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aus: Informationsblatt Nr. 4/1993
Im Rahmen der zunehmenden Beliebtheit fernöstlicher Lebensentwürfe in unserer mitteleuropäischen Gesellschaft erfreut sich unter anderem auch die Yamagishi-Vereinigung einigen Zulaufs. Yamagishi, auch Yamagishism genannt, ist ursprünglich japanischen Ursprungs, begründet 1953 durch den Reisbauern Miyozo Yamagishi (gest. 1961). Siehe dazu O. Eggenberger, Die Kirchen, Sondergruppen und religiösen Vereinigungen, 5. A. 1990 S. 279. In der Schweiz ist die Yamagishi-Vereinigung seit 1983 aktiv.
Die Yamagishi-Vereinigung präsentiert sich nicht als fest strukturierte Gruppe. Im weitesten Sinne zugehörig zum Yamagishism sind alle Besucherinnen und Besucher des einführenden Kurses, des Tokkoh. Der Name Tokkoh ist die Abkürzung des japanischen Originals für den vollen Namen Besonderer Kurs in Kensan-Treffen (Kensan bedeutet in etwa "einer Sache auf den Grund gehen"). Der Tokkoh, der von jedem Menschen nur einmal besucht werden darf und von einzelnen Absolventen als Kurs aller Kurse präsentiert wird ("vorher habe ich viele Kurse besucht, jetzt brauche ich keinen weiteren mehr"), findet für die Schweiz statt in Seelmatten ob Turbenthal ZH. Oktober 1993 wurde er zum 44. Mal durchgeführt, die Teilnehmerzahl schwankt jeweils zwischen etwa 10 und 30 Personen. Insgesamt sollen in der Schweiz bisher etwa 800 Menschen den Tokkoh absolviert haben. Über das Programm des Kurses war bisher nur wenig zu erfahren, die Absolventinnen und Absolventen bewahren hier Stillschweigen ebenso wie die Leiter (vgl. aber Informationsblatt Nr. 1/1995). Ein Teil des Programms wird jedenfalls in Gruppengesprächen absolviert; die Zielsetzung des Kurses ist, dass der/die Einzelne negative Strukturen im eigenen Verhalten erkennt und überwindet mit dem Ziel, seinen Beitrag zu einer friedlicheren, "freundschaftlicheren" Gesellschaft leisten zu können (siehe dazu unten).
Für viele Tokkoh-Besucher ist der Kontakt mit der Yamagishi-Vereinigung mit Abschluss des Tokkoh beendet. Andere schliessen sich sogenannten Benützergruppen an, die, lokal eingeteilt, Yamagishi-Produkt aus den Yamagishi-Betrieben, dem "Dorf", beziehen (s.u.). Die Zahl der Angehörigen der Schweizer Benützergruppen wird von Yamagishi-Vertretern auf ca. 1000 Familien geschätzt (die Mehrzahl der Benützer hat (noch) keinen Tokkoh besucht).
Ein Teil der Tokkoh-Besucher trifft sich nach dem Tokkoh, mit dem Ziel der weiteren Anwendung des Yamagishism, zu Kensan-Treffen. Die Kensan-Treffen-Besucher sind in der Schweiz momentan (1993) in neun Regionalgruppen (nicht zu verwechseln mit den Benützergruppen) organisiert. Die Kensan-Treffen werden hauskreisartig durchgeführt, z.T. anhand des vierteljährlich erscheinenden Kensan-Briefes (ein Abonnement des Kensan-Briefes ist z.T. die einzige institutionelle Bindung an die Yamagishi-Vereinigung). Kensan-Treffen Teilnehmer gibt es in der Schweiz zwischen ein- und zweihundert. Die Regionalgruppen führen in privatem Rahmen auch Informations- resp. Werbeabende für den Tokkoh durch, wozu Interessierte persönlich eingeladen werden. Zielpublikum sind nach meiner Beobachtung vor allem Eltern von Kindern im Vorschul- und Schulalter.
