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Um den Begriff AD(H)S kommt man heute nicht mehr herum. Sei es auf Social Media wie TikTok und Instagram, in Presseberichten oder im Bekanntenkreis: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen haben gerade in den vergangenen fünf Jahren an Popularität gewonnen. Höchste Zeit also, dem im Volksmund genannten «Zappelphilippsyndrom» auf den Grund zu gehen.
Das Atmen des Bürokollegen, der Strassenlärm, der durch das geschlossene Fenster dringt oder das Klingeln des Telefons im anderen Raum - schon ist es vorbei mit der Konzentration. Menschen mit AD(H)S sind empfindlich auf Reize und leicht ablenkbar. Hat also eine Person mit AD(H)S in der obigen Situation Mühe, die Hintergrundgeräusche auszublenden, wird der neurotypische Arbeitskollege damit kein Problem haben. Der Begriff «neurotypisch» beschreibt übrigens ganz einfach eine Person, deren Gehirn der medizinischen und psychologischen Norm entsprechend funktioniert. Weil das bei von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen betroffenen Personen nicht so ist, werden sie als neurodivers bezeichnet. Womit wir auch schon mitten im Thema sind! Denn AD(H)S ist keine Krankheit im eigentlichen Sinne. Vielmehr handelt es sich um eine neurologische Besonderheit, die, ähnlich wie die Autismus-Spektrumsstörung oder die Lese-Rechtschreibstörung dem Oberbegriff Neurodiversität zugeordnet wird (im Beitrag «Neurodiversität: anders - nicht schlechter» gehen wir vertiefter auf den Begriff ein). Im wird AD(H)S als «Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend» bezeichnet. Deshalb sprechen wir in diesem Beitrag von Störung und nicht von Krankheit.
So äussert sich AD(H)S
Nach dem heutigen Forschungsstand haben rund fünf Prozent der Schweizer:innen AD(H)S. Die Störung besteht lebenslang und wird durch ein ganzes Bündel von Faktoren begünstigt, wobei Vererbung den grössten Einfluss hat. Daneben wurde beobachtet, dass Frühchen sowie Kinder, deren Mutter während der Schwangerschaft Nikotin und/oder Drogen konsumiert hat, öfter betroffen sind. Bei Menschen mit AD(H)S ist das Gleichgewicht der Botenstoffe im Gehirn (vorwiegend Dopamin und Noradrenalin) gestört, was für die typischen Symptome verantwortlich ist. Bevor wir uns diesen widmen, schauen wir uns aber kurz die zwei verschiedenen Typen der Störung genauer an. Zum einen gibt es ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung). Zum anderen gibt es ADS (Aufmerksamkeitsdefizit-Störung). Bei letzterem Typus fehlt die Komponente der Hyperaktivität, Betroffene sind also weniger «zappelig».
Symptome und deren Intensität verändern sich meist mit dem Alter, können also bei Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen und Senior:innen unterschiedlich stark ausgeprägt sein (dazu weiter unten mehr). Gemäss Fachpersonen kommen folgende Kernsymptome in jedem Alter vor:
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Aufmerksamkeitsstörung (Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren, leichte Ablenkbarkeit durch die Umgebung oder eigene Gedanken, Probleme, länger an einer Sache zu bleiben)
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Hyperaktivität (erhöhter Bewegungsdrang, innere Unruhe, Unfähigkeit, länger stillzusitzen oder sich zu entspannen)
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Impulsivität (überstürztes Handeln, ohne über die Konsequenzen nachzudenken, Wutausbrüche, Risikofreudigkeit)
Weiter können die folgenden Nebensymptome darüber Aufschluss geben, ob jemand von AD(H)S betroffen ist oder nicht:
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Schnelle Stimmungswechsel
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Leichte Reizbarkeit
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Verminderte Stresstoleranz
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Desorganisation
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Vergesslichkeit
Wie bereits erwähnt, sind Symptome oft von Alter und/oder Geschlecht abhängig (hier lesen Sie mehr über ADHS bei Frauen). Auch die Persönlichkeit der Betroffenen und die Lebensphase, in der sie sich befinden, wirken sich mitunter auf die Intensität der Symptome aus.
