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Die Eltern von Emilia trennten sich vor drei Jahren. Emilia war damals acht Jahre alt. Für sie und ihren Bruder Max war die Trennung ein Schock, zumal es, zumindest für die Kinder, vorher keine Anzeichen einer Krise zwischen den Eltern gab. Zwei Wochen später war der Vater ausgezogen und hatte nach kurzer Zeit eine neue Partnerin.
Die zwei Geschwister kamen etwa ein Jahr später zum ersten Mal ins Ambulatorium für Kinder und Jugendliche der Clienia Littenheid in Winterthur. Beide hatten chronische Bauchschmerzen ohne somatischen Befund. Vor allem Emilia litt an grossen Verlustängsten. Sie schlief nur noch im Bett der Mutter, die sie ausserdem jeden Tag zur Schule begleiten musste. Die Therapie brachte Erleichterung, die Symptomatik zeigte sich bei Emilia und Max rückläufig, so dass eine weiterführende Behandlung nicht mehr nötig schien.
Einige Monate später kam Emilia jedoch ohne ihren Bruder zurück ins Ambulatorium. Sie war sehr traurig, oft war ihr übel und die stetigen Bauchschmerzen quälten sie von Neuem. Wieder ergab die somatische Untersuchung keinen Befund. Emilia hatte nur wenige Freundinnen, litt unter Leistungsängsten und zog sich immer mehr zurück. Die Therapeutin, die Eltern und Emilia einigten sich darauf, dass das Mädchen zu wöchentlichen Einzeltherapiestunden ins Ambulatorium kommen sollte und die Eltern alle paar Wochen zu einem Familiengespräch dazukamen. Emilia vermisste ihren Vater sehr, auch wenn sie ihn im üblichen Masse sah und jedes zweite Wochenende bei ihm verbringen durfte. Sie war ausserdem in einen Loyalitätskonflikt geraten: war Emilia beim Vater, hatte sie ein schlechtes Gewissen der Mutter gegenüber und umgekehrt. Auch beschäftigte es Emilia sehr, wenn sich die Eltern nicht einig waren, obwohl diese fanden, sie würden auf Elternebene nach wie vor gut funktionieren. Im Familiengespräch kam man überein, vor den Kindern nicht zu streiten und Konflikte ausserhalb ihrer Hörweite unter vier Augen auszutragen. Auch einigte man sich darauf, auf gar keinen Fall in Anwesenheit der Kinder schlecht über den abwesenden Elternteil zu sprechen.
Emililas grösstem Wunsch, die Eltern mögen wieder zusammenkommen, konnte freilich nicht nachgekommen werden. Wichtig war aber, für sie eine gute Situation zu schaffen, und ihre Bedürfnisse ernst zu nehmen. Es gelang Emilia gut, zu sagen, was sie braucht, zum Beispiel, dass sie sich eine regelmässige, gemeinsame Unternehmung mit ihren Eltern wünscht. Darauf konnten sich diese gut einlassen und trugen damit wesentlich zu Emilias Genesung bei. Wichtig war ausserdem, Emilias Bauchschmerzen zwar ernst zu nehmen, aber ihr derentwegen keine spezielle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen, um zu verhindern, dass dadurch die Symptomatik aufrechterhalten bleibt.
Emilias Behandlung konnte nach sechs Monaten abgeschlossen werden, nachdem sich die familiäre Situation entspannt hatte und ihre Symptomatik (Traurigkeit, Ängste) deutlich rückläufig war. Die Bauchschmerzen waren bei Abschluss der Behandlung vollständig remittiert. Emilia konnte sich wieder auf liebevolle Beziehungen zu beiden Elternteilen einlassen, ohne schlechte Gefühle zu haben. «Ein wesentlicher Faktor für die positive Entwicklung eines Kindes nach einer Trennung oder Scheidung ist, dass die Eltern auf Elternebene weiterhin gut im Sinne des Kindeswohls kooperieren können», sagt Emilias Therapeutin.