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Die vielen Brüste der Natur
Artemis / Diana von Ephesos – die Vielbrüstige
Es gibt antike Statuen der Artemis von Ephesos, die – nebst vielen anderen symbolträchtigen Elementen – mit einem merkwürdigen Dekor ausgestattet ist: »In Brusthöhe hängen mehrere bogige Reihen ellipsoider Gebilde.« (H.Böhme, S.367)
Die sog. ›Schöne Artemis‹, 1956 in Ephesos (heute Selçuk) ausgegraben: > https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/30/Artemis_of_Ephesus.jpg
Die hier präsentierte kleine Sammlung konzentriert sich nicht auf die antik-mythologischen Konzepte und archäologischen Funde, sondern ist der Symbolik der ›vielbrüstigen‹ Diana / Artemis / … seit der Renaissance gewidmet, die für Gott / die Natur / das Laster / die Kunst / die Revolution in Anspruch genommen wurde.
Nicht im Zentrum des Interesses steht, worum es sich bei dieser Dekoration ursprünglich gehandelt haben mag.
Es sei nachdrücklich auf die unten zitierte Forschungsliteratur verweisen, wo noch mehr Denkmäler verzeichnet und beschrieben werden. Hervorzuheben ist besonders die Arbeit von Andrea Goesch (1996).
1508/1511 taucht die vielbrüstige Diana das erste Mal in der nachantiken Kunst – unvermittelt – auf: Raffael malt zwei solche Statuen neben der Personifikation der Philosophie in der Stanza della Segnatura:
Wann wurden Statuen der Diana Ephesia entdeckt? Man muss sich vergegenwärtigen, dass erst Ende des 15. Jahrhunderts in Rom die Statue des Apoll von Belvedere gefunden wurde, die Laokoongruppe 1506. Bilder auf Münzen und Gemmen (vgl. Thiersch, Tafeln XLVII – LI; Fleischer, Tafeln 51–57) werden zuerst bekannt gewesen sein.
In literarischen Quellen wird zwar seit dem Mittelalter die Personifikaton der Natur gelegentlich mit einer milchspendenden Frau allegorisiert (vgl. Kemp), die Vielbrüstigkeit degegen kommt gerade ein Mal in der heidnischen Spätantike vor, sodann in zwei polemischen Texten von christlichen Autoren. Die Idee gelangt durch ein schmales Nadelöhr in die Neuzeit, wenn nicht ein spontanes fruchtbares Missverständnis vorliegt.
Macrobius (gest. nach 430) fügt im ersten Buch der »Saturnalien« eine mythologische Abhandlung ein, die beweisen soll, dass viele Götter des antiken Pantheon (Apollo, Liber, Mars, merkur, Aesculap, Herkules, Salus, Sarapis, Adonis, Attis, Osiris, Horus, Nemesis, Pan, Saturn, Jupiter) Ausprägungen desselben Gottes seien: der Sonne, der Urheberin von Allem. Mit dem Sarapiskult ist der Isiskult verbunden, und hier taucht der Gedanke auf:
Bilder von Statuen der vielbrüstigen Artemis/Diana von Ephesus findet man im World Wide Web (auf Pinterest usw.) zuhauf. Stattdessen eine Abbildung aus einem späten mythologischen Lexikon:
••• Ein ausführliche, bebilderte Studie zum Thema hat (wohl in den 1630er Jahren) verfasst http://gdz.sub.uni-goettingen.de/dms/load/img/?PID=PPN657578703, Symbolica Dianae Ephesiae Statua a Claudio Menetreio, Ceimeliothecæ Barberinæ præfecto exposita, Romae Typis Mascardi, MDCLVII >
Menetrius versucht alle Symbolträger der Statue an antike Texte anzubinden und ihre Bedeutung zu erkunden: die turmartige Blumenkrone, den Schleier, die sie begleitenden Hirsche, die Löwen, den Krebs, die Kränzchen und Palmblätter, die Blumengirlande, die Eicheln, die Brüste, die Sphingen und Drachen, die Stiere, die Bienen und den Honig, die Rosen, die Wollbinden.
S.32–35 steht das Kapitel Mammæ nvtritionis sive alimentorum symbola. Unter den zitierten Stellen befinden sich Macrobius, Minucius Felix, Hieronymus, Arnobius und andere. Zentral ist der Gedanke, dass die Ägypter mit den vielen Brüsten, die sie der Natur zuschrieben, andeuten wollten, dass sie nicht nur die Menschen, sondern auch viele Tiere und Pflanzen ernährt: Per innumeras mammas Naturae adscriptas infinitum non hominum solummodo, verum etiam animantium, nec non vegetabilium numerum quae insimul alit, adumbrare haud dubie voluerunt. (S.34)
•••(1655–1741) hat eine ausführliche Dokumentation der in den Museen und Wunderkammern Europas aufbewahrten antiken Bilddenkmäler zusammengestellt: L’antiquité expliquée et représentée en figures / Antiquitas explenatiore et schematibus illustrata, Paris, 1722 > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/montfaucon1722 – Zehn Abbildungen der Diana auf den Tafeln XCIII – XCIV – XCV.
