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Als Sarah Blaffer Hrdy zum ersten Mal ihren Enkel in New York besuchte, spuckte sie im Taxi in ein Röhrchen, das sie später ins Gefrierfach legte. Dann nahm sie den Buben in die Arme, zwei Stunden später spuckte sie erneut in ein Röhrchen. Einige Tage später traf ihr Mann Daniel ein, doch statt ihm einen Kuss zu geben, hielt sie ihm auch ein Röhrchen hin. Nachdem er das Baby zwei Stunden gehalten hatte, bat sie ihn erneut um eine Speichelprobe, die zweite von vielen. Die Familienmitglieder der Anthropologin sind manchmal unfreiwillige Teilnehmer eines Experiments.
Blaffer Hrdy wuchs in den fünfziger Jahren in Houston auf. In den Bayous schwammen Alligatoren, am Rand des Buffalo Speedway sah sie Kühe weiden. Später sagte sie, die Welt ihrer Jugend habe Südafrika geglichen: strikte Rassentrennung und patriarchale Familien, in denen die Frauen heiraten mussten, wen das Oberhaupt für sie ins Auge gefasst hatte. Da sie die dritte von drei Töchtern war, fiel es nicht gross auf, dass sie sich in Büchern verlor. Später studierte sie am Radcliffe College in Cambridge Massachusetts, obwohl ihr Vater solche Institutionen für Brutstätten des Sittenzerfalls hielt. Weil ihre Eltern doch noch einen Sohn bekommen hatten und die Erbfolge geklärt war, störte es keinen, dass sie nach Indien reiste, um in Jodhpur kleine Affen mit schwarzen Gesichtern zu beobachten: Hanuman-Languren.
Blaffer Hrdy kehrte während zehn Jahren nach Rajasthan zurück und sah, was Säuglingen widerfuhr. Stiessen starke Männchen zur Gruppe, töteten sie die Jungen. Die Weibchen, die gerade versucht hatten, ihre Kleinen zu retten, wurden bald wieder brünstig. Dann liessen sie sich auf das Männchen ein, das ihr Junges beseitigt hatte, so dass seine Chancen auf Fortpflanzung stiegen. «The Langurs of Abu» war Blaffer Hrdys erstes Buch als Anthropologin, in «Mother Nature» beschäftigte sie sich mit der Rolle, die Frauen in der Evolution gespielt haben, in «Mothers and Others» entwarf sie eine Theorie dazu, wie der Homo sapiens überhaupt entstanden ist. Zurzeit arbeitet sie an einem Buch über Väter, und es reizt sie, auch über die Männer in ihrem Haushalt zu schreiben – Feldforschung unter Verwandten.
Frau Blaffer Hrdy, warum machen Sie Ihren Mann zu einem Versuchskaninchen?
Ich will wissen, wie sich Männer verändern, wenn sie mit Babies zu tun haben. Vor ein paar Jahren hat mich mein Neffe belächelt, als ich sagte, dass während der Schwangerschaft nicht nur Mütter einen Wandel erlebten, was die Hormone betreffe, sondern auch Väter. Er glaubte mir nicht, vielleicht fühlte er sich auch in seiner Männlichkeit bedroht. Heute wissen wir, dass werdende Väter mehr Prolaktin und Oxytocin ausschütten und weniger Testosteron. In einigen Fällen kommt es gar zum Couvade-Syndrom: Werdende Väter zeigen Symptome, die man sonst nur bei schwangeren Frauen beobachtet. Sie nehmen zu, haben nur wenig Appetit, sind dauernd müde, und morgens ist ihnen schlecht.
Staunten Sie, als Sie die Speichelproben ausgewertet hatten?
Als ein Kollege sie analysierte, zeigte sich, dass ich bereits nach zwei Stunden in der Gegenwart meines Enkels einen 63 Prozent höheren Oxytocin-Wert hatte. Bei Daniel war zunächst wenig zu beobachten. Aber er hatte ja auch einen Tag später eine Probe geben müssen. Ich war aber überrascht, dass sein Oxytocin-Wert ebenfalls um 63 Prozent gestiegen war, wenn auch erst am nächsten Morgen.
Was bedeutet das?
