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Im Archiv von Yad Vashem gibt es eine Blackbox. Sie ist nicht gross, aber beeindruckend… und sie birgt ein Geheimnis, ganz so, wie es bei solchen Blackboxen üblich ist, die ja dazu da sind, grössere Katastrophen zu aufzuklären.
Von Riki Bodenheimer
Beim Öffnen der Schachtel kommen Dutzende von zusammengefalteten, dicht aufeinander gestapelten Briefen zum Vorschein, abgesandt aus den verschiedensten Orten, Postkarten, eng beschriebene Blätter mit oder ohne Umschlag, handschriftlich oder mit Schreibmaschine, lang oder kurz. Zwei Kennzeichen jedoch haben sie alle gemeinsam: die Adresse ihrer Empfängerin − Dytkob 3, Kopenhagen, Dänemark − und den ersten Satz: »Meine liebe Frau Pels«.
Wer ist diese Frau Pels? Warum die vielen Briefe? Wer waren ihre Verfasser und weshalb wurden sie gesandt?
Dytkob 3, Kopenhagen, Dänemark
Das war die Adresse eines jüdischen Seniorenheims namens Joseph Fraenkels Elderly Home, dessen Bewohner während des Zweiten Weltkriegs vor allem jüdische Flüchtlinge aus Hamburg waren. Zu ihnen gehörte auch das Ehepaar Pels, Cecilia und Ludwig Eliezer.
Ludwig Pels und Cecilia, die Tochter von Simon Cohen, heirateten in Hamburg. Sie unterhielten einen Weinhandel und waren sehr aktiv ins Gemeindeleben verwickelt. Ludwig fungierte ehrenamtlich als Vorsitzender der örtlichen Chevra Kedischa, der Beerdigungsgesellschaft, Cecilia war Hausfrau und widmete ihre Zeit dem Sammeln von Spenden für Bedürftige. Das Ehepaar hatte drei Töchter, von denen jede eine andere Richtung einschlug: Martha fuhr nach Kopenhagen, um den aus Hamburg stammenden Lipman Eliezer Kurzweil zu heiraten, der dort als Lehrer arbeitete, Lisette wanderte nach Palästina aus und gründete dort ihr Heim. Irma, die dritte Tochter, schickten die Eltern vor der eigenen Flucht nach London.
Nach der Kristallnacht im November 1938 verloren die Pels einen Grossteil ihres Besitzes, und 1940, als sich die Lage der Juden verschlechterte, beschlossen sie, nach Dänemark zu fliehen und sich dort der Familie ihrer Tochter, den Kurzweils anzuschliessen. Somit verlor das Ehepaar in den sechziger Jahren seines Lebens Identität und Zugehörigkeit, Muttersprache und gesellschaftliches Umfeld sowie seine Angehörigen und Freunde. Die beiden wurden zu Flüchtlingen in einer fremden Stadt, abhängig von ihren Verwandten.
Cecilia suchte eine Tätigkeit und schloss sich der Frauenorganisationen Syklubben an, deren Mitglieder, zumeist in ihrem Alter und ebenso Flüchtlinge wie sie, sich mit verschiedenen Handarbeiten beschäftigten. Diese verkauften sie einmal jährlich auf einem grossen Basar, dessen Einnahmen dem Komitee der Jerusalemer Talmudhochschulen gespendet wurden.
Die Verbindung zur Vergangenheit wurde durch Briefe aufrechterhalten, die das Ehepaar Pels von seinen in Hamburg verbliebenen Angehörigen erhielt, Briefe, die von grosser Not berichteten, von Mangel und Verzweiflung, und um Hilfe flehten, vor allem in Form von Lebensmitteln und Medikamenten.
Cecilia Pels blieb diesen Bitten gegenüber nicht gleichgültig und begann, so viele Pakete zu schicken, wie ihr möglich war, zunächst natürlich an ihre eigenen Hamburger Verwandten.
Die Dankschreiben, die sie bekam, enthielten jedoch immer weitere Bitten um Hilfe, für andere Menschen, die sich ebenfalls in schwerer Not befanden. Bei einem Teil davon handelte es sich um Bekannte, andere waren Fremde, und der Bedarf war, wie sich erweisen sollte, unendlich viel grösser, als ursprünglich angenommen. Immer mehr Menschen brauchten immer mehr Pakete. Im Lauf der Zeit enthielten die Schreiben auch Mitteilungen über neue Adressen, Umzüge, Menschen, die deportiert wurden, Todesfälle von gemeinsamen Bekannten sowie Schilderungen der aktuellen Umstände − sofern die Zensur dies zuliess[1]. Das Zusammenleben mit Schicksalsgenossen im Seniorenheim ermöglichte Cecilia und ihren Freundinnen, über das persönliche Elend hinaus auch das Leid und die Bedürfnisse anderer zu sehen. Sie beschlossen, aus ihrer kleinen Nische heraus aktiv zu werden.
Cecilia verstand, dass mehr gebraucht wurde, als sie selbst zu geben vermochte, um der Flut der Anfragen gerecht zu werden. Durch die Gründung des Wohltätigkeitsvereis »Kesher shel Chessed« erweiterte sie ihren Wirkungskreis. Zunächst wurden die Frauen aus dem Seniorenheim mobilisiert, später kamen angesichts der Dimensionen des Leids weitere Juden und Nichtjuden hinzu, die bereit waren, unter ihrem Namen Pakete verschicken zu lassen. Das erforderte ebenso komplizierte wie vorsichtige Verfahrensweisen, da die Menschen volontierten, sich als Verwandte ihnen fremder Personen auszugeben und man davon ausgehen musste, dass das irgendwann Verdacht erwecken könne. Der Versand der Pakete wurde zu einem Gemeinschaftsprojekt, das die Bewohner des Seniorenheims in der Dyrkob 3 unter Leitung von Frau Pels mit grosser Liebe und Bereitschaft auf sich nahmen.
Es umfasste sowohl aktive Helfer als auch stille Mitwisser, in anderen Worten: die Aktivitäten der Gruppe beschränkten sich nicht nur auf das Seniorenheim und die örtliche jüdische Gemeinde, sondern waren vielen Kopenhagenern bekannt.
So teilt z.B. Frau Grete Belzon aus Kopenhagen Cecilia Pels in einem Schreiben mit, sie habe Genehmigung erhalten, Pakete an Jenny Kaufmann und Berta Baruch in Hamburg zu schicken. Daraus geht deutlich hervor, dass auch Menschen ausserhalb des Seniorenheims vom Wirken der Frauengruppe wussten und sogar daran beteiligt waren[2]. Weiter merkt Grete Belzon an, sie dürfe aufgrund dieser Genehmigung Nahrungsmittelpakete mit einem Gewicht von 5 kg schicken, einschliesslich Rindfleisch, Schweinefleisch, Käse- und Wurstwaren.
Die finanzielle Last ging weit über die Möglichkeiten der Flüchtlingsfamilien hinaus. Man beschloss daher, den Versand der Pakete mit den Erträgen des Handarbeiten-Basars zu finanzieren, anstatt wie bisher Jerusalemer Talmudhochschulen zu unterstützen. Hinzu kam, dass diese grossangelegte Hilfsaktion das deutsche Verbot umging, nur Pakete an Verwandte ersten Grades zu schicken. Ein ähnliches Gesetz war aufgrund der Nahrungsmittelknappheit auch von den dänischen Behörden erlassen worden. Nun befürchtete der Vorstand der jüdischen Gemeinde, die Aktivitäten der Gruppe könnten den Zorn der Obrigkeiten erwecken und erhob dagegen Einspruch. Die Frauen jedoch blieben bei Ihrem und suchten hartnäckig nach immer neuen Wegen, die Verbote zu umgehen und ihre Hilfsaktion fortzusetzen.
