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Südlich des Siedlungsraumes von Buchs, zwischen Altendorf und Räfis, auf der Höhe Sax-Rietli, am Rand des Berghangs, bildet die Talebene eine weite Einbuchtung gegen Westen. Diese wird südseitig begrenzt durch den Höhenzug des Räfiserholzes, nordwestwärts durch den langgezogenen Hügelrücken von Spunterära-Sunnenbüel. Zwischen diesen beiden waldigen Erhebungen steigt, gesäumt vom Röllbach und deutlich eingetieft, ein breiter Wiesenhang mit einigen Berggütern gegen den hinteren Seveler Berg hinauf. Diese Liegenschaften heissen Flat, und sie liegen teils auf Buchser, teils auf Seveler Boden, in einer Höhenlage von ungefähr 500 bis 600 m ü. M.
Der Einheimische versieht den Namen mit sächlichem Artikel, sagt also «s Flat, im Flat». Die Bezeichnung ist seit 1465 bezeugt, wurde im damaligen Dokument als «fflat» geschrieben. Heute Flat, damals Flat – daraus lässt sich nun wirklich nicht viel erschliessen; hier verraten die vorhandenen älteren Belege leider gar nichts zur Namensentwicklung, auch wenn die Schreibungen im Lauf der Jahrhunderte immer wieder zwischen flat, flaut, flant, flaat, flad, flath und fladt hin und her pendeln. Damit fällt eine wichtige Stütze der Namendeutung bereits im voraus dahin ... Umso weiter öffnen sich in solchen Fällen bei den Namendeutern die Tore der Fantasie.
Die Güter von Flat (in Bildmitte und darunter) steigen vom Rietli in der Talebene zum hinteren Seveler Berg hinan. Bild: Werdenberger Namenbuch.
«Vielversprechend» ist denn auch 1890 unser David Heinrich Hilty (alias sein romanischer Dienstkollege und Sprachexperte Thomas Gross aus dem Münstertal): sie setzten ohne Umstände romanisch «flad m. ‘Athem, Hauch’» an. Dazu die wenig hilfreiche Bemerkung «que ha flad» ‘es hat Luft’. Verständlich, dass eine solche «Erklärung» nicht einleuchtet.
Heinrich Gabathuler folgte (1928, 1944) auch hier wieder seiner These eines angeblichen indogermanischen (also ein paar tausend Jahre alten) Wortstammes fal-/fel- für ‘breit sein’, den er mit Vorliebe immer wieder auffährt (siehe schon letzten Monat bei Feltur). Und wie um der Plausibilität des Ansatzes Nachdruck zu verleihen, beschrieb er die Güter namens Flat als «flach am Berghang ausgebreitet»: er versuchte also die Geländebeschreibung auf seine Deutungsidee hin auszurichten. Zum Vergleich zog er auch das deutsche Wort Fladen herbei; dieses gehört nun in der Tat – auch nach Ansicht der wissenschaftlich arbeitenden Fachleute – zu einer indogerm. Wortwurzel, welche die Bedeutung von ‘breit, flach’ enthält (wobei allerdings diese Wortwurzel nach heutigem Forschungsstand *pel-, *pla- gelautet haben muss). Ein Zusammenhang mit unserem Flat ist damit jedenfalls bei weitem nicht gegeben, geschweige denn bewiesen oder auch nur wahrscheinlich.
Ernst Rohrer, Chemiker und fantasiereicher Namendeuter, nahm sich 1964 in seiner Broschüre zu den Buchser Namen auch des Namens Flat an. Alle oben erwähnten Deutungsversuche lehnte er ab, schlug dafür aber ein noch viel nebulöseres «vorrömisch flaith oder flat ‘Herrschaft, Sitz der Herrschaft’» vor. Wie und von woher er auf so etwas kam, sagte er nicht; er machte keine Quellenangaben und enthielt sich auch sonst jeder näheren Erläuterung. Wir haben seine Arbeitsweise schon in früheren Artikeln dieser Serie (Nr. 27 Luna, Nr. 33 Röll, Nr. 51 Plattnach) kritisch begutachtet und zurückweisen müssen; solche aus der Luft gegriffenen oder längst abgetanen Theorien folgenden, jedenfalls nicht solide abgestützten Spekulationen bringen niemandem etwas; wohl aber verwischen sie beim unkundigen Leser den Unterschied zwischen solidem Forschen und billigem Aberglauben.
