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Als kämpferische Journalistin und berufstätige Alleinerzieherin machte die Bieler Pionierin (1913-2002) den Frauen Mut. Was sie leistete und was es sie kostete, erzählt Barbara Kopps in ihrer eben erschienenen Biografie „Leidenschaften einer Unangepassten“.
Zu ihrem achtzigsten Geburtstag gratulierte ich Laure Wyss auf einer Karte mit einem Leuchtturm. Denn das war sie für viele Frauen: Orientierungshilfe und Ermunterung. Sie wusste um deren Probleme in einer Zeit, wo das geltende Eherecht weibliche Erwachsene wie Unmündige behandelte und die männliche Berufswelt sie nicht ernst nahm. Und als Journalistin sagte oder schrieb es unerschrocken in Fernsehen und Presse.
Doch „Lor“ (wie sie sich französisch nannte) relativierte das Lob: „Ich habe mir nie eingebildet, ein Vorbild zu sein, habe einfach getan, was nötig war. Und das zu meiner eigenen Freude und Befriedigung.“
Schwierige Anfänge
Als Tochter eines prominenten Bieler Notars und freisinnigen Politikers hatte Laure Wyss privilegierte Startbedingungen, konnte in Paris, Zürich und Berlin Literatur studieren. Nach ihrer Heirat mit einem eingebürgerten deutschen Architekten zog sie 1937 nach Stockholm. Dort übersetzte sie während dem Krieg Schriften des kirchlichen Widerstands aus den skandinavischen Sprachen ins Deutsche. Und sie erlebte erstmals weibliche Berufstätigkeit als selbstverständlich.
Zurück in der Schweiz, trennte sie sich von ihrem Mann und arbeitete für den Evangelischen Pressedienst. Als 36jährige bekam sie ihren Sohn Niklaus, ohne dessen Vater zu heiraten, Sie zog mit ihm in eine bescheidene Wohnung an der Zürcher Winkelwiesenstrasse, wo sie Jahrzehnte lang blieb. Ihr Leben finanzierte sie als freie Journalistin und Redaktorin einer Frauenbeilage für Schweizer Tageszeitungen. Dort konnte sie ihre Anliegen aus Rücksicht auf die konservativen Arbeitgeber nur zwischen den Zeilen unterbringen.
Einflussreiche Journalistin
Mehr Freiraum bekam sie beim Schweizer Fernsehen, wo sie 1958 das erste Frauenmagazin aufbaute und 1961-67 die Diskussionssendung „Unter uns“ leitete und präsentierte. Dort konnte sie nun Sätze sagen wie: „So lange die Frauen nur Kinderlieder singen, haben sie keine Worte für die Empörung.“
Ab 1963 war sie Redaktorin bei der Wochenendbeilage „TA7“ des Zürcher Tagesanzeigers und 1970-75 Ko-Leiterin von dessen neu gegründetem Magazin. Auf dem ersten Titelblatt kündete die Schlagzeile „Make war not love“ über dem Foto einer Helmträgerin eine Reportage über die amerikanischen Feministinnen an. Danach entstand mit Hilfe eines Fragebogens an die Leserinnen eine Bestandesaufnahme weiblicher Befindlichkeit in unserem Land. Andere Beiträge rüttelten am Mythos der vorbildlichen Schweiz und am verlogenen Mutterschaftsideal, warfen auch einen kritischen Blick auf unser Sozialwesen und den Strafvollzug. Geschrieben wurden sie von Edelfedern wie Peter Bichsel, Hugo Loetscher, Niklaus Meienberg, Isolde Schaad und andern.
Anerkannte Buchautorin
Nach ihrer Pensionierung schrieb Laure Wyss weiter Presseartikel, vor allem aber eigene Büchern. In ihrem ersten spiegelt sie in Prokollen von vierzehn Schweizerinnen das Frauenleben in unserem Land. In „Mutters Geburtstag“ reflektiert sie ihre eigenen Schwierigkeiten als allein stehende Mutter. Und „Liebe Livia“ ist Resultat ihrer Freundschaft mit einer gefangenen jungen Terroristin.
Bis zu ihrem Tod publizierte die unermüdlich Arbeitende zwölf Bücher heraus, für die sie mehrfach ausgezeichnet wurde. Zu ihrem Schreiben sagte Laure Wyss: „Ich gehe immer aus von meinen eigenen Erfahrungen, möchte aber etwas mitteilen und bewirken, das über mich hinaus geht.“ Dieses Lebensziel hat sie ohne Zweifel erreicht.
Sorgfältig recherchiert erzählt Barbara Kopp in ihrer Biographie unter dem Titel „Leidenschaften einer Unangepassten“ (Limmat Verlag) das private und berufliche Leben der Pionierin. Man kann sich aber fragen, ob Laure Wyss mit der indiskreten Beschreibung ihrer schwierigen Männerbeziehungen einverstanden gewesen wäre.
Marie-Louise Zimmermann
(erschienen in der Berner Zeitung vom 20.6.2013)