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Für einen gesicherten Multiple-Sklerose-Befund spielt die labortechnische Untersuchung des Nervenwassers (Liquor) eine wichtige Rolle. Dazu muss Liquor aus dem Wirbelkanal entnommen werden.
Schutzschild Liquor
Liquor ist eine in den Kammern des Gehirns gebildete Flüssigkeit, die Gehirn und Rückenmark innerhalb des Schädels beziehungsweise Wirbelkanals schützend umgibt. Der Liquor ist im ständigen Austausch mit der Flüssigkeit, die sich zwischen den Gehirnzellen im Gewebe befindet und kann somit Aufschluss über krankhafte Veränderungen im Gehirngewebe geben. Dazu muss der Arzt eine kleine Menge Nervenwasser aus dem Wirbelkanal entnehmen. Dies stellt einen kleinen Routineeingriff dar, der nur wenige Minuten dauert.
Wie funktioniert eine Nervenwasserentnahme?
Nervenwasser wird durch Lumbalpunktion entnommen. Die Lumbalpunktion bei Multiple-Sklerose-Betroffenen wird mit örtlicher Betäubung und nach Desinfektion der Einstichstelle im Sitzen oder im Liegen durchgeführt. Dabei wird eine spezielle Hohlnadel etwa in Höhe des zweiten/dritten oder dritten/vierten Lendenwirbels zwischen den Wirbelkörpern bis in den Wirbelkanal, den Hohlraum, der das Nervenwasser enthält, vorgeschoben. Dann wird gewartet, bis eine ausreichende Menge (einige ml) Nervenwasser herausgetropft ist, die Nadel wird wieder hinausgezogen und die kleine Wunde mit einem Pflaster abgedeckt. Da die Liquor-Werte nur in Zusammenhang mit den Blutwerten optimal beurteilt werden können, wird mit dem Nervenwasser auch eine aktuelle Blutprobe ins Labor geschickt.
Ist eine Lumbalpunktion bei MS gefährlich?
Eine Lumbalpunktion ist ein kleiner, harmloser und für MS-Betroffene in der Regel reibungslos und schmerzarm ablaufender Eingriff. Entgegen häufiger Ängste kann es dabei praktisch nicht zu einer Verletzung des Rückenmarks kommen, da das Rückenmark beim Erwachsenen bereits oberhalb der Stelle (etwa in Höhe des ersten Lendenwirbelkörpers) endet, an der die Nadel in den Wirbelkanal eingeführt wird.
Können bei einer Lumbalpunktion Nebenwirkungen oder Folgen auftreten?
Kein medizinischer Eingriff ist völlig frei von Risiken. Die Lumbalpunktion ist heutzutage jedoch ein risikoarmes Routineverfahren. Möglicherweise kommt es während einer Lumbalpunktion zu einem kurzen, blitzartig ins Bein einschiessenden Schmerz. Dieser ist zwar unangenehm, aber harmlos und dadurch bedingt, dass die Nadelspitze Nervenfasern streift, die vom Rückenmark kommend den unteren Bereich des flüssigkeitsgefüllten Wirbelkanals durchziehen. Ein häufiges, ebenfalls harmloses Phänomen nach einer Lumbalpunktion ist das so genannte "postpunktionelle Syndrom". So bezeichnet man Kopfschmerzen im Anschluss an eine Lumbalpunktion, die meist nach einigen Stunden verschwinden oder in Einzelfällen einige Tage anhalten können. Diese Kopfschmerzen entstehen vermutlich durch den Verlust des Nervenwassers: Neben der entnommenen Menge sickert durch die kleine Verletzung auch im Anschluss an die Lumbalpunktion noch ein wenig Liquor ins Gewebe nach und verursacht einen vorübergehenden "Mangel", der sich eventuell durch Kopfschmerzen und leichte Übelkeit bemerkbar macht. Die Flüssigkeit wird aber vom Körper rasch wieder nachgebildet.
Um ein postpunktionelles Syndrom zu vermeiden, ist es wichtig, dass Sie nach der Punktion für einige Stunden ruhig und möglichst flach auf dem Rücken liegen bleiben und ausreichend trinken. Erfolgt die Nervenwasserentnahme im Krankenhaus, wird Ihr Arzt Ihnen vielleicht auch eine Infusion verordnen. Sollten trotzdem Kopfschmerzen auftreten, sprechen diese in der Regel gut auf die gängigen Schmerzmittel an.
Was muss der Arzt vor der Lumbalpunktion wissen?
Um sicherzugehen, dass die Nervenwasserentnahme reibungslos und ohne Probleme für den Multiple-Sklerose-Betroffenen abläuft, wird der Arzt vorher einige Fragen an ihn haben. Wenn es nicht die erste Lumbalpunktion für den MS-Betroffenen ist, wird den Arzt beispielsweise interessieren, ob es bei der vorangegangenen Nervenwasserentnahme irgendwelche Besonderheiten gegeben hat.
Darüber hinaus ist die Medikation, die ein MS-Betroffener erhält, wichtig. Der Arzt muss zum Beispiel wissen, ob blutverdünnende Medikamente eingenommen werden oder ob der MS-Betroffene eine Wirbelsäulenverletzung oder -operation hinter sich hat, deren Folgezustände durch Verwachsungen und Vernarbungen das Einführen der Nadel erschweren oder sogar unmöglich machen können. Auch ausgeprägte degenerative Wirbelsäulenveränderungen ("Verschleisserscheinungen") können Schwierigkeiten beim Einführen der Nadel bereiten, so dass die Lumbalpunktion eventuell unter Röntgenkontrolle erfolgen oder sogar gänzlich darauf verzichtet werden muss. Ebenfalls ist es für den Arzt wichtig zu erfahren, ob mögliche Hirntumore oder andere Umstände vorliegen, die mit einem erhöhten Hirndruck einhergehen oder ob es bei dem MS-Betroffenen bereits frühere Erkrankungen des Gehirns gab.
Was wird bei der Lumbalpunktion bei MS-Betroffenen genau untersucht?
Ebenso wie im Blut bestimmte Blutwerte aufgrund von Erkrankungen der inneren Organe verändert sein können, lassen sich bei Erkrankungen des Gehirns auch Veränderungen im Liquor feststellen. So findet sich bei circa 90 Prozent der MS-Betroffenen ein ganz bestimmtes Muster an Antikörpern und Eiweissen. Der Arzt bezeichnet das Auftreten von einem bestimmten Antikörpermuster, das sich nur im Liquor und nicht im Blut zeigt, als "oligoklonale Banden". Neben den Eiweissen als Entzündungsindikatoren können bei Multipler Sklerose auch Zellen des Immunsystems in leicht erhöhter Zahl auftreten.
Die Entnahme von Nervenwasser (Liquor) ist ein Verfahren zur MS-Diagnose. Möglicherweise können einige Nebenwirkungen auftreten. Es besteht jedoch für den Multiple-Sklerose-Betroffenen nicht das Risiko einer Verletzung des Rückenmarks.
Quellen
- mod. nach Compston A. et al., Lancet 2002; 359: 1221-1231