Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03494.jsonl.gz/3529

In dieser kurzen Replik sei die Freiwirtschaftslehre und die Person Silvio Gesells ins Zentrum gestellt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit beleuchte ich eine andere Sichtweise auf einen der wichtigsten Wirtschaftstheoretiker der Neuzeit.
Es gibt legitime Gründe, bei der Vollgeldinitiative ein "Nein" einzulegen. Gewichtige Argumente sprechen aber für ein "Ja" am 10. Juni: Zum Beispiel der schlichte Umstand, dass der Einfluss der privaten Grossbanken wie UBS und Credit Suisse bei einer lauteren Umsetzung der Initative deutlich zurückgehen würde.
Um die Machtposition zu verstehen, die Banken durch das Recht auf Geldschöpfung innehaben, sei hier ein Beispiel angefügt, wie Geldschöpfung heute funktioniert: Wenn ich als natürliche Person zur Bank gehe, weil ich Geld brauche, um mir etwas Teures zu kaufen, dann prüft die Bank meine Kreditfähigkeit. Bin ich das, schreibt mir die Bank den gewünschten Betrag auf meinem Konto gut. Dieses Geld wurde in diesem Moment virtuell erschaffen und ist eigentlich nicht real. Ich zahle nun den Kredit mit einem Zinssatz von knapp 10% über die nächsten 20 Jahre zurück. Das zurückgezahlte Geld inklusive Zins landet - nun als "echtes Geld" - in den Kassen der Privatbank-Aktionär*innen.
Diesem an sich unglaublichen Mechanismus versucht die VGI einen Riegel zu schieben. Nur noch die Nationalbank soll Geld schöpfen dürfen. Somit verlören Privatbanken ihr Monopol auf die Erschaffung von Geld aus dem Nichts. Die Nationalbank ist in der Theorie dem Volkswillen unterstellt und böte mehr demokratische Kontrolle über die Wirtschaft.
So viel zur Theorie der VGI. Es lohnt sich, auf der Website der Initianten nachzulesen, wofür sie sich einsetzen und Drittmedien zu konsumieren, zu vergleichen und zu hinterfragen - wer die Energie dazu hat; dem A-Jour-Magazin hat sie offenbar gefehlt.
Silvio Gesell und die FreiwirtschaftDas A-Jour-Magazin polemisiert ebenso gegen den Wirtschaftstheoretiker und Weltenbummler Silvio Gesell. Eine komplexe Persönlichkeit wie ihn in zwei Sätzen als "Antisemiten, Sozialdarwinisten, Antikommunisten" zu brandmarken und ihm Verantwortung für die antijüdische Rhetorik im Nationalsozialismus anzulasten, ist an der Grenze zur Frechheit und zeugt von historischer Blindwütigkeit.
Silvio Gesell (1862-1930) war Kaufmann – also nicht studierter Ökonom – und wuchs in einer einfachen Familie mit neun Kindern in Westpreussen auf. Er lebte lange Zeit in Argentinien, wo er sich in der grossen argentinischen Wirtschaftskrise für Wirtschaftsmechanismen zu interessieren begann. 1892-1906 lebte er unter anderem auf einem selbstverwalteten Bauernhof in Neuchâtel. 1919 war er eine Woche lang Finanzminister der anarcho-kommunistisch-künstlerisch geprägten Münchner Räterepublik. Hier versuchte er gemeinsam mit seinen jüdischen Mitstreitern Gustav Landauer, Ernst Toller und Erich Mühsam die friedliche Umgestaltung der Gesellschaft nach dem 1. Weltkrieg. Mühsam und Toller beriefen Gesell ins Amt des Finanzministers.
Im Gegensatz zu den meisten Mitstreitenden überlebte Gesell die Münchner Räterepublik. Nach seinem Freispruch lebt Gesell bis zum Tode in der Berliner Vegetariersiedlung Eden. Er versuchte weiterhin mit allen Mitteln, seine Wirtschaftsphilosophie unter die Menschen zu bringen. Dabei rief er auch Nazis auf den Plan, die Gesells Lehre hauptsächlich antisemitisch interpretierten. Hier kann also ein Einfluss Gesells auf die Flickenteppich-Ideologie der Nazis festgestellt werden. Allerdings fand die Freiwirtschaftslehre nie Eingang in die NS-Wirtschaftspolitik. Die Freiwirtschaftslehre ist seit den 20er-Jahren bis heute aus der öffentlichen Debatte weitgehend verschwunden.
Allerdings nahmen auch Ökonomen wie John Maynard Keynes Referenz auf Gesells Lehren. Gesells Einfluss spiegelt sich bis heute in alternativen Wirtschaftsschulen wieder, die sich dem neoklassischen Mainstream an den Hochschulen widersetzen. Umsetzungsversuche der Freiwirtschaft gab es mehrere, der Bekannteste ist derjenige im Österreichischen Wörgel: 1932 führte die Gemeinde in tiefster Wirtschaftskrise das Freigeld ein. Innerhalb eines Jahres nach dessen Einführung florierte die innerwörgelsche Wirtschaft und die Anzahl Arbeitsloser sank rapide. Das Experiment erhielt grosse öffentliche Aufmerksamkeit. Mehrere dutzend Österreichische Kommunen wollten sich dem Freigeld anschliessen. Dies wurde durch die Behörden in Wien verhindert - die Zentralbank sah ihr Machtmonopol dahinschmelzen.
Die gesellsche Lehre – GrundrisseGesell forderte keinen Kommunismus, sondern eher eine Markwirtschaft, die auf Wachstumszwang und Geldvermehrung verzichtet. Indem der Staat sich konstant über die Einnahmen aus Bodenmieten finanziert und Geld einer ständigen Abwertung unterzieht, wird die Realwirtschaft stabilisiert. Sogenannte Finanzblasen können nicht mehr entstehen. Gesell strebte eine Wirtschaft an, in der die Produktivität der Menschen entlohnt und belohnt wird – nicht das Herumsitzen und Nichtstun wie heute, wo sich Geld von alleine durch Zins und Zinseszins vervielfältigt.
Die wichtigsten Punkte der Zinskritik à la Gesell:
- „Urzins“: Die von Gesell kritisierte Form des Zinses. „Geld verdirbt nicht“, im Gegensatz zu sämtlichen Konsumwaren. Wer über Geld verfügt, hat keinen Wertverlust aufgrund von Abnutzung zu befürchten. Geld wird darum gehortet statt in den Wirtschaftskreislauf integriert. Dafür wird der Eigentümer mit dem Zins zusätzlich belohnt.
- In den Preisen, die wir für Produkte und Dienstleistungen bezahlen, ist ein erheblicher bis sogar mehrheitlicher Anteil an Zins enthalten – die Produzentin gibt die Zinskosten, die sie an ihren Kreditgeber bezahlt, direkt an den Konsumenten weiter.
- Zinseszins ist ebenso starker Kritik ausgesetzt. Er ist der exponentiell wirkende Faktor bei der Reichtumsvermehrung von Vermögen. Die Zinsprofiteure sind maximal die reichsten 10% der Bevölkerung, die mehr an Zinseinnahmen generieren, als sie (in-)direkt an Zinsen bezahlen.
- Es folgt eine moralische Kritik: Urzins bedeutet leistungsloses Einkommen, was nicht gerechtfertigt ist. Gesell beruft sich auf bereits ältere Zinskritiker wie die Bibel, Aristoteles, den Koran etc.