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Was ist das für eine Sehnsucht, die einen Schiffer antreibt? Ist es das Abenteuer? Die Ferne? Frage ich. Ist es diese Sehnsucht fort von einem Menschen, der einen enttäuscht hat oder das Gegenteil die Fahrt auf einen Menschen hinzu, mit dem man diese Ferne als Heimat erleben kann, auch weit draussen, im Strudel? Die Suche nach sich selbst kann es kaum sein, ebenso wenig die Suche nach Gold? Dort, weit draussen, wo sich der Fluss öffnet und in eine Art See übergeht, erkenne ich so etwas wie eine fahrende Kolonne auf dem Wasser. Es könnten Containerschiffe sein, aber auch Kriegsschiffe und Tanker, turmhohe, gestaffelte Kasten, fensterlos alle, umgeben von schwarzem Rauch. Sie machen mir Angst. Sie sind so unbeweglich, obwohl sie doch Schiffe sind!? Kann es sein, dass sie sich gar nicht fort bewegen und immer in der gleichen Entfernung zu ihrem Ankunftsziel stehen? Weit und breit ist kein Hafen sichtbar, und dieser steinerne Wall, dort, am Horizont kann nicht das El Dorado sein, das hinter Aguirres Stirn wütete.
Der Legende nach hat sich Aguirre in den verwinkelten Nebenflüssen des Amazonas verloren. Je tiefer er in diese hinein geriet, umso hilfloser, zorniger und paranoider wurde er. Wahllos verfeuerte er seinen Kanonen gegen das dicht bewaldete Ufer, doch die Finsternis der Fremde blieb, übertrug sich auf Truppe und Umgebung, von der sie wohl meinten, sie sei es; das Finstere.
Und nun gibt es diese Finsternis noch immer. Da der letzte Winkel der Erde erobert wurde, existiert sie nur noch im Herzen. Hast du nicht, Herr Freund, dieses Herz nach seinen berühmten Verdrängungsmechanismen untersucht?!
Ich visualisiere die Sterne, die sich langsam aus den unfertigen Gipsfugen meiner Decke schaffen. Gibt es die Sterne eigentlich? Gibt es sie für eine Frau, die alles nur begreifen kann, wirklich begreifen, wenn sie es sinnlich fasst? Ich denke ans Verschwinden und die Verschwundenen. Ich frage mich, ob mir irgendwann mal im Leben etwas verschwunden ist, einmal abgesehen von der physischen Kraft. Erstaunlich, mir fallen nur die Socken ein, die Scheren, die Kaffeelöffel und immer wieder die Schlüssel. Einmal hatten wir ein Amselnest, in der Dachrinne über meinem Kinderzimmer, etwa eine Woche lang, ja. Aber dann war es verschwunden. Mein Schulfahrrad, die pinkige Julia, war eines morgens am Bahndamm verschwunden, dann ging ich zu Fuss mit dem schweren Geschichtsbuch im Rucksack zur Schule. Doch, später, als wir Geschichtsstunde hatten, war mein Geschichtsbuch nicht da. Mehrere meiner Halstücher kamen mir abhanden. Ich weiss nicht, ob der Wind sie mir entriss, wenn ich mit Jakobli, meinem zweiten Schulfahrrad, zum Schulhaus düste, frühmorgens. Die Kälte brannte auf der Haut, es war noch dunkel, aber regelmässig machte ich die Entdeckung, dass mein hinteres Velolicht verschwunden war. Erschöpft von der frühmorgendlichen Tramperei ging ich schnurstraks zum Kaffeeautomaten in der Aula und steckte ein Fünfzigrappenstück in den Schlitz, das fast immer sofort verschwand. Der Geschmack des wässrigen Automatenkaffees war unvergesslich, aber wegen dem Geschichtsbuch musste ich mir für über Vierzig Franken ein neues Buch anschaffen. Als es nach vielen Wochen endlich geliefert wurde, klappte ich es da auf, wo wir wo wir stehen geblieben waren. Es war eine Stelle, die weit zurück lag, aber mir kam es vor, als kannte ich sie schon: Kriegsmaterial, viele Schlachten, Kriegsherren mit Namen, Handelsverträge- und Brüche.
