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Es fällt schwer, angesichts der globalen Lage einen ausreichenden Rest an Zuversicht zu bewahren. Zwei der drei hier vorgestellten, weitgehend illusionslosen Analysen tragen immerhin auch zur Stärkung dieser raren Ressource bei. Ansatzpunkte sind alltags- und lebensnahe Bereiche wie Ernährung und Gesundheit.
Neandertaler waren klug genug
Die ersten zwei Publikationen wurden von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft gefördert. Diese unterstützt Werke, welche sonst «auf dem Buchmarkt nicht möglich wären», doch sie bleiben selbst für deren Mitglieder teuer. Immerhin gibt es beim nun deutsch vorliegenden «Humans versus Nature» von Daniel R. Headrick für den stolzen Preis einen Brocken von Buch mit dem Titel «Macht euch die Erde untertan». Der Originaltitel trifft den Inhalt besser. Erfasst wird mehr als die Umweltgeschichte im sogenannten Anthropozän, dessen Beginn meist parallel zur Industrialisierung oder gar erst um 1950 herum verortet wird. Somit unterschlägt der für diese Edition gewählte Untertitel rund die Hälfte der gut 600 Seiten und den Grossteil der skizzierten Menschheitsgeschichte.
Mir hat zum Beispiel die Würdigung der Neandertaler sehr gefallen: Klein gewachsen, relativ grosses Gehirn, also keineswegs Trottel, wie sie «in Cartoons dargestellt werden, sondern Menschen wie wir, allerdings gebaut wie Gewichtheber». Sie kamen in Europa und im Nahen Osten über 5000 Generationen mit einfachstem Werkzeug zurecht; «ein Fall erfolgreicher biologischer Evolution». Erst in weiteren Stufen der Entwicklung des Homo sapiens begann, was dann zunehmend zum Kernproblem wurde. Statt sich wie die Neandertaler der Umgebung anzupassen, fingen mit noch mehr Intelligenz ausgestattete Lebewesen an, die Umwelt nach ihren Bedürfnissen zu verändern. «Macht euch die Erde untertan», war die später im religiösen Kontext abgesegnete Devise. Immer mehr und immer perfekter Ausgerüstete schossen übers Ziel hinaus, überschritten ökologische Belastungsgrenzen, jagten Tiere, bis diese ausstarben, «versklavten und ermordeten einander schliesslich in grosser Zahl». Dies in Ultrakürze der erste Buchteil.
Lauter schreckliche Katastrophen
Für einen US-Autor höchst bemerkenswert ist im Kapitel zur Eroberung Amerikas seine Feststellung, «die schrecklichste Katastrophe, die die Menschheit je befallen hat», sei die Begegnung der dort Lebenden mit den Europäern gewesen. Grund waren nicht zuletzt Krankheiten, welche die Fremden mitgebracht hatten. Gleich verletzlich gegenüber den Eindringlingen aus der Alten Welt waren Flora und Fauna. Spätere, teils ähnlich oder ganz anders geartete Desaster und Verbrechen werden ebenso schonungslos benannt. Rund um dem Globus grassierte der Imperialismus, und er hatte immer auch Umweltkomponenten.
Ein britischer Kommissar für das Protektorat Ostafrika schrieb 1905 zu seiner Mission: «Sümpfe müssen trockengelegt, Wälder geschickt ausgedünnt und Flüsse gelehrt werden, einen geordneten Weg zu nehmen.» Dies, um Dürren oder Überflutungen zu vermeiden. Klingt ja noch immer irgendwie vernünftig; Rohstoffe wurden jedoch im Kolonialismus rücksichtslos geplündert, Menschen wie Material behandelt. Kapitalismus, Konsumismus und eine damit verbundene Entwicklungs- und Wachstumsideologie trieben die Dynamik weiter. Linken sei dafür noch ein Trotzki-Zitat um die Ohren gehauen: «Die gegenwärtige Verteilung von Bergen und Flüssen, Wiesen und Steppen, Wäldern und Stränden kann nicht als endgültig angesehen werden.» Mit neuen Maschinen werde der Mensch in der sozialistischen Gesellschaft «über die Natur im Ganzen herrschen». Stalin liess seinen Rivalen zwar erschlagen, doch er setzte dessen Vision in gigantischen Wirtschaftsplänen um – mit verheerenden Folgen. Auch der von Mao für China programmierte «Grosse Sprung nach vorn» mündete in Hungersnöten.
