Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03135.jsonl.gz/42

Als sich der Kaffee-Unternehmer Aristide Lautremois im Oktober 1911 von Ushuaia aus aufmachte, als erster Mensch den Südpol zu erreichen, geschah dies mit einem fast zwanzigköpfigen Team und grossem Gepäck. Zu der luxuriösen Ausstattung, die seine Träger auf Hundeschlitten durchs Eis manövrierten, gehörten ein kleiner Reise-Schreibtisch, ein Zelt zur Verrichtung der Notdurft und vor allem auch ein Grammophon. Als er am 8. Dezember zu dem Punkt gelangte, wo nach den Berechnungen seines Navigators die Rotationsachse der Erde ansetzte, packte er sein Grammophon aus und spielte inmitten eines Schneesturms das erste Chorstück aus der zweiten «Donner-Ode» von Georg Philipp Telemann: «Mein Herz ist voll – vom Geiste Gottes erhoben».
Natürlich war es nicht das Grammophon, das den Kaffeehändler ohne Furcht und Tadel zum Südpol brachte – aber die Musik dürfte die Gefühle wohl noch verstärkt haben, die einer haben muss, dem für die Dauer von ein paar durch die eiskalte Luft geschepperten Takten ja tatsächlich die ganze Welt zu Füssen liegt.
Die Geschichte hatte allerdings einen kleinen Haken: Als Aristide Lautremois die «Donner-Ode» auflegte, war er nämlich, was sein Navigator wusste, noch mehr als tausend Kilometer vom geografischen Südpol entfernt – bis zu einem gewissen Grad zum Glück, denn die luxuriöse Truppe hätte das Abenteuer sonst wohl kaum überlebt. Für die Geschichte der Eroberung des Südpols sind die paar fehlenden Kilometer natürlich entscheidend – für das Gefühl von Lautremois an jenem 8. Dezember 1911 aber haben sie keine Rolle gespielt.
First Publication: 19-12-2009
Modifications: 17-6-2011