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Hansa
(Hanse),
veraltetes deutsches
Wort, welches ursprünglich
»Schar«, dann eine Vereinigung mehrerer
Personen zu einem
gemeinschaftlichen
Zweck, eine
Gesellschaft,
Gilde bezeichnet, wie
Hans das Mitglied eines solchen
Vereins. Als
kaufmännische
Verbindung kommen und Hanshus als deren
Niederlage zuerst in
England in
Urkunden aus dem ersten Drittel des 12. Jahrh.
vor;
Mercatores
hansati werden 1204 in
Paris
[* 2] genannt.
Hansegrafen (Vorsteher einer
Hansa),
gab es in
Regensburg
[* 3] seit 1190. Das
Zeitwort
hansen findet sich in
Köln
[* 4] 1259 für eine gewisse Prozedur, die mit neu aufgenommenen Mitgliedern vorgenommen
wurde, woher auch das neuere hänseln abzuleiten ist.
Hansa heißt ferner das
Recht, in fremden
Landen
Handel zu treiben, sowie
die
Abgabe von diesem
Handel (wie in dem
Freibrief
Barbarossas für
Lübeck
[* 5] 1188) und die
Summe, für welche der Einzelne seine
Teilnahme an der
Genossenschaft erkaufte.
Die Entstehung des großen Städtebundes, der vorzugsweise
Hansa oder Hansabund (hanseatischer
Bund,
Unio hanseatica) genannt
wird, kann nicht auf ein bestimmtes Jahr zurückgeführt werden. Der hansische Städteverein beruhte auf dem Zusammenwirken
zweier
Momente, der Vereinigung deutscher Kaufleute im
Ausland und der
Verbindung deutscher
Städte in der
Heimat.
Bei der erstern Art von hansischen
Verbindungen war das kaufmännische
Interesse das allein maßgebende; die hansischen Städtevereinigungen
dagegen hatten neben den Handelszwecken einen allgemeinen politischen
Charakter, gleich den Städtebündnissen in andern Teilen
des
Reichs.
Von den im
Ausland
gebildeten
Gilden deutscher Kaufleute ist diejenige zu
London
[* 6] die älteste, deren
Spuren
bis in das Jahr 1000 zurückreichen. An den mit Privilegien reichlich ausgestatteten
Stahlhof (Stapelhof) der
Kölner
[* 7] Kaufleute
zu
London, mit denen
Bürger von westfälischen
Städten im
Bündnis standen, knüpfen sich die Anfänge der ausländischen
Hansa. Zu
dieser
Verbindung trat dann
Lübeck hinzu, ohne daß zunächst noch eine
Rückwirkung der im
Ausland geltenden
Bünde auf die heimischen Verhältnisse zu bemerken wäre.
Wie nun London für den westlichen, so war Wisby für den östlichen Handel nach Livland [* 8] und Rußland von Bedeutung. Die Deutschen, welche hier als Kaufmannsgilde verbunden waren, gehörten, wie in London, verschiedenen Städten an; doch nahm hier Lübeck die Stellung ein, welche Köln im Stahlhof hatte. Von Wisby aus wurde der St. Petershof zu Nowgorod eingerichtet. Wisbys Rechte als Vorort der nordöstlichen Kaufleute gingen aber bald auf Lübeck über. Weitere Handelsvereinigungen wurden durch die Beziehungen zu den Niederlanden und vorzugsweise zu Brügge geschlossen.
