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Die Entscheidung
«Die Zeiten in denen du alles haben kannst, sind vorbei. Aber immerhin hast du die Wahl: Bescheiden, dafür hundert und mehr Jahre leben oder siebzig Jahre mit hohem Lebensstandard.»
Die Entscheidung war nicht einfach. Ben brauchte ein ganze Woche, um zu einem Entschluss zu gelangen. Kopf, Herz und Bauch listeten unermüdlich Argumente auf, warum das eine besser war als das andere. Schlussendlich waren es jedoch seine Freunde, die den Ausschlag gaben. Mehr als ein Drittel seines Jahrgangs hatte sich für den Wohlstand entschieden. Die wenigsten waren mit 20 Jahren schon so reif, dass sie abschätzen konnten, was für Prioritäten sie am Ende ihres Arbeitsleben haben würden.
Ben hatte damals ebenfalls keine Ahnung. Er wusste ja noch nicht einmal was er in seinem Leben erreichen, geschweige denn wie er es beenden wollte.
Nun waren 50 Jahre vergangen und Ben blickte auf ein erfülltes Leben zurück. Er war zweimal verheiratet gewesen. Einmal mit der Frau, die ihm zwei Kinder geschenkt hatte und einmal mit seiner großen Liebe. Sonja hatte ihn verlassen, als sie gemerkt hatte, dass ihn nur noch Pflichtgefühl gegenüber den Kindern bei ihr hielt.
Mit Melanie erlebte er zwölf glückliche Jahre, ehe eine Hirnblutung ihr Leben plötzlich beendete.
Danach blieb er alleine. Die Tochter war schon früh mit dem Mann ins Ausland gezogen. Ab und zu traf er die Familie in virtuellen Chaträumen, aber obwohl diese technische Wunder waren, ersetzten sie die Realität eben doch nicht ganz. Sein Sohn war in der Nähe geblieben und führte ein bodenständiges Leben in einer Nachhaltigkeitskommune. Er hatte sich für ein langes Leben entschieden und nahm die damit einherkommenden Entbehrung auf sich. Ben war stolz auf seinen Sprössling, hatte dieser doch mehr Weitsicht gezeigt, als er je besessen hatte.
Bis Mitte 50 hatte Ben seine Entscheidung weitgehend verdrängt und genoss sein Leben in vollen Zügen. Je näher die Pension jedoch rückte, desto schwieriger wurde diese Taktik.
Mit 65 erhielt er den ersten Brief, der ihn daran erinnerte, was er noch alles regeln sollte, dazu hatten sie ihm einen Auszug seiner Sparkonten geschickt sowie einen Hochglanzflyer, wofür er das verbliebene Geld in den letzten 5 Jahren noch alles ausgeben konnte.
Sein Arbeitgeber gab ihm in diesen letzten 5 Jahren noch zusätzlich eine Woche Ferien pro Jahr uns so flog er erstmals nach Asien zur Tochter und lernte seine Enkel kennen.
Dem Sohn kaufte er einen portablen Generator für seine Hippiehütte und ein klein wenig spendete er für die Stiftung der Arbeitslosen, von denen die wenigsten älter als 40 wurden; überdrüssig von Almosen und an den Rand der Gesellschaft gedrängt zu leben.
Schließlich war sein 70. Geburtstag da und mit den Geburtstagswünschen und Abschiedsworten kam auch der grüne Umschlag.
Der Vertrag, den er mit 20 unterschrieben hatte, war beigefügt, zusammen mit der höflichen Aufforderung, seinem Aufgebot Folge zu leisten.
Das nächste Zentrum war nur eine Stunde mit der Magnetschwebebahn entfernt. Er könne ankreuzen, ob er eine Reisebegleitung wünschte oder lieber alleine kommen wolle. Ben stellte sich Schöneres vor, als die letzte Reise mit einem Fremden zu verbringen. Zudem war er noch rüstig genug, um alleine von A nach B zu gelangen.
Ihm wurde ein Erstklasseticket zur Verfügung gestellt und die Kaffeedame erinnerte ihn an Melanie in jungen Jahren. Alles in allem war es eine sehr angenehme Fahrt.
Das Zentrum war ein moderner, luftiger Bau, bei dem der Innenarchitekt penibel darauf geachtet hatte, eine freundliche Atmosphäre zu schaffen. Das Personal war zuvorkommen und aufgestellt. Nur die alten Leute, die vor ihm durch die Gänge schlurften, wirkten fehl am Platz.
Ben sah welche, die still vor sich hin weinten. Andere gingen nur zögerlich voran. Ein paar besonders heruntergekommene Gestalten schienen sichtbar erleichtert endlich hier zu sein. Wahrscheinlich war, dass sie falsch gewirtschaftet hatten und das Geld kaum mehr bis zum Schluss gereicht hatte. Nun, bald hatten sie keine Sorgen mehr.
Ben blieb keine mehr Zeit, seine eigenen Gefühle zu erforschen, denn er wurde bereits in ein Zimmer geführt.
«Brauchst du sonst noch etwas, Ben?» fragte der höfliche junge Mann.
«Ähm nein. Alles gut», sagte dieser verdattert. Die Tür schloss sich eben als ihm doch noch eine Frage in den Sinn kam. «Wie geschieht es eigentlich?» Aber die Tür war schon zu und er befand sich alleine im Raum. Dieser besaß nicht wie erwartet das Aussehen eines Krankenhauszimmers, sondern sah auf wundersame Weise aus wie sein einstiges Kinderzimmer. Wie gebannt ging Ben auf das kleine Jungenbett zu. Sogar die Bettdecke mit den Flugzeugen und den lachenden Sonnen war gleich. Da hatte sich jemand wirklich Mühe gegeben.
Ben ließ sich nieder, als ein Ruck durch das Bett ging. Die eine Rückwand des Raums verschwand plötzlich im Boden und hinterließ ein schwarzes Loch. Hastig zog Ben die Füße hoch, als sich das Bett wie eine kleine Lock in den Schlund bewegte. Der Tunnel blieb nicht lange schwarz. Stattdessen begannen die Wände zu flackern und zeigten bald darauf seine schönsten Erinnerungen.
Ben sah seinen Hochzeitstag, den Tag an dem seine Tochter eingeschult wurde und den Moment, an dem er Melanie nach all den Jahren wieder gesehen hatte.
Zuerst genoss er die wunderschönen Erinnerungen, doch dann wurde er misstrauisch. Er hatte nie so viel von sich preisgeben müssen. Wie kam das Zentrum also an all diese Erinnerungen ran? Die Bettdecke unter seinen Händen fühlte sich echt an und er spürte sogar den Fahrtfind auf seiner Haut. Doch Danke den Treffen mit seiner Tochter in den virtuellen Chaträumen wusste er, wie leistungsfähig die virtuelle Technik heutzutage war.
Er wurde sich immer sicherer, dass er sich in einem digitalen Konstrukt aufhielt. Der Erinnerungstunnel wurde immer heller, bis er von einem strahlend weißen Licht umgeben war. Sein Bettchen fuhr in treu vorwärts ins Licht hinein, bis es ihn völlig umfing und er eins damit wurde. Sein letzter Gedanke galt seinen Kindern und Enkeln.
***
Der junge Mann schaltete den Apparat aus und entfernte die Elektroden von Bens leblosem Kopf. Er zog den Schlauch, mit dem das Gift in Bens Körper gelangt war heraus und faltete das Laken über den nackten, alten, toten Körper. Die Bare zog weiter Richtung Ofen. Bereits rückte die nächste Bare nach.
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eingefleischte Fantasy-Liebhaberin; Stammautorin beim Verlagshaus el Gato; ist der Meinung, dass es nie schaden kann, sich als Autorin (und Mensch) immer wieder neu zu erfinden; ach ja und Brandon Sanderson ist der Beste.