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Die olympische Geschichte Brasiliens ist voll von ungewöhnlichen Vorkommnissen, welche sich in den meisten Fällen aus der mangelhaften Struktur ergeben haben, mit der die brasilianischen Athleten zu den Spielen reisten. Ein paar der kuriosesten Fälle aus diesen 80 Jahren haben wir hier aufgelistet:
Made in USA
Die erste Goldmedaille Brasiliens im Schiessen, in Antwerpen 1920, war eigentlich der Grosszügigkeit der Amerikaner zu verdanken: In Brüssel war den Brasilianern von Dieben alle Ausrüstung gestohlen worden – inklusive der Waffen und ihrer Munition. Aber mit ihrem bekannten Sportsgeist überliess die amerikanische Equipe ihnen 2.000 Patronen und einen Revolver der Marke „Colt“ – eine Spezialanfertigung für das amerikanische Team. Mit der geliehenen Waffe erschoss sich Guilherme Paraense die Goldmedaille und verwies den US-Amerikaner Raymond Bracken auf den zweiten Platz.
Sammeln für Olympia
Eine Krise im Brasilianischen Sportbund (CBD) führte dazu, dass man zu den Spielen in Paris 1924 die Beteiligung Brasiliens absagte – die Programmhefte der Olympiade wurden ohne die brasilianischen Farben gedruckt. Im letzten Moment trat dann Américo Netto, der Chef des Sportsektors der bekannten Tageszeitung „O Estado de São Paulo“, in Aktion: er rief seine Leser zu einer Sammelaktion auf, um die Athleten – in der Mehrzahl aus São Paulo – doch noch nach Paris schicken zu können. Und es gelang: mit Américo an der Spitze schifften sich 11 Athleten in Santos ein. Es gelang ihnen lediglich ein vierter Platz durch die Gebrüder Castelo Branco, zwei Cariocas (aus Rio), die beim Rudern partizipierten, allerdings ihre Olympia-Teilnahme selbst finanziert hatten.
Athleten als Strassenhändler
Das bedeutendste brasilianische Produkt der Epoche, der Kaffee, erlaubte die Teilnahme Brasiliens an den Olympischen Spielen in Los Angeles im Jahr 1932. Wegen der Überproduktion desselben Jahres stimmten die paulistanischen Kaffeeproduzenten dem Vorschlag des CBD zu, dem Komitee 55.000 Sack Kaffee zu überlassen, um die Teilnahme der brasilianischen Equipe damit zu finanzieren. Auf dem Weg in die Vereinigten Staaten – an Bord des Schiffes „Itaquicé“ – sollten die Athleten selbst das „Grüne Gold“ an die mitfahrenden Passagiere verhökern. Ergebnis: nur 45 von den 82 ausgewählten Athleten konnten im Hafen von San Francisco von Bord gehen – für die anderen fehlte das Geld, um auch nur die Einreisegebühr zu zahlen. Also blieb der Rest an Bord, um in San Francisco den Rest des Kaffees zu verkaufen.
Von dort entschloss sich dann Adalberto Ferreira, ein Zehntausendmeter-Läufer, die 600-Kilometer-Strecke bis zum Olympiastadion zu Fuss anzugehen – und er schaffte es, auch weil freundliche Autofahrer ihn über Teilstrecken mitnahmen, zehn Minuten vor seiner olympischen Prüfung im Stadion einzutreffen – und wurde Letzter bei seinem Rennen – mit „Standing Ovations“ vom Publikum.
COB gegen CBD
Fast wäre Brasilien von der Teilnahme an der Berliner Olympiade von 1936 ausgeschlossen worden, obwohl das Land eine der grössten Delegationen aller Zeiten hingeschickt hatte. Das Problem war die unterschiedliche Zugehörigkeit ihrer Athleten: die einen vertraten das COB (Comitè Olímpico Brasileiro) und die andern die CBD (Confederacao Brasileira de Desportos). Nun verlangte das Organisationskomitee der Spiele, dass die brasilianische Equipe als Einheit aufträte, was die beiden unterschiedlichen Repräsentanten bis zur letzten Stunde ablehnten. Schliesslich liessen sie sich dann doch noch auf den Kompromiss ein. Aber obwohl bei dieser Olympiade besonders viele Brasilianer vertreten waren, gelang ihnen keine einzige Medaille – „bem feito“! (geschieht ihnen recht)!
