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Die derzeitigen Massnahmen gegen die Corona-Epidemie sollen dafür sorgen, dass es keine zweite Welle mit vielen Hospitalisierten und Gestorbenen gibt. Dieser dritte Teil informiert über Argumente von Experten, wonach eine solche zweite Welle höchst unwahrscheinlich sei. Ein erster Teil hat dargelegt, weshalb es fragwürdig ist, steigende Fallzahlen als Hauptkriterium darüber entscheiden zu lassen, ob Läden, Restaurants und Schulen geschlossen oder Grossveranstaltungen abgesagt werden.
Der zweite Teil dieser Artikelreihe zeigte auf, warum etliche Testresultate, also statistisch erfasste Corona-Fälle, falsch sein können. Je vollständiger bessere Tests die tatsächlich Infizierten erfassen können, desto mehr unter den Nicht-Infizierten werden fälschlicherweise ebenfalls positiv getestet. Die Schrotmunition trifft dann alle, aber eben auch Unbeteiligte.
Das würde nur dann nicht zutreffen, wenn ein Test in der Praxis sowohl alle Infizierten als auch alle Virusfreien zu 100 Prozent fehlerfrei identifizieren könnte. Doch einen solchen Test hat es noch nie gegeben (siehe Teil 2).
Auch eine Fehlerquote von weniger als einem Prozent bei der Spezifität (Treffsicherheit bei Nicht-Infizierten) führt dazu, dass Tests selbst in einer völlig virusfreien Bevölkerung positive Resultate ergeben. «Die gängigen Testverfahren und das vermehrte Testen von symptomfreien Personen führen auch zu mehr falsch-positiven Resultaten, so dass das Virus [statistisch] vielleicht nie verschwindet», erklärt Carl Heneghan, Direktor des Zentrums für evidenzbasierte Medizin der Universität Oxford und Chefredaktor der BMJ Evidence-Based Medicine.
Weil heute immer mehr Menschen getestet werden, darunter immer mehr ohne Symptome, und weil Kontrolltests nach positiven Resultaten nur selten gemacht werden, beurteilt Mike Yeadon*, langjähriger Forschungsleiter beim Pharmakonzern Pfizer, den einseitigen Fokus auf die «Fallzahlen» äusserst skeptisch: «Heute sind wahrscheinlich mehr als die Hälfte der positiv Getesteten gar nicht positiv. Und von den gefundenen Infizierten sind längst nicht alle noch ansteckend.» Yeadon bezieht sich auf Grossbritannien, wo im September pro 100’000 Einwohner dreimal so viele Personen getestet wurden wie in der Schweiz. Der Slogan «testen, testen, testen» sei kontraproduktiv.
«Die Pandemie ist faktisch vorbei»
Seit Anfang August werden steigende Zahlen von positiv Getesteten gemeldet. Trotzdem kam es bisher weder zu entsprechend mehr Hospitalisierten noch zu entsprechend mehr Todesfällen. Im Klartext heisst das: Wenn nicht getestet würde, käme gegenwärtig niemand auf die Idee und würde niemand merken, dass eine Pandemie herrscht. Mike Yeadon sagt es so: «Wenn das Fernsehen nicht ständig Fallzahlen der Getesteten verbreiten würde, käme man aufgrund der Hospitalisierungen und der Todesfälle zum Schluss, dass die Pandemie im Wesentlichen vorbei ist. Es gibt keine wissenschaftlichen Daten, die auf eine zweite schwere Welle hinweisen.»
Die Fallzahlen hätten sich seit Anfang Jahr auf und ab bewegt, aber die Kurve der Todesfälle sei seit März und April zurück auf ein tiefes Niveau gesunken. Auch Professor Nicolas Müller vom Universitätsspital Zürich meint, man könne «gegenwärtig nicht von einer zweiten Welle sprechen, weil die Zahlen nur langsam steigen».
Was die Todesfälle in der Schweiz betrifft: In den Monaten seit März sind insgesamt sogar weniger Menschen gestorben (sämtliche Ursachen berücksichtigt) als durchschnittlich im gleichen Zeitraum der letzten Jahre. Es wird vermutet, dass der Lockdown dazu beigetragen hat, weil die Menschen weniger riskant gelebt haben.
Immunsystem bereits auf Corona trainiert?
Dass Hospitalisierungen und Todesfälle trotz gestiegener Fallzahlen auf tiefem Niveau bleiben, kann nach Yeadon auch damit zu tun haben, dass etwa ein Drittel der Bevölkerung eine Basis-Immunabwehr gegen Sars-CoV-2 besitzt, weil die Betroffenen schon früher an anderen Corona-Viren erkrankt waren. Er stützt sich dabei unter anderem auf einen Bericht von Peter Doshi im British Medical Journal.
Nach Angaben von Yeadon überleben heute nach neusten Schätzungen 99,8 Prozent aller Infizierten. Der Anteil der Todesfälle an der Gesamtzahl der Infizierten (inklusive Dunkelziffer) betrage 0,26 Prozent, sagt Yeadon. Dies entspreche der Grössenordnung, wie sie von Ioannidis oder Streeck bereits im Mai und Juni angegeben worden sei.
Geholfen haben auch bessere Therapien.
Zum Vergleich: Bei einer schweren Influenza-Welle würden 99,9 Prozent aller infizierten überleben. Auch eine Influenza könne zu sehr schweren Erkrankungen führen.
«Grosse zweite Pandemie-Wellen sind die Ausnahme»
Dass es bei Virus-Epidemien zu einer gefährlichen zweiten Welle komme wie bei der Spanischen Grippe am Ende des Ersten Weltkriegs, sei die Ausnahme, sagt Yeadon. Es sei zudem kein Coronavirus gewesen, das die Spanische Grippe ausgelöst habe, sondern das Influenza-Typ-A-Virus H1N1.
Bei Corona-Epidemien wie der SARS-Epidemie von 2003 und der MERS-Epidemie von 2012 sei die grosse Welle in verschiedenen Kontinenten zeitlich verschoben aufgetreten, aber zu einer zweiten grossen Welle im gleichen Land sei es fast nirgends gekommen.
Um die Gefährlichkeit der Corona-Pandemie ins richtige Verhältnis zu stellen, präsentiert Yeadon folgende Grafik:
Anzahl der Todesfälle an der Gesamtzahl der Infizierten (einschliesslich Dunkelziffer). Quelle: European Centers for Disease Control and Prevention CDC. Grössere Auflösung hier.
Abwägen der Verhältnismässigkeit
Yeadon und Heneghan betonen, dass älteren Menschen mit Vorerkrankungen auf jeden Fall ermöglicht werden muss, sich vor einer Ansteckung mit Sars-Cov-2 zu schützen. Entsprechende Dienstleistungen seien bereitzustellen. Doch viele der getroffenen Massnahmen für die ganze Bevölkerung halten Yeadon und Heneghan für unzweckmässig. Sie glauben, dass sich der gesamte wirtschaftliche und soziale Schaden dieser Massnahmen wahrscheinlich als grösser herausstellen werde als der Nutzen.
- Es ist nicht sachgerecht, die Zahl der «Fälle», also der positiv Getesteten, ständig als wichtigstes Kriterium in den Vordergrund zu stellen. Es ist auch abwegig, Massnahmen allein von der Zahl der positiv Getesteten pro 100’000 Einwohner abhängig zu machen. Als Kriterium viel relevanter sind die Entwicklung vor allem der Spitaleinweisungen sowie diejenige der Todesfälle (siehe 1. Teil).
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Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine