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Von 1997 bis 2000 habe ich für die Medienseite der «NZZ» das «Netzgeflüster», eine wöchentliche Internetkolumne, geschrieben. Als ich mich 1998 von den Lesern in die Sommerpause verabschiedete, tat ich das mit einem Text, der sich mit «Fluch und Segen des Internets» beschäftigte. Der Fluch war die damals recht junge Krankheit Internet Addiction Disorder (IAD), der Segen die Fähigkeit des Internets, Menschen zusammenzubringen.
Ich erwähnte einen «Einsiedler» in British Columbia, der mir geschrieben hatte, wie er sich dank seinem Internetanschluss plötzlich mit Fachleuten für biologisch-dynamischen Waldanbau auf der ganzen Welt vernetzen konnte.
Und ich erwähnte Aki: «Nicht nur um Gleichgesinnte zu finden, ist das Internet ein ausgezeichnetes Instrument; man kann es auch dazu verwenden, nach alten Bekannten zu suchen. Unlängst erhielt ich eine Message von Aki Tazaki aus Japan: ‹Hello, how do you do? I am looking for e-mail address for my friend lives in Zurich. If you are the Daniel came to Japan with Andreas in 1992, reply me by e-mail, please. Thanks.› Leider war ich noch nie in Japan und konnte Aki nicht weiterhelfen. Aber die Chancen stehen nicht schlecht, dass er oder sie inzwischen seinen oder ihren Daniel gefunden hat.»
Das tönte irgendwie nach einer Liebesgeschichte, die, anders als Madama Butterfly, nach einem guten Ausgang verlangte. Wie ich vor drei Wochen erfahren habe, kam es aber vorerst nicht dazu. Ich bekam nämlich eine E-Mail von einem Mann, der, wie er schrieb, zufällig auf diese alte Kolumne gestossen war. «Darin erwähnten Sie, dass eine gewisse Aki Tazaki einen Daniel in Zürich sucht, der im Jahr 1992 mit Andreas in Japan war. Nun, dieser Daniel bin ich. Falls Sie zufälligerweise noch die damalige E-Mail-Adresse von Aki Tazaki haben, wäre ich sehr dankbar, wenn Sie mir diese mitteilen könnten. Ich würde versuchen, mit Aki Kontakt aufzunehmen. Meine bisherigen Suchbemühungen waren leider nicht erfolgreich, da Aki Tazaki in Japan offenbar ein weit verbreiteter Name ist.«
Leider fand ich die Adresse nicht mehr, die Nachricht von Aki war der Archivierung entgangen. «Es wäre zu schön gewesen», schrieb ich dem Mann zurück. Und bekam eine Woche später wieder Post von ihm: «Es gibt sie also doch, die Gedankenübertragung! Sie dürfen drei Mal raten, wer sich diese Woche bei uns gemeldet hat. Richtig, Aki Tazaki! Sie hat mich bzw. meinen Freund Andreas im Internet gefunden und hat uns ein E-Mail geschrieben. Es kommt mir vor wie ein Wunder, dass sie sich praktisch im gleichen Moment wie wir auf die Suche nach uns gemacht hat. Ich bin perplex und voller Freude. Ich hätte sie nämlich nicht ohne weiteres gefunden, da sie inzwischen geheiratet hat und einen anderen Familiennamen trägt. In diesem Sinne kann ich Ihnen also ein Happyend vermelden, wenn auch nicht eines im klassischen Sinne, da wir alle glücklich verheiratet sind.»
Was zwanzig Jahre währt, wird endlich gut. Damit kann ich getrost in die Sommerpause.
Daniel Weber ist Chefredaktor des «NZZ Folio».