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Little Big Man: «Ich habe ein Pferd und vier Frauen.»
Der prototypische Indianer reitet, führt Krieg, lebt nomadisch im Tipi, jagt, kennt steile Hierarchien, ist ein Macho – und frönt der Vielweiberei. Der Indianer, wie man ihn aus Wildwest-Filmen und -Romanen kennt – und wie ihn der Film «Little Big Man», aus dem obiger Dialog stammt, parodiert –, orientiert sich am historischen Vorbild der Prärieindianer (Sioux, Cheyennes…) des 19. Jahrhunderts. Diese Kultur ist das Resultat einer Energierevolution.
Neue und bessere Energienutzungen gelten landläufig als Inbegriff technischen Fortschritts. Und aus technischer Sicht war das Pferd ein enormer Fortschritt: Bis dahin war die Büffeljagd aufwendige Teamarbeit gewesen. Die Tiere, die schneller laufen können als Menschen, wurden eingekreist und beispielsweise über eine Felswand getrieben. Nun war der reitende Jäger schneller als seine Beute, und ein einziger Jäger konnte auf einem Jagdzug bis zu fünf Büffel erlegen.
Es war eine Energierevolution, wie sie sich heute viele erträumen: Sie nutzte eine erneuerbare Primärenergie – Gras –, und diese Nutzung stand zu nichts in Konkurrenz, weil die Weiten der Prärie von den Menschen bisher nicht genutzt worden waren. Selbst Büffel gab es ausreichend – sie gerieten erst ernsthaft in Bedrängnis, als Weisse sie im 19. Jahrhundert massenhaft abzuschlachten begannen, nicht zuletzt, um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen.
Doch was machte das Pferd mit der Gesellschaft? Die Prärieindianer waren einst sesshafte Gartenbauern mit flachen Hierarchien, die friedlich am Rande der Prärie lebten. Man lebte vor allem vegetarisch, jagte ein bisschen Kleintiere und ab und zu einen Büffel. Das Pferd setzte dem ein Ende. Es «veränderte das Ideal des Mannes: weg vom stoischen, geduldigen und geschickten Jäger, der mit dem Langbogen und zu Fuss jagte, hin zum tollkühnen Reiter, der die Lanze schwingt, um seine Beute zu erlegen», schrieb der Soziologe Fred Cottrell in seinem Standardwerk «Energy and Society». Nun konnte enormes Prestige anhäufen, wer das beste Pferd besass. Gemeinschaftsarbeit wurde unwichtig. Weil Jagen Männersache war, die Frauen aber Fleisch und Leder verarbeiteten und die Pferde betreuten, brauchte ein erfolgreicher Jäger mehrere Frauen. Pferde- und Frauenraub verschafften einem Mann Respekt, und mit dem Energieüberschuss, den das Pferd mit sich brachte, konnte man Kriege führen (noch bevor die Ausrottungskriege der weissen Siedler gegen die Indianer begannen).
Eine neue (Kultur-) Technik, und sei sie als Technik «an sich» unproblematisch, bringt eine Gesellschaft nicht automatisch weiter, und mehr «saubere» Energie macht eine Gesellschaft nicht automatisch besser: Das ist so trivial, dass man es kaum zu schreiben wagt. Und doch erstaunt, wie wenig in einer Zeit, da alle von Energie sprechen, in Betracht gezogen wird, dass eine Gesellschaft auch unter einem Zuviel an Energie leiden kann.
Marcel Hänggi