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|Geschichte der Gehörlosen/Teil II|

• 18. Jahrhundert, Samuel Heinicke und der Abbé de l'Epée
• 19. Jahrhundert - der Methodenstreit
[Quelle] Geschichte der Gehörlosen/Teil II
Dieser Artikel befasst sich mit der Geschichte der Gehörlosen bzw. der Deaf History.
Der gesamte Artikel besteht aus drei Teilen.
Teil I
enthält einführende Anmerkungen und die ersten bekannten Ereignisse und Daten aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Melchior de Yebra in Spanien bis Jonathan Lambert auf Martha's Vineyard in Neuengland.
Am Schluss dieses Teils befinden sich für alle drei Teile gemeinsame Literaturangaben und Weblinks.
Teil II
behandelt das 18. Jahrhundert, die Zeit des Samuel Heinicke und des Abbé de l'Epée, sowie das 19. Jahrhundert, die Zeit von Abbé Sicard, Eduard Fürstenberg, Thomas Hopkins Gallaudet und Alexander Graham Bell
Teil III
behandelt die Zeit ab dem Mailänder Kongreß von 1880 bis ins 21. Jahrhundert.
1. Daten und Ereignisse von 1700 bis 1880
1.1. 18. Jahrhundert, Samuel Heinicke und der Abbé de l'Epée
1.2. Deutschsprachige Länder
1.3. Frankreich
1.4. England und Neuengland
1.5. 19. Jahrhundert - der Methodenstreit
1.6. Deutschsprachige Länder
1.7. Frankreich
1.8. USA
1.9. Ereignisse in anderen Ländern im gleichen Zeitraum
1. Daten und Ereignisse von 1700 bis 1880
1.1. 18. Jahrhundert, Samuel Heinicke und der Abbé de l'Epée
Ab etwa 1700 vollzogen sich die wesentlichen bekannten Ereignisse und Entwicklungen vor allem in den deutschsprachigen Ländern, Frankreich und Neuengland bzw. den USA. Sie beeinflussten sich teils gegenseitig, teils liefen die Entwicklungen im gleichen Zeitraum in unterschiedliche Richtungen. Dies sichtbar und vergleichbar zu machen, wird mit der parallelen Darstellung von Daten und Ereignissen in drei Spalten versucht.
Samuel Heinicke und der Abbé de l'Epée engagieren sich in der pädagogischen Betreuung tauber Kinder, mit unterschiedlichen Methoden liefern sie die Grundlage für den späteren Methodenstreit der "Taubstummen"- bzw. Gehörlosenpädagogik im 19. und 20. Jahrhundert. Tabelle
1.5. 19. Jahrhundert - der Methodenstreit
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts gab es 21 Schulen für Gehörlose, an denen zum Teil auch versucht wurde, tauben Kindern primär die Lautsprache beizubringen
Zunehmend werden Menschen nach ihrer gesellschaftlichen Nützlichkeit beurteilt. "Der Taubstumme und dessen Brauchbarmachung zum bürgerlichen Handwerker und anderen Gewerben" ist ein für diesen Gedanken exemplarischer Titel einer Darlegung, die von einem J. M. Weinberger 1805 in Wien gegeben wird. Damit wurde der "Industrieschulgedanke" in das Taubstummenbildungswesen eingeführt.
Dabei wird stets diskutiert, welche Sprache die Tauben lernen sollen - die der Hörenden, die Lautsprache, die sie selbst nicht oder nur unvollkommen verstehen oder ihre eigene Gebärdensprache, die umgekehrt die Hörenden nicht verstehen?
Der Abbé de l'Epée schuf das gebärdensprachlich orientierte und später "französische Methode" genannte Unterrichtsmodell, das mit dem mehrheitlich oral ausgerichteten und als "deutsche Methode" bezeichneten Modell von Samuel Heinicke konkurriert. Daraus entsteht der "Methodenstreit", der sich dann über zweihundert Jahre hin fortsetzt und bis heute kein Ende gefunden hat.
Paradoxerwesie findet die Auseinandersetzung nicht zwischen den beiden Ländern sondern jeweils landesintern statt: In Frankreich und gerade auch am "Nationalinstitut für Taubstumme" wird die orale Methode eingeführt und in Deutschland breitet sich teilweise die Gebärdensprache im Unterricht aus.