Überall und immer wieder zeigte sich, dass vermeintlicher oder für viele durchaus realer Fortschritt mit schweren Fehlentwicklungen verknüpft war. Erst allmählich entwuchs dem primär konservativen Naturschutz ein vertieftes Umweltbewusstsein, das zu vielfältigen Umweltbewegungen führte. Mit diesem Prozess befassen sich weitere Analysen. Wieder von den USA ausgehend, mit einem Rundblick auf andere Länder, in Europa besonders Deutschland, bis und mit China, Indien, Brasilien. Da die zentralsten Probleme nur global zu lösen sind, endet die nüchterne Bilanz bei den imposant wirkenden Anläufen «von der Rio-Konferenz 1992 bis heute». Die grösste Bedrohung konnte die internationale Politik nicht abwenden. Es gelang nicht, die Erderwärmung zu bremsen oder gar umzukehren.
Was das für unsere «Zukünfte» bedeutet? Sie werden – trotz der Mehrzahl – im Epilog auf zehn Seiten und ziemlich sarkastisch abgehandelt. Mehrmals ist von «Management» die Rede. Dazu hätten «einige Denker» allerlei technologische Vorschläge gemacht. Genetiker hielten es gar für möglich, ausgestorbene Arten neu zu beleben. Für den Fall, dass das Klima unser eigenes Leben gefährde, brachten «kühne Denker» das Geo-Engineering ins Spiel. Davon begeistert seien vorab Leute, die zuvor behaupteten, einen von Menschen verursachten Klimawandel gebe es nicht oder er sei kein Problem… Immerhin wird klar, dass Headrick von diesen finalen Varianten, das Geschehen in gewohnter Weise in den Griff zu bekommen, wenig bis nichts hält. Vielleicht halte ja die Natur noch Überraschungen bereit.
Der globale Gemeinschaftsgarten
Corine Pelluchon dagegen will «eine neue Philosophie der Aufklärung» skizzieren. Diesen hohen Anspruch rückt der Untertitel der deutschen Ausgabe ins Zentrum, und der Einstieg ist entsprechend. Heidegger, Adorno, Foucault… Es ist bereits das zweite Buch dieser französischen Autorin, das ich trotz kaum verständlichen Passagen fertig las. Beim ersten hatte mich die Ethikerin mit ihrer umrissenen «Philosophie der Ernährung und der Umwelt» gepackt und auch im zweiten wird ihr Ansatz dort plausibel, wo es ums «Lebendige» geht, um das Wahrnehmen und Wertschätzen unserer Lebenswelt. An den Auswüchsen industrieller Agrarwirtschaft mit ihren toten Böden und dem Massaker an Tieren zeigt sich für sie die Fehlentwicklung exemplarisch. Gärten dagegen, zumal die Gemeinschaftsgärten, «wie sie überall in der Welt im Kleinen entstehen», veranschaulichen, wie die künftige Gesellschaft aussehen könnte – ein kleines Stück Land als Mikrokosmos: «Er ist abwechslungsreich, beherbergt unerwartete Gäste, ist zugleich abgeschlossen wie ein Refugium und weltoffen». So könnte das Bewahren der gemeinsamen Welt gelingen.
