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Unsere Konzentration auf die Ungleichheit, die in Franken und Rappen ausgedrückt wird, negiert oft das, was viel wichtiger ist: was wir mit diesem Geld kaufen können. Jeff Bezos, CEO von Amazon, mag zehn Millionen Mal reicher sein als wir, aber ist er damit wirklich zehn Millionen Mal besser dran als wir?
Vergessen Sie mal einen Moment Franken und Rappen und denken Sie an all die Dinge, die ein gutes Leben ausmachen. Sicher, Jeff Bezos kann mit einem Privatjet verreisen und muss nicht in der Schlange stehen, um durch die Flughafen-Security zu kommen, aber die Entwicklung, die sich während des letzten halben Jahrhunderts vollzogen hat, besteht darin, dass nun auch breite Bevölkerungsschichten international reisen können. Und auf diesem Flug hat Jeff Bezos vermutlich kein viel besseres Smartphone oder keinen viel besseren Computer dabei als wir. Auf diesen Geräten hat er dank des Internets auch keinen Millionen Mal besseren Zugang zum Wissen der Welt oder zu Unterhaltung als wir.
Unterwegs isst Jeff Bezos vermutlich ähnliches Essen wie der Rest von uns, da die meisten Menschen sich heute ebenfalls exotische Nahrungsmittel leisten können, selbst früheren Luxus wie Fleisch und frisches Obst. Traditionell führte Armut auch zu chronischer Unterernährung, und häufig war geringer Wuchs die Folge. Deswegen war der durchschnittliche britische Arbeiter vor zwei Jahrhunderten 13 Zentimeter kleiner als ein durchschnittliches männliches Mitglied der Oberschicht. Heute ist der Unterschied vernachlässigbar.
Natürlich kann Jeff Bezos sein Geld für die teuerste Kleidung verschwenden. Doch heute können sich auch Haushalte mit geringem und mittlerem Einkommen bequeme Kleidung leisten, die von nicht viel schlechterer Qualität ist, wohingegen die meisten Menschen vor der industriellen Revolution kratzige, ungewaschene Wolle trugen. Schuhe aus Leder waren einst so teuer, dass sie manchmal im Testament erwähnt wurden. Vor dem 19. Jahrhundert war die Garderobe der meisten Menschen ähnlich wie die des indischen Strassenhändlers, den ich einmal traf und der, als er aufwuchs, sich ein Paar Hosen und ein Hemd mit zwei Brüdern teilen musste. Wenn also einer von ihnen in ein angesehenes Haus oder Restaurant essen gehen wollte, mussten die beiden anderen zu Hause bleiben. Heute haben die meisten von uns sogar Diener, die unsere Kleidung waschen — man nennt sie Waschmaschinen.
Auch wenn Bezos sich problemlos mehrere Villen leisten kann, muss der Rest von uns nicht mehr in Häusern ohne Dämmung, Elektrizität und Anschluss an die Kanalisation leben. Häuser waren einst von so schlechter Qualität, dass «Einbrechen» wörtlich zu nehmen war. Dieselben Behausungen waren so von Schmutz und Ungeziefer verseucht, dass ein Historiker sagte, vom gesundheitlichen Standpunkt gesehen, sei das einzig Gute daran gewesen, dass sie gut brannten.
Unsere Kinder haben fast dieselben Chancen wie Bezos‘ Kinder, lesen und schreiben zu lernen und bis zum Rentenalter zu überleben. Auch wenn es bedeutende Unterschiede in der Gesundheitsversorgung zwischen Arm und Reich gibt, verschafft sein ganzes Geld Bezos auch kein längeres Leben. Seit dem späten 19. Jahrhundert sind laut dem Nobelpreisträger Robert Fogel ungefähr sieben Achtel der Differenz in der Lebenserwartung verschwunden, die auf soziale Unterschiede zurückging.
Vergleichen Sie das mit den Unterschieden vor hundert oder tausend Jahren, als die Könige und die Superreichen Pferde hatten, Tausende Kerzen, die von Dienern entzündet wurden, Privatlehrer und einen «Groom of the Stool», der ihnen beim Stuhlgang half (ja, viele Aspekte ihres Lebens haben sich ebenfalls verbessert). Unterdessen musste die überwiegende Mehrheit zu Fuss gehen, um irgendwohin zu gelangen, hatte abgesehen von der Bibel wenig Bildung, wenig Beleuchtung und keine anderen sanitären Anlagen als diejenige, seine Ausscheidungen vor die Tür zu werfen — oder aus dem Fenster. Wenn man höflich war, warnte man vorher Passanten, indem man «Gardyloo!» schrie (Vorsicht, Wasser!). Trotz unserer Besessenheit von finanzieller Ungleichheit ist es tatsächlich so, dass heute die materiellen Güter, die ein gutes Leben ausmachen, viel gleicher verteilt sind als jemals zuvor. Ironischerweise liegt ein Grund darin, dass Unternehmer wie Jeff Bezos und Sam Walton mit Geschäftsmodellen superreich werden konnten, die alle Arten von Gütern, Dienstleistungen, Lebensmitteln, Technologieprodukten, medizinischen Geräten und Medikamenten billiger und daher für mehr Menschen als je zuvor zugänglich machen.
