Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03514.jsonl.gz/2387

Jean le Jeune
11. September 2002 – 23. März 2003
Jean Tinguelys politische und künstlerische Basler Lehrjahre und das Frühwerk bis 1959
"Ich begann, Bewegung ganz einfach als Mittel der Neuerschaffung (re-creation) zu nutzen. Sie war eine Möglichkeit, das Bild so zu verändern, dass es unendlich wird. Mit Hilfe der von mir bestimmten physischen und mechanischen Bewegung als ein autonomes Aus- drucksmittel. Mit der Bewegung war es möglich, Dinge zu schaffen, wie es sie vorher im Bereich der Skulptur nie gegeben hat"
Seit Mitte 1925 lebte die Familie Tinguely in Basel; hier besuchte der Junge die Primar- und Realschule - allerdings eher unregelmässig, da ihn das Errichten von kleinen, wasserbetriebenen Konstruktionen an den Bächen um Basel offenbar mehr reizte. In diese Jahre fielen auch prägende Erlebnisse in der katholischen Gemeinde und der Pfadfinderorganisation, die der Künstler noch in seinen letzten Lebensjahren in Werken wie dem Mengele Totentanz, 1986, wieder aufgreifen und verarbeiten sollte. In Basel vollzog sich auch die éducation politique des jungen Künstlers vom begeisterten Mitglied des kommunistischen Jugend- verbandes und der "Partei der Arbeit" zum kritischen Anhänger des anarchistischen Kreises um den Antiquar und Verleger Heiner Koechlin. Der Gedanke, dass persönliche Freiheit und Verantwortung höher zu setzen seien als jede Parteidoktrin, wurde Tinguely in diesem Umfeld vermittelt und bestimmte von da an sein Denken und Handeln: "Sicher baue ich keine rationell funktionierenden Automaten des 18. Jahrhunderts. Ich baue in sich freie Maschinen, die ihre eigene anar- chistische Freiheit, ihr eigens Chaos, ihre Unordnung und Ordnung haben und auf ihre eigene Weise ihren Zufall erzeugen."
Ab 1941 absolvierte Tinguely in Basel eine Dekorateur-Ausbildung, zuerst am Warenhaus Globus, dann beim Dekorateur Joos Hutter: Während und auch nach Abschluss seiner Ausbildung besuchte der junge Mann Kurse an der Gewerbeschule Basel, in denen ihn besonders Julia Eble-Ris, seine Lehrerin für Material- kunde, Gegenstands-, Akt- und Modezeichnen, ihn mit den Errungenschaften der Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts wie der Abstraktion, der Dada-Bewegung, dem Bauhaus u.a. vertraut machte. Noch drei Jahrzehnte später sollte Tinguely die Bedeutung dieser Jahre für seine folgende Laufbahn betonen: "Die Dada-Leute haben mir eine ganz gute Lehre hinterlassen. Für mich hat die Grafik von Max Ernst eine Rolle gespielt, Schwitters und Arp natürlich auch, und die "Schlemmerei" Oskar Schlemmer und seine Brüder. Brancusi war drei Jahre lang mein Nachbar ..."
1949 lernte er an der Kunstgewerbeschule Eva Aeppli kennen, die er 1951 heiratete und deren Verbindung im gleichen Jahr die Tochter Miriam entspross.
Ebenfalls 1949 entstand die Freundschaft mit Daniel Spoerri, mit dem er nicht nur über Jahrzehnte hinweg zusammenarbeitete, sondern der ihm auch bis ans Ende seines Lebens freundschaftlich zugetan war.
Diese Phase wird in den ersten Räumen der Ausstellung durch frühe Zeichnungen und Gemälde Tinguelys sowie zahlreiche Dokumente anschaulich.
Mit Eva Aeppli und Daniel Spoerri ging Tinguely 1952 erstmals nach Paris, wo er im Frühling 1954 seine erste, begeistert aufgenommene Galerie-Ausstellung hatte und 1955 an der wichtigen Ausstellung "Le Mouvement" in der Galerie Denise René teilnehmen konnte. Ab 1955 arbeitete er in der Impasse Ronsin als Nachbar des rumänischstämmigen Bildhauers Constantin Brancusi. In diese Jahre fielen nicht nur die Beginn der Freundschaft mit Pontus Hulten (1954), Yves Klein (1955) und Niki de Saint Phalle (1956), sondern auch die Entwicklung zahlreicher Werkgruppen wie der "Moulins à prière", der zarten "Eléments détachés", der vielfarbigen "Méta-Herbins", der "Méta-Kandinskys" und der polychromen Reliefs, der "Méta-Malevitchs", der "Reliefs Blanc sur Blanc" und der "Oeufs d'onocrotales". In diesen Werk- gruppen transformierte der Künstler nicht nur die stabilen Bildformen in bewegliche Objekte, sondern brachte darüber hinaus auch Zufall und Töne mit ins Spiel.
In den Räumen auf der Galerie und den Oberlichtsälen begegnen diese Arbeiten Jean Tinguelys Werken derjenigen Künstler, auf die er sich direkt mit seinen Titeln oder durch formale Merkmale bezieht. Im Dialog wird einerseits die Wertschätzung des Jüngeren für die Leistungen der Klassischen Moderne deutlich; anderer- seits wird das Zusammentreffen auch offenbaren, mit welchen Mitteln er dem Schatten der übermächtigen Väterfiguren zu entkommen suchte.
