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Als ich im Flugzeug nach Lima saß, erfaßte mich durchaus eine gewisse Aufregung. Nicht nur, daß ich zum ersten Mal den europäischen Kontinent verließ; die ganze Reise
schien mir auch unglaublich schlecht organisiert. Ich sprach kaum ein Wort Spanisch und sollte in Lima bei einer Familie wohnen, von der ich nicht mehr wußte, als daß sie mich am Flughafen werden abholen
und nichts als Spanisch sprechen.
Nach einem langen Flug war ich froh, daß meine Freunde zu hause während des Fluges genug Zeit gehabt hatten, um alles zu organisieren. Ich wurde also von einem netten
Peruaner abgeholt und in irgend einen Vorort von Lima gebracht. Dieser erschreckte mich im ersten Augenblick sehr: ich hatte das Gefühl, in einem Slum gelandet zu sein. Tatsächlich war es eine eher
ärmliche Gegend, doch sahen die wirklichen Slums noch eine Spur trauriger aus. Bis ich mich aber nachts alleine raus traute, sollten noch ein paar Tage vergehen.
Nachdem mir Freunde der Familie, mit
welcher ich lebte, die Stadt gezeigt hatten und, wie von Geisterhand, nach drei Tagen meine Mischung der Lateinvokabeln mit französischer Grammatik langsam auch für Spanisch Sprechende verständlich
wurde, entschloß ich mich, nach Cuzco weiterzuziehen. Im Flugzeug stellte ich fest, daß ich am Vortag irgend etwas Schlechtes gegessen hatte, denn mir wurde unerträglich übel – doch nicht in der Art der
Reisekrankheit. So kam es, daß im selben Moment wie ich den Flieger so auch das Essen mich verließ und sich mit der Rollbahn vergnügte. Immerhin wurde ich anschließend von der Sanität liebevoll betreut,
wenngleich sie meinten, daß ich die Höhenkrankheit hatte. Danach lag ich zwei Tage in einem Hotel in Cuzco und hatte leichte bis mittlere Delirien. Ein sehr interessanter Zustand, aber wohlgefühlt habe
ich mich dabei nicht. So kam es, daß ich von Cuzco selbst nicht sehr viele und noch weniger ungetrübte Erinnerungen mitbrachte. Immerhin machte ich die wichtigsten Ausflüge: zu den Märkten und mit dem
Zug (wandern wäre sicher schöner gewesen, aber das hätte ich mir so nicht zugetraut) nach Machu Pichu. Trotz seiner touristischen Magnetkraft hat mir diese Stadt ausgesprochen gut gefallen. Das
wundervolle war jedoch eher die wildromantische Umgebung als die dachlosen Gebäude. Dass Leute, welche den viertägigen Trek unter die Füsse nehmen, schlussendlich von den Ruinen enttäuscht sind, kann ich
mir deshalb leicht vorstellen - die Tage zuvor mussten sie mit der bizarren Landschaft bereits ermüdet haben.
