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"Poesie ist eine schwer zu zähmende, sprunghafte, schamlose Kunst. Wildes Sehen: was sie tut. Anarchische Brille. Sie ist eine nicht mehr zu haltende Assoziationsläuferin, schafft ungehörige Verwandtschaften."
"Die Übertragung von Lyrik ist für mich eine hochgradig erotische Angelegenheit - ein Wunsch und ein Weg, sich dem Fremdem auszusetzen und es anzunehmen. Beim Übertragen von sogenannt 'Fremdem' ist mir das ach so kostbare Ich fragwürdig geworden."
"Die sogenannt eigenen Gedichte sind mir nicht eigener und näher als die vermeintlich fremden und fernen, die ich in meine Sprache übertragen habe. Ich werde von gewissen Texten bewohnt, das ist alles. Ein Bekenntnis zu einem schamanistischen Verständnis der Poesie."
Ralph Dutli trug in seinen Poetikvorlesungen eigene und 'fremde' Gedichte vor; er las auf russisch, französisch und englisch und sprach darüber, wie und weshalb er diese Texte ins Deutsche übertragen hatte. Seine Faszination für die Gedichte war hörbar, die Lesung wurde - im Wechsel von den Originalsprachen ins Deutsche und zurück - zum Ereignis. Dem auf gewisse Weise entsprechend bezeichnete Dutli "Dichten" als "Schamanisieren", das sowohl "kosmische" als auch "komische Seiten" habe.
Ralph Dutli (*1954 in Schaffhausen) ist Lyriker, Übersetzer und Essayist. Er hat Zwetajewa, Brodsky und Mandelstam übersetzt und Herausgeber der zehnbändigen Ossip-Mandelstamm-Gesamtausgabe. Seine eigene Lyrik findet sich u. a. in Notizbuch der Grabsprüche (2002) und Novalis im Weinberg (2005). Seine Zürcher Poetikvorlesungen hat er in den Band Nichts als Wunder. Essay über Poesie (2007) eingearbeitet.