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Die Bestände vieler Waldvogelarten haben seit den Jahren 1993–1996 zugenommen, da sie von der naturnahen Waldbewirtschaftung profitieren. Defizite finden sich jedoch beim regional oft niedrigen Alt- und Totholzanteil, sowie dem Anteil an lichten Wäldern, Auenwäldern und breiten Übergangszonen zum Kulturland.
Pierre Mollet & Alex Grendelmeier, Schweizerische Vogelwarte
Die Daten, die für den neuen Atlas der Brutvögel der Schweiz in den Jahren 2013 bis 2016 aufgenommen wurden, bestätigten eigentlich alles, was über den Wald als Lebensraum für Vögel schon vorher entweder bekannt war oder vermutet wurde. Der Wald ist der artenreichste Lebensraum für Vögel in der Schweiz. Verglichen mit anderen Lebensräumen wie dem Agrarland oder den Feuchtgebieten ist er auch derjenige mit den wenigsten gefährdeten Arten. Von den 59 zurzeit als «Waldvogelarten» bezeichneten Arten, sind 9 (15 %) auf der Roten Liste der gefährdeten Arten zu finden. Im Agrarland sind es dagegen 45 % und in den Feuchtgebieten gar 68 %. Die meisten Waldvogelarten haben in den letzten Jahrzehnten von der Waldbewirtschaftung profitiert, wenn diese sowohl offene Jungwaldflächen als auch Bestände mit Alt- und Totholz zur Verfügung stellte.
Handlungsbedarf im Wald
Defizite gibt es aber trotzdem noch immer, wobei sich der Handlungsbedarf in zwei Punkten zusammenfassen lässt:
- Förderung strukturreicher Wälder sowie, vor allem im Mittelland und im Jura, von Tot- und Altholz.
- Schaffung von Waldrändern mit breiten Übergangszonen zum Kulturland sowie Förderung von lichten Waldbeständen und Auenwäldern.
Alt- und Totholz belassen
Die Menge an Alt- und Totholz in den Wäldern des Mittellands und des Juras ist nach wie vor zu gering. Alt- und Totholz zählen zu den wichtigsten Ressourcen für die Biodiversität im Wald. Tausende von Arten sind davon abhängig, vor allem Insekten und Pilze, aber auch etliche Vogelarten. Spechte bauen ihre Bruthöhlen in stehendes Totholz sowie in sterbende oder abgestorbene Stelle lebender Bäume. Spechthöhlen stellen oft die Lebensgrundlage für viele Zweitnutzer dar, darunter Eulen, Singvögel und weitere Vogelarten, sowie zahlreiche Säugetiere und Insekten. Totholz bietet aber nicht nur essentielle Nistmöglichkeiten, sondern auch reichhaltige Nahrungsgrundlagen, auf welche einige Vögel besonders im Winter kaum verzichten können. Wie wichtig Totholz für manche Arten ist, zeigt das Beispiel des Weissrückenspechtes, eine Charakterart totholzreicher Laub- und Laubmischwälder. Diese Art war ursprünglich in den tieferen Lagen verbreitet, verschwand aber schon vor mehreren hundert Jahren, nachdem die Tieflandwälder in der Schweiz nach und nach flächendeckend genutzt wurden. Seit rund 25 Jahren breitet sich der Weissrückenspecht in den Schweizer Alpen wieder in Richtung Westen aus. Mittlerweile hat sich in den Kantonen Graubünden und St. Gallen eine kleine Population etabliert. Der Weissrückenspecht wird sich aber nur dann weiter verbreiten können, wenn es weiterhin gelingt, auch im Tiefland grössere Waldflächen von der Bewirtschaftung auszunehmen, damit sich Alt- und Totholz anreichern können.
Baum-Mikrohabitate und Weichhölzer
Stehendes und liegendes Totholz, zusammen mit seinen Mikrohabitaten (Höhlen, grobe Rinde, Kronentotholz), tragen stark zum Strukturreichtum unserer Wälder bei. Dieser wird zusätzlich durch alte Bäume begünstigt, denn mit steigendem Alter wächst oft die Anzahl der Mikrohabitate, welche wiederum unzähligen Organismen als Lebensgrundlage dienen. Letztlich gehört zum Strukturreichtum auch ein ausgewogenes Angebot an Weichhölzern, welche als wichtige Nahrungspflanzen gelten. Arten wie das Haselhuhn können ohne diese speziellen Baum- und Straucharten nicht existieren. Die Förderung von Weichholzarten durch die Forstwirtschaft legt oft den Grundstein für eine erfolgreiche Artenförderung.
Lichter Wald für National Prioritäre Arten
Arten, die auf lichte Wälder mit einem geringen Deckungsgrad in der Baumschicht angewiesen sind, gibt es Hunderte, vor allem Pflanzen und Insekten. Aber auch ein paar Vogelarten, wie beispielsweise der Ziegenmelker, gehören dazu. Von Natur aus gedeihen solche Wälder nur auf äusserst unproduktiven Standorten oder entstehen temporär nach Extremereignissen wie Stürmen, Waldbränden oder Lawinen. Da der Mensch diese natürliche Dynamik, auch aus Sicherheitsgründen, meist unterbindet, haben es Arten, die auf diesen Lebensraum angewiesen sind, besonders schwer. Lichte Wälder können aber mit geeigneten Massnahmen erhalten oder gefördert werden, sei es, je nach Standort, durch regelmässige Mahd, durch Waldbeweidung, oder allenfalls auch durch Holzschläge ohne zusätzliche Massnahmen. Der Bund ist zurzeit in Erarbeitung eines «Aktionsplans lichte Wälder und Pionierstandorte für National Prioritäre Arten», womit zeitnah ein geeignetes Instrument zur Förderung dieses einzigartigen Lebensraums zur Verfügung stehen wird und Arten wie Waldschnepfe, Gartenrotschwanz und Grauspecht nicht ganz verschwinden.
Vorratszunahme in Gebirgsnadelwäldern: Spechte profitieren – das Auerhuhn verliert
Spezielle und teils sehr artenreiche Biotope stellen ebenfalls Gebirgsnadelwälder, Auenwälder und ökologisch wertvolle Waldränder dar. In Gebirgsnadelwäldern der Alpen leben Arten mit südeuropäischer und solche mit borealer Hauptverbreitung im selben Lebensraum. Nach Jahrhunderten der Nutzung und teilweise auch Übernutzung, werden heute viele subalpine Nadelwälder wieder vermehrt sich selbst überlassen. Die Zunahme des Holzvorrats hat die Lebensbedingungen vor allem für Spechte und somit auch für weitere Höhlenbrüter verbessert. Andererseits gilt die damit verbundene Verdichtung und «Verdunkelung» der Wälder als wichtige Rückgangsursache beim Auerhuhn.
Auenwälder und aufgewertete Waldränder sind Biodiversitätshotspots
Auch bei den Auen wachsen die Förderbemühungen stetig, denn nur unverbaute Gewässer sorgen für die rege Dynamik, welche einem Auenwald seine vielen Lebensräume gibt. Das ist wichtig, denn Auenwälder zählen zu den Biodiversitätshotspot schlecht hin. Dank Revitalisierungsprojekten wächst die seit dem neunzehnten Jahrhundert auf wenige zerstückelte Teilgebiete geschrumpfte Auenfläche langsam wieder an. Ein weiterer Biodiversitätshotspot findet man in ökologisch wertvollen Waldrändern. Solche entstehen wenn der Übergangsbereich zwischen Wald und Offenland nicht eine Baumlinie darstellt, sondern eine breite Übergangszone mit Waldmantel, Strauchgürtel und Krautsaum. Finden sich über die Waldrandfläche verstreut auch noch Biotopbäume, Totholz, Ast- und Steinhaufen, Dornensträucher und Weichhölzer ergibt sich ein unglaublich wertvolles Ökosystem von dem unzählige Wald- und Landwirtschaftsarten profitieren können. Bereits heute werden vielerorts Waldrandaufwertungen durchgeführt, um das gewaltige Potenzial dieses Lebensraums besser auszuschöpfen und Arten wie der Dorngrasmücke oder der Zwergohreule zu neuem Schwung zu verhelfen.