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Kinsey Marable richtet Privatbibliotheken ein. Der frühere Banker weiss, wie man seltene Bücher kriegt und welche bei Oprah Winfrey stehen.
- Von Sigrid Neudecker
Herr Marable, wie kommt man als Investmentbanker auf die Idee, sich auf das Zusammenstellen von Bibliotheken zu verlegen?
Als ich bei Goldman Sachs in New York war, verbrachte ich eine Woche pro Monat in London. Dort bin ich über die Buchhandlung Heywood Hill gestolpert, die neue und vergriffene Bücher führt. Ein magischer Ort. So begann ich, für mich selbst Bücher über Gärten und Geschichte zu kaufen.
Erinnern Sie sich an den Tag, an dem Sie beschlossen, nach 15 Jahren das Metier zu wechseln?
Ich würde Ihnen gern erzählen, dass es ein Heureka-Moment war. So war es aber leider nicht. Ich weilte auf meiner Farm in Virginia und überlegte, was ich sonst noch machen könnte. Dann hat eines zum anderen geführt. Damals, in den 1990er Jahren, haben die Leute viel Geld verdient. Sie kauften sich Häuser mit grossen Bibliotheken, für die sie Bücher per Laufmeter anschafften. Da waren also all diese Räume, gefüllt mit bedeutungslosen Büchern. Viele in Sprachen, die die Besitzer noch nicht einmal beherrschten, nur um damit anzugeben. Ich fragte mich: Warum soll man nichtssagende Bücher besitzen? Warum nicht jemanden engagieren, der eine Sammlung zusammenstellt, die dem eigenen Geschmack und den eigenen Interessen entspricht?
Und das ging so einfach?
Ich merkte bald, dass ich keine Ahnung von dem hatte, was ich da tat. Mir wurde klar, dass ich erst eine Buchhandlung eröffnen musste, schon allein, um mir Glaubwürdigkeit zu verschaffen. Ich war von New York nach Georgetown gezogen, das ist sozusagen die Fifth Avenue von Washington. Meinen Laden gestaltete ich mit einem offenen Kamin – so, wie ich mir eine Privatbibliothek vorstellte. Er hatte auch einen wunderschönen Garten. Dann fuhr ich die Ostküste rauf und runter, reiste nach London und Frankreich und suchte dort nach vergriffenen Büchern. Ich kaufte, was mich ansprach und wovon ich dachte, dass die Kunden es mögen. Dabei ist mir erst klar geworden, wie unglaublich gross das Angebot überhaupt ist. Damals gab es ja noch kein Internet. Ich lernte, den Preis eines Buches richtig einzuschätzen und dass ich innovativ sein musste, um Erfolg zu haben.
Gibt es Ihre Buchhandlung noch?
Nein, ich führte sie sieben Jahre lang, dann hatte ich genug Kunden, für die ich private Bibliotheken zusammenstellte. Es ist viel profitabler, aus einem Büro heraus zu arbeiten, als eine Buchhandlung zu betreiben. Das wusste ich schon von meiner Zeit an der Wall Street. Heute stelle ich pro Jahr bis zu 25 kleinere Sammlungen zusammen, also beispielsweise 50 Bücher über Gartengestaltung, und richte bis zu sechs grosse Bibliotheken ein.
Was ist für Sie eine grosse Bibliothek?
Derzeit arbeite ich an einer Sammlung von 1300 Büchern, das ist schon ein ganz guter Umfang. Manchmal suche ich aber auch nur ein einzelnes Buch.
Wie stellen Sie Bibliotheken für neue Kunden zusammen, die Sie nicht kennen?
Wenn der Kunde genau das mag, worauf ich spezialisiert bin, ist es nicht schwierig. Architektur, Inneneinrichtung, Gartengestaltung, Essen und Trinken, Mode, Stil, Biographien – diese Themen sprechen die meisten Menschen an. Ich versuche, für den Kunden eine Bibliothek aufzubauen, zu der er immer wieder zurückkehren kann. Als ob er in seinem eigenen Buchladen wäre.
Und wenn jemand eine Sammlung aus einem anderen Bereich möchte?
Wir recherchieren dann sehr viel, im Internet, in Literaturlisten, wir kaufen Bücher und sehen uns die Quellenangaben an. Für mich ist das ein interessanter Vorgang. Für einen Kunden, der Bücher von und über die Präsidenten der Vereinigten Staaten sammelte, haben wir auf diese Weise einen Katalog mit den zehn wichtigsten Werken über jeden Präsidenten zusammengestellt. Das hat mehrere Jahre gedauert. Danach habe ich mich in diesem Bereich wirklich ausgekannt. Für mich gibt es zwei ideale Kunden: Der eine gibt mir absolute Freiheit, das zu machen, was ich für richtig halte. Und dann gibt es die Kunden, die über einen längeren Zeitraum zu ganz bestimmten Themen sammeln wollen, mit ihnen gehe ich eine Art Partnerschaft ein. In diesem Fall müssen die Bücher in exzellentem Zustand sein, idealerweise signiert. Mit solchen Klienten zu arbeiten ist einfach wunderbar.
