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Die Erschliessung des Himalaya
Eine Skizze von Marcel Kurz.
Übersetzt von Paul Montandon.
Karakoram 1 )
Wir sagten am Beginn dieser Studie, dass die Kette des « Grossen Himalaya » sich im Nordwesten bis zum Indus erstreckt, und sprachen später von deren letztem grossen Berg, dem Nanga Parbat, welcher den Indus um mehr als 7000 Meter überragt.
Wenn man vom Gipfel dieses Berges gegen Nordosten schaute, würde man drei grosse Bergketten gewahren, die noch zum Himalayasystem gehören. Es sind dies zuerst die Ladakkette, sodann diejenige des Kailas und endlich der Karakoram ( oder Mustagh ). Wir haben von den ersten beiden ( weiter östlich ) bereits gesprochen. Hier laufen sie parallel dem grossen Einschnitt Indus-Shyok, welcher sie voneinander trennt. Die erstere hat keine bedeutenden Gipfel, und die zweite scheint in der dritten aufzugehen. Was den Blick anzieht, sind in etwa 150 km Entfernung die hohen Schneegipfel, die sich vom Horizont abheben. Es sind die Riesen des Karakoram. Bei klarem Wetter erstreckt sich die Fernsicht vom Rakaposhi, Gebieter des Hunza-gebietes, bis zu den Sasirbergen, zu deren Fuss der Shyok fliesst — eine Kette von 400 km Länge.
Die Gletscher des Karakoram haben einen wesentlich grösseren Flächeninhalt, als die von Sikkim und Nepal zusammengerechnet. Ausserhalb der Polargebiete findet man sonst nirgends so riesige Eisströme.
Während die Ketten des Ladak und des Kailas durch den Indus und den Shyok scharf voneinander getrennt sind, enthalten Kailas und Karakoram l ) Dieser Name wird ausgesprochen, wie er sich schreibt. Sowohl in französischer wie in deutscher Sprache ist die Schreibweise Karakorum unrichtig. Es ist ein türkisches Wort, das « schwarzer Kies » bedeutet. Die Turkmenen nennen so einen Pass, den sie in grossen Karawanen begehen, um nach Leh, der Hauptstadt von Ladak, zu gelangen. Der Name Karakorampass ( 5570 m ) ist durchaus zutreffend, denn er führt über weite, dunkelfelsige Strecken. Aber « Karakoram » passt viel weniger für das Gebirge selber, denn dieses zieht im Gegenteil durch glanzvolle Weisse den Blick auf sich. Diese Kettenregion wird von den Einwohnern Mustagh genannt, was « Schneeberge » oder « Eisgebirge » bedeutet, welcher Name hier durchaus am Platze wäre. Leider wurde die Bezeichnung Karakoram in der Literatur seit langem auf die ganze Kette übertragen, und es ist etwas spät, dies noch ändern zu wollen. Die Geographen erörtern in ihrer Verlegenheit die Frage, ob und wo diese zwei Namen anzuwenden seien. Gewisse Vorschläge gingen dahin, Kombinationen wie z.B. « Mustagh-Karakoram » oder sogar « Mustagh oder Karakoram » anzuwenden. Aber dies hiesse, zwei Namen von entgegengesetzter Bedeutung zusammenzuspannen. Übrigens öffnet sich der Karakorampass, die Ursache der ganzen Verwirrung, nicht, wie man anfänglich glaubte, in der geologischen Karakoramfalte. Die beste Lösung wäre wohl, diese Falte « Mustagh » zu nennen ( wir schreiben nicht Muztagh, was von vielen Leuten unrichtig ausgesprochen würde ) und « Karakoram » auf die ganze Region auszudehnen. Die Alpinisten haben dies schon getan, als Gegensatz zu Himalaya. Der Karakoram bestünde dann aus drei Falten: Ladak, Kailas und Mustagh.
Siehe hiezu: Burrard, A Sketch of the Geography and Geology of the Himalaya Mountains and Tibet. Calcutta 1907, S. 97, und « Geogr. Journal », Januar und besonders August 1930.
( oder Mustagh ) zwischen sich das erstaunlichste Gletscherbecken der Welt. Es gab eine Zeit, wo man von Nagar im Hunza bis zum Zusammenfluss von Shyok und Nubra, nördlich von Leh, auf dem Eise gehen konnte. Es ist dies eine Distanz von 350 km, also 14 mal die Länge des Aletschgletschers, des grössten Eisstromes der Alpen! Heute haben sich die Gletscher zurückgezogen, und die Täler fressen sich tiefer ein. Für uns Bergsteiger bilden diese zwei Ketten ( Kailas und Mustagh ), da nahe beieinander und gleichlaufend, eine Einheit, und wir nennen sie nun den Karakoram. Jenes Gletscherbecken und die beiden Gipfelketten an seinen Ufern sind für ihn charakteristisch.
Von West nach Ost folgen sich vier Gletscher: Hispar, Biafo, Baltoro und Siachen. Nirgends sonst gibt es einen Höhenweg von derartigem Ausmass. Vom Hispardorf, am Fusse des gleichnamigen Gletschers, bis nach Braldo sind es 115 km ununterbrochenen Eises, wovon 60 km auf den Hispar-, 55 km auf den Biafogletscher entfallen. Der Hisparpass ( der richtigerweise Biafo-Hispar genannt werden sollte ) verbindet diese zwei Gletscher in einer Höhe von 5325 m ü. M. Man geht von einem zum andern über, ohne es zu gewahren, so flach und gleichmässig ist der Übergang. Die Eiszunge des Biafo taucht in den Braldofluss. Geht man dieses Tal hinauf, so erreicht man in einem Tagesmarsch das Zungenende des Baltorogletschers, in 3500 m Höhe.
Dieser Gletscher misst etwa 60 km bis zu der Kette, die ihn vom Kondusgletscher trennt. Bis dahin ist man wohl gelangt, aber nie weiter; diese Kette wurde nie überschritten. Es ist dies die einzige Unterbrechung in der genannten Höhenroute. Es besteht wohl sicherlich eine Verbindung zwischen Baltoro und Kondus, wie auch zwischen Kondus- und Siachengletscher.
Letztgenannter misst 75 km, und das Tal, welches ihn vom Shyokfluss trennt, ebensoviel. Halbwegs stösst man auf den Handelsweg nach Leh. Es bleiben also für die Höhenroute mehr als 250 km Gletscherweg, denn wir haben das Querbecken des Kondus nicht gezählt 1 ).
Während dieser ganzen Reise geht man zwischen zwei Bergketten, deren Gipfel einander in Höhe und Pracht überbieten. Soweit sie aus Granit bestehen, sind sie im allgemeinen schlanker und bedeutend schwieriger als z.B. die Sedimentberge von Nepal 2 ).
1 ) Geben wir uns aber keinen Täuschungen hin: der Gang über diese Gletscher ist keineswegs angenehm. Die Gletscher des Himalaya und besonders diejenigen des Karakoram sind zum grössten Teil bedeckt von Schutt und Moränen. Auf dem Baltoro im besonderen sind die Blöcke vielfach sehr labil und behindernd. Da die Ufer ungangbar sind, muss man dem Gletscher selber folgen.
Es ist auch nicht zum Verwundern, dass die Eingebornen unter den Topographen behaupteten, es gebe im Himalaya keine Gletscher: sie verschwinden eben unter dem Gerölll Diese Steine bilden mächtige Hügel, oder sie fallen in grosse Eislöcher: Ebensoviele Hindernisse, die überklettert oder umgangen werden müssen, was den Marsch entsprechend verlängert. Es ist daher kaum möglich, mehr als 8 bis 10 km im Tag vorzurücken.
2 ) Statt sich um den Namen Karakoram zu streiten, täten die Geographen besser, für die verschiedenen Teile dieser mächtigen Kette passende Bezeichnungen zu finden. Bis jetzt fehlen solche auf den Karten.
Man kann nicht gut von einem Biafo- oder Baltoro-«Massiv » sprechen, da jedes von ihnen aus zwei Parallelketten besteht. Ebenso ist es am Hispar- und Siachengletscher. Für diese vier grosse Becken müsste man wenigstens acht allgemeine Benennungen haben, und es gibt nicht eine einzige. Falls man die Namen Mustagh und Kailas für die zwei Hauptketten des Karakoram annimmt, könnte man sie anwenden, um die gegenüberliegenden Ufer voneinander zu unterscheiden. In diesem Sinne würde dann die ganze Wir haben noch weitere Gletschersysteme, die jedoch ausserhalb des grossen Beckens unregelmässig verlaufen. So finden wir südlich des Hispar den Chogo Lungma-Gletscher mit einer Ausdehnung von 50 km ( ihm entspringt der Shigar ); ferner den Punmagletscher, der zwischen dem Biafo- und Baltorogletscher sich auf etwa 40 km Länge ausdehnt und dem der Braldo entspringt. Zwischen Baltoro und Siachen sind eine Unzahl von Gletschern, deren Wasser sich in den Indus ergiessen. Die zwei grössten sind der Kondus und der Bilafond. Und der Siachen endlich, in Verbindung mit dem Rimo-becken, liefert eine der Hauptquellen des Shyok, im Süden des Karakorampasses.
