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Die Historikerin und Philosophin Tove Soiland erklärt, wie der Kapitalismus den Haushalten Zeit klaut, warum die Löhne gerade in «typischen Frauenberufen» unter Druck sind – und weshalb sie es trotzdem sinnvoll findet, Pflegerin oder Lehrerin zu werden.
WOZ: Tove Soiland, heute heisst es oft, es brauche keinen Feminismus und keine Frauenbewegung mehr. Wie sehen Sie das?
Tove Soiland: Ich glaube, dass sich gegenwärtig die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern wieder massiv verschärft. Doch sind die Gründe dafür heute viel schwerer zu fassen, gerade für junge Frauen: Vordergründig können sie alles tun. Wir haben zumindest in den Metropolen kaum mehr Familienväter, die ihre Töchter davon abhalten wollen, einen technischen Beruf zu erlernen. Wir haben Schulen, die Mädchen auch in Mathematik und Naturwissenschaften fördern. Ein grosser Teil der Bevölkerung in zentraleuropäischen Ländern ist für eine Gleichstellung der Geschlechter. Bei den ganzen ökonomischen Restrukturierungen, die gegenwärtig in Gang sind, stehen Frauen im Zentrum.
Restrukturierungen?
Die gegenwärtige Umbruchphase begann schon mit der Krise in den siebziger Jahren. Was wir als «Neoliberalismus» bezeichnen, ist ein Versuch des Kapitalismus, seine alten Gewinne wiederherzustellen, die er in der Zeit des grossen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg machte. Damals konnte die Wirtschaft Profite machen und gleichzeitig relativ gute Löhne zahlen – den männlichen Ernährerlohn. Dieses System kam in den siebziger Jahren in die Krise. Seither gibt es viele Versuche einer Restrukturierung – wie stellt es der Kapitalismus an, wieder zu seinen Profiten zu kommen?
Mit sinkenden Löhnen ...
Ja. Das Kapital konnte den Ernährerlohn nicht mehr zahlen, und gleichzeitig wollten immer mehr Frauen auch nicht mehr Hausfrau sein. Es gab also ein unglückliches Zusammenfallen der neuen Bedürfnisse des Kapitalismus mit den Forderungen der Frauenbewegung. Die Gesellschaft konnte es sich gar nicht mehr leisten, dass die Hälfte der Menschheit für Haushalts- und Erziehungsarbeit zumindest teilweise freigestellt ist.
Was wäre die Alternative für die Frauen gewesen? Hausfrauen bleiben, weil das subversiver ist?
Es ist sicher keine Lösung, zum alten Ernährermodell zurückzugehen. Aber was man damals nicht sah: Wenn die Frauen im Rahmen des Kapitalismus in den Arbeitsmarkt integriert werden, kommen ganz neue Probleme auf sie zu. Um das zu verstehen, muss man die ökonomischen Verhältnisse anschauen.
Oder Kinder bekommen. Vielleicht lässt sich davon mehr lernen als von ökonomischen Analysen.
Aber wenn eine Frau Kinder bekommt, spitzt sich die Lage noch mehr zu, und sie weiss immer noch nicht, warum. Der Staat sagt heute ja nicht mehr, Mütter sollen zurück an den Herd. Das ist gut so, denn das war ein merkwürdiger Mutterkult. Aber wie eine Frau erwerbstätig sein und gleichzeitig Kinder haben soll, wenn sie kaum Unterstützung und Zeit hat, diese Frage ist völlig ungeklärt. Deshalb sage ich, dass die neoliberalen Restrukturierungsprogramme mehrheitlich zulasten von Frauen gehen.
Aber die Väter betreuen die Kinder doch ein bisschen mehr als vor zwanzig Jahren ...
Ich glaube nicht, dass eine wirkliche Umverteilung möglich ist ohne eine massive Arbeitszeitverkürzung für beide Geschlechter. Ja, die Männer spielen ein bisschen mehr mit den Kindern. Aber die Ökonomin Mascha Madörin hat berechnet, dass die direkte Kinderbetreuung nur etwa fünfzehn Prozent der Gratisarbeit ausmacht, die im Haushalt verrichtet wird. Am aufwendigsten sind immer noch Kochen, Putzen, Waschen und so weiter. Und hier hat ganz wenig Umverteilung stattgefunden. Zusätzlich arbeiten Frauen mehrheitlich in Berufen, wo sie aus strukturellen Gründen wenig verdienen.
Dann könnten sie ja andere Berufe lernen.
Das löst überhaupt keine Probleme. Der einzige Sektor, der langfristig noch wächst, sind die personenbezogenen Dienstleistungen. In der Schweiz arbeiten rund fünfzig Prozent der Frauen in diesem Sektor. Wir brauchen mehr Personal für Pflege, Bildung, Sozialwesen – also ist es völlig unsinnig, Frauen durch irgendwelche Gendertrainings davon abhalten zu wollen, solche Berufe zu lernen.
Warum sind die Löhne hier so tief?
Im Care-Sektor stehen die Beziehungen der Menschen im Vordergrund. Diese Arbeiten können nicht einfach mit technischen Innovationen produktiver gemacht werden. Darum sind sie für den Kapitalismus nicht besonders interessant – es sei denn, man drückt fest auf die Löhne.
Bei diesen Bedingungen kann man ja keinem Mädchen raten, einen Care-Beruf zu lernen ...
Ich finde, man sollte es weder empfehlen noch nicht empfehlen, sondern man sollte diese Arbeiten so organisieren, dass sie gleich gut bezahlt werden wie andere Dienstleistungen, zum Beispiel in der IT-Branche. Das halte ich für eine feministische Forderung – und nicht, den Mädchen zu sagen: Lernt andere Berufe, dann habt ihr bessere Löhne und seid unabhängiger. Denn damit werden strukturelle Probleme in Privatprobleme umdefiniert. Gleichstellung heisst für mich, dass alle das machen sollen, wofür sie eine Vorliebe haben. Und wenn aus historischen Gründen Frauen heute Berufe im Care-Sektor wählen – ich sage nicht, dass das biologisch bedingt ist, sondern es hat sich einfach über Generationen so entwickelt –, dann soll man diese Frauen nicht einzeln umerziehen, damit sie sich von dieser Tradition emanzipieren. Sie würden sich viel mehr emanzipieren, wenn sie einfach anständig bezahlt würden. Wir brauchen ja diese Tätigkeiten in Zukunft, es sind sinnvolle Aufgaben – ich finde sie sinnvoller, als noch weitere Atomkraftwerke zu bauen. Wieso dann nicht alle begrüssen, die diese Berufe wählen? Natürlich auch die Männer.
Und wer bezahlt das alles?
Zum einen muss die Staatsquote erhöht werden, damit mehr Geld für den Care-Sektor zur Verfügung steht. Und wenn die Normalarbeitszeit auf dreissig Stunden reduziert würde, hätten Frauen und Männer mehr Zeit, sich um Angehörige und Hausarbeit zu kümmern. Das würde den Lebensstandard erhöhen – es ist nicht möglich, die ganze Arbeit der Privathaushalte in Lohnarbeit zu überführen, und ich finde es auch nicht erstrebenswert. Aber das alles kommt in den Gleichstellungsprogrammen, von der EU bis hin zu den Gemeinden, gar nicht vor.
Die Kinder kommen vor.
Das ist nett, das sind 15 Prozent dieser ganzen Arbeit. Und was ist mit den anderen 85?
Der Privathaushalt wird halt gerne als kapitalismusfreier Raum dargestellt, als Erholung vom Erwerbsleben ...
