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Der Tag beginnt mit einem klingelnden Wecker. Der Wecker überlebt keine fünf Sekunden. Der Vorteil ist, dass man weiterschlafen kann. Der Nachteil: man schläft weiter.
Die Vorlesung fängt exakt um 09.05 Uhr an. Ich sitze vor meinem Bildschirm und nehme aktiv an der Vorlesung teil. Übersetzt heisst das: ich sitze in meinem Pyjama auf der Schüssel und frage mich, ob es nicht doch allmählich an der Zeit ist, mein Winterfell abzulegen (seit dem Lockdown bin ich zu einem Yeti mutiert). Der PC befindet sich in unmittelbarer Nähe. Sollte der Dozent mir eine Frage stellen, oder mein Mikrofon nach 100maligem kontrollieren doch nicht ausgeschaltet sein, kann ich noch rechtzeitig handeln. Mancher Kollege hatte bereits die Ehre, sich ungewollt mitzuteilen. Daher weiss ich, wie Mikrofone fremde Durchfallgeräusche modulieren. In dieser prekären Zeit leidet man gemeinsam. Zu 63zigst.
Mickey Mouse, Daisy Duck und das Dozentenleben
Mittlerweile wissen die Studenten, wie es bei den Dozenten Zuhause aussieht und welche Stimme der Herr Kollege unter der Dusche hat. Es kann sogar vorkommen, dass sich zwei Dozenten begegnen, die sich noch nie zuvor gesehen haben. Das passiert, wenn man zwei Vorlesungen gleichzeitig besucht und das Mikrofon dann funktioniert, wenn es wirklich nicht funktionieren sollte.
Ich habe die zwei Dozenten *Mickey Mouse und *Daisy Duck gefragt, wie das Dozentenleben sich verändert hat seit dem Ausnahmezustand. *Mickey: «Ich bin zu einem Computergenie geworden. Mittlerweile weiss ich, wie man einen Urwald als bewegtes Hintergrundbild für Zoom aufschalten kann. Mein Erscheinungsbild ist daher immer Top. Es wäre allerdings schön, wenn auch meine Studenten engagierter wären bezüglich ihren virtuellen Auftritten. Manche schlafen vor der laufenden Kamera ein, andere Essen und einige verlassen nach 15 Minuten ihren Arbeitsplatz und tauchen für die verbleibenden 2 Stunden nicht mehr auf.» *Daisy meinte: «Es ist schrecklich. Abgesehen davon, dass mein Knowhow über die Technik zu wünschen übriglässt, ist es keine Seltenheit, dass ich Vorlesungen für die falschen Klassen aufschalte, mich aus meinen eigenen Vorlesungen werfe, oder in meiner Vorlesung rede, ohne dass mich jemand hört noch sieht.»
Fazit: die Dozenten haben es auch nicht gerade leicht. Mein Vorschlag: Streichen wir die Prüfungen.
Das Kaffeekränzchen der Teetanten
Die Vorlesung endet und meine Grossmutter ruft an. Sie ist 87 Jahre alt und steht normalerweise um diese Zeit auf dem Golfplatz. Momentan arbeitet sie ihre Telefonliste ab. Ist sie durch mit der Liste, fängt sie wieder von vorne an. Ihre Freunde machen das gleiche, was manchmal zu organisatorischen Herausforderungen bezüglich der Abarbeitung der Liste führen kann. Sie erzählt mir, dass sie einen Ort gefunden hat, an dem sie sich puddelwohl fühlt. Neu treffen sich die Teetanten in der Migros bei den Stehtischen, wo sie ihre geliebten Kaffeekränzchen halten. Man möge sich das folgendermassen vorstellen: Erst wird der Kaffee bestellt, dann die Position an den Tischen unter Einhaltung der Mindestabstandspflicht von zwei Metern zueinander eingenommen, die Hörgeräte aufgedreht und anschliessend über alle Tische hinweggebrüllt.
