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Übersetzung eines Artikels aus der Zeitschrift ,,Treterre‘ Nr. 27 vom Sommer 1996 (Seite 57-59)
Übersetzerin unbekannt – editiert durch die Assoziazione Pro Costa di Borgnone im Mai 1997
(Ich habe diese mit Schreibmaschine erfassten Übersetzungen digitalisiert – dabei jedoch auf „neuzeitliche“ Rechtschreibung und grammatikalische Anpassungen verzichtet, um den Übersetzungstext im Original zu belassen.
Robert Zuber)
Von Graf Guido bis Friedrich Barbarossa.
Die Ursprünge der alten Gemeinde Centovalli, sowie der anderen Gemeinden des Kantons, liegen im Dunkel der Geschichte. Dies ist auf den Mangel an Urkunden, die aus der Zeit vor dem 12. Jahrhundert stammen, zurückzuführen. In der Tat beurkundet lediglich ein Dokument aus dem Jahr 751 eine Schenkung des Grafen Wido oder Guido aus Lomello von seinen Besitztümern im Gebiet Locarno und im Centovalli „ad Centum Valle“ an die Abtei von Disentis.
Aber wie leider damals üblich, wurde diese Schenkungsurkunde viel später niedergeschrieben, wahrscheinlich im zwölften Jahrhundert, und damit erweist sie sich als unecht. Tatsächlich hat der genannte Graf in der ersten Hälfte des zwölften Jahrhunderts und nicht im achten gelebt, wie es sich aus dem Dokument ergibt.
Einige Jahrhunderte später, bestätigt Friedrich Barbarossa 1154 in einer rechtmäßigen und daher echten, in Roncaglia redigierten Urkunde diese Besitztümer. Dort fand ein Reichstag am 30. November desselben Jahres statt. Ein Zusammenhang zwischen den zwei Dokumenten ist nicht zu bezweifeln, viele Ähnlichkeiten sind da. Der Text ist der gleiche, nur das Vorwort und die Unterschrift sind verschieden, auch die genannten Ortschaften bezüglich des Klosters sind die gleichen wie im ersten Dokument. Es handelt sich um Besitztümer im Luganogebiet, in Malcantone und im Varesotto, entlang der Strasse von Lucomagno gelegen, die durch das Bleniotal, das Bellinzonagebiet und durch den Ceneri Richtung Ponte Tresa führte. Durch diese Strecke konnte man Varese in vier Tagen erreichen; von dort aus ging es in Richtung Milano und Pavia.
In dieser Urkunde, die die Bestätigung der Besitztümer der Abtei enthält und sich auf die schon vorhandene wenn auch unechte Urkunde bezieht, fügt Friedrich Barbarossa der Liste der Besitztümer noch zwei Ortschaften im Luganogebiet hinzu. Diese gehörten wahrscheinlich schon lange der Abtei von Disentis, aber leider wissen wir nicht, wann und wie die Mönche sie übernahmen. Da uns kein älteres Beweismaterial überliefert wurde, scheint diese Urkunde das erste Dokument zu sein, das die alte Centovalli-Gemeinde erwähnt.
Zwischen Hypothesen und Gewissheiten
Würden wir noch weiter zurück in der Vergangenheit nachforschen, so würden wir uns nur auf Vermutungen beziehen können. Wir glauben aber, dass unser Tal in seiner Frühgeschichte nicht bewohnt war. Mehrere Gründe überzeugen uns davon. Es lag abseits der grossen Handelsstrassen in den Zentralalpen, wie die Pässe Sankt Bernardino, Lucomagno und Sankt Gotthard, und im Westen Sempione, alles Strecken, die an den Lago Maggiore führten. Es gab auch andere nicht so bekannte Wege, die trotzdem nicht zu vergessen sind, die durch das Valle Maggia, Formazza Tal und die Pässe des Sempione gingen. Heutzutage glauben wir aber, dass die alten Handelsstrassen die gleichen sind, die wir heute kennen: dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Bergbewohner damals auf den hochgelegenen Almen lebten, so dass die Kontakte zwischen den Tälern recht rege waren.
Zwischen dem oberen Verzascatal und dem Vallemaggia befinden sich zahlreiche „Cuppellari“-Steine. Franco Binda sieht in seinem Buch „Bergarchäologie in der italienischen Schweiz“ einen Zusammenhang zwischen diesen Steinen und einer alten Handelsstrasse in dieser Gegend.
