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© Institut für Evolutionäre Medizin
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Der erste Blick
Manche Objekte wirken auf den ersten Blick unauffällig. Der Aderlassschnäpper MHSZ 1873 aus dem 18. Jahrhundert (vgl. Abb. 1 + 2) gehört dazu. Kennern historischer Chirurgie ausserhalb des südwestdeutschen Raums fällt vielleicht die ungewohnt schlanke Form des Gerätes auf verglichen mit der gedrungenen Pistolengriffform, die ab dem mittleren 18. Jahrhundert die Mehrheit der erhaltenen Aderlassschnäpper Westeuropas kennzeichnet (vgl. Abb. 3). Die schlanke Form ist älter, wird aber in vielen Regionen rasch durch den neuen Typ abgelöst. Nur in Südwestdeutschland und der Schweiz wird sie erst um 1820 von einer weiteren schlanken Form mit ähnlicher Verbreitung abgelöst (vgl. Abb. 4). Diese regionale Besonderheit soll hier aber nicht irritieren.
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Der zweite Blick
Was beim Schnäpper MHSZ 1873 wirklich «verkehrt» ist, offenbart sich erst, wenn man ihn mit anderen desselben Gehäusetyps vergleicht (vgl. Abb. 5). Legt man alle mit der flachen Seite und der Schneide nach unten auf die Tischfläche, weist die Spitze von MHSZ 1873 in die entgegengesetzte Richtung der anderen. Das liegt daran, dass alle Bedienelemente anders bzw. «verkehrt» herum angebracht sind.
Bei den anderen Modellen hätte man schon das Gehäuse spiegelverkehrt herstellen müssen, aber bei dieser frühen Form mussten «nur» die Durchbrüche für die Mechanik an anderen Stellen angebracht werden. Von den mechanischen Teilen selbst mussten aber mindestens der Drücker und die Schlagfeder spiegelverkehrt gefertigt werden. Und auch das Etui kann nur einen Aderlassschnäpper für Linkshänder aufnehmen (vgl. Abb. 6), wurde also extra dafür geschaffen. Dieser Schnäpper entstand also nicht einfach durch eine irrtümlich falsche Montage, die «Verkehrung» war geplant.
Die einfachste Erklärung ist, dass der Auftraggeber den Schnäpper mit der «anderen» Hand bedienen wollte oder musste. Der plausibelste Grund dafür ist, dass er Linkshänder war. Weshalb auch nicht, mag man sich denken, es gibt ja spezielle Shops für Linkshänder. Aber eben: Heute! Es gibt sie heute! Aber vor 250 Jahren?
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Ein selten geprüftes Kriterium: Händigkeit
Von den ca. 125 Aderlassschnäppern unserer Sammlung ist dies der einzige für Linkshänder. Der Anteil liegt damit bei weniger als 1 %. Würde man nur mit Schnäppern des gleichen Gehäusetyps rechnen, wären wir zwar bei einem Anteil von 4-5 %, dafür läge der Anteil bei allen anderen Gehäuseformen bei 0 %.
Für statistische Untersuchungen wäre es deshalb wichtig, mehr Instrumente und Geräte für Linkshänder untersuchen zu können. Da dies bisher bei der Objektregistrierung kein Standardkriterium war, müssten wir zumindest jene Teile der Sammlung daraufhin überprüfen, bei denen Händigkeit relevant und erkennbar ist. In der Medizin kommen dazu in Frage, in absteigender Eindeutigkeit:
- Geräte mit ergonomisch geformten Griffen
- Geräte mit ergonomisch angeordneten Bedienelementen (wie z.B. der Schnäpper)
- Alle Arten von Scheren. Regel: Für Rechtshänder schneidet die nähere Klinge im Uhrzeigersinn, für Linkshänder im Gegenuhrzeigersinn.
- Geräte, die eine Drehbewegung aus dem Handgelenk erfordern (Bohrer, Spitzer, Korkenzieher).
- Beidhändig zu bedienende Geräte, bei denen die Seitenpräferenz eine Rolle spielt.
- Sägen und Klingen mit definierter Schneidrichtung.
Vorläufig wären wir froh, auch nur ein weiteres Gerät für Linkshänder in der Sammlung zu identifizieren. Sie ist zugegebenerweise nicht durchgängig so sortiert, dass die Unterschiede schon beim einfachen Durchsehen der Kisten und Tablare ins Auge springen würden. Der bewusste Schnäpper z. B. liegt normalerweise in seinem originalen Etui (vgl. Abb. 6), das man kaum zu öffnen wagt, weil das Leder spröde und die Polsterung brüchig geworden ist. Wir haben uns immerhin vorgenommen, das Kriterium der Händigkeit nicht wieder zu vergessen. Trotzdem ist unsere Hoffnung, auf weitere Linkshändergeräte zu stossen, eher gering.
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Veränderung der Produktionsweisen
Bis ins frühe 19. Jahrhundert hinein wurden chirurgische Geräte oft lokal auf Bestellung gefertigt und der Kunde konnte persönlich Einfluss auf deren Gestaltung nehmen. Dass unser Schnäpper in jener Epoche gefertigt wurde, wird deshalb niemanden überraschen. Diese Flexibilität in der Produktion wurde aber zunehmend dem Streben nach erhöhter Produktivität geopfert.
In den Manufakturen und erst recht in den Fabriken störten Sonderwünsche nur die Abläufe und erhöhten die Kosten. Im Zeitalter der Industrialisierung schien es günstiger, die Minderheit der Linkshänder in und mit einer Umgebung für Rechtshänder zurechtkommen zu lassen, als zweigleisig zu produzieren. Auch die aus den napoleonischen Kriegen entstandenen Massenheere setzten ganz auf Uniformität, und mit der Zeit wurde Konformität von einer Tugend zur gesellschaftlichen Pflicht und schliesslich zum Zwang.
Erst die Überproduktion der Nachkriegszeit und die Liberalisierung des Einzelnen eröffneten ab den 1960ern einen Kampf um Marktanteile, in welchem sich auch wieder Produkte für Minderheiten etablieren konnten. Allein aus diesen Überlegungen ist nicht damit zu rechnen, zwischen 1825 und 1950 auf viele Linkshänder-Produkte zu stossen.
Problem der Stichprobengrösse
Erfolgversprechender erscheint uns deshalb die Suche in Beständen aus vorindustrieller Zeit. Aber welche Sammlung umfasst heute noch 50 oder 100 vergleichbare Objekte entsprechenden Alters? Entgegen jahrzehntelanger gegenteiliger Bemühungen früherer Sammlungsverwaltungen blieb bei uns ausnahmsweise eine entsprechende Zahl an Aderlassschnäppern erhalten. Immerhin. Schröpfschnäpper zum Beispiel besitzen wir «nur» etwa 45 Stück, Schröpflampen noch viel weniger.
Was sagt der Statistiker mit recht? Quantität ist auch eine Qualität!