Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03134.jsonl.gz/2262

Infografik über Wölfe auf SRF News online beanstandet
5000
Mit Ihrem Brief vom 12. März 2017, unterstützt von Rechtsanwältin X, beanstandeten Sie die Infografik-Karte „Wo die Wölfe wohnen“ auf SRF News online vom 22. Februar 2017[1]. Ihre Eingabe entspricht den formalen Anforderungen an eine Beanstandung. Ich kann folglich auf sie eintreten.
A. Sie begründeten Ihre Beanstandung wie folgt:
„a. In der Publikation vom 22. Februar 2017 „Wo die Wölfe wohnen“ ist eine Infografik publiziert unter dem Titel: Vorkommen und Rissvorfälle 2016/2017. Auf der Infografik werden die Symbole des lateinischen Kreuzes für einen toten Wolf verwendet.
b. Die Verwendung des lateinischen Kreuzes für ein totes Tier bzw. einen toten Wolf verletzt das religiöse Empfingen der Leserinnen und Leser dieser Publikation. Das lateinische Kreuz ist für Christen das Symbol des Todes Jesu Christi. Dieses Symbol als Symbol für den Abschuss von Wölfen zu verwenden verletzt uns als Christen in unserem religiösen Empfinden. Es handelt sich um eine willkürliche, diskriminierende und grundrechtsverletzende Verwendung des lateinischen Kreuzes.
c. Alle Sendungen und von der Redaktion gestalteten Beiträge müssen die Grundrechte beachten[2]. Mit der Verwendung des lateinischen Kreuzes sind die Grundrechte verletzt.“
B. Die zuständige Redaktion erhielt Ihre Beanstandung zur Stellungnahme. Frau Sandra Manca, Bereichsleiterin SRF News, schrieb:
„Besten Dank, geben Sie uns Gelegenheit, auf die Beanstandung von Herrn Y und Frau X betr. Verletzung der Grundrechte auf srf.ch einzugehen.
Die beiden Beanstander monieren, dass auf einer Infografik zum Wolfbestand in der Schweiz für die toten Tiere das Symbol des lateinischen Kreuzes verwendet wurde. Die Verwendung des lateinischen Kreuzes für ein totes Tier bzw. einen toten Wolf verletze die religiösen Empfinden von ihnen als Christen und es handle sich um eine willkürliche, diskriminierende und grundrechtsverletzende Verwendung des lateinischen Kreuzes.
Die Infografik zeigt, wie der Wolf seit Ende 1990er Jahre wieder in der Schweiz heimisch wurde und wo die Tiere zuletzt nachweislich aufgetaucht sind. Die legal geschossenen wie auch die gewilderten Wölfe wurden mit einem Kreuz symbolisiert.
Beim lateinischen Kreuz handelt es sich laut Wikipedia um die verbreitetste Form des christlichen Kreuzes. Symbolisch verweist das Kreuz auf die Vereinigung von Himmel und Erde: Der Längsbalken steht für das Göttliche, während der Querbalken eine Verbundenheit mit der Erde symbolisiert.[3] Ebenfalls laut Wikipedia steht das Kreuz zudem als Symbol für den Tod.[4]
Die Verwendung des Kreuzes für den Tod von Tieren ist in unserer christlich geprägten Gesellschaft keine Seltenheit. Oftmals basten Kinder für ihren toten Hamster oder Kanarienvogel ein kleines Kreuz, bevor das Tier im heimischen Garten in der Kartonschachtel vergraben wird. Auf Tierfriedhöfen für Haustiere ist das Kreuz ebenfalls zu finden, wie eine Suche bei Google zeigt.[5]
In der Modeindustrie hat das Kreuz in den letzten Jahren einen regelrechten Boom erlebt. Sei es als Symbol auf Kleidungsstücken oder als dekorativer Anhänger, ohne tief empfundene religiöse Bedeutung. Das lateinische Kreuz findet sich heute also sowohl im religiösen wie auch nicht religiösen Bereich in vielfältigster Art und Weise wieder.
