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Am 26. Juni 2022 fand in der Sportanlage Pfaffenholz in St. Louis das letzte Abo-Konzert der Basel Sinfonietta statt – einem der führenden Orchester für Neue respektive zeitgenössische Musik. Nach Stücken von Christophe Bertrand (Mana), Anna Thorvaldsdottir (Dreaming), Courtney Bryan (Sanctum) und Fausto Romitelli (Flowing down too slow) folgte als abschliessender Höhepunkt mit Datendieb eine Welturaufführung. Für das Werk hat Janiv Oron, Teil des Basler DJ-Duos Goldfinger Brothers, Teile aus Bertrands und Romitellis Stücken dekonstruiert und frisch zusammengesetzt. Diese Neukomposition wurde dann vom Zürcher Komponisten Oliver Waespi für Orchester arrangiert. Zwischen den Orchesterteilen liess Oron, mitten im Orchester am DJ-Pult, mit virtuosen Mixeinlagen und Kadenzen aus eigenen Kreationen jeweils sein ganzes Können als DJ aufblitzen.
Das Zusammenspiel von Elektronik und Neuer Musik ist bereits seit Jahrzehnten Gegenstand experimenteller Kompositionen – von Pierre Schaeffer (bereits in den 1940er Jahren), Karlheinz Stockhausen über Wendy Carlos bis hin zu Oron und seinen Mitstreitern. In den frühen Werken stand vor allem die akribische Erforschung der neuen Klangmöglichkeiten mit den revolutionären Computergeräten im Zentrum. Wenngleich sich die Medienverwendung also zu verändern begann, blieb das traditionelle Prinzip der Komposition und der personellen Konstellation einer für sich im Stillen arbeitenden komponierenden Person weitgehend erhalten. Heutige Arbeiten spielen vielfach mit Live-Elektronik, wobei die komponierende Person bei den Aufführungen oftmals zugleich als Performer*in agiert. Die Distanz zwischen Komponist*in, Orchester und Publikum wird so verringert.
Hinzu kommt, dass in der Neuen Musik seit ca. 2010 eine in der Zahl der Stücke rasch ansteigende Auseinandersetzung mit Popmusik stattfindet. Verschiedene Aspekte – Klänge, Instrumente, Techniken wie Sampling oder Mixing etc. – werden von Komponist*innen mit den ihnen zur Verfügung stehenden kompositorischen Mitteln verarbeitet. Damit geht eine zunehmende Vermischung nicht nur der Musikrichtungen, sondern auch der entsprechenden Subkulturen und verschiedenen sozialen Gruppen einher. Die Neue Musik, die trotz ihrer immer wieder revolutionären künstlerischen Errungenschaften weitgehend dem klassischen bürgerlichen Verständnis einer avancierten Hochkultur treu blieb und sich von der Popkultur lange abgrenzte, scheint ihre Tore langsam aber sicher für ein breiteres Publikum zu öffnen.
Eine Entwicklung, die insbesondere bezüglich gesellschaftlicher Inklusion und Integration zweifellos zu begrüssen ist. Dass auf diesem Gebiet noch viel Potential vorhanden ist, zeigte sich bei der Uraufführung von Orons und Waespis Datendieb. Die Orchesterparts und die DJ-Parts blieben vorwiegend getrennt, verschmolzen also nicht zu einem ganzen Klangereignis. Eine solche musikalische Integration der beiden so verschiedenen Musikkulturen stellt eine grosse Herausforderung für die junge Komponist*innen-Generation dar. Sicherlich aber ist es eine, für die es in den kommenden Jahren ganz viele spannende und kreative Lösungsansätze geben wird.
Foto: Marcela Laskoski, via Unsplash