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Der Kanton Luzern zur Zeit der grossen Gletscher
Von Professor H. Zähringer.
Unsere Erde hat eine Reihe vonEntwiekelungsperioden durchlaufen, ehe sie zur Aufnahme des Menschen geeignet war; das Luftförmige verdichtete sich zu Flüssigem, aus dem Flüssigen schied sich das Feste ab; das Unorganische gestaltete sich zu Krystallen, das Organische zu Pflanzen und Thieren; ganze Erdstrecken wurden vom Meere überfluthet, anderwärts hob sich der Meeresboden über seine weichende Bedeckung; Hebungen und Senkungen gaben der Erdoberfläche wiederholt andere Gestaltungen und umhüllten die organische Welt mit der Nacht des Todes. Die Forscher unterscheiden bei diesen Umwälzungen vier Hauptperioden und die gewaltigsten Hebungen, Senkungen und Ueber-fluthungen fallen in die drei ersten Perioden. Die Zeit, in welche wir uns zu versetzen gedenken, fällt in die " vierte Epoche und in dieser befindet sich unsere Erde gegenwärtig noch. Die Umwälzungen dieser vierten Periode sind nicht mehr so gewaltig, doch finden immer noch manche Umgestaltungen statt, welche im Anfange der Periode an Grossartigkeit die heutzutage eintretenden unendlich über- trafen.
Wir müssen nämlich annehmen, dass im Anfange unserer Epoche die Vertheilung von Land und Meer eine andere war, als sie gegenwärtig ist: die afrikanische Wüste Sahara wird noch ein mit dem mittelländischen zusammenhängendes Meer gewesen sein; die Ostsee wird über Finnland mit dem weissen Meere und weiter mit dem nördlichen Polarmeere im Zusammenhang gestanden sein; die britischen Inseln mögen noch mit dem europäischen Festlande und vielleicht mit Amerika in fester Verbindung gestanden haben und der Golfstrom, der gegenwärtig aus dem mexikanischen Meerbusen hervorbrechend, das nordwestliche Europa erwärmt, mag zwischen Nord- und Südamerika hindurch sich in den stillen Ocean ergossen haben. Alle diese Umgestaltungen sind allmälig, d.h. im Laufe von Jahrtausenden eingetreten und auch jetzt noch bemerken wir langsam Hebungen und Senkungen an verschiedenen Punkten der Erdoberfläche.
Auffallender sind für uns die Folgen der Verwitterung und der Auswaschung. Die Abwechslung von Kälte und Wärme, von Trockenheit und Nässe kann die festesten Felsen sprengen, besonders wenn das Wasser in einmal vorhandene Spalten eindringt und daselbst gefriert. Das Wasser dehnt sich beim Gefrieren um a/lo seines Volumens aus und überwindet dabei den heftigsten Widerstand, so dass man z.B. mit gefrierendem Wasser nicht nur Glasflaschen, sondern gusseiserne Bomben zum Zerplatzen bringen kann. Werden die Felsen so gelockert, so stürzen sie als Trümmer in 's Thal, verwittern unten zu kleinen Stücken und werden vom Wasser als loses Geröll fortgeschwemmt. Diese Umgestaltungen bemerken wir täglich und bisweilen treten sie plötzlich und mit grosser Gewalt ein, so die Verschüttung der Castelen-Alp auf dem Pilatus, der Erdrutsch am Rigi bei Weggis und der Berg- stürz am Rossberg bei Goldau.
So ist die Oberfläche unserer Erde in einer fortwährenden Umgestaltung begriffen: die Berge werden niedriger, der Boden der Thäler hebt sich, die Tiefe der Seen vermindert sich, eine Menge fester Bestandtheile wird dem Meere zugeführt.
Für den Anfang unserer Periode müssen wir ein feuchtes Klima annehmen, d.h. ein solches, bei welchem die atmosphärische Luft, welche die Erde einhüllt, viele wässerige Dünste enthält, welche bei erfolgender Abkühlung in den Ebenen als Eegen und in den Gebirgen als Schnee niederfallen. Ist der Schnee in den Gebirgen so massenhaft, dass er nicht jedes Jahr weggeschmolzen werden kann, sondern sich jahrelang anhäuft, so verwandelt er sich in Eis, steigt als langsam gleitender Strom in die Thäler nieder und erfüllt dieselben als Gletscher auf eine Höhe, welche bis an die Kämme der thalbildenden Bergzüge reicht und über alle Unebenheiten wegschreitet. Solche mächtige alle Thäler erfüllende und bis in die Ebene fortschreitende Gletscher zeigt uns der Anfang der vierten Erdbildungsperiode und zwar nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Skandinavien, in England, in Amerika, in Australien. Die Spuren dieser Gletscherzeit finden sich im Kanton Luzern sehr zahlreich. Ehe wir jedoch an die Aufsuchung derselben gehen, werfen wir einen Blick auf die Entstehung und die Bewegung der Gletscher der Jetztzeit, sowie auf die sie begleitenden Erscheinungen.
" Wenn wir unsere wohlbebauten Thäler verlassen, um an den sonnigen Halden der Berge zu deren Gipfel emporzusteigen, so fühlen wir die Luft immer dünner, aber auch immer kälter werden; aus den Gegenden des blühenden Ackerbaues kommen wir zu magern Weiden, bald lassen wir den schattigen Wald hinter uns, niederes Gestrüpp und einzelne freundliche Blümchen stehen noch an unserm Wege, aber bald gelangen wir zu trostlosen Schutthalden, zu blendenden Schneefeldern und weiten Gletscherrevieren.
