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Religion als Staatsangelegenheit:
Römische Säkularspiele und die acta Severiana
Lay Summary
Wenn heute in Jahrhundert-Abständen Gedenkfeiern begangen werden (etwa der "Bicentenaire" der Französischen Revolution im Jahre 1989; bald steht das hundertjährige Gedenken an den Ersten Weltkrieg an), so geht dies auf die römische Vorstellung von Zeit als Abfolge von saeculum zu saeculum zurück. Der Wechsel von einem saeculum ins nächste wurde im antiken Rom rituell begangen. Auch wenn die Zeitdauer eines saeculum keineswegs die heutigen genauen hundert Jahre umfassen musste, wurden mehrtägige "Säkarfeiern" (ludi saeculares) veranstaltet, die vor allem der Inszenierung der eigenen bürgerlichen Identität dienten: Orakelbefragungen, Opfer, Spiele, Prozessionen mit Magistraten und Vertretern der Kaiserfamilie prägten diese Feste. Die rituellen Handlungen sind in zwei protokoll-ähnlichen Inschriften überliefert, die einen einzigartigen Einblick in antike Kultpraktiken vermitteln. Das Ziel des Projektes ist es, diese Dokumente zugänglich zu machen und zur Erkenntnis von Kultpraktiken der Antike auszuwerten – im vergleichenden Kontrast zu den Jubiläumsfeiern unserer heutigen Zeit.
Seit im Jahre 1891 die wichtigsten direkten inschriftlichen Quellen zu den ludi saeculares der Jahre 17 v. Chr. und 204 n. Chr. entdeckt worden waren, galt das Hauptinteresse der Forschung dem Ursprung der Idee des saeculum und der Konstruktion einer von der Gründung der Republik bis in die Kaiserzeit reichenden Serie von Säkularfeiern. Grund dafür waren zum einen aus der Antike überlieferte spekulative Kommentare über den Mythos und Ursprung der Säkularfeiern, und zum andern das zeitgenössische Interesse der Forscher an Theorien über Zeitvorstellungen und deren vermeintliche Ursprünge. Dadurch geriet die Einzigartigkeit des epigraphischen Quellenmaterials mit den protokollarisch genauen Schilderungen der Organisation der Feier, der wörtlichen Erwähnung der Senatsbeschlüsse und Edikte vor der Feier, der Schilderung der rituellen Opferpraxis, der namentlichen Erwähnung der teilnehmenden Magistrate und der Beschreibung der anschliessenden Spiele, in den Hintergrund.
Nachdem mit der neuen Edition, Übersetzung und Kommentierung der augusteischen Inschrift durch Dr. Bärbel Schnegg diese Forschungslücke für einen der inschriftlichen Texte geschlossen wurde, ist für das Verständnis der Säkularinschrift aus severischer Zeit noch kein Fortschritt erzielt worden. Hier setzt das vorliegende Projekt ein: Die Fragmente der severischen Inschrift sollen in einer zuverlässigen Textedition und einer (deutschen und französischen) Übersetzung zugänglich gemacht werden. Die Kommentierung der historischen und religiösen Hintergründe wird die Religion der severischen Zeit erhellen, und der Vergleich der in beiden Inschriften überlieferten Ereignisse wird zu Erkenntnissen über die religiöse Praxis, wie sie von der römischen Bürgerschaft am Anfang des Prinzipats und in der Kaiserzeit ausgeübt wurde, hinführen. Das reiche prosopographische Material der severischen Inschrift wird Schlüsse über die Beteiligung lokaler Eliten an der Herrschaft in Rom und über die Funktionen von Frauen der stadtrömischen Oberschicht wie auch der provinzialen Eliten erlauben.
Das Projekt wird durch die Spezialistin für die Säkularinschriften, Dr. Bärbel Schnegg, in enger Zusammenarbeit mit dem international führenden Fachmann für römische Religionsgeschichte, Prof. John Scheid (Collège de France) durchgeführt. Es wird zudem eine wichtigen Beitrag leisten können, um die einzigartigen antiken Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich zu machen: Gegenwärtig wird das Thermenmuseum in Rom neu strukturiert, und die zuständige Museumsdirektorin wird sich für die Einrichtung der epigraphischen Ausstellung im Chiostro Ludovisi auf die Ergebnisse des Projektes abstützen. Ergebnis des Forschungsvorhabens wird die Publikation eines Bandes sein, der die Texte beider Säkularinschriften mit kritischem Apparat, Übersetzung, Kommentar und Index präsentiert. Mit der zusätzlichen Darstellung der bisher bekannten Ergebnisse der archäologischen, numismatischen und religionshistorischen Forschung zu den ludi saeculares wird ein Grundlagenwerk geschaffen werden, das ein wichtiges Arbeitsinstrument der Geschichts-, Religions- und Kulturwissenschaften der Antike für weitere Arbeiten darstellen wird.