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Wenn wir eine Person fragen, warum sie das tut, was sie tut, dann kann sie normalerweise eine Antwort geben, die ihr Handeln als auf (mehr oder weniger guten) Gründen gestützt darstellt. Und im Normalfall sind wir zufrieden mit solchen Antworten. Wir glauben, mit ihnen eine Erklärung davon zu haben, warum die Person gerade das getan hat, was sie getan hat.
Wir können natürlich bezweifeln, ob das, was die Person als Grund vorbringt, wirklich ein solcher ist. In einem solchen Fall beginnen wir vielleicht mit ihr zu diskutieren, oder wir machen ihr Vorwürfe. Aber den Wert ihrer Handlung zu bezweifeln ist nicht das Gleiche, wie ihre Erklärung zu bezweifeln.
Hier ist ein Beispiel: Klara hat ihre Stelle gekündigt. Wir fragen sie, warum sie das getan hat. Und sie erklärt uns vielleicht, dass sie ihre Stelle gekündigt hat, weil sie ein finanziell äusserst attraktives Angebot von der Konkurrenz bekommen hat. Wir glauben damit eine befriedigende Antwort auf unsere Frage zu haben. Wir können natürlich bezweifeln, ob das Angebot der Konkurrenz wirklich ein guter Grund ist, die Stelle zu kündigen. Aber wenn wir das tun, zweifeln wir nicht schon dadurch Klaras Erklärung an. Wenn sie uns sagt, dass der Grund, weswegen sie ihre Stelle gekündigt hat, der ist, dass sie ein Angebot von der Konkurrenz bekommen hat, dann glauben wir, damit eine Erklärung davon zu haben, warum sie ihre Stelle gekündigt hat, auch wenn wir vielleicht glauben, dass ihr Grund kein besonders guter Grund war.
Um einen Namen für dieses Bild des menschlichen Handelns zu haben, nenne ich es das rationalistische Bild. Ich möchte hier die Frage diskutieren, ob dieses Bild nicht psychologisch völlig unrealistisch ist. Das ist nicht zuletzt deshalb relevant, weil es so scheint, als ob wir in unserem alltäglichen Umgang miteinander ein solches Bild stillschweigend voraussetzen.
Es ist bekannt, dass unsere Entscheidungen durch viele Faktoren beeinflusst sind, welche gewissermassen hinter unserem Rücken wirksam sind. Unsere Kaufentscheidungen werden beispielsweise stark durch die Farbe der Verpackungen und durch die Lage der Produkte im Regal beeinflusst. Marketingabteilungen arbeiten mit solchen Erkenntnissen. Und unsere Supermärkte sind nach solchen Erkenntnissen eingerichtet. Hier ist ein weiteres Beispiel: Nicht ohne Grund haben akademische Zeitschriften meist ein sogenanntes blindes Begutachtungsverfahren; d.h. nicht ohne Grund wird die Person, welche eine Empfehlung darüber abgeben soll, ob eine eingesandte Arbeit es Wert ist, publiziert zu werden, über die Identität des Verfassers oder der Verfasserin im Dunkeln gelassen. Denn diejenigen, die Gutachten schreiben, werden nur allzu leicht durch Faktoren wie Geschlecht, Name, und akademische Stellung in ihrer Bewertung beeinflusst.
Wenn wir also ein psychologisch realistisches Bild von uns haben wollen, dann darf dieses Phänomen sicherlich nicht ignoriert werden. Die Frage ist nun, ob das eingangs skizzierte rationalistische Bild angesichts dieses Phänomens noch haltbar ist.