Ja. Und das ist ein Witz! Denn es sind gerade die Privathaushalte, die gegenwärtig einem extremen kapitalistischen Druck unterworfen werden. Wo heimlich grosse Profite abgeschöpft werden, die aber in keiner Theorie, in keiner Rechnung, keinem Staatsbudget erscheinen. Aber weil wir in einer liberal-kapitalistischen Gesellschaft leben, haben wir keine Begriffe dafür. Das ist auch mein Vorwurf an die linke Politik: Sie wiederholt diese Trennung zwischen ökonomisch und privat. Dabei wäre die permanente Zeitknappheit vor allem von Frauen das grosse linke Thema. Kämpfe um Zeit sind heute mindestens so wichtig wie Kämpfe um Lohn.
Rosa Luxemburg sagte, dass der Kapitalismus nicht nur in den Lohnverhältnissen seine Profite herstellt – also den berühmten Mehrwert –, sondern immer auch ausserkapitalistische Enklaven hat, wo er mit Raub seine Profite aufbessern kann. Auch die Privathaushalte sind solche Enklaven. Da kann der Kapitalismus Ressourcen in Form von Zeit abzapfen. Dieselbe Arbeit, für die früher Frauen freigestellt waren, wird immer noch geleistet – irgendwann zwischen Feierabend und dem nächsten Morgen. Das sind Formen von Aneignung, die in keiner Bilanz auftauchen und auch nicht an einem linken Kongress. Es wirkt viel radikaler und kapitalismuskritischer, von Abzockern und Boni zu sprechen. Aber ich finde, wir müssen uns viel genauer überlegen, wie der Kapitalismus eigentlich heute funktioniert. Wo seine heimlichen Ressourcen liegen.
Wie lassen sich diese Themen bekannter machen?
Die Frage für jede politische Bewegung ist ja: Wie lassen sich die Probleme so formulieren, dass jene, die davon betroffen sind, sich angesprochen fühlen? Wenn die ganze Arbeit, die die Frauen früher gratis gemacht haben, zu Lohnarbeit werden soll, gibt das so viele ökonomische Widersprüche – das ist meines Erachtens im Rahmen der kapitalistischen Produktion nicht lösbar. Die Gleichstellungspolitik überdeckt heute diese Widersprüche, und dann haben wir am Schluss diese komischen Wörter wie «Work-Life-Balance» und irgendwelche Programme, die den Frauen helfen sollen, sich selber besser zu managen. Dabei ist Gleichstellung im Rahmen des Kapitalismus gar nicht möglich. Darüber sollten wir sprechen.
Diese Probleme betreffen nicht nur die Care-Arbeit. Im Journalismus ist es ähnlich: Einen guten Artikel zu schreiben, geht heute nicht schneller als vor fünfzig Jahren.
Es gibt einen Teil der intellektuellen Arbeit, die wohl dieselben strukturellen Probleme aufweist wie der Care-Sektor. Man kann zwar schneller schreiben, aber die Qualität leidet. Auch an den Universitäten gibt es den Versuch, Arbeiten, die sich nicht rationalisieren lassen, an die Logik der Güterproduktion anzupassen. Man kann nicht immer schneller lesen, man kann den Studierenden auch nicht schneller Zusammenhänge beibringen. Ich kann sie schneller füttern, aber sie können nicht schneller denken. Wir sollten kollektiv Formen entwickeln, um uns von diesem ganzen Professionalisierungsunsinn zu befreien.
Frauen sind gerade in Bereichen tätig, wo Gott sei Dank noch nicht alles funktioniert, denn es geht um Menschen, um Bindungen, um emotionale Probleme. Ein Computercrack kann es noch mit Koks versuchen und sich ein paar Zusammenbrüche erlauben – aber wenn man das mit Kindern macht, werden sie irgendwann verhaltensauffällig. Wir sollten dazu aufrufen, das Nichtfunktionieren wieder positiv zu besetzen. Das, was nicht funktioniert, ist das, was unser Leben lebenswert und die Menschen liebenswert macht.