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Ein schwedischer Schriftsteller litt in der Schweiz solche Not, dass er sich aufs Fotografieren verlegte – und dabei bei einem Aufenthalt am Vierwaldstättersee erste Selfies produzierte.
August Strindberg (1849–1912), einer der bekanntesten Schriftsteller Schwedens, lebte mehrfach in der Schweiz. Der junge Dichter war in hiesigen Gefilden sehr sprunghaft, so hatte er innerhalb von sechs Jahren 22 verschiedene Wohnadressen – mit drei Kleinkindern und einer Frau keine leichte Sache!
Greifen wir ein paar seiner Wohnorte in der Schweiz heraus: 1884 wohnte er am Genfersee, wo er in Chexbres und Genf unterkam. Er war begeistert von Land und Leuten und notierte: «Hier lebe ich im schönsten Land der Welt. Freiheit! Unschuld! Schöne und starke Gedanken! Freie Leute! … Es ist Balsam für die Seele!» Solches Lob war Balsam für eine Schweiz, die in jener Zeit der Herausbildung grosser Nationen wie Deutschland oder Italien eher verunsichert war.
Selbstporträts aus seiner Zeit am Vierwaldstättersee.
Aber Strindberg war ein streitbarer Zeitgenosse. In seiner Heimat wurde die Gesamtauflage seiner Novelle «Heiraten» wenige Tage nach Erscheinen beschlagnahmt, daraufhin klagte ihn die Justiz wegen «Gotteslästerung» und «Verspottung der heiligen Schrift» an. Das Gericht zitierte ihn nach Stockholm, wo er sich verantworten musste. Doch Strindberg erhielt einen Freispruch, und seine Fans bejubelten ihn.
Solches Lob war Balsam für die Schweiz.
Dennoch blieb der Dichter nicht mehr in Schweden, sondern kehrte in die Schweiz zurück, zuerst nach Ouchy bei Lausanne, dort in die Pension «Le Chalet» (heut Av. d’Ouchy 49). Danach zog er in die Deutschschweiz, lebte am Mai 1886 im «Rössli» im sehr beschaulichen Othmarsingen, wo er den Kontakt mit dem Landsmann und Berufskollegen (und Literaturnobelpreisträger 1916) Verner von Heidenstam pflegte. Dieser war auf dem nahen Schloss Brunegg eingemietet.
Dieser Artikel ist ursprünglich auf dem Blog des Landesmuseums erschienen. Dort gibt es regelmässig spannende Storys aus der Vergangenheit. Egal ob Doppelagent, Hochstapler oder Pionier. Egal ob Künstlerin, Herzogin oder Verräterin. Hier kann man eintauchen in den Zauber der Schweizer Geschichte.
Getrieben von innerer Unruhe zog Strindberg weiter nach Weggis am Vierwaldstättersee und im Winter 1886/87 lebte er für mehrere Monate in Gersau. Er kam in der Liegenschaft «Gersauer Hof» unter und war fasziniert: «Hier ist es nun herrlich zu sein. Schnee auf der Alp, Hering und Kartoffeln, Schnaps, Bier und Preiselbeeren (!) sowie Kachelöfen und Innenfenster.» Damals war die Ehe mit der finnisch-schwedischen Schauspielerin Siri von Essen voller Konflikte und Spannungen, was sich später in Strindbergs künstlerischem Schaffen niederschlug. So erlangte er Weltruf mit seinen bahnbrechenden Theaterstücken zu Beziehungs- und Ehekrisen, die er aus eigener Erfahrung zur Genüge kannte.
Es gelang ihm, einen Selbstauslöser für die Kamera zu konstruieren.
Strindberg plagten in Gersau Geldsorgen, sodass er als ständig Suchender mit der Fotografie zu experimentieren begann. Seit kurzem gab es Fotokameras mit industriell fertig präparierten Trockenplatten, was das Fotografieren vereinfachte und popularisierte. Strindberg beliess es aber nicht dabei, sondern probierte Neues aus: Ihm gelang es mit Hilfe eines Schlauches, einen Selbstauslöser für die Kamera zu konstruieren. Im Winter 1886 schaffte es der Poet, sich selber zu fotografieren – zahlreiche Selfies entstanden, und einige sind heute im Bestand der Schwedischen Nationalbibliothek. Das unten abgebildete Selfie zeigt Strindberg auf dem Balkon des «Gersauer Hof», er trägt in der Manier eines russischen Exilanten einen warmen Mantel und eine hohe Mütze, die Hände vergräbt er in der Manteltasche, im Hintergrund ist der Kirchturm der Gersauer Kirche St. Marzellus zu sehen. Strindbergs Blick ist etwas angespannt, wohl auch darum, weil er vielleicht seinem Selbstauslösemechanismus nicht ganz traute. Auf den Bildern, bei denen er sich am Schreibtisch zeigt, sehen wir einen nachdenklichen, gruselig oder sogar erschreckt wirkenden Schriftsteller.
Selbstporträt mit Frau Siri in Gersau, 1886.
Der Amerikaner Robert Cornelius erstellte schon 1839 ein fotografisches Selbstportrait.
Wenn es im Gersauer Heimatmuseum und in der Lokalzeitung heisst, Strindberg habe das Selfie erfunden, ist das grosszügig interpretiert. Denn der Amerikaner Robert Cornelius erstellte schon 1839 ein fotografisches Selbstportrait, und der Franzose Hippolyte Bayard inszenierte sich 1840 sogar als Ertrunkener! Damals war kein spezieller Auslöser nötig, weil die Belichtungszeit 10 Minuten dauerte und man als Fotograf gut kurz hin- und weghuschen konnte. Standardisierte Selbstauslöser, wie sie heute von Fotoapparaten bekannt sind, waren erst ab 1900 erhältlich, und ab dieser Zeit gab es kaum einen Jahrmarkt, an dem nicht ein Fotoautomat für Selbstportraits um Kundschaft buhlte. Aber Strindberg war insofern ein Pionier, weil er schon 1886 eine Apparatur für die Selbstauslösung bastelte und mit Erfolg anwendete.
Strindberg in Gersau auf dem Balkon.
Eigentlich beabsichtigte Strindberg, die Fotografien als Begleitelemente in seinen Büchern zu veröffentlichen. Doch die Produktionskosten für solch experimentellen Fotodruck waren zu hoch. So versuchte er seinen schwedischen Verleger Albert Bonnier davon zu überzeugen, seine «Gersauer Album» als eigenständiges Buch herauszugeben; doch der Verleger hatte kein Interesse an der visuellen Selbstspiegelung seines Autors.
Strindbergs Verleger interessierte sich mehr für dessen Texte als für seine Fotografien.
So verarbeitete Strindberg seine Schweizer Jahre in den «Schweizer Novellen», in denen er eine idealisierte Sicht wiedergab: «Warum sind die Menschen hier in diesem schönen Lande friedlicher? Warum sehen sie vergnügter aus als anderswo? Sie haben nicht täglich und stündlich diese Schulmeister über sich; sie wissen, dass sie selbst bestimmt haben, wer sie regieren soll; – die Schweiz ist das kleine Miniaturmodell, nach welchem das Europa der Zukunft aufgebaut werden wird.»
Strindberg ging noch weiter und wollte die ganze Welt «verschweizern», denn: «Mensch sein ist mehr als Europäer sein. Du kannst die Nation nicht wechseln, denn alle Nationen sind Feinde, und man geht nicht zu Feinden über. Es bleibt also nur übrig dich zu neutralisieren. Lass uns Schweizer werden!» Auch wenn er ständig umzog und sich nirgends dauerhaft niederlassen mochte, blieb ihm die Zeit in der Schweiz in guter Erinnerung. Rund zehn Jahre später schrieb er dazu: «Mein Aufenthalt in der Schweiz war wie ein jahrelanger Sommer.»
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