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Anlässlich seines hundertsten Geburtstags veröffentlichte das Kulturmagazin «Du» im März 2003 ein Themenheft über Georges Simenon. Der erste Satz lautete: «Es lebe der Schund!» Natürlich meinte der damalige Herausgeber und Autor des Vorworts, Christian Seiler, das ironisch, und doch: «Es war einmal, und es ist nicht allzu lange her, dass Georges Simenon ein Schundschriftsteller war», so Seiler. Und «unter Schundverdacht standen auch Simenons fabelhafte Romane mit und ohne Kommissar Maigret».
Simenons Rang als moderner Klassiker ist heute unstrittig. Sein knapper, lakonischer Stil, seine atmosphärisch dichten Beschreibungen sind zu seinem Markenzeichen geworden. Er hat nicht ein oder zwei, sondern gleich Dutzende Meisterwerke geschaffen: «Der Schnee war schmutzig», «Die Katze», «Die Witwe Couderc», «Das blaue Zimmer», «Der Mann, der den Zügen nachsah», «Drei Zimmer in Manhattan», «Die Glocken von Bicêtre» – um nur einige zu nennen.
Dennoch prägte der sogenannte «Schundverdacht» das Simenon-Bild viele Jahrzehnte lang. Denn er wurde lange Zeit vor allem als Krimiautor angesehen, und dieses verpönte Genre erhielt erst spät, im deutschsprachigen Raum ab den 1970er Jahren, literarische Weihen. Ausserdem verdeckten die populären Maigret-Romane lange Zeit die Sicht auf den zweiten grossen Teil seines Oeuvres, die «romans durs», die psychologischen Romane, die im deutschsprachigen Raum – in Abgrenzung zu den «Maigrets» – meist schlicht «Non-Maigrets» genannt werden.
Auch die Superlative machten stutzig: der schier unglaubliche Verkaufserfolg – mehr als eine halbe Milliarde Exemplare weltweit –, die enorme Produktivität – 75 Maigret-Romane, 117 psychologische Romane –, noch dazu das irrsinnige Tempo: Den Roman «Maigret und sein Spion» soll Simenon in gerade einmal 25 Stunden geschrieben haben. Die meisten Maigrets und die Hälfte der Non-Maigrets verfasste er innerhalb einer Woche. Zahllose Legenden ranken sich um diese «Schnellschreiberei», die bekannteste: Ein Verleger klingelt bei Simenon. Man sagt ihm, der Autor könne ihn nicht empfangen, er habe gerade einen Roman angefangen. Daraufhin der Verleger: «Gut, ich warte.»
Wer so populär ist, wer so viel und so schnell schreibt, der kann nicht gut sein, lautete der Generalverdacht. Ein Verdacht, der noch dadurch genährt wurde, dass Simenon zu Beginn seiner Karriere tatsächlich Trivialliteratur geschrieben hatte. Er betrat die literarische Welt nicht durch den Haupteingang, sondern durch die Hintertür. Seine ersten Werke waren «Heftchen», die, auf schlechtem Papier gedruckt, für wenige Centimes verkauft oder verliehen wurden – vor allem am Zeitungskiosk. In Buchhandlungen musste man sie suchen, «in dem Teil, der von morgens bis abends von einer elektrischen Birne erleuchtet wurde und wo die in schwarzes Wachstuch gebundenen Bände der Leihbücherei aufgereiht waren…». So beschrieb Simenon in «Fremd im eigenen Haus» die Asservatenkammer der Trivialliteratur, die er selbst in rauhen Mengen bestückte. Zwischen 1924 und 1937 schrieb Simenon unter 37 Pseudonymen mehr als 1000 Kurzgeschichten und fast 200 Groschenromane, reich an Sensationen, Verbrechen, Liebeswirren und haarsträubenden Abenteuern.