Nördlich des Karakoram haben sich das Shaksgam- und Shingshaltal eingefressen, welche erst in jüngster Zeit erforscht wurden. Der Karakoram bildet also hier die Wasserscheide zwischen zwei sehr wichtigen Becken, dem des Indus und des Tarim. Zugleich ist er die Grenze zwischen Kaschmir und dem chinesischen Turkestan. Aber ausser dem Oprang fliessen alle Gewässer des Karakoram in den Indus.
Jenseits des Shaksgamtales erheben sich noch andere Ketten: diejenigen des Aghil und des Kuen Lun. Doch bleiben wir beim Karakoram. Wer sich für jene nördlichen Ketten interessiert, findet in der Augustnummer der « Alpen » von 1931 einen wertvollen Artikel von Rudolf Wyss.
* Die geographische Lage des Karakoram sichert ihm gewisse Vorteile: Die ihn umgebenden Gegenden sind niederschlagsarm, sein Klima ist daher günstiger als z.B. dasjenige des östlichen Himalaya, d.h. der Monsun tritt später ein und ist weniger heftig. Der beste Monat ist der Juni, aber bereits im Mai und bis in den Oktober lässt sich dort gut reisen. Der Zugangsweg ist jedoch äusserst lang. Von Europa aus kann man in einem Monat ins Herz von Sikkim oder Garhwal gelangen, aber es erfordert nahezu zwei Monate, um in den Karakoram zu kommen.
Srinagar, die Hauptstadt von Kaschmir, bildet den Ausgangspunkt für alle Expeditionen. Sie ist von der Bahnstation Rawalpindi in einer starken Autotagesfahrt ( ca. 320 km ) erreichbar. Wünscht man den westlichen Teil der Kette zu besuchen, so wählt man dieselbe Route wie für den Nanga Parbat, über Astor nach Gilgit und Hunza. Es ist dies der alte Handelsweg nach dem Pamir. Von Srinagar bis Hunza sind es 18—20 Tagesreisen.
Sind Biafo- oder Baltorogletscher und ihre zentralen Nachbarn unser Ziel, so ist der Weg länger und umständlicher. Im Frühlingsanfang ist das Hochplateau von Deosai ungangbar, einzig der Zoji La ( 3530 m ) erlaubt den Verkehr. Durch das Drastal geht es dann abwärts zum Indus, dem man bis nach Skardu folgt. Hernach geht man das Shigar- und Braldotal hinauf. Drei Wochen Marsch erfordert es von Srinagar nach Askole, am Fuss des Biafogletschers. Kehrt man rechtzeitig zurück, kann man zur Abwechslung Kette des rechten ( nördlichen ) Hispargletscherufers « Mustagh-Hispar » heissen und dessen ganzes linkes Ufer « Kailas-Hispar » usw.
Oder man müsste jeder dieser acht Ketten den Namen ihres Hauptgipfels beilegen. Also « Dasto Ghil-Kette » für das rechte Hisparufer, « Rakaposhikette » für das ganze linke usw.
Doch dies sollen die Geographen unter sich ausmachen; wir wollen uns mit diesen Namensfragen nicht länger aufhalten.
und Abkürzung den Deosaipass wählen, wobei in der Nähe des Burzil die Route Astor-Srinagar wieder erreicht wird.
Wer endlich den östlichen Teil des Karakoram zu besuchen beabsichtigt, wird die gleiche Route bis Kargil ( Dras ) benutzen und hernach das Tal des Indus hinaufgehen bis nach Leh, Hauptstadt des Ladak. Von Leh aus überschreitet der chinesische Handelsweg die Ladakkette und folgt dann dem Nubratal bis etwa 45 km vom Siachengletscher. Etwa 15 Tage sind erforderlich, um von Srinagar nach Leh zu gelangen. Ausser dem Burzil6 pass ( 4200 m ) und dem Zoji La ( 3530 m ), die im Frühling selbstverständlich verschneit sind, können alle diese Zugangswege zu Pferd gemacht werden 1 ).
Der Karakoram ist für jedermann offen, vorausgesetzt, dass man rechtzeitig dem britischen Residenten ein korrektes Gesuch einreicht.
Das Flugzeug könnte diese lange Reise natürlich sehr beträchtlich abkürzen. Wenn der Poloplatz in Srinagar nicht gerade unter Wasser steht, ist er durchaus geeignet zum Niedergehen. Man müsste sich vorher erkundigen und eine spezielle Erlaubnis einholen, ebenso für den Weiterflug. Auch in Gilgit und in Shigar liesse sich gut landen, während Askole weniger günstig wäre, aber verdiente, hergerichtet zu werden.
Bis heute hat der Karakoram mehr Forschungsreisende als eigentliche Bergsteiger angezogen. Offenbar ist seine grosse Entfernung die Ursache, denn jede Expedition dorthin ist eine gewaltige Unternehmung. Die Forscher wurden vor allem durch die grossen Gletscher angezogen. Diese wurden durch die Topographen des Indian Survey entdeckt und skizziert, und zwar schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts. Godwin Austen entdeckte als erster den K2 und den Gletscher, dem man seinen Namen gab, ganz oben im Baltoro. Obwohl diese offiziellen topographischen Arbeiten hohes Interesse bieten, ist es nicht möglich, hier näher auf sie einzugehen 2 ).
Nehmen wir die privaten Unternehmungen vor: Eingangs sei erwähnt, dass Younghusband im Jahre 1887, als er von Peking durch die Wüste Gobi und über Yarkand zurückkehrte, es vorzog, den alten Mustaghpass zu überschreiten, statt durch die Pamire zu reisen. Dieser Pass bildete damals die Verbindung zwischen Kaschmir und China. ( Younghusband: The heart of a continent. ) Die Conway-Expedition von 1892 war die erste von wirklichen Bergsteigern ausgeführte Unternehmung, die übrigens auch wertvolle Forschungsarbeit lieferte. Conway hatte von jeher einen weiten Blick, und sein Reiseplan quer durch den Karakoram scheint im gleichen Geiste geboren zu sein wie seine spätere Querung der Alpen « from end to end ». Er hat 2/3 der Höhenroute des Karakoram begangen, und aller Wahrscheinlichkeit nach hätte er auch den Siachen bis nach Leh begangen, hätte er nicht auf der Höhe des Baltorogletschers eine Schranke vorgefunden.
Unter der Führung von Mathias Zurbriggen von Saas beging seine Karawane den ganzen Hispargletscher, stieg jenseits über den Biafo ab und folgte hierauf dem Baltoro bis zum Fuss des « Goldenen Thrones ». Dieser Gipfel ist der leichteste von allen im Baltorogletscherbecken. Conway und seine Begleiter erreichten zwar nicht die Spitze ( 7195 m ), aber doch einen Strebepfeiler, den sie Pioneer Peak ( 6890 m ) tauften. Während mehrerer Jahren bildete 1 ) Über die Beschreibung dieser Itinerarien siehe Musini: Routes in the Western Himalaya, Kashmir, etc. Bd. I, 2. Auflage, Calcutta 1929.
2 ) Siehe hiezu die zahlreichen Records of the Survey of India.
dies den Höhenrekord, bis im Jahre 1906 das Ehepaar Bullock-Workman mit dem Pinnacle Peak ( 6932 m ) im Nun Kun-Massiv einen neuen aufstellte.
Die Gonway-Expedition besuchte noch mehrere andere untergeordnete Gipfel und vereinigte in glücklicher Weise Bergbesteigungen mit Forscherarbeit.
Siehe Conway: Climbing and Exploration in the Karakoram Himalayas, London 1894, S.A.C. Bibl. N° 745.
Eekenstein: The Karakorams and Kashmir, London 1896, S.A.C. Bibl. N° 1029.
Die tätigsten, zähesten und planmässigsten unter allen Forschern waren ohne Zweifel die Bullock-Workman; sie haben einen guten Teil ihres Lebens dem Karakoram gewidmet. Dieses amerikanische Ehepaar verfügte über unbegrenzte Mittel und konnte sich daher auch die wertvollsten Hilfen sichern, die das bestmögliche Ergebnis verbürgten. Obwohl die Bullock eine Menge kleinerer Gipfel bestiegen, machten sie sich nie an einen der ganz grossen. Sie waren vor allem Forschungsreisende und bereicherten als solche die Literatur mit zahlreichen Berichten und die Kartographie mit vielen Karten.
