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Wie vergleicht man den Einfluss einer Pflanze auf ihre Umwelt mit der Beeinträchtigung eines Gewässers durch eine Süsswassermuschel? Mit EICAT! Das vom Biologen Sven Bacher entwickelte Klassifikationssystem wurde von der Weltnaturschutzunion IUCN offiziell als weltweiter Standard anerkannt.
Die Frage nach der «Schädlichkeit» einer invasiven Art mag zunächst wenig komplex anmuten. Bei gründlicherem Nachdenken aber offenbaren sich die schillernden Ambivalenzen, die lästigen Widersprüche und die versteckten Vorurteile, die die Antwort auf ebendiese Frage erheblich erschweren. «Das Problem ist, dass sich Lebewesen auf sehr unterschiedliche Weisen beeinflussen», sagt Sven Bacher, Titularprofessor für angewandte Ökologie an der Universität Freiburg. «Wie wollen Sie eine Pflanze, die mit anderen Pflanzen auf der Wiese um Licht und Nährstoffe konkurrenziert, mit einem Raubtier vergleichen, das Eier aus einem Vogelnest stiehlt?»
Das Thema beschäftigt Bacher schon seit über 10 Jahren, als er als Oberassistent an der Universität Bern erstmals ein System konzipierte, mit dem sich invasive Arten nach ihrem Umweltschaden in Kategorien von «minimal bedenklich» bis zu «verursacht massiven Schaden» einteilen lassen. Der Kerngedanke des Einteilungssystems gründet in der Idee, dass sich im Laufe der Erdgeschichte überall auf unserem Planeten Lebewesen angesiedelt haben, die dann mit den anderen Arten in ihrer biogeographischen Umgebung – in einem mehrere Jahrtausende bis Jahrmillionen dauernden Prozess – Lebensgemeinschaften geformt haben.
Wenn der Mensch – ob mit oder ohne Absicht – Lebewesen verschleppt, greift er in diese komplexen Gefüge ein. Denn die Lebensgemeinschaften verändern sich, wenn eine Art hinzukommt, die sich in einem anderen ökologischen Kontext entwickelt hat. Viele dieser Veränderungen sind unproblematisch, weil sie eine untergeordnete Rolle spielen. «Die allermeisten gebietsfremden Arten sind unauffällig und relativ harmlos», so Bacher. Manchmal aber sorgt eine neu in ein Gebiet eingeführte Art dafür, dass die Population einer lokal angepassten oder einheimischen Art kleiner wird – oder sogar verschwindet.
«Die Grenze, welche Arten als verschleppt und welche als einheimisch gelten, ist unscharf», sagt Bacher. So sind etwa die typischen Kastanienwälder, die in vielen Tessiner Tälern seit Jahrhunderten das Landschaftsbild prägen, auf die Verbreitung und Vermehrung der Esskastanie zurückzuführen, die ursprünglich von den antiken Römern eingeführt worden war. «Dass sich Lebewesen irgendwo neu ansiedeln und dadurch andere Arten verdrängen, ist wohl – auch ohne Zutun des Menschen – schon immer passiert», erklärt Bacher. Doch mit dem exponentiellen Anstieg der weltweiten Handelsströme vervielfacht sich auch die Bedeutung der verschleppten Arten.
Abnehmende Vielfalt, steigende Verluste
Die in der International Union for Conservation of Nature (IUCN) zusammengeschlossenen weltweiten Naturschutzorganisationen gehen davon aus, dass invasive gebietsfremde Arten nicht nur eine wichtige direkte und indirekte Ursache für den galoppierenden Zerfall der biologischen Vielfalt auf der ganzen Welt sind, sondern dass sie auch zu grossen wirtschaftlichen Verlusten führen. Der Geldwert dieser ökonomischen Schäden sei schwierig zu beziffern, weil je nach Art unterschiedliche Dinge berücksichtigt würden, meint Bacher.
