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Die «New York Times» nennt Isaac Bashevis Singer einen polnischen Schriftsteller, was nicht nur bei der Leserschaft einen Sturm der Entrüstung ausgelöst hat.
Schon fast als Skandal und Beleidigung bezeichnete die Leserschaft der «New York Times» die Verdrehung eines heiklen historischen Details: Im letzten April beschrieb die Autorin Sigrid Nunez den Schriftsteller Isaac Bashevis Singer beiläufig als «polnisch-amerikanischen Autor». Die unzähligen Reaktionen darauf enthielten Worte wie «yikes» («oh je»), «obszön», «ekelhaft», «entsetzt» und «Schande». Ein Twitter-User schrieb gar: «Schande über @NYTIMES für das Auslöschen von Singers Identität und seines Erbes». Da Nunez wohl kaum beabsichtigte, ein Verbrechen gegen die Geschichte zu begehen, stellt sich jedoch die Frage, woher sie diese Formulierung hatte, die auch die «Times» unredigiert gedruckt hat. Doch die Antwort scheint ziemlich offensichtlich: von Wikipedia.
«Wie konnte das passieren?», fragte sich auch Wikipedia-Neuling David Stromberg, ein in Israel geborener und in den USA aufgewachsener Schriftsteller und Literaturwissenschaftler, der heute in Jerusalem lebt und zu Singer forscht. Stromberg ging der Sache nach und wurde beim «Wikipedianer» Oliver Szydlowski fündig, ein 22-jähriger polnischer College-Student, der an der Queensland University of Technology in Brisbane, Australien, eingeschrieben ist. Dieser hatte offenbar den Eintrag zu Singer mehrfach überarbeitet. «Was ich versuche, ist, jeden einzelnen Artikel so weit wie möglich zu verbessern», sagt Szydlowski gegenüber der «Jewish Telegraphic Agency». Doch Wikipedia sei ein Schlachtfeld, und «man neigt dazu, sich mit vielen Leuten zu streiten».
Wie von Geisterhand geändert
Laut Stromberg gab es in Singers Wikipedia-Eintrag unzählige kleine Fehler, vor allem Daten und Werktitel hatten nicht gestimmt. Daher korrigierte er sie. Eines Tages bemerkte er jedoch, dass Singer als «polnischer Amerikaner» beschrieben wurde, und änderte dies entsprechend auch. «Aber innerhalb einer Stunde war die alte Bezeichnung wieder da», erinnert sich der 40-Jährige. «Also änderte ich es wieder. Und wieder war es da.»
Nach unzähligen Einsprachen bei den Administratoren von Wikipedia, Strombergs Kontosperrungen bei Wikipedia und lauten Beschuldigungen hat der Druck von aussen offensichtlich seine Früchte gezeigt: Jetzt heisst es im Eintrag des bislang «einzigen jiddischen Schriftstellers, der im Jahr 1978 den Nobelpreis für Literatur erhielt», Singer sei «ein in Polen geborener jüdisch-amerikanischer Schriftsteller». Aber der Prozess des Editierens dieser wenigen Worte war lang und kompliziert.
Neutrale Rolle in Streit
Szydlowski meldete sich wiederum aus Australien, wo er Baumanagement und Stadtentwicklung studiert, und sagte, er halte es immer noch für korrekt, Singer als Polen zu bezeichnen, aber er habe die Entscheidung der Gemeinschaft akzeptiert: «Ich persönlich habe nicht wirklich eine Meinung. Ob sie zum Schluss gekommen sind, dass er (Singer, Anm. d. R.) als dies oder das bezeichnet werden sollte, spielt keine Rolle, solange es innerhalb der Wikipedia-Richtlinien korrekt ist. Ich bin jetzt zufrieden, dass es tatsächlich diskutiert worden ist.»
Szydlowski leugnet im Eintrag auch Singers Jüdischsein nicht. Er spricht sogar über den Reichtum der aschkenasischen Kultur im Vorkriegseuropa und zitiert Statistiken zur jüdischen Bevölkerung in verschiedenen europäischen Städten. Über sein Benutzerprofil erfährt der aufmerksame Wikipedia-User zudem, dass Szydlowski offenbar selbst aschkenasische Wurzeln hat. Darauf angesprochen, erzählte dieser, dass sein Urgrossvater jüdisch gewesen sei und den Krieg nur überlebt habe, indem er seine Identität verheimlicht habe.