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Mit «Kizazi Moto: Generation Fire» präsentiert Disney in Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Studio Triggerfish eine Auswahl von zehn animierten Zukunftsvisionen von jungen afrikanischen Filmschaffenden. Eines dieses Animationstalente ist der ugandische Regisseur Raymond Malinga, der mit «Herderboy» eine herzige Geschichte über einen jungen Möchtegern-Hirten in einem futuristischen Uganda erzählt.
Raymond Malinga, der ursprünglich in Malaysia Animation studierte, gründete 2015 in Uganda das Trickfilmstudio Creature Animation. Sein Kurzfilm «A Kalabanda Ate My Homework» lief an diversen Festivals und wurde 2018 unter anderem in Cannes gezeigt. Wir haben uns mit dem Filmemacher über seinen Kurzfilm «Herderboy» und die ugandische Animationslandschaft unterhalten, und warum es sich manchmal durchaus lohnt, die Konkurrenz zu unterstützen. «Kizazi Moto: Generation Fire» ist aktuell auf Disney+ zu sehen; unsere Besprechung gibt es hier.
Raymond, du sagtest einmal in einem TED-Talk, dass es für dich darauf ankommt, wo und wie du deine Geschichten erzählst. Wie passt das Projekt «Kizazi Moto: Generation Fire» in dieses Bild?
Raymond Malinga: Im Bezug auf Uganda ist es wichtig, zu erwähnen, dass die Filmindustrie ziemlich eingeschränkt ist. Die Art, wie die Leute Filme und Geschichten erzählen ist entsprechend limitiert. Wir haben Seifenopern, solches Zeug. Es gibt kaum einfallsreichere Arten, um Geschichten zu erzählen. Insofern war mir «Kizazi Moto: Generation Fire» ungemein wichtig, da die Serie mir eine Möglichkeit gab, Uganda in einem fantasievolleren Licht zu zeigen. So etwas sieht man hier kaum je.
«Es wirkt, als hätte der Kolonialismus unsere ganze Kreativität erstickt – wir haben uns damit abgefunden, alltägliche Dinge zu erzählen.»
Alle sind so beschäftigt mit all den schlechten Dingen, die hier passieren. Es ist, als merkten sie nicht, dass sie das tun. Aber irgendwie wirkt es, als hätte der Kolonialismus unsere ganze Kreativität erstickt – wir haben uns damit abgefunden, alltägliche Dinge zu erzählen. Alltäglich. Normal. Mit «Herderboy» nahm ich mir einen der ältesten Berufe des ganzen Kontinents vor. Ich habe mir gesagt, wenn ich das weiterentwickle und die Leute in Uganda das sehen, beginnen sie vielleicht zu denken: Wenn Viehhirten cool aussehen können, was kann sonst noch cool aussehen?
Wo kommt diese futuristische Idee der technologischen Viehzucht her?
In Afrika gibt es viele Bevölkerungsgruppen, die auf Vieh angewiesen sind – für ihre Kleider, ihr Essen, für alles. Ich habe mich gefragt: Was, wenn sie auch technologisch darauf angewiesen wären? Das ermöglicht einen interessanten Blick auf eine Welt, in der wir in Ruhe gelassen wurden – und was sich daraus hätte ergeben können.
«Herderboy» hat auch Wurzeln in der ugandischen Mythologie und der Geschichte der Bachwezi, dem Volk, das die Langhornrinder nach Uganda brachte. In unseren Sagen und Legenden wurden sie als Halbgötter bezeichnet. Ich sagte mir: Was, wenn sie einfach technologisch fortgeschritten waren? Und wie hätte ihre Zukunft ausgesehen?
Inwiefern hat sich die ugandische Animationslandschaft verändert, seit du 2015 dein eigenes Studio gegründet hast?
Als ich 2015 in die Industrie kam, gab es fast keine Animator*innen. Das war irgendein Typ in seinem Zimmer, der einen Clip für WhatsApp machte. Manchmal ging so etwas im Land viral, manchmal nicht. Als wir dann «A Kalabanda Ate My Homework» drehten, hoben wir das Niveau an. Viele glaubten nicht, dass so ein Film hierzulande gemacht werden konnte. Auf einmal sagten uns die Leute, dass wir uns noch mehr vornehmen könnten. Plötzlich machten viele Leute in ihren Zimmern Kurzfilme. Mit «Kizazi Moto: Generation Fire» fühlt es sich an, als hätten wir das Niveau noch einmal angehoben.
Es scheint, als würde die Industrie gerade ein bisschen durchgeschüttelt. Leute beginnen, Animation als eine lohnenswerte Karriere zu betrachten, eine Karriere, die einen voranbringt. Ich glaube, auch Eltern sehen das. Ich bekomme viele Nachrichten: «Mein Sohn interessiert sich dafür, meine Tochter ist inspiriert davon, meine Tochter zeichnet und ich wusste bisher nicht, was ich damit anfangen soll.»
«In Cannes waren wir unter den ersten Leuten aus Uganda, die je mit einem Film da waren. Da waren wir unserer Zeit voraus.»
Ich glaube, die Animation ist im Kommen. Jetzt gerade helfe ich vor allem anderen Filmschaffenden dabei, ihre Studios aufzubauen und zu organiseren – was ziemlich schräg ist. Ich helfe der Konkurrenz. Aber ich kann nicht alle bei mir beschäftigen, und ohne Konkurrenz kann die Industrie nicht wachsen. Wenn ich Leuten damals erzählte, dass ich Animation machen wolle, verdrehten sie nur die Augen. In Cannes waren wir unter den ersten Leuten aus Uganda, die je mit einem Film da waren. Da waren wir unserer Zeit voraus.
Was erhoffst du dir von «Kizazi Moto: Generation Fire» – und insbesondere deinem Kurzfilm «Herderboy» – für die ugandische Animationslandschaft?
Wenn die Leute nach Talenten auf der ganzen Welt suchen, will ich, dass Uganda auch auf der Liste steht. Ich hoffe auch, dass die Animation in Uganda mehr staatliche Unterstützung erhält. Ohne staatliche Regelungen ist es wirklich schwierig, Dinge zu verändern. Als Einzelperson und Unternehmer kann ich nur begrenzt etwas verändern. Ich möchte auch immer mehr, immer verschiedenere Filmschaffende sehen. Ich glaube nicht, dass ich der Einzige bin, der das machen kann. Mein Fokus liegt auf der Industrie. Wenn es ihr in Uganda und in der Region gut geht, bin ich zufrieden.
Ohne ein lokales Beispiel dafür, wie man in der Industrie erfolgreich sein kann, fällt es einem manchmal schwer, sich vorzustellen, wie man vorankommen könnte. Eine Zeit lang war der Weg für Animationsschaffende in meinem Land wie folgt: Du veröffentlichst einen Clip auf WhatsApp, der trendet ein, zwei Tage, und dann versuchst du, das nochmal zu machen. Oder du gehst in die Werbeindustrie oder hoffst, dass irgendein Tycoon deine Arbeit sieht und dich für ein Video anheuert. Aber jetzt sehen angehende Animationsschaffende, dass sie nicht nur Werbung oder virale WhatsApp-Clips drehen können, sondern auch bei Disney landen können. Diese Veränderung in der Mentalität ist echt cool.
Apropos Disney: Wie kamst du zu «Kizazi Moto: Generation Fire»?
Dafür ist mein Kurzfilm «A Kalabanda Ate My Homework» mitverantwortlich. Wir waren damit an verschiedenen Festivals, unter anderem am Cape Town International Film Festival, wo ich einen Vortrag hielt. All die wichtigen Leute waren da, Peter Ramsey, Aron Warner, die Leute von DreamWorks. Ich dachte mir, was mache ich hier? Ich bin nur ein Typ in einer Garage. Ich traf dort auch die Leute von Triggerfish, und so landete ich auf der E-Mail-Liste mit einer Einladung, mein Projekt zu pitchen.
Und jetzt sind wir hier: «Herderboy» ist die allererste Folge von «Kizazi Moto: Generation Fire».
Ja, ich bin Episode Nummer eins, das ist grossartig. So werden auf jeden Fall alle meine Folge sehen.
Dein Kurzfilm dreht sich um Ndahura, einen jungen Typen, der seinen Platz an der Seite der grossen Hirt*innen sucht. Eine persönliche Story?
Sehr, sehr persönlich sogar. Ich habe erst später erfahren, dass sich viele der Regisseur*innen in dieser Anthologie mit meinem Projekt identifizieren konnten. Ich erinnere mich noch, wie ich dem Disney-Team sagte, dass ich gerade einfach nur schrieb, was mir widerfahren war, als wir den Film produzierten. Ndahura repräsentiert nicht nur mich; er repräsentiert alle Künstler*innen in Uganda und auf dem Kontinent, die sich beweisen wollen. Wir wurden übersehen und unterschätzt.