Eine Menge, auch wenn das nur eine Stichprobe war. Meine These in «Mothers and Others» ist, dass Menschen nur werden konnten, was sie sind, weil sich nicht bloss die Mütter um Babies kümmerten. Das menschliche Hirn besteht aus sehr kostbarem Gewebe. Um ein Kleinkind grosszuziehen, braucht es 13 Millionen Kalorien. Eine Mutter allein kann das nicht bewältigen. Damit ein Baby die Fürsorge bekommt, die es braucht, waren viele Entwicklungen nötig. Deshalb die unwiderstehlichen Schreie in der Nacht und das knuffige Aussehen. Das Fett ist nicht nur wichtig, wenn es um die Regulierung der Körpertemperatur und die Versorgung des Hirns geht. Weil Babies so schön mollig sind, sehen sie in unseren Augen süss aus, wir wollen sie hegen und pflegen. Diese Hilfe kommt vor allem von der Mutter, aber eben nicht nur. Dass auch die Grossmutter und selbst der Grossvater auf die Anwesenheit des Kleinen reagieren, ist ein Hinweis, dass Babies während Jahrtausenden nur überlebten, weil sie die Zuneigung einer Schar aufzubieten vermochten, die sich um sie kümmerte, sie hielt, wärmte, fütterte und schützte.
Trotzdem sind manchen Vätern selbst die eigenen Kinder gleichgültig.
Ja, es war mir lange ein Rätsel, warum etwas, das potentiell so wichtig ist wie väterliche Fürsorge, so schwanken kann.
Warum also gibt es schlechte Väter?
Die Rollenverteilung erklärt viel, besonders weil sie seit dem 19. Jahrhundert so trennscharf war: Mütter kümmerten sich um das Wohl der Kinder, Väter gingen arbeiten. Es galt als unmännlich, wenn Väter ihre Kinder umsorgten, sie hätschelten und pflegten. In Gesellschaften, die vom Ackerbau leben, ist das ebenfalls so.
Sind Väter überhaupt nötig für das Wohlbefinden von Kindern?
In Ländern wie Guatemala, Kenia und Malawi haben Kinder bessere Chancen zu überleben, wenn sie in einem vaterlosen Haushalt aufwachsen. Deshalb überweisen Hilfsorganisationen, denen es um das Wohlergehen von Kindern geht, das Geld direkt an die Mütter. So ist es wahrscheinlicher, dass es fürs Essen ausgegeben wird, für Medikamente, für die Schule. Und nicht für Zigaretten, Alkohol oder die Ratenzahlung fürs neue Auto. Aber lassen Sie das besser weg.
Warum?
Sie glauben nicht, welche Scherereien ich hatte, als ich das einmal in einem Artikel für «Time» schrieb. Dabei ist es eine Tatsache: Es ist wahrscheinlicher, dass Männer die Ratenzahlung ihres Wagens überweisen als Alimente zu zahlen. Eine Männerorganisation war darüber sehr aufgebracht.
Bedeuten denn diese Fakten, dass Väter als Fürsorger letztlich unqualifiziert sind?
Nein. Es bedeutet, dass Mütter sich nie auf die Hilfe der Väter verlassen konnten. In gewissen Gegenden ist die Anwesenheit des Vaters zentral, damit die Kinder überleben. Bei den Aché in Paraguay sind viele Fälle dokumentiert, in denen Mütter, die während der Schwangerschaft Witwen wurden, das Kind gleich nach der Geburt beerdigt haben – warum in etwas investieren, das von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist? Dann gibt es Orte, wo es keine Rolle spielt, ob der Vater anwesend ist oder nicht, besonders wenn andere sich ebenfalls um die Kinder kümmern, Grossmütter, Schwestern, Tanten. Als Kollegen von mir fünfzehn traditionelle Gesellschaften untersuchten, stellte sich heraus, dass die Gegenwart des Vaters in acht dieser Kulturen keinen Einfluss darauf hatte, ob die Kinder bis zum Alter von fünf Jahren überleben.
Wie kommt es zu diesen grossen Unterschieden?
