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Mit einem unglaublich glücklichen Zufall begann meine Indienreise: als ich in Frankfurt mein Flugzeug besteigen wollte, erfuhr ich, dass es überbucht sei und dass ich
das Geld für den Flug zurückbekäme, wenn ich via Bangkok flöge. Dies habe ich getan - mit der Konsequenz, dass ich rund 20 Stunden später in Indien ankam, als ich geplant hatte. Entsprechend schnell
wollte ich dann nach Goa fahren, wo Mio (wer meine älteren Reiseberichte gelesen hat, dürfte diese verrückte Japanerin bestens kennen) schon seit ein paar Wochen auf mich wartete. Nach einigem
Herumfragen, wie ich am schnellsten nach Goa käme, musste ich feststellen, dass die Antworten stark mit den Interessen der Befragten zusammen hingen: gewisse Taxifahrer meinten, dass sich dies am besten
bewerkstelligen ließe, wenn ich in Bombay ein extra teures Hotel oder das Taxi gleich für die ganze Strecke nähme. Andere wollten mich auf den Bahnhof bringen, wo der Zug jedoch erst viel später fahren
sollte. Schließlich glaubte ich einem Mann, der sich später als Busfahrer entpuppte, dass mich der schnellste Weg nach Puna führen würde, wo ich den Bus wechseln könne oder preiswert übernachten. Beides
war nicht wahr. Den Bus hätte ich wohl wechseln können, wäre da nicht ein Streik gewesen und die Hotel nutzten es gnadenlos aus, dass ich mich dabei nicht allzu wohl fühlte, mitten in der Nacht über all
die auf den Bürgersteigen schlafenden Obdachlosen zu steigen, um bei der Konkurrenz ein preiswerteres Zimmer zu finden. Ich nächtigte deshalb schon im drittbesten und nahm am nächsten Nachmittag den
Airconzug gen Süden.
Immerhin kam ich irgendwann in Anjuna an, ließ Mio wecken und es fand ein freudiges Wiedersehen statt. Sie hatte sich dort ein kleines Häuschen gemietet, das sie mit
einer anderen Japanerin teilte. Meine Hoffnung, so diese Sprache schnell erlernen zu können, hätte darob Purzelbäume schlagen können, wenn sie nicht ein abstrakter Begriff wäre. Bald musste ich jedoch
erkennen, dass Japanisch doch noch ein bisschen schwieriger ist, als ich ursprünglich gedacht hatte. Auch vom Ort selber wurde ich enttäuscht. Was hier bewegte, war einzig die Frage, ob die nächste Party
durchgeführt werden würde, oder von der Polizei aufgehoben. Das hatte bei den Partyinitianten eine Geheimniskrämerei zur Folge, welche wiederum bedingte, dass die Partygänger die Hälfte der Nacht damit
verbringen mussten, herauszufinden, wo denn jene Party stattfinden würde. Hätte jene eine Party während der Zeit, die ich dort verbrachte, stattgefunden, dann wäre sie wohl kaum anders verlaufen als jene
die Wochen zuvor: zwei Stunden feiern, bis die Polizei kommt, sich an einem anderen Ort versammeln, bis die Polizei wieder räumt und das die ganze Nacht hindurch...
Als ich Mio nach ein paar Tagen bewegen konnte, nach Hampi zu fahren, stimmte mich das recht glücklich. Nicht nur weil Hampi ein Kultur versprechender Ort ist,
sondern auch, weil dort andere Freunde auf mich warteten. Doch kaum war ich dort, wurde jene Freude durch ein traurige Ereignis getrübt. Eine junge indische Mutter, die mit ihrer ganzen Familie an den
heiligen Ort gepilgert ist, ertrank auf mir unerklärliche Weise im untiefen und ruhigen Wasser, als sie sich waschen wollte. Als ich später Indern beim Baden zusah, wurde mir dies ein bisschen
verständlicher. Es schien mir, dass die meisten nicht schwimmen können. (Dafür spricht auch die Tatsache, dass in Varanasi Bootsfahrten mit Geldrückgabegarantie angeboten werden, wenn man im Fluss keine
Leiche sieht.) Nichts desto trotz ist Hampi ein sehr schöner Ort voller magischer Anziehungskraft. Der kleine Raum, in dem wir wohnten, ist mitten in den Ruinen angesiedelt. Die ganze Gegend ist mit
großen und bizarren Felsbrocken übersät, als hätten vor Jahrtausenden hier ein paar Riesen Billard gespielt. An einem Abend sind wir zu viert auf ein paar Felsen jenseits des gefährlichen Flusses
geklettert und haben von dort beobachtet, wie die untergehende Sonne den Himmel rot färben wollte, was ihr nicht wirklich gelang und deshalb als einsamer roter Ball verschwand, während im
Vordergrund ein paar indische Kinder Tee verkaufen wollten und erzählten, dass sie Chacky Chan mögen.
Obwohl der Ort seine Anziehungskraft lange noch nicht verloren hätte, wollten wir nach Bangalore weiter. Diese Stadt wird gelegentlich als Hightechcity bezeichnet.
Ich fand, dass man das nicht einmal mit sehr viel gutem Willen tun könnte. Tatsache ist aber, dass in der Stadt mehrere Computerfirmen für einen relativen Wohlstand sorgen. Auch lässt sich ein stark
verwestlichtes Verhalten der lokalen Inder feststellen. Man kann Händchen haltende junge Pärchen dabei beobachten, wie sie in den KFC spazieren – beides Dinge, welche man in anderen Städten kaum sieht.
Da Bangalore an Sehenswürdigkeiten wenig zu bieten hatte, vertrieben wir uns die Zeit anders. Wir kauften ein kleines Schachbrett, das dann wohl den Verlauf der weiteren Reise stark beeinflusst hat und
gingen ins Kino, um RAAZ zu sehen. RAAZ ist ein indischer Film, wie er zu sein hat: obwohl als brutaler Horrorfilm konzipiert (der im übrigen in Ooty spielte, wo wir später noch hin wollten), konnten es
die Regisseure nicht lassen, die Hauptdarsteller singend eine Romanze einzugehen. Da mir die Songs (insbesondere Shanti Shanti Hey) gefielen, erwarb ich später den Soundtrack auf Kassette. Eine CD ließ
er sich nicht finden – trotz Hightech!
Die nächste Destination war Mysore. Wir sind abends angekommen, kamen bald in einem sehr schönen Hotel preiswert unter und machten uns auf den Weg zu einem
tibetischen Restaurant, das im Reiseführer eingezeichnet war. Wer schon in Tibet oder tibetischen Gebieten war, wird es kaum nachvollziehen können, weshalb wir uns einen Buttertea genehmigen wollten...
im Nachhinein erscheint es mir selbst höchst abwegig. Und tatsächlich zeigte sich die Abwegigkeit dann auch in der Situation: wir haben das Restaurant nicht gefunden (auch an den folgenden Abenden nicht)
dafür haben wir die ganze Stadt gesehen. Mysore ist eine bemerkenswert schöne Stadt. Nicht nur der sehenswerte Maharajapalast ist sehr eindrücklich, sondern an allen Ecken finden sich prunkvolle Bauten,
die vielfach in einem recht guten Zustand sind. In einem dieser Gebäude, gab es ein Museum, in dem alte indische Instrumente ausgestellt wurden. Als wir dort hereinkamen, zeigte sich der Vitrinenputzer
von Mio recht begeistert und spielte ihr (ob das wohl Liebeslieder waren?) auf den alten Sitaren vor. Hätten wir nicht am zweiten Abend im „Restaurant Shanghai“ gegessen, hätte ich den dritten Tag auch
auf Erkundungstour statt über dem Lavabo verbringen können. Als ich schließlich wieder auf den Beinen war, wollte ich die Stadt schnell verlassen. Auf nach Ooty, war das Motto. Lass uns sehen, wo RAAZ
gedreht wurde.
Die Fahrt nach Ooty führte uns auf bemerkenswert ungemütlichen Strassen, die allerdings die Reise nach Hampi nicht übertreffen konnten (dort sind wir mit einem
Sleeperbus gefahren, in dem es uns bei jedem zweiten Schlagloch 10cm aus den Betten gehoben hat), durch ein sehr schönes Naturschutzgebiet in die Höhe hinauf. Ooty ist der Ort, wo viele Inder gerne auf
ihrer Hochzeitsreise gehen. Entsprechend fand man in den Restaurants auch Honeymoon-Special-Icecream, die wir aber nicht versuchten. Vielleicht deshalb, weil wir uns nichts köstlicheres, als
Butter-Scotch vorstellen konnten, vielleicht auch weil in der großen Höhe nicht gerade das ideale Eiscrèmewetter herrschte. Nacht für Nacht froren wir in unserem Zimmer mit dem zertrümmerten Telefon und
dem Hauptlicht, dass ausging, sobald wir den Tauchsieder einsteckten. Letzteren mussten wir kaufen, um damit den Kessel Wasser wenigstens so warm zu kriegen, dass wir „duschen“ konnten. Das heißt, jemand
von uns musste jeweils eine Stunde früher aufstehen, um das Gerät einzuschalten und ins Wasser zu legen. Um uns aufzuwärmen, konnten wir uns auf den Balkon setzen und von dort im Sonnenschein den Blick
auf die uns immer allzu früh weckende Moschee in der Nähe oder die an sich dicht bewachsenen Hügel in der Ferne richten.
