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«Gorbatschow hat die Sowjetunion zerstört», lässt Oksana Viktorowna Babina keinen Zweifel offen über ihre Meinung und reicht den Besuchern in der kleinen Küche Tee. Vor ein paar Monaten ist die 25-Jährige aus Murawlenko, einer Ortschaft im Südwesten Sibiriens, nach Elektrostal, einem Vorort Moskaus, gezogen. Dort lebt sie bei ihrer Tante und ihrer 21-jährigen Cousine Julia Aleksandrowna. Mit ihrer klaren Meinung steht sie nicht alleine da. Viele denken so.
Die Freiheit der Einzelnen ist vielleicht grösser geworden seit dem Ende der Sowjetunion. Sie hat aber auch eine immer grössere Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten gebracht. Russland entzweit sich zusehends - auf der einen Seite das reiche Moskau und dessen Vororte, daneben noch einige Städte wie St. Petersburg und Tjumen mit ähnlichen Prokopfeinkommen, und auf der anderen Seite die Provinzen, die Teilrepubliken, autonomen Gebiete, Regionen - 89 an der Zahl -, die die Russische Föderation bilden. Zwei Welten im grössten Land der Erde.
Elektrostal liegt fünfzig Kilometer entfernt vom Moskauer Zentrum. Bus oder Bahn und dann die Metro verbinden die Aussenbezirke mit den Geschäftszentren in der Hauptstadt. Im Winter kann es gut und gerne drei Stunden dauern, bis sich der überheizte Bus im stockenden Feierabendverkehr bis nach Elektrostal vorgekämpft hat. Der archaische Name des Ortes stammt von einer Fabrik, die Turbinen für das In- und Ausland produziert. Plattenbauten in Reih und Glied. Jede Epoche eines Sowjetführers hatte ihre Bauten. Es gibt die Chrustschowskji und die Zuckerbauten Stalins. Aber nicht hier. Die ganze Überbauung an der Hauptstrasse Richtung Innenstadt ist aus der Zeit Breschnews. Das Zentrum Elektrostals hat dagegen einen gewissen Charme: Eine Allee trennt linke und rechte Fahrbahn der Hauptstrasse. Hinter der Promenade stehen dreistöckige Mehrfamilienhäuser aus den vierziger und fünfziger Jahren. Massive Bauten, gute Substanz, gebaut von deutschen Kriegsgefangenen. Der Park in Elektrostal dient vielen Sportarten. Im Sommer schwimmen die jungen Leute im grossen Teich, im Winter schnallen sie sich Langlaufskis an und verschwinden im Wald. Es gibt ein Hallenbad und einen Eissportkomplex. Auch Kinos, eine Disco und ein Kulturzentrum sind vorhanden. Der Mittelstand lebt nicht luxuriös, aber auch nicht schlecht. Doch Garantien für die Zukunft gibt es nicht. «Man weiss nicht, was morgen sein wird», umschreibt Julia die Einstellung der RussInnen, nicht allzu viel auf die hohe Kante zu legen. Löhne werden meist bar ausbezahlt, viele Leute haben kein Konto. Die Bank könnte ja Bankrott gehen oder irgendjemand sich die Ersparnisse unter den Nagel reissen. Die meisten RussInnen sind auch nicht krankenversichert. Die Grundversorgung durch Ärzte und Spitäler ist kostenlos. Medikamente müssen aber bezahlt werden. Wer bessere Qualität wünscht, kann sich natürlich versichern lassen. Oder bar zahlen.
Über zehn Prozent in Moskau
Julia arbeitet in einer Textilhandelsfirma. Sie hat den Aufstieg von der Sekretärin zur Koordinatorin für die Administration mit den Kleiderabnehmern im zentralen Russland geschafft - eine Lohnerhöhung von 3600 auf 7000 Rubel, also von 180 auf 350 Franken. Das reichte dennoch nicht für die Miete in der teuren Innenstadt. Vom eigenen Zimmer ging es wieder zurück zur Mutter in Elektrostal. Julias Cousine Oksana hat mittlerweile Arbeit in einer Fabrik in Elektrostal gefunden, die Pelmeni - eine Art russische Ravioli - herstellt. Dort verdient sie 6000 Rubel (300 Franken) monatlich. Ihre Ziele? Oksana überlegt, vielleicht doch noch ein Studium aufzunehmen. Und Julia will Sprachen lernen. In Russlands Wirtschaftsunternehmen sicherlich ein Vorteil. Englisch kann sie bereits gut, nun lernt sie Deutsch, denn Deutschland ist einer der wichtigsten Handelspartner. Französisch soll noch dazukommen, plant Julia. Der Bildungshunger der neuen Generation Russlands macht Eindruck. Moskaus Prosperität eröffnet den Ehrgeizigen grossartige Perspektiven.
