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FLÜSTERBOGEN 3

Samstag 17. September 2011 St. Sebastians Kapelle, am Kirchplatz neben der katholischen Stadtkirche Baden
ab 16 Uhr - INSTALLATIVE KOMPOSITIONEN
Urs Bachmann - Flügelstimmung
Alvin Lucier (1931) [I am sitting in a room] (1969)
Rudiger Meyer (1968) Blindwriting (2011) UA
Nicolas Collins (1954) Pea Soup (1973-75; rev. 2002-11)
19.30 Uhr - KONZERT
Luigi Nono (1924-1990) ...sofferte onde serene... (1976)
Alvin Lucier (1931) music for piano with slow sweep pure wave oscillators (1992)
Alfred Zimmerlin (1955) Abendland (Klavierstück 6) (1996)
Rudiger Meyer (1968) Each person contains a world – a kizuna alphabet (2011) (UA)
Urs Bachmann Flügelstimmung Die Stimmung des Flügels eröffnet den nahtlosen Ablauf der installativen Kompositionen. Sie erhält hier ausnahmsweise die Bedeutung eines musikalischen Ereignisses mit seinem spezifischen künstlerischen Wert.
Alvin Lucier I am sitting in a room (1970) Luciers Spielanweisung lautet: Wählen sie einen Raum, dessen musikalische Qualitäten sie zur Entfaltung bringen möchten. (...) Verwenden sie den folgenden Text oder irgend- einen anderen Text von beliebiger Dauer: „I am sitting in a room different from the one you are in now. I am recording the sound of my speaking voice and I am going to play it back into the room again and again until the resonant frequencies of the room reinforce themselves. (...)“ Der in dieser Aufführung verwendete Text stammt von Petra Ronner.
Rudiger Meyer Blindwriting / Each person contains a world - a kizuna alphabet (2011) UA Auftrag von Petra Ronner für FLÜSTERBOGEN 3, finanziert von The Danish Arts Foundation Die Installation Blindwriting stellt eine Ergänzung zu dem konzertanten Stück Each person contains a world dar, ein Vor und Danach. Beide Stücke gehen auf Transformationen von Braille-Schrift in Musik aus und entstanden zum einen aus dem simplen Vergnügen an den visuellen Mustern dieser Schreibweise, zum andern aus der Neugier, wohin sie musikalisch führen könnten. Blindwriting basiert auf einem (ungenannten) Text, der sich während 82 Minuten in wellenartig fluktuierendem Tempo entfaltet. Auf einer anderen Ebene brachte mich die Arbeit an den beiden Stücken zum Nachdenken über Blindheit als psychische oder physische Kondition: Augen, die aus Angst oder Hass geschlossen sind, haben eine Art Blindheit zur Folge. Nicht-Sehen könnte positiv aufgefasst werden, als ein Zustand, der Offenheit und Zuhören als Haltung voraussetzt, sowohl gegenüber der Welt um uns herum als auch derjenigen in uns drin - die Fähigkeit, eine intuitive innere Stimme zu vernehmen, wenn wir den Weg vor uns nicht erkennen können. Each person contains a world - a kizuna alphabet entstand als Respons auf verschiedene Krisen und Katastrophen, global und im Kreise der Nächsten; Namen und Worte, persönliche und nationale, versammelt und geordnet in Form eines Blinden-Alphabets. K j I h g f e d c b Z y x w v U t s r q p o N m l A (Das Japanische Wort Kizuna meint etwa "Verbundenheit der Menschen").
