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Wenn man den Blog-Artikel des Jungfreisinnigen Andri Silberschmidt "Die JUSO verursacht Hunger in Afrika!" liest, könnte man glauben, die Welt funktioniere genauso wie in der Einleitung eines rudimentären Mikroökonomik-Lehrbuchs oder in den Kurzhinweisen zum Effektenhandel für Bankkunden. Dabei setzt die JUSO-Initiative bei grundsätzlichen Punkten an, die Andri Silberschmidt bei der Spekulation mit Nahrungsmittel ignoriert: Märkte funkionieren nicht einfach, sie werden oft genug manipuliert - das wohl kaum ohne Hintergedanken. Und einst gute Ideen wie Terminkontrakte dienen Spekulanten dabei, diese Schwächen des Marktes auszunutzen.
In einem Punkt, den er implizit ebenfalls sehr polemisch (!) vertritt, hat der liberale Jungpolitiker wohl recht: Gemässigte SozialdemokratInnen neigen dazu, alles was im Namen "Markt-" oder "Privat-" trägt undifferenziert zu verteufeln, wobei man dann auf simplizistische Eingriffe setzt statt wenigstens eine radikale Systemänderung zu fordern. Hier geht es der JUSO jedoch nicht um eine gedankenlose Opposition, sondern um eine Entkräftung einer Art von Marktwirtschaft, die ausser ein paar Börsianer niemand will.
Wir unternehmen einen kurzen Ausflug in die jüngere Wirtschaftsgeschichte:
Ein bekanntes Beispiel für die ersten Terminkontrakte findet sich in der Geschichte der britischen Kolonien auf dem amerikanischen Kontinent. Ein wichtiges Gut waren dort zum Schutz gegen Kälte Felle zum Gebrauch aller Art; besonders wichtig dabei waren Bärenfelle. Da die Jäger genau wussten, dass zur Jagdsaison im späten Frühling das Angebot sehr hoch - und der Preis für Felle deshalb sehr niedrig - sein würde, schlossen sie mit den Käufern Verträge ab, die eine Auslieferung von Fellen zur Winterzeit festhielten; also dann, wenn die Nachfrage und damit auch der Preis hoch sind. Um sein eigenes Risiko zu minimieren, fand bei diesen Verträgen die Preissetzung oder gleich die Auszahlung selbst zu einem solchen hohen Preis im Vorhinein statt. Noch heute nennt man im Börsenjargon Märkte, bei denen Preissteigerungen erwartet werden, Bärenmärkte (in Abgrenzung zu den gegenteiligen Büffelmärkten).
Ähnliches sieht man auch noch heute im Rohstoffhandel. Der Ölmarkt zum Beispiel unterliegt enormen Schwankungen; es wäre undenkbar, tonnenschwere Lieferungen übers Weltmeer schippern zu lassen, ohne alle Verkaufsbedingungen inklusive Preis im Voraus festzusetzen. Insofern sind Terminkontrakte ein nützliches Instrument, um sich innerhalb einer Wertschöpfungskette (z.B. von der Ölförderung bis zum Endverbraucher) vor Schwankungen zu schützen.
Die JUSO-Initiative will es nun verbieten, dass Marktakteure, die nicht Teil dieser Wertschöpfungskette sind, sich am Handel mit solchen Terminverträgen beteiligen. Das ist wichtig, denn Börsenspekulanten auf der ganzen Welt wollen die Kurse von Nahrungspreisen beeinflussen, um für sich selbst Kursgewinne zu erzielen. Sie wissen, dass es nach notwendigen Gütern wie Grundnahrungsmittel eine unstillbare Nachfrage gibt und deren Privatisierung enorme Rendite verspricht.
