Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03417.jsonl.gz/950

Im letzten Teil der Kunst-Matinée geht es um die Fussballmannschaft des chilenischen Ortes Coya Sur, wo die Schliessung der Mine bevorsteht, und der Ort aufgegeben werden soll. Ein allerletztes Spiel gegen den Nachbarort María Elena steht noch aus. Gelingt es, den übermächtigen Gegner endlich einmal zu schlagen? Die Zeichen stehen schlecht – da taucht er auf und gibt eine Kostprobe seines Könnens.
Hernán Rivera Letelier
Der Mann war ein Virtuose am Ball.
Er führte ihn gekonnt mit beiden Füssen, mit dem Kopf, den Schultern, der Brust, den Knien; in feinster Technikermanier nahm er ihn mit der Hacke, dem Spann, dem Aussenrist; er kickte ihn auf den Kopf, hielt ihn ruhig auf der Stirn, ging mit ihm in die Hocke, rollte ihn sich über den Nacken, warf sich bäuchlings auf den Boden; durch ein raupenhaftes Aufbäumen liess er ihn den Rücken hinabrollen, hievte ihn mit einem kurzen Bocken zurück in seinen Nacken, kam dann wieder hoch und balancierte ihn dabei auf der Stirn wie eine schlafende Taube. »Wie ein runder nekrotischer Leistenbruch!«, sollte Cachimoco Farfán später kommentieren, der während seines Medizinstudiums plemplem geworden war und seine Sportreportagen daher mit medizinischen Fachausdrücken anreicherte. Und diesen gesamten erstaunlichen Zauber vollführte der Mann mit bühnenreifer Grazie und Nonchalance, ohne dass der Ball ein einziges Mal zu Boden gefallen oder sich auch nur einen Zoll aus der Umlaufbahn seines Körpers bewegt hätte. »Als hätte dieses Papillomgesicht ihn mit einem Schnürchen angebunden, liebe Hörer an den Radiogeräten, als wäre der Ball lebendig, verehrte Patienten, ein dressierter, trainierter, ein hypnotisierter Ball!«
Sein Gesicht war schweissnass (wie wir nun begriffen, sollte das Araukaner-Stirnband verhindern, dass ihm das Wasser in die Augen rann), und der Mann schnaufte nach beendeter Nummer wie ein abgekämpfter Stier, klemmte sich den Ball unter den Arm, verneigte sich ölig erst in eine, dann mit grosser Theatralik in alle vier Himmelsrichtungen. Die Frau, die ihn die ganze Zeit mit abwesendem Blick angeschaut und dabei Kaugummiblasen produziert hatte, die ebenso traumverloren wirkten wie sie selbst, erhob sich und tupfte ihm das Gesicht mit dem Seidentuch ab, das sie um den Hals trug.
Wir nutzten diesen Moment, traten heran, sahen uns die Fotos auf dem Pappkarton an und lasen begierig, was in den Zeitungsartikeln stand.
Viel stand eigentlich nicht drin. Der Tenor war fast immer derselbe. Der Mann, den sie »Traumkicker am Ball« nannten, hiess Expedito González; er stammte aus der Stadt Temuco, war als Gast in ein paar Fernsehsendungen aufgetreten und jetzt auf Tournee durch den Norden des Landes, wo er »die Menschen mit seinen ausserordentlichen Fähigkeiten in Entzücken versetzt«. Einige schon angegilbte Artikel stammten aus Zeitungen der Hauptstadt und andere aus den Städten und Dörfern, durch die er gekommen war. Von dem halben Dutzend Fotos fesselten zwei unsere Aufmerksamkeit besonders und überzeugten uns davon, dass der Sportskamerad, den wir da vor uns hatten, ein Profi sein musste. Auf einem sah man ihn auf der Aschenbahn im ausverkauften Nationalstadion in Santiago den Ball mit dem Kopf nehmen, das andere zeigte ihn hockend zwischen Chamaco Valdés und Carlitos Caszely. Nationalspieler immerhin.
Und es war Pata Pata, der hinkende Vertreter der Arbeitergewerkschaft, der schliesslich aussprach, was wir 15 alle dachten: dass uns dieser Grindkopf (so nannte er jeden) durch den Kamin in den Schoss gerauscht war, wir mit ihm als Mittelstürmer den Staubfressern am nächsten Sonntag den Arsch aufreissen könnten.
Don Celestino Rojas wiederum, frömmelnder und ewiger Präsident unserer Fussballvereinigung, war in andächtiger Verzückung erstarrt und murmelte, ja betete fast, der Traumkicker mit dem weissen Ball sei im Wortsinn unser Retter, so etwas wie ein Gesandter Gottes oder, wie er sich ausdrückte:
»Der Mann ist der Messias.«
Auszug aus dem Roman ‹Der Traumkicker› von Hernán Rivera Letelier, erschienen im Insel Verlag 2011; ISBN: 978-3-458-17533-9.