In Ooty hatten wir viele belustigende Begegnungen mit anderen Indern. (Vermutlich wegen den etwas instabilen politischen Verhältnissen ließen sich andere Touristen
kaum blicken...) An einem Nachmittag, an dem Mio und ich von den Indern als verheiratet angesehen wurden, weil wir uns einen Lollipop teilten, wurde ich gefragt, ob ich ein Japaner sei. Nun gut, habe ich
mir gedacht, wenn die schon glauben, dass ich mit einer Japanerin verheiratet sei, weshalb sollte da nicht auch ich Japaner sein. Am nächsten Tag gingen an einen kleinen See, wo wir uns mit diversen
Honeymoonlern ablichten lassen mussten, dort wurde ich gefragt, ob ich ein Nepali sei. Als ich daraufhin verneinte und erklärte, dass ich aus der Schweiz käme, fragte mich derselbe, ob sich das in Asien
befände. Im Hotel musste ich dann zuerst wieder einmal in den Spiegel schauen!
Weil wir uns jedoch der Kälte nicht länger aussetzen wollten, entschlossen wir uns nach Kerala zu fahren. Das führte uns zuerst nach Cochi, einer Stadt auf vielen
Inseln und mit hervorragendem Seefood. Mir gefiel es recht gut, auch weil wir ein sehr schönes Hotel mit Balkon an ruhiger Lage fanden. Allerdings unternahmen wir nicht allzu viel vor Ort. Wir
verbrachten viel Zeit in Restaurants, Reisebüros und alten Kirchen. Manchmal haben wir uns auch die eine oder andere Sehenswürdigkeit angeschaut, wie zum Beispiel das Judenviertel, wo ich mich aber ein
bisschen fürchtete, dass mich ein Taxifahrer, mit dem ich zuvor fast eine Schlägerei gehabt hätte, wiedererkennen könnte. Um Kochin (wie die Stadt bisweilen auch geschrieben wird) gibt es eine
wunderschöne Natur, durch die wir mit einem Boot gefahren sind.
Schließlich ging es wieder nach Goa zurück. Diesmal an den Strand von Palolem. Dieser Ort war durchaus nichts besonderes, aber wir konnten im warmen Meer baden
(allerdings waren die Wellen so hoch, dass ich aus Versehen Mio einmal mein Knie in ihr Bein rammte und sie danach den Rest der Zeit einen blauen Flecken mit sich führte). Anfangs hatten wir sogar eine
schöne Hütte, aus der wir jedoch wieder herausgeworfen wurden, weil wir nicht bereit waren, plötzlich mehr zu zahlen als wir abgemacht hatten. Zudem gingen weder die Toiletten noch der Strom. Das
tägliche Highlight des Ortes war wohl der Sonnenuntergang, den wir jeden Abend von einer anderen Stelle aus anschauten. Einmal wurden wir sogar von westlichen Touristen gefragt, ob sie uns
photographieren dürften – angeblich sahen wir so süß aus...
Schließlich hieß es Abschiednehmen. Ich fuhr mit dem Nachtzug nach Bombay und sah mir diese Metropole an. Ich war über den, zugegeben etwas heruntergekommenen, Glanz
der Stadt recht überrascht – hatte ich doch immer nur von Slums und Bettlern gehört. Tatsächlich habe ich auf meiner Reise beides recht selten gesehen, vermutlich aber, weil ich nur im „reichen“ Süden
reiste. Als ich bei Sonnenaufgang durch die Stadt lief, sah ich unter Arkadengängen einige Obdachlose schlafen. Einer von ihnen lag auf einer Decke und umarmte seine Freundin. Beide hatten zerzauste
Haare und waren schmutzig; aber sie hatten ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht.
Nach einem Tag in Bombay fuhr ich während der Stoßzeit in der dritten Klasse in einem Vorortszug in Richtung Flughafen. Es gehört ja bekanntlich zu meinen Prinzipien
nicht mit dem Taxi vom und zum Flughafen zu fahren. In Indien bedeutete das jedoch noch größere Unannehmlichkeiten als sonst wo. Die Leute hingen aus den Türen heraus, manche waren nur mit einem Fuß im
Zug. Wenigstens wusste ich bei dem Gedränge, dass mir nichts gestohlen werden könnte, denn auch ein Dieb hätte sich nicht bewegen können. Nach langem Warten auf dem Flugplatz (aus unerklärlichen Gründen
kommen und gehen alle internationalen Flüge während der Nacht), konnte ich wieder in die winterliche Schweiz zurückfliegen...
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