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Die Stadt hatte gute Gründe, sich für den Waffenplatz einzusetzen, stellte das Militär doch eine relativ konjunkturunabhängige Einnahmequelle dar. Während die Einnahmen zuerst nur unregelmässig flossen, wenn Schulen und Übungen durchgeführt wurden, verstetigten sie sich im Lauf des 19. Jahrhunderts mit der zunehmenden Belegung des Waffenplatzes und der Einrichtung der eidgenössischen Betriebe. Zu Beginn profitierten vor allem Wirte und Lebensmittelhändler, welche die Truppen belieferten. Der grosse Besucherandrang und der Hunger und Durst der Soldaten in den eidgenössischen und kantonalen Übungslagern bescherten ihnen goldene Zeiten. Das ging so weit, dass die Kantinenbetreiber den Truppen bei ihren Übungen durch das ganze Amt Thun hinterher zogen.
Zwei Frauen verkaufen durstigen Soldaten ein Getränk aus einem Fass auf Rädern. Aquarell von Carl Franz Rudolf Volmar (1804–1846), 1825. Mit ihrem Gefährt folgten die Frauen den Truppen und machten damit den offiziellen Kantinenwirten Konkurrenz.
In der Stadt gab es eine grosse Anzahl von Wirtschaften: 1869 bewilligte die Direktion des Innern deren 65, die sicher nicht nur von den Touristen lebten. Ein Verzeichnis aus dem Jahr 1897 listet alle Lieferanten von Lebensmitteln und Tierfutter auf: Mit dem Bund hatten 8 Metzger, 21 Bäcker, 3 Mehlhändler und 4 Lieferanten von Pferdefutter Verträge abgeschlossen. Der Eigentümer der Neuhausbesitzung gegenüber der Kaserne schrieb einen Teil seines Landes zur Vermietung aus, damit Interessenten darauf Krämerbuden aufstellen konnten.65
Es ist also nur allzu verständlich, dass sich die Wirte von Thun heftig wehrten, als der Bund eine Militärkantine bauen wollte. Sie versuchten dabei auch, den Gemeinderat und sogar den Regierungsrat für ihr Ansinnen einzuspannen. Der Gemeinderat argumentierte 1886, dass es genügend Wirtschaften gebe und dass eine Kantine die Wirte in Thun schädigen oder sogar ruinieren würde. Der Bund habe anlässlich des Baus der Kaserne die Zusicherung gegeben, keine solche zu errichten, und Thun habe daraufhin eine grosse Zahl von Wirtschaften bewilligt.66 Allerdings war den Bemühungen kein Erfolg beschieden; die Militärkantine wurde gebaut. Trotzdem hofften die Wirte weiterhin auf die Soldaten, denn diese kompensierten in gewissem Masse auch Thuns Bedeutungsverlust als Tourismusort. Anlässlich der saisonalen Kursaaleröffnung wollten die Betreiber «trotz schlechter Aussichten in der Hotellerie» für die Saison 1932 «den offenkundigen und vielfach geäusserten Bedürfnissen der einheimischen Bevölkerung und des Waffenplatzes nach einem gediegenen Unterhaltungsetablissement» Rechnung tragen. «Man wird erwarten dürfen, dass dieser Wagemut durch einen starken Besuch des Kursaals belohnt wird.»67
Neben den direkten Leistungen für die Armee wurden die Arbeitsplätze im Lauf der Zeit immer wichtiger. Besonders schwierige Momente waren deshalb das Ende des Ersten Weltkriegs und die Krise der 1990er-Jahre, als viele Stellen verloren gingen. Eine etwas spezielle Episode illustriert die Schwierigkeiten nach Kriegsende 1918: Da in der Munitionsfabrik massiv Arbeitsplätze wegfielen, versuchte der Bund, die nicht mehr benötigten Hallen an Private zu vermieten. So kam es, dass dort ab Ende 1918 Spielzeug hergestellt wurde. Allerdings mussten die Betreiber, die Firma Sieber & Co., wegen Exportschwierigkeiten den Betrieb schon 1920 einstellen.68 Erfolgreicher verliefen die Bemühungen der Stadt in den 1990er-Jahren: Der Bund war bereit, der Region Thun entgegenzukommen und nicht nur neue Betriebe wie Teile der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (Empa) oder neue Bundesämter (beispielsweise für Kampf- oder für Logistiktruppen) anzusiedeln, sondern der Stadt im Schorengebiet Industrieland abzutreten, das ihm gehörte.69
Das Restaurant Neuhaus lag direkt gegenüber der Kaserne und konnte dadurch mit einer dauerhaften, gesicherten Nachfrage rechnen. Ansichtskarte, um 1925.
Obwohl beide Seiten voneinander profitierten, stellten sich auch beide immer wieder die Frage, ob ihre Leistungen nicht grösser seien als der Nutzen, den sie aus der Zusammenarbeit zogen. Thun beispielsweise beklagte die Steuerfreiheit der eidgenössischen Betriebe und die Kosten für Strassenunterhalt und Infrastruktur, während beim Bund gelegentlich der Eindruck entstand, Thun profitiere über Gebühr. Als Thun 1919 das Gesuch um einen Bundesbeitrag für die Korrektion der Allmendstrasse stellte, bemerkte das Eidgenössische Oberkriegskommissariat: «Wir weisen darauf hin, dass auf Waffenplätzen, die Kantonen, Gemeinden oder Korporationen gehören, ein namhafter Teil der Waffenplatzkosten zu Lasten der betr. Waffenplatzeigentümer fällt. In Thun dagegen kommt der Bund für sämtliche Waffenplatzkosten auf; die Gemeinde geniesst die mit dem Waffenplatz verbundenen Vorteile, Lasten trägt sie keine.»70 Noch drastischer drückte es 1949 der Kommandant der 3. Division aus: «Man kann eben nicht die Wurst und das Weggli haben wollen, d.h. Waffenplatz sein wollen und die daherigen Vorteile geniessen, ohne anderseits die Nachteile hinzunehmen. Thun hat gewiss wegen seiner Waffenplatz-Eigenschaft manche Nachteile zu erleiden. Aber man nehme Thun den Waffenplatz fort und sehe dann zu, wie viele und scharfe Interpellationen, Motionen u.s.w. losgelassen würden.»71 Um die Frage einmal gründlich zu klären, liess der Bund in einer 1976 erschienenen Studie die Auswirkungen des Waffenplatzes auf die Region untersuchen. Dabei zeigte sich, dass vor allem das Baugewerbe, die Metallindustrie, der Handel und das Gastgewerbe vom Bund profitierten. Zudem bot dieser viele krisensichere Stellen. 1971 sicherten die Ausgaben des Militärdepartements in Thun direkt oder indirekt gut 5200 Arbeitsplätze. Der Bund sorgte so für rund 63 Millionen Franken Einkommen, die in Thun versteuert wurden. Obwohl der Gemeinderat nicht mit allen Teilen des Berichts einverstanden war, blieb am Ende die Erkenntnis, dass sowohl die Stadt als auch der Waffenplatz aufeinander angewiesen sind.72