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Klimaschädigende Emissionen können kompensiert werden. Wirklich? Was genau kaufen wir eigentlich, wenn wir «Kompensationen» kaufen?
Ob Arosa «klimaneutrale» Winterferien verkauft oder darüber gestritten wird, ob Gaskraftwerke ihren CO2-Ausstoss im In- oder Ausland «kompensieren» müssen: Wir haben uns an die Idee gewöhnt, dass sich klimaschädigende Auswirkungen des eigenen Tuns neutralisieren lassen, indem die dabei entstehenden Treibhausgase durch Einsparungen an einem anderen Ort kompensiert werden. Was aber heisst das genau?
Einer, der in diesem Geschäft arbeitet, ist René Estermann. Der Geschäftsführer der Stiftung MyClimate nennt ein Beispiel aus seinem Portfolio: Ein Unternehmen in Südafrika betreibt seine Anlage für die Verarbeitung von Zitrusfrüchten bisher mit Kohle. MyClimate unterstützt die Finanzierung der Umstellung auf Biomasseenergie. Für die wegfallenden Emissionen der Kohleverbrennung verkauft MyClimate seinen KundInnen Zertifikate, mit denen diese ihren Flug «kompensieren».
Es ist dieselbe Logik, wie wenn jemand sagt, er fahre «der Umwelt zuliebe» mit der Bahn in die Ferien. Natürlich ist die Bahnfahrt kein Umweltschutz: Sie verbraucht Energie, verursacht Lärm, produziert Feinstaub und so weiter. Doch implizit gehen wir davon aus, dass die Person eigentlich mit dem Auto fahren würde. Die Differenz zwischen der Umweltbelastung der (stattfindenden) Bahnfahrt und der Umweltbelastung der (ausbleibenden) Autofahrt ist das, was wir «der Umwelt zuliebe» tun. Beim Handeln mit Kompensationen verzichtet man nicht selbst auf die Autofahrt, sondern bezahlt jemand anderes dafür, das zu tun.
Nicht berechenbar
Die Rechnung vergleicht etwas, das ist (Bahnfahrt), mit etwas, das wäre (Autofahrt): Sie enthält eine hypothetische Komponente. Beim genannten Projekt ist das relativ einfach: Ohne die Biomasse würden weiterhin die Kohleöfen laufen, und diese würden vermutlich gleich viel CO2 emittieren wie zuvor; diese Zahlen kennt man. Aber: Was, wenn die Firma ohne das Projekt übermorgen die Hälfte ihres Umsatzes verlöre?
Ein anderes MyClimate-Projekt, eine Windfarm in Madagaskar, soll laut Pressemitteilung auf klimaneutrale Art «die Knappheit der Stromversorgung vermindern». Das ist vermutlich sinnvoll. Aber wer könnte präzis auf ein paar Jahre hinaus beziffern, wie sich die Verminderung von Stromknappheit auf die lokale Wirtschaft auswirkt und welche Mehr- oder Minderemissionen an Treibhausgasen das mit sich bringt?
Dabei handelt es sich hier noch um unproblematische Fälle. Projekte wie Baumplantagen (deren Zertifikate von der EU nicht akzeptiert werden und die auch von verantwortungsbewussten Händlern nicht angeboten werden) oder solche zur Gewinnung von Energie aus Biomasse haben komplexe soziale Auswirkungen. Wenn in Uganda Menschen vertrieben werden, damit ein norwegisches Unternehmen dort Bäume pflanzen kann, werden diese Menschen vielleicht ein paar Kilometer weiter ein Stück Urwald roden.
Auch Auswirkungen der Kompensationsprojekte auf KäuferInnenseite müssten in eine reelle Bilanz miteinbezogen werden. Fliegt einer, der sich ein gutes Gewissen kauft, deswegen öfter? Oder löst, wie Estermann meint, das Kaufen von Kompensationen bei den Kunden im Gegenteil einen Bewusstseinsprozess aus, der zu umweltbewussterem Verhalten führt? Und wenn jemand Zertifikate zum alleinigen Zweck kauft, um dadurch griffigere gesetzliche Regelungen zu verhindern, wie das beim Schweizer Klimarappen der Fall ist, dann müsste auch das in die Bilanz der betreffenden Projekte einbezogen werden.
