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Für den britischen Kleingangster in In Bruges war es wie ein Ort aus einem anderen Universum – «Bruges», da musste er erst einmal überlegen, wie das überhaupt auszusprechen sei. Mit «Brügge» dürften Deutschsprachige nicht dieselben Probleme haben, doch ist das belgische Filmschaffen jenseits der Landesgrenzen eine eher unbekannte Grösse, die sich derzeit praktisch nur mit einem einzigen Namen verknüpft, dem der Gebrüder Dardenne.
Erschöpft sieht sie aus, die Frau, deren Gesicht die Kamera zu Beginn des Films aus der Nähe erfasst, beim Einkauf im Supermarkt, zwei Kinder im Schlepptau. Wenn sie gleich darauf, beim Ausparken auf dem Parkplatz, einen Lastwagen rammt, dann merkt der Zuschauer, was sich in ihr alles angestaut hat – so wie sie den LKW-Fahrer beschimpft und dabei schnell grundsätzlich wird. Von der Feststellung «Was sucht ein LKW auf dem Parkplatz?!» zur Bezeichnung des blond gelockten Fahrers als «Wikinger» und der – direkt unter die Gürtellinie zielenden – Beleidigung «Je grösser der Truck, desto kleiner die Zündkerze» ist es bei ihr nur ein kurzer Weg. Der Fahrer kann zwar anfänglich dagegen halten, aber angesichts ihrer verbalen Angriffslust schluckt er irgendwann leer und verstummt. So beginnt eine Liebesgeschichte, zwischen Matty, 41, und Johnny, 29.
«Fünf Monate, zwei Wochen und drei Tage» ist es her, dass Matty von ihrem Mann Werner verlassen wurde, wie sie ihrer Kollegin im Postamt, wo sie hinter dem Schalter sitzt, berichtet. Dass sie die Tage zählt, zeigt, dass sie ihn noch immer liebt und auf seine Rückkehr hofft. Werner, der jünger ist als sie und an der Kunstakademie unterrichtet, hat sich mit einer zweiundzwanzigjährigen ehemaligen Schülerin von ihm eingelassen, kommt allerdings regelmässig nach Hause, um die beiden jüngeren der drei Kinder abzuholen – und um seine Wäsche von Matty bügeln zu lassen.
Mehrfach sieht man Matty im Waschsalon sitzen und warten, die Erschöpfung ist ihr anzusehen, aber zugleich sind dies Momente, wo sie für sich ist, ihre Ruhe hat – und Ruhe ist das, was sie will, wie sie Johnny erklärt – keine aufregende Beziehung mit einem zwölf Jahre jüngeren Fernfahrer. Aber der lässt nicht locker, taucht zuerst bei ihr auf, um den Schaden an der Kofferraumhaube ihres Wagens zu reparieren, und bittet dann, nach Teilnahme am familiären Abendessen, um ein Date. Und auch wenn Matty bei diesem Treffen erklärt, sie wolle nur ihren Mann ärgern, merkt der Zuschauer doch, dass das so nicht stimmt. Denn im Gespräch mit Werner war sie zuvor viel bestimmter aufgetreten als bei der vorherigen Begegnung: «Entweder du kommst zurück oder du reichst die Scheidung ein!» Wobei ihre Klarheit («Du willst alles: die Rosinen, den Kuchen und die Frau des Bäckers») nicht unbedingt auf sie selber zutrifft. Ihre Vorliebe für Senf zur Blutwurst, die sie wiederholt ihrer Familie serviert, sieht Johnny nämlich aus einer ganz anderen Perspektive: «Senf verschliesst die Nase: man riecht und schmeckt nichts mehr.» Moscow, Belgium erzählt, wie Mattys Geschmacksnerven langsam stimuliert werden.
Auch wenn die erste Verabredung mit Johnny schliesslich im Führerhaus seines Lastwagens endet, sträubt sich Matty gegen ihre Gefühle, behauptet gegenüber ihrer siebzehnjährigen Tochter Vera, «es war nichts … es war ein Mal …» Aber auch hier strafen die Bilder die Worte Lügen, ist das Tun den Worten voraus: Wenn Matty sich anschliessend vorm Zubettgehen nackt im Spiegel betrachtet, sich zur Seite dreht und ihre Brüste anfasst, dann erkennt man darin ein neues Selbstbewusstsein. Und tatsächlich, bevor sie das Licht löscht, lächelt sie sogar.
Spätestens in diesem Moment weiss man, wie diese Geschichte enden wird. Wo andere Erzählungen dieser Art allerdings vor das Happy End lauter Pseudo-Hindernisse aufbauen, die in ihrer Durchschaubarkeit den Zuschauer einzig durch das Moment der Verzögerung zu unterhalten wissen, haben die Hindernisse in diesem Film eine viel realere Basis. Etwa die Vergangenheit von Johnny: Werner hat Nachforschungen angestellt. Das diskreditiert ihn natürlich sofort, aber damit konfrontiert, muss Johnny schliesslich zugeben, ja, er war im Knast, weil er seine Freundin verprügelt hatte – als er herausfand, dass sie ihn seit drei Monaten mit einem anderen betrog. Er hatte getrunken (seitdem nur noch Wasser) und deshalb seine Kräfte unterschätzt. Das kann Matty akzeptieren, nicht aber seinen Rückfall. Ein Bier zum Mittagessen lässt Johnny seine guten Vorsätze vergessen, und als gleich darauf vor dem Restaurant seine Ex-Freundin mit ihrem Liebhaber und Anwalt («der Reiche mit dem Sportwagen») vor ihm steht, zeigt er ihm auf brachiale Art (die zwar nur dessen Sportwagen, damit ihn selber vermutlich aber umso mehr trifft), was er von ihm hält. Danach herrscht erst einmal wieder Funkstille zwischen Matty und Johnny. Aber dies ist nicht das Ende der Geschichte.
Moscow, Belgium entreisst die Liebesgeschichte vom ungleichen Paar jenem Schema der Rosamunde-Pilcher-Verfilmungen des ZDF und der Degeto-Schnulzen der ARD, die die Fernsehanstalten seit Jahren okkupieren. Regisseur Christophe van Rompaey, geboren 1970 in Gent, hat sein Kinodebüt innerhalb von zwanzig Tagen vor Ort realisiert. In seiner präzisen Milieuschilderung und den pointierten Dialogen ist sein Film durchaus Sommer vorm Balkon von Andreas Dresen und Wolfgang Kohlhaase vergleichbar.
«Moscou», das ist übrigens eine Endhaltestelle der Strassenbahn in Gent, eine eher triste Arbeitersiedlung am Stadtrand, weit weg von den historischen Bauten des Altstadtzentrums.
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