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Leih mir deine Ohren!- Folge
2

Von Joan B. Guertin
Sondra und Evie
Anfang 1991 erhielt ich von Canine Companions For Independence (CCI) eine Deckanfrage für meinen Rüden Oliver für eine Corgi Hündin aus ihrem Signalhund-Programm. Ich hatte mit Ollie an einer Reihe von Trainingsseminaren teilgenommen, und CCI-Vertreter, die ebenfalls anwesend waren, waren beeindruckt von seiner Intelligenz und seinem Wesen. So kam es, dass Am./Mex. Ch. Cypress Red Ryder, CD, PT, CGC (letztere sind Arbeitstitel, die ungefähr "Begleithund", "Vorprüfung für Hüteprüfung" und "Hundehalterbrevet" entsprechen) Vater eines Wurfes wurde, der Evie enthielt.
Ich fühlte mich durch die Anfrage geschmeichelt und war stolz, dass Olivers speziellen Eigenschaften Teil des Programms wurden. Meine einzige Bitte war, einen der Welpen für das Programm aufziehen zu dürfen. Im Alter von sieben Wochen kam Evie (später als Hi-Desert Evening Star registriert) zu mir und war 15 Monate lang Mitglied meines Haushalts.
Meine Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass sie gründlich erzogen und sozialisiert wurde, bevor ich sie für die Signalhund-Ausbildung zurück zu CCI in Santa Rosa, Kalifornien, schickte. Es war eine, mild gesagt, arbeitsreiche Zeit. Evie begleitete mich fast überall hin. Da ich als selbständige Trainerin arbeite, hatte ich keinen Arbeitsplatz, wo ich sie mitnehmen konnte, aber sie lernte, ruhig unter meinem Schreibtisch zu liegen, wenn ich schrieb oder telefonierte.
Sie war bei allen meinen Besorgungen an meiner Seite. Mit fortschreitender Erziehung und als sie etwas reifer (und vor allem zuverlässig stubenrein) wurde, begaben wir uns an etwas anspruchsvollere Orte. Wir begannen mit einfachen Ausflügen zur Bank und etwas später ins Kino, wo sie lernte Popcorn auf dem Boden zu ignorieren und während des ganzen Films still unter meinem Sitz zu liegen. Schliesslich besuchten wir Restaurants und Lebensmittelgeschäfte. Sie lernte, ruhig neben dem Korb oder Einkaufswagen herzugehen, und alle verführerischen Gerüche zu ignorieren. Sie sass still, während ich meine Einkäufe tätigte und die Waren auswählte. Das Interessante an unseren Ausflügen war, dass es nie ein "Kurztrip" wurde. Immer gab es eine Menge Fragen zu beantworten, z.B. warum hat der Hund Zutritt, wo Hunde normalerweise verboten sind.
Es war eines der intensivsten Jahre, die ich bisher mit einem Hund verbracht hatte. Es war es jedoch wert und wurde reichlich belohnt am Tag, als ich Evie vorführte und sie die Prüfung bestand, und ich sie Sondra übergeben konnte. Sobald die Übergabe stattgefunden hatte, war es, als ob Evie wusste, dass sie ihre Bestimmung gefunden hatte. Natürlich geschah dies erst nach 6 Monaten intensiven Trainings bei CCI, um alle die Signale (Geräusche) zu lernen, die sie anzeigen sollte.
Ich war sehr froh, dass ich zu Sondra eine gute Beziehung aufbauen konnte, so dass ich die beiden während den neun Jahren in ihrem Heim besuchen konnte. Als ich noch in Sacramento wohnte, erhielt ich auch Besuch von ihnen. Nie werde ich den Abend vergessen, als Sondra und ihre Mutter, natürlich in Begleitung von Evie, mich zum Nachtessen in ein nobles Restaurant einluden. Es war Evie und Sondras erster Jahrestag und Sondra schenkte mir ein Portrait von Evie. Dann erzählte sie, wie das Jahr verlaufen war. Es war das erste Mal, dass mir bewusst wurde, welch enorme Bedeutung Evie in Sondras Leben hatte.