«Gips anrühren»
Das nötige Rüstzeug hatte er als Journalist in seiner Heimatstadt Lüttich erworben. Wirklich Karriere machte er aber erst ab 1922 in Paris. Die Erweiterung der Schulpflicht hatte ein gewaltiges Lesepublikum produziert, dem es nach schneller und billiger Zerstreuung verlangte. Und der neunzehnjährige Simenon schrieb und schrieb, verfasste am Fliessband Erzählungen, die in Heftchen mit vielsagenden Titeln wie «Frou-Frou», «Sans-Gêne» oder «Paris-Flirt» erschienen. Bezahlt wurde ein Seitenhonorar. Mit ganzen Romanen war also mehr Geld zu verdienen. Den ersten Groschenroman schrieb Simenon im Sommer 1924: «Ich hatte ein Bistro entdeckt, charmant, bequem und sehr ruhig. Eines Tages, nachdem ich mehrere Groschenromane gelesen hatte, versuchte ich, selbst einen zu schreiben.» Noch vor dem Mittagessen war der «Roman einer Stenographin» beendet.
Bald überschwemmte eine wahre Flut von Simenon-Groschenromanen den Markt. Der Autor selbst nannte diese Bücher «Littérature alimentaire», er schrieb sie fürs Geld. Gut bezahlt war die Arbeit nicht, aber Simenon schrieb so schnell und viel, dass er fürstlich leben konnte: Er zog in eine elegante Wohnung an der Place des Vosges, liess sich eine American Bar ins Wohnzimmer einbauen, gab rauschende Partys und kaufte sich ein Boot, mit dem er durch Frankreichs Kanäle und den Küsten entlang fuhr, immer eine Schreibmaschine an Bord.
Im Hafen von Delfzijl in Holland – das Schiff musste repariert werden – schrieb Simenon 1929 den ersten Maigret-Roman und tat damit einen entscheidenden Schritt. Das zeigt sich auch rein äusserlich: «Maigret und Pietr der Lette» (1931) ist der erste Roman, den Simenon unter seinem richtigen Namen veröffentlichte. Sein Verleger, Arthème Fayard, war skeptisch: Die Maigrets seien keine klassischen Whodunits und damit auch keine richtigen Kriminalromane. «Wir werden eine Menge Geld verlieren, aber ich versuche es trotzdem», entschied Fayard. Der Verleger täuschte sich. Die Romane um den Pfeife rauchenden Menschenfreund vom Quai des Orfèvres machten Simenon schlagartig berühmt – womöglich gerade weil er mit einigen Konventionen des Genres brach. Bereits 1932 kam die erste Verfilmung von Jean Renoir in die Kinos, Übersetzungen in Dutzende Sprachen folgten.
Aber kaum hatte Simenon Erfolg, wandte er sich von seinem Kommissar ab. 1934 war es so weit. Der entrüstete Fayard verglich Simenon mit «Conan Doyle, der immer Sherlock Holmes sterben lassen wollte, um endlich einen echten Roman zu schreiben». Genau das hatte auch Simenon vor: Die Maigret-Romane, «Halbliteratur», wie er sie nannte, stellten für ihn lediglich eine Etappe auf dem Weg zum Grossliteraten dar. In einem Brief an André Gide aus dem Jahr 1939 bezeichnete Simenon diese Schaffensphase rückblickend als «Gips anrühren, die eigentliche Arbeit vorbereiten». Kriminalromane zu verfassen «ermöglichte es mir, sowohl an die breite Öffentlichkeit wie an das Geld heranzukommen und mich gleichzeitig unter den günstigsten Bedingungen in meinem Handwerk weiterzubilden – das heisst, einen Spielführer einzuschalten … Nach achtzehn Kriminalromanen bin ich es leid – ich fühle mich stärker und lasse den Spielführer – also Maigret – weg.»
Mit seinen psychologischen Romanen wurde Simenon von der französischen Kritik endlich ernst genommen. Der Wechsel zum prestigeträchtigen Verlag Gallimard 1935 tat sein Übriges. Dennoch: die grossen literarischen Preise wie den Goncourt oder den Renaudot gewann Simenon nie. Und die Skepsis blieb: war er nicht doch «nur» ein Krimiautor, war er wirklich ein «echter» Romancier? Der Literaturkritiker André Thervié untersuchte in einem grossen Artikel in «Les Temps» 1934 den «Fall Simenon» und gestand, dass er über den Trivialschriftsteller Simenon die Nase gerümpft habe, jetzt aber von seinen Romanen begeistert sei. Thervié wies darauf hin, dass viele Autoren ihren Ruf mit ernster Literatur begründeten, um sich dann auf ihren Lorbeeren auszuruhen und mit trivialen Büchern Geld zu verdienen. Simenon sei den entgegengesetzten Weg gegangen.