«Ndahura repräsentiert nicht nur mich; er repräsentiert alle Künstler*innen in Uganda und auf dem Kontinent, die sich beweisen wollen. Wir wurden übersehen und unterschätzt.»
Oberflächlich ist mein Film ziemlich simpel, aber ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht. Es war mir zum Beispiel wichtig, dass die anderen Hirt*innen, die Ndahura bewundert, kein fiesen Typen sind. Wenn ich auf die anderen Animationsindustrien auf der Welt schaue, dann sehe ich sie nicht als Fieslinge. Wir wollen einfach auch mitspielen. Auch am Ende des Films entschied ich mich dazu, dass Ndahura eine Version von sich selbst behalten kann, weil das eine Botschaft ist, die mir am Herzen liegt: Selbst wenn wir mit Europa, Amerika und all diesen Leuten spielen, bedeutet das nicht, dass wir vergessen müssen, wer wir sind. Wir können Probleme auf eine andere Weise lösen. Die Lösung, die Ndahura am Ende von «Herderboy» findet, ist keine Lösung, auf welche die anderen Hirt*innen gekommen wären.
«Herderboy» hat deinen einzigartigen, schrägen Humor. Wie wichtig war es dir, das nicht zu verlieren, während du dich einer solch grossen Geschichte annimmst?
Es ist interessant: Ich habe wahrscheinlich vor einem Jahr das letzte Mal über diese Witze gelacht. Es freut mich, dass andere Leute sie witzig finden. Ich glaube, es war Pete Docter oder Brad Bird, der einmal gesagt hat, dass Animation ist, als ob du einen Witz heute schreibst, um ihn dann in drei Jahren zu erzählen. Manchmal frage ich mich «Oh mein Gott, war das wirklich lustig?» Wenn es Leute dann lustig finden, denke ich mir: «Okay, vielleicht bin ich wirklich lustig». Ich entwickle immer noch meinen Schreibstil und ich neige dazu, viele Witze einzubauen, weil sie das Publikum entwaffnen. Ich mag Humor, denn er erlaubt es dem Publikum, sich für einen Augenblick zu entspannen, bevor die dramatischen Ereignisse losgehen.
Eine der Figuren, zu denen Ndahura aufschaut, Katona, wird von Florence Kasumba gesprochen. Wie kam sie zum Projekt und wie war die Zusammenarbeit?
Sie war grossartig. Sie hat sich sehr gefreut, bei «Herderboy» dabei zu sein. Sie ist Uganderin und hat ihr ganzes Leben in Deutschland gelebt, und ich glaube dieses Projekt war auch eine Möglichkeit für sie, sich mit ihren Wurzeln zu verbinden. Ich hatte Katona für sie geschrieben und gehofft, dass sie zusagen würde – und sie hat zugesagt!
Blair Koono spricht Ndahura. Er fängt dieses Kind, das einfach nur begeistert ist, mit dabei zu sein, wunderbar ein. Zwei Komiker, Patrick Salvador und Daniel Omara, haben mit mir schon bei «A Kalabanda Ate My Homework» zusammengearbeitet; hier mussten sie aber trotzdem noch vorsprechen. Das Disney-Team fand sie auch gut. Ich war so froh, ihnen diese Chance zu geben – sie gaben mir eine Chance, als noch niemand an mein Projekt glaubte. Sie haben auch tolle Arbeit geleistet; sie haben diese Figuren grossartig erfasst. Bisher hat sich zumindest noch niemand über die Sprecher*innen bei meinem Film beklagt – das ist gut.
Was bedeutet es für dich, mit Menschen aus deinem Umfeld zusammenzuarbeiten und Leute zu einem Projekt zu bringen, mit denen du schon einmal zusammengearbeitet hast?
Eine meiner Überzeugungen ist, dass ich mich nicht alleine vorwärtsbewege. Bei meinen Projekten nehme ich so viele Leute mit wie ich kann. Bei «Herderboy» gibt es fünf Mitarbeitende, die auch einen Credit haben. Das freut mich fast mehr als das Regieführen. Regisseur zu sein, ist kein einfaches Unterfangen, vor allem nicht auf diesem Niveau. Aber wenn im Abspann die Namen von Animator*innen oder anderen Leuten stehen, die zuvor mit mir zusammengearbeitet haben, schaffe ich für genug Menschen in meinem Land die Aussicht darauf, beim nächsten Projekt als Animator*in oder Konzeptzeichner*in mitzuarbeiten. Die Wirkung liegt mir am Herzen. Und das finde ich viel interessanter, als Regie zu führen.
