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Bürgerkrieg in der Schweiz, 1847 (zeitgenössische Darstellung).
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Die Fakten: Die Staatspolitische Kommission des Ständerats lehnt einen zweiten Nationalfeiertag am 12. September ab. Der Nationalrat war dafür. Warum das wichtig ist: Wer meint, 1848 werde vergessen, weil wir keinen Feiertag dafür haben, irrt. Der 1. August ist nur wegen 1848 entstanden. Gemäss NZZ hätte ein zweiter Nationalfeiertag, wie ihn der Nationalrat im Mai bereits gutgeheissen hatte, jährlich etwa
- 600 Millionen Franken gekostet
- Sofern man ihn wie den 1. August als arbeitsfrei deklariert hätte, was sicher der Fall gewesen wäre
600 Millionen Franken? In einer Zeit, da die öffentlichen Kassen überquellen, und die Wirtschaft nach wie vor zu blühen scheint (Bruttoinlandsprodukt 2022: rund 800 Milliarden Franken), wären unter 0,1 Prozent des BIP ja wohl zu verkraften gewesen, müsste man meinen, um den Ursprung der modernen Schweiz hervorzuheben. Dieser ist in die späten 1840er Jahre zu datieren:
- 1847 besiegten die liberalen Kantone den katholisch-konservativen Sonderbund – nach dem wohl unblutigsten und kürzesten Bürgerkrieg der Weltgeschichte
- Kurz darauf, im Februar 1848, setzten sich 23 Liberale und Radikale aus allen Kantonen zusammen (Konservative wurden nicht berücksichtigt, sie hatten ja verloren) und schrieben im Auftrag der Tagsatzung eine neue, eine liberale Bundesverfassung. Sie gilt im Wesentlichen bis heute (nach zwei Totalrevisionen 1874 und 1999). Sie ist die älteste des Kontinents, die noch besteht
- In nur sieben Wochen brachten diese 23 Männer das zustande – heute würde die Staatspolitische Kommission 87 Jahre damit verbringen, um am Ende im Differenzbereinigungsverfahren zu verhungern
Gewiss, das Tempo kam nicht von ungefähr. Die Schweizer wussten um die Gunst der Umstände: In fast allen Nachbarländern fanden im März 1848 Revolutionen statt, was die zumeist autoritären Regimes ablenkte. Wären sie nicht mit der Niederschlagung und Massakrierung der eigenen liberalen Rebellen beschäftigt gewesen, sie hätten sich womöglich der Schweiz zugewandt, um dort die Liberalen niederzuschlagen und zu massakrieren.
- Auf jeden Tag, auf jede Stunde kam es an
Nur Grossbritannien schützte die Eidgenossenschaft. Die liberale Grossmacht hatte schon vorher die Franzosen, Preussen und die Österreicher vor einer Intervention abgeschreckt
Nachdem sich auch die Tagsatzung mit dem neuen Grundgesetz befasst hatte, fanden im Juli und August 1848 in allen (fast allen) Kantonen Volksabstimmungen statt. 15 ½ Stände nahmen an, 6 ½ verwarfen, wobei das Spektrum der Begeisterung bzw. der Abscheu eindrücklich war:
- Die Glarner hiessen die neue Verfassung zu 100 Prozent gut
- In Obwalden stimmten dagegen bloss 3 Prozent zu. 97 Prozent wollten nichts vom neumodischen Bundesstaat wissen
- Und in Freiburg, einer Art Theokratie, traute man dem Volk diesen Entscheid nicht zu: hier befasste sich der Grosse Rat damit – und winkte die Sache durch
Am 12. September 1848 gab die Tagsatzung bekannt, dass die Bundesverfassung «angenommen und als Grundgesetz der Eidgenossenschaft» anzusehen sei.
In Erinnerung an diesen durchaus historischen Tag, der sich in diesem Herbst zum 175. Mal jährt, wollte eine knappe Mehrheit des Nationalrates den 12. September zum zweiten Bundesfeiertag erheben. Wobei gut möglich ist, dass manch ein Nationalrat darauf vertraute, dass der Ständerat diesen Unsinn nachträglich korrigieren würde. Was am vergangenen Freitag geschehen ist. Mit 10 gegen 1 Stimmen verwarf die Staatspolitische Kommission des Ständerates, die das Geschäft vorzubereiten hatte, die Idee des 12. September. Angesichts dieser Deutlichkeit ist zu erwarten, dass auch das Plenum der Kleinen Kammer seiner Kommission folgt. Unsinn? Zum einen stimmt das Motiv nicht, zum andern bewiesen die Nationalräte, dass sie von der Geschichte des 1. Augusts wenig verstehen. Natürlich geht es den Befürwortern nicht nur um 1848, das sie zu Recht in Erinnerung rufen möchten:
- Ihr neuer Feiertag richtet sich gegen 1291, dem angeblich mythischen Auftakt der schweizerischen Geschichte, dem Jahr, auf das sich der 1. August bezieht (Rütlischwur, etc.). Sie bevorzugen eine Art «rationale Historiografie». Tatsachen statt Tell
- Ebenso haben sich wohl manche Nationalräte in die Vorstellung verliebt, dass ein paar kluge Politiker am Anfang eines neuen Staates standen, und dass sich ein solcher gewissermassen auf dem Reissbrett entwerfen liesse (siehe EU). Es ist kein Zufall, dass eher europhile, linke Parlamentarier für den zweiten Nationalfeiertag eintraten
Wenn sie damit zeigen wollten, wie sehr sie das Jahr 1848 schätzten, dann hätten sie wohl besser die Geschichte des 1. Augusts etwas eingehender studiert.
- 1891 war er zum ersten Mal gefeiert worden
- Ursprünglich wollten die Berner mit einem Fest ihrer Stadtgründung gedenken (1191, ebenfalls mythisch)
- Das brachte ein paar Patrioten (darunter Bundesrat und Parlament) auf die Idee, auch die Eidgenossenschaft zu feiern
Wobei sich 1291 damals ironischerweise noch gar nicht durchgesetzt hatte als allgemein anerkannter Anfang. Manche zogen 1307 vor. In diesem Jahr, so hatten die Chronisten seit Jahrhunderten behauptet, habe der Rütlischwur stattgefunden, und zwar in Brunnen SZ (es war also ein «Brunnen-Schwur»).
- Nach einer epischen Debatte einigte man sich auf 1291 und feierte 1891 den 1. August (600 Jahre Eidgenossenschaft)
Dann geschah wieder lange nichts, bis 1899 der Bundesrat die Kantone dazu anregte, am Abend des 1. August die Glocken läuten zu lassen. Auslandschweizer hatten darauf gedrängt. Entscheidend ist aber dieses:
- Schon kurz nach dem Sonderbundskrieg hatten sich die siegreichen Liberalen darum bemüht, sich mit den unterlegenen Katholisch-Konservativen zu versöhnen
- 1851 feierte der Kanton Zürich das Jubiläum seines Beitritts zur Eidgenossenschaft (1351). Man lud die Innerschweizer ausdrücklich dazu ein. Ziel war es, den ehemaligen Sonderbündlern zu zeigen, wie sehr man die alte Eidgenossenschaft nach wie vor ernst nahm – die ja von den Urschweizer Kantonen gegründet worden war
- Die Innerschweizer kamen nicht. Man hatte den Krieg noch nicht verwunden
Als 1853 aber der Kanton Bern seinen Anschluss an die Eidgenossenschaft mit einer Feier beging (Beitritt 1353) und den schmollenden Innerschweizer ebenfalls eine Einladung schickte, lenkten diese ein. So viel man hört, haben sie sich bestens amüsiert in der Bundesstadt. Auf diese beiden Feste folgten weitere, und immer ging es auch darum, die Verlierer des Bundesstaates günstig zu stimmen, bis am Ende aus dieser Tradition auch die Bundesfeier am 1. August heranwuchs. Mit anderen Worten, ohne 1848 kein 1291. Wenn die Schweiz das Jahr 1848 würdigen möchte, dann wäre vielleicht ein Denkmal für England angemessener. Ohne dessen Wohlwollen hätten sich die Liberalen wohl nicht halten können, und der Bundesstaat wäre 1848 nicht geschaffenworden. Mit 600 Millionen Franken liesse sich auf dem Bundesplatz sicher etwas Schönes errichten. OK, es wäre auch eine etwas kostengünstigere Gedenktafel aus Blech denkbar – das würden die Briten sicher verstehen. («Greedy Swiss»). Ganz im Sinne von Thomas Morus, dem englischen Autor von Utopia, einem Buch, wo er über die Zapoleten, womit er die Schweizer meinte, Folgendes schrieb: «Nur zum Kriege geboren, suchen sie eifrig nach Gelegenheit dazu; bietet sich eine, so stürzen sie sich mit Gier darauf, rücken in hellen Scharen aus dem Lande und bieten sich um geringen Sold jedem Beliebigen an». Das Buch entstand 1516, ein Jahr nachdem die Schweizer in Marignano verloren hatten: «Jedoch verpflichten sie sich nicht bis zu einem bestimmten Termin, sondern ergreifen nur unter der Bedingung Partei, dass sie bereits am nächsten Tage zu den Feinden übergehen können, wenn ihnen diese einen höheren Sold bieten, und schon am übernächsten kehren sie zurück, verlockt durch ein wenig mehr Geld.» Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Tag Markus Somm