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Der «Schweizer Monat» (damals «Schweizer Monatshefte») wurde in der Zeit zwischen den zwei Weltkriegen gegründet. Die Schweiz blieb vom grossen Völkermorden verschont. Zwar fehlte manches, aber Hunger hatten wir nie. Man pflanzte eben Kartoffeln, statt dass man Weinberge pflegte. In den ersten zehn Nachkriegsjahren machte man sich daran, die zerstörten Städte wiederaufzubauen. Der Weinbau schien dem Tod geweiht. Man hatte keine Kraft für die schönen Seiten des Lebens.
Zu dieser Zeit lebte ich in Südamerika so weit weg vom zerstörten Europa, dass ich, vom Pessimismus unberührt, auf dem Korrespondenzweg in Truttikon im Zürcher Weinland vier Hektaren gerodetes Rebland kaufte, ohne es gesehen zu haben. 1962 kam ich mit meiner heranwachsenden Familie zurück in die Schweiz und versank für einige Jahre in strenger körperlicher Arbeit, die zum grossen Teil auf den Knien stattfand. Denn es galt 20 000 Rebstöcke zu pflanzen, jeden einzelnen sorgfältig von Hand. Ein frisch gepflanzter Rebstock trägt im 3. Standjahr erstmals einige Trauben. Meine Kenntnisse als Lebensmittelingenieur reichten aus für die Kelterung der langsam steigenden Ernten. Ich hatte das Glück, den richtigen Zeitpunkt für den Start erwischt zu haben. Der Markt war aufnahmefähig wie ein ausgetrockneter Schwamm.
Renaissance des Weinbaus
Bei meinem ersten Verkaufsgang nach Zürich betrat ich das Hotel Savoy am Paradeplatz. An der Theke stand ein weisshaariger Herr in dunklem Anzug. Es war offensichtlich nicht der Concierge. Ich brachte mein Anliegen vor und wollte zwei Musterflaschen auspacken. «Nicht nötig», sagte er, «schicken Sie 120 Flaschen.» Es war der Hotelier und Besitzer Ferdinand Michel, der offensichtlich bereit war, ein gewisses Risiko einzugehen, um die traditionsreiche Weinkultur zu retten. Er blieb ein guter Kunde bis zu seinem Tod.
Der Weinbau erlebte weltweit eine Renaissance. Hot Spot war Kalifornien, wo der begnadete Robert Mondavi zur gleichen Zeit wie wir in Truttikon seine bald legendäre Kellerei in Oakville im Napa Valley eröffnete.
Die riesige Ernte 1982 veränderte den Schweizer Weinmarkt. Die Konsumenten vermochten die höchst ertragreiche Ernte ganz einfach nicht innert nützlicher Frist wegzutrinken. In der Romandie, wo drei Viertel des Schweizer Weinbaus stattfanden, wurde die Lage bedrohlich. Und die Gespräche an unserem Kellertisch immer politischer. Nachdem ich dem guten Kunden und Freund Fred Luchsinger, damals Chefredaktor der NZZ (mehr von ihm auf S. 56), seinen Wein aufgeladen hatte, fand ich es richtig, die «Schweizer Monatshefte» zu abonnieren – das dürfte 1982 oder 1983 gewesen sein.
Staatliche Erntebeschränkungen
1993 wurde der Staat aktiv und dekretierte, wie viel Trauben pro Quadratmeter der Weinbauer produzieren darf. Man wollte die Produktion drosseln, den Trauben zu mehr Zucker und dem Wein zu mehr Alkohol verhelfen, was verkaufsfördernd wirken sollte. Inzwischen war der Alkoholgehalt wegen der Klimaerwärmung ohnehin gestiegen. Die Kunden aber bevorzugten plötzlich Weine mit niedrigerem Alkoholgehalt. Die künstlich klein gehaltenen Ernten erschwerten die nötige Anpassung und verteuerten zudem die Produktion. Da der Grenzschutz wegfiel (Rotwein 1994, Weisswein 1999), strömte billiger ausländischer Wein noch so gern in die künstlich geschaffene Lücke.
Zunächst mussten die Kantone für die Einhaltung der unglücklichen Erntebeschränkung sorgen. Per 1. Januar 2019 unterstellte dann aber das Bundesamt für Landwirtschaft uns Weinbauern ohne ersichtlichen Grund der gleichen zentralen Kontrolle wie die Weinhändler und Weinimporteure, was uns hohe Gebühren und eine Vervielfachung der bürokratischen Pflichten verursacht. Das geschieht unter dem Vorwand, Kundenbetrug zu verhindern, der allerdings gar nicht möglich ist, da wir als selbsteinkellernde Weinbauern nur die eigenen Trauben verarbeiten dürfen. Ein typischer Fall von bürokratischer Überreaktion, gegen die wir uns wehren.
Ich danke dem «Schweizer Monat» dafür, dass er stets für unternehmerische Freiheit einsteht, und wünsche ihm eine gute Zukunft.