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Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Einwanderer oder Flüchtling und haben Ihr Heimatland hinter sich gelassen, und damit alles, was Sie schätzen und was einen symbolischen, emotionalen und kulturellen Wert für Sie hat. Überlegen Sie sich, dass Sie als Folge davon, Situationen von Ungerechtigkeit und Gewalt erfahren oder miterlebt haben. Sie kommen in ein neues Land und glücklicherweise gibt es bereits Bemühungen von ansässigen Mitgliedern der dortigen Gesellschaft, Sie aufzunehmen.1 Wie wichtig ist das Engagement, dieser Menschen, ihre Geschichten und Erfahrungen willkommen zu heißen?
Wenn Sie dieses Gedankenexperiment korrekt durchgeführt haben, wird Ihre Antwort wahrscheinlich lauten: Ganz wichtig. Obwohl es viele kollektive Aspekte und politische Programme gibt, die sich mit dem Thema der Aufnahmebereitschaft von Menschen befassen, die aktiv oder passiv Situationen von Ungerechtigkeit und Gewalt erlebt haben, möchte ich mich in den folgenden Zeilen auf eine bestimmte Beziehung konzentrieren. Ich untersuche einige Aspekte, die mit der Praxis des Zuhörens als einer moralischen Handlung zu tun haben. Ich gehe davon aus, dass, wenn das Ziel darin besteht, eine Gesellschaft zu erreichen, die zur moralischen Anerkennung ihrer Individuen fähig ist, auch die besondere Handlung des Zuhörens moralisch sein muss2. Um dieses Thema anzusprechen, möchte ich einige Anmerkungen dazu machen, was es bedeutet, aus psychologischer und moralischer Sicht zu beobachten, wobei ich mich auf Kants Konzept der Menschenwürde stütze.
Moralische Anerkennung ist in diesem Zusammenhang ein grundlegender Aspekt des Aufbaus einer sittlich beeinflussten Gesellschaft, da der Mangel an moralischer Anerkennung die Fähigkeit einschränken kann, über das Leiden und den Kampf ihrer Mitglieder zu sprechen und so zu ihrer eigenen Gesellschaft zu werden.
Dieses Szenario macht durch Gewalt und eine Vielzahl von Ungerechtigkeiten die Erinnerungen der Flüchtlinge (und damit ihre Bezeugungen) zu ihrem allerletzten Gut. Sie werden durch die politischen und sozialen Umstände geschichtlich ausgeschlossen, und wenn es um ihre Bezeugungen und ihr Gedächtnis geht, gilt ihr Anspruch letztlich der Menschheit. In diesem Sinne ist die Bereitschaft, sich auf die Aussagen der Zeugen einzulassen, ein essentieller Bestandteil dafür, einem Gefühl der Aufnahme und des Selbstvertrauens in eine neue Gesellschaft, Gestalt zu geben.
Gleichheit ist ein Gefüge, das sich aus menschlichem Handeln ergibt, wenn es von Gerechtigkeit geleitet wird. Es ist ein Resultat des menschlichen Willens, wenn es darauf abzielt, Garantien zu schaffen, damit die Mitglieder bestimmter Gruppen letztlich gleich behandelt werden3. Menschlichkeit umfasst Gleichheit in der Weise, dass alle Variablen der sozialen Anerkennung, wie wirtschaftliche oder politische Position, ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht usw., bei der Zuerkennung dieser Gleichheit nicht betrachtet werden müssen.
In Systemen, in denen der Sinn für Menschlichkeit geschwächt ist, sind diese Unterschiede besonders vordergründig.4 Die Geschichte hat uns gezeigt, dass in autoritären, aber oft auch in demokratischen Regimen die mit sozialer Gerechtigkeit verbundene Gleichheit leicht ignoriert wird, wenn bestimmte Interessen miteinander in Konflikt geraten.
Für Kant erfordert der Aufbau einer sittlichen Gesellschaft, dass der Mensch als Selbstzweck behandelt wird. Seiner Ansicht nach haben alle Menschen einen Eigenwert, weil sie in der Lage sind, autonom zu handeln, d.h. nach der Bestimmung selbst auferlegter Gesetze (genauer gesagt, nach der Bestimmung des Willens durch das Sittengesetz). Als Person ist der Mensch „Gegenstand einer moralisch-praktischen Vernunft (...) ein Selbstzweck, d.h. er besitzt eine Würde (einen absoluten inneren Wert), durch die er von allen anderen rationalen Wesen Achtung vor sich selbst einfordert“5.
In vielen Fällen ermöglichen Versuche mit der Idee der Menschenwürde einen Umgang mit Menschenleben nach bestimmten Machtstrukturen. Politische Modelle, wie die oben beschriebenen, machen rationale Autonomie irrelevant und damit die Menschen, die als Mittel für politische Ziele in Betracht kommen.
