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"Gendern", das sprachliche Anpassen an Geschlechterrollen ist heute in aller Munde. Es ist ein Thema, das für viele Linke eine Herzensangelegenheit ist und das viele Rechte zur Weissglut bringt. In diesem Artikel wird erklärt, worum es bei der ganzen Thematik geht und welche Vor- und Nachteile die verschiedenen "Genderformen" haben. Soll man statt Lehrer besser Lehrperson sagen? Oder Lehrerinnen und Lehrer? Oder Lehrer*innen?
Generische Formen
Im besonderen Augenmerk steht eine Spezialform des generischen Maskulinums (vgl. dazu auch den ausführlichen Artikel »Das generische Maskulinum). Worte wie Lehrer, Bäcker, Ärzte, Anwälte haben im Deutschen zwei Bedeutungen: zum einen sind es genderneutrale Bezeichnungen für Berufe oder Haupttätigkeiten. Zum anderen werden sie aber auch explizit dazu verwendet, um nur Männer anzusprechen. Diese Doppelbedeutung ist durch das Hervorheben der Frauen durch ein "-in" entstanden und ist beim generischen Maskulinum die Regel. Analog dazu gibt es dasselbe auch beim generischen Femininum. Die Katze kann genderneutral alle Katzen bezeichnen - oder nur die weibliche Katze. Dies ist deshalb so, weil es eine explizit maskuline Form gibt, den Kater.
Es gibt auch viele generische Formen, die rein neutral sind, die also keine Doppelbedeutung haben. Das Mitglied, die Person, der Mensch beziehen sich explizit nicht auf einen Sexus, weshalb sie in der Regel auch nicht als problematisch erachtet werden, auch wenn es auch hier die Tendenz gibt, auf einen Sexus zu schliessen. So wird immer wieder dem absolut neutralen "Mitglied" eine weibliche Form hinzugesellt, denken viele eher an eine Frau, wenn die Rede ist von einer Person. Grundsätzlich sind das aber eher Nuancen, wo bei der oben erwähnten Spezialform des generischen Maskulinums in vielen Fällen der Bezug auf das Männliche sehr stark ist. Dies betrifft besonders die Einzahl. Spricht man davon, dass man zum Anwalt geht, denken die meisten primär an einen Mann, was sich dadurch erklären lässt, dass man ja sonst sagen könnte, dass man zur Anwältin geht. Formal ist es aber auch korrekt, Anwalt als generische Form zu verwenden, die sich auf den Beruf des Anwalts bezieht und keine Aussage zum Geschlecht macht.
Auch im Plural gibt es die Tendenz das generische Maskulinum stärker auf Männer zu beziehen. Spricht man davon, dass sich Ingenieure zu einem Treffen versammelt haben, denkt man eher an eine Gruppe von Männern. Dies ist aber auch so, wenn man von einer Gruppe von Dentalhygienikern spricht, obwohl die meisten Dentalhygieniker Frauen sind. Gerade dieser letzte Teilsatz zeigt aber auch, dass das generische Maskulinum nicht immer problematisch ist. Der Satz "die meisten Frauen sind Ärzte" ist völlig unproblematisch wie auch der Satz "alle Einwohner der Stadt mussten vor dem Vulkanausbruch fliehen" oder "an unserer Schule gibt es Lehrer beiderlei Geschlechts".
Da das generische Maskulinum in vielen, wenn auch längst nicht allen Fällen eher auf einen Mann schliessen lässt, gibt es das Bestreben es durch andere Formen zu ersetzen. Doch all diese anderen Formen haben ebenfalls ihre Tücken.
Verwendung des generischen Femininums/Neutrums und des Partizip I
Manche Begriffe lassen sich leicht ersetzen. So wird heute oftmals statt von Lehrern von Lehrpersonen gesprochen, es wird also ein generisches Maskulinum mit Doppelbedeutung durch ein generisches Femininum ersetzt. In vielen Fällen gibt es diese Möglichkeit aber nicht und es geschieht hier auch eine Bedeutungsverschiebung. Lehrer ist ein Beruf, eine Lehrperson ist einfach eine Person, welche lehrt. Es wird also ein Begriff durch einen anderen ersetzt, der aber nicht synonym ist. Zudem wird durch die Verwendung von generischen Feminina die deutsche Sprache noch stärker durch weibliche Formen geprägt als sie es ohnehin schon ist - fast die Hälfte der Substantive in der deutschen Sprache sind Feminina ("die") und nur gut 30 Prozent Maskulina ("der"). Zudem wird auch der Plural oft durch das Femininum gebildet: die Lehrer gehen in ihr Zimmer, um ihre Prüfungen zu korrigieren.
