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Das Forum Biodiversität Schweiz veröffentlichte 2015 eine Bestandesaufnahme zum Zustand der Biodiversität in der Schweiz (Fischer et al. 2015). Leider erreichte dieser weitgehend aus fachwissenschaftlicher Perspektive verfasste Bericht nicht die gesellschaftliche Resonanz, die sich das Forum Biodiversität erhofft hatte. Das Forum beauftragte darauf das Forschungsteam des Sprachkompasses Landschaft damit zu untersuchen, welche sprachlichen Gründe für dieses kommunikative Defizit verantwortlich sein könnten.
Im Folgenden befassen wir uns mit der Rolle, die Metaphern in der Wissensvermittlung zukommen. Wir untersuchen drei exemplarische Texte zum Thema Biodiversität unter diskurslinguistischen Gesichtspunkten. Wir fragen, welche Wirkung Metaphern in der Vermittlung von Wissen über Biodiversität erzeugen. Neben dem deskriptiven Bericht (Fischer et al. 2015) nehmen wir zusätzlich zwei Texte mit Ratgebercharakter in unsere Untersuchung auf. Wir erhoffen uns aus dieser Erweiterung des Untersuchungskorpus einen breiteren und repräsentativeren Einblick in den Gebrauch von Metaphern in der Vermittlung von Wissen über Biodiversität. Aus unseren Beobachtungen leiten wir Empfehlungen an das Forum Biodiversität Schweiz ab.
Die Untersuchung bezieht sich auf die folgenden Texte:
Textsorte: Eine deskriptive Bestandesaufnahme zum Zustand der Artenvielfalt in der Schweiz im Jahr 2014 vornehmlich aus naturwissenschaftlicher Sicht. Es werden Ergebnisse von Untersuchungen zu verschiedenen Lebensräumen wie Gewässer, Moore, Agrarland, Wald, alpinem Lebensraum und Siedlungen dargestellt.
Textsorten: Ausgehend von Reportagen werden argumentativ handlungspraktische Ratschläge zur Förderung der Biodiversität gegeben. Diese richten sich u.a. an BesitzerInnen von Privatgärten und Häusern, an Firmen, Schulen und Gemeinden. Sie berühren auch Aspekte wie Freizeit und Konsum.
Textsorten: Eine Nummer des Verbandsmagazins, das dem Brennpunkt Artensterben gewidmet ist mit hauptsächlich deskriptiv informierendem Charakter. Enthalten sind auch ein Interview und zwei Texte mit Ratgebercharakter.
Lakoff und Johnson (1980: 5) definieren eine Metapher als «understanding and experiencing one kind of thing in terms of another.» Nach dieser Definition verbindet eine Metapher einen Herkunftsbereich (source domain) mit einem Zielbereich (target domain). Benennen wir zum Beispiel Biodiversität als «library of life», so verknüpfen wir den Sinnbereich «Bücherwelt» (source domain) mit dem Sinnbereich «Natur» (target domain). Wir erschliessen die Natur, als ob sie eine Bibliothek wäre. Dadurch werden im Zielbereich bestimmte Aspekte hervorgehoben (high-lighting effect). Wir verstehen Biodiversität etwa als wertvolle Trägerin von Wissen, Informationen und als kulturelles Erbe. Andere Aspekte des Zielbereiches werden dagegen ausgeblendet (down-playing effect). Wenn Biodiversität eine Bibliothek ist, so übersehen wir zum Beispiel das Leben in ihr. Dieses Übersehen bezeichnen wir als den blinden Fleck der Metapher. Metaphern wirken also erkenntniserschliessend und erkenntnisverstellend zugleich.
Laut Petra Drewer (2003) haben Metaphern in der Wissenschaft zwei Hauptfunktionen:
eine erkenntnisfördernde, heuristische: Für die Forschung sind Metaphern Entdeckungshilfen und wirken als «Suchgeräte» (Pörksen 1994: 151) des wissenschaftlichen Denkens. Sie erschliessen einen Forschungsgegenstand im Lichte eines bestimmtes «Bildes» und schaffen so Erklärungsmodelle. Damit etablieren sie bestimmte Sichtweisen, unter denen ein bestimmter Realitätsauschnitt dem Denken zugänglich gemacht wird. Durch die ihr eigene Blicklenkung legen Metaphern bestimmte Forschungsfragen nahe und schliessen andere aus. Da Forschungsfragen auf Antworten abzielen, sind sie auch konstitutiv für die über sie gewonnenen Erkenntnisse. Man kann also sagen, dass heuristische Metaphern auch faktenschaffend sind. Beispiele heuristischer Metaphern sind das Verständnis der Natur als Netz, als Dienstleistung oder als Maschine.
eine erkenntnisvermittelnde, didaktische: Metaphern tragen nicht selten auch eine faktenvermittelnde Funktion. In dieser schlagen sie Brücken zwischen Fachleuten und Laien und machen Fachwissen über Analogien verständlich und anschaulich. Dies gilt für Schule und Studium ebenso wie den Wissenschaftsjournalismus. In der Kommunikation zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit haben Metaphern auch ein politische Funktion: Da sie anschaulich und bildhaft sind, vermitteln sie leicht auch Emotionen und können so mobilisieren. Beispiele sind die Bezeichnung von Neophyten als «invasive Arten» oder des Artenverlusts als «biotischer Holocaust».
In beiden Funktionen wirken Metaphern als «media of exchange» (Bono 1995) bzw. als «messengers of meaning» (Maasen 1994). Sie stellen gedankliche Brücken zwischen Alltagsvorstellungen und der Wissenschaft her, sie verbinden unterschiedliche Disziplinen über gemeinsame Begriffe und sie vermitteln zwischen wissenschaftlichen Fachdisziplinen und der Öffentlichkeit. Der Ausdruck invasive Arten verknüpft den Sinnbereich Natur mit dem Sinnbereich Krieg (vgl. Invasion), der Ausdruck Ökosystemdienstleistung verbindet den Sinnbereich Natur mit der Ökonomie (vgl. Dienstleistung). In beiden Funktionen machen Metaphern Unbekanntes über einen Rückgriff auf Bekanntes anschaulich und verständlich. Dieses Bekannte ist meist Teil des Common Sense, des geteilten Alltagswissens. Dieses bildet einen gemeinsamen Boden der Wissenschaften und trägt kulturspezifischen Charakter. Über ihre Verknüpfungsleistung binden Metaphern Forschung und Wissenschaft an einen bestimmten Zeitgeist an und drücken zeittypische Mentalitäten aus.
In Bezug auf Biodiversität kommt etwas Weiteres hinzu: Unabhängig davon, mit welcher Metaphern-«Brille» wir uns der Natur annähern, sei es mit jener des Netzes, der Dienstleistung, der Maschine oder des Kriegs: Metaphern drücken stets ein bestimmtes Naturverständnis aus sind stets auch dafür verantwortlich, welches Verhältnis wir zwischen uns und der Natur aufbauen.
Metaphernreflexion: Zu bedenken bleibt, dass Metaphern stets eine perspektivische Sichtweise auf die Wirklichkeit eröffnen. Werden diese perspektivischen Sichtweisen als Konventionen verfestigt und (ähnlich wie wissenschaftliche Paradigmen) nicht mehr hinterfragt, so läuft eine wissenschaftliche Gemeinschaft Gefahr, ihre Beschreibungen der Wirklichkeit zu verabsolutieren und mit der Wirklichkeit gleichzusetzen. Sprachliche Konstrukte erscheinen dann als bare Wirklichkeit. Der unreflektierte Gebrauch dominanter Metaphern kann folglich zu einer einseitigen und unvollständigen Sicht der Realität führen. Metaphernreflexion hat zum Ziel, die durch die Metapher eingeführte Als-Ob-Sicht auf die Wirklichkeit bewusst zu machen und zu reflektieren, was eine Metapher sichtbar macht und wofür sie den Blick verstellt.
Biodiversität ist ein komplexer Begriff der Biologie und der Umweltpolitik. Auch gängig sind die Begriffe Artenvielfalt, früher auch biologische Diversität (…) Nach der Convention for Biological Diversity (CDE) ist Biodiversität wie folgt definiert:
Biodiversität umfasst sowohl Arten als auch die Variabilität innerhalb der Arten, sie schliesst Pflanzen und Tiere ebenso ein wie deren Lebensräume. Weiter meint sie die Interaktionen unter den Arten und zwischen den Arten und ihren Lebensräumen. Sie reicht von den kleinsten bis zu den grössten räumlichen Massstäben, d.h. von den Genen bis zu den Landschaften (CBD 2005). Der Begriff ist also ein weitgefasster und vor allem ein sehr abstrakter, der schwer anschaulich zu vermitteln ist.
Aus historischer Sicht zeigt sich in der Zerstörung der Biodiversität ein ökologisches Problem ganz anderen Zuschnitts als in früheren Umweltkrisen. Die Verschmutzungsthemen mit ihren Gegenständen Gewässer, Luft und Wald («Waldsterben») liessen sich relativ leicht in eingängigen Bildern darstellen: Das Waldsterben durch Totenschädel auf Baumstämmen, der Klimawandel durch Rauchfahnen und ansteigende Temperaturkurven, die als Richtungsanzeiger und Drohkurven wirken. Gewässer- und Luftverschmutzung lassen sich leicht mit den Sinnen erfassen: Da gibt es ölverschmutzte Badestände, übelriechende Flüsse, stinkende Stadtluft und daraus folgende Atemwegbeschwerden. Dies macht die ökologischen Probleme als sinnlich erlebbare Schäden darstellbar.
Anders die Zerstörung der Biodiversität. Das Artensterben entzieht sich der unmittelbaren sinnlichen Wahrnehmung. Man weiss von ihm, aber es ist für das Auge nicht auf einen Blick zu fassen. Seine Erscheinungsform ist die einer Absenz.
Generell lässt sich diese Absenz über Vorher- und Nachher-Vergleiche abbilden. Der Vergleich von Bestandeszahlen und die quantitative Darstellung von Lebensraumverlusten bieten sich an. Beispiele: «In der Schweiz ausgestorben sind 255 Arten» (Fischer 13). «Seit 1850 sind 70% der Auen zerstört worden» (Fischer 20). Problem: Tier- und Pflanzenarten und Lebensräume werden auf ihre Zähl- und Messbarkeit reduziert. Das vermittelte Wissen bleibt abstrakt. (à Exkurs zur Quantifizierung).
Anschaulicher wirken dagegen grafische Darstellungen durch Kurvenbilder, welche den Rückgang der Mengen visualisieren.
Auch das Kontrastieren von Vorher- und Nachher-Bildern bestimmter Landschaften und Lebensräume ist möglich. (Ewald und Klaus 2009 bieten zahlreiche Beispiele, welche die Wirkungen von Landschaftsmeliorationen zeigen.) Denkbar ist auch, dass man schwindende Arten und Lebensräume durch in Karten eingesetzte Quadrate im Vorher- Nachher-Modus visualisiert
Schwieriger ist es, den Verlust oder die Gefährdung einzelner Arten durch Tierfotos zu vermitteln. Zu diesem Zweck werden oft Fotos von Vertretern besonders fotogener und emotional anrührender Tiere gezeigt. Dazu gehören etwa Pandas, Tiger, Wale und Elefanten. In unserem Korpus finden wir solche Bilder etwa in Fischer 10 (Maus?), 17 (Frösche), 23 (Fisch), 35 (Rehe), 43 (Spinnweben). Für die Wirkung dieser Bilder ist entscheidend, in welcher Perspektive Tiere gezeigt werden: von oben oder von unten? Einzeln oder in Gruppen? Aufschlussreiche Beobachtungen zur Wirkung visueller Darstellung von Tieren bietet Stibbe 2015: 170-181.
