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2022 ist das Jahr des fast endlosen Sommers. 1816 war das Jahr ohne Sommer. Heuer sind die Rekordtemperaturen menschengemacht. 1816 war die Staub- und Aschewolke nach dem Ausbruch des Vulkans Tambora in Indonesien verantwortlich. Die Folge: Ernteeinbussen, Teuerung, Hungersnöte. Auch in der Schweiz. Deshalb machten sich in der Folge rund
2000 Schweizer Wirtschaftsflüchtlinge auf den beschwerlichen Weg nach Brasilien. Dort gründeten sie 1819 die Stadt Nova Friburgo, in den sanften, an die Voralpen erinnernden Hügeln nordöstlich von Rio de Janeiro.
Lula als Präsident ist ein kleines Wunder.
SCHLOSSER. Anfang 2003 besuchte ich diese Stadt mit ihren Gruyère-Schaukäsereien und Chalets und lebte bei einer Familie in ihrem stattlichen Haus am Stadtrand. Kurz zuvor hatte in Brasilien eine neue Ära begonnen: Luiz Inácio da Silva, kurz Lula, Chef der Arbeiterpartei, war zum Präsidenten gewählt worden. Es herrschte Aufbruchsstimmung. Doch meine gutbetuchten Gastgeber freuten sich nicht. Sie hatten Lula nicht gewählt. Die Begründung hinter vorgehaltener Hand: Er könne ja gar nicht lesen und schreiben. Wie bitte? Aber klar, der gelernte Schlosser war und ist kein Präsident der Reichen. Es ist ein kleines Wunder, dass er wurde, was er seit dem 30. Oktober zum dritten Mal ist: Präsident des grössten Landes Lateinamerikas. Lula wird 1945 in der Armutsregion Pernambuco geboren. Wenn die Ernten wegen Dürre ausfallen, herrscht der Hunger. Deshalb zieht die Familie nach São Paulo. Lula putzt dort zunächst Schuhe. Später arbeitet er als Dreher in einer Volkswagenfabrik. Dort schliesst er sich den damals noch verbotenen Gewerkschaften an, später wird er Präsident der Metallarbeitergewerkschaft.
PRÄSIDENT. Im Brasilien der 1980er Jahre herrscht eine Militärdiktaur. Doch Lula schreckt nicht zurück, grosse Streiks und Massendemonstrationen zu organisieren. Dafür landet er im Gefängnis. Danach gründet er zusammen mit Sozialbewegungen und linken katholischen Gruppen die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT). Dreimal versucht er, Präsident zu werden. Doch seine antikapitalistische Haltung und seine Idee eines brasilianischen Sozialismus sind für das von Militärdiktatur und Antikommunismus geprägte Land zu radikal. Schliesslich verordnet er der PT eine konservativere Wirtschaftspolitik und gewinnt damit die Wahl 2002. Hohe Rohstoffpreise erlauben ihm erfolgreiche Sozialprogramme. Damit finden Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer den Weg aus der Armut. Ein weiterer Erfolg: Mit strikten Kontrollen reduziert er die Rodung des Amazonas-Regenwaldes.
2018 verurteilt ihn der Richter Sergio Moro wegen fadenscheiniger Korruptionsvorwürfe zu zwölf Jahren Gefängnis. Der rechtsextreme Präsident Jair Bolsonaro macht Moro später zu seinem Justizminister. Das Gerichtsurteil ist inzwischen annulliert und die Befangenheit von Moro bewiesen. Das ebnete Lula den Weg für seine dritte Amtszeit. Und wieder verfällt das Land in Freudentaumel.
Doch die goldenen Zeiten des Rohstoff-Booms sind vorbei. Die Fronten sind verhärtet, die Gesellschaft ist gespalten. Trotz allem glauben viele Brasilianerinnen und Brasilianer, wenn es einer richten kann – dann Lula, berichtet Autor Niklas Franzen aus São Paulo.