Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/1643

Für den italienischen Volkswirtschaftler Giacomo Corneo funktioniert der Kapitalismus in der heutigen Form nicht. Er sei ineffizient und ungerecht. Die Schere zwischen niedrigen und hohen Einkommen werde immer grösser. Gleichzeitig hätten die Reichen einen immer stärkeren Einfluss auf die Politik, um noch mehr Vermögen anzuhäufen.
In seinem 2014 erschienenen Buch «Bessere Welt» macht Corneo eine Reise durch alternative Wirtschaftssysteme, doch findet keine für ihn befriedigende Alternative zum Kapitalismus. Für ihn müsste ein alternatives System zwei Kriterien erfüllen, um gerechter zu sein: Alle kooperieren miteinander und Ressourcen werden so eingesetzt, dass möglichst viele Bedürfnisse befriedigt werden.
Corneo, der an der Freien Universität Berlin doziert, hat aufgrund mangelnder Alternativen seine eigene Lösung entwickelt. Sie heisst: Aktienmarktsozialismus. Das Modell wendet sich nicht gänzlich vom Kapitalismus ab, denn Corneo ist Verfechter des Marktprinzips, doch beschneidet das Privateigentum an Produktionsmitteln.
Wie der Name verrät, steht der Aktienmarkt im Zentrum von Corneos Ansatz. Für ihn ist das Fortbestehen des Aktienmarkts kein Widerspruch zu einem gerechteren System. Man müsse ihn aber zu einem Instrument für sozialen Fortschritt transformieren, wie der Volkswirt in einem Interview erklärte.
Der Aktienmarktsozialismus sieht vor, dass jedes börsennotierte Unternehmen mehrheitlich, beispielsweise zu 75%, verstaatlicht wird. Unternehmer wirtschaften also zu einem Grossteil für den Staat und nicht für private Aktionäre. Ausgeschüttete Dividenden werden aus der Staatskasse nach unten weitergeben, sodass Wenigverdiener am Gewinn beteiligt sind.
Eine unabhängige Instanz – Corneo nennt sie Bundesaktionär – schaut, dass die Unternehmen im Sinne einer möglichst hohen Rendite agieren. Der Aktienmarkt dient mit seinen Parametern als Gradmesser, wie effizient börsennotierte Firmen wirtschaften. Parallel existieren weiterhin Privatunternehmen, um die Innovation voranzutreiben.
Um die Umsetzbarkeit des Aktienmarktsozialismus zu testen, schlägt Corneo in «Bessere Welt» ein Experiment vor: Einige Grossunternehmen und Banken sollen zu 51% verstaatlicht und einige nach kapitalistischem Prinzip weitergeführt werden. Das rentablere System gewinnt. Sollte es der Aktienmarktsozialismus sein, müsse man die Wirtschaft allmählich umbauen.