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Aktualisiert: Juni 6
Geschichte
Crossover bedeutet wortwörtlich übersetzt "überkreuzen". Bei der Musik ist damit gemeint, dass verschiedene Stilrichtungen miteinander vermischt werden.
Damit zwei verschiedene Stilrichtungen vermischt werden, mussten die Stilistiken zuvor klar abgegrenzt werden. Dies ist vor allem in den 1940 Jahren in den USA geschehen. Mit der Musik der Schwarzen Rhythm and Blues und der Musik der Weissen mit der Country-Hitparade. Doch auch mit der Begriffdefinition von U-Musik und E-Musik, der sich bis heute immer noch hält.
Später nutzten verschiedene Bands Elemente aus anderen Stilistiken. Zum Beispiel Punkbands bedienten sich Elementen von Heavy metal.
Während im Rock, Pop und Jazz der Crossover zu einer spannenden Ergänzung und auch Neuausrichtung der Musik führte, waren im klassischen Musikbereich die Vorbehalte sehr lange sehr gross und halten teilweise bis heute an. Einer der ersten und gleichzeitig, meines Erachtens, besten Crossover zwischen Klassik und Rock fand Ende der 1980er Jahre statt und davon möchte ich heute berichten:
"Un ballo in Maschera"
1981 sass Farrokh Bulsara im Publikum im Covent Garden um Luciano Pavarotti in Verdis "Un ballo in Maschera" zu sehen und hören- doch als die weibliche Hauptdarstellerin Montserrat Caballe die Bühne betrat raubte es Farrokh wortwörtlich den Atem. Fasziniert hörte er dieser Stimme zu. Er stupste seinen Freund, der ihn zur Aufführung mitgenommen hat, immer wieder an und löchert ihn "Wann kommt sie wieder? Wann singt sie wieder? Wer ist sie überhaupt?!" Alles andere um ihn herum wurde sekundär. Er war verzaubert von diesem Stimmklang. Und ein tiefer Wunsch entstand in ihm: Musik für diese Frau zu schreiben.
Farrokh war zu jener Zeit selber ein Superstar und kein geringerer als der Leadsänger von der legendären Rockband Queen- Freddie Mercury.
Freddie Mercury- eine Kultfigur
Der am 4.9.1946 auf dem damals Britischen Sansibar geborene Farrokh Bulsara war in seiner Kindheit und Jugend eher introvertiert. Früh schon zeigte sich seine musikalische Begabung.
Nach einem blutigen Aufstand auf Sansibar zogen seine Eltern mit Farrokh nach London.
In London studierte der junge Mann Kunst und Design. Er sang in verschiedenen Bands. Sein Spitzname Freddie geht bereits auf seine Schulzeiten zurück. Er behielt ihn bei.
Anfang der 1970er Jahr formierte sich die bis heute legendäre Band Queen.
Einer der ersten gemeinsamen Songs den sie einspielten war "Fairy Queen". Eine Textzeile in dem Song lautet „Mother Mercury, look what they’ve done to me, I cannot run I cannot hide.“
Als der Song zu Ende eingespielt war, wurde Freddy gefragt, ob der Text sich auf seine Mutter beziehen würde. Darauf antwortete er: „Yes, and from now on I’ll be Freddie Mercury.“
Der sensible und eher introvertierte Künstler schuf sich so eine extrovertierte Bühnenfigur, die das Ausleben, Interpretieren seiner Kunst zuliess. Freddie Mercury war immer mit voller Seele und Herz bei der Sache. Sei es beim komponieren, bei Konzerten oder beim Zuhören.
Freddie Mercury- der Komponist
Über den Aufstieg und Erfolg der Band Queen brauche ich hier nicht viel zu schreiben, darüber wurde mehr als genug geschrieben.
Was ich persönlich viel interessanter finde ist die Offenheit mit der Freddie anderen Musikrichtungen begegnete und wie er sie in seine Kompositionen einfliessen liess. Man denke nur an "Bohemien Rhapsody" oder auch einer seiner letzten Songs "The show must go on". Er kannte keine Vorurteile und keine Berührungsängste in der Musik. Doch er verband nicht nur die Musikstile sondern auch die Bühnenelemente wie Tanzen, Darstellen mit seiner Musik. Was viele nicht wissen: Freddie war ein ausgezeichneter Tänzer. In einigen Musikvideos arbeitete er auch mit dem Ballet des Royal Opera House zusammen.
