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Konstruktivistische Pädagogik: «Bildung» ohne Mitmenschlichkeit
2014 ∙ Moritz Nestor
Konstruktivistische Pädagogik: «Bildung» ohne Mitmenschlichkeit
Heinz von Foerster (1911-2002) ist der Vater des Konstruktivismus‘ und der Ideengeber von Antipädagogen wie Peter Fratton und den Ideologen vom «selbstbestimmten Lernen». Der Lehrplan 21 in der Schweiz, die Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg und andere Gesellschafts- und Schul«reformen» sind durch und durch nach den Ideen von Foersters Konstruktivismus‘ geformt. Die Zitate zeigen ihn als radikalen Antipädagogen.
Zwei Bücher Heinz von Foersters sind besonders aufschlussreich:
(1) In «Teil der Welt» (2007) findet sich eine längere Textstelle, in der Foerster selbst den Konstruktivismus als Manipulationstechnik beschreibt.
(2) «Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners» (2004) ist eine wahre Dienstanweisung für die laufenden Gesellschafts- und Schul«Reformen».
1. Konstruktivismus als Manipulationstechnik
In seinem Buch «Teil der Welt» aus dem Carl-Auer Verlag, Heidelberg (2007) erklärt Foerster auf den Seiten 92-100 das tiefere Geheimnis des Konstruktivismus’:
«Das Wesentliche des Zauberns liegt darin, den Zuschauer zu überreden, eine Welt für sich zu konstruieren, in der Wunderbares passiert. So ist … Zauberei direkt mit Konstruktivismus verknüpft. Du musst dem Anderen eine Geschichte so erzählen, dass er plötzlich selber sieht, dass ein Elefant, der auf der Bühne stand, nicht mehr dasteht. Wenn dir das gelingt, bis du ein guter Zauberer.»
Wie der Konstruktivist bzw. Zauberer vorgeht, um «den Zuschauer zu überreden, eine Welt für sich zu konstruieren», wie er also den Zuschauer manipuliert, verrät der Text, dem dieses Zitat entnommen ist, bemerkenswert offen: Heinz von Foerster, sein Vetter Martin und ihr gemeinsamer Schulfreund Kurt Ziehaus haben nach langer Vorbereitung als junge Leute im Apollotheater zu Wien bei der Internationalen Artistenorganisation die Aufnahmeprüfung als Zauberer abgelegt und «sind einstimmig in die internationale Gewerkschaft der Vaudeville-Artisten aufgenonmmen worden.» «Was wir bei der Zauberei gelernt haben, hat mich für den Rest meines Lebens beeinflusst.»
«Erstens einmal: die Präsenz als Sprecher oder Vorführer. Du steigst auf eine Bühne, und da sitzen tausend Leute oder zwanzig Leute oder fünf Leute; und die musst du jetzt transformieren.» «Du kannst dich auf die Bühne stellen, und man sieht dich gar nicht. Aber es gibt eine Methode, es gibt eine Haltung; da trittst du herein, und plötzlich schaut jeder auf dich; plötzlich hast du, wie man sagt, die Mitte der Bühne gewonnen. … davon lebe ich heute noch.»
Um 1’000 Leute zu «transformieren» müsse der Konstruktivist/Zauberer «einen Kontext erzeugen; eine Welt, in der die Zuschauer mitspielen, diese Welt zu erzeugen. Das heisst, du baust deinem Zuschauer eine Welt auf, in der eben die erstaunlichen Sachen passieren, die er dann erlebt. Aber die er eigentlich konstruiert in seiner Idee, in seinen Gedanken, in denen die Löwen oder Elefanten plötzlich verschwinden. Der Elefant geht ganz gemütlich von der Bühne weg, aber der Zuschauer bemerkt das Weggehen des Elefanten nicht. Er sieht nur einen Elefant, und dann sieht er keinen; also muss der Elefant verschwunden sein.»
