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Vor 70 Jahren entwickelte der französische HNO-Arzt Alfred Tomatis eine Musiktherapie zur spezifischen Stimulation der Gehörmuskeln und des Gehirns. Die Methode wurde dank des technologischen Fortschritts stetig weiterentwickelt. Im Gegensatz zur Romandie ist die Therapie in der Deutschschweiz kaum bekannt.
Maria-Anna Fernández
Frau Müller (27 Jahre) sitzt im Restaurant und ist schlecht gelaunt, weil sie ihr Gegenüber nicht verstehen kann – der Umgebungslärm lenkt sie zu sehr ab. Mark (11) ist Klassenbester, nur turnen fällt ihm schwer. Er kann keine Bälle fangen, die Koordination seines Körpers will nicht recht funktionieren. Seine Schwester Mia (9) ist das pure Gegenteil. Sie liebt Einradfahren und Eiskunstlauf, dafür hat sie Mühe im Sprachverständnis und verwechselt beim Sprechen oft Silben. Herr Reinhard (72) fühlt sich seit einigen Monaten niedergeschlagen und energielos, eine gründliche Untersuchung durch seinen Hausarzt brachte leider keine Klärung. Frau Johann (45) ist geräuschempfindlich, auch plagt sie ein lästiger Tinnitus. Ein HNO-Befund war unauffällig.
So verschieden die geschilderten und frei erfundenen Fälle sind – die Symptome könnten alle auf eine Disbalance in der Hörverarbeitung zurückzuführen sein. Der französische HNO-Arzt Alfred Tomatis (1920–2001) befasste sich eingehend mit dem menschlichen Hörsinn, entdeckte dabei Erstaunliches und entwickelte eine Therapie, die bei einer Vielzahl von «diffusen» Beschwerden und Einschränkungen effektiv helfen kann.
Die geniale Idee
Begonnen hatte Alfred Tomatis als «klassischer» HNO-Arzt. Aufgrund seiner Lebensumstände – sein Vater war Opernsänger – behandelte er ab und an auch Sängerinnen und Sänger, die in einem gewissen Frequenzspektrum nicht mehr rein singen konnten, ohne dass Tomatis hierfür Gründe im Kehlkopfbereich finden konnte. Der befremdliche Umstand beschäftigte den Arzt und brachte ihn auf die Idee, mit den Sänger*innen Hörtestungen durchzuführen. Hierbei zeigte sich, dass die Sänger*innen just in den Frequenzbereichen, in denen sie unrein sangen, schlecht hörten und die Hörleistung zudem variierte. Die Beobachtungen führten Tomatis zu zwei wesentlichen Erkenntnissen: Das Gehör kann auch von vorübergehenden funktionalen Störungen betroffen sein. Zudem existiert zwischen dem Gehör und der Stimme ein enger Zusammenhang. Tomatis machte sich die beiden Einsichten zunutze und entwickelte eine Apparatur, die es den Sänger*innen erlaubte, ihre Störungen in der Hörverarbeitung mittels spezifisch bearbeiteter Musik zu therapieren, was automatisch ihre gesanglichen Fähigkeiten wieder herstellte. Im Rahmen seiner Behandlungen schilderten die Patient* innen dem Arzt oft Nebenwirkungen, die sie meistens als positiv empfanden (u. a. erhöhte Energie, besserer Schlaf, emotionale Ausgeglichenheit, verbessertes Körpergefühl). Die Schilderungen bewogen Tomatis, sich noch eingehender mit den Funktionen des Hörsinns auseinanderzusetzen und das Anwendungsgebiet der Therapie stark zu erweitern.
Das Ohr – ein zentrales Tor zur Welt
Tatsächlich reichen die Funktionen des Gehörsinns weit über die blosse Aufnahme von akustischen Signalen hinaus. Hierbei können folgende drei grundlegenden Funktionsfelder unterschieden werden:
- Gleichgewicht/Motorik/Koordination: Das Innenohr ist bei jeder Bewegung des menschlichen Körpers involviert. Das Vestibulum informiert das Gehirn über die kleinsten Bewegungen und ist massgeblich an deren Koordination beteiligt. Hierzu gehört unter anderem die Selbstwahrnehmung im Raum, die Regulation des Muskeltonus, die Grob- und Feinmotorik, unser Rhythmusgefühl und die Aufrichtung des Körpers.
- Energieversorgung des Gehirns: Das Gehirn braucht für ein einwandfreies Funktionieren Stimulation. Einen Grossteil dieser Stimulation erhält es über den Gehörsinn. Konkret werden die auditiven Reize via Cochlea und Vestibulum an die Hirnrinde (Cortex) geleitet. Das Innenohr ist zudem mit verschiedenen Hirnnerven verbunden, die ihrerseits mit einer Vielzahl von Körperteilen und -funktionen in Verbindung stehen (u. a. Kehlkopf, Parasympathikus, limbisches System).
