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Mein lieber Freund!
Herzlichen Dank für Deinen interessanten Brief vom Sontag. Ich begreife vollkommen, daß Du & Deine gleichgesinnten Collegen im Bundesrathe in einer sehr unangenehmen Stellung seid, aber auf der andern Seite – so hoffen wir in Zürich – wird der Gedanke Euch heben & stärken, daß Ihr dazu berufen seid, die Schweiz vielleicht vor dem Untergange zu retten!
Wir sehen aus den heutigen Bernerblättern1, daß jetzt die Parole dahin lautet, es müsse vom Bundesrathe eine Proclamation an das Volk erlassen werden. Es liegt hierin fürs erste ein naives Geständniß. Sodann hätte diese Maaßregel zur Zeit keinen Zweck, außer eben den, mit welchem das naive Geständniß abgelegt ist. Und endlich würde der Schritt als eine Appellation des Bundesrathes an das Volk gegen die Bundesversammlung anzusehen sein. Ich hoffe, die Mehrheit des Bundesrathes werde sich zu solchen Sachen nicht drängen lassen & ich | kann nur beifügen, daß alle diejenigen in Zürich, auf deren Urtheil Du Gewicht legst, diese Hoffnung theilen. Im Speziellen erwähne ich noch, daß Dubs sich auch sehr entschieden gegen eine solche Proclamation ausgesprochen hat.
Dubs sagt mir, er habe Mittheilungen2 betreffend ein mögliches Arrangement mit Frankreich an den Herrn Bundespräsidenten gelangen lassen. Ich kann mich nur seiner Anschauungsweise anschließen, daß die Anhandnahme von Unterhandlungen im Willen der Mehrheiten der Commissionen & der Räthe lag3, daß Unterhandlungen directe mit Frankreich (dem Kaiser4) am ehesten zum Ziele führen dürften, nachdem es sich nun herausgestellt hat, daß die übrigen Großmächte uns nicht einmal zu einer Conferenz verhelfen wollen, & daß in den vorhin erwähnten Mittheilungen vielleicht der Anknüpfungspunct für Unterhandlungen zu finden wäre.
Was die Stimmung des Volkes in dem Canton Zürich anbetrifft, so geht dieselbe nach den | übereinstimmenden Wahrnehmungen von Dubs & mir selbst in den politisch lebendigsten Theilen des Cantons (Wiedikon, Limmatthal, Affoltern u. s. f.) dahin, es dürfe die Schweiz um dieser Neutralisirung eines Theiles von Savoyen willen nicht ihre Existenz aufs Spiel setzen & es stehe der Schweiz nicht gut an, den Handschuh Frankreich hinzuwerfen, wenn die übrigen X Großmächte zusammen den Augenblick noch nicht für gekommen, das Maaß noch nicht für voll erachten. Laßt Euch in Bern nicht beirren durch die Haltung eines Theiles der Zürcher'schen Presse5: jedermann, der die Verhältnisse kennt, weiß, was davon zu halten ist! Laßt Euch auch nicht beirren durch die Adresse, welche heute von Zürcheroffizieren6 unterzeichnet werden soll. Ich weiß nicht, wie viele Unterschriften die Adresse erhalten wird, aber das weiß ich, daß, wenn einmal eine solche Adresse von Militärs auf die Bahn gebracht wird, jeder, um seinen Muth zu bewähren, unterzeichnen zu müssen glaubt! Die Adresse soll übrigens, wie mir Hans Ott7 eben erklärt, durchaus | keinen politischen, sondern nur einen militärischen Character haben & bedeuten, daß, wenn die Bundesbehörden rufen, das Zürchersche Militär zur Verfügung stehe. Daran zweifelt aber gewiß niemand!
Noch einen Punct muß ich erwähnen. Man hört oft, man müsse zum Bundesrathe stehen, er wisse am besten, wie weit man gehen müsse. Es ist dieß ein ganz begreifliches, ja, es ist ein erfreuliches Raisonnement. Es ist aber augenscheinlich, daß es die Verantwortlichkeit des Bundesrathes nur um so größer macht & daß darum die Mahnung an die Mehrheit des Bundesrathes in um so ernsterer Weise ergeht, nach Überzeugung & nur nach Überzeugung zu handeln & Pressionen, wie sie offenbar in ungebührlicher Weise versucht werden wollen, zu widerstehen!
Solltest Du diese Zeilen einigen Deiner Herrenkollegen zeigen wollen so habe ich durchaus nichts dagegen einzuwenden.
Gott schenke Dir Gesundheit!
Mit herzlichen Grüßen
Dein
Dr A Escher
Zürich
11 April 1860.