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ALS JUNGJOURNALISTIN BEIM MIGROS-MAGAZIN
Das Filmporträt: Einblick in den Redaktionsalltag der Migros-Magazin-Volontärin Silja Kornacher. zum Video
Viel wurde schon über Gottlieb Duttweiler untersucht, studiert und geschrieben. Über den Händler und Innovator in erster Linie, über den Politiker ebenso. Der «Journalist und Publizist» Duttweiler wurde weniger zum Thema gemacht. Dabei war er doch auch auf diesem Gebiet extrem rührig.
Schreibt man über den «Publizisten und Journalisten» Duttweiler, gilt es zuallererst, ein falsches Bild zu korrigieren: Gottlieb Duttweiler war eigentlich gar kein Journalist. Er schrieb, wie schon Elsa Gasser, volkswirtschaftliche Beraterin und langjährige Co-Autorin von Duttweiler, festhielt, nie «über» etwas, sondern meist «gegen» oder «für» etwas. Das journalistische Austarieren, das «Fakten-einander-gegenüberstellen», das Einordnen und Abwägen war seine Sache nicht. Dutti war ein Kämpfer, und er wollte überzeugen. Und da ihm schon in den 30er-Jahren eine willfährige Zeitungslandschaft keine Plattform für seine Überzeugungen, für seine Artikel, Kampfschriften und Traktate bieten wollte, kaufte er sich den Platz halt zusammen.
Erst publizierte er seine Texte im «Tagblatt der Stadt Zürich», wo er kurzerhand die «Zeitung in der Zeitung» erfand, die später auch Platz in anderen Zeitungen fand. Eigentlich wären die kommerziellen Seiten im «Tagblatt» wie in jeder Zeitung der Werbung vorbehalten gewesen. Dutti als hervorragender Kommunikator nutzte die Plattform der «Zeitung in der Zeitung» aber schon früh für eine neue Form von Textinseraten, in denen er hemmungslos Werbung und Konsumpolitik verquickte. 1350 dieser Inserate schrieb Duttweiler im Laufe der Jahre, tagesaktuell und oft zum Ärger der Zeitungsverleger.
Noch vor dem «Brückenbauer» hob Duttweiler die «Tat» aus der Taufe, eine Wochenzeitung, die nach der Lancierung der eigenen Politpartei, des Landesrings der Unabhängigen, den Schweizern die Denke des Migros-Mannes näherbringen sollte. Während des Zweiten Weltkriegs zur Tageszeitung gereift, wurde die «Tat» unter ihrem Chefredaktor Erwin Jaeckle zur ernst zu nehmenden Stimme in der Schweizer Zeitungslandschaft.
Fast 30 Jahre war Jaeckle «Tat»-Chef, und in dieser Zeit lieferte er sich mit Duttweiler teils heftige Auseinandersetzungen über Inhalt, Stil und Unabhängigkeit der Zeitung. Jaeckle war einer der wenigen, welcher der Dampfwalze Duttweiler, die alles und jeden in den Dienst der Sache der Migros stellen wollte, entgegentrat. Ein finanzieller Erfolg war die «Tat» nie. Oft musste Duttweiler Geld nachschiessen, was seine Zusammenarbeit mit Jaeckle nicht einfacher machte. Nach dem Versuch, die «Tat» mit Boulevard-Methoden, aber klassischen, engagierten Themen unter Chefredaktor Roger Schawinski noch einmal neu zu lancieren, wurde sie 1978 nach einem massiven Zwist zwischen Migros-Geschäftsleitung und Redaktion beerdigt.
Mitten im Zweiten Weltkrieg, 1942, wollte Duttweiler eine Wochenzeitung auf den Markt bringen und schrieb ein entsprechendes Gesuch an das Justizdepartement. Dieses winkte das Gesuch gegen den erbitterten Widerstand des Zeitungsverlegervereins durch. Und schon wenige Tage danach wurde «Wir Brückenbauer», das «Wochenblatt des sozialen Kapitals», wie es umschrieben wurde, in einer Auflage von 110'000 lanciert. Mit dem «Brückenbauer» hatte Duttweiler nun die Plattform, auf der er sich intensiv mit seiner Kundschaft austauschen, auf der er der Schweiz sein Gedankengut vermitteln konnte.
Und wie er dies tat: Schon im Leitartikel der ersten Ausgabe legte sich der Migros-Gründer so ziemlich mit dem ganzen Establishment an: «Das Kapital unserer Genossenschaften, das Franken- und das geistige Kapital, soll in sozialer Richtung wirken. Es soll für die Schwachen … und gegen die Starken, die ihre Macht missbrauchen, einstehen; gegen Trusts, gegen gewalttätige Verbände, gegen Gewaltanwendung von Kapital und Koalition.»
