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Lokalisiert wurde das Indiovolk der Zo’é in einem Rückzugsgebiet zwischen den Flüssen Rio Cuminapanema und dem Rio Erepecuru, im Norden des Bundesstaates Pará. In dieser abgelegenen Region versuchten sie sich jahrelang sowohl von ihren indianischen Nachbarn fernzuhalten – die sie als ihre Feinde betrachten – als auch von den Weissen, die sie anlässlich verschiedener Kontaktversuche von deren Seite kennen lernten. Sie gingen in die Geschichte ein als eines der letzten “intakten“ Eingeborenenvölker Amazoniens.
Zo’é
|Andere Namen: Poturu

Sprache: Zo’é, aus der Tupi-Guarani Familie
Population: 177 (2003)
Region: Norden des Bundesstaates Pará
(Am Fluss Cuminapanema)
|INHALTSVERZEICHNIS

Stammesbezeichnungen und Sprache
Geschichte des Erstkontakts
Lebensart
Wohngebiet und Bevölkerung
Die Indianer des Rio Cuminapanema nennen sich selbst „Zo’é“. Für die Wissenschaftler ist diese Bezeichnung noch ein Provisorium – ein Terminus, der lediglich in Situationen einer Gegenüberstellung benutzt wird, zwischen einem “wir“ und den Weissen (Kirahi) oder den Feinden (Apam, Tapy’yi), den einzigen beiden ethnischen Kategorien, welche die Tupi derzeit verwenden. Ausser diesen Termini benutzen die Zo’é keinerlei ethnische Bezeichnungen, um zum Beispiel benachbarte Eingeborenen-Gruppen zu denominieren. Bei bestimmten Anlässen unterscheiden sie die “Kirahi ete“ – die wahrhaftigen Weissen – und meinen damit die ersten (historischen) Fremden, welche sporadische Kontakte vor vielen Jahrzehnten mit ihnen hatten (Paranuss-Sammler und Jäger der Region) von den Agenten der FUNAI (Indianerschutz-Organisation), mit denen sie jetzt Kontakt haben, und die sie “Kirahi“ oder auch “Kirahi amõ“ nennen (andere Weisse, von ausserhalb).
Die Bezeichnung “Poturu“, anfänglich von den Beamten der FUNAI benutzt, um diese Gruppe der Tupi-Nation zu beschreiben, bezieht sich lediglich auf das Holz, aus dem die Zo’é ihren Lippenschmuck (Embe’po) fertigen – und entsprach der Antwort, die man von diesen Indianern bekam, wenn man nach ihrem Namen fragend auf sie deutete.
Die Zo’é sprechen eine Sprache aus der Familie Tupi-Guarani des Zweigs Tupi. Ihre gesamte Population ist noch monolinguistisch, das heisst, sie sprechen noch ausschliesslich ihre Originalsprache, mit Ausnahme von ein paar jungen Leuten, die ein paar portugiesische Worte von den FUNAI-Beamten gelernt haben.
Die Zo’é gelten als eines der letzten “intakten” Eingeborenenvölker Amazoniens. Ihr Erstkontakt mit protestantischen Missionaren aus den USA und Waldläufern der FUNAI wurde in den Medien ausführlich behandelt, die 1989 die ersten Bilder dieses Tupi-Volkes veröffentlichten – von einem Volk, das bis dato in einer Situation absoluter Isolation gelebt hatten.
Die FUNAI wusste von ihrer Existenz seit Anfang der 70er Jahre, als man anlässlich der geplanten Verbindungsstrasse “Perimetral Norte (BR-210)“ eine Aufstellung über eventuelle isolierte Eingeborenen-Gruppen auf dieser Route erarbeitete. Zu jener Zeit plante man auch den Kontakt mit jener Gruppe am Rio Cupinapanema, aber der Abbruch der Bauarbeiten an der Trasse Perimetral Norte führte auch zur Aufgabe dieses geplanten Kontakts bei der FUNAI. Zu jener Zeit verfügte man bereits über relativ präzise Informationen hinsichtlich des Lebensraums dieser Gruppe.
