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Nach Jahren der Auslandsverlagerungen vollziehen nun dutzende US-amerikanische und europäische Unternehmen die Kehrtwende: Sie holen die Produktion in die Heimat zurück, oder zumindest ins nahe gelegene Ausland. Was ist der Grund für die Rückführungen? Wie wirken sich die Rückführungen auf die Beschäftigung aus? Diese Fragen haben wir einem Experten und zwei Unternehmensvertretern gestellt.
Glossar
Back-Reshoring: Rückverlagerung der Produktion aus dem Land, in das die Firma verlegt wurde, in das Land der Muttergesellschaft, oder Beauftragung eines nationalen Anbieters
Near-Reshoring: Rückverlagerung aus dem Land, in das die Firma verlegt wurde, in ein Land, das näher bei der Muttergesellschaft liegt, oder Beauftragung eines Anbieters in einem näheren Land.
Wirtschaftsprofessor Luciano Fratocchi hat Daten über hunderte Unternehmen gesammelt. Allen gemein: Sie lagerten Arbeiten aus, und dann wieder ein. Im Fachjargon nennt sich dies Reshoring. «In der Produktion ist es ein anhaltender Trend", sagt Fratocchi.
Es ist ein Trend, den er seit Mitte der 2000er-Jahre, also seit Beginn der globalen Wirtschaftskrise, beobachtet. Eine Krise, die den Betrieben eine strenge Kostenkontrolle abverlangte, während die Regierungen Massnahmen ergriffen, um den sich verdoppelnden Arbeitslosenzahlen zu begegnen.
Die Rückführungen betreffen vor allem Produktionsstätten, die nach China ausgelagert wurden. Europäische Unternehmen holen ausserdem die Produktion aus osteuropäischen Ländern zurück, US-amerikanische Unternehmen aus Südostasien und Indien.
Vorreiter beim Reshoring sind die Vereinigten Staaten und Italien, während in der Schweiz – wie Luca Albertoni, Direktor der Handelskammer des Kantons Tessin, einräumt – bisher nur sporadische Rückführungen zu beobachten sind.
Die Gründe für die Rückführungen
Warum holen die Unternehmen ihre Produktion zurück? Die Arbeitskosten, die bei der Verlagerung ins Ausland häufig als einziges Kriterium bedacht wurden, wachsen auch in den Ländern fern der Muttergesellschaft – in China um bis zu 15 Prozent im Jahr. Die Einsparungen beim Personal können die hohen Transport- und Zollkosten immer weniger wettmachen.
Hinzu kommen die wachsenden Ansprüche der Konsumenten. Die örtliche Nähe der Produktionsstätten ermöglicht eine intensivere Qualitätskontrolle, einen besseren Austausch zwischen Forschungs- und Entwicklungsabteilungen und Produktion, kürzere Lieferzeiten, einen prompten Kundenservice und – was zunehmend wichtig wird – die Möglichkeit, sich mit dem Gütesiegel «Made in …» zu schmücken.
Die Auswirkungen auf die Beschäftigung
Das Reshoring der Produktion ist zweifelsohne eine Wohltat für die betreffenden Ursprungsländer. Es gibt ihnen die Kontrolle zurück, steigert das BIP und verbessert die Handelsbilanz.
Die Folgen für die Beschäftigung sind nicht so eindeutig. «In den USA», erläutert Luciano Fratocchi, «entsprach die Anzahl an Arbeitsplätzen, die durch das Back-Reshoring geschaffen wurden, im Jahr 2015 der Anzahl an Arbeitsplätzen, die im selben Jahr durch Verlagerungen ins Ausland verloren gingen. In Europa können wir kein derartiges Niveau vorweisen».
Es gilt allerdings zu bedenken, dass die Rückführung in Ländern wie Italien häufig «defensiver» Art ist, also bereits vorhandene Produktionskapazitäten nutzt. Die Frage ist also nicht, «wie viele Arbeitsplätze geschaffen werden, sondern wie viele erhalten werden».
