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Reinmar Wagner, Die Südostschweiz (25.01.2011)
Mit «Le Comte Ory» hat das Zürcher Opernhaus am Sonntag eine bloss selten gespielte komische Oper von Gioacchino Rossini gezeigt. Ein Abend der Koloratur-Feuerwerke - und der verschenkten Gelegenheiten, wirklich witzig zu sein.
Die Männer auf Kreuzzug, die Frauen sexuell frustriert zu Hause. Das ist die Ausgangslage für Gioacchino Rossinis komische Oper «Le Comte Ory». Grosse Teile der Musik entstanden schon für «Il Viaggio a Reims», eine Oper zur Krönung von Karl X. Nach der Uraufführungsserie zog Rossini sie aber wieder zurück, mit der Absicht, die Filetstücke für eine weniger an ein aktuelles Ereignis gebundene Oper wieder zu verwenden. Die Gelegenheit kam drei Jahre später: Eugène Scribe und Charles-Gaspard Delestre-Poirson schrieben ihm 1828 ein französisches Libretto, das Rossini mit seiner gewohnten handwerklichen Meisterschaft für den Pariser Geschmack vertonte.
Ärztlicher Rat gegen Enthaltsamkeit
Ory ist ein Libertin und Schwerenöter, der den einsamen Gräfinnen auf ihren Schlössern nachstellt, wo er nur kann. Als Quacksalber und Scharlatan verkleidet verordnet er den zwangsläufig enthaltsamen Damen erotische Abenteuer, die er dann in seiner wahren Gestalt erfüllt. Dummerweise wird seine Maskerade immer wieder durchschaut, was ihn dazu zwingt, sich wieder neue Verkleidungen einfallen zu lassen.
Eine prächtige Komödie also, die man bei der Inszenierung am Opernhaus Zürich in den Händen der belgischen Regie-Zwillinge Patrice Caurier und Moshe Leiser auf guten Wegen wähnte; hatten sie doch in Zürich schon die ähnlich gelagerte Oper «Clari» von Halévy erfolgreich auf die Bühne gebracht. Diesmal aber blieb wenig von ihrer sonst so genau beobachteten Situationskomik übrig. Verschenkt wurde etwa das grandiose Gelage von Ory und seinen 13 Mitstreitern, die als Nonnen verkleidet den Weinkeller des Grafen plündern und jedes Mal, wenn die Gräfin oder eine ihrer Hofdamen eintritt, in Andacht verfallen - was mit zunehmendem Rausch natürlich immer weniger souverän gelingt. Verschenkt auch das Terzett im nachtdunklen Ehebett der Gräfin, in dem Ory anstelle der Angebeteten den Pagen befummelt, der wiederum die Gräfin in den Armen hält, in die er verliebt ist. Eine absurde Situation, deren Komik aber völlig auf der Strecke bleibt.
Ein paar gute Einfälle gibt es im ersten Teil, in dem Ory als Sex-Guru auftritt. Das Regie-Duo verlegt das Geschehen von den Troubadour-Geschichten des französischen Mittelalters in die Aufbruchstimmung der Sechzigerjahre, mit Algerienkrieg und Hippiekult am Horizont. Ansonsten ist die Inszenierung nur dann lustig, wenn es das Stück schon von sich aus ist.
Zwei Hauptdarsteller in Höchstform
Für die Unterhaltung musste die Musik sorgen, und sie tat es über weite Strecken auch. Vor allem die beiden Protagonisten überzeugten: Cecilia Bartoli als Comtesse Adèle blieb Rossinis Koloratur-Feuerwerken nicht das Geringste schuldig: perlende Läufe, hingetupfte Staccati, ein zauberhaftes Duett mit ihrer Vertrauten Ragonde (Liliana Nikiteanu). Nur in den Ensembles sang die Starsopranistin nicht immer ganz im Einklang mit den anderen. Noch mehr Energie, Leidenschaft und strahlende Lust an Stimmakrobatik und Tenor-Höhen legte Javier Camarena in seinen Ory.
Im hochgefahrenen Orchestergraben spielte die Barockformation des Zürcher Opernorchesters «La Scintilla», was das Klangbild von sich aus schon schlank und differenziert machte. Chefdirigent Muhai Tang nahm das Angebot dankend an: Beschwingt und spritzig legte er die Tempi an, blieb leise und schlank genug für die Stimmen. Bei der Präzision hingegen haperte es bei der Premiere noch und der berühmte Rossini-Drive stellte sich kaum ein. Vor allem, weil Tang die Musik nicht recht fliessen lassen wollte, sondern oft etwas zu dezidiert dirigierend eingriff.