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Humanisierung der Arbeit
Lisa Lippuner
Freude an der Arbeit empfindet der Arbeiter, wenn er seine Arbeit unter möglichst optimalen Bedingungen ausführen kann. Unsere Bedürfnisse und Bedingungen, die wir an die Arbeit stellen, sind sehr individuell und multidimensional. Wir stellen Bedingungen an die technische Seite unserer Arbeit. Anderseits haben wir Bedürfnisse bezüglich des zwischenmenschlichen Arbeitens. Und auf einer dritten Ebene haben wir Ansprüche für eine persönliche, eigene Leistung, die wir in unserer Arbeit einbringen dürfen.
Wer arbeitet, wünscht sich dazu möglichst gute äussere Bedingungen. Als humanen Arbeitsprozess empfindet er, wo dieser optimal gestaltet ist. Wer arbeitet, wünscht sich zwischenmenschliche Kommunikation, Erfolgserlebnisse und Selbstentfaltungsmöglichkeiten. Der Arbeiter empfindet den Arbeitszusammenhang human, wo er Arbeitskollegen findet, zu denen er Vertrauen hat. Dazu gehört ebenso eine Arbeitsgruppe, mit der er sich solidarisieren kann und ein Arbeitsziel, das er mitbestimmen kann, sowie eine Arbeitsaufgabe, in der er sich verwirklichen kann. Somit gibt es Bedürfnisse hinsichtlich einer äusseren und inneren Humanisierung der Arbeitswelt.
Die innere Humanisierung ist eine zwischenmenschliche Leistung. Sie beruht auf personalen und sozialen Lernschritten und spielt bei der Emotionalität der Beteiligten eine zentrale Rolle. Die äussere Humanisierung ist rational durchführbar und kann verordnet werden. (Sahm, 1976, S.11)
Bereits die Geschichte der Rationalisierung stellte man als einen fortschreitenden Prozess der Humanisierung dar. Mit der Humanisierung der Arbeit soll eine Verminderung der Reibungswiderstände im Produktionsprozess und auf eine bessere psychologische Befriedigung des Betriebs erreicht werden. (Kern, 1979, S.201)
Die Verhütung von Berufskrankheiten, der Abbau von Belastung durch Lärm, Gefahrenstoffe, u.a., die psychischen und physischen Über- und Unterforderung zu reduzieren und menschengerechtere Arbeitstechnologien zu entwickeln, bildeten den grössten Förderschwerpunkt. Eine verbesserte Arbeitsqualität und die persönliche Entfaltung am Arbeitsplatz standen ebenso im Vordergrund. (Universal Lexikon, 2015, S.1)
Gegenstand und Definition: Humanisierung der Arbeit
Zum Begriff der „Humanisierung der Arbeit“ gibt es bis heute noch keine allgemein anerkannte wissenschaftliche Definition. (Böhme, 1977, S.112)
Unter Humanisierung der Arbeit versteht man viele verschiedene Massnahmen bezüglich der Arbeitsbedingungen. Das Umfeld des arbeitenden Menschen soll menschengerechter gestaltet werden und die persönliche Unversehrtheit gewährleisten. Weiter soll die individuelle Freiheit vermehrt angenommen werden und die allgemeine Lebensqualität somit gesteigert werden.
