Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03168.jsonl.gz/341

Die folgenden Gedanken erheben weder Anspruch auf vollständige Behandlung des Themas noch auf Wissenchaftlichkeit. Als Grundlagen dienten mir verschiedene Artikel in der Zeitschrift Märchenforum 1/09. Ausserdem erhielt ich Impulse bei der Lektüre eines Buches von Fritz Bachmann: „Getragen von Engeln und Elementarwesen“. Eigene Nachforschungen führten mich weniger zu den Brüdern Grimm als in die Bibel. Und die Quellen vieler Assoziationen kann ich nicht mehr rückverfolgen – da sammelt sich eben bei mir allerlei Wissen ohne Quellenerinnerung an.
Urs Volkart, im April 2009
Der Drache ist ein Teil des geistigen Erbes praktisch aller Kulturen der Erde (Bild links: Ishtar-Tor in Babylon, ca. 600 aCn). Drachen treten zwar in vielerlei Gestalt und mit den unterschiedlichsten Eigenschaften auf. Aber immer verfügen sie über grosse Kräfte und hüten etwas Wichtiges. In den Märchen treten Drachen dementsprechend in vielen unterschiedlichen Märchentypen auf.
Drachen sind in mehreren Elementen zuhause: Die Erde (oft eine Höhle) und das Wasser sind ihre Wohnstätten, mit den Flügeln können sie sich in die Luft erheben und fast immer speien sie Feuer. Damit gehören sie zu den ganz ursprünglichen Wesen, sozusagen Zeugen einer Zeitepoche, wo die Elemente noch nicht voneinander geschieden, die Welt sozusagen noch im Chaos vereint war.
Da sie von Beginn weg „dabei“ waren, wissen sie auch, wo die wahren Schätze liegen, welche sie mit aller Macht hüten. Hüten tun sie nicht unbedingt aus Bosheit. Ich denke, dass sie für diese Aufgaben der Bewahrung von Kostbaren die Aufträge „von höchster Ebene“ erhalten haben.
Wenn wir im indogermanischen Kulturraum das Bild des Drachens zurückverfolgen, kommen wir irgendwann zu den Mythen, in welchen ein Himmelsgott oder sonst ein männliches gottähnliches Wesen einen Drachen besiegt (siehe unten: Kampf mit dem Drachen). Damit wird einerseits das Ur-Chaos besiegt. Zeitlich entstanden diese Mythen aber in der Zeit des Sieges der patriarchalen Weltordnungen mit ihren entsprechenden Götterwelten über die matrifokalen Weltordnungen. Der Drache wurde so auch zu einem Symbol oder Zeugnis des (zu besiegenden) Ur-Weiblichen, das (siehe oben) verbunden mit der Erde und dem Wasser ist. Der Drache ist die Kraft der Erdenseele, die unter der Erdoberfläche schlummert (siehe im Märchen von der Madonna und dem Drachen).
In den ostasiatischen Kulturkreisen ist der Drache eher ein Yang-Wesen, das aber eng verbunden mit Yin-Energien auftritt.
Die ursprüngliche Formen des Drachen scheinen die Wasserschlange und die feuerspeiende Schlange gewesen zu sein, wobei oft auch die Vielköpfigkeit als Attribut auftritt. Der Drache wird später als eine Art geflügeltes Reptil dargestellt. Archetypisch bleibt er eng verwandt mit der Schlange, mit welcher er in den Märchen und Mythen oft auch die Weisheit teilt. Die bildschaffende Fantasie der Menschen hat ihn immer mehr in die Verwandtschaft der Echsen gestellt, sei es in der wunderbaren Beschreibung des Leviathan im alttestamentlichen Buch Hiob (durch Gott persönlich), sei es beeinflusst durch den Dinosaurierkult unserer Jahrtausendwende. Oder vielleicht hat unser archetypisches Wissen um die Drachen den Dinosaurierkult erst hervorgerufen? Dass die moderne „Einheitsübersetzung“ der Bibel den hiobschen Leviathan-Drachen mit „Krokodil“ übersetzt … „na ja“, sagte der Märchenerzähler… Bild rechts: Gott beschreibt dem Hiob den Behemoth und den Leviathan (unten).
Welche Rolle übernehmen die Drachen in den Märchen ?
Sie stellen den Märchenhelden (seltener die Märchenheldin, die hat meist andere Aufgaben) vor schwere Prüfungen um Leben und Tod. Im Gegensatz zu den aufgabenstellenden Königen, die den Drachen in Sachen Grausamkeit übrigens nicht nachstehen, stellen sie sich selber zum Kampfe und werden in der Regel dabei besiegt. Opfern sie sich für eine höhere Aufgabe?
Die Drachen stehen unserer Entwicklung im Weg. Wir können ihnen nicht aus dem Weg gehen, wenn wir weiterkommen wollen. Die Drachen können eine katastrophale Wirkung haben (Krisen). Aber ihre Überwindung stellt den notwendigen „Quantensprung“ dar.
Drachen sind also „Verhinderer“. Gleichzeitig sind sie auch „Verführer“, denn ein Ausweichen oder Ignorieren ist in der Regel bequemer, als der Kampf. Drachen sind uns also manchmal willkommen (sie werden, banal gesagt, zu unserem inneren Schweinehund). In der Anthroposophie werden sie als Symbole für all die Bequemlichkeiten verwendet, die uns daran hinern, unseren eigenen Weg zu gehen. In der Astrologie stehen sie als hindernde, aber auch energiegeladene Wesenheiten mit dem Tierkreiszeichen Skorpion und dem „Planeten“ Pluto in Verbindung.
Drachen hüten Schätze oder schöne Jungfrauen. Sie haben die Jungfrau entführt und drohen sie gar zu verschlingen. In manchen Märchen will der Drache die Jungfrau einfach als Gefährtin, die ihn liebkost und für ihn den Haushalt führt.
In allen diesen Bildern versperren Drachen den Zugang zu etwas, nämlich zu unseren inneren Schätzen (zu unserem Potenzial, zu unseren unentwickelten Stärken, zu unserem Selbst). Die Jungfrau symbolisiert etwas noch nicht Genutztes, noch Ungelebtes. Etwas eingeschränkter gedacht: unsere weiblichen Potenziale, unsere schöpferische Seite.
Ein „Besuch“ beim Drachen kann uns diese Urkräfte geben, die wir für unser Leben brauchen. Der Kampf mit dem Drachen schildert verschiedene Formen dieser Aneignung.
Drachen im Dienste des Menschen verhelfen zu Erfolg und Macht (z.B. in den ostasiatischen Märchen). Beim Missbrauch aber können sie sich plötzlich gegen den Menschen wenden.
Wer ist unser persönlicher Drache ?
Das wird aus dem bisher Gesagten sofort klar:
- Es geht um die Begrenzungen, die wir uns selber setzen. Die Drachen sind unsere Ängste, unser Ego, die eine Weiterentwicklung verhindern möchten, denn dann würden ja Angst und Ego überflüssig werden. Bedrohliche Drachen um uns herum werden so als unsere Projektionen entlarvt.
- Es geht aber auch um unsere verborgenen Potenziale, unsere grenzenlosen Kräfte, die hervorzuholen wir uns fürchten.
Warum ist der Drache oft so böse ?
Der Drache stammt wie gesagt aus der Urzeit, sozusagen aus der Zeit vor dem Sündenfall. Seine Lebens- und Liebeskraft unterscheidet nicht zwischen gut und böse, sie fördert alles Lebendige und alle Elemente der Schöpfung. Auch die Lebenskraft der Erde (Gaia) entzieht sich unseren moralischen Kategorien (Erdbeben- und Hochwasser-Katastrophen sind keine „Strafe Gottes“). Das macht den Drachen unheimlich, unmoralisch (im menschlichen Sinn) und deshalb böse. Dasselbe Wertungs-Schicksal war dann ja auch der Gaia beschieden.
Ausserdem mussten die Drachen als Zeugen der matrifokalen Zeit und Träger urweiblicher Energien verteufelt und als vogelfrei erklärt werden, damit sie die patriarchale Götterwelt, insbesondere natürlich in den monotheistischen, abrahamitischen Religionen nicht in Frage stellten.
