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Der Hase und der Wolf
Der Hase mümmelte friedlich auf einer Waldlichtung vor sich hin. Von dem riesigen grauen Wolf, der sich ihm von hinten näherte, nahm er keinerlei Notiz. Der Wolf hingegen hatte den Hasen schon lange im Blickfeld. Er war hungrig (wie ein Wolf) und er musste sich bemühen, dass der Speichel, der aus seinem Maul tropfte, nicht verräterisch laut platschte. Schliesslich hatte er sich so weit angeschlichen - ganz unauffällig getarnt von ein paar Reihen Löwenzahn - dass er den Hasen mit einem Sprung hätte erreichen können. In seinem Wolfshirn phantasierte er schon, wie er dem kleinen Häschen das kleine Herz herausreissen und dieses als erstes verspeisen würde.
Doch plötzlich drehte sich der Hase um und schaute den Wolf an. Dabei kaute er noch ganz entspannt die letzten Blätter hinter.
„Ich habe auf dich gewartet, mein Freund“, sagte er. Der Wolf glotzte ihn an. „Hast du dir das auch gut überlegt?“
„Hä?“, fragte der Wolf, „was soll ich mir überlegt haben?“
„Mich aufzufressen, natürlich“, antwortete der Hase.
Der Wolf errötete leicht, es war ihm ja schon ein bisschen peinlich und so, auf der anderen Seite… Hase war Hase.
„Weisst du nicht, wie schlecht es ist, andere Lebewesen zu töten und zu fressen?“, fuhr der Hase fort, „es mag ja sein, dass ich dir in den nächsten paar Minuten schmecke...“
Der Wolf bemühte sich, nicht zu heftig zu sabbern bei dieser Vorstellung.
„...aber es ist schlecht für dich und dein Karma“, sagte der Hase.
„Mein was, bitte?!“, fragte er Wolf.
„Dein Karma! Hast du etwa noch nie was davon gehört?“
„Nö“
„Karma heisst, dass dir, wenn du Gutes tust, Gutes passiert, wenn du Schlechtes tust, wie zum Beispiel Hasen fressen, dann passiert dir auch Schlechtes“, erklärte der Hase.
„Wieso, ist Hasen fressen schlecht?“, wollte der Wolf wissen.
„Weil du einem anderen Lebewesen das Leben nimmst. Du weisst, dass das schlecht ist, oder?“, fragte der Hase.
„Ja, äh, also schon, so…“, nuschelte der Wolf, „aber ich hab nunmal Hunger und brauch was zu essen! Und bei uns Wölfen frisst man nunmal Hase oder Reh oder Schaf oder so.“
„Das, mein lieber Wolf, sind nur die altbackenen Vorstellungen deiner Eltern. Ich aber, Vorsitzender vom „Verband vegan lebender Waldtiere“ sage dir, dass es nicht gut ist, an alten Vorstellungen anzuhaften.“
Der Wolf kratzte sich nachdenklich hinter dem einen Ohr. Irgendwie war ihm das alles zu hoch. Karma und vegan und so was, das war nie Thema in der Schule gewesen. Dort hatten sie einfach gelernt, wie man sich an ein Beutetier anschleicht, es packt und fachgerecht in Stücke reisst. Ausserdem war er gewohnt, dass alle potentiellen Beutetiere vor ihm Reissaus nahmen. Der Hase da machte aber gar keine Anstalten abzuhauen. Er war das entspannteste Beutetier, das er je gesehen hatte.
„Und was bitte soll ich sonst essen?“, jammerte der Wolf, „ich habe Hunger!!!“
„Sieh dich um mein Freund!“, sagte der Hase, „die Welt ist voller guter Gaben für uns alle. Da der Löwenzahn, dort die Bucheckern, die Eicheln, die Beeren - es ist doch alles da!“
Der Wolf sah sich angewidert um. Das einzige Futter, das ihn interessierte, war nunmal dieser kleine, flauschige Hase, der da vor ihm sass.
„Wenn dein Karma dann am Ende deines Lebens so richtig schlecht ist, hast du bei deiner Wiedergeburt miserable Aussichten“, erklärte der Hase. Und fuhr fort, dem staunenden Wolf vom Kreislauf des Lebens, der Wiedergeburt und der Sache mit dem Karma zu erzählen.
„Wenn ich also nicht aufpasse, werde ich als Beutetier wieder geboren?“, fragte der Wolf irgendwann unsicher.
„Als Beutetier, als Regenwurm, einfach als Opfer“, bekräftigte der Hase. „Aber wenn du dich uns anschliesst und mit uns gemeinsam ein Karma-gefälliges Leben führst, dann wirst du vielleicht sogar als Mensch wieder geboren.“
Dieser Gedanke gefiel dem Wolf. Der Mensch war schliesslich der grösste und erfolgreichste Beutegreifer. Und so mächtig wie er war, spielte beim Menschen das mit dem Karma sicher keine Rolle. Menschen konnten einfach machen was sie wollten und es ging ihnen immer gut.
Nach einem mehrstündigem Gespräch und ein paar Blättern Löwenzahn stimmte der Wolf schliesslich zu, sich dem „Verband vegan lebender Waldtiere“ anzuschliessen. Der Löwenzahn schmeckte gar nicht so schlecht. Der Wolf hatte nun zwar die meiste Zeit Blähungen, aber irgendein Opfer musste er ja bringen, wollte er eines Tages ein Mensch werden. Im Wald fiel das eh nicht weiter auf.
Abends sass er nun mit Hasen, Rehen und Igeln gemeinsam um ein Lagerfeuer herum und sang mit ihnen Lieder in irgendeiner fremden Sprache. Der Wolf verstand zwar nichts, es gefiel ihm aber trotzdem. Irgendwas mit Haaren und Grischa. Tagsüber ging er von nun an zu den anderen Wölfen, um Broschüren vom „Verband vegan lebender Waldtiere“ zu verteilen. Samstags stand er an wechselnden Waldlichtungen, sprach vorbeilaufende Tiere an, und versuchte, sie auf den rechten Weg zu bringen. Die meisten liefen aber weiter. Ab und zu blieb jemand stehen und sah ihn mitleidig an.
„Mach dir nichts draus“, tröstete ihn der Hase. „Du bist auf einem guten Weg. Die anderen sind einfach noch nicht so weit. Wir wollen sie dafür aber nicht verurteilen oder bewerten. Sie sind einfach dumm und wissen es nicht besser.“
Der Wolf teilte also weiter seine Broschüren aus und hielt ausserdem die anderen Wölfe davon ab, in seinem Waldstück zu jagen. Die machten aber sowieso einen immer grösseren Bogen um ihn.
Und als der Wolf eines Tages dem Jäger vor die Flinte lief, der ihn erschoss, weil man böse Wölfe nunmal erschiessen muss, wurde er aufrichtig betrauert.
„Er war ein guter Wolf“, sagte der eine Hase.
„Er war ein guter Wolf, aber auch ein bisschen doof“, sagte ein anderer, „ich bitte dich: „Verband vegan lebender Waldtiere“ - wer glaubt denn so was?!“
„Er hat es geglaubt“, sagte ein dritter Hase, „und er war sehr nützlich. Ausserdem war er bei jeder Vereinssitzung dabei. Er war ein echter Freund. Und - wo kriegen wir jetzt einen neuen Wolf her?!“
„Vielleicht wird er jetzt als mächtiger Mensch wieder geboren“, meinte einer der kleinen Hasen.
„Um Gottes Willen“, rief der Oberhase, „das wäre dann aber echt mieses Karma!“
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