Hotspot zeigt Vertreter ausgestorbener Arten in Fotos, welche durch einen orangefarbenen Balken durchgestrichen sind. Zeichentheoretisch treten hier zwei gegenläufige Zeichen zusammen: Die Fotografie eines Tiers oder einer Pflanze suggeriert Präsenz: Das Abgebildete erscheint als etwas real Gegebenes. Der durchstreichende Balken signalisiert eine Negation. Unklar bleibt dabei, worauf sich diese Negation genau bezieht. So zeigen zum Beispiel Rauchverbote häufig eine durchgestrichene Zigarette, was bedeutet: Rauchen ist hier nicht erwünscht. Übertragen auf die durchgestrichenen Artenbilder, bedeutet diese Lesekonvention: Diese Arten wollen wir nicht.
Die Schwierigkeit der Bildnegation ist eine ähnliche wie die Negation sprachlicher Frames. Georg Lakoff stellt dazu ein Gedankenexperiment an: In seiner Vorlesung fordert er seine Studenten auf: Don’t think of an elephant! Dies ist unmöglich: Sobald durch ein Wort oder durch ein Bild ein bestimmter Frame in unseren Köpfen evoziert wird, ist es unmöglich, diesen aufzuheben oder zu negieren (Lakoff 2014). Das Bild einer Vogels kommuniziert unvermeidlich: Dieser Vogel existiert. Der Balken, der ihn durchstreicht, vermag den aufgerufenen Frame nicht zu negieren.
Was also tun? Vielleicht liesse sich die Botschaft des Ausgestorben-Seins durch ein Kreuzzeichen ausdrücken, wie wir es aus Todesanzeigen kennen. Neben ein Bild gesetzt, nimmt es eine bekannte Wahrnehmungskonvention auf und signalisiert: Diese Person bzw. diese Tierart ist gestorben.
Generell: Den Biodiversitätsverlust angemessen und auf berührende Weise zu vermitteln stellt uns vor ein gravierendes Problem: Jemand, der die Bühne verlassen hat, lässt sich weitaus schwieriger visualisieren, als jemand, der sie eben neu betritt, wie etwa ein Neophyt. Dies macht Metaphern für die populäre Vermittlung der schwindenden Artenvielfalt so bedeutsam.
Wir identifizieren in den untersuchten Texten Metaphern, die eine Vermittlungsfunktion tragen, d.h. solche, die den komplexen Sachverhalt der Biodiversität und deren Verlust einem Laienpublikum anschaulich und damit verständlich machen. In unserer Analyse folgen wir einerseits der Framing-Theorie, wie sie etwa Fillmore und Baker (2010), Alexander (2009) und Ziem (2008) vorgestellt haben. Als Frame bzw. Deutungsrahmen wird dabei – verkürzt gesagt – all jenes Wissen verstanden, das auf der Grundlage von Erfahrungen zu einem bestimmten sprachlichen Ausdruck aufgerufen wird. Zu kann man etwa das Verb «kaufen» nur auf der Grundlage der Elemente «Käufer», «Verkäufer», «Ware» und «Preis» denken. Weiter orientieren wir uns an der kognitiven Metapherntheorie von Lakoff und Johnson (1980).
Wir identifizieren Frames und Metaphern und stellen dar, unter welchen Perspektiven diese den Gegenstand Artenvielfalt erschliessen. Dabei fragen wir, welche Aspekte der Artenvielfalt Frames und Metaphern beleuchten und welche sie unterdrücken bzw. unsichtbar machen. Im Vergleich unterschiedlicher Frames und Metaphern kann es uns gelingen, Wertungen aufzuzeigen, die den jeweiligen Diskursen zugrunde liegen. Diese lassen sich z.B. erschliessen, indem wir fragen, welche Rollen bestimmte Ausdrücke den Menschen zuweisen und welche Machtverhältnisse durch ihren Gebrauch zum Ausdruck kommen.
Erkenntnisleitend hinter unserer Untersuchung ist die Frage, inwiefern die gewählten Frames und Metaphern geeignet sind, bestimmte Zielgruppen – hauptsächlich Laien – zu erreichen und sie zu Handlungen anzuregen, die der Biodiversität förderlich sind.
Die Durchsicht des gesamten Korpus fördert zahlreiche Ausdrücke zutage, die sich in einen ökonomischen Deutungsrahmen fügen. Dies zeigt sich exemplarisch im folgenden Abschnitt aus der Einleitung zum Bericht über den Zustand der Biodiversität in der Schweiz 2014 von Markus Fischer:
Die Erhaltung des verbliebenen Naturkapitals allein reicht allerdings nicht; in vielen Fällen muss es wieder aufgestockt werden, damit es auch künftige Generationen nutzen können. Die Aufwertung der Ökosystemleistungen ist eine Aufgabe aller Ebenen des Staates und der Zivilgesellschaft, aller Sektoren und der ganzen Bevölkerung. Das dafür notwendige Geld ist gut angelegt. Es geht um nicht weniger als um unsere Lebensgrundlage. Mit jedem Jahr, das wir warten, werden die Kosten viel grösser (Fischer 2015: 5).
Zum ökonomischen Deutungsrahmen gehören hier neben dem Naturkapital die Ausdrücke aufstocken, nutzen, anlegen, Ökosystemleistungen und Aufwertung. Über sie wird im Denken über die Natur unser ganzes Wissen über Geld und Wirtschaft «angezapft». Dies führt etwa dazu, dass Ausgaben für die Aufwertung von Ökosystemleistungen als gut angelegt erscheinen. Schutz- und Förderhandlungen erscheinen als Investition.
Tabelle 1 stellt «Fundstücke» aus dem gesamten Korpus vor. Links stehen Ausdrücke aus der target-domain Ökologie, rechts die source-domain Ökonomie, aus der sie metaphorisch übertragen werden. Die Einträge rechts sind als Beispiele zu verstehen.
Ökologie (target domain)
Ökonomie (source domain)
Biodiversität als «Naturkapital» (Fischer 5, 75).
z.B. das Eigenkapital einer Unternehmung
«Naturwerte»
Warenwerte
«wertvolle Wiesen» (Fischer 38),
wertvolle Waren und Güter
«Biodiversitätsverluste» (Fischer 5),
«Einbussen» (Suter in Hotspot 11)
«Defizite» bestehen bei den lichten Pionierphasen des Waldes (Fischer 44)
z.B. Vermögungsverlust, Verlust einer Brieftasche
z.B. Ertragseinbussen
finanzielle Defizite
«Artenbestand» (Fischer 38)
«Artenreichtum» (Fischer 34)
Bestand von Vermögenswerten oder etwa Warenbestand
materieller Reichtum
Natur als Standortvorteil? (Klaus/Gattlen 27)
ökonomischer Standortvorteil einer Stadt. Dazu gehören Einkommenshöhe, Steuerfüsse und Verkehrsanbindungen.
«artenarme Unkrautgesellschaften» (38)
«schleichende Verarmung der Kalkmagerrasen (Stöcklin/Nuotcla, Hotspot 12)
materielle Armut
«Pflanzeninventare» (Fischer 54)
In einem Betrieb werden Warenbestände inventarisiert
menschliche Handlungen an der Natur:
Naturkapital anlegen (Fischer 5)
Die Aufwertung der Ökosysteme ist nicht gratis. «Das dafür notwendige Geld ist gut angelegt.» (Fischer 5)
Geld anlegen
Naturkapital nutzen (Fischer 5)
Finanzkapital nutzen
Naturkapital aufstocken (Fischer 5)
z.B. Warenbestände oder Aktienkapital aufstocken
«aufgewerteten Kulturlandschaften» (Klaus/Gattlen 9)
«ökologischer Aufwertung» (Klaus/Gattlen 105)
«Aufwertungsprojekte» (Fischer 40)
z.B. Güter wie ein Fahrrad durch Überarbeitung oder Reparatur aufwerten
Der Gemeinderat von Suhr erklärt: «Dieses Kapital (gemeint sind Natur und Landschaft) ist keine Selbstverständlichkeit. (...) Es muss gepflegt, unterhalten und vermehrt werden» (Klaus/Gattlen 27).
z.B. Warenbestände unterhalten,
Vermögen vermehren
«Handlungen» der Natur:
Der Natur werden Leistungen unterstellt: z.B.: Ökosystemleistung bzw. Ökosystemdienstleistung
So wird zum Beispiel gefragt, ob die Blutbuche «ökologisch dieselbe Leistung wie die einheimische Buche erbringt» (Gattlen 100).
Am Rande passen dazu auch die «Hochleistungstiere» aus der modernen Landwirtschaft (Fischer 35)
z.B. die Dienstleistungen eines Hotels, eines Taxiunternehmens, eines Reisebüros
Produktion von Nachkommen (Suter, Hotspot 11)
Jungenproduktion (Suter, Hotspot 11)
z.B. Produktion von Gütern
In der angelsächsischen Wissenschaftskommunikation der 1990er-Jahren waren die Metaphern burning library of life und museum on fire gängig (Väliverronen and Hellsten 2002). Diese Metaphern suggerieren: Hier wird ein Kulturschatz von einem Brand verzehrt. Eine Katastrophensituation, ja ein Weltuntergang wird beschworen. Die in Brand geratene «Naturbibliothek» steht stellvertretend für unsere Zivilisation. Bibliotheken und Museen bergen kostbare Kulturgüter, deren jedes einzelne ein Unikat ist. Dringendes Handeln ist gefordert.
Worin unterscheidet sich die Bibliotheksmetapher von der Kapitalmetapher? Welche Wertungen führt die Kapitalmetapher in die Wahrnehmung der Artenvielfalt ein?
a) Biodiversität mit Pluszeichen versehen. Die Gleichsetzung von Biodiversität und Kapital macht Biodiversität zu einem positiven Begriff, ähnlich wie etwa der Ausdruck Gesundheit. Ihr Verlust erzeugt Betroffenheit. Auch die Bibliothek und das Museum erscheinen grundsätzlich als positive Werte, die es zu erhalten und fördern gilt.
b) Arten als Wertträger. Die Kapitalmetapher macht die einzelne Art zu einer Wertträgerin. Ökonomisch gesprochen besitzt sie einen Preis. Die Anzahl der Arten macht den Gesamtwert eines Ökosystems bzw. der gesamten Natur aus. Schwerer fällt es im Kapital-Bild, die Interaktionen zwischen den Arten zu erfassen.
c) Wertzuweisung anthropozentrisch. Wert kommt dem Naturkapital nicht aus ihm selbst, sondern durch seine Inwertsetzung durch den Menschen zu. Im Ganzen sind die ökonomischen Metaphern anthropozentrisch. Sie binden die Existenz der Arten an menschliche Interessen an. Dies ist insofern problematisch, als wir von diesen menschlichen Interessen wissen, dass sie historisch und global gesehen die Natur eher geschädigt als unterstützt haben.
d) Kapital ist blind für das einzelne Lebewesen. Kapital ist ein typisches Beispiel eines «massification terms» (Stibbe 2015: 157). Es lässt die einzelnen Tiere und Pflanzen in einer ökonomischen Abstraktion verschwinden, die sich unserer Vorstellungskraft weitgehend entzieht. Der Blick auf das Individuum, d.h. die einzelne Pflanze und das einzelne Tier, wird verstellt.
