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Bass und Ecstasy in leeren Fabrikhallen: In den 1990er-Jahren pilgerten Raver:innen zu Tausenden nach Roggwil, in ein 3750-Seelen-Dorf im Kanton Bern. Über den Aufstieg und Niedergang eines Schweizer Rave-Mekkas.
2001 ging eine Ära zu Ende. Am 23. Juni war im alten Fabrikareal der Gugelmann Spinnerei, am nördlichen Ende des Dorfes, ein Feuer ausgebrochen, über 300 Feuerwehrleute waren während zwei Tagen im Löscheinsatz.
Grosse Rauchwolken zogen am Jura entlang Richtung Grenchen, weshalb die Bevölkerung angewiesen wurde, die Fenster geschlossen zu halten. Zahlreiche Lagerhallen, Veranstaltungsequipment im Wert von mehreren hunderttausend Franken und ein Musik-Club gingen in Flammen auf. "Mit dem Techno ist es in Roggwil vorbei”, schrieb die Berner Zeitung.
Knapp zwei Monate zuvor tanzten auf dem Gelände noch 12’000 Personen aus der ganzen Schweiz und dem Ausland an einem der Mega-Raves, für die das Berner Dorf während einer knappen Dekade im ganzen Land und darüber hinaus bekannt war.
In den 1980er-Jahren waren in den USA mit House und Techno neue Genres der elektronischen Musik aufgekommen, die gegen Ende des Jahrzehnts langsam aber sicher die Dancefloors der europäischen Clubs und Diskotheken eroberten – auch in der tiefen Provinz.
Leere Fabrikhallen
Damals entwickelte der angehende Elektriker Mirosch Gerber, der im Roggwiler Nachbardorf Wynau aufwuchs, eine Leidenschaft für elektronische Musik. Kurz nachdem der heute 51-jährige Gerber 1986 seine Lehre in der alten Textilfabrik Gugelmann begonnen hatte, fing er an, Platten zu sammeln und als DJ Musik aufzulegen. Zuerst Disco, bald auch Acid und Techno.
Die Begeisterung für Musik führte Gerber nach England, wo er nicht nur Platten kaufte, sondern zum ersten Mal auch sogenannte Warehouse-Raves besuchte. „Das war unglaublich“, erinnert er sich. “Da standen Hunderte Leute irgendwo zwischen London und Brighton vor einem alten Fabrikgebäude an, du gingst durch einen unscheinbaren Eingang eine Treppe hinab und warst plötzlich in einer gigantischen Halle.“
In der Halle: Dröhnende Musik, tanzende Menschen, Drogen, Ekstase. Second Summer of Love nannte man die Sommer der Jahre 1988 und 1989 in England, welche die Partykultur als Erinnerungsort bis heute prägen. Es sei faszinierend gewesen, meint Gerber, aber, im Hinblick auf die den exzessiven Lebensstil, auch „ziemlich kaputt“: “Eat-Sleep-Rave-Repeat war das Motto dieser Eskapaden.”
Während der Wynauer seine Lehre bei Gugelmann beendete, ging es mit der Fabrik bergab. Die Schweizer Textilindustrie befand sich seit Jahrzehnten im Niedergang. Bald standen immer mehr Gebäude leer und Gerber, der bereits erste Erfahrungen im Auflegen und Organisieren von Partys in der Region gesammelt hatte, dachte sich: Das ist der perfekte Ort für einen Rave.
Aus der Idee wurde schnell Wirklichkeit: Im Mai 1993 veranstaltete er gemeinsam mit einem Kollegen den ersten Rave in der nun leeren Textilfabrik. Technik, Booking, Bar – sie organisierten alles selber. “An die erste Party kamen 600-700 Personen, was schon viel war für Roggwil”, erinnert sich Gerber.
Eine der lebendigsten Technoszenen der Welt
Das Dorf an der nordöstlichen Grenze des Kantons Bern in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Kantonen Solothurn, Aargau und Luzern zählt Anfangs der 90er um die 3750 Einwohner:innen. Es ist mit gleich zwei Bahnhöfen überdurchschnittlich gut erschlossen, hat ein paar kleine und mittlere Unternehmen, einen von SVP und SP dominierten Gemeinderat, eine lebendige Vereinskultur.
