Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03656.jsonl.gz/1064

Bibliothek, La Spezia (I)
Das einstige Werkareal liegt inmitten des Quartiers, direkt hinter dem Container-Hafen. Im Osten wird es von einem Kanal begrenzt und umfasst eine Ansammlung historischer Fabrikgebäude aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das Areal ist sehr gut ins Infrastrukturnetz eingebunden und weiss neben der staatlichen Sekundarschule auch das Ausstellungs- und Handelszentrum (LaSpeziaExpo) sowie den Palazzo dello Sport in seiner Nähe. Die Zubringerstrasse zur Autobahn bildet zwar eine Schneise im urbanen Gewebe des Canaletto-Quartiers, sie soll aber mit der Aufwertung des gesamten Quartiers nicht mehr als trennend wahrgenommen werden.
Bibliothek als sozialer Katalysator
Die städtische Bibliothek Beghi befand sich bereits zuvor im selben Quartier, besass allerdings kein eigenständiges Gebäude und bot zu wenig Räume für die gewünschten Anforderungen und Bedürfnisse einer modernen Bibliothek mit einem wachsenden Bibliotheksbestand. Auf diese neuen Anforderungen mussten die Architekten bei der Umnutzung der beiden einstigen Werkhallen für Trams mit einem vielseitigen und flexibel nutzbaren Raumprogramm eingehen. Die neue Gemeindebibliothek (Biblioteca Civica) sollte nicht nur den physischen Bestand beheimaten, sondern auch Computer-Arbeitsplätze für Studierende bieten und Arbeitsplätze für Recherchen, eine Bücher- und Spielecke für Kinder, eine Cafeteria und ein kleines Auditorium, unter anderem für ein Kursangebot, umfassen. Zudem sollten in der neuen Bibliothek auch das historische Archiv der Resistenza und das Fotoarchiv untergebracht werden.
Der Fokus der Gemeinde La Spezia lag darin, ein eigentliches Gemeinschaftszentrum zu schaffen, das nicht nur passiv dem Quartier als Bibliothek zur Verfügung steht, sondern aktiv die Teilnahme und Interaktion der Bevölkerung unterstützt, zum Beispiel mit Veranstaltungen, Ausstellungen sowie einem Weiterbildungsangebot. «Über die traditionelle Rolle einer Bibliothek als Hort der Bücher, als Studier- und Rechercheort hinaus sollte die neue Bibliothek auch eine neue Funktion einnehmen; die eines sozialen Katalysators, vor allem auch für die Jugend, als Alternative zum nahe gelegenen Einkaufszentrum», so das Architekturbüro Atelier(s) Alfonso Femia, welches den ausgeschriebenen Wettbewerb für sich entscheiden konnte.
Ein einladender Ort
Alle diese Anforderungen in den beiden gekoppelten Werkhallen unterzubringen, stellte für die Architekten eine anspruchsvolle und «zugleich faszinierende» Aufgabe dar. Herausfordernd war auch der Anspruch, «einen für alle Bevölkerungsschichten und Altersstufen ansprechenden, gemütlichen und einladenden Ort zu schaffen, in Bezug auf den Raum, die Einrichtung, die Farben, die Kommunikation sowie Signaletik», so Atelier(s) Alfonso Femia. Was die Räume der neuen Bibliothek auf ihren zwei öffentlich zugänglichen Geschossen vor allem auszeichnet, ist die Verteilung des Bibliotheksbestandes auf die verschiedenen Räume mittels insgesamt 800 Laufmetern Bücherregalen, die sich durch die ganze Anlage erstrecken. Im grossen Lesesaal im ersten Obergeschoss – dieser ist auch über eine Aussentreppe zugänglich – gliedern halbhohe Regale die Halle optisch und funktional. Dort, wo Sessel zum Lesen einladen, entsteht mit hohen Bücherwänden ein fast wohnliches Ambiente, ohne dass dies eine zusätzliche Möblierung oder weitere innenarchitektonische Interventionen erfordert hätte.
Transparente Offenheit
Der historische Bestand bleibt dabei immer spürbar, sicht- und erkennbar. Die Architekten haben sich einer gewissen Ehrlichkeit verschrieben, indem die einstige Grosszügigkeit der Hallen im Sinn einer «promenade architecturale» erlebt werden kann. Bis auf den frei schwebenden Kubus, der sich farblich und architektonisch klar als Erweiterung zu erkennen gibt und dadurch von Weitem auf sich aufmerksam macht, heben sich die sanierten Hallen nicht von der Umgebung ab. Formal als Zitat an Le Corbusiers Villa Savoye lesbar, markiert die auf Pilotis lagernde Auskragung den geschützten Eingang zur Bibliothek gegen einen kleinen Park. Die tiefe Farbigkeit lässt auch an Luis Barragán denken und schlägt somit eine Brücke zwischen mediterraner Lebensfreude und modernistischer Ernsthaftigkeit.
Die Zweiteiligkeit der Werkhallen haben die Architekten im Erdgeschoss genutzt, um auf der einen Seite das Auditorium, auf der anderen Seite den Lesebereich mit kleiner Cafeteria und einer Anzahl an Arbeitsplätzen unterzubringen. Der nach oben, zum Hallendach, offene Galerieraum ähnelt einer modernen Buchhandlung und eröffnet die Möglichkeit einer flexiblen Nutzung für kulturelle Veranstaltungen. Der Zugang zum Lesesaal erfolgt über eine skulpturale Stahltreppe. Von hier ergeben sich Durchblicke in den Studiersaal, dies bei einer gleichmässigen Lichtverteilung in beiden Räumen.
Atelier(s) Alfonso Femia
Bautafel
Öffentliche Bibliothek La Spezia
Via Canaletto 38, 19126 La Spezia
Bauherrschaft
Gemeinde La Spezia
Architektur
Alfonso Femia mit 5+1AA, heute Atelier(s) Alfonso Femia
Koordination
Simonetta Cenci
Fläche
4500 m2
Baustatik
FOR engineering architecture
Turin
Energie- und Umwelttechnik
ProgeTec s.n.c.
La Spezia