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Zeichen christlichen Triumphes Ein Motiv der islamischen Architektur zwischen Aneignung und Akkulturation
Im November 2009 entschied die schweizerische Bevölkerung durch Abstimmung, den Bau von Minaretten verfassungsrechtlich zu verbieten. Das Initiativkomitee argumentierte, dass Minarette Ausdruck eines religiös-politischen Machtanspruchs der Muslime seien, und dass diesem Einhalt zu gebieten sei (1). Der Architektur wurde in dieser Debatte ein bemerkenswert hoher Stellenwert zugestanden. Zwar variierten die individuellen Gründe, die zur deutlichen Annahme der Initiative geführt hatten, sie beruhten jedoch alle auf dem Glauben, die Turmarchitektur weise einen hohen symbolischen Gehalt auf. Dieser symbolische Gehalt steht für den Islam einschliesslich der verschiedenen Vorstellungen, die von dieser Religion sowie der damit verbundenen Kultur existieren. Ein architektonisches Element, das vor 900 Jahren mit dem Islam assoziiert und so in bestimmten Fällen in ähnlicher Weise wie Minarette zum Bedeutungsträger wurde, steht im Zentrum der vorliegenden Studie: der polylobe Bogen (Abb. 1). Dieses architektonische Element wird aus mindestens drei aneinander gefügten Kreissegmenten gebildet. Seine Verbreitung über die Jahrhunderte lässt sich relativ genau eingrenzen. Der polylobe Bogen erschien in der syro-byzantinischen Architektur seit dem 5. Jahrhundert, in der islamischen Architektur seit dem 8. Jahrhundert und in der romanischen Architektur Spaniens und Frankreichs seit Beginn des 12. Jahrhunderts. Zu dem Zeitpunkt als er Teil der romanischen Architektur wurde, war er nicht Produkt einer Neuschöpfung, sondern stellte eine Rezeption bereits existierender Bögen dar. Dieser in Kastilien-León und in Burgund zu Beginn des 12. Jahrhunderts erfolgte Vorgang der Aufnahme soll im Folgenden analysiert werden. Da die Verbreitung des Bogens deutlich umrissen werden kann und es sich um ein charakteristisches und klar definiertes Motiv handelt, eignet es sich besonders gut, Rezeptionsvorgänge zu analysieren. Die Besonderheit bei der Übernahme des polyloben Bogens besteht darin, dass er nicht aus einem lokalen, christlichen Umfeld rezipiert wurde, sondern einerseits aus dem geografisch weit entfernten syrischen Raum, andererseits aus dem kulturell unterschiedlichen islamischen Raum.
Die kunsthistorische Forschung führte seit Anfang des 20. Jahrhunderts romanische polylobe Bogen auf die islamische Architektur zurück und gliederte sie so in ein teilweise etwas diffuses Forschungsfeld der “islamischen Einflüsse” auf die westliche Architektur ein. Der erste Teil der vorliegenden Studie widmet sich der Historiografie zu diesen Einflüssen und verortet den polyloben Bogen im Umfeld anderer islamischer Elemente in der Romanik. Von welcher Art die formalen Bezüge zwischen den romanischen Bögen und ihren Vorläufern sind, wird im zweiten Teil der vorliegenden Studie analysiert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf Kastilien-León, als Gebiet, in dem die Rezeption polylober Bögen aus dem islamischen Raum begann und die Rezeptionsbedingungen aufgrund der räumlichen Nähe sowie den engen Beziehungen zu al-Andalus besonders deutlich erscheinen. Der Untersuchungszeitraum umfasst die Zeitspanne von 1100 bis 1212, beginnend mit dem erstmaligen Auftreten des polyloben Bogens an christlichen Bauten und endend mit dem militärischen und politischen Sieg der christlichen Reiche in der Schlacht von Navas de Tolosa. Nach dieser Schlacht verschob sich das Machtverhältnis zwischen der muslimischen und der christlichen Herrschaft zu Gunsten der letzteren und eine veränderte politische Situation trat ein. Gesondert wird ausserdem die Verbreitung polylober Bögen an Grabmälern untersucht, wobei die Frage nach einer symbolisch-transzendentalen Bedeutung des Motivs gestellt wird.
Den Gründen für die Rezeption des Bogens aus dem islamischen Raum wird im dritten Teil der Arbeit nachgegangen. Aus der Erkundung des historisch-kulturellen Hintergrunds heraus, kann, wenngleich explizite schriftliche Quellen nicht existieren, eine Annäherung an das Verständnis dieser Gründe erfolgen. Warum wurden an Kirchen als Materialisierungen des christlichen Glaubens islamische Motive vor allem aus Moscheen, den symbolträchtigen Bauten eines aus Sicht des Christentums ketzerischen Glaubens, eingefügt? Dies ist umso erstaunlicher, als dass sich die christlichen Reiche Spaniens im Moment dieser Rezeption in ständigen Kriegen mit den islamischen Reichen befanden und in Frankreich kurz davor der Erste Kreuzzug ausgerufen worden war.