Die Wiederherstellung der Anerkennung der Menschenwürde der anderen Person, ist ein essentieller Bestandteil im Kontext von Gesellschaften, die Flüchtlinge aufnehmen. Da die Zeugenaussage von der Empfänglichkeit des Zuhörers abhängt, spielt die Anhörung eine grundlegende Rolle im Zeugenprozess. Um moralisch wertvoll zu sein, muss das Zuhören als solches auf ein echtes Engagement für die Bildung einer gerechten Gesellschaft abzielen, zu der auch die Verantwortung gegenüber der Würde ihrer Mitglieder gehört6.
Als sittliche Verpflichtung beinhaltet die Entgegennahme eines Zeugnisses die Anerkennung dieser Person als menschliches Subjekt - und daher nicht nur mit Merkmalen ausgestattet, die die Kategorie Menschlichkeit definieren (die ich als Zuhörer auch teile), sondern auch als Selbstzweck. Die Anerkennung der eigenen Würde ist der erste Schritt, um die moralische Anerkennung von Flüchtlingen als menschliche Wesen zu fördern.
Wenn jemand von einer Erfahrung berichtet, gibt es verschiedene Grade der Beraubung der Menschenwürde dieser Person. Ein eigennütziges Zuhören wäre ein Extrem dieser Größenordnung. Näher an der anderen Extremität lägen verschiedene Zwischentöne epistemischer Ungerechtigkeit. Wenn z.B. ein Zuhörer ein moralisches Urteil auf der Grundlage impliziter Vorurteile fällt, setzt diese Person auch die Würde des Zeugen aufs Spiel. Denn schließlich verhindert diese Art von Ungerechtigkeit die Zuschreibung von Glaubwürdigkeit. Das heißt, die Anhörung einer Zeugenaussage kann Formen epistemischer Ungerechtigkeit implizieren, die die Zuschreibung von Würde und Glaubwürdigkeit von Aussagenden blockieren. Als Folge davon wird das richtige Verständnis der Erfahrung, auf die man hört, untergraben7.
Aus psychologischer Sicht ist die Zeugenschaft ein Sprechakt, der als Teil des Prozesses Erinnerungen hervorruft. Marcel Proust hat mit dem Konzept des unfreiwilligen Gedächtnisses gezeigt, dass das Funktionieren der Mechanismen, nach denen das Gedächtnis funktioniert, nicht unbedingt intentional ist. Viele Flüchtlinge gehen auf persönliche und kollektive Erfahrungen von Gewalt, Ungerechtigkeit und Verletzung ihrer grundlegendsten Rechte zurück. Bestimmte Erinnerungen sollen auch dann ausgelöst werden, wenn der Wunsch, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen, nicht vorhanden ist, was z.B. bei psychologischen Störungen häufig eine Rolle spielt.
Zeugenschaft bringt vergangene Ereignisse ans Licht, die mit negativen Erfahrungen von Staatsbürgerschaft und Würde verbunden sind und impliziert den Schmerz des Wiedererlebens der Vergangenheit. Als Opfer von Gewalt und Rechtsverletzungen evoziert ihr Zeuge den zweiten Aspekt der Erinnerung. Um zu wollen, dass die Ereignisse auf eine andere Art und Weise stattgefunden haben, ist es notwendig, dass ein(e) Zeuge/in ein wertendes Urteil über den Inhalt ihrer/seine eigenen Erinnerung abgibt.
Die Entrechtung der Würde der/des Zeugin/en ist also kein ausschließliches Problem mehr. In dem Moment, in dem man eine Erfahrung erzählt, muss sie/er sich nicht nur mit dem Leid auseinandersetzen, das die Erinnerung an den Verlust ihrer/seine Staatsbürgerschaft verursacht, sondern vor allem mit dem Verlust ihrer Würde als menschliche Person. Diese Erfahrungen tauchen durch die Erinnerung wieder auf und ihr Wert ergibt sich aus dem Urteil, das das Opfer über den Inhalt seiner eigenen Erinnerung fällt.
Deshalb trägt das Erinnern und die Formulierung eines Urteils über die Vergangenheit dazu bei, Zeugnis als moralisches Unterfangen zu geben. Moralisches Handeln muss, wie Kant betont hat, viel mehr als Gefühle beinhalten, die einen Handelnden treiben. Es muss eher die Anerkennung der Pflicht beinhalten und vor allem, dass die ausgeführte Tat in Übereinstimmung mit dem Sittengesetz begangen wird.
Wenn die Person, die eine Zeugenaussage erhält, sich dieser Zusammenhänge nicht bewusst ist, ist es nicht möglich, für die Bemühungen der anderen Personen angemessen Rechenschaft abzulegen. Wenn wir uns unserer impliziten Voreingenommenheit nicht bewusst sind, untergraben wir auch die moralische Handlung, da der moralische Wert direkt mit dem Interesse an der Richtigkeit einer Handlung verbunden ist.
