Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03561.jsonl.gz/83

Armbanduhren gibt es unendlich viele. Aber nur sehr wenige von ihnen finden den Weg in die Geschichtsbücher. Dahin, wo sich Mythen, Legenden und vor allem echte Klassiker versammeln. Per definitionem handelt es sich bei Letztgenannten um «mustergültige Produkte ersten Ranges, Resultate herausragender literarischer, künstlerischer oder wissenschaftlicher Leistungen schöpferischer Menschen, welche die Merkmale einer ausgereiften Meisterschaft in sich tragen».
Familienbande In Sachen Uhren gehört der Schweizer Jack William Heuer, Jahrgang 1932, zu den besonders kreativen Zeitgenossen. Freilich war der Apfel in diesem Fall nicht sehr weit vom Stamm gefallen. Als Spross einer anerkannten Dynastie erfolgreicher Chronographen-Spezialisten konnte er aus dem Vollen schöpfen. Urgrossvater Edouard Heuer hatte 1860 in Biel die gleichnamige Uhrenmarke ins Leben gerufen und beispielsweise 1887 die bis heute verwendete Schwingtrieb-Kupplung für Chronographen erfunden. Und dessen Sohn Charles-Auguste Heuer liess 1916 einen neuartigen Kurzzeitmesser entwickeln. Der revolutionäre «Mikrograph» konnte erstmals auf die Hundertstelsekunde genau stoppen. Dem sachlichen Analytiker folgten dessen Söhne Charles-Edouard und Hubert. Das Duo lenkte Heuer in den 1930er-Jahren nicht nur durch die Weltwirtschaftskrise, sondern auch die vielleicht schwierigere Zeit des Zweiten Weltkriegs, in der es um den Export schlecht bestellt war. Und dennoch entstand 1939 und auf Initiative der beiden Brüder ein Armband-Chronograph mit wasserabweisender Schale.
Somit wuchs Charles-Edouards Sohn Jack William in einer munter tickenden Welt auf. Beste Voraussetzungen für die Übernahme einer leitenden Funktion boten das Betriebsingenieur-Diplom der ETH Zürich sowie eine unstillbare Passion für den Leistungssport. Letztere stellte der Spross unter anderem als Zürcher Hochschul-Champion im Ski-Slalom unter Beweis.
Im November 1953 zog es Jack in die weite Welt hinaus. Sein Vater schickte ihn in die USA, um den dortigen Markt zu studieren; bei der Sportartikelkette Abercrombie & Fitch übte er sich in der Rolle eines Uhrenverkäufers. 1958 folgte dann der Eintritt ins Familienunternehmen; zwei Jahre später organisierte der Juniorchef bereits das 100-jährige Firmenjubiläum – und Jacks Performance überzeugte die Senioren. 1961 konnte er von Onkel Hubert ein Aktienpaket erwerben und auch der Vater überliess ihm einen Teil seiner eigenen Aktien als vorgezogenes Erbe. So wurde aus dem leitenden Angestellten ein massgeblicher Teilhaber des Familienunternehmens mit rund zwei Millionen Franken Jahresumsatz.
