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Das Filmfestival Locarno widmet dieses Jahr unter dem Titel "Manga Impact" dem japanischen Animationsfilm eine umfangreiche Retrospektive. Am Montagabend eroberte diese Welt aus Helden und Robotern die Piazza Grande.
Festivaldirektor Frédéric Maire nannte Isao Takahata einen der grössten Filmemacher der Welt. Aus diesem Grund wird der Japaner in Locarno auch mit dem Ehrenleoparden ausgezeichnet.
Er hat Meisterwerke des japanischen Animationsfilms geschaffen und die alte Manga-Tradition in die Modernität geführt. Kurzum: Isao Takahata hat ein Stück Filmgeschichte geschrieben.
Es war der Animationsfilm La bergère et le ramoneur des Franzosen Paul Grimault aus dem Jahr 1952, der bei Isao Takahata die Leidenschaft für dieses Genre auslöste. Entscheidend war auch der Kontakt mit Michel Ocelot, dem genialen Regisseur des französischen Zeichentrickfilms Kiriku und die Zauberin.
Kritik im Westen
Takahata öffnete sich einem komplexen Universum, in dem sich Grafik, Fantasie, Mythologie und Philosophie kreuzen. In diesem kulturellen Ansatz werden ästhetische und philosophische Konzepte auf eine einfache Erzählform herunter gebrochen.
Die starke emotionale Bildersprache führte die japanischen Comics und Animationsfilme zum Erfolg. Manga eroberte in den 1960er- und 1970er-Jahren auch die jungen Leute in der westlichen Welt.
Goldrake, Mazinga, Dragon Ball und Akira sind nur einige Beispiele von Super-Helden, gegen die Eltern und Kritiker damals Sturm liefen. Zu banal und zu gewalttätig seien diese Figuren. Die Meinungen waren damals (zu) schnell gemacht.
Die Macht der Tiere
In seinem Film Pom Poko, der auf der Piazza Grande gezeigt wurde, erzählt Isao Takahata eine ökologische Fabel, in welcher er das zerstörerische Verhalten des Menschen gegenüber der Umwelt thematisiert. Die Tanukis, eine Art Mischung aus Hund und Waschbär, verwandeln sich dank einer uralten Technik in andere Wesen, um ihren Lebensraum zu verteidigen.
Isao Takahata erklärt, "dass die Tiere in Japan auf einer Daseinsstufe mit den Menschen stehen." Die Macht der Tiere in den Animationsfilmen ermöglicht es somit, direkt mit den Menschen zu kommunizieren. "So lässt sich ein direkter Kontakt mit der Natur herstellen, der durch die Modernisierung kompromittiert wurde. Die Tiere sind Vermittler in diesem Verständigungsprozess," sagt der japanische Meisterregisseur.
Die Beziehung des Menschen zur Natur wird in Mangas häufig thematisiert. Es wird gezeigt, wie der Mensch die Natur zerstört. Ursachen der Umweltverschmutzung werden angeprangert. Unterschwellig wird die Botschaft lanciert, eine im Shintoismus vorhandene, aber verloren gegangene Harmonie zwischen Mensch und Natur wieder zu erreichen.
Verwundbare Helden
Eigentlich sind Mangas nichts anderes als Vertrauensbeweise in menschliche Werte und die menschliche Schaffenskraft. Die Menschen zeigen dabei ihre rationale Überlegenheit insbesondere gegenüber Robotern, die nur in logischen und vorgefertigten Schemata "denken" können.
In den Mangas spiegeln sich aber auch andere Komponenten der japanischen Kultur, beispielsweise die Kraft der Gemeinschaft.
Während etwa amerikanische Helden immer Alleinkämpfer mit übernatürlichen Kräften sind - beispielsweise Batman, Superman oder Spiderman - sind die japanischen Helden durchaus verwundbar. Es handelt sich häufig um Heranwachsende, die Roboter steuern.
Amerikanische Helden strotzen vor Kraft, japanische appellieren an die Willenskraft, an das Pflichtbewusstsein, an ethische Prinzipien und den Teamgeist.
Teil unserer Welt
Manga hatte einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die westliche Welt. Der amerikanische Regisseur Quentin Tarantino konnte sich der Faszination der Mangas nicht entziehen. In seinem Meisterwerk Kill Bill hat er Erzählstil und stilistische Formen des japanischen Animationsfilms einfliessen lassen.
