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Häusliches Leben
Schon seit seiner Rückkehr aus Göttingen waren sich Jonas Breitenstein und Theresia Tschopp einig, bald nach Antritt einer Pfarrstelle zu heiraten. Bis zum Einzug ins Pfarrhaus in Binningen wohnte Jonas in Ziefen, während Theresia bei Verwandten in Basel weilte. Nach Antritt der Pfarrstelle Anfang Oktober 1852 wohnte Jonas Breitenstein allein im grossen Pfarrhaus in Binningen und tauschte brieflich mit seiner Braut Theresia Gedanken über den Hochzeitstermin aus, während ihm offenbar die Planung der Hochzeitsfeier selbst zunehmend lästig wurde; brieflich wurden auch Anschaffungen für den neuen Haushalt besprochen, während sich Jonas’ Eltern vor allem grosse Sorgen über die Wohnsituation des ältesten Sohnes machten. Seit der Übersiedlung nach Binningen beschäftigte sich zunächst Jonas allein, dann gemeinsam mit seiner Frau Theresia intensiv mit der Bearbeitung und Bepflanzung des Pfarrgartens, der nach den Ausführungen in den Briefen wohl durch einen angrenzenden Acker erweitert war. Auch Hühner und eine Kuh wurden nach und nach beschafft. Viele Briefen, die Jonas Breitenstein an seine ferienhalber in Ziefen oder in der Kur in Bad Eptingen weilende Frau richtete, zeugen von der aufreibenden landwirtschaftliche Tätigkeit, die er neben seinen Pfarrpflichten ausübte.
Jonas Breitensteins bester Freund Martin (Grieder) Birmann vollzog am 2. Dezember 1852 die Trauung und taufte auch die erste Tochter des jungen Ehepaares. Zwischen 1854 und 1866 kamen die neun Kinder zur Welt: Hanna 1854, Maria 1855, von deren frühen Tod 1866 ihr Vater sich nie gänzlich erholte, Heinrich Ernst 1857, Jonas 1858, der sein erstes Lebensjahr nicht überlebte, Martha 1860, Amalie 1861, Theodor 1864 und Christina Emma 1866. Jonas Breitenstein war ein liebevoller und fürsorglicher Vater. Er ermöglichte jedem seiner überlebenden Kinder trotz seines mageren Einkommens ein Welschlandjahr und dem künstlerisch begabten Sohn Ernst eine Ausbildung zum Maler. Regelmässig verbrachten die Kinder mit der Mutter die Ferien in Ziefen. Wenn es ihm die Arbeit erlaubte, unternahm er selbst mit den Kindern weite Spaziergänge, die häufig bis nach Ziefen führten. Weilte Theresia in Kur oder musste wegen Krankheit das Bett hüten, dann kümmerte er sich sorgsam um die Kinder und den ganzen Haushalt. Davon zeugen zahlreiche Briefe an Theresia während der Sommermonate. Es ist überliefert, dass Jonas Breitenstein von seinem Vater die Begabung für das Arbeiten mit Holz geerbt hat. Er verfertigte Möbel und die Spielsachen der Kinder. Mit seinem Bruder Heinrich baute er eine Orgel, über deren Verbleib nichts bekannt ist. Der Lebensbericht des Sohnes Ernst Breitenstein erzählt manche Details aus der Kindheit im Pfarrhaus; so trafen sich an den Winterabenden einige Frauen des Dorfes im Pfarrhaus zum Spinnen, während Jonas Breitenstein ihnen vorlas. Am grossen Tisch der Wohnstube wurden Walnüsse für die Ölpresse geknackt. Da keine Briefe von Theresia überliefert sind, kann man sich nur aus den Briefen von Jonas sowie aus den Lebenserinnerungen von Ernst Breitenstein ein ungefähres Bild der Ehefrau und Mutter machen. Die vielen Schwangerschaften und das harte tägliche Leben liessen sie oft krank und schwach werden. Während vieler Nachtwachen am Krankenbett seiner Frau schuf Jonas Breitenstein in den 1860er-Jahren die meisten seiner literarischen Werke, während er tagsüber keine Zeit für diese «Erholung» erübrigen konnte.
