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Grossbritannien rückt trotz Brexit näher an die EU heran – mindestens bezüglich Stromleitungen. Dieser Blog beschreibt den Strominterkonnektor Nemo, durch welchen seit dem 31. Januar Strom fliesst, und gibt eine Abschätzung auf den Preiseffekt.
Dieser Tage, während sich die Briten in Form X darauf vorbereiten, die EU am 29. März zu verlassen, ging Nemo in Betrieb. Nemo ist ein Strominterkonnektor zwischen Grossbritannien und Belgien, der am 31. Januar seinen kommerziellen Betrieb aufgenommen hat. Das knapp 700 Millionen Euro teure Kabel ist ein Joint Venture zwischen dem britischen Übertragungsnetzbetreiber National Grid und dem belgischen ÜNB Elia.
Bislang war Grossbritannien über einen 2GW-Interkonnektor mit Frankreich, einen 1GW-Interkonnektor mit den Niederlanden sowie über zwei 500MW-Interkonnektoren mit Irland bzw. Nordirland verbunden (siehe Grafik). Zusammen stellten diese rund 6% der britischen Versorgung sicher. Schon die beiden Links mit Frankreich und den Niederlanden sind hauptsächlich Importlinks für Grossbritannien. Auch Nemo wurde mit der Erwartung gebaut, dass der Strom hauptsächlich nach England fliessen wird, allerdings kann das Kabel auch helfen, die Versorgungssicherheit in Belgien aufrecht zu erhalten.
Zudem verändert sich die Energielandschaft Grossbritanniens: mehr Erneuerbare, relativ hohe Strompreise und Unterstützung aus der Regierung sorgen fast gezwungenermassen für mehr Verbindungen mit Kontinentaleuropa.
Grossbritannien bleibt „interconnected“
Nemo ist also nicht das Ende der Fahnenstange, denn die britische Regierung rechnet mit einem Anstieg der Importe über Interkonnektoren von 6% im Jahr 2017 auf 22% bis zum Jahr 2025.
Derzeit gibt es folgende Projekte, welche Grossbritannien mit dem Kontinent verbinden:
– eine 1GW-Verbindung zwischen Grossbritannien und Frankreich mit der Bezeichnung IFA2 (in Bau)
– eine 1.4GW-Nordseeverbindung zwischen Grossbritannien und Norwegen (in Bau)
– ein 1.4GW-Kabel zwischen Grossbritannien und Dänemark, der Viking Link (genehmigt)
– ein Kabel durch den Channel Tunnel (genehmigt)
Der Effekt von Nemo auf die Strompreise
Das Strompreismodell von Handel Analyse hat den „Nemo-Effekt“ auf die Strompreise abgeschätzt, ersichtlich aus der Tabelle für verschiedene Länder im Jahresbase in €/MWh. Es ist keine Überraschung, dass die neue Verbindung die Preisdifferenz zwischen dem hochpreisigeren Grossbritannien und dem günstigeren Kontinent verkleinert. So hat Nemo für Grossbritannien einen senkenden Effekt von 0.6-1€/MWh für die Jahresbänder Cal20-22 im Base. Die Strompreise auf dem Kontinent werden durch Nemo unterstützt, der stärkste Effekt ist dabei für Belgien zu erwarten.
Modus Operandi des neuen Kabels
Laut National Grid werden zunächst Day-Ahead-Produkte angeboten; explizite Auktionen für Langfristprodukte sollen ab dem 1./2. April für Mai 2019 und das Q319 in beide Richtungen geöffnet werden.
Der Nemo-Link hat den kommerziellen Betrieb zu einem Zeitpunkt aufgenommen, an dem Grossbritannien noch Teil des Energiebinnenmarktes ist/war. Ab jenem Zeitpunkt, zu welchem Grossbritannien als Folge des Brexits den Energiebinnenmarkt verlässt, gilt das europäische Energierecht nicht mehr für die Insel – heisst, dass die Elektrizitätsmärkte Grossbritanniens vom europäischen Energiebinnenmarkt abgekoppelt werden. Dann wird Grossbritannien laut der Europäischen Kommission auch nicht mehr Teil der multiregionalen Kopplung sein, so dass die Marktteilnehmer nicht länger Interkonnektor-Leistung und Energie implizit zusammenkaufen können, sondern dass das System wieder auf explizit wechselt; ab hier wird Nemo-Kapazität dann in einer separaten Day-Ahead-Auktion erworben (explizit). Marktteilnehmer, die beim Erwerb von Kapazitäten durch explizite Auktionen erfolgreich sind, müssten diese Kapazität dann in einem zweiten Schritt nominieren oder das Recht zur Nutzung der Kapazität verlieren (use it or lose it).
Die Schatten des Brexits
Der Brexit-Schatten wirft sich also nicht nur über die politischen Dimensionen in der EU, sondern auch über langfristige Infrastrukturprojekte und die Energiemärkte. Grossbritannien sagt, dass der Handel mit Strom mit den EU-Ländern weiterhin funktionieren wird und die Verbraucher keinen Unterschied in ihren Energierechnungen sehen werden. Dies betreffe auch den Fall eines No-Deals. Aber der Handel könnte an Effizienz verlieren, wenn Grossbritannien den EU-Energiebinnenmarkt als Teil des Brexits verlässt und die Grenzbewirtschaftung von implizit auf explizit wechselt.