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Unter Schanzen wird in Solothurn meist die Befestigung aus dem 17. Jahrhundert verstanden. Wie andernorts ist dies ein Ausdruck der Umgangssprache. Eine genauere Bezeichnung lautet hier „Barocke Stadtbefestigung“ aus der Kunstgeschichte. Gemeint ist die militärische Erneuerung der mittelalterlichen Mauern, Türme und Tore durch eine bastionäre Anlage. Ihre wichtigsten Elemente waren die Bastionen, die Kurtinen mit Escarpen, die Raveline mit Konterescarpen, zwischenliegende Gräben sowie das aussenliegende Glacis als freies Schussfeld. Der Bau verlief in einer grösseren politischen Auseinandersetzung, denn er erstreckte sich über 60 Jahre und kostete einen beträchtlichen Teil der Staatsausgaben. Die Planung erforderte besonderes Fachwissen, das von Ingenieuren eingebracht wurde. Es sind wenige an der Zahl, so dass hier die jeweilige Person in ihrem Umfeld hervorgehoben werden kann.
In der militärischen Bautechnik sind Schanzen Teile von Feldbefestigungen, bestehend aus kurzfristig aufgeworfenen Erdwällen und Gräben. Im Vorfeld von Städten wurden sie oft zu einem Teil der vorhandenen Stadtbefestigung und bestimmten vor allem das Stadtbild. So wurde dann im Unterschied zu den Stadtmauern die ganze Anlage als Schanze bezeichnet. Manchmal bedeutet Schanze auch nur der Name einer einzelnen Bastion. Diese Vielfalt im Sprachgebrauch macht es nicht eben leicht, die Leistungen der Ingenieure aufzuzeigen. Ein kurzer Rückblick soll zeigen, wann und wie diese einsetzten, denn Solothurn hatte Wehranlagen schon viel früher in seiner Geschichte (Kaiser 1997).
Seit der Römerzeit mit Wehrbauten befestigt
Zur Zeit der Römer war Solothurn ein Strassendorf mit einer Brücke oder Fähre über die Aare. Es lag an der Strasse nach Aventicum im Westen, nach Vindonissa im Osten und nach Augusta Raurica im Norden. Dieser Ort, „vicus Salodurum“ genannt, erreichte seine grösste Ausdehnung im 3. Jh. n.Chr. und wurde um 330 mit Wehrbauten befestigt. Er lag an der Stelle der heutigen linksufrigen Altstadt und der rechtsufrigen Vorstadt. Ausserhalb der Mauern befand sich ein Gräberfeld, worauf später als Folge der Christianisierung und der Heiligenverehrung das Stift St. Ursen gebaut wurde. In den auseinanderfolgenden Königreichen war Solothurn Untertan und stand ab 1218 unter der unmittelbaren Herrschaft des römisch-deutschen Königs. 1252 trat die Stadt mit Schulheiss, Rat und Bürger erstmals selbständig auf, worauf sie sich zu einer freien Reichsstadt entwickelte. In dieser Zeit wurde das gesamte Stadtgebiet mit einer Mauer umgeben.
Gleichzeitig mit dieser Emanzipation schuf die Stadt ein eigenes Herrschaftsgebiet. Zwischen 1344 und 1527 machte sie sich durch Käufe und Eroberungen zu einem Stadtstaat, der auch Burgrechtsverträge und Bündnisse abschloss. Kontrahenten waren der aufstrebende Nachbar Bern, der Fürstbischof und die Stadt Basel sowie der lokale Adel wie die Herren von Falkenstein und die Grafen von Thierstein. Zu den Erwerbungen der Herrschaften zählten Gerichtsbarkeiten, Pfandrechte und Kastvogteien. Mit Bern verliefen sie bisweilen gemeinsam, wurden aufgeteilt und später wieder abgetauscht. Sie waren kleinräumig, woraus die Stadt neue Vogteien mit wechselnden Namen bildete, ohne aber den Eindruck eines zusammenhängenden grossen Ganzen zu erreichen.
