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Financials
Die Vorwürfe der “Financial Times” gegen das Schweizer Derivatehaus Leonteq sind happig. Auch die Beratungsfirma EY Schweiz kommt schlecht weg. Diese steht auch in einem anderen Fall unter Druck.
11. Oktober 2022 • Beat Schmid
Dan McCrum, Starrecherchejournalist der FT (“Wirecard”), wirft in einem längeren Artikel
der Zürcher Derivatefirma Leonteq vor, sie habe Beihilfe zu mutmasslicher Steuerhinterziehung und Geldwäscherei betrieben, indem sie eine französische Brokerfirma ungenügend kontrolliert habe. Ein Sprecher von Leonteq bestreitet die Vorwürfe. Die Aktien von Leonteq brachen am Montag um fast 20 Prozent ein.
McCrum und zwei weitere Journalisten stützen sich auf einen Whistleblower, der in den Diensten von Leonteq stand. Im Wesentlichen sind es drei Vorwürfe, die erhoben werden:
1. Punkt: Der Deal über Zwischenhändler
Es geht um zwei Transaktionen im Umfang von je 750’000 Euro im März 2021. Ein Beratungsunternehmen und ein Broker in Paris verkaufen zwei Finanzprodukte einer Genossenschaft in Paris. Dabei gehen sie nicht über den offiziellen, für den Markt Frankreich bestimmten Intermediär. Sondern arbeiten mit einem Leonteq-Vertriebspartner auf den britischen Jungferninseln zusammen.
Diese Firma mit dem Namen Ladoga Capital kassierte dafür eine Vermittlungsgebühr von 120’000 Euro, was einer Kommission von 8 Prozent entspricht. Ladoga, die von Leonteq aus Dubai betreut wird, war nicht berechtigt, Produkte für den französischen Markt zu verkaufen.
Laut FT bestehe der Verdacht, dass der unkonventionelle Vertriebsweg als Deckmantel benutzt wurde, um Steuern in Frankreich zu umgehen. Allerdings macht die FT keine Angaben darüber, wohin die Kommission letztlich geflossen ist. Es gibt keinen Beleg, dass die 120’000 Euro zurück an den Broker oder das Beratungsunternehmen transferiert worden wären.
Eine zentrale Frage ist, ob Leonteq verantwortlich für Transaktionen gemacht werden kann, die ein Intermediär abwickelt. Gestützt auf den Whistleblower spricht die FT von “schwachen Kontrollen und einer Kultur der Regelverletzungen”. Das Derivatehaus bestreitet die Vorwürfe. “In jedem Fall kann Leonteq nicht für einen Verstoss gegen die Vertriebsvereinbarung durch einen Dritten verantwortlich gemacht werden”, hält ein Sprecher fest.
2. Punkt: Rolle von EY
Leonteq liess die Transaktion durch EY Schweiz untersuchen. Diese kam zum Schluss, dass es keine Hinweise gebe, die den Vorwurf der Geldwäsche oder der Steuerhinterziehung rechtfertigen würden. Das Beratungsunternehmen bemängelte, dass es Probleme mit der Kontrolle gab und dass die Kommunikation bei dieser Transaktion nicht vollständig sei. Doch man war überzeugt, dass die Transaktion nicht den französischen Steuerbehörden gemeldet werden müsse.
Die FT zweifelt die Unabhängigkeit der Untersuchung an, da EY Schweiz auch das Mandat für die interne Revision bei Leonteq hat. Die Untersuchung wurde durch ein spezialisiertes EY-Team durchgeführt, das unabhängig vom internen Revisionsteam arbeitet. EY Schweiz nahm am Montag nicht direkt zum Fall Stellung. Sie hielt fest, dass das Unternehmen “über robuste interne Prozesse” verfüge, um “eine hohe Qualität der Arbeit zu gewährleisten”.
Hätte man gewusst, dass wegen einer überschaubaren Transaktion von 1,5 Millionen Euro ein riesiger Medienwirbel entstehen würde, dann hätte wohl eine andere Firma mit der Untersuchung betraut.
3. Punkt: Whatsapp-Nachrichten
Als Problem stellte der interne Whistleblower auch eine bei Leonteq verbreitete “informelle” Kommunikation über Whatsapp dar. “Die Telefone der Mitarbeitenden mit regulierten Geschäftsaktivitäten werden aufgezeichnet”, hält Leonteq dagegen. Darüber hinaus seien Messaging-Apps für die Abwicklung von Geschäften mit Kunden nicht erlaubt.
Die Nutzung von Whatsapp und anderen Diensten wird von Regulatoren zunehmend scharf sanktioniert. In den USA verhängte die Börsenaussicht SEC eine Milliarden-Busse gegen 16 Banken, darunter die UBS und die Credit Suisse
.
Milliardenforderungen gegen EY Schweiz
Der Reputationsschaden ist nicht nur für Leonteq, sondern auch für EY erheblich. Ein Grund, warum die FT die Geschichte überhaupt so gross fährt, dürfte mit dem Beratungsunternehmen zusammenhängen, das im Wirecard-Skandal eine zentrale Rolle spielt.
Auch in der Schweiz steht EY unter Beschuss. Dabei geht es um Versäumnisse im Fall der Milliardenpleite von Zeromax, die in Zusammenhang mit dem spektakulären Korruptionsskandal um die Usbekin Gulnara Karimowa steht.
Im Jahr 2010 wurde der Konkurs über der Zuger Firma verfügt, die in den nuller Jahren eine zentrale Rolle im usbekischen Aussenhandel gespielt hatte. Gläubiger haben Forderungen in der Höhe von 5,6 Milliarden Franken gestellt. Es handelt um eine der grössten Firmenpleiten in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte.
Ein US-Hedge-Fonds hat einen grossen Teil der Schadenersatzforderungen aus dem Konkurs übernommen und versucht, diese auf dem Rechtsweg einzufordern. Dabei wird EY vorgeworfen, bei der Revision von Zeromax in Jahren ab 2000 Unregelmässigkeiten übersehen beziehungsweise bewusst weggeschaut zu haben.
Es stehen Milliardenforderungen im Raum. Der Fall wird die Gerichte in den nächsten Jahren auf Trab halten. EY hat die Vorwürfe stets bestritten. Zum Stand des Verfahrens machte das Beratungsunternehmen am Montag keine Angaben.