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Thematische Zuordung Serie 1848–1945:
XI. NEUTRALITÄT UND GUTE DIENSTE
1. Verschiedenes
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Wie Ihnen bekannt ist, finden zur Zeit in Ouchy Besprechungen zwischen italienischen und türkischen Persönlichkeiten statt, welche eine Basis für weitere Friedensverhandlungen zu schaffen suchen. Die Vertreter Italiens sind die Herren Bertolini, Fusinato und Volpi. Der erstere, ehemaliger Staatsminister, ist ein redegewandter, nüchtern denkender Mann; ich habe ihn oft beim ehemaligen, nunmehr in Rom ansässigen Reichskanzler von Bülow getroffen, wo er nach Tisch Anekdoten aus dem italienischen politischen Leben zu erzählen pflegte. Seine Redeweise, obgleich etwas südländisch-überschwenglich, ist natürlich und überdacht. Bertolini scheint nicht von Partei-Vorurteilen befangen zu sein; er bekennt offen, dass ihm ein Meinungswechsel weder Schwierigkeiten noch Bedenken bereite. Herr Fusinato, den ich ebenfalls seit längerer Zeit kenne, ist der italienische Hohepriester des Völkerrechts. Er war Unterstaatssekretär beim Ministerium des Äussern und ist u.a. Mitglied des Internationalen Instituts für Völkerrecht. Er ist ein geschickter, liebenswürdiger Israelite, etwas neurasthenisch und den Klerikalen wenig gewogen.
Diese beiden Delegierten stehen daher zweifellos jeglichem Einfluss jener klerikalen Kreise fern, denen man eine Einwirkung auf die ursprünglichen Ursachen der afrikanischen Expedition zugeschrieben hat. Was nun Herrn Volpi anbelangt, so ist dies ein Geschäftsmann, der lediglich im Hinblick auf seine Beziehungen zur orientalischen Finanzwelt auserlesen wurde.
Herr Bollati, Generalsekretär beim Ministerium des Äussern, der gegenwärtig von Rom abwesend ist, hat vor seiner Abreise einem meiner Kollegen gegenüber geäussert, er lege diesen Besprechungen eine hohe Bedeutung bei; nicht so sehr ihrer unmittelbarer Ergebnisse wegen, als in Anbetracht der Tatsache, dass sie einen Kontakt mit dem Gegner herstellen, den man auf alle Fälle beibehalten möchte. Herr Bertolini hat sich gestern in Rom zu einer Konferenz mit Herrn Giolitti eingefunden, nach welcher er sofort wieder abreiste.
Herr de Martino, Chef des Kabinets des Ministers des Äussern, den ich gestern aufsuchte, beharrte auf der Versicherung, dass von Verhandlungen in eigentlichem Sinne nicht die Rede sein könne. Über die bisherigen Ergebnisse blieb er verschwiegen. Dagegen erklärte Herr von San Giuliano meinem englischen Kollegen, die Besprechungen nähmen einen Verlauf, der nicht günstiger erwartet werden konnte. Man hätte schon längst zu einer Einigung gelangen können, wenn die Türkei nicht von ihrer althergebrachten Verachtung für Italien immer noch befangen wäre. Die Türken betrachten Italien noch nicht als Grossmacht, es schwebe ihnen immer noch ein armes, gedemütigtes Italien, ein Italien von den Tagen Aduas vor Augen. An die grossen Fortschritte der Armee und der Marine glaube man in Konstantinopel nicht. Herr von San Giuliano meinte des weitern, derjenige, dem es gelingen möchte, die Türkei über die wirklichen modernen Verhältnisse der Halbinsel aufzuklären, würde der Sache des Friedens einen grossen Dienst leisten. Indessen verhehlte mir mein englischer Kollege Dering nicht seine Ansicht, dass die finanziellen Verhältnisse Italiens nicht so glänzend seien, als die Regierung sie darstelle. Er hat die Finanzberichte genau studiert und versuchte mir nun zu beweisen, dass die wirklich bedeutenden Summen über welche Italien zum Zwecke des Krieges verfügte und heute noch verfügt, grossenteils von denjenigen entnommen worden sind, die bereits für öffentliche Bauten bewilligt worden waren. Er sieht hierin eine Schwierigkeit für jene Zeiten kommen, in welchen die heute schadlos gehaltenen Sozialisten Rechenschaft fordern werden. Wie sich auch jene Zukunft gestalten möge: Italien hat Geld, Armee und Marine, und Herr von San Giuliano bedauert, dass die Missachtung seitens der Türken eine unnütze Verzögerung des Schlussergebnisses verschulde, lediglich weil die Ottomanen in ihrer Hoffnung auf eine Katastrophe beharren, die bis jetzt nicht eingetreten und die auch nicht vorauszusehen ist. Der Minister des Auswärtigen äusserte meinem englischen Kollegen gegenüber des weitern, dass erste Ergebnis der Besprechungen dürfte wahrscheinlich der hier schon längst ersehnte Austausch der Gefangenen sein. Es handelt sich um die italienische Mission San Filippo Sforza, die in der Cyrenaica gefangen gehalten wird und gegen die in Italien festgehaltenen türkischen Civilpersonen ausgetauscht werden soll. Die diesbezüglichen Verhandlungen waren bis dahin mit der Vermittlung Deutschlands geführt worden und an der türkischen Forderung gescheitert, dass die gefangenen Gendarmen ebenfalls freigegeben werden sollen. Dieses gegenseitige Entgegenkommen wäre wohl als der erste Schritt auf dem Wege zum Frieden zu betrachten. Nach den von Herrn Dering eingezogenen Erkundigungen, wird die Türkei nicht in ihrer Weigerung beharren, die tatsächliche Domination Italiens in Libyen über sich ergehen zu lassen und Italien wird den Türken keine Schwierigkeiten bereiten, für die Kniffe die sie anwenden werden, um den Schein zu wahren. Die etwaigen Compensationen im Roten Meere, von denen die Presse gesprochen hat, seien als Ente aufzufassen.