Auf einer Karte des vorigen Jahrhunderts ist ein Weg eingezeichnet, der Craveggia und die „Bagni di Craveggia“ im Onsernonetal verbindet und durch das Vergelettotal in das Val di Campo führt. Es ist nicht auszuschliessen, dass nicht nur die Vigezziner diese Strasse benutzten, um ihre Almen zu erreichen, sondern auch die Cannobier, die 1204 Besitztümer in Bavona und Lavirazza hatten. Morigia bestätigt in seinem Werk „Geschichte des Lago Maggiore“ aus dem Jahr 1603 diese Verbindung und berichtet darüber, dass man aus dem Maggiatal „in das Lusernonotal kommt, und über das Centovalle nach Canobio“; wobei unter Centovalli das Vigezzotal zu verstehen ist, weil eine direkte Verbindung zwischen Onsernone und Cannobio durch das Centovalli auszuschliessen ist. Eine zusätzliche Bestätigung sind zahlreiche „Cuppellari“-Steine auf den Almen von Craveggia und in dem Cannobinatal, weil solche Steine, wie schon erwähnt, sich oft an den alten Handelstrassen befinden.
Mit Ausnahme von lntragna, wurden in unserem Tal noch keine Funde von alten Siedlungen festgestellt. Die Existenz einer alten römischen Strasse durch das Centovalli und Funde von Äxten der neolithischen Zeit in Palagnedra haben bis heute noch keine Bestätigung gefunden. Es handelt sich wahrscheinlich um eine nicht so wichtige Strasse durch das Vigezzotal, also mit keiner Verbindung in das Centovalli. Was den vermutlichen Fund in Palagnedra betrifft, geht es hier wahrscheinlich um eine Ortschaftsverwechslung.
In Malesco dagegen, sind Funde durch Ausgrabungen an’s Licht gekommen, die die Existenz einer militärischen Siedlung aus der Römerzeit belegen. Diese Gegend ist reich an verschiedenen alten Funden. Daraus schliessen wir, dass früher eine Verbindung zwischen dem Vigezzotal und dem Lago Maggiore durch das Cannobinatal existierte.
Zu bemerken ist, dass die Kirche von Malesco, wie in den anderen an den wichtigen Handelsstrassen gelegenen Dörfern, den Heiligen Petrus und Paulus gewidmet ist.
Alle diese Überlegungen überzeugen uns, dass eine wichtige Strasse durch das Centovalli in der Vergangenheit nicht vorhanden war, zumal die viel wichtigere „Konkurrenz“, der Weg Domodossola-Malesco-Cannobio ganz in der Nähe verlief und direkt an den See und daher an seine praktische, bequeme Seestrasse führte.
Das Centovalli kann eine wichtige Rolle wahrscheinlich als Querverbindung gespielt haben. Unserer Meinung nach aber nur regional (im Locarnogebiet) und dann erst in der moderneren Zeit, am Anfang der grossen Auswanderungen um das sechzehnte Jahrhundert und noch später in den darauffolgenden Jahrhunderten in Richtung Frankreich. In einer Kapelle unterhalb des Dorfes Verdasio steht eine Inschrift „lm Jahre 1797, am 29. März ging Giovan Angelo Zanoti hier vorbei, auf dem Weg nach Frankreich“. Dies kann noch nicht belegen, dass die alte Verbindung mit Locarno an dem linken Hang des Tales, d.h. Via del Mercato, oder Via Ossolana, die erste und einzig begehbare Strasse war. Auf einer Karte des Stadtarchives, in dem Buch „Alte Strassen“ heisst die Verbindung zwischen Rasa und den Bergen von Ronco oberhalb Ascona „via Centovallina“. Und noch ein Beispiel: die neue Brücke bei lntragna, besser bekannt als „Römische Brücke“, kommt in Dokumenten erst in der zweiten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts vor, dies schliesst einen früheren Bau nicht aus. Erst 1497 wird der Bau einer Brücke zwischen Intragna und dem Pedemontegebiet erwähnt.
Die ersten schriftlich belegten Siedlungen
Die Urkunde, die von Friedrich Barbarossa 1154 bestätigt wurde, erwähnt keine Existenz von Siedlungen. Erst durch ein Pergament der alten Gemeinde aus dem Jahr 1236 erfahren wir von der Kirche San Michele in Palagnedra und von ungefähr sechzig Bewohnern, in verschiedene Ortschaften aufgeteilt: in Sourario, das jetzige Saorée, in Colunzo und in Bagnatore, die zusammengewachsen das heutige Costa bilden. In Lionza, in Borgnone, in Moneto, in Palagnedra und in „Oro“. Diesen kleinen Ort kannten wir bis jetzt nur von dem Gebiet, das sich oberhalb von Costa erstreckt. Dieses kleine Gebiet und das von Saorée waren vielleicht bewohnt. Das gilt auch für „Oro de Palagnario“, von uns noch nicht örtlich bestimmt, und wahrscheinlich auch für einen kleinen Kern „Ronco Lungo“, wo nur ein Einwohner lebte.
