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Markus Meury
Seit sieben Jahren als Experte bei Sucht Schweiz tätig
Ein Glas Rotwein am Tag soll bekanntlich gesund sein. Sehen Sie das auch so?
In geringen Mengen, also ein Glas alle paar Tage, können Rotwein und Alkohol im Allgemeinen einen positiven Effekt auf das Herz haben. Dieser ist aber gering und wurde lange Zeit überschätzt. Wird jeden Tag Alkohol getrunken oder eine grosse Menge an einzelnen Anlässen, so überwiegen die negativen Auswirkungen auf den Körper.
Welche Auswirkungen sind das?
Regelmässiger Alkoholkonsum ist für eine Reihe von Krankheiten ganz oder teilweise verantwortlich. Mit steigender Konsummenge nimmt das Risiko zu, dass ein Organ Schaden nimmt. Bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sind Todesfälle vor allem auf Unfälle, Verletzungen und Suizide unter Alkoholeinfluss zurückzuführen, im mittleren Erwachsenenalter wiederum auf Krankheiten des Verdauungstraktes, vor allem der Leber, und bei älteren Personen auf Krebs. Inzwischen wissen wir, dass Krebserkrankungen mit 36 Prozent ein Hauptgrund für alkoholbedingte Mortalität sind. Auch auf die Psyche kann Alkohol starke Auswirkungen haben. So sind 10 Prozent aller Todesfälle auf alkoholbedingte psychische Störungen zurückzuführen.
Sind bestimmte Personengruppen besonders gefährdet, alkoholabhängig zu werden?
Das fängt schon früh an: Jugendliche, die in der Schule Schwierigkeiten haben, eine tiefe Lebenszufriedenheit verspüren, von zu Hause allgemein wenig Unterstützung oder wenig elterliches Monitoring erhalten, sind stärker gefährdet. Das weit verbreitete regelmässige Rauschtrinken an Wochenenden führt zu einem grösseren Risiko, im Erwachsenenalter alkoholabhängig zu werden. In Krisensituationen greift diese Gruppe vermehrt zu Alkohol, da sie mit dem Konsum positive Gefühle verbindet.
Ab wann wird der Alkoholkonsum problematisch?
Problematisch kann der Konsum für Menschen werden, die den Alkohol zum Erreichen eines bestimmten Zustandes konsumieren – etwa zur Entspannung nach der Arbeit, zum Einschlafen oder zum Verdrängen von Sorgen. Damit die gewünschte Wirkung erreicht wird, braucht man mit der Zeit immer mehr und kann so in die Abhängigkeit rutschen. Ein weiterer Risikomoment, in dem jemand beginnt, verstärkt Alkohol zu trinken, ist der Arbeitsplatzverlust oder der Auszug der Kinder aus dem Elternhaus. Es ist wichtig, dieser Leere mit Aktivitäten, Projekten und dem Aufrechterhalten des Beziehungsnetzes entgegenzutreten. Sich mental auf solche Veränderungen einzustellen, hilft, nicht in Trinkmuster zu fallen.
Trotz allem ist Alkohol sehr stark in unserem gesellschaftlichen Leben verwurzelt.
Das stimmt. Soziale Anlässe oder Feste ohne Alkohol sind kaum vorstellbar. Viele Menschen geben an, Alkohol zu konsumieren, um geselliger und offener zu sein. Die Tradition, ein Glas Wein zum Essen zu trinken, hat sich besonders in der Westschweiz etabliert und wird mehrheitlich von der älteren Generation gepflegt. Diese Gewohnheit bedeutet nicht automatisch, dass jemand alkoholabhängig ist, doch sie kann problematisch werden.
Wann zum Beispiel?
Wenn man zum Beispiel eine Krise oder einen Schicksalsschlag erleben muss. Gerade bei älteren Menschen ist die stimmungsaufhellende Wirkung von Alkohol ein Motiv. Jüngere Leute treiben Sport, um ihre Stimmung zu heben. Ältere Personen sind oft nicht mehr so mobil. Entspannungstechniken, Tageslichtlampen, eine feste Routine oder Hobbys können helfen, sich anders abzulenken.
