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Was bleibt am Ende der Olympischen Spiele in Rio? Eine Formulierung: «Wichtige, ikonische Spiele». Und die Erkenntnis, dass keiner mehr «Doping!» schreit. Ein Fazit.
Am Schlusswochenende der Olympischen Spiele gibt es ein festes Ritual: Der IOC-Präsident klassifiziert die Veranstaltung mit einem oder zwei Adjektiven. Früher beim alten Patron Juan Antonio Samaranch war es noch ein Superlativ, sogar der immergleiche («die besten Spiele aller Zeiten»). Seine Nachfolger sind von dieser Linie abgerückt. Die letzten Spiele waren wahlweise «wunderschön» (Sotschi 2014), «fröhlich und wunderbar» (London 2012), «exzellent und freundschaftlich» (Vancouver 2010) oder auch «wahrlich aussergewöhnlich» (Peking 2008).
Und nun? Thomas Bach dürfte noch ein bisschen länger an der Rhetorik gefeilt haben als sonst. Es ist ein offenes Geheimnis, dass dem IOC vor allem gefiel, die Veranstaltung halbwegs über die Bühne gebracht zu haben. Andererseits kommt ein Nachtreten nicht in Frage, schon gar nicht gegen ein Zweite-Welt-Land in der Krise, das für Olympia an den Rand seiner Kapazitäten ging. Bach erfand also folgende Formulierung: «wichtige, ikonische Spiele».
Sie hätten in der «Mitte der Realität» stattgefunden, fügte der Deutsche noch hinzu. Ein versierter Funktionär macht eben aus jeder Situation noch das Beste – normalerweise bevorzugen sie bei Olympia ja eher die rosarote Scheinwelt.
Die aber war in Brasilien nicht möglich, dafür sind dort die Widersprüche zu krass, das politische System zu demokratisch, die Topographie zu gebirgig; wo etwa in Peking die Elendsviertel buchstäblich zugemauert wurden, konnte man in Rio nur die Polizei davorstellen. Zu sehen sind die Favelas in jedem Moment, oben auf den Hügeln, sie scheinen zu warnen: Wir haben euch im Blick, da unten.
Emotional und aufwühlend
In mancher Hinsicht war es tatsächlich ein Glück, dass Brasilien derzeit andere Probleme hat, das Land konnte nicht jedes kleinste Detail durchregulieren. Ein Beispiel: Die Strand- und Strassenverkäufer, zur WM 2014 noch vertrieben, durften diesmal bleiben. Auch die Eingangstore waren durchlässiger, die Schikanen ein bisschen weniger. Und so landete man eben auch mal in einem Bereich, wo man nicht hingehörte. Athleten, Journalisten und Zuschauer vermischten sich, stärker als sonst inzwischen üblich, so wie es bei Olympischen Spielen eigentlich mal gedacht war.
Es waren emotionale Spiele, aufwühlende Spiele, mit Ausschlägen in alle Richtungen. Die fiebrigen Spiele, vielleicht träfe es das am besten.
Gleich am ersten Wettkampftag wurde eine Patrone im Pressezentrum der Reiter gefunden. Einige Tage später fielen Schüsse auf einen Journalistenshuttle. Ein portugiesischer Minister wurde ausgeraubt und auch vier amerikanische Schwimmer – ach so, das war ja nur erfunden. Es gab eben auch besonders viele absurde Begebenheiten bei diesen Spielen. Auf dem Golfplatz mussten freiwillige Helfer während des Frauenturniers eine Schlange bändigen. Das Wasser im Pool der Turmspringer verfärbte sich plötzlich grün und roch, so die Athleten, nach «Fürzen».
Es gab aufwühlende Geschichten, praktisch im 24-Stundenrythmus. Heldenstücke wie die Goldmedaille der Judoka Rafaela Silva, die aus einer Favela zwischen den olympischen Wettkampfclustern in Barra und Deodoro kommt, oder das sagenhafte Comeback des argentinischen Tennisspielers Juan Martín del Potro, auch wenn es letztlich nur von Silber gekrönt wurde. Tragödien wie die Todesfälle des deutschen Kanuslalomtrainers Stefan Henze nach einem Verkehrsunfall und des französischen Physiotherapeuten Patrick Bordier nach einem Herzstillstand. In einem Spital von Rio kämpft nach wie vor eine englische Journalistin um ihr Leben, die sich bei einer Benefizradtour mit einem seltenen Malaria-Virus infizierte.
Nicht zuletzt gab und gibt es Olympias Zukunftsfrage: Doping.
Doping, immer wieder Doping
Regelmässig poppten dieser Tage olympische E-Mails im Posteingang auf, Betreff: «IOC sanctions athletes for failing anti-doping tests». Während der Spiele wurden Medaillengewinner von 2008, 2012 (jeweils durch Nachtests) und auch schon 2016 überführt. Gewichtheben-Wettbewerbe können nur noch als Farce bezeichnet werden, die Brasilianer wurden im Monat vor ihren Heimspielen gar nicht getestet, wie der neue Chef der Nationalen Antidopingagentur jetzt noch einmal bestätigte. In einem fatalen Signal fand man keinen Weg, der mutigen russischen Enthüllungs-Läuferin Julia Stepanowa einen Start zu ermöglichen, während in ihrem Sport der bereits zweimal überführte Justin Gatlin zu Silber über 100 Meter sprinten durfte.
Bezwungen wurde er von Usain Bolt, der in Rio seine olympischen Goldmedaillen sieben bis neun abräumte. Bei keiner einzigen war es auch nur knapp. Im Schwimmbecken erreichte Michael Phelps seine Olympiasiege 19 bis 23. Was für eine absurde Zahl. Die Älteren sind mit neun Goldmedaillen von Mark Spitz aufgewachsen, die Mittelalten mit neun von Carl Lewis. Schon bei letzterem gab es Gerüchte. Spätestens seit Lance Armstrongs sieben – vermeintlichen – Tour-de-France-Siegen muss gutgläubig sein, wer solchen Sport-Superlativen nicht mit ein wenig Skepsis begegnet.
23 – die Zahl ist auch ein Mahnmal für den Gigantismus der Spiele, bei denen die Zahl der Entscheidungen von 195 in München im Jahr 1972 auf 306 in Rio de Janeiro angewachsen ist: eine Steigerung um 56 Prozent. Alle Wettbewerbe, in denen Phelps seine Medaillen gewann, existierten zu Spitz’ Zeiten auch schon, insofern ist er wirklich nur ein Symbol. Doch fast jeder Sport müsste hier und da sein Programm abspecken, um wieder zu einer Grösse zu kommen, die den einzelnen Wettbewerb wirklich interessant macht. Derzeit wird ja jeder Olympiasieger auch deshalb so schnell wieder vergessen, weil es zwei Stunden später schon wieder fünf Neue gibt. Um den Sieg wetteifern dabei im Prinzip nur noch Berufsathleten; unterstützt mit öffentlichen Geldern, wenn ihr Sport an sich die Ressourcen für ein Profileben nicht hergibt.
Lebensnäher als Fussball
Ein ausufernder Kalender und finanziell aufgepäppelte Athleten: wenn man so will, ist ganz Olympia gedopt. Und doch muss es sich auch viel übertriebene Kritik anhören, jedenfalls in Europa, wo viele seiner Sportarten ein hoffnungsloses Rückzugsgefecht gegen den Fussball führen. Für den sind alle Mittel recht, die Spiele dagegen will niemand im Land haben.
Es gibt keinen logischen Grund dafür. Wo Hooligans während der EM französische Innenstädte verwüsteten, brauchte es in Rio die Polizei nur zum Schutz vor Anschlägen und Kriminalität. Wo bei der EM jedes einzelne Spiel von einer schnulzigen Kaugummi-Eröffnungsfeier eröffnet wurde, beschränkten sich Pathos und Inszenierung in Rio angenehm auf die Siegerehrungen. Insgesamt ist Olympia mit seinen vielen namenlosen Athleten, mit seinem bunten Panoptikum der Biographien ungleich lebensnäher als internationale Fussball-Turniere.
Olympia verlässt Rio de Janeiro mit Fieber. Aber es hat gegenüber dem Fussball zumindest in einer Hinsicht bessere Genesungschancen. Während der mit seinen nächsten Weltturnieren in die problematischen Länder Russland und Katar muss, steigen die nächsten Spiele unverfänglich in Südkorea (Winter 2018) und Japan (Sommer 2020). Eine Atempause, die man nutzen sollte.