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Original text in German
Zusammenfassung
Die SARS-CoV-2 Epidemie in der Schweiz ist aktuell rückläufig. Ein Rückgang ist in der Zahl der gemeldeten Fälle, der Hospitalisationen und der Todesfälle zu beobachten. Die Zahl der gemeldeten Fälle halbiert sich momentan in weniger als zehn Tagen. Die Inzidenz relativ zur Grösse des noch nicht geimpften Teils der Bevölkerung nimmt seit Ende April ebenfalls ab. Das deutet darauf hin, dass auch das Infektionsrisiko für die noch nicht geimpften Menschen in der Schweiz aktuell über die Zeit abnimmt.
In der Schweiz ist die SARS-CoV-2 Variante Alpha (B.1.1.7) dominant; die anderen als besorgniserregend eingestuften Varianten (“variants of concern” VOC) kommen in der Schweiz mit Häufigkeiten von unter 2% vor. Bis Ende Mai 2021 gibt es in der Schweiz noch keine Anzeichen, dass sich die Variante Delta (B.1.617.2) relevant ausbreitet. In Grossbritannien hat sich die Häufigkeit von Delta von Mitte April bis Mitte Mai etwa jede Woche verdoppelt und macht jetzt etwa 90% aller bestätigten Fälle aus. Die absolute Anzahl bestätigter SARS-CoV-2 Fälle steigt in Grossbritannien seit etwa drei Wochen wieder an und verdoppelt sich momentan etwa alle zehn Tage. Mögliche Gründe für die Ausbreitung von Delta in Grossbritannien sind eine erhöhte Übertragungsrate von Delta im Vergleich zu Alpha, eine Einfuhr durch enge Kontakte mit Indien, eine verstärkte Ausbreitung in sozio-ökonomisch schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen und eine Verringerung der Immunität von Menschen, die erst einmal geimpft worden sind. Nach zwei Impfungen ist die Immunität gegen Delta gemäss den bislang vorliegenden Informationen hoch.
Die sinkende Inzidenz in der Schweiz macht gezielte Interventionen (TTIQ und Ausbruchskontrolle) und die genomische Überwachung von SARS-CoV-2 wirkungsvoller und günstiger. Die gezielte Unterbrechung von Übertragungsketten durch Ausbruchskontrolle und Kontaktverfolgung in den Kantonen ist bei tiefer Inzidenz besonders wirkungsvoll und mit geringen Kosten verbunden. Digitale Methoden (Swiss COVID und NotifyMe) sind eine wirkungsvolle Ergänzung, um Menschen rasch und anonym zu benachrichtigen über eine mögliche Exposition. Die sinkende Inzidenz macht auch die Identifikation und Kontrolle von VOC wirkungsvoller. Solange VOCs noch eine geringe Häufigkeit haben, können Massnahmen an der Grenze, intensive genomische Charakterisierung und Ausbruchskontrolle eine deutlich bremsende Wirkung haben auf ihre Ausbreitung. Damit TTIQ, digitale Werkzeuge und Ausbruchskontrolle eine möglichst hohe Wirksamkeit entfalten, ist weiterhin grossflächiges Testen zur frühzeitigen Detektion von Indexfällen, aktive Promotion zur möglichst breiten Nutzung der digitalen Werkzeuge und möglichst hohe Prozessgeschwindigkeit mit sehr rascher Benachrichtigung von möglichen Kontakten essentiell.
Die Wirtschaft ist dabei, sich schnell von der Corona-Krise zu erholen. Die fiskalischen Massnahmen der letzten anderthalb Jahre zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Strukturen erweisen sich nun als sehr effektiv. Das ermöglicht vielen Unternehmen, sozusagen durchzustarten. Notwendige Bedingungen für eine rasche und nachhaltige wirtschaftliche Erholung sind die Fortsetzung der Impfkampagnen weltweit, die Sammlung von Daten, die für die Überwachung der Entwicklung des SARS-CoV-2-Virus relevant sind, und die laufende Forschung zur Prävention und Behandlung der COVID-19-Erkrankung. Ohne eine gute Kontrolle der Pandemie und ihrer gesundheitlichen Folgen wird sich auch die Wirtschaft nicht so schnell erholen können.
