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«Die Theaterpuppen amüsieren nur die Kinder und die geistreichen Menschen.» Dieses Zitat der französischen Schriftstellerin George Sand steht im Marionettenmuseum Freiburg an einer Wand beim Eingang zur Dauerausstellung, in einer Ecke, die dem Museumsgründer Jean Bindschedler (1927–2019) gewidmet ist. Tatsächlich ist Puppentheater keineswegs nur simples Kindertheater. In vielen Regionen der Welt richtet es sich bis heute vorwiegend an ein erwachsenes Publikum, und auch in Europa war dies bis ins 20. Jahrhundert hinein der Fall. Jean Bindschedler selbst begann seine Karriere als Puppenspieler zwar mit Märchenstücken für seine Kinder, doch hatte er bei seiner Arbeit bald auch die Erwachsenen im Blick, etwa wenn er historische, religiöse oder gesellschaftliche Themen umsetzte.
«Jean Bindschedler war ein echter, vielfach unterschätzter Künstler», sagt Nicole Lehner-Gigon vom Marionettenmuseum Freiburg. «Er war unheimlich vielseitig und wusste genau, was er wollte. Viele sind sich heute des Reichtums seiner Arbeit kaum noch bewusst.» Um dies zu ändern, zeigt das Museum jetzt eine Retrospektive über sein Schaffen, als Hommage an den im vergangenen Frühling verstorbenen Künstler. Bindschedler war im Alter von 92 Jahren in seiner Wahlheimat Tschad gestorben (die FN berichteten).
Märchen, Opern und Eigenkreationen
Rund 350 Objekte, davon etwa 250 Puppen aus Bindschedlers Nachlass, befinden sich in der Sammlung des Museums. An die 80 Puppen und zehn Dekors sind in der Sonderausstellung zu sehen, dazu eine Auswahl an Dokumenten wie Briefe, Notizen oder Fotografien. Jean Bindschedler war 1973 nach Freiburg gekommen und gründete 1978 an der Samaritergasse ein Figurentheater. 1983 kam eine Wanderausstellung dazu, aus der 1985 das heutige Marionettenmuseum wurde. Bis in die Mitte der Neunzigerjahre schuf Bindschedler rund zwanzig grosse Figurentheater-Stücke; dazu kamen viele kleinere Produktionen. Er setzte bekannte Stoffe wie Märchen oder Opern um, erfand aber auch eigene Geschichten.
Von Freiburg bis nach Indien
In mehreren liebevoll inszenierten Vitrinen zeigt das Museum die Vielfalt von Bindschedlers Schaffen. Nicht zu übersehen ist die Vorliebe des Künstlers für Opern, etwa in seinen Versionen von Puccinis «Madama Butterfly» (1983) oder Mozarts «Entführung aus dem Serail» (1990). In anderen Szenen begegnen die Besucherinnen und Besucher Shakespeares «Othello» (1981) oder dem heiligen Franz von Assisi (1982). «Le secret de l’étrange petit homme» (1982) ist eine poetische Geschichte aus Bindschedlers eigener Feder über ein Kind, das aus Langeweile krank wird und erst dank der Hilfe eines Clowns seine Lebensfreude wiederfindet. Bindschedler hatte sich stets für andere Länder und Kulturen und für fremde Traditionen des Puppenspiels interessiert. Davon zeugt das Stück «Goul-Gouli» (1984), das ihm ein indischer Marionettenspieler überlassen hatte, nachdem es in dessen Heimat zu wenig erfolgreich gewesen war.
Zu sehen sind auch die Figuren aus einem Stück über die Geschichte Freiburgs, das Bindschedler 1981 zur 500-Jahr-Feier des Beitritts Freiburgs zur Eidgenossenschaft kreierte. Im gleichen Jahr brachte er eine Passionsgeschichte auf die Bühne, die er an Karfreitag uraufführte. Dabei liess er sich auch von anfänglichem Widerstand gegen die Umsetzung religiöser Stoffe mit Marionetten nicht abschrecken.