Fassen wir ihre Unternehmungen kurz zusammen:
Im Jahre 1898, ohne europäische Führer, reisen sie in Kaschmir ( Ladak, Nubra und Suru ) und überschreiten zahlreiche Pässe zwischen 4500 und 5500 Meter.
Im folgenden Jahre ( 1899 ) erforschen sie mit Mathias Zurbriggen als Führer den Biafogletscher bis zum Biafo-Hispar-Pass, und es gelingen ihnen mehrere Besteigungen in der Umgebung des Skoro La, unter anderen die des Koser Gunge ( 6400 m ).
« In the 1ce World of the Himalaya » 1901. S.A.C. Bibl. N° 5443. ( « Alpine Journal » XIX, 623—4; XX, 3—17. ) Der ungünstige Sommer von 1902 wurde der Erforschung des Chogo Lungma-Beckens, Quelle des Shigar, gewidmet, dessen oberer Teil noch unbekannt geblieben war. Sie verfolgen den Hauptgletscher bis zu seinem Ursprung, 48 km weit. Auch drei Nebengletscher werden erforscht. Der Haramoshgletscher kommt vom Nordfuss des gleichnamigen Gipfels ( 7400 mein schöner Schneeberg, dessen Besteigung nicht schwierig scheint. Sie besteigen vier zweitklassige Gipfel sowie zwei Pässe, welche zu Ehren der Herrscherfamilie von Kaschmir Amar Singh La und Pertab Singh La getauft wurden 1 ). Für diese Reise hatten sie einen deutschen Topographen ( Dr. Oestreich ) zugezogen, sowie ihren treuen Zurbriggen und einen gewissen GiuseppeMüller als Träger.
( « Alpine Journal » XXI, 275—6; XXII, 16 f. ) Da sie nicht alle ihre Pläne verwirklicht hatten, blieben die Bullock-Work-man den Winter über in Indien und verreisten sodann 1903 nach dem gleichen Massiv, diesmal mit Courmayeurführern, dem bekannten Joseph Petigax, seinem Sohn und Cyprien Savoye. Aber das Wetter war wiederum ungünstig. Während eines langen Monats lagern sie auf dem oberen Chogo Lungma-Gletscher, am Fuss der Gipfel, die ihn vom Basingletscher trennen. Endlich, gegen Ende August, kommen einige schöne Tage. Trotz der Schwierigkeiten, die ihnen die Balti-Kulis ständig bereiten, ersteigen sie den Grat, der diese Gipfel verbindet, und erklimmen und taufen die zwei ersten, den Chogo ( 6555 m ) und den Lungma ( 6880 m ). Der dritte, Pyramid Peak ( 7465 m ), konnte nicht ohne 1 ) Die Bullock-Workman haben im Karakoram eine Menge Gipfel getauft, aber bekanntlich verwirft die Indian Survey ( mit Recht ) alle persönlichen Namen.
ein höheres Lager bezwungen werden, aber die Kulis waren kampfunfähig. Dγ. Workman und seine zwei Führer dringen in dieser Richtung vor bis 7130 m, kehren dann aber um. Gemäss seinem Bericht und den Photos scheint der Pyramid Peak leicht zugänglich zu sein 1 ).
Von ihrem Basislager gehen sie hernach über den Boluchogletscher hinauf, queren den gleichnamigen Pass ( 5180 m ) und steigen sodann zum Kero Lungma-Gletscher ab. Dann erforschen sie den Hoh Lumba-Gletscher und seine oberen zwei Abzweigungen bis zu ihren Ursprüngen und entdecken dort zwei zum Hispar führende Pässe. Ebenso wurde der Alchorigletscher besucht und bis zum gleichnamigen Pass vorgedrungen. Die Topographie dieser Gegend wurde durch einen Engländer aufgenommen, Dr. Hewett, welcher der Karawane beigesellt war. Seine Karte 1: 250,000 wurde in der Februarnummer des « Geogr. Journal » von 1906 veröffentlicht, und diese beiden Expeditionen von 1902 und 1903 sind des genauesten beschrieben in " The ice bound heights of the Mustagh », 1908. ( S.A.C. Bibl. N° 3782 ) sowie « Alpine Journal » XXI, 577—80; XXII, 494—506; « Geogr. Journal » 1906, 129—144.
In diesem ganzen Chogo Lungma sind Schneegipfel selten. Im Gegensatz zu den häufigen Felsgipfeln, richtigen Nadeln, sind erstere unschwierig. Grosse freistehende Berge gibt es hier sozusagen nirgends.
Im Jahre 1906 reiste das Ehepaar, wie gesagt, im Nun Kun-Massiv.
1908 kehren sie wiederum in den Karakoram zurück und widmen den ganzen Sommer der genauen Erforschung des Hispar und seiner Nebengletscher. Zur Rückkehr wählten sie den Biafo. Der Bericht dieser Reise wurde im « Geogr. Journal » von 1910 veröffentlicht, begleitet von einer Karte zweier italienischen Topographen, Calciati und Koncza, Doktoren der Geographie der Universität Freiburg ( Schweiz ). Ihre Führer waren Alexis und Henry Brocherel von Courmayeur, die gleichen, welche, wie erwähnt, Dr. Longstaff auf den Trisul und anderwärts begleitet hatten. Im « Alpine Journal » findet sich nichts über diese Reise — sie ist beschrieben in « The call of the snowy Hispar " ( 1910 ), S.A.C. Bibl. No 3784.
Im Jahr 1911 finden wir das unermüdliche Paar auf den Gletschern südlich des Baltoro und hernach auf dem Siachen. Ihren Generalstab bilden Dr. Calciati und der Führer Cyprien Savoye mit drei Trägern aus Courmayeur. Von Skardu aus verfolgen sie das Shyoktal bis Kapalu, sodann die Täler von Saltoro und Kondus bis Karmading, wo sie ihre Basis einrichten. Von dort erforschen sie sukzessive den Sherpigang und den Dong Dong-Gletscher, ohne jedoch einen Ausgang nach dem Siachen zu finden. Sie gehen nun das Saltorotal hinab bis zur Einmündung des Hushi und dann in diesem Tal hinauf, um die oberen Gletscher — Kondokoro, Masherbrum und Alin, welche etwa um 1860 schon von Godwin Austen besucht worden waren — näher zu besichtigen. Sie finden keinen guten Übergang von jenen Gletschern zum Baltoro.
Zurück bis zum Saltorotal, dort hinauf, über den Bilafondgletscher und den Bilafond La ( 5600 m ), worauf sie einen Teil des Siachen erforschen, des grössten Gletschers des Karakoram ( 75 km ), den schon 1909 Longstaff entdeckt hatte. ( « Alpine Journal » XXXII, 141—2. ) 1912 galt die ganze Reise der genauen Erforschung dieses riesigen Gletschers und seiner Vasallen. Es war dies der letzte und erfolgreichste Feldzug der Bullock-Workman. Begleitet wurden sie von einem englischen Topo- 1 ) Es ist ein nettes Zusammentreffen, dass Workmann an jenem Tage seinen 55. Geburtstag feierte.
graphen, Grant Peterkin, und seinen drei eingebornen Topographen. Von Courmayeur hatten sie sich verschrieben: Cyprien Savoye, Adolphe Rey und S. Quaizier sowie drei Träger. Wenn das Ehepaar auch gern sein Personal teilweise wechselte, so ist doch offensichtlich, dass Courmayeur in der Erforschung des Himalaya weiter eine erste Rolle spielte.
Anfangs Juli gelangen sie über den Bilafond La zu ihrem Ziel, dem Siachengletscher. Während dieses Überganges fiel der Träger Chenoz samt gerolltem Seil in eine Spalte. Mit Mühe konnte man ihn herausziehen, aber er starb an innern Verletzungen. Es war dies der einzige tödliche Unfall während der acht Expeditionen der Bullocks. Sie blieben sechs Wochen auf dem Siachen, davon fünf in Höhen über 5000 m. Sie erforschten dieses mächtige Becken in all seinen Einzelheiten und gelangten zum Indirapass ( 6360 m ) in der Wasserscheide zwischen dem Indus und Turkestan. Der jenseitige, den Urdokgletscher dominierende Hang schien ungangbar zu sein. Weiter östlich erreichten sie den Turkestan La ( 5855 m ), einen leichteren, zum Urdokgletscher ( Seitengletscher des Oprang ) führenden Pass 1 ).
Um nicht wiederum über den Bilafond zurückzukehren, suchen und finden sie einen guten Pass zwischen den Siachen- und Kondusgletschern. Dieses Tal führt sie zum Shyok und Indus.