Die Pandemie hat bestehende Ungleichheiten entlang relevanter sozialer Dimensionen verstärkt. Ländern, Sektoren, Firmen, Bevölkerungsgruppen und Einzelpersonen sind in unterschiedlichem Masse von der Pandemie betroffen. In der Schweiz erlebten Haushalte mit niedrigem Einkommen den grössten relativen Einkommensrückgang. Während mittlere bis höhere Einkommensgruppen ihre Ersparnisse erhöhten, konnte der Einkommensrückgang in den untersten Einkommensschichten nur teilweise durch eine Reduzierung der Ausgaben kompensiert werden. Vor allem Personen, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren und sind, geben zudem an, dass sie sich in einer schlechten Gemütsverfassung befanden.
1 Epidemiologische Lage
1.1. Allgemeine Situation
In der Schweiz zirkulieren verschiedene Stämme von SARS-CoV-2, unter welchen Alpha (B.1.1.7) dominiert. Die allgemeinen epidemiologischen Parameter – Fallzahlen, Hospitalisationen, Intensivstation-Belegung, Todesfälle – geben eine Gesamtsicht, ohne zwischen einzelnen Stämmen zu unterscheiden. Insgesamt deuten all diese Indikatoren auf eine kontinuierlich rückläufige Epidemie hin. Daten aus der Abwasserüberwachung sind ein vom Testverhalten unabhängiger wichtiger Indikator. Abwasseranalysen von sechs Standorten1 bestätigen die basierend auf Fallzahlen beobachteten epidemiologischen Trends.
1.2. Dynamik
Basierend auf den aktuellen Daten schätzen wir, dass die SARS-CoV-2 Epidemie in den letzten Wochen kontinuierlich abnimmt. Der 7-Tagesschnitt der schweizweiten Reproduktionszahl ist bei 0,7 (0,58-0,81); dies reflektiert das Infektionsgeschehen vom 29.05. – 04.06.20212.
Tagesbasierte Schätzungen der effektiven Reproduktionszahl Re für die Schweiz betragen3:
- 0,65 (95% Unsicherheitsintervall, UI: 0,5-0,79) aufgrund der bestätigten Fälle, per 04.06.2021.
- 0,74 (95% UI: 0,5-1,03) aufgrund der Hospitalisationen, per 29.05.2021. Zum Vergleich: aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,77 (95% UI: 0,69-0,84) geschätzt.
- 1,05 (95% UI: 0,44-1,92) aufgrund der Todesfälle, per 23.05.2021. Zum Vergleich aufgrund der Hospitalisationen wird Re für den selben Tag auf 0,76 (95% UI: 0,55-1) geschätzt. Aufgrund der bestätigten Fälle wird Re für den selben Tag auf 0,77 (95% UI: 0,69-0,86) geschätzt.
Wegen Meldeverzögerungen und Fluktuationen in den Daten könnten die Schätzwerte nachkorrigiert werden. Wir weisen darauf hin, dass die Re Werte das Infektionsgeschehen nur verzögert widerspiegeln, weil eine gewisse Zeit vergeht zwischen der Infektion und dem Testresultat oder dem etwaigen Tod. Für Re Werte, die auf Fallzahlen basieren, beträgt diese Verzögerung mindestens 10 Tage, für Todesfälle bis 23 Tage.
Parallel bestimmen wir die Verdopplungs- bzw. Halbwertszeiten der bestätigten Fälle, Hospitalisationen und Todesfälle über die letzten 14 Tage4. Die bestätigten Fälle änderten sich um -41% (UI: -31% bis -50%) pro Woche, die Hospitalisationen um -29% (UI: -11% bis -44%) und die Todesfälle um -1% (UI: 73% bis -42%). Diese Werte spiegeln das Infektionsgeschehen vor mehreren Wochen wider.
Eine Veränderung der Fallzahlen, Hospitalisierungen und Todesfällen stratifiziert nach Alter kann auf unserem Dashboard verfolgt werden5. Wir beobachten statistisch signifikant sinkende Fallzahlen in allen Altersgruppen (ausser in den Gruppen der unter 7 und über 75 Jährigen, in denen es in der letzten Woche weniger als 20 Fälle pro Tag gab) und statistisch signifikant sinkende Hospitalisierungszahlen in der Gruppe der 65 bis 74 und der über 75-Jährigen. In allen Altersgruppen gibt es unter 10 Hospitalisierungen pro Tag, was die Schätzung eines zeitlichen Trends erschwert.
