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Die Ära der gedruckten Zeitungen läuft allmählich aus. Und doch prägen sie unser Bild der Welt seit über 400 Jahren. Ein Besuch in der Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek am Berliner Westhafen gibt Aufschluss über ihre Geschichte.
Wieso heissen Zeitungen eigentlich Bote der Urschweiz, Landbote, Engadiner Post oder Prättigauer Post? Es liegt am Übertragungsweg der Nachrichten. Die Zeitungen wurden von der Post verbreitet, und die Postboten dienten nicht nur als Verträger, sondern auch als Korrespondenten. Sie waren die ersten, die Neuigkeiten aus den Regionen erfahren und zurück in die Regionen getragen haben. Wie die Informationen geliefert wurden, ist in Zeitungsnamensbestandteilen wie «Express» oder «Telegraph» zu erkennen. Die Texte im «Danziger Dampfboot» wurden beispielsweise per Schiff transportiert.
Solche Übermittlungen bergen einige Fehlerquellen, doch vorher war alles noch viel unsicherer. So notiert der fleissige und stellenweise höchst unterhaltsame Tagebuchschreiber Samuel Pepys am 8. Oktober 1665, der Anfangszeit der Ära der Zeitungen, dramatische News:
Heute hörte ich, daß der Papst gestorben ist; ausserdem soll der König von Frankreich erstochen worden sein, doch gilt nur die erste Meldung als gesichert. Zweifellos wird das die Unruhe in diesem Teil der Welt erheblich vergrössern, nachdem erst kürzlich der König von Spanien gestorben ist.
Also: Papst tot, König von Frankreich erstochen? Was für ein aufregender Nachrichtentag! Doch am 9. Oktober 1665 wird alles wieder dementiert:
Die Nachricht von der Ermordung des Königs von Frankreich hat sich als falsch erwiesen, genauso wie die vom Tod des Papstes.
In der NZZ begannen Korrespondentenberichte während vielen Jahrzehnten wie von Boten übermittelte Briefe, zum Beispiel «win. Nairobi, im April», «U. Sd. Peking, im Juni» oder «cja. Ottawa, 8. September». Erst seit dem Relaunch der Zeitung im September 2009 werden die Artikel nur noch mit «win. Washington» oder «Ingrid Meissl Årebo, Stockholm» gezeichnet. Martin Woker, Leiter der NZZ-Auslandredaktion, schreibt auf Anfrage: «Wir hatten allerdings schon zuvor immer häufiger bei grösseren Artikeln die sogenannte Korrespondentenzeile verwendet: Also ‹Von unserem Korrespondenten xy aus z›. Erklären lässt sich die Anpassung damit, dass auf diese Weise die Einzigartigkeit des NZZ-Korrespondentennetzes besser verankert wird.»
Die erste Ausgabe der damaligen «Zürcher Zeitung» erschien am 12. Januar 1780. Der erste Zeitungsverleger überhaupt, Johann Carolus, kam aus Strassburg und forderte gleich das Monopolrecht für seine ab 1605 gedruckte Zeitung (was ihm vom Stadtrat verwehrt wurde) – um Geld verdienen zu können. Ihren Höhepunkt feierten die Zeitungen dann in den 1920er-Jahren, bevor nacheinander Radio, Fernsehen und Internet Aufmerksamkeit abschöpften. An manchen Tagen wurden bis zu sechs Ausgaben gedruckt und verkauft (die NZZ kam von 1894 bis 1969 mit täglich drei Ausgaben heraus). Zu dieser Zeit erschienen allein in Berlin mehr als 120 Tages- und Wochenzeitungen, wie Christoph Albers von der Staatsbibliothek zu Berlin erklärt, die zur Stiftung Preussischer Kulturbesitz gehört.
Die Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek gibt es erst seit 1993, als die Bestände der geteilten Stadt zusammengeführt wurden. Seit 1997 lagern diese auf 24.000 m² in einem ehemaligen Getreidespeicher. Kein idealer Ort, denn auf der anderen Seite des Wassers am Westhafen stehen elf weisse Tankbehälter, die bei einem Brand die über 180.000 Zeitungsoriginalbände und über 150.000 Mikrofilme zerstören könnten (weshalb eine Umsiedlung schon lange geplant ist). Sie lagern in mehreren Etagen. Beim Betreten der Räume schlägt einem ein dumpfer, leicht modriger Geruch entgegen. Es ist auch etwas dunkler als sonst, denn die Bestände werden durch eine Spezialfolie an den Fenstern vor UV-Licht geschützt.
Als die die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, Johanna Rachinger, kürzlich ankündigte, Bücher, die sowohl elektronisch als auch in der Print-Ausgabe verfügbar sind, nur noch elektronisch sammeln, erntete sie prompt Proteste – auch wenn das die unbestreitbare Zukunft sein wird. Die Staatsbibliothek zu Berlin würde gerne mehr digitalisieren, aber dazu fehlen aktuell die Gelder und es sind auch Urheberrechtsfragen offen, wie Albers sagt. Auch wenn der Staatsbibliothek keine konkreten Fälle vorliegen, gibt es natürlich «Leute, die nicht wollen, dass zum Beispiel DDR-Zeitungen frei verfügbar sind, weil sie so via Google mit Aussagen gefunden werden könnten, zu denen sie nicht mehr stehen.» Bisher wurden lediglich drei Zeitungen aus der Bismarckzeit mit Volltextsuche verfügbar gemacht, sogenannte «Image-Digitalisierungen» gibt es aber einige mehr.
Nicht vergessen sollte man angesichts der vielen Zeitungen, dass das, was drin steht, oft gar nicht so wichtig ist, wie das, was nicht drinsteht. «Seit es Zeitungen gibt, gibt es das Problem der Zensur», sagt Christoph Albers. Sobald es politisch unruhig wird, werde aus «Sicherheitsgründen» die Pressefreiheit eingeschränkt oder gleich abgeschafft, wie 1933, als die deutsche Presse durch die Gleichschaltungsgesetze ihre Freiheit verlor. «Viele mussten die Titelblätter vom Propagandaministerium übernehmen, nur im Lokalteil konnte man noch frei schreiben.» Es kann aber auch in Zeiten grösster Freiheit nicht berichtet werden: «Die stärkste Waffe einer Zeitung mit Monopolstellung ist das Nichtberichten. So kann man ganz schön manipulieren: meinungsbildend sein, auch ohne dass das besonders bemerkt wird.»
Der Besuch in der Zeitungsabteilung der Staatsbibliothek am Berliner Westhafen fand am 2. Oktober 2012 statt.