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Wie werden Muskeln gesteuert?
Eine normale Muskelanspannung kommt dadurch zustande, dass das Gehirn über Nervenbahnen Signale in Form von elektrischen Impulsen an den Muskel übermittelt. An der Verbindung zwischen Nerven und Muskel, der sogenannten motorischen Endplatte, wird die Erregung von einer Nervenfaser auf die Muskelfaser übertragen. Dabei wird der elektrische Impuls mittels eines Botenstoffes (Acetylcholin) in ein chemisches Signal umgewandelt und auf den Muskel übertragen. Das durch die Nervenfaser freigesetzte Acetylcholin bindet (ähnlich einem «Schlüssel») an Acetylcholinrezeptoren («Schlüsselloch») an der Oberfläche der Muskelzellen, wodurch sich sogenannte Ionenkanäle öffnen. Dadurch wird der Muskel aktiviert: Er spannt sich an und verkürzt sich. Danach wird das Acetylcholin wieder von der Nervenzelle aufgenommen, wo es gespeichert wird, bis das nächste Signal kommt: Der Kreislauf wiederholt sich.
Was ist Spastik?
Der Begriff Spastik (hergeleitet vom lateinischen Wort „spasmus“, der Krampf) beschreibt eine in typischer Weise erhöhte Eigenspannung der Skelettmuskulatur. Sie geht einher mit dauerhaften, starken Verspannungen (Kontraktionen) von einzelnen Muskeln oder Muskelgruppen, ohne dass die betreffende Person dies willentlich herbeiführt. Damit gehen oftmals Schmerzen und körperliche Fehlhaltungen einher, die wiederum zu weiteren Verspannungen führen können.
Wie entsteht Spastik?
Ursächlich ist eine Schädigung der für Bewegung zuständigen Bereiche im zentralen Nervensystem (ZNS), also Gehirn und Rückenmark. Dieser Teil wird «Pyramidenbahn» genannt, weil die Nervenzellkörper eine pyramiden-ähnliche Form besitzen. Eine Schädigung dieser Bahn führt einerseits zu einer Lähmung, andererseits auch zu einer unkontrollierten Erhöhung der Muskelspannung, zur Spastik. Typischerweise kommt es unmittelbar nach der Schädigung dieser Bahn zu einer schlaffen Lähmung, die Spastik entwickelt sich in der Regel erst nach Stunden, oder Tagen (oder auch Wochen).
Häufige Ausprägung von Spastik im Arm-Hand-Bereich
1. Innendrehung der Schulter
2. Beugung des Ellbogens
3. Einwärtsdrehung des Unterarms
4. Beugung des Handgelenks
B. Gefaustete Hand
C. Daumen-in-Hand-Stellung
Welche Ereignisse oder Erkrankungen können Spastik auslösen?
Die weit häufigste Ursache der Spastik ist eine durch einen Hirninfarkt (Schlaganfall) oder eine Hirnblutung verursachte Schädigung motorischer Hirnregionen. Auch Unfälle mit Schädel-Hirn-Traumata oder Rückenmarksverletzungen können zur Schädigung der motorischen Bahnen führen. Andere Auslöser für Spastik sind Erkrankungen wie Spastische Spinalparalyse (SSP), Multiple Sklerose (MS) oder Amyotrophe Lateralsklerose (ALS).
Eine frühkindliche Hirnschädigung kann ebenfalls spastische Lähmungen auslösen. Hierfür gibt es unterschiedliche Ursachen, wobei in den meisten Fällen ein Sauerstoffmangel oder eine Hirnblutung vor oder während der Geburt verantwortlich ist.
Spastiken können ebenfalls als Folge von Entzündungen des Zentralnervensystems wie Hirnhaut-, Hirn- oder Rückenmarksentzündungen auftreten.
Was ist eine Dystonie?
Dystonien beschreiben ebenfalls Störungen im Muskeltonus. Es kommt zu einer gleichzeitigen Anspannung von gegensinnig wirksamen Muskeln (Agonisten und Antagonisten), was sich in ungewöhnlicher Körperhaltung, Zittern und Fehlstellung von einzelnen Körperteilen äussern kann. Dystonien sind von den Betroffenen nicht bzw. nur kurz unterdrückbar. Dystonien sind häufig auch mit Schmerzen verbunden. Häufig werden «sensorische Tricks», z.B. das Berühren des betroffenen Körperteils, zur Erleichterung der Symptomatik angewandt bzw. eingesetzt. Diese Tricks nennt man «gestes antagonistes». Die Ursache von Dystonien liegt in einer Störung der Regulation der unbewussten Motorik im Bereich der Basalganglien im Gehirn. Unterschieden wird allgemein zwischen generalisierten Dystonien, die den ganzen Körper betreffen, und fokalen Dystonien, die nur einige Körperteile betreffen. Des Weiteren gibt es Untereinteilungen, je nach Fehlhaltung (Drehung, Beugung, Streckung etc.).
Welche Dystonieformen gibt es?
Zu den bekanntesten Dystonieformen gehören folgende Krankheitsbilder:
- die zervikale Dystonie (Torticollis, «Schiefhals»), die sich in einer Fehlhaltung des Kopfes äussert
- der Blepharospasmus, auch Lidkrampf oder Blinzeltic genannt, der zu unkontrollierbarem Blinzeln führt; in schweren Fällen werden Betroffene funktionell blind
- die oromandibuläre Dystonie, die die Mundpartie und den Kauapparat befällt. Betroffenen fällt es schwer zu essen
- der Stimmbandkrampf, auch spasmodische Dysphonie genannt, bei dem Betroffene verhaucht oder gepresst sprechen und kaum mehr verstanden werden können
- die Gliederdystonie, die als Schreibkrampf, Musikerkrampf oder Fussdystonie auftreten kann; sie führt zu einer Verkrampfung der Glieder, die es Betroffenen unmöglich macht zu schreiben, zu musizieren oder zu gehen
Verschiedene Formen der zervikalen Dystonie
Je nach Fehlstellung des Kopfes wird zwischen verschiedenen Typen der zervikalen Dystonie unterschieden.
A Drehung mit Vorwärtsbeugung B Seitliche Beugung C Rückwärtsbeugung D Vorwärtsbeugung
Blepharospasmus
Mit Blepharospasmus bezeichnet man einen krampfartigen Lidschluss unterschiedlicher Ursachen. Ein solcher Lidkrampf entsteht durch eine dauerhafte Anspannung des Augenringmuskels, welcher ein Teil der mimischen Gesichtsmuskulatur ist. Der Lidkrampf tritt in aller Regel beidseitig auf. Er reicht von anfänglichem Blinzeln – was über Lichtreize oder bei Müdigkeit ausgelöst werden kann – bis hin zu ausgeprägter Verschliessung der Augen über mehrere Stunden. Nachts beim Schlafen verschwinden die Symptome häufig und sind morgens entsprechend milder ausgeprägt.
Die genaue Ursache des Blepharospasmus ist unbekannt. Man nimmt eine Fehlfunktion der Basalganglien des Gehirns an, möglicherweise bedingt durch ein Ungleichgewicht des Neurotransmitters Dopamin.