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Terrain Vague
Indem Solà-Morales den Begriff des «terrain vague» auf solche Stadtbrachen übertrug, rückte er das Potenzial dieser leeren Räume innerhalb der Städte überhaupt erst für Architekten und Planer in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Zuvor waren sie fast ausschliessliches Experimentierfeld von Künstlern und Fotografen gewesen. Solà-Morales knüpfte an die Ausgangslage der jüngere Stadtfotografie der 1970er- Jahre an und skizzierte in seiner Neudefinition des «terrain vague» Grundzüge einer Ästhetik, die bis heute zahlreiche Auslegemöglichkeiten anbietet: Die Stadtbrache ist nun nicht mehr bloss ein verwahrlostes, unbestimmtes Gebiet der Stadt, sondern auch ein Ort ohne klare Grenzen und Definitionen – also ein Territorium, das sich zum Möglichkeitsraum aufwerten lässt.
Victor Hugo
Historisch betrachtet reicht der Begriff «terrain vague» jedoch bis in die französische Romantik und Moderne zurück, wie die beiden Autoren Jacqueline Maria Broich und Daniel Ritter in ihrem Buch «Die Stadtbrache als ‹terrain vague›» aufdecken und auf kultur- wie medienwissenschaftlicher Ebene analysieren. Während sich aber das «vague» immer auf einen verlassenen, leeren oder verwahrlosten Ort bezog, stellen sie bei dem «terrain» fest, dass der Ausdruck für Gebiete sowohl innerhalb wie auch ausserhalb der Stadt verwendet wurde. Honoré de Balzac soll es schliesslich gewesen sein, welcher das «terrain vague» zur Beschreibung erstmals auch für den Übergangsbereich zwischen Stadt und Land vor den Toren von Paris verwendete. Und der fortan hauptsächlich für den Raum «extra muros» – also ausserhalb der Stadtmauern – gebraucht wurde. Genauer gesagt für unmittelbar vor den Befestigungsanlagen und Zollbarrieren gelegene, weder eindeutig als Stadt noch eindeutig als Land zu bestimmende Gebiete.
Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts bestand auf dem Gebiet unmittelbar vor den Befestigungsanlagen von Paris ein Streifen von Elendssiedlungen, der sowohl literarisch als auch fotografisch Zeitgenossen in seinen Bann zog. Der Bereich war damals auch als «zone» bekannt, da die Befestigungsanlagen, eigentlich «zone non aedificandi» und zu Zwecken der Verteidigung freizuhalten, nur wenige Jahre nach ihrer Errichtung bereits militärisch funktionslos geworden waren und deshalb auf ihren Anschüttungen irgendwann eine nicht permanente Bebauung geduldet wurde. Dort siedelte sich um die Jahrhundertwende das Pariser «Lumpenproletariat» an, hauptsächlich Landflüchtlinge auf der Suche nach Arbeit in der Industrie, aber auch einstige Bewohnerinnen und Bewohner der Innenstadt, die sich die Mieten im Zentrum nicht mehr leisten konnten. Im Folgenden werden zwei Auszüge des Buches zitiert.
Pariser Elendsgürtel
Eugène Atget (1857 – 1927), einem der Väter der modernen Fotografie in Frankreich, ist es zu verdanken, dass die Befestigungsanlagen «die ‹zone des fortifications›, wenige Jahre bevor die Befestigungsmauern nach dem Ersten Weltkrieg schließlich geschleift wurden, mit der Kamera eingefangen wurden. – Auf literarisches Interesse war die ‹zone› bereits schon früher gestoßen, so etwa in Guillaume Apollinaires gleichnamigem Gedicht aus der 1913 erschienen Anthologie ‹Alcools›, in dem sich die rauschhafte Erfahrung eines sich ziellos durch Paris bewegenden Flaneurs auch an den Barackensiedlungen vor dem Pariser Befestigungsring entzündet.–» Inspiriert von Eugène Atgets «einerseits menschenleeren, gespenstischen Stadtrandfotografien, die Aufnahmen eines Tatorts gleichen […], und seinen reportageartigen Milieufotografien der ‹Zonenbevölkerung›, der sogenannten ‹zoniers›, gerät dieser soziale wie geographische Rand der Kernstadt seit den 1930er Jahren in den Fokus einer literarischen und fotografischen Auseinandersetzung. Die ‹zone› ist zu dieser Zeit allerdings schon im allmählichen Verschwinden begriffen, da der durch den Wegfall der Befestigungsmauern frei werdende Raum stadtplanerisch neu gestaltet wird und es besonders im Vichy-Regime starke Bestrebungen gibt, den Pariser ‹Elendsgürtel› zu beseitigen. Trotz des Baus etlicher neuer Wohnquartiere und städtischer Grünflächen bleiben jedoch Reste der ‹zone› sowie großflächige ‹terrains vagues› um praktisch ganz Paris herum so lange bestehen, bis der Bau des Pariser Boulevard Périphérique auf genau diesem Gebiet ab 1954 die letzten Spuren der ‹zone› verwischt.» (S. 48)
Ephemeres Phänomen
Eine ins Positive gewendete Darstellungsform findet die «zone» im Bericht über eine «Vagabondage quer durch den Pariser Stadtrand» von Jean-Paul Clébert (1926 – 2011), «Paris insolite» aus dem Jahr 1952. «Angesichts der ‹Abfälle einer totgeborenen Zivilisation›, die der Erzähler auf dem verwilderten Streifen um Paris herum auffindet, ergeht er sich nicht in apokalyptischen Visionen oder in moralischen Anklagen, sondern in einer Reflexion über die Vorzüge der Brachen als Rückzugsorte und über die an ihnen sichtbar werdende Veränderlichkeit und Vergänglichkeit städtischer Formen. Konkret scheinen ihm die ‹terrains vagues› nicht nur ideale Verstecke zu sein, in denen der urbane Vagabund im Schatten polizeilicher Kontrolle kampieren kann, sondern auch so etwas wie ‹degré zéro›, auf den die kurzlebigen Produkte der modernen industriellen Stadt – Fabriken, ‹Wohnkästen› und Stadien, die schnell ‹aufblühen›, um bald wieder zu ‹verwelken› – früher oder später zurückfallen: Alles wird irgendwann wieder Brache und damit Teil der unausrottbaren ‹Domäne des Unkrauts›. Damit ist Clébert nicht der letzte, der das im Wesentlichen ephemere und transitorische Phänomen der ‹terrains vagues› in eine Perspektive ‹sub specie aeternitatis› rückt und in diesem Licht die metaphysischen und poetischen Qualitäten der Brachen zum Vorschein bringt.» (S.49–50) In dieser Zeit, so schlussfolgern die Autoren des Buches, «erscheint das ‹terrain vague› als geeigneter Begriff, um nicht nur die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen, welche die alten Strukturen und Grenzen zum Verschwinden bringen, zu beschreiben, sondern auch, um die Erlebensweisen dieser Veränderungen im Auge und Geiste der irritierten, beunruhigten, sprachlosen, verblüfften oder faszinierten Betrachter*innen in den Blick zu rücken.» (S. 22)
Neben den zeitgenössischen Eindrücken zu den «terrains vagues», die die eindringlichen Studien dieses besonderen geografischen wie sozialen Randes der Stadt Paris um die Jahrhundertwende sind, zeigen aktuelle Aufnahmen aus Paris, mit Ausnahme des ersten Fotos, die heutigen Formen des Phänomens. Sie zeigen innerstädtische Brachen, die allesamt als Restflächen ehemaliger Bahnstrecken den zweiten grossen Umformungsprozess, den nach der Industrialisierung und nach der Schleifung der Stadtmauern, innerhalb der Stadt erfahrbar machen. Sie sind während der Forschungsarbeit zu diesem Buch entstanden und nicht nur von den Autoren selbst fotografiert. Weitere Fotos finden sich auf der gleichnamigen Website terrainvague.de der Philosophischen Universität Köln. Sie zeigen Brachflächen aus verschiedenen Städten der Welt, die dazu anregen, die planerische Steuerung und Beseitigung von Brachflächen zugunsten einer partizipativen und kreativen Raumgestaltung der Bottom-up-Bewegung zu nutzen.
Christine Dissmann
Das Buch zum Artikel
Der Begriff des «terrain vague» spielt für die aktuell vieldiskutierte Stadtbrache eine entscheidende Rolle. Das Buch bietet dazu eine umfassende historische wie systematische Untersuchung des französischen Raumbegriffs.
transcript-verlag.de, ISBN: 978-3-8376-4095-3, 39.99 Euro