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Das Äussere
Angesichts der bedauerlichen Vorfälle im Zusammenhang mit dem Abbruch der alten Kirche fiel es Manchen nicht leicht, die neue Kirche von 1922 zu würdigen: Der Dorfchronist etwa begnügt sich 1977 damit, den Neubau als «Kirche mit einem nicht in die Gegend passenden Zwiebelturm» abzuhaken und betrachtete sie im negativen Sinn als verdiente Quittung für die Uneinsichtigkeit der damaligen Bevölkerungsmehrheit. In der Tat hätten die ersten Pläne der Gebrüder Ernst und Paul Vischer, Architekten aus Basel, sicherlich ein erfreulicheres Ergebnis gebracht. Die gewinkelte Stellung zwischen Alt- und Neubau und die dazwischen gesetzten Elemente von Turm und Tordurchgang hätten eine reizvolle Baugruppe mit geborgener Hofsituation ergeben. Mit dem Beschluss des Gemeindesouveräns mussten auch die Architekten neu beginnen. Sie erstellten schliesslich eine freistehende Saalkirche mit eingezogenem halbrundem Choranbau und axialem Frontturm mit einer eigenwilligen, durch einen grossen Knauf erweiterten Zwiebelhaube. Der gesamte Bau erstrahlt in hellem Verputz, wobei die Gebäudewände durch Putzlisenen gerahmt werden. Hohe Rundbogenfenster mit Kunststeinrahmungen und weisser hölzerner Sprossung gliedern die Seitenflächen und den Chor. Die Front kennzeichnet sich durch drei Bogendurchgänge, die in die gewölbte Vorhalle führen, ausserdem beleben zwei Rund- und ein Achteckfensterchen die Fassade.
Aufregend ist diese Architektur nicht, vielleicht sollte sie es aber auch nicht sein! Wie häufig bei kleineren reformierten Kirchenbauten liessen die Finanzmittel ohnehin keinen übermässigen Aufwand zu und der Architekt musste eine Balance zwischen Einfachheit und dennoch würdevoller Erscheinung finden. Um 1920 herrschte die allgemeine Überzeugung, dass mit klaren Mitteln und bewährten Formen zu bauen war, so dass der Bau ruhig wirkt und kein Bauglied überflüssig erscheint. Als ‹gute Architektur› galt damals im Fahrwasser bedeutender deutscher Theoretiker und Architekten wie Friedrich Ostendorf oder Heinrich Tessenow die einfachste und konventionelle Lösung der Bauaufgabe – eine Maxime, die als eine Reaktion auf die Architektur der vorherigen 20 Jahre zu verstehen ist, wo der Späthistorismus durch Dekor und Effekthascherei oder die frühe Reformarchitektur mit ihrem individuellen Gepräge die Architektur allgemein betrachtet zu sehr ein «kunterbuntes» Aussehen verliehen hatten, in der die Einzelformen gegenüber der Gebäudefunktion bisweilen zu wichtig geworden waren.
Das Vorbild für diese gute konventionelle Architektur fand man nach der Überzeugung Vieler in der «einfachen und geschlossenen», fast immerzu gelungenen bürgerlichen Architektur aus der Zeit um 1800: Viele Theoretiker waren um 1920 der Auffassung, dass die Baukunst dieser Zeit noch eine Tradition verkörpert, deren Entwicklungsfaden der Historismus seit etwa 1830 unterbrochen habe. So erinnern denn auch viele Formen der Kirche Rupperswil an einen ländlichen, unaufdringlichen und klassizisierenden Barock: Die leicht geknickte Dachform, die profilierten Traufen und Gesimse, der Choranbau, die Fenster samt ihrer Sprossung, die Einfassung mit Lisenen, die grosse hölzerne Eingangstür mit ihren gestemmten Feldern und der lebhaft konturierten Supraporte, ebenso der Dreiecksgiebel über dem Achteckfenster und die Zwiebelhaube des Turmes. Auch die axiale Turmstellung hat bewusst wieder etwas ‹Klassisch-Vollkommenes›: Die Gebrüder Vischer dürften diese im Vergleich zur malerischer wirkenden seitlichen Stellung wie bei ihrer früheren Kirche in Frick von 1910 nunmehr bevorzugt haben. Alles hat sich normalisiert, nichts sollte hervorstechen, nichts schockieren, alles gewohnt und allgemeingültig – eben ‹normal› – wirken, aber insbesondere vorzüglich seinen Zweck erfüllen.