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DMZ – KOLUMNE ¦ Alon Renner ¦
Er stand auf Enthauptungen und möglichst düstere Darstellungen. Ausserdem auf junge Männer, SM Spiele und Frauen während des Orgasmus. Er war ein Mörder, ein Bürgerschreck und ein Kunstmaler. Die Rede ist von Michelangelo Merisi, besser bekannt unter dem Namen Caravaggio, der die Malerei des 17ten Jahrhunderts derart veränderte, dass nach ihm die Welt eine andere war.
Herzlich willkommen zu meiner neuen Kolumne. Caravaggio erblickte 1571 unweit von Mailand, das Licht der Welt. Und zwar in Caravaggio. Denn ja, Caravaggio ist eine kleine Ortschaft in der Lombardei. Eine Ortschaft nach der er benannt werden sollte. Als Michelangelo sechs Jahre alt war, starb sein Vater und nahezu der gesamte männliche Teil seiner Familie an der Beulenpest. Nur wenige Jahre später, verschied seine Mutter. Fast nichts wissen wir über seine Kindheit und nur sehr wenig über seine Jugend. Eine Ausbildung als Maler absolvierte er in Mailand und zog dann mit einundzwanzig Jahren vollkommen mittellos nach Rom. Rom, das war die Stadt für jeden Maler der sich zu höherem berufen fühlte. Man arbeitete im Schatten des Peterdoms, man arbeitete im Schatten Michelangelos und im Schatten Rafaels.
Die Heilige Stadt war im 16ten Jahrhundert berüchtigt für ihre düsteren und gefährlichen Gassen in denen sich Gauner, Vagabunden, flüchtige Häftlinge und Prostituierte nur so tummelten. In den Tavernen lungerten Ganoven, Banditen und Taschendiebe. Und zu allem Überfluss strichen tatendurstige Soldaten umher, die sich ihre Urlaubstage mit einem kleinen Abenteuer versüssen wollten. Übergriffe, Tätlichkeiten und Schlägereien waren an der Tagesordnung. Gut beraten war derjenige der fein acht auf sein Gut, sein Geld und sein Mädchen gab. Roms Wege waren schmutzig, beängstigend und gewalttätig.
In seinem ersten Jahr lebte Caravaggio in zehn verschiedenen Unterkünften. Zehn! Dies muss ein sehr unruhiges und äusserst ungemütliches Leben gewesen sein. Die einzige Art Geld zu verdienen war draussen auf der Strasse, wo er versuchen musste sich Jobs als Portraitmaler zu angeln. Und zwar so, wie wir es von unseren eigenen Reisen kennen. Auf den grossen öffentlichen Plätzen wird er wohl gesessen und darauf gewartet haben, dass er jemandes Gesicht zu Papier bringen durfte. Er malte aber auch Ölbilder für den öffentlichen Markt. Und bot sie an, wie andere Früchte und Gemüse.
Es gibt diese berühmte Geschichte, die wahrscheinlich nicht wahr ist, aber sie muss nicht ohne Grund erfunden worden sein. Jemand soll ihm eine Statue des grossen Griechischen Bildhauers Phidias gezeigt und ihn gefragt haben, was man von diesem lernen könne. «Nichts» antwortete Caravaggio. «Die Statue zu ignorieren und sich auf die Menschen zu konzentrieren, die sich in den Strassen befinden. Die Natur ist mein einziger Lehrer!» meinte er.
Als Caravaggio in Rom ankam, kannte man Bilder die die Heiligen verehrten. Man kannte solche, die Geschichten aus der Bibel erzählten und welche die das Antlitz der geistigen und weltlichen Fürsten und Herrscher trugen. Man kannte die Werke Botticellis, die sich um die Legenden der Griechischen und Römischen Götter rankten und man bestaunte diejenigen von Rafael und Michelangelo. Muskelbelbepackte Gestalten, die der Freikörperkultur huldigten, nacktes, glänzendes Fleisch und Gemälde mit Szenen die sich in den Innenräumen monumentaler Paläste abspielten. Mit prächtigen Säulen, Statuen, Gewölbe und Kassettendecken.
Und sogar das Stillleben war schon in ganz Europa verbreitet. Was also brachte Caravaggio Neues in die Malerei?
Um es in drei Worte auszudrücken: das pure Leben! Er hauchte seinen Objekten, Figuren und Gestalten einen Realismus ein, der bis dato noch nie gesehen war. In seine Früchte wollte man beissen, an seinen Tischen sitzen und mit seinen Figuren sich die Nächte um die Ohren schlagen.
Caravaggio integrierte unglaublich echt wirkende Leute in seine Bilder: Charaktere aus der Stadt, Säufer aus den Tavernen und Huren aus der Gosse. Und auch sein eigenes, geschwollenes und zornerfülltes Gesicht begann in seinen Bildern aufzupoppen. Denn das was er da malte, sah nicht nur aus wie aus dem Leben gegriffen, es war aus dem Leben gegriffen!
Die von ihm dargestellten Heiligen, biblischen Szenen und Allegorien – die meisten seiner Aufträge erhielt er von der Kirche - wurden von Menschen bevölkert, denen er in seinem Leben tatsächlich begegnet war. Und sich auch so benahmen und kleideten wie im 16. und 17. Jahrhundert.
Die Genremalerei, d.h. Abbildungen von Alltagsszenen, war aus der Antike und in Europa schon seit dem Beginn des 15ten Jahrhunderts bekannt. Zumeist wurden Dorfszenen, aber auch solche in Wirtshäusern, Hochzeiten und kleine, stille Bilder gemalt, in denen wir Frauen in der Küche, bei Sickereiarbeiten, etc. begegnen.
Niemanden kam es aber bis dahin in den Sinn, gewöhnliche Zeitgenossen als Modelle für die Darstellung von Heiligen zu verwenden. Ganz zu schweigen von Raufbolden, Kleinkriminellen und Prostituierten. Und diese aus der biblischen Zeit zu reissen und in die Gegenwart zu versetzen.
Hat Euch die Geschichte bis anhin gefallen? Nächste Woche geht es weiter. Denn das Leben von Caravaggio hat noch so manches zu bieten. Wir haben ja kaum erst begonnen.
Ganz liebe Grüsse
Euer Alon
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