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Mit ca. 14 Jahren las ich viele Bücher von einer Schweizer Schriftstellerin. Sie schrieb über ihre Erlebnisse, in denen sie half, Strassenkindern in Brasilien ein besseres Leben zu ermöglichen. Ich war geschockt zu lesen, unter welchen schrecklichen Umständen einige Kinder zu leben haben und war fasziniert darüber, wie viel Veränderung eine junge Frau ins Leben Unprivilegierter bringen konnte. Ich hoffte, eines Tages das Gleiche tun zu können. Diesen Gedanken trug ich immer bei mir und der Wunsch verstärkte sich mit den Jahren. Da ich in einem der reichsten Länder der Welt aufwuchs, wollte ich mich mehr und mehr von dem distanzieren, worauf hierzulande sehr viel Wert gelegt wird: Materialismus. Ich hatte das Gefühl, durch den Überfluss, den Sinn der wahren Werte im Leben zu verlieren. Deswegen entschied ich mich, nach meinem Schulabschluss nach Afrika zu reisen.
Ich wollte in ein wirklich armes Land fliegen und einen völlig anderen Lebensstil kennenlernen. Da wir alle auf dem gleichen Planeten wohnen, fühlte ich mich fast verpflichtet zumindest zu wissen, wie die Leute auf anderen Teilen der Erde leben. Ich hoffte, etwas zu verändern und Leute glücklich machen zu können.
Bei meiner Ankunft im Flughafen in Ndola, wurde ich aufs herzlichste willkommen geheissen. Die Schüler der Mackenzie Community Schule, wo ich später arbeiten würde, begrüssten mich mit Liedern und Blumen.
In Mackenzie wohnen ca. 7'000 Leute ohne Elektrizität und ohne fliessendes Wasser. Dank einem "Ernährungsprogramm" kriegen alle Kinder zwei Mahlzeiten am Tag. Ohne dieses humanitäre Projekt hätten die meisten nichts zu essen. Die Mackenzie Community Schule hat zwei Klassenzimmer, in denen 350 Schüler von drei freiwilligen Lehrpersonen unterrichtet werden. Ein paar Mal in der Woche half ich den Lehrpersonen in ihrer Anstrengung, den Kindern das Lesen beizubringen. Das war keine einfache Aufgabe, da viele von ihnen unterernährt sind und sich deshalb während dem Unterricht nicht konzentrieren können.
Ich war sehr berührt zu sehen, wie Leute wie diese Lehrpersonen das Herz und den Willen haben, ohne jeglichen Lohn zu unterrichten, während sie selbst so sehr ums Überleben kämpfen. Sie investieren so viel Zeit und Energie daran, ihr Grundwissen an Schüler weiterzugeben, deren Eltern kein Geld haben, um sie in öffentliche Schulen zu schicken.
Mit meinem Gastvater Nicholas' einzigen Laptop konnte ich mehreren Schülern und Lehrpersonen von Mackenzie die Basisfunktionen eines Computers beibringen. Die meisten von ihnen haben noch nie zuvor einen Computer gesehen und viele konnten nicht glauben, dass diese Stunden kostenlos waren; es war für sie unvorstellbar. Zu Beginn sah ich den Sinn dieses Unterrichts nicht. Nachdem ich aber gesehen habe, dass einige Schüler bei unerträglicher Hitze stundenlang liefen, um an den Stunden teilzunehmen, wurde mir eines klar: Auch nur die einfachsten Grundfunktionen eines Computers zu kennen, gab ihnen Hoffnung auf einen Job in der Zukunft und öffnete ihnen ein Fenster in ihrem Elend.
Ihr Elend konnte ich zu Beginn nicht ganz verstehen. Deswegen starteten wir ein kleines Projekt, das sehr wertvoll für mich war. Nach und nach überwanden die Schüler ihre Verlegenheit und hiessen mich in ihrer bescheidenen Welt willkommen. Zweimal in der Woche machten sich Papa Nicholas und ich auf den Weg ins Herz von Mackenzie und besuchten das Zuhause der Schüler. Ich war fassungslos als ich sah, dass man vier Schlammwände mit Löchern, die als Fenster und Türen dienen sollten, als "Zuhause" bezeichnen konnte. Das Dach bestand aus Blechplatten mit Steinen als Schutz gegen starke Winde. Einige Quadratmeter dienten zugleich als Wohnzimmer, Küche und als Schlafzimmer für eine mehrköpfige Familie. Als "Toilette" wurde ein Loch in die Erde neben dem Haus gegraben. Ich brauche nicht zu erwähnen, dass sich die Schüler schämen, in dieser Community zu wohnen. Deswegen war es ein grosser Schritt für sie, mich in ihr privates Zuhause zu lassen. Für beide Seiten war es eine grosse Herausforderung. Wir mussten Scheu, Verlegenheit, Vorurteile und Groll überwinden, um schliesslich die Mauern der sozialen Unterschiede zu durchbrechen und zu erkennen, dass egal woher wir kommen, wir im Herzen alle gleich sind.
