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Wenn es eine Disziplin gibt, in der Ernesto Bertarelli bisher nur selten brilliert hat, dann ist es das Verlieren. Als der Genfer Multimilliardär vor fünf Jahren beschloss, am America’s Cup teilzunehmen, verschwendete er keine Gedanken an die Möglichkeit einer Niederlage. Bertarelli flog nicht nach Neuseeland, um sich an der prestigeträchtigsten Segelregatta der Welt unter «ferner liefen» zu klassieren. Er fuhr hin mit dem erklärten Ziel, den «Kiwis» die begehrte Segeltrophäe zu entreissen und in die Schweiz zu entführen. Was er im März 2003 dann bekanntlich auch tat.
Seit diesem Husarenstück gilt der Serono-Chef als Fachmann im Realisieren von Utopien. Keiner verströmt hierzulande so viel Glamour wie der Biotech-Unternehmer vom Lac Léman: cool, sexy, mutig und märchenhaft reich. Die Attribute sind bekannt. «Man muss seine Träume leben», lautet der Wahlspruch des Nonkonformisten, der Serono seit 1996 als CEO vorsteht: «Es ist die Auffassung, dass es weder Beschränkungen noch Grenzen gibt, wenn man alles versucht, um ein Ziel zu erreichen. Es ist dieselbe Lektion im Geschäftsleben, im Sport, für jeden, der versucht, ein Projekt zu realisieren.» Was Wunder, traut man dem Mann mit dem Eroberer-Image inzwischen fast alles zu – selbst dass er den Spass an seinem grössten Spielzeug verlieren und die Traditionsfirma Serono meistbietend verhökern könnte. «Bei Serono ist alles möglich», erklärt ein Genfer Mitarbeiter, «das macht die Magie dieser Firma aus.»
Schon Fabio Bertarelli, dem es in den siebziger Jahren unter glücklichen Umständen gelungen war, das Römer Istituto Farmacologico Serono dem Vatikan abzuhandeln und in Familienbesitz überzuführen, wusste um die Kraft einer bejahenden Lebenseinstellung: «Positivismus», definierte der Vater, «bedeutet, Leib und Muskeln, Gehirn und Knochen zu achten, der Maschine Körper an Schlaf, frischer Luft und Erlebnissen zu gewähren, was sie braucht – einschliesslich des einen, welches die katholische Kirche untersagt.»
Ernesto Bertarelli, der sich darauf freut, 2006 selbst zum dritten Mal Vater zu werden, hat seinem eigenen Erzeuger viel zu verdanken. Und das weiss er auch. Obschon ihm der alte Herr praktisch keine andere Wahl liess, als in seine Fusstapfen zu treten und vor zehn Jahren die Firmenleitung zu übernehmen, himmelt ihn der Sohn im Rückblick richtiggehend an: «Er hatte ein Charisma, das Armeen bewegt», sagte er einmal über den 1998 an Lungenkrebs gestorbenen Vater. «Er war – wie Alexander der Grosse – der Stärkste, Mutigste und Fleissigste. Immer der Erste auf dem Schlachtfeld.» Bisweilen pflegt Bertarelli den glorifizierten Ahnherren auch mit Napoleon zu vergleichen, um bei anderer Gelegenheit wiederum bündig festzustellen: «Wir sind uns sehr ähnlich.»
Energiegeladen, drahtig und immer in Bewegung, verkörpert der jugendliche Patron die Antithese eines ausgelaugten, in seiner Routine erstarrten Industriekapitäns. Gerne wiegt Bertarelli seinen durchtrainierten Body zu treibenden Rhythmen wie Funk, House oder Beat, drückt im Kraftraum lustvoll Hanteln, fährt Ski, spielt Squash, golft oder segelt. Ansonsten schirmt der polysportive Beau sein Wirken aber mit Bedacht vor den Augen des interessierten Publikums ab. Als privates Engagement definiert er im Grunde auch seinen Mehrheitsbesitz an Serono – dies, obschon deren Titel seit 1987 an der Schweizer Börse gelistet sind. Wenn es um Fragen geht, die über offizielle Statements und Verlautbarungen hinausgehen, geniesst die Genfer Biotech-Firma den Ruf, verschlossen wie eine Auster zu sein. Nicht ganz einfach gestaltet sich mithin die Suche nach verlässlichen Hintergrundinformationen.