In diesem Jahrhundert beginnt auch in den USA der Gedanke der "Taubstummenbildung" Fuß zu fassen. Tabelle
1.9. Ereignisse in anderen Ländern im gleichen Zeitraum
Spanien, 1805 Im Januar dieses Jahres wird in Madrid die Königliche Schule für Taubstumme eröffnet. Einer der Lehrer ist der selbst taube Künstler Roberto Prádez y Gautier (1772 - 1836).
England, 1890 Am 24. Juli wird die "British Deaf and Dumb Association" (BDDA, der späteren British Deaf Association) gegründet. Allgemein erwartet wird, daß der 29-jährigen taube Francis Maginn zum neuen Vorsitzenden gewählt wird. Maginn hatte bereits ín den USA bei Edward Miner Gallaudet hospitiert, war Präsident der Vorgängerorganisation "Königlicher Taubstummenbund" und Teilnehmer am Internationalen Taubstummenkongreß 1889 in Paris. Statt seiner wird jedoch der 41-jährige hörende Reverend William Bloomefield Sleight zum Vorsitzenden gewählt.
Geschichte der Gehörlosen/Teil III
Literaturangaben
Weblinks
[Quelle] Geschichte der Gehörlosen/Teil III
Dieser Artikel befasst sich mit der Geschichte der Gehörlosen beziehungsweise der Deaf History.
Der gesamte Artikel besteht aus drei Teilen.
Teil I
enthält einführende Anmerkungen und die ersten bekannten Ereignisse und Daten aus dem 16. und 17. Jahrhundert von Melchior de Yebra in Spanien bis Jonathan Lambert auf Martha's Vineyard in Neuengland.
Am Schluss dieses Teils befinden sich für alle drei Teile gemeinsame Literaturangaben und Weblinks.
Teil II
behandelt das 18. Jahrhundert, die Zeit des Samuel Heinicke und des Abbé de l'Epée, sowie das 19. Jahrhundert, die Zeit von Abbé Sicard, Eduard Fürstenberg, Thomas Hopkins Gallaudet und Alexander Graham Bell
Teil III
behandelt die Zeit ab dem Mailänder Kongreß von 1880 bis ins 21. Jahrhundert.
1. Daten und Ereignisse von 1880 bis heute
1.1. Der Kongreß in Mailand 1880
1.2. Das 20. Jahrhundert - zwischen Lähmung und sprunghaftem Fortschritt
1.3. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
1.4. 1950
1.5. 1980
1.6. 2000
1. Daten und Ereignisse von 1880 bis heute
1.1. Der Kongreß in Mailand 1880
Gemäß dem Beschluss des "Pariser Congreß zur Verbesserung des Loses der Taubstummen" vom 30. September 1878 wird der Zweite internationale Taubstummen-Lehrer-Kongress in Italien vom 6. bis 11. September 1880 durchgeführt, jedoch in Mailand statt wie ursprünglich beschlossen in Como. Für den Kongress werden vom "Lombardischen Institut für Künste und Wissenschaften" die Räumlichkeiten im Brerá- Palast zur Verfügung gestellt.
Neben dem zehnköpfigem Organisations-Komitee (sämtlich aus Frankreich) und dem dreiköpfigem Lokalkomitee (sämtlich aus Italien) waren 18 weitere Mitglieder und "correspondierende Mitglieder" aus Frankreich, Schweden, Italien, der Schweiz, Österreich, Deutschland, den Niederlanden, England und den USA auf dem Kongress anwesend.
Sämtliche Kongressmitglieder sind hörend, taube Lehrkräfte wurden weder für das Organisationskommitte noch als Mitglieder eingeladen.
Die Kongressmitglieder fassen folgende Beschlüsse:
(Ausführlichere und vollständigere Darstellungen im Artikel Mailänder Kongreß von 1880)
1. Resolution:
"In der Überzeugung der unbestrittenen Überlegenheit der Lautsprache gegenüber der Gebärdensprache (....) erklärt der Kongress: dass die Anwendung der Lautsprache bei dem Unterricht und in der Erziehung der Taubstummen der Gebärdensprache vorzuziehen sei."
Diese Resolution wurde von der Mehrheit der versammelten Taubstummenlehrern mit großer Begeisterung angenommen, wobei jedoch die Vertreter Schwedens und der USA dagegen stimmten.
2. Resolution: "In Erwägung, dass die gleichzeitige Anwendung der Gebärdensprache und des gesprochenen Wortes den Nachteil mit sich führt, dass dadurch das Sprechen, das Ablesen von den Lippen und die Klarheit der Begriffe beeinträchtigt wird, ist der Kongress der Ansicht: dass die reine Artikulations-Methode vorzuziehen sei."
3. Resolution:
"In Erwägung, dass der Unterricht der Taubstummen durch die Wortsprache erteilt werden muss, spricht sich der Kongress dahingehend aus:
• dass als wirksamstes Mittel, den sprechenden Taubstummen in den Besitz der Umgangssprache zu setzen, die anschauliche Methode anzuwenden sei, welche darin besteht, zuerst durch das Wort, dann durch die Schrift die Gegenstände und Handlungen zu bezeichnen, welche den Schülern vor Augen geführt worden sind;
• dass man auf den unteren Stufen den Taubstummen zur Beachtung der grammatischen Formen nur durch Beispiele und praktische Übungen führen und auf der oberen Stufe zur Erreichung dieses Zieles grammatische Regeln hinzufügen muss, jedoch unter Beobachtung größter Einfachheit und möglichster Klarheit."
4. Resolution:
"In Anbetracht der Resultate, welche sich bei zahlreichen an jüngst aus der Schule ausgetretenen Taubstummen jedes Alters und verschiedener Lebensverhältnisse gemachten Versuchen herausgestellt haben, indem sie auf Fragen über die verschiedensten Gegenstände mit Sicherheit und genügender Deutlichkeit antworteten und mit sehr großer Gewandtheit von den Lippen anderer ablasen, erklärt der Kongress:
• dass die durch reine Artikulationsmethode unterrichteten Taubstummen nach ihrem Austritt aus der Schule die erworbenen Kenntnisse nicht vergessen, sondern dieselben vielmehr durch den mündlichen Verkehr mit anderen und durch Lektüre weiter entwickeln;
• dass sie in ihrem Verkehr mit Vollsinnigen sich ausschließlich der Lautsprache bedienen;
• dass die Fähigkeit des Sprechens und Ablesen von den Lippen ihnen keineswegs verloren geht, sondern sich vielmehr durch den Gebrauch zu größerer Fertigkeit ausbildet."
5. Resolution:
In der Erwägung, dass eine große Anzahl Taubstummer der Wohltat des Unterrichts aus dem Grunde entbehrt, weil den Familien und den Instituten nicht die nötigen Mittel zu Gebote stehen, spricht der Kongress den Wunsch aus, dass die Regierungen die nötigen Veranstaltungen treffen mögen, dass alle Taubstummen ausreichenden Unterricht erhalten."
Als Weitere Erklärungen und Ansichten des Kongresses: wurde dargelegt:
• "Der Kongress ist der Ansicht, dass die Bücher, welche dem Verständnis der Taubstummen zugänglich sind, jederzeit in ihre Hände gegeben werden können."
• "In der Erwägung der besonderen Schwierigkeiten des Unterrichts der Taubstummen nach der Artikulationsmethode und gestützt auf die nach dieser Seite hin fast allen Taubstummenlehrer gemachte Erfahrung erklärt der Kongress:
• dass das günstigste Alter für den Eintritt taubstummer Kinder in die Schule die Zeit vom 8. bis 10. Lebensjahr ist;
• dass der Schulbesuch wenigstens 7, besser 8 Jahre dauern muss;
• dass ein Lehrer nach der reinen Artikulationsmethode nicht mehr als 10 Schüler unterrichten kann.
In der Erwägung, dass in Anstalten, in welchen die reine Artikulationsmethode bis dahin nicht in Anwendung gewesen ist, die Einführung derselben in kluger Berechnung nur stufenweise und allmälig vorgenommen werden darf, ist der Kongress der Ansicht:
• dass die neu eintretenden Schüler eine besondere Klasse bilden, in welcher der Unterricht nach der Artikulationsmethode erteilt wird;
• dass diese Schüler von den anderen Taubstummen, welche schon zu weit vorgeschritten sind, um nach der Artikulationsmethode unterrichtet zu werden, deren Ausbildung deshalb durch die Gebärdensprache vollendet werden muss, durchaus zu trennen sind;
• dass jedes Jahr eine neue Klasse nach der Artikulationsmethode einzurichten ist, bis alle älteren Schüler, welche durch die Gebärdensprache unterrichtet werden, ihre Bildung vollendet haben."
