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Mit «Fiddler on the Roof» wurde sowohl Musical- als auch Filmgeschichte geschrieben. Das Broadway-Musical von 1964 wurde 1971 auf die Leinwand gebracht. John Williams adaptierte den ursprünglichen Score von Jerry Bock und erhielt dafür seinen ersten Oscar – ein Meilenstein in dieser gewaltigen Karriere, wobei Williams mit seinen bis dato 54 Oscar-Nominationen den Rekord unter den noch aktiven Filmschaffenden hält.
„But here in our little village of Anatevka, you might say every one of us is a fiddler on the roof, trying to scratch out a pleasant, simple tune without breaking his neck.” (aus dem Song Tradition)
Wir befinden uns im Jahr 1905. Tevje (im Film gespielt von Chaim Topol), ein armer Milchmann, lebt mit seiner Frau und seinen fünf Töchtern in dem kleinen (fiktiven) Dorf Anatevka auf dem Gebiet der heutigen Ukraine. Mit der Metapher des spielenden Geigers auf dem Dach erklärt Tevje ganz zu Beginn des Films dem Publikum die Lebenslage im Dorf. Die Zeiten sind hart, vor allem für die jüdische Bevölkerung im Russischen Reich unter Zar Nikolaus II. Doch auch in Zeiten der Unterdrückung und Verfolgung findet das Leben seinen Weg – und mit ihm die Liebe, der Glaube, die Hoffnungen und die Kunst. Das Motiv des Geigers auf dem Dach stammt von dem Gemälde „The Fiddler” von Marc Chagall. Es symbolisiert den schwierigen Balanceakt der jüdischen Kultur im Russischen Reich, wie sie der Künstler in seiner Kindheit erlebt hat.
Das Bild von Chagall inspirierte die Musical-Produzenten Jerry Bock (Score), Joseph Stein (Drehbuch), Sheldon Harnick (Songtexte) und Jerome Robbins (Regie und Choreografie) und gab den Titel für eines der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten. Darin verarbeiteten sie die Geschichtensammlung „Tevje, der Milchmann” des jiddischen Autoren Sholem Aleichem zu einem Broadway-Musical voller Poesie und Witz, ohne dabei die Schwierigkeiten, ja gar Gefahren zu beschönigen, welchen die jüdische Bevölkerung damals ausgesetzt war. Es war, nebst der grossartigen Musik, genau dieses Spannungsfeld zwischen Kunst, Leben und Gefahr; diese lebens- und liebesbejahende Haltung in Zeiten der Not und Verfolgung, welches die Herzen des Publikums und der Jurys eroberte. Insgesamt neun Tony Awards – der „Oscar” unter den Musicals – bekam «Fiddler on the Roof» verliehen.
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Marc Chagall, „The Fiddler” (1913). Quelle: marcchagall.net
Starre Traditionen und weiche Herzen
Für Tevje und die Gemeinschaft in Anatevka ist es die Tradition, die ihr Leben zusammen hält. „And how do we keep our balance? That I can tell you. In one word… tradition! You may ask, how did this tradition start? I’ll tell you – I don’t know. But it’s a tradition…” (aus dem Song Tradition)
In einer Zeit, in der Pogrome und Vertreibung ständig drohende Schicksale für die jüdische Bevölkerung waren, sind es der Glaube, die Überlieferungen und Traditionen, die Kraft und Halt geben. Die Geschichte jüdischer Vertreibungen ist lange. Strassen, Plätze und Landschaften musste man jeweils zurücklassen. Die Traditionen hingegen kamen mit – genauso wie die Hüte: „Our forefathers have been forced out of many, many places at a moment’s notice. Maybe that’s why we always wear our hats.” (aus dem Song Anatevka)
Es ist nicht allein die politische Situation im alten Zarenreich, die das Leben beschwerlich machen. Viele Menschen sind mit Armut konfrontiert. So auch die Familie von Tevje. „Oh dear Lord, you made many, many poor people. I realize, of course, that it’s no shame to be poor. But it’s no great honor either. So, what would have been so terrible if I had a small fortune?” (aus dem Song If I Were A Rich Man)
Als Milchmann kann er kaum genug einbringen für sich, seine Frau und seine fünf Töchter. Drei davon sind bereits im heiratsfähigen Alter, und diese an vermögende Dorfbewohner zu verheiraten, ist erklärtes Ziel der Eltern. Geld für eine Mitgift indes fehlt. Doch am Ende findet die Liebe ihre eigenen Wege und erfindet ihre eignen Regeln. Die Töchter finden sich nicht damit ab, wohlhabendere Dorfbewohner zu heiraten, frei von Liebe. So herausfordernd das Schicksal und das Leben auch sind, und so skandalös die Auflösung bereits arrangierter Ehen auch sein mögen, Tevje hat ein weiches, grosses Herz. Und die Hoffnung auf ein besseres Leben bleibt:
„May all your futures be pleasant ones
Not like our present ones
Drink l’chaim, to life!”
