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Ein unterbrochener Dialog
In Buchhandlungen muss man einige Schritte gehen, um ein Werk der Philosophie und Literatur aus dem Regal ziehen zu können. Doch spiegelt sich in diesen Schritten eine Distanz in der Sache? Nicht einfach zu bewältigen scheint doch die Aufgabe, die Werke von Murdoch oder Camus, Eco oder de Beauvoir einzusortieren.
Jedoch ist das Gespräch zwischen Philosophie und Literatur ist zum Erliegen gekommen. In der klassischen Antike oder der Goethezeit gehörte dieses Zwiegespräch indessen zum intellektuellen Selbstverständnis von Philosoph:innen und Literat:innen. Sicherlich, nicht immer war der Dialog zwischen Philosophie und Literatur spannungslos; Hegels Tiraden gegen die Romantiker oder Aristophanes' Verballhornung des Sokrates' sind Legion. Doch ist diese Spannung Ausdruck einer Nähe, die sich in veritablen intellektuellen Auseinandersetzungen niederschlagen kann, die beiderseits für fruchtbar gehalten werden. Dieses Selbstverständnis trägt das Projekt "Philosophie+Literatur", dessen Ziel es ist, den unterbrochenen Dialog zwischen Philosoph:innen und Literat:innen erneut zu initiieren.
Philosophische Distanz
Ein Schlaglicht auf die gegenwärtige Lage aufseiten der Philosophie wirft eine Episode aus dem Jahre 1992. Es erging der Vorschlag, dem Philosophen Jacques Derrida möge die Ehrendoktorwürde der ebenso ehrwürdigen Universität Cambridge verliehen werden. Die Verhinderung dieser Ehrung bezweckend, unterzeichnete eine Gruppe von Fachphilosoph:innen einen, in der ebenfalls ehrwürdigen Times publizierten, öffentlichen Brief. Es werden unter Anderem folgende Gründe vorgebracht: einerseits sei die universitäre Wirkung von Derridas Werk schwergewichtig nicht in der Philosophie, sondern z.B. den Literaturwissenschaften zu verorten; andererseits zeige sein Schrifttum Verwandtschaft mit Dadaismus und konkreter Poesie. Die unterzeichnenden Philosoph:innen halten diese Gründe bezeichnenderweise für sprechend – und zwar sprechend gegen eine Ehrung von Derrida als Philosophen.
Der offene Brief erreichte sein Ziel übrigens nicht. Und doch manifestiert sich in demselben ein gegenwärtig verbreitetes philosophisches Selbstverständnis, das die Ordnung der Buchhandlungen untermauert. Zum Kern dieses philosophischen Selbstverständnisses gehört nämlich die dezidierte Abgrenzung der Philosophie von Literatur und Poesie; ihr entgegen wird eine Nähe zu den sogenannt exakten Wissenschaften reklamiert.
Nun ist kaum bestreitbar, dass Bereiche philosophischer Forschung eine Nähe zu den exakten Wissenschaften tatsächlich aufweisen und -wiesen. Ob eine Ferne zur Literatur aber mit Recht in den Rang eines Merkmals von Philosophie erhoben wird, ist damit nicht entschieden. Im Gegenteil scheint einiges gegen eine Distanzierung von Philosophie und Literatur zu sprechen. Autor:innen in Literatur und Philosophie sind der Arbeit am Ausdruck von und der Verständigung über menschliche und gesellschaftliche Selbstverständnisse verpflichtet. In dieser Gemeinsamkeit liegt das Versprechen eines Gesprächs, das gegenwärtig kaum stattfindet.
Essays als Dialogzunder
Im Zentrum des Projekts Philosophie+Literatur stehen 14 Auseinandersetzungen zwischen einer primär literarisch tätigen und einer primär philosophisch tätigen Person. Diese Gespräche müssen allerdings erst aufgenommen werden, wofür Zunder erforderlich ist. In unserem Projekt liefern Essays von einem:r Teilnehmenden Aktivierungsenergie für die Kettenreaktion, die ein gelungenes Gespräch darstellt. Dabei ist dessen Form keinesfalls vorgegeben, sondern soll gleichfalls in der Auseinandersetzung zwischen Literatur und Philosophie so gesucht und gefunden werden, dass sie von beiden Parteien als gewinn- und erkenntnisbringend eingeschätzt wird. Philosophie und Literatur soll so die Gelegenheit gegeben werden, das verstummte Zwiegespräch wieder aufzunehmen.
Dazu soll zunächst im Rahmen einer offenen Ausschreibung (Email an die Mitglieder des AdS und der Philosophie-Mitarbeiter der Schweizer Universitäten) ein Kandidatenfeld mit Themenvorschlägen eruiert werden, woraus dann eine Jury passende Paare auswählt. Abwechselnd werden dann der philosophische oder literarische Part dieser Paare angeschrieben und um einen Essay gebeten, zum Autorenhonorar der AdS. Die andere Seite wird dann um eine Reaktion angefragt, die den ersten Essay als Anlass, aber nicht als Frage auffasst, die einer Beantwortung bedarf. Literat:innen sollen ihren »philosophischsten« Text liefern, Philosoph:innen ihren »literarischsten«. Die Resultate werden auf dem Portal veröffentlicht, natürlich mit Kommentarfunktion. Eine paritätisch zusammengesetzte Jury bildet sich eine Meinung über die essayistischen Dialoge und präsentiert die von ihr getroffene Auswahl, mit Kommentar, im Rahmen der philExpo22, ohne dabei aber »Gewinner« und »Verlierer« zu benennen.