In diesen Hochgegenden, bei verdünnter und kalter Luft, fällt nur selten Regen; der gewöhnliche Niederschlag ist Schnee und zwar bei wärmerer Witterung in Form von Flocken, bei kälterer Witterung in Form von Körnern oder Nadeln. Auf den Spitzen der Berge, auf den Kämmen und Gräten kann sich der Schnee, auch bei andauerndem Niederschlage, nicht massenhaft ansammeln, wohl aber in den zwischenliegenden Einsattelungen oder Mulden, deren Boden eine ziemlich ausgedehnte Fläche darbietet und in welche der Schnee von den Spitzen und Wänden der Berge in Lawinenform herunterrollt. Hier sammelt sich der Schnee, je nach der Höhe der umliegenden Berge oder der Tiefe der Einsattelung, zu mehr oder weniger grossen Massen und geht an der Hand physikalischer Gesetze einer merkwürdigen Umwandlung entgegen. Die oberste Schneeschichte wird von der Sonnenwärme geschmolzen, das entstehende Schmelzwasser sickert in die unterliegenden Schichten, welche dadurch in eine breiige und körnige Masse umgewandelt werden. Jeder frischfallende Hochschnee wird dieser Umwandlung unterworfen und verwandelt sich in körnigen Firnschnee. Die tieferliegenden Schichten erleiden unter dem wasserdurchtränkten Firnschnee einen ungeheuren Druck und verwandeln sich dadurch in Firneis, d.h. in blasiges, körniges Eis. Die fortwährende Ansammlung von Hochschnee, der stets wachsende Druck des Firnschnee's drängen das Firneis, sich einen Ausweg durch die Oeffnung der Mulde zu suchen und dieser hervortretende Strom ist der Gletscher. Der hier kurz angedeutete Vorgang, den wir im Kleinen mit einer hydraulischen Presse wiederholen können, ist für die Gletschertheorie von grosser Wichtigkeit. Man darf das Gletschereis nicht mit dem gewöhn- liehen Wassereis verwechseln;
schon der blösse Anblick zeigt uns den Unterschied: das Gletschereis ist körnig, blasig und geschichtet, das Wassereis ist krystallinisch. Das stimmt auch mit der Bildung beider überein: das Gletschereis entsteht nicht aus Wasser durch Gefrieren, sondern aus Firnschnee durch Druck; das Wassereis entsteht durch Ansetzen kleiner Krystalle, wobei es sich um Vio seines Volumens ausdehnt. Gletschereis und Wassereis verhalten sich auch nicht gleich beim Schmelzen: ersteres zerfällt in Körner, welche sich in Wasser verwandeln; letzteres schmilzt allmälig ab, ohne zu zerfallen, oder zerfällt in prismatische Stücke.
Die Bergspitzen und Wände, welche eine Firnmulde umgeben, sind in Folge des Temperaturwechsels einer fortwährenden Yerwitterung unterworfen; grössere und kleinere Felsstücke stürzen in die Mulde und versinken im Schnee, bis sie auf das Firneis zu liegen kommen, in welches sie eingebacken werden. Tritt das Firneis als Gletscher aus der Muldenöffnung, so folgen ihm auch die eingepressten Felsstücke und bezeichnen ihren Gang durch Erscheinungen, welche für die Gletschertheorie von höchster Wichtigkeit sind. In Folge des Druckes und der Neigung des Bodens schreitet der aus der Mulde hervortretende Gletscher vorwärts und die eingebackenen Felsstücke reiben sich an den Wänden und am Boden des Gletscherthales. An den Wänden werden geradlinige Streifen eingeritzt, am Boden wird das lockere Gestein zu Staub zermalmt und festes Gestein wird rundlich abgeschliffen und bei grösser Härte förmlich polirt. Der Staub wird mit dem Schmelzwasser weggeführt, wesshalb der Gletscherbach stets trüb erscheint, obgleich das Eis, aus dem er entsteht, vollkommen klar ist. Die Kritze an den Wänden bleiben um so länger sichtbar, je härter das geritzte Gestein ist, ebenso behalten die geschliffenen und abgerundeten Felsmassen, die sogenannten Rundhöcker, um so länger ihre Form, je weniger das Gestein, aus denen sie bestehen, der Verwitterung unterliegt.
Aus der Entstehung des Gletschers folgt, dass derselbe um so mächtiger sein muss, je grösser die Firnmulde und je stärker der in derselben herrschende Druck ist. Ein starker Schneefall vermehrt die Masse des Firns und erhöht den Druck, veranlasst also ein Wachsen des Gletschers; verminderter Schneefall bringt eine Abnahme des Druckes und dadurch auch eine Abnahme des Gletschers hervor. Wir werden also nach schneereichen Wintern ein Anwachsen und nach schneearmen Wintern einen Rückgang der Gletscher wahrnehmen. Die letzten Winter waren schneearm und wirklich nahmen in den letzten Jahren die Gletscher in unseren Alpen bedeutend ab; der gegenwärtige ( 1867 ) Winter hat ungeheure Schneemassen gebracht und ohne Zweifel werden die Gletscher im Laufe dieses Jahres wieder zunehmen. Das Eis ist, trotz seiner Sprödigkeit, unter einem grossen Drucke umformbar und bildsam, fast wie Wachs, und hierauf beruht wesentlich sein stetes Fortschreiten, bis es in Gegenden kommt, wo die Sonnenwärme hoch genug steht, um es zu schmelzen. Jeder Druck und jede Reibung erzeugt Wärme, so auch der Druck in der Firnmulde und die Reibung des fortge-stossenen Gletschers an den Thalwänden. Die entstehende Wärme schmilzt einen Theil des Eises, wird aber durch den Uebergang von Eis in Wasser gebunden und bringt daher im Gletscher selber keine Temperaturerhöhung hervor. Im Gegentheil muss nach physikalischen Gesetzen eine theilweise Temperaturerniedrigung erfolgen, denn das Schmelzwasser bindet die freigewordene Wärme, welche demnach dem Gletscher entzogen ist; in der Berührung mit dem kälter gewordenen Gletscher gefriert ein Theil des Schmelzwassers wieder und gibt seine gebundene Wärme ab, welche den angedeuteten Process von Neuem beginnt;
ein anderer Theil des Schmelzwassers, welches nicht in unmittelbarer Berührung mit dem Eis steht, fliesst unter dem Gletscher ab und erleichtert diesem das Gleiten auf dem niedersteigenden Thalboden. Dadurch wird eine vermehrte Reibung, eine grössere Wärmeentwickelung, ein rascheres Abschmelzen und ein schnelleres Vorrücken bedingt. Der Gletscher ist durch seine Bewegung in einer fortwährenden Umformung begriffen und die durch Druck und Reibung erzeugte Wärme erhält ihn in nie ruhender Arbeit. Die Geschwindigkeit, mit welcher die Gletscher fortschreiten, ist sehr verschieden; sie richtet sich nach dem Druck, nach der Masse und nach der Gestalt des Gletscherbettes. In der Mitte des Gletschers ist sie bedeutender als an den Rändern und durchschnittlich beträgt sie fast einen Fuss per Tag; sie ist im Sommer grösser als im Winter, weil zu den constant wirkenden Ursachen der Bewegung noch die höhere Lufttemperatur kommt, welche den Gletscher durch das Abschmelzen an der Oberfläche in eine energischere Arbeit versetzt.
Verfolgen wir den Gletscher auf seinem Wege durch das Thal, so treten uns verschiedene, höchst merkwürdige, aber an der Hand unserer Grundanschauungen leicht erklärliche Thatsachen entgegen. Hat das Thal eine gleichmässige Senkung, so gleitet der Gletscher in ununterbrochenem Flusse auf dessen Boden und an dessen Wänden hin, am Boden das lockere Gestein zerreibend und die Felsen polirend, an den Wänden gewaltige Furchen einreissend. Tritt jedoch plötzlich ein stärkeres Gefälle ein,, so erhält der Gletscher daselbst eine grössere Geschwindigkeit, die nachrückenden Theile vermögen nicht zu folgen und es bilden sich Querspalten, die sich erst wieder schliessen, wenn abermals ein geringeres Gefälle eintritt.