Die Stadtmauer der Hauptstadt, wie sie noch unter der Herrschaft der Zähringer vor 1218 angelegt worden war, verlief links der Aare nahezu quadratisch und bildete rechts der Aare ein kleineres Halbrund mit einer Vorstadt als Brückenkopf. Verstärkt durch Türme und Tore wurde sie im Laufe des 14./15. Jahrhunderts kontinuierlich verbessert. Die ganze Mauer verfügte über einen gedeckten Wehrgang. In den Jahren 1503 bis 1550 wurde der militärische Schutz gegen Artillerie modernisiert. Deshalb wurde linksufrig das Baseltor mit Flankentürmen neu erbaut und die vier Eckpunkte mit teils runden Bollwerken versehen. Von Ingenieuren war damals aber noch keine Rede.
Politisch war Solothurn 1481 der achtörtigen Eidgenossenschaft beigetreten. Es blieb allerdings noch nicht vollberechtigt, denn die inneren Orte pochten auf ihren Vorrang, während Bern sich als den stärkeren Rivalen sah. Gegen Norden hin hatte es 1485 die Burg Dorneck gekauft und beim Schwabenkrieg 1499 mit den Eidgenossen zusammen erfolgreich verteidigt (HLS 11, 587). Während der Reformation ging die Stadt mit Neugläubigen schonend um und blieb tolerant, besuchte aber die Tagsatzung fortan zusammen mit den katholischen Orten. Von weit grösserer Bedeutung war die Tatsache, dass ab 1530 der Botschafter (l’ambassadeur) des französischen Königs seinen Sitz in Solothurn nahm. Der Solddienst bildete für Bürger und Untertanen eine wichtige Einkommensquelle, verschaffte den Offizieren aus der „Ambassadorenstadt“ aber auch Ansehen und Adelstitel. Daraus bildete sich eine Herrschaftsform mit einer Oberschicht aus Patriziern, welche städtische Ämter und Vogteien unter sich verteilten.
Erste Pläne für ein Bastionärsystem
War es das Geschehen des Dreissigjährigen Krieges (1618-48), das die Solothurner zur Erneuerung ihrer Stadtbefestigung brachte? Oder war es der Nachbar Bern, der 1622 an der Aareschlaufe offensichtlich mit dem Bau eines neuen Schanzengürtels begonnen hatte, der die Arbeiten kräftig vorantrieb und dem es Solothurn gleichtun wollte? Jedenfalls erteilte der Rat am 15. Mai 1625 Schultheiss von Roll den Auftrag, mit Michael Gross die Erstellung eines aktuellen Stadtgrundrisses und Vorschläge zur Stadtbefestigung zu besprechen (Kdm SO I 1994, S. 192).
Gross stammte aus Besigheim am Neckar, war Geometer und rühmte sich als erfahren im Festungsbau. Er wird auch Grossen oder Syz genannt. Referenzen oder biographische Daten sind weiter nicht bekannt. 1626 legte er unter dem Titel „Chorographiae fortificationis tractatus“ eine exakte Aufnahme der bestehenden Wehrbauten vor. Er machte Vorschläge inkl. Kostenschätzung für einen Neubau mit Bastionen in verschiedenen Manieren. Sein Honorar enthielt ferner die Entschädigung für ein Holzmodell. Eine Realisierung in dieser vorgeschlagenen Grösse erfolgte nicht, zumal die Eidgenossenschaft anscheinend doch nicht direkt in den Krieg verwickelt wurde. Erst der Bauernkrieg von 1653 und der Erste Villmergerkrieg 1656 zeigten wieder konkrete Bedrohungen. Das Verhältnis zwischen den reformierten und katholischen Orten blieb angespannt. Zwar war Solothurn ein eidg. Ort „minderen Rechts“ und neutral, doch es misstraute Bern. Es war sogar in ständiger Sorge vor einem bernischen Angriff, insbesondere da Bern ab 1661 das Städtchen Aarburg zur Festung ausbaute. Ausserdem schien die Residenz des französischen Botschafters gefährdet und damit Frankreichs Interesse beeinträchtigt. Obwohl sich Solothurn vermittelnd verhielt, nahm es die Planungen umgehend wieder auf. Die Stadt erkundigte sich sowohl beim Ambassador wie auch beim katholischen Stand Luzern nach fähigen Gutachtern.
Der grosse Schanzenbau
Auf Empfehlung von Luzern kamen bereits im Frühling 1656 zwei Ingenieure nach Solothurn (Kdm SO I 1994, S. 194). Ihre Arbeit ist nicht näher bekannt, doch im Mai wurden sie entlöhnt. Der ältere von ihnen erhielt das Bürgerrecht. Der jüngere war Francesco Polatta (*1608-nach 1685) aus Melano bei Lugano. Über ihn ist nur wenig bekannt (Schubiger 1999, S. 204). 1632 soll er sich in Pavia aufgehalten und 1656 im Villmergerkrieg mitgekämpft haben. 1660 hatte er das benachbarte Freiburg besucht, wozu er 10 Jahre später ein Gutachten zur Stadtbefestigung abliefern sollte (Morgan 1995, S. 270). Inzwischen war er in Mailand tätig, denn von dort holte ihn 1667 Johann Viktor I. Besenval, Landvogt in Locarno, als Schanzmeister nach Solothurn.
Dass zuvor die Diskussionen um einen Neubau anhielten, zeigt 1662 mindestens ein Vorschlag von Pierre D’Angély, „écyuer“ des französischen Ambassadors (Kdm SO I 1994, S. 194). Konkrete Pläne konnte dann Polatta im Februar 1667 dem Ratsausschuss vorlegen. Sie wurden genehmigt, Polatta wurde auf eigenen Wunsch im März verabschiedet und entlöhnt. Doch bereits im Juli weilte er erneut in Solothurn, denn dort hatte sich ein Schanzrat gebildet. Unter Viktor Sury wurde über eine zweite, ähnliche Variante von Polatta beraten. Sury kannte moderne Festungen anderer Städte in Europa, die er 1661/62 zusammen mit Johann Victor Besenval bereist hatte (Sigrist 1967, S. 76-78). Dieser Plan wurde am 1. Juli ratifiziert, am 8. Juli „mit kleinen Tannen“ ausgesteckt und sodann genehmigt. Arbeitsbeginn war linksufrig an einer ersten Bastion nach der feierlichen Grundsteinlegung vom 15. Juli. Polatta selbst war danach eher selten in Solothurn anwesend, er ist 1672 letztmals dort erwähnt. Mit ihm zusammen gearbeitet hatte sein Sohn Giovanni Battista (Schubiger 1999, S. 204).
Die Bauarbeiten erfolgten unter Beizug von einheimischen und fremden Kräften, von freiwilligen Fronarbeitern und Taglöhnern. Die Bauführung lag während längerer Zeit bei Jakob Keller und seinem Sohn Wilhelm. Genannt wird später Ingenieur Franz Gleitz, als er 1690 als Schanzaufseher vereidigt wurde. Seitens der Bürger blieb die Kritik an diesem Projekt nicht aus, seien es Bedenken wegen der Kosten, Proteste von Landeigentümern im Vorgelände oder Zweifel am militärischen Nutzen. Der Grosse Rat hatte sie unter Androhung von Strafe verboten (Kdm SO I 1994, S. 194). Gleichwohl wurde 1674 ein nicht näher bekannter Monsieur Marbet, Ingénieur du Roy, beigezogen. Mit einem Gutachten bemängelte er Polattas Projekt und schlug konstruktive Verbesserungen vor (Kdm SO I 1994, S. 197). Die Arbeiten auf dem linken Aareufer bestanden zur Hauptsache aus fünf Bastionen, zwei Halbbastionen und den dazwischen liegenden Kurtinen. Sie waren 1681 weitgehend vollendet (Schubiger 1999, S. 206).
Die viel kleinere Vorstadt auf dem rechten Aareufer sollte ebenfalls neu befestigt werden (Kdm SO I 1994, S. 198-201). Für die Planung gelangte der Rat im Dezember 1680 an einen Ingenieur Sirena aus Lugano, allerdings ohne Erfolg. Vermutlich war es Domenico Serena, der 1685 mit Polatta bei einem Hausumbau in Bissone als Experte genannt wird. Stattdessen erschien anfangs 1681 der französische Ingenieur Jacques de Tarade (1640-1722) und legte am 25. April drei Pläne vor. Merkmal ist eine wesentliche Erweiterung der Vorstadt innerhalb eines neuen Gürtels, bestehend aus Toranlage, zwei Bastionen, einer Halbbastion und einem Werk beim bisherigen Turm. Im zughörigen Gutachten stellte er – zur ernüchternden Überraschung des Rats – am linken Ufer wesentliche Mängel fest, was zuvor schon Marbet angedeutet hatte. Der Gürtel sei von Polatta viel zu eng um die mittelalterliche Stadtmauer gezogen, es fehlten die Raveline, die neuen Bastionen hätten zu knappe Flanken und die Anhöhen der Vorstadt seien ungeschützt. Im Februar 1682 setzte der Rat die weitere Projektierung fort, beschloss die Ausführung von Tarades zweiter Variante und begann mit Bauarbeiten. Die feierliche Grundsteinlegung fand allerdings erst 1685 statt.
