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Identifikation
Signatur:
Ar VHTL
Entstehungszeitraum / Laufzeit:
1915-2009
Umfang:
68 m
Kontext
Abgebende Stelle
Gewerkschaft Verkauf Handel Transport Lebensmittel (VHTL), Zentralsekretariat, Birmensdorferstrasse 67, 8004 Zürich
Verwaltungsgeschichte / Biographische Angaben
Der Verband der Handels-, Transport- und Lebensmittelarbeiter (VHTL) ging 1915 aus der Fusion der Lebens- und Genussmittelverbände (VLG) sowie dem Handels- und Transportarbeiter-Verband (HTV) hervor. Unter dem Dach des Genuss- und Lebensmittelarbeiter-Verbandes (gegründet 1904) waren die Berufsverbände der Müller, der Tabakarbeiter, der Küfer, der Gärtner und der Brauereiarbeiter vereinigt. Diese Berufsverbände wurden ihrerseits in den 1890er Jahren gegründet. 1907 wurde der HTV gegründet. Darin schlossen sich Fuhrleute, Droschkenkutscher, Dienstmänner, Kohlenarbeiter, Fenster- und Gebäudereiniger, Hafenarbeiter, Magaziner, Packer sowie Ausläufer zusammen. 2004 fusionierte der VHTL mit dem GBI, SMUV und unia zur interprofessionellen Gewerkschaft Unia.
Seit seiner Gründung hatte der VHTL stets mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Die Mitgliederentwicklung der Gewerkschaft verdeutlicht dies: Bis 1945 stieg – mit zwischenzeitlichen Einbrüchen – die Zahl der Mitglieder von 5'452 auf 41'247. Bis in die 1960er blieb sie stabil, danach sank sie markant auf zunächst 30'252 (1974) und schliesslich 14'436 (2003). Eine Hauptschwierigkeit für die Organisation der Arbeitnehmenden lag in der überaus heterogenen Branchenstruktur des VHTL. Ihre Branchen erstreckten sich gewissermassen über die gesamte Nahrungsmittelkette – von der Produktion über den Verkauf bis hin zum Konsum – und umfassten damit alle drei wirtschaftlichen Sektoren. Die Branchen des VHTL zeichneten sich seit jeher durch einen hohen Anteil weiblicher, später auch ausländischer Angestellter aus. Besonders in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren in der Schokoladen- und Tabakindustrie hauptsächlich Frauen tätig, mittels Kost- und Logiszwang wurden sie von ihren Arbeitsgebern einer hohen sozialen Kontrolle unterzogen. Auch der hohe Prozentsatz von saisonal und Teilzeit Arbeitenden wie zum Beispiel im Gastgewerbe oder im Detailhandel erschwerte die Organisation. Die Gesellentradition und die Nachfragestabilität hingegen waren für die Organisation von Arbeitnehmenden förderlich. Der Mitgliederrückgang seit den 1960er Jahren war die Folge einer Arbeitsplatzerosion in den traditionellen Hochburgen des VHTL, nämlich in der Nahrungs- und Genussmittel-, der Brauerei- sowie der Tabakindustrie. Zudem blieb der Detailhandel – insbesondere die Migros – für den VHTL stets ein schwer zugängliches Rekrutierungsfeld. In den 1990er Jahren erwuchs dem VHTL auch von gewerkschaftlicher Seite Konkurrenz: 1996 gründeten GBI und SMUV die auf den Dienstleistungssektor fokussierte Gewerkschaft unia.
Organisation und Struktur
Der VHTL gliederte sich in Regionalverbände und Sektionen. Der VHTL umfasste 101 Sektionen. Die Regionalverbände dienten der Koordination der Sektionsaufgaben. Seit den 1980ern wurde die Stellung der Regionalverbände gestärkt, sie erhielten Budgetautonomie und Delegationsrechte.
2) Legislative und Exekutive: Der Kongress, der alle 3, später 4 Jahre tagte, war das legislative Organ der Gewerkschaft. Er legte die längerfristigen Richtlinien der Verbandspolitik fest. Die Sektionen stellten die Delegierten, entsprechend ihrer Mitgliederstärke. Der Kongress wählte den Zentralvorstand (ZV), das oberste Exekutivorgan, die Geschäftsleitung (GL), die Geschäftsprüfungskommission (GPK) und die Rekurskommission (RK). Die legislativen Aufgaben zwischen den Kongressen nahm die Landesdelegiertenversammlung (LDV) wahr.
3) Die Organe des Vertragswesens: Die Landeskommission bestand aus Vertretern der regional gegliederten Branchengruppen. Sie war das Repräsentativorgan des Vertragswesens. Sie wählte die Verhandlungsdelegation, der berufs- bzw. branchenverantwortliche Zentralsekretär leitete die Verhandlungen.
