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| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XLII. (Nr. 93.) An Vincentius
XI. 46.
„Warum also“, sagst du, „suchet ihr uns? Warum nehmt ihr in solcher Weise diejenigen auf, die ihr als Irrgläubige bezeichnet?“ Sieh, wie leicht es mir wird, hierauf in aller Kürze zu antworten. Wir suchen euch, weil ihr verloren gegangen seid, um uns über die Wiedergewinnung derer zu freuen, über deren Verlust wir trauerten. Wir nennen euch Irrgläubige, aber nur so lange, als ihr euch nicht zur katholischen Einheit bekehret, so lange ihr nicht von dem Irrtume, der euch umgarnt, befreit seid. Wenn ihr aber zu uns übertretet, so gebet ihr ja zuvor das auf, was ihr waret, und kommt also nicht als Irrgläubige zu uns. „Taufe mich also“, sagst du. Ich würde es tun, wenn du entweder gar nicht getauft oder mit der Taufe eines Donatus oder Rogatus getauft wärest und nicht vielmehr mit der Taufe Christi. Nicht die christlichen Sakramente machen dich zum Irrgläubigen, sondern dein unbegründeter Widerspruch. Wegen des Bösen, das von dir ausgegangen ist, darf man das Gute nicht leugnen, das in dir verblieben ist, das du aber zu deinem eigenen Leide besitzest, wenn du es nicht in der Kirche besitzest, aus der es stammt. Von der katholischen Kirche sind nämlich alle Sakramente des Herrn, die ihr in solcher Weise besitzet und spendet, wie man sie auch vor eurem Austritte besaß und spendete. Und dieser Besitz kann euch nicht deshalb abgesprochen werden, weil ihr selbst euch nicht dort befindet, woher dieser euer Besitz seinen Ursprung hat. Wir wollen an euch nicht das anders machen, worin ihr mit uns eins seid; denn in vielem, vielem seid ihr eins mit uns. Von solchen ist ja gesagt: „Denn in vielen Punkten waren sie eins mit mir“1. Wir möchten vielmehr an euch nur das verbessern, worin ihr mit uns nicht eins seid, und wir wollen, daß ihr bei uns empfanget, was ihr in eurem gegenwärtigen Zustande nicht besitzet. Eins mit uns aber seid ihr in der Taufe, im Glaubensbekenntnisse und in den übrigen Sakramenten des Herrn. Was aber den Geist der Einheit betrifft, das Band des Friedens und die katholische Kirche selbst, so seid ihr hierin nicht mit uns eins. Wenn ihr dies empfanget, so wird, was ihr bereits besitzet, nicht erst dann für euch vorhanden, wohl aber erst dann euch nützlich sein. Wir nehmen also nicht, wie ihr meinet, die eurigen auf, sondern wir machen diejenigen, die euch verlassen, durch die Aufnahme bei uns zu den Unserigen, so daß sie von uns aufgenommen werden können, und sie fangen erst an, die Unserigen zu sein, wenn sie aufgehört haben, die Eurigen zu sein. Wir treiben also keineswegs die Dienstleute eines von uns verabscheuten Irrtums zur Vereinigung mit uns an, sondern wir dringen nur aus diesem Grunde auf ihren Anschluß, damit sie nicht das seien, was wir verabscheuen.
1: Ps. 54, 19.