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Gemäss Einschätzungen von Expertinnen und Experten sollen die Entsorgungsarbeiten des zerstörten Atomkraftwerks in Fukushima voraussichtlich 30 bis 40 Jahre dauern – und so erstaunt es nicht, dass die radioaktiven Abfälle auch 2020 nicht einfach verschwunden sind. Aktuell hat die japanische Regierung ein drängendes Problem: Auf dem Gelände des zerstörten Atomkraftwerks gibt es keinen Platz mehr zur Lagerung des kontaminierten Wassers. Also hat sie den Entscheid getroffen, das radioaktiv verseuchte Wasser in den Pazifik zu leiten. Gemäss verschiedenen Berichten könnte die formelle Ankündigung bereits in diesem Jahr erfolgen.
Nach einer siebenjährigen Debatte ist nun klar, wie die japanische Regierung das Problem lösen will: Das Kühlwasser soll nach einem Filterungsprozess ins Meer abgeleitet werden. Nach der Filterung soll das Wasser gemäss Angaben der Behörden «nur» noch Tritium enthalten, das sich mit den vorhandenen Technologien nicht herausfiltern lasse. Laut Fachleuten sei Tritium für den Menschen nur in sehr hohen Dosen schädlich. Auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEA) argumentiert, dass ordnungsgemäss gefiltertes Wasser sicher in den Ozean geleitet werden könne, ohne Umweltprobleme zu verursachen.
Als Folge der Kernschmelzen wurden grosse Mengen an radioaktivem Material wurde freigesetzt und kontaminierten Luft, Böden, Wasser und Nahrungsmittel. 100’000 bis 150’000 Einwohnerinnen und Einwohner mussten das betroffene Gebiet verlassen. Hunderttausende zurückgelassene Nutztiere verhungerten.
«Billigste und schnellste Lösung»
Dass aus dem beschädigten Kernkraftwerk Fukushima Daiichi radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik ausläuft, ist keine Neuigkeit: Seit beinahe einem Jahrzehnt strömt das kontaminierte Wasser in die Natur. Der AKW-Betreiber Tokyo Electric Power Co. (TEPCO) versucht, die Wassermassen aufzuhalten und speichert den Grossteil des radioaktiven Wassers – bisher rund 1,2 Millionen Tonnen – in über 1000 Wassertanks, die auf dem Gelände der Kernkraftruine stehen. Hinzu kommen täglich ungefähr 300 Tonnen Wasser, die genutzt werden, um die geschmolzenen Kernbrennstoffe aus den drei zerstörten Reaktoren in Fukushima kühl zu halten. Deshalb müssen jede Woche neue Tanks gebaut werden, um den Zustrom zu bewältigen.
Doch der Lagerplatz wird knapp, TEPCO hat nicht mehr genug Speicherraum. Die enormen Mengen verstrahlten Wassers werden zunehmend zum Problem.
Allerdings stösst der Plan, das Kühlwasser nach einem Filterungsprozess ins Meer abzuleiten, bei örtlichen Fischerinnen und Fischern sowie bei Landwirtinnen und Landwirten auf grossen Widerstand. Sie befürchten in erster Linie, dass Verbraucherinnen und Verbraucher die Produkte aus der Region meiden könnten. Und sie erhalten Unterstützung von unabhängigen Expertinnen und Experten, die vorschlagen, zusätzliche Lagertanks zu bauen. Umweltgruppen argumentieren, es gebe keinen Grund, warum die zusätzlichen Lagertanks nicht auch ausserhalb der zerstörten Anlage gebaut werden könnten. Sie werfen der Regierung vor, die billigste und schnellste Lösung für das Problem zu suchen.
Wie gefährlich ist Tritium?
Die Kritikerinnen und Kritiker lassen die Argumente von TEPCO und IAEA nicht gelten, wonach Tritium ungefährlich für Mensch und Umwelt sei und es standardmässig von allen Kernkraftwerken freigesetzt werde. Denn ähnlich wie alle radioaktiven Substanzen ist Tritium ein Karzinogen, es kann also Krebs verursachen. Weiter kann es zu genetischen Mutationen führen und Fehlbildungen bei Embryonen verursachen. Allerdings sendet Tritium eine relativ schwache Betastrahlung aus und hat nicht genug Energie, um in die menschliche Haut einzudringen. Aber trotzdem gibt es Gesundheitsrisiken: Diese entstehen vor allem bei direkter Einnahme oder beim Einatmen von Tritium.
