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Totale Betäubung als Erlösung von der Welt: Regisseurin Yana Ross inszeniert am Schauspielhaus Zürich Ottessa Moshfeghs Erfolgsroman «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung».
Ottessa Moshfegh gilt als neue, radikale Stimme der US-amerikanischen Literatur. In ihrem Roman «Mein Jahr der Ruhe und Entspannung» erzählt die amerikanisch-iranisch-kroatische Autorin von einer jungen und schönen New Yorkerin, die unter ihrer perfekten Oberfläche leidet und sich ein Jahr lang von Psychopharmaka und Schlafmitteln ernährt. Sie verliert ihren Job in einer Galerie, wo Künstler ihre läppische Auktionskunst zeigen, besorgt sich bei einer obskuren Psychiaterin mehr und mehr Tabletten, dämmert auf dem Sofa und schaut sich Filme mehrfach an. Ihre Mutter hat sich umgebracht, ihr Vater ist an Krebs gestorben. Hin und wieder kommt ihre neurotische Freundin Reva vorbei. Vielmehr passiert nicht. Der Roman endet damit, dass zwei Flugzeuge in die Twin Towers des World Trade Centers fliegen und die Freundin Reva aus dem 78. Stockwerk in den Tod springt.
Grotesk überzeichnete Figuren
Gespannt war man, wie es die Hausregisseurin Yana Ross anstellen wird, die Geschichte um eine dekadente New Yorker Szene-Frau, die die totale Betäubung als Erlösung von der Welt feiert, in Gang zu halten. Das gelingt ihr vorbildlich, indem sie die von der Autorin erfundenen Nebenstränge und -figuren grotesk überzeichnet. Gezeigt werden lauter verkorkste Figuren, die eine kranke Grossstadtwelt offenlegen. Passend dazu hat Zane Philstrom die Bühne als Kühlhaus mit zwei grossen Türen hergerichtet. Hinter den Türen verbergen sich auswechselbare Räume, die beim Öffnen der Türen je nach Fortgang der Rückblenden die passenden Schauplätze (Wohnstube, Schlachthof, Kiosk) freigeben. Passend zu den verschrobenen Auftritten ist auch die Kostümierung gewählt, vorab jene des chinesischen Pseudokünstlers Ping Xi (Maximilian Reichert), ausstaffiert mit muskelbepackter Brust und glitzerndem Einhorn-Kopf, der machohaft seine Kunstwerke, ausgestopfte Hunde im Glaskasten, präsentiert.
Maximilian Reichert als Ex-Geliebter Trevor und Alicia Aumüller als namenlose Schläferin.
Es sind just die Nebenfiguren, die die mondäne Scheinwelt plastisch ad absurdum führen. Alle sind stereotypisch angelegt, angefangen bei der neurotischen Freundin Reva, heiter-traurig gespielt von Henni Jörissen, die, jeweils zur Stimmungslage in passende modische Accessoires gekleidet, die schöne Schläferin unentwegt anhimmelt und ihr ihre Liebe beteuert. Zum Umwerfen komisch gibt Karin Pfammatter die obskure Psychiaterin Dr. Tuttle, die auf kurlige Art ihre Patientin grosszügig mit Beruhigungs- und Schlafmitteln versorgt und abstruse Ratschläge erteilt. Anfänglich verabreicht sie Pflanzenblätter zur gewünschten Weltflucht, dann als Riesenpille eine Diskokugel und letztlich Schlittschuhe, mit denen die junge Schläferin nackt endlos Runden auf der Bühne dreht. Lena Schwarz verkörpert eine verbitterte Mutter, die Ehemann und Tochter verachtet und mit der ganzen Welt hadert.
Willkommener Kontrapunkt zu den schrägen Figuren
Bleibt noch die namenlose Schläferin, die Ich-Erzählerin, grandios diszipliniert gespielt von Alicia Aumüller. Sie, die ein Jahr verschlafen will, verfolgt und erlebt die Rückblenden entrückt und beinahe emotionslos. Ihre schlaftrunkenen Ausflüge sind wie ein letztes Aufbäumen ihres alten Bewusstseins, dem sie so wenig nachtrauert wie der Welt, der sie entfliehen will. Am Ende schaut sie immer wieder im Fernsehen an, wie ihre einzige Freundin Reva aus dem brennenden World Trade Center in den Tod springt, weil sie findet, ihre Freundin sehe «schön» dabei aus. Mit ihrem kühlen Auftritt setzt sie einen willkommenen Kontrapunkt zu den schrägen Figuren, die vor dem Abtauchen ins Unbekannte ihr dekadentes Leben säumten. Als Fazit bleibt ein beklemmender, mit Komik angereicherter, aber etwas gar kopflastiger Theaterabend, der eine hellsichtige Gesellschaftsanalyse der USA um die Jahrtausendwende liefert.
Das Kühlhaus mit der aufgebahrten Leiche der Mutter: Sinnbild der Trostlosigkeit.
Titelbild (v.l.): Lena Schwarz als Mutter, Henni Jörissen als Freundin Reva und Alicia Aumüller als namenlose Schläferin. Fotos: Zoé Aubry
Weitere Spieldaten: 3., 6., 8., 18., 26., 28. November, 3. Dezember (Pfauen)