Auf der einen Seite steht die feindliche Opposition zwischen Islam und Christentum, auf der anderen Seite die Tatsache, dass verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Kulturen während mehrerer Jahrhunderten in enger räumlicher Nähe nebeneinander lebten und ein gewisser Austausch erfolgte. Führte dieses Nebeneinanderleben zu einer Akkulturation (2), d.h. zu einer relativ unbewussten Angleichung der christlichen Kultur an die islamische? War den christlichen Bauherren überhaupt bewusst, dass sie ein dem islamischen Raum entstammendes Motiv rezipieren? Im Zentrum des dritten Teils steht also die Frage, ob die Einführung des polyloben Bogens in der romanischen Architektur als Folge dieser Akkulturation zu verstehen ist oder ob eher repräsentativ-politische Intentionen im Umfeld der kriegerischen Auseinandersetzungen mit den islamischen Reichen für diese “Aneignungsprozesse” ausschlaggebend waren. Im Verlauf des nachträglich als Reconquista bezeichneten Expansionsprozesses eigneten sich die christlichen Reiche im Norden Spaniens unterschiedliche Güter der islamischen Reiche an. Neben der Eroberung und Inbesitznahme ganzer Städte wie Toledo gelangten zahlreiche Kunstgegenstände in die Kirchenschätze und an die christlichen Höfe. Moscheen wurden umgewandelt, Wissensbestände und auch architektonische Motive, wie bei der Mudéjar-Architektur, transferiert. Toledo, dem ehemaligen kirchlichen und königlichen Zentrum des Westgotischen Reiches und unter muslimischer Herrschaft Hauptstadt des gleichnamigen Taifa-Reiches, fiel dabei eine besondere Rolle zu. Sie war die erste grosse Stadt, die Kastilien-León eroberte, und gibt als Ort, in dem islamische und christliche Kultur direkt aufeinander trafen und den christlichen Eroberern ein umfangreicher architektonischer Bestand zufiel, Aufschluss über die Folgen dieses direkten Kontaktes. Der Umgang mit den vorhandenen Bauten, die auch polylobe Bögen aufweisen, zeigt Aneignungsprozesse besonders deutlich auf.
Die territorialen Eroberungen der christlichen Herrscher im Norden Spaniens wurden wiederholt vom Gedanken der Rückeroberung getragen. Die Könige verstanden sich als Nachfolger der Westgoten, die zwischen 418 und 711 die Iberische Halbinsel beherrscht hatten, und demnach als rechtmässige Herrscher über das Gebiet. Im Verlauf der Reconquista lässt sich eine zunehmende religiöse Rechtfertigung der Kriege beobachten, die sich gegen den Islam richtete und durch die beginnenden Kreuzzüge verstärkt wurde. Die Sakralisierung des Krieges stellt die Kirche als wichtige Trägerin der Reconquista ins Zentrum der kriegerischen Auseinandersetzungen. Widerspiegelt ihre Architektur diese politisch-ideologischen Ziele? Bezeichnenderweise sind die Bauten, welche die Rezeption des polyloben Bogens initiieren, herrschaftliche Zentren. Die königliche Stiftskirche der Hauptstadt León und die Kathedrale von Santiago de Compostela, neben Toledo das wichtigste kirchliche Zentrum der Halbinsel und wichtigstes Pilgerziel neben Rom und Jerusalem, führten den polyloben Bogen in die spanische Romanik ein. Welcher Art der Bezug dieser beider Bauten zur islamischen Architektur ist und welche Position sie in der Reconquista innehatten, sind zu untersuchende Fragen, um die Rezeption dieses Motivs zu verstehen.
Ziel der Studie ist nicht nur, wie dies andernorts geschah, ein einzelnes Motiv in seiner Entwicklung und Verbreitung isoliert zu betrachten, sondern durch den Vergleich mit gleichzeitig ablaufenden Prozessen zu verstehen, warum und in welcher Art eine Formensprache entwickelt und ein Motiv rezipiert wurde. Im Hinblick auf den polyloben Bogen bedeutet dies, die genannten Aneignungsprozesse zu berücksichtigen, und nach der Rolle der Kirche und ihrer Architektur in einem religiös-politisch umkämpften Umfeld zu fragen. Ausgehend vom Transfer des Motivs können Aussagen zu seiner sozialen Wirkmacht, zu den jeweiligen Vermittlungsinstanzen und zu den Trägerschichten gewonnen werden (3). Zwei kontrovers diskutierte Themen der Mediävistik können so durch die Analyse des polyloben Bogens neu beleuchtet werden. Erstens kann die Entwicklung der Mudéjar-Architektur auf der Iberischen Halbinsel besser verstanden werden, zweitens kann anhand des polyloben Bogens exemplarisch ein Rezeptionsvorgang erforscht und somit ein Beitrag zur Diskussion um Transferprozesse zwischen der islamischen Kultur und Westeuropa erreicht werden.
Note
(1) Minarett 2009.
(2) Akkulturation bezeichnet die Übernahme fremden Kulturgutes und die Angleichung an eine fremde Kultur. Dabei wird das Übernommene (Wissensbestände, Methoden und Techniken) adaptiert, es findet eine Rekontextualisierung statt. Wird die Gesamtheit der Austauschprozesse auf der Iberischen Halbinsel betrachtet, handelt es sich um eine Transkulturation, d. h. um Kulturaustausch oder -transfer nach beiden Richtungen. Da hier jedoch nur die Rezeption der Christen betrachtet wird, wird der Begriff Akkulturation verwendet; vgl. Speer 2006, S. XV, Burke 2000, S. 13; Gotter 2001, S. 265f.; Herbers 2002, S. 24–28; Borgolte et al. 2008, S. 204–209.
Zur Herkunft des Begriffs vgl. Glick/Pi-Sunyer 1969, S. 140, Anm. 2; Pirson 2008, S. 313–314.
(3) Vgl. Gerogiorgakis/Scheel/Schorkowitz 2011, S. 396.