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Ignazio Cassis: Sagt er die ganze Wahrheit?
Der Umgang des Bundesratskandidaten mit seiner Doppelbürgerschaft gibt im Tessin zu reden. Ist's einfach ein Bückling vor der SVP?
«Die Doppelbürger-Diskussion um Cassis & Co. ist lächerlich.» Christoph Bernet, der dies so in seiner Kommentar-Headline auf Watson geschrieben hat, hat recht: Warum soll einer, der auch noch Italiener oder Franzose ist, bei uns nicht Bundesrat werden dürfen?
«Die Doppelbürger-Diskussion um Cassis & Co ist lächerlich»: Der Kommentar von Christoph Bernet auf Watson.
Natürlich soll ein Bundesrat vor allem die Interessen der Schweiz vertreten, aber vielleicht hat ein Doppelbürger ja sogar den besseren Überblick, wieviel nationalistischer Egoismus überhaupt Platz hat und wo das Grenzen-unabhängige Interesse der Bevölkerung Vorrang verdient. Würde ich selber bei den BR-Kandidaten eine +/– Liste erstellen, der Doppelbürger hätte sogar einen Punkt auf der +-Seite.
Aber ...
Wer in den letzten Tagen in Sessa, dem Tessiner Dorf, wo Ignazio Cassis 1961 als Italiener zur Welt gekommen ist, in die Dorfbeiz ging, der hörte den Namen Ignazio Cassis immer wieder. Die Bundesratskandidatur Ignazio Cassis beschäftigt die Dorfbewohner ganz offensichtlich, vor allem aus zwei Gründen:
1. Warum Ignazio Cassis und nicht Laura Sadis?
Laura Sadis, auch sie 1961 geboren, nur wenige Tage vor Ignazio Cassis, ist eine Tessiner Politikerin, und auch sie gehört zur PLR, den Tessiner Liberalen, genau wie Ignazio Cassis. Sadis hat Erfahrung in der Tessiner Legislative (Gemeinderat von Lugano und Grosser Rat), war von 2007 bis 2015 Tessiner Regierungsrätin und sass von 2003 bis 2007 für die FDP im Nationalrat in Bern. Laura Sadis wäre die ideale Kandidatin für den Bundesrat, denn sie würde wie Ignazio Cassis den Kanton Tessin vertreten – aber sie wäre eine Frau, was im Hinblick auf den baldigen Rücktritt von Doris Leuthard ein klarer Vorteil wäre.
Die Diskutierenden in der Dorfbeiz von Sessa glauben zu wissen, warum die Tessiner FDP Ignazio Cassis allein und nicht zumindest zusammen mit Laura Sadis als Kandidaten für den Bundesrat vorgeschlagen hat. Strippenzieher sei, so sagen sie, Fulvio Pelli, ehemaliger Präsident der FDP Schweiz – wenn auch eher einer ihrer politischen Hypotheken als einer ihrer vergangenen Sterne. Pelli ist Verwaltungsratspräsident der GSMN Ticino AG, die die Privatklinik Clinica Sant'Anna in Sorengo/Lugano betreibt, wo Ignazio Cassis' Ehefrau Paola Rodoni Cassis als Radiologin arbeitet, wie man berichtet. Vor allem aber gelte es für Fulvio Pelli, einen Vertreter der Rechtsfreisinnigen nach Bern zu bringen, keine Frau, die zum Beispiel auch für soziale Themen ein offenes Ohr habe.
Ein Tessiner Zweierticket Ignazio Cassis/Laura Sadis hätte in der Bundesversammlung mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer neuen Tessiner Vertretung im Bundesrat geführt, wie dies gefordert wurde, aber mit fast ebenso grosser Wahrscheinlichkeit zu einer Bundesrätin Laura Sadis, nicht zu einem Bundesrat Ignazio Cassis. Das also galt es zu verhindern – mit einer Einer-Kandidatur Ignazio Cassis: der Bundesrat muss ja endlich wieder auf stramm rechten Kurs gebracht werden. (Die Frage, wieweit da auch die immer näher an die SVP rückende FDP Schweiz die Finger im Spiel hatte, bleibe hier einmal offen.)
2. Sagt Ignazio Cassis die ganze Wahrheit?
Ignazio Cassis ist im Jahr 1961 als Sohn von Italienern in Sessa im Tessin zur Welt gekommen. Im Alter von 15 Jahren wollte er aber Schweizer werden und liess sich einbürgern. Damals war es indessen nicht möglich, so erzählt man sich in Sessa, sich einbürgern zu lassen und die vorherige Staatsbürgerschaft beizubehalten, Ignazio Cassis verlor also die italienische Staatsbürgerschaft. Das war für ihn kein Problem, im Gegenteil, meinte man im Dorf Sessa doch zu wissen, sein Grossvater sei ein aktiver italienischer – nein, lassen wir das belastende Wort hier lieber weg – gewesen und im Falle eines Sieges der Achsenmächte im Zweiten Weltkrieg bereits als Podestà – was in etwa das gleiche ist wie Sindaco, also Gemeindepräsident – von Sessa vorgesehen gewesen. Ein guter Grund also, Italien zu vergessen …
Nur: Nachdem das Gesetz betr. Doppelbürger 1992 geändert wurde, beantragte Ignazio Cassis die Rückgewinnung der italienischen Staatsbürgerschaft und wurde, also auf eigenen Antrieb, erneut Doppelbürger. Das sei alles nachvollziehbar, meinte einer der in der Dorfbeiz von Sessa diskutierenden Ticinesi. Es könne ja Vorteile haben, gleichzeitig Bürger zweier Staaten zu sein. Dass aber Ignazio Cassis jetzt «freiwillig» auf das italienische Staatsbürgerrecht verzichtet hat, um als Kandidat für den Bundesrat eine einwandfreie Schweizer Weste zu haben, das kommt in Sessa nicht nur gut an. Er war, wie man hier zu wissen glaubt, ja nicht nur Doppelbürger, weil er als Italiener geboren wurde, er war Doppelbürger, weil er Doppelbürger werden wollte, sagen etliche Leute in Sessa, und genau das verschweige Ignazio Cassis jetzt!
Tatsächlich: Weder auf seiner eigenen Plattform ignaziocassis.ch noch auf Wikipedia kann man diese Version nachlesen. Nicht dass Ignazio Cassis italienischer Staatsbürger war, macht die Leute skeptisch. Dass er damit intransparent umgeht, beschäftigt die Leute in Sessa. Dass seine Karriere und insbesondere seine vielen Funktionen als Lobbyist wenig Vertrauen schaffen, ist das eine. Dass er aber nun auch betreffend seiner Doppelbürgerschaft nicht die volle Wahrheit sage, wie man in Sessa meint, dafür hat man in der Gemeinde, wo der Polit-Karrierist geboren ist, nur wenig Verständnis. Er sei einfach ein Opportunist, tue alles nur seiner Karriere zuliebe, sagen hier etliche.
Dass Ignazio Cassis in Anbetracht der politischen Haltung seines Grossvaters heute Vizepräsident der Parlamentarischen Gruppe Schweiz-Israel sei (und selber an der Wallfahrt einiger Parlamentarier in die von Israel besetzten Gebiete in Palästina teilgenommen hat, ohne sich von Israels Siedlungspolitik zu distanzieren) sei «psychologisch» nachvollziehbar, meinte ein aufmerksamer Debattierer in der Dorfbeiz von Sessa, aber im Bundesrat habe so einer nicht Platz.
«Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagte ein anderer. «1959 wurde für den Bundesrat von der SP Walter Bringolf vorgeschlagen. Die Bundesversammlung aber verweigerte dem ehemaligen Kommunisten die Wahl und gab Hanspeter Tschudi, ebenfalls von der SP, den Vorzug. Und 2007 wurde von der SVP Christoph Blocher zur Wiederwahl empfohlen. Die Bundesversammlung aber wählte statt Christoph Blocher die Bündner SVP-Politikerin Eveline Widmer-Schlumpf.» Der Mann aus Sessa hielt kurz inne, griff zu seinem Weinglas – es war, wie der stille Beobachter vermutet, ein weisser Merlot – und setzte erneut an: «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagte er, und «vielleicht erkennt ja die Bundesversammlung diese undurchsichtigen Spiele der FDP und den Opportunismus von Ignazio Cassis.
Vielleicht sieht ja die Linke und die Mitte in der Bundesversammlung, dass Ignazio Cassis in puncto italienischer Staatsbürgerschaft nur die halbe Wahrheit gesagt hat, nämlich dass er die italienische Staatsbürgerschaft selber beantragt hat. Vielleicht macht es die Bundesversammlung wie damals 1959 bei Bringolf und 2007 bei Blocher: Sie anerkennt den Anspruch der Partei, aber sie wählt den Parteivertreter – oder im vorliegenden Fall die Parteivertreterin – der oder die deutlich mehr Vertrauen verdient.»
Zurück nach Bern
Die FDP hat am Freitag (1.9.2017) in Neuenburg beschlossen, für die Bundesratswahl vom 20. September ein Dreier-Ticket vorzulegen. Isabelle Moret, Pierre Maudet, Ignazio Cassis. Warum ist Laura Sadis aus dem Tessin kein Thema?