Wenn nun die Reduktionsleistung solcher «Klimaschutzprojekte» etwa gleich oft über- wie unterschätzt würde, wäre die Bilanz ausgeglichen. Das ist aber kaum zu erwarten. Ein Handel mit Zertifikaten unterscheidet sich beispielsweise vom Handel mit Äpfeln: Wer vom Händler vier Äpfel verlangt und diese auch bezahlt, wird sich nicht mit drei zufriedengeben. Beim Zertifikatehandel jedoch ist der Käufer nicht an den Äpfeln interessiert, sondern an der Quittung. Käufer wie Verkäufer haben ein Interesse daran, dass auf dieser Quittung möglichst viel draufsteht - egal, wie viele Äpfel im Spiel sind.
Das Kioto-Abkommen verlangt deshalb, dass Kompensationsprojekte von unabhängigen Agenturen geprüft werden, um als CDM oder JI (vgl. Kasten Emissionshandel weiter unten) anerkannt zu werden. Doch wie unabhängig ist eine Agentur, die ihre eigenen Kunden kontrolliert? Marco Berg, der Geschäftsführer der Stiftung Klimarappen, sagt: «Eine Zertifizierungsagentur wird es sich nicht leisten, zu schummeln, denn damit würde sie ihr wichtigstes Kapital aufs Spiel setzen: ihre Glaubwürdigkeit.» Genügt das als Garantie? Auch die Buchprüfungsfirma Arthur Andersen hatte eine Glaubwürdigkeit zu verlieren - und verlor sie im Enron-Skandal. Weshalb sollten Klimaprüferinnen weniger schummeln als Buchprüfer, wo doch die Kontrolle der Kontrolle beim Klima so viel komplexer ist als bei einer Buchhaltung?
Besonders schwer nachweisbar ist, ob ein Projekt wirklich «dem Klima zuliebe» zustande gekommen - im Fachjargon: additionell - ist. Wenn ich nämlich mit der Bahn in die Ferien fahre, weil eine Lawine die Strasse verschüttet hat oder weil ich realisiert habe, dass Zugfahren billiger ist, kann ich mir das nicht als Umweltschutz ans Revers heften. Genau solches geschieht aber: Beobachter schätzen, dass bis zu fünfzig Prozent aller anerkannten CDM-Projekte nicht additionell sind.
Man könnte argumentieren, selbst ein überbewertetes «Klimaschutz»-Projekt sei besser als nichts. Das gilt aber allenfalls für den freiwilligen Markt, auf dem sich Einzelpersonen oder Organisationen eindecken, um die Folgen ihres Tuns zu «neutralisieren». Auf den obligatorischen Märkten hingegen werden Kompensationen in Emissionsbewilligungen umgewandelt. Das heisst: Aus hypothetischen, möglicherweise überbewerteten, allenfalls gar nicht stattfindenden Einsparungen werden reale Emissionen. CDMs und JIs würden, funktionierten sie nach der Theorie, den weltweiten Treibhausgasausstoss weder vermehren noch mindern - sie wären eben klimaneutral. Jedes CDM- oder JI-Projekt, das überbewertet oder nicht additionell ist, bedeutet: mehr CO2.
«Clean» heisst bestenfalls neutral
Denn: Neutralisiert wird die Klimabilanz natürlich auf beiden Seiten des Handels. Das geht oft vergessen, auch weil wir die Dinge sprachlich verschleiern. Kompensieren wir die Emissionen unseres Ferienflugs, so nennen wir diesen «klimaneutral». Das Projekt, das die Kompensation liefert, heisst aber «Klimaschutz» oder darf sich mit dem Label Clean Development (saubere Entwicklung) schützen. Das ist Augenwischerei: Ein «Klimaschutzprojekt» wird in dem Moment, da es Zertifikate verkauft, zum Bestandteil eines klimaneutralen Geschäfts. Im besten Fall.
Im schlechtesten Fall schädigt es das Klima noch zusätzlich und hat negative soziale und ökologische Auswirkungen. Umweltorganisationen, unter ihnen der WWF, haben deshalb ein Label namens Goldstandard für ökologisch und sozial verträgliche CDMs geschaffen. Dass es für einen Mechanismus, der das Attribut «sauber» im Namen trägt, ein Label für wirklich saubere Projekte braucht, zeigt, dass der Mechanismus nicht viel wert ist. Verantwortungsbewusste Händler bieten nur Kompensationen aus Projekten an, die mindestens dem Goldstandard genügen. Das kostet: Bei MyClimate beläuft sich die Kompensation einer Tonne CO2 auf 36 Franken; der Weltmarktpreis für CDMs liegt etwa bei 8 Franken (eine Tonne CO2 entsteht bei einer Fahrt über 4000 Kilometer mit einem Auto, das acht Liter Benzin pro 100 Kilometer verbraucht).
Perverse Anreize
Doch Goldstandard- und andere sinnvolle Projekte leben in einer kleinen Marktnische. Von den bislang anerkannten CDMs gehören nur je zwei Prozent in die Bereiche Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Rund ein Viertel sind Biomasseprojekte (zu deren Risiken siehe WOZ Nr. 46/06). Fast der ganze Rest sind Projekte, die Treibhausgase auffangen und (im Fall von CO2) endlagern oder (im Fall aggressiverer Gase wie Methan oder HFC23) in harmlosere Stoffe umwandeln. An ihnen lässt sich die gewichtigste Kritik an den Kompensationen darlegen: Sie schaffen perverse Anreize.
HFC23 ist ein Gas, das 11 700-mal stärker zum Treibhauseffekt beiträgt als CO2. Es entsteht als Abfallprodukt der Kühlindustrie. Vor allem in China liessen es Fabriken bislang in die Umwelt entweichen. Dank CDM-Projekten werden sie vernichtet statt ausgestossen, was wenig kostet und viel bringt. Eine gute Sache? Ja, wenn sie vorgeschrieben wäre. Im Rahmen eines CDM-Projekts bringt sie keine Treibhausgasreduktion, weil für jede vernichtete Tonne HFC23 ein CDM-Käufer 11 700 Tonnen CO2 zusätzlich ausstossen darf. Und statt dass der Verschmutzer für die Beseitigung seines Drecks zahlt, verdient er, und zwar nicht schlecht: Eine im Februar in «Nature» publizierte Studie kommt zum Schluss, dass HFC23-Zertifikate auf dem Markt fünfzigfach überzahlt seien. Davon nimmt in China der Fiskus 65 Prozent an sich, die in einen «Fonds für nachhaltige Entwicklung» - in Wirklichkeit ein Infrastrukturfonds - fliessen. China wird sich hüten, HFC23-Vorschriften zu erlassen.
Bildlich ausgedrückt: Eine Hummer-Fahrerin kann mehr «für die Umwelt tun», wenn sie einmal mit der Bahn statt mit dem Auto in die Ferien fährt, als ein Toyota-Prius-Fahrer. Lässt sich dieses «für die Umwelt» für gutes Geld verkaufen, ist die Offroader-Fahrerin wenig motiviert, ihr Auto gegen einen Kleinwagen einzutauschen, während der regelmässige Bahnfahrer sowieso leer ausgeht.
Falsche Anreize schaffen nicht nur die genannten HFC23-Projekte, sondern tendenziell alle «Klimaschutz»-Projekte, die Zertifikate für den CO2-Handel generieren. Das gilt selbst für Goldstandardprojekte, wie WWF-Klimaexperte Patrick Hofstetter bestätigt - allerdings seien diese Anreize bei sinnvollen Projekten so gering, dass der positive Anreiz, überhaupt in klimaschonende Technologie zu investieren, überwiege.
