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Die packende Geschichte einer Frau, die aufgrund einer spontanen Entscheidung über sich hinauswächst, sich selbst neu kennenlernt und erstmals ein unabhängiges Leben führt.
Wie normal ist ein scheinbar normales Leben? Willa Drake wächst in einer nach außen hin intakten amerikanischen Durchschnittsfamilie auf. Doch unter der Oberfläche brodelt es bereits in ihrer Kindheit – immer wieder verlässt die Mutter kurzzeitig Mann und Töchter. Nachdem Willa sich befreit hat, heiratet und Kinder kriegt, muss sie, als ihr Mann ums Leben kommt, ihr Leben plötzlich ganz neu ordnen. Wieder verheiratet und mit längst erwachsenen Söhnen, erhält sie eines Tages einen überraschenden Anruf, und ehe sie sichs versieht, stellen eine neue Familie, spleenige Nachbarn und ein Hund namens Airplane ihr Leben gründlich auf den Kopf. In ihrem neusten Roman erzählt Anne Tyler mit Geist, Witz und Herz die Geschichte einer so stillen wie mutigen Frau, die nach Jahrzehnten sich selbst näherkommt und schließlich, aus einer impulsiven Entscheidung heraus, zu einem selbstbestimmten Leben findet.
Anne Tyler
– Launen der Zeit
Original: Clock Dance
Aus dem Amerikanischen von
Michaela Grabinger
Hardcover
Format: 11,6 x 18,5 cm , 304 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5775-3
22,00 EUR
Anne Tyler
– Launen der Zeit
Original: Clock Dance
Aus dem Amerikanischen von
Michalea Grabinger
eBook
Format: 116,0 x 185,0 cm , 304 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9382-9
17,99 EUR
Erster Teil
1967
Willa Drake und Sonya Bailey waren losgezogen, um von Haus zu Haus zu gehen und Schokoriegel zu verkaufen. Der Ertrag sollte dem Orchester der Herbert Malone School zugutekommen. Bei entsprechendem Absatz war die Teilnahme des Orchesters am Regionalwettbewerb in Harrisburg gesichert. Willa war noch nie in Harrisburg gewesen, aber ihr gefiel der schroffe, raue Klang des Namens. Sonya war schon mal dort gewesen, aber als Baby, weshalb ihr jede Erinnerung daran fehlte. Sie hatten einander geschworen, lieber zu sterben, als nicht hinzufahren.
Willa spielte Klarinette, Sonya Flöte. Sie waren elf und wohnten zwei Straßen voneinander entfernt in Lark City, Pennsylvania – alles andere als eine Großstadt, eigentlich kaum eine Kleinstadt. Gehsteige gab es nur in der einzigen Straße mit Geschäften. Willa fand Gehsteige toll. Als Erwachsene würde sie nirgendwo leben, wo es keine Gehsteige gab.
Weil sie wegen der fehlenden Gehsteige nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr auf der Straße sein durften, waren sie nachmittags aufgebrochen. Willa schleppte den Karton mit den Schokoriegeln vor sich her, während Sonya den großen braunen Briefumschlag für die erhofften Einnahmen trug. Sie machten sich von Sonya aus auf den Weg, wo sie zunächst ihre Hausaufgaben erledigt hatten. Sonyas Mutter nahm ihnen das Versprechen ab, sofort nach Hause zu kommen, sobald die Sonne – jetzt, im Februar, ohnehin milchig bleich – hinter den kahlen Bäumen auf dem Bert Kane Ridge unterging. Sonyas Mutter war ziemlich ängstlich, viel ängstlicher als die von Willa.
Geplant war, weit weg, in der Harper Road, anzufangen und sich von dort in die eigene Straße zurückzuarbeiten. Da in der Harper Road kein einziges Orchestermitglied wohnte, glaubten sie richtig abkassieren zu können, wenn sie den anderen dort zuvorkamen. Es war Montag, der erste Tag der Verkaufsaktion, und die meisten Mitschüler würden wahrscheinlich erst am Wochenende loslegen.
Als Preis winkte den drei besten Verkäufern ein dreigängiges Menü mit ihrem Musiklehrer Mr. Budd in einem Restaurant im Zentrum von Harrisburg, komplett umsonst.
Die Häuser in der Harper Road waren ziemlich neu, einstöckig und aus Ziegelsteinen. Ranch-Stil nannte man das. Die Bewohner waren auch ziemlich neu. Die meisten arbeiteten in der Möbelfabrik, die es seit ein paar Jahren drüben in Garrettville gab. Dass Willa und Sonya niemanden in der Straße kannten, war gut; das machte es weniger peinlich, Vertreter zu spielen.
Vor dem ersten Haus, bei dem sie es versuchen wollten, blieben sie hinter einem großen immergrünen Strauch stehen, um sich vorzubereiten. Sie hatten sich bei Sonya noch Hände und Gesicht gewaschen, und Sonya hatte sich das glatte, dünne dunkle Haar gekämmt, durch das der Kamm problemlos durchkam. Willa hätte für ihre gelbblonden Wuschellocken eine Bürste gebraucht, konnte aber, weil Sonya keine hatte, ihre Krause nur mit den Händen notdürftig flach drücken. Sie trugen fast gleich aussehende Wolljacken – die Kapuzen mit Kunstfellbesatz – und Jeans, die sie ein Stück hochgekrempelt hatten, damit man das karierte Flanellfutter sah. Sonya hatte Turnschuhe an, Willa noch die geschnürten braunen Lederhalbschuhe aus der Schule. Wäre sie zuvor nach Hause gegangen, hätte ihre kleine Schwester sie garantiert abgefangen und gebettelt, mitkommen zu dürfen.
