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Zu Dominik Riedos 25-jährigem Jubiläum als literarischer Autor erscheint von ihm bei Zeitnah ein bislang unveröffentlichter Essay von 1995. Die Rezeption von Nietzsches Spätwerk im Schatten von dessen Krankheit kommt darin ebenso kritisch zum Ausdruck wie ein Rückblick auf das eigene kreative Schaffen.
Von Dominik Riedo
Diesen Text schrieb ich 1995 (er stützt sich schwer auf Sekundärliteratur ab) und wurde damals nicht veröffentlicht (2009 versuchte ich ihn stilistisch zu verbessern; er war aber inhaltlich nicht zu retten – die Sekundärliteratur war schon längst weiter). Doch er stammt aus dem gleichen Jahr, in dem meine ersten literarischen Publikationen erschienen sind: eine erste Version der Teilübersetzung von Arno Schmidts «Abend mit Goldrand» (spätere Fassung: Bern 2010) als Privatdruck (April 1995) und einige Texte in der Diplomzeitung des Kantonalen Lehrerinnen und Lehrerseminars Luzern (Juni 1995). Zum Jubiläum habe ich ihn mit einigen Fußnoten garniert – so ist er vielleicht doch irgendwie ‹gerettet›.
Dominik Riedo
Scheisse und Mondschein
Über den Umgang mit Nietzsches ‹kranken› Schriften
oder
Geben Sie mir etwas Gesundheit
Ein Riss geht durch die Welt …
Friedrich Nietzsche (1844–1900) weigerte sich in seinem letzten Lebensdrittel, über die Triebe in moralischen Kategorien zu denken. Denn er leitete seine Haupterkenntnisse und -Ideen – eben: Kritik der Moral (damit zugleich der Religionen, vor allem der christlichen, aber auch an der Metaphysik allgemein sowie an der Erkenntnistheorie), einen angestrebten apollinisch-dionysischen Nihilismus (‹Gott ist tot›) etc. – aus den menschlichen Affekten her; seine eigenen, speziellen Affekte wiederum sah er beeinflusst von seinen zahlreichen körperlichen Leiden.[1] Ab wann genau in seinem Leben das so war, ob alles mit jenem berühmten Spaziergang 1881 in Sils-Maria zusammenhängt, können wir hier getrost unbeantwortet lassen.[2]
Nicht derart gelassen, aber nichtdestotrotz ohne genauere Erwähnungen, übergehe ich die verschiedensten expliziten oder impliziten Invektiven[3] in medizinischen oder pseudomedizinischen Forschungsansätzen, die Nietzsches Krankheit – er verfiel 1888/1889 paralyseartig – und ihre scheinbar negative Wirkung auf seine Schriften zu den unterschiedlichsten Zeitpunkten beginnen lassen wollen: sei es gewissermassen[4] von Anfang seiner öffentlichen Schreibtätigkeit an oder auch erst ab dem Jahr 1888, wodurch dann also das Gesamtwerk oder sicher die letzten Werke Götzen-Dämmerung, Der Antichrist und vor allem Ecce homo stark betroffen wären. Das alles sind zwar biographisch wichtige Fragen, wichtig vielleicht auch zur Deutung der einzelnen Werke, aber die Grösse oder Wichtigkeit des Gesamtwerks darf doch eigentlich nur aus dem Gesamtwerk selbst begründet werden.
Und genau hierin liegt seit den 1890er-Jahren der allgemeine Skandal: Die Rezeption von Nietzsches Werken in der breiteren Öffentlichkeit, dass ihm oft ohne grosse Bedenken oder wenigstens wissenschaftlich genauere Abgrenzungen und vor allem ohne intensive Lektüre des Werks definitiv eine schlimme geistige Krankheit schon vor Ende 1888 nachgesagt wird, das halte ich nicht nur für falsch, sondern für ein weiteres, allerdings gewichtiges Beweisstück für den seit langer Zeit schwelenden Riss im Erkenntnissystem der meisten Menschen – und damit indirekt ein Beweis gerade für die Richtigkeit von Nietzsches Hauptlehren.
Meine These lautet nämlich: In der Nachfolge, in der Rezeption der Werke Friedrich Nietzsches zeigt sich genau jener Zwiespalt, der Jahrhunderte zuvor aufgezogen wurde und den Nietzsche doch gerade kitten wollte: den nach aussen projizierten Riss im Innern des Menschen. Nach aussen projiziert ergibt er den Gegensatz von Menschenwelt und Götterwelt, oder von Immanenz und Transzendenz; in seinem Innern ist es der Gegensatz von ‹animalischen Trieben› und ‹hehren Gedanken›. Wegen dieses Risses im Innern, sagt Nietzsche, schuf der Mensch die Götter.[5] Er ertrug es nicht, sich nur als animalisches Wesen zu sehen, ohne einen edlen Schöpfer. – Und wie gesagt: Genau deswegen wird Nietzsches Wirken bis heute desavouiert, sein Werk bis heute diskreditiert.
