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Die Erhebungsmethoden von Claude Longchamps Politbarometer sind veraltet. Er muss seine Rohdaten offenlegen und unabhängigen Wissenschaftlern zur Verfügung stellen. Die SRG soll das zahlen.
Amerika hat Nate Silver. Er hat geschafft, wovon Nostradamus nur träumen konnte: Dass die von ihm vorhergesagten Ereignisse auch wirklich eintreffen.
Der amerikanische Statistiker hat Algorithmen entwickelt, mit denen er den Ausgang von Wahlen und Baseball-Spielen vorhersagt. 2012 sagte Silver den Ausgang der Präsidentschaftswahlen in sämtlichen 50 US-Staaten und dem District of Colombia korrekt voraus. Und weil seine Trefferquote ausserordentlich ist, ist Nate Silver heute reich und berühmt.
Sein Geheimrezept verrät Silver natürlich nicht, aber man weiss, dass er alle Daten, die er zu einem Ereignis kriegen kann, elektronisch erfasst, verarbeitet und sehr erfolgreich gewichtet. So bezieht er bei Wahlkämpfen sämtliche verfügbaren Umfragen mit ein, gewichtet neuere stärker als ältere, er liest die Wahlkampfbudgets ein, Grösse und Beschaffenheit von Parteibasen und analysiert soziale und klassische Medien. Herkömmliche Methoden ergänzt er mit eigenen, unorthodoxen Ansätzen. Um Baseball-Spiele besser analysieren zu können, fing er beispielsweise an, mit einem Lasermessgerät die Geschwindigkeiten der Würfe zu messen.
Wir haben Claude Longchamp.
Dieser befragt für die Wahl- und Abstimmungsbarometer und die VOX-Analysen im Rahmen klassischer soziologischer Erhebungsmethoden 1200 Personen per Festnetztelefon nach deren Stimmabsichten und politischem Hintergrund. Die Daten derjenigen Bevölkerungsgruppen, die untervertreten sind, oder die man einfach nicht erreicht, weil sie gar kein Festnetztelefon haben, gewichtet er dann im Rahmen der Aufbereitung der Daten ein wenig höher. Basierend auf Erfahrungswerten aus früheren Ereignissen.
Deshalb ist Longchamp bei der Minarett-Initiative und der Ecopop-Initiative auch derart daneben gelegen – weil es für die Konstellationen dieser absurden Vorlagen keine Erfahrungswerte gab. Das klassische Muster, wonach eine Volksinitiative im Rahmen des Meinungsbildungsprozesses moderat an Zustimmung verliert, hat nicht gespielt. Beide Male gaben Online-Umfragen von «20 Minuten» die Stimmung in der Bevölkerung besser wieder, als die teuren, von der SRG finanzierten Abstimmungsbarometer.
Hinzu kommen Zweifel an Longchamps Gewichtungsfaktoren. So zeigte eine Analyse von Stimmrechtsausweisen in verschiedenen Kantonen im Nachgang der Masseneinwanderungs-Initiative, dass viel mehr Junge zur Abstimmung gegangen waren, als die von Longchamp erhobenen Daten der Vox-Analyse vermuten liessen.
Wenn die SRG und Longchamp ein Interesse daran haben, die Absichten der Bürger vor Abstimmungen und Wahlen genauer abbilden zu können, werden sie um eins nicht herumkommen: Die klassischen Erhebungsmethoden mit «Nate-Silver-Ansätzen» zu ergänzen und die innovativsten Köpfe aus der politologischen Forschung und Algorithmus-Entwicklung an die Rohdaten zu lassen.
Dazu braucht es das Zugeständnis Longchamps, die von ihm erhobenen Rohdaten anderen Wissenschaftlern zur Verfügung zu stellen. Und es braucht die Bereitschaft der SRG, diese für ihre Arbeit auch zu bezahlen.
Unersetzbar ist und bleibt Longchamp für die SRG hingegen bei der Präsentation der Trend- und Hochrechnungen an den Abstimmungssonntagen selbst. In Sachen Telegenität kann ihm niemand etwas vormachen.
Und wer diesen Job seit 27 Jahren macht, der hat derart gute persönliche Verbindungen direkt in die Wahlbüros und Staatskanzleien hinein, dass am Tag X schlicht niemand schneller trend- und hochrechnen kann als Longchamp.