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Fast jeder und jede hat schon von The Velvet Underground gehört. Doch nur die wenigsten können sich an einzelne Songtitel der Rock-Avantgardisten erinnern. Was wohl zwei Dingen geschuldet ist: Erstens landeten sie nie einen Charts-Hit. Und zweitens besitzen viele ihrer Songs eine hypnotische Qualität, die einen Einzelheiten vergessen lässt.
Was bleibt, ist die Erinnerung an eine wilde Truppe, die gerne experimentierte: mit Drogen genauso wie mit Soundstilen. Angeführt von Lou Reed, einem musikalischen Genie mit dem Temperament eines Dreijährigen, wie Bandmitglied John Cale im Film «The Velvet Underground» treffend formuliert.
Erste Doku von Todd Haynes
«The Velvet Underground» ist die erste Doku von Todd Haynes, dem Oscar-nominierten Regisseur von Kritikerlieblingen wie «Far From Heaven» (2002) und «Carol» (2015). Wer Haynes’ Musik-Drama «Velvet Goldmine» (1998) gesehen hat, ahnt: Das Sujet seines Debüts ist alles andere als zufällig.
Auf dem roten Teppich von Cannes sagte der 60-Jährige hierzu: «Bereits im College hörte ich Punk, Glam Rock und New Wave, bevor ich The Velvet Underground für mich entdeckte. Da merkte ich, dass all die Musik, die ich mochte, ihre Wurzeln in dieser einen Band hatte.»
Möglich wurde die von Apple TV produzierte Doku allerdings nur durch die Freigabe diverser Bildquellen des Andy-Warhol-Archivs. Der berühmte Pop-Art-Künstler galt in den ersten Jahren der 1964 gegründeten Band als deren grösster Fan und Förderer.
Von Warhol protegiert und visualisiert
Damals drehten in New York viele Avantgardisten im Umfeld der Band Filme, wie Todd Haynes an der Pressekonferenz erläuterte: «Es handelte sich um ein sehr fluides Netzwerk von Künstlern. Sie unterstützten sich gegenseitig bei ihren Projekten und nahmen gemeinsam an Events teil.»
«The Velvet Underground» profitiert enorm von diesen Bildern. Diese halfen Haynes dabei, das Tappen in eine der häufigsten Fallen zu vermeiden: Viele Dokumentarfilme stellen bloss eine Aneinanderreihung von Zeitzeugen-Aussagen dar.
Dessen war sich Todd Haynes stets bewusst, wie seine öffentliche Selbstbefragung in Cannes vor Filmkritikern aus aller Welt beweist: «Was ist das Visuelle dieser Musik? Und wie lässt sich eine Verbindung herstellen zwischen dem, was man beim Hören fühlt und dem, was auf der Leinwand zu sehen ist?»
Deutsche Frontfrau
Apropos Visualisierung: Protegé Andy Warhol entwarf für die Band das berühmte Bananen-Cover, knüpfte sein Engagement allerdings an eine Forderung: die Integrierung des Kölner Fotomodels Nico als Frontfrau. Obwohl diese zu Beginn kaum richtig singen konnte.
Die ultimative Belastungsprobe für eine innerlich sowieso schon gespaltene Musiktruppe, die ihren eigenen Sound gerne mit dem eines «B52-Bombers in deinem Wohnzimmer» verglich. Eine von vielen unterhaltsamen Geschichten, die «The Velvet Underground» von Todd Haynes zu einer prickelnden Herausforderung für Auge und Ohr machen.