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Jubiläum in den Schülergärten
Die Gesellschaft für Schülergärten (GSG) feiert dieses Jahr ihr 100-jähriges Bestehen und blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Am 27. August wird in Höngg gefeiert.
3. Juni 2011 — Fredy Haffner
Im Frühjahr 1911 bildete sich eine elfköpfige Kommission zur Errichtung und Führung von Schülergärten. Ein erstes Areal, der alte Friedhof auf der Platte, wurde von der städtischen Liegenschaftsverwaltung zur Verfügung gestellt. Die ersten beiden Jahre dort waren Versuchsjahre: Die ideale Grösse der Beete, die Art der Bepflanzung und der Führung der Schüler mussten ermittelt werden. 1912 begann man mit 59 Schülern. Jeder bezahlte einen Beitrag von fünf Franken. Während der Ferien wurde täglich, während der Schulzeit an zwei Abenden bis zu zwei Stunden gearbeitet. Am 9. Juni 1913 wurden Satzungen (Statuten) beschlossen. In deren erstem Punkt hiess es: «Die Gesellschaft stellt sich die Aufgabe ( . . .) mit Hilfe der Gartenarbeit Knaben und Mädchen der mittleren Schulstufen erzieherisch zu beeinflussen, vor den Gefahren des Gassenlebens und anderen schädlichen Einflüssen zu bewahren, ihre körperliche Entwicklung zu fördern, in ihnen Freude an der Arbeit und Liebe zum Boden der Heimat zu wecken.» Und weiter: «Von den Schülern, denen ein Gartenbeet anvertraut wird, wird ein kleines Kursgeld verlangt, dagegen wird ihnen der Ertrag der Gärtchen völlig überlassen.» Diese Satzungen sind im Grossen und Ganzen heute noch gültig, allerdings haben sich die Gewichte seither etwas verschoben und das Kursgeld stieg bis 2010 auf 100 Franken an.
Schülergärten waren eine Notwendigkeit
Die Zürcher waren damals nicht die Einzigen, die Schülergärten einrichteten. Grund für diese Entwicklung war die zweite industrielle Revolution gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Folge war, dass die Städte zu Industriestandorten wurden. Die damaligen Verkehrsverhältnisse verlangten, dass die Arbeiterfamilien in der Nähe ihrer Arbeitsstätten wohnen mussten, was wiederum die Errichtung von Arbeiterwohnungen erforderte. Bei der Gründung von Schülergärten hatte man vor allem die Kinder dieser Familien im Auge. Man befürchtete, dass sie mangels Beschäftigung verwahrlosen und zu Gassenkindern würden. In den Schülergärten sah man das ideale Freizeitangebot und Erziehungsmittel.
Auf und ab mit den Schülergärten
Die weitere Entwicklung hing von den Grundstücken und den Finanzen ab, die der GSG von den städtischen Behörden oder Privaten überlassen wurden. 1917 arbeiteten 368 Knaben und Mädchen, meistens 5.- und 6.-Klässler, in fünf Gärten. Besonders während des Ersten Weltkrieges bildeten diese eine wertvolle Nahrungsergänzung für die Familien der Schüler. Ein Höchststand war 1920 mit 470 Gärtchen erreicht worden. Von da an gingen die Anmeldungen bis auf 240 Beete 1944 zurück. Die Verluste hingen mit der Bautätigkeit in Zürich und der Ausdehnung der Familiengärten zusammen, in denen viele Kinder mithalfen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sank das Interesse am Gemüsekonsum, neue Ernährungsgewohnheiten nahmen überhand. Die GSG litt unter Mitglieder- und Spendenschwund, es drohte das Verschwinden der Schülergärten. «Nur Sport ist interessant», klagte der Vorstand 1947. Doch ab 1950 nahm das Interesse am Gärtnern wieder zu. Der Stadtrat entsprach der Bitte der GSG, man möge ihr bei Schulhausbauten jeweils ein Stück Land pachtfrei überlassen. Von da an wurden zahlreiche Gärten neu eröffnet.
Biologischer Gartenbau mit Folgen
Bereits um 1975 erfolgte ein Wechsel zum biologischen Gartenbau. Es wurden nur noch natürliche Dünger wie Kompost, Steinmehl und andere Spezialdünger eingesetzt. Die neuen Anbaumethoden und die Tatsache, dass immer weniger Mittelstufenschüler die Freizeit mit Gärtnern verbringen wollten, führten zu Mehrarbeit für die Leitenden. Heute sind auf den 23 Arealen fast ausschliesslich Kinder der 2. und 3. Primarklasse in den Schülergärten anzutreffen − deren Arbeitskraft ist naturgemäss geringer und muss von den Leiterinnen und Leitern kompensiert werden.
Nach 100 Jahren im Hoch
Schülergärten erfreuen sich zurzeit grosser Beliebtheit. Die Kinder stammen aus den Klassen der anliegenden Schulhäuser, kommen in ihrer Freizeit, machen mit grosser Freude mit und tragen stolz die in ihren maximal zehn Quadratmetern grossen Beeten selbst gezogenen Gemüse nach Hause. Der Wert dieser Kurse liegt denn auch darin, dass die Kinder erleben, wie man durch eigene Arbeit und Einsatz etwas erreichen kann. Angebaut werden hauptsächlich Salate und Gemüse sowie Blumen. Die Leiterinnen und Leiter unterrichten die Kinder auch in der Kunst des biologischen Gärtnerns und erhalten für ihre Arbeit ein bescheidenes Entgelt. Eine von ihnen ist Yvonne Muggler, die den Garten im Pünten seit 2004 betreut. Sie hatte sich auf ein Inserat im «Tagblatt» zur Freiwilligenarbeit in Schülergärten gemeldet. Als sie den Garten im Pünten übernahm, sei er sehr urchig, wild und nur von vier Kindern genutzt worden, erinnert sie sich. Heute sind es 21 Kinder, denen Muggler bei der Arbeit ihr Wissen darüber vermittelt, wie gesunde Nahrungsmittel entstehen. «Die Arbeit mit Kindern und für Kinder ist anspruchsvoll, macht viel Freude und ist äusserst dankbar», hält die Gärtnerin fest und ergänzt, dass alle sehr begeisterungsfähig, unbeschwert, interessiert und wissensdurstig seien.