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Behutsam nahmen im Herbst 2017 zwei Restauratorinnen die Jesusfigur der Dorfkirche von Sotillo de la Ribera, Spanien, vom Kreuz. Mit den Jahrhunderten war das Holz rissig geworden, und die Figur musste dringend repariert werden. Was die Frauen zu Gesicht bekamen, als sie den Jesus umdrehten, hatten sie nicht erwartet: Statt einem Po hatte die Figur ein grosses Loch, und darin steckten zwei vergilbte Papierrollen, eng beschrieben, aus dem Jahr 1777. Joaquín Mínguez, früherer Kaplan der nahegelegenen Kathedrale von Burgos, schrieb darin über das öffentliche Leben der Region, über grassierende Krankheiten wie Sumpffieber und Typhus, über den Gang der Wirtschaft, über Schulen und Universitäten – und natürlich über den Künstler, der den hohlen Jesus geschnitzt hatte.
Funde wie diesen nennen Historiker «Zeitkapsel»: ein Behälter zur Aufbewahrung zeittypischer Dokumente wie Münzen, Geldscheine, Zeitungen, Statistiken oder ganze Chroniken. Die Urnen, Schatullen, Kassetten, manchmal auch Flaschen werden oft in die Fundamente bedeutender Bauten eingemauert oder in die Spitze von Kirchtürmen eingelassen. Bei Restaurierungen werden die Kapseln geöffnet, die alten Inhalte öffentlich präsentiert, mit aktuellen Dokumenten ergänzt und am Ende wieder deponiert. Für die Geschichtswissenschaft sind diese Zeitkapseln wahre Fundgruben.
In Sotillo de la Ribera, 150 Kilometer nördlich von Madrid, soll der restaurierte Jesus dereinst wieder an seinem angestammten Kreuz hängen. In seinem Inneren wird eine originalgetreue Kopie der Chronik liegen; das Original wird in den erzbischöflichen Archiven verwahrt.