Diese Expedition setzte der hervorragenden Forschertätigkeit des amerikanischen Ehepaares die Krone auf. Ihr Bericht und eine Karte 1:175,000 erschienen unter dem Titel « Two summers in the 1ce Wilds of the Easlern Karakoram » ( 1917 ). Siehe ferner « Geogr. Journal » XLIIL117—148; 273—293; LI, 38—42; « Alpine Journal » XXVI, 441—2; XXVIII, 340—1; XXXII, 142—4.
Im Jahre 1902, als die Amerikaner den Chogo Lungma erforschten, stieg eine Karawane von Führerlosen über den Baltorogletscher hinauf in der Absicht, den K2 oder Chogori ( 8591 m ) 2 ), den höchsten Gipfel des Karakoram, anzugreifen. Weiter nichts! Es sind drei Engländer: Oskar Eckenstein, 1 ) Diesen Pass hatte Younghusband schon 1889 entdeckt, als die indische Regierung ihn beauftragt hatte, die Nordgrenze von Kaschmir zu erkunden. Er machte sich daran, den altbekannten Saltoropass aufzufinden, welcher gemäss den Eingebornen nach Baltistan führen sollte. Hinauf durch das Shaksgamtal und über den Urdokgletscher gelangte er bis zum Pass in der Wasserscheide zwischen Tarim und Indus. Er überzeugte sich jedoch, dass dieser Pass für grosse Karawanen zu schwierig sei, überschritt ihn nicht und stieg über den chinesischen Hang ab.
Siehe Younghusband: The heart of a Continent, Kap. X, und « Geogr. Journal », Juni 1910, 622—3.
2 ) Die alte Höhekote ( 8619 m ) wurde herabgesetzt infolge neuer Berechnungen, welche die Refraktion berücksichtigen. Das neue Resultat macht den K2 zum dritthöchsten Berg der Welt.
Einheimische Gipfelnamen sind sehr selten ( oder nicht bekannt ), und die Ingenieure sehen sich daher gezwungen, zu Buchstaben und Zahlen ihre Zuflucht zu nehmen. Die Gipfel des Karakoram werden daher mit K, K1, K2, K3 usw. benannt. Dieses System wurde durch Montgomerie eingeführt. Andere Topographen bezeichnen die von ihnen beobachteten Punkte mit den Initialen ihres Familiennamens: T45, T57 sind von dem Oberst Tanner beobachtet worden, die W. durch Wood, die R. durch Ryder usw. Aber diese Methode ist verwirrend und wurde fallen gelassen.
Astronomischen Konstellationen entsprechen hier die Bergmassive. Die beobachteten Punkte haben Höhenzahlen, die den Sternen fehlen, und es ist besser, die namenlosen Gipfel mit diesen Zahlen zu benennen, so wie wir es in den Alpen mit den Nebengipfeln zu tun pflegen.
A. E. Crowley und G. Knowles; zwei Österreicher: Heinrich Pfannl und Victor Wessely, und ein Schweizer: Jules Jacot-Guillarmod, alle vom heiligen Feuer erfüllt.
Nur Eckenstein, ihr Leiter, kannte den Karakoram: zehn Jahre vorher hatte er Conway bis nach Nagar begleitet. Den K2 hatte er nicht zu Gesicht bekommen, aber man muss sich wundern, dass er zu jener Zeit im Glauben war, ihn bezwingen zu können. Allerdings hatte er ausgezeichnete Bergsteiger in seiner Truppe, aber keiner von ihnen hatte sich noch mit den Riesen des Himalaya messen können. Heute, nach vielen Erfahrungen, sind die Bergsteiger skeptischer und wissen, dass auch die dortigen « leichten » Berge noch Schwierigkeiten zur Genüge bieten.
Sie hatten Srinagar am 28. April verlassen und waren über den Zoji La am 25. Mai in Askole angekommen. Ein Feind Eckensteins Hess ihn unterwegs verhaften, und drei Wochen lang musste sich die Karawane ohne ihren Leiter behelfen, was ihr unersetzlichen Schaden zufügte.
Am 20. Juni schlugen sie ihr Lager X auf dem Godwin Austen-Gletscher auf, am Fuss des Südostgrates des K2, in 5700 m Höhe. Dort holte sie Eckenstein am 27. wieder ein. Liest man den Bericht Jacot-Guillarmods, so ist man erstaunt über den Grad von Optimismus, welcher sie damals erfüllte. Sie beabsichtigten nichts weniger als den Südostgrat des K2 anzugreifen, eine furchtbare Fels- und Eisrippe mit 60° Neigung im mittleren Teil. Aber als sie den Gletscher etwas höher oben erforschten, fanden sie, dass der Nordostgrat « leichter » wäre. Also schlugen sie ein Lager XI in 6100 m Höhe am Fuss dieses Grates auf.
Wie schon gesagt, war das Wetter während dieses ganzen Sommers ( 1902 ) ganz schlecht. Am 10. Juli, einem ausnahmsweise schönen Tage, machten Jacot-Guillarmod und Wessely einen Vorstoss auf dem Nordostgrat und gelangten bis zu 6700 m Höhe. Wessely war müde und wollte nicht höher gehen, was er wohl später bedauerte, da dies der einzige ernsthafte Versuch der Expedition war.
Einige Tage später errichtete sie ein Lager XII in der oberen, westlichen Bucht des Baltorogletschers in 6400 m Höhe, aber das Wetter wird wiederum schlecht, Krankheiten treten auf, und am 4. August wird der allgemeine, endgültige Rückzug beschlossen und angetreten.
Diese Unternehmung scheiterte an ungünstigen Wetterverhältnissen. Aber vielleicht war es besser so, denn der zu grosse Optimismus hätte die Teilnehmer möglicherweise einer Katastrophe entgegengeführt. Der Nordostgrat des K2 ist allerdings der einzige Weg, der unter Umständen zum Ziel führen könnte. Man muss ihn aber von Anbeginn verfolgen und nicht über die steilen und gefährlichen Hänge ansteigen, wie es diese beiden Alpinisten taten.
Jacot-Guillarmod veröffentlichte ein ganzes Buch über diese Unternehmung: Six mois dans l' Himalaya, Neuchâtel, ca. 1903. Siehe ausserdem: « S.A.C.J.ahrbuch » XXXVIII, 212—227, sowie « Zeitschrift des D. 0e. A. V. » Bd. XXV und « Oest. Alpen Zeitung » 1904 1 ).
Da wir beim K2 sind, verfolgen wir dessen kurze Geschichte. Sieben Jahre später, 1909, wurde er das Ziel einer neuen Expedition. Sie wurde mit gewohnter Meisterschaft vom Herzog der Abruzzen ins Werk gesetzt. Die ausschliesslich italienische Karawane bestand aus dem Herzog, seinem Adjutanten Marquis Negrotto, Filippo De Filippi, dem bekannten Photographen Vittorio Sella mit seinem Gehilfen, ferner den Führern Joseph Petigax, Alexis und Henry Brocherel und vier Trägern, wohlverstanden alle aus Courmayeur.
Der Zugangsweg, stets derselbe, wurde in sehr kurzer Zeit zurückgelegt. Einen Monat, nachdem die Gesellschaft Srinagar verlassen hatte, langte sie mit der ganzen Ausrüstung am Godwin Austen-Gletscher an, und am 26. Mai errichtete sie am Südfuss des K2 in 5000 m Höhe ein vorgeschobenes Lager. Erstaunlicherweise wählte der Herzog, nach einer kurzen Besichtigung des Berges, den Südostgrat, und drei Tage lang strengten sich seine Führer an, über diese vereisten Felsen einen Aufstieg zu erzwingen — nutzloses BeginnenSie steigen dann zum Pass am Fuss des Nordwestgrates hinauf, der Wasserscheide zwischen dem Baltoro und dem Shaksgam ( « Sella Savoia » 6666 m ) und müssen dort feststellen, dass dieser Grat keine besseren Aussichten bietet als die Südostrippe. Sie kehren also zum Godwin Austen-Gletscher zurück und ersteigen diesen bis zum Windy Gap ( 6233 m ), wohin schon Wessely 1902 vorgedrungen war und wo sie ein leichtes Lager aufschlugen. Am 24. Juni, von einem noch höheren Camp aus, gelangen sie bis 6600 m Höhe am Ostgrat des Staircase Peak ( 7339 m ), wo eine unüberschreitbare Kluft ihrem weiteren Vordringen ein Ende setzt.
Der Herzog verzichtet nun auf den K2 und widmet seine Aufmerksamkeit dem Bride Peak ( 7654 m ), dem anscheinend leichtesten Gipfel — wenn man von Conways Golden Throne absieht. Der Bride Peak erhebt sich westlich dieses letztern.
