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Sie ist die Dritte, die Unsichtbare im Marx-Engels-Bund. Ohne Jenny Marx gäbe es die grossen Werke ihres Ehemanns nicht so, wie wir sie heute kennen.
«Was sie getan hat, wissen nur die, die mit ihr gelebt haben», schreibt Friedrich Engels im Nachruf auf Jenny Marx, geborene von Westphalen, Anfang Dezember 1881. Er lobt die langjährige Freundin als Frau, die mit «scharfem und kritischem Verstande», mit einem «politisch sicheren Takt», mit einer «leidenschaftlichen Energie» und «grosser Kraft der Hingabe» für die revolutionäre Bewegung gekämpft habe. Das findet in der ausufernden Karl-Marx-Forschung bis heute kaum Erwähnung: Ohne Marx’ Frau Jenny gäbe es die grossen Werke nicht, und der mühsame, aufbrausende Karl wäre vielleicht ein unbekannter, kauziger Querulant geblieben.
Die Leben von Jenny und Karl getrennt zu betrachten, ist unmöglich, sind sie doch von klein auf SpielgefährtInnen, in der Jugend GesprächspartnerInnen, irgendwann verliebt, sieben Jahre verlobt, nach räumlicher Trennung wegen Karls Studium endlich verheiratet und – nach sieben Kindern, von denen nur drei überleben – gemeinsam begraben auf dem Londoner Friedhof Highgate, samt Töchtern und Dienstmagd.
Secrétaire intime
Abhängig ist Karl Marx von der eigenwilligen, lebhaften Jenny nicht nur, weil sie ihm als Hausfrau den Rücken freihält. Sie ist es, die seine Gedanken niederschreibt, redigiert, in Gesprächen gemeinsam mit ihm und Engels entwirrt und weiterentwickelt. Ständig ermahnt sie ihren zur Verzettelung neigenden Mann, an den Schreibtisch zurückzukehren und seine angefangenen Werke fertigzustellen. In ihrer Rolle als Secrétaire intime bringt sie Karls ausufernde, in unleserlicher Handschrift verfasste Fragmente in Form. Wichtige Texte wie «Das Manifest der Kommunistischen Partei» oder «Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte» und «Zur Kritik der politischen Ökonomie» wurden von Jenny in Reinschrift gebracht.
Wie der Genosse Arnold Ruge an Ludwig Feuerbach schreibt, ist Jenny «sehr eingeweiht in die neue Philosophie». Oft verfasst sie Briefe im Namen ihres zu Streitereien neigenden Mannes und übernimmt so eine Schlüsselrolle für die Beziehungsarbeit mit Verlegern, Genossen und Freunden. «Schreib nur nicht allzu gallig und gereizt», ermahnt sie ihren Mann, wenn dieser selbst zur Feder greift. «Schreib entweder sachlich und fein oder humoristisch und leicht. Bitte, lieb Herz, lass die Feder mal übers Papier laufen, und wenn sie auch mal stürzen und stolpern sollte und ein Satz mit ihr – Deine Gedanken stehen ja doch da wie Grenadiere der alten Garde (…). Was tut’s, wenn die Uniform mal lose hängt und nicht so prall geschnürt ist.»
Jenny Marx versteht sich als überzeugte Mitstreiterin der sozialistischen Bewegung. Sie nimmt mit und ohne ihren Gatten an politischen Treffen und Kongressen teil, etwa an der Gründungssitzung der Internationalen Arbeiterassoziation im September 1864. Für Freunde aus dem revolutionären Umfeld ist sie zudem eine geschätzte Gastgeberin: Geflüchtete und politische Gesinnungsgenossen geraten gerne ins Schwärmen ob der geselligen Frau Marx, deren Stube immer offen ist für politische Treffen und freundschaftlichen Besuch. Ihr schallendes, ansteckendes Lachen ist berühmt, ihre Trinkfestigkeit auch.
Existenzielle Nöte
Der geistige Austausch ist Jennys Lebenselixier. Die Teilnahme am politischen Leben ihres Mannes wäre für die Hausfrau und Mutter sicher in weit geringerem Mass überhaupt möglich, hätte sie nicht ihre Dienstmagd und enge Freundin Helene Demuth zur Seite. Mit «Lenchen» verbindet sich aber auch einer der schweren Rückschläge in Jenny Marx’ Leben: Karl ist der Vater von Lenchens einzigem Kind Frederick. Der Knabe ist nach Friedrich Engels benannt, da Marx seinen Freund zur Übernahme der offiziellen Vaterschaft gedrängt hat. Eine offene Auseinandersetzung darüber hat es wohl nie gegeben, auch wenn die jüngst erschienene Biografie von Angelika Limmroth davon ausgeht, dass Jenny Marx um die wahre Vaterschaft wusste.
Die Liebe zu Karl geht Jennys individueller Emanzipation immer voraus. Dabei setzen ihr innerfamiliäre Todesfälle und Krankheiten wie schwarze Pocken, Karbunkel oder Tuberkulose zu. Mitschuldig sind die verheerenden Geldnöte, zu denen die politische Repression gegen das Ehepaar Marx als geistige AnführerInnen der «roten Verschwörung» beiträgt. Immer wieder müssen sie Rückschläge hinnehmen: die gescheiterte Märzrevolution 1848, den verlorenen Kommunistenprozess 1852, die Zerschlagung der Pariser Commune 1871. Auch die fehlende Resonanz über den endlich erschienenen ersten Band des «Kapitals» im Jahr 1867 zermürbt Jenny Marx.
Auch wenn die von grösseren Katastrophen durchzogene Geschichte des Paares bis zum Schluss voller Zärtlichkeit, Begehren und gegenseitiger Achtung bleibt: Das Leben an der Seite von Karl hat die einst so heitere Frau zu einer psychisch wie physisch gebrochenen Frau gemacht. Sie, die eigentlich aus adligem Haus stammt und ein grossbürgerliches Leben hätte führen können, sorgt sich schwer um die Zukunft ihrer Töchter, fühlt sich schuldig wegen ihrer gesellschaftskritischen Erziehung – Jennychens, Lauras und Eleanors Leben werden nicht leichter verlaufen als ihr eigenes. Mit 67 Jahren stirbt Jenny Marx an Leberkrebs.