Da können schon einmal ein paar Monate ins Land gehen, bevor es gelingt, mit Djan Yagtug, dem ranghöchsten Kommunikationsverantwortlichen bei Serono und persönlichen Mediencoach Ernesto Bertarellis, ins Gespräch zu kommen. Allerdings bittet auch der unter Verweis auf «strategic review» und «quiet period» um Verständnis. Nur so viel lässt sich Yagtug entlocken: Über das Informationsleck bei Goldman Sachs, das die Verkaufsabsichten der Familie publik werden liess, sei Herr Bertarelli «very upset», will heissen sehr verärgert, gewesen. «Aber bitte», setzt der Firmenkommunikator sogleich hinzu, «zitieren Sie mich nicht.» Während sich die Spekulationen bezüglich der Zukunft des Biotech-Konzerns überschlagen, verbarrikadiere sich Serono hinter einer «quasireligiösen Stille», stellte das Westschweizer Wochenmagazin «L’Hebdo» kürzlich fest.
Ein Verhalten, das durchaus ins Bild passt, wenn man um die Pressescheu von Fabio Bertarelli weiss. Über Familieninterna äusserte sich «der Alte» zeit seines Lebens nur in homöopathischen Dosen. Mit dem einigermassen kuriosen Effekt, dass in den hiesigen Gazetten von jeher nur von Ernesto und seiner jüngeren Schwester Donatella die Rede ist, wiewohl der Vater – stützt man sich auf italienische Quellen – zwei weitere Nachkommen gezeugt haben soll. Zum Verbleib von Maria und Fabio junior, wie die Halbgeschwister angeblich heissen, fand sich in den Archiven bis Redaktionsschluss aber keine weiterführende Spur.
Die Anfänge des Familienbetriebs gehen auf den Arzt und Universitätsprofessor Cesare Serono zurück. Ende des 19. Jahrhunderts hatte dieser in Turin das Istituto Farmacologico Serono (IFS) gegründet und den Sitz 1906 nach Rom verlegt. Vertrieben wurden vorwiegend biologische Heil- und Kräftigungsmittel, die sich mit relativ bescheidenen Mitteln aus natürlichen Substanzen gewinnen liessen. Wichtigster Umsatzträger war anfänglich etwa ein Extrakt aus Hühnereiweiss, dem man die verschiedensten medizinischen Wirkungen zuschrieb. In dieser Phase war Ernesto Bertarellis Grossvater in die Firma eingetreten und hatte sich in der Folge vom Finanzcontroller bis zum Generaldirektor hochgearbeitet. Unter seiner Ägide startete Serono in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts ihr erstes Grossprojekt, die Gewinnung von Fruchtbarkeitshormonen auf der Basis menschlichen Gonadotropins.
Isolieren liessen sich diese Hormone, welche die weibliche Eibildung anregen, am bequemsten aus einem reichlich verfügbaren Abfallstoff: menschlichem Urin. Besonders ergiebig waren in diesem Kontext die Ausscheidungen von Frauen nach der Menopause, weil gealterte Eierstöcke die Hormonbildung einstellen und der menschliche Körper auf diese Veränderung mit einem Überangebot an eibildenden Hormonen antwortet. Um den Rohstoff dafür in ausreichender Quantität zu beschaffen, zog Grossvater Pietro Bertarelli nach dem Zweiten Weltkrieg in Italien ein regelrechtes Harn-Sammelnetzwerk auf. Dabei bediente er sich der gütigen Beihilfe des Vatikans, zu dem das Istituto Farmacologico Serono beste Beziehungen unterhielt (siehe Nebenartikel «Firmengeschichte: Schweinezellen für den Papst»). Wo es darum ging, hektoliterweise den Urin älterer Frauen einzusammeln, entpuppten sich die italienischen Nonnenkonvente als erste Wahl. Zweimal täglich, morgens und abends, klopften Serono-Abgesandte an die Klosterpforten, überbrachten den Schwestern kleine Geschenke und holten im Austausch dafür deren kostenlose Naturalienspende ab.
