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An den Tag des Unfalls kann ich mich nicht erinnern. Ich dachte, es wäre an einem Dienstag passiert. Es war ein Mittwoch.
Ich arbeitete damals bei einer Aluminium-Verarbeitungsfabrik. Vor 4 Jahren passierte der tragische Arbeitsunfall: An der Fräsmaschine wurde meine linke Hand vollständig abgetrennt. Ich verlor das Bewusstsein.
Ich habe nie gefragt, wie lange die OP dauerte. Ein italienischer Chirurg hat mich operiert. Nach der Operation am Universitätsspital Zürich lag ich 4 Tage im künstlichen Koma. Die erste OP gelang, doch kurz darauf entstand eine schwere Infektion. So wurde ich jeden zweiten Tag unter Vollnarkose gesetzt zur Behandlung der Wunde. Dann kam das Fieber. 42 Grad. Keiner wusste, wieso.
Auf zwei Monate Spital folgten 4 Monate in der Reha Klinik Bellikon.
Seither wurde meine Hand noch 18mal operiert. Für ihre Wiederherstellung / Rekonstruktion wurden verschiedene Transplantationen vorgenommen. Aus mehreren anderen Körperteilen schnitt man mir Hautgewebe, Muskeln und sogar eine Sehne raus und implantierte sie bei der verletzten Hand, damit ich meine Finger wieder bewegen konnte. Auch für meine Familie war es eine schwierige Zeit. Meine Frau kam mich jeden Tag im Uni-Spital besuchen. Eine Woche lang konnte ich beide Arme nicht bewegen, da mir ein Muskel vom rechten Arm in die verunfallte Hand eingesetzt worden war. Meine Frau fütterte mich tagtäglich. Eine harte Zeit für sie.
Die Ärzte haben einen guten Job geleistet. Mehr können sie nicht machen, was mir auch ein anderer Professor in Italien bestätigte. Er hatte einer Frau, der man beide Hände amputieren musste, die Hände einer anderen Person angenäht. Mit Erfolg. Je nachdem, an welcher Stelle eine Hand abgetrennt wird, also z.B. weiter oben am Arm, ist ein chirurgischer Eingriff einfacher. Geschieht die Durchtrennung nahe an der Hand, ist die Rekonstruktion erheblich schwieriger, weil dann wesentlich mehr Blutgefässe, Nerven, Sehnen und Muskeln wieder angenäht werden müssen.
Dennoch grenzt es an ein Wunder: Ich habe meine Hand wieder, wenn auch mit grossen Einschränkungen.
Morgens um 7 Uhr, stehe ich mit meiner Frau auf. Dann versuche ich im Haushalt das zu machen, was ich einhändig überhaupt erledigen kann. Meine Frau ist berufstätig. So bin ich den ganzen Tag allein. Dieses viele Alleinsein und tagsüber nicht arbeiten zu können macht mir oft schwer zu schaffen. Vor allem im Winter, wenn die Tage kurz sind. Oder wenn ich mir eine Arbeit vorgenommen habe, die ich nicht schaffe. Ja, das ist dann schon schlimm und zieht mich hinunter. Früher fuhr ich oft an meinen alten Arbeitsort, um mit meinen ehemaligen Arbeitskollegen ein bisschen zu quatschen, damit die Zeit verging. Zu Hause, so ganz allein, das ist fast nicht auszuhalten.
Wenn meine Frau aus dem Haus ist, lese ich am Computer die Zeitung, erledige kleinere Arbeiten − Altpapier oder Flaschen entsorgen − oder unternehme einen Spaziergang in die Stadt.
Um vier Uhr bin ich spätestens zurück, lege mich auf die Couch, halte meine Hand hoch und massiere sie. Da ich in meiner verletzten Hand zu wenig Venen habe, wird das Blut nicht genügend zurücktransportiert. Zur Transplantation von Venen fehlt bis heute die Technik. Der einzige Weg ist das Hochhalten der Hand, möglichst oft, so alle paar Minuten. Wenn ich die Hand 5 Minuten unten halte, fühlt es sich an, als ob meine Finger platzen würden, was extrem schmerzhaft ist.
