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Haben Sie sich jemals mit Epistemologie befasst? Nein? Doch. Jedermann befasst sich gelegentlich damit, auch wenn er sich dessen nicht bewusst ist. Es geht um die faszinierende Frage, wann man sicher sein kann, dass das, was man zu wissen meint und für wahr hält, tatsächlich sicheres Wissen ist.
Die Skeptiker sagen Nein
Die Philosophen schlagen sich seit eh und je mit dieser Frage herum; jeder entwickelt eine eigene Theorie dazu, aber endgültig befriedigend ist keine. Jede führt zu neuen Fragen, namentlich zu der, ob der Mensch überhaupt sicheres Wissen zu erlangen vermag. Der Skeptiker beanwortet diese Frage mit einem entschiedenen Nein; andere sind weniger pessimistisch, gelangen aber unabwendbar an die Frage, welche Grenzen dem Erkenntnisvermögen des Menschen gesetzt sind.
Von welchem Punkt an gilt Wittgensteins berühmter Satz: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Ein grossartiges Wort, das freilich nur wenige Philosophen beherzigen. Viele meinen sich über die Grenze, an welcher das Schweigen beginnen muss, hinwegsetzen zu können, indem sie neue Begriffe prägen oder bestehende umdeuten. Und dann sprechen und schreiben sie unentwgt weiter, immer komplizierter, immer verworrener, so dass bei manchen am Ende nichts als ein unverständliches Wortgeklimper darbietet.
Kants Empfehlung
Was ist es überhaupt, das uns Menschen zu erkennen befähigt? Sind es die Sinne? Ist es der Verstand? Schon hier scheiden sich seit jeher die Geister. Die einen halten die sinnliche Wahrnehmung für den besten, oder jedenfalls für den primären Weg. Andere, vorab die Naturwissenschaftler, plädieren für das verstandesmäßige Erforschen. Immanuel Kant sah die Lösung (grob ausgedrückt) im gemeinsamen Vorgehen von Verstand und Sinnen unter dem kontrollierenden und regulierenden Wirken der Vernunft.
Goethe wiederum, der sein ganzes Leben lang intensiv und eingehend naturwissenschaftliche Studien betrieb, sah den Weg zum sicheren Wissen im „anschauenden Denken“, wobei dieses stets das Ganze im Auge behalten sollte, was ja gerade in unserer Zeit wieder im Vordergrund steht.
Goethes Polemik gegen Newton
Dass Goethes Aversion gegen mathematische Formeln, die seiner Meinung nach „das Lebendige in ein Totes“ verwandeln, ihn dazu verführte, im Zusammenhang mit seiner fehlgeleiteten Farbenlehre einen ebenso dummen wie gehässigen Kampf gegen Newton zu führen – gegen dieses, wie er schrieb, Papsttum, das „sich anmaßt, durch Zeichen und Zahlen den Irrtum in Wahrheit zu verwandeln“, tut seinen im Ganzen doch beachtlichen naturwissenschaftlichen Leistungen keinen Abbruch.
Hervorragend analysiert und aufgezeigt sind diese Leistungen in dem höchst lesenswerten Essay „Goethe und die Naturwissenschaften“ von Gottfried Benn, der selber ja nicht nur Dichter und Schriftsteller, sondern auch praktizierender und forschender Arzt war, Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten.
Fragen, die man man nicht abweisen kann
Angesichts der zahllosen, allesamt erfolglosen Lösungsversuche könnte man resigniert zum Schluss kommen, es sei müssig, sich über diese Sache den Kopf zu zerbrechen. Aber dem hätte auch Wittgenstein nicht zugestimmt. Denn die Frage selber, wie man zu sicherem Wissen gelangt, ist und bleibt wichtig und zwingt gerade heute wieder auch die Naturwissenschaftler, sich damit zu befassen. Das Nachdenken darüber ist – man ist versucht zu sagen: Bestandteil des menschlichen Genoms. Oder, wie Kant es am Anfang der Vorrede zur ersten Ausgabe seiner "Kritik der reinen Vernunft“ so wunderbar formuliert hat: "Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse, dass sie durch Fragen belästigt (!) wird, die sie nicht abweisen kann, denn sie sind durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben."
“Die Katze sitzt auf der Matte“
Wie mühsam die Arbeit an diesen Fragen auch sein mag, sie kann gelegentlich auch amüsant sein. Vor einigen Jahren belegte ich in Berlin an der Humboldt-Universität als Gasthörer eine Vorlesung über Erkenntnislehre, Epistemologie. Die Vorlesung dauerte ein Semester lang und führte von Platon über Aristoteles, Descartes, Leibniz, Frege, Wittgenstein, Gettier bis zu Quine, die alle mit diesem Problem gerungen haben. Und am Ende des Semesters war das Fazit der mannifaltigen Überlegungen und Thesen: „Der Satz ‚Die Katze sitzt auf der Matte‘ ist wahr genau dann, wenn die Katze auf der Matte sitzt.“
Die Studenten brüllten vor Lachen. Einer meldete sich zu Wort (das darf man heute bei guten Professoren) und sagte, er hätte diese Weisheit als Ausgangspunkt der Vorlesung akzeptieren können, aber als Endergebnis von einem ganzen Semester Arbeit erscheine er ihm doch äußerst unbefriedigend. Der Professor, ein junger Gelehrter, der sowohl in Mathematik wie in Philosophie promoviert hatte, erwiderte, so sei eben unser Wissen: unbefriedigend.
Immerfort gültige Kinderfragen
Es ist fast eine Kinderfrage, was der spanische Dichter Bécquer in knappe vier Zeilen gefasst hat. Und wie so viele Kinderfragen ist sie fundamental, immerfort gültig und ohne Antwort:
Die Seufzer sind Luft und gehen in die Luft,
Die Tränen sind Wasser und gehen ins Meer;
Sage mir, Weib, wenn die Liebe vergessen ist,
Weisst du, wohin sie geht?
Das Kind fragt: Wohin geht der Wind, wenn er aufhört zu blasen? Oder: Was macht der Weihnachtsmann in der Zeit zwischen den Weihnachten? Du antwortest: Er macht die Geschenke, die er an Weihnachten den Kindern bringt. Und das Kind fragt: Wie weiss er, was ich mir wünschen werde, bevor ich es ihm geschrieben habe? Und Du schweigst. Du weisst es nicht. Du weisst auch nicht, wo die Liebe hingeht, wenn sie vergessen wird. Verglüht sie? Erlischt sie? Verwelkt sie? Stirbt sie? – Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht glimmt sie weiter, zuhinterst in einem winzigen Winkel des Gehirns oder des Herzens. Es ist eine schwierige Frage.