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Die Schweiz hat ihre Neutralität im Zweiten Weltkrieg von allen neutralen Staaten am konsequentesten verteidigt.
Zu diesem Schluss kommt der amerikanische Historiker Herbert Reginbogin in seiner Studie über die Politik der Neutralen.
Reginbogin hatte bereits 2001 zusammen mit dem Schweizer Historiker Walther Hofer die Studie "Hitler, der Westen und die Schweiz 1936-1945" verfasst. Nun hat er im Auftrag des Arbeitskreises gelebte Geschichte (AGG) seine Untersuchungen über die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg fortgesetzt.
In seinem neusten Werk "Der Vergleich. Die Politik der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im internationalen Umfeld" vergleicht er sie mit der Politik anderer neutraler Staaten wie Spanien, Portugal, Schweden, Türkei, Vichy-Frankreich und USA (die bis 1941 neutral waren).
Nach seiner Erkenntnis war die Schweiz das einzige neutrale Land in Europa, "das gerüstet und auch bereit war, dem deutschen Koloss- selbst unter der Gefahr einer voraussichtlichen Niederlage - mit seiner ganzen Stärke entgegenzutreten."
Andere machten grössere Abstriche
Wohl habe die Schweiz nicht immer strikte Neutralität zwischen den Kriegsparteien eingehalten. Die anderen Neutralen hätten aber bedeutend grössere Abstriche in ihrer Neutralitätspolitik gemacht: Reginbogin erinnert an die deutschen Truppentransporte durch Schweden oder die Entsendung der spanischen "Blauen Division" an die deutsche Ostfront.
Den USA, die der Schweiz im Zuge der Debatte um Raubgold und nachrichtenlose Vermögen eine zwiespältige Rolle vorgeworfen hatten, hält Reginbogin den Spiegel vor:
"Als die Vereinigten Staaten noch neutral waren, bestanden sie auf ihrem selbstverständlichen Recht, mit dem kriegführenden Nazi- Deutschland Handel zu treiben. Sobald sie sich aber selbst gegen Deutschland im Krieg befanden, versuchten sie, allen anderen neutralen Nationen dieses gleiche Recht abzusprechen."
"Kriegsverlängerungsthese" zurückgewiesen
Wie schon in seiner zusammen mit Hofer verfassten Studie weist Reginbogin auch in seinem neuesten Werk die "Kriegsverlängerungsthese" zurück.
Seine These: Nicht die Schweiz habe mit ihrer Wirtschaftspolitik zur Kriegsverlängerung beigetragen. Die Lieferungen von Rohstoff- und Industrieprodukten durch andere Länder seien für Deutschlands Kriegsmaschinerie viel wichtiger gewesen.
Kein Land der Täter
In der Flüchtlingspolitik habe die schweizerische Regierung nicht alles ihr Mögliche getan, um Juden zu retten. Der Vorwurf, die Schweiz sei ein Mittäter am Genozid gewesen und habe mit ihrer Politik dazu beigetragen, dass die Nazis ihre Ziele erreichen konnten, grenze aber an böswillige Verleumdung.
"Die Schweiz war kein Land der Täter, wie die Bergier-Kommission behauptet. Das hat sie nicht verdient", unterstreicht Reginbogin.
Keine Anti-Bergier-Streitschrift
Verschiedentlich setzt er sich kritisch mit den Arbeiten der Bergier-Kommission auseinander. Eine Anti-Bergier-Streitschrift ist sein Buch deswegen aber nicht. Vielmehr hat der Autor auf rund 300 Seiten eine beeindruckende Fülle von Material sachlich, übersichtlich und leicht lesbar aufbereitet.
Grundlegend neue historische Erkenntnisse liefert die Studie nicht, wohl aber einen Überblick über die wirtschaftlichen und politischen Handlungsspielräume der Neutralen und deren Nutzung.
swissinfo und Howard Dubois (sda)
Fakten
Herbert R. Reginbogin: Der Vergleich. Die Politik der Schweiz zur Zeit des Zweiten Weltkrieges im internationalen Umfeld.
Herausgeber: Arbeitskreis gelebte Geschichte.
Th. Gut Verlag, Stäfa, Buchverlag der Zürichseepresse AG, 2006.
In Kürze
März 2002: Die "Unabhängige Experten-Kommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg" unter Leitung des Geschichtsprofessors Jean-François Bergier präsentiert ihren Schlussbericht. In fünf Jahren entstanden zudem insgesamt 25 Teilberichte.
Der Bergier-Bericht durchleuchtet die Rolle von Schweizer Regierung und Schweizer Privatwirtschaft im Zweiten Weltkrieg kritisch und weist ihnen diverse Versagen nach.
Die Forschungsgruppe eruierte mehrere Schwächen und Irrtümer in der Politik der Schweiz während dem Zweiten Weltkrieg. Besonders kritisiert wird das Verhalten gegenüber Flüchtlingen und die Kooperationspolitik mit dem Naziregime. Erwähnt sind auch die mangelnden Bemühungen um Entschädigung und Wiedergutmachung.
Obwohl der Bergier-Bericht bei seiner Veröffentlichung von Regierung und Medien gelobt wurde, stösst er bei vielen Teilen der Schweizer Bevölkerung weiterhin auf Kritik. Opposition kommt aus dem rechtsbürgerlichen Lager.