Das begann 1890 bereits mit der ‹Fürsorge› durch seine Mutter [6] und wurde durch seine Schwester fortgeführt. Auch hier ist die Ungeschichte längst beschrieben. Sie zeigt aber sehr schön, dass man das Denken zuerst andersherum zu manipulieren versuchte. Wurde später die scheinbare Krankheit zum Grund genommen für eine ebendarin herausgelesene Minderwertigkeit von Nietzsches (letzten) Schriften, so wurde vorerst der nun aufsteigende Glanz um seine Werke, den die Schwester mit dem zunehmendem Ruhm um die Lebensgeschichte ihres Bruders noch zu steigern gedachte, möglichst ohne Trübung zu erhalten versucht: Elisabeth Förster-Nietzsche erklärte den Zustand des Philosophen ab Ende 1888 anfänglich mit einem gigantischen Nervenzusammenbruch infolge geistiger Überarbeitung, später brachte sie eine Chloralhydrat-Theorie ins Spiel und sogar eine Haschisch-Paralyse. Denn es durfte und konnte für die Schwester nicht sein, dass erst eine luetische Infektion (falls er sie überhaupt hatte, auch das ist teilweise umstritten) mit ihren möglichen paralytischen Vorschüben dazu geführt haben mochte, dass Nietzsche – ausgelöst durch veränderte Affekte aufgrund dieser Krankheit – den erwähnten Riss im eigenen Innern erkannte und sich dann bewusst wurde, dass dieser über Jahrhunderte durch Projektion nach aussen zu Moralregeln und Religionen geführt hatte. Es durfte nicht sein, dass ein Philosoph gewissermassen im Puff Wahrheit findet: Wer stürzt durch wildes Vögeln die Götter?
Erst später, als nichts mehr half, eine Krankheit, die von mehreren Personen öffentlich beschrieben worden war, zu verleugnen, vor allem nach dem Tod der Schwester und nach dem Ende des ‹Dritten Reichs›, geschah dann das Umgekehrte: Gerade weil Nietzsche bezeugtermassen krank war, konnten seine (letzten) Schriften nicht uninfiziert davon sein; völlige geistige Gesundheit passte nicht mehr ins Bild des Philosophen, der den ‹Übermenschen› erdacht haben sollte. – Doch bereits hier war ja Nietzsche falsch gedeutet worden, gerade in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg: Sein Übermensch war nie eine mit turnvaterjahnmässigen Idealen ausgestattete blonde Bestie; der Übermensch meint bei ihm jenen, der die Religion überwunden hat, meint den neuen Menschen, der sich von den Traditionen und Lehrsätzen der Religion, der Metaphysik und den Moralsystemen überhaupt befreit haben wird, also eigentlich rein animalisch sein würde, aber trotzdem mit einem Eigenbewusstsein.
Das aber passte und passt all jenen Interpreten und unberufenen Lesern nicht in den Kram, die weiter an Gott glauben müssen, weil sie die klare und bedingungslose Sicht nach innen nicht schaffen. Ihretwegen kann es nicht sein, dass es keinen Gott gibt, sie schaffen es nicht, zu sehen, was Nietzsche vor ihnen gesehen hat. Aber statt sich einfach abzuwenden, versuchen sie Nietzsche zu diffamieren (obwohl gerade sie sonst das ‹Nil-nisi› mit würdevoller Miene hochhalten): Demnach müsse doch wahnsinnig sein, wer Christentum und Moral angreife, und wer ‹mit dem Hammer›[7] philosophiere, den könne man sowieso nicht ernstnehmen.
Wenn man aber unvoreingenommen liest (etwa im Sinne einer Pathographie der Pathographen: Ein Gernegross krümmt sich den Begriff ‹Genie› eben gerne auf sein eigenes Format zurecht und spricht von der Nähe von Genie und Wahn, die noch selten zutraf …), wird rasch klar, dass die Feinde des Spätwerks zu denen gehören, die sich darin zu den Angegriffenen zählen dürfen: die Bürger par excellence, denen jede Daseinsberechtigung abgesprochen wird. – Was nicht heisst, dass Nietzsche diese Menschen ausradieren wollte (auch hier wurde er missverstanden). Er hoffte nur darauf, dass sie sich ändern liessen, damit die Menschheit phylogenetisch durchleben könnte, was er ontogenetisch durchgemacht hatte: Den Riss im eigenen Innern zu finden, einzusehen, dass wir weder Götter noch bestimmte Moralregeln brauchen, und den ungesunden Riss dann eben zu kitten.
