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Am Montag publizierte der Alpiq-Konzern seinen Jahresbericht 2019 mit einem Verlust von rund 270 Millionen Franken, der zu einem wesentlichen Teil auf den Verkauf der zwei tschechischen Kohlekraftwerke Kladno und Zlin zurückzuführen ist. Nur noch rund 280 Millionen Franken erhielt Alpiq laut Geschäftsbericht dafür. Rund 190 Millionen Franken musste der Stromkonzern in den Kamin schreiben.
Kohlekraft-Investitionen trotz Milliarden-Verlusten
Wie kam es zu diesem Debakel in Tschechien? Angefangen hatte das Kohlekraft-Abenteuer von Alpiq in den Jahren von 2002 bis 2009, als die Alpiq-Vorgängerin «Aare Tessin AG für Elektrizität» (Atel) begann, die Milliarden-Gewinne, die sie aus dem Stromhandel mit der Wasserkraft einfuhr, im Ausland zu investieren – auch in die tschechischen Kohlekraftwerke Kladno und Zlin.
Dann kam das Horror-Jahr 2011 für den Alpiq-Konzern: Der Jahresverlust betrug 1,3 Milliarden Franken und die Wertberichtigungen und Abschreibungen kletterten auf den Rekordwert von 1,7 Milliarden Franken – letztere vor allem aus den Beteiligungen an fossilen Kraftwerken in Italien (560 Millionen), Frankreich (230 Millionen) und in Spanien (105 Millionen).
Ausgerechnet in diesem Jahr der Rekord-Abschreibungen bei den fossilen Kraftwerken im Ausland setzte Alpiq im fossilen Bereich noch einen drauf: Stolz verkündete die Alpiq-Spitze eine weitere Investition von rund 320 Millionen Franken in die klima- und umweltschädliche Kohlekraft in Tschechien, das heisst in den Neubau des Kohlekraftwerks Kladno bei Prag. Dieses ersetzte ein Kohlekraftwerk aus den 1970er Jahren.
Anfang 2014 wurde das neue tschechische Kohlekraftwerk in Kladno in Betrieb genommen. Flankierend betätigte sich Alpiq als grosszügiger Sponsor des Hockey-Clubs von Kladno. In der Schweiz hingegen zeigte sich der Alpiq-Konzern knausrig: Da machte der Stromkonzern den Gebirgskantonen die Wasserzinsen streitig und in Olten, wo der Alpiq-Konzern seinen Sitz hat, riefen die Schulverantwortlichen aufgrund der fehlenden Alpiq-Steuern den finanziellen «Shutdown» aus.
Rekord-Vergütungen trotz miserabler Leistung
Auf dem Pressefoto anlässlich des Baubeginns des neuen Kohlekraftwerks im Frühjahr 2011 strahlten der damalige Alpiq-CEO Giovanni Leonardi und André Regli, der damalige Schweizer Botschafter in Tschechien, um die Wette. Ein knappes halbes Jahr später – im September 2011 – flüchtete Leonardi vom sinkenden Alpiq-Schiff und kassierte für neun Monate zwei Millionen Franken. Der damalige VR-Präsident Hans E. Schweickardt übernahm in Personalunion auch den CEO-Posten. 2015 nahm auch er den Hut.
Doch damit nicht genug: Im Jahr 2011 der Rekord-Verluste und der Fehlinvestition in das Kohlekraftwerk Kladno in Tschechien kassierte die Alpiq-Spitze auch Rekord-Vergütungen: Rund 3,9 Millionen Franken die Verwaltungsräte und rund 8,5 Millionen Franken die Mitglieder der Geschäftsleitung. Insgesamt 12,4 Millionen Franken sackte – bei miserabler Leistung – die Spitze des Alpiq-Konzerns ein, der notabene mehrheitlich in öffentlichem Besitz ist, jahrelang offshore die Steuern optimierte und beim Staat die hohle Hand für Subventionen machte.
BFE-Direktor, VSE-Präsident, ElCom-Mitglied
Interessant ist ein Blick ins Alpiq-Organigramm des Jahres 2011. Dabei stechen drei Namen besonders heraus, die heute in Bezug auf die Strombranche an zentralen Schalthebeln sitzen:
- Benoît Revaz: Damals Mitglied der Alpiq-Geschäftsleitung, seit 2016 Direktor des Bundesamtes für Energie (BFE). (Siehe dazu Infosperber: Der Stromlobbyist im Tarnanzug eines Chefbeamten)
- Michael Wider: Damals und aktuell CEO-Vize von Alpiq; seit 2017 Präsident des Stromlobby-Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (VSE).
- Christian Brunner: Damals Alpiq-Verantwortlicher der Geschäftseinheit Netze; seit 2014 Mitglied der Eidgenössischen Elektrizitätskommission (ElCom), der staatlichen Regulierungsbehörde im Elektrizitätsbereich.
FDP-Vertreter dominierten den Verwaltungsrat
Im Horror-Jahr 2011 von Alpiq war Hans E. Schweickardt VR-Präsident und Christian Wanner VR-Vize-Präsident. Letzterer gehörte zu jener Gruppe von FDP-Vertretern, welche den Alpiq- beziehungsweise Atel-Verwaltungsrat jahrzehntelang dominierten und für die ruinöse Auslandstrategie, die schon Anfang des Jahrtausends begann, mitverantwortlich sind. (siehe Infosperber: Der rabenschwarze Kohle-Trip des Alpiq-Konzerns).
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Kurt Marti war früher Beirat (bis Januar 2012), Geschäftsleiter (bis 1996) und Redaktor (bis 2003) der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES).