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Die Schriftstellerin und Malerin Adelheid Duvanel rückt Menschen an den Abgründen der Gesellschaft in den Fokus ihres Schaffens.
Von Kristel Roder
In bunten Farben leuchten die Filzstiftzeichnungen aus dem Nachlass von Adelheid Duvanel. Doch der erste, flüchtige Eindruck einer fröhlichen Bildersammlung täuscht. Sobald das Auge die Szenerien auf den Bildern erfasst, verfliegt diese Illusion augenblicklich. Geplagt, einsam und verängstigt leiden die Figuren auf den Zeichnungen. Die schillernden Farben, die den Blick fangen, irritieren und mahnen gleichermassen. Die hier abgebildeten Zeichnungen stammen aus einer Sammlung von 100 Bildern, die dem Schweizerischen Literaturarchiv durch die Schriftstellerin Maja Beutler übergeben wurden. Um ihr begrenztes finanzielles Budget aufzubessern, verkaufte Duvanel solche Zeichnungen, zeitweise von Tür zu Tür. Maja Beutler hat ihr die Bilder in diesem Kontext abgekauft.
Das schriftstellerische und malerische Talent der Baslerin Adelheid Duvanel manifestiert sich bereits in jungen Jahren. Im Typoskript mit dem Titel «Meine Erklärungen» erinnert sie sich: «Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, sehe ich mich lesend, schreibend und zeichnend.» Bereits damals waren Literatur und Malerei eine Fluchtmöglichkeit aus der Welt, «die man [um sie herum] aufgebaut hatte», sowie aus ihrer problematischen Biografie. Als junge Frau absolviert sie eine Lehre als Textilzeichnerin, arbeitet jedoch nur kurz auf diesem Beruf. Sie etabliert sich danach als Journalistin und publiziert unter dem Pseudonym Judith Januar erste eigene Texte in den «Basler Nachrichten».
An der Seite des Malers Josef Duvanel, mit dem sie eine schwierige Ehe verbindet, zeichnet Adelheid Duvanel nicht mehr, sondern fokussiert sich auf das Schreiben. Erst nach der Scheidung von ihrem Mann beginnt sie wieder mit dem Malen. Zahllose Demütigungen, Depressionen, Aufenthalte in der Psychiatrie und später die Sorge um die kranke Tochter prägen ihr Leben. Trotz wiederholten Versuchen gelingt ihr die Integration nicht, weder ins Leben noch in den Literaturbetrieb. Obwohl das literarische Talent von Adelheit Duvanel von Kritikern bereits zu ihren Lebzeiten erkannt wurde, blieb sie weitgehend eine Unbekannte.
In ihrem malerischen, wie ihrem schriftstellerischen Werk thematisiert Duvanel zeitlebens Themen wie Ausgrenzung, Gewalt, Einsamkeit, Selbst- und Weltentfremdung. Ihre Figuren – mehrheitlich Frauen und Kinder – sind Aussenseiterinnen und Sonderlinge. Wie in ihren literarischen Texten – mehrheitlich Prosa-Miniaturen – wird auch den Figuren in ihrem bildnerischen Werk kein Ausweg geboten. Die Wände umschliessen sie wie Gefängnismauern, sie sind alleine, die Bedrohungen mächtig. Sowohl in den Bildern als auch in ihren Texten arbeitet Duvanel mit einer starken Verdichtung, mit einer Tendenz zur surrealen Verfremdung. Schreiben bedeutet für sie «mit Worten malen». Ihre Zeichnungen und ihre literarischen Texte ergänzen sich entsprechend symbiotisch – Text und Bild illustrieren sich gegenseitig.
Das eskapistische Motiv behält Adelheid Duvanel bis zuletzt bei, doch ist es eine Flucht, die nicht gelingt. Die Figuren in ihrem Werk bleiben gefangen in den gesellschaftlichen Zwängen, in den Strukturen der Gewalt und in ihrer Einsamkeit. Auch im richtigen Leben findet Duvanel keinen Ausweg – am 8. Juli 1996 nimmt sie sich das Leben.
Adelheid Duvanel (1936-1996), geboren in Basel, wuchs in Pratteln und Liestal auf. Nach ihrer Lehre als Textilmalerin arbeitete sie in administrativen Berufen und etablierte sich später als Journalistin bei den «Basler Nachrichten». Von 1962 bis 1981 war sie mit dem Maler Joseph Edward Duvanel verheiratet. Abgesehen von einem längeren Aufenthalt auf Formentera mit ihrem Mann und ihrer Tochter, lebte sie bis zu ihrem Tod in Basel. Für ihr literarisches Werk, mehrheitlich Prosa-Miniaturen und Erzählungen, erhielt sie verschiedene Auszeichnungen.
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Trostlose Gestalten in fröhlichen Farben (PDF, 698 kB, 17.09.2020)Der Bund, Dienstag, 15. September 2020
Letzte Änderung 18.09.2020