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Recensione
di Martina Keller
Pubblicato il 18/01/2016
«In diesem Jahrhundert der unbegrenzten Möglichkeiten, warum nicht Pürin werden?» Das fragt sich «die Pürin» im Prolog von Noëmi Lerchs gleichnamigen Debütroman. Und «die Pürin wollte alleine, und als Frau, Bäuerin werden». Der etwas rätselhaft anmutende Titel «Die Pürin» funktioniert in diesem Roman wie ein Eigenname. Die Pürin ist nicht irgendeine Bäuerin, keine Frau des Bauers, sondern sie ist «die Pürin» − eine eigenwillige Frau, die den Lesern durch die Augen einer namenlosen Ich-Erzählerin vorgestellt und nähergebracht wird. Ziemlich zu Beginn der Erzählung wird klar, dass diese Ich-Erzählerin, die Gehilfin der Pürin, alles in einem kleinen Buch aufschreibt, was sie «unter Umständen» vergessen könnte. Auf diese Tagebuchform ist wohl auch zurückzuführen, dass man sich als Leserin manchmal etwas mehr Vieldeutigkeit und Spielraum und weniger abschliessende Erklärungen der Erzählerin wünscht.
Die Gehilfin schreibt in kurzen, einfachen Sätzen. Ohne Verschachtelungen und Verzweigungen erzählt sie von der Arbeit auf dem Hof, von den Tieren, von den Menschen im Dorf, von ihren Grosseltern, von einer kleinen Welt und einem einfachen Leben. Die Dinge werden nicht in grosse Zusammenhänge gestellt, alles passiert im Rhythmus der Natur. Dieses Leben ist geprägt von der Arbeit, den Tieren und von den Jahreszeiten. So ist auch Lerchs Erzählung gegliedert in fünf Kapitel, benannt nach den Jahreszeiten: von Herbst zu Herbst. Die Erzählung beginnt in einem Herbst, in dem sich die Erzählerin an den Sommer erinnert: «Im Sommer sind wir zusammen hier heraufgekommen, erinnerst du dich?» Sie richtet ihre Erzählung an ein Du, ein Gegenüber, einen Freund, der am Anfang etwas mehr, gegen Ende des Romans aber immer vereinzelter und seltener auftaucht. Die Erzählung lässt einen allmählich vergessen, dass sie an jemanden gerichtet ist. Doch hinter den einfachen, beinahe abrupten Sätzen schimmert die Erinnerung an eine unerfüllte Liebe hervor, Trauer um die Verlust des Geliebten, Todeserfahrung und Sehnsucht – das reiche Innenleben der Ich-Erzählerin. An einer Tankstelle holen die beiden jungen Leute sich kalten Kaffee. Für die Erzählerin bedeuten Tankstellen die grosse weite Welt, ein Tor zur Fremde. Doch gleichzeitig scheint sie zu merken, dass die Tankstelle sie nur an etwas Unerreichbares erinnert: «In Wahrheit hätten wir nie miteinander verreisen können. Wir gehörten uns ja nicht allein. Jeder gemeinsame Schritt ging gegen das Versprechen, das wir für ein anderes Leben abgegeben hatten». So sind es nur kurze Momente, in denen diese Sehnsucht aufflackert, dann wird sie verdrängt von der Arbeit.
Einmal schreibt die Erzählerin über die Beziehung zu diesem Freund: «Es gab nie eine Begrüssung und nie einen Abschied zwischen uns.» Genau diesen Eindruck vermittelt die ganze Erzählung. Es haftet ihr etwas Zeitloses und zugleich Flüchtiges. Dieses Gefühlt stellt sich schon ein mit dem Zitat am Anfang dieser Rezension. Um welches Jahrhundert geht es da? So erzählt die Gehilfin auch fast immer im Präsens von ihren Grosseltern, obwohl diese schon lange tot sind. Die Grossmutter singt ein Lied von den Kosaken, Bajushki Baju, das in der Stimmung der Erzählung weiterklingt.
Sowohl die Erzählerin selbst, als auch die Pürin sind schwer zu fassen, ihre Konturen unscharf. Elemente aus ihrer Biographie werden nur angedeutet. Dafür schafft die einfache wirkende, aber sehr dichte Sprache starke Bilder, die haften bleiben. Man wünscht sich manchmal etwas mehr Fluss und Zusammenhang; Konjunktionen, an denen man sich festhalten und entlanghangeln könnte. Umso intensiver sind die Momente, in denen der Rhythmus kurz unterbrochen wird, die Erzählung innehält und einen überrascht. So kommt nach dem Sommer, mit dem der Kreislauf geschlossen wäre, noch ein Herbst. Hier ist der Herbst nicht die Jahreszeit des Zerfalls, sondern die des Neuanfangs. Auf der letzten Seite des Buchs sagt Milo, ein Freund aus dem Dorf, unvermittelt: «Heute Abend reise ich ab. Wenn du willst, kannst du mitkommen.» und gemeinsam fahren sie davon über die Grenze. Und eine Geschichte, die immer gleichbleibend schien, plötzlich ganz neu an. Sie endet mit dem Satz «Bald, da werden wir vergessen sein.» So als gäbe es keine Begrüssung und keinen Abschied, keinen Anfang und kein Ende, nur einen kleinen Ausschnitt aus dem Leben der Gehilfin der Pürin.