Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03539.jsonl.gz/1676

Die Kaufmannsfamilie von Bayer
Die Kaufmannsfamilie von Bayer3 hatte in eben dieser Blütezeit Geschäftssitze in Rorschach und Genua. Immer wieder rekrutierte sie aus den verschiedenen Linien ihres Geschlechts eigene junge Leute für ihren ausgedehnten Exporthandel. Wir entnehmen der Tabelle II zuerst den Aufschwung und Abstieg des Handels der Brüder Bayer, dann die Einzel-Unternehmen des Ignaz von Bayer (1696-1778) und seines Sohnes Georg Wendel (gest. 1778), des letzten Sprosses aus dem Untern Haus («Im Hof»), ohne Beginn und Ende der einzelnen Firmen genau angeben zu können. Die Firma Georg Wendel scheint 1781 eingegangen zu sein. Von da an gab es offenbar nur noch das alte Hauptgeschäft «Erben von Bayer». Es sind die Erben des einstigen Geschäftsleiters Ferdinand (1633 bis 91). Er war der Enkel des Gründers der Bayerschen Gesellschaft, Franz (geb. 1518). Die Glanzzeit dieses Bayerschen Hauses liegt zwischen 1761 und 1778 mit einem relativen Tiefpunkt zwischen 1773 und 1774, der sich vielleicht mit dem Bau der Fürstenlandstrasse durch Abt Beda mittelbar erklären lässt. Der Abt liess nämlich diese Strasse von Staad bis Wil 1774-76 erstellen, um die vielen Mittellosen der Alten Landschaft beim Bau zu beschäftigen. Daneben war die damals vielbewunderte Strasse auch als Schachzug gegen die bischöflichen Strassenpläne Konstanz-Zürich gedacht. Aus ähnlichen Motiven wurde auch die Rorschacher Hafenanlage verbessert. Ein paar Jahre wirtschaftlicher Depression hat natürlich auch das Leinwandgeschäft gespürt.
Der Aufschwung und die Blütezeit des Leinwandgewerbes und -handels erklärt sich aus folgenden Überlegungen: mit den Mailänderkriegen endete das kriegerische Zeitalter der Eidgenossenschaft. Die Reformationsmandate verboten die Reisläuferei. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts flauten die Pestepidemien ab und führten zu einer starken Bevölkerungszunahme, so dass die Landwirtschaft zur Ernährung und Beschäftigung der Leute immer weniger ausreichte. Viele Söhne aus kinderreichen Bauernfamilien ergriffen einen handwerklichen Nebenberuf und wandten sich der Leinenweberei zu. Auch das kam vor: die Weber gingen zu den Bauern auf die Stör, arbeiteten dort gegen Stücklohn, oder sie woben das von den Bauern gelieferte Garn auf den eigenen Stühlen, oder sie besorgten auch Garne von den Märkten und woben auf eigene Rechnung. Von 1760 bis 1765 erhöhten sich die Lebensmittelpreise und Löhne um 50 bis 100 Prozent.
Unter den Exporten der Bayer kommen vor: ganz weiss, gefärbt, zweimal abgebleicht, überseeisch (von Süddeutschland!), meliert, Barchent (Baumwollflanell), Schnupftücher und Stauchen (Kopftücher). Das Pflichtenheft der weltlichen äbtischen Obervögte zu Rorschach enthielt die «Unterstützung der Leinwandindustrie». Der berühmte äbtische Staatsmann Fidel von Thurn bekleidete dieses Amt zweimal: 1657-58 und 1695- 1719. Oft diente er den Bayer und Hoffmann als Rechtsberater in ihren Geschäften. Wichtige Schriftstücke des von Bayerschen Familien-Unternehmens unterzeichneten die drei Prinzipale Franz Josef Ferdinand (1737- 1800), sein Vetter Franz Josef Anton (1740-1820) und dessen Bruder Ferdinand Josef Albert (1742-1803). Als vierte kam manchmal noch die Unterschrift eines Mitarbeiters oder Teilhabers hinzu. Das war zur Blütezeit Felix Joseph Wutterinis (1726-96), der mit den Bayern assoziiert war. Als er 1795 infolge Lähmung die rechte Hand nicht mehr brauchen konnte, wurde Lorenz Salvini (1740-1804) zur Unterschrift bevollmächtigt. Salvini ist als Auf käufer italienischen Getreides während der Teuerung 1770/71 bekannt geworden und als Erbauer des Amtshauses, dessen er sich nur noch 14 Jahre seines Lebens erfreuen konnte.
Keines der grossen Handelshäuser hat sich so viel Boden im Gebiet von Rorschach und Rorschacherberg erworben wie die Bayer. Aber nach 1778 ging, unterbrochen durch einen Hochstand im Jahre 1786, der Bayersche Leinwandhandel langsam aber ständig zurück, hauptsächlich durch die Konkurrenz der Baumwolle. Dieses billige Gespinst wurde ja schon im 17. Jahrhundert im Glarner- und Zürcherland gesponnen und gewoben, während sich St.Gallen seit Beginn des 18. Jahrhunderts mehr und mehr auf Baumwollverarbeitung umstellte. Dazu kamen erhöhte Schutzzölle des Auslandes, herabgedrückte Preise und bald die Wirrnisse seit der Französischen Revolution (1789) und die Umsturzjahre der Jahrhundertwende.
3 Vgl. auch R. G., Die Rorschacher Kaufmannsfamilie von Bayer, RNB 1972.