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Gewiss war es heiss, als Giglio Pasqua in den Mittagsstunden seine Streifzüge durch das brasilianische Dschungeldorf Vitória do Jari unternommen hat, das mitten im Amazonasbecken am Fluss Jari gelegen ist. Hinter geschlossenen Türen und Fensterläden warten die Bewohner die grösste Hitze des Tages ab. Pasqua wählte bewusst diesen Zeitpunkt, um während dem friedlichsten Moment in der für Aussenstehende sonst eher bedrohlichen Umgebung, ungestört arbeiten zu können. Paradoxerweise strahlen die Bilder gerade durch das intensive Licht und die zugesperrten Durchgänge eine gewisse Kühle aus. Die Direktheit der sachlich-frontalen Ansicht verstärkt diesen Eindruck und unterstreicht die elementare Architektur. Die Perspektive verunmöglicht, die Häuser als pittoreske Ansichten einer exotischen Welt zu sehen, vielmehr animiert sie zu einer sozialkritischen Betrachtungsweise.
Aus der dichten Ansammlung der sich gleichenden Hütten, greift Pasqua einzelne heraus, die ihm durch ihren Anstrich mit heiteren Pastelltönen oder kräftigem Orange, Rot oder Blau besonders ins Auge gefallen sind, und verleiht ihnen durch die konzentrierte Präsentation Bedeutung. Irritiert vom Kontrast zwischen den von Alkoholmissbrauch, Gewalt, Langeweile und Armut geprägten Lebensumständen und den mit fröhlichen Farben bemalten Türen und Fenstern, musste er „erstmal etwas Ordnung schaffen”.
Die Serialität, das Motiv, die dokumentarische Herangehensweise und das Interesse an den Lebensformen in der Peripherie stehen in der Tradition von Dan Grahams Arbeit Homes for America (1966 – 1967) oder Ed Ruschas Twentysix Gasoline Stations (1963). Während Graham die kapitalistische, effizienz-orientierte Gesellschaft kritisiert, indem er ganze Strassenzüge nordamerikanischer Suburbs ablichtet und dadurch die Gleichförmigkeit der Architektur der 60er Jahre vor Augen führt, hebt Pasqua mit der Porträtierung einzelner Objekte deren Besonderheit hervor, schärft den Blick des Betrachters für das Alltägliche. Eine ähnliche Strategie verfolgt Ed Ruscha in seinem Künstlerbuch Twentysix Gasoline Stations. Seine Fotografien der Tankstellen entlang der Route 66, wandelten ein in seiner Banalität kaum zu überbietendes Motiv in eine Ikone eines Lebensgefühls. In seinen späteren Büchern Every building on the sunset strip (1966) und Real estate opportunities (1970), tritt die sozialkritische Komponente noch stärker in den Vordergrund. Analog begreift Pasqua die Architektur als Chiffre für die Befindlichkeit einer Gesellschaft. Er versteht die Häuser als „eine Art Strichcode, an dem man sehr viel über die Bewohner, geografische, klimatische und soziale Bedingungen […] ablesen kann.” Eben dieses Interesse liegt den Fotografien dieser Serie zugrunde und verleiht ihnen Aussagekraft.
Das Armenviertel von Vitória do Jari befindet sich direkt neben einer Zellulosefabrik. Deren Emissionen setzen der Luftqualität arg zu und verschmutzen den Fluss, der unter den Häusern verläuft. Wie Inseln stehen einige der Bauten auf schmalen, hölzernen Stelzen im Wasser oder auf sumpfigen Grund und wirken dadurch auf sonderbare Weise verletzlich. Aus Holzplanen zusammengezimmert und mit Wellblech überdacht, besitzen die Hütten einen temporären, kulissenhaften Charakter, der den fragilen Eindruck unterstreicht. Bei längerem Hinsehen beginnt man darüber nachzudenken, wie wenig es braucht, damit wir uns geborgen fühlen. Dass diese Sicherheit im Grunde trügerisch ist, tritt bei der Betrachtung deutlich ins Bewusstsein. So direkt der Blick auf die Häuserfronten gerichtet ist, letztlich prallt er ab an den verriegelten Fassaden. Der Betrachter bleibt Aussenseiter und muss das Innenleben der Behausungen seiner Vorstellungskraft überlassen. Der bunte Anstrich jedoch, kann als äusseres Zeichen einer Lebenskultur gelesen werden, die der drohenden Tristesse die Stirn bietet.
Text: Isabelle Zürcher