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Anna Achermann begann ihre Karriere als Aushilfsverkäuferin in einem Second-Hand-Laden. Nach herausfordernden Jahren in der Gastronomie kam sie als Quereinsteigerin zu einer Grossbank, wo sie sich bis zur Direktorin hocharbeitete. Vor zwei Jahren gab die 45-jährige gebürtige Polin ihre gut dotierte Stelle auf, um einen eigenen Second-Hand-Laden in der Nähe des Zürcher Paradeplatzes zu eröffnen.
Interview:
Mathias Morgenthaler
Frau Achermann, Sie haben in Polen Germanistik studiert, dort Ihren Mann kennengelernt und sind dann zu ihm in die Schweiz gezogen. Wie schwierig war es, im Schweizer Arbeitsmarkt Fuss zu fassen?
ANNA ACHERMANN: Ich erinnere mich noch gut, als ich 1989 das erste Mal die Schweiz besuchte. Es war für mich sehr verwirrend zu sehen, wie viele Nahrungsmittel da in den Regalen standen und was die Menschen alles kaufen konnten. Bei uns in Polen waren alle Regale leer. Der durchschnittliche Monatslohn lag bei 10 Dollar. Ich hatte zwei Jahre zuvor von meiner Grossmutter 100 Dollar geerbt und hielt das für ein Vermögen. Und dann nahm mich mein damaliger Freund, ein ETH-Student, mit in die Berge und ich dachte: Das ist zum Sterben schön. Zwei Jahre später zog ich zu ihm nach Zürich. Wir heirateten, lebten in einer WG und ich schrieb meine Diplomarbeit über Max Frischs «Homo Faber».
Sie hatten in Polen als Dolmetscherin gearbeitet. Wie fanden Sie Arbeit in der Schweiz?
Für Übersetzungen ins Polnische gab es damals in der Schweiz keinen Markt. Ich ging zur Studenten-Stellenvermittlung und fand über ein Inserat Arbeit in einem Second-Hand-Kleiderladen. Die Arbeit dort war eine harte Lebensschule, aber ein wertvoller Schritt der Integration für mich. Dann wechselte ich in die Gastronomie – und schaute die Gäste zunächst verständnislos an, wenn sie ein Rivella blau bestellten. Ich arbeitete mich hoch zur stellvertretenden Betriebsleiterin in einem ersten Restaurant, wechselte ins Hotel Widder, wo ich in der damals angesagtesten Bar der Stadt viel über Whiskey und Wein, aber auch über den Umgang mit anspruchsvollen Menschen lernte.
Das klingt, als hätten Sie sich problemlos eingelebt.
Leider nicht. Mein Mann und ich trennten uns nach sechs Jahren Ehe. Wir waren beide zu jung und naiv gewesen und hatten vergeblich gegen die Mentalitätsunterschiede angekämpft. Beruflich erhielt ich immer wieder neue Chancen, schliesslich als Chef de Bar im «Rive Gauche», der Bar im noblen Hotel Baur au Lac in Zürich. Ich führte ein kleines Team und war stolz darauf, aber wenn du jeden Tag bis weit nach Mitternacht arbeiten musst, ist das ungesund. So kündigte ich schliesslich aus gesundheitlichen Gründen.
Und da mussten Sie wieder bei Null beginnen?
Nein, die vielen Kontakte zu Geschäftsleuten kamen mir zugute. Einer der Bar-Gäste, ein Personalberater, hörte, dass ich gekündigt hatte, und fragte mich, ob ich nicht bei einer Grossbank arbeiten möchte. Diese baute um die Jahrtausendwende gerade das Privatkundengeschäft in Russland stark aus – so dass ich dank meiner Russischkenntnisse ohne Berufserfahrung als Assistentin bei der Bank einsteigen konnte.
Ist dadurch Ruhe eingekehrt in Ihrem Leben?
Nein, es war eine sehr hektische Zeit – in der Bankenwelt, aber auch privat. Mein damaliger Lebenspartner erkrankte schwer und musste operiert werden. Nach seiner Genesung kam unser Sohn auf die Welt, dann zerbrach unsere Partnerschaft leider und ich war im Mutterschaftsurlaub ganz auf mich zurückgeworfen. Heute haben wir trotz der Trennung ein freundschaftliches Verhältnis und sind sehr stolz auf unseren 13-jährigen Sohn.
Konnten Sie als alleinerziehende Mutter wieder in die Bank zurückkehren?
