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Beobachter: Herr Thurnheer, wie sind Sie zum Fussball gekommen? Ich habe gelesen, Sie haben als junger Mann Landhockey gespielt.
Beni Thurneer: Das stimmt. Es war aber nur eine kurze Episode. Ich war 23 und als Zuschauer an den Olympischen Spielen in München 1972. Es war grossartig und ich fand: Olympia, da will ich auch mal als Sportler dabei sein.
Und Sie fanden, im Landhockey sind Sie am talentiertesten?
Nein, aber die Konkurrenz war dort am kleinsten. Ich sondierte verschiedene Sportarten: In der Schweiz gab es nur wenige Landhockeyspieler, trotzdem hatte die Nati nur ganz knapp die Olympia-Qualifikation verpasst.
Wie verlief die Karriere des Landhockeyspielers Beni Thurnheer?
Nicht sehr erfolgreich, und zwar wegen des Fussballs. Natürlich habe auch ich als Kind tschuttet. Dort lernt man, den Körper zwischen den Ball und den Gegner zu stellen, um den Ball abzuschirmen. Genau das ist aber im Landhockey verboten. Ich foulte ständig unabsichtlich. Nach einem halben Jahr habe ich resigniert. Mit Landhockey muss man aufwachsen, sonst wird das nichts.
Welche Rolle spielte der Fussball in Ihrer Kindheit?
Ich bin in Winterthur in einer Blocksiedlung aufgewachsen. Auf der Wiese in der Mitte, dem Hof, spielten wir jeden Tag. Und am Wochenende gingen wir auf die Schützenwiese zum FC Winterthur. Wie alle. Winterthur war damals eine reine Arbeiterstadt. Kulturell war wenig los, um elf Uhr gingen die Beizen zu, damit die Arbeiter am Morgen fit sind. Es gab nur Fussball. Und der FCW spielte damals, in den Sechzigern und Siebzigern, in der Nationalliga A, erreichte sogar den Cupfinal. Wir Jungen hockten uns vor die Bande, direkt hinter das Tor. Und in der Halbzeit wechselten wir die Seite, so sahen wir alle Winti-Tore hautnah.
«Fussball hat für das Fernsehen genau die richtige Geschwindigkeit. Und jedes Tor ist ein Ereignis.»Beni Thurnheer, Reporterlegende
Grosse Frage: Warum ist der Fussball so populär?
Ein Grund ist sicher das Fernsehen. Wenn man auf dem Reissbrett ein Spiel für das Fernsehen erfinden würde, käme wohl der Fussball heraus. Der Ball hat genau die richtige Grösse. Der Puck im Eishockey ist zu klein, mit einem noch grösseren Ball aber würde das Spiel zu träge. Fussball hat für das Fernsehen genau die richtige Geschwindigkeit. Und jedes Tor ist ein Ereignis, anders als beim Handball oder Basketball.
Sie haben das Spiel 40 Jahre lang kommentiert. Wie hat sich die Fussballreportage in dieser Zeit verändert?
Ich glaube, die grosse Veränderung ist gerade erst am Laufen. Interessanter ist darum die Frage, wie man in zehn Jahren kommentiert. Wer wo spielt, wie viel rennt, was er bereits erreicht hat, auch wie sich die Spieler bewegen – diese Infos haben heute alle auf dem Handy. Was soll der Reporter da noch sagen?
Ja, was?
Er kann das Spiel erklären. Ob ein Team tatsächlich nur mit drei Verteidigern spielt, wie es in der offiziellen Aufstellung angegeben ist, oder ob auch die Aussenläufer fast nur nach hinten orientiert sind. Was ich allerdings feststelle: Der Kommentar wird zunehmend uniform. Ein Grund ist, dass wir Reporter von der FIFA und der UEFA geradezu mit Infos bombardiert werden. «Das ist das erste Mal seit fünf Jahren, dass England in den ersten 14 Minuten mehr als vier Mal aufs Tor geschossen hat.» Solche Sachen, die häufig gar nicht viel aussagen. Und trotzdem kann man sich ihnen kaum entziehen. Weil alle Reporter die gleichen Infos erhalten, erzählen alle dasselbe.
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Sie haben versucht, eine Prise Humor beizufügen, wenn Sie kommentierten. War das bewusst oder geschieht das einfach so?
