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Irrtum und Vergebung. Gedanken zu Dostojewskis «Grossinquisitor»
Abstract
Der «Grossinquisitor» gehört zu den berühmtesten Texten Dostojewskis. Der westlich gebildete Iwan Karamasow trägt es im Rahmen seiner philosophischen und religionskritischen Darlegungen seinem jüngeren Bruder, dem Novizen Aljoscha, vor. Er erzählt, dass Jesus Christus im 16. Jahrhundert, auf dem Höhepunkt der Inquisition in Spanien, auf die Erde zurückgekehrt, vom Volk erkannt und auf Befehl des Grossinquisitors verhaftet worden sei. Der Grossinquisitor habe Jesus im Gefängnis besucht und ihm die heftigsten Vorwürfe gemacht: Jesus habe mit der Verkündigung der Freiheit (Joh 8,3–38) die Menschheit völlig überfordert. Seine Lehre sei grundfalsch, ein Irrtum, und für die Menschen eine Last, die sie nicht tragen könnten. Deshalb habe die Kirche die Lehre Jesu verbessert und anstelle der Freiheit Wunder, Geheimnis und Autorität gesetzt und so der Menschheit das Glück gebracht. «Warum bist Du gekommen», fragt der Grossinquisitor, «uns zu stören? Morgen werde ich Dich verbrennen.» Auf diese Vorwürfe antwortet Jesus lediglich mit einer Geste: Er küsst den Grossinquisitor und zeigte ihm damit seine Vergebung an.
Dostojewski will mit dieser Dichtung den Menschen vom Irrtum der römisch-katholischen Kirche zur Erkenntnis der Wahrheit des Evangeliums führen. In der Forschung werden drei Deutungsebenen unterschieden: die Ebene der Philosophie des Atheisten und Religionskritikers Iwan Karamasow, die Kritik Dostojewskis an der römisch-katholischen Kirche (die er auch in anderen Werken zum Ausdruck brachte) und die Ebene allgemein anthropologischer Einsichten.
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