Diese erste Auflistung enthält keine Bewohner in Camedo, das erst ab 1297 erwähnt wird, Bordei erst ab 1361. Saorée erscheint ab 1379 in keinem Dokument mehr, daraus ist zu entnehmen, dass das Dorf um diese Zeit verlassen wurde.
Unter anderem beinhaltet das Pergament auch einen Streit unter den Centovallibewohnern um die Nutzung einiger Almen in diesem Gebiet und sogar vom Maggia und vom Onsernone Tal. Daraus können wir schliessen, dass die Gemeinde Centovalli im Jahre 1236 perfekt organisiert war
Ein paar Jahre zuvor, 1231, erscheint ein Einwohner von Moneto als Zeuge bei der Niederschreibung einer Urkunde, die die Zahlung eines Zehnten im Onsernonetal belegt.
Im Laufe der ersten Jahrhunderte des zweiten Jahrtausends gehörten das Locarnogebiet mit Gambarogno, das Maggia- und Verzascatal zu dem Pfarrbezirk von „Locarno et Scona“. Ein Teil davon war auch die Gemeinde Centovalli, die eine der dreizehn „Gerichtsgemeinden“ war. Das Gerichtsgebiet schloss die heutigen Gemeinden Borgnone und Palagnedra und das Gebiet um Rasa ein. In einem Dokument aus dem Jahr 1297 galt der Bach Ribellasca schon damals als die heutige Grenze zum Val Vigezzo, das unter der Diözese von Novara stand.
Die „Capitanei“ von Locarno, d.h. die Adelsschicht kam in Besitz eines grossen Teils des Gebiets, das dem Pfarrbezirk gehörte, und zwar indem sie vor allem Almen erwarb, oder sie als Schenkungen oder als Lehen von der Kirche bekam. Später verpachtete oder verkaufte sie diese den benachbarten Einwohnern der verschiedenen Gemeinden, wie z. B. den Familien Orelli, Muralti, Magoria, Rastelli und Duni. Die Almen in Catogno, Albezzona und Porcareccio, die ein Besitztum der Orelli schon 1296 waren, wurden in dem selben Jahr zwei Bewohnern von Vigezzo, 1441 der Gemeinde Centovalli vermietet und 1514 der Gemeinde Onsernone verkauft. Die Capitanei kassierten den Zehnten. Die Familie Orelli war der grösste Besitzer und bezog Steuergelder aus dem ganzen Tal, an zweiter Stelle stand die Familie Rastelli, danach Magoria und Gnosca. Die Kirche von San Michele in Palagnedra, eine der ältesten des Pfarrbezirkes wurde mit grosser Wahrscheinlichkeit im zwölften Jahrhundert gebaut und von diesen vier Familien unterstützt, die auch mit der Mutterkirche San Vittore in Muralto der Diözese von Como in Verbindung standen.
Woher stammte Ardiciono de Colunzo?
Da wir keine Kenntnisse über die Herkunft der ersten Bewohner von Centovalli haben, werden wir durch mehr oder weniger fundierte Überlegungen versuchen, Zusammenhänge und Ähnlichkeiten zu finden, zwischen den Namen der zuerst erwähnten Einheimischen mit denen von Bewohnern anderer Regionen.
Es ist allgemeine Meinung, dass die ersten Bewohner unseres Gebietes aus den Ebenen Norditaliens kamen. Diese Hypothese, die manchmal auch eine Gewissheit ist, gilt vor allem für andere Gebiete wie Locarno und das untere Maggiatal, aber nicht für unsere steilen Täler. Die Bauern der Ebene mit dem milden Klima hätten sich dem harten Leben auf den Bergen nie anpassen können, zumal der einzige Unterhalt die Produkte der Viehzucht waren. Unserer Meinung nach zogen die Siedler in die andere Richtung auf der Suche nach besseren Gebieten. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass alle unsere Dörfer unterhalb der Grenze von 900 m. Höhe liegen. Einzige Ausnahme Saorée, das höher lag und als bewohnt schon 1236 in Urkunden erscheint aber Ende 1300 nicht mehr erwähnt wird. In dieser Zeit war ein ausgedehntes Netz von Wegen vorhanden, die die Täler verbanden. In diesem Artikel haben wir schon von den Kontakten gesprochen zwischen Valle Maggia und Formazza und von hier aus in die Leventina, aber auch zwischen Verzasca und Valle Maggia, und zwischen Valle Maggia und der Leventina. In dieser Gegend verlief auch die Strasse über das Onsernone-Tal in das Vigezzotal.
Wir halten eine Walsersiedlung hier für möglich, wie sie auch in Bosco Gurin und in Graubünden vorzufinden war. Aber wenn es auch ein paar Namen gibt, die deutschen Ursprungs sein könnten, so ist von dieser Sprache nichts übrig geblieben. Die Walser waren vielleicht die ersten Siedler, nach ihnen kamen andere Völker, die die deutsche Sprache verdrängten.
lm Westen, Richtung Vigezzotal, das viel früher bewohnt war, als Centovalli, und das unter der Novaradiözese stand, ergibt sich aus einem Vergleich der Namen der „Nachbarn“ in Folsogno, Dissimo und Olgia mit den typischen Namen unserer Gegend, dass nur sehr entfernte oder gar keine Ähnlichkeiten zu finden sind. Würden wir noch in Betracht ziehen, dass die Auswanderungen durch die Suche nach besseren Almen bedingt waren, dann waren die Hänge im Val Vigezzo ohne Zweifel viel attraktiver als die unserer Gegend.
Sehr gering sind unsere Forschungsergebnisse auch was das Gebiet von Brissago angeht, eine Gemeinde, die lange autonom war und deren Almen an unseren Talhang am Pizzo Leone bis Termine oberhalb Rasa grenzten. Ein „Joannes de Brissago, der in Palagnedrio lebt“ wird 1361 schriftlich erwähnt. Auch für diesen Fall gelten unsere Theorien über das Vigezzotal.
Anders die Situation im Norden, so im Maggiatal teilweise und vor allem im Onsernonetal. Hier wurden viele Personen nach dem Geburtsort benannt. Sogar in Centovalli kamen verschiedene Namen vor, die sich auf Ortsnamen vom Onsernonegebiet bezogen. Ein Beispiel ist der Familienname Grazi, der in einem onsernonesischen Dokument aus dem Jahr 1349 erscheint und der in der Variante Grazzi oder de Grazzis in Costa ab 1465 von vielen Bewohnern getragen wurde.
Noch ein paar Ähnlichkeiten mit geographischen Bezeichnungen und Namen haben wir festgestellt wie Pignelli, Rivöira. Bolletta (der Name des alten Wasserweges von Costa).
Ab dem vierzehnten Jahrhundert entstehen die ersten Familiennamen. Zu dem Vornamen kommt der Zuname. d.h. der von dem noch lebenden oder verstorbenen Vater. Oft steht noch ein Spitzname neben dem Namen des Vaters oder des Sohnes, oder der Spitzname des Vaters wird vom Sohn übernommen, manchmal in der Verkleinerungsform. Die Namenforschung dieser Region erwies sich für uns als besonders schwierig, weil nirgendwo in den Gemeinden eine Liste aufzufinden war. Unsere Quellen sind verschiedene Urkunden aus den Jahren 1236 bis 1568, aus denen wir 350 Namen unter die Lupe genommen haben. Von Borgnone wird nur ein einziger Bewohner erwähnt: „Guillelmo Rubeo (Rosso = Rot) de Burgnone“ und damit endet die Geschichte. Aus Bagnatore wurden vier Personen registriert. Diese Ortschaft und Colunzo bildeten das heutige Costa, das das erste Mal ab 1491 in den Urkunden erwähnt wird. Es handelt sich um die zwei Brüder Ade (Adamo) und Petro und noch zwei Männer, Jacopo und Bellono. Der Vatername von allen vier wird nicht erwähnt. Wir nehmen an, dass diese jungen Personen die ersten Bewohner waren, wahrscheinlich sind sie allein dorthin gezogen, um eine neue Existenz zu gründen. Ein ähnlicher Fall betrifft Colunzo, ein anderes Viertel des heutigen Costa: hier werden fünf Bewohner schriftlich genannt: Guiliciono Loita de Colunzo, die zwei Brüder Ardiciono e Johanni und noch zwei andere, Guidonis und Redulfo, beide ohne Familiennamen. Colunzo erscheint nicht mehr nach 1411 als Herkunftsbezeichnung, bzw. als Zuname.
Leider ist mir der Autor des originalen italienischen Beitrags in der Zeitschrift „Treterre“ nicht bekannt. Wenn Du mir einen Hinweis geben kannst oder gar über die Originale verfügst, bin ich Dir um einen Kommentar im Blog sehr dankbar.
Interessante (alte) Fotografien von Steindenkmälern aus der Region finden sich im INVENTAR DER KULTURGÜTERGRUPPE, STEINDENKMÄLER DER SCHWEIZ, CANTONE TICINO