Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03439.jsonl.gz/2098

Willkommen im Musikzimmer! Dies sind die empfohlenen Inhalte und Neuerscheinungen.
Genesis: The Musical Box
«The Musical Box», zu Deutsch die Spieldose ist ein über 10-minütiges Prog-Meisterwerk. Es erzählt die makabere Geschichte vom kleinen Henry, der mit seiner Freundin Cynthia Krocket spielt. Cynthia holt zum Schlag aus und trifft Henrys Kopf, der durch die Luft fliegt ...
Diese Vorgeschichte wird nicht vom Song erzählt, sondern ist als Begleittext zu den Lyrics auf dem Cover abgedruckt. Live wird sie erzählt: «Während Henry Hamilton-Smythe minderjährig, acht Jahre alt, mit Cynthia Jane De Blaise-William, neun-jährig, Krocket spielte, hob die süß lächelnde Cynthia ihren Hammer hoch und entfernte anmutig Henrys Kopf. Zwei Wochen später entdeckte sie in Henrys Kinderzimmer seine geliebte Spieluhr. Eifrig öffnete sie ihren Deckel worauf die Spieldose das Kinderlied «Old King Cole» zu spielen begann. Dann erschien eine kleine Geisterfigur. Es war Henry, aber nicht für lange. Denn als er im Raum stand, begann sein Körper schnell zu altern, wobei sein Verstand der eines Kindes verblieb. Die Wünsche seines ganzen Lebens durchströmten ihn. Als er versuchte, Cynthia Jane zu überreden, seinen romantischen (erotischen) Bedürfnissen nachzukommen, hörte dies die Amme und stürzte ins Kinderzimmer. Instinktiv schleuderte die Nanny die Spieluhr auf das bärtige Kind und zerstörte beide.»
Wie in vielen Märchen haben wir hier das Thema der erwachenden Sexualität.
Die Spieldose hat eine interessante Funktion in der Erzählung: Sie konserviert etwas vom Leben des verstorbenen Henrys, ihr Klang ruft ihn ins Halbleben zurück. Seine Präsenz im Raum ist eine Art Zeitlosigkeit, die als beschleunigte Zeit auftritt: Henry altert schnell, sein Leben dauert so lange, wie das «Old King Cole» Kinderlied dauert.
Der Song macht darauf aufmerksam, dass bereits vor Zylinder und Schallplatte eine künstliche Musikwiedergabe möglich war, nämlich mit den Spieldosen, die um 1800 in der Schweiz erfunden worden sind. Bereits diese Erfindung hatte für die Menschen etwas Gespensterhaftes. Die unschuldige Hörerin, die die Spieldose öffnet, begegnet einer Zauberkraft. Von der Technik geht eine erotische Anziehungskraft aus, die der Hörerin gefährlich werden kann.
Struktur
Dieser Song (eine Suite in drei Teilen, formal eine Rhapsodie.
Querverweise
zu einer Live Version des Songs
Links
– The Musical Box live im Belgischen Fernsehen (1971) – Performance ohne Maske
Link zum Inhalt: [M]
Genesis: From Genesis To Revelation (= In the Beginning)
Impressario Jonathan King erhielt ein Demotape von fünf Jungs aus dem selben College, das er Jahre zuvor besucht hatte, und war beeindruckt von der Stimme, die er hörte. Er verschaffte der Band einen Plattenvertrag mit Decca. Damals erhielten Rockbands eine Chance, auch wenn sie als Musiker noch nicht reif genug waren. Die fünf Jungs waren zarte achtzehn Jahre alt! Was die Musiker mit Instrumenten noch nicht spielen konnten, ersetzte King durch Streicher. Nun, man hört auf dem Album fast nur Streicher, eine akustische Gitarre und die schöne Stimme von Peter Gabriel, die für alles verantwortlich war, was ihnen da passierte. King nannte «seine» Band Genesis und das Debutalbum «From Genesis To Revelation». Dem Album lag das Konzept «Themen aus der Bibel» zugrunde. Es floppte ganz fürchterlich, weil man es für Jesus-Rock hielt.