→ Dieser blinde Fleck liesse sich durch die Metapher des «Naturjuwels» korrigieren (Klaus/Gattlen 27). Ein Naturjuwel hat einen hohen Wert, der ein bestimmtes Lebewesen, ein unverwechselbares «Einzelstück», meint. Dieses Juwel liesse sich auch als Teil eines «Naturschatzes» darstellen.
e) Kapital verlangt künftige Nutzung. Der Metapher des gefährdeten Naturkapitals fehlt die Implikation der hohen Dringlichkeit. Anders als die brennende Bibliothek verlangt schwindendes Kapital nicht unmittelbares Handeln. Die Kapitalmetapher legt eher planmässiges, umsichtiges Handeln nahe. Man kann Kapital etwa anlegen, nutzen und aufwerten. Kapital schafft eher eine Grundlage für künftiges Handeln. Die Metapher des Aufwertens (etwa von Flächen und Grünräumen) kommt in den untersuchten Texten sehr zahlreich vor. Ebenso die Metaphern des Schützens, des Bewahrens und des Förderns von Naturkapital. Sie alle weisen auf ein planmässiges zukunftsgerichtets Handeln.
f) Wer sind die Besitzer des Naturkapitals? Der Frame des Naturkapitals ruft die Rolle eines Kapitalbesitzers auf, der oder die mit dem Naturkapital etwas tut. Als Besitzer kommt zum Beispiel eine nationale oder europäische Gemeinschaft in Frage. Auch eine globale Besitzerschaft ist denkbar. Denken wir Artenvielfalt als ein nationales Biodiversitäts»kapital», so rufen wir Vorstellungen aus der Nationalökonomie wach, können also Fragen nach nationalen Investitionen in die Förderung und Rettung der Natur anstossen. Dasselbe gilt für Kantone und Gemeinden. Auch Firmen bis hin zu den Eigentümern privater Gärten besitzen Naturkapital und können mit ihm Investitionen vornehmen, indem sie es etwa schützen und fördern. Schwierig dagegen gestalten sich Schutz und Förderung eines globalen Naturkapitals. Bisher fehlt eine globale Volkswirtschaft, auf die sich ein politisches Verantwortungsgefühl beziehen liesse. Das Bild der brennenden Naturbibliothek regt eine solche globale Verantwortung leichter an.
g) Naturkapital erbringt dem Menschen Leistungen. In einer kapitalistischen Ökonomie «arbeitet» Kapital gleichsam von sich aus. Die Kapitalmetapher überträgt dieses Prinzip wie selbstverständlich auf die Natur. Diese selbsttätige, dem Menschen «zudienende» Natur begegnet uns im Begriff der Ökosystemleistungen. Diese Leistungen erscheinen als Zwecke des Naturkapitals. Als Kapital wird die Natur zur Wirtschaftsakteurin, die dem Menschen Dienstleistungen «auszahlt». Ausgeblendet werden in diesem Naturverständnis tendenziell die bedrohlichen Aspekte der Natur. Naturkatastrophen und Epidemien fügen sich schwer ins Alltagsverständnis einer Dienstleistung ein. Auch das vom Menschen abgelöste Für-sich-Sein der Natur wird unsichtbar gemacht. Der intrinsische Eigenwert der Arten wird ausgeblendet.
h) Wertträger erscheinen tausch- und ersetzbar. Wohl lässt sich ein Kapitalverlust durch Gewinne wieder kompensieren. Was aber, wenn bestimmte Wertträger (also Arten) unwiederbringlich ausgestorben sind? Kein noch so hoher Kapitaleinsatz kann sie zurückbringen. Wie oben festgestellt, ist die Kapitalmetapher blind für das Einzigartige einer Art. Sie legt dagegen ein Handeln in den Kategorien des Tausches nahe. Sie macht denkbar, dass das Schädigen bestimmter Pflanzen und Tiere an einem Ort durch deren Förderung an einem anderen Ort kompensiert werden kann. Dadurch wird wohl ein messbarer Wert kompensiert, die Einzigartigkeit einer Art, eines Lebensraumes oder eines Individuums aber wird übersehen.
i) Im neoliberalen Kontext kommen ökonomische Metaphern gut an. Eine Stärke des Ökonomie-Frames liegt zweifellos darin, dass er Biodiversität in einen Diskurs aufnimmt, der in der Gesellschaft leicht verstanden wird und Ansehen genießt. Tabelle 1 zeigt, wie weit der ökonomische Deutungsrahmen in der Sprache über Natur heute reicht. Ökonomische Begriffe strukturieren uns gesamtes Denken über Natur. Aber auch andere Sinnbereiche sind heute sprachlich von der Ökonomie «kolonisiert»: Man denke etwa an das Bildungssystem, in dem Kreditpunkte herrschen, an die Landwirtschaft, wo Bauern neu als Produzenten gelten, und an Städte, die in einem Standortwettbewerb stehen. In diesem gesamtgesellschaftlichen Kontext der Ökonomisierung verstehen auch Laien auf Anhieb, was mit Naturkapital gemeint ist: etwas Wertvolles, um das es Sorge zu tragen gilt, weil es dem Menschen «Leistungen» erbringt. Der Begriff der Ökosystemleistung ist heute in Fachkreisen breit etabliert und hat auch einen Weg in Reglemente und Gesetze gefunden.
Stärken der ökonomischen Metaphorik: In einem politischen Kontext, in dem es gilt, Naturzerstörung auch als volkswirtschaftlichen Schaden auszuweisen, kann die ökonomische Argumentation Fakten schaffen, die ökologischen Anliegen in der politischen Diskussion mehr Gewicht verleihen. Die ökonomischen Metaphern tun dies, indem sie moralisch-politische Fragen – wie schützen wir welche Teile der natürlichen Umwelt? – in Fragen von Haben und Nichthaben verwandeln und sie ins System der Wirtschaft übertragen. Die neue Frage lautet nun: Wie viel kostet die Bewahrung welcher Umweltanteile?
Schwächen: Im Ganzen fehlt der ökonomischen Metaphorik ein Appell der Dringlichkeit. Sie weckt dagegen Gedanken an ein Kalkül: Wie viele biodiverse Flächen müssen wir schaffen und wie viel Geld ausgeben, um diese oder jene Ziele zu erreichen? Schwer vermitteln lässt sich über die ökonomische Metaphorik die existenzielle Gefährdung der Natur. Man kann auch leben mit weniger Kapital, ja, Sparsamkeit und Bescheidenheit lassen sich auch als Tugenden sehen. Zudem: Verlieren wir Kapital, können wir dieses vielleicht auch zurückgewinnen.
Durch ihre weitreichende diskursive Verzweigung (vgl. Tab. 1) sind ökonomische Metaphern heute beinahe unvermeidlich. Generell nimmt die Kapitalmetapher Natur nur in Bezug auf menschliche Vorteile, nicht aber in ihrem Eigenwert wahr. Es bleibt daher zu bedenken, dass es historisch gerade das Verfolgen menschlicher Vorteile (Naturausbeutung und –beherrschung) war, welche die Artenvielfalt in den Zustand versetzte, in dem sie heute ist.
k) Verlust: eine weitere Metapher aus dem Kapital-Frame
In den untersuchten Texten ist der Ausdruck Biodiversitätsverlust allgegenwärtig. So ist zum Beispiel von Verlusten an Biodiversität (Fischer 7), aber auch von Artenverlust (Fischer Fischer 36) und von Areal- und Qualitätsverlusten (Fischer 15) die Rede.
Die verbreite Rede vom Verlust geht auf das Verb verlieren zurück. Ein Satz wie Ich habe meine Schlüssel verloren benennt einen Vorgang, der jemandem gegen seinen Willen zustösst. Verlieren bezeichnet ein von menschlichen Akteuren abgelöstes negatives Geschehnis, das gleichsam schicksalhaft über einen kommt.
Dasselbe gilt folglich für den Arten- und Biodiverstitätsverlust: Die beiden Verbalabstrakta stellen das Zerstören von Lebensräumen von Tieren und von Pflanzen als Geschehnisse dar, die gleichsam schicksalshaft über die Tiere, Pflanzen und Lebensräume kommen. Sie blenden die menschengemachten Ursachen dieser Zerstörung weitgehend aus. Hintergründig suggerieren sie weiter, dass man die verlorenen Arten vielleicht wiederfinden kann, so wie man etwa den verlorenen Schlüssel wiederfindet. Dies beschönigt den Ernst der Lage. Verlorene Arten und Lebensräume sind meist endgültig verloren.
Die Ursachen von Verlusten werden dann offengelegt, wenn sie direkt benannt werden. Sagen wir etwa: Der Frühlingsfrost führt zu gravierenden Ernteverlusten, so stellen wir eine Kausalverbindung zwischen dem Frost und den Verlusten her. Der «Täter» ist der Frühlingsfrost.
Die Benennung der Ursache hat den Vorteil, dass wir den erlittenen Wertverlust etwa bei einer Frostversicherung einfordern können. Will man die Verantwortung für Biodiversitätsverluste bewusst machen, ist es ratsam, die Ursachen derselben möglichst direkt zu benennen.
