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Mühlen
Mühlen sind ein fester Bestandteil unserer kollektiven Erinnerung. Sie werden in unzähligen Märchen, Sagen und Liedern besungen, und ganze Landstriche werben mit ihrer “Mühlenromantik”. Doch die romantischen Vorstellungen entstanden erst im 19. Jahrhundert, als Dampfmaschinen und Elektrizität die alten Wasserwerke zunehmend verdrängten. Mühlen waren vorindustrielle “Fabriken” und ihre Betreiber, die über Wasserbau und die komplexe Mechanik Bescheid wissen mussten, eigentliche “Ingenieure”.
Die Steinenklostermühle am Vorderen Teich. Aquarell von J.J. Schneider, 1874
Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt, Bildbezeichnung: BILD Schn. 57 Im St. Albantal, 1874
https://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?ID=94101
Arten von Mühlen
Wassermühlen waren zwar schon in der Antike bekannt. Doch erst im Hochmittelalter verbreitete sich die Technologie in ganz Europa und trug wesentlich zum Bevölkerungswachstum nach der Jahrtausendwende bei. Eine bedeutende Erfindung war die Nockenwelle (10. Jh.), die es ermöglichte, die kreisförmige Bewegung der Mühlräder in eine lineare umzuwandeln. So konnten beispielsweise Stampfen oder Hämmer angetrieben werden. Bald weitete sich der Begriff “Mühle”, mit dem ursprünglich nur Getreidemühlen bezeichnet wurden, auf alle Werke aus, welche die Wasserkraft nutzten.
Kornmühlen (Getreidemühlen)
Ursprünglich waren alle Mühlen am St. Albanteich Getreidemühlen (möglicherweise mit Ausnahme der Oris- und der Almosenmühle). Sie stellten die Ernährung der stetig wachsenden Stadtbevölkerung sicher. Nachdem in Kleinbasel ein weiteres Mühlenviertel entstanden war, fand eine Diversifizierung statt. Während die Kornmühlen am Hinteren Teich nach und nach zu Papiermühlen umgebaut wurden, wurde in vier von sechs Mühlen am Vorderen Teich bis ins 19. Jahrhundert Getreide gemahlen. Es handelt sich um die Hirzlimühle (bis 1837), die Spitalmühle (bis 1883), die Steinenklostermühle (bis 1883) und die Lippismühle (bis 1885). Dazu kamen nach 1865 die Breitemühle und die bis 1925 produzierende Brüglinger Mühle.
Gewürzmühlen
Exotische Gewürze wie Pfeffer, Nelken, Ingwer oder Safran waren jahrhundertelang absoluten Luxusgüter. Gewürzhändler gehörten zur reichen Oberschicht und waren in der einflussreichen Safranzunft organisiert. Diese erwarb 1487 die Orismühle und betrieb sie fast 300 Jahre lang als “Wurtzmühlin”. Im 19. Jahrhundert diente auch die Spisselimühle als Gewürz- und Senfmühle.
Papiermühlen
Papiermühlen nutzten die Wasserkraft vor allem, um die Stampfwerke, mit denen der Rohstoff (Textilfasern) zu einem Brei zerstampft wurde, anzutreiben. Da sie äusserst lärmintensiv waren und einen schlimmen Gestank verbreiteteten, wurden sie meist weitab von grösseren Siedlungen angelegt. Basel mit seinen Papiermühlen innerhalb der Stadtmauer bildete eine grosse Ausnahme. Dabei spielte die periphere Lage des St. Alban-Tals sicher eine Rolle. Papier war für die Stadt in zweierlei Hinsicht von Bedeutung: Einerseits war es fast 200 Jahre lang (bis zum Aufkommen der Bandweberei) eines der wichtigsten Exportprodukte, andererseits veranlasste es Buchdrucker, sich hier niederzulassen. Diese trugen dazu bei, das sich Basel zu einem bedeutenden Zentrum des Humanismus nördlich der Alpen entwickelte.
