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Er verpasste, wie Obama seine Wiederwahl tweetete und wusste nur vom Hören-Sagen, was ein Harlem Shake ist: Am 30. April 2012, klickte sich Paul Miller aus dem WWW aus, war fortan nur noch «offline». Für 365 Tage. Miller war damals 26 Jahre alt, Technikredaktor der US-Zeitschrift «TheVerge».
Er wollte eine Auszeit vom modernen Leben, fühlte sich ausgebrannt, ein Hamster in einem Hamsterrad namens E-Mail-Inbox. Er war sicher: Die kontinuierliche Flut an Information aus dem Internet begann, seine Gesundheit zu bedrohen. Irgendwo auf der anderen Seite des Webbrowsers, so hoffte er, würde das richtige Leben, der richtige Paul auf ihn warten. Sein Ziel: herauszufinden, was das Internet ihm über die Jahre angetan hatte. Um ein besserer Mensch zu werden und um darüber zu schreiben, damit auch andere bessere Menschen würden.
An Blumen schnuppern
Unter dem Titel «Paul Miller: Offline» dokumentierten Pauls Kollegen auf ihrer Magazin-Website TheVerge.com regelmässig sein «neues Leben» mit Fotos, Videos und Texten, die Paul schrieb. So besuchte er beispielsweise einen Kongress für orthodoxe Rabbis, die aus religiösen Gründen kein Internet nutzen. Und liess sich sagen, er solle in sich gehen und wieder an Blumen riechen. Paul schnupperte an Blumen, die er in New York auch fand.
Aber nicht nur: Er begann zu biken, sich mit Freunden zu treffen, Frisbee zu spielen. Er schrieb eine halbe Novelle und ein paar Essays. Er besorgte sich einen richtigen Briefkasten und freute sich kindisch über jeden einzelnen Brief seiner Leser. Und: Er verlor 7 Kilo. Es schien, als würde sich seine Theorie bestätigen: Ohne Internet war er einfach ein besserer Paul – wenn auch ein bisschen einsamer, gelangweilter.
Schwieriges Social Life
Was aber ganz klar schwieriger war: Mit den Leuten in Kontakt zu bleiben. In der Zeit, in der er ein Dutzend Briefe schrieb, hätte er hunderte von E-Mails beantworten können. Doch: Jemanden per Telefon zu erreichen, war umständlicher, als eine E-Mail zu schreiben, jemanden besuchen ebenfalls als kurz mit «FaceTime» bei ihm «vorbei zu schauen».
Und: Sobald sich Paul nach ein paar Monaten an den Zustand «ohne Internet» gewöhnt hatte, es nichts mehr spezielles war und sich auch niemand mehr gross darum scherte, verabschiedete sich auch der «neue Paul» wieder: «Es kam die schlimmste Seite meines Seins zum Vorschein», so Paul.
Der wahre Paul Miller
Paul langweilte sich und sass meist nur noch vor der Glotze oder spielte Videogames. Das mit den Sozialkontakten war einfach zu umständlich geworden. Der Akku seines Telefons leerte sich, Paul war plötzlich zu faul, ihn wieder aufzuladen. Seine Eltern sorgten sich langsam um ihn, schickten seine Schwester vorbei, um zu wissen, wie es ihm ging. Online war Paul ein relevanter Teil der Gesellschaft. Ständig offline vegetierte er immer mehr vor sich hin, vor dem TV oder der Spielkonsole – gelangweilt und einsam.
Internet rehabilitiert
Paul verliess also das Internet, um zu sich selbst zu finden. Und um in Kontakt zu kommen mit der realen Welt. Sein Fazit: Den Paul, den er schlussendlich fand, gefiel ihm gar nicht – von wegen Läuterung und besserer Mensch. Er und die reale Welt, das war nach diesem Versuch klar, sind untrennbar verbunden mit dem Internet. «Nicht, dass mein Leben ohne Internet nicht ein anderes war – aber es war nicht das reale Leben. Es gibt keinen Weg mehr zurück.»
Millers Selbstversuch löste grosses mediales Echo aus – vor allem wohl wegen seinem sehr ehrlichen Fazit – gegenüber dem Versuch und sich selber: «Nicht das Internet war das Problem, sondern ich.»