Das Bild des Computersystems erscheint ein einziges Mal im Leitartikel des Heftes zum Aussterben der Arten, und zwar in der Form eines Vergleichs:
Das globale Ausrotten von Arten ist daher mit dem wahllosen Löschen von Ordnern und Dateien auf der Festplatte eines Computers vergleichbar. Es besteht die Gefahr, dass früher oder später Teile des Betriebssystems oder Daten gelöscht werden, die absolut zentral sind. (Klaus und Pauli in Hotspot: 5)
Die Analogie zwischen den natürlichen Arten und einem Computersystem ruft einen Frame aus der Welt der Informatik auf, der heute den meisten Menschen in der westlichen Welt vertraut ist. Welche Implikationen führt diese Metapher mit sich?
a) Artenvielfalt ist komplex: Der Computervergleich verweist auf ein für Laien meist undurchsichtiges System von Dateien und Ordnern auf der Festplatte. Manche von ihnen dienen als Speicher wichtiger Informationen aus unserer privaten oder beruflichen Welt. Andere Dateien tragen eine systemische Funktion und halten bestimmte Vorgänge im Inneren des Rechners aufrecht. Die Informatikmetapher beleuchtet die Welt der Arten als etwas höchst Komplexes, das wir nicht richtig durchschauen und dem wir in einem gewissen Mass ausgeliefert sind, dessen Funktionieren uns aber wichtige Dienste leistet.
b) Betroffenheit wird ausgedrückt. Das Löschen einer Datei oder eines Betriebsprogramms kann eine Kaskade von Schädigungen auslösen, die bis zum «Absturz» des gesamten Systems führen. Wir sind diesem Vorgang hilflos ausgeliefert. Genetische Codes können unwiederruflich verloren gehen. Der Informatikframe ruft auch den Begriff des Virus’ auf. Viren können technische Systeme ebenso wie biologische Systeme befallen. Technik und Natur werden über die Virus-Metaphern «kurzgeschlossen». Anders als im Bibliotheks- und Museumsbild sind die Arten hier nicht nur archivierte Wertträger, sie bilden ein System mit einer eigenen, undurchsichtigen Dynamik, deren Schädigung unabsehbare Folgen in Gang setzen kann. «Löschen» wir zum Beispiel die Bienen, verlieren wir über kurz oder lang einen Drittel unserer Lebensmittel. Der Schaden ist unabsehbar und kann verheerend sein. Folge: Die Metapher alarmiert.
c) Natur als technische Welt: Die Informatikmetapher verwandelt die materielle und sinnlich wahrnehmbare Natur, d.h. Pflanzen, Tiere und ihre Lebensräume, in digitale Daten. Die Interaktionen zwischen Arten und ihren Lebensräumen werden denkbar als Rechenfunktionen. Folge: Wir können mit ihr das biologische und soziale Leben schwer fassen. Doch vielleicht könnten wir sie über geschicktes Programmieren beeinflussen? Die Informatikmetapher impliziert, dass Naturvorgänge wie ein Computersystem letztlich menschengemacht sind und im Normalfall (von Experten) beherrscht und «repariert» werden können. Damit wird der Natur und ihren Vorgängen unterstellt, dass sie letztlich menschlichen Zwecken dienen. Diese Dienerfunktion teilt die Computermetapher mit dem Begriff der Ökosystemdienstleistung.
Auffällig ist weiter, dass sich Computer- und Ökosysteme in einigen Punkten ähneln: Ökosysteme «kippen», digitale Systeme «stürzen ab». Das Computer- und das Ökosystem sind in ihrem Kern technische Begriffe. Sie drücken aus, dass wir einen komplexen Sachverhalt verstehen und damit auch beherrschen können.
Die Informatikmetapher ist auch im Diskurs der Gentechnologie zu Hause. Man spricht von genetischer Information. Das Genom wird als Informationsträger verstanden. Die begriffliche Nähe zwischen der Welt der Gene und der Welt der Informatik ist offensichtlich. Und schliesslich: Wo Informationssysteme sind, ist oft auch die Netzmetapher nicht fern. So gilt es als erstrebenswert, ökologische Netzwerke (z.B. Klaus/Gattlen 124) zu pflegen und wieder herzustellen. Auch jeder Computer, und erst recht das Internet, stellen Netzwerke dar.
Mit der Informatikmetapher Löschen von Ordnern und Dateien «zapfen» wir einen Informatik-Frame «an», der uns nahelegt, über Biodiversität in technischen Zusammenhägen zu denken. Wir schliessen damit unser Denken (und Handeln) in Bezug auf die Artenvielfalt an eine Begriffswelt an, die heute grosses Ansehen genießt und ähnlich wie die Kapital-Metapher leicht verstanden wird. Wenig geeignet ist die Informatik-Metapher hingegen, wenn es gilt, die Natur als sinnliche Präsenz, als etwas Lebendiges und Verletzliches vor Augen zu führen.
Zum Frame des Technischen gehören auch Metaphern aus der Physik. In den untersuchten Texten finden wir etwa: Bestandesdichte, unter Druck geraten (Suter in Hotspot 11), Insektenmasse (Gonseth in Hotspot 9), Pflanzenmasse (Hotspot 4).
a) Leben ausgeblendet. Auch hier zeigt sich: Über diese Metaphern lassen sich Qualitäten und sinnlich Wahrnehmbares schwer erfassen. Individuen werden massifiziert und auf ihre physikalische Materialität reduziert. Ihr biologisches und soziales Leben werden ausgeblendet.
b) Natur als Maschine. Auch Naturvorgänge werden nicht selten als mechanische Vorgänge verstanden. So lesen wir von Mechanismen des Aussterbens (Suter in Hotspot 10), vom Motor der Ökosystemleistungen, (Fischer 9) und von Arten, die unter Druck geraten (Suter in Hotspot 11) oder von Funktionen des Ökosystems, die es zu erhalten gilt.
Die Natur und ihre Lebewesen erscheinen hier als eine Maschine, als ein Ensemble technischer Einzelteile. Die Rolle des Menschen in Bezug auf die Natur ist die des Maschinisten bzw. der Maschinistin. Das Leben der Tiere und Pflanzen lässt sich in diesen Metaphern schwer erfassen. Und zu bedenken bleibt: Maschinen dienen ausschliesslich menschlichen Zwecken.
c) Naturbeherrschung. Alle diese technischen Metaphern entwerfen ein Mensch-Natur-Verhältnis, dass hauptsächlich auf Naturbeherrschung ausgerichtet ist.
Im ersten Kapitel des Buches Natur schaffen von Klaus und Gattlen wird ein naturnaher privater Garten als Oase vorgestellt. Diese Oase wird durch sog. kreatives Jäten geschaffen (Klaus/Gattlen 12).
Die Metapher der Naturoase finden wir auch in der Reportage über den Gärtner des Kulturlandes Bruno Erny S. 57ff. Seine renaturierte Parzelle im Oberbaselbiet wird als Oase inmitten der Kulturlandschaft von Rothenfluh (59) beschrieben. Der oben erwähnte Naturgarten wird zudem als eine Wohlfühloase (Klaus/Gattlen 21) charakterisiert, in der - wie es heisst – Ferienstimmung aufkommt (Klaus/ Gattlen 13). Biodiversität bezeichnet hier einen Erlebniswert, der Menschen von ihren Beanspruchungen durch Arbeit entlastet.
a) Naturoase in einer Zivilisationswüste. Die Oasenmetapher impliziert, dass ein Stück geschützte oder wieder hergestellte Natur von einer (Zivilisations)-Wüste umgeben ist. Auch die Beschreibung eines naturnahen Gartens als Refugium für zahlreiche Arten (Klaus/Gattlen 140) weist in diese Richtung. Ein Refugium ist ein Rückzugsort, der Schutz vor etwas Feindlichem bietet. Die Oasenmetapher drückt damit auch Machtverhältnisse aus. Sie sagt: Hier ist ein kleiner, verschonter Raum, in dem es Leben gibt. Dieser ist umgeben von einem mächtigen lebensfeindlichen (Arbeits)wüste, in derandere Gesetze als in der Oase gelten. Und diese Wüstengesetze bilden die Norm. Es sind die Gesetze einer naturfeindlichen Arbeitswelt, in der die Belange der Tiere und Pflanzen geringen Wert haben.
b) Naturoase kompensiert für Ansprüche der Arbeitswelt. So gesehen besitzt der Ausdruck der Wohlfühloase eine kompensatorische Funktion: Die Naturoase kompensiert für die Belastungen, welche von der Wüste, d.h. der Arbeitswelt, ausgehen. Spricht man von Naturoasen, so legitimiert man indirekt die Existenz der sie umgebenden «Zivilisiationswüste».
Was also tun? Man könnte, wenn man von Naturoasen spricht, im Textzusammenhang die Kompensationsfunktion der Oasenmetapher bewusst machen und ausdrücklich auf den Wüstencharakter der umliegenden Landschaft hinweisen.
In Klaus/Gattlen lesen wir:
Der Wert der Biodiversität rückt wieder stärker ins Bewusstsein der Menschen. Dies hat mit den grossen Verlusten an naturnahen Flächen zu tun, mit denen uns auch ein grosses Stück Heimat abhanden gekommen ist. Wir vermissen das einst so häufige Jubilieren der Feldlerchen über den Äckern, die blumen- und schmetterlingsreichen Wiesen und die kleinen wilden Flecken in den Gärten und Hinterhöfen (Klaus/Gattlen 6).
a) sinnlich wahrnehmbare Natur. Auffällig ist, dass Heimat im Text zunächst mit dem Ausdruck der naturnahe Fläche verbunden wird. Da dieser Begriff zu wenig präzis greift, wird Heimat im Folgenden präzisiert und mit der Erfahrung von sinnlich wahrnehmbaren Lebewesen (Feldlerchen, die jubilieren) verbunden. Auch Blumen und von Schmetterlingen belebte Wiesen gehören dazu. Heimat, dies wird deutlich, ist mit dem technisch anmutenden Ausdruck naturnahe Fläche nicht zu fassen. Es braucht dazu Alltagswörter wie Acker, Wiesen, Gärten und Höfe. Dies sind basic level terms, Konkreta, die lebendige Bilder und Sinneseindrücke heraufbeschwören. Laut einer Studie von Kühne ist Heimat (nach Natur und Wald) das dritthäufigste Wort, das Befragte mit dem Ausdruck Landschaft verbinden (Kühne 2013: 55). Es ist also besonders geeignet, Vorstellungen einer Kulturlandschaft aufzurufen, mit der wir Natürlichkeit verbinden.
b) Zeitreise in eine dörflich geprägte Vergangenheit. Die Heimatmetapher erscheint hier als das Ziel einer Zeitreise in die Vergangenheit. Heimat ist etwas, das verloren ging bzw. verloren zu gehen droht. Die Heimatmetapher ruft eine vergangene oder untergehende Zeit auf und meint vor allem die Verbundenheit mit einer sinnlich wahrnehmbaren und idyllischen Natur (Feldlerchen, die jubilieren etc.). Sie bezeichnet eine übersichtliche Welt, die dörflich-ländlich konnotiert ist. Hier gibt es Gärten, Wiesen und Hinterhöfe (nicht etwa Agrarflächen).
Heimat erscheint damit auch als Gegenwort zu Ferne und Fremde, sie bezeichnet etwas Vertrautes, das Sicherheit und Geborgenheit verspricht. Laut dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache erscheint das Wort Heimat am häufigsten zusammen mit den Wörtern Rückkehr und zurückkehren.
c) Wohfühlnatur. Ähnlich wie die Oasen-Metapher blendet die Heimat-Metapher all jene Naturaspekte aus, die dem Menschen feindlich gegenüberstehen. Dazu gehören etwa Naturgefahren, aber wohl auch ansteckende Krankheiten. Wenn man vor 200 Jahren in der Schweiz Sümpfe trockenlegte, weil aus ihnen Ansteckungskrankheiten drohten, so war dies kaum, weil man in ihnen Heimat sah.
Anders als die Metapher des Naturkapitals, bezeichnet Heimat hauptsächlich einen Ort. Dies kann ein Wohnort, z.B. ein Dorf oder ein Haus sein. Im Kanton Bern bezeichnete man früher auch Bauernhäuser als «Heimet». Sprachgeschichtlich geht Heimat auf Heim zurück und bedeutet Wohnstätte.