Bevor moderne biotechnologische Produktionsmethoden in der Branche Einzug hielten, wurde aus dem begehrten «Nonnenwasser» das Fruchtbarkeitsmittel Pergonal isoliert. Die Substanz entwickelte sich für Serono zum ersten Verkaufsrenner. Insbesondere die Entdeckung der In-vitro-Fertilisation Ende der siebziger Jahre liess den Markt für Pergonal förmlich boomen. Auf Grund der Nachschubprobleme, die sich daraus ergaben, sah sich das Institut genötigt, seine Sammelanstrengungen zu internationalisieren. Auf dem Höhepunkt des Produktezyklus wurden zur PergonalHerstellung jährlich rund 70 Millionen Liter Frauenurin benötigt. Zur Bewältigung des biblischen Volumens trug ein Heer von weltweit über 100 000 Freiwilligen – mehrheitlich Frauen nach der Menopause – zur industriellen Urinkollekte bei. In insgesamt 26 Sammelzentren in Italien, Spanien, Brasilien und Argentinien lief der spezielle Saft zusammen und wurde von dort containerweise nach Rom gesandt.
In den Serono-Labors am Tiber wurde nicht nur im Hektoliterbereich mit menschlichen Ausscheidungen gearbeitet, sondern auch ausgiebig mit Zellkulturen sowie menschlichen Organen experimentiert. Um an aktive Wirksubstanzen zu gelangen, waren bis in die achtziger Jahre hinein etwa Gehirnanhangsdrüsen (Hypophysen) und Plazenten gefragt – und dies notabene in erheblichen Mengen.
Gewöhnungsbedürftig ist auch ein Grundstoff, aus dem Serono die Vorläufersubstanz ihres Umsatzrenners Rebif gegen multiple Sklerose gewann, ohne dies je an die grosse Glocke zu hängen. Die Rede ist von einem natürlichen Beta-Interferon, das gegen eine Vielzahl von Krankheiten eingesetzt werden kann und unter der Bezeichnung «Frone» noch heute gelegentlich auf dem Schwarzmarkt auftaucht. Gewonnen wird das wundersame Allheilmittel aus den Penisvorhäuten jüdischer Knaben, die bei der rituellen Beschneidung anfallen. Ein einziges solches Hautfetzchen, beteuern Spezialisten, berge theoretisch das Potenzial, sich zu einer Zellmembran von der Grösse von sechs Fussballfeldern auszuwachsen. Männern, egal welchen Alters und ob fussballbegeistert oder nicht, verleihe Frone «sofortige Energie und Kraft», wird der Vorhautextrakt auf einschlägigen Internetseiten angepriesen: «Vom Stillstand zur Virilität in nur 48 Stunden.»
Auch bei Dopingvergehen im Sport geraten Kräftigungsmittel von Serono regelmässig unter Verdacht. So lässt sich etwa das Wachstumshormon Grorm, das in der menschlichen Gehirnanhangsdrüse angereichert wird, problemlos zum illegalen Muskelaufbau missbrauchen. Früher wurde das Wundermittel minderwüchsigen Kindern appliziert. Heute fühlen Spitzensportler, die es illegalerweise zu sich nehmen, «die Kraft eines Stieres» in den Beinen, wie der «Spiegel» in einem Beitrag über Doping im Radsport berichtete. Wer noch einen Schritt weiter gehe und das Hormon mit EPO kombiniere, schrieb das Nachrichtenmagazin, erlebe «einen richtigen Bums». Konservative Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens ein Drittel der Weltjahresproduktion an Wachstumshormonen ausserhalb des medizinisch kontrollierten Anwendungsbereichs verbraucht wird. Andere liegen deutlich höher. Dass ambitionierte Spitzensportler Wachstumshormone meist im Mix mit anderen Dopingmitteln konsumieren, erschwert deren Nachweis im Körper, was die hohe Dunkelziffer erklärt.
