Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03653.jsonl.gz/546

Der Mensch ist ein undankbar Geschöpf. Der Schöpfer schenkte unseren Vorfahren, nachdem sie sich als einigermassen ausdauernde Spezies erwiesen hatten, immer wieder neue Techniken und Technologien. Aber sobald der Mensch sie – rein handwerklich gesehen – ansatzweise im Griff hatte, fing er an, damit Unfug der gröbsten Sorte zu treiben, statt mit ihnen für das Fortkommen seiner Art zu sorgen. Die Geschichte der Menschheit ist ab einem gewissen Punkt eine lange Kette von tragischen Missverständnissen. So gab er den Menschen das Feuer, und sie fackelten ihre Hütten und Häuser ab. Er gab ihnen Metall, und sie bauten Schwerter. Er gab ihnen die Dampfmaschine, und sie holzten die Wälder ab, verpesteten die Atmosphäre und versklavten die Fabrikarbeiter. Er gab ihnen leichtsinnigerweise auch noch den Verbrennungsmotor, und sie bauten ihn in Autos ein. Er gab ihnen Erdöl, und sie heizten windige Häuser. Er gab ihnen die Kernspaltung, und sie bauten Bomben. Er gab ihnen Demokratie, und sie gründeten Rechtsaussen-Parteien.
Das mögen die augenfälligsten und dramatischsten, finstersten Fälle menschlichen Unvermögens im Umgang mit der Technik gewesen sein. Viele weniger gut sichtbare Beispiele beeinflussen den Alltag des einzelnen Menschen bis heute aber ebenso stark, und es werden täglich mehr. Zeit, in die Gegenwart und die erste Person zu wechseln.
Der Herr gab uns Druckerpressen, und wir erfanden die Boulevardmedien. Er gab uns Fernsehen, und wir machten Reality-TV und Castingshows. Er gab uns HiFi, und wir hörten Modern Talking. Er gab uns Zucker, und wir machten Lakritze. Er gab uns das Internet, und wir programmierten Facebook und Twitter. Er gab uns Smartphones, und wir pfeifen dafür auf unsere Mitmenschen.
Und das Ende ist damit noch nicht erreicht. Wir verschonen auch die grossartigste aller Erfindungen nicht mit unserer offenbar grenzenlosen Torheit.
Der Himmel gab uns das Fahrrad, und wir denken, es sei ein ordinäres Sportgerät. Er gab uns Kohlefasern, und wir machen Fahrradrahmen damit. Er gab uns Scheibenbremsen, und wir bauen sie an Rennräder. Er gab uns Lycra, und wir glauben, uns nicht mehr ohne aufs Rad setzen zu dürfen. ER GAB UNS LEUCHTSTARKE LED-BELEUCHTUNG, UND WIR RICHTEN SIE AUF DIE AUGENHÖHE DES GEGENVERKEHRS STATT AUF DIE FAHRBAHN, HERRGOTTNOCHMAL!
Die Hoffnung auf ein Ende der Geschichte (geschweige denn ein gutes) schwindet schneller als gerade eben das Tageslicht vor dem Fenster. Ich betäube Geist, Finger und Zehen, indem ich etwas Radfahren gehe.
(Beitragsbild: Walt Disney)