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Kommt ein Baby zur Welt, ist die Frage immer dieselbe: «Ist es ein Junge oder ein Mädchen?» Hierbei kommt implizit die binäre Geschlechterordnung unserer Gesellschaft zum Vorschein. Später sind die Eltern dann schockiert, wenn sich das Kind als schwul, lesbisch, trans* oder queer outet. Ist es im Jahr 2019 tatsächlich noch unumgänglich, den Eltern mit zitternden Knien erklären zu müssen, dass man beispielsweise bisexuell ist? Oder mit Unverständnis konfrontiert zu werden, wenn man sich als Frau wie ein Mann fühlt oder sich gar nicht mit einem der beiden vorgegebenen Geschlechter identifiziert? Solange dies noch nicht der Norm entspricht, ist es das leider, sind sich Andreas und Sonia, zwei Mitglieder von «UniGay», dem LGBTQ+-Verein der HSG, einig. Dagegen, meint Sonia, passiere es wohl nie, dass jemand den Eltern offenbart, er oder sie sei übrigens hetero. Wohl nicht zuletzt deshalb war es für beide ein langer Prozess bis sie bereit waren, sich zuerst bei sich selbst, dann bei den Eltern und Freunden und zuletzt gegenüber der Welt zu outen und dies als Teil ihrer Identität zu akzeptieren.
«Meine sexuelle Orientierung ist einfach ein Teil meiner Identität»
Als Sonia zum ersten Mal merkte, dass sie sich zu einer Frau hingezogen fühlte, habe sie im ersten Moment ihre ganze Identität in Frage gestellt. Bei Andreas war es ebenfalls erst nach einem sehr langen Prozess der Unsicherheit, dass er seiner Familie beim Coming-out klar kommunizierte, er sei nach wie vor die gleiche Person wie zuvor. Gemäss der «7 steps therory», welche die Forscherin Vivienne C. Cass 1984 in einer Publikation im «Journal of Sex Research» unter die Lupe nahm, ist die danach kommende Phase in diesem Prozess die «Identity Pride». Hat man seine sexuelle Orientierung erst einmal selber akzeptiert, möchte man plötzlich der ganzen Welt mitteilen, dass man beispielsweise lesbisch ist und definiert sich fast ausschliesslich nur noch darüber. Im Laufe der Zeit normalisiere sich dies jedoch wieder und werde einfach ein Teil der eigenen Identität.
Dementsprechend erzählt auch Sonia, in der Retrospektive gemerkt zu haben, dass diese kurzzeitige Identitätskrise gar nicht nötig gewesen wäre. Vielen fehle in dieser Schlüsselsituation jedoch eine Bezugsperson, mit welcher sie offen darüber sprechen können. Andreas fand Unterstützung bei der peer-to-peer-Beratungsplattform «du-bist-du» in Zürich. Dort konnte er sich mit Gleichaltrigen über dieses für ihn schwierige Thema austauschen. «Dadurch habe ich gemerkt, dass jemand, der schwul ist, auch eine ganz ‹normale› Person ist. Diese Erkenntnis half mir, mich selber besser damit identifizieren zu können und zwei Wochen später bei meiner Familie zu outen.» Dank diesem Treffen habe er bereits eine gewisse Selbstsicherheit entwickeln können – etwas, was ihm zuvor, als er selber noch Mühe hatte, diesen nicht der Norm entsprechenden Teil seiner Identität zu akzeptieren, gefehlt hatte.
Kein Starter-Package zum Coming-out
Sich im Verein «UniGay» mit anderen Menschen der LGBTQ+-Community zusammenzutun, habe Sonia extrem geholfen, offener mit dem ganzen Thema umzugehen. Es sei wichtig, einen «Safe Space» zu haben, in dem die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität akzeptiert und gar nicht allzu gross zum Thema gemacht würden. Sie habe es genossen, sich einmal nicht bei allen einzeln outen zu müssen. Dieses Gefühl durch ein solches Umfeld übermittelt zu bekommen, hebt auch Andreas als sehr wichtig hervor. Es sei entscheidend, dass man Menschen hat, von denen man weiss, dass sie bereits dasselbe durchgemacht haben. So könne man von deren Erfahrungen extrem profitieren, schliesslich «kriegt man ja kein Starter-Package zum Coming-out in die Hand gedrückt». Eines der wichtigsten Ziele von Sonia, die nun im «UniGay»-Vorstand ist, beinhaltet auch, den Neumitgliedern und Interessierten genau dieses Gefühl geben zu können.
