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Man habe sich bei den Romanen von Jeremias Gotthelf «überall an die ursprüngliche Lesart» und «den reinen unverfälschten Text» gehalten, informierte der Berner Germanist Otto Sutermeister (1832–1901) in der «Illustrierten Prachtausgabe». Im gleichen Atemzug betonte er freilich, es stelle hierzu keinen Widerspruch dar, wenn er nur einen Teil der Werke und diesen zudem auch gekürzt publiziere, denn er wolle einen lebendigen Gotthelf edieren. Er habe nur auf das verzichtet, was schon zeitgenössisch als «anstößig» erschienen sei. Dies habe nichts mit «Fälschung, Verfeinerung oder Ästhetisierung des ‘Urtextes’» zu tun, denn er, Sutermeister, habe «nichts gethan, als was der große Mann, für den er schon vor einem halben Jahrhundert geschwärmt hat, sicher selbst billigen würde».
Mit dieser rührigen Naivität des mit ‘seinem’ Autor innig bekannten Editors räumte der Schweizer Editionsphilologe Hans Zeller (1926–2014) gründlich auf. An die Stelle editorischer Eingriffe trat bei Zeller die Pflege des autorisierten Textes, seiner Fassungen und seiner Genese. Mit der Edition der Gedichte von C.F. Meyer nahm er Teil an einer philologischen Bewegung, welche den Text in seinem Entstehungsprozess unter strenger Wahrung der Zeichen des Autors darbot. Nicht zuletzt Zeller ist es zu verdanken, dass die neuphilologische Editionsphilologie aus dem Schatten einer Hilfsdisziplin zwischen Literaturwissenschaft und Buchmarkt trat und ein eigenes Fach werden konnte. In Altphilologie, Bibelphilologie und Mediävistik hatte diese Verwissenschaftlichung bereits viel früher eingesetzt.
Trotz der Leistungen des 19. und 20. Jahrhunderts ist ein qualitativer Sprung in der Gegenwart erkennbar. Heutige Editionsphilologie entwickelt sich nicht zuletzt als eine digitale Disziplin. Gleichgültig ob Buch- oder Webedition: in der Regel beginnen Editionen, nachdem die editionsphilologischen Grundlagen geklärt sind, nun mit einem Prozess der Datenmodellierung, der Wahl geeigneter digitaler Editionsinstrumente, der Suche nach technischen Projektpartnern für Publikation, Langzeitdatenspeicherung und -verfügbarhaltung. War bei Bucheditionen das avisierte Publikum klar umrissen (Fachpublikum, Studierende, Lehrpersonen), so stellen sich mit der digitalen Publikation neue Herausforderungen. Analysen differenzierter Benutzungsanforderungen an Text und Kommentar gehören heute ebenso zu den Grundlagen der Edition wie die Gestaltung des Graphical User Interface. Noch fehlen freilich vielfach die nötigen Kompetenzen: Nichts ist im schnellen digitalen Medium so alt, wie die gestern aufgeschaltete Edition, wenn sie nicht mit einem Blick für die Bedürfnisse von morgen gestaltet worden ist.
Es ist also keine Frage, zu welchem Zweck man Editionsphilologie studiert: zur methodisch geleiteten Pflege des schriftlich fixierten kulturellen Erbes unter den Herausforderungen an der Schwelle zum digitalen Zeitalter. Auch wenn weniger Editionsphilolog*innen gebraucht werden als Lehrpersonen, besteht hier ein kleiner Arbeitsmarkt. Die Schweiz hat im europäischen Kontext eine Führungsrolle auf dem Gebiet der Editionen, da es hier wieder bedeutende editorische Grossprojekte gibt, die sich den digitalen Herausforderungen engagiert stellen, darunter die Editionen J.C. Lavater, Robert Walser und Jeremias Gotthelf.
Seit 2011 bietet die Universität Bern in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Literaturarchiv den einzigen Masterstudiengang Editionsphilologie in der Schweiz an. Die Studierenden werden in Theorie und Praxis der Edition einschliesslich digitaler Editionstechnik eingeführt. Der transdisziplinäre Studiengang umfasst alt- und neuphilologische sowie musik- und geschichtswissenschaftliche Lehrinhalte. Ein Schwerpunkt besteht in Angeboten zur Schnittstelle zwischen Archiv und Edition, welche durch die Nähe der Universität zum SLA besonders attraktiv sind. Mit PD Dr. Irmgard Wirtz und dem Team des SLA erleben die Studierenden in regelmässigen Lehrveranstaltungen praxisnah den Umgang mit schriftstellerischen Nach- und Vorlässen.
Bestandteil des Studienprogramms ist ein Praktikum, in welchem die Studierenden Gelegenheit zur fachlichen Spezialisierung erhalten. Praktika werden häufig am SLA, in den Berner Editionsprojekten Parzival oder Jeremias Gotthelf sowie an weiteren Institutionen im In- und Ausland absolviert – u.a. an der Telemann-Edition in Magdeburg, der Valle-Inclán-Edition in Santiago de Compostela, am Österreichischen Literaturarchiv oder am Max Frisch-Archiv in Zürich. Das SLA unterstützt auch praxisnahe Masterarbeiten wie etwa zum Konzept einer Edition von Carl Spittelers Russlandbriefen oder zu einer Arbeit über Emil Ludwigs autobiografische Texte.Das Berner Studium der Editionsphilologie kann – gemeinsam mit dem SLA – den Studierenden Einblicke in die gesamte Breite des Faches vom literarischen Archiv bis hin zur digitalen Arbeitstechnik und Präsentation bieten, um sie für eine Pflege des kulturellen Erbes ohne rührige Mutmassungen auszubilden.
(Dieser Text erschien in der Zeitschrift des Schweizerischen Literaturarchivs „Passim“, Nr. 24, 2020).