Davon gibt es eine kürzende deutsche Zusammenfassung von Johann Jacob Schatz:
Montfaucon / Schatz 1757 Seite 49f. beschreibt auch die diversen auf den Statuen angebrachten Artefakte und Tiere; er hält die Deutungen aber für ein dunkeles Rätzel. Zu den Brüsten schreibt er: Es stimmen aber die meisten Gelehrten darinn überein, daß under diesen mancherley Bildern die Natur, oder die Welt selbsten, samt der Zeugungskraft, und die Mutter aller Dinge vorgestellet werde. Daß aber dieses nicht eine bloße Muthmassung sey, kan man aus der Auffschrift der beyden Statuen Fig .9 und 10 ziemlich gewis erkennen. Unter der erstern lieset man die Worte φύσις παναίολος πάντων μήτηρ [Inschrift auf der Statue: ΦΥCIC ΠANAIOΛOS ΠANT MHT] d.i. die mannigfaltige Natur aller Dinge Mutter […]. Alles was man mit einiger Gewißheit davon sagen kan, kömmt darauf hinaus, daß man dieses für bekannt annehme, es habe diese Diana deswegen so viele Brüste, weil sie für die Natur und Erhalterin aller Dinge gehalten worden; davon man des Claudius Menetreius Buch von der Diana zu Ephesus, welches 1657 zu Rom heraus gekommen ist, mit mehrerem nachlesen kan.
Seit der Renaissance erscheinen Werke zu Allegorien und Personifikationen, die bildenden Künstlern und Dichtern als Vorlage dienten und Betrachtern/Lesern als Schlüssel zum Verständnis.
•••(1477–1558) hat ein Symbol-Lexikon verfasst: »Hieroglyphica« (Erstausabe 1556); hier findet man – seltsamerweise im Kapitel über die Fledermäuse – einen Hinweis, leider ohne Quellenangabe und ohne Bild:
••• 1571 erschien die erste bebilderte Ausgabe von, »Le imagini de i dei de gli antichi«.
Im ersten Bild ist die Ewigkeit das Thema; die Person rechts am Eingang einer spelonca immensa stellt die ewige Natura dar:
Die Vorstellung gründet auf Verse von, der die Ewigkeit als eine sich in den Schwanz beißende Schlange darstellt, die sich in einer Höhle aufhält. Dazu gesellen sich weitere Gestalten, darunter Natura. Cartari übersetzt so:
Sandrart (1680; vgl. unten) bringt kein Bild dazu; er zitiert den lateinischen Text und übersetzt:
In der Seconda Novissima Editione, Padua 1626, erscheint dann im Kapitel über Diana dieses Bild mit dem Text Imagine della Dea Natura tutta piena di poppe, per monstrare, che l’vniverso piglia nutrimento della virtù occulta della medesima:
Im begleitenden Text stehen Hinweise auf (materielle) Bildnisse und Münzen: Et intendo, che vn così fatto simulacro fù già trovato in Roma al tempo di Papa Leone X. [1475–1521] & vedesi questa medesima figura con tante poppe in vna medaglia antica die Adriano.
(1606–1688) übersetzt das Werk von Cartari und stattet es mit eigenen Kupfern aus. Auf Platte D, num 5. ist die Natura/ eine Göttin aller natürlichen Dingen zu sehen/ und am gantzen Ober-Leibe rings umher mit vielen Brüsten begabet/ weil sie aller Dinge rechte und warhaffte Nährmutter ist. Sie ist also nach einer guten Antichen Statue von Marmel gebildet und abgesehen worden. (Kurtze Erklärung der Figuren, Fol. dij).
•••(1537–1612) schreibt etwa um 1600 im Nachwort an die Leser, die in seinem Buch gezeigten Personifikationen mit ihren Attributen seien fort neccessaires à tous peintres, engraueures, entailleurs, orfeuures, statuaries & mesmes aux Poëtes rimeures & rhetoriciens vulgaires …
Das erste Bild ist die Natura:
Die Bedeutung der vier Attribute wird in der französischen Übersetzung klar:
••• Seltsamerweise bringt Iconologia Overo Descrittione Di Diverse Imagini cavate dall'antichità, & di propria inuentione, Roma 1603 (= erste bebilderte Ausgabe > http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/ripa1603) kein entsprechendes Bild. Er schreibt zu NATVRA : Donna ignuda, con le mammelle cariche di latte et con un avoltore in mano – er erwähnt eine Medaglia d’Adriano Imperatore und führt dann aus: L’attivo si nota con le mammelle piene di latte perche la forma è che nudrisce et sostenta tutte le cose create, come con le mammelle la donna nutrisce et sostenta li fanciulli. (p. 351)in seiner
•••(1645–1708) publiziert 1735 sein Buch »Hieroglyphica of Merkbeelden der oude volkeren«. Auf den 63 Kupfertafeln zeigt er jeweils verschiedene Götter in einer Art Wimmelbild.
Im XXV Capitel wird bei A nebst elf weiteren griechischen Göttern die Diana von Ephesus gezeigt und ausführlich beschrieben. Unter anderem heißt es S. 197: Sie hat so viel Brüste, daß sie davon den Namen der Vielbrüstigen, (bey den Laterinern Multimammia) geführet hat, weil alle Fruchtbarkeit von ihr kömmt, und die Erde die allgemeine Mutter und Säugamme aller Dinge ist.
•••(1528–1602) fügt (1588) der Vorstellung der Natur einen Gedanken hinzu: Sie verhüllt sich dem menschlichen Geist, solange bis er das irdische Gefängnis verlässt.
Velo latet abdita
Naturam antiqui velo obnupsere, negantes
The ancients obscured Nature with a veil, denying anyone to enjoy it/her with complete understanding, which will be given after the spirit leaves our earthly limbs and is free of its blind prison. (Übersetzung aus > http://www.emblems.arts.gla.ac.uk/french/emblem.php?id=FBOa005)
(Das Tuch ist auf dem Bild freilich nur angedeutet, und die beiden die Natur betrachtenden Gestalten sehen noch sehr lebendig aus.)
••• Dieselbe Symbolik betont(1766): Sa tête couverte d’un voile signifie, selon l’opinion des Egyptiens, que les plus parfaits secrets de la nature sont réservés au Créateur.
•••(1498–1574) zeigt die prototypische Frau (Femina) (neben dem blinden Amor) in einer Sänfte, die getragen wird von Natura und Voluptas:
••• 1592 erinnert(1545–1600) mit der Göttin daran, woher wir alles Gute bekommen:
••• 1607 erschienen »Horatii Flacci emblemata«. Zunächst wurden lateinische Sentenzen vor allem des Horaz mit Kupferstichen des Otto van Veen (1556–1629) verbunden. Eine zweite Auflage beim selben Verleger Jerome Verdussen fügte dann holländische und französische Verse bei.
Q. Horati Flacci emblemata. Imaginibus in æs incisis, notisque illustrata, studio Othonis Væni, Batauolugdunensis. Antverpiæ ex officina Hieronymi Verdussen 1607 – Digitalisat: https://archive.org/stream/qhoratiflacciemb00veen#page/n5/mode/2up
Philipp von Zesen hat die Verse und die Erklärungen früherer Ausgaben (Marin Leroy de Gomberville) ins Deutsche übersetzt; die Stiche wurden (seitenverkehrt) reproduziert in:
Moralia Horatiana: Das ist Die Horatzische Sitten-Lehre / Aus der Ernst-sittigen Geselschaft der alten Weise-meister gezogen / und mit 113 in kupfer gestochenen Sinn-bildern / und ebenso viel erklärungen und anden anmärkungen vorsgestellt: Itzund aber mit neuen reim-bänden gezieret / und in reiner Hochdeutscher sprache zu lichte gebracht durch Filip von Zesen, Amsterdam: Kornelis de Bruyn 1656. Digitalisat: https://archive.org/stream/moraliahoratiana00hora#page/n3/mode/2up
Moderner Abdruck: Ph. v. Zesen, Sämtliche Werke, Band 14: Ethische Schriften, bearb. von Ferdinand van Ingen (Ausgaben deutscher Literatur des XV. bis XVIII. Jahrhunderts), de Gruyter 1997.
I, 1 Das erste Emblem ist dem Lemma gewidmet: Naturam Minervam perficit. Was die Natur angefangen/ vollendet die Zucht.
Natura gibt den Educandus / die Educanda (?) in die Hände der Minerva. Dazu werden einige Zeilen aus Horaz, Oden IV,4 zitiert, u.a.:
I, 11 Natura moderatrix optima – Die Natur beherschet unsre begierden.
