Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03370.jsonl.gz/1485

Ein Strahlen lag auf den Gesichtern der beiden Frauen. Es umgab sie wie eine Corona, lag auf den Falten ihrer modernen Röcke und schien auf ihre Hochsteckfrisuren, die auch für eine Hochzeit passend gewesen wären. Andrea hatte die Haustür einen halben Meter weit geöffnet und zog sie nun ganz auf. Sie blickte von einer zur anderen, wartete ab, was nach der - von ihrer Seite eher wortkargen Begrüssung - passieren würde.
"So ein schöner Tag heute. Und dann noch Wochenende. Sie sind sicher sehr beschäftigt", flötete die blonde Dame und lächelte noch breiter. Als ob sie bekifft wäre, dachte Andrea und kratzte sich an der Schulter, um sich ihr Grinsen zu verkneifen. Als von Andrea nichts kam, trat die Blondine - keine echte, wie Andrea am Haaransatz feststellte - einen Schritt vor. "Wir machen eine Umfrage. Es geht um die Bibel." Dauer-Lächeln.
Uff. Andrea rollte innerlich mit den Augen. Solche waren das. Bibelfrauen, Bekehrerinnen, Gottesschwätzerinnen. Die Röcke passten ja fabelhaft. "Da sage ich besser nichts dazu", knurrte sie. "Ich bin Atheistin, mit der Kirche habe ich schon lange nichts mehr am Hut."
Das Lächeln der Blonden blieb, bei der Dunkelhaarigen meinte Andrea, ein kurzes Erlahmen der Gesichtsmuskeln zu beobachten. "Wir stellen immer wieder fest, dass die Bibel für die Kirche gehalten wird; aber eigentlich sind das ja zwei unterschiedliche Dinge", verkündete die Blondierte. "Darüber wollen wir gerne mit Ihnen reden."
Andrea wollte das auf keinen Fall. Sie beugte sich vor. "Von welcher Organisation sind Sie eigentlich?" Die Antwort kam schneller als gedacht. "Von den Zeugen Jehovas." Das Lächeln der Damen schien nun fast schon irr zu wirken. Andrea riss die Augen auf. "Okay, Ladies, das wars. Sekten gehen gar nicht, das sind die Schlimmsten von allen", sagte sie und verschränkte die Arme.
Die Dunkelhaarige schaute etwas bedröppelt drein, das Lächeln der Blonden erstarb auch jetzt nicht. "Das verstehen wir. Jeder hat eine andere Meinung", bekundete sie, machte aber keine Anstalten, sich von der Haustür zu entfernen.
"Dann wünsche ich viel Erfolg und ein schönes Wochenende", sagte Andrea so freundlich wie möglich und schob die Türe ein wenig zu. "Dir auch", hörte sie noch durch den Spalt, dann stöckelten die beiden Frauen auf ihren hohen Absätzen davon und liessen ihre Röcke schwingen. Andrea sah ihnen nach und dann auf die Uhr. Jetzt kamen die schon vor zehn Uhr. Am Samstag. Wenigstens hatten sie ihr kein Gratis-Exemplar der Bibel dagelassen, so wie die letzten. Vielleicht sollte sie einen Aufkleber am Klingelschild anbringen. "Keine Sekten, keine Bibelumfragen". Sie schloss die Tür und drehte innen den Schlüssel zwei Mal um. Sicher war sicher.