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Soll bald in den Ruhestand gehen: Eine Hornet der Schweizer Armee. Bild:VBS
Im letzten Herbst hat der Souverän mit knappen 50,1 Prozent der Beschaffung von Kampfjets für 6 Milliarden für die Schweizer Armee zugestimmt. Die ersten Jets sollen bereits 2025 fliegen, 2030 soll die Beschaffung abgeschlossen sein. Parallel dazu werden die F/A-18 und die letzten Tiger der Luftwaffe ausser Dienst gestellt. Nach der knapp verlorenen Abstimmung über die Beschaffung kündigte die Gruppe Schweiz ohne Armee eine «Express-Initiative» an. Die Schweiz solle keine Flugzeuge von Boeing oder Lockheed Martin kaufen – letzteres könne sich jedoch abzeichnen. Just berichtete die «NZZ», dass Verteidigungsministerin Viola Amherd (Mitte) dem Bundesrat den amerikanischen F-35 von Lockheed Martin vorgeschlagen habe (siehe Box).
Doch was sind das für Flugzeuge, die evaluiert wurden? Was können sie? Was haben sie für eine politische Bedeutung?
Im Überschallflug: Eine Superhornisse der amerikanischen Navy.
Geschichte:
Die Super Hornet (deutsch: Superhornisse) ist die Weiterentwicklung der momentan in der Schweiz eingesetzten F/A-18C/D Hornet. Die beiden Buchstaben F/A stehen für Jagdflugzeug (Fighter) und Kampfflugzeug (Attack). Das Flugzeug des amerikanischen Herstellers Boeing wurde für die amerikanische Navy entwickelt. Ebenso wie die von der Schweiz verwendete Hornet, haben die Amerikaner die Super Hornet für den Einsatz auf Flugzeugträgern konzipiert. Der Erstflug einer Super Hornet erfolgte 1995. Seit 2001 ist sie in den USA offiziell im Einsatz. Ihren ersten bestätigten Abschuss erzielte eine Super Hornet erst 2017 als sie einen alten syrischen Jagdbomber vom Himmel holte. Die Super Hornet wird in den meisten Konflikten der USA von der Navy eingesetzt.
Technik:
Die Super Hornet ist eigentlich eine Hornet auf Testosteron. Die Tragfläche ist 25 Prozent grösser, die Triebwerke liefern 35 Prozent mehr Schub, sie kann um 33 Prozent mehr Treibstoff mitnehmen und so ist der Einsatzradius einer Super Hornet auch um 40 Prozent grösser als der seiner Vorgängerin. Sie verfügt zudem über eine geringere Fläche, die Funkwellen zurückwerfen (Radarsignatur genannt), was sie auf moderneren Radarsystemen schwieriger zu erkennen macht.
Die Gesamtheit der elektronischen Bordgeräte ist moderner. Die Waffensysteme sowieso. Merkmale der F/A-18-Typen sind die sogenannten Strakes an den Flügelspitzen. Man erkennt sie durch die Luftwirbel an den Flügel. Damit kann das Flugzeug mit rasantem Tempo sehr steil in die Höhe fliegen, was es zu einem guten Jagdflugzeug macht – genau was die Schweizer Armee will.
Weltweit wurden 608 Jets produziert.
Politik:
Hersteller Boeing hat der Schweiz bereits im Vorfeld lukrative Angebote gemacht. So plane der Konzern – unter Vorbehalt – mehre Forschungsprojekte in der Schweiz. Derzeit führt Boeing Gespräche mit 10 potenziellen Schweizer Partnern, um die Forschungsarbeit zu unterstützen. Natürlich nur, wenn sich die Schweiz für den Kauf der Super Hornets entscheidet. Die Firma hatte den ehemaligen Schweizer Botschafter zu Berlin, Thomas Borer, für das Lobbying mandatiert.
Im Rahmen des letzten Hornet-Deals in den 1990ern hat Boeing 1.3 Milliarden US-Dollar an Industrieverpflichtungen in der Schweiz übernommen. Zwischen 2016 und 2020 gab die Boeing-Industrie 2.3 Milliarden US-Dollar an Schweizer Zulieferer aus.
