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Normalerweise werden die Bände der Bibliothek von Babel immer mit einem Vorwort des Herausgebers Jorge Luis Borges eingeleitet. Das ist hier nicht der Fall. Hier stammt es von Martin Gregor-Delling; viel wichtiger und interessanter als diese Einleitung ist aber das am Schluss folgende Interview, das María Esther Vázquez mit Borges geführt hat (Borges gleich Borges), und das zusammen mit einer ausführlichen Zeittafel mehr als die Hälfte des kleinen Büchleins ausmacht.
Borges ist ein sehr belesener Mann, und das zeigt sich nicht nur im Interwiev (dort aber natürlich ganz besonders!), sondern auch in seinen Erzählungen. Zum Beispiel gleich in der ersten:
Die Bibliothek von Babel
Die erste Erzählung ist gleichzeitig eine der bekanntesten überhaupt von Borges. Eingeleitend mit einem Zitat aus der Anatomy of Melancholy (ohne den Namen Burtons zu nennen!), schildert Borges sein berühmtes Universum, das andere die Bibliothek nennen: Eine undefinierte, womöglich unendlich grosse Zahl von sechseckigen Galerien, die alle auf die gleiche Art angeordnet sind. Zwanzig Bücherregale, fünf breite Regale auf jeder Seite, verdecken alle Seiten außer zweien […] ihre Höhe […] übertrifft nur wenig die Größe eines normalen Bibliothekars. Am Ende jeden Ganges zwei kleine Kabinette, eins zum Schlafen, ein Klo (gegessen bzw. gekocht wird aber offenbar nicht!). Diese Bibliothek existiert ab aeterno und jede Galerie enthält 32 immer gleich grosse Bücher pro Regal: 110 Seiten, 40 Zeilen pro Seite, 80 Buchstaben pro Zeile. Diese Buchstaben sind meist in sinnloser Art aneinander gereiht; nur manchmal ergeben unter den gelesenen Büchern ein paar einen sinnvollen Satz. Diese Bibliothek ist total, will sagen, daß ihre Regale alle irgend möglichen Kombinationen der zwanzig und soviel orthographischen Zeichen […] verzeichnen, mithin alles, was sich irgend ausdrücken läßt: in sämtlichen Sprachen. Die schiere Menge soll also möglich machen, dass neben unzähligen Büchern, die nur sinnlose Abfolgen von Buchstaben enthalten, auch alle, alle jetzt und in Zukunft möglichen Bücher in der Bibliothek enthalten sind. Wenn hier schon alles verzeichnet ist – was soll oder kann dann der Mensch noch tun, das er nicht in einem der Bücher finden wird?
25. August 1983
Die für diesen Band titelgebende Geschichte ist die eines Doppelgängers, der unter gleichem Namen im gleichen Hotelzimmer abgestiegen ist, wie der Ich-Erzähler Jorge Luis Borges. Es handelt sich dabei um die ältere, im Sterben begriffene Ausgabe Borges’, für den das Datum eben jener 25. August 1983 ist. (Borges hat darin, nebenbei, sein tatsächliches Sterbedatum gar nicht so schlecht vorhergesagt: er starb am 14. Juni 1986.) Es ist eine Geschichte über das Schreiben von Geschichten, über die Träume und Nöte eines Schriftstellers.