Nic Collins Pea Soup (1973-75; rev. 2002-2011) Pea Soup entstand noch während meiner Zeit als Student bei Alvin Lucier an der Wesleyan University. Ein selbststabilisierendes Schaltkreissystem (ursprünglich drei Countryman Phase Shifter) verändert die Tonhöhe von Rückkopplungen immer dann, wenn diese sich aufbaut. Das vertraute Pfeifen wird in fluktuierende Muster von dumpfen Tönen überführt - ein ortsspezifisches Raga, das, bestimmt durch die Raumresonanzen und Nachhallzeiten, die akustischen Eigenschaften des Raumes reflektiert. Diese „architektonischen Melodien“ werden durch Bewegungen im Raum beeinflusst, durch Geräusche oder einfach durch einen Schwall kalter Luft, der in den Raum eindringt. Pea Soup wurde sowohl als interaktive Installation präsentiert, die auf die Besucher reagierte, wie auch als Konzertversion mit mehreren Akteuren, die sich im Raum bewegten und mit Geräuschen und Klängen das Feedback beeinflussten. In den späten 90er Jahren versuchte ich die nun nicht mehr verfügbaren Countrymen Phase Shifter zu ersetzen und eine Software-Emulation zu entwickeln. Seit 30 Jahren wird Pea Soup nun aufgeführt und in dieser Zeit hat sich das, was einmal ein streng minimalistisches Konzeptstück gewesen ist, zu einem freieren, mit der gegebenen Architektur improvisierenden Stück Musik entwickelt. Denn jeder Aufführungsort hat seine eigenen Resonanzen und Nachhallzeiten. Jede Aufführung oder Installation hat daher ihre eigene Tonalität und ihr eigenes Tempo. Seit Jahren archiviere ich die Live-Aufnahmen des Stückes mit dem Ziel, sie auf einer CD zusammenzustellen, deren Klänge durch eine Reihe von Tonhöhen modulieren. Möglich wäre auch ein kontinuierlicher Internet-Radio-Stream, der das Archiv als eine Art Audio- „Screensaver“ spielt. (nc) Petra Ronner und Nic Collins trafen sich im September 2010 in Durban, Südafrika, im Rahmen des internationalen Electronic Music Indaba, für das sie eine gemeinsame Aufführung von Pea Soup auf der Bühne des Howard College Theatre der University of KwaZulu-Natal realisierten.
Luigi Nono ...sofferte onde serene... (1976) Das Stück spielt sich im Raum der Verschmelzung von Tonband- und Klavierklang ab. Die Synchronisation der beiden Parts ist nur punktuell geklärt: neun Referenzstellen sind in der Partitur notiert, die jeweils gemeinsame Startpunkte für eine Passage abgeben. Das historische Zuspielband - im Studio aufgenommene Improvisationen von Maurizio Pollini, die Nono stark bearbeitet hat - läuft durchgehend und resultiert mit dem im Moment umgesetzten Notentext Nonos - einem aus Tonrepetitionen gewobenen Klanggeschehen, zeitlich fluktuierende, rhythmisch, dynamisch und artikultorisch äusserst differenziert - in einer komplexen aber elastischen Komposition mit hohem Anteil an Zufällen in der Mikrostruktur. Was für Nonos frühere Musik charakteristisch ist – grosse Kontraste, Kontrapunktik heterogener Materialien - , wird in ...sofferte onde serene... aufgegeben. Klaviercluster werden variierend erforscht; dabei gilt Nonos Interesse besonders den Ein- und Ausschwingvorgängen, die sich durch differenzierten Anschlag und Pedalgebrauch, durch Pedaltritte, die das ganze Instrument in Schwingung versetzen, oder – bei den Tonbandklängen – durch behutsame elektronische Modifikation vielfältig schattieren lassen. Tonband- und Live-Klänge bilden selbständige Ebenen, aber keinen Gegensatz; sie ergänzen und erweitern einander, mit Vorausnahmen oder Echos, sind oft untrennbar verschmolzen, verschiedene Aspekte eines einzigen Gegenstandes, musikalische Reflexion über Identität. Auch Persönliches ist in die Komposition eingegangen, Trauer über den Tod von Familien- angehörigen oder auch der akustische