Zunächst müssen wir einen Schritt zurück machen. Unter allen 5500 Säugetieren machen Männchen selten mehr als drei Dinge: Sie verteidigen ihr Gebiet, sie kämpfen gegen andere Männchen, und sie paaren sich mit Weibchen. Im Vergleich dazu sind Primaten leuchtende Beispiele väterlicher Zuneigung. In den 70 Millionen Jahren, in denen sie sich entwickelt haben, war das, was Weibchen von Männchen brauchten, kaum mehr als der Schutz vor anderen Männchen. Doch weil Männchen lange Zeit in der Nähe der Weibchen verweilten, die ihre Jungen geboren hatten, boten sich der Selektion vielfältige Möglichkeiten, Väter zu bevorzugen, die etwas mehr taten, als nur zu beschützen. Das führte zu Verhalten wie gelegentlichem Babysitten unter Pavianen. Ganz wörtlich: Die Väter sitzen einfach neben den kleinen Pavianen und schauen wachsam in die Gegend. Es führte aber auch zu Affenarten, bei denen männliche Fürsorge so wichtig wurde, dass die Jungen einen stärkeren Bezug zu ihren Vätern als zu den Müttern entwickelten, vor allem in Südamerika, bei Springaffen, Nachtaffen und Marmosetten. Bei Menschen ist männliche Fürsorge weniger berechenbar. Das führt zur Frage: Wie konnte die Selektion, wenn männliche Fürsorge schon so eigenwillig zum Vorschein kommt, Weibchen begünstigen, die Babies zur Welt bringen, die sie allein gar nicht aufziehen können? Die Antwort ist, dass Menschen im Gegensatz zu anderen Tieren unglaublich flexibel sind.
Das müssen Sie erklären.
Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Man könnte behaupten, die Aka in Zentralafrika hätten die besten Väter der Welt. Denn nirgends verbringen Männer so viel Zeit mit ihren Kindern. Eine Kollegin hat diese Jäger und Sammler jahrelang begleitet und ist zu Ergebnissen gelangt, die niemand erwartet hätte. Die Aka sind sehr flexibel, was ihren Aufenthaltsort betrifft. Sie sind weder patrilineal noch matrilineal. Das heisst, sie lassen sich nicht ausschliesslich bei der Familie des Vaters oder der Mutter nieder. Überraschend ist, wer sich jeweils um die Babies kümmert. Halten sie sich bei der Familie der Mutter auf, passen auch Grossmütter und Tanten auf das Kind auf, der Vater hingegen hält es nur während zwei Prozent der Zeit. Ziehen sie aber zu seiner Familie, schnellt sein Anteil sofort nach oben, und er hält das Baby mehr als zehn Mal so lang. Das heisst: Männliche Fürsorge ist ein Potential, das darauf wartet, wachgekitzelt zu werden. Es gibt immer mehr Beweise dafür, dass die Gegenwart von Babies Männer verändert. Im Gegensatz zu anderen Völkern jagen die Aka ausserdem nicht mit Speeren, sondern mit Netzen. So ist es möglich, die Kleinen früh auf die Jagd mitzunehmen.
Können wir von Leuten wie den Aka, die wie in der Steinzeit leben, überhaupt etwas lernen?
In ihrer Welt gibt es keine Computer, keine Fernseher und keine iPhones. Aber es gibt Babies, und wenn die ein paar Monate alt sind und ihre Persönlichkeit erahnbar wird, dann sind sie dort «primetime entertainment» für diese Leute. Kleinkinder sind ja, wenn man sich auf sie einlässt, wirklich interessante Wesen. Es gibt Studien, die zeigen, wie schädlich es ist, wenn Eltern, statt ihren Kleinkindern in die Augen zu schauen, dauernd auf die Bildschirme ihrer Smartphones starren.
Sie haben vorhin die Netze der Aka erwähnt. Waren Väter früher einfach weniger anwesend, weil die Jagd selten kindgerecht war?
Sicher, aber auf eine andere Art, als Sie sich das vorstellen. Meine Kollegin Kristen Hawkes hat den Mythos vom Mann als Ernährer untersucht bei den Hadza in Tansania: Jäger und Sammler, die etwa so leben wie unsere Vorfahren. Hawkes hat Männer und Frauen bei der Nahrungssuche begleitet, alles auf die Waage gelegt und die Kalorien berechnet. Frauen sammeln Beeren, knacken Nüsse, graben Wurzelknollen aus und erlegen Schildkröten oder Hasen. Damit steuern sie sechzig Prozent aller Kalorien bei, die für die Ernährung des Kindes nötig sind. Die Männer jagen mit Vorliebe grosse Tiere wie Antilopen. Doch die sind so flink, dass die Jäger oft mit leeren Händen zurückkehren. Die Jagd ist wichtig, trägt aber auch Züge eines Sports. Wenn es den Männern gelingt, eine Antilope zu erlegen, stehen sie ausserdem vor logistischen Problemen. Diese Tiere wiegen manchmal eine halbe Tonne, man kann sie nicht einfach heimtragen.
Warum tun sie es trotzdem?
Weil sie so an Prestige zulegen. Hawkes fasste das unter dem schönen Schlagwort Angeberhypothese zusammen und ging damit auf Kollisionskurs mit der leider immer noch weit verbreiteten These vom Vater als Jäger und Ernährer. Vielleicht hat sie ihre These eine Spur zu vehement vertreten. Es gibt ja auch Völker, bei denen die Beute, die die Väter jeweils nach Hause bringen, essentiell ist – die Inuit etwa.