Eine der Horaz-Stellen, die beigezogen wird, ist:
Ist es nicht viel nützlicher, danach zu fragen, welches Maß die Natur den Begierden setzt, welche Entbehrungen sie zu tragen gewillt ist, welche ihr Schmerz bereiten, und überhaupt zwischen hohlem Dunst und Wesentlichem scharf zu unterscheiden? (Horaz, Satiren und Episteln, lateinisch und deutsch von Otto Schönberger, Berlin: Akademie-Verlag 1976; 2.Aufl. 1991; Satire I,2, Verse 111ff.)
Dabei wird der Kontext der Stelle ausgeblendet, den Ch. M. Wieland folgendermaßen beschrieb: Der Hauptzweck des Dichters ist, den vornehmen Römern seiner Zeit, welche von Liebeshändeln mit verheurateten Frauen Profession machten, einleuchtend zu machen, daß es Unsinn sei, eine Befriedigung des Bedürfnisses oder der Sinnlichkeit, die man anderswo wohlfeiler und besser haben könne, […] mit unzählichen Beschwerden, Unannehmlichkeiten und Nachteilen zu erkaufen, […]. Womöglich hat van Veen (oder wer immer die Texte zusammengestellt hat), die Stelle bereits in einer Anthologie <mehr> ohne diesen Kontext gefunden.
Das Bild zeigt, wie die sinnlich dargestellte, vielbrüstige (Personifikation der) Natura den kleinen mit den Waffen von Cupido ausgerüsteten Putti Waagen austeilt, Sinnbilder des ›Maßhaltens‹.
Das Epigramm bei van Veen / von Zesen lautet:
Die Erklährung der elften Bild- und Lehr-tafel richtet sich (durchaus im Sinne von Horaz) gegen den Rigorismus der Stoiker:
••• Auf dem Titel des moraltheologischen Traktrats von http://tinyurl.com/zy2u758)(Lenaert Leys S.J., 1554–1623) »De Iustitia et Iure«, Erstausgabe 1605, den Rubens gezeichnet und Cornelis Galle gestochen hat, erscheint (seit der Auflage von 1616) die Diana möglicherweise als Abundantia (mit dem Füllhorn, cornucopia): “Personifications of Wise Government and Abundance; Justice seated at top centre in between a lion and scales; below the title are a satyr and a blindfolded man” (so der Kommentar der Seite im British Museum:
••• In seiner Impresen-Theorie und -Sammlung von 1634 möchteS.J. (1590–1647) Vim et Naturam (häufige Paarformel, etwa: Gehalt und Bedeutung) der Sinnbilder erläutern. Vielleicht stehen auf dem von Rubens gezeichneten Titelblatt Hermes/Mercur für ›vis‹ und die Diana wie üblich für ›natura‹. Reicht ihm die geflügelte ›Psyche‹ Stifte und Pinsel?
••• physikotheologischen (Gott aus den Werken der Natur erkennen) als auch den künstlerischen (wer der Natur folgt, ist ein Künstler):(1606–1688) zeigt die Artemis mit allen Attributen zwischen den Hirschen auf dem Frontispiz eines seiner Bände des kunsttheoretischen Werks »Teutsche Academie«. Die Beischrift vereinigt zwei Aspekte: den
••• Die Gedichte des(1654–1729; erste Auflage 1711) werden auf dem Frontispiz seiner Ausgabe von der Poesie (mit Lorbeerkranz in der Mitte der drei Personifikationen) dem König Friedrich I. von Preußen überreicht. Die Poesie ist flankiert vom Guten Geschmack (im Vordergrund; vgl. den Bienenkorb, den er unterm Arm trägt; er tritt auf einen Esels- und einen Schweinskopf als Zeichen der groben Unwissenheit) und der Natur.
Das Bild macht eine poetologische Aussage: Nachdem Opitz die deutsche Dichtkunst groß gemacht habe, sei sie wegen des Schulschmucks und des falschen Witzes, Schminke und Tand (gemeint sind die Dichter der Schlesischen Schule und des galanten Stils) verkommen; jetzt müssen Geschmack und Natürlichkeit wieder zur guten Poesie zurückführen; wozu Besser seine eigenen Schriften zählt.
Zur Natur sagt die Erklärung zum Kupffer-Titel-Blat*: Die Natur wird vorgestellet als eine frische, gesunde junge Frau von ansehnlicher Gestalt. Man mahlet sie mit vielen Brüsten, als eine allgemeine Säugamme, die durch ihre unerschöpffliche und allen Creaturen gesunde Nahrung und wohlgeschmackte reine Mutter-Milch alles erquicket und erhält. […]
*) Signiert: AWernerin Pictrix Regia, Delin. a Dresden. (Anna Maria Werner, geb. Haidn, 1689–1753, von Gottsched zur zehnten Muse erkürt)
••• Ebenfalls mit Bezug auf die Kunst braucht das Bild der Natura(1697–1764) mit seinem kleinen Bild »Boys peeping at nature«. Es wurde 1731 als Quittung für den Erwerb der subskribierten Drucke von »A Harlot’s Progress« (Die Karriere einer Prostituierten) gedruckt und 1737 dann nochmals verwendet.