- Hörverarbeitung: Das Ohr nimmt Schallwellen auf und verarbeitet diese in einem komplexen Prozess zu elektrischen Impulsen. Dabei unterscheidet man zwischen Hören und Zuhören. Hören bezieht sich auf die passive Rezeption von Klang. Beim Zuhören geht es um die Klanganalyse – darum, den Sinn der sensorischen Information zu erfassen.
Die vielfältigen Funktionen des Gehörs erklären, weshalb die Tomatis-Therapie bei sehr unterschiedlichen Beschwerden und Einschränkungen helfen kann: Über das Ohr kann eine Vielzahl von Hirnarealen angepeilt werden, die für das kognitive, emotionale und motorische Funktionieren des Menschen wesentlich sind.
Funktionsweise
Die Tomatis-Methode hat sich dank des technologischen Fortschritts während der letzten Jahrzehnte stetig weiterentwickelt. Das Kernstück der Methode blieb sich jedoch gleich: Es ist dies die sogenannte elektronische Klangwippe – eine Technologie, die Musik und Stimme in individuell angepasster Weise mit Klangkontrasten versieht. Beim Hören der gefilterten Klänge werden die Gehörmuskeln gezielt und intensiv trainiert bzw. spezifische Hirnareale angeregt. Die Kontraste überraschen das Gehirn, was unter anderem seine Aufmerksamkeit steigert.
Hören geschieht nicht nur über die Ohren (Luftleitung). Der Mensch nimmt akustische Signale auch – und deutlich rascher – über Schädel und Skelett wahr (Knochenleitung). Die Tomatis-Methode schreibt einer ausgeglichenen Funktionsweise von Luft- und Knochenleitung grosse Bedeutung zu. Für die Therapie werden deshalb spezielle Kopfhörer verwendet, die die Musik dem Innenohr über Ohr und Schädel zuführen. Je nach Ausgangslage beinhaltet die Therapie zudem Stimmübungen. Auch hier wird die eigene (oder fremde) Stimme der individuellen Ausgangslage entsprechend gefiltert und mit Kontrasten versehen, um die Wirkung der Stimulation zu erhöhen.
Anwendungsgebiete
Die Tomatis-Methode kann unter anderem bei folgenden Störungen helfen:
- Störungen in der Hörverarbeitung (u. a. Mühe beim Verstehen, verspätete Sprachentwicklung, schlechtes Heraushören bei lauter Umgebung, Hyperakusis, gewisse Arten von Tinnitus)
- Verminderte Gedächtnisleistung und Konzentration (inkl. Lernschwierigkeiten, ADHS)
- Störungen des autistischen Spektrums
- Störungen in Gleichgewicht, Motorik, Muskeltonus und Aufrichtung
- Verminderte emotionale Robustheit (Stress, Depressionen, Angst, Energiemangel)
Die Methode ist für Personen jeden Alters geeignet. Auch Personen mit einer Höreinschränkung (bis ca. -70 Prozent) können von der Wirkung der Therapie profitieren, wobei in diesen Fällen nicht die Verbesserung des (passiven) Hörens im Zentrum steht. Die Tomatis-Methode ist in jedem Fall ein komplementäres Training zu medizinischen oder anderen therapeutischen Behandlungen. Sie ergänzt diese, ersetzt sie jedoch nicht.
Tomatis-Therapie konkret
Die Tomatis-Therapie kann dank portabler Geräte in vielen Fällen zu Hause durchgeführt werden. In einem Erstgespräch erläutere ich die Methode und kläre – basierend auf der Anamnese und einem Hörverarbeitungsprofil – ab, ob die Therapie geeignet erscheint. Falls ja, nehme ich eine individuelle Programmierung der Musik vor. Das Gerät kann gleichentags leihweise mit nach Hause genommen werden.
Eine Therapie besteht aus zwei bis drei Einheiten von 10 bis 14 Tagen, mit jeweils mehrwöchigen Pausen zwischen den Trainings. Dabei werden täglich zwischen 30 und 90 Minuten Musik gehört oder Stimmübungen gemacht. Während des Musikhörens sind gewisse kreative und manuelle Tätigkeiten möglich (bspw. leichte Hausarbeit, spielen, malen, Handarbeiten). Vor den Einheiten findet jeweils eine Konsultation zur Überprüfung des Fortschritts statt.
Für weitere Informationen:
Mehr zur Wirksamkeit der Methode:
www.tomatis.com/de/forschung-und-veroeffentlichungen
Maria-Anna Fernández (49) ist Historikerin und arbeitete viele Jahre als Mittelschullehrerin und im Bereich internationale Beziehungen (EDA, SECO, Swisscontact). Aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen mit der Methode beschloss sie, sich zur Tomatis-Therapeutin ausbilden zu lassen. www.tomatis-hoertraining.ch