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Wien den 15 Januar 18721
Hochgeehrter Herr!
Im Besitze Ihres gef. Schreibens vom 10 dM. muß ich vor allem mir erlauben – auf jenen Brief hinzudeuten, welchen ich nach Empfang Ihrer zweiten Depesche an Sie zu richten mir die Freiheit nahm.
Aus dessen Inhalt geht hervor, daß ich bisher nicht der Ansicht war als ob Sie – hochgeehrter Herr – mit Informationen über meine Persönlichkeit sich bereits genügend versehen erachteten – als ob die informativen Verhandlungen über meine eventuelle Betheiligung am GotthardtUnternehmen bereits ein genügendes Resultat zur Beurtheilung hätten geben können.
Diese meine Ansicht weicht von Ihrer Auffassung ab – wie ich Ihrem gef. Schreiben entnehme –; sie findet aber ihre theilweise Begründung darin, daß ich eben glaubte – es gehöre zur Vervollständigung dieser informativen Verhandlungen eine Verständigung nicht nur über die entsprechende Befähigung zur Übernahme der Stelle eines OberIngenieurs der Gotthardtbahn, sondern auch über die Anforderungen2 – welche eine für befähigt erachtete | Persönlichkeit an den Wirkungskreis im Geschäfte und dessen Hierarchie zu stellen für nothwendig erachtet3. –
Ich erkenne aus Ihrem gef. Schreiben, daß Sie diese Informationen einem spätern Stadium – jenem Stadium vorbehalten, in welchem zur Verhandlung mit der in nähern Betracht fallenden Persönlichkeiten soll geschritten werden – daß ich also meine durch Hr. Peyer an Sie gelangten Äußerungen über einige aus den bisher getroffenen organisatorischen Anordnungen mir erwachsene Bedenken hätte bis zu jenem Zeitpunkte verschieben können, in welchem diese Verhandlungen auch mit mir eingeleitet werden, falls sich dazu sollte Veranlassung finden.
Nachdem ich nun in einer Ihr beabsichtigtes Vorgehen überholenden Weise mich über zwei Punkte ausgelassen habe, und Sie von mir eine Erläuterung der Ihnen bekanntgegebenen Bemerkungen verlangen, so komme ich Ihrem Verlangen mit jener Offenheit nach, die ich mir in allen meinen Handlungen vorgesetzt habe.
Ich habe mich zwar – wenn ich mich der an Hr. Peyer gerichteten Worte noch entsinne 4 – über das erste Thema schon ziemlich deutlich ausgesprochen – will aber noch genauer mich auszudrücken versuchen, und dabei auch Ihre schon erhaltenen Entgegnungen auf meine Bemerkungen in jenem hohen Grade würdigen, welche jede Ihrer Emanationen beansprucht. 5 |
Ich wiederhole, daß ich in jener Stellung, welche dem OberIngenieur der Gotthdtbahn formell und faktisch durch § 52 der Gesellschft. Statuten zuerkannt werden wollte – nur eine entschiedene und peinliche Zurücksetzung hinter jene Grenzen zu erkennen vermag, die einem Manne einzuhalten kommt, der ein Gotthardtgeschäft richtig zu leiten vermag. Diesen Mann rangirt man nicht mit dem Chef des Rechnungsrevisionsbüreaus – ordnet ihn nicht in den Beamtenstatus des Baudepartements ein. Man hätte ihn füglich an dessen Spitze stellen dürfen. 6 Jener Techniker – dem die Empfindung für das abgeht – was aus dem § 52 d. St. sich herausfühlen läßt – der kann wissenschaftliche und allgemeine empirische Befähigungen zur Übernahme einer richtig klassirten Stelle bei Ausführung des Gotthardtgeschäftes besitzen – ihm muß aber ein berechtigtes Standesgefühl 7 – oder wenigstens ein ehrliches Bekennen zu demselben und damit jene Willenskraft bestritten werden 8, die bei einer so großen Aufgabe und so stürmischen Ereignissen – wie sie ein derartiger Bau mit sich führt – den festesten Halt und ungetrübten Blick gewähren. Die Stelle, wie sie gemeint ist eröffnet ihrem Inhaber einen beschränktern Wirkungskreis als er mir bei der Brennerbahn gewährt war, wo ich als Gesellschaftsbeamter lokale Administration und lokales Kassenwesen – theilweise die Grundeinlösung und die ganze 9 | Bauausführung in allen Theilen leitete, und [faktisch?] je weilen nur Einer Person unterstellt war.
Auf die Motion10 einzugehen, welche die 11 Redaktion des § 52 können verursacht haben – dessen enthalte ich mich hier – wo es sich nur darum handelt – konkrete Umstände zu besprechen. Ich habe mich ohnedieß in dem an Hr. Peyer gerichteten Schreiben bereits etwas ausgesprochen, und finde vielleicht noch Veranlassung vor Allem im Interesse des schweiz. Ingenieurkorps darauf zurückzukommen. 12
Ich theile nun vollständig Ihre erste Ansicht – daß eine Änderung der kaum ratifizirten Statuten nicht möglich ist – nicht aber Ihre zweite Ansicht – daß mir deren betreffende Bestimmungen in einem zu schwarzen Lichte erscheinen. Ich lese in diese Bestimmungen gewiß Nichts hinein, ich lese nur heraus –; wenn man – wie ich es gethan – sich durch 15 Jahre in so verschieden gestalteten Verhältnissen im Auslande herumgeschlagen hat – so lernt man aber die Bedeutung gesetzlich feststehender Bestimmungen auf soziale Verhältnisse ganz absonderlich würdigen.
Sie stellen nun allerdings Ihre geehrte Persönlichkeit vor diesen § 52 – eröffnen die Aussicht auf eine so wohlwollende Interpretation desselben, 13 und eine so gütige Pflege der gegenseitigen Relationen, daß eigentlich hievor jedes Bedenken schwinden müßte. |
Allein ich vermag objektive Verhältnisse nun niemals nur subjektiv zu recht legen – besonders wenn es sich darum handelt für ein volles Dezennium vorzusorgen. Ich bin leider durch die schwer wiegendsten Erfahrungen verschiedener Art genöthigt worden jede derartige subjektive Transaktion gewissermaßen als ein Spiel zu betrachten, das von äußern Zufällen abhängig ist – und durch äußere Zufälle kann verloren gehen.
Ich habe hinreichende Erlebnisse, welche meinen Grundsatz mir rechtfertigen, daß in so wichtigen Dingen selbst richtig und allseitig entsprechend geordnete Verhältnisse den handelnden Persönlichkeiten noch Schwierigkeiten genug darbieten – daß mißliche Verhältnisse aber nachhinein sich doppelt schwer regeln lassen.
Nach diesen Auffassungen müßte ich14 daher jedenfalls das Ansuchen stellen, daß durch eine klare Dienstinstruktion und einen bündigen Dienstvertrag mir – wenn ich sonst als OberIngenieur der Gotthdtbahn zu funktioniren sollte berufen werden – jener Wirkungskreis eröffnet und überlassen werde – welcher meiner Ansicht nach dem OberIngenieur gebührt 15 – sonst würde ich mich nicht für befähigt erachten – jene Stelle einnehmen | zu können. Und ich bin überzeugt daß insbesondere alle Fachgenossen – welche unbefangen urtheilen – mir in meiner Ansicht Recht geben müßten.