Die Folgen des Mailänder Kongresses:
Die Umsetzung der Beschlüsse im Schulwesen vor allem von Deutschland und Frankreich hatte weitreichende Folgen:
• .Die Überbetonung der sprachlichen Seite ließ aus der Gehörlosenschule eine Sprech- und Sprachschule werden. Dadurch erfolgte eine Einengung der Sprach- und Bildungsmittel. Für den Erwerb der Sprechfestigkeit wurde viel Zeit und Mühe aufgewendet, so dass der Wissenszuwachs in den Sachfächern erheblich eingeschränkt wurde.
• Der Ausschluss der Gebärde, der vor dem Mailänder Kongress nur vereinzelt gefordert war, wurde in vielen deutschsprachigen Schulen nicht zum ausführlichen Kriterium der Methode erhoben. Es kam mitunter zu unterschiedlichen Verhaltensweisen in Bezug auf die Gebärdenscheu.
Aus: "Geschichte des Taubstummen-Bildungwesens", Eduard Walther, Bielefeld 1882.
• Die Überbetonung des Sprechens führte mitunter zu einer Vernachlässigung oder Unterbewertung der Schrift, wie es J. Vatter forderte: "Mache das gesprochene Wort dem Taubstummen zum Träger des Begriffs, zur Denkform. Erst wenn sich das gesprochene Wort und der Begriff sicher und innig verknüpft haben, wird für den Laut der Buchstabe und für das gesprochene Wort das Geschriebene gegeben sein. Letzteres darf dem Schüler nicht erscheinen als Zeichen für diese oder jene Sache, sondern lediglich als Mittel, das Gesprochene zu fixieren." (auf einer Versammlung in Berlin 1884)
zitiert nach Wolfgang Vater, "Bedeutungsaspekte des Mailänder Kongresses von 1880"
• neben den Defiziten in der rein schulischen Bildung verlieren die tauben Kinder durch die Ausschließung tauber Lehrkräfte auch das Vorbild der erfolgreichen Lebensperspektive des tauben Erwachsenen. Vielfach glauben besonders die Kinder, die selbst keine tauben Eltern haben (das ist die Mehrheit), dass sie später als Erwachsene würden hörend werden. Dieser kindliche Glaube ist bis zum Ende des 20. Jahrhunderts in den oral geführten Schulen für Schwerhörige un
für Gehörlose immer wieder von neuem anzutreffen.
1883
A. Bell erforscht die auffallende Häufung von Taubheit auf der Boston vorgelagerten Insel Martha's Vineyard. Aus seinen Untersuchungen zieht Bell in Unkenntnis der nur wenige Jahre später von Gregor Mendel formulierten Vererbungsgesetze die falschen Schlüsse und empfiehlt in der Monographie „Memoir upon the Formation of a Deaf Variety of the Human Race“ ein Eheverbot unter Taubstummen, die eugenischen Kontrolle von USA-Immigranten und warnt vor Internaten für Taube als möglichen Brutstätten einer tauben Menschenrasse. Spätere Arbeiten von Rassenhygienikern stützten sich bis weit in das 20. Jahrhundert ungeprüft auf Bells Angaben. Als Folge werden zahlreiche taube Personen ohne ihr Wissen und ohne ihr Einverständnis sterilisiert.
1884
Erster Deutschen Taubstummenlehrer Kongress in Berlin, am 26. September 1884, Dr. Karl Schneider, der von 1879 bis 1899 dem Taubstummenbildungswesen im Preußischen Unterrichtsministerium vorstand, vertrat die Meinung: "Daß nicht vergeblich gearbeitet worden ist, zeigt, daß gegenwärtig in 96 deutschen Anstalten nach der reinen Lautsprachmethode von Angesicht zu Angesicht gesprochen wird."
1885
"Der Taubstummen-Courier" wird in Wien herausgegeben und bis 1904 verlegt.
1887
A.G. Bell begegnet im Februar der siebenjährigen Helen Keller in Washington DC.
1889
In Britannien veröffentlicht die 1885 gegründete "Königliche Kommission über die Lebensumstände und die Bildung der Taubstummen" einen Bericht, in dem sie sich die Auffassungen von A.G. Bell über die Heirat von "Taubstummen" untereinander zu Eigen macht.
