Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03120.jsonl.gz/109

In Europa sind sie längst nur noch eine Randerscheinung. In Indien tummeln sich dagegen noch Millionen von ihnen: «3-Wheeler» gehören hier zum Alltag – und das dürfte noch eine ganze Weile so bleiben. Die Wiege des kommerziellen Motor-Dreirads steht in Europa. Dort wurde die Fahrzeuggattung Anfang des 20. Jahrhunderts populär – sie war günstig, genügsam und genial vielseitig. Zu den Pionieren zählte ab den 1920er-Jahren der Hamburger Hersteller Tempo; noch Anfang der Fünfziger führte man mit der Baureihe Hanseat die Transporterklasse bis 750 Kilo Nutzlast an, war das Dreirad in Deutschland so allgegenwärtig wie der VW Käfer. Davon wusste auch der indische Geschäftsmann und Motorrad-Importeur Nawalmal Kumar Firodia; er dachte dabei an die begrenzten finanziellen Mittel seiner Landsleute – oder die engen Gassen in den Städten seiner Heimat. Eine urban ähnliche Infrastruktur gab es auch in Italien zu beobachten, wo der nationale Dreirad-Pionier Piaggio mit dem Modell Ape («Biene») seit Ende der 1940er-Jahre erfolgreich war.
Firodia jedenfalls imponierte am Hanseat die geschlossene Kabine, welche es bei Piaggio erst ab 1956 geben sollte. 1951 reiste er nach Hamburg und bekundete sein Interesse, Dreiräder in Indien zu verkaufen. Die ersten kamen noch im gleichen Jahr auf den Subkontinent, wurden dort zunächst in einer Hinterhofwerkstatt zu Rikschas umgebaut und anschliessend im ganzen Land vertrieben. Das Geschäft lief so gut, dass Firodia weitere Modellvarianten anbot und 1958 eine eigene Gesellschaft namens Bajaj-Tempo Ltd. gründete. Ein wahrer Boom folgte, während der Dreirad-Absatz in Deutschland spürbar nachliess – 1961 schickte Tempo die kompletten Produktionsanlagen nach Indien. Trotzdem konnte die weiter steigende Nachfrage nicht bedient werden und 1964 zog das Unternehmen von Bombay (dem heutigen Mumbai) in ein grösseres Werk nach Poona (Pune) um.
Es reichte trotzdem nicht. Die indische Bevölkerung, bislang vornehmlich mit Muskelkraft und Fahrrad unterwegs, motorisierte sich. Ab den 1970er-Jahren drängten weitere Dreirad-Produzenten wie Kumar und Kerala auf den Markt; es folgten Mahindra, J.S. Auto, Tuk Tuk oder TVS – und mit ihnen eine Flut an Lizenzprodukten oder Eigenentwicklungen. Seit 1999 fertigt Piaggio die Ape in Indien (und bezeichnet sich irreführenderweise als Dreirad-Erfinder); eine Taxiversion folgte 2002. Fast alle genannten Dreiräder weisen ähnliche technische Daten auf; sie sind unter drei Meter lang, maximal 140 cm breit und circa 400 Kilo schwer. Angetrieben werden sie von luftgekühlten Einzylinder-Motoren mit 175 bis 400 Kubik sowie sieben bis neun PS; die Höchstgeschwindigkeiten überschreiten selten 50 km/h. Ausnahmen bestätigen die Regel: Der zwischen 1996 und 2010 produzierte Force Minidor darf mit bis zu 3,6 m Länge und 1,55 m Breite als Maxi-Dreirad gelten; als Antrieb dient ihm ein 500-cm3-Motor mit satten zehn Pferdestärken – genug für beinahe 60 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit.
In Grösse und Leistung ähnelt der Minidor eher dem historischen Tempo Hanseat, dazu gibt es weitere Verbindungen: Das Unternehmen Force Motors ging 2006 aus der Firodia Group hervor, zu der einst auch Bajaj-Tempo gehörte. Das deutsche Unternehmen Tempo war bereits 1965 untergegangen; das einstige Werk und die Namensrechte gehören heute Mercedes-Benz. Force kooperiert bis heute auch mit den Stuttgartern und seit 2006 mit MAN, das aber jeweils im vierrädrigen Nutzfahrzeugsektor.
Lesen Sie den gesamten Artikel im aktuellen VECTURA #11.