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Passagen
Flanieren
Das Verb kennzeichnet ein gemächliches, oft wenig zielgerichtetes, von Ruhe- oder Denkpausen unterbrochenes Dahinschreiten von Menschen. Da manche diese Tätigkeit als Kulturgut auffassen und sie auch als solche beschrieben haben, mag es von Interesse sein, woher dieses Wort überhaupt kommt: Es hat eine etymologische Reise quer durch Nordwesteuropa hinter sich. Sein Ursprung liegt bei den Wikingern, die das Verb «flana» für überstürztes, achtloses handeln verwendeten. Mit den Wikingern gelangte es in die Normandie, wo die erwähnte Ziellosigkeit sich mit lateinischem Müssiggang vermählte – dort wird «flâner» auch als «Zeitvertrieb mit Bagatellen» gehandelt.
Das Flanieren als Kulturgut mit räumlichen Ausformungen entwickelte sich ab dem Mittelalter zum Zeitvertrieb jener, die Zeit zu vertreiben hatten: Neben entbehrungsbereiten Müssiggängern waren das hauptsächlich Adlige. In ihren Schlössern legten sie Wandelgänge an, die sich in der Folge zu Galerien entwickelten. Hier spazierten Edelleute geschützt vor der Witterung auf und ab, plauderten miteinander oder ergötzten sich an Kunstgegenständen, die entlang der Wände zur Schau gestellt wurden. Händler lieben Flanierende. Ihre Zeitreserven und ihre Unentschlossenheit bilden Geschäftsmöglichkeiten. Je besser die Bedingungen auf der Flanierstrecke sind, desto weniger sehen sich Flanierende veranlasst, sich zu beeilen. Sie lenken ihre Blicke auf die Auslangen entlang der Strecke und lassen ihrer Neugier freien Lauf. Eigentlich unterscheiden sie sich in ihrem Verhalten wenig von den eben erwähnten Edelleuten – möglicherweise fühlen sie sich – umworben von dienstfertigem Verkaufspersonal – auch ein bisschen wie solche.
Licht und Schatten
Öffentlich zugängliche Passagen, die ins Strassennetz eingebunden sind, erstaunten europäische Reisende, die sich im 16. und 17. Jahrhundert in den Orient begaben. Die grossen Basare von Istanbul, Isfahan oder Schiras wurden durch ihre Berichte in weiten Kreisen berühmt. Schnell erkannte man damit auch die Möglichkeit, das Innere von Häusergevierten in Stadtzentren besser zu nutzen, indem man auf Strassenniveau geordnete «Schneisen» durch die Baumasse schlug. Nicht selten sind diese auch Abkürzungen für Leute, denen es nicht zum Flanieren zumute ist. Glasdächer bieten Schutz vor der Witterung. Im Gegensatz zum Orient ist der Luxus dieser gedeckten Passagen nicht der Kühlung versprechende Schatten, sondern das Fernhalten des Niederschlags. Der Bezug zum zenitalen Tageslicht ist das Charaktermerkmal der klassischen Passage europäischen Ursprungs.
1798 wurde in Paris die «Passage du Caire» eröffnet. Der Name, die französische Bezeichnung von Kairo, ist zwar dem anschliessenden offenen Platz und der Strasse entlehnt, doch erinnert er nicht nur an den siegreichen Feldherrn Napoleon, sondern auch an die orientalischen Ursprünge der Idee. 1819 konterte London mit der «Burlington Arcade». Beide Passagen existieren bis heute und zeigen, dass die Lage an einer Passage nach wie vor eine gute Adresse sein kann. Mit der Entwicklung der Industrialisierung und des Kapitalismus entwickelte sich auch der Typus der Passage. An verschiedenen Orten wurde aus der Nebensache die Hauptsache.
