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Song Taaba - Verpflichtung zu Gegenseitigkeit
Freiwilligkeit, soziale Netze und Vereinigungen gegenseitiger Hilfe in Ouagadougou
Von Lilo Roost Vischer
Soziale Sicherung wird in Burkina Fasos Hauptstadt Ouagadougou nicht durch die Kombination von anonymen Institutionen und ehrenamtlicher Sozialarbeit ermöglicht, sondern durch überschaubare soziale Netze, die aus Verwandten und Nachbarschaft bestehen. In direkten zwischenmenschlichen Beziehungen, die auch die Arbeitssituation prägen, kann man konkret handeln, kennt man die Alltagsgeschichten und Schicksalsschläge und zeigt Verantwortungs- und allenfalls Mitgefühl. Die Beziehungen müssen für beide Seiten zufriedenstellend sein, wenn sie Bestand haben wollen.
Anonymes Mitleid und Betroffenheit kann man sich in Ouagadougou genauso wenig leisten wie in anderen rasant wachsenden Städten. Zu viele Sinneseindrücke hat man zu verarbeiten, zu präsent sind die Anzeichen von Armut in den dicht belebten Strassen der Innenstadt. War Ouagadougou vor zwanzig Jahren noch so gross wie Basel, so ist es nun bald eine Millionenstadt, die sich immer mehr in den umliegenden Busch frisst. Und alle strömen ins Zentrum, auf der Suche nach bezahlter Arbeit; die Ökonomie ist geprägt von einem sehr geringen Anteil an Lohnarbeit. Die Leute leben hauptsächlich vom Kleingewerbe und Kleinsthandel. "Système D" - wie débrouillardise (sich zu helfen wissen) - nennt man diese Wirtschaftsform, die Kunst des Überlebens, welche permanente Anpassungsleistungen erfordert.
Die verwandtschaftlichen Beziehungen, die Basis der bäuerlichen Gesellschaften, verlagern sich im urbanen Umfeld. Sie entwickeln sich quer durch die Stadt und beziehen die Nachbarschaft sowie die Herkunftsdörfer ein. Die Leute probieren unterschiedliche Modelle von Zusammenschlüssen aus, die an traditionelle Formen der Zusammenarbeit anknüpfen. Manche scheitern nach kurzer Zeit, andere funktionieren.
Song Taaba ("Gegenseitige Hilfe") Burkina-Suisse/Bâle ist eine Vereinigung, die 1995 von einer Freundesgruppe aus Ouagadougou und Basel gegründet wurde. Mit Statuten, einem Präsidenten, einer Generalsekretärin, einem Kassier, einer commissaire au compte und einem Informationsbeauftragten versehen und beglaubigt durch eine staatliche Unterschrift. Unüblich ist die zweifache Mischung dieser Vereinigung: Personen beiderlei Geschlechts und aus zwei Kontinenten, getrennt in zwei Ortsgruppen, haben sich zusammengeschlossen. Typisch aber für die débrouillardise ist die Tatsache, dass man versucht, aus dem Vorhandenen das Beste zu machen. Voraus gingen verschiedene erfolglose Versuche von Spargruppen unter Brüdern, unter Marktfrauen und von einem Projekt für Kehrichtbeseitigung zwischen Basel und Ouagadougou. Aus allen Fehlschlägen konnte man lernen; ein verlässliches Beziehungsnetz, das sich kontinuierlich über die Jahre entwickelte, erwies sich als solide Grundlage. Der Kreis der Beteiligten ist überschaubar; er besteht vor allem aus nahen Familienangehörigen, Freundinnen und Freunden der Vorstandsmitglieder. Sie müssen allerdings die nötige Motivation, ein realisierbares Projekt und Vertrauenswürdigkeit mitbringen. Verwandtschaft oder Freundschaft allein reichen nicht aus.
Song Taaba beginnt kurz nach der Vereinsgründung mit der Vergabe von Kleinkrediten in der Höhe von etwa 50 SFr. für kleingewerbliche Aktivitäten. Nur wer den bezogenen Kredit zurückbezahlt hat, hat Anrecht auf einen neuen. Die Zeitspanne der Rückzahlung wird grosszügig bemessen, im Wissen um die vielen Alltagssorgen, die in einer Stadt wie Ouaga eine Rückzahlung verzögern können. Besonders gravierend sind gesundheitliche Probleme. Wenn jemand innerhalb der Grossfamilie erkrankt, wird von überall her Geld zusammengesammelt. Traurige Tatsache ist, dass in der Stadt teure und unsorgfältig verschriebene Medikamente einen Grossteil der erwirtschafteten Gelder und Kredite verschlingen. Gerade die Frauen wirft dies immer wieder zurück. 1998 sorgt die CAN, die afrikanische Fussballmeisterschaft, die in Burkina ausgetragen wird, für zusätzliche Schwierigkeiten. Zahlreiche Leute haben einen Kredit aufgenommen, in der Hoffnung, an den ausländischen Gästen zu verdienen. Doch diese bleiben grösstenteils aus. Die informellen Aktivitäten florieren nicht. Die meisten Kredite können nicht zurückgezahlt werden. Im gleichen Jahr kann Song Taaba aber trotzdem einen Schritt weitergehen, dank der Unterstützung des Basler Zweiges. Die Verantwortlichen mieten einen Hof und richten ein Handwerksatelier für Schreiner-, Maler- und Lötarbeiten ein. Zehn Männer und Knaben finden hier Arbeit und Lehrmöglichkeiten. Ausserdem dient der Hof als Treffpunkt der Vereinigung. Als nächstes werden die Kreditmöglichkeiten für die Frauen ausgebaut.
