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Seit 1930 besteht in Zug ein Museum für Urgeschichte. Was nach einer langen Zeit klingt, kam für Zug zu spät: Der grösste Teil der Funde der Vorstadtkatastrophe gelangte in Zuger Privatbesitz, wurde verkauft oder gar eingeschmolzen.
Bis weit ins 18. Jahrhundert waren Sammlungen ein Privileg des Adels und der Kirche. Sie dienten der Zurschaustellung von Reichtum und wurden bloss Gleichgestellten zugänglich gemacht. Mit der Aufklärung und dem damit verbundenen gesellschaftlichen Wandel änderte sich auch der Stellenwert der Sammlungen. Es bildete sich eine wohlhabende bürgerliche Gesellschaftsschicht, die an Wissenschaft und Forschung interessiert war. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts setzte sich schliesslich die Auffassung durch, dass breite Kreise der Bevölkerung den Zugang zu Bildung finden sollten.
Damit einher ging die Gründung öffentlicher Museen. Was in London, Philadelphia, Wien oder Paris bereits im 18. Jahrhundert begann, wurde gut 100 Jahre später auch in der Zentralschweiz realisiert. 1873 wurde eine erste historische Ausstellung im Keller des alten Rathauses Luzern eröffnet, 1878 das Historische Museum im Zuger Rathaus.
Hirten und Pfahlbauer als erste Schweizer
Das wachsende Interesse an der Vergangenheit war in der Schweiz auch durch die politische Entwicklung bedingt. Während eines halben Jahrhunderts hatten sich die eidgenössischen Kantone zum Schweizerischen Bundesstaat von 1848 mit der im Kern heute noch gültigen Bundesverfassung zusammengerauft. Die moderne Schweiz war geboren, ein Konglomerat aus verschiedenen Kulturen, ein sprachlich, politisch und konfessionell heterogenes Gefüge mit schwacher nationaler Identität.
Im Bestreben, eine gemeinsame Vergangenheit heraufzubeschwören, entstand der Mythos einer urtümlichen schweizerischen Hirtenkultur, zu deren Traditionen angeblich Schwingen, Steinstossen, Jodeln und Hornussen gehörten. Die Entdeckung der ersten Pfahlbauten im Winter 1853/54 am Zürichsee kam in dieser Situation wie gerufen. Das neu entdeckte Volk mit unbekannter Sprache und Religionszugehörigkeit, das offenbar technisch versiert, erfinderisch und wehrhaft war, bot sich als Projektionsfläche geradezu an und wurde bald zu «Urschweizern» hochstilisiert.
Pfahlbaufieber auch im Kanton Zug
Auch der Kanton Zug wurde um 1862 vom Pfahlbaufieber erfasst. Bei Bauarbeiten in der Zuger Vorstadt wurden Artefakte entdeckt, die zu den ersten gezielten Ausgrabungen im Kanton führten. Mit der Vorstadtkatastrophe von 1887 traten die Pfahlbauten erneut ins Interesse der Öffentlichkeit. Eine ganze Häuserzeile versank im See, elf Personen verloren ihr Leben. An der Abbruchkante wurden prähistorische Schichten, Pfähle und Hölzer sichtbar. Dass dort «Celtensteine» zu finden seien, sprach sich bald herum. Der grösste Teil der Funde gelangte in Zuger Privatbesitz oder wurde verkauft.
Anfänglich war die Plünderung von den Behörden geduldet. Erst im Frühling 1889 erging ein Aufruf an die Bevölkerung, die in der Vorstadt aufgelesenen Gegenstände gegen eine Belohnung der Stadtkanzlei abzugeben. Dass archäologische Funde verkauft, eingetauscht oder gar eingeschmolzen wurden, war damals durchaus üblich. Erst 1912 wurde in der Bundesverfassung verankert, dass Naturkörper oder Altertümer von wissenschaftlichem Wert ins Eigentum des Kantons gelangten. Das Sammeln und Aufbewahren von Kulturgut wurde damit zur Staatsaufgabe.
Ein archäologisches Museum für den Kanton Zug
Trotz des Bundesgesetzes von 1912 blieb die archäologische Forschung im Kanton Zug noch während Jahrzehnten in privater Hand und wurde ehrenamtlich ausgeführt. Ab etwa 1920 war der Kaufmann Michael Speck die prägende Persönlichkeit, später sein Sohn, der Geologe und Rektor der Gewerbeschule, Josef Speck. Der Initiative von Michael Speck ist es zu verdanken, dass 1930 in Zug ein erstes Museum für Urgeschichte eröffnet wurde. Bereits 1946 zog es in grössere und hellere Räume in der ehemaligen Zigarrenfabrik an der Ägeristrasse 56 um.
Während die Wirtschaft ab den späten 1950er Jahren boomte, wurde es ruhiger um die Zuger Archäologie. Erst 1986 wurde die Stelle einer Kantonsarchäologin geschaffen. Seit 1990 verfügt der Kanton Zug über ein Denkmalschutzgesetz. Auch das Museum geriet erst in den späten 1980er Jahren durch die Initiative von Lehrpersonen wieder in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Diese Entwicklung gipfelte 1997 in der Neueröffnung des Museums für Urgeschichte(n) in der Shedhalle an der Hofstrasse.
Und die Zukunft?
Aktuell geraten Museen und Denkmäler an vielen Orten unter Spardruck. Aus finanziellen Überlegungen wird erwogen, Museen zu schliessen. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass im Hintergrund Sammlungsbestände stehen, zu deren Bewahrung sich die Allgemeinheit in vielen Fällen per Gesetz verpflichtet hat. Der Rückblick auf die letzten 200 Jahre macht klar, dass es ausgesprochen kurzsichtig wäre, wenn sich die aktuelle politische Mehrheit aus kurzfristigen Sparüberlegungen dazu entschliessen sollte, das kulturelle Erbe von Generationen zu vernichten. Wir glauben daran, dass Museen auch in der Gesellschaft der Zukunft ihren Platz haben.
Das erste «Initiativcomité» für die Gründung eines Zuger Urgeschichtsmuseums formierte sich am 2. Oktober 1925. Gut fünf Jahre später konnte das Museum feierlich eröffnet werden. Und wer weiss, vielleicht kann dereinst im Herbst 2025 ein rundum erneuertes Museum für Urgeschichte(n) präsentiert werden.
Jubiläumsfest
Das Jubiläum des Museums wird am Samstag, 4. November mit einem Museumsfest begangen. Von 16 bis 21 Uhr erwarten zahlreiche Attraktionen das Publikum.