Nein, das Album ist nicht schlecht oder peinlich. Es klingt einfach noch nicht nach Genesis. Es klang wie die Mischung aus Moody Blues und Bee Gees, schrieb Bruce Eder von AllMusic. Er vergleicht es mit Odessa. Man kann es mit etwas Ignoranz auch als ein Soloalbum von Peter Gabriel hören, der sich als Baroquepop-Sänger inszeniert.
Link zum Inhalt: [M]
Nat 'King' Cole: Love Is The Thing
EIne Zusammenarbeit von Meister-Arrangeur Gordon Jenkins und Nat 'King' Cole, dem besten afroamerikanischen Crooner der Zeit. Jenkins lässt oppulente Streicher aufspielen und Cole singt wie ein Gott. Eines der Alben, das mit denen Sinatras aus der Zeit nicht nur mithalten kann, sondern eine wichtige Ergänzung zu den Arrangements von Nelson Riddle darstellt. Chuck Berry sagte in einem Interview mit Jane Pauley, dass Sinatra und Cole die zwei besten Sänger waren. Hier verleihen die Streicher, die ich mir ganz in weiss vorstelle und in helles regenbogenfarbenes Licht getaucht, der Aufnahme einen ganz eigenen Charakter. Mit einem mittelmässigen Sänger wäre «Love Is the Thing» Kitsch. Aber hier singt Nat 'King' Cole.
Link zum Inhalt: [M]
Beatles: With The Beatles
Das zweite Album der Beatles war die Wiederholung des Erfolgsrezeptes der ersten LP Please Please Me, die auf den Tag acht Monate zuvor erschienen ist. Es enthält acht Eigenkompositionen und sechs Coverversionen (neben Chuck Berry vor allem Nummern aus dem Motown-Umfeld sowie ein Trad.-Pop Stück). Don't Bother Me war das Platten-Debut von George Harrison als Songwriter. Diese Songs kamen aus dem Bühnen-Repertoire der Beatles, das unglaublich vielfältig war. Die Band brachte es im Kopieren von Originalen aller Provenienz zur Meisterschaft.
Wer meint, dass «With The Beatles» einfach ein zweites Please Please Me sei, schaut das Video von Mike Pachelli, das anhand der Akkorde die harmonische Rafinesse einiger der Stücke auf der LP demonstriert.
Covergestaltung
Die fotografische Abbildung der vier Beatles von Robert Freeman war eine Sensation in der Covergestaltung. Die Gesichter sind von links hell beleuchtet vor einem schwarzen Hintergrund aufgenommen. Auf den ersten Blick sieht man vor allem nur eine Gesichtshälfte. Das Cover fiel sofort ins Auge: Andere Bands wurden mit abbildender Gebrauchsfotografie dargestellt, die Beatles hingegen mit stilisierter Kunstfotografie. Das Foto wurde in Bournemouth im Palace Court Hotel gemacht.
Aufnahme
Wie sein Vorgänger wurde «With The Beatles» auf Zweispurtonband aufgenommen. Daher ist der Monomix des Albums gegenüber dem Stereomix vorzuziehen. Letzterer ist
Erfolg
Das Album wurde im UK 500'000 Mal vorbestellt, so gross war die Erwartungshaltung der Öffentlichkeit. Von ihm wurden (im UK) über eine Million Stück verkauft. Es war das zweite Album nach South Pacific, das dies schaffte. «With the Beatles» wurde im UK und in Deutschland ein Top-Album. Das waren die beiden Länder, in der die Band eine solide Fanbasis hatte.
Querverweise
– Mike Pachelli: Uncommon Chords «WITH THE BEATLES» Album
– zum Buch von Steve Lambley: And The Band Begins To Play. Part 02: The Definitive Guide To The Beatles With The Beatles
– Feature von Parlogram: The Album John Lennon Called The True Sound of The Beatles
Link zum Inhalt: [M]
Archies: Sugar, Sugar
Im Jahr des Woodstock-Festivals und der Hippies war dies der grosse Hit, der alle Ideale Lügen strafte. Und doch ist «Sugar, Sugar» ein ansteckender Ohrwurm.
Die Monkees waren eine reale Gruppe aus Fleisch und Blut, die es mit viel Anstrengung doch noch zur Rockband schaffte. Die Archies hingegen waren Comixfiguren, hinter denen Studiomusiker und der Lyriker Andy Kim standen. Pures Brillbuilding, das zeigt, dass es zuweilen Totgesagte gibt, die noch nicht wirklich gestorben sind.
Form
Die Verse-Chorus-Bridge Form weist inverse Verse-Chorus-Sequenzen auf. Der Song stellt ein Rätsel: Hat er keine Coda oder geht die Bridge direkt in die Coda über statt zum Chorus? Einerseits ist der letzte Formteil eine Coda, andererseits sollte der Bridge eine Verse-Chorus-Sequenz folgen. Die Form ist ambivalent: Man kann beim letzten Formteil sowohl für Coda als auch für Chorus plädieren.
Der Verse ist eindeutig das schwächse Element dieses Songs – so schwach, dass dies wohl ausschlaggebend war, die Verse-Chorus-Sequenz umzukehren und den Song nur mit dem Chorus ohne weiterer Wiederholung des Verses ausklingen zu lassen.
Harmonie
Die verwendeten Harmonifolgen (I–IV–V) sind die Grundharmonien der Dur-Tonleiter. Simpler geht es nicht.
Link zum Inhalt: [M]
Timeout: The 45 Best Pop Songs
Link zum Inhalt: [M]
Timeout: 25 Happy Songs Guaranteed to Put You in a Good Mood
Die Liste besteht aus 34 Songs, weil sie auf der Webseite 35 Positionen enthält und I Wanna Dance With Somebody zwei Mal aufgeführt ist. Die Qualität des Abdrucks der Timeout-Listen auf der Webseite lässt zu wünschen übrig in puncto Schreibweise der Titel, doppelten Besetzungen und der Zusammenstellung der Ränge, deren Reihenfolge zuweilen einen Sprung macht. Die Musiktitel sind indes gut ausgewählt, weshalb die Listen hier im Musikzimmer wiedergegebene werden.
Link zum Inhalt: [M]
Timeout: The 60 Best Love Songs Of All Time
Bestenliste mit Liebesliedern aus dem Londoner Timeout-Magazin. Besorgt von Ella Doyle, Tim Lowery und Nick Levine, veröffentlicht am 8. Februar 2023.
Link zum Inhalt: [M]
Timeout: 100 Best Party Songs
Die Liste enthält 49 Songs. «Celebration» ist unachtsamerweise zwei Mal enthalten - auf Platz 10 und 50.
Contributers: Ella Doyle, India Lawrence, Henrietta Taylor, James Manning, Andy Kryza, Andrzej Lukowski, Nick Levine, Chris Waywell.
Link zum Inhalt: [M]
Animals: The House Of The Rising Sun
Diese Folkballade über das Leben eines armen Schluckers, der auf den falschen Weg gerät und spielsüchtig wird, wurde von Alan Lomax in den 1930er Jahren archiviert. Er nahm den Song in den Appalachen auf. Bob Dylan griff auf «House of the Rising Sun» zu für die Songsammlung seines ersten Albums. Dave Van Ronk hat den Song arrangiert und Dylan kupferte das Lied offenbar von ihm ab. Die Animals werden den Song von Dylan gekannt haben (wie auch «Baby Let Me Take You Home»).
Eric Burdons Stimmorgan wirkt authentisch für diesen Folkblues. Er heult wie ein Wolf in der Nacht, wenn er beim Singen sein Baritone-Register verlässt und Töne presst und lange anhält (zum ersten Mal bei «and it's BEEN the ruin»; später wird es noch markanter, z.B. im zweiten Verse, wo er das in jeder Stanze zwei Mal macht «Mother» / «was», «sawed» / «new», «father» / «was»).
Arrangement
Der Song weist ein kunstvolles Arrangement für Beat-Band mit Orgel auf. Das ist ebenso untypisch für eine Beat-Band wie es untypisch für einen Folkblues-Song ist. Am Anfang dominiert die Gitarre, die diese ikonische Harmoniefolge mit geborgten Harmonien als Arpeggio spielt. Die Orgel als zweites Lead-Instrument kommt langsam, fast unmerklich ins Spiel, übernimmt aber spätestens im instrumental Verse die Lead-Funktion. Wo das Intro die Gitarre ins Zentrum stellt, da spiekt in der Coda die Orgel die Hauptrolle – es ist als gehörten die beiden Teile zu einer anderen interpretation des Songs oder als hätte ein Gemälde oben und unten, links und rechts einen Rahmen mit anderem Material oder mit anderer Farbe. Der TV-Auftritt (siehe Video-Stream) unterstützt diese Verschiebung der Lead-Rolle in der Band: Die beiden Gitarristen und der Sänger wechseln immer mal wieder ihre Position. Dies visualisiert, was im Arrangement passiert.
