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Amerikaner wären schlecht beraten zu unterschätzen, wie stark das Vertrauen in Amerika geschwunden ist. Viele von Amerikas besten Freunden haben gemahnt, dies ernst zu nehmen. […]
Keine Gesellschaft ist unbesiegbar. Jede Gesellschaft weist ihre eigenen Schwächen auf. Aus diesem Grund ist der Vertrauensverlust, den Amerika rund um die Welt erlitten hat, dermassen gefährlich und könnte den Bereich entblössen, an dem Amerika am verwundbarsten ist, ja, der Amerikas Achillesferse darstellt – der Dollar. Derzeit ist der US-Dollar durch ein komplexes globales Finanzsystem gut geschützt und sorgt auf diese Weise für ein Gefühl der Unverwundbarkeit. Und dennoch bleibt eine zentrale Verwundbarkeit. Amerika kann es sich mehr als andere Länder leisten, über seine Verhältnisse zu leben […]. Die US-Regierung gibt im eigenen Land mehr aus, als sie einnimmt. Das führt zu einem Haushaltsdefizit. Und Amerika importiert mehr Güter, als es exportiert. Das führt zu einem Handelsdefizit. Wie bezahlt Amerika diese beiden Defizite? Es leiht sich Geld. Das ist nicht unnormal. So, wie viele Haushalte auch, leihen sich zahlreiche Regierungen Geld. Versiegen irgendwann ihre Kreditquellen, stehen sie vor einer Kreditklemme. […]
Amerika unterscheidet sich von den anderen Ländern insofern, als es seine beiden Defizite finanzieren und für seine Mehrausgaben aufkommen kann, indem es Schatzwechsel druckt, sogenannte Treasuries. Das kostet das Finanzministerium nur die Druckkosten. Es verteilt bedrucktes Papier, und der Rest der Welt schickt echtes Geld, hart verdientes Bargeld, um Treasuries kaufen zu können. Ein Beispiel: Chinesische Arbeiter müssen hart arbeiten, um Billigwaren zu produzieren, die in den Rest der Welt exportiert werden. Diese Exporte bringen hart verdiente Dollars ein, die die chinesische Regierung in Yuan umwandelt, mit denen sie die Arbeiter bezahlt. Und was macht die chinesische Regierung mit diesen hart verdienten Dollars? Viele davon fliessen in den Kauf amerikanischer Schatzwechsel. Das US-Finanzministerium wiederum verwendet diese Dollars aus China dafür, Mehrausgaben des Staats zu bezahlen. Die gröss-ten Käufer von US-Treasuries sind China (1113 Milliarden Dollar), Japan (1064 Milliarden Dollar), Brasilien (306,7 Milliarden Dollar), Grossbritannien (300,8 Milliarden Dollar) und Irland (269,7 Milliarden Dollar). Wenn die US-Regierung also nicht für die beiden Defizite aufkommen kann, druckt sie einfach Geld und bezahlt auf diese Weise diese Mehrausgaben. Und warum kauft der Rest der Welt dieses bedruckte Papier namens US-Dollar? Ein Hauptgrund ist der, dass der Grossteil des Welthandels in US-Dollar abgewickelt wird. Wenn China in Argentinien Rindfleisch kauft, bezahlt es mit US-Dollars. Wenn Argentinien chinesische Handys kauft, bezahlt es mit US-Dollars. Dadurch ist der US-Dollar für die Weltwirtschaft unverzichtbar und aus diesem Grund fungiert er als globale Leitwährung.
Viele US-Ökonomen sind sich der gewaltigen Vorteile bewusst, die sich für die Amerikaner eröffnen, weil der Dollar als globale Leitwährung fungiert. Im Juni 2019 schrieb Ruchir Sharma: «Der Status als Leitwährung ist seit langem ein Vorzug imperialer Macht – und ein Elixier für die Wirtschaft. Weil dieser Status für einen steten Strom an Kunden sorgt, die die Währung halten möchten, oftmals in Form von Staatsanleihen, ist es dem auf diese Weise privilegierten Land möglich, billig im Ausland Geld aufzunehmen und einen Lebensstil zu finanzieren, der weit über seine Verhältnisse hinausgeht.» […]
Sharma reagierte mit seinem Artikel auf Überlegungen von Donald Trump und Eli-zabeth Warren, Amerika solle mit einer Abwertung seiner Währung seine Wettbewerbsfähigkeit verbessern. Er warnte, dass dies ein sehr gefährlicher Schritt sei, denn: «Amerika ist kein Schwellenland. Es ist eine finanzielle Supermacht ohne Konkurrenz, eine Position, die vor allem auf mühsam erarbeitetem Vertrauen in den Dollar beruht, der eine beständige Quelle amerikanischer Macht und amerikanischen Wohlstands darstellt.»