Im Zweiten Weltkrieg hatte Fabio Bertarelli bei der italienischen Marine gedient und war 1943, nach der Kapitulation der Italiener, vorübergehend in Kriegsgefangenschaft geraten. Nach gelungener Flucht hatte er sich zunächst eine Weile an der Seite des Grossvaters versucht, doch schien die Chemie zwischen den beiden überhaupt nicht zu stimmen. Von Pietro Bertarelli ständig kritisiert und erniedrigt, floh Fabio nach Brasilien, wo er sich fünf Jahre lang mit dem Verkauf von Glaswaren und Tiernahrung über Wasser hielt. Nach seiner Rückkehr zu Beginn der fünfziger Jahre vertrieb er sich die Zeit auf schnittigen Segelyachten – angeblich soll der Vater damals schon den Fantasienamen «Alinghi» benutzt haben. Nebenbei jobbte er immer wieder bei Serono, als Assistent des gestrengen Grossvaters Pietro.
Zu den schlecht ausgeleuchteten Passagen in der Familienchronik zählen die engen Kontakte der Bertarellis zu den Finanzverwaltern des Heiligen Stuhls, die in jene Epoche fallen. Als Pietro Bertarelli Mitte der sechziger Jahre in Rom starb, lag die Kontrolle über Serono jedenfalls noch bei der Vatikanbank, dem Istituto per le Opere di Religione (IOR), dessen finanzielles Beteiligungsgeflecht bekanntlich auch Beteiligungen an Firmen aus dem Rohstoff- und dem Waffenhandel umfasste. Schlichtweg grotesk mutet aus heutiger Sicht an, dass der Heilige Vater in seiner 1968 erschienenen Enzyklika «Humanae Vitae» den Gebrauch von Empfängnisverhütungsmitteln ausdrücklich verdammte, während er gleichzeitig offenbar kein Problem darin sah, aus dem Absatz des Serono-Kontrazeptivums Luteolas Profite zu schlagen.
«Als der Papst darauf verzichtete, in einer Sänfte getragen zu werden, hat er einen kolossalen Fehler begangen», pflegte Fabio Bertarelli zu sagen. «Ein General muss wie ein General gekleidet sein, nicht wie ein Clochard. Die Macht braucht ihre Liturgie.» Gerade deshalb setzte er bei der Erziehung des 1965 zur Welt gekommenen Ernesto wohl alles daran, Ungerechtigkeiten, die ihm als Nachkomme eines strengen und allzu einengenden Vaters widerfahren waren, im Umgang mit seinem eigenen Sohn zu vermeiden. Kaum konnte der Stammhalter aufrecht gehen und ein paar Worte von sich geben, band ihn der Vater auch schon in das Familiengeschäft ein und hiess den minderjährigen Knirps anlässlich der Betriebs-Weihnachtsfeier dem Serono-«Mitarbeiter des Jahres» symbolisch ein kleines Präsent überreichen. «Ich habe in dieser Firma gebadet», macht Ernesto Bertarelli seine Verbundenheit plastisch. «Und dies von frühester Kindheit an.»
Mit sieben verfrachtet ihn der Vater nach Genf und steckt ihn dort in die streng katholische Internatsschule Florimont, wo Ernesto neun lange Jahre verbringt. Als er diese Initiationsrunde überstanden hat, nimmt ihn der Papa in einer ruhigen Minute zur Seite und erklärt dem Sprössling, wie man den Jahresabschluss erstellt. An der Genfer Ecole Moser, wo Bertarelli später die eidgenössische Matura erlangt, lernt er den Genfer Michel Bonnefous kennen, was dem designierten Serono-Chef in seiner Entwicklung hilft und ihn vorübergehend auf andere Gedanken bringt. In diese Phase fällt auch die «kleine Rebellion», zu der sich Ernesto Bertarelli einst verklausuliert geäussert hat: «Ich sah keine Zukunft in der Schweiz. Alles war zwar schön, aber nicht weit genug.» In Genf fällt Bertarelli junior damals als Liebhaber schneller Sportwagen auf, der wiederholt von der Strassenpolizei gebüsst wird.
