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Wenn ich beruflich verreise, mich in einer fremden Stadt bewege, vielleicht auf einen mitteilungssüchtigen Taxifahrer angewiesen bin, ein standardisiertes Hotel meine Unterkunft wird, dann kann es sein, dass ich mich irgendwie allein fühle, die Nähe eines mich verstehenden Menschen vermisse. Die ehemalige Geliebte, die zufällig in der Stadt meines Besuchs wohnt, wird wieder so reagieren wie damals, als es zur Trennung kam, also bin ich auf der Suche nach einer Frau, die mich nicht zu stark herausfordert, mir eher die anheimelnde Naivität bietet, unter die ich schlüpfen kann, die sich mir sexuell zuwendet, auch wenn zu Hause meine Frau mich so zurück erwarten wird, wie ich für die kurze berufliche Unterbrechung abgereist bin. Das kurze Glück, das ich im Hotelbett gefunden habe, es wird mein Gedächtnis, meine Erinnerung lange oder für immer beschäftigen.
Charlie Kaufman verwandelt mich in Michael Stone, der auf einer Lesereise unterwegs ist, bei der er aus seinem viel gelobten Kundendienstbuch «How May I Help You Help Them?» vorträgt. Das Flugzeug bringt ihn von L. A. nach Cincinnati, wo er im Hotel Al Fregoli landet, dessen Bedienstete sich einer so formalisierten Sprache bedienen, als wenn sich eine Person in immer neue Gestalten verwandeln würde. Kaufman hat diese Geschichte unter dem Pseudonym Francis Fregoli schon 1955 geschrieben, und diese Art Verwandlung ist unter dem Begriff «Fregoli-Syndrom» in der Psychiatrie bekannt.
Michael weiss, dass seine ehemalige Geliebte Bella in Cincinnati wohnt, und sucht im Telefonbuch nach ihr. Er hat Erfolg und trifft sich mit Bella in einer Bar. Die herzliche Begrüssung mündet aber bald in Vorwürfe und führt schon nach kurzer Zeit zum trennenden Zerwürfnis. Wieder ist Michael allein, das Hotelzimmer seine Zuflucht – und da hört er eine Stimme im Flur, die intime Herzlichkeit suggeriert. Er findet die Frau in Begleitung einer eher intellektuellen Schönen in einem nahen Zimmer. Michaels Verlangen gilt der schönen Stimme («Your voice is like magic»), die der wegen seiner Lesung angereisten Call-Center-Angestellten Lisa gehört. Ihre Weiblichkeit scheint ihm mehr zu versprechen als die Attraktivität der sich vielleicht als spröd herausstellenden Schönen, die ihn eher in seinem seelischen Zustand überfordern dürfte. Und er hat sich nicht getäuscht. Michael wird mit der ungewöhnlichen Lisa, der Anomalisa, die erfüllende Vereinigung erleben, bevor er nach Albträumen nach Hause zurückkehrt, wo ihn wieder das alltägliche Stimmengewirr der Nichtigkeiten empfängt, dem er am Anfang des Films entkommen ist. Lisa wird wohl auf dauerhaftes Glück vergeblich hoffen.
Kaufmans Geschichte ist nicht gerade herausfordernd differenziert und hätte wohl als reale Inszenierung kaum den Atem für einen abendfüllenden Spielfilm, und so mag der Einfall, eine alltägliche Begebenheit, die als Traum in jedermanns Kopf sich abspielen könnte, in eine Puppenhandlung zu verwandeln, dadurch bedeutungsvoll erscheinen, weil die Aussage dieser Geschichte und Kaufmans Anliegen «in demjenigen menschlichen Körperbau am reinsten erscheint, der entweder gar keins oder ein unendliches Bewusstsein hat, d. h. in dem Gliedermann oder in dem Gott», wie Kleist in «Über das Marionettentheater» befindet. Man darf sich als Gegenüber der Handlung natürlich nicht wie Don Quijote fühlen, der im Puppenspiel die unmittelbare Realität zu erkennen glaubte und die Puppen mit seinem Schwert niedermetzelte.
Charlie Kaufman, Autor, Lyriker, Regisseur und vor allem Drehbuchautor (unter anderen Being John Malkovich, 1999) und 2004 Oscar-Gewinner für sein Buch zu Eternal Sunshine of the Spotless Mind (Regie: Michael Gondry), hat seinen zweiten Spielfilm nach Synecdoche, New York (2008) zusammen mit Duke Johnson im aufwendigen Stop-Motion-Verfahren gedreht und dafür den grossen Preis der Jury auf den Festspielen in Venedig 2015 gewonnen. Dass es sich ursprünglich bei der Vorlage um ein Hörspiel handelte, das mit dem Fregoli-Syndrom spielt, mag auch die Inszenierung der sprechenden Puppen unterstreichen. Individuelle Stimmen sind nur Michael (David Thewlis) und Lisa (Jennifer Jason Leigh) zu eigen, alle anderen Personen, ob Michaels Frau, sein Sohn, der Taxifahrer oder Bella werden von Tom Noonan gesprochen. Das soll wohl die Entfremdung unserer Umwelt unterstreichen, wie es sich in Kaufmans Aussage ausdrückt: «Alienation is a big problem in this culture. I think it has a lot to do with computers and social media, and the inauthenticity of people’s interactions. But we are going down the road, and there’s nothing I can do about it.»
Fern jeglicher bemühter Interpretation oder naiven Sicht auf das symbolisch aufgeladene Geschehen darf aber doch auch angemerkt werden, dass den sicher ganz hervorragend gestalteten Puppen manchmal die Spannung menschlicher Akteure fehlt. Vielleicht bestünde bei einer solchen Aufführung dann sehr wohl die Gefahr, dass wir wie Don Quijote das Spiel verfolgten.