Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03185.jsonl.gz/2106

Syed Shah kauft und verkauft normalerweise Aktien und Währungen über sein Interactive-Brokers-Konto, aber am 20. April konnte er nicht widerstehen, es einmal mit dem Ölhandel zu probieren. Es war der Tag, an dem die Preise zum ersten Mal unter Null fielen.
Der Daytrader, der von seinem Haus in einem Vorort von Toronto aus arbeitete, dachte, er könne nicht verlieren, als er 2400 Dollar ausgab, um Rohöl für 3,30 Dollar pro Barrel und dann für 50 Cent zu erstehen. Dann kam, was wie das Geschäft seines Lebens aussah: Er kaufte 212 Futures-Kontrakte auf West Texas Intermediate für einen Penny pro Stück.
Was er nicht wusste, war, dass der erste Ausflug von Öl in den negativen Preisbereich Interactive Brokers aus der Bahn geworfen hatte. Ihre Software konnte mit diesem lästigen Minuszeichen nicht umgehen, obwohl es technisch immer möglich gewesen war, dass der Rohölmarkt aus den Angeln gehoben wird - was vor der Pandemie allerdings als eine seltsame Idee angemutet hätte.
Der Rohölpreis lag tatsächlich bei minus 3,70 Dollar je Barrel, als er auf Shahs Bildschirm bei 1 Cent lag. Interactive Brokers zeigte ihm nie einen Preis unter Null an, während Öl immer weiter abtauchte, um den Tag bei minus 37,63 Dollar je Barrel zu beenden.
Um Mitternacht erhielt Shah die verheerende Nachricht: Er schuldete Interactive Brokers 9 Millionen Dollar. Er hatte den Tag mit 77'000 Dollar auf seinem Konto begonnen. "Ich stand unter Schock", sagte der 30-Jährige in einem Telefoninterview. "Ich hatte das Gefühl, dass mir alles genommen werden würde, mein gesamtes Vermögen."
Kunden wurden entschädigt
Um es klar zu sagen: Investoren, die bei solchen Ölkontrakten long waren, hatten einen brutalen Tag, unabhängig davon, bei welchem Brokerhaus sie ihr Konto hatten. Bei Interactive Brokers war jedoch anders, dass die Kunden im Blindflug waren, nicht sehen konnten, dass die Preise ins Negative gedreht hatten, oder in anderen Fällen aus ihren Anlagen nicht mehr herauskamen und nicht handeln konnten.
Erschwerend kommt hinzu - und war ein wichtiger Grund dafür, dass Shah innerhalb weniger Stunden einen unglaublichen Betrag verlor -, dass die negativen Zahlen auch das Modell von Interactive Brokers sprengten, mit dem die Höhe der Marge - also der Besicherung - berechnet wurde, die die Kunden für ihre Konten vorhalten müssen.
Thomas Peterffy, der Chairman und Gründer von Interactive Brokers, sagte, die Ausschläge in den negativen Bereich haben Fehler in der Software des Unternehmens aufgedeckt. "Es ist ein 113 Millionen Dollar schwerer Fehler unsererseits", sagte der 75-jährige Milliardär am Mittwoch in einem Interview. Seitdem hat seine Firma ihre maximale Verlustschätzung auf 109,3 Millionen Dollar revidiert.
Die Kunden würden entschädigt, sagte Peterffy. "Wir werden unseren Kunden, die während der Zeit, in der der Preis negativ war, aus einer Long-Position nicht herauskamen, alle Verluste, die sie unter Null erlitten haben, aus unseren Eigenmitteln zurückerstatten."
(Bloomberg)