Wie Joseph Schumpeter schrieb:
«Königin Elisabeth hatte Seidenstrümpfe. Die Leistung des Kapitalismus besteht typischerweise nicht darin, dass Königinnen mehr Seidenstrümpfe bekommen, sondern dass sie auch für Fabrikarbeiterinnen mit stetig nachlassendem Aufwand erreichbar werden.»
Unsere althergebrachten Massstäbe von Reichtum unterschätzen derartige Veränderungen. Sie wurden geschaffen, um zu messen, wie viele Eisenbarren wir produzieren, und sind nicht sehr gut darin, den Wert darzustellen, der in einer modernen Ökonomie durch Wahlmöglichkeiten, Variation, Innovation und Verbesserungen der Qualität geschaffen wird. Zum Beispiel ignorieren unsere Einschätzungen der Inflation regelmässig die Preissenkungen, die neue Luxustechnologien in etwas verwandeln, das wir uns alle leisten können, da Güter und Dienstleistungen erst dann in unseren Verbraucherpreisindex aufgenommen werden, wenn sie so billig geworden sind, dass jeder sie sich leisten kann. Der Personal Computer wurde erst 1987 in den US-Verbraucherpreisindex aufgenommen, als man einen Commodore Amiga 500 für nur fünf Prozent des Preises kaufen konnte, den man für einen IBM 5100 noch ein Jahrzehnt vorher gezahlt hätte. Das Handy landete erst Ende der 1990er-Jahre in den Preiswarenkörben, als es bereits um 90 Prozent billiger war als die Version von 1984 (die 790 Gramm wog).
Superreiche Leute, die Geld für diese Güter ausgeben, solange sie noch superteuer sind, helfen den Preis zu reduzieren, bis sich der Rest von uns diese Dinge ebenfalls leisten kann. Ein menschliches Genom zu sequenzieren kostete 2005 noch mehr als zehn Millionen Dollar, heute kann man das für weniger als 1.000 Dollar bekommen. Der erste im Labor entstandene Burger kostete 330.000 Dollar. Bald wird er fünf Dollar kosten. Aber keine dieser Preissenkungen wird jemals miteinberechnet, wenn man unsere Kaufkraft misst, da sie es alle erst auf die Indizes schaffen, sobald ihre Kosten vernachlässigbar gering sind.
Wir haben ausserdem keine Möglichkeit, das zu messen, was wir kostenlos bekommen. Ein Zyniker, so sagte Oscar Wilde, ist ein Mann, der den Preis von allem kennt, aber den Wert von nichts. Dasselbe trifft auf das BIP zu. Es misst, was wir zahlen, aber es ist lausig darin, den Wert dessen zu schätzen, was wir kostenlos oder nahezu kostenlos bekommen. Wenn wir physische Güter, für die wir bezahlt haben — Landkarten, Kameras oder Enzyklopädien — durch kostenlose Digitalversionen ersetzen, reduziert dies das BIP und die traditionellen Produktivitätsmasszahlen. Vor 20 Jahren machten wir 80 Milliarden Fotos im Jahr, mussten Filme kaufen und sie entwickeln lassen und das kostete uns 50 Cents pro Bild. Daher war es ein Teil des BIPs. Die zwei Billionen Fotos, die wir heute mit unseren Smartphones machen, kosten uns nahezu nichts, sodass es nicht den Anschein hat, als wären sie uns etwas wert.
Eine einfache Methode, den wahren Konsumentenüberschuss in einer innovativen Hightech-Ökonomie zu verstehen, besteht darin, die Leute zu fragen, was sie zahlen würden, um etwas wieder zum Teil ihres Lebens zu machen, wenn es nicht existierte. Und offensichtlich ist es sehr schwierig, irgendjemanden dazu zu bringen, das Internet für eine Million Dollar aufzugeben — etwas, das nur aufgrund des Preises, den wir für unsere Breitbandverbindung bezahlen, in unserem BIP vorkommt. Laut einer Umfrage von 2015 würde ein Drittel von uns lieber auf Sex verzichten als auf das Internet, was stark darauf hindeutet, dass «nichts» nicht wirklich den Beitrag beschreibt, den es zu unserem Leben leistet. Eine solche Studie des Konsumentenüberschusses zeigt, dass wir den Zugang zu Suchmaschinen mit fast 18.000 Dollar bewerten, E-Mails mit mehr als 8.000 Dollar und digitale Landkarten mit fast 3.600 Dollar pro Jahr. Wenn wir nur diese drei Dienstleistungen in den Masszahlen für unseren Wohlstand berücksichtigen würden, stiege das BIP pro Kopf um etwa die Hälfte!
Um eine genauere Vorstellung vom gesamten Konsumentenüberschuss zu bekommen, müssten wir das Gleiche mit jeder kleinen Erfindung machen, die uns nur sehr wenig kostet. Wie wäre es mit Narkosemitteln? Wenn es keine Möglichkeit gäbe, den Schmerz in der Welt zu reduzieren, was würden Sie bezahlen, um diese Möglichkeit zu haben? Wenn Sie jemanden fragen, kurz bevor er sich einer Operation unterziehen muss, würden Sie sehen, dass der Preis sich seinem gesamten Vermögen annähern würde. Und doch ist so etwas selten in Statistiken über das BIP sichtbar.
Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch «Open: Geschichte des menschlichen Fortschritts» (FBV, 2021).
Johan Norberg ist Senior Fellow des Cato Institute.