Da sich das Fabrikareal in einer Senke abseits des Dorfkerns befindet, hörte man vor allem den Bass in ganz Roggwil, belästigt fühlte sich davon aber praktisch niemand. “Niemand im Dorf hatte ein Problem mit den Partys”, meint Annemarie Grütter. Die heute 63-Jährige war von 1993 bis 2001 Teil der Technoszene – allerdings nicht als Partygängerin, sondern als Mitglied des Roggwiler Samaritervereins. Dieser urschweizerische, in zahlreichen Dörfern vertretene Verein bildet Zivilpersonen zur Leistung Erster Hilfe aus. Mit den Samariter:innen war ein wichtiger Roggwiler Verein an den Partys präsent.
Es scheint, als wäre man sogar ein bisschen stolz darauf gewesen, dass plötzlich Leute aus der ganzen Schweiz anreisten, wie etwa verschiedene Beiträge des Schweizer Fernsehens nahelegen. Die meisten Partygänger:innen reisten mit dem Zug direkt an den Bahnhof Roggwil-Wynau, der nur wenige hundert Meter von den Fabrikhallen, in denen die Raves stattfanden, entfernt liegt. Der Vater eines Freundes habe in den 1990ern am Bahnhof Roggwil-Wynau gearbeitet, und dank der Partys Billette für irrwitzige Strecken verkauft, erzählt Mirosch Gerber. “Roggwil-Frankfurt, Roggwil-Napoli und solche Sachen."
"Wir haben den Bahnhof vermutlich vor der Schliessung gerettet."
Wie sahen die Dorfbewohner:innen die ravenden Massen? Und was machten die eigentlich? Historische Aufnahmen aus dem bernischen Rave-Paradies:
Die Technoszene der Schweiz gehörte in ihren Anfängen in den 1990er-Jahren weltweit zu den lebendigsten. Das hatte unter anderem mit der Lage im Herzen Europas zu tun, erklärt Bjørn Schaeffner vom Verein ClubCultureCH, der die Geschichte des Schweizer Nachtlebens aufarbeitet. Die Partykultur, die sich ab 1990 in Zürich, Montreux und anderen Schweizer Städten entwickelte, sei eng mit der in Deutschland, Italien und Frankreich verschränkt gewesen, so Schaeffner. "Roggwil mutierte als Dorf zu einem zentraleuropäischen Raver-Mekka."
Ein anderer aus dem Dorf, der von Anfang dabei war, ist Michael Glauser (Name geändert). Im Frühling 1993, als die erste grössere Party im Gugelmann stieg, war er erst 13 Jahre alt. “Ich ging mit ein paar Freunden hin, wir standen vor dem Eingang rum und tranken Red Bull, damals noch illegal, das ein Typ für sieben Franken aus seinem Auto verkaufte”, erinnert er sich. Er sah die Leute in ihren verrückten Outfits: “Schlaghosen, Neonfarben, weisse Handschuhe, Buffalos.” Einmal drin, war er fasziniert: “Es hatte mich.” Stundenlang wanderte er mit seinen Freunden durch die diversen Hallen, in denen verschiedene Genres elektronischer Musik liefen, etwa Techno, House, Gabber, Drum&Bass oder Trance.
“1994 folgte der erste Big Bang”, sagt Organisator Gerber. Gerechnet hatten sein Partner und er mit 1000 bis 1500 Personen, stattdessen kamen 6000. Von da an ging es steil bergauf: Immer mehr Besucher:innen aus der ganzen Schweiz und dem Ausland, Extrazüge, die von Zürich nach Roggwil-Wynau fuhren und schliesslich ein vorläufiger Höhepunkt an der Odyssey 3 im Jahr 1995, als 13’000 Raver:innen eingelassen wurden – und 7000 Personen wieder nach Hause geschickt werden mussten.
“Es erreichte eine Dimension, die uns langsam unheimlich wurde”, meint Gerber. Auch die Stimmung sei damals auf einem Höhepunkt gewesen, sind sich Organisator und Raver einig.
“Man hat sich damals erzählt, es habe nicht eine einzige Schlägerei gegeben”, sagt Glauser über die im selben Jahr stattfindende Cubik 95. Grund dafür waren nicht nur die Musik und die intrinsisch gute Laune des Publikums, sondern auch die Droge, für welche die Ravekultur ebenfalls bekannt ist: Ecstasy.
“1995 habe ich zum ersten Mal eine Pille geschmissen”, sagt Glauser. Ecstasy, das in Tablettenform verkauft wurde und damals oft noch fast ausschliesslich MDMA enthielt, genoss den Ruf, die Konsument:innen euphorisch zu machen, erfüllt mit Liebe, total friedlich. “Du willst einfach alle umarmen”, sagt Glauser. Eine Mischung aus Freiheit, Liebe und Zusammengehörigkeit habe an den Partys geherrscht, er habe Leute aus der ganzen Schweiz und auch aus dem Ausland kennengelernt. “Es war die Zeit meines Lebens.”