Denn hier haben die nachrückenden Massen eine grössere Geschwindigkeit, es erfolgt ein Druck; dieser Druck erzeugt Wärme, die Wände der Spalten schmelzen, aber das Schmelzwasser gefriert in der Berührung mit dem abgekühlten Gletscher und die Spalten sind geschlossen.« Verengert sich das Thal, so erfolgt eine heftige Reibung des Gletschers an den Wänden, es wird viel Wärme erzeugt, das Eis schmilzt stark ab und der Gletscher kann durch die Thalverengung in seiner reducirten Form hin-durchtreten. Erweitert sich das Thal, so dehnt sich der Gletscher in der Breite aus; da er aber wohl dem Druck, hingegen nur wenig dem Zug nachgeben kann, so entstehen Längsspalten, die erst wieder verschwinden, wenn das Thal sich verengt und der Gletscher zusammengepresst wird. Macht das Thal eine Wendung, so folgt auch der Gletscher dieser Wendung, wobei wieder Querspalten entstehen, indem die Gletschertheile, welche entfernter von dem Wendepunkt sind, einen grösseren Weg zurückzulegen haben als diejenigen, welche diesem Punkte nahe liegen; erstere werden daher in der Bewegung zurückbleiben und das Eis muss in Folge seiner Sprödigkeit zerspalten. Das Schliessen dieser Gletscherspalten erfolgt in der oben angegebenen Weise. Trifft der Gletscher auf ein Hinderniss, das er nicht vor sich herzuschieben oder zu überfluthen vermag, so theilt er sich in zwei Arme, wie das Wasser eines Flusses vor einem Brückenpfeiler. Und wie sich das Wasser am entgegengesetzten Ende des Pfeilers wieder vereinigt, so fliessen auch die beiden Gletscherarme nach Umgehung der Hindernisse wieder zusammen. In Folge des Druckes verwachsen sie wieder zu einer continuirlichen Masse. So entstehen die sogenannten Gletscher- inséln, welche oft im herrlichsten Blüthenschmuck der farbenreichen Alpenflora prangen, ein Blumenteppich in einer Wüste von Eis und Trümmern.
Das Zusammenwachsen der beiden Gletscherarme erfolgt in der oben angegebenen Weise. Tritt nicht nur ein rasches Gefälle, sondern ein förmlicher Absturz im Thale ein, so stürzt der Gletscher in Trümmern über denselben hinunter. Aber wie ein Bach, der einen schäumenden Wasserfall bildet und sich während des Falles in Staub aufzulösen scheint, am Fusse des Felsens sich wieder zu einer ruhig dahinschlän-gelnden Masse sammelt: so bildet sich auch der Gletscher, nachdem er sich in Blöcke und Nadeln aufgelöst, nach seinem Sturze wieder zu einem zusammenhängenden Eisstrom um. Diese Gletscherstürze gehören zu den imposantesten Erscheinungen der grossartigen Gletscherwelt. Das Zusammenwachsen der Eisblöcke am Fusse des Sturzes erfolgt wie das Schliessen der Spalten: durch den Druck wird Wärme erzeugt, die oberflächlichen Eisschichten schmelzen, das Schmelzwasser gefriert theilweise wieder in der Berührung mit dem Eise und verkittet so die einzelnen Eisstücke; die Einwirkung der Sonne und die nie ruhende Verwitterung verebnen die Oberfläche des regenerirten Gletschers ( Megulaüon ), der seinen Weg thalabwärts in stetigem Flusse fortsetzt. Die gleiche Fähigkeit des Zusammenwachsens bemerken wir, wenn zwei Gletscher, die aus verschiedenen Thälern kommen, zusammenstossen: sie vereinigen sich zu einem einzigen Gletscher, der in der Zusammensetzung seines Eises nicht mehr erkennen lässt, dass er seine Zuflüsse aus verschiedenen Quellen erhalten hat. Der Druck, den die beiden Gletscher an ihren Berührungs-stellen auf einander ausüben, bringt die oberflächlichen Schichten zur Schmelzung, ein Theil des Schmelzwassers gefriert in der Berührung mit dem Eise und bildet so den Kitt zur Vereinigung der beiden Gletscher.
Auf diese Weise kann ein Hauptgletscher eine Reihe von Nebengletschern aufnehmen, wie ein Hauptfluss seine Nebenflüsse aufnimmt. Der Gletscher setzt seinen Weg durch das Thal fort, sich allen Gestaltungen desselben anschmiegend, bis er in eine Tiefe kommt, wo die Temperatur hoch genug ist, um seinem Fortschreiten durch Schmelzen ein Ziel zu setzen. Das ist gegenwärtig in einer Meereshöhe von 1000 bis 1500 Met. der Fall. Die Form seines Endes richtet sich wieder nach der Gestaltung des Thales: ist das Thal enge, so zieht sich der Gletscher in eine Zunge aus, unter welcher sich ein Thor bildet, durch welches der trübe Gletscherbach hervorstürzt; erweitert sich dagegen das Thal, so breitet sich der Gletscher fächerartig mit strahlenförmigen Längsspalten aus, und bildet weniger hohe Gletscherthore, durch welche die Gletscherbäche ihren Abfluss nehmen.
Wir haben schon wiederholt von der Verwitterung der nackten Felsen gesprochen und wir müssen noch einmal hierauf zurückkommen, denn daran knüpfen sich einige der wichtigsten Erscheinungen, deren wir in der Folge noch gedenken müssen. Die Felsblöcke, welche sich rings um das Firnmeer lösen, versinken in demselben, bis sie auf festes Eis gelangen: desshalb ist die Oberfläche der Firnmeere immer blendend weiss. Anders verhält es sich mit den Blöcken, welche sich von den thalbildenden Felsen ablösen: sie fallen auf den fortschreitenden Gletscher, also auf festes Eis und bleiben auf der Oberfläche desselben liegen. Desshalb erscheint das Eis nur selten rein, es ist mit kleineren und grösseren Felsstücken wie übersäet. Am stärksten ist diese Anhäufung natürlich an den Rändern, indem bei einem breiten Gletscher nur wenige Blöcke bis in die Mitte gelangen. Man nennt diese Trümmerhaufen auf der Oberfläche der Gletscher Moränen und zwar die eben genannten insbesondere Seitenmoränen.
