Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03524.jsonl.gz/1768

Autor: Nicole Jegerlehner
Barbara Dietrich ist schon bereit und wartet vor ihrem Wohnhaus, als das Auto vorfährt. Peter Stücheli steigt aus, begrüsst seinen Fahrgast und öffnet die Autotüre – aber nicht die des Beifahrersitzes, sondern die Türe hinten: Barbara Dietrich sitzt im Rollstuhl, und Peter Stücheli ist freiwilliger Fahrer von Passepartout. Die Organisation bietet behinderten und älteren Personen, welche den öffentlichen Verkehr nicht benutzen können, einen Taxidienst an.
Alle drei Jahre ein Auto
Peter Stücheli fährt die Rampe aus, rollt überlange Gurten aus und befestigt sie am Rollstuhl; dann schiebt er Barbara Dietrich in das Auto. Stücheli befestigt den Rollstuhl: «Das ist wichtig, damit er bei einem Unfall oder einem scharfen Bremsmanöver nicht ins Schlittern kommt.» Hinter dem Rollstuhl klickt er Rücken- und Nackenstütze ein. «Die haben wir erst seit kurzem, mit dem neuen Auto», sagt Stücheli. Er war lange verantwortlich fürs Fahrzeug: Er reinigte das Auto, schaute nach dem Rechten, brachte es wenn nötig in die Garage, liess die Pneus wechseln – und kümmerte sich auch um die Neuanschaffungen.
Innert drei Jahre spult das Fahrzeug von Passepartout im Sensebezirk rund 180 000 Kilometer ab – und wird dann ersetzt. Finanziert wird das Auto durch die kantonale Stiftung Passepartout; für den Unterhalt selber kommt Passepartout Sense durch die Einnahmen aus dem Taxidienst und durch Spenden auf. Das neuste Fahrzeug hat 54 000 Franken gekostet; 21 000 Franken gingen alleine für den Umbau zum Rollstuhltransporter weg.
An Technik interessiert
«Fahrzeuge und Technik interessieren mich», sagt Stücheli. Der ehemalige Instruktor der Armee hat auch als Lastwagenfahrer gearbeitet, und seit seiner Pensionierung arbeitet er gelegentlich als Carchauffeur und Postautofahrer. «Hier beim Passepartout sehe ich hinter die Fassaden», sagt der 67-Jährige. «Ich realisiere, was behinderte Leute brauchen.»
Die meisten seiner Passagiere kennt Stücheli; sie nehmen regelmässig die Dienste von Passepartout in Anspruch, einige sogar für tägliche Fahrten – so wie Barbara Dietrich, die jeden Morgen an ihre Arbeit bei der Sensler Stiftung für Behinderte (SSB) in Schmitten fährt. Einige bringt Stücheli auch regelmässig zum Arzt oder zur Dialyse. «Wenn die Leute immer schwächer werden, beschäftigt das einem», sagt Stücheli. In solchen Momenten hilft ihm seine Weisheit weiter: «Das Leben ist nicht unendlich.» Auch habe ihn die Zeit, als er bei der Polizei gearbeitet habe, «wohl etwas abgehärtet».
«Die meisten Passagiere sind kontaktfreudig», sagt Stücheli. Er selber sei während den Fahrten nicht so gesprächig, «ich muss mich auf die Strasse konzentrieren». Er fährt vorsichtig: «Rollstühle sind weniger gepolstert als ein Autositz, die Behinderten spüren jeden kleinen Buckel in der Strasse.»
Peter Stücheli engagiert sich seit acht Jahren als freiwilliger Fahrer für Passepartout; er übernimmt meist zwei Tage pro Monat. Und wenn er sieht, dass der Monatsplan noch einige Lücken aufweist, übernimmt er noch den einen oder anderen Tag dazu.
Lange Tage
Die Tage der Fahrer sind lang: Sie beginnen um acht Uhr und enden gegen 22 Uhr. «Wenn wir aber jemanden an den Gottéron-Match fahren, holen wir ihn auch wieder ab», sagt Stücheli. Auch Barbara Dietrich, die wegen Multipler Sklerose seit acht Jahren im Rollstuhl sitzt, lässt sich ab und zu an ein Spiel fahren. «Mit dem Taxi wäre das viel zu teuer, die Preise sind nicht vergleichbar.» Für eine Fahrt mit Passepartout bezahlt sie zwei Franken und für jeden Kilometer 60 Rappen. «Das verdanken wir den Fahrerinnen und Fahrern, die freiwillig für uns arbeiten», sagt Dietrich. «Ihnen ein ganz grosses Merci!»
Barbara Dietrich und Peter Stücheli sind in Schmitten angekommen. Stücheli fährt wieder die Rampe aus und löst die Sicherheitseinrichtungen; die junge Frau rollt rückwärts aus dem Wagen. Einmal angekommen, ist die Arbeit für die Fahrer nicht getan: Sie begleiten ihre Passagiere noch bis zum Arzt, Physiotherapeuten oder Coiffeur. «Und dort holen wir sie auch wieder ab.» Barbara Dietrich muss er nicht begleiten: Sie schafft ihren Arbeitsweg allein. Und so verabschiedet sie sich von Peter Stücheli, der sich auf den Weg zum nächsten Kunden macht.