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Über die Herkunft der Börsenbegriffe «Bulle» und «Bär» kann man einiges spekulieren. Kolumnist Claude Chatelain findet aber, dass noch andere Tiere zur Typisierung von Anlegernaturen verwendet werden müssen.
Nach dem Osterfest wollen wir uns ausnahmsweise mit Tieren befassen, zwar nicht mit dem Osterhasen, aber mit Bullen, Bären, Adlern, Straussen und Eichhörnchen.
Wer mal im Südzipfel Manhattans durch die Wall Street schlenderte, dem dürfte der furchteinflössende Bulle nicht entgangen sein, der vor dem Eingang zur New Yorker Börse am Strassenrand steht. Schon der Anblick der Eisenplastik müsste einen "bullish" stimmen. Bullish ist, wer an steigende Aktienkurse glaubt. Wer also in den letzten Jahren bullish war, hat vieles richtig gemacht – zumindest bis Mitte Februar.
Das Gegenstück sind die Bären. Sie rechnen mit fallenden Kursen und werden "bearish" genannt. Sie wurden in den letzten Jahren mehrheitlich ausgelacht. Auch das bis Mitte Februar.
Warum Bulle und Bär? Im Zweikampf würde der Bär versuchen, mit seinen Pranken den Kopf des Bullen nach unten zu drücken. Der Bulle dagegen würde versuchen, den Bären auf die Hörner zu nehmen und in die Luft zu schleudern. Es ist wie beim Jassen: "Obenabe oder Undenufe". Wobei noch zu sagen wäre, dass die Herkunft der Begriffe aus dem Tierreich nicht restlos geklärt ist.
Neulich habe ich in der "NZZ" von Adlern und Straussen gelesen. Als Adler bezeichnet der Autor des Artikels jene Unternehmen, die die Zeichen der Zeit erkannt haben und ihr Geschäftsmodell aufgrund nachhaltiger Kriterien ausrichten. Die Unternehmen, die der Autor als Strausse bezeichnet, fahren so weiter wie bisher und werden die Verlierer sein.
Als Autor zeichnet ein gewisser Hubert Keller, Managing Partner bei der Genfer Vermögensverwaltungsbank Lombard Odier. So hat also Keller geschrieben, dass wir seit Jahrzehnten nach einem Wachstumsmodell leben, das auf immer mehr Konsum, dem Abbau natürlicher Ressourcen sowie Umwelt- und Abfallverschmutzung basiere. So könne es nicht weitergehen. Das ist zwar nicht wirklich neu. Doch wenn diese Erkenntnis aus der Feder eines Bankers stammt, so ist sie dennoch bemerkenswert.
Das Eichhörnchen – auf Englisch "squirrel"» – ist mir im Börsenvokabular noch nicht begegnet. Vielleicht könnte man mich als "squirrelish" bezeichnen. Um im Winter nicht zu verhungern, legen Eichhörnchen im Herbst Nahrungsdepots an. Nüsse und Samen werden an verschiedenen Orten in der Nähe eines Baums vergraben. Würde das eine Versteck von einem Eindringling aufgespürt und geplündert, hätte das Eichhörnchen noch andere Verstecke auf Vorrat.
Auch Anleger sollten verschiedene "Verstecke" anlegen. Eines mit Aktien, ein anderes mit Obligationen, ein drittes mit Edelmetall, ein viertes mit Immobilienanlagen und ein weiteres mit Cash. In der Fachsprache nennt man dieses Vorgehen Diversifikation.
Naja, in der heutigen Zeit wird der eine oder andere noch Toilettenpapier horten, aber das ist eine andere Geschichte.
Erschienen auf Cash online am 15. April 2020