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Dieter Meier, geboren 1945 in Zürich, steuert nicht nur seit gut drei Jahrzehnten in der Formation Yello Texte, Gesang und exzentrische Geräusche bei, sondern ist zudem bildender Künstler, Aktionist, Filmemacher und Autor. 2006 veröffentlichte er den Sammelband «Hermes Baby» mit feuilletonistischen Essays, einigen leider ziemlich üblen Gedichten, vor allem aber mit vielen guten autobiographischen Texten, darunter Szenen aus dem Leben eines manischen Pokerspielers, aus der «Schlangengrube der Getriebenen» , die beeindrucken, auch weil Meier seine Sucht nicht moralisierend betrachten mochte.
Als bildender Künstler hat er seine Stärken ebenfalls in den kurzen Spannungsbögen, in den Happenings und Aktionen, die er «Situationismus» nennt. «La Conquête de l’inutile», diese kurze Werkschau von 1969 bis 2007, ist eine Feier des Spielballdaseins. Durchschnittlich «ein paar zehntausend Tage» verbringt der Mensch auf dem «Planet Dada» – warum, kann er nicht wissen. Meiers Zentralthema, die Zumutung des Sinns, gesellt sich zu den zweckbefreiten Riesenmaschinen von Jean Tinguely, mit denen sich Meier beschäftigt hat: im Getriebe der eigenen unverstehbaren Existenz ist man zu Gast und muss dies als das einzig Sichere betrachten, alles andere konstruiert man, und sei es zur «Eroberung des Nutzlosen».
Meier vermittelt jedoch nie eine Leidenshaltung. Zumindest im Kunstbereich kann er über die Absurdität des Lebens lachen. Diese nicht streng chronologische, aber sehr interessante Werkschau präsentiert vor allem in Fotodokumentationen Meiers Ketten von konstruierten Momenten, irren Sortierungen, vorgenommenen Schicksalseinordnungen und grotesken Bemühungen, die dadurch mit der Welt des von umgedrehten Karten abhängigen Pokerspielers in Verbindung stehen.
1969 zählt er eine Werktagswoche lang auf dem Zürcher Heimplatz einen Berg kleiner Metallstücke akribisch in Beutelchen ab, nichts weiter. 1970 folgt in Zürich das öffentliche Angebot, sich das Schreiten über eine gepflasterte Strecke formal mit einer «Gang-Bestätigung» bescheinigen zu lassen – schon Jahrzehnte vor der Idee des «Charlottenburger Erlebnisbestätigungsamtes» von Katz & Goldt. 1971 kauft Meier von Passanten in New York ein «Yes» oder «No» für je einen Dollar, gibt ihnen dann ein Meier-Zertifikat und dazu die Versicherung, er werde mit diesen erworbenen Worten kein Schindluder treiben.
Eine durchgehende Charakteristik des Werkes lässt sich kaum geben, aber eines haben alle Aktionen und Stücke gemeinsam: der Bankierssohn Meier, der keine materielle Not kennengelernt hat, drängt sich nie auf. Stets bietet er an. Eine verblüffende Dezentheit, die Dada sonst nicht unbedingt kennzeichnet, springt hier ins Auge: alles ist schnell erfassbar und auch schnell wieder vorbei, spurlos. Mit einer Ausnahme. Für die Kasseler Documenta 1972 liess Meier auf dem Bahnhofsplatz eine Metalltafel zwischen die Gehwegplatten einsetzen, die besagte: «Am 23. März 1994 von 15.00–16.00 Uhr wird Dieter Meier auf dieser Platte stehen». Während dieser etwa 8000 Tage wurde er mit YELLO zum Star. Und so umgab ihn beim Lokaltermin zur Erfüllung der Prophezeiung eine grosse Menschenmenge. Die Aktion fand statt, das Beweisfoto zeigt Meier im besten Anzug, schmunzelnd und umringt von Fans; er steht wie versprochen auf dem Boden der selbstgeschaffenen Tatsache. Er widersprach sich damit selbst, denn es bestätigte eine Ordnung der Welt, es war eine eingehaltene Gesetzmässigkeit, und so nutzlos die Aktion auch erschien: Meier hätte dafür besser ausfallen sollen. Seine Verneinung des Sinnvollen ging hier also eigentlich schief. Aber wie hätte er die Aktion zerstören können, ohne der Sache damit eine wiederum unangemessene Schwere zu verleihen? Es war das schöne Dilemma eines in sich inkonsequenten Kunstwerks. Und so passte es dann doch.
vorgestellt von Marcus Jensen,
Dieter Meier: «La Conquête de l’inutile. Werke 1969–2007». Bern: Benteli, 2007.