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Aus dem Tödigebiet
Von C. Hauser.
I. Die erste Besteigung des Kleinen Tödi oder Crap Glarun.
( 3070 Meter. )
Nachdem ich mit meinen Führern Heinrich und dessen Sohn Kud. Eimer die erste Besteigung des Piz Frisai und Piz Ner ausgeführt hatte ( siehe Jahrb. VI, pag. 17—28 ), handelte es sich für mich darum, die Erforschung der Tödigruppe nach Anleitung des Ex-cursionsregulativs vom Jahr 1863 auf einem andern Punkte zu vervollständigen, und ich wollte zu diesem Zwecke zunächst den Porphir ( 3330 m ) vom Ilemsgletscher aus in Angriff nehmen.
Um halb 8 Uhr Morgens, den 14. Juli 1868 wurde von unserem gewohnten Nachtquartier, der Alphütte des mittlern Stafels von Rusein ( 1841 m ) aufgebrochen, und wir setzten den Marsch bis auf die Thalhöhe des verrunsten Gliemsbodens fort, über welchen der Gletscherbach mit geringem Gefälle dahinfliesst, äho- Kleiner Tödi.20S
lieh wie der Ahfluss vom Frisalgletscher und Limmern-firn. " Wir erreichten diese Höhe ein Viertel vor 10 Uhr und steuerten nach kurzer Rast direkt nördlich über das Eisbett vor. 11 Uhr 25 Min. nöthigte uns ein anhaltender Regen, der keiner Aussicht auf Besserung Raum gab, nachdem wir ihm eine halbe Stunde lang Trotz geboten hatten, zur Umkehr bis zur Schäferhütte, wo wir 11 Uhr 55 Min. Einkehr hielten und in Abwesenheit des Hirten ein Feuer anzündeten, um die nassen Kleider zu trocknen. Das anhaltend schlechte Wetter und ein undurchdringlicher Nebel verhinderten jede weitere Unternehmung und nöthigten uns, des Abends wieder nach Rusein zurückzukehren, wo wir um 6 Uhr glücklich anlangten.
Mittwoch den 15. Juli um 6 Uhr Morgens nahmen wir von unserer alpinen Herberge Abschied, und lenkten unsere Schritte das Ritseinthal aufwärts. Da der für das gestrige Angriffsobjekt bestimmte Tag für seinen Zweck verloren war, so sollte der Ausfall heute durch die erste Besteigung des Kleinen Tödi und sodann die erste Ascension von daselbst direkt nach dem Gipfel des Tödi-Rusein compensirt werden. Schon nach 20 Minuten erreichten wir die Hütte am obern Alpstafel ( 2020 m ), und nach 7{ji Uhr gelangten wir auf die Höhe oberhalb der an den entgegengesetzten Thalseiten lagernden Ausläufer der Gletscher von Culm Tgietschen und Bleisasverdas, bei Punkt 2500 m der Excursionskarte 1863 und 1864. Von hier aus konnten wir noch die Steinpyramide betrachten, welche wir am 11. August 1863 beim Cap der Umkehr des Détachements Porta da Spescha errichten halfen ( siehe Jahr- buch 1864, pag. 76 ).
Nach einstündiger Rast wurde aufgebrochen und um halb 9 Uhr erreichten wir den Grat, welcher den Kleinen Tödi mit den Catscharauls verbindet, woselbst eine drei Fuss hohe Steinpyramide angebracht war. Um 9 Uhr befanden wir uns am Fusse des Kegels des Kleinen Tödi, in gleichem Niveau mit dem Claridengrat, und erfreuten uns an dem schönen Ausblicke in die Firnwelt des Sandalpthales und der Clariden, mit den Gipfeln der Scheerhörner, des Kammli- und Claridenstockes. Vom Ruseinthale aus begannen indessen bereits graue Nebelmassen aufzusteigen.
