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Naghel - Opferzyklus
'Wir haben den Krieg nicht am
eigenen Leib erlitten, das ist das eine, und anderseits haben natürlich auch wir ein gewisses Erleben von Dingen, die unser
Schicksal bestimmen. Dass der Krieg uns anging, auch wenn er uns nochmals verschonen sollte, wusste jedermann. Unser Glück blieb
ein scheinbares. Wir wohnten am Rande einer Folterkammer, wir hörten die Schreie, aber wir waren es nicht selber, die schrieen;
wir selber blieben ohne die Tiefe des erlittenen Leidens, aber dem Leiden zu nahe, als dass wir hätten lachen können. Unser
Schicksal schien die Leere zwischen Krieg und Frieden.’
(Auszug aus einem Briefentwurf von Max Frisch an einen deutschen Soldaten, als Antwort auf seinen Brief zum Theaterstück <Nun singen sie wieder> 1946 /Nicht abgeschickt)
In der Erkundung irritierender Räume schwingt zwar diejenige der Existenz des Menschen, der heutigen Unsicherheit seines Standpunktes und seiner Wahrnehmung, immer mit. Die Betroffenheit ob den Berichten über den Krieg im ehemaligen Jugoslawien liess dann ab1994 den Menschen als Opfer zum beherrschenden Thema werden. Ihnen, den Wehrlosen, gilt die seither entstandene Werkreihe. Die Darstellung einer Vielzahl geopferter Leiber (Abb. 15), die in ihrer Anonymität schliesslich weitgehend abstrahiert werden (Abb. 16), verlangte freilich nach einer gewissen Strukturierung und erwies sich also auch wiederum als ein formales Problem.
Es wurde gelöst mit einem die Masse gliedernden Gerüst, das sich schliesslich verselbständigte (Abb.
17) und damit auch
einen neuen Blick auf die vorangehenden Raumkonstruktionen erlaubt. Diese Gerüste sind gewissermassen archäologisch gesicherte
Überbleibsel, die von dem zeugen, was hier einst geschah. In zeichenhafter Reduktion
werden sie wieder in den Ausblick aus dem Atelierfenster (Abb.
18) eingefügt: Selbst das Weltgeschehen vollzieht sich, insofern es zum
Bild wird, vom persönlichen Standpunkt des Malers aus, der zwar in dieses Geschehen nicht involviert, aber zumindest von
ihm betroffen wird. Das Atelier wird so konsequenterweise zum beherrschenden Thema des Bildes.
Suggestiv veranschaulicht es die Situation des Künstlers, für den Schaffen und Schauen, das bei ihm immer auch kritisches Überprüfen des bisher Geschaffenen bedeutet, fast nahtlos ineinander übergehen, wenn sich das Bild auf der Staffelei und der Ausblick ins Freie kaum voneinander abheben (Abb. 22).
(Aus Katalog Naghel - Arbeiten von 1979-2003, Text : Dr. Martin Kraft, Hrsg. Gemeinde Kilchberg ZH) s. Bibliografie © Naghel, CH-8802 Kilchberg ZH