Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/470

Wie zuverlässig sind die Bewertungs-Resultate?
Die Zuverlässigkeit ist ein schwieriges Thema. Viele Faktoren spielen zusammen: Stimmt das Lawinenbulletin? Wurde die Route wirklich optimal gelegt? Stimmt die GRM? Ist der Berechnungsalgorithmus genug ausdifferenziert? Enthält das Evaluationstool noch Fehler?
Das Grundproblem ist jedoch, dass unklar ist, was eine "richtige" bzw. "falsche" Bewertung ist. Die Auswertung einer Umfrage aus dem Winter 2015/16 deutet daraufhin, dass Skitourenguru einen Routensatz von 30 Routen bei 3 Lawinensituationen mindestens so gut bewertet, wie das beste Viertel einer Gruppe von ca. 30 erfahrenen Skitourengängern.
An dieser Stelle mag es Sinn machen, dass der Urheber von Skitourenguru seine eigene Einschätzung deklariert. Es muss unterschieden werden zwischen den Streckenbewertungen (Einzel-Abschnitt-Bewertung) und den Zielbewertungen (Gesamtbewertungen über die ganze Route). Ein statistischer Effekt bewirkt, dass die Zielbewertungen zuverlässiger sind, als die Streckenbewertungen. Wenn man die Bewertungen in zwei Gruppen (stimmig, unstimmig) einteilt, ohne weiter differenzieren zu wollen, dann ist der Urheber von Skitourenguru nach der Sichtung von Tausenden von Bewertungen folgender subjektiver Ansicht:
- 60-80 % der Streckenbewertungen sind stimmig
- 80-90% der Zielbewertungen sind stimmig
Diese Zahlen gelten immer unter der Annahme, dass das Lawinenbulletin weitgehend korrekt ist. Zudem ist zu beachten, dass der Skitourenguru grundsätzlich defensiv bewertet. Im Mittelpunkt stehen nicht unbedingt die absoluten Bewertungen, sondern die Unterschiede zwischen den Routen. Wenn man den Algorithmus so kalibrieren würde, dass er weder offensiv noch defensiv ist, dann wären ohne weiteres 95 % der Zielbewertungen stimmig.
Wünschbar wäre natürlich hundertprozentige Stimmigkeit. Diese wird leider nie zu erreichen sein. Nichtsdestotrotz ist es natürlich das Ziel von Skitourenguru in den nächsten Jahre die Qualität der Resultate zu verbessern.
Ist die Zuverlässigkeit genug hoch?
Falsche Resultate sind natürlich ein grosses Problem. Die User werden potentiell aufs Glatteis geführt. Bei diesem Thema sind jedoch folgende Punkte zu beachten:
- In der Regel wird eine zu strenge Bewertung eher vorkommen, als eine zu lasche Bewertung. Der Skitourenguru bewertet grundsätzlich eher defensiv. Die Auswertung einer Umfrage aus dem Winter 2015/16 kann diesen Sachverhalt bestätigen.
- Jede denkbare Alternative ist nicht unbedingt besser. Die Alternative kann ja nur in der manuellen Bewertung liegen. Idealerweise hätte man ein Experten-Gremium zur Hand das jeden Abend am 17 h mal kurz ein paar hundert Routen bewertet. Die Auswertung einer Umfrage aus dem Winter 2015/16 deutet daraufhin, dass dieses Gremium die Routen nicht unbedingt besser bewerten würde als der Skitourenguru. Dies liegt daran, dass es keine einheitliche Vorstellung davon gibt, wie Routen eigentlich zu bewerten sind.
- Skitourenguru zielt auf eine Reduktion des Risikos und eben nicht auf eine Elimination des Risikos. Eine Elimination des Risikos wäre zwar wünschenswert, sie gehört aber leider nicht auf diesen Planeten. Mehr zum Thema Risiko findest du unter diesem Link.
- Ziel von Skitourenguru ist die Erstellung einer initialen Kandidatenliste für Skitouren. Genau genommen handelt es sich bei dieser initialen Kandidatenliste um das Resultat einer Grob-Triage. Die Grob-Triage muss nicht perfekt sein. Anschliessend beginnt die klassische Tourenplanung gemäss der 3x3-Regel.
