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Eine zauberhafte Frau ging ihres Weges, als sie bemerkte, dass ein Mann ihr folgte. Sie wandte sich um und fragte den Fremden: „Sage, weshalb folgst du mir?“ Der Mann gab ihr zur Antwort: „Gebieterin meines Herzens, dein Liebreiz ist es, der mich dir folgen lässt. Man sagt, ich beherrsche das Spiel der Laute und die Gesetze der Dichtkunst, ich vermag in den Herzen der Frauen Liebesschmerzen zu erzeugen. Dir will ich meine Liebe schenken, denn mein Herz ist für dich entbrannt.“ Die schöne Frau betrachtete den jungen Mann eine Weile, dann sagte sie: „Wie kannst du dich in mich verlieben? Meine Schwester, die jünger ist als ich, ist viel schöner und viel liebreizender. Sie kommt hinter mir, schau sie dir an.“ Der Mann blieb stehen. Nach kurzer Zeit wandte er sich zurück, doch was sah er? Nur eine hässliche alte Frau in einem geflickten Umhang. Schnell setzte er seinen Weg fort, um die junge Frau einzuholen. Mit gesenktem Blick und demutsvoller Stimme fragte er: „Sage mir, wie konnte diese Lüge über deine Lippen kommen?“ Die junge Frau lächelte, als sie sagte: „Du hast mir, mein Freund, auch nicht die Wahrheit gesagt, als du mir deine Liebe schworst. Wie kannst du, der alle Regeln der Liebe beherrscht und der vorgibt, dass sein Herz in Liebe für mich entbrannt ist, dich nach einer anderen umsehen?“
Die Liebe ist ein so weitreichender Begriff, dass die Inder in ihrer vergeistigten Sprache, dem Sanskrit, mehr als zwanzig verschiedene Ausdrücke dafür verwendeten. Im Deutschen müssen wir dies umschreiben mit Freundes-, Eltern-, Vaterlandsliebe usw. Im Platonismus (das sind Philosophie- strömungen, die sich auf Platon beziehen) wird von vier Arten der Liebe gesprochen: Agape (bedingungslose Liebe / Nächstenliebe), Philia (Freundschaftsliebe), Eros (Sehnsucht / Suche auf verschiedenen Stufen) und Stoika (Interessenliebe oder Liebe zu einem Hobby).
Was ist der Eros? Im naturphilosophischen Aspekt jene Kraft, die zusammenführt, die verbindet, vereint, die Sehnsucht nach und der Wille zur Einheit. Das Zueinander-Hinstreben, die Anziehungskraft. Jene Kraft, die bewirkt, dass die Blumen zum Licht wachsen, die Planeten um die Sonne kreisen, Magnetismus, Schwerkraft usw. Im höchsten Sinne die Sehnsucht des Menschen nach Vereinigung mit dem Göttlichen, also Religion und Spiritualität. Kant sagte, die Liebe sei ein Ideal der Heiligkeit. Also jene Kraft, die „heil“, ganz macht.
Wir betrachten nun den „Eros“ genauer, indem wir uns von Platons berühmtestem Dialog inspirieren lassen, dem „Gastmahl“. Eine Männerrunde ist im Hause des Agathon zusammengekommen. Es wird gegessen, getrunken und vor allem: philosophiert. Durch Lobreden auf Eros, die Liebe, suchen die Männer nach seinem bzw. ihrem Wesen, wobei jeder seine Sichtweise darstellt.
– Phaidros zeigt auf, dass Eros der älteste Gott ist und der nützlichste für den Einzelnen wie für das Gemeinwesen. Denken wir zurück an die naturphilosophische Definition: Eros als Kraft der Verbindung, die die Welt im Innersten zusammenhält.
– Pausanias unterscheidet zwischen Aphrodite Urania, der himmlischen Liebe, die die Seele mehr liebt als den Körper, und Aphrodite Pandemus, die volkstümliche, körperliche Liebe, die mit der Schönheit dahinwelkt.
