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Ulrich Bechers Morteratschgletscher
«Der Morteratsch, der sich herdehnte in seinem kolossalen Felsbrett, heran bis zur unteren Warte, lag da wie ein Riesenskelett mit zahllosen Rippenluken: Spalten, smaragdgrünlichen. Je näher der Strom sogenannten Ewigen Eises mit seinen erstarrten Wogen und Strudeln herantrieb, desto schmutziger sah er sich an, bis er in der Moräne versickerte, einer schwärzlichen Schutthalde, Ewigem Schmutz, aus dem verstreut ein paar Zeugen des Vergänglichen blinkten: zerbrochene Bierflaschen.
‹Kennt ihr die Morteratsch-Sage? Nicht? Erzähl, erzähl, erzähl’s ihnen, Joopipuppsch!›
Ten Breukaa erzählte, erzählte, erzählte die alte Bergbauernmythe ebenso umständlich wie schwunglos. Ein Jüngling war in grauer Vorzeit auf der Wanderung über den Gletscher verschollen. Seine Liebste hatte sich auf die Suche nach ihm gemacht. Auch sie war nicht zurückgekehrt. Trat man an gewissen Tagen im Frühsommer, zu Zeiten der Schneeschmelze, an den Gletscher, konnte man aus seinen Tiefen die Liebste den Namen des Liebsten rufen hören: ‹Morteratsch, Morteratsch!›
‹Und jetzt spitzt die Ohren, Leutln.›»
Ulrich Becher erzählt in diesem autobiografisch gefärbten Werk die Geschichte eines Wiener Journalisten, der im Frühling 1938 vor den Nazis in die vermeintlich schützende Abgeschiedenheit der Schweizer Berge flieht. Doch für Albert von *** erweist sich das Engadin nicht als Zielpunkt, sondern als Fortsetzung einer rastlosen Flucht.
Der ehemalige Jagdflieger, traumatisiert und von Angstzuständen gequält, findet keine Ruhe: In Komposthaufen sieht er Schützengräben, im Mondschein Magnesiumraketen und in den Lärchen am Strassenrand «verkohlte Schlote». Die Berglandschaft wird zur Projektionsfläche für Elemente der Verwüstung, der Gewalt und der industriellen Kriegsmaschinerie, wie sie der Erste Weltkrieg mit sich brachte.
Auf einem Ausflug mit Freunden ins ewige Eis des Morteratschgletschers wird die Morteratsch-Sage, eine «alte Bergbauernmythe» urplötzlich lebendig. Als Einziger vernimmt Albert von *** das Rattern eines Maschinengewehrs, «sehr fern, dennoch in minuziöser Deutlichkeit herausgetragen durch den Äther: Tacktacktacktacktack», und kurz darauf einen Schrei, «einen scheusslichen Schrei. Wie – ein abgestochenes Schwein». Mord, Unfall, Sinnestäuschung? Man wird es nie erfahren. Es ist ein buchstäblich atemberaubendes Werk, in dem die Engadiner Landschaft mit ihren Bergen, Seen und Gletschern eine handlungstreibende, verstörende Rolle einnimmt.
Die Biografie Ulrich Bechers (1910-1990) liest sich ähnlich bewegt wie die seines Helden. Sein frühes Werk wurde von den Nationalsozialisten 1933 als entartete Literatur verbrannt. Darauf folgte für Becher eine lange Reihe von Emigrationsstationen: Wien, Paris, Prag, London, Brasilien, New York. 1948 kam er nach Europa zurück und verbrachte seine letzten Lebensjahrzehnte in Basel, ein erstaunlicher Umstand angesichts der Tatsache, dass die Schweiz ihm in den dreissiger Jahren das Asyl verweigert hat. (AB)
Der Glatscher da Morteratsch ist einer der voluminösesten Gletscher der Schweiz. Sein bedrohliches Vordringen während der Kleinen Eiszeit im Verlauf des 17. Und 18. Jahrhunderts inspirierte eine ganze Reihe von Gebirgslegenden, welche von der jüngeren Literatur mehrfach aufgenommen wurden. Seit 1878, als mit Messungen begonnen wurde, hat sich der Morteratschgletscher ununterbrochen zurückgezogen. Im Duchschnitt beträgt der Rückgang 16 Meter pro Jahr. Seit den 1990-er Jahren wird eine Verstärkung des Schwundes verzeichnet. Der Morteratschgletscher ist mit der Rhätischen Bahn erreichbar. Ein Lehrpfad berichtet über seine erdgeschichtliche Vergangenheit.