Knaben begucken die Natur: Zwei Putten zeigen das konventionell-akademische Verhältnis zur Natur: eine zeichnet einfach ab, eine andere zeichnet ohne aufzublicken. Eine dritte versucht einen Satyr daran zu hindern, der Natura unter den Rock zu schauen. Aber gerade mit diesem Satyr identifiziert sich Hogarth: Es geht ihm darum, dass die Darstellung der neuen, erschreckenden Inhalte neue, und zwar realistische Techniken verlangt. – Ob die Vielbrüstige auch einen Bezug zur Hauptfigur der Kupferstiche (a harlot) hat?
Die Inschriften erläutern dies:
Antiquam exquirite Matrem. Vir.: — Macht euch auf die Suche nach der alten Mutter der Vorzeit. (Vergil, Aeneis III,96)
<Si forte> necesse est
Wenn es zufälligerweise nötig ist, mit frischen Worten Verborgenes zu beschreiben und etwas zu erfinden, was die nur mit einem Schurz bekleideten Cetheger nicht kennen, soll es dir gelingen und erlaubt werden, wenn du die Erlaubnis mit Zartgefühl nutzt. (Horaz, Ars Poetica, 48–51)
••• Auch(1706–1782) verwendet das Motiv auf dem Titel einer Publikation. Der Putto mit Palette und Skizze umarmt die Natura (Stich von Johann Rudolph Schellenberg, 1740–1806):
••• Auch(1726–1801) stellt sich in diese Tradition, wenn er sein Exlibris so zeichnet:
Seltsam, dass die bildenden Künstler, die sich einem (oft satirischen) Realismus verschrieben haben, als ›Logo‹ gerade eine Allegorie mit einem unrealistischen Bedeutungsträger verwenden...
•••(1611–1681) hat 1656 seine Wunderkammer beschrieben und als Buch publiziert. Sie enthielt nebst Funden von antiken Plastiken und Münzen auch Mumien, Muscheln, Schildkrötenpanzer, Präparate von Krokodilen und Fischen, Geweihe und Hörner, Samen seltener Pflanzen. Das Titelblatt zegit drei Personifikationen, von lins nach rechts: Vetustas – Natura – Ars:
Die Personifikationen sind angeschrieben mit:
Im ersten Buch, Cap. IX bildet er eine Isis-Staue ab und zitiert dazu eine lateinische Teil-Übersetzung des zehnten Orphischen Hymnus (An die Natur):
••• Der Apotheker(1610–1669) polemisiert im Vorwort seines Buches 1660 gegen die Kollegen, die die Natur nicht kennen, während er selbst die Prinzipien, aus welchen die natürlichen Dinge bestehen, erforsche. Das Titelbild mag das Programm illustrieren:
••• Der Vielschreiber(1627–1694) kompilierte 1676 ein Buch zur Naturkunde: »Das eröffnete Lust-Haus Der Ober- und Nieder-Welt«. Der erste Discurs handelt Von der Natur aller Dinge/ und derselben Fürbildung. Es werden verschiedene Auffassung zur Sprache gebracht, unter anderem die: Vielleicht haben die alten Heiden mit ihren Pan/ Jsis/ und Cybele/ auf diesen allgemeinen Welt-Geist/ gezielet. Die egyptische Göttin wird (besonders S.30ff.) ausführlich vorgestellt:
Einige Ausschnitte aus dem umfänglichen Text (bei dem es sich wohl um Übersetzungen aus Ménestrier oder Athanasius Kircher handelt): Das grosse Götzen-Bild streckt beyde Hände von sich/ oder reichet sie gleichsam mild-reich dar: als wolte es dadurch seine milde Gutthätigkeit zu mercken geben. Auf jedwedem Arm/ sitzen ein paar Leuen/ an dem unterm Theil der Brust; wie auch um den Bauch herum viel Säug-Brüste und Zitzen. Die Hüffte und Beine stecken in einem Kegel-förmigem Gefässe: welches dreyfach scheinet/ also/ daß/ aus dem unterstem schmalesten/ ein andres weiteres herfürgehet; und aus diesem zweytem/ das dritte und aller grösseste/ so bis an besagte Zitzen rührt. […] Und hieraus fliest der Uberfluß aller Sachen/ welchen die drey Reihen oder Zeilen der gefüllten Milch-Brüste gar artlich fürbilden: Denn die grosse Mutter Jsis erquickt/ nähret/ und belebt alles: ihre Mildigkeit/ welche durch die ausgestreckte Hände bemercket wird/ ertheilet den nideren Theilen der Welt alle nothdürfftige Lebens-Mittel mit.
