Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03658.jsonl.gz/656

125 Jahre Südhang
Eine kleine Zeitreise
Am ersten Mai 1891 öffnete die «Bernische Trinkerheilstätte» in Kirchlindach ihre Türen: Damals hiessen die Patienten noch Pfleglinge, der Direktor nannte sich Hausvater, die Therapie war eine Kur, die mindestens ein halbes Jahr dauerte und vor allem aus Arbeit bestand, das Taggeld betrug einen Franken für Arme und einen Franken fünfzig für weniger Arme. Die Lage im 19. Jahrhundert war dramatisch: Wegen der industriellen Produktionsweise und durch die vielen Hausbrennereien sanken die Preise für Kartoffel- und Kornschnaps ins Bodenlose. Der Alkoholismus wurde zu einem immer augenfälligeren Problem. Aber noch lange wurde Sucht nicht als Krankheit, sondern als Charakterschwäche angesehen, der «Trinker» galt als arbeitsscheu und willenlos. Es ist dem Wirken der Temperenz- und Abstinenzbewegung zu verdanken, dass 1885/86 die erste eidgenössische Alkoholgesetzgebung geschaffen wurde. 1890 gründeten einige Pioniere den «Verein für eine Bernische Trinkerheilstätte Nüchtern» und im ehemaligen Knabeninstitut in Kirchlindach begann, was sich im Lauf der Jahrzehnte zum Südhang, Kompetenzzentrum für Mensch und Sucht mit einer Klinik in Kirchlindach und Ambulatorien in Bern, Biel und Burgdorf sowie einer Tagesklinik in Bern entwickelte.