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Die Zahl der Eltern in der Schweiz, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, steigt nicht so spektakulär wie in Grossbritannien oder den Vereinigten Staaten. Bildungsfachleute sind jedoch beunruhigt.
Die wachsende Unzufriedenheit mit dem staatlichen System, schlechte Einflüsse in der Schule, Uneinigkeit mit der offiziellen moralischen und religiösen Erziehung oder die hohen Kosten für Privatschulen sind einige der Gründe, die Eltern dazu veranlassen, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten.
In den USA ist die Zahl der Familien, welche die Schulausbildung ihrer Kinder in die eigenen Hände genommen hat, von 850'000 im Jahr 1999 auf über 2 Millionen gestiegen. In Grossbritannien werden derzeit schätzungsweise 50'000 Kinder zu Hause unterrichtet, und die Zuwachszahlen steigen rasch.
Das Wachstum in der Schweiz ist dagegen vergleichsweise bescheiden. Hierzulande werden ungefähr 1000 Kinder zu Hause unterrichtet.
"Aber es gibt eine steigende Tendenz. Seit den späten 1980er-Jahren hat sich einiges getan, eine Massenbewegung ist es jedoch nicht", sagt Willi Villiger vom Verband Bildung zu Hause gegenüber swissinfo.
Für den Erziehungswissenschafter Anton Strittmatter gibt es Ausnahmefälle, wo sich ein Hausunterricht aufdrängt oder toleriert werden kann: "Ich denke da vor allem an besondere Behinderungen", so Strittmatter zu swissinfo.
Kantonale Unterschiede
Gewisse Kantone sind in dieser Hinsicht toleranter, andere haben strengere Auflagen. Die französischsprachige Schweiz zeigt die liberalste Haltung gegenüber dem Heimunterricht. In der italienischen Schweiz ist er verboten, und in den deutschsprachigen Kantonen findet man eine Mischung.
Wird der Unterricht zu Hause erlaubt, müssen die Familien die lokalen Bildungsbehörden informieren, auch Lehrpläne vorlegen. Solche Heimschulen sollten häufig kontrolliert werden. In einigen Kantonen ist eine Lehrbefähigung nicht erforderlich.
Sicherheitsbedenken
In einer 2006 vom US-Erziehungsministerium durchgeführten Umfrage sagten 31% der Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichteten, sie täten dies aus Sorge über das schulische Umfeld. Sie äusserten Bedenken zur Sicherheit, Drogen oder schädlichen Einflüsse.
Strittmatter sagt dazu: "Wenn die Kinder die Schule nicht besuchen dürfen, lernen sie nicht, wie man mit Menschen mit ganz unterschiedlichen Werten und religiösen Hintergründen zusammenlebt. Sie üben auch nicht, wie man mit Menschen unterschiedlicher Meinung streitet."
Religion
Rund 30% der Eltern sagten in der US-Umfrage, sie wollten die Kinder nach ihren religiösen oder moralischen Anschauungen erziehen, während 16,5% sagten, sie täten es aus Unzufriedenheit mit der akademischen Qualität des staatlichen Unterrichts.
Villiger erklärt: "Wir begannen 2001. Die Situation in der öffentlichen Schule der Gemeinde war nicht gut, es gab zu wenig Lehrer und zu viele Veränderungen. Wir spürten, dass die Kinder vernachlässigt wurden."
"Wir hatten den Eindruck, dass sich unsere Tochter von uns entfremdete und ihre schulischen Leistungen verschlechterten sich zusehends. Wir waren auch der Meinung, die Einflüsse der Schule stünden im Widerspruch zu unserer christlichen Bildung."
Strittmatter fragt, ob die eigene enge Überzeugung der Massstab für die Erziehung der Kinder sein dürfe, "die dann in Schwierigkeiten geraten, wenn sie sich plötzlich im nicht mehr so geschützten öffentlichen Raum bewegen müssen".
In der Pädagogik wird laut Strittmatter das dogmatische Prägen von unmündigen Kindern, das Vorenthalten anderer Sichtweisen als ethischen Verstoss betrachtet, den man nicht erlauben sollte.
"Es grenzt an Manipulation, wenn ich meine Kinder nach meinem Bilde erziehe. Denn ich gebe ihnen damit gar nicht die Chance, sich mündig entscheiden zu können, weil sie das Andere gar nie kennenlernen sollen."
Flexiblerer Bildungsansatz?
"Wir haben eine sehr effektive Art des Lernens. In den ersten Jahren führte meine Frau die Kinder zu den Lehrplan-Zielen. Danach mussten sie selbständiger arbeiten. Allmählich lernten sie, unabhängig zu arbeiten und Probleme selbst zu lösen, und sie schätzen das sehr", sagt Villiger, dessen zehn Kinder zu Hause unterrichtet werden.
Villiger freut sich über die Fortschritte seiner Kinder. "Als wir unsere Tochter 2001 aus der Schule nahmen, hatte sie praktisch jedes Engagement für die Schule verloren. In den nächsten zwei Jahren änderten sich sowohl ihre Arbeit wie ihre Einstellung komplett. Und an der Abschlussprüfung der obligatorischen Schule erhielt sie danach hervorragende Noten."
"Klar gibt es keine Garantie, dass eine ausgebildete Person den Unterricht besser erteilt als eine talentierte Personen ohne Diplom, was immer wieder als Fallbeispiel herangezogen wird", so Strittmatter. Das sei eine Frage der Verantwortung.
Villiger argumentiert, dass die heutige Zeit auch das Lernen demokratisiert habe. "Wenn Eltern bereit sind, ihre Kinder zu unterrichten, brauchen sie keine Qualifikationen, denn Informationen sind heute für jedermann zugänglich."
Man finde sehr gute Lernumgebungen im Internet. "Zudem bieten die staatlichen Lehrmittelverlage eine Vielzahl von Büchern, die sehr gut für den Unterricht zu Hause geeignet sind", sagt er.
"Kann man es denn zulassen, dass unausgebildete Personen eine Arztpraxis betreiben? Es gibt ja auch talentierte Laien, die gut heilen können. Und wenn es nicht funktioniert, ist es dann einfach Pech?" fragt Strittmatter.
Etienne Strebel, swissinfo.ch
Schulsystem
Die Volksschule beruht auf einem Prinzip, das in der Verfassung vorgesehen ist.
Die Schweiz kennt auf Bundesebene kein Erziehungsministerium oder -departement. Deshalb ist das Erziehungswesen in der Hand der Kantone.
Die interkantonale Koordination wird von der Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) wahrgenommen.
Kantone und Gemeinden finanzieren mehr als 85% aller Ausgaben in diesem Erziehungsbereich. Das entspricht mehr als einen Viertel ihrer öffentlichen Ausgaben.
95% der Schülerinnen und Schüler beenden ihre obligatorische Volksschule in den öffentlichen Schulen ihrer Wohnsitze.
5% der Schüler besuchen eine Privatschule.