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我快要离开西安了
(Wǒ kuài yào líkāi Xī'ān le, "Bald verlasse ich Xi'an")
Noch eine letzte Prüfung am nächsten Montag liegt vor mir, dann ist meine Schulzeit in der einstigen Hauptstadt Chinas vorbei. Die bereits absolvierten Prüfungen sind soweit gut gegangen. Interessant war zu sehen, wie anders mit Schummeln umgegangen wird. Am Ende der tingli-Prüfung (Hörverständnis) haben zwei meiner Klassenkameraden, in meinen Augen recht offensichtlich, noch kurz die Resultate abgeglichen; die Lehrerin schien das nicht gross zu kümmern. Auch bei der duxie-Prüfung (Lesen und Schreiben) wurden Schülerinnen, die miteinander flüsterten - ich glaube zumindest, dass es Flüstern hätte sein sollen - nur immer wieder verwarnt, Konsequenzen gab es keine. Recht starker Kontrast zu meinem Primarschullehrer, der eine Schülerin in der vierten Klasse beim Spicken erwischt hatte und den Test danach sofort einzog; Note: 1. Immerhin die Handys haben die Lehrerinnen anfangs eingezogen. Äusserst amüsant war auch jeweils der Auftritt eines Kameraden aus meiner Klasse, ein Tadschike, um genau zu sein. Er gab bisher jeden Test so früh wie möglich ab; nicht, weil er schnell war, sondern weil er schlichtweg keine Aufgabe lösen konnte. Grund hierfür: Er kann die Zeichen weder lesen noch schreiben und hat nie auch nur versucht, sie zu lernen. Was er genau in diesem Kurs machte, war mir auch ein Rätsel, auch wenn er sonst ein ganz angenehmer Typ war. Als ich ihn nach der ersten Prüfung mal nach seinen Absichten fragte, hat er gesagt, er brauche für sein Studium in "information technology" ein HSK 5, der zweithöchsten Zertifikatsstufe im Chinesischen und etwa mit einem B1 ähnlicher Abschlüsse in europäischen Sprachen vergleichbar (gemäss deutschem Fachverband Chinesisch). Unser Kurs schliesst nicht mit einem HSK ab, aber das Niveau unserer Prüfungen bewegt sich irgendwo zwischen HSK 2 und 3. Er entgegnete dann auf meinen Kommentar, er solle für dieses HSK aber eventuell etwas 努力学习 (nǔlì xuéxí, hart lernen), dass er es sich auch einfach kaufen könne, so teuer seien diese Diplome nicht, offenbar 2500 RMB, nach seiner Aussage. Ich enthalte mich jeder weiteren Bewertung dieses Statements.
Nun zum Training beim Xi'an Wushu Team. Da hat sich nicht viel geändert, auch wenn ich jetzt zumindest das Laufen in der Brückenposition so halbwegs beherrsche. Salti und Überschläge überlasse ich allerdings immer noch lieber den Chinesen, ich bleibe lieber auf dem Boden und mit dem Kopf oben. Erwähnenswert ist ein Training, bei dem die Trainer eigentlich nicht anwesend gewesen wären. Die meisten Trainierenden sind dennoch aufgetaucht, um selbstständig trainieren zu können. Als der Coach dann doch noch kam, gab er den Befehl zum 玩儿 (wánr), was so viel wie "spielen" oder "Spass haben" bedeutet. Wir haben dann die zwei Stunden Training mit verschiedenen Spielen verbracht, die teilweise sehr ähnlich mit solchen sind, die wir auch in der Schweiz kennen. Eines war eine Art "Ketten-Fangis", bei dem einer als Fänger anfing. Schaffte er es, jemanden zu fassen zu kriegen, wurde dieser auch zum Fänger und sie mussten nun Händchen haltend weitere Leute fangen. Das wurde weitergeführt, bis die Kette lang genug war, um als Mauer die ganze Halle abzusperren und die letzten wenigen zu fassen. Wem da der Begriff "Chinesische Mauer" in den Sinn kommt, denkt augenscheinlich gleich wie ich. Ich war bereits der zweite Gefangene, sie haben bewusst den Schweizer verfolgt. Immer gegen die Ausländer! Nach diesem Spiel haben wir einige Gruppenübungen gemacht (siehe Bilder) und später auch noch Hahnenkämpfe ausgetragen. Das war ein Training mal etwas anders.
