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"Der Brienzer Rutsch"
Der Abhang unterhalb der Maiensässe Propissi Saura und Propissi Sot, welche auf rund 1'800 m ü. M. liegen, rutscht nachweislich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts talwärts in Richtung der Dorfes Brienz/Brinzauls. Im 20. Jahrhunderts schob sich der Hang wenige Zentimeter pro Jahr talwärts. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts hat sich die Rutschungsgeschwindigkeit markant erhöht. Nach Angaben der Gemeinde Albula/Alvra vom Juni 2020 rutscht der Boden im Dorf mit fast 1,20 Meter pro Jahr (m/J.) und jener westlich des Dorfes in Richtung Vazerol um rund 1,55 m/J. abwärts. Oben am Berg gibt es Stellen, welche sich mit etwa 6 m/J. bewegen. Der Teilbereich «Insel» hoch über Brienz/Brinzauls verschiebt sich jeweils etwas stärker als der Teilbereich «West» hoch über Vazerol.
Das Rutschungsgebiet wird zusätzlich in die Bereiche «Berg», in welchem die Teilbereiche «Insel» und «West» liegen, und «Dorf» unterteilt.
Bei trockenem Klima verlangsamen sich die Rutschungen. In Zeiten mit hohen Niederschlag (nach starken Regenfällen oder während der Schneeschmelze) beschleunigen sich die Erdbewegungen und die Steinschlagsaktivitäten nehmen zu. Grösseren Felsbrocken gelingt es immer wieder, bis in die Nähe der Kantonsstrasse zu gelangen.
Wegen der Stein- und Blockschlaggefahr im Rutschgebiet von Brienz/Brinzauls haben die Behörden ein amtliches Betretungsverbot für das gesamte Rutschgebiet verordnet. Das Sperrgebiet erstreckt sich über die Verbindungsstrasse Lantsch/Lenz nach Brienz/Brinzauls hinaus. Zusätzlich wurde der Wanderweg vom Propissi Saura hinunter zur Kantonsstrasse bei Vazerol komplett gesperrt.Der Verkehr auf der Kantonsstrasse ist mit einer Ereignis gesteuerten, automatischen Signalanlage gesichert.
Das Rutschungsgebiet wird laufend mit modernster Überwachungstechniken wie u.a. Laser und Radargeräten überwacht. Die zuständigen Behörden haben einen Frühwarndienst eingerichtet, welcher die betroffene Bevölkerung in Teilen der Dörfer Tiefencastel, Vazerol, Surava und Brienz/Brinzauls warnen und innerhalb von Stunden vollständig evakuieren könnte.
Der «Brienzer» bei Brienz/Brinzauls stellt die kommunalen, kantonalne und nationalen Behörden und die sie unterstützenden Experten vor grossen Herausforderung, wie sie gegenwärtig in keinem anderen von Massenbewegungen betroffenen Gebieten der Schweiz bewältigt werden müssen.
Disher ausgeführten Risikoanalysen zeigten kein einheitliches Bild, auf welche sich eine verlässliche Vorhersage erstellen liesse und worauf sich ein nachhaltiges Risikomanagement abstützen könnte. Nach Ansicht von Experten könnte sich die Situation im besten Falls so beruhigen, dass nur noch vereinzelte Steinschläge abgewehrt werden müssten. Im schlimmsten Fall würde sich allerdings der ganze Hang hinunter zum Talboden mit dem Fluss Albula bewegen, dabei die Talebene bis gegen 20 m hoch mit Gesteinsschutt auffüllen und den Fluss als See stauen (siehe: vergleichbare Bergstürze 2010 in Pakistan und 2014 in Nepal ).
Ein Team von Geologen hat u.a. mit einigen Sondierbohrungen im Jahr 2018/2019, Wasseranalysen und Schallmessungen einige Fakten über die geologische, die geophysische Zusammensetzung und die Struktur des Untergrunds im Bereich des Dorfes Brienz/Brinzauls herausgefunden. Bei den Messungen mit Hilfe von Schallwellen werden Druckwellen in den Bodenkörper geleitet, wo diese an den Grenzen von Gesteins- oder Sedimentschichten abgelenkt und teilweise reflektiert werden. Die zurückgeworfenen Signale werden anschliessend an der Erdoberfläche mit Geophonen gemessen, aufgezeichnet und die erhobenen Messdaten ausgewertet.
Der Georadar tastet täglich das Rutschgebiet von der anderen Talseite her ab. Mit den Messdaten wird ein vielfarbiges Radarbild erstellt. Die auf dem Radarbild erkennbaren farbigen Flächen lassen Rückschlüsse auf die aktuellen Verschiebungsgeschwindigkeiten der verschiedenen Gesteinspakete zu. Die Farbskala im Gebiet «Brienzer Rutsch» reicht von dunkelgrau (keine Bewegung), über grün (kaum Bewegung, gelb (leichte Bewegung), organge, rot bis violett (stärkere Bewegung).
