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Lalibela – ein äthiopisches Wunder
Reisen nach Äthiopien sind sicher alles andere als Erholungsferien. Und nach wie vor bedeuten sie einen Besuch in einem armen Land. Wenn auch Hungersnöte, die lange das im Westen bestehende Bild dieser Region bestimmten, der Vergangenheit angehören: Auf dem Weg zu einem entwickelten Land ist noch eine erhebliche Strecke zurückzulegen. Trotzdem gehört Äthiopien zu den Staaten Afrikas, in denen es allmählich, aber stetig aufwärts geht.
Äthiopien nimmt in Afrika eine Sonderstellung ein. Es ist das einzige Land, das – abgesehen von der kurzen italienischen Besetzung während des Faschismus – immer seine Unabhängigkeit behaupten konnte und nie Kolonie war. Es kann auf eine lange staatliche Tradition zurückblicken. Bis in die 1970er-Jahre war es eine Monarchie, ehe der letzte Kaiser Haile Selassie vom Militär gestürzt wurde. Äthiopiens Kaiser führten ihre Abstammung auf die mythische Verbindung von König Salomon und der Königin von Saba zurück. Einer der Ehrentitel des Herrschers lautete „Löwe von Juda“.
Christentum und Islam
Äthiopien ist auch eines der ältesten christlichen Länder der Erde. Bereits in den ersten Jahrhunderten hielt das Christentum hier Einzug. Den späteren Ansturm des Islam überstand Äthiopien dank seiner abgeschiedenen Hochlandlage. Heute ist das Land sowohl christlich als auch islamisch geprägt. Die äthiopische Kirche gehört der koptischen Richtung an und ist traditionell mit den ägyptischen Christen verbunden, aber eigenständig.
Im äthiopischen Hochland
Es gibt nur wenige Orte in Äthiopien, in denen die christliche Überlieferung und Glaubenskraft so erlebbar werden wie in Lalibela. Die Stadt liegt im Norden Äthiopiens in der historischen Provinz Wollo auf einer Höhe von 2600 Metern. Benannt ist sie nach Kaiser Gebra Maskal Lalibela, der hier geboren wurde und im 12./13. Jahrhundert regierte. Vorher hiess sie Roha. Gebräuchlich ist auch die Bezeichnung Neu-Jerusalem.
Ein neues Jerusalem
Lalibela gilt den Äthiopiern als eines der grössten Heiligtümer des Landes. Der Grund dafür sind die einzigartigen Kirchen, die hier vor langer Zeit errichtet wurden und heute zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Sie sind während der Herrschaft von Gebra Maskal Lalibela entstanden. Von dem Kaiser wird erzählt, dass er während eines Besuchs von Jerusalem den Beschluss fasste, in seiner Heimat ein neues Jerusalem zu bauen – praktisch als Ersatz für das durch muslimische Eroberung verlorene alte Jerusalem. Vor diesem Hintergrund tragen weitere Örtlichkeiten in Lalibela biblische Namen. U. a. gibt es hier auch einen Fluss namens Jordan.
Aus Stein gemeisselt
Insgesamt elf Kirchen liess der Kaiser hier entstehen. Der Legende nach sollen ihm Engel dabei geholfen haben. „Erbauen“ wäre die falsche Bezeichnung, denn die Kirchen wurden aus dem roten Basaltgestein der Gegend herausgemeisselt – eine unvergleichliche Leistung. Sie bestehen daher jeweils aus einem monolithischen Felsblock und sind bis zu 13 Meter hoch. Der Betrachter sieht sie von oben auf die Dachfläche blickend und muss in den Felsen hinuntersteigen, um zum Eingang zu gelangen. Alle Kirchen sind durch schmale Passagen, Tunnel, Gänge und Treppen miteinander verbunden.
Häuser Gottes
Die meisten werden als „Bet“ bezeichnet, ein Wort hebräischen Ursprungs, das so viel wie „Haus“ bedeutet. So gibt es ein Bet Medhane Alem (Haus des Heiligen Erlösers), Bet Maryam (Haus Mariens), Bet Amanuel (Haus Emmanuels), Bet Giyorgis (Haus des Heiligen Georg) usw. Das Bet Medhane Alem beherbergt das Lalibela-Kreuz, einen der wertvollsten Sakral-Gegenstände des Landes. Als schönste Kirche gilt das Bet Giyorgis. Vollkommen und in äusserster Symmetrie wurde hier ein Kunstwerk in Kreuzform aus dem Fels herausgeschnitten.
Den Kaiser brachte sein Projekt übrigens an den Rand des finanziellen Ruins. Während das Bet Maryam noch reich verziert und ausgestattet ist, mussten sich andere Gotteshäuser mit einer schlichteren Ausstattung begnügen. Dem wunderbaren Gesamteindruck tut das keinen Abbruch.
Orte des Glaubens
Die Kirchen von Lalibela sind keine Museen, sondern nach wie vor Pilgerorte. Einer Messe beiwohnen zu können ist ein besonderes Erlebnis. Allerdings muss man dafür schon zwei bis drei Stunden Geduld aufbringen. Der äthiopische Ritus wirkt auf Europäer fremdartig. Die Kirchensprache Ge’ez, die beim Gottesdienst Verwendung findet, ist normalen Gläubigen etwa so vertraut wie hiesigen Kirchenbesuchern Latein. Die Priester in weissen Gewändern unterscheiden sich beträchtlich vom uns bekannten Pfarrer. Und dennoch geht es auch bei der äthiopischen Messe um die Botschaft Jesu, wie sie überall auf der Welt verbreitet wird.
Nicht mehr unzugänglich
Über lange Zeit war Lalibela für Äthiopien-Besucher nur schwer erreichbar. Heute kommt etwa die Hälfte der jährlich 600’000 Äthiopien-Touristen hierher, um selbst Zeuge dieses äthiopischen Wunders zu werden. Die Stadt ist inzwischen auch mit vernünftigen Strassenverbindungen erschlossen. Es gibt sogar einen kleinen Flughafen, der von Ethiopian Airlines von Addis Abeba aus bedient wird. Wer länger in der Gegend bleiben will, die auch noch andere interessante Kirchen, Klöster und eine schöne Landschaft bietet, findet eine gute Auswahl an Hotels.
Oberstes Bild: Das Dach der Bet Giyorgis Kirche mit der Stadt Lalibela im Hintergrund (© A. Davey, Wikimedia, GNU)