Mit der Humanisierung werden von den Betroffenen verschiedene Interessen getragen. Der Staat zum Beispiel möchte die Anzahl Arbeitsunfälle durch präventive Massnahmen senken. Ebenso ist der Staat daran interessiert durch die Humanisierung eine ständige Modernisierung der Volkswirtschaft erlangen, die Folgeprobleme des Arbeitsmarktes bewältigen und die Arbeitskräfte entsprechen qualifizieren. Die Gewerkschaften sind daran interessiert die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Das heisst Belastungen abbauen, verbesserte Qualifikationsmöglichkeiten und Entlohnung sowie verstärkte Mitbestimmung. Die Arbeitgeber sind besonders an der Wirtschaftlichkeit an neuen Formen der Arbeitsorganisation und –Struktur interessiert, sowie an neuen Methoden der Personalplanung und Führungsstils. (Universal Lexikon, 2015, S.1)
Bereits die Entwicklung der ersten Stufe der Globalisierung führte zu einer umfassenden Revolution des Arbeitsverständnisses. Die traditionelle Deutung der Arbeit war, dass durch die Arbeit der Mensch die Möglichkeit hatte die Natur für humane Zwecke zu transformieren. Diese Transformationen waren durch die agrarischen und handwerklichen Technologien möglich, welche sich bis zum Mittelalter herausgebildet hatten. (Böhle, Günter Voss & Wachtler, 2010, S. 103)
Von 1920 bis 1960, im fordistischen Jahrhundert bedeutete Humanisierung der Arbeit, dass alle Konzepte und betrieblichen Praktiken verbunden werden, die bei der Organisation oder der Gestaltung der Arbeit und Arbeitsräume auf Überlegungen abgestützt waren, inwiefern die Arbeits(-umwelt) an den Menschen angepasst werden kann. (Uhl, 2014, S.11)
Während des Fordismus in den USA fand eine spezifische Ausprägung kapitalistischer Vergesellschaftung statt. Die Arbeit erlebte dabei eine deutliche Ausdifferenzierung gegenüber anderen Lebensbereichen. Dies bedeutet, dass eine klare Trennung zwischen Arbeitsbereich und Privatbereich gemacht wurde, sowie zwischen Arbeitszeit und Freizeit, Arbeit und Nicht-Arbeit. (Böhle, Günter Voss & Wachtler, 2010,S. 132) Noch vor dem Fordismus, im Taylorismus, wurde eine Arbeitsteilung vorgenommen. Diese Arbeitsteilung teilte die Arbeit zum Beispiel zu „Kopfarbeit“ und „Handarbeit“. (Böhle, Günter Voss & Wachtler, 2010, S.37)
Ab Mitte der 1960er Jahre gewann das Thema der Humanisierung in den Gewerkschaften zunehmend an Gewicht. 1974 fand die Deutsche Gewerkschaftsbund-Konferenz statt. Es wurde beschlossen, dass nicht nur die Fragen der Arbeitsorganisation, Arbeitszeit und Entlohnung, sondern auch die Humanisierung des Mensch-Maschine-Systems eine zentrale Aufgabe der gewerkschaftlichen Arbeit sein sollte. Die Humanisierungsforschung sollte somit ausgeweitet werden. Schon früh bekam die Funktion dieser Forschung jedoch Kritik: Die eigentlichen Ziele der Humanisierung seien zu Nebenzielen der Massnahmen zur Produktivitätssteigerung geworden, aufgrund einer zu geringen Arbeitnehmerbeteiligung. (Böhle, Günter Voss & Wachtler, 2010, S.244-245)
Humanität und Wirtschaftlichkeit sind zwei untrennbare Ziele. In unserer Gesellschaft ist eine Beachtung nur eines dieser Ziele nicht mehr möglich. Die Gesellschaft muss diese Dualität der Ziele in unserer heutigen Arbeitswelt bewusst und verteidigt werden. Die Dualität von Humanität und Wirtschaftlichkeit ist eine Voraussetzung dafür, dass gesellschaftspolitische Ziele des marktwirtschaftlichen Systems erfüllt werden können. Aus diesem Grund muss sichergestellt werden, dass die Arbeit innerhalb der Fähigkeitsgrenzen dessen liegt, der die Arbeit ausführt. Das Ziel der Arbeitswissenschaft soll der Einsatz der Arbeitenden unter Berücksichtigung ihrer natürlichen Grenzen und die vollständige Ausschöpfung seiner Fähigkeiten sein. (Böhme, 1977, S.113)
Bezüglich der Humanisierung der Arbeit gibt es positive sowie negative Aspekte. Der Metallverarbeitende Betrieb hat häufige Arbeiten durch Roboter vereinfacht und somit gesundheitsschädliche und wirtschaftliche Aspekte berücksichtigt. Dadurch, dass gewisse Arbeiten nicht mehr durch den Menschen erfolgen, gab es jedoch auch viele Entlassungen. Man hat flexible Arbeitszeiten eingeführt, damit die Arbeiter seine Freizeit und Arbeitszeit frei nach ihren eigenen Bedürfnissen gestalten können.
Ein weiteres Beispiel sind die Pflegeroboter in Japan. Es wurden bereits Pflegeroboter eingesetzt um den Mangel an Pflegepersonal zu vermindern und die Kosten zu senken. Aufgrund unterschiedlichen Faktoren erreicht die Bevölkerung stetig ein höheres Alter. Das Pflegepersonal fehlt und nimmt viele Kosten in Anspruch. Die Pflegeroboter sollen zum Beispiel Transfers oder Mobilisation der Patienten ausführen. Diese Transfers oder Mobilisation sind nicht immer einfach für das Pflegepersonal zu bewältigen. Sie benötigen viel Kraft und Geschick.
