Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03583.jsonl.gz/2966

Anfang 2. Teil “Prinzessin in Formalin”
ANFANG 2. TEIL “PRINZESSIN IN FORMALIN”
Im Moment, da der amerikanische Kosmonaut White aus Versehen seinen Handschuh schräg in den Weltraum absegeln ließ (wo dieser seither herumsaust als einer der ersten Abfälle des sogenannten Menschenlebens, das aus dem Erdball mit immer größerer Perfektion betrieben wird, in den letzten Jahren aus allgemeiner Geilheit und klaustrophobischer Langeweile des Überglücks zum Sieden kam und jetzt die ersten Auswurfstropfen anderen Planeten prüfend ins Gesicht spuckt, ob sich mit ihnen anbändeln lasse), warf ihn Frankfurt Herr Felix Mandelbaum, Inhaber einer kleinen Werbeagentur, seinen schweren Leib auf die andere Seite des Eisenbetts, in dem er seit dem Zusammenbruch seiner Liebe und einer fehlgegangenen Spekulation schlief – während sein Onkel Lothar in Venedig eine ganze Zimmerflucht des Hotels Danieli gemietete hatte, um Audrey
Hepburn und Omar Sharif zusammen aufs Fließband der Fabrikation eines neuen Films zu stellen, er war Produzent, den nächsten Tag in Honolulu und am Freitag wieder in New York bei seiner Familie – schlief also Felix und ächzte: “Die ganze Reklamewelt kotzt mich an … kotzt mich an … vollständig an …”, was das Zeichen eines guten und tiefen Schlafes war, der bis kurz vor Mitternacht dauern sollte … Er wird dann in die Stadt eilen, um kurz vor Schließung der Lokale noch einen verwässerten Espresso-Kaffee zu trinken. – In London Clapham aber entströmte eine dicht geballte Zuschauermenge, die sich rasch verlor, dem Classic Cinema, wo man – die frühere Abendvorstellung – einen bis zur Unkenntlichkeit gekürzten und auf eine einzige Folge von burlesken Liebesszenen zusammengestrichenen “Tom Jones” gegeben hatte; Colonel Howard jedoch saß im mit Waffen und Fotografien von Militärs geschmückten Sitting Room seiner Wohnung in Knighsbridge, drehte eine Wills Zigarre zwischen den Fingern, die ihn trotz ihrer schlechten Qualität (er war überzeugt, sie gehöre zu den besten, die zu haben seien) in der Rolle des am Weltlauf desinteressierten Gentleman bestätigte, und überlegte sich, ob er sein Garden Flat nicht doch für nur 12 statt 14 Guineas hergeben solle – denn schließlich war’s doch nur ein Vogelkäfig … artist’s flat … soll mal so ein französischer Nachimpressionist darin rumgepinselt und -gepinkelt haben … haha the French … In Brentwood (Nordwest-London, nicht mehr auf dem A to Z Guide, Revised Edition 3/6) orgelte Mr Haynes mit wütender Gelassenheit die Nichtanlaufs-Dithyrambe auf dem Anlasserknopf seines Riley Sphinx, während seine Gattin Kathy, geb. Higginson, die eben im Begriff war, fünfundzwanzig zu werden, (auf einem ausgesessenen Kunstlederpolster), zum erstenmal ernstlich an Scheidung dachte, denn gestern hatte einer sie viermal hintereinander gevögelt, was ihr ganz neue Lebensperspektiven eröffnete (Sie fuhren zum Geburtstagsessen, zu welchem sie einen einzigen Jugendfreund aus Manchester aufgetrieben hatten), Serge Mounthonour aber war in Hampstead 34 yards 6 foot und 11 inches von der zerbeulten hinteren Stoßstange seines Minimini entfernt (gebogene und bei 16 yard durch Straßenecke geknickte Strecke), seine Nervenstränge oszillierten zwischen Hoffnung, es habe geläutet, und Verzweiflung, dass am Schluß die Glocke, die offensichtlich kaputt war, doch ging – den dann hätte er fünfmal ungebührlich stark geklingelt, allerdings vom Gedanken beschwichtigt, dass, je vornehmer die Engländer, um so weniger die elektrischen Apparate in ihren Häusern funktionieren (we can’t be bothered), und eben als White seine Kapsel wieder bestiegen hatte – er war jetzt ein Held geworden – und Danny Kaye ihn auf dem Bildschirm von ITV mit einer Verulkung des ersten gelungenen Marsflugs ablöste – Herr Mandelbaum von seiner Jugend zu träumen begann und Colonel Howard seine Zigarre auf dem Rücken eines Elefanten ausdrückte (Aschenbecher aus Indien), Mrs Haynes das Aufheulen des Hundes von einem Motor unter den Fußtritten ihres Gatten vernahm – da mußte Nancy, die Titania in diesem Intermezzo und Sommernachtstraum, den Fernsehkasten abschalten, was ihr aus zwei Gründen unangenehm war: erstens hatte sie sich von der Fauteuillehne, die seit einer halben Stunde in ihren Tweedrock eine Falte drückte, zu trennen, und stellte fest, dass ihr Bein – uninteressiert an White und seinen kosmogymnastischen Faxen – fest eingeschlafen war (pins an needles), und … (den zweiten Grund haben wir vergessen). Jedenfalls sagte sie sich: I suppose I’d better go this time, nachdem der nicht aufhört zu läuten (mache ich eben doch mal auf).
Typischer Ausländer, dachte sie unter der Türe, he must be German … (after all), und er fand, sie sei ene nette, süße Vogelbeere, gut fürs Bett, aber giftig und falsch wie der Grünspan am plombierten Zahn des Teufels, eine kleine böse Bürowanze mit der ganzen miesen Mentalität drum herum, und die Frage sei da einzig, ob man’s richtig einfädle. Inzwischen hatte sie ihn bereits formell auf ihr Zimmer eingeladen (Do you want to come into my room for a moment?), er aber diese formelle Einladung auf ihr Zimmer abgelehnt, was sie insgeheim als bad continental manners, schlechte Manieren, registrierte, während er wiederum stolz darauf war, nicht gleich die erste Gelegenheit ergriffen zu haben, sie auf Herz und Nieren zu prüfen. So gingen sie denn nebeneinander zum Auto, er den Kopf vor Verlegenheit gehoben, mit langen Schritten und seinen Charles de Gaulle-Allüren, und sie wie ein Häufchen Dreck dahintrippelnd, natürlich auf die falsche Seite des Autos laufend, was er als Zutraulichkeit auffaßte – denn sie folgte ihm – doch er ging nur auf diese Seite hinüber, weil er die Türe aufschließen mußte, wo das Steuer war. Sie aber dachte, er habe offenbar doch Manieren, denn er gehe mit ihr auf die Seite, wo sie einsteigen müsse – was sich aber sogleich als gegenseitigster Irrtum entpuppte, wer hätte (wer, gleich welches English Girl?) hätte einen Wagen mit Left Hand Drive vermutet? – und als sie dann wieder die Seiten wechselten, entschlüpfte ihnen das erste unformelle Kichern nach einem halben Dutzend formelhafter Smiles, er aber, als sie ums Wagenheck herumschiffte, zwei Fuß entfernt von der zerbeulten Stoßstange, schielte mit einem gebogenen Lichtstrahl aus dem Auge auf ihre Silhouette, um rauszufinden, wie rund sie hinten sei, doch ihre loser Regenmantel (Cordings Mackintoshers, Piccadilly Circus) verriet wenig von dem, was er verbarg.