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Lucio Dalla war voller Widersprüche. Als Cantautore, der Mitte der 80er Jahre als erster das Ende der Cantautori verkündete. Als Sänger von linken Texten (verfasst von Roberto Roversi), der sich nie von den Kommunisten einspannen liess. Als Schwuler ohne Coming-Out, denn auch von der Schwulen- und Lesbenbewegung wollte er sich nicht zum Posterboy machen lassen. Als genialer Musiker, der das Land auf seiner «Banana Republic Tour» von der Last der «bleiernen Jahre» befreite – und seine Fans doch immer wieder vor den Kopf stiess mit stilistischen Volten.
Nur: Bei all diesen Widersprüchen schaffte es Dalla immer, sich selbst zu bleiben. Und für genau diese Authentizität liebten sie ihn, die Italiener und Italienerinnen, und die Fans auf der ganzen Welt.
Durchbruch am Sanremo-Festival
Wahrscheinlich hätte er auch als Jazz-Klarinettist eine gute Karriere machen können. Oder als Scat-Sänger. Für beides hatte er früh schon einen ausgezeichneten Ruf. Aber Lucio Dalla wollte immer auch gefallen, und er liebte die italienischen Lied-Tradition. Also kehrte er in den 60er Jahren den Jazz-Konzerten vor zehn Leuten den Rücken und machte sich auf die Suche nach Konzerten als Sänger vor zehntausend Leuten.
Fündig wurde er in Sanremo: An diesem prestigeträchtigen Festival trat Dalla 1971 an mit dem Song «Gesúbambino». Die Musik war von ihm, der Text von Paula Pallotini. Noch vor dem Auftritt wurde der Song allerdings zensuriert: Aus den «Gaunern und Huren» wurden die «Leute vom Hafen», und dann dieser Titel? Das «Jesuskind» im Lied war ein uneheliches Kind einer Minderjährigen. Undenkbar im Italien der 70er Jahre.
Aber Dalla wusste Rat: Er setzte flugs sein eigenes Geburtsdatum als neuen Titel, den vierten März 1943. Und schaffte mit «Quatro Marzo Millenovecentoquarantatrè» den Durchbruch.
Vom Sänger zum Cantautore
Das Lied wurde zum erfolgreichsten Lied dieser Festival-Ausgabe und machte Lucio Dalla berühmt. Als Sänger – aber noch nicht als Cantautore. Cantautori komponieren und singen ihre Lieder ja nicht nur, sie texten sie auch. Nach Sanremo arbeitete Lucio Dalla zuerst noch einige Jahre mit anderen Texterinnen und Textern zusammen. Eben zum Beispiel mit dem ehemaligen Partisanen und linken Texter Roberto Roversi.
1977 aber war es so weit: Lucio Dalla brachte ein erstes Album mit eigener Musik und eigenen Texten, «Come è profondo il mare». Und das Album ist ein absoluter Wurf, Lucio Dalla schreibt Texte voller Poesie und Kraft, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Komponiert dazu hitverdächtige Songs, die sich wie Massanzüge an die Texte und an seinen vielseitigen Gesang schmiegen. Beiläufig, aber immer perfekt. «Er findet die Worte, die die Leute selber spüren» – so beschreibt der Dalla-Kenner Ruedi Ankli die schlafwandlerische Sicherheit von Lucio Dalla im Texten.
Tod mit 69 Jahren
Nach «Come è profondo il mare» doppelt Dalla mit dem Album «Lucio Dalla» nach, spielt die berühmte «Banana Republic Tour» und spielt auch nach der goldenen Zeit der Cantautori noch vor ausverkauften Hallen. 2012, nur einen Tag nach einem Konzert in Montreux, stirbt Dalla kurz vor seinem 69. Geburtstag. Dieses Jahr würde er 75 – und würde vermutlich auch im aktuellen Italien die richtigen Worte finden.