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PFINGSTGEMEINDE, EVANGELISCH-METHODISTISCHE KIRCHE, TÜRKISCH-ISLAMISCHER KULTURVEREIN IN WÄDENSWIL
Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2014 Christian Winkler
ÜBERBLICK
Am 12. Mai 1529 schloss sich Wädenswil mit einer Abstimmung an der Gemeindeversammlung der Reformation an.1 Fortan war die reformierte Konfession «Staatsreligion» wie im übrigen Gebiet des Kantons Zürich. Erst mit der neuen geografischen Aufteilung der Schweiz nach der Helvetik 1803, als der Kanton mit den Gemeinden Dietikon und Rheinau und dem Kloster Rheinau auch katholische Gebiete samt Kloster erhielt, begann sich diese Situation langsam zu ändern. 1848 wurde mit der Gründung des Bundesstaates und der Bundesverfassung zudem allen Staatsbürgern christlicher Konfession die freie Niederlassung gewährt. Diese Niederlassungsfreiheit und die Industrialisierung, die viele Arbeitskräfte von anderen Kantonen oder vom nahen Ausland anzog, förderten eine Durchmischung der Konfessionen. Seit 1844 hielten beispielsweise in Zürich die Katholiken Gottesdienste ab, Baptisten ab 1849 und Methodisten formierten sich 1872 in einer Genossenschaft.2
Auch in Wädenswil liessen sich immer mehr Gläubige anderer Konfessionen nieder. Insbesondere Katholiken aus Süddeutschland, Österreich und Italien und aus den Zentralschweizer Nachbarkantonen zog es ins zunehmend industrialisierte Wädenswil. Für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ergibt das die folgende konfessionelle Aufteilung3.
Bevölkerung und Konfessionen in Wädenswil
Jahr
Einwohner
Reformiert
Katholisch
Andere
1850
5841
5663
178
-
1960
5993
5712
251
30
1870
6049
5729
273
47
1880
6206
5740
421
45
1888
6338
5767
546
25
1900
7566
6244
1259
86
Während des 19. und 20. Jahrhunderts bildeten sich in Wädenswil zahlreiche kleinere und grössere religiöse Gemeinschaften. Heute zählen wir die Folgenden dreizehn4:
- Evangelisch-reformierte Kirchgemeinde (Gessnerweg 5), seit der Reformation - Römisch-Katholische Kirchgemeinde (Etzelstrasse 3), Gottesdienste seit 1881 - Pfingstgemeinde SPM (Auerenstrasse 10), seit 1910
- Evangelisch-methodistische Kirche (Rosenbergstrasse 4), seit 1874 - CityPoint (Seestrasse 319b, Au), seit 2002
- Evangelische Täufergemeinde Au (Schellerstrasse 7, Au), seit Mitte des 19. Jahrhunderts - Freie Evangelische Gemeinde FEG Fuhr (Fuhrstrasse 19), seit 1862 - Heilsarmee Wädenswil (Zugerstrasse 54), seit 1891 - Neuapostolische Kirche (Speerstrasse 42), seit 1908
- Freikirche der Siebenten-Tages-Adventisten (Zugerstrasse 62), unbekannt
- Jehovas Zeugen (Buckstrasse 35), ungefähr seit den 1950er-Jahren - Türkisch-Islamischer Kulturverein (Florhofstrasse 7), seit 1998
- Albanisch-Islamischer Verein Wädenswil (Seestrasse 159), seit 2005
Im September 2013 feierte die Römisch-Katholische Kirchgemeinde in einem Fest die 50-jährige öffentlich-rechtliche Anerkennung als Landeskirche des Kantons Zürich und die Einweihung des neu renovierten, 1898 erstmals bezogenen Pfarrhauses. Aus diesem Anlass wurde als Rahmenprogramm eine Führung durch Wädenswil veranstaltet, die nach dem Motto «religiöses Leben in Wädenswil» an fünf Stationen Halt machte. Neben der katholischen und reformierten Kirche wurden die Pfingstgemeinde, die Evangelisch-methodistische Kirche und die Moschee des Türkisch-Islamischen Kulturvereins besucht. Diese drei letztgenannten Gemeinschaften werden in der Folge etwas genauer vorgestellt.
DIE PFINGSTGEMEINDE SPM
Name:
Pfingstgemeinde SPM Wädenswil
In Wädenswil bezeugt seit:
1910
Standort:
Auerehuus (Auerenestrasse 10)
Mitglieder (2013):
230
Angestellte:
390 % pastorale Anstellung, 60 % Administration
Finanzierung:
Spenden und Zuwendungen
Die Anfänge der Pfingstgemeinde sind stark mit Ida Brändli-Hausammann (1863–1939) verbunden. Sie war die zweitälteste von neun Geschwistern und Tochter von Johann Georg Hausammann und Barbara Staub. Der Vater war Metzger und Wirt im «Hirschen» Wädenswil. Im Sommer 1883 heiratete sie den Wittwer Heinrich Brändli und zog zu ihm in den oberen Lehmhof. Heinrich Brändli hatte bereits eine Tochter in die Ehe gebracht, gemeinsam hatten sie einen Sohn. Die Eheleute verband ein tiefer Glaube, weshalb sie ab 1910 ihre Wohnstube für Andachten von «Mutter Brändli» öffneten. Im Jahr 1915 wurden die Platzverhältnisse allerdings zu eng und so wurde in einem Nebengebäude des Hofs ein kleiner Saal für etwa 30 Personen eingerichtet, wo auch eine Sonntagsschule ihren Anfang nahm. Als auch dieser Ort zu klein wurde, baute man ein Ökonomiegebäude zum Versammlungsraum um, in dem eine Kanzel und einige Zeit später ein Taufbecken eingerichtet wurden. Der neue Raum wurde am 1. Mai 1921 eingeweiht und zur gleichen Zeit mit Heinrich Steiner ein erster Prediger in Wädenswil eingesetzt.5
In den Folgejahren konnte man am See beim Jakobshof beim Engelhafen Wassertaufen durchführen. Allerdings wurden dem Prediger Steiner durch einen Gemeinderatsbeschluss Bedingungen auferlegt. So durfte «im Monat nur je eine solche Veranstaltung stattfinden».
Ida Brändli-Hausamann (1863-1939).
Ausserdem sollte man sich möglichst unauffällig verhalten: «Bei der Verlegung dieser Kultushandlungen in die Öffentlichkeit ist alles dasjenige zu vermeiden, das die Gefühle Andersgläubiger verletzen könnte oder als unnötige Schaustellung, Werbetätigkeit oder sogar als Herausforderung anderer Konfessionen erscheinen müsste.»6 Auch an anderen Orten zeigten sich die Behörden vorsichtig gegenüber Versammlungen der Pfingstgemeinde. 1934 wollte man offenbar im Saal des Glärnisch-Schulhauses eine Erweckungsversammlung abhalten, auf deren Durchführung man schliesslich an diesem Ort verzichtete. Die Primarschulpflege zeigte sich erleichtert, da dadurch der «Behörde ein heikler Entscheid erspart» blieb.7
1934 wurde Albert Fivian der Nachfolger von «Vater Steiner», er wurde 1940 durch Ernst Feller abgelöst. Inzwischen verstarb «Mutter Brändli» nach einiger Zeit der Krankheit. Dennoch blieben die Versammlungen der Pfingstgemeinde noch lange auf dem Lehmhof beheimatet. Feller blieb bis zu der Pensionierung 1985 im Amt, 1980 stiess Pastor Heinz Bossi dazu, der noch heute im Amt ist und mancher Pastoralassistent unterstützte das Team.8 Für die Jugendarbeit wurde 1959 eine Jugendgruppe gegründet, die im Herbst 1966 ihr erstes Lager des Distrikts (mit Horgen, Lachen, Stäfa, Rapperswil, Wald und Wetzikon) durchführte. 1969 gründete zudem Johannes Zollinger die «Good News Singers», die ihren ersten öffentlichen Auftritt im Hotel Engel hatten. Sie feierten im Rahmen gemeinnütziger Konzerte einige Erfolge.9
Die Gemeinde wuchs ständig und man sah sich nach einem grösseren Gebäude um. Nach jahrelangen Verhandlungen scheiterte der Versuch, die Scheune des Waisenhauses zu erwerben und für die eigenen Bedürfnisse auszubauen. Auch das Gebäude der Hutfabrik Felber an der Oberdorfstrasse stand einst zur Diskussion. 1986 konnte schliesslich die Liegenschaft der Firma Connex AG an der Auerenstrasse gekauft werden.10
Postkarte von 1939. Im Vordergrund links das Fabrikgebäude, dass zu dieser Zeit wohl leer stand.
