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Das im 15. Jahrhundert errichtete grosse Gebäude war nächst dem Spalentor und dem Bischofshof das ansehnlichste in Basel existierende Profanbauwerk aus dem Mittelalter. Es bedeutete eine monumentale Erinnerung an die für Basel so wichtige Zeit des Konzils, und es stellte, zusammen mit dem von alten Bäumen bestandenen Petersplatz, einen höchst eindrucksvollen Teil des alten Stadtbilds dar. Bis 1936 stand der Petersplatz im Schatten des charaktervollen, zinnenbekrönten Baus, der wie ein starkes Bollwerk zum Himmel ragte. Wir wollen in diesem Artikel über Geschichte und Ausgestaltung dieses baugeschichtlichen Unikats anschauen sowie Gründe für sein Verschwinden.
Wohin mit all den Waffen? Die Entstehung des ersten Zeughauses
Im Mittelalter hatte der wehrfähige Bürger der Städte für seine Bewaffnung auf eigene Kosten aufzukommen, um die Abwehrbereitschaft zu bewahren. Schon frühzeitig aber waren die Behörden bestrebt für einen ausserordentlichen Bedarf, besonders bei drohenden Kriegszeiten, einen ansehnlichen Reservevorrat von Trutz- und Schutzwaffen anzulegen. Diesem Zweck dienten anfänglich öffentliche Gebäude, besonders das Rathaus, dann finden wir auch Vorräte in Toren und Türmen magaziniert sowie in den Zünften. Mit der Entwicklung des Kriegswesens, dem Auftreten der schweren Belagerungsmaschinen, der grossen Wurfzeuge und später mit dem Aufkommen der Pulvergeschütze, benötigte man grössere Räumlichkeiten. So wurden nun in den grossen und auch kleineren Städten Zeughäuser, Waffenhäuser und Rüstkammern erbaut, in denen der nötige Waffenvorrat aufbewahrt wurde. In Basel finden wir um 1360 "der Stette Gezüg" im Richthaus untergebracht; dieses stand damals unter Verwahrung der sogenannten Siebnerherren, dann später unter dem der Zeugherren. Zeughausinventare über diese Bestände aus den Jahren 1361 und 1415 bestätigen dies. Das Richthaus, wie es 1250 genannt wurde, stand am Kornmarkt, 1366 finden wir dann erstmals den Namen Rathaus. Das Richthaus, wo ursprünglich nur Gericht gehalten wurde, erhielt, entsprechend der politischen Entwicklung und der Entstehung eines Rates, den Namen Rathaus.
1290 ist die Spalenvorstadt mit eigenen Mauern und Toren geschützt worden. Innerhalb dieses Mauerrings befand sich schon 1339 der "Werkhof" beim jetzigen Petersplatz, dem "Garten zu St. Peter". Dort sind die grossen Belagerungsmaschinen erbaut und magaziniert, später auch die Geschütze gegossen und sonstiges Kriegsgerät gefertigt worden. Dieses Werkhaus am Petersplatz beim Kloster Gnadental ist jedenfalls nach dem Erdbeben 1356 umfangreicher wieder aufgebaut worden. Seit 1388 finden wir die Stellung eines "Werkmeisters des Zimmerwerks", der dem Stadtbauwesen vorstand. Seine Oberbehörde waren die seit 1339 bezeugten Bauherren. Seit 1414 kam die Obhut des Waffenvorrats unter Aufsicht der Zeugherren oder Zeugmeister, anfänglich vier, später noch zwei, wobei alljährlich ein neugewählter zusammen mit dem vorjährigen amtete. In diesem städtischen Werkhaus sind schon 1415 die grossen Geschütze sowie der Munitionsvorrat aufbewahrt worden. Für die Geschütze sorgte der städtische Büchsenmeister. Beim Petersplatz war auch der Schiessplatz der Armbrustschützen, beim noch heute vorhandenen Stachelschützenhaus. Die Spalengasse (heute Spalenberg) war auch der Wohnsitz der Helmschmiede, der Harnischmacher, Plattner und der Sarwürker, welche die Ringpanzerhemden anfertigten. Diese Gasse wurde deshalb auch Schmiedgasse genannt. Alle wesentlichen Gewerke befanden sich also in der näheren Umgebung dieses ersten Zeughauses. Wie dieses erste Werk-, Zeug- oder Büchsenhaus ausgesehen hat, wissen wir nicht. Es galt jedoch schon 1433 als Sehenswürdigkeit.
