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Schränken Schulen mit zu vielen Vorgaben die Kreativität der Schulkinder ein? Auf diese Frage ging die Schweizerische Lehrerzeitung (SLZ), die Vorgängerin von BILDUNG SCHWEIZ, in ihrer Ausgabe vom 5. Mai 1923 ein.
Der Autor richtete sein Augenmerk im Beitrag auf Zeichnen, Malen und insbesondere das Schreiben: «Auch da ist es denkbar, dass ein Aufsatzunterricht, der alle Tätigkeit des Schülers von vornherein in ganz bestimmte Bahnen zu lenken weiss und dem freien Formen keinen Raum gewährt, wertvolle Leistungen ausschaltet», sinnierte er. Unbeeinflusste Arbeiten von Kindern seien deshalb viel besser geeignet, um Lehrpersonen neue Anregungen zu geben und die Fähigkeiten einer Schülerin oder eines Schülers einzuschätzen.
Als Beispiel für solche «freien» Texte dienten unter anderem Tagebucheinträge von Jugendlichen, aus denen die Zeitung einige Auszüge abdruckte. Es bleibt nur zu hoffen, dass alle Beteiligten mit der Publikation ihrer Tagebucheinträge einverstanden waren.
Lohn und Lebenskosten eines Lehrers
Ähnlich wie dieser Artikel blickte die SLZ vom 5. Mai 1923 ebenfalls in die Vergangenheit. Sie untersuchte, wie gut das Gehalt eines Lehrers rund 80 Jahre früher war – konkret im Jahr 1857. In diesem Jahr verglich ein Lehrer seine tatsächlichen Lebenskosten mit den theoretischen Werten, die als Grundlage für die Berechnung des Lohns dienten. In einer entsprechenden Tabelle (siehe Bild) wird ersichtlich, dass der Lohn für jährliche Lebenskosten von 942 Franken vorgesehen war. Die tatsächlichen Ausgaben, die der unzufriedene Lehrer auflistete, lagen aber bei 1160.49 Franken. Er beklagte damals, dass jeder verheiratete Lehrer bis über beide Ohren in Schulden stecke.
Der SLZ-Autor, der sich mit dieser Lohnrechnung auseinandersetzte, verglich die damalige Lohnsituation der Lehrpersonen mit jener im Jahre 1923. Es gebe zwar weniger verschuldete Lehrer als früher. Doch mit ihrem Gehalt könnten sie sich noch immer keine vierköpfige Familie leisten, so das Fazit.
Fehlendes heilpädagogisches Wissen
Schliesslich thematisierte die SLZ die Ausbildung von Lehrpersonen für «Anormale». Um als «anormal» zu gelten, brauchte es in der damaligen gesellschaftlichen Vorstellung nicht viel: Gemäss dem Autor des Artikels fielen darunter epileptische, blinde, taubstumme, «schwererziehbare», «schwachsinnige» und noch mehr Menschen. Die Schulen, in denen sie unterrichtet wurden, bezeichnet der Autor als «Anstalten für Anormale».
Gemäss dem Artikel fühlten sich die Lehrpersonen dieser Anstalten den Herausforderungen ihres Berufs nicht gewachsen – trotz Spezialkursen, die an verschiedenen Orten in der Schweiz stattfanden. Doch nebst dem finanziellen Zustupf durch den Bund sollte das «in Zürich neu zu errichtende heilpädagogische Seminar» Abhilfe schaffen. Tatsächlich startete 1924 der erste Jahreskurs mit acht Studierenden. Das Heilpädagogische Seminar Zürich war übrigens der Vorgänger einer Institution, die heute als Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik bekannt ist.