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Emergency in favour of twice
“Das Göttliche ist überall, wo du es spürst.” Als ich das erste Mal von Tantra Yoga hörte, erinnerte mich das an Marcel Duchamps Readymades*
Der Titel dieser Arbeit bezieht sich auf ein bestimmtes Readymade. Duchamp erwähnt ‘Emergency in favour of twice’ in einem Brief an seine Schwester Suzanne, ohne jedoch weitere Einzelheiten zu nennen. Es wurde auch keine weiteren Hinweise auf das Werk gefunden. Niemand weiss, worum es sich dabei handelt oder ob es überhaupt jemals existierte.
“Emergency in favour of twice” versteht das Readymade als spirituelles Objekt, als Katalysator innerhalb einer spirituellen Praxis. Neuere Forschungen in der Kunstgeschichte legen nahe, dass Duchamp stark von sogenannt östlichen Philosophien** beeinflusst war. Die Betrachtung des Readymade aus dieser Perspektive verschiebt den kanonisierten Gestus von Duchamp. Sie fügt eine weitere Verständnisebene hinzu, verborgen in den Sedimenten einer unerzählten Geschichte. Oberflächlich betrachtet ist das Readymade längst zu einer hochfunktionalen Ware geworden. Seine Funktion entspricht den zynisch-exzessiven Mechanismen der Extraxtion, die das Verhältnis des Spätkapitalismus zur zeitgenössischen Kunst kennzeichnen***.
Ausgangspunkt dieses Forschungsprozesses ist das Vermächtnis von Mira Alfassa. Sie war zur gleichen Zeit wie Marcel Duchamp als Künstler*in in Paris tätig. Es wird vermutet, dass sie ihn in die Lehren des Tantra-Yoga einführte. Später in ihrem Leben wurde sie zu einer einflussreichen Figur an der Küste Südindiens. Sie war die spirituelle Partnerin von Sri Aurobindo, der die Idee des Yoga des Handelns, des Karma Yoga, erneuerte. Ihren Anhänger*innen ist sie als ‘The Mother’ bekannt. 1968 war sie Mitbegründerin der utopischen Stadt Auroville.
Dort beginnt “Emergency in favour of twice” den Prozess, das Readymade wieder mit seinen Wurzeln zu verbinden. Ausgehend von den spekulativen Überlegungen, ‘The Mother’ habe zum Funken beigetragen, der die Kunstrevolution des Readymade in Gang gesetzt hat, beginnt hier eine Rekonfiguration des Readymade durch wiederholte/zyklische Aktionen, als ein ‘doing/undoing’ von Karma.
Jede Aktion löst eine Reaktion aus. Unzählige solcher ineinander verschränkten Schichten schaffen mehrere multiple Verbindungen, die durch Zeit und Raum reichen. So kann jede Arbeit zu einer Fessel werden. Inwieweit ist eine Person in der Lage, sich von einer solchen Beschränkung zu lösen? Ist sie in der Lage, ihre Praxis einer Sphäre des “Göttlichen” zu widmen, mit anderen Worten: einem mehr-als-menschlichen Bereich, der über das eigene Begehren hinausgeht?
“Meine Lebenssituation legt mir nahe, diesen Weg einzuschlagen und den bisherigen zu verlassen, vom Skeptiker zum Suchenden zu werden.”
Durch eine kontinuierliche und tägliche Praxis in der Arbeit mit Ton verwandelt sich das prozess-basierte Werk in ein Gefäss für ein unbestimmtes spirituelles Erbe. Inspiriert von mythologischen Erzählungen und Figurationen des Göttlichen, die durch zerstörerische Kräfte Wege der Transformation freilegen, macht diese Arbeit sich selbst ungeschehen.
Die Antwort auf die Frage, ob das Werk jemals existiert hat, wird nicht gelöst werden. Eine Antwort bleibt in der Schwebe und deutet gleichzeitig an, dass solche Praktiken des (Wieder-)Verbindens und (Un-)Machens über einen längeren Zeitraum hinweg die Fähigkeit entwickeln können, bestehende Narrative zu transformieren und so das Schicksal des Readymade in einer Weise zu gestalten, die über ein isoliertes menschliches Handeln hinausgeht.
*Ein Begriff, der vorgefertigte, oft in Massenproduktion hergestellte Objekte bezeichnet, die von ihrem eigentlichen Verwendungszweck isoliert und durch die Künstler*in, die sie auswählt und als solche bezeichnet, in den Status der Kunst erhoben werden.
** Marcel Duchamp and the Art of Life, überarbeitete Einleitung von Jacquelynn Baas. MIT Press, Cambridge, MA, U.S.A., 2019
*** […] Es gibt auch andere Erzählungen, wie die des feministischen Kunstkollektivs claire fontaine […], “das versucht, [Duchamps] Fountain zu klären, die Bedingungen des Readymades neu zu definieren, um es den aktuellen Bedingungen anzupassen. Zum Teil bedeuten solche Gegenerzählungen, “das Readymade seinem Missbrauch als Luxusobjekt oder Massenlogo (wie bei Jeff Koons oder Takashi Murakami) oder als aufgeblasene Requisite in einem nihilistischen Schauspiel (wie bei Damian Hirst oder Maurizio Cattelan) zu entreissen.”
als Teil der Protozone12: Syncretic Sites
Frank Hesse ist Künstler, Designer, Yogalehrer und Vater. Er lebt in Zürich. Nach seinem Studium an der Hochschule für bildende Künste Hamburg war er als Dozent und in der künstlerisch-wissenschaftlichen Forschung für die HfbK Hamburg, HfK Hochschule für Kunst Bremen, ZHdK Zürcher Hochschule der Künste, HSLU Luzern und HKB Bern tätig.
Einzelausstellungen in der Galerie Adamski (Berlin), im Kunstverein Leipzig, in der Stadtturmgalerie Innsbruck und im Corner College Zürich (Auswahl). Gruppenausstellungen im Museu d’Art Contemporani de Barcelona, Stedelijk Museum Amsterdam, Palazzo Strozzi Florenz und Neues Museum Weserburg Bremen (Auswahl). Sammlungen (Auswahl): MACBA, Museu d’Art Contemporani de Barcelona (ES), Lemaitre, London (GB), Dalle Nogare, Bozen (IT), Wessel, Berlin (DE).