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Tolstoi, Pirandello, Ledda, Shakespeare, Goethe – Herr Taviani, warum haben Sie immer wieder Werke grosser Dichter verfilmt?
Vittorio Taviani: Ich muss präzisieren, dass zwar einige unserer Filme auf den Vorlagen unserer grossen, wunderbaren Brüder basieren, andere wie «La notte di San Lorenzo» und «Sovversivi» nicht.
Ich nenne einen «skandalträchtigen» Namen: Mao. Er, der aus vielen Gründen abgelehnt wird, hat etwas sehr Bedeutsames geschrieben: «Wie kann man seine Kenntnis der menschlichen Seele vertiefen? Über die Kunst. Aber nicht über die Lektüre, sondern über die Künstler.»
Die Taviani-Brüder
1977 gewannen die Brüder bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes mit «Padre, padrone» und 1982 mit «La notte di san Lorenzo» den grossen Preis der Jury. 1986 erhielten sie in Venedig den Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk. Ihr jüngster Film «Cesare deve morire» wurde an der Berlinale 2012 mit dem «Goldenen Bären» ausgezeichnet.
Ich muss Ihnen erzählen, wie ein Film von Paolo und mir entsteht: Wir gehen zusammen spazieren und reden über das, was uns beschäftigt. Wir tauschen uns über das aus, was wir unseren nächtlichen Albtraum nennen. Und daraus entsteht dann eine Geschichte, die man hören will und die wir erzählen wollen.
Manchmal steht ein Zeitungsartikel am Anfang eines Projekts. «Padre, padrone» zum Beispiel, ist nicht aus der Romanvorlage von Gavino Ledda entstanden, sondern aus der wahren Geschichte eines Schäfers, der vom Analphabeten zum Linguisten wurde. Sein Bedürfnis, sich mitzuteilen, war übermächtig. Den Roman haben wir erst später eingebaut, dekonstruiert und frei adaptiert.
Sie sprachen von ihren Albträumen – Kindheitserinnerungen?
Sagen wir doch einfach – es werden täglich mehr. Wir sind sehr alt, ich bin 84, Paolo 82, wir haben viel erlebt. Als Kinder wurden wir mit dem Faschismus konfrontiert, mein Vater war Antifaschist und wurde verfolgt. In der zweiten Klasse habe ich noch geschrieben: «Ich hoffe, vor Mussolini zu sterben.» Da kannte ich die Wahrheit noch nicht.
Als mich mein Vater etwas später über den Faschismus aufklärte und auch ich Zeuge des Horrors der Nazis, des Blutvergiessens wurde, schien es keinen Ausweg zu geben. Und dann, plötzlich, im Laufe eines Frühjahrs, wurde alles anders und wir haben begriffen, dass sich das Leben ändern kann. Der Wiederaufbau nach dem Krieg und dann Desaster auf Desaster, «Democrazia Cristiana», Andreotti, Craxi und dann die Schande namens Silvio Berlusconi.
Wie beurteilen Sie die jetzige Zeit, zwischen möglicherweise zwei Berlusconi-Regierungszeiten?
Wir glauben, dass die Linken eine Harmonie erzeugen könnten, die es bislang nicht gibt. Eine Harmonie, die zu einer anderen Regierung führt und Berlusconi ein für alle Mal von der Bildoberfläche verschwinden lässt. Hoffen wir das Beste.
Zurück zu Ihren Anfängen. Wie ist die Liebe zum Kino entstanden?
Als Kinder, wenn wir in der Schule gut waren, durften wir unsere Eltern zum «Maggio musicale» (ein Opernfestival in Florenz, Anm. d. Red.) begleiten. Unsere Liebe zur Bühne, das sind Verdi, Donizetti, Rossini, Bellini. Zu Hause spielten Paolo, unsere Schwester und ich die Opern nach.
Als die Faschisten unser Haus zerstörten, mussten wir nach Pisa umziehen. Eines Tages haben wir die Schule geschwänzt, sind durch Pisa spaziert und haben ein Kino, das «Cinema Italia», entdeckt. Das gibt es heute nicht mehr, es gibt überhaupt keine Kinos mehr.
