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Da ich einige Jahre in Indien gelebt habe und das Land auch in den letzten Jahren immer wieder besuchte, habe ich viele Freunde dort und ich bin interessiert daran, was im Moment dort passiert. In den letzten Wochen sah ich immer wieder Bilder von meist jüngeren Männern, die ihre Arbeit verloren haben und sich nun, zusammen mit ihren Frauen und Kindern, auf den Weg zurück in ihre Heimatdörfer machten. Auf dem Kopf, am Rücken oder in der Hand tragen diese Arbeitsmigranten, wie sie oft bezeichnet werden, das wenige, was sie besitzen. Oft sind es wohl nur ein paar Kleider zum Wechseln, ein Laken, um sich zuzudecken oder eine Pfanne, um den täglichen Reis zu kochen. Mehr hat in den kleinen Taschen und Rucksäcken nicht Platz. Diejenigen unter ihnen, die auf dem Bau gearbeitet hatten, schliefen normalerweise in behelfsmässigen Zelten aus Plastikplanen, welche neben den Neubauten errichtet wurden. Da nun nicht mehr auf dem Bau gearbeitet wird, gibt es diese Zelte auch nicht mehr.
Mein Besitz
Als Jugendliche träumte ich manchmal davon, möglichst wenig zu besitzen, ja, ich konnte mir sogar vorstellen, in einem Zelt im Wald zu leben. Natürlich tat ich nichts dergleichen, ich machte eine Lehre, verdiente Geld und suchte mir meine erste Wohnung. Obwohl ich dann die meiste Zeit meines Lebens in Wohngemeinschaften mit einer oder mehreren Mitbewohnern lebte, nahmen meine Besitztümer zu, vor allem da ich eine Tendenz zum Sammeln habe. Ich besitze viele Bücher und unter anderem eine Sammlung von über hundert kleinen und kleinsten Elefanten, und ich muss sagen, ich hänge an diesen Sachen. Ich habe auch mehr als genug Kleider, esse dreimal am Tag und habe eine warmes und trockenes Zuhause. Wenn ich umziehen wollte, bräuchte ich heute wohl mindestens einen kleinen Lastwagen.
Obwohl ich sicher nicht zu den reichen Schweizern gehöre, könnte der Kontrast zwischen mir und dem, was ich habe, und den Menschen, die im Moment auf Indiens Strassen unterwegs sind, nicht grösser sein. Wieso bin ich in der Schweiz geboren und sie in Indien? Sie haben es sich genau so wenig ausgelesen, wie ich mir meine Geburt als Schweizerin. Ich kann 'nichts dafür', denke aber, dass ich eine gewisse Verantwortung bekommen habe als jemand, der eben trotz allem zu 'den Reichen' zählt.
Was brauchen wir nun wirklich...
Dieser riesige Unterschied, diese Diskrepanz zwischen den indischen Arbeitsmigranten und mir als Schweizerin hat mich wieder einmal herausgefordert, darüber nachzudenken, was ich denn wirklich brauche.
In jeder Schweizer Stadt fallen mir immer wieder die Billig-Modeläden auf, die Kleider und T-Shirts für ein paar Franken verkaufen. Die Versuchung, da 'zuzuschlagen', noch ein Kleid, noch ein paar Hosen zu besitzen, kann gross sein. Wenn ich mir aber überlege, dass die Menschen, welche diese Kleider angefertigt haben, zu den oben erwähnten Menschen gehören und selber so wenig verdienen, dass sie kaum genug zu essen haben für sich und ihre Kinder, ist die Versuchung, so etwas zu unterstützen, schnell weg und mir wird wieder klar, dass ich eigentlich bereits mehr als genug Kleider, Hosen und T-Shirts in meinem Schrank habe und ich nun wirklich nicht noch mehr brauche.
Gerade in den Anfangstagen des Covid-19-Lockdowns, als viele in die Läden stürmten und Hamsterkäufe von Lebensmitteln tätigten, zeigte sich wohl, dass vielen Leuten nicht mehr bewusst ist, was und wie viel sie wirklich brauchen. Ich möchte darum gar nicht wissen, wie viele von den gehamsterten Lebensmitteln am Schluss im Abfall gelandet sind. Auch beim Essen stellt sich die Frage: Was und wie viel brauche ich? In vielen Ländern dieser Welt gibt es jeden Tag Reis, dazu oft dieselbe Sauce, in Indien zum Beispiel eine aus Linsen, Tomaten und Gewürzen. Wenn mehr Geld da ist, gibt es noch einen Gemüseeintopf dazu. Es macht satt, mehr braucht es nicht. Dem gegenüber steht die Fülle an Lebensmitteln, die ich in jedem Supermarkt kaufen kann. Wie viel davon brauche ich wirklich? Im 1. Timotheus Kapitel 6, Vers 8 heisst es, dass es genügt, wenn wir Kleidung und Nahrung haben, und davon habe ich im Überfluss.
In der Schweiz lebt in mehr als einem Drittel aller Haushalte nur eine Person. Könnte es auch anders gehen? Brauche ich als Single drei Zimmer, als Ehepaar ein ganzes Haus, oder könnte ich in einer Wohngemeinschaft leben und damit Geld sparen und Dinge wie Drucker oder Waschmaschine mit meinen Mitbewohnern teilen und mit ihnen gemeinsam unterwegs sein?
... als Christ?
Wo würde sich Jesus wohler fühlen, mit wem würde er sich identifizieren? Vielleicht doch eher mit den Arbeitsmigranten als jemand, der selber in seinem Leben oft auf den Landstrassen unterwegs war und von dem es heisst, dass er keinen Ort hatte, wo er sein Haupt hinlegen und ausruhen konnte (Matthäus, Kapitel 8, Vers 20). Jesus lehrte seine Jünger, für das tägliche Brot zu bitten, für das, was wir heute nötig haben, nicht für die nächsten Monate, und warnte sie, sich nicht Schätze auf Erden anzuhäufen, um nicht ihre Herz daran zu hängen, sondern sich vielmehr Schätze im Himmel zu sammeln (Matthäus Kapitel 6, Vers 11 und Verse 19-21). Kann ich mich von den Schätzen hier trennen? Wie gesagt, es gibt so einiges, an dem ich hänge, aber ich will auch immer wieder bereit sein, weiter zu geben und das, was ich habe, mit anderen zu teilen.
Wenn ich mich frage, was ich wirklich brauche, folgt automatisch die Frage: Auf was bin ich bereit zu verzichten? Bin ich bereit, nicht alles zu wollen, zu kaufen und meinen Besitz einzuschränken, das wegzugeben, was ich nicht brauche und auch das Geld, das ich nicht für unnötigen Besitz ausgebe, an jemanden weiter zu geben, der es wirklich und viel dringender braucht als ich? An wem richte ich mich aus? An denen, die mehr, oft viel mehr, haben als ich oder an denen, die viel weniger haben?
Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb. Das kann ich aber nur werden, wenn ich mir überlege, was ich eigentlich brauche, wo und wann ich genug habe und wo ich verzichten kann. Weggeben und verzichten können, nicht müssen, macht dankbar für das, was ich habe.