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1960
Boulevardpresse
... schürt Emotionen
Kurz vor der ersten grossen Razzia im Homosexuellen-Milieu erschien ein bösartiger Artikel in der Zürcher Tageszeitung Die TAT mit der Überschrift "Im Sumpf der grossen Stadt". Die TAT war das Organ der von Gottlieb Duttweiler 1936 gegründeten und bis 1999 bestehenden Partei "Landesring der Unabhängigen" (LdU). Diese Partei wiederum ging aus der an seinem 37. Geburtstag, dem 15. August 1925, von Gottlieb Duttweiler gegründeten Detailhandels-Genossenschaft Migros hervor. Auch die TAT wurde 1935 von Duttweiler zunächst als Wochenzeitung gegründet. Von 1939 bis 1978 erschien sie als Tageszeitung. Ihr bekanntester Chefredaktor, Erwin Jaeckle, trat seine Stelle 1962 an.
Beim erwähnten bösartigen Artikel ging es der TAT vermutlich um höhere Leserzahlen. Denn ab 14. Oktober 1959 erschien das erste Boulevardblatt der Schweiz, der Blick. Es bestand - zumindest in den ersten Jahrzehnten - aus brandneuen und unsorgfältig recherchierten Kurzmeldungen mit reisserischen Schlagzeilen in grossen Lettern. Seine Sprache war Alltagsidiom in bewusst ungepflegtem Deutsch.
Mit dieser Art von Hau-Ruck-Journalismus wandte sich der Blick an eine diffuse, wenig differenzierende "Grundschicht", sättigte einfachste Gemüter und weckte unreflektierte Gefühle, Ängste, Neid, genüssliches Anprangern anderer, wobei sich jeder natürlich besser wähnte.
Blick war erfolgreich, was andere Blätter zu spüren bekamen. Die TAT, sonst eine seriöse Zeitung, versuchte, mit einer besonderen Seite im sensationslüsternen Stil des "Boulevard" trendig zu erscheinen und die Verkaufszahlen zu steigern. Das tat sie auch mit dem Artikel "Im Sumpf der grossen Stadt".
Ernst Ostertag, Oktober 2005