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Was wir über die Fratzen von Arnold Böcklin wissen – und was nicht
Es ranken sich einige Gerüchte und Geschichten um die sechs Fratzen, die im Foyer der Kunsthalle Basel von der Wand schauen. 1871 wurden sie vom bedeutenden Basler Künstler Arnold Böcklin (1827–1901) für die Gartenfassade des Gebäudes gestaltet. Heute sind an der Stelle Repliken der Fratzen angebracht, die den Gästen des Restaurants Kunsthalle auf die Teller blicken.
Die Fratzen, meistens in der Literatur Masken genannt, haben die Basler Bürgerschaft zum Teil sehr verärgert, was soweit ging, dass sogar gefordert wurde, sie abzuschlagen. Wer aber waren diese «Nörgler», die sich in den Fratzen wiederzuerkennen glaubten und deshalb ihre Entfernung verlangten? Höchste Zeit dieser Frage auf den Grund zu gehen.
Arnold Böcklin: Masken für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871. Fotos: Serge Hasenböhler
Die ganze Affäre begann schon Jahre vor der Eröffnung der Kunsthalle Basel 1872 und der Fertigstellung der Fratzen im Jahr davor. Bereits 1868 wurde Böcklin beauftragt, das Treppenhaus des Museums an der Augustinergasse, dem sogenannten «Berri-Bau», wo heute das Naturhistorische Museum Basel untergebracht ist, mit Fresken auszugestalten, die er 1869 fertigstellte. Während die Arbeiten in vollem Schwung waren, gab es andauernd Beschwerden und Nörgeleien an der Gestaltung der grossformatigen Fresken seitens der Bau- und Kunstkommission des Museums, insbesondere von dessen Präsidenten Eduard His-Heusler, was schliesslich dazu führte, dass Böcklin seine Entwürfe für manche Elemente der Kommission gar nicht mehr vorlegte.
«Man müsse ein Sujet gerade ganz schroff und wahr hinstellen, dann schlüge es durch», so Böcklins Haltung. Sein bis dahin guter Freund Jacob Burckhardt, Professor für Kunstgeschichte an der Universität Basel, wichtiger Kulturkritiker seiner Zeit und bis vor kurzem noch auf der 1000-Franken-Note abgebildet, vertrat allerdings einen anderen Standpunkt. Burckhardt, der in der Baukommission grosses Ansehen genoss und Böcklin für diesen Auftrag vorgeschlagen hat, wünschte mehr Lieblichkeit und meinte: «Man müsse der Kunst Konzessionen machen und das Herbe versüssen».
Die Besserwisserei musste Böcklin derart genervt haben, dass er kurzerhand zwei der drei Freskomedaillons über den Fenstern im Treppenhaus des Museums ganz nach seinen eigenen Vorstellungen gestaltete. Zusätzlich zum Antlitz der Medusa, das bereits ein Freskomedaillon zierte, führte er ungefragt zwei weitere Gesichter aus, die man «mangels besserer Deutung die ‚verbissene‘ und die ‚dumme‘ Kritik» nannte.
Die offensichtliche Retourkutsche Böcklins für die ständige Kritik an seinen Entwürfen traf die Kommission empfindlich. Der Präsident Eduard His-Heusler wollte gar, dass diese nicht in Auftrag gegebenen Fresken verschwinden – was allerdings nicht geschah. Auch wenn die beiden Gesichter eher als Allegorien auf die Kritik an der künstlerischen Freiheit zu verstehen sind und sich nur indirekt an die Mitglieder der Kommission richten, so lässt sich doch bei einem der Medaillons Ähnlichkeiten mit dem Basler Kupferstecher und Kommissionsmitglied Friedrich Weber feststellen.
Arnold Böcklin, Bildnis Friedrich Weber, 1869; Kritikus, sogenannte ‚verbissene Kritik‘, 1869; Dumme Kritik, sogenannter ‚Dummerling‘, 1869 (v. l. n. r.)
Was aber hat diese Geschichte mit den Fratzen in der Kunsthalle Basel zu tun?
Die Baslerinnen und Basler dürften nicht wenig gestaunt haben, als Böcklin zwei Jahre später seine Fratzen an der Gartenfassade der Kunsthalle Basel präsentierte, wurden sie doch erneut als Provokation gegenüber Kritikern Böcklins verstanden. Die «vermeintliche Verunglimpfung schrieb man Böcklins Rachegelüsten wegen der Auseinandersetzung um die Basler Museumsfresken zu». Die ganze Affäre um die Fresken im «Berri-Bau» war also noch nicht erledigt. Laut Böcklins Ehefrau Angela, geborene Pascucci (1836–1915), gab es auch hier Forderungen, die Fratzen abzuschlagen und einzig das Kaufinteresse des Strassburger Museums habe das verhindert.