Stellen wir uns vor, dass Karl mit einer Packung Waschmittel an der Kasse des Supermarkts steht. Wir fragen ihn, warum er gerade die Marke Supersauber gewählt hat. Und er erklärt uns vielleicht, dass er Supersauber gewählt hat, weil dieses Produkt am weissesten wäscht, oder weil es das ökologischste ist. Wie auch immer er sein Handeln erklären wird, er wird es dadurch tun, dass er es als eines darstellt, welches auf mehr oder weniger gute Gründe gestützt ist. Nun kann es aber sein, dass der entscheidende Faktor die Farbe der Verpackung war. Wäre die Farbe anders gewesen, hätte er sich anders entschieden. Müssen wir daraus schliessen, dass das, was Karl selber über seine Entscheidung sagt, eine blosse Fiktion ist?
Es gibt sicherlich Fälle, in denen das, was die handelnde Person über ihre Entscheidung sagt, eine blosse Fiktion ist. Inga bewirbt sich mit viel Eifer für eine Kunsthochschule. Sie wird aber abgelehnt. Es gibt eine einfache Erklärung davon, warum sie abgelehnt wird: sie hat schlichtweg kein Talent. Sie erklärt sich und anderen die Absage aber so, das sie darauf verweist, dass sie sich sowieso nie sicher war ob eine solche Ausbildung für sie wirklich das Richtige sei und sie sich deshalb bei der Bewerbung nicht besonders viel Mühe gegeben habe. Was sie sagt, ist eine blosse Fiktion. Die Frage ist, ob letztlich alles Handeln von dieser Art ist: es gibt eine wirkliche Erklärung, und es gibt die Art von „Erklärung“, welche die Handelnde von ihrer Handlung gibt, aber diese bleibt immer nur oberflächlich und ist streng genommen falsch.
Ich denke, dass ein solcher Schluss zu voreilig wäre. Kehren wir zu Karl zurück. Er erklärt uns, dass er Supersauber gewählt hat, weil er der Meinung ist, dass es am weissesten wäscht. Aber wäre die Farbe der Packung anders gewesen, dann hätte er sich anders entschieden. Es folgt daraus nicht, dass die Erklärung, die Karl uns gibt, eine blosse Fiktion ist, und dass die wirkliche Erklärung eine ist, die auf die Farbe der Verpackung verweist. Es ist naheliegender anzunehmen, dass die Farbe der Verpackung Karl dahingehend beeinflusste, dass sie dazu führte, dass er (irrtümlicherweise) glaubte, dass Supersauber am weissesten wäscht und dass er deshalb Gründe sah, wo es vielleicht gar keine gab. Allgemeiner und etwas technischer gesagt: die Faktoren, die uns zweifellos sehr oft beeinflussen, beeinflussen uns nicht unter Umgehung unsere rationalen Fähigkeiten, sondern sie beeinflussen uns gerade dadurch, dass sie diese rationalen Fähigkeiten beeinflussen. Wenn das so ist, dann ist das, was er uns selbst sagt – dass er Supersauber gewählt hat, weil er der Meinung ist, dass es am weissesten wäscht – nicht falsch oder eine blosse Fiktion. Es ist, in diesem Fall, einfach nicht die vollständige Erklärung.
Ich biete das an als eine Beschreibung, welche sehen lässt, dass das rationalistische Bild, gemäss dem wir im Normalfall nach Gründen handeln, kompatibel ist mit einem gewissen psychologischen Realismus, gemäss dem wir sehr oft von Faktoren jenseits unserer Kontrolle, und vielleicht auch jenseits dessen, was uns bewusst ist, beeinflusst werden. Ich habe damit weder dafür argumentiert, dass das rationalistische Bild korrekt ist, noch gezeigt, wie rationale und psychologische Faktoren ganz genau zusammenhängen. Dazu wären weitere Untersuchungen nötig. Auch habe ich nichts darüber gesagt, wie wir damit umgehen sollten, dass unsere rationalen Fähigkeiten solchen Einflüssen unterliegen. Was ich zeigen wollte, war einzig, dass wir das rationalistische Bild nicht zu voreilig aufgeben sollten angesichts der Tatsache, dass wir auf mannigfaltige Weise in unserem Handeln beeinflusst werden.
Über den Autor
Beitrag von Magnus Frei, Doktorand an der Universität Fribourg