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Es gibt in der Musik unzählige Akkorde, und dementsprechend eine riesige Anzahl Kombinationen. Wie kannst du als Klavier-begeisterter Akkorde-Spieler diese Fülle erfolgreich navigieren? Dieser Artikel beantwortet die vielschichtige Frage «Welche Akkorde passen zusammen» und gibt mittels einer raffinierten Tabelle Hilfestellung.
Ist das nicht subjektiv?
Natürlich ist das Wort «passend» wertend und von daher subjektiv. Jede*r wird eine andere Meinung darüber haben, ob die Akkorde in Enjoy the Silence von Depeche Mode eigentlich zusammenpassen.
Da sich die westlichen Musik jedoch seit Jahrhunderten an gewisse Regeln hält, haben sich unsere Ohren an immer dieselben Akkordkombination gewöhnt. So entsteht ein weit verbreiteter Konsens darüber, welche Akkorde mehr und welche weniger zusammenpassen.
Wenn du die Regeln verstehst, nach welchen Akkordfolgen zusammengebaut werden, kannst du besser abschätzen, welche Akkorde zusammenpassen.
Akkorde einer Tonart passen zusammen
Westliche Musik ist in Tonarten organisiert. 99% aller Melodien und auch 99% aller Akkordfolgen können einer Tonart zugeordnet werden.
Eine Tonart besteht aus 7 Akkorden, die gemeinsam dieselben 7 Töne teilen. So werden z.B. die 7 Akkorde C, Dm, Em, F, G, Am und B° gesamthaft aus nur 7 Tönen C, D, E, F, G, A und B (deutsch H) gebildet. Das sind die Töne der C-Dur-Tonleiter.
⮕ Lies mehr über Tonarten hier.
Stufen statt Akkorde
Die 7 Akkorde, die man aus den 7 Tönen einer Tonart bilden kann, sind die 7 Stufen dieser Tonart.
Akkordfolgen als Stufen anzuschauen ist ähnlich
So wie die Töne im Solfège als relativ zueinander und Tonart-unabhängig angeschaut werden (Do Re Mi heisst Tonleiter hoch in je zwei Halbtonschritten, sagt aber nicht von welchem Ton aus), so sind Stufen nichts anderes als eine Möglichkeit, eine Akkordfolge Tonart-unabhängig anzuschauen (Stufen I ii heisst Dur-Akkord und dann Moll-Akkord einen Ton höher, könnte aber in jeder Tonart sein, z.B. C Dm oder auch F Gm etc.).
⮕ Lies mehr über Stufen hier.
Die Stufen I und VI bilden ein Dur-Moll-Paar, das ähnlich klingt, weil sie sich in nur einem Ton unterscheiden. Diese beiden Akkorde repräsentieren Paralleltonarten und sind im Quintenzirkel jeweils nebeneinander eingezeichnet, weil sie dieselben Vorzeichen haben.
Dasselbe gilt für die Stufen IV und II und für die Stufen V und III. Wenn also in einem Lied ein Akkordwechsel gewünscht ist, der eher unauffällig klingen soll, dann macht es Sinn einen dieser «Parallelakkorde» zu wählen (I <> VI, IV <> II oder V <> III).
Umgekehrt wird an Stellen, wo eher ein markanter Akkordwechsel gewünscht ist, ein Sprung zu einer anderen Stufe empfohlen. Deswegen wechselt z.B. der Akkord zum Refrain eines Lieds hin sehr oft von I auf IV, denn da ist ein «richtiger» Akkordwechsel bemerkbar.
Quintabstände passen besonders gut zusammen
Ein Wechsel zu einem Akkord, der eine Quint tiefer liegt, wird grundsätzlich als eine «Auflösung» wahrgenommen. Strophen enden z.B. oft auf der Stufe V und fangen auf Stufe I an. Die V bildet eine gute Vorlage, um zu der I zu wechseln.
⮕ Mehr über Quintfall-Auflösungen im Kapitel «Akkordfolgen» im Chords Foundation Video-Training
Diese Akkorde passen zusammen, obwohl sie nicht in einer Tonart sind
Obwohl Akkordfolgen meist aus Akkorden gebaut werden, die in derselben Tonart sind, gibt es Möglichkeiten, aus diesem Schema auszubrechen. Folgende Ausnahmen sind sehr oft und in verschiedensten Musikstilen anzutreffen.
Zwischendominante II
Wenn man die Auflösungskette von V nach I verlängern will, kann man ii V I spielen. Die ii ist ja eine Quint höher, als die V und die V eine Quint höher als die I. Da die Stufe ii in Moll ist, klingt die Auflösung ii → V eher «schwach». Sie kann verstärkt werden durch einen Akkord-Ersatz: Stufe II wird als Dur- statt Moll-Akkord gespielt. So wird zwar ein Tonart-fremder Ton eingeführt, aber durch die Quintfall-Auflösungen fällt das nicht besonders auf und verstärkt den Effekt.
