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Henry David Thoreau wirkte in vieler Hinsicht stilbildend, vor allem in seiner Heimat, den USA. Da ist zum einen seine politische Philosophie, eine Mischung aus Anarchismus und passivem Widerstand, der bis heute dort als Unterströmung im politischen Leben festzustellen ist. So ist u.a. der Libertarismus letzten Endes (auch) auf Thoreau zurückzuführen. Aber selbst sein Lebensstil, den er vor allem in Walden zelebrierte, fand Anhänger und Nachahmer. Last but not least verknüpft mit der Tatsache, dass über so eine (wie wir heute sagen würden) „Auszeit im Einklang mit der Natur“ geschrieben wird, dass also auch andere hingingen und sich nicht nur zurückzogen, sondern auch über ihren Rückzug und über die Natur, die sie dabei angetroffen hatten, schrieben, hat das in den USA einigermassen Tradition.
Einer, der in Thoreaus Fussstapfen trat, war Henry Beston im 20. Jahrhundert. 1925 liess der sich auf Cape Code ein kleines Sommerhaus aus Holz bauen. Typisch für einen Touristen kümmerte er sich dabei nicht um die langjährigen Erfahrungen der Einheimischen, baute sein Häuschen nicht hinter einer Düne, wo es vor den schlimmsten Winden geschützt gewesen wäre, sondern oben drauf, dazu noch versah er es mit zehn grossen Fenstern auf allen vier Seiten. (Das Häuschen hatte seltsamerweise lange Bestand, bis man es in den 1970ern abriss und ein bisschen weiter ins Festland hinein holte, wo es kurz darauf Opfer einer durch einen Hurrikan verursachten Springflut wurde…)
1925 also liess sich Beston sein Ferienhäuschen bauen. 1926, im Spätsommer, beschloss er, dort für zwei Wochen Urlaub zu machen. Offenbar sehr spontan kam er dazu, länger bleiben zu wollen: Aus den zwei Wochen wurde schliesslich ein ganzes Jahr. In dieser Zeit führte er regelmässig Tagebuch. Als dann seine Verlobte, die (auch nur in den USA!) erfolgreiche Kinderbuchautorin Elizabeth Coatesworth, das Tagebuch las, setzte sie ihm sozusagen die Pistole auf die Brust: „Entweder du veröffentlichst dieses Buch, oder wir heiraten nicht!“
Beston war ja im literarischen Metier weder neu noch ganz unbekannt. Er hatte u.a. in Lyon an der Universität englische Literatur gelehrt, im Ersten Weltkrieg als Kriegsberichterstatter gearbeitet und seither selber einige Kinderbücher verfasst. Dennoch war das hier etwas ganz anderes. Das Haus am Rand der Welt ist auch anders als Thoreau. Während dieser seiner Naturbeschreibung in Walden immer wieder moralische oder politische Reflexionen beimischt, enthält sich Beston dessen und beobachtet und schildert einfach. Er ist sozusagen das Auge oder die Kamera, die die Bilder aufnehmen und dem Leser / Zuschauer weitergeben. Der Kommentator aus dem Off, den Thoreau in Walden immer wieder gerne spielt, fehlt. Beston schildert einfach ein Jahr im Leben der Tiere und Pflanzen am äussersten Rand von Cape Code, einer Halbinsel, die den östlichsten Zipfel des US-Bundesstaats Massachusetts ausmacht. Diese Halbinsel ist relativ schmal (Beston hat sie einmal in ein paar Stunden zu Fuss durchquert) und dadurch mehr oder weniger von allen Seiten her Wind und Wetter ausgesetzt. Beston gibt auch – anders als Thoreau – ganz offen zu, dass er dort nicht völlig einsam und autark lebte: Er fuhr des öfteren in die nächstgelegene Stadt, um Lebensmittel einzukaufen, und stand auch in Kontakt mit den Bewohnern der umliegenden Dörfer und vor allem mit den Männern der Küstenwache, die regelmässig am Strand patrouillierten. Aber diese Kontakte mit Menschen treten in den Hintergrund vor der Schilderung der Natur.
Werke, wie dasjenige von Beston, sind zwar von Amateuren verfasst; sie nehmen aber auch in der Biologie und der Ökologie einen immer wichtigeren Raum ein, betrachten Beston und seine Kollegen und Kolleginnen im ‘nature writing’ (wie diese Art der Naturschilderung auf Englisch genannt wird – auf Deutsch hat sie m.W. keinen eigenen Namen) nicht nur diese oder jene Spezies, nicht nur diese oder jene Situation. Ihre Schilderungen umfassen immer auch ein Zusammenspiel – der einzelnen Spezies untereinander (wie bilden die Zugvögel ihre Schwärme – Beston hat ganz richtig erkannt, dass sie dabei offenbar keinen Chef, keinen Zugführer, bestimmen, was man damals noch nicht wusste) Er schildert, wie Meeresvögel und Landvögel interagieren, Vögel und Fische; Wind, Wasser (das Meer in seinen Gezeiten, aber auch Schnee und Regen) und Erde (die Dünen) untereinander, aber auch mit dem Tier- und Pflanzenleben. Heute würde man sagen, dass Beston das ganze Ökosystem von Cape Code beobachtete und beschrieb – inklusive der nicht immer positiven Eingriffe des Menschen. Die Biologen haben erst sehr viel später (und vielleicht ein wenig unter dem Einfluss von Beston & Co.?) begonnen, solche Systeme zu betrachten.
Bei alledem fingiert Beston, wie gesagt, nie den simplen Naturburschen. Er kennt und zitiert seinen Thoreau, seinen Emerson, seinen Tennyson. Die Schilderung eines Sturms (tempest) gibt ihm gar Gelegenheit zu einem kleinen (wettertechnischen) Exkurs über Shakespeares Drama.
Zu Hause in den USA ein grösserer Stern am Literaturhimmel, ist er im deutschen Sprachraum unbekannt geblieben. (Es gibt nicht einmal einen Eintrag im deutschsprachigen Wikipedia!) 2018 hat der Mareverlag den Text – wenn ich der Eigenwerbung des Verlags glauben darf: zum ersten Mal – auf Deutsch publiziert. Wer die Naturschilderungen Thoreaus mag (und er kann sie besser als im berühmten Walden, zum Beispiel in Wild Fruits), wird auch dieses Büchlein mögen.
PS. Das Haus am Rand der Welt wurde nach seinem Erscheinen sofort zu einem Verkaufsschlager und hat Bestons literarischen Ruhm in den USA begründet, der dort bis heute anhält. Und, ach ja: 1929 heirateten Elizabeth und Henry. Meines Wissens hielt die Ehe bis zu Bestons Tod 1968.
Henry Beston: Das Haus am Ende der Welt. Ein Jahr am großen Strand von Cape Code. Aus dem Amerikanischen von Rudolf Mast. Mit einem Nachwort von Cord Riechelmann. Hamburg, mareverlag 2018.