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Klangträume aus dem Reisekoffer
Mit "Suitcase Suite" präsentiert Louis Jucker ein Album, dessen Sound mit zu Instrumenten umfunktionierten Reisekoffern generiert wurde. Ein weiteres Bricolagen-Wunderwerk.
Ein Wummern, ein Schwirren, Klopfen und Piepsen ertönt aus den zu Instrumenten umfunktionierten Reisekoffern, die das Klanggepäck von "Suitcase Suite" bilden. Louis Jucker, Singer-Songwriter, Produzent, DIY-Tausendsassa und Label-Mitbegründer von Humus Records, hat mit dem Nouvel Ensemble Contemporain (NEC) eine Reihe an schräg-schönen Tracks aufgenommen. Juckers Talent, touchierende Songs zu schreiben, paart sich auf diesem Album mit einem stark spürbaren Eros des kreativen Suchens und Findens. Dieses Koffer-Klang-Kammerorchester fasst vieles zusammen, was das Schaffen von Louis Jucker ausmacht. Ein Gespräch über die Fragilität der Dinge, glückliche Zufälle und nimmer endende Anfänge.
Valentin Brügger (VB): Das Projekt "Suitcase Suite" begann 2019 mit einem Kompositionsauftrag des Nouvel Ensemble Contemporain (NEC). Was war deine Reaktion auf diese Anfrage?
Louis Jucker (LJ):
Die Anfrage hat mich gefreut, aber ich wollte keine Musik auf Papier schreiben. Ich wollte mit den Mitgliedern des NEC zusammenspielen und alle Instrumente selbst bauen. Die Idee war, dass wir zusammen diese neuen Koffer-Instrumente entdecken und nicht bereits virtuos auf unseren Hauptinstrumenten spielen. Sie waren einverstanden und gaben mir ein Extra-Budget, um alte Reisekoffer und Geräte zu kaufen. Wir haben uns dann sechs Monate später getroffen, um die Koffer zu bestücken und die Songs zusammenzuschustern.
VB: Hattest du bereits das Know-How, um diese Koffer-Instrumente zu entwickeln?
LJ: Ich habe schon vor paar Jahren eine Gitarre aus einem alten Koffer gebaut. Das hat sich irgendwie ergeben. Dadurch wusste ich schon ein wenig, wie man solche Instrumente kreieren kann. Ich brauchte aber einen bestimmten Kontext, um diese Bricolagen zu einem konkreten Projekt weiterzuentwickeln. Das NEC hat mir diesen Kontext gegeben.
VB: Wie funktioniert das Komponieren mit unbekannten Instrumenten?
LJ: Das ist ein ziemlich interessanter Prozess, da Zufälle eine grosse Rolle spielen. Ich konstruiere nichts von null. Ich benutze fast keine neuen Materialien. Es sind oft Instrumente oder Teile von Instrumenten, die ich kombiniere oder neu verkable. Es sind keine perfekten Instrumente, sie haben aber eine gewisse Lebendigkeit. Es brauchte viel Energie, diese verschiedenen Objekte zusammenzutragen und die richtige Kombination mit den Koffern zu finden. Ist ein solches Koffer-Instrument aber fertiggestellt, ist es natürlich sehr praktisch. Es ist wie ein Reise-Kit.
VB: Inwiefern sind solche Instrumente selbst Inspirationsquellen im Songwritig-Prozess?
LJ: Es sind fast Geysire an Ideen und Inspirationen. Man muss aufpassen, dass man nicht überschüttet wird. Jedes Mal, wenn ich einer Person die Instrumente zeige und erkläre, wie sie funktionieren, wird das offensichtlich. Egal ob es Menschen sind, die selbst Musik machen oder einfach Konzerte besuchen. Jedes Mal, wenn ich die Instrumente zeige, sind die Leute paralysiert, weil es so viele neue Informationen und Möglichkeiten gibt. Aber die Handhabung dieser Koffer-Instrumente ist relativ einfach und circa nach zehn Minuten können die Leute diese neuen Instrumente spielen.
VB: Wie funktioniert dieses Koffer-Ensemble im Konzertkontext?
LJ: Ich spiele zwei Arten von Konzerten. Ich spiele manchmal alleine oder mit Mitgliedern des NEC. In beiden Fällen ist das Setting fast gleich. Die Koffer-Instrumente sind auf der Bühne arrangiert. Zudem haben wir Kameras und Bildschirme auf der Bühne. Es ist wie ein Labor, wo man sehen kann, was passiert, wie wir die Koffer-Instrumente spielen, etc. Es sind manchmal sehr kleine Bewegungen, die grosse Einflüsse auf den Sound haben. Und weil es seltsame und ungewöhnliche Instrumente sind, ist das Ziel, dass das Publikum nahe am Geschehen ist, was fast eine didaktische Wirkung haben kann. Wir spielen die Songs, das Publikum sieht direkt was passiert und anschliessend besteht die Möglichkeit, Fragen zu stellen oder die Koffer-Instrumente noch näher zu betrachten. Bisher hat das sehr gut funktioniert.
VB: Deine Solo-Alben haben immer einen individuellen Fokus. Wo würdest du "Suitcase Suite" verorten?
