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Die Bücher der Chronik bildeten ursprünglich ein einziges Buch, das auf Hebräisch Divre ha-Jamim, «Begebenheiten der Tage», heisst. Die Zweiteilung geht auf die Septuaginta zurück, der Name «Chronik» stammt von Hieronymus. Das Divre ha-Jamim erzählt die Geschichte von Adam bis zur Erlaubnis den Tempel nach dem Exil wiederaufzubauen, also «vom Anfang bis zum (Neu-)Anfang» (S. Japhet). Das Buch gibt vor, sich auf eine Reihe von Quellen und Annalen zu beziehen. Seine Hauptvorlage sind die Bücher Samuels und der Könige. Es entsteht vermutlich gegen Ende der persischen oder zu Beginn der hellenistischen Zeit. Lange Zeit galten die Bücher der Chronik sowie Esra und Nehemia als zusammenhängendes Werk, das sogenanne Chronistische Geschichtswerk. Die heutige Exegese geht eher von getrennten Überlieferungen (mit späteren Angleichungen) aus.
Die Geschichte von Adam bis Saul wird in Form von Genealogien gestaltet (1 Chr 1-10), ausführlich erzählt wird von David und Salomo, sowie von den Königen aus den Haus Davids. David und Salomo werden als leuchtende religiöse Vorbilder verklärend dargestellt, vor allem als Tempelgründer und –erbauer. David wird dabei als neuer Moses gezeichnet, beiden wird das Modell für den Tempelbau geoffenbart (vgl. 1 Chr 28,11ff und Ex 25,9). Die «guten Könige» wiederholen die Taten Davids und Salomos v.a. im Einsatz für Tempelbau und Kult. Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Kultpersonal, den Priestern und Leviten. Vermutlich entstand das Divre ha-Jamim im priesterlich-schriftgelehrten Milieu des Jerusalemer Tempels.
Innerhalb des jüdischen Bibelkanons, also nach der ältesten Kanontradition, nimmt das Divre ha-Jamim eine exponierte Stellung ein, es bildet den Abschluss des dritten Kanonteils, der Schriften, und damit des gesamten Kanons. Es ist als Nachschrift der gesamten Geschichte des Gottesvolkes eine Art Zusammenfassung der vorangehenden Kanonteile «Tora» und «Propheten». Das Buch versucht verschiedene biblische Überlieferungsströme zu integrieren, es bildet eine Art Synthese aus Pentateuch und deuteronomistischem Geschichtswerk mit vielen Zitaten aus prophetischen Schriften und den Psalmen. Die Propheten gelten dabei als die «Chronisten» ihrer Zeit (das Judentum bezeichnet die Bücher Josua bis 2 Könige bis heute als «Vordere bzw. Frühere Propheten»). Offensichtlich soll dem drohenden Auseinanderdriften von Gruppen und Traditionen entgegengewirkt werden. Vermutlich entstand das Buch im Rahmen der frühmakkabäischen Restauration, um in einem abgeschlossenen Kanon eine Grundlage für die Erneuerung des jüdischen Glaubens zu finden, der sich durch die hellenistische Kultur tiefgreifend bedroht sah. Das Programm heisst: Nur in der kompromisslosen Rückbesinnung auf die eigene Tradition gibt es eine Zukunft für Israel. Letztlich setzt sich der dreiteilige Kanon aber erst nach der Zerstörung des Tempels (auf den die Chronikbücher doch so stark fixiert sind!) im Jahr 70 durch.
Die Bücher der Chronik sind an der Tora ausgerichtet, vor allem an deren Hauptgebot, Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele zu dienen. Dieser Dienst wird aber weniger als ethische, denn als sakralrechtliche Aufgabe verstanden. «Respekt vor den heiligen Dingen im Kult und dem heiligen Wort Gottes, vermittelt durch Mose und die Propheten, bringt Segen und Wohlergehen mit sich, während eine ... Missachtung Zorn und Untergang nach sich zieht» (G. Steins). Im Zentrum steht dabei der Tempel. Er steht in Kontinuität zu dem von Gott gestifteten Begegnungszelt am Sinai, er vermittelt die Gegenwart Gott, er ermöglicht die Ausrichtung des Volkes an der Tora, an ihm misst sich das Verhalten des Volkes und der Könige, der Tempelkult gewährt die beständige Möglichkeit der Vergebung.
Im Verständnis der Chronikbücher kommen in der Tempelliturgie Tora und Geschichte zusammen. Entsprechend werden mehrere «grosse Liturgien» gestaltet, neben der Überführung der Bundeslade nach Jerusalem die Tempelweihe in 2 Chr 5-7 sowie Feste unter Hiskija (2 Chr 29-32 und Joschija (2 Chr 34f.).
Die Bücher der Chronik sind Bibelauslegung innerhalb der Bibel, sie sind eine relecture älterer Texte, ja im eigentlichen Sinne «rewritten bibel». Sie sind «Einweisung in und Anleitung zur kanonischen Lektüre der ganzen Bibel Israels»
(G. Steins). Sie sind «Literatur von Schriftgelehrten für Schriftgelehrte» (M. Oeming).
In der jüdischen Tradition spielt das Divre ha-Jamim praktisch keine Rolle. Die Tradition spricht einzig davon, dass es dem Hohepriester im Tempel in der Nacht von Jom Kippur, de Versöhnungstag, vorgelesen werden soll, damit er nicht einschläft. Nur wenige Verse fanden (sehr versteckt und erst im Mittelalter) Eingang in die jüdische Synagogen-Liturgie. So wird 1Chr 29,11 einer von verschiedenen Versen, die zu Beginn der Prozession der Torarolle gesungen werden.
In der christlichen Tradition wurden die Chronikbücher oftmals unter dem Einfluss antijüdischer Klischeevorstellungen (Fixierung auf den Kult, Gesetzesfrömmigkeit, starrer Vergeltungsglaube) abwertend beurteilt.
Die Chronik zeigt, wie sich religiöse Identität unter massivem Kulturdruck herausbilden kann: «durch Aktualisierung der Tradition, Konzentration auf das Wesentliche und die Bereitschaft zur Unterscheidung» (G. Steins).
Evangelien – AT-Lesungen – NT-Lesungen – Lesejahre A,B,C
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