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Krämpfe lähmen ihren Körper, dabei scheint sie zu lächeln: Eine bettlägrige Italienerin mit diesen auffälligen Symptomen wird in Mailand behandelt. Worunter leidet die Patientin? Die Antwort finden die Ärzte zu spät.
Die 77-jährige Frau wird mit Fieber in der Universitätsklinik im italienischen Mailand aufgenommen. Sie ist stark dement, leidet im fortgeschrittenen Stadium unter Alzheimer, ausserdem ist sie Typ-2-Diabetikerin. Zu Hause wird sie von einem Krankenpfleger versorgt, bereits seit zwei Monaten hat sie das Bett nicht mehr verlassen können.
Nun leidet die bettlägrige Patientin am Steissbein unter einer offenen, entzündeten Hautstelle, ein sogenanntes Druckulkus, auch Dekubitus genannt. Der ständige Druck auf der Haut gefährdet die Blutversorgung, die mangelnde Bewegung beim ständigen Liegen und die schwer zu pflegende Stelle am unteren Rücken verschärfen das Problem. Bei offenen Geschwüren wie bei dieser Patientin drohen Infektionen, weil die Haut als schützende Barriere wegfällt.
Bereits vor der Aufnahme in die Klinik hatten Ärzte totes Gewebe vom Geschwür abgetragen und die Frau mit Antibiotika behandelt, weil sie im Gewebe das Bakterium Enterococcus faecalis gefunden hatten, berichten der Mediziner Federico Verde und seine Kollegen im Fachmagazin «The Lancet».
Jetzt untersuchen die Mediziner auf der Suche nach dem Auslöser des Fiebers die Lunge per Röntgengerät. In der linken Lungenhälfte sehen sie eine Trübung auf der Aufnahme, sie passt zum Beispiel zu einer Lungenentzündung. Rasch setzen die Ärzte Antibiotika an, die die häufigsten auslösenden Bakterien bekämpfen sollen.
Doch eine Woche nach der Aufnahme entwickelt die Patientin Symptome, die nicht mehr zu ihrer Lungenentzündung passen: Immer wieder versteift sich ihr ganzer Körper krampfartig, sie formt ein Hohlkreuz, winkelt ihre Arme an und streckt die Beine durch. Sie kann den Mund nicht mehr öffnen, ihr Gesicht ist zu einer Grimasse verzerrt, so dass sie aussieht, als lachte sie.
Diese Krämpfe treten bei Störungen auf, wenn etwa ein Geräusch, eine Berührung oder auch nur ein Lichteinfall die Patientin irritieren. Medikamente, die diese Symptom erklären würden, bekommt die Frau zu diesem Zeitpunkt nicht, die Ärzte befürchten eine Hirnhautentzündung. In einer Computertomografie machen die Mediziner sich auf die Suche nach der vermeintlichen Meningitis oder anderen Auslösern für die Beschwerden. Doch die CT zeigt keine Schäden. Und eine Untersuchung des Liquors, der das Gehirn umgebenden Flüssigkeit, sowie des Blutes bringt ebenfalls keine Lösung.
Schliesslich gelangen die italienischen Ärzte zu dem Schluss, dass die Frau an einer eher seltenen Krankheit leidet, die Dank Schutzimpfungen in Deutschland und der Schweiz kaum ausbricht: Ihre Patientin hat Tetanus. Die verursachenden Clostridium-tetani-Bakterien haben Dank des Geschwürs am Steiss eine Eintrittspforte in den Körper gefunden. Und der Sohn der Patientin berichtet, dass die Frau seit 30 Jahren keine Auffrischimpfung mehr erhalten hat.
Ein Tetanus-Schutz wird bereits ab dem Säuglingsalter empfohlen – zudem sollte die Impfung regelmässig aufgefrischt werden. Die Krämpfe, die unbehandelt meist tödlich sind, löst ein von den Bakterien hergestelltes Gift aus, das Tetanustoxin. Die Kombination aus Muskelsteifheit, Kieferklemme und dem sogenannten Teufelslächeln ist typisch für Tetanus. Die italienische Patientin gehört gleich zwei Risikogruppen an: Ältere Patienten haben häufig keinen ausreichenden Impfschutz mehr und Diabetiker sind gefährdeter als andere Menschen. Eine gezielte Behandlung gibt es nicht, Ärzte versuchen mit verschiedenen Mitteln, die Krankheit zu bekämpfen.
In der Hoffnung, die Symptome zu lindern, behandeln die Mediziner die Patientin mit Antikörpern gegen das Tetanusgift, Antibiotika, und Beruhigungsmitteln, um die Krämpfe zu vermeiden. Die Wunde am Steissbein müssen Chirurgen noch mehrfach abtragen. Nach einer Woche treten die Krämpfe seltener auf. Doch trotz des zunächst positiven Verlaufs können die Ärzte ihre Patientin nicht retten: Enterococcus- und weitere Bakterien in der Blutbahn überschwemmen den Körper, es kommt zur sogenannten Sepsis. Die Frau stirbt.
Die Ärzte schreiben in ihrem Fallbericht, dass verschiedene Faktoren die richtige Diagnose bei ihrer Patientin erschwerten: Sie war bereits verwirrt, was sowohl an ihrer Demenz als auch an der Lungenentzündung lag. Deshalb hatten die Mediziner zuerst auf die Hirnhautentzündung getippt. Und die Muskelsteife hätten sie als Zeichen der fortschreitenden Demenz deuten können. Erst die eindeutige Muskelspannung und die typische Auslösbarkeit durch Reize wie Töne oder Berührung führten auf die richtige Spur.