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Der J. ist ein Mittelgebirgszug beidseits der franz.-schweiz. Grenze mit maximalen Erhebungen von rund 1700 m und einer Gesamtfläche von 14'000 km2, wovon fast ein Drittel zur Schweiz gehört. Er bildet einen der drei Naturräume der Schweiz und erstreckt sich geografisch auf die Kt. Waadt, Neuenburg, Bern, Jura, Solothurn, Basel, Aargau, Zürich und Schaffhausen. Als J. wird auch der Jurabogen, eine grenzübergreifende Region zwischen Genf und Basel, bezeichnet, dessen Bewohner aufgrund ähnlicher hist. und wirtschaftl. Voraussetzungen ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Ein Teil des J.s wurde 1979 zum eigenständigen Kanton gleichen Namens. Das Juragebirge ist eine Abfolge von Sätteln und Mulden, die durch die Ablagerung von Kalk und Mergel im Mesozoikum und die Faltung dieser Sedimentschichten im ausgehenden Tertiär entstanden sind. Der Ausdruck J. bezeichnet auch einen Abschnitt des Erdmittelalters zwischen Trias und Kreide. Das Relief des Gebirgsmassivs ist asymmetrisch: Auf Schweizer Seite fällt im westl. Teil der von Südwesten nach Nordosten verlaufende Faltenjura steil zum Molassebecken des Mittellands hin ab; der Tafeljura prägt die Topografie im östl. Teil und auf franz. Seite. Das raue Winterklima und die Gebirgsbarriere, die ebenso trennend wirkt wie die Alpen, haben zur Isolierung der Region und zur Erhaltung eines traditionellen Landschaftsbilds beigetragen. Die lokale Entwicklung der einzelnen Gebiete und Talschaften des J.s wurde wesentlich von den hist. Abläufen in den Kantonen und den am Südfuss gelegenen Städten geprägt, zu deren Herrschafts- oder Einzugsgebiet sie jeweils gehörten.
Autorin/Autor: André Bandelier / EM
Die Besiedlung des J.s folgte weitgehend den topograf. Gegebenheiten. Die niedrig gelegenen östl. und zentralen Juratäler wurden wesentlich früher besiedelt als die Hochebenen und Hochtäler des westl. J.s. Der Überlieferungsstand hängt von der Gletscherausdehnung während der letzten Eiszeit ab: Alpen- und Juragletscher zerstörten einen Grossteil der Siedlungsreste in höheren Lagen und an der Südflanke, während Fundplätze am Nordfuss wie Alle, Romain-La-Roche (Dep. Doubs, F) und Gigny (Dep. Jura, F) verschont blieben. Nur in einigen Höhlen sind Spuren aus dem Moustérien (Cotencher, Saint-Brais) erhalten, die von der sporad. Anwesenheit von Neandertalern vor und während der Würmeiszeit zeugen. Nach dem Rückzug der Gletscher überquerten Menschen während des Magdaléniens und Mesolithikums den J. und liessen sich vorübergehend in Höhlen und Abris nieder (Col du Mollendruz, Baulmes, Col des Roches, Saint-Brais, Birstal, Thayngen). Anhand der Gewinnungsstellen von Silex sind bevorzugte Wanderrouten zu erkennen, die dem Verlauf der Bergketten und Gewässer folgten.
Mit der beginnenden Sesshaftigkeit im 5. Jt. v.Chr. bildeten sich Siedlungen am Fuss und an den Hängen des J.s. Ein Warenverkehr über die Jurakette (Silex, Gesteine aus Alpen und Vogesen zur Herstellung geschliffener Äxte, Keramik) entwickelte sich, örtl. Gesteinsvorkommen wie Silex wurde in Pleigne oder Lampenberg über oder unter Tage abgebaut. Siedlungen blieben jedoch noch selten. Mit dem Aufkommen der Metalle intensivierte sich der Handel. Die Gesellschaft begann sich zu organisieren und Höhensiedlungen entstanden, von denen aus die strategisch wichtigen Übergänge kontrolliert wurden (Montricher, Cornol, Courroux, Trimbach und Wittnau).
