Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/1558

Hansruedi Stalder, Senior Manager
Finanz und Wirtschaft. Accelleron, das Spin-off des Industriekonzerns ABB, wird ab dem 3. Oktober an der Schweizer Börse notieren. Sie stellt sogenannte Turbolader für übergrosse Verbrennungsmotoren her – etwa bei Schiffen oder Notstromaggregaten – und hat in dieser Nische eine Position als Marktführer. Drei Viertel des Umsatzes werden mit dem Servicegeschäft und der Wartung der installierten Einheiten erzielt. Ende August hat Accelleron einige Zahlen veröffentlicht, die eine erste Einschätzung ermöglichen. Die wichtigsten Fragen:
Warum macht ABB überhaupt ein Spin-off?
ABB strafft derzeit das Portfolio und legt konzernweit den Fokus auf die Kernbereiche Elektrifizierung und Automatisierung. Die anderen Divisionen von ABB sind tendenziell wachstumsstärker, aber margenschwächer, wodurch Accelleron weniger gut in das Konglomerat passt. Falls Accelleron tatsächlich, wie angekündigt, in den Bereich der dieselbetriebenen Strassenfahrzeuge expandiert, wäre dieser Schritt als Division innerhalb von ABB eher unwahrscheinlich.
Mit welchen Unternehmen könnte man Accelleron am ehesten vergleichen?
Denkbar ist der Vergleich mit Sulzer, die in der Turbinenwartung und damit in der Energiebranche tätig ist. Burckhardt Compression ist wiederum auch im Maritimbereich, insbesondere bei mit Flüssiggas (LNG) betriebenen Schiffen, aktiv. Beide Maschinenbauer erzielen mit dem Servicegeschäft den Grossteil des Betriebsgewinns (Sulzer: 67%, Burckhardt: 83%). Die in der Schweiz domizilierte Garrett Motion ist zwar ein Konkurrent von Accelleron, fertigt jedoch nur im Bereich der Automobile, wo Turbolader wegen der Umstellung auf die Elektromobilität langfristig wenig Perspektive haben. Garretts Bewertungskennzahlen liegen deutlich unter denen vergleichbarer Schweizer Industriekonzerne.
Wie hoch könnte Accelleron bewertet werden?
Eine erste grobe Bewertungsspanne von Analysten reicht von einem Marktwert von 0,65 bis 2,4 Mrd. Fr. Das würde bei 94,6 Mio. ausgegebenen Accelleron-Anteilsscheinen einem Aktienpreis zwischen 7 und 25 Fr. entsprechen. Die endgültige Bewertung dürfte eher im oberen Bereich dieser Spanne liegen. Bei Kapitalkosten von 7,7% und moderatem, sich langsam abflachendem Wachstum am unteren Ende der Accelleron-Guidance ergibt sich anhand der abdiskontierten erwarteten Cashflows ein Preis um rund 21 Fr. je Aktie (Marktwert: 2 Mrd. Fr.). Beim Verhältnis von Unternehmenswert zu Ebitda läge Accelleron damit theoretisch bei knapp 10. Das wäre über Sulzer (8) sowie unter ABB (13) und Burckhardt Compression (14).
Kann Accelleron die führende Position bei den Turboladern wirklich halten?
Accellerons technologischer Vorsprung ist glaubhaft, wobei mit rund 7% des Umsatzes vergleichsweise viel investiert wird, um ihn zu halten. Mitsubishi Heavy Industries, ein Konkurrent bei den Grossgeräten, hat gruppenweit in den vergangenen Jahren rund 3 bis 4% in die Forschung investiert. Accelleron wird sich nach der Abtrennung von ABB jedoch erst am Markt beweisen müssen, wobei auch der Wegfall der Marke und des Netzwerks eine Rolle spielen könnte. Die führende Stellung im weltweiten Servicegeschäft hilft, die Marktführerschaft zu verteidigen.
Accelleron prognostiziert ein Umsatzwachstum von 2 bis 4%. Ist das realistisch?
Ja. Solange es Verbrennungsmotoren gibt, lassen sich Turbolader schwer wegdenken. Kurzfristig dürfte Accelleron vor allem von einem starken Aufholeffekt im Maritimsegment aufgrund des Endes der Pandemie profitieren. Langfristig ist eine Prognose jedoch schwieriger und wird spekulativ. Es wäre durchaus möglich, dass sich die Elektromobilität in bestimmten Segmenten im Schiffbau, z.B. bei kleinen Schleppern, Lastkähnen, durchsetzt, womit Turbolader dort obsolet werden könnten.
Accelleron setzt auf Brennstoffmotoren und auf grüne Kraftstoffe. Kommen die wirklich?
Bei den Grossmaschinen könnte diese Rechnung durchaus aufgehen, zumindest vorerst. Bei Schiffen stellen Flüssiggas (LNG), Methanol, Ammoniak und Wasserstoff etwa Alternativen zum Dieselantrieb dar. Hinter diesen grünen Kraftstoffen zeichnet sich durchaus Momentum ab, auch wenn Kraftstoffe wie Ammoniak im Maritimbereich noch nicht marktreif sind. Seit Jahresbeginn 2022 basiert rund ein Drittel aller Order für neue Schiffe auf Antrieben durch alternative Energien, wobei sogar der Grossteil des Umsatzes der Werften damit gemacht wird. Manche Forscher sehen jedoch in LNG – derzeit dem mit Abstand grössten Hoffnungsträger – auch nur eine Übergangslösung.
Sollen Anleger die Aktie kaufen?
Für dividendenorientierte Anleger ist das Angebot attraktiv. Accelleron wächst zwar langsam, ist aber weniger zyklisch als der Mutterkonzern ABB und extrem margenstark. Bei einem Preis von knapp 21 Fr. entspricht die momentane Auszahlung von 75 Mio. $ einer hypothetischen Dividendenrendite von 3,7%. Diese Rate würde sich nach Rückzahlung der Carve-out-Kosten und einem entsprechend höheren Free Cashflow deutlich steigern. Ein stabiler Dividendentitel könnte im gegenwärtigen Marktumfeld besonders gefragt sein. Viele Investoren, die bereits ABB-Papiere halten, werden jedoch abwarten, welchen Preis sie mit der Aktie zu Börsenstart erzielen, und danach erwägen, ob sie verkaufen oder eine grössere Position aufbauen.
Wie viel Wert geht bei ABB infolge der Abspaltung verloren?
Die ABB-Turboladerdivision erzielte rund 2,6% des Konzernumsatzes und 3,2% des ABB-Konzerngewinns im Jahr 2021. Auf die 1,9 Mrd. ABB-Aktien würden bei der angegebenen Preisspanne pro Anteilsschein 0.34 bis 1.26 Fr. entfallen. Bei einem Preis je ABB-Titel von rund 28 Fr. würde die Verwässerung daher einem Wertabgang von rund 1 bis 4,5% entsprechen.