Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03189.jsonl.gz/1323

«Krass komisch» findet Jonida ihren Onkel Mark. Dieser ist soeben aus Albanien in New York gelandet, um bei Jonida und ihren Eltern zu leben. «Deine Klamotten sehen aus wie geliehen», sagt das Mädchen. «Hier in Amerika zieht niemand so komische Sachen an. Und einen Bart hast du auch nicht.»
Mark ist kein gewöhnlicher Mann. Denn er war einmal Hana, eine junge Frau aus einem Bergdorf im Norden Albaniens, die in Tirana studierte. Warum sie mit neunzehn Jahren zu Mark wurde und wie Mark sich wieder zurück in ein Leben als Hana kämpft, davon erzählt der Roman «Hana» der albanischstämmigen Autorin Elvira Dones. In sieben Kapiteln spannt sie den Bogen vom kargen Bergleben im Albanien der achtziger Jahre bis nach New York in den Jahren 2001 und 2002. Sie erzählt von zwei Welten, die kaum unterschiedlicher sein könnten.
Hana wächst in den achtziger Jahren als Waisenkind bei ihrem Onkel und ihrer Tante auf, die sie über alles lieben. Als die Tante an einem Herzinfarkt stirbt und der kranke Onkel im Sterben liegt, versucht dieser, sie zu verheiraten – als alleinstehende junge Frau würde Hana sozial geächtet und hätte keine Rechte, um für den Hof zu sorgen. Doch Hana weigert sich. Um den Onkel in Frieden sterben zu lassen, wird sie zu einer Burrnesha – einer Schwurjungfrau. Diese Frauen schwören ihrem Geschlecht ab und bleiben Jungfrau, sozial erhalten sie dadurch die Stellung eines Mannes. Waren sie früher in verschiedenen Gebieten im Balkan verbreitet, gibt es heute nur noch ein paar wenige Schwurjungfrauen in Nordalbanien.
Wie sich das Leben von Hana durch diesen Schwur verändert, wie sie sich und ihrem eigenen Körper abhandenkommt und schliesslich in New York langsam wieder ihren Platz als Frau in der Gesellschaft sowie in ihren eigenen weiblichen Körper zurückfindet und ihre Sexualität entdeckt, davon erzählt Dones. Dabei wird sie nie wertend, sondern schildert mit einer kühlen Distanz von einem Leben, das ganz anders hätte verlaufen können, wenn es nicht von den machoiden gesellschaftlichen Strukturen und der Fixierung auf Ehre bestimmt worden wäre.