Der erste Präsident der "British Deaf and Dumb Association, Francis Maginn (1861 - 1918), warnte die Mitglieder der Kommission jedoch schon zuvor: "Wir möchten der königlichen Kommission Bedenken anempfehlen, bevor sie alles, was der Professor [gemeint ist Bell] hervorbringt, akzeptiert. Da ich in Amerika gewesen bin und einiges über Dr. Bell weiß, möchte ich sagen, dass die Taubstummen in den Vereinigten Staaten die Tatsache anerkennen, dass er mit aller Ernsthaftigkeit und den besten Absichten handelt, und dass die Wertschätzung, die sie für ihn hegen, nicht geschmälert wird durch die Geringschätzung, die sie seinen Theorien entgegenbringen.
1890
Massenpetition der "Taubstummen" an den deutschen Kaiser, um ihn auf die Misserfolge der einseitigen oralen Methode aufmerksam zu machen.
1892
A. G. Bell gründet die "American Association to Promote the Teaching of Speech to the Deaf, Inc." (Amerikanische Gesellschaft zur Förderung des Sprechenlehrens der Tauben), die nunmehrige "Alexander Graham Bell Association for the Deaf".
1893
Das "National Deaf Mute College" wird umbenannt in "Gallaudet College"
1.2. Das 20. Jahrhundert - zwischen Lähmung und sprunghaftem Fortschritt
Die auf dem Mailänder Kongress der „Taubstummen- Pädagogen“ 1880 gefassten Beschlüsse zu einer einseitig lautsprachlichen beziehungsweise oralen Erziehung werden in der Praxis durchgesetzt. Als Folge breitet sich jahrzehntelang eine lähmende Lethargie unter den Tauben in Europa und Nordamerika aus. Die Weltkriege 1914-1918 und vor allem auch von 1933-1945 mit gezielter Verfolgung tauber Menschen im Herrschaftsbereich des nationalsozialistischen Deutschland tragen mit ihren unüberblickbaren Auswirkungen zusätzlich zur Verunsicherung und Reduzierung des gesellschaftlichen Lebens der Tauben bei.
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gibt es jedoch neue Impulse, die gegenüber der bisherigen Haltung der „Taubstummen-Pädagogen“ vor allem eine neue Akzeptanz der Gebärdensprache signalisieren. Die Linguisten Bernard Tervoort in Europa und William Stokoe in den USA belegen in der Mitte des Jahrhunderts erstmals den Status einer vollwertigen Sprache für die Gebärdensprache. Dies regt vor allem im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zunehmend in allen Ländern der Erde die linguistische Erforschung von Gebärdensprachen an.
Der technologische Fortschritt in der Elektronik führt im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts zu einer sich geradezu überschlagenden Entwicklung. Erstmals können Taube in den 1970er-Jahren zunächst mit Schreibtelefonen das Telefonnetz zumindest innerhalb ihrer Gemeinschaft und auch für Notrufe bei Polizei oder Feuerwehr nutzen. Im weiteren Verlauf werden den handelsüblichen Standard-Geräten immer mehr und neue Funktionen beigegeben, die sich auch von Tauben nutzen lassen.
Eine erste Erweiterung der „erreichbaren“ Telekommunikations-Verbindungen über die Schreibtelefon- Anschlüsse hinaus wird mit dem Faxgerät möglich. Mit einem kommerziellen Vertrieb des schon viel früher „erfundenen“ Bildtelefons können Taube erstmals auch in ihrer eigenen Gebärdensprache über das Telefonnetz kommunizieren. Weitere „Reichweiten--Auusdehnungen sind mit der SMS-Funktion von Mobiltelefonen und den E-Mail-Diensten des Internet möglich. Nachdem sich das Bildtelefon als kommerzieller Flop erwiesen hat, wird der Vertrieb weitgehend eingestellt. Parallel dazu wurden jedoch schon Videokonferenz -Programme für Computer anstelle des Bildtelefons genutzt.
Mit dem Aufkommen des Internet erweitern sich die Informationsmöglichkeiten für Taube in weitaus größerem Maße als für die Hörenden.
Mit dem Angebot von Webcams und Chat-Funktionen des Internet-Angebots verlagert sich die gebärdensprachliche Telekommunikation vom Telefonnetz in das Internet.
1900
Gründung des Berliner Taubstummen-Schwimmvereins von 1900. Der Verein, seinerzeit einer der größten Gehörlosen-Sportvereine in Deutschland, besteht unter diesem Namen bis zur deutschen Wiedervereinigung 1989 und geht dann zusammen mit dem Ost- Berliner Verband im "Berliner Gehörlosen-Sportverein" auf.
