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Die junge irische Erzählerin Sally Rooney erntete für ihren 2017 erstmals erschienenen und nunmehr ins Deutsche übertragenen Debütroman viel Lob. Der dezente Titel "Gespräche mit Freunden" entspricht genau dem englischsprachigen Original, auch die von Zoë Beck angefertigte Übersetzung trifft den Ton der Autorin kongenial. Von drei Frauen und einem Mann wird berichtet, zwei Studentinnen, eine Essayistin und ein Schauspieler treten auf. Zwischen ihnen bestanden oder bestehen vielfältige Beziehungen. Zumindest eine offizielle Ehe, zwischen Nick und Melissa, gibt es. Frances, Studentin, Dichterin und Bühnenkünstlerin, dazu bekennende Kommunistin, befand sich mit Bobbi, ihrer besten Freundin, in einer lesbischen Beziehung, die nicht von Dauer war. Sie entzweiten sich, aber hegen noch unklare, sich klärende Sympathien füreinander. Nun begegnen sich die vier Personen, agieren und interagieren. Das bietet Stoff für viele Gespräche und Beziehungen. Bobbi "verknallt" sich in Melissa, und Frances scheint von Nick sehr angetan zu sein. Ein partytaugliches Lesepublikum jubelt, zitiert wird die bekannte US-Schauspielerin Sarah Jessica Parker, emphatisch und verzückt.
Die Kulisse des Romans ist die Lebenswelt zeitgenössischer Künstler. Die 21-jährige Frances bewundert den virilen Nick, der etwa zehn Jahre älter ist, und an Depressionen leidet, wie seine wiederum um einige Jahre ältere Gattin Melissa mitteilt. Frances sucht offenbar auch nach ihrer sexuellen Identität. Ist sie lesbisch, bi- oder eigentlich heterosexuell? Oder schweift sie nur orientierungslos umher, auf Anerkennung, Nähe und Geborgenheit hoffend? Liebt sie Frauen, liebt sie Männer? Immerhin verzichtet Sally Rooney auf philosophische Exkurse über die Liebe im 21. Jahrhundert. Die nach außen hin kantige, zumindest herbe Bobbi scheint zu wissen, was oder wen sie möchte – in jedem Fall wird sie nicht von Identitätszweifeln geplagt, ebenso wenig wie Melissa, die zwar genießt, dass sie von Bobbi verehrt, wahrscheinlich auch begehrt wird. Sie genießt die Avancen, versteht diese aber eher als spätjuvenile Gunsterweise. Bobbi scheint zeitweilig von Melissa okkupiert zu sein – oder von ihren Fantasien und Projektionen –, und Frances träumt sich in eine Verliebtheit hinein. Sie ist weniger mädchenhaft, mehr märchenhaft vernarrt, dem verheirateten Nick zugetan, der sich auf eine außerordentliche Beziehung oder Affäre mit Frances einlässt. Neue Beziehungen ergeben sich, bleiben stabil schwierig. Es wirkt, als ob in diesem Roman alles plötzlich in Bewegung geraten könnte, auch wenn im Grunde nichts oder nichts Wesentliches geschieht. Nick, Melissa, Bobbi und Frances sind zunächst und vor allem Bühnenkünstler, privat wie öffentlich. Sie kennen andere Personen, mit denen sie Zeit verbringen, kennen einander, aber sie bleiben in einer schwebenden Indifferenz, wirken auch unreif, neigen zu großen Gesten und kleinen Versteckspielen. Frances ist unklar betört, besucht eine Theateraufführung von Nick, gemeinsam mit ihrem freundlichen, aber sexuell uninteressanten Kollegen Philip. Nick sei "unfassbar schön" gewesen, denkt Frances, "und das ließ sein Elend nur noch viel echter wirken": "Als wir aus dem Theater kamen, regnete es wieder. Ich fühlte mich rein und winzig wie ein Neugeborenes. Philip öffnete seinen Schirm, und wir gingen zusammen zu seiner Bushaltestelle, während ich wie eine Irre vor mich hin grinste und mir ständig ans Haar fasste." Auch bacchantische Abend finden statt, mit ironischen Konversationen und dionysischer Weinseligkeit. Frances und Nick machen einander Komplimente, dann begegnen sie sich sexuell. Die junge Künstlerin beschreibt ihr Erleben: "Der Sex war so gut, dass ich oft schon währenddessen weinte. Nick mochte es, wenn ich auf ihm saß, so dass er sich an das Kopfende lehnen konnte, und wir redeten leise. Ich merkte, dass es ihm gefiel, wenn ich ihm sagte, wie gut es sich anfühlte. Es war sehr leicht, ihn dazu zu bringen, dass er kam, wenn ich zu viel darüber sprach. Manchmal tat ich es, nur um meine Macht über ihn zu spüren, und hinterher sagte er dann: O Gott, es tut mir leid, das ist so peinlich. Es gefiel mir sogar noch besser als der Sex an sich, wenn er das sagte." Nick hält sich aber zurück, Zuneigung zu zeigen, anders gesagt: Er bleibt in sich verschlossen. Zeitweilig war er Patient in einer psychiatrischen Einrichtung. Über den depressiven Grundzug seiner Persönlichkeit gibt später Ehefrau Melissa beredt Auskunft, die eine Art erotische Neugierde gegenüber Bobbi verspürt. Sie küssen einander, und Bobbi erzählt das, scheinbar beiläufig, aber treffend platziert, ihrer Freundin Frances, die verstimmt darauf reagiert.
