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«A writer’s writer», eines Schriftstellers Schriftsteller – so nennt man auf Englisch einen Literaten, der von seinesgleichen und einem Kreis von Kennern verehrt wird, aber nie die Bestsellerlisten gestürmt hat. Wallace Stegner (1909–1993) zählt zweifellos zu dieser Kategorie. Das, obschon er in den fünfzig Jahren seiner Karriere die begehrtesten Literaturpreise seines Landes erhielt und an der Stanford-Universität jahrzehntelang einen der prestigeträchtigsten und ältesten Lehrgänge für kreatives Schreiben in den USA leitete, der jede Menge Bestsellerstürmer hervorgebracht hat. Schuld an Wallace Stegners fehlender Popularität ist der Mittlere Westen. Wenigstens zum Teil. Diesem Mauerblümchen in der amerikanischen Literaturlandschaft fühlte sich der Autor verbunden. Dort, nicht in New York oder Los Angeles, den attraktiven Zentren der Intelligenzija und der Massenkultur, siedelte er die meisten seiner Romane und Erzählungen an. In seinen historischen Sachbüchern und Essays befasste er sich mit der Geschichte der endlosen Ebenen zwischen Utah und Wisconsin, nicht mit deren Mythen, was publikumsfreundlicher gewesen wäre. Insgesamt sind es über dreissig Werke. Man müsse über die Farbe Grün hinwegkommen, bemerkte er einmal: «Man muss aufhören, Schönheit mit Gärten und Rasenflächen gleichzusetzen. Man muss sich an unmenschliche Massstäbe gewöhnen.» Dann lerne man, den Westen zu lieben.
Die Innenwelten von Wallace Stegners Figuren sind weniger weitläufig, aber voller Untiefen. Dabei bleiben die Massstäbe dieser Akademiker und kleinen Beamten, dieser Handlungsreisenden und überforderten Präriebewohner zutiefst menschlich. Trotzdem oder eben deshalb scheitern sie daran. Was sie zu Stegner-Figuren macht, ist der Umstand, dass sie darüber nicht vermiesepetern. Vielmehr söhnen sie sich mit ihren Mängeln aus und, was noch wichtiger ist, auch mit den Mängeln anderer. Der pensionierte Literaturagent Joe Allston zum Beispiel, der Stegner gleich zweimal als Protagonist dient, verfügt über eine Art von abgeklärter Selbstironie, die die Lektüre von Romanen wie «Die Stille vor dem Sturm» (1967) und «Die Nacht des Kiebitz» (1976) zu beinahe heiteren Meditationen über den (Un-)Sinn des Lebens werden lässt – fern von Didaktik oder Sentimentalität.
Kein Ich ohne Du: diese Erkenntnis zieht sich durch sämtliche Werke Stegners. Ist die Liebe ein Kompromiss? Stellen Ehen, Beziehungen überhaupt lediglich den Versuch des einzelnen dar, nicht allein zu sein? In Stegners Universum, ja. Seine Akteure schliessen nach und nach Frieden mit ihrer Rolle im Gewusel der Irrlichter, das das Diesseits erst richtig zum Leuchten bringt. Sie spüren das Glück, wenn ein Funke überschlägt. Das gilt auch für den Mann und den Jungen in «The Traveler». Der gestrandete Autofahrer entdeckt in dem Jungen eine frühere Version seiner selbst, und für einige Augenblicke in einer bitterkalten Nacht, in einer gottvergessenen Gegend sind die beiden in ihrer Verlorenheit vereint. Wallace Stegner spricht von der Identität als dem «chronischsten, unheilbarsten Leiden überhaupt». Und er zeigt, wie es überwunden wird.
Sacha Verna
ist freie Kulturjournalistin in New York. Sie arbeitet unter anderem für die NZZ und die «Frankfurter Rundschau» sowie fürs Schweizer Radio und den Deutschlandfunk.