Das berühmteste Beispiel ist zweifellos die monumentale Galleria Vittorio Emanuele II, 1867 eröffnet und eine der Hauptattraktionen im Zentrum von Mailand. Die Bezeichnung der Passage als Galerie deutet an, dass hier das Spazieren und die Musse mindestens so wichtig sind wie der Handel mit Waren oder Dienstleistungen. Eine andere Weiterentwicklung war die Mehrgeschossigkeit; das Strassenniveau wurde gewissermassen gefaltet und gestapelt, doch noch immer war ein direkter Anschluss ans öffentliche Wegnetz gewährleistet. Mit dieser Ausdehnung in die Vertikale blieb nur noch ein kurzer Schritt bis zum Warenhaus, das oft auch als Galerie bezeichnet wird, aber meistens klar beschränkte Öffnungszeiten hat.
Walter Benjamin
Einer der berühmtesten Flaneure ist Walter Benjamin (1892 bis 1940). Der deutscher Philosoph und Kulturkritiker war ein früher Städte-Reisender und erkundete das urbane Territorium als denkender Spaziergänger. Während mehr als einem Jahrzehnt arbeitete er an seinem «Passagen-Werk», das unvollendet blieb, aber für die Nachwelt eine unerschöpfliche Quelle an Hinweisen und Feststellungen darstellt. Das «Passagen-Werk» gilt als eine Geschichtsphilosophie des 19. Jahrhunderts, explizit aus der Sicht des 20. Jahrhunderts, in der Systematik eines historischen Materialismus, verknüpft mit theologischen Momenten. Es setzt sich zusammen aus zwei Exposés und mehreren Tausend thematisch geordneten Notizen, Zitaten und Exzerpten.
Es ist als Buch von mehr als 1000 Seiten greifbar, man bezeichnet es als eines der bedeutendsten Fragmente der deutschen Literatur. Der Umgang mit dem Erdgeschoss wird durch dieses Werk definitiv Bestandteil der abendländischen Kultur. Benjamin sammelte als Flaneur – und diesen Begriff füllend – Hintergründe über die Pariser Passagen. Er dehnte den Betrachtungsraum aus auf Strassen und Warenhäuser, Panoramen und Weltausstellungen. Das Erdgeschoss bleibt bei seinen Gedanken über Mode, Prostitution und Reklame im Fokus. Benjamins Entwurf einer «dialektischen Feerie» [sic!] von vernunftbasierten Träumereien will die Entwicklung des Kapitalismus anhand der Lebenswelten der Metropole illustrieren.
Ursprünglich soll er ein Essay von fünfzig Druckseiten geplant haben, doch sah er sich allmählich mit einer ausgeuferten Stoffsammlung konfrontiert, die er in den folgenden Jahren in sechsunddreissig Konvolute zusammenfasste, thematisch locker geordnet, und mit Schlagworten versah. «Die Arbeit über die Passagen setzt ein immer rätselhafteres, eindringlicheres Gesicht auf und heult nach Art einer kleinen Bestie in meine Nächte, wenn ich sie tagsüber nicht an den entlegensten Quellen getränkt habe. Weiss Gott, was sie anrichtet, wenn ich sie eines Tages frei lasse», schrieb Walter Benjamin in einem Brief an Gershom Scholem und setzte mit seinem Werk der Passage ein literarisch-philosophisches Denkmal.
Sehen und gesehen werden
Interessant an den Passagen ist die Mischung zwischen Glamour und Zweckdienlichkeit. Dies führte zu ganz unterschiedlichen Massstäben und Dimensionierungen dieses Typs des gedeckten Weges. Aber stets steht die Begegnung, das Sehen und Gesehen-Werden im Zentrum.
Das Auto ist ein natürlicher Feind der Passage. Es verhindert sie zwar nicht, wie man in zahlreichen Einkaufszentren erkennen kann, aber es behindert oder verunmöglicht einen nahtlosen Übergang zum Wegnetz und wertet den für die Passage unabdingbaren Fussverkehr ab. Ist ein solcher Übergang gesichert, scheint sich die Überlebensfähigkeit zu verbessern, wie die Beispiele «Passage du Caire» oder «Burlington Arcade» zeigen. Natürlich geht das allgemeine Problem der Erdgeschossnutzung auch an Passagen nicht spurlos vorüber.
Flanieren ist eine Kunst, und sie droht da und dort verloren zu gehen. Passagen sind ein optimales Übungsterrain, will man sie zurückerobern. Eine mögliche Neuinterpretation zeigt das hier abgebildete Beispiel in Providence, Rhode Island.