Bei gebietsfremden Insektenarten – wie etwa bei dem ursprünglich aus Nordamerika stammenden Maiswurzelbohrer – geht es meist um landwirtschaftliche Schäden. So ernähren sich die Larven des exotischen Käfers vor allem von Maiswurzeln. Doch wenn sie diese abfressen, fällt die Ernte aus: Der Schaden entspricht dem entgangenen Gewinn. Bei der Bisamratte ist die Rechnung komplizierter: Sie kann Löcher in Deiche fressen – und ganze Gebiete unter Wasser setzen. Deshalb würden auch die Kosten für das Aufstellen der Fallen und Fangen der Tiere sowie die Unterhaltsarbeiten an den Deichen zu den wirtschaftlichen Schäden dieses Nagers gezählt, führt Bacher aus.
Die Suche nach dem wahren Feind
Dass invasive gebietsfremde Arten ein ernst-zunehmendes Problem sind, hat auch die UNO erkannt. Sie fordert in einem ihrer 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung, dass die Weltgemeinschaft bis 2020 Massnahmen einleitet, um die Verbreitung von biologischen Eindringlingen zu verhindern und ihre Auswirkungen deutlich zu verringern. Dabei müssten die schlimmsten invasiven Arten kontrolliert oder ausgerottet werden, hält die Uno fest.
Doch die Einschätzungen, welche Arten besonders besorgniserregend sind, sind subjektiv gefärbt – und unterscheiden sich stark. So läge beispielsweise in der Schweiz der traditionelle Fokus auf der Bekämpfung von invasiven Pflanzen, so genannten Neophyten, sagt Bacher. «Aber Neophyten gehören hier nicht zu den problematischsten Arten.» In verschiedenen Gewässern der Schweiz übten etwa amerikanische Krebse oder die Körbchenmuschel einen ungleich transformativeren Einfluss auf die Lebensgemeinschaften im Süsswasser aus, der aber unsichtbar – und deshalb meist unbemerkt – bleibe.
«Alle Arten – genauso wie alle Menschen – sind gleich viel wert», ist Bacher überzeugt, und darauf stützt sich auch das von ihm entwickelte Klassifikationssystem. Die Idee hat er vor zehn Jahren in Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Umwelt erstmals praktisch getestet. «Damals haben wir eine Liste von umweltschädlichen gebietsfremden Tierarten erstellt», sagt Bacher. «Heute komme ich nicht mehr dazu, mich selbst um solche Listen zu kümmern, aber ich bilde Umweltexperten in der Methodik aus, damit sie sich dezentral organisieren und in ihrer Arbeit gegenseitig begutachten können.»
Das Klassifikationssystem hat Bacher mit internationalen Kolleginnen und Kollegen weiterentwickelt und verfeinert – und 2014 unter dem Namen EICAT (der Abkürzung der englischen Bezeichung «Environmental Impact Classification for Alien Taxa») als wissenschaftliche Methode veröffentlicht, um invasive Arten nach ihrem ökologischen Schaden in unterschiedliche Stufen einzuteilen. Mittlerweile wird EICAT von mehreren Ländern zur Abschätzung risikoreicher invasiver Arten verwendet.
In einem mehrjährigen Konsultationsprozess hat die Weltnaturschutzunion IUCN ihre Mitglieder zur Methode befragt – und zusammen mit Bacher weiter an ihr gefeilt. Diesen Frühling hat Bacher nun die Nachricht erhalten, dass EICAT offiziell als internationaler Standard angenommen wurde. Das System soll auch einem der Uno angegliederten wissenschaftlichen Gremium namens IPBES (siehe Kasten) dazu dienen, in den nächsten vier Jahren eine globale Übersicht über die Auswirkungen von gebietsfremden Arten zu erstellen.