Ab der mittleren Bronzezeit wurden Täler unterhalb von 700 m (Delsberger Tal, Val de Ruz) gerodet. Die Siedlungstätigkeit, die am Ende der Bronzezeit stark zugenommen hatte, liess in der Eisenzeit wieder etwas nach. Die sich an den topograf. Gegebenheiten orientierenden Verläufe der Gebietsgrenzen zwischen den Sequanern und Raurikern im Norden sowie den Helvetiern im Süden weisen darauf hin, dass das Juragebirge nach wie vor ein Hindernis für den Verkehr darstellte. Dieses wurde ab der Mitte des 1. Jh. n.Chr. durch den Bau der röm. Strassen und der damit verbundenen Villen teilweise überwunden. Die Routen Vallorbe-Pontarlier und Pierre Pertuis-La Caquerelle-Mandeure sowie der Obere und Untere Hauenstein und wohl auch der Bözberg zwischen Augst und Windisch ermöglichten den Durchzug der Legionen zum Rhein- und später zum Donaulimes sowie die Entwicklung des europ. Nord-Süd-Handels. Jurass. Eisenerz wurde abgebaut.
Erst im 6. und 7. Jh. wurden auch die inneren Juratäler wie das Münstertal und das Vallée de Tavannes besiedelt. An den Transitwegen und in den Gebieten der Eisengewinnung entstanden Klöster wie Romainmôtier und Moutier-Grandval. Höher gelegene Bereiche waren weiterhin nur spärlich besiedelt, wurden aber teilweise bewirtschaftet.
Autorin/Autor: François Schifferdecker / EM
Der Jurabogen, in dem sich infolge von Zuwanderungen ab dem 5. Jh. zwei Sprachräume bildeten, blieb unter dem Zweiten Königreich Burgund (888-1032) politisch geeint. Kirchlich war er aufgeteilt zwischen den Diözesen Besançon, Lausanne und Basel, die alle dem Ebf. von Besançon unterstanden. Der J. verlieh dem Hochburgund eine geogr. Identität und verdankte seine Bedeutung den Pässen (v.a. Jougne, Pierre Pertuis, Oberer und Unterer Hauenstein). Ab dem 2. Viertel des 10. Jh. bemühten sich die dt. Könige und die Kaiser des Hl. Röm. Reiches, dieses für den Nord-Süd-Verkehr wichtige Gebiet unter ihren Einfluss zu bringen.
Mit der Eingliederung Burgunds in das Reich wurde der J. vom 11. Jh. an in mehrere kirchl. und weltl. Herrschaften zerstückelt. Die Macht übten de facto Feudalgeschlechter aus. Sie bestimmten auch über die zahlreichen geistl. Institutionen zwischen Romainmôtier und Beinwil (SO), die sich zu kirchl. Herrschaften entwickelten. Ab Anfang des 12. Jh. drängten neue Mächte aus den umliegenden Gebieten in den J. und kontrollierten die Pässe, denen der Fernhandel zwischen Italien und der Champagne zu grossem Aufschwung verhalf. Zu nennen sind die Häuser Savoyen und Chalon, die sich um den Zoll am Jougne-Pass stritten, die Gf. von Neuenburg, die jenseits des Doubs Güter besassen und sich im Neuenburger Jura niederliessen, die Gf. von Thierstein im unteren Birstal, die Montfaucon, deren Machbereich bis Orbe reichte, die Habsburger, die das Fricktal innehatten, und der Bf. von Basel. Ab Mitte des 14. Jh. verloren die westl. Jurapässe infolge der Verschiebung der Handelsrouten an Bedeutung. Im 14. Jh. verschaffte sich die Stadt Basel ein Hinterland zwischen Rhein und Hauenstein. Auch die Stadt Solothurn rückte ins Juragebirge vor und dehnte ihren Herrschaftsbereich bis ins Birstal aus. Bern gelangte durch die Eroberung des Aargaus 1415 in den Besitz des Gebiets rund um den wichtigen Übergang Bözberg und schuf 1460 die Vogtei Schenkenberg.