Wachsen zwei aus verschiedenen Thälern kommende Gletscher zusammen, so vereinigen sich auch ihre Seitenmoränen, die linke des einen mit der rechten des andern und bilden eine Mittelmoräne, welche im weitern Fortgange des Gletschers in der Mitte desselben bleibt. So können sich mehrere Mittelmoränen bilden, welche nahezu eine parallele Richtung einhalten. Entstehen im weitern Verlaufe des Gletschers Spalten, so kann ein Theil des auf demselben ruhenden Schuttes in die Spalten versinken und entweder bis auf den Thalboden gelangen, um daselbst zerrieben und zur Felspolirung verwendet zu werden, oder im Innern des Gletschers stecken zu bleiben, um dann etwas tiefer durch Abschmelzung wieder zu Tage zu treten. Man schreibt dem Gletscher eine eigene Ausstossungs-hraft zu, vermöge welcher er alle fremden, in sein Inneres gelangten Körper wieder auf die Oberfläche bringt. Die Thatsache ist richtig, wenn der Körper nicht bis auf den Thalboden gelangt, aber es bedarf hiezu keiner besondern Kraft. Der Gletscher steigt nämlich in seiner unaufhaltsamen Bewegung immer tiefer in 's Thal und wird auf seiner Oberfläche immer mehr abgeschmolzen, also muss jede Schichte, welche weiter oben im Innern lag, tiefer unten an die Oberfläche treten und die früher aufgenommenen Körper an 's Licht bringen. Gegenstände, welche Gletscherfahrer auf ihren Wanderungen in Spalten verloren hatten, sind nach Jahrzehnten einige hundert Fuss weiter thalabwärts wieder aus dem Gletscher hervorgetreten. Alle Blöcke der Seiten- und Mittelmoränen, welche nicht in Spalten versinken, setzen mit dem Gletscher auf dessen Rücken die Wanderung thalabwärts fort, um an seinem Ende abgesetzt zu werden. Hier bilden sie nun einen bogenförmigen Wall um sein Ende, unter den Namen End- oder Stirnmoräne.
An diesen Endmoränen ist das Wachsen und Abnehmen der Gletscher auch dem oberflächlichen Beobachter bemerkbar; geht der Gletscher zurück, so entfernt er sich von seiner Endmoräne, es liegt ein Zwischenraum zwischen dem Gletscherende und der früheren Moräne; schreitet der Gletscher vor, so zerstört er seine frühere Moräne und schiebt deren Blöcke vor sich her. In den letzten Jahren haben sich die Gletscher von ihren Endmoränen zurückgezogen und nach einigen schneereichen Wintern werden sie vielleicht ihre früheren Moränen wieder erreichen.
Wir haben nunmehr in grossen Zügen die Entstehung und die Bewegung der heutigen Gletscher, sowie die damit in Verbindung stehenden wichtigsten Erscheinungen dargestellt; kehren wir nun zu unserer eigentlichen Aufgabe, zur Schilderung des Anfangs der vierten Erdbildungsperiode zurück. Wir haben für die damalige Zeit eine andere Vertheilung von Festland und Meer, sowie eine stark mit wässerigen Dünsten erfüllte Atmosphäre angenommen. Die allgemeine Bodengestaltung der Schweiz war dieselbe wie heutzutage, nur hatten die Gletscher eine solche Ausdehnung, dass fast die ganze Schweiz vergletschert war. Die Zeugen hiefür sind die aus den Hochalpen stammenden Felsblöcke: Fündlinge, Geissberger, erratische Blöcke genannt, welche wir bis an den Jura und über den Bodensee hinaus antreffen, sowie die Blockwalle, die ehemaligen Endmoränen der grossen Gletscher, welche wir in unseren Thälern und namentlich am Nordende der nördlichen Seen und am Südende der südlichen Seen finden. Besonders mit Kücksicht auf die Blockwälle müssen wir in jener Gletscherzeit zwei Perioden unterscheiden; in der ersten hatten die Gletscher eine grössere Ausdehnung als in der zweiten; wäre das umgekehrt der Fall, so müssten die Gletscher bei ihrem Vorrücken die alten Moränen zerstört haben.
Auch die Schieferkohlenbildung ( in Wetzikon und Mörschwyl ) nöthigt uns zur Annahme zweier Gletscherperioden, denn unter und über diesen Kohlenlagern finden wir erratisch« Gesteine, so dass sich die Kohlen in der Zeit gebildet haben müssen, während welcher das Land gletscherfrei war und welche einige tausend Jahre gedauert haben mag. Auch in andern Ländern, so namentlich in. Schottland, lassen sich zwei Gletscherperioden unterscheiden. Wir müssen annehmen, es habe sich zwischen beiden Perioden eine andere Vertheilung von Festland und Meer durch Hebung und Senkung einzelner Gegenden gebildet, wodurch weniger atmosphärische Niederschläge erfolgten. Dadurch sind die Gletscher zurückgegangen; sie mögen dann auch wieder vorgegangen sein, ohne jedoch ihre frühere Ausdehnung zu erreichen. Am Schluss der zweiten Periode fand abermals eine andere Vertheilung von Festland und Meer statt, die Niederschläge nehmen noch mehr ab und die Gletscher treten in die Hochthäler zurück, wo sie nur noch den Schwankungen der schneereichen und schneearmen Winter unterworfen sind.
Ueberblicken wir zunächst, ehe wir speciell auf den Kanton Luzern eingehen, die allgemeine Gletscherverbreitung der ersten Periode über die ganze Schweiz. Für den Nordabfall der Alpen erhalten wir 5 grosse Gletscher und für den Südabfall 2, natürlich mit Weglassung derjenigen, welche sich nicht auf schweizerischem Gebiete befanden. Der grösste Gletscher war der Mhonegletscher; er erfüllte das ganze Rhonethal des Kantons Wallis mit allen Seitenthälern 2—3000 Fuss über der Thalsohle, dehnte sich über den Genfersee, den Neuenburger-, Murten- und Bielersee bis an den Jura aus; sein westliches Ende war bei Genf, wo er mit dem Arvegletscher zusammentraf, sein östliches Ende bei Zofingen, wo er den Reussgletscher erreichte.Viel kleiner als der Rhonegletscher war der Aaregletscher.
Er erfüllte die Thäler des Berner Oberlandes und glättete im Haslithal die Felswände bis 2000 Fuss über der gegenwärtigen Thalsohle, ein Arm stieg über den Brünig herunter bis nach Samen, den Lungern- und Sarnersee bedeckend; der Hauptstrom überzog den Brienzer- und Thunersee und breitete sich nördlich bis Burgdorf aus? wo er mit dem Rhonegletscher zusammenstiess. Ungefähr von gleicher Grosse, jedoch weiter nach Norden vordringend war der Reussgletscher. Er erfüllte die Thäler des Kantons Uri, einen Theil von Schwyz und Unterwaiden, breitete sich über den grössten Theil des Kantons Luzern, über einen Theil der Kantone Zug, Zürich und Aargau aus, und schob seine Endmoränen bis an die Aare und den Jura vor; an der Limmat stiess er mit dem Linthgletscher, und an der Aare mit dem Rhonegletscher zusammen. Diesen Gletscher werden wir später noch näher betrachten. Weiter östlich war der Linthgletscher, der die Thäler des Kantons Glarus und einen Theil von Schwyz bedeckte, nach Norden die Seen des Kantons Zürich mit einer Eisdecke überzog und der Richtung der Limmat folgend mit dem Reussgletscher zusammentraf. Im Zusammenhange mit diesem Gletscher war der Rheingletscher, der an Ausdehnung fast den Rhonegletscher erreichte. Er stammte aus den Thälern des Kantons Graubünden, theilte sich bei Sargans in zwei Arme; der linke bedeckte den Wallensee und vereinigte sich bei Weesen mit dem Linthgletscher, demselben die Gesteine der linken Seite des Rheinthales zuführend; der rechte Arm folgte der Richtung des Rheins, überzog den Bodensee und den Kanton Thurgau mit einer Eisdecke, reichte weit nach Vorarlberg und Deutschland hinein, und traf schweizerseits im untern
Schweizer Alpen-CluT).25
Àargau mit dem Linth- und dem Reussgletscher zusammen. Yon den südlichen Gletschern war der mächtigste der des Monte-Rosa, der sich jedoch nicht auf Schweizergebiet befand. Er trat aus dem engen Thal von Aosta hervor, breitete sich über die Ebene aus und bedeckte das Land mit alpinen Schuttmassen, welche gegenwärtig Hügelzüge bis zu 1500 Fuss Höhe bilden. Weniger mächtig waren die beiden auf Schweizergebiet liegenden südlichen Gletscher: der Tessingletscher und der AddagJetscher. Der erstere erfüllte die Thäler des Kantons Tessin, überzog den Langensee mit einer Eisdecke und breitete sich in der lombardischen Ebene aus. Der zweite kam vom Splügen und-aus dem Bergeil, vereinigte sich mit dem Veltliner-gletselier, bildete eine Brücke über den Comersee und schob seine Endmoräne bis nach Monza vor. Schon aus dieser übersichtlichen Darstellung der früheren Gletscherverbreitung muss hervorgehen, dass wir derselben die Erhaltung unserer zahlreichen Seen verdanken. Als die Gletscher zu Anfang der Periode aus den Hochthälern in die Niederungen herabstiegen, werden sie zunächst die Thäler und Seebecken ausgefüllt haben. Sie bildeten damit eine Brücke, über welche die Steinmassen, die sie aus dem Gebirge brachten, weiter fortgeschoben werden konnten. Wären die Seebecken nicht mit Gletschern bedeckt worden, so hätten die Schuttmassen sie ohne Zweifel ausfüllen müssen. Als die Gletscher später zurückschmolzen, trat an ihre Stelle wieder der blaue Wasserspiegel. Wir verdanken daher den Gletschern die Erhaltung unserer Seen, welche zu den Hauptzierden unseres schönen Landes gehören. Die Gletscher haben sich aber noch in anderer Weise an unsern Seebildungen betheiligt; sie haben stellenweise am Ausgange derselben Moränen hinterlassen, wodurch der Seespiegel erhöht werden musste. Andere Seen müssen wir geradezu als Moränenseen ansehen.
Für beide Fälle werden wir im Kanton Luzern Beispiele finden. Wir müssen den Gletschern noch einen fernem Antheil an der Bodengestaltung unseres Landes zuschreiben: durch das Abschmelzen der Gletscher, das am Schlüsse der zweiten Periode verhältnissmässig rasch erfolgt sein muss, indem wir keine rückwärts liegenden Endmoränen mehr finden, müssen enorme Wassermassen entstanden sein, welche den aufgehäuften Gletscherschutt weiterführten, Vertiefungen ausfüllten und den Schutt schichtenweise ablagerten; anderorts mögen diese Wassermassen auch Auswaschungen und Vertiefung der Flussbette bewirkt haben. Wir verfolgen nun die allgemeinen Erscheinungen, wie sie die ganze Schweiz, mit Ausnahme der westlichen Juraabhänge, darbietet, nicht weiter, sondern wenden uns speciell zur Betrachtung des grossen Eeussgletschers.
Werfen wir zunächst einen Blick auf die Bodengestaltung der Kantone, welche ehemals von diesem Gletscher bedeckt waren. Der Hauptfluss dieses Gebietes ist die Reuss, ihr Quellgebiet liegt in dem hohen Urserenthal, im Süden des Kantons Uri, umgeben von mächtigen, jetzt noch vergletscherten Bergen. Von Westen erhält die Reuss Zuflüsse aus dem Geschenenthal, dem Maienthal, dem Gornerenthal, dem Erstfelderthal, dem Waldnacht- und Gitschenthal und nachdem sie in den Vierwaldstättersee getreten, aus dem Isenthal, dem Engelbergerthal und dem Sarnerthal; nachdem sie den See verlassen, nimmt sie noch die kleine Emme auf. Von Osten erhält die Reuss Zuflüsse aus dem Rien- und Fellithal, aus dem Maderanerthal und dem Schächenthal; nach ihrem Eintritt in den See erhält sie noch Zuflüsse aus dem Riemstalder- und aus dem Muottathal; nachdem sie den See wieder verlassen, nimmt sie noch die Lorze auf. Von den Flüssen des Kan- tons Luzern fliessen nicht in die Reuss:
