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Eigentlich wollte Reto Brun Erfinder werden. Als kleiner Junge hatte er immer alles "cheibs" gebastelt: einen Kerzenlöscher für den Christbaum oder Feuerwerksraketen, die am Nachthimmel farbige Funken versprühten. Bis er etwas enttäuscht feststellen musste, dass Erfinder kein Beruf ist, mit dem man sich seine Brötchen verdienen kann. Brun studiert in den späten 1960er-Jahren Biologie an der Universität Basel, er möchte eine Doktorarbeit verfassen und wird bei Rudolf Geigy, dem damaligen Direktor des Schweizerischen Tropeninstituts, vorstellig. Dieser schlägt dem 22-Jährigen vor, in Ostafrika Insektenflagellaten (Geisseltierchen) in Schmeissfliegen zu untersuchen. Die Ähnlichkeit dieser Lebewesen mit den Trypanosomen, den Erregern der Afrikanischen Schlafkrankheit, ist frappant. "Die Vorstellung nach Afrika zur reisen hat mich zumindest nicht abgeschreckt", sagt Brun mit ruhiger Stimme.
Eine Geisseltierchen-Zucht
Das Ende der Welt hat einen Namen: Tororo, Uganda. Ein Zentrum zur Erforschung der Afrikanischen Schlafkrankheit. Reto Brun fängt Fliegen, seziert deren Därme und untersucht sie auf Infektionen mit den Flagellaten. Und er entwickelt neue Nährmedien, um diese Flagellaten unter Laborbedingungen zu züchten. "Das grosse Problem war, dass man für die Zucht solcher Geisseltierchen unter sterilen Bedingungen arbeiten musste", erinnert sich Brun. Sein Erfindergeist ist gefordert. Er bastelt eine Box, in der eine UV-Lampe brennt und in der er seine Objekte manipulieren kann bis ihm die Augen schmerzen. Die Geisseltierchen entwickeln sich rasant und Brun treibt seine Experimente weiter. Später sollte es ihm auch gelingen, sterile Fliegen zu züchten, um diese wiederum mit den Flagellaten zu infizieren.
Neue Medikamente gegen die Afrikanische Schlafkrankheit
Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Dissertation und einem Postdoktorat an der University of California, Irvine, landet Brun wieder am Schweizerischen Tropeninstitut. Und er tut, was er am liebsten tut: neue Nährmedien für verschiedene Formen des Schlafkrankheits-Erregers zu entwickeln. Seine 1979 publizierte Arbeit zur Kultivierung von Trypanosoma brucei steht laut dem Web of Science an dritter Stelle der am meist zitiertesten Arbeiten seit 1900. Diese und andere Arbeiten legen den Grundstein für den Erfolg des Swiss TPH bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen die Schlafkrankheit und Malaria.
Der vielversprechendste neue Wirkstoff gegen erstere heisst Fexinidazol. Das Molekül stammt aus der Substanzbibliothek der Drug for Neglected Diseases initiative (DNDi), einer der drei Grossen "Public Private Partnerships" in Genf. Forschende am Swiss TPH beweisen seine Wirksamkeit in Tiermodellen und klinischen Studien im Kongo. Der grosse Vorteil: Fexinidazol kann als Tablette eingenommen werden und ist für den Patienten unbedenklich. "Fexinidazol wird die Eliminierung dieser schrecklichen Krankheit beschleunigen", sagt der 71-Jährige Brun. Die Marktzulassung des Wirkstoffes ist noch dieses Jahr zu erwarten.
Auf die Frage, ob er stolz sei, massgeblich an einem neuen Medikament gegen diese jahrhundertealte Geissel beteiligt gewesen zu sein, winkt Reto Brun ab. Der vielzitierte Wissenschaftler ist nicht jemand, der sich mit seinen Leistungen brüstet. "Für Erfolge ist man ja nie alleine verantwortlich. Gerade die Entwicklung neuer Medikamente ist Teamwork."
Netzwerke der Partnerschaft
Bereits in den 1980er-Jahren regt Reto Brun die Zusammenarbeit mit afrikanischen Partnerinstitutionen an. Zusammen mit Organisationen in Uganda und Kenia ist Reto Brun bei der Gründung des "Eastern Africa Network for Trypanosomiasis" (EANETT) massgeblich beteiligt. Das Netzwerk will die Schlafkrankheit unter Kontrolle bringen und die Ausbildung junger afrikanischer Forscher fördern. Heute ist das EANETT in der DNDi aufgegangen. "Zu Beginn meiner Karriere habe ich immer gesagt, dass ich bei der Entwicklung neuer Medikamente gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten massgeblich beteiligt sein möchte", sagt Brun. Dieses Ziel hat er hinlänglich erreicht.