Ausgewählte Briefabschnitte und Auszüge aus Ernst Breitensteins Biografie geben einen Einblick in das häusliche Leben.
|Jonas Breitenstein an seine Braut Theresia Tschopp||Ziefen, 22. Juli (Auszug)|
Endlich sind mir ein paar Sessel zugefallen. Deine Schwester ging letzhin nach Bubendorf, wo des Müllers Gret war und kaufte mir welche auf meinen Auftrag hin. Sie sind sehr hübsch und stark gearbeitet und noch in recht gutem Stand, ausgenommen die Kissen (denn sie sind mit Kissen versehen). die wieder überzogen werden müssen. Ich möchte Dir daher gerne den Auftrag geben, mir hübsche aber nicht zu theure Ueberzüge zu besorgen und wenigstens auf den Sonntag zu schicken. Die welche drauf sind, sind zwar baumwollen, haben aber fast die Art wie wollene, mit etwas heiteren Blumen als das Zeug selber ist, die Blumen sind nicht gar klein und nehmen sich hübsch aus, indem das dunklere Zeug dazwischen hervorglänzt. Du kannst Dir hienach ungefähr denken wie die Art der Tücher ist, den Namen weiß ich nicht. Nimm aber lieber etwas Dunkles als Heiteres; übrigens will ich auch dieses Deinem Geschmack überlaßen. Du kannst nun selbst ausrechnen, wie viel Tuch du nehmen müßtest für 4 Sessel. (Es sind zwar nur 3, aber ich will noch ein Gestell machen lassen, damit es eine gerade Zahl giebt.) Für jeden Sessel brauchts nämlich in die Länge und Breite ¾ Ellen, Deine Schwester und ich wollten sie dann am Sonntag Abend selbst überziehen, wenn ich von Bubendorf nach Hause bin. Wir haben die Sache untersucht und werden es wohl ausführen können. (Neue Ueberzüge müssen drauf, weil die jetzigen abgeschossen und was noch mehr ist, theilweise blöd und zerissen sind.)
|Jonas Breitenstein an seine Braut Theresia Tschopp||Binningen, 4. Oktober 1852|
(Auszug)
Nur einige Zeilen in Eile. Da ich mit Lisette am Donnstag nach Basel kommen werde, um in Binningen meine Geschäfte ins Reine zu bringen, so wäre es vielleicht doch gut, wenn schon am Donnstag das Bett hinaus geschafft werden könnte, damit es am Freitag da wäre und ich im Hause bleiben könnte, um es nicht mit den Sachen leer lassen zu müssen. Denke selbst noch darüber nach und besorge es, wenn es sich noch thun läßt und Du es für gut findest. Wenn ich daran denke, welche Geschichten alle meiner warten, so will mir fast bang werden und auch die künftigen 5, 6, 7 Wochen habe ich Haut und Lenden voll zu thun, es will mir bald Alles entleiden. Ich bin gegenwärtig am Aufpacken, und habe schon fast eine große Kiste gepackt. Mein kleiner Hausrath giebt mir schon so viel zu thun, was wird erst mit einem grössern sein!»
|Jonas Breitenstein an seine Braut Theresia Tschopp||Binningen, 17. Oktober 1852|
(Auszüge)
In meinen Garten habe ich auf morgen zwei Mann bestellt, daß sie ihn von Grund aus umkehren, das Ding muß in Ordnung sein. Auch meine Äcker werden nächstens gefahren. Ich habe auch noch einige Durlipse, werde sie aber wohl nicht brauchen; oder wollen wir noch eine Sau mästen? Der eine Acker wird jetzt doch mit Korn besät, weiß sonst nichts damit anzufangen. Trauben habe ich heute wieder einen ganzen Korb voll bekommen und ein Bällelein Butter dazu; ich glaube ich will meinen vielen Anken morgen auslassen?? Die Leute reden mir alle davon, ich werde doch nicht lang so allein bleiben wollen, ich müsse eine Magd zuthun, die immer bei mir bleibe; was meinst Du dazu? Morgen will ich, denke ich, Holz kaufen. Die Umhänge habe ich schon lange angebracht, aber nur in der Wohnstube. Im Hause wohnen neben mir auch noch einige Mäuse; bringe doch eine Katze mit, damit sie nicht lange Zeit bekommen!
