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Seit dem 14. Jh. treten in der Schweiz J. als Diplomaten, Magistraten, Politiker, Wissenschafter, Lehrkräfte, Verwaltungsleute, Richter, Schiedsrichter, Notare (Notariat), Gerichtsschreiber und Rechtsanwälte in Erscheinung. Im MA studierten vorwiegend Kleriker, die daraufhin in Dom- und Stiftskapiteln als Kanoniker wirkten, Recht in Bologna, Pavia und anderen ital. Universitätsstädten (Rechtswissenschaften). Daneben genossen auch Vertreter der städt. Patriziate und der Kaufmannschaft Rechtsunterricht in Italien, um nach dem Stud. des durch die Bologneser Rechtswissenschafter (Irnerius, Accursius, Bartolus und Baldus) glossierten und kommentierten "Corpus Iuris Justiniani" in ihrer Heimat Staats- und Verwaltungsämter wahrzunehmen (in Bologna bis 1330 220 Studenten). Bis 1470 immatrikulieren sich über tausend Studenten aus eidg. Gebieten an den neu gegr. Universitäten im Ausland (Wien, Erfurt, Heidelberg, Leipzig, Avignon). Während die Rechtsgelehrsamkeit in klerikalen Kreisen als normative Kernwissenschaft hohe Anerkennung genoss und deren Absolventen für die Besetzung der auch weltl. Streitigkeiten regelnden Offizialate unentbehrlich waren, begegnete die früheidg. Gesellschaft den weltlichen, in Italien ausgebildeten J. mitunter skeptisch, da deren Fachwissen mit der bis weit in die Neuzeit vorherrschenden deutschrechtlichen, populären Tradition oft in Widerspruch stand. Der rechtswissenschaftl. Ausbildung kam im 15. Jh. dennoch zunehmend die Bedeutung einer Legitimation für die Wahrnehmung justizieller und magistraler Funktionen im urbanen Milieu zu. Sodann oblag den gelehrten J. die Einrichtung und Führung des Notariatswesens.
In der 2. Hälfte des 15. Jh. gewann der Einfluss der J. auf die Rechtsentwicklung und -anwendung innerhalb der eidg. Stände im Zuge der im dt. Reich beginnenden Vollrezeption gelehrten Rechts und wegen des häufigen Aufenthalts von Schweizer Rechtsstudenten an dt. Universitäten an Gewicht. Die überkommenen partikulären Rechtsanschauungen wurden wenigstens ansatzweise mit gelehrten Inhalten angereichert. Die Ablehnung der Zuständigkeit des Reichskammergerichts durch die Eidgenossenschaft und die nach dem Schwabenkrieg geringe Bereitschaft der Studenten aus den eidg. Ständen zum Besuch dt. Universitäten erzeugten in der Mitte des 16. Jh. erneut Vorbehalte gegenüber dem gelehrten Recht. Damit verloren die J. und die Privatrechtswissenschaften an Bedeutung und Anerkennung. Nur an der Univ. Basel wurde zu dieser Zeit die Rechtswissenschaft und deren Lehre weiterhin gefördert (Claudius Cantiuncula, Johannes Sichardus, Bonifacius Amerbach und Basilius Amerbach der Jüngere). Mit dem Aufkommen neuer Rechtsschulen in mehreren Schweizer Städten ab dem 17. Jh. gewann die Juristenausbildung und der Stellenwert studierter J. an Bedeutung. Während des Ancien Régime gab es kaum Ämter, die zwingend durch gelehrte J. zu besetzen waren, wohl aber nahmen Letztere in den meisten Kantonen bisweilen wichtige staatl. Funktionen wahr. Gelehrte J. hatten indessen auch nach 1600 verschiedentlich gegen Vorbehalte anzukämpfen, da ihre an der Auslegung des röm. Rechts geschulte Argumentation als fremdartig, nicht selten wohl auch als zuwenig beeinflussbar erlebt wurde. Im 17. und 18. Jh. entschied oft die Zugehörigkeit zu Patriziat und Zunftwesen und weniger die Ausbildung über die Auswahl von Magistraten, Richtern und Schreibern. Die Zivil- wie auch die Strafrechtspflege verblieb, von in der Zusammensetzung der Stadtgerichte bisweilen erkennbaren Ausnahmen abgesehen, weitgehend in Laienhänden. In den Innerschweizer Kantonen amtierten J. mitunter als Landschreiber.
