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Touren im kanadischen Felsengebirge
VON SIEGFRIED BUCHER, EDMONTON
Mount Victoria Mit 2 Bildern ( 89 und 90 )'Excuse me, may I take a picture of you Diese Frage schreckt mich aus meiner Versunkenheit auf. Aufblickend höre ich den Verschluss der bereitgehaltenen Kamera klicken und fühle mich wie ein Preisbulle auf dem Rindermarkt. ''Are you a real mountaineer? ' ist die nächste Frage und wird durch staunende Augen begleitet. « Ja, ich bin einer », sage ich schnell und denke: Zum Teufel nochmal, sehen denn die das nicht? Da kommt die Erlösung, meine Begleiterin. Sie wird mit Kameras und Fragen überfallen, und ich kann mich unbemerkt wegbegeben. Sie hat mehr Ausdauer und bessere Fähigkeiten, all die begeisterten Feriengäste über unser Vorhaben aufzuklären, als dies mit mir der Fall ist. Unser Vorhaben? Ach ja, ich habe es vergessen zu erwähnen - wir haben im Sinn, den Mount Victoria ( 3452 m ) zu besteigen. Die Victoria, wie wir sie nennen, liegt ungefähr 50 Kilometer von dem berühmten Ferienort Banff entfernt im südlichen kanadischen Felsengebirge als Barriere des Tales, in dem der Louisensee eingebettet liegt. Ein Indianerhäuptling des Stammes der Schwarzfüsse soll aus Dankbarkeit gegenüber der Tat eines Weissen ihm diesen Platz gezeigt haben. Schon das erstemal, als wir den Louisensee und seine umliegenden Berge sahen, es war Hochwinter, empfanden wir, dass dieses Zeigen des Indianers ein Geschenk war, dessen Wert nie gemessen werden kann.
Jetzt trägt der See keine Eisdecke mehr, und helles Grün, durch das Dunkel der begrenzenden Wälder um so mehr aufleuchtend, gibt dem Tiefblau des Wassers den beruhigenden Kontrast. Die weissen Häupter der Victoria und des Mount Lefroy ( 3405 m ) spiegeln sich im See, und nur leicht auslaufende Wellen, von einem schwimmenden Biber herrührend, verursachen vorübergehende Verzerrung.
Aufatmend, den Feriengästen und ihren Fragen entronnen zu sein, marschieren wir dem Uferpfad entlang, langsam den See hinter uns lassend. Die Säcke sind schwer, denn zum Schlafsack und Zelt gesellt sich noch die ganze Hochgebirgsausrüstung. Der Pfad führt über eine sanft ansteigende Talstufe der immer steiler werdenden Berglehne des Mount Whyte ( 2982 m ) entlang. Die Julisonne treibt uns den Schweiss aus allen Poren, und wir sind froh, dass noch nicht alle Runsen ihr murmelndes Bächlein der sommerlichen Hitze wegen aufgegeben haben.
Nach etwa zwei Stunden Marschzeit wechseln wir vom Pfad, der zu einem Teehaus führt, auf die den Victoriagletscher begrenzende Moräne über. Wir gedenken an ihrem oberen Ende den Nachmittag mit Kampieren und Beobachten zu verbringen. Der amtierende Parkwärter, bei dem wir die Erlaubnis zur Besteigung der Victoria einholten, hatte uns vor einem Aufstieg zum Abbotpass ( 2925 m ) während des Tages gewarnt. Die in einigen hundert Metern senkrecht über der Aufstiegsroute hängenden Eismassen bestätigen diese Warnung. Der Bordekocher brummt sein Lied, die Schuhe sind ausgezogen, und uns richtig ausruhend, liegen wir auf den ausgebreiteten Schwamm-gummimatratzen. Gegen die späte Mittagsstunde wird die ruhige Bergwelt durch ein donnerndes Getöse gestört. Eine Lawine muss an einer uns nicht sichtbaren Stelle niedergehen. Augenblicke später sehen wir die weisse Wolke über den unteren Teil des Lefroygletschers dahingleiten. Wie der Bug eines Ozeanriesen mutet sie an, und erstaunt stellen wir fest, dass sie sich mindestens über die Länge von einer Meile ( 1,6 km ) über den Gletscher ausdehnt. Wir beobachten den gegenüberliegen- den Abbotpass und die darin erscheinenden Schatten weiter. Vereinzelt brechen Eisbrocken in der Grösse von Einfamilienhäusern ab und zerschlagen zu kleinen Stücken, über die Wand fallend. Die engste Stelle der Aufstiegsroute ist ungefähr vier bis fünf Seillängen weit, und ein rechts darüber liegender Steilhang, mit Schnee beladen, macht sie fragwürdig. Diesem Hang gilt mein Hauptaugenmerk, denn dem fallenden Eis könnte man im Notfall vielleicht ausweichen, nicht aber der brechenden Lawine in diesem Teil des Passes. Mit Freude stellen wir fest, dass sich eine Wolke vor die Sonne schiebt und kühlenden Schatten auf den gefürchteten Hang wirft. Gegen sechs Uhr abends verschwindet die Sonne endgültig hinter dem Nordgrat der Victoria, und ihre letzten Strahlen sehen uns im Aufbruch begriffen. Kann die von uns gewählte Aufstiegszeit als unüberlegt angesprochen werden? Ich glaube nicht, denn das Eis beginnt sich erst bei längerer Abkühlung merklich zusammenzuziehen und bildet somit erst gegen Morgen Risse und die daraus entstehende grösste Gefahr. Nachdem der schneebeladene Hang schon über zwei Stunden im Schatten gelegen hat, wird der Schnee sich wieder gefestigt haben und kaum mehr gleiten. Das sind unsere Überlegungen, als wir über den Gletscher, Schrunden umgehend, dem Pass entgegenziehen. Ein Wagnis wird es bleiben. Ist Bergsteigen im allgemeinen nicht ein Wagnis, ja das ganze Leben?