Das klingt ein wenig nach der einen exotischen Ausnahme.
Verstehen Sie mich richtig, der Beitrag von Vätern ist wichtig: die Fruchtbarkeit von Frauen unter Jägern und Sammlern hängt mit der Anzahl Kalorien zusammen, die Männer nach Hause bringen. Aus diesem Grund gibt es auf der ganzen Welt Gesellschaften wie die Inuit im Norden, die Siriono im Amazonasgebiet oder die Lusi in Papua-Neuguinea, die Frauen ermutigen, einen «Extravater» aufzutreiben. Das heisst: Sex mit mehreren Männern zu haben, die sich dann vielleicht um die Kinder kümmern, weil es die eigenen sein könnten. Trotzdem müssen wir berücksichtigen, was für ein mächtiges Gefühl sexuelle Eifersucht ist. Um damit umzugehen, gibt es in vielen Gesellschaften Mythen über Chimären: Kinder, deren Aussehen nicht nur auf Mutter und Vater zurückgeht, sondern auf mehrere Väter. Das kontrastiert natürlich stark mit Gesellschaften, in denen Vaterschaft eine grosse Rolle spielt. Patriarchale Gesellschaften vor allem, in denen die Väter sicherstellen wollen, dass ihr Sohn die Erbschaft antritt.
Sie haben mit Ihrer Forschung ebenfalls einen langlebigen Mythos angegriffen: die Kernfamilie als das beste Umfeld für Kinder.
Besonders konservative Politiker beklagen immer wieder den Zerfall der Familie. Oft halten sie die Kernfamilie für eine historische Konstante, und das hat Gründe. Museen gaben zum Beispiel Dioramen in Auftrag, in denen unsere Vorfahren zu sehen sind, und oft werden sie als eine Art Kernfamilie des Pleistozäns dargestellt: der haarige Vater mit Speer oder Axt im Hintergrund, spähend nach Beute, die Mutter mit dem Kleinen an der Brust im Vordergrund. Aber in der Geschichte der Menschheit ist es eine Anomalie, dass ein einziger Versorger eine Familie ernähren kann. George W. Bush sagte 2003, «gewisse Studien» hätten gezeigt, die Kernfamilie sei das Beste für Kinder. Statt Tagesstätten zu unterstützen, steckte die Regierung 1,6 Milliarden Dollar in Pro-Ehe-Programme, wo Leute lernten, wie sie eine langfristige monogame Beziehung führen sollen. Doch die Daten, die wir haben, widersprechen der These zur Kernfamilie.
Sie unterstützen Tagesstätten.
O ja, doch sie müssen gut sein. Tagesstätten werfen interessante Fragen auf. Die Ergebnisse der ersten grossen Studien über die Wirkung von Tagesstätten waren ein Schock für die Anhänger des Entwicklungspsychologen John Bowlby. Er war überzeugt, dass sich Kinder am besten entwickeln, wenn sich die Mutter voll und ganz um sie kümmert. Nun zeigten die Studien, dass Kinder in Tagesstätten sich mindestens so gut entfalten. Die Ergebnisse führten zu Fragen über die evolutionären Modelle für die Entwicklung von Kindern. Wenn Bowlby recht hatte und Kleinkinder in der Geschichte der Menschheit vor allem von ihren Müttern umsorgt wurden, warum gewöhnen sich die Kinder dann so rasch an ein Umfeld, in dem sich mehrere Leute um sie kümmerten? Und weshalb waren die Resultate für Kinder in qualitativ hochstehenden Tagesstätten im allgemeinen so ermutigend?
Gute Nachrichten für homosexuelle Paare, die ein Kind aufziehen.
Ja, man darf sie auf keinen Fall unterschätzen! Wir wissen viel über lesbische Paare, die ein Kind grossziehen. Wenn man untersucht, wie es Kindern geht, die zwei lesbische Mütter beziehungsweise eine Mutter und einen Vater im Haushalt haben, dann kann kein Unterschied festgestellt werden. Bei schwulen Paaren dürfte das ebenso sein. Ich bin gespannt, wie das aussieht, wenn die Kinder, die so aufgewachsen sind, langsam erwachsen werden.
Was ist gemäss der Forschung das beste Umfeld für Kinder?
