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Drei Runden vor Schluss sichert sich Brighton & Hove Albion den Aufstieg in die Premier League. Damit setzen die «Seagulls» den Schlussstrich unter eine Odyssee, die in den 90er-Jahren begann.
Am Ostermontag um 18.55 Uhr Ortszeit hatte es Brighton definitiv geschafft. Huddersfield Town, der letzte verbliebene Konkurrent um den direkten Aufstieg in die Premier League, kam beim Auswärtsspiel gegen Derby County nicht über ein Unentschieden hinaus. Zum Zeitpunkt, als in Derby der Schlusspfiff fiel, hatten die Fans der «Seagulls» schon zwei Stunden ausgiebig gefeiert. Ihr Heimspiel gegen das akut abstiegsbedrohte Wigan Athletic fand früher statt. Der 2:1-Sieg hatte die Feierlichkeiten bereits starten lassen, weil der Aufstieg eigentlich damit schon unter Dach und Fach war. Huddersfield hätte nur nicht alle verbleibenden Spiele gewinnen müssen, sie hätten auch ein um mehr als 30 Treffer schlechteres Torverhältnis ausgleichen müssen.
Ein Verein für 56 Pfund
Auf das Resultat aus Derby wollte in Brighton niemand mehr warten. Zu lange schon musste man sich in der englischen Küstenstadt gedulden, um endlich einen definitiven Schlussstrich unter die Odyssee zu ziehen, die 1993 mit dem Einstieg von Bill Archer als Präsident begann. Der Betreiber einer Baumarktkette übernahm den Verein für 56 Pfund und 25 Pence. Mit ganz eigenen Absichten, wie Drew Whitworth, Redakteur des englischen Fußballmagazins «When Saturday Comes», vor einem Jahr im Gespräch mit dem ballesterer sagte: «Archer hat die 56 Pfund für das Grundstück gezahlt, nicht für den Klub.»
Zwei Jahre nach der Übernahme verkaufte Archer den Goldstone Ground, die Heimstätte des Klubs, für rund sieben Millionen. Eine ansehnliche Marge. Die Fans protestierten, auch weil sie nicht daran glaubten, dass Archer tatsächlich ein neues Stadion bauen wollte. Und auch, weil die Klubführung nicht gerade transparent informierte. Selbst die örtliche Zeitung «The Argus» war zeitweise mit einem Hausverbot belegt.
Beinahe aus dem Profifussball abgestiegen
Als 1997 das letzte Spiel im Goldstone Ground anstand, war der Verlust des eigenen Stadions nicht das einzige Problem. Bis zuletzt musste sich der Klub in der Saison 1996/97 gegen den Abstieg aus der vierthöchsten Liga und damit aus dem Profifussball wehren. Der Klassenerhalt gelang in extremis, doch ohne Stadion begann fast genau vor 20 Jahren eine Odyssee, deren erste Etappe im mehr als 100 Kilometer entfernten Gillingham stattfand. Zwei Saisons lang spielte Brighton seine Heimspiele im Exil, bevor er zumindest in die Stadt zurückkehren konnte. Ab 1999 war das Withdean das Zuhause des Vereins. Mit dem kombinierten Leichtathletik- und Fussballstadion wurde nie jemand warm. In einer Umfrage der Tageszeitung «Observer» wurde es gar zum viertschlechtesten Stadion des Königreichs gewählt.
Präsident war zu dieser Zeit längst nicht mehr Archer. Der Geschäftsmann Dick Knight hatte übernommen und versuchte mit einem Neubau den Fehler seines Vorgängers auszumerzen. Der gewählte Standort Falmer war nicht ohne Probleme, weil er in ein geschütztes Gebiet hineinragte. Der Kampf für die Bewilligungen war zäh, darüber berichten heute ganze Bücher. Die breite Unterstützung verhalf schlussendlich zum Erfolg. 2011 wurde der Traum Realität. Der Stadionbau wurde massgeblich von Tony Bloom finanziert, der dafür auch das Präsidentenamt beanspruchte. Opposition dagegen gab es nicht, Bloom war schon zuvor langjähriger Fan der «Seagulls». Und er strebte nach Grösserem. Gerade erst war der Klub in die zweitklassige Championship aufgestiegen, doch der neue Präsident wollte mehr. In den Saisons 2012/13 bis 2015/16 erreichte Brighton dreimal die Aufstiegsplayoffs, in denen die Dritt- bis Sechtsplatzierten den dritten Aufsteiger ausmachen. Dreimal folgte das Out im Halbfinal.
