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Die Evolution tendiert zur Kooperation.
Jean-Baptiste de Lamarck
Darwins These vom «Survival of the fittest» wurde oft falsch übersetzt und verstanden: 'the fittest' ist nicht der, der am längsten im Fitnessstudio rumgehampelt hat, sondern der am besten an sein Umfeld, seine Möglichkeiten, seine Herausforderungen und Chancen Adaptierte, der sich dank der geschickten Anpassung an die Umweltbedingungen durchsetzt. Trotzdem riecht Darwins Konzept nach Einzelkämpfer, nach Rücksichtslosigkeit und Egozentrik, nach gnadenlosem Selektionsprozess – auf jeden Fall duftet es auf den ersten Schnupper nicht gerade nach 'Kooperation'. Um so erstaunlicher die Behauptung seines Zeitgenossen Jean-Baptiste de Lamarck, der in seiner Evolutionstheorie den Fokus auf die Kooperation legte und auch als erster die heute von der Ethologie in unzähligen Studien bestätigte These von der Vererbbarkeit erworbener Eigenschaften aufstellte. Dass sich Darwins Konzept dermassen deutlich durchsetzte, muss nicht am höheren Plausibilitätsgehalt liegen, sondern könnte auch an der jahrhundertelang einseitigen Überbetonung männlicher Werte wie 'Kampf', 'Wettbewerb', 'gnadenlose Ausscheidung' liegen. Die Einseitigkeit führte – zusammen mit religiös ummäntelten Selbstbeweihräucherungs-Visionen wie der menschlichen Vorstellung von sich selbst als 'Krone der Schöpfung' – zur hierarchischen Idee der Beherrschung alles Nichtmenschlichen durch den Menschen, wie es bis heute im Begriff der Umwelt erkennbar ist, also dessen, was an Beherrsch- und Nutzbarem um den grossen Homo Sapiens herum in der Welt herumkreucht, herumfleucht oder einfach herumsteht, da ist – im Unterschied zu einer integrativen Vorstellung wie der Mitwelt, die ein Miteinander auf Augenhöre suggerieren würde. – Vielleicht wäre es ja an der Zeit, den eher weiblichen Wert des Zusammengehens, des sich gegenseitig Unterstützens, der Kooperation mehr zu beachten und nach einer besser austarierten Balance zwischen weiblichen und männlichen Werten zu suchen.
Wir können auch versuchen, die beiden Sichtweisen miteinander auszusöhnen, den Widerspruch zwischen den Thesen Lamarcks und Darwins aufzuheben, indem wir die Fähigkeit und Bereitschaft zur Kooperation als eine besonders intelligente und nachhaltige Form der Anpassung an die Umwelt betrachten. Wir erhalten schon im subatomaren Bereich, und leichter nachvollziehbar bei den einfachsten Mehrzellern eine Bestätigung dafür, dass Kooperation ein geniales Mittel ist, wenn man sich bestmöglich an die Rahmenbedingungen seiner Existenz anpassen will, um zu überleben. Wenn wir den Begriff der Kooperation also eher weiblich konnotieren, so stecken in dem Anhängsel 'um zu überleben' die männlichen Werte. Denn die Anpassung im Sinne eines permanenten Nachgebens, eines Anschmiegens ans Umfeld allein reicht nicht, um in einer Welt zu überleben, in der, ob wir es wollen oder nicht, ein ständiger Kampf um Ressourcen stattfindet. Anpassung bedeutet auch, sich dank kluger Analyse der Umweltbedingungen die bestmöglichen Überlebenschancen zu sichern.
Damit haben wir vielleicht nicht nur ein Merkmal von Kooperation an der Angel, sondern gleich mehrere im Netz: Kooperation bündelt – erstens – die Aktivitäten mehrerer Entitäten; diese Aktiviäten sind – zweitens – zielorientiert, sind also nicht reiner Selbstzweck, nicht 'art-pour-l'art', sondern Aktivitäten mit dem Fokus, ein Problem zu lösen, irgendeinen Vorteil zu erreichen; und die Erreichung dieses Ziels, die Problemlösung soll – drittens – allen Kooperierenden nützen.
