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Vor allem grünem Tee sagt man allerlei heilsame Wirkungen nach. Doch wie gesund ist der viel gerühmte Blätteraufguss wirklich?
Grüner Tee hat seit Jahrhunderten einen guten Ruf: Neben seiner belebenden Wirkung soll er auch den Blutdruck senken, die Durchblutung fördern, Herzinfarkten und Schlaganfällen vorbeugen und sogar Krebs und Alzheimer entgegenwirken.
Eine kürzlich veröffentlichte Studie aus China bestätigt jetzt einen Teil dieser Annahmen: Ein hoher Teekonsum, so das Ergebnis der 1998 gestarteten Untersuchung mit rund 100’000 Teilnehmenden, ist mit einem längeren und gesünderen Leben verbunden. So hatten die Studienteilnehmer, die regelmässig mindestens dreimal pro Woche Tee tranken, ein geringeres Risiko für Herz-Kreislauf-Krankheiten und ein allgemein tieferes Sterberisiko als jene, die weniger als dreimal pro Woche Tee tranken. Konkret lebten 50-jährige Teeliebhaber 1,26 Jahre länger als Teeabstinenzler.
«Die positiven Auswirkungen auf die Gesundheit sind am stärksten, wenn man regelmässig über viele Jahre hinweg Tee trinkt», sagt der Studienautor Xinyan Wang von der Chinesischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften in Peking. Wang und seine Kollegen vermuten, dass die wichtigsten bioaktiven Verbindungen im Tee, die sogenannten Polyphenole, nicht langfristig im Körper gespeichert werden, weswegen «ein regelmässiger Teekonsum über einen längeren Zeitraum für die herzschützende Wirkung notwendig sei».
Viele bioaktive Substanzen
Am besten schnitt in der chinesischen Studie grüner Tee ab. Für schwarzen Tee fanden die Forscher keinen positiven Effekt. Sie erklären sich das mit dem unterschiedlichen Verarbeitungsprozess der Teesorten: So enthält grüner Tee am meisten Polyphenole, weil er im Gegensatz zu schwarzem Tee nicht fermentiert wird – ein Prozess der den Anteil der bioaktiven Substanzen durch Oxidation mindert.
«Die Studie ist aufgrund ihrer Grösse sehr aussagekräftig und übertrifft damit die meisten bisherigen Studien», sagt Michael Ristow, Internist und Professor für Energiestoffwechsel an der ETH Zürich. Allerdings handle es sich um eine Assoziationsstudie: Bei solchen Studien kann nur festgestellt werden, ob ein Verhalten wie etwa Teekonsum mit dem Auftreten einer oder mehrerer Erkrankungen verbunden ist – nicht aber, ob das Trinken von Tee die Ursache für den beobachteten Zusammenhang ist.
Grüner Tee enthält Inhaltsstoffe, die gesundheitsfördernde Eigenschaften zeigen.
Foto: Getty Images
Inwieweit also tatsächlich grüner Tee für weniger Herzinfarkte und Schlaganfälle sorgt oder womöglich doch ein anderer Aspekt der Lebensweise und Ernährung, lässt sich abschliessend nicht sagen. «Dennoch ist die Wahrscheinlichkeit recht hoch, dass Teekonsum die Gesamtsterblichkeit vermindert», sagt Ristow.
Doch was macht grünen Tee überhaupt so gesund? Tee, insbesondere grüner Tee, ist, wie erwähnt, reich an Polyphenolen. Genauer gesagt: an chemischen Verbindungen namens Katechinen. Die wichtigste hat den Namen Epigallocatechingallat (EGCG). Sie macht bis zu 65 Prozent des Katechingehalts einer Tasse Grüntees aus.
Unklarer Wirkmechanismus
Studien an Zellkulturen und in Tierversuchen haben gezeigt, dass diese chemische Verbindung einiges vermag: EGCG lindert Entzündungen und senkt den Cholesterinspiegel. «Katechine können auch die Gefässfunktion günstig beeinflussen und den Blutdruck senken. Allerdings gibt es dazu kaum Daten von grossen Interventionsstudien, das heisst, es gibt noch grosse Unsicherheit zum Wirkmechanismus», sagt Gunther Kuhnle, Professor für Ernährungs- und Lebensmittelwissenschaften an der Universität Reading in England.
Entzündungshemmend, blutdruck- und cholesterinsenkend – damit nicht genug: Die Katechinverbindung EGCG hemmt auch das Wachstum verschiedener Krebszellen, zumindest in Tierversuchen. So kann EGCG offenbar die Bildung aggressiver Sauerstoffverbindungen verhindern, sogenannter freier Radikale. Freie Radikale gelten als potenziell krebsfördernd, weil
sie DNA-Schäden hervorrufen können.
Obwohl manche experimentellen Daten vielversprechend klingen, kann man die Vorteile des Teekonsums bezüglich Krebs bei menschlichen Patienten zurzeit noch nicht eindeutig beurteilen.
Vorsicht vor Nebenwirkungen
Das gilt auch für die Wirkung von EGCG auf neurodegenerative Erkrankungen: In Zellkulturen und im Tierversuch verhinderte EGCG, dass Proteine, die normalerweise einzeln vorliegen, zu Aggregaten verklumpen. Solche Aggregate, die aus mehreren Tausend Proteinen bestehen können, formen bei Parkinson und auch Alzheimer unförmige Gebilde, die letztlich zum Ausfall ganzer Gehirnregionen führen, so eine gängige Theorie.
Grünteeextrakte sind frei verkäuflich – trotz potenziell gefährlicher Nebenwirkungen wie Leberschäden.
Eine Studie an Patienten mit MSA, einer parkinsonähnlichen Krankheit, brachte jedoch nicht den gewünschten Erfolg: Die Patienten hatten bis zu 1200mg EGCG erhalten, so viel wie in rund 50 Tassen grünem Tee enthalten ist. Zwar verkümmerten die betroffenen Gehirnregionen etwas weniger, aber die Krankheit wurde nicht aufgehalten, und bei einzelnen Patienten kam es zu Nebenwirkungen wie Leberschäden.
Trotz potenziell gefährlicher Nebenwirkungen sind Grünteeextrakte und EGCG als Nahrungsergänzungsmittel seit Jahren frei verkäuflich und werden auf manchen Internetseiten auf fragwürdige Art beworben: «Da im Regelfall nicht mit Nebenwirkungen zu rechnen ist, kannst du bei der Dosierung nicht viel falsch machen», steht da etwa geschrieben.
Besser Tee als Kapseln
Der Stoffwechselexperte Michael Ristow widerspricht: «Die Gefahr einer Überdosierung ist hoch. So sind etwa Leberversagen aufgrund von Grüntee- und EGCG-Supplementen sehr überzeugend beschrieben worden.» Auch die europäische Lebensmittelbehörde EFSA warnt: Als Nahrungsergänzungsmittel in Kapselform eingenommen, könnten Grünteeextrakt und EGCG in Dosen von 800mg am Tag oder darüber gesundheitlich bedenklich sein. Grünteeaufgüsse seien dagegen sicher.
Grüner Tee enthält offensichtlich Inhaltsstoffe, die gesundheitsfördernde Eigenschaften zeigen. Und Assoziationsstudien belegen eine mögliche positive Wirkung. Bislang gibt es aber wenige klinische Studien am Menschen, die eine ursächliche Wirkung belegen.
Es spricht allerdings auch nichts dagegen, sich dreimal in der Woche eine Tasse grünen Tee aufzubrühen.