Erweiterung des Zeughauses neben dem Petersplatz
Nach dem Erdbeben erfolgte eine neue Ummauerung der Stadt. Diese ausgedehnte Befestigung war 1398 vollendet. Durch diese neuen Anlagen wurde auch eine Vermehrung des Kriegsmaterials, hauptsächlich der Pulvergeschütze, nötig, und für die Aufnahme der neuen Kanonen reichte die Kapazität auf die Dauer nicht. So rief man zur Errichtung eines besonderen Gebäudes beim Areal des Werkhofes, das zugleich auch als Kornhaus zur Aufbewahrung des städtischen Getreidevorrats dienen sollte. Als Platz diente der 1349 zerstörte Judenfriedhof neben dem Petersplatz. Der Baubeginn fällt in das Jahr 1438. Mit den lange Zeit einzig in Basel noch erhaltenen Treppengiebeln und dem hohen, drei Böden überdeckenden Dach präsentierte sich dieses Zeughaus als ein bedeutsames Werk des 15. Jahrhunderts, ein reiner gotischer Profanbau. Es war ein grosses, langgestrecktes, einstöckiges Gebäude mit einem hohen Dach und drei Böden im Inneren. Die Seite gegen den Petersplatz war mit drei Toren versehen, ein Tor führte gegen den Petersgraben. Diesem "alten oder grossen Zeughaus" schloss sich das kleine Zeughaus, wohl gegen 1500 entstanden, gegen den Petersgraben zum Werkhof an. Dieser war einstöckig mit ebenerdigen Lauben und einem Boden. Vom grossen Zeughaus führten sechs Türen in den Werkhof. Wir sind über den Inhalt der beiden Zeughäuser durch das älteste ausführliche Inventar von 1591 genau unterrichtet, doch können wir hier nicht näher darauf eingehen.
Die Doppelbestimmung als "Korn- und Züghus" dauerte bis zum Jahre 1573, in welchem die ehemalige Kirche des Klosters Gnadental an der Spalenvorstadt zum eigentlichen Kornhaus umgebaut wurde. Immerhin sind noch bis 1721 Getreidevorräte im Dachraum des Zeughauses gelagert gewesen. Über das Aussehen des Zeughausareals gibt uns Merians Stadtplan von 1615 genaue Auskunft. 1672 ist dann auf der Hofseite des grossen Zeughauses eine zum ersten Stock führende bedachte Doppeltreppe erbaut worden.
Dieses Zeughaus war nun der Stolz der Stadt und wurde als Sehenswürdigkeit gezeigt. Die offiziellen Besuche der Stadt, Gesandte, eidgenössische wie fremde, Fürstlichkeiten und sonstige hohe Herrschaften wurden ins Zeughaus geführt. Die Zahl der dort vorhandenen Geschütze überragte die in den übrigen Schweizer Städten befindliche Artillerie und konnte mit den grossen deutschen Reichsstädten im 16. und 17. Jahrhundert einen Vergleich aushalten. Das Zeughaus und sein Inhalt werden auch in verschiedenen zeitgenössischen Reisebeschreibungen, auch in den Lexika des 18. Jahrhunderts, rühmend erwähnt. Das Interesse der Besucher konzentrierte sich wohl auf die grossen Geschützrohre, teils Beute aus den Burgunderkriegen, teils Basler Güsse aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. An den Wänden oberhalb dieser Rohre befanden sich Inschriften, die den Namen des Geschützes nannten; es war Sitte seit der zweiten Hälfte des 15. bis zum Ende des 18. Jahrhunderts, jedes Geschützrohr mit einem eigenen Namen zu versehen. Der Lehrer der italienischen Sprache in Basel, Johannes Toniola, gibt diese Inschriften in seinem 1661 erschienenen Buch "Basilea sepulta retecta continuata" wieder. Dieses Werk bringt die damals in Basel noch vorhandenen Grabinschriften sowie solche auf Gebäuden etc. zum Abdruck. Er berichtet vom Zeughaus:
Ich bin der Löw / und heiss Spaltmauer:
Mein Schiessen ist stark und saur.
