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Vier kurze Filme über das Töten. Beziehungsweise über die Möglichkeit, es zu verweigern.
Vorsicht, dieser Text enthält einen Spoiler. Sollten Sie den Film unvoreingenommen sehen wollen, lesen Sie besser erst nach dem Kinobesuch.
Das hätte starke 150 Minuten geben können. Aber leider sabotiert sich Rasoulof von Episode zu Episode mit mehr Kino-Eindeutigkeit.
Der Film fängt wirklich verblüffend an. Rund vierunddreissig Minuten lang lernen wir Heshmat (Ehsan Mirhosseini) kennen. In der ersten Einstellung hilft ihm ein Kollege in der Tiefgarage etwas Schweres in den Kofferaum seines Autos zu hieven.
Bei der Ausfahrt steht dann ein Kontrolleur, der ihn bittet, den Kofferraum zu öffnen, und fragt, was in dem Sack sei. Der Reis, der ihm zustehe, erklärt Heshmat. Dann fährt er nach Hause, trinkt etwas, rettet eine Katze aus dem Heizungskeller und fährt wieder los, seine Frau, eine Lehrerin, abzuholen.
Mit ihr fährt er zur Bank, sie ärgert sich, dass sie nichts abheben kann, ohne dass der Schaltermann zuerst Heshmat anruft, sie holen die kleine Tochter von der Schule ab und fahren zur gebrechlichen Oma, um ihr im Haushalt zu helfen.
Später hilft Heshmat gar seine Frau noch beim Haare färben; offensichtlich teilen sie sich die Hausarbeit gerecht und der Mann ist kein iranischer Macho.
Auch wenn er um drei Uhr morgens wieder aufstehen muss und zur Arbeit fährt. Die Arbeit besteht darin, dass er sich ein kleines Frühstück macht, beim Aufblinken von ein paar Lampen durch ein Guckloch guckt und schliesslich einen Knopf drückt.
Und nun können wir nicht anders, als die Pointe dieses ersten Films zu verraten, denn auf ihr basieren die anderen drei: Heshmat arbeitet im Gefängnis, der Knopf löst eine vierfache Hinrichtung aus.
Das ist eine schockierende Erkenntnis und wirklich gut und unerwartet eingeführt. Dafür überbieten sich die nächsten drei Episoden dann leider mit Eindeutigkeiten.
«Du schaffst das», ist die zweite übertitelt, und sie dreht sich um einen jungen Soldaten, der ebenfalls beim Hinrichtungskommando gelandet ist, den Gedanken ans Töten aber nicht aushält. Er diskutiert das mit den Kollegen im Schlafbunker und über Telefon mit seiner Freundin, bis er beschliesst, mit Waffengewalt auszubrechen, auch wenn ihn das seine Zukunft im Iran kosten wird.
Auch diese Episode ist noch recht spannend und schön dialektisch gebaut mit den Diskussionen unter den Schicksalgenossen darüber, ob man sich an Befehle halten muss und ob das Gesetz auch gelte, wenn es falsch sei.
Dann aber wird das Thema zunehmend melodramatischer durchgespielt, mit schönen Frauen, tapfereren Männern, Widerständigen und Generationenkonflikten. Und da beginnt Rasoulofs Film zur Einbahnstrasse zu werden. Die Figuren sind eindimensional auf den jeweiligen Konflikt hin angelegt, es gibt keine Zweifel und keine Fragen mehr, dafür einen Fuchs, der für das Recht auf Leben steht, selbst wenn er Hühner klaut.
Das ist schade, denn durch die Programmierung des Films auf dem letzten Platz des Wettbewerbs dieser Jubiläumsberlinale hat Direktor Carlo Chatrian nach klassischer Festivaldramaturgie der Jury einen Steilpass vermacht, inklusive den Umstand, dass Mohammad Rasoulof nicht nur Arbeitsverbot hat im Iran, sondern auch Ausreiseverbot. Würde sich also gut machen als goldener Bär, dieser Film. Wenn er bloss durchgehend gut genug wäre dafür.
PS: Ich habe, einen Tag nach der Sichtung, die ursprüngliche, unnötige Flapsigkeit des Textes etwas gedämpft. Der Preis des spontanen Schreibens direkt nach dem Film ist ein manchmal nicht ganz angemessener Ton. (29. Februar 2020, 16.25 Uhr)