Mit den Beitritten Solothurns (1481), Basels und Schaffhausens (beide 1501) zur Eidgenossenschaft gelangte der östlichste Teil des J.s in deren Einflussbereich. 1512-29 war die Grafschaft Neuenburg von Bern besetzt, danach von den dreizehn eidg. Orten. Der Westhang des J.s, der zur Freigrafschaft Burgund gehörte, blieb reichstreu und wurde 1493 habsburgisch, während die Eidgenossen nach den Niederlagen Karls des Kühnen jegl. Einfluss Burgunds diesseits des J.s nach und nach unterbanden.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / EM
Der gemischte Anbau von Nahrungspflanzen, der im J. wie andernorts die Grundlage der ma. Wirtschaft bildete, wurde durch die vom Wechsel zwischen Gebirgsketten und engen Tälern geprägte Topografie beeinträchtigt. Ertragsarme Böden und das raue Klima erschwerten ihn zusätzlich. Erst Anfang des 15. Jh. begannen sich die jurass. Bauern auf Viehwirtschaft zu spezialisieren (z.B. Käse von Bellelay). Die spärl. Besiedlung und eine gemächl. Bewirtschaftung kennzeichneten lange Zeit den gesamten Jurabogen. Oberhalb von 800 m blieb das Berggebiet noch bis ins 13. Jh. nahezu menschenleer; die Rodungen, die hier Anfang des 15. Jh. einsetzten, dauerten bis Mitte des 16. Jh. In den von einer weitgehend autarken Subsistenzwirtschaft geprägten, stark parzellierten Tälern lebte der Grossteil der Bevölkerung, deren Dichte im 15. Jh. nur ausnahmsweise über acht Einwohner pro km2 stieg.
Das Netz der Städte, das erst Ende des 13. Jh. Gestalt annahm, war locker und schwach ausgeprägt. Die Kleinstädte, oft Hauptorte einer Herrschaft, zählten meist nur ein paar hundert Einwohner. Über sie und ihr Hinterland übten Städte wie z.B. Genf, Lausanne, Neuenburg, Solothurn oder Basel, die teils am Jurafuss, teils ausserhalb des J.s lagen, ihre wirtschaftl. Macht aus und kontrollierten weitgehend unangefochten Investitionstätigkeit, Geldflüsse und Warenmärkte.
Einzig durch die Eisenverhüttung unterschied sich der Jurabogen in gewerbl. Hinsicht von den umliegenden Gebieten (Eisen). Die leicht zugängl. Eisenerzvorkommen und der für die Köhlerei nutzbare Waldbestand erklären den Gebrauch von Schmelzöfen bereits im FrühMA. Metallverarbeitung wurde jedoch kaum betrieben, und der wichtigste Exportartikel, der im 15. Jh. aus dem bischöfl. J. nach Basel gelangte, war das auf der Birs geflösste Holz. Ende des 16., Anfang des 17. Jh. förderten die Fürstbischöfe den Betrieb eines ersten Eisenwerks im Bistum Basel. Saint-Sulpice (NE) erhielt die erste Bewilligung für einen Hochofen. Die Solothurner Schmieden wurden an Wasserläufen (Lützeltal, Dünnerntal) und neben Glashütten errichtet. Um 1650 waren in Vallorbe drei Hochöfen und drei Raffinerien in Betrieb.
Autorin/Autor: Jean-Paul Prongué / EM
Mit der Reformation zerbrach die konfessionelle Einheit des J.s. Basel und Biel wurden zu Zentren der Reformation. Bern und Guillaume Farel verdankte der neue Glauben seine Verbreitung; Neuenburg entwickelte sich zur ersten Basis für die Reformation im franz. Sprachraum. Die Eroberung der Waadt 1536 zog die Konvertierung der neuen Berner Vogteien Romainmôtier und Yverdon nach sich. Die Anwendung des Prinzips cuius regio, eius religio auf kant. Ebene (Basel ref., Solothurn kath.) beschränkte das Aktionsfeld der Gegenreformation auf das Fürstbistum Basel und hatte Auswirkungen auf dessen Deutschschweizer Vogteien. Im Westfälischen Frieden erreichte die Eidgenossenschaft mit Unterstützung des franz. Gesandten und Gf. von Neuenburg, Henri II. d'Orléans-Longueville, die Anerkennung ihrer Unabhängigkeit. Von da an bildeten die Gebiete am Ostabhang des J.s eine Pufferzone zwischen der dreizehnörtigen Eidgenossenschaft und Frankreich, das die Habsburger Besitzungen im Oberelsass erhalten hatte und die span. Freigrafschaft Burgund annektierte.
