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„Stationen zwischen Bagdad und Heiden“: Gedenkrede von Usama Al Shahmani
Mittwoch, 30. Oktober 2019, 18.30 Uhr
Henry-Dunant-Museum Heiden
Gedenkrede an der Gedenkfeier zum 109. Todestag von Rotkreuzgründer Henry Dunant
Stationen zwischen Bagdad und Heiden
Usama Al Shahmani, Frauenfeld
1: Der Blick aus dem Fenster
Das erste Mal, dass ich Menschen vom Roten Kreuz tatsächlich sah, war am 18. Januar 1991, am Morgen. Damals war ich Student an der Uni Bagdad und wohnte in einer kleinen Wohnung in der Stadt. Ich hatte mich geweigert, Bagdad zu verlassen und in den Süden zu reisen. Ich hatte einfach nicht gedacht, dass der Krieg wirklich ausbrechen würde und wenn auch: ich wollte das Schicksal der Stadt miterleben.
Am Morgen schien mir, als wäre ein Stern vom Himmel auf die Stadt gefallen. Der Rauch bildete seltsame Wolken am Himmel und warf Schatten auf die Strasse. Ich schaute aus dem Fenster und sah einen kleinen gelben Lastwagen in die breite Strasse einbiegen. Zwei junge Männer standen auf der offenen Ladefläche. Sie trugen Westen mit dem Zeichen des Roten Kreuzes, in der rechten Hand einen Lautsprecher, in der linken einen kleinen Plastiksack gefüllt mit Lebensmitteln. Schneller als erwartet, versammelten sich Leute um diesen Lastwagen. Jeder erhielt einen Sack in die Hand und verschwand rasch zum eigenen sicheren Ort, auch ich.
Bevor ich den Sack öffnete, warf ich von meiner Wohnung aus nochmals einen Blick auf die Strasse. Sie war bis auf einen alten Mann, der sich mit einem Stock auf der Strasse bewegte, leer. Höchst wahrscheinlich hatte er den Lastwagen verpasst, dachte ich und verliess das Fenster. Ich betrachtete den Sack auf dem Tisch, nahm ihn wieder in die Hand und guckte hinein: Ein Brot, zwei gekochte Eier, eine kleine Flasche Wasser und ein Biskuit. Ich betastete die Lebensmittel und entschied gleichzeitig, wieder hinunter zur Strasse zu gehen, um meinen Sack jenem Mann zu schenken. Bevor ich meine Wohnung erneut verliess, zog ich den Vorhang und sah, dass mir eine Frau zuvorkam. Sie knotete ihren Sack an seinen Gürtel. Ich blieb vor dem Fenster stehen und nahm wahr, wie meine Strasse erschreckend leer aussah.
2: Das Rauschen des Zeder Baums
Am 20. Juli 2006 bekam ich von einer Schweizerin ein Formular. „Das sind Fachleute aus dem Roten Kreuz, die sich dafür engagieren, Vermisste in Kriegs- und Katastrophengebieten zu suchen. Versuch es einmal. Es schadet nicht, wenn es nicht hilft.“
Zuhause füllte ich es hoffnungsvoll aus.
Name: Ali Al Shahmani
Land: Irak
Geburtstag: 11. Juli 1983 im Irak
Beruf: Mein Bruder Ali hatte in Bagdad sein Studium der französischen Philologie abgeschlossen, kurz danach verschwand er dort am 10. April 2006 während des Bürgerkriegs und blieb bis heute verschollen. Ali war nie politisch oder militärisch aktiv.
Anmerkung: Meine Familie und ich wären Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns auf eine Spur von Ali hinweisen würden.
Eine Kopie dieses Formulars habe ich noch immer zuhause, eine Antwort oder Rückmeldung leider nicht. Vor etwa zwei Jahren, ich war mit dem Schreiben meines ersten Romans „In der Fremde sprechen die Bäume arabisch“ beschäftigt, schaute ich die Papiere an, die ich von oder über Ali habe. Ich wendete die Kopie des Formulars und schrieb darauf:
Lieber Ali, du bist gegangen. Deine Stimme ertönt am Abend zuhause nicht mehr. Es nützt nichts, sie in deinem Zimmer zu suchen. Auch die Zeit ist seit unserem letzten Abschied weitergelaufen.
Ich werde aber deine Abwesenheit vor mir herschieben bis ans Ende meiner Tage und ich werde immer wieder deinen Geburtstag feiern, jedes Jahr. Und ich werde weiterhin an dich denken, jedes Mal, wenn ich das Rauschen des Zeder Baums, den du liebst, höre.
