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Das Herz Zürichs ArbeiterInnen- und ImmigrantInnenviertel, Ort des Widerstandes, so genannte Problemzone, Sandkasten für Spekulation und Stadtplanung: Im Zürcher Kreis 5 wird auch gelebt. Wie?
«Home sweet Home» steht an der Aussenmauer. Und süss ist es wirklich hier: Im Garten blühen Flieder und Magnolien, wölbt sich ein Kirschbaum und recken sich grosse Tulpen in die Frühlingssonne. Gleich dahinter liegen die Bahngeleise, ein Zug rattert vorbei. Ein wenig Fernweh kommt auf – ob der Zug nach Istanbul oder Rom fährt? Auch die Schwarze blickt ihm nach. Entspannt sitzt sie auf ihrem Gartenstuhl, zufrieden mit der Welt und dem Quartier. Doch Auskunft über ihre Gefühle will sie keine geben, obwohl sie schon siebzehn Jahre hier lebt. Sie blinzelt nur ungerührt mit ihren grünen Augen, denn die Schwarze ist eine Katze.
Die Schwarze wohnt mitten im Herzen von Zürich, an der Zollstrasse 119, gleich neben der Bahnunterführung der Langstrasse. Egal, ob die Mitte der Stadt nach Bodenfläche oder EinwohnerInnenverteilung ermittelt wird – sie liegt in beiden Fällen im Bereich dieser Unterführung, die die Kreise 4 und 5 verbindet. Unter dem Namen Aussersihl gehörten diese Kreise lange zusammen, sie wurden erst mit dem Bau der ersten schweizerischen Bahnlinie Zürich-Baden räumlich und schliesslich 1913 auch politisch getrennt. Am 1. Mai 1890 feierten die Zürcher ArbeiterInnen ihren ersten «Tag der Arbeit» mit einem Demonstrationszug von Aussersihl in die Stadt. Ein Jahr später wurde anlässlich der 600-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft der Schweizer Nationalfeiertag ins Leben gerufen – und die Bahn karrte viele spanische Brötchen für die Bratwürste heran.
Die Eisenbahn prägte die Entwicklung des Kreis 5 nachhaltig und teilte ihn durch das Bahnviadukt Richtung Oerlikon wiederum in zwei Hälften. Im hinteren Teil, dem Quartier Escher Wyss, und entlang der Sihl siedelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Industrie an. Im vorderen Teil, dem Quartier Gewerbeschule, entstanden in der Folge in rasantem Tempo Wohnungen für die ArbeiterInnen – und später die Kunstgewerbe- und die Berufsschulen. Obwohl sich seither vieles verändert hat, einiges neu gebaut und noch mehr geplant wurde, blicken hier Häuser und Menschen auf eine lange Geschichte zurück. Im Quartier Escher Wyss dagegen bleibt kaum ein Stein auf dem anderen: Dort entsteht das neue Zürich West, liegt – vom neuen Stadion bis zum «Puls 5» – Zürichs liebster Sandkasten für Investoren, Stadtplanerinnen und den Stadtpräsidenten Elmar Ledergerber.
Von der kalten Öde des Turbinenplatzes beim «Puls 5» ist an der Zollstrasse 119 wenig zu spüren. Reni und Axel rücken den Gartentisch unter dem Kirschbaum zurecht, offerieren ein Bier und erzählen vom Haus, das mit seinen vier sehr niedrigen 2 1/2-Zimmer-Wohnungen um die Jahrhundertwende gebaut wurde. Sie ist vor einem Jahr aus dem Kreis 4 hierher gezogen, er wohnt schon seit 1983 hier. Im Haus lebten früher auch ein im Kreis 5 geborener VBZ-Chauffeur und eine italienische Familie mit drei Kindern. Dusche oder Bad gab es auf keiner Etage, zwei WCs für alle im Treppenhaus. In der Zwischenzeit haben die BewohnerInnen das Haus selbständig renoviert. Wie lange Reni und Axel hier noch wohnen können, ist fraglich. Nach der Beerdigung des HB-Südwests ist ein neues Projekt in Planung, das auf eine Gleisüberbauung verzichtet, aber entlang der Zollstrasse und ihres Pendants, der Lagerstrasse im Kreis 4, diverse Neubauten vorsieht. Frühester Baubeginn ist 2008. «Mit allen AnwohnerInnen haben Stadt und SBB gesprochen, weil sie vom Lärm betroffen sind», erklärt Axel, «nur mit uns nicht, die wir Wohnraum verlieren.» Neulich stand eines Tages plötzlich ein älterer Mann im Garten und schaute sich um. Die Schwarze erkannte ihn noch, es war der – mittlerweile pensionierte – VBZ-Chauffeur.
