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Möller 144
Sprache und Denken
Während die philosophischen Daoisten zwar einerseits forderten, dass der Heilige sein Herz aller Gedanken entleeren muss und sich dementsprechend auch von der "Sprache" befreien soll, so ist damit trotzdem die Sprache nicht aus der Welt geschafft. Genau wie im Bezug auf das Handeln die Tatenlosigkeit des Herrschers - das Nichthandeln wu wei - mit den Tätigkeiten der Untertanen korrespondiert, so korrespondiert in Bezug auf die Sprache die Sprachlosigkeit des Heiligen mit der Sprachlichkeit der Welt.
Die Sprachlosigkeit stellt somit zwar den - durchaus im wörtlichen Sinne - "herrschenden" Aspekt in der daoistische in Einstellung zur Sprache dar, aber sie ist doch zugleich keinesfalls schon alles, was die Daoisten zur Sprache zu sagen haben. Ebenso wie die Tatenlosigkeit des Herrschers die Grundlage für die Tätigkeit der Untertanen ist, so ist die Sprachlosigkeit des Heiligen geradezu die Grundlage für die Sprachlichkeit aller anderen. Und analog ist die völlige Gedankenfreiheit des Heiligen die Grundlage für die natürliche Existenz der Gedanken in der sich wandelnden Außenwelt.
Bereits im Daodejing sind die Namenlosigkeit des Dao und die Wortlosigkeit des Herrschers wichtige Topoi. Die Lehre vom dao wird als die "Lehre vom nicht Reden" (Laozi 2, 43) deklariert, der "eigene" Lauf der Natur (ziran) ist "stiller Rede" gleich (Laozi 23), und es heißt: "Wer weiß, redet nicht" (Laozi 56). Was das dao angeht, so ist dessen Name unbekannt (Laozi 25), der eigentlich bleibt es "stets namenlos" (Laozi 32, 37) und "ohne Namen" (Laozi 41). Die Macht des dao und des gemäß seiner Ordnung waltenden Herrschers wird umschrieben als das "namenlose, ungehauene Holz" (Laozi 37).
Im Zhuangzi wird betont, dass der Heilige namenlos ist. Aber im Zhuangzi erfährt man noch etwas mehr über die Namenlosigkeit des dao, und vor allem auch über die Parallelität der Namenlosigkeit zum Nichthandeln . Im 25. Kapitel liest man:„Weil das dao nichts für sich beansprucht, deshalb hat es keinen Namen. Weil es keinen Namen hat, deshalb handelt es nicht. Indem ist nicht handelt, bleibt nichts ungetan. - wu wei er wu bu wei.“ (Zhuangzi 25)
Das dao hat kein Ich, und deshalb hat es auch keinen Namen. Die leere Mitte ist ohne spezifische Eigenschaft. Ein Name, ein Titel, ein Ruf - all dies kann hiermit "Name" übersetzte chinesische Wort ming bedeuten. - würde das dao vereinnahmen, auf eine bestimmte Qualität eingrenzen. Das dao aber - genau wie der Herrscher, der es walten lässt, und wie der Heilige, der sich mit ihm "identifiziert" - hat keine einseitige, "selbstische" und bestimmte Identität. Ohne Namen, und das heißt ohne "Ruf" und ohne "Berufung", kommt ihm im Geschehenszusammenhang, im Kreislauf des natürlichen Wandels, keine konkrete Aufgabe zu. Das dao besetzt als Nabe im Rad der Welt die Leerstelle im Ganzen.
Die zuletzt zitierte Textstelle erscheint den Zusammenhang einer Antwort auf die Frage, wie die menschliche Gemeinschaft eigentlich zusammenhält.
Diese Frage wird zum Anlass genommen, den Zusammenhalt eines jeden "Organismus", des politischen wie des natürlichen, in Gestalt des dao zu beschreiben.
Zhuangzi 25.10
Die vier Jahreszeiten haben ihr unterschiedliches Klima. Weil der Himmel nichts dazu tut, deshalb bilden sie den Jahresverlauf. Die fünf Ämter haben ihre unterschiedlichen Aufgaben. Weil der Herrscher nichts für sich selbst beansprucht, deshalb bleibt der Staat in Ordnung. Was die zivilen und militärischen Angelegenheiten angeht, so tut der große Mann nichts dazu, deshalb bleibt die Tugendkraft (de) vollständig. Die 10'000 Dinge sind von unterschiedlicher Art. Weil das dao nicht für sich beansprucht, deshalb hat es keinen Namen.
