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Um sich mit seinen verkümmerten Augen in den schlammigen Süssgewässern im Bergland von Guayana zurechtzufinden, hat der Zitteraal aus Muskelzellen Organe entwickelt, die Spannungen erzeugen und ein elektrisches Feld um seinen Körper bilden. Algen, Steine oder andere Fische werfen die Impulse zurück, die vom Aal ausgesandt werden und das Feld verzerren. Umgehend wird an verschiedenen Stellen des Körpers die Zeitcodierung verglichen. Es ist die Störung der Signale im Informationsfluss des verschobenen elektrischen Feldes, der glitch, durch die der Zitteraal jeweils das Aufscheinen einer neuen Möglichkeit wahrnimmt, wenn er durch das trübe Wasser gleitet. Durch die in Serie geschalteten Spannungen, die sein Körper fortlaufend freisetzt, erhält der Zitteraal ein räumliche Vorstellung von seiner Umgebung, wobei im Hirn das so entstehende elektrische Bild das visuelle ergänzt.
Es scheint, als ob Johannes Pál Hirsbrunner einen ähnlichen Elektrosinn wie der Zitteraal besässe, der ihn befähigt durch das Meer digitaler Signale zu navigieren und Kontakt aufzunehmen mit verschiedensten Gegenständen, Lebewesen und der dazwischen vibrierenden Präsenz von Spannungsfeldern. Alsbald sich seine Sensoren öffnen, taucht er in das vom beständigen Rauschen der Welt umspülte Gemurmel der Objekte ein, dem white noise des Kosmos, und filtert die natürlichen Stimmen um sich herum, die sich auf dem Papier unversehens mit seiner eigenen zusammenschliessen. Der Bleistift in seiner Hand ist weniger ein Instrument des Zeichnens als eine seismografische Nadel, die Schwingungen und Reize ihrer Umgebung aufzeichnet. Auf dem Blatt entsteht dadurch die Spur einer Verabredung mit dem Anderen, dem Ausserhalb, dem von der sinnlichen Wahrnehmung gemeinhin Ausgeschlossenen. Anstelle eines Abbilds erscheint auf dem Papier vielmehr die Emanation eines zukunftsgewandten Erinnerns, die versucht, dem Entfliehen entgegenzuwirken und den Nachhall eines Gefühls anzuwandeln, das gerade im Begriff ist zu verschwinden. Es geht darum, was die Linie ist und was sie auslöst und nicht darum, was sie meint. Da die meisten Blätter durch die eigenartige Behandlung Hirsbrunners gewellt sind und kleine Risse, Eselsohren und Knicke aufweisen, tritt auch der materielle Bildträger bzw. das Subjektil unwillkürlich in ein Verhältnis mit den aufgezeichneten Vibrationen. Das Zittern erweist sich demnach als die Form jener transformativen Zustände, die ihre Entstehung immerzu in sich tragen.
Es ist indes eine Besonderheit dieser Zeichnungen, dass sie sich eher aus dem Akustischen als aus dem Visuellen speisen. Diese Linien übertragen den Sound an das Auge, das nun Unsichtbares erblickt. Das, was sich nicht formalisieren lässt, das begrifflich nicht Fassbare, das Feinkörnige des Psychisch-Geistigen in der Materie, wird hier aus einer körperlichen Entscheidung heraus ins Bild gesetzt. In ein Bild, das den Augenblick, in dem es entstand, nicht festhält, sondern multipliziert und ständig auf etwas verweist, das im Äther schwebend fremd und anders wirkt. Das ist vielfacher Schriftsinn. Oder: vielfacher Strichsinn. Denn Hirsbrunners Non-Konzeptualismus löst sich ohne Weiteres von der geradlinigen Folge von Lauten wie es in der phonetischen Schrift der Fall ist. In seinen Zeichnungen stehen wir einer Gleichzeitigkeit von Schwingungen gegenüber, die eine intensivere Form von Gegenwart darstellen. Dadurch wird es möglich, Öffnungen der Form, aber auch Öffnungen im Gewebe der wahrgenommen Wirklichkeit auszumachen und die Grenzen der Sinne zu überschreiten. Während es aussichtslos scheint, um die Ecke zu sehen, stellt es keinerlei Schwierigkeit dar, um die Ecke zu hören.
Die Zeichnung als aufgeladenes Nachbild, als Gedächtnisspur, die nicht zur Ruhe kommt, weist in die Zukunft anderer Wirklichkeiten. Es wohnt ihr eine Lust am Kontakt mit der Umwelt inne, ein unerfüllbares Begehren, welches das Selbst in die exzentrische Bahn hinauszutragen vermag und dadurch in seinem steten Aussenbezug offen bleibt. Nie vollständig bestimmbar bringen die Linien und Formen dieser Blätter Inhalte zum Ausdruck, die sich bei jeder Betrachtung weiter entfalten, wie in der Quantenwelt, wo jede Messung vorläufig ist und unweigerlich mit einem störenden Eingriff in den beobachteten Zustand einhergeht.
Es ist der Zauber des Kleinen, der in diesen Zeichnungen aufscheint und ein Spannungsfeld erzeugt, das einen teilhaben lässt an den magnetischen Kraftlinien der Erde, die am Südpol austreten und so manchen Tieren auf ihrer Reise als Wegweiser dienen. Ein Spannungsfeld, das mit bis in die Urgeschichte zurückreichender Information gefüllt ist, aber gleichwohl zu uns spricht, da es in der Zeit andauert und einen, schon nach einer kurzen Berührung, vorübergehend zur Erstarrung bringen kann.
Johanes Pál Hirsbrunner bei Displays, Weststrasse 117, 8003 Zürich, Öffnungszeiten 24/7
Bis 27. Dezember 2020
Bilder: Nicolò Krättli, courtesy Displays. Displays wurde von Joana de la Fontaine und Nicolò Krättli initiiert.
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