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Karl Friedrich Hinkelmann,
Bad Freienwalde
Königin Friederike Luise
in Bad Freienwalde
Die Entdeckung heilkräftiger Quellen bei Freienwalde 1683 und die darauf erfolgte Gründung
des Gesundbrunnens durch den Großen Kurfürsten zogen in den
folgenden Jahrhunderten immer
wieder auch Mitglieder des
preußischen Königshauses in die Stadt. Besonders König Friedrich Wilhelm II. förderte gegen Ende des 18. Jahrhunderts den Ausbau des Bades.
Seine Gemahlin Friederike Luise, geborene Prinzessin von Hessen-Darmstadt (1751–1805), fand Gefallen an dem Ort und machte ihn zu ihrem ständigen Sommeraufenthalt. Fast 15 Jahre lang prägte sie das gesellschaftliche Leben in der Stadt und auf dem Gesundbrunnen und trug erheblich zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Freienwaldes bei.
Die Ehe der Friederike Luise mit Friedrich Wilhelm war 1769 von Friedrich dem Großen aus dynastischen Gründen aufgezwungen worden. Dieser Zweckverbindung, die nicht von Zuneigung, aber von gegenseitiger Achtung geprägt war, entsprossen immerhin acht Kinder. Den Gemahl verband eine fast
lebenslange innige Beziehung zur jungen Wilhelmine Encke, der
späteren Gräfin Lichtenau. Daneben unterhielt er weitere Beziehungen, von denen zwei sogar durch morganatische Eheschließungen
legitimiert wurden. Mit der dazu notwendigen Einwilligung verband die Königin im Gegenzug eine
Ablenkung von der Lichtenau sowie die Begleichung ihrer Schulden.
Freienwalde wurde auf Dauer
zum Refugium Friederike Luises vor dem Berlin-Potsdamer Hofleben mit seinen Demütigungen und Intrigen. Hier war die von manchen Zeitgenossen als etwas skurril beschriebene Dame anerkannt und noch lange Zeit im
Volke als „unsere Königin“ populär.
Die von ihren Biographen als kunst- und architekturinteressiert charakterisierte Königin konnte hier ihren Neigungen nachgehen und sorgte sich gemeinsam mit dem rührigen Bürgermeister Herzer
um die Verschönerung der Umgebungen von Stadt und Gesundbrunnen. Bislang kahle Hügel wurden bepflanzt und über bequeme Schlängelwege, Treppen, Aussichtspunkte und einladende Ruheplätze zugänglich gemacht. Man begann, die Landschaft nach englischen Vorbildern zu gestalten und dadurch aufzuwerten. Für sich selbst erwarb Friederike Luise den sogenannten Poetenberg, der ab 1792 mit schneckenförmig geführten Promenaden und einem Gartenhaus im japanischen Stil namens Otaheite versehen wurde. Das schönste Gebäude in diesem Bereich dürfte das Gelbe Haus gewesen sein, ein antikisierender Pavillon mit sechs Wohnkabinetten für die Königin.
Diese Partien dürften für den Bedarf der Königin und ihrer kleinen Hofgesellschaft weder ausreichend noch in sich abgeschlossen gewesen sein. So entstand nach 1792 ein kleiner Lustgarten am Apotheker- oder Weinberg unmittelbar vor den Toren der Stadt, der im Laufe der Jahre ständig erweitert wurde. Doch erst nach dem Tode des Königs konnte sich Friederike Luise hier eine standesgemäße Unterkunft mit den unentbehrlichen Nebengebäuden im Park und in der nahen Wriezener Vorstadt bauen lassen.
Bis kurz vor ihrem Tode 1805 hielt die als bescheiden und leutselig geschilderte Monarchin ein ländliches Hofleben in Freienwalde, ähnlich dem ihres Sohnes Friedrich Wilhelm III. und der Königin Luise in Paretz. Besondere Freude und Abwechslung brachten die gelegentlichen Besuche der Kinder und Enkel in Freienwalde mit sich. Neben Königin Luise waren es vor allem ihre vier ältesten Kinder, die mit den hiesigen Aufenthalten frohe Kindheitserinnerungen fern aller Etikette verbanden. Noch Fontane weiß Jahrzehnte später vom wilden Treiben des „Kronprinzen Fritz“ (Friedrich Wilhelm IV.) zu berichten.
Das Sommerschloss der Königin
Im Frühjahr 1798 übernahm der Geheime Oberbaurat David Gilly die Bauleitung des bereits vom örtlichen Maurermeister Hilke begonnenen Projektes und meldete im Oktober 1799, dass der „mir aufgetragene Bau eines Sommerpalais zu Freyenwalde für die Königin Frau Mutter zu allerhöchst derselben Zufriedenheit
beendigt ist“. Die Baukosten beliefen sich auf 205 916 Reichstaler und überstiegen die veranschlagte Summe nur um 10 Taler, 19 Groschen und 11 Pfennige.