3: Das Schweizer Wappen mit umgekehrten Farben
Beim Lesen über Henry Dunant beeindruckte mich sein Einsatz in Solferino sehr. Wie er mit seinem grossen Projekt ganz Europa durchkreuzte, ist für mich ein wichtiger Teil der Geschichte der Menschenrechte. Über Henry Dunant und das Rote Kreuz fragte ich meinen Freund, den Historiker Hans-Jörg Willi, er schrieb mir diese Geschichte: (ich zitiere)
„Um das Jahr 1240 leisteten einige Bauern vom Vierwaldstättersee gute Waffendienste für den Papst in Rom. Dafür bedankte sich der Papst, indem er ihnen das „Logo“ des Bischofs von Konstanz als Abzeichen gab, allerdings mit umgekehrten Farben: ein weisses Kreuz im roten Feld. Daraus wurde das Wappen des Kantons Schwyz. 1848 ersetzte die Eidgenossenschaft den Bundesvertrag von 1803 durch die Bundesverfassung nach dem Vorbild der USA. Fortan hiess die Eidgenossenschaft „Schweiz“ und hatte als „Logo“ (ungefähr) das Wappen des Kantons Schwyz. 1864 entstand die Genfer Konvention vom Roten Kreuz. Seit 1815 war Genf ein Schweizer Kanton. Darum wählten Dunant, Dufour und seine Freunde das Schweizer Wappen mit umgekehrten Farben, dies ohne zu wissen, dass es einst das „Logo“ des Bischofs von Konstanz gewesen war.“ (Zitat- Ende)
Ob Frauenfeld an seinem Weg war, als Henry Dunant nach Heiden gelangte, weiss ich nicht. Auch er wusste nicht, dass an seiner Gedenkfeier zum 109. Todestag ein irakischer Autor, der in Frauenfeld lebt, teilnimmt. Was mich im 2002 ins Exil trieb, war der Krieg, der leider nach wie vor im Nahen Osten herrscht. Als ich zuletzt, im Juli 2017, in den Irak reiste, schien mir die Situation noch immer nicht besser zu sein. Eine junge Frau, die als Apothekerin arbeitete, erzählte meiner Mutter, dass sie Geld für Kinder im Primarschulalter sammelte, deren Eltern sich die neuerdings verdoppelten Schulgebühren nicht mehr leisten konnten. Die Bücher müssen von den Eltern bezahlt werden. Dass sich zwei, drei Schüler oder Schülerinnen ein Buch teilen, ist die Norm. Ebenso, dass Kinder auf den Strassen der Stadt Autoscheiben putzen und Kleinigkeiten verkaufen, um sich ihre Bildung zu finanzieren. Die Kriege und ihre Gewalt haben im Irak die Bedeutung von «Kindheit» verändert, aber auch das Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein der Eltern wurde dadurch anders. Was mich aber sehr berührte, ist, dass die Menschen dort das Leben trotzdem akzeptieren, wie es ist, und mit ihren Sorgen sehr gut umgehen können, vielleicht manchmal sogar besser als wir in der Schweiz. „Wir werden die Hoffnung nie verlieren.“, sagte mir die Apothekerin und bedankte sich für meine kleine Spende. Ich denke an diese Frau und an andere, die sich für Menschen einsetzten. Ich denke aber auch an die Flüchtlinge, die die allergrössten Fragezeichen unserer Zeit sind, und wie wir überfordert sind, mit ihnen den richtigen Umgang zu finden. Boote, die jeden Tag im Mittelmeer versinken, und andere, die das Land erreichen, deren Insassen aber noch lange nicht angekommen sind, sind unsere Sorge und unser Kummer. Anstatt sinnvolle Lösungen zu suchen, haben viele beschlossen, Mauern zu bauen oder den Rücken zu kehren.
4: Die Wurzel der Hoffnung
Meine Damen und Herren, wir können von Henry Dunant lernen, dass die Hoffnung uns Menschen stark bewegt. Sie verbindet uns, unsere Gefühle und unseren Geist mit der Natur, besonders mit den Bäumen. Hat jemand von Ihnen jemals gehört, ein Baum habe sich umgebracht, weil er wegen dem Rauch des Krieges verzweifelt war? Hat jemand von uns erfahren, ein Wald lasse seine Farben nicht mehr leuchten und empfänge keine Vögel mehr, weil er das Vertrauen in die Ankunft des Frühlings verloren hat? Was denkt ein Baum, wenn er wächst und hoch in den Himmel ragt? Hoffnung ist und bleibt für mich die feste Wurzel, die uns an unser Menschsein bindet. Es gibt Menschen in der Geschichte, die Bäume in uns pflanzten. Henry Dunant ist einer von ihnen. Der Baum, den er in uns hinterliess, muss heranwachsen und gepflegt werden. Das ist unsere Verantwortung, unsere Aufgabe um sein Vermächtnis am Leben zu erhalten.
Haben Sie vielen Dank für Ihr offenes Ohr.