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Bergsteigen prägt den Charakter, findet Adolf Ogi. Anlässlich der «DOK»-Serie «Geboren am...» berichtet der frühere SVP-Bundesrat von einem bewegten Leben: seine Kindheit in Kandersteg, seine ungewöhnliche Karriere vom Bergler-Bub zum Spitzenpolitiker und von seinem schwersten Schicksalsschlag.
SRF: Wie sind Sie aufgewachsen?
Adolf Ogi: In einer wunderbaren Familie in Kandersteg. Eine Familie von Bergführern, allesamt.
Adolf Ogi
Ehemaliger SVP-Bundesrat
Von 1987 - 2000 Mitglied des Bundesrats sowie Bundesratspräsident in den Jahren 1993 und 2000. Zwischen 1987 und 1995 stiess er als Verkehrsminister das Grossprojekt Neue Eisenbahn-Alpentransversale (NEAT) an. Nachdem im Sommer 1995 ein Konflikt mit Otto Stich über die Finanzierung des Projekts eskaliert war, gaben beide Bundesräte ihre Departemente ab. Von 1995 – 2000 bekleidete Ogi in der Folge das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS). Nach seinem Rücktritt aus dem Bundesrat bekleidete er von 2001 bis 2007 das Amt des Sonderberater für Sport im Dienste von Entwicklung und Frieden im Auftrag der UNO.
Mein Vater war zudem Skischullehrer, Förster, Gemeinderatspräsident. Er war eine aussergewöhnliche Persönlichkeit, ein liebenswürdiger Mensch, ein Mensch der Öffentlichkeit, der mir in entscheidenden Momenten den Weg wies.
Was waren das für Momente?
Er machte alles für mich im Rahmen seiner Möglichkeiten. Er wollte, dass ich gut Französisch lerne und an die Ecole supérieure de commerce in La Neuveville gehe. Er musste harte Bergtouren organisieren, um mir das zu finanzieren.
Wir hatten kein Auto. Wir hatten nie Urlaub.
Wir hatten kein Auto. Wir hatten nie Urlaub. Ich wuchs in bescheidenen, aber goldigen Verhältnissen auf.
Sie gingen an die Handelsschule in La Neuveville, nachdem Sie die Aufnahmeprüfung für die Sekundarschule in Frutigen nicht bestanden hatten. Hat Sie das beschäftigt?
Ich gebe zu, dass das Nicht-reüssieren in den Prüfungen für die Sekundarschule Frutigen mich damals sehr beschäftigt hat.
Man sagte, ich sei intellektuell nicht fähig, Bundesrat zu werden.
Als ich es vergessen hatte, wurde es mir im Vorfeld der Wahl in den Bundesrat wieder in Erinnerung gerufen. Man sagte, ich sei intellektuell nicht fähig, Bundesrat zu werden.
War das für Sie beleidigend?
Beleidigend ist nicht das richtige Wort. Doch wenn ich einen Akkusativ-Fehler machte im Bundeshaus, wurde das zum Thema. Das, worüber ich sprach, beachtete man weniger.
Ich habe nachher auch mit euch Journalisten gespielt und extra einen Akkusativ-Fehler gemacht. Oder habe in der Pressekonferenz bewusst etwas auf Englisch vorgelesen. Dann stürzten sich die Journalisten auf mein Englisch und nicht auf die eigentliche Botschaft.
Mit dem damaligen Finanzminister Otto Stich gerieten Sie als Verkehrsminister wegen der NEAT-Finanzierung in einen offenen Konflikt…
Ich hatte Verständnis für den Finanzminister, der muss nach seiner Kasse schauen. Und ich als Verkehrsminister musste schauen, wie sich der Verkehr in den nächsten 50, 100 Jahren entwickelt. Das führt natürlich zu Gegensätzen.
Aber es war eine ganz schwierige Zeit. Ich hatte wegen des Stresses und der Belastung viermal Nierensteine.
Haben Sie Stich damals gehasst?
Die Frage ist eher: Hasste er mich? Ich konnte es einfach nicht begreifen, warum er so war – nicht nur gegen meine Verkehrspolitik, auch gegen mich.
Wenn man auf dem Gipfel steht, dann ist man über den Sünden.
Er hat mich ja mal Skilehrer genannt: Im Bundesrat hätten wir sechs Bundesräte und einen Skilehrer. Das kam nicht gut an beim Volk.
Bereits als Sechsjähriger haben Sie zusammen mit Ihrem Vater Berge erklommen. Was bedeutet Ihnen das Bergsteigen heute?
Bergsteigen ist prägend für den Charakter: Bergsteigen braucht Mut. Bergsteigen braucht Kraft. Bergsteigen braucht Willen und Durchstehvermögen. Aber wenn man auf dem Gipfel steht, steht man über den anderen, dann ist man über den Sünden. Dann sieht die Welt ganz anders aus.
Ich bin gläubiger Protestant, doch der Tod meines Sohns hat mich verunsichert.
Als Bundesrat kam ich wenn immer möglich nach Kandersteg, um mich zu erholen. Wenn ich die Blüemlisalp sah, das Doldenhorn, das Balmhorn, dann musste ich mir sagen: Die Berge waren da, bevor wir hier waren und sie werden noch hier sein, wenn wir nicht mehr da sind. Auch wenn du Bundesrat bist – du bist nicht so bedeutungsvoll. Die Berge überdauern dich.
Sind Sie religiös?
Ich bin gläubiger Protestant, doch der Tod meines Sohns hat mich verunsichert, das muss ich ganz ehrlich sagen. Ich kann nicht verstehen warum Mathias vor uns Eltern sterben musste. Das ist die fundamentalste Erschütterung, die ich, meine Frau und unsere Tochter durchleben mussten. Wir sind fragend, wir sind suchend und wir sind nicht findend.
Aber ich bin nicht der Einzige, der ein solches Schicksal durchleben muss. Denn wenn ich davon erzähle, bekomme ich immer wieder viele Briefe. Aber wir leiden, wir werden es nie vergessen können.
Seit 1972 sind Sie mit Ihrer Frau Katrin verheiratet. Wie wichtig ist eine stabile Ehe für einen Menschen der Öffentlichkeit?
Das ist ganz entscheidend. Meine Frau trug mich, sie unterstütze mich, sie fragte nicht, wenn ich abends müde nach Hause kam und schlafen wollte. Auch wenn sie enttäuscht war, hat sie mich aufgestellt. Sie kam, wenn sie kommen musste, sie reklamierte nie, sie drängte sich nie auf. Aber sie war da, wenn sie da sein musste, mit ihrer ganzen Liebe zu mir.
«Geboren am ...»
In der Sommerserie «Geboren am…» erzählen wir Geschichten von Menschen, die eines verbindet: Sie kamen am gleichen Tag zur Welt. Jede Folge zeigt drei Lebenswege, die unterschiedlicher nicht sein könnten. «Geboren am...»: