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Rudolf Linth (1823-1893)
Kein Wunder drum, dass der Bergsteiger und Schriftsteller Roth, der im Jahre 1863 im Zenith seines Ruhmes stand, dem Aufruf des Piz Rusein-Erstbesteigers Simler zur Gründung einer schweizerischen Alpengesellschaft begeistert zustimmte, als erster auf der Berner Liste figurierte und an der denkwürdigen Oltener Sitzung zum Vizepräsidenten des ersten Central-Comités gewählt wurde. Massgeblichen Anteil hatte Roth auch an der Gründung der Sektion Bern - in der er allerdings kein Amt bekleidete -, wie auch an der Erstellung der Karte für das offizielle erste Exkursionsgebiet Tödi-Clariden vom Sommer 1863. Das in Olten noch unerledigt gebliebene Traktandum « Jahrbuch » wurde im November 1863 verwirklicht durch Bestellung einer Redaktionskommission, der neben Simler und Lindt auch Roth angehörte. Die glückliche Personalunion von aktivem und schriftstellerndem Alpinisten einerseits und versiertem Zeitungsmann andrerseits, verbunden mit dem Opfersinn des Verlegers Karl Schmid, musste den Erfolg dieses « Jahrbuchs » gewährleisten und hat es auch glänzend getan. Roth, der zum ersten Jahrgang seine Bifertenbestei-gung beisteuerte, war auch Hauptredaktor der folgenden zwei Jahrgänge. Durch das Sprachrohr seines « Jahrbuchs » hat sich der junge SAC einen festen Platz nicht nur in der alpinen Welt, sondern auch in der schweizerischen Öffentlichkeit gesichert: Mit das Verdienst Dr. Abraham Roths!
Paul Sicher
Rudolf LINDT ( 1823-1893 )
Für Rudolf Lindt bedeuteten die Berge Erholung und Ergänzung zu einem reichen und tatenfrohen Leben im Dienste der Öffentlichkeit der Stadt Bern. Der Beruf eines Apothekers, den er ausübte, vermochte sein Leben nicht auszufüllen, so dass er nach höherem Sinn und höherem Dienst strebte. Als Politiker erwarb er sich vor allem um das Schulwesen der Stadt Bern dauernde Verdienste. Er war als Gemeinderat Mitglied der städtischen Exekutive und über 20 Jahre lang, von 1868 bis 1888, Mitglied des Grossen Rates, der kantonalen Legislative. Den Schulen diente er als Mitglied der Realschulkommission und war von der Gründung des Städtischen Gymnasiums im Jahre 1880 bis 1888 Mitglied der Gymnasiumskommission. An der Spitze einer besondern Kommission löste er mit diplomatischem Geschick, gleicherweise geschmeidig wie hartnäckig, die äusserst schwierige Aufgabe einer Totalreorganisation des gesamten stadtbernischen Mittelschul-wesens, wobei die Überführung der alten Kantonsschule in ein modernes städtisches Gymnasium das schwierigste Stück Arbeit war. Ebenso erfolgreich vertrat Rudolf Lindt die Interessen der Stadt Bern gegenüber dem Staate in den dornenvollen Verhandlungen um die Schaffung des Waffenplatzes Bern, und als Idealist kämpfte er für die Erhaltung der Kleinen Schanze, die als letztes Bollwerk der bernischen Westbefestigung Ende der 1860er Jahre auch der Neuerungssucht und den Ressentiments gegen die Tradition des alten Bern zum Opfer fallen sollte. So blieb die gewaltige Eskarpenmauer erhalten, welche die Parkanlage trägt, die heute ein Schmuckstück der Stadt Bern ist und von der aus der Blick so herrlich über das weite Aaretal zum Hochgebirge schweift.