Ein neues CCI Team, Sondra und Evie in 1993 - Foto: CCI
Als wir im Schein des Mondes entlang dem Ufer des Sacramento Flusses spazierten, erzählte mir Sondra, wie sehr sie diese Spaziergänge geniessen konnte, seit sie Evie an ihrer Seite hatte. Bevor Evie in ihr Leben kam, vermied Sondra es alleine auszugehen, besonders am Abend. Evies Anwesenheit und ihre Zuverlässigkeit, Sondra anzuzeigen, dass jemand in der Nähe war, vor allem wenn sich jemand von hinten näherte, befreite Sondra von ihrer Angst. Allein die Gewissheit, dass ein Paar Ohren die Geräusche wahrnahm, gab Sondra ein Gefühl der Sicherheit und erlaubte ihr, einen einfachen Spaziergang zu geniessen, etwas das für uns Hörende eine Selbstverständlichkeit ist.
Nachdem Sondra Evie von der CCI erhalten hatte, begleitete der hübsche rot/weisse Corgi sie jeden Tag zur Arbeit. Ein erstes Erlebnis auf der Arbeit war Evies Bereitschaft, Sondra darauf aufmerksam zu machen, wenn jemand ihren Namen rief, um Sondra alsdann zur Person zu führen, die sie gesucht hatte.
Nach einem Jobwechsel in 1997 war Evie am neuen Arbeitsplatz nicht zugelassen und obwohl Sondra späte Nachtschicht hatte und im Parkkeller am Abend kein Wachmann war und auch niemand, der Sondra zu ihrem Wagen begleiten konnte, weigerte sich CCI zu vermitteln. Auch das Arbeitsamt kannte keine Gnade und warnte Sondra, dass sie ihren Job verlieren könne, falls sie darauf bestehe, ihren Hund mitnehmen zu dürfen. Unter diesen Umständen wollte Sondra nicht weiter kämpfen, obwohl das Verbot gegen das amerikanische Behindertengesetz verstiess. Das war natürlich eine frustrierende Zeit für Sondra. Es war aber auch hart für Evie, die nun allein zu Hause bleiben musste. Vor einigen Jahren gelang es Sondra, einen neuen Job zu finden, wo sie ihren Hörhund mitnehmen durfte.
Wenn Sondra und ich uns zum Mittagessen trafen oder einkauften, wurde Sondra oft auf den Hund angesprochen. Weil Sondra ihr Gehör erst im späteren Alter verloren hatte, beherrschte sie die Lautsprache vollkommen und war geübt im Lippenlesen. Diejenigen, die sie ansprachen, waren oft lästig. Wenn sie ihnen den Ausweis des Hundes zeigte und erklärte, dass Evie ein Signalhund sei, deuteten sie oft an, dass Sondra ja weder blind noch invalid sei. Und wenn Sondra erwiderte, dass sie taub ist, war die Reaktion oft respektlos. Sondras Lieblingsantwort war jeweils: "Ich bin taub, nicht dumm!" Solche Begegnungen zeigten uns, dass es der Öffentlichkeit deutlich an Information fehlt, wenn es sich um unsichtbare Behinderungen handelt. Ich war umso mehr entschlossen, mich für die Hörbehinderten einzusetzen.
Dank Evie hat Sondra die Freude am Reisen entdeckt. So waren sie im Lauf der Jahre unzählige Male im Disneyland. Sondra hat auch eine blühende Fantasie und die geduldige Miss Evie hat zahlreiche Kostüme für verschiedene Anlässe. Verkleidet zu werden, scheint ihr Spass zu machen. Auf der anderen Seite ist es nicht verwunderlich, stehen Corgis doch gerne im Mittelpunkt und lieben es, zu unterhalten.