1.3. Absolute Zahlen
Die kumulierte Anzahl der bestätigten Fälle über die letzten 14 Tage liegt bei 74 pro 100’000 Einwohner. Die Positivität liegt bei 1,3% (Stand 11.06.2021, das ist der letzte Tag für welchen nur noch wenige Nachmeldungen erwartet werden).
Die Anzahl der COVID-19-Patienten auf Intensivstationen lag über die letzten 14 Tage im Bereich von 94-1366 Personen; die Änderung war -21% (UI: -13% bis -29%) pro Woche.
Die Zahl der täglichen laborbestätigten Todesfälle über die letzten 14 Tage war zwischen 1 und 67.
1.4. Varianten - Übersicht
Seit März 2021 ist Alpha die dominante Virusvariante in der Schweiz8,9. Im Vergleich zum Wildtyp ist die Übertragungsrate von Alpha etwa 50% höher 10,11,12. Zudem führt Alpha zu schwereren Krankheitsverläufen13,14,15,16. In den schweizer Daten sehen wir tendenziell eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung. Eine 50-59 jährige positiv getestete Person hat beispielsweise ein Risiko von 4,2% eines Spitaleintritts in 2021, wenn sie mit der Variante Alpha infiziert ist. Für eine Person, die mit einer anderen Variante infiziert ist, liegt dieses Risiko bei nur 2,1%17. Die Todesfall-Zahlen aufgrund von Alpha für die Schweiz sind zu klein, als dass wir für die Schweiz eine Aussage treffen könnten. Die in der Schweiz verwendeten mRNA-Impfstoffe sind gegen Alpha hoch wirksam 18,19,20.
1.5. Neue Varianten - Delta (B.1.617.2)
Die im ersten Quartal des Jahres 2021 erstmals in der Schweiz nachgewiesenen Varianten Beta (B.1.351), Gamma (P.1) und Delta (B.1.617.2) weisen momentan die Häufigkeit 0.6%, 1.0% und 1.7% auf21.
Die ursprünglich in Indien beschriebene Variante Delta, die Public Health England als “variant of concern (VOC)” klassifiziert hat, wurde bisher in weniger als 100 Fällen in der Schweiz nachgewiesen. Delta verdrängt Alpha in vielen britischen Städten und hat wahrscheinlich eine höhere Übertragungsrate, die sich jedoch noch nicht genau quantifizieren lässt22. Die Epidemie, die in Grossbritannien von Delta dominiert ist, steigt signifikant an (7-Tageschnitt der Reproduktionszahl ist 1,37 (1,23 – 1,51), gemessen vom 24.-30. Mai 202123). Eines neuen Preprints von Public Health England24 zufolge ist der Schutz der Impfung gegen Delta reduziert: nach der ersten Dosis BNT162b2 (des auch in der Schweiz verwendeten mRNA-Impfstoffes von Pfizer–BioNTech) ist die Wirksamkeit gegen Delta nur 34% (statt 51% gegen Alpha), nach der zweiten Dosis 88% (statt 93% gegen Alpha).
2 Situation in anderen Ländern
Die Inzidenz in der Schweiz entwickelt sich sehr ähnlich wie in den Nachbarländern Deutschland, Frankreich, Österreich und Italien (Abbildung 1). Alle diese Länder zeigten im April einen Übergang in eine Abnahme der Anzahl gemeldeter Fälle, und die Rate dieser Abnahme ist ähnlich in diesen fünf Ländern.
In Grossbritannien steigt die Inzidenz von SARS-CoV-2 seit Mitte März 2021 an (Abbildung 1), gleichzeitig mit der Ausbreitung der Delta-Variante (Abbildung 2). Die täglichen Hospitalisierungen sind von einem Tiefstand Mitte Mai 2021 bislang (bis am 8. Juni 2021) um etwa 75% angestiegen[25]. Mögliche Gründe für die Ausbreitung von Delta in Grossbritannien sind eine erhöhte Übertragungsrate von Delta im Vergleich zu Alpha, eine Einfuhr durch enge Kontakte mit Indien, eine verstärkte Ausbreitung in sozio-ökonomisch schlechter gestellten Bevölkerungsgruppen (Preprint[26]) und eine Verringerung der Immunität von Menschen, die erst einmal geimpft worden sind (Preprint[27]). In Spanien und Portugal gibt es auch Hinweise auf eine Zunahme der Inzidenz (Abbildung 1 und [28]), und Hinweise auf eine gleichzeitige Zunahme des Anteils von Delta unter den bestätigten Fällen (Abbildung 2).
Abbildung 2: Häufigkeit der SARS-CoV-2 Variante “Delta” in der Schweiz und ihren Nachbarländern sowie in Grossbritannien, Spanien und Portugal, von Woche 14, 2021 an, basierend auf den Daten vom 14.6.2021. Die vertikale Achse in den oben dargestellten Ländern reichen von 0-10%, die vertikalen Achsen in den unten dargestellten Ländern reichen von 0-100%. Alle Darstellungen zeigen nur Werte, die auf mindestens 5 sequenzierten Proben mit der Delta-Variante beruhen. Für die Schweiz, Frankreich und Italien lagen am 14.6.2021 für Woche 22 noch nicht genügend Daten vor; für Portugal lagen für Wochen 21 und 22 nicht genügend Daten vor; für Österreich lagen für die ganze Zeitperiode nicht genügend Daten vor, und für dieses Land sind deshalb keine Werte dargestellt [30].
3 Die Rolle von TTIQ, genomischer Überwachung und digitalen Methoden
3.1. Tiefe Inzidenz macht TTIQ und Ausbruchskontrolle wirkungsvoll und erlaubt eine gezieltere Kontrolle von VOCs
Wie auch früher diskutiert[31], sind gerichtete Massnahmen, die auf TTIQ und Ausbruchskontrolle basieren, bei tiefen Fallzahlen besonders wirkungsvoll und günstig. In der aktuellen Situation mit tiefer Inzidenz ist es einfacher, genügend Ressourcen zur Ausbruchskontrolle und Kontaktverfolgung zu mobilisieren, und weniger Menschen sind von Isolation und Quarantäne betroffen. Durch Rückwärts-Verfolgung von Infektionsketten können Ansteckungscluster identifiziert werden. Diese gerichteten Massnahmen sind deshalb ideal geeignet, um einen Beitrag zu leisten zur Reduktion der Ansteckungen trotz zunehmender Lockerung der Eindämmungsmassnahmen. Am Anfang aller dieser gerichteten Interventionen steht die Identifikation von infizierten Menschen mittels Tests, inklusive intensivem Testen in Situationen, in denen Menschen viele Kontakte haben. Das Aufrechterhalten von intensivem Testen ist deshalb eine Voraussetzung für diesen Ansatz, die Epidemie in der Schweiz mit gezielten Interventionen unter Kontrolle zu halten.
Eine Verzögerung der Ausbreitung von VOCs auch nur um wenige Wochen kann eine wichtige Rolle spielen während dem Ausrollen der Impfung. Wie oben diskutiert, ist die Immunität gegen Delta nach der ersten Impfung deutlich reduziert, aber nach der zweiten Impfung weiterhin hoch. Der Anteil der Menschen mit dem maximalen Impfschutz nimmt in der Schweiz kontinuierlich und schnell zu. Mit jeder Woche, in der eine Erhöhung des Imports oder einer erhöhten Transmission von Delta herausgezögert werden kann, sinkt das Risiko einer grösseren Ausbreitung in der Schweiz.
So lange Varianten selten sind, spielt der Import eine bedeutende Rolle. Solange Varianten in einer Grössenordnung von wenigen Prozent in der Schweiz vorkommen, kann der Import dieser Varianten durch Einreise von infizierten Personen einen markanten Einfluss haben auf die Häufigkeit der Variante in der Schweiz. Wenn der Import reduziert werden kann durch Massnahmen an den Grenzen (zum Beispiel Quarantäneauflagen), dann verzögert sich unter Umständen die Ausbreitung einer neuen Variante um mehrere Wochen.