Am Sonntagnachmittag, dem 4. März 2001, findet der jüngste Versammlungstag mit feierlicher Kreditvergabe statt. Anwesend sind viele festlich gekleidete Frauen, die Belegschaft des Schreinerateliers, die Aktiven des Vereins, geladene Gäste und natürlich zahlreiche Kinder. Nach den Begrüssungs- und Dankesreden beziehen 45 Frauen der Reihe nach und in würdevoller Stimmung ihren neuen Kredit. Die meisten beantragen 50'000 FCFA, rund 125 SFr., einige die Hälfte davon, und ein paar nur 15'000 F . Die gesamte Kreditsumme beträgt 4‘500 SFr. Das Geld stammt aus dem Verkauf von westafrikanischem Kunsthandwerk in Basel, von einer grosszügigen Spende einer Heimwehbaslerin und aus der Kasse von Song Taaba. Mit einem kleinen Teil des Basler Geldes kann auch das Festessen, die Krönung des Treffens, finanziert werden. Die Frauen aus der Familie der "secrétaire générale" haben es gekocht. Ein Essen samt traditionellen Getränken für gut siebzig Personen zuzubereiten, scheint kaum Mühe zu machen, sondern wird eher als eine Ehre angesehen, vorausgesetzt, die benötigten Nahrungsmittel sind bezahlbar. Die 30 Frauen, die einen grossen Kredit bezogen haben, haben sich gleichzeitig als Spargruppe organisiert. Monatlich bezahlen sie 5‘000 F an Song Taaba zurück und gleichzeitig 5‘000 F an ihre Tontine. So beziehen reihum, gemäss Losentscheid, jeweils drei Frauen pro Monat nochmals einen Kredit von 50‘000 F. Das Rückzahlen macht mehr Spass, wenn man nochmals etwas davon hat, erklären die Beteiligten. Nach zehn Monaten, wenn alles glatt läuft, ist der Turnus beendet. Und Song Taaba erhält zusätzlich fünf Prozent Zins in seine Kasse.
Soziales Kapital
Die Vorteile von Vereinigungen wie Song Taaba bestehen nicht nur in den finanziellen Anreizen in Form von Spar- und Kreditmöglichkeiten, sondern auch in den sozialen Aspekten. Der Möglichkeit zusammenzukommen, gemeinsam zu essen und Informationen auszutauschen, wird ebensoviel Bedeutung beigemessen. Man unterstützt sich auch gegenseitig bei den aufwendig gefeierten Lebenszyklusritualen, vor allem den Hochzeiten und Taufen. Diese sind zentrale Anlässe zur Pflege der sozialen Netze. So werden die Voraussetzungen geschaffen, sich in Notsituationen gegenseitig zu Hilfe zu kommen und bei Konflikten zu schlichten. Der Gewinn aus dem Arbeitseinsatz für Vereinigungen, Verwandtschaft und Nachbarschaft besteht also in der Stärkung und Ausdehnung der Beziehungen, in der Mehrung des "sozialen Kapitals". Und dies ist in einer informellen Ökonomie nicht zu unterschätzen.
Eine weitere Ebene des Austauschs im Interesse des individuellen, familiären und geschäftlichen Wohlbefindens sind die traditionellen und muslimischen Opfer. Wahrsagerinnen und Wahrsager finden heraus, wo eine Unstimmigkeit besteht und geben Hinweise, was getan werden kann, um Probleme zu lösen und die Situation zu verbessern. Zur Ankurbelung des Schuhverkaufs auf dem Grossen Markt etwa muss einem Bettler in der Nähe der Moschee eine Büchse Milch geschenkt werden, vor einer Reise gibt man einer alten Frau 40 süsse Küchlein, für die Examen der Kinder hilft ein gegrilltes Perlhuhn, das den umherziehenden Koranschülern offeriert wird. Die so Beschenkten beten im Gegenzug für die Spenderinnen und Spender und segnen sie. Materielle Güter werden gegen spirituelle Gaben getauscht. Es gibt nichts umsonst, wer sich und den Seinen Gutes tun will, hat zu spendieren. Wenn man nichts zu geben hat, wenn die sozialen Netze nicht mehr funktionieren, dann wird die Lage wirklich prekär.
*Lilo Roost Vischer, Dr. phil., wissenschaftliche Assistentin am Ethnologischen Seminar der Universität Basel, seit 1983 regelmässige Aufenthalte in Westafrika, vor allem in Ouagadougou/Burkina Faso. Kontakt: <email-pii>