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In der Nachbarschaft des Verfassers sind zwei grössere Gebäude entstanden, die für das Thema baulicher Verdichtung exemplarisch sind. Was die einen freut, weil das Quartier durch neue Läden und Wohnungen aufgewertet wird, schmerzt die andern, weil Freiraum verloren geht.
Das Wesemlinquartier in der Stadt Luzern ist eine Idylle, zumindest noch. Um das Kapuzinerkloster aus dem 17. und 18. Jahrhundert entstanden Einzelhäuser mit viel Umschwung. 1946 wurde im östlichen Teil nach den Plänen von Heinrich auf der Maur die Gartenheimsiedlung verwirklicht, eine Folge von Reiheneinfamilienhäusern mit grosszügigen Grünflächen. Doch seit einigen Jahren wird ausgebaut, erweitert und verdichtet, so auch im Garten des Klosters und auf einem Grundstück, das der katholischen Kirchgemeinde mit der Auflage geschenkt wurde, hier eine Kirche für die lokale Seelsorge zu bauen.
Läden statt Spielwiese
Hier stellte man vorerst am Rande der Parzelle einen Pavillon mit multifunktionalem Saal auf. Was als Provisorium gedacht war, bestand rund vierzig Jahre und diente als lebendiges Zentrum nicht nur für religiöse Veranstaltungen, sondern auch für allgemeine Zwecke. Auf der Suche nach einem geeigneten Platz für ein neues Pfadfinderheim erwies sich das Areal als ideal, weil für das Gebäude nur ein kleiner Teil des noch nicht überbauten Grundstückes ausgeschieden werden musste.
Übrig blieb eine Wiese, die für das Quartierleben bereichernd war. Sie wurde als Spielplatz rege benutzt, und dazu hatten die Pfadfinder und Pfadfinderinnen genügend Platz, nicht nur für ihre Übungen, sondern auch für die Materialkontrolle vor und nach den Zeltlagern. Es war bald einmal klar, dass der Bau einer Kirche zwar illusorisch, eine andere Nutzung aber durch die Bedingungen der Schenkung nicht vorgesehen war.
Zudem steckte die Kirchgemeinde als Adressatin der Schenkung in einem Dilemma. Wegen des Mitgliederschwunds musste sie nach neuen Finanzquellen suchen. Die Wiese mit dem Pavillon bot sich als nutzbares Kapital an. Es musste jedoch eine Lösung gefunden werden, bei der einerseits die Vorstellungen der Donatoren berücksichtigt und andererseits Einnahmen generiert werden konnten. Das gelang mit der Idee einer Kombination aus altersgerechten Wohnungen, der Zusammenführung von bis anhin im Quartier verstreuten Läden sowie einem multifunktionalen Saal.
Der 2016 ausgeschriebene Wettbewerb wurde vom Luzerner Büro Konstrukt gewonnen, das nach einer Weiterbearbeitung bei maximal erlaubter Ausnützung einen mit dunkelroten Keramikfliesen verkleideten, viergeschossigen Block entwarf. Gewiss stand dabei der finnische Architekt Alvar Aalto bei der Ausgestaltung der Fassaden Pate, verwendete er doch bei etlichen seiner Werke meist weisse Keramikfliesen.
Seit dem letzten Jahr wird das Quartierzentrum Wesemlin fleissig besucht. Das neue zentrale Angebot mit einem Lebensmittelladen, einer Bäckerei mit Cafeteria und einer Drogerie wird von der Bevölkerung sehr geschätzt. Weniger begeistert waren die Jugendlichen. Sie mussten konsterniert zusehen, wie nah der Block an ihr Pfadfinderheim herangerückt wurde und dabei die geliebte Wiese auffrass. Nicht zu Unrecht befürchteten sie, dass das fröhliche Beisammensein am Abend die Nachbarn in den Alterswohnungen stören und zu Reklamationen führen könnte.
Weder ist die Kirchgemeinde zu kritisieren, die sich in diesem Falle zu einem schönen Teil von finanziellen Überlegungen leiten liess, noch ist es den Jugendlichen zu verargen, dass sie sich übergangen fühlen. Es ist die Suche nach der Quadratur des Kreises, die weder hier noch anderswo zu befriedigenden Resultaten führte.
Wohnungen statt Aussicht
Finanzielle Sachzwänge herrschten auch bei den Kapuzinern, die in der Schweiz in den vergangenen zwanzig Jahren einen dramatischen personellen Aderlass in Kauf nehmen mussten. Viele ihrer Anlagen wurden inzwischen zweckentfremdet, doch den Standort Luzern möchte man, so lange es geht, erhalten.
Inzwischen hat sich in den alten Gemäuern eine florierende Ärztepraxis eingenistet, aber dies genügte nicht, um eine dringend notwendige Tiefgarage zu bauen und zu finanzieren. So entstand der Plan, über der Garage ein Gebäude mit kleinen Wohnungen zu errichten, welche der Klostergemeinschaft eine gewisse finanzielle Stabilität sichern soll.
Das aus einem Wettbewerb hervorgegangene Siegerprojekt des Luzerner Büros Marques AG kann in diesen Tagen eröffnet werden. Die Entwerfer liessen sich von einem Werkschuppen, der neben den Klosterflügeln erhalten bleibt, inspirieren und ahmten die Lattenstruktur des Schuppens in den ganz in Holz ausgeführten Fassaden des sechsgeschossigen Blocks nach. Im Fachjargon würde man von einem Beispiel der analogen Architektur sprechen. Trotz seines beträchtlichen Volumens ist das Gebäude – nun als Neubau «Francesco» benannt – gekonnt in den feingliedrigen, ummauerten Garten eingebettet.
Man könnte somit von einem gelungenen Beispiel des verdichteten Bauens in einem urbanistischen Kontext sprechen, wären da nicht die Nachbarn, die begreiflicherweise keine Freude haben, dass die schöne Aussicht auf den Pilatus nun buchstäblich verbaut ist. Sie waren es auch, die das Projekt durch alle juristischen Instanzen bekämpften, schliesslich erfolglos.
Klassische Revierkämpfe mit Siegern und Verlierern. Doch abgesehen von solchen erwartbaren Auseinandersetzungen stellt sich auch die Frage, wie Grünzonen in Stadtgebieten vor Begehrlichkeiten der Immobilienbranche geschützt werden können. Und immer wieder geht es auch um das Zusammenspiel von Alt und Neu, um den Dialog von Neubau und Denkmal. Herausfordernde Aufgaben für die Stadtplanung im Grossen wie im Kleinen!