« Du musst langsamer steigen », sagt meine Begleiterin, « ich mag Dir so nicht zu folgen. » Wir sind im kritischen Stück des Passes, und ich muss vermutlich durch das beklemmende Gefühl, das mir der über uns drohende Steilhang einflösst, Schnellschritt angeschlagen haben. Immer und immer wieder gleiten unsere Blicke nach oben und dann nach der Seite, die Verengung oder Weitung des Passes abschätzend. Der Schnee ist noch weich und lässt uns ohne Steigeisen gut und sicher steigen. Den etwa zweihundert Meter unterhalb des Passes liegenden Bergschrund umgehen wir bei ermüdendem Tageslicht, und schon sind wir in Rufweite der Abbothütte. Was, zwei Bergler? Wir haben keine Aufstiegsspuren gesehen. Die müssen von der Südseite, der O'Hara, aufgestiegen sein. Das « Good evening » wird durch kräftige Händedrücke unterstrichen. Meine Bemerkung in Schweizer Mundart « Bin i froh, dass mer do send » entlockt einem der beiden anderen ein lachendes « Mer send jo au Schwytzer ». Alle lachen fröhlich, nachdem ein unbemerkter Dritter aus der dunklen Ecke echot: « Und ich bin Deutscher. » Nun fehlen noch die Österreicher, dann wären alle drei deutschsprechenden unter den bergsteigenden Nationen vertreten. Und siehe da, diese treffen etwa zwei Stunden nach uns ein. Es sind zwei, mit Ski beladen, sprechen das vermisste Deutsch und sind unserer Aufstiegsspur von Norden gefolgt. Plaudernd sitzen wir um den Tisch. Das Dunkel im Raum wird durch flackerndes Kerzenlicht durchbrochen und wirft phantasieanregende Schatten an die Wände.
Die Abbothütte wurde von der kanadisch-pazifischen Bahn durch Schweizer Bergführer erbaut. Seit einigen Jahren hat sie an Bedeutung verloren und wird daher nur mehr selten besucht. Immerhin ist sie noch in annehmbarem Zustand und erspart einem das Zeltlager. Ein später Gang zum kleinen Häuschen neben der Hütte gibt mir Gelegenheit, mich vom beständigen Wetter zu überzeugen. Wolkenlos spannt sich das nächtliche Firmament über der gewaltigen Bergwelt, und vereinzelt glitzert ein Stern. Fröstelnd ziehe ich mich in den wärmenden Schlafsack zurück und verständige mich mit den Anwesenden über die Aufbruchszeit am nächsten Morgen.
Die ersten Sonnenstrahlen, die alles vergoldend über die Gipfel der Hochwelt fliessen und das nächtliche Dunkel in den Tälern zur Flucht zwingen, treffen uns auf dem Grat, der zum Südgipfel der Victoria führt. Wir bilden eine Zweier- und eine Dreierseilpartie. Die beiden Österreicher sind in der Hütte geblieben; sie werden nach Lake O'Hara absteigen, zurückkommen und am anderen Tag über die Nordseite des Abbotpasses per Ski abfahren.
Der Grat ist teilweise mit Schnee bedeckt, der über Nacht der relativ hohen Temperatur wegen nicht hart gefror und uns den Gebrauch von Steigeisen verwehrt. Die steil ansteigende Wand, die direkt zum Pass abfällt, haben wir verhältnismässig schnell durchstiegen und quälen uns nun durch knietiefen, schweren Schnee dem Grat entlang. Letzterer ist immer noch stark vergwächtet und nötigt uns äusserste Vorsicht ab. Ein schneefreier Felsaufschwung erleichtert das Vorwärtskommen merklich, gibt jeder der beiden Partien einige Augenblicke für einen Tief blick.
Vom Morgenlicht überflutet, winkt der Louisensee zu uns herauf. Man ist versucht, sich dem über den Grat fegenden Wind anzuvertrauen und über die umliegende Gipfelwelt zu schweben. Muss der Adler, den man hier viel antrifft, dieses Losgelöstsein doch auskosten können! Der Grat hat sich ein wenig verbreitert, ist nun bis an wenige Stellen schneefrei und lässt uns so ausruhen, um den letzten Teil vor dem Südgipfel mit neuer Kraft in Angriff nehmen zu können. Gegen acht Uhr haben wir es geschafft. Erhaben ist der Rundblick. Vor uns liegt der leicht höhere Nordgipfel, durch den stark verschneiten Grat mit dem südlichen verbunden. Der Popes Peak ( 3162 m ) beherrscht mit seiner Höhe und dem hängenden Gletscher die nächste Umgebung gegen Norden. Gegenüber im Osten steht trotzig Mount Lefroy, dessen Wand beinahe fünfhundert Meter senkrecht direkt zum Abbotpass abfällt. Gegen Süden dominieren die beiden pyramidenförmigen Felsriesen, links Ringrose Peak ( 3281 m ), durch einen luftigen Grat mit dem Wenkchemna Mountain ( 3173 m ) verbunden, und rechts der Mount Hungabee ( 3491 m ), gratverbunden mit Mount Biddle ( 3319 m ) und Curtis Peak, den Opabin Pass ( 2578 m ) gegen Westen begrenzend. Im südlichen Tal liegt der O'Hara-See eingebettet. Er ist durch glitzernde Bäche mit kleineren Seen verbunden, von denen jeder auf einer nächsthöheren Talstufe liegt. Zu Füssen des Mount Yukness ( 2850 m ) liegt der Oesa-See, dessen Eisdecke immer noch meterdick ist und nur dem Ufer entlang aufgetaut ist. Dieser Tauungsvor-gang zaubert alle nur möglichen Grün- und Blaufarben hervor. Das Auge kann sich an all den dargebotenen Naturschönheiten nicht satttrinken, möchte immer und immer wieder hinsehen und verweilen, doch mahnt die fortschreitende Morgenstunde zum Abstieg.
Volle Aufmerksamkeit wird wieder von jedem einzelnen verlangt, denn ein Fehltritt könnte der entsprechenden Partie zum Verhängnis werden. Ohne unangenehmen Zwischenfall erreichen wir die letzte Wandstufe, ruhen für einige Augenblicke aus, versuchen das ansteigende Hungergefühl durch Kauen von Dörrobst zu verdrängen und kontrollieren die Anseilung eines jeden. Dieser letzte Teil ist schneefrei und macht uns nur im unteren Teil durch viel Schutt keine Freude. Gegen Mittag sitzen wir wieder um den Tisch in der Hütte, essen nach Herzenslust und beginnen mit dem Packen der Säcke.
Bis zum Oesa-See hinunter geht 's auf steilen Schneehalden, die wir, den Eispickel links oder rechtshaltend, kunstgerecht durchpflügen. Bevor wir endgültig die Schneeregion verlassen, treffen wir die beiden Österreicher wieder an. Sie sind im Aufstieg begriffen, wechseln mit uns einige Worte und lassen uns weiter unten ihren Jodel hören. Das Echo springt von den umliegenden Felsen, verstärkt sich, kommt zurück und verhallt melodisch schwingend.
Wie die Wanderung durch ein Märchenland mutet uns der Abstieg über die verschiedenen Talstufen zum O'Hara-See an. Die Bergföhrenbestände werden immer dichter; dazwischen sprudeln muntere Bächlein über ihren felsigen Weg, da und dort einen tosenden Wasserfall bildend, um sich zuletzt in den tieferliegenden See zu ergiessen. Der Bergwald riecht nach Harz und Beeren. Er lässt einen die gefährliche Dürre fühlen, die jeden Augenblick in Feuer umschlagen kann. Vermutlich werden die Pfade in den Nationalparks in den nächsten Tagen geschlossen, sollte vorher nicht genügend Regen fallen, um die Feuergefahr zu verringern. Die Informationstafeln an den Parktoren sagen « Extreme », und wir können mit der Schliessung der Pfade rechnen. Gegenwärtig brennen über 2800 Feuer im sommerlichen Kanada und werden vermutlich eine Waldfläche von der Grösse der Schweiz kahlbrennen. Es ist ein trauriger Anblick, ein abgebrannter Wald, und manches Jahr muss der Wind neuen Samen darübertragen, bis die Wunden wieder anfangen zu heilen.
Am nördlichen Ufer des O'Hara-Sees steht eine geschmackvoll gebaute Herberge, und kleine Häuschen, sogenannte Cabins, liegen verstreut in nächster Umgebung. Sie versprechen angenehmen und genussreichen Ferienaufenthalt für Leute, die die Ruhe lieben und Wanderungen in bergigen Gegenden ausführen möchten, ohne eigentliche Bergtouren ausführen zu müssen. Die Preise, die bezahlt werden, sind kaum für Bergsteiger bestimmt.
Einige hundert Meter entfernt steht das Haus des Parkwärters. Bei ihm kehren wir ein, um unsere heile Rückkehr zu melden. Bei einer Tasse heissen Tees müssen wir ihm von unseren Erlebnissen berichten. Er interessiert sich im speziellen für die angetroffenen Verhältnisse.
Von hier weg führt eine staubige Strasse durch das Tal hinaus, bis sie nach ungefähr 10 Kilometern die Autobahn Lake Louise-Golden trifft. Sie ist für den Allgemeinverkehr gesperrt und wird nur mit Autos eines Privatunternehmens befahren. Für eine Wanderung dieser Strasse entlang sind wir nicht gerade begeistert, und der Vorschlag, den Bus zu benützen, findet allgemeine Zustimmung. Wir befinden uns wieder inmitten von Feriengästen und Ausflüglern und dürfen ungezählte Fragen beantworten. Die Abzeichen des Schweizer Alpen-Clubs und des Alpine Club of Canada erregen immer wieder Bewunderung, und viele Meinungen sind: ''You must be real experts. ' Ist dies so wichtig? Für sie? Ja. Für uns? Vielleicht.
Der Wärter, bei dem wir um Erlaubnis für die ausgeführte Tour nachgesucht hatten und dem wir nun unsere Rückkehr melden, ist über die gelungene Tour erfreut, wie wir es sind. Unser zurückgelassenes Auto hat weder platte Reifen, noch ist der Treibstoff oder das Öl ausgelaufen. Somit kann die Reise ohne Verzögerung fortgeführt werden. Brummend zieht uns der Motor über den « Kicking Horse Pass » nach Field in British Columbia, wo wir uns mit einem Freund von uns verabredet haben. Wir haben im Sinn, zwei bis drei Tage im Yoho-Nationalpark mit Kraxeln zu verbringen, um nachher nach Jasper zu fahren und die dorthin kommenden Kameraden bei der Begehung des Ostgrates des Mount Edith Cavell zu begleiten.
Yoho Peak und Mount Balfour « Erinnert ihr euch der Zustände, als wir letztesmal über diese Strasse fuhren? » frage ich meine beiden Passagiere, während ich den Wagen über die Strasse, die nach den Takakkaw-Fällen führt, steuere. « Es war Januar, wir hatten die Ski an unseren Füssen und atmeten Luft von vierzig Kältegraden ein », war die Entgegnung auf meine Frage. Jetzt, morgens sieben Uhr, ist die Strasse staubig, und der wolkenlose Himmel lässt uns einen anderen heissen Tag voraussehen. Zum erstenmal sehen wir nun das Wasser über die Felsen fallen und hören sein Getöse. Der Sprühregen benetzt uns, als wir das Auto verlassen, um im naheliegenden Wärterhaus unsere Absicht im Gästebuch einzutragen. Das Haus ist etwa dreihundert Meter vom Fall entfernt.
Unweit ist ein Zeltplatz erstellt. Hier müssen wir den Wagen stehenlassen. Die Strasse hat sich zu einem Pfad verkleinert, folgt dem Yoho-Fluss, scheint sich im dichten Bergwald zu verlieren und vereinigt sich nach zwei Stunden Marschzeit wieder mit ersterem. Hier zweigt der kleine Yoho-Fluss ab, der über die nächstfolgende Talstufe fallend die « Lachenden Fälle » bildet. Wir folgen dem Haupttal, schieben die Rucksackriemen auf unseren Achseln von innen nach aussen und von aussen nach innen und sind froh, als endlich einer sagt: « Lasst uns hier rasten, ich hab 's nötig. » Wir sind an einer Zweigung des Pfades angelangt. Der eine Wegweiser zeigt in nördlicher Richtung und ist bezeichnet « Yoho Glacier », der andere, in westliche Richtung zeigend, « Twin Falls ». Dem letzteren folgend erfahren wir, dass er ziemlich steil ansteigt und uns seine Windungen schnell an Höhe gewinnen lassen. Gegen die Mittagsstunde hören wir zum erstenmal das Donnern der Zwillingsfälle. Dass die Natur Zwillinge besser versinnbildlichen könnte, bezweifle ich. Die fallenden Wasser schlagen auf einem Felsen auf, und das daraus entstehende Sprühen lässt einen noch auf weite Entfernung seine Kühlung empfinden. Die gegenüber den Fällen gebaute Herberge ist unser heutiges Ziel. Ein deutsches Mädchen ist Wirtin und erfreut uns mit einer entsprechenden Mahlzeit. Sie besorgt diese Herberge den Sommer über ganz allein. Aus ihrem munteren Gespräch können wir entnehmen, dass sie diesen Ort liebt, und wir müssen ihr aus vollem Herzen zustimmen.
Nachdem wir Siesta gehalten, brechen wir auf. Es geht den Pfadwindungen nach bergabwärts bis zur Abzweigung « Yoho Glacier ». Unser Freund hat eine Motorsäge mitgenommen, die er an einer über den Pfad liegenden Tanne zur Arbeit einsetzt. Erstaunlich, wie schnell ein meterdicker Stamm in Teile getrennt ist. Die abgetrennten Stücke werden neben den Pfad gelegt; dort werden sie liegen, bis der Moder ihrer Herr geworden ist. Wer könnte sich im kanadischen Urwald schon um einen Baum kümmern, und dann noch um einen dürren, gefallenen? Hier diese Verschwendung der Natur; an anderen Orten hat sich des Menschen Veranlagung schon bemerkbar gemacht.
Der Pfad, dem wir folgen, ist der Teil einer alten Fallenstellerlinie. Wir ersehen dies anhand einiger Bäume, die keilförmige Einkerbungen, in denen immer noch ein Nagel steckt, aufweisen. Hier wurden die Marderfallen gelegt und an den Nägeln befestigt. Die Fallenstellerei hatte hier ein Ende, sobald das Gebiet zum Nationalpark erklärt wurde. In einem Tälchen treffen wir die Überreste einer aus Baumstämmen gebauten Hütte an. Dies war zur Zeit eine der Etappen des Fallenstellers. Unweit der vermoderten Hütte treffen wir die frische Spur einer Elchkuh mit ihrem Jungen. Wäre sie auch hier durchgezogen, als noch Rauch aus dem Kamin der Hütte aufstieg?
Unsere Fragen, wie man dieses und jenes Pelztier fängt, kann unser Freund einwandfrei beantworten, denn er selbst hat der Fallenstellerei obgelegen und wird ihr eines Tages wieder obliegen, wie er uns erklärt. Einige geschilderte Methoden erscheinen mir als grausam, aber es scheint das einzige Mittel zu sein, dieser Tiere habhaft zu werden. Würden wohl die luxuriösen Pelzmäntel vom holden Geschlecht auch ohne Unbehagen getragen, wenn sie um die Leiden eines solchen Tierchens wüssten? Wer weiss!
Der Pfad verlässt den Wald und verliert sich langsam in der stetig ansteigenden Geröllhalde. Wir sind froh, als wir den Rücken der längs dem Gletscher laufenden Moräne erreichen. Ihr folgen wir bis da, wo sie auf dem körnigen Eis verebbt. Steigeisen gebrauchen wir bei dieser Beschaffenheit des Eises nicht. Das Steigen ist mühelos, und nur in den letzten dreihundert bis vierhundert Metern Fels haben wir unsere liebe Mühe mit dem Beiseitelegen von losem Gestein. Durch sich langsam vor-schiebende Wolkenbänke sehen wir die Sonne schräg am westlichen Himmel stehen, als wir den Yoho Peak ( 2913 m ) erreichen. Der innere Drang nach einem schützenden Dach, wenn das, was am Himmel sich sammelt, losbrechen wird, lässt uns die Aussicht nicht recht geniessen. Wir begrüssen einige Gipfel, die wir von unseren Januarbesteigungen her kennen, und sagen in Gedanken zu ihnen: « Aha, so seht ihr in eurem Sommergewand aus. Wir lieben euch doch mehr im Winter, da seid ihr unberührter. » Vereinzelte Tropfen peitscht der immer stärker werdende Wind in unser Gesicht, und unfern hört sich das Grollen des Donners an. Keuchend erklimmen wir die letzte Talstufe, auf der die schützende Herberge steht. Als sich die Himmelsschleuse öffnet, befinden wir uns schon seit einer Weile unter Dach. Der ausgeführte Gewaltmarsch wäre nicht unbedingt notwendig gewesen. Die Herberge ist klein, und viele Ausflügler bleiben über Nacht, durch das Gewitter aufgehalten. Wir ziehen das Zeltlager dem Massenlager vor. Ein Bär findet unser Zelt sehr interessant, doch zieht er schnell von dannen, nachdem er den Esswarengeruch vermisst. Unser vorsichtiges Verpacken der Esswaren in luftdichte Plastikdosen hat sich wieder einmal mehr bewährt und uns « Schreien mit andern bei Nacht » erspart. Noch eine andere Vorsichtsmassnahme haben wir angewendet: alles Lederzeug ist im Zelt verstaut, denn bekanntlich liebt das Stachelschwein solche Sachen, und schon mancher Bergsteiger und Wanderer konnte am Morgen die Überreste seiner Schuhe oder Rucksackriemen bewundern.
Es ist noch dunkel, als wir das Lager abbrechen, den Kocher in Betrieb setzen und alle Gegenstände zweckmässig verpacken. Nach einer kurzen Mahlzeit, die aus Weizenkeimlingen, Brauerei-hefe, Kondensmilch und einigen Früchten besteht, werden die Lasten aufgenommen, und mit noch ein wenig steifen Schritten geht es den Berg hinunter. Heute ist unser Ziel der Mount Balfour ( 3274 m ), dessen kathederartige Form, wie unser Freund sie beschreibt, uns seit einiger Zeit in Bann gezogen hat. Bevor wir dem Pfad, der nach dem Yoho-Gletscher führt, folgen, lassen wir alle entbehrliche Ausrüstung zurück. Dort, wo der Weg den Wald verlässt, schwenken wir talwärts ab. Der Yoho-Fluss ist reissend und rät nicht zur Überschreitung. Etwa drei Kilometer weiter unten fliesst der Fluss durch eine Schlucht, die nach Aussagen unseres Freundes an einigen Stellen nur zwei bis drei Meter breit sein soll. Er habe letztes Jahr an einer geeigneten Stelle einen Gehsteig darüber-gebaut, und den wollen wir heute benützen. Sich verstärkendes Donnern verrät uns, dass wir uns der Schlucht nähern, und einer steilen Stelle des Ufers folgend, stehen wir über ihr. Dort wo der Gehsteig erbaut ist, kann man mit dem Eispickel die gegenüberliegende Felswand berühren. Die Schlucht hat hier eine Tiefe von ungefähr dreissig Metern, und weissschäumend zwängt sich das eisige Wasser durch seine Enge. Wir sind ob dieses versteckten, nur wenigen Menschen zugänglichen Naturspiels entzückt.
Die nächsten Stunden gehören zu den anstrengendsten des bevorstehenden Tagewerkes. Wir wollen den achthundert Meter höher oben liegenden Trolltinder-Gletscher erreichen. Der Aufstieg geht durch dichten Urwald, in dem Hunderte von gestürzten Bäumen zu überklettern sind und Unterholz von Manneshöhe das Vorwärtskommen ausserordentlich erschwert. Wir kommen uns eher als Holzfäller denn Bergsteiger vor. Allmählich wird der steil ansteigende Bergwald lichter und durch dürftige Weiden unterbrochen. Hier kreuzen wir eine frische Bärenfährte. Bei genauer Untersuchung finden wir zu unserem Unbehagen heraus, dass sie von einem Grizzly herrührt. « Den habe ich vergangenes Jahr einige Male hierherum gesehen », erklärt uns unser Freund gleichmütig. Wir wissen, dass wenn man ihn nicht überrascht, er kaum gefährlich ist und verschwindet, bevor man ihn nur erspähen kann. So ist es auch heute; trotz grösster Aufmerksamkeit gelingt es keinem von uns, ihn zu entdecken.
Die nächste Talstufe besteht aus Schuttablagerungen vom Gletscher und erleichtert uns das Steigen zunehmend. Über einen grossen Block kletternd, begegne ich einer Wolverine, die über mein Auftauchen ebenso überrascht zu sein scheint wie ich über das ihrige. Sie faucht nicht, steht einige Sekunden prüfend still, schwenkt nach der Seite, verschwindet zwischen den nächstliegenden Brocken und erscheint nach kurzer Zeit etwa hundert Meter entfernt wieder. Kurz überprüft sie die Situation und verschwindet endgültig im Felslabyrinth. Sie zeigt weder Erregung, noch scheint sie zu flüchten; sie weiss um ihre Stärke und Gewandtheit, die ihr erlaubt, die um eine Beute versammelten Wölfe anzugreifen und in die Flucht zu schlagen. Der sagenhaft starke Grizzly lässt sie böser Erfahrungen halber in Ruhe und geht lieber mit knurrendem Magen zur Ruhe.
Mit zunehmender Höhe gewinnen wir an Übersicht, können die Skitouren, die wir im Winter ausführten, in ihrer ganzen Ausdehnung überblicken und erkennen manchen Gipfel, auf dem wir schon gestanden sind. Der Himmel fängt sich im Westen grau zu färben an, und verstärkend bläst ein kalter Wind. Wir steigen mit den Steigeisen bewehrt ohne Mühe über den ausgeaperten Gletscher gegen den Westgrat des Mount Balfour an. Zu unserer Rechten steht der wie Orgelpfeifen aussehende Mount Trolltinder ( 2917 m ). Die Gesteinsschichtungen sind an ihm ausgeprägt zu erkennen. Die Schneefelder, die sich bis zu seinen aufschiessenden Pfeifen heraufziehen, geben der rötlichen Tönung des Gesteins den ausgleichenden Kontrast. Schade,dass der Himmel nicht blau ist; es würde eine seltene Farbphotographie ergeben.
Als wir den Grat erreichen, bläst der Wind mit Sturmestärke, und vereinzelt kommen Schneeflocken herangewirbelt. Die Temperatur muss um den Gefrierpunkt herum sein. Können wir eine Begehung der letzten Wandstufe bei dieser Witterung riskieren? ist die zur Diskussion stehende Frage. Solange wir den Mount President ( 3139 m ) und seinen Vertreter, den Mount Vice-President ( 3077 m ), im Westen noch sehen können, ist ein Risiko verantwortlich. Wir befinden uns nach einigen Seillängen unterhalb eines Überhanges, der mir einiges zu schaffen verspricht. Ich bin mit der Lösung dieses Problems so stark beschäftigt, dass der Ruf meines nächsten Seilgefährten « Wir müssen umkehren, es beginnt zu schneien, und der Westvorhang wird uns in einer Stunde erreicht haben » mich richtiggehend erstaunt. Nur ungern verzichte ich auf ein Weiterklettern, doch scheint auch mir der Rückzug berechtigter als ein Erzwingen der verbleibenden Felsauftürmung. Nach kurzer Zeit stehen wir wieder auf dem Grat, essen einige Bissen im Windschatten und geniessen die sich nun schnell in Wolken hüllende Gipfel- und Gletscherwelt. Zu unseren Füssen - wir sitzen auf der Nordseite des Grates - breitet sich der « Diableret-Gletscher » aus, von Mount Gordon ( 3153 m ) im Norden begrenzt. Rechts davon ist Mount Olive ( 3130 m ) noch für kurze Zeit sichtbar und verschwindet gespensterhaft hinter den sich vorschiebenden Nebelschwaden. Dieser Vorgang wird für uns das Signal zum Aufbruch. Nach kurzer Beratung wählen wir die Aufstiegsroute als unseren besten Rückzug. Der ursprüngliche Plan, über den « Diableret-Gletscher » und den « Waves Creek » den Yoho-Gletscher zu erreichen, wird durch den Bergschrund und die drängende Zeit vereitelt. Hätten wir gute Wetterlage, könnten wir sicher einen Übergang über den Schrund finden, doch jetzt scheint uns ein solches Unterfangen zu unerfreulich.
