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Europa im Hintertreffen
August 2009 – Anlässlich des 7. World Congress on Alternatives & Animal Use in the Life Sciences (WC7) in Rom wurde lauthals verkündet, ein Spezialfonds in der Höhe von fünfzig Millionen Euro solle dazu dienen, Alternativmethoden zu entwickeln, die erforderlich sind, da die drei letzten Tierversuche ab März 2013 verboten würden (1).
Der Fonds soll hauptsächlich der Forschung über die „systemische Toxizität bei wiederholter Einnahme“ zugute kommen, welche die Giftigkeit einer Substanz bei längerer Verabreichung berechnen soll.
Der Fonds wird zu gleichen Teilen von der Europäischen Kommission und von Colipa (2), dem Europäischen Verband der Kosmetikhersteller, finanziert. Er soll ermutigende Perspektiven zur Entwicklung von Alternativen zu in-vivo-Tests bieten. Die Forscherteams, die eine Finanzierung beantragen, sollten sich an folgende Richtlinien halten:
– Entwicklung von Systemen zur Organsimulation;
– Verwendung von Zielzellen, die auf menschlichen Zellen beruhen;
– Festlegung neuer Grenzwerte der toxikologischen Auswirkung und Zwischenmarkern;
– Techniken der in-silico-Modellierung;
– Nutzung von Ansätzen, die in der Systembiologie entwickelt werden, sowie integrierte Analyse der Daten und wissenschaftlichen Dienste.
Zulässig waren nur Projekte, die keine Versuche an lebenden Tieren bedingen. Darüber hinaus sollten die Resultate nicht nur für die Kosmetikindustrie, sondern auch für die chemische und pharmazeutische Industrie von Interesse sein.
Also ein ausgezeichnetes Projekt dessen Reichweite die Kosmetikrichtlinie überragt, richtet es sich doch auch an die obligatorischen Testverfahren die Hunderttausende von Tieren betreffen, wie z.B. jene die unter das Reglement von REACH (3) fallen.
August 2011 – Weniger gross ist die Begeisterung, als Colipa am 8. World Congress on Alternatives & Animal Use in the Life Sciences (WC8) in Montreal seine Vorstösse vorstellt.
Die sieben durch den Fonds finanzierten Projekte mit der Bezeichnung „Towards the replacement of repeated dose systemic toxicity testing in human safety assessment“ starteten erst im Januar 2011. Während im Jahr 2003 bereits feststand, dass solche Tests künftig verboten sind, erfolgte die Lancierung erst im Jahr 2009, was die Entwicklung tierversuchsfreier Forschungsmethoden bis 2013 praktisch verunmöglicht. Zudem läuft die Frist für die Arbeiten im Rahmen der ausgewählten Projekte, an denen über siebzig europäische Universitäten und private Institutionen beteiligt sind, erst im Jahr 2015 ab. De facto bedeutet dies, dass eine Lösung ab dem Jahr 2013 gar nicht in Betracht gezogen wurde. Eine weitere Überraschung stellt die Tatsache dar, dass die Projekte hauptsächlich auf Stammzellen ausgerichtet sind. Dieser Forschungsbereich ist von einer sehr starken Konkurrenzsituation geprägt, im Rahmen derer die Vereinigten Staaten allmählich ihren Einfluss spielen lassen. Dass Stammzellen für die medizinische Forschung von Interesse sind, ist bereits bewiesen. Bei den Toxizitätstests sieht die Lage anders aus, da sich die Differenzierung der in-vitro-Zellen nur schwerlich induzieren und kontrollieren lässt. Zudem verfügen Stammzellen im Allgemeinen weder über die Morphologie noch die Funktion der Zielorgane. Künftig wird für diese Probleme wohl eine Lösung gefunden werden – kurzfristig ist dies aber sicher nicht der Fall.
Im Gegensatz dazu stehen gewisse Technologien, welche die Nachbildung menschlicher Gewebe ermöglichen, bereits zur Verfügung. Es handelt sich dabei beispielsweise um in-vitro-Nachbildungen menschlicher Haut, Hepatozyten-Kulturen, Lungengewebe oder 3D-Augenmodelle. Einige dieser Modelle menschlicher Gewebe sind in der Kultur mehrere Monate haltbar und ermöglichen somit die Durchführung von Tests zur chronischen Toxizität. Somit ist es noch viel unverständlicher, dass Forscherteams, die bereits mit einer fortgeschrittenen Technologie aufwarten, gegenüber einer noch unsicheren Methode das Nachsehen hatten.
