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Zu viel Arbeit macht krank, zu wenig auch. Das Problem ist alt, doch die Arbeitswelt wandelt sich gerade fundamental. Und so muss die Debatte unter neuen Prämissen immer wieder neu geführt werden.
«Ich bin überbeschäftigt und muss schon weit über das Arbeitsmass hinausschiessen, das mir ärztlich vorgeschrieben ist. Es war mir daher keineswegs ein ‹Genuss›, solch langen Wisch zu schreiben.»
Die Statusmeldung aus London tönt genervt – und überraschend aktuell. Der Begleitbrief an Wilhelm Bracke, dem Karl Marx im Mai 1875 seine «Randglossen zum Programm der deutschen Arbeiterpartei» zur weiteren Verbreitung schickt, legt eine sehr gegenwärtige Deutung nahe: Vielleicht litt der Klassenkämpfer an einer «Stressfolgeerkrankung» oder war arbeitsbedingt so überlastet, dass ihm die Reduktion seines Pensums zum Schutz seiner Gesundheit medizinisch verordnet werden musste.
Rückblickend lassen sich diese Vermutungen nicht einfach so bestätigen. «Stress» im heutigen Sinn war zu Marx’ Zeit noch unbekannt. Ob sich die damalige soziale Realität mit dem zeitgenössischen Konzept adäquat beschreiben lässt, wäre eher eine Frage für die Wissenschaftsphilosophie. Bekannt ist jedenfalls, dass der Autor vor und nach 1875 regelmässig in medizinischer Behandlung war. Überspitzt könnte man auch behaupten, dass er den Brief und die «Randglossen» (den «langen Wisch» hat Engels nach Marx’ Tod als «Kritik des Gothaer Programms» veröffentlicht) zwischen mehreren Kuraufenthalten verfasste. Anlass dazu gab wohl eine hartnäckige und schmerzhafte Hautkrankheit, unter der Marx schon während der Arbeit am ersten Band seines «Kapitals» litt. Der von seinen Ärzten hergestellte Zusammenhang zwischen «Arbeitsmass» und Gesundheit wird auch dort zum Thema: Wie das reiche Belegmaterial und die zitierten Aussagen von Medizinern, Unternehmern und Fabrikinspektoren im «Kapital» nahelegen, herrscht über die Gefahren eines allzu langen Arbeitstags zwischen «Kapitalisten» und «Sozialisten» 1867 weitgehend Einigkeit.
Das Verschwinden der Arbeitsnorm
Die Frage, wie viele Stunden Arbeitszeit am Tag und in der Woche «zumutbar» sind, wird aber bis heute diskutiert. Der im «Gothaer Programm» von 1875 geforderte und nicht näher bezifferte «Normalarbeitstag» lässt sich weniger denn je in konkrete Zahlen fassen. Zu verschieden sind die Erfahrungen, wie lang (und wie «schnell») ein solcher sein kann. Auch das in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als westlicher Standard behauptete «Normalarbeitsverhältnis» ist in der im Wandel begriffenen Arbeitswelt der Gegenwart eine unter vielen, mehrheitlich als «atypisch» definierten Beschäftigungsformen geworden. Diese zeichnen sich überwiegend durch «entgrenzte», flexible beziehungsweise oft auch unregelmässige Arbeitszeiten und eine hohe «Arbeitsintensität» aus: Mit der Arbeit selbst haben sich auch die Begriffe verändert, über die ihr Zusammenhang mit der gesundheitlichen Verfassung der Beschäftigten erörtert wird.
«Extrem lange Arbeitszeiten» von mehr als zehn Stunden am Tag etwa zählen in der empirischen Arbeitsforschung heute zu den anerkannten «Stressoren», die zur Messung «arbeitsbezogener Belastungen» herangezogen werden. In den industriepsychologischen «Ermüdungsstudien» des frühen 20. Jahrhunderts war die «Monotonie» einer Tätigkeit ein weiterer Aspekt, mit dem Produktivitätseinbussen und steigende Unfallzahlen erklärt werden konnten. Diese häufig betriebsintern im Auftrag des Managements entstandenen Untersuchungen setzen tendenziell aber eher bei der «Persönlichkeit» der Betroffenen an. Seither hat sich die Zahl der erforschten Belastungsfaktoren vervielfacht. Neben dem Arbeitsinhalt spielt vor allem der «Arbeitskontext» eine zunehmend wichtige Rolle. Berücksichtigt werden auch Aspekte wie die sozialen Beziehungen am Arbeitsort und verschiedene Formen der «beruflichen Gratifikation», zum Beispiel Karrieremöglichkeiten und beruflicher Status, Bezahlung und Arbeitsplatzsicherheit.
