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Vielleicht hat man Donald Rumsfeld bisher zu einseitig wahrgenommen. Der kürzlich verstorbene frühere US-Verteidigungsminister und Mitverursacher des Irakkriegs von 2003 war möglicherweise mehr als ein neokonservativer Machtzyniker mit einem Hang zu kriegerischen Gewaltexzessen. Vielleicht war er einer der subtilsten Philosophen seit Sokrates. Letzterer schaffte es zwar mit seinem ihm zugeschriebenem Diktum «Ich weiss, dass ich nicht weiss» in die Galerie der geflügelten Worte. Der ehemalige Herr des Pentagons dagegen hatte eine bedeutend umfassendere Sicht: Er ordnete die Welt der Dinge nämlich in drei Kategorien.
Denkerische Schärfe oder Gefasel?
Kategorie 1: «Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie wissen.» Die Aussage ist streng logisch und zeugt von der systematisch einwandfreien Grundlage der nachfolgenden Gedankengänge.
Kategorie 2: «Es gibt Dinge, von denen wir wissen, dass wir sie nicht wissen.» Das ist der erkenntnistheoretische Schlüsselsatz. Denn nur, wenn wir wissen, was wir nicht wissen, können wir zielgerichtet Wissenslücken schliessen. Mit dieser Aussage macht Rumsfeld klar, dass er auf der Höhe wissenschaftlichen Denkens ist.
Kategorie 3: «Es gibt Dinge, von denen wir nicht wissen, dass wir sie nicht wissen.» Mit diesem schlichten Satz hat sich Rumsfeld in den philosophischen Olymp katapultiert. Dabei tut es nichts zur Sache, dass er das an einer Medienkonferenz im Zusammenhang mit der Suche nach den – nicht existenten – irakischen Massenvernichtungswaffen sagte. Hauptsache, es regt zum Grübeln an. Die strenge Logikerin wird fragen, woher Rumsfeld wissen könne, dass es Dinge gibt, von denen er nicht wisse, dass er sie nicht wisse. Der Ontologe wird fragen, welchen Seinszustand denn diese Dinge haben. Die Kantianerin wird interessieren, ob Rumsfeld das schwer verständliche «Ding an sich» geknackt habe. Und der Platoniker wird sich bestätigt sehen, dass die materiellen Dinge nicht wahrhaft seiend sind.
John Lister, Sprecher eines britischen Sprachpflegevereins, war von den erkenntnistheoretischen Höhenflügen des Donald Rumsfeld nicht restlos überzeugt: «Wir glauben, wir wissen, was er meint. Aber wir wissen nicht, ob er es wirklich weiss», sagte Lister – und zeichnete Rumsfeld für das «schlimmste Gefasel 2003» aus.
Rumsfeld hilft, Pandemie zu verstehen
Doch damit ist das letzte Wort über den Stellenwert des einstigen Kriegsministers in der abendländischen Philosophie noch nicht gesprochen. Der Prozess der Heiligsprechung Rumsfelds im Philosophenhimmel hat möglicherweise bereits begonnen. Slavoj Zizek, einer der aktuell umtriebigsten Philosophen und einer, der sämtliche Phänomene der Gegenwart praktisch zeitgleich mit ihrem Auftauchen interpretieren und einordnen kann, gibt sich jedenfalls überzeugt: «Ohne die Hilfe von Rumsfelds Epistemologie (Erkenntnistheorie, J.M.) können wir auch die verbreitete Reaktion auf die anhaltende Pandemie nicht verstehen.»
Für die Seligsprechung sollte es reichen
Zizek verweist auf den Philosophenkollegen Jürgen Habermas, der 2020 sagte, «dass wir noch nie so viel Wissen über unser Nichtwissen hatten». Das sollten wir nun, findet Zizek, «durch Rumsfelds Kategorien betrachten. Die Pandemie erschütterte das, was wir (dachten, dass wir) wissen, das wir wissen. Sie offenbart uns, was wir nicht wissen, was wir nicht wissen. Und bei der Art, wie wir auf die Pandemie reagiert haben, setzten wir auf das, von dem wir nicht wissen, dass wir es wissen (all die Annahmen und Vorurteile, die unser Handeln bestimmen, obwohl wir uns ihrer gar nicht bewusst sind). Wir haben es hier nicht einfach mit dem Übergang vom Nichtwissen zum Wissen zu tun, sondern mit dem komplizierteren Übergang vom Nichtwissen zum Wissen darüber, was wir nicht wissen – unser positives Wissen bleibt bei diesem Prozess dasselbe, aber es entsteht dabei ein Freiraum fürs Handeln.»
Die denkerischen Kapazitäten Donald Rumsfelds, von dem sich Zizek so schön befruchten liess, sind die beste Empfehlung zumindest für die Seligsprechung des Pentagon-Philosophen.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine
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