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Mit seinem Roman «Der Schatten des Sultans» erweist sich der kamerunische Autor Patrice Nganang erneut als grosser Geschichtenerzähler. Er erzählt aber auch Geschichte: jene des ingeniösen Sultans Njoya und von dessen Königreich Bamum in Westkamerun zur Zeit der Kolonialisierung.
«Im Ausland weiss man wenig über Kamerun, die Medien berichten kaum je darüber. Wer weiss schon, dass Paul Biya, der Kamerun seit über dreissig Jahren autokratisch beherrscht, neun Monate pro Jahr in der Westschweiz lebt, auf einer für ihn reservierten Etage eines Luxushotels.» Der Verfasser dieses Artikels jedenfalls wusste es nicht und staunt. «Auch viele KamerunerInnen wissen nicht, was im Land geschieht. Und sie kennen die Geschichte einer grossen historischen Persönlichkeit Kameruns wie Sultan Njoya nicht.»
Für Patrice Nganang sind diese Feststellungen kein Vorwurf, mehr eine Herausforderung an sich selbst, dem abzuhelfen. Beides gehört für ihn zusammen: die eigene Geschichte besser zu kennen und zu wissen, was im eigenen Land geschieht. Der 43-jährige Nganang, der in New York lebt und als Professor für Literatur- und Kulturwissenschaften tätig ist, hat eine ganzheitliche Auffassung, was Schreiben bedeutet. Nämlich «der Gebrauch des Alphabets, um Bücher zu verfassen, Gedichte, Zeitungsartikel, T-Shirt-Sprüche, Tätowierungen, wie sie bei meiner Volksgruppe, den Bamileke, Tradition haben, SMS und so weiter».
Kolonialzeit in Kamerun
Der sich mühelos auf Deutsch, Französisch und Englisch ausdrückende Nganang mag vergangene Woche an einer Veranstaltung in Basel einige Anwesende überrascht haben, als er ausführlich über sein Engagement gegen die Diktatur und für Demokratie und insbesondere für die Freilassung der aus politischen Gründen inhaftierten Intellektuellen in Kamerun berichtete. Die vom Französischen Seminar und dem Zentrum für Afrikastudien der Uni Basel organisierte Tagung mit dem Titel «Geschichte – von afrikanischen Schriftstellern neu interpretiert» stellte die Frage nach der Bedeutung der literarischen Geschichtsschreibung.
Nganangs Roman «Der Schatten des Sultans» bietet sich dafür bestens an. Er hat darin historische Gegebenheiten verarbeitet, die er während vieler Jahre als Schriftsteller, nicht als Historiker, recherchierte. Dass Nganang von der Geschichte von Sultan Njoya und vom Wirken in seinem Königreich Bamum fasziniert ist, stellt man beim Lesen des Buchs schnell fest. Es spielt in der Zeit des Kolonialismus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, als es das heutige Kamerun noch nicht gab.
Zuerst kamen deutsche Kolonialherren, mit denen sich König Njoya erstaunlich gut arrangierte. Besser jedenfalls als mit den Briten, die nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs die Deutschen aus Bamum vertrieben und das Gebiet für kurze Zeit eroberten. Die darauf folgenden Franzosen hatten für das feudale, diktatorische Regime Njoyas wenig Verständnis. Auch misstrauten sie diesem, weil er sich mit den Deutschen gut verstanden hatte. Sie brachen schliesslich seine Macht, indem sie ihn aus Fumban, der Hauptstadt Bamums, ins entfernte Yaoundé verbannten.
Njoya hatte dem deutschen Kaiser Wilhelm II. seinen reich verzierten Thron geschenkt und musste danach auf einer Kopie die Reverenzen der Untertanen entgegennehmen. Das erscheint nachträglich wie eine Vorausdeutung der kolonialistischen Unterwerfung. Das Original des Throns ist bis auf den heutigen Tag im Ethnologischen Museum in Berlin zu bewundern.
