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Zur Orthographiereform.
In der deutschschweizerischen Lehrerschaft und in der pädagogischen Fachpresse wird zurzeit über eine vereinfachte Rechtschreibung eifrig diskutiert. Der Antrieb zum neuen Kampfe um eine Verbesserung der Orthographie gibt der Schweizerische Bund für vereinfachte Rechtschreibung, der viele Mitglieder aus Lehrerkreisen aufweist. Die ganze Reformbewegung wird nicht nur etwa wahl- und ziellos vom Zaune gebrochen, sondern sie hat ihre Bestrebungen und Zielsetzung erst nach reiflichen Vorarbeiten und langen, ausführlichen und gewissenhaften Studien begründet.
Um ihre vorläufig zu erstrebende Orthographieverbesserung zu verstehen, ist es nötig, einen kurzen historischen Rückblick auf das Werden unserer heute zurecht bestehenden Rechtschreibung zu werfen. Unsere jetzige Orthographie ist ein Kind des 16. Jahrhunderts, ein Erzeugnis der neuen, durch Luther endgültig geschaffenen und schriftlich festgelegten deutschen Schriftsprache. Die Mönche und Schriftkundigen des Mittelalters kannten noch keine Rechtschreibregeln. Die mittelalterlichen Handschriften weisen in frühester Zeit nur durchgehende Kleinschreibung aller Wörter auf. wobei diese nach der örtlichen Aussprache, nach Gutdünken des Schreibers aufgezeichnet wurden. Erst im Laufe der Zeit wurden nach und nach die Schriftstücke mit farbigen Initialen, d. h. Großbuchstaben, verziert. Anfänglich selten, nur am Anfange neuer Abschnitte, treten sie immer mehr in reicherem Maße auf. Sie stehen am Zeilenbeginn, dann an Satzanfängen und schließlich nach Gutdünken auch innerhalb des Satzes. Diese Willkürlichkeit, verbunden mit der örtlichen Aussprache und der letzten Lautverschiebung, ergaben für die Rechtschreibung chaotische Zustände. So liegen also die Wurzeln der eigentlichen Rechtschreibung, d. h. der Fixierung der Schriftbilder für die gesprochenen Wörter, im Mittelalter. Für sie sind sprachgeschichtliche, phonetische, etymologische, bedeutungsunterscheidende und andere Erwägungen maßgebend. Eine Regel widerspricht der andern, so daß man heute kaum ein wirklich allgemeingültiges Rechtschreibungsgesetz festlegen kann. Ins Aschgraue aber zerflatterte die Rechtschreibung in der Barockzeit. Sie spiegelt hier ungemein deutlich den ganzen Schwulst in allen Kunstformen wider, die der ganzen Sprach-, Ausdrucks- und Lebensform der damaligen Zeit entsprechen.
Um aus dieser Regellosigkeit herauszukommen, versuchte 1630 der Dramatiker Kohlroß wenigstens die Großschreibung auf die Substantive zu beschränken. Gottsched verhalf dieser Regel zum Durchbruch. Aber erst Klopstock fand den Mut, gegen die Regeln der Regellosigkeit anzukämpfen. Mit ihm beginnt die eigentliche Orthographiereform, die seither immer wieder neue Anläufe nahm, um unserer Sprache eine einfachere schriftliche Darstellung zu geben. In Deutschland fehlte es nie an Reformversuchen; doch wurden sie 1870 durch das Machtwort Bismarcks unterbunden. Eine spätere Konferenz in Berlin, von Deuitschland, Oesterreich und der Schweiz beschickt, verlief im Sande. Der heilige Bureaukratius, das Amt, das Buch- und Schriftgewerbe waren Gegner. Das einzige Ergebnis war das Fallenlassen des th. Nach der Revolution 1918 lag im Kultusministerium in Berlin ein ganz radikaler Reformvorschlag auf. Dieser forderte nicht nur die Kleinschreibung, sondern auch das Wegfallen aller Schärfungen und Dehnungen usf. Aber seit dem neuen Zug nach rechts hört man gar nichts mehr davon.
Um aber endlich einmal wirtlich die Verbesserung der Rechtschreibung in Fluß zu bringen, wurde im Jahre 1920 in der Schweiz der Bund für vereinfachte Rechtschreibung gegründet. Er wird sich mit maßgebenden und gleichgesinnten Kreisen in Deutschland und Oesterreich in Verbindung setzen. Der Bund hält dafür, daß in dieser Sache nicht extrem vorgegangen werden kann. Nur schrittweises Ausgreifen wird Aussicht auf Erfolg haben. Die Haupthindernisse liegen heute nur noch beim Schrift- und Buchgewerbe sowie beim Handelsstand.
Eingehende Untersuchungen haben gezeigt, daß die Hälfte aller Fehler aus der Großschreibung der Substantive entspringt. Da soll angesetzt werden. Was die romanischen Völler und die Engländer immer hatten, was unsere Sprache vor dem 16. Jahrhundert besaß – die Kleinschreibung – ist erstrebenswert. Damit gewänne die deutsche Sprache wieder an Leben und Inhalt, denn die Art ihrer Fixierung ist im Grunde genommen Nebensache. Dadurch würde für die Schule für einen vertieften Unterricht Zeit gewonnen. Wieviel ging bisher nutzlos für die Danaidenarbeit der Rechtschreibung verloren! Den Beweis erbringt die bedenkliche Behandlung der Orthographie durch die breite Masse. Neben der durchgehenden Kleinschreibung, mit Ausnahme der Satzanfänge und Eigennamen, soll zugleich die Vereinheitlichung des f-Lautes durch Fallenlassen des widerspruchsvollen V verwirklicht werden. Die Durchführung dieser beiden Forderungen ist heute möglich. Dafür wird sich der Schweizerische Lehrerverein nach Anhörung seiner Sektion einsetzen. Bisher stimmte jede zu; die diese Frage diskutierte. Der S. L. V. wird zu gegebener Zeit beim Bundesrat vorstellig werden. Damit dieser sich deswegen mit Deutschland und Oesterreich in Verbindung setze.
Der Einwand, daß durchgehende Kleinschreibung das Erfassen des Satzinhaltes erschwere, ist hinfällig. Denn es ist sehr die Frage, ob das Substantiv wirklich die Hauptsache im Satze ist und nicht etwa das Verb. In einer Fremdsprache haben wir uns ja auch schon zum vornherein daran zu gewöhnen, und noch nie ist uns das Erfassen des Sinnes deshalb schwerer geworden. Es sei daran erinnert, daß seit Jakob Grimm in der deutschen Philologie alle Werke wissenschaftlichen Inhaltes durchgehend klein geschrieben werden. So dürften wir zum Wohle der Schule und unseres und aller deutschsprechenden Völker dankbar sein, wenn es mit den erwähnten Reformbestrebungen vorwärtsginge. Denn der Geist ist‘s der lebendig macht. Die gesprochene Sprache und nicht ihr mumifiziertes Schriftbild ist das Maßgebende und das Lebendige.
Ernst Speiser