Seine alte Nachbarschaft hat sich verändert: schräg vis-à-vis stehen nun die «Docks», ein grauer Neubau, in dem eine Wohnung einiges mehr an Mietzins kostet als die gesamte Zollstrasse 119. Die «Docks» sind ein Paradebeispiel dafür, wie im Kreis 5 neu gebaut wird: gross, massiv, gesichtslos, mit maximaler Ausnutzung der möglichen Breite und Höhe. Bauten, die nur für sich selber sprechen wollen – und verdrängen, was in all den Jahren zuvor an ihrem Platz gelebt wurde. Die MieterInnen der Docks müssen in ihrem Treppenhaus und Hauseingang keine Folien und Spritzen wegwischen, dafür sorgen dicke Glastüren. Für viele andere Kreis-5-BewohnerInnen gehört dieses Ritual aber nach wie vor zum Alltag. «Mich stören die Junkies nicht», sagt Axel, «solange sie nicht in unserem Garten sind. Dafür, dass sie aber immer noch da sind, ist die Drogenpolitik der Stadt verantwortlich. Eigentlich hat sich nicht viel verändert, Männer pissen immer noch an unseren Gartenzaun.»
Um die Ecke der «Docks», zwischen mehreren Kebab-Läden, befindet sich an der Langstrasse 210 das Restaurant Kyburg. Es existiert seit 42 Jahren, die Holztische sind ein bisschen jünger. Aus der Jukebox erklingt ein volkstümlicher Schlager. Ursi wird vom Wirt zu einem Tänzchen aufgefordert, er ist Türke. Man trinkt Weisswein, es ist Samstagabend, Apéro-Zeit. Ursi weiss sehr Unterhaltsames über Dölf Ogi zu erzählen, ist eigentlich Berner Oberländerin und gerade auf dem Umzug von Wipkingen in den Kreis 5. Eine «Polyglotte mit Berner Einschlag» nennt sie Christian. Sein Berndeutsch ist ein bisschen weniger ausgeprägt, er wohnt seit 18 Jahren im Quartier.
Christian meint zum Quartier: «Das ist die schönste Ecke von Zürich» – und beginnt eine lange Rede: «Nenn es Ðmultikulturell», ein blödes Wort, aber das ist es. Und dann stellt die Polizei mit «Beine auseinander!» Neger an die Wand, nur weil sie schwarz sind. Jeden Tag ist die Polizei am Limmatplatz präsent, immer zu den Stosszeiten. Die sollen doch mal kommen, wenn wirklich etwas passiert, ansonsten ist das Steuergeldverschwendung. Und den Dealern sag ich jedes Mal: «Fix niemanden an, der im Quartier lebt!» Aber die müssen ja auch von etwas leben. Ich kenn viele Familien, die damals wegen der Drogenszene weggezogen sind. Nach Dübendorf und auf die Rehalp. Jetzt bereuen sies und möchten gerne zurück. Aber sie finden keine Wohnungen mehr. – Debii muesch doch d’ Chnöpf eifach au mit Tatsache konfrontiere! Und weisch, es alts Müeti wird sicher nöd im Chreis 5 überfalle, sondern am Züriberg. Mir passe uf enander uuf!»
Werner, 65, bis jetzt still am Tisch sitzend, pensionierter Töffkurier und seit 28 Jahren nebenamtlich Hauswart im Kreis 5, schaut bei diesen Worten auf. Am Sechseläutenmontag wurde er in der Motorenstrasse überfallen. Weil ihm drei Leute zu Hilfe eilten, ist nur sein Handy geklaut worden. «Das erste Mal in all den Jahren», sagt er, «früher war es einfacher und ruhiger.» Dann beginnt er von früher zu erzählen: Die Marlboro-Schachtel wird zur Langstrassenunterführung, rundherum wandert das Feuerzeug, das immer wieder eine neue Strasse anzeigt, um eine alte Geschichte zu erzählen. Die Gartenbeiz an der Zollstrasse, das Restaurant Josefstrasse, die «Bronx» mit dem Alteisenhändler und der Schreinerei, die irgendwann abbrannte. Dann nimmt Werner noch eine Zigarette aus der Marlboro-Unterführung und sagt, irgendwie abschliessend: «Es war besser als jetzt. Die Häuser gehörten zusammen: Die Leute, die darin wohnten, das war lebendig. Und überall konnte man reingehen.»
Aber was gehört überhaupt zusammen in diesem Kreis 5? Die Genossenschaftssiedlungen rund um die Josefswiese zu den Lofts im Steinfels-Areal? Der Carparkplatz zum Sihlquaihof mit seiner Holzwerkstatt? Die Coop-Mühle am Sihlquai – der wirklich letzte industrielle Betrieb – zum Migros-Museum? Die WOZ zum «Puls 5» an der Hardturmstrasse? Der Neubau anstelle der Wohlgroth zum Einkaufsprojekt «Zone 5»? Die Pétanque-SpielerInnen auf der Josefswiese zu den AutofahrerInnen auf der Hardbrücke? Die «Strähl»-BesucherInnen aus der ganzen Stadt zu den Junkies im Hinterhof des Kinos «RiffRaff»?
«Chreis 5 isch min Name und mis End isch nah, fühl mi immer schwächer, bald chan i nüme schtah», konstatierte der Zürcher Rapper EKR 1995, «wänn i zrugblick uf die vergangene Jahr, wird mer alles klar», und hob in den folgenden Zeilen zu Reimen an über: 42 Sprachen, Fluchen, Kuchen, Kohle, Hinterhöfe, Seitengassen, das Leid da, Sugar, Geld haben, die ewige Plage, Zuhälter und Dealer, multikulturell und Nachtleben und einen Stadtrat, der sich an seinen Schamhaaren aufhängen sollte.
Der Kreis 5 umfasst heute 209 Hektaren Fläche und 12 400 BewohnerInnen. Davon leben 9900 auf den 73 Hektaren des Quartiers Gewerbeschule, dem am dichtesten besiedelten Gebiet der Stadt Zürich – AusländerInnenanteil 41,9 Prozent. Im Escher-Wyss-Quartier wohnen 2500 Menschen auf 136 Hektaren. In ihrer Bevölkerungsprognose für das Jahr 2020 geht die Stadt Zürich für den Kreis 5 von einem Wachstum von 32,5 Prozent aus. Einzig Oerlikon/Seebach (10,6 Prozent) und Schwamendingen (4,4 Prozent) dürften demgemäss ebenfalls wachsen, alle andern Stadtteile verlieren an BewohnerInnen. Und während der eine Teil des Kreis 5 – nennen wir ihn den «alten» – im Schnitt der andern Quartiere (minus 8 Prozent) liegen würde, soll Zürich-West um 218 Prozent hinauf in neue Wohnbaugegenden explodieren, um schliesslich die prognostizierte BewohnerInnenzahl von 16′000 zu erreichen.
StatistikerInnen haben noch selten gute Märchen erzählt, hören wir also lieber noch einmal der Bevölkerung zu. Werner hat am 24. Dezember Geburtstag. Er schwärmt noch heute davon, wie er sich vor vielen, vielen Jahren mit zig anderen Geburtstagskindern im Migros-Hochhaus gratis verpflegen durfte. Das Migros-Hochhaus ist das höchste Gebäude im Kreis 5, Hauptsitz des Migros-Genossenschaftsbundes, und hat eine lange Geschichte: Bereits 1925 standen am Limmatplatz die ersten Migros-Büros. In den fünfziger Jahren begann die Planung für ein neues Verwaltungszentrum. Doch erst 1980 ging der Traum eines neuen Migros-Turms endlich in Erfüllung. Unter dem Titel «Das soziale Kapital wächst in den Himmel» hörte das «Tages-Anzeiger Magazin» damals ins Quartier und zitierte die Bevölkerung: «Die handeln nach Betriebsinteressen und lassen uns hier im Verkehr ersaufen.»
Heute kauft der Kreis 5 bei der Migros, aber auch anderswo ein. Nahe beim Röntgenplatz, einem der ersten Zürcher Plätze, die durch den Druck von AnwohnerInnen verkehrsberuhigt wurden, gibt es zum Beispiel an der Quellenstrasse den Supermarkt der SK Trading GmbH. Hier gibt es alles, was tamilische oder indische QuartierbewohnerInnen brauchen. Kathirgamanatha Subramaniam ist 1988 in den Kreis 5 gezogen und eröffnete einen kleinen Laden. Mittlerweile besitzt er zwei – einen Supermarkt und einen Stoffladen an der Josefstrasse. Eigentlich hat Kathirgamanatha keine Zeit, weil er an diesem Samstagnachmittag kurz vor Ladenschluss arbeiten muss, trotzdem erzählt er kurz seine Geschichte: «Ich habe mich hier immer wohl gefühlt.»
Auch beim Comestibles Morgillo an der Gasometerstrasse ist es kurz vor Ladenschluss. Seit 1985 wird der Familienbetrieb geführt. Eine ältere Kundin lobt die Artischocken, die sie letzte Woche gekauft hat, und fragt nach Käse. Mama Morgillo verschwindet nach hinten und serviert der Stammkundin einen Espresso. Die Chance für eine Frage: Signora Morgillo, wie hat sich der Kreis 5 verändert? «Ach, früher gab es weniger Geschäfte, wir konnten besser leben davon.» Hat sich Ihre Kundschaft verändert? «Nicht wirklich, es sind andere Leute, aber viele sind auch zurückgekommen. Plötzlich sind sie wieder da.»
Im Chornlade an der Fierzgasse 17, einem der ersten Bioläden Zürichs, ist die Kundschaft dieselbe geblieben, hat der Genossenschafter Oliver beobachtet: «Von den Familien über die BesetzerInnen bis zu den Freitag-Taschen-TrägerInnen kommen alle.» Doch, das Bewusstsein habe sich verändert: «Heute geht es weniger um ökonomische oder ökologische Überlegungen, sondern vor allem um Wellness.»
Direkt vor der Eingangstüre des Chornlade liegen die Fierzhäuser: schnuckelige Hüüsli mit Vorgärten, Gartentoren, diversen Quartierkatzen und fröhlichen Fassadenfarben: 1880 hatte sie der Aktienbauverein im Auftrag des Baumwollfabrikanten und Eisenbahnverwaltungsrates Heinrich Fierz gebaut; 1970 besass die Ernst Göhner AG Teile des Geländes und wollte diese neu überbauen. Dass es nicht zu einer weiteren Betonwüste kam, verdankt der Kreis 5 dem Widerstand der EinwohnerInnen und dem Heimatschutz.
Um die Ecke, am Limmatplatz, sitzt der Querschnitt des Kreis 5 derweil im Café El Greco, blinzelt in die Sonne und schaut den SPlern zu, die vor dem Migros mittels Stand und Infobroschüren Propaganda machen. «Eine Mischung aus Zeitungslesen, Schwatzen und Beobachten» sei das hier, meint ein Stammgast. «Lokalkino», fügt eine andere hinzu. «Lass uns die Häuser sprengen», meint dann einer im Scherz und deutet nickend auf die gegenüberliegende Hausfassade, «dann haben wir mehr Abendsonne!» Der Möchtegern-Sprengmeister blickt voller Liebe auf die 1909 erbauten Häuser – die erste städtische Wohnsiedlung.