Noch eine andere Bemerkung ist hier aber fällig. Die bisher erwähnten Autoren zogen einen Umstand nicht in Betracht, der bei der Deutung kurzer romanischer Namen hierzulande oft eine Rolle spielt, der also auch hier zumindest zu erwägen wäre. Es kommt bei uns nämlich sehr oft vor, dass ein älterer, ursprünglich mehrsilbiger Name im Lauf der Zeit durch Silbenabfall am Wortanfang gekürzt wurde. Dieser Kürzungsvorgang ist nicht der dem Deutschen vorangehenden romanischen Sprache anzulasten; er fand erst mit dem Übergang zum Deutschen statt. Denn nach dem Sprachwechsel verstand man ja die (romanischen) Namen nicht mehr und konnte sie desto leichter verändern. Sehen wir uns einige solche Beispiele an:
Schnära (Grabs) stammt aus altromanisch fraschnèra ‘Eschengehölz’
Mordla (Sennwald) aus altromanisch palü morta ‘totes Ried’
Flusa (Sevelen) aus altromanisch (pedra) cuvlusa ‘Fels mit überhängender Wand’
Luna (Buchs) aus altromanisch valluna ‘grosser Taleinschnitt’
Röll (Buchs) aus altromanisch Sarüll ‘kleiner Geschiebebach’, ‘kleine Saar’
Tätsch (Grabs) aus altromanisch pradatsch ‘leide Wiese’
Grib (Sevelen) aus altromanisch nugarieu ‘Nussbaumbestand’
Grüel (Sevelen) aus altromanisch nugarüöl ‘kleiner Nussbaum’
Pir (Grabs), urkundlich 1463 noch Montpir
usw.
Den erwähnten Fällen ist gemeinsam, dass die ursprünglich «längere» romanische Form mit ihrer Übernahme durch die alemannisch sprechende Bevölkerung im vorderen Teil durch Silbenauswurf zusammengekürzt wurde, sodass nun neu die erste Silbe betont war. Auf die Hintergründe dieses Vorgangs wollen wir hier nicht näher eingehen – ein Treiber dieser Entwicklung war aber sicher die Abneigung des Alemannischen (des Deutschen überhaupt) gegenüber Namen mit schwachtonigem Auftakt, die wiederum im Romanischen den Normalfall bildeten.
Entsprechendes kann sich leicht auch im Fall des Namens Flat abgespielt haben - vielleicht ist auch er nur mehr als «Rumpfname» auf uns gekommen, d. h. auch er besass möglicherweise zu romanischer Zeit am Wortanfang noch (mindestens) eine Silbe mehr. Nur: welche?? Hier sind wir allerdings in Verlegenheit, denn wir haben keine schriftlichen Hinweise auf den zu vermutenden Vorgang: alle unsere Belege lauten nur flat und ähnlich. Daran lässt sich leider nichts ändern. Damit aber ist es uns letztlich auch nicht möglich, eine sichere Aussage zur Namensherkunft zu machen.
Valentin Vincenz hat zum Namen drei Vorschläge gemacht, die nicht ganz ausgeschlossen sind, auch wenn keiner von ihnen in formaler Hinsicht völlig überzeugt. Zum einen denkt er an romanisch tablà (engad.), clavau (surselv.) ‘Scheune, Heustall’, zum andern an romanisch vallada f. ‘Tal, Talschaft’; auch ein romanisches val lada ‘breites Tal’ hält er für möglich.
Zum ersten Ansatz: Der Worttyp für ‘Scheune, Heustall’ lautete altromanisch noch tavala(d)u m. Zu diesem existiert in Sargans die urkundliche, teils latinisierte Form 1492 Tafalat. Wenn wir auch von dieser Basis ausgehen dürften, dann wäre eine Kürzung von Tafalat zu Taflat und daraus Flat (mit Silbenauswurf wie oben gezeigt) durchaus denkbar. Heuställe gab es jedenfalls auf diesen seit alters gerodeten Bergwiesen schon zu romanischer Zeit.
Zum zweiten: Auch altromanisch vallada ‘Tal’ liesse sich plausibel erklären. Einerseits liegt Flat ja in einer Hangmulde zwischen zwei Hügelzügen, die das Gelände als talartig erscheinen lassen können. Anderseits wäre die Entwicklung auch lautlich nicht schwer zu verstehen: vallada kann nach dem Sprachwechsel zu *v’lada zusammengezogen worden sein (gleich wie der Namentyp Calanda über *C’landa zu unserem Glanna!), und das -a der Endung hatte bei uns ohnehin die Tendenz, wegzufallen (siehe Grof aus romanisch grava ‘Bachgeröll’).
Schliesslich kann auch der Ansatz val lada ‘breites Tal’ als ebenfalls nicht unplausible Möglichkeit stehenbleiben. Lautlich unterscheidet es sich ja nicht vom vorausgehend besprochenen Vorschlag vallada ‘Tal(schaft)’, und mit Blick auf die breite Einbuchtung von Flat kann auch eine Deutung als ‘breites Tal’ nicht ausgeschlossen werden.
Hier tritt uns also ein Fall entgegen, wo mehrere Deutungsansätze bis zuletzt im Rennen bleiben und zwischen welchen ein endgültiger Entscheid nicht möglich ist – weder mit Blick auf die örtlichen Verhältnisse (Realbefund) noch hinsichtlich der formalen Entwicklung der einzelnen Ansätze.