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Gastkolumne
Autor: Raphael Berthele
Sind Sie auch mit dem Lateiner am Ende?
Ist Ihnen aufgefallen, wie oft unsere Region zurzeit auf dem politischen Parkett aus sprachlichen Gründen Schlagzeilen macht? Haben Sie sich darüber gefreut oder geärgert? Haben Sie sich dabei auch viele Fragen gestellt? Möchten Sie wissen, welche Fragen ich mir gestellt habe? Nein? Diese hier:
1. Welche Gruppen dürfen eigentlich warum genau (k)eine Vertretung in Bern für sich einfordern? – Vegetarier? Pharmaproduzenten? Pharmakonsumenten? Garagisten? Reformierte? Welsche? Zweisprachige? Linkshänder? (Erfinde selber weitere lustige Beispiele!)
2. Wer legt eigentlich fest, wann sich jemand oder eine Gruppe durch jemanden vertreten zu fühlen hat?
3. Wer stellt wie fest, ob jemand oder eine Gruppe durch jemanden tatsächlich in nicht-trivialem Sinn vertreten wird?
4. Kann man die Interessen einer Gruppe nur dann vertreten, wenn man ihr angehört?
5. Wann ist man eigentlich genau Angehöriger einer Sprachgruppe?
6. Kann man Angehöriger zweier oder gar dreier Sprachgruppen sein?
7. Wenn ja, unter welchen Bedingungen? Wenn nein: Pfui!
8. Was bedeutet eigentlich der Begriff Muttersprache?
9. Kann man seine Muttersprache wechseln?
10. Bedeutet, Muttersprachler einer Sprache zu sein, automatisch auch, einer bestimmten Kultur anzugehören?
11. Was ist überhaupt eine Kultur?
12. Was ist überhaupt eine Sprache?
13. Ist Senslerdeutsch eine Sprache?
14. Ist Freiburg ein Westschweizer oder ein welscher Kanton?
15. Oder beides?
16. Sind alle Westschweizer Welsche?
17. Gibt es eventuell auch welsche Ostschweizer?
18.Wer oder was ist eigentlich ein Lateiner?
19. Warum reden alle plötzlich vom Latein, wo doch fast niemand mehr Latein lernt?
20. Vertritt ein Italo-Lateiner automatisch einen Franko-Lateiner – und umgekehrt?
21. Und wer vertritt die Räto-Lateiner?
22. Oder verdienen die gar keinen Vertreter, vgl. Frage 1?
Was mich selber anbelangt, so antworte ich all jenen, die mich nie darum gefragt haben: Ich bin stolzer Inhaber einer Latein-Matura (anständige Note!), bin also Lateiner, und erkläre hiermit meine Kandidatur für den frei werdenden Bundesratssitz. Ich würde dann zumindest die systematisch diskriminierte Minderheit der Frääglis vertreten.
Raphael Berthele wohnt in Bürglen und ist Professor für Mehrsprachigkeits- und Fremdsprachenforschung an der Universität Freiburg. Als Gastkolumnist macht er sich in den FN regelmässig Gedanken zur Zwei- und Mehrsprachigkeit.