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Die US-Forscher Dr. Karen Reivich und Dr. Andrew Shatté von der University of Pennsylvania haben in ihrem Buch «The resilience factor» zum ersten Mal sieben entscheidende Faktoren beschrieben, die einen hoch-resilienten Menschen ausmachen. Auch wenn die Bezeichnungen dieser Faktoren nicht immer identisch sind, kann man diese sieben Faktoren in der Mehrzahl der wissenschaftlichen Publikationen wieder finden. Diese sieben Faktoren stellen nichts anderes dar, als die im eben genannten Beispiel geschilderten Persönlichkeitsbeschreibungen von hoch-resilienten Menschen. In wissenschaftlicher Sprache ausgedrückt sind die sieben Faktoren: Emotionssteuerung, Impulskontrolle, Kausalanalyse, Selbstwirksamkeitsüberzeugung, Empathie, realistischer Optimismus und Zielorientierung/Reaching-Out. Was verbirgt sich nun genau hinter diesen einzelnen Faktoren?
Faktor 1: Emotionssteuerung
Wenn sich ein Callcenter-Mitarbeiter wegen eines unhöflichen Anrufers ärgert und nicht zurückschreit, steuert er seine Emotionen. Wenn eine Flugbegleiterin trotz grosser privater Probleme zur Arbeit geht und die Kunden anlächelt, steuert sie ihre Emotionen. Wenn eine Führungskraft mit dem anstehenden Veränderungsprojekt nicht einverstanden ist und trotzdem versucht, seine Mitarbeiter dazu zu motivieren, steuert sie ihre Emotionen. Emotionssteuerung beschreibt also die Fähigkeit, unter Druck ruhig zu bleiben. Resiliente Menschen nehmen ihre Gefühle bewusster wahr als andere, Menschen erkennen diese und können diese durch unterschiedliche Verhaltensweisen und Techniken steuern. Meist geschieht das unbewusst. Sie können dies auch, wenn sie sehr grosse persönliche Herausforderungen zu bewältigen haben oder schwere Rückschläge erleben. Ihre Leistungsfähigkeit wird entsprechend nur wenig durch ihre Emotionen beeinträchtigt.
Faktor 2: Impulskontrolle
Der Kopfstoss von Zidane gegen Materazzi im Finale der Fussball-WM 2006 ist eines der eindrucksvollsten Beispiele für verlorene Impulskontrolle und die negativen Konsequenzen, die dies nach sich ziehen kann. Es hat ihn und seine Mannschaft weniger erfolgreich gemacht. Impulskontrolle beschreibt also die Fähigkeit, sein eigenes Verhalten in Drucksituationen zu steuern. Darüber hinaus beschreibt dieser Faktor die Fähigkeit, sich, in unseren immer komplexer werdenden Arbeitsumfeldern, über einen längeren Zeitraum auf eine Aufgabe zu konzentrieren und nicht permanent, z.B. von eingehenden E-Mails, ablenken zu lassen. Menschen mit hoher Impulskontrolle haben eine klare Strategie, um Ziele zu erreichen, planen im Voraus, folgen nicht gleich ihren ersten Impulsen und geben in der Regel seltener auf, wenn etwas nicht gut läuft. Sie bringen Dinge zu Ende und erleben darüber eine grosse Zufriedenheit. Sie sind also, auch wenn kaum jemand diesen Begriff mag, vor allem diszipliniert.
Faktor 3: Kausalanalyse
Kausalanalyse beschreibt die Bereitschaft, ein Problem, zeitlich und inhaltlich, gründlich und treffend zu analysieren. Diese Fähigkeit hilft Menschen dabei, den selben Fehler nicht wieder und wieder zu machen und nicht zu früh aufzugeben. Also ihre Ressourcen zu verschwenden. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn Menschen auf der Basis dieser Analyse die Gründe für Erfolge und Misserfolge treffend einschätzen können. Wenn sich ein Mensch zum Beispiel aufgrund eines für ihn spezifischen «Denkstils» immer die Schuld für einen Rückschlag gibt und gleichzeitig Erfolge immer auf den Zufall zurückführt, wird dies zu wenig Motivation und zu wenig positiven Gefühlen führen.