Erfahrungsraum von Nonos Heimatstadt Venedig. Er schrieb: "In mein Heim auf der Giudecca in Venedig dringen fortwährend Klänge verschiedener Glocken, sie kommen mit unterschiedlicher Resonanz, unterschiedlichen Bedeutungen, Tag und Nacht, durch den Nebel und in der Sonne. Es sind Lebenszeichen über der Lagune, über dem Meer. Aufforderungen zur Arbeit, zum Nachdenken, Warnungen. Und das Leben geht dabei weiter in der durchlittenen (sofferto) und heiteren (sereno) Notwendigkeit des "Gleichgewichts im tiefen Inneren", wie Kafka sagt". [Doris Döpke]
Alvin Lucier Music for piano with slow sweep pure wave oscillators (1992) Zwei Sinus-Glissandi bewegen sich langsam in entgegengesetzter Richtung über vier Oktaven. Gemeinsam bilden sie einen grossen unregelmässigen Rhombus in der Zeit ab. Zeitlich relativ notierte Klaviertöne kreuzen die gleitenden Klangwellen. Durch den Moment des Anschlags beeinflussen sie die aus dem Zusammenklang resultierenden Puls- Muster. Erklingt der Klavierton bevor der Sinuston im Unisono landet, beginnt der Puls schnell und beruhigt sich. Erklingt der Klavierton nachdem der Sinuston das Unisono verlassen hat, beschleunigt sich der Puls. Erklingt der Klavierton im Unisono mit dem Sinuston, setzt der Puls einen Moment aus. Sind sich die Frequenzen sehr nahe, so sind die langsam pulsierenden Klangwellen in räumlicher Bewegung (spinning) zu hören. Die Interferenz-Pulsmuster sind nicht Ornament oder Färbung sondern das Material, aus welchem das Stück gemacht ist.
Alfred Zimmerlin Abendland (Klavierstück 6) für Klavier und Zuspiel-CD (1996) Eine Kantilene eröffnet das Abendland, erzählend, temperierend und anspielungsreich, obschon gänzlich musikalisch-abstrakt. Nach einigen Minuten werden "die Fenster geöffnet", ein klanglicher Szenenwechsel erfolgt in Form einer akustischen Projektion in den Kapellenraum. Sie enthält synthetische Klangobjekte, welche vom Klavier erwidert werden – nach Spielregeln und mit vorgegebenem Motiv-Material improvisiert. Eine Verschränkung der Klangwelten und Zeitebenen entsteht, welche bei jeder Aufführung ein neues, kaleidoskopartiges Ganzes erzeugt. Der Glockenklang ist ein markantes Zeichen im Klang-Biotop des Abendlandes. In jeder Region wieder anders erinnert er daran, dass im Dorf, in der Stadt eine Kirche steht. Mit ihm wird die Zeit gemessen, und Gustav Mahler hat den Herdenglocken ein unvergleich- liches musikalisches Denkmal gesetzt. Mit leichter Melancholie erinnert das Klavierstück an dieses Klangzeichen. Ein einfacher, tiefer Gesang erklingt, darin ereignen sich einzelne Glocken-Akzente (welche auf sehr abendländische Weise auf dem sehr abendländischen Instrument disponiert sind: in einer aus der Tiefe aufsteigenden Allintervallreihe). Später tritt zum Klavier gleichsam als akustisches Bühnenbild von einer Compact Disc zugespielt der Klang-Lebensraum des Abendlandes. Zu hören ist der Umweltklang eines kalten, regnerischen Dezembermorgens. In einer Zeitraffer-Montage werden die zwei Stunden zwischen fünf Uhr und sieben Uhr in wenigen Minuten durchschritten; Zürich erwacht. Elektronische Klänge bieten Kommuni-kationsmöglichkeiten zwischen dem Zuspiel und dem Live-Klavier an, das sich in einer offenen, auf (Lebens-) Zyklen beruhenden Form bewegt. Der Klang des Biotops (aufgenommen am 22. Dezember 1994 in Zürich-Unterstrass) ist unterdessen historisch geworden; heute würde er sich – gerade an dieser Stelle von Zürich aufgenommen – recht anders zeigen. Die Aufnahme wurde am frühen Morgen auf den Tag genau 100 Jahre nach der Uraufführung von Claude Debussys «Prélude à l'après-midi d'un faune» realisiert, einem Werk, das abendländische Musikgeschichte geschrieben hat. (az)