•••(ca. 1626–1682) hat ein umfangreiches Buch zur Anatomie der Tiere geschrieben. Auf dem Frontispiz entschleiert die Scientia (?) die Natur; im Vordergrund schneidet ein Putto ein Tier auf, und ein Kind seziert Weichteile:
Zum Motiv des Schleiers: Menetrius (1657; p. 20) erwähnt eine Verschleierung der Diana, die er mit der Mond- und Geburtsgöttin Lucina parallelisiert, bei Pausanias: Die Statue der Göttin sei a vertice ad calcem velatum (Pausanias, Beschreibung Griechenlands VII, xxiii, 5): Die Aigeer haben ein altes Heiligtum der Eileithyia [Göttin der Geburt], und Eileithyia ist vom Kopf bis zu den Füßen mit einem dünnen Gewand bekleidet.
••• Möglicherweise bezieht sich der Titel im 1696 erschienenen Buch über die Wünschelrute von(1649–1721) auf das Kapitel IV.: Nous connoissons assez la nature des corpuscules, pour nous en servir à expliquer les phénomènes de la baguette divinatoire.
••• Auf dem Titelblatt der »Epistolae« (Ausgabe 1719) des durch seine naturwissenschaftlichen Mikroskop-Studien berühmten(1632–1723) erscheint die Natura – entschleiert wird sie hier dezent unterhalb der Statue:
•••(1705–1759) ist für seine exakten Zeichnungen nach der Natur berühmt. Die Statue der Diana von Ephesus zwischen den mythologischen Hirschen, und dieses Ensemble zwischen der Wahrheit (nackt mit Sonnenlicht) und der Personifikation der Geometrie (für Präzision in der Wissenschaft?); im Vordergund fangen Kinder Insekten im Bach. Auf dem Sockel steht ein Zitat aus Plinius (nat. hist. XI, i, 4) rerum natura nusquam magis quam in minimis tota est – [im Kontext:] Deshalb bitte ich die Leser, weil sie vieles [von den Insekten] verachten, dass sie nicht auch ihre Beschreibung mit Abneigung verdammen, da bei der Betrachtung der Natur nichts als überflüssig angesehen werden kann.
•••(1688–1742) hat Bücher über allerlei Themen publiziert, so auch eine populäre Naturwissenschaft; die Kenntnisse sind aus der Literatur gezogen, stammen nicht aus eigener Anschauung. Auf dem Titelkupfer der postumen Ausgabe scheint im die Natur zuzurufen, welche Bücher er aus dem Gestell nehmen und exzerpieren soll:
••• Biographie) ist berühmt für seine mikroskopischen Untersuchungen. Im Vorwort wird das Titelkupfer erklärt, das die unter der allesregierenden Vorsicht auf der Erdkugel sitzende Natur vorstellet, welcher der Elephant wie der Schmetterling oder das Grosse wie das Kleine zu machen, gleich viel ist. Die neben ihr stehende Zeichenkunst entschleyert sie immer mehr und mehr, um sie kennbar zu machen. […] Die Büsten am Portal sind die von drey berühmten Naturforscher, welche mit denen Vergrösserungsgläsern die vortreflichsten Beobachtungen angestellt haben, Leeuwenhoeck, Lieberkühn und Schwammerdamm. Auf den Stufen stehen Mikroskope.
••• Die Statue der Diana von Ephesus zwischen den mythologischen Hirschen im Paradies mitten unter den Tieren – als würde es sich um eine Illustration der Genesis in der Bibel handeln – auf einem Titelbild des Systems von(1707–1778). Natura nimmt hier die Position von JHWH ein, der sonst hier abgebildet ist; und anstelle von Adam sitzt der Naturwissenschaftler, der die Wunder der Natur in ein Buch schreibt.
