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Die unsichtbare Medaille
Simone Biles ist nicht deshalb ein Vorbild für viele Frauen, weil sie als eins der aussergewöhnlichsten Sporttalente der Geschichte gelten darf. Sondern weil sie trotz ihres jungen Alters konsequente Entscheidungen trifft, wenn es um Tabuthemen wie sexueller Missbrauch oder mentale Gesundheit im Spitzensport geht. Aus der Serie «Aussergewöhnliche Frauenbiografien».
Mit 24 Jahren bereits sieben Mal zur Weltsportlerin des Jahres erklärt, ist die US-Amerikanerin Simone Biles ein Superstar der Sportgeschichte. Mit 25 Medaillen an Weltmeisterschaften ist sie zur erfolgreichsten WM-Teilnehmerin überhaupt erklärt worden. An den Turn-Weltmeisterschaften 2018 holte sie in allen Disziplinen eine Medaille, und mit insgesamt 19 Gold-, 3 Silber- und 3 Bronzemedaillen gilt sie auch als erfolgreichste Teilnehmerin der Turn-Weltmeisterschaften aller Zeiten – und dies ist nur ein Ausschnitt aus der Liste ihrer Erfolge.
Doch ihre aussergewöhnliche Sportkarriere ist nicht der Grund, warum Biles ein grosses Vorbild für viele Frauen ist. Schon als Kind musste sie sich grossen emotionalen Herausforderungen stellen. Sie und ihre Geschwister wuchsen bei den Grosseltern auf, da ihre Mutter drogensüchtig war. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, begann sie bereits mit sechs eine Karriere als Kunstturnerin. Zusätzlich zum enormen Leistungsdruck und dem exzessiven Training wurde sie als Jugendliche vom Arzt des amerikanischen Turnteams sexuell missbraucht. Dies machte sie im Rahmen der Kampagne «Me Too» 2018 bekannt, genauso wie weitere 150 ihrer Kolleginnen.
Vor wenigen Monaten machte Simone Biles von sich reden, weil sie die jahrelange Zusammenarbeit mit Nike beendete und die Frauenmarke Athleta als ihren neuen Sponsor präsentierte. Auf Instagram schrieb sie, sie wolle mit einer Marke zusammenarbeiten, die ihre Leidenschaft teile, Mädchen dabei zu helfen, sich zu entwickeln. Athleta repräsentiere alles, woran sie glaube, weil sie für Vielfalt und Inklusion stehe. Biles ist nicht die erste Spitzensportlerin, die Nike den Rücken kehrte und dem Unternehmen vorwarf, Frauen nicht genügend zu unterstützen – zum Beispiel im Falle einer Schwangerschaft.
Für die Olympischen Spiele in Tokio, die Anfang August zu Ende gingen, hatte sich Biles für alle sechs Finales qualifiziert. Gleich anfangs misslang ihr jedoch ein komplizierter Sprung, worauf sie ihre Teilnahme an der Olympiade zurückzog. Vielen mag dies übertrieben erschienen sein, auch wenn bekannt ist, dass solche Fehler lebensgefährlich sein können und auf Grund mentaler Blockaden passieren, die nicht leicht zu überwinden sind. Als Biles bekannt gab, dass sie den Wettkampf nicht wegen einer Verletzung abgebrochen hatte, sondern aus Rücksicht auf ihre mentale Gesundheit, löste dies einen Sturm von Reaktionen aus – die meisten so positiv, dass von einem «Lovestorm» die Rede war.
Viele Sportlerinnen und Sportler sprachen Biles grossen Respekt aus, weil sie die hohe psychische Belastung von Leistungssportlern thematisierte. Sogar der amerikanische Präsident bekundete seine Sympathie. Vereinzelt wurden Stimmen laut, die Biles vorwarfen, sich egoistisch zu verhalten. Sie habe sich für ihr Heimatland aufzuopfern und die erwarteten Medaillen nach Hause zu bringen. Solche Äusserungen müssen jedoch auch im Kontext rassistischer Anfeindungen gegenüber Afro-Amerikanerinnen und -Amerikanern betrachtet werden. «Wenn sie eine Pause braucht, soll sie sie haben», sagte etwa die Kongressabgeordnete Stacey Plaskett, selbst Afro-Amerikanerin. «Schwarze Frauen in Amerika konnten sich nie ausruhen und sagen: Es reicht, ich bin müde. Doch wir haben dieses Land mitaufgebaut.»
Die unsichtbare Medaille, die Simone Biles in Form von solchen Respektbekundungen verliehen wurde, hat noch mehr Applaus verdient als all ihre sportlichen Auszeichnungen.
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