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Im 19. Jahrhundert bildete der konfessionelle Gegensatz zwischen Katholiken und Reformierten das zentrale politisch-kulturelle Spannungsfeld der Schweiz. Wie die Volkszählungsresultate auf Gemeindestufe zeigen, waren die Konfessionen im jungen Bundesstaat räumlich fast überall strikte getrennt. Diese räumliche Trennung veränderte sich in den ersten Volkszählungen kaum, was in der animierten Karte der dominanten Konfessionen pro Gemeinde deutlich zu sehen ist. Erst mit der beschleunigten Industrialisierung gegen Ende des 19. Jahrhunderts zeigten sich die ersten Durchmischungstendenzen. Dennoch kam es kaum vor, dass eine Gemeinde die dominante Religion wechselte.
Erst ab den 1970-er Jahren veränderte sich die Religionslandschaft in der Schweiz markant. Was einst undenkbar war, ist heute Realität: Es gibt Gemeinden, in denen keine der traditionellen Konfessionen mehr die Mehrheit stellt. Der dominante Trend der letzten Jahre ist die Säkularisierung, was mit einem steigenden Anteil an Personen ohne Religionszugehörigkeit einhergeht. Die einst klaren Konturen der Religionslandschaft haben sich verwischt.
1850
1860
1870
1880
1888
1900
1910
1920
1930
1941
1950
1960
1970
1980
1990
2000
2014
Diese Karte zeigt die Entwicklung des Bevölkerungsanteils der dominanten Religion in den Gemeinden der Schweiz von 1850 bis 2014.
Bei der ersten Volkszählung 1850 – wenige Jahre nach dem Sonderbundskrieg (1847) zwischen den katholisch-konservativen und den liberal-radikalen Kantonen – waren die Konfessionen räumlich strikt getrennt. Wie die Karte zeigt, lebten in den meisten Gemeinden des jungen Bundesstaats entweder fast ausschliesslich Katholiken oder fast nur Reformierte. Von den Städten hatten einzig St. Gallen und Genf eine bedeutende konfessionelle Minderheit.
Die beiden reformierten Zentren waren denn auch von katholisch geprägten Gemeinden umgeben. In Genf handelte es sich um jene vormals französischen (savoyardischen) Gemeinden, die im Zuge des Wiener Kongresses dem Kanton Genf zugesprochen worden waren.
Zu den wenigen Gemeinden mit einem ausgeglichenen Verhältnis zwischen den Religionen gehörten damals Degersheim (SG) und Ramsen (SH).
Was die Kantone betraf, war die Mehrheit entweder klar katholisch oder eindeutig reformiert, mit Ausnahme von St. Gallen, Genf, Aargau, Graubünden und Bern, bei denen die konfessionelle Teilung innerhalb des Kantons verlief.
Der Kanton Bern umfasste damals auch das Gebiet des heutigen Kantons Jura. In den katholischen Teilen des Juras kam es bereits im 19. Jahrhundert zu massiven Spannungen zwischen den bernischen Behörden und der Bevölkerung. Es war die Zeit des Kulturkampfes, der Auseinandersetzung zwischen Staat und katholischer Kirche. Diese Spannungen hielten bis ins 20. Jahrhundert an und mündeten letztlich in der Gründung des Kantons Jura.
Der Kanton Bern war seit jeher vorwiegend reformiert und deutschsprachig. Die Bewohner des 1815 zugesprochenen Gebietes (Wiener Kongress) dagegen waren mehrheitlich französischsprachig und – im Nordteil – katholisch. Der Konflikt, der letzten Endes zur Abtrennung des Juras von Bern führte, war ursprünglich weniger sprachlicher, sondern kultureller Art. So sprach sich der ebenfalls französischsprachige, aber protestantische Südteil des Juras (Amtsbezirke La Neuveville, Moutier und Courtelary) bei der Kantonsgründung für den Verbleib bei Bern aus.
Bei aller Stabilität zeigten sich auf Gemeindeebene Zeichen einer allmählichen Durchmischung von Reformierten und Katholiken – ein langsamer, aber kontinuierlicher Prozess. Die Binnenwanderung – Voraussetzung für eine solche Entwicklung – war mit der Einführung der Niederlassungsfreiheit durch den neuen Bundesstaat erst möglich geworden. Wohnten 1850 noch rund 95% der Reformierten und Katholiken im traditionellen Gebiet ihrer Konfessionen, lag dieser Wert vor Beginn des Ersten Weltkrieges bei 78,9% für die Reformierten und bei 86,4% für die Katholiken.
