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Sergej Prokofjew bezeichnete sich gern als einen unpolitischen Menschen. «Ich für meinen Teil kümmere mich nicht um Politik», erklärte er einmal, «die Kunst hat nichts mit ihr zu tun.» Und doch waren es die epochalen Zeitgeschehnisse, die ihn im Frühjahr 1918 veranlassten, seine russische Heimat zu verlassen. Als 1917 in seinem Wohnort Petrograd die Strassenkämpfe ausbrachen und die Oktoberrevolution einläuteten, zog er sich aufs Land zurück und tauchte ein in die musikalische Vergangenheit, die Epoche Joseph Haydns, um seine Erste Sinfonie, die Symphonie classique, zu komponieren. Dass er mit diesem Werk nicht gerade den auf Umbruch programmierten Nerv der Zeit treffen sollte, lag auf der Hand. Aber die mangelnde Resonanz enttäuschte ihn doch. «Solange in Russland der Sinn nicht nach Musik steht, müsste in Amerika die Möglichkeit vorhanden sein, […] meine Werke zu zeigen», glaubte er. Und machte sich auf in die «Neue Welt», quer durch das russische Riesenreich mit der Transsibirischen Eisenbahn und dann per Schiff über den Pazifik nach San Francisco, um im Westen sein Glück zu erproben.
Tatsächlich konnte Prokofjew in den Vereinigten Staaten bald auch Erfolge verbuchen – allerdings hauptsächlich als Tastenvirtuose. Seine Kompositionen dagegen trafen auch dort kaum auf Wahrnehmung und Widerhall. Wie kränkend muss er es empfunden haben, als er in der Zeitschrift Musical America unter zwei Fotos, die ihn und den ebenfalls emigrierten Kollegen Igor Strawinsky zeigten, die Bildunterschrift las: «Der Komponist Strawinsky und der Pianist Prokofjew». Auch in Westeuropa, wo er bald darauf Zuflucht suchte, erging es ihm kaum besser. Man reduzierte ihn auf die Rolle eines «enfant terrible», eines musikalischen Schockers und Bürgerschrecks, der allein mit Dissonanzen und Sarkasmus für Aufsehen sorgte. Aber schlimmer noch: Prokofjew selbst war mit seinen Arbeiten unzufrieden und geriet in eine Sinnkrise, ja, es kam ihm sogar die Befürchtung, «die Rolle eines Komponisten zweiten Ranges zu spielen».
Als er 1927 erstmals wieder für eine grosse Konzertreise in seine Heimat zurückkehrte, die inzwischen zur Sowjetunion geworden war, da wurde ihm bewusst, was ihm gefehlt hatte. Neun Wochen blieb er im Land, trat in Leningrad und in Moskau auf, in Charkow, Kiew, Odessa. Und überall wurde er begeistert aufgenommen und frenetisch gefeiert. «Man empfing mich wie einen Verwandten, wie einen aus der eigenen Familie», berichtete er. Auch das Land selbst schien alle Vorurteile zu widerlegen, die man im Westen kolportiert hatte. Prokofjew staunte über Geschäfte, die «Kaviar, Käse, Butter in Hülle und Fülle» anboten. Und da sich die positiven Erfahrungen bei weiteren Reisen wiederholten, reifte in ihm der Entschluss, nach Russland zurückzukehren. «Die Luft der Fremde bekommt meiner Inspiration nicht, weil ich Russe bin», bekannte er 1933 in Paris. «Ich muss wieder wirkliche Winter sehen und den Frühling, der ausbricht von einem Augenblick zum andern. Ich muss die russische Sprache in meinem Ohr widerhallen hören, ich muss mit den Leuten reden, damit sie mir etwas zurückgeben, was mir hier fehlt: ihre Lieder, meine Lieder.»
Im Mai 1936 löste Prokofjew seinen Pariser Wohnsitz auf und liess sich mit seiner Familie dauerhaft in der Sowjetunion nieder. Dass zur selben Zeit gerade Dmitri Schostakowitsch wegen seiner Oper Lady Macbeth von Mzensk öffentlich an den Pranger gestellt wurde und um sein Leben fürchten musste oder dass immer mehr Menschen, die dem Sowjetsystem kritisch gegenüberstanden, verhaftet, in Lager verschleppt oder zum Tode verurteilt wurden – all das blendete der «unpolitische» Prokofjew vorsichtshalber aus. Er liess sich stattdessen verführen von den Privilegien, mit denen die KPdSU den lange verlorenen Sohn belohnte: einer geräumigen Wohnung in Moskau, dem aus den USA importierten eigenen Wagen, der Diplomatenschule, die seine Söhne besuchen durften. Doch alles hatte seinen Preis: Natürlich erwartete man umgekehrt, dass sich auch Prokofjew gefällig zeigte. Und so musste er allerlei Märsche komponieren, Propagandamusik, Werbemelodien und sogar einen Trinkspruch auf Stalin.
Genutzt hat es ihm herzlich wenig, im Gegenteil. Denn das dunkelste Kapitel seines Lebens stand ihm erst noch bevor. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann die sowjetische Kulturbürokratie, sich wieder um die avancierten Komponisten des Landes zu «kümmern». Und diesmal wurde neben Schostakowitsch vor allem auch Prokofjew der «westlichen Dekadenz» verdächtigt. Mit einem Dekret vom 10. Februar 1948 wurde er als «formalistisch» und «volksfremd» abgeurteilt und zu einer demütigenden Selbstbezichtigung gezwungen. Als nur wenige Tage darauf auch noch seine erste Frau, die Sängerin Carolina Codina, unter konstruierten Spionagevorwürfen inhaftiert und zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wurde, verschärfte sich die Situation – Prokofjew ahnte, dass man ihn mit dieser Massnahme «warnen» wollte. Gesundheitlich bereits angegriffen, konnte er sich von diesen Tiefschlägen nicht mehr erholen. Es ist eine böse Ironie der Geschichte, dass Sergej Prokofjew ausgerechnet am selben Tag starb wie sein Peiniger, der Diktator Josef Stalin: am 5. März 1953.
Susanne Stähr | Dramaturgie & Leitung Redaktion LUCERNE FESTIVAL
Am kommenden Freitag, dem 23. August 2019, interpretiert Frank Peter Zimmermann gemeinsam mit dem Shanghai Symphony Orchestra unter Prokofjews jugendfrisch-verträumtes Erstes Violinkonzert. Und am 10. September 2019 stellt sich die Südkoreanierin Bomsori Kim in der Debut-Reihe u. a. mit Prokofjews Zweiter Violinsonate vor.