Im Jahr 1975 stiess eine fliegende Equipe der IDESP (Organ der bundesstaatlichen Regierung von Pará), die für die SUDAM Karten zeichnete und nach Mineralien suchte, auf eine Lichtung, die sie als Landepiste für ihr Flugzeug ideal fanden – als sie sich näherten, entdeckten sie das Indianerdorf, bestehend aus drei grossen Gemeinschaftshütten. Sie überflogen dann die Lichtung und wurden von einem Pfeilhagel der Indianer empfangen. Bevor sie ihre Arbeit beendeten, entdeckte dieselbe IDESP-Equipe aus der Luft noch weitere drei Dörfer – sie gaben dann ihre Entdeckung an die FUNAI weiter, die zwei Waldläufer mit der Kontaktaufnahme zu diesem Volk beauftragte.
Im Jahr 1982 unternahmen evangelische Missionare der Mission “Novas Tribos do Brasil“ erste Kontakte mit demselben Indianerstamm, nachdem sie während eines Überflugs vier Dörfer lokalisiert hatten. Nach Darstellung der Missionare stand dieser “Blitzkontakt“ unter konstantem Druck von Seiten der Indianer und richtete nicht mehr aus als die Übergabe von ein paar Geschenken.
In den darauf folgenden Jahren, zwischen 1982 bis 1985, begnügten sich die Missionare mit dem Überfliegen der Dörfer und dem Abwerfen von Geschenken. Erst 1985 begaben sie sich wieder zu Fuss in dieses Gebiet, um dort eine Basis zu errichten, die sie “Esperança“ nannten, sie lag einige Tage Fussmarsch weg von den Indianerdörfern und ausserhalb des Jagdgebiets ihrer Bewohner. Innerhalb von zwei Jahren beendeten sie dann den bau von einigen Häusern und einer Piste für kleinere Flugzeuge. Während dieser Zeit unternahmen sie sukzessive Expeditionen in Richtung der Dörfer, und es gelangen ihnen einige sporadische Begegnungen mit den Indianern, die, nach berichten der Missionare, sich weiterhin “aufgeregt und scheu“ verhielten.
Der definitive Kontakt mit den Zo’é vollzog sich am 5. November 1987 auf der Basis “Esperança“: eine Gruppe von ihnen zeigte sich auf dem Hügel hinter der Basis, dann kamen weitere Familien hinzu – insgesamt etwa einhundert Eingeborene. Nach Berichten der Missionare war dies ein Moment grosser Spannung. Man kommunizierte mittels Gesten – die Missionare boten Geschenke an und erhielten im Gegenzug Pfeile, deren Spitzen die Indianer abgebrochen hatten. An den darauf folgenden tagen kamen noch weitere Indianer, und die fingen an, einfache Unterstände auf dem Hügel zu errichten, wo sie sich eine Zeitlang einrichteten.
Nachdem die FUNAI von dieser Episode durch die Missionare erfahren hatte, verbot sie ihnen, sich innerhalb der Indianerdörfer zu installieren, also mussten diese in ihrer Basis Esperança auf die Annäherung der Indianer warten – aber die kamen und bauten dort Hütten und legten dort sogar Felder an. Das Ziel der missionarischen Aktivitäten bestand aus drei Etappen: die Indianersprache lernen – deren Alphabetisierung einleiten und, durch die Übersetzung der Bibel, den Zo’é das Wort Gottes vermitteln (glaubt wirklich jemand, dass die Indianer dadurch glücklicher wurden? Die Geschichte beweist an unzähligen Beispielen, wie vernichtend jene Kontakte zwischen eifernden Missionaren und gutgläubigen Eingeborenen tatsächlich waren – leider auch die Geschichte des Zo’é-Stammes, wie man sehen wird).
Nachdem die FUNAI von den weiteren Aktivitäten der Missionare erfahren hatte, führte sie 1989 einige Expeditionen zur Klärung der Situation durch und fand heraus, dass sich diese Indianer durch den Kontakt mit den Missionaren und deren eingeschleppte Viren bereits in einem beklagenswerten Gesundheitszustand befanden. Die Relationen zwischen den Beamten der FUNAI und jener Mission wurden frostig und bekamen dann einen endgültigen Knacks im Oktober 1991, als die staatliche FUNAI die Kontrolle über das gesamte Indianergebiet übernahm und die Mission (zum Wohle der Indianer) schloss – stattdessen wurde der neu entdeckte Stamm ihrem bewährten Assistenz-Programm angeschlossen, das vor allem die natürlichen Lebensgewohnheiten der Indianer respektiert, sie zu keinerlei Änderungen ihrer traditionellen Sitten und Gebräuche zwingt.
