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Wir sprechen doch dieselbe Sprache, also können keine Missverständnisse passieren? Diese Annahme machen viele, jedoch ist das oft fern von der Realität. Nur weil etwas übersetzt wird oder eine gemeinsame Sprache benutzt wird, heisst es noch lange nicht, dass vom Gegenüber gleich alles verstanden wird.
So könnte eine Person aus dem englischsprachigen Raum eine deutschsprachige Person beleidigen, indem sie auf einen Erfolg mit «good for you» reagiert. Auf Englisch ist das eine genuine Anteilnahme an der Freude der anderen Person. Aber jemand, der diese Botschaft durch den Kontext der deutschen Sprache übersetzt, liest das als «Schön für dich», ein Ausdruck von Neid und Missgunst.
Zwischen verschiedenen Kulturen oder auch oft innerhalb derselben Kultur gibt es unterschiedliche Arten, Informationen zu vermitteln. Viele davon sind implizit, nonverbal oder stark kontextabhängig. Wie sage ich meiner Freundin, dass ich doch keine Zeit habe für sie? Wer zahlt was beim gemeinsamen Abendessen im Restaurant? Wer nimmt das letzte Stück Kuchen und (wie) fragt man danach? All das sind Situationen, deren kommunikative Lösungen durchaus nicht selbstverständlich sind, weil oftmals jeder Kulturraum seine eigene bevorzugte Verhaltensnorm hat. Es kann sogar in gewissen Situationen so weit gehen, dass in einem Kulturraum ein bestimmtes Verhalten erwartet wird, das in einem anderen Kulturkreis als unhöflich empfunden wird.
Direkt und ehrlich oder angedeutet und höflich?
Der U.S. amerikanische Anthropologe und Kulturwissenschaftler Edward T. Hall hat in seinem Buch Beyond Culture die Konzepte von high-context und low-context Kommunikation eingeführt. Mit diesen Begriffen ist gemeint, wie viel Kontext in einer Kultur beim Vermitteln einer Information mitgedacht und vorausgesetzt wird. High- und low-context ist als Spektrum zu verstehen und man kann Kulturen nicht klar dem einen oder anderen Kommunikationstyp zuordnen. Auch Individuen können sich in verschiedenen Situationen eher in dem einen oder anderen Stil bewegen. Es ist lediglich eine Theorie, um transkulturelle und zwischenmenschliche Tendenzen zu verstehen und einzuordnen.
Als mitteleuropäisch sozialisierte Person, könnte man davon ausgehen, dass man grösstenteils im Stil von low-context kommuniziert. In Deutschland sozialisierte Leute sind stark in diesem Kommunikationsstil vertreten und stossen sogar in der Schweiz auf Missverständnisse. Bei low-context ist die Kommunikation eher direkt und wird vor allem durch das Gesagte ausgedrückt. Es ist davon auszugehen, dass was erwartet wird, auch direkt gesagt wird und auch so gemeint ist. Es bestehen wenig oder kaum unausgesprochene Regeln, und man weiss, woran man ist. Es wird als unangenehm empfunden, Konflikte unausgesprochen zu lassen und man bemüht sich um das Beziehungswohl, indem man die schwierige Situation anspricht und aus dem Weg schafft. Ehrlichkeit und Direktheit werden sehr geschätzt und es gilt als unhöflich, das Gegenüber in Unklarheit zu lassen.
Während Unklarheit bei low-kontext als störend empfunden wird, ist sie bei high-kontext Normalität. Bei einer high-kontext Kommunikation ist es nicht nur wichtig was gesagt wird, sondern auch wie es gesagt wird, wer es zu wem sagt, in welchem Ton, welche Gesten und Mimik die Aussage begleiten usw. Die Botschaften werden oft indirekt vermittelt und man muss den Kontext lesen können, um zu verstehen, worum es geht und woran man ist. Harmonie und Höflichkeit werden viel stärker geschätzt als Direktheit, diese kann sogar als respektlos rüberkommen. Konflikte werden meistens nicht direkt angesprochen, da dadurch eine unangenehme Situation entstehen könnte und dies die Beziehung gefährden könnte. Vieles geht auf unausgesprochene soziale Verhaltensregeln und rituelle Höflichkeitsfloskeln zurück und es braucht viel mehr Feingefühl, um die Botschaften lesen und adäquat darauf reagieren zu können. Die Kommunikation im high-context Stil beruht stark auf einer Vertrauensbasis und einer langfristigen Perspektive in der zwischenmenschlichen Beziehung.
