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Social Scoring – Die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft?
Updated: Jan 15
Wenn ein Fussgänger in Shenzhen bei Rot über die Kreuzung geht, erhält er ein Strafmandat, bevor er die andere Strassenseite erreicht hat. Eine Gesichterkennungskamera identifiziert ihn, die Verkehrsüberwachung schickt ihm ein Strafmandat über WeChat, dessen Bezahlung über Alipay er nur noch bestätigen muss. Und die Behörde reduziert seinen Social Score.
Ähnliches passiert, wenn ein Autofahrer zu schnell fährt, wenn ein Mieter seine Miete zu spät bezahlt, ein Kind unentschuldigt von der Schule fernbleibt, ein Haushalt den Müll nicht richtig trennt oder jemand im Transrapid sein Essen verzehrt. Ein Bürger kann seinen Social Score verbessern, wenn er alten Menschen hilft, wenn er in einem Verein mitarbeitet oder für wohltätige Zwecke spendet.
Ein niedriger Social Score kann zur Folge haben, dass der Bürger kein Flugticket oder keinen Fahrschein für den Transrapid bekommt, dass er keinen Zugang zu Bankkrediten hat, dass er seine Kinder nicht in die Schule seiner Wahl schicken kann oder keine Wohnung in der von ihm präferierten Umgebung bekommt. Umgekehrt erleichtert ein hoher Social Score das Leben des Trägers bei der Erfüllung dieser Bedürfnisse oder verschafft ihm eine bevorzugte Behandlung im Krankenhaus oder eine priorisierte Erledigung von Verwaltungsakten.
Das Social Scoring System in China ist Ausdruck eines totalitären Regimes. Die kommunistische Partei baut damit ein Instrument der Massenunterdrückung. So mindestens klingt es in den westlichen Medien. Ich behaupte dagegen, dass dieses Social Scoring ein ausserordentlich vielversprechender Weg sein kann, das Zusammenleben der Menschen und die soziale Verantwortung von Unternehmen und Institutionen grundlegend besser als in den marktwirtschaftlichen Mehrparteiendemokratien zu steuern. Wenn es denn richtig gemacht wird! Wir sollten die Entwicklung sorgfältig beobachten und daraus lernen.
Das chinesische Social Scoring basiert auf einer zentralen Datenbank, auf schwarzen Listen für Sünder und auf Regeln für Strafen und Belohnungen. Die Nutzung des Internets, Sensoren in vielen Geräten des täglichen Bedarfs und Kameras sowie Mikrophone liefern zu jedem Bürger ein Datenabbild, von Melanie Swan oder Deborah Lupton schon im Jahre 2013 als Quantified Self beschrieben. Das chinesische Social Scoring bestimmt erwünschte Aktivitäten (z.B. wohltätige Spende) und unerwünschtes Verhalten (z.B. Verstoss gegen Verkehrsregeln oder Kritik an der Regierung) und verdichtet die Datenpunkte zu einem Social Score.
Noch nie in der Geschichte der Menschheit gab es derart detaillierte Daten über das Verhalten von Individuen, Unternehmen und anderen Institutionen. Noch nie hatten wir derart mächtige Instrumente zur Auswertung der gigantischen Datenbestände und konnten wir soviel über das Verhalten der Menschen lernen. Noch nie war es möglich, daraus so schnell und für soviele Menschen Anreize zum erwünschten Verhalten zu setzen.
Das publizierte Ziel des Social Scorings ist die Lenkung von Wirtschaft und Gesellschaft zum Wohle der Menschen. Wenn damit die Verkehrssicherheit verbessert wird, der Reisende im Zug einen sauberen Sitz und Tisch vorfindet oder das Mahnwesen von säumigen Zahlern wegfällt, trägt das zu einem Leben mit weniger Ärger bei. Das Gleiche versuchen wir traditionell mit der Erziehung der Menschen im Elternhaus und in der Schule, mit Ethik und Religion und letztlich mit dem Strafgesetzbuch zu erreichen. Die massivsten Waffen gegen unerwünschtes Verhalten sind die Polizei, die Justiz und die Gefängnisse. Wenn laut WPB (World Prison Brief) im Jahre 2019 die USA pro 100´000 Einwohner 655 Gefängnisinsassen (China 118, Schweiz 81) haben, ist das kein Indiz für ein besonders erfreuliches Zusammenleben in einem freien, pluralistischen Land.
Derartige Vergleiche und Hinweise auf mögliche Ursachen sind selbstverständlich keine wissenschaftlich fundierten Aussagen, sondern bestenfalls Denkanstösse. Das chinesische Social Scoring ist erst in Pilotregionen im Einsatz und daher bestimmt nicht die Ursache für eine tiefe Gefangenenrate. Es ist allenfalls ein Hinweis auf eine andere Kultur, aus der das Social Scoring entstanden ist, und es ist noch zu beobachten, ob das Social Scoring die gewünsche Wirkung erzielt. Für eine Disziplin „Life Engineering“ ist es ein zentrales Forschungsthema, ob und wie die neuen Möglichkeiten, die aus der Digitalisierung erwachsen, zur Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft zum Vorteil der Lebensqualität der Menschen genutzt werden können.
Das chinesische Social Scoring weckt in der westlichen Welt sofort die Angst vor totaler Überwachung, vor Lenkung durch die kommunistische Partei und letztlich vor Unterdrückung durch eine kleine Parteielite. Beobachtet man die Geschichte autokratischer Systeme, seien es Staaten, Religionen und sogar Unternehmen, so fällt auf, dass eine kleine Führungsschicht früher oder später immer Mechanismen aufbaut, mit denen sie ihre Macht festigt, Andersdenkende in Schach hält und Menschen ohne Macht ausnutzt oder ausbeutet. In der westlichen Welt sind dies die Mechanismen des Kapitalismus und die Macht, die aus dem Kapital erwächst, so dass auch hier eine kleine Elite die Entwicklung steuert. Der häufig diskutierte Social Divide, also die Vergrösserung der Kluft zwischen Arm und Reich, kann diese Feststellung untermauern. Die schnell wachsenden Lobbyingorganisationen in den westlichen Hauptstädten üben massiven Einfluss auf die Gesetzgebung und die Exekutive im Sinne des Kapitals und der Eliten aus.
Dieser Gegenüberstellung kann man entgegnen, dass in der westlichen Welt kein Social Scoring System existiert. Tatsächlich nutzen Unternehmen das Scoring der Kreditwürdigkeit, sammeln Versicherungen Daten zum Gesundheitsstatus der Versicherten oder zum Fahrverhalten, dokumentiert das Flensburger Zentralregister Verkehrssünder, bewerten Google Scholar, ResearchGate und andere Wissenschaftsnetzwerke den Status von Wissenschaftern, macht Uber die Qualität der Fahrer und Airbnb die von Wohnungen transparent und haben die sog. Datenkraken ein enormes Wissen über unser Verhalten beim Konsum, im Internet, im Verkehr usw. aufgebaut. Unternehmen, die einen Kredit gewähren oder einen Mitarbeiter rekrutieren, Gerichte, die über die Freilassung auf Kaution entscheiden, und vor allem Anbieter von beliebigen Produkten im Internet nutzen all dieses Wissen. Steffen Mau zeigt in seinem Buch „Das metrische Wir“ eindrücklich, wie weit die Quantifizierung des Sozialen in unseren westlichen Gesellschaften fortgeschritten ist.
Die Vorstellung vom gläsernen Menschen löst seit Jahrzehnten Ängste aus und mündet leicht in eine technikfeindliche Grundstimmung. Doch die Digitalisierung der Menschen ist nicht aufzuhalten. Wie jeden Tag bewiesen wird, gibt es immer Menschen, Unternehmen und Staaten, welche die neuen Möglichkeiten der Technik nutzen und innovative digitale Dienste auf den Markt bringen. Und selbst die grossen Kritiker, mindestens aber deren Kinder, nutzen diese Dienste, weil sie bequem oder für die Präsentation der eigenen Person notwendig sind. Wer in der Entwicklung der Technik führt, bestimmt die Werte, die damit verfolgt werden.
Wir brauchen eine Disziplin Life Engineering, die uns sagen soll, was für uns gut oder schlecht ist und wie wir unser Verhalten zu unserem Wohl ausrichten. Life Engineering braucht dafür Zugang zu anonymisierten Personen- und Sachdaten, die von Unternehmen und Staaten gesammelt werden. Daraus kann es mehr und mehr Regeln ableiten, wie das Verhalten die Lebensqualität bestimmt. Am Ende könnte es in die Entwicklung von digitalen Assistenten münden, die uns individuell und als Gesellschaft zu höherer Lebensqualität verhelfen.
Diese Vorstellung klingt theoretisch abgehoben und unrealistisch. Wenn die Erkenntnisse des Buches Life Engineering stimmen, sind wir jedoch mitten in der Umsetzung gerade derartiger Mechanismen. Wenn sich das Navigationssystem merkt, wo wir unser Auto parkiert haben, wenn uns das soziale Netzwerk auf die Geburtstage von Freunden hinweist, wenn uns die Fitnessapp zum Treppensteigen auffordert und wenn uns der digitale Informationsdienst Mediennachrichten so selektiert, dass sie unseren Neigungen entsprechen, sind das Beispiele für vielfältige, freiwillig inanspruch genommene digitale Assistenten.
Die Wissenschaft, aber auch die Praxis beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Mechanismen zur Ergänzung der marktwirtschaftlichen Steuerung des Kapitals. Die Forschung zum Thema Corporate Social Responsibility hat sogar zu einer internationalen Norm (ISO 26000) geführt. Der US-amerikanische Business Round Table hat ein Plädoyer für ein soziales Unternehmertum formuliert, das 200 Unternehmer und Vorstände unterschrieben haben, interessanter Weise ohne die ISO 26000 zu erwähnen. Das deutsche Bundesnetzwerk für Verbraucherforschung hat eine Initiative für Corporate Digital Responsibility gegründet. Und selbst die Finanzmärkte kümmern sich, meist unter dem Begriff der Nachhaltigkeit, um eine Wirtschaft im Interesse der Lebensqualität. Die neuen technologischen Möglichkeiten erleichtern deratige Bemühungen mit automatisch erhobenen und objektiven Daten und Auswertungsmöglichkeiten. Life Engineering soll uns wissenschaftlich gesicherte Grundlagen bringen, um diese Instrumente tatsächlich zum Wohle der Menschen zu verwenden.
