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|UB Basel|
|Archiv Aktuell-Meldungen - 23.10.2006

UB-Ausstellung an der Uni Bern: Gertrud Lutz-Fankhauser - Diplomatin und Humanistin
in der Unitobler
Lerchenweg 36, 3012 Bern
1. Untergeschoss
Das Historische Institut der Universität Bern und die Öffentliche Bibliothek der Universität Basel, in Zusammenarbeit mit dem Archiv zur Geschichte der Schweizerischen Frauenbewegung, Worblaufen/BE, dem Archiv für Zeitgeschichte/ETH Zürich und dem Schweizerischen Komitee für UNICEF laden zur Ausstellung über Gertrud Lutz-Fankhauser (1911-1995) ein.
Die UNICEF-Vizepräsidentin Gertrud Lutz-Fankhauser (Direktorin für Europa und Nordafrika, 1966-1971) wurde als Tochter eines Käsers im Emmental geboren. Nach Abschluss der Handelsschule in Bern wanderte sie in die USA aus, wo sie beim Schweizer Konsulat in St. Louis im Mittleren Westen zu arbeiten begann. Dort lernte sie ihren künftigen Mann, Carl Lutz, kennen. Statt in die Flitterwochen reiste das Ehepaar im Januar 1935 nach Palästina, wo Carl Lutz eine Anstellung als Konsularbeamter zugeteilt bekam, während seine Frau als unbezahlte Bürokraft mitarbeitete. Dort erlebten sie die dramatischen Unruhen und den Bürgerkrieg (1938-1939) zwischen Palästinensern und jüdischen Einwanderern, die vorwiegend vor den Nazis geflüchtet waren. Nach Ausbruch des II. Weltkriegs (September 1939) betreute Gertrud Lutz in Palästina die deutschsprachige Bevölkerung, v.a. die Frauen und Kinder, die als feindliche Ausländer in britische Gefängnisse und Internierungslager eingesperrt wurden. Im Oktober 1941 konnte sie Palästina verlassen.
Nach kurzer Erholung in Bern begleitete sie ihren Mann nach Budapest, wo er ab 1.1.1942 als Leiter der Abteilung für fremde Interessen bei der Schweizerischen Gesandtschaft zehn Staaten, die sich im Kriegszustand mit Ungarn befanden, vertrat. Bis zum Nazi-Einmarsch in Ungarn konnte Lutz mit seinen Mitarbeitern ca. 10'000 ungarischen und slowakischen Juden zur Ausreise nach Palästina verhelfen.
Vom ersten Tag der deutschen Okkupation an (19.3.1944) wurden die Juden in die deutschen KZs deportiert, vom 17. Mai bis zum 9. Juli 1944 wurden 437'402 von etwa 800'000 ungarischen Juden vernichtet.
Die Vertreter der neutralen Staaten – Schweiz, Schweden, Spanien, Portugal und der päpstliche Nuntius − begannen für die bedrohten Juden sog. Schutzbriefe auszustellen. Der Konsul Carl Lutz mit seinen schweizerischen und ungarischen Mitarbeiter/Innen bediente sich eines einfachen Tricks, um die Anzahl der bewilligten 7-8'000 Pässe für jugendliche Auswanderer nach Palästina in sog. Kollektivpässe umzuwandeln: in jeden Pass trugen sie Namen ganzer Familien und Sippen ein. Auf diese Weise konnten 62'000 jüdische Menschen gerettet werden. Auch die anderen Diplomaten stellten Kollektivpässe aus. Gertrud Lutz nahm aktiv an allen Rettungsaktionen teil und sorgte für die jüdischen Schützlinge in den 72 Schweizerhäusern. (Der Diplomat Raoul Wallenberg, der ab Juli 1944 in Budapest wirkte, betreute 32 Schwedenhäuser.) Auch während der Monate langen Belagerung von Budapest durch die Sowjetarmee brachte Gertrud Lutz mehr als fünfzig Menschen, die im Keller der Schweizerischen Gesandtschaft Zuflucht fanden, durch. Carl und Gertrud Lutz sowie ihre Mitarbeiter wurden als Gerechte unter den Nationen in Yad Vashem in Jerusalem ausgezeichnet.
Nach Kriegsende wurde die Ehe von Gertrud und Carl Lutz geschieden. Gertrud Lutz-Fankhauser fing an, für die Hilfsorganisation Schweizer Spende zu arbeiten. Im Januar 1946 fuhr sie mit einer Ärztemission nach Bosnien, 1946-1947 leitete sie eine Mission der Schweizer Spende in Finnland, anschliessend in Polen (1947-1948). Dort übernahm sie die Vertretung des internationalen Kinderhilfswerks UNICEF (1949-1950). Als "Chef de mission" der UNICEF betreute sie in Brasilien fast vierzehn Jahre lang Speisungsprogramme für hungernde Kinder, gründete Mütterheime sowie Fachschulen für Kinderpflegerinnen. 1965-1966 sorgte Gertrud Lutz in der Türkei (v.a. in Mittel- und Ostanatolien) für Hilfe im Gesundheits- und Schulwesen Die letzten Jahre vor ihrer Pensionierung (1966-1971) bekleidete sie die Funktion der Vizepräsidentin der UNICEF in Paris. Als sie in den "Unruhestand" trat, kehrte sie ins Familienhaus ihrer Eltern in Zollikofen bei Bern zurück. Dort wurde sie 1972 zur ersten Politikerin im Kanton Bern gewählt. Sie vertrat weiterhin die UNICEF auf Kongressen rund um den Globus, entwickelte eine breit gestreute Vortragstätigkeit und unterstützte die Frauen- und Friedensbewegung.
Gertrud Lutz-Fankhauser setzte sich unermüdlich für die Anerkennung ihres ehemaligen Mannes Carl Lutz und seiner Mitstreiter aus den Budapester Jahren – Harald Feller, des Delegierten des IKRK Friedrich Born u.a. sowie des verschollenen Schweden Raoul Wallenberg ein. Sie blieb aktiv bis zum letzten Atemzug. Gertrud Lutz-Fankhauser starb am 29.6.1995 während einer Zugfahrt unterwegs zu einer Fernsehveranstaltung an Herzversagen.
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog, als die erste Publikation über Gertrud Lutz-Fankhauser. Er ist während der Ausstellungsdauer in der Buchhandlung der Unitobler in Bern zu beziehen.
Für weitere Auskünfte steht gerne zur Verfügung:
Dr. Helena Kanyar Becker
Universitätsbibliothek
Schönbeinstrasse 18-20
4056 Basel
Tel. 061 267 31 25
<email-pii>
23.10.2006 / ka