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Sicher habt ihr schon vom tapferen, siegreichen, berühmten, riesigen Helden Fin gehört. Er lebte in Irland und war dort als gefürchteter Kämpfer bekannt. Eines Tages wollte er einen Riesen-Damm von Irland nach Schottland bauen. Er steckte mitten in der Bautätigkeit, als er hörte, dass der Riese Cucullin ihn besuchen und herausfordern wollte. Cucullin war ein ungeheuer grosser Riese. Wenn er aufstampfte, erbebte das Land, und mit seinen Händen konnte er einen Blitzschlag aufhalten, zusammenquetschen und in die Hosentasche stecken. Gegen alle anderen Riesen hatte Cucullin schon im Zweikampf gewonnen, nur Fin war noch übrig geblieben. Als Fin also hörte, dass Cucullin im Anmarsch war, machte er sich doch ein wenig Sorgen. Er überlegte hin und her und dachte schliesslich, dass er am besten schnell nach Hause gehen und sich mit seiner guten Frau Oona beraten sollte. Er riss eine Kiefer aus der Erde, brach ihr Wurzeln und Äste ab, machte sich einen ordentlichen Wanderstock daraus und begann mit dem Heimweg. Fin und seine Frau lebten damals auf der Spitze des Berges Haudrauf, gegenüber dem Hügel Dusselundmehr, Ost-Ost-Süd gelegen, und Fin eilte in grossen Schritten zum Berg Haudrauf und begrüsste seine Frau.
«Grüss dich, Oona, wie geht es denn so?», rief er und streckte den Kopf zur Tür hinein.
«Hallo Fin, mein Held, willkommen zu Hause!», antwortete Oona und gab Fin einen so schmatzenden Kuss, dass sich das Wasser am See unten am Fuss des Berges Haudrauf kräuselte.
«Was führt dich so früh nach Hause?», wollte Oona wissen. Fin mochte nicht so recht zugeben, dass er sich vor Cucullin fürchtete, aber schliesslich erzählte er Oona von seiner Sorge: «Es ist dieser Cucullin. Er sucht mich, und er ist entsetzlich stark. Wenn er stampft, wackelt die Erde, und er trägt immer einen Blitz, flach wie ein Pfannkuchen, in seiner Hosentasche.» Nach diesen Worten steckte Fin seinen Daumen in den Mund und lutschte daran. Nun müsst ihr wissen, dass Fins Daumen kein gewöhnlicher Daumen war. Wann immer er in die Zukunft sehen wollte, lutschte er daran. «Er kommt! Was soll ich nur machen? Wenn ich weglaufe, muss ich mich schämen, und mein Daumen sagt mir, dass er mich dann doch irgendwann findet.»
«Du sollst nicht an deinem Daumen lutschen! Doch sag mir: Wann wird er hier sein?»
«Morgen nachmittag.»
«Nun, mach dir keine Sorgen. Ich finde einen besseren Ausweg als du mit deinem klugen Daumen.»
Das beruhigte Fin ein wenig, denn er kannte die Klugheit seiner Frau. Oona ging zum Gipfel des Berges Haudrauf. Gegenüber auf dem Berg Dusselundmehr wohnte nämlich ihre Schwester Granua, und sie beschloss, mit dieser ein Schwätzchen zu halten.
«Granua», rief sie, «bist du zu Hause?»
«Nein, ich pflücke Blaubeeren!»
«Dann steig auf den Berg und sag mir, was du siehst.»
«Gut», rief Granua und bald darauf hörte man: «Ach du Schreck! Ich sehe ein Gebirge von einem Riesen daherkommen.»
«Das ist Cucullin», rief Oona. «Er kommt, um Fin zu verprügeln. Was sollen wir nur machen?»
«Ich rufe ihn zu mir und halte ihn ein wenig auf. Aber mir ist die Butter ausgegangen. Bitte wirf mir ein Fass Butter herüber.»
Oona füllte einen grossen Bottich mit frischer Butter und wollte ihn auf den anderen Berg zu ihrer Schwester werfen, doch sie vergass, den «Wirf und Ziel-Zauberspruch» zu sagen. Dafiel der Bottich runter ins Tal in den grossen Sumpf von Augur. Oona ärgerte sich so sehr, dass sie den Bottich in Stein verwandelte.Er liegt immer noch dort unten, und jeder kann sehen, wie wahr diese Geschichte ist.
«Macht nichts», rief Granua ihrer Schwester zu. «Ich koche Cucullin ein Süppchen aus Heidekraut und Küchlein aus Eichenrinde, aber lange werde ich ihn damit nicht zurückhalten können.»
Während Oona nach Hause ging, pfiff Granua dreimal mit dem Finger imden Mund und heizte kräftig ein, so dass viel Rauch aus dem Schornstein stieg, damit Cucullin wusste, dass er in ihrem Haus erwartet wurde. Oona aber ging zu ihren Nachbarn und lieh sich einundzwanzig Eisenplatten aus. Dann knetete sie eine riesige Menge Brotteig, formte zweiundzwanzig Brotfladen und legte in einundzwanzig davon eine Eisenplatte.Sie heizte den Riesenofen ein, und als die Brote fertig gebacken waren, legte sie diese sie auf den Tisch. Schnell nahm sie einen grossen Topf Milch und machte frischen Käse, aus dem noch die Molke tropfte.
