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Auf die Frage, wie man die Artenvielfalt in der Schweiz trotz Klimaerwärmung erhalten kann, sagt Mario Negri, Parkwächter im Schweizerischen Nationalpark in Zernez: „Es stellt sich die Frage, ob Tiere einwandern oder ob sie ausgesetzt werden. Der Mensch hilft mit Aufzuchtsprojekten von Jungtieren, zum Beispiel beim Bartgeier, beim Steinbock und beim Luchs nach. Der Bär ist vor gut zwei Jahren wieder in die Schweiz eingewandert, nachdem er hier über 90 Jahre verschwunden war. Der Wolf kehrte vor etwa vier Jahren, der Luchs vor etwa 30 Jahren zurück, ebenso kehrten der Fischotter, der Biber und die Wildschweine zurück. Kleintiere wie Schnecken, Insekten- und Spinnenarten, die neu in die Schweiz einwandern, sind unterwegs. Es sind Tiere, die Wärme bevorzugen und früher nur bis ins Tessin oder in die Gegend von Genf vorkamen.“
Tiere brauchen Zeit
„Tiere haben es einfacher, sie sind nicht sesshaft und können sich bewegen. Sie können in Umgebungen ausweichen, die ihren Lebensbedingungen entsprechen. Tiere, die in die Höhe flüchten müssen, werden allerdings einmal ein Problem haben. Wäre die Klimaerwärmung eine Entwicklung die sich über Jahrtausende erstreckt, hätten die Tier- und Pflanzenarten Zeit, sich anzupassen. Dies ist jedoch nicht möglich, denn die Klimaerwärmung spielt sich innerhalb von zwei- bis dreihundert Jahren ab. So ist die Antwort des Tierreichs auf dem Niveau der Genmutation und der Auslese nicht mehr möglich. Genmutation heisst, eine Veränderung gegenüber dem Rest der Art. Dabei überleben immer die Tiere, welche besser geeignete genetische Veränderungen aufweisen. Über eine längere Zeit würde sich so eine andere Art entwickeln.“, sagt der Biologe Christian Speich.
Zu den Verlierern gehören mit Sicherheit auch die Fische. Viele Fischarten müssen in Zuchtbecken aufgezogen und in die Gewässer ausgesetzt werden, sonst wären sie heute schon ausgestorben. Einige Fischarten reagieren direkt auf die Wassertemperaturen. Wenn die Temperatur des Flusswassers im Sommer ansteigt, kommt es zum Fischsterben. Auch Trockenheit und Hochwasser in den Flüssen bereiten den Fischen Probleme: Entweder vertrocknen sie oder die Eier und Jungfische vieler Arten werden zerdrückt und weggespült.
Die Bahn trägt die Samen durch die Schweiz
Ein grösseres Problem haben Pflanzen und Bäume. Sie sorgen täglich für unser Wohl, indem sie die Luft reinigen. Mit der Photosynthese entnehmen Pflanzen CO2 aus der Luft, wandeln es in Kohlenstoff um, den sie für ihr Wachstum brauchen, und geben Sauerstoff an die Atmosphäre ab. Die Zusammensetzung der Wälder wird sich mit der Klimaerwärmung stark verändern. Fachleute nehmen an, dass einige Baumarten aussterben werden, weil ihnen bereits der heutige Klimastress zu gross ist. Es ist fraglich, ob sich diese Baumarten durch die Verbreitung ihrer Samen mit dem Wind schnell genug in andere Umgebungen retten können.
Welche Rolle die Eisenbahn dabei spielt, erklärt der Winterturer Biologe Christian Speich: „Viele Wärme liebende Pflanzenarten, die früher in der Schweiz nicht leben konnten, entspringen jetzt aus Hausgärten und besiedeln grössere Landstriche. Diese werden einheimische Pflanzenarten verdrängen und unsere Flora verändern. Auch der Flugverkehr, die Schifffahrt und der Zugverkehr spielen dabei eine Rolle. Das Eisenbahnnetz trägt beispielsweise viel zur Veränderung bei. Wenn etwa in einem südlichen Land ein Güterwagen lange herumsteht, bauen Spinnen daran ihre Netze. Wenn Pflanzen in dieser Umgebung versamen, bleiben deren Samen in den Spinnennetzen hängen. Fährt dieser Güterzug dann hunderte Kilometer weit in den Norden und dort beginnt es zu regnen, schwemmt es diese Samen in den Schotter der Geleise, wo vielleicht eine dieser Pflanzen wieder fruchtet. Vor der Entwicklung der Eisenbahn in der Schweiz, kam beispielsweise die Resepflanze nur bis südlich von Genf vor. Mit dem Bau der Eisenbahnlinien verbreitete sich die Resepflanze entlang der Geleise im ganzen Land.“