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die Regierung dazu, durch den Bau einer Eisenbahn in Senegambien und durch die Brazzasche Expedition im Congogebiet dem französischen Handel neue Gebiete in Westafrika zu erschließen, ferner Madagaskar [* 2] (s. d.) ganz der Herrschaft Frankreichs zu unterwerfen. Von besonderer Wichtigkeit war der Beschluß, die Besitzungen in Ostasien durch die Erwerbung Tongkings (s. d.) zu erweitern und die Bildung eines großen hinterindischen Reichs vorzubereiten. Indes verwickelte Challemel-Lacour, der zuerst unter Ferry die auswärtigen Angelegenheiten leitete, durch Ablehnung des Bouréeschen Vertrags, welcher eine friedliche Verständigung mit China [* 3] über Hinterindien [* 4] ermöglicht hätte, in einen förmlichen Krieg zunächst mit den chinesischen Söldnerbanden in Tongking, [* 5] dann mit China selbst. 1884 brachte Ferry einen neuen Vertrag mit China in Tiéntsin zu stande, nach welchem letzteres Tongking zu räumen und Anam der Schutzherrschaft Frankreichs zu überlassen versprach.
Die Voreiligkeit eines Kommandeurs bei der Besetzung Langsons führte aber zu einem blutigen Zusammenstoß mit den chinesischen Truppen bei Baclé der die öffentliche Meinung in in die höchste Aufregung versetzte. Mit Zustimmung der Kammern schritt die französische Regierung nach der Ablehnung ihrer übermäßigen Entschädigungsforderung (250 Mill.) zu Repressalien gegen China und ließ das Arsenal und die Schiffe [* 6] im Hafen von Futschou zerstören sowie das nördliche Formosa besetzen.
Die Eroberung Tongkings wurde, allerdings mit Aufbietung bedeutender Streitkräfte, fast vollendet. Um einen großen Teil des Heers in Asien [* 7] verwenden zu können, mußte Frankreich sich in Europa [* 8] einen Rückhalt verschaffen. Das Bündnis mit England war durch dessen rücksichtsloses Verhalten in der ägyptischen Frage für immer zerrissen. Ferry trug daher kein Bedenken, sich mit den mitteleuropäischen Mächten über die Streitfragen der europäischen Politik zu verständigen und sogar zum Deutschen Reich ein gutes Verhältnis herzustellen.
Die deutsche Regierung war so gemäßigt, ja großmütig, daß sie, der wiederholten Herausforderungen der französischen Revanchepartei, besonders der Insulten, mit welchen der Pariser Pöbel 1883 aus Haß gegen Deutschland [* 9] Alfons XII. von Spanien [* 10] beleidigte, nicht achtend, in der ägyptischen Frage mit Frankreich Hand [* 11] in Hand ging und eine Vereinigung der Kontinentalmächte gegen England bewirkte, welche Frankreich sehr zu statten kam. In chauvinistischen Kreisen wurde diese Annäherung an Deutschland ebenso beklagt wie die Schwächung der Revanchearmee durch die nach Tongking gesandten Truppen, und es bedurfte nur eines übrigens nicht bedeutenden Mißgeschicks der französischen Armee vor Langson (März 1885), um eine leidenschaftliche Aufwallung gegen das Ministerium Ferry, dem mit einemmal alle Verantwortung aufgebürdet wurde, in der Kammer hervorzurufen, durch die Ferry 30. März gestürzt wurde. Die Hast, mit der dies geschah, war um so weniger gerechtfertigt, als Ferry bereits den Frieden mit China angebahnt hatte. Die Präliminarien desselben wurden 4. April abgeschlossen und verpflichteten China zur Räumung Tongkings und zum Verzicht auf die Oberhoheit über Anam, wogegen Frankreich jeden Anspruch auf Kriegskostenentschädigung aufgab. Der definitive Friede ward 9. Juni Tiëntsin unterzeichnet.
