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Es geht um Verständigung. Um Sprechweisen. Um Mitteilung und um das Ringen nach wirklichem Mitteilen. Um ein Erahnen dessen, was sich beim vermeintlichen Gespräch über Inhalte verbergen kann – und um die unfreiwillig damit verbundene Komik.
Ausgangsfragen:
Wie kann ich für Sprechchor schreiben, ohne in die gängigen Klischées des rhythmisierten Sprechens zu verfallen?
Was ist zu unternehmen, damit ein Redefluss wachrüttelt und nicht einschläfert?
Wie entsteht eine reduzierte Musik, die in die Sprache verweist und wie klingt ein musikalisches Sprechen?
Es ist davon auszugehen, dass sich nur ein Teil menschlicher Verständigung auf den Inhalt dessen bezieht, worüber man vermeintlich zu sprechen glaubt. Nur ein Teil des Gesprächs zwischen Menschen, die miteinander reden, bezieht sich auf den aktuellen Inhalt. Es ist anzunehmen, dass dies in den meisten Fällen der kleinere Teil ist. Der grössere und eigentlichere dürfte sich um Anerkennung, um Fragen des Gehörtwerdens oder Ähnliches drehen. Wer dies nicht in irgendeiner Weise stotternd zu formulieren versucht, ergiesst sich vielleicht in Wortschwällen, nichtssagenden Phrasen oder erklärenden Schilderungen, die nicht enden wollen. Der eigentliche Subtext aber scheint ein anderer zu sein.
In ‚nah / hautnah‘ habe ich versucht, mich dem Themenkreis der Verständigung zu stellen. Während die Sprache durch Mittel wie vorschneller oder allzulanger Repetitionen die angesprochenen Inhalte bedroht, durch das Fehlen von Konsonanten (der Härte, dem Salz) oder durch Überlagerungen etc. vordergründig schwieriger verständlich erscheint, wird der Blick frei auf Dahinterliegendes, beginnt Bekanntes zu schwingen, resonniert.
Den gegenteiligen Weg gehen die an sich musikalischen Materialien wie Tonhöhen, Rhythmen oder die Instrumentenbehandlung: die Musik wird so körperhaft konkret gehandhabt, dass sie das ästhetisch Schöne und Vielgestaltige vordergründig verliert mit dem Ziel, dass sich Text und Musik berühren, überlagern und gegenseitig weiterspinnen, um ein Klima unmittelbaren Wahrnehmens zu erzeugen. Die beiden Solistinnen stehen im Brennpunkt all dieser Verfahren, indem sie sie individualisieren und zuspitzen.
Trotz der Verständlichkeit sinntragender Elemente wie Silben etc. ereignet sich das Eigentliche in ‚nah / hautnah‘ im Erspüren von dem, was ‚zwischen den Zeilen zu lesen‘ ist, von Subtexten, die sich durch die Sprechweisen ergeben. ‚nah / hautnah‘ ist ein Stück, das die Nähe zwischen Musik und Sprechen, den Grenzbereich zwischen Austausch und Raunen zum Thema macht, gerade dort, wo das Wort nur noch schwach hinkommt und die Musik schon begonnen hat.
Das Werk nach Texten von Sarah Kirsch, Sappho, Stefan Buri, Michel Serres und Hans Magnus Enzensberger gleicht einem lyrischen ‚Hör-Spiel‘ und ist geschrieben für den Kammersprechchor Zürich, die Solistinnen Martina Fausch (Sopran) und Martina Schucan (Violoncello) sowie das ‚ensemble für neue musik zürich‘. Das Stück entstand als Auftrag der Stiftung Pro Helvetia zum 50-Jahr-Jubiläum des Kammersprechchors Zürich.
Felix Baumann