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Ginge es nach Lian Bichsel, dann könnte der NHL-Draft recht unspektakulär über die Bühne gehen. Warum nicht so, wie im letzten Jahr, als die Talentziehung der besten Eishockey-Liga der Welt coronabedingt via Bildschirm stattfand? Da fläzten sich zu Hause die Spieler mitsamt ihrer Familien auf dem Wohnzimmersofa oder in der Garten-Lounge und wurden dabei von einer Kamera gefilmt. Wurde das jeweilige Talent von einem NHL-Team ausgewählt, dann wurden die entsprechenden, intrafamiliären Jubelszenen eingeblendet.
Heuer herrscht nun wieder Courant normal. Das heisst, dass die grössten Eishockey-Talente des aktuellen Jahrgangs nach Montreal fliegen, wo der diesjährige NHL-Draft über die Bühne gehen wird. Auch Lian Bichsel wird heute ins Flugzeug steigen und in die kanadische Eishockey-Metropole reisen, wo in der Nacht auf den Freitag die Prozedur beginnen wird. Er wird dabei nur von seinem Agenten Frédéric Holdener begleitet.
Der Rest der Familie, Mutter Melanie, Vater André (ehemaliger Spitzenhandballer) sowie seine beiden Brüder Joel (spielt bei der U21 der Berner Young Boys Fussball) und Finn (spielt bei der U15-Elite des EHC Biel), bleibt in Bichsels Heimatdorf Wolfwil im Kanton Solothurn.
Dort, wo sich auch Lian Bichsel am allerwohlsten fühlt. Und weshalb er auch eben nichts gegen einen Draft im «Corona-Modus» gehabt hätte. Was aber natürlich nicht heisst, dass sich der 18-Jährige nicht auf die Talentziehung freut. Es würde für ihn – wie es seinem Wesen entspricht – einfach auch mit etwas weniger Brimborium gehen. Auch deshalb stört es ihn nicht, dass seine Liebsten anders als üblich nicht mit ihm im Bell-Center in Montreal auf der Tribüne sitzen werden und ihn, wenn er dann von einer der 32 NHL-Organisationen gedraftet wurde, mit Umarmungen, Küssen und High-Fives eindecken.
Lian Bichsel, der das Eishockey-Einmaleins beim EHC Olten erlernte, ehe er zum EHC Biel wechselte und von dort aus nach Schweden zu Leksand, wird am 7. Juli mit allergrösster Wahrscheinlichkeit in der ersten von insgesamt sieben Runden ausgewählt. Die Aktien des Solothurners sind in den letzten Wochen vor dem Draft nochmal stark gestiegen. Wurde er lange als später Erstrunden- oder Zweitrunden-Pick gehandelt, verdichteten sich zuletzt die Anzeichen, dass er früher über den Ladentisch gehen wird.
Mittlerweile wird er von einigen Experten sogar in der Region um die Position 15 gehandelt. Gut möglich, dass er der am höchsten gedraftete Schweizer Verteidiger wird. Bisheriger Spitzenreiter ist diesbezüglich Mirco Müller, den die San Jose Sharks 2013 an 18. Stelle wählten.
Ein Indiz darauf, wie interessant Lian Bichsel für die NHL-Teams geworden ist, gab der sogenannte «NHL-Draft-Combine» vor gut einem Monat in Buffalo. Dorthin wurden die besten Spieler des Jahrgangs eingeladen. Einerseits für Fitness-Tests. Andererseits aber auch für Interviews mit den interessierten NHL-Organisationen. Nach und nach füllte sich der Terminkalender, bis schliesslich alle 32 Team-Verantwortlichen mit Bichsel sprechen wollten.
Wo andere Schweissausbrüche bekommen würden, blieb Lian Bichsel gelassen. Er gibt offen zu, dass er sich «gar keine grossen Gedanken» gemacht hatte und auch gar nicht wusste, mit welchen NHL-Legenden die verschiedenen Organisationen zum Teil zu den Gesprächsterminen erschienen. «Im Nachhinein fragten mich andere Spieler, ob ich diesen und jenen Typen erkannt hätte. Das sei ein NHL-Star gewesen», erzählt er und fügt lächelnd an: «Ich hatte zum Teil wirklich keine Ahnung, wer diese Leute sind.»