Die Papierherstellung konzentrierte sich zunächst auf den Hinteren Teich, der deshalb auch “Papierer-Teich” genannt wurde. 30 Jahre nachdem Heinrich Halbysen die Rych- und Zunzgermühle zu Papiermühlen hatte umbauen lassen, wurde bereits in fünf der sieben Mühlen Papier hergestellt. Am Vorderen Teich begann die Papierproduktion sehr viel später: 1874 kaufte Samuel Stöcklin die Orismühle. Seine Firma, Stöcklin & Cie, war die erste, die Papier in grossem Stil industriell herstellte. Dazu erwarb sie sich nach und nach sämtliche Wasserrechte und Areale (ausser der Hirzlimühle). Mit dem Wegzug der Firma 1955 endete die gewerbliche Nutzung des St. Albanteichs.
Papiermühlen am Hinteren Teich (Beginn der Produktion):
- Rychmühle (1448)
- Zunzgermühle (1448)
- Gallicianmühle (1453)
- Rheinmühle (vor 1472)
- Stegreifmühle (1480)
- Almosenmühle (1525-1650, 1776-1925)
- Herbergsmühle (1752)
Papiermühlen am Vorderen Teich:
- Orismühle (1878)
- Spitalmühle (1884)
- Lippismühle (1885)
- Spisselimühle (1912)
- Steinenklostermühle (1934)
Schleifen
In Schleifmühlen trieben die Mühlräder grosse, senkrecht stehende Schleif- und Schmirgelscheiben an. Damit konnten unterschiedliche Materialien (Stein, Metall, Holz) bearbeitet werden. Möglicherweise wurden im St. Alban-Tal unmittelbar nach der Anlage des Teichs neben den Kornmühlen auch zwei Schleifmühlen eingerichtet. Jedenfalls werden sowohl die Oris- als auch die Almosenmühle in den ältesten Quellen als Schleifen erwähnt.
Hammerschmieden
Lange Zeit wurde am St. Albanteich kaum Metall verarbeitet. Nur vereinzelt tauchen in den Quellen Hammerschmiede auf, etwa in der Spisselimühle oder in der Gallicianmühle. Die beiden Schleifen (Orismühle und Almosenmühle) waren im Mittelalter zuweilen an Messeschmiede verpachtet. Erst nach der Verlängerung des Teiches wurde in der “Neuen Welt” bei Münchenstein ein Eisenhammer, ein Kupferhammer und ein Drahtzug eingerichtet.
Tabakmühlen
Das “Tabaktrinken” lernten schon die Seeleute unter Kolumbus in Amerika kennen. Doch erst während des 30-jährigen Krieges verbreitete sich der Konsum in ganz Europa. In der Schweiz förderte Bern nach 1720 den grossflächigen Anbau der Pflanze. Ab 1770 wurden auch im St. Alban-Tal Tabakblätter gestampft, zunächst in der Orismühle, später in der Gallicianmühle, die eine bis 1931 produzierende Tabakfabrik beherbergte.
Farbholzmühlen
Zum Färben von Textilien verwendete man bis ins 19. Jahrhundert natürliche Farbstoffe. Diese gewann man u.a. aus Farbhölzern, die in Mühlen zu Spänen oder Pulver zerkleinert und anschliessend in einem dunklen Raum mit Zugabe von Wasser fermentiert wurden. In Basel wurden die Farben vornehmlich in Kleinbasel hergestellt, wo sich auch die meisten Färbereien befanden. Im St. Alban-Tal wurden zwischen 1831 und 1859 zuerst die Herbergsmühle, anschliessend die Stegreifmühle als Farbholzmühlen genutzt.
Gipsmühle
1418 pachtete der Basler Rat ein Rad der Herbergsmühle, um damit Gips zu mahlen. Wie lange dieser Werkstoff im S. Alban-Tal hergestellt wurde, ist unklar; spätestens nach 1490 stand die städtische Gipsmühle am Riehenteich in Kleinbasel.