Die Kooperation der vielen kleinen Fische demonstriert dies – mit etwas Phantasie. Es sind mehrere, sie sind zielorientiert – das Ziel könnte darin bestehen, einen grossen Räuber auszutricksen, der sie möglicherweise frässe, wenn sie einzeln an ihm vorbei zu schwimmen versuchten – , und alle profitieren von der Kooperation, indem sie alle überleben, zumindest wenn der Trick gelingt und der Räuber auf die Täuschung hereinfällt.
Mit dem Begriff der 'Entitäten', also 'Seienden' habe ich mich noch um die Frage gedrückt, wer überhaupt kooperationsfähig sei. Wenn man Biologen wie Bruce Lipton glaubt, dann sind es bestimmt Zellen, wie er in seinem bahnbrechenden Bestseller 'Intelligente Zellen' überzeugend darlegt. Glaubt man modernen Quantenphysikern, so findet Kooperation auch im subatomaren Bereich statt. Wenn wir das akzeptieren, kommt gleich die nächste grosse Frage um die Ecke: Müssen diese kooperationsfähigen Entitäten über ein Bewusstsein verfügen? Und wenn ja, was ist überhaupt Bewusstsein? Ist es das, was man früher mal 'Seele' nannte und im Zuge der naturwissenschaftlichen Fokussierung auf Materie über Bord warf, weil kein Pathologe beim Sezieren je sowas fand? Das hat sich allerdings mit dem Surrogat 'Bewusstsein' auch nicht geändert. Die materieversessene Naturwissenschaft findet auch kein Bewusstsein beim Leichenfleddern und weigert sich deshalb, es als wissenschaftlichen Begriff gelten zu lassen. Schliesslich ist man ja evidenzbasiert und da gibt's nun mal nichts, was man nicht auch materiell dingfest machen könnte. Ich möchte hier nur etwas Misstrauen in die menschlichen Fähigkeiten im Allgemeinen und die Materiefixierung der Naturwissenschaft im Besonderen einfliessen lassen, indem ich daran erinnere, dass es noch nicht lange her ist, dass vermeintlich Superschlaue sich ernsthaft fragten, ob Frauen, ob Schwarze, ob die Ureinwohner Amerikas oder die Aborigines Australiens eine Seele hätten. Wenn die Epigonen dieser Hinterwäldler heute daran zweifeln, dass Tiere und Pflanzen und womöglich noch viele weitere Entitäten über 'Bewusstsein' verfügen, so braucht man sie doch nicht allzu ernst zu nehmen?
Als Geisteswissenschaftler können wir also locker weiter fragen, was denn nun Bewusstsein sein könnte. Könnte es sowas wie die Software sein, die Programme, die man auch nicht findet, wenn man ein Radio, ein TV-Gerät oder einen Computer auseinanderschraubt? Mir gefällt die Vorstellung, dass es so etwas wie die immaterielle Trägerfunktion der platonischen Idee, des der Materie vorgelagerten geistigen Plans ist, das die Materie erst entstehen lässt. Wer Lust hat, an dieser Idee weiter mitzudenken, ist eingeladen, sich an Denk-Aufgabe 408 gütlich zu tun. Für unsere Untersuchung der Kooperation reicht es mir hier, zu postulieren, dass Bewusstsein eine Voraussetzung für Kooperationsfähigkeit sei – aus dem einfachen Grund, weil ich Freiwilligkeit als Merkmal der Kooperation promovieren möchte. Und ein freier Wille bedarf der Bewusstheit.