Feijoada in London
Nach dem Zweiten Weltkrieg war London dem Erdboden gleich gemacht. Trotzdem wurde die Stadt für die Olympischen Spiele ausgewählt (1948). Überall stiess man hier auf Lebensmittelknappheit und eine entsprechende Rationalisierung derselben. Nur die Brasilianer hatten darunter nicht zu leiden: sie hatten ihre eigenen Lebensmittel mitgebracht und auch einen Mannschaftskoch, der die Equipe auf das Beste versorgte. Viele andere teilnehmende Sportler wurden von den Brasilianern zu ihrer „Feijoada“ eingeladen und erfuhren deren sprichwörtliche Gastfreundschaft am eigenen Leib in dieser schweren Zeit. Allerdings kamen auch viele Lebensmittel nach der langen Schiffsreise verdorben in der englischen Hauptstadt an – aber niemand musste Hunger leiden.
Selbst ist der Mann
Die letzten drei Präsidenten des COB vertraten Brasilien auch als Athleten. Sylvio de Magalhaes Padilha, Präsident des COB von 1963 – 1990, war olympischer Hürdenläufer 1932 und 1936 – André Gustavo Richer, Präsident von 1990 – 95, nahm als Ruderer an den Spielen von 1956 teil – und Carlos Arthur Nuzman, der gegenwärtige Präsident des Komitees, stammt aus der Volley-Equipe von 1964.
Gestohlenes Silber
Gustavo Borges, bester brasilianischer Schwimmer aller Zeiten, hat gekämpft und gelitten, um seine erste Silbermedaille 1992 zu erringen. Bei der 100-Meter-Freistiel-Prüfung kam er als Zweiter ins Ziel – aber ein Fehler im Computer setzte ihn erst mal auf Rang Acht in der Endrunde. Schliesslich wurde der Fehler korrigiert und Gustavo konnte sich freuen. 1996 wiederholte er in Atlanta seinen Sieg und dazu noch die Bronze-Medaille über die 200 Meter. Damit war er der erste Brasilianer mit drei olympischen Medaillen.
Unsportlichen Attacke, Gold weg
Zehn Kilometer fehlten nur noch im Marathonlauf von Athen 2004, den der Brasilianer Vanderlei Cordeiro de Lima anführte, als der irische Demonstrant Neil Horan sich auf den Läufer stürzte, ihn umklammerte, aus der Bahn schubste und zu Boden riss. Der Publicity-Wahn des Störenfriedes sorgte für die Verspätung Vanderleis und verhinderte die fünfte Goldmedaille Brasiliens in Athen. Trotz des unfairen Zwischenfalls eroberte er die einzige Medaille Brasiliens in der Leichtathletik und die einzige in der Geschichte des Landes im Marathon. Auch wenn nicht feststeht, ob Vanderlei ohne den Iren gewonnen hätte, protestierte das Brasilianische Olympische Komitee bei der Organisations-kommission der Spiele und appellierte für die Gewährung der Goldmedaille. Die Jury der International Association of Athletics Federations (IAAF) allerdings lehnte den Widerspruch gegen die Entscheidung ab und erhielt das Ergebnis aufrecht. Der Vorsitzende der Jury, Amadeo Francis, erklärte, dass die Regeln keine Änderungen der Ergebnisse aus dem vorliegenden Grunde vorsähen, bedauerte aber den Vorfall. Das Internationale Olympische Komitee verlieh Vanderlei Cordeiro de Lima die Ehrenmedaille Baron Pierre de Coubertin für die Beendigung des Rennens trotz der Attacke.