Der zwischenmenschliche Kontakt wird durch die Roboter jedoch nicht ersetzt. Die Frage, ob diese Pflegeroboter ethisch vertretbar sind ist sehr umstritten. (DIE WELT WIRTSCHAFT, 2015)
Schluss: Berufliche Interventionsmöglichkeiten
Die Humanisierung der Arbeit soll bis ins heutige Arbeitsleben nicht an Bedeutung verlieren. Auch wenn die Sicherung der Arbeitsplätze im Vordergrund steht, soll doch die Humanisierung der Arbeit angestrebt werden. Denn nur mit dieser Bestrebung entfalten sich die menschlichen Fähigkeiten besser und der beste Nutzen für alle Beteiligten kann daraus gezogen werden. (Böhme, 1977, S.113)
In allen Bereichen sind wir in unserer Arbeit gefordert, da wir stetig dem Hochleistungsprinzip entsprechen wollen. Unsere Arbeitgeber fordern Profit, starke Leistungen und grosse Produktivität von den Arbeitnehmern.
Die Humanisierung der Arbeit hat sich bislang auf die industrielle Arbeit und die Angestelltenarbeit in der Verwaltung fixiert. Die Humanisierung der Arbeit in der personenbezogenen Dienstleistungsarbeit wurde bislang noch kaum berücksichtigt. Die interaktive Arbeit, wie zum Beispiel Pflegen und Betreuen, Verkaufen, Lehren und Therapieren ist bei den Überlegungen der Humanisierung der Arbeit zu kurz gekommen. (Dunkel, 2004, S.1)
In der Pflege gibt es bereits das Konzept der Kinästhetik, welches rückenschonende Arbeiten fordert. Dieses Konzept gibt zum Beispiel klare Anweisungen wie man sich bei einer Mobilisation bewegen soll, um den Rücken nicht zu belasten und somit einen Rückenschaden vermeiden kann. Ebenso werden heutzutage in jeder Ausbildung zur Pflegefachfrau gewisse Gesprächsmodelle behandelt, die das Arbeiten mit Menschen stützen soll. Dieses in der Einleitung erwähnte zwischenmenschliche Handeln, dass die innere Humanisierung darstellt, erhielt bis jetzt wenig Beachtung.
Die „Interaktion“ zwischen mindestens zweier Menschen orientiert sich wechselseitig aneinander an dem was sie tun. Eine „Interaktion“ ist insofern etwas Alltägliches und kommt nicht nur im Erwerbsalltag vor. Aufgrund dieser Alltäglichkeit wäre es möglich, dass die Interaktion bis heute im Hintergrund geblieben ist, sofern es um das Verständnis der Arbeit mit Bezug zur Belastung geht. Bislang wurde unter Arbeit der Umgang mit materiellen oder auch immateriellen „Objekten“ verstanden. Bei der Interaktion geht es aber um den Umgang mit „Subjekten“. (Dunkel, 2004, S.1-2)
Literaturverzeichnis
Universal Lexikon. (2012). [Elektronische Version]. Humanisierung der Arbeit. Abgerufen am
Sahm, A. (1976). Humanisierung der Arbeitswelt. Freiburg im Breisgaus: Verlag Herder KG
Uhl, K. (2014). Humane Rationalisierung?. Bielefeld: transcript Verlag
Kern, H. (1979). Kampf um Arbeitsbedingungen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag
Böhle, F., Günter Voss, G. & Wachtler, G. (Hrsg.) (2010). Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften
Böhme, O.J. (1977). [Elektronische Version] Humanisierung der Arbeitswelt und neue Arbeitsformen : Teil I. Der Taylorismus als ökonomischer Störfaktor. Gewerkschaftliche Rundschau: Vierteljahresschrift des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, (4), 111-118.
Abgerufen am 13.10.2015 von retro.seals.ch/cntmng?pid=grs-002:1977:69::408
Dunkel, W. (2004). [Elektronische Version] Auch die Arbeit am Menschen braucht Humanisierung. Mitbestimmung, (12), 1-4. Abgerufen am 13.10.2015 von www.arbeitundleben.de
DIE WELT WIRTSCHAFT. (2015). [Elektronische Version] Roboter pflegen Alte billiger – und unmenschlicher. Abgerufen am 13.10.2015 von