Das Gotthardtgeschäft ist eine so eigenes – fordert eine so aktive Hand – daß der OberIgr der mit Leib & Seele dabei ist – nicht durch Beschränkg auf eine fast conciliatorische Stelle 16 immer & immer gebunden sein darf – sonst reibt er sich einfach auf. Ich habe den Bau einer Alpenbahn mit ihren Schwierigkeiten hinter mir – habe in ähnlichen Aufgaben sonst noch genügend gearbeitet – ich bin also vollständig in der Lage aus Erfahrungen beurtheilen zu können – was mir absolut nothwendig ist – wenn ich noch einmal in ein solches Geschäft treten soll. Und was mir – ist jedem Andern nothwendig – wie viele haben aber diese Überzeugung sich verschaffen können?. Und wenn ich daher erklären muß – daß ich ohne einen solchen thatsächlich – wenn auch nicht formell die Bestimmungen der Statuten rektifizirenden Dienstvertrag die Stelle eines OberIngenieurs der Gotthardtbahn nicht übernehmen könnte 17 – so werden Sie – hochgeehrter Herr – mir wenigstens zugestehen müssen, daß für meine Auffassung Etwas spricht – daß es eben aus Erfahrung geschöpftes Urtheil und keine Fiktion ist – das mich zu so entschiedenem Ausspruch, zur | eventuellen Verzichtleistung auf eine Stelle bewegt, die ihrer allg. Natur nach weiten Kreise begehrenswerth erscheint.
Selbstverständlich lasse ich mich hier auf keine Details ein – welche meiner Ansicht nach eine Dienstinstruktion zu enthalten hätte. 18 Dazu würde es an der Zeit sein, wenn und sobald Sie nach Schluß der generellen Informationen zu Verhandlungen überzugehen geneigte sein sollten.
In Beziehung auf den 2ten Punkt, den ich in meinem Briefe an Herrn Peyer berührte – die beschlossene Trennung der Administration in eine Zürcher und eine Luzerner Abtheilung bin ich offenbar mißverstanden worden. – Ich bin nur aus dem einen Umstand veranlaßt worden, diese Trennung als ein bedenkliches Moment für den OberIngenieur hervorzuheben – weil die – wie Sie selbst zugestehen – thatsächlich vorhandenen Rivalisirungen auf dessen Stellung nicht ohne Einfluß bleiben können, und deßhalb gerade auch die Nothwendigkeit hervortreten lassen, daß diese Stellung eine kräftige und möglichst freie sei. 19 Der Mann liegt sonst ganz zwischen Hammer und Ambos und wird immer in Anspruch genommen. Dem muß er sich einigermaßen entziehen können, denn er hat keine Zeit – und keine überschüssige Kraft – um sich nur leidend zu verhalten. 20 Unter diesen Voraussetzungen flößt mir die Trennung | keine Bedenken ein – persönlich zöge ich wenigstens Zürich als Wohnsitz aus verschiedenen Ursachen Luzern vor: bei einem Geschäfte wie der Gotthardt bahnbau – bedarf man auch der geistigen Erfrischung – der Berührung mit wissenschaftlichen Elementen – alles das findet sich in Zürich leichter als in Luzern – wie auch alle Elemente, welche bei der Wahl eines Wohnsitzes vom Standpunkte eines auf seine Familie Rücksicht nehmenden Mannes maßgebend sind.
Ich glaube mich nun klar & offen ausgesprochen zu haben. Es ist mir – nur das muß ich noch erwähnen, eine große Beruhigung 21 daß ich aus Ihrem gef. Schreiben die Überzeugung gewinnen konnte, wie ich – ferne von jeder Bevorzugung 22 – welche etwa aus meiner Eigenschaft als Schweizer – als erfahrener Techniker, und als faktischer Erbauer der ersten Alpenbahn hätte abgeleitet werden können – einfach in die lange Reihe der Kandidaten 23 eingestellt bin. Es stimmt das mit meinen Wünschen & meiner persönlichen Lage überein und bietet mir die dankenswerthesten Vortheile 24 für die Zukunft – wie diese sich immer gestalte.
Ich kann nur wünschen, daß irgend ein Entscheid so rasch als möglich falle – um wieder entschieden arbeiten zu können.
Nehmen Sie meine Äußerung als den Ausdruck ehrlicher und wohlerwogener Überzeugung wohlwollend auf & genehmigen Sie den Ausdruck besonderer Hochachtung
Ihr ergebener
A. Thommen.