Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03246.jsonl.gz/1363

Die Zahl aller Verstorbenen ist der verlässlichste Indikator, um zu beurteilen, wie gravierend ein besonderes Ereignis wie eine starke Influenza-Welle, ein Hitzesommer oder eben eine Pandemie ist oder war. Während der Pandemie meldeten es Behörden und Medien mit Schlagzeilen, als mehr Menschen starben als zu erwarten war.
Die Übersterblichkeit der Jahre 2020 bis 2022 führt das Bundesamt für Statistik in erster Linie auf die Folgen der Corona-Pandemie zurück. Auf mögliche zusätzliche Gründe wie ein geschwächtes Immunsystem wegen der Lockdowns oder wie die Isolation der Betagten geht das Bundesamt nicht ein.
Bei dieser Übersterblichkeit in den Jahren 2020 bis 2022, die laut Behörden vor allem corona-bedingt war, sind vor allem ältere Menschen mit Grunderkrankungen in Pflegeheimen und in Spitälern vorzeitig gestorben.[i]
Weil sie vorzeitig starben, sollten entsprechend weniger Menschen in den Jahren danach sterben. Doch das war im Jahr 2023 nicht der Fall.
Im Gegenteil: In fast allen westlichen Ländern starben im letzten Jahr deutlich mehr Menschen als statistisch erwartet wurde: In den USA und in Europa jeweils über 200’000 Menschen mehr, in Deutschland etwa 70’000 mehr und in der Schweiz waren es über 2000 mehr als erwartet.
Das geht aus der Übersterblichkeits-Statistik der OECD hervor. Prozentual starben in Deutschland 7,7 Prozent mehr Menschen als erwartet, in der Schweiz 4 Prozent mehr und in den USA 7,8 Prozent.
Diese Zahlen sind für die ersten 44 Wochen des letzten Jahres ausgewiesen. Die OECD macht darauf aufmerksam, dass die zuletzt erfassten Wochen wahrscheinlich noch nicht alle Todesfälle enthalten.
Die erwähnten Zahlen der Übersterblichkeit für das ganze Jahr 2023 hat Infosperber von den 44 Wochen auf 52 Wochen extrapoliert.
Statt einer Unter- eine Übersterblichkeit
Die Übersterblichkeit im Jahr 2023 war nicht so gross wie während der Corona-Wellen der Jahre 2021 und 2022. Aber eigentlich wäre im Jahr 2023 zu erwarten gewesen, dass weniger Menschen sterben als im langjährigen Trend, weil viele ältere Menschen in den Jahren 2020 bis 2022 schon vorzeitig gestorben waren.
Doch der Trend scheint klar: Im Jahr 2023 kam es nach Angaben der OECD in den meisten Ländern nicht zu weniger Todesfällen, sondern es starben mehr Menschen als erwartet.
Diese unerwartete Übersterblichkeit hat bisher weder zu Schlagzeilen geführt noch werden mögliche Ursachen diskutiert und abgeklärt.
Eines steht fest: Corona-Viren können die Übersterblichkeit im Jahr 2023 nicht verursacht haben, weil fast alle Menschen bereits geimpft und/oder infiziert waren und nur noch harmlosere Virus-Varianten im Umlauf waren. Ebenfalls kein Grund konnte ein starke Influenza-Welle sein, da diese erst Ende 2023 anfing.
Keine Einschätzung der Behörden in der Schweiz
Die OECD versucht, die von den Mitglieds-Ländern erhaltenen Statistiken möglichst vergleichbar aufzubereiten. Trotzdem ist bei solchen Ländervergleichen Vorsicht geboten.
Gemäss OECD sind letztes Jahr in der Schweiz 2000 mehr Menschen gestorben als erwartet. Doch das Bundesamt für Statistik BFS will berechnet haben, dass im 2023 nicht mehr Menschen starben als erwartet. Allerdings hat das BFS die Zahl der erwarteten Todesfälle sehr hoch angesetzt. Das zeigt die Grafik. Das Bundesamt erklärt dazu, es habe die im Jahr 2023 statistisch zu erwartenden Todesfälle aufgrund des «Trends über die vergangenen zehn Jahre» berechnet. Dieser Trend berücksichtige die «Bevölkerungszunahme und -alterung». Die schwarze Linie in der Grafik zeigt diesen Trend.
In der Grafik ist klar ersichtlich, dass das BFS die erwartete Anzahl der Todesfälle in den Jahren 2021 und 2022 tief ansetzte. Daraus resultierte die Übersterblichkeit auch in den Jahren 2021 und 2022 (Abstand zwischen roter Linie und grauen Balken). Erstaunlicherweise erhöhte sich die Übersterblichkeit im Jahr 2022 wieder (rote Linie), obwohl Ende 2021 die meisten Gefährdeten geimpft waren und sich die mildere Omikron-Variante verbreitet hatte.
Es fällt weiter auf, dass es im Jahr 2021 statistisch gar keine und im Jahr 2022 eine niedrigere Übersterblichkeit gegeben hätte, wenn das BFS die erwarteten Todesfälle ebenfalls aufgrund des Trends der letzten zehn Jahre angenommen hätte (schwarze Linie).
