Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03236.jsonl.gz/1592

Geburtsort des Wolkenkratzers, Startpunkt der Route 66, eine spektakuläre Skyline und zudem die grünste Grossstadt Amerikas. Nachhaltige Projekte und über 200 Golfplätze tragen ihren Teil dazu bei. Ein Blick hinter die Kulissen des aufstrebenden Golferziels im Mittleren Westen.
Schon in den 1950er-Jahren sang Frank Sinatra in einer Hymne auf die Stadt: «You’ll lose the blues in Chicago.» Und auch heute ist die Metropole am Lake Michigan für viele die bessere Alternative zu New York – oder anders gesagt, das New York des Mittleren Westens. Dass Chicago sich zu einem Ort mit derartiger Lebensqualität mausern würde, war in den 1920ern noch nicht ersichtlich – damals, als der berüchtigte Ganovenboss Alphonse Gabriel «Al» Capone die Unterwelt beherrschte und ihr den Ruf als gesetzlose Stadt verschaffte. Dabei war der als «Scarface» (Narbengesicht) bekannte Mafioso abseits von Schutzgelderpressung, illegalem Glücksspiel und Alkoholhandel ein begeisterter Golfer.
Feuchtfröhlich und turbulent soll es zugegangen sein, wenn Al Capone und seine Gangsterfreunde auf dem Golfplatz von Burnham Woods südlich von Chicago die Golfschläger schwangen – mit von der Partie waren Jack «Machine Gun» McGurn, Fred «The Killer» Burke und Jake «Greasy Thumb» (Schmierdaumen) Guzik. Wenn die vier eine ihrer «500-Dollar-pro-Loch»-Runden drehten – den Flachmann stets zur Hand –, war es nicht ungewöhnlich, dass Meinungsverschiedenheiten in Handgreiflichkeiten endeten, berichtete Al Capones ehemaliger Caddie Tim Sullivan gegenüber «Sports Illustrated» im Jahr 1972.
IM GRÜNEN WANDEL DER ZEIT
Mit ihrem schlechten Ruf hat die berühmte Grossstadt am Lake Michigan bis heute zu kämpfen. Auch die weniger schmeichelhaften Beinamen helfen nur bedingt, ihr Image zu bessern: «The Second City» (nach New York City), «The Windy City» wegen des eisigen Winterwindes oder «Meatpacking City» (Stadt der Fleischverpackung) wegen ihrer Vergangenheit als Zentrum der amerikanischen Fleischverarbeitungsindustrie.
Mittlerweile werden die während der Industrialisierung genutzten Schlachthäuser nach und nach saniert und umfunktioniert. Aus der ehemaligen Ganovenstadt soll eine nachhaltige Vorzeigemetropole werden. Den Startschuss zu «Green Chicago» gab Ex-Bürgermeister Richard M. Daley bereits 1989, als er den ersten Baum der «Tree Planting Campaign» pflanzte.
Über 30 Jahre und eine halbe Million Bäume später haben alle Schnellstrassen der Stadt bepflanzte Mittelstreifen, der städtische Fuhrpark hat grösstenteils umweltfreundliche Hybridfahrzeuge und die City Hall, das Rathaus von Chicago, ein grünes Dach. Auch die rund 200 Golfplätze in und um Chicago herum tragen ihren grünen Teil dazu bei.
HARBORSIDE INTERNATIONAL: ZURÜCK ZUM URSPRUNG
Man könnte es fast Upcycling nennen, dass die beiden 1995 bis 1996 eröffneten Harborside-Golfplätze südlich von Downtown Chicago auf einer ehemaligen Deponie für Zement und Bauschutt erbaut sind. Ein kurzer Blick auf die zwei anspruchsvollen 18-Loch-Golfplätze reicht aus, um sich an die Anfänge des Golfsports zurückversetzt zu fühlen. «Als stünde man an einer der wilden, windgepeitschten Küsten Grossbritanniens und schaute auf eine britische Dünenlandschaft», beschreibt Harborside-Marketingmanager Brian Jordan die Plätze.
Baumlose Hügel, wirre Roughs und mit wilden Gräsern bewachsene Dünen zieren auch das Terrain am südlichen Fusse des Lake Michigan. Der renommierte Golfplatzarchitekt Dick Nugent erkannte das Potenzial und entwarf zwei aussergewöhnliche Linksstyle-Plätze mit je 18 Loch. Damit brachte er nicht nur die Tradition des Linksgolfs nach Chicago, sondern errichtete einen öffentlich zugänglichen und preislich zumutbaren Golfplatz vor den Toren der Stadt.