Und gerade weil er, Friedrich Nietzsche, das alles, seiner Meinung nach, vorgelebt hatte, nahm das Spätwerk jene Form an, in der es heute vorliegt: Gerade weil er sich für einen der Vorgänger-Übermenschen halten mochte, musste sein letztes Werk doch Ecco homo heissen (das er auch ein Vorspiel zu seinem Hauptwerk nannte, dem Werk zur Umwertung aller Werte; sowieso ist ihm letztlich jede neue Schrift auch eine Umwertung seiner vorangegangenen Werke, darum die neuen Vorworte früherer Büchern; als oberstes Ziel galt ihm quasi die Überwindung als Kraft: Der Mensch ist etwas, das überwunden werden soll, also gerade kein endloses Fortschreiten des Darwinismus): ‹Sehet, es ist/ich bin nur ein Mensch› – aber einer, der keinen Gott mehr nötig hat. Nietzsche will seinen Lesern sagen, dass sie keinen Gott mehr brauchen, dass wir Menschen eben Mensch sein dürfen, dass wir uns selber erschaffen, dass wir werden können, was wir eigentlich bereits sind (Untertitel des Ecce homo: Wie man wird, was man ist). Und weil er ein starkes Beispiel geben wollte eines Menschen, der anders ist, der keinen Gott mehr braucht, stilisierte er sich zum grossen Gegenexempel Gottes, zum Antichristen (Der Antichrist). Aber weil der Philosoph zugleich ahnte, dass es für die grosse Überzahl der Menschen nicht einfach sein wird, ihm zu folgen, sprach er von sich auch als einem ‹Schicksal› (Warum ich ein Schicksal bin; hiervon mag dann rühren, dass Nietzsche sich, am Ende des Jahres, zusehends in verschiedenen Rollen von welthistorischer Bedeutung sah, als König, als Kaiser, als Shakespeare/Lord Bacon, Voltaire oder Napoleon etc. beziehungsweise als der Mensch, in dem sich die Frage von Jahrtausenden entschieden hat). Das stimmte seiner Logik gemäss selbst dann, wenn die Menschen seinem Vorbild nicht würden folgen können: Denn wenn wir phylogenetisch – zumindest als Mehrheit – nicht finden, was er ontogenetisch entdeckte, sind wir schicksalhaft verloren; wenn wir weiterhin mit unserem Bewusstsein als falsch annehmen, was nicht zu ändern ist, also dass es einen Gott gäbe, wo doch alles dagegen spricht, dann leiden wir. Und wenn wir deswegen leiden, so ist unsere Spezies, die ein derartig entwickeltes Bewusstsein hat, eine Sackgasse der Evolution.[8] Dann hat unser Denkvermögen nur zu unnötigen Beschwerden geführt.
Das, was viele in den (letzten) Schriften Friedrich Nietzsches als ‹krank› ansehen, was ihnen zu egomanisch ist, kommt also davon, dass er eigentlich je länger je mehr nicht mehr von der Welt redet, sondern davon, was er durch sie geworden ist und wie er sie nun sehen kann. Und da er seiner Meinung nach nur geworden ist, was er wurde, weil seine Affekte infolge von Krankheitssymptomen von anderen Menschen verschieden waren, hielt er sich auch nicht für wirklich krank oder litt übermässig an seinen Kopf- und anderen körperlichen Schmerzen: Gesundheit ist dasjenige Mass an Krankheit, das es mir noch erlaubt, meinen wesentlichen Beschäftigungen nachzugehen. Und ja, vielleicht durfte er nach dem Erreichten, gerade wegen des Schmerzes Erreichten, wirklich beizeiten euphorisch sein. Denn wer all das erreicht hatte, was er eben erreicht hatte, dem stand doch von Zeit zu Zeit eine Art ‹manisches Stadium› zu; ja, wer den Ecce homo zu den Höhen der Sprache hob, die er dort erreichte und die nicht eine kleine Leistung sind, der durfte zufrieden sein. Wirklich zufrieden. So zufrieden, wie er es eben sein konnte.