So kam es, dass die Zo’é erst in diesem letzten Jahrzehnt ein Zusammenleben mit Weissen erfuhren, das für sie folgende Bedeutung hatte:
Einführung einer Technologie von grosser Wirkung und einer konsequenten Anlockung rund um die innerhalb ihres Territoriums eingerichteten Assistenz-Posten. Allerdings konnte auch dieser Kontakt ein Auftreten von, für die Indianer neuartigen, Krankheiten nicht verhindern, die wiederum eine Konzentration ihrer Stammesmitglieder in der Nähe dieser Assistenz-Posten zwecks medizinischer Betreuung zur Folge hatten. In vielen Aspekten ähnelt die Situation dieses Volkes der Situation der anderen 50 isolierten Gruppen, die gegenwärtig noch im Amazonasgebiet existieren. Allerdings gibt es da ein paar Besonderheiten, die es Wert sind, hervorgehoben zu werden:
Obwohl die Zo’é sich aus eigener Initiative heraus zu einem permanenten Zusammenleben mit den Beamten des Hilfspostens seit nunmehr erst sieben Jahren entschlossen haben, hatten sie bereits gelegentlich Kontakte mit Nuss-Sammlern und Jägern weisser Herkunft erfahren – im Verlauf von etwa 50 Jahren.
Ihr Lebensraum in einem Rückzugsgebiet zwischen den Flüssen Cuminapanema und Erepecuru beweist, dass sie sich ganz bewusst während mehrerer Jahrzehnte sowohl vor Nachbarstämmen als auch vor Weissen versteckt halten wollten.
Im Gegensatz zu früheren Erfahrungen mit zeitweiligen Kontakten, hat man festgestellt, dass die Zo’é im Verlauf des Dauerkontakts zwischen 1982 bis 1990 ihre grössten demografischen Verluste haben hinnehmen müssen – infolge der Ansteckung und Verbreitung von Krankheiten, die sie in ihrem unberührten Naturzustand nicht kannten (also ihr Körper auch keine Antikörper bildet) – ein Prozess der Ansteckung, der weiterhin fortschreitet.
Wegen schwierigster Anreisebedingungen und der Nichtexistenz irgendwelcher bundesstaatlichen oder föderativen Entwicklungsprogramme in der Nordregion von Pará ist dieses Gebiet relativ geschützt; trotzdem haben sich kleine Gruppen von Goldsuchern an den Flüssen niedergelassen, welche jenes Indianergebiet begrenzen: Erepecuru (wo verschiedene Landepisten existieren) und Curuá. Gegenwärtig ist das Indianergebiet “Cuminapanema/Urukuriana” lediglich “off limits” und das ist juristisch eine prekäre Situation: Mit der “Identifikation” des Gebietes begann man 1997 – und damit leitete man den langwierigen Grundbesitz-Prozess ein, welcher den Zo’é das exklusive Besitz- und Nutzungsrecht ihres Lebensraums garantiert.
Es ist eine Tatsache, dass die Zo’é heute aus ihrer Isolation heraus sind. Der Übergang zum Zusammenleben mit den Kontakt-Beamten manifestiert sich in einem Prozess der Abhängigkeit, in den sie nunmehr eingetreten sind und in einer Restrukturierung ihres Lebensrhythmus und ihrer territorialen Besetzung angesichts der Präsenz jener Hilfsagenten. In Cuminapanema kann man alle Elemente eines Prozesses miterleben, der sich aus der Verwirklichung einer Assistenz-Politik ergibt, die vor allem anderen den “Schutz“ solcher Ethnien vorsieht.
Die Besonderheit in der Relation zu den Indianern in Cuminapanema gründet auf der Tatsache, dass sich erst die Missionare der MNTB und später die FUNAI jene Naturmenschen mit ihrer Technik konfrontierten, sich aber später darum bemühten, die Isolation dieses Indianervolkes aufrecht zu erhalten. Eine unilaterale Entscheidung, die sich nicht mehr mit den längst geweckten Interessen der Zo’é deckt, Verbindung mit der Aussenwelt aufnehmen zu wollen – dazu einem Rhythmus und Verständniskategorien folgend, die sie selbst bestimmen können. Seit sie sich zum permanenten Zusammenleben mit den Weissen entschlossen (1987), zeigen die Zo’é eine wachsende Neugier die Welt um sie herum zu entdecken und zu kontrollieren: sie wollen mehr Kontakt zu den Weissen, wollen andere Objekte, wollen Städte kennen lernen und auch andere Indianer.
