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Die Region Basel im heutigen Dreiländereck Schweiz-Deutschland-Frankreich lag in der Geschichte fast immer an den Grenzen. Bereits an der vorletzten Jahrtausendwende trafen sich in Basel das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und das Herzogtum Burgund. Die neuere Geschichte beginnt mit dem Paukenschlag der Französischen Revolution 1789. Bereits eine Woche nach dem Sturm auf die Bastille erreichten die ersten Flüchtlinge die Region Basel. Als dann das revolutionäre Frankreich 1792 Österreich den Krieg erklärte, war die Region um Basel plötzlich mittendrin im europäischen Völkerkrieg. 1797 rückte vom Westen ein riesiges französisches Heer gegen die Eidgenossenschaft vor. Basel kapitulierte kampflos. Am 20. Januar akzeptierte der Grosse Rat die revolutionären Forderungen und schaffte die Leibeigenschaft ab. Damit war Basel in kürzester Zeit und ohne Blutvergiessen revolutioniert worden.
Die französischen Truppen waren in der Region nicht unbekannt: 1780 hatten französische Truppen das Fürstbistum Basel erobert und 1793 dem französischen Kaiserreich eingegliedert. Der Bischof hatte die Stadt bereits 1529 im Zuge der Reformation verlassen; sein Bistum endete im Süden in den damaligen Dörfern Reinach und Arlesheim an der Birs, einem Zufluss des Rheins. Mit der Integration des Bistums Basel in das französische Kaiserreich wurde das nördlichere Dorf Münchenstein plötzlich ein Grenzort. Die heutigen Baselbieter Gemeinden Arlesheim, Aesch und Reinach lagen im französischen Kaiserreich; Basel und Münchenstein waren Teil der Helvetischen Republik nach Napoleons Gnaden geworden.
Die damalige städtische Gesellschaft war geprägt von reichen Handelsfamilien, die bereits im 17. und 18. Jahrhundert im Oberbaselbiet Seidenbänder für ganz Europa produzieren liessen. Die so geäufneten Vermögen wollten investiert werden – in Handelsprodukte aller Art und in neue, verheissungsvolle Industrien wie die Schappeseiden-Industrie und in die Elektrotechnik, wie wir später sehen werden. Der städtische Mittelstand der Handwerker, organisiert in den Zünften, lebte dabei in ständiger Angst vor der Konkurrenz der ländlichen Handwerker.
Nach der Niederlage der Franzosen 1813 in der Völkerschlacht bei Leipzig zog sich Napoleon hinter die Rheingrenze zurück. Die Koalitionstruppen, die Napoleon geschlagen hatten und ihn nach Frankreich verfolgten, rückten zunächst bis zum Rheinknie vor. Basel musste erneut vor einer Übermacht kapitulieren. Am Morgen des 21. Dezembers 1813 überquerten 80’000 Soldaten die Basler Rheinbrücke und besetzten das ehemalige Fürstbistum.
Der Wiener Kongress von 1815 schlug das ehemalige Fürstbistum Basel der Eidgenossenschaft zu. Das damals noch immer katholische Gebiet von Allschwil bis Arlesheim und Aesch ging zum Kanton Basel, die südlichen Gebiete nach der Klus von Angenstein zum Kanton Bern. Das ehemals protestantische Basel zählte nun plötzlich noch 8000 Katholiken. Der Basler Rat wollte aber von einer echten Gleichstellung der Konfessionen nichts wissen. Ebenso wurde die freie Meinungsäusserung zuerst eingeschränkt und schliesslich gänzlich verboten.
Angefeuert von ungeschickten Gesetzesänderungen sowie unnötigen militärischen Provokationen durch städtische Truppen begann sich der Widerstand der Landschäftler zu formieren. Am 3. August 1833 kam es zur bekannten, entscheidenden Schlacht an der Hülftenschanze, bei der die Städter eine empfindliche Niederlage einstecken mussten. Die Tagsatzung der schweizerischen Kantone, das oberste Schiedsgericht, sprach schliesslich die vollständige Trennung in die Kantone Basel-Landschaft und Basel-Stadt aus und ordnete die Teilung des Staatsvermögens an. Das kleine Gebiet von Basel-Stadt war nun vollständig vom freien Zugang zu seinen schweizerischen Verbündeten abgeschnitten.
Dennoch investierten die vermögenden Basler Familien weiter in vielversprechende Industrie-zweige und hierfür in Grundstücke in Münchenstein und Arlesheim und weiteren Gemeinden und wurden damit zu den Motoren der Industrialisierung des jungen Kantons Basel-Landschaft.
1824 gründete der Kaufmann Johann Siegmund Alioth (1788–1850) an der Hammerstrasse in Basel die erste Schappefabrik (Verarbeitung minderwertiger Seide). Als 16-jähriger Jüngling war er 1804 von Biel kommend bei Forcart-Weiss & Söhne in eine kaufmännische Lehre eingetreten, wo er während sechs Jahren ausgebildet wurde und Einblick in das private und geschäftliche Umfeld einer reichen Seidenbandfamilie erhielt. 1829 übernahm er das Gelände nördlich der Bruggmühle in Arlesheim und baute von dort die grösste und wichtigste Schappespinnerei von Europa auf. Die Schappeverarbeitung hatte dabei keinen direkten Zusammenhang mit der hiesigen Seidenbandindustrie, stammten die Materiallieferungen doch aus den Abfällen italienischer Seidenproduktion. Verlässliche Arbeitskräfte fand die Firma Alioth in den jungen Bauerntöchtern. Die Männer in den Vorortgemeinden waren fast vollständig in der Landwirtschaft beschäftigt. Nur Frauen und Töchter hatten noch freie Kapazitäten, was entscheidend für die Industrialisierung des Kantons Basel-Landschaft werden sollte.
