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Piero da Marsiglia gilt als einer wichtigen Architekten von Santa Lemusa. Er kam um 1615 in Genua zur Welt, begab sich aber früh schon nach Rom, wo er sich im Atelier des Malers und Architekten Pietro da Cortona (1596-1669) aufgehalten haben soll. In den Jahren nach 1650 lebte er als Maler in London – es haben sich jedoch nur wenige Werke aus dieser Zeit erhalten und die Zuschreibungen sind oft eher unsicher. – Da Marsiglia kam vermutlich erstmals um 1660 nach Santa Lemusa – nicht als Maler, sondern als Architekt mit einem konkreten Bauauftrag. Auf einer Anhöhe südöstlich von Sasselin sollte er für den holländischen Händler Miers van Cleeve ein wehrhaftes Schloss bauen. Das Projekt für Fort Cleeveland, wie das Anwesen heissen sollte, kam indes kaum über die Fundamente hinaus – und heute sind vor Ort nur noch Spuren zu sehen. Doch da Marsiglia muss zu diesem Zeitpunkt bereits weitere Projekte auf der Insel in Arbeit gehabt haben – jedenfalls blieb er vor Ort und baute sich um 1670 gar ein eigenes Haus etwas oberhalb des Hafens von Port-Louis.
In jenen Jahren erhielt er auch den Auftrag für den Entwurf einer grossen Kaserne oder eines Magazins im Zentrum der Hauptstadt, den späteren Couvent St. François. Obwohl das Projekt im Verlauf der mehr als siebzig Jahre dauernden Bauzeit wohl auch von anderen Architekten mitbestimmt wurde, geht der Bau doch sehr massgeblich auf Pläne von da Marsiglia zurück. Bis zu seinem Tod 1704 realisierte Piero da Marsiglia eine ganze Reihe von Bauten auf der Insel – viele sind der Zeit zum Opfer gefallen, manche aber haben sich auch erhalten. Ob auch die Anlage des Hafenbeckens von Port-Louis auf da Marsiglia zurückgeht, wie es manchmal heisst, ist allerdings ungewiss.
Unlängst nun entdeckte Anne-Sophie Sauvage, eine junge Kunsthistorikerin, in den Archives Nationales von Santa Lemusa eine Reihe von Briefen des britischen Malers Isaac Fuller (ca. 1606-1672) – adressiert an Piero da Marsiglia, dem sich Fuller offenbar freundschaftlich verbunden fühlte. In den Schreiben aus den 1660er Jahren ist hauptsächlich von Saufereien in Londons Tavernen sowie von eher dubiosen Frauengeschichten die Rede. An einer Stelle erwähnt Fuller aber auch ein «funny portrait» mit dem Zusatz «I put in your hand the stupid castle».
Sauvage hat in der Sammlung der Londoner Tate Gallery das von Fuller um 1660 gemalte Porträt eines Mannes gefunden, der in seiner rechten Hand den Grundriss eines Schlosses hält. In der linken oberen Ecke des Gemäldes wird der Mann als «John W. Cleveland – The Poet» identifiziert. Nach Sauvage allerdings wurde der Name des Dichters erst im frühen 18. Jahrhundert hinzugefügt als der Earl of Oxford das Bild in seine Sammlung von Porträts berühmter Schriftsteller integrierte. Folgt man der These von Sauvage, so stellt das Porträt tatsächlich den Architekten Piero da Marsiglia dar («Cahiers du Musée historique de Santa Lemusa», 2005, Heft 2). Anne-Sophie Sauvage vermutet weiter, dass an der Stelle des Dichternamens einst «Fort Cleeveland» gestanden haben muss – der Name jenes Schloss-Projektes also, das Piero da Marsiglia nach Santa Lemusa geführt hat. Das würde zwar die in jedem Fall wohl ganz falsche Identifizierung des Dargestellten mit dem Poeten Cleveland erklären – zweifelsfrei beweisen allerdings liesse sich Sauvages These erst mittels Röntgenaufnahmen, welche die Tate vorderhand noch nicht gestattet hat.
First Publication: 5-2006
Modifications: 18-2-2009, 30-9-2011