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Zum ersten Mal seit 1963 hat wieder eine Frau einen Physik-Nobelpreis gewonnen – erst zum dritten Mal in der Geschichte der begehrten Auszeichnung. Donna Strickland, die für ihre Grundlagenforschung im Bereich der Laserphysik ausgezeichnet wurde, teilt sich den Preis mit zwei Männern. Unglaublich, aber wahr: Die Kanadierin erhielt erst 90 Minuten nach der Bekanntgabe der Preisträger einen Wikipedia-Eintrag.
Diese Vernachlässigung durch die Online-Enzyklopädie schlechthin kann man mit Fug als symptomatisch bezeichnen. Nur ganz allmählich bequemen sich die Nobelkomitees dazu, Frauen ebenfalls gebührend für herausragende Leistungen zu würdigen. Immerhin ging der diesjährige Preis für Chemie auch an eine Frau – die Amerikanerin Frances Arnold erhielt ihn «für die gerichtete Evolution von Enzymen».
Hätten die Nobelpreis-Gralshüter in Stockholm und Oslo die potentiellen Laureaten nicht durch ihre patriarchalische Brille betrachtet, wären sicherlich viel mehr Frauen mit dem weltweit nach wie vor bedeutendsten und bekanntesten Preis ausgezeichnet worden. Hier stellen wir 7 Frauen vor, die einen Nobelpreis verdient hätten – eine Auswahl aus einem weit grösseren Feld würdiger Kandidatinnen.
Ende 1938 bat der deutsche Physiker Otto Hahn seine Kollegin Lise Meitner brieflich um Hilfe. Er hatte mit seinem Assistenten Fritz Strassmann Experimente mit Uran 239 durchgeführt und suchte den Rat der 1878 in Wien geborenen Physikerin. Meitner, die 1938 als Jüdin überstürzt aus Deutschland nach Schweden geflüchtet war, lieferte prompt die physikalische Erklärung für Hahns Versuche: Sie erkannte, dass er den Urankern tatsächlich gespalten hatte. Ihr Anteil an der Entdeckung der Kernspaltung war so bedeutend, dass sie heute noch «Mutter der Atombombe» genannt wird.
Doch 1945, als die Königlich Schwedische Akademie Otto Hahn für die Entdeckung der Kernspaltung mit dem Nobelpreis für Chemie (für das Jahr 1944) auszeichnete, ging Meitner leer aus – als Frau und Jüdin fiel sie gleich doppelt durch die Maschen. Es dürfte sie zusätzlich getroffen haben, dass der mit ihr befreundete Hahn ihre Leistung mit keinem Wort erwähnte. Nach der Preisverleihung schrieb sie einer Freundin: «Hahn hat sicher den Nobelpreis für Chemie voll verdient, da ist wirklich kein Zweifel. Aber ich glaube, dass Frisch [Meitners Neffe] und ich etwas nicht Unwesentliches zur Aufklärung des Uranspaltungsprozesses beigetragen haben – wie er zustande kommt und dass er mit einer so grossen Energieentwicklung verbunden ist, lag Hahn ganz fern.»
Rosalind Franklin hatte keine Gelegenheit, sich über den entgangenen Nobelpreis zu grämen: Sie starb 1958, vier Jahre zu früh. Die britische Biophysikerin hatte am King's College in London bahnbrechende Untersuchungen zur Struktur der DNA vorgenommen, doch die Lorbeeren heimsten andere ein. Das Forscher-Duo James Watson und Francis Crick erhielt 1962 zusammen mit Maurice Wilkins den Nobelpreis für den Nachweis der Doppelhelix-Struktur der DNA.
Wilkins hatte zusammen mit Franklin, mit der er nicht gut auskam, im Labor gearbeitet und den beiden anderen Forschern ihre unpublizierten Forschungsergebnisse zugänglich gemacht – ohne ihr Wissen. Obwohl Franklins Beitrag entscheidend war, erwähnten Watson und Crick sie in ihrer Publikation nur kurz am Schluss. In ihren Dankesreden bei der Preisverleihung gingen sie mit keinem Wort auf ihre Kollegin ein. Wäre Franklin 1962 noch am Leben gewesen, hätte sie die Auszeichnung vielleicht erhalten. Doch das ist unwahrscheinlich – bis dahin hatten erst drei Frauen einen Nobelpreis in einer naturwissenschaftlichen Kategorie gewonnen.
1967 stiess die junge nordirische Astrophysikerin Joycelyn Bell Burnell – noch als Studentin – bei der Analyse von enormen Datenmengen am Mullard Radio Astronomy Observatory nahe Cambridge auf ein ungewöhnlich regelmässiges Radiosignal. Sie hatte soeben eine der wichtigsten astronomischen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts gemacht: Das Signal stammte von einem Pulsar, einem extrem schnell rotierenden Neutronenstern.
Dafür gab es 1974 den Nobelpreis für Physik – aber nicht Bell Burnell erhielt ihn, sondern ihr Doktorvater Antony Hewish und Martin Ryle, ein anderer beteiligter Astronom. Immerhin erntete das Nobelkomitee für diese Fehlentscheidung heftige Kritik, denn die junge Astrophysikerin hatte nicht nur die eigentliche Entdeckung gemacht, sondern auch zu Recht darauf insistiert, dass es sich bei dem ominösen Signal nicht um eine Art Hintergrundrauschen handle. Bell Burnell führte ihre Nicht-Berücksichtigung später darauf zurück, dass sie damals noch Doktorandin war. Theoretisch könnte sie den Nobelpreis doch noch bekommen – aber dies wird kaum geschehen.
