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Inhaltsverzeichnis
- Rückblick von Urs Peter Schneider auf das Jahr 1968
- Kompositionen von Hans Eugen Frischknecht im Spiegel der Presse 1965 - 1967
- Urs Peter Schneider: Babel
- Kompositionen von Hans Eugen Frischknecht im Spiegel der Presse 1968
- Gründung des Ensembles und der Konzertgesellschaft Neue Horizonte
- Theodor W. Adorno im Jahr 1968
Text & Recherche: Hans Eugen Frischknecht
Layout: Richard Haynes
Interview-Aufnahme: Angela Bürger
- Rückblick von Urs Peter Schneider auf das Jahr 1968
Im April 2018 erschien ein Artikel in der Zeitung „Der Bund“, in dem der Gründer und Leiter des Ensembles Neue Horizonte, Urs Peter Schneider die damalige Situation aus seiner Sicht schildert.
2. Kompositionen von Hans Eugen Frischknecht im Spiegel der Presse 1965 - 1967
1964 kam Hans Eugen Frischknecht nach Studien bei Olivier Messiaen und zweimaligem Besuch der Darmstädter Wochen für Neue Musik mit den Dozenten Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono, Henri Pousseur und György Ligeti nach Bern. Er war als Organist an die Johanneskirche Bern gewählt worden. In Bern waren zu dieser Zeit in Bezug auf die neuere Musik stilistisch die Neoklassik und der Neobarock recht etabliert. Die Komponisten von damals waren Richard Sturzenegger (Direktor des Konseravtoriums), Arthur Furer (Musiklehrer am Seminar Marzili), Hans Studer (Musiklehrer den Seminaren der Neuen Mädchenschule) sowie Walter Furrer (Leiter des Radiochors Bern).
In verschiedenen Anlässen stellte Hans Eugen Frischknecht verschiedene neue Werke, vor allem seine eigenen Kompositionen vor. Wie die Presse darauf reagierte, sei hier in gewissen Ausschnitten wiedergegeben.
Vortrag vom 28. Januar 1965 im Diskussionspodium „Junkere 37“:
Im Keller an der Junkerngasse 37 traten damals viele Nonkonformisten, vor allem Politiker auf, welche Positionen zur Sprache brachten, die sich jenseits der damals üblichen bürgerlichen Werte befanden. Am 28. Januar 1965 berichtete Hans Eugen Frischknecht über „elektronische und konkrete Musik“. Damals befanden sich in Paris, Köln und Mailand Zentren für eine Musik, bei der das Tonband eine wesentliche Rolle spielte. Hier ist ein Bericht aus der Zeitung „Der Bund“:
Nach dem Vortrag mit zahlreichen Musikbeispielen waren in der Diskussion die Meinungen sehr geteilt. Durch Veränderung der Bandgeschwindigkeit war es damals möglich, Tonhöhen zu verändern. Ein Satz eines aufgebrachten Bürgers: „Wenn ein Ton einer menschlichen Stimme mit dem Tonband eine Oktave höher transponiert wird, so ist dies ein Betrug!“
In verschiedenen Konzerten in Bern spielte Hans Eugen Frischknecht an der Orgel und auf dem Cembalo neben klassischen Werken seine eigenen Kompositionen. Die Presse war damals sehr präsent, was sich in den folgenden Ausschnitten zeigt.
Konzert vom 7. Februar 1965 in der Johanneskirche Bern, mit Matthias Bamert (dem späteren Dirigenten), Oboe und Hans Eugen Frischknecht, Orgel. Nach einem barocken Teil kam Zeitgenössisches zum Zuge.
„Musikalischer Nihilismus“: Dies war also die Bezeichnung für eine Musik weitgehend ohne Melodie, Harmonik, Rhythmus und Form. Eine weitere Eigenschaft neuer Musik, welche kritisiert werden musste, war die „intellektuelle Spielerei“. Diese Bezeichnung brauchte ein Kritiker in seiner Besprechung in der Zeitung „Der Bund“ von einem Konzert, welches der Flötist Urs Lehmann und der Oboist Matthias Bamert zusammen mit Hans Eugen Frischknecht am Cembalo am 24. Mai 1965 im Kellertheater „Die Rampe“ am der Kramgasse in Bern gaben.