Der Rüd bin ich genannt /
Mein Bällen zerbricht Mauer und Wandt.
Ich heiss der Strauss / ist nicht gelogen /
Von Granss (Grandson) bin ich hergeflogen.
Ich heiss der Drache ungeheuer /
Was ich schiess / das thu ich mit Feur.
Ich heiss der Rauch /
Ich schiess ein Stein aus meinem Schlauch /
Mit starkem Gewalt /
Erschreck Jung und Alt /
Diss ist wol vernommen /
Von Murten bin ich herkommen.
Ich bin die Rennerin / mit schneller Eyl
Brich ich Städt und Mauern viel.
Burgund bin ich genanndt /
Brich Maur und Wandt.
66 grosse Kanonen waren im Zeughaus gelagert; zum Inventar gehörten aber auch Geschützrohre, Feldgeschütze, Handfeuerwaffen, Armbrüste, Schwerter, Hellebarden, Spiesse, Mordäxte, Knüppel, Froschmäuler (Spiesseisen), Rüstungen, Plattenharnische, Eisenhüte, Eisenschuhe, Schilde, Mörser, Pulver, Kugeln, Pfeile, Handschellen, Trommeln, Trompeten, Harz- und Pechringe sowie Wasserspritzen und -eimer. Über den Inhalt des Zeughauses sind wir durch die fortlaufenden Inventare genau unterrichtet. Aber auch in seiner künstlerischen Ausschmückung durch Lawelin und Konrad Witz bot das Zeughaus eine interessante Gemäldegalerie.
Der Wiederaufbau nach der Brandkatastrophe
In der Nacht vom 19. August 1775 zerstörte ein Grossbrand das grosse und das kleine Zeughaus und den Werkhof. Das Zeughausinventar von 1782/83 berichtet darüber: "Nachdem in der Nacht vom 18. auf den 19. Heumonat im Jahr 1775 in dem Karrenstall ein gefährlicher Brand entstanden, durch den der Holzschopf im Werkhof, der Kugeln- und Wagenschopf, der ganze Dachstuhl und die oberen Böden des grossen Zeughauses samt den darauf befindlichen Früchten versehrt wurden und das kleine Zeughaus beim Eingang angegriffen wurde. (…) Die Menge Frucht, das Heu und Stroh im Karrenhof, das viele Hölzerwerk und die Maschinen halfen noch das Feuer vermehren. Die grossen Kanonen (...) stürzten ab den Lavetten und waren des andern Tages noch glühend. Wenn man nur bis zum Posthaus (Stadthausgasse) kam, so kam einem eine Hitze entgegen wie aus einem Backofen. Die ganze Nacht hindurch wurde in einem fort Sturm geläutet, dass einem acht Tage lang die Ohren davon gellten. Die Bäume zunächst dem Zeughaus mussten umgehauen werden."
