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Leider ist der Staubbachfall bei Lauterbrunnen nur noch der zweithöchste der Schweiz, nachdem man den Serenbachfall am Walensee vermessen hat. Aber er ist gewiss der schönste und literarisch bedeutendste. In diesem Sommer fällt ja Wasser überall, man braucht also nicht unbedingt zu den Wasserfällen zu wandern, aber vielleicht ins Zürcher Kunsthaus zu deren Abbildern aus der Romantik.
„In diesem engen Thale hat man allezeit die Lütschinen zur Seite; bald zur rechten, und bald zur linken: Sie brauset über, und zwischen großen Felsstücken schnell einher, und wälzt brühlend und schäumend in ihrem schwarzen Wasser Felsstücke, wie Oefen mit sich fort. In zwoen Stunden von dem Eingange in das Thal kömmt man in das Dorf Lauterbrunnen.
Einige hundert Schritte hinter dem Dorfe sieht man zur rechten Hand einen Bach, der Pletschbach genennt, über den hohen Felsen des Pletschbergs sich hinunter stürzen, und im Stürzen sich gänzlich in Staub verwandeln. Dieser schöne und in seiner Art ganz besondre Wasserfall ist daher auch unter dem Namen des Staubbachs bekannt. Er entspringt von den Brünnen auf dem Berge und Alp Müren, und fließt durch einen Tannwald den Berg hinab, bis auf den ersten Absatz der Fluh in einen Sammler; von welchem er in zweenen Theilen auf einen andern hinunterfällt, und auf demselben sich wiedrum vereint, von da aber nicht gerade dem Felse nach hinunter stürzt; sondern über den Felsbank, wie aus einer Röhre hinaus dringt, und in der Luft in einen feinen Tauregen zerstöbert: so daß der oberste Theil der Fluh bey 12. bis 15. Schuhen hoch trocken bleibt. Die übrige Wassersäule aber fällt weiter hinab auf einen nur wenige Schuhe aus dem Felsen hervorragenden, schiefen Bank, auf welchem sich dieselbe wegen ihres hohen Falls vollkommen zerstöbert, und in einer zarten Regen verwandelt, wegen des schiefen Absatzes aber weit von dem Felse hinaus getrieben wird: so daß man zwischen dem Felse und dem Staubbach fast unbenetzt hindurchgehen kan: Hingegen aber wird man auf einige hundert Schritte davon fast überall und unbemerkt benetzt. Wenn ein Wind hinzukömmt, so treibt er dieses fein zerstäubte Wasser sehr weit fort. Im Winter aber entstehet davon ein so gräuliche Eissäule, daß man zweifelt, ob dieselbe im Sommer wieder wegschmelzen könne.“
Sommer! Genau das ist das Stichwort! Wo ist er nur geblieben? Und wie ist er? Eisig und nass. Klar, die Eissäule des Staubbachfalles, wie sie Gottlieb Samuel Gruner in seinem fundamentalen Werk „Die Eisgebirge des Schweizerlandes“ aus dem Jahre 1760 so eindringlich und poetisch beschreibt, ist schon längst geschmolzen. Aber trotzdem, was tun, wenn kaum gebadet werden kann? Wenn einem der ganze Himmel wie ein Staubbach vorkommt. Hinein in die trockene Stube – und lesen. Bergkrimis zum Beispiel; würde natürlich auf einem Badetuch oder auf einem warmen Felsen am Rande eines Bergbaches mehr Spass machen. Den Gruner lesen; auf www.e-rara.ch/zut/content/titleinfo/2417876 kann er heruntergeladen werden, inklusive Bilder. Der Staubbachfall ist gleich zweimal abgebildet: Als Frontispiz, „gezeichnet nach der Natur von J. L. Aberli. Gegraben von A. Zingg“ und als Illustration zwischen den hier zitierten Seiten 104 und 105 im ersten Teil von Gruners Werk: „Der Staubbach im Lauterbrunnen im Cant. Bern. Gezeichnet nach der Natur 1758. und Gegraben in Paris 1760 von A. Zingg“.
Das war mir bisher nicht bewusst gewesen, dass Adrian Zingg, 1734 in St. Gallen geboren und 1816 in Leipzig verstorben, die Kupferstiche für Gruners Werk gestochen hat, nach Vorlagen verschiedener Künstler wie eben Johann Ludwig Aberli, aber einmal eben auch selbst nach der Natur gezeichnet. 1758 zog Zingg mit Aberli wandernd und zeichnend durchs Berner Oberland, im Jahr darauf ging es nach Paris. 1765 wurde Zingg als Lehrer der Kupferstecherkunst an die Dresdener Kunstakademie berufen. Er blieb dort und begann die Felstürme der Sächsischen Schweiz zu zeichnen, so romantisch, dass sich seine Darstellung auch im Zeitalter der digitalen Fotografie nicht aufgelöst hat.
Adrian Zingg! Den Namen kannte ich nicht, bis ich die ihm gewidmete Ausstellung im Zürcher Kunsthaus sah. Nichts wie hin, die Ausstellung läuft noch bis zum 12. August. Und, ganz besonders: Sozusagen als Auflockerung zu den oft in Sepia gemalten Bildern von Zingg geht man durch den Saal mit Berggemälden von Ferdinand Hodler. So kräftig könnte offenbar der Sommer sein.
Adrian Zingg: Wegbereiter der Romantik. Herausgegeben von Petra Kuhlmann-Hodick, Claudia Schnitzer, Bernhard von Waldkirch. Sandstein Verlag, Dresden 2012, Fr. 42.- Katalog zur Ausstellung im Kunsthaus Zürich vom 25. Mai bis 12. August 2012.
Und, wenn der Sommer weiterhin nautisch bleibt, bieten sich Wasserfallwanderungen geradezu an. Mehr dazu bei Christian Schwick und Florian Spichtig: Die Wasserfälle der Schweiz. Das grosse Wanderbuch, AT Verlag 2012, Fr. 46.-