Das Fabrikgebäude mit dem markanten Kamin, 1986.
Das Gebäude wies zuvor interessante Besitzer auf. Es wurde etwa im Jahr 1910 gebaut und die Firma Baumann stellte dort Weberei-Utensilien her. 1926 kaufte die Kalophon-Record AG das Gebäude und verlegte ihre Schallplattenfabrikation nach Wädenswil. Man versuchte sich mit verschiedenen Materialein und bewarb sie als «unzerbrechlich und flexibel», was nicht ganz den Tatsachen entsprach. Ausserdem verzogen sich die Scheiben, was für das Abspielen der Tonträger ein Problem darstellte. Auf Sammlerbörsen oder Flohmärkten findet man manchmal noch heute Schallplatten «made in Wädenswil», auf die vor allem Folklore und amerikanische Tanzmusik gepresst worden war. 1931 musste die Nachfolgefirma Elite-Record AG Konkurs anmelden und die Produktion samt Gebäude ging an die Turicaphon AG, die in der Krisenzeit 1937 schliesslich in die Gegend von Uster umzog. Zuvor waren täglich immerhin rund 400 Schallplatten hergestellt worden. Für die Anwohner war der qualmende Kamin der Fabrik – bei Materialien aus Kunststoff wegen der Geruchsemissionen nachvollziehbar – ohnehin zunehmend zum Ärgernis geworden. Das Gebäude blieb im Anschluss einige Jahre leer, bis der Ingenieur Oskar Schmutziger eine Fabrik für Spannelemente einrichtete. Sie wurde 1978 in Connex AG umbenannt, von der schliesslich 1986 die Pfingstgemeinde das Gebäude erwerben konnte.11
Für Räume werden Mauern eingezogen, 1987.
Das «Auerehuus» heute.
Bis der 5,2 Millionen Franken teure Umbau vollzogen war, vergingen vier Jahre, in denen einige zähe Verhandlungen wegen Rekursen geführt werden mussten.12 Ein wesentlicher Teil der Arbeiten wurde in Fronarbeit geleistet. Das Gebäude erhielt viele sichtbare Änderungen. Der markante Kamin auf der Südseite fiel weg und ein abgeflachtes Walmdach ersetzte das Flachdach der Fabrik. Darunter wurde der grosse Saal mit Empore und Taufbecken unterhalb der Bühne eingerichtet, der rund 350 Personen Platz bietet. Das Licht, das den Raum erfüllt, kommt einerseits von Öffnungen im Dach, andererseits seitlich durch 14 Glasfenster des Künstlers Marc King, der einen Schöpfungszyklus schuf. Von ihm stammen im Übrigen auch die farbigen Fenster im Schulhaus Eidmatt III. Im Parterre entstanden Büro-, Sitzungs- und Gruppenräume. Im Untergeschoss gibt es einen grossen Gemeinschaftssaal mit grosszügiger Küche, die damals mit Geräten aus der «Sonne» ausgestattet wurde. Dazu verfügt das Haus gar über ein eigenes voll ausgestattetes Tonstudio. Am 10. Juni 1990 wurde schliesslich ein erster Gottesdienst im neuen Heim gefeiert und das Haus in verschiedenen Feierlichkeiten der Öffentlichkeit präsentiert.13
Im Jahr 2010 wurde das hundertjährige Bestehen in Wädenswil mit zahlreichen Gottesdiensten und Anlässen gefeiert. 2012 wurde schliesslich das benachbarte Haus der ehemaligen Druckerei Frei erworben, in deren Räumlichkeiten nun Platz für die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist. Die drei Wohnungen über den ehemaligen Druckereiräumen werden vermietet. Das Gebäude wird «Freihuus» genannt.14
DIE EVANGELISCH-METHODISTISCHE KIRCHE
Name:
Evangelisch-methodistische Kirche (EMK) Gemeinde Wädenswil
In Wädenswil bezeugt seit:
1874
Standort:
Rosenbergkapelle (Rosenbergstrasse 4)
Mitglieder (2014):
53, 46 Freunde
Angestellte:
Pfarrer zu 100 %
Finanzierung:
Freiwillige Beiträge, die an den Bezirk Region Zimmerberg gezahlt werden.