Allgemein: Propagiert man Biodiversität als Heimat, so meint man damit etwas Vergangenes, das man wiedergewinnen oder als Hort der Sicherheit und Geborgenheit rekonstruieren kann. Heimat vermittelt ein starkes Gefühl der Verbundenheit mit der Natur, verknüpft die innere Natur des Menschen mit seiner natürlichen Umwelt. Anders als etwa der ökonomisch orientierte Standortvorteil, impliziert das Wort Heimat kein Kalkül, sondern eine existentielle Zugehörigkeit zu einem Ort. Zur Heimat gehören nicht selten auch Implikationen wie die Verbundenheit mit einer lokalen Sprache oder etwa lokalen Esswaren und Gerichten.
Die Baummetapher erscheint prominent im Editorial des Hotspot-Heftes:
Eine Folge von Umweltveränderungen ist allerdings nicht reversibel: das Aussterben der Arten. Denn mit jedem Aussterben endet ein einzigartiger Zweig des in Milliarden Jahren der Evolution entstandener Baum des Lebens. (Fischer in Hotspot 2)
Die Baummetapher knüpft hier an die Metapher des Zweiges an. Der Zweig steht für die einzelne Art, die Gesamtheit der Arten erscheint folglich als Baum. Welchen Frame ruft die Baummetapher auf?
a) Artenbaum ist ein natürliches Ganzes. Wo ein Baum ist, gibt es Zweige, Blätter, aber auch Wurzeln und Äste. Diese Elemente bilden ein organisches Ganzes.
Im Unterschied zu den meisten bisher behandelten Metaphern stammt der Baum aus dem Bereich des Lebens. Zu dieser source domain gehören also Implikationen wie Geburt, Leben und Sterben. Im Licht der Baummetapher erscheint Artenvielfalt als ein Organismus. Folgen: Die Arten können gesund oder krank sein, sie können gedeihen und erkranken, und sie können sterben. Anders als etwa ein Computersystem oder ein Kapital ist der Baum kein Artefakt, sein Wachsen und Gedeihen folgt Naturgesetzen. Dies weckt Vertrauen - und verlangt Respekt.
b) Vielfalt bildlich erfasst. Dass die Natur und ihre Geschichte ein Baum sei, genauer ein Stammbaum, ist uns vom Stammbaummodell aus den Schulbüchern her bekannt ist. Fischers Hinweis auf die Milliarden Jahre der Evolution spielen wohl auf dieses Bild an. Sein Suggestionskraft ist enorm: Da gibt es die «niederen» Arten in Bodennähe, die «höheren» bis hin zur Krone der Schöpfung, dem Menschen, der in den Baumkronen thront. Man kann sich die Pflanzen- und Tierarten als Äste und Zweige des Lebensbaumes denken. Die vom Stamm ausgehende Verästelung illustriert Vielfalt in bestechender Form: Von der Wurzel bis zur Krone besitzt jede Art ihren natürlichen Ort in einem leicht erkennbaren Ganzen. Stirbt eine Art aus, geht ein Zweig des Artenbaums verloren. Der Baum ist in seiner Gesundheit bedroht.
c) Pflanze mit ihrer Umwelt verbunden. Jeder Baum ist in seiner Umwelt verwurzelt. Die Baummetapher erfasst daher den Ortsbezug von Pflanzen und Tieren treffend. Dass Pflanzen und Tiere ihre Lebensräume brauchen, um zu gedeihen, wird durch die Baum-Metapher schlagend ausgedrückt.
d) Verletzlichkeit der Natur. Neben der Vielfalt wird im Baumbild leicht auch die Verletzlichkeit der Tier-und Pflanzenarten vorstellbar (vgl. Suter in Hotspot: 11). Bäume können Äste und Blätter verlieren und schliesslich absterben. Ein kranker Baum mit abgestorbenen Ästen ergibt ein trauriges Bild. Er ruft nach menschlicher Sorge. Geben wir einem leidenden Baum Wasser, so kann sich sein Zustand verbessern. Baumpflege ist ein fester Begriff.
e) basic level term. Anders als die z.T. sperrigen fachsprachlichen Ausdrücke wie Biodiversität oder Ökosystem ist Baum ein basic level term. Bäume wecken sinnliche Assoziationen, sie gehören zur Alltagserfahrung der meisten Menschen und sind gewöhnlich mit positiven Konnotationen verknüpft. Zur sinnlichen Präsenz eines Baumes treten ästhetische Aspekte. Ein gesunder Baum ist etwas Schönes, das unsere Sinne anspricht. Im reich verästelten Baum können wir Artenvielfalt gleichsam mit Händen greifen. Direkter als etwa die Kapitalmetapher appelliert die Baummetapher also an Gefühle der Verbundenheit mit der Natur.
f) Dosierte Nutzung. Aber auch ein Nutzen für den Menschen ist im Baumbild enthalten. Obstbäume werfen für den Menschen eine Ernte ab. Eine dosierte Nutzung für den Menschen wird möglich, ohne dass der Artenbaum in seiner Existenz gefährdet wäre.
In den untersuchten Texten tauchen zahlreiche Verweise auf Netze auf. Da gibt es zum Beispiel die zerrissenen Nahrungsnetze (Fischer 71), aber auch das verästelte Netz aus Bächen und Flüssen (Fischer 18).
a) Maschen: Die Netzmetapher akzentuiert die Interaktionen zwischen den Arten untereinander ebenso wie die Abhängigkeit von Pflanzen und Tieren und ihren Lebensräumen (ihren Wohnungen à vgl. 5.8 Gesellschaft). Auch das räumliche Miteinander von Pflanzen und Tieren wird mit der Netzmetapher, genauer ihren Maschen, leicht erfasst. Auch lässt sich das Zerstören dieses Miteinanders als Zerreissen eines Netzes fassen. Doch Vorsicht: Anders als in Alltagsnetzen können zerrissene Maschen in Naturnetzen manchmal aus eigener Kraft nachwachsen und beschädigte Naturnetze sich so von selbst wieder schliessen.
b) Sicherheit: Ein intaktes Netz bedeutet oft auch Sicherheit (etwa vor Steinschlag oder Insekten). Die Vorstellung, dass aussterbende Arten Lücken ins Lebensnetz reissen, kann starke Emotionen auslösen. An einer Stelle wird Artenvielfalt auch als Versicherung gesehen (Klaus/Gattlen 8).
c) Ketten: Die Netzmetapher ist semantisch eng mit der Kette (Nahrungskette, Gattlen 16) verbunden. Netz und Kette sind Metaphern, die es erlauben, Verbindungen und Austausch zwischen räumlich auseinanderliegenden Pflanzen und Tieren wahrzunehmen. (Vgl. auch Informatikmetaphern)
→ Die technisch anmutenden Biodiversitätsförderflächen liessen sich etwa als Vernetzungsmaschen beschreiben. Die Wahrnehmung grossräumiger Zusammenhänge im Naturnetz würde so gestärkt.
In Klaus/Gattlen finden wir den Hinweis, dass es für eine Biogärtnerin gelte, die Pflanzen zu möglichst natürlichen Gesellschaften zu gruppieren (Gattlen 16). Auch die Lebensgemeinschaften (Fischer 69) gehören in dieses semantische Feld.
Die Gesellschaftsmetapher beruht auf der Vorstellung, dass Pflanzen und Tiere soziale Lebewesen sind, die in «Gesellschaften» leben. Diese Sichtweise auf Pflanzen und Tiere ist in der Ökologie durchaus bekannt, so ist fachsprachlich auch von Tier- und Pflanzengesellschaften und –familien sowie von verwandtschaftlicher Zugehörigkeit die Rede (z.B. Suter in Hotspot 11).
Auch den Ausdruck Populationen finden wir in den untersuchten Texten. Das Fremdwort Populationen rückt das Gesellschaftliche in eine fachwissenschaftliche Distanz und «zapft» den Frame des Gesellschaftlichen weniger leicht «an». Mit der Gesellschaftsmetapher werden jedoch starke Implikationen aus der Welt des Sozialen und Rechtlichen auf Pflanzen und Tiere übertragen.
a) Leben. Die Gesellschaftsmetapher erfasst die Tier- und Pflanzengemeinschaft als etwas Lebendiges, sie kann also Aspekte wie organisches Wachstum, Leben und Sterben, Kommunikation unter den Lebewesen etc. gut erfassen. Ausdrücke wie Artensterben, Aussterben gehören in diesen Frame.
b) Soziales Leben. In Fischer lesen wir: Mehr als ein Drittel der Fundorte von Gefässpflanzen, auf denen vor 10 bis 30 Jahren seltene oder bedrohte Arten nachgewiesen worden waren, sind verwaist (Fischer 13). Mit dem Ausdruck verwaisen werden Pflanzen und ihre Lebensräume in den Frame einer Familie gestellt. Vorstellungen von Eltern, Kindern und einer Generationenfolge werden wachgerufen. Mit den Gesellschaftsmetaphern ist ein nach Regeln geordnetes Miteinander von Menschen, Pflanzen und Tieren entworfen. Die Metapher erschliesst Lebensansprüche der Individuen ebenso wie das Zusammenleben von Tieren und Pflanzen. Ihre Vielfalt (Diversität) erscheint als naturgegeben und ist daher schützenswert. Zum Sozialen gehört auch der Ausdruck Bewohner. Ausdrücke wie Bewohner magerer Lebensräume machen deutlich, dass Tiere und Pflanzen gruppenspezifischen Vorlieben folgen, die es zu würdigen gilt. In Klaus/Gattlen ist davon die Rede, dass die Mauersegler ihre Luxuswohnungen noch nicht entdeckt haben (Klaus/Gattlen 17) oder dass Mehlschwalben tierische Untermieter werden (Klaus/Gattlen 152). Wo es Wohnungen und Bewohner gibt, sind auch die Möbel nicht fern. Es erstaunt deshalb nicht, dass bei Renaturierungen eine Möblierung der Landschaft angelegt wird (z.B. Klaus/Gattlen 140). Auch der neue Ausdruck ökologische Infrastruktur (z.B. Fischer 7) zielt in diese Richtung, ist aber einige Stufen abstrakter und technischer und lässt kaum Soziales durchscheinen.
→ Will man die sozialen Lebensansprüche der Tiere und Pflanzen sprachlich zum Ausdruck bringen, ist es ratsam, Sachverhalte verstärkt aus «ihrer Sicht», d.h. einer biozentrischen Perspektive zu erfassen. Dass diese letztlich an menschliche Massstäbe zurückgebunden bleibt, versteht sich von selbst. So heisst es etwa in Klaus/Gattlen: Die Gartenarbeit besteht darin, lenkend einzugreifen, sodass der Garten vielfältig bleibt und Ihnen und den Mitbewohnern gefällt (144). Der Ausdruck gefallen wird hier aus dem Menschlichen ins Reich der Tiere und Pflanzen übertragen und drückt aus, dass die Kategorie gefallen auch auf sie anwendbar ist. Dieselbe Vermenschlichung findet statt, wenn gefragt wird, ob Pflanzen mit den Gegebenheiten eines Ortes zurechtkommen (Klaus/Gattlen 144).