Auf den Finanzmärkten geschieht dies für gewöhnlich so: Ein Spekulant kauft sich meist entweder eine "Call-Option" - das Recht, zu einem späteren Zeitpunkt zu einem vorvereinbarten Preis eine Menge eines Gutes zu kaufen - oder ein "Future-Kontrakt", der im Gegensatz zur "Call-Option" eine Pflicht und kein Recht darstellt. Mit einem solchen Papier besitzt man eine Quasi-Verfügungsgewalt über eine Menge des Gutes X. Hier wird bereits klar: Wenn diese Kontrakte in ausreichender Zahl grosse Mengen handeln und auf den Märkten über eine Zeit zurückgehalten werden können, kann man Preise steigern! Die meisten ursprünglichen Preissteigerungen geschehen zwar aus anderen Gründen wie Exportschübe oder Missernten, doch setzen Spekulanten genau hier an und drosseln die Knappheit massiv. Dafür gibt es auch genug empirische Beispiele: Der Preis einer Tonne Kakao lag über 30 Jahre bei ungefähr 900 Pfund. Innerhalb weniger Jahren ist er auf 2500 Pfund angestiegen - und das nicht, weil auf einmal 3 mal weniger zur Verfügung steht. Denn während insgesamt 3,4 Mio. Tonnen Kakao pro Jahr geerntet werden, handeln die Börsen sage und schreibe 60 Millionen Tonnen!! (Quelle: Spiegel Online)
Das macht auch klar, dass die von Andri Silberschmidt angestossene Diskussion, ob der Preis von Nahrungsmittel auf Terminmärkten von denjenigen auf den Spotmärkten (wo ohne Zeitverzögerung gehandelt wird) abhängen, völlig irrelevant ist. Offensichtlich geht es hier um die Beeinfluss der Preise durch den Terminmarkt selbst. Wer dort mit virtuellem Handel die Nachfrage erhöhen kann und mit Verfügungsgewalten das Angebot rationiert, dem ist es wohl herzlich egal, zu welchen Preisen auf dem Spotmarkt effektiv gehandelt wird. Eine direkte Abhängigkeit vom Terminmarkt am Spotmarkt ist schlichtweg Hanebüchen und reiht sich bei verschiedenen Effizienzmarkt-Märchen ein. Die Relation ist wichtig, geschieht aber bestenfalls in der Theorie in der Reihenfolge von Andri. Seine Ausführungen zum automatischen Ausgleich von "long" und "short"-Positionen ("short" nennt man Leerverkäufe auf Kredit bei der Spekulation auf fallende Preise!!) sind mir völlig fremd und wurden mir zumindest in der Vorlesung von Prof. Dr. Thorsten Hens ganz anders erklärt.
Ein anderes Beispiel, wo der Markt von aussen nur noch manipuliert wird, war das Zusammenspiel zwischen Glencore und der russischen Regierung. Als im grössten Land der Welt sich eine Dürre andeutete, nutzte Glencore über eine Tochtergesellschaft die Gunst der Stunde und erwirkte in der Duma ein Exportverbot, das es dem Konzern zum perfekten Zeitpunkt ermöglichte, Getreide sinnbildlich zu vergolden. SO spielt der Kapitalismus Kasino mit dem Hunger von Menschen und setzt mit "Call" darauf, dass wir gehandelte Nahrungsmittel lieber unverschämt teuer kaufen als zu sterben. Bei uns mag dies ein doppelt so teures Weggli sein, was soll's. Doch für Menschen in Afrika mag der Hungerlohn nicht mal mehr für das Notwendigste reichen. Vom Klumpenrisiko beim späteren Platzen von solchen Spekulationsblasen für die Landwirtschaft (auch bei uns) einmal abgesehen...
Mit dieser gekünstelten Nachfrageerhöhung an den Börsen schaffen es Spekulanten, gehandelte Nahrungsmittel an Verhungernde zu verschebeln, ohne dass man an der Nahrungsversorgung in irgendeiner Art beteiligt wäre. Aus einem gut gemeinten Instrument entsteht eine tödliche Waffe. Die Reformvorschläge von Andri Silberschmidt, Landwirtschaft im Westen nicht mehr zu subventionieren, können sinnvoll sein, entspringen aber keinesfalls dem liberalen Quell. Gerade sie haben sich in den letzten Jahrzehnten dafür eingesetzt, dass afrikanische Märkte qualitative Produkte im Preiskampf unprofitabel aber immer noch teuer auf den freien Markt werfen müssen, während unsere Märkte für billige Produkte mit Subventionen geschützt werden. Die ansässige Lobby verkündet unlängst, dass der westlichen Landwirtschaft andernfalls das Ende drohen würde - und wer für Geld im Parlament gerne seine Meinung ändert, ist ja bekannt (man sieht es an den Abstimmungen).
Bevor wir also von einem tiefgreifenden Einschnitt in die Weltwirtschaft sprechen, der enorme Auswirkungen haben wird, hören wir doch besser erst einmal auf, ein so enorm perverses Spielchen an den Börsen zu treiben. Die JUSO-Initiative verbietet niemandem Terminkontrakte, der sie wirklich braucht - und selbst wenn, kann man diese immer noch ausserhalb der Börsen abschliessen. Dort nämlich werden sie gehandelt, um Kursgewinne zu erzielen. Und es ist töricht zu behaupten, der Hunger in Afrika sei die Schuld jener, die die rücksichtlose Vermarktung von Nahrungsknappheit stoppen wollen.
Link zum Beitrag von Andri Silberschmidt:
http://www.politnetz.ch/beitrag/16515