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Chimia 38 (1984) Nr. 6 (Juni)
Es scheint mir gerade heute wichtig, das Vorgehen von Werner Kuhn vor Augen zu haben: völlig unbenommen an ein Problem heranzutreten und nichts, mögen noch so hohe Autoritäten dahinterstehen, unbesehen hinzunehmen, das Problem genau zu durchdenken, immer wieder neu zu durchdenken und bei diesem Vorgehen ganz andere Aspekte zu entdecken und zu durchdringen.
Abb. 26: Streulicht-Depolarisation (1 bzw. 2 Polarisierbarkeit des Fadenelements parallel bzw. senkrecht zu seiner Achse, = (1 + 22)/3)
Damals, zur Zeit des Weltkriegs, hat sich der fehlende Informationsaustausch mit dem Ausland in jeder Beziehung sehr erschwerend ausgewirkt. Beispielsweise führte eine in Basel entwickelte Theorie der Lichtstreuung von Fadenmolekülen in Lösung zu einer Beziehung [24a], die, wie sich später herausstellte, mit einer von Debye [24b] gleichzeitig in USA gewonnenen Beziehung identisch war. Die Debye-Beziehung ist heute allgemein bekannt, die Basler Bemühungen waren umsonst. Auch die Beziehung in Abb. 26 für die Depolarisation des Streulichts einer Fadenmoleküllösung, die nützlich sein könnte, blieb unbemerkt. Die Fadenmoleküle, die Werner Kuhn damals in den 40er Jahren so ausserordentlich engagiert bearbeitet hat, waren in der Zeit, als ich das grosse Glück hatte, in seinem Institut arbeiten zu können (bis 1953), keineswegs das einzige Thema, das sein Interesse in Anspruch nahm.
Abb. 27: a) Destillationskolonne, die auf dem Haarnadelgegenstromprinzip beruht
b) Destillationsanlage, die auf Grund einer Idee von Werner Kuhn entwickelt wurde. Im Bau und in Funktion
Werner Kuhn hatte kurz vorher eine Theorie der fraktionierten Destillation für den Fall entwickelt, dass der Dampf in einem engen Rohr hoch steigt und die Flüssigkeit an dessen Wand zurück fliesst [25] (Abb. 27a).
Er erkannte, dass bei strengem Einhalten der Bedingungen (Temperatur, Strömungsgeschwindigkeit, Rücklaufverhältnis) die Trennstufenzahl viel höher gemacht werden kann als in üblichen Kolonnen. Auf Grund genauen Durchdenkens aller Gegebenheiten entwarf er Kolonnen für die Isotopentrennung, die er zuerst mit Kaspar Ryffel, dann mit Peter Baertschi, Peter Massini und Max Thürkauf für die Gewinnung von schwerem Wasser entwickelte [26]. Heute werden Destillationsanlagen, die auf der Basis dieser Ideen zu industrieller Reife weiterentwickelt wurden, weltweit eingesetzt (Abb. 27b). Die destillative Isotopentrennung führte Werner Kuhn zur Frage nach den molekularen Ursachen der Dampfdruck-Isotopie-Effekte, einem Problem, zu dessen Lösung er mit Peter Baertschi Grundsätzliches beitrug [27].
S.201