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Hochgeachteter Herr Präsident!
Ich gebe mir die Ehre, Ihnen hiemit in Kürze einige Wahrnehmungen mitzutheilen, die ich hier zu machen Gelegenheit hatte.
Ich habe mit allen anwesenden Mitgliedern des Staatsrathes, sowie mit einer Anzahl Mitgliedern des Großen Rathes gesprochen.
Beiderseits wurde mir die Versicherung ertheilt, man werde, wenn das angekündigte Conceßionsbegehren für den Lukmanier wirklich gestellt werden sollte, mit der Behandlung desselben sich nicht beeilen. Hr Pioda erklärte mir, daß der Staatsrath damit ganz einverstanden sei.
Ich habe auch den Eindruk empfangen, daß das Gotthardtkomite mit einem Conceßionsgesuche beim Staatsrathe eine | gute Aufnahme finden würde & ich habe nicht bemerkt, daß man an der Mittheilung, dasselbe werde allerdings nicht im Falle sein, eine Caution zu erlegen, sich gestoßen hätte. Dagegen wurde mir mehrfach, namentlich v. Pioda, Soldini etc die Befürchtung geäußert, es dürfte, wenn die gegenwärtige Conceßion dahinfalle, das Zustandekommen der concedirten teßinischen Linien gefährdet & eine andere weniger kostbillige Linie gewählt werden wollen. Ich glaubte darauf bemerken zu sollen, daß das Gotthardtkomite die concedirten Linien in sein Programm (Gutachten & Pläne) aufgenommen habe, & daß im Comite bisanhin nie die Rede davon gewesen sei, diesfalls eine Aenderung herbeizuführen. Hrn. Pioda, der mich speciell | über die Repartition der Subventionen befragte, bemerkte ich noch anläßlich, daß man allerdings die Kostbilligkeit der concedirten Linien im Comite schon betont habe, um darzuthun, daß der Kanton Teßin alle Ursache hätte, mit einer erheblichern Subvention das Gotthardtbahnunternehmen zu unterstützen. Er hat mir geschienen, daß meine Erklärungen einigermaßen beruhigend wirkten; indeßen glaubt Hr. Pioda mit Andern, daß es immerhin gut sein würde, diesfällige Befürchtung s. Z. durch eine formelle Erklärung (z. B. bei Anlaß des Conceßionsgesuches) zu beseitigen. Aus Aeußerungen v. Hrn Cattaneo war zu entnehmen, daß man besorgt, es könnte vielleicht Italien bei den Unterhandlungen über die Alpen bahn eine andere Linie zur Bedingung machen. |
Ich füge noch bei, daß Soldin, [Camazzi?], [Pollari ?] sich dahin aussprachen, daß, wenn die Aufrechterhaltung der teß. Mittellinie (Mendrisio–Lugano–Bellinzona) nicht zugesichert würde, sie selbst ein eine oppositionelle Stellung getrieben würden. –
Die Motion Weber hat die Gemüther hier bedeutend allarmirt. Der Eindruk scheint mir nach der Stellung des Betreffenden ein sehr verschiedener zu sein. Die Staatsräthe sagten mir, daß sie wirklich froh seien, wenn einmal eine klare & nette Position geschaffen & dem Treiben dieser Agenten ein Ende gemacht werde; sie müßen es zur Ehre der Behörde wünschen, die man immer nur mit leeren Versprechungen hingehalten habe; man hoffe indeßen, daß vor der endlichen | Entscheidung die kantonale Behörde noch gehört werde. Anders äußere sich die mit Gnenazzini intreßirten Mitglieder des Großen Rathes, die in der Motion ein Unglük erbliken & dieselbe gar zu hart [und?] schroff finden; wenn die Conceßion dahinfalle, werde wieder allen Intriguen Thor & Thür geöffnet. Das Gotthardt komite sollte sich – das ist die Meinung von Soldini & namentlich auch Cattaneo – mit Hrn. Genazzini, der v. ehrwerther Seite empfohlen sei & sich eine Art Ehrensache daraus gemacht habe, zum Gotthardt zu stehen, und ein Abkommen treffen, sein s.g. Recht «de prelation» auf die Gotthardtbahn erwerben & rasch die Conceßion für die Gotthardbahn, die unzweifelhaft würde ertheilt werden, verlangen; damit würde | das Gotthardtkomite ohne irgendwelchen Zeitverlurst & ohne Streitigkeiten mit den Engländern mit der Alpenbahnkonceßion auch in den Besitz der Teßinischen Bahnen gelangen & Alles zur allgemeinen Zufriedenheit erledigt werden. Genazzini selbst wäre bereit, sein Vorzugsrecht dem Gotthardtkomite abzutreten, wenn man Werth darauf setzen sollte & wünsche, daß die Alpenbahnconceßion von unserm Comite erworben werde; in den Bedingungen würde er nicht schwierig sein & die Regulirung mit der Eur. Centralbahngesellschaft übernehmen (: Genazzini hat den Bau der Streke Chiasso–Mendrisio,–Lugano– Bellinzona um 15 Milll; Villa den Bau der Streke Locarno – Bellinzona – Biasca um 8,700,000 fs. übernommen, ohne Betriebsmaterial.) |
Ich habe auf all' das mehrfach erwidert, ich sei nicht da, um mit Genazzini zu unterhandeln; ich glaube nicht, daß ein derartiges Abkommen überhaupt den Anschauungen meiner Hrn. Collegen entsprechen würde; ob man denn mit den schweren Opfern, welche schweizerische Kantone & Gesellschaften für das Unternehmen bringen, fremde Unternehmer bereichern solle, die gar nichts gethan haben? – Wenn ich mich veranlaßt fand, mich in diesem Sinne zu äußern, so will es mir indeßen schienen, daß je nach dem Verlauf der Angelegenheit, die Frage nach einer ernstlichen Erwägung werth zu sein scheint. Hr. Cattaneo kommt stets auf den Gedanken zurück, namentlich im Intereße der Beschleunigung der Sache. |
Ich glaubte, Ihnen vorläufig von diesen verschiedenen Anschauungen flüchtige Kenntniß geben zu sollen; Mehreres werde ich Ihnen nach meiner Rükkunft mitzutheilen die Ehre haben. Ich hoffe auf Donnerstag Abend wieder in Luzern zu sein.
Genehmignen Sie bei diesem Anlaße die Versicherung meiner steten ausgezeichneten Hochachtung
Ihr freundschaftlich ergebener
J. Zingg.
Lugano den 18/19 Juli 1865.
Bitte um freundliche Empfehlung an Hrn. Bürgermeister Stehlin, dem Sie wohl diese Zeilen auch mitzutheilen die Güte haben werden.