzach gelegen - ist eine von rund vierzig mittelalterlichen Stadtwüstungen in der Schweiz, von denen nur wenige archäologisch untersucht sind. Die vorliegende Publikation fasst alle bisherigen archäologischen Untersuchungen in Altreu zusammen. Die Vorstellung der archäologischen Funde und Befunde wird durch die archäozoologische Aufarbeitung der Tierknochen, die metallurgische Analyse der Eisenschlacken und die archäobotanische Auswertung der Makroreste ergänzt.
Die Gründung der Stadt, die auf die Grafen von Neuenburg-Strassberg zurückgeht, lässt sich historisch wie archäologisch in die zweite Hälfte des 13. Jh. datieren. Urkundlich zum ersten Mal erwähnt wird Altreu im Jahr 1279, ohne allerdings als Stadt bezeichnet zu werden. Erst in den 1290er-Jahren tauchen Bürger aus Altreu in den Schriftquellen auf, was als sicheres Indiz für eine städtische Kommune gewertet werden darf.
Die Stadt wurde nicht auf der grünen Wiese gegründet, sondern an der Stelle einer präurbanen Siedlung, die kurz vor der Stadtgründung einem Brand zum Opfer gefallen war. Wie unzählige verkohlte, bereits gedroschene Getreidekörner zeigen, dürfen die präurbanen Siedlungsbefunde mit mehreren Kornspeichern am Ort in Verbindung gebracht werden. Von den Speicherbauten selbst blieben nur schwache Spuren im Boden erhalten. Historische und archäologische Hinweise auf eine Mühle in der näheren Umgebung der späteren Stadt sowie die Kornspeicher lassen auf ein herrschaftliches Zentrum - einen Neuenburger Herrenhof - schliessen.
Die von einer Stadtmauer und zwei Gräben umringte Stadt besitzt einen mehr oder weniger rechteckigen Grundriss von etwa 120 × 150 m. Von der Stadtanlage ist vor allem der Bereich entlang der östlichen Stadtmauer bekannt. Im Südosten der Anlage befand sich die Stadtburg. Die Fundstelle zeichnen insbesondere die gut erhaltenen Reste städtischer Wohnbauten aus. Die in Reihenbauweise aneinandergebauten Wohnhäuser standen zwischen der Stadtmauer und der Gasse auf rund 16 m tiefen und 7 m breiten Parzellen. Von Anfang an bildeten die Häuser dabei geschlossene Zeilen mit einheitlicher Gassenflucht.
Die Wohnhäuser sind als Ständerbauten aus Holz zu beschreiben. Die Grundrisse lassen Wohnbauten mit einem ausdifferenzierten, in drei Zonen gegliederten Raumangebot erkennen. Sie erinnern damit an den mancherorts belegten dreiraumtiefen Hausgrundriss mit der funktionalen Abfolge von Stube - Küche - Kammer. Regelmässig liegt die mit einem Kachelofen ausgestattete Stube im gassenseitigen Hausdrittel, in dem eine weitere Kammer sowie ein Mittelgang untergebracht sind. Im mittleren, zum Dach hin offenen Hausdrittel befindet sich die mit einer oder mehreren ebenerdigen Herdstellen ausgestattete Küche, die - wie in einem Haus belegt - auch als Werkstatt gedient hat. Die rückwärtigen Hausteile wurden teilweise von grossen in Stein ausgeführten Räumen eingenommen, die vielleicht als Lager dienten. Reste von repräsentativen Treppenaufgängen lassen auch in den Obergeschossen bedeutende Wohnräume annehmen.
Während die Schriftquellen nur wenige Hinweise auf das Leben in Altreu geben, liegt umfangreiches archäologisches Fundmaterial vor, das vom Wohnen und Arbeiten in dieser Kleinstadt erzählt. Die Funde aus Altreu datieren überwiegend ins 13. und 14. Jh. Neben den vielen Gefäss- und Ofenkeramikscherben, deren Spektren denjenigen einer durchschnittlichen zeitgenössischen Kleinstadt entsprechen, fallen besonders die zahlreichen Eisenfunde auf: Dank der Auswertung der Eisenschlacken kann man eine Unterhaltsschmiede in einem der ergrabenen Häuser lokalisieren. Das Spektrum der Tierknochen zeigt, dass Altreu eher mit einer ländlichen Siedlung als mit einer grösseren Stadt zu vergleichen ist.
Gemäss der chronikalischen Überlieferung wurde das Städtchen 1375 während des Guglerkriegs zerstört und danach nicht wieder aufgebaut. Tatsächlich ist eine Brandkatastrophe, der alle bisher entdeckten Bauten zum Opfer gefallen sind, archäologisch in der zweiten Hälfte des 14. Jh. nachweisbar. Ob das Brandereignis allerdings tatsächlich den Guglern anzulasten ist, muss offenbleiben. Nach Aufgabe der Stadt frass sich die Aare immer mehr ins wüstgefallene Städtchen, sodass bis heute rund ein Viertel der ursprünglichen Stadtanlage von ihr weggespült worden ist.