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Er ist nur ein Zettel, ein Fötzel, ein quadratisches Stück Papier, abgerissen von einem Block auf dem Küchentisch oder neben dem Telefon. Gesehen habe ich ihn auf einem Spaziergang, zweimal gefaltet lag er schon leicht verschmutzt vor mir auf dem Asphalt. Interessiert hat er mich, weil ich darauf ein paar handschriftliche Buchstaben erkannte. Aufgehoben habe ich ihn, weil handschriftliche Buchstaben heilig sind. Gedacht habe ich auch: Ein Zeichen ist ein Zeichen. Buchstaben sind Zeichen. Und dieser Zettel ist ein Zeichen und Zeichen müssen gelesen werden, dafür sind sie da.
Und jetzt beschäftigt mich dieser kleine, schon leicht verschmutzte Zettel immer von Neuem.
Wenn ich davon erzähle, ernte ich besorgte Blicke. Der Versuch, ihn in eine Geschichte einzubauen, ist schon am ersten Gegenlesen gescheitert. Mein Eindruck, dass es sich bei dem Zettel um Literatur handelt, wurde bis jetzt nicht geteilt. Etwas, das jemand als Gedächtnishilfe ohne jegliche künstlerische Absicht verfasst, sei keine Literatur!
Darauf entgegne ich: Neun Wörter unter dem umrahmten, als Titel dienenden Stichwort Einkaufen müssen nicht unbedingt als Meisterwerk der Dichtkunst betrachtet werden, aber gibt es sprachlich etwas Unverfälschteres, etwas Welthaltigeres, etwas Zweckdienlicheres als eine Einkaufsliste? Nicht in diesem reduzierten Umfang.
Im vergangenen Jahr ist wenig passiert, das sich nicht zu einem der neun Begriffe in Beziehung setzen liesse. Deshalb danke ich der Verfasserin und erkläre diese neun Wörter zu meinem Gedicht des Jahres. Dass es sich um eine Verfasserin handeln muss, sagt mir mein Instinkt wegen des ersten, etwas rätselhaften Doppel-Wortes.
Einkaufen
Weibchen-Stecker
Olivenöl
Sparschäler
Zeitungshalter
Aufbewahrungsdosen Küche
Abflusssieb
Kaffee
Und was hat Ricco Wassmer damit zu tun:
Erstens kann ich mir nicht vorstellen, dass dieser so unschweizerisch frisch und bunt und sachlich daherträumende Künstler die Bedeutung eines leicht verschmutzen, auf dem Trottoir gefundenen Einkaufszettels unterschätzt hätte. Zweitens widmet ihm das Kunstmuseum Bern gerade eine umfassende Retrospektive. Ein Weihnachtsgeschenk zweifellos! Dazu wünscht man dem lieben Leser und der lieben Leserin: Feste Frohtage und ein Jahr Gutes!