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Severin Lanfranconi (Conrad)
Der Letzte Wunsch
von Conrad
Eine Frau im Abendkleid stolziert über den roten Teppich. Sie präsentiert ihr Adoptivkind, umschwärmt von einer Meute lechzender Reporter. Der Junge an ihrer Seite lächelt unsicher. Seine Zähne strahlen in der Blitzflut der Kameras, genau so wie das Collier um den Hals seiner Mutter.
Marta blättert.
Ein halbnackter Prinz, der mit seiner Verlobten Arm in Arm den Strand entlang spaziert. Ihre Gesichter schimmern im Licht der untergehenden Sonne.
Marta seufzt.
Sie legt die Zeitschrift zur Seite und schaut nach draussen.
Regentropfen ziehen ihre Linien über das Fenster. Sumpfige Felder gleiten vorbei und in der Ferne kriecht Nebel über die Hügel. Ein Schmatzen zwingt sie ihren Blick vom Fenster zulösen. Gegenüber sitzen zwei Jugendliche. Der Junge lutscht an den Lippen des Mädchens. Plötzlich blickt er zu Marta. Schnell greift sie wieder zur Zeitschrift. Sie hört ein Kichern, dann schmatzt es weiter.
In der Mittelschule ging Johannes in dieselbe Klasse. Schon am ersten Tag fühlte sie seine heimlichen Blicke. Sie errötete dann und ihr Herz schlug schneller.
Als sie diesen Nachmittag nach Hause ging, folgte er ihr.
Vor der Einfahrt zu ihrem Wohnblock drehte sie sich um. Er kam auf sie zu. Seine Beine waren viel zu lang, weiss, wie lackierte Stelzen. Die mageren Hände versuchte er lässig in den Hosentaschen zu halten. Sein Blick zitterte von der Strasse zu ihr, zum Himmel und vom Himmel zurück zur Strasse.
Sie erinnerte sich an den Zettel, den er ihr während der letzten Schulstunde zugesteckt hatte. Wieder schoss ihr das Blut ins Gesicht. Sie sah den mahnenden Finger ihres Vaters, hoch oben auf der Kanzel. Trotzdem nickte sie jetzt. Johannes schien erleichtert. Er küsste sie. Dann rannte er fort.
Zürich. Marta zwängt sich über das Peron in die Bahnhofshalle. Hoch oben hängt ein übergewichtiger Engel. Zufrieden schaut er auf die Menschen herab, die zwischen den Verkaufsständen herumschlendern, Glühwein trinken oder auf den nächsten Zug hetzen. Es riecht nach Zimt und aus irgendeinem Lautsprecher tönt „I’ll be home for Christmas“.
Marta drängt nach draussen. Sie hastet über das Trottoir und setzt sich in ein Taxi.
„Rosenstrasse neun, bitte.“
Der Chauffeur drückt den Taxameter und fährt los. Der Wagen schleppt sich mühsam durch den Verkehr. Nach einigen Minuten hält er vor einem grossen Backsteingebäude. Marta bezahlt und steigt aus. Es hat aufgehört zu regnen, aber noch immer schimmert der nasse Asphalt unter dem rötlichen Licht der Strassenlaternen.
Marta betritt das Gebäude. Ihre Schritte hallen durch das Treppenhaus. Zweiter Stock. Neonröhren summen. Marta klingelt an einer Tür. Jemand öffnet.
„Schon zurück?“ sagt er und als Marta sein Gesicht erblickt, hat sie für einen Moment das Gefühl, erwartet zu werden. Doch dann erkennt sie die Überraschung in seinem Blick.
„Ist Sarah da?“ fragt Marta. Er schüttelt den Kopf.
„Ich bin ihre Mutter.“
„Ach“, sagt er, „Marta Keller nicht war?“
Marta nickt.
„Ich kenne Ihre Bilder“, sagt er, lächelt und bittet sie hereinzukommen.
Marta betritt einen weiten Raum, dessen Decke zwei Säulen stützen. Auf der anderen Seite erstreckt sich eine lange Fensterfront. In der Mitte steht eine moderne Kücheninsel.
„Ich bin Karl.“
Er schüttelt Martas Hand.
„Du kannst mir deinen Mantel geben. Sarah wird jeden Moment kommen. Willst du einen Kaffee?“
„Nein danke.“
„Setz dich doch.“
Karl führt sie zur Polstergruppe bei den hohen Fenstern.
„Ich muss mich rasch umziehen. Sarah hat heute ihre Finissage“, sagt er und geht ins Bad.
Marta setzt sich auf einen Sessel. Schwarzes Leder und Chrom. Auf dem Tisch vor ihr liegen Aktzeichnungen. Marta erhebt sich und geht die Fensterfront entlang. Am Boden findet sie weitere Skizzen. An der Wand gegenüber steht eine Staffelei mit einem Tisch für Pinsel und Farbtuben. Marta befühlt die verschiedenförmigen Pinselborsten.
Sie malte. Den Teich und die Seerose. Johannes sass neben ihr im Gras, versunken in einem Buch. Hin und wieder betrachtete sie ihn von der Seite. Seine Wangen waren rot. Sie legte den Pinsel zur Seite und schmiegte sich enger an ihn. Mit der Hand fuhr sie durch seine Haare. Sie nestelte an den Knöpfen seines Hemdes herum, begann ihn auf den Hals zu küssen. Plötzlich warf er sie zurück.
„Die schauen alle“, sagte er, sprang auf.
„Wirklich, immer musst du gleich… und hör auf mit dieser blöden Schmiererei.“
Johannes seufzte.
„Wir sehen uns morgen.“, sagte er. Dann schritt er energisch über den Parkrasen davon.
Ihr Vater hielt Johannes für einen guten Mann.
„Sarah erzählt nicht viel von dir“, ruft Karl aus dem Badezimmer.
„Wir haben uns lange nicht mehr gesehen“, sagt Marta.
Erst jetzt erkennt sie den Tannenbaum in einer Ecke des Raumes. Seine Äste sind im Netz zusammen gebunden.
„Malst du noch?“ fragt Karl.
„Nein“, sagt Marta. „Seit der Heirat hab ich kein einziges Bild mehr gemalt. Du und Sarah, seid ihr…“
„Nein, wir sind nicht verheiratet.“
Es klingelt.
Karl kommt aus dem Bad und geht zur Tür. Sein Oberkörper ist nackt. Marta erinnert sich an den Prinzen aus der Zeitschrift.
Es ist Sarah. Sie küsst Karl auf die Wange und rümpft die Nase.
„Hast du noch nicht geduscht? Wir müssen bald los.“
„Deine Mutter ist hier“, sagt Karl.
Sarah dreht den Kopf zu Marta. Ihr Blick verhärtet sich.
„Hallo Sarah“, sagt Marta.
„Was willst du?“ fragt Sarah.
„Ich dachte, ich könnte Weihnachten bei euch verbringen.“
„Das wäre schön“, sagt Karl. Sarah runzelt die Stirn. Karl zuckt mit den Achseln und verschwindet kopfschüttelnd hinter dem chinesischen Paravant.
„Ich muss mit dir reden“, sagt Marta.
Sarah lacht.
„Reden“, wiederholt sie übertrieben betont.
„Warum bist du nicht gekommen?“, fragt Marta. „Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?“
Sarah grinst. „Doch.“, sagt sie.
„Warum bist du nur so? Es war der letzte Wunsch deines Vaters.“
Sarah schnaubt.
„Es gibt ein günstiges Hotel in der Nähe“, sagt sie und geht zur Tür.
Dann dreht sie sich noch einmal um. „Karl, wenn du mich liebst, dann beeilst du dich jetzt. Ich warte unten im Auto.“
Jetzt verlässt Sarah die Wohnung. Karl kommt hinter der Trennwand hervor.
„Sie ist angespannt wegen heute Abend.“, sagt er und knöpft sich sein Hemd zu.
„Komm, ich zeige dir dein Zimmer.“
Er führt Marta in den Raum neben dem Bad.
„Das Bett sollte frisch bezogen sein. Wir werden spät nach Hause kommen. Hast du Hunger?“
Marta schüttelt den Kopf. Karl macht eine unbestimmte Bewegung mit der Hand, räuspert sich und verlässt das Zimmer. Marta setzt sich auf das Bett. Sie hört, wie sich Karl seinen Mantel überwirft. Dann, das Klirren von Autoschlüsseln und das Schlagen der Tür.
Nach einer Weile steht Marta wieder auf, nähert sich dem Spiegel an der Wand gegenüber und betrachtet ihr Gesicht. Mit der Hand befühlt sie den Flaum über der Oberlippe.
„Altweiberbart“, flüstert sie abschätzig.
Dann zieht sich Marta aus. Wieder mustert sie sich im Spiegel. Sie streicht die bleichen Hautfalten ihres Schosses zurück. Die Frau im Spiegel zeigt ihr das Geschlecht.
„Was ist das, Mutter?“ fragte sie einmal, als sie noch klein war. Mit gespreizten Beinen lag sie in der Badewanne.
„Zeig’s nicht so.“
„Hast du’s auch?“
„Ja“, sagte Mutter.
„Und Vater?“
„Man zeigt’s nicht so. Dreh dich um. Ich seif dir den Rücken ein“.
Marta wacht auf. Im Zimmer brennt noch immer Licht. In den Röhren des Heizkörpers knistert es. Wie lange hat sie geschlafen? Ist Sarah schon zurück?
Sie öffnet die Tür zum Wohnzimmer. Es ist dunkel. Auf der Küchenablage steht ein Glas. Marta füllt es mit Wasser und trinkt. Kalk. Plötzlich hört sie ein Geräusch. Es kommt aus dem Zimmer auf der anderen Seite des Wohnraums. Schritt um Schritt nähert sie sich der angelehnten Tür. In ihr brennt die Neugier, den Grund für das Geräusch zu erfahren. Eine kleine Flamme und doch beständig. Marta späht durch den Türspalt und versucht in der Dunkelheit etwas zu erkennen.
Da, ein Bett. Ein männlicher Rumpf, der sich pulsierend krümmt. Schnaufen. Hände tasten über Haut, streicheln und greifen. Marta fasst sich unter das Negligé.
Plötzlich blickt Karl zur Tür. Marta weicht zurück.
„Was?“ hört sie Sarah fragen.
„Ach, ich dachte nur“, sagt Karl.
Martas Beine zittern. Sie schleicht in ihr Zimmer zurück.
Die Flammen der Kerzen flackerten und liessen die gläsernen Kugeln wie Seifenblasen schimmern. Unter dem Baum lag die Krippe. Maria, die mit ihren hölzernen Armen ihr Kind umklammerte. Josef, der mit gefalteten Händen daneben stand.
„Amen“ sagte Vater. Er hielt für einen Moment die Augen noch geschlossen. Mutter lächelte, wie sie es schon den ganzen Tag getan hatte und schaute mit erwartungsvoller Miene in die Runde. Vater beugte sich zu ihr und küsste sie auf das Haar.
Dann hielt Mutter Johannes die Schöpfkehle hin. Er dankte mit einem Kopfnicken und begann seinen Suppenteller zu füllen.
„Meine Tochter erzählte mir, dass Sie Pfarrer werden möchten“, sagte Vater. Johannes nickte. Vater zwinkerte seiner Tochter zu.
Sie blickte stumm vor sich hin. Das Licht der Kerzen schmerzte ihre Augen.
„Ich bin schwanger.“, sagte die Tochter.