Foerster hat damit das manipulative Vorgehen aller Demagogen dargestellt: Anthony Giddens, zum Beispiel, der einflussreiche Ideengeber des Dritten Weges der Sozialistischen Internationalen, hat in seinem Buch «Entfesselte Welt» erklärt, in der Globalisierung würden historisch Ereignisse, wie zum Beispiel der Fall des Eisernen Vorhangs, zuerst von den Medien konstruiert und danach finde das Ereignis statt. Die Zuschauer würden entsprechend den medialen Konstruktionen erleben und (politisch) handeln. So haben schon die Klassiker der Propaganda von Münzenberg über Bernays, Lippmann, Goebbels und vielen anderen gedacht. Die Geschichte ist voll von derartigen Manipulationen: Die Juden zum Beispiel wurden von den Nazis in den Köpfen als «Ungeziefer» und «Untermenschen» konstruiert, um Angst und Hassgefühle zu schüren und auf sie zu lenken und um ihre Vernichtung gerechtfertigt erscheinen zu lassen. Mit allen Mitteln der Propaganda konstruierte die Nazipropaganda «eine Welt, in der die Zuschauer mitspielen, diese Welt zu erzeugen», wie es Foerster formuliert.
Als 1945 der Nationalsozialismus zuende war, erzählten die Beteiligten Dinge, die nichts mit dem zu tun hatten, was die Nazis wirklich getan hatten. In den Worten Foersters: «Jetzt fragst du nach … : ‚Sag einmal, was hast du denn da gesehen bei meinem Kunststück …?‘ Na, dann erzählen die, was sie gesehen haben; und das hat nichts mit dem zu tun, was du gemacht hast.»
Und wenn jemand bei der Konstruktion des Zauberers nicht mitmacht? Was passiert mit den Kritischen, die den PR-Lügen nicht glauben? Foerster: «wenn genügend Leute sich beschweren, dass da geschwindelt wird, oder so etwas – „Sie haben das im Ärmel“ ‑, dann ist es das Allerbeste, was einem Zauberer passieren kann; denn dann kann er einen schönen blöden Witz nach dem anderen machen. Diesen Mann, der behauptet, man schwindelt, kann man jetzt durch den Kakao ziehen. Dem zieht man plötzlich Geld aus der Nase oder Karten aus der Tasche. Also der Erfolg ist garantiert.»
Gegen das Volk kann kein Kriegstreiber einen Krieg verkünden. Man muss eine massenpsychologische Stimmung schaffen, dass das Volk «mitspielt». Das lehrt der konstruktivistische Zauberer Foester: «Die Sache ist die: eben eine Stimmung zu erzeugen, die so ist, dass alle mitspielen … , dass der Zuschauer sich eine Welt aufbaut, in dem das geschieht, was er gehofft hat, dass es geschehen würde.»
«Wenn es einem gelingt, die Welt zu erzeugen, in der man Wunder entstehen lassen kann, ist es die Fantasie, die Imagination, die Vorstellungskraft des Zuschauers, die du unterstützt und nährst. Und das Lustige und das Rührende … ist: Menschen sind begeistert, wenn sie ihre eigene Kreativität endlich ins Spiel bringen können und jetzt Welten erfinden, die von niemandem vorher gesehen worden sind … . Und daher ist es für die Zuschauer einer solchen Zaubervorstellung ein Entzücken und ein Genuss. Sie haben sich eine Welt erzeugt, die es ja wirklich – wie man behauptet – gar nicht gibt. …
Wenn du siehst, dass du durch Vorträge, durch die Sprache, durch die Erzählung eine Welt entstehen lassen kannst, in der alles Mögliche für den Hörer auftaucht, hat das einen grossen Einfluss für das bezügliche Verhalten von Mensch zu Mensch. Du beginnst, ein anderes Verständnis für die Relation von Mensch zu Mensch zu haben …
Wenn du diese Art von Zaubern betrittst …, siehst du, dass der andere – der Partner, der Hörer, der Zuschauer, der Mitspieler, der Mitmensch – durch deine Haltung, durch deine Erzählung, durch deine Verhalten Vorstellungen entwickelt, die nur als Vorstellungen möglich sind; denn der Elefant verschwindet ja nie, oder die Karten schiebe ich der Dame ja nie unter den Allerwertesten, sondern sie glaubt, dass diese Karten da drunterkommen. Sie hat diese klare Vorstellung. Während die Karten mehr werden, glaubt sie, dass sie wirklich höher sitzen würde. Das ist irrsinnig komisch. Die machen sogar einen kleinen Hüpfer, während du die Karte da magisch unter ihren Sitz wirfst. Viele Damen machen Hipp, als ob sie wirklich ein bisserl höher sitzen würden. Die spielen einfach mit. Wenn du das verstehst, siehst du, wie du durch dein Verhalten eine Beziehung von dir zum anderen Menschen herstellen kannst. Das ist eine Relationsstruktur, die man in diesem Gespräch, im Dialog, oder wie du das nennen willst, aufbaut.»
