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Interessant. Erinnert mich an Peter Kropotkins "Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt" (engl. Mutual Aid: A Factor of Evolution) von 1902, das gegen den damaligen Sozialdarwinismus und den "Kampf ums Dasein" gerichtet war. Auch er kritisierte "die einseitigen spekulativen Menschenbilder einerseits Jean-Jacques Rousseaus mit dessen idealisiertem edlen Wilden und andererseits Thomas Hobbes' Vorstellung, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei".
Auch der kommunistische Anarchist bezieht sich auf Sammler- und Jägergesellschaften. Aber nicht auf jene der Vorgeschichte, sondern – was heute nicht mehr state of the art ist – auf jene der sog. "Naturvölker" der Gegenwart. Und wie Yuval Harari in "Eine kurze Geschichte der Menschheit" (2011) verweist auch Bregman auf den Bruch der neolithischen bzw. landwirtschaftlichen Revolution, das die Menschen aus dem Paradies trieb und auf den allmählichen "Verfall".
Der englische Titel von Bregmans Buch, "Human Kind: A Hopeful History", macht deutlich um was es ihm geht: konstruktiven Journalismus. Wie er auch im Manifest des De Correspondent steht. Spannend wäre es noch zu erfahren, welche alternativen ökonomischen und politischen Rahmenbedingungen er für geeignet hält, um "das Gute im Menschen" zu befördern.
"Zurück zur Natur!" oder zur Sammler- und-Jäger-Gesellschaft wohl eher nicht.
Lieber Michel, vielen Dank. Du hast natürlich völlig recht, Bregman würde, bei aller Sympathie für Rousseau, sicher kein «retour à l'état de nature» propagieren. Welche alternativen Idee er hat, bildet nicht den Schwerpunkt des Buches, kommt aber durchaus in den hinteren Kapiteln zur Sprache. Ganz knapp zusammengefasst wären wohl seine wichtigsten Punkte: Stärkung der Basisdemokratie und Commons-Prinzip, also das gemeinsame Teilen und demokratische Verwalten von möglichst vielen Dingen. Für Bregman ist das der dritte Weg zwischen Markt und Staat.
Danke, Daniel, für deine Antwort. Das ist ja mal eine Abwechslung. Denn normalerweise gehen solche Bücher ja so: 99% was (gegenwärtig) schlimm und schlecht ist, 1% vage Skizze wohin es (in Zukunft) zum Guten gehen könnte. Nun ist es: 99% was toll und gut ist (zumindest in der Natur oder in prähistorischer Zeit), 1% vage Skizze wohin es (in Zukunft) zum Besseren gehen könnte.
Man könnte vermuten, dass – im Gegensatz zur kritischen (politischen) Theorie – die Lehren der "positiven Psychologie" oder eben des "konstruktiven Journalismus" verinnerlicht und mit ansprechendem Storytelling angewandt werden. An einer Stelle eures Gespräches kommt diese pädagogische oder therapeutische Haltung zum Vorschein:
[I]ch hoffe, dass dieser Moment ein Wendepunkt sein und das Ende dessen markieren wird, was man das neoliberale Zeitalter nennen könnte, in dem wir vor allem auf Wettbewerb und Individualismus gepolt sind. Vielleicht können wir in ein neues Zeitalter der Kooperation eintreten, auf der Grundlage eines positiveren Menschenbildes. Wie ich in meinem Buch schreibe: Was Sie anderen Menschen unterstellen, ist oft auch das, was Sie von ihnen bekommen.
So taktisch dies nun wirkt, so wissenschaftlich gerechtfertigt ist es auch, so lange es nicht zu einseitig, sprich idealisierend, ist. So spricht man auch in der Systemtheorie von Erwartungserwartungen und selbst-erfüllenden Prophezeiungen. Aufklärung war und ist sozusagen der Versuch den Circulus vitiosus in einen Circulus virtuosus umzukehren. Um, wie Kant im "Ewigen Frieden" sagte, zumindest annäherungsweise das "Volk von Teufeln" in einen "Staat von Engeln" zu verwandeln.
"stärkung der basisdemokratie und [des] commons-prinzip[s]" ...kommt jetzt zum richtigen zeitpunkt, da das "tragedy of the commons" narrativ als untauglich entlarvt ist. was ja lange genug gedauert hat. (interessanterweise kommt die mikrobielle ökologie in den letzten ~10 jahren auch immermehr dahinter, daß "tragedy of the commons" murks ist. aber ich will damit keineswegs einem neuen biologismus das wort reden.)
Nicht nur das individuelle Verhalten, sondern auch das gesamtgesellschaftliche ist relevant.
Wie wäre es, wenn nicht nur lobenswerte spontane Dankesbekundungen für das Gesundheitspersonal organisiert würden, sondern auch eine sofortige Gefahrenzulage für die Pflegenden ausgerichtet würde, z.B. Fr. 100.- Zuschlag pro Arbeitstag. Dies als gesellschaftliche Anerkennung für die Tieflohngruppen im Gesundheitssektor
Auch das wäre ein gesellschaftspolitisches, solidarisches Signal.