Es handelte sich nun zunächst darum, den günstigsten Angriffspunkt des Kegels aufzufinden. Zuerst suchten wir demselben von der Ruseinseite, also von Süden aus beizukommen, allein die sehr grossen Schwierigkeiten, die sich hier darboten, liessen es uns rathsam erscheinen, eine wenn möglich zugänglichere Seite aufzusuchen; wir umgingen deshalb den Kegel in nördlicher Richtung, und begannen schliesslich den Anstieg von der Sandalpseite, also von Norden, nachdem wir uns sämmtlichen Gepäckes entledigt hatten, das uns bei der nun folgenden, keineswegs leichten Kletterei sehr hinderlich gewesen wäre. Um 10 Uhr hatten wir den Gipfel erreicht; ich kann aber nicht sagen, wir standen auf demselben, sondern wir krochen auf ihm. Herr Gott, wie sah es da oben aus! So habe ich noch keinen Berggipfel gesehen auf meinen vielen Wanderungen während dreizehn Jahren! Der alte Eimer, mit seinem Gemseninstinkte von Ferne die Gefahr witternd, kroch voraus und gebot Achtung, sonst stürzen wir alle drei mit sammt dem Gipfel in den Abgrund.
Es war nicht mehr ein Berggipfel, sondern eine Ruine eines solchen; es war, wie wenn man die Bausteine eines Hauses ihres Mörtels beraubte und regellos aufeinander legte; einer hinter dem andern kriechend, konnten wir, wenn wir den Kopf beugten, durch die Lücken zwischen den Steinen in das Ruseinthal hin-uuterschauen, und die luftige Brücke, auf der wir krochen, war stellenweise kaum einen Fuss breit. Die Hitze auf diesen losen Steinplatten war infolge der starken Insolation beinahe unerträglich, von Schnee nirgends eine Spur, von organischem Leben ebenso wenig. Trotz des unheimligen Aufenthaltes errichteten wir ein bescheidenes Denkmal von Steinplatten, als. Wahrzeichen unseres Daseins und deponirten in demselben einen " Wahrzeddel des S.A.C. Unterdessen war die Hitze so glühend geworden, dass ich den Caoutschuk-mantel kaum anrühren konnte. Zu meinem grossen Leidwesen hatte ich bei Zurücklassung des Gepäckes vergessen das Thermometer mitzunehmen, aber so viel ist sicher, dass die Temperatur um viele Grade höher stand als die höchste, auf Berggipfeln je von mir beobachtete. Unser Aufenthalt dauerte bis 11 Uhr. Inzwischen war die Bise angelangt, und der tropischen Hitze folgte nun fast plötzlich eine nordische Kälte, so dass von nun an wegen dieses letztern Extrems ein längerer Aufenthalt unerträglich war.
Bevor wir jedoch von dem interessanten Gipfel Abschied nahmen, wollen wir demselben noch eine kurze lebensgeschichtliche Betrachtung widmen. Das Gestein, aus welchem er seinerzeit erbaut wurde, ist ein blauer, hellklingender Kalkschiefer, und verdankt sein Dasein offenbar einer gleichzeitigen Erhebung mit seinem Stammvater, dem Grossen Tödi, von welchem der Kleine Tödi in ununterbrochenem Felsengrat, und zusammenhängend mit dem Catscharauls den westliehen Ausläufer bildete.
Das Riesenwerk der gänzlichen und theilweisen Zerstörung des Massivs zwischen Tödi-Rusein und Catscharauls hat in hunderttausenden von Jahren die Verwitterung ausgeführt. Vom Kleinen Tödi bis zu den Catscharauls ist die Bresche bereits vollständig ausgenagt, ebenso zwischen dem Kleinen Tödi und Rusein, und zwischen beiden Breschen ragt gespensterhaft, wie die Ruine einer alten Ritterburg, dieser Felsenzahn, beinahe Schrecken erregend und den Zusammensturz drohend, in das Reich der Luft. Die ungeheure Energie, mit welcher die Atmosphärilien hier arbeiten, erklärt sich aus nahe liegenden physikalischen Gründen durch den Gegensatz zweier klimatischer Pole, welche sich hier berühren: die Nordseite des Sandpasses bildet bekanntlich ein stundenlanges Gletscherthal bis zu den Waiden der Sandalp, während von Süden her die Alpwaide bis auf die Grathöhe sich erstreckt, und die Energie des Angriffs wird noch dadurch erhöht, dass der Querriegel zwischen Tödi und Catscharauls den Meridian in rechtem " Winkel durchschneidet, somit der Angriff der Naturkräfte nicht etwa ein seitlicher, sondern ein direkt frontaler ist. Daraus erklärt sich, dass der Kleine Tödi von Jahr zu Jahr, sowohl an Umfang wie an Höhe kleiner werden muss, bis er endlich auf die Basis der beiden Breschen weggesägt sein wird. Eine interessante Auf- gäbe für die Naturforschung würde es sein, durch alljährliche Messungen die Abstufungen dieses Schwindungs-prozesses genauer festzustellen.
