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Golf
Aus der Geschichte des Golfs
Vom Elite- zum Massensport, Thomas C. Guggenheim
Einleitung
Das Golfspiel wurde vermutlich im 15. Jahrhundert in Schottland „erfunden“. Bald wurde es auf den britischen Inseln und später in den englischen Kolonien von der „gehobenen Gesellschaft“ gepflegt. Im 20. Jahrhundert trat es seinen Siegeszug um die Welt an. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang dem Golf auch in Europas Ländern der Durchbruch zum Volkssport. In der Schweiz erfolgt dies jedoch eher zaghaft. Noch wehrt sich nämlich der allmächtig scheinende Generalsekretär des Dachverbandes, Association Suisse de Golf ASG, gegen eine nachhaltige Popularisierung.
GOLF: Allgemeiner Überblick
Wann und wo das erste Mal Golf gespielt wurde, werden wir wohl nie erfahren. Da der Mensch immer mit Bällen spielt, ergab sich das Golfspiel vermutlich irgendwann „wie von selbst“. Der Name „Golf“ taucht erstmals 1457 in Schottland auf. Mehrheitlich nimmt man an, die Wiege des Golfs habe in diesem Teil der britischen Inseln und zwar in der Stadt St. Andrews gestanden. Anfang des 17. Jahrhunderts hielt Golf in England Einzug; nach der Vereinigung der beiden Königreiche im Jahr 1603 wurde James VI. von Schottland gleichzeitig James I. von England. Er zog mit seinem Hofstaat nach London; bald vertrieb sich sein Gefolge in der Nachbarschaft von Greenwich die Zeit mit Golf.
Den einfachen Bürger interessierte zwar das Spiel, doch war es ihm, da zu teuer, versagt. So waren es vorerst Freimaurer, die in England Golf am Leben hielten. 1744 wurde in Leith der erste Golfclub gegründet, zehn Jahre später folgte St. Andrews. Golfbegeisterte Schotten trugen das Spiel über die Grenzen hinaus in die Kolonien des United Kingdom. 1829 wurde der erste Parcours ausserhalb der britischen Inseln in Kalkutta in Betrieb genommen.
Ein schottisches Sprichwort lautete: „Die Männer spielen, die Kinder tragen die Instrumente und unsere lieben Frauen verteilen die Geschenke.“ Erst nachdem Golf den Ärmelkanal überquert hatte, gelang den holden Damen der Durchbruch in die golfbestimmende Männerwelt, die sich natürlich äusserst entrüstet zeigte, als 1888 der Golfplatz in Biarritz mit einem Damenturnier eröffnet wurde. In diesem Zusammenhang darf am Rande darauf hingewiesen werden, dass der Ausdruck „Caddie“ darauf zurückzuführen ist, dass eine britische Königin die Taschen und Schläger tragenden Kinder „cadets“ nannte. So wurden aus Kadetten „Schlägerträger“
Drei Ereignisse bewirkten, dass sich die breite Masse zuerst in England und später in den Vereinigten Staaten von Amerika dem Golfspiel zuwandte: Zum Ersten ein erschwinglicher Golfball. War es anfänglich ein sehr teurer, mit Federn gestopfter Lederball, der bald einmal platzte, löste ihn der billigere, robustere Guttaperchaball ab. Als Zweites machte es mehr Freizeit möglich. Schliesslich trug die Ausweitung des Eisenbahnnetzes zur explosionsartigen Entwicklung bei; denn so konnte man billig und einfach im Land herumkommen und auf Fairways spielen, die weit verstreut lagen. Beinahe unglaublich mag es anmuten, dass sogar die Erfindung des Rasenmähers zur Verbreitung des Golfs beitrug. Bis dahin war Golf vor allem in Dünengebieten angesiedelt und im Landesinnern kaum möglich, weil das Gras zu schnell wuchs und die Bälle zu rasch verloren gingen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zählte man in England um die zweitausend Golfplätze, vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich diese Zahl verdoppelt. Beinahe jede Kleinstadt bietet heute mindestens einen Golfparcours an. In den USA setzte eine erste Welle des Golfbooms zwischen 1890 und 1900 ein. Hier hatten Schotten den „Oakhurst Golf Club“ gegründet. Das Spiel breitete sich 30 Jahre lang jedoch nur in der gehobenen Gesellschaftsschicht aus. Die Volksmenge befand negativ mit den Worten: „Golf! Eine ausländische Marotte der feinen Leute!“ Für einen gewaltigen Umschwung sorgten die „Goldenen Zwanziger“ nach dem Ersten Weltkrieg. Der Golfsport schüttelte die letzten Reste schottischer Einflüsse ab. Ein neuer Nationalsport wurde geboren. Von den dreissiger Jahren an wurde Golf in Nordamerika ein Sport für alle.