Sultan Njoya und die Folgen
Im Gespräch bestätigt Patrice Nganang, dass für ihn die «Entdeckung» Njoyas eine grosse Bedeutung habe und dass ihm dessen 500-seitiges Buch «Saa’ngam. Erinnerungen des Königreichs Bamum» – mit 400 Jahren Geschichte – eine Quelle der Inspiration geworden sei. Njoya verfasste das 1921 abgeschlossene Werk in der von ihm entwickelten Sprache Shü Mon und der von ihm erfundenen Schrift Shü Pa Mbèn. Sprache und Schrift wurden an eigens geschaffenen Schulen den Adligen seines Reichs unterrichtet. Mit seinem Buch «Nuet Nkuete» begründete Njoya auch eine eigene Religion. Der Sultan wollte mit eigener Sprache, Schrift und Religion dem Adel Bamums eine eigene Identität verschaffen in Abgrenzung zu den anderen Volksgruppen der Region des sogenannten Graslands, zu deren islamischem Glauben und zum Christentum der Missionare und Kolonisatoren. Das Buch der Liebe, «Lewa Nuu Nguet», schliesslich, mit seinen «117 Stellungen, mit denen eine Frau und ein Mann mehrere Orgasmen erreichen», ist sozusagen ein afrikanisches Kamasutra und dürfte ein schwarzafrikanisches Unikum sein. Es liegt gemäss Nganang bis heute in keiner europäischsprachigen Übersetzung vor.
König Njoya war aber nicht nur ein Mann der Schrift. Noch vor der Ankunft der deutschen Kolonialisten liess Njoya das Bamumreich und die Hauptstadt Fumban kartografieren. Die bereits hoch entwickelte Baukunst Bamums perfektionierte er mithilfe deutscher Baumeister und liess auf dem Gelände des abgebrannten Königspalasts in Fumban ein neues Palastgebäude in einer damals in Kamerun unbekannten Bauweise errichten. Es ist heute Unesco-Weltkulturerbe und eine touristische Destination.
Njoya förderte die Künste, insbesondere die Skulpturenschnitzerei. Sein Palast war reich mit kunstvoll bearbeiteten Holzsäulen und grossen Figuren dekoriert. Von dieser hohen Kunstfertigkeit legte 2012 die Ausstellung «Helden Afrikas» im Zürcher Museum Rietberg ein eindrückliches Zeugnis ab.
Bertha in den Archiven
Zeugen der Zeit und des aussergewöhnlichen Wirkens von Sultan Njoya sind auch die Fotos und Dokumente in den Archiven in Fumban, in Deutschland, in den USA und im Archiv der Basler Mission, heute Mission 21. Es handelt sich um einen historischen Schatz, den Missionare und Missionsarbeiterinnen, Kolonialbeamte und Ethnografen zusammengetragen haben. Vieles davon ist heute der Öffentlichkeit im Internet zugänglich. Auf der hervorragenden Website bmarchives.org finden sich zahlreiche Aufnahmen des Sultans Njoya, von seiner Lieblingstochter Ngutane, die als erste Frau der Region lesen und schreiben lernte, von einigen seiner über 600 Frauen, vom Palast und weiteren Gebäuden, aber auch solche der einfachen Bevölkerung und von SklavInnen.
All dieses Material hat Nganang in sein Buch einfliessen lassen. Wir begegnen darin historischen Persönlichkeiten im Umkreis Njoyas wie der Tochter Ngutane, dem Chefarchitekten Nji Mama oder dem Meisterkalligrafen Nji Ibrahim und auch dem Missionar Martin Göhring und der Schweizer Missionsarbeiterin Anna Wuhrmann, die beide viele Fotos gemacht und Berichte verfasst haben. Dabei wahrt Nganang die Perspektive der Gegenwart, indem er die erzählende Hauptfigur, die junge, kamerunische Geschichtsforscherin Bertha, die in den USA lebt, als sein Alter Ego vor Ort und in den genannten Archiven Nachforschungen machen lässt.
«Es genügt nicht, Afrikaner zu sein, um über Afrika schreiben zu können. Ein afrikanischer Autor muss in Afrika recherchieren», sagt Nganang. «Literatur heisst verstehen. Literatur muss konkret sein. Und vielfältig, nur so kann sie der Komplexität der Realität gerecht werden. Und Kamerun ist sehr komplex.» So macht Nganang keinen prinzipiellen Unterschied zwischen seinem kunstvoll konzipierten Roman «Der Schatten des Sultans» und seinen Zeitungsartikeln und Parolen, mit denen er gegen dreissig Jahre Diktatur und für Demokratie in seinem Ursprungsland Kamerun kämpft. Ob Roman oder Pamphlet, ob Gedicht oder Essay, ob SMS oder Transparentparole: Alles soll zur Aufklärung, zum Verstehen beitragen und damit zu einer Gesellschaft mündiger BürgerInnen.