Am 5. Dezember 1965 veranstalteten der Flötist Urs Lehmann und Hans Eugen Frischknecht an der Orgel ein Konzert in der Johanneskirche Bern. Neben Werken der Barockzeit gab es auch Zeitgenössisches. Hier ein Bericht aus der Zeitung „Tages-Nachrichten“:
Ein weiteres Konzert gaben Matthias Bamert und Hans Eugen Frischknecht am 11. Januar 1966 im Konservatorium Bern. Nicht weniger als 7 Zeitungen (!) schickten ihre Rezensenten an das Konzert. Die beiden Musiker spielten nach einer Reihe von barocken und gemässigten modernen Werken als Uraufführung die 4 Stücke für Oboe und Cembalo von Hans Eugen Frischknecht. Hier finden sich einige Besprechungen:
Das Warenhaus Loeb veranstaltete ab und zu im Konservatorium Bern Hauskonzerte, an welche die Belegschaft des Hauses und auch die Öffentlichkeit eingeladen waren. Am 14. März 1967 spielten Urs Lehmann, Querflöte, Matthias Bamert, Oboe und Hans Eugen Frischknecht, Cembalo. Neben barocken Werken erklang als Uraufführung ein Trio von Hans Eugen Frischknecht.
Am 15. Oktober 1967 sang die evangelische Singgemeinde unter der Leitung von Martin Flämig in einem Konzert in der Johanneskirche Bern. Hans Eugen Frischknecht spielte u.a. als Uraufführung seine sechssätzige Suite für Orgel.
3. Urs Peter Schneider: Babel
Urs Peter Schneider hatte in Wien und Köln studiert und kam 1964 nach Bern. Auch er hatte Ferienkurse für Neue Musik in Darmstadt besucht. Am 15. April 1966 wurde in der Kunsthalle Bern sein Werk „Babel“ uraufgeführt. Zwei Besprechungen den Zeitungen „Der Bund“ und „Berner Tagblatt“ mögen hier beschreiben, worin das Werk bestand und welchen Eindruck die Komposition hinterlassen hat:
4. Kompositionen von Hans Eugen Frischknecht im Spiegel der Presse 1968
Nach 1967 kam das Jahr 1968 – ein Jahr des Umbruchs. Konservativität, ein Festhalten an überkommenen Dingen und eine Ablehnung des Modernen gerieten in Verruf. Dies zeigte sich auch bei Besprechungen von Kompositionen von Hans Eugen Frischknecht. Am 23. Mai 1968 spielte er seine „Suite für Orgel“ im Münster von Schaffhausen in einem Konzert im Rahmen einer Ausstellung mit Bildern von Eduard Munch. Die Rezensentin war die Pianistin Rita Wolfensberger, welche zusammen mit ihrer Schwester, einer Flötistin, in Bern im Rahmen der Gattiker-Hauskonzerte ein Konzert gegeben hatte. Statt einer Flucht in Fremdwörter (Pointillismus, Tachismus, musikalische Konstruktionen) finden wir hier ein detailliertes Einfühlen in die Komposition mit den einzelnen Sätzen:
Am 25. Mai 1968 spielten Walter Grimmer am Violoncello und der Komponist an der Orgel in der Johanneskirche die Uraufführung der Komposition für Violoncello und Orgel von Hans Eugen Frischknecht. Als Rezensentin war beim „Bund“ wie auch beim „Berner Tagblatt“ während vielen Jahren Johanna Frohwein tätig. Vor den Kompositionen von Hans Eugen Frischknecht war sie vielfach ratlos. Einmal fragte sie ihn persönlich: „Ihr Orgelstück Kristallisationen klang wie elektronische Musik. Haben Sie hier in die Orgel etwas reingetan?“ (Anm: Ein spezieller Klang wird hier durch eine ungewöhnliche Wahl der Register sowie der Tonlagen erzeugt). Bei der Rezension der Komposition für Violoncello und Orgel im „Der Bund“ ist ein deutliches Verständnis sichtbar, wenn sie von einer bezaubernden Wirkung spricht.
