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Aufgezeichnet von Tobias Urech
«Eigentlich habe ich mich zu Beginn in der SP gar nicht so wohl gefühlt.» Mit diesem Satz beginnt Marianne de Mestral die Erzählungen aus ihrem Leben. Ich treffe die bald Achtzigjährige im Volkshaus in Zürich – der Stadt, in der Marianne aufgewachsen ist. Und mit ihrer Herkunft ist auch die Erklärung verbunden, warum ihr die Partei zuerst eher fremd war: «Ich wuchs in Zürich-Oberstrass auf und komme aus einer Mittelstandsfamilie – nicht aus einer Arbeiterfamilie, das empfand ich anfänglich als Defizit.»
Ihr Vater hat sich zum Kleinunternehmer mit einem eigenen Teppichgeschäft hochgearbeitet und stand der EVP nahe. Dennoch habe er ein linkes Bewusstsein gehabt. So gab er seinen Angestellten am Tag der Arbeit stets frei und unternahm den Betriebsausflug. «Und ich musste am 1. Mai immer etwas Rotes tragen. So wollte mein Vater wohl ein Zeichen setzen.» Durch ihren Vater sei sie auch politisiert worden, erzählt Marianne. Oder besser gesagt durch Erzählungen aus seiner Kindheit. Mariannes Grossvater war früh gestorben und ihre Grossmutter arbeitete fast Tag und Nacht als Heimarbeiterin, um die fünf Kinder durchzubringen – und trotzdem reichte es kaum zum Leben. Besonders nah ging Marianne eine Erzählung: Ihr Vater konnte nicht an einer Schulreise teilnehmen, weil der nötige Fünfliber gefehlt hat. «Da ist die Frage nach ungerechter Armut nicht weit!» Doch bis zum Eintritt in die Partei sollte noch einige Zeit verstreichen. So ging sie mit 21 Jahren weit weg von zu Hause – in eine kleine Stadt nördlich von Chicago, um dort als Kindermädchen zu arbeiten. «In der Familie, bei der ich angestellt war, musste ich immer in der Küche essen und durfte nicht mit den anderen im Esszimmer sitzen. Dieses Erlebnis von Ungerechtigkeit hat mich ebenfalls stark geprägt.» Als das vereinbarte Jahr als ‹Nanny› um war, wollte sie ihre Englischkenntnisse vertiefen und bewarb sich um ein Stipendium an der theologischen Fakultät der Northwestern University in Evanston, das sie auch prompt bekam. Sie studierte Altes Testament und jüdische Philosophie. An der Uni lernte sie ihren Mann, Patrice, kennen. «Eine Freundin meinte, ich müsse unbedingt diesen anderen Schweizer an der Uni kennen lernen. Ich winkte ab und fand, ich kenne genug Schweizer. Und dasselbe teilte er seinen Freunden mit, die ihm von mir erzählten. Trotzdem haben wir uns tags darauf zufällig auf dem Parkplatz vor der Uni angetroffen. Und die Dinge nahmen halt ihren Lauf…» Heute sind die beiden seit 56 Jahren verheiratet.
Marianne arbeitete als Bibliothekarin an der Uni, schloss ihren Master ab und kümmerte sich gemeinsam mit ihrem Mann um ihren ersten Sohn, der rund vier Jahre nach der Heirat zur Welt kam. «Wir hatte keine starre Rollenteilung», erinnert sie sich. Auch mit der Rückkehr in die Schweiz, im Jahr 1965, bewegten sich Marianne und ihr Mann in einem fortschrittlichen Umfeld. Patrice war Studienleiter im Tagungs- und Studienzentrum Boldern in Männedorf, während sie am gleichen Ort in einem kleinen Pensum als Assistentin von Marga Bührig und Else Kähler arbeitete, die sich beide mit der Rolle der Frau in der Gesellschaft auseinandersetzten und erste Tagungen für Homosexuelle und Geschiedene organisierten – zu dieser Zeit erstmalig in der Schweiz.
