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Das Ende der Diktatur
Die Stampfli AG steht vor einer ungewissen Zukunft. Dr. Alfons Stampfli hat einen schweren gesundheitlichen Schlag erlitten und muss die Leitung des Unternehmens abgeben. Sein Sohn Sylas erhält die Chance, sich doch noch zu behaupten. Die Umstände scheinen ihn zur Vernunft gebracht zu haben.
Ohne Voranmeldung stiess Stampfli die Tür zu Amschwylers Büro mit so grosser Wucht auf, dass sie vom Türstopper am Boden zurückprallte und Stampfli beinahe ins Gesicht schlug. Er fing die Tür mit einer fast beiläufigen Handbewegung ab, ging an ihr vorbei und versetzte ihr im Gehen einen Tritt, der sie in Schloss krachen liess. Dann baute sich Stampfli vor Amschwyler auf. Noch während Amschwyler fieberhaft darüber nachdachte, was er verbrochen haben könnte, begann Stampfli aber zu wanken.
Statt der erwarteten Standpauke brachte er nur ein schwaches Krächzen hervor. Seine Lippen verfärbten sich bläulich. Sein anfangs hochroter Kopf verlor jegliche Farbe, er wurde leichenblass. Mit seiner rechten Hand griff er sich an die Brust auf der Höhe seines Herzens. Seine Gesichtszüge verhärteten sich vor Schmerz. Dann kippte Dr. Alfons Stampfli nach hinten. Mit einem dumpfen Geräusch schlug er auf dem Boden auf und löste damit Amschwyler aus seiner Starre. Amschwyler wählte die Nummer des Notrufs und eilte um seinen Schreibtisch herum zu seinem Chef. Während er dem Notruf meldete, was passiert war, überprüfte er, ob Stampfli noch atmete.
Das Ganze hatte nur wenige Augenblicke gedauert und doch kam es Amschwyler wie eine Ewigkeit vor, bis der Rettungsdienst in Stanglisbiel eintraf und seinen Chef ins Spital brachte. Als Amschwyler wieder allein in seinem Büro war, schloss er die Augen und wünschte sich an einen anderen Ort. Er versuchte, alles um sich herum auszublenden. Das gelegentliche Blubbern des Wasserspenders, das sanfte Rauschen der Klimaanlage, das Schrillen der Telefone in den angrenzenden Büros, das kaum wahrnehmbare Stampfen der Teigmaschinen in der drei Stockwerke unter ihm liegenden Backstube und die Erinnerung an seinen leichenblassen, am Boden liegenden Chef.
Am dritten Tag nach Stampflis Zusammenbruch sass Amschwyler in seinem Büro und wunderte sich, dass immer noch niemand im Betrieb etwas über Stampflis Zustand gehört hatte. Amschwyler wollte im Spital anrufen, wusste aber nicht in welchem. Bei den Stampflis Zuhause hatte er nur den Anrufbeantworter erreicht. Plötzlich klopfte es an seiner Tür. Stampflis Sohn Sylas. „Herzinfarkt“, sagte Sylas und blickte an Amschwyler vorbei ins Leere. „Sie sagen, dass er sich wieder erholen wird. Er hatte Glück. Wohl auch dank Ihnen. Sie haben schnell reagiert.“ Amschwyler nickte und fragte, wann Dr. Stampfli zurückkehren würde. Sylas’ Blick blieb noch einen Augenblick lang leer, dann erhellten sich seine Gesichtszüge und er grinste Amschwyler an. „Amschwyler, Sie halten mich jetzt womöglich für morbid, aber die gute Nachricht ist: Mein Vater wird so schnell nicht ins Unternehmen zurückkommen. Er hat mir die Leitung übertragen.“
Amschwyler schluckte. Er dachte an sein letztes Gespräch mit Sylas zurück. Es hatte sich um die grössenwahnsinnige Idee gedreht, aus der Stampfli AG einen IT-Dienstleister zu machen. Wenn Sylas nun freie Hand hatte … Stampfli junior liess Amschwyler keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.
„Amschwyler, machen Sie sich keine Sorgen. Ich habe eingesehen, dass meine Idee von einem Rechenzentrum realitätsfern war.“ Amschwyler entspannte sich. Sylas ging zum Fenster von Amschwylers Büro und blickte in die Ferne. „Ich möchte, dass wir eng zusammenarbeiten. Mein Vater vertraut Ihnen und ich will das auch. So tragisch die Geschichte auch sein mag, wir dürfen jetzt nicht stehenbleiben. Früher oder später hätte sich mein Vater ohnehin zurückgezogen.“ Amschwyler dachte nach. Solange Sylas das Unternehmen nicht mit voller Kraft gegen die nächste Wand steuern würde, hatte Stampflis Herzinfarkt durchaus etwas Gutes.
„Sie haben Recht, Herr Stampfli. Blicken wir nach vorn.“ Vielleicht konnte er seinen neuen Chef nun von den Vorteilen des ihm schon so lange unter den Nägel brennenden Outsourcings überzeugen. Denn trotz oder wohl eher wegen der Spielereien, die er für den alten Stampfli hatte umsetzen müssen, war die gesamte IT-Infrastruktur der Stampfli AG rasch gewachsen und nun viel komplexer, als für den Betrieb zuträglich. Amschwyler wagte den Vorstoss. „Ich würde gern einen Grossteil unserer IT auslagern. Das …“, Stampfli schnitt ihm das Wort ab. „Exzellente Idee Amschwyler! Aber was bringt uns das?“
Amschwyler fragte sich, was Sylas wohl während seines Studiums gelernt hatte. Als Wirtschaftsinformatiker sollte er doch wissen, welche Vor- und Nachteile die Auslagerung der IT mit sich bringt. „Eigentlich liegt das auf der Hand. Unsere IT-Abteilung, also meine beiden Team-Kollegen und ich werden entlastet. Wir müssen uns nicht mehr um den Betrieb der Infrastruktur, um Wartungsarbeiten oder das Management von neuer Software kümmern. Stattdessen können wir uns auf strategische IT-Aufgaben konzentrieren.“ Amschwyler hielt kurz inne. Strategische IT-Aufgaben? Er schmunzelte. Amschwyler konnte sich im Augenblick nicht vorstellen, was er damit eigentlich genau meinte. Aber es hörte sich auf jeden Fall gut an.
„Wir können vom Spezial-Know-how des IT-Dienstleisters profitieren. Unsere IT wäre immer aktuell, ohne dass wir neue Hardware anschaffen müssten. Das Ganze ist zudem skalierbar. Sollten wir also mehr Leistung oder mehr Speicherplatz benötigen, könnten wir das quasi auf Knopfdruck bestellen.“ Stampfli schien nachzudenken, öffnete den Mund, als wollte er etwas sagen, bedeutete Amschwyler aber mit einer Handbewegung fortzufahren.
„Wir könnten also fixe Kosten in variable verwandeln. Keine Server, kein Serverraum, keine Hardware. Denken Sie nur schon an die Energieeinsparungen. Wir könnten die Kosten für unsere IT wesentlich klarer budgetieren und so das betriebswirtschaftliche Risiko minimieren.“ Amschwyler lehnte sich zurück und wartete auf eine Reaktion Stampflis. Dieser drehte sich wieder zum Fenster.
„Mir gefällt, wie Sie denken, Amschwyler. Weniger Ausgaben finde ich gut. Aber verkennen Sie nicht die Nachteile? Würden wir uns nicht in eine Abhängigkeit begeben? Verlieren wir nicht unser eigenes Know-how? Was ist mit dem Datenschutz?“ Er wandte sich wieder Amschwyler zu und blickte ihn durchdringend an. „Und wenn Sie und Ihr Team nichts mehr zu tun haben, warum sollte ich dann nicht Sie oder ihre beiden Kollegen entlassen?“
Amschwyler staunte. Der junge Stampfli hatte mehr auf dem Kasten als er anfangs vermutet hatte. „Sie haben Recht. Das sind Punkte, die es zu bedenken gilt. Aber all das lässt sich vertraglich regeln. Service-Level-Agreement ist hier das Stichwort. Bevor wir Leistungen in Anspruch nehmen, definieren wir genau, was wir brauchen und was wir dafür zahlen wollen. Laufzeiten und Fehlerquote, Kündigungsrecht, Datenschutz und Vertraulichkeit sind alles Aspekte, die wir da miteinbeziehen können beziehungsweise müssen. Über den Abbau von Stellen zu sprechen, halte ich zum jetzigen Zeitpunkt für verfrüht. Aber ja, möglicherweise brauchen wir dann keine drei Personen mehr in der IT-Abteilung.“ Stampfli nickte nachdenklich.
„Also gut, mir scheint, Sie wissen, wovon Sie sprechen, Amschwyler. Ich werde mir selbst auch ein paar Gedanken dazu machen. Überlegen Sie sich in der Zwischenzeit schon mal, was wir auslagern könnten und vor allem wohin. Holen Sie bis Ende der Woche verschiedene Angebote ein und sprechen Sie mit jemandem, der bereits eigene Erfahrung mit Outsourcing gemacht hat.“ Mit diesen Worten verliess Stampfli Amschwylers Büro.
Amschwyler fühlte sich seltsam. Nein, er fühlte sich gut. Das Gespräch war auf Augenhöhe verlaufen. Etwas, das er vom alten Stampfli her nicht kannte. Das gefiel ihm. Amschwyler hoffte, dass das so bleiben würde und machte sich an die Arbeit.
Amschwylers Welt erschien 2014 monatlich im IT-Markt Magazin, Netzmedien AG, Zürich.