Die Entwicklung einer Methode ist ein Aspekt, ihre Validierung ein anderer. Damit eine Methode in einem reglementarischen Verfahren verwendet werden kann, muss sie einem mehrjährigen Validierungsprozess unterzogen werden. So dauerte es beim Episkin-Labor beispielsweise zehn Jahre, bis die zuständige Behörde, das Europäische Zentrum zur Validierung alternativer Methoden (ECVAM), einen Zelltest für gereizte Haut validierte.
Das Ziel bestand somit offensichtlich nicht darin, in Hinblick auf das Jahr 2013 tierversuchsfreie Methoden zu entwickeln. Vielmehr wurden Eigeninteressen unterstützt, indem die europäische Forschung gegenüber der internationalen Konkurrenz begünstigt wurde, in einer Domäne wo man einen erheblichen Rückstand befürchtete. Das mangelnde Bestreben, die europäische Zielsetzung in der Kosmetikbranche zu respektieren, ist aus dem „Bericht über die Entwicklung, Validierung und rechtliche Anerkennung von Alternativmethoden für Tierversuche im Bereich kosmetischer Mittel“ der Kommission an das europäische Parlament vom 13. September 2011 klar ersichtlich.
„Gemäss den Experten wird die Entwicklung einer Versuchsstrategie über zehn Jahre dauern“
Angesichts der Schlussfolgerungen des Expertenteams, welches die Situation analysieren und einen realistischen Zeitplan erstellen sollte, teilte die Kommission bereits mit, die Fristen könnten nicht eingehalten werden. Das Gremium schien darüber nicht allzu beunruhigt zu sein. Die EU dürfte für gewisse Tests bestenfalls in den nächsten fünf Jahren, bei anderen hingegen in sieben, zehn oder fünfzehn Jahren über Alternativmethoden verfügen. In ihrem Bericht stellt die Kommission fest: „Die Kommission prüft alle Optionen und entscheidet dann auf der Grundlage dieser Folgenabschätzung, ob sie dem Europäischen Parlament und dem Rat in Bezug auf die Umsetzungsfrist 2013 einen Vorschlag unterbreiten wird“. Der weitere Verlauf ist bekannt. Das Europäische Parlament dürfte eine Verschiebung des Verbots auf 2023 demnächst gutheissen.
Unterzeichnen Sie die Petition gegen Kosmetik, die an Tieren getestet wurde
Die im Frühjahr 2011 von der ECEAE lancierte Petition fordert das Europäische Parlament dazu auf, die Verschiebung des Verbots der letzten erlaubten Tierversuche für Kosmetikprodukte auf das Jahr 2023 abzulehnen. Die Petitionsfrist, die zuerst auf Herbst 2011 festgelegt wurde, wurde verlängert und bleibt aktuell, bis die Abstimmung in die Traktandenliste der europäischen Abgeordneten aufgenommen wird. Dies dürfte bis im Sommer 2012 der Fall sein.
Bitte unterstützen Sie die Petition auch weiterhin und sammeln Sie Unterschriften. Bis anhin wurden bereits 176‘000 Unterschriften gesammelt. Jede Unterschrift zählt! Die Petition kann auch online unter www.nocruelcosmetics.org/ unterzeichnet werden.
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Fussnoten:
1) Die europäische Kosmetikrichtlinie verbietet seit 2009 Tests an Tieren. Ausgenommen sind einzig Tests zur chronischen Toxizität, Reproduktionstoxizitätstests und toxikokinetische Tests, für die eine Übergangsfrist gilt. Solche Tests sind ab dem 11. März 2013 verboten.
2) Colipa, seit Januar 2012 „Cosmetics Europe“
3) Das Reglement Reach trat im Juni 2007 in Kraft. Es zwingt die chemischen Industrien dazu, insbesondere durch Tierversuche die Unschädlichkeit der Produkte zu beweisen, die seit 1981 auf dem Markt zugelassen sind und immer noch verkauft werden.