Lübecker und Hamburger Kaufleute gewannen dort um die Mitte des 13. Jahrh. Handelsprivilegien, an welchen sie auch andre Städte Anteil nehmen ließen. Den ausländischen Verbindungen folgten die heimischen Bündnisse der Städte selbst nach dem Gesetz der Rückwirkung der Kolonien, ebenfalls seit der Mitte des 13. Jahrh. Voran steht der Bund zwischen Lübeck und Hamburg [* 9] (seit 1241), welcher die Verbindung der Westsee und Ostsee repräsentiert. Dann folgten die Verbindungen Lübecks mit den wendischen Städten, zunächst mit Rostock [* 10] und Wismar, [* 11] später mit Stralsund [* 12] und Greifswald. [* 13]
Hierauf bildete sich ein Verein der sächsischen Städte, mit welchen Hamburg ein Bündnis schloß. Der wendische Städtebund unter Lübecks Führung schloß sich dem sächsischen schon wegen des Binnenhandels im Anfang des 14. Jahrh. an. Endlich sind noch zu erwähnen die Handelsbündnisse zwischen westfälischen und preußischen Städten seit 1340. Den Handelsbündnissen zur Seite gingen seit dem 13. Jahrh. die Landfriedensbündnisse, in welchen denn auch über militärische Leistungen der Bundesglieder Vereinbarungen stattfanden. So bestand demnach um die Mitte des 14. Jahrh. ein System von Bünden, welche sich zum Teil wegen ihres Ursprungs, zum Teil wegen ihrer auf dem Handel beruhenden Grundlage gewissermaßen sämtlich als hanseatische Bünde bezeichnen lassen.
Die gewaltige Macht, die auf diese
Weise gegründet war, übte nunmehr ihren direkten Einfluß auf die auswärtigen
Staaten
und Verhältnisse. Es entstand ein
Organismus, der ein inneres und noch stärkeres äußeres politisches
Leben führte. Die
Eroberung
Wisbys durch König
Waldemar IV. von
Dänemark
[* 14] im Juli 1361 veranlaßte die deutschen Seestädte zu einer noch engern
Verbindung, und bald ging man im
Gefühl der
Stärke
[* 15] von der
Defensive auch zur
Offensive über, wobei jedoch
immer die kaufmännischen
Interessen maß- und zielgebend blieben. So war es die Macht der
Hansa, welche die dem
Bund feindlich
gesinnten
Könige
Hakon und
Magnus von
Schweden
[* 16] entthronte und statt derselben durch die
Reichsstände den
Herzog
Albrecht von
Mecklenburg
[* 17] zum König ausrufen ließ, der ein treuer Verbündeter der
Hansa blieb.
Wider
Waldemar IV., der umsonst kaiserliche
Befehle und päpstlichen
Schutz gegen die kühnen
Städte erwirkte, ward 1367 zu
Köln ein Kriegsbündnis zwischen 77
Städten
geschlossen, das den hundertjährigen
Krieg zwischen
¶
mehr
Lübeck und Dänemark durch einen entscheidenden Sieg glücklich zu Ende führte. Der Friede von Stralsund 1370 gab der
Hansa die
Herrschaft des Sundes, die Schlüssel zur Ostseeherrschaft, in die Hand,
[* 19] überlieferte ihr Plätze und Landstrecken in Schonen
auf 15 Jahre als Unterpfand und sicherte ihr zwei Dritteile der königlichen Einkünfte aus denselben
für einen gleichen Zeitraum; zugleich versprachen die dänischen Reichsräte, daß künftighin niemand, ohne die Privilegien
der
Hansa bestätigt zu haben, die dänische Krone erlangen solle.
Indessen fehlte es unter den Verbündeten nicht an Gegensätzen. Das Übergewicht Lübecks und des wendischen Bundes im östlichen
Meer und seine vollkommene Herrschaft über den Sund riefen unter den westlichen Städten eine Reaktion hervor.
Zunächst waren es die holländischen Städte, welche sich beschwert fanden und, das Verbot der
Hansa, Getreide
[* 20] aus andern als
hansischen Häfen auszuführen, zum Vorwand nehmend, vom Bund abfielen, in dessen Fehde mit Erich XI. auf die Seite des Dänenkönigs
traten und sich mit ihm 1423 zum feindlichen Überfall der hansischen Schiffe
[* 21] auf Schonen vereinigten.