Vorbeugen ist besser als heilen
Dass aufgrund des globalisierten Handels immer mehr Lebewesen auf fremde Kontinente gelangen, beunruhigt Bacher. Auch wenn sich die meisten Arten ohne bedenkliche Auswirkungen in ihre neuen Lebensgemeinschaften integrieren könnten: «Wir wissen nicht im Vorhinein, welche Arten Schäden anrichten werden.» Und weil es immer kostengünstiger sei, einem Übel vorzubeugen als es wieder loszuwerden, lohne es sich, das Vorsorgeprinzip anzuwenden, so wie das Neuseeland mit seinem «exzellenten Biosicherheitssystem» tue, sagt Bacher. «Dort ist es gelungen, den Einfluss von invasiven Arten zurückzudrängen.» In Neuseeland haben die Behörden ein generelles Einfuhrverbot für Arten erlassen – und machen nur für Arten auf der «Weissen Liste» eine Ausnahme – also für jene, die nachweislich unschädlich sind. In der EU und in der Schweiz gilt jedoch das umgekehrte Prinzip. Hier hat der freie Handel Vorrang: Die Einfuhr von Arten ist grundsätzlich erlaubt. Und nur für die ausdrücklich unerwünschten Arten auf der «Schwarzen Liste» verboten.
Konsequenz vonnöten
Bei der Verhinderung der Ausbreitung invasiver Arten spielen auch Hygienemas-s-nahmen eine zentrale Rolle. Solche Massnahmen werden jedoch noch nicht in allen Handelsbereichen befolgt. Zwar regeln internationale Abkommen für die Schifffahrt etwa, dass die Frachter ihr Ballastwasser während einer Ozeanüberquerung mindestens einmal austauschen müssen. «Doch in der Luftfahrt gibt es keine wirksamen Vorkehrungen», sagt Bacher. Ohne strikte Einfuhrkontrollen steige aber das Risiko, dass sich ungebetene Gäste einschleichen – und in der Folge ausbreiten. Wäre zum Beispiel das Saatgut, das die USA nach dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien per Luftfracht in den Balkan schickten, besser kontrolliert worden, hätte sich der Maiswurzelbohrer in den letzten zwanzig Jahren nicht über ganz Ost- und Zentraleuropa ausdehnen können.
Insgesamt werde weltweit zu wenig unternommen, um die Verbreitung invasiver gebietsfremder Arten einzudämmen. Dass die Zahlen weltweit exponentiell zunehmen, zeige, dass die bisherigen Kontrollinstrumente nicht genügend gut greifen. «Wenn wir etwas gegen invasive Arten tun wollen, müssen wir konsequenter vorgehen. Mit halbherzigen Massnahmen erreicht man nichts – und verbrennt nur Geld.»
Welt-Biodiversitätsrat
Ähnlich wie der Weltklimarat (IPCC) erarbeitet auch die 2012 gegründete Intergovernmental Platform for Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES) wissenschaftlich fundierte Entscheidungsgrundlagen für die Politik. Bei den Gutachten der IPBES geht es allerdings nicht ums Klima, sondern um den Zustand der weltweiten Biodiversität und deren Bedrohungen. Am globalen Bericht über invasive Arten, der 2023 erscheinen soll, arbeitet Sven Bacher als Coordinating Lead Author des Kapitels «Impact» mit: An einem bis anderthalb Tagen pro Woche koordiniert er weltweit, wo wie welche Daten erhoben und gesammelt werden. Das erste Treffen der am Bericht beteiligten Forschenden fand 2019 in Japan statt, die weiteren Treffen sind aufgrund der Corona-Pandemie vorläufig sistiert.
Unser Experte Sven Bacher hat in Kiel studiert, in Zürich promoviert und dann in Bern eine Oberassistenz gehabt. Seit 2007 leitet er am Departement für Biologie der Universität Freiburg eine Forschungsgruppe zu Themen der angewandten Ökologie. Er berät unter anderem die Europäische Kommission und das deutsche Bundesamt für Naturschutz zu Fragen über gebietsfremde Arten. Seine Spezialgebiete sind biologische Invasionen, Agrarökologie und Naturschutz.