Wie direkt hast du mit den Regisseur*innen der anderen neun Kurzfilme zusammengearbeitet?
Überhaupt nicht. Unsere Filme entstanden isoliert voneinander. Mein Kurzfilm war der erste, der die Produktion aufnahm; einige Monate lang war kein anderer in Produktion. Sie hatten keine Ahnung, was bei mir gerade los war, und ich hatte keine Ahnung, was bei ihnen los war. Es gab ein, zwei Präsentationen unter den Regisseur*innen. Eine nach sechs Monaten, eine zweite nach acht Monaten. Da sah man das erste Mal, wie die Filme der anderen aussehen. Ich schätzte das sehr. Das gab den Filmen die Möglichkeit, ihren ganz eigenen Touch zu haben. Mein Film – das bin ich. Wenn ich die Filme der anderen Regisseur*innen sehe, denke ich mir: Dieser Film ist genau diese Person. Ich glaube, sie hielten uns auch deshalb so lange auseinander, damit wir unsere Identitäten und unsere Vision bewahren konnten.
Wie unterscheidet sich dieser Prozess von deinen früheren, selber produzierten Arbeiten?
Ich erinnere mich noch, wie ich einmal während der Produktion nach den Zahlen fragte: Wie viele Menschen arbeiten im Augenblick hier mit? Zu diesem Zeitpunkt waren das 60 Leute und ich sagte: «Wie bitte, ihr sagt mir gerade, dass 60 Leute darauf warten, dass ich ihnen sage, welche Farbe dieser Stein haben soll?!» Die organisatorische Struktur war der grösste Unterschied. Bisher benutzte ich Videos auf YouTube und Interviews dazu, um zu lernen, wie solche grossen Produktionen funktionieren. Ich hatte zum Beispiel noch nie etwas von Herstellungsleitern, «Line Producern», gehört – oder vielleicht hatte ich das, aber ich hatte mich noch nie damit befasst, was das genau war. Und jetzt ist mein Bruder Robin der Herstellungsleiter unseres Studios.
Wir haben auch unsere Struktur verändert. Vor meiner Arbeit an «Herderboy» versuchten wir einfach, den Laden irgendwie zu schmeissen. Aber jetzt wissen wir genau, wie weit entfernt wir davon sind, wie es die Leute in der Industrie machen. Wir versuchen, dem nun so nahe wie möglich zu kommen. Wir wollen es nicht kopieren, weil du es nicht kopieren kannst. Afrika funktioniert komplett anders. Aber du kannst herausfinden, warum etwas so und so gemacht wird – und dann kannst du das anpassen oder ein Pendant finden.
Jetzt, wo diese grossen Produktionen kennst: Ist das etwas, das du gerne vermehrt machen würdest?
Ja. Schon vor «Kizazi Moto: Generation Fire» versuchten wir, unsere eigenen Projekte aufzubauen. Einige von denen fangen an und hören dann wieder auf, und du weisst nicht genau, wieso. Du fragst dich: «Liegt es am Geld?» Ich halte nicht viel davon, dass Geld alle Probleme löst. Ich verstehe, dass es wichtig ist. Aber ich weiss auch, dass, wenn dir jemand Geld gibt und du nicht weisst, wie du es nutzen musst, du es verschwenden wirst.
«Wir können nicht auf ‹Kizazi Moto: Generation Fire› oder ‹Star Wars: Visions› warten. Wir müssen einen Weg finden, es selber zu machen.»
Im Moment pitchen wir unsere Projekte verschiedenen Leuten. Viele sind an mir und meinem Studio interessiert. Mir ist es wichtig, herauszufinden, wie wir eine Industrie aufbauen können, um irgendwann diese Dinge machen zu können – ohne darauf warten zu müssen, dass alle drei Jahre ein Projekt wie «Kizazi Moto: Generation Fire» kommt. Diese Produktion dauerte alleine drei Jahre. Wenn sie jetzt Staffel zwei durchwinken, dauert das wahrscheinlich wieder drei Jahre. Das ist schon verrückt. Wir können nicht auf «Kizazi Moto: Generation Fire» oder «Star Wars: Visions» warten. Wir müssen einen Weg finden, es selber zu machen. Wir geben unser Bestes, und wir werden dafür mit so vielen Leuten wie möglich zusammenarbeiten.
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«Kizazi Mozo: Generation Fire» ist auf Disney+ streambar.
Titelbild: Disney+ / Mpho Ramathikithi