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Koloniale Raubkunst: "Bei der Rückgabe gibt es kein Limit"
Ein neuer Bericht zeigt: Auch Schweizer Museen zeigten jahrzehntelang Raubkunst aus dem afrikanischen Königreich Benin. Man zeigt sich gegenüber einer Rückgabe offen.
Im Rieterpark über dem Zürichsee sei "der Glanz des 19. Jahrhunderts" noch heute gegenwärtig, schwärmt Zürich Tourismus. Hundertjährige Buchen wachsen hier in die Höhe, man sieht bis in die Alpen. Mittendrin steht das Museum Rietberg, das Kunstschätze aus aller Welt zeigt.
Doch im Museum sitzt nun jemand, der etwas aus dem 19. Jahrhundert zurück haben will: Abba Tijani. Der Generaldirektor der Nationalen Museums- und Denkmalbehörde von Nigeria weilt wegen den Benin-Bronzen in der Schweiz.
Er ist Teil einer nigerianischen Delegation, die mit einer Gruppe von Schweizer Museen - der Benin Initiative Schweiz - über die Zukunft der in der Schweiz gezeigten Benin-Bronzen diskutieren will.
"Wir möchten den Museen die Möglichkeit geben, diese Kunstwerke den rechtmässigen Besitzern zurückzugeben und legal auszustellen - das Richtige zu tun."
Zentrale Symbole einer globalen Debatte
Die Benin-Bronzen sind zu einem zentralen Symbol der Debatte um den Umgang mit den Kulturgütern Afrikas geworden. Nicht zuletzt, weil viele von ihnen zweifelsfrei Raubkunst sind: Im Februar 1897 fielen 1200 britische Soldaten in einer so genannten "Straf-Expedition" in die Stadt Benin ein, brannten alles nieder und unterjochten das Königreich dem britischen Empire.
Was sie an Wert fanden, plünderten sie: Die Soldaten nahmen tausende Skulpturen, Gedenktafeln, aber auch Elfenbeinschnitzereien mit. Heute sind diese Objekte unter dem Oberbegriff "Benin-Bronzen" bekannt.
In der Plünderung der Benin-Bronzen zeigt sich die symbolische Gewalt des Kolonialismus in aller Deutlichkeit. Die Bronzen waren von grosser Wichtigkeit für das Königreich Benin: "Jedes Mal, wenn ein neuer Oba, wie der König von Benin heisst, gekrönt wurde, liess er eine giessen. Das war ein Symbol für die Macht. Die Bronzen wurden benutzt, um die Geschichte des Königreichs zu dokumentieren", sagt Abba Tijani.
Ein Zusatzgrund, warum die Benin-Bronzen so ikonisch für die Debatte um Rückgabe geworden sind: Mit ihrem Raub wurde Geschichte gestohlen.
Zurück von der Front gelangten diese Skulpturen in England bald auf den Kunstmarkt und von hier auch zu Sammler:innen und Museen in der Schweiz. Objekte aus solchen "Strafexpeditionen" galten lange als besonders authentisch.
Heute ist klar: Von 96 Benin-Bronzen, die in der Schweiz gezeigt werden, stammen 21 gesichert und 32 vermutlich aus der Plünderung - insgesamt also wohl mehr als die Hälfte. Das besagt ein Bericht der Benin Initiative Schweiz, den sie in Kooperation mit nigerianischen Historiker:innen und Kurator:innen erarbeitet hat.
In einer gemeinsamen Erklärung wurde festgehalten, dass man gegenüber einer Übertragung des Eigentums an Nigeria offen ist, was die vermutlich oder sicher geraubten Objekte anbelangt.
Benin Initiative Schweiz
Auch in Schweizer Museen finden sich heute rund 100 Objekte, die mutmasslich aus dem Königtum Benin stammen.
Obwohl es noch keine Rückgabeforderungen gibt, haben sich acht Schweizer Museen zur Externer LinkBenin Initiative Schweiz Externer Linkzusammengeschlossen, um die Herkunft ihrer Sammlungen aus dem Königtum Benin in Nigeria genauer zu untersuchen – im Austausch mit nigerianischen Forscher:innen und Institutionen.End of insertion
Tijani schätzt die die Initiative sehr, "weil die Museen der Benin Initiative Schweiz die Frage der Repatriation in Angriff genommen haben, noch bevor wir sie überhaupt angefragt haben."
Der Bericht ist allerdings erst der Anfang eines Prozesses, in dem andere Länder bereits weiter sind: Deutschland erklärte sich 2021 bereit, 1300 Bronzen zurückzugeben und 2022 überschrieben englische und US-amerikanische Institutionen die Eigentumsrechte zurück an Nigeria. Dort ist nun eine Ausstellung in Kollaboration mit dem Smithsonian in Washington D.C. geplant, das etliche Bronzen zurückgegeben hat.
Wie hoch der Symbolgehalt der Bronzen eingeschätzt wird, zeigt, dass deren Rückgabe bereits mit dem Fall der Berliner Mauer verglichen wird. Abba Tijani hält nicht viel von solchen Vergleichen:
"Die Repatriation der Kulturgüter Afrikas verdient hohe Aufmerksamkeit. Aber man kann dies nicht unbedingt mit etwas anderem vergleichen, es ist ein einzigartiger Vorgang. Etwas, von dem nie erwartet wurde, dass es passieren würde."