Natürlich entsteht das nicht einfach so: Ökologie ist ein «Emanzipationsprojekt». Durch die Art der Ökonomie verringert sich unser gesellschaftlicher Zusammenhalt, wird eher der Nährboden für autoritäre und totalitäre Regime geschaffen. Die könnten in Notlagen zwar reglementieren. Um aber Lebensstile grundlegend und dauerhaft zu verändern, also jene Genügsamkeit zu erreichen, die «perspektivisch unbedingt erreicht werden muss», braucht es Einsicht in ihre Notwendigkeit, ja Freude – die Kreativität einer offenen Gesellschaft. Für die Werte von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität wären «vor allem in der Geschichte der Linken und des Sozialismus» nach wie vor «vielversprechende Vorschläge» zu finden. Doch zusätzlich ist auch die «Naturbeherrschung» aufzugeben, der anthropozentrischen Philosophie aus dem 18. Jahrhundert eine neue entgegenzusetzen. Eine «ökologische Aufklärung» ist nicht nur wegen der durch Erderwärmung und Abnahme der Artenvielfalt drohenden Gefahren dringlich: «Ihr positiver Inhalt» macht sie zur für den notwendigen Wandel entscheidenden Kraft, weitet den «Hoffnungshorizont».
Ausstieg aus der Maschinenwelt?
Aufmerksam auf Pelluchon wurde ich durch den Günther Anders-Preis, mit dem sie als «europäische Denkerin» gewürdigt wurde, die «radikal moderne kritische Wege in eine ökologische Zivilisation» aufzeige. Im neuen Buch findet sich denn auch die von Anders vor vielen Jahrzehnten formulierte Warnung vor der Überforderung des «antiquierten» Menschen. Dieser werde zum Objekt der Technik und die Welt nur noch als Maschine erleben, und er könne sich gar nicht mehr vorstellen, was er herstelle. Günther Anders machte unsere «Apokalypseblindheit» vorab an der atomaren Aufrüstung fest, aber auch an vermeintlich friedlichen Nutzungen der noch kaum hinterfragten Energie. Erneut berührte mich seine keineswegs zynische Aussage in einer No-Future-Phase der 1980er-Jahre: «Wenn ich verzweifelt bin, was geht’s mich an?» Einfach weiter handeln, sich nicht von Stimmungen lähmen lassen? Nach wie vor weiss ich nicht wirklich, was gemeint war. Doch seine Gegenfrage zum Zeitgeist hat mir damals geholfen.
Corine Pelluchon bringt zudem, was ich mir oft gewünscht hatte: die aktuelle Erweiterung der Analysen von Anders mit ökologischen Akzenten. Anders stellte mit Blick auf vergangene Massenmorde fest, dass das Verdrängen, welches vor den Taten erfolgte, diese erst möglich machte. Hier wird ein Bogen zu längst bekannten Klimaprognosen, absehbaren Klimakriegen gezogen. Überschreiten sie unsere Vorstellungskraft, verdrängen wir sie? Das digitale Zeitalter veränderte unser Verhältnis zur realen Lebenswelt erneut. Mag das Internet mit seinem Netzwerk eine über nationale Grenzen hinausreichende Öffentlichkeit schaffen: Auf der lokalen Ebene und im direkten Kontakt ist leichter zu lernen, dass auch mit Personen, die anderer Meinung sind, verhandelt werden muss, «damit man mit ihnen zusammenleben, also einen gemeinsamen Raum teilen und verschieden sein kann, ohne sich gegenseitig umzubringen». Ein weiterer Hinweis auf die auch durch Nationalismus und Rassismus gefährdete Demokratie.
Auf soziale Kipppunkte hoffen?
Das dritte Buch gibt ein in Etappen geführtes Gespräch wieder, das sich um die Chance dreht, in kürzester Zeit eine tiefgreifende Transformation der globalen Gesellschaft zu erreichen – den «Sprung über den Abgrund». Aussichtslos? Aber zwingend, da sind sich der Astrophysiker und der Arzt einig. Herrmann und Lesch sichten die Krisendiagnosen, schieben in Info-Blöcken Fakten dazu ein. Wir überschreiten planetare Grenzen. Das kann die Welt, wie wir sie kannten, zerstören. «Es bedroht ganz konkret auch uns selbst, unsere Gesundheit.» Schief ist der Vergleich mit einem medizinischen Notfall nicht, wo Sekunden über das Schicksal eines Menschen entscheiden. Um die Menschheit zu gleich mehreren für sie bedrohlichen Kipppunkten zu bringen, reichten 250 Jahre Industriekapitalismus. In der Relation zum Alter der Erde sind das wenige Sekunden. «Jede erfahrene Notfallärztin kennt Fälle, die scheinbar aussichtslos waren – und die Betroffenen kamen dennoch von der anderen Seite zurück.» Zum globalen Umsteuern bleiben bestenfalls ein paar Jahre. Aber es muss sehr schnell gehen, wenn bleibende Schäden verhindert werden sollen.
