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- Stevie Wonder wird vor dem Konzert die Festplatte mit der ganzen Programmierung für seinen Syntheziser geklaut. Wonder kann nicht auftreten, weint und geht.
- Die bis dahin weitgehend unbekannte Tracy Chapman wird der Star des Abends, ihr «Talkin' bout a Revolution» wird zur Hymne der Anti-Apartheidbewegung.
- Zweimal tritt Chapman auf, beim ersten Mal kündigt sie Hugh Laurie an (besser bekannt als «Dr. House»).
Ein Friedensnobelpreisträger gilt als Terrorist
Eine Band nach der anderen tritt auf: die Dire Straits, die Eurythmics, die Simple Minds. Jackson Browne, Peter Gabriel, George Michael. Sie alle spielen zu Mandelas Geburtstag. Dass der seinen 70. erst rund einen Monat später feiert, spielt keine Rolle.
Der spätere Friedensnobelpreisträger sitzt seit 25 Jahren in seiner Zelle und gilt als Terrorist. Völlig zu Unrecht, findet eine Gruppe von Aktivisten um den britischen Produzenten Tony Hollingworth. Der hat die Idee, zu Ehren Mandelas dieses Mammutkonzert zu organisieren und weltweit übertragen zu lassen.
Viele Fernseh- und Rundfunkanstalten weigern sich anfänglich, das Konzert zu übertragen – zu politisch!
«Let’s change all of this»
Erst als so ziemlich jeder zusagt, der Rang und Namen hat, können auch die Sender nicht mehr an dem Konzert vorbei. Das ist kein gewöhnliches Konzert, sondern ein Statement. Richard Gere wird angekündigt als «Mister Gorgeous», er kommt raus und schreit Mandelas Namen, den Namen des Mannes, der seinen Geburtstag feiert: «...his birthday in a cell. The black man has no representation in his government. Let's change all of this.»
Stevie Wonder soll als Überraschungsgast gegen 18 Uhr auf die Bühne gefahren werden. Direkt aus Amerika sei der Gast hergeflogen, erzählt Moderator Lenny Henry, und nach einem ausgiebigen Mittagsschlaf sei der nun «ready to give you a really wonderful show for Mandely Day».
Doch just in dem Moment stellt Wonder fest, dass die Harddisk für sein Synclavier mit allen programmierten Sounds gestohlen worden ist, wie die BBC später melden wird. Wonder sagt, ohne diese Sounds könne er unmöglich auftreten und verlässt weinend Bühne und Stadion.
Davon merkt das Publikum erstmal nichts. Moderator Lenny Henry überbrückt die entstandene Lücke, in dem er die Leute in Wembley mit flotten Sprüchen, unter anderem auf Russisch, einem chinesischen Ni Hau und den üblichen Spielchen für Massenaufläufe bei Laune hält.
Was nun?
Hinter der Bühne wird verzweifelt jemand gesucht, der jetzt da raus kann. Im Aufenthaltsraum sitzt eine Frau, für die gibt es keinen Slot, sie solle einfach kommen, vielleicht ergebe sich ja was, hat ihr der Veranstalter im Vorfeld gesagt. Ein paar Stunden zuvor hat das bereits geklappt. Nun kommt die 24-jährige Sängerin zu ihrem zweiten Auftritt.
2001 wird Tracy Chapman dem britischen Musikjournalisten Nigel Williamson erzählen: «In jenem Moment musste ich auf die Bühne rennen und zog mein Gitarrenkabel hinter mir her. Wenn ich mir die Aufnahme heute anschaue, sehe ich, wie unvorbereitet ich war.
Der Vorteil war: Für Lampenfieber hatte ich schlicht keine Zeit.» Auf der Bühne wird Lenny Henry durch einen Einflüsterer endlich erlöst. Er schliesst mit den Worten: «Would you please welcome the very very talented Tracy Chapman.»
Ein Song macht die Welt etwas besser
Und dann steht sie wieder da. Sie singt «Fast car». Sie singt «I had a feeling that I could be someone». In diesem Augenblick zieht die Bildregie den Hebel am Bildmischer. Zwei Bilder schieben sich übereinander: Chapmans Gesicht und die Helikopteraufnahme von Wembley hoch oben aus der Luft.
In dieser Überblendung steckt die ganze Kraft, die Popkultur an diesem Tag entwickelt: eine Frau, ein Song, eine akustische Gitarre. That's it. Und 600 Millionen weltweit. Diese Asymmetrie ist das, was wir so lieben.
«Ende der 80er-Jahre befand sich die Popmusik an einem Punkt, an dem sie die Macht hatte, die Welt zu verändern», erklärte Hollingworth in einem Rückblick auf den Event vor ein paar Jahren im südafrikanischen Rundfunk.
Und tatsächlich: Eineinhalb Jahre später, am 11.2.1990 kommt Mandela frei. Als ob Tracy Chapman es vorausgesehen hätte: «And finally the tables are starting to turn / Talkin‘ bout a revolution.»
«Momentaufnahmen»
Wir lassen Augenblicke aufleben, die Geschichte geschrieben haben aus Musik, Kino, Literatur, Malerei, Fotografie und Gesellschaft.
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Auf Radio SRF 2 Kultur sind die Momentaufnahmen vom 2. bis 6. Januar 2017 zu hören jeweils um 8.20 Uhr.