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Die Mondlandung im Wohnzimmer – die Geschichte der SRG
Die Bedeutung der SRG für die Gesellschaft wird in den Lebensgeschichten der Menschen erkennbar, die mit ihr aufgewachsen sind. Dies ist eine solche Geschichte: Die von Irma Murri, meiner Grossmutter. Und die der SRG.
Radiowellen sind, auf sich allein gestellt, nur etwa 80 Kilometer weit zu hören. Sie reisen in schnurgeraden Linien von ihrem Sender aus, aber weil die Erde rund ist, entfernen sie sich bald schon von der Oberfläche und fliegen zu den Sternen. Es sind unsichtbare Bahnen aus Schall und Wunder, die zum Teil an der Decke der Ionosphäre abprallen und von freien Elektronen zur Erde zurückgeschossen werden. So kommt es, dass manche Radioinformationen in viel besserer Qualität in viel weiter entfernte Regionen gespickt werden.
Menschen sind Radiowellen nicht unähnlich. Wie weit jemand reisen kann, hängt oft von seinem Ausgangspunkt und seinen Möglichkeiten ab. Wir kommen an unsere Grenzen und lassen uns von ihnen entweder aufhalten oder zu neuen Zielen inspirieren. Hätten wir die Möglichkeit, hoch zu den Sternen zu fliegen, würden wir es nicht genau so machen wie die Radiowellen?
Die Kinder des Weilers Garbella, tief im Puschlaver Süden gelegen, wuchsen mit einem batteriebetriebenen Röhrenradio auf. Es war das einzige elektrische Gerät im Haus und an vielen Tagen die einzige Verbindung zum Rest der Welt. Garbella liegt rund 300 Meter über dem Dorf Brusio. Heute führt eine geteerte Strasse vom Tal hinauf am Weiler vorbei, ein Schulbus holt die Kinder vor der Haustür ab. 1937, als Irma Murri geboren wurde, standen da nur drei Häuser, die Strasse war ungeteert. Busse fuhren keine und im Winter lag der Schnee meterhoch.
Irma Murri ist meine Grossmutter. Als Kind war ich fasziniert von ihren Erzählungen über den langen Schulweg, den sie jeden Tag zu Fuss gehen musste. Eine Stunde, im Winter manchmal drei. Meine erste Kinderzeichnung an sie war denn auch ein Geklüngel aus bunten Linien, die meinen Weg zu ihr nach Hause darstellen sollten.
Dass mein Bruder und ich die Besuche bei unseren Grosseltern liebten, lag aber nicht nur an den Geschichten, die sie erzählten. Sie hatten, im Gegensatz zu unseren Eltern, nämlich auch einen Fernseher. Und darauf durften wir schauen, was immer wir wollten. Der Fernseher war ein so fester Bestandteil unserer Besuche, dass ich nie daran zweifelte, dass der Kasten schon immer in ihrer Stube gestanden hatte. Das ist, weil ich kein Leben ohne Fernseher kenne. Auf dem Zeitstrahl des Lebens meiner Grosseltern aber gab es eine Zeit, als dieses Gerät ein Symbol für Luxus und technischen Fortschritt war.
Meine Grossmutter wurde im gleichen Jahrzehnt geboren wie die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft, die SRG. In den über 90 Jahren ihres Bestehens haben die Sender der SRG die Geschichte der Schweiz nicht nur dokumentiert, sondern auch mitgeprägt. Das Radio war für meine Grossmutter und ihre Familie in den Bergen nicht nur eine Verbindung zum Rest der Welt, sondern auch eine wichtige Informationsquelle in Kriegszeiten. Ihr Leben und die Geschichte der SRG sind untrennbar miteinander verbunden.
Am Anfang war das Radio
«Wie hart, schwach und heiser tönt es …, wenn man auf Zürich einstellt.»