Die erwähnten Bemühungen um eine humanere Wirtschaft sind seit Jahrzehnten immer wieder proklamiert worden, ohne die intendierten Verbesserungen der Lebensqualität tatsächlich auch nur annähernd zu erreichen. Vielleicht zielen viele „Kämpfer für eine bessere Welt“ doch eher auf positive Public Relations für sich und ihre Unternehmen als auf u.U. schmerzhafte Entscheidungen wie etwa den Verzicht auf Werbung für dickmachende Energydrinks oder die Ablehnung von politisch fragwürdigen, aber finanziell lohnenden Werbekampagnen in den sozialen Netzwerken. Die automatische Datensammlung und das maschinelle Erkennen von Zusammenhängen bieten eine noch nie dagewesene Chance, die Erreichung der Ziele der Corporate Social Responsiibility zu überprüfen und in der Steuerung von Unternehmen wirksam zu machen.
Dieser Beitrag ist kein Votum für die Abschaffung der Mehrparteiendemokratie oder der liberalen Marktwirtschaft, sondern eine Aufforderung zur Nutzung der heutigen und künftigen Möglichkeiten der Digitalisierung, um die Wirtschaft auf die Lebensqualität der Menschen auszurichten und die Jahrtausende alten Mechanismen der Bestrafung durch eine feingranulare Anleitung zu gesellschaftlich erwünschtem Verhalten zu ersetzen. Im Idealfall ist es kein staatlich verordnetes als Zwang empfundenes Lenkungssystem, sondern ein freiwillig genutzter digitaler, persönlicher Coach, den wir so wie einen Messagingdienst oder einen elektronischen Kalender akzeptieren. Würden wir einen digitalen Coach nutzen, der unser Verhalten vom Einkauf bis zur Unterhaltung und zur Mobilität aufzeichnete und uns anhand dieser Personendaten Verhaltensempfehlungen gäbe? Lt. Kostka begrüssen 80% der befragten Betroffenen das chinesische Social Scoring System.
Vergleichen wir die Datensammlungen des chinesischen Social Scoring Systems mit den Datensammlungen unserer westlichen Staaten und ergänzen wir sie in beiden Fällen um die Datensammlungen der privaten Unternehmen von Facebook bis Alibaba und schauen wir auf die Konsequenzen, also beispielsweise die Verweigerung eines Kaufs bei unzureichender Kreditwürdigkeit, bei der Personalisierung von Werbung und Nachrichten und bei der Rekrutierung von Mitarbeitern und Mietern, so verschwinden die scheinbar grossen Gegensätze.
Die Daten und die Informationstechnologie schaffen ein noch nie dagewesenes Potenzial zur Lenkung des Verhaltens der Konsumenten bzw. der Bürger. Es liegt an uns, dieses Potenzial zum Wohle der Menschen zu nutzen. Eine Disziplin Life Engineering muss dazu das Verständnis der Zusammenhänge verbessern und Mechanismen zur Steuerung von Wirtschaft und Gesellschaft erproben. So ist es erfreulich, dass beispielsweise die Forschung am bidt (Bayerisches Forschungsinstitut für Digitale Transformation) das chinesische Social Credit System auf Übertragenswertes für Deutschland untersucht. Am Ende sollten die digitalen Services so überzeugend sein, dass sie die Menschen freiwillig annehmen. Entscheidend ist, wer auf Basis welcher Erkenntnisse bestimmt, was für die Menschen gut ist und wie die Menschen zu ihrer Lebensqualität beizutragen bereit sind.
Referenzen
Osterle, H. (2020). Life Engineering. Machine Intelligence and Quality of Life. Springer International Publishing. https://doi.org/10.1007/978-3-030-31482-8.
World Prison Brief, Institute for Crime & Justice Policy Research.
https://www.prisonstudies.org/highest-to-lowest/prison_population_rate?field_region_taxonomy_tid=All
M. H. . Schmiedeknecht and J. Wieland, “ISO 26000, 7 Grundsätze, 6 Kernthemen,” in Corporate Social Responsibility. Verantwortungsvolle Unternehmensführung in Theorie und Praxis, Berlin, Heidelberg: Springer Gabler, 2015.
D. Lupton, The Quantified Self. A Sociology of Self-Tracking. Cambridge, UK: Polity Press, 2016.
M. Swan, “The Quantified Self: Fundamental Disruption in Big Data Science and Biological Discovery,” Big Data, vol. 2, no. 1, pp. 85–99, 2013.
https://www.bidt.digital/bidt-foerdert-neun-forschungsprojekte-zur-digitalisierung/