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Die Geschichte von Poetry Slam. Es gibt viele Versionen mit kleinen, feinen Unterschieden, grob und ausführlich erzählt. Hier ist eine davon. Die Geschichte über Entstehung und Verbreitung und über den Beginn in der Schweiz.
Von Patricia Feliceter
Seinen Ursprung nahm der Poetry Slam in Amerika, genauer in Chicago. In den Jahren 1979 und 1980 fanden literarische Wettkämpfe in einem Boxring statt: Zwei Dichter lasen abwechselnd Gedichte vor und versuchten sich gegenseitig so in die Enge zu treiben und das tobende und brüllende Publikum für sich zu gewinnen. Diese verbalen Kämpfe wurden auch als urban- oder punk poetry bezeichnet, da die Idee der Punkszene entsprungen war. Ausserdem hatten natürlich die altbekannten Box- und Wrestlingkämpfe einen grossen Einfluss auf die Entstehung dieses Phänomens.
Der ehemalige Bauarbeiter Marc Kelly Smith, welcher sich schon seit längerem in dieser Szene bewegte, gründete 1985 das „Chicago Poetry Ensemble“, dem Schriftsteller, Poeten, Performance-Poeten und Schauspieler angehörten. Das Ensemble schrieb Stücke, die es einem Publikum in der „Get Me High Lounge“ in Chicago vorspielte, welches nicht dem konventionellen Theaterpublikum entsprach. Wie schon bei den „Kämpfen“ bestand ein grosser Teil des Publikums aus Individuen, die ansonsten keinen grossen Bezug zur Literatur fanden, geschweige denn selbst aktiv waren. Es wurde sehr viel Wert auf den künstlerischen Aspekt gelegt und Smith war es sehr wichtig, dass die Mitglieder ein Flair für Performance mitbrachten und auch bereit waren, Neues dazuzulernen. Nicht zuletzt dadurch konnte sich das „Chicago Poetry Ensemble“ als Prototyp für alle National Slam Teams etablieren.
1986 zog Smith mit dem Ensemble in den grösseren „Green Mill Jazz Club“, um eine neue Show, eine Poetry Show, aufzuziehen, der er den Namen „The Uptown Poetry Slam“ gab. Die Show bestand aus drei Teilen: Zuerst ein Open Mike, das heisst, jeder, der etwas Eigenes vorlesen wollte, durfte dies tun. Dann folgten Gäste aus allen Teilen der USA und als dritter und letzter Teil trat jeweils das Chicago Poetry Ensemble auf. Da es für das Team jedoch zu aufwändig war, jede Woche ein neues Stück einzustudieren, baute Smith jede zweite Woche eine Art Dichterwettstreit ein. Dieser fand schnell ungeheuren Gefallen bei den Zuschauern und wurde sogar zur Hauptattraktion der ganzen Veranstaltung. Der Poetry Slam war geboren. Nun wurde auch das lokale Medieninteresse immer grösser und Smiths Projekt feierte einen Erfolg nach dem anderen. Im Jahr 1988 konnte er gar die gesamte Zeit auf ein ausverkauftes Haus zurückblicken.
In New York sah die Sache etwas anders aus: Das 1975 von den puertoricanischen Poeten und Theatermachern Miguel Algarin und Miguel Pinẽro in der Lower East Side eröffnete „Nuyorican Poets Cafe“ war 1988 von der Schliessung bedroht. Die guten alten Zeiten, als Lower-East-Side Berühmtheiten wie Pedro Pietri (Schriftsteller), internationale Stars wie William Burroughs oder Allen Ginsberg und Rap-Poeten das Café besucht hatten, schienen der Vergangenheit anzugehören. Als dann auch noch Miguel Pinẽro an den Folgen seines Drogenkonsums starb, hatte sein Mitgründer weder die Kraft noch den Willen, etwas an der schwierigen Situation zu ändern.
Erst der New Yorker Poetry-Aktivist und Marketing-Spezialist Bob Holman schaffte es, Algarin 1989 von einer Neueröffnung in einem schöneren und grösseren Lokal zu überzeugen. Da Holman im Green Mill einige Poetry Slams miterlebt hatte und davon sehr angetan war, stellten sie den Poetry Slam auch in ihrem neuen Konzept in den Mittelpunkt. Die neue Literaturform war derart beliebt, dass es Holman 1991 durch seine Beziehungen sogar gelang, MTV zu einer neuen Plattform – MTV Poetry Unplugged – zu überreden. Ab September 1992 konnte man erstmals Poetry Video Clips im Fernsehen bestaunen. Im selben Jahr fand in Boston bereits der dritte National Poetry Slam statt.