Kein anderer Golfkurs in der Umgebung setzt die zerklüftete, windgeplagte Landschaft, kombiniert mit kunstvoll gestalteten Fairways und gepflegten Grüns, so gut in Szene wie die beiden Par-72-Kurse namens Port und Starboard. Zum fantastischen Finish des 6600 Meter langen Port-Kurses gehören das berühmte Par 3 «Anchor Hole» (Nummer 15), gefolgt von drei Löchern, die sich unmittelbar am Ufer des Lake Calumet befinden. Der ähnlich lange Starboard-Kurs beeindruckt ebenfalls mit einem dramatischen Ende. Für das Par 3-Loch «Buccaneers Cove» (Nummer 17) wird ein mittleres Eisen benötigt, um die drei tiefen Bunker und das Wasser des Lake Calumet zu überwinden.
Der zweifache Major-Sieger Ben Crenshaw habe Harborside sogar mit dem berühmten Muirfield in Schottland verglichen, berichtet Brian Jordan stolz. «Für Harborside ist es eine Ehre, mit einem Ort verglichen zu werden, an dem bereits 16-mal die Open Championship ausgetragen wurden.» Zusätzlich zum einzigartigen Gefühl, auf einem Open-Championship-ähnlichen Platz zu spielen, gebe es noch die spektakuläre Aussicht auf Chicagos Skyline als Sahnehäubchen obendrauf.
COG HILL: VON GRÜNEM GRAS UND GRÜNEM GELD
Man glaubt es kaum, aber in einem kleinen, verschlafenen Ort mitten in Illinois wurde schon Mitte des 20. Jahrhunderts wahre Golfgeschichte geschrieben. Genauer gesagt geht es um den zirka 50 Kilometer südwestlich von Chicago liegenden Cog Hill Golf?&?Country Club.
Während zahlreiche amerikanische Spitzenklasse-Golfplätze nur privaten Clubmitgliedern vorbehalten sind, ist das Cog Hill im Des Plaines River Valley seit jeher für die Öffentlichkeit zugänglich. Ursprünglich nur ein simpler Bauernhof, der von drei nicht Golf spielenden Brüdern gekauft wurde, hat sich Cog Hill über die Jahre zu einem erfolgreichen Golfunternehmen gemausert. Und als im Jahr 1951 Joe Jemsek, der als Sohn ukrainischer Einwanderer selbst den Aufstieg vom Caddie zum Golfprofi geschafft hatte, das Zepter übernahm, schrieb Cog Hill sogar Golfgeschichte.
GASTGEBER DER PGA TOUR
Schon Jahre zuvor hatte sich Jemsek in dem selbst lancierten Fernsehprogramm «All-Star Golf» als grosser Verfechter des öffentlich zugänglichen Golfsports gezeigt. Ganz nach dem Motto «Grünes Geld für grünen Rasen» sollten weder die Abstammung noch die soziale Klasse darüber entscheiden, ob jemand Golf spielen dürfe. Wer bezahlen konnte, war auf dem Golfplatz willkommen.
Den Sieg nach Hause geholt hat Jemsek wortwörtlich, als 1990 Vorwürfe laut wurden, dass Afroamerikaner in vielen PGA-Tour-Golfclubs nicht willkommen seien. Diese Regeln mussten sich ändern, dachte Jemsek, und holte die Meisterschaften im darauffolgenden Jahr nach Cog Hill. Dafür wurde er sogar als «Patriarch des öffentlichen Golfs» gefeiert. «Sein unermüdlicher Glaube daran, dass jeder die Möglichkeit zum Golfen haben sollte, ist der Grund dafür, dass Cog Hill seit 100 Jahren so erfolgreich ist», erklärt Sohn Frank Jemsek.
Joe Jemseks Vision ging allerdings noch weiter. Er glaubte nicht nur daran, der breiten Masse den Golfsport zu ermöglichen, sondern wollte Cog Hill gleichzeitig in einer Reihe mit den Spitzenklasse-Golfclubs Amerikas sehen – die gleichen Standards, exzellenter Service und eine tadellos gepflegte Golfanlage.
Gesagt, getan: 1964 bekam Cog Hill einen vierten 18-Loch-Golfplatz, der von Dick Wilson und Joe Lee entworfen wurde. Mit engen Fairways versehen, hügelig und stark gebunkert, erfordert zum Beispiel Nummer 4 ein äusserst präzises, anspruchsvolles Spiel. Nicht umsonst bekam er den Spitznamen «Dubsdread», der sich von der Idee ableitet, dass ein schlechter Golfer sich vor der bevorstehenden Herausforderung lieber in Acht nehmen sollte.
