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Zwanzig Jahre ist es her, dass Niloufar von der Rohrwacher-Familie adoptiert wurde, und so lange hat sie gebraucht, um zu akzeptieren, dass sie wirklich dazugehört. Zum ersten Mal in ihrem Leben ist sie beinahe glücklich, und dann sieht sie Marcellus nach langer Zeit wieder - ihren Cousin, der schon immer ein Talent dazu hatte, sie in Frage zu stellen. Und plötzlich entwickelt sich ihr ambivalentes Verhältnis in eine Richtung, die sie völlig aus der Bahn wirft. Er hat sie so schon sehr lange nicht mehr gesehen. Vielleicht sogar noch nie. Sie wirkt selbstvergessen, sie tanzt, als wäre es ihr egal, dass zig Leute ihnen zuschauen, und sie strahlt eine Sinnlichkeit aus, die ihm einen Schlag in die Magengrube versetzt. Nil ist nicht mehr zornig und mit der Welt verquer, Nil ist in ein fragiles Erwachsensein hineindiffundiert, und er kommt damit noch nicht klar. Beinahe wünscht er sich die nervige Möchtegernrebellin zurück. Als das Lied zu Ende ist, wird Nil sich ihrer Umgebung langsam wieder bewusst. Julia knickst vor ihr und sie tut dasselbe, ihr Ritual. Und dann fällt ihr Blick auf Marcellus, der mit verschränkten Armen an der Bar lehnt, einen halben Kopf grösser als alle in seiner Umgebung, und sie mit diesem amüsierten, leicht herablassenden Blick beobachtet, der sie früher regelmässig auf die Palme gebracht hat. Aus den Boxen plärrt nun Satisfaction und kurzentschlossen tanzt sie auf Marcellus zu, nimmt seine Hand und zerrt ihn auf die Tanzfläche. „Du hast keine Chance“, ruft Julia über die Menge hinweg, aber Nil zuckt nur mit den Schultern. Aus den Augenwinkeln sieht sie Lena hinter der Bar, die sie finster mustert, und dann geschieht das Unerwartete. Marcellus tanzt. Mit ihr. Und sie hat keine Ahnung mehr, warum alle immer dachten, er tanzt nicht. Er kann es nicht. Sie hätten nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein können. Als hätte er nur auf die Gelegenheit gewartet, sie alle Lügen zu strafen, zieht er sie mit einer Selbstverständlichkeit an sich, die ihr den Atem nimmt. Es ist nur Marcellus, sagt eine Stimme in ihrem Kopf, und eine andere lacht. Nur Marcellus. Er war nie nur Marcellus. Und das scheint es auch zu sein, was er klarstellen möchte. Um sie herum verdunkelt sich alles, Julia verschwindet, sie sieht nur noch sein Gesicht im Blitzen der Lichter, seinen arroganten Blick, und sie weiss genau, dass sie ihn anschaut, als sei er eine Erscheinung aus einer anderen, gefährlicheren Welt. Der DJ wechselt die Musik, sie kennt das Lied nicht, aber es spielt auch keine Rolle. Marcellus zieht sie enger an sich und sie kommt nicht einmal auf die Idee, sich zu wehren, ihn mit einem ironischen Kommentar in seine Schranken zu weisen, sie ist sprachlos, und sie überlässt sich ihm völlig, ihre Welt existiert nur noch durch ihn, durch seinen Körper an ihrem, die Musik und das Gefühl, keine Ahnung gehabt zu haben.