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Jasmin Müller, Sie sind nun bereits zwei Monate in Sambia. Wie und wo leben Sie?
Ich lebe in der Stadt Kabwe. Sie hat über 200 000 Einwohner, doch es kommt mir nicht vor wie eine Stadt, da viele Menschen auf engem Raum in den Slums leben. Ich wohne zusammen mit einer anderen Praktikantin und der Fachperson Regina in einem Reihenhaus. Es hat kein warmes Wasser und ab und zu Stromausfälle. Beim Schlafen ist es wichtig, immer ein Moskitonetz über das Bett zu spannen, wegen den Malaria-Mücken.
Sie helfen aidskranken Menschen. Wie genau?
Ich arbeite im Hospice mit, dem Zentrum für Aids- oder Tuberkulosekranke mit Platz für 16 Patienten. Diese sind völlig abgemagert, da ihnen das Geld fehlt, um Nahrung zu kaufen. Hier erhalten sie drei Mahlzeiten pro Tag, Medikamente und eine fürsorgliche Pflege. Ich helfe dort mit, wo man mich braucht, wechsle die Bettwäsche, gebe den Patienten das Essen und Trinken, portioniere zusammen mit einer Pflegefachfrau die Medikamente und erledige administrative Arbeiten. Für einige Zeit habe ich auch im Kinderzentrum gearbeitet, wo rund 40 Kinder zur Schule gehen. Ich habe ihnen Aufgaben erklärt, bin auf individuelle Schwierigkeiten eingegangen und habe den Lehrer unterstützt.
Was war Ihr traurigstes Erlebnis?
Einmal haben wir einen älteren Mann in einem Armenviertel abgeholt und ins Hospice gebracht. Er war vom Urin völlig nass, da sein Katheter nicht mehr richtig in der Blase lag. Mit minimalen Kräften ist der ältere Mann in das Fahrzeug vom Hospice gestiegen. Der Mann muss seine Enkelkinder grossziehen, da deren Eltern verstorben sind. Doch wie will jemand, der über keine finanziellen Mittel verfügt und selber krank ist, sich noch um Grosskinder sorgen? Eine Enkelin ist zwölfjährig, geht erst seit kurzem zur Schule. Ihre ältere Schwester zwang sie zur Prostitution. Es läuft einem kalt über den Rücken, wenn man dieses Mädchen sieht und seine Geschichte kennt.
Welcher Moment war am schönsten?
Eine Pflegerin erzählte mir von einer Frau: Die 50-jährige Esnart hatte kein Geld, um Nahrung zu kaufen und wurde schwer krank. Da sich tagelang niemand um sie kümmerte, sie tagelang am Boden lag und dadurch immer dieselben Körperstellen belastet wurden, wurde sie im August mit diversen Druckgeschwüren im Hospice aufgenommen. Die Patientin war bettlägerig, massiv unterernährt, hat zudem Knochentuberkulose und ist HIV-positiv. Sie war depressiv und hatte starke Schmerzen. Mit Verbandsmaterial, alternativer Medizin, Nahrungszufuhr, Vitamintabletten und medikamentöser Behandlung konnte das Pflegepersonal die Geschwüre deutlich verkleinern und Esnarts Allgemeinzustand verbessern. Heute ist sie aufgestellt, mit einer Gehhilfe selbständig mobil und wirkt zufrieden. Wenn ich sie sehe, lächelt sie mich an und winkt mir zu. Sobald ihre Wunden ganz verheilt sind, kann sie entlassen werden.
Was nehmen Sie aus dem Praktikum mit?
Es gibt tragische, traurige und prägende Erlebnisse und Begegnungen, und es ist nicht immer einfach, diese zu tragen. Es ist nicht selbstverständlich, dass wir in der Schweiz das Recht auf Bildung und ein Dach über dem Kopf haben. Ich werde von diesem Praktikum einiges mitnehmen. Ich hatte Begegnungen mit Menschen, die ich für den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen werde.
Zum Praktikum
Lebenserfahrungen sammeln
Zwei Mal jährlich reisen mehrere junge Personen für drei Monate in ein anderes Land, um ein Praktikum zu absolvieren. Organisiert werden die Praktika von der Bethlehem-Mission Immensee, einer Organisation für Entwicklungshilfe in Lateinamerika, Afrika und Asien.er