Dem neuen Ministerium Brisson, das 6. April die Geschäfte übernommen hatte, wurde hierdurch die Fortsetzung der bisherigen Kolonialpolitik bedeutend erleichtert; denn es konnte dem Land eine erhebliche Verminderung der in Ostasien verwendeten Streitkräfte und demgemäß auch der Kosten in Aussicht stellen, und in Rücksicht hierauf bewilligten die Kammern auch einen Kredit von 150 Mill. zur Deckung der bisherigen Ausgaben. Vor allem aber widmete sich Brisson den innern Angelegenheiten.
Das bisherige Wahlsystem, nach welchem die Deputierten nach Arrondissements gewählt wurden, hatte nach seiner Meinung den Nachteil, daß die Abgeordneten im Interesse ihrer Wahlkreise sich zu viel in die Verwaltung einmischten, daß ferner die Zersplitterung der Republikaner in mehrere Fraktionen dadurch befördert wurde, während das Wohl des Landes eine ständige, zuverlässige Majorität gemäßigter Republikaner oder Opportunisten erforderte. Diese glaubte die Regierung am besten durch Einführung des Listenskrutiniums (s. oben), nach welchem die Deputierten departementsweise gewählt werden, erreichen zu können, und die Kammern schlossen sich dieser Ansicht an, indem sie den von dem Ministerium vorgelegten Gesetzentwurf, der für die Zukunft die Listenwahl vorschrieb, annahmen.
Hierauf ward die Session der Kammern 6. Aug. geschlossen und der Termin der Neuwahlen für die Deputiertenkammer auf den 4. Okt. festgesetzt. Man rechnete sicher auf eine erhebliche Verstärkung [* 12] der ministeriellen Mehrheit. Da aber der Friede mit China die Schwierigkeiten in Hinterindien nicht beseitigte, vielmehr in Anam ein Aufstand ausbrach, zahllose Christen ermordet wurden und der französische General Courcy nur mit Mühe Hue behauptete; da ferner der bedenkliche Stand der Finanzen durch fortgesetzte Steigerung der Ausgaben bei Verminderung der Einnahmen und die trübe Geschäftslage dem Volk immer deutlicher zum Bewußtsein kamen; so ergaben die Wahlen vom 4. Okt. das für die Opportunisten niederschmetternde Resultat, daß 177 konservative und nur 127 republikanische Deputierte gewählt wurden, 270 Wahlen unentschieden blieben.
Durch die verzweifelten Anstrengungen der Republikaner bei den Stichwahlen (18. Okt.) wurde nun zwar bewirkt, daß nur noch 26 Konservative, dagegen 246 Republikaner gewählt wurden, obwohl die erstern bei beiden Wahlen zusammengerechnet 3½ Mill., die Republikaner nur 4½ Mill. Stimmen bekamen. Die Republikaner hatten zwar noch die Mehrheit, aber nicht mehr die Opportunisten, da 105 Radikale gewählt waren. Die Lage der Regierung hatte sich also verschlechtert. Dies zeigte sich in der neuen Session der Kammer, welche 10. Nov. begann, sofort bei der Entscheidung über die für Tongking und Madagaskar wieder nötig gewordenen Kredite. Obwohl die republikanische Mehrheit die Wahlen von 22 Konservativen wegen klerikaler Wahlumtriebe für nichtig erklärt hatte, obwohl ferner noch in letzter Stunde ein günstiger Friedensvertrag mit Madagaskar (s. d.) zu stande gebracht worden, wurden die Kredite 24. Dez. nach langen Verhandlungen nur mit einer Mehrheit von vier Stimmen bewilligt.
Brisson wartete daher nur ab, bis Grévy 28. Dez. für eine neue Periode von sieben Jahren zum Präsidenten der Republik gewählt worden war, um seine Entlassung einzureichen. Nun bildete Freycinet aus den verschiedenen Gruppen der Linken ein neues Ministerium, das anfangs wenigstens die Unterstützung aller Republikaner fand. Dasselbe setzte sich besonders die Organisation der Schutzherrschaften in den Kolonien und die Herstellung des Gleichgewichts im Budget zum Ziel. Denn die Einnahmen blieben beständig hinter dem Voranschlag zurück, und die außerordentlichen Ausgaben verminderten sich trotz aller Versprechungen ¶
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nicht. Um das Budget für 1887 ins Gleichgewicht [* 14] zu bringen und die außerordentlichen Kredite in den ordentlichen Etat aufnehmen zu können, mußte im März 1886 eine Anleihe von 900 Mill. gemacht werden.
