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Man schrieb den 26. Juni 1881, als die Frühaufsteher des kleinen Fischerortes Hafnir erstaunt ein riesiges, gestrandetes Segelschiff an der Küste bei Hvalsnes entdeckten. Diejenigen, die zuerst beim Schiff waren, fanden keine einzige Person an Bord. Bei der genaueren Betrachtung des Geisterschiffs, mussten sie annehmen, dass das Schiff bereits lange verlassen im Ozean trieb, da fast die ganze Takelung des Schiffs fehlte oder herunterhing.
Ein kürzlich im TV ausgestrahlter Krimi mit dem Titel „Geisterschiff“, erinnerte mich an das Schiff Jamestown, dessen Anker und eine Infotafel in Hafnir zu finden sind und mein Interesse weckten. Längst hatte ich diverse Informationen dazu gesammelt, die auf dieser Webseite noch nicht veröffentlicht wurden. Die erwähnte Tafel in Hafnir enthält nicht viele Angaben. Etwas mehr erfährt man auf Wikipedia in Englisch, aber vor allem ein dort erwähnter Link beinhaltet richtig ausführliche Erkenntnisse zum Schiff Jamestown. Der Artikel Das Stranden der Jamestown in Island 1881 erschien in isländischer Sprache im Literaturmagazin Skjoeldur, verfasst und ins Englische übersetzte, wurde er 2001 vom 2011 verstorbenen Leo M. Jonsson. Dieser sammelte jahrelang Informationen zum Schiff Jamestown und schrieb dann den ausführlichen Bericht.
Jamestown, das gestrandete Geisterschiff, war vermutlich das grösste Schiff, welches damals in isländischen Gewässern gesichtet wurde und eines der grössten Holzschiffe seiner Zeit überhaupt. Gemäss Berichten hatte die Jamestown drei Decks, während die meisten grösseren Segelschiffe nur zwei hatten. Das Schiff wurde 1879 vom Stapel gelassen und soll ungefähr 63 Meter lang und 12 Meter breit gewesen sein. Im Schiffsbauch befand sich eine für Isländer besonders kostbare Fracht. Es war vollbeladen mit guten Holzbrettern verschiedener Art und Grösse, selbst Hartholz war dabei und es war insgesamt von ausgezeichneter Qualität. Als man dies erkannt hatte, wurden erfahrene Leute herbei gerufen, welche den Grossteil des Holzes aus dem Schiffswrack bargen. Das Holz war in Island sehr willkommen. Damals zählte Island nicht viel mehr als 70’000 Einwohner, die Birkenwälder waren längst abgeholzt und wegen des vorherrschenden schlechten Klimas wuchsen keine Bäume mehr. Als Baumaterial für Häuser dienten Steine, Torf (Grassoden) und etwas gesammeltes Treibholz. In den Recherchen wird erwähnt, dass ein Drittel des Holzes der Jamestown an diejenigen ging, welche dieses geborgen hatten, die beiden anderen Drittel wurden versteigert. Glücklicherweise wurde das Holz schnell genug an Land gebracht, denn wenige Tage nachdem das Schiff gestrandet war, liess es ein schwerer Sturm bei Hafnir in Stücke zerbrechen. Das wertvolle Holz wurde für den Hausbau genutzt, wie es scheint nicht nur an der Südküste, sondern bis in den Osten Islands. Anscheinend kamen nicht nur Leute aus der Nähe nach Hafnir um Holz zu kaufen, sondern auch Bauern, die dafür mit Islandpferden mehrere hundert Kilometer in weglosem Gelände hin und zurückreisten. 2005 gab es immer noch Häuser, die aus Jamestown-Holz gebaut waren. In Hafnir ist einer der sechs Anker der Jamestown zu sehen. Dieser steht da, wo das frühere Aquarium war. Die rostige, schwere Ankerkette wurde viele Jahre in Hafnir benutzt, um Boote zu befestigen. Ein zweiter Anker befindet sich gleich neben dem Haus des Lion’s Club in Sandgerdi. Das Haus hat zwar eine Wellblechfassade, aber bei der Renovation fand man darunter ebenfalls Holz der Jamestown.
Die Strandung wurde im Sudurnes-Jahrbuch von Sigur Sivertsen beschrieben. Später entstanden viele Legenden zu diesem Ereignis und über weitere Schätze, die an Bord gewesen sein sollen. Es schien aber auch, dass man lange Zeit nicht viel über das Schiff wusste. Man vermutete, dass es ein amerikanisches Segelschiff aus Boston war und wohl eines der grössten seiner Zeit. Erst der Kontakt zu einem amerikanischen Kurator des Marinemuseums in Halifax brachte Leo M. Jonsson weiter. In alten Berichten war das Schiff mehrmals erwähnt worden, bevor es in isländischen Gewässern auf Grund lief. Die Strandung wurde anscheinend später von der Crew eines anderen amerikanischen Segelschiffs untersucht und sie erhielten Gewissheit, dass es sich um die Jamestown handelte, da sie den Namen auf einem gefundenen Holzbogen fanden. Die Jamestown hatte Maine am 10. November 1880 Richtung Liverpool mit Holz von hoher Qualität verlassen. Kapitän auf dem Schiff war der erfahrene William E. Whitmore, seine Frau und sein Kind waren mit an Bord. Die Schifffahrt stand unter einem unglücklichen Stern, denn bereits nach kurzer Zeit verliessen in einem Hafen vier Matrosen das Schiff und der Kapitän musste auf Ersatz warten. Nach kurzer Weiterfahrt brach das Spill und das Schiff musste erneut an Land gehen. Nach der Reparatur geriet die Jamestown in einen schweren Sturm, bei dem das Ruder weggerissen wurde. Einige Wochen trieb das nicht mehr steuerbare Segelschiff auf dem Atlantik, bevor der Kapitän, seine Familie und die Mannschaft, insgesamt 27 Personen, erschöpft vom Dampfer Ethiopia gerettet wurden und die Jamestown bei 43.10°N 22°W verlassen konnten. Die Crew erreichte Glasgow am 16. Februar 1881. Im April wurde die Jamestown vom Kapitän des Dampfers Lake Manitoba gesichtet. Er ging an Bord des Geisterschiffs und schickte folgende Beschreibung: holzbeladen, wasserdurchtränkt, ohne Ruder, fehlende Segel oder solche, die über die Seite hängen, Masten noch stehend, aber stark beschädigt, versuchte das Schiff zu ziehen, aber das Schlepptau riss. Spätere Zeitungsartikel berichteten, dass sowohl die Jamestown als auch die Ladung gut versichert gewesen seien. Obwohl eine Schiffsstrandung niemals eine erfreuliche Sache ist, dürfte man bei der Jamestown anfügen, dass hier doch Glück im Unglück mitspielte. Alle Menschen, die auf dem Schiff waren, überlebten und die Isländer erhielten Holz, welches einen grossen Segen darstellte. In der isländischen Geschichte gibt es viele Schiffsunglücke, welche nicht so glimpflich verliefen und mancher Fischer verlor im Ozean sein leben. Die rostigen Teile des Dampfers Epine Grimsby in Djupalonsandur auf der Halbinsel Snaefellsnes sind noch heutzutage Zeugen, wie auch der eindrückliche Film über die Strandungen beim Vogelfelsen Latrabjarg in den Westfjorden. Hafnir und die Halbinsel Reykjanes lohnen nicht nur wegen des Ankers eine Besuch und haben viel zu bieten.