Am 2. Juli wird ein erstes Lager am Fuss der Seraks, die zwischen beiden Gipfeln herabhängen, aufgeschlagen. Trotz schlechtem Wetter und fortwährenden Schneefällen gelingt es ihnen, auf dem Chogolisasattel ( 6333 m ) im Hauptkamm zwischen Baltoro und Kondus ihre Zelte aufzuschlagen.
Nach einem ersten Versuch und mehreren Sturmtagen, die im Camp zugebracht werden, macht sich der Herzog am 17. Juli auf den Weg, begleitet von den drei Führern, und kampiert in 6853 m Höhe. Am 18., einem nebligen, aber ruhigen Tag, verfolgen sie den breiten meist schneeigen Südostgrat. Um 1330 Uhr sind die letzten Felsen erreicht, und von dort verläuft eine überwächtete Schneide in der Richtung des Gipfels. Dichter Nebel hüllt alles ein. Der Schnee ist voll Gefahren und der Hang so steil, dass es unverantwortlich wäre, weiterzugehen. Nach zwei Stunden Abwartens gehen sie zurück und erreichen noch am gleichen Abend das Chogolisalager. Das Wetter ist hoffnungslos, und die ganze Expedition kehrt daher nach Srinagar zurück, wo sie am 11. August eintrifft.
Die vom Herzog erreichte Höhe ist auf 7493 m bestimmt worden, und diese Rekordziffer wurde erst 1922 am Everest überboten. Bei besserem Wetter wäre die Karawane wahrscheinlich auf den Gipfel gelangt, denn alle Teilnehmer am Vorstoss waren in bester Verfassung und scheinen nicht unter der Luftverdünnung gelitten zu haben. Dies wahrscheinlich, weil sie so lange in hohen Lagern zugebracht und sich nach und nach akklimatisiert hatten.
Die wertvollen Ergebnisse dieser Expedition bestanden aus den prachtvollen, grossen Photographien Sellas und dem schönen Buch Filippis mit einer Karte 1: 100,000, gezeichnet auf Grund der photogrammetrischen Aufnahmen Negrottos. ( Siehe « La Spedizione nel Caracoram e nell' Imalaia occidentale », 1909. Bologna 1912. Ferner: « Alpine Journal » XXV, 107—111 und 331—347. ) Seitdem wurde der K2 nie mehr in Angriff genommen. Er scheint auch die kühnsten Liebhaber entmutigt zu haben. Unserer Ansicht nach zu Unrecht, denn er bietet grössere Aussichten als z.B. der Kangchendzönga. Leider ist er aber viel entfernter und das Wetter ist dort nicht viel besser, nach den Erfahrungen von 1902 und 1909 zu schliessen.
Es ist interessant, zu sehen, dass der wenigst pessimistische von allen, die den K2 gesehen oder versucht haben, Vittorio Sella ist. Keiner hat diesen Berg besser als er — mit den Augen des Künstlers und des erfahrenen Bergsteigers — geprüft, untersucht, bewundert. Auf einigen in meinem Besitze befindlichen prachtvollen Lichtbildern Sellas hat er zu seiner Unterhaltung den von ihm bevorzugten Weg ( mit Höhenangaben und Charakterisierung ) eingetragen. Es ist der Nordostgrat in seiner ganzen furchtbaren Länge. Dieser kommt offenbar einzig in Frage, aber es erfordert einen hohen Grad von Optimismus, um daran zu glauben... Die Sellasche Route zerfällt in vier Hauptteile:
1. Von einem 6200 m hohen Lager auf dem Godwin Austen-Gletscher müsste man den Grat von Anbeginn an verfolgen bis auf eine 6821 m hohe Kuppe, was sicher tunlich ist, sogar mit beladenen Kulis.
2. Vom Punkt 6821 bis zum Punkt 7200 m bildet der Grat die Grenze zwischen Kaschmir und Turkestan, ist sehr schmal und überwachtet, senkt sich bis zu seiner niedrigsten Stelle und steigt hierauf an, breiter und leichter. Dieser Teil erinnert an den Ostsporn des « Kantsch »; er ist weniger steil, aber vermutlich noch schwieriger. Bei Schneesturm läuft man Gefahr, hier vollständig abgeschnitten zu werden.
3. Vom Punkt 7200 bis zum Fuss der obersten Pyramide ( ca. 7800 m ) sind leichte Firnfelder, hie und da von grossen zu umgehenden Klüften durchschnitten.
4. Die Endpyramide, etwa 700—800 m hoch, ist wahrscheinlich noch steiler, als sie sogar vom Sellajoch oder vom Ostgrat des Staircase Peak aus aussieht. Sellas Spur führt fast durchwegs über wahrscheinlich lawinengefährlichen Schnee.
Die zwei Haupteinwände gegen diese Route sind also: Sektor 2 sehr schwierig; Sektor 4 sehr gefährlich.
Ich sagte bereits, dass der K2 in eminentem Masse ein « italienischer » Berg sei, im Gegensatz zum Nanga Parbat, der den Deutschen « reserviert » sei. Man könnte den K2 sogar als einen savoyischen Berg betrachten. Denn im Jahre 1929 hätte er durch den Prinzen Aimone di Savoia, Herzog von Spoleto ( Neffe des Herzogs der Abruzzen ), in Angriff genommen werden sollen. Mittels 200 Ponies deponierte er im Laufe des Sommers 1928 achtzehn Tonnen Gepäck in Askole und kehrte hierauf nach Italien zurück. Das Ex-peditionscomité, mit Sitz in Mailand, entschied sich dann, der Unternehmung einen ausgesprochen wissenschaftlichen Charakter zu verleihen und den K2 aufzugeben — ein weiser Entschluss, von dem unsere geographischen Kenntnisse Vorteil zogen.
Die gesamte Expedition verliess Italien im Februar 1929. Sie bestand aus mehreren Gelehrten, drei Alpinisten, darunter der bekannte Oberst Umberto Balestreri, und zwei Führern, selbstverständlich aus Courmayeur: Evaristo Croux und Léon Bron.
Anfangs Mai schlug die Karawane ihr Basislager bei Urdokas ( 4238 m ) auf, am linken Ufer des Baltoro, gegenüber dem Mustaghpass und dem furchtbaren Turm gleichen Namens. Sie beabsichtigte, den Pass zu überschreiten, das Shaksgamtal hinaufzugehen und über den Windy Gap oben zum Baltoro zurückzukehren.
Am 9. Juni passierte eine starke Abteilung unter der Leitung des Obersten Balestreri den Mustaghpass ( 5800 m ) und stieg über den Sarpo Laggo-Glet-scher ins Shaksgamtal ab, um die topographischen Aufnahmen von Mason zu vervollständigen.
Der Hauptteil der Truppe war durch schlechtes Wetter und Nahrungsmangel aufgehalten worden, aber Balestreri und Desio ( Geologe resp. Geograph ) setzen die Arbeit ( mit 8 Kulis ) fort, während die übrigen ins Hauptlager nach Urdokas zurückkehren.
Dank schnellen Fortschrittes und ziemlich guten Wetters gelangt die Abteilung Balestreri-Desio bis nach Kyagar am Nordhang des Teram Kangri, wo sie die Steinmänner Masons vorfinden. Die Vereinigung ihrer Aufnahmen mit denjenigen Masons ist daher erreicht, aber bis zur Stunde ist die versprochene Karte noch nicht erschienen ( 1932 ). Ihre Nahrungsmittel gehen zu Ende, und sie kehren daher in starken Märschen auf demselben Wege zurück. Mitte August treffen sie wieder am Basislager ein.
Mittlerweile hatte der Herzog eine Rekognoszierung unternommen bis zur Einsenkung im Grat östlich des Goldenen Thron-Gletschers, aber Nebel hinderten eine Sicht nach der anderen Seite.
Anlässlich ihrer Rückkehr über den Skoro La nach Srinagar vollführte Balestreri ohne Begleitung die erste Besteigung des Cheri Chor ( ca. 5450 m ).
« Geogr. Journal » Mai 1930, 385 1; « Himalayan Journal » I, 88—90; III, 102—7; « Annuario C. A. A. I. », 1927/31, 53—63.
Bevor wir den Baltoro verlassen, um mit unserer Chronologie fortzufahren, möchten wir noch einiges über die künftigen Möglichkeiten beifügen. Unsere Gedanken betreffs des K2, des Königs dieser Region, haben wir bereits erwähnt. Der Kamet ( 7755 m ) hat seine Besteiger gefunden, und es ist kaum anzunehmen, dass sich eine Expedition herbeilassen wird, die Besteigung des Goldenen Thrones oder des Bride Peak zu Ende zu führen. Wer den Baltoro besucht, tut dies gewiss in der Absicht, einen Gipfel von mindestens 8000 m zu erobern. Es fehlt dort nicht an solchen: der Hidden Peak ( 8068 m ), der Gasherbrum ( 8035 m ) und die beiden Gipfel des Broad Peak, dessen höchster, vom Herzog der Abruzzen festgestellter Punkt 8270 m misst.
