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Mit dem Beitritt des Laufentals zum Kanton Basel-Landschaft erhielt dieser neben einem neuen Gymnasium und einem neuen Bezirksgericht auch ein drittes Kantonsspital. Das einst testamentarisch gestiftete vormalige Feningerspital ist unter ihnen zugleich das jüngste und das älteste. Dem Laufentalvertrag verdankt es einen schweizweit einzigartigen, allerdings rechtlich diffus formulierten Garantiestatus.
In seinem Testament vermachte 1869 der Mediziner Joseph Conrad Feninger, ehemaliger Berner Grossrat und Regierungsstatthalter, den Grossteil seines Vermögens dem Amtsbezirk Laufen und bestimmte, dass sein Haus im Stadtzentrum zu einem Spital umgebaut werde. Feninger wollte eine Akutkrankenbehandlung modernen Typs nach Laufen bringen, wie er sie als Sanitätsoffizier in Frankreich vorgefunden hatte: Er schrieb ausdrücklich fest, dass das Spital für die «Kranken beiderlei Geschlechts» bestimmt, der zu bestellende Arzt ein «Doctor medicinae chirurgiaeque» und Menschen mit ansteckenden und chronischen Krankheiten von der Behandlung ausgeschlossen sein sollten. Offenbar waren die Laufener Vorgänger-«Spitäler» – ein 1706 erbautes «Spitalhäuslin» und ein «Spithälin» von 1754 – wie diejenigen in Liestal eine Art Sammelsurium für Chronisch Kranke, Lepröse, Irre und Pfründer gewesen.
Am 2. Mai 1872 nahm das Feningerspital seinen Betrieb auf – mit fünf Betten: drei durch die Spitalstiftung, zwei vom Staat1 finanziert. Betreut wurden die ersten Patient/innen von zwei katholischen Spitalschwestern aus Menzingen, einer Magd und einer «Mannsperson»2. «Barmherzige Schwestern eines schweizerischen Ordens» , so hatte es der Stifter bestimmt, sollten die Krankenpflege übernehmen. Als die Menzingerinnen im Zuge des «Kulturkampfes» von reformierten Berner Diakonissen abgelöst wurden, pochten die Nachkommen Feningers in Bern auf dessen Bestimmungen. So übernahmen 1894 die Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz aus Ingenbohl die Pflege. Diese Verbindung sollte endlich eine Liaison auf Dauer sein.
Wachstum und Neubau
Die Laufentaler hatten vor der Eröffnung des Feningerspitals zur stationären Behandlung nach Delémont reisen müssen3. Dennoch waren die Patientenzahlen zunächst überschaubar: Im ersten vollen Betriebsjahr 1873 betreute Spitalarzt Victor Wyss 48 Patienten in 1423 Pflegetagen4. Bereits 1907 aber wurde aus Platzgründen ein Neubau in Betracht gezogen5. Der erste Operationssaal wurde dann während des Ersten Weltkriegs doch noch im historischen Stadthaus installiert. Langfristig bot dieses aber kaum mehr Möglichkeiten für Modernisierungen und Ausbauten. Am 30. Juni 1931 beschloss der Verwaltungsrat einen Neubau an einem «staubfreien, ruhigen, sonnigen Ort» ausserhalb der Altstadt. Nicht untypisch für Laufen half privat gestiftetes Geld dabei, das neue Spital zu ermöglichen: Die Eigentümerfamilien der Keramischen Industrie riefen dazu 1942 die Joseph-Gerster-Roth-Stiftung ins Leben, die Laufner Burgergemeinde stellte das benötigte Land zur Verfügung. Nach weiteren acht Jahren war das 4,2 Millionen Franken teure Bauprojekt reif zur Ausführung, am 18. Oktober 1953 wurde das neue Spital feierlich eröffnet.
Mit dem Neubau wurde das Feningerspital erstmals strukturell in Fachabteilungen unterteilt, wobei nur die chirurgische Klinik einen eigenen Chefarzt erhielt: Sämtliche Eingriffe wurden durch alle Ärzte des Spitals vorgenommen, es herrschte freie Arztwahl. Die Schwesternorden hatten unterdessen zunehmend Probleme, gegen wenig mehr als Gottes Lohn geeigneten Nachwuchs für die immer anspruchsvollere Pflege zu finden. Durch die enge Bindung zwischen Laufen und Ingenbohl gehörte das Feningerspital zu den letzten Schweizer Spitälern, das noch «echte» Krankenschwestern beschäftigte. Doch 1977 war diese Ära auch hier vorbei.
