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Name: martin Permalink: https://tierrechtsforen.de/2/7564/7922

Datum: 11.09.09 16:46
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In diversen, v.a. älteren Schlachthofbeschreibungen finden sich oft ausführliche Schilderungen über die schlechten hygienischen Zustände. Die Rede ist von eine großen Anzahl an Ratten, Kakerlaken, Fliegen, Maden und andere Insekten, v.a. in den Kühlräumen (wo die Leichenteile lagern). Bzw. davon, daß einzelne Leichenteile in den mit Dreck und Blut beschmutzen Boden fallen und ohne Säuberung wieder aufgehoben werden etc.
Eine neuere Version hatten wir vor einiger Zeit in Deutschland mit dem sogenannten "Gammelfleischskandal" in den Medien bzgl. Leichenteile, die stärker verwest waren als erlaubt (wobei es sich natürlich um keinen Skandal handelte, sondern die Normalität).
Weshalb damit zu argumentieren kontraproduktiv ist, sollte klar sein. Die Folgen sind ausschließlich eine Verbesserung der hygienischen Zustände (wie beim besagten "Gammelfleischskandal" geschehen). Und auch hier ist die Hygiene natürlich ein 100%ig anthropozentrischer Aspekt und für die dann bereits ermordeten Tiere, um die es eigentlich geht, unerheblich.
Das gleiche Argumentationsmuster bei den Zuständen in Tierausbeutungsbetrieben ist genauso kontraproduktiv und führt zu analogen Folgen, nämlich "sauberer" Ausbeutung, wie es die Antitierrechtsorganisation "Menschen für Tierrechte" in diesem Fall vormachte. Typischer Tierschutz eben (trotz des falschen Namens).
Deshalb ist es jedoch nicht verkehrt, wenn Tierrechtler auch auf diese Aspekte hinweisen, z.B. auf die von Keimen, Dreck und Staub durchsetzte Luft in Hühnerausbeutungsbetrieben, da hier das Ziel ist, das Leiden der Tiere zu verdeutlichen, verbunden mit der Betonung, daß dies nur ein Aspekt dieser Verbrechen ist, und es immer die Forderung nach totaler Abschaffung jeglicher Tierausbeutung beinhaltet.
An dieser Stelle auch noch ein (weiterer) Hinweis auf die ewigen Vorwürfe, wir würden mit den Bezeichnungen "Leichenteile", "Hühnermenstruationsprodukte", "Kuhdrüsensekret", "Bienenerbrochenes", "weißes Blut", "enthaarte Tierhaut" etc. auf diese Schiene aufspringen und den Menschen diese Dinge als "Ekelprodukte" "vergraulen" wollen.
Der Grund liegt selbstverständlich woanders (wie jeder, der sich zu informieren gewillt gewesen wäre, wüßte). Es geht darum (wie hier im Forum schon mehrfach betont) den Verdrängungsmechanismus dieser Euphemismen aufzubrechen. Wenn die Verbraucher eine weiße Flüssigkeit in einem viereckigen Karton oder eine Jacke mit dunklem, halbweichem Material kaufen, dient u.a. die Bezeichnung, die neutral ("Milch") oder nichtssagend ("Leder") ist, dazu, Abstand zu schaffen und alle Assoziationen dahingehend, daß dies Tierprodukte sind, zu unterdrücken. Dieser psychologische Aspekt ist maßgeblich daran beteiligt, daß sie ihr speziesistisches Denken aufrecht erhalten können, denn nicht umsonst kommen die meisten, wenn sie verstanden haben, daß dies (insbesonder Leichenteile und Tierhaut) Tierprodukte sind, ganz von alleine (ohne, daß man es ihnen gesagt hätte) dahinter, daß das bedeutet, daß dafür Tiere gestorben sind (wenn auch bei Kuhmilch weniger als bei anderen). Die kognitive Dissonanz setzt seltener dort an, daß für z.B. "Leder" Tiere sterben, sondern eher dort, daß "Leder" überhaupt ein Überrest eines toten Tieres ist. Dabei von "(enthaarter) Tierhaut" zu sprechen macht es hingegen deutlich. Daß tote Haut zu tragen für viele "eklig" ist, ist ein Nebeneffekt.
Daß bei dieser Bezeichnung "Ekel" zu erzeugen nicht beabsichtigt ist, beweisen die Gegenbeispiele. Transplantationsorgane sind tlw. Leichenteile, menschliche Muttermilch ist ein Drüsensekret, Speichel ein Tierprodukt usw. und dennoch ist all dies vegan. Diese jedoch nicht so zu benennen, hat folglich den Grund, daß diese Dinge nie einer sprachlichen Euphemisierung unterlagen (die nie relevant war, da sie ethisch i.d.R. unproblematisch sind) und deshalb auch kein Bedarf besteht, sie zu enteuphemisieren.