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Kristiania, März 1916
Die ersten weißen Morgenstrahlen wanderten an der Kellerwand in der Norderhovgate 18 hinunter und leuchteten den Tisch an, an dem Thea stand und Brotlaibe formte. Sie strich sich eine Haarsträhne von der Wange und beobachtete den Vater, der sich vorbeugte und die langen dünnen Backbretter in den glühendheißen Ofen schob. Mit einem raschen Ruck glitten die Brote vom Brett und lagen ordentlich nebeneinander auf den Steinplatten. Theas Vater war ein tüchtiger Bäcker, ja, vielleicht der tüchtigste in ganz Kristiania. Aber seit 1914 der Große Krieg ausgebrochen war, hatte sich so vieles verändert. Der Getreidemangel im Land setzte allem, was nicht unbedingt nötig war, ein Ende. Kuchen waren nicht mehr nötig, Brot wohl, denn wenn es Brot gab, mussten die Menschen nicht hungern.
Thea setzte eine neue Ladung zum Gehen an, jedes Brot auf sein Brett. Danach schob sie die Bretter in die hohen Eisengestelle, die mitten auf dem Steinboden standen, pinselte die Brote mit Wasser und schnitt mit einem scharfen Messer feine Schrägkerben hinein. Nach Amerika? Sie fuhr sich mit den Händen über die Schürze, es war unmöglich, nicht an den Brief zu denken, der am Vortag eingetroffen war.
»Augusta würde sich um sie kümmern.« Die Mutter hatte den Brief in den Händen gehalten. »Sie würde Arbeit und Lohn haben. In wenigen Wochen ist Astrid mit der Schule fertig. Wir können nicht zwei arbeitslose Mädchen hier in der Bäckerei beschäftigen.«
Astrid hatte geweint, und der Vater hatte die grünen Geldscheine aus dem Umschlag gezogen, hatte nacheinander Daumen und Zeigefinger angeleckt und die Dollars auf vier gleich große Haufen verteilt.
»Das sind vierzig Dollar«, kommentierte er laut, während er sich einige Mehlstreifen aus den schwarzen Haaren bürstete. »Deine Schwester hat vierzig Dollar. Warum gibt sie uns die nicht einfach?«
Die Mutter schwieg zuerst, dann sagte sie: »Das sind Augustas Ersparnisse. Die braucht sie selbst.«
»Aber wenn das bedeutet, dass Thea nicht nach Amerika muss?«
»Wir können nicht einfach das Geld meiner Schwester behalten, Martin.«
»Aber um Gottes willen, Anna, das würde unsere gesamten Schulden decken, und dann würden wir zurechtkommen. Kannst du ihr nicht schreiben und sagen, dass wir das Geld nur als Leihgabe nehmen, bis der Krieg zu Ende ist?«
»Augusta gibt Thea eine Chance«, sagte die Mutter entschieden. »Und wir haben wirklich Glück. Schon am nächsten Freitag geht ein Schiff.«
»Über den Atlantik reist man nur, wenn es sich wirklich nicht verhindern lässt.« Der Vater richtete sich auf. »Sie ist doch erst sechzehn.«
»Aber du weißt so gut wie ich, Martin, dass es so nicht mehr geht. Der Hausbesitzer hat uns ein halbes Jahr gegeben, um die Miete zu bezahlen, sonst ver