Damit sind wir bei der Frage der Motivation zur Kooperation. Ist sie überhaupt wesentlich? Reicht nicht die Beobachtung des Phänomens, dass ein Einzelwesen mit anderen Einzelwesen kooperiert? Müssen wir wissen, wieviel Druck oder gar Zwang ausgeübt wurde, um die Beteiligten zur Kooperation zu bewegen? Oder ist genau das sogar entscheidend, die Frage nach dem Warum, wenn zwei oder mehrere kooperieren? Ist der freiwillige Entschluss, bei einem kooperativen Akt mitzumachen, womöglich ein notwendiges Begriffsmerkmal? – Hier scheiden sich die Geister. Auf der einen Seite die Sicherheitsbedachten und Regelfreudigen, die es den Klugen überlassen, die weniger Klugen zur Kooperation zu zwingen. Auf der am weitesten von dieser Position entfernten finden wir die Freiheitsliebenden, für die Erzwungenes keinesfalls mehr Kooperation ist, sondern irgendetwas wie Sklavenarbeit, angekettetes Rudern auf der Galeere. Und dazwischen all die feinen Abstufungen des massvollen, verhältnismässigen und situationsadäquaten 'Schubsens' zur Zusammenarbeit. Für mich ist Freiwilligkeit deshalb begriffsnotwendig, weil sonst das Kriterium der Nützlichkeit für alle Beteiligten nicht mehr gegeben ist. Bei erzwungener, angeordneter, befohlener Tätigkeit im Kollektiv ist die Nützlichkeit für alle nur noch von den Anordnenden behauptet, kaum mehr von den Beteiligten bejaht. Wäre sie es, müsste ja kein Zwang ausgeübt werden. Am besten lässt es sich an der in menschlichen und tierischen Kollektiven häufigen Kooperationsform der Solidarität zeigen: erzwungene Solidarität ist keine!
Ich behelfe mir mit einer sprachlichen Differenzierung, um die Freiwilligkeit als unverzichtbares Merkmal des Kooperationsbegriffs statuieren zu können. Sobald sie nicht mehr vorliegt, spreche ich von 'angeordneter Kollaboration'. Das englische Lehnwort 'Teamwork' und das deutsche Nomen 'Zusammenarbeit' kommen dem von mir skizzierten Begriff von Kooperation nahe, da das Element der Freiwilligkeit zumindest anklingt, was weder bei der 'gemeinsamen Arbeit', der 'Mitarbeit' noch bei der 'Kollaboration' der Fall ist. Auch 'Koordination' eignet sich nicht als Synonym, da es dabei primär um die Aufteilung von Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten geht, die von einem Einzelnen geleistet werden und sich auch auf Dinge oder Konzepte beziehen kann.
Echte Kooperation basiert also aus meiner Sicht immer auf einem freiwilligen Entschluss der Beteiligten zur gemeinsamen Problemlösung. Sowohl ein bestimmtes Mass an Selbstbestimmung des Denkens und Handelns der Beteiligten, als auch die Reziprozität, die erkannte Nützlichkeit für alle Beteiligten, stützen die Wichtigkeit des postulierten Begriffselements der Freiwilligkeit beim Schaffen einer Win-win-Situation für alle Beteiligten. – Aber eben nur für alle an der Kooperation Beteiligten, nicht für alle Entitäten des Universums. Es gibt ausserhalb des kooperierenden Kollektivs selbstverständlich andere, Aussenstehende, die nicht profitieren, die verlieren, vielleicht sogar ihr Leben. Und damit wären wir bei den Schattenseiten der Kooperation.
Eine Jugend-Gang, eine Bande von Kriminellen, eine Organisation von Terroristen, ein Grossteil der SS- und SA-Angehörigen, missionarische Fanatiker und Ideologen und was der im Kollektiv auftretenden Übeltäter mehr sind, erfüllen sehr oft alle bisher aufgeführten Kriterien echter Kooperation: Viele IS-Terroristen traten dem Kollektiv der Kooperierenden freiwillig bei, sie bündeln ihre zielorientierten Aktivitäten – z.B. das Durchtrennen von Nichtislamisten-Hälsen – und waren überzeugt, dass das ihnen allen nütze, man denke nur an die vielen Jungfrauen, die Allah ihnen offenbar im himmlischen Regal bereithält. Und Bewusstsein müssen wir ihnen – wenn auch ungern – ebenfalls zubilligen, zumindest ein rudimentäres. Wer kooperiert, muss deswegen also noch lange kein Schnuckiputzer oder Friedensnobelpreisträger sein.
Eine weitere Schattenseite jedweden Eintauchens in ein Kollektiv ist – zumindest aus Sicht liberaler Freiheitsjunkys wie mir – die Einschränkung der Selbstbestimmung, der Autonomie des Denkenden und Handelnden. Wer sich freiwillig und bewusst dem Gedankengut und/oder den Aktivitäten einer Religion, einer Ideologie, einer politischen Partei oder auch nur schon dem Credo eines Unternehmens, eines Sportclubs oder einer Biermarke anschliesst, schränkt damit seine Selbstbestimmung ein. Aus Sicht des Orientierung Suchenden, nach Regulierung Lechzenden ist der Verzicht auf anstrengende Denk- und Handlungsautonomie vielleicht sogar eine Erleichterung, ein Plus und das 'Nichtdenkenmüssen' und nur nach Anweisung Handeln ist vielleicht sogar ein zentraler Motivationsfaktor für sein kooperatives Mitmachen im entsprechenden Kollektiv, aber für mich ist das nur in einem hierarchisch strukturierten Kollektiv möglich – und Kooperation findet meines Erachtens auf Augenhöhe statt. Die Kooperierenden bringen ihre durchaus unterschiedlichen Kompetenzen, Möglichkeiten und Mittel ein, aber ohne die hierarchische Wertung, die sofort wieder mit Weisungsbefugnissen und Gehorsamspflichten verbunden ist und damit das Kriterium der echten, bewussten Freiwilligkeit verletzt. Mit diesem zusätzlichen Kriterium der 'Augenhöhe' können wir die obenerwähnten, samt und sonders straff hierarchisch strukturierten 'Bösewicht-Kollektive' locker wieder aus dem Kooperationsbegriff rauskippen.
Nun gilt es noch ein letztes mögliches, eng mit der Aufgabe von Autonomie verknüpftes Merkmal zu prüfen, das viele verbindet, die in irgendwelchen Kollektiven freiwillig, bewusst und zielorientiert ihre Aktivitäten bündeln, um Probleme zu lösen, die allen nützen. Es ist das Delegieren von Verantwortung, das legendäre Ab- und Eintauchen und notfalls sich 'Verdünnisieren' in der Masse. Wer allein etwas tut, muss in der Regel geradestehen dafür. Bereits bei Familien mit mehreren Kindern, bei Unternehmen mit mehr als einem Mitarbeiter zeigt sich häufig dieses Abschieben von Verantwortung ans Kollektiv oder an Teile davon, oft sogar im Kreis herum. Auch bei den vielen Studien, die regelmässig von einer Mehrzahl von Autoren und vor allem Autorinnen mit langen Doppelnamen gezeichnet sind, kommt manchmal der Verdacht auf, dass das Zusammengehen nicht nur aus edler Bescheidenheit und purer Kooperationslust erfolgt, sondern auch mit dem Ziel, nicht – oder wenigstens nicht allein – behaftet zu werden mit einem Resultat, das sich vielleicht irgendwann als hanebüchener Unsinn herausstellen könnte. – Ich behelfe mir wieder mit dem Kriterium der Nützlichkeit für alle Beteiligten. Wer Verantwortung von sich auf andere im Kollektiv oder pauschal auf das ganze Kollektiv abschiebt, verletzt das Merkmal der Nützlichkeit für alle und betreibt damit alles mögliche, aber keine echte Kooperation. Wenn echte Kooperation aber bedeutet, dass keine Verantwortung abgeschoben wird, dass im Gegenteil alle die Verantwortung für die angestrebte Problemlösung, die intendierte Win-win-Situation mittragen, braucht es ein minimal das echte Engagement für das Ziel der Kooperation betreffendes Vertrauen der Beteiligten untereinander. Mit diesem Vertrauen haben wir das aus meiner Sicht vorläufig letzte Merkmal der Kooperation gefunden und können einen Definitionsversuch wagen:
Kooperation ist freiwilliges, problemlösungsorientiertes, auf gegenseitigem Vertrauen der Kooperierenden beruhendes Bündeln von Aktivitäten verschiedener bewusster Entitäten auf Augenhöhe mit dem Ziel, eine Win-win-Situation für alle an der Kooperation Beteiligten zu schaffen, die auch von allen verantwortet wird.