Das Radiohören, wie es hier in der NZZ vom 26. September 1924 beschrieben wird, lässt zu wünschen übrig. Es knackt und rauscht, Heizstrahler und Strassenverkehr stören den Empfang. Aber es bietet den Menschen zum ersten Mal ungewohnte Freiheiten. Noch im frühen 19. Jahrhundert muss eine Bäuerin zum Musikhören in die Kirche gehen – und hoffen, dass es dort eine Orgel gibt.
Es können Monate vergehen, ohne dass ein Arbeiter Musik zu Ohren bekommt. Als aber um 1800 Genfer Uhrmacher auf die Idee kommen, winzige Glockenspiele in Uhren einzubauen, ist dies die Geburtsstunde der portablen Musik, heute ein zentraler Bestandteil jeder Radiosendung. Bereits im ausklingenden 19. Jahrhundert ist die Technik so weit fortgeschritten, dass live eingespielte Musik über Telegrafen- und Telefonleitungen übertragen werden kann. Das Pariser «Théâtrophone» etwa spielt zahlenden Zuhörer:innen über Telefonhörer zu Hause Opernaufführungen in Stereo vor.
Es ist die Musik, die frühen Radiosendern ihren ersten gesellschaftlichen Mehrwert gibt. Lange Zeit sind Funksender in der Schweiz nämlich dem Militär vorbehalten, der private Empfang von Funkwellen ist verboten. Im August 1922 nimmt die Flugfunkstation «Champ-de-l’Air» auf dem Flugplatz Lausanne-Blécherette den Betrieb auf. Die Radiostation soll die Piloten über Witterungsverhältnisse informieren und sie bei Start und Landung der Maschinen unterstützen. Allerdings gibt es nur einen Flug pro Woche. Über die restliche Zeit kann der Funker frei verfügen. Via Sprechfunk-Mikrofon beginnt er bald schon, die Flugzeugbesatzung zu unterhalten und mit einem Wachswalzen-Phonograph die Ouvertüre aus Rossinis «Wilhelm Tell» abzuspielen.
1923 bewilligt der Bund erste Radiosendungen mit den Flugfunksendern. Zwischen 1923 und 1926 beginnen nebst Lausanne auch Zürich, Bern, Genf und Basel mit dem Senden, wobei Zürich als erster reiner Rundspruchsender hervorgeht. Finanziert werden die Radioveranstalter zunächst durch Empfangsgebühren der Konzessionäre sowie durch private und öffentliche Gelder.
Am 24. Februar 1931 wird die SRG gegründet. Als Dachorganisation vereint sie alle regionalen Radiogesellschaften der Schweiz und erhält vom Bundesrat die alleinige Konzession für Sendungen. Verwaltete der Bund 1923 nur rund 1’000 Empfangskonzessionen, sind es bis 1930 schon über 100’000.
Durch die Gründung der SRG wird das Radio zum Massenmedium. Konnten die Signale lange Zeit nur dank intensiver Bastelarbeit und Kopfhörern empfangen werden, kommt das Programm nun aus Lautsprecherboxen und die Sender können auf Knopfdrehen eingestellt werden.
Radio für die «geistige Landesverteidigung»
Juli 2023. Irma und ihre beiden jüngeren Schwestern Berta und Marina sitzen auf den Treppenstufen vor ihrem Elternhaus. Das Haus gehört heute einem von Marinas Söhnen. Er hat es renoviert und umgebaut, eine Sonnenterrasse richtet sich gen Süden. Nur ein morscher, hölzerner Schlitten vor dem Hauseingang erinnert noch an die alte Zeit.
Die drei Schwestern reden untereinander Pus’ciavin, einen alpinlombardischen Dialekt. Sie fallen einander immer wieder ins Wort, widersprechen sich, dann lacht eine und die anderen beiden stimmen mit ein. Ein eingeschworenes Trio.