Geburt einer Legende 1964 fusionierte Jack mit dem Erzrivalen Leonidas, und noch im gleichen Jahr konnten Kunden rund um den Globus einen Armband-Chronographen erwerben, der bis in unsere Gegenwart als herausragende Ikone dieser besonderen Spezies Zeitmesser gilt. Die Entwicklungsgeschichte begann in den frühen 1960er-Jahren. Weil Jack W. Heuer das Thema wie seine Vorfahren virtuos beherrschte, wusste er exakt, worauf es ankommt. In seinen Augen spielte das Design von Gehäuse und Zifferblatt eine überragende Rolle. Mammut-Gehäuse, wie heute allgemein üblich, gingen seinerzeit überhaupt nicht. 36 Millimeter Durchmesser galten als Standard und sie resultierten aus den Dimensionen der damals verbauten Uhrwerke. Neben der Bedien-Ergonomie, welche sich in einer griffigen Krone und leicht bedienbaren Drückern zeigte, rangierte die Ablesbarkeit des Zeitschreibers in der Priorität ganz oben. Deshalb strebte der junge Patron nicht nur ein sachlich-reduziertes, sondern auch ein möglichst grosses Zifferblatt an. Und hier gelang Jack ein echter Kunstgriff. Zur Steigerung der Wasserdichtigkeit wölbte sich über dem Zifferblatt ein armiertes Plexiglas. Das taten die Mitbewerber zwar auch, aber keiner von ihnen nutzte die schräge, dem Zifferblatt zugewandte Fläche des metallenen Spannrings. Ganz anders Jack Heuer: Er experimentierte begeistert und liess den Ring schlussendlich mit der wichtigen Skala für die Sekunden und deren Fünftel-Bruchteile bedrucken. Diese Eingebung vergrösserte das Zifferblatt um fast zwei Millimeter, was nach wenig klingt, aber die Optik entscheidend beeinflusste. Damit nicht genug: Etwas tiefer gesetzte Nebenzifferblätter für Permanentsekunde und Totalisatoren bescherten dem Zifferblatt eine bemerkenswerte Dreidimensionalität.
Jack W. Heuer konnte sich stolz auf die Schulter klopfen, hatte er doch etwas bis dahin Einmaliges geschaffen. Was nun noch fehlte, war ein treffender Name. Und da kam dem ambitionierten wie vielseitig interessierten Jungunternehmer der Zufall zu Hilfe. Denn während den berühmten 12 Stunden von Sebring, bei denen sich der auch Motorsport-begeisterte Jack höchstpersönlich um die Zeitnahme kümmerte (schliesslich war die Marke Heuer auch auf Zeitnahme bei Sportevents spezialisiert), blieben Gespräche mit den verwegenen Fahrern nicht aus. Ricardo Rodriguez war einer von ihnen und erzählte begeistert von einem halsbrecherischen Autorennen, das in den 1950er-Jahren quer durch Mexiko führte. Als Jack Heuer den Namen «Carrera Panamericana» hörte, wusste er sofort, dass er gefunden hatte, wonach er suchte. Sofort nach seiner Rückkehr in die Schweiz fügte er dem Zifferblatt des puristisch gestylten Newcomers über dem Firmenlogo das Wort «Carrera» hinzu.
Der Rest ist Geschichte. 1963, als die «Carrera» gleich in mehreren Ausführungen debütierte, ahnte ihr geistiger Vater freilich noch nicht, dass diese Armbanduhr zu einem Synonym unter den weltbesten Chronographen avancieren sollte – und 1997 ein fulminantes Comeback erleben würde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Jack W. Heuer nolens volens bereits aus dem Uhrenbusiness zurückgezogen und verfolgte das Geschehen zunächst noch aus gesicherter Distanz.
1971 war Jack Heuer freilich noch in Amt und Würden, als er während eines Besuchs der Heuer-Dépendance im Jurastädtchen Saint-Imier zufällig jemandem begegnete, der ihm bekannt vorkam. Verdutzt schaute er genauer hin und mit einem Mal heulten in seinem Kopf Rennmotoren auf, drehten sich Räder immer schneller. Jack Heuer hatte Gian-Claudio Giuseppe «Clay» Regazzoni erkannt und fragte sich, was den wohl in diese abgeschiedene Gegend verschlagen hatte. Zurück im Büro half ausgeprägtes detektivisches Gespür beim Ermitteln der Telefonnummer des prominenten Ferrari-Piloten. Bald darauf stand die Verbindung und schon wenig später folgte ein Besuch Regazzonis bei Heuer-Leonidas SA. Unverblümt bekundete der Rennfahrer dort, dass er nach massgeschneidertem Zeitnahme-Equipment für die 24 Stunden von Le Mans gesucht habe. Das, antwortete ihm Heuer, sei für sein einschlägig erfahrenes Unternehmen kein sonderliches Problem.
Enzos violette Tinte Ein Vertrag liess nicht lange auf sich warten. Heuer erfüllte ihn professionell und avancierte schon 1972 zum offiziellen Zeitnehmer der «Scuderia Ferrari». Geld floss übrigens keines und Jack musste den Kontrakt jedes Jahr neu verhandeln. Die Unterschrift leistete Enzo Ferrari höchstpersönlich mit seiner markant violetten Tinte. Anschliessend dinierten die neuen Geschäftspartner im Restaurant «Cavallino». Im Zuge der ersten Vertragsverlängerung sprach man auch über die offizielle Zeitnahme für die hauseigene Rennstrecke Fiorano – und als Bonbon offerierte der Commendatore, dass alle Ferrari-Fahrer das einprägsame Heuer-Logo auf ihrer Montur und einen goldenen Automatik-Chronographen am Handgelenk tragen könnten… «In diesen Jahren», so Jack W. Heuer, «lernte ich praktisch alle Piloten persönlich kennen. Um ihre Uhren entgegenzunehmen und unsere Fabrik zu besuchen, kamen Niki Lauda, Jacky Ickx, Clay Regazzoni, Mario Andretti, Carlos Reutemann, Gilles Villeneuve und andere nach Biel. Die zehn Jahre währende Kooperation mit der italienischen Nobelmarke sowie das Logo auf den roten Boliden brachten uns einen enormen Prestigegewinn.»
Das Motorsport-Engagement von Heuer hatte wie erwähnt schon einige Jahre früher begonnen. Ausserdem gehörte der Hersteller seit 1969 zu den Pionieren des Armband-Chronographen mit automatischem Aufzug. «Nach dem finanziellen Entwicklungs-Kraftakt besassen wir kaum noch die Mittel für weitreichende Werbemassnahmen. Also mussten intelligente, weniger kostspielige Methoden der Verkaufsförderung gefunden werden.» Jack W. Heuer fand sie auf dem Golfplatz. Dort berichtete ihm ein Freund, dass der eidgenössische Formel-1-Pilot und Porsche-Händler Jo Siffert einen Sponsor suche. Jack Heuer besuchte ihn in dessen Fribourger Autohaus und die markant-quadratische «Monaco», in der das neue Uhrwerk tickte, verfehlte ihre Wirkung nicht. Das Angebot, Siffert im Rahmen begrenzter finanzieller Möglichkeiten zu unterstützen und die Automarke zu wechseln, tat ein Übriges. Künftig trug der Porsche 908 den Namen Heuer in die Welt – und an Sifferts Handgelenk fand sich natürlich eine «Monaco». Im Gegenzug legte sich der Uhrenfabrikant einen Sportwagen aus Zuffenhausen zu. «Dies war sicher ein amateurhafter Einstieg ins Formel-1-Geschäft», bekennt Jack Heuer rückblickend, «aber wir engagierten uns als erste branchenfremde Marke in diesem rasanten Hochleistungssport und fuhren nicht schlecht damit.» Dass Steve McQueen 1970 bei den Dreharbeiten zum Film «Le Mans» gratis und franko eine «Monaco» trug (siehe VECTURA #6), war wiederum ein genialer Schachzug. Jack Heuer hatte den Filmausstatter mit Stickern, Bord- und Armbanduhren ausgestattet. Nach vielen Testrunden in Le Mans bat der Produzent Steve McQueen, endlich sein filmisches Outfit festzulegen. Der Schauspieler entschied sich für den Dress des gerade neben ihm stehenden Jo Siffert, den er ja schliesslich mimte. Im Zuge dieser Wahl befestigte der Rennfahrer blitzschnell ein Heuer-Logo am Overall. Ausserdem durfte McQueen in die Schachtel mit Heuer-Chronographen greifen – und entschied sich für jenes Modell, auf das auch Siffert blickte. Logischerweise profitierte Heuer vom Erfolg des Films: Die «Monaco» entwickelte sich zum Kultobjekt für Fans des Hollywoodstars und des 1971 tödlich verunglückten Rennfahrers.
