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Löwe, so tapfer, dass man ihn einen zweiten Karl den Grossen nannte und von einer Macht der Erscheinung, die ihm die Menge
unterwarf, hat ihn ein mittelalterlicher Berichterstatter geschildert". Nachdem er seinem Erbteil, dem Chablais, noch den
grössten Teil des Waadtlandes angefügt, musste ihm
Chillon als ein
Platz von grösster Wichtigkeit erscheinen,
der nicht nur die begangenste Strasse seiner Ländereien schützte, sondern zugleich auch als Schlüssel zum Wallis
ganz dazu geeignet
war, den Anschluss des unzufriedenen Adels der Waadt
an die stets kriegslustigen
Bischöfe von
Sitten zu hindern.
Der von ihm über einen fabelhaften Herzog von Coppingen, Cophingen oder Zoffingen erfochtene sogenannte
Sieg bei
Chillon gab ihm um die Mitte des 13. Jahrhunderts Anlass, das
Schloss bedeutend zu erweitern, und geräumige Bauten
im westlichen Abschnitt der Burganlage
(Plan: P, Q, R, U1 und U2) ersetzten bald die schon zu Beginn des Jahrhunderts
erstellten Gebäulichkeiten. Auch die Verteidigungswerke der O.- und
S.-Seite wurden verstärkt, aber
erst nach
Graf Peters Tod (1268) von
Graf Amadeus
V. in derjenigen Gestalt vollendet, unter der sie - abgesehen von spätern
Zutaten - heute noch erhalten sind.
Den Nachfolgern Peters diente
Chillon nur noch bei Anlass ihrer jeweiligen Besuche im Waadtlande zum vorübergehenden kurzen
Aufenthalt. Im Namen der
Grafen von Savoyen hütete die Burg von jeher eine besondere Besatzung unter
dem Befehl eines Burgwartes, der zugleich Vogt über das savoyische Chablais war und stets den ausgezeichnetsten Geschlechtern
des Reiches angehörte. Vom ersten, Walcherius de
Blonay, gibt uns die erwähnte Urkunde von 1150 Bericht; der letzte, Antoine
de
Beaufort, verteidigte das
Schloss 1536 während seiner Belagerung durch die
Berner Truppen.
Zahlreiche berühmte und unberühmte Gefangene lagen während der Zeit der savoyischen Oberhoheit in den Souterrains von
Chillon. Die Namen der meisten davon sind uns nicht erhalten geblieben, blos von einigen wenigen gibt uns die Geschichte
Kunde. Während des durch die rücksichtslosen und grausamen Judenverfolgungen berüchtigten 14. Jahrhunderts
wurden z. B. 1348 vor dem Gerichtsherrn von
Chillon die
Juden des Chablais der Brunnenvergiftung und damit der Urheberschaft
des zu jener Zeit das Land heimsuchenden
«Schwarzen Todes» beschuldigt.
In den Souterrains unterwarf man die Unglücklichen der Folter und überlieferte sie grässlichen Strafen,
die auch einigen der Gehülfenschaft angeklagten Christen nicht erspart blieben. 1384 weilte in
Chillon als Gefangener Peter
Gerbais,
Herr von Châteauneuf und Virieu le
Grand, gewesener Grossschatzmeister von Savoyen; Guillaume Bolomier, ein Mann
aus dem Volke, der sich zum Amte eines Bittschriftenzensors aufgeschwungen
hatte und den niederträchtige
Eifersucht zu Grunde richtete, schmachtete 1445 in den Kerkern des
Schlosses, um 1446 auf Befehl seines unversöhnlichsten
Feindes, François de la
Palud, Herrn von Varembon, zwischen
Villeneuve und
Chillon im
See ertränkt zu werden.
Der berühmteste Gefangene auf
Chillon ist aber ohne Widerrede François Bonivard, Prior von St. Viktor in
Genf,
der seiner unverhohlenen Zuneigung zur Reformation wegen sich die Feindschaft des Herzogs von Savoyen und des
Bischofs von
Genf
zugezogen hatte. Am Himmelfahrtstage 1530 lieferte ihn beim
Châlet à Gobet über
Lausanne ein Hinterhalt in die Hände seiner
Gegner, die ihn nach
Chillon überführten, wo er zunächst in einem dem
Zimmer des Burgwartes benachbarten
Raum untergebracht und gut gehalten wurde.