Warum bietet Ignazio Cassis weder im Tagesanzeiger noch auf Wikipedia mehr Transparenz zu seiner Doppelbürgerschaft? Ist er vielleicht wirklich der Opportunist, wie ihn die Leute von Sessa in der Dorfbeiz beschreiben.
«Die Doppelbürger-Diskussion um Cassis & Co. ist lächerlich.» Ja, Christoph Bernet von Watson hat recht – wenigstens dann, wenn die Kandidaten selber souverän damit umgehen. Ignazio Cassis freiwilliger Verzicht auf die italienische Staatsbürgerschaft, offensichtlich ein Schachzug, um bei der SVP besser anzukommen, aber gibt zu denken. Welche Konzessionen gegenüber der SVP wird er, seiner Karriere zuliebe, denn künftig machen?
Und vielleicht erklärt Ignazio Cassis einmal, wie es sich mit seiner italienischen Staatsbürgerschaft genau verhält. Verloren und wieder beantragt, wie es einige Ticinesi in Sessa einander erzählen, oder nur einfach geerbt und jetzt zurückgegeben? Und warum zurückgegeben? Um auch bei der SVP gut anzukommen, die im Bundesrat keine Doppelbürger haben will?
Nachtrag vom 15. September 2017:
Die Aargauer Zeitung glaubt aufgrund eines von Ignazio Cassis «berichtigten» Artikels in der NZZ am Sonntag, die von Infosperber gestellten Fragen seien definitiv beantwortet. Das ist aber nicht der Fall. Nach italienischem Recht konnte Cassis möglicherweise seine italienische Staatsbürgerschaft behalten, was ein von ihm vorgelegter Brief zu belegen scheint (obwohl das italienische Recht damals Doppelbürger auch nicht zuliess), nach Schweizer Recht von 1976 – und das ist entscheidend – musste Ignazio Cassis seinen italienischen Pass aber abgeben. Siehe dazu eine aktuelle Ergänzung unter «Ignazio Cassis» auf Wikipedia.
Die Frage sei auch erlaubt, warum er damals Schweizer Bürger werden wollte. Als Italiener hätte er damals schon bald einen obligatorischen Wehrdienst (also ein Pendant zur Schweizer Rekrutenschule) von einem ganzen Jahr absolvieren müssen, als Schweizer Bürger aber nur eine Rekrutenschule von 17 Wochen – was er, auch dies gemäss Wikipedia, als Trompeter einer Gebirgsinfanterie-Einheit dann auch tatsächlich hinter sich brachte.
Ignazio Cassis direkt zu fragen, bringt nichts. «Für Medien- und Verbandsanfragen habe ich leider keine Zeit mehr», liess er sich zum Beispiel gegenüber «alliancesud» verlauten.
Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors
Keine
Weiterführende Informationen
AZ online zur Doppelbürgerschaft Ignazio Cassis
Ideal wäre eine freisinnige Frau aus dem Tessin (Elisabeth Kopp im Echo der Zeit)
Christoph Bernet auf Watson: Doppelbürgerschaft-Diskussion
Das Tessin seit 1999 ohne Bundesrat – ein Mangel? (Auf Infosperber)
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3 Meinungen
Auch ich hätte eine Kandidatur von Laura Sadis vorgezogen, leider wurde auch ich nicht gefragt, obwohl ich FDP-Mitglied bin, aber nicht Tessiner....
Dieser Artikel ist aber doch nicht ganz gut recherchiert. Wenn Cassis von aNR u. aParteipräsident Pelli propagiert wird, kann es sich bei ihm nicht um einen Rechtsliberalen handeln! Deshalb liegt der ganze Nachteil von Ignazio Cassis darin, dass er keine Frau ist. Ganz sicherlich ist die FDP des Kantons Tessin nicht der SVP zu Tische gekrochen, da sind die Mentalitäten dieser beiden Parteien zu verschieden.
Sie müssen selbst urteilen, ob ein Bundesrat mit Doppelbürgerschaft gut wäre für unser Land, insbesondere für den Posten eines Aussenministers.... Das würde vor allem die EU freuen!
Übrigens sind alle drei nun offiziell zur Diskussion stehenden Kandidaten europa-freundlich. Sollte gar Pierre Maudet gewählt werden, was nicht zu wünschen ist, würde er wohl selbst auf den Entschluss kommen, seine französische Staatsbürgerschaft abzulegen. Denn den «Foifer und das Weggli», das gibt es auch für Bundesräte nicht!
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