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Für ein kleines privates Projekt, welches u.a. den Druck des Wortes «DESMO» auf wetterfeste und transparente Klebefolie umfasst, benötigt der von mir ins Auge gefasste Dienstleister als Druckvorlage den gewünschten Schriftzug als Vektorgrafik.
Dabei soll das Wort «DESMO» den oben abgebildeten Font des Schriftzugs «DUCATI» verwenden. Das stellte mich gleich vor zwei Probleme:
- Ist das Wort «DESMO» meines Wissens nach nie von Ducati selbst in dieser Schriftart verwendet worden. Zwar gibt es diverse «Nachbauten», die mich aber allesamt nicht überzeugen konnten weil die über die im Wort «DUCATI» hinausgehenden Buchstaben «E», «S», «M» mehr oder weniger deutlich als Fremdkörper erkennbar waren – das wirkte einfach nicht wie aus einem Guss.
- Liegen selbst die im Internet auffindbaren Abbildungen des Schriftzugs «DUCATI» jeweils nur als Rastergrafik (Bitmap) vor.
Was also tun? Ich entschied mich fürs selber machen. 😎
Mein Vorgehen war dabei wie immer: den bestehenden Ducati-Font analysieren, die verwendeten Regeln aufdecken bzw. mir bewusst machen, um dann diese Regeln bei der Konstruktion weiterer Buchstaben möglichst stringent anzuwenden.
Analyse
Ich habe mir also im Internet die höchst-aufgelöste Abbildung des eingangs verwendeten Schriftzugs herausgesucht die ich auf die Schnelle finden konnte, diese in Gimp Kontrast-maximiert um Kantenschärfe zu erhalten, und habe diese Grafikdatei dann seitenfüllend ausgedruckt und mit dem Geodreieck daran herumgespielt.
Wenn man sich einen einzelnen Buchstaben genau anschaut, erkennt man ein 3×3 Raster aus gleich grossen, quadratischen Zellen:
Wenn man noch ein bischen genauer hinschaut, erkennt man sogar ein 9×9 Raster aus gleich grossen, quadratischen Zellen:
Das überlagerte 9er-Raster macht schliesslich die konstruktiven Details des im Ducati Schriftzug verwendeten Fonts offenkundig:
- Alle Buchstaben (mit Ausnahme des «I») weisen ein gleich grosses, quadratisches umhüllendes Rechteck auf.
- die Konturen (je)des Buchstabens setzen sich ausschliesslich aus horizontalen und vertikalen Geradenstücken, sowie abschnittweise konzentrischen Viertelkreisbögen zusammen.
- Alle Streckenlängen und Radien sind ausschliesslich ganzzahlige Vielfache der Rasterweite «z».
- Start- und Endpunkte von Linien, sowie Mittelpunkte, Start- und Endpunkte von Kreisbögen liegen ausschliesslich auf Rasterschnittpunkten.
- Wenn man nun wieder einen Schritt zurück tritt, lässt sich festhalten, dass auch der Abstand zwischen zwei aufeinander folgenden Buchstaben exakt gleich der Rasterweite «z» ist:
Als «Bonus» kommt speziell bei der Abfolge der Buchstaben «D», «U», «C» und (mit kleinen Modifikationen:) «A» hinzu, dass sie alle die gleiche Grundform verwenden und diese lediglich um 0°, 90°, 180° bzw. 270° im Uhrzeigersinn verdreht gezeichnet wird. Dieser Umstand fällt aber eher unter die Rubrik «innere Werte», und dürfte beim Konstruieren weiterer Buchstaben wenig hilfreich sein.
Insgesamt finde ich es verblüffend, wie extrem regelmässig diese Schriftart aufgebaut ist, und wie ausdrucksstark dieser sehr «technisch» anmutende Font vermutlich wegen seiner minimalistischen Nutzung unterschiedlicher Grafikelemente (nur horizontale bzw. vertikale Geraden, Viertelkreisbögen) ausgefallen ist. Ihr Schöpfer, der Industriedesigner Giorgio Giugiaro, wird von vielen seiner Kollegen für den einflussreichsten Automobil(!)designer des 20. Jahrhunderts gehalten.