Obschon Rudolf Lindt im Jahre 1823 in Bern als Burger der Stadt geboren worden war, stand auch er, wie viele der frühen Alpinisten dieser Zeit, mit dem deutschen Idealismus und der Bewegung der Jahre 1848/49 in Beziehung. Schon im Progymnasium war er ein begeisterter Turner, und das Turnen, das von Deutschland her kam, war damals nicht nur eine Leibesübung, sondern auch eine Geisteshaltung. Der kräftige, begabte Junge wurde Oberst des städtischen Kadettenkorps und nahm diese Aufgabe so ernst, dass er sich von einem alten Offizier in Taktik und andern militärischen Disziplinen unterrichten liess. Er studierte zunächst die alten Sprachen, um dann, nach einem Welschlandaufenthalt, in Bern in eine Apothekerlehre einzutreten. Die Gehilfenzeit führte lebenden Formen der Neuzeit. Dabei half mit seine Erforschung der noch älteren Funde aus der späten Glazialperiode ( Salève, Thayingen ).
II. Zwischen 1860 und 1880 erschienen seine grossen Monographien über die Naturgeschichte der Rinder, Schweine, Pferde und Hirsche. Rütimeyer ist der Begründer der Haustierforschung.
III. Sein letztes reiches Werk ist die « Monographie der alttertiären ( eocänen ) Säugetierwelt von Egerkingen » ( Solothurn ). In den Tonen des Bohnerzes eingebettet, wurden dort einzelne Knochen, Knochensplitter, Zähne und Zahnreihen gefunden. Rütimeyer konnte 90 verschiedene Arten feststellen, eine Zahl, welche die der heutigen Säugetiere der Schweiz weit übertrifft. Neben Seltenheiten wie Halbaffen herrschen die Huftiere vor, viele in Zwergform ( z.B. Pferdchen von der Grosse eines Fuchses ). Es war eine Leistung sondergleichen, aus Bruchstücken mittels der vergleichenden Arbeitsmethode auf die ganze Gestalt zu schliessen, die Zusammenhänge und Wandlungen klarzulegen. Die Säuger des Bohnerzes sind zumeist ausgestorben; sie beweisen, dass jene Ablagerung eine tropische Festlandbildung gewesen ist.
Trotz seiner wissenschaftlichen Grossarbeit kam die akademische Lehrtätigkeit nicht zu kurz; des Forschers überragende Persönlichkeit prägte sich jedem ernsthaften Schüler ein. Zeit und viel Mühe beanspruchten die Aufstellung und Pflege der naturhistorischen Sammlungen, vorab seine mustergültige Sammlung für die vergleichende Anatomie der Wirbeltiere.
« Die Begeisterung über die Schönheiten der Natur ist ein Grundzug seines Denkens und Empfindens geblieben sein Leben lang. » ( C. Schmidt. ) Daraus erwuchs die Fülle seiner « Nebenarbeiten »; sie zeigen ihn als wahrhaft universalen Naturforscher. Ihm war Bedürfnis, bei aller poetischen Betrachtungsweise den Dingen auf den Grund zu gehen, der Einzelheiten Herr zu werden und sie - zumal bei geologischen Problemen - zum packenden Gesamtbild zu vereinen. So entstanden die Schilderungen « Vom Meer bis zu den Alpen », die Beiträge für die drei ersten SAC-Jahrbücher ( « Die Bevölkerung der Alpen », « Über Berghöhlen », « Literatur zur Kenntnis der Alpen », « Gebirgszeichnungen » ), die Itinerarien für die SAC-Jahrbücher VII bis IX ( « Das Gotthardgebiet », « Das Rheinwaldgebirge », « Die Tessineralpen » ), dann die Monographie des Rigi, worin die einstige Gletscherwelt im Bereich des Vierwaldstättersees veranschaulicht wird, und endlich, unter vielem andern, das 1869 erschienene, bedeutungsreiche Buch « Über Tal- und Seebildung », eine Frucht ungezählter Beobachtungen, gereift auf seinen Reisen und Bergwanderungen. Noch vor hundert Jahren glaubte man die Täler als durch Gebirgsbildung aufgerissene Spalten und Klüfte deuten zu müssen. Im scharfen Gegensatz dazu betont Rütimeyer die Gewalt der Flusserosion; das fliessende Wasser allein grub die Täler aus, und zwar in horizontalen Erdschichten so gut wie im aufgestauten Gebirge. Die Talseen selbst sind nur Episoden einer Talgeschichte; senkende Dislokationen kreuzten die vorhandenen Rinnen und führten so zur vorübergehenden Seebildung. Rütimeyer vertrat nachdrücklich den Begriff des Aktualismus; darunter versteht man die jetzt fast allgemein gültige Anschauung, dass alle geologischen Vorgänge der Vergangenheit durch die Wirkung der gleichen Kräfte stattfanden wie in der Gegenwart ( Lyell-sches Prinzip ), im Gegensatz zur überlebten Katastrophentheorie von Cuvier.