Was also tun? Sich das Klimaticket doch sparen? Das wäre zu billig. Sofern ein Zertifikat von einem seriösen Anbieter stammt, ist fliegen mit Zertifikat besser als fliegen ohne. Aber wirklich gut ist nur, gar nicht zu fliegen. Und «klimaneutral» sollte man seinen Flug in keinem Fall nennen.
Arosa: Pulver leicht
Anbieter von CO2-Kompensationen auf dem freiwilligen Markt müssen sich nicht einmal an die laschen Regeln des Kioto-Protokolls halten, andererseits sind einige Händler auch strenger. MyClimate beispielsweise unterwirft laut Geschäftsführer René Estermann all seine Projekte den offiziellen Regeln der CDM-Zertifizierung und strebt den Goldstandard an. Die effektive Zertifizierung durch die Uno ist für Kleinprojekte allerdings zu teuer. Hier ist der Kunde darauf angewiesen, MyClimate zu vertrauen, wie Estermann bestätigt.
Neben seriösen Anbieterinnen tummeln sich viele unseriöse auf dem Markt. Die Universität Tufts hat dreizehn Anbieter unter die Lupe genommen. Vier betrachtet sie als seriös (Atmosfair, Climate Friendly, MyClimate, NativeEnergy), sechs werden mit Vorbehalt empfohlen, drei gar nicht. Die Unterschiede sind beträchtlich. Selbst bei den vier besten: Atmosfair berechnet für einen Transatlantikflug 66 Prozent mehr CO2 als MyClimate.
Arosa, das «klimaneutrale» Winterferien anbietet, kauft über den deutschen ClimatePartner Zertifikate einer Gülle-Biogasanlage in Deutschland. Matthias Seiche, Klimaexperte beim deutschen Umweltverband Bund, sagt, ClimatePartner mache ihm einen wenig transparenten Eindruck, die angebotenen Projekte würde er unterschiedlich bewerten. ClimatePartner beruft sich auf die Tüv Süd, die die Biogasanlage gemäss Uno-Standards geprüft habe. Arosa schenkt die Kompensationen den Gästen, die das wollen - von der Idee, dass der Verursacher zahlt, bleibt da nicht mehr viel. Obschon gratis, haben bisher nur neun Prozent der Gäste «klimaneutral» gebucht.
Serie Emissionshandel
Im Zusammenhang mit der Klimaerwärmung hat sich in den letzten Jahren ein Handel mit Treibhausgasemissionen entwickelt. Er umfasst verschiedene, sich teilweise überlappende Märkte:
• Auf dem freiwilligen Markt kaufen Personen oder Organisationen Kompensationen, um die schädliche Klimawirkung ihres Tuns zu «neutralisieren».
• Teilnehmende auf den obligatorischen Märkten benötigen Emissionsrechte, um Treibhausgase ausstossen zu dürfen. Diese werden von der zuständigen Behörde zugeteilt und können gehandelt werden. Einen solchen Markt kennen die EU und das Kioto-Abkommen. Der Bundesrat hat die Absicht geäussert, die Schweiz am EU-Handel zu beteiligen.
• Sowohl der EU-Markt wie auch Kioto erlauben es, Kompensationen in Emissionsrechte umzuwandeln.
Der freiwillige Markt ist nicht reguliert. Das Kioto-Abkommen sieht Regeln und Kontrollen vor; Kompensationen müssen von der Uno zertifiziert sein. Sie heissen Clean Development Mechanism (CDM) in Ländern ohne eigene Reduktionsverpflichtungen oder Joint Implementation (JI) in Industrieländern. Der EU-Markt übernimmt die Kioto-Regeln, lässt aber nicht alle Formen von CDMs respektive JIs zu.
Der erste Teil unserer Serie (WOZ Nr. 13/07) widmete sich dem Handel mit Emissionsrechten; hier geht es um die «Kompensationen». Teil drei (WOZ Nr. 15/07) wirft einen Blick auf die Geschichte der Handelsidee und fragt nach Alternativen.