Mit ein wenig Maschinenbau-geschulter Phantasie kann man sogar jeden Buchstaben als Kulissenführung ansehen, in der ein zylindrischer Kulissenstein mit Durchmesser «Rasterweite» auf der weissen Bahn zwischen zwei äusseren, roten Begrenzungen zwangsgeführt wird – ähnlich dem Finger einer Schaltgabel in einer Bahn der Schaltwalze eines Motorradgetriebes. Auch hier handelt es sich um eine Zwangsführung, welche den Wesenskern von Desmodromik berührt. Aber ich schweife ab …
Synthese
Als Vektorformat wählte ich svg, weil es standardisiert ist, lizenzfrei genutzt und von den gängigen Browsern interpretiert werden kann und für jemanden mit einschlägiger Erfahrung in 2D-Computergrafik leicht erlernbar ist. Für meine ersten Gehversuche verwendete ich das Tutorial von w3schools, wo einfache, übersichtliche und lauffähige Code-Schnipsel angeboten werden. Diese kann man in einer Sandbox («Try it Yourself »») leicht manipulieren, um sich interaktiv die Ergebnisse der eigenen Änderungen anzeigen zu lassen.
Mit der Erkenntnis der fünf obigen Regeln aus der Analyse-Phase machte ich mich an die Konstruktion der Buchstaben «D», «E», «S», «M» und «O». War das «D» im ursprünglichen 9er-Raster (s.o.) schnell implementiert, stellten mich die Buchstaben «E», «S»und «M» insofern vor eine Herausforderung, als sie auf halber Höhe («E» und «S») bzw. halber Breite («M») eine zusätzliche Linie benötigen. Für diese war im 9er-Raster einfach kein freier Platz für das Dreigestirn aus Linie‑Leerraum‑Linie übrig, welcher die mittlere (3-fach)-Linie als eigenständiges Element des Buchstaben erkennbar gemacht hätte.
Da ich keine der obigen fünf Regeln verletzen wollte, entschied ich mich, ein 11er-Raster aus gleich grossen, quadratischen Zellen zu verwenden. So sieht nun das Ergebnis aus:
Zu behaupten, ich hätte keine Regel verletzt, wenn ich sie bewusst garnicht erst formuliert habe, ist natürlich unfair. Ich hätte als Regel 6 hinzufügen können, dass ein 9er Raster zu verwenden ist. Dann hätte ich mir mit dem Wechsel auf ein 11er Raster selbstverständlich einen Regelverstoss eingefangen. Andererseits könnte man als Regel 7 formulieren, dass jeder «Stroke» dreispurig auszuführen ist, mit Farbe-Leerraum-Farbe. Dann hätte selbst Maestro Giugiaro sich beim Querstrich des «A» seine künstlerische Freiheit gegönnt:
Im direkten Vergleich zwischen einem 11er Raster und einem 9er Raster fällt auf, dass der Font im 11er Raster «luftiger» wirkt. Und er wirkt nicht nur so, sondern ist es auch zählbar: Das umhüllende Quadrat des Buchstaben «D» z.B. weist im 11er Raster rund 59% seiner Fläche als Leerraum auf, während der gleiche Buchstabe im 9er Raster nur rund 53% Leerraum aufweist. Was man schöner findet, ist vermutlich Geschmackssache. Ich persönlich tendiere zum «wuchtigeren» Original.
Zum Vergleich habe ich den Text «DESMO» trotz der oben erwähnten Platznot bei den Buchstaben «E», «S» und «M» doch auch einmal im 9er Raster implementiert, musste dabei natürlich Kompromisse an anderer Stelle eingehen:
Bei den Buchstaben «E» und (um 90° gedreht als) «M» verwende ich den vom Maestro schon beim «A» angewandten Platzspar-Trick, wenn auch hier gezwungenermassen. Mit dem «S» im 9er Raster hadere ich allerdings noch ein wenig. Zumal hier – wem ist’s aufgefallen? – ein subtiler Verstoss gegen Regel 3 vorliegt: die Radien der Kreisbögen sind hier nicht, wie gefordert, ganzzahlige Vielfache der Rasterweite z, also 1.0*z, 2.0*z und 3.0*z, sondern liegen mit 0.5*z, 1.5*z und 2.5*z systematisch jeweils um eine halbe Rasterweite unterhalb der Vorgabe. Damit ist auch Regel 4 verletzt.
Ich fürchte, einen Tod muss man hier sterben. Ich weiss nur noch nicht, welche Todesart ich bevorzugen werde.
Anbei die im Browser lauffähige html-Datei mit eingebettetem svg-Code, welcher den oben gezeigten, roten Schriftzug «DESMO» im 11er-Raster zeigt. Die Umsetzung im 9er Raster überlasse ich dem geneigten Leser :p