– Eryximachos, der Arzt, preist die Macht des Eros auf allen Gebieten, er preist seine Kraft als das Überwinden und Zusammenspielen der Polaritäten (z.B. in der Musik: Bogen und Leier, das Hohe und das Tiefe, die Harmonien) und leitet – möglicherweise beeinflusst von Parmenides oder Empedokles – eine Art medizinische, ästhetische und kosmologische „Pan-Erotik“ ab.
– Aristophanes erzählt den Mythos von den Kugelmenschen, bei denen zwei Menschen zusammengewachsen, also doppelt waren, und die – als sie überheblich wurden und in den Himmel steigen wollten – von Zeus getrennt wurden, wie man eine Birne auseinanderschneidet. Seitdem sucht jeder seine „bessere Hälfte“. Die Liebe führt also das ursprüngliche Wesen zusammen und ist bestrebt, aus Zweien Eins zu machen.
– Agathon meint, dass Eros der schönste, glückseligste, jüngste und tugendhafteste aller Götter sei. Und auch der weiseste, da er durch die Musen alle Künstler inspiriert sei. Sein feuriges Plädoyer feiert jenen Amor oder Cupido, der den Reiz der Verliebtheit ausmacht.
– Alkibiades, der trunken und lärmend spät zu der Runde stößt, nachdem Sokrates gesprochen hat, hält eine Lobrede auf diesen und preist damit den pädagogischen Eros. Also die Fähigkeit des Meisters, den Geist des Jüngers zu befruchten, indem er seine Seele mit der des Jüngers auf der Suche nach der Wahrheit vereinigt.
Sokrates selbst preist Eros, indem er erzählt, was Diotima (wörtliche Bedeutung des Namens: „Hohepriesterin), eine Seherin aus Mantinäa, ihn gelehrt hat und zeigt damit, dass er selbst nicht nur Meister, sondern auch Jünger ist. Auch macht er sich in den Liebesdingen zum Schüler einer Frau …
Die Liebe, lehrt Diotima, ist Unvollständigkeit und Suche. Und Eros ist ein großer Daimon, das Bindeglied und der Mittler zwischen Mensch und Göttern. Eros ist die Kraft der Verbindung und soll die Kluft zwischen irdischer und himmlischer Welt schließen. Er ist – so Diotima weiter – der Sohn von Poros (Reichtum) und Penia (Armut). Wer liebt und eins ist mit einem Menschen oder Gott, fühlt sich unendlich reich und könnte die Welt umarmen, wer der Liebe entbehrt, unendlich arm und bedürftig. Er ist immer in Bewegung, immer im Mangel, immer unterwegs, „niemals satt“, wie Plotin meint.
Die sterbliche Natur des Menschen strebt danach, unsterblich zu werden – durch die Zeugung von neuen Leibern. Die geistige Natur kann sich erheben auf der Stufenleiter der Liebe, der Initiation, dem Weg der Schönheit. Will man der Liebe folgen, ohne sich in ihr zu verlieren, muss man eine Stufe nach der anderen die Leiter der Liebe emporsteigen, wie Diotima erklärt. Zuerst einen einzigen Körper lieben, um seiner Schönheit willen, dann alle schönen Körper, da sie Ausdruck der Schönheit an sich sind. Dann die Schönheit der Seelen lieben und die schönen Lebenshaltungen. Die nächste Stufe ist die Liebe zur Wissenschaft, also zum schönen Denken. Und die höchste Form der Liebe ist das jedem Menschen innewohnende Streben nach den Idealen der Schönheit, Wahrheit und Gerechtigkeit, die Ausdruck des Guten an sich sind und Ziel des Philosophen. Plotin würde sagen: das Eine. Die Mystiker würden sagen: Gott. Ein Buddhist würde sagen: das Verschmelzen mit der Buddha-Natur.
Aktivieren Sie Ihren philosophischen Eros!
Ihre Gudrun Gutdeutsch (Autorin) &
Treffpunkt Philosophie Zürich
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