Die Basler Nachrichten berichten: "Das Feuer war in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1775 im Karrenstall, dem hintersten Teil des Werkhofes ausgebrochen. Es wütete arg und legte den Werkhof und einen Teil des Zeughauses in Asche. Auch mehrere Privathäuser wurden stark beschädigt. Von den im Zeughaus aufbewahrten Fruchtvorräten wurde ein Teil zerstört; doch konnte alles Kriegsmaterial gerettet werden. Im Karrenstall waren vier Pferde, Wagen und Geschirr den Flammen zum Opfer gefallen. Eine Anzahl Hilfeleistende erlitten Verletzungen. Aus der Festung Hüningen, aus Neudorf, Rheinfelden, Lörrach und Mariastein waren Mannschaften herbeigeeilt. Diese fremden Hilfeleistenden wurden aus Auftrag des Kleinen Rates mit je einer Mass Wein und einem Pfund Brot erfrischt und mit Dank beurlaubt, ebenso die Untertanen, die zu Hilfe geeilt waren.
Das Feuer habe sich nicht gerade schnell verbreitet, aber immerhin schneller, als es sich mit der damaligen Feuerlösch-Ordnung vertrug. Nach ihr musste der Ratsherr, der die Schlüssel zu den Fruchtböden im Zeughaus in Verwahrung hatte, diese zuerst in das Rathaus, von dort zu dem Herrn Amtsbürgermeister, auf hochderselben Befehl wieder ins Rathaus und dann erst auf die Brandstätte bringen lassen. Dort hatten inzwischen besonders die Gesellen des Stadtschlossermeisters und Zeughauswarts sich an den Löschversuchen und Rettungsarbeiten beteiligt und glücklicherweise daran gedacht, sogleich das Pulver zu entfernen. Dann trafen nacheinander die Hilfen von nah und fern ein, gegen 5 Uhr morgens die Liestaler mit ihrer Spritze unter der üblichen Bedeckung von zwei Mann mit Seitengewehr und Stock. Ihren Bemühungen gelang es, einen Teil des im Hof gelagerten Weines zu retten. Aber noch während des Löschens kam es zwischen ihnen und den Binningern zu einer rechtschaffenen Prügelei, weil diese für die Basler, die mit den Liestalern in Streit geraten waren, Partei ergriffen und die Liestaler "Stecken- und Degenbuben" beschimpft hatten. Ein Maurermeister richtete schnell entschlossen den Schlauch auf die Kampfhähne. Das kalte Wasser trieb sie auseinander. Die Liestaler waren erbost und beruhigten sich erst wieder, als der Rat in einer öffentlichen Kundgebung in gnädigen Ausdrücken ihrer wertvollen Unterstützung gedachte."
Ein grosser Teil des Materials wurde zwar gerettet, es ergab sich aber die Notwendigkeit eines vollständigen Neubaus des Inneren. Die Bruchsteinmauern mit den Treppengiebeln scheinen intakt geblieben zu sein. Die alten Mauern wurden daher beibehalten, der prächtige Dachstuhl wurde aber ersetzt. Das bedingte auch die gleiche Dachform wie am alten Bau. Jedenfalls hatten die gotischen Fensterstöcke aus Haustein gelitten. Daher brachte man breite, neue modische Stichbogenfenster mit gewölbten Stürzen und mit Schlusssteinen an. Das mittlere Portal gegen den Petersplatz wurde bildhauerisch 1777 ausgeschmückt durch den Meister Nicola Curi von Reinach, der auch sonst in jener Zeit in Basel tätig war. Der Schlussstein des mittleren Torbogens gegen den Petersplatz bildete ein Löwenkopf, flankiert von einfachen Pilastern; darüber beidseitig von verkröpften Eckgiebelstücken eingefasst, schuf der Künstler eine prächtige Waffentrophäe mit dem Basler Wappenschild in der Mitte. Das Portal erhielt generell eine grossartige Form, in der sich Frühbarockes mit dem beginnenden Klassizismus auf gelungene Art mengte. An die Ecken setzte man steinern Schilderhäuschen. die sich bei näherer Betrachtung als Meisterwerke alter Steinmetzkunst entpuppten. Die Gebäude des Werkhofs und der Flügel des kleinen Zeughauses gegen den Graben, Letzterer mit einem Anbau von 1740, hatten im Brand augenscheinlich weniger gelitten. Dieser Teil wiesen bis ins 20. Jahrhundert noch die gotischen Kreuzstöcke auf, wie sie das grosse Zeughaus vor dem Brand schmückten.
