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Würden sie solche Handlungen unterlassen, handelten sie keineswegs moralisch falsch. Sie würden auch nicht getadelt oder kritisiert. Sie handelten schlicht nicht moralisch so gut, wie es möglich wäre. Handlungen, die in dieser Weise über die Pflicht hinausgehen, werden als ‚supererogatorisch‘ bezeichnet.
Als klassische Beispiele für solcherart lobenswerte Handlungen dienen oft heldenhafte und ‚heilige‘ Handlungen. Sie werden unter ausserordentlichen Bedingungen ausgeführt und fordern sehr grosse persönliche Opfer. Philosophisch vielleicht sogar spannender sind jedoch moralisch gute Handlungen, die für durchschnittliche Akteure eine alltägliche Option darstellen. Dazu zählen etwa Mehrauslagen für fair produzierte Güter, freiwilliges Engagement im Rahmen bestimmter Nichtregierungsorganisationen (NGOs) oder der Verzicht auf ökologisch fragwürdige Reisen und Wohnungen. Der moralische Common Sense scheint zum Beispiel durchaus zu akzeptieren, dass es moralisch besser ist, sich im Rahmen einer NGO für ein moralisch wertvolles Ziel zu engagieren, statt seine Freizeit auf Fussballplätzen oder in Museen zu verbringen, ohne aber daraus zu schliessen, dass letztere Formen der Freizeitbeschäftigung moralisch falsch wären. Mit anderen Worten: Die Vorstellung, dass Menschen moralisch mehr leisten können als wozu sie moralisch verpflichtet sind, scheint integraler Teil unserer alltäglichen moralischen Praxis zu sein.
So vertraut die Vorstellung ist, dass man ‚über die Pflicht hinaus‘ handeln kann, so problematisch ist sie. Sie scheint einem fundamentalen Prinzip praktischer Rationalität zu widersprechen, demgemäss es immer falsch ist, die schlechtere von zwei Optionen zu wählen: Wenn es moralisch besser ist, auf eine ökologisch problematische Reise zu verzichten, wie kann es dann nicht moralisch falsch sein, eine solche Reise zu unternehmen? Man spricht deshalb oft vom ‚Paradox der Supererogation‘. Die dominanten neuzeitlichen Moraltheorien scheinen denn auch keinen Spielraum für die Vorstellung zu haben, dass es moralisch gute Handlungen gibt, die über die Pflicht hinausgehen: Ist eine Handlung moralisch gut, ist sie moralisch geboten.
Moralischer Alltagsverstand und Moraltheorie scheinen hier im Konflikt zu stehen. Nun gibt es keinen Königsweg, wie sich ein solcher Konflikt lösen lässt. Praktische Philosophie wird zwar in der Regel die Aufgabe zugeschrieben, bestehende moralische Praktiken und Vorstellungen kritisch zu untersuchen. Gleichzeitig kann sie aber allererst auf dem Boden bestehender moralischer Praktiken und Vorstellungen ansetzen. Ist sie zu kritisch, setzt sie sich der Gefahr aus, dogmatisch zu sein und sich von ihrem eigenen Platz im Leben zu entfernen. Ist sie zu wenig kritisch, segnet sie vorherrschende Praktiken und Vorstellungen ab.
Mit Blick auf die Vorstellung, dass man moralisch lobenswert handeln kann, müssen zwei zusammenhängende Fragen unterschieden werden: Einerseits stellt sich die Frage nach der begrifflichen Möglichkeit von Handlungen, die über die Pflicht hinausgehen. Andererseits stellt sich die Frage, welches Anliegen der Vorstellung von Handlungen, die über die Pflicht hinausgehen zugrunde liegt.
Auf die erste Frage gibt es, grob vereinfacht, drei klassische Antworten. Der erste Ansatz bestreitet tatsächlich, dass es moralisch gute Handlungen geben kann, die nicht geboten sind. Solche Handlungen stellten entsprechend ein begriffliches Unding dar. Der zweite Ansatz weist die Vorstellung zurück, dass man immer so handeln soll, wie es am besten ist. Als Beispiel werden hier oft ‚nette‘ Handlungen wie etwa nachbarschaftliche Aufmerksamkeiten genannt, die zwar gut sind, aber kein Sollen implizierten. Solche Handlungen können jedoch höchstens in einem weiten Sinne als moralische Handlungen gelten. Auf jeden Fall ist es mehr als zweifelhaft, dass sich diese Antwort auf unbestritten moralische Fragen wie etwa ein mögliches Engagement im Rahmen einer NGO für den Kampf gegen Menschenrechtsverletzungen anwenden lässt. Der dritte Ansatz akzeptiert zwar, dass man grundsätzlich moralisch so handeln soll, wie es moralisch am besten ist, setzt aber zugleich voraus, dass man moralisch gerechtfertigt sein kann, nicht entsprechend zu handeln. Wer nun so handelt, wie es moralisch am besten ist, obwohl sie oder er moralisch gerechtfertigt wäre, nicht so zu handeln, handelt moralisch lobenswert. Unproblematisch ist aber auch dieser Ansatz nicht. Er muss eine Antwort auf die Frage geben können, weshalb es moralisch besser sein kann, in einer bestimmten Weise zu handeln, obwohl man moralisch gerechtfertigt ist, nicht entsprechend zu handeln.
Gerade dieser dritte Ansatz legt zugleich eine Antwort auf die Frage nach dem Anliegen nahe, das der Vorstellung von Handlungen, die über die Pflicht hinausgehen zugrunde liegt. Mit dieser Vorstellung soll offensichtlich die Sorge um den moralischen Akteur und sein gutes Leben zum Ausdruck gebracht werden. In die Moral ist dann immer schon eine humane Rücksicht auf die moralischen Akteure eingebaut. Sie stellt sicher, dass vom einzelnen Akteur nicht zu viel verlangt wird. Diesem Anliegen können, unter anderen Vorzeichen, übrigens auch die anderen Ansätze Rechnung zu tragen versuchen. Wo allerdings die Grenze des Zumutbaren zu setzen ist, erscheint nun keineswegs klar und wäre Thema eines anderen Beitrages. Der Verdacht besteht, dass die weite Verbreitung der Vorstellung von Handlungen, die über die Pflicht hinausgehen, Ausdruck davon ist, dass der moralische Common Sense die Grenze für uns als Akteure gar grosszügig zieht.
Über den Autor
Beitrag von Dr. Hubert Schnüriger, Assistent Universität Basel, Philosophisches Seminar