Nollywood-Actionfilm über Rückraub
Tatsächlich dauerte es eine halbe Ewigkeit von den ersten Forderungen bis zur heutigen Reaktion: Nigeria forderte bereits in den 1930er-Jahren erste Objekte von Grossbritannien zurück. Weitere Anfragen in den 1950er- und 1960er-Jahren blieben ungehört – obwohl in den 60ern die Problematik der kolonialen Raubkunst bereits international diskutiert wurde.
In den 1970ern wollte man vom British Museum die Elfenbeinmaske der Königinmutter Idia für das Kulturfestival Festac77 ausleihen. Selbst das wurde aus kuratorischen Gründen verweigert. Die Maske wurde fortan zur Ikone der - erfolglosen - Forderung nach Rückgabe.
2021 liess Nollywood-Regisseur Lancelot Oduwa Imasuen einen nigerianischen Actionhelden das Erbe seiner Vorfahr:innen im British Museum stehlen.
Als er von den Museumswachen verhaftet wird, die Hände voller Skulpturen, schreit er: "Let go of me!! It belongs to me!" Das filmische Szenario zeigt, wie bizarr die Verweigerung ihrer Rückgabe in Nigeria wirken muss.
Es gibt kein Limit
Dass diese Weigerung schwindet, hat viel mit Emanuel Macron zu tun, der 2017 auf Staatsbesuch in Ouagadougou, Burkina Faso, verkündete, Frankreich sei bereit, die afrikanischen Kulturgüter zurückzugeben – und einen zentralen Bericht in Auftrag gab, der die Frage der Restitution erörtern sollte.
Aber auch Bewegungen wie "Rhodes must fall" und "Black lives Matter" sowie verschiedene kleinere Initiativen trugen dazu bei, meint Tijani:
"Die erhöhte internationale Aufmerksamkeit für die Entrechtung Schwarzer Menschen hat auch dazu beigetragen, dass es nun endlich Zeit ist." Er hat etlichen Museen Briefe geschrieben und sie aufgefordert, die Restitutions-Frage anzugehen.
SWI swissinfo.ch: Wie ist die Reaktion, stossen Sie heute noch auf Widerstand?
Abba Tijani: Nein, wir stossen auf wenig Widerstand. Sogar private Eigentümer:innen, die Leihgaben in Museen haben, stimmen grösstenteils zu und finden: Das ist jetzt das Richtige. Nur das British Museum ist da noch blockiert.
Was geschieht im Falle einer Restitution? Wie unterscheiden Sie, was zurückkehrt und was als Leihgabe bleiben kann?
Diese Objekte wurden illegal entwendet, weswegen sie zu 100% Nigeria gehören sollten. Doch einige unserer Kunstwerke sollen weiterhin in Ausstellungen zu sehen sein, auch damit die Museen von der Plünderung und der Rückgabe erzählen können. Das muss Teil der Geschichte dieser Objekte werden. Was ausgeliehen und was repatriiert wird, entscheiden wir im Gespräch mit den Museen. Wir sind bereit, Rücksicht auf Ausstellungskonzepte zu nehmen.
Werden die Objekte in Nigeria anders ausgestellt werden?
In Europa werden die Bronzen oft als blosse Kunstwerke ausgestellt, dabei hatten sie klare rituelle Funktionen. Wir werden die Objekte beispielsweise als Teil eines Schreins ausstellen, zusammen mit Videos, die die Zeremonien zeigen, in denen sie verwendet werden.
Kann es gelingen, den Objekten nach ihrer Rückkehr die rituelle Funktion zurückzugeben?
Aus Sicherheitsgründen werden sie das geplante Museum wohl nicht verlassen können, wie in Living Museums, bei denen Objekte auch für Rituale ausgeliehen werden können. Aber wir planen Räume zu schaffen, in denen sich Menschen, die eine besondere Beziehung zu den Objekten haben, zurückziehen können. Dort können sie sie in Ruhe betrachten und auch für Rituale verwenden. Wichtig ist uns auch, mit zeitgenössischen Künstler:innen zusammenzuarbeiten.
Bei den Benin-Bronzen ist der Fall klar, dass es sich um Raubkunst handelt. Bei vielen anderen Objekten, die während des Kolonialismus nach Europa gebracht wurden, sind die Verhältnisse verschwommen. Welche Forderungen stehen noch aus?
Die Plünderung der Benin-Bronzen ist allgemein anerkannt und gut dokumentiert. Deswegen stehen die Bronzen auch an vorderster Front der Repatriierungsdebatte. Aber es gibt so viele weitere Objekte, die gestohlen, durch Gewalt entwendet, aber auch Objekte, die unter unfairen Bedingungen gekauft wurden. Letzteres etwa, weil die Verkäufer:innen vollkommen verarmt waren. Diesen Geschichten müssen wir künftig noch stärker nachgehen. Es gibt kein Limit, welche Objekte repatriiert werden können und welche nicht.
In Übereinstimmung mit den JTI-Standards
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