Das Dorf Brienz/Brinzauls liegt auf einer bis zu 150 m dicken Masse von zerbrochenem Felsmaterial, welche sich paketweise oder als Gesteinsschollen auf einer mehrere Meter mächtigen, wasserdurchsetzten, lehmigen und fein zerriebenen Schicht aus Lockergestein talwärts gleitet.
Das Wissen, welches die Geologen in diesem Gebiet erarbeitet haben, ist noch sehr beschränkt. Sie verstehen die komplexen geologischen und geophysikalischen Vorgänge im Gebiet noch zu wenig.
Eine wichtige Rolle dürfte der Wasserabfluss im Untergrund aus dem Gebiet der beiden Maiensässe (Propissi) spielen. Die Gemeinde Albula/Alvra saniert in den Sommermonaten des Jahres 2020 die Entwässerung aus dem Gebiet. Die vor Jahrzehnten in den Boden verlegten Kanäle werden wieder an die Erdoberfläche verlegt, wo sie besser überwacht werden können. 3,7 Kilometer Rohrleitungen werden durch offene Kanäle ersetzt.
Die Verbindungsstrasse und die im Boden verlegten Leitungen (Wasser, Elektrizität, Kommunikation) zwischen Brienz/Brinzauls und Vazerol werden 2020 als Folge der starken Bodenbewegungen im Rutschgebiet im Abschnitt vor Vazerol saniert und teilweise neu gebaut. Die Sanierungskosten für beide Projekte belaufen sich auf rund 3 Millionen Franken.
2019 wurde die Verordnung über die Gebäudeversicherung im Kanton Grauünden geändert. Die Gebäudeversicherung entschädigt künftig im Kanton Graubünden auch Totalschäden bei Gebäuden, welche aufgrund von permanenten Rutschungenvon den Behörden roten Zonen zugeordnet wurden. Bis zum Zeitpunkt der Gesetzesänderung wurden nur Schäden entschädigt, welche von Bergstürzen oder Erdrutschen verursacht wurden.
Im Jahr 2020 haben die Behörden weitere Sondierbohrung im oberen Teils des Rutschgebietes veranlasst. Die Behörden und das Expertenteam erhoffen sich mit den Bohrungen weitere Informationen über die Beschaffenheit des Hanges.
Der Kanton Graubünden hat im Juni 2020 einen Kostenbeitrag von rund 4 Millionen Franken für das Projekt "Rutschung Brienz/Brinzauls - Grundlagenerhebung Rutschung Berg" gesprochen. Mit dem vorhandenen Datenmaterial prüfen die Experten die Möglichkeit einer vollständigen Entwässerung der Rutschungszone und andere Sanierungsmassnahmen.
Der Führungsstab der Gemeinde Albula/Alvara bereitet sich auf verschiedene Szenarien vor, dazu gehören u.a. auch die zeitweise Evakuierung der betroffenen Bevölkerung, deren Unterbringung und Versorgung oder die Planung für eine mögliche, dauerhafte Räumung des Dorfes. In diese Massnahmen werden auch die Besitzer/innen von Zweitwohnungen im Dorf miteinbezogen. Der Gemeindeführungsstab wird bei ihren Organisationsaugfaben vom kantonale Führungsstab, dem kantonalen Amt für Militär und Zivilschutz, der Kantonspolizei und der Feuerwehrorganen unterstützt. Die Leitung und Koordination der Feldforschung und die Geländeüberwachung obliegt dem kantonalen Amts für Wald und Naturgefahren.
Die Regierung des Kantons Graubünden genehmigt das Projekt "Rutschung Brienz/Brinzauls - Grundlagenerhebung Rutschung Berg" der Gemeinde Albula/Alvra und spricht einen Kantonsbeitrag von rund 4,05 Millionen Franken.
In den vergangenen drei Jahren wurde mit einer grossangelegten Grundlagenerhebung der untere Teil der Rutschung, die sogenannte "Rutschung Dorf" untersucht. Während den letzten zwei Jahren hat sich die Rutschung sehr stark beschleunigt. Die Rutschgeschwindigkeit erreichte im Dorf bis zu 1,2 Meter pro Jahr. Von einem erheblich gefährdeten Gebiet spricht man bei einer Rutschgeschwindigkeit von über 10 Zentimeter pro Jahr. Im gleichen Zeitraum beschleunigte sich auch die Rutschung oberhalb des Dorfes, die sogenannte "Rutschung Berg". Die Verschiebungsgeschwindigkeiten betragen hier bis zu 6 Meter pro Jahr. Ein Bergsturz kann nicht ausgeschlossen werden.
Die Rutschungen in Brienz/Brinzauls sind sehr komplex und stellen derzeit eine der grössten Herausforderungen beim Umgang mit Massenbewegungen im Alpenraum dar. Im Rahmen des Projekts soll die vermutete Interaktion zwischen den beiden Rutschungsteilen untersucht werden, um sie besser verstehen zu können. Dazu werden weitere Bohrungen sowie weitere geologische und geophysikalische Untersuchungen vorgenommen. Aufgrund der Bergsturzgefahr und der Rutschgeschwindigkeit ist es wichtig, dass die Grundlagenerhebung und insbesondere die notwendigen Bohrungen bereits im Sommer 2020 durchgeführt werden.
Messungen zeigten zu Beginn des Jahres 2021 in allen Rutschungszonen (Teilrutschungen Plateau und Front, West über Vazerol, Rücken Caltgeras, Insel über Brienz /Brinzauls) höhere Rutschgeschwindigkeit mit einer zunehmenden Tendenz. Der Grund für diese Zunahme sehen die Geologen im stärkeren Abfluss von Schmelzwasser als Folge der starken Schneefälle im Januar 2021. Im Bereich Caltgeras wurden erstmals im Gestein Kippbewegungen festgestellt. Die Rutschungsgeschwindigkeiten betrugen Stand Februar 2021 von 1,3 m pro Jahr bei der Rutschung Dorf bis 8,0 m/J. bei der Rutschung Insel.
Aufgrund der veränderten Gefährdungslage musste die Gemeinde Albula/Alvra ihre Planungszonen ausweiten. Eine neue Lagebeurteilung ergab neue Erkenntnisse über die möglichen Folgen wie Druckwellen oder begleitende Murgänge bei einem grösseren Bergsturz.Die vorläufige, neue Planungszone schliesst ganz Vazerol und Teile von Surava und Tiefencastel ein. Die «Kommission Siedlung», welche für die allfällige Umsiedlung von Brienz/Brinzauls verantwortlich ist, musste Vazerol als Umsiedlungsstandort künftig ausschliessen.
Im Frühjahr 2021 wird nordnordöstlich Brienz/Brinzauls im Gebiet «Igl Rutsch» in der Zone, wo die Rutschung Berg in die Rutschung Dorf übergeht, die letzte Sondierbohrung durchgeführt.
An einer Urnenabstimmung vom 7. Februar 2021 haben die Stimmbürger/innen der Gemeinde Albula/Alva die beiden Kredite für den Sondierstollen und das Folgeprojekt zum Frühwarndienst angenommen.
Ab Sommer 2021 wird der Bau eines Sondierstollens im festen Fels unter dem Rutschgebiet vorangetrieben. Vom Stollen aus werden Bohrungen nach oben in die Gleitschicht und die rutschende Gesteinsmasse getrieben. Durch die Bohrlöcher wird künftig das Wasser, welches die Felsmasse am Rutschen hält, abgeleitet. Durch diese Massnahmen erhofft sich die Verantwortlichen und Betroffenen eine Verlangsamung oder gar ein Stillstand der Rutschung. Gleichzeitig mit dem Bau des Sondierstollens wird ein Überwachungsnetz installiert, welche allfällige Geländeveränderungen registriert und aufzeichnet. Die Auswertung dieser Daten wird zeigen, ob sich eine Tiefenentwässerung als Sanierungsmassnahme eignen würde.
Die Regierung genehmigt ein Projekt für Folgeuntersuchungen im Zusammenhang mit der «Rutschung Brienz». Sie spricht ausserdem einen projektbezogenen Kantonsbeitrag in der Höhe von 1,35 Millionen Franken.
Das Dorf Brienz/Brinzauls in der Gemeinde Albula/Alvra liegt auf einer grossen Rutschung, die sich auf über 1'000 Höhenmeter erstreckt - vom Brienzer Maiensässgebiet bis hinunter an die Albula. Aufgrund der seit anfangs des 21. Jahrhunderts stetig zunehmenden Geländedeformationen wird die «Rutschung Brienz» seit 2009 systematisch überwacht und ein Frühwarndienst betrieben.
Die sehr ungünstige Entwicklung der Verschiebungsraten haben dazu geführt, dass ab 2017 detaillierte geologische Abklärungen mit Kernbohrungen und weiteren geologischen, geophysikalischen und hydrogeologischen Methoden gemacht werden. In Folge der weiter stark zunehmenden Bewegungen und den Erkenntnissen dieser Untersuchungen haben die Behörden anfangs 2020 mit umfassenden Abklärungen zur Machbarkeit von Sanierungsmassnahmen begonnen. Daraus resultierte ein Projekt zur Umsetzung eines 635 Meter langen Sondierstollens. Die bis heute gewonnenen Erkenntnisse haben gezeigt, dass sowohl für die Prognose und Beurteilung von Entwicklungs- und Gefährdungsszenarien als auch für die Planung und Projektierung von Sanierungsmassnahmen (Erweiterung des Sondierstollens zu einem Entwässerungsstollen) zusätzliche Folgeuntersuchungen notwendig sind.
Der Fokus dieses Projekts «Folgeuntersuchung Rutschung Brienz/Brinzauls» liegt nun auf den Fragen, wie sich die «Rutschung Brienz» in der Zukunft entwickeln wird. Insbesondere, welche Auswirkungen ein allfälliger Entwässerungsstollen auf die Rutschung haben würde und mit welcher Wahrscheinlichkeit grosse Sturzereignisse zu erwarten sind. Parallel zu diesen Folgeuntersuchungen ist geplant, eine Botschaft an den Grossen Rat zu richten, mit welcher ein Verpflichtungskredit von rund 40 Millionen Franken für den Bau eines Entwässerungsstollens beantragt wird.