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«Herr und Frau Kronenberg, ich habe hier den Antrag auf eine Konventionalscheidung vorliegen. Ist dieser immer noch aktuell? Sind Sie willens, sich scheiden zu lassen?» Der Richter hatte eine ruhige Stimme. «Ja», sagte Lena. Roberts Antwort nahm sie gar nicht wahr. Aber er musste ebenfalls Ja gesagt haben, denn der Richter sprach weiter. «Sie haben beide die Scheidungskonvention unterschrieben. Hat diese Unterschrift für Sie beide nach wie vor Gültigkeit?» Wieder bejahte Lena. Der Richter nickte, als hätte er nichts anderes erwartet. «Gut, dann muss ich Sie jetzt noch einzeln befragen.» Robert erhob sich, um den Raum zu verlassen, und lächelte Lena an. «Ladys first.» Als die Tür sich geschlossen hatte, wandte sich der Richter direkt an Lena. «Frau Kronenberg, was sind die Gründe für Ihren Scheidungswunsch?» «Ich habe sehr jung geheiratet. Mein Mann und ich haben uns im Laufe der Jahre in sehr verschiedene Richtungen entwickelt. Unsere Lebensentwürfe sind mittlerweile unvereinbar. Ich denke, es ist einfach besser, einen Schlusspunkt zu setzen.» Der Richter schrieb fleissig mit. «Ist Ihnen bewusst, dass Ihnen mehr Geld zustehen würde, als es die Konvention vorsieht?» «Ja, das ist mir bewusst. Aber ich bin noch in dem Alter, in dem ich gut für mich selbst sorgen kann. Ich möchte weitere Diskussionen oder auch eine mögliche finanzielle Abhängigkeit vermeiden. Darum halte ich das für die beste Lösung.» Der Richter nickte. «Gut, Frau Kronenberg, dann schicken Sie mir doch jetzt Ihren Mann herein.» Das Aufstehen fiel Lena schwer. Robert lächelte Lena an, als sie aneinander vorbeigingen. Lena fragte sich, was er dem Richter wohl erzählen würde. «Ich denke, es erwarten uns keinerlei Überraschungen mehr», sagte Marco Caruso. «Warten wirs ab.» «Machen Sie sich keine zusätzlichen Sorgen. Meines Erachtens hat er aufgegeben.»
Die Tür öffnete sich und Robert winkte sie wieder herein. «Nun, da sie beide willens sind, die Scheidung auf der Grundlage der vorliegenden Konvention zu vollziehen, werden wir den Antrag gutheissen. Das heisst, sie bekommen in den folgenden Wochen das Urteil zugestellt. Von da an gilt die Einsprachefrist von 30 Tagen. Tätigt keiner von Ihnen eine solche, wird das Urteil rechtskräftig.» Man schüttelte sich freundlich die Hände. Wie in Trance verliess Lena das Gerichtsgebäude. Im Park davor verabschiedete sie sich von Marco Caruso. «Melden Sie sich jederzeit, falls noch Fragen auftauchen.» Er warf einen Blick hinter Lenas Schulter. Robert schien auf sie zu warten. «Kann ich Sie alleine lassen?» Lena nickte. «Ja, das können Sie. Ich komme klar. Es ist vorbei. Ich danke Ihnen.» «Gerne, auf Wiedersehen, Frau Kronenberg.» Als er sah, dass Marco Caruso sich von Lena entfernte, kam Robert näher. «Schon ein komisches Gefühl, dass wir jetzt hier stehen, was. Ich hätte nie gedacht, dass wir uns scheiden lassen. Aber ich bin froh, dass mein Plan funktioniert hat.» «Dein Plan?!» Lena unterdrückte mit knapper Not ein Brüllen. «Ja, mein Plan. Als ich erkannte, dass unsere Ehe keine Zukunft mehr hat, überlegte ich, wie ich dich möglichst unbeschadet aus der Situation herausbringe. Und jetzt, sieh dich an – auf dem besten Weg, in deinem Traumjob Fuss zu fassen, eine eigene Wohnung, eine gepflegte Erscheinung.» «Dein Plan.» «Ja», Robert nickte mit einem Lächeln. «Du musst doch zugeben, dass ich damit recht hatte. Jetzt bist du wieder frei.» Lena atmete tief durch. «Du glaubst tatsächlich, was du da erzählst?» Robert sah sie unschuldig an. «Wie wäre es denn gewesen, wenn du geplant hättest, mich nicht zu betrügen? Du hättest auch planen können, mich nicht einfach als Spielfigur auf dem Schachbrett deines Lebens zu betrachten. Oder du hättest planen können, um unsere Ehe zu kämpfen. Aber dafür hättest du die Initiative ergreifen müssen – und es ist doch wesentlich einfacher, das Leben machen zu lassen und dann darauf zu reagieren. Es als Ritter zu meistern, um sich dann von der holden Maid beklatschen zu lassen. Du säuselst mir hier was vor in der Hoffnung, Absolution für deinen Mist zu erhalten. Darauf kannst du lange warten. Ich bin froh, dich los zu sein.» Ihr ging beinahe die Luft aus. «Aber ich habe dich geliebt. Ich habe dich so sehr geliebt, dass es weh getan hat. Wenn du dich an den Abenden im Tanzklub nur mit anderen Frauen unterhalten hast. Wenn du über meine kleinen Artikel gelacht hast. Wenn du das Licht ausgemacht hast, ohne gute Nacht zu sagen. Oder wenn ich abends auf dich gewartet habe, weil deine Termine länger gedauert haben. Und es tut heute noch weh, wenn unsere Lieder im Radio laufen. Wenn ich irgendwo dein Parfum rieche. Wenn ich an unseren ersten Ausflugsplätzen vorbeikomme, wo alles voll Erinnerungen ist – also verpiss dich mit deinem Gelaber. Verpiss dich in dein perfektes Haus. Such weiter nach der perfekten Frau, die nur deine Ansichten hat. Ich wünsch dir sogar, dass du sie findest. Aber komm mir nie mehr unter die Augen.» Robert drehte sich um und ging. Lena zählte die Schritte, bis er bei seiner Luxuskarosse angekommen war. 53. Er drehte sich noch einmal um, dann fuhr er davon. Lena wartete, bis er hundertprozentig ausser Sichtweite war. Sie lehnte sich an den nächsten Baum und übergab sich.