[…] Zu thun gibt’s viel und allerhand, doch finde ich auch noch einige übrige Zeit, um sie Dir und Deiner Liebe zu widmen. Wie stehts, können wir bald abfahren? Wenns eben in 14 Tagen oder 3 Wochen schon geschehen sollte, so müßten wir uns schon nächsten Sonntag daheim verkünden lassen (denn es muß ja dieß auch geschehen 8 Tage darauf in Basel und sodann hier). Was meinst Du dazu? Es ist mir Ernst. […] Soll ich schon diese Woche, wenns möglich ist nach Zyfen kommen und mich beim Pfarrer melden, oder soll ich noch 8 bis 14 Tage warten? Ginge ich diese Woche schon, so würden wir, wie ich mir die Sache denke, nächsten Sonntag daheim, 8 Tage darauf in Basel und 14 Tage darauf in Binningen verkündet, so daß wir in etwa 3 bis 4 Wochen Hochzeit machen könnten. Nicht daß ich gerade über die Maaßen blange, obgleich ich Jemand nöthig habe im Hause und für die lange Zeit, sondern nur um Deinen lieben Rath zu wissen. Sei so gut und theile mir ihn mit.
[…] O wie lieblich muß es da sein, wenn Du nach gethaner Arbeit als mein liebes treues Weibchen an meiner Seite ruhst und der Ernst des Lebens durch Deine Liebe mir erheiterst und ich Dir! Die Zeit ist ja nicht mehr ferne, der liebe Gott wolle uns segnen und unsern Bund!
|Heinrich Breitenstein an seinen Sohn Jonas||15. Oktober 1852|
(Auszug)
Die Nachricht von Dir, daß es Dir bis jetzt so recht gut geht, hat uns sehr erfreut. Auch ist es uns lieb, daß Du in der kurzen Zeit des Alleinseins zu der Einsicht gekommen bist, daß der Dir gegebene Rath, in Bezug auf Dein häusliches Leben wohl nicht der unklugere sei. Daß Dir in dem großen, weiten Hause, zumal des Nachts ein wenig unheimlich zu Muthe sein mag, können wir wohl begreifen, und haben es wohl auch schon zusammen gesagt. Wir möchten Dir daher rathen, Dich nach einer vertrauten Mannsperson umzusehen, die des Nachts im Pfarrhause schliefe; es möchte Dir ja begegnen, was da wollte, Du könntest nur keinen Menschen rufen; es würde sich wohl Jemand finden, der auf einige Zeit in eines Deiner Zimmer ein Bett aufschlüge. Vielleicht genügte es schon, wenn nur der Heinrich bei Dir wäre.»