Tarade hatte sich zur Ausbildung im Umfeld von Pariser Architekten aufgehalten. Ab 1676 tat er Dienst im Elsass, zunächst als Chefingenieur in Schlettstadt, dann in Strassburg (1681-87) und schliesslich als Directeur des fortifications d’Alsace (1690-1713). Er war zuständig für grössere Festungen, hatte aber auch an Belagerungen teilgenommen. Bei Strassburg baute er gemäss Plänen von Vauban den Bruch-Kanal für Materialtransport. Nach Solothurn gekommen war er durch Vermittlung des Ambassadors und mit Empfehlung von Louis XIV. (1638-1715). Sein Aufenthalt im Frühling 1681 dauerte nur kurze Zeit und fand soweit bekannt kein zweites Mal statt (Kdm SO I 1994, S. 227). Seine Kritik aber am ausgeführten Projekt von Polatta bewog die Solothurner, ein weiteres Gutachten einzuholen. Im Winter 1684/85 beurteilte Louis Hautebeau die Lage der Stadt aus taktischer Sicht, wiederholte die Kritik von Tarade und machte Verbesserungsvorschläge. Er selbst war Professor für Mathematik in Besançon (Sigrist 1967, S. 79). Nach der Grundsteinlegung zu den neuen Bastionen der Vorstadt verliefen die Arbeiten eher zurückhaltend. Von 1689 datiert ist der Vertrag mit Jakob Keller für das Berntor und um 1700 waren hier die wichtigsten Bauten dieser Etappe vollendet (Schubiger 1999, S. 206).
Das Gutachten von Vauban
Solothurn hatte zu jener Zeit etwa knapp 4000 Einwohner. Die Stadt stand in der Gunst des Königs von Frankreich und es war ihr gelungen, ihr Grossprojekt auf diese Weise zu finanzieren. Für die Bereitschaft zur Verteidigung brauchte sie nun zusätzlich eine Mannschaft und dachte daran, eine Garnison zu errichten. In diesem Punkt blieb sie eher bescheiden. 1701 verfügte sie über drei Offiziere und erst acht Jahre danach über die Mannschaft, anfänglich 18 Mann, später 36 Mann und 1718 noch 24 Mann, die lediglich einen Wachtdienst recht und schlecht verrichten konnten (Sigrist 1967, S. 82).
Zur vollen militärischen Wirkung war vor den Bastionen zusätzlich ein System von Gräben und Vorwerken (Raveline) anzulegen. Wie dies ausgeführt werden sollte, war noch keineswegs festgelegt, weshalb man 1700 einen weiteren Ingenieur beiziehen wollte. Der Ambassador erwirkte bei Louis XIV. die Entsendung von Etienne Chevalier, Ingénieur du Roy à Belfort. Seine Vorschläge erschienen dem Rat so kostenintensiv, dass er beim Ambassador erneut in Frankreich anfragen liess. Diesmal kam die Antwort von Sébastien le Prestre de Vauban (1633-1707) persönlich (Schubiger, Morgan 1989). Als berühmter Festungsbaumeister war er damals bereits Generalleutnant der königlichen Armee und braucht hier nicht näher vorgestellt zu werden. Aufgrund der ihm zugestellten Planunterlagen und ohne selbst vor Ort gewesen zu sein, verfasste er ein Gutachten mit Plänen, das dem Rat im Juli 1700 vorlag. Seine Beurteilung der linksufrigen Arbeiten war so negativ, dass die Ratsmitglieder den Inhalt geheim halten mussten. Aus Kosten/Nutzen-Gründen verwarf er auch die Vorschläge von Chevalier, zeigte aber einen Ausweg, wonach im Wesentlichen vor jeder Kurtine ein Ravelin zu errichten gewesen wäre. Ende 1701 nahm man diese Arbeiten auf, doch schon die Absteckung weiterer Raveline weckte den Widerstand der betroffenen Landbesitzer. Im April 1703 holte man nochmals den Rat eines französischen Ingenieurs unbekannten Namens, beschloss dann aber, die Schanzarbeiten einstweilen einzustellen. Die aussenpolitischen Bedrohungen und die Spannungen innerhalb der Eidgenossenschaft führten dazu, dass man 1708 doch noch einen Fachmann suchte und den französischen Ingenieur Jean Fortier (um 1660-1728) fest anstellte. Ihm gelang 1709 die Vollendung eines Ravelin und einer Kasematte. Die weiteren Arbeiten wurden ihm aber so erschwert, dass er sein volles Salär nur mittels kleineren Flusskorrektionen und Meliorationen rechtfertigen konnte (Sigrist 1967, S. 84-86).
