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Wiedersehen mit einem alten Bekannten
Nach 20 Jahren ist es mal wieder Zeit, Claptons ausgezeichnetes Meisterwerk Unplugged unter die Leute zu bringen. Das muss man sich in der Sales-Abteilung von Viacom gesagt haben, das inzwischen den Musiksender MTV gekauft hat, und so hat man eine Deluxe-Version von Claptons Mega-Seller (über 10 Mio in den USA) herausgebracht, 2 CDs und eine DVD für Fr. 26.40, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft. Dazu wurde alles zusammengekratzt, was man an Aufnahmen von diesem denkwürdigen Konzert im Januar 1992 finden konnte. Die Video- und Tonaufnahmen wurden nicht überarbeitet und digital aufgehübscht, mit anderen Worten: die bereits publizierten Teile sind identisch mit damals, neu ist eine 33-minütige CD mit Outtakes und Alternate Takes, 6 Titel und die Video-Aufnahme des Probedurchlaufs am Nachmittag. Die Publikation ist aber auch eine Gelegenheit, zurück zu schauen zu einem musikhistorisch bemerkenswerten Moment, Eric Claptons Konzert in der Unplugged-Reihe des Musiksenders MTV. Die neue Deluxe-Edition ist eine schöne Sache für jemanden, der die Musik gar nicht kennt. Wer aber Unplugged im Musikschrank und DVD-Schrank, bzw. natürlich in digitaler Form verfügbar hat, für den bietet die Deluxe-Version wenig Neues.
MTV hatte 1981 seinen Dienst aufgenommen und sich mit der nonstop-Ausstrahlung von Musikvideos einen Namen gemacht. Das war damals alles, was MTV bot: Musikvideos! Also zunächst keine eigenen redaktionellen Beiträge. Die Videos reichten aber, sie machten MTV zum bekannten Sender, und mit steigendem Erfolg kam die Idee, eigene Musik zu veranstalten, so nahm man 1989 die Unplugged-Reihe ins Programm, die sich als grosser Erfolg erweisen sollte. Das Konzept: Bekannte Musiker sollten ihre Lieder ohne Verstärkung und mit akustischen Instrumente interpretieren. Daraus entstand eine Reihe interessanter Auftritte, deren Details auf Wikipedia nachzulesen sind, die erfolgreichste Veröffentlichung aber war jene von Eric Clapton, dessen CD-Veröffentlichung ein ihm traumhafte Resultate in den Charts und letztlich sechs Grammys einbrachte. Auch zum Album gibt es eine Seite auf der man Details nachlesen kann.
Die Veröffentlichung wurde auf diesen Seiten bereits angesprochen, doch soll hier die Signifikanz von Unplugged betont werden, denn für Clapton war dieses Album nicht nur der phänomenale Erfolg, der es war, er konnte sich durch dieses Unplugged-Konzert auch ein weiteres Mal neu erfinden und der Erfolg hat ihn ermutigt, einen neuen Weg weiter zu gehen. Heute gibt es an jedem Konzert von Clapton einen akustischen Teil, das war vor 1992 schlicht nicht denkbar. Clapton war die elektrische Gitarre und er hatte seit jeher nur elektrisch gespielt. Akustisch zu spielen eröffnete ihm die Möglichkeit, Titel in einem anderen Setting zu interpretieren, und dem akustischen Blues zu huldigen, den er bekanntlich als Antrieb seines Schaffens bezeichnet.
Darüber hinaus konnte Clapton seinem Ideal der Band und ihrem Album Music from Big Pink nacheifern. Clapton ist zwar der Gitarrengott, aber er wollte immer auch Teil eines Ganzen sein, einer Band, und in diesem Konzert kam er dieser Vorstellung näher, alle Musiker arbeiteten konzentriert zusammen, um die Herausforderung, der akustischen Instrumente als musikalisches Kollektiv zu meistern. Herausragend die Mitarbeit von Andy Fairwheather Low und insbesondere die Perkussion von Ray Cooper, der jedem Song seinen Stempel aufdrückt. Pianist Chuck Leavell, sonst u.a. als Pianist der Rolling Stones bekannt, bringt viel Stimmung in seiner Begleitung und steuert einige tolle Soli bei.
Als letzte Besonderheit des Konzerts ist noch zu sagen, dass dies der erste publizierte Auftritt war seit dem Tod von Eric Claptons kleinem Sohn Connor im Vorjahr 1991. Die Anteilnahme für Clapton war gross und er «antwortete» mit dem Titel Tears in Heaven, der hier erstmals zur Aufführung kam. Auch Circus ist ein Titel, der sich klar auf den Tod des kleinen Kindes bezieht, aber der war in der Unplugged-Versione bisher nur zu hören, wenn jemand Zugang zu einem Videoband der Originalausstrahlung hatte.
Clapton selbst spielt verschiedene akustischen Modelle: Klassische Gitarre, Martin Modell 0, National Dobro Resonator-Gitarre und 12-Saitige Dreadnought. Das Repertoire umfasst mit Signe und Lonely Stranger zwei Titel, die sonst nicht zu hören sind. Und die Neuinterpretation von Layla ermöglichte erst weitere Experimente mit diesem Titel wie jenes mit dem Lincoln Center Jazz Orchestra mit Wynton Marsalis. Das akustische Unplugged-Konzert eröffnete neue Audrucksformen und -Möglichkeiten für Eric Clapton.
Sein Album Unplugged ist daher unserer Meinung ein Schlüsselwerk im Schaffen von Eric Clapton und nun ist es also in neuer Verpackung, mit einer Extra-CD mit sechs Titeln und mit DVD erhältlich. Das neue Material enthält den Titel Circus als Video wie Audio-Mitschnitt, der in der Original-Ausstrahlung der MTV-Sendung zu sehen war, aber auf der CD/DVD von 1992 keinen Platz fand. Die Video-Aufnahme der Sendung ist nicht auf der DVD, vielmehr lediglich die schon 1992 veröffentlichte editierte Version, in der die Reihenfolge der Titel anders ist, nämlich gleich wie auf der CD. Man hat sich also entschieden, nicht die Originalsendung und die Proben ins DVD-Paket zu nehmen, sondern bloss die frühere DVD, was etwas schade ist. So war Robert Johnsons Malted Milk das letzte Stück der Konzertes, und auf der DVD ist es so hineingeschnitten, wie es die CD vorgibt. Die Video-Aufnahmen sind auch als 90er Jahre-Video zu erkennen, die Bildqualität genügt heutigen Ansprüchen nicht mehr.
Eine sonderbare Veröffentlichung auf der Outtake-CD der Deluxe Edition ist der Song My Father’s Eyes (später veröffentlicht auf Pilgrim und One More Car, One More Rider), das hier in zweifacher Ausführung vorhanden ist. Beide Arrangements enthalten ein langes perkussives Mittelstück mit Background-Sängerinnnen, das sehr gefällig ist. Diese Version ist sehr schön, aber wieso zwei verschiedene Takes? Als einziger Grund bietet sich ein «Easter-egg» an, 30-sekündige akustische Instrumental-Blues-Soli am nach Beendigung des Songs, vom Publikum frenetisch aufgenommen, von Clapton aber abgebrochen. Es könnten die Intros zu den danach folgenden Titeln Running on Faith,respektive Worried Life Blues sein, oder zumindest wollen die Editoren der Aufnahme diesen Eindruck erwecken. Mit anderen Worten, die beiden Versionen von My Father’s Eyes sind identisch, aber die danach gespielte Instrumental-Intros unterscheiden sich. Wirklich nur was für Komplettisten!
Eric Clapton Unplugged Deluxe Edition (2013)