Der französische Geschäftsträger sagte mir, er glaube nicht, dass die italienische Regierung daran denke, die im Ägäischen Meere besetzten Inseln zu behalten, trotz des Wunsches der öffentlichen Meinung, Rhodos und Stampalia in den Besitz Italiens übergehen zu sehen. Er liess durchblicken, Italien wisse ganz genau, dass die Grossmächte dies nicht zugeben würden. Der englische Geschäftsträger war etwas weniger bestimmt: Er habe - sagte er - vergeblich versucht, eine positive Zustimmung in dieser Hinsicht zu erlangen. Trotzdem glaube er nicht, dass Italien die Kühnheit hätte, Stampalia oder gar Rhodos zu verlangen, dies in Anbetracht der missbilligenden Haltung der Mächte (England, Frankreich, Russland, Österreich), über die in Italien kein Zweifel bestehe.
England ist durch die Situation im Balkan, insbesondere in Serbien und Bulgarien beunruhigt. Mein englischer Kollege erwähnte die Tatsache, dass alle Mächte, Russland inbegriffen, die Regierungen des Balkans benachrichtigt hätten, sie könnten von ihrer Seite unter keinen Umständen Unterstützung erwarten. Herrn von San Giuliano flösse Montenegro Besorgnis ein. Herr Dering versicherte mir aber, dass der König von Montenegro ein glänzender «Maître Chanteur» sei, der seine Truppen jeweilen aufbiete oder zurückziehe, wenn er Geld brauche. Er hätte es sogar zu Stande gebracht - mein Gewährsmann versicherte es mit Bestimmtheit - von der Türkei Trinkgelder zu beziehen.
Die englische und die französische Botschaft schwören hoch und heilig, die Konzentration der französischen Flotte im Mittelmeere stehe mit der heutigen Situation in keinem Zusammenhang und habe vor allem nicht den Zweck, einen Einfluss auf die Friedensbedingungen auszuüben. Meine Kollegen fügen jedoch beide hinzu, dass sie sich nur freuen könnten, wenn die Anwesenheit dieser Kriegsschiffe einen mässigenden Einfluss auf die italienischen Ansprüche - besonders insoweit sie sich auf die Inseln beziehen - ausüben sollte. Der französische Geschäftsträger erinnerte mich daran, dass bis zu der Zeit des Marineministers Thomson die französische Flotte im Mittelmeere konzentriert war; es handle sich lediglich um eine Frage innerer Organisation und der Zweck der Massregel sei hauptsächlich, das Flottenkommando zu vereinfachen. Übrigens bestehe die Flotte von Brest aus ältern Schiffen. Mein englischer Kollege erklärte, die in der italienischen Presse wegen dieser Flottenkonzentration entstandene Aufregung sei künstlich und lediglich deutschen Hetzmanövern zuzuschreiben, die mit der Absicht inszeniert wurden, die Gegensätze zwischen Italien und der Triple-Entente zu verschärfen und Italien noch enger an den Dreibund zu knüpfen.
Bei dieser Gelegenheit liess sich der Engländer zu harten Ausfällen gegen Deutschland hinreissen. Er sagte, man kenne hoffentlich in der Schweiz die militärischen Pläne des Deutschen Kaisers, der eine Invasion nach Frankreich durch Basel und Genf in Betracht ziehe. Er meint, man könne in Bern diese düstern Pläne nicht ignorieren und gab mir zu verstehen, er habe mir davon gesprochen, um den traditionellen englischen Freundschaftsgefühlen der Schweiz gegenüber zu folgen, die England stets dazu bewegen werden, die Schweiz zu warnen, wenn ihre Unabhängigkeit in Gefahr kommen sollte.
Herr Dering war früher in Bern, wo er wohl irgendwelchen Klatsch gehört hat. Dieses kleine Intermezzo unserer Unterhaltung erlaubte ich mir desshalb in diesen Bericht einzuflechten, um Ihnen ein Symptom der in England gegenwärtig erkennbaren Verbitterung gegen Deutschland zu zeigen.
- 1
- Politischer Bericht: E 2001 (A), Archiv-Nr. 658.↩
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