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August Bethmann (Oktober 1899)

Carl Huter gab im Jahre 1898 im Verlag von A. Bethmann in Remscheid die Abhandlung "Die Landeshuter von Hilgenhaine" heraus, worin er unter dem Pseudonym "von einem Nachkommen eines alten vergessenen Königsgeschlechts" den Kaiser Wilhelm II. und das "Persönliche Regiment" desselben sowie dessen Bündnis- und Rüstungspolitik und dessen in einen Krieg führendes Rivalisieren mit Russland, England und Frankreich energisch kritisierte. Carl Huter widmete diese Arbeit "den zur Pariser Weltausstellung im Jahre 1900 herbeiströmenden Völkern". Carl Huter hat, um seine Autorschaft zu verbergen, diese Publikation nirgends erwähnt. Wer in diesen Jahren den Kaiser und sein "Persönliches Regiment" öffentlich angriff, der musste mit einer mehrere Monate bis mehrere Jahre dauernden Gefängnisstrafe rechnen. Der Majestätsbeleidigungsparagraf war dafür die rechtliche Grundlage. Nun hat Carl Huter ein Jahr nach dem Erscheinen der genannten Publikation in der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift "Die Hochwart" den Verleger seiner Publikation "Die Landeshuter von Hilgenhaine" seinen Lesern in einem gänzlich anderen Zusammenhang und ohne den geringsten Hinweis auf die Zusammenarbeit vorgestellt, nämlich (1) mit einer Selbstdarstellung und (2) einem Nachtrag.

August Bethmann
geb. am 21. April 1864 zu Alsleben a. d. Saale
Als Einjähriger zwangsgeimpft, natürlich unter lautem Protest. Ausnahmsweise wurde ich als Fünfjähriger in die Ortsschule aufgenommen. Während der beiden letzten Jahre Primus. Erspart blieb mir das zweifelhafte Vergnügen in einer sog. höheren Anstalt auf lateinischen Bänken meinen deutschen Hosenboden durchzuscheuern. Der Ortspastor war so liebenswürdig, mich in die Geheimnisse des Latenischen und Griechisch einzuweihen.
Vom 14. bis 18. Jahre strenge Lehrzeit in der Buchdruckerei Meister Schulze's (ein Zögling der bekannten PiererÄschen Hofbuchdruckerei in Altenburg, wovon ich gar Manches profitierte!). Während der Lehrzeit Besuch der Fortbildungsschule.
Von 1882 bis 1887 Wanderjahre. Verweilte je ein Jahr im Holsteinischen, im Rhöngebirge (Eisenacher Oberland), in Ostfriesland (Lingen an der Ems), am Weserstrand (Minden i. W.), Prov. Sachsen (Gräfen Lateinischen), eine Zeit lang wirkte ich im Kohlenrevier (Herne-Bochum). Überflüssiges Geld gab ich für Bücher und Fachzeitschriften aus. Infolge meiner autodidaktischen Regsamkeit gelang es mir, als junges Kerlchen verantwortungsvolle Pöstchen einzunehmen, z. B. als Korrektor, Geschäftsführer und im "Herner Anzeiger" sogar als Redakteur (22 F.).
1888 Ersatzreservist, für den aktiven Dienst damals zu schwächlich. Bald nach Abruf der Militärpflichtjahre entwickelte sich der Schwächling zum Normalmenschen. Höhe 1 m 73 cm. Gewicht 73 kg. Krank war ich nie. Als ein unmittelbar am Wasser Geborener (mein Elternhaus steht am Saalestrand) liebe ich das Wasserleben sehr. Rudern und schwimmen konnte ich bereits als 6-jähriger Knirps; später wurde ich ein efriger Wanders-, Turners- und Radlersmann.
1890 Vegetarianer, d. h. ein so genannter "gekochter".
1896 Fruchtesser (Frugivor).
Anhänger der naturgemäßen Ernährung im weitesten Sinn, d. h. blut- und feuerlose Diät. Nun beginnt ein neues Leben, eine Wiedergeburt im besten Sinne des Wortes. Ich erfreue mich einer bisher nie geannten körperlichen und geistigen Regsamkeit.
Für letztere spricht die Tatsache, dass ich kurz nach dem Übergang vom "gekochten" Vegetarier zum Früchtler drei Gebrauchsmuster und ein Patent anmelden konnte; nebenbei besorgte ich auch den Vertrieb der sog. "Neuheiten eigene Erfindung":
Für die körperliche Leistungsfähigkeit lieferte ich folgende Beweise: Spaziergang von Remscheid nach Köln und zurück 90 km. Radtour von Remscheid nach Koblenz (über Köln) und zurück 278 km. Ferner eine Wanderfahrt von Remscheid über Hagen-Paderborn-Kassel-Eichsfeld-Kyffhäuser zur Industrie-Ausstellung nach Leipzig.
Während des Winters esse ich nur Nüsse und Äpfel. Ein Liter Haselnüsse und 4 bis 6 Äpfel genügen für ein Mahl.
Ein echter und rechter Früchtler isst zweimal täglich: mittags und abends.
Jetzt, in der Zeit der Beerenernte, führe ich ein wahres Schlemmerleben. Z. B. morgens (ausnahmsweise der saftigen Beeren wegen): Ein Liter Waldbeeren (Blaubeeren), mittags zwei Liter Stachelbeeren, abends ein Liter Blaubeeren.
Bei dieser Fruchtnahrung erhalte ich mich dauernd frisch und gesund. Getränke sind überflüssig.
Die wahre Daseinsfreude, das reinste Lebensglück empfindet nur der Fruchtesser. Und nun, lieber Leser, "frisch auf!" ans Werk.
Kleidung (Sommer und Winter gleich): Maschenhemd aus Flachs ohne Ärmel, Hose aus Trikotstoff, leichtes Jacket und Sandalen.
Brustumfang: 92 cm ohne, 100 cm mit Atemholen.
Als weiterer Beweis dafür, dass die herrliche Fruchtdiät Kraft und Energie schafft, diene Folgendes:
Während der heißesten Tage unternahm ich gemütliche Radfahrten durch das Bergische Land. Auf meinem 32-pfündigen Tourenrad legte ich im Tag 130 bis 140 km zurück. Trotz der "heißen Hitze" radelte ich auch während der Mittagszeit und zwar ohne "Behauptung" (die Mütze hatte ich an der Lenkstange befestigt).
Verzehrt habe ich bei jeder Fahrt zwei Pfund Stachelbeeren, ein Pfund Äpfel und ein Pfund Birnen (Haselnüsse, die ich daheim mit Vorliebe esse, konnte ich unterwegs nicht erhalten). Getrunken habe ich nichts. Wozu auch? Durstgefühl stellt sich nicht ein. In den Früchten ist genügend von der Sonne vortrefflich destilliertes Wasser enthalten. Einzig und allein der Fruchtnahrung ist es zu danken, dass ich abends nicht die geringste Ermüdung spürte.
Nachtrag von Carl Huter
August Bethmann hat selbst eine kurze Lebensbeschreibung gegeben. Wir fügen noch hinzu, dass wir erstaunt waren, nachdem wir August Bethmann kennen gelernt und uns davon überzeugt hatten, dass das Fruchtessen nicht nur vollständig ernährt, sondern auch alles Trinken überflüssig macht. August Bethmann besitzt eine geistige und körperliche Elastizität und dabei eine markante Knochenbildung und lebendige Muskelkraft, dass wir nicht des Bewunderns müde werden konnten.
Wie man lediglich von Pflanzennahrung leben kann, davon hatten wir uns durch lange vegetarische Lebensweise längst überzeugt. Dass man aber nur von rohem Obst und ohne alle Getränke, etwa Milch und Wasser, sowie des täglichen Brotes fertig werden kann, das war uns bis dato unglaubhaft erschienen. Jetzt sind wir davon überzeugt und August Bethmann erschien uns als wertvolles Pfand dafür, was eigene Beobachtung, Selbstforschung, Ausdauer und Willenskraft vermag gegenüber der Scholastik so genannter Hochschulen und ihrer Lehrer und Zöglinge. Uns erscheint die Entdeckung und praktische Durchführung des ausschließlichen Fruchtessens seitens Bethmann mindestens so wertvoll und epochemachend in der Wissenschaft wie die Entdeckung der X-Strahlen von Prof. Konrad Röntgen.
August Bethmann ist daher ein Naturforscher und Pionier in der Ernährungsfrage, ein Autodidakt aus dem Volk, von dem man sagen kann: "Was kein Verstand der Verständigen sieht, das findet in Einfalt (soll heißen: gesunde Natürlichkeit des Geistes) ein kindlich Gemüt." Den Autodidakten Bethmann in erster Linie zu ehren, soll dieses Blatt seine Dienste erweisen.
Copyright by Fritz Aerni, Carl-Huter-Verlag Zürich, 2008.