Solange Varianten selten sind, ist der Aufwand für gezielte Massnahmen im Inland zur Unterbrechung von Übertragungsketten kleiner. Dazu gehört insbesondere auch die Ausbruchskontrolle und die Rückwärtsverfolgung von Kontakten zum Aufspüren von Infektionsclustern. In der Schweiz ist die geschätzte totale Anzahl Ansteckungen mit Delta in der Grössenordnung von 10 pro Tag[32]; solch tiefe Zahlen machen es möglich – und effektiv – durch Ausbruchskontrolle, inklusive intensivem Testen im Umfeld von Ansteckungen mit Delta, die Ausbreitung dieser Variante in der Schweiz weiter hinauszuzögern.
3.2. Digitale Methoden zur Benachrichtigung
Digitale Methoden zur Benachrichtigung von Menschen nach einer potentiellen Exposition mit SARS-CoV-2 können auch in der kommenden Zeit eine wichtige Rolle spielen. Durch die schrittweise Lockerung von Eindämmungsmassnahmen nehmen Mobilität und Kontakte zu, und immer wie mehr Kontakte entstehen auch zwischen Menschen, die sich nicht kennen. Digitale Benachrichtigungsmethoden – Swiss COVID und NotifyMe – sind der schnellste und am besten skalierbare Ansatz, um in dieser Situation Menschen über eine mögliche Exposition zu informieren.
Solche digitale Methoden können sehr wirkungsvoll sein. Eine kürzliche Analyse aus England zeigt, dass in der zweiten Welle, im Herbst 2020, dank der COVID-App des National Health Service rund ein Viertel der Ansteckungen verhindert wurde. Wie die COVID-App aus Grossbritannien funktionieren auch Swiss COVID und NotifyMe ohne zentrale Speicherung von Daten, und deshalb ohne Einbussen für die Privatsphäre. Damit digitale Methoden wirkungsvoll sind, ist breites und intensives Testen sowie eine möglichst grosse Verbreitung der entsprechenden Apps zentral.
4. Eine kurze volkswirtschaftliche Bestandsaufnahme
Auch wenn die Pandemie in den Wintermonaten deutlich heftiger verlief als erwartet und erhofft, waren die Unternehmen in den meisten Industrieländern, so auch der Schweiz, sichtlich resilienter als noch im Frühjahr 2020. Die in vielen europäischen Ländern erneut verstärkten nicht-pharmazeutischen Massnahmen erwiesen sich als weniger einschränkend für die Wirtschaftstätigkeit als noch bei der ersten Welle. Die Massnahmen waren gezielter und beschränkten sich im Wesentlichen auf die Schliessung oder Einschränkung von kontakt-bezogenen Dienstleistungen und (in manchen Ländern) die Einführung von Ausgangssperren, internationalen Reisebeschränkungen und vor allem strengeren “sozialen Distanzierungs”-Vorgaben für öffentlich-gewerbliche wie auch für private Tätigkeiten. Während sich die internationale industrielle Nachfrage weiter erholen konnte, litt der private Konsum unter den erneut strengeren Massnahmen. Stark betroffen waren die Sektoren Verkehr, Gastgewerbe, Einzelhandel sowie Kunst, Unterhaltung und Erholung. Das verarbeitende Gewerbe und das Baugewerbe blieben dagegen weitgehend verschont – auch in der Schweiz. Im Verlauf des Frühjahrs liess die Pandemie in den meisten Industrieländern wieder deutlich nach, und die starke internationale Wirtschaftserholung, die bereits in der zweiten Jahreshälfte 2020 eingesetzt hatte, konnte sich fortsetzen. Im Gegensatz zu den Zeiten der Finanzkrise sieht es so aus, als würde sich die Weltwirtschaft insgesamt schnell und dauerhaft von der viel heftigeren Corona-Krise erholen. Inzwischen ist das Vorkrisenniveau der weltweiten Wertschöpfung bereits überschritten und die guten Wirtschaftsdaten deuten auf eine kräftige Fortsetzung dieser Erholung hin (siehe Abbildung 3).
Abbildung 3: Weltweite Wertschöpfungsentwicklung während der Finanz- und der Corona-Krise. Quellen: IMF, KOF. Prognose und Hochrechnungen: KOF.