Walkmühlen (Walken)
Walken ist ein Fertigungsverfahren in der Textilherstellung. Grobe Wolltücher werden in einer Lauge geknetet und geschlagen, bis sich die Fasern verfilzen und ein glatter, undurchlässiger Stoff entsteht. Diese schon in der Antike bekannte Technik wurde bis ins Hochmittelalter von Hand (oder mit den Füssen) ausgeführt. Danach entstanden mit Wasserkraft angetriebene Walkmühlen. Wie in den Papiermühlen trieb das Wasserrad eine Nockenwelle an, welche die Stampfhämmer anhob und fallen liess.
Die Weberzunft erwarb 1548 in der Nähe von St. Jakob ein Grundstück, auf dem sie eine Walke erstellen liess. Angetrieben wurde diese von einem von der Birs abgeleiteten “Wasserruns”. Nach der Verlängerung des Teiches 1624 erhielt die Zunft vom Basler Rat die Erlaubnis, gegenüber dem Brunnwerk St. Jakob eine neue Walke zu errichten. Weitere Walken befanden sich in der Breitemühle und der Orismühle.
Sägemühlen
Im Mittelalter wurde für kurze Zeit ein Rad der Hinteren Schleife (Almosenmühle) dazu genutzt, ein Sägewerk anzutreiben. Danach sollte es über 400 Jahre dauern, bis der St. Albanteich wieder zur Holzverarbeitung genutzt wurde: 1836 wurde in der Breite die Stehlinsche Säge errichtet, 1874 die Steinenklostermühle zu einer Schreinerei umgebaut.
Flösserei
Der St. Albanteich diente auch als Wasserweg. Auf ihm wurde ein grosser Teil des benötigten Bauholzes in die Stadt geflösst.
Flösser auf der Birs bei Zwingen. Kupferstich von Matthäus Merian, 1625
Eine Stadt wie Basel benötigte Unmengen an Holz. Es war bis ins 19. Jahrhundert der bedeutendste Energieträger für Gewerbe und Haushalt, diente als Rohstoff zur Herstellung von Arbeitsgeräten und Hauseinrichtungen – und natürlich zum Bau der Häuser selbst. Die wichtigsten Verkehrswege, auf denen dieses Holz in die Stadt gelangte, waren die Birs und der St. Albanteich.Der grösste Teil des Basler Holzes kam aus den Jurahöhen südlich der Stadt. Diese gehörten im Mittelalter zum Untertanengebiet des Bischofs von Basel. Um die Bewirtschaftung der Wälder in dieser ungastlichen Gegend zu gewährleisten, versprach der Bischof den Siedlern Steuerfreiheit. Deswegen heisst diese Gegend bis heute “Freiberge”.
Aus: Grossmann, H.: Flösserei und Holzhandel aus den Schweizer Bergen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zürich: Druck Leemann AG, 1972.
Die frisch gefällten Baumstämme wurden auf Schlitten oder in Wildbächen zur Birs gebracht und dort zu Flössen zusammengebunden. Ein Floss bestand aus jeweils sechs Stämmen und wurde von zwei Männern bedient. Dem Flossmeister, der das Floss mit einer langen Stange vom Ufer abstiess, und einem Gehilfen, der mit dem Schnepper, einem behelfsmässigen Ruder, die Fahrtrichtung bestimmte.
Aus: Sackmann, Flosslände am Birskopf, vor 1926, Museen Muttenz, Mz_001356.
Bei der Birswuhr in Münchenstein wurden die Flösse auseinandergenommen. Die Stämme wurden einzeln in den St. Albanteich eingelassen und von den Flössern bis zum Schindelhof im St. Alban-Tal begleitet. Dennoch liess es sich nicht vermeiden, dass die Baumstämme immer wieder Schäden an den Teichverbauungen und den Mühlrädern anrichteten.
Dies führte immer wieder zum Streit zwischen der Teichkorporation und den Flössern. Die Lehen klagten, dass die Abgaben der Flösser (2 Pfennige pro Klafter) die entstandenen Schäden nicht deckten. Der Rat stellte sich jedoch meist auf die Seite der Flösser. Das unterstreicht die Bedeutung, die die Flösserei für die Stadt hatte.