Um der Verantwortung, die auf ihn wartet, noch einmal zu entfliehen, setzt sich Ernesto nach der Matura für ein paar Jahre in die Vereinigten Staaten ab, besucht in Boston das Babson College und ergattert daraufhin an der Harvard Business School aus dem Stand einen Studienplatz. In diesem Kontext äusserte die «Financial Times» den Verdacht, Bertarellis Zulassung zur amerikanischen Eliteuniversität sei durch ein Empfehlungsschreiben des Vatikans erleichtert worden. Wie auch immer: Kaum hat Ernesto das begehrte MBA-Diplom im Sack, ernennt ihn Fabio auch schon zu seinem Stellvertreter.
Bis heute nicht wirklich geklärt sind die Umstände, unter denen die Serono-Aktien zu Beginn der siebziger Jahre ins Eigentum der Familie Bertarelli übergingen. Nur so viel steht fest: Als das Finanzimperium des Vatikanvertrauten und notorischen Schwindlers Michele Sindona 1974 wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel, hatte sich Ernestos Vater die Mehrheit an der Firma bereits gesichert. Auch verfügte das römische Heilmittelinstitut, dessen Sitz 1977 offiziell nach Genf verlegt wird, zu diesem Zeitpunkt bereits über eine Filiale am Lac Léman. Zu diesem undurchsichtigen Kapitel in der Serono-Erfolgsgeschichte gab Fabio Bertarelli zwei Jahrzehnte später in einem seiner raren Zeitungsinterviews zu Protokoll: «Wie es seiner Gewohnheit entsprach», habe Sidona seinerzeit versucht, die Serono-Aktien aufzublähen, bevor er sich ihrer entledigt habe. Zum Glück sei ihm dies aber gründlich misslungen, so der Vater, der somit recht günstig zu der Firma gekommen sein dürfte.
Den Wandel von der päpstlichen Urinsammelstelle zum modernen Biotech-Unternehmen, der sich auf Grund des technologischen Fortschritts zu Beginn der achtziger Jahre aufdrängte, vollzog Fabio Bertarelli nach eigenen Angaben nur widerwillig: «Ich habe alles getan, um diese Umstellung zu vermeiden», gab er fünf Jahre vor seinem Tod zu Protokoll. «Die Entwicklung der Biotechnologie hat uns gezwungen, unser Metier zu wechseln. Das war sehr mühsam.» Anstatt Wachstums- und Fruchtbarkeitshormone wie gehabt aus menschlichen Ausscheidungen und Organen zu extrahieren, werden die gesuchten Eiweissmoleküle heute in Bioreaktoren unter Einsatz von gentechnisch veränderten Hamsterzellen hergestellt. Die Umstellung der Produktion auf rekombinante Verfahren erforderte zwar gewaltige Anfangsinvestitionen, liess aber gleichzeitig auf sinkende Durchschnittskosten bei verbesserter und gleich bleibend hoher Produktequalität hoffen. 1989 gelang es Serono, mit dem Wachstumsförderer Saizen ein erstes gentechnisch hergestelltes Medikament auf den Markt zu bringen. 1996 folgte die europäische Zulassung des Fruchtbarkeitsmittels Gonal-F (an Stelle des urinbasierten Pergonal), das bis heute den zweitwichtigsten Umsatzträger des Unternehmens darstellt.
Aufschlussreich ist es zu wissen, woher die Mehrzahl der bahnbrechenden Forschungsergebnisse stammen, auf denen der Markterfolg von Serono heute beruht. Während sich die Basler Pharmakonzerne vornehmlich in Richtung USA orientierten, wählte Fabio Bertarelli einen anderen Ansatz und entschloss sich, das Wissen israelischer Akademiker anzuzapfen. In einem Industriepark in unmittelbarer Nähe des renommierten Weizmann Institute of Science bei Tel Aviv gründete er 1978 die Serono-Tochter Interpharm. Angelockt wurde Bertarelli senior dabei nicht zuletzt von grosszügigen Vorzugsbedingungen, die der israelische Staat ausländischen Investoren gewährt, deren Forschungs- und Entwicklungsvorhaben als volkswirtschaftlich wichtig eingestuft werden. Einzige Bedingung: Die bevorschusste Firma darf ihr in Israel erworbenes Wissen nicht ins Ausland transferieren.
Noch wichtiger für Bertarellis Standortwahl war indessen der ursprünglich aus dem elsässischen Strassburg stammende Forscher Michel Revel, der am Weizmann Institute seinerzeit die Abteilung für molekulare Genetik leitete. Ihn machte Fabio Bertarelli bei Interpharm zum Forschungschef – ein Schachzug, der sich für Serono tausendfach auszahlen sollte. Dank Professor Revels bahnbrechenden Arbeiten schaffte es die Serono-Tochter in den neunziger Jahren, das humane Fibroplast-Interferon Frone, das, wie bereits erwähnt, aus einem delikaten, insbesondere in Israel anfallenden Rohstoff hergestellt wurde, durch ein rekombinantes Verfahren zu ersetzen. Dies war die Geburtsstunde von Rebif, einem so genannten Beta-Interferon, das sich im Kampf gegen Hepatitis, Brust- und Gebärmutterkrebs sowie zur Behandlung multipler Sklerose als wirksam erwiesen hat und mit den Jahren zum ersten und bisher einzigen Blockbuster im Serono-Sortiment heranwuchs.
Jahrelang wurde Beta-Interferon exklusiv von Interpharm hergestellt und als Rohware exportiert, bis Fabio Bertarelli vom israelischen Industrie- und Handelsministerium 1994 die Erlaubnis erhielt, zumindest einen Teil der Produktion in die Schweiz zu verlagern. Bezeichnenderweise beruht die Technologie, die es Serono heute erlaubt, Rebif auf der Basis von Eizellen chinesischer Hamsterweibchen herzustellen, ebenfalls auf Forschungsarbeiten von Professor Revel. Vor diesem Hintergrund erscheint es nur logisch, dass israelische Ingenieure bei Errichtung der neuen Serono-Fabrikationsanlage oberhalb von Vevey, insbesondere bei der Installation der riesigen Bioreaktoren, eine Schlüsselrolle gespielt haben.
Doch damit nicht genug: Auch Gonal-F gegen Sterilität – hinter Rebif das zweitwichtigste Serono-Präparat – basiert auf wissenschaftlichen Vorarbeiten, die in Israel geleistet wurden. Genauer gesagt von der jungen Forscherin Aliza Eshkol, die in den sechziger Jahren an der Klinik Tel Hashomer tätig war, die mit dem Weizmann Institute zusammenarbeitet. Addiert man den Umsatz der beiden Präparate, gehen mehr als zwei Drittel der derzeitigen Konzernverkäufe auf Grundlagen zurück, die nachweislich in Israel erarbeitet worden sind. Umso grösser war dort die Entrüstung, als das Schweizer Mutterhaus Ende 2004 überraschend bekannt gab, Interpharm zu schliessen und 130 Beschäftigte zu entlassen.
Ein paar Monate zuvor hatte es noch ganz anders geklungen: 200 Millionen Dollar wollte Serono angeblich in Israel investieren, um eine weitere Grossanlage zur Rebif-Herstellung hochzuziehen. Da jedoch die dafür erhofften Investitionszuschüsse seitens der öffentlichen Hand ausblieben, überlegte es sich Ernesto Bertarelli anders und blies die Übung wieder ab. Schon früher war es im binationalen Interessengefüge verschiedentlich zu Spannungen gekommen – etwa als die Zellbank von Interpharm, deren Wert Experten in Milliardenhöhe ansiedeln, für lächerliche zwei Millionen Franken an den Hauptsitz nach Genf transferiert wurde und Minderheitsaktionäre dem Konzern vorwarfen, die israelische Tochter systematisch auszuhöhlen.