Carlo Chatrain koordiniert das Projekt "Manga Impact" am Filmfestival von Locarno. Er ist persönlich nicht besessen von diesem Genre, aber ein aufmerksamer Beobachter. "'Manga Impact' versucht, den Einfluss von Manga auf Personen zu analysieren. Dabei sind nicht nur Filmschaffende gemeint", sagt Chatrain gegenüber swissinfo.ch.
"Wir selber geben eigentlich schon eine Antwort. Dass das Filmfestival Locarno zusammen mit dem Filmmuseum von Turin diese Retrospektive zum japanischen Animationsfilm konzipiert, zeigt: Ein Phänomen, das in den 1970er-Jahren noch als primitiv und unpädagogisch galt, ist in Wirklichkeit schon dauerhaft in unser Leben eingedrungen", meint Carlo Chatrain.
Eine universale Botschaft
Der Koordinator der Retrospektive verweist schliesslich darauf, dass es der japanische Animationsfilm geschafft hat, ein jugendliches Publikum mit Themen zu konfrontieren, die eigentlich nicht in ihr Universum passten: Tod, Schmerz, Verlust der Eltern oder Naturgefahren.
Die Mangas helfen demnach Jugendlichen in einer gewissen Weise, Teil der Gesellschaft zu werden. Nicht alle Hauptfiguren dieser Filme sind Superhelden, aber sie verfügen stets über eine grosse Willenskraft, die Schwierigkeiten des Lebens zu meistern.
Somit übermitteln die Mangas letztlich universelle Botschaften, auch wenn der kulturelle und stilistische Kodex von den westlichen Schemata abweicht. "Isao Takahata hat es auf den Punkt gebracht: Trotz grosser kultureller Unterschiede sind wir alle Japaner, Italiener oder Amerikaner. Wir sind Ausdruck einer einzigen Menschheit", meint Chatrian.
Françoise Gehring, Locarno, swissinfo.ch
(Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob)
Isao Takahta
Isao Takahata, geboren 1935, studierte französische Literatur an der Universität Tokio. Er liess sich insbesondere von den Gedichten von Jacques Prévert faszinieren und entwickelte eine Leidenschaft für den französischen Film. Er studierte auch in Frankreich.
In Japan realisierte er die TV-Serien Heidi (1974), Marco (1976), Anne of Green Gables (1979). 1985 gründete er zusammen mit Hayao Miyazaki das legendäre Anime-Studio Ghibli.
Zu den bekanntesten Werken gehören Die letzten Glühwürmchen (1988), Pom Poko (1994) und My Neighbors the Yamadas (1999).
Manga und Anime
Das Wort "Manga" ist eine Zusammensetzung aus "man" und "ga" und bedeutet eigentlich "schnelles Bild". Das Wort hat sich als Begriff für Comics in Buchform und den japanischen Animationsfilm durchgesetzt.
In der Fachwelt spricht man lieber von "Anime", wenn von Zeichentrickfilmen die Rede ist, um diese von Comics abzugrenzen.
Als Mehrzahl von "Manga" ist im Deutschen sowohl "die Manga" als auch "die Mangas" üblich.
Manga-Nacht
Am Montagabend, 10.August, kommen Freunde des japanischen Animationsfilms auf der Piazza Grande von Locarno voll auf ihre Kosten. Gleich vier Streifen stehen im Rahmen einer Manga-Night auf dem Programm.
● Mobile Suit Gundam I (1981) in Anwesenheit des Regisseurs Yoshiyuki Tomino. Es handelt sich um eine Adaption einer legendären TV-Serie, welche das Roboter-Genre revolutionierte.
● La maison en petits cubes (2008) von Kunio Kato. Dieser Film wurde im französischen Annecy als bester kurzer Animationsfilm ausgezeichnet und erhielt den Oscar dieser Kategorie.
● First Squad: the Moment of the Truth (2009) von Yoshiharu Asino.
● Akira (1988) von Katsuhiro Otomo. Dieser bahnbrechende Kino-Anime wurde mit dem Silver Scream Award am Amsterdam Fantastic Film Festival ausgezeichnet.
swissinfo.ch