Die Lage des neuen Ministeriums war besonders deshalb schwierig, weil die ehemalige Gambettistische oder opportunistische Partei nicht mehr über die Mehrheit in der Kammer verfügte und die Regierung daher auf die Unterstützung der Radikalen unter Clémenceau angewiesen war. Denn die monarchistische Rechte, durch die Vernichtung eines Teils ihrer Wahlen und die Berufung radikaler Deputierten in das Ministerium gereizt, nahm von Anfang an eine schroff oppositionelle Haltung an, so daß ein Zusammengehen mit den gemäßigten Republikanern gänzlich ausgeschlossen war und das Ministerium auf keine Zustimmung auch in sachlichen Fragen bei den Konservativen rechnen konnte.
Die Hilfe der Radikalen mußte aber Freycinet mit immer neuen Zugeständnissen erkaufen, denen er sich trotz der gewandtesten und schmiegsamsten Politik nicht entziehen konnte. Von einer selbständigen und erfolgreichen Thätigkeit der Regierung konnte unter diesen Umständen nicht die Rede sein, und die Session der Kammern 1886 blieb daher im wesentlichen unfruchtbar. Die Budgetberatung wurde nicht zu Ende gebracht, für die Beseitigung des Fehlbetrags, der für 1887 auf 75 Mill. berechnet wurde, keine Vorsorge getroffen.
Außer einigen unbedeutenden Gesetzen kam besonders eins zu stande, welches den Parteizwist nur verschärfte, nämlich das Gesetz über die Ausweisung der Prinzen. Bisher hatte die Regierung sich dieser von den Radikalen schon wiederholt geforderten Ausnahmemaßregel widersetzt, weil weder die allzu sparsamen Orléans [* 15] noch die durch Familienzwist gespaltenen Napoleoniden der Republik gefährlich schienen und, wenn eine solche Gefahr seit den letzten Wahlen vorhanden war, dieselbe durch die Ausweisung nicht vermindert wurde.
Ein geringfügiger Anlaß (ein Empfang, welchen der Graf von Paris [* 16] bei Gelegenheit der Vermählung seiner Tochter mit dem Kronprinzen von Portugal abhielt) wurde nun von den Radikalen benutzt, um die Ausweisung dringender zu verlangen. Freycinet mußte sich fügen und ließ 27. Mai Kammer einen Entwurf vorlegen, der die Regierung ermächtigte, den Mitgliedern der frühern französischen Herrscherfamilien den Aufenthalt in Frankreich zu verbieten. Doch wurde der Entwurf in der Kammer dahin verändert, daß den Prätendenten und ihren nächstberechtigten Erben das französische Gebiet durch das Gesetz selbst untersagt, die Ermächtigung zum Verbot auf die übrigen Prinzen beschränkt und diese von allen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen wurden.
Auch der Senat gab 22. Juni mit 34 Stimmen Mehrheit seine Zustimmung, worauf der Graf von Paris nebst seinem Sohn, dem Herzog von Orléans, und die Prinzen Jérôme und Victor Napoléon ausgewiesen wurden. Der Graf von Paris erließ vor seiner Abreise ein in herausforderndem Ton abgefaßtes siegesbewußtes Manifest. Der Kriegsminister, General Boulanger, strich darauf alle Prinzen aus der Armeeliste, und als die Herzöge von Aumale und Chartres dagegen entschiedenen Einspruch erhoben, wurden sie ebenfalls ausgewiesen.
