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Am 9. September 2021 ist Helm Stierlin, der Pionier und Wegbereiter der psychoanalytischen und später der systemischen Familientherapie, der Intellektuelle und Autor wegweisender Bücher, der Mitbegründer und erste Herausgeber der Zeitschrift «Familiendynamik» im Alter von 95 Jahren verstorben.
Einige biographische Wegmarken erhellen bereits, wie vielseitig Stierlin seine intellektuelle und persönliche Entwicklung verfolgt hat: Er promovierte in der Philosophie und der Medizin, arbeitete zwischen 1957 und 1973 mit kurzen Unterbrechungen in den USA, lehrte in Heidelberg, von 1974 bis 1991 als ärztlicher Direktor und Lehrstuhlinhaber der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie, und verbrachte nach der Emeritierung viel Zeit im Tessin.
Ich will nicht wiederholen, was viele Nachrufe schon an Fakten zusammengetragen haben. Er hat mich persönlich beeindruckt und beeinflusst, davon will ich in Dankbarkeit berichten. Als ich nach meinen Studiensemestern in Schottland nach Heidelberg kam, hatte Stierlin seinen Lehrstuhl, aus den USA kommend, gerade angetreten. Er akzeptierte mich als wohl ersten Heidelberger Promovenden, auch wenn ich mit einem ihm fernstehenden psychosomatischen Thema befasst war. Die Vorlesungen, die er in Heidelberg hielt, fielen völlig aus dem Rahmen. Sie wurden von einem zurückhaltend auftretenden, nachdenklichen Professor vorgetragen, der bedächtig und langsam, aber gedanklich reich sprach, der Ideen vortrug und nicht Tabellen, um seine Person nicht viel Aufhebens machte und zugleich die ganze Welt zu kennen schien. Viele italienische oder amerikanische Schizophrenieforscher oder Familientherapeuten wurden mit Vornamen vorgestellt, später auf Nachfrage wurden die Nachnamen ergänzt. Sie gaben sich in der Vorlesung die Klinke in die Hand, und allmählich verschoben sich die Koordinaten: Die kleine Abteilung in der Mönchhofstrasse, über'm Neckar, entfaltete internationale Grösse und wurde ein intellektuelles Zentrum, neben dem viele andere universitäre Orte verblassten.
Den Studenten der 70er Jahre machte dieser Professor, der regelmässig seine Runden im nahegelegenen Thermalbad schwamm und so klug, aber gar nicht elitär-abweisend wirkte, neugierig. «Separating parents and adolescents» (deutsch: «Eltern und Kinder: Das Drama von Trennung und Versöhnung im Jugendalter») öffnete die Augen für eine psycho- und familiendynamische Analyse von Familienbeziehungen und bestätigte, ohne eine Seite zu verurteilen, die Berechtigung und Wichtigkeit von Ablösungskrisen. «Das Tun des Einen ist das Tun des Anderen. Eine Dynamik menschlicher Beziehungen» nutzte bereits im Titel ein Zitat von G.W.F. Hegel und zeigte, wie philosophische Erkenntnisse therapeutische Arbeit fundieren und anleiten konnten. Ausserdem stellte es klar, was zu der Zeit keineswegs selbstverständlich war: wie der Blick auf den Einzelnen ausgeweitet werden muss auf die Beziehungsverstrickungen und Beziehungsmuster, wie das Selbst also durch den Anderen (die Andere) geprägt und beeinflusst wird. Ähnlich wie Horst Ebert Richter in «Eltern, Kind, Neurose» beschrieb Stierlin in «Delegation und Familie» genau und differenziert, wie unbewusste Einflüsse in der Familie prägend sein können, wie Kinder unter unbewussten Aufträgen der Eltern unbemerkt fremdbestimmt handeln.
Stierlin war am Gespräch und auch am Widerspruch interessiert. Das liess gedankliche Freiheit, niemand musste ihm folgen, umso mehr Schüler taten es aus Überzeugung und in Freundschaft. Manche Bücher stimulierten meine Kritik, das Buch «Adolf Hitler. Familienperspektiven» fand ich historisch unvollständig und familiendynamisch verkürzend. Die Wende von der psychoanalytischen zur systemischen Familientherapie habe ich persönlich bedauert, wenngleich ich sehen musste, dass gerade diese Wende die Familientherapie so bereichert und sie dem heute nach ihm genannten «Helm Stierlin Institut» in Heidelberg zu internationaler Strahlkraft verholfen hat. Die eigenen kritischen Anmerkungen verringerten die Achtung vor Helm Stierlin nicht, im Gegenteil, denn sie waren erlaubt und erwünscht, und so gilt der nachrufende Dank sowohl dem bis heute nachhaltig einflussreichen Werk ebenso wie einer grossen Persönlichkeit.
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