Allerdings bestanden zu allen Zeiten zeitliche Einschränkungen. Schon im Mittelalter durfte nur am Samstag zur Vesperzeit auf dem St. Albanteich geflösst werden. Nach der Verlängerung des Teiches wurde 1629 eine neue Ordnung erlassen, die das Flössen nur noch zwischen dem 16. Oktober und dem 23. April zuliess. Diese Bestimmungen galten bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts. Danach nahm die Bedeutung der Flösserei rasch ab. In den 1820er Jahren erlosch sie vollständig.
Andere Nutzungen
Der Vordere Teich. Aquarell, unbekannter Künstler, 19. Jahrhundert.
Bild: Staatsarchiv Basel-Stadt, Bildbezeichnung: BILD Visch. B 16 Ansicht des St. Alban Teichs und der St. Albankirche mit Chor, von Osten
https://query.staatsarchiv.bs.ch/query/detail.aspx?ID=559356
Brunnwerke
Sowohl bei St. Jakob als auch im St. Alban-Tal befanden und befinden sich in der Nähe des Teiches teilweise ergiebige Quellen. An beiden Orten wurden Brunnwerke erbaut und die Wasserkraft des St. Albanteiches dazu genutzt, Quellwasser in ein Hochreservoir zu pumpen. Das Brunnwerk St. Jakob entstand 1624 unmittelbar nach der Verlängerung des St. Albanteichs. Es versorgte die Brunnen des Siechenhauses mit Wasser. Wasserturm und Wasserrad bestehen nach wie vor, obschon die Quelle bei Bauarbeiten (Autobahnanschluss) abgeschnitten wurde und nicht mehr gefasst werden konnte.
Das Brunnwerk St. Alban entstand 1837 und sollte in der rasant wachsenden Stadt die mittelalterlichen Brunnwerke ergänzen. Das Pumpwerk wurde in der Hirzlimühle eingerichtet, das (immer noch bestehende) Hochreservoir in der St. Alban-Vorstadt 81.
Wässerung
Das Wasser des Teichs wurde auch zur Bewässerung der Felder bei St. Jakob und in den Lehenmatten verwendet. Bei St. Jakob wurde das Wasser zu diesem Zweck in Gräben abgeleitet, die mit hölzernen Schützen abgesperrt werden konnten. Bei Niedrigwasser musste die Entnahme eingestellt werden. In den Lehenmatten erfolgte die Wasserentnahme durch Teucheln, deren Durchmesser 5 cm nicht übersteigen durften. Sie mussten 60 cm über der Teichsohle angebracht werden, damit bei niedrigem Pegelstand kein Wasser verloren ging.
Textilindustrie
Basels bedeutendstes Exportprodukt, Seidenbänder, wurden jahrhundertelang in Heimarbeit auf dem Land gewoben. Im 19. Jahrhundert investierten die Seidenbandherren zunehmend in Fabriken in der Stadt.
1840 richtete die Firma Freyvogel & Böcklin in der Orismühle die erste Bandfabrik am St. Albanteich ein. Die Wasserräder wurden durch Turbinen ersetzt; später trieben Dampfmaschinen die Webstühle an.
1850 liess Carl Sarasin am Vorderen Teich durch Architekt Melchior Berri die “Rote Fabrik” erstellen. Allerdings besass Sarasin keine Wasserrechte. Die Maschinen wurden von Anfang an mit Dampfmaschinen angetrieben. Die “Rote Fabrik” ist einer der wenigen überlebenden Industriebauten des 19. Jahrhunderts in Basel. Wo einst Seidenbänder gewebt wurden, ist heute die Jugendherberge untergebracht.
Eine weitere Bandfabrik erbaute Johann De Bary 1855 in den Lehenmatten zwischen der Gellertstrasse und dem St. Albanteich. Er erhielt die Konzession, den Teich zu begradigen und zu verkürzen. Durch das grössere Gefälle erzielten die erstmals am Teich verwendeten Turbinen eine höhere Leistung.