|Vater Heinrich Breitenstein an seinen Sohn Jonas||Ziefen, 26. Oktober 1852|
Wie ich aus Deinem Briefe gleich im Anfang entnehmen konnte, bist Du Deiner Hochzeit wegen sehr unmuthig, da Du die ganze Affäre ins Pfefferland wünschen möchtest. Hättest Du dieselbe noch weiter ausgeschoben, so hätte es die gleiche Geschichte abgesetzt. Wir sind unsererseits darüber beruhigt, Dich durchaus nicht genöthigt zu haben, es jetzt zu thun, es war wohl so unsere Ansicht, es möchte für Dich besser sein, Du hattest ja unsertwegen Deinen freien Willen. Was die Dir vorkommende Theilnahmlosigkeit betrifft, so erlaube ich mir doch, Dir zu entgegnen, daß Du ja nur eine kleine Hochzeit veranstalten wolltest, u. daß deßhalb auch keine große persönliche Theilnahme weder von Deiner, noch von Deiner Braut Seiten erwartet werden kann. Freilich hätte ich erwartet, die Freundinnen Deiner Braut würden sich nicht zurückziehen. Ich werde, wenn wir gesund bleiben, mit den beiden Müttern zur besagten Zeit im Pfarrhause in Binningen erscheinen; Heinrich u. die Schwesterlein bleiben daheim. Von Vetter Doktors sowohl, als von Großvaters wird Niemand kommen, denn in Vetter Doctors Haus sieht es gegenwärtig sehr finster u. betrübt aus, und es ist alle Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß es bei diesen beiden Eheleuten zu einer Scheidung kommen wird. Unter solchen Umständen wirst Du wohl begreifen, daß auch der Großvater kein großes Vergnügen hätte, an eine Hochzeit zu gehen. Hoffentlich wird doch Bruder Wilhelm kommen.
Es ist uns sehr lieb, daß man schon am Vormittag in die Kirche geht; wir können dann denselben Tag wieder nach Hause reisen. Mein lieber Sohn! Nimm es mir nicht übel, wenn ich Dich in herzlicher, väterlicher Liebe ermahne, doch nicht alles Widerwärtige als lauter Dornen anzusehen, gibt es ja doch nach dem bekannten Sprichwort: Keine Rosen ohne Dornen. Die Hauptsache bei Euerm jetzigen Vorhaben ist und bleibt denn doch die, daß Ihr Beide, Du u. Deine liebe Braut jetzt u. immerdar seid u. bleibet Ein Herz u. Eine Seele. Dadurch werdet Ihr den höchsten Ersatz finden für Alles, was Euch an andern Freuden und Vergnügungen hie u. da abgehen wird. Ihr werdet einander treulich helfen, das Schwere tragen u. mit einander die Dornen so viel möglich wegräumen. Darum, mein lieber Sohn! überlaß Dich von nun an nicht mehr Deinem Unmuth, sondern bereite Dich in frommer Freude vor auf Deinen kommenden Hochzeittag, als auf den wichtigsten u. schönsten Deines Lebens. Und wenngleich Vieles nicht nach Deinem Wunsche geht, so erkenne auch darin die Wandelbarkeit aller irdischen Freuden, u. die uns oft sonderbar scheinende Leitung all unseres Vorhabens, nach der bekannten Erfahrung, daß gar oft ein Strich durch unsere Rechnung gemacht wird.
Daß Ihr eine kleine Hochzeitreise zu machen gedenket, dagegen habe ich nichts einzuwenden, besonders wenn die Witterung wie es jetzt den Anschein hat, wieder günstig werden sollte. Vielmehr mögen wir Euch diese Freude u. Erholung von Herzen gönnen. Möget Ihr dann nur glücklich reisen u. neu gestärkt u. neu belebt in Euere Wohnung zurückkehren.
|Vater Heinrich Breitenstein an seinen Sohn Jonas||Ziefen, 21. November 1852|
Was Du in Bezug auf Euere Hochzeit schreibst, nämlich ein einfaches Abendessen im Pfarrhause zu veranstalten, damit sind wir unsererseits vollkommen einverstanden. So sehr es unsere Mutter freut, daß Ihr auf den Gedanken gekommen seid, es so zu machen, u. so gern sie daher auch dabei wäre, so ist sie doch noch unentschlossen, weil noch gar mancher Haken ist, der sie zurückhält. Einerseits ist es das öftere Unwohlsein, anderseits wieder die vielen vorherigen Vorkehrungen u. Anordnungen zu Hause, weil sie 2 Tage von Hause weg sein müßte. Dann wieder, wenn die Witterung etwa gar ungünstig sein [sollte], u. was dergleichen mehr ist. Doch wenn es immer möglich ist, so wollen wirs einrichten, daß wir Beide kommen können. Sollte es der Mutter aber nicht möglich werden, zu kommen, so soll u. wird es doch hoffentlich Deine Schwiegermutter nicht abhalten. Es wären denn von Deiner Seite Vater u. Bruder Wilhelm, und von Seite Deiner Braut Mutter und Schwester anwesend. Du wirst vorher wohl noch einmal hieher kommen, wo wir dann noch mündlich mit einander reden können.
