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Im Zentrum von Maria Lassnigs Kunst steht, wie aus ihren Tagebuchaufzeichnungen hervorgeht, der bildkünstlerische Umgang mit ihren Gefühlen, «die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen». Diese psychischen Eindrücke manifestieren sich nicht – wie in der Tiefenpsychologie – in gegenständlichen Bildern, sondern in physiologischen Empfindungen: als «Druckgefühl beim Sitzen und Liegen» oder auch als «Spannungs- und räumliche Ausdehnungsgefühle».
Diese elementaren körperlichen Erfahrungen bezeichnet Lassnig als «das einzig wirklich Reale». Ihre «Fingerempfindung» verlagert die Künstlerin beim Malen auf die «Pinselspitze», insofern sind ihre Gemälde und Zeichnungen Seismogramme körperlich erfahrener Gefühlseindrücke. Wenn ihre Bilder zum Teil erkennbare Gegenstände wiedergeben, sind diese entsprechend keine Abbilder der äusseren Wirklichkeit, sondern Ausschläge positiver und negativer, lustvoller oder schmerzhafter Körperempfindungen. Ulrich Loock charakterisierte Lassnigs Kunst deshalb 1997 zu Recht als «ein Malen mit geschlossenen Augen».
Im «Elektrischen Selbstporträt II» von 1993 wird Lassnigs körperliche Wahrnehmung der Welt modellhaft deutlich. Das Bild setzt sich aus einem völlig abstrakten oberen und einem gegenständlich interpretierbaren unteren Teil zusammen. Dieser besteht aus einem Sockel, der an Kurt Seligmanns «Ultrameuble» aus Frauenbeinen (1937/38) erinnert. Die qualvoll gespreizten schlanken Frauenbeine erwecken bei Lassnig den Eindruck von Gewaltanwendung und Folter. Eine horizontale Halterung schliesst den Torso oben ab. An diesem Gürtel sind vier gebogene
Stäbe montiert, die die klaffende Scham umklammern. Diese Konstruktion ist ihrerseits mit einem System von zwei Blitzableitern verbunden, die nach unten führen und andrerseits den abwesenden Körperkonturen entlang in die Höhe steigen.
Der obere Teil des Körpers ist als horizontal ausgefranste Lichterscheinung nur noch in ektoplastischem Zustand zugegen. Lassnig definiert sich in ihrem «Elektrischen Selbstbildnis» über physische Eindrücke, die Qual und Schmerz einem Zustand von Verströmen gegenüberstellen. Ihr Bild ist, bedenkt man, dass das «Ausdehnungsgefühl» nur über die Preisgabe des physischen Körpers erreichbar ist, ebenso beklemmend wie Lucinda Devlins Serie der leeren «Electric Chairs». MF