COVID-19, SARS, noch ein Virus und Tschechien
Ich muss auflegen, da ein Meeting mit meinem Programmierdozent ansteht. Gemeinsam machen wir uns auf die Suche nach der Ursache, warum meine Entwicklungsumgebung streikt. Es stellt sich heraus, dass ein Trojaner nicht unwahrscheinlich ist. Das heisst, möglicherweise befindet sich unter meinem Dach nicht nur ein Virus, sondern gleich zwei. Gemäss meinem Mitstudent *Goofy handelt es sich bei meinen neuen Mitbewohnern, die weder Miete zahlen noch beim Putzen der Wohnung helfen, um künstlich erschaffene Exemplare. Laut einem Freund von *Goofy, welcher das Coronavirus (SARS-CoV-2, COVID-19) in einem Labor in Tschechien untersucht hat, weist das Virus eine ungewöhnlich hohe Diversität seiner Sequenzen auf. Da eine solche Vielfalt bei natürlichen Viren nicht zu finden ist (weil die natürlichen Viren diese gar nicht für das Überleben noch vermehren brauchen), und das Virus angeblich noch vor kurzem von einem unbekannten Tier auf einen Menschen übergesprungen ist, um gleich die Ursache einer Pandemie zu sein (was auch kein normales Virus schafft, da diese eine länger Anpassungsperiode braucht), lassen die Forschungsergebnisse stark vermuten, dass es sich hierbei um ein zusammengesetztes Virus handelt. So wie bei SARS (SARS-CoV-1, Ursprung: China).
Um die Geschichte von *Goofy kurzzufassen:
Die Regierung stürmte das Forschungszentrum nach der Publikation der Forschungsergebnisse, welche wenig später wie vom Erdboden verschluckt waren. Zwei Monate später wurde das Zentrum wieder geöffnet. Grund: Es war nicht mehr lukrativ genug als Regierung die Interessen Chinas zu vertreten.
Wo sind die Meeting-Links? Und was macht Donald Duck?
Es ist 12.50 Uhr und die Lektion Nummer 2 beginnt. Wir, meine Homies (Virus 1 und Virus 2) und ich, betreten die imaginäre Räumlichkeit um 13.00 Uhr.
15.10 Uhr: Offizieller Break und die Vorlesung bleibt spannend.
15.35 Uhr: Der Unterricht des Moduls Nummer 3 hat angefangen und ich bin auf Lebensmittelsuche.
15.40 Uhr: Die Chipspackung ist leer und der Meeting-Link für die jetzt stattfindende Vorlesung lässt sich immer noch nicht finden. War es Zoom, Adobe Connect, Skype, Jitsi, Webex, YouTube, Microsoft Teams, eine aufgenommene Vorlesung auf Ilias oder doch Houseparty? Die Ordner auf der Hochschulwebseite werden durchsucht, die Mailaccounts auseinandergenommen. Letzten Endes finde ich die ID für ein Zoommeeting auf meinem Handy.
Direkt werde ich weiterverlinkt mit meiner Arbeitsgruppe. Ein Gruppenmitglied namens *Donald Duck liegt im Spital. In der Zeit des Coronas, in welcher sogar der Gotthardtunnel leer ist, schafft Donald es am helllichten Tag gegen einen Baum zu fahren. Ihm geht es gut.
Nach zwei Stunden Teamwork verlasse ich die Gruppe und fange mein letztes Modul zuverlässig verspätet um 17.45 Uhr an. Gemäss meiner jetzigen Dozentin hat der Bund eine Spionageaktion mithilfe der Telekommunikationsunternehmung Swisscom durchgeführt, wobei Daten über Abonnementen gesammelt wurden, um die Reaktion der Bevölkerung während der Krise einzuschätzen. Das heisst, die mögliche Anzahl von Viren in meiner Wohnung hat sich gerade auf drei erhöht.
21:30 Uhr: Die Vorlesung ist zu Ende. Meine Exceldateien lassen sich nicht mehr richtig bearbeiten. Mein Computer ist überhitzt. Der Bildschirm flackert. OVER AND OUT.
*Pseudonyme wurden verwendet, um die Privatsphäre der betreffenden Personen zu waren.
Die Namen sind der Autorin bekannt.