Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03538.jsonl.gz/2378

Das Projekt beschreibt die „Arabien-Expedition“, eine Forschungsreise in den Nahen Osten von 1761-67, als raumzeitliches Phänomen. Einerseits wird die Frage gestellt, wie raumzeitliche Bedingungen die Wahrnehmungen und Praktiken im Umfeld der Expedition prägten. Andererseits soll zum Gegenstand gemacht werden, wie die Quellen der „Arabien-Expedition“ den „Orient“ als naturräumliches und historisches Phänomen erst schufen. Die „Arabien-Expedition“ soll somit als Produkt unterschiedlicher, zum Teil auch widersprüchlicher Zeit- und Raumpraktiken erkennbar werden.
Die Expedition in den Nahen Osten entsandte eine Gruppe Forscher unterschiedlicher Disziplin – einen Geographen, Philologen, Biologen, einen Mediziner und einen Zeichner – über Istanbul nach Ägypten und durch den Sinai und das Rote Meer zum Ziel Jemen. Der einzige Überlebende Carsten Niebuhr setzte seinen Weg ab dem Jemen alleine fort und reiste im Folgenden nach Indien und über den Persischen Golf, durch Mesopotamien und Anatolien zurück nach Europa, wo ihm die Veröffentlichung der wissenschaftlichen Resultate der Expedition oblag.
Das Projekt geht davon aus, dass zur Zeit der Aufklärung existierende europäische Raum- und Zeitordnungen Einfluss auf die Deutungen und die Wissensproduktion der reisenden Autoren Einfluss nahmen. Darüber hinaus aber zeigen die Quellen eine Pluralität raum-zeitlicher Bezüge auf, die sich nicht in einheitliche Deutungsmuster einarbeiten lassen. Daher werden verschiedene Konzepte von Zeit- und Raumwahrnehmung in die Untersuchung mit einbezogen: Erstens sollen alltägliche Praktiken des Wissenserwerbs mit ihrer eigenen zeit-räumlichen Logik untersucht werden. Zweitens soll analysiert werden, wie sich die Erforschung des „Orients“ als geographisch-naturräumliches Phänomen zu seiner Erschließung als zeitlich-historisches Phänomen verhielt, wie sich also naturräumliche und historisierend-anthropologische Wahrnehmung der bereisten Gegenden zueinander verhielten. Drittens stehen die vielfältigen narrativen Selbstverortungen der Expeditionsteilnehmer im Vordergrund, die zwischen verschiedenen (räumlichen und zeitlichen) Zugehörigkeiten, Abgrenzungen und Identitätsentwürfen changierten.
Dieses Vorgehen kann die auch von den Reisenden selbst postulierte Kluft zwischen lokal-traditionellen und europäisch-modernen Wissenssystemen hinterfragen, ohne den Reisenarrativen eine einheitliche „orientalistische“ Stoßrichtung zuzuschreiben. Gleichzeitig erscheinen gelehrte Praktiken letztendlich als Objekt narrativer Verarbeitung in den Reiseberichten und Briefen. Die raum-zeitliche Strukturierung des Erfahrenen in den Erzählungen soll daher als eigene Wissenspraktik und Teil der „Arbeit im Feld“ gelten.