Einen Nachtrag dazu: Viele im Gesundheitssektor sind jung und durch das Infektionsrisiko wohl nicht persönlich gefährdet. Die von Ihnen angesprochene Zulage wünsche ich mir trotzdem. Die Arbeit ist körperlich und mental extrem fordernd, in der nächsten Zeit wohl noch mehr - durch die Vorsicht, die Mehrarbeit und die Schicksale der Patienten, die nicht optimal betreut werden können.
Nun, meine Mutter, die auf der Intensivpflegestation arbeitet, ist ü60. Und wenn ich vernehme unter welchen Belastungen sie zur Zeit arbeiten und dass es zu vermehrten Übertragungen kommt auf das Personal, mache ich mir schon Sorgen.
Für die Schweiz habe ich folgende Statistiken gefunden:
Ärzt*innen: Das Durchschnittsalter der Ärztinnen und Ärzte in der Schweiz liegt 2018 bei 49,6 Jahren (vgl. Tab. 2). Im ambulanten Sektor sind sie durchschnittlich zehn Jahre älter als ihr Kollegium im stationären Sektor (54,8 Jahre gegenüber 43,6 Jahren).
Pflegefachpersonen: 28,9% sind jünger als 30 Jahre, 25,0% sind zwischen 30 und 39 Jahre alt, 22,2% sind zwischen 40 und 49 Jahre alt und 24,0% sind 50 Jahre alt oder älter.
Für Deutschland gibt es folgende Statistik:
2018 waren 68 % der Ärztinnen und Ärzte in Praxen mindestens 50 Jahre alt. Ende 2018 waren 68 % der in Praxen tätigen Ärztinnen und Ärzte mindestens 50 Jahre alt. Mehr als ein Viertel (31 %) war bereits 60 Jahre und älter. (...) Im Vergleich hierzu hatten 2018 von den geschätzten 5,7 Millionen Beschäftigten im Gesundheitswesen insgesamt 41 % ein Alter von mindestens 50 Jahren.
Hinter die Zivilisation gibt es kein Zurück; höchstens können wir gegen die schlimmsten Fehlentwicklungen ankämpfen: Das Privateigentum abschaffen (oder massiv einschränken), die Ausbeutung von Menschen und Natur bekämpfen, Hierarchien abbauen bzw. radikal demokratisieren, Solidarität lernen... Bei alldem ist die optimistische Sichtweise von Bregmann sicher nützlich.
Das Buch ist schon gekauft, aber zuerst darf meine erkrankte Liebste. Sie berichtet aber täglich, es soll tatsächlich auch leicht lesbar und spannend sein.
Wenn die Ausgangssperre kommt (ich will es nicht hoffen) könnte man vielleicht mit dem Autor einen Deal machen, das Buch in Auszügen in der Republik veröffentlichen und die nächste Buchbesprechung im Netz machen...?
Lieber Herr S., vielen Dank. Der Leseeindruck Ihrer Liebsten deckt sich mit meinem: Es ist tatsächlich ein sehr zugängliches, auf kluge Weise unterhaltsames Buch. Fast eine Art Non-Fiction-Version einer Novellensammlung, weil es voller Geschichten steckt: parabelhafte Erzählungen aus der Geschichte der Menschheit, aber auch wissenschaftsgeschichtliche Anekdoten. Trotzdem sind ausführlich die Referenzen zur Fachliteratur angegeben für diejenigen, die es genauer wissen wollen. Also Bregman macht, was gute Sachbuchautor_innen eben tun: Sie erzählen ihr Thema. Zu Ihrem Vorschlag: Auszüge von schon veröffentlichten Büchern bringen wir grundsätzlich nicht, sondern allenfalls – in ausgewählten Einzelfällen – Vorabveröffentlichungen. Sie dürfen aber sicher sein, dass wir Ihnen weiterhin in unterschiedlichsten Formaten relevante Neuerscheinungen aus Literatur und Sachbuch vorstellen werden. Sobald es wieder möglich ist, übrigens auch wieder live, im «Salon der Republik». Gute Lektüre Ihnen – und gute Gespräche dazu!
Wie man in den Wald ruft, tönt es zurück, pflegte meine Mutter zu sagen. Der Autor hat diese Message schön aufgebrezelt und wissenschaftlich unterfüttert, prima. Ich sehe trotzdem meine Mutter vor mir...
Interessantes Interview, auch wenn mir immer ein bisschen 'schmuch' wird bei Theorien darüber, wie der Mensch denn so sei. Schwierig, finde ich, wirds immer dann, wenn man ihn dingfest zu machen versucht, quasi den Prototypen 'Mensch' herausschälen will. Je mehr man von ihm weiss, umso mehr entzieht er sich. Dass Krisensituationen das Beste wie das Schlimmste in uns sichtbar werden lassen können, ist nicht wirklich etwas Neue. Aber hübsch verpackt.