Wie bei anderen Völkern der benachbarten Guyanas-Region haben auch die Zo’é eine dezentralisierte Gesellschaftsstruktur, welche durch die politische und wirtschaftliche Autonomie der jeweiligen “lokalen Gruppe“ bestimmt wird. In ein und demselben Dorf können durchaus mehr als eine “lokale Gruppe“ leben. Jede grosse Hütte beherbergt eine Kern-Familie oder zwei dieser Einheiten, die innerhalb der Behausung separate Plätze innehaben, jede mit ihrer eigenen Feuerstelle.
Ihre wirtschaftlichen Aktivitäten unterteilen sich in zwei Richtungen: eine relative Unbeweglichkeit in Funktion landwirtschaftlicher Praktiken und eine wichtige Mobilität, die sich aus den Aktivitäten der Jagd und der Fischerei ergibt. Wegen ihrer steinzeitlichen Technologie (Werkzeuge aus Stein) mit der die Zo’é noch vor wenigen Jahren ihre Felder bearbeiteten, benutzen sie die bearbeiteten Flächen immer wieder, Jahr für Jahr pflanzen sie Maniok und andere Feldfrüchte auf denselben Lichtungen. Aus diesem Grund gibt es nur wenige Felder und deshalb auch nur wenige Dörfer im gleichen Gebiet. Im Gegensatz zu dieser lokal gebundenen Tätigkeit entfernen sich die Familien durch Jagd und Fischfang sehr weit von ihrem Dorf – und in diesen fernen Gebieten halten sie sich oft viele Wochen auf – profitieren von einem guten Jagdgebiet und vervollständigen ihre Fleischnahrung mit dem mitgebrachten Maniokmehl aus ihrem Dorf. Der Wechsel zwischen den Aktivitäten zur Landbestellung, zur Zubereitung des Maniokmehls im Dorf und die langen Jagdexpeditionen zwischendurch, ergeben insgesamt eine durchaus grosse Mobilität eines jeden Einzelnen innerhalb ihres Lebensraums.
Die materielle Ausrüstung, mit der die Zo’é ihre Existenz bestreiten, enthält nur eine sehr begrenzte Zahl von Artikeln, von denen die aus Keramik und andere aus Palmfasern geflochten, erwähnenswert sind – beide werden von den Frauen angefertigt und dienen in erster Linie dem Prozess der Maniokverarbeitung.
Die Zo’é bewohnen einen Streifen der “Terra Firme” (Regenwaldgebiet, das nie überschwemmt wird), durchkreuzt von kleinen “Igarapés“ (Bachläufen), Zuflüsse von zwei grossen Strömen: dem Rio Cuminapanema und dem Rio Erepecuru, im Distrikt von Oriximiná, im Norden des Bundesstaates Pará. Eine gebirgige Region mit vielen “Castanhais“ (Ansammlungen von Paranuss-Bäumen), welche ebenfalls einen wertvollen Beitrag zur Existenz dieser Indianer leisten. Neben der Maniok, die etwa 90% ihrer bepflanzten Felder einnimmt, ist die Paranuss das zweitwichtigste Nahrungsmittel der Indianer, die auch ihre Schale zur Konfektion verschiedener Schmuckartikel verwenden. Das von ihnen okkupierte Territorium wird von vielen kleineren Flüssen und Bachläufen durchquert, deren Fische sie mit Hilfe von “Timbó“, einem pflanzlichen Betäubungsmittel aus Lianen, fangen. Der relative Rückgang der Fauna in ihrem Wohngebiet resultiert aus der ungewöhnlich langen Zeit, in der sich ihre Dörfer schon im gleichen Gebiet befinden – aus Gründen, die schon vorher genannt wurden. Die von ihnen bewohnte Zone war eine letzte ungestörte Zuflucht für sie, wo sie sich vor den Weissen, die sie aus sporadischen Kontakten schon seit Jahrzehnten kannten und fürchteten, isoliert gehalten hatten.
Die Zo’é akzeptierten eine friedliche Koexistenz mit den Weissen ab 1987. Vier Jahre später schätzt man, dass 45 ihrer Mitglieder durch Malaria- und Grippe-Epidemien gestorben sind. Im Jahr 1991 bestanden sie aus 133 Personen. Heute erleben sie einen demografischen Erholungsprozess und zählen inzwischen wieder 152 Personen.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther