Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/1415

Vom Glärnisch
Mit 2 Bildern, 1 Skizze und 1 geolog. Profil.Von Rudolf Bühler.
Zwischen dem Linthtal und dem westlich einmündenden Klöntal erhebt sich das grosse Glärnischmassiv, eine Berggestalt, die durch ihren massigen, wuchtigen Aufbau und ihre beträchtliche Höhe eine hervorragende Stellung in den Glarneralpen einnimmt. Es gehört ganz dem Kanton Glarus an und erstreckt sich in seiner Längsrichtung, von Südwesten nach Nordosten, bis zu den Voralpen hinaus und ist deswegen von der Nordostschweiz aus gut sichtbar. Obschon es vom Tödigebiet abgetrennt ist, sind seine höchsten Teile doch mit ewigem Schnee bedeckt. Der Glärnisch hat mehrere Gipfel, von denen die höchsten über 2900 m hoch sind. Als markanter Vorposten des Massivs erhebt sich an seinem nordöstlichen Ende, direkt über der Stadt Glarus, die kühn aufgebaute, 2331 m hohe Felspyramide des Vorderglärnisch. Sie ist das imposante Wahrzeichen des glarnerischen Hauptortes, ein Natur-schaustück ersten Ranges. Von ihrem mit einem hübschen Wiesen- und Waldsaum umgürteten Fusse streben die rauhen Flanken jäh in die Höhe. Im Winter stürzen über sie grosse Lawinen mit donnerähnlichem Krachen in die Tiefe.
Der Vorderglärnisch ist westlich durch den langen, ab- und wieder aufsteigenden, mit Felskämmen gekrönten Hochtorgrat, der nicht überall begehbar ist, mit dem Mittelglärnisch, dem sagenumwobenen Vrenelisgärtli 2907 m verbunden, dessen viereckiges Schneefeld in die ebene Schweiz hinausleuchtet.
Vom Vrenelisgärtli führt ein schmaler, eingebogener Fels- und Firngrat, das sogenannte Furkeli, zum Hinterglärnisch hinüber. Dieser besteht aus zwei langen, auseinanderlaufenden Bergzügen, von denen der nördliche im Ruchenglärnisch 1904 m seinen höchsten Punkt erreicht und sich dann mit den niedriger werdenden Gipfeln der Feuerberge, des Nebelkäppler und Milchblankenstock in krummer Linie gegen das Klöntal absenkt. Der südliche Bergzug hat seinen Kulminationspunkt im Bächistock 2919 m, von dem aus er schroff über das Rad und den Rotzstock gegen die Zeinenmatt und Zeinenfurkel abfällt. Der lange Kamm des Ruchenglärnisch ist im Sommer schneefrei und fällt in äusserst steilen, von Kaminen und Felskesseln durchsetzten Wänden 2000 m tief zum Klöntalersee ab, in dessen klarem Wasser sie sich phantastisch widerspiegeln. Die Nordflanke des südlichen Bergzuges ist mit Firn bedeckt, der bis zu den Gräten hinaufreicht und stellenweise überhängende, etliche Meter hohe Gwächten bildet. Die Südseite mit ihren ziemlich horizontal verlaufenden Felsbändern und hervortretenden Erkern und Baikonen, auf denen der Guppen- und Bächifirn lagern, macht einen grossartigen Eindruck. Ihren Fuss schmücken grüne Alpenmatten und der liebliche Oberblegisee, die im Sommer ein vielbesuchtes Wanderziel der Naturfreunde sind. Zwischen dem Ruchenglärnisch und dem Bächistock dehnt sich eine weite Mulde aus, in welcher der eine Stunde lange Glärnischfirn eingebettet ist. Sein Abfluss, die wasserreiche Rossmatterklön, ergiesst sich in den gestauten Klöntalersee, dessen Wasser die Triebkraft des grossen ^Vtr-. "
Elektrizitätswerkes am Löntsch bildet. Der GlärniscMirn ist seit Jahren stark im Rückgang begriffen. An seiner Stelle soll einst eine schöne Alp gewesen sein.
Die Glärnischkette ist in ihrer Hauptmasse ein Kalkgebirge, über dessen Entstehung und Zusammensetzung seiner Gesteine die Geologen lange verschiedener Ansicht waren. Die ersten eingehenden Untersuchungen am Berge hat A. Baltzer von Bern ausgeführt und die Ergebnisse 1873 in seiner Schrift « Der Glärnisch, ein Problem alpinen Gebirgsbaues » veröffentlicht. Nach Baltzer ist der Glärnisch ein sedimentales Gebilde, das heisst ein Berg, der vor undenklichen Zeiten aus im Weltmeer abgelagertem Schlamm entstanden ist. Für diese Ansicht sprechen in sicherer Weise die vielfachen Versteinerungen von Meerestieren, die stellenweise im Gebirge zahlreich vorkommen. Auffallend sind die verschiedenartigen, mehrfach übereinandergelagerten Felsschichten, die durch ihre Färbung und Gestaltung auch dem Laien in die Augen springen. Als flache oder gewundene Bänder, die breitere und schmälere Terrassen und dazwischenliegende Steilwände bilden, ziehen sie sich um das ganze Massiv. Weil sie teils verkehrt lagern, das heisst ältere Formationen auf Jüngern Gesteinen liegen, nahm Professor Baltzer an, dass sie bei der durch die Abkühlung bewirkten Zusammenziehung der Erdrinde gefaltet und umgebogen worden seien. Diese Auffassung wurde anfänglich auch von andern Geologen geteilt, und die sogenannte Glarnerdoppelfalte wurde als ein Unikum im Aufbau der Alpen betrachtet. Gegen diese Hypothese haben spätere Forscher, so namentlich Rothpletz in München, Stellung genommen, weil sie keine Faltenumbiegungen wahrnehmen konnten. Auf Grund genauer Untersuchungen und reiflicher Überlegungen sind sie zur festen Ansicht gekommen, dass die Schichtmassen durch einen ungeheuren Druck aus dem Urmeer gehoben und von Süden nach Norden als « Decken » übereinandergeschoben und dabei mehr oder weniger verbogen, gequetscht und auch gebrochen wurden, so dass Wölbungen, Senkungen und Zerreis-sungen entstanden. Nach den geologischen Untersuchungen von Jakob Oberholzer in Glarus lassen sich mehrere grosse Überschiebungsflächen feststellen, die das Glärnischmassiv durchschneiden und ebensoviele Wiederholungen der gleichartigen Schichten bedingen.
Im Laufe der Jahrtausende hat sich das Aussehen des Glärnisch durch Bergstürze und Erosionen stark verändert. Der Augenschein zeigt, dass einst zwischen dem Vrenelisgärtli und dem Vorderglärnisch ein ungeheurer Bergsturz niedergegangen ist, der die Gegend von Schwanden bis Glarus hoch mit Gesteins- und Schuttmassen auf der ganzen Talbreite bedeckte, so dass die dadurch gestauten Talflüsse Linth und Sernft einen See hinter Schwanden bildeten, der sich mit Schutt- und Schlammassen füllte. Auf dem Bergsturzgebiet stehen heute die Ortschaften Schwändi, Thon und Sool. Auch auf der Nordseite des Vorderglärnisch müssen in alter Zeit mehr als einmal bedeutende Bergstürze niedergegangen sein, wovon Bodenerhöhun-gen bei Glarus deutliches Zeugnis ablegen. Fortwährend verursachen aber auch Runsen- und Lawinengänge grosse Veränderungen an der äussern Struktur des Gebirges. Ihre Auswirkungen lassen sich an den Schutthalden am Fusse der Felswände und im Geschiebetransport der Runsen und Bäche VOM GLÄRNISCH.
erkennen. Man kann annehmen, dass ursprünglich der Glärnisch viel grösser gewesen sein muss. Seine allmähliche Zerstörung zeigt deutlich, dass auch die scheinbar für die Ewigkeit aufgebauten Bergrecken leider dem Untergang geweiht sind.
Der Glärnisch ist einer der besuchtesten Berge des Glarnerlandes. Sein Firneleuchten weit in das Flachland hinaus lockt zum Besteigen seiner aussichtsreichen Gipfel. Sämtliche Spitzen und Gräte sind schon lange auf allen möglichen Routen erstiegen worden. Den Hauptzugang zum Massiv bildet das idyllische Klön- und das romantische Rossmattertal, und der am meisten bestiegene Gipfel ist der Ruchenglärnisch. Dessen erste turistische Ersteigung erfolgte am 10. August 1832 durch Professor Oswald Heer in Zürich und Gr Feuerberg Bäckistock SE Uichsingen Mürtsch en deche Geologisches Querprofil durch den Glärnisch V « Verrucano R = Rötidolomit L = Lias D = Dogger A = Schiltkalk ( Argovien ) M = Mahnkalk Zm = Zementsteinschichten ök = öhrlikalk Vm = Valanginienmergel Vk = Valanginienkalk K - Kieselkalk DDrusbergschichten U = Schrattenkalk mit Orbitolinaschichten G = Gault C - Kreide N = Nummulitenkalk F = Flyschsandstein und Dachschiefer GD = Glarnerdecke seine Freunde Kaspar und Jost Brunner in Glarus unter der Führung von Gemsjäger M. Walcher, Glarus, auf dem heute gewohnten Wege durchs Rossmattertal zur « Firnblanke » und über den Glärnischfirn. Heer hielt die Besteigung nicht für schwer und bei schönem Wetter für einen nur einigermassen geübten Bergsteiger ungefährlich. Über die genossene grossartige Aussicht war er sehr befriedigt und betrachtete den obern Teil des Rossmattertales als den imposantesten Felsenzirkus der östlichen Schweiz.
Die Zahl der Glärnischbesteiger blieb in der Folgezeit wegen des langen Anmarsches vom Tal aus und dem Mangel einer guten Unterkunft im obern Teil von Rossmatt noch lange Jahre gering. Der Besuch des Berges stieg erst, als von der Sektion Tödi S.A.C. im Jahr 1867 eine bescheidene Schutzhütte unter einem scheinbar schützenden Felsblock in der Firnblanke auf 2100 m Höhe gebaut wurde. So primitiv sie auch war, so genügte sie doch für den Anfang ihrem Zweck, indem sie die Besteigung der Glärnischgipfel wesentlich erleichterte. Aber aus Unerfahrenheit hatte man nicht daran gedacht, dass " Wv, der überhängende Felsen der Hütte mehr zum Nach- als zum Vorteil gereichte und ein schlecht geschichtetes Trockenmauerwerk den schweren Schneelasten im Gebirge nicht lange standhält. Deshalb ging die Schirmhütte schon nach wenigen Jahren dem Zerfall entgegen. Sie wurde 1876 etwas solider und geräumiger wieder aufgebaut und namentlich gegen das vom Felsen abfliessende Wasser besser geschützt. Infolge der immer grösser werdenden Frequenz entschloss sich die Besitzerin 1885 zum Bau eines grössern und in Holz ausgeführten Berghauses etwas unterhalb der bestehenden Hütte. Die Kosten des bedeutend wohnlicher eingerichteten Neubaues beliefen sich auf Fr. 7500. Zur Aufsicht wurde über den Sommer ein ständiger Hüttenwart angestellt und ihm gestattet eine kleine Wirtschaft zu führen und von den Besuchern eine bescheidene Taxe zu erheben. Diese Einrichtung bewährte sich und fand bald auch in andern Clubhütten des S.A.C. Nachahmung. Im Jahr 1931 wurde die Glärnischhütte mit einem Kostenaufwand von nahezu Fr. 40,000 umgebaut und erweitert, so dass sie heute 60 Schlafplätze enthält und eines der besteingerichteten und meistbesuchten Bergheime des S.A.C. ist. Vom Vorauen, der Endstation der Autopost Glarus-Klöntal, ist es in vier Stunden erreichbar, aber im Winter wegen Lawinengefahr nicht zugänglich.