Das Interesse der Unternehmen
Die steigende Zahl wissenschaftlicher Expertisen, die Berichterstattung und die öffentlichen Debatten darüber zeigen es: Der Zusammenhang zwischen Arbeit und Gesundheit beschäftigt uns anhaltend. Kein Wunder: Die Frage nach unserer subjektiven Befindlichkeit und der eigenen Produktivität stellt sich uns allen in verschiedenen Phasen unseres Lebens mal mehr oder weniger akut. Über die jeweilige individuelle Situation hinaus kreuzen sich in ihr aber vor allem auch handfeste ökonomische, politische und gesellschaftliche Interessen. Michel Foucault hat den Zusammenhang im Konzept der «Biopolitik» auf den Punkt gebracht: Der Erhalt und die Steigerung des Arbeitsvermögens der Beschäftigten sind für den betriebswirtschaftlichen Erfolg eines Unternehmens und für die volkswirtschaftliche Entwicklung zentral. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der «Bevölkerung», Kern der «sozialen Frage» im Europa des 19. Jahrhunderts, werden zu einem vorrangigen Ansatzpunkt nationalstaatlicher Intervention.
Das zeigt sich auch in der Geschichte der modernen europäischen Sozialversicherungssysteme. Die in ihnen gebündelten Vorsorgemassnahmen gegen Invalidität und Arbeitslosigkeit, Krankheit und Alter gehen zwar mehrheitlich aus Initiativen von ArbeiterInnen und UnternehmerInnen hervor. Die Absicherung gegen den Erwerbsausfall wird aber nach und nach zur gesetzlich geregelten staatlichen Aufgabe. Mit der Ablösung der älteren Modelle karitativer «Fürsorge» durch die staatliche «Wohlfahrt» entwickeln sich auch neue Kriterien für die Abklärung von Ansprüchen. In der Logik der modernen «handicapologie», die der französische Soziologe Robert Castels in seinen «Metamorphosen der sozialen Frage. Chronik der Lohnarbeit» umreisst, entscheidet vor allem die «Arbeitsfähigkeit» über Art und Umfang der Kompensationsleistungen, die Bedürftige in Anspruch nehmen können. Ob man jetzt oder in Zukunft wieder vollständig für den eigenen Lebensunterhalt aufkommen könnte, wird ein Indikator der gesellschaftlichen «Integrationsfähigkeit» ebenso wie der «sozialen Verwundbarkeit».
Das Dilemma der ÄrztInnen
«Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen»: Im 1946 veröffentlichten Gründungspapier der WHO wird Gesundheit erstmals im heute vorherrschenden umfassenden Sinn beschrieben und ähnlich wie in der US-amerikanischen Verfassung das «Glück» zum gemeinsamen Ziel der in ihr vereinten Nationen erklärt. Das «Streben» nach dem kaum je zu erreichenden Optimum bringt die Suche nach Optimierungsmöglichkeiten mit sich. In den politischen Debatten wird spätestens seit Mitte des 20. Jahrhunderts immer wieder mal polemisch auf die «Pflicht zur Gesundheit» verwiesen – ein neueres Beispiel sind etwa die in vielen Ländern gesetzlich durchgesetzten Rauchverbote.
«Medikalisierung des Lebens» und «Kostenexplosion im Gesundheitswesen» – in den Diskussionen um die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte geht es regelmässig auch um die legitimen Aufgaben und Grenzen der Medizin. Die Disziplin hat in ihrer Geschichte vom Ausbau der Sozialversicherungssysteme profitiert: Immer mehr Leute sind im Krankheitsfall versichert und können sich zumindest die in manchen Ländern obligatorische medizinische Grundversorgung leisten. Der ärztliche Auftrag, für das Wohl der eigenen PatientInnen zu sorgen, wird nun in den meisten Fällen auch finanziell honoriert. Gleichzeitig sind die Angehörigen der medizinischen Berufe dazu aufgefordert, den zuständigen Kassen gegenüber Rechenschaft abzulegen. Angesichts wachsender medizinischer «Möglichkeiten» und knapper werdender «Mittel» gerät die Vermittlung zwischen den Interessen der PatientInnen und dem Gemeinwohl zunehmend zum Spagat. Als DienstleisterInnen des öffentlichen Interesses müssen MedizinerInnen nicht nur Gesundheit, sondern neu auch Arbeitsfähigkeit messen: Die beiden Begriffe werden quasi austauschbar.
Die Kosten des Stresses
In der Schweiz konzentrieren sich die Diskussionen um Arbeitsbelastungen und arbeitsbezogene Gesundheitsprobleme ähnlich wie in anderen europäischen Ländern in den letzten Jahren verstärkt auf die psychische Gesundheit der Erwerbsbevölkerung. Erhebungen wie die vom Seco durchgeführten «Stressstudien» verweisen auf das steigende subjektive Stressempfinden der Beschäftigten und beziffern die volkswirtschaftlichen «Kosten des Stresses in der Schweiz». Die Berechnungen umfassen neben «direkten Kosten» infolge von Fehlzeiten, Produktionsausfällen und medizinischer Behandlung auch die geschätzten «indirekten Kosten»: Dazu zählen etwa Frühpensionierungen und Invalidenrenten, die sich möglicherweise auf Arbeitsstress zurückführen lassen. Besonders intensiv und kontrovers diskutiert wird auch die Frage, ob in der heutigen Arbeitswelt die psychischen Störungen insgesamt zunähmen. Die krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeitstage sind in den letzten Jahren zwar gesunken. Der Anteil der psychisch bedingten Fehlzeiten ist aber höher geworden. Allerdings lasse sich der relative Anstieg auch mit der besseren Früherkennung und mit der wachsenden gesellschaftlichen Sensibilität gegenüber psychischen Problemen erklären, so einige Gegenargumente.
