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Das Land ist unsere Mutter
Es begann im Jahr 1916. Daher Nassar, der Grossvater der heutigen Familie Nassar, erwarb ein Landstück im Südwesten von Bethlehem. Das Ottomanische Reich im Mittleren Osten, zu dessen Einflussbereich auch Palästina gehörte, stand vor dem Zusammenbruch. Aus dieser Zeit verfügte Daher Nassar über einen schriftlich dokumentierten Landtitel und konnte damit auch in der folgenden Britischen Mandatszeit zwischen den beiden Weltkriegen das Land offiziell registrieren lassen.
Dahers Söhne Bishara und Nayef hüteten mit viel Engagement das Erbe ihres Vaters. Nayef lebte über Jahre in einer Höhle auf dem Land während Bishara mit seiner Frau Meladeh und der neunköpfigen Familie den Boden kultivierten durch den Anbau von Oliven, Weintrauben, Mandeln, Getreide. So wuchs über die Generationen eine tiefe Beziehung zum Land, das für sie wie eine Mutter ist. Diese Beziehung hat ihre spirituellen Wurzeln auch im Engagement der Familien als Mitglieder der evangelischen Gemeinde in Bethlehem. Ihren Einsatz für die Bewahrung des Landes verstanden und verstehen sie auch als Stärkung der Präsenz der christlichen Minderheit im Land der Bibel.
Der juristische Kampf
Aber die Präsenz war zunehmend gefährdet. Mit der „Nakba“, der palästinensischen „Katastrophe“ nach 1948, der Gründung des Staates Israel und der Vertreibung hunderttausender Menschen aus ihren Städten und Dörfern, setzten auch der Raub und die Konfiszierung von palästinensischem Landbesitz in grossem Ausmass ein. Mit den Verträgen von Oslo, 1995, wurde ein Grossteil des besetzten Landes als Staatsland deklariert, unter ausschliesslicher militärischer und ziviler Kontrolle durch die israelischen Behörden. Auch das Landstück der Familie Nassar wurde diesem „Staatsland“ zugeschlagen. Allein die Tatsache, dass die Familie seit 1916 über einen schriftlich dokumentierte Landtitel verfügt, konnte eine Enteignung bis heute verhindern. Der einsetzende Kampf gegen die Enteignung, der bis heute andauert, ist aber buchstäblich teuer erkauft.
Dahers Weinberg
In dieser existenzbedrohenden Situation starteten die Kinder von Bishara Nassar das Projekt „Zelt der Völker“ auf dem Land, dem sie im Gedenken an den Grossvater den Namen „Dahers Weinberg“ gaben. Der aufreibende juristische Kampf, der mittlerweile an die 170‘000 US-Dollar verschlungen hat, wurde inzwischen bis ans Oberste Gericht in Israel gezogen. Nachdem die Familie Nassar sämtliche geforderten Unterlagen vorgelegt hat, forderte das Gericht die israelische Militärbehörden auf, einer Neuregistrierung des Landes nachzukommen. Eine Reaktion und Antwort der Militärbehörden steht jedoch bis heute aus. Die ungewisse juristische Situation hat zur Folge, dass die Entwicklung verschiedener Projekte auf“ Dahers Weinberg“ erschwert werden: Fehlende Baubewilligungen, Zugang zu Wasser und Elektrizität u.a. Eine entgegengesetzte Entwicklung ist hingegen in vollem Gang: Rings um „Dahers Weinberg“ wachsen die illegalen Siedlungsblöcke der israelischen Besatzer, unter Verletzung des Völkerrechts. Mehr noch: Immer wieder kommt es zu Übergriffen israelischer Siedler mit Zerstörungen der Baumkulturen, der Wassertanks und mit Blockaden auf den Zufahrtswegen zu „Dahers Weinberg“.
Ein Friedensprojekt
Allen Widrigkeiten zum Trotz halten die Nachkommen auf Dahers Weinberg an der Vision ihres Grossvaters fest. Sie betreiben dafür nicht nur beharrlich die landwirtschaftliche Entwicklung ihres Hügels in einer wunderbaren Landschaft. Ebenso wichtig ist ihnen der Aufbau eines Friedens- und Begegnungsprojekts mit verschiedensten Aktivitäten unter dem Dach von „Zelt der Völker“. Dem politischen Druck, den Leiden und Frustrationen wollen sie nicht mit Resignation oder Emigration begegnen, sondern mit kreativen Projekten eines gewaltfreien Widerstands. Nach dem Leitwort: „Wir weigern uns Feinde zu sein“.
Es ist ein grosses Glück, das die Akteure auf „Dahers Weinberg“ dabei auf eine wachsende lokale und internationale Solidarität und Unterstützung zählen können. Das Engagement von Freundeskreisen in mehreren Ländern, die zahlreichen Volontäre und Besucher/innen, die auf dem Land in den Projekten mitarbeiten, die schon langjährige Präsenz von Zivildienstleistenden geben davon eindrücklich Zeugnis. Auch für die palästinensische Bevölkerung in den umliegenden Dörfern ist „Dahers Weinberg“ inzwischen zu einer Hoffnung geworden. Sie bestärken sie in ihrem eigenen Kampf für ihr Land und ihre Existenz und ermutigen sie für den gemeinsamen Einsatz für ein Leben in Frieden und Gerechtigkeit, für sie und ihre nachfolgenden Generationen.