David Gilly (1748–1808), hugenottischer Herkunft, erwarb sich umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen im technischen Bauwesen, insbesondere im Wasser-, Deich- und Straßenbau. Er wirkte vor allem in der Neumark und in Pommern, arbeitete bei Meliorationsmaßnahmen im Warthebruch mit und wurde
sowohl in der Praxis als auch in der Lehrtätigkeit zu
einem bedeutenden Fachmann seiner Zeit. Er verband die geforderte Sparsamkeit mit ästhetischem Empfinden und begründete eine „Architektur des Schönen und Nützlichen“, in der auch ländliche Gebäude
nach architektonisch-künstlerischen Aspekten errichtet wurden. Diese einfache und rationelle Bauweise
bestimmte auch seine größeren und repräsentativen Bauaufgaben.
Im Jahre 1788 berief König Friedrich Wilhelm II. Gilly als Geheimen Oberbaurat an das Oberbaudepartement, die oberste preußische Baubehörde in Berlin. Als Mitbegründer der Bauakademie sowie als Autor verschiedener Lehrbücher, besonders dem dreiteiligen „Handbuch der Land-Bau-Kunst“, prägte er auf Jahrzehnte das preußische Bauwesen.
In jenen Berliner Jahren erweiterten sich seine Aufgabengebiete und er errichtete eine Reihe von Privatbauten, von denen das Wohn- und Verlagshaus Vieweg in Braunschweig und die Landschlösser Steinhöfel und Kleinmachnow am bekanntesten sind. Gerade die unkonventionelle Plazierung und schlichte Bauform des Schlosses Steinhöfel und dessen Lage zum Gutsbereich dürften ausschlaggebend für die spätere Wahl des Baumeisters zur Errichtung des königlichen Landsitzes in Paretz sowie des Sommerschlosses in Freienwalde gewesen sein.
Am Rande des Parks, unmittelbar an der Straße nach Berlin gelegen, entstand ein schlichtes villenähnliches frühklassizistisches Bauwerk in harmonischen Proportionen. Über einem Sockelgeschoss mit horizontaler Putzgliederung erheben sich zwei Wohngeschosse von vier mal fünf Fensterachsen, damals mit glatter Fassade und nur durch ein Gurtgesims unterhalb der Obergeschossfenster geteilt. Einzige Besonderheit des Hauses waren zwei kleine Eckbalkone an der Südseite und eine Aussichtsplattform auf dem mit Blech gedeckten Terrassendach. Die Fassaden hatten laut der wenigen noch vorhandenen Abbildungen und nach jüngsten Untersuchungen einen gelblichen oder hellen Ockerton. Der gleichzeitig erweiterte Schlossgarten war ein romantisch-sentimentaler Landschaftspark mit verschlungenen Wegen, malerischen Kleinarchitekturen und weiten Ausblicken in das Oderbruch. Wie in anderen Gärten um 1800 sollten auch hier Ruinen, Strohhütten und Borkenhäuschen an einfache Lebensweisen und die Vergänglichkeit allen Seins erinnern. Die Sehnsucht nach Einsamkeit und eine romantische Suche nach fernen Ländern kam in der Eremitage und japanischen Pavillons zum Ausdruck. Neben diesen aus leichten Materialien erbauten und nur kurzlebigen Lauben entstand bereits ab 1790 in mehreren Bauphasen ein Pavillon aus verbrettertem Fachwerk mit Säulenumgang. Der heute als Teehäuschen bezeichnete Bau wurde von der Hofgesellschaft für Festlichkeiten, Konzerte und vor allem für Aufführungen reisender Theatergesellschaften genutzt.
Die Innenräume und ihre Ausstattung
Im Inneren des Schlosses ist der Grundriss beider Wohngeschosse fast völlig identisch. Um einen zentralen Flur mit seitlich angeordnetem Treppenhaus gruppierten sich neun bzw. zehn Räume. Die schmale Treppe windet sich vom Sockelgeschoss bis zum Dachboden durch alle Etagen um einen zentralen Schacht und wird durch ein Oberlicht erhellt. Alle Räume sind durch Türfluchten (Enfilade) miteinander verbunden. Die Wohn- und Gesellschaftsräume der Königin befanden sich traditionsgemäß im etwas erhöhten unteren Geschoss, der Beletage. Im oberen Stock lagen die Zimmer für die Hofgesellschaft und königliche Gäste.
Die Einrichtung entsprach dem persönlichen Geschmack der Bauherrin, die schlichte Formen und künstlerische Motive nach Vorbildern aus der Natur bevorzugte.
