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Pierre Bonnard
Le toit rose, 1899
Pierre Bonnards «Le toit rose», das der Zürcher Kunstgesellschaft aus Privatbesitz geschenkt wurde, bildet eine wichtige Erweiterung der seit 1920 wachsenden Gemäldegruppe des Künstlers. Der Schwerpunkt in der Sammlung liegt auf seinen gemalten Werken der 1910er- und 1920er-Jahre, als Bonnard (1867 –1947) zu seiner eigenen Art der Raum- und Farbauffassung fand. Als einziges Frühwerk aus Bonnards Nabis-Zeit, die durch einen strahlend farbigen Flächenstil geprägt ist, besitzt das Kunsthaus das vierteilige Werk «Panneaux décoratifs – Femmes au jardin» von 1890 /1891. Als Verbindungsglied zwischen diesem und den reiferen Bildern konnte 1985 «La famille au jardin, Grand-Lemps», um 1901, erworben werden. «Le toit rose» von 1899 positioniert sich nun ebenfalls dazwischen und zeigt Bonnards stilistischen Wechsel auf. Nach 1895 begann er sich von seinem flächenhaften und linienbetonten Stil zu lösen. Er setzte die Farben verstärkt in kleinen Tupfern und Strichen auf, ohne jedoch dem Impressionismus oder dem Pointillismus nacheifern zu wollen. Die Formen lösen sich dadurch immer mehr auf, so dass sich die dargestellten Elemente teppichartig ineinander verweben. Die Szenen erhalten dadurch eine gewisse Weichheit und haben etwas Diffuses. In «Le toit rose» variierte Bonnard zwischen pastosem Farbauftrag, hauptsächlich an der hellsten Stelle, und einer dünnen Farbschicht, die die grundierte Leinwand stellenweise sichtbar lässt. Der schattige Vordergrund in dunklem Grün bildet einen starken Kontrast zum hellrosafarbenen Dach, das dadurch umso mehr herausleuchtet. Dargestellt ist eine Szene im Freien mit drei Kindern und einem Hund im schattigen Bereich sowie zwei weiteren Kindern an der Sonne. Es dürfte sich um Bonnards Nichten und Neffen und um den Garten des Familienanwesens in Grand-Lemps mit Blick auf das Nachbarshaus handeln. Eine historische Fotografie des Familienhauses zeigt eine ähnliche solitär auf dem Rasen wachsende Pflanze mit langen, grasförmigen Blättern. Die hohen baumartigen Büsche links und rechts sind ebenfalls vorhanden.1 Bonnard dürfte sich zum Malen daher unmittelbar vor sein Haus gestellt haben.
In diesem Garten entstand eine ganze Reihe von Gemälden, meist sind darauf Familienmitglieder auszumachen, so wie auch im oben genannten Bild von zirka 1901. Während jenes jedoch bis zum Tod des Künstlers in seinem Besitz blieb und offenbar zu Lebzeiten nicht ausgestellt wurde, sandte Bonnard «Le toit rose» für den Salon d’automne 1905 ein. Hier war es als einzige Landschaft von fünf seiner Gemälde zu sehen. Dass es dort ausgestellt war, ist erst vor Kurzem durch die Untersuchung der Rückseite des Originalkeilrahmens bekannt geworden, auf dem der Ausstellungsstempel in Rot zu identifizieren ist.2 Zwischen 1905 und 1910 wurde das Werk vom Ehepaar Hanni und Herbert Esche vermutlich in der Galerie Bernheim-Jeune in Paris erworben. Die erfolgreichen Textilunternehmer bauten sich eine der bedeutendsten zeitgenössischen Kunstsammlungen zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Chemnitz auf, wo diese in einer vom belgischen Jugendstilarchitekten Henry van de Velde entworfenen Villa bis um 1930 /1931 beheimatet war.3 Bonnards Gemälde wird somit mit Edvard Munchs Porträts der Sammlerfamilie im Kunsthaus Zürich wiedervereinigt.
1Abb. in: Bonnard, Ausst.-Kat. Centre Georges Pompidou, Musée national d’art moderne, Paris / The Phillips Collection, Washington / Dallas Museum of Art, Paris 1984, S. 241.
2Ich danke Elena Manco für den Hinweis. Es muss sich um die Katalognummer 154, «Paysage», handeln.
3Edvard Munch und die Familie Esche. Die Bildnisse, die Sammlung, Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, Zürich 2016.