Bewunderung erweckt es, dass Rütimeyer bei aller Arbeitsfülle, deren er Meister wurde, noch Zeit gefunden hat für seine Tätigkeit in unserm Alpenclub, und mit Genugtuung erfüllt uns seine Aussage, von allen Vereinigungen sei ihm der SAC die liebste gewesen. ( Er selbst war Mitglied von mehr als 40 wissenschaftlichen Gesellschaften des In- und Auslandes. ) Über seine offiziellen Ämter im Club orientieren die Daten zu Beginn dieser Darstellung. Als er zum Centralpräsidenten vorgeschlagen wurde, widerstand er mit der Begründung, für eine solche Stellung gezieme ein renommierter Bergsteiger; diese Eigenschaft gehe ihm ab, er repräsentiere nur die wissenschaftliche Tendenz des SAC.
Und diese Tendenz hat er wahrhaft kraftvoll vertreten! Im Jahre 1868 fassten der SAC und die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft den Entschluss, als Gemeinschaftswerk die genaue Vermessung des Rhonegletschers zu unternehmen, zur Feststellung der Schwankungen in der Gletscherbewegung. Ludwig Rütimeyer, als Beauftragter des SAC, wurde zum Präsidenten der Gletscherkommission gewählt; er kämpfte unentwegt für die Durchführung des zeitweise gefährdeten Werkes, erstattete während mancher Jahre Bericht über den Verlauf der Arbeiten und schrieb noch 1895 - kurz vor seinem Ableben - die Geschichte des Unternehmens. Von 1889 an erschienen im « Jahrbuch » und in « Die Alpen » alljährlich die « Rapports sur les variations périodiques des glaciers », heute unter dem Titel « Les variations des glaciers suisses ».
« Was der SAC für die Gletscherforschung getan hat, ist ein nobles Geschenk an die vaterländische Landeskunde », schrieb E. Jenny im Jubiläumsheft der « Alpen » ( 1938 ).
Wir wiesen bereits auf Rütimeyers Beiträge in den SAC-Jahrbüchern hin; dazu gesellten sich sehr viele Referate und 32 Vorträge, die er im Schosse der Sektion Basel gehalten hat. Die Themata waren vornehmlich naturgeschichtlicher und geographischer Art; er berichtete den Clubfreunden von seinen Reisen, machte sie vertraut mit der Morphologie unseres Landes, vertraut mit jener Sprache, welche Gebirg und Ebene, Wildbäche, Flüsse und Seen, Werden und Vergehen eindrücklich reden, und trug so zur Vertiefung des Wissens der Zuhörer bei, zur Vergeistigung des Wanderns und Bergsteigens im reinsten Sinne des Wortes.
Er wusste, wie sehr das Wissen begrenzt und subjektiv bedingt ist; der Materialismus, der später aus Darwins grosser Lehre allzu üppig ins Kraut schoss, war ihm zuwider; hinter den gelösten Problemen des Kopfes gebe es noch ungelöste und höhere des Gewissens. Man muss die unverfälschte Wahrheit sprechen lassen; die Eingliederung der Einzeltatsachen in einen grossen Zusammenhang ist das Ziel jeder Forschung. Wir denken im Hinblick auf Ludwig Rütimeyers Lebensleistung unwillkürlich an ein Wort von Goethe:
Nur immer zu! Euch ist die Welt erschlossen, Die Erde weit, der Himmel hehr und gross; Betrachtet, forscht, die Einzelheiten sammelt, Naturgeheimnis werde nachgestammelt!
R. Suter-Christoffel