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Wir treffen die Gruppe von Interessierten an diesem milden Samstagmorgen in der Bahnhofhalle von Neuenburg, die mit ihren Sitzbänken und Wandmalereien an die gute alte Zeit erinnert.
Wir treten vom Bahnhof aus an die Sonne. Von unten glitzert der See, von ferne grüssen die Alpen. Unser Ziel ist nicht der See, es sind nicht die Alpen, es ist die Altstadt. Wir gehen an den zwei Landsitzen Grande Rochette und Petite Rochette aus dem 18. Jahrhundert vorbei zum eindrücklichen Hôtel du Peyrou, das Pierre-Alexandre du Peyrou in den Jahren 1764-1772 errichten liess.
Was ist besonders an Neuenburg? Es ist gewiss einmal der warme, gelbe Kalkstein aus Hauterive, aus dem die Stadt gebaut ist. Wir finden den Stein an historischen Gebäuden im ganzen Dreiseenland.
Es gibt zusätzlich eine politische Besonderheit. Am Wiener Kongress 1815 wurden die Grenzen der Schweiz festgelegt und die kantonale Zusammensetzung des Staatenbunds.
Die Eidgenossenschaft hat keine feudale Vergangenheit – das nehmen wir oft an. Wir kannten hierzulande zwar Patrizierfamilien aus städtischen Zünften, die sich aristokratisch gebärdeten, aber sie gehörten nicht zum europäischen Adel. In dieser Hinsicht ist Neuenburg nun eine Ausnahme: der Kanton wurde in die Eidgenossenschaft aufgenommen als Fürstentum unter dem preussischen König. Nach der Machtübernahme republikanischer Milizen aus dem Neuenburger Jura 1848 und einem gescheiterten Putsch der Neuenburger Royalisten 1856 führte die doppelte Zugehörigkeit Neuenburgs beinahe zu einem Krieg.
Der Palast des reichen Pierre-Alexandre du Peyrou (1729-1794), erbaut vom Berner Architekten Erasmus Ritter (1726-1805), hat eine Bedeutung für die Philosophiegeschichte, denn du Peyrou, Nachfahre von Hugenotten, war ein Freund von Jean-Jacques Rousseau (1712-1778). Das passt zum Thema unseres Tagesausflugs. Du Peyrou zahlte dem Philosophen, dessen wichtigste Werke verboten waren, eine existenzsichernde Rente und kümmerte sich auch nach dessen Tod um seinen Nachlass und um eine Gesamtausgabe seiner Werke.
Die renovierte Villa, ursprünglich mit Umschwung und Blick auf den See, versteckt sich heute hinter später erstellten Wohnbauten. Sie wurde im Laufe der Zeit mehrmals verkauft und gelangte an die Stadt, die darin ihre Gemäldesammlung ausstellte. Später befand sich hier die archäologische Sammlung aus der La Tène-Zeit. Heute befindet sich im Gebäude ein Gourmet-Restaurant.
Von der Villa aus gehen wir auf der Spitalvorstadt (Faubourg de l’Hôpital) zum Rathaus von 1790 im klassizistischen Stil, erbaut dank der Grosszügigkeit des in Lissabon reich gewordenen Kaufmanns David de Pury, dem wird noch begegnen werden. Weiter gehen wir geradeaus zum Gerechtigkeitsbrunnen von 1545-47 (das Vorbild an der Berner Gerechtigkeitsgasse stammt aus dem Jahr 1543). Beachtenswert finden wir auch den Brunnen neben dem Restaurant Cardinal mit dem bis heute gültigen Wappen der Stadt: ein preussischer Adler, und, übernommen von den Grafen, ein goldener Schild mit einem roten Pfahl, belegt mit drei silbernen Sparren.