LJ: Ich schreibe einerseits private Alben, die über einen Zeitraum von vier bis fünf Jahren entstehen. Das ist wie ein Notizbuch, das neben dem Bett liegt, und ich ab und zu öffne. Das ist ein langer, intimer Prozess. Diese Art Lieder lerne ich über eine lange Zeit kennen und spüre genau, wie ich sie aufnehmen möchte. Andererseits schreibe ich Alben zu einem bestimmten Kontext. Entweder bin ich an einem Ort, oder jemand fragt mich, oder gibt mir eine Idee. Ich reagiere darauf, und dann schreibe ich Alben. Das sind die Lieder, die sehr schnell geschrieben werden. Das ist wie ein Printscreen von meinem Desktop, von meinem Gehirn. Mit allem, was im Moment passiert. Das ist sehr spontan.
Für mich geht es in "Suitace Suite" um die Fragilität der Dinge, oder auch um die Vergänglichkeit der Dinge. Dass ich diese Koffer-Instrumente verändern und einfach mitnehmen kann, definiert auch eine gewisse Poesie. Für mich sind es irgendwie Instrumente, die vom Ende der Welt zeugen, weil es ja "Abfälle" sind, die ich hier verwende. Ich trage "Abfallboxen" herum. Aber es sind auch Instrumente, die eine Transition erzeugen und zu anderen Welten führen können.
VB: Im Video-Clip zum Song "On Their Knees" wird der Arbeitsprozess derjenigen Personen gezeigt, die bei der Entstehung des Albums irgendwie involviert waren. Wie wichtig ist es dir, den Fokus bewusst auf diese Menschen zu richten?
LJ: Ich arbeite oft in kollektiven Strukturen und möchte, dass ein Teil der Persönlichkeit der involvierten Personen im Projekt steckt. Ich arbeite mit Musikerinnen und Musikern, die ihre eigenen Parts schreiben, oder mit Personen, die für den Artwork-Prozess ihre eigenen Techniken anwenden. Es ist ein Mix – eine grosse Einladung. Auch wenn es etwas meta klingt, aber ich war immer interessiert, den Blick hinter das Dekor, hinter den Vorhang zu ermöglichen, damit die ganze Struktur und die Personen hinter Konzerten, Alben etc. sichtbar wird. Für mich ist es zum Beispiel auch immer wichtig, diejenigen Personen zu erwähnen, die für Licht und Sound verantwortlich sind. Die Arbeit an Alben bietet für mich also auch immer die schöne Gelegenheit, mit all diesen kreativen Menschen Zeit zu verbringen und mich mit ihnen über die Sache auszutauschen. Das gibt mir sehr viel.
VB: Deine Songs sind oft kurze, sonische Gedichte. Die Lyrics auf diesem Album bewegen sich zwischen kritischen Betrachtungen der Aussenwelt, wie bei "The House We Let Them Take", und Erläuterungen deiner Innenwelt, wie bei "My Windy Heart". In welchem Fall bist du in deiner Sprache deutlicher und wann wählst du bewusst grösseren Raum für Interpretationen?
LJ: Für mich sind die Lieder nie mit einem einzigen Sinn verbunden, oder sollen nie einen bestimmten Effekt erzeugen. Jedes Mal, wenn ich sie singe, oder je nach Ort, wo ich sie singe, oder wer sie hört, eröffnen sich neue Perspektiven. Das Album spricht oft von "Dingen". Dingen, die man zurücklassen muss oder zu denen man hingehen muss. "My Windy Heart" erzählt von unseren oft etwas zerfledderten, vom Leben etwas versehrten Herzen. Durch diese Risse und Löcher zieht das Leben, ähnlich wie Windstösse. Wir spüren das Innere sowie das Äussere zugleich und durch unsere Erfahrungen intensiviert sich dieses Gefühl. In "The House We Let Them Take" geht es um die Orte, die leerstehenden Häuser, in denen wir beispielsweise Probelokale eingerichtet haben. Wir haben eine emotionale Verbindung zu solchen Orten. Auch hier geht es um die Verwandlung von Dingen, um neues Leben in Altem. Werden solche Orte systematisch abgerissen, brauchen Nostalgiker wie ich vielleicht Songs, um ein Gleichgewicht zu finden und die Aspekte, Momente und Gefühle zu bewahren, die uns mit diesen Orten verbanden. In allen Lieder des Albums und allgemein in diesem Projekt mit diesen Instrumenten aus alten Koffern geht es auch um Bescheidenheit oder um eine gewisse Demut. Altes neu denken, Neues erträumen, ohne zu wissen, ob man es umsetzen kann. Zu hoffen, dass eine Idee durch den gemeinsamen Versuch funktioniert, dass man versucht, sich in dieser Fragilität der Dinge zurechtzufinden und die Unbeständigkeit zu akzeptieren. Wir wissen nicht, wohin wir gehen, aber wir sind auf dem Weg.
VB: Welcher Aspekt deines Schaffens ist dir zusätzlich wichtig, dass er für die Leute spürbar ist.
LJ: Es ist für mich mega wichtig, dass die Leute verstehen, dass etwas, was original oder komisch aussieht, auch eine Qualität hat. Man muss nicht unbedingt normal schön sein. Man kann auch weird schön sein. Das ist für mich meine Lieblingskunstform. Ich bin komisch und meine Musik kann auch manchmal komisch aussehen oder klingen. Aber das bedeutet nicht, dass die Leute nicht eingeladen sind und dass ich das absichtlich mache. Das ist nur, was ich bin. Mein Ziel ist einfach, eine schöne Melodie mit den Leuten zu teilen. Wenn die Leute ein bisschen neugierig sind, können sie in eine Wunderwelt eintreten.