CANTINGY GOLF: DIE HEIMAT EINER ZEITUNGSLEGENDE
Im Vorort Wheaton, rund 55 Kilometer westlich von Chicago, liegt das Cantigny-Anwesen, welches weit davon entfernt ist, nur ein Golfplatz zu sein. Das 500 Hektar grosse Areal gehörte einst Colonel Robert R. McCormick, dem ehemaligen Redakteur und Herausgeber der «Chicago Tribune», der in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle für den amerikanischen Journalismus spielte. Er machte aus einer einfachen Zeitung ein Medienimperium.
In seinem Testament wies der überzeugte Philanthrop an, dass sein Erbe der Öffentlichkeit zugutekommen und der Erholung und Bildung seiner Landsleute dienen sollte. So wurde nach seinem Tod im Jahr 1955 die Robert R. McCormick Foundation, eine Non-Profit-Organisation, ins Leben gerufen, welche bis heute das riesige Anwesen verwaltet.
Neben Museen und Gartenanlagen befinden sich auf dem weitläufigen Cantigny-Gelände auch drei 9-Loch-Golfplätze namens Woodside, Lakeside und Hillside, die als 9- oder 18-Loch-Runde gespielt werden können. Die 27-Loch-Anlage wurde von Roger Packard, Sohn des Architekten Edward Lawrence Packard, entworfen und bietet mit ihren rund 70 Bunkern, verschiedenen Teichen, Bächen und bewaldeten Abschnitten ein anspruchsvolles Golferlebnis.
So führt der 9-Loch-Woodside-Kurs mit fünf Par-4-, zwei Par-3- und zwei Par-5-Löchern zunächst durch dichtere Waldstücke, bevor das Grün von Loch 8 vollständig von Wasser umgeben ist. Cantigny Golf bietet trotz seines öffentlichen Charakters eine äusserst private Clubatmosphäre vor einer atemberaubenden Naturkulisse. Nicht umsonst wurde der Golfclub kurz nach seiner Eröffnung im Jahr 1989 zum «Best New Public Course in America» gewählt.
THE GLEN CLUB: TOM FAZIOS NORTH-SHORE-MEISTERWERK
Auch der vom renommierten Golfplatzarchitekten Tom Fazio entworfene The Glen Club im North-Shore-Vorort Glenview zählt zu den führenden Golfadressen Chicagos. Über 70 Jahre lang diente das Gelände der US-Marine als Flugplatz, bevor es sich in einen 18-Loch-Golfplatz verwandelte. Das rund 80 Hektar grosse, hügelige Terrain weist teils dramatische Höhenunterschiede auf – an manchen Bahnen bis zu zwölf Meter. Eine natürliche Vegetation, fliessende Bäche, geschickt platzierte Seen und die Chicagoer Skyline in der Ferne ergänzen den Par-72-Golfkurs.
Immer wieder sind Designelemente vertreten, die für Tom Fazio typisch sind: von höher gelegenen, mit Sandbunkern umgebenen Grüns bis hin zu beeindruckenden, von Wasser umsäumten Löchern. Eine der malerischsten Bahnen auf dem ganzen Platz ist das abschliessende Loch 18, ein langes Par 5 mit zwei Wasserhindernissen und strategisch platzierten Fairway-Bunkern, die äusserst präzise Abschläge erfordern.
Ob Frank Sinatra in einem dieser Clubs Mitglied geworden wäre, ist fraglich. Fest steht, dass er zu Lebzeiten durchaus Freude am Golfspiel hatte. Ein begnadeter Golfspieler war er jedoch nicht. Man sagt ihm sogar nach, den Ball zurück auf das Fairway geworfen zu haben, nachdem er ihn im Rough versenkt hatte. Seine Stimme war geschmeidiger als sein Abschlag. So oder so, he lost the blues in Chicago – ob auf oder neben dem Golfplatz ist unwichtig.
CHICAGO ENTDECKEN
Einblick in die Architektur von Downtown Chicago erhält man bei einer Fahrt mit der Hochbahn «L». Tolle Aussicht auf das Häusermeer hat man vom Skydeck auf dem Willis Tower. Im Sommer finden kostenlose Open-Air-Konzerte im Millennium Park statt. Gourmets schlemmen sich im Hallenmarkt French Market durch über 30 Verkaufsstände. Unbedingt eine Chicago-Style-«Deep Dish»-Pizza probieren.