Als Evie im Juli 1993 bei Sondras Familie einzog, war es eine grosse Erleichterung für Sondras Eltern. Beide waren in fortgeschrittenem Alter und gesundheitlich angeschlagen. Sie machten sich Sorgen um Sondras Zukunft, wenn sie nicht mehr da waren und als ihre "Ohren" dienen konnten. Mit Evie im Einsatz waren sie weniger bekümmert. Als sie relativ kurz nach einander starben, trauerte Evie ebenso sehr wie Sondra.
Sondra und Evie sind unzertrennlich - Foto: J.B. Guertin
In den neun Jahren, wo Evie ein Teil von Sondras Leben war, haben die beiden viel miteinander erlebt. Für Sondra, eine sehr private Person, bedeutet es Sicherheit zu wissen, dass sie nicht allein ist. Noch ist Evie bei guter Gesundheit und arbeitet immer noch zuverlässig. Sie und Sondra haben ihre kleinen Spiele und Rituale beim Aufwachen an Werktagen und an den Wochenenden. Und das Paar ist unzertrennlich. Sondra beschreibt Evie als einen Clown mit einem herrlichen Sinn für Humor. Es gelingt ihr leicht, ein Lächeln oder ein Kichern hervor zu zaubern. Sie kann aber auch sanft, fürsorglich und mitfühlend sein, wenn Sondra das braucht.
Aber Sondra weiss, dass Evie älter wird und macht sich gewisse Sorgen für die Zukunft. Sondra möchte keinen Hund mehr von CCI sondern lieber einen Hund, der privat ausgebildet wurde. Zurzeit scheint es allerdings, dass Miss Evie ihre eigene Nachfolgerin trainiert. Einer von Evies besten Freunden ist der Hund von Sondras Bruder, ein Border Collie namens Maggie. Maggie lebt seit einigen Jahren bei Sondra und Evie. Das Paar kennt sich also schon lange und weil beide Nachahmer sind, ist Maggie ebenfalls sehr geübt im Anzeigen. Evie ist eine Petze und meldet es, wenn Maggie und andere Hunde, die auf Besuch sind, etwas machen, das sie nicht dürfen.
Evie blockiert auch die Hundeklappe, wenn sie andere Hunde am Eindringen verhindern will, oder sie blockiert den Ausgang des Wohnzimmers, um andere Hunde daran zu hindern, sich in den Rest des Hauses zu begeben. Als echter Corgi ist sie immer noch voller Tricks. Ihr Sinn für Humor hat keinen Schaden genommen, nur weil sie ein Assistenzhund ist.
Während meinem letzten Gespräch mit Sondra erfuhr ich, dass die meisten Hunde ihrer Abschlussklasse von 1993 entweder gestorben oder im Ruhestand sind. Evie scheint die letzte zu sein, die noch immer Vollzeit arbeitet.
Seit ihrer Geburt habe ich an Evies Leben teilgenommen und sie hat einen grossen Platz in meinem Herzen. Ich habe immer noch ihr Welpen-Cape. Ihr erstes Halsband und die Hundemarken, die sie trug, als ich sie aufzog, sozialisierte und trainierte, hängen zusammen mit denen ihres Vaters Oliver an meinem Rückspiegel. Sie wird für immer mit mir fahren.
Es gibt noch zwei Hunde, die ich euch in den nächsten Folgen vorstellen will. Piper ist ein Hund, den ich für einen Kunden kaufte und zum Signalhund ausbildete. Und Jean York ist die stolze Züchterin von Missy, einem Corgi, der zum Hörhund für ihre Besitzerin Liz Arnold wurde, die ich interviewen werde.
In der letzten Folge dieser Serie werde ich euch über die neusten Stand von Jackie LaMarche und ihrem neuen Hörhund Teddi Bear informieren, der jetzt sein Signalhund-Training beginnt.
Erschienen in der PWCCA Newsletter Frühling 2003
Übersetzung ANo mit freundlicher Genehmigung der Redakteurin Marian Johnson Your.