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In den letzten zwei Jahren hat die Übernahme von Schweizer Unternehmen durch japanische Konzerne markant zugenommen. Die Milliarden-Übernahme des Schweizer Pharmariesen Nycomed durch Takeda ist nur Teil einer ganzen Serie. Ein Japan-Kenner erklärt.
Die japanische Wirtschaft leidet derzeit immer noch unter den Auswirkungen des Tohoku-Erdbebens von 2011 und unter der starken Landeswährung Yen. Trotzdem investieren japanische Firmen vermehrt in Schweizer Unternehmen.
Bereits 2009 hatte der japanische Mischkonzern Mitsubishi den grössten Schweizer Plastik-Hersteller Quadrant übernommen, 2011 erfolgten die Übernahmen von Nycomed durch Takeda Pharmaceutical, des Türsystem-Herstellers Kaba Gilgen durch Nabtesco und des traditionsreichen Elektrokonzerns Landis + Gyr durch Toshiba.
Anfang März dieses Jahres kündigte der japanische Uhrenriese Citizen an, für 70 Mio. Dollar die Schweizer Prothor Holding zu kaufen, zu der diverse Uhrwerk-Hersteller gehören.
"Nicht Inder oder Chinesen kaufen 'Corporate Switzerland' auf, sondern die Japaner", schrieb die NZZam Sonntag nach der Ankündigung. Laut der Zeitung stehen in der Schweiz momentan bereits 25'000 Personen auf der Lohnliste eines japanischen Unternehmens.
Im April und Ende Mai wurden zwei weitere Firmen übernommen: United Coffee, einer der grössten europäischen Kaffeeanbieter, und die Pago Holding, die sich im Bereich der Etikettier- und Kennzeichnungstechnik eine führende Stellung erarbeitet hat.
Paul Peyrot, geschäftsführender Direktor der Handelskammer Schweiz-Japan (SJCC) in Zürich, erklärt die möglichen Gründe dieses Phänomens.
swissinfo: Warum hat die Anzahl der Übernahmen von Schweizer Firmen durch japanische Konzerne in den vergangenen zwei Jahren derart zugenommen?
Paul Peyrot: Ich möchte zuerst einmal darauf hinweisen, dass nicht nur in der Schweiz viele Übernahmen getätigt wurden; japanische Firmen haben auf der ganzen Welt viele Firmen übernommen. Das Jahr 2011 war ein Rekord: Japanische Firmen haben ausländische Firmen im Umfang von etwa 85 Milliarden US-Dollar übernommen.
Der Grund für diesen Rekord basiert auf verschiedenen Faktoren. Einerseits ist es im Moment eine gute Gelegenheit. Wegen der Banken- und Wirtschaftskrise sind viele Währungen wie etwa der US-Dollar oder der Euro schwach. Andererseits sind viele Unternehmen wegen tiefen Börsenkursen sehr günstig zu haben.
Das trifft für die Schweiz aber nicht zu: Es handelt sich vielmehr um klassische Investitionen. Japanische Unternehmen haben schweizerische Unternehmen gekauft, um einerseits mögliche neue Märkte zu gewinnen.
Denken Sie an Nycomed, die zum grössten Teil in Wachstums- und Schwellenländern tätig ist. Das war eine klassische Akquisition von Takeda, um neue Märkte zu erschliessen und in Märkten tätig zu werden, wo sie bisher nicht präsent waren.
Andererseits haben japanische Firmen interessante schweizerische Technologien und Produktlinien gekauft. Typisch dafür ist etwa Landis + Gyr, die mit ihren Strommessern eine sehr starke technologische Marktstellung hat.
Ebenso vielleicht Uster Technologies oder Oerlikon Solar. Da ging es klassisch um Investitionen in Technologien und neue Produkte, die japanische Firmen brauchen, um Produktpalette und -portfolio zu ergänzen, um so auch in neue Märkte vorzustossen.