Der Aufstieg von der Hütte auf den Rüchen beansprucht etwa drei Stunden. Auf einem ordentlichen Weg gelangt man auf die Moräne und über diese leicht auf den sozusagen spaltenlosen Glärnischfirn. Der nämliche Weg bildet auch den Zugang zum Bächistock und Vrenelisgärtli. Der Aufstieg vom Firn auf den Rüchen über die steile, im Nachsommer meist apere Südflanke ist etwas anstrengend, jedoch unschwierig. Der Übergang von hier auf das Vrenelisgärtli über das Furkeli wird oft gemacht und bietet für einigermassen sichere Gänger keine Schwierigkeiten. Die Aussicht auf dieser luftigen Felsenzinne ist noch umfassender als die auf dem Rüchen. Der Bächistock wird weniger häufig besucht, nicht etwa deshalb, weil seine Erkletterung schwieriger ist, sondern der geringern Aussicht wegen, die gegen Norden durch den Rüchen beschränkt wird. Der leichteste Aufstieg vollzieht sich vom Glärnischfirn durch das obere Couloir.
Vielfach sind die drei Hauptgipfel auch auf andern schwierigeren Routen erstiegen worden, so das Vrenelisgärtli über die Guppenalp und die sehr steile Südostflanke. Dieser Aufstieg erfordert Schwindelfreiheit, ausdauernde Klettertüchtigkeit und Vorsicht vor Steinschlag, ist aber abwechslungsreich und gewährt fortwährend eine grosse Rundschau. Früher als ein ziemliches Wagestück betrachtet, ist er heute unter tüchtigen Berggängern sozusagen zur Mode geworden. Erstmals wurde das Gärtli auf dieser Route turistisch von Antiquar Siegfried aus Zürich mit Führer Johann Madutz in Matt am 7. Juli 1848 erklettert. Den Übergang über die Furkel des Kaltetäli auf den Glärnischfirn riskierten sie nicht und kehrten auf dem Anstiegsweg wieder zur Guppenalp zurück. Er wurde erst 7 Jahre später, am 20. September 1865, von Hauptmann Krauer und Apotheker Schoch in Wald mit Führer Fridolin Zimmermann in Schwändi ausgeführt. Weitere Ersteigungsmöglichkeiten des Gärtli bilden die ziemlich schwierigen Wege vom Vorderschlattalpeli über das Hochtorband und den Guppenfirn und vom Klöntal aus durch das Kaltetäli. Das Gipfelbuch zeigt einen jährlichen Besuch von vielen hundert Personen.
Nicht weniger heikel und mühsam als diese Gärtliaufstiege sind die Klettereien vom Bächifirn aus über die jähen Südflanken auf den Bächistock, die verschiedentlich gemacht werden. Erstmals erfolgte seine Ersteigung auf dieser Seite am 31. Juli 1864 durch Oberst Heinrich Hefti und J. Becker-Hefti in Hätzingen. Wenige Tage nachher wurde dieser höchste Gipfel des Glärnischmassivs auch vom Klöntal aus von Glarner und Zürcher Turisten erklommen. Waghalsige Klettereien sind auch wiederholt am Ruchenglärnisch mit Erfolg gemacht worden, so vom sogenannten « Fryfad » aus über die gewaltige, jähe Nordwand und vom Vorderschlattalpeli über die nicht minder schwierige Ostwand.
Von den niedrigeren Gipfeln des Glärnischmassivs bekommt der Vorder-Glärnisch den stärksten Besuch. Er ist sowohl von Glarus aus über den Sackberg und das Vorderschlattalpeli als auch von Schwanden aus über Mittelguppen und die « Sienen » in 4—5 Stunden auf markierten und teilweise mit Drahtseil versehenen Wegen unschwierig zu ersteigen » Die vorgeschobene Stellung des Berges gestattet eine packende Schau auf den Alpenkranz und die tief zu Füssen liegenden Ortschaften des Glarnerlandes. Wer eine Glärnischfahrt abwechslungsreicher gestalten will, dem ist zu empfehlen, den Rückweg von der Clubhütte aus über die Zeinenfurkel 2440 m nach Luchsingen oder Braunwald zu nehmen.