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Über den Ausgang eines Fußballspiels entscheidet nicht selten ein Elfmeterschießen. Auch bei der WM 2018 wird es sicher den ein oder anderen Strafstoß geben. Welche Rolle spielen dabei psychologische Aspekte?
Wir haben uns mit Daniel Memmert, dem Autor des Buches "Elfmeter – die Psychologie des Strafstoßes", über die interessantesten Fakten rund um den Elfmeter unterhalten.
Herr Professor Memmert, zunächst einmal die grundlegendste Frage. Wie hoch ist denn überhaupt die Wahrscheinlichkeit, dass der Elfmeterschütze trifft?
Ungefähr 75 Prozent der Elfmeter werden verwandelt. Das heißt: Von vier Elfmetern werden drei verwandelt. Die Wahrscheinlichkeit ist also relativ hoch. Das weiß der Schütze. Das weiß der Trainer. Das wissen auch die Zuschauer, die Fans. Das ist eine Pflichtsituation und erhöht den Druck auf den Spieler. Studien aus der Sportpsychologie haben gezeigt, dass pflichtbewusste Spieler eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, den Elfmeter zu verwandeln als hoffnungsorientierte – also dass Persönlichkeitsmerkmale einen Einfluss haben. Darüber hinaus sollte man natürlich auch noch eine gute Technik haben und flexibel agieren können.
Erzielen alle Profi-Fußballer ungefähr gleich gute Resultate oder können es einige besser als andere? Wenn ja, woran könnte das liegen?
Meine Kollegen haben festgestellt, dass extrem berühmte Spieler, also Spieler, die besonders im Rampenlicht stehen, die mehr Geld bekommen als andere, die mehr Auszeichnungen erhalten haben als andere, dass diese Spieler eine höhere Wahrscheinlichkeit haben, am Elfmeter-Punkt die Nerven zu verlieren. Erklärt wird das von den Kollegen damit, dass diese Spieler einem viel höheren Druck ausgesetzt sind. Sowohl die Spieler selbst als auch die Fans haben eine höhere Erwartungshaltung. Das heißt: Der Druck ist noch einmal viel größer als bei Spielern, die nicht so viele Auszeichnungen erhalten haben.
Können Sie uns ein besonders interessantes Forschungsergebnis nennen?
In verschiedenen Studien wurden die Verhaltensweisen und die Körpersprache der Schützen unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse wurden mit der Effektivität verglichen, mit der bestimmte Nationen, am 11-m-Punkt agieren. (Hierzu gibt es natürlich Statistiken, die u.a. zeigen, dass Engländer und Holländer am schlechtesten treffen.) Zwei besonders ungünstige Verhaltensweisen konnten identifiziert werden. Schlechtere Schützen laufen schnell an, wenn gepfiffen wurde. Und sie kehren dem Torwart den Rücken zu, wenn sie den Ball ablegt haben und zum Strafraum-Ende gehen, um sich von dort aus auf den Elfmeter vorzubereiten. Beide Mechanismen haben etwas mit Fluchtverhalten zu tun – und das spürt der Torhüter unbewusst. Dies konnte auch in experimentellen Studien nachgewiesen werden.
Was ist denn wirklich dran an der Legende, die besagt, dass die Engländer beim Elfmeterschießen immer verlieren?
Überspitzt könnte man sagen, die Engländer haben ja schon Angst vor dem Elfmeter, wenn sie das Wort nur aussprechen – weil sie halt wissen, dass sie Elfmeterschießen in der Regel verlieren. Das heißt, sie holen sich die Vergangenheit in die Erinnerung zurück. Das ist eine selbsterfüllende Prophezeiung, die einen negativen Effekt haben kann.
Was, glauben Sie, geht dem Schützen beim Elfmeterschießen durch den Kopf?
Vermutlich Gedanken wie "Oh, was mach ich jetzt? Schieße ich doch in meine Lieblings-Ecke? Oder schieße ich in das andere Eck, weil ich weiß, der springt in mein Lieblingseck?" Allein die Gedanken darüber, welche Ecke man wählen soll, und der Versuch, den Gedankengang des Torwartes vorwegzunehmen, führen dazu, dass man abgelenkt ist. Studien haben eindeutig gezeigt, dass man nicht mehr fokussiert ist, wenn man Gedanken zulässt, die für die anstehende Aufgabe irrelevant sind.
Können Sie uns auch etwas über die Anforderungen an den Torhüter sagen? Gibt es bestimmte Fähigkeiten, die besonders wichtig sind, wenn man einen Elfmeter halten will?
Es gibt einen Befund aus der Motorik-Forschung, der besagt, dass Menschen ab einem bestimmten Zeitpunkt eine intendierte Bewegung nicht mehr ändern können. Wenn ich mir also vornehme, ich schieße nach links, kann ich das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt korrigieren und doch nach rechts schießen. Aber irgendwann kann ich das nicht mehr. Und diesen Zeitpunkt muss der Torwart abwarten, um die Ecke zu antizipieren. Natürlich ist die Antizipations-Fähigkeit beim Torwart ganz wichtig. Dazu muss er viele Schützen gesehen haben, damit er sich durch den Bewegungsablauf (z.B. durch das Beobachten des Standbeins des Spielers) die relevanten Hinweisreize holen kann. Je länger er stehen bleibt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er den Ball hält. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass nur die allerbesten Torhüter so lange stehen bleiben können, weil sie auch so schnell in der Ecke sind.
Kann man denn den Elfmetererfolg trainieren und wenn ja, wie?
Alles, was ich tue, kann ich trainieren. Natürlich werde ich bestimmte Situationen nicht 1:1 nachstellen können. Aber viele Skills kann ich mir antrainieren, z.B. dass das Schussbein nicht in die Ecke zeigt, in die ich schießen möchte. Das ist sehr schwer, aber es geht. Ich kann mir auch antrainieren, Ruhe auszustrahlen, erst bis drei zu zählen und dann loszulaufen. Oder dass ich den Torwart ansehe und rückwärts zur Strafraum-Grenze schreite. Noch mehr Tipps sind natürlich in unserem Buch zu finden …
Sollte ich mich als Schütze immer an einen Plan halten oder sollte ich mich lieber kurzfristig entscheiden? Über welche Fähigkeiten verfügt denn z.B. ein Schütze wie Ronaldo, der "rechts wie links", mal hoch, mal flach in den entscheidenden Momenten einnetzt?
Um so zu agieren wie Ronaldo, braucht man eine gute Technik, und die Fähigkeit, flexibel eine Strategie aus dem eigenen Repertoire anzuwenden. Letztendlich sollte man sechs, sieben verschiedene Strategien haben, um Elfmeter zu verwandeln. Denn heute werden alle Elfmeterschützen genau "gescoutet". Das heißt: Die Torhüter wissen ganz genau, mit welcher Wahrscheinlichkeit der Schütze wohin schießen wird.
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