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Mädchenchöre: gemeinsam stärker
Weil sie lange Zeit nicht in der Kirche singen durften, haben Chöre mit Mädchen keine jahrhundertelange Tradition, bis heute haben sie keine so starke Lobby wie Knabenchöre. Ein Netzwerk engagiert sich in eigener Sache.
Anna E. Fintelmann — Nach der grossen Studie «Singing Europe», welche die European Choral Association (ECA) 2013–2015 durchführte, sind von den 4.5% der in Chören singenden Bevölkerung Europas ein Drittel männlichen Geschlechts. Zwei Drittel der singenden Bevölkerung sind also weiblich – und ein nicht unerheblicher Teil ihres Nachwuchses wird in gleichgeschlechtlichen Ensembles, in Mädchenchören, ausgebildet.
Statistisch erfasst sind diese Gruppierungen des Kinder- und Jugendchorwesens zwar nur unzureichend (dies gilt für die Chorverbände in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie für die ECA), gleichwohl ist eine rege Aktivität in diesem spezifischen Bereich der musikalischen Nachwuchsarbeit zu bemerken.
Weil Frauen und Mädchen lange Zeit nicht in der Kirche singen durften, haben reine Mädchenchöre keine jahrhundertelange Tradition: Die meisten der Ensembles entstanden nach dem Zweiten Weltkrieg oder sind noch jünger – so gründet sich aktuell in Zürich der neue Mädchenchor Zürich.
Oftmals haben es Frauen- und Mädchenchöre darum auch mit ähnlichen Herausforderungen zu tun: Sie spüren eine gewisse Unterversorgung bei der Repertoire-Auswahl. Und sie stehen in der öffentlichen Wahrnehmung häufig im Schatten von Knabenchören, welche aufgrund der historischen Gegebenheiten Jahrhunderte lang ihre Rollen als kulturpolitische Player entwickeln konnten.
2015 wurde in Basel ein Netzwerk für Mädchenchöre aus der Schweiz, Österreich und Deutschland gegründet (www.netzwerkmaedchenchoere.org). Die Initiative wurde lanciert von den Chorleitenden und Geschäftsführenden von zur Zeit 26 Mädchenchören aus dem deutschsprachigen Raum. Ziel der Gruppe ist eine verstärkte Vernetzung untereinander und eine bessere Kommunikation der Anliegen von Mädchenchören.
Da es bis dato an einer gemeinsamen Plattform fehlte, über die man sich zu den Belangen der Chorarbeit mit Mädchen austauschen konnte, ist die Beteiligung rege. Die Themen, denen man sich widmen will, reichen von Fragen zu Kooperationsmodellen (etwa mit Männerensembles) bis hin zu Spitzenförderung, der Zusammenarbeit mit Hochschulen (als Praxisfelder) und den oft unzureichenden räumlichen bzw. finanziellen Ausstattungen. Die historisch bedingte Ungleichbehandlung von Knaben- und Mädchenchören hat vielerorts noch immer Auswirkung auf die Arbeit. Dieser kulturpolitische Rückstand soll durch gegenseitige Stärkung und das Lobbying in eigener Sache aufgeholt werden und längerfristig zu einer Verbesserung der wirtschaftlichen Situation beitragen. Eine Chorleiterin bezeichnet das Netzwerk als «Gewerkschaft für Mädchenchöre».
Eine wiederkehrende Frage ist diejenige nach geeignetem Repertoire. Den spezifischen Möglichkeiten der reifenden Mädchenstimme wird noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt: Komponisten und Komponistinnen verfügen oft über geringe Kenntnis, wie die Klangfarben adäquat einzusetzen sind. Chöre, welche die Mittel aufbringen können, vergeben Kompositionsaufträge oder sind an Uraufführungen beteiligt (bspw. Ode an die Nacht von Harald Weiss mit dem Berliner Mädchenchor vom Februar 2017). Das Netzwerk plant, mit Kooperationspartnern in diesem Herbst einen Kompositionswettbewerb zu lancieren.