Wie würden Sie einen risikoarmen Alkoholkonsum definieren?
Gesunde erwachsene Männer sollten pro Tag nicht mehr als zwei Standardgläser trinken, gesunde erwachsene Frauen nicht mehr als ein Standardglas. Unter einem Standardglas versteht man 1 dl Wein, 3 dl Bier oder 0,2 dl Spirituosen. An mindestens zwei Tagen pro Woche sollte auf Alkohol verzichtet werden. Studien haben ergeben, dass alkoholfreie Tage besonders das Risiko für Leberkrankheiten senken. Mit steigendem Alter sollte grundsätzlich stärker darauf geachtet werden, wie viel Alkohol man trinkt.
Wirkt sich der Alkoholkonsum im Alter denn anders aus?
Ja, denn mit dem Älterwerden nimmt der Wasseranteil des Körpers ab. Der Alkohol wird auf weniger Volumen verteilt und der Alkoholgehalt im Blut steigt. Alkohol wirkt somit stärker und kann schneller zu körperlichen Schädigungen oder einer Abhängigkeit führen. Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes, Leberschäden oder Verdauungsbeschwerden können durch Alkohol verschlechtert werden. Vielen ist diese Problematik nicht bewusst und sie trinken wie früher, ohne auf die körperlichen Veränderungen im Alter Rücksicht zu nehmen. Ältere Menschen sollten beim Alkoholkonsum vorsichtig sein – vor allem, wenn sie Medikamente einnehmen.
Alkohol in Verbindung mit Medikamenten – ein wichtiger Punkt.
Ältere Menschen nehmen häufig verschiedene Medikamente ein, wodurch es zu negativen oder gar gefährlichen Wechselwirkungen kommen kann. Manche Medikamente verändern im Zusammenspiel mit Alkohol ihre Wirksamkeit. Das kann zu Konzentrationsproblemen, einer verminderten geistigen oder körperlichen Leistungsfähigkeit, Schläfrigkeit oder Gleichgewichtsstörungen führen, was wiederum Stürze und schwere Verletzungen nach sich ziehen kann. Häufig kommen Betroffene nach solchen Unfällen nicht mehr auf das gleiche gesundheitliche Niveau wie vorher zurück.
Ist ein kompletter Verzicht die beste Lösung?
Nicht immer. Gewisse Menschen können auch lernen, moderat zu trinken. Das kann funktionieren, hängt aber immer vom Individualfall ab. Bei einem problematischen Konsum gilt es, so schnell wie möglich gegenzusteuern. Herausfinden, warum man konsumiert und wie sich diese Bedürfnisse anders befriedigen lassen. Sich die Nachteile von Alkohol bewusst machen. Situationen vermeiden, in denen man zum Trinken verleitet werden könnte. Interessen und Hobbys nachgehen und einen ausgewogenen Lebensstil pflegen. Und man sollte sich nicht scheuen, um Unterstützung zu bitten.
An wen kann man sich zur Unterstützung wenden?
Suchtberatungsstellen oder medizinische Fachpersonen beraten vorurteilsfrei und vertraulich. Auf www.suchtindex.ch findet man Beratungsstellen in der Nähe. Selbsthilfegruppen können ebenfalls hilfreich sein. Dabei geht es in erster Linie darum, Kontakt mit einer Fachstelle aufzunehmen, die Situation zu schildern und zu sagen: Das möchte ich ändern. In unserer Gesellschaft fällt es schwer, sich einzugestehen, dass man etwas nicht allein schafft. Aber es ist vollkommen in Ordnung und auch notwendig, sich professionelle Hilfe zu holen. Alkoholsucht ist keine Schwäche, sondern eine Krankheit.
Sucht Schweiz ist ein nationales Kompetenzzentrum im Suchtbereich. Es betreibt Forschung, konzipiert Präventionsprojekte und engagiert sich in der Gesundheitspolitik. Die kostenlose Hotline ist von Dienstag bis Donnerstag jeweils von 9 bis 12 Uhr unter 0800 104 104 erreichbar.
Weitere Infos auf www.suchtschweiz.ch.