Da inzwischen für die Chinesen die Sommerferien angefangen haben, trainieren sie nach einem strengeren Stundenplan. Anstatt der täglichen zwei Stunden am Abend, sind es jetzt zwei am Vormittag und zwei am späten Nachmittag. Ich halte weiterhin an meinen drei Trainings am Abend (bzw. jetzt eben Nachmittag) fest. Mein Körper hat sich unterdessen etwas an die Hitze und die Anstrengung gewöhnt, aber jeden Tag zweimal zwei Stunden in einer etwa 35 Grad heissen Halle zu trainieren, wäre mir dann doch zu viel. In solcher Hitze zu trainieren erinnert mich teils stark an die RS ... Der Hitzesommer musste schon genau während meiner RS 2018 sein, nicht wahr? Ja, ich weiss, bei euch war es letzte Woche auch nicht gerade angenehm, ich fühle mit all den Männern und Frauen, die jetzt gerade ihre RS absolvieren (halte durch, Jan, es sind "nur" 18 Wochen ...). Dass die Temperaturen in der Schweiz zeitweise weit höher waren als hier, hat bei jenen, die mich nach dem Wetter zu Hause fragten, für recht grosse Augen gesorgt. Die schöne schneeweisse Bergschweiz und beinahe 40℃? Das geht nicht in einem Satz. Aber naja, der Klimawandel geht auch an uns nicht vorbei.
Was ich jeweils nach den Trainings bereits mehrfach kennenlernen durfte, war die Kontaktfreudigkeit der Chinesen. Als ich mich mit einer Schülerin im Training über halbbatziges Chinesisch meinerseits und halbbatziges Englisch ihrerseits angefreundet hatte, kam nach dem Training der Vater auf mich zu und fragte, ob er mich zurückfahren solle. Ich habe das Angebot natürlich dankend angenommen. Auch das nächste Mal fuhr er mich zurück. Als er dann im übernächsten Training nicht da war, bot mir dafür die Mutter zweier Trainierender (Zwillinge) an, mich mitzunehmen. In beiden Fällen war es spannend, wie die Leute plötzlich doch Englisch können, zumindest ein bisschen, wenn sie merken, dass ich eine Frage nicht verstehe. Es hat sich dann meist so eingebürgert, dass sie es zuerst auf Chinesisch versuchen. Falls ich darauf nicht verstand, was sie sagten, fragten sie auf Englisch. Ich habe dann jeweils so gut als möglich auf Chinesisch geantwortet. Die Mutter der Zwillinge hatte eine Riesenfreude daran, mich über die Schweiz auszufragen. Als ich ihr sagte, dass wir vier Landessprachen hätten, hat sie grosse Augen gemacht. Dass man bei uns mindestens drei Sprachen lernt (oder im Falle des Deutschen wohl eher vertieft), hat für Überraschung gesorgt.
Auch wenn ich mich gut eingelebt habe und mich ebenfalls auf die zwei Wochen "nur" Herumreisen in China mit meiner Familie freue, bin ich dann doch froh, wenn ich wieder in der Schweiz bin. Ich dachte nie, dass ich einer für Heimweh sei, aber offenbar lag ich falsch. Wie viel man zu Hause hat, merkt man leider viel zu oft erst, wenn es einem schmerzlich fehlt; und sei es nur direkt trinkbares Hahnenwasser! Oder unzensiertes Internet. Naja, bald verlasse ich das Reich der Mitte und ein weiteres Kapitel meiner Ausbildungszeit kann ad acta (Ha! Ich wusste, dass ich Latein auch noch in den Text bringe, irgendwie) gelegt werden. Nur noch das Studium liegt vor mir, dann ist die Zeit als Schüler/Student auch in der Schweiz vorbei. Eine letzte Etappe 努力学习 (nǔlì xuéxí, hart lernen)!
Schöne Ferien euch allen, geniesst sie!
Sandro 2019 年 7 月 4 号