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Hinter dem Titel "liberté 1812" verbergen sich zwei Bezüge.
Der historische Bezug,...
...der durch das Neuenegger Chorgerichtsmanual vom Jahre 1812 gegeben ist.
In diesem Dokument widerspiegelt sich die Zeit zwischen Helvetik und Restauration, der sogenannten «Mediation». Die rudimentär gehaltene Mediationsverfassung wurde von Napoléon als «médiateur» unter anderem auch der Bevölkerung von Neuenegg übergestülpt. Viele waren durch diese Situation überfordert, versuchten jedoch für sich daraus das Beste zu machen. Das Bewusstsein, jetzt mit einem Schlag gleichwertige Bürgerinnen und Bürger zu sein, weckte vor allem bei einigen Jumpfern und Knechten Gelüste und Freiheitsphantasien, die früher oder später – meist traurig – an der Realität scheitern mussten. Fälle des Aufbegehrens gegen Autoritäten – vor allem gegen die Moralinstanz Kirche und die Hüter der Ordnung, welche vor Ort durch Landjäger und Chorrichter verkörpert wurde – häuften sich. Im Manual zeigte sich entsprechend eine Zunahme von Schwangerschaften ohne zahlende Erzeuger, Klagen wegen Alkoholexzessen, Tanzen während «heiligen Zeiten», Boykott der Gottesdienstpflicht, Lachen während der Predigt, Entleerung der Schulbänke, etc. Vereinzelte, wie zum Beispiel der Küfer Daniel Wiesmann, setzten gar ihren Broterwerb aufs Spiel, indem sie öffentlich gegen Machtmissbräuche und Heuchelei der Obrigkeit aufbegehrten.
Der zeitlose thematische Bezug...
...der im Wort «liberté» steckt: Alle Menschen – sowohl Männer wie Frauen (!)– sind frei geboren und haben die gleichen Rechte, z.B. das Recht selber zu denken und dies auch öffentlich auszudrücken – so lautet u.a. das Menschen- bild der französischen Aufklärung. Ein freiheitlicher Denkansatz, der schwer widerlegt werden kann. Der Teufel sitzt jedoch stets im Detail der praktischen Umsetzung. Dort stellen sich erst die entscheidenden Fragen:
• Wer genau besitzt die Definitionshoheit für «Freiheit»?
• Wie kann «Freiheit» gemessen werden, und vor allem: wer misst?
• In welchem Verhältnis stehen Ego-Freiheiten und Freiheit als Bedingung des Allgemeinwohls?
• Welche Ordnung braucht es um die Freiheit aller zu schützen? etc.
Zum Konzept des Stationentheaters
Das Stationentheater «liberté 1812» entwickelte sich einerseits aus einzelnen vielfarbigen Zipfeln heraus, die mir das Manual angeboten hat. Ich habe sie quasi zu einzelnen Schicksalen weitergesponnen, so dass aus neutralen Gerichtsberichten gelebte «Hintergrunds»-Szenen entstanden sind.
Andererseits brauchte es zum Verweben der verschiedenen Geschichten auch ein paar durchgehende «Zettel», welche ich frei ausgedacht und hineinge- woben habe: Eine Närrin zum Beispiel, welche zwischen Publikum und Stück hin und her agiert, oder eine Beziehungsgeschichte mit dramatischen Wendungen.
Die Gesamtkonzeption hat die Form A1 – B – A2:
• A1 - 1. Akt in der Kirche: Das Chorgericht stellt sich in voller Aktion vor.
• B - 2. Akt mit 4 Szenen draussen an 3 Schauplätzen: Situationen, die aus dem damaligen (und z.T. auch heutigen) Leben gegriffen sind, welche um die Frage nach der Freiheit kreisen.
• A2 - 3. Akt wieder in der Kirche: Die sich in B anbahnenden Sittenfälle werden teilweise eher unzimperlich vor dem Chorgericht verhandelt. Das Publikum mimt zugleich die damaligen Gottesdienstbesucher.
Heinz Hubacher