Wie dem auch sei, ein paar wenige Leute kamen aus dem Kino und sagten: «Schaut euch den Film nicht an!» Wir sind rein gegangen und schon die ersten Einstellungen haben uns zutiefst beeindruckt, weil auf der Leinwand Begebenheiten und Gefühle gezeigt wurden, die wir kannten, die Atmosphäre, der Schmerz, die Kraft der Verzweiflung war unsere. Der Film war «Paisà» von Rossellini.
Plötzlich haben wir begriffen, was wir in den Hügeln der Toskana erlebt hatten. Als wir aus dem Kino kamen, stand unser Entschluss fest: Wir werden Filme machen. Doch Rom war für uns so weit weg wie Paris für Rastignac.
In Pisa haben wir alles versucht. Für Filmmagazine geschrieben, Dokumentarfilme geplant, bis wir schliesslich gesagt haben: Basta! Wir müssen nach Rom. Der Anfang war sehr schwierig, bis wir einen wundervollen Mann kennengelernt haben, einen Kommunisten und ehemaligen Partisanen, einer der grossen Macher im Kulturbetrieb.
Filmographie (Auswahl)
2012 Cesare deve morire
2004 Luisa Sanfelice
2001 Resurrezione
1996 Le affinità elettive
1990 Il sole anche la notte
1984 Kaos
1982 La notte di San Lorenzo
1979 Il prato
1977 Padre padrone
1969 Sotto il segno dello scorpione
1967 I sovversivi
1963 I fuorilegge del matrimonio
1960 L'Italia non è un paese povero
1954 San Miniato, luglio '44
Wer war der Mann?
Giuliani De Negri, der bis zu seinem Tod alle unsere Filme produziert hat.
Was bedeutet für Sie der Neorealismus?
Es ist der grausame Abgleich des Kinos mit der Realität, der Wunsch alles aufzudecken. Erinnern Sie sich an das Licht in Rossellinis «Germania anno zero», als der Lehrer den Jungen wegschickt. Diese Einstellung aus der Vogelperspektive, dieser weisse Platz, das erbarmungslose Licht. Warum dieses Licht? Weil es notwendig war, sich von der Finsternis zu befreien, in der wir gelebt hatten. Nichts sollte verborgen bleiben.
Das ist für uns der Neorealismus. Die Geschichte hat ein Gesicht. Wichtig für uns ist der Rhythmus, dem der Mensch ausgesetzt ist, zwischen biologischem und historischem Lauf, aus ihm entsteht die Bemühung zu leben.
In Ihren Filmen spielt Gewalt eine grosse Rolle. Eine Obsession?
Nein, wir sind nicht von Gewalt besessen. Man wirft einen Blick auf etwas das man gesehen hat, keine Angst davor hatte, es zu sehen und sich daran zu erinnern. Es ist etwas, woran man sich erinnert, etwas, das erzählt werden muss. Die Gewalttätigkeit gehört zum Menschen.
Warum war das italienische Kino der 60er-Jahre so erfolgreich?
Giuliani, dieser wunderbare Organisator, hatte erkannt, dass wir alle daran waren, das Kino zu erneuern, warum also nicht gemeinsam? Giuliani brachte uns mit Regisseuren zusammen, so wie es Chaplin in den Staaten mit United Artists getan hatte. Wir wollten alle ein anderes Kino, allerdings jeder auf seine Weise.
Irgendwann, bei einem unserer Treffen, sagte Marco Ferreri: «Entschuldigt meine Offenheit, aber wenn Paolo und Vittorio einen viel schöneren Film machen als ich, dann tut mir das weh, ich mach da nicht mit.» Das war dann auch gleich das Ende der italienischen United Artists.
Zerstört das Fernsehen den Film?
Ohne Fernsehen gäbe es das Kino der 60er nicht. Fellini, wir und viele andere haben ihre Filme zur Hälfte mit dem Geld des Senders finanziert. Regisseure aus anderen Ländern haben gesagt: Habt ihr ein Glück mit der RAI.
Menschliche Werte haben in diesem Fernsehen keine Bedeutung. Was noch niemand weiss, ich sag es Ihnen trotzdem: Wir planen, wieder etwas fürs Fernsehen zu machen. Einen Mehrteiler. Wissen Sie, letztlich gibt es keinen Unterschied zwischen Fernsehen und Kino, Film ist keine Frage der Dimension sondern der Intensität.
Das Gespräch führte Bernhard Koellisch.
Sendung: Radio SRF, Nachrichten, 15.4.2018, 16.00 Uhr