Bewusst. Jeder soll doch etwas Persönliches einbringen, das gibt der Reportage die Würze.
«Der Rasen sieht alt und gebraucht aus, irgendwie erinnert er mich an die Kleider der Kelly Family» – bereiten Sie solche Sprüche vor?
Nein, ich suche nicht verzweifelt nach lustigen Sprüchen, die entstehen meist spontan. Der Gedanke kann aber auch schon vor dem Match kommen. Man kommt ins Stadion und denkt, läck, der Rasen, der schaut ja gruusig aus. Was schaut auch so aus? Dann kommt einem die Kelly Family in den Sinn und man bringt das später beim Spiel.
Der «Handarbeitslehrer» war aber ein Auftrag.
Ja. Das war bei der WM 2006. Im Casinotheater Winterthur machten Kabarettisten ein eigenes Vorprogramm für die Partie Schweiz – Südkorea. Einer kam auf die Idee: Wir kennen doch den Thurnheer, haben seine Handynummer, wir machen jetzt eine Abstimmung, welches Wort er in der Reportage verstecken soll. Weil es damals gerade eine Polemik darum gab, ob man Handarbeitslektionen zugunsten einer dritten Englisch-Stunde streichen sollte, kamen sie auf den Begriff «Handarbeitslehrer».
Wie haben Sie reagiert?
Ich bekam wenige Stunden vor dem Spiel den Anruf. Für mich war klar: Das ist zu schwer, das kann und werde ich nicht machen. Doch dann kam tatsächlich das Goal von Senderos, bei dem er sich die Augenbraue auftätschte, stark blutete und ein Arzt ihn an der Seitenlinie büezen musste. Da kam mir der Auftrag aus dem Casinotheater in den Sinn und ich sagte: «Jetzt ist aber ein Arzt gefragt und nicht bloss ein Handarbeitslehrer.»
Im Casinotheater waren Sie der Held, die Lehrer aber fanden es nicht lustig.
Zumindest der Präsident des Lehrerverbandes nicht. Er fand, die Aussage beleidige einen ganzen Berufsstand. Nur darum wurde das Ganze überhaupt publik. Ausser den Leuten im Casinotheater hätte doch sonst niemand etwas bemerkt. Der Fall ist ja klar: Missbrauch des Mikrofons für private Zwecke.
Auf welchen Spruch werden Sie am häufigsten angesprochen?
Auf keinen Spruch, sondern eine lapidare Feststellung, die sich als Falschaussage entpuppte: «Es gibt keinen Zweiten wie Bregy.» Das war an der WM 1994 in den USA. Die Schweiz führte dank Bregys Freistoss, dann erhielten auch die USA einen Versuch aus guter Position. Mein Co-Kommentator Günter Netzer hatte Bammel: «Hoffentlich haben die nicht so einen guten Schützen wie Bregy.» Ich aber winkte mit den besagten Worten ab. Bekanntlich traf der Amerikaner Wynalda dann noch schöner als Bregy – und die ganze Fussballnation schlug mir um die Ohren, wie ich mich getäuscht habe. «Es gibt nur einen Georges Bregy» – auf diese leicht abgewandelte Aussage werde ich heute noch angesprochen, und Bregy ebenso.
Nervt Sie das?
Nein, überhaupt nicht. Wenn die Aussage eines Reporters fast 30 Jahre überlebt, ist das doch toll, oder?
Haben Sie je einen Spruch bereut?
Hmm, nicht wirklich. Wenn man kommentiert, muss man rauslassen, kann nicht alles vorher prüfen. Darum muss man gut erzogen sein. Beim Fussball erinnere ich mich an keinen Fauxpas, aber beim Kunstturnen unterlief mir ein Grenzfall: Bei Olympia 2012 in London kamen nur noch zwei Amerikanerinnen für Gold in Frage. Ich sagte in etwa: «Zwei Amerikanerinnen, aber unterschiedlicher könnten sie nicht sein. Hier eine Art Rihanna (berühmte US-Sängerin) des Kunstturnens, da mehr die durchschnittliche amerikanische Hausfrau.» Das hat mir eine Klage wegen Sexismus eingebracht. Ich würde das heute nicht mehr sagen, finde es aber ehrlich gesagt auch nicht soo schlimm.