AD(H)S bei Kindern und Jugendlichen
ADHS-Kinder sind voller Energie, haben einen hohen Bewegungsdrang und werden nicht selten mit Unterrichtsstörungen in Verbindung gebracht. Dies vor allem, weil es ihnen schwerfällt, lange ruhig zu sitzen, sich auf nur eine Sache zu konzentrieren oder zu warten, bis sie dran sind. Vor allem bei Jungen steht die Diagnose AD(H)S schnell im Raum, wenn sie in der Schule (negativ) auffallen. Anders bei Mädchen. Bei ihnen ist ADS verbreiteter, sie sind also auch leicht ablenkbar, aber nicht unbedingt zappelig oder sonst irgendwie auffällig. Im Schulsystem gehen sie in der Masse unter und gelten als «still» oder «verträumt». Kein Wunder also werden besonders weibliche Betroffene häufig erst im Erwachsenenalter diagnostiziert.
AD(H)S bei Erwachsenen
Die bei Kindern auffällige körperliche Unruhe richtet sich mit zunehmendem Alter oft nach innen. Das heisst, Betroffene zappeln weniger, fühlen sich aber häufig nervös und/oder gestresst. Auch die Impulsivität äussert sich im Erwachsenenalter anders als bei Kindern. So neigen betroffene Frauen und Männer eher zu unüberlegten Geldausgaben oder Suchtproblemen, anstatt, wie vielleicht in jüngeren Jahren, zu Wutanfällen. Das hat einerseits mit Veränderungen im Gehirn zu tun. Andererseits ist es so, dass Kinder mit AD(H)S nicht selten Zurechtweisungen oder gar Ablehnung erfahren und irgendwann lernen, dass es leichter für sie ist, wenn sie sich «zusammenreissen». Dieses Phänomen wird als «Masking» bezeichnet und betrifft auch Menschen im Autismus-Spektrum. Betroffene verstecken oder kompensieren ihre Symptome, um besser in die Gesellschaft zu passen. Das passiert häufig unbewusst, weshalb gerade ADS im Erwachsenenalter schwer zu diagnostizieren ist.
AD(H)S im Alter
Die Störung ist nicht heilbar, weshalb AD(H)S auch bei Senior:innen weiter fortbesteht. Hier wirkt sich oft die Pensionierung negativ auf die Symptome aus, da die gewohnte Tagesstruktur wegbricht. Ebenso leidet das, bei Menschen mit AD(H)S sowieso schon tiefere Selbstwertgefühl darunter, scheinbar keinen Nutzen mehr für die Gesellschaft zu haben. Ferner können körperliche Einschränkungen die Unruhe verschlimmern, der in jüngeren Jahren vielleicht mit Sport entgegengewirkt wurde.
AD(H)S-Diagnose
Falls Ihnen die oben genannten Symptome bekannt vorkommen, kann der Selbsttest der WHO erste Anhaltspunkte dafür liefern, ob Sie von AD(H)S betroffen sein könnten. Eine Diagnose vermag der Selbsttest jedoch nicht zu ersetzen, denn, ob Sie oder eine Person in Ihrem Umfeld an AD(H)S leiden, können lediglich Fachpersonen wie Psychiater:innen oder Psycholog:innen feststellen. Eine gründliche Untersuchung, bei der sowohl andere Krankheiten ausgeschlossen, als auch Patienten- und Familiengeschichte beleuchtet werden, ist unerlässlich. Auch wenn die Diagnose oft aufwändig und zeitintensiv ist, lohnt sich die Abklärung. Denn durch die richtige Behandlung kann die Lebensqualität der Betroffenen erheblich gesteigert werden. Daneben ist es für AD(H)Sler oft eine grosse Erleichterung, wenn sie feststellen, dass sie nicht «seltsam» oder gar «dumm» sind, sondern dass ihr Gehirn einfach anders funktioniert, als das der anderen Menschen. Diese Erkenntnis ermöglicht es Betroffenen, gnädiger mit sich selbst zu sein und mehr Verständnis für allfällige Defizite aufzubringen.
