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Ein Einblick in mittelalterliche medizinische Handschriften
Dass die Menschen im Mittelalter über teils gar merkwürdige Methoden gegen Krankheiten verfügten, ist allgemein bekannt. Doch welche Mittel standen ihnen tatsächlich zur Verfügung und wie arbeiteten damals die Ärzte? Im folgenden Artikel werden drei Seiten aus Handschriften der Sammlung Codices Palatini germanici der Universitätsbibliothek Heidelberg vorgestellt und damit auch die Welt der mittelalterlichen Medizin.
Text | Jacqueline Rüesch
Die Universitätsbibliothek Heidelberg besitzt eine grosse Sammlung mittelalterlicher Handschriften, vorwiegend aus dem Bestand der Universität, welche 1386 gegründet wurde. Nebst der Bibliothek der Artisten besteht der Schwerpunkt dieser Sammlung aus Büchern des damaligen Trivium Theologie, Jurisprudenz und Medizin. Weitere Bestandteile bilden die Bücher aus der von Kurfürst Ludwig III gegründeten Stiftsbibliothek und seinem früheren Privatbesitz. Unter Kurfürst Ottheinrich gingen diese Bücher in die «Bibliotheca Palatina» auf der Empore der Heiliggeistkirche über. Im Zuge des dreissigjährigen Krieges wurden sie dann als Kriegsbeute in die Bibliothek des Vatikans integriert und erhielten ihre Signatur nach den vier Sprachen Latein, Griechisch, Hebräisch und Deutsch. Erst nach einem Beschluss des Wiener Kongresses wurden die deutschsprachigen und einige lateinische und griechische Codices schliesslich 1816 wieder nach Heidelberg zurückgeführt1.
Handschriften waren zur Zeit der Entstehung der Universität sehr kostbar und damals vor allem den Klöstern, Universitäten und dem gebildeten vermögenden Adel vorbehalten. Erst mit der Entstehung des Buchdrucks 1450 gelangten die Schriften auch über deren Mauern hinaus und wurden vermehrt auch in Deutsch verfasst. Innerhalb dieses Kreises wurde allerdings auch danach noch vorwiegend in Latein gelehrt, weshalb solche Schriften der Allgemeinheit in der Regel verborgen blieben.
Deutschsprachige medizinische Schriften
Da mit dem vierten Laterankonzil von 1215 die chirurgische Praxis für universitär ausgebildete Ärzte untersagt wurde, erfolgte eine Trennung von Innerer Medizin und Chirurgie. Ärzte der Inneren Medizin wurden fortan an Universitäten ausgebildet, diejenigen der Chirurgie lernten ihren Beruf des Wundarztes in Form einer Lehre, waren des Lateins somit nicht mächtig und mussten ihr Fachwissen aus deutschen Quellen schöpfen2. Solche bildeten hauptsächlich handschriftliche Übersetzungen lateinischer Texte, deren Verbreitung auch im späteren Mittelalter nicht über den Druck, sondern über Abschriften erfolgte. Deutsche medizinische Handschriften sind aus diesem Grund keine Seltenheit und geben einen Einblick in das damals geheim gehaltene Fachwissen.
Johannes Hartliebs Kräuterbuch
Die Medizin des Mittelalters basierte vor der Theorie einer chemischen menschlichen Physiologie des Paracelcus (1493-1541) hauptsächlich auf der Heilkraft der Pflanzen und stand unter dem Einfluss der Viersäftelehre Galens und der Theologie3. Das Wissen über die Heilkraft der Kräuter war ein wichtiger Bestandteil des Fachwissens mittelalterlicher Ärzte, weshalb es in Kräuterbüchern gesammelt wurde. Das Kräuterbuch Johannes Hartliebs, das den zweiten Teil des Sammelcodexes Cpg 311 bildet, wurde ca. 1460 im fränkischen Sprachraum verfasst. Es enthält solche Beschreibungen der Wirkkraft diverser Pflanzen, darunter beispielsweise des Spitzwegerichs. Gemäss der Handschrift half jener schon damals vor allem bei Erkältungskrankheiten und Entzündungen.
Rezeptsammlungen
Nebst den genannten Kräuterbüchern gab es auch zahlreiche Sammlungen verschiedener Rezepte, welche teilweise als lose Papierbündel dem praktischen Gebrauch dienten und erst sehr viel später zu einem Buch zusammengebunden wurden. Der aussergewöhnlich schön geschriebene Cpg 207 bildet vermutlich eine Abschrift des 16. Jahrhunderts einer solchen Sammlung, darunter finden sich Rezepte gegen Krankheiten des HNO-Bereiches, der Augen und der inneren Organe. Die Vorderseite des Blattes 57 beispielsweise zeigt zwei Rezepte gegen Halsschmerzen.
Uroskopie
Im Zusammenhang mit der Humoralpathologie von Hippokrates und Galen wurden schon im alten Griechenland und später auch im Mittelalter Diagnosen anhand der Beschaffenheit der Körpersäfte getroffen. Hierzu diente die damals genannte Urinschau, wobei die Krankheit nach Farbe, Geruch, Geschmack und Konsistenz des Urins eines Patienten diagnostiziert wurde. Auf einigen Seiten der süddeutschen Sammelhandschrift Cpg 644 von ca. 1450 wird die entsprechende Lehre vorgestellt. Die Erläuterung unter dem Bild auf der Rückseite von Blatt 96 lautet «Hat der harm ein dicken kreiss / und ist oben schaumig so ist die / prust unkreftig». Setzen sich folglich Urinpartikel am Rand des Untersuchungsglases ab und schäumt der Urin, soll die Brust des Patienten schwach sein und jener wohl anfällig für Lungenkrankheiten.
Die Viersäftelehre hielt sich bis zur Begründung der Zellularpathologie Rudolf Virchows im 19. Jahrhundert, welche die Theorie schliesslich überholte2. Nach einem Einblick in die mittelalterlichen medizinischen Codices scheint aber auch das Mittelalter den Krankheiten nicht in allen Belangen hilflos gegenübergestanden zu haben. So bezeugen die Codices auf lebendige Weise die mittelalterliche Etappe in der Entwicklung der Medizin zum heutigen Kenntnisstand im Gesundheitswesen.
Bibliografie
- Zimmermann K, Effinger M: Die Bibliotheca Palatina – Schicksale einer weltberühmten Bibliothek. Universitätsbibliothek Heidelberg 10; 2012: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/de/bpd/bibliotheca_palatina/geschichte.html.
- Eckart WU: Geschichte der Medizin. Fakten, Konzepte, Haltungen. 6. völlig neu bearb. Aufl. Springer, 2009.
- Risse GB: Medical Care. Bynom WF, Porter R (Hrsg.): Companion Encyclopedia of the History of Medicine. 2 Bde. Routledge, 1993; Bd. 1: 45-77.
- Die Codices Palatini germanici der Universitätsbibliothek Heidelberg: https://digi.ub.uni-heidelberg.de/de/bpd/virtuelle_bibliothek/codpalgerm/index.html.
Der vollständige Text mit den entsprechenden Abbildungen und Transkriptionen erscheint in der PraxisDepesche 2/20.