In unserer Region gibt es seit 1858 in Horgen und seit 1863 in Thalwil Methodisten. In Wädenswil sind 1874 erstmals Versammlungen dokumentiert. Das «Kirchenbuch der Bischöflichen Methodistenkirche in Wädenswil», eine Chronik, die den Zeitraum von 1874 bis in die 1940er-Jahre umfasst, beschreibt die erste Zusammenkunft folgendermassen: «Der erhabene Tempel der freien Gottesnatur war der Ort, an welchem die ersten Versammlungen gehalten wurden. Eine grössere Zahl von Zuhörern stellte sich ein im ‹Reitholz›; die meisten wohl nicht aus Heilsverlangen, als vielmehr aus Neugierde. Aber bei etlichen verwandelte sich die Neugierde in Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit, nach Erlösung von ihren Sünden.» Da man noch über kein eigenes Dach verfügte, traf man sich folglich im Freien, zu Beginn im Reidholz. Ein erstes Lokal wurde später im einstigen Schützenhaus an der Fuhrstrasse gemietet, wo heute das Oberstufenschulhaus Rotweg steht. Um 1880 zog man nach einem kurzen Halt in einem Haus «Seilerhüsli» an der Schönenbergstrasse in den «Felsenhof» (Seestrasse 159), wo man während mehr als 20 Jahren ein Heim hatte. Bei festlichen Anlässen waren dort die Räumlichkeiten allerdings oft zu klein und so durfte man in den Saal des Schulhauses oder für grosse Abdankungen in die Kirche ausweichen.15 Im Felsenhof wird heute übrigens wieder gebetet, allerdings in der Moschee des Albanisch-Islamischen Vereins.
In den Jahren um 1890 machte die Methodistengemeinde eine schwierige Zeit durch. Streitigkeiten, Mitgliederschwund und finanzielle Engpässe schienen die Gemeinschaft zu bedrohen. Doch bereits 1895 war sie wieder erstarkt und man machte sich Gedanken über einen eigenen Bau. «An einem Fasnacht-Montag waren einige Glieder bei Vater Hauser [dem jahrzehntelangen Verwalter der Kirche] fröhlich beisammen» und man begann mit der Sammlung einer Kollekte, die zunächst drei Franken einbrachte. Im Mai 1898 konnte zum Preis von 4745 Franken ein Stück Land an der heutigen Rosenbergstrasse – damals Fuhrwegstrasse – gekauft werden. Im Frühling 1901 begann man den Bau, der bereits im Herbst beendet war. Aus einer «Fasnachtsidee» war eine hübsche Kapelle mit Pfarrerwohnung im Obergeschoss entstanden. Den kleinen Turm ziert eine kleine Wetterfahne mit dem Erbauungsjahr 1901. Am 10. November wurde mit einem Festgottesdienst, Reden und Konzerten die Kapelle eingeweiht. Am Festakt nahmen auch fünf Gemeinderäte teil.16 «Das Haus hat der ganzen Umgebung eine […] wesentliche Verschönerung gebracht.»17
In der Methodistengemeinde herrschte ein reges Vereinsleben. Bereits 1896 wurde der Zions-Sängerverein gegründet, der sich in den 1940er-Jahren in die Chöre Mugeren und Wädenswil aufteilte, jedoch in den 1980er-Jahren wieder vereinte.18 Ferner entstanden 1880 eine Sonntagsschule und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Missionsverein, der Jungfrauenverein, der Jünglings- und Männerverein, der Allianz-Abstinenten-Verein und der Hoffnungsbund. 1910 wurde Wädenswil von der Muttergemeinde Horgen unabhängig. In den Jahren um 1930 ging die Zahl der Mitglieder zurück, was auch auf «das starke Aufleben der Pfingstgemeinde» zurückgeführt wurde, die offenbar eine ernste Konkurrenz darstellte. Immerhin wurde in den Folgejahren in der Mugeren eine Filiale eröffnet und der junge, «aber wohl etwas selbstgefällige […]» Prediger Max Gisler hauchte der Gemeinschaft wieder Leben ein. «Mit Hilfe eines Motorrades bestürmte er den Wädenswiler-Berg bis weit nach Hirzel und Schönenberg. Mugeren, unsere Bergstation[,] wurde wieder mit jungem frischem Volk belebt!» Dennoch war es eine Zeit der vielen Pfarrerwechsel und einiger Unruhe. Das Fest zum 40-jährigen Bestehen der Kapelle wurde jedoch ausgiebig gefeiert und Pfarrer Bauer, der beim Bau 1901 dabei gewesen war, hielt eine Festpredigt; Mitglieder und Gäste spendeten beinahe 2000 Franken.19
Schwanenplatz in den 1920er Jahren, mit Blick auf die Rosenbergkapelle.