Für Menschen, die Tritium einnehmen, ist Krebs das Hauptgesundheitsrisiko. Wenn Tritium zerfällt, emittiert es ein niederenergetisches Elektron, das entweicht und in DNA, Ribosomen oder anderen biologisch wichtigen Molekülen eindringt. Im Gegensatz zu anderen Radionukliden ist Tritium normalerweise Teil des Wassers, so dass es in alle Teile des Körpers gelangt und daher theoretisch jede Art von Krebs fördern kann. Das trägt aber wiederum dazu bei, das Risiko zu verringern, da tritiiertes Wasser in der Regel in weniger als einem Monat ausgeschieden wird.
Weiter gibt es Hinweise, die darauf hindeuten, dass von Tritium emittierte Beta-Partikel wirksamer Krebs verursachen, als hochenergetische Strahlung. Denn niedrig-energetische Elektronen erzeugen lokal eine grössere Wirkung, da sie nicht über die Energie verfügen, diese zu verteilen. Wissenschaftler sagen daher, dass jede Menge an Strahlung ein Gesundheitsrisiko darstellt.
Fehler bei Filter-System
Für die Filterung des verseuchten Wassers nutzt TEPCO ein Flüssigkeitsverarbeitungssystem, das angeblich 62 Isotope aus dem Wasser entfernt – Tritium ausgeschlossen. Bei diesem Filtersystem sollen aber in den letzten zwei Jahren zahlreiche Fehler aufgetreten sein. Gemäss Greenpeace International habe TEPCO zugegeben, dass die Radioaktivität in mehr als achtzig Prozent der Lagertanks nicht auf ein Niveau gesenkt werden konnte, das unter den gesetzlichen Grenzwerten lag. Beim tödlichen Isotop Strontium-90 sei im eigentlich gefilterten Wasser zum Beispiel eine Konzentration gemessen worden, die mehr als das 100-fache der gesetzlichen Grenzwerte betragen habe. In einigen Tanks seien die Grenzwerte gar um das 20’000-fache überschritten worden.
Greenpeace International kritisiert aber nicht nur die viel zu hohen Konzentrationen im eigentlich gefilterten Wasser, sondern auch die Kommunikationsstrategie von TEPCO: «Sie haben jahrelang detaillierte Informationen über das radioaktive Material im kontaminierten Wasser bewusst zurückgehalten. Sie haben den Bürgern von Fukushima, Japan und Nachbarländern wie Südkorea und China nicht erklärt, dass das kontaminierte Wasser, das in den Pazifik geleitet werden soll, gefährliche Mengen an Kohlenstoff-14 enthält. Diese bleiben zusammen mit anderen Radionukliden im Wasser über Tausende von Jahren gefährlich und können genetische Schäden verursachen. Dies ist ein weiterer Grund, warum diese Pläne aufgegeben werden müssen.»
Fukushima: tickende Zeitbombe
Die Probleme, die bei der Entsorgung des kontaminierten Wassers entstehen, erinnern daran, dass die Atomkatastrophe von Fukushima weitergeht und noch lange kein Ende in Sicht ist. Dabei geht es aber nicht nur um den Platzbedarf für die Lagerung des kontaminierten Wassers, die überschrittenen Grenzwerte und um Tritium. In Sachen Gefährlichkeit stehen auch die abgebrannten Brennstäbe ganz oben auf der Liste.
Zusätzlich zu den 800 Tonnen geschmolzenen Brennstoffen in den drei Reaktorbehältern, enthalten die angeschlagenen Reaktorgebäude mehr als 1500 Einheiten gebrauchter Kernbrennstäbe in offenen Wasserbecken, die immer kühl gehalten werden müssen. Wasserverlust durch strukturelle Schäden oder ein weiteres schweres Erdbeben könnte die Brennstäbe freilegen, was zu einer unkontrollierten massiven Freisetzung von Strahlung führen könnte.
Tokyo Electric Power plant, die gefährlichen Brennstäbe bis 2031 vollständig zu entfernen. Diese Arbeiten werden aufgrund der ausserordentlich hohen Strahlungswerte in den Reaktorgebäuden, von einem Kontrollraum in einer Entfernung von etwa 500 Metern aus durchgeführt.
Es war am 11. März 2011, als ein grosses Seebeben vor der Sanriku-Küste die japanische Region Tōhoku erschütterte. Es löste Tsunami-Flutwellen aus, die eine Fläche von über 500 Quadratkilometern der japanischen Pazifikküste überfluteten. Das grösste bekannte Tsunami-Ereignis der japanischen Geschichte forderte nicht nur die Leben von mehreren Zehntausend Menschen, es führte auch zu Störfällen im Kernkraftwerk Fukushima.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine