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Ein sonniger Sonntag im «South of Market»-Quartier in San Francisco. Philippinos feiern am Barriofest ihre Gemeinschaft, die in Stadt und Region eine halbe Million Menschen zählt. Ein Mann erklärt, sein Vater habe für die USA im Vietnamkrieg gekämpft. Deshalb habe er in die Vereinigten Staaten auswandern dürfen.
«Heute ist meine ganze Familie da. Weil mein Vater für die USA in den Krieg zog. Es war für ihn besser, sein Leben zu riskieren, als auf den Philippinen zu bleiben und von der Militärdiktatur verfolgt zu werden.»
Eine bessere Zukunft
Eine typische Einwanderungsgeschichte. Noch heute ist der Militärdienst für Ausländer ein Weg, um eine Green Card, eine Niederlassungsbewilligung zu erhalten. Ist einmal ein Familienmitglied hier, so beantragt es für alle Eltern, Kinder und Geschwister Visa. Doch jährlich gibt es nur 100'000 Green Cards für Philippinos, die Warteschlange ist lang. Manche warteten mehrere Dutzend Jahre auf das Visum.
Philippino-Zentrum Daly City
Rund vier Millionen Menschen philippinischer Herkunft leben in den Vereinigten Staaten. Das ist gleich viel wie Inder und etwas weniger als Chinesen. Nirgends ist der Anteil an Philippinos höher als in Daly City, einer Gemeinde, die südlich an San Francisco grenzt. Dreissig Prozent der Bevölkerung stammen von den Philippinen. Hier in Daly City haben sie etwas Seltenes erreicht: Sie sitzen in der Stadtregierung.
Mike Guingona war der erste Philippino-Amerikaner, der hier Bürgermeister wurde. Heute ist er einer von zwei philippinenstämmigen Vertretern im fünfköpfigen Stadtrat. Der dynamische Mann prägt die Politik in Daly City seit Jahrzehnten. «Bevor ich vor 23 Jahren in den Stadtrat gewählt wurde, waren nur Weisse hier. Die Philippinos hatten lange erfolglos versucht, an die politische Macht zu gelangen». Ihm sei die Wahl gelungen, weil er hier geboren und aufgewachsen sei, erklärt Guingona.
Die Philippinos seien in der Politik in den USA weniger gut vertreten als andere Immigrantengruppen. «Die Chinesen machen das besser. Nördlich von hier, in San Francisco, ist ein Amerikaner chinesischer Herkunft Bürgermeister. Sie haben früh damit begonnen, an die Macht zu gelangen. Wir aber nicht, denn die Philippinos gehen selten wählen.»
Imbisskette Jollibee: Hamburger und frittierten Reis
Trotz ihrer Bedeutung ist die Philippino-Gemeinde in Daly City nicht auf den ersten Blick erkennbar. Sie verteilt sich auf alle Quartiere. Das sichtbarste Zeichen ist vielleicht die Schnellimbisskette Jollibee, eine Art philippinischer McDonalds. Mike Guingona hat die Firma überzeugt, hier ihre erste US-Filiale zu eröffnen.
«Das ist Jollibee, schauen Sie das Menu an. Es hat Poulet, Spaghetti mit süsser, philippinischer Sauce, Pan de Sal, eine Art Frühstückssandwich. Und schauen Sie diesen Hamburger an», sagt er begeistert: «Haben Sie je einen Hamburger gesehen mit Ananas drin?»
Frühere Kolonie
Die Speiseauswahl reflektiere die Geschichte der Philippinen, sinniert Guingona: «Vierhundert Jahre spanische Kolonisation, gefolgt von vierzig Jahren als US-amerikanische Kolonie. Wir wurden immer von anderen Kulturen dominiert. Das zeigt sich auch hier: Wo sonst gibt es am gleichen Ort frittiertes Poulet, Hamburger und frittierten Reis?»
Wir können Englisch, kennen die US-Fernsehserien und wissen, was Apple Pie ist.
Diese koloniale Vergangenheit mache es für Philippinos attraktiv, in die USA auszuwandern, sagt Jay Gonzalez. Der Professor an der Golden Gate University in San Francisco ist als junger Mann in die USA eingewandert. «Wir haben den Eindruck, dass wir uns nicht so stark anpassen müssen. Wir können Englisch, kennen die US-Fernsehserien, wissen, was Apple Pie ist. Damit werden die USA für uns zur Destination Nummer eins.» Sie müssten jedoch mit Vorurteilen kämpfen, mit denen alle Einwanderer konfrontiert sind.
Die Philippinos möchten still und leise zum Alltag in den Vereinigten Staaten beitragen. Sie sind auf ihre Familien konzentriert und meiden die Politik.
Jay Gonzalez erinnert sich: «Ich musste zehnmal härter arbeiten als meine Berufskollegen an der Universität, um respektiert und akzeptiert zu werden. Als ich hier ankam, waren alle anderen weisse Männer. Ich musste ihnen beweisen, dass ich mindestens so gut war, um ihr Chef zu sein.»
Die fehlende politische Macht seiner Bevölkerungsgruppe erklärt der Professor so: «Die Philippinos möchten still und leise zum Alltag in den Vereinigten Staaten beitragen. Sie sind auf ihre Familien konzentriert und meiden die Politik. Viele sind hierhergekommen, um der chaotischen politischen Situation auf den Philippinen zu entrinnen.»
Weil sie bereits Englisch können, vermischen sich Philippinos mit der lokalen Bevölkerung. Drei Viertel von ihnen arbeiten in normalen Jobs und nicht in eigenen Geschäften, wie etwa die Chinesen oder die Vietnamesen.
So wie René Ciria Cruz. Er verliess die Philippinen in den 1970er-Jahren. Heute ist er Chef des US-Büros der grössten philippinischen Zeitung «The Inquirer». Sie publiziert Geschichten über die Diaspora. «Weil sie bereits Englisch können, vermischen sich Philippinos mit der lokalen Bevölkerung. Drei Viertel von ihnen arbeiten in normalen Jobs und nicht in eigenen Geschäften, wie etwa die Chinesen oder die Vietnamesen. Es hat auch keine Philippino-Towns, im Gegensatz zu China-Towns.» Deshalb seien sie weniger sichtbar.
Politischer Diskurs verändert Stimmung
Aber auch die Philippinos erlebten Diskriminierung, gerade in der Stimmung, die im momentanen Präsidentschaftswahlkampf herrsche. Sie seien vielleicht nicht die grössten Opfer dieses rückwärtsgerichteten Trends in der Politik, aber er treffe auch sie, sagt der Journalist. Die Kandidatur Donald Trumps werde langfristige Auswirkungen haben, auch wenn er nicht siege. «Er verändert die politische Kultur hier in den USA. Die Menschen, die ihn unterstützen, sind gegen Intellektuelle, sind für die Abschottung.»
Das werde den Graben zwischen den Bevölkerungsgruppen vertiefen. Mit Folgen für alle, auch für die vielen Philippinos, die abseits des Scheinwerferlichts die Gesellschaft in den USA prägen.