In den publizistischen Leitlinien von SRF heisst es unter 7.10: Religiöse Themen behandeln wir nicht anders als andere. Allerdings achten wir darauf, dass wir die religiösen Gefühle der Zuschauerinnen und Zuhörer respektieren und zentrale Glaubensinhalte von Religionen nicht ins Lächerliche ziehen oder verächtlich machen.
Es war nie unsere Absicht, die religiösen Gefühle der Christen in unserem Land zu verletzen. Wie Sie aus den gemachten Ausführungen entnehmen können, steht SRF mit der Verwendung des lateinischen Kreuzes für ein totes Tier nicht alleine da. Die Verwendung mag zwar den Empfindungen gewisser religiösen Kreisen nicht entsprechen, und der Wolf sorgt in der Schweiz sowohl lebend wie tot für manch hitzige Diskussion. Eine Grundrechtsverletzung ist hier jedoch nicht gegeben. Vielmehr entspricht die Verwendung des Kreuzes dem Zeitgeist und dürfte grossmehrheitlich als akzeptiert gelten. Wir bitten Sie deshalb, die vorliegende Beanstandung abzuweisen.“
C. Damit komme ich zu meiner eigenen Bewertung der Infografik. Das Kreuz ist zugleich ein archaisches Symbol als auch ein antikes Hinrichtungsinstrument. Das „Hakenkreuz“, allerdings senkrecht gestellt, war als Sonnenrad, als Rad des Lebens, eines der ältesten Symbole der Menschheit, hat aber wegen des Missbrauchs durch die Nationalsozialisten die Bedeutung eines Symbols für Staatsterror und Massenmord erhalten. Die heute als „lateinisches Kreuz“ bekannte Form war der Galgen, die Guillotine oder der elektrische Stuhl der Römer: Die Kreuzigung war damals eine verbreitete Hinrichtungsmethode. Dadurch, dass Jesus von Nazareth am Kreuz starb, und vor allem durch die Reisen des Apostels Paulus, wurde das Kreuz zum Wahrzeichen der Christen. Die Christen prägten im lateinischen, im griechischen, im keltischen und im russischen Bereich verschiedene Kreuze aus, und je nachdem, an was für Kreuzen christliche Märtyrer starben, kamen weitere Formen hinzu.[6]
Jerusalemer Kreuz
Keltisches Kreuz
Das Kreuz taucht auch auf vielen Flaggen auf, so in Europa auf jenen der Schweiz, Griechenlands, Georgiens, Großbritanniens, Islands, Dänemarks, Norwegens, Schwedens, Finnlands, in Afrika auf der Flagge von Burundi, in Lateinamerika auf den Flaggen von Jamaika, Dominica und der Dominikanischen Republik und in Ozeanien auf den Flaggen von Australien, Neuseeland, Fidschi und Tuvalu. Das Schweizer Kreuz ist ja entstanden, weil Schwyz, der führende Landort, ein Kruzifix im roten Feld führte und weil man in den mittelalterlichen Kriegen die Eidgenossen zunehmend „Schwizer“, „Schweizer“ nannte. Alle Länder, die das Kreuz in der Flagge führen, sind christliche Nationen. Henri Dunant übernahm dann das farblich umgedrehte Schweizer Kreuz als Symbol für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz, ja für die Rotkreuzbewegung überhaupt. Auch hier handelt es sich primär um ein christliches Symbol, da ja die islamischen Länder den Roten Halbmond kennen, während einige andere Länder den Roten Kristall (Asien) oder den Roten Davidstern (Israel) verwenden.
Das zeigt, dass das Kreuz heute einerseits für die Christen selber ein wichtiges Symbol ist, anderseits den Nichtchristen als unverwechselbares Erkennungsmerkmal für Christen dient. Das Kreuz prägt den Grundriss christlicher Kirchen – das griechische die byzantinische Architektur, das lateinische die romanische und gotische -, es prangt auf den Kirchtürmen und ziert Hauseingänge und Wappen, und das Kruzifix steht an Wegkreuzungen und wird Prozessionen vorangetragen. In hölzerner oder steinerner Ausführung markiert das Kreuz Gräber. Soldatenfriedhöfe sind Meere von schlichten weißen Kreuzen. Das Kreuz ist so zugleich das Symbol christlicher Identität und das Merkmal für den Tod. Wenn jemand verstorben ist, wird hinter seinen Namen ein Kreuz gesetzt.