|Jonas Breitenstein an seine Frau Theresia nach Bad Eptingen||23. Juli 1859|
(Auszug)
Gestern hatten wir wieder einen rechten Strubeltag. Ich hatte keine Schnitter bekommen können, wie ich es wünschte, die großen Bauern haben sie schon zum Voraus bestellt. Nun habe ich dennoch die Erndte verdungen zu ähnlichen Bedingungen wie an Wälder Schnitter, nämlich des Oberers, die noch einen Gehülfen beizogen. Sie haben gestern 123 oder 124 ferme, schwere Garben geschnitten und gebunden, einen Wagen voll, der kaum in unsere Scheune gieng. Aber das war eine Erndte. Jeden Augenblick meinte man: jetzt, jetzt kommts zu regnen und einige Mal fieng es wirklich an. Doch hat uns der liebe Gott verschont daß wir die schöne Frucht einheimsen konnten, bevor der Regen kam. Das Jädt hätte etwas dürrer sein sollen, aber lieber wollte ich doch gestern die Frucht holen. Wir daheim hatten aber über Kopf und Hals zu thun. Es mußte nicht nur gekocht werden und (unter obwaltenden Amtierenden) das Essen hinaus getragen, wir mußten auch noch etwa 200 Band rüsten, daß man binden konnte und die Oberte räumen, worauf noch etwa 100 Strohwellen waren, die der lausige Dill immer noch nicht geholt hat. Daneben das Vieh besorgen, die Kindlein hüten, allerlei Leuten Red’ und Antwort geben. Doch es gieng Alles recht gut. Morgens um 6 Uhr hatten die Schnitter ihr Morgenessen und um halb 12 Uhr zu Mittag, so daß vor 12 Uhr schon Bäbeli zurück war und wir auch essen konnten. Ebenso konnten wir zu Nacht essen, wie die Leute heimkamen, die Kindlein aber hatten ihr Sächlein und ruhten im Bett. Nur habe ich hinten und vorn dabei sein müssen, daß es lief. Bäbeli war übrigens willig und hat sich gestern gut gehalten, besser als vorgestern, wo es ein wenig den Rappelkopf aufgesetzt hatte, weil es den Mußpläz, wo Rüben gesäet werden sollen, hacken mußte. Heute ist wieder ein ähnlicher Tag, indem sie heute abschneiden und, wenn das Wetter hilft, fertig binden werden. Ich rechne heute immer noch so circa 100 Garben. Leider hat es am Morgen angefangen zu regnen, jetzt ist es wieder heiter. Wenn es nur so bliebe bis am Abend. Wir hatten gestern Mittag Fleisch, ausgezogene Erdäpfel und Salat; und am Abend Mehlsuppe, verdämpfte Erdäpfel und Salat, heute Mittag haben wir Fleisch und Erbsen und ein wenig Erdäpfel dazu. Nachmittags muß ich nach Bottmingen zum Schwob, der gar elend ist, ich darf nicht mehr länger warten, sie haben Bericht gemacht. Die Rüblein sind erzogen, die Rübsaamen gesäet, der Blumkohl tüchtig beschüttet, sobald wir Zeit haben, soll das andere auch geschehn. Darum sei nur ruhig in Deinem Eptingen droben. Die Kindlein sind gar munter und lustig, sie waren gestern fast den ganzen Tag bei mir in der Scheune und halfen Band machen. Abends, nachdem er kaum eine Stunde geschlafen, erwachte der Ernstli und weinte einige Mal. Doch scheint ihm nichts weiter gefehlt zu haben, denn er schlief sanft und gut bis gegen 7 Uhr und ist heute wieder ganz fidel und ißt und trinkt ganz lustig. Die Meideli sind bis dato recht brav. Unsere Katze hat Junge auf dem Heustock.
