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Das geborgte Leben
Der Psychoanalytiker Dr. med. Harald Coué nimmt regelmässig ein Schlafmittel,
nicht nur zum Einschlafen, sondern seit einiger Zeit auch schon am Abend, sobald
er von der Arbeit nach Hause zurückgekehrt ist. Seine Arbeit in einer Einzelpraxis
befriedigt ihn nicht mehr und die Medikamentenwirkung tröstet ihn darüber hinweg.
Das Medikament versetzt ihn in einen angenehmen Wach-Schlafzustand, in dem er das Gefühl hat, zu schweben. In diesem Zustand gewinnt er Distanz zu den Problemen seiner Patienten und die Freiheit zu einem grenzenlosen Denken, mit dem er alle Probleme löst.
Als er die Dosis steigert – nicht zum ersten Mal –, bekommt seine Frau starke Bedenken, sie berät sich mit einem befreundeten Mediziner und fordert ihren Mann auf, den Medikamentenmissbrauch sofort einzustellen. Der Entzug gestaltet sich sehr schwierig, Coué verfällt in eine quälende Schlaflosigkeit, Leblosigkeit, hölzerne Schweigsamkeit und Teilnahmslosigkeit. Es wird offenbar, dass er die Fiktion eines erfüllten Lebens schon seit langem nur noch dem Schlafmittel verdankt – es war ein geborgtes Leben, das er jetzt zurückzahlen muss. Der Entzug ist ein ständiger Zustand der Entbehrung, den er auf Dauer nicht durchhält. Er wird rückfällig; jetzt sind die Dämme gebrochen, er geht mit der Dosis schnell hoch und verbringt seine Tage und Nächte in einem Dämmerzustand in einer provisorischen Unterkunft in fast völliger sozialer Isolation. In dieser verzweifelten Lage sucht ihn ein Student auf, ein Praktikant aus einem Sozialpsychiatrischen Dienst,
der ihn in unkonventioneller und unprofessioneller Weise befreit und behutsam in ein neues, eigenständiges Leben zurückführt.
Hans-Gottfried Klamroth
Geb.1939, Dr. med.,Arzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychoanalyse. Verarbeitet in Romanen sowohl berufliche als auch eigene Erfahrungen als Patient. "Das frühe Licht des Morgens" ist der erste publizierte Roman. Im Mittelpunkt steht immer die personale Begegnung von Patient und Behandler und deren Scheitern.