2. Die Demagogie Foersters: «Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners»
Försters Buch «Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners» (Carl Auer Verlag, 6. Auflage 2004) ist eine wahre Mao-Bibel des Konstruktivismus. Wer eine verständliche Darstellung sucht über die ideologischen Hintergründe der laufenden Schul«reformen», der findet hier alles klar und knapp formuliert.
Gehen wir die einzelnen Grundbestandteile der konstruktivistischen Antipädagogik durch, wie Foerster sie erklärt:
Foerster: Es gibt keine objektive Realität
«Alles lebt, es spielt Musik, man sieht Farben, erfährt Wärme oder Kälte, riecht Blumen oder Abgase, erlebt eine Vielzahl von Empfindungen. Aber das alles sind konstruierte Relationen, sie kommen nicht von aussen, sie entstehen im Innern.» (S. 16) «Was sie [die Sinne] erregt, können wir nie wissen». Es sei «grotesk und unsinnig, von einer Abbildung der Aussenwelt in der Innenwelt zu sprechen». (S. 15f)
Die herkömmliche Didaktik, die der Konstruktivist ablehnt, führt in der ersten Klasse zum Beispiel den Zahlenbegriff ein. Anhand von Beispielen aus der objektiven Realität macht der Lehrer den Kindern den abstrakten Begriff «zwei» anschaulich: Bilder von zwei Kirschen, einem Ehepaar, zwei Händen usw.
Sein Ziel ist: Das Kind soll mit dem neuen Begriff «zwei» mit der objektiven Realität umgehen lernen. Das ist Teil des kulturellen Erbes, das der Lehrer als Stellvertreter der Kultur dem Kind vermittelt. Das gibt dem Kind mehr Sicherheit im Umgang mit der Wirklichkeit, in die es lernend hineinwächst. Es nimmt immer mehr Wirklichkeit in sich auf und bildet sich ein immer besseres Bild von sich und der Welt. Der Fächerkanon der Schule ist dabei ein Abbild der objektiven Realität. Jedes Fach behandelt einen Ausschnitt der objektiven Welt. Die Realitätsbezogenheit der Schule ist ihre Grundlage. Sonst macht Schule keinen Sinn.
Ein Kind braucht als Teil seiner Persönlichkeitsentwicklung ein sicheres Gefühl im Umgang mit der Welt. Dazu gehört, dass die Schule den Wissens- und Erfahrungsschatz der Kultur dem Kind vermittelt und das Kind damit eigenständig denken und daraus einen eigenen geistigen Standpunkt entwickeln lernt, wie es mit der objektiven Realität realistisch umgehen kann.
Sollen wir unsichere Kinder erziehen, die nicht selbständig denken können und keinen eigenen Standpunkt entwickeln können?
Denn: Diesen Realitätsbezug will der Konstruktivist Foerster abschaffen. Warum? Cui bono?
Foerster: Das Gehirn ist ein Computer
Die Eigenschaften und die Vielfalt der Dinge der Welt, sagt Foerster, «entstehen im Zentralnervensystem. Sie werden dort … errechnet. … Im Englischen lautet der entsprechende Ausdruck: to compute. … Es werden mehrere Reize und Eindrücke, die ins Innere gelangen, im Nervensystem in einen Zusammenhang gebracht. Und das heisst für mich, dass es möglich ist, die Vorgänge im Nervensystem als einen Prozess des Errechnens aufzufassen.» (S. 17f)
Die Liebe zwischen Kind und Mutter – ein «Prozess des Errechnens»?