Die „einfache“ Lösung ist die Vernichtung des Drachen durch Tötung (In der Georgs-Legende und vielen Märchen, wie z.B. der Geschichte von der feuerspeienden Schlange).
Die Mythologie und die Psychologie lehren uns aber, dass die Vernichtung des Drachens nie „nachhaltig“ ist, sondern eine Verdrängung der Drachenenergien bedeutet. Der Drache wird also früher oder später wiederauferstehen und uns in der einen oder anderen Form zu schaffen machen, nicht umsonst hat er oft nachwachsende Köpfe. Die mit den patriarchalen Wertvorstellungen aufgekommene Tötung des Drachens bringt also langfristig gesehen für unsere Entwicklung nichts. Davon wussten die alten Mythen zum Teil noch, wie die Herakles-Hydra-Sage drastisch beschreibt (Das Blut der getöteten Wasserschlange löst viele Jahre später den Tod des Helden aus).
Diese versuchte Vernichtung der Drachen hat ihre Entsprechung natürlich im Verhältnis des Menschen zur belebten und unbelebten Natur. Die Beherrschung der Natur hat die Form von Zerstörung angenommen, deren Folgen auf uns zurückkommen. Neben der physischen Schwächung der Erde in Form der sogenannten Umweltzerstörung geschah auch eine Schwächung des Organismus „Erde“ auf der geistigen Ebene. Diese Erkenntnis hat unter anderem zum Aufschwung der modernen Geomantie geführt, wo es m.E. gerade um die Heilung unserer Beziehung zur Erde und damit um die energetische Stärkung der Erde geht.
Die „bessere“ Lösung ist die Zähmung des Drachens, also das Setzen von Grenzen für das übermenschliche Wesen und die Integration der Drachenkräfte zur Nutzung und Erweiterung unserer Potenziale. Denn die unbändige Lebens- und Liebeskraft, die in den Drachen steckt, brauchen wir alle.
Eine besondere Rolle scheint in der „sanften“ Bezwingung der Drachen die Musik zu spielen. Mit der Musik, einer himmlischen Energie auf Erden, werden die Drachen geheilt (z.B. in der Legende der heiligen Martha, im italienschen Märchen von der Madonna und dem Drachen, oder im georgischen Märchen vom Tschongurispieler).
Märchenheldinnen haben noch eine weitere „Waffe“: die Liebe, mit welcher sie Ungeheuer erlösen (z.B. im Märchentypus AT425 „Die Schöne und das Tier“).
Es geht also letztlich um die Versöhnung mit dem Drachen, nicht um dessen Vernichtung. Auch hier die Entsprechung im Umgang der Menschen untereinander: Problem- und Konflikt-lösung strebt zu häufig die Vernichtung der Anderen an. Auch wenn es relativ „erfolgreiche“ Genozide gibt, die angestrebte „Endlösung“ haben sie zum Glück noch nie gebracht. Und jeder militärische Sieg stellte und stellt in sich den Anfang des nächsten Konflikts dar. Friedensarbeit ist also auch Versöhnung mit den Drachen. Kein Zufall, dass für die Geomantie engagierte Menschen (wie Marko Pogacnik) auch für den Frieden engagiert sind, bzw., meiner Wahrnehmung nach, Geomantie auch als Friedensarbeit betreiben. Die Geomantie arbeitet an der Befreiung der schlummernden oder unterdrückten Drachen zur Stärkung der Erdenseele.
In der Anthroposophie gibt es die Idee, dass die Verdrängung der Drachen durch Tötung als Übergangsphase in der Entwicklung der Menschheit nötig war, damit der Entwicklung des Denkens und der geistigen Kräfte genügend Raum gegeben werden konnte. Jetzt wäre es aber höchste Zeit, die Drachen (das „Erdige“ und „Wässrige“) wieder zu reintegrieren.
Lassen wir zum Schluss Mephisto sprechen, bei seinem ersten Auftritt in Fausts Studierzimmer (J.W. von Goethe). Seine Worte könnte auch ein klassischer Drache sprechen: