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wort zum sonntag
Autor: Hans Ulrich Steymans
Kann man Liebe gebieten?
Das Liebesgebot ergeht im Johannesevangelium, nachdem Jesus den Jüngern die Füsse gewaschen hatte: «Ein neues Gebot gebe ich euch: Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben» (Joh 13, 34). Doch kann man Liebe gebieten?
In der Welt der Bibel ist das möglich. Denn das Wort «Liebe» kam in Verträgen vor. Der assyrische König im Zweistromland des 7. Jahrhunderts vor Christus verlangte von seinen Untertanen und Verbündeten, dass sie ihn lieben sollten wie sich selbst. Der König gebot kein Gefühl, als sollten seine Untertanen ihn liebenswert und sympathisch finden. Er gebot ein Verhalten. Die Untertanen und Verbündeten verhalten sich ihm gegenüber aufrichtig, treu und loyal. Der König will sich auf sie verlassen können und keinen Verrat oder Vertrauensbruch fürchten.
Liebe wie die Bibel sie gebietet, ist kein Gefühl, sondern ein Verhalten. Liebe meint Treue, Solidarität, Gerechtigkeit. Im Zweistromland sowie im Liebesgebot von Levitikus 19,18 ist die Liebe zu sich selbst der Massstab: «Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.» In den alten Kulturen ging es den Menschen vor allem um das pure Überleben. Man starb früh an Mangelernährung, Seuche, Krieg, Kindbettfieber. Man hatte keine Zeit, sich Gefühlen und seelischen Empfindsamkeiten zuzuwenden. Selbstliebe war selbstverständlich und unerlässlich zum Selbsterhalt.
Erst eine gesicherte materielle Existenz erlaubt den Luxus, die Ängstlichkeit, Verlorenheit, Verträumtheit und Schüchternheit des inneren Kindes wahrzunehmen. Die eigene Verletzlichkeit zu lieben fällt schwer. Wenn man aber sich selbst nicht lieben kann, wie mag man den Nächsten lieben?
Im Johannesevangelium ist der Vergleichspunkt nicht die Selbstliebe, sondern die Liebe Jesu. Die Liebe Jesu ist aber nicht der Massstab, so als müsse unsere Liebe so gross sein wie seine. Jesus hat sein Leben für seine Freunde hingegeben (Joh 15,13). Eine solche Hingabe hat allein Jesus «vollbracht» (Joh 19,28-30). Von den Jüngern verlangt er sie nicht. Zu Petrus sagt er: «Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, das sage ich dir: Noch bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.»
Die Liebe Jesu ist das Fundament, das mich zu Selbstliebe und Nächstenliebe befähigt. Weil Jesus mich – mit meiner Schwäche, Verlorenheit und Verletzlichkeit – liebt, schenkt er mir die Kraft, meinen Mitmenschen gegenüber treu, solidarisch, gerecht zu sein.
Der Dominikaner Hans Ulrich Steymans ist Professor für Altes Testament und Biblische Umwelt an der Universität Freiburg und lebt im Kloster St. Hyazinth in Freiburg.