Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03648.jsonl.gz/2115

Spuren im traumatisierten Gehirn
Bereits 2016 veröffentlichten Teicher et al. einen viel-zitierten Übersichtsartikel (=Review) zum Zusammenhang zwischen Kindsmisshandlung bzw. Kindsmissbrauch und Gehirnstruktur und-Funktion. Unser Gehirn ist erstaunlich anpassungsfähig. So ist es zu einer lebenslangen Neuroplastizität (=Anpassung von Verknüpfungen/Funktionen im Gehirn als Reaktion auf Erfahrungen) fähig, was es uns erlaubt, uns an unsere ständig verändernde Umwelt anzupassen. Die Genetik liefert die Grundlage der Gehirnentwicklung, welche aber ihrerseits durch Erfahrungen insbesondere in kritischen Phasen der Entwicklung geformt wird. Ganz nach dem Motto: "Nurture works on what nature provides."
Der Zusammenhang zwischen Kindsmissbrauch und Gehirnveränderungen ist schon seit Jahren gut erforscht, während die Schlussfolgerung von Missbrauch auf entsprechende psychiatrische Störungsbilder nicht so eindeutig gemacht werden kann. Teicher et al. (2016) versuchen in ihrem Übersichtsartikel folgende Hypothesen zu überprüfen:
Missbrauchs-assoziierte Gehirnveränderungen sind abhängig von der Art traumatischer Erfahrungen (=adaptive Modifikationen).
Individuen mit der gleichen psychiatrischen Diagnose, die sich nur hinsichtlich ihrer traumatischen Erfahrung unterscheiden, sind sowohl klinisch als auch neurobiologisch verschieden.
Gehirnabnormalitäten werden sowohl in resilienten (=widerstandsfähigen) als auch in dafür empfänglicheren Individuen gefunden.
Zentral in der Erforschung von Gehirnveränderungen aufgrund von Missbrauch ist die Frage, ob das Gehirn "geschädigt" oder schlicht "anpassungsfähig" ist. Modernere Perspektiven verfolgen die These, dass Kindsmissbrauch gewisse Gehirnregionen verändert, die es den Kindern erlauben in einer bedrohlichen und gefährlichen Welt zu überleben und sich später fortzupflanzen (die Basis hierfür bildet die Evolutionstheorie).
Hypothese 1: Missbrauchs-assoziierte Gehirnveränderungen sind abhängig von der Art der traumatischen Erfahrung.
Verbaler Missbrauch (a, b): Zunahme der grauen Gehirnsubstanz (GMV) (enthält die Nervenzellkörper) im primär auditorischen Kortex (Hörzentrum) im linken Schläfenlappen, sowie verminderte Integrität der Sprachprozessierungsschlaufe (left AF), was zu einem verminderten verbalen IQ und Sprachverständnis führt.
Häusliche Gewalt (c, d): Abnahme der grauen Gehirnsubstanz im visuellen Kortex (Sehzentrum), sowie verminderte Integrität der Verbindung zwischen Sehzentren und Schläfenlappen, was zu einem verminderten Sprachverständnis und einer Störung der visuellen Verarbeitung (insbesondere visuelle Emotions-, Gedächtnis- und Lernprozesse) führt.
Sexueller Missbrauch (e, f): Beidseitige Abnahme der grauen Gehirnsubstanz in den Sehzentren, was zu Defiziten im visuellen Gedächtnis führt, sowie eine Verdünnung des primär-sensorischen Kortex (=Empfang sensorischer Informationen) insbesondere in Arealen, welche für die Empfindung der Genitalien verantwortlich sind.
Des Weiteren unterscheiden sich missbrauchte Kinder zu nicht-missbrauchten Individuen dadurch, dass sie eine erhöhte Aktivität in der Amygdala (="Emotionszentrum") als Reaktion auf potenziell bedrohliche Gesichter zeigten. Darauf wird aus Komplexitätsgründen nicht weiter eingegangen. Für Interessierte finden sich Details im PDF (siehe Anhang) auf S. 655-657.
Doch nicht nur neuronale Kreisläufe sind von Kindsmissbrauch betroffen, auch das dopaminerge Belohnungssystem in mesolimbischen und striatalen (verminderte neuronale Antwort) Regionen. Die erhöhte Antwort der Amygdala auf potenziell bedrohliche Gesichter und die gleichzeitig verminderte Antizipation von Belohnung führt zu einem Vermeidungsverhalten, das als protektive Anpassung an eine gefährliche Umwelt durchaus Sinn ergibt.
Charakteristisch für missbrauchte Individuen ist eine Abnahme des Corpus Callosum (Strang aus Nervenfasern, der die linke und rechte Gehirnhälfte verbindet), was sich in niedrigeren IQ-Resultaten und verminderter Problemlösefähigkeit der Individuen äussert.
Kindsmissbrauch äussert sich auch durch Veränderungen der strukturellen Verbindungen innerhalb von neuronalen Netzwerken.
Hypothese 2: Individuen mit der gleichen psychiatrischen Diagnose, die sich nur hinsichtlich ihrer traumatischen Erfahrung unterscheiden, sind sowohl klinisch als auch neurobiologisch verschieden.
Der häufigste gefundene Unterschied in Studien von psychisch kranken Individuen (mit variablen Störungsbildern wie Depression oder posttraumatische Belastungsstörung) im Vergleich zu gesunden Kontrollen ist ein reduziertes Volumen des Hippocampus (der vor allem für explizite Lerninhalte - Fakten/Ereignisse verantwortlich ist). Die Studienlage ist jedoch ziemlich uneindeutig - es wird vermutet, dass bestimmte missbrauchte Individuen besonders empfänglich für neurobiologische Folgen des Missbrauchs sind, wohingegen sie weniger empfänglich für die effektiven psychiatrischen Konsequenzen sind.
Hypothese 3: Gehirnabnormalitäten werden sowohl in resilienten (=widerstandsfähigen -> psychische Erkrankungen seltener) als auch in dafür empfänglicheren Individuen gefunden.
Die uneindeutige Studienlage zu Hypothese 2 macht auch die Beantwortung der Hypothese 3 schwierig. Eine mögliche Erklärung der Beobachtungen in diesem Review könnte sein, dass es zusätzliche Unterschiede in Gehirnen von resilienten Individuen gibt, die es ihnen erlauben Stress-bedingte Hirn-Abnormalitäten zu kompensieren und so keine Erkrankung zu entwickeln. Sie sind also nicht einfach "nicht-betroffen" von Kindsmissbrauch, sondern sie haben die Fähigkeit zu kompensieren.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man von der Art der traumatischen Kindheitserfahrungen durchaus auf gewisse Muster in Gehirnveränderungen schliessen kann. Jedoch ist die Abgrenzung zu anderen Krankheitsbildern oder gesunden-resilienten und gesunden Individuen nicht eindeutig. Grund dafür ist auch, dass für die spezifischen Krankheitsbilder noch weitgehend wenig Daten über spezifische Hirnveränderungen vorliegen.