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Der einflussreiche Jugendstilkünstler Richard Riemerschmid (1868–1957) suchte die Schönheit im Einfachen und wendete sich von ornamental überladenen Entwürfen seiner Zeit ab: Der aus einem Wettbewerb für preisgünstiges Wohnen hervorgegangene Stuhl zeigt deutlich seine Wende zum werkgerechten Stil, der zu maschinell produzierbaren Möbeln führte und gestalterisch die Ideale des Deutschen Werkbundes einleitete.
Der aus Brettern und Kanthölzern zusammengesteckte Stuhl war Teil einer Wohnzimmerausstattung, die Richard Riemerschmid 1900 in einem Wettbewerb für günstige Wohnmöbel entwarf. Auf 16 Quadratmetern sollte für 350 Mark eine komplette Wohnzimmereinrichtung entworfen werden, die gleichwohl von hoher gestalterischer Qualität auch für finanziell Minderbemittelte erschwinglich sein sollte. Riemerschmid gewann mit seinen schlichten, einfach herstellbaren Möbeln den 1. Preis. Der Armlehnstuhl verdeutlicht den Versuch Riemerschmids, Anregungen aus der Volkskunst für seinen Möbelstil nutzbar zu machen. Die Form des Stuhls wirkt eher rustikal als filigran, ein durchgehendes Brett mit ausgesägtem Halbkreis, zwei Kurven und einem Griffloch bildet sowohl die Lehne wie die eng stehenden Hinterbeine. Obwohl der dreieckige Grundriss und das gesamte Konstruktionsprinzip keineswegs Riemerschmids Erfindung sind, sondern einen Entwurf des englischen Arts and Crafts-Künstlers Georges Walton (1867–1933) kopieren, übernimmt der Mitgründer des Deutschen Werkbunds (1907) nicht zufällig die werkgerechte Bauweise. Dieses konsequent aus der Konstruktion heraus entwerfende Prinzip leitete in den folgenden Jahren zu Riemerschmids eigentlicher Leistung über: Mit seinem ab 1905 entwickelten Maschinenmöbelprogramm wurde der Münchner Gestalter einer der Vordenker des Ikea-Prinzips unserer heutigen Produktionsweise. (Franziska Müller-Reissmann)