Die
Hansa verbot hierauf, holländische Schiffe nach Livland zu befrachten, und behandelte die ostseeischen Fahrten derselben als
Schleichhandel. Fast ebenso empfindlich wurden die preußischen und livländischen Städte von Lübecks Handelspolitik berührt.
Die Kolonialpolitik der
Hansa hatte den direkten Verkehr nach und von den östlichen Pflanzstädten und ihrem
Handelsgebiet den eignen Schiffen des Bundes vorbehalten, selbst die Landreise war verboten; fremde Flaggen
[* 22] sollten in den östlichen
Häfen, außerhansische Kaufleute auf deren Märkten nicht zugelassen werden.
Durch diese selbstsüchtige Politik, die den ganzen Stapel zum Monopol Lübecks machte, fühlten sich jene
Pflanzstädte natürlich sehr beschwert, und jede sich darbietende Gelegenheit ward von ihnen dazu benutzt, sich von der
drückenden Bundesfessel loszumachen. Überdies verstand der Bund wenig, der neuen Zeit und ihren Forderungen Rechnung zu tragen.
Das althergebrachte Wesen der Faktorei begann dem bunten Treiben der Börse zu weichen; neue Handelswege
wurden aufgefunden; Antwerpen
[* 23] ward die Niederlage der Portugiesen für ihre ostindischen Zufuhren, wodurch sich in den Niederlanden
selbst ein Punkt von stärkerer Anziehungskraft bildete, und als 1540 der hansische Stapel von Brügge nach Antwerpen verlegt
werden sollte, zeigte sich, daß sich der Stapel überhaupt überlebt habe. Gleichwohl hielt die
Hansa mit
Zähigkeit an den alten, verlebten Verhältnissen fest und ließ sich so unbemerkt von der Handelsthätigkeit andrer
Völker überholen. Den meisten Grund zur Eifersucht auf die aber hatten die skandinavischen Reiche, die ihren Seepaß, den Sund,
unter hansischer Gewalt und das Monopol der
Hansa auf ihren Märkten herrschend sahen.
So mächtig alle diese Feinde in ihrer Zusammenwirkung auch sein mochten, so fand sich doch ein Mann, der ihnen allen keck den Handschuh hinwarf: Jürgen Wullenweber (s. d.), den eine demokratische Bewegung rasch auf die höchste Stufe der Ehren in seiner Vaterstadt Lübeck emporgehoben hatte. Gustav Wasa war durch die Lübecker auf den schwedischen Thron [* 24] gesetzt worden; Friedrich, Herzog von Holstein, konnte sich nur durch ihren Beistand auf dem dänischen Thron behaupten.
Ersterer hatte aus Erkenntlichkeit der
Hansa neben andern Privilegien zugestanden, daß ausländische Nationen auf ewige Zeiten
von der Fahrt durch den Sund oder Belt ausgeschlossen sein sollten; letzterer
dagegen hatte bei seiner Thronbesteigung
nur die alten Freibriefe der Hansa im allgemeinen bestätigt. Als er nun acht Jahre später Lübecks Beistand gegen den entthronten
Christian II., der seine Krone zurückerobern wollte, nachsuchte, verlangte Wullenweber als Gegenleistung die Zustimmung Dänemarks
zu einer Schiffahrtsakte, nach welcher die Holländer sowenig wie die östlichen Städte mit Stapelgütern
durch den Sund fahren dürfen sollten.
Den Preußen [* 25] sollte verstattet sein, ihnen zu eigen gehörende Stapelgüter gegen Certifikate nach England zu bringen; die Schotten, Engländer und Franzosen sollten gleichfalls Waren, die ihnen selbst zugehörten, gegen Certifikate, nicht aber Stapelgüter um Fracht führen dürfen. Dänemark zögerte mit seiner Zustimmung und befolgte ein Schaukelsystem zwischen den hansischen und niederländischen Interessen, bis auch Schweden mit Lübeck zerfiel, worauf die Reichsräte ihre Versprechungen zurücknahmen und mit Schweden ein Bündnis schlossen.
