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Aktuelle Liefermenge
In den letzten Jahren wurden pro Jahr, im Durchschnitt, 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas durch die Pipeline «North Stream 1» von Russland nach Deutschland geliefert. In den letzten Jahren eher mehr als der Durchschnitt von 55 Milliarden Kubikmeter. Man wollte «North Stream 2» bauen, da man noch mehr Gas aus Russland benötigt.
Das Erdgas wurde und wird nicht nur in Deutschland gebraucht, sondern auch in andere Länder verkauft. Viele Länder in Europa sind auf das Erdgas aus Russland angewiesen. Sonst kann die Wirtschaft in den jeweiligen Ländern nicht funktionieren. Grossabnehmer sind in erster Linie Unternehmen.
Russland liefert das Erdgas an Deutschland zu einem sehr günstigen Preis. Im Markt wird von einem Preis, der bei einem Drittel des Weltmarktpreises liegen soll, gesprochen. Besonders Polen ist ein Käufer dieses Erdgas von Deutschland. Bezahlt dann aber an Deutschland natürlich mehr. Polen hat es vor ein paar Jahren abgelehnt, Erdgas direkt von Russland zu kaufen und ist somit auf Deutschland angewiesen. Aber auch andere Länder in Europa profitieren von dem «Deal» zwischen Deutschland und Russland und beziehen das Gas über Deutschland.
LNG Gastanker aus den USA
Das aktuelle Bestreben deutscher Politiker für den Ausstieg aus russischem Erdgas sieht, vor allen anderen, eine Strategie vor: Den Kauf von Erdgas in den USA und den Transport von Erdgas mit LNG-Tankern nach Europa. Dieses Erdgas müsste natürlich zu Weltmarktpreisen gekauft werden. Was eben ca. dreimal so teuer wäre, wie das Gas aus Russland. Eine Alternative ist nicht nur teurer, sondern auch nicht in kurzer Zeit machbar.
Übrigens kaufen die USA nach wie vor sehr grosse Mengen an Erdgas in Russland, würden also Deutschland dann das gleiche Erdgas, welches Deutschland heute sehr billig bezieht, teuer verkaufen. Man könnte so etwas auch Geldwäsche oder versteckten Gewinntransfer nennen.
Dabei gibt es aber einen entscheidenden Flaschenhals, der praktisch nicht zu überwinden ist. Das Erdgas aus den USA müsste mit LNG-Tankern von den USA nach Deutschland transportiert werden. Denn bekanntlich gibt es keine Pipeline von den USA nach Deutschland.
Durchschnittliche LNG-Tanker haben ein Fassungsvermögen von rund 147’000 Kubikmeter Flüssiggas. Man bräuchte also rund 374’150 LNG-Tanker, um die Menge von 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas von den USA nach Europa zu transportieren, um die Mengen zu ersetzen, die bisher benötigt wurden. Ausserdem müssten dann jeden Tag 1’025 LNG-Tanker von den USA in Deutschland anlanden und gelöscht werden. Derzeit gibt es weltweit rund 470 solcher LNG-Tanker, welche natürlich für andere Lieferungen gebaut wurden und eingesetzt werden. Man müsste also rund 1’025 LNG-Tanker bauen, was bei der Kapazität von Werften und Arbeitskräften rund 615 Jahre dauern würde*. Wollte man so viele LNG-Tanker bauen, dass sie die vollen 55 Milliarden Kubikmeter jährlich transportieren könnten, würde man 224’490 Jahre dafür brauchen. Also totaler Quatsch.
