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Aufwertung des Unteren Quais, Biel: Ein grosses Wohnzimmer im Freien
Biel ist eine Stadt am See – und eine Stadt am Flüsschen Schüss. Dieses verläuft auf seinen letzten Metern in einem Kanal. Dessen Quais sollen jetzt revitalisiert werden. Mit diversen Massnahmen möchte Biel den Langsamverkehr fördern, die Klimaresilienz stärken, die Biodiversität schützen und die Lebensqualität im Stadtzentrum erhöhen.
Quelle: apaar
Am nördlichen Ufer des Schüsskanals soll eine hohe Aufenthaltsqualität herrschen.
Die Schüss entspringt als Suze dem Jura und fliesst zuerst durch die Synklinale des Vallon de Saint Imier nach Osten. In der Taubenlochschlucht passiert sie die Sprachgrenze und dreht anschliessend nach Westen, in Richtung Bielersee. Dann teilt sich der Fluss in verschiedene Arme, wovon einer nicht in den See fliesst, sondern in die Zihl, den historischen Seeabfluss, der seit der Juragewässerkorrektion im späten 19. Jahrhundert in den Nidau-Büren-Kanal integriert ist.
Bändigung der Schüss
Schon deutlich früher als die Juragewässerkorrektion fand in der Schwemmebene südöstlich von Biels Altstadt eine Bändigung der Schüss selbst statt: 1829 entstand dort die Schüss-Schleuse, auch Hauserwehr genannt. Sie verteilt das zufliessende Wasser in die Bieler Schüss, die in Richtung Altstadt abzweigt, in die zur Zihl orientierte Madretscher Schüss und in einen Kanal zwischen ihnen. Dieser strebt in einer geraden Linie mit einem unmerklichen Knick nach rechts dem See entgegen, im letzten Abschnitt seines knapp zwei Kilometer langen Verlaufs mündet die Bieler Schüss wieder in diesen von Menschenhand geschaffenen Wasserlauf.
Der Kanal verlief zuerst durch ländliches Gebiet vor der Stadt. Als 1857 die Centralbahn-Strecke nach Olten eröffnet wurde, hielten ihre Züge bei einem Bahnhofsprovisorium am linken Ufer, bei der Brücke der Allee von Biel nach Nidau. Der Bahnhof wurde in der Folge zwei Mal verlegt, der Bereich der Brücke verwandelte sich mit den Jahren in den Zentralplatz, einen wichtigen Verkehrsknotenpunkt der wachsenden Stadt. Und entlang des Kanals entstanden die beidseitigen Uferquais, die ihn in eine urbane Umgebung einbetten.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv
Diese etwas über 100 Jahre alte Postkarte zeigt das Nordufer des Unteren Quais mit den vorgelagerten Gartenbereichen.
Der Obere Quai beginnt bei der Schleuse und endet beim Zentralplatz, der Untere Quai führt von ihm bis zum Bahndamm, welcher die Stadt vom Seeufer trennt. Beide Abschnitte waren nie Hauptverkehrsachsen, wurden aber als wichtige und auch repräsentative Verbindung zum See aus-gestaltet. Sie sind mit Baumreihen bepflanzt und werden von Wohn- und Bürohäusern begleitet, denen am Unteren Quai am Nordufer meist eingefriedete Gartengrundstücke vorgelagert sind.
Bis heute werden die Quais geprägt von der ingenieurtechnischen Funktionalität des 19. Jahrhunderts. Diese sorgt zwar für dekorative Geländer und solide Kalksteineinfassungen des Kanals, sie strebt ansonsten aber nicht eine romantische oder pittoreske Stadtlandschaft an. So gibt es beispielsweise keine Nähe zum Wasser, dessen Niveau unter normalen Wetterbedingungen deutlich tiefer liegt als jenes der Quais und des Strassenraums.
Verbesserte Aufenthaltsqualität
Das Bett und die Ufer der Schüss haben in den vergangenen Jahren in Biel viel Aufmerksamkeit erhalten. Sie sollen als Erholungs- und Begegnungszone revitalisiert werden. So entstand von 2010 bis 2017 oberhalb der Schleuse der rund 53 500 Quadratmeter grosse Park Schüssinsel. Der Flussraum wurde renaturiert und in eine abwechslungsreiche Vegetation eingebettet. Zahlreiche Massnahmen machen den Park zu einem Erholungs- und Begegnungsraum, der vom Siedlungsgebiet etwas absetzt ist.
