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Welternährung und Hunger
Anhand von Statistiken, Befragungen und theoretischen Grundlagen versuchen Demographen („Bevölkerungswissenschaftler“) vorherzusagen, wie sich Struktur und Anzahl der Bevölkerung sowie Gesellschaft und Wirtschaft entwickeln werden. Direkt betrifft uns das beispielsweise bei den Pensionskassengeldern: Die Zinssätze und Laufzeiten beruhen auf den Ergebnissen solcher Forschungen.
Demographie ist keine exakte Wissenschaft. Die Berechnungen treffen am Ehesten zu, je kürzer der Zeitraum ist, auf den sie sich beziehen. Deshalb lassen sich, bei allem Respekt vor Statistik, Voraussagen über das Jahr 2100 mit denen der Auguren im Alten Rom vergleichen, die behaupteten, aus dem Flug der Vögel oder deren Eingeweiden die Zukunft lesen zu können. Zu viele ungelöste Probleme wie Klimawandel und dessen Folgen sowie Konflikte beeinflussen das Wachstum der Weltbevölkerung. Demographen schätzen die Zahl der Menschen für 2100 denn auch auf 10 bis über 20 Milliarden Menschen, abhängig von den gewählten Parametern. Falls wir uns bis dahin nicht gegenseitig umgebracht haben werden, ein Supervirus die Menschheit dezimiert wie die Pest im Mittelalter oder Naturkatastrophen stärker wüten werden als befürchtet, wird es wohl ein paar Milliarden Menschen mehr geben als heute. Für ihre Ernährung wird weniger landwirtschaftlich nutzbare Fläche zur Verfügung stehen als jetzt.
Heute schon ist Hunger ein ungelöstes Problem, wozu Kraftfutter ebenfalls beiträgt (die hauptsächlichen Ursachen sind jedoch andere). Ausserdem nimmt in Schwellenländern der Fleischkonsum zu, wo es den Leuten allmählich besser geht, so ähnlich wie in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. Beispielsweise China hat in den letzten Jahren aufgeholt und liegt mit ungefähr 60 kg Fleischverzehr pro Kopf bereits beachtlich über dem Durchschnitt (ebenfalls über dem Schweizer Durchschnitt von rund 51 kg pro Kopf – ohne die Dunkelziffer aus dem Einkaufstourismus). Noch 1955, als Vegetarismus deutlich weniger bekannt war und das Wort „Flexitarier“ nicht ansatzweise existierte, verbrauchte die Schweizer Bevölkerung im Durchschnitt rund 37 kg Fleisch und Fisch pro Person (nebenbei bemerkt: Auch die aktuelle 26. Ausgabe des Dudens kennt „Flexitarier“ noch nicht). Der Höhepunkt wurde in unserem Land 1987 mit 71 kg erreicht (inkl. Fisch und Meerestieren).
Auch wenn es Stimmen gibt (sogar innerhalb der FAO), die als Antwort auf dieses kommende Problem noch grössere Mastbetriebe fordern, wäre eine solche Lösung – ganz abgesehen von moralischen Fragen, dem Wasserverbrauch und den Folgen für die ohnehin schon strapazierte Umwelt – schlichtweg nicht machbar. Überweidung ist zum Teil heute schon ein Problem, und so viel brasilianischen Regenwald gibt es nicht mehr, den man für die Futtermittelproduktion abfackeln könnte. Würde jedoch das vorhandene Ackerland (derzeit wohl um die 40 % der gesamten landwirtschaftlichen Fläche) konsequent für den Anbau von Lebensmitteln genutzt, reichte es sogar für diese an sich unvorstellbare Masse an Menschen (mit derselben Fläche Land lässt sich ungefähr die sechsfache Menge Menschen gut ernähren als auf dem Umweg über Fleisch). Nutztierhaltung spielte dann nur noch eine untergeordnete Rolle und Fleisch würde zum Luxusgut.
Die Frage stellt sich, ob die reichere Gesellschaft der Zukunft freiwillig auf Fleisch verzichten wird, damit für alle genug qualitativ hochwertige pflanzliche Nahrung zur Verfügung stehen wird, oder ob sie lieber einen grossen Teil der künftigen Bevölkerung (ver-)hungern lassen wird. Ich hege da meine Zweifel aus Sicht der heutigen Verhältnisse.
Ganz klar wird die Ernährung der Zukunft neue Nahrungsmittel beinhalten: Proteinlieferanten aus Mikropilzen (ähnlich wie heute schon Quorn), Bakterien und Insekten (das liest sich für uns widerlich, ist aber letztlich auch nicht ekliger als beispielsweise ein Schwein zu schlachten und zu essen). Forscher arbeiten derzeit an künstlichem Fleisch – statt des Tieres soll nur Fleisch hergestellt werden, so ähnlich wie Bakterien in der Petrischale.
Alles, was die ferne Zukunft betrifft, ist immer Spekulation, doch die Bevölkerungszahlen steigen täglich. Umweltschutz und Wasserverbrauch sind ebenfalls ein Problem, das sich durch eine Senkung des Fleischverbrauchs zwar nicht besiegen, jedoch deutlich mindern lässt.
Entsprechend wäre es sinnvoll, wenn die heutige Politik und die verschiedenen staatlich finanzierten Ernährungsgesellschaften jetzt Vegetarismus förderten. Heute sieht es nicht danach aus, als würde das tatsächlich bald passieren – so etwas wie ein staatlich verordneter vegetarischer Tag, wie es die Grünen in Deutschland kürzlich durchsetzen wollten, erhöht allerdings eher den Widerstand gegen vegetarische Ernährungsweise.