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"Kurz nach dem Eintritt in Realta wurde ich von der Lehrperson über mein Interesse an der Bildung befragt. Nach vier Monaten konnte ich dann am Unterricht teilnehmen", erzählt M.W.. Zusammen mit der Lehrperson definierte er das Lernziel. "Mein Ziel ist, die deutsche Sprache einigermassen fehlerfrei zu lesen und zu schreiben", erzählt er.
M.W. gehört der ethnischen Minderheit der Jenischen an. Aufgewachsen ist er im Kanton Tessin. Dass seine Familie als Fahrende in immer anderen Gemeinden Halt machte, erschwerte einen regelmässigen Schulbesuch, nur drei Jahre war er insgesamt in der Primarschule. Und er ging nicht gerne hin: Mitschüler und Lehrer plagten und mobbten ihn. "In der zweiten Klasse wartete die Lehrerin jeden Morgen an der Eingangstür auf mich, um mir ein Lineal übers Gesäss zu ziehen. Und meine Mitschülerinnen und Mitschüler liessen mich deutlich spüren, dass ich nicht dazugehöre." Unschöne Erfahrungen, die er und seine sechs Geschwister teilten.
M.W. ist mittlerweile selbst Vater von drei Kindern. "Heute achten wir Jenischen darauf, dass unsere Kinder zur Schule gehen. Sie sollen eine gute Bildung haben und einen Beruf erlernen." Seine Kinder haben alle drei eine Berufslehre gemacht – als Koch, als Kleinkinderzieherin und als Logistiker.
Bestmöglich vom Unterricht profitieren
Der Unterricht in Realta startet morgens um 7.30 Uhr. "Meine Lerngruppe besteht aus sechs Personen, der Jüngste ist 20, der Älteste 63", schildert M.W. Auf eine Stunde gemeinsame Allgemeinbildung folgt der individualisierte Unterricht. "Je nach Stand unseres Wissens gibt uns die Lehrperson anderes Lernmaterial", erzählt M.W. Er schätzt es sehr, wie gut er betreut wird. Seine Lieblingsfächer sind Deutsch, Geschichte und Politik. Der Schulunterricht hat seine sprachlichen Kenntnisse er weitert, er liest öfters, schaut nicht mehr nur Fernsehen, Allgemeinwissen interessiert ihn mehr als
früher. "Abends lese ich jetzt oft und setze mich mit der gegenwärtigen weltpolitischen Situation auseinander."
M.W. will bestmöglich vom Unterricht profitieren. Das Wissen, das er in Realta erwirbt, soll ihm nach Beendigung seiner Strafe draussen in der Freiheit nützen. "Nebst schulischem Wissen lerne ich hier auch, wie ich mit Menschen besser umgehen kann." Sein soziales Verhalten habe sich verändert. "Ich anerkenne nun auch Probleme anderer Menschen, gehe offener auf sie zu."
Ein grosses Erfolgserlebnis für ihn war ein Brief, den er vor Kurzem an seine Mutter sandte. "Als ich das erste Mal einen einigermassen fehlerfreien Brief an sie schrieb – das war ein absolutes Glückserlebnis. Und meine Mutter hat sich sehr gefreut." Das motiviert ihn, weiterzumachen. Stolz erzählt er, dass die Lehrperson oft erstaunt sei, wie viel Durchhaltewillen er an den Tag lege. "Sie gibt einem immer das Gefühl, man mache alles richtig – mit nur kleinen Fehlern."