Bemerkung: Es gibt einige Zeitgenossen, die behaupten, dass Flüssiggas mit einer so hohen Kompression in LNG-Tanks abgefüllt wird, dass sie bis zu dem 600 fachen der transportierten Menge an Erdgas, wie in Pipelines führen können. Leider stimmt das so nicht. Erstens wird natürlich das Erdgas, welches durch Pipelines fliest, auch verflüssigt und unter Druck gesetzt. Der Druck liegt, je nach Länge, Durchmesser und Art der Pipeline zwischen 60 bis 100 bar. Flüssiggas in LNG-Tankern wird mit einem Druck von 0.25 bar abgefüllt. Der Unterschied ist, dass das Gas in LNG-Tankern bis auf -160 Grad abgekühlt wird und auch auf diese Temperatur die ganze Zeit gekühlt werden muss. Das reduziert das Volumen erheblich und es kann mehr pro Kubikmeter transportiert werden. Aber man kann nicht einfach die gelieferten Kubikmeter in einer Pipeline mal 600 rechnen und dann behaupten, dass LNG-Tanker diese so viel grössere Menge transportieren können. Es liegt vermutlich irgenwo dazwischen. Viele Universitäten und Forschungsinstitute haben sich mit dem Vergleich beschäftigt. Der ist aber sehr schwer. Deshalb gehen die meisten Analysen dazu über, die Kosten pro Kubikmeter und Entfernung zu vergleichen. Dabei gibt es tatsächlich ab einer bestimmten Entfernung einen Break-Even Punkt. Man geht heute davon aus, dass dieser bei einer Entfernung von über 3’200 km erreicht wird, ab dieser Entfernung sind die Kosten für den Transport von Flüssiggas mit einem LNG-Tanker günstiger als durch eine Pipeline (Quelle: Pipeline Technology Conference). Nord-Stream 1 ist z.B. 1’200 km lang. Die Zubringer-Leitung kann also noch rund 2’000 km nach Russland hineinreichen, bis sie im Vergleich zu einem LNG-Tanker zu teur wird.
Der Transport von Erdgas mit LNG-Tankern ist auf jeden Fall teurer wie der Transport durch eine Pipeline, das hat viele Gründe. Im Falle Russland vs. USA kommt aber vor allem der Preisunterschied zum tragen.
Ausserdem benötigen die LNG-Tanker Schweröl zum Fahren. Ein Tanker verursacht dabei pro Tag rund 22’000 Tonnen CO₂. Über den Atlantik braucht so ein LNG-Tanker zwischen 8 und 10 Tage. Da würden bei einer einfachen Fahrt schon 220’000 Tonnen CO₂ entstehen. Pro Tag bei 1’025 LNG-Tankern schon 226 Mio. Tonnen CO₂, mal 365 Tage im Jahr wäre es dann 82.3 Milliarden Tonnen CO₂. Alle Autos in Deutschland zusammen stiessen in 2018 nur 110.8 Mio. Tonnen CO₂ aus. Das heisst, die LNG-Tanker würden, 743 Mal so viel ausstossen.
Im Vergleich zum Transport durch die Pipeline North Stream 1 wäre das nicht nur umwelttechnisch ein extremer Rückschritt, sondern auch sehr, sehr teuer. Geld, das am Ende der Prozesskette jemand bezahlen muss. Und wir alle wissen, wer das ist. Die Bürger, also Sie.
LNG-Terminals in Europa
Aber rechnen wir mal weiter. In Europa gibt es derzeit 29 LNG-Terminals, die LNG-Tanker löschen können. Also wo das Flüssiggas an Land gepumpt werden und in normales Erdgas umgewandelt werden kann. Um einen LNG-Tanker löschen zu können, benötigt man rund 20 Stunden. Die Terminals können immer nur einen LNG-Tanker nach dem anderen löschen. Man könnte also am Tag rund 30 LNG-Tanker in Europa löschen.
Übrigens, um die LNG-Tanker zu befüllen, muss sehr viel Energie aufgewendet werden, denn das Erdgas kommt meist mit einem niedrigen Druck bei den Ladeanlagen an und muss für die LNG-Tanker hoch verdichtet werden, damit viel in die Tanks hinein geht. Das kostet enorme Energie, dessen Kosten natürlich auf den Preis des Erdgases aufgeschlagen wird. Beim Entladen entstehen noch einmal Kosten, weil man das Gas nicht einfach so von einem hohen Druck in einen niedrigeren Druck «fliessen» lassen kann. Der Vorgang muss kontrolliert werden, auch das kostet Energie. Natürlich muss das Gas auch vorwärts gepumpt werden, was noch mehr Energie kostet.
