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Was würden Tiere raten? Der 1968 geborene Künstler Marcus Coates untersucht in seinen Performances und den daraus entstehenden Videoarbeiten menschliche und soziale Fragestellungen. Er experimentiert mit Bedeutungs- und Bewusstseinsformen aus dem Tierreich als parallele Erfahrungsweisen; führt quasi schamanistische Akte zur Beantwortung drängender Fragen in Performances durch, in denen er sich in Halb- oder Ganzkörpermaske in einen Dialog mit der Seinsform von Tieren versetzt und deren Stimmen wieder in unsere Sprache übersetzt. In seiner ersten Einzelausstellung in einer Schweizer Institution zeigt der Künstler im zweiwöchigen Wechsel insgesamt 6 seiner ambivalenten, zwischen dunklem Humor, Faszination und Irritation oszillierenden Videoarbeiten zusammen mit Notizen und Kostümen seiner Performances. An drei Anlässen kann das Publikum den Künstler in Aktion erleben: Samstag, 29. August, 13 Uhr, im Rahmen des Symposiums «In Other Words»; Samstag, 5. September, 22.30 Uhr, im Rahmen der Langen Nacht der Museen; und vom 20. – 24. Oktober in täglich wechselnden Performances während der Öffnungszeiten der Kunsthalle Zürich.
Marcus Coates
© Photo: Stefan Altenburger Photography
© Photo: Stefan Altenburger Photography
Anfang dieses Jahres wurde Coates vom Center for Digital Arts in Holon (Israel) eingeladen, eine Arbeit zu realisieren. Wie häufig in seinem Werk suchte der Künstler nach konkreten und drängenden gesellschaftlichen Problemstellungen und bat darum, in einer Performance auf eine der Fragen des Bürgermeisters die Antwort aus dem Tierreich überbringen zu können. Im Beisein einer Übersetzerin fand diese „Séance“ im winzigen Büro des Bürgermeisters in einer eigentümlichen Sitzungssituation statt. Der Bürgermeister fragte den Künstler nach einer Lösung für das Gewaltproblem der Jugendlichen in Holon. Coates war mit einem grotesken Kostüm bekleidet, das Elemente von archaischen Ritualen und Zivilisationstrash in einer improvisierenden, aber auch alternativen Art Brut-Pragmatik verband: Er trug einen Dachs als Kopfbedeckung und einen Trainingsanzug, dessen Seitenstreifen die Zeichnung des Dachsfelles in einer Art Mimikry nachvollzogen. Nachdem der Bürgermeister seine Frage gestellt hatte, stand der Künstler auf und nach kurzer Konzentration glucksten, prusteten, piepsten, entluden sich eine Reihe unverständlicher Laute aus ihm. Er setzte sich daraufhin wieder auf seinen Stuhl und berichtete dem Bürgermeister von seinen Begegnungen im Tierreich, insbesondere mit einem Regenpfeifer, der Angreifer von seinem Nest ablenkt, indem er eine Verletzung vortäuscht. Coates interpretierte dies als Metapher für allgemein menschliche Verhaltensweisen, aber las daraus auch die spezifische Bedeutung für die politischen Konfliktsituationen in Israel.
In zahlreichen weiteren Performances spielte der Künstler diese Art von Wissenstransfer von nicht-menschlichem zu menschlichem Bewusstsein durch. In Radio Shaman (2006) etwa diskutierte er am Radio Antworten aus seinen schamanistischen Performances, die er zuvor an problematischen Orten der Stadt durchgeführt hatte. Die Antworten bezogen sich auf Armut, Prostitution und die vermehrte Verbreitung von HIV, die für die kleine Gemeinde durch die hohe Zahl nigerianischer Immigranten dringend geworden waren. In Journey to the Lower World (2003) führte er in Anlehnung an ein siberisches Ritual eine Performance für die Bewohner einer vor allem von älteren Menschen bewohnten, vom baldigen Abriss bedrohten Siedlung durch.
Eingebettet in Themen der Ornithologie, Zoologie, Anthropologie und Philosophie, aber auch eine besondere Beziehung zwischen Kultur und Natur, die in England in der Volkstradition verankert ist (das Singen in Vogelstimmen zum Beispiel) stellt Marcus Coates Fragen nach dem, was unser individuelles wie kulturelles Bewusstsein ausmacht und prägt, indem er andere Formen des Bewusstseins zu erfahren sucht. Seine Arbeiten assoziieren, diskutieren und hybridisieren dabei zahlreiche künstlerische wie gesellschaftliche Phänomene, die durch das Überschreiten des Subjekt- und Realitätsbegriffs erweiterte Erkenntnisformen erhoffen, vermuten, befürchten, erahnen...
Bruce Nauman konstatierte in einer Neonarbeit 1967 „The true artist helps the world by revealing mystic truths"; 1974 verbrachte Joseph Beuys in der New Yorker Galerie René Block drei Tage mit einem wilden Kojoten in einem zum Käfig umgewandelten Raum (Coyote, I Like America and America Likes Me, 1974); unsere Fabelwelt ist voll von Kreaturen, die halb Mensch, halb Tier sind; die Esoterikszene lässt keine Möglichkeit der erweiterten Erfahrungsformen aus; Sportler wenden zahlreiche mentale Techniken an, und Diktatoren, aber auch andere Politiker haben sich immer wieder den Rat von spirituellen Ratgebern, Hellsehern und mit anderen Wissensformen Vertrauten geholt.
Marcus Coates Szenarien der Konfrontation von Mensch- und Tiersein und seine Verwendung schamanistischer Praktiken lassen den Wahrheitsgehalt von Erfahrung trickreich, faszinierend und irritierend in der Schwebe, sie finden statt an der Schnittstelle von Imagination, Fakten und Spiel und strapazieren mit uneindeutigem Humor die kulturellen Glaubens- und Kontrollsysteme.
Filme in der Ausstellung: Kamikuchi (2006); Radio Shaman (2006); Rice Ritual (2006); Journey to the Lower World (2004); Human Report (2008); The Plover's Wing, A Meeting with the Mayor of Holon, Israel (2009).
Die Kunsthalle Zürich dankt: Präsidialdepartement der Stadt Zürich, LUMA Stiftung