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Eine CO²-neutrale Energieversorgung für die großen Industriestaaten, und selbst für die gesamte globale Energiewirtschaft, wäre kein unüberwindbares Problem. Was dazu hauptsächlich fehlt, ist der Wille.
Das Hauptargument gegen einen schnellen Ausbau nachhaltiger Energiequellen sind die angeblich zu hohen Kosten von grüner Energie. Alle produzierte Energie, weltweit, egal ob Strom, Benzin oder sonstige Energieformen, kostete im Jahr 2015 einen Betrag von 9,1 Billionen US $. Das erfasste globale Brutto-Inlands-Produkt betrug laut einigen Statistiken für den gleichen Zeitraum ca. 75 Billionen US$. In Wirklichkeit dürfte das tatsächliche globale Gesamt-Wirtschaftsaufkommen um einiges höher liegen. Wir können also ganz grob sagen, dass in jedem Produkt, jedem Service, jeder Leistung ein durchschnittlicher Kostenfaktor für Energie von 10 % steckt. Gehen wir mal davon aus, dass wir, um eine Klimakatastrophe zu verhindern, auf Energien umsteigen müssten, die CO²-neutral, aber um 50 % teurer sind. Dann würde dies bedeuten, dass sich alle Preise, egal ob für ein Produkt, eine Leistung, einen Service, um 5 % im Preis erhöhen würden. Wäre dies wirklich völlig unmöglich?
Ein zweites Argument gegen grüne Energie ist, dass regenerative Energien nicht konstant genug sind um eine ununterbrochene Stromversorgung sicher zu stellen. Auch dieses Argument erscheint bei genauerem Hinsehen nicht haltbar.
Das Team und die Firmengruppe um Niveau élevé versucht für das internationale Stadtprojekt Auroville, also letztlich für eine Microgesellschaft mit 50.000 Menschen, eine Energieversorgung zu erstellen, die ganz auf regenerativen Energien basiert, ohne Zuhilfenahme von konventionellen Energieträgern und ohne die Speicherkapazität eines Stromnetzes in Anspruch zu nehmen. Es soll dabei aufgezeigt werden, dass man durchaus eine komplette Gesellschaft auf grüne Energien umstellen und trotzdem in allen Bereichen komfortabel und konkurrenzfähig bleiben kann.
Die erste Phase dieser Bemühung besteht oder bestand darin, dass der momentane Strombedarf der entstehenden Stadt (derzeit ca. 2400 Einwohner) komplett aus Windenergie abgedeckt wird. So hat die mit Niveau élevé verbundene Firmengruppe von Aditi Diamonds, Gold-in-Glas und Varuna sechs Windkraftanlagen errichten lassen, die insgesamt pro Jahr etwa 8.000.000 KWh Strom produzieren. Der jährliche Gesamtverbrauch an Strom in Auroville, in seinem derzeitigen Stadium, liegt bei ca. 3.500.000 KWh. In Indien gibt es die Möglichkeit, den Strom von Windgeneratoren am Standort der Anlage ins Netz einzuspeisen und ihn unter Bezahlung einer Gebühr dann am Ort des Eigenverbrauchs wieder aus dem Netz zu nehmen und zu verbrauchen. Mit Hilfe dieser Regelung wird Auroville derzeit mit Strom aus Windenergie versorgt. In jedem Falle produziert man doppelt so viel grünen Strom, wie man in Auroville derzeit verbraucht. Die überschüssige Energie wird verkauft und das Geld in neue Anlagen investiert. Von den sechs Anlagen, jede mit einer Kapazität von 0,8 Megawatt, stehen vier in Windparks im zentralen Südzipfel Indiens, in der Nähe der Stadt Coimbattore, und zwei im Bundesstaat Karnataka.
Eine entstehende Stadt wie Auroville mit Hilfe von ein paar Windgeneratoren mit CO²-freiem Strom zu versorgen ist zwar ein guter Schritt, aber nicht wirklich von einer Dimension, welche im Wettlauf mit dem Klimakollaps irgendetwas Essentielles bewirken könnte. Das entscheidende Element wäre, wenn man die Energieversorgung der Stadt ohne das Stromnetz des Bundesstaates von Tamil Nadu aufrechterhalten könnte. Doch dies ist mit Windenergie derzeit aus zwei Gründen nicht möglich: Erstens gibt es in Auroville selbst zu wenig Wind um Windkraftanlagen sinnvoll zu betreiben, weshalb die Anlagen etwa 500 km weit entfernt von Auroville stehen. Zweitens produzieren die Anlagen den größten Teil ihres Stroms innerhalb der „Windsaison“ von Mai bis September. Der Bundesstaat Tamil Nadu hat für Windkraftbetreiber, welche ihren Strom selbst verbrauchen, ein sogenanntes „Banking“ eingerichtet. Das bedeutet man produziert seinen Strom unabhängig von seinem Verbrauch und schiebt überschüssige Kilowattstunden auf sein „Energie-Bankkonto“ von welchem man sie wieder „abheben“ kann, wenn der Verbrauch höher ist als die Produktion. Nur mit Hilfe dieses Systems können die Windkraftanlagen mit ihrer unregelmäßigen Produktion den kontinuierlichen Strombedarf Aurovilles decken. Wir bedienen uns also letztendlich doch des konventionell erzeugten Stroms um unsere asymmetrische Angebot-Nachfrage Situation abzupuffern.
