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Eine zähnefletschende Bulldogge in leuchtendem Rot vor schwarzem Hintergrund ist ein durchaus aussergewöhnliches Motiv für ein Plakat. Ihre zerrissene Halskette suggeriert, dass sie sogleich den Nächstbesten anfallen wird. Und auch der knappe Plakattext, Simplicissimus, klärt nicht unmittelbar darüber auf, wofür das Plakat von Thomas Theodor Heine (1867–1948) wirbt.
Ende des 19. Jahrhunderts wurden in München die Zeitschriften Jugend und Simplicissimus gegründet, die auf je unterschiedliche Weise Zeittendenzen widerspiegelten. Während die Jugend die stilgeschichtlichen Diskussionen begleitete und namensgebend für den Jugendstil wurde, verstand sich der Simplicissimus als satirisches, angriffslustiges Wochenblatt. In den Jahren seines Erscheinens von 1896 bis 1944 galt die Kritik vorwiegend der heuchlerischen bürgerlichen Moral staatlicher und kirchlicher Macht. Der Karikaturist Thomas Theodor Heine, dessen Monogramm sich in der linken unteren Plakatecke findet, wurde als Chefzeichner verpflichtet. Schon eines seiner ersten Plakate für den Simplicissimus wurde zensuriert, worauf Heine in der folgenden Ausgabe mit der Darstellung von Soldaten reagierte, die sein Plakat zerstören. In seiner Hingabe merkt einer von ihnen nicht, dass ihm dabei eine Bulldogge ans Bein pinkelt. Die Aggressivität dieser Bulldogge findet in Heines Plakat von 1896 nochmals eine Steigerung. Der Hund wurde zum Markenzeichen des Simplicissimus und zum Sinnbild einer unerschrockenen, alle Ketten sprengenden Kritik. Vor allem Heines bissige zeichnerische Kommentare zu gesellschaftspolitischen Ereignissen, die die gesamte deutsche Bevölkerung betrafen, machten den Simplicissimus rasch beliebt und gefürchtet. Ein prominentes Beispiel dafür ist die von ihm gestaltete Nummer zur künstlich gesteuerten Fleischnot und der damit einhergehenden Fleischteuerung im Jahr 1905. (Bettina Richter)