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Selbst in guten Zeiten kann Erinnerung etwas Unsicheres sein, aber nach dem Unfall der Ambulanz verschwand sie einfach. Niemand dachte an Tim und Lena, dort auf dieser Parkbank vor dem Spital. Niemand wusste, dass sie ein überteuertes Thon-Dreieck-Sandwich teilten. Niemand kümmerte sich darum, dass sich Tim Sorgen darum machte, dass er die Vorprüfungen an der Uni nicht bestehen würde und Lena sich auf Inselferien in Griechenland freute und sich fragte, ob sie ihre Haare etwas rötlicher färben sollte. Lena hatte Tim schon tausendmal gefragt, ob er es für eine gute Idee halte und Tim hatte immer erwidert: «Wenn es dir gefällt, so wird es mir auch gefallen. Ich meine, solange du deine Haare nicht grün färbst, ist für mich alles OK.»
Niemand würde sich daran erinnern, dass Lena ihn gemein angrinste und sagte: «Dann wäre also blau in Ordnung. Ja, das klingt gut, ich glaube ich will blau. Ich bin sicher. Überzeugt, ja überzeugt von blau.» Tim bewarf sie mit einem winzigen Stück Sandwich, dem sie nicht ausweichen konnte.Hier ist die Sache mit Ambulanzfahrzeugen: Sie sind nicht einfach Autos, sondern Panzer. Neben Computertechnik und verschiedenen Tragen verfügen Ambulanzen über verstärkte Metallwände und einem Fahrwerk, dass einer mittelstarken Explosion standhalten muss. Die Sache mit Ambulanzen ist, dass sie mehr als normale Autos aushalten müssen, weil sie fahrende Bomben mit Sauerstoff an Bord sind, damit Notfallpatienten stabilsiert werden können.
Häuser wie Penisse
Tim streckte sich, eilte mit drei schnellen Schritten zum Abfalleimer neben der Bank und warf die Sandwichverpackung in ein rundes Loch.
«Meinst du meine Grossmutter erinnert sich daran, dass wir sie besucht haben?» fragte Lena nachdenklich.
«Immerhin waren wir da, vielleicht spielt es keine Rolle, ob sie sich erinnert.»
«Das ist also alles, was rauskommt, wenn man Psychologie studiert?»
«Ich habe nie gesagt, ich sei ein guter Student. Im Moment habe ich das Gefühl, ich weiss gar nichts.»
«Immerhin hast du keinen Architekten als Boss, der nur übergrosse Gebäude, die wie Penisse aussehen bauen will. Selbst wenn er eine Kirche bauen könnte, würde die wie ein Schwanz aussehen.»
«Wenn du das noch ein paar Mal sagst und doch jeden Tag in dieses Büro gehst, dann werde ich vor Ende des Studiums einen Psychiater brauchen.»
Halbgott in Weiss
Etwas stimmte mit dem Wagen nicht. Am Morgen hatten die Pfleger die Signale ignoriert. Georg, der sich eher als begnadeter Musiker verstand, er war Bassist, mochte Adrian nicht, der seiner Ansicht nach ein zu grosses Ego hatte und so glaubte es Georg, für einen verkappten Halbgott in weiss hielt, obwohl er nur ein Pfleger mit einem Zusatzkurs als Ambulanzfahrer war. Sie hatten wenig gesprochen und nicht darauf geachtet, dass die Bremsflüssigkeit ausgegangen und der Computer vor einem Leck im Sauerstofftank warnte.
Es war die Explosion, die Schlagzeilen machte. Es war die Explosion, die in Erinnerung blieb. Niemand erinnerte sich an Lena und Tim, die sich auf einer Parkbank ein Sandwich teilten. Die Fragen drehten sich darum, wie so etwas passieren konnte, wie ein Krankenwagen explodieren konnte, und wer daran schuld sein konnte. In Erinnerung blieb die Absperrung unmittelbar vor dem Eingang des Kantonsspitals, die Fragen, warum die Ambulanz überhaupt vor den Eingang fuhr, wenn es doch eine eigene Rampe in die Tiefgarage für Krankenwagen gab.
Fritten drehen
«Ich werde bei McDonald’s Hamburger auffüllen müssen oder die Fritten drehen, ich habe von dieser Prüfung wirklich keine Ahnung.»
«Du hast stundenlang in diesen Bücher gelesen, warst in der Bibliothek. Ich habe dich abgefragt, du wirst das schon schaffen», sagte Lena und legte ihm behutsam die Hand auf die Schulter. Lieber hätte sie ihm die ein bisschen zu langen Haare durcheinandergebracht, aber sie wusste, er mochte das nicht. Fand es zu niedlich. Ein kleiner Macho halt.
«Weisst du was, du hast einen Penis, da kannst du Architekt werden, wenn du nur gross genug denkst. Dann geht das.»
«Das war’s, ich werde zum Psychiater müssen, ich werde nie mehr ein Hochhaus ansehen können, ohne an etwas Schiefes zu denken.»
Kreislaufprobleme
Adrian am Steuer war sauer, der Tag war lange, aber ereignislos gewesen. Nur alte Leute mit Kreislaufproblemen, ein milder Schlaganfall, der kaum den Namen verdiente und dann noch das Mädchen mit etwas heftigerem als normalem Nasenbluten.
«Riecht es hier seltsam?», fragte Georg und sah auf dem Beifahrersitz von seinem I-Phone auf.
«Was ist eigentlich aus Leila geworden, siehst du sie noch immer?», fragte er.
«Hat nicht funktioniert, der Geruch kommt sicher von den vielen Alten, ich verstehe nicht, warum sich die Spitex nicht um die kümmert», meinte Adrian, kämpfte mit dem Steuerrad als der Wagen in die enge Kurve ging. Obwohl es leicht bergauf ging, wurde die Ambulanz schneller und schneller und sie verpassten die Rampe.
«Sind wir nicht etwas schnell. Das ist die falsche Strasse.»
«Da stimmt etwas nicht, das ist nicht gut». Plötzlich war es Adrian nicht mehr langweilig. Schnell und schneller, aber vergeblicher prügelte sein rechter Fuss auf das Bremspedal ein.
Lenas Hand glitt in Tims Nacken, verweilte einen Augenblick dort und sie bat ihn, sie anzusehen. Sie sei ebenfalls ein bisschen eine Psychologin, darum könne sie sagen, es sei eine gute Sache, dass sie bald in Griechenland wären, denn dort seien die Häuser weiss, blau und flach. Griechische Häuser hätten überhaupt nichts Sexuelles an sich. Sie seien einfach schöne, gemütliche Häuser.
Die Hölle explodiert
Als Tim antworten wollte, er freue sich aufs Meer und denke weniger an die Häuser kam auf der Strasse vor der Parkbank der Ambulanz ein Lastwagen entgegen, hupend und ziemlich schnell. Natürlich weiss niemand, ob Adrian in Panik geriet, weil die Bremsen immer noch viel zu langsam reagierten, niemand kann sagen, warum weder Lena noch Tim aufgesprungen sind. Während der Lastwagen einfach weiterfuhr, krachte die Ambulanz in einen Baum, geriet wegen des Sauerstofflecks in Brand und schoss schliesslich auf die Parkbank zu. Lenas Hand lag ruhig und vertraut auf Tims Oberarm und Tim hatte seine Hand auf die ihre gelehnt und schien sie fasziniert zu betrachten als die Hölle zu explodieren schien und sich die Besucher des Spitals schreiend in Deckung warfen.
In guten Zeiten ist Erinnerung unscharf. Bei einem Unglück tritt sie in den Hintergrund. Sie wird weggeräumt mit den zerfetzten Körperteilen und all den komplizierten Metallen und Plastikteilen, die für die Zivilisation notwendig sind. Die Erinnerung wird bereinigt, das Blut vom Boden aufgeputzt und ein neuer Abfalleimer aufgestellt. Und vielleicht hat sogar Lenas Grossmutter vergessen, dass sie an dem Tag Besuch bekommen hatte.