Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03618.jsonl.gz/586

Diese Sicht der Dinge ist jedoch zu simpel. Sie berücksichtigt nicht, dass es zwei Arten von Rezessionen gibt: angebotsinduzierte Rezessionen wie die Ölkrise der 1970er Jahre und nachfrageinduzierte Rezessionen, zu denen Finanzkrisen gehören. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn Finanz- und Immobilienkrisen sind ihrer Natur nach deflationär. Warum dies so ist, lässt sich am Beispiel Japans aufzeigen, dessen Misere seit Ende seit 1980er Jahre bis heute andauert.
In Japan stiegen die Immobilienpreise in den 1980er Jahren rasant an, wobei der Boom in einen grossen Immobiliencrash mündete – wie jüngst in den USA. Deflation entstand in Japan dadurch, dass die Unternehmen in den 1980er Jahren sich durch Zukauf von Land und Immobilien rege an einem Boom beteiligten – auf Pump. Dies erwies sich als fatal. Der Rückgang der Immobilienpreise bedeutete eine Bilanzschrumpfung von Industrie- und Finanzunternehmen, die dazu führte, dass die Schulden bedient werden mussten. Dies geschah, indem die japanischen Unternehmen aus den laufenden Geschäftserträgen die Hypothekarkredite – proportional zu den Preisrückgängen der Immobilien – zurückzahlten und somit wenig investierten. Dies wiederum hatte zur Konsequenz, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zurückging. Als Gegenmassnahme schwenkte die Geldpolitik auf Expansionskurs um und begann ihre Nullzinspolitik Mitte der 1990er Jahre. Begleitend erfolgte eine ebenfalls expansive Fiskalpolitik durch eine Erhöhung der Staatsausgaben, um die ausgefallene private Nachfrage zu kompensieren.
Interessant aus volkswirtschaftlicher Sicht ist, dass die Folgen einer fast zwanzigjährigen expansiven Nullzinspolitik durch die Bank von Japan keine Inflation zur Folge hatte. Japan ringt im Gegenteil nach wie vor mit einer hartnäckigen Deflation. Das Beispiel Japans zeigt also, dass eine expansive Geldpolitik, oder salopp ausgedrückt: das Drucken von Geld, nicht notwendig zu Inflation führt, insbesondere dann nicht, wenn die Bilanzen der privaten Unternehmen schrumpfen.
Die Analogie zur aktuellen Krise ist frappant. In den USA begann Mitte der 1990er Jahre ebenfalls ein Immobilienboom, der vor allem durch die offizielle Politik der Wohneigentumssubventionierung der Clinton-Administration gefördert wurde. Die privaten Haushalte
begannen sich immer mehr zu verschulden. Als auch in den USA die Immobilienpreise 2006 zu fallen begannen, ereilte die US-Immobilienbesitzer das gleiche Schicksal wie die japanischen Firmen: sie mussten ihre Hypotheken zurückzahlen. Konkret: wenn mein Haus heute nur noch zwei Drittel seines ursprünglichen Wertes hat, muss ich auch einen bedeutenden Teil meiner Hypothek zurückzahlen. Das zwingt mich zum Sparen, so dass ich weniger Geld für andere Ausgaben zur Verfügung habe. Insgesamt führt dies dazu, dass die Kreditnachfrage der Privaten und der Unternehmen bei den Banken zurückgeht. Dies ist in der aktuellen Krise der entscheidende Punkt: zurzeit weist nach wie vor nichts darauf hin, dass die von der Zen-tralbank geschaffene Liquidität in einem bedeutenden Ausmass in die Wirtschaft fliesst. Vielmehr bleibt sie zu einem grossen Teil auf den Konti der Banken bei der Zentralbank liegen.
Dieser Befund wird durch den sogenannten Geldschöpfungsmultiplikator bestätigt, der das Geldmengenaggregat M2 (Sichteinlagen und kurzfristige Spareinlagen) ins Verhältnis zur Geldmenge M0 (Girokonti der Geschäftsbanken bei der Zentralbank) setzt: M2/M0. Dieser Multiplikator ist seit 2008 eingebrochen – die Geldmenge M0 stieg durch das Anwerfen der Gelddruckmaschine zwar stark an, die breitere Geldmenge M2 blieb jedoch praktisch konstant. Oder bildlich gesprochen, in Anlehnung an eine Formulierung Bernankes, wonach man notfalls Banknoten mit Helikoptern unter die Leute bringen könnte, um Deflation zu verhindern:…