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1963
"Kloake!": Homosexualität
... Prof. Marcel Beck
Der in Sachen Homosexualität besonders streitbare Winterthurer Kantonsrat Prof. Marcel Beck (1908-1986), Demokratische Partei, schrieb eine für ihn wohl typische Polemik, die er unter dem Titel "Zürich, das Paradies der Homosexuellen" in der Zeitung Der Republikaner vom 11. Juli 1963 veröffentlichen liess. Daraus einige Abschnitte:
"In der Kloake der Homosexualität, die seit den Nachkriegsjahren bis auf den heutigen Tag zu einem Schandfleck der Stadt Zürich geworden ist, und die nicht mehr wie früher schamhaft und verschwiegen als Last getragen und als Verirrung gewertet wird, sondern frech auf den öffentlichen Plätzen und in den Gaststätten ihr widerliches Haupt erhebt - diese stinkende Kloake hat im Zürcher Kantonsrat Prof. Marcel Beck [...] mit bewundernswerter Offenherzigkeit mit seinem Ratsherrnstecken aufgewühlt. Er hat am 11. März 1963 dem Regierungsrat folgende Interpellation eingereicht:
'Nach §110 des Gesetzes über das Gastwirtschaftsgewerbe [...] wird der Wirt, der in seiner Gaststätte der Unsittlichkeit Vorschub leistet, vom Statthalteramt mit Busse von Fr. 50 bis Fr. 1000 bestraft. In schweren Fällen kann mit der Busse der Patententzug verbunden sein. Teilt der Regierungsrat die Auffassung, dass diese Strafbestimmung auch auf die Wirtschaftslokale zutrifft, die als Treffpunkt für Homosexuelle und Strichjungen gelten, und ist er bereit, durch entsprechende Weisungen dafür besorgt zu sein, dass dieser Bestimmung auch in den genannten Fällen Nachachtung verschafft wird?'
[...] Man mag über Entstehung und Wesen der Homosexualität denken wie man will, von der kriminologischen Seite aus gesehen erweist sie sich als eine Seuche, deren Ausbreitung mit passenden Mitteln zu bekämpfen ist. [...]"
Marcel Beck zitierte unter anderen den Oberrichter Thürer:
"Die Homosexualität darf nicht mehr in dieser Frechheit, wie das in unseren Städten geschieht, ihr Haupt erheben, so, als ob sie salon- und gesellschaftsfähig wäre, und vor allem so, dass man genau weiss, wo man die Befallenen findet und wo Orgien gefeiert werden."
Dann fuhr Beck fort:
"Noch vor wenigen Jahren war das Lokal 'Eintracht' am Neumarkt, das sich im Besitz der Stadt Zürich befindet, ein tatsächlich weltbekannter Treffpunkt der Homosexuellen, die sich daselbst am Neujahr und bei anderen Gelegenheiten zu rauschenden Festen einzufinden pflegten. Was da an Travestie geboten wurde, spottet jeder Beschreibung. Ich bekam Fotos zu sehen, die mich insofern überraschten, als sie mir bewiesen, dass der Mann, der es darauf abgesehen hat, selbst im schamlosesten Liebeswerben der Frau überlegen zu sein, deutlich die Fähigkeiten hierfür besitzt. [...]
Wesentlich ist [...], dass der Stadtrat von Zürich sich schliesslich dazu durchringen konnte - ob einstimmig weiss ich nicht -, den Homosexuellen den internationalen Treffpunkt [...] zu nehmen. Was aber für städtische Lokale recht ist, das sollte für private Lokale innerhalb des Kantons Zürich billig sein. Vorläufig fanden natürlich die Herrschaften anderswo die gewünschte Unterkunft. [...]"
Es folgte als Nachtrag die Antwort des Regierungsrates, welche wahrscheinlich der eigentliche Anlass zu diesem polemischen Aufsatz war:
"Der Regierungsrat hat dem Interpellanten am 20. Juni 1963 ausgerechnet durch den Finanzdirektor die Antwort erteilen lassen. Diese Antwort ist derart gewunden und ausweichend, dass sich ein näheres Eingehen [...] erübrigt. Quintessenz:
'Die Finanzdirektion wird bei der Bekämpfung der genannten unerfreulichen Erscheinungen diejenigen Massnahmen ergreifen, die ihr durch die Rechtsordnung in die Hand gegeben sind.' [...]
Solange man in obrigkeitlichen Kreisen diese widernatürliche Schweinerei mit dem besänftigenden Wort 'unerfreuliche Erscheinungen' verharmlost und die Stadt sogar als Gönnerin der Homosexuellen auftritt, wird zwar dem Recht nachgelebt, aber gleichzeitig der Perversität Vorschub geleistet. Der Regierungsrat war nicht in der Lage, Prof. Marcel Beck und mit ihm den Tausenden, die sich an dem schamlosen Treiben der Homosexuellen ärgern, eine befriedigende Antwort zu geben. [...]"
Der Republikaner, gegründet 1916, war ein Blatt der Demokraten und wurde in seinen letzten Jahren, 1971-84, durch den Rechtspopulisten James Schwarzenbach, Gründer der Republikanischen Partei, herausgegeben.
Ernst Ostertag, November 2005