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Wespimühle
Wespimühle
Wieshofstr. 105
8408 Winterthur
Die Wespimühle, bereits 1600 urkundlich erwähnt, ist das bedeutenste Mühle-Denkmal in Winterthur. Bis zu neun Wasserräder trieben die Mühleeinrichtungen an. 1892 wurden sie durch eine 90 PS starke Girard-Turbine von Rieter ersetzt. Diese treibt noch heute über ein riesiges Umlenkgetriebe die Mühlen in den beiden Fabrikbauten an. Zudem erzeugt das Kleinkraftwerk heute Ökostrom, der ins Netz eingespiesen wird (reicht für zirka 40 EFH).
Wann an der Stelle der heutigen Wespimühle ein Mühlebetrieb gegründet wurde, ist ungewiss. Doch vermutlich geschah dies schon früh, denn tosend stürzt sich hier das Wasser über eine Sandsteinschwelle, so dass sich die günstige Gelegenheit bot, mittels eines Wuhrs das Gefälle zu vergrössern.
Herzog Friedrich von Österreich hat die Mühle „Zum Steg an der Töss“, wie sie damals geheissen hat, 1428 erworben, und sie ist zu Beginn des 16. Jahrhunderts zu einem Monopolbetrieb geworden. Bereits 1552 wird die zweite Generation Erb erwähnt, Alban Erb führte den Betrieb von 1588 bis 1598 Bis 1650, als Hans Bodmer die Mühle an der Töss kaufte, haben die Besitzverhältnisse unzählige Male gewechselt. Während rund 200 Jahren ist die Bodmermühle im Besitz dieser Familie geblieben. Nach 1854 wurde Ulrich Schwarz Besitzer und 1883 kaufte Heinrich Wespi-Schollenberger die Beimühle mit einem Wasserrad und das Werkstattgebäude mit Anbau und zwei Wasserrädern. Seither heisst der Betrieb Wespimühle.
Wenn auch aus früheren Jahrhunderten keine urkundlichen Berichte vorhanden sind, so lassen sich doch anhand eines Inschriftsteines, der über einem Steinbogen gegen die Brücke hin zu sehen ist, die Besitzer der letzten dreihundert Jahre ermitteln. Zu lesen ist die Jahrzahl 1653 beim Allianzwappen (die Familienwappen der beiden Ehepartner) und die Buchstaben HJB, die Initiale des damaligen Besitzers Hans Jakob Bodmer, einem Vertreter des Geschlechtes, das der Mühle den damaligen Namen „Bodmersmühle“ gegeben hatte. Das andere Familienwappen mit den Buchstaben BK ist das Zeichen der ersten Gattin Bodmers, der Barbara Keller von Embrach. Die Bodmer blieben bis 1854 auf dieser Wülflinger Mühle. Von der damaligen Erwerbung durch Ulrich Schwarz berichtet uns der Inschriften- und Wappenstein durch die Jahrzahl 1854 und die Buchstaben US. Die Zahl 1883 und die Buchstaben HW geben uns schliesslich Kunde vom Wechsel der Besitzer zu Heinrich Wespi aus Ossingen, der die Mühle zum Grossbetrieb ausbaute. Seither heisst die Mühle Wespimühle. Schliesslich verkündet die Jahreszahl 1917 die damals ausgeführte Erneuerung und Erweiterung der Mühle.
Die Wespimühle wurde in dieser Zeit laufend ausgebaut und verbessert. Die Arbeitsmaschinen zeigen eindrucksvoll den Stand der Technik vom Übergang der Sackmüllerei auf die vollautomatische Müllerei mit Walzenstühlen und Becherwerken, die 1830 in der Schweiz entwickelt wurden. Die ganze Produktion ist seit 1972 stetig modernisiert worden. Die maschinelle Ausstattung und die Bauten machen die Anlage zum Denkmalpflegeobjekt von regionaler Bedeutung. 1997 ging die Mühle in Konkurs und ging in den Besitz der L+B HGV AG über. Heinrich Wespi und seine Nachfahren, die Hablützels, betrieben sie in der vierten Generation bis zum Frühjahr 2010. Der Betrieb einer solchen Mühle lässt sich leider kaum mehr wirtschaftlich betreiben und eine Nachfolge-Müllerfamilie wurde nicht gefunden. Areal und Gebäulichkeiten wurde zu Wohnzwecken umgenutzt.
Texte auszugsweise aus „Baustein“ Hauszeitung der L+B-Gruppe
Ursprünglich war diese Mühle eine einfache Bauernmühle. Auf einem im Stadtarchiv aufbewahrten Plan aus dem Jahre 1784 sind noch vier Wasserräder eingezeichnet. Sie sind 1894 durch eine Turbine ersetzt worden.