→ Generell lassen sich über den Frame des Sozialen leicht Emotionen wecken. So lesen wir, dass Wildbienen, Schwebefliegen, Schmetterlinge & Co einen grossen Teil der Bestäubungsleistungen abdecken. Als Gegenleistung sind wir Menschen aufgerufen, diesen nützlichen und attraktiven Tierchen unter die Flügel zu greifen, indem wir ihnen Wohnraum und Nahrung zur Verfügung stellen und ihnen ein Festmahl anbieten (Klaus/Gattlen 151). Die Beispiele zeigen, wie Metaphern aus dem Sinnbereich des Sozialen (Familie, verwaisen, Bewohner, Wohnung) Tiere und Pflanzen in die Nähe des Menschen rücken, sie so als Lebewesen mit eigenen Ansprüchen kenntlich machen. Auf diese Weise wird auch eine «Einfühlung» in ihre Lebensbewältigung möglich (gefallen, zurechtkommen). Auch wird es möglich, die Haltung eines Gebens und Nehmens zwischen Mensch und Natur darzustellen (Leistungen abdecken, Wohnraum zur Verfügung stellen, unter die Flügel greifen).
c) Auch Machtverhältnisse gelangen mit der Gesellschaftsmetapher in den Blick. So lesen wir, dass sich bestimmte Arten (vgl. Neophyten) gegen andere durchsetzen. Die zerstörerische Wirkung menschlicher Handlungen wird als Krieg und Zerstörung fassbar. Gonseth schreibt von einer konzentrierten Ausrottungspolitik (Hotspot 8). Der Gesellschaftsframe hat einen grossen Vorteil: Er entlarvt neutrale Ausdrücke wie Artenverluste, Artenrückgang und das Verschwinden von Arten etc. als Beschönigungen.
d) Rechtsansprüche von Tieren und Pflanzen ergeben sich wie selbstverständlich, wenn diese als Gesellschaften, Gemeinschaften oder Familien gedacht werden. Verantwortungsgefühle gegenüber ihnen werden akzentuiert. Entscheidend für die Würdigung und Wertschätzung der Arten ist eine menschliche Haltung, die ihnen Rechte einräumt. Diese ethische Dimension wird in den untersuchten Texten verschiedentlich deutlich. Die dominanten naturwissenschaftlichen Perspektivierungen rücken diese jedoch eher an den Rand. Dennoch begegnen wir direkten ethischen Sichtweisen sporadisch. So heisst es etwa in Fischer, dass es gelte, angesichts der mehrere Milliarden Jahre währenden Evolution der Vielfalt des Lebens mit Respekt zu begegnen (Fischer 9). Auch der Ausdruck Anspruch vermittelt eine Perspektive, die einen Sachverhalt «aus der Sicht» der Tiere und Pflanzen eröffnet. So ist etwa in Fischer von den Raumansprüchen einiger typischer Feuchtgebietsvogelarten die Rede (Fischer 28).
Als Grund für den grassierenden Artenverlust werden in den untersuchten Texten wiederholt menschliche Nutzungsansprüche genannt (z.B. Fischer 5). Warum diesen nicht systematisch Lebensansprüche von Tieren und Pflanzen entgegenstellen und diese einfordern? Die Lebens- und Wohnräume dazu sind sprachlich ja schon gesetzt.
In Fischer 13 lesen wir: Wenn die Bestandesgrösse einer Population unter einen bestimmten, minimalen Wert fällt, wird eine Population rasch kleiner, weil sich die verschiedenen ursächlichen Faktoren gegenseitig verstärken, so entsteht ein Aussterbestrudel. In Hotspot ist von einem extinction vortex die Rede (Suter in Hotspot 11).
Das Bild des Strudels ruft ein Gefahrenszenario auf, das starke Emotionen auslöst. Die Arten (und wir Menschen mit ihnen?) verlieren den Halt und werden durch eine Naturgewalt in den Abgrund gerissen. Ein ähnliches Bild einer Naturgefahr entwirft die Metapher der Erosion der Pflanzenvielfalt (Bornand/ Sager in Hotspot 6).
Bedrohliche Natur. Anders als in die Metapher der Ökosystemdienstleistung, die eine dem Menschen zudienende Natur zeigt, wird hier das Bild einer bedrohlichen Natur heraufbeschworen. Dies kann alarmieren und vor Eingriffen in die Natur warnen.
Mit Arten können positive Emotionen für das Wunder und die Vielfalt des Lebens geweckt werden. Und genau das ist es, was es für den Schutz der Biodiversität dringend braucht (Klaus/Pauli in Hotspot 5).
Während Ausdrücke wie Ökosystem oder Naturmechanismus die Natur als etwas rational Organisiertes repräsentieren, entzieht sich das Wunder einem rationalen Verständnis.
Das Wunder ist letztlich ein religiöser Begriff, der die Natur auf das Wirken eines göttlichen Willens, auf etwas Numinoses, zurückführt. Dieses kann weder bewiesen noch widerlegt werden. Es lässt sich nur durch eine subjektive Erkenntnis erfahren.
a) Staunen und Ehrfrucht. Ähnlich wie im Bild der Naturgefahren (Strudel und Erosion) können mit der Metapher des Wunders Gefühle der Furcht und des Respekts (mysterium tremendum) geweckt werden. Fast stärker noch sind aber auch Gefühle des Staunens und der Anziehung (mysterium fascinans) mit dem Wunder verbunden.
In den Frame des Religiösen gehört auch der Begriff der Schöpfung, der im folgenden Zitat zum Ausdruck kommt: Der Auftrag, die Schöpfung zu bewahren und Ehrfurcht vor dem Leben zu haben, gehört zum Kernbestand der jüdisch-christlichen Überlieferung (Klaus/Gattlen 274).
Auffällig ist, dass in den untersuchten Texten der Begriff des Geschöpfes nicht erscheint. Weiterführende Überlegungen zum Begriff des Geschöpfs aus theologischer Sicht stellt Heike Barazke in (Baranzke 1996) an.
b) Schützen und bewahren. Wenn die Natur ein Wunder ist oder Gottes Schöpfung, dann gilt es sie zu bewahren und zu schützen. Schutzhandlungen bedürfen keiner rationalen Begründung. Sie geschehen aus Ehrfurcht gegenüber der Schöpfungskraft, die in der Natur wirkt. Sie sind nicht etwa ökonomisch motiviert, um Ökosystemdienstleistungen aufrecht zu erhalten, oder technisch, um ein Computersystem vor dem Absturz zu bewahren, sondern sind im Staunen und der Ehrfurcht vor der Schöpfung begründet.
c) Mensch als Schöpfer. Im Titel des Buches von Klaus und Gattlen, Natur schaffen, tritt der Mensch selbst in die Rolle des «Naturschaffers», genauer eines weltlichen «Schöpfers». Zahlreiche der in diesem Buch vorgeschlagenen Schutz- und Förderhandlungen beschreiben das (Wieder)herstellen einer vielgestaltigen Natur. Die angestrebte Biodiversität wird damit zur Rekonstruktion eines Zustandes, der als natürlich verstanden wird. Die renaturierte Natur ist natürlich und zugleich menschliches Artefakt.
Die Metapher des Erbes nimmt die soziale Metapher auf und appelliert an das Verantwortungsgefühl innerhalb einer Generationenfolge. Wir erhalten die Natur als Vermächtnis aus einer früheren Generation und sind aufgerufen, verantwortungsvoll damit umzugehen.
Artvielfalt erscheint als etwas Ästhetisches, das einen Eigenwert besitzt. Schutzhandlungen lassen sich so gut begründen.
Der Natur wird damit ein Eigenwert zugewiesen. Ein Schatz ist etwas, das man oft vorfindet, ohne dass man es gesucht hat, er hat damit den Charakter eines Geschenks. Handlungen des Bewahrens und Schützens erscheinen als selbstverständlich.
Zu den Methoden der empirischen Wissenschaften gehört das genaue Quantifizieren, wie es etwa im Zählen und Messen zum Ausdruck kommt. Begriffe wie Bestand, Verlust, Rate, aber auch Fläche, sind Begriffe, die Naturgegenstände zähl- und messbar machen. Da sie in den untersuchten Texten sehr zahlreich vorkommen, wenden wir uns diesen quantifizierenden Ausdrücken in einem Exkurs separat zu und fragen, welche erkenntnisleitende Wirkung von ihnen ausgeht.
Der Bericht von Fischer fordert zur Wiedergewinnung von Biodiversität wiederholt sog. Flächenziele (Fischer 31, 49, 65). Auch biodiversitätsfreundliche Flächennutzung (Fischer 7) und naturnahe Flächen (Fischer 7) beschreiben Biodiversität über den Flächenbegriff, als messbare räumliche Ausdehnung, in der Biodiversität vorkommt. So lesen wir zum Beispiel, dass 60% der Siedlungsfläche versiegelt sind (Fischer 59). Es ist von Flächenverlust (Fischer 28), von Nutzflächen (Fischer 26), ökologisch wertvollen Flächen (Fischer 36) und Biodiversitätsförderflächen (Fischer 40) die Rede. Die Fläche wird damit zum Massstab bestehender bzw. verlorener Biodiversität.
Die Fläche ist ein Ausdruck aus der Geometrie. Im Kontext der Artenvielfalt wird er metaphorisch auf Landschaften und damit indirekt auch auf Pflanzen und Tiere anwendbar. In den untersuchten Texten treten zur Flächenmetapher weitere Ausdrücke aus der Geometrie hinzu. Wörter wie Punkt, Linie und Raum, etwa in punktförmigen oder linearen Landschaftselementen (Fischer 63) und Lebensraum (Fischer 62), bestärken ein Verständnis der Natur als geometrische Abstraktion.
Was bedeutet dies für das Verständnis der Landschaft und der Artenvielfalt? Wohl besitzt jede Landschaft eine Ausdehnung, doch weder die Fläche noch die geometrische Linie kommen in einer Naturlandschaft in reiner Form vor. Geometrische Flächen sind strikt zweidimensional und fügen - wenn auf die Natur angewandt - scharfe Grenzen in diese ein, obwohl in einer Naturlandschaft fast nur fliessende Übergänge vorkommen. Entsprechend betonen Klaus und Gattlen, dass stufige Waldränder statt harte Linien für Biodiversität förderlich sind (Klaus/Gattlen 291).
Weiter sind geometrische Abstraktionen «leblos». Das Leben ist im Flächenbegriff nicht selbstverständlich mitgedacht. Ein Vergleich: In Alltagswörtern wie Acker oder Wiese denken wir das Leben – Pflanzen, Vögel, Insekten etc. - und etwa den jahreszeitlichen Wandel automatisch mit. Der Flächenbegriff dagegen wirkt aseptisch und «tot». Eine geometrische Fläche «atmet» nicht, sie «riecht» nicht, es fehlt ihr ein sinnliches Gepräge. Zu Ausdrücken wie Agrarfläche oder Agrarraum muss man das Leben gleichsam hinzudenken. (Deshalb spricht man auch von Lebensräumen, nie aber von Lebenswiesen.)
Geometrische Flächen sind zudem homogen. Entsprechend denkt man sich Agrar- oder Fruchtflächen als Ausdehnungen, die meist eine bestimmte Pflanzenart, etwa Mais oder Weizen, aufnehmen, also gerade nicht eine pflanzliche Diversität, wie es etwa die Biodiversitätsförderfläche vorsieht. Weiter sind sie als zweidimensional, eben gedacht. Ihnen fehlt die vertikale Dimension, die zu jeder Landschaft gehört, die Beschaffenheit des Bodens, seine Trockenheit oder Feuchte. Auch die Kleinlebewesen im Boden werden von der Flächenmetapher nicht erfasst.