Bezüglich der Aussicht vom Kleinen Tödi belehrt uns ein Blick auf die Karte, dass dieselbe vermöge der ungünstigen Stellung durchaus keinen Faktor für den Besuch der gefährlichen Station bilden kann, weshalb ich dieses Punktes nur des Gesammtbildes wegen Erwähnung thue.
Um 11 Uhr, wie angedeutet, begann die Kletterei nach abwärts, welche noch grössere Achtsamkeit erforderte und Schwierigkeiten bereitete als der Aufstieg. Gleichwohl erreichten wir um halb 12 Uhr schon den Fuss des Kegels, von wo wir uns ohne Aufenthalt nach Osten wandten, und über schrecklich steile Schneehalden und Felsabstürze hinanstrebten, bis eine überhängende Wand unserm weitern Vordringen ein unüberwindliches Hinderniss entgegensetzte. Diese ganze Partie vom Fusse des Kleinen Tödi an bis hieher hatten wir umhüllt von dichtester Bise ausgeführt, so dass von einer Orientirung keine Eede sein konnte. Wir kletterten nun wieder eine Strecke zurück, bis wir ordentlichen Stand hatten; der alte Eimer ging aus, um nach dem Couloir zu rekognosziren, durch welches Herr Dr. Picard mit Führer Joachim Zweifel vom Ruseingipfel nach dem Sandgrate hinuntergestiegen war. Bald rief er uns zu, er habe den Weg gefunden, in diesem Augenblicke aber begann aus dem Schoosse der Bise ein Niederfall von sclrweren, nasskalten Schneeflocken — ein in dieser Jahreszeit seltenes Phänomen — und mahnte uns noch zur rechten Zeit, von einer Fortsetzung des Unternehmens für diessmal abzustehen.
Wir suchten zunächst Schutz vor der Unbild des Wetters unter einer überhängenden Felswand, und als nach einer Weile die Aussicht sich nicht besserte, gab ich das Kommando zum Rückzug. Ich füge bei, dass sodann das Problem der projektirten Ascension auf den Gipfel des Ruseins im darauffolgenden Jahre unter meiner Leitung von einem Détachement der Sektion Tödi glücklich gelöst wurde.
Auf dem Rückzuge beobachteten wir auf der Sohle der Bresche zwischen dem Kleinen Tödi und Tödi-Rusein ähnliche Hacken von Steinen, wie solche auf dem Rücken des Vorderselbsanft seiner Zeit beobachtet und beschrieben wurden ( siehe Jahrb. 1864, pag. 146 u. ff. ). Als wir von der Nordseite des Kleinen Tödi in raschem Fluge über das steile Schneefeld nach dem Sandfirn hinunterglitten, kam gerade noch zur rechten Zeit vom Sandgrate her der weit bekannte Sandpassführer Alt-Präsident Gabriel Zweifel von Linththal, um Zeuge unserer Besteigung des Kleinen Tödi zu sein, indem wir ihm das von uns errichtete Steinmännchen vorwiesen, worauf- wir um so mehr Werth legten, als dasselbe, wie sich aus dem oben Gesagten leicht erklärt, jedenfalls nur ein ephemeres Dasein fristen konnte. Wir machten nun gemeinschaftlich den Marsch bis in 's Thierfehd. Um 4 Uhr gelangten wir zu den Hütten der oberen Sandalp. Zum ersten Mal sah ich dieselbe im schönsten Frühlingsschmucke prangen, da dieser Stafel erst im August mit der Herde bezogen wird; einen solchen Blüthenteppich, wie ich ihn da fand, von einer solchen Intensität der Farben und mit solcher Harmonie der Töne, hätte ich mir nicht vor- zustellen vermocht.
Besonders erfreut wurde ich weiterhin durch den Anblick einer ganz comfortablen Sennhütte, welche seit meinem letzten Besuche hier errichtet worden war. Gabriel Zweifel öffnete uns das gastliche Asyl; es war für uns sehr wohlthuend, uns am prasselnden Herdfeuer gründlich von den Strapazen der Fahrt zu restauriren. Um 5 Uhr nahmen wir den Weg wieder unter die Füsse und langten nach drei Stunden in der Kuranstalt Tödi im Thierfehd an.