Vielen Dank, liebe Frau J. Sie haben natürlich völlig recht, aber seien wir ehrlich: Gar so oft es kommt es nicht vor, dass ein Gedanke so voll und ganz zum ersten Mal gedacht wird. Das Neue bei Bregman ist sicher weniger die Grundthese als vielmehr der Umstand, dass er sie anhand aktueller Forschungsergebnisse aus ganz unterschiedlichen Disziplinen wissenschaftlich untermauert und plausibel macht – und das alles so anschaulich erzählt, dass es weit aus akademischen Fachdiskursen hinausgeführt wird. Etwas flapsig gesagt: Er sieht sich da, glaube ich, selbst als eine Art Jäger und Sammler. Jedenfalls sagt er in Interviews sinngemäss: Hätte er das Buch nicht geschrieben, hätte es eben jemand anders gemacht, denn es liege einfach auf der Hand.
Nachdem mir die Republik unlängst Timothy Morton nahegebracht hat, der gleichfalls über den Zusammenhang von Sesshaftigkeit und Ontologien nachdenkt,
und nachdem zuvor schon David Graeber meinen Horizont über Wirtschaftssysteme früherer Gesellschaften erweitert hat,
bin ich nun gespannt ob dieser Autor die Sache verständlich und leicht lesbar hinbekommt. Danke also, Republik!
Wenn demnach ein grosses Reservoir an Mitmenschlichkeit und Verständnis abrufbar ist, frage ich mich seit ein paar Tagen, ob man dieses genau wie Angst, Hass und Gemeinheiten aller Art über die sogenannten sozialen Medien aufrufen könnte. Also konkret: targeted ads, dark ads, nudging usw, aber zur Abwechslung im Auftrag und auf Kosten des Gesundheitsamtes. Eine Art Cambridge Analytica für etwas Sinnvolles. Damit möglichst viele verstehen wie die Lage ist.
Oder wäre das unanständig?
Vielen Dank für den spannenden Artikel, der mich zuversichtlich und wohlig stimmt. Zum Thema: es gibt das Buch "Tribe" (Das verlorene Wissen um Gemeinschaft und Menschlichkeit) vom Journalisten Sebastian Junger. Er beschreibt anhand vieler (oft selbst erlebten Beispielen) wie Menschen in Krisen menschlich werden und plötzlich eine sinnvolle Aufgabe wahrnehmen.
Ich schätze die Arbeit von Rutger Bregman zum BGE sehr. Wenn es zu der Frage kommt, was der Mensch ist, dann lese ich hier lieber von Daniel Strassberg :)
"this is because viruses evolve"
yes, of course they do. but that's not the main reason for the spread of viruses across country and continent borders. it's because we humans are – despite the various ways we differ from each other – by far too similar genetically and physiologically to make a substantial difference for viruses (or bacterial pathogens for that matter).
Netter Beitrag, und Bregmann ist ja wirklich ein spannender Typ. Aber der Aussage, dass erst Sesshaftigkeit (und Besitz) zu Kriegen führte, stehe ich schon etwas skeptisch gegenüber. Soviel ich weiss, haben durchaus auch viele nomadische Völker, beispielsweise die Indianer Nordamerikas, die Hunnen in Zentralasien und auch die Beduinen in Nordafrika Kriege geführt und um Ressourcen gekämpft.
Im Rousseau vs Hobbes Disput bin ich ganz auf der Seite von Bregmann bzw. auf der Gegenseite von Hobbes: Die homo homini lupus Metapher ist ein manipulatives perfides Bild, das den Angstreflex triggert. Aber es ist falsch. In Wahrheit wird durch die Vergesellschaftung der Wolf erst zum Rudel: Während die einen sich als Schäferhunde des guten Hirten ausgeben, streifen sich die anderen in ihrer Angst vor der Wolfsnatur des Menschen einen Schafspelz über und unterwerfen sich dem als Schäferhunde wahrgenommenen Wolfsrudel im Glauben an den guten Hirten, der indes ein reiner Mythos ist, geboren aus der Angst des homo homini lupus, was letztlich nichts anderes als die Furcht vor sich selbst ist. Wie sonst könnte die Metapher funktionieren, wenn nicht im Wege der Projektion der eigenen Schattenseiten auf seine Mitmenschen?
Rousseau hatte Recht. Die Zivilisation ist die Kondensation der menschlichen Schattenseiten.
Das erklärt auch, warum Solidarität in einer Gesellschaft, die auf einem Hobbes‘schen Credo beruht, nicht wirklich funktioniert: Sie ist eine auf Eigennutz ausgerichtete, berechnende Solidarität. Das zeigt gerade auch die Corona-Krise: Solidarität wird in der Öffentlichkeit als Wohltat kolportiert, während sie in Tat und Wahrheit eine Forderung darstellt, deren Widerhandlung gemäss bundesrätlicher Verordnung sogar mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren geahndet werden kann. Mit anderen Worten ist Solidarität nichts anderes, als auf freundliche Art und Weise zu befehlen. Es ist wie mit den Textaufgaben in der Mathematik: Auf eine Gleichung gebracht, ist Solidarität ein Befehl.