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Fast jeder Staat hat eine nationale Rotkreuz- oder Rothalbmondgesellschaft. Nicht so das Königreich Bhutan. Das ändert sich nun mit Unterstützung der nationalen Rotkreuzgesellschaft der Schweiz, dem SRK. Ursula Schmid, Programmverantwortliche Bhutan, erklärt.
Ursula Schmid*, wie kommt es, dass in Bhutan erst jetzt ein Rotes Kreuz gegründet wird?
Das Bergland im Himalaya war bis vor etwa zehn Jahren eine absolute Monarchie und von der Aussenwelt abgeschottet. Das Königreich hatte für humanitäre Aufgaben Freiwillige, die im Dienste des Königs stehen – aber kein Rotes Kreuz. 1991 hat Bhutan im Zuge der politischen Öffnung die Genfer Konventionen unterzeichnet und ist somit dem Humanitären Völkerrecht verpflichtet. Das bedingt auch, eine nationale Rotkreuzgesellschaft als Partner für humanitäre Aufgaben des Staates zu haben.
Neben der politischen Öffnung des Landes spielt auch der Wunsch und das Interesse der Regierung eine Rolle, im Falle einer grossen Naturkatastrophe internationale Unterstützung zu erhalten. Bhutan liegt in einer sehr aktiven Erdbebenzone. Auch Überschwemmungen und Sturzfluten durch Gletscherschmelzen nehmen zu. Als Mitglied der internationalen Rotkreuz-Föderation hat Bhutan direkte Verbindungen zu anderen Rotkreuz-Gesellschaften und kann auf deren Unterstützung zählen.
Dass am 8. Mai 2017 das Rote Kreuz gegründet werden konnte, hat folglich damit zu tun, dass das Königshaus wie auch der amtierende Premierminister aus Überzeugung diese Entwicklung aktiv unterstützt haben.
Ist es üblich, dass das SRK die Gründung einer nationalen Gesellschaft fördert?
In der Regel beraten Beauftragte der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften den Gründungsprozess einer neuen Rotkreuzgesellschaft. So war es beispielsweise, als Südsudans 2011 unabhängig wurde. Bhutan ist ein Spezialfall. Hier begleitet auf Anregung des Königs das SRK diesen Prozess – eine ehrenvolle Aufgabe für uns. Die besonderen Beziehungen zwischen der Schweiz und Bhutan gehen auf persönliche Kontakte zwischen dem Grossvater des jetzigen Königs und einem Schweizer Industriellen zurück, der in den 1950er-Jahren erste, private Projekte der Entwicklungszusammenarbeit in Bhutan gründete. Ab den 1970er-Jahren engagierte sich auch die Schweizer Regierung. Die persönlichen Verbindungen aus dieser Zeit wirken bis heute nach und gaben den Ausschlag, dass das SRK nun diese spezielle Rolle wahrnimmt: Es wurde zum Türöffner für die Rotkreuz-Föderation.
Seit 2016 arbeitet das SRK direkt mit dem Gesundheitsministerium und der Abteilung für Katastrophenmanagement zusammen. Dabei geht es um sinnvolle Ergänzungen der staatlichen Dienstleistungen durch das Rote Kreuz. In entlegenen Regionen besteht im Bereich Prävention und Hygieneaufklärung Bedarf. Deshalb unterstützt das SRK die Ausbildung von Dorfgesundheitshelferinnen und –helfern und die Schulung von Rotkreuz-Freiwilligen in Erster Hilfe. Im Katastrophenbereich unterstützt das SRK den Aufbau staatlicher Notfallzentren und die Ausbildung von Such- und Rettungsteams.
Was heisst es eigentlich, ein Rotes Kreuz zu gründen?
Die Gründung ist ein langer Prozess und man könnte ihn mit einer Firmengründung vergleichen. Besonders ist, dass der Zweck und die definierten Ziele der neuen Rotkreuzgesellschaft von der jeweiligen Landesregierung gesetzlich verankert werden müssen. Auch in der Schweiz sind deshalb die Existenz des SRK und die Verwendung des Schutzzeichens in Bundesgesetzen geregelt.
Das SRK wurde in Bhutan zum Türöffner für die Internationale Föderation des Roten Kreuzes und Roten Halbmonds.
Der Ablauf der Gründung ist von der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften IFRC festgelegt und legt zehn Bedingungen fest, die erfüllt sein müssen, um das Ziel, eine Aufnahme in die Föderation sowie die Anerkennung durch alle Rotkreuzgesellschaften zu erreichen. Die Wichtigste ist, dass sich die neue Gesellschaft an den 7 Rotkreuzgrundsätzen ausrichtet. Weiter müssen Mitglieder und Freiwillige rekrutiert sowie sinnvolle Projekte entwickelt werden, die den verletzlichen Menschen dienen. Und natürlich brauchte es Strukturen, eine anerkannte Satzung, eine Exekutivperson sowie auch ein Rotkreuzrat. Mit der Verabschiedung eines Rotkreuz-Gesetzes Anfang 2017 und mit Gründung des Bhutanischen Roten Kreuzes (BRCS) im Mai 2017 wurden zwar noch nicht alle, aber grundlegende Schritte erfolgreich getan, um diesem Ziel näherzukommen.
Erfüllt die neue Gesellschaft schliesslich alle Bedingungen, wird sie von der internationalen Rotkreuz-Bewegung anerkannt. Dann ist das neue Rote Kreuz wirklich einsatzbereit und Teil des grössten humanitären Hilfswerkes der Welt.
*Die 54-Jährige Ursula Schmid ist SRK-Programmverantwortliche für Bhutan und stv. Abteilungsleiterin Asien/Europa. Fürs SRK war die Diplom-Geografin ab 2010 zuerst als Delegierte im Sudan und Südsudan im Einsatz.