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Das diesjährige Openair-Kino des Ziegel oh Lac steht ganz im Zeichen der Radiowellen – mit einem schlanken, aber exquisiten Programm von Spiel- und Dokumentarfilmen, in denen das Radio eine zentrale Rolle spielt, vor den Vorführungen jeweils einem dem Thema und der Stunde angemessenen «Schreckmümpfeli» und ausserdem einer einmaligen Seance mit Orson Welles legendärem Hörspiel «The War of Worlds» aus dem Jahr 1938.
Im Hauptprogramm zu sehen sind: Der Dokumentarfilm LT22. Radio La Colifata (Argentinien 2007) von Carlos Larrando, der während zehn Jahren Patienten oder eben «Colifatos» (Verrückte) der psychiatrischen Klinik José T. Borda in Buenos Aires gefilmt hat, die als Teil ihrer Therapie wöchentlich fünf Stunden auf Sendung gehen und von ihrem Leben erzählen; der konspirative Dokumentarfilm The Russian Woodpecker (GB/USA 2015), in dem Chad Gracias ein Kapitel Sowjetgeschichte aufrollt und eine spezielle Theorie dazu entwickelt – von einem Kurzwellenstörsignal der sowjetischen Radarabwehr in der Ukraine, das in den 70er und 80er Jahren weltweit auf Radiofrequenzen als Klopfen zu hören war, über die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die der Protagonist des Films, ein Künstler aus Kiew, als Junge in verstrahlten Gebiet erlebt hat, bis zum aktuellen ukrainisch-russischen Konflikt führt; der «Punk-Agit-Noir»-Essayfilm Machine Gun or Typewrier? (USA 2015) von Travis Wilkerson über einen Mann, der via Piratensender eine Frau sucht, die er in Los Angeles getroffen hat, anhand eines Stadtplans seine Liebesgeschichte mit ihr rekapituliert und über ihr Verbleiben spekuliert – woraus eine hochpolitische Collage aktueller Stadt- und Sozialgeschichte Los Angeles' entsteht; The Boat That Rocked (GB 2009), Richard Curtis' Hommage an die britischen Piratensender der 60er und ihre Rock-Rebellion in Spielfilmform; Frank Beyers tragikomische Romanverfilmung Jakob der Lügner (DDR 1974) von einem Juden in einem polnischen Ghetto, der 1944 bei der Gestapo zufällig eine Radiomeldung über den Vormarsch der Roten Armee mithört und sich, um sie an seine Leidensgenossen weiterzugeben, ohne als Spitzel zu gelten, in Lügen über ein verstecktes Radio verstrickt; Clint Eastwoods Regie-Debut Play Misty for Me (USA 1971) über einen Radio-DJ, der sich auf eine Affäre mit einer Anruferin einlässt, von der er bis zum bitteren Thriller-Ende gestalkt wird; und Koki Mitanis Komödie Rajio no Jikan - Welcome Back, Mr. McDonald (Japan1997) über einen Hörspielwettbewerb, der für die Gewinnerin vom Traum zum Albtraum wird.
Neben den «Schreckmümpfeli»-Episoden, die anstelle von kurzen Vorfilmen die jeweiligen Vorführungen einleiten, bietet das Programm mit Orson Welles' Hörspiel «The War of the Worlds – Krieg der Welten» ein Radio-Highlight. Mit der Adaption von D. H. Wells' gleichnamiger Satire auf die britische Kolonialpolitik aus dem Jahr 1898 schrieb der 23-jährige Welles vierzig Jahre später Radiogeschichte: In seiner fiktiven Reportage wird eine Radiosendung mit der Sondermeldung unterbrochen, dass Marsianer New York angreifen würden. Die Inszenierung mit Live-Berichten von entsetzten Reportern vor Ort, Telefonanrufen besorgter Zuhörer und schliesslich dem abrupten Abbruch der Sondersendung soll in New York und Umgebung eine Massenpanik ausgelöst haben. ... So will es zumindest der Mythos, dessen Zählebigkeit zeigt, dass die im Hörspiel implizite Aufforderung, nicht kritik- und kopflos zu glauben, was in Medien verbreitet wird, Jahrzehnte und zwei Technologiezeitalter später nicht gegenstandslos geworden ist. Im «Kino am See» ist «The War of the Worlds – Krieg der Welten» in einer deutschen Fassung des WDR zu hören (11. August).