Vieles deutet darauf hin, dass die geometrische Fläche zum Gestaltungsprinzip der industriellen Landwirtschaft geworden ist. An die Stelle der Zelgen, Äcker und Wiesen sind heute Agrar-, Anbau- und Nutzflächen getreten, auf denen oft eine einzige Pflanzenart (z.B. Mais) vorherrscht. Diese Homogenisierung wird durch flächiges Ausbringen von Saat, Dünger und Schädlingsbekämpfungsmitteln bestärkt. Auch in den Rasenanlagen mancher Siedlungen gilt das Flächenprinzip, im englischen Rasen herrscht eine einzige Pflanzenart.
Die Flächenmetapher wirkt als gedankliches Homogenisierungsinstrument. Technische Instrumente wie Klinge des Rasenmähers und der Mähbalken der Mähmaschine im Feld setzen das Flächenregime als «Generalisierungsmaschine» durch. Das Flächenprinzip fegt alles Lokale und Diverse – Steine, Dohlen, Bäume, Bäche und Büsche – vom Feld. Die Flächenmetapher wird damit zum Erfüllungsgehilfin einer tiefgreifenden formalen Rationalisierung, die von kleinräumigen und lokalen Qualitäten der Landschaft absieht bzw. diese standardisiert.
Aus historischer Sicht werden damit auch die Vorteile der Flächenmetapher offenbar. Als Flächen lassen sich Landschaften leicht quantifizieren. Man kann Ernteerträge messen, klare Gebietsabgrenzungen vornehmen und Eigentumsverhältnisse genau bestimmen.
Der Flächenbegriff atmet den Geist eines rational verfügenden Zugriffs auf die Natur. Seine Anwendung auf die Natur fördert deren Homogenisierung und behindert Biodiversität. Und zugespitzt: Wenn heute von ökologischen Kreisen nach Biodiverstitätsförderflächen, Grünflächen, Freiflächen, Flächenzielen und Ökoflächen (Klaus/Gattlen 28) gerufen wird, so geschieht dies mit einem Begriff, der eher dem «gegnerischen Lager» zugehört. In seinem Frame drückt der Flächenbegriff Interessen aus, die dem ökologischen Grundansinnen, dem Bewahren von Heterogenität, diametral entgegensteht.
→ Als Alternativen sind textile Metaphern denkbar. Wir finden sie zum Beispiel im Saum, wenn etwa von ungemähten Krautsäumen (Klaus/Gattlen 117) die Rede ist. Auch der Gürtel (Siedlungsgürtel bestimmter Pflanzen und Tiere) oder das Gewand, das Kleid oder das Band bieten Alternativen zur Fläche (Klaus/Gattlen 31). So schreiben Klaus/ Gattlen vom Blätterkleid, in dem viele Insektenarten leben und überwintern (Klaus/Gattlen 188).
→ Auch die Metapher des Teppichs (Pflanzen- und Blumenteppich) ruft einen Frame auf, der Vielgestaltigkeit von Pflanzen impliziert. Textile Metaphern haben zudem den Vorteil, dass sie sich gedanklich mit der Netzmetapher verbinden. Wo ein Kleid ist oder ein Teppich, da gibt es Fäden und Maschen und Bänder, die Verbindungen herstellen. Warum also nicht Biodiversitätsband?
→ Auch das Mosaik bietet eine Alternative. Wir finden es zum Beispiel in der Rede über Fluss- und Bachabschnitte, die ein Mosaik aus schnell fliessenden Strecken, Kiesbänken und ruhigen, sandigen Buchten etc. bilden (Fischer 16). Die Vielgestaltigkeit der Landschaft wird als ein ästhetisches Ensemble erlebbar.
→ Die Baummetapher mit ihren Ästen und Zweigen lässt Artenvielfalt als lebendiger Organismus erscheinen. (vgl. 5.6)
Verbreitet finden wir in den untersuchten Texten die Abstraktion des Zählens. Beispiel: Die Anzahl der Brutpaare bei Schwarzkehlchen stieg von 11 auf 49 Paare (Fischer 40). Zählen ist eine selbstverständliche Kulturtechnik. Man denke etwa an das Abzählen von Soldaten im Militär oder den Einsatz von Menschen als zählbare Arbeitskräfte. Zählen und Messen gehören zu den Grundverfahren der Ökonomie und der Naturwissenschaften.
Vielfalt gibt es aber nur, wo auch das Einzelne seinen Wert hat. Wie steht es um dessen Wert, wenn wir es zählen? Zum Wesen jedes Aktes des Zählens und Messens gehört, dass er Distanz vom Einzelnen nimmt und dieses auf seine Zugehörigkeit zu etwas Grösserem, zu einer Kategorie, einer Gruppe oder Gattung reduziert. Zählen und Messen sind Verfahren der massification. Sie schaffen Ordnung und Übersicht, machen aber blind für die Individualität der Lebewesen, die gezählt werden. Der massification ist eine verfügende Denkweise eigen, mit der über Individuen durch Abstraktion Macht ausgeübt wird. Dies gilt auch für den Bestand, wie er in Bestandeseinbussen und Bestandesdichte (von Tieren und Arten) (Suter in Hotspot 11) zum Ausdruck kommt. Auch die Rate, wie etwa die Aussterberate bestimmter Tiere (Suter in Hotspot 11), reduziert Lebewesen auf zählbare Einheiten. Ihr Leben und Leiden als Individuen wird aus dem Blick gerückt.
Raten, Bestände und Verluste, also quantitative Angaben zum Artensterben, sind in bestimmten Kontexten sehr wertvoll. Mit Zahlen können wir das Aussterben von Arten und Lebensräumen in ihren Ausmassen belegen und etwa behördliche Massnahmen zu ihrem Schutz begründen. In manchen Fällen lassen sich mit ihnen auch Grenzwerte bestimmen, welche ausweisen, wie sehr bestimmte Arten gefährdet sind. Wollen wir das Artenstreben jedoch als existentielle Bedrohung verständlich machen, sollten wir es nicht beim Messen und Zählen bewenden lassen. Messen und zählen wir ausschliesslich, so entziehen wir die Bedrohung dem sinnlichen Erleben. Wir machen das Dargestellte zu einem Kopfgeschehen und schneiden das Leiden von Tieren und Pflanzen von einem differenzierten emotionalen Erleben ab.
Dazu ein Hinweis: Psychologische Studien zeigen, dass die Hilfs- und Spendenbereitschaft von Befragten nur unwesentlich steigt, wenn man ihnen anbietet, mit einer Spende wahlweise das Leben von 2'000, 20'000 oder 200'000 Wandervögeln zu retten, die im Öl eines Tankerunfalls gefangen sind. Im ersten Fall spenden Befragte 80 Dollar, im zweiten 78 (!), im dritten 88. Die Psychologie spricht hier von einer scope insensitivity, einer Blindheit gegenüber dem Multiplikationseffekt eines Problems (Desvousges et al. 1992). Solche Untersuchungen führen eindrücklich vor Augen, dass Zahlen unsere Herzen offenbar viel schwerer erreichen, als dies Gesichter und Geschichten von Einzelschicksalen tun. Der Psychologe Daniel Kahnemann macht dafür unsere Neigung verantwortlich, uns in der Wahrnehmung von Problemen nach prototypischen Bildern zu richten. So ruft der Hinweis auf die Anzahl sterbender Wandervögel leicht eine mentale Repräsentation auf, die einen erschöpften Vogel zeigt, der im schwarzen Öl gefangen ist. Der emotionale Impact erfolgt also über ein Bild und über ein damit verbundenes Narrativ, eine «Geschichte», die wir mit einem Geschehen verbinden.
→ Welche Schlüsse lassen sich aus dieser Erkenntnis für die Vermittlung des Artensterbens ziehen? Es braucht beides: einerseits Zahlen und Fakten, anderseits aber auch Bilder, Metaphern und «Geschichten». Die beiden Pole sind als dialektische Kräfte zu verstehen. Blicken wir auf die Fakten, so gilt es, deutlich zu machen, dass letztlich jedes Zählen und Messen auf der Seite der Forscherinnen und Forscher auf Emotionen beruht. Jedes Herstellen roter Listen und das Ausweisen bedrohter Bestände wird von der Sorge um bedrohte Lebewesen und ihre Lebensräume genährt. Diese Sorge lässt sich am besten über Metaphern, Bilder und Erzählungen vermitteln, empirisch belegt wird sie durch Zahlen und Fakten.
a) Welche Metaphern? Bleibt die Frage, welchen der untersuchten Metaphern in der Vermittlung von Wissen über Biodiversität der Vorrang vor anderen gebührt. Allgemein lässt sich sagen, dass Metaphern, die ihre Bilder aus der source domain des Lebens beziehen, der Sache der Artenvielfalt näherstehen als solche aus technischen Bereichen. Zu den Metaphern, die Pflanzen und Tieren einen Eigenwert zuweisen und sie in ihrer Vielgestaltigkeit erschliessen, gehören die Baum- und die Schöpfungsmetapher. Die Gesellschafts- und die Heimatmetapher beleuchten Artenvielfalt (in Anlehnung an menschliche Erfahrungen) als eine Welt des Sozialen. Mit Einschränkungen gilt dies auch für die Oase und das Netz. Die Kapital-, Materie- und Informatikmetapher deuten Pflanzen und Tiere weitgehend im Lichte menschlicher Zwecke und Interessen. Die einzelnen Tiere und Pflanzen werden darin leicht zu Funktionsträgern reduziert und gehen in Massenkonzepten unter. Massenkonzepte wie Verluste, Bestand und Fläche wirken homogenisierend und sind daher für ein zentrales Anliegen der Biodiversitätsförderung, die Lebensvielfalt und die Einzelwesen, blind. Man sollte sie daher zurückhaltend und im Bewusstsein ihrer Einschränkungen gebrauchen.
Die Wahl einer Metapher sollte sich auch nach der Zielgruppe richten, an die das vermittelte Wissen über Biodiversität gerichtet ist. Wissensvermittlung gelingt am leichtesten, wenn die vermittelten Sachverhalte - genauer die dafür gebrauchten Metaphern - den Adressaten vertraut sind. So lassen sich informatikaffine Adressaten leicht über Informatikmetaphern erreichen, ökonomisch orientierte am ehesten über Kapitalmetaphern.
b) Artenvielfalt und Metaphernvielfalt. Weiter ist es ratsam Metaphern zu variieren (Raymond et al., 2013). Unsere Analyse hat gezeigt, dass jede Metapher ihre eigene Sichtweise auf den Gegenstand Biodiversität mit sich führt. Diese Sichtweisen sind hoch selektiv, sie verbinden jedes Hinsehen auf die Natur mit einem Absehen bzw. Übersehen. Sie zeigen uns etwas und machen uns zugleich für etwas anderes blind. Dies legt nahe, den Gebrauch der Metaphern zu variieren, um so eine facettenreiche, multiperspektivische Wahrnehmung zu gewähren. Die bewusste Gegenüberstellung unterschiedlicher Metaphern kann eine differenzierte Sicht auf die Thematik fördern und zugleich das Bewusstsein dafür schärfen, dass unser Verständnis der Natur zu einem beträchtlichen Teil durch Sprache vermittelt wird.