Besteht der Sinn einer persönlichen Bibliothek nicht darin, dass man sie über Jahre selbst zusammenträgt?
Früher war das sicher so, aber wir leben heute in einer anderen Welt. Die Menschen haben keine Zeit, 500 oder 1000 ausgewählte Bücher für eine Sammlung zu finden. Wenn sie genug verdienen, um sich eine solche Kollektion leisten zu können, haben sie nicht mehr die Musse, sie selbst zusammenzustellen.
Haben Sie auch Kunden, die sich eine Bibliothek nur als Prestigeobjekt anschaffen?
Absolut! Die kommen meistens über ihre Architekten oder Innenarchitekten zu mir, weil sie sich gerade ein Landhaus gekauft haben. Viele dieser Kunden nehmen die Bücher vermutlich nie aus den Regalen.
Stört Sie das?
Ich habe noch nie einen Auftrag abgelehnt, denn ich führe ein Unternehmen. Die Kunden bekommen dann die Bibliothek, die ich selbst gern hätte. Viele haben dadurch viel bessere Sammlungen als ich selbst. Auf einen solchen Auftrag lasse ich mich emotional nicht ein. Aber ich hatte noch nie Kunden, die unzufrieden waren. Jene, denen Bücher egal sind, lieben den Look. Und die anderen wissen sofort, was für eine besondere Kollektion sie hier bekommen haben.
Sie sind kein Missionar?
Ich will die Menschen nicht bekehren, aber ich stelle Bibliotheken zusammen, die ihren Wert behalten – im Gegensatz zu anderen, die einfach nur meterweise Bücher liefern. Als Geschäftsmann kuratiere ich eine Sammlung, die an Wert gewinnt, selbst wenn die Kunden nichts davon lesen.
Bücher sind also wie Aktien?
Vergriffene Bücher sind über die vergangenen zwanzig Jahre substantiell im Wert gestiegen. Vor allem der Markt der modernen Erstausgaben ist stark angewachsen: Hemingway, Fitzgerald, Patrick O’Brian, Anthony Powell.
In welche Bücher sollte man heute investieren?
Am besten in solche von unbekannten Autoren mit einer sehr kleinen Erstauflage, die dann sehr erfolgreich werden. Für Donna Tartts «The Goldfinch» bekommt man heute 915 Dollar. Eine Erstausgabe von «Harry Potter and the Sorcerer’s Stone» ist 7500 Dollar wert.
Was können Sie anhand einer Bibliothek über ihren Besitzer sagen?
Man würde annehmen, dass es sich um sehr kultivierte, gebildete Menschen mit weitreichenden Interessen handle und die Bibliothek ein Spiegelbild ihrer selbst sei. Dieser Eindruck kann trügerisch sein. Viele Menschen gestalten ihre Häuser in erster Linie, um Gäste zu beeindrucken. Sie versuchen, Kultiviertheit vorzutäuschen. Für Menschen, die nicht wirklich lesen, ist es nur wichtig, dass die Regale hübsch aussehen. Billy Baldwin, ein grosser amerikanischer Innenarchitekt, sagte einmal: «Bücher gestalten einen Raum.» Sie machen ihn sanfter, gemütlicher. Jeder richtet seine Bibliothek also auch nach optischen Kriterien ein. Aber ich würde keinen Auftrag annehmen, bei dem ich nur Bücher mit rotem Schutzumschlag suchen soll.
Sie beraten Ihre Kunden also auch bei der Auswahl der Möbel?
Ja, ich richte alle Bibliotheken persönlich ein. Normalerweise ordne ich die Bücher thematisch, aber ich stelle sie auch so hin, dass es gut aussieht. Das ist ein wichtiger Aspekt jeder Bibliothek.
Kann man dabei so viel falsch machen?
O ja! Viele stopfen ihre Regale mit Nippes voll oder lassen riesige Lücken. Unterschiedlich grosse Bücher sollten auch nicht wie Orgelpfeifen angeordnet werden. Ich stelle meistens drei grosse Bände zusammen, damit nicht einer heraussticht. Und ich berate bei Beleuchtung, Büchertischen und vor allem Leitern.
Wieso ausgerechnet Leitern?
Weil jede Bibliothek eine braucht und die guten schwer zu finden sind.