Der Sprung des Samariterhelfers ins Wasser eines Baches, um ein ertrinkendes Kind zu retten – ein «Prozess des Errechnens»?
Die Tränen der Mutter am Krankenbett des fiebernden Kindes – ein «Prozess des Errechnens»?
Das Vertrauen des Kindes in den Lehrer und das Vertrauen des Lehrers in das Kind – ein «Prozess des Errechnens»?
Wenn eine mitmenschliche Beziehung nur noch ein «Prozess des Errechnens» sein soll, dann raubt man der (pädagogischen) Beziehung die Mitmenschlichkeit. Dann schlägt man dem Lehrer das weg, womit er pädagogisch wirkt, denn das Vertrauen zum Lehrer ist der erste Schritt zum Lernen. Wenn das Hirn eine Rechenmaschine sein soll, dann ist keine Beziehung mehr. Dann wird Schule zur Anstalt für Rechenhirne – ohne Menschenbildung.
Geldschwere Grosskonzerne wie IBM und Machtblöcke wie die EU investieren Abermilliarden in verrückte «Forschungs»-Projekte, die das menschliche Gehirn als Rechenmaschine nachbauen wollen. Herauskommen werden höchstens seelenlose Roboter, denn Liebe lässt sich nicht digitalisieren. Das nicht mit unseren Kindern!
Foerster: Es gibt keine Objekte, keine Dinge
«Sie schliessen von dem, was sie sehen, auf das, was draussen sein soll. … Man sieht etwas, man fühlt etwas – und die Korrelation zwischen den Empfindungen und … neuronalen Prozessen erzeugt eine Welt, die man einen Tisch, einen Würfel oder meine schöne Freundin mit den roten Haaren nennen kann.» (S. 21)
«Erkennen bedeutet, dass innerhalb des Nervensystems Zusammenhänge zwischen verschiedenen Empfindungen hergestellt werden. … Auf diese Weise werden Realitätsvorstellungen erzeugt …, was wir als Objekte bezeichnen, wandelt sich ständig. Man nimmt niemals ein und denselben Gegenstand … wahr. Selbst wenn Sie am Morgen in den Spiegel schauen, sehen Sie immer einen anderen … .» (S. 18)
Wenn das Kind fragt: Was ist das? Und ich sage heute: «ein Tisch» und morgen ein «Baum» und übermorgen «ein Fisch» – dann verwirre ich das Kind bewusst.
Zu den wichtigsten Entwicklungsschritten im Leben des Kindes gehört, dass es in der Beziehung zu einem Du ein stabiles Ich und ein stabiles Bild von sich und der Welt ausbildet.
Wenn das Kind keine Sicherheit entwickelt, dass die Dinge sind, wie sie sind, und dass es selbst immer die gleiche Person ist, dann erzeugen wir im Kind grenzenlose Ängste. Es werden seelische Zustände bis hin zur Psychose provoziert.
Das soll nun ein Bildungsziel sein?
Foerster: Der Schüler als «Maschine»
«Die ganze Welt ist … eine nichttriviale Maschine.» (S. 56) Auch der Schüler sei eine «nichttriviale Maschine“. (S. 65) Eine «triviale Maschine» ist für Foerster eine berechenbare Maschine.
Foerster: Schule, eine «Trivialisierungsanstalt»
«Man fragt ein Kind: ‚Was ist zwei mal zwei?‘ Und es sagt: ‚Grün!‘ Eine solche Antwort ist auf geniale Weise unberechenbar, aber sie … verletzt unsere Sehnsucht nach Sicherheit und Berechenbarkeit. Dieses Kind ist noch kein berechenbarer Staatsbürger, und vielleicht wird es eines Tages nicht einmal unseren Gesetzen folgen. Die Konsequenz ist, dass wir es in eine Trivialisierungsanstalt schicken, die man offiziell als Schule bezeichnet. Und auf diese Weise verwandeln wir dieses Kind Schritt für Schritt in eine triviale Maschine, das unsere Frage ‚Was ist zwei mal zwei?‘ auf immer dieselbe Weise beantwortet.» (S. 55)
Foester: Der Staat ist das Problem!
