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von Katharina Steiner, Primarlehrerin, Heilpädagogin und Adoptivmutter
(Referat, gehalten an der Medienkonferenz des Abstimmungskomitees «Nein zur Ehe für alle» am 30. August 2021 in Bern. Es gilt das gesprochene Wort.)
Eins unserer Kinder brachte eines Tages folgende Not zu mir: «Mutti, denk jetzt nicht, ich sei nicht einverstanden, dass du meine Mutter bist – aber ich bin sehr traurig, dass ich nicht in deinem Bauch gewachsen bin.» Mit neun Jahren fing es an, sich immer intensiver mit seiner nicht durchschnittlichen, durch Adoption erschwerten Biografie und Identität auseinanderzusetzen. Dies wurde mit der Pubertät immer heftiger und führte uns alle für lange Zeit an schmerzliche Grenzen. Dieses Kind nahm mit Neun sehr bewusst wahr, dass es zu uns gehört, und irgendwie doch nicht. Ein tiefer, irritierender Schmerz, den ihm auch beste Stellvertreter-Eltern nicht hätten abnehmen können.
Im Rahmen von «Ehe für alle» sehe ich hinsichtlich Identitäts-Entwicklung das Kindswohl jener Kinder sehr gefährdet, die erst noch und vorsätzlich über Samenbanken konstruiert werden müssten. Die Geschichten unserer Kinder stützen diese Sicht. Ich versetze mich jetzt mal in die Situation eines solchen Kindes und höre seiner Geschichte zu. Es ist in der Pubertät angekommen: «Wer bin ich? Ich bestehe aus einem Ei von Mama und dem Samen eines unbekannten Mannes, den er auf einer Samenbank deponierte. Er hat viele Kinder, ich also viele Halbgeschwister, keine Ahnung wo? Mit ein paar Geschwistern, von denen es die meisten nicht mehr gibt, wurde ich im Reagenzglas konstruiert. Wenige wurden eingefroren. Eines von ihnen wurde drei Jahre später meine Schwester. Schon eigenartig, eigentlich wären wir gleich alt … Nach der Befruchtung im Reagenzglas führte man mich in Mamas Gebärmutter ein.
Seit Geburt wachse ich bei ihr und ihrer Partnerin, Mama 2, auf. Inzwischen hat auch sie ein Kind ausgetragen, mit dem ich biologisch nicht verwandt bin. Beide Mütter geben ihr Bestes für uns Kinder. Wir haben es oft gut zusammen. Nur denke ich seit einiger Zeit immer häufiger an jenen Mann, der eigentlich mein Vater wäre. Nachdem er seinen Samen verkaufte, verschwand er von der Bildfläche meines Lebens. Wie tief mich das verletzt! Es macht mich richtig wütend! Einerseits, weil er nichts mit mir zu tun haben wollte, andererseits, weil er an mir profitiert hat. Bin ich denn ein Verkaufsobjekt? Trotzdem möchte ich zu gern einiges wissen von ihm. Schliesslich fliesst seine ganze DNA täglich durch meine Adern. Wo wohnt er? Was macht er? Wie sieht er aus? Bin ich ihm ähnlich, nicht nur äusserlich? Hat er eine Familie – mit der wäre ich dann eigentlich auch verwandt … Wie kompliziert, meine Story! Wo gehöre ich eigentlich hin? Ich fühle mich total auseinandergerissen. Meine Mütter geben was sie können. Aber diesen brennenden Schmerz, zu wissen, dass mein Vater mich verkauft und abgestossen hat, könnten auch zwei beste Mütter nicht wiedergutmachen. Ausserdem waren ja beide damit einverstanden, dass ich auf diese Weise konstruiert wurde. Das erschüttert, ehrlich gesagt, meine Beziehung zu ihnen grad nicht gering. Und ich frage mich: Was ist eigentlich Liebe? Nein, keine meiner Mütter kann mir dieses fehlende Vater-Stück widerspiegeln, weil keine von ihnen dieses Stück ist, das ich vermisse und das doch zeitlebens zu mir gehört. Wie sehr wünschte ich mir, mich genauso in meinem Vater erkennen zu können, wie es bei Mama 1 möglich ist. Kürzlich mussten wir in der Schule unseren Familienstammbaum zeichnen. Weit kam ich nicht dabei – es war einfach nur … Ach, lassen wir das. WIE KANN ICH WISSEN, WER ICH BIN, WENN ICH NICHT WEISS, WOHER ICH KOMME? Das treibt mich um. Ja, ich weiss, wenn ich 18 bin, darf ich erfahren, wer mein Vater ist. Ob er mir dann mehr bereit zu geben ist, als nebst Samen seinen Namen?»
Wer käme locker mit so einer Biografie zurecht? Für die noch ungeborenen Samenbank-Kinder, denen mit «Ehe für alle» in bedenkenloser Vorsätzlichkeit solche überaus komplexen Identitäts-Geschichten zugemutet würden, mache ich mich stark. Niemals möchte ich ein solches Kind sein. Wenn uns das Wohl unserer Kinder wirklich am Herzen liegt, ist es dringend, die gesetzte Grundstruktur von Ehe und Familie in ihrer natürlichen Eindeutigkeit zu erhalten. Denn wenn eine höhere Instanz oder die Natur vor Urzeiten festgelegt hat, dass neues Leben aus der Beziehung von Mann und Frau hervorgeht, begeben wir uns auf einen höchst riskanten Holzweg, auf dem wir die gute Grundlage der Gesellschaft destabilisieren. Wenn es einen Designer des Menschen gibt, dann ist Er in jedem Fall einiges mehr als wir Menschen. Kein Geschöpf steht über seinem Schöpfer. Wenn es Ihn gibt, dann tun wir als Gesellschaft gut daran, Ihn nicht zu diskriminieren und auszugrenzen, sondern uns an Seine weise Grundstruktur der Ehe zu halten. Natürlich, Er kann diese Diskriminierung gut verkraften. Ich befürchte nur, dass wir diese Wahl als Gesellschaft nicht verkraften können. Am wenigsten unsere Kinder. Für sie rede ich.
Die Biografie-Geschichte stützt sich – nebst Erfahrungen mit unseren Adoptivkindern – auf Aussagen der Bioethikerin Mag. Susanne Kummer, Wien: https://www.imabe.org/susannekummer
Katharina Steiner