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Sanft heben Maja Riniker (44) und ihre Tochter Thea (14) das Stroh aus dem Schildkrötenhaus. «Das ist Elena», sagt Thea. «Wir erkennen sie am Muster des Panzers», ergänzt die Mutter. Kurz darauf streckt die Griechische Landschildkröte ihren Kopf hervor und blinzelt in die Frühlingssonne. «Willkommen zurück aus dem Winterschlaf, meine Liebe», sagt Riniker und krault das Tier unter dem Kinn.
Danach flickt die FDP-Nationalrätin die Tür des Schildkrötenhauses, da- mit Elena und ihre drei Artgenossen wieder ein- und ausgehen können. «Die Sicherheit, das ist mein Job», sagt Riniker und schmunzelt.
Mit einer anderen Art von Panzer sorgt Maja Riniker in den letzten Wochen für rauchende Köpfe. So fordert die Sicherheitspolitikerin, einen Teil der 96 Leopard-Panzer ins Ausland weiterzugeben, die seit Jahren in einer Halle in der Ostschweiz eingemottet sind. Dadurch könnten Staaten wie Polen ihre Bestände auffüllen, nachdem sie die Ukraine mit eigenen Panzern versorgt hätten.
«Kommt gar nicht infrage», schiesst die Schweizerische Offiziersgesellschaft in der Presse scharf – man hätte heute schon nicht genug Fahrzeuge. «Ich habe aus Militärkreisen aber auch viel Zuspruch bekommen», sagt Riniker bei einem Kaffee auf dem Gartensitzplatz ihres Hauses im aargauischen Suhr.
Dennoch: «Die Emotionalität hat mich überrascht.» Vor allem, weil sie ebenfalls dafür sei, die Armee wieder voll aufzurüsten und zu diesem Zweck die Leopard-Panzer zu modernisieren und zu reaktivieren. «Aber alle 96 brauchen wir definitiv nicht.» Zudem sei es auch im Interesse der Schweiz,dass sich die Ukraine weiterhin verteidigen könne.
Das Bewusstsein, in einer sicheren Umgebung aufzuwachsen, prägt Maja Riniker von Kind an. «Für mich war immer klar, dass das Militär ein Teil dieser Sicherheit ist.» Ihr Vater, ein Architekt, war Kommandant eines Panzerbataillons.
Auch Riniker überlegt sich, die Rekrutenschule zu absolvieren. Dann stürzt sie mit 17 Jahren bei einer Nachtübung in der Pfadi einen Fels hinunter, bricht sich einen Rückenwirbel und liegt vier Wochen im Spital. «Ich hatte riesiges Glück – doch was das Militär angeht, brachte es mein Vater auf den Punkt: UT – untauglich.»
Dafür entdeckt Maja Riniker die Politik. Als Vertreterin der Pfadiorganisation reist sie im gleichen Jahr an die Jugendsession nach Bern. «Dort merkte ich: Politisieren, das macht Spass!»
Rinikers Sohn Max (15) und Tochter Louise (12) kommen zum Zmittag nach Hause. Der Älteste legt ein dickes Couvert mit Geld auf den Küchentresen. «Wir haben Kuchen verkauft – das Geld ist für das Weltpfadilager Jamboree in Südkorea.» Maja Riniker schmeckt gerade die Pastasauce ab, die ihr Mann Florian, 46, ein Magen-Darm-Spezialist, gekocht hat. «Wir sind eine Pfadifamilie», sagt sie. Vor 20 Jahren lernen sich die damalige Bankkauffrau (Pfadiname Wuschel) und der Assistenzarzt (Pfadiname Chico) an einem Fest eines Pfadikollegen kennen.
Fünf Jahre später kommt Sohn Max zur Welt, Anfang 2009 folgt Thea. Riniker, inzwischen studierte Betriebsökonomin FH, arbeitet bei der UBS und erlebt die Finanzkrise der Nullerjahre hautnah mit: «Mit Thea in der Babytrage telefonierte ich mit meinem Vorgesetzten. Er sagte mir, ich müsse nach dem Mutterschaftsurlaub nicht mehr zurückkommen.» Diese Erfahrung formt Rinikers Verständnis von Sicherheit zusätzlich.
Bei ihrer Wahl in den Nationalrat 2019 meldet sich die ehemalige Aargauer Grossrätin freiwillig für den Einsitz in der Sicherheitspolitischen Kommission, seit 2020 präsidiert sie den Schweizerischen Zivilschutzverband. Kaum im Amt, bricht Corona aus, und der Bundesrat bietet zur Bewältigung der Pandemie das Personal in Orange auf. «Wie professionell meine Leute damals etwa das Gesundheits- und Pflegepersonal unterstützten, macht mich stolz.»
Dann kommt der Krieg in der Ukraine, und Riniker führt Journalisten des Österreichischen Rundfunks (ORF) in die Zivilschutzbunker. «Wir haben eine Schutzplatzquote von über 100 Prozent – das beeindruckte alle», sagt Riniker, welche die Frauen im Zivilschutz und in der Armee mehr in die Pflicht nehmen möchte.
Privat igelt sie sich nicht ein. «Sie mag Menschen und ist gesellig», sagt ihr Mann Florian (46). Dazu passt, dass ihr Freunde auf den 40. Geburtstag einen Flipperkasten schenkten. Er steht im Wohnzimmer und spielt auf Knopfdruck «Highway to Hell» von AC/DC. «Rock gefällt mir.»
Als Ausgleich zur Politik geht sie zweimal in der Woche joggen, schwimmt sie oder fährt mit der Familie im Berner Oberland Ski.
Gewissenhaft, zuverlässig, ehrlich – so beschreiben Parlamentskolleginnen und Kollegen Riniker. «Sie hat auch den Mut, sich innerhalb der Sicherheitskommission zu exponieren», sagt Mitte-Kommissionskollege und Nationalratspräsident Martin Candinas. Riniker unterstützt ihn zurzeit als zweite Vizepräsidentin – 2025 ist sie voraussichtlich Hausherrin über das Parlament. «Die Sitzungen zu strukturieren – ich glaube, das liegt mir.»
Was ihren Panzervorstoss betrifft, nimmt Riniker trotz Ablehnung in der Kommission einen neuen Anlauf – bei der Beratung der Armeebotschaft. «Die Chancen für eine Lösung sind intakt.»
Den gepanzerten Tieren im eigenen Garten wird es egal sein: Ausser Elena sind alle noch im Winterschlaf.