In der Revolutionszeit war der J. der unruhigen polit. und militär. Entwicklung in Europa unterworfen, wobei sich die Verbündeten der Eidgenossen diesen Herausforderungen innerhalb der Grande Nation, deren Untertanen aber im Gefüge der Helvet. Republik zu stellen hatten. Im Fürstbistum Basel entstand die erste Schwesterrepublik, die Raurachische Republik. Danach bildete das ehem. Fürstbistum zusammen mit der Grafschaft Montbéliard das Dep. Mont-Terrible, bis es schliesslich dem Dep. Haut-Rhin angegliedert wurde. Neuenburg, jetzt in ein Lehen des ersten Kaiserreichs umgewandelt, behielt seine Institutionen. Das Waadtland und den um das bis anhin österr. Fricktal erweiterten Aargau machte die Mediationsakte zu Kantonen. Die allmähl. Entstehung des Bundesstaates nach der Restauration wirkte sich auch auf den J. aus. Der aus dem früheren Fürstbistum Basel hervorgegangene Berner Jura trug die Regeneration des Kt. Bern mit. Die Halbkantone Basel-Stadt und Basel-Landschaft konstituierten sich im Verlauf einer - auch mit militär. Mitteln ausgetragenen - Auseinandersetzung, in der die Stadt den Begehren ihrer Landbürger entgegengetreten war. In Neuenburg führte die Ausrufung der Republik am 1.3.1848 zur Loslösung vom preuss. König. Der Berner J. verlor durch die Vereinheitlichung des Berner Steuersystems und des schweiz. Rechts die Garantien, die ihm die Kantonsverfassung von 1846 gewährt hatte. Im 20. Jh. spitzte sich die Jurafrage zu und führte schliesslich 1979 zur Entstehung des 23. Kantons der Schweiz.
Aufgrund seiner Lage war der J. vom Dt.-Franz.-Krieg sowie von den beiden Weltkriegen besonders betroffen. Im Nordwesten der Schweiz waren Grenztruppen stationiert. Bis heute gilt Gilberte de Courgenay als Inbegriff für die warmherzige Aufnahme der Soldaten durch die einheim. Bevölkerung. Die Ankunft des 45. franz. Armeekorps im Juni 1940 weckte Erinnerungen an die Internierung der Bourbakiarmee im Febr. 1871. Die Kriegsjahre bleiben von der mangelhaften Solidarität gegenüber den Opfern der Nazis überschattet, denen weniger Mitgefühl entgegengebracht wurde als den franz. Nachbarn. In der unmittelbaren Nachkriegszeit und während des dreissigjährigen Wirtschaftsbooms entwickelten sich die Gebiete dies- und jenseits der Grenze unterschiedlich, was oft darauf zurückgeführt wird, dass sie nicht in gleichem Masse in die Kriegshandlungen involviert gewesen waren. Die Wiederbelebung des Föderalismus und die wirtschaftl. Entwicklung wurden durch die interkant. und grenzübergreifende Zusammenarbeit vorangetrieben: 1994 gründeten Bern, J., Neuenburg und Solothurn mit Freiburg den Espace Mittelland, dem sich später die Waadt und das Wallis anschlossen; die 1985 geschaffene Communauté de Travail du Jura, 2001 umbenannt in Conférence transjurassienne, umfasst die Freigrafschaft Burgund sowie die Kt. Bern, J., Neuenburg und Waadt.
Autorin/Autor: André Bandelier / EM
Im 16. und 17. Jh. wandelten sich Siedlungsstruktur und Wirtschaft des Gebirges wesentlich. Das Bevölkerungswachstum führte zur Besiedlung der letzten nutzbaren Flächen. Mit der Einführung der Alpwirtschaft stieg der Marktwert der Hochweiden, was vermögende Patrizier im Flachland veranlasste, insbesondere im Waadtländer und Neuenburger J. Weideplätze zu kaufen. Produziert wurde dort - erstmals ausserhalb seines Ursprungsgebiets - Greyerzer Käse. Diese Umwälzungen widerspiegelten sich in Veränderungen der kirchl. und polit. Verwaltungseinheiten, wie z.B. in der Herrschaft Valangin, in der neue Pfarreien und Meierämter entstanden.
Trotz der Verbreitung physiokrat. Schriften und der Einführung der Kartoffel in der 2. Hälfte des 18. Jh. erneuerte sich die individualistischer gewordene Landwirtschaft dann erst im 19. Jh. wieder grundlegend. Die Brache wurde allmählich aufgehoben und die Viehwirtschaft (Aufzucht von Schlachtvieh und Milchproduktion) gewann gegenüber dem Ackerbau an Gewicht.