Schliesslich war es die Pels-Tochter Martha selbst, die Laufereien, Organisation, Rekrutierung von Helfern und den Versand der Pakete übernahm. Als langjährige Kopenhagenerin besass sie natürlich einen grösseren Bekanntenkreis, kannte die Stadt gut und beherrschte die Landessprache. Um keinen Verdacht zu erregen, achtete sie sorgfältig darauf, die Pakete von verschiedenen Postfilialen abzuschicken und rekrutierte zu diesem Zweck auch ihre Kinder, Cecilias Enkel, die mit dem Fahrrad durch die Stadt fuhren, um sie aufzugeben.
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Zweifellos erweckte diese emsige Betriebsamkeit gewisse Aufmerksamkeit und das wiederholte Muster des Versands der Pakete konnte trotz aller Vorsichtsmassnahmen kaum unbeachtet bleiben. Tatsächlich aber bewahrten auch diejenigen das Schweigen, die etwas ahnten oder wussten, so dass das Hilfsunternehmen de facto bis zum Kriegsende funktionierte.
Im Lauf der Wochen und Monate werden immer mehr Paketempfänger in ihr Schicksal in den verschiedenen Todeslagern verschickt. Ihre Briefe berichten von Deportationsverfügungen[3]. Das letzte Schreiben von Regina van Son, einer Jugendfreundin Cecilias, die eine Weile lang von ihr Pakete bekommen hatte, ist vom 12.7.1942. Darin erzählt sie von der Deportation anderer sowie, dass auch sie selbst in drei Tagen abreisen müsse.
Ein Teil der Paketempfänger kennt die Menschen nicht, die als ihre angeblichen Verwandten und Absender vermerkt sind, und schickt seine Antwortschreiben daher ganz allgemein an die jüdische Organisation oder denjenigen, dessen Adresse auf dem Paket steht. So schreibt zum Beispiel Aaron Schlomowitz aus Ohlendorf-Andrzejow Kreis Litzmanstadt (Lodz): »Bitte leiten Sie meinen Brief an das Frenkiel Home weiter, da ich nicht weiss, wem ich schreiben soll[4]«.
Arnold Cohn[5], ebenfalls ein Flüchtling in Kopenhagen, schickt Cecilia einen Brief mit der Bitte, doch ein weiteres Paket an Frau Sperber zu senden. Dabei nennt er allerdings weder eine Adresse noch andere genauere Details. Er weiss, dass die Frauen ihre Listen haben und wissen, wohin die Pakete gehen müssen. Und tatsächlich enthält die Blackbox mit den Briefen auch Listen und Karteikarten, auf denen Cecilia Pels vermerkt, an wen ein Paket geschickt wird, wann es abgesandt wurde und wer als Verwandter registriert ist − all das, um gesetzlich abgesichert zu sein und den Versand möglichst vieler Pakete an möglichst viele Menschen zu ermöglichen.
Im Oktober 1943 wird das Ehepaar Pels gemeinsam mit den Angehörigen der jüdischen Gemeinde Kopenhagens und seiner gesamten Familie nach Schweden gebracht. Dennoch enthält die Sammlung auch Briefe späteren Datums und auch darin Empfangsbestätigungen von Paketen − abgesandt von dänischen Nichtjuden, die das Unternehmen auch nach der Flucht seiner Organisatorinnen aufrechterhielten[6]. Das letzte Schreiben von Susi Weigert, einer der Empfängerinnen, bestätigt den Erhalt eines solchen Pakets am 1.5.1944, also sieben Monate, nachdem die dänischen Juden nach Schweden geflohen waren. Sein Absender, A. Warming, ist einer jener Dänen, die auf der Liste von Frau Pels stehen und die Aktion weiter fortsetzten.
Übersetzung Rachel Grünberger-Elbaz.
[1] Briefe von Katie Goldstein, O.27/36
[2] O.27/100
[3] Regina van Son wurde am 15.7.1942 nach Theresienstadt deportiert und starb dort im Dezember desselben Jahres. O. 27/44
[4] O. 27/47
[5] O. 27/91
[6] O. 27/92