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Heinrich von Kleists Schloss bei Locarno
«Am Fuße der Alpen bei Locarno im oberen Italien befand sich ein altes, einem Marchese gehöriges Schloß, das man jetzt, wenn man vom St. Gotthard kommt, in Schutt und Trümmern liegen sieht: ein Schloß mit hohen und weitläufigen Zimmern, in deren einem einst auf Stroh, das man ihr unterschüttete, eine alte kranke Frau, die sich bettelnd vor der Tür eingefunden hatte, von der Hausfrau aus Mitleiden gebettet worden war. Der Marchese, der bei der Rückkehr von der Jagd zufällig in das Zimmer trat, wo er seine Büchse abzusetzen pflegte, befahl der Frau unwillig, aus dem Winkel, in welchem sie lag, aufzustehn und sich hinter den Ofen zu verfügen. Die Frau, da sie sich erhob, glitschte mit der Krücke auf dem glatten Boden aus und beschädigte sich auf eine gefährliche Weise das Kreuz; dergestalt, daß sie zwar noch mit unsäglicher Mühe aufstand und quer, wie es ihr vorgeschrieben war, über das Zimmer ging, hinter dem Ofen aber unter Stöhnen und Ächzen niedersank und verschied.»
Der Tod des greisen Bettelweibs markiert bloss den Anfang des Gruselns. Denn von nun an spukt es im Schloss. Ein Gast berichtet von gestörter Nachtruhe, «indem etwas, das dem Blick unsichtbar gewesen, mit einem Geräusch, als ob es auf Stroh gelegen, im Zimmerwinkel aufgestanden mit vernehmlichen Schritten langsam und gebrechlich quer über drei Zimmer gegangen und hinter dem Ofen unter Stöhnen und Ächzen niedergesunken sei.» Das ächzende Gespenst hat noch mehrere Auftritte, bis die unsichtbare Verunfallte dem Marchese selbst erscheint. Er ist derart «von Entsetzen überreizt», dass er zu einer Kerze greift, sein eigenes Schloss anzündet und elendiglich darin verbrennt. Und «noch jetzt liegen, von den Landleuten zusammengetragen, seine weißen Gebeine in dem Winkel des Zimmers, von welchem er das Bettelweib von Locarno hatte aufstehen heißen.»
In Locarno war Heinrich von Kleist (1777-1811) erwiesenermassen nie. Seine Schweizerfahrung beschränkte sich auf einen mehrmonatigen Aufenthalt in Thun, im Frühjahr und Sommer 1802, ergänzt um kürzere Aufenthalte in Basel und Bern. In seiner Beschreibung irrt er sich ja auch in der Lokalisierung: Locarno, am nördlichsten Zipfel des Lago Maggiore, gehört schon seit 1512 zur Eidgenossenschaft und nicht zu Italien. Weshalb nur fiel seine Wahl auf Locarno? Eine etwas gewagte Deutung wäre, darin eine klangliche (a,o) und geografische Annäherung an «Otranto» zu sehen – Horace Walpoles «Castle of Otranto» aus dem gleichnamigen Roman von 1764, ebenfalls ein erfundenes Schloss, liegt in Italien. Walpole begründete damit die Gattung der «gothic novel», vom der sich auch Kleist inspirieren liess. Die Schauermär von Locarno, die übrigens nur knapp zwei gedruckte Buchseiten umfasst, hat er 1810 für die «Hamburger Unterhaltungsblätter» geschrieben. Er verfasste diese und andere Prosastücke in rascher Folge, um sich seinen Lebensunterhalt, mehr schlecht als recht, zu sichern. 1811 entschied sich Kleist zusammen mit seiner Freundin Henriette Vogel für den Freitod. Er erschoss sie und sich am kleinen Wannsee bei Berlin. (BP)
Locarno am Nordufer des Lago Maggiore ist eine touristische Hauptattraktion des Tessins und Wohn- oder Ferienort einer langen Reihe prominenter Persönlichkeiten. Ein Hauptanziehungspunkt ist das Gotteshaus Madonna del Sasso auf einem der Berge oberhalb der Stadt. Auf der Piazza Grande in der Altstadt werden zahlreiche open-air-Veranstaltungen durchgeführt, darunter das jährliche Filmfestival im August. Welches Schloss Heinrich von Kleist gemeint hat, geht aus dem Text nicht hervor. Am Rande der Stadt befindet sich das Castello Visconteo (Bild), das seinen Namen vom Mailänder Geschlecht der Visconti hat.