Ich erinnere mich nicht, dass wir in diesem Buch jemals die verschwundenen Menschen durchgenommen haben, die auf den Todesmärschen verschwunden sind oder auf der Flucht über die Pyrenäen, die Desaparecidos, die Indigenen, die verschwundenen Massengräber von Srebrenica, die Verschwundenen des Algerienkriegs … niemanden mit Namen! Ja, es kommt mir vor, als hätten wir damals immer nur die geschichtlichen Fakten durchgenommen, die Kriegsherren und Mörder, nie die Menschen. Vielleicht habe ich darum im Geschichtsunterricht auch immer geschlafen, geträumt oder heimlich Tucs gegessen; weil mich die grosse Geschichte immer kalt gelassen hat, erstaunlich kalt. Vielleicht war ich ja ein gefühlloser Teen, aber mich hat die grosse Geschichte nur dann angesprochen, wenn sie gebettet war in die Geschichte eines Einzelnen, und also in die kleine Geschichte. Nur, wenn ich in einer Prüfung ein individuelles Schicksal beschreiben konnte, erhielt ich eine halbwegs brauchbare Note. Aber he, es waren ja doch immer nur Daten, Zahlen, Fakten, die verlangt wurden. Die kleine Geschichte schaffte es so gut wie nie ein eine Probe für den schulischen Verstand und das Gedächtnis.
Wenn ich also gezwungen bin, in ein Meer hinauszuschiffen, in dem es die kleine Geschichte nicht mehr gibt, dann bin ich eine von den Abschiffenden, denn, mich nimmt Wunder: wer hält dann die Geschichten zusammen? Wer holt sie aus dem Abstrakten, macht sie nahbar und menschlich, so dass Betroffenheit wirklich möglich ist?
Mein El Dorado ist diese tiefe, unstillbare Sehnsucht, die nach der Weite in einem Menschen sehnt, nach dem Reden, das sich in konzentrischen Kreisen wie die Vögel fortbewegt, den Kampf der Athene nicht scheut (wie Amber, die letztlich den Trial gegen Johnny Depp verloren hat), der Versöhnung zuliebe, nach den Bruchteilen dieses Lebens in einer überschwänglichen Woge, wie sie Sylvia Plath in ihrem Tagebuch an Richard Sassoon beschrieben hat. Wer weiss, vielleicht ist es nicht zu spät, und ich treibe in diesem Moment auf diesen einen Menschen hinzu, ohne es zu merken. Oder im Gegenteil; noch während ich denke, dass es mich wegtreibt, immer weiter weg von diesem Menschen, von allen Menschen, in immer bitteres, kalkigeres Gewässer, bin ich in Wirklichkeit ganz nah bei ihm.
Aber nein; der Himmel hat sich bereits während dieses Gedankens mit einem grauen Schleier überzogen. Ströme werden unter meinem Floss lebendig und ich spüre diesen seltsamen Untergrund, der nicht schwer und nicht leicht ist: Wasser. Treibe ich etwa hinaus in ein offenes Gewässer, das immer noch grösser wird, immer noch offener? Ich staune. Gleichzeitig bin ich der Natur so ausgeliefert, dass ich innerlich nur wieder meine Zeugen aufrufen kann; die Schafe und ihr Bimmeln auf der Wiese, die Schmetterlinge und Spinnweben in den Ecken meiner Terrasse, die Nachtfalter im Schirm meiner Nachttischlampe, sogar die Rosenkäfer, die hinter meiner Bettkante knisternd von der Wand stürzen! Das Festland, aber wo ist es?! Auf einem kleinen Stück Holz nähert sich mir eine weisse Erhebung, Anemone, die sich bauscht, in der Mitte kaum sichtbar ein kleines dunkles Köpfchen. „Ich habe ein Wassernilpferd gefangen!“, ruft Dolly klirrend gegen die erste Sturmböe an. „Nun müssen wir nur noch dein Floss an die Leine kriegen! Aber das kriegen wir schon hin!“ – „Ich wüsste nicht, wie.“ –
(und nun kommt Dolly ins Spiel/den Dialog! Zum Glück, sonst würde die Autorin noch sentimental werden. Sentimentalität kann ein Problem sein von Kranken und Alten. Muss nicht, aber kann.)