Danach schlug die Welle auch nach Finnland, Schweden und Grossbritannien über. Als im darauf folgenden Jahr San Francisco wieder zum International Slam einlud, nahm erstmals ein Land eines anderen Kontinentes daran teil: Finnland. Nun setzte sich die Presse in ganz Europa mit Themen wie Spoken Word und Poetry Slam auseinander. Ein japanischer Fernsehsender sendete gar einige Poetry Slams aus dem „Nuyorican Poets Cafe“ an eine halbe Million japanische Zuschauer.
Im Jahr 1994 fand auch in Deutschland (Berlin) der erste Poetry Slam statt. Zu dieser Zeit erschien die Anthologie „Aloud! Voices from the Nuyorican Poets Cafe“ von Bob Holman und Miguel Algarin, welche sehr erfolgreich war. Als Bob Holman und Miguel Algarin 1995 ein „Deutsch – Nuyorican Poetry Festival“ in New York veranstalteten, zog es neben deutschen Gästen wie Bastian Böttcher (Bremer Rap-Poet), Durs Grünbein (Büchner-Preisträger) und Andre Michael Bolton (Trommler und Dichter) auch den Schweizer Performance-Poeten Christian Uetz in die USA, welcher später neben drei weiteren Auszeichnungen auch den 3Sat-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb gewann. Dies war die Grundlage dafür, dass nun auch vermehrt die Schweiz mit dem Slam liebäugelte.
Der Durchbruch des Slams in der Schweiz folgte erst 1999, als die Schweizer Matthias Burki und Yves Thomi, die Begründer des Kleinverlages „Der gesunde Menschenversand“, nach Deutschland reisten und den dort immer populärer werdenden Slam studierten. Sie kamen derart begeistert nach Hause, dass sie beschlossen, fortan auch in der Schweiz Slams durchzuführen. (Es gab zwar schon vorher Slams in Bern, doch die waren sehr rar.) Das Vorhaben sollte mit einer Poetry-Slam-Tour im Juni 1999 seinen Auftakt erleben und die repräsentierenden Schweizer waren Suzanne Zahnd, Tom Combo, Philipp Albrecht Egli, Jurczok 1001, Melinda Nadj Abonji, Raphael Urweider, Max Küng, Constantin Seibt, Ralf Schlatter, „Die Eistorte“ (Dominik Burki und Raffael Meier) und René Oberholzer. Im Programm standen aber auch deutsche Autoren: Bastian Böttcher, Till Müller-Klug und Hadayatullah Hübsch.
Matthias Burki äusserte sich dazu folgendermassen:„Slams sind anders als andere Lesungen: Die Texte müssen sich zum Vortrag eignen, und der Körper der Lesenden muss irgendwie involviert sein. Die Leute, die wir eingeladen haben, kennen das bereits.“
Ganz im Sinne der alten Bräuche bildete das Publikum die Jury und der Siegerpreis war eine Flasche Whisky. Jeder Besucher durfte sich auch vor der Show dazu entscheiden, selbst einen Text vorzulesen. Im April 2000 folgte die zweite Poetry Slam CH-Tour. Diesmal waren Michael Lentz, Verena Carl und Till Müller-Klug als deutsche Gäste eingeladen und Christoph Schuler, Michael Stauffer, Ralf Schlatter, Andi Rickert, Suzanne Zahnd, Seelenlos & Aerger, Sandra Küenzi, Luciano Andreani, Constantin Seibt, R.C. Köchli, Jürg Halter, Familie Caradonna, „Die Eistorte“, Tom Combo und Claudius Weber vertraten die Schweizer Slamszene
Nun war also auch die Schweiz als Slam-Nation entdeckt worden und nach den deutschsprachigen Meisterschaften 2008 in Zürich wurden 2010 offiziell die Schweizermeisterschaften gegründet, wo sich jeweils um die 40 Schweizer Poeten messen. 2010 gewann Lara Stoll die ersten Meisterschaften in Olten, 2011 folgte ihr Gabriel Vetter, 2012 Renato Kaiser. 2013 konnte sich Hazel Brugger den Titel ergattern und der Schweizermeister 2014 ist Christoph Simon.
Mit den Schweizermeisterschaften 2012 in Winterthur fand auch der Team-Wettbewerb – von manchen Stimmen die Königsdisziplin des Slams genannt – Einzug in die Schweizer Slamszene.