Der Umbau von 1775 hat sich bis zum Schluss erhalten und gab dem St. Petersplatz seine charakteristische Note. Nach der Meinung einiger Basler sei der Wiederaufbau in eigenwilligem Geschmack erfolgt, doch generell stiess er auf grossen Gefallen.
An das Zeughaus schloss sich auf der Seite des Petersgrabens die Zeugwartswohnung an. Sie scheint aber nach dem Brand nicht mehr aufgebaut worden zu sein. Die hierdurch entstandene Lücke wurde erst 1858 durch den damals erbauten Polizeiposten ausgefüllt. Dem Zeugwart wurde in der Folge vom Kreiskommando benützte Gebäude angewiesen. Zeugwartswohnung, Stadtschlosserei, kleines Zeughaus und Stadtschlosserwohnung bildeten einen im Rechteck angelegten Gebäudekomplex. Bis 1881 diente die Zeugwartswohnung ihrem Zweck, nach dem Hinschied des Zeugwarts Sauerbrey im Jahre 1881 wurden hier in der schon seit längerer Zeit ihrer Bestimmung entfremdeten Stadtschlosserwohnung einige Schulzimmer für die Töchterschule eingerichtet, doch nur für kurze Zeit, denn schon 1885 verlegte man die Büros des Kriegskommissariats und des Kreiskommandos in diese Räumlichkeiten. Was das kleine Zeughaus angeht, so musste es 1883 dem Vesalianum Platz machen. Fünf Jahrhunderte hatte also die kantonale Militärverwaltung mit ungefähr denselben Räumen auskommen können.
Das schleichende Ende des stolzen Baus
Das Kollegiengebäude der Universität befand sich mehrere Jahrhunderte lang am Rheinsprung, und die Platzverhältnisse waren gegen Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr zeitgemäss. Weiter wurden bauliche, sanitäre und hygienische Mängel beanstandet, und die Tatsache, dass die Seminare auf verschiedene Orte verteilt waren. 1876 wurde beim Grossen Rat eine Petition eingereicht, die "bessere Raumverhältnisse" in Verbindung mit einem neuen Standort auf der kleinbaslerischen Rheinseite in der Kaserne anregte. Gegen diesen Standort wurde jedoch die Distanz zum Spital, zum Bernoullianum und zum botanischen Garten ins Feld geführt. 1910 wurde dann der Standort am Petersplatz ins Auge gefasst, und es wurde eine Variante von Stehlin und La Roche geprüft, das neue Kollegiengebäude im alten Zeughaus unterzubringen. Ein Umbau des Zeughauses schien also möglich. Was den Bau zu einer neuen Verwendung ungeeignet erscheinen liess, waren die grossen Abstände zwischen den Fenstern des Obergeschosses: sieben Meter auf der Hofseite und fünf Meter auf der Strassenseite. Das ermöglichte aber auch, breite Fenster an Stelle der schmalen zu setzen, ohne dass das System der Fassaden wesentlich hätte geändert werden müssen. Eine Rückkehr zu gotischen Fensterformen hätte eine genügende Erhellung des Innenraumes ermöglicht, der gut vier Meter hoch war. Die Mühe hätte sich wohl gelohnt, einmal zu berechnen, wie viele Hörsäle man auf diese Weise geschaffen hätte, unter Einbeziehung des Dachgeschosses, und wie teuer das zu stehen gekommen wäre. Durch die Verwendung des alten Bauwerks hätten vielleicht Ersparnisse erzielt werden können. In den letzten Jahren hatte es jedoch neben der Töchterschule und dem Polizeiposten nur noch als Feuerwehrmagazin und als Sitz des Kreiskommandos, der Motorfahrzeugkontrolle und des Gewerbeverbandes gedient. Sein baulicher Zustand war schlecht, und der Eindruck entstand, als seien die Gemäuer absichtlich vernachlässigt worden. 1914 verlor das Waffenarsenal durch den Bezug des neuen Zeughauses zu St. Jakob weiter seine Bedeutung.