«Ich werde jede Woche gefragt: Was hältst du von Sascha Ruefer? Ich sage dann: Für ihn spricht, dass du ihn kennst.»Beni Thurnheer, Reporterlegende
Muss ein Fussballreporter selber Fussball spielen können?
Es hilft. Wie gut man spielt, ist aber nicht relevant. Man weiss jedoch, wie schwierig Fussball ist. Wenn ein Reporter sagt «den muss er machen» oder «er vergibt kläglich», dann verdächtige ich ihn immer, selber nie gespielt zu haben. Sonst würde er doch diese Situation kennen, dass man im dümmsten Moment über den Ball haut. Ein Reporter, der Fussball gespielt hat, hat darum mehr Verständnis für die Spieler.
Gibt es einen Reporter, den Sie besonders gut finden?
Man soll von jedem das Beste nehmen (lächelt). Das Problem heute ist: Es gibt so viele Spiele, so viele Sender und darum auch so viele Reporterinnen und Reporter – da weiss der durchschnittliche Zuschauer gar nicht mehr, wer kommentiert. Dazu kommt – wie schon gesagt —, dass inzwischen fast alle das Gleiche erzählen. Die Reporter werden so immer anonymer. Ich werde jede Woche gefragt: Was hältst du von Sascha Ruefer? Ich sage dann: Für ihn spricht, dass du ihn kennst.
Apropos Ruefer: Bei ihm hat man das Gefühl, er ist persönlich beleidigt, wenn die Nati schlecht spielt. Wie ein Fan. Wie erging es Ihnen? Haben Sie Ihr Fan-Sein bewusst abgeschaltet?
Ja. Ich habe mir gesagt: Jetzt bin ich Journalist und nicht Fan. Das geht. Klar, wenn die Schweizer Nati spielt und alle Zuschauenden sind für die Schweiz, dann darf die Sympathie durchdrücken. Aber ich bin nicht dazu da, mich über den Schiedsrichter oder einen Fehlpass aufzuregen.
Machen Sie das als Fan auf der Tribüne des FC Winterthur?
Nein. Ich habe schliesslich Jus studiert. Ich weiss darum, dass es einen objektiven und einen subjektiven Tatbestand gibt. Wenn ein Flügelstürmer hinter das Goal flankt, ist das zwar schlecht, er hat es aber sicher nicht absichtlich getan. Ihn zu beschimpfen, zu verurteilen, ist also sinnlos und nicht angebracht.
«Mein Ziel war, möglichst gut zu reden. Die richtige Menge, das richtige Tempo. Und vor allem: Das Richtige zur richtigen Zeit.»Beni Thurnheer, Reporterlegende
Die deutschen Reporter seien besser, sagen viele. Was machen sie anders als die Schweizer?
Diese Frage hat mich ein Leben lang «verfolgt». Früher war es so: Nach dem Zweiten Weltkrieg durften die Deutschen nicht mehr gross ausrufen, mussten leisetreten und die Klappe halten. Das führte dazu, dass die deutschen Reporter weltweit am wenigsten sagten. Dafür gibt es Studien. Wir Deutschschweizer nehmen uns ja immer die Deutschen zum Vorbild, werden aber doch auch noch ein bisschen von den Welschen und den Tessinern beeinflusst. Wir wurden darum diejenigen, die weltweit am zweitwenigsten reden. Trotzdem hiess es immer: Ihr Schweizer schnorred zvill, schaut auf die Deutschen. Irgendwann kam dann die Mode mit den Co-Kommentatoren auf, Leute wie Günter Netzer, und seither fordert niemand mehr: Redet weniger. Ich weiss auch nicht, warum.
Sie galten als «Schnurri der Nation», das war für Sie also kein Kompliment?
Ich habe das als Etikette getragen, als USP, Unique Selling Proposition. Wahr ist es ohnehin nicht. Ab der WM 1990 wurde an jeder Endrunde gemessen, welcher Reporter wie viel spricht. 1990 waren wir vier und ich habe am zweitwenigsten geredet. Danach war ich immer derjenige, der am wenigsten geredet hat!
Mussten Sie sich beherrschen oder sind Sie gar kein Schnurri?