••• Eberts Naturlehre, Erster Band, Troppau: Joseph Georg Traßler 1785 sieht so aus:(1737–1805) schreibt eine Naturlehre für die Jugend (erste Auflage 1775). Der Titel der Ausgabe
•••(1769–1859) hat für das Goethe zugeeignete Exemplar seiner »Ideen zu einer Geographie der Pflanzen« (1807) von Bertel Thorvaldsen eine Vignette zeichnen lassen: Apoll (mit der Lyra; gemeint ist der Dichter) enthüllt die Natura (gemeint ist: mit dessen »Versuch die Metamorphose der Pflanzen zu erklären« von 1790; vgl. die Inschrift auf dem Stein vor der Staute). Die Enthüllungs-Metaphorik erinnert an das Emblem von Boissard und an das Titelbild von G. Blaes (oben):
••• Rätselhaft bleibt zunächst, warum(?–1654) sein Buch über Mechanik mit dem Bild der Natura ziert, die mechanische Werkzeuge (Messlatte, Zirkel und Winkelmaß) in der Hand hält:
Die Erklärung des Kupfertitels besagt dann erhllend (http://www.e-rara.ch/zut/content/pageview/4424522):
••• Das insbesondere der Mineralogie (aber auch Fossilien, aus Stein geschnittenen Kunstwerken u.a.) gewidmete Buch des Universalgelehrten(1541–1593) erschien erst postum 1717. Darin befindet sich dieses Titelbild:
••• Unklar ist die Rolle der vielbrüstigen Figur auf dem Titelbild einer späten Ausgabe des Buchs von(1577–1657; Erstausgabe: De monstrorum causis, natura et differentiis, Padua 1616).
Liceti behandelt in seinem Werk Fehlbildungen v.a. von Menschen (›siamesische Zwillinge‹, auch Mischwesen aus Mensch und Tier). Ist nun das vielbrüstige Wesen ein Fall-von-Monstrosität (medizinsich: Polymastia glandularis) wie die es umgebenden Monstra (obwohl im Buch selbst dann keine solche vielbrüstige Gestalt vorkommt), oder die Natura, vor der der Verfasser den Vorhang hebt?
Die Frage im Hintergrund ist: Sind teratologische Abweichungen da und dort vorkommende Spiele der Natur, oder entstehen sie aus einer Verletzung des Naturgesetzes (z.Bsp. durch menschliche Sünde, oder weil es Gott beliebt, die natürliche Ordnung mitunter ausser Kraft zu setzen, um die Menschen zu warnen), oder haben sie physiologische Ursachen (Umwelteinflüsse, Versehzauber)?
Bei Emblema XLII), die Fußstapfen der Natur seien der Wegweiser, die Erfahrung die Brille und das Studium der Schriften die Laterne, die dem Forscher den Verstand öffnet. Er illustriert dies mit einem bebrillten Mann, der mit einer Laterne nächtens den Fußstapfen der Personifikation der Natura folgt. – Auf einem späteren Titelbild zeichnet Matthaeus Merian die Natura dann als Vielbrüstige: Musæum Hermeticum, Omnes Sopho-Spagyricæ Artis Discipulos Fidelissime Erudiens, Quo Pacto summa illa veraque Medicina, qua res omnes, qualemcumque defectum patientes, instaurari possunt […], Francofurti: Jennisius 1625.in der »Atalanta Fugiens« (1618) heißt es (
(1640–1725), das weitaus mehr als nur in unserem Verständnis ›philosophische‹ Begriffe erklärt, steht Natura neben dem strahlenden Apoll prominent unter typischen Wissenschaftlern mit ihren Geräten: der Geograph mit dem Globus; der Physiker mit der Luftpumpe; der Chemiker mit Glaskolben; der Astronom mit Fernrohr und Himmelssphäre; usw.; :
••• Das Lexicon von http://www.enzyklothek.de (unter Marperger). Seit 1741 steht dieses Titelbild am Beginn. Zu erkennen sind nebst der Statue von Natura: Minerva (mit Schild und Helm); Merkur (mit Flügelhelm; er steht für Handel); Diana (nochmals! mit Mond auf der Stirn sowie Köcher und Bogen; sie steht für die Jagd); Saturn (mit Sense; hier als der Gott der Aussaat); daneben Personifikationen anderer Künste, z.B. die Geometrie am Messtisch, die Musik mit Lyra ... – Zu Titelbilden von Enzyklopädien hier mehr.(1656–1730) erscheint von 1712 bis 1792 siebzehn Mal; vgl die Dokumention bei
Auf dieses Bildprogramm hat aufmerksam gemacht Andrea Goesch (1996), Kapitel 7 = S. 169–218.
(1754-1806?) zeigt auf seinem Kupfer (1795/96) La Liberté et l’Egalité unies par la Nature. Die Gleichheit (mit der Setzwaage in der Hand) und die Freiheit (mit Revolutionshut und Keule) reichen sich die Hand vor der Statue der Natur, die (anstelle des vor-revolutionären Gottes; als Sachwalterin einer ›ré-génération‹) den Altar beherrscht.
