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Schon seit vielen Jahren dezimieren die Menschen die grossen Räuber und zerstören ihre Lebensräume. Mittlerweile stehen bereits 61 % der 31 großen Raubtiere auf der Roten Liste. Insgesamt drei Viertel dieser Arten weisen zudem ein Schrumpfen der Populationen auf. Fehlen die Jäger in der Nahrungskette, wirkt sich das auf die Bestände der anderen Tier- und Pflanzenarten aus.
Das Team von William Ripple von der Oregon State University untersuchte diese Veränderungen anhand von sieben Grossraubtieren: Löwe, Dingo, Puma, Leopard, Luchs, Wolf und Seeotter. Neben dem Klimawandel handle es sich beim Verschwinden der großen Fleischfresser um eine der größten Auswirkungen menschlichen Handelns auf die Natur, so die Forscher.
"Wenn wir die großen Raubtiere sterben lassen, wäre das eine Tragödie. Die Ökosysteme der Erde würden verarmen, die Nahrungsnetze verkrüppeln und der Mensch würde den ökonomischen und ökologischen Nutzen verlieren, den diese Tiere uns bieten."
William Ripple, Oregon State University
In Westafrika haben die Rückgänge der Löwen und Leoparden die Bestände der Anubispaviane stark anwachsen lassen. Daraufhin schrumpften die Populationen kleiner Paarhufer und Primaten, die auf dem Speiseplan der Paviane stehen. Auch der Rückgang der Seeotter ging nicht spurlos an den Gewässern von Südost-Alaska vorbei, denn dadurch wurde die Anzahl an Seeigeln stark erhöht, die dann Tangwälder entlang der Küsten abweideten. In vielen Gegenden der Welt werden Wölfe bejagt. Als Folge erhöht sich die Zahl der Elche, Hirschen und Rehen, die wiederum viele Pflanzen fressen. Der Rückzug der Vegetation wirkt sich wiederum auf Vögel oder kleinere Säugetiere aus. So hätten grosse Raubtiere in einigen Ökosystemen sogar einen positiven Einfluss auf den Klimawandel: sie halten Pflanzenfresser in Schach, so dass die Vegetation besser gedeihen und Kohlendioxid einlagern kann. Menschliche Bejagung kann Raubtiere kaum ersetzen, denn diese jagen zu anderen Zeiten und töten andere Individuen. Sie jagen vor allem alte und schwache Tiere und sind so ideale Regulatoren der Wildbestände.
Obwohl er streng geschützt ist, wurden allein in den vergangenen Wochen mindestens zehn Wölfe in Graubünden, in der Lausitz und in Italien abgeschossen. Der Wolf gilt vielen Menschen nach wie vor als Feind. In der Schweiz hat sich mit dem Verschwinden vieler Wälder und der natürlichen Beutetiere sowie der Zunahme der Nutztiere seit dem 16. Jahrhundert der Konflikt zwischen Grossraubtieren und Menschen verschärft. Das zeigt sich einmal mehr an dem kürzlich gewilderten Wolf im Kanton Graubünden.
Wölfe ernähren sich im Schweizer Alpenraum hauptsächlich von Rothirschen, Gämsen und Rehen. Sie ziehen ihrer Beute nach und halten sich deshalb im Winter ebenfalls in Siedlungsnähe auf. Die Erfahrungen im 20. Jahrhundert in Europa zeigen, dass der Wolf keine Gefahr für den Menschen darstellt. Er erkennt den Menschen als Gefahr und weicht ihm aus.
Auch die Sorge um die Wildbestände ist unberechtigt. Wölfe vermögen ihre Beutetiere nicht auszurotten, sondern befinden sich in einem Gleichgewicht mit dieser. Hingegen wird das Wild scheuer und verteilt sich besser im Wald, wodurch die Verbisschäden am Jungwald abnehmen. Auf den höheren Bejagungsdruck reagieren einzelne Arten wie das Rotwild mit einer stärkeren Fortpflanzung, um die Verluste auszugleichen.
Problematisch ist es, dass sich immer mehr Nutztiere während der Sömmerung im Lebensraum der Wölfe aufhalten. In den Schweizer Alpen sind es rund 250‘000 Schafe, ein Grossteil davon wird während der ganzen Alpzeit sich selbst überlassen. Jährlich töten Wölfe in der Schweiz ungefähr 200 Schafe. Rund 10‘000 von ihnen sterben jedes Jahr an Krankheiten, Unfällen oder Abstürzen.
Die Wissenschaftler der Oregon State University schlagen eine weltweite Schutzinitiative für große Raubtiere vor, deren Verschwinden in der Öffentlichkeit bisher relativ wenig Beachtung gefunden haben.