Vor allem aus den Reihen der Regionalgruppen rekrutieren sich die Leiter, die den Tokkoh begleiten und auch ansonsten halboffizielle Aufgaben (wie den Kontakt mit Aussenstehenden) übernehmen. Die meisten Leiter haben einen Aufenthalt in einem der grossen Yamagishi-Dörfer in Japan hinter sich.
Die eigentlichen Mitglieder die members, sind die Mitarbeiter im Yamagishi-"Dorf" (oder, offiziell, der "Praxis für Yamagishism Leben"). Dabei darf aber, im Gegensatz zu Japan, wo im grössten Dorf und internationalen Zentrum der Bewegung, Toyosato, um die 1500 Membres zusammenleben, nicht an ein geographisches Dorf gedacht werden. Das "Dorf" besteht aus den Yamagishi-Betrieben, die sich über die Deutschschweiz verstreut finden. Die Zahl der Membres wird für die Schweiz mit 25 Erwachsenen, für Deutschland mit 15 Erwachsenen zuzüglich Kinder angegeben. Das "Dorf" ist als eine Art Genossenschaft mit Gütergemeinschaft organisiert, die sich über den Verkauf der Yamagishi-Produkte finanziert. Die Produktepalette umfasst verschiedene landwirtschaftliche Erzeugnisse, vor allem Eier, Joghurt, Brot und Gemüse. Zu den Betrieben des Dorfes gehören namentlich: Das Kurszentrum in Seelmatten, der Landwirtschaftsbetrieb Kuderboden ob Schachen LU, die Molkerei Oberglatt und die Milchverarbeitung Willisau.
Weitere Aktivitäten der Yamagishi-Vereinigung sind: das alljährlich zum Muttertag stattfindende "Gratisfest" auf dem Kuderboden, das Yamagishism-Kinderparadies, i.a. ebenfalls auf dem Kuderboden, sowie Yamagishi-Ausstellungen, die den Yamagishism und seine Rezepte für eine freundschaftliche Gesellschaft darstellen sollen. Bei diesen Veranstaltungen, die sich an ein weiteres Publikum richten und zu denen Bekannte eingeladen werden, wird Werbung für den Tokkoh gemacht.
Hauptziel des Yamagishism ist ein besseres, gelasseneres Leben für den einzelnen Menschen wie für die Gesellschaft. Einer der japanischen Yamagishi-"Vordenker", K. Okinaga, nennt als "Zweck der Yamagishi-Bewegung": "Herbeiführen einer stabilen, wohlhabenden Gesellschaft, reich an Gütern, guter Gesundheit und erfüllt mit natürlicher Zuneigung, durch das Schaffen von Harmonie zwischen der Natur und dem menschlichen Tun, zwischen Himmel, Erde und Mensch." Ausdruck findet diese Harmonie in den Worten "heiter, heiter" wie im Symbol der Yamagishi-Vereinigung, der lachenden Sonne. Auf dem Weg zum besseren Leben sind vor allem Gewalt und Krieg auszuräumen. Diese finden ihre Ursache in der unbewältigten Wut des Einzelnen und in der Existenz des Geldes. Auf letzteres verzichten die Membres in den Dörfern, die nicht nur ein "praktisch funktionierendes Beispiel einer warmherzigen und freundlichen Gesellschaft" sein sollen, sondern auch "Landwirtschaft in Harmonie mit der Natur" und "Minimalisierung von Verschwendung und Überfluss" vorleben wollen. Eine Art geldloser Freiraum will auch das Gratisfest sein.