»Du musst den ganzen Karton hinhalten, wenn die Tür aufgeht, nicht nur einen Schokoriegel«, sagte Sonya. »Und dann sagst du: ›Möchten Sie ein paar Schokoriegel kaufen?‹ Mehrzahl!«
»Warum soll ich fragen?«, entgegnete Willa. »Ich dachte, du fragst.«
»Ich würde mir blöd vorkommen.«
»Und ich komme mir nicht blöd vor?«
»Du kannst viel besser mit Erwachsenen umgehen.«
»Und was machst du?«
»Ich bin fürs Geld zuständig.« Sonya wedelte mit dem Umschlag.
»Okay, aber dann musst du beim nächsten Haus fragen!«
»Gut«, sagte Sonya.
Klar war es gut, weil es beim nächsten Haus schon viel leichter sein würde. Trotzdem drückte Willa den Karton fester an sich und folgte Sonya auf dem gepflasterten Weg durch den Vorgarten.
Neben dem Eingang stand eine hohe, bogenförmig geschwungene Metallskulptur, sehr modern. Der Klingelknopf war sogar tagsüber beleuchtet. Als Sonya drückte, hallten zwei sonore Töne durch das Haus, gefolgt von einer Stille, die so tief war, dass sie fast schon hofften, niemanden anzutreffen. Doch plötzlich ertönten Schritte, die Tür wurde geöffnet, und eine lächelnde Frau stand vor ihnen. Sie war jünger als ihre Mütter, auch modischer, mit kurzen braunen Haaren und hellem Lippenstift; außerdem trug sie einen Minirock. »Na so was, hallo«, sagte sie, während hinter ihr ein kleiner Junge mit einem Ziehtier herantappte und »Wer ist das, Mama? Wer ist das, Mama?« fragte.
Willa sah zu Sonya hinüber. Sonya sah zu Willa hinüber. Sonyas treuherziger, angespannter Gesichtsausdruck, ihre feuchten Lippen, die so weit geöffnet waren, als wollte sie nun doch gemeinsam mit Willa sprechen, erschienen Willa plötzlich wahnsinnig komisch. Wie ein kleiner Rülpser stieg der Drang zu lachen die Brust hinauf, und in ihrer Kehle begann es zu glucksen. Auch den plötzlichen Quietschlaut, der ihr entfuhr, fand sie komisch, zum Brüllen komisch, und das Glucksen wurde zur Lachsalve, zu einem Riesengewieher. Sonya prustete ebenfalls los und kringelte sich vor Lachen, während die Frau fragend schmunzelte. »Möchten Sie –? Möchten Sie –?«, sagte Willa japsend. Weiter kam sie nicht. Sie konnte nicht mehr, sie schnappte nach Luft.
»Wollt ihr mir etwas verkaufen?«, fragte die Frau freundlich. Wahrscheinlich hatte sie in diesem Alter selbst oft kichern müssen, aber garantiert nicht so hysterisch, so hilflos, so ausgeliefert. Das Kichern schwemmte durch Willa wie eine Flüssigkeit. Die Tränen schossen ihr in die Augen, und sie musste sich über den Karton beugen und die Beine zusammenpressen, um nicht draufloszupinkeln. Sie schämte sich in Grund und Boden, und Sonya auch – man sah es an ihrem verzweifelten Gesicht, an ihrem irren Blick –, aber gleichzeitig war es das schönste, befreiendste, entspannendste Gefühl überhaupt.
Nürnberger Zeitung
»Grandios. Das ist hohe Erzählkunst.«
Weser-Kurier
»Es ist, als hielte die Autorin Miniatur-Figuren in den Händen und stattete sie liebevoll bis ins kleinste Detail aus, und übersetzte dies in eine klare und sanfte Sprache. Das ist Tylers große Kunst.«
coop
»Wie die Pulitzer-Preisträgerin Anne Tyler erzählt, ist grosse Klasse.«
emotion
»Die fein gesponnene Geschichte erzählt unaufgeregt von den Unberechenbarkeiten des Lebens.«
NDR
»Nach Beendigung der Lektüre fehlt sie einem ein wenig, diese an sich zweifelnde, sich nach Nähe und Nützlichsein sehnende Frau mit dem freundlichen Blick auf ihre Mitmenschen.«
MDR Kultur
»Launen der Zeit ist ein großartiger, im Detail blendend konstruierter Roman, komisch und bewegend zugleich.«
Deutschlandfunk Kultur
»Ein tiefgründiges, sehr amüsantes und mit großer Leichtigkeit erzähltes Frauen – und Familienporträt.«
Glamour
»Eine Meisterin im Sezieren der weiblichen Psyche.«
Brigitte
»Launen der Zeit erzählt mitreißend von einem Leben, das von anderen bestimmt wurde, und von einem ungeahnten Befreiungsschlag.«
Brigitte wir
»Die grandiose Anne Tyler beschreibt ein Frauenleben, das erstaunlich an Fahrt aufnimmt.«