Genauso will auch Andreas eine Vorbildfunktion einnehmen. Sein Ziel für das nächste Jahr sei, eine inklusivere Atmosphäre an der HSG zu schaffen. Dies, indem man wie etwa im Pride Month Juni Vorträge organisiert, Regenbogenflaggen aufhängt und Gesprächsmöglichkeiten schafft. Die Uni müsse endlich ein Zeichen setzen, um besonders nach innen zu kommunizieren, dass ihr die Thematik wichtig ist. Wer sich im Alltag auf dem Campus bewegt, soll so merken, dass es an der HSG Platz für verschiedene Formen der Geschlechtsidentität und sexuellen Orientierung gibt.
«Menschen, die man sprachlich explizit inkludiert, fühlen sich auch explizit eingeschlossen»
Verbesserungspotential gebe es auch im Bereich der gendergerechten Sprache. Trotz dem, dass jemand noch so viel betont, mit der männlichen Form alle mitzumeinen, wirke sich dies dann doch auf das Bild im Kopf des Lesenden aus. Liest ein Mädchen beispielsweise von einem «Physiker», wird sie immer nur einen Mann vor ihrem inneren Auge haben – was zweifellos auch Auswirkungen auf ihre Vorstellungen der für sie verfügbaren Möglichkeiten hat. «Es ist deshalb wirklich wichtig, dass man die Gender-Vielfalt auch in der Sprache sichtbar macht und damit alle anspricht», betont Andreas, der auf eine baldige Anpassung des Sprachleitbildes der HSG hofft. Ein positives Beispiel sind aus seiner Sicht die Job-Inserate, bei denen «m / w / d» steht, wie bei vielen Grossunternehmen heutzutage üblich. Es würden sich hierbei nicht nur alle inkludiert fühlen, auch zeige das Unternehmen damit, dass es sensibilisiert ist.
Stereotypen – auch die Sensibilisiertesten haben sie
Andreas eigene Sensibilisierung sei nicht einfach daher gekommen, dass er Teil der LGBTQ+-Community ist. «Hätte ich die vielen Uni-Kurse zu diesem Thema nicht besucht, hätte ich keine Ahnung, was die Buchstaben in ‹LGBTQ› heissen und warum gendergerechte Sprache wichtig ist.» Sonia schiebt ein, dass man allerdings noch so sensibilisiert sein könne – der erste Gedanke kann dennoch ganz den Stereotypen entsprechen. Wenn sie einen Mann in der Community sehe, frage sie sich oft sofort, ob er einen Freund hat. Erst dann macht sie sich bewusst, dass er auch genauso gut eine Freundin haben könnte. «Oder er könnte gar kein Mann sein», fügt Andreas noch hinzu. «Wir haben alle unsere Stereotypen.»
Zerstörung des elterlichen Weltbildes
Auch die Eltern haben – ohne es vielleicht zu wollen – gewisse Vorstellungen, wie das Leben des Kindes ungefähr auszusehen hat. Dementsprechend reagieren sie teilweise auch geschockt auf die Coming-out-Mitteilung ihres Nachwuchses. Andreas sagt, er habe das Gefühl, mit seinem Outing das Weltbild seiner Eltern – der Sohn bringt irgendwann eine Freundin mit, heiratet, hat Kinder – zerstört zu haben. Am Anfang sei dies deshalb oftmals ein Schock und es brauche Zeit, diesen zu verdauen. Aber gerade das Thema der oftmals sehnlichst erwarteten Enkelkinder hat heutzutage nicht mehr unbedingt damit zu tun, welche sexuelle Orientierung man hat. Auch wenn man heterosexuell sei, heisse das noch lange nicht, dass man Kinder wolle, sagt Andreas. Sonia fügt hinzu, dass umgekehrt genauso gut auch LGBTQ+-Paare Kinder haben könnten.
Was man von der LGBTQ+ -Community lernen kann
Diese vertiefte Auseinandersetzung damit, wie man das eigene Leben gestalten möchte, findet Andreas besonders cool an der LGBTQ+-Community. Dadurch, dass diese Menschen von der Norm abweichen, seien sie gezwungen, alles neu mit sich selber auszuhandeln und ihre eigene Erwartungshaltung zu klären. Diese damit und mit dem Coming-out-Prozess einhergehende Selbstreflexion sei dementsprechend etwas, was sich auch heterosexuelle Menschen zum Vorbild nehmen könnten: Ein bewusstes In-Sich-Gehen.