Ein Aspekt, der das Reshoring begünstigen könnte – so beobachtet Luca Albertoni in Bezug auf die Schweiz –, sei die Robotisierung, die bestimmte Produktionsphasen vereinfacht und wettbewerbsfähiger macht und «nicht unbedingt zu einem Abbau von Personal führt».
Die Automatisierung, ergänzt Fratocchi, ermögliche häufig die Rückführung in Länder mit hohen Arbeitskosten. Insofern seien für Unternehmen, die Betriebsstätten zurück ins Land holen, nicht nur finanzielle Anreize wichtig, «sondern auch solche für die Innovation des Produktionsprozesses».
In der Schweiz
In unserem Land scheint es nicht viele Fälle von Back-Reshoring zu geben. Laut Albertoni lässt sich allerdings ein Trend feststellen, bestimmte Produktionsphasen, die nach Asien verlagert wurden, wieder näher heranzuholen, zum Beispiel nach Rumänien oder Polen.
Es ist noch zu früh, um zu sagen, ob die neuen und strengeren Anforderungen für die Verwendung des Gütesiegels «Swiss Made» eine Trendwende herbeiführen werden. In einer Branche haben sie auf jeden Fall bereits gefruchtet: Laut Oliviero Pesenti, Präsident des Tessiner Verbands der Uhrenindustrie, haben mehrere Marken «insbesondere die Produktion der Gehäuse» bereits zurückverlagert oder denken darüber nach, da das Uhrwerk allein nicht mehr ausreicht, um die Uhr mit dem Siegel «Swiss Made» versehen zu dürfen.
Anscheinend ist die Anzahl der Rückführungen in die Schweiz auch aufgrund der unterschiedlichen Ausgangslage so gering. Einerseits war das Land stets mehr darauf ausgerichtet, sich als Standort für die Geschäftsleitung sowie Forschungs- und Entwicklungsabteilungen multinationaler Unternehmen zu behaupten, und weniger als Produktionsstandort. Andererseits waren die wichtigsten Schweizer Branchen wie die Chemie- und Pharmaindustrie bei der Auslandsverlagerung zurückhaltender (als andere Länder und Branchen).
Und umgekehrt hätten nach Annahme von Professor Fratocchi «diejenigen, die ins Ausland verlagert haben, kein dringendes Interesse an einer Rückführung: Schliesslich ist eine Chemiefabrik sehr viel schwerer zu verlagern als eine Textil- oder Schuhfabrik». In der Pharmaindustrie stelle sich die Frage dennoch, «insbesondere bei den Wirkstoffen». «Den Umfragen zufolge ist diese Branche aber weniger am Reshoring interessiert».
Der «Wiederaufbau»
Die Rückführung bedeutet nicht immer, dass ehemalige Produktionsanlagen wieder in Betrieb genommen oder neue Anlagen gebaut werden. «Beim Reshoring», betont Luciano Fratocchi, «setzen die Unternehmen häufig auf Dritte, das heisst, die rückgeführte Produktion wird inländischen Zulieferern übertragen».
Was hingegen in einigen Ländern nach jahrelanger Tertiarisierung wieder aufgebaut wird, ist die Produktionskultur. Die USA beispielsweise haben «Massnahmen im Bereich der beruflichen und universitären Ausbildung auf den Weg gebracht», da sie «Probleme haben, Produktionsprozesse ins Land zurückzuholen»: Es mangelt an Fähigkeiten, besonders an handwerklichen.
Hingegen gehört das Vereinigte Königreich als «typischer Finanz- und Dienstleistungsstandort» zu den Ländern, die vermehrt auf Reshoring setzen. Das Problem der Deindustrialisierung bestehe zwar, schliesst Fratocchi, «lässt sich mit den richtigen Industriepolitiken und Investitionen in die Ausbildung jedoch zumindest teilweise überwinden.»