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1. Yama – Kontrolle
In sūtra 2.30 schreibt Rishi Patañjali:
ahiṁsā satya asteya brahmacarya aparigrahā yamāḥ
Die erste Stufe des Astanga-Yoga heisst yama oder Kontrolle und verlangt von einem Yogi absolute Kontrolle in Bezug auf Gewaltlosigkeit (ahiṁsā), Wahrhaftigkeit (satya), Nicht-Stehlen (asteya), einen reinen Lebenswandel (brahmacarya) und Unbestechlichkeit (aparigrahā). Die Basis für eine spirituelle Entwicklung ist also eine – unabhängig vom individuellen kulturellen Hintergrund anwendbare – ethische Grundhaltung des Yogaschülers sich selbst und seinem Umfeld gegenüber.
Ahiṁsā meint nicht einfach den Verzicht auf die Anwendung äusserlicher Gewalt. Gewaltlosigkeit meint ebenso den Verzicht auf Gewalt im Denken. Das Ziel des Aspiranten ist Einheit mit der universellen göttlichen Seele (paramātmā), und diese göttliche Seele (ātmā) ist wiederum die Identität jedes einzelnen Wesens im Universum. Dann kann er nicht willentlich ein anderes Wesen verletzen, er würde dabei nur Gewalt gegen sich selbst anwenden. Dadurch würde der Weg zur eigenen spirituellen Entwicklung blockiert.
Auch mit satya oder Wahrhaftigkeit zeigt der Yogi seine Integrität: er lügt nicht, er gibt keine falschen Informationen weiter, macht keine falschen Zeugenaussagen. Der spirituelle Sucher sucht die Wahrheit; er sucht seine wahre Identität; er sucht nach der Kraft, welche die Welt erschaffen hat. Wie soll er Erfolg haben, wenn er andere und damit wiederum sich selber belügt?
Natürlich gehört zur Integrität des Yogis auch asteya, das Nicht-Stehlen. Wie der Begriff ahiṁsā ist auch asteya als grundsätzliches Prinzip zu verstehen. Es ist die Kontrolle
über die Habgier, welche den Menschen dazu führt, mehr zu nehmen als ihm zusteht.
Carya bedeutet „wandern mit“, der brahmacarya wandert mit brahman, also Gott. Mit Gott wandern heisst im Alltag, sich brahmanisch zu verhalten und wird zumeist als Enthaltsamkeit interpretiert. Natürlich greift diese Interpretation zu kurz und muss auch Elemente wie Anstand, Freundlichkeit, Höflichkeit oder Gastfreundschaft enthalten. In Bezug auf die Enthaltsamkeit ist hingegen eine strikte Interpretation in Form des kompletten Verzichts auf sexuelle Aktivität nicht korrekt, das gewaltsame Unterdrücken der Sexualität kann unerwünschte Nebenfolgen haben. Der Yogi soll Kontrolle ausüben – auch über seine sexuelle Aktivität und dabei erkennen, dass Gott oder ātmā die Kraft und Inspiration für alle Aktivitäten gibt. Der Yogi spürt die Einheit mit ātmā auch in der sexuellen Aktivität und übt so Enthaltsamkeit.
aparigrahā oder das Nicht-Annehmen von Geschenken (Unbestechlichkeit) ist für die Erhaltung der eigenen geistigen Gesundheit wichtig. Gemäss Swami Vivekananda kann das Annehmen von Geschenken die geistige Unabhängigkeit zerstören und den Beschenkten versklaven.