Geographisch wäre am wertvollsten die Überschreitung des Windy Gap, die Erforschung des Osthanges der Kette, der ins Shaksgam abfallenden Gletscher und ganz besonders eines eventuellen Verbindungspasses vom Baltoro zum Siachengletscher.
Im Jahre 1909 macht sich T. G. Longstaff, dem wir schon mehrmals anderwärts begegneten, auf, um seinerseits das Geheimnis des Saltoropasses, das schon so viele Forscher beschäftigte, zu ergründen. Mit Arthur Neve, dem grossen Erforscher von Kaschmir, und A. M. Slingsby ( vom Kamet bekannt ) geht er von Srinagar über die Berge nach Kapalu im Shyoktal. Dort sagt man ihm, dass der Saltoropass sich zu oberst am Bilafondgletscher öffne und zu einem weiteren grossen Gletscher führe, wo der Weg sich dann gabele: ein Weg gehe ins Nubratal hinab und der andere nach Yarkand ( Turkestan ).
Seit aber der Karakorampass zum Handelsweg geworden sei, seien jene Wege vernachlässigt.
Am 7. Juni macht sich Longstaff also auf den Weg zu diesem berühmten Pass, der übrigens kein anderer ist als der Bilafond La ( 5600 m ) der Bullock-Workman. Der Name Saltoro scheint legendär zu sein, und diese ganze Gegend war noch unerforscht. Der Siachen war auf den damaligen Karten als ein kleiner, von hohen Wänden eingeschlossener Gletscher hinten im Nubratal eingezeichnet.
Am 15. Juni überschreitet Longstaff seinen Pass in der Meinung, nun ins Oprang in Turkestan abzusteigen. Am Siachen angelangt, den er Teram tauft, überzeugt er sich, auf einem mächtigen Gletscher zu sein, dessen Breite an jener Stelle 3—4 km betrug. Aber derselbe ist so flach, dass er im Ungewissen ist, nach welcher Seite er abfliesst. Er glaubt nordwärts, in der Richtung von Oprang, während das Gegenteil der Fall ist. Im Nordosten erhebt sich ein anscheinend sehr hoher Berg, dem er den hübschen Namen Teram Kangri beilegt und dessen Höhe er mittels des Klinometers der Indian Survey zu bestimmen sucht. Nach Absteckung einer Basis von 1000 Yards auf dem Gletscher machte er bloss zwei Visuren und fand mittels Berechnung eine den Everest übertreffende Höhe. Dies war doch etwas zu viel. Die Distanz zum Berge wurde nun um zwei Meilen ( 3,2 km ) verkürzt und sodann eine Höhe von 27,610 Fuss = 8415 m gefunden, welche Ziffer Longstaff auf seine Karte eintrug. Aber drei Jahre später ( 1912 ) wurde der Teram Kangri durch die Expedition Bullock-Workman mit dem Theodolithen gemessen und seine Höhe auf 24,510 Fuss = 7470 m zurückgebracht 1 ).
Dieser grosse sogenannte Teramgletscher, den man als zu China gehörig ansah, gefiel den Baltiskulis ganz und gar nicht, und man erachtete es als vorsichtig, denselben Weg zurückzugehen. Am 18. Juni zog sich die Karawane möglichst schnell über den « Saltoro » resp. Bilafondpass zurück.
Longstaff erforscht hierauf den Chumik- und Rgyonggletscher in der Hoffnung, einen Übergang nach dem Nubra ausfindig zu machen. Auf der Höhe des Rgyong La ( 5700 m ) findet er eine Steindaube, was die frühere Begangenheit dieses Passes beweist, aber der jenseitige Hang schien nicht leicht zu sein. Am 4. Juli kehrt er mit Slingsby nach Goma zurück und erforscht sodann den Chulunggletscher. In der Zwischenzeit war A. Neve genötigt gewesen, nach Srinagar zurückzukehren. Am 12. Juli überschreitet die Karawane Longstaff den Chulung La ( 5580 m ) und gelangt in Chulunka ins Shyoktal. Im Hinaufsteigen erforschen sie dann noch die Täler des rechten Ufers. Diese ganze Region zwischen Shyok und dem Saltoro ist Granit und weist eine Reihe kühnster Felsnadeln auf.
Longstaff geht nun das Nubratal hinauf, quert den Fluss und gelangt am 25. Juli zur Route von Panamik nach China. Ein Vorstoss gegen den Changlung ( 7672 m ) in der Kette zwischen Nubra und Shyok musste wettershalber abgekürzt werden 2 ).
Longstaff wusste damals noch nicht, dass er den Siachengletscher, den er Teram nennt, entdeckt hatte. Er war auf dem Wege, über den Karakoram- 1 ) Nur Byström behält auf seiner undatierten General Map of the Karakoram Glaciers die alte Höhe von 8416 m. Sven Hedin war so freundlich, mir diese Karte zuzustellen.
pass zu gehen, um in Turkestan das Ende jenes Gletschers zu suchen, als er glücklicherweise zwei Briefe erhielt, die ihn aufforderten, den « kleinen » Siachengletscher zu ersteigen und sich zu vergewissern, ob er wirklich von einer hohen Felsmauer abgeschlossen sei. Aber der Monsun hatte mit Heftigkeit eingesetzt und um den anschwellenden Flüssen Zeit zu lassen, zurückzugehen, begleitet er Captain Oliver, den britischen Kommissär des Ladak, auf einer Reise nach dem Karakorampass.
Nach Nubra zurückgekehrt, verlässt er Panamik am 13. September, um jenes Problem des « kleinen » Siachen gründlich zu lösen. Am 16. langen sie bei dessen Zunge an. Der Siachen war bisher bloss auf eine Distanz von 3—4 km von Henry Strachey von der Indian Survey 1848 begangen worden l ).
Sie folgen dem linken Ufer; riesige Seraks machen den Marsch schwierig und langsam. Oliver muss heimreisen und Longstaff setzt seinen Weg mit seinen Kulis allein fort. Nach und nach erkennt er die sehr charakteristischen Moränen wieder, die er höher oben schon im Juni beobachtete — die eine aus hellgrauem Granit, die andere aus dunkeln Sedimenten bestehend. Er gelangt schliesslich zu der Stelle, wo der Gletscher nach Norden abbiegt und wo eine vorhandene Einengung von jeher den Anschein erweckt hatte, dass das Gletscherbecken hier seinen Abschluss habe.
Nach einem Anstieg von 300—400 m am linken Ufer entdeckt er die unabsehbare Fortsetzung des Gletscherstromes und erkennt auch die Berge wieder, die er im Juni unter einem anderen Winkel photographisch aufgenommen hatte. Eine feierliche Stunde! Wir teilen die hohe Freude des Forschers, welcher die Lösung des Rätsels nun endlich gefunden hatte. Es war der Abschluss einer ergebnisreichen Reise, und Longstaff gebührt die Ehre, den grössten Gletscher des Himalaya entdeckt zu haben. Die Bullock-Workman vervollständigten, wie gesagt, diese Erforschung drei Jahre später, stellten die wahre Höhe des Teram Kangri fest und machten den Siachengletscher zu dem am besten topographierten des ganzen Karakoram.
« Geogr. Journal » Juni 1910, 622—58 mit Longstaffs Karte 1:500,000; « Alpine Journal » 1911, 485—8 ( Longstaff ); XXXVI, 307—13 ( Collin's Triangulation des Teram Kangri ).
Die Expedition De Filippi von 1913/14 hatte ausschliesslich wissenschaftlichen Charakter. Sie füllte eine der letzten grossen Lücken in der Topographie des Karakoram aus, nämlich die Aufnahme des grossen Beckens des Rimo ( auch Remo oder Rimu ), das auf der Longstaffschen Karte gänzlich fehlt. Ausser einer starken Anzahl italienischer Wissenschaftler waren unter den Teilnehmern die Topographen Wood und Spranger des Indian Survey, mit ihren Gehilfen. Nur ein Führer war dabei, der ausgezeichnete Joseph Petigax von Courmayeur.