Liberal-konservative Kreise setzten sich für den Verbleib des Standorts auf dem Münsterhügel ein und schlugen vor, der Universität das Weisse und Blaue Haus zur Verfügung zu stellen. Selbst die unverbaute Lücke am Rheinsprung wurde in die Überlegungen einbezogen. Ein anderer Vorschlag lautete, an Stelle des alten, abzureissenden Kollegiengebäudes einen Neubau hinzustellen, um dem "geweihten Boden" und dem dort waltenden Geist Ehrfurcht entgegenzubringen. Ein neues Kunstmuseum am Ort der Lesegesellschaft, das Naturhistorische Museum in der Augustinergasse und eine "monumentale Universität" am Rheinsprung hätten somit eine architektonische und geistige Dominante ergeben sollen.
Aus Studentenkreisen hiess es bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts: "Vor bald fünfhundert Jahren wurde unsere Universität bei ihrer Gründung "provisorisch" in dem noch älteren Haus am Rheinsprung untergebracht. Seit bald fünfhundert Jahren warten unsere Dozenten und Studenten auf einen Bau, der den wissenschaftlichen, praktischen und sanitären Anforderungen mehr genügt. Denn wer einmal einen Blick hineingeworfen hat in gewisse dieser dreissig Institute, in die unsere Hochschule aufgeteilt ist, wer sich auch einmal auf den morschen Bänken der baufälligen Auditorien herumgedrückt hat, oder wer sogar heute noch darin arbeitet, der wird zugeben müssen, dass diese teilweise absolut unhygienisch Gebäude in jeder Hinsicht ausserordentlich viel zu wünschen übrig lassen. Da verzichtet man eben doch lieber auf die zugegebenermassen sehr hübsche Aussicht auf den Rhein! Gewiss gibt es einige wenige Dozenten und vielleicht sogar Studenten, die einem Neubau des Kollgiengebäudes feindlich gegenüberstehen. Von "weiten Kreisen" kann allerdings keine Rede sein. Unter den genannten Gesichtspunkten können ihre Beweggründe jedoch nicht berücksichtigt werden. Und dann die Platzfrage. Ist es wirklich eine furchtbare Kulturschande, wenn das alte Zeughaus abgerissen werden soll? Ein alter Barockbau, der tatsächlich in einem solchen Zustand des Verfalls ist, dass er nicht mehr schön genannt werden kann, sondern sich dem Blick des harmlosen Bürgers als ein ziemlich hässliches, plakatbeklebtes, schmutzig ockergelbes Gemäuer präsentiert. Ist es wahrhaftig möglich, von "barbarischem Unfug" und "kleinstädtischer Hinterwäldlerei" zu reden, ist es denn so blamabel vor den fremden Besuchern unserer Stadt, wenn endlich menschenwürdige Zustände an gewissen Teilen unserer Universität herrschen?"
