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Kleine und große Sprachen
Amerikanische Sprachforscher haben mit dem Weltatlas der Sprachstrukturen des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie erforscht, dass die Sprachen kleinerer Gesellschaften häufig kompliziertere Grammatiken aufweisen als die Sprachen großer Gesellschaften, wie etwa die deutsche oder chinesische Sprache. Dies ergab ein Vergleich der Konjugationen, Deklinationen und Wortbildungen von mehr als 2.236 Sprachen mit der jeweiligen Anzahl ihrer Sprecher sowie der geografischen Verbreitung. Grund für die unterschiedliche Komplexität sei, dass die Feinheiten einer Sprache in kleineren Gesellschaften bewahrt bleiben, während sie in den Sprachen großer Gesellschaften durch den einflussreichen Kontakt mit Fremdsprachen quasi ausgemistet werden. Denn Erwachsene, im Gegensatz zu Kindern, neigen dazu, komplizierte Regeln einer Fremdsprache zu umgehen oder schwierige Formen zu verkürzen. Eine derartige Entwicklung zeige sich etwa in der englischen Sprache, die unter den europäischen Sprachen die einfachste Morphologie aufweist, bedingt durch die jahrhundertelangen Einwanderungen von Kelten, Normannen und Wikingern. Weil die Sprachen kleinerer Gesellschaften, wie etwa Isländisch, selten als Fremdsprache gelernt werden, bleiben sie weitestgehend unberührt und entsprechend komplex. Ein weiteres Beispiel ist die lateinische Sprache, die seit langem keine Entwicklung mehr erfährt.
Obwohl die Komplexität des Satzbaus oder der Lautgebung in der Forschung nicht einbezogen wurde, hat sich herausgestellt, dass sich unter den weltweit 6.000 Sprachen einige befinden, welche gänzlich einfach gestrickt sind, wie das Riau-Indonesische, das Englische und mit einigem Abstand auch das Deutsche.
Wie das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie erklärt, sei die vielfältige Morphologie der kleineren Sprachen vor allem für die Schriftsprache und weniger für die mündliche Kommunikation, bei der sich vieles aus dem Kontext erschließen lässt, von Vorteil. Was die Schriftsprache betrifft, hätten jedoch auch große Sprachen wie Chinesisch und Deutsch komplexe Satzkonstruktionen entwickelt bzw. bewahrt.
Quelle: www.zeit.de, Textzusammenstellung VDS-Infobrief 29 – 2012