Den Winter 1913/14 brachten sie in Skardu zu, der Hauptstadt von Baltistan oder Klein Tibet. Dann verfügte man sich durch das Tal des Indus nach Leh und hernach auf der Chinaroute nach dem Hochplateau von Depsang ( über 5000 m ), wo das Hauptlager aufgeschlagen wurde.Von dort strahlten sie aus, ein jeder gemäss seiner Aufgabe. Dem Hauptteil der Gesellschaft fiel der Auftrag zu, die Topographie des Rimogletschers und seiner Seitengletscher zu besorgen. Der Rimo befindet sich im Westen des Karakoram- passes, beidseitig der Wasserscheide. Er hat also zwei Endzungen, deren jede einen grossen Strom speist, den Yarkand auf der chinesischen oder Ta-rimseite, den Indus auf der indischen Seite.
Der zentrale Rimogletscher misst 38 km von der Hauptgletscherzunge bis zur Höhe des Passes, der ihn mit dem Teram Sher, Tributar des Siachen, verbindet. Es wird berichtet, dass früher eine unschwierige Verbindung über diese zwei Gletscher und den Bilafond La ( oder Saltoropass ) bestand.
In dem Becken des Rimo haben die Gletscher fast keinerlei sichtbare Moränen, während ihre westlichen Nachbarn mit solchen bedeckt sind. Die höchsten Gipfel erheben sich zwischen dem südlichen Arm und dem Siachen und kulminieren im Punkt 7391 m. Die ganze Gegend gehört zu den Sedimenten und hat für den heutigen Bergsteiger kein besonderes Interesse.
Am 13. August findet sich die ganze Gesellschaft im Hauptlager zusammen und vernimmt mit Bestürzung, dass der Krieg erklärt ist. Einige unter ihnen müssen sogleich über Leh heimkehren; die übrigen wählen den Karakorampass nach Yarkand und Kashgar, um über Russland in die Heimat zu reisen.
Filippi veröffentlichte 1923 seine Storia della spedizione scientifica italiana nel Himalaia Caracorum e Turchestan Cinese ( Bologna, Zanichelli ) mit einer guten Karte ( 1:100,000 ) des Rimogletschers. Die wissenschaftlichen Ergebnisse folgen gegenwärtig ( 1932 ). Siehe auch: « Geogr. Journal » XLVI, S. 85—105, und « Alpine Journal » XXXVII, 397—400.
Die Filippische Forschungsreise hatte ihre vorgenommene Aufgabe durchaus erfüllt, mit Ausnahme der beabsichtigten Erforschung des Shaksgamtales. Dies wurde erst 1926 ausgeführt, und zwar durch den Major Kenneth Mason des Indian Survey, mit einigen anderen Offizieren.
Mason langt Ende Juni an den Quellen des Yarkand an, entdeckt ganz nahebei die Quellen des Oprang und beginnt nun, das bisher unerforschte Shaksgamtal hinabzusteigen. Dieses verläuft zwischen der Kristallinkette des Mustagh und der sedimentären des Aghil, die im Vergleich zu den Gletschern und furchtbaren Wänden des Karakoram äusserst monoton ist. An verschiedenen Stellen ist das Shaksgamtal fast gänzlich durch vom Mustagh herabfliessende Gletscher abgesperrt. Mason hatte statt Kulis Ponies mitgenommen, musste aber am ersten Gletscher, dem Kyagar, Halt machen. Gezwungen, den Talweg des Haupttales zu verlassen, hatte er nun weiter nördlich, durch Seitentäler des Aghil, seinen Weg zu suchen. Als er endlich das Haupttal weiter unten, unterhalb der Gletscher, wieder aufsuchen wollte, langten Zeit und Lebensmittel nicht mehr, und er sah sich gezwungen, zurückzukehren.
Wie schon gesagt, gelangten später Balestreri und Desio bis zum Kyagar und vollzogen den Anschluss, aber die Topographie der zwischen Gasherbrum und Kyagar gelegenen Gletscher bleibt noch heute unvollständig. Mason hatte den Vorteil, beinahe immer schönes Wetter mit klarer Sicht nach der grossartigen Mustaghkette zu haben. Er benutzte mit Vorteil den Phototheodolit von Wild für seine Aufnahmen. Sein Bericht, erschienen im « Geogr. Journal » vom April 1927, Seiten 289—332, ist versehen mit einer vorläuf igen Karte 1: 250,000, aufgenommen durch Afraz Gul Khan. Siehe auch « Geogr. Journal » LXVIII, 225—34 und LXX. Sein Begleiter, der Major Minchinton, veröffentlichte einen vollständigen Bericht im Band XXII der « Records of the Survey of India ».
Den Südostteil ausgenommen, scheint dieser chinesische Abhang der Karakoramkette nicht besser zugänglich zu sein als die Baltoroseite. Einziger Vorteil wäre das Wetter, das auf dieser Seite wesentlich trockener zu sein scheint. Aber wenn die hohen Berge im blauen Firmament thronen, wie sie Mason hier sah, so hat der Baltoro dasselbe schöne Wetter, und es war eben eine Ausnahme, welche die Regel bestätigt.
Um die hohen Gletscher des Shaksgam richtig zu erforschen, müsste man von Gilgit ausgehen, den Shingshal anfangs Februar überschreiten und das Shaksgam vor dem Anschwellen der Flüsse im Juni verlassen. Denn man läuft sonst Gefahr, gemäss Mason, in den Schluchten abgeschnitten zu werden. Und doch scheint Balestreri im Juli 1929 von diesem Hochwasser nicht behindert worden zu sein. Die Flüsse scheinen hier also nicht so stark anzuschwellen wie auf der indischen Seite.
Der Teram Kangri und seine Nachbarn sind auf dieser Seite wohl zugänglicher als vom Siachen aus. Aber es sind weisse, vergletscherte Riesen, und um ein sicheres Urteil abzugeben, müsste man sie aus der Nähe in Augenschein nehmen.
Im Jahre 1922 unternahm das holländische Ehepaar Visser-Hooft seine erste Reise in den Karakoram. Wenn man deren ersten Bericht im « Alpine Journal », Mai 1923, Seiten 75—80, liest, erwartet man nicht, dass es dem Beispiel der Bullock-Workman in so glänzender Weise folgen werde. Diese erste Forschungsreise war hauptsächlich sportlicher Art und hatte zum Ziel das Sasirmassiv, südlich des gleichnamigen Passes. Wie schon bemerkt, hatte Longstaff 1909 die Besteigung des höchsten Gipfels dieser Gruppe, des Changlung ( 7672 m ), versucht.
Wenn man von Panamik zum Sasirpass ( 5365 m ) hinaufsteigt, sieht man rechter Hand ( südlich ) mehrere Gletscher. Sechs von ihnen wurden durch die Visser erforscht. Sie überschritten drei neue Pässe und erstiegen sechs neue Gipfel zwischen 5670 und 6130 m Höhe. Ihre Begleiter waren die Führer Franz Lochmatter ( welcher mit Meade den Kamet angegangen hatte ) und Johann Brantschen, beide von St. Nikiaus im Wallis. Später versuchten sie auch den Changlung ( 7672 m ), waren aber nicht glücklicher als ihr Vorgänger Longstaff. ( Siehe « Alpine Journal », XXXV, 75 f. ) Die zweite Visser-Expedition sollte wissenschaftlicher Art und viel bedeutender sein. Um sie sorgfältig vorzubereiten, blieben sie den ganzen Winter 1924/25 in Indien. Dorthin sollte ich ihnen im März 1925 als Topograph folgen. Leider war ich damals noch für die Stereophotogrammetrie eingenommen, mit Ausschluss anderer Aufnahmeverfahren. Seitdem habe ich mich überzeugen müssen, dass diese moderne, schnelle und im Terrain praktische Methode viel zu kostspielig für den Himalaya ist 1 ).
Die Expedition machte sich zu Frühlingsanfang auf den Weg. Ihre Führer waren Franz Lochmatter und Johann Perren von St. Nikiaus, und als Topograph amtete Afraz Gul Khan vom Indian Survey. Die erforschte Gegend erstreckt sich im Hunza nördlich des Hispargletschers, ein sehr armes Land, dessen Betreten grossen Karawanen wegen der Transport- und Unterhalts-schwierigkeiten gewöhnlich untersagt ist.
Anfänglich beabsichtigte Visser, über den Shingshalpass zu gehen und den Oprang ( Shaksgam ) nördlich des K2 zu erforschen. Er war dann aber genötigt, seinen Plan zu ändern. Trotzdem wurde sein Unternehmen glücklich und erfolgreich: Er explorierte den Kunjerab-, den Shingshal- und das ausgedehnte Becken des Baturagletschers im Hindu Kush. Letzteres ist gegen 60 km lang, und seine Gipfelreihe scheint die des Kunjerab an Schönheit und Interesse bedeutend zu übertreffen.
Die Kette nördlich des Hispargletschers ist nun ziemlich gut kartographiert. Diese Gipfel scheinen von Süden weniger Schwierigkeiten zu bieten als von Norden.
Vissers Bericht erschien im « Geogr. Journal » von Dezember 1926, Seiten 457—68, mit einer Karte 1: 500,000. Auf dieser Karte ist das Gujerabtal noch ein weisser Fleck, aber diese Lücke wurde 1927 durch den Captain Morris von der Expedition Montagnier geschlossen. ( « Geogr. Journal » LXXI, 513 f.; « Die Alpen », 1928, 81—103; siehe auch Ph. C. Visser: Zwischen Karakorum und Hindu Kush, Leipzig 1928. ) Die dritte Visser-Expedition fand 1929/30 statt. Die auszufüllenden Lücken werden im Laufe der Jahre immer kleiner und seltener. Diese Reise hatte daher auch eine weniger homogene, aber längere und abwechslungsreichere Aufgabe als die vorhergehende. Die Visser waren begleitet von ihrem treuen Franz Lochmatter, dem Zoologen Sillem und dem Schweizer Geologen Rudolf Wyss, welch letzterer uns persönlich einige Episoden dieser langen Reise erzählt hat.
Visser besucht zunächst den Gegenstand seiner ersten Liebe, die Kette zwischen Shyok und Nubra. Er entdeckt neue Gletscher zwischen dem Siachen und dem Rimo und ferner südöstlich von Panamik und südlich der von ihm 1922 untersuchten Sasirgruppe. Dann begibt er sich in die landschaftlich traurige Gegend des Karakorampasses, erforscht die Quellen des Chip-chap und den Kushku Maidan. Trotz schlechten Wetters gelingt seinem indischen Topographen in 82 Tagen die Aufnahme von 6000 ( sechstausend ) km2, worauf derselbe nach Calcutta zurückkehrte. Die Expedition dagegen bringt den Winter in Yarkand zu, der Hauptstadt von chinesisch Turkestan.
Im Mai 1930 verlässt sie diesen Ort, kommt über den Karakorampass zurück und erforscht weiter südlich die Tributärgletscher des Shyok an dessen rechtem Ufer. Im Juli erfolgt die Rückreise nach Leh.
« Himalayan Journal » II,109—111; III,13—23 und 107—109; « DieAlpen », 1930, 201—209; 1931, 281—301; « Oest. Alp. Zeitung » 1933, 2—9.
Die jüngste wichtige Reise nach dem Karakoram ist diejenige von Dainelli im Jahre 1930. Sie war besonders der Geologie gewidmet, denn die Topographie der besuchten Gegenden war 1912 durch Bullock-Workman und 1914 durch Filippi besorgt worden. Er verliess Florenz am 9. April in Begleitung von Frl. Ellen von Kalau, einer bekannten Alpinistin und Skiläuferin. Schon am 9. Juni waren sie am Siachengletscher, ein Geschwindigkeitsrekord. Sie begehen den Gletscher bis zur Einmündung des Teram Sher, wo sie ihr Basislager auf einer blumigen Oase in 5000 m Höhe aufschlagen. Dainelli sendet rechtzeitig alle überflüssigen Kulis zurück und ist nun von der übrigen Welt abgeschnitten, denn das Nubratal ist während des Hochwassers im Juli und August unpassierbar.
Nach einem Aufenthalt von nahezu zwei Monaten auf dem Siachen ersteigt er den Teram Sher, dessen oberer Teil von gewaltigen Schründen durchzogen ist. Diese hatten die Bullock-Workman verhindert, bis zu dem Pass vorzudringen, der diesen Gletscher mit dem Rimo verbindet 1 ). Dainelli erreicht 1 ) Wahrscheinlich sind es eben diese Spalten, welche die Eingebornen veranlassten, diese alte Verbindungsroute aufzugeben.
ihn auf Ski nach zehntägiger, mühsamer Arbeit in Nebel und Schnee und tauft ihn Colle Italia. Höhe ca. 6100 m. Es ist dies kein eigentlicher Pass, sondern eher ein Gletscherplateau, wie das des Biafo-Hispar. Die Wasserscheide ist dort nicht sehr einfach in ihrer Gestaltung, und Dainelli stellt deren Topographie richtig. Er besucht hernach die Quellen des Yarkand, die von seinen Gefährten von 1914 entdeckt worden waren, und kehrt sodann auf dem gewöhnlichen Wege nach Leh zurück, einige Zeit nach den Visser. Von Leh reist er nicht nach Srinagar, sondern er folgt dem Handelsweg, der den Zaskar und den Great Himalaya überquert und in Sultanpour und schliesslich in Lahore ausmündet.
« Geogr. Journal » 1932, 257—74; « Himalayan Journal » III, 109—10; IV, 46—54; « Annuario del Club Alpino Accademico Italiano », 1927/31, 3—21; Dainelli: Buddhists & glaciers of Western Tibet ( 1933 ).
PS. Bekanntlich ist Kangchendzönga ein tibetischer Name und bedeutet: « Die fünf Schatzkammern des grossen Schnees » ( kang = Schnee; chen = gross; dzö - Schatzkammer; nga = fünf ). Die englische Schreibweise Kangchenjunga wird ungefähr ebenso ausgesprochen. Verschiedentlich hat man angenommen, dass damit fünf Gipfel gemeint seien, und hat sie zu identifizieren versucht. Freshfield geht sogar so weit, sie auf einer seiner Photos zu numerieren ( vgl. sein Buch « Round Kangchenjunga » S. 122 ). Tatsächlich ist der « Kantsch » mehrgipfelig. Charles Bell ( vgl. Dyhrenfurth: « Himalaya », S. 209 ) bezieht den Namen auf das ganze Massiv und entscheidet sich für die fünf Hauptberge ( von Süden gesehen ): Jannu, Kabru, Kangchendzönga, Pandim und Narsing. Diese Deutung ( Schatzkammer = Gipfel ) schien mir immer recht anfechtbar, denn es braucht viel guten Willen, um am Kangchendzönga fünf Gipfel zu finden. Überdies lassen sich die Eingeborenen auf derartige Einzelheiten gar nicht ein.
Im Verlauf meiner jetzigen Studie fiel mir auf, welch grosse Rolle die Zahl 5 in der Himalaya-Nomenklatur spielt. Ausser dem Kangchendzönga nenne ich z.B. die heilige Kette des Tsering Tsenga ( die 5 Gipfel des Tsering ), deren wichtigster der Gaurisankar ist ( vgl. S. 331 und Fussnote S. 332 ). Bell erwähnt den Namen Dzö-nga-tak-tse- ( Schatz-kammer-fünf-Tiger-Berg ). Übrigens treffen wir die Fünfzahl auch in Ortsnamen, die aus dem Sanskrit stammen, z.B. Panchuli ( die 5 himmlischen Feuer ), Panchjab ( die 5 Ströme ).
In meiner Fussnote auf S. 332 deutete ich bereits an, dass unserer christlichen Dreieinigkeit eine buddhistische Pentalogie zu entsprechen scheine. Inzwischen glaube ich die Erklärung der Fünfzahl in dem Buch von Jean Przyluski über den Buddhismus ( Verlag Rieder, Paris, 1932 ) gefunden zu haben. Er sagt hierüber ungefähr folgendes ( S. 65 ff. ): « Im Mittelalter hatte der Buddhismus, der sich allmählich komplizierte, ein « tantrisches » System ausgearbeitet, das den alten Formeln der babylonischen Wissenschaft folgte. Der Schlüssel zu diesem System ist die Zahl 5. Das Weltall wird in 5 Zonen eingeteilt, die durch den Mittelpunkt und die vier Kardinalpunkte bestimmt sind. Diesen Zonen entsprechen die 5 Farben der Dinge, die 5 Odem, welche das Individuum beseelen, und die 5 Sinne. Die Lebewesen bestehen aus 5 Elementen... die Zahl 5 bedeutet die Harmonie, die in allen Teilen des Kosmos herrscht. » In einem Brief vom Hofe des Maharaja von Sikkim ( veröffentlicht im « Himalayan Journal » IV, S. 198 ) wird sogar aufgezählt, was die 5 Schatzkammern des Kangchendzönga enthalten sollen: Die erste Salz, die zweite Gold und Türkis, die dritte heilige Bücher und Reichtum, die vierte Kriegswaffen, die fünfte Ernte und Medizin. Wir sind also von den 5 Gipfeln des Kantsch ziemlich weit abgekommen!
In der Fussnote auf S. 245 warf ich die Frage auf, welche Beziehung zwischen dem Hindustani-Wort panch und dem griechischenfünf ) bestünde. Wie ich inzwischen erfuhr, haben beide Worte den gleichen indogermanischen Ursprung: penque. Seitdem bin ich auf die Schreibweise Pendjab gestossen, die wahrscheinlich richtiger ist als Panchjab — auch in phonetischer Hinsicht.