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Herman Bavincks frühe Vorlesung (1881) enthält einige interessante Bemerkungen nicht nur zum Begriff des Reiches Gottes, sondern auch zu Grundthemen seines gesamten Werks.
Einleitung
In der Einleitung stellt Bavinck fest, dass ein hohes Interesse an Ethik in der Gesellschaft feststellbar sei, während der Disziplin gleichzeitig die Grundlagen entzogen würden. Himmlische und irdische Güter stünden nebeneinander, wobei es unklar sei, wie sie zusammenhingen. „Auf die unsichtbaren, ewigen Güter haben die Menschen so lange vergeblich gewartet, dass sie sich zu den zeitlichen und sichtbaren wenden um zu sehen, was diese geben können!“ (134) Bavincks Absicht – er war in seiner Vorlesung vor den Kampener Studenten gerade mal 27 Jahre alt – bestand darin, „einen Blick der Herrlichkeit des katholischen (allgemeinen) christlichen Glaubens“ zu erhaschen. Dies wird geschehen, indem der Blick auf das Königreich Gottes als höchstes Gut geworfen wird, auf die Idee eines Königtums, „in dem sowohl das Individuum wie die Gruppe“ ihre volle Identität entwickeln könnten. Das katholische Königreichsideal prägte die historische Gestalt der Kirche – dies im Anschluss an die Idee der jüdischen Theokratie. Erst die Reformation, so Bavinck, brachte eine Reinigung von jüdischen und heidnischen Elementen zustande (139). Die Unterscheidung, nicht aber Trennung zwischen Kirche und Welt, zwischen sichtbarem und unsichtbarem Reich Gottes, wurde deutlich.
1. Abschnitt: Die Essenz des Königreichs
So wie die menschliche Persönlichkeit in ihrer Essenz geistlich, unsichtbar und ewig angelegt ist und trotzdem über einen menschlichen Körper verfügbar, so gibt es auch beim Königreich Gottes beide Seiten (140). „Das Königreich Gottes als höchstes Gut besteht in der Einheit“ bzw. der Gesamtheit der moralischen Güter, „nämlich der geistlichen und physischen, der ewigen und der zeitlichen Güter“ (141). Das ewige ist dem zeitlichen vorgeordnet, das Zeitliche dient ihm als Instrument. Die Sünde jedoch erweist sich als desorganisierende, entzweiende Macht. Sie treibt den Individualismus ins Extrem. Der Königreichsgedanke widerspricht dem Individualismus, er zerstört ihn jedoch nicht. Es versöhnt Individualismus und Sozialismus, indem er die Erfüllung beider Seiten darstellt (145). Christus ist der Herr dieses Königreichs. Seine Menschwerdung zeigt, dass das Ewige in das Zeitliche, Menschliche eingehen kann. Obwohl dem Reich nichts Menschliches fremd ist, bewahrt es seinen geistlichen, über Raum und Zeit bestehenden Charakter. In diesem Reich regiert Christus als König über ein Volk, das ihm willig dient.
2. Abschnitt: Das Königreich Gottes und das Individuum
Bavinck beginnt erneut bei der Person: Diese existiert nicht nur für einen anderen Zweck, sondern hat Wert in sich selbst. Die Sünde entfremdet einen Menschen jedoch seiner selbst. Jeder Mensch arbeitet letztlich für das Königreich Gottes, ob willentlich oder als blindes, willenloses Werkzeug (151). Das Königreich Gottes existiert nicht etwa innerhalb von Kirchen und Klöstern. Es ist in der Welt, aber nicht von der Welt. Damit klärt sich das Verhältnis zwischen irdischer und himmlischer Berufung: Erstere ist die zeitliche Form der zweiten. Deshalb muss alles Wirken auf dieser Erde sub specie aeternitatis geschehen (154). Wir müssen deshalb besitzen, als ob wir es nicht besitzen würen (1Kor 7,30).
3. Abschnitt: Das Königreich Gottes und die Gemeinschaft (Familie, Kirche, Staat, Kultur)
Die Familie ist die Grundlage und das Modell für die drei anderen Sphären: Kirche, Staat und Kultur. Sie vereint in sich Elemente dieser Bereiche, nämlich Frömmigkeit, elterliche Autorität und Ernährung (156). Das Reich Gottes wiederum existiert nicht für die Familie, sondern die Familie existiert für das Reich Gottes. Der Vater ist Bild und Abglanz Gottes; die Kinder sollen zu Kindern Gottes erzogen werden. Das Christentum ist viel zu reich, als dass es sich innerhalb der Wände der Kirche abspielen könnte. Alles, was innerhalb und ausserhalb der Kirche von Christus regiert wird, gehört zum Reich Gottes. Die Kirche hat den Auftrag, die Menschen nicht nur in ihrem religiösen, sondern auch in ihrem natürlichen Leben zu heiligen. Der Sonntag steht demnach nicht neben den Werktagen, sondern sollte auf sie ausstrahlen (159). Der Staat stellt nach der Kirche das reichste Gut auf der Erde dar. Trotzdem betont er, dass weder, Familie, Kirche noch Kultur ihren Ursprung dem Staat verdanken. Eine Verherrlichung des Staates wird zur Zerstörung der menschlichen Persönlichkeit führen. (Bavinck hat damit die Entwicklung der totalitären Staaten im 20. Jahrhundert vorweg genommen.) Der Staat ist auch nicht in der Lage, das Königreich Gottes zu begründen bzw. zu etablieren (161). Die Reformation gab in diesem Sinn der Kultur ihren Freiraum zurück Bavinck hält fest, dass das Köngreich Gottes keinen der Bereiche – Familie, Kirche, Staat und Kultur – zerstört, sondern sie heiligt (163).
4. Abschnitt: Die Vollendung von Gottes Königreich
Die Vollendung des Königreiches ist nicht Frucht menschlicher, moralischer Aktivität. Es kann erst kommen, nachdem sich das absolut Böse, der Antichrist, manifestiert hat. Gegenwärtig wachsen das Königreich des Satans und Gottes Königreich, ohne dass die genauen Grenzen von menschlichem Auge genau unterschieden werden könnten. Es ist damit zu rechnen, dass alle vier Bereiche – Familie, Kirche, Staat und Kultur – temporär vom Satan benützt und missbraucht werden.
Fazit
Bavincks Vorlesung ist von Abraham Kuyper damals öffentlich gerügt worden. Es sei noch zu viel von (Friedrich) Schleiermacher darin zu erkennen. Abgesehen von Kuypers Vorbehalten ist jedoch festzustellen: Bavincks Rede hat Grundsatzcharakter. Viele seiner Gedanken sind in Ansätzen oder schon weitergehend ausgeführt: Das Verhältnis von Natur und Gnade, die ethische Antithese (verursacht durch die Sünde), das Verhältnis von Kirche und Staat. Bavinck wirft auch einen (wenn auch kurzen) Blick in die Vergangenheit (Altes und Neues Testament, Kirchengeschichte) sowie in die Zukunft (Eschatologie). Für mich gab es zwei spannende Lernfelder: Erstens die Beschreibung des Verhältnisses zwischen Familie und den restlichen Sphären (Kirche, Staat, Kultur); zweitens die Antwort das Spannungsfeld von Individualismus und Sozialismus.