Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03537.jsonl.gz/1942

Vorwort
Dieser Text von Jeremy Notz dient nur der ganz groben Übersicht, um ein landwirtschaftliches Projekt in Bonstetten zu erläutern. Viele Themen werden angeschnitten, die selbst wieder einen eigenen Text bräuchten, um vollständig beschrieben zu werden. Ich habe versucht, nur die relevantesten Informationen aufzuschreiben, damit das Projekt auch für Menschen verstanden werden kann, die sich nicht tagtäglich mit der Landwirtschaft beschäftigen.
Aber eine gewisse Kritik an das Wirtschaftssystem wird vorausgesetzt, um mit den Vorwürfen und Schlussfolgerungen mitzugehen, die sonst mit Quellen und Erläuterungen beschrieben werden müssten. Einfach so als Vorwarnung.
(männliche und weibliche Formulierungen werden zufällig ausgewählt und mit einem * wird das andere Geschlecht einbezogen).
Realität der Landwirtschaft
Heute produzieren die Bauern* für die Grossverteiler. Es gibt vereinzelte Direktverkäufer*, die direkt ab Hof verkaufen, aber sie machen einen kleinen Teil vom Gesamtverkauf aus. Sie müssen optimal gelegen sein und es wirklich gerne machen. Denn die Verarbeitung von Rohstoffen zu fertigen Produkte wie Essig, Konfitüre, Brot, Süssmost, Dörrobst, Joghurt, etc. ist sehr zeitintensiv und finanziell ziemlich unattraktiv. Obwohl die gesamte Wertschöpfung beim Bauern* bleibt, ist der Stundenlohn sehr tief, weil die Produktion zu klein ist und nicht mit Emmi, Hero, Bell etc. mithalten kann. Eine Bäuerin hat mir gesagt, wenn sie sich 18 Fr./ Stunden zahlen möchte, und das ist wirklich nicht viel, dann muss sie ihre Konfitüre für 8.50 verkaufen. Aber das möchte niemand zahlen.
Heute haben sich die Konsumentinnen* an die tiefen Preise für Lebensmittel gewöhnt. Ja, die Preise sind tief, auch wenn viele sich beschweren und gar nach Deutschland einkaufen gehen. Aber relativ gesehen zahlen wir weniger für unser Essen im Supermarkt als unsere Kolleginnen* im Norden.
Gerade heute morgen hat mir ein lokaler Bauer aus Bonstetten (Markus Müller) gesagt, dass wir durchschnittlich 4% unseres Einkommens für Nahrungsmittel ausgeben. „Erklärung von Bern“ geht von ca. 10 % aus. Das ist die niedrigste Menge weltweit! In Ägypten wird ca. 50% des Einkommens für Nahrungsmittel ausgegeben, in prekarisierten Ländern sogar noch mehr.
Das Verständnis schwindet mehr und mehr: Die Konsumenten* beschweren sich über die teueren Preise, die Produzenten*(da sind die Fabrikarbeiterinnen* bei Emmi, Hero und Bell etc. auch gemeint) beschweren sich über die tiefen Löhne – und wer gewinnt?
Die oberen 1%. Wie immer.
Solidarische Landwirtschaft (SoLaWi)
Die Solidarische Landwirtschaft funktioniert ganz einfach: Die Produkte werden vom Produzenten* an die Konsumenten* geliefert. Punkt.
So werden alle restlichen Mitverdiener*, insbesondere die grossen Firmen, die sich an der Landwirtschaft bereichern, ganz einfach ausgeschlossen. Und wer ausgeschlossen wird, hat auch nichts zu sagen, so wird nicht für ihr Portmonnaie produziert und konsumiert, sondern für die Bedürfnisse der Produzentinnen* und Konsumentinnen*.
Weitere Vorteile:
- Es bleibt kein unschönes Gemüse, das auf dem Feld liegen bleibt, da es keine Grossverteiler gibt, die irgendwelche Standards setzen.
- Es müssen keine riesige Transporte durch das ganze Land und um den ganzen Globus gemacht werden, sondern es wird dort produziert wo auch konsumiert wird.
- Es müssen keine Labels gekauft werden, da die Konsumentinnen* wissen, woher das Essen kommt.
- Die Produzenten* bekommen einen fixen Monatslohn, der nicht an der Börse bestummen wird und auch gezahlt wird, wenn die Ernte einmal schlecht ausfällt.
- Die Produzentinnen* können abwechslungsreich und kleinräumig anbauen, weil nicht die Quantität, sondern die Diversität wichtiger ist. Das macht die Arbeit viel spannender.
- Dadurch steigt auch die Qualität, wodurch die Konsumentinnen* wiederum profitieren.
- Die Produzenten* kennen die Konsumentinnen*, wodurch das Verständnis, die Solidarität und Authenzität gefördert wird.
- Die Konsumenten* bauen Beziehungen zu ihrem Essen auf, wodurch nicht nur das Essen besser schmeckt , sondern das Leben reicher wird.
Stiftung Rotenbirben
In Bonstetten haben wir nun die besondere Möglichkeit erhalten, ein Stück Land für die Bevölkerung einzusetzen. Dank dem verstorbenen Albert Suter, möge er in Frieden ruhen, der sein ganzes Land in eine Stiftung gewandelt und so vor der Überbauung geschützt hat, können wir auf ca. 3 ha Land mit ca. 100 Hochstammobstbäume, Nahrung für eine kleine Gemeinschaft anbauen.
Das Ziel ist eine extensive, aber produktive Anbaumethode, wo einerseits Nahrung produziert wird, aber andererseits auch Lebensraum für Flora und Fauna geschaffen wird, damit alle profitieren können. Mensch und Umwelt.
Ausserdem soll die Fläche auch für Schulungszwecke genützt werden. Im Plan sind Gärten für Kinder, Schaugärten mit alten, robusten und leckeren Sorten, Kurse zu altem Wissen von früher und heute, die zu Ideen und Träume der Zukunft verschmelzen.
Genaueres kann noch nicht gesagt werden, die erste Sitzung der Ökogruppe, die Gruppe, die sich mit der Gestaltung des Aussenraumes beschäftigt, trifft sich am kommenden Montag, 28. November 2016. In der Club-Sitzung am Dienstag können also konkrete Projekte vorgestellt werden.
Ich persönliche träume von einem mehrjährigen pflück-mich Garten, einen essbaren Wald. Also ein in sich geschlossenes Ökosystem, dass wenig Pflege braucht und vielfältige Nahrung produziert und die Bevölkerung zum selber Pflücken einlädt.
Und was für Ideen habt ihr? Es ist uns ein wichtiges Anliegen, dass die Bevölkerung in die Gestaltung des Feldes miteinbezogen werden. Denn damit es zum Traum von vielen wird, müssen auch viele an der Gestaltung teilnehmen können.
Ich freue mich auf das kommende Jahr und bin gespannt, welche Schätze Albert Suter auf seinem Feld vergraben hat.
Jeremy Notz
PS: Das Prinzip von SoLaWi ist Open Source und sollte unbedingt von allen möglichen Berufssektoren übernommen werden! Wenn die Menschen, ihre Produktion selbst in die Hand nehmen, können sie sich von den Ketten der „Corporations“ lösen.