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Sterben im Frühling. Es stapeln sich Dutzende von Büchern auf meinem Schreibtisch. Sie warten darauf, gelesen und rezensiert zu werden. Manchmal ist auch ein Buch darunter, das mich zutiefst bewegt, weil es so furchtbar traurig, gleichzeitig aber auch so unglaublich inspirierend ist. Sie heisst Susan Spencer-Wendel, und sie lebt im fernen Florida. Jetzt ist sie tot. Bevor sie gestorben ist, hat sie dieses Buch geschrieben, das jetzt auf meinem Schreibtisch liegt. Das Buch heisst „Bevor ich gehe“. Susan Spencer war die Mutter dreier Kinder, als sie erfährt, dass sie an ALS erkrankt ist und nur noch kurze Zeit zu leben hat. Als Journalistin und Literatin ist sie gewissermassen eine Berufskollegin. Fest entschlossen, jeden der noch verbleibenden Tage zu geniessen, hat sie letzte Dinge unternommen, über die sie in ihrem Buch schreibt. Sie war erst 44 Jahre alt, meine Berufskollegin, als sie gehen musste. Warum?
Bevor sie ging. Als Susan die ärztliche Bestätigung bekommen hatte, dass sie definitiv an ALS erkrankt war, da war sie am Boden zerstört. ALS ist eine neuromuskuläre Erkrankung, bei der die für die Muskelbewegungen zuständigen Nerven absterben, was zur Folge hat, dass auch die Muskeln verkümmern und absterben. Noch am selben Tag, an dem sie erfahren hatte, dass ihr nur noch wenige Tage ihres Lebens bleiben, beschloss sie, das Beste aus der ihr verbleibenden Zeit als 3-fach Mutter, Reporterin, Ehefrau, Freundin und Frau zu machen. Und sie schrieb das Buch „Bevor ich gehe“.
Was noch zu tun bleibt. Sie tätigte Dinge, für die sie noch die Zeit und die Kraft hatte. Sie suchte für ihre Tochter das Brautkleid aus. Sie erfüllte sich den Wunsch, mit Delfinen zu schwimmen. Und sie beschloss, zu reisen, und dies, obschon jede Reise ihren Zustand verschlimmerte. Trotzdem bestand sie darauf, mit jeder Person, die ihr wichtig und ans Herz gewachsen war, eine Reise zu machen. Das Ziel dieser Reisen sollte sein, jeder lieben Person eine bleibende, gemeinsame Erinnerung zu erschaffen. Mit jedem ihrer Kinder, mit Marina, Aubrey und mit Wesley, unternahm sie eine vertraute Reise an einen Lieblingsort. Von all diesen Reisen brachte Susan bewegende Geschichten mit nach Hause. Sie tippte diese Geschichten über ihre letzten Reisen und Begegnungen nur mit dem rechten Daumen ins Smartphone ein, weil der Rest der Handmuskulatur schon verschwunden war. Auch diktieren konnte sie bereits nicht mehr, da auch ihre Mundmuskulatur schwächelte.
Eine True Story. Wahre Geschichten sind heute selten. Oftmals werden die Stories fiktional angereichert, weil sie sonst inhaltlich einfach zu wenig hergeben würden. In Susan Spencers Buch ist alles wahr, so schrecklich wahr. Susan Spencers Buch lassen sich verschiedene Inspirationen entnehmen. Vielleicht diese: Schafft bleibende Momente mit euren Liebsten in eurem Leben. Es ist dies das Einzige, was bleibt. Vor allem aber hat Susans Buch eine gewaltige Botschaft an uns alle: Lebt und liebt jeden Tag und macht das Beste daraus! Unsere Tage sind gezählt. Sogar jetzt, wenn sich der Frühling ankündigt.
Text und Foto (Symbolbild) Kurt Schnidrig. Buch-Cover: Heyne-Verlag.