Vier verletzte Spieler im Playoff-Halbfinal
Nur 2014/15 schwächelte die Mannschaft schon früher. Trainer damals war Sami Hyypiä, der später auch in Zürich erfolglos bleiben sollte. Nach 18 Runden mit nur einem Sieg wurde er entlassen. Seinen Posten übernahm Chris Hughton. Er rettete die Mannschaft vor dem Abstieg und zeigte bereits in der darauffolgenden Saison, wo er die Mannschaft hinbringen konnte. In der Saison 2015/16 mussten sich die «Seagulls» erst in der allerletzten Runde vom Traum des Direktaufstiegs verabschieden. Punktgleich mit Middlesbrough scheiterte der Klub an der Tordifferenz. In den Playoffs trafen die Blau-Weissen im Halbfinal auf Sheffield Wednesday, mussten die Hoffnungen aber schon nach dem Hinspiel weitestgehend begraben. Eine halbe Stunde vor Schluss verletzte sich der vierte Spieler, mit zehn Mann verlor Brighton 0:2. Eine zu grosse Hypothek.
Wenig erstaunlich folgte in der aktuellen Saison ein neuer Anlauf. Direkt sollte es dieses Mal klappen. Und die Mannschaft hielt sich beständig auf den vorderen Rängen. Wie gut Brighton in dieser Saison funktionierte, zeigt eine Episode besonders gut. Am 14. Januar verloren die Seagulls das erste Mal nach 18 Spielen ohne Niederlage. All jene, die auf den Einbruch der Mannschaft gewartet hatten, sahen ihn gekommen, als Brighton auch in der nächsten Runde Mühe bekundete und just gegen Sheffield Wednesday beim Stand von 1:1 eine halbe Stunde zu zehnt spielen musste. Zumal die Gäste einen Penalty zugesprochen erhielten. Doch David Stockdale im Tor der «Seagulls» wollte kein zweites Tor zulassen. Selbst das eine, das er schon erhalten hatte, verschlechterte seinen Saisonschnitt. Er hielt den Penalty und fünf Minuten vor Schluss schoss Anthony Knockaert den Siegtreffer zum 2:1.
Der Spieler des Jahres kommt aus Brighton
Am Beispiel Knockaert lässt sich auch gut zeigen, weshalb Brighton in dieser Saison den Aufstieg schaffte. Zum einen ist da seine individuelle Klasse. Er war mit Abstand der auffälligste Spieler der zu Ende gehenden Championship-Saison. Auch die Liga anerkannte das und wählte ihn zum «Player of the year». Zum anderen ist da aber auch eine weniger schöne Episode. Im November des letzten Jahres stirbt Knockaerts Vater. Der Spieler verpasst den Trip nach Bristol, wo Steve Sidwell sein Tor dem Teamkameraden widmet. Doch die Anteilnahme der Mannschaft ging weiter. Trainer Hughton und rund zehn Spieler reisten zur Beerdigung von Knockaerts Vater nach Frankreich.
Die Mannschaft und der ganze Klub ist aber nicht nur unter sich eine verschworene Gemeinschaft. Auch die Fans und die Stadt werden einbezogen. Nach dem Aufstieg am vergangenen Montag reisten gleich mehrere Spieler zusammen mit den Fans in einem völlig überfüllten Zug zurück ins Zentrum und liessen sich auf den Schultern durch die Strassen tragen. Dazu passt, dass sowohl Offizielle als auch Fans selbst im überschwänglichen Jubel an jene dachten, die das Ende der Odyssee nicht mehr miterleben konnten. So zum Beispiel, Paul Whelch, eine tragende Figur im Kampf ums Überleben des Klubs und für den Stadionneubau, der erst vor wenigen Wochen verstarb und dem während des Spiels mit stehenden Ovationen gedacht wurde.
Finanziell erfolgreich werden
Nächste Saison spielt Brighton & Hove Albion nun also in der Premier League. Und auf der Insel ist man sich einig, dass der Klub eine Zukunft in der obersten Spielklasse haben kann. Auch, weil der Klub gut aufgestellt ist, wie Andy Naylor, Sportchef des «Argus» vor einem Jahr gegenüber dem ballesterer ausführte: «Der Klub hat ein Vermögen in das Stadion und in die Trainingsanlagen gesteckt. Die sind jetzt bereits auf höchstem Niveau. Das Geld, das andere Klubs nach einem Aufstieg für solche Posten ausgeben müssen, kann Brighton in das Team investieren.»
Finanziell dürfte es aber auch darum gehen, die Rechnung ins Lot zu bringen. Für den Traum von der Premier League hat man die letzten Jahre ein erhebliches Minus in Kauf genommen. Nur so sei es möglich gewesen, überhaupt um den Aufstieg mitzuspielen, wird Präsident Bloom auf dem Blog «Swiss Ramble» zitiert, der sich immer wieder sehr kenntnis- und wortreich den Finanzen von Fussballclubs widmet. Weil die Absteiger aus der Premier League sogenannte Fallschirmzahlungen erhalten, damit sie vom Abstieg nicht in den Konkurs getrieben werden, spielen die Aufstiegsaspiranten ohne vorherigen Abstieg mit kürzeren Spiessen. Für gleich lange Spiesse hat hauptsächlich Bloom mit seinem eigenen Geld gesorgt. In der Premier League soll der Verein nun profitabel werden. Vor allem aber soll er erstklassig bleiben.
Dieser Text erschien am 21. April in gekürzter Version und anders bebildert im St.Galler Tagblatt.