Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/1488

Wahltag in den USA ist der 3. November. Doch viele US-Bürgerinnen und -Bürger haben ihre Stimme bereits abgegeben – im sogenannten «Early Voting». Dieses Frühwählen dürfte eher den Demokraten zugutekommen, glaubt die USA-Kennerin und Professorin Christiane Lemke.
Christiane Lemke
Christiane Lemke ist Politikwissenschaftlerin an der Leibnitz Universität in Hannover.
SRF News: Wie funktioniert das Frühwahlsystem «Early Voting» in den USA?
Christiane Lemke: In den USA findet die Präsidentenwahl jeweils am ersten Dienstag im November statt, frühestens aber am 2. November. Weil aber viele Wählerinnen und Wähler dann arbeiten müssen, hat man in den letzten Jahren das «Early Voting» – das Frühwählen – eingeführt. Man geht dabei ganz normal ins Wahllokal, weist sich aus und gibt die Stimme ab. Das ist je nach Bundesstaat zwischen 40 und 5 Tage vor dem eigentlichen Wahltermin möglich.
Die Wahlgesetze sind in jedem Bundesstaat unterschiedlich. Es gibt Vorwürfe, das Wahlrecht sei ungerecht. Wird diese Ungerechtigkeit durch das «Early Voting» etwas abgefedert?
Vor allem in den südlichen US-Bundesstaaten kommt es tatsächlich immer wieder vor, dass versucht wird, Minderheiten sowie Menschen aus der Unterschicht von der Wahl auszuschliessen. Das passiert etwa dadurch, dass man es ihnen erschwert, das Wahllokal zu finden. Oder indem bestimmte Dokumente vorgewiesen werden müssen, über die nicht alle verfügen.
Es wird immer wieder versucht, Minderheiten oder Menschen aus der Unterschicht von der Wahl auszuschliessen.
Durch das «Early Voting» haben die Parteien immerhin die Möglichkeit, ihre Wählerinnen und Wähler zu informieren, wo das Wahllokal ist und vielleicht sogar Busfahrten dahin zu organisieren. So sorgen die Parteien dafür, dass sich möglichst viele an der Wahl beteiligen.
Dieses Jahr ist das «Early Voting» wegen der Corona-Pandemie besonders wichtig – welcher Partei dürfte das Frühwählen eher helfen?
Das Interesse am «Early Voting» ist dieses Jahr besonders gross: Schon jetzt sind sehr viele Amerikanerinnen und Amerikaner wählen gegangen. Vor allem auch in jenen Staaten, die zwischen den Republikanern und den Demokraten hart umkämpft sind.
Das ‹Early Voting› dürfte vor allem den Demokraten zugutekommen.
Da die Wähler der Demokraten die Pandemiemassnahmen viel ernster nehmen als jene der Republikaner, dürfte das «Early Voting» vor allem den Demokraten zugutekommen. Ihre Wähler können dadurch längeren Wartezeiten in Menschenschlangen und überfüllten Wahllokalen aus dem Weg gehen.
Kann das «Early Voting» am Wahltag ein Chaos bei der Stimmenzählung vermeiden zu helfen, weil mehr Zeit bleibt, um die Stimmen auszuzählen?
In den einzelnen Bundesstaaten gelten sehr unterschiedliche Regeln. So werden die Frühstimmen etwa in Florida und Arizona schon jetzt ausgezählt – natürlich streng geheim, ohne dass die Ergebnisse nach aussen dringen. Andernorts, wie etwa in Pennsylvania, dürfen die früh abgegebenen Stimmen aber erst zusammen mit den Stimmen vom Wahltag ausgezählt werden.
Das führt dort dann möglicherweise zu einer Überlastung und sogar einer Überforderung der Wahlhelfer bei der Stimmenauszählung. Das höchste US-Gericht hat übrigens erst gerade entschieden, dass die Stimmen in Pennsylvania bis zum 6. November ausgezählt werden dürfen – das betrifft übrigens auch die Briefwahl.
Es lässt sich nur schwer einschätzen, wie gross das Stimmenzähl-Chaos am Wahltag werden wird.
Grundsätzlich lässt sich nur schwer einschätzen, wie gross das Stimmenzähl-Chaos am Wahltag USA-weit werden wird. Es könnte durchaus sein, dass der Wahlsieger – sollte das Rennen knapp ausgehen – am Wahlabend noch nicht feststehen wird. In diesem Fall wird weiter ausgezählt und erst nach Tagen wäre klar, wer die Präsidentenwahl gewonnen hat.
Das Gespräch führte Marlene Oehler.