Als wir den Wald erreichen, regnet es bereits, und das dichte Unterholz trägt wirksam zu einer eingehenden Nässung der Kleider bei. Von oben mutet der Yoho-Fluss harmlos an, und nachdem wir weiter flussaufwärts einige Sandbänke entdeckt haben, beschliessen wir, ihn dort zu überqueren, um uns die zeitraubende Umgehung zur Schlucht ersparen zu können. Nun stehen wir am rauschenden Element, wissen nicht recht, ob wir es versuchen sollen, entscheiden « weiter oben ist 's besser », tragen jeder einen Baumstamm auf den Schultern und finden immer wieder, « weiter oben ». Zuletzt müssen wir beschämt und nun auch mit nassen Füssen zugeben: « Wir dürfen es nicht riskieren, der Fluss ist zu reissend », und marschieren fünf statt nur drei Kilometer zurück. Wir finden einen Wildpfad, der uns das Vorwärtskommen stark erleichtert, und hintereinander nacheilend singen wir: « Der Weg ist ohne Ende... ». Bei einbrechendem Dunkel treffen wir bei unserem zurückgelassenen Materialdepot ein, beladen uns, und weiter geht der Marsch, dem parkierten Auto entgegen.
Es hat aufgehört zu regnen, als wir am Zeltplatz anlangen. In der dortigen Hütte kochen wir uns eine Mahlzeit. Plötzlich hören wir ein Gerassel, das vom Herumschleifen von Kübeln herrührt. Das wird sicher ein Bär sein, der sich hinter die Abfallkübel gemacht hat, denken wir und gehen auf die Suche. Kein Bär erscheint im Lichtkegel der Taschenlampe, dafür ein Elch mit einem Geweih von einer Spannweite, wie wir noch selten sahen. Wir nähern uns auf eine Distanz von ungefähr zehn Metern; weiter ist nicht ratsam, denn man könnte unliebsame Bekanntschaft mit dem Tier machen. Der sich am Inhalt des Kehrichtkübels erfreuende Elch nimmt weiter keine grosse Notiz von seinen erstaunten Zuschauern, frisst, was er für schmackhaft hält und taucht seinen herrlich bewehrten Kopf immer wieder in das Blechgefäss. Wenn ich hier von Elch schreibe, verstehe ich darunter diejenige Riesenhirschart, die auch in Teilen Europas vertreten ist, und nicht den alaskisch-kanadischen Typ, den sogenannten « Moose ». Das Geweih des « Moose » ist durch seine schaufelartige Form von demjenigen des Elchs ganz verschieden, und es sollte nicht vorkommen, dass ein Jäger einen « Elk » abschiesst und am folgenden Jägerhock von « Moose » spricht. Dies soll aber auch schon vorgekommen sein. Es gibt Bauern, die ihre Kühe und Pferde auf der Weide vor der Eröffnung der Jagdzeit mit Farbe als « Cow » resp. « Horse » bezeichnen. Warum wohl? In gewissen Gegenden ist es ohne speziell rote Jacke nicht erlaubt, auf die Jagd zu gehen, und dann besteht noch Lebensgefahr!
Nachdem alle Gegenstände im Wagen verstaut sind und im Gästebuch unsere Rückkehr eingetragen ist, fahren wir nach Field zurück. Hier nimmt unser Freund Abschied von uns. Wir vereinbaren ein Treffen im nächsten Hochwinter, das uns über einige neue Skirouten im Felsengebirge führen soll. Meine Begleiterin und ich fahren über die Autobahn nach Lake Louise, wo wir unser Zeltlager aufschlagen und unsere müden Glieder in den wärmenden Schlafsack stecken.
Die Sonne steht schon hoch am Himmel, als ich den Kopf aus dem Zelt herausstrecke. Die Bergwelt ist mit Neuschnee leicht überstäubt, und vereinzelte Wolken ballen sich zu weissen Kumulus. Die Autobahn Lake Louise-Jasper längs durch das kanadische Felsengebirge, mit einer Länge von zweihundertvierzig Kilometern, wird neu gebaut.
Lange Strecken sind bereits fertiggestellt, und feiner Asphaltbelag erlaubt Geschwindigkeiten bis zu hundert Kilometern die Stunde und mehr. Wäre keine Geschwindigkeitsgrenze gesetzt, die von den patrouillierenden Hütern des Gesetzes strikte überwacht wird, die reinste Raserei würde zu befürchten sein. Die sich bietende Szenerie gewinnt uns auch dieses Mal wieder Bewunderung ab und lässt uns verschiedentlich am Strassenrand anhalten, aussteigen und verweilen. Die Kamera muss einige Eindrücke, farbiger und schwarz-weisser Natur, festhalten. Vor uns liegt der Hector-See inmitten von Bergföhren am Ostabhang der Waputik-Kette. Rechts erhebt der Mount Hector ( 3459 m ) sein stolzes Haupt. Ihn kennen wir von einer Januarskitour her, und beinahe unmöglich erscheint uns nun eine Winterbesteigung. Wir trafen, als wir ihn am 19. Januar bestiegen, die besten Pulverschneeverhältnisse an, die uns sogar die herrschende Kälte vergessen liessen.
An einem kleinen See unterhalb des Bow-Sees sehen wir einen Moosebullen im seichten Wasser stehen und sein Frühstück, Sumpfpflanzen, einnehmen. Aufmerksam sichert er nach allen Seiten, bevor er seinen geweihgekrönten Kopf ins Wasser taucht. Wir versuchen nicht einmal, einige Meter näher an ihn heranzukommen, denn wir wissen aus Erfahrung, dass er uns schon gesehen hat und uns nicht mehr aus seiner Witterung verlieren wird.