In der Zwischenzeit sass Fin auf dem Berg Haudrauf und wusste nicht mehr weiter, denn, ob ihr es glaubt oder nicht: Er fürchtete sich vor dem Kampf gegen Cucullin, diesem Berg von einem Riesen mit einem Blitz in der Hosentasche. Heimlich lutschte er noch einmal an seinem Daumen, und da war es gewiss: Cucullin würde sehr bald kommen. Fins weissagender Daumen irrte sich nie. Schnell eilte Fin zu Oona, und diese drückte ihm einen Käse in die Hand und verriet ihm genau, was er nun als Nächstes machen sollte. Sie holte eine Wiege hervor und altes Bettzeug und befahl: «Du legst dich in die Wiege, damit es aussiehst, als wärst du unser Sohn. Du darftst aber kein Wort sagen.» Fin hatte keine Lust, sich in die Wiege zu legen, schliesslich war er ein grosser Held, aber was blieb ihm anderes übrig? Bald sah man Cucullin durch das Tal stiefeln. Erwäre eigentlich ein gewöhnlicher Riese gewesen, hätte er nicht seinen Kraftfinger gehabt. Im Mittelfinger seiner rechten Hand steckte nämlich seine ganze Riesenkraft. Mit diesem Finger klopfte er schon bald an die Tür und rief: «Wohnt hier der bärenstarke, riesengrosse Held Fin?»
«So ist es», rief Oona und öffnete die Tür. «Tritt nur herein. Mein Mann ist aber nicht zu Hause, er ist auf der Suche nach Cucullin. Ich hoffe, er wird ihn nicht finden, denn er würde ihn vernichten.»
«Ich selber bin Cucullin», rief der Riese erbost, «und ich suche Fin schon die ganze Zeit, um ihn zu zerquetschen!»
Da lachte Oona und sagte: «Hast du Fin jemals gesehen? Nein? Ja, dann hast du keine Ahnung davon, wie wie stark er ist. Nimm meinen Rat an und bete Tag und Nacht darum, dass er dich nie erwischt. Sonstkönnte dies nämlich ein schwarzer Tag für dich werden. Aber - könntest du mir einen Gefallen tun? Der Wind bläst immer zur Haustür rein, bitte dreh doch unser Haus ein wenig, damit es nicht mehr so zieht.»
Das war selbst für Cucullin eine ungewöhnliche Bitte., aber er zog kurz an seinem Kraftfinger, so dass es knackte, ging vor die Tür und drehte das Haus auf die andere Seite. «Ich danke Dir», sagte Oona, «aber hör mal: Da mein Mann gerade nicht da ist, könntest du doch eben jenen Felsen da vorne aufbrechen, damit ich an die Quelle komme, die darunter liegt.»
Cucullin schaute kurz auf den Felsen, zog an seinem rechten Mittelfinger, liess ihn dreimal knacken und schlug den Felsen entzwei. Als Oona dieses Kraftstück sah, wurde ihr doch ein wenig mulmig. Die Felsspalte bekam übrigens später den Namen «Schauermannsschlucht». Oonabat Cucullin an den Tisch und sagte: «Komm, iss zum Dank ein wenig von meinen Brotfladen.» Mit diesen Worten legte sie die Fladen mit den Eisenplatten vor Cucullin hin, und da dieser ein ordentlicher Fresssack war, stopfte er sich zwei, drei gleichzeitig in den Mund und biss kräftig zu. Da hörte man ein Krachen und Knacken, dass es bis ins Tal hinunter donnerte. Cucullin sprang auf und rief: «Was für ein Brot hast du mir da gegeben? Davon fallen mir ja alle meine Zähne aus!»
«Ach», entschuldigte sich Oona, «es tut mir leid, dass du mein Brot nicht essen kannst! Fin isst das jeden Tag. Und du solltest nicht so schreien, sonst weckst du das Kind auf, das in der Wiege schläft.»
Während dieser ganzen Zeit lag Fin in der Wiege und schwitzte vor Angst. Jetzt aber rief er mit weinerlicher Stimme: «Mutter, gib mir etwas zu essen!» Schnell nahm Oona den zweiundzwanzigsten Brotfladen, den ohne Eisenplatte, ging zur Wiege und gab Fin das Brot in die Hand. Fin, der ein guter Esser war, schlang das Brot in einem Haps runter. Dann kletterte er aus der Wiege und fragte Cucullin: «Bist du stark?»
«Donner und Hundezahn!»rief Cucullin. «Was bist du für ein grosser Bursche von einem Sohn, und ein mächtige Stimme hast du auch.»
Fin nahm nun den Käse hervor und sprach: «Bist du so stark, dass du Wasser aus einem Stein pressen kannst?», und er drückte dabei auf den Käse, so dass das Wasser herauslief.
Cucullin liess seinen Finger dreimal knacken, nahm einen Stein und zerquetschte ihn zu Sand, doch Wasser kam nicht heraus.
«Ha!», rief da Fin. «Du bist ein armer Wicht. Geh lieber wieder nach Hause, bevor mein Papa kommt, sonst zerquetscht er dich mit seinem kleinen Finger.» Nach diesen Worten kletterte er wieder in die Wiege.
Cucullin bekam es langsam mit der Angst zu tun, und er sprach: «Bevor ich gehe, möchte ich aber gerne sehen, was für Zähne der Kleine hat, dass er solches Brot essen kann.»
«Aber natürlich», sagte Oona, «aber seine Zähne sitzen weit hinten, du musst den Finger tief in seinen Rachen hineinstecken.» Fin öffnete den Mund, und Cucullin wunderte sich, was für kräftige Zähne Fins Sohn schon hatte. Auf einmal jedoch schrie er laut auf und lief brüllend aus dem Haus! Fin hatte nämlich zugebissen, und von dem starken Riesenfinger war nur noch die Hälfte übriggeblieben.
So siegte Fin dank seiner schlauen Frau über den starken Cucullin. Da es aber auch heute noch donnert und blitzt und da manchmal die Erde bebt, ist wohl der Kraftfinger des Riesen Cucullin wieder nachgewachsen.
Märchen aus Irland, aus: Kindermärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag