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Josef Maria Camenzind
Erstaunlicherweise hat sich die DDR bereits in den siebziger Jahren aktiv um die Aufarbeitung der Deutschschweizer Literatur der ersten Jahrhunderthälfte bemüht. Dass DDR-Verlage dabei Werke von Glauser und Bührer neu editierten, verwundert weit weniger als die Tatsache, dass ein Leipziger Verlag 1976 und 1979 in zwei Bänden die wichtigsten Erzählungen eines Autors kommentiert neu zugänglich machte, den man hierzulande längst als provinziellen Heimatschriftsteller abgeschrieben und schubladisiert hatte. Gemeint ist der aus Gersau stammende Josef Maria Camenzind, der nach einer entbehrungsreichen Jugend 1931 katholischer Geistlicher wurde, praktisch sein ganzes Leben im Hause der Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee (SZ) zubrachte und ab 1934 mit Erzählungen und Romanen an die Öffentlichkeit trat, die von der Kindheit im Dorf am See, vom Leben einfacher Menschen und vom Ringen um den Glauben handeln.
Provinziell ist Camenzinds Schaffen allerdings schon rein geographisch nicht, war doch sein mit Abstand meistverkauftes Buch ausgerechnet jener fast 600seitige Wälzer, der seine China-Reise von 1936/37 auf frisch-fröhliche Weise verarbeitet und den belebenden Gegensatz zwischen Heimat und Fremde schon im Titel andeutet: Ein Stubenhocker fährt nach Asien (1939). Zwanzig Jahre später überraschte Camenzind seine Leser mit dem Roman Da-Kai, der ausschliesslich in der Mandschurei spielt und das Problem der durch den Kommunismus gestoppten Christianisierung Chinas auf bildkräftige, behutsame, wenn auch keineswegs unparteiische Weise zur Darstellung bringt.
Camenzinds bedeutendste Leistungen sind und bleiben jedoch, Heimatkunst hin oder her, seine biographisch gefärbten, von der Wehmut der Erinnerung geprägten Gersauer Erzählungen in den Bänden Mein Dorf am See (1934), Jugend am See (1940) und Europa im Dorf (1951). Wie bei seinem Vorbild Heinrich Federer beeindruckt in diesen lebensvollen Geschichten bei aller Idyllik immer wieder das sozialkritische Moment, das innige Mitgefühl mit den Benachteiligten und Zukurzgekommenen. Im heute beim Rex-Verlag wieder greifbaren Roman Schiffmeister Balz hat Camenzind 1941 übrigens Gersau auch historisch seinen Tribut gezollt. Auf Josef Maria Camenzind anschauliche Weise schildert er darin das Ende des Freistaates Gersau und seinen Anschluss an die Eidgenossenschaft im Juli 1817.
Wie weit der geistige Horizont trotz des beschränkten Gersauer Schauplatzes zuweilen bei Camenzind gespannt sein kann, belegt die Erzählung Der verschwundene Schwede aus dem Band Europa im Dorf. Es ist dies eine meisterhafte biographische und psychologische Studie über den schwedischen Dichter August Strindberg, ganz zwanglos eingebaut in einen spannenden Bericht über seinen Gersau-Aufenthalt im Jahre 1886.
Camenzinds Werke sind zum Teil noch im Rex-Verlag, Luzern, greifbar.
(Literaturszene Schweiz)
Camenzind, Josef Maria
*Gersau (SZ) 27.2.1904, Immensee (SZ) 19.9.1984, Schriftsteller. In ärml. Verhältnissen aufgewachsen, wurde C. 1931 kath. Priester und wirkte dann in versch. Funktionen für die Missionsges. Immensee. 1934-51 veröffentlichte er unter Titeln wie »Mein Dorf am See«, »Jugend am See«, »Europa im Dorf« jene Gersauer Erzählungen, die ihn bekannt machten: sozial empfindsame, christl. orientierte Geschichten in der Tradition Federers und Lienerts. Nach einer China-Reise bewies C. mit »Ein Stubenhocker fährt nach Asien« (1939) und dem mandschur. Roman »Da-Kai« (1959) aber auch, dass sein erzähler. Horizont weit über denjenigen der traditionellen Schweizer Heimatliteratur hinausreichte. 1976 bzw. 1979 wurde C. überraschend durch zwei Auswahlbände eines Leipziger Verlags für die DDR entdeckt. (Schweizer Lexikon CH 91)
Camenzind, Josef Maria
* 27. 2. 1904 Gersau/Kt. Schwyz, 19. 9. 1984 Immensee/Kt. Schwyz; Grabstätte: ebd. - Erzähler u. Romanautor.
Nach frühen Erfahrungen als Fabrikarbeiter fand C. Aufnahme im Gymnasium der kath. Missionsgesellschaft Bethlehem in Immensee. 1931 zum Priester geweiht, widmete er sich anschließend als Redakteur, Lehrer u. in verschiedenen leitenden Funktionen den Belangen dieser Organisation, ohne selbst Missionar zu werden. 1934 debütierte er als Schriftsteller mit den Erzählungen Mein Dorf am See, die er 1940 mit Jugend am See fortsetzte u. 1950 mit Europa im Dorf (alle Freib. i. Br.) abrundete: gemütvolle, sozial empfindsame, christl. orientierte Geschichten um die Menschen des Dorfes Gersau, wie er sie als Jugendlicher erlebt hatte. C. wurde in der Tradition der Innerschweizer Heimatdichtung als Nachfolger Heinrich Federers angesehen, weist aber mit seinem Reiseroman Ein Stubenhocker fährt nach Asien (Freib. i. Br. 1939. Luzern 1986) u. dem mandschurischen Roman Da-Kai (Freib. i. Br. 1959) geographisch darüber hinaus.
C.s Werk, das auch als Jugendliteratur betrachtet werden kann, erlebte durch den Herausgeber Jürgen Israel 1976 u. 1979 mit zwei Auswahlbänden in der DDR (Leipzig) eine überraschende Renaissance.
WEITERE WERKE: Schiffmeister Balz. Freib. i. Br. 1941, Luzern 1985 (R.). - Die Brüder Sagenmatt. Einsiedeln 1943 (R.). - Der Kurgast aus Berlin. Freib. i. Br. 1964 (E.en).
(Bertelsmann Literaturlexikon)