Die Rosenbergkapelle mit dem 2009 rot angestrichenen Anbau von 1997.
In den Jahren 1963 bis 1965 fanden im Innern und aussen an der Kapelle Renovationsarbeiten statt, bei denen die hintere Empore durch eine Wand abgetrennt wurde, wodurch ein neuer Raum entstand. Wahrscheinlich wurden bei dieser Gelegenheit die kleineren Kamine entfernt und eine Zentralheizung eingebaut. 1974 wurde die Pfarrerwohnung saniert, 1977 eine neue Orgel eingebaut, wofür die Seitenempore gekürzt werden musste. 1989 erhielt die Kapelle neue Fenster.20
Im Jahr 1997 erfuhr die Kapelle eine starke Vergrösserung. Das Treppenhaus wurde in einen Anbau samt Lift verlegt, die Empore konnte damit wieder geöffnet werden. Das gesamte Gebäude wurde unterhöhlt und im Untergeschoss entstand ein unterteilbarer Gemeinschaftsraum mit Küche und sanitären Anlagen sowie einem Jugendraum. Der Umbau erfolgte in vielen Stunden Frondienst der Gemeindemitglieder und war äusserst spektakulär. Denn während des Umbaus stand die Kapelle zeitweise auf Baumstämmen und Drahtseile und Bänder hielten die Ecken zusammen, ohne dass dabei ausser einigen Haarrissen Schaden entstand.21 Im Innern konnte 2006 die Pfarrwohnung umfassend umgebaut werden.22 Zu ihr gehört auch das kleine Zimmer im Türmchen. Im Gottesdienstraum wurde 2007 eine neue Orgel eingebaut. Sie stammt aus der Methodistenkirche in Thalwil, die 2006 ihre Tore schliessen musste.
Die Kapelle im Umbau.
Spektakulärer Umbau mit Unterhöhlung der Kapelle.
Die Orgel des Orgelbauers Peter Ebell von Hausen am Albis, ursprünglich von der EMK Thalwil, seit 2007 in Wädenswil.
Es handelt sich dabei um einheimisches Schaffen des Orgelbauers Peter Ebell aus Hausen am Albis. Die Orgel wurde im Dezember 1984 in Thalwil eingeweiht und ist sowohl in ästhetischer als auch in klanglicher Hinsicht ein besonderes Kleinod der Kapelle.23 Äusserlich wurde zuletzt 2009 die Fassade saniert und der Sockel und der Treppenanbau mit dem roten Anstrich versehen.24
DER TÜRKISCH-ISLAMISCHE KULTURVEREIN
Name:
Türkisch-Islamischer Kulturverein Bezirk Horgen
In Wädenswil bezeugt seit:
1996, Vereinsgründung 1976 in Thalwil
Standort:
Moschee, (Florhofstrasse 7)
Mitglieder (2013):
ca. 300 Familien, die angesprochen werden, (bis nach Adliswil, Leimbach Hirzel, Schindellegi, Einsiedeln, Pfäffikon, Siebnen …)
Angestellte:
keine
Finanzierung:
Mitgliederbeiträge, Einnahmen aus Festen
Eine türkische Gemeinschaft entstand in den frühen 1970er-Jahren in Thalwil aus dem Bedürfnis von türkischen Arbeitern, sich zu treffen und die Kultur der Heimat zu leben.25 Sie waren gegen Ende der 1960er-Jahre in der Türkei als Fachkräfte für die Seidenfabrik Schwarzenbach in Thalwil und die Weberei Gessner in Wädenswil angeworben und in die Schweiz geholt worden. In Wädenswil wohnten sie teilweise in den Häusern der Fabrik an der Fabrik- und Glärnischstrasse. Viele rechneten damit, nach einigen Jahren Arbeit wieder in die Türkei zurückzukehren und versuchten deshalb in der Vereinstätigkeit, die Bindung zur eigenen Kultur zu bewahren. Die Vereinsgründung des Türkisch-Islamischen Kulturvereins erfolgte 1976,26 dann zog die Gemeinschaft von Thalwil nach Horgen ins Arn um, wo sie 20 Jahre blieb. 1996 übersiedelte man nach Wädenswil in das Gebäude an der Ecke Kreuzstrasse/Florhofstrasse, wo noch heute die Gebete und das übrige Vereinsleben stattfinden.
