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| Tertullian († um 220) - Über den weiblichen Putz (De cultu feminarum)

Buch 1
9. Kap. Durch solchen Mißbrauch bekommen die Dinge oft einen ganz ändern Wert, als sie wirklich haben.
Denn wie alle Dinge, von Gott auf die einzelnen ihnen bestimmten Länder und Gebiete des Meeres verteilt, sich gegenseitig fremd sind, so werden sie umgekehrt in der Fremde als Seltenheiten begehrt, in ihrer Heimat aber mit Recht bald verschmäht, bald begehrt, weil dort nach solcher Auszeichnung keine so lebhafte Begierde besteht, die unter den Einheimischen nur schwach ist. Allein infolge der Verteilung der Besitztümer, die Gott nach seinem Willen angeordnet hat, entzündet die Seltenheit oder Fremdartigkeit eines Gegenstandes, der bei Fremden stets Gefallen findet, die Lust, ihn zu besitzen, aus dem einfachen Grunde, weil sie nicht haben, was Gott ändern gegeben hat. Hieraus geht wieder ein anderer Fehler hervor, die maßlose Habgier, Wenn man auch Besitztümer haben muß, so ist doch Maß zu halten. Darin dürfte das Strebertum bestehen, und daraus ist auch der Name zu erklären, daß die Begierde, die in der Seele herumstrebt, sich zum Wunsch nach Ehre gestaltet, allerdings ein hoher Wunsch, welchen aber, wie gesagt, weder die Natur noch die Wahrheit eingibt, sondern nur die fehlerhafte Beschaffenheit der Seele1. Es gibt auch noch andere Fehler des Strebertums und des Ehrgeizes, So z. B. ist er es auch, der die Preise der Dinge in die Höhe getrieben hat, um sich selbst wieder daran zu entzünden. Denn die Begierde wird um so größer, je höher sie den Gegenstand des Begehrens einschätzt. Aus einem [S. 186] kleinen Kästchen wird ein ganzes Vermögen herausgenommen; an einem hanfenen Faden schnürt man eine Million Sesterzen auf; ein zarter Nacken trägt ganze Landgüter und Häuserkomplexe herum; zierliche Ohrläppchen verursachen Ausgaben von Kapitalien, und jeder einzelne Finger der linken Hand macht je einen Geldsack zuschanden. So weit geht die Macht der Prunksucht, daß einzelne Dämchen den Ertrag eines großen Vermögens am Leibe tragen.
1: Diese Stelle ist im Deutschen kaum wiederzugeben wegen des Wortspiels mit ambitio und ambire. Wir glauben einen erträglichen Ausweg zu finden in dem Ausdruck Streberei.