Der VHTL war traditionell keine konfliktfreudige Organisation. Seine Politik bemühte sich um ein gutes Einvernehmen mit den Arbeitgebern. Streiks kamen in der Geschichte des VHTL nur selten vor. Dafür konnte er von Beginn weg eine hohe Zahl von Tarifabschlüssen und später von Gesamtarbeitsverträgen (GAV) vorweisen. Seit den 1960er Jahren nahm die Zahl der GAV ab; doch wurden sie in der Regel umfassender. Im Jahre 2003 beispielsweise wies der VHTL mit 125 GAV eine hohe Vertragsdichte auf. Die Aushandlung von Arbeitsverträgen für die verschiedenen Brachen führten die Verbandssekretäre zusammen mit den Betriebsgruppen-Delegierten. Im Gegensatz zu anderen Gewerkschaften verliefen die Verhandlungen relativ autonom. Der Gewerkschaftszentrale kam lediglich ein Vetorecht zu.
VHTL-Zentralpräsidenten
1915-1941 Jean Schifferstein
1941-1966 Hermann Leuenberger
1966-1975 Erich Gygax
1975-1995 Peter W. Küng
1995-1997 Rita Gassmann
1997-1999 Beatrice Alder
1999-2004 Martin Meyer/ Claude Vaucher
Bestandesgeschichte
Die Akten des VHTL wurden nicht durchgängig archivarisch betreut. Dafür betrieb er gut funktionierende und sehr klar strukturierte serielle Ablagen, insbesondere für die zahlreichen Gesamtarbeitsverträge. Die Bestände scheinen vollständig zu sein. Allerdings sind die Aktenbestände der Vorläuferorganisationen des VHTL nicht Teil des Archivbestandes. Die erste durchgängige Aufarbeitung der Aktenbestände fand im Rahmen der Übergabe des Materials ans Schweizerische Sozialarchiv statt. Im Zuge der Fusion der Gewerkschaften SMUV, GBI und VHTL zur Unia wurde der gesamte Bestand bewertet, verzeichnet und archivgerecht verpackt. Diese Arbeiten führte die Firma Fokus AG, Zürich im Auftrag des Schweizerischen Sozialarchivs durch (Projektleitung: Urs Kälin, Schweiz. Sozialarchiv, Daniel Kauz, Fokus AG, Zürich).
Übernahmemodalitäten
Uebernahme im Rahmen des Archiverschliessungsprojektes Unia im Juni 2005
Inhalt und innere Ordnung
Form und Inhalt
Der Archivplan weist die folgenden Hauptpositionen auf: 1) Gremien, 2) Organisation, 3) Dienstleistungen, 4) Branchen und Vertragspolitik, 5) Mitgliedergruppen, 6) Projekte und Kampagnen, 7) Sektionen, 8) Externe Gremien und Organisationen, 9) Erzeugnisse und Publikationen des VHTL. Der Archivplan basiert nicht auf einem Registraturplan, sondern wurde nachträglich im Zuge der Archivarbeiten angefertigt, um die Akten zu klassifizieren. Der Archivplan spiegelt die Grundstruktur und die Hauptaufgaben der Organisation. Da der Archivplan jedoch funktional nicht vollständig kongruent konzipiert werden konnte, bleibt die Provenienz in Einzelfällen schwierig nachvollziehbar.
Bewertung und Kassation
Eine vollständige Übernahme der Akten durch das Schweizerische Sozialarchiv erwies sich als wenig sinnvoll. Deshalb wurden vorgängig Bewertungskriterien definiert, die dann bei der Bearbeitung der Akten zum Einsatz kamen. Ausgeschieden (bzw. kassiert) wurden:
- Administrative Unterlagen: Belege, Anmeldungen, Unterkunft, Verpflegung, Routinekorrespondenz etc.
- Externe Dokumentationen, Materialsammlungen (z.B. von Kursen oder Kampagnen Dritter; allgemeine, nicht einem bestimmten Dossier zugeordnete Pressespiegel etc.)
- Unterlagen externer Gremien
Der umfangreiche Periodika-Bestand (Verbandszeitungen und -zeitschriften, gedruckte Protokolle, Jahresberichte) bildet einen integralen Bestandteil des VHTL-Archivs; er wurde in die Bibliotheksbestände des Schweizerischen Sozialarchivs integriert.
Audiovisuelle Medien (Film-, Video-, Ton-, Bilddokumente) wurden der Abteilung Bild+Ton des Schweizerischen Sozialarchivs übergeben.
Neuzugänge
(v.a. Akten aus dem Zentralsekretariat Unia, die letzten Jahre vor der Fusion betreffend)
Zugangs- und Benutzungsbedingungen
Zugangsbestimmungen
Der Bestand ist im Lesesaal des Schweizerischen Sozialarchivs ohne Benutzungsbeschränkungen einsehbar.
Sprache/Schrift
Unterlagen vorwiegend in deutscher französischer und italienischer Sprache
Sachverwandte Unterlagen
Verwandte Verzeichnungseinheiten
Veröffentlichungen