In gewisser Weise lässt sich die aktuelle Situation für viele Firmen in besonders betroffenen Branchen mit einem Formel-1-Rennen vergleichen, nachdem eine rote Flagge alle Konkurrenten wieder eng zusammengebracht hat. Sozusagen beginnt das Rennen wieder von vorne und jeder will die Chance nutzen, vom Neustart zu profitieren. In der Weltwirtschaft wird dies durch den lockeren geldpolitischen Kurs und fiskalische Konjunkturpakete in mehreren führenden Volkswirtschaften noch unterstützt. Dies schafft eine Atmosphäre, in der alle gewinnen zu können scheinen, wenn sie nicht zu passiv sind. Obwohl unklar ist, inwieweit die Corona-Pandemie den Strukturwandel wirklich beschleunigt oder gar umgelenkt hat, sind die wirtschaftliche Stimmung und der Ausblick positiv. Derzeit scheint die bestehende Unsicherheit über den Strukturwandel durch die angenommene Gewissheit eines Aufschwungs überlagert zu werden. Natürlich wird die Geschwindigkeit, mit der sich die einzelnen Unternehmen erholen können, von vielen Faktoren abhängen, die sich zum Teil stark zwischen den einzelnen Sektoren, aber auch innerhalb dieser unterscheiden. Diejenigen, die im vergangenen Jahr auf dem Zahnfleisch gehen mussten, werden es schwerer haben als diejenigen, die die erzwungene Verlangsamung nutzen konnten, um sich besser zu positionieren.
Die fiskalischen Massnahmen der letzten anderthalb Jahre zur Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Strukturen erweisen sich nun als sehr effektiv. Es ist zwar nicht auszuschliessen, dass wir in den nächsten Monaten, wenn nicht Quartalen, einen Schub an Insolvenzen erleben werden, aber es ist auch klar, dass der jetzige Neustart nicht so erfolgreich sein könnte, wenn erst wieder neue Strukturen aufgebaut hätten werden müssen. Dennoch zeigt die aktuelle Situation auch, dass es in Bezug auf den Produktionsablauf einfacher ist, die wirtschaftliche Aktivität mehr oder weniger gleichzeitig herunterzufahren, als alles schnell wieder hochzufahren. Bis die Kapazitäten wieder voll einsatzfähig sind und kurzfristigen Verwerfungen in den komplizierten und vielschichtigen Lieferketten beseitigt werden können, wird es eine Weile dauern. Es sollte daher nicht überraschen, dass sich die Rohstoffpreise, wie der Ölpreis oder die Preise von Primärgütern, wieder auf das Vorkrisenniveau normalisieren oder dieses zumindest vorerst überschreiten. Ähnliche Entwicklungen haben wir bei der Überwindung der Finanzkrise von 2008/2009 gesehen (siehe Abbildung 4).
Abbildung 4: Weltweite Entwicklung der Rohstoffpreise. Quellen: CPB, HWWI, ICE, BFS.
Für den nordamerikanischen und europäischen Kontinent wäre die derzeitige schnelle wirtschaftliche Erholung ohne die folgenden Schlüsselelemente nicht möglich gewesen:
- die Impfkampagnen, die die Übertragung des Virus erfolgreich eindämmen,
- die fiskalischen Massnahmen, die die wirtschaftlichen Strukturen während der Pandemie weitgehend erhalten haben,
- die lockere Geldpolitik, die eine einfache (Re-)Finanzierung von (neuen) Projekten gewährleistet und den Finanzsektor stabil gehalten hat, und
- die beschäftigungs- und einkommenserhaltenden politischen Massnahmen, die es ermöglichen, nicht nur das Angebot, sondern auch die Nachfrage schnell wieder zu beleben, nachdem die Pandemie deutlich weniger virulent geworden ist.
Kombiniert mit der Aussicht auf eine anhaltende fiskalische und monetäre Unterstützung wurde ein Umfeld geschaffen, in dem die Unternehmen positiv in die nahe Zukunft blicken und wieder bereit und grösstenteils auch fähig sind zu investieren.
Notwendige Bedingungen für eine rasche und nachhaltige wirtschaftliche Erholung sind die Fortsetzung der Impfkampagnen weltweit, die Sammlung von Daten, die für die Überwachung der Entwicklung des SARS-CoV-2-Virus relevant sind, und die laufende Forschung zur Prävention und Behandlung der COVID-19-Erkrankung. Ohne eine gute Kontrolle der Pandemie und ihrer gesundheitlichen Folgen wird sich auch die Wirtschaft nicht so schnell erholen können. Jede zusätzliche Person, die sich impfen lässt, trägt dazu bei, dass wir einem neuen Normalzustand näher kommen, der mit dem sozialen und wirtschaftlichen Leben vor der Pandemie vergleichbar ist. Im Vergleich zu den sozialen und wirtschaftlichen Kosten, die durch ein (möglicherweise) Wiederaufflammen der Pandemie verursacht werden könnten, ist nicht nur die Impfung und das Testen billig und vorteilhaft in jeder Art von Kosten-Nutzen-Analyse.[33] Auch die Verwendung digitaler Instrumente, wie SwissCovid und/oder der NotifyMe-App reduziert die Übertragungswahrscheinlichkeit des Virus und stützt damit die Wirtschaft. Fälschungssichere, international anerkannte Covid-Zertifikate sind ein Win-Win-Instrument: Einerseits helfen sie bei der Pandemiebekämpfung, indem Ansteckungen reduziert werden können, und andererseits unterstützen sie die wirtschaftliche und gesellschaftliche Erholung, in dem soziale Tätigkeiten und insbesondere grenzüberschreitende Reisen für nicht ansteckende Menschen wieder weitgehend geöffnet werden können. Wir müssen uns bewusst sein, dass bei einem Virus wie diesem Vorbeugen billiger ist als Behandeln oder Heilen und also das Präventionsparadoxon nicht vergessen. Auch wenn Präventions- und Monitoringmassnahmen nicht umsonst sind, dürfte die Alternative weitaus kostspieliger sein.
Wie oben angedeutet, wurden weder alle Teile der Wirtschaft gleich stark von der Pandemie getroffen, noch profitieren sie in gleichem Masse von der aktuellen Erholung. Manchmal traf die Pandemie auf eine Art und Weise, die völlig entgegen vorangegangener struktureller Trends verlief. Das deutlichste Beispiel ist, wie sich der Schweizer Tourismussektor vor der Pandemie weg von einheimischen und europäischen Gästen hin zu interkontinentalen Gästen, insbesondere aus Asien, am Spezialisieren war. Diejenigen Hotels und Attraktionen, die von diesem vorherigen Trend vor der Pandemie nicht profitierten, fanden sich während der Pandemie zumindest relativ gesehen besser positioniert. Die Corona-Belastung scheint somit insgesamt ziemlich unabhängig zur Produktivität oder Lebensfähigkeit einer Firma in normalen Zeiten zu sein. Sie können das bestgeführte Flughafen-Business-Hotel der Welt managen, aber in einer Corona-Welt sind Sie in Schwierigkeiten. Oder Sie können einen heruntergekommenen Campingplatz in den Bergen leiten, und während Corona werden Sie mit Kunden überschwemmt. Wie gut eine Firma mit Corona zurecht kommt, hat oft wenig damit zu tun, wie erfolgreich sie Ihr Geschäft ausserhalb Corona-Zeiten führt.
Allerdings gibt es auch Firmen, denen es schon vorher gut ging, z.B. weil sie sich schon stark in Sachen Digitalisierung positioniert hatten, und die deshalb relativ erfolgreich durch die Krise gekommen sind. Andere schafften es auch vorher nicht auf diesen Zug des Strukturwandels aufzuspringen und hatten es dementsprechend schwerer. In dem Masse, in dem dies zutrifft, ist dieser Anstieg der Firmenungleichheit ein Teil dessen, was viele Ökonomen als schöpferischen Zerstörungsprozess (creative destruction) bezeichnen. Alte Industrien und Firmen, die nicht mehr profitabel sind, werden geschlossen, so dass die Ressourcen (Kapital und Arbeit) in produktivere Prozesse fliessen können. Es ist der fortlaufende Prozess des Strukturwandels hin zu einer langfristig effizienteren und effektiveren Nutzung der knappen Ressourcen, die einer Gesellschaft zur Verfügung stehen. Dieser Strukturwandel ist allerdings mit wirtschaftlichen Übergangs- und sozialen Kosten verbunden, insbesondere wenn diese Prozesse viel schneller ablaufen, als normalerweise der Fall ist. Der Verlust an firmen- oder branchen-spezifischem Humankapital und der Aufbau von passendem Wissen, um in andere Firmen und/oder Branchen wechseln zu können, geschieht nicht über Nacht.
