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Es war eine Aussage gleich zu Beginn am Point de Presse, die aufhorchen liess: «Covid-19-Geimpfte können das Coronavirus genauso häufig verbreiten wie Ungeimpfte. Das zeigen neueste Studien aus den USA.» Darauf verwies Virginie Masserey, Leiterin Sektion Infektionskontrolle im Bundesamt für Gesundheit BAG.
Die Daten, auf die sich Masserey bezieht, wurden von der US-amerikanischen Seuchenbehörde CDC veröffentlicht. Im Touristenort Provincetown auf der US-Halbinsel Cape Cod im US-Bundesstaat Massachusetts wurden nach dem Nationalfeiertag am 4. Juli mehr als 900 Coronavirus-Fälle registriert.
Massachusetts hatte Beschränkungen aufgehoben
Travis Dagenais, der zu den vielen geimpften Infizierten gehörte, sagte, es sei im Nachhinein ein Fehler gewesen, «die Vorsicht in den Wind zu schlagen» und über den vierten Juli nächtelang in Menschenmengen zu feiern.
Wie viele andere Bundesstaaten hob auch Massachusetts Ende Mai, noch vor dem traditionellen Beginn der Sommersaison am Memorial Day, alle Covid-Beschränkungen auf.
Der CDC-Bericht hatte 469 COVID-19-Fälle im Zusammenhang mit den Festlichkeiten untersucht, zu denen dicht gedrängte Veranstaltungen in Bars, Restaurants, Gästehäusern und Mietwohnungen gehörten. Dabei kam heraus: Fast drei Viertel der Infizierten waren komplett geimpft, so die Studie.
Infektiös wie Windpocken
Die Delta-Variante, die zuerst in Indien entdeckt wurde, verursacht Infektionen, die ansteckender seien als Erkältung, Grippe, Pocken und das Ebola-Virus. Sie sei so infektiös wie Windpocken, heisst es in den Dokumenten, in denen die Fälle in Provincetown erwähnt werden. Aufgrund der Untersuchung empfahl die CDC die Rückkehr zur Maskenpflicht in Innenräumen – zumindest in den Regionen, in denen die Delta-Variante weit verbreitet ist.
Die Dokumente wurden von der «Washington Post» eingesehen. Darin steht aber auch, dass die Covid-Impfstoffe gegen die Delta-Variante nach wie vor sehr wirksam sind und schwere Erkrankungen und Todesfälle verhindern würden.
Wie sind die Daten einzuschätzen?
Können nun aber Geimpfte das Virus tatsächlich gleich weiterverbreiten wie Ungeimpfte? «Das ist noch offen», erklärt SRF-Wissenschaftsredaktor Thomas Häusler. Mehrere Forscher hätten die Folgerung der CDC kritisiert und darauf hingewiesen, dass dieser RNA-Nachweis nur ein grobes Mass dafür sei, wie ansteckend jemand ist. «Das gibt auch die CDC in seiner Veröffentlichung zu.»
Zur Bestätigung bräuchte es mehr und auch detailliertere Untersuchungen, so Häusler. «Zudem hat eine Studie aus Singapur gezeigt, dass die Menge an Delta-RNA im Nasenrachenraum von Geimpften wieder rascher zurückgeht als bei ungeimpften Infizierten. «Das heisst, wenn, dann sind sie wahrscheinlich über kürzere Zeit ansteckend.»
«Empfehlung der CDC nicht von Studie abgeleitet»
Obwohl die Experten im Allgemeinen mit der Haltung der CDC zur Maskenpflicht in Innenräumen einverstanden waren, erklärten einige, dass der Bericht über den Ausbruch in Provincetown nicht beweise, dass geimpfte Personen eine bedeutende Quelle für neue Infektionen seien.
«Die Empfehlung der CDC ist wissenschaftlich plausibel. Aber sie ist nicht von dieser Studie abgeleitet», sagte Jennifer Nuzzo von der Johns Hopkins-Universität.
«In dem Bericht gibt das Mass, das die Forscher verwendeten, um zu beurteilen, wie viel Virus eine infizierte Person in sich trägt, keinen Aufschluss darüber, ob sie das Virus tatsächlich auf andere Menschen überträgt», erklärte etwa Dr. Angela Rasmussen, eine Virologin an der Universität von Saskatchewan (Kanada).
Weitere Untersuchungen folgen
«Wissenschaftler vermuten, dass die Ansteckungsrate bei den Geimpften deutlich tiefer lag, als es den Anschein macht. Da man aber nicht weiss, wie viele der feiernden Menschen geimpft waren und wie viele nicht, kann man diese Ansteckungsquote gar nicht bestimmen», erklärt Häusler. Häusler mahnt zur Vorsicht: «Deshalb sollte man aus diesen Daten alleine keine allzu weitreichenden Schlüsse ziehen. Aber es braucht dringend weitere Untersuchungen.»
Weitere Untersuchungen hat auch die CDC angekündigt. Es würden weitere Daten folgen. Die Behörde verfolgt die Durchbruchsfälle im Rahmen grösserer Studien, bei denen Zehntausende von geimpften und ungeimpften Menschen im ganzen Land über einen längeren Zeitraum beobachtet werden.