Der «Brückenbauer» wurde fortan zum Wochenbegleiter für Hunderttausende von Schweizerinnen und Schweizern. Er war Spiegel des öffentlichen Lebens, er rückte das politische, kulturelle und gesellschaftliche Leben ins Zentrum, er war Stimme der Migros in der Öffentlichkeit. Das Ende des Zweiten Weltkriegs war ebenso Thema wie die erste Mondlandung. Bundesratswahlen, grosse Sportanlässe, der Minijupe und die Globus-Krawalle — alles fand im «Brügglipuur», wie er schon bald genannt wurde, seinen Niederschlag.
Duttweiler schrieb 2700 Artikel und andere Texte
Und die Zeitung wuchs. Mit der Zahl der Genossenschafter kletterte natürlich auch die Auflage des «Brückenbauers» und seines 1944 gegründeten Westschweizer Pendants «Le Pionnier», später in «Construire» umgetauft. Und Gottlieb Duttweiler schrieb und schrieb. Viel Feind, viel Ehr: 2700 Leitartikel, Kampfschriften, transkribierte Vorträge sollen aus seiner Feder stammen. Seine «Propaganda-Artikel» — er selber hatte nichts gegen den Ausdruck — bieten auch heute noch einen guten Einblick in seine unglaubliche Schaffenskraft, seine visionäre Gabe und seine brillanten rhetorischen Fähigkeiten. Dutti konnte nicht nur Visionen niederschreiben, Konzepte entwerfen, Strategien definieren — er konnte auch andere dafür begeistern.
Duttweilers schriftlicher Stil war stark geprägt von seiner Persönlichkeit. Seine Artikel waren meist leidenschaftlich, kraftvoll, gespickt mit literarischen Zitaten, Wortspielen, Redensarten und bildhaften Schilderungen. Oft konnte er sich seitenlang über ein Thema wie die Wirtschaftspolitik auslassen, um an anderer Stelle ein wichtiges Thema mit ein paar hingeworfenen Stichworten abzutun, die andere dann für ihn ausformulieren mussten.
Seine publizistischen Energien stammten zu einem Grossteil aus seinem wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Sendungsbewusstsein. Entsprechend sprunghaft war sein Schaffen. Sehr schön hat seine Mitstreiterin Elsa Gasser bereits 1948 seine Art des journalistischen Schreibens umrissen: «Die allermeisten Artikel werden in stürmischem Tempo diktiert, man möchte fast sagen: ‹usegschpeuzt›. Die üblichen Zwischenspiele — Telefon, Öl- oder Kaffeeprobieren, Gespräch über Einkaufs- und andere Dispositionen — mögen den Faden wohl zehnmal unterbrechen, aber den Autor nicht aus dem Gleichgewicht bringen. ... Was auf diese Weise entsteht, ist oft ein Feuerwerk von Ideen, originellen Formulierungen, lapidaren Sätzen, die nur noch etwas ‹gebüschelet› werden müssen.»
Das Formulieren, das Schreiben, fiel Duttweiler nicht so leicht, wie es vielleicht den Anschein macht. Und trotzdem hätte er um nichts auf der Welt darauf verzichtet. Elsa Gasser im erwähnten Artikel: «Und wenn er sich regelmässig über die vielen ‹Samstag-Aufsätze› beklagt, die er schreiben ‹muss›, so weiss seine Umgebung doch genau, dass er diese ‹verhasste› Arbeit niemals missen möchte. Und dass er lieber auf 100 andere Dinge verzichtet als darauf, im ‹Brückenbauer› die erste und womöglich zweite Seite persönlich zu füllen.»
Die Geschichte des «Brückenbauers» ist mittlerweile abgeschlossen. 2004 übernahm das Migros-Magazin (siehe Bildergalerie unten): Mit einem neuen Themenfokus, mit einer grösseren Leserschaft, aber noch immer mit dem Anspruch, journalistisch hohe Qualität ins Publikum zu tragen.
Die Migros ist nicht mehr die gleiche wie damals. Sie ist gewachsen, ist zum «orangen Riesen» geworden. Duttis Ideen aber haben immer noch einen (wichtigen) Platz in den Plänen, in der Geschäftstätigkeit, im Denken und Handeln der grossen Migros-Familie.
Und in den Herzen ihrer Kundinnen und Kunden.
Autor Hans Schneeberger ist Chefredaktor des Migros-Magazins.