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Er habe sich schon in Airolo wie ein Puerto-Ricaner in New York gefühlt, hat Giovanni Orelli über seine Kindheit im Bedretto-Tal gesagt, wo er am 30. Oktober 1928 zur Welt kam. Und eine Spur bergbäuerlichen Lebensgefühls hat sich auch in jenem Roman niedergeschlagen, mit dem er nach Studien in Zürich und Mailand und nach der Anstellung als Gymnasiallehrer in Lugano 1965 debütierte: «L’anno della valanga» («Der lange Winter»). Im Lawinenwinter 1951 wird da der junge Lehrer mit den Bewohnern eines Bergdorfs wochenlang im Schnee eingeschlossen und erlebt, wie die Alten Hilfe von Gott erwarten, während die Jungen in erotischen Spielen Vergessen suchen. Der IchErzähler aber schwört, er werde lieber schweigen, als rührende Elegien über sein Dorf zu schreiben. Geschwiegen hat Orelli nicht, aber die nächsten Bücher waren dann deutlich von einem kritischen, engagierten Bewusstsein geprägt. So evozierte «La festa del ringraziamento» («Ein Fest im Dorf») 1972 die Heimsuchung eines Bergtals durch die Armee und setzte die Vernichtung des Viehbestands aufgrund der Maul- und Klauenseuche mit den Schrecken eines Völkermords gleich. «Il giuoco del Monopoly» («Monopoly») zeigte 1980 die Schweiz im Klammergriff der Hochfinanz und liess den gewissenlosesten Monopoly-Spieler, den Spekulanten Albin Dash, am Ende in Dantes Inferno stürzen. 1995, in «Il treno delle italiane» («Der Zug der Italienerinnen»), nahm sich Giovanni Orelli dann am Beispiel der Frauen, die nach dem Krieg in die Schweiz kamen, auf kritische Weise des Themas der ausgenützten und ausgebeuteten Immigranten an. Lange wusste ausserhalb des Tessins kaum jemand, dass Orelli auch Gedichte schreibt. Sodass der Band «Vom schönen Horizont», der 2003 in der Übersetzung von Christoph Ferber eine Auswahl davon präsentierte, für viele eine Überraschung war. Da zeigte sich, dass Orelli nicht nur das klassische Sonett mit neuer Kraft zu füllen, sondern auch ganz neue Formen zu schaffen vermag. Giovanni Orelli verblüfft sein Publikum bei jedem Auftritt mit seiner intellektuellen Brillanz, aber es gibt auch ein Buch, in dem man den polyglotten Homme de Lettres unmittelbar kennenlernen kann: «Il sogno di Walacek» («Walaceks Traum») von 1991. Da sitzen Schopenhauer, Bertrand Russel, Simone Weil und Paul Klee mit dem früheren Schweizer Fussballer Génia Walacek zusammen. Gesprächsgegenstand ist Klees Bild «Alphabet 1», mit Wasserfarbe ausgeführt auf der Sportseite der «Nationalzeitung» vom 19. April 1938. Da wird vom Cupfinal Grasshoppers gegen Servette berichtet, und Klees Alphabet hat mit dem Buchstaben O den Namen Walaceks, des Halbstürmers von Servette, entzweigeschnitten: «Wala hier, cek da». Während allmählich die Geschichte des spektakulären Siegs der Schweizer Mannschaft über diejenige des Deutschen Reiches vom 9. Juni 1938 erzählt wird – ein Sieg, der massgeblich Walacek zu verdanken war –, kreist das Gespräch der Diskussionsrunde um dieses fragliche O auf Klees Bild, dem vom blossen Buchstaben über die ovale Idee des Kosmos und einen Gugelhopf mit Loch bis zum Mund einer Gummipuppe aus dem Sexshop alle nur denkbaren Bedeutungen zugemessen werden. Gleichzeitig aber wird die politische Situation der Zeit und der allmählich sich abzeichnende verbrecherische Charakter des Naziregimes sichtbar gemacht und gezeigt, was für starke antifaschistische Emotionen der Fussball letztlich auszulösen vermochte.