Wo der Ersatz durch ein generisches Femininum nicht möglich ist werden geren substantivierte Begriffe mittels Partizip I verwendet. Aus Schülern werden dann etwa Lernende. Der Begriff ist im Plural genderneutral, da es keine Form "Lernendinnen" oder ähnlich gibt. In der Einzahl ist der Begriff aber weiterhin ein generisches Maskulinum. Der Ausdruck "die Lernende ist in der Bibliothek" bezeichnet zwingend eine Schülerin oder einen weiblichen Lehrling. Der Ausdruck "der Lernende ist in der Bibliothek" bezeichnet in der Regel zwar einen männlichen Schüler oder männlichen Lehrling, kann aber auch genderneutral verwendet werden. Dies zeigt sich zum Beispiel dann, wenn eine Lehrerin ein Problem mit "einem Lernenden" hat. Will sie sich nicht auf ein Geschlecht festlegen (um die Aussage möglichst anonym zu gestalten) bleibt ihr nur der generische Ausdruck "der Lernende", auch wenn es sich um ein Problem mit einer Lernenden hat. Sie könnte hier also genausogut weiterhin "Schüler" verwenden. Die Verwendung von "Lernenden" anstelle von "Schülern" löst das Problem also nur teilweise, führt aber zu Nebenwirkungen.
Denn auch hier findet eine Bedeutungsverschiebung statt. Ein Lernender ist nicht dasselbe wie ein Schüler. Das Partzip I betont den aktuellen Ablauf einer Handlung. Lernende sind also Menschen, welche im Moment lernen. Da man auch sagen kann, dass man sowieso immer etwas lernt, sind im Prinzip alle Menschen Lernende. Schon bei den Studierenden ist es schwieriger, weil ein Student auch dann als Haupttätigkeit studiert, wenn er grad Party macht und sprachlich kein Studierender ist. Umgekehrt kann ein Studierender auch einfach ein nachdenkender Mensch sein, der noch nie irgendwo als Student eingeschrieben war.
Zudem lässt sich die Partizipalform nur begrenzt erweitern. So spricht niemand vom Backenden oder vom Arztenden. Während beim Arztenden die sprachliche Form schlicht nicht existiert, ist ein Bäcker nicht jemand, der nur bäckt, sondern auch Maschinen bedient, Teig herstellt, Waren verkauft, die Buchhaltung macht, aufräumt etc. Im Gegensatz zum Lernen, das quasi universell einsetzbar ist, umfasst die Aufgabe des Backens nur einen Teil dessen, was ein Bäcker tut, weshalb das Partizip I hier auch nicht als Ersatz für den Beruf "Bäcker" funktioniert. Ein Fussgänger wiederum ist tatsächlich jemand, der in dem Moment, wo er Fussgänger ist auch zu Fuss geht. Er ist also in diesem Sinne korrekterweise ein "zu Fuss Gehender", trotzdem hat sich diese Form bislang nicht durchsetzen können. Sonst müsste es heute auch "Zu Fuss gehende Ampel" oder so heissen statt Fussgängerampel.
Die Ersetzung durch genderneutrale Begriffe funktioniert also nur in speziellen Fällen und hat noch eine weitere Nebenwirkung. Es geschehen nicht nur Bedeutungsverschiebungen, sondern die Sprache erhält auch einen künstlichen Klang. Es ist spürbar, dass diese Formen nicht natürlich gewachsen sind, sondern sie von irgendwelchen Leuten erfunden und verbreitet wurden. In die Alltagssprache finden sie nur rudimentär Eingang.
