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Es war einst ein Soldat. Der hatte zwei Jahre lang als Freiwilliger gedient, und als die Zeit um war, wollte er wieder nach Hause zurückkehren. Unterwegs überraschte ihn ein starkes Gewitter, und er suchte Obdach in einer Hütte. Mittlerweile fuhr es fort zu donnern und in Strömen zu regnen, und der arme Soldat stand und wartete missvergnügt, ob das Wetter endlich besser würde. Und wie er so trübselig in das Sturmwetter hinausblickte, kam etwas Kleines Schwarzes auf ihn zugelaufen. Als er genauer zuschaute, sah er, dass es ein Rabe war. Er nahm ihn freundlich auf den Finger und sprach zu ihm: «Du sollst mir auf der Reise Gesellschaft leisten.»
Endlich graute der Tag, der Himmel heiterte sich auf, und der Soldat konnte mit seinem Raben weitergehen. Er wanderte und wanderte den ganzen langen Tag. Die Nacht brach herein, und immer noch bemerkte er weit und breit kein Haus. Nachdenklich und ermüdet setzte er sich auf ein Mäuerlein an der Strasse, um ein wenig auszuruhen. Und indem er um sich schaute, wahrhaftig, da sah er weit weit weg, ganz in der Ferne, ein Lichtlein brennen. Also raffte er sich auf, um noch dorthin zu gelangen, und als er endlich todmüde da ankam, war es ein Bauernhaus. Er klopfte an die Tür. Eine Frau öffnete und fragte ihn nach seinem Begehr. «Könnte ich nicht hier über Nacht bleiben, um etwas\' auszuruhen? Meine Beine können mich vor Müdigkeit nicht mehr tragen.» «So kommt herein!» sprach die Frau, Hess ihn in die Stube treten und Platz nehmen. Dann fragte er, ob sie nicht noch etwas weniges zu essen habe. Die Frau entgegnete, sie hätte nichts bereit im Augenblick; aber wenn er etwas Geduld haben wolle, werde sie ihm ein gutes Nachtessen zubereiten. Unterdessen wies sie ihm sein Nachtlager an. Es war ein Strohsack auf dem Dachboden. Dieser Boden war so beschaffen, dass seine Bretter jeweilen eine Handbreit auseinanderstanden, so dass man durch die Lücken von oben hinabsehen konnte, was drunten vor sich ging. Der Soldat konnte vor Müdigkeit noch nicht einschlafen und war froh, dass\' er sich wenigstens ausstrecken durfte. Jene Bauersleute besassen viele Kühe, und der Mann war auf den Markt gegangen, um zwei oder drei Stück Vieh zu verkaufen.
Gegen Mitternacht vernahm unser Gast ein leises Klopfen an der Haustür. Die Frau rief «Herein!». Da kam ein Mann mit einem Tragkorb auf dem Rücken und packte eine ganze Menge Esswaren aus. Der Soldat schaute aufmerksam durch die Bretterlücke hinab, was\' nun geschehen werde. Der Mann und die Frau fingen an gierig zu essen, so dass man sah, dass sie es eilig hatten. Nach einer Weile hörte man ein neues Klopfen an der Türe. Nun wusste die Frau, dass das ihr Mann war. Aber bevor sie öffnete, versteckte sie den Fremdling im Backtrog, worin sich der Teig befand, um das Brot zu backen. Die Esswaren verbarg sie blitzschnell hinter dem Küchenkasten und im Backofen. Sobald sie alles hübsch versorgt hatte, nahm sie zum Schein ein Paar Socken, an denen sie strickte, in die Hand und ging an die Tür, um aufzumachen. «Du hättest mich noch ein wenig länger warten lassen können», sagte der Bauer zornig. Dann trat er in die Stube und verlangte zu trinken. «Ich habe nichts da», erwiderte die Frau, «wenn du ein wenig Wasser mit Zucker darin willst, so will ich dir\'s wärmen.» Aber der Bauer lehnte dies missmutig ab. Darauf verlangte er etwas zu essen. Die Frau versetzte jedoch wiederum: «Ich habe nichts da, geh jetzt zu Bett, morgen früh will ich dir ein gutes Essen richten.» Der Bauer hatte keine Lust, ohne Essen noch Trinken zu Bett zu gehen. Da sagte die Frau, um das Gespräch auf etwas anderes zu lenken: «Weisst du auch schon, mein Antonio — so hiess nämlich der Bauer —, dass ein Soldat in unser Haus gekommen ist, weil er nirgends mehr ein Obdach finden konnte?» Da meinte der Bauer, sie solle ihn rufen, denn er hätte Lust, mit ihm zu plaudern, weil er ja auch zwei Söhne im Felde hatte. Die Frau wollte nicht, denn so würde die Sache sich noch in die Länge gezogen haben, sie hätte ihr reichliches Mahl nicht weiter essen und den Mann aus seinem Versteck nicht fortlassen können. Antonio jedoch bestand so eifrig darauf, den Soldaten zu rufen, bis sie schliesslich gehorchte, um nicht Streit zu bekommen.
Jetzt stieg der Soldat mitsamt seinem kleinen Reisegefährten, dem Raben, herunter. Die beiden Männer fingen an, miteinander zu plaudern, und der Bauer freute sich, dass sein Gast hier noch ein Nachtlager gefunden hatte. Als er dann auch den Raben bemerkte, fragte er ihn, was er mit jenem Vogel anfangen wolle. Der junge Mann gab zur Antwort: «Schaut, dieser Rabe da ist ein berühmter Zaubervogel. Möchtet ihr gern eine Probe davon sehen? So zum Beispiel, hättet ihr etwa gern ein gutes Süppchen, das mit der Brühe eines feinen Kapaunbratens zubereitet ist?» — «Ja freilich, das wäre ganz nach meinem Sinn», gab der Bauer zur Antwort. Jetzt gab Johannes — so hiess nämlich der Soldat — dem Vogel einen ganz leichten Schlag auf den Rücken, worauf dieser schrie: «Qua, qua!», oder zu Deutsch: «Her damit, her damit!» Dann sprach der Soldat zur Bauersfrau: «Schaut einmal nach im Backofen auf der linken Seite; dort findet ihr eine ganze Schüssel voll guter Suppe.» Die Frau getraute sich nicht, zu zögern, aus Angst, entdeckt zu werden. Sie brachte also die Suppe auf den Tisch. Nun begannen die beiden Männer aus Herzenslust zu essen. Als sie dann mit der Suppe fertig waren, sagte Johannes: «Möchtet ihr jetzt noch gern einen Kapaunbraten haben?» — «Das könnt ihr euch denken!», erwiderte der Bauer erstaunt. Wieder gab der Soldat seinem Raben einen leichten Schlag auf den Rücken, und dieser schrie: «Qua, qua, her damit!» — «Schaut, liebe Frau», meinte der Soldat zur Frau gewandt, «dort hinter dem Küchenschrank werdet ihr ein feines Hühnchen finden.» Und richtig brachte sie den gewünschten Kapaunbraten auf den Tisch. Und so fuhr der Soldat fort, bis sie alles gegessen hatten.
Sobald sie damit fertig waren, sagte Johannes: «Nun, lieber Herr Wirt, möchtet ihr jetzt auch noch den Teufel sehen?» — «Potz Donner und Blitz, ja freilich, den möcht ich gern noch sehen», erklärte der Bauer lachend. «Nun gut, ihr stellt euch also dort an der Tür auf mit einem Stock in der Hand. Ich gebe dem Raben wiederum einen Schlag, und wenn ich auf drei gezählt habe, so wird der Teufel aus diesem Backtrog herausfahren!»
Jetzt wusste sich die Bauersfrau vor Angst kaum mehr zu helfen, und gern hätte sie die Sache verhindert; aber sie fürchtete, das Geheimnis könnte an den Tag kommen. Der Soldat stellte sich an den Backtrog, zählte: «Eins, zwei, drei», hob den Deckel in die Höhe, und der Fremdling, der sich darin versteckt hatte, stieg heraus, ganz überzogen mit frischem Teig und mit Mehl. Der Bauer, der an der Tür stand, gab dem vermeintlichen Teufel eine tüchtige Ladung Prügel mit auf den Weg, die hageldicht auf ihn niedersausten. Der mit Mehl übertünchte und unkenntlich gemachte Flüchtling gelangte derart aus dem Haus und war froh, noch so glimpflich davongekommen zu sein. «Lieber Prügel bekommen als entdeckt und gar umgebracht zu werden», mochte er bei sich denken.
Die Bäuerin hatte gezittert wie Espenlaub. Als dieser Auftritt vorüber und der Teufel entronnen war, wollte der Bauer Antonio, dass ihm der Soldat um jeden Preis den Raben gebe. Johannes aber tat dergleichen, als wolle er ihn nicht verkaufen. Schliesslich anerbot ihm der Bauer einige Stück Vieh, worauf sich der Soldat mit dem Tausch einverstanden erklärte. Noch am selben Abend wurde der Handel abgeschlossen; Johannes Hess ihm den Raben und zog mit den dafür gewonnenen Kühen seiner Heimat zu.
Am folgenden Morgen sagte die Bauersfrau: «Jetzt haben wir nichts mehr zu essen!» — «Ei, mach dir doch keinerlei Sorgen», entgegnete der Bauer, «wir haben ja unsern Raben, diesen wertvollen Zaubervogel, der wird uns viel Glück bringen.» Und er fing an, den Vogel zu streicheln und ihn sorgsam auf den Rücken zu schlagen, damit er «qua, qua» machen solle. Aber es erschien trotzdem kein Essen auf dem Tisch. Antonio aber gab nicht nach und fing immer wieder an, dem Vogel auf den Rücken zu tätscheln. Es war alles umsonst, bis schliesslich der arme Rabe unter den zu vielen Liebkosungen starb.
Inzwischen aber war Johannes mit seinen Kühen glücklich heimgekehrt, und der Bauer Antonio hatte das Nachsehen.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.