Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03409.jsonl.gz/448

Die meisten von Ihnen kennen das Märchen vom Aschenputtel. Kurzversion: Die Mutter von Aschenputtel verstirbt viel zu früh, der Vater lernt eine neue Partnerin kennen, die ebenfalls bereits zwei Töchter in die neue Beziehung bringt. Der Vater stirbt ebenfalls und Aschenputtel wird Vollwaise. Sie lernt einen Prinzen kennen, heiratet ihn und lebt glücklich bis an ihr Lebensende.
Sie werden sich nun fragen, was das Märchen mit Erbrecht zu tun hat. In dieser Geschichte kommen ganz viele erbrechtliche Situationen vor, die uns heute nicht unbekannt sind.
- Eine klassische Familie: Eltern und ausschliesslich gemeinsame Kinder.
- Eine Patchwork-Familie: einer oder beide Ehepartner bringen Kinder aus einer früheren Beziehung in die neue Ehe ein.
- Alleinstehende Personen ohne Nachkommen: Aschenputtel ist alleinstehend und hat weder Kinder noch einen Partner.
- Neue Partnerschaft: Aschenputtel lernt einen netten Mann kennen und – ganz modern – lebt zuerst mit ihm in einer Partnerschaft (Konkubinat) zusammen.
Alle diese familiären Situationen bedingen eine andere Nachlassregelung.
Situation 1: Eine klassische Familie
Bei ausschliesslich gemeinsamen Kindern kann man sich gegenseitig mit einem Ehe- und Erbvertrag optimal absichern. Die Kinder erhalten dann nur den Pflichtteil respektive müssen zurückstehen, bis auch der zweite Elternteil verstorben ist. Dann erben sie von Gesetzes wegen das restliche Vermögen zu gleichen Teilen.
Situation 2: Eine Patchwork-Familie
Unsere gesetzliche Erbfolge ist auf klassische Familien ausgerichtet. Bei Patchwork-Familien ist deshalb eine Nachlassregelung bereits nicht mehr so einfach. Nur Blutsverwandte, Adoptivkinder und Ehepartner haben einen gesetzlichen Erbanspruch. Ohne Testament gehen Pflege- und Stiefkinder sowie Lebenspartner leer aus. Eine gemeinsame Lösung mit allen Kindern und (Ex-)Partnern (sofern dies möglich ist) bringt hier Klarheit.
Situation 3: Alleinstehende Personen ohne Nachkommen
Bei alleinstehenden Personen ohne Nachkommen kann ohne entsprechende Regelung eine grosse Erbengemeinschaft entstehen, da unser Erbrecht nach dem Stammesprinzip aufgebaut ist: es erben die Eltern; falls diese vorverstorben sind, die Geschwister; falls letztere ebenfalls vorverstorben sind, die Nichten und Neffen. Muss man in den Grosselternstämmen auf mütterlicher und väterlicher Seite (!) die Erben suchen, also Cousinen und Cousins, haben wir bald einmal 20 bis 30 erbberechtigte Personen. Dies gilt selbst dann, wenn Aschenputtel in einer langjährigen Konkubinatspartnerschaft lebt. Unser Erbrecht kennt (noch) kein diesbezügliches gesetzliches Erbrecht. Ein Testament ist hier ganz besonders wichtig.
Situation 4: Neue Partnerschaft
Spinnen wir unser Aschenputtel-Märchen weiter und nehmen an, Aschenputtel heiratet ihren Prinzen. Haben die beiden keine Kinder, erbt der Ehepartner von Gesetzes wegen nicht automatisch alles: sind nämlich Eltern, Geschwister oder Nichten und Neffen vorhanden, erben diese einen Viertel des Nachlasses. Erst wenn eigene Nachkommen da sind, werden die genannten Familienangehörigen von der gesetzlichen Erbfolge ausgeschlossen, und es gelten die Regeln wie oben für die klassische Familie dargelegt.
Eigene Wünsche umsetzen
Jeder dieser Märchen-Situationen verlangt eine andere Nachlassregelung. Anhaltspunkte für eine Regelung können sein:
- Erhalt der ehelichen Liegenschaft,
- Bevorzugung der eigenen Kinder und Angehörigen bei Patchworksituationen,
- Absicherung des Lebenspartners.
Eine Nachlassregelung schafft Klarheit, kann aber auch gelebte vorhandene Familienstrukturen begünstigen, wo unser heutiges Erbrecht noch keine gesetzliche Begünstigung kennt. Nutzen Sie den gesetzgeberischen Spielraum aus, um Ihre eigenen Wünsche umzusetzen. Denn eines Tages ist es vielleicht zu spät.