In dieser Lage fehlte es nicht an weiteren Gutachten. 1710 holte der Rat die Meinung des erfahrenen Tessiner Ingenieurs Pietro Morettini (1660-1737) ein und 1712 sandte der französische König einen Ingenieur namens Lessieur Demorainville nach Solothurn. Ihre Anforderungen an die militärische Tauglichkeit der Vorwerke waren aber so hoch, dass die Realisierung keine Zustimmung mehr finden konnte. Ferner stand Solothurn 1712 im Zweiten Villmergerkrieg auf der Seite der unterlegenen katholischen Orte, was den Arbeiten am Schanzwerk überhaupt nicht förderlich war. Nach dem Tod von Jean Fortier wurde der Posten des Schanzinspektors aufgehoben. Weitere Ingenieure waren im 18. Jahrhundert in Solothurn nicht tätig. Obwohl militärisch angezweifelt erweckten die Schanzen sogleich ein eindrucksvolles Gesamtbild, was die Stadtentwicklung stark beeinflusste (Sigrist 1967, S. 86-88 und Studer 1978).
Noch nicht abgeschlossen sind die Forschungen zum Schanzenbau. Der Verein Museum Altes Zeughaus betreibt sie weiter unter dem allgemeineren Thema des Wehrwesens zur Zeit des Solothurner Patriziats. Man vermutet, dass sich in privaten Familienarchiven weitere Quellen befinden (Beck 2019). Es wäre erfreulich, wenn sich dort überdies noch fehlende biographische Daten oder gar Namen der beteiligten Ingenieure finden würden.
Verteidigung ohne Feste Plätze und Karten
Ein militärhistorischer Ansatz führt zur Frage, wie gut der Stadtstaat sein Gelände kannte, wo er feste Orte sah und was er für sie anordnete. Einen Hinweis darauf geben die Karten, auch wenn Geländekenntnisse damals nicht notwendig auf diese heute selbstverständliche Weise übermittelt werden mussten. Die erste noch vorhandene und ausschliesslich das Kantonsgebiet umfassende Karte enthält die Flüsse, Ortschaften und Amtsgrenzen, wurde privat erstellt und erschien 1700. Zeichner war der Stadtarzt Mauritz Grimm (1634-1706). Ihr folgten etwa 100 Jahre später die Arbeiten von Oberst Johann Baptist Altermatt (1764-1849) und andere. Zuvor war der Kanton in der Karte des Berner Stadtarzts Thomas Schöpf (1520-1577) enthalten. Dieses Werk aus dem 16. Jh. zeigte erstmals das ganze Gebiet des damaligen Kantons Bern, was geographisch auch Solothurn umfasste. Bekannt ist, dass 1694 der Schreiner und Feldmesser Melchior Erb vom Rat mit einer Kantonskarte beauftragt war, die aber nicht erhalten ist (Kdm SO I 1994, S. 47). Vorhanden sind seine lokalen Aufnahmen, ferner jene seines Sohns Johann Ludwig Erb und seines Enkels Urs Jakob Erb. Sie dienten vor allem zur Klärung von Grenz-, Besitz- und Steuerverhältnissen.
Als feste Orte fallen Dorneck und Olten auf. Die Burg Dorneck war seit 1485 im Besitz von Solothurn. Nach dem Erwerb und insbesondere nach Bauernunruhen von 1525 wurde sie zeitgemäss befestigt, ohne dass daran später noch Ingenieure beteiligt gewesen wären. Die Stadt Olten hatte anfänglich eine eigene territoriale Entwicklung angestrebt, kam aber ab 1408 etappenweise unter solothurnische Herrschaft und verlor 1653 gar ihr Stadtrecht. So galt Olten über Jahrhunderte als ein „kleiner, befestigter Brückenort mit einem Schiffer- und Flösserquartier im Brückenkopf auf der rechten Aareseite“ (HLS 9, S. 429). Als solcher war er nun in das Wehrwesen des Kantons eingebunden.
