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I Veränderungswunsch
Die Sozialisten im 19. Jahrhundert standen vor einem Dilemma. Sie träumten von einer besseren Welt, einer Gesellschaft, in der die Menschen in Gleichheit und Solidarität zusammenleben. Bloss war der aufstrebende Industriekapitalismus weit weg von diesem Ideal. Was also tun?
Einige der linken Idealisten versuchten, die Gesellschaft in kleinen Schritten zu verändern, gründeten Konsumgenossenschaften, Gewerkschaften und Parteien. Andere sahen diese kleinen Schritte als aussichtslos an. Aus ihrer Sicht konnte eine sozialistische Gesellschaft nicht auf dem Boden kapitalistischer Staaten entstehen – sie musste auf der grünen Wiese gebaut werden. Und so suchten einige ihr Glück jenseits ihrer Heimat.
Eine Gruppe um den Zürcher Politiker Karl Bürkli etwa wanderte 1855 nach Texas aus, wo sie eine sozialistische Kommune gründete. Das Experiment wurde zum Fiasko. Schlechte Ernten, interne Konflikte und Abwanderung mündeten bereits 1856 in die Auflösung. Bürkli kehrte zurück und versuchte seine Ziele fortan wieder mit kleineren Schritten in der Schweiz zu erreichen. Als Teil der demokratischen Bewegung half er mit, die Liberalen um Alfred Escher zu entmachten. Seither haben die Linken viel erreicht. Der Sozialstaat wurde in der Schweiz wie in anderen liberalen Demokratien ausgebaut, mit Regulierungen werden Arbeitnehmer, Konsumenten oder Anleger «geschützt», die Staatsquote steigt.
II Freistadt
Kein Wunder, sind es heute weniger die Sozialisten, die Utopien nachhängen und von neuen Formen des Zusammenlebens träumen, sondern vermehrt Liberale und Libertäre. Die Coronakrise hat vielen bewusst gemacht, dass die Freiheiten selbst in einem eigentlich sehr freiheitlichen Land wie der Schweiz rasch massiv eingeschränkt werden können. In anderen Staaten findet man noch mehr Bürger, die sich nur noch fragen, wie und wann sie anderswo ein neues Leben beginnen können. Zweifellos am grössten ist die Sehnsucht nach grundlegender Veränderung in Staaten ohne funktionierende Regierung, wie aktuell dem Libanon. An Orten, an denen Struktur und Ordnung dysfunktional geworden sind, haben viele Menschen offene Ohren für Alternativen.
Eine solche Alternative schwebt dem Unternehmer Titus Gebel vor. Seine Motivation, das Buch «Freie Privatstädte» zu schreiben, war der Wunsch, die miteinander in Konkurrenz stehenden, aber per se konkurrenzlosen staatlichen Jurisdiktionen dem belebenden Wettbewerb auszusetzen. Das Vorbild für seine Vision einer freien Privatstadt waren Reichsstädte wie Basel, Strassburg, Speyer, Worms, Mainz, Köln oder Regensburg, deren Freiheit im 15. Jahrhundert buchstäblich erkämpft wurde und die im Inneren weitgehend autonom agieren konnten. Ist die Unzufriedenheit über das Bestehende gross, kann etwas Neues entstehen.
III Abschied
Dunkle Wolken ziehen über Prag, wo Gebel die dritte Konferenz Liberty in our Lifetime eröffnete. «Der Kampf um die politische Vorherrschaft im Westen ist entschieden», deklarierte er. «Die sogenannt Progressiven haben gewonnen.» Alle gesellschaftlichen Institutionen, von der staatlichen Verwaltung über die Wissenschaft bis hin zu den Medien und selbst Unternehmen, seien von den Linken eingenommen worden. Wer Freiheit und Unabhängigkeit von staatlicher Bevormundung und Ausbeutung wolle, dem stehe daher nur ein Weg offen: Abschied zu nehmen von den bestehenden Staaten.
Die Konferenz im Oktober 2022 in Prag sollte den Boden dafür bereiten. Drei Tage lang wurde über die Notwendigkeit und die praktische Umsetzbarkeit paralleler Strukturen diskutiert, von Kryptowährungen über Homeschooling bis hin zu Plänen für freie Privatstädte oder Plattformen für «Seasteading», also die Besiedlung des Meeres mit schwimmenden Häusern in internationalen Gewässern und somit weitgehend unabhängig von nationalen Gesetzen.
Die rund 270 Teilnehmer der Konferenz hatten sehr unterschiedliche Hintergründe. Es gibt Libertäre, Anarchisten, klassische Liberale. Ihnen gemeinsam ist ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Staat. «Der Staat hasst dich», rief die Unternehmerin…