Die Entwicklung der jurass. Landwirtschaft in neuerer Zeit wird viel diskutiert. Die erwerbstätige Bevölkerung im 1. Sektor ist deutlich geschrumpft. Der Weinbau am Jurafuss, seit 1965 mechanisiert, erwies sich nach der Halbierung der Nutzfläche zwischen 1900 und 1975 wieder als rentabel. Der Ackerbau nutzt Anbauflächen unterhalb von 900 m (Jurafuss und Mulden); Viehwirtschaft wird in den Berggebieten betrieben. Zwischen 1950 und 1965 wurden sämtliche landwirtschaftl. Betriebe motorisiert. Die höhenabhängige Spezialisierung nahm zu. Güterzusammenlegungen gingen einher mit dem Trend zur Konzentration; die Betriebsfläche von Höfen in mittlerer Lage wuchs von Anfang des 20. Jh. bis in die 1980er Jahre von 6 auf 30 ha. Die Betriebsstruktur veränderte sich grundlegend verändert. Die Zahl der Einpersonenbetriebe und der Anteil der Bauern, die sich mit Pachtland begnügen, sind deutlich gestiegen. Die Öffnung des Schweizer Agrarmarkts infolge der Gatt- und WTO-Abkommen stellte die automatisierte jurass. Landwirtschaft Ende des 20. Jh. vor Anpassungsschwierigkeiten.
Autorin/Autor: André Bandelier / EM
Mit dem Ancien Régime begann im J. der wirtschaftl. Aufschwung. Anstösse dazu gaben die Städte am Jurafuss, die durch die Hugenottenflüchtlinge Auftrieb erhalten hatten. Das Basler Seidengewerbe (Posamenterei und Bandweberei) führte bei den Bauern im Solothurner J. und im Fürstbistum Basel ab dem 17. Jh. das Verlagssystem ein. Von Genf aus verbreiteten sich Klöppelei (Spitzen), Zeugdruck und Uhrmacherei (Uhrenindustrie). In der 2. Hälfte des 18. Jh. entstand im Fürstentum Neuenburg-Valangin eine relativ dichte protoindustrielle Struktur, die sich auf die Gegend von Sainte-Croix, das Erguel und die Freiberge ausdehnte. Die moderne Fabrik trat mit der Indienneindustrie und den 700 Arbeitern und Arbeiterinnen der Fabrique-Neuve de Cortaillod in Erscheinung. Drucker in Neuenburg und Yverdon versorgten das Frankreich der Aufklärung mit dort verbotenen Büchern. 1816 beschäftigte der 2. Sektor mehr als ein Drittel der erwerbstätigen Neuenburger Bevölkerung.
Im 19. Jh. gehörte der J. zu den dynamischsten Regionen der Eidgenossenschaft. Betriebe aus dem Bereich des Schmiedehandwerks orientierten sich neu und wandten sich der Uhrenherstellung zu, die sich in viele Gegenden des J.s, wie z.B. in das Vallée de Joux, ausbreitete. Die Industrialisierung des kath. Solothurn entkräftet die These von der Verbindung zwischen Kapitalismus und Protestantismus: Die Gesellschaft der Ludwig von Roll'schen Eisenwerke übernahm die Eisenindustrie des Berner J.s; Solothurner "Marmor" (Kalkstein) war vor dem Alpengranit und dem Portland-Zement das vorherrschende Baumaterial. Während die Hauptachsen des Westschweizer Eisenbahnnetzes mit franz. Kapital errichtet wurden, ist der Bau der Regionallinien in direktem Zusammenhang mit der Expansion der Uhrmacherei zu sehen, die Bauern in Heimatarbeit beschäftigte. Nach der Weltausstellung in Philadelphia 1876 erfolgte eine Modernisierung, die im Berner J. und in Biel am schnellsten voranschritt. Sie begünstigte das Aufkommen eines weiteren bedeutenden Sektors, der Metallverarbeitung und der Produktion von Werkzeugmaschinen. Im Solothurner, Basler und Aargauer J. fand die Fabrikation der einfachen Roskopfuhren Verbreitung. La Chaux-de-Fonds kontrollierte in der Belle Epoque die Vermarktung: Drei Fünftel der Schweizer Uhrenexporte, die 90% der weltweiten Uhrenproduktion ausmachten, wurden dort abgewickelt.