Wurden die Analyse-Resultate in irgendwelcher Weise verifiziert?
Eine eigentliche Verifizierung ist nicht möglich, da grundsätzlich unklar ist, was eine richtige bzw. falsche Bewertung ist. Skitourenguru versucht jedoch mittels unterschiedlicher Methoden die Resultate zu plausibilisieren. Mehr zum Thema im Kapitel Validierung.
Deckt Skitourenguru "Spontanlawinen" ab?
Eigentlich müsste die Frage an das SLF weitergegeben werden: Deckt die GRM Spontanlawinen ab? Zum Thema zwei Antworten:
- Für Schneesportler stehen Spontanlawinen nicht unbedingt im Fokus. Mindestens 90 % der Unfalllawinen werden durch Schneesportler ausgelöst, die restlichen 10 % sind auf Spontanlawinen zurückzuführen (Quelle). Wenn das durchschnittliche Tages-Sterbe-Risiko bei 1:100'000 liegt, dann wird dieses in Bezug auf Spontanlawinen auf 1:'000'000 reduziert. Dieses Risiko ist nicht mehr wirklich nennenswert gross. Jede alternative Tätigkeit (z.B. auch zu Hause im Bett bleiben) könnte im Schnitt ähnlich gefährlich oder gefährlicher sein. Spontanlawinen sind natürlich relevant, aber unsere Aufmerksamkeit sollte sich auf durch Schneesportler ausgelöste Lawinen richten.
- Spontanlawinen finden ab Gefahrenstufe 3 (erheblich) statt. Bereits bei Gefahrenstufe 2 (mässig) sind Spontanlawinen nicht zu erwarten (Quelle). Skitourenguru sucht bei der Gefahrenstufe 3 in einem weiträumigen Bereich um die Spur herum nach der steilsten Stelle. Sollte der aktuelle Punkt sehr exponiert sein gegenüber Spontanlawinen, dann wird praktisch mit Sicherheit eine sehr steile Stelle gefunden werden. Der Punkt wird somit mit "rot" markiert. Mit anderen Worten: Skitourenguru wird in der Regel alle Routen, die gegenüber Spontanlawinen sehr exponiert sind, bei Gefahrenstufe 3 mit "rot" bewerten. Spontanlawinen sind also de-facto weitgehend abgefangen, indem bei hoher Gefahr von Spontanlawinen eben in der Regel auch eine leichte Auslösbarkeit besteht.
Deckt Skitourenguru Nassschnee-Situationen ab?
Eine Untersuchung von Lawinenunfällen mit Verletzungs- oder Todesfolge von Wintersportlern in der Schweiz der letzten 40 Jahre ergab, dass 82 % der Unfälle durch trockene und 18 % durch nasse Lawinen verursacht wurden (S. Harvey, H. Rhyner, J. Schweizer: Lawinenkunde, 2012. S. 30). Nassschneelawinen stehen also nicht unbedingt im Zentrum, aber der Anteil am Unfallgeschehen ist dennoch relevant.
Gemäss aktueller Lawinendoktrin sei die GRM bei Nassschnee-Situationen und Triebschnee-Situationen wenig nützlich. Stimmt das wirklich? Lawinen ergeben sich aus einer Kombination aus "Schnee" und "Gelände". Die GRM reduziert den "Schnee" auf die Gefahrenstufe und das Gelände auf die Neigung. Dies ist zugegebenermassen eine fast schon unverschämte Vereinfachung. Die offizielle Lawinendoktrin führt eine zusätzliche Unschärfe ein, indem die Gültigkeit je nach Schneemuster weiter relativiert wird. Das Problem liegt hier in der exakten Bestimmung des Schneemusters. Das reale Gelände kennt eben nicht nur vier sauber voneinander getrennte Schneemuster, sondern tausende von Mischformen. Hinzu kommt, dass die unterschiedlichsten Schneemuster in einem Flickenteppich nahe beieinander liegen können. Grundsätzlich gilt aber unabhängig vom Schneemuster folgende Binsenweisheit: Je steiler, desto gefährlicher, je höher die Gefahrenstufe, desto gefährlicher. So lange die GRM als Risiko-Reduktionsmethode und nicht als Prognosemittel verwendet wird, kann sie ihre Aufgabe also in jedem Fall wahrnehmen: Die GRM muss das Risiko nicht ausschliessen, es genügt, wenn die GRM das Risiko reduzieren kann.
Auch bei Nassschnee kann die GRM das Risiko reduzieren! Ein steiler Nassschnee-Hang bei hoher Gefahrenstufe ist gefährlicher, als ein flacher Nassschnee-Hang bei tiefer Gefahrenstufe.
Bei Nassschnee-Situationen stellt sich im Zusammenhang mit der konkreten Ausgestaltung des Lawinenbulletins ein spezifisches Problem: Durch Angabe einer kritischen Höhenstufe, kann das SLF die Gefahrenstufe je nach Höhenlage differenzieren. Ein typisches Beispiel sieht folgendermassen aus: Oberhalb von 2400 m liege die Gefahrenstufe für trockene Schneebretter auf "erheblich". In der Tourenpraxis hat sich eingebürgert, in den nicht speziell ausgeschiedenen Geländeteilen die Gefahr um eine Stufe tiefer anzunehmen. Bei einer Toleranz von 200 m darf also angenommen werden, dass die Gefahrenstufe unterhalb 2200 m auf "mässig" liegt. Nun gibt es aber v.a. im Frühling Situationen, während denen in tiefen Lagen vor Nassschnee- oder Gleitschnee-Lawinen gewarnt wird. Man könnte hier also argumentieren, dass bspw. unterhalb 1800 m die Gefahrenstufe wieder auf "erheblich" liegt. In der aktuellen Ausgestaltung des Lawinenbulletins ist es nicht möglich eine derartige Situation mit Hilfe des Kernzonen-Piktogramms zu beschreiben. Das SLF bedient sich in einer derartigen Situation der Begleittexte. Das heisst konkret würde in einem solchen Fall die Nassschnee-Gefahr im Begleittext erwähnt.
Zur Zeit ist Skitourenguru leider nicht in der Lage qualitative Information aus den Begleittexten zu gewinnen. Die Bandbreite der Formulierungen ist dermassen hoch, dass an eine solche Möglichkeit nicht zu denken ist. Es kann also durchaus sein, dass Skitourenguru eine solche Nassschnee-Situation nicht korrekt in den Risiko-Indikatoren abbildet. Zusammengefasst kann die Eingangsfrage also folgendermassen beantwortet werden: Nur wenn die Nassschnee-Situation durch das Lawinenbulletin in Form der Gefahrenstufe und der Kernzonen-Information angemessen wiedergegeben ist, deckt Skitourenguru auch Nassschnee-Situationen korrekt ab. In der Umkehrung bedeutet dies, dass es Situationen gibt, während denen Skitourenguru das Risiko nicht korrekt abbilden kann.
Nassschnee-Situationen sind relativ einfach zu erkennen. Kommt hinzu, dass durch zwei einfache Verhaltensregeln eine gute Antwort zur Verfügung steht: Erstens, früh starten und rechtzeitig (d.h. sicher vor 12 h, manchmal bereits am 10 h) das Lawinengelände verlassen. Zweitens insbesondere steile Hänge mit hoher Sonneneinstrahlung (Süd- und Osthänge, nachmittags auch Westhänge) meiden.
Deckt Skitourenguru Triebschnee-Situationen ab?
Gemäss aktueller Lawinendoktrin sei die GRM bei Nassschnee-Situationen und Triebschnee-Situationen wenig nützlich. Stimmt das wirklich? Lawinen ergeben sich aus einer Kombination aus "Schnee" und "Gelände". Die GRM reduziert den "Schnee" auf die Gefahrenstufe und das Gelände auf die Neigung. Dies ist zugegebenermassen eine fast schon unverschämte Vereinfachung. Die offizielle Lawinendoktrin führt eine zusätzliche Unschärfe ein, indem die Gültigkeit je nach Schneemuster weiter relativiert wird. Das Problem liegt hier in der exakten Bestimmung des Schneemusters. Das reale Gelände kennt eben nicht nur vier sauber voneinander getrennte Schneemuster, sondern tausende von Mischformen. Hinzu kommt, dass die unterschiedlichsten Schneemuster in einem Flickenteppich nahe beieinander und übereinander liegen können. Grundsätzlich gilt aber unabhängig vom Schneemuster folgende Binsenweisheit: Je steiler, desto gefährlicher, je höher die Gefahrenstufe, desto gefährlicher. So lange die GRM als Risiko-Reduktionsmethode und nicht als Prognosemittel verwendet wird, kann sie ihre Aufgabe also in jedem Fall wahrnehmen: Die GRM muss das Risiko nicht ausschliessen, es genügt, wenn die GRM das Risiko reduzieren kann.
Worauf beruht nun die Behauptung, dass die GRM bei Triebschnee wenig nützlich sei? Ein Triebschnee-Hang kann typischerweise bereits bei geringeren Neigungen ausgelöst werden, als ein Neuschnee-Hang oder ein Altschnee-Hang. Triebschnee-Hänge sind manchmal extrem labil und können schon bei Neigungen unter 25° abrutschen. Die GRM ist also nicht grundsätzlich falsch, sondern die Trennlinien zwischen grün/orange bzw. orange/rot müssten weiter unten liegen. Wo genau, weiss kein Mensch. Dies hat einen einfachen Grund: Im realen Gelände mischen sich die Schneemuster. Nicht nur gibt es Zwischenformen, sondern die Schneedecke ist in horizontaler und vertikaler Richtung höchst heterogen. Das Problem liegt also in der genauen Bestimmung des aktuellen Schneemusters und der daraus folgenden Implikationen. Die Lawinenkunde rät Triebschnee-Felder grossräumig zu umgehen. Wenn es denn so einfach wäre... Ein Triebschnee-Feld kann durch eine 5 cm hohe Neuschneedecke versteckt werden. Ein Schneeprofil könnte hier helfen, aber wer garantiert, dass die Probe an richtiger Stelle aufgenommen wird. Sind wir wirklich in der Lage ein Schneeprofil richtig zu interpretieren? Auch fortgeschrittene Skitourengänger sind bei der Interpretation schnell überfordert. Es entsteht ein gefährlicher Interpretations-Spielraum, der schnell zu Missbrauch führen kann. Bei hoher Unschärfe ist es eine bessere Strategie sich auf einfache, aber klare Methoden zu berufen, als der Willkür Tür und Tor zu öffnen.
Das SLF widmet dem Triebschnee grosse Aufmerksamkeit. Auf Grund eines sehr aufwändigen Beobachter- und Messstationen-Netzwerks hat das SLF uns Schneesportlern immer eine Nase voraus. Auch wenn die Ergebnisse des SLF nicht ohne weiteres auf unseren Einzelhang übertragen werden können, basieren sie doch immerhin auf hunderten von Schneeprofilen und auf einer Schnee-Historie, die den ganzen Winter umfasst. Bei Triebschnee-Situationen besteht gute Aussicht, dass die Gefahr quasi in der Gefahrenstufe "eingepreist" wird. Auch bei Triebschnee kann die GRM das Risiko reduzieren! Ein steiler Triebschnee-Hang bei hoher Gefahrenstufe ist gefährlicher, als ein flacher Triebschnee-Hang bei tiefer Gefahrenstufe.
Ist die Verschneidung des Geländes mit dem Lawinenbulletin zulässig?
Jede Reduktionsmethode erzwingt die Verschneidung von Geländedaten mit dem Lawinenbulletin. Man muss sich bewusst sein, dass hier Rasterdaten mit sehr unterschiedlichen Auflösungen und Unsicherheiten verknüpft werden. Die Geländedaten sind sehr hoch aufgelöst (Auflösung bspw. 10 m) und relativ sicher. Die Lawinen-Gefahrenkarte ist hoch generalisiert (Auflösung im Bereich von mehreren Kilometern) und relativ unsicher. Diese Verknüpfung ist nicht unproblematisch, aber notwendig! Es sei daran erinnert, dass "Strategische Entscheidungsmethoden" dazu dienen "optimale Entscheidungen" zu treffen und nicht zu verwechseln sind mit einer analytischen Einzelhangbeurteilung. Mehr zur Zulässigkeit dieser Verschneidung findest du unter Thomas Bayes geht auf Skitour.