II. Die erste Besteigung des Bleisasverdas.
( 3424 Meter. )
Für den Sommer des Jahres 1869 hatte die Sektion Tödi die erste Besteigung des Tödi-Sandgipfels ( 3418 m ) an die Spitze ihres Excursionsprogrammes gestellt. Da die Leitung der Excursion dem Berichterstatter oblag, nahm er für den Fall genügender Betheiligung die Formation zweier Detaschemente, und mit Hülfe derselben eine gleichzeitige erstmalige Besteigung des Piz Rusein ( 3623 m ) von der Westseite, sowie eine solche des Bleisasverdas in Aussicht, zumal ihm die Ausführung des gleichartigen Unternehmens am 15. Juli 1868 infolge schlechten Wetters missglückt war. Am 21. August 1869 Abends sammelten sich die Theilnehmer der Partie in Stachelberg. Am 22. Morgens 5 Uhr wurde von Linththal aufgebrochen. Die ganze Expedition einschliesslich Führer und Träger
14 zählte 20 Mann.
Im Hintergrunde der untern Sandalp wurde die Theilung vorgenommen; das grössere-Detaschement, aus 13 Mann bestehend, welchem Hi\ W. Senn als Chef vorgesetzt war, schlug die Richtung-nach dem Grünhorn ein; das kleinere, 7 Mann zählend,, dessen Spezialleitung der Berichterstatter übernahm,, begab sich nach der Obersandalp. Das erstere Detaschement debütirte im Aufstieg zum Grünhorn mit einer neuen Leistung, indem es auf dem rechten Ufer des Bifertenbaches bis zu dessen Ursprung verbleibend,, sodann über die rechte Seitenmoräne des Gletschers bis an den Fuss des Bifertenstockes vordringend, von da aus das Eisbett in rechtem Winkel überschreitend, den Ausläufer des Horns erreichte. Nicht so glücklich war es dagegen in den ihm für den folgenden Tag zugeschiedenen Unternehmungen, indem es um halb 9 Uhr Morgens die Kante des Tödi ( Simmlergrat ) erreichend, durch überhandnehmende Nebel an weiterm Vordringen resp. Ersteigung des jungfräulichen Sandgipfels verhindert war, und nach einstündigem Aufenthalt wieder den Rückweg antrat.
Das Detaschement Obersandalp brach aus der Hütte daselbst um Mitternacht auf, und beschritt schon in der zweiten Morgenstunde den Sandfirn, der vielleicht noch nie einen so frühen Besuch erhalten hatte. Der nächtliche Gang über den Gletscher, dessen blendendweisse, hartgefrorne Hülle frischgefallenen Schnee's von dem blassen Lichte des Mondes beleuchtet war, und an dessen Rand die dunkle Gestalt des Crap Glarun Grenzwache hielt, hatte etwas Geisterhaftes an sich, und es zog ein Wehen wie aus unsichtbarer Welt über die Seele hin.
