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Kennen Sie «Doors to the Mind»? Das ist ein Spiel, in dem man sich einen Gang mit verschiedenen Türen vorstellt – er steht für den Anfang jedes Menschenlebens. Dann öffnen die Spieler eine Tür nach der anderen und bahnen sich so einen Weg durch das Labyrinth des Lebens.
Zu meiner ersten Tür führte mich meine Mutter. Es war 2003, ich war drei Jahre alt, und in Pakistan begannen die Leute allmählich, sich mit den neuen Technologien zu befassen. Meine Mutter jedoch lebte schon damals jenen Worten nach, die sie mir bis heute predigt: «Sei allen anderen immer hundert Schritte voraus.» Sie brachte mir das Alphabet und die Zahlen bei – beides mit Hilfe von Websites und Internetspielen.
Mit zehn besuchte ich meinen ersten Onlinekurs auf Universitätsniveau. Mein Vater hat häufig Videos über Physik und Astronomie auf Youtube geschaut – ich schaute mit und wurde neugierig: Ich wollte die Geheimnisse der Welt ergründen! In der Schule war von Dingen wie Algebra noch keine Rede, also griff ich auf Youtube zurück, um sie zu lernen. Und bald entdeckte ich das Onlineangebot grosser amerikanischer Universitäten. «Massive Open Online Courses», MOOC genannt, setzen nur zwei Dinge voraus: einen stabilen Internetzugang und grosses Interesse.
Das Kursangebot wuchs dauernd. Zuerst war ich bei «Stanford Online», dann auch auf anderen Plattformen; ich studierte Infinitesimalrechnung und arbeitete mich bis zur Quantenphysik vor. In Ländern wie Pakistan, wo es ausserhalb der normalen Schule kaum Spezialkurse und Förderprogramme gibt, ist das Onlineangebot ein Segen. Ich fand damit meinen eigenen Weg.
Eines Tages schien er aber plötzlich versperrt. Am 17.September 2012, kurz vor meinem 12.Geburtstag und der Abschlussprüfung eines wichtigen Physikkurses, blockierte die pakistanische Telekombehörde den Zugang zu Youtube – das Portal hatte sich geweigert, den von der Regierung als blasphemisch erachteten Film «Innocence of Muslims» von der Plattform zu entfernen. Ich geriet in Panik. Verzweifelt schilderte ich mein Problem in den Studentenforen, und prompt erhielt ich Hilfe von meinen Kommilitonen im Netz: Sie luden die Youtube-Filme herunter und stellten sie mir auf einer Website zur Verfügung, die auch in Pakistan offen war.
Das war ein Glücksfall – in jeder Hinsicht. Der vorübergehend gesperrte Zugang zu Youtube öffnete mir nämlich wieder eine neue Tür. Eine Journalistin, die sich mit MOOC befasste, hörte von dem Problem, das die Youtube-Sperre mir eingebrockt hatte. Sie schrieb darüber – und plötzlich war auch ich bekannt: 2013 wurde ich als jüngste Teilnehmerin zum WEF nach Davos eingeladen, um über die Revolution in der Welt des Lernens zu sprechen.
Es folgten weitere Auftritte, kürzlich an einer Konferenz über Frauen in der Physik. Für viele Mädchen ist Physik nicht attraktiv, und ich glaube, dass die Internetkurse das ändern könnten. Sie vermitteln den Stoff auf unterhaltsame Weise und sind in traditionell strukturierten Gesellschaften eine grosse Chance: Dort, wo Frauen in aller Regel als Mütter zu Hause bleiben, ist das Lernen am Computer eine wichtige Möglichkeit weiterzukommen.
Werden die Onlineangebote das herkömmliche Schulsystem stürzen? Diese Frage tauchte in den letzten Jahren immer wieder auf. Lange habe ich zögerlich mit Nein geantwortet. Inzwischen sehe ich das etwas anders. Nicht, dass ich vom herkömmlichen Offlinelernen nichts hielte, im Gegenteil. Ich besuche in Pakistan ja noch immer das College und bin auch mehrere Male ins Ausland gereist, um an Wissenschafts- und Mathematik-Camps teilzunehmen. Zweimal war ich in Kanada, und zuletzt hätte ich nach Holland reisen wollen, wo in Eindhoven jährlich 40 Talente zwischen 15 und 18 Jahren in naturwissenschaftlichen Disziplinen weitergebildet werden. Gerade deshalb habe ich aber gemerkt, dass das Onlinelernen unschlagbare Vorteile hat.
Nachdem ich in Eindhoven angenommen worden war, kratzte ich die Gebühren zusammen, kümmerte mich in einem umständlichen Prozedere um ein Visum und buchte die Flüge. Da ich via Paris flog, brauchte ich auch ein Visum für Frankreich. Obwohl ich alle Unterlagen säuberlich zusammengestellt hatte und einen offiziellen Einladungsbrief vorweisen konnte, lehnte die französische Botschaft den Visumsantrag ab. Sie glaubten mir nicht, dass ich einen Sommerkurs besuchen wolle. Kurz bevor das Programm startete, musste ich meine Teilnahme absagen.
Viel Aufwand für gar nichts. Was für ein Unterschied zu den Onlinekursen! Für das teure Programm in Holland rannte ich von hier nach dort und konnte es am Schluss nicht einmal besuchen, weil sich eine Behörde querstellte. Wenn ich im Internet lerne, entscheide ich dagegen selber über meinen Weg in die Zukunft. Ich besuche die Kurse wann, wo und wie ich will. Niemand kann sie mir verbieten, und wenn doch Hindernisse auftreten, helfen Tausende von Mitstudenten, sie zu umgehen.
Indem ich langsam meinen Weg mache, immer neue Türen aufstosse und mich für neue Lernformen einsetze, eröffne ich vielleicht auch anderen jungen Leute neue Perspektiven. Denn meine Hoffnung ist, dass wir irgendwann in eine Zukunft eintreten, in der alle wissbegierigen Schülerinnen und Schüler die gleichen Möglichkeiten haben – egal, ob sie in Pakistan oder in Frankreich leben.
Khadija Niazi ist Studentin; sie lebt in Lahore, Pakistan.
Übersetzung: Claudia Mäder.