Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03434.jsonl.gz/2704

Bin gerade aus den Federn geschlüpft, die Augen sind noch etwas verklebt und die Frisur sieht aus, wie die eines Teeniestars auf dem «Bravo» Titelbild. Der Spiegel in den ich schaue, steht in Sao Paulo im 15. Stockwerk eines Hotels in guter Gegend.
Grösszügige Fensterscheiben geben den Blick auf die «Avenida Paulista» frei, wo sich seit vier Uhr in der Früh der Verkehr ein Stelldichein gibt.
Es wird gehupt, gebremst, wieder gehubt und verladen was das Zeug hält. Zum Grundlärmpegel, der aus einem tiefen Brummen besteht, gesellen sich verschiedene Fahrzeugmelodien in diversen Oktaven.
Auffällig selten erklingt eine Sirene und in unregelmässigen Abständen lässt ein Abfalltransporter die geleerten Container auf den Asphalt knallen.
Es ist aber nicht dieser für Grossstädte normale Zivilisationslärm der mich weckt, es sind die zahlreichen Helikopter, die sich laut knatternd eine der Landemöglichkeiten auf den Geschäftshäusern suchen. Gemäss einem Artikel in der «NZZ» soll es in dieser Metropole, die sich auf einer Fläche von fünfzig mal hundert Kilometern erstreckt, etwa 500 private Helikopter geben und ein grosser Teil diese Flotte von Privatfliegern scheint sich jeden Morgen Richtung «Paulista» aufzumachen.
Der moderne Manager verzichtet aus Zeit- und Sicherheitsgründen gerne auf die lange Reise mit dem Auto und nimmt den umgedrehten Rasenmäher für den Weg zur Arbeit.
Ich, der noch müde im 15. Stockwerk des Hotels mitten im Geschäftsviertel im Bett liegt, kriegt den Arbeitsbeginn der Manager unfreiwilligerweise mit. Die Zeiger der Uhr stehen auf 0845 Uhr und wenn ich den Helikopterverkehr so beobachte kommt der Verdacht auf, dass die meisten Sitzungen in den Glaspalästen so gegen 9 Uhr beginnen.
So beobachte ich, wie sich fünf Helikopter um eine kleines Viereck streiten, das nicht weit von meinem Bett entfernt auf einem Hotel steht. Einer gewinnt und die vier anderen warten im Luftraum nahe meines Kopfkissens.
Alltag in Sao Paulo! Die über 19 Millionen anderen Einwohner versuchen mit verschiedensten Mitteln ihren Arbeitsplatz zu erreichen und tun dies vorzugsweise mit ihren Autos. Gemäss dem oben erwähnten Artikel bewegen sich auf dem Stadtgebiet dieser Metropole täglich 10 Millionen Fahrzeuge, das sind genau 2.5 Mal soviel wie in der ganzen Schweiz zusammen.
Die logische Folge davon ist ein Stau, der sich während der Stosszeiten auf mehr als 200 Kilometern erstreckt. Man stelle sich das einmal vor, jeden Tag stehen die Blechlawinen am Morgen 200 Kilometer in die eine Richtung und am Abend in die andere.
Der Stau ist aber nicht nur Ärgerniss, er ist auch Einkommensquelle für viele Paulistanos. Fenster werden ungefragt geputzt, Zeitungen verkauft, Süssigkeiten angeboten und ab und zu auch mal Wertsachen freundlich oder weniger freundlich entwendet.
Trotz allem Ungemach lohnt sich eine kleine Spritztour im Taxi allemal. Das ständige auf und ab der Strassen verleitet die Taxifahrer zu beschleunigtem Fahren. Grosse Schlaglöcher und tiefe Regenrinnen verlangen von den kleinen Massas und Sennas alles ab und als Passagier tut man gut daran, den Sicherheitsgurt satt zu tragen.
Aber eben, wer einen Termin einzuhalten hat, findet das Ganze weniger amüsant. Und genau so einen Termin habe ich heute Abend. Der Flieger verlässt den Flugplatz Guaruhlos um 1835 Uhr und ich sollte an Bord sein. Darum weiss ich zur Zeit noch nicht, wann der Bus das Hotel verlässt. Experten bestimmen den Zeitpunkt nach Konsultation der aktuellen Staukarten.
Ob gerade 160 Kilometer oder 220 Kiometer Stau herrschen, kann schnell eine Stunde ausmachen. So warte ich am Nachmittag im Hotelzimmer auf den Weckruf, schaue etwas auf die «Avenida Paulista» herab und höre den landenden Helikoptern zu. Auf unserem Hotel hat es übrigens auch eine Landeplattform. Vielleicht lesen ja diese Zeilen auch ein paar Vertreter des Managements:
ES HAT AUF UNSEREM HOTEL EINE HELIKOPTERPLATTFORM!