Engländer eröffneten 1856 in Pau den ersten Golfplatz von Frankreich. Zwei britische Ärzte hatten ihren Landsleuten den Ort zur Heilung von Tuberkulose und andern Krankheiten empfohlen. Die im Pyrenäenvorland gelegene, vorwiegend von Basken bewohnte Ortschaft wurde in der Folge zu einer Art britischer Kolonie. Doch die reichen Engländer wollten anfänglich nicht einmal von der französischen Aristokratie etwas wissen und verwehrten ihnen dreissig Jahre lang den Zutritt zum Golfplatz. Erstmals im Jahr 1907 durfte ein Franzose den Golfclub präsidieren (damals versahen übrigens die „Captains“ die Rolle der heutigen Clubpräsidenten). Nach und nach wandte sich die noble französische Aristokratie dem Golfspiel zu. So entstanden Golfplätze in der Zeit der „Belle Époque“ für Sommerfrischler an der Côte d’Azur, im Süden der atlantischen Küste und in ausgesprochenen Badeorten. 1901 erhielt die Pariser Aristokratie ihren ersten Golfplatz, den „Golf de la Boulie“ in Versailles (heute ein 45-Loch-Platz). Wer sich für einen Beitritt interessierte, wurde u.a. nach seinem Beruf gefragt. Antwortete er mit „ohne Beruf“, bedeutete dies, dass er von den Zinsen seines Vermögens lebte, und er wurde widerspruchslos aufgenommen. Eine französische Schriftstellerin schrieb 1930 über Golf: „Snobismus beherrscht ihn, propagiert und ramponiert ihn zugleich.“ Golf hat in Frankreich in den letzten dreissig Jahren eine sprunghafte Entwicklung durchgemacht und sich seiner elitären Fesseln entledigt. Begonnen hat es damit, dass sich Pierre-Étienne Guyot als Präsident (1970 bis 1981) der Fédération Française de Golf (FFG) konsequent und energisch dafür einsetzte, „Golf allen sozialen Klassen zu öffnen“. Der bewirkte Boom hatte auch seine negativen Seiten: Es wurde gebaut, dabei allzu ambitiöse Projekte realisiert, oft im gleichen Einzugsgebiet und ohne vorheriges Studium der Nachfrage. Durch Konkurse ergaben sich jedoch automatisch die für geregelte Marktverhältnisse notwendigen Korrekturen. Der Markt bestimmte ebenfalls finanzielle Fragen, insbesondere die Höhe von Kapitalbeteiligungen und der Green-Fees. Golfer in Frankreich brauchen nicht mehr unbedingt Mitglieder eines Golfclubs zu sein. Es gibt heute mehr kommerziell ausgerichtete Clubs als private, wo man sein Green-Fee bezahlt und spielt. Basta!
Auch in Deutschland machte ein Engländer die Gastgeber mit Golf bekannt. Ein Generalmajor Duff von der Königlichen Englischen Garde liess 1891 in Homburg, wo er zur Kur weilte, im Park künstliche Hindernisse errichten, damit die Hofgesellschaft dem Golfspiel nachgehen konnte. 1893 gab es in Wiesbaden, zwei Jahre später in Bremen-Vahr und Berlin-Westend die ersten Clubgründungen. Bad Homburg zog 1899 nach und hatte mit 1153 Metern wohl den kürzesten Platz der Golfgeschichte. 1907 war das Geburtsjahr des „Deutscher Golf Verband“ (DGV). Der Erste Weltkrieg stoppte die Aufwärtsentwicklung, und die meisten der damals 19 Plätze mussten schliessen. Erst 1923 kam wieder Bewegung in die Golfszene, erlitt jedoch wegen des Zweiten Weltkriegs abermals einen Rückschlag. 1949 wurde der DGV neu gegründet, 1952 gaben die Besatzer die Plätze zurück an ihre früheren Eigentümer.