Dies hat auch mit den bereits erwähnten Bedeutungsverschiebungen zu tun. Die Ersetzung des generischen Maskulinums wird ja ideologisch begründet, da dieses Frauen benachteilige, respektive Männer bevorzuge. Nicht alle Menschen (auch längst nicht alle Frauen!) sehen das aber so und setzen das als oberste Priorität. Intuitiv ist das Partizip I nicht gleichbedeutend mit dem generischen Maskulinum und es widerspricht dem Sprachgefühl. Lehrer und Lehrperson bezeichnen nicht dasselbe, die Ersetzung des Wortes Lehrer durch Lehrperson geht einher mit einer Abwertung des damit Bezeichneten. Wenn ein Lehrer sagt, dass Lehrer sein Beruf sei, ist die Aussage korrekt, wenn er aber sagt, dass Lehrperson sein Beruf sei, dann ist das sprachlich falsch. Lehrperson ist keine Berufsbezeichnung. Ein Schüler ist primär ein junger Mensch, dessen Haupttätigkeit es ist zur Schule zu gehen. Das Wort Lernende hingegen bezieht sich aussschliesslich auf das Lernen und hat deshalb eine völlig andere Bedeutung. Und diese Bedeutungsverschiebung widerspricht dem Sprachverständnis vieler Menschen, zumal wenn sie mit der Verwendung des generischen Maskulinums zumindest in der Regel kein Problem sehen.
Die Frage stellt sich also, ob man die Betonung des Sexus als sinnvoll betrachtet oder es wichtiger findet, dass die Sprache differenziert und korrekt angewandt wird. Je nachdem wie man dies bewertet sieht man im generischen Maskulinum eine mehr oder weniger sinnvolle Ausdrucksweise.
Verwendung der weiblichen Form statt des generischen Maskulinums
Um Frauen in der Sprache stärker hervorzuheben wird das generische Maskulinum manchmal durch rein feminine Begriffe ersetzt. Es ist dann die Rede von Herr Anwältin, statt von Lehrern wird konsequent nur von Lehrerinnen gesprochen etc. Diese Form des Genderns ist sprachlich deshalb problematisch, weil das generische Maskulinum eine Doppelbedeutung enthält, die feminine Form aber nicht. Spricht man von Lehrerinnen sind damit im Deutschen grundsätzlich nur Frauen gemeint, wo bei der Rede von Lehrern entweder grundsätzlich alle Menchen mit dem Beruf des Lehrers bezeichnet werden oder wenn explizit von Männern die Rede ist von männlichen Lehrern. Es handelt sich hierbei also um eine ideologisch motivierte Umformung, die der deutschen Sprache nicht gerecht wird.
Abwechseln von Femininum und Maskulinum
Selten wird das "Problem" dadurch gelöst, dass alternierend Femininum und Maskulinum verwendet werden. Die Patienten gehen bei dieser Form unter Umständen auch dann zu Ärztinnen, wenn es sich ausschliesslich um Patientinnen und männliche Ärzte handelt. Diese Form ist verwirrend, da sie einerseits ausdrücken soll, dass das Geschlecht keine Rolle spielt, zugleich aber das Geschlecht überbetont. Die Verwendung des Suffix "-in" als generische Form ist zudem sprachlich falsch. Eine Ärztin ist im Deutschen ausdrücklich eine Frau und kann nicht auch auf Männer bezogen werden.
Verwendung des Binnen-I
Eine der ersten Ersatzformen für das generische Maskulinum war das "Binnen-I". Statt von Lehrerinnen und Lehrern zu schreiben, wurde quasi abgekürzt "LehrerInnen" formuliert. Das Binnen-I hat sich aber bislang nie durchsetzen können und es spricht auch einiges dagegen:
- das Binnen-I lässt sich mündlich nicht aussprechen, respektive wird mündlich nur die feminine Form ausgesprochen.
- das Binnen-I ist grammatikalisch falsch, Grossbuchstaben innerhalb eines Wortes sind in der deutschen Sprache nicht vorgesehen.
- es ergeben sich schnell unschöne Ausdrücke wie "der/die SchülerIn geht in die Mensa".
- das Binnen-I betont Männer und Frauen, Intersexuelle könnten sich aber ausgeschlossen fühlen.
Verwendung beider Formen
Um das "Binnen-I" auch in mündlicher Form zur Geltung kommen zu lassen und hervorzuheben, dass man explizit nicht nur Männer meint wird das generische Maskulinum manchmal grundsätzlich ersetzt durch die explizite Nennung beider Formen. Die Rede ist dann von "Liebe Lehrerinnen und Lehrer, liebe Schülerinnen und Schüler" etc.. Eine solche Verwendung hat sich in gewissen Situationen durchgesetzt, insbesondere bei der Anrede. Aber auch gegen diese Form spricht einiges:
- die Verwendung beider Formen ist umständlich und zeitraubend.
- es ergeben sich schnell schwer verständliche und kaum aussprechbare Sätze: "Der Lehrer / die Lehrerin, der/die mehr als 20 Schülerinnen oder Schüler in einer Klasse hat soll sich beim Abteilungsleiter / der Abteilungsleiterin melden". Oder "Beauftragen Sie eine Klassenkollegin oder einen Klassenkollegen, der/die das Unterrichtsmaterial für Sie sammelt". Oder "Ein Bauer / eine Bäuerin kann mit seinem/ihrem Traktor pro Tag eine Hektare seines/ihres Ackers umpflügen. Wie lange dauert es, bis er/sie...(etc.)". Solche Sätze lassen sich allerdings manchmal durch die Verwendung des Plurals vereinfachen.
- die ständige Ergänzung der weiblichen Form ist sprachlich nur bedingt sinnvoll, weil das generische Maskulinum eben auch eine generische Form enthält. Diese Doppeldeutung wird allmählich unsichtbar gemacht, was zu einer sprachlichen Verschiebung und weiteren Problemen führen könnte. Ist die Rede von Lehrern, sind damit in der Regel Lehrer beiderlei Geschlechts gemeint. Spricht man nun von Lehrerinnen und Lehrern wird die maskuline Bedeutung des generischen Maskulinums hervorgehoben, die eigentlich ja gerade eliminiert werden soll. Sie bezeichnet explizit Berufe und Haupttätigkeiten, existiert auch bei Gegenständen (der Staubsauger) und es gibt Sätze, wo sie kaum ersetzt werden kann: "Frauen sind die besseren Autofahrer".
- die ständige Ergänzung der weiblichen Form überbetont die Bedeutung des Sexus. In einem Text über ein Fachthema wird damit bei jeder Nennung betont, dass das Geschlecht besonders wichtig sei - und lenkt vom Fachthema ab. Generische Formen hingegen sind in diesem Sinne genderneutral und oftmals adäquater.
- mit der ständigen Ergänzung der weiblichen Form wird betont, dass es erstaunlich sei, dass es auch Frauen eines bestimmten Berufs gebe. Nennt man zu Beginn beide Geschlechter hat man damit klargemacht, dass man sich der Problematik bewusst ist. Wird es aber permanent wiederholt, fokussiert man wiederum darauf, dass der Sexus die wesentliche Information ist und nicht der Beruf oder die Haupttätigkeit. Denn dies ist ja die "erste" Bedeutung des generischen Maskulinums und die maskuline nur eine abgeleitete Bedeutung davon.
- die Verwendung beider Formen führt also zu einer Sexualisierung der Sprache, indem sie das Geschlecht permanent betont und die Hauptfunktion des generischen Maskulinums, die Bezeichnung eines Berufs oder einer Haupttätigkeit abwertet.
- die Verwendung beider Formen schliesst Intersexuelle ebenfalls aus.
Verwendung von Sonderzeichen
Schon vor längerer Zeit wurde statt des Binnen-I ein "_" verwendet wie bei Lehrer_innen. Grammatikalisch ist es grundsätzlich problematisch Sonderzeichen innerhalb von Wörtern zu verwenden. Dennoch ist eine davon abgeleitete Form zurzeit recht weit verbreitet, vor allem Unternehmen setzen sie ein. Statt des "_" wird allerdings ein "*" oder ein ":" verwendet.
