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Und plötzlich ist Prokofjew brisant
Seit Beginn des Krieges in der Ukraine steht der Kulturbetrieb vor einem Dilemma. Man sollte es als Chance verstehen.
Als man sich in der Tonhalle Zürich bei der Programmplanung für den September 2022 unter anderem für Sergej Prokofjews Sinfonie Nr. 5 entschied, herrschte noch kein Krieg in der Ukraine; die Sinfonie war nichts anderes als ein Meisterwerk des sinfonischen Repertoires. Dass sie von einem russischen Komponisten geschrieben und am 13. Januar 1945 in Moskau uraufgeführt wurde; dass man sie gelegentlich als «Kriegssinfonie» bezeichnete; dass in den Programmheften jeweils gern ihr national-heroischer Charakter erläutert wurde: All dies war kein Thema und erst recht kein Problem.
Heute ist das anders. Seit Ausbruch des Krieges spaltet die Frage, ob man denn nun noch russische Werke aufführen, lesen und zeigen dürfe, den Kulturbetrieb. In Biel und St. Gallen wurden Tschaikowsky-Opern abgesetzt, in Mailand verschob man ein Dostojewsky-Seminar auf unbestimmte Zeit, die Londoner Auktionshäuser strichen ihre Spezialtermine für russische Kunst.
Anderswo, etwa bei den Berliner Philharmonikern, beim Concertgebouw Orchestra und auch beim Tonhalle-Orchester Zürich bleibt man bei den geplanten Programmen. Darf man das? Soll man das? Und wenn ja, warum?
Spielt man russische Musik, unterstützt man Putins Propaganda. Spielt man sie nicht, unterstützt man sie ebenfalls.
Einfache Antworten auf diese Fragen gibt es nicht. Nicht für die Tonhalle-Intendantin Ilona Schmiel, die jede Planung als bewusste, immer wieder neu zu überprüfende Entscheidung versteht. Und auch nicht für Paavo Järvi, der Prokofjews Fünfte dirigieren wird: «Ich verstehe einerseits, dass in der derzeitigen Situation ein Statement nötig sein kann. Andererseits ist es absurd, die ganze russische Musik aus unseren Sälen zu verbannen.»
Hört man sich um, wer wie für die eine oder andere Seite argumentiert, wird das Dilemma offensichtlich. Spielt man russische Musik, unterstützt man Putins Propaganda, sagen die einen. Spielt man keine russische Musik, bestätigt man das Bild des russlandfeindlichen Westens und unterstützt damit ebenfalls Putins Propaganda, sagen die anderen.
Was also tun? Im Wesentlichen gibt es drei Möglichkeiten: Man kann russische Musik von den Programmen streichen, geniessen – oder die Gelegenheit nutzen, um über sie nachzudenken.
1. Streichen
Das klassische Repertoire ist gross, niemand ist auf russische Werke angewiesen. Brahms statt Tschaikowsky, Strauss statt Schostakowitsch – kein Problem. Aber Moment: Auch Strauss ist vielleicht nicht ideal; er war zwar kein Nazi, aber immerhin von 1933 bis 1935 Präsident der Reichsmusikkammer. Und Brahms? Da setzt man jedenfalls besser nicht auf jenes «Triumphlied», mit dem einst die Tonhalle Zürich eingeweiht wurde und das den deutschen Sieg über Frankreich 1870 thematisiert.
Es ist nun mal so eine Sache mit der Moral und der Kunst: Wer strenge Massstäbe anlegt, muss bald einmal mehr streichen, als er oder sie eigentlich möchte. Und je mehr man eliminiert und anprangert, umso mehr Fragen muss man sich selbst gefallen lassen.
Dies gilt auch im Fall des aktuellen Krieges: Was können Rachmaninow, Prokofjew und Co. dafür, dass Putin die Ukraine angegriffen hat? Hat man mit Sippenhaft nicht genügend schlechte Erfahrungen gemacht im 20. Jahrhundert? Warum hat sich der westliche Kulturbetrieb 2014 so wenig für die Annektierung der Krim interessiert? Wieso haben viele Veranstalter auch danach noch russische Gelder angenommen? Ist es nicht ein bisschen billig, aus sicherer Distanz die grosse Geste zu wagen, während die Menschen in Russland für jedes falsche Wort gravierende Konsequenzen riskieren? Und sind die Verhältnisse im Westen tatsächlich so, dass wir uns diese moralische Überheblichkeit leisten können?
2. Geniessen
Als zweite Möglichkeit kann man auch einfach das tun, was man immer getan hat: Grosse Musik geniessen. Paavo Järvi, der als Este in der Sowjetunion aufgewachsen ist, als 18-Jähriger mit seiner Familie in die USA emigrierte und sich intensiv mit den Geschehnissen in Russland und in der Ukraine befasst, fände das keineswegs verkehrt. «Ist ein Werk einmal komponiert, hat es sein eigenes Leben», sagt er. Ob der Komponist ein netter Mensch war oder nicht, unter welchen Umständen das Werk entstanden ist: Das dürfe man durchaus auch einmal vergessen.
Auch das aktuelle Kriegsgeschehen darf man zwischendrin vergessen. Manchmal, sagt Järvi, sei es auch schön und richtig, einfach ins Konzert zu gehen, Kunst zu erleben, aufzutanken. Und sich den globalen Krisen danach wieder zu stellen.
3. Nachdenken
Man kann die Aktualität aber auch mitnehmen ins Konzert. Dann wird man feststellen, dass die klassische Musik tatsächlich jene gesellschaftliche Relevanz hat, die so oft beschworen wird. Seit Kriegsbeginn wird anders über Komponisten und Werke gesprochen; neben den künstlerischen Werten stehen auch Biografien, Haltungen, Aussagen auf dem Prüfstand. Und ja, das kann durchaus eine Chance sein, um weit über die aktuelle Krise hinaus über die Zusammenhänge zwischen Kunst und Politik nachzudenken.
«Natürlich hat man mehr von einer Aufführung, wenn man die Hintergründe der Musik kennt», sagt denn auch Paavo Järvi. Auch Ilona Schmiel denkt diese Hintergründe mit bei der Planung: «Jedes Werk ist ein Fenster in die Geschichte. Es ist geprägt von der Zeit, zu der es entstanden ist, von kulturellen Konflikten, Krieg, Flüchtlingsthematiken. Wer Kunst macht oder veranstaltet, muss sich verhalten zu diesen Themen.»
Bei der klassischen Musik gilt das noch ausgeprägter als in anderen Sparten: weil sie nicht in einem Museum hängt, sondern immer wieder bewusst programmiert werden muss – und weil grosse Werke über Jahrzehnte und Jahrhunderte im Kanon bleiben. «Was adäquat ist, muss immer wieder neu beurteilt werden», sagt Ilona Schmiel. Denn es kann sich vieles ändern mit der Zeit.
Ob Prokofjew ein Mitläufer war, ein Opfer, ein unpolitischer Mensch oder alles zusammen: Darüber diskutieren seine Biografen bis heute.
Um beim Beispiel von Prokofjews 5. Sinfonie zu bleiben: Als sie 1945 uraufgeführt wurde, war Stalin zwar längst als Diktator erkannt; aber er stand als Hitlers Feind auf der richtigen (oder zumindest richtigeren) Seite. Entsprechend war das Etikett «Kriegssinfonie» damals keineswegs negativ gemeint.
Auch Prokofjews Biografie lässt sich, je nach Standpunkt, ganz unterschiedlich erzählen. Man kann seine ukrainischen Wurzeln betonen, schliesslich wurde er 1891 in einem Dorf im heute umkämpften Donbass geboren, der damals zum russischen Kaiserreich gehörte. Man kann sich darüber wundern, dass er als Komponist, der nach der Oktoberrevolution erst in die USA und später nach Frankreich emigriert war, 1936 in Stalins Sowjetunion zurückkehrte; oder aber Verständnis dafür haben, dass er sich nach der heimischen Kultur sehnte, dass er sie brauchte, um komponieren zu können.
In der Sowjetunion wurde Prokofjew gefeiert und ausgezeichnet, mit Privilegien und Aufträgen versorgt; aber auch kritisiert, unter Druck gesetzt und zu Entschuldigungen gedrängt, wenn die Musik den Machthabern zu «formalistisch» schien. 1948 wurden etliche seiner Werke verboten (die 5. Sinfonie blieb erlaubt). Ob er ein Mitläufer war, ein Opfer, ein unpolitischer Mensch oder alles zusammen: Darüber diskutieren seine Biografen bis heute.
Auch seine Musik lässt sich ganz unterschiedlich verstehen. So gibt es in der 5. Sinfonie neben Passagen, die man als heroisch deuten kann, zahlreiche Anklänge an Prokofjews Ballettmusiken. Paavo Järvi hält denn auch die gängige Bezeichnung «Kriegssinfonie» für ein Missverständnis: «Es ist ein Romeo-und-Julia-Werk.»
Ob man diese Sinfonie und russische Musik überhaupt derzeit aufführen, sponsern oder hören will oder nicht: Das muss jede*r für sich entscheiden. Hauptsache, man setzt sich mit ihr auseinander.