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Er besuchte die Schule in einem kleinen Dorf. Einem Dorf mit fast doppelt so vielen Tieren wie Einwohnern. Diese Schule am Rande des Emmentals besuchte er während seiner gesamten Schulzeit. Begonnen hat seine Schülerkarriere ziemlich gut. Schon bald konnte er lesen und auch der Rest gelang ihm nicht schlecht. Er war ein aufgeweckter und interessierter Junge, der gerne viel erzählte. Seine Erzählungen handelten von Erlebtem und manchmal von seinen Phantasien. Doch dieser Junge, der also nicht ganz ruhig war und nicht den Normen der Lehrpersonen entsprochen hat, störte den Unterricht. Natürlich weiss man heute nicht, ob er den Unterricht wirklich so gestört hat und die Geschichten wirklich dermassen phantasievoll waren oder ob die Lehrerinnen einfach überfordert waren. Nun, es hiess also, der Junge habe oder sei ein Problem und man müsse schauen, dass ihm geholfen wird. Jetzt stell dir einmal vor, du bist eine Mutter oder ein Vater und eine Lehrerin erzählt dir mit deinem Kind stimme etwas nicht. Klar, du hast verschiedene Möglichkeiten. Du kannst es glauben oder du stellst dich gegen die Meinung der Lehrer. Natürlich kannst du auch versuchen die Aussagen zu ignorieren. Wobei Dagegenzuhalten und zu Ignorieren für Eltern eher schwierig ist. Sie wollen ja das Beste für ihr Kind und nicht, dass es negativ auffällt oder den Anschluss in der Klasse verliert. In so einer Situation unternehmen Eltern fast alles für ihr Kind und glauben dem Urteil der Lehrerinnen und suchen sich Hilfe. Da beginnt der verdammte Teufelskreis. Die Spirale, die sich in dieser Zeit zu drehen begann, möchte man keinem Kind zumuten: Erziehungsberatung, ADS (Fehl-)Diagnose, Jugendpsychologen- und psychiater, Kinderärzte, Ritalin. Ein Hin und Her über viele Jahre. So lange, dass du dich nicht mehr an alles erinnern kannst, aber irgendwann weisst, wie diese Psychotests funktionieren oder wie du mit diesen Leuten reden musst damit sie zufrieden sind. Die Eltern haben alles versucht, um dem Jungen zu helfen und die richtigen Leute zu finden, damit er eine gute Zukunft hat. Sie verbrachten zusammen viele Stunden in Zügen und Wartezimmern, bei Ärzten, Erziehungsberatern, Psychologen und Beraterinnen während die anderen Kinder draussen spielten oder ihre Hausaufgaben erledigten und deren Mütter sich um den Haushalt kümmerten oder sich mit Freundinnen trafen. Wenn man den Lehrerinnen glauben möchte, hat’s nicht viel geholfen. Aber klar verändert sich ein Kind mit diesen verfluchten Medikamenten, ewigen Gesprächen mit Erwachsenen, die Fragen stellen, Bilder zeigen und Geräte mit Knöpfen zum Drücken geben. Stell dir vor, die schreiben dir für jede Aussage, die du mit einer Krokodil-Handpuppe machst, irgendeine Beurteilung in ihre Akten. Logisch verändert sich deine Denkweise, du änderst deine Wortwahl und du hast das Gefühl, falsch zu sein. Du wirst immer mehr Fehler bei dir suchen und auch finden. Mit ungefähr 16 Jahren, als er selbst nicht mehr wirklich an sich glaubte und sich irgendwie mit dem Leben arranigiert hatte, meldete ihn seine Mutter bei einer weiteren Psychotante an. Zur Abwechslung war es aber diesmal eine Lerntherapeutin. Wenn sich diese als erste ein ganz eigenes Bild von dir macht und sagt, dass du gar kein ADS hast, ist das zuerst einmal ein befremdendes Gefühl. Du hast dein Leben mit dieser "Störung" verbracht hast und doch immer irgendwie tief in dir gewusst dass du nicht krank bist. Auch wenn diese neue Erkenntnis eine Erleichterung war, das bisherige Leben hat tiefe Spuren hinterlassen. Die folgenden Jugendjahre waren Scheisse und von vielen psychischen und körperlichen Einschränkungen geprägt. An eine entspannte Jugend war nicht zu denken. Während Jahren arbeitete er sich zurück in ein "normales" Leben. Er lernte sich anders zu sehen, nicht mehr als einen kranken Jungen sondern als Mensch mit eigenen Stärken und Schwächen. Er traf in der darauffolgenden Zeit auf Menschen, die an ihn geglaubt haben, seine Stärken sahen und förderten, ihm die Zeit gelassen haben, die er brauchte und ihm immer wieder auf die Beine geholfen haben. Die Zeit war nötig, denn er hatte einiges nachzuholen und aufzuarbeiten. Heute, nachdem dieser kleine, aktive und phantasievolle Junge von früher eine Detailhandelslehre absolvierte, eine Weiterbildung zum Marketingfachmann abschloss und sich als Coach weitergebildet hat, begleitet er selber Menschen. Menschen, die vor den Herausforderungen des Lebens stehen, einen freundlicheren Umgang mit sich selbst suchen oder herausfinden wollen was ihre eigenen Ziele sind. Dank seiner Vergangenheit bringt er viel Verständnis, Offenheit und Ehrlichkeit in seine Arbeit. Er hat selber viele Jahre gelernt (und lernt immer noch), wie man sich entwickeln kann. Er kennt Möglichkeiten, Schwierigkeiten und die Freude, die man hat, wenn man seinen eigenen Weg findet und geht.
Ich war zu laut,
ich war zu unruhig,
ich war zu neugierig,
Ich war ein kleines Kind.
Es hiess: mit dem stimmt was nicht.
Ich wurde anders,
ich wurde unkonzentriert,
ich wurde ausgeschlossen,
ich wurde beobachtet,
ich war noch jung.
Meine Gedanken drehten,
meine Gefühle spielten verrückt,
ich wurde wütend,
ich wurde traurig,
ich wurde immer verzweifelter,
ich war niemand mehr.
Ich wurde krank,
meine Gedanken schwarz,
konnte kaum mehr essen,
hatte Angst.
Angst,
vor den Menschen,
vor dem Leben.
Ich fühlte mich tot.
Aber dann!
Ich erwachte,
ich kämpfte,
ich trainierte,
ich verzieh.
Ich fand zu mir zurück,
lernte mich neu kennen.
Heute bin ich.
wach.
lebendig.
frei.