Ein Besuch des Herzoges Karl änderte 1532 seine Lage gänzlich. Er erzählt: «... lors ... le cappitaine me fourra en unes croctes desquelles le fond estoit plus bas que le lac [Irrtum, da, wie früher bemerkt, die sogen. Souterrains nie tiefer als der Wasserspiegel gelegen haben] ... ou je demeuray 4 ans et avoys si bon loysir de me pourmener, que je empreignis un chemyn en la roche qui estoit le pavement de leans comme si on leust faict avec un martel.» Man hat lange Zeit diese Fussspur des Gefangenen rund um den Pfeiler zu erkennen geglaubt und sie stets als solche den Besuchern des Schlosses vorgewiesen. In Wahrheit aber musste sie in dem den Boden des Kerkers bedeckenden Schutt sich schon längst verwischt haben. Heute ist die Halle geräumt und der nackte Felsboden wieder blosgelegt. Mit der Einnahme des Schlosses durch die Berner 1536 erlangte auch Bonivard seine Freiheit wieder.
3.
Chillon unter
Berner Oberhoheit.
Bis 1536 war
Chillon im Besitz des
Hauses Savoyen verblieben. Nach dem Entsatze
Genfs zogen in diesem Jahre die Truppen
Berns
vor das
Schloss, das sie belagerten und mit Sturm nahmen. Dem letzten Burgwart, Anton von
Beaufort, gelang
es, sich mit seinen Gefährten zu Schiff an das Savoyer Ufer des
Genfersees hinüber zu retten. Mit der Einnahme von
Chillon
war die Eroberung der Waadt
durch das alte Bern
zur vollendeten Tatsache geworden; ein bernischer Landvogt wurde unter dem Titel eines
Hauptmannes von
Chillon an die Stelle der einstigen Burgwarte gesetzt, als erster Augustin von
Luternau.
Im Laufe des 17. Jahrhunderts beschäftigte sich der Vogt von
Chillon als Gerichtsherr häufig mit dem Verhör und der Aburteilung
von der Hexerei Beschuldigten, und die Kerker des
Schlosses waren z. B. während der Zeit vom 9. Juni bis
Zeugen
von nicht weniger als 27 Hinrichtungen solcher Unglücklichen. Im Jahre 1733 verlegte man den Sitz des Landvogtes nach
Vevey,
wo
er bis zur Loslösung der Waadt
von der bernischen Oberhoheit verblieb; das
Schloss Chillon diente
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jedoch nach wie vor als Gefängnis, in das u. a. auch zwei Vorkämpfer der Waadtländer Unabhängigkeit, Müller de La Mothe und Rosset, in Folge des Bankettes der Jordils in Lausanne verbracht wurden. Zu lebenslänglicher Haft verurteilt und nach Aarburg übergeführt, entwichen beide. Das darauf in contumaciam gegen sie ergangene Todesurteil konnte niemals vollzogen werden.
4.
Chillon als Glied der Waadt.
Ohne Schwertstreich fiel
Chillon im Januar 1798 den durch die Männer von Montreux unterstützten Patrioten von Vevey in die
Hände. Damit ist das Schloss in die neueste Phase seiner Geschichte eingetreten. 1836 wurde es zum Artilleriedepot und Staatsgefängnis
umgewandelt, während es heute weder Zeughallen noch Gefängnisse mehr birgt, sondern unter der Obhut
eines Hauswartes vom Staate als wertvolles Architekturdenkmal vergangener Zeiten pietätvoll gepflegt und von zahlreichen
Besuchern bewundert wird.
Am hielt die westschweizerische Geschichtsforschende Gesellschaft im Rittersaale des Schlosses Chillon ihre übliche Jahresversammlung ab und sprach bei dieser Gelegenheit den Wunsch aus, es möchte einer der Säle zu einem Altertumsmuseum umgewandelt werden. Glücklicherweise blieb es aber beim Wunsche.
Zur Zeit des Sonderbundes endlich sah das Schloss den Bischof Marilley von Lausanne und Genf und eine Reihe von Waadtländer Katholiken als unfreiwillige Gäste in seinen Mauern.
Der erste Schriftsteller, der die Namen Chillon und Bonivard der ganzen Welt bekannt machte, war J. J. Rousseau in seiner Nouvelle Héloïse. Ihm folgte Lord Byron, der seinen Gefangenen von Chillon in Clarens begann und 1816 in Ouchy vollendete. Byron, Alexander Dumas, Edgar Quinet, der englische Dichter Shelley u. A. haben zum Andenken an ihren Besuch des Schlosses ihre Namen auf einen der Pfeiler des Kerkers Bonivards eingegraben, und Victor Hugo hat in seinem Werke Le Rhin Chillon mehrere Seiten gewidmet.
Schon lange bevor man sich mit dem Gedanken einer Restauration der Burg trug, machte Rodolphe Töpffer in seinen Voyages en zigzag auf die schwere Frage der Erhaltung dieses Denkmals alter Zeiten aufmerksam. Eine Geschichte und genaue architektonische und kunsthistorische Aufnahme und Beschreibung der Burg, soweit dies damals möglich war, verdankt man dem Zürcher Kunsthistoriker Prof. J. Rud. Rahn. Heute steht Chillon unter staatlichem Schutz. 1888 bildete sich der Verein Pro Chillone, der sich die vollständige Wiederherstellung der Veste zum Ziel setzte und die Arbeiten dank seinem energischen Vorgehen und bedeutender Geldunterstützung von Seiten des Staates emsig zu fördern in der Lage war.
Bis 1892 liess man archäologische und kunsthistorische Fragen hierbei mehr oder weniger bei Seite und beschäftigte sich hauptsächlich mit Sicherungsarbeiten; erst als der hervorragende Waadtländer Architekt Albert Næf, ein gewiegter Fachmann für solche Fragen, vom Staate mit der Aufsicht über die Arbeiten beauftragt und seit 1897 als Schlossbaumeister bestellt worden, hat man bedeutende Entdeckungen gemacht und zahlreiche archäologische Rätsel gelöst.
Die unserm Artikel beigegebene Tafel ausser Text zeigt die verschiedenen baulichen Entwickelungsphasen des Schlosses in konventioneller Farbengebung und bildet das Endergebnis der bis heute unternommenen Forschungen zur Baugeschichte von Chillon. In nächster Zeit wird Chillon zu einem Museum umgewandelt werden, das in der Ausstattung seiner verschiedenen Räumlichkeiten ein getreues Bild aller der einzelnen Zeiträume in der Geschichte des Schlosses bieten wird.
Bibliographie.
Rahn, J. Rud. Geschichte des Schlosses Chillon in Mitt. der Antiquar. Gesellschaft in Zürich. 22, 3; 1887. - Rahn, J. Rud. Beschreibung des Schlosses Chillon in Mitt. der Antiquar. Gesellschaft in Zürich. 22, 4 u. 5; 1888 u. 89. - Rahn, J. Rod. Une restauration modèle et les dernières découvertes faites au château de Chillon. Lausanne 1898. - Naef, Alb. Guide au château de Chillon. Lausanne 1894. - Rapports annuels und andere Veröffentlichungen der Association pour la restauration de Chillon, mit Spezialberichten des Schlossarchitekten. Zur Geschichte vergleiche ausserdem den sehr ins Einzelne gehenden betr. Artikel in Martignier und de Crouzaz: Dict. histor., géograph. et statist. du cant. de Vaud. Laus. 1867. Mit Supplément von Prof. Favey. - Vulliemin, L. Chillon; étude historique. Laus. 1851. Dasselbe in 3. Aufl.; 1863. - Le Conservateur Suisse, Bd. 13 (Beschreibung der Judenprozesse in Chillon). - Bons, Ch. L. de. Notice sur Chillon. Laus. 1849. - Chillon in Feuille du jour de l'An. Laus. 1847. - Archiv für schweiz. Geschichte, Bd. 14; 1854 (Kritische Bemerkungen über das Datum des in Savoyer Chroniken erwähnten Kampfes bei Chillon). - Die Schweiz in ihren Ritterburgen und Bergschlössern. Bern und Chur 1828-1839 (Artikel von Kuenlin im zweiten Band) u. a. m.
[Eug. De la Harpe.]