die Aa, die Suhr mit der Wynen, die Wigger mit der Luthern, dem Rothund Rohrbach. Von den Flüssen des Kantons Schwyz gehört die Sihl nicht zum Gebiete der Reuss. Die höchsten Berge des ganzen Gebietes finden wir in Uri, weniger hoch sind sie in Unterwaiden und Schwyz, und die geringste Höhe erreichen sie in Luzern und Zug. Der Kanton Luzern hat in seinem Süden ein mächtiges Kreidegebirge: im Entlibuch die hintere und die vordere Fluh, am See den Pilatus und den Viznauerstock. An diesen Kreidezug schliesst sich die Molasse an, welche in den Nagelfluhgebilden de » Rigi, der Beichlen und des Napf ihre höchste Erhebung hat; nördlich sind nur noch niedere Höhenzüge, welche die einzelnen nach Norden ausmündenden Thäler von einander trennen. So der Zug zwischen dem aargauischen Freiamt und dem Hitzkircherthal; der Zug zwischen den beiden See-thalern ^ der jedoch in dem zwischenliegenden Wynenthal eine Einsattelung erfährt; der Zug zwischen dem Suhren-und dem Wiggerthal, in welchen die Thäler des Rothund des Rohnbaches eingeschnitten sind, und endlich die verschiedenen Züge, welche vom Napf ausgehen und die Thäler der Wiggerzuflüsse bilden. So war das Land auch in der Gletscherzeit gestaltet, dieselben Berge, dieselben Thäler, alles jedoch unter einer oft mehrere tausend Fuss mächtigen Decke von Schnee und Eis. Verfolgen wir nun den Ursprung und den Verlauf des grossen Reussgletschers. Das ganze Urserenthal war eine mächtige Firnmulde, in welcher sich durch den Druck der sich stets erneuernden Schneemassen das Firn- und Gletschereis bildete, welches sich durch den Engpass der Schöllenen einen Ausweg bahnte, die Trümmergesteine der umliegenden Bergspitzen theils im Innern, theils auf der Oberfläche mit sich führend. Die im Innern ruhenden Gesteine polirten die Fels- wände, was man jetzt noch bis Amsteg herunter, hoch über der Thalsohle, verfolgen kann;
die auf der Oberfläche ruhenden Blöcke reisten entweder mit dem Gletscher thalabwärts oder wurden an den Thalwänden abgesetzt, wo man sie jetzt noch als Geissberger findet und zu Bauten, namentlich auch an der Axenstrasse, verwendet. Die Seitenthäler, links und rechts, von hohen, jetzt noch Schnee und Eis tragenden Bergen gebildet, waren ebenfalls gletscher-erzeugende Mulden und wie sich jetzt die Seitenflüsse in den Hauptfluss ergiessen, so vereinigten sich damals die Seitengletscher mit dem Hauptgletscher. Wir haben oben gesehen, dass aus einer solchen Vereinigung eine continuirlich zusammenhängende Eismasse entsteht, auf welcher sich zwei Seitenmoränen zu einer Mittelmoräne umgestalten, welche auf dem Rücken des Gletschers mit ihm thalabwärts wandert. So kamen von der linken Seite mächtige Gletscher aus dem Gesehenen- und Maienthal, genährt von den unermesslichen Firnmeeren der Thier- und Winterberge. der Sustenhörner und Wendenstöcke; weniger mächtig waren die Gletscher, welche aus dem Gorneren- und Erstfelderthal hervorbrachen, weil die umliegenden Berge weniger hoch und die gletschererzeugenden Mulden weniger tief waren; beim Eintritt des Hauptgletschers in die Thal-«nge des gegenwärtigen Urnersees, zwischen dem Axen-berge und dem Gitschen, vereinigten sich mit ihm noch die vom Engelberger- und Urirothstock, vom Blackenstock und Schlossberg durch das Isenthal, Waldnacht- und Gitschenthal niedersteigenden Gletscher. Von der rechten Seite kamen kleinere Gletscher aus dem Bien- und Fellithal und zwei mächtige Gletscher aus dem Maderaner- und aus dem Schächenthal, genährt von den Firnfeldern des Oberalp- und Hüfistocks, der Windgellen und Ruchen, der Clariden und des Schneehorns; nach dem Eintritt des Hauptgletschers in das Seebecken empfing er noch einen Zufluss aus dem Riemstalderthal zwischen dem Axenberge und dem Fronalpstock.
Bis hieher hatte der Hauptgletscher die Richtung Süd-Nord verfolgen können, nun aber stellte sich ihm, nachdem er zwischen Niederbauen und Fronalp, hoch über Seelisberg und Morschach, hindurchgegangen, die Hochfluh und der Rigi entgegen; er konnte seinen südnördlichen Gang nicht mehr fortsetzen. Wir haben oben gesehen, dass ein Gletscher sich vor einem Hinderniss theilen, dasselbe inselartig einschliessen und nachher die beiden Arme wieder zur Vereinigung bringen kann. So machte es auch der Reussgletscher an der Hochfluh und am Rigi. Er theilte sich in zwei Arme und mit ihm theilten sich seine Mittelmoränen; der rechte drang über den Lowerzersee weg zwischen Rigi und Rossberg in das Becken des Zugersees, nahm im Thale von Schwyz den von Osten kommenden mächtigen Muottagletscher auf, überfluthete das Reussthal zwischen Albis und Lindenberg, sandte über einige Einsenkungen des Albis seine Arme in 's Sihl-und Limmatthal, wo er mit dem Linthgletscher in Verbindung trat und fand sein nördliches Ende im Kanton Aargau. Der linke Arm verfolgte die Richtung des Vierwaldstättersees, nahm zunächst die kleinen von den Unterwaldnerbergen niedersteigenden Gletscher auf und vereinigte sich sodann mit dem mächtigen Engelbergergletscher, der zwischen Stan-zer- und Buochserhorn hervorbrechend und die Ebene von Stanz und Buochs erfüllend, über den Bürgenstock nach Norden vordrang und auch den Alpnachersee und den Lopper bedeckte. Die vereinigten Gletscher breiteten sich zwischen Pilatus und Rigi nach Norden aus. Die rechte Seite des Gletschers folgte dem Rigi und vereinigte sich bei Küsnacht mit dem Arme, welcher zwischen Rigi und Rossberg hindurchgegangen war, so dass der Rigi eine eigentliche Gletscherinsel bildete.
Die linke Seite zog sich längs des Pilatus über den Schattenberg, das Eigenthal, Schwarzenberg und Malters bis an den Höhenzug, welcher das Wigger- thal von dem Rothbachthal trennt, so dass Wolhausen, Menz-nau und Willisau links vom Gletschergebiet liegen, während hingegen das untere Wiggerthal von Schötz an wieder übergletschert war. Alles zwischen der Reuss rechts und der genannten Linie links liegende Gebiet war bis in den Aargau hinunter von den wieder vereinigten Gletscherarmen überdeckt. Ausser der kleinen Gletscherinsel des Rigi müssen wir in unserm Kanton noch eine zweite grössere annehmen, welche das Gebiet des Napf, also einen Theil des Entlibuchs und das Hinterland, umfasst. Wir haben oben bei der Aufzählung der grossen Gletscher gesehen, dass der Aargletscher einen Arm nach Norden über den Brünig bis nach Samen sandte, sich aber in seiner Hauptmasse längs der hinteren Fluh ( Rothhorn und Tannhorn ), welche das Entlibuch von Bern scheidet, nach Westen wandte und sich dann von Thun nördlich bis nach Burgdorf ausdehnte. Die Thäler der grossen und der kleinen Emme wurden demnach in ihren oberen Theilen von den grossen Gletschern nicht berührt; kleinere Gletscher, welche aber in keinem Zusammenhange mit den grossen waren, mögen sich zwischen der hintern und der vordem Fluh gebildet haben; ohne alle Spuren früherer Gletscher sind die Gegenden von Langnau, Sumiswald, Hutwyl im Kanton Bern, und von Escholzmatt, Wolhausen, Menznau, Willisau, Hergiswyl, Luthern, Zell, Ufhausen u. s. w. im Kanton Luzern; die nordwestlichsten Theile bei St. Urban wurden noch vom Rhonegletscher erreicht, und zwischen Aarwangen und Zofingen stiessen der Rhone- und der Reussgletscher zusammen.
Nachdem wir nun im Allgemeinen die Entstehung, den Gang und die Verbreitung des alten Reussgletschers dargestellt haben, wollen wir die beiden früher angedeuteten Gletscherperioden noch etwas näher in 's Auge fassen. Aus der ersten Periode oder der Zeit der grossteil Ausdehnung der Gletscher können in unserm Kanton nicht viele Zeugen aufgefunden werden, eben weil sich der Gletscher, mit Ausnahme der beiden angegebenen Inseln, über den ganzen Kanton bis an den Jura ausdehnte. Die transportirten Blöcke aus jener Zeit müssen in den Kantonen Solothurn und Aargau nachgesucht werden; die westlichen müssen aus dem Engelbergerthal und vom Pilatus, die mittleren aus den Hochgebirgen von Uri und die östlichen aus dem Muottathal stammen. Und so ist es auch wirklich: die Berge von Engelberg und der Pilatus lieferten das Material für die linke Seitenmoräne, die Berge des Muottathales für die rechte Seitenmoräne und die Berge des Kantons Uri für Mittelmoränen, von welchen jedoch auch Blöcke nach beiden Seiten herunterstürzten, so dass wir solche an der Moräne des Pilatus und sogar im Gebiete der Limmat finden, wohin sie durch vergletscherte Einsattlungen des Albis gelangten. Der obere Theil, sowie die Nordseite des Rigi muss blockfrei sein, ebenso das Entlibuch und das Hinterland und diese Abwesenheit der erratischen Blöcke in den angegebenen Gegenden hat eben zu der aufgestellten Annahme von Gletscherinseln geführt. Von den Moränen aus der ersten Gletscherperiode finden sich zwei deutlich ausgesprochene am Pilatus: die eine im Eigenthal, die andere am Hergottswald. Die erste krümmt sich in Gestalt eines Hufeisens vom Maienstoss nach dem Fuchsbühl und reicht hinab bis nach Liefelen. Der Rümlig treibt sein wildes Wasser mitten hindurch und sein Bett ist erfüllt mit scharfkantigen, oft kolossalen Felsblöcken, meist Kalkstein mit geradlinigen Kritzen, wie sie anstehend am Pilatus und am Scliwarzflühli gefunden werden.
Es scheint dies die Endmoräne eines vom Pilatus niedersteigenden Nebengletschers gewesen zu sein, welcher sich in der Einsattlung des berühmten Bründlensees gebildet und vielleicht mit dem Hauptgletscher am Fusse des Klimsenhorns in Verbindung stand. Gesteine aus den Hochalpen zeigt diese Moräne nicht, wohl aber die zweite bei Herrgottswald, welche die linke Seitenmoräne des Hauptgletschers bildete. Sie erscheint jetzt als ein vielfach zerrissener Querwall im schluchtenreichen Thale des Kenggbaches. An vielen Stellen ist sie von den herabstürzenden Bächen bis auf den Grund durchfurcht, so dass die kahlen Wände 2-300 Fuss sich erheben. Scharfkantige, mit zahllosen Gletscherkritzen versehene Blöcke sind mit Geröll und Sand vermengt; die Steinarten sind meist diejenigen des Pilatus und Schattenbergs, doch sind auch Granitgneise darunter.
Der Periode der grössten Gletscherausdehnung folgte eine Zeit der Gletscherabnahme. Die Gletscher zogen sich zurück und nahmen auch in der senkrechten Mächtigkeit ab; Thäler, welche bis zu ihrer Ausmündung vergletschert waren, wurden in ihren unteren Theilen eisfrei, so das Aathal und das Suhrenthal; Hügelzüge, über welche früher der Gletscher weggeschritten war, erheben ihren Scheitel aus der Eisdecke, so der Lindenberg, der Sempacherberg, der Nottwylerberg. Dieser Rückzug erfolgte mit Pausen, der Gletscher blieb eine Zeit lang in gleicher Grosse; bei seinem Rückgange liess er alle auf seinem Rücken ruhenden Blöcke im Thal, an den Abhängen und auf dem Scheitel der Hügelzüge liegen, und bei seinem Stillstande bildete er an seinem Ende eine Frontmoräne oder einen Blockwall. Solche Blockwälle vom Reussgletscher finden wir im Aargau und in Luzern, woraus hervorgeht, dass der Glet- scher sich nur ruckweise zurückzog.
Die südlichsten Blockwälle des Aar-, Eeuss- und Linthgletschers liegen so ziemlich in einer geraden Linie, woraus wir schliessen können, dass der Rückgang für die genannten drei Gletscher ein gleichmässiger war. In unserm Kanton sind solche Moränen, welche den letzten Stillstand des Reussgletschers anzeigen in den Thälern des Rotlibachs, der Rohn, der Suhre und der Aa. Der Gletscher muss damals schon bedeutend an Mächtigkeit verloren haben, indem er nur noch mit 4 Zungen nach Norden vordrang, von denen die östlichste im Reussthale ausserhalb des Kantonsgebiets lag. Die Höhenzüge zwischen den genannten Thälern waren sämmtlich auf ihren Kämmen eisfrei und nur ihre beidseitigen Abhänge Stacken noch im Gletscher. Betrachten wir nun diese Moränen der zweiten Periode etwas näher. Eine schöne Halbzirkelform hat der Hügelzug, welcher den ehemaligen Wauwylersee in weitem Bogen umzieht. Er beginnt bei Egolzwyl, krümmt sich, bevor er Schötz erreicht, und verschwindet allmälig flacher werdend bei Ettis-wyl. Bei Egolzwyl durchschneidet ihn die Eisenbahn und entblösst seine Moränenstruktur: kantige Felsblöcke mit Schutt und Geröll. In seiner Mitte ungefähr lässt er die Rohn durchfliessen, den Abfluss des nunmehr abgelassenen Wauwylersees und jetzt noch der Abfluss des Mauensees. In seinem weitern Verlauf hält dieser Moränenzug die Wigger ab, sich in die Niederung des Wauwylermooses zu ergiessen. Das Bett der Wigger ist hier höher als der vormalige Seespiegel. Die Seetiefe war so gering, dass die Rohn blos um einige Fuss tiefer gelegt werden musste. Um das nöthige Gefälle zu erhalten, führte man den Kanal bei der Rohnmühle unter dem Bette der Wigger durch und erst weiter unten in den Fluss hinein. Aus der geringen Seetiefe und aus dem begrenzenden Hügelzug schliessen wir, dass der Wauwylersee ein Moränensee war, d.h. ein solcher, der seine Entstehung dem Vorhandensein einer Moräne verdankte.
Beim weiteren Rückgange des Gletschers gegen Ettiswyl und Grosswangen hin hatte das Schmelzwasser nicht genügenden Abfluss und so bildete sich ein Moränensee, dessen Tiefe das Schmelzwasser selbst durch Schuttablagerung verringerte. Bei Grosswangen war der Gletscher wieder einige Zeit stationär und bildete im Thal der Roth neue Moränenzüge. Die Kirche steht auf einem derselben; ein zweiter streicht vom Weiherhaus gegen Zuswyl. Die Roth hat sich in schlangenähnlichen Windungen durch diese Gegend Bahn gebrochen. So viel von den Spuren der Gletscherzunge im Thale der Roth. Gehen wir über den Nottwylerberg in das Thal des Sempachersees. Hier finden- wir am Nordende des Sempachersees einen Hügelzug, auf welchem die aussichtreiche Kapelle Mariazeil steht. Der Hügelzug, offenbar eine Moräne, zieht sich vom Seeende westlich über Oberkirch bis nach Nott-wyl und östlich über Schenken und Eich gegen Sempach. Bei Oberkirch ist er von der Suhr durchschnitten. Der Sempachersee verdankt wohl seine Existenz der Moräne; dass er dennoch eine ansehnliche Tiefe hat, mag daher kommen, dass weiter südlich kein Stillstand des Gletschers mehr stattfand. Weiter nördlich, im Aargau, besitzt das Suhrenthal noch eine ältere Moräne bei Staffelbach und Moosleerau und es geht im Volke die Sage, daselbst sei ehemals ein See gewesen. Es ist dies wohl möglich; es wäre ein wenig tiefer'Moränensee gewesen, wie der Wauwylersee. So viel von der Gletscherzunge des Suhren-thales. Gehen wir über den Sempacherberg in das Hitz-kircherthal. Der Baldeggersee ist an seinem Nordende von einem halbmondförmigen Wall begrenzt, auf welchem Reichensee steht und welcher sich links und rechts etwa eine halbe Stunde seeaufwärts zieht.
Dieser Wall ist eine alte Moräne und der Baldeggersee, wie der Sempachersee, ein Moränensee. In seinem weiteren Rückgange hinter die angedeutete Linie hat der Reussgletscher keine Moränen mehr gebildet, der Rückgang muss also ein stetiger und nicht mehr ein ruckweiser mit zeitweisem Stillstand gewesen sein. Er hinterliess überall die auf seinem Rücken ruhenden Blöcke und zog sich in die Hochthäler von Uri und Unterwaiden zurück; der Muottathalgletscher ist gänzlich verschwunden. Das entstehende Schmelzwasser brachte Schutt- und Geröllmassen in die Thäler, es bildete sich aufgeschwemmtes Land, das durch fortdauernde Verwitterung zur Aufnahme von Pflanzen geeignet wurde. Damit ist die zweite Gletscherperiode abgeschlossen und wir finden unsern Kanton so ziemlich in dem gegenwärtigen Zustande, das Werk der intelligenten Menschenhände abgerechnet.
Werfen wir zum Schlüsse noch einen Blick auf die Pflanzen- und Thierwelt der Gletscherzeit. Wie wir die Existenz einer Gletscherverbreitung im angegebenen Maasse aus den zurückgebliebenen Spuren erschliessen, welche wir mit den Erscheinungen an den kleinen noch vorhandenen Gletschern in den Hochalpen vergleichen: so schliessen wir auf die damalige Flora und Fauna aus den uns überlieferten Resten und durch Vergleichung mit den Organismen der Gegenwart. Zur Zeit der grössten Gletscherverbreitung, also in der ersten Periode, kann ein Pflanzen- und Thierleben nur auf den Gletscherinseln, also auch auf dem Rigi und dem Napf, gedacht werden. Bedenken wir nun, dass sich die Schieferkohlen zwischen der ersten und der zweiten Gletscherperiode abgesetzt haben, so können wir leicht schliessen, dass das organische Leben beider Perioden mit demjenigen, welches uns diese Braunkohlen aufbewahrt haben, nahe verwandt gewesen sein muss.
Und dafür sprechen auch die Ueberreste, welche uns aus beiden Perioden in den abgelagerten Geröllschichten überliefert worden sind. Die Pflanzenwelt stimmte im allgemeinen mit der gegenwärtigen überein: die Gletscherinseln waren mit einer ähnlichen Vegetation bekleidet wie jetzt in unseren Hochalpen; als sich die Gletscher später zurückzogen, rückten diese Pflanzen in die Berge hinauf und andere Formen nahmen die freigewordenen Stationen ein. Wie unsere Alpenpflanzen jetzt die Firnmeere umsäumen und auf den Moränen und Gletscherinseln sich ansiedeln, indem sie daselbst den lieblichsten Farbenschmuck verbreiten, so war es früher in den tieferen Gegenden an den Bändern der grossen Gletscher. So erklären sich auch die Kolonien von Alpenpflanzen, welche wir jetzt noch auf den Hügeln und in den Torfmooren der ebenen Schweiz finden. Damals waren alpine Pflanzen wahrscheinlich nicht nur über unser Tiefland, sondern auch über Deutschland verbreitet. Es spricht dafür die merkwürdige Thatsache, dass gegen die Hälfte unserer Alpenflora im hohen Norden wiederkehrt. Der grosse Rheingletscher, welcher über den Bodensee weg weit nach Deutschland hineinreichte, mag als Bindeglied gedient haben und namentlich den Umstand erklären, dass gerade der Osten der Schweiz, aus welchem jener Gletscher stammte, die grösste Uebereinstimmung seiner organischen Producte mit denjenigen des hohen Nordens nachweist. Aus der Thierwelt der Gletscherwelt sind uns mehr Reste aufbewahrt, als aus der Pflanzenwelt, namentlich sehr viele jetzt noch vorkommende Schnecken. Von bekannten Säugethieren haben wir zahlreiche Spuren des Höhlenbärs, der Höhlenhyäne, des Edelhirsches, des Urochsen und des Auerochsen, des Riesenhirsches und des Elenns, ferner der Gemse, des Steinbocks, des Murmel- thiers, des Rennthiers und auch des Pferdes, dann aber insbesondere des Nashorns und des Mammouth - Elephanten.
Es ist dies eine Mischung von Thieren der Ebene und des Gebirges, von untergegangenen und noch lebenden Arten, von Thieren der warmen, der gemässigten und der kalten Zone. Fragt man, ob zu jener Zeit auch der Mensch schon gelebt habe, so lässt sich die Frage weder bejahen noch verneinen. So viel ist sicher, dass der Mensch noch gleichzeitig mit den oben genannten, jetzt untergegangenen Thieren, namentlich mit dem Nashorn und mit dem Mammouth, gelebt hat, aber diese Thiere lebten noch lange nach der Gletscherzeit in der sogenannten postglacialen Zeit. Diese liegt aber noch weit hinter dem Zeitalter der Pfahlbauten, wo wir sichere Kunde von schon ziemlich gesitteten Völkern haben; in diesem Pfahlbautenzeitalter erscheinen noch Urochs und Elenn, aber von Mammouth und Nashorn sind keine Spuren mehr vorhanden.
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Briefliche Mittheilungen