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«Kann ich nach Peking fahren, gibt es eine Riesen-Party»
Steve Hiestand möchte sich als brasilianischer Langläufer für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking qualifizieren und nimmt dafür einiges auf sich.
Steve Hiestand möchte sich als brasilianischer Langläufer für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking qualifizieren und nimmt dafür einiges auf sich.
Steve Hiestand, dessen Mutter Brasilianerin ist, verdient seine Brötchen eigentlich als Sport-Diagnostiker und Personal-Trainer. Auf sportlich hohem Niveau war er schon seit seiner Jugend unterwegs. Der Entschluss, für seine zweite Heimat Brasilien als Ruderer an den Olympischen Sommerspielen 2016 in Rio de Janeiro teilnehmen zu wollen, entstand jedoch eher spontan bereits im Jahr 2012, als er zusammen mit einem Kollegen auf diese Idee kam. Zielstrebig, wie er ist, versuchte er, sein Ziel mit aller Konsequenz zu erreichen. Und siehe da: Es klappte mit der Qualifikation für das brasilianische Olympia-Ruderteam – wenn das Olympische Komitee nicht just in dieser Zeit neue Regelungen beschlossen und die Kontingente halbiert hätte. So durften statt vier nur zwei brasilianische Athleten in Rio starten, wobei die Startplätze ausgelost wurden – wobei das Glück Hiestand nicht hold war. «Für mich war die Situation wie eine Lehre ohne Abschluss», meint er auf Anfrage.
Langlauf als Kompromissentscheid
Er habe das Projekt nicht einfach aufgeben wollen, wo er doch so nahe drangewesen sei, weshalb er sich nach einer weiteren Möglichkeit umgesehen habe, seinen Traum in die Realität umsetzen zu können, so Hiestand weiter. Nach Rücksprache mit der Familie habe er sich dann für den Langlaufsport entschieden. Ein Gespräch mit dem Verbandsfunktionär im Sommer 2018 brachte den Stein ins Rollen. Jener knüpfte Kontakte zum brasilianischen Wintersport Verband CBDN, und nachdem dessen Entscheid positiv ausgefallen war, hatte Hiestand eine neue Aufgabe gefunden, der er sich mit aller Konsequenz widmen konnte. Mittlerweile ist er regelmässig im Weltcup und an Continentalcup-Rennen dabei, und im Juli dieses Jahres ist er nach Davos Dorf gezogen, um noch intensiver trainieren zu können. In der Trainingszelle Davos Klosters Nordisch arbeitet er unter Leitung von Guy Nunige intensiv an seinen technischen Fähigkeiten. Dort ortet er denn auch den grössten Unterschied zu den Top-Shots der Branche: «Die kommen unglaublich schnell den Berg hoch und sind auch nach 15 Kilometern immer noch gleich schnell unterwegs. Ich brauche im Vergleich zu ihnen zu viel Kraft, die mir dann jeweils auf den letzten Kilometern fehlt.» Guy Nunige sei ein harter Trainer: «Ich werde gleich behandelt wie die anderen, wesentlich jüngeren Gruppenmitglieder. Das bringt mich weiter», meint der 37-Jährige. Obwohl er sich an Wettkämpfen resultatmässig in den hinteren Regionen bewegt, orientiert er sich an Spitzenläufern wie Dario Cologna. «Man muss Vorbilder haben und sich Ziele setzen, nur so kommt man weiter. Zudem sind die Fortschritte messbar, was mich zusätzlich motiviert.» Dass er sich mit der Olympiateilnahme ein sehr hohes Ziel gesetzt hat, ist Hiestand bewusst: «Es gibt keinen höher eingeschätzten Sport-Grossanlass. Nur 10 500 Sportlerinnen und Sportler haben die Chance, ihre Nationen zu vertreten. Das ist eine riesige Ehre.»
Davos Nordic als bleibende Erinnerung
Momentan kämpft Hiestand mit einem jungen Brasilianer um den einzigen Langlauf-Startplatz für die Olympischen Winterspiele 2022 in Peking. Hätte dieser vor einem Jahr in einem Rennen den zehnten Platz nicht um 0,01 Sekunden verpasst, gäbe es sogar zwei Startplätze, und Hiestand wäre längst qualifiziert. So aber muss er, der an den Wettkämpfen zwar allein unterwegs ist und alles selber macht, aber trotzdem von einiger Unterstützung – etwa durch Kurt und Andreas Schaad, Familie Hitsch Flury und diversen anderen – profitieren kann, noch immer um den Startplatz kämpfen. Ob es am Ende reicht, ist zu einem guten Teil auch vom brasilianischen Verband abhängig, und natürlich von den erreichten Resultaten. «Kann ich nach Peking, gibt es eine Riesen-Party», kündigt Hiestand bereits jetzt an. Im Gegensatz zu seinen brasilianischen Kollegen nimmt er nach Möglichkeit regelmässig an Welt- und Continentalcup-Rennen teil. Die Atmosphäre an den Weltcup-Rennen sei speziell und motivierend, und es sei toll, sich mit den Besten der Welt messen zu können. Speziell in Erinnerung sind ihm auch die beiden Teilnahmen an Davos Nordic geblieben. «Die Zuschauer sind bis zum Schluss geblieben und haben auch die schwächsten Athleten angefeuert. Ich finde es toll, einen Event als Aktiver live miterleben zu dürfen, den ich zuvor jahrelang im Fernsehen verfolgte.» Hiestand wird – unabhängig von einer Olympia-Qualifikation – die Weltcupsaison noch beenden. Danach soll Schluss sein. «Ich will inskünftig mehr Zeit haben, Vater zu sein», erklärt er.