Der Schlüsselbegriff, mit dem Sharma hier arbeitet, ist «Vertrauen». Die Welt hat den US-Dollar gern als globale Leitwährung verwendet, weil sie darauf vertraute, dass die US-Regierung, wenn es um den Dollar ging, die richtigen Entscheidungen treffen und nicht nur die wirtschaftlichen Interessen der 330 Millionen Amerikaner berücksichtigen würde, sondern auch die der restlichen 7,2 Milliarden Menschen, die ausserhalb der USA leben, den Dollar aber für ihre internationalen Transaktionen benötigen. Dieses Vertrauen ist ein zentraler Grund dafür, dass der US-Dollar seine Position als globale Leitwährung so beständig verteidigt.
In den vergangenen Jahrzehnten ist dieses Vertrauen geschwunden, denn Amerika hat das Privileg, Eigentümer der globalen Leitwährung zu sein, bisweilen als Waffe gegen andere Nationen eingesetzt. […]
In den vergangenen Jahren wurden nicht-amerikanische Banken, die mit Ländern wie dem Iran, Kuba und dem Sudan Geschäfte gemacht hatten, sogar noch heftiger bestraft. BNP Paribas beispielsweise belegte man 2015 mit einem Bussgeld in Höhe von 8,9 Milliarden Dollar. Das hat dazu geführt, dass viele Länder, die in den US-Dollar vertraut hatten, die Währung nun als zweischneidiges Schwert betrachten, das jedem, der es führt, in die Finger schneidet. Das steigert natürlich den Anreiz, die Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern, was letztlich zu einem Einbruch bei der weltweiten Nachfrage nach dem US-Dollar führen kann. Das würde die Fähigkeit der Vereinigten Staaten lähmen, ihr Doppeldefizit zu finanzieren. […]
Noch beunruhigender für Amerika sind die einflussreichen Stimmen, die dazu aufrufen, den US-Dollar nicht länger als globale Leitwährung zu verwenden. Beim Jahrestreffen der amerikanischen Zentralbanker im August 2019 in Jackson Hole warf Mark Carney, damaliger Gouverneur der Bank of England, einen kritischen Blick auf die dominante Rolle des US-Dollars im internationalen Währungssystem. In seiner Rede erklärte er: «Der Dollar stellt bei mindestens der Hälfte der internationalen Handelsrechnungen (etwa fünfmal so gross wie der Anteil der USA an den globalen Importgütern und dreimal so gross wie der Anteil an den weltweiten Exporten) und bei zwei Dritteln der globalen Wertpapieremissionen und offiziellen Devisenreserven die bevorzugte Währung dar.» Carney betonte, dass die Abhängigkeit vom Dollar «nicht von Dauer sein wird» und dass unbedingt ein internationales Währungssystem erschaffen werden muss, das «der vielfältigen, multipolaren Weltwirtschaft würdig ist, die im Entstehen begriffen ist».
Der ehemalige Chefökonom des IWF Maurice Obstfeld merkte an, dass andere Länder mit Blick auf Amerikas Kontrolle über das globale Währungssystem früher «weniger besorgt» waren: «Damals wurden die USA als verantwortungsvoller Anführer der Weltwirtschaft angesehen.» Der Status quo sei allerdings im Wandel begriffen, weil das Handeln von Amerikas Führung deutlich weniger verlässlich geworden sei.
