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Schäden an Nutztieren
Wölfe reissen Schafe und Ziegen
|Der Wolf ist ein Fleischfresser und spezialisiert auf die Erbeutung von wildlebenden Huftieren. In sein Beuteschema gehören ausserdem einige Nager und weitere Kleinsäuger. Besonders Schafe und Ziegen werden bei Gelegenheit aber ebenfalls erbeutet. Grossvieh wie Kuh- und Pferdeartige werden hingegen nur ausnahmsweise gerissen.

Als Wildtier kann der Wolf nicht wählerisch sein, sondern muss innerhalb seines Beuteschemas erbeuten, was er am leichtesten bekommt. Wo ungeschütztes Kleinvieh weidet, wird es bevorzugt gerissen. Fehlende (weggezüchtete) Fluchtinstinkte der Tiere und Zäune, die eine Flucht verunmöglichen, erlauben dem Wolf ein leichtes Reissen der Tiere, insbesondere der Schafe. In der Schweiz wurden in den letzten fünf Jahren jährlich zwischen 90 und 360 Nutztiere gerissen, hauptsächlich Schafe. Trotz steigenden Wolfsbestand ist bei der Zahl der gerissenen Nutztiere keine zunehmende Tendenz erkennbar, was auf starke Bemühungen zum Schutz der Herden zurückzuführen ist. Die Risse konzentrieren sich auf die Sommermonate, wenn das Vieh auf den Alpen gesömmert wird. Zwischen Herbst und Frühling kommt es dagegen nur ausnahmsweise zu Schäden.
Warum reissen Wölfe mehr Tiere, als sie fressen können?
|Wölfe reissen insbesondere in Nutztierherden oft mehr Tiere, als sie fressen können. In der Fachsprache nennt sich dieses Verhalten surplus killing, was übersetzt soviel heisst wie "überzähliges Töten". Dieses Verhalten hat entgegen anders lautenden Gerüchten nichts mit Wölfen aus Gefangenschaft zu tun, die es in der Schweizer Natur erwiesenermassen nicht gibt. Auch wilde Wölfe reissen oft mehr Schafe, als sie fressen können. Surplus killing kommt in der Natur bei zahlreichen Raubtieren vor: bei Wieseln und Mardern, bei Füchsen, Luchsen, Braunbären, Löwen, Leoparden, Tigern, Hunden und Hauskatzen, bei Waschbären, sogar bei Schwertwalen (Orcas) und verschiedenen Insekten wie Spinnen und Milben ist dieses Verhalten nachgewiesen.

Nach heutigem Stand des Wissens, läuft der Prozess des Jagens, Tötens und Fressens im Kopf von Wölfen in verschiedenen Schritten ab und erst wenn ein Schritt beendet ist, kann der nächste beginnen. Das heisst, wenn ein Wolf eine Herde angreift und ein Schaf erwischt hat, beisst er natürlich zu und wird es töten. Ist jedoch noch immer der Reiz von anderen flüchtenden Tieren vorhanden (fehlende Fluchtinstinkte, Zäune), wird der Wolf nicht zu fressen beginnen, sondern weiter reissen, bis eben kein Reiz von flüchtenden Tieren mehr da ist. Erst dann wird der Schritt "reissen" beendet und mit dem Fressen begonnen.
So brutal dieses Verhalten für die betroffenen Nutztiere ist, so sinnvoll ist es in der Natur. Der Wolf als Rudeltier hat oft noch Familiemitglieder mitzuversorgen, was einer grosse Fleischmenge bedarf. Da er ausserdem problemlos imstande ist, Aas zu fressen, kann er Kadaver auch noch Wochen später verwerten. Hat ein Wolf in der Natur also mal die ganz seltene Chance, zwei statt nur einen Hirsch zu erlegen, muss er diese Chance nutzen, denn für ihn ist dies ein wichtiger Überlebensvorteil. Da Wildtiere und deren Verhalten stets auch vor dem Hintergrund der Evolution betrachtet werden müssen, lässt sich festhalten, dass Wölfe (und andere Raubtiere), die surplus killing verursachen, wohl einen deutlichen Selektionsvorteil gegenüber Artgenossen ohne dieses Verhalten haben.
Die ökologische Bedeutung von surplus killing muss zudem als hoch eingestuft werden. Kadaver bleiben in der Natur niemals ungenutzt. Die offensichtlichsten Profiteure sind Aasfresser wie diverse Greif- und Krähenvögel oder grosse Säuger wie Braunbären und Füchse. Gerade Braunbären sind wichtige Sekundärnutzer von Wolfsrissen. Da Tierkadaver als Eiablageplätze von verschiedenen Insekten eine grosse Bedeutung haben, profitieren nicht nur diese Arten vom Wolf, sondern auch zahlreiche Singvogelarten, die sich ihrerseits hauptsächlich von Insekten und deren Larven ernähren.
Der Schutz von Nutztieren
|Zum Schutz von Nutztierherden stehen eine ganze Reihe praktikabler Methoden zur Verfügung. Fast im gesamten eurasischen Raum werden zum Schutz vor Wolfsangriffen so genannte Herdenschutzhunde eingesetzt. Diese Hunde, welche zu den grössten Hunderassen überhaupt gehören, zeichnen sich dadurch aus, dass sie ausschliesslich in Schafherden leben. Traditionellerweise leben ganze Hunderudel in den Tierherden, wo folglich auch die Welpen geboren und aufgezogen werden. Damit werden diese Hunde nicht nur mit ihren Artgenossen und Menschen (Hirten) sozialisiert, sondern ebenso mit den Nutztieren. Sie lernen sie damit als erweiterte Familie kennen, die bei Bedarf beschützt und verteidigt wird. Herdenschutzhunde zeichnen sich durch aus durch Wachsamkeit, Selbständigkeit und ausgeprägtes Schutz- und Territorialverhalten.

Als Schutz gegen Wolfsangriffe dienen auch Zäune. Flexinetze werden oft als Nachtpferche eingesetzt, wozu sie unter Strom gesetzt werden. Da Wölfe nur ungern Zäune und Netze überspringen, bieten sie einen guten Teilschutz. Bedingung ist, dass ein Durchschlüpfen am Boden verunmöglicht wird, indem Lücken zwischen Netz und Boden verhindert werden. Litzenzäune mit Strom werden oft auf grösseren Weiden eingesetzt. Die unterste der fünf Litzen, die ebenfalls Strom führt, sollte nicht mehr als 15 cm vom Boden entfernt verlaufen, die oberste Litze auf einer Höhe von ca. 120 cm verlaufen. Zäune sind für den Herdenschutz mit Hunden deshalb wichtig, weil sie die Herde zusammenhalten. Nur dann können Hunde ihre Schutzfunktion überhaupt wahrnehmen.
Die Anwesenheit von Hirten selbst bietet zwar noch keinen Schutz für Tierherden, weil sich Wolfsangriffe meistens nachts ereignen, wenn sie nicht bei der Herde sind. Hirten sind jedoch wichtig für den Herdenzusammenhalt, in dem sie die Herdenführung übernehmen und dafür sorgen, dass die Tiere insbesondere nachts zusammenbleiben und sich auch tagsüber nicht zu weit im Gelände verstreuen. Für die Kontrolle und Fütterung der Hunde ebenso wie für eine geordnete, nachhaltige Weideführung und Gesundheitskontrolle der Nutztiere sind Hirten unverzichtbar.
Interview mit David Gerke, Präsident der Gruppe Wolf Schweiz und Schafhirte, zu den Themen Wolf, Herdenschutz und Alpwirtschaft (pdf)