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Erdbeben: Architektinnen, Ingenieure und Behörden können Leben retten
Das neue Erdbebenrisikomodell der Schweiz zeigt: Auch wenn schwere Erdbeben eher selten auftreten, hätte ein Beben auf Basel, Genf, Zürich, Luzern oder Bern massive Auswirkungen. Um Schäden zu minimieren, braucht es Architekten, Ingenieurinnen und Behörden.
Das Erdbebenrisiko beschreibt die möglichen Auswirkungen von Erdbeben auf Personen und Gebäude in der Schweiz. Es veranschaulicht die möglichen finanziellen Verluste und setzt sich aus vier Faktoren zusammen:
Die Erdbebengefährdung zeigt, wie oft und wie stark die Erde an einem bestimmten Ort potenziell bebt. Das Wallis ist schweizweit am stärksten gefährdet, gefolgt von Basel, Graubünden, dem St. Galler Rheintal und der Zentralschweiz. Natürlich kann es auch in weniger dicht besiedelten Gegenden und in der gesamten Schweiz zu Beben kommen.
Der lokale Untergrund beeinflusst die Stärke der Erschütterungen eines Bebens. Je weicher der Untergrund an einem Standort ist, desto stärker sind die Erschütterungen und desto wahrscheinlicher kommt es zu Schäden.
Die Verletzbarkeit beschreibt die Schäden, die bei bestimmten Erschütterungen an Gebäuden entstehen. Für das Risikomodell wurden verschiedene repräsentative Gebäudetypen anhand ihrer Eigenschaften abgeleitet und der jeweiligen Verletzbarkeitsklasse zugeteilt.
Der letzte Faktor umfasst die räumliche Verteilung von Personen und Gebäuden. Hier spielen die Werte und die Grösse der über zwei Millionen Wohn-, Gewerbe- und Industriegebäude eine wichtige Rolle. Der Faktor berücksichtigt die Kosten für ihre Instandsetzung oder im Extremfall ihren Wiederaufbau. Weiter fliesst die Anzahl der Personen, die sich in diesen Gebäuden aufhalten, in den Faktor ein.
Wie gross ist das Erdbebenrisiko in der Schweiz?
Über einen Zeitraum von 100 Jahren können Erdbeben an Gebäuden und Mobiliar Schäden von 11 bis 44 Milliarden Franken anrichten. Das Risiko wird dabei von seltenen, katastrophalen Beben dominiert. Es würden bis zu 1600 Menschen ihr Leben verlieren und ca. 40 000 bis 175 000 Menschen kurz- oder langfristig obdachlos werden.
Die Städte Basel, Genf, Zürich, Luzern und Bern weisen das höchste Erdbebenrisiko auf. Ein gewisses Risiko besteht aber in der ganzen Schweiz. Generell gilt: Je weniger dicht besiedelt, desto tiefer das Risiko – die Folgen eines Bebens können dennoch verheerend sein.
Warum ist das Risiko in der Stadt Zürich so hoch?
In Zürich führen der verbreitete weiche Untergrund, die hohe Bevölkerungsdichte sowie viele teure und historische Gebäude trotz geringer Erdbebengefährdung zu einem hohen Risiko. Das bedeutet: viele potenzielle Todesopfer und immense Gebäudeschäden.
Erdbebengerechtes Bauen schützt
Den besten Schutz vor den Auswirkungen eines Erdbebens bietet erdbebengerechtes Bauen. Das Ziel: Der Einsturz eines Gebäudes und damit Tod oder Verletzungen sollen vermieden werden. Das trägt auch dazu bei, die Funktionsfähigkeit wichtiger Gebäude im Ereignisfall zu erhalten und Folgeschäden zu begrenzen.
Die Norm SIA 261 Einwirkungen auf Tragwerke zeigt, wie Planende und Bauende Neubauten erdbebengerecht erstellen, und ist in diversen Baugesetzen verankert. Bestehende Bauten sollten bei grösseren Umbauten oder Sanierungen überprüft und gegebenenfalls verstärkt werden. Dabei hilft die SIA-Norm 269/8 Erhaltung von Tragwerken – Erdbeben. Die Verantwortung liegt bei den Hauseigentümerinnen und -eigentümern sowie bei den von ihnen beauftragten Fachplanerinnen und -planern.
Erdbebengerechtes Bauen lässt sich besser umsetzen, wenn Architektinnen dies frühzeitig in die Planung integrieren und gleichzeitig Erdbebenspezialisten für eine Beratung beigezogen werden. Dies wirkt sich positiv auf die Kosten und den CO²-Verbrauch aus. Die SIA-Norm D0260 Entwerfen und Planen mit Naturgefahren im Hochbau zeigt, was in welcher SIA-Phase
zu tun ist.
Chance Wiederaufbau
Erdbeben sind eine Realität – auch in der Schweiz. Um sich umfassend auf das nächste grosse Beben vorzubereiten, braucht es ebenso Pläne für den Wiederaufbau. Dieser sollte aber nicht nur möglichst schnell, sondern vor allem strategisch ablaufen und sich deshalb an den acht Kriterien der «Davos Declaration» orientieren. Schon heute müssen wir erdbebengerechtes Bauen zum Standard machen, damit uns im Ereignisfall mehr Zeit für einen strategischen Wiederaufbau bleibt – im Einklang mit einer hohen Baukultur.
Dieser Artikel ist erschienen in TEC21 11/2023 «Öfter als gedacht: Erdbebenertüchtigung denkmalgeschützter Gebäude».
Wissenswertes über das Schweizer Erdbebenrisiko