Mutter umklammerte Vaters bebende Hand. Er riss sich los und schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Löffel in seinem Teller schepperte. Mutter begann zu weinen.
“Siehst du das? Siehst du, was du deiner Mutter antust?“ sagte er. Seine Stimme wurde mächtiger, derselbe Ton, wie in seinen Predigten.
„Das bist nicht du“, schrie er. Immer wieder. „Nicht du. Nicht du.“
Ein Klirren liess sie alle aufschrecken. Die Weihnachtskugel an einem der unteren Äste des Tannebaumes hatte sich von ihrem Faden gelöst und Josef erschlagen.
Als am nächsten Morgen Marta das Wohnzimmer betritt, wühlt Karl in einer Kartonschachtel. Er nimmt einen gläsernen Stern hervor und steckt ihn auf die Spitze des Tannenbaums.
„Wie war die Finissage?“ fragt Marta.
Karl erschrickt. Er dreht sich um. Seine Augen sind gerötet. Er schwankt leicht.
„Gut“, sagt er. „Sarah hat sich amüsiert.“
Marta geht zur Kücheninsel. Auf dem Tisch steht eine leere Weinflasche.
„Schläft Sarah noch?“ fragt Marta.
„Nein“, sagt er.
„Wo ist sie?“
„Weg.“
„Wohin?“
Karl schält eine Glaskugel aus dem Seidenpapier.
„Wohin, wohin“, murmelt er. Die Kugel fällt zu Boden.
„Scheisse!“ flucht er.
Karl beginnt die Scherben aufzuheben.
„Warte! Du verletzt dich“, sagt Marta. Sie kniet sich hin und nimmt ihm die Scherben aus der Hand. Marta riecht den Alkohol in seinem Atem. Plötzlich sammeln sich Tränen in Karls Augen.
„Sie kann so kalt sein“, sagt er und vergräbt das Gesicht in seinen Händen. Marta legt die Scherben zur Seite.
„Ich weiss, ich weiss“, sagt sie und nimmt ihn in die Arme. Karls Kinn ruht auf ihrer Schulter. Marta streichelt ihm den Nacken. Ihre Hand gleitet über seinen Rücken. Plötzlich drückt sie ihn fester an sich.
„Ist schon gut“, sagt sie und küsst ihn aufs Haar.
„Es wird alles gut.“ Ein Kuss auf seinen Hals.
Marta schliesst die Augen und dreht den Kopf zur Seite.
Ihre Lippen tasten nach Karls Mund. Er weicht zurück.
„Bitte“, sagt Marta mit zitternder Stimme.
Ihr Herz trommelt. Karl steht auf.
„Ihr seid doch beide verrückt“, sagt er und setzt sich an den Küchentisch.
„Du solltest gehen, Marta.“
Karl beobachtet stumm, wie sie ihren Mantel anzieht.
“Tut mir Leid“, sagt sie.
Karl schaut nicht zu ihr. Marta öffnet die Tür.
„Teich mit Seerose“, sagt er plötzlich.
Marta dreht sich um. „Was?“
„Teich mit Seerose. Das ist dein bestes Bild.“
Die Sonne stand hoch über dem Tal. Weite Wälder am Fusse des Gebirges. Kühe. Ein Auto fuhr die Strasse hinauf. Marta sass auf dem Balkon des Ferienhauses. Das Auto hielt. Es war Johannes. Er führte Sarah an der Hand. Mit ihren kleinen Beinchen ging sie noch sehr unsicher. Sie waren Spazieren.
„Sarah hat sich im Wald weh getan“, rief Johannes zum Balkon hinauf.
„Aber doch nicht schlimm, oder Sarah?“ fragte Marta und lächelte. Sarah schaute zu Boden und schwieg.
„Nein, ganz bestimmt nicht schlimm“, dachte Marta, erhob sich von dem Liegestuhl und ging ins Haus.