Weitere wichtige Gründe sind das tiefe Zinsniveau – die japanische Notenbank stellt Kredite praktisch zum Nulltarif zur Verfügung – und der Umstand, dass sehr viele japanische Unternehmen auf sehr grossen Beständen an Bargeld und liquiden Mitteln sitzen, die sie im Ausland gewinnbringender investieren können als im eigenen Land.
swissinfo: Der japanische Binnenmarkt wird durch den Rückgang der Bevölkerung kleiner. Ist die Zunahme der Übersee-Engagements auch in diesem Zusammenhang zu sehen?
P.P.: Auf jeden Fall. Die japanische Gesellschaft wird immer älter, der Anteil der produktiven Kräfte geringer, und in Japan gibt es seit der grossen Krise kein Wachstum mehr. Der Heimmarkt ist für japanische Unternehmen nicht mehr geeignet, um für Wachstum zu sorgen.
Darum sind viele japanische Unternehmen auf der Suche nach Expansionsmöglichkeiten im Ausland. Das heisst, sie sehen Wachstumschancen in neuen, ausländischen Märkten und weniger im Inland.
Das ist nicht nur der Fall bei einzelnen Unternehmen; diese Sichtweise wird auch vom japanischen Wirtschaftsministerium METI geteilt. Dieses ermutigt japanische Unternehmen seit zwei, drei Jahren explizit dazu, international zu diversifizieren, neue Produkte im Ausland zu kaufen, sich neue Technologien, neue Märkte zu erschliessen.
swissinfo: Ist es Zufall, dass es gerade so viele Schweizer Firmen sind, die in letzter Zeit übernommen wurden?
P.P.: Es gibt viele interessante Schweizer Unternehmen, die in ähnlichen Bereichen wie japanische Unternehmen oder in interessanten technologischen Nischen tätig sind und darum eine interessante Technologie haben. Das macht sie natürlich attraktiv. Aber dass es gerade so viele in der Schweiz waren, denke ich, ist Zufall.
swissinfo: Dann hatte das 2009 zwischen den beiden Ländern in Kraft gesetzte Freihandels-Abkommen keinen grossen Einfluss?
P.P.: Übernahmen werden durch das Freihandelsabkommen nicht wirklich erleichtert. Das Freihandels-Abkommen gibt gewisse Impulse im direkten Handel zwischen den Ländern, aber das hat sicher keinen Einfluss auf die Welle von Übernahmen.
Was erhofft wird, ist, dass japanische Unternehmen stärker in die Schweiz kommen und Niederlassungen gründen, um von hier aus den europäischen Markt zu bedienen. Aber davon hat man noch nicht sehr viel gesehen.
swissinfo: Wird sich der Trend der Übernahmen durch japanische Konzerne fortsetzen?
P.P.: Was ich von Experten höre, ist, dass noch mehrere grosse Transaktionen bevorstehen. Es wird sich dann zeigen, ob die günstigen Voraussetzungen, die zu dieser Investitionswelle geführt haben, weiterhin bestehen werden.
Es gibt sicher noch interessante Firmen in der Schweiz, aber wahrscheinlich nicht so grosse, bekannte Namen wie Landis + Gyr oder Nycomed. Ich denke, es werden eher kleine oder mittlere Unternehmen sein, die übernommen werden, weil sie interessante Technologien oder Märkte bieten.
Japanische Übernahmen von Schweizer Firmen
Ankündigung der Übernahme in chronologischer Reihenfolge
4. Mai 2009: Mitsubishi Plastics: Quadrant (Kunststoff-Hersteller).
20. Dez. 2010: Hitachi Zosen Corporation: AE&E Inova AG (Abfallverwertung).
31. Jan. 2011: Nabtesco: Kaba Gilgen AG (automatische Tür- und Torsysteme).
19. Mai 2011: Toshiba: Landis + Gyr.
19. Mai 2011: Takeda: Nycomed.
8. Nov. 2011: Toyota Automatic Loom: Uster Technologies (Mess- und Zertifizierungsprodukte für Textilsektor).
5. März 2012: Tokyo Electron: Oerlikon Solar (Solarzellen).
5. März 2012: Citizen Holdings Co.: Prothor Holding SA.
23. April 2012: UCC Holdings: United Coffee.
31. Mai 2012: Fuji Seal International: PAGO Holding AG (Etikettierung).Infobox Ende
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