Es scheint so, als ob Böcklin den Auftrag für die Kunsthalle Basel dazu nutzte, um seinem Ärger über Kritikern erneut Luft zu verschaffen, aber dieses Mal war seine ‚süsse‘ Rache schärfer und persönlicher.
In der Literatur gibt es einige Vermutungen darüber, auf wen sich die Fratzen beziehen. Gemäss Margot Bryner-Bender hat Böcklin den ehemaligen Jugendfreund Jacob Burckhardt als «Nase-rümpfenden Kritiker» dargestellt, was im direkten Vergleich nachvollziehbar ist.
Arnold Böcklin, Maske für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871; Porträt von Jacob Burckhardt, 1892; ehemalige 1000-Franken-Note (v. l. n. r.).
Ebenso trage die «Maske mit Backenbart, (…) mit glatter Stirne, in die das Haupthaar in Form einer schwungvollen Locke herabreicht», so die gleiche Autorin, die «Charakteristika des sogenannten ‚Cylinder-Bernoulli’, des damaligen Sekretärs der Kunsthalle», einer stadtbekannten Persönlichkeit. Ein 1916 von Theodor Barth gemaltes Bildnis von Emanuel Bernoulli-Müller befindet sich in der Sammlung des Basler Kunstvereins.
Arnold Böcklin, Maske für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871; Theodor Barth, Bildnis Emanuel Bernoulli-Müller, 1916 (v. l. n. r.)
Bleibt noch die Frage zu klären, um wen es sich bei den anderen vier Fratzen handeln könnte? Vielleicht sind zwei davon erneut Darstellungen der ‚verbissenen Kritik‘ und der ‚dummen Kritik‘ – dieses Mal zugespitzter als bei den Fresken und weniger allegorisch? Haben sich vielleicht der Kupferstecher Friedrich Weber als auch der Holbein-Kenner Eduard His-Heusler in den Fratzen wiedererkannt? Beide waren in der Kommission des Museums in der Augustinergasse während der «Fresko-Affäre».
Arnold Böcklin, Maske für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871; Bildnis Friedrich Weber, 1869; Kritikus, sogenannte ‚verbissene Kritik‘, 1869 (v. l. n. r.)
Arnold Böcklin, Maske für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871; Bildnis Eduard His-Heulser, Basler Jahrbuch, 1907; Arnold Böcklin, Kritikus, sogenannte ‚verbissene Kritik‘, 1869 (v. l. n. r.)
Bleiben noch zwei Fratzen übrig: Der Schreiende mit den strähnigen Haaren im Gesicht und jener mit dem Verband um den Kopf, als ob er Zahnschmerzen hätte. Wem zu diesen Darstellungen etwas einfällt, der möge sich bitte melden.
Arnold Böcklin, zwei Masken für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871
Die sechs Fratzen vereinen lokalgeschichtlich Karikaturistisches, indem sie grotesk veränderte Züge vermutlicher Zeitgenossen von Böcklin zeigen. Die Halbplastiken aus Sandstein speisen sich historisch aus der Form des Maskarons (fr. Fratzengesicht), welches zwischen Scherz und Allegorie rein dekorative Zwecke an Gebäuden erfüllt. Aber in einer Stadt, die sich der Fasnacht verschrieben hat, liegen zudem Assoziationen zur Fasnachtslarve oder Faschingsmaske mit ihren humoresken Übertreibungen nahe und tragen heute zur grossen Beliebtheit der Fratzen bei.
Böcklins Rache ist eine süsse, da sie mit künstlerischem Witz und gestalterischem Können anschaulich zeigt, wie Kunst zur kritischen Reflektion und gesellschaftlichen Auseinandersetzung anstiftet. Er würde sich sicher freuen zu wissen, dass die öffentliche Sympathie für die Arbeit letztlich viel länger andauert als das Durcheinander, das sie ausgelöst hat. Bis heute sind die Fratzen humorvolle Zeitzeugen des Geistes, den die Kunsthalle Basel seit rund 150 Jahren prägt: die kritische und leidenschaftliche Auseinandersetzung mit der Kunst, ihrem Publikum und dem Diskurs der jeweiligen Zeit.
Quellen:
-Moirandat, Alain: Arnold Böcklin 1827–1901. Gemälde, Zeichnungen Plastiken. Schwabe: Basel, Stuttgart 1977.
-Bryner-Bender, Margot: Arnold Böcklin’s Stellung zum Portrait. Univ. Diss. Basel 1948. Schahl: Basel 1952.
Bildnachweise:
-Arnold Böcklins Kritikus, 1869, und Dumme Kritik, 1869: Kantonale Denkmalpflege Basel-Stadt, Fotos Ruedi Walti
-Arnold Böcklins Masken für die Gartenfassade der Kunsthalle Basel, 1871: Kunsthalle Basel, Fotos Serge Hasenböhler