Die Errungenschaften der klassischen Moderne waren denn auch die Grundlagen, auf denen der junge Tinguely bei der Suche nach einer eigenen künstle- rischen Sprache aufbauen konnte. Tinguely selbst schilderte die Kämpfe dieser Jahre in eindrücklichen Worten: "Ich malte und malte und malte. Sie kennen sicherlich das Gefühl, wenn man nicht vorwärtskommt. Bei jedem Bild war ich total blockiert. Ich schaffte es nie, ein Bild zu beenden, war wie gelähmt und geriet in einer totale Sackgasse. Ich konnte einfach nie ein Ende erkennen und wusste nicht, wann ich beim Malen aufhören sollte. Ich konnte nie aufhören, konnte monate- lang an einem Bild arbeiten, bis die Leinwand total abgenutzt war - durch das ständige Abkratzen, das erneute Übermalen. Ich liess nicht mal die Farbe trocknen. Ich gelangte einfach nie an den Punkt, an dem ich sagen konnte "OK, jetzt ist fertig". Ich konnte nie erkennen, wenn ein Bild bereits erstarrt war, also arbeitete ich mit Bewegung. Die Bewegung bot einen Ausweg aus dieser Starre, bot einen Endpunkt. Bewegung erlaubte mir zu sagen "OK, jetzt ist fertig". So waren die Leistungen von Künstlern wie Malewitsch, Gabo, Moholy-Nagy, Bruno Munari u.a. von entschei- dender Bedeutung für Tinguelys spezielle Form der Überwindung des traditionellen Tafelbildes. Sie eröffneten dem jungen Künstler ein schier unendliches Feld von Erfindung und Variation: In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, als er den Sprung nach Paris voll- zogen hatte, entstand eine Vielzahl von Werk- gruppen, in denen Bewegung, Licht und Schatten, Töne und Geräusche etc. immer wieder neu ins Verhältnis gesetzt wurden. Dabei ist die Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Schaffen vorangegangener Generationen offensichtlich: Es entstanden Maschinen mit Titeln wie Meta-Malevitch, Méta-Herbin oder Méta-Kandinsky, die als freundlich- ironische Hommage an die "Väter", die er "rechts überholt hatte", verstanden werden können.
1958 wurde durch die Vermittlung von Yves Klein Tinguelys "Mes étoiles. Concert pour sept peintures" in der Galerie Iris Clert gezeigt. In dieser Arbeit gelang es dem Künstler, die Distanz zwischen Betrachter und Kunstwerk durch die Verschränkung von visuellen und akustischen Reizen quasi aufzuheben. Die Ausstellung wurde zu einem so grossen Erfolg, dass Iris Clert sich bereit erklärte, noch im selben Jahr in der Ausstellung "Vitesse pure et stabilité monochrome" die epochalen Collaborationen von Klein und Tinguely zu präsentieren. In der gezeigten Werkgruppe traten nicht nur das Immaterielle von Kleins IKB (International Klein Blue) und die Erdenschwere von Tinguelys rostigen Eisen- konstruktionen in einen spannungsvollen Dialog. Darüber hinaus sorgte der Kontakt zu Klein zu einem weiteren Entwicklungsschub im Werk von Tinguely: Tinguely arbeitete hier mit dem objet trouvé, ohne es wie noch in den früheren Reliefs und freistehenden Bewegungsplastiken zu überformen.
Durch die Ausstellung eines weiteren "Concert pour sept peintures" in der Düsseldorfer Galerie Schmela und seiner Aktion "Für Statik", dem Abwurf seines gleich- namigen Manifestes über Düsseldorf sowie dem grossformatigen Relief im Neubau des Opernhauses Gelsenkirchen wurde Tinguely nun auch über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt.
Mit den 1959 in der Galerie von Iris Clert ausgestellten "Méta-Matics", Zeichenmaschinen, die den Betrachter noch unmittelbarer am Kunstwerk teilhaben liessen als alles, was Tinguely bis dahin geschaffen hatte, schlug der Künstler ein neues Kapitel in seinem Schaffen auf. Die folgenden Werke eroberten noch konsequenter den Raum und strebten den unmittelbaren Einbezug des Alltags ins Kunstwerk sowie die zeitlich begrenzte, intensiv erlebte Aktion an. Damit erweiterten sie entscheidend den traditionellen Kunstwerksbegriff, der trotz aller Innovation Tinguelys Schaffen im voran- gegangenen Jahrzehnt noch bestimmt hatte.
Werke wie die Collaborationen mit Yves Klein und "Mes étoiles. Concert pour sept peintures" beschliessen denn auch folgerichtig die Ausstellung über den jungen Jean Tinguely, der in dieser Zeit von sich sagte: "Ich stelle "Gemälde" aus, die Maschine ist mein Keilrahmen."
Katalog
Zur Ausstellung erschien im Benteliverlag Bern ein reich bebilderter Katalog (200 Seiten) mit einem Vorwort von Guido Magnaguagno und Beiträgen von Jocelyn Daignes, Markus Lüpertz, Andres Pardey, Heinz Stahlhut, Ludmila Vachtova sowie einer umfangreichen Biografie. Preis: CHF 39.–