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Seit 150 Jahren sind die Bilder farbig. Der Fotohistoriker Gert Koshofer zeigt uns hier die wichtigsten Meilensteine auf, die letztlich dazu geführt haben, dass die Farbe heute selbstverständlich ist. Das war nicht immer so …
Das Geburtsjahr der Farbfotografie wird an unterschiedlichen Daten festgemacht: 1907 mit Autochrome, 1936 mit Kodachrome und Agfacolor neu sowie 1861 mit der ersten öffentlichen Vorführung einer Dreifarbenaufnahme in Projektion. Je nach Betrachtungsweise sind alle drei Jahresangaben berechtigt: 1907 wegen der kommerziell erfolgreichen Einführung einer praktikablen Farbfototechnik, wenn auch nur für Diapositive. 1936 wegen der Bahn brechenden Erfindung der «modernen» Mehrschichtenfilme mit farbiger Entwicklung, von denen ausgereifte Fabrikate noch heute auf dem Markt sind. Aber das wirkliche Geburtsjahr der Farbfotografie ist 1861 wegen des gelungenen Experiments von Prof. James Clerk Maxwell in London.
Als Schlüsseljahr erwähnenswert ist auch 1995 mit der Einführung von auch für Amateure bestimmten Digitalkameras, mit denen die Fotografie als Hobby wiederbelebt und eine neue Ära in der Geschichte der Farbfotografie begonnen hat.
Die vielen Väter der Farbfotografie
Die Farbfotografie hat daher auch viele «Väter», angefangen mit James Clerk Maxwell über die Franzosen Louis Ducos du Hauron und Charles Cros, die ab 1862 mehrere später realisierte Vorschläge für farbfotografische Verfahren und Apparate machten, die Gebrüder Auguste und Louis Lumière, welche die Autochrome-Platte herausbrachten, Dr. Rudolf Fischer, der die Mehrschichten-Farbfilme erfand, Leopold Mannes und Leo Godowsky jr., welche als Erfinder des Kodachrome-Films gelten, Dr. Wilhelm Schneider und Gustav Wilmanns, welche das Agfacolor-Verfahren ausarbeiteten und schliesslich Steven J. Sasson (Kodak), der 1976 die erste Digitalkamera konstruierte.
Autochome «Frau mit rotem Schirm» (Autochrome von Karel Smirous, 1912) Der tschechische Photograph Karel Smirous nahm 1912 seine Jugendliebe auf der Autochrome-Platte auf. Ein roter Schirm diente oft als Staffage in der frühen Farbphotographie. (Duplikat Sammlung Koshofer)
Auch die künstlerische Anerkennung der Farbfotografie wird unterschiedlich gesehen: Von vielen erst mit der amerikanischen «New Color Photography» der 1970er und 1980er Jahre. Dabei wurde schon mit den Autochrome-Platten, die 1907 auf den Markt kamen, künstlerisch fotografiert, entstanden in den 1920er und 1930er Jahren hervorragende Farbbilder nach dem so genannten Edeldruckverfahren der Drei-Farben-Fotografie wie Carbro und Duxochrom.
Die «modernen» Farbfilme wurden ebenfalls schon früh für künstlerische Arbeiten benutzt wie auch die Bücher von Hans Windisch (1940) und Dr. Paul Wolff (1942) in Deutschland und der Bildband «The Art And Technique Of Color Photography» in den USA (1951) beweisen
Darstellung des Agfacolor Negativ/Positiv-Verfahrens (um 1942). Mit solchen Gegenüberstellungen eines Farbnegativs (links) mit dem entsprechenden Positivbild (rechts) wurde in den 1940er Jahren die Funktionsweise des noch in der Erprobung befindlichen Agfacolor-Negativ/Positiv-Verfahrens für Farbbilder demonstriert. (Sammlung Koshofer)
Seit der Erfindung der Fotografie, offiziell bekannt gegeben im Jahre 1839, bestand der Wunsch nach Aufnahmen «in natürlichen Farben». Die Daguerreotypien als ältestes Fotomaterial wurden bereits ab 1850 handkoloriert, Autochrome brachte dann 1907 den ersten Durchbruch. Damit gewannen die Farbraster-Materialien, deren allererstes auf dem Markt in Irland der «Joly Colour Screen» von Prof. John Joly gewesen war, an Boden. Es folgten vor allem die deutsche Agfa Farbenplatte (1916) und die englischen Rasterplatten von Thames, Paget und Finlay sowie der englische Linienrasterfilm Dufaycolor (1935). Aber alle diese Platten und Filme waren zunächst nur für Dias bestimmt. Vor allem die Fotoamateure wünschten sich jedoch farbige Aufsichtsbilder, aber bis diese praktikabel und erschwinglich wurden, war noch ein weiter Weg.
