Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03354.jsonl.gz/3372

Ewige Pubertät
Ich bin kürzlich auf eine interessante These des Philosophen Leszek Kolakowski gestossen, meine Damen und Herren: Wohlstandsgesellschaften würden sich dadurch auszeichnen, dass die Merkmale der heranwachsenden Psyche bis ins höhere Alter fortbestünden. Ewige Pubertät der Konsumbürger, sozusagen. Die These ist von 1973, wohlgemerkt. Und scheint sich heutzutage allerorten zu bestätigen, wenn man sich umschaut.
Überall Adoleszenzverhalten, überall die Dominanz pubertärer Fragen: Wer bin ich? Wer will ich sein? Wie sehen mich die anderen? Was sagt Heidi dazu? Von den gelegentlichen Spiralen der Idiotie in sogenannten sozialen Netzwerken spannt sich die pubertäre Stimmung bis zu den Erscheinungen im Phänotyp, die der Philosoph Robert Pfaller als allgemeine «Verfreakung» der Bevölkerung bezeichnet: «Es ist mittlerweile fast unmöglich oder wenigstens sehr teuer geworden, auch nur irgendwelche Kleidung zu erwerben, die nicht von punkigen Elementen wie Löchern, Rissen, Sicherheitsnadeln, riesigen Markenlogos oder mehr oder weniger politischen Parolen markiert wäre.»
Die Lust steht im Hintergrund
«Auf der anderen Seite», schreibt Pfaller weiter, «zeigt sich dieselbe verfreakte Bevölkerung auffällig unfähig, mit Kulturelementen wie schwarzem Humor, Sex, Höflichkeit, Tabakkultur, Alkohol oder auch nur ‹adult language› so umzugehen, dass ihr daraus ein Lustgewinn erwachsen könnte.» Das ist das Paradoxe: Lust und Genuss scheinen bei dieser perennierenden Pubertät nicht im Vordergrund zu stehen; abgesehen von der Lust am Provozieren, Polarisieren und Radikalisieren, am Vernunftwidrigen und Verstockten. Ansonsten herrscht Disziplin – vielleicht gerade weil sich die Pubertät von der Physiologie emanzipiert zu haben scheint.
Der Philosoph Konrad Liessmann spricht von der «Setzung von Herrschaftsformen durch neue Formen der vermeintlichen Selbstkontrolle» und meint damit: Man braucht die spätmoderne, dauerpubertierende Konsumbürgerin nicht mehr ideologisch zu indoktrinieren; im Dienste der Perfektionierung des eigenen Ich schnallt sie sich freiwillig ein datensammelndes Messgerät um, das vielleicht noch aussehen mag wie eine Armbanduhr, doch eher einer Fussfessel gleicht.
Selbstvergötterung endet immer gleich
In der protestantischen Tradition der Selbstverbesserung bleibt bei all diesen Phänomenen die persönliche Optimierung stets das erklärte Ziel – wenn sie auch nun anscheinend auf rein quantitativem Wege erreicht werden soll und von einer Rhetorik der Freiheit und Individualität begleitet wird, die einer sozialen Pathologie gleichkommt, wie Axel Honneth sagen würde.
Aber das ist der vierte Philosoph, den ich in diesem kurzen Stück zitiere, deshalb hören wir für heute auf, und zwar mit einem Zitat. Von Leszek Kolakowski. Nämlich: «Die Selbstvergötterung des Menschen, welcher der Marxismus philosophischen Ausdruck verlieh, endet wie alle individuellen und kollektiven Versuche der Selbstvergötterung. Sie erweist sich als der farcenhafte Aspekt der menschlichen Unzulänglichkeit.»
Nicht dabei sein ist alles: Warum Abwesenheit zum Statussymbol geworden ist. Zum Blog >>