Eine Person aus einem Kulturraum mit der low-context Kommunikation als Norm mag sich vielleicht fragen, wieso Menschen sich freiwillig das Leben so schwer machen, wenn es auch einfach geht. Andererseits aber würde sich die andere Seite wundern, wieso die Menschen so unfreundlich und grob zueinander sind, wenn man dieselbe Botschaft auch freundlich übermitteln kann.
Fettnäpfchen unvermeidbar?
In einer Region, in der die Menschen dieselbe Kommunikationsart verwenden, entstehen relativ selten Missverständnisse, da die expliziten und impliziten Botschaften meistens richtig gedeutet werden und entsprechend darauf reagiert werden kann. Die eigentliche Herausforderung entsteht erst, wenn Personen miteinander kommunizieren, die mit unterschiedlichen Kommunikationsmodellen sozialisiert worden sind. Und das ist umso wahrscheinlicher, wenn man aus verschiedenen Kulturen kommt.
Im Iran zum Beispiel wird ein Taxifahrer einem Touristen auf die Frage, wieviel die Fahrt kostet, höchstwahrscheinlich antworten: «Nichts». Wenn der Tourist aber, begeistert von der persischen Gastfreundschaft, dankend aus dem Taxi steigt, wird er sich stark wundern, dass der Taxifahrer beleidigt reagiert. Die erste Ablehnung eines Angebots ist in der persischen Kultur eine rituelle Höflichkeitsfloskel und heisst Taarof. Nach Taarof muss man aus Höflichkeit zwei bis dreimal nachfragen. Beim dritten Mal kann man sich sicher sein, ob das Gegenüber tatsächlich etwas anbietet oder ablehnt. So hätte der Taxifahrer das Gefühl, gierig zu wirken und sein Gesicht zu verlieren, wenn er beim ersten Nachfragen den Gast um das Geld für die Fahrt bittet. Nachdem er zweimal abgelehnt hat, nennt er den Preis und nimmt das Geld dankend entgegen. Bei derselben Situation in Indien sind wieder andere Höflichkeitsregeln gefragt. Würde der Tourist dem Taxifahrer aus Versehen das Geld mit der linken Hand reichen, muss er sich kaum wundern, wenn der Taxifahrer beleidigt reagiert. Die linke Hand gilt nämlich als schmutzig und wenn man sein Gegenüber nicht beleidigen möchte, sollte man Gegenstände, Geld und Geschenke mit der rechten Hand reichen.
Es gibt tatsächlich vieles, was in der transkulturellen Kommunikation schiefgehen kann. Aber der Fall ist nicht hoffnungslos, ganz im Gegenteil. Schon allein die eigenen Kommunikationsmuster zu kennen und zu wissen, dass es auch anders geht, ist ein grosser Schritt. Letztendlich sehnen sich alle Menschen danach, von anderen verstanden und akzeptiert zu werden. Dieser Wunsch nach Begegnung und Zusammengehörigkeit ist allen Menschen gemeinsam, unabhängig von Herkunft und Kultur. Es ist also nie zu spät, sich um eine höfliche Ausdrucksweise, etwas Empathie und ein gegenseitiges Entgegenkommen zu bemühen. Und mit einer offenen und wohlwollenden Kommunikation kommt man meistens schon sehr weit, denn die kommt universal gut an.
Hat euch das Thema inspiriert oder nachdenklich gemacht? Möchtet ihr eure transkulturellen Kompetenzen weiter schärfen? Unsere Weiterbildung am 26. August ist eine grossartige Gelegenheit dafür. Im vierstündigen Kurs werden wir uns interaktiv mit dem Begriff von Kultur und dem Umgang mit transkulturellen Unterschieden beschäftigen.
Quellen:
Hall, Edward T. (1976). Contexts, High and Low. In: Beyond Culture (S. 105-116). Anchor Books Verlag.
Neuliup, J. W. (2011). The cultural context. In: Intercultural communication: A contextual approach (5. Auflage, S. 45-91). Sagepub.