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1. Kein Weiterschreiben. Anais und ihre Geschichte liegen unruhig in meinem Kopf, in meinen Armen, sogar, wenn man es dramatisch formulieren möchte, in meinem Hals, als ein Kratzen, das man, möchte man weniger dramatisch sein, als Halsweh bezeichnen könnte.
2. Ich mag Dramatik, weil sie das innere in Bewegung hält.
3. Heute Morgen unter der Dusche habe ich nachgedacht, dabei habe ich auch die weissen Kacheln beobachtet.
4. Mit dem Kind habe ich gestritten, dabei habe ich einen Schuh, den das Kind nicht an seinem Fuss haben wollte, ich aber dem Kind an den Fuss tun wollte, weil das Kind auf den Spielplatz wollte, ich aber nicht unbedingt auf den Spielplatz wollte, in den Flur geworfen. Das war eine natürliche Reaktion auf diese für mich absurde Situation. Das Kind hingegen empfand diese Absurdität nicht, weil es auf den Spielplatz wollte, ohne Schuh.
5. Man muss sich das folgendermassen vorstellen:
Beim Anziehen des Schuhs macht man ein Ablenkungsmanöver in Form von Tiergeräuschen oder dem Zeigen auf eine Krähe, die vor dem Fenster sitzt oder in dem man ein Bilderbuch vor das Kind legt und sagt: Schau mal der Bär hat einen roten Hut. Und während das Kind dann abgelenkt ist, zieht man dem Kind so schnell wie möglich und unauffällig wie möglich einen Schuh an, dann ganz rasch auch noch den anderen. Wenn das Kind einen aber bei dieser Tätigkeit entdeckt, dann macht es mit seinem Fuss eine sogenannte «Brücke», die einem das Anziehen des Schuhs verunmöglicht.
(Bei diesem ganzen komplizierten Verfahren, hat man im Hinterkopf immer den Satz: Aber ich wollte doch gar nicht auf den Spielplatz.)
6. Danach habe ich dem Kind eine Zweitwohnung in unser Wohnzimmer gebaut. Eigentlich hätte ich mir selbst auch gerne eine Zweitwohnung gebaut, aber ich bin zu gross und ich habe ein Büro.
7. Es gibt kein Weiterschreiben, es gibt nur die kalten Finger vom Warten auf Antwort. Es gibt Nachrichten, die kommen sollten, die nicht kommen. Es gibt das Laufen im Nieselregen, wartend, und es gibt die Erinnerung an das Schreiben auf einer Reise durch den Balkan.
8. Anais wartet mit mir. Manchmal frage ich mich, was Anais gerade tut, dann merke ich, dass ich mich nur fragen kann, was Anais tun würde, dann denke ich was sie tun würde und schreibe weiter an der Geschichte.
9. Vielleicht würde Anais sagen:
Mutter sagt: Das Schreiben ist etwas ganz kompliziertes und deswegen ist das Schreiben so schön. Denn, wenn man schreibt muss man nicht direkt über sich selbst nachdenken, aber weil man ja nur von sich selbst aus denken kann, denkt man auch während des Nachdenkens über eine Figur oder Geschichte gezwungenermassen über sich selber nach, aber eben auf eine indirekte und daher unbewusstere und daher angenehmere Art und Weise.
10. Vielleicht würde sie aber auch sagen:
Ich habe heute auf der Strasse ein Bügelbrett gesehen, auf den Bezug des Bügelbretts waren Häuschen und Wolken gedruckt, da habe ich mich gefragt, wer sich das wohl ausgedacht hat und wieso, und ob derjenige sich noch mit anderen darüber ausgetauscht hat, ob die Häuschen und Wolken da hinpassen und warum.
11. Ich warte und sehe dabei aus dem Fenster blickend, Häuser und Wolken, einen nassen Hund, der bellt, einen Mann, der den Kiesplatz in Ordnung bringt, dabei mit seinem Schnurrbart zuckt.
12. Während ich nicht schreibe, arbeite ich am Literaturdienst.