«Da unser Erziehungssystem darauf angelegt ist, berechenbare Staatsbürger [das sind für Foerster «triviale Maschinen», MN] zu erzeugen, besteht sein Zweck darin, jene ärgerlichen inneren Zustände auszuschalten, die Unberechenbarkeit und Kreativität ermöglichen. Vielfach darf in der Schule eine Frage nur eine Antwort haben; es ist eben nicht gestattet, … zu sagen, dass zwei mal zwei ‚grün‘ ist.» (S. 65)
Foerster: Es gibt kein Richtig und Falsch
«Sie wollen sich von der Idee der einzig richtigen Antwort verabschieden und eine Vielzahl von Lösungen als möglich erscheinen lassen? Heinz von Foerster: Natürlich.» (S. 65f)
Foerster: Der Schüler ist «unzugänglich»
Wolle man feststellen, was der Schüler gelernt habe, dann seien Prüfungen und Hausaufgaben ungeeignet, weil «man niemals wissen kann, was der Schüler weiss. Da der Schüler ein nichttriviales System ist, muss er als analytisch unzugänglich gelten.» (S. 67)
Das «gute Zeugnis ist ein Beleg für eine geglückte Trivialisierung. Wenn man immer … die gewünschten Antworten gibt, dann kriegt man gute oder hervorragende Noten, das ist alles.» (S. 68)
Foerster: «Wissen lässt sich nicht vermitteln»
«Die übliche Vorstellung von einem Lehrer ist, dass er alles weiss – und die Kinder, die Schüler, nichts wissen. Lernen wäre demnach … die schrittweise Beseitigung von Unwissen … . Die Schüler erscheinen … als billiges Material, das … in ein besseres … verwandelt werden muss. … Aber schon mit der Idee von Wissensvermittlung will ich nichts zu tun haben. Wissen lässt sich nicht vermitteln … .» (S. 69f)
Foerster: «Selbstgesteuertes Lernen» und der Raum als Pädagoge
«Meine Vorstellung ist dagegen, dass das Wissen von einem Menschen selbst generiert wird und es im Wesentlichen darauf ankommt, die Umstände herzustellen, in denen diese Prozesse der Generierung und Kreation möglich werden.» Der Schüler «ist nicht mehr passiv, er ist keine leere Kiste, kein Container, in den eine staatlich legitimierte Autorität … Fakten und Daten und seine enorme Weisheit hineinfüllt.» (S. 70)
Foerster: Der Lehrer als kooperativer Lernbegleiter
«Meine Vorstellung ist, dass der Lehrer … die Klasse in dem Bewusstsein betreten könnte, dass auch er nichts weiss … Lasst den Lehrer … zum Forscher werden, der wissen möchte. … dann werden die sogenannten Schüler und Lehrer zu kooperierenden Mitarbeitern, die gemeinsam … Wissen erarbeiten. … Man … serviert nicht irgendwelche fertigen Resultate, sondern Fragen, die zum Ausgangspunkt einer Zusammenarbeit … werden. Jeder stützt sich auf die Kompetenzen des anderen; das Zittern vor der Allwissenheit einer einzigen Person hat ein Ende. … Der Lehrer muss zum Schüler werden, der Schüler zum Lehrer.» (S. 71f)
Völlige Überforderung der Kinder
«Der Lehrer hat doch keine Ahnung, was die Schüler wissen, was sie können, wofür sie sich interessieren und wo ihre besonderen Möglichkeiten und Talente … liegen. Er weiss ja selbst nicht, wie er lernt. Und aus dieser Sicht ist es durchaus ehrlich, wenn er … einen Dialog mit den Worten beginnt: ‚Liebe Anwesende … wir sitzen alle hier, um gemeinsam die Mathematik zu erfinden. Ist es möglich, ein Zahlensystem zu kreieren, das nach bestimmten Regeln funktioniert? … Wer hat eine Idee?» (S. 72)