Wer sich für die Erhaltung des Zeughauses aussprach (darunter übrigens das Eidgenössische Departement des Innern), führte einige gute Gründe auf. Durch die bedeutungsvolle Geschichte des Gebäudes sei es ein unersetzlicher ideeller Wert, der zu Grunde gehe, und es würde ein auch materiell noch sehr schätzenswertes Gebäude zerstört. Das sei schon daraus zu erkennen, dass das alte Zeughaus noch eine amtliche Brandschatzung von 300'000 Franken aufweise. Der traurige äussere Zustand, in den die Behörden den Bau hätten geraten lassen, dürfe eben nicht über dessen wahren Wert täuschen. Eine Instandstellung würde gewiss auch ein sehr erfreuliches Ergebnis zeitigen. Vergleiche wurden gezogen mit dem Spalentor und der Barfüsserkirche, deren Restauration viel gebracht habe und deren Bestehen keiner missen möchte. Ein weiteres Argument wurde genannt, nämlich jenes der Nutzungsmöglichkeiten der alten Bausubstanz. Die benachbarte Gewerbeschule interessiere sich für den 1200 Quadratmeter grossen Saal zur Aufstellung der Sammlungen des Gewerbemuseums. Auch für Votragssäle käme dieses erste Stockwerk in Betracht oder für die Waffensammlung des Historischen Museums. Die ehemalige Kornschütte im Dachraum mit einer ausnützbaren Bodenfläche von 800 Quadratmetern und einer Höhe von sieben Metern gäbe eine vorzüglich geeignete Skulpturhalle.
1931 wurde ein Wettbewerb für alle in der Schweiz ansässigen Architekten ausgeschrieben, in der Absicht, "ein Bauwerk zu schaffen das kein reiner Zweckbau ist, sondern die Bedeutung der Universität als erste Bildungsstätte zum Ausdruck bringt und zur Umgebung, soweit sie historisch wertvoll ist, in keinem störenden Widerspruch steht". Ein Jahr später stand Roland Rohn aus Zürich als Sieger fest. 1936 ging das Projekt vors Volk. Der Widerstand richtete sich nicht gegen die Universität, sondern wollte das alte Zeughaus retten, das dem Neubau weichen sollte. Immerhin, so die Gegner, gebe es mindestens vier andere mögliche Bauplätze für eine neue Universität. Die Befürworter des Projekts setzten sich nach zähem Ringen in der Abstimmung im November 1936 mit 18'473 Ja gegen 9937 Nein durch, womit das Schicksal eines der schönsten Baudenkmäler der Stadt besiegelt wurde. Bei der Eröffnung im Juni 1939 machte man - dem Geist der Zeit entsprechend - aus der Beseitigung des Alten eine Fortschrittsmetapher: "Das Zeughaus, das Symbol der gewalttätigen Macht, ist der Universität, dem Symbol der geistigen Kräfte, gewichen".
Rohns Projekt sollte eine Synthese zwischen Zweckmässigkeit und Einfachheit einerseits und Repräsentation und Bedeutsamkeit andererseits herstellen. Seine moderate Moderne situierte das Konzept in die zeittypische Nähe des Neuen Bauens, und der Monumentalbau nimmt jene Stelle ein, an der vorher das altehrwürdige Zeughaus stand, ohne allerdings den gleichen Sammelpunkt der Kräfte im Stadtbild darzustellen. Steht es doch dem alten Bau mit seinem schönen Dach an Mächtigkeit der Form entschieden nach und vermag sich nicht mit solcher Selbstverständlichkeit gegen die gewaltige Baummasse des Petersplatzes zu behaupten. Andererseits hat sich der Kollegienbau durch sein zeitbeständiges Format in seinen mehr als 75 Jahren bewährt; sowohl Hörsäle, Aula oder Fakultäts- und Regenzzimmer waren so bemessen, dass sie noch heute den Bedürfnissen entsprechen. Und im Hof stehen heute noch zwei mächtige Platanen, wie eine Erinnerung an den alten Zeughaushof.
Quellen:
- Meier 1995: 133
- National-Zeitung vom 8. Januar 1937
- National-Zeitung vom 9. Dezember 1936
- National-Zeitung vom 8. November 1936
- Basler Nachrichten vom 8. November 1936
- Basler Nachrichten vom 4. August 1936
- National-Zeitung vom 15. April 1916
- Basler Nachrichten vom 10. Dezember 1886