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Tradition
(lat. traditĭo), Überlieferung, Übergabe (s. d.); in der kath. Kirche die neben der in der Heiligen Schrift enthaltenen Offenbarung Gottes mündlich in der Kirche fortgepflanzte göttliche Belehrung. Nach dem strengern Begriffe ist darunter eine wörtlich von Jesu und den Aposteln her teils zur Ergänzung, teils zur Erklärung des Schriftwortes fortgepflanzte Geheimlehre zu verstehen, die von den Bischöfen in ununterbrochener Succession von Geschlecht zu Geschlecht überliefert, den Gemeinden aber nur so weit, als das praktische Bedürfnis es erfordert habe, mitgeteilt worden sei.
Daneben her geht aber die Vorstellung, daß der Heilige Geist nur das rechte Verständnis der göttlichen Wahrheit in der Kirche ununterbrochen erhalte, so daß alle weitern kirchlichen Festsetzungen in Lehre [* 2] und Sitte nur immer genauere Erläuterungen der Lehre Christi seien. Im erstern Falle gäbe es gar keine, im letztern Falle nur eine formelle Entwicklung; in beiden Fällen aber setzt die Unfehlbarkeit dieser Überlieferung die Unfehlbarkeit der Kirche voraus, die wieder auf der ununterbrochenen Succession des Heiligen Geistes im bischöfl.
Amte beruht. Seine Ausbildung erhielt der röm.
Traditionsbegriff erst durch den Gegensatz
zu dem prot. Schriftprincip.
Schon das christl.
Altertum kennt die
Tradition im
Sinne einer mündlichen Weiterpflanzung apostolischer
Lehren
[* 3] und Ordnungen durch das bischöfl.
Amt, die in der sog.
Glaubensregel (s. d.) zusammengefaßt, nachmals
auch schriftlich verzeichnet und unter Leitung des
Heiligen
Geistes je nach Bedürfnis näher erläutert worden sei. Daher
führte man schon im 2. Jahrh. auf unmittelbar apostolische Einsetzung zurück, was sicher
erst das Resultat kirchlicher
Entwicklung war und nur in seinen ersten
Keimen auf die Apostelzeit zurückging.
Aber die immer allgemeiner herrschend gewordene
Vorstellung in der
Kirche legte das Hauptgewicht nicht auf die apostolische,
sondern auf die kirchliche
Tradition oder auf die Übereinstimmung mit der vom
Heiligen
Geiste geleiteten kirchlichen Vergangenheit,
deren Zeugnisse man aus Konzilienbeschlüssen und
Schriften der
Väter sorgfältig zusammenstellte. Später
traten noch
¶
mehr
die Dekretalen als Autoritäten für die Entscheidung streitiger Fragen hinzu.
Die Unfehlbarkeit der Kirche vertrat sonach den in den meisten Fällen überdies unmöglichen histor. Nachweis apostolischen
Ursprungs. Erst im Streite gegen den Protestantismus versuchte man, die
Tradition als mündlich überliefertes Gotteswort der Heiligen Schrift
ebenbürtig zur Seite zu stellen. Indessen hat es niemals gelingen wollen, diese
Tradition auf
einen klaren Begriff zu bringen. Der zu Trient
[* 5] gemachte Vorschlag einer vollständigen Kodifikation aller in der Kirche aufbewahrten
Tradition wurde zurückgewiesen, um künftigen kirchlichen Entscheidungen, für die man ebenfalls auf die
Tradition sich berufen mußte,
nicht den Weg zu verlegen.
Dafür unterschied die kath. Dogmatik zwischen
traditiones divinae, apostolicae
und ecclestiasticae, von denen nur die beiden ersten dem aufgestellten strengern Begriffe entsprechen, schwankte aber bis
auf den heutigen Tag über die Einreihung der kath. Dogmen und Bräuche unter die eine oder andere Kategorie. Auch die Unterscheidung
von
traditiones universales und particulares, perpetuae und temporariae war vielfach eine willkürliche.
Gegenüber den unabweisbaren Zeugnissen der Geschichte für den spätern Ursprung vieler der wichtigsten kath.
Lehren und Bräuche ließ die Berufung aus die «kirchliche»
Tradition immer einen Ausweg offen,
dessen entschlossene Betretung aber die ganze
Traditionstheorie, sofern sie noch neben dem Satze von der Unfehlbarkeit
der Kirche aufgestellt wurde, im Grunde überflüssig macht, namentlich nachdem durch die Proklamierung der Unfehlbarkeit des
Papstes (s. Infallibilität) ohne Konzil die Mittel, die Ansicht der unfehlbaren Kirche zum Ausdruck zu bringen, im hohen Grade
vereinfacht sind.
Schon die kath. Dogmatiker Staudenmaier und Möhler waren dazu zurückgekehrt, den
Traditionsbegriff überhaupt
als die stetige Leitung der Kirche durch den göttlichen Geist, also als eine unfehlbar vollkommene Entwicklung des kirchlichen
Bewußtseins, die alle Irrtümer und Mißgriffe ausschließt, zu fassen. Der ältere Protestantismus richtete seine Polemik besonders
gegen den tridentinischen Begriff der
Tradition als eines ungeschriebenen Gotteswortes neben der Heiligen Schrift und zeigte
nicht nur die Unwahrscheinlichkeit und Unerweislichkeit einer unversehrten Bewahrung desselben durch die Jahrhunderte, sondern
lieferte auch für zahlreiche angeblich göttliche und apostolische
Tradition den Nachweis ihres jüngern Ursprungs,
wogegen er nicht nur die histor.
Zeugnisse der Kirchenväter (traditio historica), namentlich die auf Entstehung und Sammlung der biblischen Bücher bezüglichen,
sondern auch die Schriftauslegungen der Väter (traditio exegetica) und die in den alten Bekenntnissen
und Zeugnissen der Väter niedergelegte dogmatische Überlieferung (traditio dogmatica), letztere freilich auch nur als richtige
Auslegung des echten Schriftsinns in Ehren hielt. Während aber der Katholicismus nach seinem weitern Begriffe von der
Tradition die
Heilige Schrift selbst als Bestandteil derselben betrachtete und das Ansehen der Bibel
[* 6] mit Augustinus aus
das Ansehen der Kirche begründete, lehnte der Protestantismus diese Ansicht beharrlich ab, hob die Heilige Schrift als allein
zuverlässige Quelle
[* 7] des «Wortes Gottes» auf den Schild
[* 8] und behauptete, daß sie der Ergänzung und Erläuterung durch die
Tradition nicht
bedürftig, noch weniger ihr ein- oder unterzuordnen sei.
In dem
Maße, als man protestantischerseits anfing, die menschliche Entstehung der biblischen Bücher anzuerkennen und sie als
erstes Glied
[* 9] in der Reihe kirchlicher Litteraturprodukte zu betrachten, schien auch der Gegensatz von Schrift und
Tradition seine
Schärfe zu verlieren. Dennoch blieb auch so noch eine principielle Differenz, da der kath.
Begriff einer unfehlbaren Kirche und die unbedingte Autorität derselben gegenüber dem Einzelnen mit der Forderung der prot.
Wissenschaft, die kirchliche Entwicklung als eine echt menschlich-geschichtliche, also niemals absolut vollkommene zu betrachten,
in einem unversöhnlichen Gegensatze steht. Die moderne prot. Orthodoxie hat dagegen nicht nur für das
Schriftwort, sondern auch für die Kirchenlehre die Anerkennung unbedingter, also göttlicher Autorität wieder beansprucht.
-
Vgl. H. Holtzmann, Kanon und Tradition (Ludwigsb. 1859).