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Buckelwal
Megaptera novaeangliae
© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Viele Säugetiere, darunter auch der Mensch, können schwimmen, und manche von ihnen, so vor allem die Robben, verbringen sogar einen beachtlichen Teil ihres Lebens im Wasser. Nur zwei Gruppen von Säugetieren haben sich jedoch im Laufe ihrer Stammesgeschichte vollständig an das Leben im Wasser angepasst und sich zeitlebens vom festen Land unabhängig gemacht. Es sind dies zum einen die pflanzenessenden Seekühe (Ordnung Sirenia), welche ausschliesslich in seichten, tropischen Gewässern vorkommen und von denen es weltweit nur vier Arten gibt. Zum anderen handelt es sich um die mit 79 Arten recht vielgestaltigen Waltiere (Ordnung Cetacea), welche in allen Ozeanen und Meeren rund um den Erdball herum anzutreffen sind und die allesamt ein «räuberisches» Leben führen, also tierliche Nahrung zu sich nehmen.
Neuere Studien deuten darauf hin, dass die ersten Waltiere entgegen der lange Zeit vorherrschenden Meinung der Fachleute nicht aus den Urraubtieren (Creodonta) hervorgegangen zu sein scheinen, sondern - vor rund fünfzig Millionen Jahren - aus den Stammhuftieren (Condylarthra). Als nächste Verwandte der Wale müssen wir also heute die Huftiere betrachten, und zwar mit grösster Wahrscheinlichkeit die Schweine (Familie Suidae) aus der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla).
Vor rund 30 Millionen Jahren spaltete sich der entwicklungsgeschichtliche Stamm der frühen Waltiere in zwei separate Äste auf, aus denen letztlich die beiden Sippen entstanden sind, in die sich die Ordnung der Waltiere heute gliedert: die Zahnwale (Odontoceti) und die Bartenwale (Mysticeti). 68 Arten umfasst die Sippe der Zahnwale; darunter befinden sich allein 33 Mitglieder der Familie der Eigentlichen Delphine (Delphinidae). Zahlenmässig deutlich unterlegen ist demgegenüber die Sippe der Bartenwale: Sie setzt sich aus nur 11 Arten zusammen. Ihre Artenarmut machen die Bartenwale allerdings durch ihre Körpergrösse wieder wett, denn die meisten von ihnen sind «Grosswale» mit Längen von 10 bis 30 Metern und einem Gewicht von 30, 50 oder gar 100 Tonnen. Einer dieser Meeresgiganten aus der Sippe der Bartenwale ist der Buckelwal (Megaptera novaeangliae)
, von dem auf diesen Seiten die Rede sein soll.
Hauptspeise «Krillsuppe»
Der Buckelwal erreicht gewöhnlich eine Länge von 15 Metern und ein Gewicht von 30 bis 40 Tonnen, wobei die Weibchen durchschnittlich etwas grösser und schwerer sind als die Männchen. Seinen Namen verdankt der Buckelwal den charakteristischen warzenartigen «Knubben», die er an Kopf und Brustflossen aufweist. Von den anderen Grosswalen unterscheidet er sich im übrigen deutlich durch seine besonders langen, schmalen Brustflossen, die fast ein Drittel seiner Gesamtlänge messen können.
Wie alle Bartenwale ernährt sich der Buckelwal - seiner enormen Grösse zum Trotz - ausschliesslich von marinen Kleintieren: von Krillkrebschen und anderen planktonischen (d.h. frei im Wasser schwebenden, wirbellosen) Organismen einerseits und von sardinen- bis heringgrossen Schwarmfischen andererseits. In antarktischen Gewässern bildet der Antarktische Krill (Euphausia superba)
, ein enorm häufiges Planktonkrebschen, den Hauptteil der Buckelwalnahrung.