Um 3 Uhr wurde der Sandgrat erreicht, leider eine Stunde zu früh, indem das schwieriger werdende Terrain den Vormarsch vor Anbruch des Tages misslich gestaltete. So blieb uns nichts anderes übrig, als an der Grenze der Kantone Glarus und Graubünden, angeweht von einem grimmig kalten Wind, der beinahe die Glieder erstarren machte, zu warten. Wie mancher Stossseufzer entquoll der Brust, und wie manch'stiller und lauter Fluch über die Für-'witzigkeit unsers Gastwirthes auf Obersandalp, der uns eine Stunde früher geweckt hatte, als er ausdrücklich beauftragt war, und dadurch unsere vorzeitige Abreise veranlasst hatte, so dass sich die Verantwortlichkeit für all' die Strapazen, welche in dieser Eisregion unser warteten, auf seinem Gewissen konzentrirte! Zur Erweckung der deprimirten Lebensgeister wurde ein kleines Feuerwerk losgebrannt, und sodann, da ein weiterer Aufenthalt wegen der Alles durchschneidenden Kälte schlechterdings unerträglich war, bis an den östlichen Fuss des kleinen Tödi vorgedrungen, unter dessen Schutz der Wind nachliess, und daher ein kurzer Halt gemacht wurde, um den Anbruch des Morgens abzuwarten, zumal ein weiteres Vorgehen wegen der Schwierigkeit der nun folgenden Partie unthunlich schien. Um 4 Uhr ward der Marsch fortgesetzt, der westlichen Abdachung des Piz Rusein zu, um die erste Ersteigung des Gipfels von dieser Seite vorzunehmen. Eine müh- und gefahrvolle Arbeit, wie sie in so langer Dauer nur selten vorkommt, hielt die Geister der Pionire in äusserster Spannung; während beinahe 8 Stunden schwebten wir, langsam vordringend und empfindlich leidend von Frost, so dass Einzelnen fast die Glieder erfroren, an einer Schneehalde von abschreckender Steilheit;
mehr als tausend Tritte mussten in den hartgefrorenen Schnee gehauen werden, und nirgends gab sich ein sicherer Ruhepunkt; abwärts versank der Blick in grausen erregende Tiefen, aufwärts gerichtet, erstarrte er vor trostlosen Klippen und Eiskehlen. Mitten durch die unheimliche Stille krachte plötzlich ein schreckliches Mahnungszeichen; wir hatten am Morgen bei unserm Bivouac am Kleinen Tödi eine Gemse mit ihrem Jungen aufgescheucht; sie nahmen die Flucht in der Richtung des Ruseingipfels; da verkündete uns ein Hagel von Steinen aus schwindelnder Höhe das Walten der Rachegeister; bei dem niedern Stande der Temperatur liess sich eine Ablösung sonst gar nicht erklären, es war, die Schnellkraft der zürnenden Antilope; welche das gefährliche Projektil losliess, das dicht neben unserer Linie in den Abgrund stürzte. Um 12 Uhr endlich hatten wir die missliche Bahn vollendet, und debouchirten durch die Lücke dicht neben dem Gipfel des Piz Rusein auf den Eiskamm.
Bevor wir die Excursion weiter fortsetzen, müssen wir dem für die Spezialtopographie des Tödi bedeutungsvollen Momente eine vergleichende Betrachtung widmen. Am 14. Juli 1866 hatte nämlich Hr. Dr. Picard in Begleit des gleichen Führers ( Joachim Zweifel von Linththal ), der uns heute begleitet hat, den ganz gleichen Weg, wie wir heute, nur in umgekehrter Richtung gemacht, d.h. er stieg vom Ruseingipfel durch unser Couloir direkt zum Kleinen Tödi ( Sand- grat ) .hinunter.
Nach den von Zweifel selbst mir gegebenen mündlichen Aufschlüssen hatte sich jener Abstieg ganz leicht vollzogen, und da in der Regel der Aufstieg leichter zu bewerkstelligen ist als der Abstieg, so sollte man meinen, es leide meine Darstellung an Uebertreibung. Der Kontrast wird sich indess zur Zufriedenheit des Lesers und ohne Verletzung der Treue des Bildes alsbald aufklären. Wie Joachim Zweifel mir erzählte und wie es mit der äussern Beschaffenheit des Couloirs vollkommen übereinstimmt, findet sich unter dem Schnee eine Schicht Erde von staubartig zerbröckelndem Gestein, als Produkt der Verwitterung, welche das Massiv des Piz Rusein in dieser W eise ausgehöhlt hat; da nun zur Zeit der Pi-card'schen Descension die Halde schnee- und frostfrei war, so konnten die Reisenden in ganz ähnlicher Weise und mit ähnlicher Bequemlichkeit über dieselbe hin-imtergleiten, wie man über ein steiles Schneefeld, das nicht gefroren ist, hinabzugleiten pflegt. Heute aber war die Halde statt mit einer Erdschicht, mit einem Eispanzer angethan, und es bot dem Führer der Abstieg vom Jahr 1866 keinen andern Vortheil als die allgemeine Richtung des Steigens, die.wir auch ohne jenen Vorgang gefunden hätten. Joachim Zweifel selbst stand angesichts der ungeahnten Schwierigkeiten wiederholt an, in welcher Richtung dieselben am ehesten zu überwinden sein dürften; kurz die Schwierigkeiten, mit denen Prof. Picard, dessen sehr verdienstvolle Priorität übrigens in keiner Weise geschmälert werden soll, kämpfen musste, hatten mit den unserigen sehr wenig gemein. Uebrigens kann sich Jeder, der ein gesundes Auge hat, den grossen Unterschied einer Passage bei solch'entgegengesetzten Verhältnissen, in bequemer Nähe, an jeder steilen Halde den ersten besten Winter selbst veranschaulichen.