Leben mit AD(H)S
Auch wenn jeder Mensch die Störung anders wahrnimmt: AD(H)S beeinflusst den Alltag erheblich. Betroffenen fällt es zum Beispiel schwer, organisiert zu bleiben, Termine zu planen und einzuhalten sowie unbeschwert in soziale Situationen zu gehen. Kein Wunder also, berichten AD(H)Sler häufig, sich bereits vor der Diagnose stets «anders» oder nirgendwo zugehörig gefühlt zu haben. Erschwerend hinzukommen verschiedene Folgeerkrankungen, die mit AD(H)S einhergehen und/oder parallel dazu auftreten können:
Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass viele Betroffene erst im Rahmen einer Behandlung der Begleiterkrankung überhaupt mit AD(H)S diagnostiziert werden. Im folgenden Beitrag haben wir uns den Begleiterkrankungen von AD(H)S detailliert gewidmet.
Es kann eine Herausforderung sein, den Alltag mit dieser Störung zu bewältigen. Aber AD(H)S hat auch gute Seiten. So gelten Betroffene als überdurchschnittlich kreativ, hilfsbereit, feinfühlig und haben eine schnelle Auffassungsgabe. Sie sind, wenn sie sich für ein Thema wirklich interessieren, sehr begeisterungsfähig und können sich dann auch stundenlang damit auseinandersetzen (sogenannter Hyperfokus). Ausserdem werden sie für ihre Spontanität, ihre Fantasie und ihren Humor geschätzt.
Darüber sprechen hilft
Ein Leben mit AD(H)S bringt verschiedene Herausforderungen mit sich. Sie sind jedoch nicht alleine! Sich mit anderen Betroffenen auszutauschen hilft, neue Lösungen und Perspektiven zu finden. Teilen Sie Fragen und Herausforderungen bei einem persönlichen Peer-Austausch oder stellen Sie Ihre Fragen anonym und kostenlos in unserer Community.
Behandlung
Bei der Behandlung von AD(H)S setzen Fachpersonen oft auf eine Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten. Diese stimulieren die dopaminhaltigen Nervenverbindungen im Gehirn und stellen die Informationsübertragung zwischen ihnen wieder her. Dadurch können sich die Betroffenen besser konzentrieren und werden ruhiger. Bei der AD(H)S-Behandlung ist es, wie bei der Behandlung anderer Störungen oder Krankheitsbilder, nötig, verschiedene Möglichkeiten auszuprobieren. Denn die Präparate wirken bei Betroffenen unterschiedlich und werden nicht von jedem gut vertragen. Der Weg zur optimalen Therapie kann lang sein, weshalb eine begleitende Psychotherapie empfehlenswert ist. Im Rahmen derer lernen Patient:innen, mit AD(H)S zurechtzukommen und bekommen Strategien zur Linderung ihrer Symptome aufgezeigt. Eine kognitive Verhaltenstherapie kann ferner dabei helfen, die eigene Einstellung zu analysieren und anzupassen.
Weitere Informationen
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stellt verschiedene Informationen über AD(H)S zur Verfügung, eine Liste mit Fachpersonen finden Sie bei der Schweizerischen Fachgesellschaft ADHS. Für einen positiven Umgang mit der Störung setzt sich die Organisation elpos Schweiz ein. Eltern von AD(H)S-Kindern können von einer Erziehungs- oder Familienberatung profitieren und in unserer Community beantworten Selbstbetroffene und Fachexpert:innen Fragen zu AD(H)S.