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| UNIVERSIDAD BERNA | LITERATRA COMPARADA | COLOMBIA |
Juan Gabriel Vásquez: The Art of the Novel – das Seminar aus der Sicht der Studierenden
— von Vera Ambühl und Benjamin Ambühl, Studenten, Institut für Germanistik, Universität Bern
© Universität Bern
«Im Schatten der Drogenbarone» – so kündigte die Universität Bern den kolumbianischen Schriftsteller Juan Gabriel Vásquez als Dürrenmatt-Gastprofessor des Frühlingssemesters 2017 in der Medienmitteilung an. Einige Monate vorher, im Oktober 2016, wurde dem kolumbianischen Präsidenten Juan Manuel Santos der Friedensnobelpreis verliehen; es sollte eine Signalwirkung haben und sein Versprechen unterstreichen, dass Kolumbien den langen Schatten der Drogenbarone und mit ihnen den Konflikt mit den FARC Rebellen hinter sich lässt. Diese gesellschaftliche Entwicklung im Land begleitete eine literarische Stimme, die auch in Europa gut bekannt ist: Juan Gabriel Vásquez. Sein Selbstverständnis als kolumbianischer Autor widerspiegelt sich in der Verantwortung, die er sich als Künstler im öffentlichen Diskurs zuschreibt. In der NZZ sagte er: «Es gibt Länder, in denen Literatur eine Präsenz in der politischen Debatte hat. In Kolumbien hört die Öffentlichkeit auf Schriftsteller.» Diese gesellschaftspolitische Verantwortung, die er der Literatur zuschreibt, und die unverzichtbare Funktion des Romans für die Entwicklung einer Gesellschaft sollten im Seminar also ein erstes Diskussionsthema werden. Das Seminar, das Vásquez unter dem Titel „The Art of the Novel - die Kunst des Romans“ unterrichtete, wurde in der Medienmitteilung aber noch mit weiteren inhaltlichen Schwerpunkten vorgestellt: Zweitens sollte beispielhaft die Entwicklung der Gattung Roman veranschaulicht werden. Dazu waren wir Studierende aufgefordert, anhand einer individuellen Leseliste die verschiedenen Entwicklungsschritte nachzuvollziehen. Und drittens sollte die Beziehung zwischen Fiktion und Wirklichkeit in der Literatur durch Gespräche von Juan Gabriel
Vásquez mit anderen Schriftstellern veranschaulicht werden. Zuletzt wurde dieser Aspekt im Werk von Gabriel García Márquez aufgezeigt.
In den ersten Wochen des Seminars fokussierten wir uns auf die Betrachtung des Genre „Roman“. Die These von Vásquez ist, dass der Roman als Genre - wie wir ihn heute kennen - vier grosse Strömungen aufgenommen hat und durch diese geprägt wurde:
— das Pikareske, oder der Schelmenroman, wie beispielsweise “Lazarillo de Tormes“. Entscheidend für die Entwicklung des Romans waren die Einführung der Ich-Perspektive eines einfachen Bürgers und die damit verbundene Empathie des Lesers gegenüber seinen Mitmenschen, vor allem auch gegenüber solchen aus den unteren sozialen Schichten.
— die Komödie, mit “Don Quijote“ von Miguel de Cervantes als Urvater aller modernen Romane. Das Werk ist gespickt von Ironie, also der Doppeldeutigkeit, mit der man die von Cervantes beschriebenen Situationen verstehen muss. Die Mehrschichtigkeit der Handlung und Pluralität der Perspektiven durch die Dialogform geben “Don Quijote“ eine Komplexität, wie sie die Literatur bis dahin nicht
gekannt hat.
— die Tragödie, mit bekannten Beispielen wie “Anna Karenina“ oder “Madame Bovary“. Das private Leiden und menschliche Abgründe werden zum Thema und die bis anhin nur fürs Theater reservierte Thematik und Form wurden in den Roman eingeflochten.
— das Essayistische, geprägt von Michel de Montaigne. Der Franzose brachte in seinen Essays eine neue Form zu Papier, wie man die Innenwelt einer Figur darstellen kann und als Leser die Gedanken einer Person erleben kann.
In diesem Teil des Seminars lasen die Studierenden alle zwei Wochen ein beispielhaftes Werk für die jeweils zur Diskussion stehende Strömung. Da die Leseliste individuell zusammengestellt werden konnte und auch sprachraumübergreifend sein durfte, ergaben sich spannende Fügungen in den kurzen Plenumsdiskussionen. Durch die vorgängige Bearbeitung der Werke wurden aber selbst die Ausführungen von Vásquez nicht zu einem reinen Monolog mit vorlesungshaftem Charakter, sondern die von ihm angesprochenen Punkte konnte jeder mit Beispielen und Assoziationen aus seinem Text ergänzen. Ursprünglich dachte Vásquez an, parallel zum Seminar ein Buch über die Entstehung des Genres zu schreiben. Jede Seminarsitzung hätte einem Kapitel in seinem Buch entsprochen. Wir Studierende hatten jedoch den Eindruck, dass er dieses Vorhaben nicht bis zum Ende des Seminars verfolgte: Je länger das Seminar dauerte, hatten seine Ausführungen einen immer freieren und assoziativeren Charakter. Er nahm Fragen und von uns Studierenden angesprochene Aspekte auf und diskutierte diese jeweils spontan. Dabei verlangte er von uns, sowohl die Perspektive des Autors (Was beabsichtige ich mit dem Text?), wie auch die Perspektive des Lesers (Was macht das Gelesene mit mir?) zu berücksichtigen, um die Funktion eines Textes zu diskutieren. So wurde uns immer wieder aufgezeigt, dass das Veröffentlichen von Texten eine für die Öffentlichkeit – und nicht nur für den Autor – relevante Bedeutung hat: Texte verändern die Wahrnehmung der Leser und erweitern deren empathisches Empfinden. Dadurch verändert sich ausgehend von der Individualebene auch die Kollektivebene und somit eine Gesellschaft an sich.
Diese Veränderungen können nur durch die Fiktion erreicht werden und sind durch «beschreibende, reale Darstellungen» in historischen Dokumenten eben gerade nicht möglich: für den Spanier Javier Cercas ist die Unterscheidung zwischen Fakt und Fiktion das entscheidende Kriterium, das einen Roman ausmacht. Cercas geht es vor allem um die Art von Fragen, die ein Buch stellt, wie er uns in einem Skype-Interview erklärte. Ein Roman soll eine Suche nach Wahrheit sein, aber nicht nach der Wahrheit in einem historischen Sinne, sondern nach einer moralischen Wahrheit. Davon gibt es nicht nur eine. Cercas geht oft der Frage nach, weshalb jemand in einer bestimmten Situation so handelt, wie er das tut; obwohl er die Freiheit gehabt hätte, anders zu handeln. Deshalb können nach Cercas Sachbücher nie die Funktion eines Romans übernehmen. Beide Genre haben aber einen ähnlich
wichtigen und fundamentalen Charakter für die Formierung einer Gesellschaft.
Eine klarere Unterscheidung zwischen historischen Gegebenheiten und Narration muss Philipp Blom vornehmen. Der deutsche Historiker und Schriftsteller (er schreibt Romane und Sachbücher) besuchte uns an einem Nachmittag im Seminar. Blom sprach mit Juan Gabriel Vásquez darüber, dass es ihm beim Schreiben aber immer darum gehe, die Geschichte von Leuten zu erzählen. Er gibt historischen Figuren eine fiktive Stimme: zwischen den historischen Fakten und den Menschen liegt für Blom eine unüberbrückbare Distanz. Diese Distanz weiss nur die Fiktion zu füllen - dadurch entstehen Romane. Romane sind Vorstellungen; der Autor muss keine Belege vorweisen. Durch den fragenden Charakter der Vorstellung, was in jemandem in einer Situation vorging, so dass die empirisch belegbaren historischen Fakten zu Stande gekommen sind, findet dennoch ein Prozess statt, der beim Leser zu einem Erkenntnisgewinn führt. Fakten in Beziehung zueinander zu setzen (Sachbücher) oder Möglichkeiten (fiktive Romane) auszuprobieren sind für Blom nur unterschiedliche Mittel, um zu einer Erkenntnis zu gelangen.
Die Intermezzi zeigten uns andere Sichtweisen auf das Wesen des Romans und insbesondere auf die Verbindung von Realität und Fiktion, als dass Vásquez sie uns vorstellte. Die mit Vásquez befreundeten Autoren widersprechen ihm in ihre Auffassung aber nicht. Das merkten wir auch in der Diskussion mit Vásquez immer wieder: es wurde immer wie klarer, dass es mehrere richtige Sichtweisen auf das Gleiche gibt.
