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Es ist so weit: Ich muss mich mit der Einsicht abfinden, dass es Dinge gibt, die ich in meinem Leben nie erreichen werde. Das ist aber nicht nur negativ! Man stelle sich vor, was Leute, die zum Beispiel Weltmeister werden wollen, sich alles antun müssen und was für einen Stress die haben! Da lese ich doch lieber wie Millionen von anderen Leuten einen Krimi von Agatha Christie. So wie am letzten Freitag abend. Es war neun Uhr, ich hatte grad mein Buch geholt und freute mich auf einen spannenden Abend. Da klingelte das Telefon. Am Apparat war der Ex-Box-Profi Stefan Angehrn. Er wusste, dass ich in Russland bin, weil seine Frau bei meinen Eltern die Lehre gemacht hat. «Ein Freund von mir, Franco Carlotto, sitzt im Flughafen von Moskau fest. Ohne Visum! Und er muss morgen an der Fitness-Weltmeisterschaft teilnehmen», sagte er mir. «Kannst du ihm helfen?» Ohne Visum in Moskau!!! Das geht gar nicht! Ich bin schon mindestens dreissig Mal nach Russland geflogen und jedes Mal musste ich in Zürich beim Einchecken mein Visum zeigen. Ich bin ganz sicher, dass die Aeroflot-Drachen in Zürich nie jemanden ohne Visum einsteigen lassen… Was für eine Geschichte! Agatha Christie musste warten. Ich setzte mich in ein Taxi und fuhr zum Flughafen. Per Gegensprechanlage kann man sich dort mit dem Konsul in Verbindung setzen, dem Vertreter des russischen Aussenministeriums, der für solche Fälle zuständig ist. «Ich kann kein Visum machen, das sage ich schon die ganze Zeit. Der Fax vom Präsidenten der Fitness-Föderation reicht nicht. Wir brauchen einen Brief vom russischen Aussenministerium oder vom Sportministerium!», sagte der. Ich schaute auf die Uhr. «Um halb elf Uhr am Freitag abend?!?!?» Der Präsident der russischen Fitness-Föderation kannte auch niemanden in den Ministerien, die um diese Zeit noch Briefe schreiben wollen, aber versprach, selber noch einmal beim Konsul anzurufen. Noch mehr Briefe, noch mehr Anrufe. Auch ich meldete mich weiter regelmässig per Gegensprechanlage beim Konsul, um zu fragen, wie denn die Dinge stehen: «Wir werden sehen!» sagte der nur. Franco und sein Betreuer, die noch am Gate waren, blieben derweil gelassen, obschon sie seit halb sieben Uhr abends festsassen: «Wir warten!». Kurz nach Mitternacht war ich gerade daran, mir zu überlegen, wie lange ich eigentlich noch am Flughafen sitzen wollte, da klingelte mein Handy, Franco war dran: «Wir sind draussen!» Ich dachte, ich hätte mich verhört, denn in der Zwischenzeit hatte ich verschiedene Bekannte angerufen, die mir alle gesagt hatten: Vergiss es, die fliegen mit der ersten Maschine zurück. Was den Konsul dazu bewogen hat, das Visum zu erteilen, werden wir wohl nie herausfinden. Der Brief vom Fitness-Verband, die vielen Anrufe des Präsidenten, meine nervigen Nachfragen? Oder doch das Foto, das Franco mit dem berühmten ukrainischen Box-Profi Vitali Klitschko, seinem Trainingspartner und Freund zeigt? Schon in Zürich hatte dieses Foto den Aeroflot-Verantwortlichen dazu gebracht, die beiden ins Flugzeug zu lassen. Franco Carlotto ist übrigens am Samstag Weltmeister geworden. Agatha Christie musste bis Sonntag warten.