Nach der Ekstase
Es sollte ein kurzer Höhenflug werden in Roggwil. Organisator Mirosch Gerber experimentierte mit dem Stil, wollte weg vom Mainstream-Techno und versuchte ein undergroundigeres Programm zusammenzustellen. Was nicht funktionierte: “1996 und 1997 waren schlechte Jahre”, so Gerber. Es kamen viel weniger Leute als erwartet, und grosse Verluste sorgten zusätzlich für eine Zäsur.
Auch die Stimmung war mit den Jahren nicht mehr ganz so friedlich wie zu Beginn, unter anderem wegen der markanten Verschiebung von Ecstasy hin zu Speed und Alkohol. “Das war zwar legaler für die Besucher, und besser für unser Portemonnaie, es gab aber sofort die mit dem Alkohol einhergehenden Probleme”, erinnert sich Gerber. Das Sicherheitspersonal musste massiv aufgestockt werden, und auch das Erste Hilfe Team hatte mehr zu tun. Das seien nicht mehr "die lieben Ecstasy-Kinder" gewesen. "Es klingt jetzt blöd, aber ich hatte lieber zehn Personen auf Ecstasy im Sani-Zelt, die da friedlich lagen, als zwei, die besoffen wie die Kuh waren und randalierten”, meint Samariterin Grütter.
Die zunehmende Gewalt hatte noch eine andere Ursache: Neonazis. Teilweise kamen sie aus dem Dorf selbst, das bis Mitte der 2000er-Jahre als ein Zentrum der rechtsextremen Szene galt, teilweise reisten sie aber auch aus Rom und Norditalien an, wie Mirosch Gerber meint.
Das Problem manifestierte sich insbesondere auf dem Gabber-Floor, einer sehr schnellen, harten, aus Rotterdam stammenden Musik, die rasch von der rechtsextremen Szene vereinnahmt wurde. “Drei Viertel des Publikums auf dem Gabber-Floor war okay”, so Gerber. “Aber wenn plötzlich die ganze erste Reihe den rechten Arm nach oben streckt, dann musst du sagen: Sorry, was ist denn da falsch gelaufen, das ist definitiv die falsche Adresse hier.”
Auf das Problem mit den Nazis reagierte man mit einer Aufstockung des Sicherheitspersonals, auf das des ausbleibenden Publikums mit einer stärkeren Ausrichtung auf Mainstream. Ab 1998 hatte Gerber einen neuen Partner, der “alles einkaufte, was Rang und Namen hatte”, wie er sagt. “Wir machten auf Kommerz.” Mit Erfolg: Für die erste Party der Goliath-Reihe, die 1998 stattfand, reisten 12’000 Personen an. Ab diesem Zeitpunkt sei es mehr Business als Herzensprojekt gewesen, so der ehemalige Organisator. Ein Business, das bis zum Brand 2001 florierte. Obwohl es zunehmend komplizierter wurde: Die behördlichen Auflagen wurden strenger und der Besitzer des Geländes, der Unternehmer Adrian Gasser, verlangte immer mehr Geld für die Nutzung, so Gerber.
Übrig bleibt eine ganze Generation, für die Roggwil ein Begriff ist, und viele gute Erinnerungen im Dorf. “Es war eine schöne Zeit”, meint Annemarie Grütter. Nie hätte es in ihrem Verein einen so starken Zusammenhalt gegeben, wie während der Einsätze an den Partys im Gugelmann. Auch Mirosch Gerber, der heute als Kampagnen-Manager bei der Post arbeitet, schaut gerne zurück. Er habe viel gelernt in dieser Zeit. “Die grossen Business-Erfahrungen, von denen ich heute noch profitieren kann, die habe ich damals gemacht. So was lernst du nicht an der Uni.”
Und Michael Glauser? Der heute 41-Jährige hat es geschafft, trotz den vielen Partys und Drogen, die er nicht nur konsumierte, sondern eine Zeit lang auch selbst verkaufte, Schule und Ausbildung abzuschliessen. Heute arbeitet er als Pädagoge und hat sein Leben im Griff. Ganz abgeschlossen hat er mit der Zeit aber nicht. “Manchmal treffe ich im Ausgang einen anderen alten Sack, der auf mich zukommt und meint: ‘Wir kennen uns doch von irgendwoher. Bist du dabei gewesen?’” “Ja”, sage er dann jeweils: “Ich war dabei – darum wissen wir es wohl beide nicht mehr.”
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