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Es ist in den USA Usus, dass eine mehr oder weniger prominente Persönlichkeit hinzugezogen wird, wenn es darum geht, an den Abschlussfeierlichkeiten für die Studenten, die soeben das College absolviert haben, eine Pep-Rede zu halten, in der die Absolventen mehr oder weniger auf die nun kommende Zukunft eingestellt werden sollen – ein Zukunft, in der sie sich im Regelfall nun in der „harten Arbeitswelt“ bestätigen sollen. 2005 hielt David Foster Wallace eine solche Rede am mir ansonsten unbekannten Kenyon College.
Es ist so eine Sache mit ritualisierten und traditionellen Reden. Auch der Versuch, unkonventionell zu sein, hat seine Konventionen. So gibt denn auch Foster Wallace zu, dass die Parabel, mit der er seine Rede einsetzen lässt, letztlich einer Konvention der Textsorte „Rede zum College-Abschluss“ folgt. Die Parabel lautet wie folgt:
Schwimmen zwei junge Fische des Weges und treffen zufällig einen älteren Fisch, der in die Gegenrichtung unterwegs ist. Er nickt ihnen zu und sagt: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?« Die zwei jungen Fische schwimmen eine Weile weiter, und schließlich wirft der eine dem anderen einen Blick zu und sagt: »Was zum Teufel ist Wasser?«
Anders, als es der Brauch will, so Foster Wallace, wolle er hier aber nicht den weisen alten Fisch abgeben und den Jungen erklären, was Wasser sei – will sagen: was ihre Zukunft und das Leben an sich sei. Doch der Bruch mit der Konvention endet im Grunde genommen einfach in einer anderen Konvention.
Der weitere Verlauf seiner Rede läuft nämlich darauf hinaus, dass der Schriftsteller die Absolventen auffordert, über den eigenen Tellerrand hinaus zu denken, sich auch mal in die Situation des Gegenübers zu versetzen versuchen. Davon abgeleitet bringt er die Bitte vor, überhaupt die eigene Weltanschauung zwischendurch in Frage zu stellen. Das, so Foster Wallace, bedeute harte Arbeit, da es jeden Tag von Neuem bewusst geübt und gelebt werden müsse. Letzten Endes empfiehlt er damit den berühmten Satz Kants (den er nicht nennt, vielleicht nicht einmal kannte): Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Indirekt ist es auch eine leise Kritik am verschulten System der US-amerikanischen Colleges, das fein säuberlich die Fächer von einander trennen und ein fächerübergreifendes (neudeutsch: vernetztes!) Studium bzw. Denken praktisch unmöglich macht.
Im Grunde genommen fordert Foster Wallace so ebenfalls eine Disziplin des Geistes, eine andere aber, als die meisten Intellektuellen oder College-Absolventen es täten:
Denken Sie mal an das alte Klischee, der Geist sei ein ausgezeichneter Diener, aber ein schrecklicher Herr. Oberflächlich betrachtet, ist das nur ein weiteres lahmes und banales Klischee, aber auf den zweiten Blick bietet es eine große und schreckliche Wahrheit. Es ist keineswegs Zufall, dass Erwachsene, die mit Schusswaffen Selbstmord begehen, sich fast immer in den Kopf schießen.
Es sind keine philosophischen oder gar wahrheitstheoretischen Gedanken, die der Schriftsteller hier gemacht haben will:
Es geht hier nicht um Moral, Religion, Dogmen oder wichtigtuerische Überlegungen zum Leben nach dem Tod. // Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man dreißig oder sogar fünfzig Jahre alt wird, ohne sich die Kugel zu geben.
David Foster Wallace, der seit seiner Kindheit an schweren Depressionen, Panikattacken und unkontrollierten Schweißausbrüchen litt, wurde keine 50. Er war 46, als er Selbstmord beging. Indem er sich erhängte…
David Foster Wallace: This is Water / Das hier ist Wasser. Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach. O.O.: Büchergilde Gutenberg, o.J.
Das Buch ist zweisprachig. Dabei fängt der englische Text auf der einen Seite an, der deutsche auf der andern. Es gibt also im Grunde genommen hier kein vorne und hinten – es ist immer vorne. Die Mitte, wo die beiden Sprachen aufeinander treffen, ist ausgefüllt mit wellenförmigen Symbolen, die wohl an Foster Wallace’ Wasser erinnern sollen, aber auch ein wenig aussehen wie Fisches Nachtgesang von Christian Morgenstern.

Zum Hören: