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Im 19. Jahrhundert zeichnete sich ein Wende in der europäischen Rezeption arabischer Musik ab. Für ihre Erschliessung spielte in der Zeit vor der Erfindung des Phonographen im Jahre 1877 vor allem die Transkription – die Übertragung von akustisch wahrgenommener Musik in die europäische Notenschrift – eine zentrale Rolle. Der sog. musikalische Exotismus gewann insbesondere in der zweiten Jahrhunderthälfte entscheidend an Bedeutung. In einigen Kompositionen machten sich damit die Spuren der ‹originalen› Elemente arabischer Musik bemerkbar: Dies geschah sowohl auf der Ebene einer klanglichen Nachbildung, als auch in Form gezielter Verwendung bereits transkribierter arabischer Melodien. Unabhängig davon, ob es sich dabei um ‹entliehene› oder imitierte fremde musikalische Strukturen handelte, bildeten für diesen Transferprozess die Regeln der europäischen Notation den medialen Referenzraum.
Ein bemerkenswertes Beispiel dieses Übertragungskonzepts findet man in der zweiten Symphonie Antar von Nikolaj Andreevič Rimskij-Korsakov. Das 1868 in erster Version entstandene Werk beruhte auf Motiven der Legende von Antar, des präislamischen Dichters und Helden 'Antarah ibn Shaddād. In seiner autobiographischen Chronik meines musikalischen Lebens schreibt Rimskij-Korsakov: «Die Wüste, resignierter und lebensmüder Antar, die Episode mit der Gazelle und mit dem Vogel, die Ruinen von Palmyra, die Vision von Peri, die drei Freuden des Lebens – Rache, Macht und Liebe, – und dann der Tod von Antar, – all das schien mir sehr verlockend für einen Komponisten»; in einer späteren Passage bemerkt er, mehrere originale Melodien aus der Esquisse Historique de la Musique Arabe von Alexandre Christianowitsch und aus La musique arabe von Francisco Salvador-Daniel übernommen zu haben.
Das etwas abgewandelte Motiv von Christianowitsch, das Rimskij Korsakov für das Hauptthema des vierten Satzes der Symphonie verwendet hatte, – hier das zweite Bild – ist leicht zu identifizieren. Wie auch dieses entliehene derdj, folgen die Transkriptionen im Esquisse Historique der traditionellen europäischen Notation. Christianowitsch erwähnt zwar den ursprünglichen Modus, welchem die Melodie entstammt, fügt aber unmittelbar darauf noch eine eigene harmonisierte Version hinzu, um dem europäischen Rezipienten ein besseres Verstehen zu ermöglichen. Die von Rimskij Korsakov vorgenommenen Modifikationen der Melodiestruktur fielen eher geringfügig aus: die Triolen wurden durch Zweiunddreissigstelgruppen ersetzt, die Tondauer und Punktierungen leicht verändert; den Themeneinsatz versah der Komponist in der Partitur mit der Anmerkung Mélodie arabe. In diesem Sinne handelt sich in der Antar-Symphonie um ein besonderes Übertragungsmodell vom ‹Originalen› ins ‹Originelle›, welches das imaginierte ‹Orientalische› mit einem bewussten Rückgriff auf die original arabische Musik realisiert.