Die Beobachtungen meines Kollegen Marinus van IJzendoorn ergaben, dass Kinder, die drei Bezugspersonen haben, später am besten klarkommen. Nicht nur fühlen sich solche Kinder sicher, sie sind auch besser darin, sich in andere hineinzuversetzen, sie sind empathischer, können besser abschätzen, wie es dem Gegenüber geht. Kinder, die auf mehr als eine oder zwei Bezugspersonen zählen können, haben später auch weniger Angst vor Fremden.
Was halten Sie vom Vaterschaftsurlaub, wie es ihn in Schweden gibt?
Ich finde das grossartig. Männer, die viel Zeit mit Babies verbringen, erleben wie gesagt nur schon hormonell eine Veränderung. Und das ist vielleicht eine der schönsten Erfahrungen, die man machen kann. Wir hören immer öfter Geschichten von Vätern, die sehr eingebunden sind. Sie müssen später beim Essen meinen Schwiegersohn beobachten, der ist wahnsinnig engagiert.
Was ist besonders an ihm?
Ach, er nimmt sich einfach viel Zeit, füttert den Kleinen, wechselt Windeln, ist so gut – und manchmal so schlecht – wie meine Tochter, wenn es darum geht, das Baby zu trösten und einzulullen. Wissen Sie, manchmal sind Frauen nicht ganz unschuldig an den Verhältnissen: Sie beklagen sich, dass der Mann zu wenig tue, wollen das Kind aber nicht so recht hergeben. So können die Väter ja gar nicht lernen, wie sie ein Kind beruhigen oder in den Schlaf wiegen sollen. Es wäre doch schön, wenn mehr Väter so wären, doch dafür brauchen sie Unterstützung.
Das heisst?
Es ist doch einfach: Männer werden gern ein wenig bewundert für das, was sie tun. Mein Mann war ein phantastischer Koch, vor allem seine chinesischen Gerichte waren fabelhaft. Irgendwann hörte er einfach auf, diese ausgefeilten Dinge zuzubereiten. Er sagte dann einmal, er habe zu wenig Applaus bekommen. Diesen Fehler machen wir nicht mehr.
Sie haben sich einmal gefragt, ob es einfach verschiedene Männertypen gebe, solche wie Ihren Schwiegersohn und halt auch Machos.
Wenn man sich umsieht, kann man sich doch manchmal gar nicht gegen diesen Eindruck wehren, oder? Es ist möglich, dass wir einmal Beweise für diese Theorie bekommen werden, dank der Genetik vor allem. Gerade isolieren Forscher Gene, die mit einer höheren Anzahl von Oxytocin-Rezeptoren korrelieren. Das könnte dazu führen, dass ein entsprechender Mann als Vater sensibler und fürsorglicher ist. Aber ich muss Sie warnen: Auf diesem Feld gibt es viele verfrühte Behauptungen, besonders von Leuten, die mit bildgebenden Verfahren für das Hirn arbeiten und in ihren Texten mit Abkürzungen nur so um sich werfen – ich muss diese Artikel immer am Computer lesen und dauernd Begriffe googeln. Jemand hat die Neurowissenschaft neulich mit der Kartographie im 15. Jahrhundert verglichen. Wir wissen zu wenig, um brauchbare Aussagen machen zu können. Leute wie Helen Fisher tun es trotzdem.
Die Liebesforscherin?
Ja, ich habe kürzlich einen Vortrag in Vancouver von ihr gehört. Sie teilt die Männer nun ein in solche, die hohe Testosteronwerte oder hohe Prolaktinwerte haben, und so weiter. Das hört sich spannend an, ist aber Pseudowissenschaft.
Sie haben gerade mit der Arbeit an einem Buch über Väter angefangen. Was haben Sie vor?
Bis jetzt habe ich nur eine Bibliographie von vierzig Seiten zusammengestellt, aber noch nichts geschrieben. Ich wollte schon vor zwei Jahren beginnen, aber dann ist mein Mann an Krebs erkrankt, und ich habe alles zur Seite gelegt. Ich bin mir auch noch nicht sicher, wo ich das Buch schreiben werde. In unserem Haus habe ich schon in fast jedem verfügbaren Zimmer ein Buch geschrieben, und all diese Zimmer sind nun vorbelastet. Wenn ich ehrlich bin, geht es mir wohl ein wenig wie Scheherazade. Vor zwei Tagen bin ich siebzig geworden, und vermutlich wird das mein letztes Buch sein. Ich will es gar nicht unbedingt zu Ende schreiben.
Florian Leu ist NZZ-Folio-Redaktor.