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Bern 13 Juni 1856.
Mein lieber Freund!
Du hättest bald ein Recht wegen meines langen Stillschweigens «hön» auf mich zu seyn. Allein du weißt, daß wir uns zur bloßen Unterhaltung selten schrieben, um unsre Zeit zu schonen, sondern immer nur, wenn ein bestimmter, nützlicher Zweck des Schreibens vorlag. Ein solcher bestimmt mich auch jetzt zunächst, die Feder zu ergreifen.
Du wirst den Zeitungen entnommen haben, daß in nicht sehr ferner Zukunft der Bundesrath mit dem Austritt des Hrn Stämpfli bedroht ist. Er scheint sich nämlich die Entsumpfung des Seelandes zu seiner besondern Lebensaufgabe gemacht zu haben. Dieses Geschäft bedarf nun bekanntlich viele Millionen u diese Millionen hofft er aus der Rappardschen Idee einer schwimmenden Eisenbahn von Biel bis Yverdon herauszuschlagen. Es sollten daher nach seiner Absicht die fünf betheiligten Kantone selbst die Unternehmung machen, um jenen Gewinn zu erzielen u damit die Entsumpfung durchzusetzen. Über das Projekt selbst wage ich kein bestimmtes Urtheil, weil ich es noch nicht gehörig kenne; doch bin ich vor der Hand nicht besonders dafür eingenommen, weil die Concession desselben einen Verzicht auf Landeisenbahnen u eine | Art Verkehrs Monopol zur Folge hätte; auch denke ich, die fraglichen Millionen fallen nicht wie Manna vom Himmel, sondern der Schweizerische Verkehr wird sie bezahlen müssen. Indeß vor der Hand beschäftigt mich mehr der Gedanke an Stämpflis möglichen Austritt. Ich würde diesen im höchsten Grade bedauern u glaube, er wäre eine wahre Calamitaet. Denn ich weiß niemanden im K. Bern, der ihn ersetzen könnte u doch würde man einen Berner haben wollen. Es ist zwar noch gegründete Hoffnung da, daß das Projekt nicht zu Stande komme, d. h. daß nicht alle betheiligten Kantone in die Unternehmung eintreten oder die Concession ertheilen wollen. Allein die Sache beunruhigt mich doch sehr, u ich möchte dich daher bitten, theils selbst, theils durch Hrn Dubs auf Hrn Stämpfli einzuwirken, daß er den Gedanken aufgebe, aus dem Bundesrath zu treten oder daß er wenigstens noch kein bindendes Wort von sich gebe. Er kann ja auch im Bundesrath vielfach sowohl amtlich als privatim für seine Idee thätig seyn, u wir wollen ihm dieses durch Urlaub u sonst auf alle Weise erleichtern. –
Ich befreue mich sehr, vernommen zu haben, daß du wieder ganz gesund u kräftig seyest; doch muß ich warnend beyfügen, daß du wieder zu viel arbeitest, wie mir der kleine Finger confidentiell mittheilte. Denke doch an die exempla odiosa! – Die Fusionen u Nicht-Fusionen werden dich wieder | stark in Anspruch genommen haben. Ich billige ganz euer Verfahren u würde es nicht für gut gehalten haben, jetzt schon unter gegenwärtigen Verhältnissen u unter den angebotnen Bedingungen mit der St Galler u SüdOstbahn eine Fusion einzugehen. Die letztre sollte doch vor allem ihre heillose Verwiklung mit den Engländern lösen u sie nicht als Mitgift in die Fusion hineinbringen. –
Du wirst wissen, daß ich mein langjähriges Project ausführte, mit meiner Frau nach Paris zu gehen. Unsre Reise ist in jeder Hinsicht zu unsrer vollsten Befriedigung ausgefallen u wir haben unendlich viel schönes u intressantes gesehen. Es war uns sehr angenehm, Hrn Kern u Frau dort zu finden; wir zogen viel mit einander herum u machten einen Ausflug nach Havre. – Wir haben in Paris noch ein Geschäftchen gemacht, indem wir Mathilde verlobten; du wirst die Karte erhalten haben. Der junge Mann, der ad hoc von Liverpool herüberkam, gefiel mir ungemein wohl; er ist aus einer der ersten Familien Winterthurs u hat einen sehr braven u gutmüthigen Charakter, so daß ich hoffe, Mathilde habe in der großen Heurathslotterie einen guten Treffer gezogen. Es versteht sich, daß wir ihrer Einwilligung zum voraus sicher waren; es war unter den jungen Leuten schon eine stillschweigend abgemachte Sache. –
Du wirst bedauern, daß wir diesen Sommer unsre dir so angenehme Wohnung verlassen; doch will ich Dir zum Troste beyfügen, daß wir das Haus nebenan beziehen (gegen Freiburg) | welches ganz gleich gebaut ist u eine noch schönere Aussicht hat. Ich würde sonst nicht aufgekündet, sondern noch mehr Chicanen unsers wunderlichen Hausherrn erduldet haben. –
Mais tes moments sont précieux. Finissons!
Herzlichen Gruß von Deinem
Dr F