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von Dr. Michaela Knecht
Fühlen sich Menschen in einer wohlhabenden oder in einer freien Gesellschaft wohler? Zweifelsohne haben sowohl das Einkommen, als auch die wahrgenommene individuelle Freiheit einen Einfluss auf unser Wohlbefinden. Welcher dieser beiden Aspekte ist aber entscheidender?
Zwei neuseeländische Forscher (Fischer & Boer, 2011) haben in einer Meta-Analyse Resultate von mehreren Hundert Studien aus 63 Ländern und von insgesamt über 420 000 Personen untersucht und verglichen. In Ihrer Arbeit analysierten sie, wie es um das Wohlbefinden der Menschen in diesen unterschiedlichen Ländern steht. Dabei standen vor allem negative Aspekte wie z.B. Ängstlichkeit, emotionale Erschöpfung und Stress im Mittelpunkt.
Fischer und Boer (2011) kommen zu dem Schluss, dass die wahrgenommene Autonomie einer Person (mit anderen Worten: der Individualismus in einer Gesellschaft) wichtiger für das Wohlbefinden der Bevölkerung ist als der gesellschaftliche Wohlstand. Das heisst, in einer Gesellschaft, in der Menschen frei entscheiden können, wie sie ihr Leben leben wollen, geht es ihnen besser, ganz unabhängig davon, wie reich das entsprechende Land ist. Autonomie und Wohlstand sind aber nicht unabhängig voneinander. Grösserer Wohlstand in einer Gesellschaft kann zu mehr Autonomie der Bevölkerung führen, was sich dann wiederum in gesteigertem Wohlbefinden äussert. Kurz gesagt macht Geld nicht glücklicher, führt aber oft zu einer stärkeren Autonomie, die dann wiederum zu höherem Wohlbefinden führen kann.
Eine zweite interessante Frage, die sich die Forscher stellen, ist, ob ein hohes Mass an Geld und Autonomie immer zu höherem Wohlbefinden führt oder ob es auch ein Übermass an Wohlstand und Autonomie in einer Gesellschaft geben kann. Der Zusammenhang zwischen Einkommen und Wohlbefinden wurde schon in vielen Studien eingehend untersucht. So konnte gezeigt werden, dass insbesondere in armen Ländern eine Erhöhung des Einkommens eine starke Verbesserung des Wohlbefindens zur Folge hat. Wenn jedoch die finanziellen Mittel ausreichen, um alle Grundbedürfnisse nach Essen, Kleidern, Unterkunft, medizinischer Versorgung etc. zu erfüllen, kann eine Erhöhung des Einkommens das Wohlbefinden nur noch geringfügig verbessern. In einer sehr reichen Gesellschaft kann eine Erhöhung des Einkommens sogar negative Folgen haben, z.B. weil es durch die grosse ökonomische Freiheit zu einer Überflutung an Wahlmöglichkeiten kommen kann. Wer permanent wichtige Lebensentscheidungen selbst treffen und eine schier unbegrenzte Menge an Wahlalternativen miteinander vergleichen muss, ist unzufriedener und bereut die getroffenen Entscheidungen auch häufiger. Ähnliches gilt für den Zusammenhang zwischen Individualismus und subjektivem Wohlbefinden. In Gesellschaften, in denen die Menschen frei sind, das Leben zu führen, das sie möchten, also die Möglichkeit haben sich zu entwickeln und die eigenen Ziele zu verfolgen, liegt das Wohlbefinden höher. Auch hier konnte aber gezeigt werden, dass es unter Umständen zu einem Zuviel an Autonomie kommen kann. Dies kann bei den Menschen zu einem Mangel an sozialen Netzwerken, zu Einsamkeit oder zu einem Gefühl der Leere führen.
Quelle:
Fischer, R., & Boer, D. (2011). What ist more important for national well-being: money or autonomy? A meta-analysis of well-being, burnout, and anxiety across 63 societies. Journal of Personality and Social Psychology, 101, 164-184.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.