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Kann das Universum gleichzeitig gross und jung sein? Diese Frage hat gläubige Wissenschaftler in den letzten Jahrzehnten immer wieder beschäftigt. Die Bibel legt nahe, dass die in 1. Mose 1 beschriebene Sechstageschöpfung noch nicht lange zurückliegt. Wie also konnte das Licht entfernter Sterne die Erde noch während der Schöpfungswoche erreichen? In der letzten factum-Ausgabe (03/22, S. 42–44) habe ich einen Vorschlag von Dr. Faulkner beschrieben. Nach seinem sogenannten «Dascha-Modell» hat Gott die Sterne erschaffen, indem er am vierten Tage gewisse Prozesse wie in einer Zeitraffer-Aufnahme viel schneller als gewöhnlich ablaufen liess. In diesem Artikel möchte ich einen weiteren Ansatz präsentieren. Er beruht nicht auf einem übernatürlichen Eingriff Gottes, sondern auf der Erkenntnis, dass gemäss Einsteins Relativitätstheorie weit entfernte Uhren unterschiedlich miteinander synchronisiert werden können.
Einstein-Konvention
Ende des 19. Jahrhunderts zeigten Experimente, dass die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum unabhängig von der Geschwindigkeit des Beobachters ist. Diese Erkenntnis war die Grundlage für Albert Einsteins spezielle Relativitätstheorie. Demnach laufen Uhren in bewegten Systemen langsamer, was experimentell bestätigt werden konnte. Sich schnell bewegende Elementarteilchen leben beispielsweise länger als ruhende, was man mit Teilchenbeschleunigern wie dem LHC am CERN beobachten kann. Somit lassen sich weit entfernte Uhren physikalisch nicht eindeutig miteinander synchronisieren. Vor Einstein war dies kein Problem. Die beiden Uhren brauchten lediglich an einem Ort auf dieselbe Zeit eingestellt und anschliessend an ihre Standorte gebracht zu werden. Nach Einstein aber beeinflusst dieser Transport die Zeit, welche die Uhren an ihrem Zielort anzeigen. Je nachdem, ob sie langsam, schnell, direkt oder auf Umwegen an ihr Ziel gelangt sind, ergeben sich unterschiedliche Ergebnisse.
Wichtig ist die Einsicht, dass dieses Vorgehen lediglich eine Konvention ist. Die Benutzung von gemeinsamen Konventionen erleichtert unseren Alltag enorm. Beispielsweise haben wir uns darauf geeinigt, dass eine Minute in sechzig Sekunden unterteilt wird oder dass Fahrzeuge auf der rechten Strassenseite fahren. Genauso gut könnten wir eine Minute aber auch in hundert Untereinheiten teilen oder wie in Grossbritannien auf der linken Seite fahren. Es macht keinen Sinn zu behaupten, dass eine Konvention «richtig» und die andere «falsch» ist. Beide mögen ihre Vor- und Nachteile haben, doch keine von ihnen ist «richtiger» als die andere. Genauso verhält es sich mit der Art und Weise, wie man Uhren miteinander synchronisiert. Die Einstein-Konvention hat zwar wichtige Vorteile (sie macht zum Beispiel viele Formeln einfacher), aber sie ist nicht die einzig mögliche Vorgehensweise. Nach Einstein lässt sich physikalisch nicht begründen, weshalb sie «richtiger» als andere Gleichzeitigkeits-Konventionen sein sollte.
Lichtkegel-Konvention
In einem interessanten Artikel hat der gläubige Astrophysiker Dr. Jason Lisle darauf hingewiesen, dass der Auslegung des Schöpfungsberichts unterschiedliche Gleichzeitigkeits-Konventionen zu Grunde gelegt werden können.1 Da er sich damals noch in Ausbildung befand, hat er diesen Artikel unter dem Pseudonym Robert Newton verfasst. In 1. Mose 1,16–19 heisst es: «Und Gott machte zwei grosse Lichter: ein grosses Licht, das den Tag regiere, und ein kleines Licht, das die Nacht regiere, dazu auch die Sterne. Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels, dass sie schienen auf die Erde und den Tag und die Nacht regierten und schieden Licht und Finsternis. Und Gott sah, dass es gut war. Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.» Hier wird von Ereignissen berichtet, die zur gleichen Zeit, am vierten Tag der Schöpfungswoche, aber an unterschiedlichen Orten stattfinden. Beispielsweise wird der Stern «Sirius» im Sternbild «Grosser Hund» erschaffen, der Stern «Wega» zeitgleich im Sternbild «Leier». Ohne sich dessen bewusst zu sein, wird dieser Text üblicherweise im Sinne der Einstein-Konvention verstanden. Doch Lisle macht darauf aufmerksam, dass dies keineswegs zwingend ist.
Wie könnte der Bericht über die Erschaffung der Sterne verstanden werden, wenn nicht nach dem Verständnis der Einstein-Konvention?
1 Newton R. (2001) Distant Starlight and Genesis: Conventions of Time Measurement, Technical Journal, 80-85, answersingenesis.org/astronomy/starlight/distant-wstarlight-and-genesis-conven tions-of-time-measurement/
Lesen Sie den ganzen Artikel in factum 04/2022