Laufentalvertrag und Aufwertung zum Kantonsspital
Mit dem Beitritt des Laufentals zum Kanton Baselland (1994) wurde das vormalige Berner Bezirksspital zum Baselbieter Kantonsspital aufgewertet6. Sein Fortbestand war in § 45, Absatz 2 des Laufentalvetrags geregelt: «Der Bestand des Spitals mit Grundversorgung für Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie, Geburtshilfe und mit der Notfallstation bleibt dauernd gewährleistet.»7 Nicht zuletzt dank dieses Garantiepassus blieb das Leistungsangebot des Spitals trotz mehreren Redimensionierungen vorerst unverändert. Insbesondere bei der Geburtshilfeabteilung mit nur noch 87 Geburten im Jahr 2012 stellten sich aber neben betriebswirtschaftlichen Fragen8 zunehmend auch solche der Qualitätssicherung und der Sicherheit. Und diejenige, was die Formulierung «dauernd gewährleistet» aus dem Laufentalvertrag rechtlich bedeutete9.
Geburtshilfe-Klinik Laufen: Todesstoss per Verpflichtungskredit
Im Jahr 2013 präsentierte die Leitung des nunmehr ausgegliederten und zusammengeschlossenen Kantonsspitals ein neues Konzept für seine Frauenklinik. In Laufen sah dieses weiterhin Sprechstunden sowie ambulante Eingriffe durch Belegärzte vor; für die Geburt selbst sollten die Laufentalerinnen fortan das Bruderholzspital aufsuchen. Der Regierungsrat und die landrätliche Gesundheitskommission – einstimmig10 – schlossen sich dieser Planung an. Laufentaler Landrät/innen aber befürchteten einen Dammbruch – nun auch beim Spital11: Sollte dies der erste Schritt zur Schliessung sein? In seiner Antwort auf die Interpellation «Wo kommen die Laufentaler Kinder zur Welt?» des Grellinger Landrats Andreas Giger Schmid (SP)12 konnte der Regierungsrat indes die Zahlen sprechen lassen: Im Vorjahr 2012 – als Patient/innen erstmals auch in der Grundversicherung freie Spitalwahl hatten – waren nur 30 Prozent der schwangeren Laufentalerinnen13 zum Gebären nach Laufen gegangen14. Die Abstimmung mit den Füssen hatte längst stattgefunden.
Ausser dem Laufentalvertrag sprach also nicht mehr viel für die Aufrechterhaltung der Geburtshilfe am Standort Laufen. Der Landrat, wenig sentimental, sprach sich am 11. Dezember 2013 denn auch für ihre Schliessung per Ende 2014 aus15. Wie dieser Entscheid zustande kam, war allerdings speziell: Die Kompetenz, über die Schliessung einzelner Abteilungen zu entscheiden, war mit der Ausgliederung des Spitals aus der Kantonsverwaltung bewusst an dessen Verwaltungsrat übertragen worden. Der Landrat übte nur noch eine Oberaufsicht aus, zu befinden hatte er an jener Sitzung «nur» über einen Verpflichtungskredit für «gemeinwirtschaftliche Leistungen»16. Dass er den bisherigen, regionalpolitisch begründeten Zustupf für die Laufner Frauenklinik verweigerte17, bedeutete angesichts der tiefen Nachfrage dennoch deren Aus.
Gegenwart und Zukunft
Auch über die Frauenklinik hinaus stehen Veränderungen des Angebots in Laufen an oder sind bereits vollzogen. Mit der Eröffnung des Zentrums für Schmerztherapie (2013) gelang in Laufen eine wichtige und zukunftsweisende Schwerpunktbildung. Zudem wird, unter Vorbehalt der Zustimmung des Baselbieter Landrats und der Annahme des Staatsvertrages zur Spitalgruppe durch die Bevölkerung, weiterhin die stationäre Medizin und ein 24h-Notfall angeboten. Ergänzt wird dieses Gesamtangebot durch spezialisierte Leistungen in der Akutgeriatrie, der Rehabilitation und der Traditionellen Chinesischen Medizin, in den übrigen Disziplinen werden Sprechstunden und ambulante Eingriffe angeboten.
Quellenangaben
1 Also die Laufentaler Gemeinden.
2 Vermutlich dem Arzt. Zitiert nach Madlen Blösch, 125 Jahre Feningerspital Laufen, in Dr Schwarzbueb, 73. Jahrgang (1995), S. 88.
3 Bis zur Eröffnung des Delsberger Spitals, das auch als öffentliches Bezirksspital für den Bezirk Laufen diente, im Jahr 1850 konnten „arme, hülfsbedürftige Kranke“ sogar nur in Pruntrut oder im Berner Inselspital Aufnahme finden, ein Angebot, das verständlicherweise kaum wahrgenommen wurde.