Auf der nördlichen Seite des Bow-Passes erhaschen wir den ersten Blick in das Peyto-Gletscher-Gebiet. Hier halten wir und richten uns eine Mahlzeit her. Das Wetter hat sich verschlechtert, immer mehr verhüllen sich die Berge mit Wolken, und leichter Regen fällt. Wir sehen nur für kurze Augen-* blicke den inmitten des Wapta-Eisfeldes stehenden Mount Rhondda ( 3055 m ). Unsere Gedanken wandern zurück; es ist Karfreitag, und wir verbringen Ostern auf dem Peyto-Gletscher Um die Mittagsstunde treffen wir auf dem Bow-Pass ein, holen uns die Erlaubnis beim Wärter, im Peyto-Gletscher-Gebiet Skitouren ausführen zu dürfen, und fahren der immer noch winterlich anmutenden Autobahn entlang, bis wir den zum Peyto-See abzweigenden Pfad antreffen. Die Säcke, sind wiederum vollgestopft und erschweren uns den Marsch über den tiefverschneiten Pfad erheb*!
173; lieh. Der Versuch, ohne die Ski an den Füssen vorwärtszukommen, endet mit Auslochen von Mann und Gerät. Wo es angängig ist, folgen wir den Wildspuren, was uns einige Erleichterung verschafft. Aufatmend sehen wir den zugefrorenen See voraus und wissen, dass die nächsten acht Kilometer leichtes Gehen sein wird. Der See und das Delta des Flusses sind ideales Gelände, denn es liegt nur etwa fusshoch Pulverschnee darauf. Die Gegend verengt sich zu einer Schlucht durch die ein kräftiger Wind vom Gletscher herunterbläst. Wir ruhen uns im Windschatten aus, kontrollieren die Befestigung der Felle und der Bindungen und kauen an Dörrobst. Die Schlucht ist an dieser Stelle etwa seillängeweit. Plötzlich taucht ein Kojote auf, sieht uns, stutzt für einige Augenblicke und setzt seinen Marsch direkt an uns vorbei fort. Wir stehen wie Gipsfiguren still. Da der Wind mit ihm kommt, erhält er keine Witterung von uns. Ein schönes Tier ist es; beinahe mit einem Wolf zu verwechseln. Nachdem er uns etwa zehn Meter passiert hat, muss er unsere Witterung empfangen haben, denn er zuckt plötzlich zusammen, nimmt einen Sprung zur Seite und verschwindet, jede nur erdenkliche Bodenunebenheit als Deckung ausnützend, in der Ferne.
Der Gletscher fällt in seinem unteren Teil äusserst steil ab und bildet ein erhebliches Hindernis. Wir wählen den Aufstieg zur linken Seite, wo eine steil ansteigende, kammartige Schneeverwehung direkt zu den oberen Partien der begrenzenden Felsen führt. Die Steilheit wird so gross, dass wir die Ski abziehen müssen, und nun, bis zum Bauch im tiefen Pulverschnee einsinkend, Schritt um Schritt erzwingen. Der Himmel ist leicht überzogen und verrät baldigen Schneesturm. Die Temperatur ist um zwanzig Grad unter Null, gerade richtig, um uns nicht schwitzen zu lassen. Nach Überwindung der ersten Gletscherstufe entschliessen wir uns, hier unser Zeltlager zu errichten, denn erstens beginnt der Wind immer kräftiger zu blasen, und zweitens ist es ein idealer Aussichtspunkt. Ausserdem können wir vor dem Zelt die Ski an den Schuhen befestigen und nach vollendeter Tour den letzten Schwung vor seinem Eingang ausführen.
Die Nacht ist ziemlich stürmisch, und monotones Klatschen der Fahne am Zeltmast verrät uns starken Wind. Gegen Morgengrauen klärt sich das Wetter auf, und ein strahlend blauer Himmel verspricht einen genussreichen Tourentag. Wir verlassen das Lager bevor die Sonne ihre ersten Strahlen vergoldend über die schneebedeckten Dreitausender fluten lässt. Der Aufstieg über den tanzbodenähnlichen Gletscher ist ein Genuss und lässt uns schnell an Höhe gewinnen. Die Sonne trifft uns im oberen Teil des glitzernden Eisfeldes. Vor uns steht dominierend Mount Rhondda und verliert an Erhabenheit auch dann nichts, wenn man seinen Nachbarn zur Rechten, den höheren Mount Baker ( 3185 m ) betrachtet. Das Wapta-Eisfeld gegen Süden begrenzend erhebt sich der St. Nicholas Peak ( 2931 m ). Bei seinem Anblick fühle ich « e guete Morge, Samichlaus », so sieht er ihm gleich. Mount Rhondda ist unser heutiges Ziel, und wenn mich nicht alles täuscht, wird es möglich sein, die Ski bis auf seinen Gipfel mitnehmen zu können. Nach links in die Steilhänge einbiegend müssen wir vorsichtshalber genügend Abstand nehmen. Die Schneebeschaffenheit ist pulverig und scheint lawinensicher zu sein. Dem gebogenen Grat entlang sind ungeheure Gwächten sichtbar, und die erregen meine Vorsicht mehr als der Hang für sich selbst. Einmal auf dem Grat angelangt, fällt uns das Vorwärtskommen sehr leicht, denn er ist hartgeblasen, und an der Westseite liegt einige Zentimeter hoch Pulverschnee, der die Felle gut greifen lässt. Es ist gut, dass wir unsere daunen-gefütterten Sturmjacken mithaben, denn auf dem Gipfel, wo wir die Ski abziehen, bläst ein kalter Wind. Wir können die Aussicht nicht zu lange geniessen, denn es ist zu kalt, speziell für die Hände und Füsse; die Muclucs, stiefelartige Überschuhe, sind im Zelt geblieben, leider. Südwestlich von uns erhebt sich der Ayesha Peak ( 3059 m ), und in verlängerter Linie ist der Mount Des Poilus ( 3106 m ) zu erkennen. Eisfelder von stundenweiter Ausdehnung breiten sich in südlicher und östlicher Richtung aus und lassen uns als ganz winzig klein fühlen.
Die Abfahrt ist ein wahrer Genuss, und Telemark reiht sich an Telemark. Weiter unten auf dem Gletscher hängen wir den Langzug zum diagonalen um, und in leicht angeschwungenen Kristianias jagen wir hintereinander über die allmählich abfallenden Flächen hin. Am frühen Nachmittag machen wir den letzten Schwung vor dem Zelt. Die Abfahrt hat unser Blut in Wallung gebracht, und wir fühlen für die erste Zeit nichts von Kälte. Schnell wird Zeltordnung erstellt, alle Ausrüstungsgegenstände sturmsicher vertäut und der Kocher in Aktion gesetzt. Eine heisse Mahlzeit verschönt uns den erlebnisreichen Tag. Früh ziehen wir uns in die Polarschlafsäcke zurück, um morgen richtig ausgeruht zu sein, um den Mount Baker besteigen zu können.