Auf dem Eiskamm zwischen Piz Rusein und Bleisasverdas angelangt, trennte sich unser Detaschement in zwei Abtheilungen; die Herren Dessinateur Speich und Genossen bestiegen nach einander den Rusein und den Glarner-Tödi, während der Berichterstatter mit Herrn Landrath Kamm die Besteigung des Bleisasverdas unternahm, welche als die erste bekannte zu betrachten ist, im Uebrigen weiter gar Nichts auf sich hat, als die nakte Thatsache der Priorität, zumal dieselbe mit grösster Bequemlichkeit innerhalb einer halben Stunde sich vollziehen liess, und uns Nichts einbrachte als eine Station mitten im Eise. Der Abstieg zum Grünhorn gestaltete sich desshalb etwas mühsam, weil der am Morgen fest gefrorene Schnee infolge der Insolation bedeutend erweicht war, und daher fast bei jedem Schritte ein Einsinken, mitunter bis an die Kniee stattfand. Um halb 4 Uhr gelangten wir an das Grünhorn, und konnten noch dem auf dem Heimweg begriffenen, gerade das Bifertenalpli überschreitenden Detaschement Senn unsere Ankunft signalisiren. Beim Verlassen des Grünhorns trennten wir uns wieder in zwei Abtheilungen; die eine verfolgte den von jenem Detaschement Tags vorher eröffneten Weg, die andere schlug die bisher übliche Richtung ein; unterhalb der Sandmoräne des Gletschers vereinigten wir uns, durchwanderten gemeinschaftlich das Thal der Sandalp und trafen um 8 Uhr, d.h. nach zwanzigstündigem Marsche — die kleinen Unterbrechungen mit eingerechnet — im Thierfehd ein, woselbst wir mit dem schon längere Zeit vorher eingerückten Grünhorndetaschement nach den Regeln der Bergbesteigungsphantasie noch ein trauliches Stündchen genossen.
Durch diese Excursion wurde die Specialtopographie des Tödi nicht unwesentlich bereichert, und es nahm von daher der Berichterstatter Veranlassung, im Jahrbuch des S.A.C.J.ahrg. VI, p. 468 ff. das Netz der verschiedenen Zugänge zum Tödi, wie sich dasselbe seit Gründung des S.A.C. wesentlich unter Mitwirkung des Referenten auf Grund des von Hrn. Centralpräsident Simmler schon anno 1863 entworfenen Planes ausgebildet hat, zu beschreiben.
In einer Nachschrift zu diesem Referat über die verschiedenen Tödizugänge hat nun der damalige Redaktor des Jahrbuches, Hr. Dr. Fr. v. Tschudi, den vorhin erwähnten Weg des Hrn. Prof. Picard als neuen, sechsten Tödiweg erwähnt; es ist aber, wie aus dieser Arbeit hervorgeht, dieser sogenannte sechste Zugang vollständig identisch mit dem auf pag. 470 des VI. Jahrbuches angedeuteten Wege vom Sandfirn aus durch die Ruseinpforte. Was die erste Ueberschreitung der Ilemspforte durch die Herren Moore und Walker und den Abstieg der Herren Freshfield und Tucker im Jahre 1868 durch die Ruseinlücke betrifft, so lasse ich diese Angaben dahingestellt, und ebenso die behauptete erste Ersteigung des Tödi durch die Führer des Pater Placidus a Spescha. Für die letztere verweise ich auf die Monographie Dr. Simmler's: Tödi-Rusein, Bern 1863. Ich meinestheils halte, nachdem ich selbst im Jahr 1&65 mit dem alten Bisquolm darüber Rücksprache genommen, dafür dass Simmler's Ansicht die richtige sei und dass die beiden Führer Curschellas und Bisquolm über den steilen und hohen Firnwall des Bifertengletschers empor bis auf die Sattelkante zwischen Rusein und Tödi ( manchmals Simmlergrat genannt ) gestiegen sind, ohne — der Wahrscheinlichkeit nach zu urtheilen — einen der obersten Tödigipfel zu besuchen.