Der Kritiker hatte ins Schwarze getroffen: die psychologischen Romane verkauften sich so viel schlechter als die Maigrets, dass Simenon 1942 mitten in den Kriegsjahren seinen Kommissar wieder aufleben liess, weil ihn Geldnöte plagten. Und bald merkte Simenon auch, dass er die Maigrets brauchte, als Entspannung zwischen den für ihn anstrengenderen psychologischen Romanen. So schrieb er bis zu seinem Lebensende alternierend «Maigrets» und «Non-Maigrets».
Einfachheit als Ziel
Simenon hat immer wieder betont, wie lehrreich seine Anfangszeit als Autor war. Bezeichnend ist eine Anekdote, die er gern zum besten gab: Er hatte der Tageszeitung «Le Matin» eher anspruchsvolle Erzählungen angeboten. Die Schriftstellerin Colette, damals Feuilletonchefin, lehnte die Texte ab, mit der Begründung, sie seien «zu literarisch, viel zu literarisch … Sie müssen sich auf das Publikum einstellen … Eine Zeitung liest man im Bus, in der Métro … Da hat der Leser keine Zeit, grosse Literatur zu verdauen.»
Für Simenon war das ein Schlüsselmoment. Sein als charakteristisch geltender knapper Stil geht wohl auch auf diesen Ratschlag zurück. Aber Simenon ging noch einen Schritt weiter: Er setzte um, was Colette ihm riet – und schrieb trotzdem grosse Literatur. Denn grosse Literatur muss nicht schwer verdaulich, Gutes muss nicht überkomplex sein. Simenon pflegte einen gewollt antiliterarischen Stil. «Manche Kritiker sagen, ich hätte gar keinen Stil», so Simenon. «Und sie haben recht, denn ich habe vierzig Jahre lang versucht, alles zu vermeiden, was nach Literatur aussieht. Mein Ziel ist Einfachheit.» Die Wahl einfacher Wörter macht Simenons Sprache nicht nur ausserordentlich eindringlich, sondern auch zeitlos. Schätzungen zufolge kam Simenon in seinen Romanen mit einem Vokabular von zwischen 1000 und 2300 Wörtern aus – schon Sechsjährige haben einen grösseren Wortschatz, Goethe soll in seinem Werk auf 80 000 Wörter kommen.
Simenon bemühte sich, nur «mots de matière» zu verwenden, wie er sie nannte: «Wörter, die das Gewicht der Materie haben, Wörter mit drei Dimensionen wie ein Tisch, ein Haus, ein Glas Wasser.» Er suchte, wie er in seinem Vortrag «Le romancier» erläuterte, «das Gewicht der uns umgebenden Dinge», ja «das Gewicht des Lebens». Simenons grosse Kunst ist es, mit einfachsten sprachlichen Mitteln die Tiefe und Komplexität des Daseins darzustellen.
Seine Kurzgeschichten und Groschenromane schrieb Simenon, um davon zu leben, aber auch, «um das Leben kennenzulernen», wie er sagte. Seine einmalige Fähigkeit, in die Haut seiner Figuren zu schlüpfen, in verschiedene Milieus einzutauchen, verdankte er dieser Schreibschule. Schon kurz nach seinem Umzug 1945 nach Nordamerika verfasste Simenon Romane, die amerikanische Lebensumstände so präzise beschrieben, wie es eigentlich nur ein Amerikaner konnte.
Auch die Länge (oder vielmehr Kürze) seiner Romane war Programm und kann aus seinen trivialliterarischen Erfahrungen hergeleitet werden: Der Leser sollte seine Romane – wenn irgend möglich – in einem Zug «konsumieren» können. Simenon konnte sich nicht verkneifen, zu erklären: So hatten es die alten Griechen auch bei ihren Tragödien gehalten.
Ein «Writer’s Writer»
Während Simenon in Frankreich schon Mitte der dreissiger Jahre – auch – als literarischer Autor betrachtet wurde, sollte es noch vier Jahrzehnte dauern, bis die deutsche Kritik so weit war. «Trotz aller Bewunderung, die seine grössten Kollegen ihm entgegenbringen, bleibt Simenon in unserem Bewusstsein ein ‹Unterhaltungsschriftsteller›», schrieb François Bondy, später Redaktor bei den «Schweizerischen Monatsheften», 1957. Erst ab 1977 ging es aufwärts, als Simenon von Kiepenheuer & Witsch und dem Heyne-Verlag, der das Werk als reisserische Taschenbücher verpackte, zu Diogenes wechselte, wo eine mustergültige Werkausgabe auf den Weg gebracht wurde. Zunächst aber wollte der Zürcher Verlag das Ruder etwas zu brachial herumreissen. Man veröffentlichte, sozusagen als literarischen Unterbau, zunächst den Briefwechsel zwischen André Gide und Simenon, dann die ersten Romane – bewusst keine Maigrets –, und zwar als edle Hardcover mit beigen Umschlägen, die Schwarz-Weiss-Lithographien von Picasso zierten. Klassischer ging es nicht. Ein doppeltes Fiasko: die Simenon-Fans wurden verschreckt, für eine neue literarische Klientel war es noch zu früh. Die Romane landeten schnell wieder im Taschenbuch, aus den Picassos wurden Abbildungen des Pfeife rauchenden Maigret oder Farbphotos. Mehr Prestige brachte eine strategisch vergebene Lizenz: 1980 erschien «Der Präsident» in der Bibliothek Suhrkamp, was einem literarischen Adelsschlag gleichkam.
André Gide nannte Simenon als erster den «Balzac des 20. Jahrhunderts», andere sahen in ihm einen «Balzac ohne Längen», einen «Balzac ohne Speck». Zwar unterscheiden sich Simenon und Balzac stilistisch und in der Wahl der Milieus erheblich voneinander, aber: beide waren ungeheuer produktiv, beide waren Schnellschreiber, beide haben zunächst Trivialliteratur geschrieben, was ihrem Ruf im deutschsprachigen Raum nachhaltig geschadet hat. Noch Ende des 19. Jahrhunderts galt Balzac als Autor von Kolportageromanen mit Ausreissern nach oben. In Meyers Konversationslexikon von 1874 heisst es: «So ist der Wert der Schriften Balzacs auch nur ein geringer.» Und 1871: «Grosser Anatom der Individuen und der Gesellschaft, aber nur selten Künstler.»
Es waren vor allem Schriftstellerkollegen, die früh den Wert von Simenons Werken erkannten. Für Dashiell Hammett war Simenon «der beste Krimiautor unserer Tage», er habe etwas von Edgar Allan Poe. Friedrich Glauser sah sich als Schüler Simenons: «Was ich kann, habe ich von ihm gelernt», Walter Benjamin erklärte, er lese «jeden neuen Roman». Faulkner fühlte sich an Tschechow erinnert, und Ernest Hemingway bekannte: «Mir fehlte immer etwas für die leeren Stunden, tagsüber oder nachts, bis die ersten Bücher von Simenon erschienen», und Albert Camus gab zu: «Ohne Simenons ‹Witwe Couderc› hätte ich den ‹Fremden› nicht schreiben können.»
Auch die Liste der zeitgenössischen Schriftsteller, die Simenon bewundern, ist lang: Julian Barnes, John Banville, William Boyd, Paul Auster, Emmanuel Carrère (der über 100 Simenon-Romane gelesen hat) oder Patrick Modiano, der Simenon ein grosses Vorbild nennt. Anders als Modiano hat Simenon den Nobelpreis nicht bekommen, obwohl er mehrmals nominiert wurde. In der frankophonen Welt gibt es aber eine Ehrung, die für einen Autor mindestens so prestigeträchtig ist: wenn seine Werke in der legendären Bibliothèque de la Pléiade bei Gallimard erscheinen, in edles Leder gebunden (für das jährlich Hunderte von normannischen Kühen ihre Leben lassen müssen), auf eierschalenfarbenem Bibelpapier gedruckt, mit Farbschnitt und Goldprägung. «Entrer en Pléiade» heisst der denkwürdige Anlass, und als Simenon 2003 in die Pléiade «eintrat», sollte er wieder einmal einen Rekord brechen: Die zwei ersten Simenon-Bände verkauften sich insgesamt fast 100 000mal, und das bei einem Preis von über 60 Euro pro Band. Auch im Pantheon der Literatur gehen Simenons Bücher weg wie warme Semmeln – oder besser: wie Groschenromane.
Illustration: Corinne Mock