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Wozu dient Reichtum? Diese Frage ist nicht nur eine nach der tatsächlichen Motivlage, sondern eine klassisch politische: Jemand hat es in einer Gesellschaft zu Reichtum gebracht. Wie stellt er sich nun zu ihr? Gibt er ihr etwas davon? In welcher Form? Wie viel? Braucht er sich überhaupt zu rechtfertigen? Im Verlauf der Geschichte haben sich von der antiken Liturgie bis zur modernen Stiftung verschiedene Muster zur Legitimierung von Reichtum herausgebildet und über die Zeit verändert – sie werden in der Folge durchlaufen und immer wieder auf die eine zentrale Frage hingeführt: Wozu reich?
1. Legitimation durch Stiftung öffentlicher Güter
Sagenhaft reich soll Xerxes gewesen sein. Und auch Krösus, ebenso wie Midas. Die orientalische Despotie zeigt seither und bis hin zu Gadhafi oder Abdullah al Saud ein grundlegendes Muster des Reichtums: Aneignung durch Herrschaft. Reichtum durch Zwangsabgaben, Steuern, Enteignung und Krieg. Darin wird ein gewaltsames Grundmuster des Reichtums erkennbar.
Die antike griechische Polis war das einzige Gegenmodell zur orientalischen Despotie: als Verfassungsmodell der Politik, inklusive Demokratie. Verfassungsstaaten lassen keinen Herrscher zu, der ihre Untertanen offen ausbeutet bzw. ihre Gewinne willkürlich abschöpft. Die Bürger verbannen ihn irgendwann oder wechseln die Verfassungsform. Athen, als Musterpolis, kannte keine Steuern; nur die Metöken, die Gastbürger, hatten welche zu entrichten. Die öffentlichen Güter (Tempel, Amtsgebäude, Wehranlagen, Strassen) wurden als sogenannte leiturgia von den Reichen finanziert. Reichtum war legitim, wenn die Reichen ihre Polis beschenkten. Freigebigkeit zählte bei Aristoteles zu den grossen Tugenden. Und die Polis ehrte im Gegenzug ihre Stifter.
Damit wird historisch das erste legitime Grundmuster des Reichtums erkennbar: seine Legitimation durch Stiftung öffentlicher Güter. Im Gegensatz zum orientalischen Despoten mit seinem absoluten Reichtum war der reiche Polisbürger auf die Legitimation seiner Mitbürger angewiesen. Denn die Bürger waren im Wohlstand differenziert, aber politisch gleich. Die Polis achtete auf relative Homogenität. Wenn die reichen Bürger die öffentlichen Güter finanzierten, stärkten sie den Glanz der Polis und die Bürgergemeinschaft.
Das Grundmuster der Legitimation von Reichtum durch die Stiftung öffentlicher Güter – das Leiturgia-System – ist eine in den Poliskontext verschobene Gabenökonomie. Der Poliskontext änderte die auf den Clan bezogene Reziprozitätsstruktur des Gabensystems. Stammesgesellschaften pflegen über Geschenke und Gegengeschenke das Netz der familialen und Zwischenstammesbeziehungen. Die vorpolitische Gemeinschaftlichkeit versichert sich so immer wieder ihrer selbst.
Die Erfindung der Polis beruhte auf der Entmachtung der alten Clanstrukturen. Der Stadtstaat ist keine Stammesgemeinschaft, sondern, als Ausnahme in der Antike, eine Gemeinschaft freier Bürger in Selbstherrschaft. Strukturell betrachtet waren die Stadtstaaten, im Unterschied zur alten Form der Stammesgemeinschaft, eine Gesellschaft von Fremden. Doch auch in ihnen wirkte das Prinzip von Gabe und Gegengabe – nur in anderer Form.
Die spezifische Rolle der Gabenspender für die Gemeinschaft fällt den Reichen zu. Es ist eine moderne Form der Gabenökonomie, die nicht mehr auf personaler Reziprozität beruht, sondern auf einer Reziprozität der Reichen mit der Polis-Öffentlichkeit. Das Moment des Gebens bleibt, aber die Gabe nimmt eine Gemeinschaftsform an, wobei die Gegengabe in der Ehrung des Spenders besteht.
In dieser politischen Ökonomie wächst der Reichtum der Polis mit dem Reichtum ihrer Bürger, unter der Bedingung, dass mit dem Vermögensanstieg proportional die Zahl und das Quantum der Leiturgien ansteigen. Reichtum ist in diesem Reziprozitätsmuster eine legitime und erwünschte Kompetenz. Die pleonexie – das Streben nach dem Mehrhaben – ist nicht verwerflich, wenn sie der Polis zugute kommt.
2. Legitimation durch Caritas
Das zweite legitime Reichtumsmuster findet sich in der Konzeption der Caritas, definiert von Thomas von Aquin: Das, was einer braucht (necessitas), kommt ihm zu. Alles, was an Einkommen und Vermögen darüber hinausweist (superfluum), ist den Armen zu geben.
Auch hier liegt ein Reziprozitätsmuster zugrunde, nun aber nicht mehr polisgemeinschaftlich ausgerichtet,…