Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/2012

Fairtrade ist oft ungerecht, das sagt der senegalesische Ökonom Ndongo Samba Sylla. Er hat ein Buch geschrieben mit dem provokanten Titel «Marketing Poverty to Benefit the Rich» – zu Deutsch: Armut vermarkten, damit die Reichen profitieren.
Ndongo Samba Sylla
Ökonom
Der senegalesische Ökonom Dr. Ndongo Samba Sylla ist Projektleiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung Westafrika. Er ist Verfasser des Buches «The Fairtrade Scandal».
SRF: Warum dieser provokative Buchtitel?
Ndongo Samba Sylla: Ich will damit sagen, dass Fairtrade eine gute Strategie ist, eine grosszügige Geste der Solidarität. Aber es gibt zwischen der Idee und der Wirklichkeit einen grossen Unterschied.
Der Handel mit Fairtrade-Produkten kommt den Ärmsten nicht zugute. Im Gegenteil: Gerade die Ärmsten werden marginalisiert.
Warum ist das so?
Dafür gibt es verschiedene Gründe. Der erste Grund ist, dass die wirklich Armen Mühe haben, sich zu organisieren. Sich zu Kooperativen zusammenzuschliessen ist aber Voraussetzung für die Zulassung zu Fairtrade.
Sie haben auch Mühe, ihre Produktion zertifizieren zu lassen, weil das zu teuer ist. Ein Beispiel: Produzenten in Guinea-Bissau konnten ihre Produkte nicht zertifizieren lassen, weil ihnen das Geld fehlte für die Busfahrt in die Hauptstadt. Das sind die Realitäten in Afrika.
Das heisst aber auch, dass Fairtrade-Organisationen die Bauern zu wenig unterstützen, damit diese ihre Produktion zertifizieren lassen können.
Ja, darum geht es. Auch wenn viele Fairtrade-Organisationen einiges tun, um den Zugang zur Zertifizierung zu verbessern. Aber die Ärmsten werden nicht erreicht, weil dieses Systems ganz auf den Export ausgerichtet ist. Die Ärmsten bauen ihre Produkte meist für den eigenen Konsum an.
Der Titel Ihres Buches sagt, dass von Fairtrade vor allem die reichen Länder profitieren. Warum?
Die Grundidee des Fairtrade-Systems besagt, dass die Konsumenten im Norden mehr bezahlen. Was sie mehr bezahlen, wird zu den Produzenten im Süden transferiert, um dort die Armut zu bekämpfen.
In der Realität bleibt dieses Mehr, das bezahlt wird, aber zu einem grossen Teil in den Ländern des Nordens. Das Geld kommt den Grossverteilern zugute, den Supermärkten und den Fairtrade-Organisationen.
Dazu kommt, dass die Mehreinnahmen durch den fairen Handel sehr gering sind – so gering, dass man nicht sagen kann: Hier wird Armut wirklich bekämpft.
Das heisst, wenn ich Fairtrade-Mangos aus Guinea-Bissau, Senegal oder Burkina Faso kaufe, unterstütze ich vor allem den Grossverteiler?
Das ist die Regel. Es mag sein, dass in einigen Wertschöpfungsketten etwas mehr zu den Produzenten gelangt. Aber global gesehen, ist das die Regel.
Aber immerhin können die Produzentinnen im Fairtrade-System ihre Landwirtschaftsprodukte zu fixen Mindestpreisen verkaufen. Sie sind also keinen Preisschwankungen ausgesetzt. Ist das nicht schon ein grosser Vorteil?
Die fixen Preise sind das eine. Das andere ist die Menge. Denn leider kann in vielen Fällen nur ein kleiner Teil der Produktion zu Fairtrade-Bedingungen geliefert werden. Der grösste Teil aber muss auf dem freien Markt verkauft werden, weil es zu wenig Abnehmer für Fairtrade-Produkte gibt.
Es gibt bei vielen Produkten eine Überproduktion. Das heisst, dass die Produzentinnen einen Verlust einfahren. Der Vorteil, den sie durch das Fairtrade-System haben, wird so unterlaufen.
Die reichen Länder müssen endlich die ungerechten Handelsstrukturen verändern.
Sie kritisieren auch, dass im Fairtrade-System Bauern ihre Rohstoffe an die Verarbeiter im Norden liefern, statt sie selber zu verarbeiten. Ist das ein Fehler im System?
Nein, das ist kein Fehler. Das ist einfach die Grenze des Modells. Es geht davon aus, dass die Produzentinnen im Süden einen Zugang zu den Märkten im Norden brauchen. Dieser Zugang besteht aber schon seit Jahrhunderten. Nur werden ausschliesslich unverarbeitete Produkte verkauft.
Mir ist kein einziges Beispiel bekannt, bei dem ein Land sich durch den Verkauf von rohen Landwirtschaftsprodukten hat entwickeln können. Das einzige Modell, das funktionieren kann, ist den Ländern des Südens endlich zu erlauben, auch verarbeitete Produkte zu exportieren.
Nur so wird man einen Wissenstransfer zu uns in den Süden haben, werden Arbeitsplätze schaffen und wird den Ländern in Afrika ermöglicht, sich wirklich zu entwickeln.
Was soll man also tun?
Man muss sich im Klaren sein, dass die Fairtrade-Bewegung im Kontext der 1980er-Jahre entstanden ist. Zu einer Zeit also, in der die Handelsstrukturen im Zuge des Neoliberalismus weltweit liberalisiert wurden.
Heute ist auf der Makroebene alles weitestgehend liberalisiert, aber auf der Mikroebene, im fairen Handel, haben wir so etwas wie starre Preisstrukturen. Da versucht man die Dinge im Kleinen zu ändern.
Deshalb sage ich – die reichen Länder müssen endlich ihre Verantwortung ernst nehmen und die ungerechten Handelsstrukturen verändern.
Nehmen Sie das Beispiel Schokolade. Die Schweiz, Belgien oder auch Frankreich produzieren Schokolade. Aber sie schotten ihre Märkte so ab, dass die Länder im Süden nur rohen Kakao exportieren können.
Das ist nicht nur nicht liberal, es zementiert auch ungerechte Strukturen. So lange das so ist, bleibt der faire Handel ein Tropfen auf den heissen Stein.
Buchhinweis
Ndongo Samba Sylla: «The Fair Trade Scandal. Marketing Poverty to Benefit the Rich.» Pluto Press, 2014.
Das ist die makroökonomische, die weltpolitische Ebene. Aber was soll ich als Konsument tun?
Für mich ist wichtig: Der Konsument ist auch Bürger. Das ist eine wichtigere Rolle als die des globalen Konsumenten. So kann man die realen Probleme der Länder des Südens in den Blick bekommen.
Das Geld kommt den Grossverteilern zugute, den Supermärkten und den Fairtrade-Organisationen.
Ein Beispiel: Die Partnerschaft, welche die Europäische Union den Ländern Afrikas aufzwingt, besagt, dass alle Länder ihre Märkte öffnen müssen – für europäische Produkte.
Das gilt auch für hochsubventionierte landwirtschaftliche Produkte. Damit tötet man die Wirtschaft der Länder Afrikas, oder das, was davon noch übrig ist.
Darum ist es zwar gut, im Supermarkt Fairtrade-Produkte zu kaufen. Aber noch wichtiger wäre es, aufzustehen und zu sagen, dass man diese ungerechten Strukturen nicht will.
Das Gespräch führte Christoph Keller.