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| Cassian († 430/35) - Sieben Bücher über die Menschwerdung Christi (De incarnatione Domini contra Nestorium)

Siebentes Buch
17. Die Herrlichkeit und Würde Christi sei dem hl. Geiste nicht so zuzuschreiben, daß ihr Ursprung von Christus selbst geläugnet würde, als ob alle Vortrefflichkeit, welche in ihm war, eine fremde, von aussen gekommene gewesen wäre.
Du sagst also in einer andern deiner Streitfragen oder vielmehr deiner Gotteslästerungen, indem du den Geist von der Gottheit unterscheidest: „Der seine Menschheit erschaffen hat;“ denn es heißt: „Was aus Maria geboren wurde, ist vom hl. Geiste.“ Der auch mit Gerechtigkeit erfüllt hat, was erschaffen ist, denn es steht geschrieben: „Erschienen im Fleische, gerechtfertigt im Geiste.“1 Ebenso machte ihn dieser auch den Dämonen furchtbar, wie es heißt:2 „Im Geiste Gottes treibe ich die Teufel aus.“ Er machte ferner seinen Leib zum Tempel; denn:3 „Ich sah seinen Geist herabsteigen wie eine Taube und über ihm bleiben.“ So gab er ihm auch die Aufnahme in den Himmel; denn so [S. 609] sagt die Schrift :4 „Indem er den Aposteln, die er erwählt hatte, sein Gebot gab, wurde er durch den hl. Geist in die Höhe gehoben.“ Diesen (Geist also hebst du hervor), der Christo eine solche Herrlichkeit geschenkt hat. Hiebei besteht nun deine ganze Gotteslästerung darin, daß Christus Nichts durch sich gehabt habe, ja daß er als bloßer Mensch, wie du sagst, auch Nichts vom Worte, d. i. vom Sohne Gottes erhalten habe, sondern daß Alles in ihm Geschenk des Geistes war. Wenn wir nun zeigen werden, daß Alles, was du dem Geiste zuschreibst, sein Eigenthum war, was erübrigt dann noch, als daß wir ihn gerade deßhalb als Gott bewährt finden, weil er Alles als sein Eigenthum besaß, wie du ihn als einen bloßen Menschen erfaßt wissen willst, weil er Alles von anderswoher hatte? Das bewähren wir aber nicht durch Streitreden und Beweise, sondern durch die Stimme der Wahrheit selbst, weil Nichts ein besseres Zeugnis von Gott gibt als Göttliches; weil Niemand sich besser kennt als die Majestät Gottes selbst, und weil in Betreff Gottes Niemand würdiger ist, Glauben zu finden, als Jene, in welchen Gott selbst sein Zeuge ist. Was nun das Erste betrifft, daß du nemlich sagst, der hl. Geist habe seine Menschheit erschaffen, so könnten wir Dieß einfach hinnehmen, wenn wir nicht merken würden, daß du es aus Unglaube vorbringst. Denn wir läugnen nicht, daß der Leib des Herrn vom hl. Geiste empfangen worden sei, sagen aber, es sei derselbe so unter Mitwirkung des hl. Geistes empfangen, daß man doch behaupten kann, der Sohn Gottes habe sich seine Menschheit selbst erschaffen, da ja der hl. Geist in der göttlichen Schrift selbst sagt und bezeugt:5 „Die Weisheit hat sich ein Haus erbaut.“ Siehst du also, daß das vom hl. Geiste Empfangene von dem Sohne Gottes erbaut und vollendet wurde? Nicht als wäre ein anderes das Werk des Sohnes Gottes und ein anderes das Werk des Geistes; sondern weil in Folge der Einheit [S. 610] der Gottheit und Majestät sowohl das Wirken des Geistes ein Erbauen des Sohnes Gottes ist, als auch das Bauen des Sohnes ein Mitwirken des hl. Geistes. Deßhalb liest man nicht nur, daß der hl. Geist auf die Jungfrau herabgekommen sei, sondern auch, daß die Kraft des Allerhöchsten sie überschattet habe, damit, weil die Weisheit gerade die Fülle der Gottheit ist, Niemand zweifle, daß dieser Weisheit, als sie sich ein Haus erbaute, die ganze Fülle der Gottheit zur Seite gestanden sei. Aber während diese unselige, Gott lästernde Thorheit bestrebt ist, Christum von dem Sohne Gottes zu trennen, sieht sie nicht, daß sie eine Trennung geradezu in die Natur der Gottheit selbst hineinträgt. Sie müßte etwa glauben, es sei dem Herrn deßhalb vom hl. Geiste ein Haus gebaut worden, weil er selbst hiezu nicht tauglich und mächtig genug gewesen wäre. Aber es ist doch ebenso wahnsinnig als lächerlich, wenn man glauben soll, es habe sich Jener keinen Leib bauen können, welcher nach unserm Glauben durch einen Wink das ganze himmlische und irdische All erschaffen hat; besonders, da die Kraft des hl. Geistes seine Kraft ist, und die Gottheit und Majestät der Dreifaltigkeit so in sich geeint und unzertrennlich ist, daß durchaus Nichts in einer Person (der Gottheit) gedacht werden kann, was von der Fülle der Gottheit getrennt werden könnte. Wenn also angenommen und eingesehen ist, daß nach dem Glauben der hl. Schrift die Weisheit sich unter Herabkunft des hl. Geistes und Überschattung der Kraft des Allerhöchsten ein Haus gebaut habe, so sind die übrigen gotteslästerlichen Schmähungen Nichts. Denn es ist doch kein Zweifel, daß Derjenige Alles durch sich und in sich selbst gethan habe, in dessen Namen und Glauben auch der Glaube der Gläubigen Alles kann. Ebensowenig bedurfte er der Hilfe eines Andern, da nicht einmal Jene einer solchen bedurften, welche an seine Kraft glaubten. Deßhalb ist es auch lauter Gotteslästerung und Wahnsinn, wenn du sagst, daß er vom Geiste gerechtfertigt und den Teufeln furchtbar gemacht worden sei; daß sein Leib vom Geiste zum Tempel gemacht wurde und daß er [S. 611] von ihm in den Himmel erhoben worden sei; nicht als dürfte man glauben, es hätte in all Dem, was er selbst gethan, die einheitliche Mitwirkung des hl. Geistes gefehlt; da ja die Gottheit nie sich selbst verläßt, und die Kraft der Trinität immer in den Werken des Erlösers war: sondern weil du willst, daß der hl. Geist dem Herrn Jesus Christus als einem Hilfebedürftigen und Schwachen geholfen und ihm wirklich Das verliehen habe, was er sich selbst nicht hätte erwerben können. Lerne also aus den hl. Zeugnissen, ihn gläubig für Gott zu halten und mische nicht Falsches dem Wahren bei; denn die Sache erträgt es nicht, und die Vernunft verabscheut es, daß mit den göttlichen Aussprüchen der Sinn des teuflischen Geistes sich vermenge.
1: I. Tim. 3, 16.
2: Luk. 11, 20.
3: Joh. 1, 32.
4: Apostelg. 1, 2.
5: Sprüchw. 9, 1.