Das Wetter lässt zu wünschen übrig, doch sieht uns der frühe Morgen dem Baker-Sattel zuziehen. Schwarze Wolken drohen im Westen und verheissen einen Schneesturm von der Stärke eines Blizzards. Da wir bis jetzt Glück mit dem Wetter gehabt haben, lassen wir uns nicht abschrecken und steigen nur um so schneller dem immer steiler werdenden Sattel entgegen. Gegen zehn Uhr haben wir ihn erreicht, doch beginnt es schon zu schneien, und dichter Nebel versucht die unteren Partien des Gletschers einzuhüllen. Karte und Kompass müssen wir zu Rate ziehen, um nicht auf einer der drei Gletscherstufen im Kreis zu wandern. Bei starkem Sturmwind treffen wir unser Zelt an, verkriechen uns darin und warten auf einen Unterbruch des Sturmes. Da es noch früh am Nachmittag ist, haben wir beschlossen, unser Lager abzubrechen und die schützende Niederung, das Seeufer, aufzusuchen. Blizzards können tagelang andauern und unangenehme Überraschungen, wie Ein-geschneitsein, mit sich bringen. Gegen vier Uhr legt sich der Wind ein wenig. Wir sind frisch gestärkt durch heisse Suppe und Tee, packen so schnell wie möglich zusammen, und in gestemmten Schwüngen geht 's den letzten Teil des Gletschers hinunter. Der Abstieg durch die Schlucht ist noch ein wenig zeitraubend, und dann biegen wir um die Ecke, dem Seeufer entgegen. Eine Waldecke bildet einen guten Windschutz und rät uns zum Kampieren. Von der umliegenden Gipfelwelt ist nichts zu sehen, sie liegt in Wolken versteckt, und über den See fegt der Sturm mit unverminderter Stärke. Wir sind in Sicherheit.
Der folgende Morgen beginnt mit blauem Himmel, der sich von Westen her schnell wieder mit Sturmwolken bedeckt und uns zu raschem Aufbruch bewegt. Wir haben unsere Säcke und Ausrüstung auf den gebauten Skischlitten geschnallt und ziehen ihn mitvereinten Kräften über den See. Die letzten zwei Kilometer werden zum Kampf mit dem Sturm. Wir liegen von Zeit zu Zeit hinter dem Schlitten, die Gesichter in die Sturmjacken gepresst, die Eispickel als Sicherung ins Eis gehackt. Böenartig stürmt der Wind, und sein Nachlassen ausnützend ziehen wir unserem Ziel, dem schützenden Waldrand, entgegen. Es muss um die Mittagsstunde sein, als wir dort anlangen, unsere Lebensgeister sammeln und mit Sack und Pack den beschwerlichen Marsch über den Pfad zur Autobahn unter unsere Ski nehmen. Der Wagen ist halb eingeschneit, als wir bei ihm ankommen. Solche Sachen sind für uns keine Überraschungen mehr, und vorsichtshalber wird immer eine Schaufel, ein Pickel, eine Winde und hundert Meter Stahlkabel mitgeführt. Dank der Routine bekommen wir ihn bald klar, und summend zieht uns der Motor wieder über die Strasse.
Unsere Gedanken kehren wieder in die Gegenwart zurück. Regen prasselt auf das Dach des Autos und fliesst in kleinen Bächen über die Motorhaube. Wir freuen uns ob ihm, denn sollte genug davon fallen, wäre die Schliessung der Pfade nicht notwendig und wir könnten mit der Besteigung der Edith Cavell rechnen. Die Bauarbeiten an der Strasse sind in vollem Gang, und oft müssen wir anhalten und erhebliche Zeit warten, bis das Signal zur Weiterfahrt gegeben wird. Ob wir ungeduldig werden? Nein. Die Bergwelt ist so gewaltig und vielfältig, dass sie einem auch halbstundenlanges Warten vergessen lässt.
Die Columbia-Eisfelder sind in dichten Nebel eingehüllt. Wir können nur die im unteren Teil des Gletschers befindlichen Spuren der Schneemobile sehen. Mit diesen werden die Besucher auf den oberen Gletscher hinaufgefahren, wo sie sich photographieren lassen und nähere Bekanntschaft mit der vereisten Bergwelt machen können. Die Fälle des Athabaska-Flusses verleiten uns noch einmal zu einem längeren Aufenthalt. Ich glaube, dass sogar der Milchmann jedes Mal stehenbleiben müsste, so gewaltig sind sie.
In Jasper angelangt, besuchen wir zuerst den Parkwärter, um für unsere geplante Besteigung die notwendige Bewilligung einzuholen. Unangenehme Überraschung müssen wir erleben. Die Pfade im Park sind bis auf weiteres gesperrt!
Die Trockenheit ist so gross, dass niemandem ein Begehen der von der Autobahn und angrenzenden Strassen abgelegenen Gebiete erlaubt wird. Wir verstehen diese Massnahme, denn wir wissen, dass der grösste Teil der Waldbrände durch Unvorsichtigkeit von Wanderern und Kampierenden entstehen. Unsere Frage nach der Zeitdauer des Bannes kann der Förster nur mit Achselzucken und einem sorgenvollen Blick nach dem Himmel beantworten.
Wir bedauern, besuchen die heissen Schwefelquellen und erfrischen unsere Glieder im Schwimmbad. Unsere Freunde haben wir telephonisch benachrichtigt, denn wir wollen ihnen eine Autofahrt von dreihundertundachtzig Kilometern ersparen. Wir steuern unseren Wagen ostwärts, langsam das Felsengebirge hinter uns lassend. Als wir unter dem Torbogen des Parkes durchfahren, fühlen wir uns durch die Erlebnisse der vergangenen Tage beglückt und bereichert. Wir haben eine herrliche Bergwelt gesehen und erlebt.