Ich bin meinem Chef bis heute dankbar, dass er mir die Möglichkeit gab, gemeinsam mit einer anderen Mutter im Job-Sharing die Arbeit wieder aufzunehmen. Wenn du als Mutter erst einmal ein paar Jahre weg vom Fenster bist, wird es sehr schwierig. Auf den Spielplätzen der Stadt sah ich viele Mütter, die nicht arbeiteten, weil sie keinen Druck hatten oder es sich finanziell nicht gelohnt hätte. Ich musste mich alleine mit wenig Geld durchbeissen, wobei mich meine Arbeitgeberin mit einem vergünstigen Krippenplatz unterstützte. Als mein Sohn älter wurde, konnte ich mein Arbeitspensum allmählich von 50 auf 100 Prozent erhöhen, Kundenverantwortung übernehmen und intern aufsteigen. Es war eine interessante Zeit mit vielfältigen Aufgaben. Zwischen 2008 und 2010 war ich zwei Jahre in Moskau tätig, wo ich sehr viel über die russische Mentalität und den russischen Markt lernte.
2010 kehrten Sie nach Zürich zurück, ein Jahr später wurden Sie zur Direktorin im russischen Privatkundengeschäft ernannt. Warum haben Sie kurz darauf gekündigt und die Bank nach zwölf Jahren verlassen?
Ich litt erneut unter gesundheitlichen Problemen und war daher gezwungen, mich ernsthaft mit der Frage auseinanderzusetzen, wie ich die verbleibenden 20 Jahre bis zur Pensionierung arbeiten wollte. Nach vierzig werden Sinnfragen wichtiger. Der Druck in der Finanzbranche war enorm. Jährlich gab es neue Zielvorgaben, an denen man gemessen wurde – was immer man leistete, es war nie genug. Controlling und Administration nahmen sehr viel Zeit in Anspruch. Die Zahl der Excel-Dokumente, die ich ausfüllen musste, wuchs exponentiell. Aber der Leistungsdruck war nicht der einzige Faktor. Ich sah eines Tages auf einem Immobilienportal ein Ladenlokal in der Nähe des Paradeplatzes, das zur Vermietung ausgeschrieben war. Da hatte ich blitzartig die Idee: Ein eigener Second-Hand-Laden, das wäre wunderbar.
Von der Bankdirektorin zur Second-Hand-Laden-Betreiberin?
Ich hatte auch Respekt vor diesem Kurswechsel und suchte deshalb nach Möglichkeiten, die Vermögensverwaltung auf eigene Rechnung weiterzuführen. Die Stimme der Vernunft riet mir zwar, mich ganz auf eine Sache zu konzentrieren und diese richtig gut zu machen. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto mehr fand ich Gefallen an der Kombination. Erstens weil Diversifikation immer gut ist, zweitens und vor allem, weil es nichts Schöneres gibt als verschiedene Talente zu leben und beide Hirnhälften zu brauchen. Wenn man immer am Computer sitzt, hat man irgendwann den Tunnelblick und verliert die mentale Frische. Wenn man zwischen zwei Welten pendelt, bereichern sich diese gegenseitig und man arbeitet sehr effizient. Diese doppelte Selbständigkeit, die ich seit zwei Jahren praktiziere, ist das Beste, was mir passieren konnte.
Wie funktioniert das genau? Der Aufbau einer Boutique ist normalerweise mehr als ein 100-Prozent-Job.
Das stimmt, mein Laden hat von 11 bis 19 Uhr offen und ich verkaufe darin Ware in der Preisspanne zwischen 15 und 2000 Franken. Das bedeutet viel Arbeit, aber ich kann auf die Unterstützung von Freundinnen zählen. Der direkte Kundenkontakt gibt mir täglich neue Energie. Im Bereich der Vermögensverwaltung arbeite ich mit der Gesellschaft Aquila zusammen, die mir einen professionellen Background bietet, mir aber alle Freiheiten lässt bei der Einteilung meiner Arbeit. Ich kann diese Arbeit am Morgen im Büro, an den Wochenenden oder auch mal auf dem Laptop zwischendurch verrichten.
Bedeutet das nicht noch mehr Stress als im Angestelltenverhältnis?
Ich arbeite zwar viel, aber ich kann es mir selber einteilen und niemand schreibt mir vor, was ich wie zu tun habe. Das ist ein unbezahlbarer Luxus. Ich kenne so viele Frauen – und auch Männer – zwischen 45 und 50, die sich in ihrer Festanstellung gefangen fühlen, weil sie zwar merken, dass der Job sie auslaugt, aber nicht den Mut aufbringen, etwas zu verändern. Also verharren sie im Job und hoffen, die nächste Restrukturierungswelle gehe an ihnen vorbei und es übernehme kein Jüngerer ihre Arbeit. Das ist ein sehr lähmender Zustand. Ich hingegen fühle mich frei und entdecke eine Kreativität, von der ich noch vor zwei Jahren gar nichts gewusst habe. Ich sinke zwar jeden Abend todmüde ins Bett, aber es ist eine sehr gesunde Müdigkeit. Früher war ich eine Bankdirektorin, heute bin ich nur noch Anna – eine Bankerin ohne Bank und eine Kleiderverkäuferin. Nie bin ich mit mehr Lebensfreude und Elan ans Werk gegangen als heute.
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