Probier’s aus!
Spiele z.B. die Akkordfolge I vi ii V I und vergleiche sie mit I vi II V I. Von C aus:
C Am Dm G C
vs.
C Am D G C
Harmonisch Moll V
Die Auflösung v zu i wird in einer Moll-Tonart, gleich wie im vorherigen Beispiel, eher schwach, da ein Moll-Akkord weniger Spannung hat als ein Dur-Akkord. So kann in einer Moll-Tonart die Stufe v durch einen Dur-Akkord ersetzt werden, wodurch die natürlich-Moll Tonleiter zu einer harmonisch-Moll Tonleiter wird.
Probier’s aus!
Spiele z.B. i iv i v i und vergleiche mit i iv i V i
Von Am aus:
Am Dm Am Em Am
vs.
Am Dm Am E Am
Stufe IV in Moll für mehr Dramatik
Oft wird der Wechsel IV → I ersetzt mit iv → I. Diese Auflösung klingt romantisch bis dramatisch und erklärt sich dadurch, dass die Stufe iv zwei gleiche Töne hat wie die Stufe V mit einer 7b9-Erweiterung. Diese Erweiterung ist etwa die dramatischste, die man mit erweiterten Akkorden machen kann.
Probier’s aus!
Vergleiche die Auflösungen IV → I, iv → I, V → I und V7b9 → I
Von C aus:
- Reguläre IV → I = F → C
- Abgeänderte iv → I = Fm → C
- Standardauflösung V → I = G → C
- Maximale Dramatik* V7b9 → I = G7b9 → C
* Hier hat die Stufe V (der Akkord G7b9) die Töne G, B (deutsch H), D, F und Ab. Wie oben beschrieben klingt die Akkordfolge iv → I ähnlich, weil der Akkord Fm auch die Töne F und Ab beinhaltet – die beiden Töne, die sehr stark zur «Dramatik» des G7b9-Akkords beitragen.
Mehr Funk mit der dorischen IV
In Moll-Tonarten ist die Stufe iv normalerweise Moll. So ist die Akkordfolge i iv i iv komplett aus Moll-Akkorden bestehend. Erhöht man in der Moll-Tonleiter den sechsten Ton um einen Halbtonschritt, wird sie zur sog. dorischen Leiter und die vierte Stufe wird Dur. Diese Akkordfolge ist oft im Funk und Soul anzutreffen und ist Hauptbestandteil vieler Lieder wie z.B. Earth Song von Michael Jackson oder Oye Como Va von Santana.
Probier’s aus!
Vergleiche die Akkordfolgen i iv i iv und i IV i IV
Von Am aus:
Am Dm Am Dm
v.s
Am D Am D
Neapolitaner
Der Neapolitaner Akkord-Ersatz ist wenn anstatt der iv Stufe in Moll eine bII verwendet wird.
Probier’s aus!
z.B. in Am:
Am Dm E Am
vs.
Am Bb E Am
Trugschluss
Der Trugschluss ist ein Akkordersatz, der sich gut eignet eine «überraschende Wendung» darzustellen. Hier wird ein klassischer Quintfall suggeriert, der aber nicht aufgelöst wird, sondern durch einen Halbtonschritt eine «Bewegung nach vorne» vertont. In Stufen gesagt: Anstatt V → i (im Moll) passiert hier V → VI.
Probier’s aus!
z.B. in Am:
Am Dm E Am
vs.
Am Dm E F
Chromatic Passing Chord
So wie die Zwischendominante II (siehe oben) als «Passing Chord» eingefügt wurde, so kann überall ein «Transit» Akkord eingefügt werden, solange er zum folgenden Akkord passt. Eine Möglichkeit hierfür ist der chromatische Passing Chord, der eine Lücke zwischen zwei benachbarten Akkorden füllen kann, wenn sie einen Ganzton nebeneinander liegen: z.B. zwischen C und Dm oder zwischen Dm und Em.
Meistens nutzt man hierfür entweder eine reine chromatische Bewegung – Dm D#m Em – oder eine Quintauflösung auf den zweiten Akkord – C A(7) Dm. Probier’s aus!
Der Versuch einer Tabelle
Folgende Tabelle bildet ungefähr ab, wie gut Akkorde zueinander passen: von grün wie sehr gut, bis rot wie gar nicht. Die Tabelle kann in beide Richtungen (von waagrecht zu senkrecht oder umgekehrt) gelesen werden. In jeder Zeile oder Spalte sind jeweils die Parallel-Akkord-Pärchen (siehe oben unter «Stufen statt Akkorde») angeschrieben.