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Jedes Jahr ertönt in der Osternachtfeier überall auf der Welt der gleiche Gesang: das sogenannte «Exsultet», das feierliche Osterlob. Es ist einer der ältesten Gesänge der katholischen Liturgie und verkündet – in poetisch verdichteter Weise und sinnenfällig inszeniert – das Ereignis von Ostern, das in dieser Nacht gefeiert wird.
Im 4. Jahrhundert gibt es erste schriftliche Zeugnisse für den in Oberitalien verbreiteten Brauch, an Ostern eine besondere Kerze anzuzünden. Jedes Jahr wurde ein Diakon damit beauftragt, ein Lob der Osterkerze zu schaffen und zu singen. Der Brauch breitete sich rasch in ganz Italien, Gallien, Spanien und Grossbritannien aus. Es gab also ursprünglich viele verschiedene, teils frei formulierte Gesänge, die gelungensten wurden wiederholt und weitertradiert, bis sich im 12./13. Jahrhundert schliesslich die eine Version durchsetzte, das heutige «Exsultet» (nach dem Anfangswort: «Frohlocket»).1
Gesungene Predigt und Gebet
Das Osterlob hat die Form einer antiken gesungenen Predigt. Ein Diakon (oder eine Kantorin) verkündet die Botschaft von Ostern. Im Gesang klingen wie in einer Ouvertüre die Festmotive an, die im späteren Verlauf der Feier ausgefaltet werden.
Gleichzeitig ist das Exsultet gesungenes Gebet in der Art der eucharistischen Hochgebete. Es beginnt mit einem Aufruf zum Jubel mitten in der Nacht. Die versammelte Gemeinde soll einstimmen in den Lobpreis des gesamten Kosmos, von Himmel und Erde. Der Gesang hat also einen universalen Anspruch: Was hier gefeiert wird, betrifft alle und alles, überall und zu allen Zeiten.
Bilder zum «Exsultet»
In Italien wurde im Mittelalter das Exsultet auf eine Pergamentrolle geschrieben und reich illustriert. Die Bilder waren ursprünglich für die Betrachtung durch den singenden Diakon gedacht, es gibt aber auch Exemplare, in denen die Bilder auf dem Kopf stehen, so dass jene, die dem Sänger gegenüberstanden, die Bilder beim Abrollen des Pergaments sehen konnten. In jüngster Zeit wurden neue illustrierte Exsultet-Rollen geschaffen, zum Beispiel im der deutschen Abtei der Benediktinerinnen von Mariendonk.
Symbolik von Nacht und Tag
Das Osterlob bildet den Höhepunkt und Abschluss des ersten Teils der Osternachtliturgie, der Lichtfeier. Diese hat ihre Wurzeln im allabendlichen Ritual des Lichtanzündens, dem Luzernarium: Wenn es dunkel wird, versammeln sich die Christgläubigen, bitten um Schutz und Beistand in der Nacht, danken Gott für das entzündete Licht, das Sicherheit und Orientierung gibt, und grüssen in ihm Christus, das «Licht der Welt», das nicht untergeht. Das Luzernarium geht seinerseits auf das jüdische Segensgebet beim Anzünden der Lampen am Beginn des Sabbats zurück.
Obwohl wir heute mit künstlichem Licht fast beliebig die Nacht zum Tag machen können, hat das Erlebnis von Dunkelheit nichts von seiner Faszination und seinem Schrecken verloren. Die Erfahrung von Tag und Nacht bleibt für die Menschen existentiell. Mit ihr verbinden wir die Gegensätze von Gut und Böse, Freiheit und Unfreiheit, Heil und Unheil, Leben und Tod.
Nachterfahrungen
Das Osterlob spricht die Nachterfahrungen an: die Dunkelheit der Nacht, in der die Gläubigen sich versammelt haben, die Verstrickungen der Menschen und der Welt in das Böse, die Wirklichkeit des Todes.
Und es ruft dazu auf, die Erhellung der Nacht wahrzunehmen: das Licht der Osterkerze, das den Kirchenraum erleuchtet, und in ihm das Lichtwerden durch Jesus Christus, für den die Osterkerze steht: «Siehe, geschwunden ist allerorten das Dunkel».
Nächte des Heils
Das Osterlob erinnert an Nächte, in denen das biblische Volk erfahren hat, wie Gott an ihm handelt, und die zu Nächten des Heils wurden: an die Nacht des Exodus, in der das Volk Israel durch das Schilfmeer zur Freiheit geführt wurde (Exodus 14); an die Nacht, in der Gott dem Volk Israel in der Gestalt einer Feuersäule voranging und ihm den Weg wies (Exodus 13,21-22) und schliesslich an die Nacht, in der Christus von den Toten auferstanden ist.
Diese Ereignisse sind nicht Vergangenheit, sie verbinden uns mit unseren Vorfahren im Glauben und Werden in der gegenwärtigen Nacht durch Wort- und Zeichenhandlungen lebendig und erfahrbar. Wir können an ihnen Anteil nehmen und sie uns zu eigen machen.
Osterkerze als Feuersäule
So steht die Osterkerze, die in der Antike mehrere Meter lang sein konnte, sowohl für die (Feuer-) Säule, die der Gemeinde – wie dem Volk Israel – den Weg durch die Nacht weist, als auch für den auferstandenen Christus, dem die Gemeinde folgt und um dessen Licht sie sich versammelt. Als Symbol für Christus ist die Osterkerze ausserdem die Lichtquelle für die vielen kleinen Kerzen, die die Gläubigen entzünden und die sie daran erinnern, dass sie durch die Taufe mit Christus verbunden «Kinder des Lichtes» sind.
Die Nächte des Heils fallen in der Osternachtfeier zusammen zum einen, stets aktuellen Heilsereignis. Das Osterlob bringt dies mit dem mehrmaligen Ausruf: «Dies ist die Nacht …» zum Ausdruck.
Glückliche Schuld?
In einem weiteren Abschnitt des «Exsultet» wird das Staunen über das Ereignis der Auferstehung Jesu zum Ausdruck gebracht mit fünf Rufen, die jeweils mit «O» beginnen. Gewisse überspitzte und gewagte Formulierungen scheinen dabei erklärungsbedürftig oder erregen sogar Anstoss, so etwa der Satz: «O glückliche Schuld, welch grossen Erlöser hast du gefunden!» – Wie kann man Schuld glücklich preisen?
Die Formel «felix culpa» ist von der Vorstellung der Kirchenväter Augustinus und Ambrosius geprägt, wonach die Erlösung des Menschen aus Sünde und Tod nicht bloss zum ursprünglichen paradiesischen Zustand vor dem Sündenfall zurückführt. Vielmehr schafft Gott durch die Erlösung einen neuen Menschen. Im Tagesgebet von Weihnachten kommt dies in den Worten zum Ausdruck: «Gott, du hast den Menschen in seiner Würde wunderbar erschaffen und noch wunderbarer wiederhergestellt.»2 Der Mensch, der durch die Nacht von Schuld und Tod gegangen ist, ersteht neu, reicher an Erfahrung und an der Erkenntnis von Gut und Böse. Er ist nicht nur Geschöpf Gottes, sondern Sohn und Tochter Gottes, sein Erbe.
Was theologisch spitzfindig erscheinen mag, ist getragen von der Überzeugung, dass keine Situation zu ausweglos ist, als dass sie nicht von Gott zum Besseren gewendet werden kann, dass auf jede Nacht, so finster sie aus scheinen mag, stets ein neuer Morgen folgt.
Ein Blick auf die biblischen Heilsnächte zeigt, dass die Menschen stets freier und stärker daraus hervorgegangen sind.
Nicht an den eigenen dunklen Abgründen und an den Nächten der heutigen Zeit zu verzweifeln, sie nicht zu verharmlosen oder zu leugnen, stattdessen ihnen entgegenzutreten, in ihnen auszuharren und ein Licht anzuzünden – so fragil, es auch sein mag – und Ausschau zu halten nach dem Licht des kommenden Tages, dazu will das Osterlob und die Osternachtfeier als Ganze ermutigen.
Letztlich ist die Formulierung der «glücklichen Schuld» nur als paradoxe Redeweise und dichterische Übertreibung akzeptabel. Sie versucht, einer Wirklichkeit Ausdruck zu verleihen, die im Grunde unsagbar bleibt, weil sie sich menschlichem Fassungsvermögen entzieht.
Morgenstern
Am Schluss des Osterlobs wird noch einmal deutlich, dass die Nächte der Welt zwar durch Christus erhellt sind, der endgültige Tag aber noch aussteht.
Im Licht der Osterkerze hält die Kirche singend und betend Wache, sie vergegenwärtigt in den biblischen Lesungen die Gotteserfahrungen des Volkes, hält Mahl zum Gedächtnis Jesu Christi und erwartet den Tagesanbruch. So endet das Osterlob mit der Bitte, die Osterkerze möge leuchten «bis der Morgenstern erscheint, jener wahre Morgenstern, der in Ewigkeit nicht untergeht …».
- Text (deutsch) und Melodie des Osterlobes finden sich im Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Kleinausgabe. Einsiedeln u.a., Benziger u.a. S. [69]-[78]. Der lateinische Text mit deutscher Übersetzung ist abrufbar unter: https://de.wikipedia.org/wiki/Exsultet (13.03.2024).
- Messbuch für die Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Kleinausgabe. Einsiedeln u.a., Benziger u.a. S. 40.
Bildnachweise: Titelbild: Der Diakon trägt das Exsultet vor, die Osterkerze wird angezündet. Bild aus einer Exsultet Rolle aus Fondi (Italien) von 1136. Paris, Bibliotheque nationale de France. / Bild 1: Osternachtfeier mit vielen Kerzen in der Kathedrale von Chartres. Wikimedia Commons: Laurent Jerry / Bild 2: Ausschnitt aus der Exultetrolle des Kapitelarchivs in Bari, 11. Jahrhundert. Wikimedia Commons / Bild 3: Osterkerze 2008 im Augsburger Dom neben einem Blumenstrauss. Wikimedia Commons: Immanuel Giel / Bild 4: Eine Person sitzt auf einem Hügel und beobachtet den Sonnenaufgang über den Bergen. uÛnsplash@alexandruz