Quelle: apaar
Der Wettbewerb betrifft primär den Abschnitt zwischen Zentralplatz (rechts) und der Brücke der Spitalstrasse. In der Mitte befindet sich die Karl-Neuhaus-Brücke.
Seit 2019 befasst sich die Stadt mit der Zukunft des Unteren Quais. Denn es besteht die Meinung, dass dieser seine Qualitäten als Flanierstrecke über die Zeit verloren hat und es nur wenige Aufenthaltsbereiche gibt, die zum Verweilen einladen. Ausserdem stellte man fest, dass der Wasserlauf und seine Umgebung auch einen besseren Beitrag an die Klimatisierung des Stadtraums leisten könnten. Deshalb will man die sich ohnehin aufdrängen-den grundlegenden Sanierungsarbeiten an Trottoirs und Strassen kombinieren mit dem Schaffen attraktiver Räume.
Die Stadt ging die Aufgabe sehr systematisch und ohne grosse Eile an; sie bemühte sich von Beginn weg darum, die Bevölkerung in die Beschlussfindung mit einzubeziehen. 2019 wurden am Unteren Quai verschiedene «Sommerinseln» eingerichtet; dazu hob man temporär neun Parkplätze auf, zudem wurde die Karl-Neuhaus-Brücke für den motorisierten Verkehr gesperrt. Entlang der Schüss und auf der Brücke luden Liegestühle zum Verweilen ein, auf der Brücke wurde als Sonnenschutz eine Stoffbaldachin-Konstruktion aufgestellt.
Eine umfangreiche Befragung in der Bevölkerung und die gute Rezeption dieser temporären Installationen bestätigte, dass eine Aufwertung des Unteren Quais als «Entschleunigungsoase» erwünscht ist. Eine weitere Bestätigung für den eingeschlagenen Weg erhielt Biel in der Form des «Flâneur d'or 2020», einer nationale Anerkennung, für den Beitrag der «Sommerinseln» an eine attraktiveren Infrastruktur für den Fussverkehr.
In der Folge wurde unter Führung der Abteilung Stadtplanung von 2020 – 2022 ein Landschaftsarchitekturwettbewerb durchgeführt, in der Form eines zweistufigen Studienauftrags. Die beteiligten Teams mussten sich mit zwei Aufgaben auseinandersetzen: einem Gestaltungs- und Raumnutzungs- und Verkehrskonzept entlang des Kanals von der Schleuse bis zum See und einem ausgearbeiteten Vorprojekt für den oberen Abschnitt des Unteren Quais zwischen dem Zentralplatz und der Brücke der Spitalstrasse. In der Mitte dieser rund 300 Meter langen Strecke liegt die erwähnte Karl-Neuhaus-Brücke. Der eigentliche Kanal durfte aufgrund seines Denkmalschutzstatus und dem Hochwasserschutz nicht angetastet werden.
Quelle: apaar
Die Karl-Neuhaus-Brücke mit ihren Sonnensegeln präsentiert das Projektteam in dieser Darstellung als «Fassade».
Eine neue Ästhetik
Dreizehn Teams bewarben sich um die Teilnahme am Studienauftrag, fünf wurden ausgewählt. Ihre Arbeit begleiteten Dialogphasen, an denen sich eine ausgeloste Begleitgruppe, bestehend aus Anwohnenden und Betreibenden von angrenzenden Unternehmen, beteiligte. Nach einer ersten von zwei Dialogsitzungen verblieben drei Teams im Rennen.
Am Schluss konnte sich das Beurteilungsgremium einstimmig auf das Projekt «Canal éponge» (Schwammkanal) des Genfer Landschaftsarchitekturbüros apaar als Sieger einigen. Es liess sich vom Gedanken des Projekts überzeugen, dass gewohnte Sichtweisen der bestehenden Stadt hinterfragt wer-den müssen und eine Renaturierung von Aussenräumen eine weiterhin funktionierende Struktur nicht ausschliesst.
Das Siegerteam liess sich bei seinem Vorschlag von drei Prinzipien leiten: Schwammstadt, begehbare Stadt und soziale Stadt. Unter Schwammstadt versteht es die Entsiegelung von Oberflächen, respektive die Wasserdurchlässigkeit von Strassenbelägen. Das Regenwasser soll vor Ort absorbiert werden. Begehbare Stadt bedeutet Vortritt für die «sanfte Mobilität», die auf Motoren verzichten kann. Das rechte Quaiufer soll dem Fuss- und Veloverkehr dienen, das linke eine Begegnungszone werden. Es sind aber auf beiden Seiten auch vereinzelte Parkplätze für Autos vorgesehen.
Baugesuch noch in diesem Jahr
Die soziale Stadt schliesslich soll sich den Brücken annehmen. Ihr Potenzial als leicht von den Häusern abgerückter Begegnungsort werde noch zu wenig ausgeschöpft, meinte das Projektteam. Die Vorschläge lassen erkenne, dass vor allem bei den Oberflächen, der Aussenraummöblierung und bei der Begründung Änderungen vorgenommen werden sollen. Insbesondere bei der Vegetation empfiehlt der Vorschlag einerseits eine quantitative Zunahme und eine weniger strenge Organisation bei der Anordnung – es gibt Leute, die von einer mäandrierenden Grünzone sprechen.
Das Projekt wurde anschliessend mit dem interdisziplinären Planungsteam und mit Einbezug der Bevölkerung weiter ausgearbeitet. Von Juli bis Oktober 2022 konnte die Bevölkerung das Projekt anhand temporärer Installationen vor Ort kennenlernen. Eine Online-Umfrage, geführte Spaziergänge und thematische Workshops luden die Bewohner und Bewohnerinnen ein, sich mit spezifischen Themen des Projekts auseinanderzusetzen.
Die nächste Etappe ist für die Stadt die Baubewilligung. Sie möchte das entsprechende Gesuch noch in diesem Jahr einreichen. Liegt die Bewilligung vor, soll die detaillierte Planung an die Hand genommen werden und für das kommende Jahr ist die Volksabstimmung über den Realisierungskredit für den Bau vorgesehen.
Läuft alles gemäss diesem Fahrplan ab, ist mit einer Realisierung zwischen 2025 und 2028 zu rechnen. Es wird spannend sein zu erleben, welche Resultate mit diesem gemeinschaftlichen Vorantasten an einer sensiblen Stelle mitten in der Stadt erzielt werden
Quelle: apaar
Der «Schwammcharakter» der Quais mit den versickerungsfähigen Bodenbelägen wird bei Regenzeit wohl auch für die eine oder andere Pfütze sorgen.
Nachgefragt... bei Vinzenz Gurtner
Quelle: Marion Bernet
Vinzenz Gurtner ist Co-Leiter Dienststelle Planung und Stadtraum der Stadt Biel.
Auffallend an dieser Neugestaltung ist, dass der eigentliche
Kanal nicht angetastet wird. Wurden in der Bevölkerung nicht Wünsche laut nach
«Stufen zum Wasser»?
Ein möglicher Zugang zum Wasser wurde tatsächlich von
verschiedenen Anwohnern angeregt. Leider ist der kanalisierte Abschnitt der
Schüss im Bereich des Unteren Quais keine geeignete Stelle dafür. Eine
Anpassung des Kanals ist aus Gründen des Hochwasserschutzes nicht realisierbar.
Anderseits sprechen auch denkmalpflegerische Aspekte oder die zu überwindende
Höhendifferenz dagegen. Für die Bevölkerung ist die Schüss ja an anderen Orten,
etwa bei der Schüssinsel, zugänglich. Das Thema Wasser soll aber dennoch beim
Unteren Quai erlebbar gemacht werden. Die Umgestaltung erfolgt unter der
Berücksichtigung des Schwammstadtkonzepts, bei welchem natürliche
Wasserkreisläufe zu Gunsten einer positiven Klimaanpassung gefördert werden.
Bedingt dieses Schwammstadtkonzept nicht einen höheren
Pflege- und damit einen höheren Personalaufwand für die Stadt?
Die Bau- und Unterhaltskosten sind ein wichtiger Aspekt der
Projektierung. Es stimmt auch, dass entsiegelte und begrünte Flächen mehr
Pflege in Anspruch nehmen als asphaltierte Flächen. Der Nutzen für die
Bevölkerung und das Klima ist durch die Neugestaltung aber deutlich höher, und
wir erachten das Kosten-Nutzen-Verhältnis für gut.
Das siegreiche Studienauftragsprojekt schlägt verschiedene
Beleuchtungen an den Fassaden und auf den Quais vor, bei Letzteren teilweise in
Bodennähe. Wie stellt man sicher, dass sich die Menschen in der Nacht sicher
fühlen?
Das Beleuchtungskonzept wird im Rahmen der Projektierung
überarbeitet. Die Beleuchtung der öffentlichen Räume entlang des Unteren Quais
wird sich atmosphärisch in die Stadt ein-fügen und erfolgt hauptsächlich mit
Leuchten, welche schon heute im Stadtbild präsent und erprobt sind. Das
subjektive Sicherheitsempfinden wie auch die Verkehrssicherheit sind Aspekte,
die es zu betrachten gilt. Der Untere Quai wird ausreichend beleuchtet, dass
Gesichter erkennbar sind und keine dunklen Nischen entstehen. Negative
Einflüsse wie Blendungen, Abstrahlung in Wohnungen oder die Störung von
Naturräumen sollen dabei minimiert werden.
Wie stark wurde der Lauf der Jahreszeiten bei der Planung
berücksichtigt? Bei den Darstellungen des Konzepts scheint es immer Sommer zu
sein.
Wünschen wir uns nicht alle, dass der Sommer ein bisschen
länger bleibt? Spass beiseite, es ist ein Bedürfnis der Bevölkerung, den
öffentlichen Raum das ganze Jahr hindurch zu nutzen. Bei der Projektierung
spielen beispielsweise der aus der Bevölkerung gewünschte Erhalt der beiden
windgeschützten aber sonnenexponierten Sitzbänke auf der «Spitalbrücke» und die
Schaffung von zusätzlichen Orten, welche das ganze Jahr hindurch eine Qualität
haben, eine Rolle. Technische Aspekte und Unterhaltsthemen wie der Winterdienst
müssen bei der Projektierung ebenfalls berücksichtigt werden.
Wird die Stadt durch die Neugestaltung Parkplätze verlieren?
Wie besänftigt man diesbezüglich die Bevölkerung?
Das Verkehrsregime wird angepasst und Parkplätze werden
aufgehoben. Diesbezüglich scheint die Bevölkerung jedoch nicht besänftigt
werden zu müssen. Im Gegenteil, die Reaktionen aus dem partizipativen Prozesses
haben uns dazu veranlasst in diese Richtung zu gehen. Dieser Wunsch nach
weniger Parkplätzen und mehr Raum für öffentliches Leben wurde auch auf
politischer Ebene übernommen und ist nun ein Auftrag, den es umzusetzen gilt.
Die Bieler und Bielerinnen freuen sich auf einen Ort der
Begegnung für zu Fuss Gehende und Velos. Dies wird auch jeweils mit der
temporären Gestaltung während der warmen Monaten deutlich.
Der erste Realisierungsschritt betrifft den oberen Teil des
Unteren Quais. Wie weit kann sich das Konzept «Canal éponge» aus heutiger Sicht
über diesen Abschnitt hinaus ausdehnen?
Das Konzept des Siegerteams ist wegweisend für den gesamten
Abschnitt der Schüss zwischen Hauserwehr und See. Die Umsetzung des ersten
Realisierungsabschnitts erfolgt nun aufgrund der ohnehin notwendigen
Strassensanierungen. Die drei übergeordneten Konzeptelemente des Beitrags haben
meiner Meinung nach sogar Strahlkraft über den Schüssraum hinaus und könnten in
der ganzen Stadt angewendet werden.
Diesen Sommer sollen am Unteren Quai nochmals Provisorien
installiert werden. Worauf dürfen wir uns freuen?
Die diesjährigen Provisorien sind noch in Planung, ich will
nicht zu viel verraten. Die temporäre Gestaltung wird aber auch wieder genutzt,
um den Projektfortschritt zu kommunizieren und mit der Bevölkerung in einen
Dialog zu treten. (Interview: Manuel Pestalozzi)