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Was geschieht im Hirn, wenn Menschen depressiv werden? Die Pharma-Industrie tippt auf einen Mangel an Serotonin. Doch diese Therapie überzeugt nicht. Die Alternative? Hirnzellen wachsen lassen etwa mit Sport.
Ob Krebs, Diabetes, Demenz oder Depression - das Duell ist immer dasselbe: Punktuelle Eingriff in die Zellchemie gegen generelle Stärkung der Zelle. Im Falle der Depression geht der punktuelle Eingriff so: Man weiss, dass das Glückshormon Serotonin die Stimmung hebt. Man weiss auch, dass die Zelle ein Enzym produziert, das Serotonin „einlagert“ und damit unwirksam macht. Also sucht man ein Molekül, das dieses Enzym lahm legt – den Serotonin-Wiederaufnahmehemmer oder Serotonin Reuptake Inhibitor SRI.
Der erste SRI war Prozac, inzwischen gibt Dutzende SRIs. Sie sind ein Megageschäft, denn jedes Jahr sind etwa 10 Prozent der Schweizer von einer Depression oder von einer bipolaren Störung betroffen. Im Verlaufe des ganzen Lebens trifft es sogar jeden Fünften, Tendenz stark steigend. Meistens gibt man Psychopharmaka. In 60% der Falle sind diese sogar die einzige Therapie.
Doch SRIs sind nicht unumstritten: „Keine einzige Untersuchung konnte bisher nachweisen, dass ein niedriger Serotoninspiegel im Hirn die Ursache für Depressionenist“, meint etwa Felix Hasler, Pharmakologe an der Humboldt-Universität in Berlin. (Hier) Nach dieser Studiewirken SRI nur in schweren Fällen besser als ein Placebo, bei 82% der Patienten sei gegenüber dem Placebo keine Verbesserung festzustellen. Gemäss dieser Studiedes Psychologen Paul Andrews von der McMaster University in Ohio sei ein Übermass an Serotonin sogar bei 13 von 15 Arten von Depressionen kontraproduktiv. Es gibt allerdings auch Psychiater, die, bzw. deren Patienten, mit Psychopharmaka gute Erfahrungen gemacht haben. (hier)
Nicht umstritten sind die vielen negativen Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Dazu gehören unter anderem Kopfschmerzen, Übelkeit, Übergewicht, Verdauungsbeschwerden, Schlaflosigkeit, Schwindel und sexuelle Dysfunktion, Schlaganfälle, Diabetes und bipolaren Störungen. Einige dieser Wirkungen hängen damit zusammenhängen, dass Psychopharmaka die Aufnahme von Vitamin B12 und Koenzym Q 10 hemmen. Zudem verstärken Psychopharmaka bei den Patienten das Gefühl von Hilfslosigkeit. Sie fühlen sich ihrer Krankheit erst recht ausgeliefert.
Nun zu den Alternative. Diese beruhen auf der Beobachtung, dass bei Depressionen die Bildung von neuen Nervenzellen insbesondere im Hypocampus gestört ist. Das ist der Teil des Gehirns, der für das Lernen, für die Neugier und für die (bei Depressiven fehlende) Lust auf Neues verantwortlich ist. Nach dieser These kann man Depressionen bekämpfen, wenn man dafür sorgt, dass die Bildung neuer Gehirnzellen, gefördert wird.
Dazu gibt es ein paar bewährte Mittel: Stressabbau zum Beispiel, denn das Stresshormon Kortisol behindern die Bildung neuer Zellen. Im Gegensatz dazu fördert Bewegung die Bildung des Wachstumshormons BDNF. Nach dieser Studiesenken schon nur 1 bis 2 Stunden Bewegung pro Woche die Wahrscheinlichkeit an Depressionen zu erkranken um 44%. Nach einer anderen Studie haben 20 Minuten Bewegung pro Tag nach 24 Wochen die Gedächtnisleistung von Senioren um das 18-fache verbessert. Der Grund dafür dürfte nicht zuletzt darin liegen, dass Bewegung die Sauerstoffaufnahme verbessert. Ohne Sauerstoff läuft in den Gehirnzellen nicht viel. Gute Erfolge werden auch mit Sauerstoff-Duschen (hyperbare Sauerstoff-Therapie) gemacht.
Ein ähnlicher Therapieansatz geht davon aus, dass psychische Störungen aller Art die Folge einer chronischen Entzündung bzw. von zu vielen freien Sauerstoffradikalen in den Gehirnzellen sind. Dagegen helfen unter anderem Omega-3-Fette, vor allem DHA, Magnesium, die Vitamine D-3 und B. Auch Kurkuma ist schon mit ermutigenden Ergebnissen bei Tieren und bei 377 Menschen auf seine antidepressive Wirkung getestetworden. Fasten und Kalorienreduktion hat ebenfalls eine antientzündliche Wirkung und verbessert die Hirnleistung merklich.
Und dann wäre da noch die Hirn-Darm-Schiene. Ohne gesunden Darm, kein gesundes Hirn. Das ist nur schon deshalb wichtig, weil 90 bis 95% aller Serotonine im Darm hergestellt werden – vorausgesetzt man verfügt über die richtigen Bakterien. Vor allem Autismus wird mit Darmstörungen in Verbindung gebracht.
Dennoch: Bei schweren Störungen kann der gezielte Eingriff durch Psychopharmaka dann nützlich sein, wenn man ohne sie gar nicht erst die Energie aufbringt, sich mehr zu bewegen, gesünder zu essen etc. Und wenn man schon mal auf Psychodrogen ist, darf man sie auch nur sehr langsam absetzen. Doch gleichzeitig muss man das Problem auch an der Wurzel packen und seine Zellen fit halten. Wirkliche Heilung ist nur so möglich.
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