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Es gilt nicht Klischees zu bedienen, sondern genau hinzuschauen, welche spezifischen Gesundheitsbedürfnisse Frauen haben.
Frauen brauchen länger zum Einschlafen, schlafen insgesamt länger - wenn man sie lässt - und ihr Tiefschlafanteil ist ausgeprägter. Dieser nimmt im Alter weniger stark ab als bei Männern. Frauen schlafen tendenziell besser, wenn sie alleine im Bett schlafen, als Männer. Warum dies der Fall ist, ist nicht so klar. Männer schnarchen etwa doppelt so häufig wie Frauen, was den Frauenschlaf erheblich stören kann. Jedoch ist dies wissenschaftlich gesehen nicht die alleinige Erklärung. So wurden auch evolutionsbiologische Erklärungen herangezogen: Frauen waren von jeher verantwortlich für das Wohlergehen der Herde und die Familie. Schlafen sie nicht alleine, schlafen sie immer quasi mit einem «offenen Ohr». Deutlich wird dies beim sogenannten «Ammenschlaf» bei dem Mütter schon beim ersten Geräusch des Babys wach werden, Väter nicht unbedingt.
Frauenspezifische Schlafprobleme
Schlafstörungen sind ein in der Bevölkerung weit verbreitetes Phänomen und es gibt viele verschiedene Ursachen dafür. Die Forschung ist jedoch männerlastig. Bis vor kurzen wurden 75% der Studien ausschliesslich mit Männern gemacht. Da ist es kein Wunder, dass Frauen oft mit ihren Schlafproblemen und ihren spezifischen Symptomen unterdiagnostiziert wurden.
Ein- und Durchschlafstörungen
Mit Beginn der Menstruation entwickeln Mädchen ein höheres Risiko an Ein- und Durchschlafstörungen (Insomnie) zu erkranken. Auch beim Prä-Menstrualen-Syndrom ist der Schlaf oft gestört. 44–61% der Frauen haben nach der Menopause eine Insomnie und damit eine der Hauptursachen für Erschöpfungszustände und Müdigkeit in diesem Alter. Es liegt daher nahe, dass als Ursache hormonelle Veränderungen eine Rolle spielen. Der genaue biologische Mechanismus ist jedoch nicht klar. Wir wissen, dass insbesondere das natürliche Östrogen Estradiol 17-B schützende Effekte hinsichtlich des psychischen Wohlbefindens und des Stresserlebens aufweist. Es ist das Geschlechtshormon, das im Rahmen der Wechseljahre nahezu zum Erliegen kommt.
Aber gerade bei Ein- und Durchschlafstörungen in den Wechseljahren ist es wichtig, auch andere Faktoren zu berücksichtigen. Die Frau im mittleren Alter ist konfrontiert mit einer Reihe von psychosozialen Anforderungen so bunt, wie das Leben einer Frau heute sein kann: Die beruflichen Weichen sind schon längst gestellt, für einiges ist es zu spät, für eine Neuorientierung, die längst überfällig ist, wird besonders viel Mut gefordert; die Karriere ist auf dem Höhepunkt, der Stresslevel auch; die Kinder sind aus dem Haus oder sind eben noch jung, in jedem Fall ist oft beides herausfordernd; die langjährige Beziehung muss wiederbelebt, eine Trennung steht an oder die Patchwork Familie muss zusammengehalten werden. Schlaflose Nächte entstehen oft, wenn vieles zusammenkommt.
Grübeln und Anspannung unterhalten oft einen Teufelskreis, weswegen eine psychologische Schlaftherapie wichtig ist. Zudem gibt es oft auch körperliche und psychische Beschwerden, die einer genauen Abklärung bedürfen: Schmerzen, eine überaktive Blase, Eisenmangel, Depressionen, Ängste oder auch unruhige Beine (Restless Legs Syndrom) sowie schlafbezogene Atemstörungen.
Schlafbezogene Atemstörungen
Männer schnarchen viel häufiger als Frauen und haben auch mehr nächtliche Atempausen. Allerdings holen Frauen nach der Menopause langsam auf. Die Beschwerden sind jedoch anders als bei Männern: Frauen klagen mehr über Müdigkeit, unerholsamen und gestörten Schlaf sowie depressive Symptome, während Männer stärker über eine ausgeprägte Tagesschläfrigkeit, Schnarchen und nachts nach Luft ringend aufwachen sprechen. Aufgrund der eher diskreten Symptome bei Frauen ist die Gefahr gross, dass nächtliche Atemstörungen unterdiagnostiziert und sogar falsch behandelt werden. Dabei könnten gerade sie von den vielfältigen Behandlungsmöglichkeiten profitieren, da die Atemstörungen oft nicht so ausgeprägt wie bei den Männern sind.
Unruhige Beine
Frauen haben ein doppelt so hohes Risiko unruhige Beine zu entwickeln als Männer, allerdings nur wenn sie geboren haben. Vor allem in Entspannungssituationen am Abend verspüren Betroffene ein Kribbeln oder Stechen in den Beinen und haben deswegen das Bedürfnis sie zu bewegen. Dies wiederum erschwert das Einschlafen. Studien zeigen, dass jede Schwangerschaft die Wahrscheinlichkeit erhöht, im späteren Leben unruhige Beine zu entwickeln. Schwangere haben ein erhöhtes Risiko, insbesondere wenn ihr Eisenspeicher niedrig ist. Auch bestimmte Antidepressiva können Restless Legs auslösen, allerdings sind hier die Männer für einmal doppelt so häufig betroffen.
Interdisziplinäre Behandlung
Gerade Schlafstörungen bedürfen einer interdisziplinären Abklärung zwischen Schlafmedizin, Psychiatrie/Psychologie, Pneumologie, Gynäkologie und Neurologie. Nur so ist gewährleistet, dass jede Frau die Behandlung erhält, die notwendig ist.
Dr. phil Eva Birrer
Leiterin Schlafmedizin und Therapien, Somnologin DGSM/Schlafspezialistin SGSSC und Fachpsychologin für Psychotherapie
» Lesen Sie zum Thema auch den Ratgeber «Was Frauen den Schlaf raubt»