Mittels Territorialpolitik hatte sich Solothurn zu einem reichsfreien Stadtstaat entwickelt und sich mit den Eidgenossen verbündet. Seine Solddienste und seine in der Schützentradtion geförderte Schiessfertigkeit gereichten ihm bis ins 17. Jahrhundert zu hohem Ansehen. (Wallner 1985, S. 10-17). Der grosse Schanzenbau machte den Wehrwillen sichtbar, doch wie sahen die eigentlichen Kriegsvorbereitungen aus? Nach dem Bauernkieg von 1653 nahmen die Spannungen innerhalb der Eidgenossenschaft wieder zu. Neben kleineren Streitigkeiten ging es um Vormachtstellungen, um konfessionelle Zwiste und um aussenpolitische Beziehungen der einzelnen Orte, welche die Villmergerkriege von 1656 und 1712 auslösten. Solothurn gehörte zu den katholischen Orten und arbeitete vor allem unter Bedrohung des reformierten Berns mit Freiburg und Luzern zusammen. Recht viele Details sind in den nach Konfession getrennt verlaufenden Tagsatzungen und geheim gehaltenen Abschieden aufgeführt (Segesser 1882. Derendinger 1951).
Solothurn fiel die Aufgabe zu, die wichtigen Pässe Klus und Olten mit Truppen zu besetzen, von da aus das dazwischen liegende Gebiet Thal und Gäu zu schützen sowie die Aarebrücken Wangen und Aarwangen zu beobachten. Zwischen Olten und Wikon sollte der Weg zur Verbindung mit Luzern erkundet sein. Bei Olten sollte die Wartburg ausgebessert und bei Trimbach der Hauenstein besetzt werden. Ein Gesamtkonzept zum Ausbau von Festen Plätzen hatte der Kanton soweit bekannt nicht vorgesehen. Ab 1695 wurde festgestellt, dass Olten mit Hilfstruppen und „mit guten Feldschanzen“ verstärkt werden musste. So sollten die Bewegungen von Berner Truppen zwischen jenen bernischen Kantonsteilen verhindert werden, die von Langenthal aus über Zofingen mit Aarau verbunden waren. Zur Verteidigung dieser Verbindung hatte Bern an der engsten Stelle die Festung Aarburg erstellt. Sie liegt nahe gegenüber Olten und sollte andererseits die Verbindungen der Gegner Berns unterbrechen.
Wiederholt war dann Solothurn von Luzern und Freiburg an der Konferenz der drei katholischen Städte aufgefordert worden, seine Befestigung in Olten „in wehrhaften Stand zu setzen“. Die Hauptstadt aber, die ihre Mittel vorwiegend bei ihrem eigenen Schanzenbau gebunden hatte, wich aus (Fischer 1954, S. 16, 17 und 23). Immerhin ist ein Plan vorhanden, der Oltens rechtsseitigen Brückenkopf mit einem bastionären Schanzwerk verstärken sollte. Als Verfasser wird Ingenieur Chevalier vermutet. Dieser Entwurf könnte Grundlage jener Beratung gewesen sein, die 1706 vor Ort stattgefunden hatte (Derendinger 1951, S. 11). Solothurn versprach damals, keine Kosten zu scheuen, musste aber drei Jahre später zugeben, dass ihm ein Ausbau unmöglich sei. Seine Anstrengungen galten weiterhin vorwiegend der Hauptstadt.
In den Jahren 1699 bis 1706 ist die Befestigung von Olten weder in den eidgenössischen Abschieden noch in den Solothurner Ratsmanualen erwähnt (Derendinger 1951, S. 11). Möglicherweise ist dies eine Folge der Geheimhaltung der Kriegspläne, was auch das Verschwinden der erwähnten Kantonskarte von 1694 erklären könnte. Allenfalls wären weitere Geometer und die militärische Bedeutung ihrer Aufnahmen noch zu erforschen. Weitere Ingenieure werden in Solothurn nach der französischen Revolution bzw. nach dem Zusammenbruch des Ancien Régime der Eidgenossenschaft auftreten.
5.10.2021 / B.M.