Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03132.jsonl.gz/2580

Dorfpolizist Noldi Oberholzer lag zusammen mit seiner Frau im Bett, als er vom Toten erfuhr. In der Nähe von Wildberg wurde er gefunden. Kalt war es in dieser Nacht, saukalt als Oberholzer seinen Informanten auf dem freien Feld traf und dieser ihm schilderte, dass ein splitterfasernackter Mann nicht weit von der Strasse entfernt im Schnee liege. «Da ist nicht mehr viel zu machen», sagte Noldi und rieb sich die Augen. Der Tote war Stein und Bein gefroren. und deshalb war es für den Aushilfsbestatter aussichtslos, den Toten überhaupt in einen Sarg zu legen. Als Noldi Oberholzer heimwärts ins Tösstal fährt und zu seiner Frau ins Bett kriecht, hat er ein mulmiges Gefühl.
Stelle und Ehemann gekriegt
Schauspieler Peter Fischli klappt das Buch zu. Die Zuhörer wünschen sich, dass er weiter und weiter liest, bis der Täter ermittelt ist. Die angenehme Baritonstimme schildert die lebhaften Dialoge, den sympathischen Noldi, den aufgeregten Bestatter, man meint, die Figuren schon längst zu kennen, auch wenn man erst seit ein paar Minuten in ihre Leben eingetaucht ist. Roswitha Kuhn hat Germanistik und Slavistik in Wien und Graz studiert und bereiste schon sehr früh Tibet. Dieses Land habe sie seither nie mehr losgelassen, erzählt die sympathische Frau und schildert, wie sie sich auf eine Stelle als Bibliothekarin im Tibet-Institut beworben habe. Sowohl die Stelle habe sie erhalten, wie auch ein paar Jahre später den Ehemann, erzählt sie schmunzelnd. Ihr Mann Jacques Kuhn sei ein Tüftler gewesen und habe vor ein paar Jahrzehnten den Dampfkochtopf erfunden und später als langjähriger Patron die Firma Kuhn in Rikon geleitet. Jacques und sein Bruder hätten in den späten 50er Jahren eine grosse Gruppe Tibeter aufgenommen, die vom Schweizerischen Roten Kreuz damals in die Schweiz geholt wurden. Später haben sie ein Kloster errichtet, das dreimal vom Dalai-Lama besucht wurde.
Fünfter und letztes Band im Februar
Jacques Kuhn sei ein grosser Erzähler gewesen und so sei man sich einig geworden, zusammen Kriminalgeschichten aus dem Tösstal zu schreiben. Er hatte die Ideen und sie habe sie in den Computer getippt, sagt sie. Beim Korrekturlesen hätten sie sich oft gestritten, manchmal schon am Frühstückstisch. Sie seien oft vor Ort am Recherchieren gewesen, doch hin und wieder hätten sie auch geschummelt. Die ersten drei Bände hätten sie zügig geschrieben und veröffentlicht, beim vierten Band ging es länger. 2016 verstarb Jacques Kuhn mit 97 Jahren und Roswitha Kuhn brauchte nochmals drei Jahre, bis der vierte Band Mondnackt veröffentlicht werden konnte. Sie habe ihrem Mann versprochen, auch noch einen fünften Band, der bereits angedacht war, zu schreiben und auch dies habe sie vollbracht: Im Februar erscheine der fünfte und letzte Band der Tösstaler Krimis mit dem Titel Weidmannsleid.
Besucher kommen auch von auswärts
Felicia Schaffner aus Tuttwil hat als Mitglied in der Kulturkommission bereits die dritte Lesung im Schulhaus organisiert. Sie freut sich, dass auch trotz den Einschränkungen und den Verschiebungen wegen der Corona-Pandemie über 30 Personen anwesend sind. Besucherinnen und Besucher kommen aus der Region, wie auch von weit her, sagt auch Renate Bissegger, Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Der Kulturbetrieb wie auch die Restauration helfen sich gegenseitig, ein attraktiver Ort für Einheimische, aber auch für überregionale Gäste zu sein. Sie profitieren von den Genossenschaftern, die ihre Aktivitäten durch Mund-zu-Mund-Werbung weiterverbreiten. Bislang habe noch kein Anlass mangels Beteiligung abgesagt werden müssen. Zudem können sie auf eine treue Stammkundschaft zählen, sagt Renate Bissegger. Ein Paar aus dem Oberthurgau ist bereits zum dritten Mal an einer Lesung dabei und überlegt sich, Genossenschafter zu werden. Die Atmosphäre gefalle ihnen im Schulhaus und deshalb kommen sie gerne, auch wenn sie weit fahren müssen. Zudem werde jeweils ein exquisiter Apéro riche aus regionalen Produkten aufgetischt. Rundum scheinen sich die Gäste wohl zu fühlen. «Wir hätten Roswitha Kuhn noch lange zugehört», sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin. Und ein älterer Mann vergleicht die Lesungen von Peter Fischli ein bisschen mit Theater live.