Obwohl Irma und Berta das Puschlav nach der Schule verliessen, um Arbeit zu finden – Berta zog nach Morges, meine Grossmutter nach Bern –, ruft sie das Graubünden immer wieder zurück. Das Graubünden ist ihre Kindheit, ihre Familie, ihre Heimat. Hier oben kommt mir meine Grossmutter oft wie ein anderer Mensch vor. Sie lacht mehr und sie spricht eine Sprache, die ich nicht verstehe. Als ich sie frage, ob ich im Dorfladen in Brusio mit Karte zahlen könne, ruft sie nur lachend: «Ma, Kind!» – Aber Kind!
Im Winter, erzählt mir Berta, seien sie in ihrer Kindheit oft mit dem Schlitten in die Schule gefahren. «Den mussten wir dann wieder hochziehen», stöhnt Marina.
«Wir Mädchen», sagt meine Grossmutter, «mussten in der Schule zum Handarbeitsunterricht, während die Jungs Sport machen durften. Einmal aber, im Winter, da gingen die Jungen Schlitten fahren, wir sollten drinbleiben und stricken. Da haben wir einfach geschwänzt und gingen ebenfalls mit!»
«Ma, Irma!» Marina schüttelt belustigt-entrüstet den Kopf.
«Wir haben grossen Ärger dafür bekommen», gibt meine Grossmutter zu. «Aber Marina, das war der schönste Schnee!»
Irma ist zwei Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg in Europa ausbricht. In der Nacht müssen sie die Fenster mit schwarzen Vorhängen abdunkeln und alle Lichter ausmachen, um nicht gesehen zu werden von den alliierten Fliegern auf dem Weg nach Italien. Die italienische Grenze ist nur 15 Kilometer entfernt. Einmal verfehlen die Flieger ihr Ziel und eine Bombe fällt ins Tal – aber zum Glück nur in den Fluss.
Um über den Kriegsverlauf auf dem Laufenden zu bleiben, hört die Familie mittags die Radionachrichten. Die Berichte über die politische und militärische Situation in den Nachbarländern werden weltweit über Kurzwelle gesendet. Mit ihren drei Landessendern, Radio Beromünster in der Deutschschweiz, Radio Sottens in der Westschweiz und Radio Monte Ceneri in Tessin und Graubünden, unterstützt die SRG die «geistige Landesverteidigung», eine politisch-kulturelle Bewegung, die den Nationalsozialismus ablehnt. Das italienischsprachige Radio hilft dabei, die schweizerisch-italienische Kultur, Sprache und Identität zu bewahren. Die Nachbarländer unter der Besatzung der Deutschen haben zu diesem Zeitpunkt keine freien Radiosender mehr und viele Leute hören heimlich die Schweizer Sender. Das Hören von Radio Beromünster, der in Deutschland als «Feindsender» gilt, ist unter der Herrschaft der Nationalsozialisten unter strengen Strafen verboten. Wer es dennoch tut, riskiert Verhaftung und Tod.
«Ich dachte, die Leute im Fernseher können mich sehen!»
Mit 18 Jahren, es ist das Jahr 1955, möchte Irma Murri Coiffeuse werden. Aber für die Ausbildung in St. Moritz müsste sie ein Zimmer mieten. Dafür fehlt der Familie das Geld. Stattdessen zieht sie nach St. Gallen und beginnt eine Ausbildung als Schneiderin. Das Geschäft ihrer Lehrmeisterin geht jedoch schon nach ein paar Monaten Konkurs. Ausserdem ruft Irmas Mutter an. Sie ist schwanger mit dem zehnten Kind und braucht Irmas Unterstützung zu Hause. Der Vater ist Maurer und darum nur an den Wochenenden daheim. Also kehrt Irma, die Zweitälteste, für ein Jahr nach Garbella zurück, dann gibt ihr ein Familienfreund den Tipp, nach Bern zu ziehen. Bekannte von ihm suchen ein Kindermädchen.
Bern ist eine ganze Welt weit entfernt von dem Haus in den Bergen. Irma spricht nicht gut Deutsch, sie weiss wenig über die Hauptstadt. Aber sie will nicht in Brusio bleiben. Es gibt hier kaum Arbeit – und auf die jüngste Schwester möchte sie nicht länger aufpassen. So zieht sie 1957 zum letzten Mal von Brusio weg.
In Bern sieht Irma zum ersten Mal in ihrem Leben einen Fernseher. Die Geräte sind zu dem Zeitpunkt längst nicht mehr neu, bereits 1939 wurde die neue Technik von der ETH an der Landesausstellung vorgestellt. Um zu demonstrieren, wie ein Fernseher funktioniert, stellten sie Schauspieler an, die live gefilmt und direkt auf einen Bildschirm übertragen wurden. Aber die frühe Fernsehtechnik war komplex und teuer und es dauerte eine Weile, bis erschwingliche Fernsehgeräte und Sendeanlagen entwickelt wurden. So richtig kommt das Fernsehen in der Schweiz darum erst 1953 auf, als die SRG mit regelmässigen Fernsehprogrammen startet. Die Schweiz liegt damit ähnlich in der Zeit wie andere europäische Länder.
Den Fernseher zu erfinden, ist eine Sache. Eine ganz andere ist es, ihn unter die Leute zu bringen. Ein Fernsehdienst erfordert ausserdem Vorschriften, die regeln, wer Zugang zu ihm hat und welche Inhalte gesendet werden dürfen. Darüber hinaus hat die SRG als öffentlicher Sender den Auftrag, alle Sprachregionen der Schweiz zu versorgen. Die Mehrsprachigkeit der Ausstrahlungen erhöht die Kosten. Dazu kommt die nötige Infrastruktur, also Fernsehsender und Studios. Und nicht zuletzt muss es genügend Menschen geben, die Fernsehgeräte kaufen. Ein Fernseher ist ein Luxus, den sich in der Nachkriegszeit nur wenig Leute leisten können. Erst mit der sich erholenden Wirtschaft lohnt es sich für die Rundfunkanstalten, in Fernsehdienste zu investieren.
Die Elektrizität ist erst 1949 überhaupt nach Garbella gekommen. Kein Wunder also, dass neue Technologien Irma erst einmal erstaunen. «Ich dachte, die Leute im Fernseher können mich sehen», erinnert sie sich. Sie lacht. «Also habe ich ihnen zugewunken!»
«Stell dir nur vor, wir könnten zum Mond fliegen!»
In Bern fängt ein neues Leben für Irma an. An den Abenden, an denen sie frei hat, besucht sie einen Erste-Hilfe-Kurs in der Stadt. Einmal geht sie danach mit ein paar Freundinnen im Kornhauskeller, einem Lokal in der Berner Altstadt, etwas trinken. Auch die «Eisenbähnler», die Arbeiter der SBB, sind an jenem Freitagabend zum Feierabendbier da. Einer von ihnen ist Werner Murri. Er frisst einen Narren an Irma und überredet sie, sich alleine mit ihm zu treffen.
«Was hat dir an ihm gefallen?», frage ich meine Grossmutter viele Jahre später bei einem unserer wöchentlichen Mittagessen in ihrer Wohnung. Mein Grossvater ist vor 16 Jahren gestorben.
«Er war ein Guter», sagt sie nachdenklich. «Er machte viele Witze.» Sie verdreht die Augen leicht, als würde sie wieder einen seiner vielen Sprüche hören. Als könnte sie sich noch einmal über ihn ärgern. Dann seufzt sie und blickt auf das Bild, das sie beide bei einer Geburtstagsfeier zeigt.
1959 heiraten Irma und Werner in Bümpliz, einer Gemeinde ausserhalb von Bern. Von Irmas neun Geschwistern kommen nur vier, die anderen müssen arbeiten oder können die lange Reise nicht auf sich nehmen. Aber die 300 Kilometer, die zwischen Bern und Brusio liegen, trennen die Familie nicht wirklich. Zusammen fahren Irma und Werner manchmal mit der Vespa über den Berninapass nach Brusio. Irma besucht ausserdem die Italienische Kirche in Bern, wo sie andere Bündnerinnen und Bündner kennenlernt. Werner arbeitet viel. Das Geld sparen sie für ein Einfamilienhaus, das sie sich nie werden leisten können. Aber es reicht für kleine Dinge. Ein Auto. Einen Fernseher.
