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Kann Asien die Rolle als Wachstumsmotor für die Weltwirtschaft übernehmen?
Jörg Wolle: Ja, Asien übernimmt immer mehr die Rolle als Treiber des Wirtschaftsmotors.
Aber eine US-Rezession hinterlässt doch auch Bremsspuren in Asien?
Wolle: Das stimmt. Eine Rezession in Amerika wird die Wachstumsgeschwindigkeit Asiens aber lediglich abschwächen. In China, Thailand oder Vietnam ist eine grosse Mittelschicht herangewachsen, die eine starke Inlandnachfrage geschaffen hat. Asien ist heute weit weniger von Amerika und Europa abhängig.
Doch auch Asien kann sich nicht von den USA abkoppeln.
Wolle: Sicher können sich die asiatischen Börsen nicht abkoppeln. Ich gehe aber davon aus, dass die Realwirtschaft in Asien von der US-Rezession wesentlich weniger beeinträchtigt wird als Europa und unserer Wirtschaft wichtige Wachstumsimpulse geben wird.
Welche Länder bieten derzeit das grösste Wachstumspotenzial in Asien?
Wolle: Am meisten Chancen bietet weiterhin China, gefolgt von Vietnam, das von vielen Leuten in der Schweiz unterschätzt wird. Ein starkes Wachstum verzeichnen werden auch künftig Indien, Singapur und Malaysia mit jährlichen Wachstumsraten von weit über 5%.
China erhält durch die Olympischen Spiele nochmals einen Schub. Doch schon heute ist Chinas Wirtschaft überhitzt.
Wolle: Das kann ich bestätigen. In meiner mehr als 20-jährigen Erfahrung im Handel mit China habe ich jedoch gelernt, dass das Schreckgespenst Überhitzung in China zu weiten Teilen ein Schrecken geblieben ist und nie zu einem Zusammenbruch geführt hat. Als ich vor 20 Jahren zum ersten Mal nach Schanghai kam, gab es dort drei Hochhäuser, heute sind es 3400, mehr als in New York. Die chinesische Volkswirtschaft ist in den vergangenen 25 Jahren im Durchschnitt um 9% gewachsen. Wenn China, statt wie jetzt mit 11%, über die nächsten Jahre mit 4% bis 5% weiter zulegt, sollte das Land bereits im Jahr 2015 eine höhere Wirtschaftsleistung erbringen als die USA.
Derzeit ist China mit Tibet negativ in den Schlagzeilen. Inwiefern werden solche Unruhen den Aufstieg Chinas bremsen?
Wolle: Innere Probleme können das hohe Wachstum temporär bremsen. Aber wir sollten nicht den Fehler machen, unser westliches Demokratieverständnis eins zu eins auf China und andere asiatische Länder übertragen zu wollen. Das funktioniert nicht.
Ist Demokratie nicht eine Voraussetzung für nachhaltig blühenden Kapitalismus?
Wolle: In fast allen asiatischen Ländern, aber ganz spezifisch in China erleben wir eine in atemberaubender Geschwindigkeit stattfindende ständige Verbesserung der Lebensbedingungen für eine grosse Anzahl der Menschen. Ich wage zu bezweifeln, dass für China oder auch für Singapur unsere westlichen Demokratiemodelle sinnvoll und jemals anwendbar sind. Diese Länder müssen ihren eigenen Weg gehen und eigene Modelle entwickeln. Bei unseren Geschäftspartnern ist vernünftiger Pragmatismus vorherrschend. Das heisst, sie wollen Geschäfte machen und die Chancen, die sich bieten, nutzen. An Politik sind sie weniger interessiert. Politiker in China dagegen sind auf Kritik aus Europa und USA sensibilisiert und irritiert.
Welche Chancen bieten sich speziell für Schweizer Firmen?
Wolle: Asien wird für die Schweizer Unternehmen wesentlich stärker als früher nicht nur Exportmarkt, sondern auch Produktionsmarkt, indem ganze Fabrikationen nach Asien verlegt werden. Asien bietet auch hochinteressante Märkte zum Einkauf von Rohstoffen. Heute wird häufiger auch Spitzentechnologie nach Asien exportiert. Der Handel geht in beide Richtungen, da hat sich in den letzten Jahren viel verändert.
Stark verändert hat sich auch die DKSH-Gruppe: Früher war sie ein Distributeur, ein Logistiker. Welchen Mehrwert bringt die DKSH in der heutigen Konstellation den Schweizer Firmen?
Wolle: Die DKSH ist das führende Unternehmen im Bereich Market Expansion Services, und wir fokussieren uns auf Asien. Wir begleiten Firmen, die nach Asien exportieren möchten, beim Aufbau von Marktanteilen oder bei Beschaffung von Rohstoffen in asiatischen Ländern. Wir unterstützen die Unternehmen beim Einstieg und bei der Expansion.
Welches sind die nächsten Pläne?
Wolle: Wir haben uns auf die vier Geschäftsfelder Konsumgüter, Healthcare und Pharmaprodukte, Technologie und Spezialrohstoffe fokussiert. In diesen Bereichen werden wir weiter expandieren. Wir haben seit der Gründung von DKSH vor knapp sechs Jahren 12 Akquisitionen getätigt.
Kürzlich haben Sie Ihr Aktionariat geöffnet. Ist die Kapitalerhöhung vollzogen?
Wolle: Die Kapitalerhöhung ist im Gange, die Zeichnung sollte bis Ende April 2008 abgeschlossen sein.
Wie viel Geld fliesst bis Ende April zu?
Wolle: Wir gehen davon aus, dass dem Unternehmen 170 Mio Fr. zufliessen werden. Zusammen mit einem angemessenen Fremdkapitalanteil hätten wir damit künftig 500 Mio Fr. für eine weitere Expansion zur Verfügung.
Wo genau wird die Gruppe zukaufen?
Wolle: Wir wachsen in erster Linie aus eigener Kraft. Unsere Wachstumsraten über die letzten sechs Jahre waren jeweils zweistellig bei Umsatz und Profitabilität. Wir haben stark investiert in die regionale Abdeckung Asiens und in modernste IT- Infrastruktur. Auf dieser Basis werden wir weiter wachsen.
Vor kurzem erst haben Sie die Asien- Handelsaktivitäten von Desco gekauft. Was erwarten Sie davon?
Wolle: Desco war das letzte schweizerische Handelshaus. Mit Desco konnten wir den Konsolidierungsprozess weiter vorantreiben, denn in unserem Geschäft ist Grösse eindeutig ein Marktvorteil. Wir planen, sowohl in Europa als auch in Asien weitere Handelshäuser zu erwerben.
Neue wichtige Minderheitsaktionäre der DKSH-Gruppe sind Robert Peugeot, CEO und Chairman der Investment Holding der Peugeot-Familie, und der Schweizer Financier Rainer-Marc Frey: Was erhoffen Sie sich von diesen Persönlichkeiten?
Wolle: Mit diesen beiden Herren haben wir uns zwei potente, zusätzliche Aktionäre geholt, die uns heute und auch in Zukunft auf unserem Wachstumspfad begleiten wollen.
Werden Sie noch weitere Aktionäre an Bord holen?
Wolle: Eine weitere Öffnung würde dann in Frage kommen, wenn wir damit in weitere für uns attraktive Bereiche expandieren könnten.
Heisst dies, dass Sie einen Börsengang der DKSH-Gruppe planen?
Wolle: Wir planen zurzeit keinen Börsengang. Aber ich glaube, wir haben soeben auch durch diesen Schritt bewiesen, dass wir erstens kapitalmarktfähig sind und zweitens innovative Lösungen finden.
Was ist der Grund für das Engagement von Rainer-Marc Frey?
Wolle: Rainer-Marc Frey ist ein innovativer Denker und Finanzmarktspezialist und wird uns diesbezüglich als Mitglied des Verwaltungsrates sicherlich auch einiges zu bieten haben. Auf der anderen Seite kennt Rainer-Marc Frey aber auch aus eigener Erfahrung die asiatischen Finanzmärkte sehr gut. Dies in Verbindung mit unserer Struktur in Asien sollte für beide Seiten eine interessante Geschichte geben.
Wie laufen die Geschäfte der DKSH?
Wolle: Sehr gut. Wir haben mit dem Jahresergebnis 2007 zum sechsten Mal in Folge ein zweistelliges Umsatz- und Gewinnwachstum erzielt. Und auch 2008 ist für uns gut gestartet.
Haben Sie die Umsatzschwelle von 9 Mrd Fr. übertroffen?
Wolle: Als Unternehmen, das in Asien tätig ist, war für uns die Umsatzmarke von 8,8 Mrd Fr. wichtig. Die 8 ist in Asien die symbolträchtige Glückszahl für Reichtum und Wohlergehen. Und diese Umsatzmarke haben wir 2007 erreicht.
Wie beurteilen Sie die Aussichten?
Wolle: Wir gehen davon aus, dass wir für DKSH ein stabiles und wenig konjunkturabhängiges Geschäftsmodell geschaffen haben. Eine Wirtschaftsabschwächung in den USA trifft uns weit weniger als andere Firmen, da unsere Aktivitäten breit diversifiziert sind. Wir sehen derzeit keine Anzeichen für eine generelle Verlangsamung in unseren Geschäftsbereichen.
Sie haben die Gruppe stark weiterentwickelt: Was sind Ihre persönlichen Pläne?
Wolle: Anders als in Asien sind wir in Europa trotz der Grösse noch wenig bekannt. Das werden wir ändern. Als privat gehaltene Gesellschaft waren wir immer diskret. Wir müssen zwar keine Kurspflege betreiben, sind aber trotzdem überzeugt, dass der Aufbau einer starken Marke DKSH für unser Unternehmen von grossem Nutzen sein wird. Mein Ziel ist es, dass ich auch in der Schweiz in ein paar Jahren nicht mehr erklären muss, wer wir sind.
Lesen Sie weiter im , was Jörg Wolle über die Rolle Singapurs als neuer Grossaktionär bei der UBS denkt.