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Frau R. hatte nur noch einen Wunsch: Nach ihrem Ableben sollte Frau B. die Urne mit ihrer Asche im Garten ihres Einfamilienhauses bestatten. Im Garten jenes Hauses, das einst Frau R. und ihrem Ehemann gehört hatte und das sie vier Jahre vor ihrem Tod ihrer langjährigen Freundin Frau B. geschenkt hatte. Und so geschah es auch.
Sie habe die Urne in Empfang genommen und für die verstorbene Freundin eine letzte Ruhestatt errichtet, erzählt Frau B. und wischt sich eine Träne aus den Augen. Sie habe im Frühling Blumen gepflanzt, im Winter Windlichter aufgestellt. Beinahe täglich schaue sie nach dem Grab, und sie werde das auch in den nächsten Jahren tun, solange sie – «so Gott will» – selber noch am Leben sei.
Doch sie möchte für die Grabpflege entschädigt werden. Deshalb hat sie Klage eingereicht gegen die Stiftung, die das Altersheim betreibt, in dem Frau R. zuletzt lebte. Dieser Stiftung hatte sie in ihrer letztwilligen Verfügung ihr übriges Vermögen vermacht. 8000 Franken plus Zinsen fordert Frau B.
Der Fall wird an einem trüben Wintertag vor dem Kreisgericht Rorschach verhandelt. Die Summe, um die gestritten wird, ist relativ bescheiden. Doch schnell erledigt ist die Sache nicht. Frau B. sagt, Frau R., die selber keine Kinder hatte, sei «wie eine Mutter» zu ihr gewesen. Über Jahrzehnte habe man sich gegenseitig geholfen. Und als Frau R. schliesslich hochbetagt ins Altersheim zog, habe sie ihr das Haus vermacht. Mit dem Wunsch, dort im Garten begraben zu werden. Unter der Föhre, neben dem früh verstorbenen Ehemann.
Auch das übrige Vermögen habe ihr Frau R. versprochen, sagt Frau B. Im letzten Testament steht davon allerdings nichts; dort ist die Stiftung des Altersheims als alleinige Erbin eingesetzt.
Frau B. vermutet, die Heimleitung habe ihre Freundin unter Druck gesetzt. «Plötzlich durften wir sie nicht mehr besuchen, nur noch telefonieren.» Dann kündigte Frau R. per eingeschriebenen Brief ein Darlehen von 30000 Franken, das sie der Firma des Ehemanns von Frau B. gewährt hatte – die Firma ging darauf konkurs.
Schliesslich liess Frau R. durch einen Vertrauensanwalt des Heims auch ein neues Testament aufsetzen. Dieses will Frau B. zwar nicht anfechten. Aber wenigstens die Grabpflege könnte die Stiftung bezahlen, findet sie. Zudem möchte sie aus dem Nachlass eine Fotografie der Verstorbenen. Dazu den Flatscreen-Fernseher.
Der Anwalt der Stiftung weist den Verdacht empört zurück: Beim Abfassen des Testaments sei alles mit rechten Dingen zugegangen. Es sei ohnehin nicht mehr viel vorhanden gewesen: Nach Abzug aller Kosten inklusive des Honorars des Willensvollstreckers waren es gerade noch 7940 Franken.
Die Forderung von Frau B. bezeichnet er als viel zu hoch: «Nirgendwo steht geschrieben, dass ein Mausoleum errichtet werden solle.» Ein Platz im Gemeinschaftsgrab, so sein Vorschlag, wäre viel günstiger. Der Anwalt der Stiftung vermutet, dass die Klägerin bloss nach Wegen suche, um an die letzten Ersparnisse von Frau R. zu kommen.
Die Parteien schenken sich nichts. Die Richterin findet es traurig, ja erbärmlich, dass über die Grabpflege ein derartiger Streit entbrennen konnte. Sie drängt die Kontrahenten zu Vergleichsverhandlungen hinter verschlossenen Türen. Tatsächlich einigen sich die Rechtsvertreter im Anschluss an die Verhandlung auf einen Kompromiss. Doch der wird vom Stiftungsrat des Altersheims später widerrufen.
So muss das Gericht ein Urteil fällen. Es weist die Klage ab. Die Begründung: Im letzten und somit verbindlichen Testament seien keine Anordnungen bezüglich des Grabes enthalten, womit der geltend gemachten Forderung die Rechtsgrundlage fehle.
Nun muss Frau B. auch noch die Gerichtskosten sowie die Anwaltskosten der anderen Partei übernehmen, insgesamt über 4000 Franken. Zum Grab ihrer Freundin will sie aber weiterhin schauen.