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von Silas Hörler – <email-pii>
Die Integrale Szene wächst. Nicht nur in den USA oder Deutschland bilden sich Hotspots dieser neuen Bewegung, sondern überall auf der Welt. Diejenigen von Euch, die bereits an einer der Integral European Conferences in Budapest waren wissen, wie international diese Szene mittlerweile ist. Wir von Integral Schweiz machen uns auf ein exponentielles Wachstum von allem, was „Integral“ ist (oder sich so nennt) gefasst.
Da dies die erste Ausgabe des Email-Magazins ist, welches in regelmässigen Abständen verschickt werden soll, denke ich, macht es Sinn etwas darüber zu schreiben, woher wir kommen und warum wir tun was wir tun – und warum das für die Integrale Szene der Schweiz relevant ist.
Ich persönlich kam mit der Integralen Theorie gleichzeitig mit dem Aufnehmen einer Integralen Lebenspraxis in Berührung; ein Privileg, welches nur Wenigen vergönnt ist. Wenn man mit der Integralen Theorie in Kontakt kommt, geschieht das normalerweise so: Man wird auf eine Organisation aufmerksam, die das Wort "Integral" im Namen trägt und sobald man herausgefunden hat, dass das nichts mit Mathematik zu tun hat, beginnt man, sich mit der Integralen Theorie auseinanderzusetzen. Man liest vielleicht ein oder zwei Bücher von Ken Wilber (manche auch ein paar mehr) und tauscht sich mit Menschen aus der Organisation aus, die sich ebenfalls damit befassen. Man diskutiert darüber, was "Integral" ist und was nicht, was man jetzt mit diesem grandiosen Wissen tun sollte und wie eine Integrale Kultur, Erziehung, Wirtschaft, etc. aussehen sollte.
Das Problem ist, dass häufig ein Aspekt des Integralen Ansatzes vollkommen untergeht: Die Integrale Theorie ist die kognitive Sicht des Integralen Bewusstseins und das damit verbundene Weltbild. (Sie ist also genauso wenig eine „Theorie“, wie die „Theorie“ der Ökosysteme: Aus der kognitiven Persektive von Grün können Systeme erkannt und beschrieben werden und haben denselben Realitätsgehalt wie Atome auf Orange. Diese Art von Modellen sind zwar für die vorangehenden Bewusstseinsstrukturen eine „Theorie“ oder eine Idee, die man erlernen und die Welt durch diese Brille ansehen kann. Auf der Stufe, von der sie stammen aber, sind sie erlebte Realität.)
Aber Moment mal – das ist ja eigentlich klar! – man ist auf einer bestimmten Stufe und kommt mit Ideen einer höheren Stufe in Berührung, die das eigene Weltbild und die eigene Denkweise erweitern. Wo ist denn da das Problem?
Ganz einfach: Entwicklung macht man nicht freiwillig. Der erste Kontakt mit diesen neuen Ideen ist zwar für viele Menschen unglaublich inspirierend; doch die Erfahrung zeigt, dass niemand – nein, niemand – sie freiwillig auf sämtliche Aspekte in seinem Leben anwenden möchte. Wir alle haben irgendwo unsere safe zones oder blinden Flecken, die wir partout nicht antasten wollen und entsprechend auch nicht bereit sind, die neue Kognition dahingehend anzunehmen. Der Grund ist, dass an diesen Orten am meisten persönliche Identifikation liegt; das heisst: „Das bin ich“. Diesen Bereich anzutasten oder infrage zu stellen (was ein umfassender Ansatz wie der Integrale notwendigerweise tut) bedeutet, den Ast abzusägen, auf dem man sitzt: Man verliert den Boden unter den Füssen, die Orientierung und das eigene Selbstbild.
Für mich persönlich war ein besonders grosser blinder Fleck die Art wie ich Beziehungen führte. Die Theorie sagt für die Entwicklung den Übergang von Mangelbedürfnissen zu Seinsbedürfnissen voraus, was auf Deutsch heisst, dass der Zweck der Beziehungen nicht mehr die gegenseitige Bedürfnisbefriedigung ist sondern, dass Beziehungen Ausdruck eines gemeinsamen Weges und gegenseitiger Zuneigung sind – sie entstehen also von selbst und müssen weder unterhalten noch gesucht werden. Und obwohl ich mit all dem immer schön einverstanden war, ging mir auf grandiose Weise durch die Lappen, dass meine Beziehungen ausschliesslich für die Befriedigung meiner Bedürfnisse da waren. Erst nach jahrelanger Praxis und einigen sehr schmerzhaften Erfahrungen erkannte ich, dass ich ein Beziehungs-Egoman war. Und vor allem, dass ich diese Tatsache sehr gekonnt und auf subtile Weise vor mir selbst und meinen Mitmenschen verstecken konnte.