Diese Form soll das Problem mit dem Ausschliessen von Intersexuellen beheben. Es sind zwar weit über 99 Prozent aller Menschen biologisch eindeutig Männer oder Frauen, aber eben nicht alle. Die Frage stellt sich letztlich, ob es sinnvoll ist, wegen unter 1 Prozent der Menschen die Sprache anzupaassen, zumal, wie wir weiter unten zeigen werden, daraus viele neue Probleme entstehen.
Die Verwendung von "*" und ":" wird heute meist anders begründet und zwar damit, dass man auch Transsexuelle und allgemein Menschen, die sich als "Queer" bezeichnet damit integrieren möchte. Diese Argumentationsweise hält einer näheren Betrachtung aber nicht stand. Denn gerade Transsexuelle sind eindeutig biologische Männer oder Frauen und fühlen sich in der Regel ebenfalls eindeutig dem anderen Geschlecht zugehörig. Sie sind also bei der binären Verwendung von Mann und Frau durchaus integriert - entweder über das biologische oder über das gefühlte Geschlecht. Nonbinäre Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann sehen sind deshalb eine noch kleinere Minderheit.
Problematischer ist, dass "*" und ":" heute oft mit einer radikalen, unwissenschaftlichen Theorie begründet wird, dass es biologische Geschlechter gar nicht gebe und man seine sexuelle Orientierung frei selbst wählen könne (vgl. dazu den Artikel »Sex und Gender - freie Wahl des Geschlechts?). Dies betrifft aber wiederum nicht Transsexuelle, weil diese ihr gefühltes Geschlecht eben gerade nicht frei wählen. Vielmehr bezieht es sich auf eine zusätzliche Verwendung des Begriffs "Gender". Während Gender das soziale Geschlecht in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht bezeichnet, also als was man sich fühlt, wurde der Bedeutung Gender eine zusätzliche, völlig davon verschiedene Bedeutung hinzugefügt, wir nennen es hier der Einfachheit halber Gender 2. Dieses bezieht sich nicht mehr auf irgendein biologisches Geschlecht, sondern soll die sexuelle Orientierung zum Ausdruck bringen. Es soll über 60 unterschiedliche Gender 2 geben. Dies hat offensichtlich nichts mehr mit der Biologie zu tun, wo es darum geht die zwei für die Reproduktion notwendigen Geschlechter zu bezeichnen. Vielmehr bezeichnet man mit Gender 2 Dinge wie "subdominante heterosexuelle Person" oder "dominante homosexuelle Frau" etc. (1)
Stern oder Doppelpunkt beziehen sich in dieser Bedeutung nicht mehr auf ein biologisches Geschlecht oder ein gefühltes, durchaus auch auf Biologie basierendes Gender 1, sondern auf sexuelle Orientierungen aller Art (=Gender 2). Die Frage stellt sich dann, ob es wirklich sinnvoll ist dafür die Sprache anzupassen oder ob man in diesem Fall nicht auch andere Vorlieben und Eigenschaften hervorheben müsste. Handelt es sich bei einem Arzt um einen weissen, 50 jährigen Mann mit Sprachstörung und Schuppen oder um eine dunkelhäutige junge Frau mit Sommersprossen? Ist die sexuelle Orientierung wirklich die wichtigste Eigenschaft, die man explizit sprachlich hervorzuheben hat?
Wie schon bei anderen Beispielen kommt hier das Problem der sprachlichen Kompliziertheit dazu. Das Sternchen lässt sich kaum überlesen und es springt jedesmal ins Auge und betont, dass hier eine wichtige Zusatzinformation ist, wobei unklar bleibt, welche Information das ist. Der Doppelpunkt ist in dieser Hinsicht deutlich weniger aufdringlich und kann leichter überlesen werden. Es stellt sich aber bei beiden Formen die Frage, ob damit der Zweck, die männliche Konnotation des generischen Maskulinums zu überwinden erreicht wird. Musste man aus diesem aus dem Kontext erschliessen, ob die generische oder die maskuline Bedeutung gemeint ist, wird man hier ständig darauf hingewiesen, dass Sexualität das absolut Wichtigste ist und deshalb ständig hervorgehoben werden muss. Ziel sollte es hingegen sein, das Geschlecht gerade nicht zu betonen, um damit echte Gleichberechtigung zu erreichen, die keine Unterschiede mehr macht zwischen Geschlechtern und die möglichst genusneutral sein sollte.
