Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03404.jsonl.gz/1843

Zeit ihres Lebens genoss die Glarner Künstlerin Lill Tschudi (1911–2004) mehr Ansehen im Ausland als in der Schweiz. Ihre Werke finden sich heute in renommierten Sammlungen auf mehreren Kontinenten, zuletzt wurden sie 2021 in einer Ausstellung des Metropolitan Museum of Art in New York gezeigt – wohlgemerkt in einer Schau zu britischen Drucken aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In ihrem Heimatland ist sie indes eine «bekannte Unbekannte» geblieben. So nennt Linda Schädler, Leiterin der Graphischen Sammlung ETH Zürich, die heute weitgehend Vergessene, die in Schwanden geboren wurde und dort starb. Die treffliche Charakterisierung leitet zugleich den Band «Lill Tschudi. Die Faszination des modernen Linolschnitts, 1930–1950» ein, der anlässlich der gleichnamigen Ausstellung erscheint, die aktuell an der ETH zu sehen ist. Sie führt herausragende Arbeiten Tschudis, die an der Hochschule aufbewahrt werden, mit solchen aus internationalen Beständen und mit Material aus dem Nachlass zusammen.
1929 war Tschudi nach London gezogen, wo sie zunächst beim britischen Künstler Claude Flight an der Grosvenor School of Modern Art studierte, ab 1933 belegte sie Kurse beim französischen Maler Fernand Léger an der Académie Moderne in Paris. Sie entwickelte sich zur Expertin für farbige Linolschnitte und fertigte in den 1930er-Jahren innovative Plakatentwürfe an, darunter solche für die Londoner U-Bahn, das Pariser Warenhaus Au Bon Marché oder Standortwerbung für ihren Wohnkanton: «Winter im Glarnerland» lautet der Titel einer Arbeit, die eine Figur mit Skistöcken vor einer Bergkulisse mitsamt Piste zeigt, just als der Wintersport zur Massenangelegenheit anwuchs. Ein weiterer Entwurf präsentierte Bügeleisen der Schwandner Firma Therma, die auf Haushaltsgeräte spezialisiert war.
Was Tschudis Gesamtwerk so besonders macht, ist, dass es sich eben nicht nur um Kunst handelt, sondern dass ein beachtliches Stück Schweizer Geschichte des 20. Jahrhunderts in diese eingeritzt ist. Ihr Lehrer Flight schätzte den Linolschnitt aufgrund des preisgünstigen Materials und der leichten Handhabbarkeit als besonders demokratische Technik, seine Schülerin wiederum nutzte ihn, um die Eigenheiten der Demokratie festzuhalten, in der sie lebte. So widmete sie sich auch Volkstümlichem und Ostschweizer Eigenheiten – siehe etwa ihre Arbeiten zur «Sage vom Glärnis» oder zur Landsgemeinde –, im Zweiten Weltkrieg stärkte sie die Rolle von Frauen in der Landesverteidigung. Hervorzuheben ist zudem, dass ihre Motive die Emphase häufig auf Bewegung, Interaktion, Kraft und Dynamik legten, also betont kontrapunktisch zu Eigenschaften wie Behäbigkeit und Langsamkeit wirkten, die gemeinhin als «schweizerisch» gelten: «Läufer», «Turner», «Möbeltransport» und «Bauen im Tessin» lauten nur einige exemplarische Titel.
Als informelle Chronistin ihrer Zeit ritzte Lill Tschudi die eigenwilligen Konturen der Eidgenossenschaft in Linoleum. Als Künstlerin hat sie dieser Technik ihren unverkennbaren Stil zugefügt. Und als beides ist sie unbedingt wiederzuentdecken.