Die Quarz-Krise Dennoch musste Jack W. Heuer 1972 die bittere Erfahrung machen, dass politische und wirtschaftliche Krisen den privaten Konsum nicht gerade fördern. Vor allem jenseits des Atlantiks und im Land der – nur scheinbar – unbegrenzten Möglichkeiten liefen die Geschäfte eher mässig. Eine weltweit hohe Inflation, das rapide Absinken des Dollarkurses, die amerikanischen Luftangriffe auf Nordvietnam, die grosse Flutkatastrophe in Rapid City und die so genannte Ölkrise sorgten für Umsatzeinbrüche bei der altehrwürdigen Mechanik. Dazu kam die neue Quarz-Technologie, welche Jack W. Heuer keineswegs ablehnte, im Gegenteil: Der findige, progressiv denkende Techniker stürzte sich mit Verve darauf. «Das Unterfangen erforderte aber jede Menge konstruktiver Basisarbeit. Von den ersten Skizzen bis hin zur Realisation war eigenes Gedankengut gefragt.» Tatsächlich besass die 1975 vorgestellte Weltpremiere namens «Chronosplit» keine beweglichen Teile. Zu den ersten Kunden gehörte Paul Newman, dessen neuer Film «Der Clou» gerade Kinos und Kassen füllte. Im Jahr zuvor hatte Jack W. Heuer mit rund 25 Millionen Franken seinen Umsatz-Zenit erreicht. Kurz darauf aber trafen ihn die Krise der traditionellen Uhrmacherei und der Zusammenbruch des Marktes für mechanische Stoppuhren wie ein Faustschlag. Heuer hatte den Nutzen geschickten Produkt-Placements und öffentlichkeitswirksamen Sport-Sponsorings erkannt, musste aber auch konstatieren, dass diese Aktivitäten immer teurer wurden.
In der zweiten Hälfte der 70er-Jahre kämpfte Jack Heuer als weiterhin weltgrösster Stoppuhrenfabrikant beständig mit dem Rücken zur Wand. Und konnte trotz innovativer und kreativer Erzeugnisse nicht mehr am Markt bestehen. Dann, im Sommer 1981, kam der fatale Schlag: Die Volksrepublik China hatte tausende Stoppuhren bestellt, doch mitten im Fertigungsprozess geriet Heuers Werkelieferant ins Trudeln. Um den Grossauftrag nicht zu gefährden, bevorratete sich die Firma mit Werken und Ersatzteilen. Ende September schottete sich China abrupt gegen alle Uhrenimporte ab – und der Berg fertiger und halbfertiger, unverkäuflicher mechanischer Stoppuhren überforderte die Liquidität. So ging am 25. Juni 1982 die letzte öffentliche Generalversammlung der Heuer-Leonidas SA über die Bühne. Nach langen, zähen Verhandlungen mit Gläubigern und Kaufinteressenten mussten Jack W. Heuer und die übrigen Inhaber von Namensaktien der Abschreibung ihres Kapitals auf null sowie der Auflösung vorhandener Reserven zustimmen. Nach einem dreijährigen Intermezzo übernahm 1985 die TAG-Gruppe (Techniques dʼAvant-Garde) die Aktienmehrheit. Jack Heuer ging im Streit.
Versöhnung mit dem Patron Seit 1999 gehört die traditionsreiche Sportuhrenmarke zur LVMH-Gruppe, und deren Grossaktionär Bernard Arnault ernannte Jack W. Heuer im Sommer 2001 wegen seiner anerkannten Leistungen zum TAG-Heuer-Ehrenpräsidenten. In dieser Funktion wirkt der Unermüdliche beratend, aber auch durchaus kritisch bei der Entwicklung neuer Produkte mit. Dass ihm die 1963 lancierte Chronographen-Linie dabei ein besonderes Anliegen ist, mag sich von selbst verstehen. TAG Heuer wiederum hat seinem honorigen Markenbotschafter zum 50. Geburtstag der «Carrera» eine Sonder-Edition mit pultförmigem «Bullhead»-Design und dem exklusiven Automatikkaliber 1887 gewidmet. Der 45 Millimeter grosse Carrera Calibre 1887 «Jack Heuer»-Chronograph ist ab November erhältlich. Der dadurch Geehrte hat es sich redlich verdient – und beabsichtigt, sich bis Ende Jahr komplett aus dem Geschäft zurückzuziehen. Damit geht eine Ära zu Ende, die einige der bedeutendsten Armbanduhren für Automobilliebhaber hervorgebracht hat.
Fotos: Archiv Jack Heuer, Werk