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Kurze Unruhe in der Kabine, die Crew kümmert sich verstärkt um einen Passagier, schliesslich ertönt die Durchsage: «Ist ein Arzt an Bord?»
Statistisch gesehen kommt es pro 10’000 bis 40’000 Flugzeugreisende zu einer medizinischen Notfallsituation. Das heisst: Bei einem Notfall pro 10’000 Passagiere und bei 400 Passagieren pro Flug besteht eine Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent, nach 24 Interkontinentalflügen einen medizinischen Zwischenfall an Bord zu erleben. Immerhin: Meistens gehen die medizinischen Krisen vergleichsweise glimpflich aus: Zwischen 2010 bis 2011 beispielsweise überlebten nur 25 der 124.1 Millionen Flugzeugpassagiere ihre medizinische Krise an Bord nicht.
Belastende Langstreckenflüge
Über vier von fünf medizinische Notfälle ereignen sich auf Langstreckenflügen. Denn die Umstände an Bord sind für den menschlichen Körper keine Wohlfühlumgebung. In der Kabine dehnen sich aufgrund der Luftdruckverhältnisse die Gase in Neben- und Stirnhöhlen und dem Mittelohr aus. Ausserdem ist an Bord die Sauerstoffsättigung schlechter als am Boden, dadurch beschleunigen sich Herzschlag und Atmung. Durch den Bewegungsmangel und die Luftdruckverhältnisse bilden sich leichter Wassereinlagerungen und durch die niedrige Luftfeuchtigkeit von sechs bis maximal 18 Prozent sowie die beschleunigte Atmung dehydrieren Passagiere schneller – deshalb auch das starke Durstgefühl auf Flügen.
Selbsthilfe an Bord Am häufigsten sind Magen-Darm-Probleme an Bord, die die medizinisch geschulte Crew in der Regel gut selber behandeln kann. «Häufig sind auch Kreislaufprobleme, aber ich hatte auch schon Schwangere mit schweren Blutungen, jemanden mit sehr starkem Nasenbluten oder Passagiere mit psychischen Problemen an Bord», erzählt Flight Attendant Dieter Brehm. Wie das Flugzeug medizinisch ausgestattet ist, unterliegt den gesetzlichen Bestimmungen der jeweiligen Luftfahrtbehörde. Diese schreiben aber nur einen notfallmedizinischen Minimalstandard vor, den die Fluggesellschaften vielfach ergänzen. Die Bordapotheke enthält in der Regel alles, was nötig ist: von Medikamenten angefangen, die nur ein Arzt verabreichen darf, über Schienen für Knochenbrüche bis hin zu Defibrillatoren.
Wenn es einen Arzt braucht In mehr als 80 Prozent aller Fälle ist tatsächlich ein Arzt oder eine andere medizinische Fachkraft wie Rettungsassistenten oder Krankenpflegekräfte an Bord. Sie sehen sich vor besondere Herausforderungen gestellt: Verständigungsprobleme mit internationalen Fluggästen sind da noch das kleinere Übel. Darüber hinaus ist es sehr eng, die Lichtverhältnisse sind schlecht. Wegen der Vibrationen und dem Lärm an Bord ist beispielsweise ein Abhören mit dem Stethoskop nur selten möglich. Vor rechtlichen Konsequenzen sind sich meldende Ärzte jedoch geschützt: Sie dürfen für ihren freiwilligen Einsatz an Bord nicht rechtlich belangt werden, ausser sie handeln schwer fahrlässig.
Wenn keine medizinische Hilfe an Bord ist Weiss das Flugpersonal nicht mehr weiter und ist kein Arzt an Bord, ist Unterstützung vom Boden via Satellitentelefon möglich. Das ist aber nicht ganz einfach: Das Telefon ist fest installiert, das Crewmitglied muss deswegen immer zwischen Patient und Telefon hin- und herlaufen. Am anderen Ende der Leitung sitzen Flug- und Notfallmediziner, die Anweisungen geben oder helfen, eine Situation richtig einzustufen. Und sie ermitteln auch, ob eine Zwischenlandung aufgrund der dortigen medizinischen Infrastruktur überhaupt Sinn macht oder nicht.
Umdrehen, zwischenlanden, weiterfliegen Die Piloten werden über alle Notfälle in der Kabine sofort informiert. Denn schlussendlich entscheiden sie – idealerweise in Absprache mit einem Arzt, der zufällig an Bord ist. Andernfalls muss der Pilot die Entscheidung allein fällen. Dabei zählt auch immer die Sicherheit aller anderen Passagiere. Notlandungen machen nur Sinn, wenn die Person am Landungsort überhaupt eine bessere medizinische Versorgung vorfindet als an Bord - ist also jeweils eine Abwägungssache.