Schrieb Max Favre (M.F.) vom „Bund“ 1966:
Und so hiess es bei einem Konzert von 1999 zum 60. Geburtstag des Komponisten:
Es existiert ja der Begriff der „Provinziellen Stilverspätung“ – neue Tendenzen setzen sich zuerst in den grossen Metropolen durch, bevor sie in der Provinz ankommen.
5. Gründung des Ensembles und der Konzertgesellschaft Neue Horizonte
1968 war für die neue Musik in Bern insofern bedeutsam, als dafür zwei Institutionen geschaffen wurden: das Ensemble Neue Horizonte und die Konzertgesellschaft Neue Horizonte, zugleich auch Ortsgruppe der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik (IGNM). 1967 – 1968 gab es erstmals unter dem Namen „Neue Horizonte“ eine Saison mit zeitgenössischer Musik:
Die elektronische Musik wurde in Bern damals sehr selten zu hören (siehe auch die Veranstaltung von 1965 von Hans Eugen Frischknecht). Webern und Messiaen waren bekannte Wegbereiter zur neuen Musik, und so ist es verständlich, dass gerade diese beiden Namen in der ersten Konzertsaison im Vordergrund standen.
Ensembles, welche in gleichbleibender Besetzung sich speziell für die Neue Musik einsetzten, gab es damals in der Schweiz noch nicht, und so betrat das erste Konzert des „Ensemble Neue Horizonte“ auch auf nationaler Ebene Neuland.
Am 26. September 1968 fand im Vereinshaus des Kaufmännischen Vereins am der Zieglerstrasse in Bern die Gründungsversammlung der „Konzertgesellschaft Neue Horizonte“ statt. Ein Werbeblatt gibt hier Auskunft über die musikalischen Verhältnisse in dieser Zeit.
In den Statuten wurde das Verhältnis von der „Konzertgesellschaft neue Horizonte“ zum „Ensemble Neue Horizonte“ geregelt. Die Konzertgesellschaft räumte dem Ensemble pro Saison zwei Konzerte ein.
An der Hauptversammlung vom 26. September 1968 wurden alle vorgeschlagenen Vorstandmitglieder gewählt. Bei Reihen der konventionelleren Musik, vor allem durch die Bernische Musikgesellschaft, war die Honorierung der Interpreten gesichert. Für die Konzertgesellschaft und für das Ensemble begann nun die Suche nach Finanzquellen. Die Stadt und der Kanton Bern wurden angeschrieben. Die Unterstützung kam, aber nicht so schnell wie erhofft. So stand denn der Verein bald nach der Gründung mit einem Defizit von mehreren Tausend Franken da. Dieses Defizit musste mit den Jahren langsam abgetragen werden.
Urs Peter Schneider und Hans Eugen Frischknecht hatten damals auch auf der musikalischen Ebene Kontakte. Hans Eugen Frischknecht wirkte bei der Uraufführung von Urs Peter Schneiders „Babel“ in der Kunsthalle Bern mit, und Urs Peter Schneider als Schlagzeuger bei der Uraufführung des Werkes „Quadripartitum“ von Hans Eugen Frischknecht in einem „Neue-Horizonte“-Konzert am 22. April 1970 im Radio-Studio Bern.
Die Ferienkurse von Darmstadt und die Neoklassik standen sich damals sehr feindselig gegenüber. 1999 produzierte Hans Eugen Frischknecht eine CD unter dem Namen „Orgelmusik quer durch das 20. Jahrhundert“. Darauf befinden sich mehrere Werke von Komponisten der Avantgarde (Messiaen, Ligeti, Kopelent, Cage, Frischknecht), aber auch ein Werk des neobarocken Komponisten Ernst Pepping.
6. Der Philosoph Theodor W. Adorno – angegriffen in den Studentenrevolten
Der deutsche Philosoph, Soziologe, Musiktheoretiker und Komponist Theodor W. Adorno (1903 – 1969) hatte vor allem durch sein Buch „Philosophie der neuen Musik“ aus dem Jahr 1949 das Interesse vieler an neuer Musik interessierten Musiker, vor allem Komponisten, geweckt. In scharfen Worten geisselte er in diesem Buch jegliche Art von Konservativität, was etwa der folgende Satz zeigt: „Der von seinen Heimatbehörden zu Unrecht als Kulturbolschewist gemassregelte Schostakowitsch, die quicken Zöglinge der pädagogischen Statthalterin Strawinskys, die auftrumpfende Dürftigkeit Benjamin Brittens – sie alle haben gemein den Geschmack am Ungeschmack, Simplizität aus Unbildung, Unreife, die sich abgeklärt dünkt, und Mangel an technischer Verfügung.“ Auch Strawinsky und Hindemith werden von ihm sehr scharf gegeisselt. In seinem Werk „Pulcinella“ knüpft Strawinsky an den barocken italienischen Komponisten Pergolesi an. Adorno bemerkt hierzu, dass sei lediglich „traditionelle Musik – gegen den Strich gekämmt“. Von der Volks- und Jugendmusik spricht er von „organisierter Banauserie“. Andrerseits schildert er den Wert der Dissonanzen: „Während an der Neuen Musik dem von der Produktion abgeschnittenen Publikum die Oberfläche befremdend klingt, gingen doch ihre exponiertesten Phänomene aus eben den gesellschaftlichen und anthropologischen Voraussetzungen hervor, welche die eigenen der Hörer sind. Die Dissonanzen, die sie schrecken, reden von ihrem eigenen Zustand: einzig darum sind sie ihnen unerträglich.“ Gerade wegen diesen Kritiken und seinen scharfzüngigen Formulierungen hat Adorno seine Bedeutung auch heute, rund 50 Jahre nach seinem Tod, nicht verloren. Adorno selbst war als Komponist Schüler von Alban Berg. Thomas Mann liess sich für sein Buch „Doktor Faustus“ von ihm im Bereich der Zwölftonmusik beraten.
Die insbesondere von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno entwickelte kritische Theorie der Frankfurter Schule gegen eine falsch verstandene Aufklärung, gegen Faschismus und gegen die Auswüchse des Kapitalismus diente vielen der um 1968 revoltierenden Studenten als Grundlage und Legitimation für ihren Aufstand. Adorno selbst distanzierte sich schnell davon in der zweifellos richtigen Erkenntnis, dass die derzeitige gesellschaftliche Situation von den Aufrührern falsch eingeschätzt werde und auch, weil ihn gewalttätige Aktionen ästhetisch anwiderten. In der Folge wurde er selbst zu einer Zielscheibe der Revolte.
Ruth Meyer Schweizer wirkte während vielen Jahren als Professorin für Soziologie und später als Präsidentin der Seniorenuniversität an der Universität Bern. In den Jahren der Studentenrevolte um das Jahr 1968 herum war sie an der Universität Frankfurt/Main als Assistentin des Schweizer Soziologen und damaligen Rektor der Universität Frankfurt, Professor Walter Rüegg, tätig. An dieser Universität wirkte auch Theodor W. Adorno als Professor für Philosophie und Soziologie, und Ruth Meyer Schweizer kannte ihn nicht nur aus seinen Vorlesungen, sondern auch durch Zusammenarbeit über die Fakultäten hinweg. In einem Interview mit Hans Eugen Frischknecht erzählt sie von den damaligen Begebenheiten:
Interview: Ruth Meyer Schweizer
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