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Dr. rer. pol.
Ökonom, Eidg. Steuerverwaltung
Themenbereich: Wirtschaftspolitik, Verhaltensökonomie, Finanzmärkte
Was würden Sie sich mit einer 20-prozentigen Lohnerhöhung zusätzliches leisten? Die wenigsten würden mit dem Zustupf mehr Essen als bisher. Ebenso wenig würde man nach einer Lohneinbusse bei den Nahrungsmitteln sparen. Für die Fachperson heisst das: Nahrungsmittel sind einkommensunelastisch. Möglicherweise leistet man sich etwas höhere Qualität, wenn es das Budget zulässt. Insgesamt ändert sich die Nachfrage nach Nahrungsmittel mit zunehmendem oder abnehmendem Einkommen aber nur geringfügig. Auf jeden Fall deutlich weniger stark als beispielsweise die Nachfrage nach Ferienreisen, Autos oder schmucken Uhren auf Einkommensveränderungen reagiert.
Dies hat zur logischen Konsequenz, dass die anteiligen Ausgaben für Essen mit zunehmendem Einkommen abnehmen. Eine Auswertung des US-amerikanischen Landwirtschaftsdepartements zeigt eindrücklich, dass in Ländern mit hohen Pro-Kopf-Konsumausgaben die anteiligen Ausgaben für Nahrungsmittel systematisch tiefer sind als in Ländern mit tiefen Pro-Kopf-Konsumausgaben. Folgende Grafik veranschaulicht den Zusammenhang. Am tiefsten sind die anteiligen Essensausgaben in den USA. Obwohl die US-Amerikaner nicht im Verdacht stehen, bei der Nahrungsaufnahme allzu zurückhaltend zu sein, sind dank den hohen Einkommen nur 6,3% der Konsumausgaben nötig, um den Appetit zu stillen. In der Schweiz sind die Konsumausgaben pro Kopf in USD gemessen zwar noch etwas höher, dennoch wird hierzulande ein leicht grösserer Anteil für Nahrungsmittel ausgegeben als ennet dem Teich. Dies lässt sich am plausibelsten mit den hiesigen Lebensmittelpreisen und der stärker ausgeprägten Präferenz für qualitativ hochstehendes Essen erklären.
Am anderen Ende der Skala befinden sich Entwicklungsländer wie Nigeria und Kenia, wo die Konsumausgaben insgesamt tief sind und deshalb mehr als die Hälfte der Konsumausgaben fürs Essen aufgewendet werden (müssen).
Der negative Zusammenhang zwischen dem Wohlstandsniveau und den anteiligen Ausgaben für Lebensmittel ist nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb eines Landes zu erwarten. Die Haushaltsbudgeterhebung des Bundesamts für Statistik bestätigt dies für die Schweiz, auch wenn der Zusammenhang weniger stark ausgeprägt ist. Gemäss den Zahlen der Jahre 2012–2014 geben die 20% Haushalte mit den höchsten Bruttoeinkommen 9,4% ihres verfügbaren Einkommens (abzüglich Sparbetrag) für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke aus. Essen im Restaurant ist da-bei nicht miteingerechnet. Bei den untersten 20% der Einkommensskala sind es 13,8%. Im Vergleich zum Durchschnittshaushalt in Entwicklungsländern wie Nigeria oder Kenia bleibt aber auch den Haushalten am unteren Ende des Schweizer Einkommensspektrums noch reichlich Raum für andere Annehmlichkeiten.
Zum Thema
- iconomix-Modul. Haushaltsbudget im Vergleich
- NZZ. Je höher der Wohlstand, desto weniger anteilige Ausgaben fürs Essen: ein positiver Zusammenhang? (02.11.2017)
- Aargauer Zeitung. Was Schweizer essen und wie viel sie dafür ausgeben – die neue Ernährungs-Serie. (14.07.2017)
- Tagesanzeiger. Schweizer zahlen wenig fürs Essen. (15.07.2013)
- BFS. Haushaltseinkommen und -ausgaben nach Einkommensklasse (25.11.2016)
Dies ist ein Gastbeitrag. Inhaltlich verantwortlich ist der jeweilige Autor, die jeweilige Autorin.
Dr. rer. pol.