Mein Ziel war, möglichst gut zu reden. Die richtige Menge, das richtige Tempo. Und vor allem: Das Richtige zur richtigen Zeit. Der Eindruck Schnurri kommt nicht von der Anzahl Wörter her, sondern wenn man etwas erzählt, das nichts zu tun hat mit dem, was man auf dem Bildschirm sieht. Augen und Ohren sind dann besonders gefordert, bei manchen überfordert. Man ist frustriert und sagt: Der Reporter redet zu viel.
Muss der Fussball sich verändern, sich weiterentwickeln? Kick statt Einwurf, kürzere Spielzeiten?
Ich sage immer: Schafft das Offside ab! Das braucht es heute nicht mehr. Die Idee ist ja, dass niemand vorne stehen bleiben kann. Dabei könnte das doch das Spiel auseinanderziehen, mehr Räume schaffen. Aber das wird nie geschehen. Der Fussball ist superkonservativ. Ist ja auch verständlich: Wenn man so viel Geld damit verdient, warum sollte man etwas ändern? Und die, die am meisten verdienen, bestimmen. Das ist im Kapitalismus so, und der Fussball ist super-super-kapitalistisch. Kick statt Einwurf fände ich gut, es ist ja Fussball. Vorschläge wie drei Mal 30 Minuten statt zwei Mal 45 Minuten sind hingegen nur ein Versuch, mehr Werbung schalten zu können.
Was sind Ihre Gefühle zur WM in Katar?
Mmmh (seufzt). Als Fan gehe ich nicht nach Katar. Wirklich nicht. Beruflich würde ich aber hingehen. Ich werde die Spiele schauen, sicher, und auch mitfiebern, aber irgendwo muss man eine Grenze ziehen.
Wo ist Ihre Grenze?
Die Menschenrechtsverletzungen. Wie viele Leute beim Bau der Stadien gestorben sind. Wie Frauen in diesem Land behandelt werden. Wir sind heute auch informierter als früher. Jeden Tag lesen wir über Diktatoren wie Putin, machen uns Sorgen, wenn eine Autokratie wie China mehr und mehr das Sagen hat – und dann sollen wir die WM in Katar feiern? Ich kann das nicht. Bei Katar kommt keine Freude auf.
Welches war das schönste, beste Spiel, das Sie je erlebt haben?
Ganz klar: Schweiz – Rumänien 1994 in den USA. Die Schweiz gewann vier zu eins, spielte sich in einen Rausch. Dazu das Pontiac-Stadium Silverdome in Detroit. Eine riesige Halle mit Platz für 70’000 Zuschauer. Überall roch es nach Popcorn. Noch heute, wenn ich Popcorn rieche, kommen diese Bilder hoch. Jetzt ist der Silverdome ja abgerissen worden, existiert nur noch als Erinnerung. Das macht es irgendwie noch besonderer.
Bernard «Beni» Thurnheer (73) war über 30 Jahre Sportreporter, TV-Moderator und Showmaster beim Schweizer Fernsehen. Am häufigsten kommentierte er Fussball, unter anderem über viele Jahre alle Spiele der Schweizer Nationalmannschaft. Am Samstag, 15. Oktober, gibt «Beni national» ein einmaliges SRF-Comeback mit seiner Sendung Benissimo. Der studierte Jurist lebt in Seuzach bei Winterthur, ist zum zweiten Mal verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne.
In rund einem Monat beginnt in Katar die Weltmeisterschaft. Fussball ist aber mehr als Spitzensport und Big Business. Doch was ist er eigentlich? Der Beobachter hat sich umgesehen – und den Fussball in seiner ganzen Vielfalt angetroffen. Zum Beispiel an der Bergdorfmeisterschaft im Wallis und in den launigen Erzählungen der Reporterlegende Beni Thurnheer; unterwegs mit einem Groundhopper oder bei einem Juniorentrainer, der auch Sozialarbeiter und Ermutiger ist. Geschichten über den etwas anderen, den echten Fussball. Über die Gefühle, die er weckt, und die Menschen, die ihn ausmachen. Mit schönen Grüssen nach Katar: das Beobachter Spezial «Unser Fussball» inklusive Video, Audio und Wettbewerb.