Was Gleichstellung betrifft, hatte die Schweiz damals einiges aufzuholen – man denke nur an das fehlende Frauenstimmrecht. Deswegen engagierte sich Marianne mit Herzblut für die politische Mitbestimmung der Frauen. Als dieser Kampf dann 1971 gewonnen war, trat sie der SP bei: «Ich habe so lange für dieses Recht gekämpft, da war es nachher fast Pflicht, am politischen Leben teilzunehmen.» Allerdings war es nicht einfach, einer Sektion voller Männer beizutreten, meint sie rückblickend. Immerhin schaffte sie es noch im gleichen Jahr auf Platz 28 der Nationalratsliste und rutschte bei den Wahlen gar auf Platz 15.
1974 wurde Marianne als erste Frau in den elfköpfigen Gemeinderat von Männedorf gewählt, wo sie 16 Jahre lang als einzige Frau und meistens als einzige von der SP politisierte. Sie musste ihren Platz im Gremium zuerst finden und auch die anderen mussten sich an sie gewöhnen. Nach einiger Zeit sei sie von den anderen Gemeinderäten auf persönlicher Ebene akzeptiert worden. «Sie sagten oft zu mir: ‹Du wärst schon recht, bist einfach in der falschen Partei›», lacht Marianne.
Trotzdem – Familie, Beruf und die Politik unter einen Hut zu bringen, war eine Herausforderung. Marianne politisierte nämlich nicht nur im Gemeinderat Männedorf und im Vorstand ihrer Sektion, sondern auch in der Geschäftsleitung der SP Kanton Zürich, wo sie zehn Jahre lang eines der beiden Vizepräsidien innehatte. 1990 zog sich Marianne für eine Weile aus der Politik zurück, übernahm das Spitexpräsidium ihrer Wohngemeinde und arbeitete beruflich in der Arbeitslosenberatung. Mit 60 Jahren stiess sie zur Arbeitsgemeinschaft Alter der SP Kanton Zürich, «und das, obwohl ich bis 65 gearbeitet habe und noch bis 77 als Kursleiterin in einem Arbeitslosenprogramm ausgeholfen habe.» Bei der Alterspolitik habe es ihr dann «den Ärmel hineingezogen», wie sie selbst sagt. In diese Zeit fiel im Jahr 2000 die Wahl in den Zürcher Verfassungsrat.
Mit einem Genossen aus Basel und später mit einer Kerngruppe forderte sie von der SP Schweiz die Gründung einer Altersorganisation, die SP60+. «Wir wollten älteren GenossInnen mehr Möglichkeiten geben, sich in der Partei zu engagieren.» Sie erinnert sich: «Viele befürchteten wohl, das könnte ein Kaffee- und Kuchenklub werden – doch wir mischen uns ein und stellen Forderungen.» Und die sind oft ziemlich kühn. So forderte die SP60+ die erleichterte Einbürgerung für ältere Migrantinnen und Migranten oder 4000 Franken AHV im Monat. Dazu Marianne: «Wieso soll sich die AHV vom Mindestlohn unterscheiden?»
Derzeit ist sie Co-Präsidentin der SP60+ und aktiv im Schweiz. Seniorenrat und der Vereinigung aktiver Senioren- und Selbsthilfegruppen (VASOS). Und dann schreibt sie noch Krimi-Besprechungen fürs ‹P.S.› Doch sie gibt zu: «Es wäre fahrlässig, nicht ans Aufhören zu denken und es zu planen.»
Ob ihr das Aufhören gelingen wird? Marianne erzählt mir nämlich auch: «Am Grillfest unserer Wohnsiedlung kam ein neu zugezogener Nachbar auf mich zu und fragte, was mich denn motiviere, mich so zu engagieren. Nach kurzem Nachdenken wusste ich: Es ist meine Maxime, die sich durch mein Leben zieht: ‹Nur durch Handeln wird politische Überzeugung überprüfbar!›»