Die Frage ist, ob das Kreuz, das Verstorbene markiert, auf Menschen beschränkt bleiben muss, oder ob es auch für tote Tiere verwendet werden darf. Persönlich habe ich echt Mühe mit dem Kreuz am Tiergrab, bin mir aber bewusst, dass Tiere, gerade Haustiere, oft so beerdigt werden. Aber eigentlich kommt ja das Symbol davon, dass Menschen im christlichen Glauben gestorben sind, auch wenn mittlerweile Kreuze auch als Todeszeichen für Atheisten oder für Andersgläubige verwendet werden. Tiere sterben nicht gläubig, nicht als Glieder einer Religionsgemeinschaft. Umgekehrt ist die heutige öffentliche Kommunikation auf einfache Symbole angewiesen, gerade in Bahnhöfen und Flughäfen, in Hotels und Rathäusern, im Strassenverkehr und auf Landkarten. Und das Kreuz als Symbol für „tot“ ist für jedermann leicht verstehbar.
Angesichts der Popularität des Kreuzes für alles und jedes – das „Kreuz“ als Farbe im Jass-Spiel, das Wirtshaus zum „Kreuz“, das Kreuz als Vorzeichen bei Musiknoten, das Kreuz als Symbol für die Multiplikation in der Mathematik usw. – kann man nicht behaupten, dass die Grundrechte der Christen insgesamt missachtet sind, wenn auch tote Wölfe mit einem Kreuz markiert werden. Ich habe aber volles Verständnis für Ihre religiösen Vorbehalte und Ihre Betroffenheit, so dass ich Ihnen moralisch zustimme, rechtlich aber nicht. Aus meiner Sicht hat SRF News online gegen keine Bestimmungen verstoßen.
D. Diese Stellungnahme ist mein Schlussbericht gemäß Art. 93 Abs. 3 des Radio- und Fernsehgesetzes. Über die Möglichkeit einer Beschwerde an die Unabhängige Beschwerdeinstanz für Radio- und Fernsehen (UBI) orientiert die beigelegte Rechtsbelehrung. Für Nachfragen stehe ich gerne zur Verfügung.
[2] Vgl. Art. 4 und 5a des Radio- und Fernsehgesetzes, https://www.admin.ch/opc/de/classified-compilation/20001794/index.html
Diese Beiträge könnten Sie auch interessieren:
Ein Kreuz für tote Tiere?
Ombudsmann Roger Blum kann eine Beanstandung des Beitrags «Wo die Wölfe wohnen» vom 22. Februar 2017 auf SRF News online nicht unterstützen. Ein Beanstander monierte die Verwendung des Kreuzsymbols für tote Wölfe in einer Infografik. Damit würden die religiösen Gefühle von Christen sowie das Grundrecht verletzt. Der Ombudsmann sieht insgesamt keinen Verstoss gegen gesetzliche Bestimmungen.
Antwort von SRF News auf eine User-Frage beanstandet
5956 | Mit Ihrer E-Mail vom 25. April 2019 haben Sie eine Antwort von SRF News auf eine User-Frage vom 24. April 2019 beanstandet. Ihre Eingabe erfüllt die formalen Voraussetzungen an eine Beanstandung. Somit kann ich auf sie eintreten.
Gewähltes Foto war zulässig
Beanstandet wurde die Verwendung eines Agenturbildes in einem Online-Artikel über die Geschichte Schweizer Studentenverbindungen. Der Beanstander – der selbst auf dem Foto zu sehen war – sagt, es entstehe der Eindruck, dass er ein rechtsradikaler österreichischer Verbindungsstudent sei. Die Beanstandung wird nicht unterstützt.
Alle Schlussberichte der Ombudsstelle jetzt ansehen