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Wenn es um die „natürlichen Geschlechterrollen“ geht, wird gerne die Bibel zu Rate gezogen und die Schöpfungsgeschichte zitiert, in der über die Grundkonstanten von Welt und Mensch nachgedacht wird. Vielen sind diese Geschichten in der Übersetzung von Martin Luther wohlvertraut: Gott schuf den Menschen „als Mann und Frau“ klingt es in meinen Ohren. Und schon sehe ich den Paradiesgarten, sehe wie Gott aus Lehm den Mann formt und dann vom Mann eine Rippe nimmt, daraus die Frau baut, damit der Mann eine Gehilfin hat für Haus, Kind und Herd. Keine schöne Vorstellung. Zu meinem grossen Glück habe ich Hebräisch gelernt und kann nun selbst lesen, was in den alten Texten der Bibel steht. Überraschung und Erleichterung sind gross!
männlich und weiblich (nicht: Mann und Frau)
Von der Erschaffung der Menschen erzählt zuerst Genesis 1,26-27. In Vers 27 heisst es: „Und Gott schuf den Menschen (singular) als sein Bild. Als Bild Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie (plural).“ Mensch kann hier als Gattungsbegriff verstanden werden. Es geht also nicht darum, dass Gott einen Urmann und eine Urfrau erschaffen hätte, sondern die Menschheit als Ganzes wird geschaffen. In ihr gibt es eine einzige Differenzierung, nämlich Weiblichkeit und Männlichkeit. Bemerkenswert dabei: Das hebräische Wort für männlich (sachar) hat sprachlich nichts zu tun mit dem Wort für Mann (isch), genauso unterscheidet sich weiblich (neqewa) von Frau (ischa). Männlichkeit und Weiblichkeit wird in diesem Text also nicht bestimmten Menschen zugesprochen, sondern sie bilden zwei Pole der Menschheit an sich. Zwei Pole, die durchaus auch Vielfalt zulassen. Zwar ist kaum zu erwarten, dass die BibelautorInnen dabei an Phänomene gedacht haben, die wir heute als Transgender bezeichnen. Eine Fixierung von Männlichkeit und Weiblichkeit auf genau zwei Formen des Menschseins wird aber unterlassen. Und dass eine Gesamtheit durch die Nennung von zwei Polen ausgedrückt wird, ist eine beliebte Stilfigur im biblischen Hebräisch. So ist z.B. Vers 1 zu verstehen: Gott „schuf Himmel und Erde“, also alles, was ist.
existenzielles Gegenüber (nicht: Gehilfin)
Genesis 1 ist das erste Kapitel der Bibel. Als solches steht es wie ein Leitgedanke über allem, was später noch folgt. Die hier geschilderte absolute Gleichwertigkeit von Männlichem und Weiblichem gilt auch für das nächste Kapitel. Genesis 2 nämlich erzählt noch einmal in ganz anderer Weise von der Erschaffung der Menschen. Hier formt Gott aus der Ackererde (hebr. adama) ein Menschenwesen. Adam kann also mit „Erdling“ übersetzt werden. (Das selbe Wort adam wird auch in Genesis 1,27 verwendet). Dieses Menschenwesen ist zunächst ungeschlechtlich. Erst in dem Moment, in dem aus der Hälfte des Erdlings die Frau entsteht, entsteht aus der zweiten Hälfte der Mann (Vers 21-23). Dass der Mann später ausgerechnet den Namen „Mensch“ oder eben Adam erhält, macht das Ganze etwas kompliziert, ändert aber nichts an der Ausgangslage. In Vers 18 begründet Gott, warum das eine Menschenwesen nicht genügt: Es fehlt ihm eine „Hilfe als sein Gegenüber“. Das hebräische Wort für „Hilfe“, das hier verwendet wird (eser), meint eine lebensstärkende oder lebensrettende Hilfe. Eser bezeichnet in der Bibel fast immer die Hilfe, die von Gott selbst kommt. Es geht also nicht, wie in älteren Übersetzungen noch zu finden, um eine Gehilfin, sondern: So wie Gott für die Menschen eser ist, so sollen auch die Menschen einander eser sein.
aus der Seite (nicht: aus der Rippe)
Am hartnäckigsten ist die Sache mit der Rippe. Fast alle Bibelausgaben übersetzen das in Vers 21 verwendete Wort zela als „Rippe“. Das hebräische Wort zela kommt in der Bibel 40 Mal vor und wird sonst meistens zur Bezeichnung der Seite eines Gebäudes verwendet. Zela kann auch eine Bergseite bezeichnen und dann als „Hang“ übersetzt werden oder die beiden „Flügel“ einer Türe meinen. Immer also geht es um einen Teil eines Ganzen, der den anderen Teilen entspricht. Genesis 2 erzählt demnach nichts vom überflüssigen Knochen, der dann hübsch eine Frau hergibt. Vielmehr erzählt die Bibel, dass Gott aus dem ersten Menschenwesen zwei macht, aus jeder Seite eines: eine Frau und einen Mann. Darum, so V24, wollen die beiden auch Seite an Seite leben. Frau und Mann sind gleichwertige Wesen aus gleichem Fleisch und Bein. Sie sind einander Gegenüber und existenzielle Hilfe. So jedenfalls wäre es im paradiesischen Urzustand gedacht.