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Zu viel Sozialpartnerschaft, zu wenig Arbeitskampf: Ein Buch zum Jubiläum setzt falsche Akzente.
Die «raison d’être» der Gewerkschaften taucht schon auf den ersten Seiten des Buches «Vom Wert der Arbeit» prägnant auf: Am 21. Januar 1837 verliess ein grösserer Teil der Arbeiterschaft der Firma Trümpy in Glarus die Fabrik, um gegen die Einführung einer Fabrikglocke und den Abbau der Löhne zu protestieren. Es ging um Stress und Lohn. Die Glocke, mit der die Fabrikherren eine bessere Arbeitsdisziplin durchsetzen wollten, blieb dann zwar hängen. Aber die Arbeiter und Arbeiterinnen hatten den kollektiven Widerstand kennengelernt. Die nächste Generation erreichte 1864 mit dem Glarner Fabrikgesetz die Einführung des zwölfstündigen Arbeitstages und wies damit den Weg zum eidgenössischen Fabrikgesetz von 1877.
1880 entstand der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts fristete er ein Schattendasein. Die gewerkschaftliche Kraft lag zu einem erheblichen Teil in den zahlreichen Berufs- und Zentralverbänden oder den Arbeiterunionen, die nicht auf ihre Autonomie verzichten wollten. Als wirtschaftlicher Spitzenverband verfügte der SGB aber über ein grosses gesellschaftspolitisches Potenzial. Seit der Gründung des Schweizerischen Handels- und Industrievereins im Jahr 1870 - damals Vorort und heute economiesuisse genannt - bestimmten Wirtschaftsverbände die eidgenössische Politik in starkem Masse mit. Es dauerte allerdings noch einige Zeit, bis der SGB einen genügend hohen Organisationsgrad erreichte, die bürgerlichen Spitzenverbände ihn ernst nahmen und er im Kampf um anständige Arbeitsbedingungen entscheidend eingreifen konnte. Ein wichtiger Schritt in diese Richtung erfolgte 1926 mit der Ernennung von Max Weber zum wissenschaftlichen Mitarbeiter. Weber entwickelte die politischen Strategien des SGB auf der Basis ökonomischer Analysen weiter.
Jahre der Krise
Anlässlich der Hundert-Jahr-Feier des SGB kam 1980 nur die französische Version einer Festschrift zustande («Un siècle d’union syndicale suisse, 1880-1980»). Dies war ein Ausdruck der inneren Krise, in der sich der SGB in jenen Jahren befand. 1976 hatte er mit 475 000 Mitgliedern die höchste Mitgliederzahl erreicht, aber von da an ging es abwärts. 1999 zählte man nur noch 380 000 Mitglieder. Zudem schwächten Richtungskämpfe das Gewerkschaftswesen. Die in der Dachorganisation Hermes vereinigten Angestellten sowie andere mittelständische Berufsgruppen verliessen den SGB. Es waren nicht nur Jahre der Krise, sondern auch der Anfang des politischen Rechtsrutsches in der eidgenössischen Politik. Die traditionelle Sozialpolitik wurde zunehmend infrage gestellt. Ein deutliches Zeichen dafür war das 1985 eingeführte Drei-Säulen-Prinzip, mit dem die bürgerliche Mehrheit wichtige Teile der Altersvorsorge den Finanzinstituten zuschanzte.
Die Versuche des SGB, der inneren Krise mit Strukturreformen und einer strafferen Organisation beizukommen, blieben lange erfolglos. Richtungsweisend war 1998 der Zusammenschluss verschiedener Gewerkschaften zur Mediengewerkschaft comedia. 2005 gelang eine entscheidende Reorganisation des Gewerkschaftswesens. Die Gewerkschaft Bau und Industrie (GBI), der Smuv (Schweizerischer Metall- und Uhrenarbeiterverband) und der VHTL (Verkauf Handel Transport Lebensmittel) schlossen sich zur Gewerkschaft Unia zusammen. Innerhalb des SGB tummeln sich aber immer noch zahlreiche kleine Gewerkschaften wie etwa der Verband der Seidenbeuteltuchweberei, der nur noch 200 Mitglieder hat. Die Geschichte der letzten zehn Jahre zeigt, dass die Gewerkschaftsbewegung an einem wichtigen Wendepunkt steht.
Die vorliegende, vom SGB angeregte Festschrift zeigt, wie diese Entwicklungen in der langen historischen Perspektive abgelaufen sind. In sechs Kapiteln werden die Anfänge der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, der Aufstieg der Gewerkschaftsbewegung, die Bewährung im Ersten Weltkrieg und im Generalstreik von 1918, die Zeit der Weltwirtschaftskrise und des Zweiten Weltkrieges, die Etablierung in der Hochkonjunktur und im Kalten Krieg sowie die Krise seit den siebziger Jahren behandelt. Bernhard Degen liefert für jedes Kapitel einen historischen Rahmen, in dem Aspekte der politischen und wirtschaftlichen Geschichte der Schweiz - die welsche Schweiz kommt wieder einmal zu kurz - mit jenen der ArbeiterInnen- und Gewerkschaftsbewegung verknüpft werden. Dabei wird rasch ersichtlich, dass die Entwicklung des schweizerischen Bundesstaates, der Wirtschaft und der Gewerkschaften aufs Engste verflochten sind.
