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... Spuren der Würde des Einzelnen
warum Würde?
Von der "Würde des Einzelnen" zu sprechen ist nicht unproblematisch. Würde kann vieles bedeuten.
zur Bedeutungsgeschichte
In der römischen Antike spricht Cicero bereits von einer Würde ("dignitas") des Menschen in seiner Vorrangstellung gegenüber dem Tier. Vor allem bezieht sich die Würde auf die res publica: Würde eignet zuerst dem Staat, welcher sich darin von anderen Staaten abhebt. Verschiedene Grade von Würde grenzen aber auch die römischen Staatsbürger untereinander ab in den Stufen ihres unterschiedlichen gesellschaftlichen Ranges und Ansehens.
Im Wechselspiel mit diesem Hierarchien kennzeichnenden Ursprung des Begriffs überträgt sich seine Bedeutung auch auf Urteile der Sittlichkeit. Würde zeigt sich in der vernunftgemäßen Beherrschung der Leidenschaften, in der Wahrung des rechten Maßes.
Im Gegensatz zur weltlichen und flexiblen Würde der römischen Antike, die einer erwerben und allenfalls auch wieder verlieren kann, erklärt die mittelalterliche Theologie die Würde als unsterblich. Auch wenn etwa Päpste und Könige sterblich sind, so ist die Würde ihres Amtes unsterblich. Die Würde des Menschen ist durch seine Vernunft und den "freien Willen" gegeben (die Auffassungen über die geringere Vernunft und damit auch Würde der Frau waren schwankend).
Der Protestantismus lehnt den an die Freiheit geknüpften Begriff der Würde, wie ihn die katholische Kirche bis heute vertritt, ab. Für Luther verbindet sich Würde mit der Gleichheit mit der alle Gläubigen am königlichen und priesterlichen Amt Christi teilhaben, dem «allgemeinen Priestertum aller Glaubenden».
Daran knüpft auch Kant an mit seiner Auffassung von der Würde eines jeden Menschen, »als mit innerer Freiheit begabtem Wesen (homo noumenon) gedacht, ein der Verpflichtung fähigem Wesen« - im Hinblick auf seine Pflicht, seinen Willen an das Gute zu binden. «Als Subjekt einer moralisch-praktischen Vernunft, ist er über allen Preis erhaben; denn als ein solcher (homo noumenon) ist er nicht bloß als Mittel zu anderer ihren, ja selbst seinen eigenen Zwecken, sondern als Zweck an sich selbst zu schätzen, d. i. er besitzt eine Würde (einen absoluten inneren Wert), wodurch er allen andern vernünftigen Weltwesen Achtung für ihn abnötigt».
Während später Carl Schmitt fordert, die «Würde des Staates und der nationalen Einheit» gegenüber einem «Pluralismus ökonomischer Interessen» durchzusetzen, sieht Hannah Arendt die «Würde des Politischen» in einem institutionell gesicherter Raum der Freiheit der spontanen Einzelnen, frei von moralischen Kategorien u.dgl., wie sie ihn vor allem in der amerikanischen Revolution maßgeblich verwirklicht findet. Nach dem israelischen Philosophen Avishai Margalit ist Gesellschaft dann und nur dann menschenwürdig, wenn ihre sozialen, rechtlichen und politischen Institutionen nicht die Selbstachtung der Menschen und Bürger verletzt. Nicht die (Verteilungs-)Gerechtigkeit sollte der zentrale Maßstab sein, sondern Selbstachtung.
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte hat 1948 die Würde der einzelnen Person zum Recht erhoben: «Da die Anerkennung der allen Mitglieder der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in aller Welt bildet ...» (Auftakt der Präambel) soll u.a gelten: «Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen.» (Art.1) Im weiteren wird dort katalogisiert, worin diese Würde und die Rechte gesehen werden.
Schließlich ist die Vorrangstellung des Menschen relativiert worden, auch Tieren und Pflanzen wird Würde zuerkannt; der Mensch nimmt sich gegenüber der Natur in Pflicht, teils in Ausdehnung des Mitgefühls oder ganz einfach zur Motivierung ökologischer Klugheit.
die Würde des Einzelnen
Wenn ich vom Einzelnen / der Einzelnen spreche, meine ich dich, meine ich mich. Individuum, Person, Persönlichkeit könnten dasselbe meinen. Subjekt, Ich, Selbst haben philosophische und psychologische Bedeutungen, denen ich zumeist widerspreche; aber darüber werde ich mich gelegentlich andernorts verbreiten. "Der Einzelne" hat eine absichtliche Assonanz zu Max Stirners "der Einzige"; ich will mich aber keinem Autoren, keiner Idee, die ich nicht selbst definiert habe, verpflichten; darum der Einzelne, umgangssprachlich, ohne explizite Definition.
Der Einzelne ist das eine, Kollektiv, Gemeinschaft, Gesellschaft, die Verhältnisse das andere. Der Einzelnen spreche ich Würde zu, nur ihr, nur ihm, nur dir, nur mir. Genau genommen nur mir, denn deine Würde kommt einzig aus dir, nicht von mir, nicht von irgendwelchen Menschenrechten. Ich kann dich achten, mit dir fühlen, denken, gar dich lieben; doch das ist nicht deine Würde. Wenn ich aufgezählt habe, wem ich alles Würde zuspreche, dann ist das mehr ein Flirt oder psychologische Kriegführung - es ist manchmal gut, Verbündete zu haben.
Würde ist weder Verdienst, noch Gottes Gabe, auch kein Recht und kein Respekt vor dem Menschsein. Würde meint hier weder eine Ehre der Vernunft noch des freien Willens. Würde ist mein Wille zur Würde, die eigene Behauptung meiner Vorrangstellung nicht gegenüber dem Tier, sondern gegenüber den Anmaßungen des Kollektivs, der Gemeinschaft, der Gesellschaft, denn ihrer ist die Hybris nicht meiner. Und wenn du anmassend, verschlingend wirst? Das ängstigt mich nicht, das kann ich genau so gut.
Kollektive sind Mütter, Väter, Vergewaltiger und Helfer zugleich. Meine Freiheit hat Grenzen, das ist banal, aber meine Würde nicht. Atelier, Material ist mir die Welt, auch mein Leib, mein Geist, doch meine Würde erst mein Geschöpf, meine Kunst. Ich weiß, jetzt wird's schwierig, doch mehr ein andermal, andernorts.
© antonio cho
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