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„Die Strudlhofstiege“ ist der andere grosse Roman, der in und um jene Clique junger Leute spielt, die zu Doderers Markenzeichen geworden sind. Von Doderer als „Rampe“ zum Grossroman „Die Dämonen“ bezeichnet, wird tatsächlich von vielen empfohlen, diesen Roman zuerst zu lesen. Da aber die beiden sich im Grunde genommen wechselseitig bedingen, ist eine Empfehlung schwierig. „Die Strudlhofstiege“ spielt zwar zeitlich kurz vor den Ereignissen, die in den „Dämonen“ geschildert werden. Der Unfall, bei dem Mary K. ihr Bein verliert, ist in den „Dämonen“ eine Vergangenheit, die auch Mary K. bereits bewältigt hat, indem sie ihre Beinprothese praktisch wie ihr früheres echtes Bein benutzen kann. In der „Strudlhofstiege“ bildet der Unfall die Klammer um den ganzen Roman, indem ganz zu Beginn auf ihn hingewiesen wird und er ganz am Ende dann auch geschildert wird.
Dazwischen allerdings treffen wir auf über 900 Seiten nicht mehr auf Mary K. Wie in den „Dämonen“ wird die Technik verwendet, die Hauptfigur(en) nicht gleich zu Beginn einzuführen. Wir treffen in der „Strudlhofstiege“ im Grossen und Ganzen auf dieselbe Clique, die auch in den „Dämonen“ agiert. Allerdings liegt das Gewicht auf anderen Protagonisten. René von Stangeler als Gymnasiast und junger Doktor der Geschichte hat hier eine Hauptrolle inne – zusammen mit andern Mitgliedern seiner Familie. Daneben natürlich der im Untertitel („Melzer und die Tiefe der Jahre“) prominent genannte Melzer. Ehemaliger Offizier, nach der Redimensionierung des Heeres, die mit der Redimensionierung Österreichs einherging, nun Bürokrat in der österreichischen Tabakregie. Ein Protagonist ohne Vornamen.
Es geht auch in der „Strudlhofstiege“ um die amorös-erotischen Verwirrungen jener Clique. Wer mit wem und warum steht im Zentrum des Denkens und Trachtens dieser Leute, die ja meist aus dem gehobenen Bürgertum oder dem Adel stammen und von daher mehr Zeit mit Nichtstun verbringen können, weil der Papa ja das Geld hat. Das klingt zynisch und wird von Doderer noch zynischer dadurch gebrochen, dass der Tod in der Form eines Selbstmords von Renés Schwester in dieser gehobenen Gesellschaftsschicht einbricht, während der simple Melzer und seine noch simplere Thea zu einem Happy Ending mit Hochzeit und Party und allem finden. (Womit die beiden aber auch, wenn ich mich recht erinnere, für die „Dämonen“ aussortiert sind, dort nicht mehr vorkommen.) Etelka aber bringt sich um, weil sie weder in der Liebe noch sexuell wirklich die Erfüllung und Freiheit findet, die sie gesucht hat. Und René durchläuft mit seiner Verlobten eine Beziehung, in der Trennung regelmässig auf Versöhnung folgt und umgekehrt.
Daneben gibt es noch Zwillinge, die eine Rolle spielen und ein dilettantisch organisierter Zigarettenschmuggel. Doch solche Handlungselemente sind bei Doderer immer der Schilderung gesellschaftlicher Ereignisse untergeordnet.
Die und ja: die Geografie. Und einmal mehr (natürlich): Wien. Wien im allgemeinen und die Strudlhofstiege im besonderen. Hier trifft man sich – zufällig oder absichtlich. Hier ereignen sich Dinge, die der Handlung eine weitere Wendung geben. Und es ist nie zufällig, ob die Personen jeweils – meist in ein Gespräch vertieft, wie immer bei Doderer, seine Figuren sind äusserst redselig ;o) – nun diese Stiege hinauf- oder hinuntersteigen. Und es ist nie zufällig, ob jemand, und wenn ja wer, am andern Ende wartet.
Eine lohnende Lektüre, auch wenn man sich natürlich darauf einlassen muss, dass auf über 900 Seiten nur geredet wird, über sich und andere. Dass die Protagonisten ein paar mehr oder weniger simple erotische Abenteuer erleben. Eine stirbt, eine verliert bei einem Unfall ein Bein, zwei heiraten. That’s it. Das ist die Welt.