Zur Bewältigung der Wut/Aggression des einzelnen Menschen soll der Tokkoh dienen. Dort wird "hinter die Kulissen meines Denkens, Handelns und Fühlens geschaut", es soll klar werden, was "sich auf dieser Bühne abspielt". Dadurch werden Situationen, in denen Wut auftaucht, erkannt und auf andere Weise gelöst. So kann der Mensch alles "Unechte" ablegen und "echt" werden. Ziel ist eine dauernde Gelassenheit, die Frieden ermöglicht. Das hier zugrundeliegende Menschenbild vom aggressionslosen als dem wahren Menschen ist zweifellos östlichen Ursprungs (Buddhismus, Konfuzianismus), wogegen in christlich-westlicher Sicht Aggressionen und Wut als natürliche Emotionen zum Menschen dazugehören (in der Bibel gerät bisweilen selbst Gott in Rage). Die Frage ist dann, wie mit Aggressionen umgegangen wird.
Ein wichtiges Anliegen ist für den Yamagishism auch die Kindererziehung, insbesondere die Umwelterziehung. So lernen die möglichst international zusammengesetzten Teilnehmer im Yamagishism-Kinderparadies die Entstehung der Nahrungsmittel und den natürlichen Kreislauf kennen. Über die Pädagogik der Yamagishi-Scnulen ist nur wenig bekannt, jedenfalls wenden sich diese gegen uniformierenden Leistungsdruck und fördern "natürliches, experimentelles Lernen" je nach Begabung des einzelnen. (Gewisse Yamagishi Ideen werden gemäss Yamagishi-Ausstellung offenbar im Dorfschulhaus in Worb angewandt.)
Speziell auffallend an der Yamagishi-Vereinigung ist eine ausgeprägte Scheu vor Ideologien, besonders in gedruckter Form. So will die Yamagishi-Vereinigung "nichtideologisch sein, keine Ideologie, Theorie und kein Dogma verkünden", sondern der Kursbesucher soll sich "aus eigener Kraft einen Weg bahnen in eine neue Welt". Diese Haltung ist einerseits in unserer ideologiekritischen und individualistischen Zeit marketingmässig sicher nicht ungeschickt, andererseits aber vielleicht doch etwas naiv. Die Yamagishi-Vereinigung legt sich so nicht nur keine Rechenschaft über eigene weltanschauliche Voraussetzungen ab (neben der oben geschilderten: Einteilung des menschlichen Verhaltens in "echt" und "unecht", Bestimmt-Sein des Menschen durch ökonomische Verhältnisse (Geldproblem), landwirtschaftliches Leben als das eigentlich erstrebenswerte), sondern sie verweigert in gewissem Sinne auch den weltanschaulichen Diskurs, der in unserer multikulturellen Gesellschaft, soll sie nicht auseinanderbrechen, von enormer Bedeutung ist. Einen Ausdruck findet diese Verweigerung einer Diskussion über weltanschauliche Grundlagen der eigenen Bewegung in der Tatsache, dass für den Aussenstehenden keine grösseren Schriften der Yamagishi-Bewegung, sei es von Yamagishi selbst oder von anderen, zugänglich sind. (Yamagishi-Vertreter erklären dies mit dem Faktum, dass nur wenige der unbestrittenermassen zahlreichen Schriften in einer Übersetzung aus dem japanischen Original vorliegen. Wie dem auch sei, jedenfalls wird Literatur zuhanden der Leiter nicht zur Einsicht herausgegeben, dies ein markanter Unterschied zu einer psychologischen Schule o.ä.). Problematisch wird solches m.E. besonders dann, wenn die Yamagishi-Bewegung darangeht, eigene Schulen zu begründen und für diese zu werben, ohne ihre pädagogischen Prinzipien und Vorgehensweisen, von allgemeinen Aussagen wie "naturverbunden" und "ohne Leistungsdruck" abgesehen, im Detail offenzulegen.
Es ist zu hoffen, dass sich die Yamagishi-Vereinigung in dieser Sache offener zu zeigen vermag, insbesondere, da die Gefahr besteht, dass ihre z.T. sicher unbestrittenen Anliegen durch die zurückhaltende lnformationspolitik kompromittiert werden könnten.
Adresse: Yamagishi-Vereinigung, Seelmatten, 8361 Neubrunn
oder: Yamagishism Leben, Praxis Kuderboden, 6105 Schachen
Georg Otto Schmid, 1993
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