Wullenweber knüpfte hierauf Verbindungen mit dem König von England, vielleicht auch mit Christian II., gewiß mit der demokratischen Partei in Dänemark an, sah sich nach einem Prätendenten für den schwedischen Thron um und schloß 1534 mit den Niederländern Frieden, um den Kaiser mit Lübeck zu versöhnen. Aber sein kühnes Unternehmen scheiterte. Von da nahm die Hansa einen entschiedenen Rückgang. Dänemark beutete den Sundzoll für sich aus. Livland, vom Deutschen Reich abgefallen, verwickelte Lübeck in einen langwierigen Krieg mit Schweden. Zunächst dominierte Schweden, nachher Rußland in der Ostsee.
Der härteste Schlag aber wurde von England aus gegen die Hansa geführt. Noch 1551 war der deutsche Handel in England so begünstigt, daß durch die Hansen 44,000 Stück englische Tücher, durch die Engländer selbst deren nur 1100 ausgeführt wurden. Einzelnen Versuchen der englischen Regenten, diesem Mißverhältnis ein Ende zu machen, hatte die Hansa stets ihre Macht entgegengestellt, und im 15. Jahrh. war es darüber zu manchem blutigen Seekampf gekommen. Die Königin Elisabeth trat zuerst mit der Forderung einer Gleichstellung der Eingesessenen mit den Hansen auf, wogegen letztere in Hinsicht auf die Handelsbeziehungen zu England vor allen andern Völkern besondere Vergünstigungen genießen sollten, die jedoch umgekehrt auch den englischen Unterthanen in den Hansestädten zu gewähren seien.
Als die Hansa den Vorschlag zurückwies, beschränkte die Königin zunächst die Erlaubnis zur Ausfuhr ungefärbter Tücher, selbst gegen Entrichtung des höhern Zolles, auf 5000 Stück. Der Hansetag beantragte zwar beim Reichstag, als Repressalie den Engländern allen Verkehr mit Deutschland [* 26] und den Verkauf englischer Güter in Deutschland zu untersagen; allein der Kaiser ließ es bei einem Verwendungsschreiben an die Königin von England, das natürlich erfolglos blieb, bewenden.
Hamburg schloß hierauf einen Separatvertrag mit England und nahm die englische Kompanie der Adventurers bei sich auf, wagte jedoch, da der Unwille gegen diesen Verrat sich immer drohender äußerte, nach Ablauf [* 27] der vorerst stipulierten zehn Jahre keine Erneuerung des Vertrags. Die Verhandlungen mit England gerieten allmählich ins Stocken, wiewohl die Handelsverbindungen noch nicht völlig abgebrochen wurden. Inzwischen trat der Gegensatz der lübeckischen und hamburgischen Politik immer schroffer hervor. Während erstere die alten Privilegien aufrecht erhalten wissen wollte, berief sich Hamburg auf die veränderte Weltlage, die eine andre ¶
mehr
Stellung England und den andern Königreichen gegenüber mit sich bringe. Da man an der eignen Macht verzweifelte, brachte man 1582 die Sache an den Reichstag, und wirklich erging 16. Sept. d. J. ein Reichsgutachten, wonach den Adventurers überall im Reich der Handel sofort verboten werden sollte; das betreffende kaiserliche Mandat ward aber erst 1597 erlassen. Während dieser Zeit waren die Adventurers vorübergehend wieder in Hamburg erschienen, und der Rat von Stade [* 29] hatte ihren Besuch sogar durch eine eigne Gesandtschaft erbeten. Elisabeth hatte 1589 im Tejo 60 hansische Schiffe kapern lassen, nahm nach dem Erscheinen des kaiserlichen Mandats auch die hansische Faktorei, den Stahlhof, weg und hob die alten Privilegien der Hansa in England auf.
Zu Anfang des 17. Jahrh. bestand der Hansabund thatsächlich kaum noch aus mehr als etwa 14 Städten. Trotz dieses Verfalls wurde von den großen Mächten, welche damals in Europa [* 30] maßgebend wurden, das Bündnis der und insbesondere Lübecks noch immer sehr gesucht. Denn da Spanien [* 31] einen großen Eifer entwickelte, auf der Ostsee Macht zu gewinnen, und deshalb mit Dänemark in Unterhandlungen getreten war, suchten die Niederländer und die mit ihnen verbündeten Schweden 1612 mit Lübeck ein förmliches Bündnis.
Später unterhandelte Frankreich in gleicher Absicht mit Lübeck, und auch die kaiserliche Politik konnte ihre seit Dänemarks Niederlage inaugurierten Pläne auf die Ostseeherrschaft nicht ohne Lübecks Einverständnis erreichen. Auf dem Lübecker Tag von 1627 unterhandelte der kaiserliche Gesandte zugleich im Namen Spaniens. Letzteres erbot sich, das Monopol des ganzen Kolonialhandels mit den Städten zu teilen; doch wiesen diese aus Besorgnis eines Zerwürfnisses mit den skandinavischen Nachbarn und einer Einmischung des Kaisers in ihren Handel den Vorschlag zurück.
Nach dem Westfälischen Frieden wurden mehrfache vergebliche Versuche gemacht, einen Hansetag in der alten Weise zu versammeln. Die meisten Städte waren, da ihnen der Bund den alten Schutz nicht mehr zu gewähren vermochte, abgefallen und hatten sich zum Teil irgend einer Fürstenmacht unterworfen, und auf dem letzten Hansetag zu Lübeck 1630 erfolgte ihre förmliche Lossagung. Umsonst erteilte Leibniz (1670) den Rat, »die Kommerzien durch Restabilierung der Hansestädte wieder aufzurichten«. Es war kein Leben mehr in den toten Körper zu bringen, und nur einem günstigen Geschick ist es zuzuschreiben, daß wenigstens Lübeck, Bremen [* 32] und Hamburg, welche den Bund freilich mehr dem Namen nach als durch einmütiges Streben noch eine Zeitlang repräsentierten, ihre Unabhängigkeit bewahrten.
Hier vereinigten sich die Geldkräfte mit der Geschäftskunde, das günstige Vorurteil der auswärtigen Geschäftsfreunde mit der einheimischen Strebsamkeit, die Erfahrung und Umsicht mit der gewandten Benutzung der Zeitumstände. Wo man aber einst befohlen hatte oder doch mit Selbstgefühl aufgetreten war, da mußte man nun bitten und wohl auch zu Bestechungen seine Zuflucht nehmen; namentlich über das Recht der neutralen Flagge fanden häufige Verhandlungen mit England und Frankreich statt.
Napoleon verleibte 1810 die Hansestädte dem Kaiserreich ein. Das Kontinentalsystem erreichte dadurch seinen Höhepunkt; der Handel schwankte zwischen namenloser Einbuße durch die Sperre und zwischen fabelhaftem, aber segenlosem Schmuggelgewinn. Als die Wiener Kongreßakte den Hansestädten in Anerkennung ihrer regen Beteiligung an dem Befreiungskampf ihre Unabhängigkeit garantiert hatte, erneuerten sie ihr hanseatisches Bündnis; doch hat dasselbe mit dem alten Bunde der Hansa wenig mehr als den Namen gemein.