Der Erfinder des Kodak Dye Transfer Verfahrens Louis Condax ist hier um 1940 in seinem Photolabor mit den drei Farbstoffen Cyan, Magenta und Yellow zu sehen, die bei der Herstellung von Farbbildern nach dem 1947 von Kodak eingeführten Dye-Transfer-Verfahren (Farbstoff-Übertragung) Verwendet wurden. (Sammlung Phil Condax, Rochester, N. Y., USA). Rechts die Schauspielerin Vivien Leigh deren Dye-Transfer-Bild von Louis Condax um 1947 hergestellt wurde. Das international bekannteste und noch vor wenigen Jahren ausgeübte Spezialverfahren zur Herstellung von Farbbildern war Dye Transfer von Kodak. Sein Name besagt, dass hierbei Farbstoffe bildmäßig auf eine Unterlage übertragen wurden. Der amerikanische Erfinder Louis Condax machte selbst diese Aufnahme der Filmschauspielerin Vivien Leigh 1939 am Set des Films „Vom Winde verweht“ und stellte später davon das Dye-Transfer-Bild her. (Sammlung Phil Condax, Rochester, N. Y., ISA)
Vom Edeldruck zum Umkehrfilm
Zunächst wurden für professionelle Anwendungen ab Beginn des vorigen Jahrhunderts die Farbbilder nach den Absauge- und Pigment-Verfahren und ähnlichen «Edeldruck»-Methoden eingeführt, die hohes handwerkliches Geschick erforderten und daher nur von Spezialisten ausgeübt werden konnten. Die Aufnahmen dazu wurden sogar noch bis nach dem II. Weltkrieg zumeist mit speziellen Farbkameras gemacht. Bei den Wechselschlittenkameras wie der 1902 von Bermpohl, Berlin, für Prof. Dr. Adolf Miethe gebauten, wurden nacheinander drei Bildern, die so genannten Farbauszüge, durch rote, grüne und blaue Filter auf eine pneumatisch bewegte, längliche Schwarz/Weiss-Fotoplatte aufgenommen. Einfacher arbeiteten die Strahlenteilerkameras, so genannt, weil die durch das Objektiv einfallenden Lichtstrahlen über Spiegel oder Prismen wiederum durch drei Farbfilter auf drei einzelne Platten oder Filme abgelenkt wurden. Eine der international bekannten Kameras dieser Art war die «Naturfarbenkamera» von Bermpohl, die von 1930 – mit Unterbrechungen – bis 1950 gebaut wurde.
Jos-Pe Dreifarbenkamera Typ Uka (um 1926). Mit solchen Spezialkameras wie der von 1924 bis 1934 in drei Ausführungen hergestellten „Jos-Pe-Kamera“ (benannt nach den Vornamen des Finanziers Josef-Peter Welker, Hamburg) wurden gleichzeitig die drei für Farbbilder benötigten Aufnahmen gemacht. Dazu befand sich hinter dem Objektiv ein optisches Strahlenteilerelement, welches das Bild auf die mit roten, grünen und blauen Filtern verbundenen schwarz/weissen Photoplatten ablenkte. Rechts: „Tänzerin“ (Jos-Pe Dreifarbenbild, um 1930) Zur „Jos-Pe-Kamera“ gehörte ein Verfahren zur Anfertigung von Farbbildern, das 1923-1931 sowie 1934-1943 von dem gleichnamigen Unternehmen in Hamburg für Berufs- und Amateurphotographen ausgeübt wurde. Die Bombardierung Hamburgs führte zum Ende des Labors. Das „Jos-Pe“-Farbbild der Tänzerin entstand um 1930 und befand sich im Kodak Museum, Harrow (England).