1924
Das Comiteè International des Sports des Sourds organisiert die ersten "Weltspiele" der Tauben in Paris.
1927
Gründung des Reichsverbandes der Gehörlosen Deutschlands ReGeDe in Weimar
1.3. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Durch das Rassenhygieneprogramm des Nationalsozialismus im Deutschen Reich erfolgen Sterilisationen von Gehörlosen. Sie werden mit Zwangsmaßnahmen oder ohne deren Wissen und Einwilligung bei medizinischen Eingriffen durchgesetzt.
Auch kirchliche Einrichtungen beteiligen sich ohne erkennbaren Widerstand an den Maßnahmen zur Sterilisierung so genannter Erbkranker. Allein in einem Betheler Krankenhaus wurden 289 Frauen und 803 Männer sterilisiert.
„Gehorche der Obrigkeit. Gehorche ihr, auch wenn es Dir schwer wird“, ist in einem Informationsblatt evangelischer Seelsorger zu lesen, das in den Heimen der Inneren Mission an "taubstumme" Insassen verteilt wird. Denn: „Würdest Du nicht traurig sein, wenn Du sehen müßtest, daß Deine Kinder und Enkelkinder auch wieder taub sind?“
Nach Erlass der Nürnberger Gesetze erfolgt ab 1935 auch die Verfolgung und Ermordung gehörloser Juden. In Deutschland lebten vor 1933 etwa 1.000 gehörlose Juden, davon nach Aussagen von Zeitzeugen in und um Berlin etwa 600. Von diesen 600 überlebten kaum drei Dutzend die Verfolgung. Felix Reich, dem Direktor der Israelitischen Taubstummenanstalt gelang 1939 mit zehn Schülern die Flucht nach London. Zwölf gehörlose Juden überlebten in Berlin, indem sie untertauchten.
1.4. 1950
1951
Gründung des Weltverbandes der Gehörlosen in Rom mit 14 Ländern. Erster Welt-Kongress der Tauben „World Congress of the Deaf-Mutes“.
Gründung des Deutschen Gehörlosen-Bundes als Nachfolger des ReGeDe in der Bundesrepublik Deutschland, erster Präsident ist Karl Wacker.
1953
Bernard Tervoort, hörender Pädagoge und Linguist aus den Niederlanden belegt den Wert der Gebärdensprache für die Kommunikation unter den Gehörlosen.
1955
Zweiter Welt-Kongress der Tauben, in Zagreb, Jugoslawien, Umbenennung in „World Congress of the Deaf“.
1957
Gründung des "Gehörlosen- und Schwerhörigenverbandes" GSV als Nachfolger des ReGeDe in der DDR in Halle (Saale).
1959
Dritter Welt-Kongress der Tauben in Wiesbaden, Deutschland
1960
William Stokoe (1919-2000), Linguist am Gallaudet- College, untersucht erstmals Strukturen der amerikanischen Gebärdensprache ASL mit den Mitteln der modernen Linguistik.
1963
Dritter Welt-Kongress der Tauben in Stockholm, Schweden, Umbenennung in „World Congress of the World Federation of the Deaf“.
1964
Der taube Kieferorthopäde Dr. James C. Marsters aus Pasadena, Kalifornien, USA, sendet dem tauben Physiker Robert Weitbrecht in Redwood City, Kalifornien einen Fernschreiber zu. Weitbrecht erkennt, dass sich das Gerät für die Telekommunikation tauber Personen eignet. Er konstruiert ein Modem, mit dem sich der Fernschreiber am Telefonnetz betreiben lässt. Damit ist das erste Schreibtelefon für Taube geschaffen, wenn auch in voluminöser und koststpieliger Form. Mit dem Fortschritt der Elektronik wird daraus das Schreibtelefon in seiner heutigen Form entwickelt.
1965
William Stokoe (1919-2000), US-amerikanischer Sprachforscher, belegt mit seinen Forschungen, dass Gebärdensprache eine eigenständige Sprache ist.
1975
Beginn der systematischen Erforschung der Deutschen Gebärdensprache durch den Linguisten Prof. Dr. Siegmund Prillwitz in Hamburg.
Entwicklung des ersten "Deutschen Schreibtelefons" durch Dr. Michael Krause in Münster.
1977
In Deutschland werden die "Blauen Bücher" mit den Darstellungen der 'Gebärden der Gehörlosen' von den Gehörlosen-Pädagogen Starcke, Maisch und Wisch herausgegeben.