Um die 1’025 LNG-Tanker löschen zu können, die die 55 Milliarden Kubikmeter Erdgas aus Russland ersetzen sollen, benötigt man also noch weitere 1’025 LNG-Terminals. Die bereits vorhandenen sind ja schon ausgelastet. In Deutschland befinden sich gerade 1-2 LNG-Terminals im Bau. Die Bauzeit eines LNG-Terminals beläuft sich auf «geplante» 5 Jahre. Geht man aber von der gleichen Kalkulation wie beim Berliner Flughafen aus, benötigen sie eher 20 Jahre. Das heisst, um die 1’025 LNG-Terminals zu bauen, würde man rund 20’500 Jahre benötigen. Wenn man immer parallel fünf bauen würde immer noch 4’100 Jahre. Sie sehen, es ist schon hier vollkommen utopisch, das Erdgas aus Russland durch Lieferungen aus den USA mit LNG-Tankern zu ersetzen.
Nord-Stream 2 wurde gebaut, da man für die nächsten Jahre eine Verdopplung der benötigten Mengen voraus berechnet hatte. Das wären dann rund 100 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr. Wie diese durch LNG-Tanker und LNG-Terminals und neue Infrastrutktur als Alternative bewältigt werden sollen, ist mir ein Rätzel.
Résumé
Der Bedarf für Erdgas in Europa wächst dramatisch. Im Durchschnitt werden alleine aus Russland durchschnittlich 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr nach Deutschland geliefert. Das entspricht in ungefähr 60 % der Gesamtmenge, die in Europa benötigt wird. In den letzten Jahren eher 58 bis 59 Milliarden Kubikmeter. Die Tendenz ist stark steigend. Pro Jahr werden rund 3-4 Milliarden mehr benötigt, da sich die Wirtschaft und Abnehmer weiter entwickeln und prosperieren. Die restlichen Lieferungen kommen aus anderen Ländern, die teurer sind und aufwändiger zu transportieren.
Ausserdem sind viele Kapazitäten an ihrer Grenze. Aufstrebende Wirtschaftsregionen auf der ganzen Welt sind dankbare Abnehmer und haben sich Kontingente gesichert. Die berühmte Reise nach Katar, von Wirtschaftsminister Habeck, entlarvt sich als Abendshow. Denn Katar will zwar liefern, aber viel teurer und erst viel später, da die Kapazitäten bereits ausgeschöpft sind. Verträge werden langfristig abgeschlossen und können nicht einfach zugunsten Deutschlands gekündigt werden.
Energie aus fossilen Stoffen wird erst noch einen besonderen boomenden Markt haben. Der Vorschlag, das russische Erdgas durch andere Lieferungen, besonders aus den USA mittels LNG-Tankern zu ersetzen, wird von deutschen Politikern favorisiert. Diese «Wunschvorstellung» fällt komplett in sich zusammen, wenn man die obigen Zahlen und Angaben realistisch wahrnimmt.
Es ist schlichtweg technisch nicht machbar, die Liefermengen von Erdgas aus Russland zu ersetzen, geschweige denn in kurzer Zeit. Wir sprechen hier nicht von vier Jahren, sondern zehn oder zwanzig oder mehr Jahren. Ausserdem spielt der Preis für die deutsche Wirtschaft eine sehr grosse Rolle. Wenn die deutsche Wirtschaft den dreifachen oder vierfachen Preis für Erdgas zahlen muss, dann ist sie schlichtweg nicht mehr konkurrenzfähig. Und die meisten energieintensiven Unternehmen müssen schliessen. Das bedeutet sehr viele Arbeitslose, denn vielen ist nicht klar, wie stark die deutsche Industrie vom Erdgas abhängig ist. Das Gleiche gilt natürlich für ganz Europa. Erdgas aus Russland ist somit auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht zu ersetzen.
Hier rächt sich auch die jahrzehntelange, geostrategische Politik in der Ausrichtung aus den USA. Würde z.B. Libyen noch funktionieren, könnte man dort wenigstens günstig Öl kaufen. Das Land wurde aber durch die USA dem Erdboden gleich gemacht. Und nun profitieren die Türkei und Russland dort, denn sie haben sich diesen Markt geschnappt.
*5 Werften, ein Tanker drei Jahre.