Der Fernseher steht schwarz in der Ecke der Wohnung, in der Irma seit über 40 Jahren wohnt. Neulich musste sie einen neuen kaufen, nur leider passt der nicht ganz auf das antike Möbel, das sie dafür vorgesehen hat. Sie hat ganz pragmatisch ein breites Holzbrett daraufgelegt, um die Oberfläche zu vergrössern. Der Fernseher ist für sie bis heute ein wichtiges Portal zur Welt. Weil ihr bei schlechtem Licht die Augen wehtun, wenn sie liest oder strickt, schaut sie abends Rosamunde-Pilcher-Filme und die Tagesschau. Beides treibt ihr zuweilen die Tränen in die Augen.
Auch der Fernseher, den sie 1960 kauften, ist ein grosses Modell. Für seine Zeit zumindest. Der Röhrenbildschirm leistet ihnen 20 Jahre lang treue Dienste. «Das erste, was wir darauf schauten, war die Olympiade 1960», erinnert sich Irma. «Nachbarn und Freunde kamen zu Besuch, um sie mit uns zu schauen!»
«Woran erinnerst du dich sonst noch?»
Wir sind inzwischen beim Nachtisch angelangt. Erdbeeren mit sehr viel Zucker. Meine Grossmutter versteht mein Interesse an ihren Fernsehgewohnheiten vor 60 Jahren nicht ganz. Sie zeigt mir lieber das Fotoalbum von ihrer Hochzeit und redet über das Kleid, das sie dafür für 50 Franken im Jelmoli gekauft hat. Dann überlegt sie aber doch. «Die Mondlandung», sagt sie schliesslich. Sie lacht. «Als wir sie schauten, sagte dein Grossvater: ‹Stell dir nur vor, wir könnten zum Mond fliegen!›»
Die 1960er-Jahre sind eine Zeit der internationalen Spannungen und Konflikte. Kalter Krieg, Unabhängigkeitskämpfe in den Kolonien, die Bürgerrechtsbewegung in den USA, der Vietnamkrieg. Dem gegenüber stehen Martin Luther Kings berühmte Rede «I have a dream», die Antikriegsproteste – und die Mondlandung am Ende des Jahrzehnts, die symbolisch für die scheinbar grenzenlosen Möglichkeiten des menschlichen Erfindungsreichtums steht. Ab 1968 werden alle Fernsehsendungen der SRG in Farbe ausgestrahlt. SRF überträgt die Mondlandung live. 600 Millionen Menschen auf der ganzen Welt schalten am 20. Juli 1969 zu, als die Apollo 11 auf dem Mond landet.
Fernsehsignale sind, auf sich allein gestellt, nur etwa 100 Kilometer weit zu sehen. In schnurgeraden Linien reisen sie von ihrem Sender aus, aber weil die Erde rund ist, kommen sie nicht weiter als bis zum nächsten Empfänger. Es sind unsichtbare Ströme aus Licht und Sprache, Informationsflüsse, die in Bildern und Tönen münden. Mit jedem kleinen Fortschritt entwickelt sich die SRG schneller. 1957 erhält sie die erste Fernsehkonzession der Schweiz. Gesendet wird zunächst aus Zürich, bald kommen auch Programme aus Genf in französischer Sprache dazu. 1961 entsteht im Tessin das erste Fernsehstudio und 1963 wird die erste rätoromanische Sendung ausgestrahlt.
