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Geschichte
Frontsoldat sein im Ersten Weltkrieg
In einem Jahr, in dem der Leser durch Publikationen zum Ersten Weltkrieg regelrecht erschlagen wird, ragt die Studie von Christoph Nübel allein schon durch ihren Titel aus der Masse heraus: "Durchhalten und Überleben an der Westfront. Raum und Körper im Ersten Weltkrieg". Nübel widmet seine Untersuchung der Geschichte der Kriegserfahrungen im Ersten Weltkrieg, wobei er drei historische Raumschichten differenziert und gesondert behandelt, nämlich Umwelt, Gelände und Landschaft. Die "Umwelt" meint die Umgebung des Soldaten inklusive der (nicht vorhandenen) Infrastruktur und stellt den Körper des Soldaten unter den Einflüssen von Wetter, Klima, Hygiene u.ä. in den Mittelpunkt. Unter "Gelände" versteht der Autor geografischen und unter militärischen Gesichtspunkten wahrgenommenen Raum, "der unter dem Primat der militärischen Nutzung stand" (S. 12). Dem gegenüber grenzt er die "Landschaft" als explizit nicht militärisches Gelände ab, welches der Betrachter als Umgebung auf sich einwirken lässt.
Entsprechend ist die Arbeit nach der Einleitung auch in drei Hauptabschnitte gegliedert, die sich den historischen Raumschichten widmen.
Im ersten Abschnitt "Umwelt. Die Lebensbedingungen im Frontgebiet" geht Nübel nach der Schilderung der Situation in den Schützengräben insbesondere auf die Probleme Ruhr und Nässegangrän / Trench Foot und ihre unterschiedliche Wahrnehmung in Deutschland und England ein, bevor er sich der Hygiene widmet. Im abschließenden Kapitel kann er überzeugend aufzeigen, wie das Leben im Schützengraben in der Auffassung vieler zeitgenössischer Autoren ein "… willkommenes Mittel [war], dem vermeintlich degenerierten modernen Menschen zu ursprünglicher Kraft und Stärke zu verhelfen." - eine Auffassung, die sich auch auf das Sprechen über die Kriegserlebnisse und die Wahrnehmung in der Nachkriegszeit auswirkte.
Der zweite Abschnitt, "Gelände. Taktik und Ausbildung im Stellungskrieg", widmet sich der Bedeutung der Beschaffenheit des Geländes für die Kriegführung. Dabei kann der Autor herausarbeiten, dass sich im Rahmen der Entwicklung der Kriegführung fünf Phasen unterscheiden lassen, die letztlich unter Einfluss von Waffentechnik und Taktik immer komplexere Lösungen und eine immer intensivere Ausbildung der Soldaten notwendig machten. Anhand eines exemplarisch untersuchten Kampfes des Jahres 1916 kann Nübel in beeindruckender Weise aufzeigen, wie Kampfgruppen die Massenangriffe ablösten und wie innerhalb derselben aufgrund der verschiedenen Befähigungen der Soldaten eine nahezu industrielle Arbeitsteilung Einzug hielt.
"Landschaft. Die Westfront als Kriegs-Schauplatz" - in diesem Abschnitt zeigt Nübel auf, dass sich vier unterschiedliche Modi der Landschaftswahrnehmung herausbildeten, die entsprechend unterschiedliche Deutungen bedingten. Die "Naturlandschaft" bezeichnet die Option, die Landschaft an der Front, und hier insbesondere den Granattrichter als prägendes Element, als lebensfeindliche Umgebung ähnlich einem Vulkan, zu beschreiben. Ähnlich verhielt es sich mit der Beschreibung der Landschaft als lebensfeindlicher "Wildnis", wohingegen in der "mythischen Landschaft" die Vergänglichkeit von Bäumen und Wäldern (und Menschen) im Vordergrund stand. Gänzlich anders wird die "Kulturlandschaft" interpretiert, in der das "Pflügen" der Landschaft durch die Gewalten des Krieges als Notwendigkeit und "Akt der Kultivierung" verstanden wurde.
Es ist dem Autor zu danken, dass er - oftmals auch unter Ausgriff auf andere Disziplinen - die Kategorie des Raumes ins Zentrum einer Untersuchung zum Ersten Weltkrieg gestellt hat, ohne hierbei jedoch die Kategorie der Zeit zu vernachlässigen. Insgesamt ergeben sich eindrückliche Ergebnisse, die den Weg zu weiteren Forschungsfragen weisen, wie Nübel in seiner Schlussbetrachtung aufzeigt. Das vorliegende Buch verdient eben aufgrund dieses Ansatzes und seiner inspirierenden Argumentation einen herausragenden Platz nicht nur in der Literatur zum Ersten Weltkrieg, sondern es ist ihm auch eine wohlwollende Aufnahme außerhalb der Militärgeschichte im engeren Sinne zu wünschen.