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Lang ists her, ich war blutjung und ein Landei. Zu jener Zeit arbeitete ich als Praktikantin beim «Blick». Bei der täglichen Sitzung verhandelten die Männer – die Redaktion bestand fast nur aus ihnen –, ob genügend «bluttes Fleisch» und genügend «Jöh-Gschichte» im Blatt seien. «Bluttes Fleisch», das waren all die «Seite-3-Girls», deren Bilder an einer Pinnwand hingen. Die Männer kommentierten die Fotos langatmig, und jenes, das am meisten Erregung erzeugte, fand den Weg aufs Zeitungspapier auf der Seite 3.
«#MeToo gabs damals noch nicht»
Als junge Frau war es ratsam, sich gegen die ekelhaften Sprüche der Arbeitskollegen abzugrenzen, indem man sich nicht provozieren liess oder mit einer träfen Aussage konterte, die den anderen für einen Moment sprachlos liess. So hatte ich meine Ruhe. Widerlich und unverständlich fand ich viele Situationen trotzdem. #MeToo gabs damals noch nicht und hätte auch nichts bewirkt: Auf der Redaktion hämmerte man die Texte in die Schreibmaschine, und das Internet war so weit entfernt wie der Mond von der Erde.
Jöh-Geschichten waren weniger nackt. Ein Büsi zum Beispiel, das den Sturz vom Wolkenkratzer überlebte, weil es in den Schoss einer schönen, in einen Pelzmantel gekleideten Frau fiel, die im Cabriolet vorbeifuhr. Oder die herzergreifende Geschichte eines Kindes, das eine schwere Operation überlebte, worauf sich die Mutter vor lauter Dankbarkeit in den geschickten und reichen Chirurgen verliebte und er sich in sie, weil sie so schön war, und der Vater des Kindes vor lauter Grosszügigkeit und der Freude darüber, dass er diese mit der Leserschaft teilen durfte, dieser Liaison in aller Öffentlichkeit den Segen erteilte.
«Ich tat, als würde ich diesen Schnaps täglich trinken»
Was für Geschichten! Aber es geht mir um eine andere: Einer der Journalisten, der normal mit mir umging, fragte mich, ob ich mit ihm einen Tequila trinken gehen möchte. Ich sagte zu und tat so, als würde ich diesen Schnaps täglich trinken, dabei hatte ich das Wort Tequila zum ersten Mal gehört. Wir gingen
ins «Tres Kilos», jenes Szenelokal der Achtzigerjahre im Zürcher Seefeld, in dem das mexikanische Essen weniger wichtig war als Margarita und Tequila.
Mein Kollege merkte natürlich beim ersten Glas, dass ich genauso wenig Ahnung vom mexikanischen Schnaps wie vom Boulevardjournalismus hatte. Mir gefiel die Kombination von Salz, Schnaps und Zitrone; wir sassen und tranken, und er erklärte mir viel über die Sprache und ihre Macht, über verständliches Schreiben, über die Unsitte vieler Journalisten, die sich der Wörter bedienten, um sich selber eine Plattform zu geben, statt Inhalte zu vermitteln. Ich fragte mich, warum einer wie er beim «Blick» arbeitete, konnte ihm aber an jenem Abend diese Frage nicht mehr stellen, denn kaum stand ich auf, fiel ich heftig zurück auf den Stuhl. Vermutlich war schon der erste Tequila einer zu viel. Monti brachte mich sicher und unbehelligt nach Hause.
Das «Tres Kilos» hat dichtgemacht, sein Inventar wurde versilbert. Ich ergatterte mir die Gartenmöbel des ehemaligen Trendlokals. Tische, Stühle und Bänke stehen nun bei mir unter Bäumen und warten auf Geschichten, die später weitererzählt werden können.