1.5. 1980
Der 15. International Congress on Education of the Deaf findet in Hamburg statt.
1981
Der ertaubte Lehrer Bernd Rehling reist mit Kollegen der Hamburger Gehörlosen-Schule zur Erkundung der Dolmetscherausbildung in die USA und lernt dort die Amerikanische Gebärdensprache (ASL) kennen. In Anlehnung daran prägt Rehling der Begriff der Deutschen Gebärdensprache DGS. Gleichzeitig wird zur einseitigen Verwendung der "Lautsprachbegleitenden Gebärden" (LBG) im Schulunterricht eine parallele Verwendung von DGS und LBG angeregt.
1982
Das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser wird unter der Leitung von Prof. Dr. Siegmund Prillwitz an der Universität Hamburg eingerichtet.
1985
In Deutschland wird jetzt auch in den Kreisen der tauben Betroffenen selbst die bisher geringwertig geschätzte Gebärdensprache als vollwertige Sprache erkannt.
1987
Die Gesellschaft für Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser wird unter der Leitung von Prof. Dr. Siegmund Prillwitz in Hamburg gegründet.
1988
Die tauben Studenten der Gallaudet University in den USA protestieren erstmals dagegen, dass stets eine hörende Person zum Präsidenten der Universität berufen wird. Sie organisieren die "Deaf President Now"- Bewegung, die landesweite Beachtung und prominente Unterstützung findet. Sie können den Kampf für sich entscheiden und in der Folge wird Irving King Jordan der erste taube Universitäts-Präsident und Philip Bravin wird der erste taube Aufsichtsratsvorsitzende.
1989
Die erste internationale "Deaf Way Conference and Festival" wird in Washington DC auf dem Gelände der Gallaudet University organisiert.
1990
Die seit der 1970er Jahre entwickelten Cochlea-Implantat-Hörprothesen kommen auf dem Markt auf. Damit können auch Taube, Resthörige und Gehörlose Töne wahrnehmen und sogar Sprache verstehen. Aus medizinischer Sicht ist das Cochlea Implantat indiziert, wenn ein Hörgerät keine oder nur geringe Höreindrücke vermitteln kann.
1993
Der Deutsche Gehörlosenbund e.V. gründet die "Interessengemeinschaft zur Förderung der Kultur Gehörloser" (IFKG). Die IFKG wird 1998 in "Kultur und Geschichte Gehörloser" (KuGG) umbenannt.
In Hamburg werden die 1. "Deutschen Kulturtagen der Gehörlosen"durchgeführt.
1994
Die Selbsthilfevereinigung der lautsprachlich orientierten Gehörlosen wird gegründet und nennt sich Lautsprachlich Kommunizierende Hörgeschädigte Schweiz (LKH Schweiz). Damit entbrennt erneut der Methodenstreit, diesmal aber vor allem unter den Gehörlosen selbst.
1996
Die "Deaf History - Interessengruppe zur Geschichte Gehörloser" wird gegründet.
1997
Die Internet-Webseite "Taubenschlag" wird von dem ertaubten Lehrer Bernd Rehling zusammen mit Ronald Ilenborg, Gehörlosenseelsorger in Bremen und Jacques Bruch (Luxemburg) gegründet und ins Netz gestellt. Christian Vogler kommt bald darauf hinzu und unterstützt wesentlich die Software-Konfigurationen. Daraus entwickelt sich das bis jetzt umfangreichste Informationsportal für Taube, Schwerhörige, ihre Freunde und Beszugspersonen.
1.6. 2000
2000
Die Selbsthilfevereinigung Lautsprachlich Kommunizierende Hörgeschädigte Deutschland (LKHD e.V.) entsteht.
2001
Die 1993 gegründete KuGG und die 1996 gegründete "Deaf History - Interessengruppe zur Geschichte Gehörloser" schließen sich zusammen.
Anfang 2002 wird die neu formierte KuGG beim Amtsgericht Berlin in das Vereinsregister eingetragen.
2004
Die CI-Interessengemeinschaft Schweiz (CI-IG Schweiz) wird gegründet.
Personen- und Sachregister siehe Artikel "Kategorie:Gehörlosigkeit"
Literaturangaben
Weblinks
[Quelle] [Enzyklopädie: Geschichte der Gehörlosen/ DB Sonderband: Wikipedia 2005/2006]