In der Blütezeit der Hansa reichten deren Verkehrslinien vom äußersten Norden [* 33] bis nach Italien, [* 34] vom Innern Rußlands bis an den Atlantischen Ozean. Von Wisby wurde, wie schon bemerkt, der Verkehr mit Rußland bewerkstelligt, und seit der Ansiedelung in Nowgorod hatten die Deutschen auch hier ihr eignes Recht, ihre Handelsordnung und Gemeindekasse. Durch Verträge mit den russischen Großfürsten sicherten sich die Lateiner (d. h. die Westländer) ihre Rechte. Der anfangs zu Lande bewerkstelligte Verkehr mit Nowgorod wurde später durch Schiffe unterhalten, die sich jährlich zweimal in Wisby zur gemeinschaftlichen Fahrt nach Osten versammelten.
Der Verkehr der Deutschen mit Schweden beginnt erst Mitte des 13. Jahrh., doch scheint er nicht unbedeutend gewesen zu sein; die Schweden erhielten von den Deutschen die notwendigsten Lebensbedürfnisse, und diese beuteten dagegen auf Grund ihrer Privilegien die schwedischen Kupferbergwerke aus, exportierten Kupfer, [* 35] Eisen, [* 36] Pelzwerk, [* 37] Fische. [* 38] Bedeutenden Verkehr unterhielten die Deutschen im 12. und 13. Jahrh. mit Schonen, wo sie in Gesellschaften Fischfang mit Harpunen, Netzen und Angeln trieben, die Fische trockneten, salzten und ausführten.
Von andern zum Heringsfang besuchten Orten nennen wir noch die Inseln Bornholm, Moen und Drakoer (d. h. Amack). Die dänischen Orte, an welchen die Deutschen das Recht hatten, sich niederzulassen, waren besonders: Kopenhagen, [* 39] Helsingör, [* 40] Roeskilde auf Seeland, Svendborg auf Fünen, Flensburg [* 41] in Schleswig, [* 42] Rendsburg [* 43] und Kiel [* 44] in Holstein. Sehr wichtig war ferner der Handel mit Norwegen, wo schon früh des Handels wegen Ortschaften wie Stavanger, [* 45] Drontheim (992), Opslo (1060) und Bergen [* 46] (1076) entstanden.
Bergen war der Hauptsitz des hanseatisch-norwegischen Verkehrs; Bergens Bürger wurden nach und nach von den Hanseaten abhängig: überall kauften diese sich an und bemächtigten sich der Gewölbe [* 47] und Häuser. Das Gebiet der Deutschen bestand aus 21 Höfen, die zwei Gemeinden bildeten. Alle Höfe waren durch Mauern voneinander getrennt und bestanden aus Haupt- und Nebengebäuden. Die ganze Niederlassung zählte etwa 3000 Bewohner, die alle männlichen Geschlechts sein mußten.
Kein Kontorist durfte heiraten, keiner des Nachts außerhalb der alten Stadt bleiben. Unter den Hansestädten machten Lübeck, Hamburg, Rostock, Wismar, Stralsund und Bremen die meisten Geschäfte in Bergen. Außerordentlich wichtig war ferner der Handel der Hanseaten in England; hier war ihnen das Privilegium des freien Ein- und Verkaufs aller Waren gegeben. Außer in London waren Hansen in Boston, [* 48] Hull, [* 49] York, Norwich [* 50] etc. thätig; die Könige begünstigten sie gegenüber dem eignen Volk, weil die Zölle, welche sie für eingeführte Waren entrichteten, eine einträgliche Quelle [* 51] des Einkommens der Könige waren.
Trotz der Einführung der Ein- und Ausfuhrzölle, die häufig sehr bald wieder aufgehoben wurden, und trotz andrer Schikanen der Engländer blieben die Hansen doch das ganze Mittelalter hindurch die Haupthändler in England. Ihr Hauptsitz war der Stahlhof in London; hier wurden an jedem Neujahrsabend der Alderman mit zwei Beisitzern und den Neunern in der Art gewählt, daß jede Stadt gleichmäßigen Einfluß ausübte. Diese zwölf Männer setzten mit dem residierenden Kaufmann der Hansa die Statuten fest, welche jährlich in voller Versammlung in der ¶