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– 23.09.2019 –
Um den Nordamerikanischen Kontinent gegen Angriffe sowjetischer Atombomber zu schützen, führten die Luftstreitkräfte Kanadas und der Vereinigten Staaten von Amerika eine bodengestützte Fliegerabwehrlenkwaffe grosser Reichweite mit der Bezeichnung CIM-10 BOMARC ein. Das Besondere an dieser Lenkwaffe war, dass sie mit einem nuklearen Sprengkopf W40 ausgerüstet war.
BOMARC steht für Boeing Ground-to-Air Pilotless Aircraft. Diese Lenkwaffe wurde folglich in den 1950er Jahren von der Firma Boeing in den Vereinigten Staaten von Amerika entwickelt. Die Lenkwaffe besass einen zweistufigen Antrieb. Die erste Stufe umfasste ein Flüssigkeitsraketentriebwerk, welches die Lenkwaffe auf Überschallgeschwindigkeit beschleunigte. Dies war nötig, um die Triebwerke der zweiten Stufe in Betrieb zu nehmen. Dabei handelte es sich um Staustrahltriebwerke. Dieses Antriebskonzept war demjenigen der BL-64 Bloodhound Lenkwaffe, welche in der Schweiz von 1964 – 1999 im Einsatz stand, sehr ähnlich.
BOMARC-Lenkwaffe in aufgerichteter Startposition
Unterschiede zwischen den beiden Systemen bestanden jedoch in Bezug auf Reichweite und Wirkung im Ziel. Die Reichweite der BOMARC A Variante betrug 200 Meilen (320 km). Bei der BOMARC B Variante wurde die Reichweite auf 430 Meilen (700 km) gesteigert. Die Höchstgeschwindigkeit lag bei 2.8-facher Überschallgeschwindigkeit.
Der Einsatz wurde vom Semi-Automatic Ground Environment (SAGE) Führungssystem gesteuert. Dabei wurden Zielinformationen von verschiedensten Radaranlagen am Boden, auf See und aus der Luft verwertet und den Abfangjägern oder Boden-Luft-Lenkwaffen wie der BOMARC zur Bekämpfung zugewiesen. Beim SAGE handelte es sich damals um das leistungsfähigste, umfassendste und teuerste integrierte Luftverteidigungssystem der Welt.
Integriertes Luftverteidigungssystem SAGE
Mit BOMARC sollten hoch-anfliegende Formationen von sowjetischen strategischen Langstreckenbombern bekämpft werden. Dafür sollten einzelne oder mehrere BOMARC-Lenkwaffen mittels SAGE bis 10 Meilen (16 km) vor die anfliegende feindliche Bomberformation herangeführt werden. Ab diesem Zeitpunkt sollte dann das in der Lenkwaffe eingebaute Feuerleitradar vom Typ Westinghouse AN/DPN-34 die Lenkung im Endanflug übernehmen.
Mittels eines 10 Kilotonnen (kT) starken nuklearen Sprengkopfes wurde das Ziel verfolgt, möglichst die ganze anfliegende feindliche Bomberformation mit einem Schlag zu vernichten. Zum Vergleich – die am 6. August 1945 über Hiroshima abgeworfene Atombombe hatte eine Sprengleistung von 13 kT. Bei einer Sprengleistung von 10 kT beträgt der Radius des Feuerballs 200 m und die bei der Explosion freigesetzte Druckwelle zerstört Flugzeuge in einem Umkreis von über 2 km. Aus offensichtlichen Gründen wurden BOMARC-Lenkwaffen, ausgerüstet mit nuklearen Sprengköpfen, nur über dem offenen Ozean (Atlantik und Pazifik) oder über dem dünnbesiedelten Norden Alaskas und Kanadas eingesetzt. Es bestand auch die Möglichkeit einen konventionellen 1’000 Pfund schweren (450 kg) Splittersprengkopf zur Explosion bringen. Der konventionelle Sprengkopf der BL-64 Bloodhound hatte im Vergleich ein Gewicht von 150 kg. Mit dieser Lenkwaffe sollten auch “nur” einzelne anfliegende feindliche Flugzeuge bekämpft werden.
Boeing stellte 570 BOMAR-Lenkwaffen zwischen 1957 und 1964 her. Davon entfielen 269 Stück auf die Variante A und 301 Stück auf Variante B. Der erste erfolgreiche Start einer BOMARC fand am 15. Januar 1959 statt. Auf dem Höhepunkt des BOMARC-Programms wurden vierzehn Lenkwaffenstellungen in den Vereinigten Staaten und zwei in Kanada betrieben.
BOMARC-Lenkwaffenstellung (die Lenkwaffen wurden in den rechteckigen Unterständen aufbewahrt)
In Kanada führte die Stationierung von nuklear-bestückten BOMARC-Lenkwaffen zu einer politischen Kontroverse, als dies in der kanadischen Bevölkerung bekannt wurde.
Text: Beat Benz