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1968, als 19-Jähriger, ist Giuliano Tramacere nach Basel eingewandert – nur mit einem Koffer und mit vielleicht 100 Franken in der Tasche. Der gelernte Coiffeur stammt aus dem Dorf Aradeo in der Provinz Lecce in Süditalien. «2000 Leute aus meinem Dorf sind damals in die Region Basel ausgewandert. Alle haben hier Arbeit gefunden», berichtet er. Tramacere bewohnte zuerst ein Zimmer an der Clarastrasse – für 50 Franken pro Monat. Tramacere konnte sofort als Coiffeur anfangen – bei «Cavaliere» Enzo Cuzzucoli an der Erlenstrasse. «Enzo war mein Maestro.» Später arbeitete Tramacere bei Domenico Cerrullo an der Haltingerstrasse, bevor er 1977 zu Rocco Bronesti an die Rebgasse 23 kam.
1984 hat er an gleicher Stelle seinen eigenen Salon eröffnet. Coiffeur ist er geworden, weil auch sein Vater Coiffeur war – und weil dieser Beruf in Süditalien eine grosse Tradition hat. «Süditalienische Coiffeure gibt es auf der ganzen Welt», sagt er mit einem Anflug von Stolz. Dass sein Sohn Antonio die Familiendynastie fortsetzt und ebenfalls einen Coiffeursalon hat, macht ihn besonders stolz. Aus seiner Ehe mit einer Südspanierin ging ein zweiter Sohn hervor. «Er ist nicht Coiffeur, sondern Lichtspezialist.»
«Mehr Ferien als andere»
Täglich steht Giuliano Tramacere in seinem Coiffeursalon an der Rebgasse 23. «Ich arbeite sechs Tage pro Woche, andere nur fünf», sagt Giuliano Tramacere, während ein Schmunzeln über sein Gesicht huscht. «Vielleicht mache ich aber ein wenig mehr Ferien als andere.» Er empfängt den «Vogel Gryff», während er gerade einen Kunden bedient. «Kein Problem, ist einguter Kollege von mir, ein Portugiese», sagt der Coiffeur.
Sein Salon versprüht ein Gefühl von italienischer Gemütlichkeit, gepaart mit südländischem Temperament. Tramacere wuselt unermüdlich herum, serviert feinen Espresso und diskutiert laut und gestikulierend mit einem Kollegen, der zur Türe hereinkommt, auf italienisch. Die Stühle, auf denen die Kunden Platz nehmen, sehen nicht nur alt aus, sie sind es auch. «Ich habe sie vor fast 40 Jahren in Italien gekauft – Occasion», erzählt er lachend.
Was ihm am meisten fehlt? «Mein Dorf natürlich und mein kleines Haus», sagt Giuliano Tramacere, ohne lange zu überlegen. Sonst sei er aber sehr zufrieden in Basel. «Wenn es mir nicht gefallen würde, wäre ich ja nicht hier geblieben. Die Schweiz ist eine paradiesische Nation – etwas Besseres gibt es nicht. Schreiben Sie das bitte so!», sagt der Coiffeur mit Nachdruck. Ebenso betont er aber, ohne harte Arbeit komme man nicht vorwärts, auch in der Schweiz nicht. Im März 2015, fast pünktlich zu seinem 65. Geburtstag, muss Giuliano Tramacere seinen Salon schliessen. «Leider wird das Haus abgerissen. Das tut mir weh.» Die frühere Hausbesitzerin habe die Liegenschaft dem Zoologischen Garten geschenkt, dieser habe es an zwei Architekten verkauft, die dort einen Neubau planen. Giuliano Tramacere zieht mit seinem Salon an die Rebgasse 44. «Der Salon wird sehr klein. Ich habe nur 15 Quadratmeter, bin aber sehr froh, überhaupt etwas gefunden zu haben.» Ob er denn nicht aufhören wolle mit arbeiten, möchte der Journalist wissen. «Ein bisschen arbeite ich schon noch – vielleicht so drei oder vier Jahre», gibt er zur Antwort. Danach erwägt er, zurück in seine Heimat zu gehen.