Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03135.jsonl.gz/1805

Grönland war bis in die frühen 90er-Jahre ein Ort der Stabilität, zumindest in Bezug auf das Abschmelzen seines Eisschildes. Doch das hat sich seither grundlegend geändert. Denn die zahlreichen Eisflüsse, die vom zweitgrössten Eisschild der Welt wegfliessen, verhalten sich scheinbar unterschiedlich und entsprechend sind Vorhersagen über die Entwicklung des Verhaltens und seiner Auswirkungen auf die Küsten schwierig gewesen. Nun hat aber eine US-amerikanische Forschungsgruppe zeigen können, dass sich der Eisverlust tatsächlich massiv beschleunigt hat und dies entsprechende Auswirkungen auf die Küstenregionen haben wird.
«Die Geschwindigkeit des Eisverlustes in Grönland ist gewaltig.»
Dr. Twila Moon, National Snow & Ice Data Center
Die Resultate der Studie von Dr. Twila Moon vom National Snow and Ice Data Center in Boulder Colorado zeigen, dass in den vergangenen 20 Jahren praktisch alle Gletscher sich teilweise rapide zurückgezogen haben und damit den Eisschild nachhaltig verändert haben, zumindest an den Rändern. «Die Geschwindigkeit des Eisverlustes in Grönland ist atemberaubend», erklärt die Erstautorin der Studie. Wir können jetzt zahlreiche Anzeichen einer veränderten Landschaft vom Weltraum sehen. Und weil sich die Ränder des Eisschildes auf den schnellen Eisverlust einstellen, wird sich der Charakter und das Verhalten des Systems als Ganzes verändern. Das wiederum hat das Potential, die Ökosysteme und die davon abhängigen Menschen zu beeinflussen.»
Moon und ihre Kollegen verglichen Daten über die Lage der Eiskanten, die Höhe der Oberfläche des Eisschildes und Fliessgeschwindigkeiten der Gletscher aus den Jahren 1985 bis 2015. Dabei zeigte sich, dass sich die Kanten ab Mitte der 90er Jahre bis heute entlang des ganzen Eisschildes zurückgezogen hatten und von den 225 Gletschern, die ins Meer fliessen, keiner ein signifikantes Wachstum aufwies, dafür sich aber 200 zurückgezogen haben. Ausserdem werde die Fliessgeschwindigkeit durch die Topographie des Untergrundes beeinflusst und durch Vorgänge im oberen Bereich der Gletscher, schreiben die Forscher in ihrer Arbeit. Und genau diese oberen Bereiche haben sich auch stark verändert: Gebiete mit schnellem Eisfluss werden enger, Eis wird in andere Richtungen abgelenkt und der Fluss in einigen Fällen sogar verlangsamt. All dies hat Konsequenzen auf die Küstenbereiche, wie das Team schreibt. Denn damit fliesst auch das Wasser unter dem Gletscher anders und kann den Süsswasser- und Nährstoffeintrag ins Meer verändern, die Trinkwasserwasserversorgung der Gemeinden beeinflussen und sogar die Topographie der Küste verändern, indem neues Land exponiert wird oder neue Fjorde aufgehen.
Die Autoren der Arbeit kommen zum Schluss, dass das Verhalten der individuellen Gletscher in seiner Komplexität, die aus den von ihnen genannten Faktoren beeinflusst wird, in die Vorhersagen und Modelle eingebaut werden müssen. Dazu meint Alex Gardner vom NASA Jet Propulsion Laboratory und Mitautor der Studie: «Das Verständnis der Komplexität der einzelnen Gletscherreaktionen ist entscheidend für die Verbesserung der Projektionen der Eisschildveränderung und des damit verbundenen Anstiegs des Meeresspiegels, der an unseren Ufern eintrifft.» Die Forscher hoffen, dass die in dieser Studie gesammelten Informationen verwendet werden, um zukünftige Veränderungen der Dynamik der Eisdecke, des Eisverlusts und lokaler bis regionaler Auswirkungen vorherzusagen, während die globale Erwärmung die eisige Welt Grönlands weiter verändert.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal