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Anfang Mai 2018 im Kanton Aargau. WSL-Forscher Tom Wohlgemuth besucht den kleinen Aspi-Wald. Vor genau vier Monaten hat hier der Sturm Burglind mächtige Bäume geköpft, entwurzelt oder zerfetzt.
Tom ist Waldforscher und kennt den Aspi-Wald von früheren Besichtigungen. Doch nun erkennt er ihn nicht wieder. Hier ist ein Chaos von kreuz- und quer liegenden Ästen, Stämmen und Strünken. Dazwischen wachsen junge Feldahorne und Buchen.
Was soll mit dem Wald nun geschehen? Tom kennt Anna, die junge Försterin, die für diesen Wald zuständig ist. Er weiss, dass sie bald einiges entscheiden muss: Sollen die umgefallenen Bäume weggeräumt werden? Und was ist mit den abgebrochenen Bäumen? Sollen neue Bäume gepflanzt werden – und wenn ja, welche Arten?
Wie soll sich Anna entscheiden?
Wenn Anna entscheidet, nichts zu tun, werden die jungen Bäume zwischen den umgefallenen um die Wette wachsen. Ob jene Bäume das Rennen machen, die Anna gepflanzt oder gefördert hat, ist unklar. Bäumchen, die vor dem Sturm am grössten waren und nicht umgedrückt wurden, haben einen Vorteil.
Doch die Besitzer des Aspi-Walds haben vielleicht kein Interesse an einem Urwald, möchten das Sturmholz rasch entfernen lassen und raschwüchsige Baumarten pflanzen. Oder aber sie möchten auf Eichen setzen, weil diese die künftig wärmeren Temperaturen besser ertragen.
Anna trägt die Verantwortung für die Zukunft des Aspi-Walds, und gleichzeitig muss sie die Wünsche der Besitzer berücksichtigen. Was hilft ihr dabei, die richtige Entscheidung zu treffen?
Waldforscher und Förster lernen von früheren Stürmen
Für etwas sind Unwetter gut: 1990 und 1999 haben zwei noch stärkere Stürme die Schweizer Wälder verwüstet. In den folgenden Jahren haben Tom und andere Forschende zusammen mit Forstleuten wie Anna gemessen und beobachtet, welche Baumarten dort wachsen, wo der Sturm den Wald niedergedrückt hatte. Es interessierte sie, wie sich die Wiederbesiedlung unterscheidet zwischen Wäldern, in denen alles Sturmholz weggeräumt wurde und solchen, in denen alles Holz liegen blieb.
Aus den Resultate dieses Vergleichs haben sie ein Buch mit Empfehlungen zusammengestellt, das den Förstern bei ihren Entscheidungen helfen kann. Dieses Buch hält Anna nun in den Händen und liest nach, was sie tun könnte.
Aus Sturmholz wird Energie – bevor der Borkenkäfer kommt
Eins ist Anna klar: Die stehenden, halb abgebrochenen Bäume werden sobald wie möglich gefällt, damit sie weder Spaziergänger noch Waldarbeiter verletzen und die Waldwege wieder frei sind. Das Holz wird als Brennholz, Pellets oder Hackschnitzel für grosse Heizungsanlagen gebraucht – das nennt man Energieholz. Und so entsteht auf dem Waldboden Platz für neue Bäumchen.
Eine zentrale Frage für Anna ist, ob sie die umgeworfenen Bäume alle liegen oder räumen lassen soll. Wenn sie alles geerntete Holz zu einem guten Preis verkaufen könnte, dann könnte sie den Forstarbeitern für die Ernte einen guten Lohn zahlen und erst noch einen Gewinn erzielen. Aber sehr oft geht diese Rechnung nicht auf.
Also muss sich Anna das gut überlegen. Sie weiss, dass viele Pilz- und Insektenarten im vermodernden toten Holz zuhause sind. Darum würde sie den Aspi-Wald gerne sich selbst überlassen.
Dazu muss sie aber erst abklären, ob ihr der Borkenkäfer einen Strich durch die Rechnung machen könnte. Nach einem Sturm vermehren sich diese kleinen Käfer im geschädigten Holz von Rottannen (auch "Fichten" genannt).
Borkenkäfer-Populationen können dabei so gross werden, dass sie auch gesunde stehende Bäume befallen und sogar töten.
Zum Glück gibt es nur wenige Fichten im Aspi-Wald, und auch in den anderen, weiter entfernten Wäldern stehen nur wenige Exemplare dieser Baumart. Das spricht also gegen die Gefahr eines Borkenkäferbefalls.
Dem Wald sanft helfen
Tom freut es, dass einige alte Bäume unbeschädigt geblieben sind und den Boden im Wald beschatten. Es wird ein Vorteil für kleine Bäume sein, denn diese ertragen Schatten besser als Brombeeren und andere Kräuter. Ohne Schatten würden sich die Brombeeren rasch ausbreiten und die Bäumchen überwachsen.
Der Waldforscher weiss aber auch, dass die aufschiessenden Baumtriebe noch einige Zeit durch Rehe gefährdet sind. Denn wenn der Winter kalt und schneereich ist, suchen die Rehe auch in diesen Sturmflächen nach Nahrung. Wenn sie hungrig sind, nagen sie an den Nadeln und fressen im Frühling Knospen von Laubbäumchen. Anna denkt an Massnahmen, um Rehe von den Jungbäumen fernzuhalten. Sie wird Drahtgitter, Schutzfarbe und andere Schutzhüllen einsetzen.
Anna schlägt den Waldbesitzern schliesslich vor, die schönsten Baumstämme zu ernten, andere liegenzulassen und einige Douglasien zu pflanzen. Diese nordamerikanischen Nadelbäume sehen ähnlich aus wie Fichten, wachsen aber schneller und werden nicht vom Borkenkäfer befallen.
Die Pflanzung wird aber etwas kosten. In Bergwäldern, die häufig Dörfer oder Strassen gegen Lawinen und Steinschlag schützen, wird sehr oft zusätzlich gepflanzt. Hier kann die Wiederbewaldung nach einem Sturm 10–20 Jahre rascher erfolgen als auf natürliche Weise. Der Förster erhält allerdings für solche Aufforstungen Geld vom Kanton. Hier im Aargau muss der Waldbesitzer dafür bezahlen.
Anna entscheidet, wie der Aspi-Wald in zehn oder fünfzig Jahren aussehen wird. Ein Wald wird hier so oder so stehen, denn von einem Klima, das ungeeignet ist für den Wald, sind wir weit entfernt.
Der neue Wald wird übrigens nicht völlig anders aussehen als der bisherige, denn der Apfel fällt nicht weit vom Stamm: Die jungen, aufwachsenden Bäumchen zwischen den gepflanzten stammen von den umliegenden Bäumen ab.