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Samstags im Rahmen des Staubsaugens ordne ich meine Lektüre vor dem Bett. Ich sortiere aus, was ich fertig gelesen habe und lege die verbleibenden Bücher ihrer Grösse nach aufeinander, damit der Stapel in der kommenden Woche standhaft bleibe.
In meiner Leselotte befindet sich Fremdschläfer von Verena Stefan, eine Geschichte des Auswanderns und Einwanderns, erzählt im französisch-deutsch-englischen Sprachegemisch einer Bernerin, die ihrer Geliebten nach Kanada gefolgt ist und nun von ihrem Krebs zur Reflexion verdammt wird. In jeder Hinsicht lesenswert.
Oben auf liegt Luxemburg heute: Bis wir uns als freie Menschen sehen, eine kleine Zitatensammlung von Rosa Luxemburg, die viel über die Welt vor hundert Jahren erzählt und besonders davon, wie wenig sich unsere Herausforderungen geändert haben. Luxemburg äussert sich treffsicher über Natur, Ressourcen, Bücher und Gegner und bewundernswert hellsichtig über das Dilemma der Sozialdemokratie.
Franz Hohlers Karawane am Boden des Milchkrugs ist eine typisch schweizerische Miniaturensammlung und alltäglich erfreulich. „Der ganz schwere Transport“ zum Beispiel berichtet vom Leiden eines Lastwagenchauffeurs, der einen 800tönnigen Superthronger von der Maschinenfabrik in Silli ins sechs Kilometer entfernte Atomkraftwerk Beznau liefern soll, nach jahrelanger Irrfahrt in Russland verschwindet und so endgültig zur Sage wird. Grund für diese Odyssee war einzig die für den Doppelsattelschlepper zu schwache Brücke bei Silli über die Aare. Heute Abend freue ich mich auf die Erzählung einer Fettcrème, die abnehmen will.
Den Klappaltar vom verehrten Gernhardt habe ich schon fertig gelesen, aber ich lasse ihn doch noch etwas liegen. Vom ersten Altarflügel war ich enttäuscht, aber überprüfe mein Urteil lieber ein zweites Mal. Gernhardt spalierte mit dem Klappaltar die runden Geburtstage dreier grosser Dichter: Im ersten Flügel präsentierte er Heinrich Heine (200. Geburtstag 1997), das Scharnier bildete Berthold Brecht (100. Geburtstag 1998) und der zweite Flügel gehörte Johann Wolfgang Goethe (250. Geburtstag 1999). Gernhardts Vorgehen war intensives Lesen der Werke der Jubilare, Inspiration durch sie und einmonatiges Schreiben in ihren Zungen. Das brecht’sche Scharnier ist herausragend, bei Heine bin ich wie gesagt noch unentschlossen, doch auch Goethe scheint mir sehr gelungen.
Lukas Bärfuss’ Hundert Tage werde ich auf jeden Fall ausführlicher besprechen. Vielleicht weil es zum Besten gehört, was ich in den letzten Jahren an Schweizer Literatur gelesen habe, vielleicht weil Bärfuss’ ein Buchhändler meiner Generation ist und bestimmt, weil sein Protagonist hier einer meiner Kunden hätte sein können.
Die Schweizer Literaturgeschichte ist gemäss Herausgeber eine erweiterte Fassung meiner Lieblingsliteraturgeschichte, die 1991 im Verlag Volk und Wissen erschienen ist. Fast alles, was ich über Schweizer Literatur weiss, weiss ich daraus. Allerdings hat die Neuausgabe auch Streichungen in Kauf genommen, aber verzeihliche. Die neu hinzugekommenen Artikel:
sind unbestritten ein Gewinn. Ich werde in diesem Werk auf jeden Fall noch einige Wochen und immer wieder blättern, auch wenn ich wohl aus Nostalgie an der Originalausgabe hängen bleibe.
Elisabeth Bronfen, Tiefer als der Tag gedacht geht als Lektüre harziger als erhofft; ich bin nach einer Woche erst auf Seite 155. Vom Hanser-Lektorat habe ich etwas mehr Lesefreundlichkeit erwartet, als dieses wissenschaftliche Monumentalwerk über „Kulturgeschichte der Nacht“ nun bietet. Aber das Thema ist als philosophisches, literarisches wie musikalisches einmalig genug, um mir über den eco’schen Tick der Autorin, nichts unerwähnt zu lassen, hinwegzuhelfen. Für Geduldige absolut empfehlenswert.
Poeten und Schaumschläger tanzen, rennen, radebrechen durch 24 wunderbare Aufsätze von Karlheinz Deschner über Literatur und Literaturkritik. Von den bisher gelesenen ist „Scheiden – entscheiden.“, ein Aufsatz zu den Aufgaben des Literaturkritikers, mein erkenntnisreichster. Ich lege ihn Buchhändlerinnen und Buchhändlern wie allen anderen, die über Bücher reden und schreiben, sehr ans Herz.
In Worte gemalt von Samuel Bak lese ich schon zum zweiten Mal und es wird nicht das letzte sein. Meine buchhändlerische Deformation lässt langsames Lesen nicht zu, weshalb ich mir ein besonders vielschichtiges und intensives Buch durch Wiederlesen erschliesse. Samuel Bak wurde 1933 in Wilna geboren. Er überlebte Ghetto und Lager, weil die Erwachsenen in ihm den Künstler sahen, der er später – aus Neigung wie Verpflichtung – geworden ist. Seine Familie und viele andere Menschen setzten alles daran, diesen Jungen als Hoffnung jüdischer Kunst, als Zeugen und Bewahrer über die höllischen Jahre zu retten. Eine klassische Autobiografie ist das Buch nicht, es ist keine Lebensgeschichte. Eher eine ganz besondere Chronik. Weniger der Ereignisse, mehr der Gedanken; der leichten, der zynischen, der lustigen, der wahrhaftigen, der verdrängten, der individuellen und der kollektiven.
[Dies ist die Fingerübung für etwas, was ich vielleicht einmal für die Schule verwenden werde, weil ich oft gefragt werde, welche Bücher ich gerade gut finde. Mal sehen.]