Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03138.jsonl.gz/2197

Der Ort ist weiss, steht als präzise Bezeichnung und als Bleistiftspur geritzt in einem Textband zu lesen, das den unteren Rand der einzelnen Blätter der Zeichnungsserie <Waschanstalt> (2002) säumt. Als ob es Verse wären, wiederholt die rhythmisierende Gestalt der Texte das Format der plastifizierten, auf Aluminium aufgezogenen Zeichnungen. Mario Sala konstruiert aus reduziertem sprachlichen Material einen Ort der Imagination, der als weisse Fläche eine Nichtfarbe verkörpert und als solche alles reflektiert, was auf sie projiziert wird.
Den Ausgangspunkt für Mario Salas künstlerische Arbeit bildet eine Art wahrnehmungsphysiologische, fast mikroskopische Reizung: der Gegenstand, der den Blick auf sich zieht, ein gehörtes Wort, die Vibrationen einer Bewegung, der Geruch eines Ortes. In seinem Atelier liegt das aus Zeitschriften, Katalogen und eigenen Fotografien zusammengetragene Bildmaterial offen ausgebreitet da wie ein sich ständig modifizierendes Bildgedächtnis. Sala, der immer an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitet, versteht sich nicht explizit als Maler; seine Werke lassen sich eher als Zustände fassen, hervorgebracht aus Prozessen des Ab- und Aufbauens; einer Dialektik aus Entfremdung und Verschmelzung folgend. Im grossformatigen Gemälde ‹stadium› (2002) ist das Moment des Auseinanderdriftens bereits sprachlich im Titel angedeutet: Stadium, begriffen als Zustand, der die Kräfte als Konzentrat fixiert, kann auch als Ort explosiver Aktivität gelesen werden, an dem energetische Ströme innerhalb eines begrenzten Raumes frei zirkulieren. Das auf eine Blechtafel aufgezogene Digitalprint verbindet drei Bilder, die einem fotografischen bzw. filmischen Kontext entstammen und aufgrund ihres Ausschnitts, ihrer Vergrösserung und gegenseitiger Überlagerung wie auch durch Salas malerische Eingriffe ihre spezifische Referenz verlieren. Das auf den Kopf gestellte Bild des Innern eines Doms entwirft eine Form, die eine Art Bildhöhlung formuliert, von welcher der Blick perspektivisch angezogen und gleichzeitig in eine Drehung versetzt wird. Mit den Mitteln der Malerei arbeitet sich Sala in einem langsamen Prozess an seinem Bildmaterial ab. Er übermalt oder wiederholt eine bestimmte Form der Bildvorlage, so dass sich die weissen Kopfbedeckungen der Priester schliesslich zu Ornamenten ausprägen. Salas malerische Interventionen lassen das Bild über sich selbst hinauswachsen, indem er seine Farbe und Form in die oben und unten durch eine Biegung des Blechs angebrachte Fassung erweitert: Das Bild entgrenzt sich selbst.
In der aus zwölf autonomen Tafeln bestehenden Arbeit <Waschanstalt> legt Sala eine offene Bild- und Erzählwelt an, in welcher zwölf riesige Tücher zu Testzwecken durch die alpine Landschaft eines fingierten Kurorts verspannt werden. Dort ist das einzelne Tuch eine aus materieller und immaterieller Substanz beschaffene Membran, die – als Datenspeicher beschrieben – zum Ort der Aufführung wird: Das Tuch fungiert als Modell für einen Bildträger, der aufsaugt, speichert oder reflektiert. Die Sprache aber, die auf den ersten Blick – nicht nur als Schriftbild – im Gestus der Eindeutigkeit und der Objektivität auftritt, was mit der Nennung von Zahlen, Nummerierungen und Masseinheiten pointiert ist, erweist sich bald als eine von Irritationen und grotesken Zusammenhängen durchzogene Textur. Galoppieren im ersten Blatt die Testingenieure tatsächlich in der Formation einer Reiterschar über das dem Gebirgskamm entlang festgebundene Tuch oder handelt es sich um flüchtige Phänomene einer Filmleinwand?
Sala destilliert Begriffe aus ihrem meist wissenschaftlichen Kontext heraus und verwebt sie mit seinen eigenen Geschichten. Daraus gehen faszinierend-absurde und gleichzeitig poetische Gebilde hervor, die durch ihre offensichtliche Unmöglichkeit im Betrachter ein mentales Bild erzeugen, das sich mit dem in der Zeichnung Dargestellten osmotisch vermischt. Durch seine Tätigkeit des Zerlegens, Isolierens und Rekombinierens von Vokabeln imitiert Sala ein Verfahren der Wissenschaft, die ebenso an der Erweiterung ihrer Erkenntnisse arbeitet.
Diese so entstehenden Mischwesen, die der Künstler als <Projekte> beschreibt, beschränken sich nicht nur auf eine textimmanente Ebene, sondern kennzeichnen Salas Bildsprache genauso wie sie sich auch im Zwischenraum von Sprache und Bild materialisieren. Dieser dehnt das Medium Bild selbst, indem die Synthese von Wort und Bild den Text in ein Drehbuch zu überführen scheint und dem Bild analog dazu eine filmische Wendung verleiht. Dadurch erhält die Bildoberfläche selbst eine plastische Modulation aus feingliedrigen zeichnerischen Lineaturen, die da eine Bildstruktur entwerfen, dort Gestalt annehmen und in einzelnen Blättern mit dem Pastosen der Ölfarbe in Bezug gesetzt werden.
Bildwerden und Bildsein: Die Frage nach Genese und Existenz zieht sich durch Salas Werk und artikuliert einen fortwährenden Balanceakt zwischen Nähe und Distanz, durch den die Bildinformationen erst erschliessbar werden. Durch die halluzinatorische Farbigkeit, mittels derer Sala in <stadium> Lärm und Verschmutzung zu evozieren vermag, während in <Ohne Titel> (2002) die Landschaft in eine flimmernde Hitze getaucht und im kleinformatigen <wet rag and balls> (2002) Künstlichkeit zelebriert ist, wird der Farbkörper in <Chief of Color> (2000) selbst zum Untersuchungsgegenstand. Die sich offenbarenden Bildwelten mäandern in Farbzuständen, im Fluss des Erzählens, in minutiösen zeichnerischen Texturen.