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Bild: Ian Dooley – unsplash
Du bist, was du denkst.
Ist alles eine Frage der Einstellung? Können unsere Gedanken unser Leben verändern? Kann man durch anders Denken abnehmen? Man kann.
Oder präziser: Man kann bei einer Tätigkeit mehr oder weniger Gewicht verlieren, je nachdem, was und wie man über die Tätigkeit denkt. Das ist das Ergebnis einer Studie der Harvard Professorin Ellen Langer. Sie ist auch bekannt unter dem Spitznamen „Mother of Mindfulness (Mutter des Gewahrseins)“ und hat sich Jahrzehnte mit der Illusion von Kontrolle, achtsamem Altern, Stress, Entscheidungsfindung und Gesundheit auseinandergesetzt.
„Als in den siebziger Jahren die Sozialpsychologie die sogenannte „kognitive Revolution“ erlebte, die sich für das interessierte, was die Menschen so dachten, begann ich mich zu fragen, ob sie überhaupt denken. Ein paar Jahrzehnte später bin ich zu der Ansicht gekommen, dass die Antwort ein schallendes NEIN ist. Gedankenlosigkeit – „Mindlessness“ – ist allgegenwärtig. Ich glaube sogar, dass praktisch alle unsere Probleme – persönliche, zwischenmenschliche, berufliche und gesellschaftliche – direkt oder indirekt durch Gedankenlosigkeit entstehen.“
Ellen Langer
2007 untersuchte Langer, ob es sich positiv auf die Fitness von Zimmermädchen auswirkt, wenn man ihren Job zum sportlichen Training umdefiniert und ihnen dies mitteilt. Das Aufschütteln von Betten und Schrubben von Bädern sollten als eine Art Training an unkonventionellen Fitnessgeräten begriffen werden. Das Ergebnis: Nach vier Wochen hatten jene Teilnehmerinnen, deren Arbeit zum Sport erklärt worden war, durchschnittlich ein Kilo abgenommen – allein durch eine veränderte Einstellung zur Arbeit. Die Kontrollgruppe machte ihren Job mit derselben Haltung wie zuvor – und blieb gleich schwer.
Was wir sehen, hängt davon ab, worauf wir zu achten gelernt haben
In einem ihrer (Langer) berühmtesten Experimente lud sie Anfang der achtziger Jahre alte Herren um die achtzig in ein ehemaliges Kloster in New Hampshire ein. Dort war alles so eingerichtet wie zu jener Zeit, als die Probanden zwanzig Jahre jünger waren. Uralte Bücher und Magazine lagen herum, im Fernsehen lief „Rauchende Colts“ und abends diskutierten die Testpersonen scheinbar zeitgenössische Themen wie die kubanische Revolution.
Die Männer waren aufgefordert worden, sich über die Ereignisse jener Zeit so zu unterhalten, als fänden sie ganz aktuell statt. Eigentlich waren die Probanden es gewohnt, betreut und gepflegt zu werden. Jetzt lebten sie plötzlich eine Woche lang in einer Umgebung, die in keiner Weise dem entsprach, was als „altersgerecht“ galt: Mahlzeiten etwa wurden nicht zur festgelegten Stunde serviert, sondern mussten selbst zubereitet werden und anschließend machten die Achtzigjährigen den Abwasch. Und, oh Wunder: Nach sieben (!) Tagen in der Zeitkapsel waren die Probanden beweglicher geworden, schnitten in den Hör-, Seh- und Intelligenztests deutlich besser ab als die Kontrollgruppe. Einer kam im Rollstuhl an und verliess das Haus nach der Woche am Stock. Als sei auch das Altern bloss eine Frage der eigenen Einstellung…
Gegen den Uhrzeigersinn
In der Zimmermädchen-Studie wurde den Teilnehmern mitgeteilt, dass Bettenmachen so etwas Ähnliches sei wie das Training im Fitnessstudio. Die Studiengruppe – nicht so die Kontrollgruppe -verlor Gewicht, reduzierte das Taille-Hüft-Verhältnis, verringerte den Body-Mass-Index und senkte den Blutdruck. Alles aufgrund der Einstellungsänderung; sie sahen ihre Arbeit als Training an.
Warum nutzen wir diesen bemerkenswerten, offensichtlich versteckten, Anteil unseres Geistes (oder Gehirns?) so relativ selten? In der Tat nutzen wir natürlich unseren Geist, aber das Problem dabei ist, die meisten engagieren ihren Geist nicht bewusst, achtsam oder mit voller Aufmerksamkeit. Die Mehrheit verharrt im Autopilot-Modus, der sich gesellschaftlich entwickelt und etabliert hat:
Kultur, Normen, Dogmen, erlernte Gewohnheiten und übernommene Überzeugungen bestimmen automatisches und eben nicht achtsames Leben. Dr. Langer nennt dies „das ungelebte Leben, in dem wir gelernt haben, uns damit zufrieden zu geben“, kurz: ein „geistloses Leben“.
„Wir erhalten im Leben, was wir tolerieren.“
Anthony Robbins
Warum leben wir, wie wir leben? Wieso sind wir, wie wir sind? Können wir etwas ändern oder nicht? Manche beantworten diese Fragen mit Schicksal, Kismet, Karma, dem Wille Gottes oder machen die Herkunft und Gene dafür verantwortlich.
Die Hypothesen von Freud und Jung aussen vorgelassen – und obwohl die Psychoanalytiker, selbst nach 30 Jahren Behandlungszeit, ungern über ihre Annahmen reflektierten und in der Tat dem Unterbewusstsein, der Zeitdauer im Geburtskanal, den Sternzeichen oder der numerologischen Interpretation des Namens leicht die Schuld zuweisen können, scheint mir die Frage „wie beeinflussen mich die Informationen, die ich im Hier und Jetzt empfange – die ich auf eine bestimmte Art und Weise interpretiere?“ als deutlich sinnvoller.
Die „bestimmte Art und Weise“ ist übrigens meine. Die Ihre mag, häufiger als angenommen, völlig anders aussehen. Vielleicht lieben Sie Kutteln? Lassen Sie uns unser Bewusstsein schärfen, lassen Sie uns ab und zu gegen den Uhrzeigersinn denken: Die meisten unserer Handlungen resultieren auf Annahmen über die Welt, die wir im Laufe der Zeit gelernt haben oder uns eingeredet wurden – und uns nicht unbedingt weiterhelfen.
Es geht darum, Ereignisse – also das, was die meisten Menschen Realität nennen – aus einem veränderten Blickwinkel zu betrachten und sich dadurch alternative Verhaltensmöglichkeiten zu eröffnen. Ein Beispiel: Ob wir jemanden, der sehr korrekt auftritt, als langweilig (negative Einschätzung) oder zuverlässig (positive Einschätzung) wahrnehmen, hängt von unserer Sichtweise ab – und führt zu entsprechend unterschiedlichem Verhalten gegenüber dieser Person.
Lassen Sie uns (fast) alles infrage stellen. Ist der Grat zwischen dem Urteil und der sich selbst erfüllenden Prophezeiung schmal? Wer hat festgelegt, dass etwas so und nicht anders ist? Wer hat bewiesen, dass mit dem Alter zwangsläufig Sehvermögen und Kurzzeitgedächtnis nachlassen? Oder liegen diese Schwächen eher darin begründet, dass alle Schwierigkeiten von alten Leuten ferngehalten werden und sie dadurch kaum noch Erfolgserlebnisse haben? Ist körperlicher Verfall körperlichert Verfall womöglich – zum Teil – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung?
Wie weit kann man an einem Stück laufen? Der Marathon kommt einem in den Sinn. Wenn 42 Kilometer, dann vielleicht auch 60 oder gar 100?
Was meinen Sie? Ich behaupte, Einstellungssache. Ich dachte immer, die besten Läufer kommen aus Afrika. Weit gefehlt. Ein noch relativ gut erhaltenes Naturvolk hat sich dem Laufen verschrieben: Die Tamahumara. Sie leben im Norden von Mexiko in der bis zu 1.800 Meter tiefen Kupferschlucht. Sie bezeichnen sich selbst als die „Raràmuri“, was auf Deutsch „die, die schnell rennen“ bedeutet.
Sie laufen teilweise knapp 200 km durch Schluchten am Stück! Auf normaler ebener Strecke sind 300km+ kein Thema und der Rekord liegt bei 700km in 48 Stunden. Zum Vergleich, von München nach Berlin sind es 586 km. Also in zwei Tagen mal eben durch Deutschland „joggen“.
Sie laufen Barfuss oder mit primitiven Sandalen, die teuren Adidas/Reebook/Nike oder was auch immer sind nirgends zu sehen. Sie essen eine Pampe aus Mais, Bohnen, Kartoffeln und anderem. Und nur das! Eigentlich alles andere als eine ausgewogene Ernährung und aufgrund des immensen Kalorienverbrauchs viel zu wenig. Trotzdem erfreuen sich alle bester Gesundheit. Und dem Alkohol sagen sie auch gerne und regelmäßig zu. So gibt es ein Lauf-Fest, bei dem sich am Vorabend alle reihenweise zukippen und am nächsten Tag in der Früh aufstehen und rennen. Und ja, auch da wieder hunderte von Kilometern – und erinnern mich an Cliff Young
Die gegenwärtige sozialpsychologische Literatur zeigt, dass oft bestimmte Reize in unserer Umgebung unsere Reaktion bestimmen, ohne dass wir uns dessen bewusst wären. Gemütsbewegungen, Vorsätze oder Ziele können mit einem minimalen Reiz und praktisch ohne kognitive Verarbeitung hervorgerufen werden. Ohne es zu merken, ahmen wir andere Menschen nach, sodass unser Verhalten sich ungewollt anpasst.
Wir sind uns zum Teil der Gedankenlosigkeit und der Möglichkeit, ihr zu begegnen, weitgehend bewusst – aber da gibt es vielleicht noch viel zu tun.
Es kann sein, dass wir häufig so gedankenlos sind, dass wir gar nicht erkennen können, dass wir gedankenlos sind. Akzeptiert man das gedankenlose (hirnlose) Leben, dann verliert man die Fähigkeit, die unzähligen, aufregenden Optionen und Alternativen zu sehen. Damit wird der Weg zur Veränderung blockiert. Das Rezept dagegen ist einfach, nämlich indem man unvoreingenommen, neugierig, kreativ und offen die Realität um einen herum beobachtet und bereit ist, zu experimentieren.
Da steckt so viel Macht in unserem Geist, wir können unsere Betrachtungsweisen hinterfragen und uns damit mehr Freiheit schaffen – zumindest in unserem Geist. Nun, ist das so einfach? Vielleicht, aber definitiv nicht leicht – denn jegliche Veränderung bedingt ein Investment an Zeit, Aufwand und Energie. Wie man dies positiv unterstützen kann, wird im zweiten Teil dieser Serie behandelt.
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