In Moskau leben heute geschätzte 15 Millionen Menschen. Das sind mehr als zehn Prozent der gesamten Bevölkerung Russlands (143 Millionen). In Wirklichkeit dürften es noch einige mehr sein, denn viele lassen sich nicht registrieren, zahlen so keine Steuern und verdienen auch ohne Arbeitsbewilligung ihren Lebensunterhalt und denjenigen der Familie. Viele GastarbeiterInnen aus ehemaligen Sowjetrepubliken machen das so.
Das Auseinanderbrechen der Sowjetunion hat einen Teil der Bevölkerung reich gemacht. Es sind die Oligarchen, die von der Privatisierungslawine unter Gorbatschows Nachfolger Boris Jelzin profitieren konnten. Zwischen Moskau und dem Flughafen Domodedowo haben sie ihre eingezäunten und bewachten Datschen errichten lassen. Da kann es schon vorkommen, dass zwecks Exklusivität der Bausubstanz italienische Bauarbeiter und Schweizer Bauführer eingeflogen werden. Diese Entwicklung macht auch vor Elektrostal nicht Halt: Ein Teil der Häuser im Zentrum, auch jenes, in dem Julias Mutter die Wohnung gerade erst neu gestrichen hat, soll bald abgerissen werden. Die Gebäude stehen auf dem Land, das die Frau des Moskauer Bürgermeisters Luschkow erstanden hat. Sie will dort ein Shoppingzentrum errichten lassen.
Neben den Reichen bildet sich aber im Grossraum Moskau auch eine Mittelschicht, die zwischen 8500 Rubel (425 Franken) und 21 000 Rubel (1000 Franken) pro Kopf verdient. Die hohen Löhne locken viele Menschen aus ganz Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken nach Moskau und in seine Vororte. Kein Wunder: In entfernten Regionen verdient beispielsweise eine Lehrerin etwa 2500 Rubel - umgerechnet 125 Franken. In Moskau hingegen kommt schon eine Serviertochter ohne Fremdsprachenkenntnisse auf 9000 Rubel plus etwa 4000 Rubel Trinkgeld. Der moldawische Bauarbeiter, die Restaurantangestellte aus Rostow, der kasachische Taxifahrer - in der Region Moskau hat es viel Arbeit. Das Wirtschaftswachstum in Russland hat sich zwar abgeschwächt, beträgt aber immer noch 5,5 Prozent. Und dieses Wachstum beschränkt sich vornehmlich auf die Hauptstadt.
1153 Kilometer nach Hause
Zwanzig Stunden fährt der Schnellzug gen Osten in Richtung Ural. Die Reise führt Julia in ihre Vergangenheit, dorthin, wo sie einst aufgewachsen ist. Auch ihre Cousine Oksana hat dort ihre Kindheit und Jugend verbracht. Das Ziel der Fahrt heisst Sarapul, Udmurtische Republik, Russland. Sie besucht nur ganz kurz die Stadt, wo sie bis zum fünfzehnten Lebensjahr lebte. Ihre Mutter verliess den Ort am Fluss Kama gegen Ende der achtziger Jahre, als Gorbatschow mit Perestroika und Glasnost die Wende in der Sowjetunion einläutete. Julia blieb bei ihrer Grossmutter, die sich mit ihren knappen Mitteln fürsorglich um das kleine Mädchen kümmerte und sie zu guten Leistungen und Ehrgeiz in der Schule anspornte. Manchmal kam auch Cousine Oksana zur Grossmutter essen - ihr Vater verliess Sarapul ebenfalls, um in Sibirien etwas besser zu verdienen und seine Familie zu unterstützen. Erst nach dem Tod der Grossmutter zog Julia zu ihrer Mutter nach Elektrostal.
Es ist Februar, die Nacht kalt, minus dreissig Grad draussen. Rund zehnmal macht der Zug, der Moskau um 20 Uhr verlassen hat, unterwegs Halt auf diesen 1153 Kilometern. Murom, Arsamas 2, Schumerlia und wie sie alle heissen, die Stationen unterwegs. Die stämmige Schaffnerin öffnet, nachdem sich zwei Fahrgäste vergebens mit blossen Händen an der Türe zu schaffen gemacht haben, die zugefrorenen Waggons mit dem Brecheisen. Draussen stehen alte Frauen und bieten Waren feil - Geschenkartikel, aber auch gewärmte Kartoffeln mit Hähnchen und geriebenen Karotten im Plastiktütchen. Hier fängt das richtige Russland an - ein paar Eisenbahnstunden von Moskau entfernt. Hier bleiben sie zurück, die alten Menschen, deren noch in der Sowjetzeit hart erarbeitete Pensionen kaum zum Leben reichen. Stehen in der Kälte, erscheinen wieder, wenn der nächste Fernzug mit hungrigen Gästen kommt, denn die Speisewagen sind jeweils ab 22 Uhr geschlossen, und es gibt nur noch Gratiswasser aus dem waggoneigenen Boiler für den Tee oder kalte Getränke aus der Kombüse der Schaffnerin. Es geht weiter. Und wieder erwärmt der Tee die Brust. Es muss nicht immer Wodka sein.