Zur gleichen Zeit auf der Josefswiese, der grössten Grünfläche des Kreis 5: Leise klackern Kugeln aneinander, still schlotet im Hintergrund die Kehrichtverbrennungsanlage. Henri Werner, 81-jährig, sitzt auf einer Parkbank und schaut zu. 1965 hat er den Pétanque-Club Léman gegründet, 1971 wurde daraus der Pétanque-Club Zurich. Er hat nie im Kreis 5 gewohnt, ist aber seit bald 40 Jahren jeden Tag auf der Josefswiese, denn dort ist seine Heimat: «Am Anfang», meint er, «sprachen hier alle Französisch.» Mittlerweile zählt der Klub über hundert SpielerInnen, zum 35. Mal wird am 20./21. August der internationale «Grand Prix Zurich» ausgetragen. Und der aktuelle Schweizer Juniorenmeister, darauf ist Henri Werner schon ein wenig stolz, wurde auf der Josefswiese gross.
Neben Henri sitzt Jean-Marie Gebel und raucht eine Zigarillo. «Weisst du», fragt er mit leisen Anklängen von Baseldeutsch, «wie lange es brauchte, bis die Stadt uns hier endlich mal einen Scheinwerfer zur Verfügung stellte?» Dabei habe doch die Erfahrung gezeigt, dass dort, wo «gchügelet» werde, ein öffentlicher und damit auch sicherer Platz sei. Dann fängt er an, über das neue Stadion zu schimpfen. Jean-Marie wohnt seit 1972 in Zürich. Kürzlich hat er eine Wohnung mit See- und Alpenblick in Wollishofen gegen eine mit Fassadenansicht im alten Kreis 5 getauscht. 420 weitere Paare hätten sich ebenfalls dafür beworben, er und seine Familie haben sie bekommen. Doch nicht nur deswegen ist er glücklich: «Dieses Quartier ist lebenswert, man trampt einander nicht auf den Füssen rum.»
Während auf der Josefswiese die letzten Kugeln aufeinander prallen, gehen vis-à-vis im «Bogen 13» die Lichter an. Unter den Viaduktbögen wird eine weitere kulturelle Nacht eingeläutet: Vielleicht wird es HipHop, vielleicht Rock, vielleicht auch Theater sein. Noch bis Ende des Jahres werden im «Bogen 13» Konzerte, Partys und andere Veranstaltungen stattfinden. Dann saniert die SBB auch diesen Teil des Viadukts. Wie er danach genutzt werden wird, das weiss noch niemand – wer die voraussichtlichen Mieten bezahlen kann, auch nicht.
Und als am nächsten lauen Frühlingsmorgen in Zürich-West die letzten NachtschwärmerInnen aus den Vergnügungslöchern kriechen, fährt im Hauptbahnhof schon wieder der erste Zug nach Rom los. Auf dem Holzrost des Oberen Letten im Kreis 6 breiten derweil die ersten SonnenanbeterInnen ihre Tücher aus. Hinter ihnen sind die letzten Überbleibsel des Bahnbetriebs von den SBB beseitigt worden – und damit auch die Erinnerungen an einen Drogenumschlagplatz. Und wenn diese mediterranen ZürcherInnen in die Sonne blicken, sollten sie «Danke, Migros» sagen, denn der Genossenschaftsbund plante in den sechziger Jahren gemeinsam mit der Stadt genau vor ihrer Nase sein Hochhaus, dessen Schattenwurf bis weit nach Wipkingen gereicht hätte. Dafür hätten sie dann immerhin Anschluss an den City-Autobahnring, eine U-Bahnstation am Limmatplatz sowie eine teilweise Überdeckung der Limmatstrasse mit Betonplatten gehabt. Wenn das einer der Sonnenanbeter wüsste, würde er wohl einfach cool die Sonnenbrille hochschieben, kurz blinzeln und sagen: «Lass uns dieses Teil doch einfach sprengen!»