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Transzendenz
Rea fiel als erstes die Stille auf. Sie war so erdrückend wie die Hitze, welche die Luft über dem Boden flirren ließ. Auf der Straße waren verschiedenste Gegenstände verstreut: ein Teddybär, dessen abgewetzte Bauchseite darauf hindeutete, dass ihn jemand regelmäßig als Kissen missbraucht hatte, bunte Dosen, die einem Murmelspiel gleich auf dem Boden verteilt waren, Kleider, Accessoires, Mementos unzähliger Seelen. Dazwischen glitzerten Scherben im Sonnenlicht. Sie stammten von einigen Fotorahmen, deren Glas herausgebrochen war. Die junge Frau stieg die wenigen Stufen vom Eingang ihres Landungsmoduls hinunter. Die schweren Stiefel des Schutzanzugs erzeugten ein helles Klingen auf den Aluminiumsprossen. Das Geräusch wirkte fehl am Platz. Rea arbeitete sich zu den Fotos vor, unfähig ihre Neugier zu zähmen. Es gab zwei Portraits. Eins von einem jungen Mann mit sandfarbenem Haar, braunen Rehaugen und einem verschmitzten Grübchenlächeln. Auf dem anderen war eine junge Frau zu sehen. Sie hatte dunklere Haare, aber die Augenpartie war so ähnlich, dass die Verwandschaft zwischen den beiden Personen klar war. Die Gesichter wirkten seltsam unfertig ohne den Mikrochips unter den Techtattoos. Heutzutage liefen nur noch Kleinkinder so herum. Ihr Blick schweifte zum dritten Bild. Dies zeigte die ganze Familie. Sie hatte sich um einen Tisch versammelt, trugen alle bunte, spitzzulaufende Hüte und farbige Kringelbänder um den Hals. Doch es waren nicht diese seltsamen Gadgets, sondern das runde Objekt auf dem Tisch, das Reas Aufmerksamkeit sofort beschlagnahmte. Das war bestimmt ein Nahrungsmittel! So hatten die also ausgesehen! Es schien eine Art Scheibe zu sein, die vielleicht eine handbreit hoch war. Der Rand war mit einer Art bräunlicher Plättchen bedeckt. Am Rand des Rundes waren in regelmäßigen Abständen kunstvolle Tupfer angebracht, die an die Wellen einer Turbine erinnerten. Knallrote murmelähnliche Dinger zierten die Spitzen dieser weißen Tupfer. Der restliche Belag der Scheibe glänzte verheißungsvoll. Winzige Farbstäbchen waren auf der Fläche verteilt oder darin versunken. Wie so was wohl schmeckte? Luftig locker? Oder säuerlich cremig? Vielleicht ja auch so süß, dass es einem die Ohren verdrehte. Rea hatte diese Redewendung mal von einer Greisin gehört. Deren Generation hatte ganz am Anfang noch richtig gegessen. Die Vorstellung war so fremd für Rea wie die Nährstoffkapseln es für diese Familie wohl gewesen wären. Rea sah den Vorteil in den Kapseln klar. Sie konnten entweder geschluckt werden oder verflüssigt direkt in die Blutbahn gegeben werden. So sparte sie sich Zeit und musste nicht die ganze Zeit essen. Es hieß, die Menschen früher hätten praktisch dafür gelebt, um zu essen. Am Morgen, gleich nach dem Aufstehen, dann während der Arbeit, zur Mittagspause, am Nachmittag und wieder am Abend, wenn sie von Ihren Tagesbeschäftigungen nach Hause gekommen waren. An manchen Tagen gab es nach dem Nachtessen noch eine weitere Speise. So viel Zeit, die für ein so lapidares Bedürfnis verschwendet worden war! Unglaublich. Die Menschen aßen immer mehr, obwohl sie völlig übersättigt gewesen waren. Die Nahrungsmittelindustrie war so außer Rand und Band, dass sie, um die Menschen auszutricksen, immer mehr Produkte herstellten, die eigentlich gar keine Nährstoffe mehr aufwiesen. Dafür nahmen die armen Seelen dann Ergänzungsprodukte zu sich, die diesen Mangel ausgleichen sollten – natürlich in Form weiterer Esswaren. Es war ein Teufelskreis. Anstatt gesünder wurden die Menschen immer kränker. Nebenbei richteten sie auch gleich ihre Umwelt zu Grunde. Die Apokalypse war nur eine Frage der Zeit gewesen. Die Menschen hier hatten sich versucht zu retten. Vielleicht hatten es ja einige bis zu den Pods geschafft und waren nun sogar in Reas Ahnenstamm. Wenn sie zurück auf der Station war, musste sie im Archiv nachforschen, ob jemand aus Russelville es geschafft hatte. Wenn ja, dann lebte er nun durch ihre synthetische DNA weiter. Ein Piepen holte Rea in die Realität zurück. »Zeit für deine Nährstoffe, Rea«, säuselte eine mütterliche Stimme über ein knochenleitendes Implantat in ihrem Kopf. Die junge Frau löste einen metallenen Stift von ihrem Gürtel. Im rechten Arm gab es eine Art Ventil, an das sie den Stift schrauben konnte. Danach musste sie nur noch einen Knopf drücken und die lebenswichtigen Stoffe wurden in ihre Blutbahn katapultiert. Rea steckte den Stift weg. Einem Impuls folgend hob sie den Fotorahmen mit dem Bild des Nahrungsmittels hoch. Sie würde es dekontaminieren und auf der Station eine Greisin suchen, die ihr erklären konnte, was dieses runde Ding genau war; und wie es schmeckte.
eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.