Frieren in der Provinz
Der nächste Morgen zeigt die russische Weite in all ihrer Pracht. Weisse, verschneite Felder reflektieren die Sonne am blauen Himmel. Waldstücke unterbrechen die Monotonie. Von Zeit zu Zeit Häuser. Um 16 Uhr ist Sarapul erreicht. Hier ist es auch tagsüber dreissig Grad unter null. Der Bahnhof lässt den fremden Besucher frühere Zeiten erahnen. In der Wartehalle werden die Zugabfahrtszeiten nicht mit digitalen Anzeigen, sondern mit den alten Schiebebuchstaben und -zahlen angezeigt. In einer entlegenen Ecke steht eine Landkarte mit den Zugverbindungen. Sarapul war in der Sowjetunion und ist auch im neuen Russland ein wichtiger Verbindungsknoten der staatlichen russischen Eisenbahn RZD in Richtung Hintersibirien. Barnaul, Novij Urengoj, Jekaterinburg: Wer dorthin will, fährt über Sarapul.
Der Bus ins Aussenquartier kämpft sich durch die verschneit-vereiste Stadt. Das Haus der Grossmutter von Julia ist längst verkauft. Nun leben andere Leute dort. Im ersten Haus der Strasse, wo sie einst als Kind spielte, wohnen Julias Freundin Regina Raschidowna Bakirowa, ihre Mutter und ihre Grossmutter. Sie haben nichts vom Reichtum des neuen Russland, vom Gas oder vom Öl der Nachbarrepublik Tatarstan, auch noch vor dem Ural gelegen. Im Gang gibts kein Licht. Die Wasserleitung führt der Strasse entlang. Im Bottich wird das Wasser zum Abwasch in die Küche getragen. Es hat wegen des fehlenden Wassers auch kein Bad. Im Winter geht man in die örtliche Badeanstalt, die Banja. Die Toilette ist in einem Schuppen. Trotz Holzofen spürt man durch die Wände die Kälte. Die Grossmutter Reginas reicht dem Besucher ein Stück Karton, damit er die Füsse an die erwärmte Wand auf der Rückseite des Ofens zum Aufwärmen halten kann. Sie selber trägt dicke Wollkniesocken. Sehr teuer ist hier das Holz, denn der nächste Wald ist weit weg.
Regina und ihre Mutter sind arbeitslos. Die Grossmutter sorgt sich um die Lage der beiden. Ihre Pension muss nicht nur für die Nahrungsmittel für alle drei reichen, ein grosser Teil wird auch noch für das Holz benötigt. Nur 2000 Rubel, umgerechnet 100 Franken, gibts monatlich. Wenigstens das funktioniert. Wer zu Sowjetzeiten seine Pension erarbeitet hat, erhält diese wenigstens regelmässig. Die Altersvorsorge der heute arbeitstätigen Bevölkerung steht hingegen auf wackligen Beinen. «Beim letzten Job hat man mir drei Prozent vom Lohn für die Pension abgezogen, nun kann ich das Geld vergessen», sagt Julia. Oder soll sie es zurückfordern, nachdem der ehemalige Arbeitgeber ihr wenigstens auf dem Steuerausweis einen tieferen Lohn ausgewiesen hat als tatsächlich ausbezahlt? Wohl doch eher nicht.
Wer kann, geht
Sarapul kann als Sinnbild für die Migration der russischen Jugend in die Grossregion Moskau stehen. Der Rück-gang der Bevölkerungszahl hier ist zwar nicht drastisch, aber kontinuierlich. 1999 zählte man 111 100 EinwohnerInnen, 2003 dann 103 900, jetzt noch 102 500. Mittlerweile sind sechzig Prozent RentnerInnen oder Kleinkinder. Der Stolz Sarapuls war und ist die Firma Radiosawod Sarapulskij. Genaue Beschäftigtenzahlen aus Sowjetzeiten lassen sich nicht mehr eruieren. Bestimmt waren es einige mehr als jetzt, denn vieles wurde mittlerweile automatisiert. Gebaut werden radioelektronische Geräte, vor allem Radios, aber auch Kommunikationssysteme für die Armee oder automatische Regulatoren für Wärmeaggregate. Gefragt sind deshalb Fachkräfte, die auf diesen Gebieten ausgebildet sind, um die Firma auf dem internationalen Markt halten zu können.
Daneben führen einzelne KleinunternehmerInnen Geschäfte, wie an der Uliza Truda. «Wer hier soll sich all diese teuren Kühlschränke leisten können?», fragt Julia beim Anblick des Sortiments in einem Elektrogeschäft. Doch nicht nur die knappen Löhne lassen die Leute wegziehen. Hier kann nur die Mittelschulreife erreicht werden, ehrgeizige junge RussInnen müssen zum Studium nach Ischewsk, der Hauptstadt Udmurtiens, oder gar nach Moskau reisen.
Viele werden nie mehr zurückkommen.