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Weniger glücklich war Frauchen Tina, als sie merkte, dass Shiva verschwunden war. Sie suchte wie bei Wuschel alle Stellen ab, wo Fundtiere gemeldet wurden. Auch Shiva trug einen implantierten Chip, genau so wie Wuschel. Aber die Suche blieb ohne Erfolg. Sie informierte ihre Nachbarn, wo sie früher gewohnt hatte. Sie sollten doch die Augen offen halten. Es könne sein, dass Shiva eines Tages wieder am alten Wohnort auftauchen würde. Dies war aber nicht so. Niemand wusste etwas von Shiva und deren Verbleib. Für Tina war es ganz schlimm, dass sie nicht wusste, was passiert war. Es trifft jeden Tierbesitzer hart, wenn er erfährt, dass die Katze verunglückt und verstorben ist. Doch dann weiss er wenigstens Bescheid und kann sich damit abfinden. Aber nichts zu erfahren, ist fast noch schlimmer.
Tina schaute deshalb jeden Tag, wenn sie unterwegs war, ob sie Shiva irgendwo sah. Ihr entging kein Tier, das ihr begegnete. Manchmal machte sie lange Spaziergänge zu den entferntesten Orten, fragte bei den Bauern der Umgebung nach, ob sie Shiva gesehen hatten. Sie war von der Farbzeichnung so markant, dass sie aufgefallen wäre.
Bei einem dieser Spaziergänge erfuhr sie Neuigkeiten von Kiki. Sie wurde beim leerstehenden Rebhaus gesehen, wie sie mit ihren Kindern auf der Jagd war. Sie war eine auffallende Katze mit ihrem grauen Haar, das sie wie ein Mantel umhüllte. Es gab hier nur wenige Langhaarkatzen, deshalb fiel sie sofort auf. Sie hatte die Strasse überquert, als der Winzer mit seinem Traktor vorbei fuhr. Allerdings war es ein Ding der Unmöglichkeit, Kiki anzulocken oder einzufangen. Sie war verwildert und mied den Menschen. Sie hatte eine Taktik entwickelt, sich so gut zu verstecken, dass man sie nicht fand. Sie kannte alle Unterschlüpfe und Höhlen, hatte ein sehr gutes Gehör. Sobald sie Menschen hörte, verkroch sie sich.
Ein Winzer erzählte Tina, dass er Kiki manchmal gesehen hatte. Er vermutete, dass sie mit ihren Kindern im leerstehenden Bauernhof wohnte. Doch das Areal war so gross, dass man sie nicht finden konnte. Er hatte sie auch schon mal in seinem Hof gesehen, wo zwei eigene Katzen wohnten. Er fütterte seine Tiere draussen vor dem Stall. Seit einigen Wochen musste er wesentlich mehr Futter hinstellen. Erst dachte er, seine Katzen seien so ausgehungert. Dann sah er Kiki vor der Futterschale sitzend. Sie hatte den Ort entdeckt, wo es Futter in Hülle und Fülle gab. Als sie ihn sah, rannte sie davon. Bald realisierte er, dass Kiki eine wilde Katze war, die bei ihm nur ihren Hunger stillen wollte. Er liess sie gewähren. Es hatte genug für alle. Vielleicht käme der Tag, an dem er Kiki einfangen könnte.
Tina war etwas beruhigt. Nun wusste sie, dass Kiki noch lebte und Nahrung bekam. Sie hinterliess ihre Adresse und hoffte jeden Tag auf eine Nachricht, dass man Kiki eingefangen hatte. Natürlich sorgte sie sich, dass Kiki verunglücken könnte. Sie war eine Hauskatze und kannte die Gefahren nicht, die es auf dem Land gab. Tina konnte nicht ahnen, dass Kiki eine Ueberlebenskünstlerin geworden war. Ihre natürlichen Instinkte waren schon vor einiger Zeit wieder erwacht. Sie hatte gelernt, sich und ihre Kitten ohne menschliche Hilfe zu versorgen. Und dazu gehörte es auch, sich vor allfälligen Gefahren in Acht zu nehmen. Wenn sie eine Maschine hörte, packte sie ihren Nachwuchs und brachte ihn in Sicherheit. Es war der natürlich Instinkt, der ihr den Weg wies. Seit Wuschel nicht mehr da war, musste sie die Aufgaben von Mutter und Vater alleine übernehmen.
Sie wusste nichts davon, dass sich Tina wegen ihr Sorgen machte. Erst vor wenigen Wochen hatte Tina zwei ihrer Tiere unter dem Mähdrescher verloren. Sie wollte gar nicht mehr daran denken, war das alles extrem schlimm gewesen. Beide Tiere hatten mit schwersten Verletzungen überlebt und sich nach Hause geschleppt. Es blieb Tina nichts anderes übrig, als sie zu erlösen. Ihre Verletzungen waren zu gravierend.
Das sollte ihr nicht noch einmal passieren. Im Herbst umzäunte sie das ganze Areal um ihren grossen Garten. Zwar war nun das Revier der Tiere eingegrenzt, dafür sicher. Da Katzen richtige Kletterkünstler sind und damit sie nicht trotzdem abhauen konnten, versah sie den Zaun oben mit einem Elektrodraht. Es gab für allfällige Ausreisser eine Katzentüre, die sich nur nach innen öffnete. Somit war mindestens der Heimweg möglich.
Seit diesem Tag schlief Tina besser. Sie hatte vorher ständig Angst, wenn eine der Katzen nachts nicht nach Hause kam. Und Giny und Merlin waren in dieser Beziehung Weltmeister. Sie kamen oft tagelang nicht heim. Tina wusste, dass sich Giny oft im Maisfeld aufhielt. Sie genoss die langen Maispflanzen, die ihr Schatten spendeten und sich im Winde hin und her bewegten. Sobald Wolken aufzogen, machte sie sich auf den Heimweg. Tina wusste genau, dass Giny kam, wenn es regnete. Sie suchte immer wieder den Durchschlupf, durch den Giny ständig entwischte. Doch das war ein Ding der Unmöglichkeit. Manchmal grub sie sich unter dem Zaun durch, ein anderes Mal kletterte sie den Baum hoch und sprang über die Elektrolitze. Also gab sie eines Tages auf. Sie hatte sich damit abgefunden, dass Merlin und Giny cleverer waren. Wichtig war ja nur, dass sie regelmässig heim kamen. Bis jetzt war das noch immer so.