Allerdings hat diese erste Phase zumindest eines aufgezeigt: Windenergie ist in Tamil Nadu billiger als Kohlestrom. Jede der sechs Anlagen hat etwa 700.000 € gekostet. Die Laufzeit der Anlagen beträgt mindestens 20 Jahre und die jährliche Stromproduktion liegt zwischen einer und zwei Millionen KWh. Gehen wir von einem tiefgerechneten Durchschnitt von einer Produktion von 1.300.000 KWh pro Jahr und Anlage aus und nehmen wir eine lineare Abschreibung von jährlichen 5 % an. Bei einer durchschnittlichen „Maintenance“-Gebühr, also den Kosten für Reparaturen, Versicherung usw., von jährlich 15.000 € hätten wir dann Jahreskosten von ca. 50.000 €. Bei einer Produktion von 1,3 Millionen KWh ergibt das einen Kostpreis von 3,8 Eurocent pro KWh. Den Strom, den wir in Tamil Nadu im Rahmen einer normalen Stromrechnung von dem einzigen Anbieter, der staatlichen Elektrizitätsgesellschaft, beziehen, kostet aber 0,10 Eurocent pro KWh. Dadurch, dass wir unseren eigenen grünen Strom produzieren, kostet uns eine KWh jetzt nur 3,8 Cent. Das ist weniger als die Hälfte von dem was wir vorher für den staatlichen Kohlestrom bezahlt haben.
Um ein in sich selbst ruhendes und von allen äußeren Faktoren unabhängiges Energiesystem für Auroville aufzubauen, welches wirklich autark ist und die Stadt kontinuierlich mit Ökostrom versorgen kann, planen wir Solaranlagen innerhalb des Stadtgebietes, die so dimensioniert sind, dass sie mindestens 20 % mehr Strom produzieren als innerhalb des eigenen Stromverteilungsnetzes verbraucht wird. Zusätzlich ist ein Pumpspeicherwerk geplant, welches die überschüssige Energie benutzt um Wasser in einen künstlichen See am höchsten Punkt der Gegend zu pumpen. Das Verlegen der Leitung haben wir an ein weiteres Projekt, den Aufbau einer Meerwasser-Entsalzungsanlage (siehe Kapitel 20), gekoppelt, so dass wir gleich zwei riesige Druckleitungen in den Boden bringen. Eine für den Transport des Trinkwassers von der Entsalzungsanlage zum höchsten Punkt in Auroville, von wo aus das Trinkwasser verteilt werden kann, und eine zweite für die Pumpspeicher-Anlage. Nachts und an wolkenverhangenen Tagen wird das Wasser dann durch eine Druckleitung zu einem ca. 45 m tiefer gelegenen Speichersee am Meeresufer fließen und über eine Turbine die gespeicherte Energie wieder abgeben.
Solch eine Pumpspeicheranlage arbeitet traditionell mit einem Wirkungsgrad von etwa 70 %. Das bedeutet, wenn wir 100.000 KWh aufwenden müssen um das Wasser vom Speichersee am Meer in den Speichersee auf dem Hügel zu pumpen, bekommen wir 70.000 KWh über die Turbine am Ende der Druckleitung wieder zurück. Neuerdings gibt es allerdings schon Systeme die einen Wirkungsgrad von 90 % haben.
Letztendlich muss für eine autarke, CO²-freie Energieversorgung folgendes in Auroville geleistet werden:
a) Ein eigenes Stromverteilungsnetz, welches nicht der staatlichen Energiegesellschaft gehört
b) Ein Maximum an Solaranlagen auf den Dächern von Auroville
c) Zusätzliche, relativ große Solaranlagen im Industriesektor der Stadt
d) Ein oberer Speichersee mit ca. 100.000 m² Wasserfläche und durchschnittlich 8 m Tiefe
e) Ein unterer Speichersee von derselben Kapazität
f) Eine Druckleitung vom oberen zum unteren Speichersee
g) Ein Turbinenhaus mit Turbine und Umspannwerk. Die Turbine kann zur Stromgewinnung eingesetzt werden, wenn das Wasser vom oberen in den unteren Speichersee fließt und wird als Pumpe eingesetzt wenn über die Mittagsstunden das Wasser vom unteren Speichersee wieder in den oberen gepumpt wird.
Mit diesen sieben Elementen können wir die Stadt mit letztendlich einmal 50.000 Bewohnern auf 100 % CO²-freien Ökostrom umstellen. Die Stadt wäre damit mit ihrer eigenen Stromproduktion völlig unabhängig vom indischen Stromnetz und könnte sich eventuell sogar ganz davon abkoppeln. Den Strom aus den schon existierenden Windgeneratoren wird man dann wohl verkaufen und die Erlöse zum Unterhalt und Ausbau der Solaranlagen verwenden.
Was noch bleibt ist der Verkehr. Doch auch hier sind schon Bestrebungen im Gange um vom normalen Benzinverkehr wegzukommen. Schon jetzt werden in Auroville Elektromotorräder produziert. Im inner-städtischen Verkehr wird in Auroville zu 90 % das Motorrad verwendet, Autos sind eher selten. Da der Strom zum Aufladen überall kostenfrei in der Stadt zur Verfügung steht, da die Elektromotorräder beinahe geräuschfrei laufen und da sie aus heimischer Produktion relativ billig sind, muss man davon ausgehen, dass recht bald die Mehrzahl der Aurovilleaner solche E-Motorbikes fahren wird. Vielleicht wird man später auch mal alle Benzin- und Dieselfahrzeuge per Bürgerentscheid aus der Stadt verbannen. Es gibt in Indien ja auch genügend schöne Alternativen, wie kleine und günstige Elektroautos.
Niveau élevé hofft also, dass man irgendwann mal eine Microgesellschaft mit ca. 50.000 Einwohnern präsentieren kann, die ihren Energiebedarf zu 100 % aus ökologischem Strom deckt und deren Verkehr über das Stromnetz und nicht über Tankstellen mit Energie versorgt wird. Bis dahin ist allerdings noch ein gutes Stück Arbeit zu bewältigen.