Zum Ausseihen seiner vergleichsweise winzigen Beutetiere aus dem Meerwasser verfügt der Buckelwal über rund 800 längliche, an der Innenkante ausgefranste Hornplatten, sogenannte «Barten», welche in seinem Riesenmund allseitig wie ein dichter Lamellenvorhang vom Oberkiefer herabhängen und einen wirkungsvollen «Filterapparat» abgeben. Beim Nahrungserwerb nimmt der Buckelwal jeweils einen kräftigen, mehrere hundert Liter umfassenden «Schluck» nahrungsreichen Meerwassers in seinen Rachen auf, wobei sich die 15 bis 35 Längsfurchen an seiner Kehle weit dehnen. Dann schliesst er den Mund und presst das überflüssige Wasser mit Hilfe seiner Zunge durch den «Bartenvorhang» und zwischen den Lippen hindurch wieder aus. Die Beutetierchen bleiben dabei unweigerlich an den ausgefransten Innenrändern der Barten hängen und werden anschliessend verschluckt.
Auf seinen Fresswanderungen schwimmt der Buckelwal oft gemächlich dahin und «durchpflügt» ruhig die angetroffenen Krill- oder Fischschwärme. Manchmal wendet er aber auch eine besonders raffinierte Fangmethode an: Er umschwimmt einen entdeckten Schwarm kleiner Fische oder Krebse im Kreis und lässt dabei dosiert Atemluft hochperlen. Die Beutetiere trauen sich nicht, diesen Vorhang aus Luftblasen zu durchschwimmen, sondern drängen eng zusammen - und können in der Folge vom buckelhäutigen Wal in Massen abgeschöpft werden.
Winterquartiere in den Tropen
Buckelwale sind bemerkenswert weit verbreitete Tiere: Sie kommen in sämtlichen Ozeanen - von der Arktis bis zur Antarktis - vor. Allerdings verteilen sich die grossen Meeressäuger nicht gleichmässig über dieses riesenhafte Verbreitungsgebiet, sondern sie nutzen je nach Saison unterschiedliche Bereiche desselben: Den Frühling, Sommer und Herbst verbringen sie in den kalten Polarmeeren, wo sie sich der «Beweidung» der dort besonders reichen Nahrungsgründe widmen. Jeweils im Spätherbst suchen sie dann wärmere Gewässer in Äquatornähe auf, um sich dort während des Winters zu paaren und ihre anfangs kälteempfindlichen Jungen zur Welt zu bringen.
Auf ihren Wanderungen von den sommerlichen (polaren) Nahrungsgründen zu den winterlichen (äquatornahen) Fortpflanzungsplätzen legen die Buckelwale gewöhnlich mehrere tausend Kilometer zurück. Im Winterquartier versammeln sie sich dann in seichten, küstennahen Gewässern zu kleinen Verbänden, während man sie die restliche Zeit des Jahres zumeist einzeln oder in kleinen Trupps von zwei bis vier Tieren in tiefgründigen Ozeanbereichen antrifft.
Die verschiedenen Buckelwalbestände, welche im Nordatlantik, im Nordpazifik, im Südatlantik, im Südpazifik und im Indischen Ozean heimisch sind, verfügen über jeweils eigene Wanderrouten und Winterquartiere, welche von Generation zu Generation weitervermittelt werden. Früher glaubte man, dass die Angehörigen dieser regionalen Populationen ihr Leben lang den elterlichen Routen und Fortpflanzungsplätzen treu bleiben und dass deshalb zwischen ihnen kaum eine Vermischung stattfindet. Neuere Studien deuten aber nun darauf hin, dass die Buckelwale keineswegs so ortstreu sind, wie einst angenommen wurde, und dass durchaus ein gewisser Austausch zwischen den verschiedenen Beständen stattfindet.
Melodiöse Walbullen
Unter allen Grosswalen verhält sich der Buckelwal am auffälligsten: Oft springt der Schwergewichtler hoch aus dem Wasser und fällt mit dröhnendem Knall wieder zurück. Und häufig schlägt er auch mit der Schwanz- oder mit den Brustflossen laut klatschend auf die Wasseroberfläche. Dieses scheinbar verspielte Verhalten, das dem Buckelwal das Attribut «Clown unter den Walen» eingetragen hat, dient wahrscheinlich der Verständigung mit seinen Artgenossen, denn unter Wasser sind solche «Signale» viele Dutzend Kilometer weit hörbar.
Populär gemacht haben den Buckelwal aber nicht allein seine Luftsprünge, sondern auch die merkwürdigen «Unterwassergesänge», welche von den Bullen während der Fortpflanzungszeit geäussert werden. Es sind die lautesten, längsten und abwechslungsreichsten Gesänge im ganzen Tierreich. Auch sie dürften nicht einfach Ausdruck der Lebensfreude sein, sondern spielen wohl bei der innerartlichen Verständigung, besonders bei der Partnerfindung, eine wichtige Rolle.
Wie die Vogelgesänge haben die Buckelwalgesänge zwar ein festes, sich wiederholendes Muster, doch ist dieses im Gegensatz zu dem der Vogelgesänge keineswegs arttypisch festgelegt: Zum einen singen die Buckelwalbullen je nach Region unterschiedliche Lieder, zum anderen verändern sie ihre Lieder von Jahr zu Jahr erheblich. Immer aber singen alle Bullen in einem bestimmten Fortpflanzungsgebiet zeitgleich dasselbe Lied (mit höchstens geringfügigen individuellen Unterschieden).
Interessanterweise singen die Buckelwale, welche vor Baja California in Mexiko ihr winterliches Fortpflanzungsgebiet haben, stets dasselbe Lied wie diejenigen, die sich im Winter bei Hawaii aufhalten, obschon 4000 Kilometer Ozean zwischen ihnen liegen. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass diese beiden Fortpflanzungsgemeinschaften im Sommer dieselben Nahrungsgründe im Nordpazifik nutzen - was wiederum darauf schliessen lässt, dass das «Einstudieren» des jeweils neusten «Buckelwalhits» während des Sommers erfolgt, wenn die Tiere im allgemeinen gar nicht singen.
Die jungen Buckelwale kommen nach einer Tragzeit von beinahe einem Jahr als «Einzelkinder» zur Welt. Sie messen bei der Geburt bereits vier bis fünf Meter und wiegen etwa anderthalb Tonnen. Ungefähr zehn Monate lang werden sie von ihrer Mutter gestillt. Die Geschlechtsreife erreichen sie im Alter von vier bis fünf Jahren (bei einer Länge von 11 bis 12 Metern), und ihre Alterserwartung liegt bei 30 bis 50 Jahren.
1960 der Ausrottung sehr nahe
Wie die anderen Bartenwale ist der Buckelwal vom Menschen in den letzten zwei Jahrhunderten erbarmungslos verfolgt und abgeschlachtet worden, denn er bildete wegen seiner Körpergrösse eine sehr lohnenswerte und deshalb begehrte Beute. Die schlimmste Zeit des Walfangs begann gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem eine Harpune erfunden worden war, welche im Körper der grossen Meeressäuger explodierte und sie sofort tötete, und nachdem etwa gleichzeitig die ersten motorisierten Walfangsschiffe entwickelt worden waren. Damals setzte eine «Tötungsindustrie» ein, deren Ausmasse heute kaum mehr vorstellbar sind.
Schon kurz nach der Jahrhundertwende waren die nordatlantischen Buckelwalbestände beinahe ausgerottet, worauf die Walfänger (um 1910) ihre Aufmerksamkeit den Beständen im Nordpazifik und im Bereich der Antarktis zuwandten. Während der nächsten sechs Jahre wurden dort nicht weniger als 60 000 Buckelwale erlegt; dies entspricht etwa 40 Prozent der auf rund 150 000 Individuen geschätzten ursprünglichen Gesamtpopulation. Die Fangquoten gingen danach zwar stetig zurück. Dennoch wurden zwischen 1916 und 1960 weitere 80 000 Buckelwale gefangen. Zu diesem Zeitpunkt war die baldige Ausrottung dieser Grosswalart zu befürchten, worauf sie 1963 endlich - auf Drängen der Weltöffentlichkeit - von der Internationalen Walfangkommission (IWC), welche den Walfang in den internationalen Gewässern überwacht, in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet unter vollständigen Schutz gestellt wurde.
Im Nordatlantik mag es heute noch etwa 8000 Buckelwale geben, im Nordpazifik vielleicht noch 1000. Auf der südlichen Erdhalbkugel, wo ursprünglich schätzungsweise 120 000 Buckelwale lebten, dürften es allenfalls noch 12 000 Individuen sein. Leider kann bei der geringen Vermehrungsrate - je erwachsenes Weibchen nur alle zwei bis drei Jahre ein Junges - eine Bestandsvermehrung nur sehr langsam erfolgen. Tatsächlich scheint die Gesamtpopulation im Verlauf der letzten drei Jahrzehnte trotz weiterbestehendem Schutzstatus kaum angewachsen zu sein.
Wie erheblich sind Störungen durch «Whale-Watching»?
Heute macht der kommerzielle Walfang den Buckelwalen zwar nicht mehr zu schaffen. Dafür sehen sie sich anderen Gefahren gegenüber: Viele der gesangsfreudigen Meeressäuger sterben jedes Jahr, weil sie sich in Fischernetzen verfangen, nicht mehr zum Atemschöpfen an die Wasseroberfläche gelangen können und deshalb kläglich ertrinken. Besonders die kilometerlangen Treibnetze, die im Pazifik für den Fang von Thunfischen verwendet werden, erweisen sich für die Buckelwale oftmals als Todesfallen.
In jüngerer Zeit «dienen» die Buckelwale ferner zunehmend als Touristenattraktion. «Whale-Watching», das Beobachten von Walen aus nächster Nähe, hat sich weltweit zu einer beliebten Urlaubsaktivität entwickelt. Und da sich die Buckelwale nicht nur Jahr für Jahr zur selben Zeit in genau denselben Küstengewässern einfinden, um sich fortzupflanzen, sondern dort auch noch allerlei spektakuläre Kapriolen zeigen, geben sie natürlich höchst verlässliche und besonders attraktive Ziele für den Waltourismus ab. So hat sich das Whale-Watching beispielsweise in Tonga, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, dessen Gewässer wichtige Fortpflanzungsplätze für die Buckelwale des Südpazifiks darstellen, zu einem wichtigen Erwerbszweig entwickelt.
In Fachkreisen betrachtet man diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Denn zum einen ist es gewiss erstrebenswert, wenn kleine Inselstaaten wie Tonga aufgrund des natürlichen Reichtums ihrer Gewässer zu dringend benötigten Devisen aus dem Fremdenverkehr gelangen und sich deshalb vermehrt um die Erhaltung der heimischen Unterwasserfauna und -flora kümmern. Zum anderen aber muss man davon ausgehen, dass die Buckelwale durch den anwachsenden Whale-Watching-Bootsverkehr an ihren traditionellen Paarungs- und Geburtsplätzen unter Umständen erheblich gestört werden. Sollte sich erweisen, dass die Buckelwale unmässig unter diesen Aktivitäten leiden, müssten unbedingt einschränkende Massnahmen getroffen werden. Dies verlässlich abzuklären, wird allerdings nicht einfach sein.
Ausser Frage steht im übrigen, dass die Buckelwale nur dann eine Überlebenschance haben, wenn das internationale Fangverbot («Moratorium») auch weiterhin strikt aufrechterhalten bleibt. Zudem muss unbedingt dafür gesorgt werden, dass durch die massiv zunehmende Krillfischerei (zwecks Herstellung von Viehfutter) ihre Nahrungsgrundlage nicht zerstört wird. Und natürlich gilt es, auch in unserem eigenen Interesse, der allgemeinen Gesunderhaltung der Weltmeere grösste Beachtung zu schenken.
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