Die Spezialkameras, die vor allem in amerikanischen Studios benutzt wurden, konnten mit der Einführung der Mehrschichten-Farbfilme abgelöst werden. Diese standen 1936 mit Kodachrome und Agfacolor neu zunächst nur als Kleinbildfilme zur Verfügung. Erst die 1938-1951 von Kodak gelieferten Kodachrome Professional Planfilme waren für grossformatige Aufnahmen bestimmt. Sie wurden schliesslich durch die 1946 als zweite Farbdiafilm-Generation von Kodak herausgebrachten Ektachrome Filme abgelöst.
«Kleinstadt in Süddeutschland» (Agfacolor-Negativ/Positiv-Verfahren) Diese Vergrösserung auf dem damals noch in der Erprobung befindlichen Agfacolor-Farbphotopapier wurde 1944 angefertigt. Sie zeigt eine süddeutsche Kleinstadt im Kriege, ohne Autos und Antennen, aber auch ohne Männer. (Sammlung Agfa Historma)
Von der Epoche vieler sehr unterschiedlicher Verfahren fand nun ein Übergang zu einer Epoche verschiedener Filmfabrikate mit miteinander verwandten Verfahren auf der gemeinsamen Grundlage des Mehrschichtenfilms statt. Nachdem schon während des zweiten Weltkrieges wenige weitere «moderne» Farbfilme (von Ansco in den USA, Konishiroku in Japan und Ferrania in Italien) erschienen waren, ermöglichte die Beschlagnahme und Veröffentlichung der Agfacolor-Patente 1945 die Fabrikation weiterer Filme in Belgien, Italien, der Schweiz, der Bundesrepublik Deutschland und auch in Japan. Der Sowjetunion fiel sogar die grosse Filmfabrik der Agfa in Wolfen in die Hände. Im Mittelpunkt des Interesses der Konkurrenz stand das von Agfa schon 1938 bis 1942 zur Fabrikationsreife gebrachte Negativ/Positiv-Verfahren für farbige Papierbilder und Kinofilme. Die Aufnahmen dazu erfolgen auf Farbnegativfilmen, die auf Colorpapier bzw. Farbpositivfilme kopiert werden.
„Taxen vor dem Hotel Kaiserhof in Berlin“ (Agfacolor-Dia, um 1938) Der Mitarbeiter der Firma Zeiss Ikon, Dresden, Wolfgang Jacobi, nahm um 1938 wartende Taxen vor dem Hotel Kaiserhof in Berlin auf Agfacolor Diafilm auf. (Sammlung Koshofer)
Überhaupt befruchteten sich die Farbfotografie und der farbige Kinofilm im Laufe von Jahrzehnten häufig gegenseitig. So glich zum Beispiel die Technicolor-Kamera im Prinzip den Drei-Farben-Kameras wie der Bermpohl, die Technicolor-Filme wurden wie bei fotografischen Edeldruckverfahren kopiert, es gab Projektoren mit mehreren Objektiven und Farbfiltern, Kinofilme nach Rasterverfahren und schliesslich auch Mehrschichtenfilme für die Kinos.
Die Pionierleistungen von Kodak und Agfa schon vor dem Zweiten Weltkrieg brachten die Popularisierung der Farbfotografie mit sich, die vorher nur wenig verbreitet und aus technischen Gründen oft nur den Experimenten von Erfindern und Spezialisten vorbehalten war. Der Durchbruch erfolgte in den 1960er Jahren, nachdem die Anfertigung farbiger Papierbilder produktionsmässig vereinfacht und damit preiswerter geworden war. Die meisten Fotoamateure griffen nun zu den vielen im Handel erhältlichen Farbfilmen.
«Aral Tankstelle» (Duxochrom-Bild von Hermann Harz, um 1936) Der in den 1939er und 1949er Jahren bekannte deutsche Farbfotograf Hermann Harz machte um 1936 diese Werbeaufnahme für Aral-Benzin mit der Bermpohl „Naturfarbenkamera“ und stellte davon eine Vergrösserung nach dem Duxochrom-Verfahren der Firma Herzog, Bremen, her. (Sammlung Fotomuseum im Stadtmuseum München)
Brachten die Farbfilmhersteller zunächst nur jeweils eine Sorte Farbnegativ- und Diafilm heraus, kamen später mehrere Filmtypen mit unterschiedlichen Filmempfindlichkeiten auf den Markt. Von den zunächst existierenden verschiedenen chemischen Farbverfahren setzt sich schliesslich das von Kodak für den Kodacolor Negativfilm und den Ektachrome Diafilm entwickelte durch, so dass die Filme fast aller Fabrikate gleichartig in denselben Chemikalien verarbeitet werden können (so genannte Kompatibilität). Die erfolgreichen Anstrengungen der Filmhersteller galten vor allem hohen Filmempfindlichkeiten mit zugleich nicht mehr störender Körnigkeit in den Bildern, aber auch feineren Farbtonabstufungen und intensiveren Farben.
1946 Als zweite Filmgeneration für Farbdiapositive bringt Kodak den Ektachrome heraus. Auf seinem chemischen Grundprinzip beruhen alle heutigen Farbfilme (ausgenommen Sofortbildfilme). Rechts: 1951 Auf der ersten «photokina» in Köln steht die Farbphotographie im Blickpunkt. Agfa Leverkusen zeigt eine Sonderschau «Agfacolor-Photographie».
Die digitale Revolution
Diese Entwicklung wurde, eigentlich auf ihrem technologischen Höhepunkt, überraschend schnell abgebrochen durch den Siegeszug der Digitalfotografie ab 1996. In den vergangenen fünfzehn Jahren hat die Fotobranche durch den Technologiewandel von der analogen zur digitalen Fotografie einen gewaltigen Umbruch erfahren. Dies wird bei der Betrachtung der Kamera- und Filmverkäufe deutlich. 2010 wurden weltweit mehr als 140 Millionen Digitalkameras verkauft. Als Folge des wachsenden Marktanteils der Digitalkameras wurden Analogkameras weniger genutzt und somit auch weniger Filme verkauft. Der Absatz an Filmen hatte in Deutschland im Jahre 2000 mit 191 Millionen Stück (in der Schweiz rund 15 Millionen, Anm. d. Red.) seinen Höhepunkt erreicht. 2010 wurden in Deutschland lediglich noch 18 Millionen Stück verkauft – ein Rückgang auf rund 9 Prozent des ursprünglichen Absatzvolumens. Noch befinden sich aber Farbfilme weniger Hersteller (Fujifilm, Kodak, Lucky China) auf dem Weltmarkt und das ähnlich wie die Farbfilme zu entwickelnde Colorpapier wird auch für Papierbilder von digitalen Speichermedien genutzt.
1976 Steven J. Sasson von Eastman Kodak Co., Rochester, N. Y., USA, konstruiert die erste digitale Fotokamera. Er erhält dafür 2008 den Kulturpreis der DGPh. REchts: 1995/1996 Erste Digitalkameras verschiedener Hersteller für Amateure, noch mit Festspeicher, werden eingeführt. Das ist der Beginn des Siegeszugs der Digitalphotographie.
Mit dem Wandel zur digitalen Fotografie haben sich auch die Arten der Fotoproduktion und die Zahl der belichteten Fotos geändert. Während die Fotoamateure im analogen Zeitalter zumeist ihre Fotos in Farblaboren printen liessen, zeigt sich in der digitalen Fotografie immer mehr ein Trend zu Fotobüchern. Treibende Absatzmärkte in Europa sind dabei Deutschland, England, Frankreich und die Niederlande.
Die Deutsche Gesellschaft für Fotografie nimmt das Doppeljubiläum der Farbfotografie im Jahre 2011 zum Anlass, vom 28. bis 30. Oktober 2011 in Zusammenarbeit mit dem Industrie- und Filmmuseums Wolfen (IFM) eine Tagung in der ehemaligen Agfa/Orwo Filmfabrik Wolfen mit dem Titel «Auf der Suche nach natürlichen Farben – 150 Jahre Farbfotografie» zu veranstalten.
Gert Koshofer DGPh