Es darf keine Lücken geben, aber in volle Bibliotheken passt kein neues Buch mehr hinein. Wie gehen Sie mit diesem Dilemma um?
Das fragt mich jeder! Man muss seine Bibliothek eben auch ein bisschen selbst kuratieren und jene Bücher aussortieren, die man wirklich nie lesen wird. Man kann sie aber auch anderswo unterbringen, im Gästezimmer oder im Wohnzimmer.
Wie viele Bücher stehen in Ihrer persönlichen Bibliothek?
Um die tausend. Manche verkaufe ich auch wieder – ich bin da nicht besonders sentimental, weil ich weiss, dass ich sie wiederfinden kann. Es gibt nur sehr wenige, die ich nicht hergeben würde, darunter eine Erstausgabe von Siegfried Sassoons «Memories of a Fox-Hunting Man». Nach diesem Buch habe ich mein Leben lang gesucht.
Haben Sie alle tausend Bücher gelesen?
Selbstverständlich nicht! Aber ich werde es tun.
Was war die grösste Sammlung, die Sie je zusammengestellt haben?
Zwischen 7000 und 9000 Bücher für Steven Schwarzman, Mitbegründer des Finanzunternehmens Blackstone Group. Er ist im Vorstand der New York Public Library und spendete 2008 100 Millionen Dollar, worauf die ein Gebäude nach ihm benannt haben. Er weiss es zu schätzen, das Beste von allem zu haben.
Aber diese 9000 Bücher wird er wohl nie lesen.
Er sammelt Bücher, wie andere Porzellan oder moderne Kunst sammeln. Menschen sind von Natur aus Sammler. Das macht sie stolz. Es gibt Menschen, die Erstausgaben von modernen Klassikern sammeln und sie wahrscheinlich nicht alle gelesen haben. Es geht ihnen um die Sammlung. Das ist höchst befriedigend für sie.
Welches war die teuerste Sammlung?
Das war eine Bibliothek mit 4000 Büchern, darunter viele wichtige Erstausgaben sowie ein komplettes Set über Darwin. Sie hat knapp eine Million Dollar gekostet. Diese Bibliothek ging über zwei Etagen, die Holzpaneele wurden in Paris hergestellt und dann in die USA gebracht. Normalerweise beginnen meine Bibliotheken bei 20000 Dollar. Ich arbeite für Kunden, die nur ein Buch suchen – oder auch Tausende. Ich verwende Instagram als Werbeplattform und bekomme dort Anfragen aus aller Welt.
Verdienen Sie heute mehr als früher bei Goldman Sachs?
Nein, das werde ich nie erreichen. Aber es gab ein paar gute Jahre. Denn der Handel mit vergriffenen Büchern ist viel profitabler als jener mit Neuerscheinungen. Dort sind die Margen klein.
Sie haben auch für Oprah Winfrey Bücher besorgt.
Der Verlag ihres Magazins wollte ihr ein spezielles Geburtstagsgeschenk machen. Und das war ich. Ich bekam den Auftrag, ihre Bibliothek zu katalogisieren, zu konservieren, zu vervollständigen und sie zu beraten. Als ihr Geburtstag nahte, wollten sie ihr aber auch etwas geben, was sie in der Hand halten konnte. Eines ihrer Lieblingsbücher ist «To Kill a Mockingbird» von Harper Lee. Ich fand eine gut erhaltene Ausgabe und überlegte dann, ob es nicht toll wäre, wenn Harper Lee das Buch signieren könnte. Das schien allerdings schier unmöglich, denn Harper Lee lebte zurückgezogen. Wir fanden ihre Adresse, die allerdings ein Postfach war. Was ein bisschen beunruhigend war, denn man will etwas so Wertvolles nicht an ein Postfach schicken. Wir riskierten es dennoch. Ich verpackte das Buch, schrieb einen Brief mit der Bitte, es für Oprah zu signieren, und legte ein Rückcouvert bei. Als ich es zur Post brachte, dachte ich, dass ich dieses Buch nie im Leben wiedersehen würde. Zwei Wochen später kam es mit einer Widmung zurück. Es war wunderbar.
Welche Bibliothek hätten Sie gern für sich selbst behalten?
Für Oprah Winfreys Bibliothek habe ich Erstausgaben aller Romane zusammengesucht, die mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet worden sind. Für diese Bücher haben wir dann wunderschöne Hüllen entworfen, um sie vor Licht zu schützen. Eine solche Sammlung haben nicht viele. Ich hätte die auch gern. Aber das wäre ein extrem teures Unterfangen. Ja, manchmal habe ich Bibliothek-Neid.
Sigrid Neudecker ist Journalistin; sie lebt in Hamburg.