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George Stephanopoulos und Bill Clinton All Too Human. A Political Education.
Artikel vom September 1999
Als Newsweek im Frühjahr George Stephanopoulos'
Aufzeichnungen
zu seiner Zeit an der Seite Bill Clintons auszugsweise veröffentlichte,
brandete dem ehemaligen Präsidentenberater eine Hasswelle entgegen.
Viele Leser brandmarkten ihn als Heuchler, bezichtigten ihn des Verrats
(er sei eine Taschenausgabe Linda Tripps) oder verurteilten ihn als Opportunisten.
Nur wenige bezeichneten ihn als aufrichtigen Staatsdiener mit <moralischem
Mut>. Die Kritik entzündete sich vor allem am Faktum, dass Stephanopoulos
neben seiner Stelle als Gastprofessor an der Columbia University als politischer
Analyst für die ABC News arbeitet und so seine Insider-Kenntnisse
ausschlachte sowie nun mit All Too Human seine Taschen fülle.
Er verdanke seine Karriere Bill Clinton und schulde ihm deshalb Loyalität.
Doch George Stephanopoulos steht mit seiner Kritik am Präsidenten
nicht alleine da. Der von ihm in All Too Human hart angegriffene
frühere politische Berater und oberste spin doctor Clintons,
Dick Morris, die Ex-Pressesekretäre Dee Dee Myers und Mike McCurry
sowie der frühere chief of staff Leon Panetta halten mit Kritik
an Bill Clinton ebenfalls nicht hinter dem Berg.
George Stephanopoulos ist der Enkel griechischer Einwanderer. Sein Vater
ist Doktor der Theologie und kümmert sich als Presbyterianer um die
ihm anvertraute Gemeinde. Auf Grund dieser Erziehung nehmen moralische (Schuld-)
Fragen eine wichtige Stellung in All Too Human ein. Garry
Wills in der New York Times bezeichnete das Werk deshalb als ein
<tiresomely moralizing book>. Stephanopoulos beschreibt in seinem Buch
die Zeit von seiner ersten Begegnung mit Bill Clinton im September 1991
bis zu seinem Abschied vom Weissen Haus im Dezember 1996, also zwei Wahlkämpfe
um die Präsidentschaft der Vereinigten Staaten sowie vier Jahre im
Zentrum der Macht. Der Titel seines Buches All Too Human ist durchaus
noch als freundliche Geste gegenüber Clinton zu lesen. Die Charakterfehler
des Präsidenten werden minimisiert, da sie eben nur <allzu menschlich>
seien. Der Untertitel A Political Education dagegen lässt aufhorchen.
War Stephanopoulos zu Beginn zu naiv und durchlief in den Jahren neben
Clinton eine Läuterung, eine Erziehung zur Erkennung politischer Sachverhalte?
Oder soll sein Buch als politisch-moralischer Leitfaden für Politiker
und Staatsangestellte dienen? Ist Clinton das Negativbeispiel, dass Stephanopoulos
seinen Studenten präsentiert?
Erstaunlich ist, wie wenig Platz Stephanopoulos Sachfragen einräumt,
die in All Too Human lediglich am Rande Erwähnung finden. Inwiefern
dies vom unzweifelhaft vorhandenen Dilettantismus an der Spitze der US-Regierung
zeugt und inwiefern es lediglich Ausdruck des wahrscheinlich beschränkten
Sachverstandes des Präsidentenberaters ist, dessen Tätigkeit
sich vielleicht mehr auf der Public Relations- und organisatorischen Ebene
abspielte, bleibt offen (oder wollte George etwa seine Leser nicht überfordern?).
Erschreckend
ist doch, wie wenig scheinbar das neue Team auf seine Aufgabe vorbereitet
gewesen war, was viele der Anfangsfehler erklärt.
Interessant ist der Werdegang von Stephanopoulos, der zuvor u.a. für
Richard Gebhardt gearbeitet hatte, damals Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus,
der plante, sich 1992 für das Präsidentenamt zu bewerben. Im
Kampf um das höchste Amt sollte George gemäss seiner Familie
Paul Tsongas unterstützen, weil er Grieche war. Das Herz von Stephanopoulos
gehörte allerdings Mario Cuomo, der ewige Hamlet konnte sich jedoch
nicht zum Einstieg ins Rennen entschliessen. Der Kandidat mit den besten
Chancen erschien George, nach einer ersten Begegnung, Bill Clinton zu sein.
Ideale mögen bei dieser Wahl mit eine Rolle gespielt haben, doch Opportunismus
und Machtwillen sind konstante Begleiter von Stephanopoulos, der die Karriereleiter
rasch erklomm. Sein Zwiegespräch um die Moral, das All Too Human
von Anfang bis Ende durchläuft, kann das nicht kaschieren. Schon bei
der ersten Präsidentenkampagne, bei der es zuerst um die Wahl Clintons
innerhalb der Demokratischen Partei als Herausforderer von George Bush
ging, schreibt er von Zweifeln an Bill, der kein Held sei, sondern nur
ein Mann. Trotzdem blieb George ihm bis zu seinem Ausscheiden aus der Regierung
treu, wohl auch, weil er an der Macht, zumindest an der Nähe zur Macht,
gefallen gefunden hatte.
Zu seiner Zeit als Pressesprecher des Weissen Hauses nach der Wahl Clintons
zum Präsidenten äussert sich Stephanopoulos selbstkritisch. Schon
am ersten Tag sei er flach auf die Nase gefallen. Nach einigen weiteren
Fehlleistungen wurde er bald vom Kommunikationsdirektor zum senior adviser
for policy and strategy wegbefördert. Stephanopoulos gab dem Präsidenten
allerdings auch in dieser Position falsche Ratschläge, so in der NAFTA-Debatte,
in der sich zum Glück Vizepräsident Al Gore durchsetzte, der
in einer wichtigen Fernsehdebatte bei Larry King Live Ross Perot
in beeindruckender Weise schlug. Stephanopoulos bekannte damals nach dem
TV-Duell gegenüber Al Gore, dass er, George, falsch gelegen hatte.
Zu den vielen Affären zu Beginn der Präsidentschaft wie Travel-Gate,
File-Gate, Whitewater oder dem Selbstmord von Vincent Foster erfährt
der Leser nichts sensationell Neues (weil es nichts zu berichten gibt?). Äusserst blass dargestellt sind die Kämpfe um die health care
und die welfare Reformen, die - neben dem Clinton aufgezwungenen
Kampf um Budget und Defizit - zuoberst auf der Agenda der Regierung standen.
Lediglich unter Tränen vorgebrachte Vorwürfe der First Lady
an ihre Mitarbeiter, besonders an Stepanopoulos, sie hätten nicht
genug für Sie, Hillary, gekämpft, die als politisch Verantwortliche
mit ihrer health care reform scheiterte, stechen im Buch hervor.
Von Ende Dezember 1994 an wurde Dick Morris gemäss Stephanopoulos
zum wichtigsten Berater des Präsidenten. Nach dem Sommer-Debakel 1994
(im August ging die Gesundheitsreform unter), habe Clinton ihm
und seinem Urteil nicht mehr vertraut. Zu den wöchentlichen Strategietreffen
von Clinton mit Gore, Panetta und dessen Assistenten Ickes and Bowles wurde
nicht mehr Stephanopoulos, sondern Dick Morris eingeladen. Morris hatte
1968 die Wahlkampagne von McCarthy, 1972 die von McGovern geleitet. 1978
traf er erstmals Bill Clinton. Zusammen gewannen sie die Wahlen in Arkansas,
vor allem Dank dem Studium der Wählermeinung. Morris arbeitete für
Republikaner ebenso wie für Demokraten, ohne Skrupel und mit harten
Bandagen. Nachdem die Wähler Clinton zum jüngsten Ex-Gouverneur
gemacht hatten, machte Clinton sein politisches Comeback erneut mit Hilfe
von Morris und seiner sich auf Umfragen abgestützten Politik. Nur
1992 bei der wichtigsten Wahl, der zum Präsidenten, hatte Morris nicht
in Diensten von Clinton gestanden. Doch nun, in der Krise 1994, holte er
ihn zurück, wobei ihm Hillary behilflich war.
Stephanopoulos verliess das Weisse Haus nicht weil er mit Clintons Politik
nicht mehr übereinstimmte, sondern aus gesundheitlichen Gründen
wie Stress, Angst, Depression. Deshalb habe er einen Hautauschlag bekommen,
den er mit einem Bart zu verdecken versucht habe. Will Stephanopoulos nicht
als Ratte erscheinen, die ein (scheinbar) sinkendes Schiff verliess? George
betrachtet die sexuellen Abenteuer des Präsidenten, die er zuvor als
Berater Clintons z.B. im Fall Jennifer Flowers im Namen seines Chefs leugnete,
bis Beweise die Lügen offen legten, als schweren Fehler. Doch war er
deswegen nie der Meinung, der Präsident solle deshalb aus seinem Amt
gejagt werden.