Das Wohnhaus des Müllers wurde Mühlehof genannt. Er ist ein wuchtiger Baukörper und stellt ein klassizistisches Herrenhaus dar. Dieses spielt im Leben des Tössemer Dichters J.C. Heer eine wichtige Rolle. Hier lebte Heers Jugendliebe Ida Steinemann, genannt „Friedli“. Er schildert diese Romanze im Jugendroman „Joggeli“. Der verlorene und wieder gefundene Grabstein von Ida Steinemann steht heute etwas versteckt zwischen Pfarrhaus und Kirchgemeindehaus neben der reformierten Kirche Wülflingen. Auf einem einfachen Sockel ruht ein mit Efeu umrahmtes Kreuz, an dem ein Anker hängt. Darunter steht: Ida Elise Steinemann 1859-1876 „Friedli —solange mir durch die Heimat zu wandeln verliehen ist, sollst auch du mit mir wandeln.“ J.C. Heer seiner Jugendfreundin im „Joggeli“.
Bis im Frühling 2010 stampften im Inneren des Gebäudes Maschinen aus den beiden letzten Jahrhunderten. Später rattert nur noch die alte Turbine an einigen Tagen und wälzt Wasser durch den Mühlekanal. Sie muss von Zeit zu Zeit in Betrieb sein, damit sie der Stillstand nicht kaputt macht. Doch die Mahlmaschinen stehen still – obwohl die kantonale Denkmalpflege und der Unterstützungsverein Pro Wespimühle dafür weibelten, dass die Mühle voll funktionstüchtig bleibt. Mit ihrer 500-jährigen Geschichte gilt sie nämlich als wichtiger Zeuge des Industriezeitalters. Doch dieses Vorhaben war von Anfang an schwierig und scheint nun ganz gescheitert zu sein. Im letzten Jahrzehnt des 20. Jhdt. musste der ehemalige Müller mit seiner Aktiengesellschaft Konkurs anmelden und alle fünf Häuser der Mühleanlage gingen in den Besitz des Winterthurer Bauunternehmens L+B AG über. Der Müller und der neue Besitzer waren sich über den Fortbestand der Wespimühle nicht einig, in den kommenden Jahren verhärteten sich die Fronten, und als das Müllerpaar in Pension ging, fehlte die Nachfolge.
L+B-Geschäftsleiter Robert Hofer sagte es sei naiv, zu glauben, dass sich ein Schaubetrieb wirtschaftlich führen lässt. Es hat sich ein Unterstützungsverein gebildet, der ein Weiterbetrieb als eigenständiges Unternehmen sichern wollte. Als sich dieses Ziel als unrealistisch herausstellte, dachte man an einen «Schaubetrieb». Der Unterstützungsverein hatte zum Ziel, an einem Samstag pro Monat die historischen Müllereianlagen in Betrieb zu halten. Doch Besitzer Hofer will von einem regelmässigen Schaubetrieb nur etwas wissen, wenn er nicht in die Tasche greifen muss. Um dies zu realisieren, müsste man aber einiges investieren – zum Beispiel auch um Auflagen der Feuerpolizei einzuhalten. Der Besitzer wollte dazu aber kein Geld freisetzen. Er hat die Gebäulichkeiten erworben um Wohnbauten zu errichten. Das Unternehmen liess in die verschiedenen Gebäude der Anlage Wohnungen einbauen. Im weissen Siloturm sind 2014 sieben kleine Zweizimmerwohnungen entstanden. Weitere Wohnungen sind im herrschaftlichen Wohnhaus und im Bauernhaus auf der gegenüberliegenden Strassenseite erstellt worden. Weiter bauliche Veränderungen kamen nicht zu Stande.
Wie es mit der Wespimühle weitergeht, bleibt auch 2018 offen. Die Besitzerin Baufirma Leemann + Bretscher planten die Mühle umzubauen eventuell selber einzuziehen und in der Putzerei die Kunsträume des Oxyd und Ateliers unterzubringen. Diekantonale Denkmalpflege wies ihr Baugesuch allerdings zurück. Sie hat ein neues Gutachten erstellen lassen, das die effektive Schutzwürdigkeit der Wespimühle in einer entsprechenden Verfügung klären soll. Das Ensemble ist im kantonalen Schutzinventar gelistet. Einen Teil der riemengetriebenen Transmissionsanlage, Maschinen und Holzsilos hatte L+B vor Jahren bereits entfernt, offenbar wegen akuten Pilzbefalls und in Absprache mit den Behörden.
Kleinwasserkraftwerk Wespimühle
Die Anlagen zur Nutzung der Wasserkraft wurden 2003 durch die Stiftung revita revidiert und wieder in Stand gestellt. Der damit produzierte Ökostrom wird in Netzgespeisen und von den Stadtwerken Winterthur übernommen. (siehe Objektblatt unter „Dokumente“)
Verwandte Einträge
- Schlangenmühle am Bahnhofplatz
- Mühlen in Hegi
- Mühlen an der Eulach in der heutigen Innenstadt
- untere Spitalmühle, Teufelsmühle
Dokumente
- Lb 23.07.2018: Wespimühle und sein Kraftwerk
- Lb 31.03.2018: Der Kampf um die Wespimühle geht weiter.
- Lb 10.12.2016: Wespimühle vor Totalumbau
- Lb 12.12.2013: Mühlefreunde gaben fast auf.
- Projektblatt der revita zur Restaurierung des Wasserkraftwerks
- Lb 04.09.2013: An der Wespimühle bröckelt der Putz.