Am nächsten Tag ging es nach Puno weiter. Ich muß gestehen, daß sich hierin meine
Einschätzung von der Ansicht vieler anderen unterschied, denn mir gefiel das kleine Universitätsstädtchen am Ufer des Titicacasees recht gut. Das lag vielleicht daran, daß ich in einem guten Hotel hauste
(zwar war es eiskalt und die Temperaturen unterschritten den Gefrierpunkt sicherlich jede Nacht, aber ich hatte genügend Wolldecken bekommen. Die Kälte zeigte sich mir eigentlich nur am Morgen in ihrer
vollen Härte, dann nämlich, wenn ich kaum aus dem warmen Bett kam. Immerhin liess sich dieser Kälteschock schnell beheben, wenn man das Hotel verliess und an die intensive Sonne sass.) und sehr
interessante Bekanntschaften mit Einheimischen wie auch anderen Reisenden schloß. Allerdings gefiel es mir auch, daß es in Puno verboten ist zu hupen, was nach den beiden vorher besuchten, lauten Städten
höchst angenehm war. Die Stadt besichtigte ich mit einem freundlichen Trikschafahrer. Er hatte mich in der ersten Nacht zum Hotel gefahren. Als ich ihn bezahlen wollte, hatte ich allerdings kein
Kleingeld und gab ihm etwa zehn Franken statt nur einen. Das stellte ihn aber vor ein Problem, da er selbst das Wechselgeld nicht besaß. Da ich müde war, hatte ich keine Lust eine halbe Stunde auf die
paar Franken zu warten und sagte, er könne sie behalten, wenn er mich am nächsten Tag zu einer bestimmten Zeit abholen würde und mir die Stadt zeigen würde. Tatsächlich stand er am nächsten Morgen
vor der Tür und zeigte mir dann die Stadt. Danach hatten wir zwar nicht mehr abgemacht, doch brachte er mich an die verschiedenste Ort, wenn immer er mich auf die Straße traf. Ich lud ihn auch einmal zu
einem Trink ein. Als ich das Busticket nach La Paz kaufte und viel zu viel zahlte, brachte er es höchst persönlich zurück und gab mir das Geld dann zurück. Hier hat sich die Großzügigkeit sehr ausgezahlt.
La Paz: der Frieden! Der Name der Stadt erschien mir nicht schlecht gewählt, denn trotz ihrer Größe hatte diese hohe Stadt einen übersichtlichen Charakter – vielleicht durch die enge Lage der
Innenstadt in einem tiefen Tal. Hier erfuhr ich, daß La Paz nicht die Hauptstadt Boliviens ist, wie ich zuvor geglaubt hatte, sondern das südlichere Sucré. Da sich aber trotzdem das, was eine Hauptstadt
ausmacht, nämlich die Regierung, in La Paz befindet, nennt man diese Stadt den Regierungssitz.
Hier blieb ich fast eine Woche und unternahm jede Menge. Auf einem Berg wanderte ich auf fast 5300m. Da
ich mich schon seit rund 10 Tagen an die Höhe assimiliert hatte, konnte ich mich ohne diese eklige Kokabrühe, welche einem hier überall eingeflößt wird, bewegen. Zwar bisweilen atemlos, aber doch
einigermaßen komfortabel. Die Energie für eine Schneeballschlacht hätte ich dann allerdings nicht mehr gehabt, obwohl der Schnee verlockend aussah.
Danach zog es mich wieder nach Puno zurück, wo ich
wieder bei der netten alten Dame hauste. Als sie mich sah, lud sie mich sogleich zum Abendessen ein, danach sprudelte sie wieder los. Das ich ihr mit meinem mäßigen Spanisch nicht immer zu folgen
vermochte, das schien sie nicht zu stören. Da mußte ihre freundliche Tochter aushelfen, die sich trotz ihrer Schüchternheit sehr darüber freute, daß ich ihre Englischbrocken verstand.
Mit dem Nachtzug
fuhr ich dann von Puno nach Arequipa runter. Ist es erwähnenswert, daß der Zug mit unerklärlichen zwei Stunden Verspätung losfuhr und mit noch unerklärlicheren sechs schließlich ankam? Arequipas
Schönheit bestach. Auf fast 2000m gelegen, hat diese zweitgrößte Stadt Perus ein ideales Klima: viel Sonne, doch nicht die tropischen Temperaturen, welche einem so zu schaffen machen können.
Architektonisch stechen die aufwendigen Reliefs der Häuser ins Auge. Besonders gut gefiel mir der Placa de Armas, der von einem zweistöckigen Arkadengang umgeben war, auf welchem ich öfters gutes
chinesisches Essen nahm.
Diese Stadt nimmt bei den Peruanern einen besonderen Status ein. Man macht sich über die Leute hier lustig, weil sie in so vielen Sachen anders seien. Es gibt sogar aus diesem
Grund einen speziellen arequipa´schen Paß zu kaufen. Auch wenn man die Mehrzahl der Unterscheidungen nicht wirklich ernst nehmen kann, bestehen doch ein paar Unterschiede. So hat Arequipa beispielsweise
eine andere Netzspannung als der Rest Perus. An einer Stelle gibt es sogar Linksverkehr. Doch das hängt vielleicht eher mit verkehrsplanerischen Notwendigkeiten zusammen, wer weiß?
