Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03574.jsonl.gz/905

Im WHO-Report zur «Dekade des gesunden Alterns 2021 -2030» wird eine Gesundheitsbegriff entwickelt, der das auf den ersten Blick einleuchtende Zitat von Arthur Schopenhauer (1788-1860) in Frage stellt.
Dem ersten Satz in Schopenhauers Zitat «Gesundheit ist nicht alles» kann man wohl ohne Zögern zustimmen. Zu einem guten Leben gehört mehr als die Gesundheit, aber wer gesund ist, hat eine gute Rahmenbedingung, um, wenn weitere Rahmenbedingungen erfüllt sind, ein angenehmes, erfreuliches, erquickliches oder sinnvolles Leben zu führen.
Der zweite Satz in Schopenhauers Zitat «aber ohne Gesundheit ist alles nichts» stimmt schon nachdenklicher. Ist alles nichts, wenn ich eine Grippe oder heftige Zahnschmerzen habe? Ist alles nichts, wenn mich der Arzt mit einer Krebsdiagnose nach Hause schickt? Wenn ich täglich unter chronischen Schmerzen aufwache, mir das Gehen und Stehen schwerfällt, wenn ich für die einfachsten Alltagsverrichtungen Unterstützung brauche… ist dann alles nichts?
Im WHO – “Baseline Report for the Decade of Healthy Ageing 2021−2030” wird für das Altern ein Gesundheitsbegriff entwickelt, der die Aussagekraft von Schopenhauers Zitat schmälert. In der Alltagssprache wird «Gesundheit» oft als Gegenbegriff zu «Krankheit» verstanden in dem Sinne, dass man jemanden als «krank» bezeichnet, wenn beispielsweise ein Körperorgan nicht mehr richtig funktioniert und dadurch die Gesundheit beeinträchtigt wird. Auch Zahnschmerzen können derart heftig sein, dass man nicht mehr seinen Alltagsaktivitäten nachgehen kann. Ist man nun krank? Ist man krank, wenn man psychisch verstimmt ist, niedergeschlagen ist oder einem «alles» zuviel ist?
Die WHO hat schon im Vorwort ihrer Verfassung von 1946 «Gesundheit» multidimensional definiert: «Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.»* Nach dieser Definition sind nur wenige gesund, da die meisten irgendwelche physischen, psychischen, geistigen, sozialen oder etwa auch finanzielle Defizite haben, welche die «Gesundheit» beeinträchtigen. In der Beschreibung des Healthy Ageing weicht die WHO von einer defizitorientierten Gesundheitsdefinition ab zugunsten eines Gesundheitsbegriffs, der die Fähigkeiten und Ressourcen des Individuums und seine Interaktionen mit der Umwelt ins Zentrum rückt , so dass man vielleicht trotz gesundheitlichen Beeinträchtigungen ein gutes Leben führen kann. Bei diesem funktionalen Gesundheitsbegriff wird die “funktionale Fähigkeit” so umschrieben:
“Functional ability combines the intrinsic capacity of the individual, the environment a person lives in and how people interact with their environment. “**
Schopenhauer müsste man nach diesen Überlegungen entgegenhalten, dass man trotz gesundheitlicher Beeinträchtigungen oft immer noch gutes Leben führen kann dank der intrinsischen Kapazität des Individuums (intrinsic capacity), einer lebens- und altersfreundlichen Umwelt (environment) und einer guten Interaktion zwischen Individuum und Umwelt.
Auch wenn ohne Gesundheit nicht alles nichts ist, ist zu fragen, wie man seine inneren Kapazitäten entwickeln kann, was unter einer lebensfreundlichen Umwelt zu verstehen ist und wie das Individuum mit seiner Umwelt gut interagieren kann. Und wäre es nicht besser, statt von einem «gesunden Altern» von einem «guten Altern» oder einem «würdigen Altern» zu reden? Solche Fragen werden wir in weiteren Beiträgen zum WHO-«Grundlagenbericht zur Dekade des gesunden Alterns» diskutieren.
*Deutsche Übersetzung unter: https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1948/1015_1002_976/de