Offensichtlich beruht ein ganzes, eine "Gemeinschaft" (gong) auf den Zusammenhalt eines positiven Geschehenskörpers und eines negativen Zentrums darin... an dieser Stelle wird aber auch deutlich, dass das Jahr aus mir besteht, als aus dem Himmel, unter dem es sich abspielt, dass der Staat mehr ist als bloß der tatenlose Herrscher, dass das Ganze der Welt mehr ist als die Mitte aller Dinge, dass das Rad mehr ist als die Nabe, und - worauf es hier ankommt - dass das Ganze der Welt auch mehr ist als das namenlose Dao.
Wenn das Dao in der Mitte von allen 10'000 Dingen keinen Namen hat, dann heißt dies gerade nicht, dass die 10'000 Dinge selber auch keinen Namen haben sollen, sondern genau das Gegenteil: die Namenlosigkeit des dao ist gewissermaßen nur die logische Konsequenz aus der Namhaftigkrit der Dinge...
Dadurch dass die Welt "voll" ist, kann der Herrscher oder das dao in der Mitte leer bleiben. Und indem es leer bleibt, lässt es der "natürlichen" Fülle den Raum. Die ganze Welt besteht aus der Fülle und der Leere in der Mitte, sowie das ganze Rad aus den Speichen und der leeren Nabe besteht. Und ebenso besteht der Sprachraum aus den Namen, bzw. aus all dem, was Namen hat, und dem Namenlosen in dessen Mitte.
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Die Welt der 10'000 Dinge (wan wu) ist zusammengesetzt aus lauter verschiedenen Einzelteilen, gleich den Speichen des Rades. Die Liste in besteht dabei aus seinem "Namen" und seiner "Form", vergleichbar der Position und der Gestalt jeder Speicher im Rad. Jedes Ding ist anders, und hat einen entsprechend eigenen Namen. Im Zhuangzi heißt es deshalb: Es hat einen Namen, und es hat eine "Sache" (shi), darin hat ein Ding seinen Bestand.
Alle Arten der 10'000 Dinge haben ihren Namen und ihre zugehörige "Sache", d.h. ihre Form, ihr Aussehen, ihre "Fülle". Der Name ist also keinesfalls etwas Nachträgliches, den Dingen vom Menschen beliebig Zugeteiltes, eine bloße "Konvention", sondern gehört zu den Dingen ebenso hinzu wie ihre Gestalt. Sowie die Menschen die Gestalt der Dinge erfassen können, so können sie auch deren Namen erfahren. Man mag sagen, die Dinge bestehen aus Name und Sache, sowie ein Gemälde aus Farbe und Form besteht.
Die ganze Welt, der Kreislauf aller Geschehnisse, besteht aus Elementen, die eine bestimmte "Sache" sind und dementsprechend einen bestimmten, zu dieser "Sache" gehörende Namen haben. Alles, was in der Welt ist und nicht in deren leeren Zentrum, gehört auch zum Sprachlichen.
Seite 150
Zhuangzi 2
Jedes Dafürhalten und jede Abneigung, jedes Bejahen (shi) und jedes Verneinen (fei) ist einer bestimmten Position verpflichtet, die Vorlieben hängen davon ab, wer man ist. Menschen und Tiere haben unterschiedliche Geschmäcker.
Aller Streit der Worte ergibt sich aus dieser Struktur des prozessualen Geschehens und der Unterscheidungen (fen) darin. Die Namen sind nichts anderes als die Manifestationen der Unterschiedenheit in der Welt der Dinge, und die Sprache, die mit den Namen operiert, ist nichts anderes als das Wechselspiel derselben Unterscheidungen.
Bejahen und Verneinen sind die Grundoperationen der Sprache und verdanken sich, daoistisch gesehen allein den unterschiedlichen Positionen, den unterschiedlichen Namen im Ganzen.
Genauso verhält es sich mit dem Denken. Denn zu jeder spezifischen Positionen mit dem ihr entsprechenden Namen gehört nicht nur die spezifische Bejahung ihrer selbst und Verneinung ihres Gegenteils, sondern auch die gedankliche "Identifikation" mit sich und die gedankliche "Differenz" vom Gegenteil.
Konzepte:
Sprache - yan/ming - Kraft de - Gemeinschaft gong - unterscheiden fen - Bejahung shi - Verneinung fei
Hans-Georg Möller
Daoismus