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"Wir haben etwas gemeinsam, Evelyn", meint Doug (Caleb Landry Jones) zu seiner Psychiaterin. Nach einer Verkehrskontrolle sitzt der verletzte Mann, der als Marilyn verkleidet ist, beim Verhör im Gefängnis. In seinem Lastwagen befanden sich mehrere Hunde und Doug blutete: "...den Schmerz."
Das Verhör wird immer wieder von Rückblenden unterbrochen und wir erfahren, wie es zu der Situation gekommen ist, in der sich Doug nun befindet. Als Kind war er von seinem Vater und seinem älteren Bruder in einen Hundekäfig mit Kampfhunden gesperrt worden. So lernte er den Umgang mit den Hunden, die ihn wie einen Freund aufnahmen, denn er musste gleich mehrere Jahre im Zwinger verbringen. Erst als sein Vater zwei Hundewelpen umbringen will, wehrt sich Doug und holt mithilfe seiner Hunde die Polizei. Allerdings fällt dabei ein Schuss und Doug bekommt eine Kugel in sein Rückgrat, was ihn zeit seines Lebens an den Rollstuhl fesselt. Der Aufstieg von Doug dem Hundetrainer zum Showgirl in einer Transvestitenrevue wird von Luc Besson in beeindruckenden Bilder umgesetzt. Die Geschichte eines Außenseiters, der es aus eigener Kraft schafft, sich aus seinem Elend zu erlösen und zu einem größeren Ich umzumodellieren, wird glaubwürdig und sehr authentisch umgesetzt. Selbst als ihm das Kartell auf die Schliche kommt und aus dem Melodrama kurzfristig einen Actionfilm macht, verliert DogMan nichts von seiner Wahrhaftigkeit. Wer es nicht glaubt, lese doch einmal DOG rückwärts! Das Transparent, das Dougs Bruder, ein religiöser Eiferer, auf seinem Zwinger anbrachte, las "in the name of DOG". Oder eben umgekehrt.
Dabei ist natürlich vor allem die schauspielerische Leistung von Caleb Landry Jones hervorzuheben, der sich vor den Augen der Zuseher im Spiegel in einen anderen Menschen verwandelt. Als Revuegirl ist es seine Aufgabe, eine berühmte Sängerin zu mimen und ein Lied auf der Bühne zu singen. Der Spiegel oder auch spiegelverkehrte Botschaften spielen bei "Dogman" eine große Rolle. Verkleidet man sich, um ein anderer zu sein, oder um etwas zu verstecken? Da er als Kind von Selma schon mit Shakespeare trainiert wurde, fällt Doug seine neue Rolle sehr leicht und so gelingt ihm sogar "La Foule" von Édith Piaf, einer ihrer schwierigsten Chansons: "Et je crie de douleur, de fureur et de rage et je pleure" (Und ich schreie vor Schmerz, Wut und Zorn und ich weine). Obwohl "Dogman" dem Genre Fiction zuzuordnen ist, finden sich viele realistische Elemente in ihm. Doug ist eine wahrhaftige Figur, der als Ausgestoßener seine Liebe bei den Hunden findet, denn nur Liebe kann diesen Schmerz heilen. "Wo auch immer sich jemand unglücklich fühlt, schickt Gott einen Hund", ein Zitat des Philosophen Alphonse de Lamartine (1790-1869) steht am Anfang in Text und am Ende als Bild des Films. Die Verbindung, die Besson zwischen Doug und Evelyn (Jojo T. Gibbs) schafft, berührt und bildet den Rahmen der Erzählung, die uns alle betrifft. Denn auch wir selbst sind Teil dieser katholisch-christlichen Erlöser-Ikonographie, die Besson in DogMan anklingen lässt. So gesehen vielleicht der beste Film für Ostern.
Der Regisseur von "Das fünfte Element", "Im Rausch der Tiefe", "Léon – Der Profi" oder "Nikita" hat sich mit "Dogman" selbst übertroffen. Das mag vielleicht auch daran liegen, dass er mehr auf seine Produzentin, Virginie Besson-Silla, seine Frau, hört, wie wir aus dem 24-seitigen Booklet des Mediabooks erfahren. Das Booklet erklärt auch, wie es möglich war, einen so großen Cast an Hunden zu trainieren und in ihre Filmrollen einzusetzen. Denn Besson arbeitete für seinen zwischen "Joker" und "Birdman" angelegten Fiction-Film ausschließlich mit echten Hunden. Ein Interview und weitere Texte und Filmstills sind ebenso zu finden wie eine UHD-Blu-ray und eine Blu-ray. Auch wenn der Film bis jetzt noch nicht die ihm gebührende Anerkennung erfahren hat, wird sich spätestens nach Erscheinen dieses Mediabooks die öffentliche Wahrnehmung steigern. Ein beachtliches Werk, das jetzt schon Filmgeschichte geschrieben hat.