Faktor 4: Selbstwirksamkeit
Selbstwirksamkeit beschreibt unseren Wunsch, Herausforderungen anzunehmen und unsere Überzeugung, dass wir durch unser eigenes Handeln Dinge verändern können. Menschen mit hohen Werten auf diesem Faktor erwarten, dass sie Dinge gut machen werden und engagieren sich entsprechend intensiv, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Sie bevorzugen, statt Routinetätigkeiten, Aufgaben, die eine Herausforderung für sie darstellen, auch wenn dies vielleicht erst einmal mit einer erhöhten Anspannung verbunden ist.
Faktor 5: Realistischer Optimismus
Realistischer Optimismus beschreibt die Überzeugung, dass sich Dinge zum Guten wenden können und werden. Er beschreibt ausserdem die Fähigkeit, auch in sehr schwierigen Situationen eine Sinnhaftigkeit und etwas Positives zu sehen und zu entdecken: Das Glas Wasser ist in der Regel halb voll und nicht halb leer. Realistisch optimistische Menschen zeigen entsprechend auch viel Nachsicht mit ihren Mitmenschen («Er hat halt einen schlechten Tag.»). Wirklich resiliente Menschen schätzen aber gleichzeitig die Realität treffend ein, sind also nicht übertrieben optimistisch. Denn unrealistischer Optimismus kann im Gegenzug dazu führen, dass Menschen Risiken falsch einschätzen und somit falsche Entscheidungen treffen.
Faktor 6: Empathie
Empathie beschreibt die Fähigkeit eines Menschen, sich auf der Basis von beobachtetem Verhalten, in die psychologische und emotionale Lage eines anderen Menschen zu versetzen. Sinngemäss «fühlen» empathische Menschen «mit». Vielen Menschen fällt dies leichter, wenn sie schon einmal eine vergleichbare Situation wie ihr Gegenüber erlebt haben. Empathie hilft uns, mehr Verständnis für unser Gegenüber aufzubringen und ist zum Beispiel für Menschen, die häufig im Kundenkontakt stehen, äusserst hilfreich und eine wichtige Voraussetzung für eine effektive Emotionssteuerung. So wird der weiter oben beschrieben Callcenter-Mitarbeiter wahrscheinlich weniger eigenen Ärger verspüren, wenn er sich bewusst macht, dass der Kunde tatsächlich in einer misslichen Lage ist und es ihm wahrscheinlich ähnlich gehen würde, wenn er der Kunde wäre.
Faktor 7: Zielorientierung
Dieser Faktor wird von Reivich und Shatté als «Reaching-Out» bezeichnet und ist mit Zielorientierung leider nur unzureichend übersetzt. Leider gibt es im Deutschen keinen Begriff, der diesen Resilienzfaktor besser beschreibt. Zielorientierung ist ein Mass dafür, wie gerne sich ein Mensch neue Ziele setzt und diese überwiegend unabhängig von der Meinung anderer verfolgt und umsetzt. Menschen mit hohen Werten auf dem Faktor Zielorientierung sind überzeugt, dass sie einen guten Job machen, sind neugierig und haben ein klares Bild von dem, was sie erreichen möchten. Sie unternehmen selbstbewusst, gelassen und konsequent «im Hier und Jetzt» die notwendigen Schritte, um ihre Ziele zu erreichen und verfallen eher selten in Tagträumereien. Sie sind auch nicht mit getriebenen Menschen zu vergleichen, die ihre Erfolge nie genießen können und sich eher kopflos von einer Herausforderung in die nächste stürzen. Denn dies sind häufig die Menschen, die im Laufe ihrer Karriere an einer Erschöpfungsdepression, also einem Burn-Out erkranken.