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Ausgestorbene Tiere
Rätsel um die Gestalt eines Räubers
Vor 515 Millionen Jahren machte das vielleicht erste furchterregende Raubtier die Meere unsicher: Anomalocaris. Seine Entdeckungsgeschichte gleicht einem Detektivroman.
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Im Jahr 1892 beschrieben Forscher ein Fossil aus den kanadischen Rocky Mountains, das dem Hinterleib einer Garnele glich. Allerdings sahen ihre Beine sehr untypisch aus. Daher wurde das Tier Anomalocaris genannt, was «andersartige Garnele» heisst. Es entstammte einer Gesteinsschicht des Kambriums. Die Tiere dieser Epoche des Erdaltertums vor 541 bis 485 Millionen Jahren zählen zu den ältesten, die wir kennen. Zudem ist die Fauna dieser Fundstellen sehr formenreich, weshalb die Forscher von der «kambrischen Explosion» des Lebens sprechen.
Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckte ein Paläontologe namens Walcott andere Fundstellen des sogenannten Burgess-Schiefers, aus dem Anomalocaris stammte. Neben weiteren der «andersartigen Garnelen» – bei denen interessanterweise der Vorderkörper nie erhalten war – fand Walcott eine Reihe nicht weniger faszinierender Fossilien. Eines hatte einen Organismus, den er als Qualle namens Peytoia beschrieb. Walcott beschrieb auch Laggania, einen unförmigen Sack mit einem aus Platten verstärkten Mund – seines Erachtens eine Seegurke, also verwandt mit Seeigel und Seestern.
Der britische Paläontologe Whittington untersuchte die Fossilien des Burgess-Schiefers viele Jahrzehnte später noch einmal eingehender. In einem Artikel hob er 1978 die Ähnlichkeit der Qualle Peytoia mit der als Mund interpretierten Struktur der Seegurke Laggania hervor. Beide bestanden aus einem Ring aus 32 Platten und trugen kleine spitze Fortsätze in der Mitte. Waren die Tiere zufällig aufeinander zu liegen gekommen und gemeinsam als Fossil verewigt worden? Handelte es sich bei Laggania gar nicht um eine Seegurke, sondern um einen Schwamm, in dem die Qualle zu Lebzeiten eingeschlossen worden war?
Drei Fossilien, aber nur ein Tier
Im darauffolgenden Jahr veröffentlichte ein Wissenschaftler aus Whittingtons Arbeitsgruppe eine Neuinterpretation der «Garnelenschwänze» von Anomalocaris. Seiner Ansicht nach handelte es sich nicht um Hinterleiber von Garnelen, sondern um Beine eines viel grösseren Tieres. Er sollte Recht behalten.
1981 endlich, als Whittington einige von Walcotts Fossilien freipräparierte, löste sich das Rätsel um Anomalocaris, Peytoia und Laggania. Erstaunt stellte der Forscher fest, dass er eine Anomalocaris entdeckt hatte, die noch an ihrem vemeintlichen Vorderkörper hing. Als er das Fossil aus seinem steinernen Grab befreite, kam eine zweite Anomalocaris ans Licht, die derselben Struktur entsprang. Im weiteren Verlauf der Untersuchung trat die Qualle Peytoia zum Vorschein. Da dämmerte es Whittington, dass die drei Strukturen zu ein und demselben Tier gehören mussten. Die Garnelenschwänze waren in Wirklichkeit grosse Greifbeine am Kopf eines etwa 50 Zentimeter grossen Räubers. Die Qualle Peytoia entpuppte sich als die Mundöffnung desselben Tieres – und der unförmige Körper der vermeintlichen Seegurke war tatsächlich der schlecht erhaltene Körper des Räubers, an dem die Mundscheibe noch erhalten war.
Nach und nach kristallisierte sich das Bild des Grossräubers heraus. Es wurden weltweit Vertreter der nach den ehemaligen «Garnelenschwänzen» benannten Great-Appendage-Arthropoden (Gliederfüsser mit grossen Anhängen) entdeckt. Am Körper trugen Anomalocaris und seine Verwandten lappenartige Beine zum Schwimmen. Die Komplexaugen hatten eine enorm hohe Auflösung, die Tiere konnten offenbar hervorragend sehen. Einige Arten hatten einen Schwanzfächer, wohl ebenfalls beim Schwimmen hilfreich. Die grössten Arten erreichten bis zu zwei Meter Länge.
Neue Funde deuten darauf hin, dass die Verwandtschaft um Anomalocaris wahrscheinlich nicht ausschliesslich räuberisch lebte. Einige Arten waren offenbar auch darauf spezialisiert, Kleinstorganismen aus dem Meerwasser zu filtern – sie waren Planktonfresser.