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Der koreanische Philosoph Byung-Chul Han erweist sich als kritischer, aber genauer Beobachter unserer Leistungsgesellschaft. Er hat in Berlin eine Professur inne und beschreibt in seinem kleinen Büchlein «Müdigkeitsgesellschaft» den Paradigmenwechsel von der Moderne zur Postmoderne. Die Disziplinargesellschaft des letzten Jahrhunderts, die ein Set von Regeln gesetzt hat, denen man zu entsprechen hatte, wird nach Han bestimmt von der Negativität des Nicht-Dürfen. Verbot, Gebot und Gesetz waren massgebend und forderten ein Subjekt des Gehorsams. Man war gefordert sich dem Druck zu unterziehen. Hierarchien, Macht-Ausübung waren für das Funktionieren zentral.
Die heutige Gesellschaft definiert er hingegen als Leistungsgesellschaft: an Stelle des Gebots und Verbots treten Projekt, Initiative und Motivation. «Können» tritt an die Stelle des «Sollen und Nicht-Dürfens». Das Subjekt wird selbst zum Unternehmer, der sich selbst zum Projekt des Marktes macht, das sich fortwährend zu optimieren und neu zu erfinden hat. Insofern hat der Mensch der Leistungsgesellschaft die Logik des kapitalistischen Marktes so verinnerlicht, dass er in totaler Identifikation gleichzeitig Ausbeutender und Ausgebeuteter oder Produkt ist. Dieses Subjekt der Leistung ist schneller und produktiver als das Subjekt des Gehorsams, bleibt dabei aber diszipliniert. Dieser Wechsel geht wohl mit einem Gefühl von Freiheit einher, führe aber nicht eigentlich zur Freiheit, sondern eine Freiheit, die mit Zwang verbunden ist.
Han unterscheidet auch Krankheiten, die den laufenden Paradigmen-Wechsel begleiten. Im letzten Jahrhundert, das er das immunologische Zeitalter mit klarer Definition von Freund und Feind, von Innen und Aussen, von Eigenem und Fremdem nennt, wurde alles abgewehrt, was nicht den eigenen Werten entsprach. Das Fremde als Schlechtes oder Böses kam von aussen, war eine Bedrohung und musste eliminiert werden. Diese Disziplinargesellschaft erzeugte Verrückte und Verbrecher, die zum Schutz der Gesellschaft in speziellen Anstalten isoliert werden mussten.
Im Gegensatz zum viralen Zeitalter sind die Störungen in der Leistungsgesellschaft neuronal bestimmt: Depression, Burn-Out, Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS) sind typisch. Das sind Infarkte, Zusammenbrüche, die durch ein Zuviel an Positivität bedingt sind: immer mehr des Gleichen, die Beschleunigung macht krank und führt zu einer Erschöpfung oder eben einem Infarkt in Form eines Burn-Outs. Der depressive Mensch ist jenes animal laborans, das sich selbst ausbeutet, und zwar freiwillig, ohne Fremdzwänge. Ihm fehlt jede Souveränität, obwohl er meint, selbst der kreative Schöpfer und Schaffer zu sein. Er ist Täter und Opfer zugleich. Zurück bleibt ein entleertes, müdes Selbst, das – identifiziert mit den Idealen des immer Mehr und immer Besseren – weiter leisten will, aber nicht mehr Können kann, und deshalb im erzwungenen Stillstand auch nicht ausruhen und sich erholen kann. Total erschöpft und gleichzeit hyperaktiv angetrieben, hat sich der Mensch eigentlich verloren in diesem immer schnelleren Wettlauf.
Matthes und Seitz Berlin, 11. Aufl. 2015