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Photobastei Zürich | #womenphotographer
Publiziert am 12. März 2019
Publiziert am 12. März 2019
Selbstbestimmtes Leben
Frauen eroberten sich im 19. Jahrhundert das neue Medium Fotografie. Als Pionierinnen trugen sie Wesentliches zu seiner Entwicklung und zur Herausbildung neuer fotografischer Sehweisen bei. Die Zyanotypie-Fotogramme von Anna Atkins zählen zu den ersten Fotografien, die als wissenschaftliche Illustrationen veröffentlicht wurden. Anders als die traditionellen Disziplinen der Bildenden Kunst wie Bildhauerei und Malerei, war Fotografie von Beginn an als Medium gleichberechtigter. Sie ermöglichte den Frauen ihre Vorstellung eines selbstbestimmten, kreativen Lebens umzusetzen, zu reisen und ihr eigenes Geld zu verdienen. Bertha Wehnert Beckmann gilt als erste Berufsfotografin. Ab 1843 bestritt sie ihren Lebensunterhalt mithilfe der Daguerreotypie – einem frühen fotografischen Verfahren. Sie eröffnete ein Fotoatelier auf dem Broadway, in dem sie Persönlichkeiten aus Politik und Zeitgeschichte porträtierte. Zahlreiche weitere Fotografinnen folgten ihrem Beispiel. Sie experimentierten mit angewandter Fotografie, mit Fotografie als Kunstform, als Mittel zur Dokumentation und zur Selbstdarstellung.
Weiblicher Fotojournalismus
Ab den 1920er Jahren brillierten Fotografinnen auch im Fotojournalismus: Gerda Taro, Margaret Bourke-White und Dorothea Lange brachten es, neben zahlreichen anderen, zur Meisterschaft in dem Genre. Oft thematisieren Fotografinnen die Lebensumstände von Frauen und Kindern, dokumentieren soziale Randgruppen, konzentrieren sich auf das Alltägliche und untersuchen den weiblichen Körper schonungslos mit der Kamera. Wählen sie diese Themen abseits der grossen Weltpolitik, da sie ihnen seit jeher von der Gesellschaft zugeschrieben wurden? Oder nicht vielmehr deshalb, weil sie sich einen intimen Zugang zu ihren Sujets erarbeiten können, der ihren männlichen Kollegen meist verwehrt bleibt? Oder gibt es sie doch, die spezifisch weibliche Sichweise, den female gaze?
Merry Alpern (1955 in New York City, USA)
Für ihre aufsehenerregende Arbeit «Dirty Windows» wurde Alpern geschasst und gefeiert. Die US-Kunststiftung National Endowment for the Arts lehnte sie als Stipendiatin ab. Das Museum of Modern Art in New York offerierte ihr eine Einzelausstellung der schwarz-weiß Fotografien. Versteckt im Apartment eines Freundes hatte sie mit dem Teleobjektiv durch das gegenüber gelegene Badfenster eines illegalen Bordells nahe der Wall Street Sex-Szenen, Kokain-Genuss und den Besitzer beim Zählen der Einnahmen observiert. In ihrer nicht minder voyeuristischen Serie Shopping sind die Protagonistinnen fast ausschließlich Frauen. Inner- und außerhalb der Umkleidekabinen überwachte Alpern sie mit versteckten Kameras. Hatte sich die bürgerliche Gesellschaft noch an Dirty Windows ergötzt, zeterte sie jetzt: Ist das Kunst oder Spannerei? Denn plötzlich standen nicht mehr „die anderen“ im Visier, sondern sie selbst, die Bürgerlichen.
Roswitha Hecke (1944 in Hamburg, D)
1978 erscheint der Fotoband Liebes Leben über die Zürcher Künstlermuse und Prostituierte Irene, auch «Lady Shiva» genannt, von Roswitha Hecke zum ersten Mal. Es wird nicht nur zum Kultbuch, sondern ein Welterfolg.
Die 1944 in Hamburg geborene Fotografin Roswitha Hecke lernt Irene am Filmset bei Werner Schroeter kennen. Irene, ein heimlicher Star der damaligen Zürcher Bohème, arbeitete bis zu ihrem tragischen Unfalltod als Prostituierte. Während drei Wochen fotografiert Hecke ihren Alltag in Zürich und begleitet sie nach Rom, wo Irene immer ihren Geburtstag feierte. Entstanden ist ein subtiles und starkes Porträt einer eben so schönen wie selbstbewussten Frau mit unnachahmlicher, erotischer Ausstrahlung und stolzer Eleganz. In einer Mischung aus inszenatorischer und dokumentarischer Herangehensweise entstanden Bilder von einzigartiger Unmittelbarkeit und Gegenwärtigkeit.
«Irene wollte schön sein, eine Frau sein, frei sein. Sie war direkt und launisch wie ein Kind. Sie liebte den Flirt mehr als die Ehe. Spannung mehr als Harmonie. Sehnsucht mehr als Befriedigung. Und Distanz mehr als Berühung. Mit aller Konsequenz lebte sie ihr Leben danach.» (Roswitha Hecke)
Nan Goldin (1953 in Washington, USA)
Die Hoffnung, niemals einen Menschen zu verlieren, wenn man ihn nur oft genug fotografiert, mag nach dem überraschenden Suizid ihrer Schwester aufgekeimt sein. Ob diese Hoffnung Nan Goldins Obsession begründete, bleibt Spekulation. Sie bewahrte Goldin nicht vor dem Verlust vieler Begleiter*innen. Doch sie gibt auch Aufschluss über ihr Werk als romantische Utopie, statt einer rein radikalen, schonungslosen Dokumentation ihrer Beziehungen und Abhängigkeiten. Die Fotografien ihres visuellen Tagebuchs Ballad of Sexual Dependency ordnete Goldin in jeder Ausstellung dieser Diashow neu. Damit verweist die Arbeit nicht zuletzt auf das stets changierende Beziehungsgeflecht. Ihr Selbstbildnis, nachdem sie ihr Freund Brian verprügelt hatte, markiert darin einen unkittbaren Bruch: „Nachdem ich zusammengeschlagen worden war, teilte ich alles in ein Vorher und ein Nachher ein.“ Die Entprivatisierung alles Privaten bietet den Betrachter*innen auch einen Pakt an: Seht uns an, in unserer Unbändigkeit, in unserem Kampf, in unserer Dramatik! Geht man den Pakt ein, findet man sie am Ende vielleicht wieder, die Hoffnung, dass Amanda, Suzanne, Cookie, Vittorio und all die anderen irgendwo aufgehoben sind.
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