Es wurde vielfach darauf hingewiesen, dass das Gitarre-Arpeggio im Intro den Folkrock um ein Jahr vorweg nimmt. Und ja, die Single kommt genau drei Wochen vor A Hard Day's Night von den Beatles heraus, jenem Album, dem die selbe historische Funktion zugeschrieben wird.
Entstehungsgeschichte
Die Aufnahmesession fand an einem frühen Morgen in London statt, nachdem die Animals nach einem Konzert in Liverpool die Nacht drchgefahren sind. Offenbar genügten zwei Takes, da das Stück aus dem Live-Programm der Band stammte. Take 1 wurde die Single. Die Session soll 15 Minuten gedauert haben.
Ungewöhnliche Länge
Die Aufnahme hat die Länge von fast 4,5 Minuten, was damals den Industriestandard sprengte, der noch aus der Zeit der Schellackplatten stammte. Eine Vinylsingle mit ihren «Microgrooves» konnte diese Spieldauer problemlos fassen. In den USA indes wurde die Single wegen den herrschenden Standards fürs Airplay auf zwei Plattenseiten aufgeteilt (siehe gefalteter Song). Der amerikanische Plattenmarkt war zu dieser Zeit offensichtlich völlig vom Top-40 Radio geprägt.
Musik
Der Song ist in A-Moll. Zu dieser Tonleiter gehören die selben Akkorde wie diejenigen der C-Dur Tonleiter (sie sind Paralleltonarten): C, F, G, Am, Em, Dm. Nun hat der Song einen ganz anderen Akkordverlauf mit zwei fremden Akkorden: D und E (statt Dm und Em). Hier werden also Harmonien aus anderen Tonleitern geborgt. Diese machen die repetitive und simple Akkordfolge zu etwas Faszinierendem.
Zudem entsteht stelenweise eine harmonische Unentschiedenheit oder Ambivalenz, wenn die Orgel von Alan Price am Ende von Stanzen Septakkorde spielt, wo die Gitarre in der etablierten Harmoniefolge verbleibt (siehe: Ultimate Guitar).
Quellen
– Gordon Thompson: The British Are Coming: The Summer of 1964
Link zum Inhalt: [M]
Mojo: The 50 Greatest Electronic Records
Auf 24 Seiten erschien in der 2012-September-Ausgabe des Mojo Magazines ein Special mit Features zu Electronica-Acts (u.a. zu Terry Riley, Giorgio Moroder, David Bowie oder Depeche Mode) und mit dieser Liste.
Bei der Zusammenstellung scheint die Regel gegolten zu haben, dass pro Act nur ein Titel in die Liste kommen kann, sonst wären von Kraftwerk vermutlich mehrere Releases in der Liste. Geordnet ist die Liste mit einer Ordnungszahl, was auf den ersten Blick nach einer Rangliste aussieht, auf den zweiten sich aber als Chronologie entpuppt. Zu jedem Release gibt es ein paar Sätze zu lesen und es wird dem Leser eine Alternative angeboten («We nearly choose ...»).
Zu der Mojo-Ausgabe erschien die Begleit-CD Electricity
Link zum Inhalt: [M]
Pete Frame: The Top 20 UK Singles released during the 1950s
Pete Frame hat das ultimative Buch über die Musik der 1950er Jahre im Vereinigten Königreich geschrieben. Dies seien die 20 Singles, schreibt Frame, die in dieser Zeit einflussreich waren, wichtig, oder ein gutes Gitarrensolo oder einen Drum-Sound enthielten, intuitiv gespielt seien – am Ende aber vielleicht einfach in dieser Liste stünden, weil der er sie liebe.
Link zum Inhalt: [M]