1981 gewann mit Bernhard Langer erstmals ein deutscher Profi die German Open; 1985 setzte er sich in Augusta beim US-Masters gegen die gesamte Golfelite durch und gewann eines der bedeutendsten Turniere der Welt. Diese beiden Ereignisse sorgten für Schlagzeilen und lösten in Deutschland einen Golfboom aus. Die jährlichen Zuwachsraten lagen bei 15 Prozent. Die Zahl der Golfwilligen überstieg das Angebot an Golfplätzen. Man rief geradezu nach öffentlichen Plätzen, um den Einstieg zu erleichtern. 1994 zählte man in Deutschland 423 Golfplätze und 225'000 lizenzierte Golfer, 2003 waren es 646 Plätze und gegen 460'000 Spieler. Zu Beginn der 90er Jahren setzte der Deutsche Golf-Verband (DGV) offiziell auf die Karte „moderner Golfverband“ und öffnete 1993 mit der Gründung der „Vereinigung clubfreier Golfer im deutschen Golf-Verband e.V.“ (VcG) die Türe für die unabhängigen Golfspieler. 16'000 Clubfreie verfügen zurzeit über 600 Übungs- und Spielmöglichkeiten. DGV und VcG ermöglichen des weitern mit der finanziellen Unterstützung von Aktionen „Pay and play“ auf 6- und 9-Loch-Parcours Interessenten den Einstieg in den Golfsport.
Golf in der Schweiz
In der Schweiz ging der Anstoss zur Gründung von Golfvereinigungen - wie könnte es anders gewesen sein? - von Briten aus. Aber auch andere reiche Touristen forderten die Schaffung von Golfplätzen. Die Hoteliers der grossen Häuser gehorchten. In der Festschrift zum 100jährigen Bestehen der Association Suisse de Golf (ASG) werden als erste Clubs genannt: St. Moritz (1891), Samedan (1893), Maloja (1897), Montreux (1900) und Luzern (1902). Die Statistik nennt für das Jahr 1914 22 Millionen Logiernächte von Golfspielern aus England, den USA, Deutschland, Frankreich und Russland. Die ASG wurde 1902 gegründet.
Golf gehörte auch in der Schweiz den Reichen. Man darf dabei nicht ausser Acht lassen: Nicht nur Golf war früher den Eliten vorbehalten, sondern auch Tennis, Reiten, Rudern, Radrennen, lange Zeit auch Handball, Fussball, Skifahren, Curling u.a. Die schweizerische Arbeiterschaft war während Jahrzehnten genötigt, eigene Sportvereine zu unterhalten und entsprechende Verbände zu gründen (Stichwort dazu: Satus-Bewegung). Zwar setzte sich bereits Baron Pierre de Coubertin, Gründer des internationalen Sportes durch die Wiederbelebung der Olympischen Spiele, 1900 für eine Popularisierung des Golfsportes ein, „dieser interessante, gesunde Sport sollte allen Gesellschaftsschichten zugänglich sein“. Das war zu seiner Zeit nicht mehr als ein frommer Wunsch.
Selbstredend waren die führenden Männer im Golfsport Offiziere der Schweizer Armee. Sie wurden zu Beginn des Ersten Weltkrieges zu den Fahnen gerufen und unterbrachen die Golftätigkeiten. 1920 wurde die ASG wiederbelebt. 1921 gab es in der Schweiz 21 Parcours. Erneut ruhten die Golfaktivitäten wegen des Zweiten Weltkrieges. Immerhin zählte man 1946 in 21 Clubs offiziell 849 Golfer. 1968 waren es 29 Golfplätze und um die 4'000 lizenzierte Spieler. Die Zahl der Plätze war 1984 dieselbe, doch wies die ASG bereits einen Bestand von 11'100 Golfern aus. In ihrer Festschrift erklärt die ASG, in den 90er Jahren habe sich der Golf begonnen „zu demokratisieren“. Als Zeugnis werden ehemalige populäre Sportgrössen genannt, die sich dem Golfspiel verschrieben haben, darunter Namen wie Bernhard Russi, Pirmin Zurbriggen, Maria Walliser, Ferdy Kübler, Jakob Hlasek. Dies habe bewirkt, stellt der Berichterstattet in der Festschrift der ASG fest, dass gelegentlich die Schweizer Presse über Golfaktivitäten in der Schweiz berichte. Doch dauerte es bis zum 7. Mai 1998, dass sich der Dachverband endlich durchrang, mit der Association Suisse des Golfeurs Indépendants (ASGI) nach dem Vorbild der deutschen Vereinigung clubfreier Golfer eine Organisation zugunsten schweizerischer, unabhängiger Golfspieler anzuerkennen und ihr Patronat zu übernehmen. Die ASGI rechtfertigte seither ihre Existenz durchaus, hat eine stürmische Entwicklung durchgemacht und zählte Ende 2004 mehr als 11'000 Mitglieder. Gegen 45'000 Golfer und Golferinnen sind Mitglieder in einem der 85 ASG-Golfclubs. Etwa 30'000 Schweizer und Schweizerinnen sind weder Mitglied eines ASG-Clubs noch der ASGI und huldigen als völlig ungebundene Golfer diesem immer beliebteren Spiel.