Zeugenschaft ist eine Aussage, die sich an ein anderes Subjekt - und an eine Gesellschaft - richtet. Der Aufbau moralischer Gesellschaften hängt von der Verpflichtung dieser Subjekte ab, die Zeugenaussagen ihrer Mitglieder entgegenzunehmen. Die moralische Anerkennung der Zeugen hängt mithin ebenfalls von der individuellen Herangehensweise des Zuhörers ab.
Wenn also das Ziel die Errichtung einer moralischen Gemeinschaft ist, erfordert die Handlung des Zuhörens ein Engagement für die Entwicklung und Verbesserung eines tugendhaften Zuhörens. In diesem Zusammenhang sind das Engagement für die Zuschreibung der Menschenwürde an die Zeugen und die Glaubwürdigkeitsgarantien selbst Punkte von höchster Bedeutung. Die Schaffung einer moralischen Gemeinschaft, das Streben nach der Verbesserung eines interessierten und unvoreingenommenen Zuhörens und die Vermeidung anderer Hindernisse für die Zuschreibung von Würde und Glaubwürdigkeit ist ein wichtiger Aspekt, um den Zeugen einen sicheren Platz in einer neuen Gesellschaft und letztlich ihre Menschlichkeit zu gewährleisten.
Bibliographie
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Bayefsky, R. (2013). Dignity, Honour, and Human Rights: Kant's Perspective. Political Theory(41), 809-837.
Grahle, A. (2019). In the City’s Public Spaces: Movements of Witnesses and the Formation of Moral Community. In S. D. Emma Cox, Refugee Imaginaries: Research Across the Humanities. Edinburgh University Press.
Herman, B. (1993). The Practice of Moral Judgment. Cambridge: Harvard University Press.
Horsman, R. (1981). Race and Manifest Destiny: The Origins of American Racial Anglo-Saxonism. Harvard University Press.
Kant, I. (2017). The Metaphysics of Morals. (L. Denis, Ed., & M. Gregor, Trans.) Cambridge University Press.
Morrison, M. A. (1999). Slavery and the American West: The Eclipse of Manifest Destiny. University of North Carolina Press.
Pike, G. K. (2010). What 'Really' Is Eugenics? Bioethics Research Notes(22).
Proust, M. (1953). Les Plaisirs et les jours. Paris: Gallimard
1 Grahle (2019) befasst sich mit verschiedenen Aspekten der Bewegungen zwischen Zeugen und einer Aufnahmegesellschaft und konzentriert sich dabei besonders auf die öffentlichen und kollektiven - aber auch persönlichen - Aspekte dieser Dynamiken als eine Art des Engagements bei der Gestaltung einer moralischen Gesellschaft. Er betont, dass beide Aspekte Quellen moralischer Anerkennung sind und direkt eine Haltung der Zeugenaufnahme implizieren.
2 Obwohl genau diese Prämisse noch weiter argumentiert werden muss.
3 Arendt, H. (1935), p. 335.
4 Zum Beispiel bildete die rassistische Ideologie des nationalsozialistischen Deutschlands den Rahmen für die Praxis der eugenischen Doktrin. Sieh nach Pike, G. (2010). In ähnlicher Weise wurde die im 19. Jahrhundert in den USA praktizierte häusliche Sklaverei durch die Doktrin des offenkundigen Schicksals gerechtfertigt, die das amerikanische Volk von seiner vorausgesetzten Tugend, eine gute Regierung zu schaffen und das Christentum zu propagieren, abrückte und gleichzeitig die Menschlichkeit der Sklaven und der amerikanischen Ureinwohner kompromittierte. Sieh nach Horsman, R. (1981) und Morrison, M. (1999).
5 Kant, I. (2017). 4:435.
6 Eine Anwendung von Kants Theorie des moralischen Wertes würde uns zu dem Schluss führen, dass eine Handlung, die ohne richtiges Engagement, d.h. ohne Interesse an der Sittlichkeit dieser Handlung, vollzogen wird, eine Handlung ohne moralischen Wert ist. Daher ist die moralische Anerkennung der anderen und die moralische Relevanz ihrer Aussage notwendig, um der Handlung des Zuhörens einen moralischen Wert zuzuweisen. Sieh nach Herman, B. (1993) und Baron, M. (2002). Für eine Systematisierung der Idee der gleichen Menschenwürde bei Kant siehe Bayefsky, R. (2013).
7 Ein Zuhörer mit einer religiösen Voreingenommenheit, die von Natur aus zielgerichtet ist, könnte es zum Beispiel schwierig finden, die Würde von Flüchtlingen anzuerkennen, weil ein solcher religiöse Glaube die Neigung bestimmt, Urteile zu fällen, wie „dies geschah, weil es Gottes Wille war“. Ebenso kann ein sexistischer Zuhörer möglicherweise nicht in der Lage sein, einem Zeugnis eine Frau zu glauben, da die implizierte Idee, die Frauen mit der Neigung zur Dramatisierung von Situationen in Verbindung bringt, ein Hindernis für eine solche Zuschreibung darstellt.