Auch nach dem unverständlichen Schliessungsentscheid gingen in Israel die Emotionen wieder hoch: Für den «Preis einer Dreizimmerwohnung in Tel Aviv» habe sich Serono die Interpharm-Aktien unter den Nagel gerissen, hiess es in der israelischen Presse. Es sei, als wäre dem Land ein «nationaler Schatz» entrissen worden, der nun «dauerhaft in einem Schweizer Museum ausgestellt» würde. Die Hälfte der Börsenkapitalisierung von Serono basiere auf Know-how aus dem Weizmann Institute und auf Subventionen der israelischen Regierung, ärgerte sich Chief Scientist Shuky Gleitman: «Die Zuschüsse wurden der Firma aus dem Einverständnis heraus gewährt, dass Serono die Produktion in Israel in vernünftigem Umfang aufrechterhält.»
Fabio Bertarelli, der die Forschungsachse zum Weizmann Institute 1978 begründet hatte, erwies sich zeit seines Lebens als gewiefter Subventionsjäger. 1982 verlegte er den operativen Sitz von Ares-Serono, wie sich die Firma damals nannte, kurz entschlossen nach Boston, um in den Genuss staatlicher Beihilfen in dreistelliger Millionenhöhe zu kommen. Als US-Präsident Ronald Reagan das betreffende Förderprogramm, das als Anreiz für die biotechnologische Grundlagenforschung gedacht war, nach ein paar Jahren sistierte, zögerte Ernestos Vater keinen Moment, den operativen Sitz zurück nach Genf zu transferieren.
Fiskalisch motiviert ist auch der Entscheid, die guten Beziehungen mit Israel zu kappen und das Land nach über einem Vierteljahrhundert fruchtbarer Zusammenarbeit als Forschungs- und Produktionsplattform fallen zu lassen. Ernesto Bertarelli scheint gewillt zu sein, in Zukunft anstatt in Tel Aviv wieder vermehrt dort zu investieren, wo seine familiären Wurzeln liegen: am Tiber. Vergessen die Zeit, als die Regierung in Rom ihre Gesundheitssubventionen massiv zurückschraubte, woraufhin die Verkaufszahlen von Serono im «bel paese» empfindlich eingebrochen waren. Damals fuhren die Bertarellis die Produktion in Italien deutlich zurück; mehrere Fabriken wurden im Verlauf der neunziger Jahre restrukturiert oder geschlossen. In Apulien betreibt der verschwiegene Biotech-Multi jedoch bis heute eine seiner weltweit wichtigsten Produktionsbasen – die Fabrik in Modugno bei Bari.
Darüber hinaus verfügt die vormalige Vatikantochter in Italien auch im sensiblen Forschungsbereich nach wie vor über eine bemerkenswert starke Heimbasis. «Unsere Interessen liegen heute in verschiedenen Teilen der Welt», deklarierte Ernesto Bertarelli vor drei Jahren gegenüber der Römer Tageszeitung «La Repubblica», «aber unsere zwei wichtigsten Forschungszentren befinden sich in Italien.» Zum einen meinte er damit wohl den Serono-Ableger in Colleretto Giacosa bei Turin, wo das Unternehmen traditionellerweise einen Grossteil seiner präklinischen Tests durchführen lässt. Das konzerneigene Kontrakt-Forschungsinstitut RBM Marxer, das dort in einem Technologiepark angesiedelt ist, gerät auf Grund seiner angeblich grausamen Praktiken seit Jahren immer wieder ins Visier militanter Tierschützer. Im Oktober 2004 demonstrierten deswegen rund 400 Aktivisten vor dem Genfer Serono-Hauptsitz.
Bei der zweiten bedeutenden Forschungslokalität in Italien handelt es sich um die Anlage von Guidonia Montecelio vor den Toren Roms, wo früher im grossen Stil Urinbestandteile extrahiert wurden. Im Januar 2005 konnte Bertarelli an diesem Standort ein neues Hightech-Forschungszentrum in Betrieb nehmen, dessen Bau 70 Millionen Euro verschlungen hat. Durch eine glückliche Fügung sah sich der Genfer Multimilliardär jedoch in die Lage versetzt, nur die Hälfte davon selbst bezahlen zu müssen. Die restlichen 35 Millionen Euro stammen aus dem Strukturförderungsetat der Europäischen Union (EU).
