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DMZ – SPORT ¦ Matthias Walter ¦
Paukenschlag im Schwergewicht: Francis Ngannou dominiert Stipe Miocic im Rückkampf bei der UFC 260 und krönt sich zum UFC-König. Für den Kameruner geht ein Kindheitstraum in
Erfüllung.
Ein steiniger Weg
Ngannous Entwicklung und Weg zum Kampfgeschehen ist einmalig und wird es wohl bleiben – man könnte daraus ohne Weiteres einen Hollywoodfilm produzieren, und man müsste es nicht mal künstlich übertreiben.
Der Kameruner begab sich damals auf eine Reise aus Kamerun heraus nach Europa, die 14 Monate andauerte. Er wurde bei mehrfachen Versuchen, den Ozean zu überqueren, 7 Mal gefangen genommen. Sein vorläufiges Ziel war Spanien. Aber mehrmals wurde er dann in die Sahara-Wüste zurückgeschickt. Ngannou gab jedoch nicht auf und versuchte es immer und immer wieder. Um genug essen zu können, musste er in Mülltonnen wühlen und in Wäldern leben.
Irgendwann schaffte er es dann endlich nach Spanien, wo er zunächst für zwei Monate ins Gefängis musste.
Später zog es ihn weiter nach Paris – übernachten musste er vorerst in einem Parkhaus.
Sein großer Traum: Kämpfer werden! Maximal abgehärtet und lebenskampferprobt war er dann mehr als jeder gewöhnliche Mensch. Keine schlechten Vorzeichen für die Kampfsportwelt.
Debut auf der großen "Bühne"
Im Dezember 2015 gab der Kameruner bei der UFC dann sein Debut – ein sehr erfolgreiches: er siegte – wie noch so oft – durch Knockout.
Erster Kampf gegen Miocic
Es dauerte dann etwas mehr als zwei Jahre, bis Ngannou das erste Mal auf das wohl beste Schergewicht aller Zeiten – Stipe Miocic – traf. Der Kampf fand im Januar 2018 statt. Und Ngannou – als noch relativ unerfahrener Kämpfer – zahlte gegen den kroatisch-amerikanischen Haudegen Miocic viel Lehrgeld. Trotz seines körperlichen Vorteils – Ngannou ist der körperlich beeindruckendste Kämpfer, den die UFC seit langem zu bieten hat – gelang es ihm nicht, Miocic auszuknocken, und zeigte sich dabei stürmisch und ungeduldig. Seine Schläge – für die er viel Energie aufwenden musste – landeten nicht wirklich oder gingen komplett ins Leere. Sehr schnell war die Ausdauer dann nicht mehr da und Miocic – als Weltklasse-Wrestler – hatte fortan leichtes Spiel und brachte den Kameruner mehrfach zu Boden, wo er den Kampf dann hielt und dominierte. Ngannou konnte nichts mehr entgegnen.
Nächste Niederlage gegen Derrick Lewis
Im nächsten Kampf sah man dann einen gänzlich verunsicherten Francis Ngannou. Den Drei-Runden-Kampf gegen Lewis verlor er nach Punkten. Der mittlerweile 34-Jährige präsentierte sich dabei äußerst passiv und ängstlich. Die Fans pfiffen beide Kämpfer aus – sie kämpften ja auch sozusagen nicht, kaum Aktionen, eine riesen Enttäuschung.
Wieder auf dem richtigen Weg
Was dann nach seinen beiden Niederlagen folgte, kann man wohl nur als gigantisches Feuerwerk bezeichnen. Für die weiteren vier Kämpfe – bevor es dann letzte Nacht zum Rematch mit Miocic gekommen ist – hatte „The Predator“ (Spitzname von Ngannou) insgesamt nur knapp unter 3 Minuten gebraucht, um seine Kontrahenten auszuknocken. Darunter Legenden wie Cain Velasquez und Junior Dos Santos!