Dies kann man bewusst machen, indem man Metaphern punktuell als Metaphern kenntlich macht. Verschiedene Möglichkeiten dazu tun sich auf:
Man kann einen metaphorischen Begriff in Anführungszeichen setzen oder ihn mit dem Vorsatz «sogenannt» als uneigentliche Aussage markieren. Beispiel: Der Bund zahlt Beiträge an die sog. «Biodiversitätsförderflächen».
Man kann die Metapher in einen Vergleich verwandeln und so den Als-Ob-Vorbehalt, der jeder Metapher eigen ist, erkennbar machen. Beispiel: Biodiversität ist wie ein Schatz, der droht, verloren zu gehen.
Vorsicht ist geboten, wenn man innerhalb eines Textes zwei unterschiedliche Metaphern zu nahe zusammenführt. Dies kann zu sog. Katachresen (Bildbrüchen) führen. Dies ist der Fall, wenn wir zum Beispiel von einem Naturprogramm sprechen, das spriesst. Spriessen gehört in den Frame des Pflanzlichen, Programm in jenen der Informatik.
Will man Metaphern bewusst kontrastieren, ist es ratsam, dies im Text bewusst zu machen, d.h. etwa zu erklären: Man kann Biodiversität als einen Computer sehen, dessen Dateien und Programme ein komplexes Miteinander abgeben. Dieses Miteinander trägt auch Ähnlichkeiten mit einem Baum, dessen Äste und Zweige voller Leben sind.
c) Fachwissen übersetzen: Die Vermittlung von Fachwissen bedarf einer Übersetzungsleistung, die in ihrem Anspruch nicht zu unterschätzen ist. Sie verlangt von Fachleuten, dass sie sich ein Stück weit aus ihren vertrauten Fachbegriffen und Methoden lösen und diese von aussen (aus Laiensicht) betrachten. Dies kann Unsicherheit auslösen und die Sorge mit sich führen, ob man mit der Wahl bestimmter Metaphern in seiner Fachgemeinschaft noch ernstgenommen wird. Wie leicht führen Metaphern doch eine gewisse Unschärfe oder Zuspitzung mit sich, die in der Fachgemeinschaft als «unseriös» erscheinen können. Hier hilft wohl nur eines: der Mut zur Veranschaulichung, die sich als Veranschaulichung auch erkennbar macht.
d) Fachsprachliche Abstraktionen zurücknehmen bzw. sie ergänzen: basic level terms. Biodiversität ist ein abstrakter Fachbegriff, der bei Laien kaum konkrete Vorstellungen auslöst. Anders als Umweltverschmutzung ruft er einen Frame von Wissenschaftlichkeit auf. Für die meisten Laien wirkt er auf Anhieb ähnlich fachsprachlich wie etwa Biokompatibilität, Bioaktivität und Biodegration.
Alltagsnahe Alternativen aus dem Deutschen sind Ausdrücke wie Artenvielfalt und Vielfalt des Lebens. Anders als das Fachwort Biodiversität eröffnen Wörter wie Vielfalt und Leben reichhaltige Frames, die Vorstellungen aus der Erfahrungswelt aufrufen.
Wollen wir in der Vermittlung von Wissen über Biodiversität ganzheitliche Gefühle ansprechen, so empfiehlt es sich deshalb, Ausdrücke zu wählen, die auf einer tiefen Abstraktionsstufe stehen. Die Metaphern- und Kognitionsforscher Lakoff und Wehling – Vertreter der sog. embodied cognitive theory - schreiben dazu:
Words have the most powerful effect on our minds when they are ... basic level. Basic level words activate imagery in our mind; for example, the basic-level word chair evokes an image of a chair; the more general, or superordinate-level, word furniture does not evoke a specific image. Basic-level words activate motor programs in our brain as part of our speech comprehension; the word cat, for example evokes motor programs that have to do with prototypical interaction with cats, such as petting them. The word animal activates no such motor programs. In short, basic level concepts are the most powerful and effective in communication due to their connection to the body and the way that aspects of their meanings are integrated (Lakoff and Wehling, 2012: 41).
Von den untersuchten Metaphern gehören zweifellos Baum, Heimat und Oase zu solchen basic level terms. Auch Alltagswörter bieten sich an. Diese eröffnen meist Frames, die ganzheitlich ausgerichtet sind, sinnlich Wahrgenommenes, Gefühltes und Gedachtes verbinden. Beispiele sind: Wiese, Feld, Acker, Matte, Weide (statt Flächen), Hügelland, Landschaft, Gebiet, Heimat (statt Planzenstandort?), Lebensraum. Sie werden daher auch basic level terms genannt (Stibbe 2015: 177ff).
Generell kann helfen, wenn man abstrakt-summarisches Erfassen von Tieren, Pflanzen und Lebensräume wie Grünflächen, Ackerbegleitflora, ökologische Infrastruktur vermeidet oder durch anschauliche ergänzt. Wörter wie Bestände, Flächenrückgang, Verluste, Einbussen, Einbruch der Insektenbiomasse (Gonseth in Hotspot 9) vermitteln den Eindruck, als nähere man sich der Natur mit dem Taschenrechner. Gewiss: Durch Zahlen vermittelte Fakten dürfen nicht fehlen, weil sie Gefühltes und Wahrgenommenes belegen. Sie reichen aber nicht aus, will man die Herzen eines Laienpublikums erreichen.
e) Alarmismus vermeiden. Im Gebrauch von Metaphern gilt es, unterschiedliche Kommunikationsabsichten und -kontexte zu unterscheiden. Sollen Texte appellieren und bei den Leserinnen und Lesern Betroffenheit auslösen, wie etwa in kurzen Pressemitteilungen oder in newsletters, so können basic level - Metaphern wertvolle Dienste leisten. Die Frage ist, in welchem Mass Metaphern auch alarmistisch wirken dürfen. Eindeutig alarmistisch sind zweifellos burning library und der Ausstrebestrudel (extinction vortex). Metaphern können Sachverhalte auch verzerren und Wertungen mit sich führen, die einer sachlichen Beurteilung nicht standhalten. Stellen wir zum Beispiel ein invasives Farn als «monster fern» dar, so werden leicht falsche Vorstellungen geweckt. Hier wird eine bestimmte Pflanzenart als ganze verurteilt. Ihre möglichen Vorteile für ein Ökosystem werden ausgeblendet. Das Pauschalurteil über die eine Pflanzenart untergräbt zusätzlich die öffentliche Wahrnehmung der Wissenschaft als kritisches und abwägendes Unternehmen (Kueffer and Larson 2014). Metaphern sollten Leserinnen und Lesern helfen, wissenschaftliche Erkenntnisse zu verstehen, nicht aber sie ohne Angabe von Gründen von etwas überzeugen (Kueffer and Larson 2014: 721).
Ein Mittel gegen Übertreibungen können treffende Quantifizierungen sein. In unserem Exkurs dazu haben wir einige Vorbehalte gegen sie vorgebracht. Wie soll man mit ihnen verfahren?
f) Betroffenheit ausdrücken und belegen. Quantifizierungen leisten wertvolle Dienste in Texten, die handlungspraktische Ziele verfolgen, etwa in der Kommunikation mit Praktikerinnen und Praktikern oder in rechtlichen und behördlichen Belangen. In diesen Zusammenhängen sind die Abstraktionen der massification terms (Fläche, Bestände etc.) bereits stark etabliert und können nicht einfach über Bord geworfen werden. Hier erfüllen sie auch wichtige Zwecke, indem sie angestrebte Biodiversitätsziele präzis erfassen und nachprüfbar quantifizieren. Dennoch sollte auch in diesen Zusammenhängen die Motivation einer Abstraktion sichtbar bleiben. Vermittlungstexte, die der Verantwortung der Wissenschaft Rechnung tragen, sollten erkennbar machen, dass Quantifizierungen aus einer Betroffenheit aufseiten der WissenschaftlerInnen erwachsen.
Konkret kann dies geschehen, indem man quantifizierende Angaben zusätzlich über bildhafte Ausdrücke veranschaulicht. So liessen sich etwa Biodiversitätsförderflächen auch als Lebens- und Wohnräume von Vögeln und Hasen darstellen, oder als Zweige eines Lebensbaums.
Die Feststellung, dass «60% der Siedlungsflächen versiegelt sind» (Fischer 59) ist faktisch zweifellos richtig, erreicht aber in ihrer Abstraktheit nur schwer unsere Gefühle. Warum also nicht ins Konkrete übersetzen und erklären, dass mehr als die Hälfte der Wohnräume städtischer Vögel und Insekten zerstört sind. Oder warum den Verlust einer Siedlungsfläche bestimmter Vögel nicht ergänzend als Zerstörung von Brutplätzen veranschaulichen, bei der zahlreiche Vogelpaare ihre Wohnung verlieren mit der Folge, dass ihre Jungen sterben oder gar nicht geboren werden (Gesellschaftsmetapher)? Oder: Die fortschreitende Versiegelung von Naturflächen als Ausweitung der Zivilisationswüste darstellen, die immer mehr Vögel in schwindende Lebensoasen verdrängt (Oasenmetapher)?
Auch Bilder können Betroffenheit belegen und damit einen Zusammenhang zwischen Gefühl und Abstraktion herstellen. Dies kann geschehen, indem man exemplarische Tiere als sinnesbegabte Wesen, als senser (Stibbe 2015: 173) darstellt. Ein junges Schwein, das einen Apfel frisst, ist ein Beispiel dafür. Auch das Tier als soziales Wesen lässt sich leicht in einem Bild darstellen. Das Bild eines Mutterschweins, das seine Ferkel säugt, bringt ohne Worte auf den Punkt, warum man Tiere artgerecht halten soll.
Im Beitrag der NZZ vom 12.1. 17 über das Leiden der Feldhamster erscheint das Einzeltier als sayer (Stibbe 2015: 172). Es spricht die LeserInnen direkt an und stellt so einen direkten Kontakt zu ihnen her. Seine Einzigartigkeit wird betont. Der Blick von oben verdeutlicht seine Opferrolle, ebenso die abgeerntete homogene Agrarfläche.
g) Akteure benennen. Dies kann gelingen, wenn man vom Verb ausformuliert und so die «Täter» erkennbar macht. Statt die Nominalform: Einsatz kleintierschädigender Mahdtechniken (Fischer 35) könnte man schreiben: Wer mit Mähaufbereiter und mit Schlegmulcher arbeitet, schädigt kleine Tiere (wie Hasen, Rehe etc.).
Verben, die ein Akkusativobjekt mit sich führen, können dabei helfen. Sie machen die Akteur(innen) sichtbar. Beispiele: Statt neutral zu formulieren, dass (Tiere) verschwinden, (ihre) Zahlen sinken, abnehmen oder zurückgehen, liesse sich sagen, dass bestimmte Menschen oder ihre Praktiken Tiere töten, schädigen, umbringen, zerstören, vergiften, verstümmeln, verwunden, verdursten und verhungern lassen, unfruchtbar machen, beeinträchtigen. Das Leiden der Tiere und Pflanzen wird so kausal auf menschliche Akteure und ihre Handlungen zurückgeführt.
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