Die Super Hornet gilt unter Piloten als souveränes, zuverlässiges Flugzeug. Boeing selbst schreibt: «Das weltweit bewährteste und dabei bezahlbarste Mehrzweck-Kampfflugzeug, ist bereit der Schweiz für viele Jahrzehnte zu dienen.» Es ist jedoch kein Kassenschlager wie seine Vorgängerin. Nur Australien und Kuwait haben nebst der US-Navy Super Hornets in ihren Armeen. Das liegt mitunter auch der US-Konkurrenz. Der absolute Top-Seller der Kampfjet-Industrie ist der F-16 Fighting Falcon des Konkurrenten General Dynamics.
Doch etwas spricht aus Schweizer Sicht für die Super Hornet: Obwohl sie um einiges grösser ist als die Hornet, sind 90 Prozent der wartungskritischen Teile identisch mit denen der Vorgängerin. Dies bedeutet einen kleineren technischen und logistischen Aufwand und führt zu niedrigeren Betriebskosten für die Schweiz.
Ist der Favorit der Schweiz: Die F-35 der fünften Kampfjet-Generation. Bild: Wikimedia
Geschichte:
Mit Kosten von über 1400 Milliarden US-Dollar ist die Entwicklung der F-35 das teuerste Rüstungsprogramm der Geschichte. Die Regierung unter George W. Bush gab Anfang der Nullerjahre einen Auftrag an die Hersteller heraus, ein neues Flugzeug zu entwickeln. Ambitioniert war dieses Projekt deshalb, weil die F-35 gleich vier Flugzeugtypen ersetzen soll, die in verschiedenen Truppengattungen dienen, die verschiedene Fähigkeiten haben und unterschiedliche Aufträge erfüllen müssen. Die Bush-Administration forderte ein Alleskönner – was immense Kosten verursachte.
Die amerikanische Firma Lockheed Martin setzte sich gegen Konkurrent Boeing durch, doch die Entwicklung war sogar für die USA zu teuer, sodass sie Unterstützung bei ihren Verbündeten suchten. Zwölf Länder beteiligten sich daraufhin an den Entwicklungskosten. Darunter Grossbritannien, Australien, Israel und die Türkei.
Technik:
Von diesem Mehrzweckkampfflugzeug gibt es mehrere Varianten. Die Konventionelle, die wie ein «normales» Flugzeug starten und landen kann, ist die Variante, die der Schweiz offeriert wird.
Unbestritten ist die F-35 das modernste Flugzeug der Welt. Der Flieger ist mit unzähligen Kameras, Radaren und Lasern ausgestattet, die die Umgebung permanent selbständig auswerten und untereinander kommunizierten – heisst die Computer der im Einsatz fliegenden Jets kommunizieren ständig miteinander. Deshalb bewirbt der Herstellter das Flugzeug auch als «fliegende Datenplattform».
Ein Computer projiziert die daraus gezogenen Erkenntnisse auf das Visier des Pilotenhelms, was einen ständigen 360-Grad-Blick ermöglicht. Dazu gelten die F-35-Waffensysteme als die modernsten der Welt. Auch hat die F-35 Tarnkappeneigenschaften, was sie enorm schwer zu orten macht.
Mit 1,6-facher Schallgeschwindigkeit ist sie jedoch ein wenig langsamer als ihre Konkurrenten und auch langsamer als die in der Schweiz im Dienst stehenden Hornets. Ungefähr 625 F-35 sind weltweit bereits im Einsatz .
Politik:
Für die USA ist die F-35 ein finanzpolitisches Debakel. Zudem weist die Maschine viele Kinderkrankheiten auf. Über 900 Mängel listete der US-Kongress in einem Untersuchungsbericht auf. Christopher Miller, kommissarischer Verteidigungsminister unter Donald Trump, nannte das Flugzeug wortwörtlich «ein Stück Scheisse». Der Vorsitzende des Kontrollausschusses über die US-Streitkräfte forderte im Frühling dieses Jahres einen Finanzierungsstopp für das laufende F-35-Programm. Doch die USA kann das Projekt nicht mehr abbrechen – zu viel Geld ist schon ausgegeben.
In der Schweiz machte Lockheed Martin bemerkbar Werbung. Sei es auf Facebook, Instagram oder Twitter – überall wurde dem Volk die Maschine angepriesen. In Fachmagazinen wie der «Allgemeinen Schweizerischen Militärzeitschrift» bis zum «Schweizer Soldaten» werden seit Monaten Inserate von Lockheed Martin geschaltet. Der ehemalige Berner Polizeidirektor Hans-Jürg Käser war als Berater tätig.
Als Gegengeschäft kündigte Lockheed Martin im Vorfeld die Errichtung eines «Cyber Center of Excellence» an. Zusammen mit der Tessiner Firma Nozomi und einem weiteren Schweizer Anbieter will der Hersteller der F-35 Cybergefahren erkennen und Gegenmassnahmen entwickeln – und die Schweiz soll den Datenfluss der F-35 selbständig kontrollieren können. Zudem soll hierzulande die einzige Produktion der Cockpit-Haube ausserhalb der USA für den Tarnkappenflieger erfolgen.
Gegner warnten in der Vergangenheit, dass die USA sicherheitsrelevante Daten einsehen und die Jets sogar fernsteuern könnten. Beweise dafür wurden nie geliefert.
Sorgenkind: Der Eurofighter.
Geschichte:
Der Eurofighter ist ein politisches Projekt. In den 1980ern Jahre plante Deutschland die Entwicklung eines neuen Kampfjets. Aber es sollte ein «europäisches Kampfflugzeug» werden. Also schlossen sich die EU-Staaten Deutschland, Grossbritannien, Frankreich, Italien und Spanien zusammen. Doch schon zu Beginn des Projektes steigt Frankreich 1985 aus und beginnt mit der Entwicklung eines eigenen Flugzeugs. Die vier verbliebenen Länder gründen zusammen die Trägerfirma «Eurofighter Jagdflugzeug GmbH» mit Sitz in Deutschland. Die Entwicklung dauert zwanzig Jahre. Der Erstflug erfolgte 1994. Seit 2006 ist der Eurofighter im Dienst.
Technik:
Der Eurofighter ist ein Mehrzweckkampflugzeug, das mehrere feindliche Kampfflugzeuge bekämpfen und darüber hinaus auch diverse Bodenziele auf unterschiedliche Weise angreifen kann. Der Eurofighter ist mit seinen 15 Tonnen das schwerste aller evaluierten Flugzeuge. Dafür kann er mit 2,35-facher Schallgeschwindigkeit fliegen und ist somit schneller als seine Konkurrenten. Der Herstellter bezeichneit ihn als «hervorragend geeignet» für den Luftpolizeidienst aufgrund seiner raschen Steiggeschwindigkeit.
Verglichen mit anderen Kampfflugzeugen ist seine Flugstabilität allerdings wesentlich geringer. Er verfügt über dreieckige Delta-Flügel – eigentlich typisch für französische Flugzeuge. Trotz seines Gewichts kann er am wenigsten Last und weniger Waffen transportieren. 570 Stück wurden bislang ausgeliefert.
Politik:
Mit 17 verschiedenen Staaten sind Verhandlungen über eine Eurofighter-Beschaffung gescheitert. Meist, weil der Flieger in der Evaluation seinen Konkurrenten unterlag. Nebst den eigenen Entwicklungsländern wird der Eurofighter von Österreich, Saudi-Arabien, Kuwait und Omar genutzt.
Obwohl er schon seit 15 Jahren im Dienst ist, hat der Flieger immer noch Probleme. Triebwerke zünden nicht, wenn sie sollten, die Bordkanonen klemmen, Computerbildschirme streiken während des Fluges, bemängelte beispielsweise das deutsche Verteidigungsministerium. Die Bundesrepublik Deutschland hat 26 Milliarden in den Jet investiert, es ist ihr teuerstes Rüstungsprojekt, und sie wird den Jet einfach nicht los.
Der Firma Airbus, die den Jet mitentwickelt hat, wird vorgeworfen, in Saudi-Arabien und Österreich Regierungsmitglieder bestochen zu haben, damit die Nationen sich für eine Eurofighter-Beschaffung entscheiden. In Österreich laufen hierzu Ermittlungen.
Für Deutschland hat die Schweizer Kampfjet-Beschaffung so viel Bedeutung, dass sich im Verteidigungsministerium und in der Botschaft in Bern je ein Mitarbeiter darum kümmert, berichtete die «NZZ». Öffentlich hielt sich die Eurofighter-Industrie mit dem Lobbying zurück.
Pilotenfavorit: Die Canard-Delta-Flügel-Rafale der Franzosen. Bild: Wikimedia
Geschichte:
Nachdem Frankreich aus dem Eurofighter-Projekt ausgestiegen war, beauftragte die Regierung «Dassault Aviation» mit der Entwicklung eines neuen Kampfflugzeuges. Die Firma hat schon vor dem Rafale-Auftrag mit ihrem Kampfjet Mirage weltweiten Erfolg erzielt. Die Rafale entwickelten die Franzosen in rapidem Tempo. Bereits ein Jahr nachdem das Land dem Eurofigter-Team die kalte Schulter gezeigt, fand 1986 der Erstflug statt. Seit 2000 steht die Rafale (französisch: Böe) im Dienst.
Technik:
Typisch für französische Flugzeuge - wie oben genannt - sind die dreieckigen Flügel hinter dem Cockpit, die sogenannten Delta Wings. Auf Höhe des Cockpits hat sie noch zwei kleinere Tragflächen. Sogenannte Entenflügel oder Canards. Dadurch entsteht eine gute Wendigkeit - auch bei Flügen im Überschallbereich. Die Bedienung der Rafale soll so einfach wie möglich sein. Darum wurde zusätzlich an Gewicht gespart, was zu niedrigen Abnutzungen und folgend niedrigem Wartungsaufwand führen soll. Die Rafale ist mit ihren knapp 15 Metern Länge das kleinste unter den vier Flugzeugen. Mit einer normalen Startmasse von 14 Tonnen ist sie zudem die leichteste der vier Jets. Obwohl sie klein ist, hat die Rafale mit 9’500 Kilogramm die höchste Waffentraglast. Zum Vergleich: die Amerikaner können beide knapp 8’000 Kilogramm tragen. Der Eurofighter nur 7’500 Kilogramm.
196 Flugzeuge konnten die Franzosen bislang ausliefern. Mit ihrer 1,8-facher Schallgeschwindigkeit ist sie gleich schnell wie die Super Hornet und die Hornet.
Politik:
Die Rafale ist eine Ansage der Franzosen. Dass sie sich immer noch als geopolitische wichtige Atommacht sehen, weshalb sie sich für den Alleingang entschlossen. Jedoch hat es die Rafale auf dem Markt schwer. Grosse Länder wie Italien, Deutschland, Grossbritannien und Spanien sind an das Euro-Fighter-Programm gebunden. Die USA, die zusammen mit den Franzosen Einsätze in Libyen und Syrien geflogen sind, schätzen das Flugzeug zwar, würden aber nie ein ausländisches Produkt kaufen. Hinzu kommt, dass die Schweden mit ihrem Gripen die Franzosen konkurrenzieren. Lange stand das Rafale-Projekt auf der Kippe, bis sich die Rafale 2015 in einer Evaluation in Indien durchsetzen konnte und für 7,8 Milliarden US-Doller ein Vertrag abgeschlossen wurde. Heute fliegen Piloten aus Kroatien, Katar, Indien, Griechenland, Ägypten und natürlich Frankreich die Rafale.
Bis 2003 bestand eine 40-jährige Geschäftsbeziehung zwischen der Schweiz und Dassault Aviation. Damals flog die Schweizer Armee noch mit der Rafale-Vorgängerin Mirage III. Dassault Aviation hat noch kein öffentliches Offset-Angebot gemacht. Das Lobbying wurde weniger öffentlich geführt als bei den Amerikanern. Es gibt lediglich eine eigens für die Schweiz aufgeschaltete Webseite.
Die «NZZ» berichtete gestern Dienstag, dass Viola Amherd dem Bundesrat die Beschaffung der F-35 empfohlen habe. Dies obwohl ihr bewusst ist, dass linke Parteien und Gruppierungen ein Verbot der Beschaffung von amerikanischen Flugzeugen an der Urne durchboxen möchten. Aussenminister Ignazio Cassis (FDP) sei gemäss des Berichtes überhaupt nicht erfreut über den Entscheid seiner Kollegin. Er bevorzuge ein europäisches Flugzeug. Entschieden ist bislang noch nichts.
Korrektur: In einer vorherigen Version des Artikels wurde Thomas Borer als Lobbyist für Lockheed Martin genannt. Er war Lobbyist für Boeing. Wir entschuldigen uns für den Fehler.
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