Das Gebäude an der Florhofstrasse 7 wurde als Wohnhaus mit Bäckerei für den Einwohnerverein Wädenswil gebaut. Der «Verein zur billigen Beschaffung guter Lebensmittel für die Mitglieder» hatte zum Ziel, durch Einkauf von Nahrungsmitteln und anderen Artikeln des täglichen Gebrauchs, den Mitgliedern möglichst günstige Preise zu gewähren. Die Pläne des Hauses stammen vom Wädenswiler Architekten Karl Schweizer (1843–1912), der 1874 den ersten Bahnhof (abgebrochen 1934) gebaut hatte. Im grossen Anbau befand sich die Bäckerei des Einwohnervereins. 1951 übernahm Walter Homberger die Backstube, in der er für die zehn Filialen des Vereins und für sein 1947 eröffnetes Café Homberger an der Gerbestrasse bis 1970 buk.27 Danach beherbergte der Bau unterschiedliche Geschäfte.
Das Gebäude mit dem Logo der Bäckerei Homberger, 1965.
Das Gebäude Ecke Florhofstrasse/Kreuzstrasse. In den beiden oberen Stockwerken befinden sich die Räumlichkeiten des Vereins.
Als der Türkisch-Islamische Kulturverein 1996 zwei Stockwerke des Wohnhauses bezog, hätte die Möglichkeit bestanden, das Gebäude zu kaufen, allerdings war dazu das nötige Geld nicht vorhanden. Heute liegen die Verhältnisse umgekehrt. Die zentral gelegene Liegenschaft ist nun im Besitz der Stadt Wädenswil, die sich die Option offen lassen will, dort nötigenfalls weitere Büros für die Verwaltung in unmittelbarer Umgebung des Stadthauses einzurichten. Bereits jetzt ist der Friedensrichter dort untergebracht. Seit mehreren Jahren ist der Verein nun auf der Suche nach einer geeigneten Immobilie, gekauft oder gemietet, die den zunehmenden Platzbedürfnissen entspricht. Für die grössten Feste, das Opferfest und das Ende des Fastenmonats Ramadan, muss die Gemeinschaft jeweils auf andere Räumlichkeiten ausweichen. Zurzeit finden diese Anlässe deshalb im Etzelzentrum der katholischen Kirche statt. Daneben sind insbesondere bei den wichtigen Freitagsgebeten die Räume an der Florhofstrasse überfüllt. Die Suche nach einer geeigneten Liegenschaft – das Ziel ist, weiterhin im Zentrum präsent zu sein – gestaltet sich schwierig, auch weil an vielen Orten die Skepsis gegenüber einer islamischen Gemeinschaft gross ist. Als an der Schützenstrasse in Thalwil im Jahr 2010 ein neues Gebäude errichtet wurde, schien man bereits nahe am Kauf eines Stockwerks, bis sich diese Hoffnungen kurz vor Abschluss von Verträgen zerschlugen. Auch beim Gebäude der 2012 geschlossenen Postfiliale in der Au gab es eine Absage. Zurzeit ist der Verein noch immer auf der Suche nach grösseren Räumen – gekauft oder gemietet –, die möglichst zentral gelegen für verschiedene Aktivitäten Platz bieten.
Der Gebetsraum.
Parallel zum Türkisch-Islamischen Verein entwickelte sich von Beginn an der Wädenswiler Türkische Verein, der das Gemeinschaftsgefühl fördern wollte und etwas weniger für die religiösen Aspekte verantwortlich war. Er war lange Jahre an der Seestrasse beim Rothus zuhause und ist seit 2013 im Riegelhaus an der Seestrasse 77 (ehemaliger «China Garden») eingemietet. Vor allem im Fussball gab es in der Region mehrere erfolgreiche Mannschaften, die aus der türkischen Gemeinschaft entstanden und die später in die Fussballclubs der Gemeinden integriert wurden, so auch in Wädenswil. In Kilchberg ist die zweite Mannschaft des FC Kilchberg-Rüschlikon zwar Teil des Clubs, jedoch noch immer autonom organisiert und damit ein starker Bereich der türkischen Vereinstätigkeit in der Region. Im Türkisch-Islamischen Kulturverein nimmt die sogenannte Frauenkommission eine bedeutende Rolle ein. Die Frauen treffen sich eigenständig und übernehmen bei Festen wichtige Aufgaben. Ferner werden durch den Verein Aktivitäten für Jugendliche, Nachhilfe und Sprachkurse angeboten.