Freddie lässt sich weder als Mensch und schon gar nicht als Künstler in eine Schublade stecken. Er wird als sehr sensibler Mensch beschrieben, der wie ein Besessener arbeiten konnte, wenn er eine Idee hatte. Sein Assistent musste immer einen Schreibblock und einen Kugelschreiber dabei haben, damit er seine Einfälle gleich notieren konnte. Auf diese Weise entstanden viele Hits. Das Privatleben hingegen schaffte Freddie weitgehend im Verborgenen zu halten. Er lebte eine zeitlang neben London auch in München, wo er, unbemerkt von der Presse, sein Leben als Homosexueller leben konnte.
Montserrat
Nachdem Freddie Montserrat singen gehört hat, liess ihn ihre Stimme nicht mehr los. Er besuchte noch einige Konzerte von ihr, doch war zu schüchtern für ein Treffen. Zu gross war seine Befürchtung, sie, die grosse Operndiva, könnte ihn ablehnen.
Schliesslich wurde 1986 ein Treffen zwischen den beiden arrangiert.
Mercury war 5 Minuten zu früh in der Hotellobby, was für ihn sehr ungewöhnlich war. Meistens war er 15 Minuten zu spät. Er war sehr nervös und aufgeregt. Montserrat kam wenige Minuten zu spät. Auch sie war nervös. Als sie Freddies kühle Hand drückte, war sie beruhigt, weil sie merkte, dass es ihm genauso ging.
Bei diesem gemeinsamen Mittagessen sang Freddie Montserrat einige Songs vor und Montserrat bat Freddie einen Song über ihre Heimatstadt Barcelona zu schreiben. Gleichzeitig fragte sie, ob sie den Song "Exercises In Free Love" bei ihrem Liederabend im Covent Garden singen dürfe, was sie dann tatsächlich auch machte. Am Klavier begleitete sie bei dem Song Mike Moran. Bei diesem ersten gemeinsamen Mittagessen fragte sie ihn so beiläufig: " Wie viele Songs passen auf ein Rockalbum?" "So 8 bis 10" antwortete Freddies. "Gut. Dann werden wir 8-10 Songs aufnehmen" antwortete Montserrat. Freddie war hocherfreut darüber und gleichzeitig ungläubig. Es kam ihm vor wie im Traum.
Was er nicht wissen konnte, dass Montserrat, die 1933 in einer ganz einfachen, armen Familie, in Barcelona geboren war und sich ihre Gesangsausbildung mit Nähen verdiente und mit Mäzenen, die sie förderten, seine Musik sehr schätzte und sie sehr viel Respekt vor seiner Arbeit hatte. In Montserrats CD Sammlung fanden sich auch einige Queen-Alben.
Arbeit der Titanen
Um das Album realisieren zu können trafen sich die beiden an einzelnen Tagen, die Montserrats voller Terminkalender zuliess, um alles zu besprechen und zu arbeiten. Die Songs waren alle so weit fertig, dass Montserrat nur noch ihren Part dazu aufnehmen musste. Freddie bemühte sich um Perfektion bei der musikalischen Vorbereitung und Abmischung der Songs. Gleichzeitig schaute er, dass es Montserrat während der Aufenthalte an nichts fehlte.
Bei dieser Zusammenarbeit trafen sich zwei Arbeitstiere und zwei verwandte Seelen.
So ist es nicht verwunderlich, dass Augenzeugen berichten, dass die beiden bis in die frühen Morgenstunden arbeiteten, auch klassische Musik hörten, manchmal auch mehr als genug tranken und wenn genug Alkohol im Spiel war, rauchten. Beide. Viele berichten, dass Montserrat den Rock n Roll Lifestyle gelebt hat, sehr zur Verblüffung von Freddie.
Diese Zusammenarbeit war gleichzeitig der Beginn einer tiefen, echten Freundschaft zwischen zwei fantastischen Musikern. Auch nach dem gemeinsamen Projekt telefonierten sie ziemlich regelmässig zusammen. Jedesmal wenn sie sich wieder sahen, war Freddie wieder nervös, so wie wenn es das erste Zusammentreffen wäre.
Kurz bevor die gemeinsame Zusammenarbeit begann, erhielt Freddie die Diagnose, dass er an AIDS erkrankt war. Es war für ihn nicht nur physisch, sondern auch psychisch eine sehr schwierige Zeit. Ihm wurde bewusst, dass ihm seine Lebenszeit wie Sand durch die Finger rann. Die Zusammenarbeit mit seiner Lieblingssängerin gab ihm Halt, Kraft und eine Perspektive.
Bei den Filmaufnahmen zu Barcelona fühlte sich Freddie am Anfang gehemmt und unsicher. Auf den ersten Takes wirkt er ungewöhnlich steif. Erst als er bemerkte wieviele Bewegungen sich Montserrat gestattete, taute er auf und agierte mit ihr zusammen authentisch und harmonisch.
Fazit
Das besondere an dieser gemeinsamen CD ist, dass jeder bei dem bleibt was er ist. Freddie hat alle Titel komponiert und gemeinsam mit seinem Mitmusiker Mike Moran orchestriert. Montserrat bleibt die Opernsängerin und Freddy der Rocksänger und trotzdem harmonieren beide, wie es vorher noch nie da gewesen war. Die Zusammenarbeit der beiden war geprägt von gegenseitigem Respekt, einer tiefen Verbundenheit und ihrer Freundschaft.
Der grösste gemeinsame Hit des Albums ist und bleibt "Barcelona", der 1992 zu den Olympischen Spielen in Barcelona gespielt wurde. Es war wie ein Vermächtnis von Freddie.
Er selber hat diesen Erfolg nicht mehr erlebt. Er starb im November 1991 an einer Lungenentzündung in Folge seiner AIDS Erkrankung.
Montserrat blieb auch über seinen Tod hinaus mit Freddie verbunden und war 5 Jahre nach seinem Tod bei der Enthüllung des Denkmals zu seinen Ehren dabei.
Montserrat Caballe war die erste Sängerin im klassischen Bereich, die den Schritt zum Crossover wagte oder anders ausgedrückt die Offenheit dazu besass und die dadurch beim Rockpublikum grosse Bekanntheit erlangte. Montserrat war eine grosse Operndiva, aber gleichzeitig war sie nahbar, geerdet und besass eine grosse Portion Selbstironie. Sie konnte wunderbar über sich selber lachen. Ein Beispiel: Bei einem Liederabend in München sperrten sich die Schrauben des Notenständers. Montserrat versucht den Notenständer zu verstellen, es gelang ihr nicht. Es dauert, doch nichts rührt sich. Den meisten wäre eine solche Situation peinlich. Doch auf einmal kommt ein Glucksen aus ihrer Kehle und sie kann nicht anders als schallend los zu lachen. Ihr Lachen ist ansteckend. Bald lacht der ganze Saal. Mit ihrer Selbstironie schaffte sie es immer wieder die ernste Atmosphäre der klassischen Konzerte aufzulockern. Sie bleibt ihr Leben lang geerdet und ein Mensch mit grossem Herz für andere und Sinn für Familie.
Die Hits mit Freddie Mercury kamen nach Freddies Tod für sie mit keinem anderen Sänger in Frage. Hingegen liess sie sich noch einmal von der Schweizer Hardrockband Gotthard zu einer Zusammenarbeit bewegen beim Song "One life one Soul". https://youtu.be/SoQiFPc5qgo
Ich glaube, dass Montserrat durchaus eine Wegbereiterin des Crossovers von Klassik und Rock ist und war. Nach ihr haben sich mehr klassische Musiker an ähnliche Projekte gewagt.
Einer, der heute sehr populär und zu recht berühmten ist, ist der Stargeiger David Garett.
Sowohl Montserrat als auch Freddie ging es nicht um die Stilistik, sondern um die Musik.
Sie besassen den Respekt vor dem anderen Genre und die Offenheit sich damit zu verbinden und ich glaube, dass dies gute Musik und gute Musiker auszeichnet und wir heute viel von dieser Offenheit, die die beiden hatten, mitnehmen und dann davon profitieren können. Qualitativ hochwertiger Crossover wie Freddie Mercury und Montserrat Caballe ihn musiziert haben, kann vielen Menschen, die klassische Musik als elitär empfinden einen Zugang dazu schaffen. Gerade im klassischen Bereich wäre es sehr wichtig vom elitären Denken wegzukommen und die Menschen aller Gesellschaftsschichten wieder anzusprechen und ihnen die klassische Musik zugänglich zu machen.
Musik spricht viele verschiedene Sprachen. Das wichtigste ist, diesen Sprachen zu zu hören und versuchen sie zu verstehen.
Es geht nicht um elitär oder nicht elitär, nicht um reich oder arm, nicht um gebildet oder nicht gebildet, nicht um schwarz oder weiss. Im Kern sollte es immer um Musik gehen.
Musik, die von Herz zu Herz geht.