Wo diese blinden Flecken sind, ist individuell unterschiedlich, doch gibt es klare kollektive Muster, wie die Persönlichkeitstypen, geschlechtliche und kulturelle Unterschiede. Durchs Band am häufigsten beobachten wir, dass zwar das theoretische Raster der Stufenentwicklung und der Quadranten übernommen wird, die Werte und Beziehungen aber weiterhin von der grünen Stufe aus funktionieren. Das Ergebnis sind lauwarme, verkopfte Diskussionen, bei denen man zwar viel über „Integral“ spricht und darüber was es für jeden in der Runde bedeutet, kaum jemand aber eine wirklich tiefgehende Einsicht macht, geschweige denn wirklich etwas in seinem Leben verändert. Und da sich die meisten von uns aus dem normalen Alltag auch nichts anderes gewohnt sind, merken wir den Unterschied nicht. Wir merken nicht, dass wir gerade über ein profundes Thema sprechen, das jeden einzelnen Aspekt unseres Lebens berührt, nur um uns danach wieder mit irgendeiner Lappalie zu beschäftigen, so als wäre nichts gewesen.
Das ist schade, denn die Lösung für dieses Problem ist so simpel, wie es nur geht: Praxis (es sei angemerkt, dass simpel nicht gleich einfach ist). Wie Robert Kegan es beschreibt, geschieht Entwicklung dort, wo Erstens: wir unsere eigene Limitierung akut zu spüren bekommen und zwar in einem Bereich unseres Lebens, der uns am Herzen liegt – und wo Zweitens: gleichzeitig eine stabile und stützende soziale Struktur besteht, die uns aber auch daran hindert, dem Problem aus dem Weg zu gehen. Der erste Teil ist natürlicher Bestandteil des Lebens und geschieht häufiger, als uns lieb ist – darum brauchen wir uns also nicht zu kümmern. Um den zweiten Teil kann man sich sehr wohl kümmern und das ist genau das, was mir damals glücklicherweise ermöglicht wurde, lange bevor ich auf die Idee hätte kommen können, irgendwas mit der Integralen Theorie zu machen, ausser meine persönliche Praxis zu optimieren.
Aber natürlich sind auch das alles nur Worte; Ideen, die hier ausformuliert werden und damit den Sprung von einem Geist zum anderen tun. Woher wissen wir, dass wir einander verstehen? Woher weisst Du, dass wir beide unter dem Begriff „Praxis“ dasselbe verstehen? Und woher weisst Du, ob ich das, was ich schreibe auch tatsächlich glaube und selber lebe? Hier stossen wir an die Grenzen der Worte und Konzepte: Hier geht es um Erfahrung, um Emotion und um Wahrhaftigkeit. Und die geschieht nur, wenn wir uns zusammen hinsetzen, in Beziehung treten und jede Diskrepanz zwischen Wort und Wahrnehmung überprüfen. Dann entsteht Vertrauen. Und genau auf diese Prinzipien baut die Integrale Lebenspraxis und insbesondere die Integrale Schattenarbeit auf.
Dort kommen wir also her. Und das ist auch der Grund für unsere tiefe Überzeugung, dass es für uns nichts Wichtigeres zu tun gibt, als die Integrale Lebenspraxis zu propagieren und so vielen Menschen wie möglich zur Verfügung zu stellen (siehe beispielsweise unser eigenes Programm https://ilp-ignition.integralschweiz.org). Das Integrale Forum werden wir unter diesem Leitstern betreiben: Es soll eine Plattform für qualitativ hochstehende Angebote und Austauschmöglichkeiten sein. Beginnend mit diesen Zeilen.
Ich hoffe, dass wir noch viele inspirierende und berührende Momente miteinander teilen werden.
Silas