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Materialiensammlungen, Zettelkästen und Ähnliches kennen wir von so manchem Autor. Arno Schmidt und Jean Paul, um nur die zwei bekanntesten deutschen zu nennen. Auch einigermassen sinnlose Listen und Aufzählungen haben es in die Weltliteratur geschafft – man lese z.B. das Kopfkissenbuch der Sei Shōnagon. Mit all diesem ist Gustave Flauberts Sottisier verwandt. (Während, wenn ich den Herausgeber richtig verstehe, das im herausgeberischen Vorwort gelieferte Exzerpt aus Hermann Burgers Blankenburg, wo Burger die Kapitelüberschriften eines Werks des deutschen Arztes Hufeland anführt, als Beispiel des unermüdet-rasenden, aber sinnentfremdeten Lesens des Protagonisten gibt, als Hommage des Schweizers an den Franzosen zu sehen ist.)
Aber Flauberts Sottisier ist etwas ganz anderes als reine Materialiensammlung. Zuerst mag es tatsächlich eine solche zu Bouvard und Pécuchet gewesen sein, doch je mehr sich der letzte Roman Flauberts als unvollendbar entpuppte, desto mehr änderte auch das Sottisier seinen Charakter. Die beiden Schreiber, die zum Schluss des Romans ob all des Wissens, das in schriftlicher Form vorhanden ist, kapitulieren, beschliessen, dieses schriftlich vorhandene Wissen nicht mehr zu assimilieren, sondern es zu verdoppeln, indem sie es kopieren. Und so wird aus dem Sottisier mit seinen Auflistungen, Zitaten und Exzerpten unvermerkt der zweite Teil des Romans Bouvard und Pécuchet.
Die Ordnung dieser Notizen, wie wir sie in vorliegender Ausgabe vorfinden, stammt dabei nur teilweise von Flaubert selber. Einiges haben seine Nachlassverwalter strukturiert, zuerst seine Nichte, dann vor allem Guy de Maupassant. Der jüngere Berufskollege hat dabei versucht, der Notizensammlung eine ähnliche Struktur zu geben, wie sie der Roman hat, wo ja in jedem Kapitel die beiden Antihelden zwei oder drei menschliche Wissensgebiete angehen. Die meisten Zitate und Exzerpte stammen dabei aus Werken, die rund ein halbes Jahrhundert vor der Abfassung von Bouvard und Pécuchet veröffentlicht wurden – was in etwa der Handlungszeit des Romans entspricht. Bouvard und Pécuchet rezipieren also die zu ihrer Zeit aktuelle Wissenschaft. (Das ist auch ein Hinweis darauf, dass das Sottisier tatsächlich die ursprüngliche Aufgabe einer Materialiensammlung zum Roman hatte. Die eine oder andere rapportierte Anekdote finden wir denn auch als Tat oder als Meinung unserer Helden im Roman wieder.) Überdurchschnittlich viele Auszüge stammen aus Schriften katholischer Patres, die – mehr oder weniger gelungen – versuchten, das offizielle katholische Weltbild in Übereinstimmung zu bringen mit den aktuellen (natur-)wissenschaftlichen Erkenntnissen. (Und, wo das nicht gelang, die wissenschaftlichen Erkenntnisse verwarfen.)
Dass so aus heutiger Sicht (aber auch schon aus der Sicht von Flauberts Zeitalter, von Flaubert selber) einiger Unsinn (‘des sottises’, wie die Franzosen sagen) verzapft und von Flaubert festgehalten wurde, versteht sich von selbst. So wird aus der Materialiensammlung ein Katalog menschlicher Dummheit, eine Universalenzyklopädie für Misanthropen.
(Alleine schon der Umfang des Sottisier hat – so der Herausgeber und Übersetzer Hans-Horst Henschen – nicht nur den ersten Herausgeber Maupassant zur Verzweiflung gebracht. Auch spätere Interpreten/Biografen Flauberts sind daran gescheitert und haben es meist vorgezogen, gar nicht oder nur andeutungsweise davon zu sprechen – ob nun Walter Benjamin oder Jean-Paul Sartre.)
Man kann das Sottisier von vorne nach hinten durchlesen, wie ich es gemacht habe, und man wird sich dabei immer wieder amüsieren. Ich empfehle es nicht, denn eigentlich sollte man es tatsächlich wie ein Lexikon benutzen: immer wieder einmal einen Artikel oder ein Exzerpt nachschlagen und lesen.
Gustave Flaubert: Universalenzyklopädie der menschlichen Dummheit. Ein Sottisier. Herausgegeben, aus dem Französischen übersetzt und annotiert von Hans-Horst Henschen. Göttingen: Wallstein, 2017.