Ein einzigartiges Beispiel für die Verflechtung von verschiedenen Wahrheiten bietet Vásquez‘ Landsmann, Gabriel García Márquez. Unser Seminar traf mit einem besonderen Jubiläum zusammen: Vor 50 Jahren erschien García Márquez‘ bekanntester Roman Hundert Jahre Einsamkeit. Der Dokumentarfilm Gabo: The Creation of Gabriel García Márquez gab uns Einblick in die Welt von García Márquez, die das Entstehen des magischen Realismus‘ möglich machte. Juan Gabriel Vásquez war es ein Anliegen, uns eine weitere, weniger bekannte Leseart des „Geburtstagskindes“ näher zu bringen: „Hundert Jahre Einsamkeit“ als eine verzerrte Version der Geschichte Südamerikas. Diese Thematik passte natürlich ausgezeichnet zum Thema des Seminars, wie ein Roman mit der Gesellschaft in Verbindung steht. García Márquez übernimmt die Rolle des Geschichtsschreibers für das einfache Volk, während die offizielle Geschichte Kolumbiens dies nicht immer bieten kann. Als Beispiel dafür dient die Verarbeitung des „Masacre de las Bananeras“ in García Márquez‘ „Hundert Jahre Einsamkeit“. Der Autor wählt die Zahl 3000 um zu beschreiben, wie viele Leute beim Massaker starben. Damit stiess er eine Diskussion um die Anzahl der Toten an, die bis heute nicht zu Ende geführt worden ist. Wie viele Arbeiter wurden tatsächlich ermordet? Wohl weit weniger als 3000, aber niemand weiss es genau. 3000 ist deutlich übertrieben, aber weil man sich in der kolumbianischen Öffentlichkeit nie auf eine Wahrheit als historische Betrachtung geeinigt hat, ist García Márquez‘ Version für die Kolumbianer ein Teil der Realität geworden und taucht immer wieder im öffentlichen Diskurs auf. Diese Funktion der Literatur entspricht dem, was Juan Gabriel Vásquez mit seinen Werken anstrebt: er wählt eine wichtige historische Gegebenheit aus der kolumbianischen Geschichte und bearbeitet diese auf eine neue Art und Weise. Für Juan Gabriel Vásquez ist das Schreiben eine Form der Erinnerung. „In politischen und sozialen Konflikten gibt es immer eine unsichtbare Seite; innere, moralische, emotionale Dimensionen “, sagt Vásquez. Die Aufgabe des Romans sei es, „die unsichtbaren Dinge sichtbar zu machen.“ Darin besteht die Einzigartigkeit des Romans und er soll die Aspekte der menschlichen Existenz nur so ergründen, wie es keine andere Kunstform zu erforschen vermag. Jeder Autor setzt seinem Roman eigene Spielregeln und geniesst innerhalb von diesen eine absolute Freiheit – auch die Freiheit, historische Gegebenheiten zu verändern. Fiktion darf allerdings nicht als absolute Wahrheit gesehen werden, sondern sollte ein Mittel dazu sein, einen gesellschaftlichen Zustand zu erreichen, indem verschiedene Ansichten und Wahrheiten Platz haben. Viele Länder Südamerikas erlebten lange Zeit Diktaturen, in denen es charakteristischerweise nur Raum für eine Wahrheit und eine Version der Geschichte gab. Deshalb ist die Rolle der Schriftsteller umso wichtiger, dieses Monopol auf die Geschichtsschreibung zu brechen.
Vásquez‘ eigene Werke waren im Seminar nicht das Thema. Das Rahmenprogramm, bestehend aus Lesungen und einem Workshop, füllte diese Lücke aber aus. Es bot die Möglichkeit, mehr über die Hintergründe und die Entstehungsgeschichten von Vásquez‘ Romanen zu erfahren. Im Verlauf des ganzen Semesters durften wir einen Blick in die Gedankenwelt eines Schriftstellers werfen. Der ganzheitliche Blick, den wir durch die Inklusivität des Seminars bezüglich Sprachregionen und Literaturepochen auf die Entstehung des Romans und einige Funktionen der Literatur gewannen, sprach uns sehr an. Nebst den Gesprächen mit Cercas und Blom öffnete uns dies den Blick auf unterschiedlichste Werke und Autoren. Dies hing auch stark mit Vásquez‘ schier unerschöpflicher Leidenschaft und Wissen über die Klassiker der Literatur zusammen, die er sowohl aus Leser-, wie auch Autorenperspektive mit uns teilte. Seine klare Botschaft, was ein Roman machen soll, gab uns als Leser eine neue Idee, wie man Bücher dieses Genres beurteilen kann. Fast wie eine Romanfigur wurden wir selbst 14 Wochen lang auf eine Reise mitgenommen, voller Überraschungen und Wendungen. Sie hat uns verändert: als Leser, aber vor allem auch als Menschen.
© Universität Bern