Die Gespräche im Roman finden in wechselnden Formen statt, mal als Partygeplauder, dann wieder in E-Mails oder in Chats. Nick offenbart seine Affäre seiner Frau. Frances sagt, dies veränderte die Beziehung: "Ich schickte ihm tagsüber sentimentale Nachrichten, und er rief mich an, wenn er betrunken war, um mir nette Dinge zu sagen. Der Sex blieb der gleiche, aber hinterher war es anders. Statt mich ruhig zu fühlen, kam ich mir merkwürdig schutzlos vor, wie ein Tier, das sich totstellt. Es war, als könnte Nick durch die weiche Wolke meiner Haut greifen und sich alles nehmen, was in mir drin war, meine Lunge oder andere innere Organe, und ich machte keine Anstalten, ihn aufzuhalten. Als ich davon erzählte, sagte er, es ginge ihm genauso, aber er war bereits am Einschlafen und hätte vielleicht nicht richtig zugehört." Natürlich, auch menschliche Körper kommunizieren in ihrer ganz eigenen Sprache. Die Traurigkeit, die diese selten spielerische, auch sehr langdauernde postmoderne Beziehungsgeschichte letztlich enthält, ist mühelos erkennbar. Wem also soll oder möchte Frances sich nun zuwenden? Sie schreibt einen Bekenntnisbrief an ihre erste Liebhaberin Bobbi: "Ich habe nichts dagegen, wenn du mich küsst. Die Vorstellung, dass wir beide miteinander schlafen, war immer erregend. … Jetzt denke ich nur, dass ich mit dir schlafen will, ohne Metaphern. … Ist es möglich, dass wir ein Alternativmodell entwickeln, wie wir einander lieben? Ich bin nicht betrunken. Bitte schreib zurück. Ich liebe dich."
Die Konstellation der Paarbeziehungen und ihrer Entwicklungen, die Sally Rooney beherzt und ausgiebig schildert, erinnert an Goethes "Wahlverwandtschaften" – mit dem Unterschied natürlich, dass Goethes Dialoge präziser, pointierter waren und die handelnden Charaktere weniger pathologisch wirkten. Rooney schildert emotionale Zustände nervöser, auch sich gelegentlich entblößender Menschen, die manche Leser verstören, andere betören könnten. Einige mögen sich auch nur langweilen. Literarisch kostbar sind kleine, nüchtern erzählte Episoden, etwa wenn Frances ihren trunksüchtigen Vater besucht oder mit ihrer Mutter spricht. Die zweifellos begabte Autorin konzentriert sich aber auf die eher unergiebigen, vorhersehbaren und auch künstlich, ja inszeniert wirkenden amourösen Verstrickungen von Nick, Melissa, Frances und Bobbi. Sie möchte berühren, aber berührt sie uns wirklich? Vielleicht könnte die talentierte Sally Rooney aber noch für positive literarische Überraschungen sorgen, wenn sie künftig ganz alltägliche, beiläufige Geschichten schreibt – vielleicht weniger dramatisch oder theatralisch, aber sehr viel leiser. Wir werden von ihr ganz gewiss noch hören und lesen. Dieser Roman ist Sally Rooneys erster großer Aufschlag.