Für Stephanopoulos ist <Clintons Schamlosigkeit ein Schlüssel
zu seinem politischen Erfolg>. <Seine Fähigkeit der Leugnung ist
verbunden
mit seinem Optimismus, der wiederum seine grösste politische Stärke
darstellt>. In Stephanopoulos' Augen beutet Clinton seine eigenen Schwächen
sowie die der Leute aus seiner Umgebung meisterhaft aus. Dennoch habe der
Präsident viel getan um das Land voranzubringen. Stephanopoulos hat
nicht versucht, eine ausführliche Geschichte der ersten Regierungsperiode
Clintons zu zeichnen, sondern schildert, was er im Weissen Haus erlebt
hat. Zu Hillary Clinton merkt Stephanopoulos nicht viel Tiefgründiges
an. Er beschreibt die First Lady als <ambitiös, idealistisch, sehr
rational>, aber auch als <inflexible, overly complex and highly susceptible
to misinterpretation>. Vor allem aber beginnt sein Buch mit einem vernichtenden
Vergleich: Die Rose Law Firm, für die Hillary gearbeitet und
die ihr mitgehört hatte, sei die Little Rock-Version von The Firm
(Film mit Tom Cruise), lediglich mit dem Unterschied, dass seines Wissens
nach dort bisher niemand ermordet worden sei. Dass unter all diesen Umständen
Stephanopoulos im Weissen Haus zur Unperson wurde, dass er von Anhängern
Clintons als <Judas> verschrien wird, erstaunt nicht.
Stephanopoulos ist in seinem Buch zwar offen und selbstkritisch, räumt
Fehler nicht ohne Humor ein, doch handelt es sich zumeist um Fehlleistungen,
die ohnehin Politologen und Historikern nicht verborgen geblieben sind.
Doch eine seiner grössten Fehleinschätzungen hat George bis heute
nicht erkannt: Das Faktum, dass Clintons Umschwenken auf eine Politik der
Defizitbekämpfung, wie sie Republikaner und Ross Perot propagiert
hatten, keine Kapitulation vor Wall Street darstellte, sondern wirtschaftlich
notwendig war und die USA auf den Wachstumspfad zurückführte,
weshalb dieser Schwenk zu den grössten Erfolgen seiner Amtszeit gehört,
auch wenn er unter äusserem Druck und zumindest teilweise gegen die
innere Überzeugung zustande gekommen war. Stephanopoulos hatte zusammen
mit den andern <Liberalen> (liberal im amerikanischen Sinn) wie Arbeitsminister
Robert Reich und
Gene Sperling die Defizit-Falken bekämpft, doch der Direktor des Nationalen
Wirtschaftsrates Bob Rubin, Finanzminister Lloyd Bentsen und Budgetdirektor
Leon Panetta setzten sich beim Präsidenten durch. Und eben weil Clinton
sah, dass dies die richtige Politik war, verlor Stephanopoulos an Einfluss.
Dass Dick Morris als spin doctor nützlicher und skrupelloser
war als George, spielte nur im Hintergrund mit. Stephanopoulos dagegen
stilisiert seine Entmachtung zu einem Pakt Clintons mit dem Teufel Dick
Morris empor. Der Mann ist bestimmt kein erfreulicher Zeitgenosse. Er dient
Leuten wie Blairs Peter Mandelson (siehe Cosmopolis Nr. 4) oder Schröders
Bodo Hombach (Cosmopolis Nr. 1) als Vorbild. Umfrageergebnisse diktieren
die politische Agenda. Die Sachpolitik kommt zu kurz. Wenn dieses Fehlen
ein Hauptmerkmal von Clintons Regierungsstil ist, so gehörte es bereits
unter Stephanopoulos zum Repertoire des Präsidenten. Stephanopoulos
hat in Sachfragen versagt, falsch gelegen, den Präsidenten schlecht
beraten, zudem mit Woodward (einer der zwei Watergate-Reporterhelden)
kooperiert, der ebenfalls gegen die Defizitbekämpfung eintrat, und
deshalb schrumpfte der Einfluss von George, der allerdings ohnehin seinen
Einfluss auf Clinton und seine Politik zu überschätzen scheint.
George Stephanopoulos: All Too Human. A Political Education.
Boston, New York, London. Little, Brown and Company, 1999, 456 S. Bestellen bei Amazon.de.
Siehe auch die Bücher der Spin Doctors Dick Morris (The New Prince
- bestellen bei Amazon.com)
und Anthony Seldon (The Blair Effect - bestellen bei Amazon.de
oder Amazon.co.uk).
Christian Hacke: Zur Weltmacht verdammt. Die amerikanische Aussenpolitik
von Kennedy bis Clinton, Berlin, Proyläen, 1997, 688 S., DM 78.-.
Wer sich für die neuere amerikanische Geschichte interessiert, kann
zum Werk von Christian Hacke greifen, Professor an der Universität
der Bundeswehr in Hamburg. Sein ausschliesslich auf Sekundär- und
Memoirenliteratur aufbauendes Werk gibt einen guten, kritischen Überblick über die amerikanische Aussenpolitik seit John F. Kennedy. Alle Präsidenten
seit J.F.K., mit Ausnahme von Johnson, seien vom Primat der Aussenpolitik
geleitet worden, wobei er unter Clinton eine Verlagerung vor allem auf
die Aussenwirtschaftspolitik feststellt (hat sich dieser Akzent seit der
Publikation des Buches in der zweiten Amtszeit Clintons verschoben, auch
wenn die Aussenpolitik weiterhin weitgehend konzeptionslos scheint?). Die
USA seien Second to None und deshalb zur Weltmacht verurteilt.