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Schweizerische Landesausstellung 1883 in Zürich
Inhalt
|Die Feierlichkeiten|
|Kellers Festkantate|

1883 fand am Platzspitz in Zürich die erste historisch anerkannte Landesausstellung statt, mit über 5000 Ausstellern und 1,7 Millionen Besuchern ein nationales Ereignis von bisher unbekanntem Ausmaß. Zusammenfassende Feststellung der Freitagszeitung:
Allgemeines Erstaunen darüber, was die Schweiz in der Industrie alles zu leisten imstande sei, aber auch Bewunderung des künstlerischen Geistes und feinen Schönheitssinnes, mit welchem die ganze Ausstellung angelegt und die Ehrenzeugen des schweizerischen Gewerbefleißes und des schweizerischen Kunstsinnes aufgestellt, angeordnet und herausgeputzt sind. Männer, die schon Weltausstellungen gesehen haben, bekennen laut, daß sie wohl schon größere und reichere Ausstellungen gesehen, aber noch keine so schön und zweckmäßig bis aufs kleinste gelungene.
Die am 1. Mai in der Tonhalle vorgetragene Eröffnungskantate stammte von Gottfried Keller, vertont von Friedrich Hegar. Es war, dem Tenor der Zeit entsprechend, ein Lob der Arbeit:
Vorangegangen war die Ouvertüre zum Sommernachtstraum von Mendelssohn. Die Veranstaltung in der Tonhalle schloß mit Kellers von Wilhelm Baumgartner vertontem Lied An das Vaterland.
Keller selbst nannte sein Gedicht Johann Viktor Widmann gegenüber "eine wahre Perlenschnur von Gemeinplätzen" (an Widmann, 22.4.1883). - Gegenüber seiner alten Freundin Maria Melos charakterisierte er am 7. Oktober 1883 die Dinge folgendermaßen:
Die Landesausstellung in Zürich, von der Sie schreiben, hat allerdings 5 Monate hindurch viel Geräusch gemacht. Wohl die Hälfte des Volkes in der Schweiz, 1½ Millionen Menschen, Männer, Weiber, Kinder, Städter u Bauern kamen herbei und glaubten, es sei jetzt eine bessere Zeit zu hoffen! Zu der Eröffnungsfeier mußte ich eine Cantate machen, welche die Leute so zu befriedigen schien, daß sie gegen den Schluß hin wiederholt wurde und bei einem eigenen Bankettlein der Componist mit einem Gemälde, ich mit einem hübschen goldenen Chronometer beschenkt wurde.
Und gegenüber seinem norddeutschen Freund Julius Petersen am 1. Juli 1883:
Seit 1 Mai ist eine sog. Landesausstellung in Zürich, die bis zum October dauert und unendliches Volk aus allen Winkeln der Schweiz herbeizieht. Dabei tägliche Musikaufführungen und Concerte. Das Orchester der Scala in Mailand, deutsche Regimentsmusiken, unser Tonhalleorchester eine gewaltige Uhrmacher-Musik aus Lachauxdefonds, Regatten mit Ruderclubs aus Paris, Lyon, München, Frankfurt, kurz ein Höllenspektakel. Das Beste ist noch eine Kunstausstellung neuer u alter Sachen in einem allerliebst gelungenen Holzbau im griechischen Tempelstyle ganz mit Gipsstuck bekleidet; in prächtig beleuchteten Sälen sind zwar nur etwa 600 Bilder neuester Zeit und einige Skulpturen, aber es darf sich doch sehen lassen. Unter den alten Sachen ist | eine starke Sammlung gemalter schweizerischer Glasscheiben das Wertollste; manche kostbare Scheibe ersten Ranges dabei.
Ich habe auch ein Geschäftchen dabei gemacht, nämlich eine Festkantate für die Eröffnungsfeier am 1 Mai, die gesungen und musizirt wurde trotz der sehr mittelmäßigen Verse. Vier Wochen später wurde ich mit dem Componisten zu einem "Erinnerungsbankett'chen" vom "Centralkomité" geladen und am Schluß mit einem goldenen Chronometer beschenkt, den der Hauptexperte und Juror im Uhrenwesen für mich ausgesucht hatte. Er geht auch auf die Minute. Ich aber war über diese unerhörte Generosität und Honorirung, da ich an gar nichts dergleichen gedacht, so verblüfft, daß ich in meinem Dankspruch mich unter die Bäume verirrte und diejenigen Leute leben ließ, welche die Bäume stehen lassen! Man hatte nämlich in einer alten Parkanlage einige schönere Bäume geschlagen, um Raum für die Gebäude zu gewinnen. Die Herren stießen auf die Grobheit dennoch tapfer mit mir an und schrien hoch! Der Componist, der hiesige Capellmeister Hegar, bekam ein Oelbild, Landschaft, das auf der Austellung hängt, in prächtigem Rahmen. Doch genug des Schwindels!
(nach dem Manuskript der Zentralbibliothek Zürich: Ms. GK 78a Nr. 21)

Kellers Festkantate

Cantate bei Eröffnung einer schweizerischen Landesausstellung in Zürich 1883.
Die Schifflein ruh'n, und schimmernd ausgebreitet
Erfreut das Auge der Gewebe Schwall;
Der Hammer schweigt, doch mit dem Lichte streitet
In tausend Formen das Metall.
Aus tausend Stoffen hat Gestalt gewonnen,
Was Not und Lust der Welt ersonnen;
Mit heil'gem Ernst, mit heiter'm Tand
Umdrängt uns das Gebild der Hand.
Es will sich zeigen Wehr und Lehre,
Und er, der mit der Scholle ringt,
Der Mann im Kampf um Brot und Ehre
Des Feldes Frucht zum Feste bringt.
Alle Kräfte, die da schliefen,
Jeden Fleiß, der schaffend wacht
Auf den Höhen, in den Tiefen,
Sehen wir zu Tag gebracht.
Und ein ganzes Volk will tagen,
Kind und Jüngling, Mann und Frau
Bringen hoffend hergetragen
Ihrer Hände Werk zur Schau.
Große Städte, Nationen
Eifern lang schon im Verein;
Aber wo wir Kleinen wohnen,
Darf die Müh' nicht kleiner sein!
Gleich stürmender Wolken geschlossenen Scharen,
So reih'n sich die Völker und drängen voran;
Da gilt es zu steh'n und sich regend zu wahren,
Wer rastet, geht unter im Staube der Bahn!
In stäter Bewegung ernährt sich die Kraft,
Die Ruh' liegt im Herzen dem Manne, der schafft!
Arbeit ist das wärmste Hemde,
Frischer Quell im Wüstensand,
Stab und Zelt in weiter Fremde
Und das beste Vaterland!
Vaterland! ja du mußt siegen,
Aller Welt an Ehren gleich:
Laß die Spreu von dannen fliegen,
Nur durch Arbeit wirst du reich!
(Textvorlage: Gesammelte Werke, 1889)