Die Schweizer Universitäten führten in der 1. Hälfte des 19. Jh. jurist. Studienabschlussprüfungen ein, die in Verbindung mit der Abfassung einer Dissertation die Verleihung der Doktorwürde begründeten. Der ursprünglich an den Rechtsfakultäten der französischsprachigen Schweiz übliche Lizentiatsstudiengang fand im 20. Jh. auch Eingang in das Rechtsstudium der Deutschschweizer Universitäten. Das Rechtsstudium gewann an Popularität: Während die Univ. Zürich 1873-82 nur 19 jurist. Promotionen verlieh, doktorierten 1923-32 34 Frauen und 373 Männer.
|Studierende||Doktorate||Lizentiate|
|Total||Anteil Frauen||Total||Anteil Frauen||Total||Anteil Frauen|
|1970||3 736||14,6%||114||474|
|1980||7 574||26,9%||105||12,4%||765||25,5%|
|1990||10 046||40,0%||136||18,4%||814||41,5%|
|2000||10 762||47,5%||172||25,6%||1 311||48,1%|
|2001||10 889||48,8%||129||27,1%||1 379||47,6%|
|2002||11 366||50,1%||167||26,9%||1 363||49,3%|
|2003||12 169||50,8%||142||32,4%||1 424||48,5%|
|2004||12 436||52,1%||146||34,9%||1 274||52,7%|
Ab dem 19. Jh. traten J. oft als Rechtsanwälte oder Fürsprecher auf, um an den Laiengerichten die Vertretung rechtsunkundiger Parteien wahrzunehmen. J. wurden mit dem Aufkommen des modernen Rechtsstaates zu unentbehrl. Stützen der Justiz und der Gesetzgebung. Die Einrichtung zahlreicher Stellen in den Verwaltungen der grösseren Kantone erhöhte die Anzahl studierter J. in Staatsämtern weiter. Auf polit. Ebene sind J. bis in die höchsten Ämter der Legislative und der Exekutive überproportional vertreten. Während in den Städten bereits im 19. Jh. zumindest die Gerichte höherer Instanzen zumeist mit J. besetzt waren, bestehen in ländl. Gebieten die erstinstanzl. Gerichte bis heute häufig mit Ausnahme der Präsidenten und der Schreiber aus Laien. Der jurist. Studiengang ist an allen Schweizer Universitäten auf Vermittlung eines breiten Grundlagenwissens ausgerichtet. Für Spezialisierung während des Studiums besteht nur geringer Spielraum. Die Absolventen rechtswissenschaftl. Ausbildungsgänge werden durch ihre prakt. Erfahrung und durch ergänzende Nachdiplomstudien zu spezialisierten Fachleuten.
Mit der Jurist. Gesellschaft in Basel war 1835-45 der erste jurist. Berufsverband in der Schweiz aktiv. 1861 erfolgte durch die Bemühungen der kurz zuvor etablierten Jurist. Gesellschaft des Kt. Luzern die Gründung der Jurist. Gesellschaft der Schweiz. Der aus dieser hervorgegangene Schweiz. Juristenverein (SJV) bietet seither an seinen als Schweiz. Juristentag bezeichneten jährl. Hauptversammlungen ein Forum zur Diskussion aktueller Fragen der Rechtsentwicklung. Ziel des Vereins ist die Unterstützung der Fortbildung des Rechts in der Schweiz sowie die jurist. Weiterbildung seiner Mitglieder. Zahlreiche Vorstösse zur Rechtsvereinheitlichung in der Schweiz, namentlich bezüglich des Schuldbetreibungs- und Konkursrechts sowie des Zivil- und Strafrechts, wurden massgeblich durch den SJV in die Wege geleitet. Seit dem 19. Jh. existieren auch in den Kt. Solothurn, Schaffhausen, Bern, Basel-Stadt und Zürich Juristenvereine. Diese, wie auch die im 20. Jh. gegr. Juristenvereine anderer Kantone, dienen der wissenschaftl. Weiterbildung der Mitglieder. Daneben verfolgen sie auch den Zweck, den Austausch zwischen Gesetzgebung, Lehre und Rechtsprechung anzuregen, um die Fortbildung des kant. Rechts zu fördern.
Literatur
– S. Stelling-Michaud, Les Juristes suisses à Bologne 1255-1330, 1960
– H. Fritzsche, Der Schweiz. Juristenverein 1861-1960, 1961
– K.H. Burmeister, Das Stud. der Rechte im Zeitalter des Humanismus im dt. Rechtsbereich, 1974
– Juristengenerationen und ihr Zeitgeist, hg. von H. Merz et al., 1991
– R. Frank, 100 Jahre Zürcher. Juristenverein 1893-1993, 1994
– Dt. und Europ. J. aus neun Jahrhunderten, hg. von G. Kleinheyer, J. Schröder, 41996
– Gelehrte im Reich, hg. von R.C. Schwinges, 1996
Autorin/Autor: Lukas Gschwend