Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03617.jsonl.gz/491

Annette Hug über Katastrophen im Wandel der Zeit
Am Sonntag ein kleines Fest, nicht alle sind gekommen. Die Älteren unter uns sitzen um den Küchentisch und hören der Gastgeberin zu. Sie ist gerade aus den Philippinen zurückgekehrt, wo sie eigentlich wohnt. Es dauert eine Weile, bis wir uns daran erinnern, was vor zwei Monaten gewesen ist. Da wurden im Süden von Manila über 300 000 Leute evakuiert. Der Vulkan Taal spie Aschewolken in den Himmel, die Asche legte sich ellenhoch auf Gärten, Häuser und Strassen. Die Erde bebte immer wieder.
Die Regierung schien erst einmal abzuwarten, wer bei Verwandten unterkam, dann wandelte sie überdachte Basketballfelder in Notschlafstellen um. Wer es sich leisten konnte, zog in eines der Ferienresorts, die wegen des Vulkans kaum noch TouristInnen anzogen. Inzwischen sind viele Evakuierte in ihre Häuser zurückgekehrt und haben mit dem grossen Reinemachen und Ausbessern begonnen. Wer sein Haus ganz verloren hat, wohnt in einer Zeltstadt. Die aktuelle Alarmstufe zwei besagt: Der Vulkan pustet eher leise vor sich hin. Wenn die Beben wieder zunehmen und die Alarmstufe erhöht wird, kommt der Vulkan vielleicht in die News zurück. Oder etwas ganz anderes wird plötzlich die Coronakrise ablösen, sagt die Gastgeberin am Küchentisch.
Ihre Erinnerung reicht weit zurück. 1965 war der Taal ebenfalls ausgebrochen. Damals verschwanden drei Dörfer komplett, aber der grüngraue, nach Schwefel riechende See im Krater des kleinen Bergs, der sich aus dem grösseren See im noch viel grösseren Krater erhebt, wurde ein beliebtes Wanderziel.
Im Roman «Empire of Memory» des philippinischen Autors Eric Gamalinda ist nachzulesen, dass der Vulkan ein halbes Jahr später nochmals Asche ausstiess und genau wie 2020 die südlichen Vororte Manilas mit einer dichten Schicht grauen Drecks überzog. Der Ausbruch vom 5. Juli 1966 beendete auf den Philippinen einen seltsamen Aufruhr: Die Beatles waren am 4. Juli vor 30 000 und dann nochmals vor 40 000 Leuten in einem Fussballstadion am Rand der Altstadt von Manila aufgetreten. Aber die First Lady, Imelda Marcos, zürnte. Die Stars waren einem privaten Empfang, den sie organisiert hatte, ferngeblieben. Weil sie müde waren von der Reise. Die Fernsehstationen sendeten dann kaum noch Beatles-Fans, nur noch düpierte Kinder aus den reichsten Familien. Imelda Marcos sah in ihrer Person die ganze Nation gedemütigt. Der philippinische Staat stellte jede Unterstützung für die Musiker ein. Die Band musste ihr Equipment selber in privaten Taxis zum Flughafen bringen und wurde dort von Schlägertrupps überrascht.
«John Lennon und Ringo Starr retteten sich hinter eine Gruppe katholischer Nonnen, George Harrison suchte Zuflucht bei einem buddhistischen Mönch. Im Handgemenge fiel Starr infolge eines Kinnhakens zu Boden. Als er wegkrabbelte, wurde er getreten. Irgendjemand schlug Brian Epstein ins Gesicht», berichtet der «Rolling Stone» online im Rückblick.
Das Flugzeug mit den Beatles kam dann noch vom Boden, bevor der Ascheregen des Taal den Luftverkehr für eine Weile zum Stillstand brachte.
Annette Hug ist Autorin in Zürich. Sie beschäftigt sich mit Natur in Form von Viren, Tuffringen und Schlackenkegeln.