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«Ausserdem Autor von Brettspielen.» Spätestens seit Mitte Juli ist die bescheidene Anmerkung ganz am Ende des Curriculums des Konstanzer Kunsthistorikers und Universitätsdozenten Steffen Bogen ein Musterbeispiel an Understatement. «Erfolgreicher Autor» müsste es mindestens heissen, es wäre nicht übertrieben. Gleich zweimal innert zwei Jahren mit den begehrtesten Auszeichnungen bedacht, die es in der Spielebranche zu gewinnen gibt, mit dem Titel «Kinderspiel des Jahres» für das elektronik-unterstützte Kooperationsspiel «Schnappt Hubi!» und jetzt mit dem «Spiel des Jahres» für das amüsante und spannende Lauf- und Wettspiel «Camel Up» – das ist ein seltener Leistungsausweis.
Fünf Jahre habe er sich mit der Idee eines Rennes mit stapelbaren Kamelen beschäftigt, bekannte Bogen, nachdem er in Berlin den Preis in Empfang genommen hatte. Ganz unbekannt ist diese Idee mit Figuren, die aufeinander gesetzt werden können, nicht: So hatte sie Altmeister Alex Randolph in seinem Kinderspiel «Rüsselbande», einem wunderbaren Schweinerennen, auch schon realisiert, ebenfalls mit Würfeln als Zugmotoren. Trotz dieser Verwandtschaft ist «Camel Up» ganz anders als die «Rüsselbande». Zwei entscheidende Merkmale machen den Unterschied zwischen den beiden Rennspielen aus.
Pyramide auf dem Kopf
In «Camel Up» werden die Würfel nicht einfach geworfen. Zu Beginn einer Runde werden sie in eine Pyramide gepackt. Wer an der Reihe ist, stellt diese Pyramide auf den Kopf, hebt sie auf, und nun bestimmen Farbe und Zahl des Würfels, der auf dem Tisch liegt, welches Kamel in dieser Runde wie viele Schritte zieht. Grüner Würfel, die Zwei oben: Das heisst, das grüne Kamel zieht zwei Schritte weiter. Landet es auf einem Feld, auf dem bereits an anderes Kamel steht, wird es einfach darauf gesetzt. So entstehen richtige Kameltürme. Wird nun ein Kamel bewegt, das Teil eines solchen Turms ist, trägt es immer alle Kamele mit, die auf ihm sitzen, während die Kamele unter ihm auf dem Ausgangsfeld stehen bleiben. Richtiger Huckepackverkehr!
Dieser Spielmechanismus ist ebenfalls nicht ganz neu. Neu sind hingegen die Wetten. In «Camel Up» gibt es zwei Arten von Wetten – bei der einen wettet man auf den Zieleinlauf, der das Spiel beendet, bei der anderen auf den Zwischenstand am Ende jeder Runde (wenn jedes Kamel einen Zug gemacht hat). Richtige Tipps werden mit Geld belohnt, wer daneben haut, wird zu einer Geldstrafe verdonnert.
Wetten oder Würfeln? In «Camel Up» muss man praktisch nur zwischen diesen beiden Möglichkeiten entscheiden. Es gibt noch eine dritte pro Zug (das Legen von so genannten Wüstenplättchen, mit denen man das Ziehen von Kamelen leicht beeinflussen kann), doch diese spielt eine eher untergeordnete Rolle. Ein Spiel, das mit einem solchen Minimum an Entscheidungsmöglichkeiten auskommt, eignet sich ausgesprochen für das mit dem «Spiel des Jahres» anvisierte breite Publikum der Familienspieler, das heisst von Runden, in denen jüngere und ältere Menschen zusammen sind, und der vielen Spielinteressierten, die gute Unterhaltung ohne langes Regelstudium wollen.
Kleiner Trick
Gute Unterhaltung bietet «Camel Up» in jedem Fall. Und zwar deshalb, weil es zwei Dinge zusammen bringt, die eigentlich nicht zusammen passen. Wetten sollen das Geld einbringen, das über Sieg oder Niederlage entscheidet. Als Kamelbesitzer kann man aber den Ausgang des Rennens nicht beeinflussen, und je grösser die Zahl der Teilnehmenden, desto grösser wird auch die Glücksabhängigkeit. Trotzdem wäre es falsch, «Camel Up» als reines Glücksspiel zu bezeichnen. Irgendwie habe ich beim Spielen immer das Gefühl, mein Schicksal sei nicht einfach vom Zufall (Farbe und Zahl des Würfels, der gerade aus der Pyramide fällt) abhängig. Woran liegt das? Ich meine, an einem kleinen Trick: Indem der Autor die Spielenden immer wieder vor die Frage «Würfeln oder Wetten» stellt, suggeriert er ihnen, es gehe um «Sieg oder Niederlage», um das Hamletsche «Sein oder Nichtsein». Immer wieder bin ich auf diesen raffinierten Trick hereingefallen, und ich werde noch x-mal darauf hereinfallen und dann lachen oder mich ärgern, weil ich gemeint hatte, ich hätte etwas taktisch im Griff, was doch nur das Ergebnis eines Zufallswurfs war.
Vor diesem Hintergrund wäre es auch falsch, die Würfelpyramide in «Camel Up» als überflüssigen Gag zu bezeichnen. Klar, man könnte die Würfel auch einfach so wie in anderen Spielen auf den Tisch rollen lassen. Am Ergebnis würde sich nichts ändern. Das Aufheben der auf den Kopf gestellten Pyramide erzeugt aber eine vollkommen andere Wirkung: Der Würfel wird wie eine Statue enthüllt, das Zufallsergebnis präsentiert sich auf einen Schlag, eine unabänderliche Tatsache, was ihm in gewissem Sinne das Zufällige nimmt. Ein rollender Würfel hingegen kann immer noch auf diese oder jene Seite fallen, Zufall pur. Die Würfelpyramide ist für mich deshalb kein Gimmick, sondern wird ganz bewusst eingesetzt, um die Teilnehmerinnen und Teilnehmer spielerisch ein zweites Mal in die Irre zu führen: Der Autor will uns durch den Akt der Enthüllung glauben machen, hier seien nicht Zufälligkeiten im Spiel, sondern fixe (Zahlen-)Werte, die man beeinflussen und auf die man sich verlassen könne.
Ob gerade diese raffinierte Art und Weise, wie der Autor mit dem Dilemma «Beeinflussbarkeit/Zufall» spielt, der Grund ist, weshalb in Spielrunden Leute «Camel Up» gleich mehrmals hintereinander spielen wollen? Irgendwie muss es doch möglich sein, dem Zufall ein Schnippchen zu schlagen …
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Camel Up: Lauf- und Wettspiel von Steffen Bogen für 2 bis 8 Spielerinnen und Spieler ab 8 Jahren. Spieldauer: 20 – 30′. Eggertspiele/Pegasus Spiele (Vertrieb Schweiz: Fata Morgana, Bern), Fr. 36.-
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Spielekritiker für das Ausgehmagazin «Apéro» der «Neuen Luzerner Zeitung». War lange Zeit in der Jury «Spiel des Jahres», heute noch beratendes Mitglied. Als solches nicht an der aktuellen Wahl beteiligt. Befasst sich mit dem Thema «Spielen – mehr als nur Unterhaltung».