Natürlich sind dadurch die Werke Götzen-Dämmerung, Der Antichrist und Ecce homo eine nie dagewesene Entfernung von der Norm. Aber was ist schon die ‹Norm›? In Nietzsches Logik: das Gespaltetsein … Darauf wollte er wie gesagt keine Rücksicht mehr nehmen und verzichtete damit auch auf einige der bisherigen kommunikativen Konventionen. Denn Rückschau, das kam für ihn jetzt nicht mehr infrage. Und so wird zumindest in Ecce homo seine Lehre von der Kunst als der letzten metaphysischen Tätigkeit des Lebens auch ganz praktisch vorgeführt: Das unvergleichliche der Abbildung ist hier blosse Konsequenz; Ecco homo stellte erstmals systematisch jedes System infrage, deshalb war es in letzter Konsequenz auch nicht zu Ende zu schreiben – und Nietzsche findet nur in der Synthese der Obertöne aller seiner früheren Dissonanzen zu einer Ordnung, die dem Anspruch jedes zuvor geforderten Systems entkommt … Er sei Musiker, sagte er in der Irrenanstalt mehrmals …
Deshalb sollten wir ihn wohl auch ernst nehmen, wenn er den Ärzten gesagt hat, ab wann er krank war: Am 17. Juni 1889 gibt er als Tag seiner Einlieferung den 23. November 1888 an, als er in Turin noch weiterhin allein vor sich hinarbeitete. Und wirklich: Bis Mitte November 1888 finden sich keine eindeutigen Zeichen für einen Absturz des Systems bei Nietzsche. Erst danach flieht er fast panisch in einige Seitenprojekte, erst danach beginnt er damit, die ‹Wahnsinnszettel› zu schreiben.
Doch wichtiger noch mag die Frage sein: Wieso wurde er eigentlich trotz seiner Ent-deckung krank? Nochmals: Vermutlich, weil wir evolutionstechnisch eben doch eine Sackgasse sind, auf beide Seiten hin, mit oder ohne Gott. Denn Nietzsche schaffte es zwar, den Riss in seinem Innern zu kitten, aber vergessen konnte er ihn trotzdem nicht. Und das können wir in unserer Art vielleicht wirklich nie. Nietzsche wäre damit einmal mehr unser Schicksal insofern, als auch wir alle untergehen werden, als Art, als Spezies. Wirkliche Überkreatur würde nur, wer nicht einmal mehr Gott überwinden muss, weil er ihn nie gekannt hat, nie gesucht hat, nie das Bedürfnis danach hatte.
Vermutlich hat Nietzsche uns allen das Sackgassenzeichen aufgestellt: Er hätte wieder Tier werden sollen, im reinsten und besten Sinne; nicht ein zu bewusstes Tier: Ich gelte, unter uns, in Paris als das geistreichste Thier, das auf Erden dagewesen ist und, vielleicht, noch als etwas mehr … Zu seinem LEIDwesen schaffte er es nicht, nurmehr Tier zu sein, keinen Riss gekannt zu haben … Er schaffte es auch nicht, Gott zu werden.
Ecce homo musste der Abschluss sein, danach konnte nichts mehr so weitergehen, wie zuvor. Aber krank ist das Werk nicht. Nur aus dem letzten Loch gepfiffen, knapp vor dem Durchdrehen vor lauter Durchblick:
HÖHERE MENSCHEN
Der Steigt empor – ihn soll man loben!
Doch jener kommt allzeit von Oben!
Der lebt von dem Lobe selbst enthoben,
Der i s t von Droben!
Dominik Riedo / September 1995 ([stilistisch leider 2009 etwas verbessert] und Januar 2020 = Fußnoten)
[1] Mir ging das damals bereits nah, weil ich 1995 schon einen Tinnitus hatte und Zahnprobleme.
[2] Wegen dieses einen Satzes ist es schade, erschien der Text nicht damals. Es hätte mich als Vordenker eines anderen Schweizer Schriftstellers gezeigt, den ich heute nicht besonders schätze.
[3] Ich war 1995 gerade einige Tage zwangspsychiatrisiert worden.
[4] 1995 schrieb ich sämtliche Texte noch ohne Eszett.
[5] 1995 war auch das Jahr, in dem ich aus der Kirche ausgetreten bin – allerdings erst dann, weil ich zuerst noch das Lehrerdiplom inklusive dem Schulfach Religion abschließen wollte, um das damals noch so genannte Fach ‹Bibelkunde› unterrichten zu können, damit ich keine Lohneinbuße hinnehmen müsste. Ich habe dann allerdings gar nie Primarschule unterrichtet.
[6] NNFJOFF NNSUUFSS OOBOOUFF JJDII ‹IIFYFF›.
[7] Damals hörte ich an dieser Stelle – ich kann mich noch genau erinnern – immer den Beatles-Song «Maxwell’s Silver Hammer».
[8] Diesen Gedanken griff ich dann in meiner Oper für das Opernhaus Zürich, «Last Call», im Jahr 2019 wieder auf.
- Das Blut des Gottes – Ari Asters «Midsommar»
- Richard Stanleys «Color Out of Space» – Ein Lovecraft für unsere Zeit