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Urtopographie und Seespiegelschwankungen
Gletscher und Flüsse formten die Urlandschaft des späteren Siedlungsraums Zürich. Der Linthgletscher hinterliess einen Moränenwall und die Sihl schüttete grosse Deltas ins Limmattal und in den Zürichsee. Sihlschotter liess zudem den Seespiegel ansteigen, so dass der Zürichsee zeitweise bis an den Lindenhofhügel reichte. Mit diesen Faktoren mussten sich die keltischen, römischen und frühmittelalterlichen Siedler auseinandersetzen.
Zürich liegt am nördlichen Ende des Zürichsees am Ausfluss der Limmat, in dem weiten, vom Linthgletscher der letzten Eiszeit geformten Tal. Vor 20'000 Jahren lag die Gletscherzunge im Raum Zürich und formierte hier jenen ausgeprägten Moränenwall, dessen bekannteste Erhebung der heutige Lindenhofhügel darstellt.
In der Nacheiszeit war es vor allem die Sihl, die den späteren Siedlungsraum prägte. Sie bildete bei der Mündung in die Limmat eine riesige Deltalandschaft – die Ebene des heutigen Sihlfelds. Zeitweise durchbrach sie zudem den Moränenwall und schüttete ein Delta in den Zürichsee auf, das den Untergrund der heutigen City bildet. Die Aufschüttung von Geschiebe an der Mündung in die Limmat führte zu einem Rückstau von Limmat und See. Durch dieses Stauen des Sees wurde das Gebiet der heutigen Innenstadt dauerhaft unter Wasser gesetzt.
In römischer Zeit lag der Seespiegel so tief, dass im See die beiden Inseln «Grosser Hafner» und «Kleiner Hafner» sichtbar waren. Die römerzeitlichen Funde liegen direkt auf den vorrömischen Seeablagerungen, der sogenannte Seekreide. Darüber finden sich bis 1 Meter dicke Schichten aus Schwemmmaterial, die von der Sihl eingebracht wurden. Unmittelbar auf diesen Lehm- und Siltschichten wiederum beginnen die Siedlungsstrukturen, welche mit dem 853 n. Chr. gestifteten Fraumünster in Zusammenhang zu bringen sind. Spätestens ab dann ist hier Siedlung – und mit dem Fraumünster sogar ein zentraler Teil davon.
Seespiegelschwankungen
(Grafiken Amt für Städtebau/Archäologie/Urs Jäggin)
Interaktion zwischen Natur und Mensch
Der erste der beiden Wassertiefstände scheint direkt mit der römischen Siedlungstätigkeit verbunden zu sein. Es macht den Anschein, als wäre der Sespiegel abgesenkt und das gewonnene Terrain sofort besiedelt worden. In spät- oder nachrömischer Zeit ist dann der Seespiegel wieder angestiegen. Offenbar wurde das Geröll beim Zusammenfluss von Sihl und Limmat nicht mehr beiseite geräumt. War dies ein bewusster Entscheid, um die Wehrhaftigkeit des mit dem spätrömischen Kastell befestigten Lindenhofs zu steigern?
Das zweite Absinken des Seespiegels fällt spätestens in die Zeit der karolingischen Klostergründung des Fraumünsters. Das Kloster wurde ausgerechnet in jenes flache Gebiet gebaut, das zuvor langfristig unter Wasser stand. Seit karolingischer Zeit blieben dann die extremen Seehochstände aus.
Die Beobachtungen führen zu folgender Hypothese: Die Besiedelung des Zürcher Raumes ist mit einer Kontrolle des Sihldeltas und des Seeabflusses verbunden. In den nächsten Jahren wird die Archäologie diesen aufgeworfenen Themen und Fragen besondere Aufmerksamkeit schenken.