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Zwei bemerkenswerte Frauen
Tracy Chevalier
übersetzt von Anne Rademacher
Penguin Verlag
Taschenbuch, 368 Seiten
Die WAZ schrieb über dieses Buch: «Ein wenig Jane Austen, die Landschaft von Rosamunde Pilcher und auch noch etwas über Geschichte lernen. Was will man mehr?» Das stimmt so, aber das Buch ist noch viel mehr.
Elizabeth Philpot ist eine junge Frau aus besseren Kreisen, deren Familienerbe nicht zu einem standesgemässen Leben in London reicht. Daher zieht sie, von ihrem Bruder dazu genötigt, mit ihren zwei Schwestern 1830 in den kleinen südenglischen Küstenort Lyme Regis. Anfangs ist sie darüber sehr unglücklich in dieser Provinz, aber bald findet sie am Strand ihre ersten Fossilien und begegnet der um einiges jüngeren Mary Anning, einem Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, das die Familie mit dem Verkauf von Fossilien über Wasser hält. Eine Freundschaft entsteht, aber auch ein zunehmend profundes Wissen über Fossilien. Dann findet Mary das Skelett eines Ichtyosauriers, das von der Wissenschaft anfangs als «Krokodil» bezeichnet wird, denn alles andere würde die biblische Schöpfungsgeschichte in Frage stellen. Mary ist mit ihrer plötzlichen Berühmtheit überfordert, Elizabeth versucht, sie so gut wie möglich zu unterstützen und vor männlichem Eigeninteresse zu schützen. Die Freundschaft der beiden Frauen trägt sie durch die Jahre, geprägt vom Interesse an versteinerten Fossilien bis hin zu wissenschaftlichen Entdeckungen und die darauf folgenden Anfeindungen. Doch die Freundschaft und ihr verbindendes Interesse werden auch immer wieder auf die Probe gestellt; als sich beide in denselben Mann verlieben, aber auch durch Missverständnisse, Neid und Einflüsse von aussen.
Keine Frauen in der Wissenschaft
Die beiden Frauen hat es tatsächlich gegeben, sie haben im 19. Jahrhundert durch ihre intensive Sammeltätigkeit Wissenschaftsgeschichte geschrieben. Mary Annings fand neben dem Ichtyosaurier auch einen Plesiosaurier und einen Pterosaurier. Doch lange Zeit wurden die beiden Frauen im Rahmen der Naturwissenschaften bekämpft. Elisabeth wurde belächelt, Mary übers Ohr gehauen und ihre Funde Männern zugeschrieben. Es dauerte lange, bis Mary Annings Name in der dritten Auflage eines Buchs von George Cuvier genannt wurde. Frauen waren damals in der Geologischen Gesellschaft nicht zugelassen. Auch sonst kann man sich über die Rolle der Frauen in der damaligen Gesellschaft empören. Eindrücklich ist eine Szene, in der sich Elizabeth in London heimlich alleine auf die Strasse wagt, um sich für Mary einzusetzen und was ihr dabei widerfährt.
Unaufgeregt und feinfühlig
Erzählt wird der Roman abwechselnd aus der Sicht von Elizabeth und Mary und zeigt schon durch die Ausdrucks- und Denkweise der beiden Frauen deren unterschiedlichen Bildungsstand und die sich stark unterscheidende Herkunft. Der Erzählstil ist ruhig und sehr atmosphärisch. Man lebt mit den Figuren mit, man spürt den Wind am Strand dieser Kanalküste, man wühlt mit den beiden Frauen im Dreck. Und man bekommt einen überzeugenden Einblick in die ehemals verknöcherte englische Klassengesellschaft, die allein schon die Freundschaft der beiden Frauen von so unterschiedlichem Stand kritisch betrachtete.
Für mich war das endlich mal wieder ein Buch, in das ich stundenlang eintauchen konnte. Ein Buch, das weder Cliffhanger noch gekünstelte Dramatik nötig hat, sondern durch einen wunderbar einfühlsamen und unaufgeregten Erzählstil und eine bewegende Geschichte überzeugt.