(aus dem Song To Life)
Unser Konzert-Tipp
«Fiddler on the Roof» – The Film with Orchestra
Live-Weltpremiere
City Light Symphony Orchestra
Anthony Gabriele · Leitung
Freitag, 31. Mai 2024 | 19:30 Uhr
KKL Luzern · Konzertsaal
Vom Musical zum Film und ins KKL
Nebst der schönen, berührenden und tragikomischen Geschichte aus der Feder von Joseph Stein ist es die von Jerry Bock komponierte Musik, die sich an der Musik des osteuropäischen Judentums orientiert. Phrygische Tonfolgen, Violine und Klarinette schaffen eine volkstümliche und gefühlvolle Klangwelt zwischen Klagegesang und mitreissendem Volkstanz. Dies, gepaart mit den immer wieder auch witzigen Texten von Sheldon Harnick, machten «Fiddler on the Roof» schnell zu einem Erfolgsstück am Broadway.
Die Inszenierung des Musicals als Film war nur eine Frage der Zeit. 1971 kam «Fiddler on the Roof» auf die Leinwand. Für das Drehbuch zeichnete, wie schon beim Musical, Joseph Stein verantwortlich. Für die Adaption des Scores konnte John Williams gewonnen werden. Der vielleicht grösste Komponist und Dirigent von Filmmusik aller Zeiten stand damals noch am Beginn seiner Karriere (siehe auch den Beitrag zu Leben und Werk von Williams in „Vom Armeespiel in den Filmmusik-Olymp”).
Williams erkannte die Qualitäten des Scores – und nahm nur leichte Anpassungen vor. Seine Leistung bestand zudem in der Leitung des Orchesters, gemeinsam mit Alexander Courage; und darin, dass als Solist der wohl grösste Violinist seiner Zeit gewonnen werden konnte: Isaac Stern. Seine umsichtige Adaption der weltberühmten Musik von Bock für die filmische Version von «Fiddler on the Roof» brachte ihm seinen ersten Oscar ein („Best Score Adaption”). Ein Meilenstein für Williams. Auch sonst war die Filmproduktion unter der Regie von Norman Jewison ein riesiger Erfolg und Kassenschlager. Acht Oscar-Nominierungen erhielt die Produktion 1972 und gewann deren drei. Dazu kamen zwei Golden Globes, darunter auch in der Kategorie «Best Actor» für den israelischen Hauptdarsteller Chaim Topol. Der Film, wie schon zuvor das Musical, ging als eine der erfolgreichsten Produktion in diesem Genre in die Geschichte ein. 2021 jährte sich die Filmpremiere bereits zum fünfzigsten Mal. Oder wie es in dem Musical heist:
„Sunrise, sunset
Sunrise, sunset
Swiftly fly the years
One season following another
Laden with happiness and tears”
(aus dem Song Sunrise, Sunset)
Die damaligen Akteure sind in die Jahre gekommen – die meisten bereits verstorben: Topol, Harnick, Stern, Bock, Courage leben alle nicht mehr. Dafür erfuhr die Verfilmung von damals anlässlich des Jubiläums nochmals neue und verdiente Aufmerksamkeit, samt geplanter Neuverfilmung, einem Making-of („Fiddler’s Journey to the Big Screen”) und einer umfassenden Restaurierung des Scores von Bock und Williams durch Mike Matessino.
Nach zwei Jahren Arbeit kommt «Fiddler on the Roof» in den Konzertsaal
Mit der Live-Weltpremiere der Film-Konzert-Produktion von Film Concerts Live im KKL Luzern am 31. Mai 2024 folgt nun der nächste Meilenstein in der Geschichte von «Fiddler on the Roof». Den Film in den Konzertsaal zu bringen, bedurfte zweijähriger Vorarbeit, in der Film Concerts Live das Projekt sowohl vom Filmstudio MGM als auch von den Vertretern der Autoren des zugrunde liegenden Theatermusicals lizenziert hat. Ein Teil der Änderungen, die für die konzertante Version vorgenommen werden mussten, betraf die Kürzung des Originalfilms um rund 25 Minuten, damit die nordamerikanischen Orchester diese Produktion innerhalb einer dreistündigen Aufführung einschliesslich Pause überhaupt präsentieren können (aus gewerkschaftlichen Gründen). Dabei durften natürlich keine der wichtigen Musiknummern des Films verloren gehen. Die Konzertpause wurde zudem an eine frühere Stelle im Film verlegt, um ein besseres Gleichgewicht zwischen dem ersten und dem zweiten Akt zu schaffen, und alle vorgenommenen neuen Filmschnitte wurden von Regisseur Norman Jewison sorgfältig geprüft und genehmigt. Das Ergebnis ist eine Präsentation, die die Kraft und die Emotionen dieses ikonischen Films bewahrt und es den Fans ermöglicht, die Musik live zu erleben, die vom City Light Symphony Orchestra am 13. Mai 2024 in perfekter Synchronisation mit den geliebten Gesangsdarbietungen des Films aufgeführt wird. Diese aufregende neue Präsentation enthält aktualisierte Orchestrierungen einiger der originalen Musikstücke, die vom Komponisten John Williams persönlich beaufsichtigt und genehmigt wurden.
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Text: Andreas Waser, Februar 2024