Doch nicht alles, was der agile Biotech-Unternehmer anpackt, entwickelt sich automatisch zu einem Erfolg. Im Oktober 2005 musste Bertarelli in einen Vergleich mit dem US-Justizministerium einwilligen, der Serono wegen betrügerischer Vermarktungspraktiken zu einer Strafzahlung in Milliardenhöhe verpflichtet. Die Hintergründe des Verdikts – manipulierte Bedürfnisabklärungen und illegale Kick-back-Zahlungen an amerikanische Ärzte – lassen den Winning Spirit, der bei Serono so gern zelebriert wird, in einem zwiespältigen Licht erscheinen.
Seinen Glauben an eine Unternehmenskultur, in deren Zentrum sein eigenes leuchtendes Beispiel steht, lässt sich der America’s-Cup-Gewinner durch Misserfolge wie diesen nicht nehmen. «Wenn Sie mein Segelboot sehen, werden Sie meinen Managementstil begreifen», meinte er einmal zu einem Reporter. Ob Serono unter seinem zeitintensiven Hobby leide, wurde Bertarelli ein andermal gefragt. «Nein, es nützt der Firma», war seine Antwort. «Es ist ein Beispiel, dem man folgen will.»
Bei Serono sei der Leistungsdruck ausserordentlich hoch und die Organisation oftmals «ein bisschen chaotisch», sagt eine Kaderfrau, die heute für die Konkurrenz arbeitet. «Obwohl ich nur ein paar Jahre älter bin als Ernesto», erklärt sie, «habe ich mich in dieser Firma immer alt gefühlt.» Wer es nach oben schaffen wolle, müsse zunächst einmal lernen, die speziellen Besitzverhältnisse zu akzeptieren: «Wenn man Geld für ein Projekt beantragt, sollte man sich stets bewusst sein, um wessen Geld es sich handelt», empfiehlt die Exangestellte. «Ich versuche, keine dritte Chance zu geben», beschreibt der Eigentümer-Patron seinen Führungsstil. «Die Menschen müssen lernen, wie wertvoll Vertrauen ist.»
Rigoros wendet Bertarelli Rezepte, die sich in seiner Firma bewährt haben, auch beim Segeln an. Und umgekehrt. Der Serono-Hauptaktionär ist ein Wettkämpfer vom Scheitel bis zur Sohle; einer, dem das Prinzip des Leistungsvergleichs in jede Körperfaser eingeschrieben ist. Sogar die langjährige Freundschaft mit dem Segelpartner und heutigen ACM-Präsidenten Michel Bonnefous soll nach dessen eigener Aussage auf einem Gefühl von Rivalität beruhen. «Ernesto liebt den Kampf», sagt der Genfer Schulfreund.
Bertarelli ist ein Getriebener. Sein Werdegang steht für das Drama eines Extremwettkämpfers, der mit 40 schon alles erreicht hat: Die begehrteste Segeltrophäe der Welt hat er gewonnen, er sitzt im Aufsichtsrat der weltgrössten Vermögensverwaltungsbank, der UBS. Und gleichwohl hat es der Workaholic nie wirklich geschafft, das Image eines verwöhnten Playboys loszuwerden. Was soll er da noch machen: Seine Aktien verkaufen? Den America’s Cup verteidigen? Und dann?
Zu den bevorzugten Segelrevieren des Italoschweizers gehört seit je die Strasse von Bonifacio zwischen Korsika und Sardinien. Zahlreiche Schiffswracks liegen hier auf Grund, was der Lokalität etwas besonders Abenteuerliches gibt. Liebend gern kreuzt Ernesto Bertarelli mit einem seiner Schnellboote durch diese anspruchsvolle Passage. Schliesslich liegt das Eingehen kalkulierbarer Risiken in der Natur dieses Kolumbus der Biotech-Branche. «Es ist eine Tatsache, dass alle Dinge, die wirklich interessant sind, auch Gefahren in sich bergen», meinte er einmal. «Das fasziniert mich an den Bocche di Bonifacio genauso wie an Serono.» Mal sehen, was daraus wird.