Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03630.jsonl.gz/1954

Trotzdem war ich einigermaßen überrascht: Nämlich dass meine Schulzeit (die in die 70er des letzten Jahrhunderts fiel, zumindest der Großteil: Meine Schulkarriere war nicht repräsentativ und höchst irregulär) keineswegs fortschrittlicher war, dass die Erziehungsmethoden am Beginn des 20. Jahrhunderts – zumindest dann, wenn ein menschlich einigermaßen wohlgeratener Pädagoge waltete – oftmals gar humaner waren und dem Wesen der Kinder sehr viel eher gerecht werdend. Geprügelt wurde – das war fast selbstverständlich (auch in meiner Zeit), aber auch darüber nachgedacht, wie man den “fächerübergreifenden” Unterricht gestalten könne und ob es wirklich sinnvoll sei, vieles, beinahe alles auswendig lernen zu lassen.
Das Deprimierende an vielen dieser Erinnerungen: Wenn die Prügelmethoden von den nun Erwachsenen retrospektiv gutgeheißen wurden, wenn man – kraft späterer Einsicht – behauptete, dass dies ja notwendig gewesen wäre und man gerade dadurch doch viel gelernt habe. Und es im Grunde ja nicht geschadet habe (wobei ein solcher Satz schon auf den nicht unbeträchtlichen Schaden des Betreffenden hinweist). Neben diese pädagogischen Abstrusitäten treten die didaktischen: Das Buch unterteilt die Lehrerfahrungen einzelner Fächer in Kapitel – und so kann man feststellen, dass etwa in der Mathematik sich über 70 Jahre so gut wie nichts geändert hat. Ist da niemals irgendjemandem aufgefallen, dass die Methode des bloßen Auswendig-Memorierens wie bei den Balladen von Schiller, Goethe und Fontane völlig kontraproduktiv und auch sinnlos ist? Dass man Mathematik bestenfalls trotz des Unterrichtes begreifen konnte (weil man sich in stillen Stunden fragte, ob hinter mancher Regel nicht auch ein tieferer Sinn liege)? So nebenher – auch bei der Gedächtnisübung, die da die “Glocke” oder die “Bürgschaft” in grausam leiernder Weise wiedergeben lässt, dürfte der negative Aspekt den positiven (Gehirntraining) beiweitem überwiegen: Nach dieser Tortur wussten die meisten, dass von Klassikern nichts Gutes zu erwarten sei.
Ich habe dieses Buch gerne, aber auch mit einigem Unbehagen gelesen: Zuviele schlechte Erinnerungen suchten mich heim, Erinnerungen an eine Pädagogik, die in ihrer abgrundtiefen Dummheit ungeheuerlich anmutet. Ausgerissene Haare für “falsch” gezeichnetes Wasser (sic), 500 Mal die Kurzbiographie von Franz Liszt schreiben (müssen), Spott und Hohn beim Turnunterricht (das einzige, wovon ich verschont blieb, wie demütigend das gewesen sein muss, wurde mir erst sehr viel später klar) usf. Und nie Verständnis zu erwecken versuchen für das Vermittelte, Physik und Chemie wird gepaukt wie die Ausnahmen lateinischer Konjugationen. Die Nazi-Erziehung war in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sie war kaum schlechter als das zuvor oder danach – und sie wurde auch von den meisten hier Befragten als nicht unbedingt negativ angesehen. “Der war streng, da haben wir was gelernt.” Was – würde ich diese Leute gerne fragen, was denn da so erfolgreich gelernt wurde und warum diese Inhalte auch jetzt noch von Bedeutung wären? Was ist toll an einem Turnunterricht, in dem man exerzierte (ich musste noch als 6jähriger links-zwo-drei durch den Turnsaal marschieren)? Der einzige Lichtblick: Es ist anders, besser geworden, mein Sohn geht gerne in die Schule und betrachtet seinen Klassenlehrer nicht als unnahbare Autorität. Aber gerade in den Gymnasien ist noch viel Luft nach oben, was die Didaktik anlangt (oder die Lehrpläne, die Unsinniges fordern). Es wäre zu wünschen, dass dieses Buch irgendwann einmal nur noch Geschichte ist. Hoffentlich bald.
Walter Kempowski: Immer so durchgemogelt. Erinnerungen an unsere Schulzeit. Frankfurt a. M.: Fischer 1973.