Aus Arequipa machte
ich einen zweitägigen Ausflug in das nahe gelegene CaÔon de Colca. Eine sehr schöne Schlucht, von wo aus man etwa 1500m in Tiefe sehen kann. Das ist schon sehr eindrücklich. Dazu wird man von Condoren
umflogen, die manchmal nur wenige Meter über den Köpfen hinweg sausen. Auch schien die Gegend touristisch recht unberührt.
Von Arequipa zog es mich dann wieder nach Lima zurück. Allerdings unterbrach
ich die Reise in Nazca, wo sich jene berühmten Linien befinden (Das Highlight davon war zweifellos, daß ich das kleine Propellerflugzeug selber steuern durfte – wenigstens solange, bis ich ihm erklärte,
daß ich einen Looping machen wolle. Da bat er mich schleunigst die Finger vom Horn zu nehmen. Die beiden spanischen Passagiere im Fond fanden das wohl auch besser.) und in Pisco, einem hübschen kleinen
Städtchen am Meer. Pisco ist bekannt für das gleichnamige Getränk, das angeblich hier erfunden worden sein soll. Allerdings gibt es in Chile auch ein Pisco und die Leute dort behaupten, daß es in Chile
erfunden worden wäre. Wer recht hat, läßt sich wohl genauso wenig herausfinden, wie sich die Frage nicht beantworten läßt, in welchem Land der Whisk(e)y erfunden worden ist. Hier aß ich Ceviche, was sich
als eine sehr verhängnisvolle Spezialität herausstellte: vom rohen Fisch hatte ich danach noch ein paar Tage Magenprobleme. Aber gut geschmeckt hat es auf jeden Fall.
Von hier nahm ich den Bus nach
Lima. Das war sehr unterhaltungsreich. Immer wieder kamen Musiker in den Bus, spielten ein Stück und kamen dann kassieren. Manchmal kamen auch Leute, die irgend etwas verkaufen wollten. Einer
Glatzköpfiger wollte Haarwuchsmittel verkaufen. Die vielen Käufer haben sich offenbar nicht gefragt, weshalb er es denn selber nicht genommen hat. Ich bin dann irgendwo in Lima ausgestiegen, weil ich
dachte, daß es näher sei. Ob es das schlußendlich war, konnte ich nie beantworten. Jedenfalls kannte keiner der Taxifahrer die Adresse, die ich ihnen zeigte, um zu meinen Leuten zurückzukommen. Dafür
schickten sie mich zweimal zu Fuß über eine mehrspurige Autobahn. Das gefiel mir nicht sonderlich, aber scheint in Peru so üblich zu sein. Schließlich fand ich die richtige Ausfallstraße zu Fuß und nahm
von dort einen öffentlichen Bus.
Sich in Lima zu orientieren ist nämlich nicht gerade einfach, selbst wenn ich eine Karte gehabt hätte, wäre es mir kaum viel leichter gefallen. Die Busse sind auf der
Seite angeschrieben, man weiß deshalb nie, in welche Richtung sie fahren. Wenn man die Chauffeure dann fragt, wohin sie fahren, können oder wollen sie keine klare Antwort geben. Da in Lima im Sommer eine
recht trübe Wetterlage herrscht, kann man sich dann auch nicht an der Sonne oder den nahen Anden orientieren.
Als ich dann nach ein paar Tagen in Lima wieder im Flugzeug nach Hause sass, wusste ich,
dass dies nicht meine letzte Reise gewesen sein würde, dafür hatte ich zuviel erlebt. Obwohl es mir sehr gut gefiel, hatte ich auch meine Nöte und war froh, als ich wieder daheim landete.
(Die Reise fand im Sommer 1997 statt)