Sternchen und Doppelpunkt lassen sich grundsätzlich in wenig komplexen Sätzen verwenden. Wie bei den Doppelformen sind Texte aber deutlich schwerer zu lesen und oftmals kaum auszusprechen. Für die Aussprache wird der sogenannten "Glotisschlag" vorgeschlagen, eine kurze Pause zwischen "Lehrer-" und "-innen". Damit wird aber auch in der gesprochenen Sprache der Sexus wieder über alles erhoben und macht es die Sprache träger. Zudem wird in vielen Fällen das Maskulinum unterschlagen, die Sprache ist also wiederum ungerecht - und viele Sätze lassen sich kaum oder nicht aussprechen wie etwa: "Wir suchen eine*n erfahrene*n Manager*in" oder "wir suchen eine*n begeisterte*n Teilnehmer*in für unsere Studie zum Thema Verbraucher*innenschutz".
Schriftlich können sich daraus regelrechte Ungetümer ergeben. Das folgende Beispiel ist natürlich ein gesuchtes Beispiel, zeigt aber die Problematik gut auf: "Zum Nachweis der Berechtigung muss der oder die Antragssteller*in bei dem oder der Bürgermeister*in oder dessen/deren Stellvertreter*in einen Antrag stellen. Im Falle abgelehnter Anträge können Antragssteller*innen bei der/dem Gleichstellungsbeauftragten ein Widerspruchbegehren einreichen. Nicht ortsansässige Bürger*innen, die sich nicht ausweisen können, wenden sich an den/die zuständige*n Landrat*rätin."
In vielen Fällen lässt sich der "Genderstern" überhaupt nicht sinnvoll anwenden, nur schon bei Ärzt*e"innen, An*walt*wältinnen, Bauer*Bäuerin (?), Kolleg*e*in, J*uden*üdinnen etc., aber auch als konstruiertes Extrembeispiel bei "Bürger*innenmeister*innengehilf*innen".
(m/w/d)
Vor allem in Stellenbeschreibungen findet man häufig die Form "gesucht wird ein Geschäftsführer (m/w/d)". Damit soll ausgedrückt werden, dass nicht ein männlicher Geschäftsführer gesucht wird, sondern ein Geschäftsführer unabhängig vom Geschlecht. Deshalb der Zusatz männlich/weiblich/divers, wobei sich "divers" an all jene Personen richtet, welche sich nicht in das männlich-weiblich Schema einordnen können oder wollen. Nicht ganz ohne Ironie ist dabei, dass hier das generische Maskulinum in seiner generischen Form verwendet wird - also das (m/w/d) auch einfach weggelassen werden könnte, da ohne Zusatz "männlich" zwingend auch die generische Form verstanden werden kann und somit eindeutig alle inkludiert sind, unabhängig von ihrem Geschlecht. Keinen Sinn ergäbe hier die Formulierung "gesucht wird ein Geschäftsführer oder eine Geschäftsführerin (m/w/d)" oder "gesucht wird ein*e Geschäftsführer*in (m/w/d)", der Zusatz (m/w/d) expliziert ausschliesslich die generische Form des generischen Maskulinums.
Fazit
Seit über 40 Jahren wird versucht, die Sprache im Sinne des Feminismus anzupassen. Heute haben wir eine regelrechte Sprachverwirrung, welche vor allem für Sprachanfänger (Sprachanfangende?) eine Herausforderung ist. In manchen Zeitungen werden so ziemlich alle erwähnten Formen zugleich verwendet - je nach Vorliebe des jeweiligen Journalisten. Dies führt zu einer Verkomplizierung der Sprache und es ist fraglich, ob damit die Sprache gerechter wird.