Auch ist die Hand äusserst kälteempfindlich. Aus diesem Grund trage ich im Winter immer einen Handschuh. Wärme oder Hitze spüre ich eigenartigerweise mit Verzögerung, nicht sofort. Das kann sehr kritisch sein, denn die Verbrennungsgefahr ist gross.
Um fünf Uhr fahre ich zur Arbeit in einer Gebäudereingungsfirma. Heute nennt man dies Facility Services. Dort arbeite ich zweieinhalb Stunden pro Tag; mehr liegt nicht drin wegen meiner Hand. Meist bin ich viel zu früh dort, da ich ja sonst nichts zu tun habe.
Ich bin dort der Chef einer Reinigungsgruppe von rund 15 Frauen. Mein Job: Mitarbeiterinnen kontrollieren, schauen, dass sauber gereinigt wird, Waren kontrollieren und bestellen und per Ende Monat die Stunden aller aufschreiben, sonst werden die Löhne nicht bezahlt. Meine Mitarbeiterinnen kommen aus Italien, der Türkei, aber auch von weit her: Aus Brasilien, Kuba, der Dominikanischen Republik und Sri Lanka.
Die Gebäude, welche wir reinigen, gehören einer amerikanischen Firma, die künstliche Prothesen fabriziert: Hüftgelenke, Knieprothesen und viele weitere. Hier muss extrem gründlich gereinigt werden wegen den hygienischen Anforderungen. In einem bestimmten Raum ist das Tragen einer Haube zum Verdecken der Haare sogar Pflicht.
Nach der Arbeit muss ich mich erneut hinlegen und die Hand hochhalten und massieren. Dann wird gegessen. Meine Frau kocht ausgezeichnet, ich kann gar nicht kochen, höchsten einen Teller Spaghetti. Meine Frau ist Spanierin, ich gebürtiger Italiener. Wir haben uns hier in Winterthur kennengelernt. Unser Sohn ist 26 und wohnt noch bei uns.
Vor 4 Jahren haben wir unser Reihenhaus gekauft. Kurz vor dem Einzug geschah der Unfall. Das Haus bekam ich erst viel später zu Gesicht.
Nachts trage ich eine spezielle Schiene, um die Hand hoch zu lagern. Morgens beim Aufwachen habe ich überhaupt keine Schmerzen. Bis ich aufstehe und mich bewege.
Buchmann und Partner lernte ich über meine CM-Betreuerin von der SUVA kennen. Mit Patrick Zufferey fingen wir sofort an, eine für mich geeignete Stelle zu suchen.
Patrick fand dann auch zwei Stellen, eine in einer Bäckerei und eine in einer Reinigungsfirma. Den Job in der Bäckerei musste ich aufgeben, weil ich die Hand zu oft heben musste, was mit starken Schmerzen verbunden war. Die zweite Stelle war leider auch nicht optimal, da ich in einem kühlen Raum arbeiten musste. Dennoch wollte ich diese Stelle antreten: Endlich wieder arbeiten! Zum Glück ergab sich dann eine neue Gelegenheit: Da durfte ich eine Zeit lang schnuppern und ausprobieren, ob ich die Arbeit erledigen konnte und nicht überfordert war. Es ging gut. Und dies ist immer noch mein Job. Aber ich musste vieles dazulernen, da ich ja nicht aus der Reinigungsbranche komme. Und ich lernte es!
Ich würde gerne mehr arbeiten, aber wegen der schlechten Durchblutung liegt das nicht drin. Die Schmerzen lassen sich mit Medikamenten nicht lindern. Es ist dann, als ob die Finger explodieren würden. Deswegen lege ich die kranke Hand oft in die rechte Achsel, um sie warm zu halten und damit das Blut zurückfliesst.
Wenn ich in die Ferien fliege, so 2 Stunden im Flugzeug unter engen Platzverhältnissen… das ist dann schon schwierig und kaum auszuhalten. Dieses Jahr gibt es keine Ferien. Aber aus einem anderen Grund: Ende Monat kommen die Manager aus Amerika von der Firma, wo ich mit meinen Frauen die Büros reinige. Da muss alles picco bello sauber sein! Und vor allem glänzen!
Bald geht die Pilzsaison los. Ich freue mich riesig. Dann streife ich durch die nahen Wälder und sammle vor allem Steinpilze. Ich habe meine guten Plätze. Meine Frau kocht dann einen feinen Risotto.