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Jean Tinguely
Relief méta-mécanique sonore II
Relief méta-mécanique
1955
Material/Technik: Schwarze Holztafel mit 17 verschieden geformten, weiss bemalten Kartonelementen, Metallstäbe und -drähte, 2 Flaschen, 1 Trichter, 1 Säge, 2 Büchsen, 5 Elektromotoren 220 V.
Masse (HxBxT): 73 x 360 x 48 cm
Inventarnummer: 11104
Werkverzeichnis: Bischofberger 0038
Creditline: Museum Tinguely, Basel
Tinguely ist sich der Geräusche, die eine Maschine erzeugt, sehr bewusst. Schnell setzt er Schlagwerke und andere Geräuschquellen ein, um die Töne gezielt zu schaffen und so seine Reliefs mit Tonwelten zu ergänzen. Dabei ist die Abfolge der Töne nie gleich, es entstehen immer neue «Melodien» und «Rhythmen» – die erzeugten Töne an sich sind aber so weit charakteristisch, dass sie zur Unverwechselbarkeit der Werke beitragen. Tinguelys frühe magistrale Laut-Reliefs entstehen beide 1955: Das Relief méta-mécanique sonore I schaft er für den Salon des Réalités Nouvelles, das Relief méta-mécanique sonore II im Oktober desselben Jahres anlässlich seiner Ausstellung in der Galerie Samlaren in Stockholm. Formal sind Relief méta-mécanique sonore I und II noch den Eléments détachés, sowie den Moulins à prière verwandt. Ihnen gegenüber weisen die Reliefs sonores jedoch markante Unterschiede auf: Unauffällig hat der Künstler Büchsen, Trichter, Gläser und Flaschen eingebaut, womit er das abstrakte Erscheinungsbild um den Einbezug realer Gegenstände erweitert – ein Vorgehen, das auf eine der entscheidenden Innovationen in der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts Bezug nimmt: Picasso hatte als Erster in seine zwischen 1912 und 1914 entstandenen kubistischen Skulpturen Alltagsgegenstände eingefügt. Schon in den Eléments détachés hatte Tinguely mit dem Durchbrechen der Reliefebene den Betrachterraum mit demjenigen der abstrakten Komposition verwoben. Dieser Effekt erfährt in den Reliefs sonores durch die Einführung von realen Gegenstände und Tönen eine Steigerung. Da man die Gegenstände nicht auf Anhieb sieht und auch nie genau weiss, woher der nächste Ton kommen wird, hinkt das Auge des Betrachters dem akustischen Ereignis stets hinterher, was die traditionelle Hierarchie von Auge und Ohr umkehrt. So schafft Tinguely einige Jahre vor der «Erfindung» des Nouveau Réalisme eine realistische Kunst, die sich in der Erlebnisgegenwart des Betrachters vollzieht und sich damit deutlich von der Zeitlosigkeit abstrakter Kunst abhebt.