Als Johann Siegmund Alioth 1850 starb, übernahmen sein ältester Sohn Daniel August Alioth und sein Bruder Achilles die Geschäfte. Später traten die beiden Söhne Daniels, Willhelm (1845 – 1916) und Ludwig Rudolf (1848–1916), in das Unternehmen ein. Kurz vor der Jahrhundertwende stand eine grosse Fusionswelle in der europäischen Schappeindustrie an. Als 1881 der Bankverein, die heutige Grossbank UBS, die Societé Industrielle pour la Schappe (SIS) gründete und zahlreiche Spinnereien aufkaufte, trat Daniel August Alioth zusammen mit seinem Sohn Ludwig Rudolf aus der Firma aus.
Noch im gleichen Jahr eröffnete Ludwig Rudolf Alioth zusammen mit dem Erfinder Emil Bürgin unter dem Namen R. Alioth & Cie. in Basel eine kleine Fabrik für elektrische Maschinen. Nach Meinungsverschiedenheiten mit der Stadt Basel über den Aufbau eines elektrischen Versorgungsnetzes verlegte Alioth seinen Geschäftssitz 1885 umgehend nach Münchenstein. Wohl von seinem Grossvater hatte er gelernt, dass wirtschaftlicher Erfolg etwas mit Grösse und Marktrelevanz zu tun hat, und so kaufte Ludwig Rudolf Alioth 1886 im angrenzenden Arlesheim ein grosses Grundstück mit über 40’000 m2 und begann sofort mit dem Bau grosser Fabrikationshallen, wie sie bis dahin in der Region noch nie gesehen worden waren. Bereits im Jahr 1900 war die Firma Elektrizitätsgesellschaft Alioth AG (EGA) weltbekannt. Sie lieferte Dynamomaschinen bis zu 600 PS nach Spanien, Frankreich und Italien.
Nachdem die Zentralbahnlinie Basel–Olten 1858 den Anschluss Basels an das Netz im Mittelland sichergestellt hatte, erschien der Basler Regierung eine zweite Verbindung durch das Birstal zuerst als unnötig. Als 1870 abermals ein Krieg zwischen Deutschland und Frankreich ausbrach, wurde der Wasserweg über den Rhein erneut gesperrt. Im Frieden zu Frankfurt 1871 wurde das Elsass zum Deutschen Kaiserreich geschlagen, womit die direkten Ausfuhrwege nach Frankreich und somit auch der Anschluss an die französische Eisenbahn über Nacht unterbrochen wurde. Um direkt nach Frankreich zu gelangen, musste der neue Weg durch das ehemalige Fürstbistum Basel entlang der Birs über Porrentruy genommen werden.
Verwaltungsratspräsident Dr. Thomas Staehelin beim Startschuss von uptownBasel.
Sofort begann Münchenstein, sich dafür einzusetzen, dass die Eisenbahnlinie über Münchenstein und Arlesheim und nicht – was einfacher gewesen wäre – auf der anderen Seite entlang der Birs über Reinach und Aesch nach Angenstein führte. Tatsächlich entschied die Kantonsregierung, die Birs bereits bei Münchenstein zu überqueren: Auf dieser Seite war die Industrie schon angesiedelt (Schappe Arlesheim) und hatte bewirkt, dass auch die Bevölkerung gewachsen war und entsprechende Arbeitskräfte zur Verfügung standen.
Die Zeit aber drängte, damit ohne Verzug ein direkter Anschluss an Frankreich entstehen konnte. Deshalb wurde wohl etwas zu schnell gebaut, denn am 14. Juni 1891 konnte das östliche Brückenauflager die tonnenschwere Zugskomposition nicht mehr tragen. Die Brücke stürzte ein, 73 meist junge Menschen starben, die Schweiz hatte ihr erstes grosses Zugsunglück zu beklagen. Nichtsdestoweniger erfüllte die Eisenbahn drei wichtige Funktionen: Transportmittel für Rohstoffe und Fertigprodukte, Arbeitgeber und Verkehrsmittel für die Pendler, die nun über grössere Strecken zu den Fabriken gelangen konnten.
Ludwig Rudolf Alioth erkannte bald, dass es nicht nur flinke Frauenhände für den Zusammenbau der Elektromotoren brauchte, sondern auch neue Produkte entwickelt, erprobt und hergestellt werden mussten. Dazu fehlten ihm aber die nötigen Ingenieure, denn die Universität Basel hatte das Geld nicht, um neue Studiengänge wie Elektrotechnik, Maschinenbau oder Hydraulik anbieten zu können. Diese Fachrichtungen konnte nur das von der Eidgenossenschaft finanzierte Polytechnikum in Zürich (ETH) anbieten. Alioth verkaufte 1911 das Unternehmen nach Baden an die dortige Brown Boveri & Cie., aber noch bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in Arlesheim Lokomotiven gebaut. 1988 fusionierte BBC mit der schwedischen Firma Asea zur heutigen ABB, was das endgültige Ende für das hiesige Werk bedeutete.
Trotz verschiedener Planungen blieb das grosse Gelände rund 20 Jahre praktisch ungenutzt. 2012 begannen schliesslich die Kaufvertragsverhandlungen von uptownBasel mit dem Kanton Basel-Landschaft als damaligem Eigentümer. Heute schliesst sich der Kreis: Wo die Industrialisierung der Region Basel begonnen hat, startet die Zukunft der Industrie 4.0.