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Erinnern Sie sich an Ihre Erstklasslehrerin?
Meine erste Lehrerin hiess Fräulein Stähli. Sie war gross und schlank, und wie alle Lehrpersonen und Schülerinnen in den Siebzigerjahren trug sie gestreifte Pullis. Auf dem Klassenbild aus dem Jahre 1977 ist es ein blau-weiss gestreifter, um genau zu sein. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man beim Betrachten von Klassenfotos aus dieser Zeit meinen, gestreifte Pullis hätten damals zur Schuluniform gehört.
Fräulein Stähli lehrte uns Lesen und Schreiben. Ich erinnere mich daran, wie sie uns das ch lehrte: Auf einem Bild an der Wandtafel sass ein König auf einem Stuhl, hinter dem ein grosser Stein lag. Der König war aus irgendeinem Grunde sehr traurig, aber das spielte eigentlich keine Rolle. Wir Erstklässler sollten vor allem erkennen, welche Buchstaben sich im Bild versteckten. Das c war der Stein, das h der Stuhl, doch keines von uns gescheiten Kindern fand die Lösung.
Von meinem ersten Schuljahr in Paul Klees einstigem Geburtshaus in Münchenbuchsee sind mir neben dem traurigen König nur noch einige Erinnerungsfetzen geblieben: dass ich die Steintreppe hinuntersprang und mir dabei den Fuss verknackste; dass ich beim Malen eines Regenbogens das – aus meiner Sicht – hässlichste Bild produzierte und mich sehr dafür schämte und dass ich eine Geschichte über Schnecken schrieb, die «Schnuckli und Schnackli» oder so ähnlich hiess und die Fräulein Stähli und ihrem Ehemann so gefiel, dass sie monatelang davon schwärmten.
Irgendwann verlor ich den Kontakt zu Fräulein Stähli, doch ich vergass sie nie. In meinem Gedächtnis blieb sie immer «meine gute Erstklasslehrerin».
Das Wiedersehen nach vier Jahrzehnten
Als ich genau vierzig Jahre nach meinem Schuleintritt mein erstes veröffentlichtes Buch in den Händen hielt, kam mir plötzlich Fräulein Stähli in den Sinn. Schliesslich war sie es gewesen, die mir Lesen und Schreiben beigebracht hatte! Spontan lud ich sie zur Buchvernissage ein, nachdem ich ihre Adresse im Internet ausfindig gemacht hatte. Ich war nicht sicher, ob sie sich an mich erinnerte bei den Mengen an Kindern, die sie in den letzten Jahrzehnten unterrichtet hatte. Und wenn sie sich erinnerte, würde sie meiner Einladung folgen?
Als sie am Abend der Vernissage zusammen mit ihrem Mann den Raum betrat, erfasste mich augenblicklich ein Gefühl der Wärme. Wir begrüssten uns wie alte Freundinnen. In der Hand hielt sie die Geschichte über die Schnecken, die ich 1977 geschrieben hatte. Ich war gerührt, und schlagartig wurde mir bewusst, was Fräulein Stähli zu einer guten, nein, zu einer hervorragenden Lehrerin machte und weshalb diese Begegnung nach so vielen Jahren solche Glücksgefühle in mir auslöste: Es war die Gewissheit, dass sie mich, die anderen Kinder und ihre Arbeit aufrichtig geliebt hatte.
Das Geheimnis hervorragender Lehrpersonen
Im Nachhinein fragte ich mich, ob ein bisschen Liebe zu den Goofen und zum Job reicht, um eine gute Lehrperson zu sein. Nein, natürlich nicht. Es braucht bedeutend mehr, um den Lehrerberuf kompetent ausüben zu können. Aber die Liebe zu den Kindern und zur Arbeit ist die Grundlage, die eine hervorragende Lehrperson vom Rest der Masse abhebt. Ohne diese Basis kann das Leben der Kinder und auch der Eltern enorm schwierig werden.
Ich wünsche mir deshalb, dass alle Erstklässler und Erstklässlerinnen eine Frau oder einen Herrn Stähli haben, an die oder an den sie sich für den Rest ihres Lebens mit dem gleichen Glücksgefühl zurückerinnern werden, das ich all die Jahre über beim Gedanken an Fräulein Stähli empfand. Zu gönnen wäre es allen.
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