Heiß ersehntes Rematch bei der UFC 260
In der letzten Nacht erhielt Ngannou dann endlich seinen Rückkampf gegen den in Euclid (Ohio) geborenen Miocic. Der sehr, sehr schwere – über 260 Pfund und damit deutlich mehr wiegend als Miocic (rund 230 Pfund) letzte Nacht – Kameruner zog seine Lehren aus dem ersten Kampf. Mit Unterstützung des Welterweight Champions Kamaru Usman (33, aus Nigeria) hatte Ngannou in erster Linie an seinem Wrestling gearbeitet. Es musste alles verhindert werden, dass er wieder – wie im ersten Kampf – den Großteil der Zeit auf seinen Rücken verbringt, während es Fäuste von Miocic hagelt. Zudem brauchte es weitaus mehr Geduld und Zügelung, sodass die Kondition ihm keinen Strich durch die Rechnung machen würde (siehe Kampf 1).
Und: was soll man sagen? Ngannou lieferte! Und wie. Er übernahm sofort die Kontrolle im Octagon und trieb seinen Gegner zunächst ein stückweit vor sich her. Ein paar Treffer landeten. Und das Wichtigste: Er stoppte den ersten Takedown-Versuch des Weltmeisters. Aber nicht nur das: Er konnte Miocic direkt im Anschluss selbst, durch einen „Rücken-Takedown“, zu Boden bringen, und konnte dabei einige schöne Treffer landen. Miocic wirkte nach der ersten Runde schwer beeindruckt, ja geschockt. Wer hätte das erwartet?
In der zweiten Runde schlug der Kameruner Miocic dann mit einem kräftigen Jab zu Boden. Dieser berappelte sich wieder kurz, kam wieder auf die Beine, landete beim folgenden Schlagabtausch selbst einen Wirkungstreffer, stürmte aber dann ohne Deckung – zu offensiv und aggressiv – in Ngannou hinein, wo er sich dann einen kurzen linken Haken am Kinn einfing, der ihn ausknockte. (Miocic trudelte umknickend zu Boden.) Ngannou beendete den Kampf mit einer kräftigen „Hammer-Fist“ (Ringrichter Herb Dean ging dann, korrekterweise, dazwischen.
Das hatte so niemand auf dem Zettel. Zwar ging Ngannou als Favorit in diesen Kampf (wie auch schon beim ersten Aufeinandertreffen der beiden), aber man hatte eben den Verlauf jenes ersten Kampfes im Hinterkopf. Man war in der Kampfwelt mehrheitlich fast überzeugt, dass es eine 1zu1-Wiederholung geben würde.
Francis Ngannou konnte sich anschließend stolz zum Champion küren lassen und genoss dies aus allen Zügen – zusammen mit seiner sympathischen Familie.
Wie geht es jetzt weiter?
Miocic – wie erwähnt mittlerweile 39 Jahre alt – hat in seiner Karriere viele Treffer einstecken müssen, insbesondere gegen Ngannou. Ob er nochmal zurückkommt – womöglich für einen Trilogie-Kampf gegen den „Predator“ – ist äußerst fraglich. Ein erneutes Rematch wird selbstverständlich alles andere als ein Zuckerschlecken, und eventuell seiner Gesundheit nicht zuträglich. Sein Ehrgeiz dürfte jedoch einen sofortigen Rücktritt eigentlich verbieten. Und faul ist der Ex-Weltmeister ohnehin nicht: Er arbeitet nebenbei noch als Feuerwehrmann – was ein Typ, was ein großer Held!
Und für Ngannou? Dana White – Boss der UFC – hat direkt einen Rückkampf gegen Derrick Lewis in Aussicht gestellt. Fans und die gesamte MMA-Welt sehnen allerdings den Riesen-Kampf gegen Jon Jones herbei, der die Leichtgewichtsklasse eine Dekade nach Belieben dominierte, nun aber ins Schwergewicht aufsteigen möchte (er trainiert bereits entsprechend dafür und bringt auch mittlerweile das benötigte Gewicht auf die Waage). Es könnte einer der größten Kämpfe aller Zeiten werden. Ngannou hat bereits angekündigt, dass er „diese Herausforderung gerne annehmen würde“.
Nun darf der Champion aber erstmal seinen großartigen Erfolg, zusammen mit seiner Familie und Kollegen, ausgiebig feiern.
Anschließend ist er – damit lehnt man sich wohl nicht zu weit aus dem Fenster – wohl auf dem Weg zum besten Kämpfer aller Zeiten!
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