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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Dreiundzwanzigste Unterredung, welche die dritte des Abtes Theonas ist, darüber, daß der Apostel sagt: „Denn nicht das Gute, welches ich will, thue ich, sondern was ich nicht will, das Böse, das thue ich.“
20. Daß sogar zur Zeit des Gebetes die Sünde kaum vermieden werden könne.
Wer also immer der menschlichen Natur τὸ ἀναμάρτητον, d. i. die Sündelosigkeit zuschreibt, der streite mit uns nicht in leeren Worten, sondern nach dem Zeugnisse und der Bestätigung seines Gewissens und möge dann erst behaupten, daß er ohne Sünde sei, wenn er gefunden hat, daß er von dem höchsten Gute nicht getrennt worden sei. Ja, wer bei der Erforschung seines Gewissens entdeckt hat, daß er, um nicht mehr zu sagen, auch nur eine Gebetsfeier ohne jede Unterbrechung durch irgend ein Wort, eine Handlung oder einen Gedanken gehalten habe, der mag sagen, daß er ohne Sünde sei. Da wir also bekennen müssen, daß der menschliche Geist in seinem beflügelten Hinschweifen [S. 383] nicht ohne diese müssigen und überflüssigen Dinge sein könne, so müssen wir auch in Wahrheit gestehen, daß wir folgerichtig auch nicht ohne Sünde sein können. Denn es mag Einer sein Herz mit noch so großer Achtsamkeit zu behüten suchen, so wird er es doch, da der Zustand des Fleisches widerstrebt, nie nach dem sehnlichen Wunsche seines Geistes bewahren. Je mehr Fortschritte nemlich der menschliche Geist gemacht hat, und zu einer je größern Reinheit der Beschauung er gelangt ist, um so unreiner wird er sich gleichsam im Spiegel seiner Reinheit sehen; denn während er zu einer höhern Schauung aufstrebt und bei seinem Vorwärtsblicken Größeres begehrt, als er that, muß er notwendig seinen jeweiligen Zustand als geringer und werthloser verachten.