Aber weshalb ist Lian Bichsel überhaupt so interessant geworden für die NHL-Teams? Da reicht ein Blick auf seine Körperdaten: 1,97 Meter gross ist er, 100 Kilogramm schwer. Das sind Werte, die bei jedem General Manager für glänzende Augen sorgen. Nun ist nicht jeder Spieler mit dieser Masse auch geeignet für die beste Liga der Welt, weil man dort gegen die mitunter blitzschnellen und wendigen Stürmer auch noch flink auf den Schlittschuhen unterwegs sein muss.
Aber Bichsel bringt eben nicht nur die Physis mit, sondern kann diese auch mit der nötigen «Bösartigkeit» umsetzen und fällt sowohl läuferisch als auch spielerisch nicht ab. Ein verlockendes Paket. An den Combine-Interviews wurde er unter anderem gefragt, welches Tier am ehesten seinen Charakter widerspiegle. Seine Antwort lautete: Ein Gorilla! «Ein Gorilla kann aggressiv sein, ist stark, ein Kämpfer, gleichzeitig aber auch ruhig und überlegt. Das passt recht gut zu mir», begründet er seine ungewöhnliche Wahl.
Generell fragt man sich angesichts des relaxten Charakters Bichsels, wie er auf dem Eis zu einem gefürchteten Verteidiger wird, der die Gegner mit seinen Checks und seinen Provokationen zermürbt? «Ich hatte diese Eigenschaft schon immer», sagt er achselzuckend. «Ich musste aber lernen, den Gegner clever aus dem Spiel zu nehmen. Früher landete ich auf der Strafbank. Jetzt ist es der Gegner.»
In Schweden, wo er in der vergangenen Saison bei Leksand in der SHL, der höchsten Liga, spielte, erhielt er von seinem Trainer bisweilen den Auftrag, die besten Spieler der gegnerischen Mannschaft aus dem Konzept zu bringen, was ihm regelmässig mit Erfolg gelang.
Was den Solothurner vermutlich daran hindert, dass er in den Top-10 gewählt wird, ist seine fehlende Kreativität. Bichsel erledigt seinen Job in der Defensive, vor allem gemessen an seinem Alter, bereits herausragend. In Leksand, wo man ihn ursprünglich nur bei den Junioren eingeplant hatte, erhielt er beim SHL-Team bereits viel Eiszeit und durfte Verantwortung übernehmen.
Kein Wunder, wird er in den allermeisten Scouting-Reports, als «zukünftiger Fels in der Brandung» jeder Verteidigung angepriesen. Dass er sich im Erwachsenen-Hockey in einer starken Liga so gut zu behaupten vermochte, machte ihn zu einem der interessantesten Spieler des Drafts. Sein NHL-Wunschteam? «Es spielt für mich keine Rolle, wer mich draftet. Ich hoffe einfach, es ist ein Team, das mit und an mir arbeiten will.»
Wo er sich steigern muss? «Sicher beim Spiel mit dem Puck, bei der Angriffsauslösung, generell in der Offensive», beschreibt Bichsel seine grössten Baustellen. Ein zweiter Roman Josi dürfte aus dem Solothurner nie werden, aber die Voraussetzungen für eine schöne NHL-Karriere sind bei ihm definitiv vorhanden. Sein Vertrag mit Leksand läuft noch ein weiteres Jahr. Geht es nach ihm, würde Lian Bichsel liebend gerne nach Schweden zurückkehren. Ihm ist aber auch klar, dass sein zukünftiger NHL-Arbeitgeber ein Wörtchen mitreden möchte bei der Zukunftsplanung.
Er und seine Familie werden den Ausgang des Drafts unaufgeregt zur Kenntnis nehmen. Aufregung scheint hier, in dieser ländlichen Idylle des 2000-Seelendorfs Wolfwil sowieso ein Fremdwort zu sein. Und so wirkt auch Lian Bichsel tiefenentspannt, wenn er sagt: «Ich bin gesund, meine Familie ist gesund, ich kann das als Beruf machen, was ich liebe. Was will man mehr?»
«Nein, ich ärgere mich nicht. Die Medaille ist genial», betonte Ehammer auf Anhieb. «Über 2 Tage gibt es Hochs und Tiefs. Wenn ich dann mal die Würfe im Griff haben, dann werde auch ich gefährlich.»