4 «Feningerspital, Laufen», in: Lexikon des Jura, online unter: https://diju.ch/d/notices/detail/1000174 (zuletzt abgerufen 22.05.2018). Bei nur fünf Betten entsprechen die einer Auslastung von immerhin 78 Prozent.
5 Lachat, 51.
6 Das heisst: Die Delegiertenversammlung des Gemeindeverbands wurde als oberstes Beschlussorgan durch Volkswirtschafts- und Sanitätsdirektion BL ersetzt.
7 Vertrag über die Aufnahme des bernischen Amtsbezirks Laufen und seiner Gemeinden Blauen, Brislach, Burg im Leimental, Dittingen, Duggingen, Grellingen, Laufen, Liesberg, Nenzlingen, Roggenburg, Röschenz, Wahlen, Zwingen in den Kanton Basel-Landschaft („Laufentalvertrag“) vom 10. Februar 1983 (GS 31.445).
8 Die Vorhalteleistungen – also der personelle und infrastrukturelle Aufwand, die Abteilung trotz geringer Auslastung jederzeit einsatzbereit zu halten – kosteten den Kanton jedes Jahr hohe sechsstellige Beträge.
9 Dass das Recht veränderlich ist, gehört zu den Grundsätzen der Gesetzgebung. Ebenso war auch den Laufentalern klar, dass diese Veränderung nun im Rechtsrahmen des gesamten Baselbiets stattfinden würde. Ein von den Bekämpfern der Schliessung beauftragtes Gutachten interpretierte „dauernd“ als „solange, bis eine wesentliche Änderung eintritt.“ Vieles spricht dafür, die neue Spitalfinanzierung und die Auslagerung der Spitäler aus der Kantonsverwaltung als solche Änderung einzuordnen.
10 Bericht der Gesundheitskommission vom 12. November 2013 zur Vorlage 2013-355.
11 Landrat Georges Thüring erinnerte daran, dass dem Laufental seit dem Übertritt zum Baselbiet bereits das Steuerbüro, das Statthalteramt, die Aussenstelle des Bauinspektorats sowie seine Bezirksschreiberei verloren hatte. Und sein Kollege Rolf Richterich verwies in seinem Votum auf die direkt und indirekt vom Spital abhängenden Arbeitsplätze und den erwähnten Paragraf 45 des Laufentalvertrags.
12 Interpellation 2013-435 «Wo kommen die Laufentaler Kinder zur Welt?» von Andreas Giger-Schmid, Antwort des Regierungsrates vom 10. Dezember 2013: https://www.baselland.ch/politik-und-behorden/landrat-parlament/geschafte/geschaftsliste/2013-november-dezember-388-bis-469#2013-435 (zuletzt abgerufen 7.6.2017)
13 Anteil derjenigen Frauen, die zur Geburt ihrer Kinder überhaupt eine Klinik aufgesucht hatten.
14 In absoluten Zahlen: Nur gerade 37 (!) Laufentaler Kinder wurden 2012 in Laufen geboren. Die meisten, nämlich 71 von total 125 Gebärenden aus dem Laufental, hatten ein Basler Spital gewählt Ebd., aus der Antwort des RR (Teilfrage 1).
15 Protokoll der Landratssitzung vom 11./12. Dezember 2013: www.baselland.ch/politik-und-behorden/landrat-parlament/sitzungen/traktanden-2010/landratssitzung-vom-11-12-dezember-2013/protokoll-der-landratssitzung-vom-11-dez-8?searchterm=spital+laufen+protokoll (zuletzt abgerufen 7.6.2017). Diese Entscheidung blieb nicht ohne Widerhall: Innerhalb von rund drei Wochen unterzeichneten über 7500 Personen eine Petition zum Erhalt der Abteilung, vier Laufentaler fochten den Entscheid mit einer Beschwerde an, weil dieser die verfassungsmässigen Rechte der Laufentaler Bevölkerung verletze. Das Baselbieter Verwaltungsgericht erklärte sich nicht zuständig.
16 Anders als in vergleichbaren Fällen darf das Parlament nach § 19 des Spitalgesetzes vom 17. November 2011 immerhin bei einer allfälligen Schliessung ganzer Standorte weiterhin entscheiden – ein Bekenntnis nicht zuletzt auch zu Laufen. Eine parlamentarische Initiative Bänziger Keel, diese Bestimmung zwecks Vereinfachung aufzuheben, wurde am 15. Januar 2015 im Landrat abgelehnt (2013.329).
17 Genauer: Er genehmigte diesen nur noch letztmalig für ein weiteres Jahr (2014).