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Autoren: Stefan Pfenninger und Stefan Schmid
DER CLEAN DEVELOPMENT MECHANISM (CDM) IST EIN
FLEXIBLER MECHANISMUS IM KYOTO PROTOKOLL, WELCHER ES INDUSTRIELÄNDERN ERMÖGLICHT,
REDUKTIONSVERPFLICHTUNGEN AN GÜNSTIGEN ORTEN IM AUSLAND NACHZUKOMMEN. STUDIO!SUS SPRACH MIT DR.
CHRISTOPH SUT TER ÜBER SEINE ERFAHRUNGEN MIT
CDM PROJEKTEN.
Der «Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung» (Clean Development
Mechanism, CDM) ist einer der so genannten flexiblen Mechanismen des
Kyoto-Protokolls. Er erlaubt einem Annex-I-Land, Industrieländern wie z.B. die
Schweiz, einen Teil seiner Reduktionsverpflichtungen durch Projekte in Non-
Annex-I-Ländern, meist Entwicklungsländer, zu erreichen. Der CDM verfolgt
zwei primäre Ziele: Emissionsreduktionen sollen am kostengünstigsten Ort
verwirklicht werden können und gleichzeitig eine nachhaltige Entwicklung in den
Zielländern fördern. Um die Integrität des Kyoto-Protokolls zu wahren, müssen
CDM-Projekte zwei wichtige Bedingungen erfüllen: Erstens müssen sie die
nachhaltige Entwicklung des Gastgeberlandes fördern. Zweitens müssen die
Einsparungen «additional» sein, d.h., sie dürfen nur dank des CDM zu Stande
gekommen sein. Wenn ein Unternehmen beispielsweise ohnehin auf eine sauberere
Produktionsweise umgestellt hätte, darf das nicht als CDM-Projekt angerechnet
werden. Wenn aber z.B. ein armes Dorf dank des erwarteten Einkommens aus
dem Verkauf der Emissionskredite Solarpanels installieren kann, ist das eine
«additionale» Einsparung. Die Additionalität eines CDM-Projektes zu erreichen
oder zu überprüfen, ist in der Praxis oft schwierig. Seit dem Startschuss für den
CDM im Jahr 2005 bzw. der Ratifizierung des Kyoto Protokolls hat sich rasch ein
globaler Emissionsmarkt entwickelt mit Firmen, die sich darauf spezialisieren,
CDM-Projekte aufzuziehen und die resultierenden Emissionskredite an Industrieländer
zu verkaufen.
Der CDM ist auch ein Experiment in neuartiger Regulierung. Nur die
Rahmenbedingungen und die administrativen Abläufe sind vom Kyoto-Protokoll
vorgegeben. Die Detailregulierung, z.B. die Art und Weise wie bestimmte
Projekttypen ihre Emissionen berechnen müssen, oder wie die Additionalität bestimmt
wird, kann von den Marktteilnehmern selbst entwickelt werden. Nach Absegnung
dieser Methodologien durch ein offizielles UN-Gremium werden sie zu einem Teil
des CDM-Regelwerkes. In diesem Sinne wird der CDM auch als ein Experiment
angesehen und daraus gewonnene Erfahrungen werden in die Verhandlungen für
die Post-Kyoto-Ära ab 2012 einfliessen. Der CDM reflektiert damit die Bewegung
von der strikten «top-down» Regulierungen weg hin zu marktbasierten,
dynamischen Ansätzen als effiziente Methoden, komplexe Umweltprobleme regulatorisch
in den Griff zu bekommen. Allerdings wächst in letzter Zeit die Kritik am
CDM, und man hört von vielen CDM-Projekten, welche die vom Kyoto-Protokoll
vorgeschriebenen Standards nicht erfüllen.
STUDIO!SUS: Während Ihrer Doktorarbeit befassten Sie sich intensiv mit CDM-
Projekten. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
→ Der CDM-Exekutivrat hat mittlerweile mehrere hundert CDM-Projekte
registriert. Da jedes Projekt ein wenig anders ist, ist es schwierig allgemeine
Aussagen zu machen. Ich hatte während meiner Doktorarbeit die Gelegenheit,
intensive Recherchen vor Ort an indischen Projekten durchzuführen. Oft stellte
ich fest, dass vieles in der Realität nicht so gut aussieht wie auf dem Papier. Um
solche Missstände aufzudecken, braucht es aber oft viel Zeit, und die UNO hatte
in der Anfangsphase wenig Personal. Ich denke aber, dass man nun besser sensibilisiert
ist und sich die Qualität der Projekte über die Zeit verbessern wird.
Diese Erfahrungen waren auch der Grund, weshalb sich unser Spin-off
SouthPole auf qualitativ sehr hochstehende Projekte spezialisiert hat. Wir waren
auch die erste Firma, die ein Gold-Standard CDM-Projekt realisiert hat. Das
Gold-Standard-Zertifikat wird an Projekte vergeben, welche von einem zweiten
(von der UNO unabhängigen) Gremium überprüft wurden und zusätzliche Kriterien erfüllen.
Die Nachfrage nach solchen premium-zertifizierten Reduktionen
ist gross. Zu unseren Kunden zählen Firmen, welche auf ihren Ruf achten, z.B.
PointCarbon oder Banken, aber auch ganze Länder. Entsprechend verhält sich
auch der Preis: Für qualitativ hochstehende Zertifikate mit den Gold Standard
wird ein Premiumpreis im Vergleich zu «normalen» CDM Projekten bezahlt.
STUDIO!SUS: Wie kommt SouthPole zu seinen Zertifikaten?
→ Ein Beispiel: In Indien haben wir ein Projekt gefunden, bei welchem eine NGO
bei den Bauern in den umliegenden Dörfern Biomasse sammelt. Wir haben dieses
Projekt unterstützt und den Projektleitern geholfen, das Projekt zu registrieren
und die Kriterien für den CDM-Gold-Standard zu erfüllen. Als Lohn bekamen wir
von den Projektleitern dann einen Teil der Zertifikate.
STUDIO!SUS: Was könnte man in Zukunft besser machen, und wie wird es ihrer
Meinung mit CDM weiter gehen, nach dem Auslauf des Kyoto-Protokolls?
→ Wie es nach Auslauf des Kyoto-Protokolls 2012 weitergehen wird, ist noch
nicht klar. Ich denke, es wird weiterhin projektbasierte Mechanismen geben,
die mit dem CDM vergleichbar sind − hoffentlich ohne dieselben Kinderkrank-
heiten. Einer meiner Hauptkritikpunkte am CDM ist, dass die Baseline − d.h.
das Vergleichszenario bezüglich welchem die Reduktionen berechnet werden −
zurzeit ziemlich intransparent ist. Für die Zukunft fände ich es besser, konkrete
Benchmarks zu haben, welche für jedes Land und jeden Sektor genau sagen, wie
viele Tonnen CO 2 emittiert werden dürfen − pro Tonne Zementproduktion zum
Beispiel. Die Additionalität bekäme dadurch eine leicht andere Bedeutung, welche
meines Erachtens bessere Anreize schafft: Firmen, welche von Anfang an
umweltfreundlich produzieren, werden belohnt, und nicht wie heute nur solche,
welche zu Beginn der Messperiode sehr viel CO 2 produzierten und danach erst
Reduktionen umsetzen.
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