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Die Renaissancemalerei im Westflügel
Der Westflügel war ursprünglich durch einen hofseitigen Gang erschlossen, der wohl um 1690 analog dem Nord- und Ostflügel in die Gebäudemitte gelegt wurde. Damals wurden repräsentative Räume des 16. Jahrhunderts durchschnitten, die entsprechend den Säulenhallen im Erdgeschoss durch gefaste Holzpfeiler mit dekorativem Schnitzwerk unterteilt waren. Im südlichen Bereich wurde anlässlich der Restaurierung 1973 ein gotischer Saal teilweise mit zwei Pfeilern rekonstruiert, allerdings wegen der schulischen Nutzung durch eine Glaswand längsgeteilt. In diesem Abschnitt ist die Balkendecke weiss gestrichen und mit einer krausen Maserierung übersponnen, die hierzulande ihresgleichen sucht. An der Ostwand traten zwei ehemals in den hofseitigen Korridor führende Rundbogenportale zutage, deren südliches einen malerischen Schmuck aufweist. Die Portaleinfassung zeigt eine saftige Renaissanceornamentik mit tobablasendem Putto auf Kapitellhöhe, überhöht von bekröntem Reichswappen und flankiert von den Schilden des Klosters St.Gallen (Bär) und des Toggenburgs (Dogge), bewacht von zwei steigenden Löwen mit Szepter und Reichsapfel. Unter der Balkendecke verläuft ein Spiralrankenfries, der Medaillons aufnimmt: links über dem Portal der jugendliche Erzherzog Ferdinand (nach 1557 Kaiser), rechts die drei kirchlichen und vier weltlichen Kurfürsten, dazwischen Kaiser Karl V. Die porträthaften Köpfe sind auf Bandrollen beschriftet (z.T. ausgelöscht), von links nach rechts: 1. Erzbischof von Köln (Hermann von Wied), 2. Erzbischof von Trier (Johann III. von Metzenhausen [gest. 1540] oder sein Nachfolger Johann IV. von Hagen), 3. Erzbischof von Mainz (Albrecht von Brandenburg), 4. Kaiser Karl V. (als einziger in Frontalansicht), 5. ausgelöscht (wohl Pfalzgraf Ludwig V.), 6. unleserlich (wohl Herzog Johann Friedrich I. von Sachsen), 7. Markgraf von Brandenburg (Joachim Hektor), 8. unleserlich (wohl König Ferdinand I. von Böhmen).
Der Fries verläuft, zweimal unterbrochen, nach Norden weiter und nimmt noch einen Männer- und einen Damenkopf, von Putten gehalten, sowie die Jahrzahl 1540 auf. Auch auf der Fensterseite gegenüber sind Fragmente eines dekorativen Bandes mit Bildnismedalllons vorhanden, von denen aber nur eines - genau in der Front von Kaiser Karl - identifizierbar ist, bezeichnet «SOLOMAN». Es handelt sich offensichtlich um Sultan Süleyman (1520-1566), den erfolgreichsten türkischen Herrscher und Erzfeind der Christenheit, der 1533 mit Karl V. einen Frieden schloss.
Die Wandmalerei ist ein interessantes Zeitdokument und hat programmatischen Charakter. Es könnte sich um eine Art Heldengalerie gehandelt haben, in der ja zuweilen auch die Kurfürsten figurieren wie z. B. in der Augsburger Weberstube, 1457 (jetzt im Nationalmuseum München). Anderseits haben Fürstäbte von St.Gallen gegenüber der Eidgenossenschaft immer ihre Internationalität und Reichsunmittelbarkeit betont, zumal sie auch zahlreiche Güter in Süddeutschland besassen. Die künstlerische Qualität der Graumalerei mit wenig Gelb ist ungewöhnlich gut und verrät einen mit dem Formenschatz der Renaissance bestens vertrauten Meister, der vielleicht unter den Scheibenreissern in Zürich, Luzern oder Schaffhausen zu suchen ist.
Text aus: Bernhard Anderes, RORSCHACH, Ehemaliges Kloster Mariaberg, 1982 (Herausgegeben vom Amt für Kulturpflege des Kantons St.Gallen und von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Bern (Schweizerische Kunstführer, Serie 32, Nr.320)