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Eine Frage der Perspektive (02.22)
1401 verlor Felippe Brunelleschi in Florenz einen Kunstwettbewerb gegen Lorenzo Ghiberti. Um seine Niederlage zu verstehen, ging Brunelleschi daraufhin nach Rom, um die antiken Baumeister zu studieren. Dies gab ihm wortwörtlich eine neue Perspektive: Er gilt als der „Erfinder“ der Perspektive in der Malerei und löste damit die Renaissance aus.
In der mittelalterlichen Kunst malte man das Wichtige gross im Vordergrund und das Nebensächliche klein im Hintergrund. Auf uns wirken diese Bilder flach und irgendwie forciert.
Durch die Einführung der Zentralperspektive in der Malerei wirkten nun die Darstellungen plötzlich viel echter und lebendiger. Renaissance (auf deutsch: Wiedergeburt) ist also eine Frage der (richtigen) Perspektive. Diese wird von zwei Punkten bestimmt: Zuerst einmal vom Standort des Betrachters. Für niemanden sieht die Welt gleich aus wie für mich. Und wenn ich mich bewege, verändert sich das Bild. Ich behaupte jetzt etwas, was ich eigentlich als Christ gar nicht sagen dürfte: Ich bin im Zentrum, es geht um mich. Das Universum hat keine Bedeutung „an sich“, sondern nur, weil der Schöpfer es aus Liebe zu mir gemacht hat. Aber eben, nur mit diesem einen Punkt ergibt das noch keine Perspektive. Damit das Bild einen Sinn bekommt, braucht es den Fluchtpunkt, der genau dem Betrachter gegenüber im Zentrum des Bildes liegt: Dies ist ein fixer, unveränderlicher Punkt im Unendlichen, in dem sich alle Linien vereinen und von dem aus das ganze Bild konstruiert wird. Diesen Ankerpunkt braucht es, damit das Bild seinen inneren Zusammenhang erhält. Eine treffende Metapher für Gott, finden Sie nicht?
Im Bild sind übrigens die Linien zum Fluchtpunkt hin erkennbar, nicht aber diejenigen zum Betrachter hin.
Der Zeitgenosse von Brunelleschhi, Leon Battista Alberti, nannte es die „construzione legittima“: die rechtmässige Konstruktion. (Brunellesci konstruierte übrigens später die Kuppel des Florenzer Domes. Ghiberti war sein Assistent).
Andi Fuhrer