Mit Ausdruck und Fantasie
Beim Rundgang durch die Ausstellung wird schnell klar, warum Jean Bindschedlers Figuren bei Klein und Gross so beliebt waren: Jede einzelne ist eine Persönlichkeit. Die Gesichter aus Papiermaché sind ausdrucksstark, mit markanten Zügen und einem unverkennbaren Glanz in den Augen. Die Kostüme sind bis ins letzte Detail ausgearbeitet, die Requisiten handverlesen, der Dekor fantasievoll gestaltet. Fast alles habe Bindschedler selbst gemacht, mit der Hilfe seiner Familie, sagt Nicole Lehner-Gigon.
Bindschedler selbst pflegte zu sagen, nicht der Puppenspieler führe die Marionette, sondern umgekehrt: Die Marionette führe den Spieler, denn sie habe ihre eigene Persönlichkeit. Wer Bindschedlers Puppen in die Augen schaut, wird ihm ohne Zögern recht geben.
Marionettenmuseum, Hinter den Gärten 2, Freiburg. Bis zum 19. April 2020. Mi. bis So. 11 bis 17 Uhr.
Zur Person
Künstler, Lehrer, Journalist und Reisender
Der Genfer Jean Bindschedler wurde 1927 in Lausanne geboren. Er absolvierte eine künstlerische Ausbildung an der Kunstschule Genf und studierte später Politikwissenschaften an der Universität Genf. Seine Tätigkeiten als Künstler, Lehrer, Journalist und Beamter führten in nach Frankreich, Deutschland, Äthiopien, Indien und in den Kongo. Er bereiste die meisten Länder Südostasiens und Afrikas und entdeckte die dortige Tradition des Puppenspiels. 1973 zog er mit seiner Familie nach Freiburg und gründete hier 1978 mit seiner Frau Marie-José Aeby und seinem Sohn Nicolas das Figurentheater Les Marionnettes de Fribourg. 1983 rief er das Schweizer Figurentheater-Museum ins Leben. Dieses existierte zwei Jahre lang als Wanderausstellung, ehe es 1985 in den aktuellen Räumen des Marionettenmuseums sesshaft wurde. 1997 übergab Jean Bindschedler die Leitung des Theaters und des Museums an seinen Sohn. Von da an verbrachte er jeweils einen Teil des Jahres im Tschad, wo er heimisch wurde. Am 1. April dieses Jahres starb er mit 92 Jahren im Tschad, wo er auch beerdigt wurde. Schon 1989 gründete die Familie die Stiftung Bindschedler zur Förderung der Theaterfigurenkunst, deren erste Präsidentin Staatsrätin Roselyne Crausaz war. Im Jahr 2000 übernahm die Stiftung die Leitung des Theaters und des Museums.
Ausstellung
Märchenpuppen von Marie-Christine Thury
Parallel zur Retrospektive über Jean Bindschedler zeigt das Marionettenmuseum auch eine kleine Ausstellung mit Märchenpuppen der Deutschschweizer Puppenspielerin Marie-Christine Thury. Es handelt sich um Leihgaben der Künstlerin, die ihre Figuren heute als Märchenerzählerin einsetzt. Marie-Christine Thury wurde 1944 in Bern geboren und kreierte schon als Kind Figuren, mit denen sie im familiären Rahmen Theater spielte. Später wurde sie Primarlehrerin, studierte Kunst in Bern und Zürich und bildete sich bei Malern weiter. Von 1980 bis 2009 betrieb sie mit Margrit Aemmer die Puppentheaterbühne Pao-Pao, die im Kanton Aargau und Umgebung aktiv war. Nach ihrer Pensionierung erlangte sie 2009 ein Diplom als Märchenerzählerin. Mit ihren fast hundert Puppen veranstaltet sie regelmässig Märchenerzählungen vor Publikum.