Offensichtlich hat das BFS seine Berechnungsmethode für die zu erwartenden Todesfälle der Jahre 2021 und 2022 geändert – ohne diese Methodenänderung in der Grafik kenntlich zu machen.
Trotz 5800 vorzeitig Verstorbenen blieben die Todesfälle nachher im langfristigen Trend
Es stellt sich zudem die Frage, warum die – nach Angaben des BFS – insgesamt 5800 vorzeitig Verstorbenen der Jahre 2020 bis 2022 nicht dazu führten, dass im Jahr 2023 weniger Menschen starben, als im langjährigen Trend zu erwarten war. Ausgerechnet auch unter den Älteren nahm die Sterblichkeit nach Angaben des BFS nicht ab: «Seit Mitte November (Woche 46/2023) liegt die Sterblichkeit der Personen ab 65 Jahren schweizweit über der Obergrenze des Erwartungsbereichs.»
Infosperber stellte dem BFS folgende Fragen:
- Weshalb erwartete das BFS im Jahr 2023 mehr Todesfälle als in den Jahren 2021 und 2022 (siehe Grafik oben)?
Antwort des BFS: «Die für das Jahr 2023 statistisch erwarteten Todesfälle liegen im Trend über die vergangenen zehn Jahre, der auf der Bevölkerungszunahme und -alterung basiert.»
- Ende 2021 waren bereits die meisten Vulnerablen in der Schweiz gegen Covid geimpft. Hat das BFS bei den zu erwartenden Todesfällen im Jahr 2022 die Wirkung der Corona-Impfungen berücksichtigt?
BFS: Keine Antwort.
- Hat das BFS die in den Jahren 2020 bis 2022 vorzeitig verstorbenen Betagten (laut BFS insgesamt 5800 Personen mehr Todesfälle als erwartet) bei den zu erwartenden Todesfälle im Jahr 2023 berücksichtigt?
BFS: Keine konkrete Antwort, sondern: «Die erwartete Zahl der Todesfälle für ein bestimmtes Jahr wird jeweils auf der Grundlage der beobachteten Zahl der Todesfälle der letzten zehn Jahre berechnet. Es handelt sich um einen komplexen Algorithmus.»
- Warum gibt die OECD (aufgrund von Zahlen aus der Schweiz) für die Schweiz im Jahr 2023 im Gegensatz zum BFS eine Übersterblichkeit an?
BFS: «Wir sind für diese Frage nicht zuständig.»
Schliesslich wollte Infosperber sowohl vom Bundesamt für Statistik als auch vom Bundesamt für Gesundheit wissen, ob sie den Gründen für die hohe Sterblichkeit im Jahr 2023 nachgehen. Das BFS antwortete, es sei dafür nicht zuständig. Das BAG meinte allgemein: «Da die Übersterblichkeit durch verschiedene aussergewöhnliche Ereignisse (z.B. Hitzewellen, stark zirkulierende respiratorische Erreger) beeinflusst wird, ist eine detaillierte Auswertung der Todesursachen erforderlich, um Zeiten der Übersterblichkeit genauer zu evaluieren.»
Diese Auswertungen fehlen.
- Es ist noch immer nicht erklärt, warum die Übersterblichkeit im Jahr 2021 sank und im Jahr 2022 wieder zunahm.
- Zur Frage, warum die Zahl der Verstorbenen im Jahr 2023 nicht viel stärker sank, könnte das BAG Hypothesen aufstellen, um sie dann wissenschaftlich überprüfen zu lassen.
Eine unerwartet grosse Zahl der Verstorbenen ist der verlässlichste Indikator, um zu beurteilen, wie gravierend besondere Ereignisse waren. Im Jahr 2023 starben mehr Menschen als erwartet, aber die «besonderen Ereignisse» sind unbekannt.
- Behörden und Medien interessieren sich nicht dafür, warum die Sterblichkeit im Jahr 2023 so gross war, ohne dass ein offensichtlicher Grund vorliegt.
- Die Behörden wollen nicht erklären, warum die OECD mit den Zahlen aus der Schweiz zu anderen Schlüssen kommt als das Schweizer Bundesamt für Statistik.
- Statt transparent darzustellen, wie die komplexen Berechnungen der statistisch zu erwartenden Todesfälle zustande kommen, lassen die Bundesämter viele Fragen offen.
Das zementiert Meinungsblasen, sät Misstrauen und lässt Spekulationen zu.
_______________________
Frühere Informationen zur Übersterblichkeit:
Infosperber vom 1.9.2022:
«Covid-Übersterblichkeit: fast 20-fache Unterschiede»
Infosperber vom 7.2.2023:
«Die Übersterblichkeit geht nicht allein auf das Virus zurück»
Infosperber vom 23.5.2023:
«Zahlen zur Corona-Übersterblichkeit lassen sich manipulieren»
Infosperber vom 3.7.2023:
«Wichtige Studie zur Covid-Sterblichkeit war ‹unplausibel›»
[i] BFS Aktuell Demos 2/2023: «Das grösste Risiko für eine erhöhte Sterblichkeit wiesen Personen ab 80 Jahren auf, wohingegen Personen unter 65 Jahren kaum von diesem Risiko betroffen waren.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.