Die Rose des Paracelsus
Wieder eingeleitet mit einem Zitat; aber während Borges in Die Bibliothek von Babel den Text mit Stellenangabe aber ohne Angabe des Autors zitiert, steht diesmal der Autorenname da (De Quincey) und die Stellenangabe – nicht aber das eigentliche Zitat. Zeitvertreib eines Belesenen…
In dieser Erzählung zeigt sich am besten Borges’ Herkunft aus dem expressionistischen Schreiben. Es ist dabei weniger der Stil und mehr der Inhalt, die Führung der Story, die das ausmachen. Ein Mann kommt zu Paracelsus, um dessen Schüler zu werden, erbittet aber von ihm vorgängig, eine Rose, die er vor seinen Augen zerstört, wieder zum Leben zu erwecken. Paracelsus tut nichts derartiges, und der junge Mann entfernt sich enttäuscht, aber auch voller Mitleid mit dem Meister, der eben keiner ist. Erst als der Jüngling weg ist, erweckt Paracelsus die Rose wieder zum Leben…
Blaue Tiger
Eine Geschichte um Sein und Schein. Abermals zeigt sich zuerst der Belesene: Blake wird für die Definition des Tigers herangezogen, nur um im Nachsatz gleich von Chesterton ersetzt zu werden. Das Unbehagen des Ich-Erzählers an der Darstellung von Shere Khan, dem Tiger in den Dschungelbüchern Kiplings, als Bösewicht folgt auch noch auf der ersten Seite. Dieser Ich-Erzähler ist für einmal nicht Borges selber, sondern ein Professor für abend- und morgenländische Logik an der Universität von Lahore, aber schottischer Abstammung (womit Borges natürlich impliziert, dass er eigentlich der soliden, altmodischen schottischen Aufklärung verbunden sei, zumal wir uns gemäss Text im Jahr 1904 befinden).
Schon immer besessen von Tigern, und deshalb nach Indien gekommen, hört der Professor eines Tages von der Existenz von blauen Tigern. Er will einen jagen; es gelingt ihm jedoch nicht. Dafür ist er plötzlich mit jeder Menge blauer Plättchen versorgt, die er erst am Schluss der Geschichte einem armen Bettler weiterreichen kann.
Utopie eines müden Mannes
Die Geschichte eines Schriftstellers, der sich plötzlich in einer Parallewelt befindet, oder, genauer genommen, in einer fernen Zukunft der Erde. Die Geschichte kann kaum zusammengefasst werden, zeigt aber sehr schön, warum man Borges als Ahnherrn des magischen Realismus Lateinamerikas auffasst.
Last but not least: Borges gleich Borges – Interview mit María Esther Vásquez
Beginnend bei den ersten Jahren, der ersten Lektüre (Grimms Märchen auf Englisch, später dem Don Quichotte, ebenfalls auf Englisch!) befinden wir uns auf einer Art Tour de Force durch das Leben des Bibliothekars Borges, der ein für einen Bibliothekar so unübliches Leben führt. Die Jugend in Europa (wo er u.a. Tacitus und Seneca las – diesmal auf Lateinisch!), seine Vorliebe für Deutschland (durch Carlyle geweckt, am Wunsch, Die Welt als Wille und Vorstellung im Original lesen zu können, gewachsen, übte er zunächst an Heinrich Heines Buch der Lieder, um dann direkt zur Kritik der reinen Vernunft zu springen), seine Liebe zu seiner Heimat Argentinien und zu Buenos Aires (wenigstens ein paar südlichen Quartieren, wenigstens so, wie diese Quartiere in Borges’ Kindheit sich präsentierten), zum Labyrinth und dem Spiegel als wichtiges Thema in Borges’ Werken (den Spiegel, den er seltsamerweise mit Alexandre Dumas Père assoziiert…), der Gaucho-Literatur Argentiniens – wer eine (auch nur zufällige!) Liste wengstens der wichtigsten in diesem Interview erwähnten Autoren will, möge die unten angefügten Schlagworte konsultieren. Die Musik, wo er Brahms nennt (allerdings zugibt, ihn nicht zu verstehen), die Malerei (Rembrandt, Turner, Velázquez und die Expressionisten). Eine Tour de Force durch das geistige Universum eines Vielbelesenen.
Das Interwiev kann man mögen, muss man nicht. Die vier Kurzgeschichten gehören aber zum Besten, das Borges geschrieben hat.
Gelesen in der Ausgabe der Bibliothek von Babel, die 2007 bei der Büchergilde Gutenberg erschienen ist.