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Im Jahr 2001 kam ein neuer Lebensabschnitt: Der Bürgerkrieg wurde offiziell beendet. Aminata und ihre Eltern waren
unter den ersten, die in das vollkommen zerstörte Yiffin zurückkehrten. Wenige Monate nach ihrer Rückkehr wurde eine
lokale Gemeinschaftsschule gegründet, Aminatas Einschulung stand zur Diskussion zwischen den Eltern. Pa Kamara
lehnte es ab und drohte Mama Kaday, sie zurück zu ihren Eltern zu schicken, wenn sie es wagen würde, noch einmal Aminatas schulische Angelegenheiten anzusprechen. Pa Kamara hatte noch am Tag ihrer Geburt seine Tochter an Herrn
Jalloh versprochen und von diesem seither wertvolle Geschenke erhalten.
„Trainingsplätze für Prostituierte“
Während einer schwachen Ernte rettete der Wunschschwiegersohn Pa Kamaras Familie sogar mit einem großen Sack Reis und zwei Hühnern. Pa Kamara schrie laut heraus: „Schulen sind doch nur Trainingsplätze für Prostituierte. Ich lasse mich nicht daran beteiligen, mein einziges Kind zur Hure zu erziehen!“ Mama Kaday entschied sich daraufhin, das Problem mit Pa Sheku zu besprechen, Pa Kamaras engstem Freund. Eines Abends, als die beiden Freunde zusammen Palmwein tranken, gelang es Pa Sheku, seinen Freund vorsichtig und diplomatisch davon zu überzeugen, Aminata doch zur Schule zu schicken. Pa Kamara stimmte dem Vorschlag seines Freundes unter einer Bedingung zu: Dass er das Recht behielte, Aminata für die Hochzeit mit Herrn Jalloh jederzeit von der Schule zu holen. Mama Kaday war enttäuscht, ging aber auf den Handel ein. So wurde Aminata an der lokalen Gemeinschaftsschule angemeldet. Einige Jahre später startete CARE ein Programm in Mama Kadays Gemeinde. Mama Kaday begann, an einer Gruppe teilzunehmen, die sich regelmäßig über das Wohl und die Entwicklung der Kinder austauschte. Sie überzeugte sogar ihren Mann davon, sich dieser Gesprächs- runde anzuschließen. Bei einem der Treffen stand das Thema Ausbildung von Mädchen zur Diskussion. Als sie auf dem Weg zum Treffen war, rief Mama Kaday laut aus: „Oh CARE, Gott hat dich wirklich gesandt um mir den Traum zu erfüllen, meiner und unserer einzigen Tochter eine Ausbildung zu ermöglichen!“
Eine aussergewöhnliche Diskussion
In der Gesprächsgruppe ging es unter anderem um jugendliche Schwangerschaften, frühe Heirat und geringe Schulbild- ung von Mädchen. Die Teilnehmer erkannten, dass das die Gründe sind, warum so viele Mütter aus Yiffin bei der Geburt sterben. Dass eine geringe Schulbildung aber auch bedingt, dass so wenige Frauen an Entscheidungsprozessen und beim Wiederaufbau des kriegszerstörten Landes teilnehmen. Es war allen klar: Wenn die Töchter Yiffins eine Ausbildung erhalten, bekommen sie später und weniger Kinder, verdienen ein höheres Einkommen, ernähren ihre Kinder gesünder und sorgen letztendlich dafür, dass eine neue, wohlhabende Generation heranwächst. Eine Realität, für die CARE den Namen „Mädcheneffekt“ prägte. Pa Kamara war während der Diskussion sehr still. Es sah aus, als dachte er tatsächlich über seine Einstellung gegenüber Aminatas Erziehung und Ausbildung nach. Zugleich bewunderte er die Mitarbeiterin
von CARE, die die älteren Frauen und Männer selbstbewusst und ohne Angst ansprach. Pa Kamara musste zugeben: „Nur gute Bildung kann dafür sorgen, dass ein zierliches junges Mädchen wie sie einer Gruppe älterer Männer und Würden-träger in unserer Gemeinschaft auf diese Weise begegnet.“ Während der Gesprächsrunde wurde auch ein Bild der gegenwärtigen liberianischen Präsidentin Ellen Johnson-Sirleaf herumgereicht. Es war für viele Beteiligten schwer zu glauben, dass tatsächlich eine Frau für das Nachbarland Liberia verantwortlich sein sollte. Als das Bild zu Pa Kamara kam, nahm er es, blickte es lange und aufmerksam an und fragte dann die CARE-Mitarbeiterin, ob das Bild echt sei. Sie bestätigte es ihm. Er betrachtete das Bild weitere fünf Minuten lang. Schließlich rannen Tränen seine Wangen herunter. Die Beteiligten waren schockiert und konnten es kaum fassen. Pa Kamara war doch ein starker und strenger Mann! Er stand langsam auf, ging direkt auf die CARE-Mitarbeiterin zu, nahm ihre Hände und flüsterte ihr ins Ohr: „Wir Männer treffen manchmal dumme und unvernünftige Entscheidungen.“ Dann verließ er die Sitzung. An diesem Abend entschuldigte sich Pa Kamara für sein Handeln und versprach, seine Frau dabei zu unterstützen, die einzige Hoffnung, die sie haben, zu fördern: Aminata. Gemeinsam besuchten sie Herrn Jalloh. Die beiden überzeugten ihn, den Heiratsplan für Aminata auszusetzen und zu warten, bis sie alt genug ist, um selbst zu entscheiden, wen sie sich zum Ehemann wünscht. Herr Jalloh war schockiert über den plötzlichen Sinneswandel. Doch nach einigen Tagen gab er der Bitte der Eltern nach. Aminata war sehr glücklich darüber. Sie fiel ihrer Mutter um den Hals und rief unter Tränen: „Nna, Nna, ich werde dir immer vertrauen!“ Für ihre herausragenden akademischen Leistungen bekam Aminata ein Stipendium der amerikani- schen Botschaft in Sierra Leone. Damit ist sie heute ein Vorbild für viele Mädchen aus dem Dorf.
Dank einer Mutter, die wie eine Löwin um die Ausbildung ihrer Tochter kämpfte.
Den ersten Teil zu „der Mädcheneffekt“ könnt ihr am hier lesen.
Aus: care_affair / care.de