«Die meiste Zeit wird im Unterricht darauf verwendet, illegitime Fragen zu stellen und Antworten einzufordern. Eine Frage ist dann … illegitim, wenn ihre Antwort bereits bekannt ist. Wenn ein Lehrer diesen Typ von Fragen stellt, dann ist das doch eine Schweinerei und Gemeinheit, denn er kennt die Antworten ja schon.» (S. 73)
Statt Realitätsbezug «Kompetenzen»
«Es handelt sich bei diesem Errechnungsvorgang im Nervensystem um eine Kompetenz. … was wir einen Gegenstand … nennen, ist … eine Kompetenz unseres Nervensystems … Der Gegenstand … ist … ein Symbol … es wird etwas erfunden – und nicht gefunden, nicht entdeckt.» (S. 18ff)
Foerster: Keine feste Identität, der Mensch als Amöbe
«Bernhard Pörksen: Die Identität eines Menschen erscheint demnach nicht mehr als etwas an sich Feststellbares, sondern als eine jeweils augenblicksgebundene Erscheinungsform, als das Ergebnis sich beständig wandelnder Interaktion und Begegnungen. Die einzige Konstante ist die Veränderung. Heinz von Foerster: Genau … .» (S. 95)
Foerster: Erziehung verschwindet
«Wenn wir uns … als die Erfinder und Erzeuger unserer Umwelt verstehen, dann existiert das Problem der Anpassung überhaupt nicht. Es verschwindet. … Also sind wir immer und in jedem Fall angepasst.» Der Mensch «wird zum Vater oder zur Mutter aller Dinge und aller Erscheinungen.»(S. 24)
Verachtung der Wirklichkeit
Foerster will verhindern, «dieser schrecklichen Idee der Ontologie – der Lehre vom wirklich Vorhandenen – erneut Einlass zu gewähren. … Man führt die unschuldig erscheinende Formel ‚es ist‘ ein … und sagt mit autoritärer Gewalt: ‚Es ist so … es gibt‘ Und so weiter. Aber wer gibt? Wer behauptet, dass etwas der Fall ist? Ich plädiere dafür, dass wir dieses Wirkliche und vermeintlich Gegebene als unsere eigene Erzeugung und Erfindung begreifen.» (S. 25)
Der Mensch ist für Foerster kein soziales Wesen, sondern muss erst zu einem «gemacht» werden
«Damit wir von einem Heinz von Foerster und einem Bernhard Pörksen sprechen können, erfinden wir einen Bezug, den wir als die Realität bezeichnen. … Und in dem Moment, in dem ich die Existenz des anderen postuliere, lebe ich in einer Beziehung … Diese Entscheidung … macht einen zu einem sozialen Wesen.» (S. 26ff)
Foerster will «den Begriff der Wahrheit selbst zum Verschwinden zu bringen»
«Mein Ziel ist es, den Begriff der Wahrheit selbst zum Verschwinden zu bringen, weil sich seine Verwendung auf eine entsetzliche Weise auswirkt. Er erzeugt die Lüge, er trennt die Menschen in jene, die recht haben, und jene, die – so heisst es – im Unrecht sind. Wahrheit ist … die Erfindung eines Lügners. … Wer von Wahrheit spricht, macht den anderen … zu einem Lügner.» (S. 29)
«Meine Auffassung ist …, dass die Rede von der Wahrheit katastrophale Folgen hat und die Einheit der Menschen zerstört. Der Begriff bedeutet – man denke nur an die Kreuzzüge, die endlosen Glaubenskämpfe und die grauenhaften Spielformen der Inquisition – Krieg. Man muss daran erinnern, wieviele Millionen von Menschen verstümmelt, gefoltert und verbrannt worden sind, um die Wahrheitsidee gewalttätig durchzusetzen.» (S. 30)
Foerster: Naturgesetze seien kulturelle Erfindungen
Bernhard Pörksen: «Wir telefonieren, wir fahren Auto, es erheben sich tonnenschwere Flugzeuge in die Luft. Das kann doch nur heissen, dass es einen systematischen Zusammenhang zwischen unseren Vorstellungen und dem Wesen der Welt gibt.» Heinz von Foerster: «Diese Erklärungsprinzipien sind kulturell bedingt und jeweils ganz verschieden; man kann zwischen ihnen auswählen und hin- und herhüpfen. … Das … Bekenntnis, dass Funktionieren einer Hypothese ein Wahrheitsbeweis ist, werde ich nicht ablegen.» (S. 31)
Foerster: Wahrheit bzw. Lüge und Subjekt bzw. Objekt seien überflüssig
«Wenn der Begriff der Wahrheit überhaupt nicht mehr vorkäme, könnten wir vermutlich alle friedlich miteinander leben. … Ich möchte noch einmal betonen, dass ich … aus der ganzen Diskussion über Wahrheit und Lüge, Subjektivität und Objektivität aussteigen will. … Man sollte diese Begriffe einfach nicht mehr verwenden …». (S. 32)
Foersters Taktik: Totschweigen der Wahrheit
«Es heisst, dass man eine Idee oder eine Person am besten demontieren kann, indem man sie überhaupt nicht mehr erwähnt. … Der Politiker ist dann plötzlich weg. In diesem Sinne meine ich, dass man die Idee der Wahrheit zum Verschwinden bringen und sie durch Nichterwähnung erledigen sollte …». (S. 33)
Foerster: Ohne Wahrheit neue Möglichkeiten
«Der Verwirrer erweitert das Blickfeld, er eröffnet neue Möglichkeiten und macht die Fülle sichtbar. … Es entsteht Freiheit. … Wenn man die Wahlmöglichkeit erweitert, dann kann man sich entscheiden, ein Kindermörder oder ein Schulbusfahrer zu werden.» (S. 35f)
«Wir sind frei zu wählen … Es gibt nicht irgendeine absolute Wahrheit, die einen zwingt, die Dinge so und nicht anders zu sehen, so und nicht anders zu handeln.» (S. 38)
Ab in die Psychose …!
Bernhard Pörksen: «Wenn es nicht mehr die eine und für alle gültige Bedeutung eines Ereignisses und Geschehens gibt, dann verliert das Objektivitätsgebot seine Basis … Was sagen Sie Journalisten, zu deren Berufsethos die objektive Beschreibung eines Sachverhalts gehört? Heinz vor Foerster: … Es muss heissen: ‚It is as you tell it!‘ … Kein Mensch weiss, wie es war.» (S. 101f)
«Da Ja generiert das Nein, das Nein generiert da Ja. Die Wahrheit einer Aussage erzeugt die Falschheit und die Falschheit erzeugt die Wahrheit.» (S. 120)
Foerster: Kausalität ist ein «moderner Aberglaube»
«Schon von Ludwig Wittgenstein wissen wir, dass der Glaube an den Kausalnexus ein moderner Aberglaube ist. … man meint, dass der Mensch oder die Natur sich gemäss diesem Gesetz verhalten müssen. Schon wenn ich das Wort Gesetz höre, sehe ich immer ein Gefängnis.» (S. 47f)
Foerster: Keine deduktive Logik
«Nun, wir wissen in der Tat nicht, ob alle Menschen sterben müssen. … Es gibt immerhin eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass manche Menschen unsterblich sind.» Der Satz «von der Sterblichkeit aller Menschen … hat nichts mit Menschen zu tun, die leben.» (S. 52)
Ein Leben ohne Kausalität und Logik «ist sehr amüsant und voller Abwechslungen; es ist ein reiches Leben, in dem man sich in jedem Moment für eine Art zu denken entscheidet.» Die Kausalität habe «sich wie ein Krebsschaden überall eingeschlichen». Dabei sei sie «eine entsetzlich triviale Vorstellung von den Zusammenhängen in der Welt.» (S. 53)