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Vermeintlich ideale Städte oder Gemeinschaften haben Menschen schon seit jeher fasziniert. Oft klafft allerdings ein grosser Graben zwischen Anspruch und Wirklichkeit.
In der Nähe der ehemaligen französischen Kolonie Pondicherry an der südindischen Koromandelküste liegt Auroville, die «Stadt der Morgenröte». Eingeweiht wurde die Experimentalstadt 1968; sie ging aus dem 1926 gegründeten Ashram des indischen Gurus Sri Aurobindo und dessen spiritueller Partnerin Mira Alfassa hervor. Die Französin, meist «Mutter» genannt, setzte die Idee einer universellen Stadt für friedliche Menschen aller Nationen, Rassen, Religionen und jeden Alters in die Praxis um.
Geplant war eine 50 Hektar grosse Modellstadt, die Lebensraum für 50'000 Menschen bieten sollte. Heute sind es allerdings nur um die 2800 Personen aus aller Herren Länder, die im grössten spirituellen Utopia der Welt leben. Privaten Grund- und Immobilienbesitz gibt es nicht; Eigentümer ist die Auroville Foundation, die eine autonome Körperschaft innerhalb des indischen Bildungsministeriums.
Bargeld wird in Auroville nur an wenigen Orten akzeptiert – Auroville möchte ohne Geldzirkulation funktionieren. Bezahlt – auch von Besuchern – wird mit einer sogenannten Aurocard. Die Einwohner sollten vier bis fünf Stunden täglich etwas für die Gemeinschaft leisten; dafür erhalten sie eine Art Grundeinkommen auf ihre Aurocard. Elektrizität, Schulbildung und Gesundheitssorge sind gratis. Trotz dieses idealistischen Ansatzes gibt es Probleme mit Korruption und Kriminalität.
Auroville wurde in der Form einer Galaxie angelegt, in deren Zentrum sich eine riesige goldene Kugel befindet: Der Matrimandir («Tempel der Mutter») ist das Wahrzeichen der Stadt und zugleich ihr spirituelles Zentrum. Der Tempel ist keiner Religion zugehörig und dient der Meditation.
1970 gründete der in Italien geborene Architekt Paolo Soleri in Arizona eine Siedlung, die als Laboratorium für Stadtentwicklung dienen sollte. Soleri war Begründer der Arkologie-Bewegung, die Architektur und Ökologie kombiniert. Arcosanti, wie die Experimentalstadt heisst, wirkt wie ein Gegenentwurf zu Suburbia, der archetypischen amerikanischen Vorstadt, deren Gestalt von Einfamilienhaussiedlungen, Shopping Malls und vom Automobil diktiert wurde.
In Arcosanti dagegen ist alles konzentriert: Die Wohnbauten stehen nahe beieinander, es gibt ein Amphitheater und eine Bronzegiesserei mitten im Ort, alles ist zu Fuss erreichbar und die Bewohner bauen ihre Nahrung in Gewächshäusern und auf kleinen Feldern an. Damit soll die Ressource Baugrund geschont werden. Diese Ressource ist im «urbanen Labor» Arcosanti tatsächlich nicht stark beansprucht worden: Bisher stehen nur rund ein Dutzend Gebäude – weniger als fünf Prozent des ursprünglich geplanten Umfangs.
So leben statt der anvisierten 5000 nur knapp 100 Personen in Soleris Utopie. Und sie leben nicht wie vorgesehen autark, sondern in nicht unerheblichem Ausmass von den Touristen, die diese futuristisch anmutende Oase der Nachhaltigkeit besuchen – es sind zwischen 25'000 und 50'000 im Jahr. Ihnen verkaufen die Bewohner Bronze- und Tonglocken, die sie in ihrer Mustersiedlung produzieren. Ob diese jemals die von Soleri geplante Grösse erreichen wird, ist zweifelhaft – der Gründer gab 2011 aus Altersgründen alle Funktionen ab und starb 2013.
Einst exerzierte hier die dänische Armee. Jetzt erstreckt sich ein kleiner Freistaat auf dem 34 Hektaren grossen Gelände in der dänischen Hauptstadt Kopenhagen, die Fristad Christiania. Rund 1000 Einwohner hat die Freistadt, so genau weiss das vermutlich niemand. Vom dänischen Staat wird die Gemeinschaft geduldet, obwohl sie das dänische Recht nicht anerkennt.
1971 gründete der Journalist Jacob Ludvigsen Christiania. Die Gründung war zum Teil eine Antwort auf das Problem der Wohnungsnot in Kopenhagen, zum Teil hatte sie utopischen Charakter, was sich auch in den Leitlinien niederschlug: Christiania will eine selbstregierende Gesellschaft sein, in der alle und jeder für sich für das Wohlergehen der gesamten Gemeinschaft verantwortlich ist. Zudem soll die Gemeinschaft ökonomisch selbsttragend sein.
Die Bewohner organisieren sich in einem Plenum (Fællesmøde), in dem Probleme behandelt werden, die das gesamte Gemeinwesen betreffen. Daneben gibt es Gebietssitzungen – Christiania ist in 15 Abschnitte gegliedert –, in denen einmal im Monat lokale Angelegenheiten geregelt werden. Eines der gravierenderen Probleme von Christiania war der Drogenhandel. Harte Drogen sind zwar – genauso wie Waffen, Gewalt, kugelsichere Westen oder Werbung – verboten, während Marihuana toleriert wird. Doch die Freistadt entwickelte sich schnell zu einem Drogen-Schwarzmarkt.
Berüchtigt wurde insbesondere die Pusher Street, wo es mehrmals zu Schiessereien zwischen rivalisierenden Drogenbanden kam, zuletzt 2016. Seither griffen die Bewohner durch und versuchten, den Drogenhandel zu unterbinden – nicht zuletzt auch, weil der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle der Freistadt ist.
Was ist besser als Disney World zu besuchen? In Disney World leben! Das haben sich wohl die knapp 7500 Einwohner von Celebration gesagt. Die von der Walt Disney Company 1994 gegründete Planstadt im US-Staat Florida zelebriert das mittelständische amerikanische Kleinstadtidyll. Dem gesichtslosen Einfamilienhausbrei der Vororte stellte Disney das Ideal der fussgängertauglichen amerikanischen Main Street mit kompakter Innenstadt und öffentlichen Plätzen entgegen.
In Celebration sollte man eigentlich zu Fuss zur Arbeit und einkaufen gehen können. Die Häuserreihen sind als «villages» rund um die dichte Innenstadt angelegt. Doch der städtebauliche Aspekt tritt für die meisten Beobachter der Planstadt gegenüber dem soziologischen in den Hintergrund. Denn der Disney-Konzern besitzt nicht nur den Grund und Boden in Celebration, er lenkt auch das Schulwesen und regelt das Leben der Bewohner durch ein «Musterbuch» von 70 Seiten Umfang.
Disney gibt aber nicht nur Richtlinien für die Ausgestaltung der Häuser und Gärten vor. In Celebration gibt es keine politische Vertretung der Bürgerschaft wie ein Stadtparlament oder einen gewählten Bürgermeister. Die Durchmischung der Einwohner ist gering; Celebration ist zu 90 Prozent weiss. Manche Kritiker der Disney-Stadt erinnert Celebration an ein vordergründiges Stepford-Idyll, hinter dessen Fassade etwas Unheimliches lauert.
In den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts planten Auswanderer aus dem jungen finnischen Staat gleich mehrere Kolonien, von denen drei verwirklicht wurden – allesamt in Lateinamerika. 1929 gründete der Pastor Toivo Uuskallio im Süden des brasilianischen Bundesstaates Rio de Janeiro die Kolonie Penedo, die erste finnische Ansiedlung in Brasilien. Uuskallio war überzeugt, dass Gott ihn dazu bestimmt hatte, ein finnisches Utopia in den Tropen aufzubauen.
Die finnischen Emigranten waren Idealisten, die in Harmonie mit der Natur leben und eine völlig neue Welt aufbauen wollten. Vegetarismus und Abstinenz gehörte zu ihren Grundprinzipien, dazu ein starker Kommunitarismus: Man wohnte zusammen, die Mahlzeiten wurden gemeinsam eingenommen, das Einkommen gleichmässig verteilt. Der Gemeinschaft gelang es jedoch nicht, auf dieser Basis ein wirtschaftlich autarkes Gemeinwesen aufzubauen und die Rückzahlung von Krediten brach Penedo beinahe das Genick.
Bald wurde aus dem idealistischen Projekt eine gewöhnliche Siedlungskolonie. Der Vegetarismus und der Kommunitarismus wurden aufgegeben. In den Vierzigerjahren begannen die Auswanderer und ihre Nachkommen, den Tourismus als Einnahmequelle zu nutzen. Heute noch verwertet Penedo seine utopische Vergangenheit touristisch; es gibt Hotels und Andenkenläden.
Sie sollte die Öko-Stadt der Superlative werden: Masdar City im Emirat Abu Dhabi. 2008 begann der Bau der Wissenschaftsstadt, die CO2-neutral sein und vollständig durch erneuerbare Energien – produziert von einem eigenen Solarkraftwerk und Windrädern – versorgt werden sollte. In der Modellstadt sollten die Bewohner nur noch einen Viertel der sonst üblichen Energie verbrauchen und den Abfall recyclen. Vor allem aber war geplant, dass Masdar City eine autofreie Vorzeigestadt werden sollte – innerhalb des Geländes sollte es nur Fussgänger, Elektrofahrzeuge und Strassenbahnen geben.
Doch die Planer machten die Rechnung ohne die Bewohner. Die dachten nicht daran, auf ihre spritfressenden Privatfahrzeuge zu verzichten. Aus diesem Grund wurden zusätzliche Strassen angelegt und die Wohnblöcke mit unterirdischen Garagen ausgestattet. Da die geplante Schnellbahn nach Abu Dhabi, das gut 30 Kilometer entfernt ist, bisher nicht gebaut wurde, sind die Angestellten der wenigen in Masdar City angesiedelten Firmen ohnehin auf das Auto angewiesen.
Bisher fertig gebaut wurde der Campus mitsamt Bibliothek und Studentenwohnungen. Die Gebäude sind nicht sehr hoch und stehen mit Absicht eng zusammen, denn auf diese Weise spenden sie sich Schatten. Deshalb weist das zu guten Teilen vom britischen Stararchitekten Norman Foster entworfene Masdar City keine Hochhäuser auf, die in heissen Gegenden aufwändig heruntergekühlt werden müssen.
Eigentlich sollten mittlerweile bis zu 50'000 Personen in Masdar City leben und arbeiten. Doch die Finanzkrise nach 2008 brachte die Bautätigkeit fast zum Erliegen; bis 2017 wurden nur etwa 5 Prozent der geplanten Bauten fertiggestellt. Es ist nicht sicher, ob Masdar City jemals fertig gebaut wird – jedenfalls nicht vor dem Jahr 2030.
In der zweiten Hälfte der Sechzigerjahre entstanden, getragen von der Hippie-Bewegung, zahlreiche Kommunen. Eine davon, Twin Oaks, wurde 1967 in Virginia von acht Leuten auf einer ehemaligen Tabakfarm gegründet. Die Anfangsjahre waren hart; die Fluktuation der Mitglieder war hoch. Seit Mitte der Neunzigerjahre hat sich die Mitgliederzahl bei rund 100 eingependelt und es gibt Wartelisten für Neumitglieder. Eintrittswillige müssen einen dreiwöchigen Probeaufenthalt als Besucher absolvieren.
Zentrale Werte in Twin Oaks sind der Egalitarismus und die Gewaltlosigkeit; dazu kommen nachhaltiges und gemeinsames Wirtschaften. Für erledigte Aufgaben erhalten die Mitglieder Punkte. Dabei gibt es keinen Unterschied bei der Bewertung der Tätigkeiten als attraktiv oder unattraktiv und auch keine entsprechende Skalierung der Punktevergabe. Dies ist einer der Gründe, warum eher unattraktive Reinigungsarbeiten oft nicht ausreichend ausgeführt werden – mangelnde Sauberkeit gilt daher in Twin Oaks als Problem, sowohl bei Besuchern wie bei Mitgliedern.
Die Kommune ist ökonomisch nicht abgeschottet. Sie produziert und verkauft Güter wie Hängematten, Tofu, Blumen und Samen. Jedes Mitglied erhält pro Monat 100 Dollar als persönliches Taschengeld. Für Aussteigewillige ist es daher schwierig, genügend Kapital anzusparen, um nach Jahren in der Kommune wirtschaftlich wieder in der Aussenwelt Fuss zu fassen.
Viele Freizeitaktivitäten finden in Twin Oaks gemeinsam statt: Tanzen, Meditieren, Spielen. Fernsehen ist erlaubt, allerdings nicht Live-Sendungen, sondern lediglich DVDs und dergleichen. Immerhin ist der Zugang zum Internet erlaubt. Mobil-Telefone wiederum sind im öffentlichen Raum verboten. Insgesamt gibt es in der Kommune nur wenig Privatsphäre.