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"Periode bleue"
Genau hundert Jahre nach Picasso kommt hier ein Maler und betitelt seine Ausstellung augenzwinkernd "Periode bleue" anstatt sie einfach "Blaue Bilder" oder "Bilder in Blau" zu nennen. Offenbar ist Andreas Jaeggi diese seine neuste Arbeitsphase als Periode – als zeitlich beschraenkte Ausrichtung – fuer sein Werk wichtig. Es koennte ja sein, dass in vierzig Jahren jemand Aehnliches ueber ihn schreibt wie Gertrude Stein 1938 ueber Picasso: "Waehrend dieser Periode, von 1901-1904, malte er die blauen Bilder; die Haerte und die Wirklichkeit liessen ihn diese Bilder malen, auf die sich alles gruendet, was er spaeter schuf."
Die Idee, vorwiegend in Blau zu malen, ergab sich fuer Andreas Jaeggi fast von selber: eines seiner Staedtebilder – ein Strassenbild von Dublin – in der Art wie hier in der Ausstellung auch noch eins zu sehen ist, geriet ihm im Zuge der angestrebten Vereinfachung ganz blau und uebte einen derartigen Sog auf ihn aus, dass er sich entschloss, diese Farbe in den verschiedensten Abstufungen und Themenbereichen auszuloten.
Mit der Farbe Blau hat es so seine Bewandtnis. Es ist die Farbe der Goetter im Aegypten der Pharaonenzeit, kam im Abendland aber erst ab dem 12. Jahrhundert zum Einsatz, als man endlich Ultramarin aus Lapislazuli gewinnen konnte. Der Widerstand der Kirche gegen diese Farbe lockerte sich erst, als sich in der Malerei – und das war ja zuerst nur religioese Malerei – als Doktrin durchsetzte, dass der Mantel der Gottesmutter Maria immer in Blau, im teuersten Ultramarin, gemalt werden musste. Ab 1600 erst gilt Blau als Grundfarbe. Spaeter setzte es sich allmaehlich durch und wurde immer beliebter. Die Europaflagge zeigt heute Blau als Grundfarbe und die meisten Erwachsenen bei uns nennen Blau als ihre Lieblingsfarbe.
Wassily Kandinsky hat 1912 in seinem Buch "Ueber das Geistige in der Kunst" auf die besondere Wirkung des farbigen Lichts auf den ganzen Koerper hingewiesen. Er meint, "dass die Farbe eine wenig untersuchte, aber enorme Kraft in sich birgt, die den ganzen menschlichen Koerper, als physischen Organismus, beeinflussen kann. Im allgemeinen ist also die Farbe ein Mittel, einen direkten Einfluss auf die Seele auszuueben. Die Farbe ist die Taste. Das Auge ist der Hammer. Die Seele ist das Klavier mit vielen Saiten. Der Kuenstler ist die Hand, die durch diese oder jene Taste zweckmaessig die menschliche Seele in Vibration bringt."
Zurueck zu Jaeggi: Die ausschliessliche Verwendung von Blau in seinen neusten Bildern fuehrt zu einer besonderen Wirkung, denn im allgemeinen veraendert sich jede Farbe durch die Nachbarschaft mit einer oder mehrerer anderer Farben. Ein blauer Klecks in einer roten Flaeche wirkt anders als dasselbe Blau in einer gelben Umgebung.
Fuer Jaeggi gewinnt das Blau eine unglaubliche Tiefe – und doch kommt es dem Betrachter bei laengerem Schauen entgegen. Die Gegenstaende, die Koerper kriegen Volumen, sie wirken geheimnisvoll, leuchten von innen heraus. Es sind nicht Nachtbilder, keine romantischen Szenen, die Jaeggi uns praesentiert, denn sie bieten Widerstand. Es braucht eine gewisse Zeit, es braucht eine Anstrengung bis man das Bild, das Original (denn nur da funktioniert's) wirklich sehen und seine Wirkung erleben kann oder – um mit Kandinsky zu sprechen – bis "die Seele in Vibration" gelangt.
Ansichten von Strassenecken und Haeusern, wie etwa "Atlantis", strahlen durch die Beschraenkung auf Blau eine grosse Ruhe aus. Sie sind dicht gemalt, von fester Komposition, auch wenn der Bildausschnitt oft sehr dynamisch gewaehlt ist. Die Pinsellinien, die Konturen sind locker und lebendig gesetzt, sie scheinen wie geheimnisvoll in Schwingung versetzt. Aus diesem Gegensatz zwischen Ruhe und Dynamik erklaert sich die Wirkung dieser Bilder.
Seine Akte widerspiegeln sein Interesse an der Darstellung nackter Koerper. Er malt die Oberflaeche, sucht aber ihre Ausstrahlung einzufangen, ihre Erotik behutsam bildlich zu fassen. Auf einigen Bildern erscheinen die Koerper eines Liebespaares wie transparent, sie durchdringen sich gegenseitig und bilden so ein harmonisches Ganzes.
Beachtenswert und neu sind nun die Stillleben von Andreas Jaeggi. Das Thema Stillleben – die Darstellung von reglosen, toten Gegenstaenden – kam in der westlichen Malerei im 16. Jahrhundert auf. Urspruenglich war es wohl Teil eines groesseren, szenischen Bildes und wurde dann allmaehlich zu einer eigenen Bildgattung. War anfaenglich im Stillleben vor allem die taeuschend echte Nachahmung und die Freude an der Wiedergabe des Gegenstandes angestrebt, treten spaeter andere Aspekte in den Vordergrund. Es geht nun vor allem um die malerische Aneignung des Motivs, um Farbe und Form, um das Verhaeltnis zwischen Figur und Hintergrund. Der einfachste Gegenstand kann nun Anlass fuer eine malerische Analyse sein.
Fuer Jaeggis Stillleben gilt Aehnliches wie fuer seine Hausansichten: keine Linie, die nicht schwingt, kein Umriss, der gleichmaessig durchgezogen ist: alles vibriert. Auch der wie zufaellig gewaehlte Bildausschnitt traegt zur Dynamik bei. Die Gegenstaende sind unspektakulaer, aus dem Alltag gegriffen und nicht arrangiert, aber man spuert die Verbundenheit des Malers mit diesen Objekten, die einerseits durchaus Geborgenheit vermitteln, andererseits jedoch auch jederzeit aktiv ergriffen und benutzt werden koennen.
Wie kuenstlerisch frei und ausdrucksstark Andreas Jaeggi nun in diesen Arbeiten geworden ist, kann nur beurteilen, wer seine ganz fruehen Werke kennt. Diese waren beinahe fotorealistische Darstellungen, Bilder von grosser Praezision und stupendem zeichnerischen Koennen. In der expressiven, nervoesen Malweise seiner Staedtebilder hatte sich Jaeggi von diesem Fruehwerk geloest, auch wenn die praezisen Zeichnungskenntnisse immer die unverzichtbare Grundlage fuer seine gestalterische Freiheit darstellten. Noch freier sind nun diese neusten Werke. Die Beschraenkung auf eine Farbe sowie eine noch weiter gehende Aufloesung in der Zeichnung fuehren zu harmonischen Bildern, die in einer eigenartigen Schwebe zwischen Ruhe und Dynamik fast geheimnisvoll zu verharren scheinen.
von Steffan Biffiger fuer NY Arts Magazine / Berliner Kunst