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So viele Beschwerden sollten mit einigen Kügelchen eines homöopathischen Mittels geheilt werden, und diese winzige Menge wird meist nur in mehrmonatigen Abständen wiederholt? Dieses homöopathische Prinzip ist für viele nur schwer nachvollziehbar und doch ist es der Schlüssel zu einer erfolgreichen homöopathischen Behandlung.
Um den Zeitpunkt der Mittelwiederholung festzulegen, muß man zuerst den Charakter und die Eigenschaften des homöopathischen Mittels kennen. Bei tief und langsam wirkenden Mitteln, wie Lycopodium, Silicea, Graphites oder Sepia, muß man nicht nach vier Wochen enttäuscht sein, wenn keine große Besserung stattgefunden hat. Oft setzt die Wirkung bei solchen Mitteln erst nach vier bis fünf Monaten ein und dauert bis zu einem Jahr.
Akut wirkende Mittel, wie z.B. Aconitum, Apis, Bryonia, Belladonna wirken kürzer, ein bis fünf Tage lang, schnell und nicht sehr tief. Sie können, wenn nötig, bis zur Besserung täglich wiederholt werden.
Wann wiederholen wir aber das Mittel? Wenn nach mehreren Monaten Besserung jetzt ein Rückschritt oder ein Still eingetreten ist. Eine neue Fallaufnahme wird gemacht, um sicherzustellen, ob immer noch das frühere oder aber ein neues Mittel indiziert ist. Ein Patient, der vor mehreren Monaten auf Lycopodium gut angesprochen hat, hat eine Entwicklung durchgemacht und braucht möglicherweise ein anderes Mittel. Heute spricht er offen über seine Ängste, er ist emotioneller und sucht bei seiner Partnerin Wärme und Nähe. Da kann nicht mehr an Lycopodium gedacht werden!
Wenn der Patient immer noch dem gleichen Konstitutionsmittel entspricht, wird meist eine höhere Potenz verabreicht. Wenn nur ein kleiner Stimulus erreicht werden soll oder wenn der Patient nach der ersten Dosis einer Hochpotenz eine sehr starke homöopathische Erstverschlimmerung durchgemacht hat, ist eine tiefere Potenz (C6, C30, ev. C200) oder eine LM-indiziert.
Bei der zweiten Konsultation muß der Homöopath entscheiden, ob das Mittel gewirkt hat oder nicht. D.h. für den Homöopathen, ob die Lebenskraft stimuliert worden ist, und nicht, ob der Hautausschlag und die Kopfschmerzen verschwunden sind.
Bei der Behandlung chronischer Beschwerden gibt es oft mehrere kleinere Verschlimmerungen. Der Homöopath muß auf das eine und einzige Thema konzentriert bleiben: «Wie geht es Ihnen?» «Irgendwie fühle ich mich anders.» Keine Wiederholung und kein Mittelwechsel sind da nötig, sondern ein Gespräch mit der Patientin. Die Patientin berichtet: «Ich fühle mich freier, ich kann nein sagen, ich kann mich besser wehren.» Keine Wiederholung, kein Wechsel. Die Homöopathie bleibt konzentriert auf die innere Harmonie und Schönheit. Die Lebenskraft ist egoistisch und sparsam. Zuerst schaut sie für sich, dann auf den Körper. Wenn das innere Gleichgewicht wieder herrscht, dann verschwinden allmählich die körperlichen Beschwerden. Der Körper ist der Spiegel unserer Seele. Deshalb keine Widerholung, solange die Lebenskraft positiv reagiert.
In der Homöopathie sollte nie mit einem fixen Dosierungs-Schema gearbeitet werden. Es gibt Leute, die ein C200 nach 4 Wochen, eine M nach 6 Wochen und eine XM nach 10 Wochen wiederholen. Es ist Unsinn. Kein Gesetz sagt uns, die Mittel nach einem Terminkalender zu verabreichen. Nicht die Quantität der Mittel, sondern die Qualität des Stimulus an die Lebenskraft ist wichtig. Ein fixes Schema zu benützen, verletzt das grundlegende Gesetz der Homöopathie: die Individualität. Nicht jeder Patient reagiert gleich. Eine C200 kann unter Umständen während Monaten, eine XM zwei Jahre lang wirken. Jeder Patient hat eine individuelle Lebenskraft, die eine individuelle Behandlung benötigt.
Eine Ausnahme bilden die LM-Potenzen, welche flüssig abgegeben werden. Sie sind kürzer wirksam, daher besser steuerbar, durch Verschüttelung vor jeder Einnahme wird der dynamische Zustand von Einnahme zu Einnahme leicht verändert, so daß die nachfolgende Gabe nicht genau der vorangehender entspricht, was eine Arzneimittelprüfung verhindert. Trotzdem ist auch hier kein festes Schema der Widerholung möglich, wenn den individuellen Gegebenheiten des Patienten Rechnung getragen werden soll.
Bei akuten Beschwerden bleibt das Prinzip gleich. Die erste Besserung wird sich im Gemütszustand des Patienten zeigen. Er hat hohes Fieber, Durchfall, ist sehr erschöpft, trotzdem unruhig und hat Todesangst. Er erhält Arsenicum album, eine Dosis C30 oder C200. Nach zehn Minuten beginnt er zu schnarchen. Das Fieber ist immer noch bei 40°C. Er erwacht nach Stunden und hat Licht in den Augen, er ist ruhiger und nicht mehr hoffnungslos. Das Fieber ist noch da, der Durchfall etwas besser. Es braucht noch etwas Geduld und keine Mittelwiederholung. Die Lebenskraft beschäftigt sich zuerst rnit sich, dann mit dem Körper. Wann sollte aber das Mittel wiederholt werden? Während einigen Stunden war er ruhiger und weniger erschöpft, jetzt stöhnt er wieder, dreht sich im Bett und hat negative Gedanken. Hier ist die Zeit für eine Mittelwiederholung da. Die psychische Verfassung, und nicht das Fieber oder der Durchfall ist entscheidend. Wir beschäftigen uns mit dem Leben, nicht mit dem Stuhl. Unsere Aufgabe ist, den Menschen zu verstärken, seine Lebenskraft eine Unterstützung zu geben, damit sie ihr Gleichgewicht wieder findet, und nicht die Bakterien und Viren zu jagen.