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Die Wunden des Zweiten Weltkriegs sind vernarbt, die Erinnerung an die Gräuel und Leiden sind geblieben. Die Familie Giani hat 1944 ihren Sohn Marco verloren; als Partisan kämpfte er gegen die Nazis und starb heldenhaft. Heute, knapp siebzig Jahre später, stiftet die Familie Giani mitten in Cassano Valcuvia ein Gebäude, das vor kurzem seine Eröffnung als „Centro Documentale Frontiera Nord“ feiern konnte. Beigetragen haben die Region Lombardei, die Comunità Montana Valli del Verbano und die Gemeinde Cassano Valcuvia.
Ein aktives Dörfchen
Cassano Valcuvia, zwischen Marchirolo und Luino etwas abseits der Hauptstrasse gelegen, mag von aussen als ein verschlafenes Dörfchen erscheinen. Die Errichtung des Dokumentationszentrums und das unten beschriebene Öffnen der Anlagen auf San Giuseppe aber belegen die erstaunliche Aktivität des Bürgermeisters Marco Magrini.. Dass hier oft Musik gespielt wird und jeden Samstag ein Theater zu Gast im Municipio ist, verdient Anerkennung. Und der Espresso im Dorfkaffe kostet erst noch nur 90 Cent, das Mineralwasser dazu ist gratis.
Der Kampf des „Colonello Giustizia“
Im Dokumentationszentrum wird mit Infotafeln und audiovisuellen Mitteln über Geologie, Fauna und Flora informiert. Interessant ist der erste Stock, wo es um die Schlacht von San Martino in Colmine geht. Im September 1943 besetzen die deutschen Nazis das Varesotto. Der Oberst Carlo Croce ruft zum Widerstand auf und installiert sich mit 170 Mann auf dem San Martino (1087 m), wo er die Bewegung „Gruppo Cinque Giornate“ gründet. Er nennt sich Colonello Giustizia und verlangt von seinen Partisanen unbedingten Gehorsam im Kampf gegen die Nazis. Auf S. Martino befinden sich noch Stollen, Kavernen und eine Kaserne (auf Villa San Giuseppe), die aus dem Ersten Weltkrieg stammen. Die Partisanen unternehmen von hier aus Vorstösse nach Porto Valtravaglia, Luino, Mailand u.a., um sich mit Decken, Stroh, Lebensmitteln, Waffen und Fahrzeugen einzudecken. Schliesslich ist jeder der Partisanen mit einem Gewehr ausgerüstet, es gibt zehn Maschinengewehre mit 6000 Schuss Munition und 700 Handgranaten.
Der Untergang der Cinque Giornate
Die Massierung von so vielen Partisanen an einem einzigen Ort ist nicht unproblematisch und wird auch vom Comitato della Liberazione Nazionale in Varese in Frage gestellt; Oberst Croce, „un puro eroe“, ignoriert allerdings den Entscheid des Comitato. Ihm fehlt jedes strategische Denken, „combattere fine al sacrificio“ ist seine Devise. So kann es nicht ausbleiben, dass die Partisanen entdeckt werden. Die Nazis planen den Gegenschlag: Zunächst unterbrechen sie alle Telefonverbindungen, dann blockieren sie die Strassen und schliesslich sperren sie alle männlichen Bewohner der Gegend in Schulen und Kirchen ein. Am 14,/15. November 1943 greifen sie mit 2000 Mann an; die Gebäude auf dem San Martino, u.a. die Kaserne aus dem Ersten Weltkrieg, werden völlig zerstört, die Partisanen haben keine Chance. Carlo Croce und 42 Mann gelingt es, über die unterirdische Treppe zu fliehen. Nach einem achtstündigen Marsch erreichen sie am 16. November um 02.40 die schweizerische Grenze bei Ponte Tresa, wo sie sofort inhaftiert werden.
Die legendäre Linea Cadorna
Ein weiteres Stockwerk hat Francesca Boldrini, die erfahrene Historikerin, ganz der Linea Cadorna gewidmet, diesem immensem Verteidigungswerk zwischen Simplon und Veltlin, das Italien zwischen 1915 und 1918 aus Angst vor einem deutschen Angriff errichtet hat. Man muss allerdings erwähnen, dass die Ausstellung recht textlastig ist. Der Besucher muss über hervorragende Italienischkenntnisse verfügen, um sich durch die Dutzenden von ausführlichen Tafeln durchzukämpfen.
Historische Entdeckungen auch für Kinder
Darum empfehlen wir unbedingt, den kurzen Aufstieg zur Kirche San Giuseppe in Angriff zu nehmen. Das enge Strässchen beginnt gegenüber dem Municipio auf der andern Seite der Strasse. Hier findet der Besucher direkt unterhalb der Kirche ein ausgedehntes Labyrinth an Schützengräben und Kavernen vor. Es handelt sich um einen Beobachtungsposten mit Unterstand für 12 bis 15 Mann, der den Kanonenstellungen von San Martino vorgelagert ist. Es sind dies die Anlagen der Linea Cadorna, die von allen 72 km Schützengräben am besten erhalten sind. Gerade an einem Tag mit unsicherem Wetter empfiehlt sich der Besuch für Eltern mit Kindern, die begeistert die Anlagen erforschen werden. Da es hier weder Löcher im Boden noch einsturzgefährdete Stellen gibt, ist ein Besuch ungefährlich. Zwingend ist allerdings die Mitnahme von Taschenlampen. Auf dem Rückweg kann man, einem Wegweiser folgend, auch die Fortificazioni basse erkunden; es sind dies unterirdische Maschinengewehrstellungen, auch sie in hervorragendem Zustand. Die unterirdische Treppe von Valalta, die 110 Höhenmeter überwindet, ist immer noch im Besitz des Militärs; der Gemeinde ist es nicht möglich, dieses Labyrinth zu sichern und zu unterhalten.