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Unter den geläufigen Sitzmöbeltypen – Hocker, Bank, Stuhl, Sessel, Sofa – ist der Stuhl aus Designperspektive besonders interessant, weil er im Verlauf der Geschichte die grösste Formenvielfalt entwickelt hat. Er ist kein blosser Gebrauchsgegenstand; jeder einzelne seiner Art ist ein Objekt mit eigenem Charakter. Kein anderes Möbel besitzt derart viel Gestaltungspotenzial. Der Grund liegt unter anderem in seiner komplexen Konstruktion. Ein Regal besteht im Prinzip aus nicht mehr als ein paar horizontal befestigten Brettern, ein Tisch aus einer simplen Platte mit Beinen. Der Stuhl dagegen setzt sich aus einer verstrebten und gestützten Sitzfläche und einer Lehne zusammen, die einen wankenden menschlichen Körper balancieren müssen.
Auch besitzt der Stuhl so viel Persönlichkeit, weil er sich enger als andere Möbel an der Körperform orientiert: In seinen Proportionen drückt sich die menschliche Figur aus. Nicht zufällig fällt die erste Hochblüte des Möbeldesigns in Europa mit dem Beginn der wissenschaftlichen Untersuchung der Körperhaltung zusammen. Mitte des 19. Jahrhunderts flossen erste ergonomische Erkenntnisse in die Entwürfe von Möbeltischlereien ein – mit teilweise ungeahnten Konsequenzen. Der Orthopäde Franz Staffel glaubte zum Beispiel, dass Stehen gesundheitsschädlich sei. Er riet deshalb zu möglichst langem Sitzen in straffer, rechtwinkliger Haltung. Sein 1884 eingeführter Staffelstuhl mit federnder Lehne im Bereich des Kreuzes wurde zum Vorbild für Generationen von Designern.
«Und dann muss man ja auch noch Zeit haben, einfach dazusitzen und vor sich hin zu schauen.» – Astrid Lindgren, Schriftstellerin (1907-2002)
Geschichte eines Sitzmöbels
Weil ein Stuhl von unterschiedlichen Personen genutzt wird, hat man immer wieder versucht, die Grössenverhältnisse von Möbeln zu standardisieren, indem man nach den Massen des idealen Durchschnittsmenschen suchte. Der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier (1887-1965) nahm bei der Proportionierung seiner Räume und Möbel eine Körpergrösse von 1,829 Metern an. Das von ihm entwickelte Masssystem Modulor sagt dabei mehr aus über Corbusiers Vorstellung von harmonischen Verhältnissen als über reale Menschen. Diese entsprechen keinem Standardmass; es gibt sie in allen Grössen und Formen.
In der Moderne haben vor allem Innovationen im Materialbereich die Verwandlung des Sitzmöbels vorangetrieben. An seiner Konstruktion lässt sich oftmals die Entstehungszeit ablesen. Die geschwungenen Linien des Kaffeehausstuhls etwa wurden nur möglich, weil im Wien der 1830er-Jahre der deutsch-österreichische Tischlermeister Michael Thonet (1796-1871) das Verfahren entwickelte, mithilfe von Wasserdampf Holz in Form zu biegen. Die noch heute geschätzten minimalistischen Stahlrohrstühle der Bauhaus-Ära wiederum gehen auf Entwürfe von Marcel Breuer (1902-1981) zurück, der in den 1920er-Jahren die Idee verfolgte, Möbel für die Arbeiterschicht kostengünstig in Fabriken fertigen zu lassen. Das Weltraumzeitalter brachte dann gerundete Kunststoffmöbel in allen Farben, die das Wohnen in der Zukunft erlebbar machen sollten. Heute erlauben digitalisierte Entwurfs- und Herstellungsverfahren das Drucken und Giessen von Stühlen. Damit können statische Schwachstellen an den Verbindungen von Beinen, Zargen und Sitzfläche überwunden werden, die traditionell geleimt, gedübelt oder geschraubt werden mussten. So richtet sich also jedes Sitzmöbel an den Möglichkeiten und Limitierungen des zur Verfügung stehenden Materials aus.
Das 20. Jahrhundert hat den Menschen dann endgültig zum sitzenden Wesen gemacht. Im Zug der Rationalisierung von Arbeitsprozessen wurde er als Produktionsfaktor erkannt. Um seine Leistungsfähigkeit zu steigern, sollten Arbeiten wo immer möglich im Sitzen ausgeführt werden. Mit dem Ziel, Ermüdungserscheinungen zu verhindern, wurden Arbeitsstühle für Werkstatt und Büro konzipiert. Der heutige Bürostuhl hat dabei wenig mit seinen Vorfahren gemein. Dank produktionstechnischen Fortschritten und einem besseren Verständnis der menschlichen Anatomie ist er heute ein ausgeklügeltes Sitzgerät, das sich an die spezifischen Bedürfnisse jedes einzelnen Körpers anpasst.
Wir sitzen täglich 10 bis 11 Stunden
Das ändert nichts an der Tatsache, dass wir noch immer unter dem gleichen produktiven Sitzzwang leben wie vor hundert Jahren. Nicht stehend, nicht liegend, sondern sitzend verbringen wir die meiste Zeit des Tages – im Durchschnitt zehn bis elf Stunden. Wir wissen, dass das ungesund ist: Das Gehirn erhält zu wenig Sauerstoff, der Blutdruck steigt, die Muskeln in Rücken und Bauch verkümmern, und die Wirbelsäule wird instabil. Der Körper droht in sich zusammenzufallen und zwischen zwei Sofakissen allmählich zu verschwinden. Das Leid des sitzenden Menschen ist seit Langem bekannt. Weil wir aber das Sitzen nicht mehr aufgeben können, wurden Kniesitze, Sitzbälle und Stehhocker (schon Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) besass einen) erfunden, um Rückenschmerzen vorzubeugen. Gebracht hat das aber wenig: 88 Prozent der Erwachsenen in der Schweiz gaben 2020 an, in den vorangegangenen zwölf Monaten an Rückenschmerzen gelitten zu haben.
Weil wir so viel Zeit auf unserem Gesäss verbringen, lohnt es sich, das Sitzmöbel sorgfältig zu wählen. Dabei dürfen uns nicht nur funktionale Erwägungen leiten, denn auf etwas zu sitzen, ist ein sinnliches Erlebnis: Wir fühlen das leichte Nachgeben der Rückenlehne, hören das Knirschen des Korbgeflechts. Und während wir nicht darauf ruhen, sehen wir das Objekt; dann wird das Sitzgefühl zur Nebensache, und nur noch die Form zählt. So sind gewisse Objekte ungeeignet, darauf Platz zu nehmen, verschönern aber als Skulpturen den Raum und heitern uns auf.
Am Ende sind für das Glück des Sitzenden aber die Umstände wichtiger als Form und Funktion des Sitzmöbels. Niemand würde darauf verzichten, im Sommer mit einem Eis am See zu hocken, nur weil Hautfalten zwischen den straffen Schnüren des Spaghettistuhls klemmen. Unsere allerliebsten Sitzmöbel halten sich oft namenlos im Unter- und Hintergrund. Vielleicht sitzen wir ja am glücklichsten auf einer durchgesessenen Couch, die sich an das Backenfleisch erinnert, das sich allabendlich in sie drückt. Solange die Gesetze der Schwerkraft gelten, will unser Körper sich setzen. Gönnen wir ihm das!