Sowohl Carney als auch Obstfeld äussern eine Meinung, die rund um den Globus mehr und mehr Zuspruch findet. Und dieses Gefühl ist absolut nachvollziehbar. Länder aus aller Welt sehen keinen Grund dafür, warum sich einseitige politische Massnahmen Amerikas, bei denen der Dollar als Waffe eingesetzt wird, auf ihren Handel mit Drittländern auswirken sollte. Auch hier könnte Amerika, indem es den Dollar als Waffe einsetzt, langfristig seinen eigenen Interessen schaden. Der Wirtschaftshistoriker Barry Eichengreen schlug einen ähnlichen Ton an, als er warnte: «Je mehr die Regierung Trump den Dollar als Waffe verwendet, desto grösser ist der Anreiz für andere Regierungen, in Alternativen zu investieren, und desto schneller wird diese Bewegung wachsen.» […]
Mithilfe moderner Technologie lassen sich möglicherweise neue Alternativen erschaffen, die in der Vergangenheit nicht durchführbar waren. Ich möchte diesen Punkt durch ein – zugegebenermassen spekulatives – Beispiel verdeutlichen. Nehmen wir an, es geht um den Handel zwischen China und Argentinien. Die Hauptaufgabe des US-Dollars besteht hier darin, den relativen Wert von argentinischem Rindfleisch im Vergleich zu chinesischen Mobiltelefonen zu liefern. Wenn also der Zweck des US-Dollars bei diesem Beispiel vor allem darin besteht, den relativen Wert dieser beiden Güter in einen Zusammenhang zu setzen, spricht nichts dagegen, eine alternative Einheit zur Messung von relativem Wert zu erschaffen. Und an diesem Punkt kommt die Technologie zum Tragen, insbesondere die Blockchain-Technologie.
Blockchain wurde dafür genutzt, alternative Kryptowährungen wie Bitcoin, Litecoin, Ethereum und Monero zu erschaffen. Im Juni 2019 kündigte Facebook an, seine eigene Kryptowährung (Libra) ins Leben zu rufen. Ich bin kein Blockchain-Experte, aber die dramatische Zunahme der Beliebtheit von Kryptowährungen und die Tatsache, dass grosse Konzerne wie Facebook in die Entwicklung von Währungen auf Blockchain-Grundlage investieren, spricht dafür, dass am Ende ein vernünftiger, praktischer und nicht anfälliger Weg zur Messung relativer Werte herauskommt. Bislang setzen noch keine Länder alternative Blockchain-Technologie für den Handel mit anderen Ländern ein, denn unter dem Strich vertrauen sie diesen Währungen nicht.
Und hier tun sich Möglichkeiten für China auf. Das Land könnte eine alternative, auf Blockchain-Technologie basierende Einheit zur Messung von relativem Wert ins Leben rufen. Länder, die China zutrauen, bei internationalen Themen als unparteiischer Schlichter agieren zu können, würden in ausreichender Menge ihr Vertrauen auch in dieses alternative Finanzvehikel setzen. Viele Amerikaner dürften Zweifel an einer derartigen Aussage anmelden, es gibt jedoch empirische Fakten, die dies belegen. Als China die «Belt & Road»-Initiative (BRI) ins Leben rief, war Amerika dagegen. Theoretisch hätten die meisten Länder also davor zurückscheuen sollen, sich an der BRI zu beteiligen. In der Praxis hingegen schlossen sich die meisten Länder an. Mit Stand November 2019 haben 137 Nationen mit China Vereinbarungen zur BRI getroffen. Das spricht ganz deutlich dafür, dass die meisten Länder auch einer neuen Blockchain-Währung vertrauen würden, wenn diese letztlich von China gestützt wird. […]
Es muss nicht unbedingt dazu kommen, dass andere Länder ihre langfristigen Ersparnisse und Devisenreserven in dieser neuen Digitalwährung parken, die von China unterstützt wird. Sie würden ihr aber vertrauen, wenn es um den Handel mit Gütern und Dienstleistungen geht. Gelingt es China, eine alternative, auf Blockchain-Technologie basierende Währung zu erschaffen, könnte ein Land wie Indien, ein Freund Amerikas, für die Einfuhr iranischen Öls diese Block-chain-Technologie nutzen, ohne sich Sorgen wegen möglicher Sanktionierung durch Amerika machen zu müssen. Kurzum: Dass der Dollar zur Waffe gemacht wurde, hat global einen mächtigen Anreiz erschaffen, zum Zwecke des globalen Handels eine Alternativwährung zu erschaffen. •
* Auszüge aus dem Buch von Mahbubani, Kishore. «Hat China schon gewonnen? Chinas Aufstieg zur neuen Supermacht». Börsenmedien 2021, Seite 70ff., ISBN 978-3-86470-773-5, Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors
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