Beim Gebet.
Das besondere an der Wädenswiler Moschee ist, dass ein Imam – in diesem Fall als «Vorbeter in der Moschee» zu übersetzen – angestellt ist. Dieser stammt aus der Türkei, verfügt über einen universitären Abschluss in Islamwissenschaft und wird für vier, maximal fünf Jahre beispielsweise nach Wädenswil gesandt. Der türkische Staat übernimmt die Entlöhnung des Imams, die Vermittlung erfolgt durch die schweizerische Dachorganisation «Diyanet». Der Türkisch-Islamische Verein kommt für die Wohnung des Imams und dessen Familie auf. Im Kanton Zürich sind die Imame – derzeit sind es rund zwanzig – weitgehend durch die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ) organisiert. Ausserdem sind die Vorschriften für Imame kantonal geregelt. Hier muss sich ein Imam beispielsweise auf Deutsch verständigen können, da er auch öffentliche Aufgaben wahrnehmen soll.
Die Moschee ist wie jede andere Kirche wenn immer möglich offen, auch für Personen, die nicht dem muslimischen Glauben angehören. In der Regel werden etwa zweimal monatlich Führungen für Schulen durchgeführt und am jährlichen «Tag der offenen Moschee» öffnet die Wädenswiler Gemeinschaft jeweils für die Öffentlichkeit ihre Türen und gibt einen Einblick in den Islam und die Moschee.
Christian Winkler
Anmerkungen
DOZ = Dokumentationsstelle Oberer Zürichsee
AAZ = Allgemeiner Anzeiger vom Zürichsee
1 Peter Ziegler. Wädenswil, Bd. 1. Neuauflage, Wädenswil 1982, S. 104.
2 Peter Ziegler. Wädenswil, Bd. 2. Wädenswil 1971, S. 175; Max Stierlin. Der Weg der Katholiken im Kanton Zürich: Wegmarken und Etappen. Zürich 2002, S. 58–63; 92–95.
3 J. Höhn. Die eidgenössische Volkszählung in Beziehung auf die Gemeinde Wädensweil. O.O. 1900, S. 6.
4 Die Angaben zu den Entstehungsdaten stammen von einer Umfrage für die Oberstufenschule im Fach Religion und Kultur. Zu finden auch unter DOZ, ZL 29.
5 Ida Brändli-Hausammann (Broschüre inkl. Nachruf), DOZ, ZB 22:8 sowie ZL 26; 100 Jahre Pfingstgemeinde, Geschichte, DOZ, ZL 26; AAZ, 12.7.1990, S. 19.
6 Auszug aus dem Protokoll des Gemeinderates Wädenswil, 6.9.1926, DOZ, ZL 26.
7 Schreiben der Primarschulpflege Wädenswil an die Pfingstmission, 8.10.1934, DOZ, ZL 26.
8 Ida Brändli-Hausammann (Broschüre inkl. Nachruf), DOZ, ZB 22:8 sowie ZL 26; 100 Jahre Pfingstgemeinde, Geschichte, DOZ, ZL 26.
23 Elsi Keller. 150 Jahre Methodistenkirche Thalwil: Eine Gemeinde im Wandel der Zeit. Oberrieden 2006, S. 37f.
24 www.emk-horgen.ch/de/waedenswil.html [Zugriff: März 2013].
25 Die folgenden Ausführungen stützen sich auf Gespräche mit Mitgliedern des Vereinsvorstands.
26 Statuten vom 1. Januar 2011, Art. 1.2.
27 Peter Weiss. Café Homberger. In: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 2012, S. 88-99. Hermann Gattiker. 75 Jahre Konsumgenossenschaft Einwohnerverein Wädenswil. Wädenswil 1949. Jean Suter. Einwohnerverein Wädenswil, 1874-1924: Rückblick auf den 50-jährigen Bestand. Wädenswil 1924.