Wir steigen dann, an der Fontaine du Banneret, an der Tour de Diesse und an der Fontaine du Griffon vorbei zum Schloss hoch, das aussen die Flaggen der Kantone zeigt, die Neuenburg, damals noch eine Grafschaft, von 1512 bis 1529 besetzten. Warum taten sie es? Weil ihnen die Hochzeit der Alleinerbin und Gräfin Jeanne de Hochberg (1485-1543) mit Louis d’Orléans-Longueville (1480-1516) als Sicherheitsrisiko erschien. Jeanne oder Jehanne erhielt ihre Grafschaft nach dem Tod ihres Gatten zurück, und oberhalb einer Pforte im Innenhof des Schlosses entdecken wir das Wappen mit den Lilien auf blauem Grund der französischen Königsfamilie.
Als Höhepunkt unseres Rundgangs haben wir vor, die vor kurzem renovierte ehemalige Stiftskirche zu besuchen mit dem Grabmal für die kurz nach der Errichtung des Monuments ausgestorbene Dynastie der Grafen von Neuenburg (Familie de Neuchâtel) aus dem 14. Jahrhundert. Entgegen allen publizierten Öffnungszeiten sind die Türen der Kirche aber an diesem Samstagvormittag verschlossen. Schade. Wir zeigen hier ein Bild des Innenraums.
Auf dem Platz vor der Kirche steht der Reformator Guillaume Farel (1489-1565) und hält drohend die Bibel in die Höhe, so dass man der Inschrift glaubt, die auf dem Sockel eingemeisselt ist: La parole de Dieu est vivante et efficace et plus pénétrante qu’un glaive à deux tranchants. Im Innern der Kirche ist die Nachricht eingemeisselt, dass die Bürger von Neuenburg im Jahr 1530 den Götzendienst abgeschafft haben. Mit den Götzen sind die Statuen von Heiligen gemeint.
Vom Schloss steigen wir hinab, vorbei am ehemaligen Hôtel de la Couronne, in dem nicht nur Rousseau übernachtet hat, sondern auch, so steht es auf einer Informationstafel, Graf Mirabeau. Über Treppen und durch die Rue du Coq d’Inde gelangen wir auf den belebten Platz vor der Maison des Halles von 1569 und gehen weiter zur Place Pury, wo die Stadt dem grosszügigen Gönner David de Pury (1709-1786) im Jahr 1855 ein Denkmal errichtete.
De Pury verdankte seinen Reichtum dem Handel mit Diamanten und Edelhölzern aus Brasilien. Er war zwar weder Sklavenhändler noch besass er Plantagen mit Sklaven, aber gewiss funktionierte die damalige Kolonialwirtschaft mit Sklaven. Die Stadt bekam ein schlechtes Gewissen und liess 2022 neben dem alten Denkmal mutig ein zweites hinstellen, welches das erste in Frage stellt.
Zwischen dem Tod des Händlers und der kollektiven Scham über die Verworfenheit seines Handelns sind 236 Jahre vergangen. Hier stellen sich Fragen. Welches Verhältnis haben wir zu Taten und Untaten von Vorfahren? Vor der Schlacht von Murten 1476 beschlossen die Eidgenossen, dass keine Gefangenen gemacht werden – wäre es angemessen, neben dem Schlachtdenkmal einen Hinweis darauf zu platzieren? Verdienen Napoleons Überreste ihren Ehrenplatz im Pariser Invalidendom? Und was raten wir zukünftigen Generationen, wenn sie sich einmal für die heutigen Formen der Ausbeutung schämen?
Unser Rundgang durch Neuenburg endet damit, dass wir der Gruppe von aussen die Stadtbibliothek zeigen, in der in einem Espace Rousseau Manuskripte des Autors ausgestellt sind, und von weitem den Hafen, das Denkmal der Republik und das Kunstmuseum mit einer bedeutenden Sammlung und den sensationellen automates des 18. Jahrhunderts, deren Funktionsweise jeweils am ersten Sonntag des Monats vorgeführt wird.
Mit einigen Mitreisenden speisen wir dann zu Mittag im Restaurant Cardinal. Das Restaurant ist gut besucht und wunderschön mit seinen Jugendstil-Kacheln.