Die SRG finanziert sich zunächst über Publikumsgebühren, bald aber trägt auch Werbung ihren Teil dazu bei. Bis heute besteht das Budget der SRG zu 25 Prozent aus Werbeeinnahmen. 1965 wird das Radio- und Fernsehstudio im Bundeshaus in Bern eingeweiht und 1966 folgt ein eigenes kleines Studio für die rätoromanische Berichterstattung in Chur. 1975 wird das Ressort Televisiun Rumantscha geschaffen.
1991 wird die SRG zu einer aktienrechtlichen Holding umgewandelt, befindet sich aber weiterhin in öffentlicher Hand. 1992 wird der Kulturauftrag der SRG im Gesetz festgeschrieben und 1999 geht die SRG mit Schweizer Radio International zum ersten Mal online. Auf swissinfo.ch wird der weltweite Zugang zu den SRG-Programmen und zu Informationen aus der Schweiz ermöglicht. Im selben Jahr geht das Jugendradio Virus als erstes digitales Radio der Schweiz auf Sendung.
Die Welt im Wohnzimmer
Marina wohnt noch immer in Brusio, vor ein paar Jahren zog sie vom Berg ins Dorf runter. Sie lebt nun direkt neben dem Friedhof, wo ihre Eltern, ihr Mann und drei ihrer Kinder begraben sind. Gräber werden hier nicht so rasch aufgehoben wie in der Stadt und so pflegt sie noch immer die Ruhestätten ihrer Familie. Irma hilft ihr, wenn sie da ist, denn Marina sieht nicht mehr gut. Meine Grossmutter aber ist unkaputtbar. Sie ist in gewisser Weise wie der erste Fernseher, den sie und mein Grossvater besassen. Elegant und robust, kein Flackern bis zur letzten Stunde.
Ich frage sie, wie sie glaubt, dass Radio und Fernsehen sie beeinflusst haben. Sie zuckt mit den Schultern. «Ma.» Wer beschäftigt sich im Alltag schon ausgiebig mit diesen Fragen. Es sei eben praktisch, sagt sie dann. Das Wetter, die Nachrichten. Aber manchmal werde es ihr auch zu viel. Zum Beispiel, wenn sie Bilder von Kindern in der zerstörten Ukraine sehe.
Die Schweiz ist ein Land der Sprachen und der Kulturen. Die SRG trägt mit ihren Programmen in allen Landessprachen und aus allen Regionen massgebend zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Während der Coronapandemie überträgt die SRG Live-Briefings und Ankündigungen von Regierungs- und Gesundheitsbehörden, um sicherzustellen, dass die Öffentlichkeit über die neuesten Massnahmen und Entwicklungen informiert ist. In einer Zeit, die von grosser Unsicherheit geprägt ist, trägt die SRG mit ihren altvertrauten Programmen ausserdem dazu bei, ein Gefühl der Normalität und der Gemeinschaft aufrechtzuerhalten. Wann immer ich meine Grossmutter in dieser Zeit anrufe, brüllt sie regelrecht in den Hörer, um den Fernseher im Hintergrund zu übertönen. Sie ärgert sich, dass sie die «alten Leute im Altersheim» nicht mehr besuchen darf und dass sie keine neue Wolle zum Stricken kaufen kann. Aber da sind die Nachrichten und da sind die alten Ländler-Konzerte, die wieder gespielt werden, und die Spielfilme, die sie alle schon hundertmal gesehen hat und trotzdem immer wieder schaut. Radio und Fernsehen tun, zusammen mit dem Telefon, was sie seit hundert Jahren tun: Sie holen Menschen aus der Isolation.
In den 92 Jahren ihres Bestehens hat sich die Linse der SRG verschärft. Sie zoomt näher in die Welt als je zuvor und trägt ihre Zuschauer und Zuhörerinnen weiter weg, als man es je für möglich gehalten hätte. So kommt es, dass nicht nur Radiowellen in weitentfernte Gegenden gespickt werden, sondern auch wir viel weiter reisen können – und das, ohne uns dafür bewegen zu müssen.
Noemi Harnickell, August 2023