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Andreas Heege, 2020
Diese Dekortechnik gehört technisch zu den materialentnehmenden „Negativ-Techniken“ und im weitesten Sinne zu den Ritz- oder Sgraffitodekoren, die es in dieser Form z. B. in der italienischen Renaissance seit dem 16. Jahrhundert gibt (ceramica ingobbiata e graffita a fondo ribassato). Die Technik kommt jedoch auch schon vorher und in anderen Kulturbereichen dieser Welt vor (iranisch-persischer Raum, Korea).
Die lederharte Keramik wird mit einer andersfarbigen weissen, grünen, blauen oder roten Engobe überzogen, die auch sehr dünn mit einem Pinsel aufgetragen sein kann. Anschliessend wird das gewünschte Motiv vorgezeichnet und der Hintergrund voll- oder teilflächig rund um das Motiv bis auf den darunterliegenden Scherben freigekratzt. Zusätzliche Strukturen oder Muster werden mit einer feinen Spitze in das Motiv eingeritzt. Anschliessend werden die Gefässe mit einer Bleiglasur überzogen, die den Untergrund, je nach Brennfarbe des Scherbens , in einer vom Dekor abweichenden Farbe erscheinen lässt.
Im Deutschen gibt es für die Dekortechnik keinen eingeführten Begriff, jedoch fällt der beschreibende Blick am ehesten auf den weggekratzten, also eingetieften oder vertieften Hintergrund. Ein Bezeichnung als „Sgraffitodekor mit vertieftem Hintergrund“ erschiene also durchaus passend. Im Französischen findet sich der technologisch eher „frei“ verwendete Begriff „Décor gravé en champlevé“, „décor champlevé“ oder „motif champlevé“ (Blondel 2001, 201), der der Emailtechnologie entlehnt ist. Als herausgehobenes Feld wird im Falle der Keramik das Motiv gesehen und bezeichnet. Im Gegensatz zum Grubenschmelzemail werden die tieferliegenden Felder jedoch in vorliegenden Fall nicht mit einer abweichenden Farbe aufgefüllt. Vielmehr wird diese durch den Scherben gebildet.
In der Schweiz ist diese Dekortechnik bis in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg offenbar unbekannt. Ab 1913 fand sie als ungewöhnliche Neuheit Eingang in die Produktpalette der „Poterie commune de Nyon S.A.„, zu einem Zeitpunkt als diese von dem italienisch-französischen Paar Henriette Morello und Théophile Thomas Morello geleitet wurde.
In der kleinen Fabrik arbeiteten auch Henriettes Brüder sowie ein Keramiker mit Namen Abel Gervais, von dem eine erste datierte Platte mit der fraglichen Dekortechnik aus dem Jahr 1913 erhalten ist.
1916 ging die Fabrik an die Gebrüder Richard aus Nyon über, die diese Dekortechnik bis zu ihrem Konkurs im Jahr 1921 fortsetzten.
Zwischen 1917 und 1923 verwendete auch die Kunsttöpferei Hermann Kaeppeli in Nyon diese optisch ansprechende Technik.
Bibliographie :
Blondel 2001
Nicole Blondel, Céramique: vocabulaire technique, Paris 2001, 201.