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Für sein Leben habe er nie eine Lösung gefunden, selbst in Zeiten seiner grössten Erfolge nicht. Das sagt der weltberühmte Poet und Sänger Leonard Cohen (1934 - 2016) über sich selbst. Fast ausnahmslos habe er mit seinen Texten gerungen, ganz selten nur war er zufrieden mit dem, was er geleistet hat. Denn es ging ihm immer um sehr viel mehr, als nur darum, Texte zu schreiben. Es ging ihm ums Überleben und gleichzeitig, eine Form zu finden, die es dem «Song erlaubt zu existieren».
Eine Ausnahme von seinen ihn stets begleitenden Selbstzweifeln bildeten einige wenige frühen Jahre, während derer er von einem unergründlichen Grössenwahn beseelt war. Er war überzeugt davon, «hinter allem zu stecken, was in der Welt geschah». Dass darauf seine ersten Depressionen folgten, die ihn bis ins hohe Alter immer wieder quälten, musste ihn umso härter getroffen haben.
Wir kennen Cohen vor allem als Sänger, als Schriftsteller ist er bei uns bedauerlicherweise weniger bekannt. Seine kreative Tätigkeit begann schon in der Jugendzeit. Während seines Studiums an der McGill Universität in Montreal fand sie einen beglückenden Ausdruck in der geliebten Lyrik, was fortan auch in seinen Liedern nicht nur hörbar, sondern auch spürbar blieb.
In den im Kampa Verlag neu aufgelegten feinfühligen Gesprächen aus den Jahren 1988 bis 2009 erfahren wir darüber hinaus vieles mehr, was uns bisher verborgen blieb, uns jedoch immer brennend interessiert hätte: Wer war Suzanne? Gingen sie wirklich miteinander zum Fluss hinunter, reichte sie ihm dort Tee und Orangen? Was hat es mit dem «Famous Blue Raincoat» auf sich? Oder mit Marianne? Mit ihr lebte er auf der griechischen Insel Hydra zusammen. Eine Liebesgeschichte sei es nie gewesen, aber es herrschte eine Harmonie, die auch für sein Schreiben notwendig war. Was dachte er über seine tiefe, raue Stimme, die mit zunehmendem Alter noch tiefer und monotoner wurde?
Berührend offen gibt Cohen Auskunft über sein Leben, verschweigt auch nicht seine existenziell bedrohliche Drogenabhängigkeit, für deren Entzug er fast zehn Jahre benötigte. Die Geburt seiner beiden Kinder bedeuteten keine wirkliche Erfüllung, vielmehr empfand er es so, als würde «eine Falle zuschnappen.» Später kam die niederschmetternde Erkenntnis, dass ihn seine Managerin um sein nahezu gesamtes Vermögen betrogen hatte. Sie musste zwar dafür ins Gefängnis, das Geld jedoch blieb verschwunden.
Nach Stationen bei Hare Krishna und Scientology wandte sich Cohen dem Zen-Buddhismus zu, weilte sogar in den Neunzigern während fünf Jahren in einem Zen Center in Los Angeles. Doch in seinem Innersten brach er nie mit dem Judentum. Seine Herkunftsfamilie war jüdisch-konservativ, ohne Fanatismus, jedoch mit jüdischen Gewohnheiten, Ritualen und dem Gefühl der Zugehörigkeit, ohne allerdings Druck auf die Familienmitglieder auszuüben.
Nach Cohens Tod im Jahr 2016 erfuhr sein Welthit «Dance me to the End of Love» (1984) erneut eine grosse Resonanz. Dieser Song ist auch titelgebend für die gegenwärtige Ausstellung im Bündner Kunstmuseum Chur.
Aus den Gesprächen wird immer wieder deutlich, wie sehr Cohen zeitlebens ein Suchender blieb, in seinen Liedern vielleicht sogar ein Perfektionist, seine eigene Person jedoch nie in den Vordergrund stellte, denn, so der Sänger: «Wir sollten uns sehr gut überlegen, wie ernst wir unsere eigenen Sorgen nehmen wollen.»
Sein eigentliches musikalisches Testament ist zweifellos sein letztes Studioalbum «You want it darker», das 17 Tage vor seinem Tod erschien. Ein unvergessliches Vermächtnis des Meisters der Melancholie.
Leonard Cohen: So long. Ein Leben in Gesprächen. Kampa Verlag, Zürich 2020, 188 Seiten
Dagmar Schifferli war während vieler Jahre Dozentin für Gerontologie und Sozialpädagogik. Seit 1996 veröffentlicht sie Romane (u.a. Wegen Wersai, Anna Pestalozzi-Schulthess, Wiborada) sowie Fachartikel in Sachbüchern. Ausserdem unterhält sie eine Kolumne im Grosseltern-Magazin und schreibt Beiträge im Online-Magazin seniorweb.ch.
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