Unter der Annahme, dass man dort weitermachen kann wo man bei Eintritt in der Pandemie aufgehört hat, sind wirtschaftspolitische Massnahmen wie Kurzarbeit äusserst sinnvoll. Sie haben diesen Prozess des Strukturwandels während der Pandemie gewollt stark gebremst. Es hat deutlich weniger Konkurse gegeben als üblicherweise der Fall gewesen wäre währenddessen gleichzeitig die Neugründungen nicht nachgelassen haben. Im verordneten Corona-Schlaf ging es um Strukturerhalt, damit beim Neustart alle Firmen wieder die Chance haben, sich unter normalen Wettbewerbsbedingungen zu beweisen.
Nicht nur sind verschiedene Sektoren in unterschiedlichem Masse von der Pandemie betroffen, sondern dadurch auch verschiedene Einkommensgruppen. Wie z.B. die verschiedenen Wellen der Sotomo-Umfragen deutlich zeigen, hat die Pandemie bereits bestehende Ungleichheiten entlang vieler relevanter sozialer Dimensionen verstärkt. Haushalte mit niedrigem Einkommen erlebten den grössten relativen Einkommensrückgang, auch weil sie während der Pandemie mit grösserer Wahrscheinlichkeit ihren Arbeitsplatz verloren. Während mittlere bis höhere Einkommensgruppen ihre Ersparnisse erhöhten, konnte der Einkommensrückgang in den untersten Einkommensschichten nur teilweise durch eine Reduzierung der Ausgaben kompensiert werden.
Abbildung 5: Veränderung der Ausgaben und Einkommen in der Schweizer Bevölkerung nach Einkommensklassen gemäss den verschiedenen Wellen der Sotomo-Erhebung, wie von Martinez et al. (2021) ausgewertet [34].
Auch in Bezug auf die Gesundheit waren Personen mit niedrigem Einkommen stärker von der Pandemie betroffen als reichere Haushalte. Zwar unterschied sich das Infektionsrisiko zwischen den verschiedenen Einkommensklassen nicht wesentlich. Aber seit dem Ausbruch der Pandemie im vergangenen Frühjahr hat sich das subjektive Wohlbefinden bei Personen mit geringem Einkommen trotz einer zwischenzeitlichen Entspannung an der Pandemiefront stetig verschlechtert. Vor allem Personen, die von Arbeitslosigkeit betroffen waren, gaben häufig an, dass sie sich in einer schlechten Gemütsverfassung befanden. Ein Teil des Unterschieds zwischen Arm und Reich ist wahrscheinlich auch darauf zurückzuführen, dass deutlich weniger Personen aus einkommensschwachen Haushalten die Möglichkeit hatten, von zu Hause aus zu arbeiten. Home-Office war während der Corona-Krise von Vorteil, weil es das Risiko einer Ansteckung, das Risiko arbeitslos zu werden und die Gesamtausgaben reduzierte.[35]
Hinweise:
[2] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[3] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[4] https://ibz-shiny.ethz.ch/covidDashboard/trends: Aufgrund von Melderverzögerungen werden die letzten 3 respektive 5 Tage für bestätigte Fälle und Hospitalisationen/Todesfälle nicht berücksichtigt.
[24] https://sciencetaskforce.ch/reproduktionszahl/ und https://ibz-shiny.ethz.ch/covid-19-re-international/: Die Schätzungen von Re über die letzten Tage können leichten Schwankungen unterliegen. Diese Schwankungen treten insbesondere in kleinen Regionen, bei sich ändernder Dynamik und bei niederen Fallzahlen auf.
[29] https://ourworldindata.org/explorers/coronavirus-data-explorer?zoomToSelection=true&time=2021-03-01..latest&pickerSort=desc&pickerMetric=new_cases_smoothed_per_million&Metric=Confirmed+cases&Interval=7-day+rolling+average&Relative+to+Population=true&Align+outbreaks=false&country=DEU~FRA~CHE~ITA~PRT~ESP~GBR
[33] Siehe z.B. https://sciencetaskforce.ch/policy-brief/die-wirtschaftlichen-vorteile-einer-beschleunigten-impfkampagne/ und https://sciencetaskforce.ch/policy-brief/gruende-fuer-eine-substanzielle-erhoehung-der-ressourcen-fuer-contact-tracing-und-testen/