Sicher zugenommen hat in dieser Situation die Komplexität der medizinischen Aufgabe, die Arbeits(un)fähigkeit potenzieller LeistungsempfängerInnen zu beziffern. In der Wahrnehmung vieler ÄrztInnen hat sich die Zahl der arbeitsbedingten Krankschreibungen in den letzten Jahren insgesamt erhöht. Die kürzlich zum Thema Arbeitsbelastungen befragten MedizinerInnen betonen neben den Folgen der «Entgrenzung» der Arbeit vor allem auch die Belastungen, die sich aus dem tatsächlichen oder drohenden Verlust des Arbeitsplatzes ergeben. Ein kurz vor seiner Pensionierung stehender Schweizer Dorfarzt, der das Fabrikensterben in seiner Region miterlebt hat, umschreibt im Gespräch seine besonders von «arbeitsbezogenen» Problemen betroffenen Patienten so: «Ich stelle seit zehn, fünfzehn Jahren fest, dass es zwei Gruppen von Leuten gibt. Die einen haben zu viel, die anderen zu wenig Arbeit.» Insbesondere Langzeitarbeitslosigkeit führe häufig zu dauerhaften gesundheitlichen Beschwerden.
Die Gesundheit als «Kapital»
Keine Frage: Seit der Frühindustrialisierung haben sich der Arbeitsschutz und die medizinische Versorgung in der Schweiz und in Europa massiv verbessert. Verglichen mit der von Karl Marx und Friedrich Engels beschriebenen «Lage der arbeitenden Klasse» im 19. Jahrhundert, sind wir in einer ausgesprochen komfortablen Situation, «jammern» wir heute, wie man oft hört, auch global gesehen «auf hohem Niveau». Wie der Rückgriff auf Marx nahelegt, erörtern wir in der Auseinandersetzung um den allgemeinen Gesundheitszustand und dessen Zusammenhänge mit der Arbeit aber scheinbar weiter ähnliche Probleme, selbst wenn sich die allgemeinen Lebensbedingungen ebenso wie die zu ihrer Beschreibung verfügbaren Begrifflichkeiten seit 1875 gewandelt haben. Der Gedanke, dass Arbeit im besten Fall sogar «Genuss» sein sollte, ist heute ebenso verbreitet wie die jüngere Vorstellung, dass wir unser «Glück» und unsere Gesundheit selbst in der Hand haben. Arbeit macht krank, Arbeit macht glücklich – auf diese Formel hat die konservative deutsche Meinungsforscherin Elisabeth Noelle-Neumann eine schon in den 1980er Jahren laufende «aktuelle Kontroverse» gebracht. Die fast gleichzeitig unter Verweis auf Hannah Arendts «Vita activa» ausgerufene «Krise der Arbeitsgesellschaft» («Geht der Arbeitsgesellschaft die Arbeit aus?») ist seither zwar mehrfach vertagt worden. Der frühsozialistischen Hoffnung, dass wir die Erwerbsarbeit irgendwann abschaffen können und die fortschreitende Automatisierung schon für genug gesellschaftlichen Wohlstand für alle sorgen werde, stehen heute aber vor allem wieder zunehmende Ängste vor der eigenen Ersetzbarkeit und den Folgen eines Arbeitsplatzverlusts gegenüber. Zu viel Arbeit macht krank, zu wenig Arbeit auch: Die von MedizinerInnen gemachten Beobachtungen berühren umfassendere soziale Probleme. Als Gradmesser der gesellschaftlichen Integrationsfähigkeit ist Arbeit auch ein Statussymbol und die Gesundheit für viele Arbeitende und Arbeitssuchende ihr eigentliches «Kapital». Wie lässt sich der ungleiche Zugang zu beidem gerechter verteilen?
«Solch langen Wisch zu schreiben», sei für ihn vor allem «Pflicht» und «Notwendigkeit» gewesen, so Marx im Brief an Bracke. Sein Schlusswort zu den «Randglossen»: «Dixi et salvavi animam meam: ich habe gesprochen und meine Seele gerettet.» Die Diskussion darüber, welche politischen Schritte heute zur Rettung unserer Seele notwendig sind, bleibt wohl auch gegenwärtig eine unserer zentralen Pflichten.
Patricia Holder (39) ist Kulturwissenschaftlerin und arbeitet als Soziologin an der Universität St. Gallen.