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Wer war Josquin Desprez? Verbrieft ist er als franko-flämischer Komponist der Frührenaissance, auch als Musiker und Sänger. Sein Geburtsdatum schwankt zwischen 1450 und 1455. Gewiss ist aber, dass er vor 500 Jahren verstorben ist und dass er zu den bedeutendsten Wegbereitern der Kompositionskunst im Übergang vom 15. zum 16. Jahrhundert zählt.
Wer mit früher Musik etwas vertraut ist, wird ihn im gleichen Atemzug mit Heinrich Isaac (ca. 1450-1517) nennen, einem Rivalen des „Michelangelo der Musik“, wie Desprez schwärmerisch betitelt wurde. Auch Isaac gehörte zu der Gruppe von herausragenden Tonsetzern, die eine musikalische „ars perfecta“ vertreten.
Zeitgenossen nahmen Josquin als bedeutenden, aber charakterlich schwierigen Musiker wahr. Als 1503 der Herzog von Ferrara Ercole d’ Este einen neuen Hofkapellmeister suchte, brachte sein Musikagent daher neben Josquin auch den kaiserlichen Hofkomponisten Heinrich Isaac ins Spiel: „Der Sänger Isaac ist sehr schnell in der Kunst der Komposition. Im Übrigen ist er gutmütig und umgänglich. Mir scheint er gut geeignet, Euer Gnaden zu dienen, besser als Josquin, weil er zu seinen Musikern von liebenswürdigerem Wesen ist und öfter neue Werke schreiben will. Dass Josquin besser komponiert, ist richtig, aber er komponiert, wenn er es will und nicht, wenn man es von ihm erwartet.“ Der Entscheid fiel dann trotzdem auf Josquin, weil man ihn für den besseren Komponisten hielt.
Martin Luther vor der Frauenkirche Dresden / Foto © Pixabay
Auch Martin Luther bekannte sich zu ihm. Nach dem Ausrufen der Reformation 1517 lebte das musikalische Vorbild ja noch vier Jahre. Und selbst zwanzig Jahre nach seinem Tod bewunderte Luther noch die außergewöhnliche Begabung des Sängers und Komponisten Desprez: „Josquin ist der Noten Meister, die habens müssen machen, wie er wollt, die andern Sangmeister müssens machen, wie es die Noten haben wöllen.“ Er galt immer noch als der prominenteste Vertreter jener Sängerkomponisten aus dem franko-flämischen Kulturkreis, die die europäische Musikwelt des 16. Jahrhunderts maßgeblich prägten.
Nach einigen Jahren in Mailand wurde Josquin 1489 Sänger der päpstlichen Kapelle in Rom. Dort trat er bereits mit einigem Selbstbewusstsein auf, so Klaus Pietschmann von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz: „Wir haben keinerlei Briefe oder sonstige schriftliche Hinterlassenschaften von ihm. Das einzige, was sehr wahrscheinlich auf ihn zurückgeht, ist ein Graffito, das sich an der Wand der Sängerkanzel der päpstlichen Kapelle erhalten hat. Er platziert seinen Namen zentral auf der Stirnwand. Das spricht schon für eine sehr ausgeprägte Persönlichkeit.“
Kammerchor Josquin des Prez, Ludwig Böhme
Label:Carus, DDD, 2010 Bestellnummer: 4977232
Die perfekte Synthese der polyphonen Kunst seiner flämischen Heimat mit der geschmeidigen Harmonik Italiens und der luziden Transparenz der französischen Musik
Die vollendete Beherrschung des Kontrapunkts, komplexe Kanon-Techniken, seine Klangsinnlichkeit und vor allen Dingen auch seine Textbezogenheit zeichnen ihn bis heute aus. Seine besondere Fähigkeit, einen Text „zum Sprechen zu bringen“, wurde schon von den Zeitgenossen gerühmt und zeigt sich in der Erfindung prägnanter, meist ganz kurzer Motive aus der Deklamation des Textes heraus.
Zugute kam ihm, dass die Erfindung des Buchdrucks nun auch die effizientere und raschere Verbreitung des Notenmaterials ermöglichte. Bis ins 17. Jahrhundert gehörten Josquins Werke zum Repertoire kirchlicher und höfischer Kapellen, der sog. Musica sacra wie der musica da camera. Und bereits wieder Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte man ihn neu für die Kirchenmusik. Der Musikwissenschaftler Klaus Pietschmann dazu: „Weil eben diese unmittelbare Aussagekraft, diese besondere anrührende und gleichzeitig auch von enormer Kunstfertigkeit geprägte Anlage seiner Musik etwas ist, was sich über die Jahrhunderte hinweg erhält und überträgt.“
Sein Schaffen umfasst 19 vollständige Messen, dazu einzelne Ordinariumssätze, etwa 90 Motetten, 70 weltliche und einige instrumentale Werke. Viele seiner Kompositionen sind allerdings noch immer zweifelhaften Ursprungs und könnten auch aus anderen Quellen stammen. Das tut aber seiner überragenden Bedeutung keinen Abbruch. So wie es Malschulen gab und nicht jeder „da Vinci“ ein da Vinci ist, so war es auch in Musikschulen üblich, sich die Handschrift des Vorbildes anzueignen. Der Begriff Plagiat ist noch nicht anrüchig. Wenn es eine Konstante in der Kunstgeschichte gibt, dann die der Aneignung.
Frappante Ähnlichkeit: Links der Sündenfall von Tizian (um 1550), rechts der von Rubens (1628/29)
Rubens‘ «Sündenfall» mit Adam und Eva von 1628/29 mag dies aufzeigen. Das Gemälde ist als typischer Rubens erkennbar, bis man ihm den knapp 80 Jahre früher entstandenen «Sündenfall» von Tizian (um 1550) gegenüberstellt. Rubens hat ganz klar bei Tizian abgekupfert, auch wenn er die Körperstellung des Adam abgeändert hat. Wann ist eine Kopie eine Fälschung oder ein urheberrechtlich zu beanstandendes Plagiat, wann ein eigenständiges Werk, das sich auf die künstlerische Freiheit berufen kann? Damals gab es noch kein Urheberrecht, solche Fragen beschäftigten die Kunstwelt erst im Nachhinein.
Auf einen Nenner gebracht, kennzeichnet laut dem Grossen Lexikon der Musik Josquin „die entscheidende, mit der Bewegung des Humanismus zusammenhängende Tendenz zur Ausdrucksgestaltung und Symbolistik, die Überwindung des mittelalterlichen Rationalismus zugunsten einer Vermenschlichung der Musik.“ Damit markiert sein Schaffen in besonderer Weise den Beginn der musikalischen Neuzeit.
Titelbild: Josquin Desprez, Holzschnitt von Petrus Opmeer, 1611