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Abstract
In den letzten Jahren ist «Wirkungsorientierung» zu einem Leitbegriff für Diskussionen und Entwicklungen in Institutionen des Gesundheits- und Sozialbereichs geworden. Mit Wirkungsorientierung sind unterschiedliche Qualitätsansprüche verbunden: In der Praxis erweist sich schon die Formulierung und Operationalisierung von Wirkungszielen als herausfordernd. Auch die Messung von Veränderungen in Richtung der Wirkungsziele kann methodisch anspruchsvoll werden. Die grösste Herausforderung birgt allerdings die Kausalitätsfrage resp. die Frage nach der Wirksamkeit einer Intervention. Auch wenn Veränderungen in gewünschtem Sinne beobachtet oder gemessen werden können, bleibt doch die Frage, inwiefern diese tatsächlich das Ergebnis der durchgeführten Intervention sind.
Im Referat werden grundlegende Herausforderungen für einen Wirkungsnachweis von Interventionen in komplexen sozialen Systemen beleuchtet und pragmatische Ansätze aufgezeigt, wie Wirksamkeit auch ohne randomisierte kontrollierte Studien beurteilt werden kann. Die Evaluation muss dabei Komplexität auffächern, um Wirkungsmechanismen untersuchen und Wirkungsaussagen plausibilisieren zu können. Gleichzeitig muss sie Komplexität aber immer wieder reduzieren, um verständlich, handlungsrelevant und anschlussfähig zu bleiben; sie bewegt sich immer in diesem letztlich nicht auflösbaren Spannungsfeld. Es kann in Anbetracht der hohen Komplexität sozialer Systeme nicht Ziel der Wirkungsevaluation sein, Wirksamkeit zu «beweisen», sondern Wirkungsmechanismen kontextspezifisch zu verstehen, entsprechende Entwicklungen in sozialen Systemen kritisch zu reflektieren und Wirkungsaussagen nachvollziehbar und fachlich fundiert abzustützen.
Im Referat wird praxisnah erläutert, wie verschiedene Formen der Plausibilisierung genutzt und kombiniert werden können, um Wirkungsaussagen zu festigen: Die Wahrscheinlichkeit, dass eine beobachtete Veränderung tatsächlich durch die Intervention verursacht wurde, steigt beispielsweise, wenn sich die Wirksamkeit durch eine sozialwissenschaftliche Theorie oder durch empirische Studien abstützen lässt, wenn Erkenntnisse aus verschiedenen Perspektiven Hinweise auf Wirkungen liefern oder sich Ergebnisse, die mittels unterschiedlicher Methodik gewonnen wurden, gegenseitig stützen. Für einen Wirkungszusammenhang spricht natürlich auch, wenn in Interventionsgruppen bessere Ergebnisse als in Vergleichsgruppen ohne Intervention beobachtet werden können und wenn alternative Erklärungsmöglichkeiten ganz oder zumindest teilweise ausgeschlossen werden können.
Erste Hinweise darauf, wie realistisch Wirkungshypothesen sind, liefern aber auch Überlegungen zum Umfang, zur Intensität und zur Konzepttreue der Umsetzung einer Intervention. Der Fokus auf Wirkungsmechanismen und Plausibilitätsfragen führt zu einer kritischen Auseinandersetzung mit Wirkungszielen und lenkt den Blick auf Entwicklungspotenziale in sozialen Systemen: inwiefern schafft es eine Intervention, soziale Systeme darin zu unterstützen, ihre Handlungsspielräume zu erweitern und anstehende Herausforderungen selbstbestimmt und erfolgreich zu meistern?
Grundlage für die Ausführungen bilden eine Studie zum Thema Wirkungskonstruktion (Ackermann, 2016) sowie Erkenntnisse aus vielen Jahren der Beschäftigung mit Wirkungsfragen im Bereich der Gesundheitsförderung, Prävention und Sozialen Arbeit. Die Argumente werden anhand von Praxisbeispielen aus dem Präventionsbereich aufgezeigt, lassen sich aber gut auf andere soziale Interventionen übertragen.
Literatur
Ackermann, G. (2018). Wirkungspotenzial des Nationalen Rauchstopp-Programms. Suchtmagazin 44/6. 15–20.
Ackermann, G. (2018). Evaluation des Nationalen Rauchstopp-Programms (2014–2017). Synthese von Projektstatistiken, Evaluationsergebnissen, wissenschaftlichen Studien, internationalen Leitlinien und Expertenmeinungen im Rahmen einer Kontributionsanalyse. Schlussbericht Mai 2018.
Ackermann, G. (2016). Evaluation und Komplexität. Wirkungskonstruktion in der Evaluation von Gesundheitsförderung und Prävention. Dissertation.
Ackermann, G.; Kirschner, M.; Guggenbühl, L. et al. (2015). Measuring Success in Obesity Prevention: A Synthesis of Health Promotion Switzerland’s Long-Term Monitoring and Evaluation Strategy. Obesity Facts 2015;8:17–29. Link
Robert Koch Institut (Hrsg.) (2012). Evaluation komplexer Interventionsprogramme in der Prävention: Lernende Systeme, lehrreiche Systeme? Berlin: Robert Koch Institut.
Angaben zur Person
Dr. Günter Ackermann ist selbstständiger Berater und Evaluator im Gesundheits- und Sozialbereich und Dozent am Institut für Public Health der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften ZHAW.
Er hat an der Universität Fribourg Sozialarbeit studiert und an der Universität Basel zur Frage der Wirkungsbeurteilung in Gesundheitsförderung und Prävention promoviert. Er befasst sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis mit den Themen Komplexität, Evaluation, Wirkungsorientierung, Projekt- und Qualitätsmanagement sowie mit Konzepten von Good- und Best-Practice. Er kennt die entsprechenden Herausforderungen aus unterschiedlichen Perspektiven: als langjähriger Evaluator, Auftraggeber von Evaluationen, Evaluationsverantwortlicher einer national tätigen Institution, Berater, Lehrender und Forschender. (www.guenterackermann.ch)