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Finanzanlagen werden als nachhaltig bezeichnet, wenn beim Investitionsentscheid neben wirtschaftlichen auch soziale und ökologische Anliegen berücksichtigt werden. Wissenschaftliche Studien belegen, dass eine aufgrund von Nachhaltigkeitskriterien getroffene Titelselektion langfristig einen doppelten Mehrwert generiert: eine höhere oder stabilere Rendite sowie einen positiven Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung.
Unternehmen, die mit den sozialen und ökologischen Chancen und Risiken geschickter umgehen als andere, haben weniger Schadenersatzzahlungen zu leisten, Gerichtskosten zu übernehmen, Arbeitskonflikte zu schlichten, Umweltsanierungen zu bezahlen, Rückrufaktionen durchzuführen, Reputationsschäden wiedergutzumachen usw.
Finanzielles Desaster
Ein gutes Beispiel ist der Unfall der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko im Jahr 2010. Für den Plattformbetreiber BP zog der Vorfall immense Kosten für die Beseitigung der Umweltschäden sowie Straf- und Schadenersatzzahlungen nach sich. Das Unternehmen musste 42 Milliarden US-Dollar zurückstellen. Die Aktionäre hatten einen Kursverlust von mehr als 40 Prozent hinzunehmen, die Aktie hat sich seither nicht wieder vollständig erholt.
Es ist Aufgabe einer Nachhaltigkeitsanalyse, Unternehmen zu identifizieren, die nachhaltiger wirtschaften als ihre Branchenkonkurrenten. So kann das Rendite-Risiko-Verhältnis der Anlageportfolios verbessert werden und Verluste lassen sich oft vermeiden.
Die Nachhaltigkeitsanalyse befasst sich vor allem mit langfristigen, übergeordneten Trends, die sowohl auf Branchen- als auch auf Unternehmensebene wirken. Auf der ersten Ebene werden die Auswirkungen jeder einzelnen Branche auf Umwelt und Gesellschaft untersucht. Besonders problematische Wirtschaftssektoren wie zum Beispiel die Rüstungs- und Tabakindustrie werden ausgesondert, entsprechende Aktien und Anleihen werden ausgeschlossen.
Alle anderen Branchen werden entsprechend ihrem (positiven wie negativen) Beitrag zur Nachhaltigkeit bewertet und mit einem Branchenrating versehen. So werden etwa die Telekommunikations- und IT-Branche als nachhaltiger eingestuft als die Automobilindustrie.
Auf der zweiten Ebene wird eruiert, wie jedes einzelne Unternehmen mit den spezifischen sozialen und ökologischen Chancen und Risiken seiner Branche umgeht. Wichtige Kriterien für die Nachhaltigkeitsbewertung, etwa von Automobilunternehmen, sind der CO2-Ausstoss der Fahrzeugflotte und der Einsatz neuer Technologien, sei es im Bereich der Effizienzsteigerung von Verbrennungsmotoren oder bei alternativen Antriebsformen wie Hybrid- und Elektromotoren.
Anschliessend werden Branchen- und Unternehmensratings kombiniert: Das Gesamtergebnis bestimmt darüber, ob die Aktien und Anleihen eines Unternehmens für eine Investition grundsätzlich infrage kommen. Ist das nachhaltige Anlageuniversum einmal definiert, folgen eine quantitative und qualitative Finanzanalyse sowie die Portfoliokonstruktion. Dabei kommen klassische Analysekonzepte zur Anwendung, die kurz- bis mittelfristige Rendite-Risiko-Überlegungen, Anlagehorizont, Liquidität der Titel sowie den jeweiligen Portfolio-Kontext berücksichtigen.
Umfassende Analyse
Der beschriebene Anlageprozess kombiniert auf strukturierte Art und Weise die klassische Finanzanalyse mit einer gründlichen Nachhaltigkeitsanalyse. Nur eine derart umfassende Berücksichtigung sozialer und ökologischer Chancen und Risiken führt zu einer Titelselektion, die den angestrebten doppelten Mehrwert generiert: eine höhere Rendite beziehungsweise ein tieferes Risiko und einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung.
Michael Zurkinden, wohnhaft in Arconciel, hat in Freiburg Volkswirtschaft studiert und promoviert. Er arbeitet in Bern bei der Privatbank Notenstein in der Anlageberatung und Vermögensverwaltung.