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Von domestizierten Frauen, wilden Männern und anderen Tieren. Mensch-Tier- und Geschlechterverhältnisse in naturphilosophisch-moralischen Debatten während der Französischen Spätaufklärung (1745–1805)Aline Vogt
Betreuung: Prof. Dr. Claudia Opitz
Aktuelle Debatten um Tierschutz, Tierrechte und Veganismus beschäftigen sich mit der Frage, ob und wie Mensch-Tier-Beziehungen auf einer ethischen Grundlage neu geregelt werden sollen. Nicht selten knüpfen heutige Diskussionen um Tierrechte an Argumente aus der feministischen Bewegung an, indem der Mechanismus, mit dem patriarchale Gesellschaften das Männliche in Abgrenzung zum Weiblichen als Norm konstruiert und daraus Machtverhältnisse abgeleitet haben, übertragen wird auf die Konstruktion des Menschlichen im Gegensatz zum Tierischen, die ihrerseits einen Machtanspruch des Menschen über das Tier legitimiert. Inwiefern sind solche Vergleiche gewinnbringend und öffnen eine neue Perspektive auf unseren Umgang mit Tieren? Oder aber inwiefern neigen sie andererseits dazu, Stereotype über Weiblichkeit als das Natürliche, Tierverbundene zu (re-)produzieren und in diesem Sinn die "Menschlichkeit" von Frauen in Frage zu stellen?
Das Projekt versteht sich als einen Beitrag zu diesen Fragen, indem es den Diskurs über Tiere und Geschlecht in der französischen Spätaufklärung untersucht. In dieser Zeit entstand einerseits ein neues Körperbild, dass die Natur und Kreatürlichkeit des Menschen betonte und ihn somit vergleichbar zum Tier machte. Andererseits fragte das 18. Jahrhundert auch nach der Entwicklungsgeschichte des Menschen, die sich irgendwo zwischen einem tierähnlichen Naturzustand und der kultivierten, beziehungsweise fast schon degenerierten Gesellschaft des 18. Jahrhunderts abspielte. In den Debatten um Zivilisierung und Degeneration spielten sowohl die Verhandlung von Geschlechterrollen, als auch die Spannung zwischen dem Wilden und Domestizierten eine Rolle, die sich sowohl im Menschen, als auch in bestimmten Tierarten finden liess.
Das Projekt untersucht anhand von moralischen und naturphilosophischen Schriften der Spätaufklärung inwiefern insbesondere der Diskurs über wilde und domestizierte Tiere geschlechtlich markiert war und welche Kriterien dabei entwickelt wurden, um den Menschen vom Tier, das Männliche vom Weiblichen, aber auch verschiedene Tierarten voneinander abzugrenzen. Ende des 18. Jahrhunderts gewann diese Frage nochmals an Brisanz, weil sie mit der französischen Revolution eine verstärkt politische Dimension erhielt. Mit der Einführung der Menschenrechte (franz. "déclaration des droits de l'homme") musste schliesslich definiert werden, wer als Mensch mitgemeint war.
Neuere Untersuchungen zur Geschlechtergeschichte behandeln tiergeschichtliche Fragestellungen noch nicht oder nur am Rande. Sie betrachten Tiere nicht zwangsläufig als Wesen mit einer Geschichte und damit als Gegenstand der historischen Forschung. Ein neuer Blick auf die Aufklärung, der Ansätze aus den kürzlich etablierten Human-Animal Studies mit einbezieht, könnte hier zu neuen Erkenntnissen führen. In diesem Sinn wird im Projekt nicht nur ein rein dekonstruktivistischer und diskursgeschichtlicher Ansatz verfolgt, sondern es wird gleichzeitig nach geschlechtsspezifischen Praktiken zwischen Menschen und Tieren gefragt, beispielsweise dem Umgang mit Nutztieren oder der Verhandlung des moralisch richtigen Umgangs mit dem Tier anhand von Archivalien, Zeitschriften und Agrarratgebern. Diese zusätzliche praxeologische Perspektive soll dazu beitragen, die Auswirkungen des philosophischen Diskurses auf die Lebenswelten von Menschen und Tieren und umgekehrt besser zu verstehen. Im Verlauf des Projektes soll ausserdem immer wieder versucht werden, Momente der Agency aufzuzeigen, durch die sich Tiere dem Diskurs über sie entziehen oder sich ihm widersetzen.