Gelegentlich wird die Statue der Artemis von Ephesos abgebildet, um dem Bild das Kolorit der Antike zu vermitteln.
•••s Roman »Assenat« – basierend auf der biblischen Josefsgeschichte – spielt in Ägypten. Gleich zu Beginn beschreibt der Erzähler, dass die Bewohner von Memfis verängstigt sind und zu den falschen und leblosen Abgöttern beten, unter anderem zu Isis – die sonst im Roman keine Rolle mehr spielt. Das Standbild der Isis/Diana erscheint auf dem Frontispiz:
Zesen erläutert die Isis ausführlich in seinen Kurzbündigen Anmärkungen; hieraus S.371:
Der Hinweis auf Athanasii Kircheri E Soc. Iesv, Oedipvs Aegyptiacvs (1652ff.) zeigt auch, wo der Kupferstecher die Vorlagen für das Frontispiz entnommen hat:
••• http://www.zeno.org/nid/20005315433 – Im Druck von 1708 befindet sich ein Kupfer (Rauchmüller inv. et del. / Sandrart fecit), auf dem der Selbstmord Cleopatras mit den Giftschlangen dargestellt ist; im Hintergrund die Staute der Isis/Diana. Bei der umfassenden Bildung des Verfassers und seines Umfelds muss man sich vorstellen, dass das eine Anspielung auf den Isis-Kult in Ägypten ist.s (1635–1683) Trauerspiel »Cleopatra« wurde 1661 uraufgeführt; er hat es 1680 umgearbeitet. Text >
Benjamin Hederich, Gründliches mythologisches Lexikon. Leipzig 1770, Sp. 905–916 im Artikel »Diana«: http://www.zeno.org/nid/20002801760 (weitere Lexikon-Artikel – z.B. bei Roscher, im Neuen Pauly – werden nicht eigens aufgeführt.)
Hermann Thiersch, Artemis Ephesia. Eine archäologische Untersuchung, Teil I [mehr nicht erschienen?] Berlin: Weidmann 1935 (Abhandlungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen; philologisch-historische Klasse. Folge 3; Nr. 12).
Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, Bern 1948, 6. Auflage 1967, Kapitel 6 = S. 116–137: Göttin Natura.
Wolfgang Kemp, Natura. Ikonographische Studien zur Geschichte und Verbreitung einer Allegorie, Diss. Tübingen 1973.
Robert Fleischer, Artemis von Ephesos und verwandte Kultstatuen aus Anatolien und Syrien, Leiden: Brill 1973 (Etudes préliminaires aux religions orientales dans l’Empire romain 35).
Gérard Seiterle: Artemis – die große Göttin von Ephesos. In: Antike Welt. Jahrgang 10, Heft 3, 1979, S. 6–16.
Andrea Goesch, Diana Ephesia. Ikonographische Studien zur Allegorie der Natur in der Kunst vom 16.–19. Jahrhundert, Frankfurt am Main: Lang 1996 (Europäische Hochschulschriften. Reihe 28 Kunstgeschichte; Band 253). [269 Textseiten + 174 Bilder]
Mechthild Modersohn, Natura als Göttin im Mittelalter. Ikonographische Studien zu Darstellungen der personifizierten Natur, Berlin: Akademie Verlag 1997.
Sarah Morris, The prehistoric background of Artemis Ephesia: A solution to the enigma of her ‘breasts’? In: Ulrike Muss (Hg.): Der Kosmos der Artemis von Ephesos. Österreichisches Archäologisches Institut, Wien 2001, S. 135–150.
Gabriele Nick, Die Artemis von Ephesos // Dieter Zeller: Brüste oder Hoden, in: Nicole Birkle / Robert Fleischer (Hgg), Macellum. Culinaria Archaeologica Robert Fleischer zum 60. Geburtstag, Mainz, im Jänner 2001, S. ##–##.
Walter Wiebe, Gedanken eines Mediziners zum Brustschmuck der Artemis von Ephesos. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen 23, 2004, S. 69–123.
Hartmut Böhme, Apostelgeschichte 19,23–20,1. Artemis Ephesia, christliche Idolen-Kritik und Wiederkehr der Göttin, in: Steffen Martus / Andrea Polaschegg (Hgg.) Das Buch der Bücher – gelesen: Lesarten der Bibel in den Wissenschaften und Künsten, Bern u.a.: Peter Lang, 2006, S. 361–394.
Marjatta Nielsen, Diana Efesia Multimammie, in: Tobias Fischer-Hansen [et al.], From Artemis to Diana. The goddess of man and beast, Copenhagen: Museum Tusculanum Press 2009, pp. 455–496.
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Online gestellt von P.Michel im Dezember 2016