Dies der Ausgangspunkt und der Bereich, in dem die zwei Wissenschaftler bei der Allianz Klimawandel und Gesundheit agieren. Hitzeschutz, klimagerechte Praxen und Kliniken sind vorab interne Themen. Dass die Zahl der Hitzetoten sogar in unseren Breiten seit Jahrzehnten rasant zunimmt, ist nach aussen zu tragen – als eines von vielen Beispielen, die zu einer umfassenden Aufklärung gehören und zugleich direkte Betroffenheit zeigen. Es braucht beides, um mehr Menschen vom Wissen zum Handeln zu bringen. Für eine Mehrheit wird das innert nützlicher Frist zwar nicht reichen, aber die ist auch nicht nötig, wenn die aus der Sozialwissenschaft beigesteuerte Theorie der «sozialen Kipppunkte» zutrifft. Sie sollten wie die ökologischen Kipppunkte ins Bewusstsein der für radikalen Wandel zumindest Ansprechbaren gebracht werden, könnten die durch das Starren auf schlimme Szenarien bewirkte Lähmung vielleicht lösen. Oft können «innerhalb einer sehr kurzen Zeitspanne und ohne einen schwerwiegenden oder vorher erkennbaren Auslöser grundlegende gesellschaftliche Veränderungen stattfinden», und eine kleine, engagierte Minderheit vermag die Einstellung einer Mehrheit zu verändern.
Dass als Exempel eine schwedische Schülerin angeführt wird, die einen Streik für mehr Klimaschutz begann, verwundert im gegebenen Zusammenhang nicht. Indirekt ist auch das vorliegende Buch eine Folge davon. Tröstlich für alle, die noch «68» nachtrauern und ihre Bewegung beim Blick auf die Gegenwart für gescheitert halten, mag sein, dass die Forderungen der heutigen Jugend nun «auf den fruchtbaren Boden fallen, den die vorangegangenen Generationen mühevoll beackert» hätten. Ich setzte ein Fragezeichen dazu.
Doch der Aufruf, sich mit den laut einschlägigen Studien vielleicht nötigen «3,5 Prozent einer Bevölkerung» auf den Weg zu begeben, um soziale Kipppunkte im guten Sinne zu nutzen, ist plausibel. Er kommt als Ermutigung in einem schwierigen Moment. Auch die Ende Februar verfasste Nachbemerkung ist von Entsetzen geprägt. Krieg in Europa! Wie «dem Irrsinn die Stirn bieten» – jetzt, wo gemeinsame Kraft und Ressourcen zum Sprung über den Abgrund benötigt würden? Selbst wenn die Transformation des Energiesektors nun rascher vorankommen sollte, wurde die (Um)Weltkrise erneut tragisch verschärft.
Dieser Text erscheint auch in der «P.S.»-Sommer-Buchbeilage.
Daniel R. Headrick: Macht euch die Erde untertan. WBG Theiss, Darmstadt 2021, 640 Seiten, Fr. 72.90
Corine Pelluchon: Das Zeitalter des Lebendigen. Eine neue Philosophie der Aufklärung. WBG Academic, Darmstadt 2021, 318 Seiten, Fr. 72.90
Martin Herrmann und Harald Lesch: Der Sprung über den Abgrund. Warum die Klimakrise uns zum Handeln zwingt. Residenz, Wien 2022, 125 Seiten, Fr. 28.90
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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