Die auf ausländ. Märkte ausgerichtete jurass. Wirtschaft reagierte empfindlich auf jede Veränderung der internat. Lage. Die Kriegsjahre boten weiterhin Gelegenheit für hohe Gewinne. Die Wirtschaftskrise der Zwischenkriegszeit beschleunigte die Unternehmenskonzentration. Die Vereinbarung von 1937 in der Uhrenindustrie sicherte einen sozialen Frieden noch vor dem Abschluss des sog. Friedensabkommens in der Metallindustrie. Nach 1950 steigerten die Fabriken ihre Produktion beträchtlich und rekrutierten Arbeitskräfte aus Italien sowie später auch Grenzgänger aus dem benachbarten Ausland. Die Krise der 1970er Jahre traf die Schweizer Uhrenindustrie hart, die - auf ihre Monopolstellung vertrauend - die japan. Konkurrenz unterschätzt hatte; die Anzahl der Beschäftigten ging von 80'000 Personen in den 1960er und 70er auf 30'000 in den 1980er Jahren zurück. Die Wirtschaft erfuhr einen tief greifenden Wandel: Entfielen 1970 nahezu zwei Drittel der Arbeitsplätze im Jurabogen auf den 2. Sektor, so lagen ab den 1990er Jahren der 2. und 3. Sektor fast gleichauf, wobei zwischen den Bezirken teilweise erhebl. Unterschiede bestanden. Dank innovativem Design und Marketing erlebte die Uhrenindustrie einen erneuten Aufschwung, ohne jedoch das frühere Niveau zu erreichen (1995 über 35'000 Stellen). Die Anfälligkeit der jurass. Industrie für Konjunkturschwankungen erklärte sich aus dem Verlust an Entscheidungszentren und dem wachsenden Anteil der Zulieferindustrie. Neben einer Diversifizierung in Richtung Mikrotechnik setzte man auf Tourismusförderung: Das 2000 gestartete Projekt Watch Valley, das Einblicke in das kulturelle Erbe und die Tradition der Uhrmacherei vermittelte, war ein Beispiel für die Zusammenarbeit der Städte des Jurabogens im Fremdenverkehr. Während der Basler J. mit dem Laufental sowie ein Teil des Solothurner und Aargauer J.s sich zunehmend in die Regio Basilensis integrierten, wuchs im übrigen, immer mehr zu einer Wirtschaftseinheit werdenden Jurabogen vom Vallée de Joux bis Solothurn das Bewusstsein gemeinsamer Interessen und eines geteilten Schicksals.
Autorin/Autor: André Bandelier / EM
Albrecht von Haller ermunterte seine Leser, sich den einfachen und unbeirrbaren homo alpinus zum Vorbild zu nehmen. Jean-Jacques Rousseau fand sein Modell eines "Bergarkadiens" im Neuenburger J. Seine im "Lettre à d'Alembert" (1758) beschriebenen Bergler ("Montagnons") führen ein glückl. Leben. Durch seinen Aufenthalt in Môtiers (NE) und später auf der St. Petersinsel wurden viele Bewunderer angezogen. Diese Erinnerungsstätten trugen dazu bei, dass das Juragebirge ab der Vorromantik in die Grand Tour der gelehrten Schweizbesucher einbezogen wurde. Sie bildeten den Abschluss der klass. Route von Basel durch das Tal der Birs nach Biel.
Der von der Protoindustrialisierung erfasste J. inspirierte auch Karl Marx, der jedoch Vorbehalte anmeldete. Im "Kapital" (1867) ortete er dort das Musterbeispiel einer "heterogenen Manufaktur", beurteilte aber diese Produktionsweise als ungünstig für den industriellen Fortschritt. Bemerkenswert an der jurass. Uhrmacherei erschienen dem Theoretiker ihre dezentrale Organisation, die ausgeprägte Arbeitsteilung und der Arbeitertyp, der sich vom Fabrikarbeiter wie vom selbständigen Handwerker unterschied. Auf den Erwartungen einer Industriegesellschaft gründete paradoxerweise ein Identitätsmythos, der den Bedeutungsgehalt dreier ländl. Motive in sich vereinigt: Die Dreiheit "Bauernhaus, Tanne, Pferd" wird unweigerlich mit dem J. assoziiert. Das vereinfachte Bild der Landschaft der Freiberge passt gleichermassen auf die Freigrafschaft Burgund wie auf die versch. Teile des Schweizer J.s. In der Malerei vor dem 20. Jh. ausgeblendet, wurde insbesondere das Bauernhaus mit dem typischen, weit ausladenden Giebeldach zum Symbol des J.s. Sogenannt natürl. Landschaften, in denen menschl. Spuren nach dem Vorbild von Albert Schnyder, Coghuf oder Lermite weitgehend fehlen, verkörpern in der Malerei die für den Jura typ. Form einer auch anderswo fassbaren Boden- und Heimatverbundenheit.
Autorin/Autor: André Bandelier / EM