|Jonas Breitenstein an seine Frau Theresia in Ziefen||26. Juni 1861|
(Auszug)
Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief! Er hat mir wohl gethan in meiner Einsamkeit. Denn ich bin sehr einsam. Kätheri ist den ganzen Tag auf dem Acker, von Morgen vor 7 bis Mittag 12 und von Mittag 1 Uhr bis Abends 6 oder 7 Uhr. Es giebt halt zu thun. Doch hatte bisher wenig lange Zeit, weil auch überall mehr als genug zu thun fand. Gestern war so viel ich konnte im Garten; habe ein Geländlein Sellerig gesetzt; das Durlipsgeländ umgebrochen und Blumkohl gesetzt, das Mangoldgeländ ausgereutet und zwei mal gespatet und Mist darein gethan und Lauch darein gesetzt, das Spinatgeländ umgemacht und gemistet und Rosen- und Blumkohl darein gesetzt, die Bohnen gemistet und eingehackt, den Salat gespritzt, in den Geländen gejätet, die Weglein geputzt und Nachts geschrieben bis halb 1 Uhr. Bin ich denn nicht fleißig? Kätheri ist am Erdäpfelhäufelen; ich denke daß es morgen, wenn das Wetter hilft, damit fertig werden kann. Gesetzt haben wir Alles; hätte ich nur früher von daheim etwas gewußt. Ich habe 3400 Durlipssetzlinge kaufen müssen, ohne die Paar 100, die wir von Nägelins hatten und in unserm Geländ waren auch noch 300. Ich bin froh, daß die Setzgeschichte vorüber ist. Sollte es jetzt noch, wie es den Anschein hat, einen guten Regen geben, so wäre es prächtig. Deine Stockböhnli blühen sehr schön, auch die anderen Bohnen sind schön, es war aber Zeit, daß es feuchtete, es wollten schon hie und da Blätter gelb werden. Von den Bäumen fallen sehr viele Äpfel herunter. Die Hühner legen ziemlich fleißig; ich nehme selbst alle Tage die Eier, Du wirst es wohl merken, wenn Du wieder kommst. Heute hatten wir zu Mittag Reis am Fleisch, Gestern hatten wir Pappe. Am Samstag mußten wir 2½ Pfund Fleisch von einer kranken Kuh kaufen, ich briet es, und wir hatten drei Tage daran (Einiges, davor mir graute, gab ich der Frau Oberer). Jedes Mal hatten wir eine Bettlersuppe und in die Sauce gelegte Erdäpfel dazu. Das Werch ist bald mannshoch; der Wind hat es aber ein wenig gestoßen, als es so wetterte am Sonntagnacht.
Auszüge aus: Ernst Breitenstein, Öppis us mim Läbe:
Wenn i an mi Jugedzyt im Pfarrhus z’Binnige zruggdänke, wo-n-i so vill Schöns erläbt ha, so chömme mer au die Stunde in Sinn, wo-n-i im dunkle Chämmerli under dr Stäge ha müesse zuebringe und d’Müs und Ratte mi Gsellschaft gsi si, wil i nit gfolgt ha. Derno, wenn i versproche ha, i well folge und wider ans Tagesliecht ha dörfe, so isch’s mer gsi, dr Himmel heig jetz zwo Sunne, eini für mi ellei und eini für d’Wält. Am meischte isch es ebe wägem Ässe gsi, as i ygspeert worde bi, aber au wäge andere Sache. Mi liebi Muetter het mr us Mitlyd ghulfe d’Strof z’erlichtere, scho wo-n-i no im Eggosseröckli gsi bi; aber au no mit em Lehrbueb het si Bidure gha. Do han-i amme gwüsst, ass’s Kaffihäfeli im Zwüschenöfeli wartet und e rächte Fätze Brot isch au für mi parat gsi. Item, es hei’s beidi, Vater und Muetter, guet gmeint mit mr, und i ha’s au ygseh, wo-n-i alt gnue gsi bi. […]
In mim Vater sim Studierzimmer ha-n-i als Röcklibueb scho mini Studie gmacht. I ha gseh, wie mi Vater d’Pfiffe, wo bis uffe Bode abeglangt het, mangischt mitteme Füürschtei und Zundel in Brand brocht het. Das het mi halt gheimnisvoll und luschtig dunkt, wie me de Rauch zum Mul us het chönne blose. Und uffi m Studiertisch si bruni Stängel gläge, die sälbetsmol scho Schtümppe gheisse hei, und en oval Hobelspändruckli mit Schwäfelholzli drinn. Will me die Schtümppe so in’s Mul nimmt wie Bäredräckstängeli, wo-n-i öppe bim Chremer übercho ha, so ha-n-i gmeint, das sigi gwüs öppis bsunders guets. I ha mer’s gmerkt, wie mes mache muess, dass si Rauch gäbe, i ha schynts as chli scho verboteni Glüscht gha. […]
Vor Zite isch Binnige no gsi wie ei Familie, wenn eim z’hinterscht im Holee nur anere Hand oder am Bei oder sunscht öppis passiert isch, so het mes gli uf dr andere Site vom Dorf au gwüsst und me het Mitgfüehl gha. Aber hützutags kennt chuum eis meh’s ander. Es isch mr wie ne schöne Traum, wo amme e par ordligi Binnigerfraue im Winter z’Nacht mittim Spinnrädli und eme Latärnli in’s Pfarrhus cho si. I bi no z’chlei gsi, as dass i hät dörfe an somene heimelige Spinnredliobe derbi si zum zueluege und zuelose. Aber i ha’s doch vernoh vo sonige wo derbi gsi si, wie si alli um ei Liechtli umme gsässe sige, und gschpunne hei und brichtet, und mi Vater heigene amme öppis verzellt und au vorgläse. Schad, dass i nit älter gsi bi, derno hätti villicht das heimelig Bild au dörfe gseh: d’Stube mit de grüenschelig vertäfelete Wänd, dr gross Tisch, und dr mächtig gross uralt Chachelofe mit drei Sitz überenander und drana dr Brotbachofe. […]
Also an dene Spinnredliöbe bi-n-i nit derbi gsi. Aber derfür ha-n-i dörfe bi der Nussufchlopfete mitmache. Näbenim Pfarrhus am Chilchwäg hei mer zwei risig grossi Nussbäum gha, und die si fascht alli Johr graglig voll ghange. Do isch me e par Winteröbe um dr Tisch gsässe; uffim Tisch isch e grosse Huffe Nuss gläge. Eis vo-n-is het mitime Gwichtschtei d’Nuss ufgchlopft und die andere hei jedes am Tisch e Täller oder e Plättli vor sich gha für die useknüblete Chärne dri z’tue. Derbi si ame alli möglige Gschichtli verzellt worde. Und derno het me d’Chärne in d’Mühli brocht, und das het Nussöl geh. Und vo dr Usdruckete het’s dr Nusschueche geh, und dä hei mir Buebe und au d’Maitli so gärn gässe bis is fascht schlächt worde isch. Au hei mer öppe amme Sunntig e luschtig Spil mit de Nüss gmacht: nimm se, nimm se nit. Oh das isch amme luschtig gsi.
Jonas Breitenstein Nachlass im Dichter- und Stadtmuseum Liestal; Ernst Breitenstein: ‹Öppis us mim Läbe›. Verlag Ortsmuseum Binningen, 2012, S. 10, 84–86.