Was für ein trauriges Schicksal: Clara Immerwahr war die erste promovierte Chemikerin in Deutschland, ein brillanter Kopf – und wurde dann zur intellektuell unterforderten Professorengattin an der Seite eines dominanten, berühmten Mannes. Am Ende nahm sie sich das Leben, 1915, mitten in dem Krieg, in dem das von ihrem Mann entwickelte Giftgas tausende Menschen tötete. Ihr Suizid war nicht nur eine Flucht aus einem unerfüllten Leben, sondern mehr noch Protest gegen die Aktivitäten ihres Mannes – in aller Öffentlichkeit hatte die Pazifistin Immerwahr diese als «Perversion der Wissenschaft» missbilligt.
Kaum jemand erinnert sich noch an den Namen der deutschen Jüdin aus gutem Hause, die all ihre wissenschaftlichen Ambitionen zugunsten ihres Gatten zurückstellen musste und noch vor ihrem 45. Geburtstag aus dem Leben schied. Fritz Haber hingegen, dessen Name im Haber-Bosch-Verfahren zur Produktion von Kunstdünger und Sprengstoff verewigt ist, machte Karriere und erhielt 1918 den Nobelpreis für Chemie. Da war er bereits wieder verheiratet.
Ihr erster wichtiger Beitrag revolutionierte die Zellbiologie: Um 1900 herum führte die amerikanische Genetikerin Nettie Stevens die Fruchtfliege Drosophila melanogaster als wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand ein. Unzählige Erkenntnisse sind seither mithilfe dieses Versuchsorganismus gewonnen worden. Nachdem Stevens 1903 promoviert hatte, entdeckte sie, dass sich die männlichen (XY) und weiblichen (XX) Chromosomen der Fruchtfliegen unterscheiden. Für diese fundamentale Entdeckung erhielten Thomas Hunt Morgan und Edmund B. Wilson – ihre Lehrer am Bryn Mawr College in Pennsylvania – 1933 den Nobelpreis für Medizin.
Morgan lobte sich in seinem Nachruf auf die 1912 im 50. Altersjahr verstorbene Stevens selbst als «Spezialisten», während er sie quasi als Zulieferin herabstufte: «Moderne zytologische Forschung bringt eine Komplexität des Details mit sich, die nur der Spezialist alleine wahrnehmen kann; aber Miss Stevens leistete einen bedeutenden Beitrag und ihre Arbeit wird deswegen niemals vergessen werden, da ihre minutiösen, detaillierten Forschungsergebnisse in das Gesamtbild des Forschungsobjektes eingefügt wurden.» Heute gewichtet man ihren Beitrag höher – ohne Stevens hätten Morgan und Wilson den Nobelpreis kaum erhalten.
Die 1922 in der New Yorker Bronx geborene Esther Lederberg, die in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, war eine begnadete Molekularbiologin. Ein Professor dieses Fachgebiets sagte über sie, experimentell und methodologisch sei sie «ein Genie im Labor». 1946 heiratete sie den Fachkollegen Joshua Lederberg, mit dem sie an der Universität von Wisconsin zusammenarbeitete. Dort entdeckte sie ein neues Virus, das sie Lambda nannte und das in der Lage ist, das Bakterium Escherichia coli zu infizieren. Die Analyse dieses Virus ermöglichte ein besseres Verständnis der DNA.
Lederberg entwickelte zudem ein eigenes Verfahren, das die Untersuchung von Mutationen bei Bakterien erleichterte und Erkenntnisse über die Resistenzbildung von Bakterien gegen Antibiotika ermöglichte. 1958 erhielt ihr Mann – zusammen mit George Beadle und Edward Tatum – den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin, und zwar für «seine Entdeckungen über genetische Neukombinationen und Organisation des genetischen Materials bei Bakterien». Tatsächlich beruhten diese Entdeckungen zu grossen Teilen auf der Arbeit seiner Frau. In seiner Dankesrede erwähnte er sie gleichwohl nur einmal. Die Ehe wurde 1966 geschieden.
Simone de Beauvoir passt nicht so recht in diese Reihe von naturwissenschaftlich tätigen Frauen – die Schriftstellerin, Feministin und «intellektuelle Frau des 20. Jahrhunderts schlechthin» («Emma») schrieb mit «Le Deuxième Sexe» («Das andere Geschlecht», 1949) einen Welterfolg. Dieses Hauptwerk de Beauvoirs – wohl eine der einflussreichsten Schriften des 20. Jahrhunderts – nahm lange vor dem Erstarken der Frauenbewegung alle Probleme vorweg, mit denen Feministinnen heute noch ringen. Und es hätte ihr den Nobelpreis für Literatur einbringen müssen.
Doch wer bei Google die Suchbegriffe «Simone de Beauvoir» und «Nobelpreis» eingibt, findet – Sartre. Jean-Paul Sartre erhielt den Nobelpreis 1964 zugesprochen, nahm ihn aber nicht an. Zu Recht, wie manche Kritiker des Philosophen und Schriftstellers glauben – sie sind der Meinung, der Vordenker des Existenzialismus habe sich bei seinem Werk in wesentlichen Teilen von de Beauvoir inspirieren lassen, und zwar sowohl philosophisch wie literarisch. De Beauvoir, die mit Sartre 51 Jahre lang bis zu seinem Tod eine offene Zweierbeziehung führte, habe mit ihrem Roman «L’Invitée» (1943) Sartres philosophisches Hauptwerk «L’Être et le néant» (1943) auf literarische Weise vorweggenommen.