Die Darstellung zeigt, dass sich die reformierten Gebiete bereits in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwas rascher durchmischt hatten als die katholischen. Der Hauptgrund dafür war, dass die Zentren der Industrialisierung vorwiegend in reformierten Regionen lagen, und die Industrialisierung wiederum führte zu einer verstärkten Zuwanderung von Katholiken aus dem In- und Ausland.
Die Durchmischung der Konfessionen erfolgte zunächst nur langsam. Nach dem Zweiten Weltkrieg beschleunigte sich dieser Prozess nochmals stark. Der Nachkriegs-Wirtschaftsboom führte zu einer starken Zuwanderung aus den südeuropäischen Ländern (Italien, Spanien, Portugal) und damit – wie schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – zu einem raschen Anstieg von Katholiken in traditionell reformierten Gebieten.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung des Anteils der Katholiken und Reformierten in traditionell katholischen/reformierten Gebieten von 1850 bis 2014.
Die animierte Karte mit dem Anteil der Katholiken pro Gemeinde zeigt, dass sich nicht alle traditionell reformierten Gebiete gleich rasch durchmischten. Katholiken aus ländlichen Gebieten der Schweiz, aber auch aus Frankreich und Süddeutschland, wanderten in Gebiete ein, in denen die aufkommende Industrie Arbeitsplätze bot.
Dazu gehörten die Umgebungen um die Städte Basel, Genf, Neuenburg, St. Gallen und Zürich. In diesen reformierten Gebieten bildeten sich Diaspora-Gemeinden. Demgegenüber stieg der Katholikenanteil deutlich weniger rasch im oberen Baselbiet (Bezirke Liestal, Sissach und Waldenburg), im Berner Aargau (Bezirke Zofingen, Kulm, Aarau, Brugg, Lenzburg) und insbesondere im Kanton Bern. Es sind dies Regionen, die sich langsamer industrialisierten.
Im durch und durch reformierten Berner Oberland zeigte sich bei der Volkszählung 1910 eine Anomalie. Wie auf der Karte deutlich erkennbar ist, waren Kandersteg und Kandergrund in diesem Volkszählungsjahr plötzlich katholische Dörfer. Hunderte von Gastarbeitern aus Italien hatten sich dort niedergelassen, um ab 1906 den Lötschbergtunnel zu bauen.
Zählten beide Ortschaften 1900 bei je rund 550 Einwohnerinnen und Einwohnern einen einzigen Katholiken, lag deren Zahl bei der nächsten Volkszählung bei 2377 (Kandersteg) respektive 1527 (Kandergrund). Die Katholiken verfügten somit über eine Zweidrittelsmehrheit. Schon 1920 war fast alles wieder beim Alten: Kandersteg und Kandergrund waren zu mehr als 95% reformiert. Die meisten Katholiken hatten die beiden Dörfer verlassen.
Diese Grafik zeigt die Entwicklung des Anteils der Katholiken in allen Gemeinden der Schweiz von 1850 bis 2014. Hervorgehoben sind die Gemeinden Degersheim, Genf, Kandersteg, St. Gallen und Biberist.
Seit der ersten Volkszählung von 1850 nahm der Anteil der Katholiken in den traditionell reformierten Regionen schneller zu als umgekehrt. Dennoch zeigt die animierte Karte, dass auch der Anteil der Reformierten in einzelnen katholischen Regionen stark zugenommen hat.
Deutlich sichtbar wird diese Entwicklung zum Beispiel im traditionell katholischen Umland der Calvin-Stadt Genf zwischen 1850 und 1910, aber auch in der traditionell katholischen Region Baden (AG), wo die Arbeitsplätze des Industriekonzerns Brown Boveri & Cie. (die heutige ABB) ab 1900 Reformierte aus Zürich und aus dem Westen des Aargaus anzogen.
Besonders auffällig ist die starke Zunahme an Reformierten im Süden des Kantons Solothurn. Zwischen 1850 und 1910 nahm im Gebiet um Grenchen, Solothurn, Biberist und bis nach Olten der Anteil der Reformierten in Dutzenden von Gemeinden um 25% und mehr zu. Spitzenreiter ist die Gemeinde Obergerlafingen, wo der Anteil der Reformierten von 3 auf 62% anstieg.
Auch hier war der Grund die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts , als viele Betriebe und Fabriken rund um Solothurn entstanden (Uhrenindustrie in Grenchen, Papierfabrik in Biberist, Von Roll-Werke in Gerlafingen) und Arbeitskräfte anzogen. Der konfessionelle Wandel in den Solothurner Gemeinden führte zu einer neuen Verteilung der Konfessionen, welche bestehen blieb. Waren die meisten Orte im Kanton 1850 – mit Ausnahme des reformierten Bucheggbergs – noch solide katholisch, gab es 1970 mehrheitlich konfessionell gemischte Gemeinden.