Boulanger, der durch die Protektion Clémenceaus in das Ministerium gekommen war, trat bei jeder Gelegenheit als der eigentliche Herr in Frankreich auf. Er begrüßte die Arbeiter, welche in Décazeville die Arbeit eingestellt und, von Sozialisten aufgehetzt, argen Unfug angerichtet hatten, als die Brüder der Soldaten, nötigte den Kammern ein Spionengesetz auf und zeigte sich bei jeder Gelegenheit ebenso radikal wie chauvinistisch. Die Folge war, daß die Beziehungen zu Deutschland wieder gespannter, die zu den andern Mächten darum aber nicht besser wurden. Daß mehrere angesehene Diplomaten wegen der radikalen Politik des Ministeriums den Abschied nahmen, trug auch zur Isolierung Frankreichs bei. Als die französische Regierung im Frühjahr 1886 für Griechenland [* 17] (s. d., S. 718) eintrat, blieb sie ganz allein und mußte es geschehen lassen, daß die übrigen Großmächte ihren Willen durchsetzten und die griechische Regierung zur Abrüstung zwangen.
Alle
Annäherungsversuche an Rußland blieben erfolglos, und das Verhältnis zu England wurde sogar ein sehr kühles,
da England in Ägypten
[* 18] sich immer mehr festsetzte, dagegen die Besetzung der Neuen Hebriden durch Frankreich nicht dulden wollte. Die
Ergebnisse des neuen Kabinetts waren daher nicht günstig zu nennen, doch beschloß Freycinet, der sich dessen wohl bewußt
war, vor dem Zusammentritt der Kammern im Oktober 1886 keine entscheidenden Schritte zu thun.
Litteratur.
[I. Geschichtsquellen.]
Die wichtigsten Sammlungen der Geschichtsquellen für die französische Geschichte sind des Pithöus »Annalium et historiae Francorum ab anno 708-990 scriptores coaetanei« (Par. 1588, Frankf. 1594);
»Historiae Francorum ab anno 900-1285 scriptores veteres« (Par. 1596);
Frehers »Corpus francicae historiae veteris et sincerae« (Hannov. 1613);
Duchesnes »Historiae Normannorum scriptores antiqui« (Par. 1619) und »Historiae Francorum scriptores coaetanei« (das. 1636-49, 5 Bde.);
ferner namentlich Bouquets »Rerum gallicarum et francicarum scriptores« (das. 1738-1865, Bd. 1-22),
deren Inhalt zum größten Teil in Guizots »Collection des mémoires relatifs à l'histoire de France« (1823 ff., 31 Bde.) französisch übersetzt wurde;
Buchons »Collection des chroniques nationales françaises, écrites en langue vulgaire du XIII. au XVI. siècle« (1824-29, 47 Bde.);
Petitots »Collection complète des mémoires relatifs à l'histoire de France depuis Philippe-Auguste jusqu'au commencement du XVII. siècle« (1819-26, 52 Bde.),
deren Fortsetzung Petitots und Montmerques »Collection des mémoires relatifs à l'histoire de France depuis l'avénement de Henri IV jusqu'à la paix de Paris« (1820-29, 79 Bde.) bildet;
Michauds und Poujoulats »Collection des mémoires pour servir à l'histoire de France depuis le XIII. siècle« (1833-39, 32 Bde.);
Lebers »Collection des meilleurs dissertations, mémoires, notices et piéces curieuses relatives à l'histoire de France« (1826 ff., 18 Bde.);
die »Gallia christiana« (3. Aufl. 1715-87, 13 Bde.) der Benediktiner;
das von de Laurière begonnene, später von Secousse, Villevault, Labreguigny und Pastoret fortgesetzte »Recueil de Louvre« (1723-28, 18 Bde.);
das von Jourdan begonnene, von Isambert, Decrusy und Jaillardier fortgesetzte »Recueil général des lois depuis 418 jusqu'en 1789« (1820-1831) und endlich die großartige »Collection des documents inédits sur l'histoire de France«.
[II. Allgemeine Geschichtswerke.]
Unter den Bearbeitern der allgemeinen Geschichte Frankreichs sind seit Bernard Girard, Seigneur du Haillan (»Histoire générale des rois de France«, 1576, 2 Bde.),
hervorzuheben: Anquetil, Histoire de France, bis zum Tod Ludwigs XVI. (1805, 14 Bde.; zuletzt 1876-79, 11 Bde.);
Simonde de Sismondi, ¶