Dennoch hat der schweizerische Golfsport sich, nicht zuletzt wegen einer an Sturheit grenzenden Beharrlichkeit der Verantwortlichen der ASG sein Image als „Sport der Reichen, der alten Herren und der Snobs“ bewahrt. Es wäre wohl an der Zeit, die Augen zu öffnen und den Realitäten eines „Volkssportes Golf“ Rechnung zu tragen. Erhalten wir jedoch die Hoffnung aufrecht, dass auch in der Schweiz das Modell des „Pay and play“ gefördert wird und unnötige Monopole fallen.
Golf: Handicap, Macht und Machtmissbrauch
Der griechische Philosoph Aristoteles war einmal von einem Schüler gefragt: worden: „Meister, wie lerne ich Laute spielen?“ Der weise Lehrer hatte geantwortet: „Indem du Laute spielst!“ So halten es beim Golf die angelsächsischen Länder. Man lernt Golf, indem man es spielt. Diese Möglichkeiten sind in der Schweiz rar. „Richtiges Golf“ beginnt mit der Platzreife, einer theoretischen und einer praktischen Prüfung, bei deren Bestehen dem Prüfling ein erstes Handicap (in der Regel 36 oder 54) zugestanden wird. Einige wenige Clubs lassen ihre Mitglieder bereits früher auf den Parcours, wenn der Golflehrer die entsprechende Erlaubnis dazu gibt.
Was ist Handicap? Im Grunde genommen gibt die rätselhafte Ziffer die Leistungsstärke des Spielers an, sie gibt Auskunft, mit wie vielen Schlägen der Golfer üblicherweise unter normalen Verhältnissen einen Parcours bewältigt. Das Handicap diente eigentlich dazu, Spielern unterschiedlicher Leistungsstärke zu gestatten, bei gleichen Voraussetzungen miteinander Wettkämpfe zu bestreiten. Weil das Handicap in Kontinentaleuropa und somit auch in der Schweiz nicht nur Leistungsausweis, sondern auch eine Voraussetzung ist, überhaupt auf einem Golfplatz spielen zu dürfen, vermittelt es Macht und Erwerbsmöglichkeiten. Bis zur Gründung der ASGI verwalteten und bestimmten einzig die heimischen Golfclubs, wer welches Handicap erhält und vergaben es ausschliesslich an ihre Mitglieder. Golfer, die nicht Mitglied eines vom schweizerischen Dachverbandes ASG anerkannten Clubs waren, hatten praktisch keine Möglichkeit, in ihrem Land Golf zu lernen, geschweige denn zu spielen.
Wer die Autoprüfung machen will, muss zuerst zu einem Fahrlehrer, wer die Prüfung zur Platzreife erfolgreich bestehen will, muss in Kursen Theorie lernen und sich im praktischen Umgang mit den Schlägern von einem Golflehrer unterweisen lassen. In beiden Fällen kostet es Geld, und es können je nach der Begabung des Schülers bzw. der Schülerin rasch vierstellige Beträge sein. Verschiedene Clubs, Golflehrer und Betreiber von Driving Ranges nutzen diese Entwicklung des Handicaps von einem Leistungs- zu einem Fähigkeitsausweis als willkommene Einnahmequelle. Völlig ungebundene Golfer verschaffen sich deshalb oft ihren „Fähigkeitsausweis“ bei einem ausländischen Club. Im Internet findet man Adressen, wo Mitgliedschaftskarten ausgestellt werden (z.B. www.golftour.de/mitgliedschaften.php). Diese Karten werden von den entsprechenden Dachverbänden des Landes bestätigt und deshalb auf den meisten schweizerischen Golfplätzen akzeptiert. Auch Schweizer Golfclubs, insbesondere die Clubs der Migros benutzen diese Einnahmequelle; gegen eine Jahresgebühr von Fr. 200.- bis Fr. 800.- stellen sie „Mitgliedschaftskarten“ aus, die mit dem offiziellen Signet der ASG versehen sind. Die ASG kassiert hiermit ohne entsprechende Gegenleistung von jedem „clublosen Golfer“ Fr. 65.-.