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Ein eigenmächtiges Phänomen: Vom Wandel des Grundbegriffs «Gefühl» in der Philosophie.
"Die Zumutung des Lebens, all die Dinge, mit denen wir fertig werden müssen, sind einfach zu zahlreich und zu gewaltig, als dass unsere Gefühle sie unbedacht überstehen könnten. Deshalb kommt es auf die Loyalität an. Sie ist kein Gefühl, sondern ein Wille, ein Entschluss, eine Parteinahme der Seele". Schreibt Pascal Mercier in «Nachtzug nach Lissabon».
Der Grundbegriff «Gefühl» umfasst gemeinhin die Sinnesempfindungen, die Gemütsbewegungen und die Stimmungen, in denen der Einzelne sich selbst und seinen Bezug zu seiner Umwelt erlebt. Er steht zur Bezeichnung seelischer Vorgänge (Erleben, Verhalten, Bedürfnisse) für verschiedene Betrachtungsweisen. Er bezeichnet einen Bewusstseinszustand, der durch äussere oder innere Reize ausgelöst, an Gesten, an Worten oder an physiologischen Veränderungen erkennbar wird. Beispiel: durch Erblassen, Erröten.
Angefangen von seelischen Einzelerlebnissen bis hin zur emotionalen Gesamtgestimmtheit einer Person handelt es sich bei den in Frage stehenden Gefühlen immer um subjektive Geschehnisse, Ereignisse und Zustände.
Kann man denn wirklich nicht über seine Gefühle rational nicht verfügen?
Schon der Philosoph Chrysipp (280 v.Chr. - 207) sah in den Gefühlen «Krankheiten der Seele», über die man nicht verfügen kann. Er baute die stoische Philosophie systematisch aus, verfasste auch den ethischen Grundsatz: «Gut allein ist die Tugend, die auf der Einsicht beruht, ein Leben ohne Beteiligung der Gefühle und Affekte anzunehmen». Eine derartige Lebensform führe zur «Apathia», zur von Gefühlen ungestörten Gelassenheit. Und zur Ataraxia (zum unerschüttbaren Gleichmut), sie führe zur unstörbaren Seelenruhe.
Kann sein, dass Chrysipp mit diesem «Gut allein» und der damit verbundenen Unzulänglichkeit des Phänomens «Gefühl» dazu führte, dass erst im 18. Jahrhundert der Begriff zu einem Fachbegriff geworden und seitdem in Gebrauch ist.
Besonders von Kant und Hegel kritisiert bekam die «Gefühlsphilosophie» keine Aufmerksamkeit. Kant hatte kein Gefühl für Gefühle. Für ihn sind sie nur menschliche Empfänglichkeiten für Lust und Unlust. Und Hegel spottet: «Man beruft sich häufig auf sein Gefühl, wenn die Gründe ausgehen».
Schliesslich trennt Friedrich Nietzsche nicht zwischen gefühltem (emotionalen) und erkanntem (kognitiven) Aspekt. «Weil hinter den Gefühlen stehen die Wertschätzungen und Urteile, die in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt worden sind».
Die Erforschung der Gefühle, der Blick in den geheimnisvollen Bereich unserer Seele, ist seitdem eine Herausforderung für die Psychologen und Psychiater, auch wieder für die Philosophen.
So Max Horkheimer: «Je tiefer einem durch Herkunft und Erziehung menschliches Verhalten zur Natur geworden war, desto mehr Seele wurde ihm zugesprochen: Achtung vor dem Nächsten, Verantwortungsgefühl, Fähigkeit zur Freundschaft und zur Liebe waren miteingeschlossen.» Indem der Fortschritt Leben straffer ordnet, das Verhalten reguliert, Phantasie durch zweckvolles, systematisches Vorgehen, positive Affekte durch sichere Reaktionen, Gefühle durch Ratio ersetzt, ist Seele nunmehr zu einem emphatischen Begriff geworden, zum Gegensatz der Kälte des auf Technik, zur Gefolgschaft ausgerichteten Subjekts. Die von Emotionen abgelöste Ratio schlägt um und wird zum Gegenteil».
So Richard Wollheim in seinem Buch «Emotionen». Untertitel: «Eine Philosophie der Gefühle». Wollheim war ein englischer Philosoph, lehrte am University College London. Anhand von Beispielen aus Literatur und Kunst begründet er, warum unsere Gefühle ein eigenständiges Phänomen bilden. Aus: Angst, Hass, Ekel, Wut, Neid, Enge, Schwäche, Freude, Hoffnung oder Liebe, womit wir auf die Ereignisse in unserer Umwelt reagieren.
«Das ewige Spiel Aktion – Reaktion zwischen uns und den Aussen-oder Innenwelten ist der Motor menschlicher Entwicklung».
Im Grunde reagieren wir interaktiv. «Unsere Reaktionen hängen immer ab von der Haltung oder Einstellung zu der uns umgebenden Welt. Darin liegt der Kern der Emotion.» - Eine sichere Erklärung, bezogen auf das Entschlüsseln von Geheimnissen und über die Entstehung von Emotionen, scheint es - so Wollheim - nicht zu geben. In jenem Bereich sei wirklich nichts sicher, da die emotionalen Reaktionen auch unvorhersehbar und unberechenbar sein können. Das «cogito ergo sum» sollten wir aber durch das «Ich fühle, also bin ich» ersetzen. Dem Zeitgeist entsprechend».