Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03254.jsonl.gz/217

Die in der letzten Ausgabe der Libra begonnene Reihe von Portraits wird hier fortgesetzt. Diesmal haben wir die Ehre, einen Mann vorzustellen, der zur Kategorie der Kultpersonen gehört. Zvonimir Mitar, geboren im Sommer 1941 in Osijek (in Deutsch: Esseg), verbrachte dort eine glückliche Kindheit und Jugend. Es folgte die Mittlere Technische Schule, wo er sich nebenbei mit Fussball und Gymnastik befasste. Er sagt selbst, dass er alles las, was ihm in die Finger geriet, und schrieb schon in jungen Jahren für Zeitschriften. Bis zu seinem 19. Lebensjahr und der Matura lebte er in Osijek, danach studierte er in Zagreb Elektrotechnik. Unvergessen blieb ihm die Zeit in Osijek: Von Frühling bis Herbst an der Drava, und in den Abendstunden auf der Flaniermeile «Korzo», Kinos, Theater, Tanzlokale – einfach unvergesslich!
Wie sieht Ihr Lebensweg aus? Wie kam es dazu, dass Sie in die Schweiz auswanderten?
Mein Lebensweg? NDH (Unabhängiger Staat Kroatien) – FNRJ (Föderative Volksrepublik Jugoslawien) – SFRJ (Sozialistische Föderative Republik Jugoslawien) – Schweiz. An meine ersten vier Lebensjahre im ersten dieser Staaten kann ich mich natürlich nicht erinnern. In den dreien, die darauffolgten, erlebte ich nichts Schlechtes – vielleicht sind aber auch meine Erinnerungen an das Schlechte verblasst, und nur die schönen Erinnerungen blieben. Die Tage in Osijek sind für mich unvergesslich, und die Studienzeit in Zagreb war genauso schön. In Zagreb konnte ich wie in Osijek ins Kino oder ins Theater gehen und Tanzabende besuchen. Die «špica» (Spitze) in Zagreb ersetzte das Korzo von Osijek. Dort trafen wir «Esseker» (Studenten aus Osijek) uns jeden Abend beim Kiosk vor dem Singer. Während eines einjährigen Studienunterbruchs fand ich Arbeit als Elektrotechniker am Institut Ruđer Bošković. In der Abteilung für physikalische und anorganische Chemie war ich der einzige Elektrotechniker unter Chemikern. Es überrascht nicht, dass ich dort, in der Umgebung zahlreicher, sehr attraktiver Chemikerinnen – mehrere von ihnen liessen mein Herz höherschlagen! – meine spätere Ehefrau kennen lernte. Später studierte ich weiter und arbeitete eine Zeit lang in der Fabrik Rade Končar. Ich wohnte mit meiner Frau bei ihren Eltern in Zagreb. Da dies aber nicht die beste Lösung war und ich 1967 einem Kollegen seinen Arbeitsvertrag mit der Firma BBC (Brown, Boveri & Cie.) in Baden aus dem Deutschen ins Kroatische übersetzte, beschloss ich, ihm dorthin zu folgen. Er empfahl mich seinem Vorgesetzten, worauf mir dieser umgehend ebenfalls einen Arbeitsvertrag schickte. Schon einen Monat später fand ich mich bei BBC in Baden wieder.
Zvonimir Mitar und seine Frau Jasmina
Welche Anfangsschwierigkeiten hatten Sie dort?
Überhaupt keine! Ich sprach schon damals gut Deutsch, und mein Fachwissen aus der Zeit bei Rade Končar konnte ich bei BBC gut einsetzen – eine ideale Situation. Das einzige Problem war, dass meine Frau in Zagreb geblieben war. Ich klagte dies meinem Chef und erzählte ihm, welche Tätigkeit sie bei Ruđer Bošković ausübte, und um welche Art Institut es sich dabei handelt. Er rief einen Freund an, einen Big Boss im EIR (Eidgenössisches Institut für Reaktorforschung – das heutige Paul Scherrer Institut, PSI) in Würenlingen. Sechs Monate nach meinem Start bei BBC konnte mir meine Frau in die Schweiz folgen und im EIR als Chemikerin im so genannten Hot Labor arbeiten.
Es war also gut für Sie, in der Schweiz zu arbeiten?
Ja, das dürfen wir auf jeden Fall sagen. Hier schätzt man gute und ehrliche Arbeit und schaut nicht darauf, ob man Schweizer oder Ausländer ist. So arbeitete ich nach dem Tode des Chefs in den letzten Jahren in der Abteilung als Qualitätsmanager, und niemand störte sich an meiner kroatischen Herkunft.
Was gefällt Ihnen in der Schweiz? Was weniger?
Dies ist vielleicht die schwierigste Frage. Ich mag praktisch alles hier: die Schweiz als Land, die Natur, die Menschen, die Ordnung, Sicherheit, Fairness und Toleranz. Und neben so vielen guten Dingen fällt es mir schwer, etwas zu finden was ich nicht mag.
War es Ihr ursprünglicher Plan, fast Ihr gesamtes Leben in der Schweiz zu verbringen?
Darüber habe ich bis zum heutigen Tag nie wirklich nachgedacht.
Was war Ihre Hauptmotivation dafür, dem Kroatischen Kulturclub beizutreten?
Ich führte über 15 Jahre lang, bis Ende April 2016, das Kroatische Internetportal der Schweiz – www.croatia.ch – als Chefredaktor. Während vieler Jahre war ich auch im Vorstand des Kroatischen Humanitären Forums (HHF). Auch in der Kroatischen Kulturgemeinschaft (HKZ) war ich dabei. Als diese wegen der Politik in falsche Hände geriet und an ihrer Stelle der Kroatische Kulturklub (HKK) gegründet wurde, trat ich vom ersten Tag an diesem bei. Meine Motivation war, im Namen des HHF, später des HKK, Treffen von Kroaten in der Schweiz zu organisieren, klassische Konzerte mit kroatischen Musikern, Ausflüge, Vorträge, Adventsabende und weitere Versammlungen zu veranstalten.
Sie gelten als Autor eines der bekanntesten kroatischen Portale in der Schweiz. Wie kamen Sie auf die Idee, ein solches Portal zu gründen? Welche Erfahrungen machten Sie dabei? Glauben Sie, dass Ihr Portal den Kroaten in der Schweiz helfen konnte?
Die Gründung dieses Portals war nicht meine Idee, aber ich war einer der Mitbegründer. Die Idee dafür existierte schon seit 1996. Es gab in Baden eine Arbeitsgruppe zur Gestaltung eines kroatischen Portals, und an der Gründungsversammlung am 20. Juni 2001 wurde das Kroatische Internetportal www.croatia.ch ins Leben gerufen – als ein Verein, im Einklang mit dem Schweizer Zivilgesetzbuch. Das Portal umfasste 16 Rubriken, für jede davon war ein gewählter Redaktor zuständig. Ich begann als Redaktor der humanitären Seiten, koordinierte und gestaltete dann auch Beiträge für andere Rubriken. Nach einiger Zeit blieb ich alleiniger Redakteur des Portals, hatte aber zahlreiche Mitarbeiter und Korrespondenten, von denen ich fertige Texte, Beiträge und Fotos erhielt. Das Portal wurde von der Ausland-Ausgabe der Tageszeitung Slobodna Dalmacija zum beliebtesten kroatischen Portal ausserhalb Kroatiens sowie zum Portal des Jahres 2010 gewählt. Wir bekamen im Lauf der Jahre viel Lob und Anerkennung für unsere Arbeit. Viele kamen, als ich bekanntgab, meinen Posten als Redakteur Ende April 2016 (www.archiva.croatia.ch) aufzugeben und in den verdienten Ruhestand zu gehen. Natürlich mag es jeder, gelobt zu werden, ich bin da keine Ausnahme.
Seit wann sind Sie in Ruhestand? Womit beschäftigen Sie sich heute?
Vor den Corona-Zeiten trafen meine Frau und ich uns zweimal pro Woche mit Freunden zum gemeinsamen Kaffee. Jetzt versuche ich, die Zeit mit meiner Frau so angenehm wie möglich zu verbringen. Und so oft wir können, geniessen wir das Hüten unseres fünfeinhalbjährigen Enkels. Wir sind ihm ein Partner im Spiel und bei allem, was er sich ausdenkt. Während meiner Mitarbeit beim Portal wurde ich nicht mit dem Corona-Virus, sondern mit dem Virus des Journalismus angesteckt. Weil das Portal nicht mehr besteht, machte ich es mir zum Hobby, bekannten und unbekannten E-Mail-«Brieffreunden» Beiträge zu schicken. Einige sind begeistert und danken mir dafür, anderen wurde das schon langweilig. Doch diese schweigen und ertragen es. Na ja, und ich hoffe, dass mein Leben so weitergeht, möglichst bis zum hundertsten Lebensjahr.
Text: Nikolina Cukrov Lovrić
Übersetzung ins Deutsche: Ana Števanja Macan
Fotos: Zvonimir Mitar
Quelle: Libra 49