Grundsätzlich stellt sich die Frage, welches Ziel mit dem Gendern verfolgt werden soll. Geht es darum, die Sprache zu sexualisieren oder zu entsexualisieren. Die meisten hier vorgeschlagenen Gender-Formen sexualisieren die Sprache, heben den Sexus explizit hervor, was letztlich wenig zielführend ist. Vielleicht wäre es sinnvoller, das generische Maskulinum zu entsexualisieren und künftig ausdrücklich als generische Form zu verwenden. Ist die Rede von Männern, müsste also zwingend von "männlichen Lehrern" die Rede sein. Schwieriger ist die Entsexualisierung bei der Einzahl, dabei handelt es sich letztlich aber nur um einen kleinen Teilbereich der Problematik - und einen Teilbereich, der auch von den meisten hier dargestellten Formen nicht wirklich gelöst wird.
Eine Form soll hier noch vorgestellt werden, die wohl nie ganz ernst gemeint gewesen ist, die aber vieles vereinfachen würde und die Sprache nicht unbedingt stärker verändert als manche hier vorgestellte Formen. Die Rede ist vom "Entgendern nach Phettberg". Die Idee geht auf den Aktionskünstler Hermes Phettberg zurück und existiert schon seit 1992. Wie es funktioniert soll anhand des bereits erwähnten Textes kurz gezeigt werden:
"Zum Nachweis der Berechtigung muss das Antragsstelly bei dem Bügermeisty oder dessen Stellvertrety einen Antrag stellen. Im Falle abgelehnter Anträge können Antragsstellys beim Gleichstellungsbeauftragty ein Widerspruchbegehren einreichen. Nicht ortsansässige Bürgys, die sich nicht ausweisen können, wenden sich an den zuständigen Landraty."
Die "Bürger*innenmeister*innengehilf*innen" werden so zu den simplen und absolut genderneutralen "Bürgymeistygehilfys".
Entgendern nach Rey
Eine bislang noch unbekannte Form des Genderns ist das Entgendern nach Rey. Gemäss dieser Form besteht die Problematik des generischen Maskulinums alleine darin, dass es dazu auch eine feminine Ableitung gibt. Der Lehrer ist nicht nur eine Berufsbezeichnung, sondern auch ein männlicher Lehrer, weil es die explizite Form der "Lehrerin" gibt. Durch das Abschaffen der femininen Ableitungsformen auf "-in" und "-innen" wird das generische Maskulinum zu einem reinen generischen Begriff wie es zum Beispiel das generische Femininum "die Lehrperson" ist. Allein durch den Verzicht auf "-in" und "-innen" wird die deutsche Sprache gendergerecht. Will man dennoch betonen, dass es sich nur um Frauen handelt, verwendet man statt "Lehrerin" einfach "weiblicher Lehrer". Genaueres dazu findet sich im Artikel »Entgendern nach Rey (kurz: Reyvolution)
(1) Beispiele für "Gender 2": androgyner Mensch / androgyn / bigender / weiblich / Frau zu Mann (FzM) / gender variabel / genderqueer / intersexuell (auch inter*) / männlich / Mann zu Frau (MzF) / weder noch / geschlechtslos / nicht-binär / weitere / Pangender / Pangeschlecht / trans / transweiblich / transmännlich / Transmann / Transmensch / Transfrau / trans* / trans*weiblich / trans*männlich / Trans*Mann / Trans*Mensch / Trans*Frau / transfeminin / Transgender / transgender weiblich / transgender männlich / Transgender Mann / Transgender Mensch / Transgender Frau / transmaskulin / transsexuell / weiblich-transsexuell / männich-transsexuell / transsexueller Mann / transsexuelle Person / transsexuelle Frau / Inter* / Inter*weiblich / Inter*männlich / Inter*Mann / Inter*Frau / Inter*Mensch / intergender / intergeschlechtlich / zweigeschlechtlich / Zwitter / Hermaphrodit / Two Spirit drittes Geschlecht (zwei in einem Körper vereinte Seelen) / Viertes Geschlecht / XY-Frau / Butch (maskuliner Typ in einer lesbischen Beziehung) / Femme (femininer Typ in einer lesbischen Beziehung) / Drag / Transvestit / Cross-Gender.
Zitiert in Von Nahodyl Nemenyi, Arpad. Das Gender-Virus. Norderstedt 2021.