Das Besondere am bis 1945 verhältnismäßig wohlerhaltenen Interieur des Schlosses Freienwalde war der Zusammenklang der Möbel und Ausstattungsgegenstände mit den Raumproportionen und Wandgestaltungen. Schlichte weißlackierte Türen, Fenster und niedrige Paneele, weiße übereck gestellte Ofennischen und Kamine mit einfachen Stuckkanten und Wandspiegeln darüber sowie die glatten geweißten Decken mit ihren knappen Gesimsen waren harmonisch aufeinander abgestimmt.
Die Hauptzierde der größeren Räume und einiger Kabinette stellten gemalte Papiertapeten mit Landschaftsdarstellungen und floralen Motiven dar. Diese Erzeugnisse Berliner Manufakturen bzw. französische Importe lagen noch in der Tradition des friderizianischen Rokokos, drückten aber bereits ein inniges Verhältnis zur Natur und Landschaft aus. Die schönsten Räumen des Schlosses bildeten der Speisesaal (Raum 19), der Sommersaal (Salon der Königin, Raum 18) und das darüber gelegene Prinz-von-Preußen-Zimmer (späteres Arbeitszimmer Walther Rathenaus, Raum 28). Die übrigen Zimmer waren mit bedruckter Kattunbespannung oder einfachen Bordürentapeten ausgestattet.
Auch das Mobiliar entsprach dem individuellen und teilweise konservativen Geschmack der Bauherrin. Es bestand im wesentlichen aus zwei Gruppen: Einerseits gab es weißlackierte Sitzmöbel und Konsoltische im schon überholten Zopfstil, andererseits einfache
polierte oder furnierte Sitz- und Kastenmöbel nach englischem Vorbild. Besonders auffallend war eine Gruppe von Stühlen, Sesseln und Kanapees, in deren Lehnen schmale Stäbe spitzbogige Verstrebungen bildeten. Als Kuriosität seien zwei kleine Nähtische genannt, die intarsienähnlich mit farbigem Stroh belegt waren.
Der Tapeten wegen hingen an den Wänden nur wenige Bilder, meist Porträts aus dem preußischen Königshaus. Überhaupt waren die Schlossräume nur sparsam eingerichtet, da die persönlichen Ausstattungsgegenstände von den jeweiligen Bewohnern mitbracht wurden.
Das Schloss
im 19. Jahrhundert
Nach dem Tode von Friederike Luise und wegen der französischen Besatzungszeit nach der Niederlage Preußens ab 1806 ist das Schloss über ein Jahrzehnt lang kaum bewohnt worden. Erst nach 1815 zog ab und zu Leben in die Räume ein. Die Kinder des inzwischen verwitweten Königs Friedrich Wilhelms III. wurden langsam erwachsen und suchten sich mit Altersgenossen und Verwandten ruhige Plätze, an denen sie fernab der Hofetikette ein unreglementiertes Privatleben führen konnten. So wohnte beispielsweise die Prinzessin Alexandrine währen ihrer Kur 1820 im Schloss. Später verbrachte die Familie des Fürsten Anton Heinrich Radziwill, dessen Gemahlin Luise eine Schwester von Prinz Louis Ferdinand war, hier über mehrere Jahre die Sommermonate. Deren Tochter Elisa litt jahrelang unter der Trennung von ihrer Jugendliebe, dem Prinzen Wilhelm von Preußen, der sie aus standesrechtlichen Gründen nicht heiraten durfte. Nach längerer Krankheit verstarb sie 1837 in Freienwalde an Schwindsucht.
Um 1847 hatte König Friedrich Wilhelm IV. die Absicht, das Schloss zu einer malerischen Baugruppe mit Innenhof und Säulengängen im italienischen Landhausstil zu erweitern, was wegen der politischen Verhältnisse damals nicht verwirklicht wurde. Einige Räume sind aber in den Jahren 1840 und 1866 im jeweiligen Zeitgeschmack renoviert und zum Teil neu ausgestattet worden. Bemerkenswert ist die Wiederverwendung einer kostbaren Papiertapete mit chinesischen Malereien aus der Mitte des 18. Jahrhunderts im Sterbezimmer der Elisa Radziwill (Raum 21).
Der Park wurde im Verlaufe der 19. Jahrhunderts mehrmals erweitert und neugestaltet. Der jetzige Baumbestand im oberen Teil geht im Wesentlichen auf Vorschläge des Potsdamer Gartendirektors
P. J. Lenné von 1822 zurück; das symmetrische Parterre unterhalb des Schlosses entstand um 1870.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts blieb das Schloss ungenutzt und machte zunehmend einen vernachlässigten Eindruck. Die schlichten Bauten des Klassizismus waren mit der Zeit aus der Mode gekommen und entsprachen nicht mehr dem Repräsentationsbedürfnis und Anspruch des Kaiserhauses. Dies bewog schließlich die Hofkammer, ihre Freienwalder Liegenschaft meistbietend zu veräußern.
Eingangsseite vor dem Anbau des Altans, 1909