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2. Zwischenbericht zu den Präsidentschaftswahlen in Bolivien: Ich könnte den Bericht von gestern praktisch stündlich updaten. Die wichtigsten News:
- Der Vizepräsident des Obersten Wahlgerichtshofs Antonio Costas hat seinen Rücktritt erklärt. Begründung (siehe Bild unten): «An der Entscheidung des Wahlgerichtshofs, die Veröffentlichung der vorläufigen Wahlergebnisse vorläufig (für 24 Stunden, Anmerkung N.M.) zu unterbrechen, war ich nicht beteiligt gewesen, obwohl ich der Vizepräsident dieser Institution bin.» (siehe auch Bericht auf Página Siete) In diesen 24 Stunden hat sich das «offizielle» Wahlresultat drastisch verändert bzw. ins Gegenteil verkehrt. (siehe upgedateter Blogeintrag von gestern)
- Evo Morales hat sich gegenüber den Medien als Wahlsieger erklärt (so war es heute auch in Schweizer Zeitungen zu lesen). Er spricht von einem Putschversuch, da die Opposition offenbar die demokratische Volksentscheidung nicht akzeptieren wolle. (Quelle: Erbol) In Cochabamba wurde zu einer Massenveranstaltung aufgerufen, an der der «Triumph» von Morales gefeiert werden soll (siehe Bild unten). Fakt ist: Die Stimmen sind noch NICHT fertig ausgezählt, und laut den aktuellen Zahlen müsste es zu einem zweiten Wahlgang kommen. Die Tatsache, dass Morales in der Öffentlichkeit seinen Sieg feiert, lässt vermuten, dass er diesen auf jeden Fall durchzudrücken versuchen wird, egal wie die Zahlen schlussendlich dann aussehen.
- Das Militär bereitet sich auf einen Grosseinsatz vor, auch die Reserven wurden einberufen (Quelle: Página Siete) Die Proteste, die jetzt schon gewalttätig sind und gewaltätig bekämpft werden, dürften vollkommen ausser Kontrolle geraten, wenn die definitiven Wahlresultate da sind.
- Der Streik in den meisten Städten ist auf unbestimmte Zeit angesetzt. Das bedeutet: Der Öffentliche Verkehr steht still. Privater Verkehr ist nur erlaubt, wenn es sich um medizinische Notfälle handelt. Polizei, Presse, Feuerwehr, Krankenwagen, Wasserversorgung, Müllabfuhr etc. dürfen frei passieren. Es ist verboten, Alkohol zu trinken. Firmen bleiben geschlossen. Es findet kein Schulunterricht statt. Supermärkte sind bis mittags geöffnet, um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern. (siehe Bild)
Das heisst: Wir bleiben weiterhin zu Hause. In meinem Quartier ist es ruhig, doch ich höre laufend Böllerschüsse. Es ist unheimlich zu wissen, dass sich «da draussen» etwas Gewaltiges zusammenbraut, man es aber nicht live sieht, obwohl man ganz in der Nähe ist, und stattdessen versucht, durch den Vergleich der Berichte von verschiedenen Medien ein einigermassen zuverlässiges Bild der Vorkommnisse zu bekommen. Ich stehe im laufenden Kontakt mit den Comundo-Fachpersonen in Santa Cruz, Cochabamba und La Paz sowie mit bolivianischen Freund_innen, die teilweise zu Hause sind, teilweise an den Protesten. Es ist wohl die bisher härteste Probe aufs Exempel, meine Vertragsklausel mit Comundo einzuhalten, die uns die Anwesenheit an politischen Veranstaltungen, Demonstrationen etc. untersagt. Macht sowohl theoretisch als auch praktisch Sinn, und trotzdem: Es wäre mir lieber, ich würde persönlich sehen, was auf der Strasse vor sich geht. Nicht um mich politisch zu positionieren, sondern um nicht auf Informationen aus zweiter Hand vertrauen zu müssen und um zu dokumentieren, was tatsächlich passiert.