Im Haupttext von Degen dominiert das Konzept der Sozialpartnerschaft. Degen stellt die Bemühungen um die Einführung und die Entwicklung von Gesamtarbeitsverträgen in den Vordergrund und konstruiert damit eine auf Konsens und Sozialpartnerschaft hinsteuernde Geschichtslogik. Dies führt dazu, dass die andere Seite dieser Geschichte, die nicht selten mit Härte und Leidenschaft geführten Arbeitskämpfe, zu wenig gewichtet wird. Obwohl das zweite Kapitel den Titel «Aufstieg und Klassenkampf» trägt, wird der Klassenkampf nicht problematisiert, sondern unter dem Stichwort «soziale Unrast» (Seite 69) eher verniedlicht. Unbeachtet bleibt auch der schon vom Berner Historiker Erich Gruner eingehend analysierte Klassenkampf «von oben»: die repressive, von den Behörden und der Justiz unterstützte Ordnungspolitik und das massive Vorgehen der Unternehmer, die mit allen Mitteln die Gewerkschaften zu brechen versuchten. Nicht nur ein Blick auf die Geschichte, sondern auch auf die Gegenwart zeigt, dass im Konflikt zwischen Arbeit und Kapital die Streikfrage trotz erfolgreicher Gesamtarbeitsverträge nicht heruntergespielt werden darf.
Einen grossen Platz nimmt die institutionelle Organisationsgeschichte mit ihren Verweisen auf zahlreiche Gewerkschaften und Berufsverbände ein. Wir erhalten damit einen eindrücklichen Einblick in die umfangreiche und komplexe Welt der Arbeitervereine, in der es nicht nur um Lohn und Streik, sondern auch um soziale Kompetenz, Bildung, Kultur und Lebensgestaltung in der Freizeit geht. Leider wird diesen kulturellen Leistungen der ArbeiterInnen wenig Beachtung geschenkt, während die Organisationsgeschichte gelegentlich zu langfädigen Aufzählungen führt und wenig zum Verständnis der Gewerkschaftsgeschichte beiträgt. Einige zentrale Aspekte wie Mitgliederentwicklung, Organisationsgrad, Arbeitsmarkt und Einkommensbilanz, die im Text verstreut oft vorkommen, hätten eine zusammenfassende Darstellung verdient.
Der «Sonderstatus Frau»
Erfreulich sind die sieben Kurzkapitel, die sich mit den Arbeiterinnen, einigen hervorragenden Pionierinnen (Margarethe Faas-Hardegger, Rosa Bloch-Bollag, Anny Klawa-Morf) und dem «Sonderstatus Frau» befassen. Doch bleibt die Frage unbeantwortet, ob die Gewerkschaften nicht allzu oft der Diskriminierung der Frauen zustimmten, weil sie damit - in heimlicher Übereinstimmung mit den Unternehmern - den sozialen Status der Arbeiter und die Hierarchie in den Betrieben festigen konnten.
Solche Schwächen werden weitgehend durch die kurzen, in der Regel zwei- bis dreiseitigen Einschübe von verschiedenen AutorInnen aufgewogen. In dreissig kleinen Kapiteln werden einzelne Fragen oder Biografien aufgegriffen. Es geht beispielsweise um die Kinderarbeit im Tessin, die Arbeiterbewegung im Jura, die Angst der Bankiers vor dem Bolschewismus oder die Haltung der Gewerkschaften in der Fremdarbeiterfrage. Bei den biografischen Skizzen finden wir, neben den schon erwähnten «Vorkämpferinnen», lebendige Bilder von eher unbekannten Gewerkschaftern: zum Beispiel Johann Kappes, SGB-Präsident im Jahre 1886; Domenico Visani, Leiter der Arbeiterkammer im Tessin; oder Romano Casanova, der dreissig Jahre in Baracken verbrachte. Diese kurzen Beiträge machen aus dem Buch eine Fundgrube und illustrieren, dass die sozialgeschichtliche Erfassung der Arbeiterbewegung fruchtbar ist. Reiches Bildmaterial gibt weitere aufschlussreiche Einblicke. Es war an der Zeit, die in letzter Zeit sträflich vernachlässigte Sozialgeschichte und die Probleme der Klassengesellschaft wieder aufzugreifen. Die Rolle der Gewerkschaften ist auch im 21. Jahrhundert in keiner Weise überholt. Dies zeigen die Erfahrungen im globalisierten Arbeitsmarkt, aber auch Versuche der Unternehmen, Gesamtarbeitsverträge wieder abzuschaffen.