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Es begann mit einem Flop. Die Gebrüder Panini druckten Sammelalben mit Blumenbildern zum Einkleben. Damit umdribbelten sie wohl alle möglichen Zielgruppen: Erwachsene kaufen keine Alben, und Kinder mögen Superman mehr als Orchideen.
1961 brachte Panini deshalb ein Sammelalbum mit 90 Aufklebebildern italienischer Fussballmannschaften heraus. Mit Erfolg. Bereits an der WM 1970 in Mexiko kam die Verpackungsmaschine Fifimatic zum Einsatz, um zu verhindern, dass in einem 5er-Päckchen zweimal das gleiche Bild vorkam. Je mehr Päckchen man kaufte, desto höher war die Wahrscheinlichkeit, dass man zweimal den gleichen Spieler hatte.
Für viele Kids war es wohl ein Schock, dass sie ausserhalb von Hotel Mama der harten Realität ausgesetzt waren und aus fünfzig Tüten viermal Víctor Espárrago von Nacional Montevideo zogen und kein einziges Mal Pélé. Der Frust gebar die Verschwörungstheorie, wonach Panini trickste und ein Ersatzspieler öfter vorkam als ein Weltstar.
Zwei Mathematiker der Uni Genf gingen der Sache nach und kauften zwölf Boxen à hundert Päckchen mit jeweils fünf Bildern, also insgesamt 6000 Sticker. Das Ergebnis: Jeder Spieler kam exakt neun Mal vor.
Bis zur WM 2006 kaufte ich jedes Jahr ein Sammelalbum. Ohne Bilder. Die Kioskverkäuferinnen reagierten oft irritiert: «Sie brauchen wirklich keine Bilder?»
Es war ein Italiener aus Mailand, der schliesslich hinter mein Geheimnis kam. «Ist es Zufall», mailte er, «dass in Ihrem Vatikanthriller ‹Andate e uccidete› (Gehet hin und tötet) fast alle Kardinäle und Mafiosi die Spielernamen der italienischen Nationalmannschaft von 1990 haben?»
Ich gestand, dass ich die Namen für meine Film- und Romanfiguren jeweils den Panini-Alben entnehme. Damit gehe ich sicher, dass russische oder argentinische Namen authentisch sind. Von Salvatore Schillaci (Juventus) lieh ich zum Beispiel den Vornamen, von Franco Baresi (AC Milan) den Nachnamen. Panini-Fussballalben waren integraler Bestandteil meiner Autorenbibliothek.
Mittlerweile kann man die Namen googeln, und die Panini-Gruppe erwirtschaftet in über 120 Ländern mit rund tausend Mitarbeitern einen Umsatz von über einer Milliarde Euro. Egal, wer die EM gewinnt, Panini bleibt Weltmeister.