Eine andere Tätigkeit, die wirklich mein Herz bewegte, war im Waisendorf zu arbeiten. Dort werden 117 Kinder im Alter von 0 bis 13 Jahre von zwölf Erwachsenen betreut. Einige Kinder wurden von ihren Eltern ausgesetzt, weil sie krank waren und andere verloren ihre Mütter bei der Geburt. Viele Kinder sind bei der Ankunft im Waisendorf unterernährt, physisch oder psychisch behindert oder sind HIV-positiv.
Bei meinem ersten Besuch im Waisendorf war ich überrascht zu sehen, wie ich plötzlich von so vielen glücklichen Gesichtern umgeben war. Ich sah so viele kleine Arme, die sich nach mir ausstreckten in der Hoffnung, in meine Arme zu können. Die Kinder wuchsen mir vom ersten Augenblick an ans Herz und zum ersten Mal in meinem Leben hörte ich, wie mich jemand "Mommy" nannte. Dort machte ich alle kleinen Jobs, die eine Mami macht: kochen, Windeln wechseln, die Babies füttern, Kleider bügeln und natürlich mit den Kindern spielen. Die Tage waren lang und erschöpfend, doch am Ende des Tages bekam ich so viel mehr zurück als ich gab, dass es mir überhaupt nichts ausgemacht hätte, länger dort zu bleiben. Man fühlt, wie sehr diese Kinder einen brauchen und dann realisiert man, dass ihr grösster Verlust, der Verlust der Liebe ist.
Es gab Momente da fühlte ich mich überrumpelt vom unendlichen Elend um mich herum. Ich begann daran zu zweifeln, dass all meine Mühen eine Veränderung im Leben der Anderen bewirken würden. Wie leichtsinnig von mir zu glauben, dass ich mit so grossen Problemen umgehen könnte. Doch Papa Nicholas erklärte mir oft, dass kleine Dinge eine unerwartet grosse Wirkung auf das Leben der Menschen haben können. Einmal sagte er mir, dass wenn ich die Kinder auf der Strasse grüsse oder ihnen nur zuwinke, sie das den Rest des Tages glücklich macht. Ein anderes Mal als wir durch die Strassen Mackenzies liefen erwähnte er, dass sich die Leute hier oft von der Regierung, die nie ihre Versprechungen hält, vergessen fühlen. Mit jedem Sonnenuntergang verschwinden sie in der Dunkelheit, ignoriert vom Rest der Welt. Eine weisse Person durch ihre Strassen laufen zu sehen, ist für sie ein Zeichen der Hoffnung, dass sich irgendwo jemand für sie interessiert. Oft fühlte ich, dass die Leute mir viel mehr gaben, als ich ihnen geben konnte. Die in einem Plastiksack eingewickelten paar Kekse, die ich von einem Schüler zu meinem Geburtstag bekommen habe, waren ein Ausdruck seiner bedingungslosen Grosszügigkeit.
Mit der Reise nach Sambia erfüllte ich mir einen meiner grossen Träume. Das wäre nicht möglich gewesen ohne die Hilfe und Unterstützung von meiner sambischen Familie. Herzlichen Dank an Papa Nicholas, der jeder Situation, egal wie schwer oder herausfordernd sie war, mit einem ansteckenden Lachen gegenüberstehen konnte. Danke an Mama Antoinette für ihre mütterliche Fürsorge. Mit meiner 9-jährigen Schwester Anna lernte ich ein bisschen Bemba. Mit ihr abzuwaschen war immer sehr aufregend, auch wenn die Angst riesig war, dass ein Chongololo in die Küche krabbeln würde. Oft hörte ich meine 7-jährige Schwester Stephanie im Schlaf lachen. Doch das Lachen wandelte sich in ein Kreischen, wenn eine Kakerlake es wagte, ihr Kopfkissen zu überqueren. Mit meinem 3-jährigen Bruder Nico konnte ich wieder ein Kind sein. Mit ihm als Bodyguard konnte ich mich sicher ausserhalb der Mauern aufhalten.