Am Nachmittag fährt unsere Gruppe in einer halben Stunde mit dem Regionalzug nach Môtiers im Val de Travers. Im etwas verlassen wirkenden Dorf mit seiner breiten Dorfstrasse lebten Jean-Jacques Rousseau und seine Frau Thérèse von 1762 bis 1765. Im Wohnhaus ist ein kleines Museum untergebracht, das nur auf Voranmeldung geöffnet ist. Roland Kaehr zeigt uns die Schätze der Sammlung, darunter Porträts, Bücher und alte Stiche der Umgebung, die zeigen, wie Tourismuswerbung im 18. Jahrhundert funktionierte: Überhöhte Felsformationen türmen sich ungestüm zum Himmel, der Wasserfall am Rand des Dorfes erinnert an die Niagarafälle, und auf einigen Bildern ist Rousseau zu erkennen in einem weiten Kaftan, den er wegen seinen Schmerzen trägt und in dem er im 18. Jahrhundert gewiss aufgefallen ist.
Warum war Rousseau überhaupt auf der Flucht? 1761 erschien sein Roman Julie ou la Nouvelle Héloïse, die Geschichte einer Liebe, die durch die ständische Gesellschaft verunmöglicht wird. Der Roman wurde einer der grössten literarischen Erfolge des 18. Jahrhunderts. Im nächsten Jahr folgten zwei weitere Bücher: der Erziehungsroman Émile und die politische Schrift Du contrat social. Diese zwei Bücher wurden sofort verboten, nicht nur im katholischen Frankreich, sondern auch im calvinistischen Genf und im reformierten, bernischen Waadtland. Warum? Es waren die Texte zur Religion, die Anstoss erregten. Für Rousseau war klar, dass wirkliche Christen keinen Krieg führen können, weil ihr Leben auf das Jenseits ausgerichtet ist und es ihnen nichts ausmacht, zu sterben. Für ihn war die Idee eines christlichen Kriegers also ein Unsinn. Da Staaten sich aber verteidigen müssen, um zu bestehen, schlug er die Einführung einer zivilen Religion mit einfachen Grundregeln vor:
Les dogmes de la religion civile doivent être simples, en petit nombre, énoncés avec précision, sans explications ni commentaires. L’existence de la Divinité puissante, intelligente, bienfaisante, prévoyante & pourvoyante, la vie à venir, le bonheur des justes, le châtiment des méchans, la sainteté du contrat social & des lois ; voilà les dogmes positifs. Quant aux dogmes négatifs, je les borne à un seul ; c’est l’intolérance. Rousseau, wenn ich ihn richtig verstehe, übernimmt die Vorstellung eines ewigen Lebens (la vie à venir), sonst beschränkt sich seine entrümpelte Religion auf den Glauben an einen guten Gott und auf Handlungsrichtlinien für die Menschen. Rousseaus Ideen beeinflussten wohl Maximilien Robespierre (1758-1794), als er im revolutionären Frankreich den Kult des Être suprême förderte.
König Friedrich II (1712-1786), der aufgeklärte Herrscher über Preussen und damit über Neuenburg, schützte Rousseau zwar, aber die Neuenburger Pfarrherren hatten keine Freude an seinen Theorien, und so kam es, dass um Mitternacht anfangs September 1765 Steine gegen Rousseaus Wohnhaus geworfen wurden, ein Fenster zersplitterte und Rousseau in Panik das Fürstentum verliess.
Seit dem 18. Jahrhundert wird im Val de Travers ein hochprozentiges Getränk hergestellt: Absinth. Die Tradition wurde von der selbstbewussten Bevölkerung auch weiter gepflegt, als Absinth durch die Bundesverfassung verboten war (1910-2005). An der Grande Rue, diagonal gegenüber dem Hôtel des Six Communes aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, besuchen wir zum Abschluss des Tages die Brennerei von Christophe Racine. Wir degustieren und hören zu, wie man Absinth brennt, warum la Bleue nicht farblos ist und wie man ein Getränk herstellt aus den Wurzeln des Gelben Enzians.