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Werner Seitz
Der Berner Politologe Werner Seitz hat im Auftrag dieser Zeitung die Wahlergebnisse analysiert. Der Vergleich zurück bis ins Jahr 1980 zeigt interessante Veränderungen auf – bei den Stadtteilen und Parteien
Die fünf Stadtkreise – die Innenstadt wird nicht berücksichtigt – lassen sich auf Grund der Ergebnisse der jüngsten Stadtratswahlen in zwei Typen unterteilen: in Stadtkreise mit einer Dominanz von SP und GB und in Stadtkreise mit einer Dominanz der bürgerlichen Parteien. Rotgrün dominiert sind die Länggasse, der Mattenhof und der Breitenrain. Die Bürgerlichen sind im Kirchenfeld und in Bümpliz recht stark, wobei im Kirchenfeld die FDP stärkste bürgerliche Kraft ist, in Bümpliz die SVP.
In der Länggasse, dem Mattenhof und dem Breitenrain kommt die SP zusammen mit dem GB und den kleinen rotgrünen Parteien auf fast 50 Prozent aller Stimmen. Die liberal-grüne Mitte besetzt 15 bzw. 16 Prozent, sodass den Bürgerlichen gerade noch rund 30 Prozent bleiben und den kleinen Rechtsparteien rund 5 Prozent. In diesen drei Quartieren verfügen also die ehemaligen RGM-Parteien über eine solide Mehrheit von rund zwei Dritteln aller Wählerstimmen.
Vergleichen wir diese aktuellen Wahlergebnisse mit denjenigen von 1980, so sind das GB und die kleinen rotgrünen Parteien die klaren Gewinner. Sie steigerten ihren Wähleranteil in diesen Stadtkreisen um 8 bis 11 Prozentpunkte. Alle anderen Parteigruppen sind dagegen schwächer geworden, die SP um rund 3 Punkte und die bürgerlichen und Rechtsparteien zusammen um 6 bis 8 Punkte.
Anders verhält es sich im Kirchenfeld. Hier verfügen die bürgerlichen Parteien über 42 Prozent, wobei die FDP mit 27 Prozent die Hegemonie ausübt. Die SP, das GB und die kleinen rotgrünen Parteien finden hier nur unterdurchschnittlich Anklang: Gerade 25 bzw. 12 Prozent der Wählenden gaben ihnen ihre Stimme, was für die SP den niedrigsten Wert darstellt. Dagegen kann die GFL das Kirchenfeld als eine ihrer Hochburg wähnen; zusammen mit der EVP brachte sie es auf eine Parteienstärke von 17 Prozent.
Im Vergleich zu den Wahlen von 1980 haben im Kirchenfeld SP, GB und die kleinen rotgrünen Parteien 11 Punkte zugelegt, und auch die GFL, die Nachfolgerin des Jungen Bern, steigerte sich leicht von 11 auf 13 Prozent. Grosse Verliererinnen sind die bürgerlichen Parteien, vor allem die FDP, welche 1980 noch über stolze 33 Prozent verfügte, 2004 noch über 27 Prozent.
Linksrutsch (fast) überall
Der einzige Stadtteil, in dem die Bürgerlichen mit den kleinen Rechtsparteien über eine absolute Mehrheit verfügen, ist Bümpliz. Anders als im Kirchenfeld dominiert hier die SVP mit 22 Prozent. Zusammen mit 12 Prozent der kleinen Rechtsparteien kommt dieses rechte Segment gar auf einen Drittel aller Wählerstimmen.
Unterdurchschnittlich sind dagegen in Bümpliz die Stärken aller anderenParteien: die FDP brachte es bei den jüngsten Wahlen auf 13 Prozent, die liberalgrüne Mitte auf 10 Prozent und das GB mit den kleinen rotgrünen Parteien auf 7 Prozent. Dies sind für alle die schlechtesten Ergebnisse. Bei der SP stellen die 32 Prozent das zweitschlechteste Ergebnis dar; schwächer ist sie nur noch im Kirchenfeld.
Zeichnete sich die parteipolitische Veränderung seit 1980 in allen Stadtkreisen durch einen Linksrutsch aus, so ist dies in Bümpliz nicht der Fall. Hier brach die SP um 13 Punkte ein, die kleinen rotgrünen Parteien verbesserten sich nur um 2 Punkte. Dagegen steigerten sich die SVP um 10 Punkte und die kleinen Rechtsparteien um 5 Punkte. Die ehemalige Hochburg der SP wurde zur Hochburg der (Rechts-)Bürgerlichen. Der Westen Berns hat sich also in den vergangenen Jahrzehnten vom allgemeinen Linkstrend der Stadt abgekoppelt und sich nach rechts abgesetzt.
Hinter dieser Veränderung der Parteienlandschaft stehen drei Prozesse: das Aufkommen der Grünen, welche sowohl der SP wie den Bürgerlichen Stimmen abnahmen, der Wandel der SP von einer Arbeiter- zu einer linken Mittelschichtspartei sowie das Einschwenken der SVP auf einen dezidierten Rechtskurs. Den Preis für diesen Wandel bezahlte namentlich die SP mit dem Verlust ihrer Hegemonie in Bümpliz, für den sie allerdings mit Stimmengewinnen im Kirchenfeld entschädigt wurde.
SP und Bürgerliche verlieren
Die Entwicklung der Parteien in der Stadt Bern seit 1980:
Die SP: Bei den jüngsten Wahlen brach die SP im Vergleich zu 2000 um 5 Prozentpunkte ein und erzielte mit 29 Prozent das schlechteste Wahlergebnis seit 1992. Dieser Einbruch erfolgte flächendeckend in allen Stadtkreisen. Die SP bleibt jedoch überall mit rund 30 Prozent die stärkste Partei, ausser im Kirchenfeld, wo sie wieder hinter die FDP zurückgefallen ist.
Die kleinen rotgrünen Parteien: GB, Ja, GP, PdA: Das GB steigerte sich bei den jüngsten Wahlen zusammen mit den kleinen rotgrünen Parteien um 4 Punkte und erreichte mit 15 Prozent das beste Ergebnis seit 1980. In sämtlichen Stadtkreisen vermochten sie sich zu verbessern; in ihren Hochburgen Breitenrain und Länggasse weisen sie eine Parteienstärke von 20 bzw. 19 Prozent aus. Unterdurchschnittlich stark sind diese Parteien mit 12 Prozent im Kirchenfeld und, vor allem, in Bümpliz, wo sie nur gerade 7 Prozent der Stimmen erhielten.
Die liberale-grüne Mitte: GFL, EVP: Als eigentliche Wahlsiegerin gilt – trotz dem knappen Scheitern bei den Gemeinderatswahlen – die GFL, welche ihre Parteistärke von 6 auf 12 Prozent verdoppelte. Zusammen mit der EVP ist die GFL gleich stark wie das GB und die kleinen rotgrünen Parteien (15 Prozent). In den Stadtkreisen Länggasse, Mattenhof und Kirchenfeld verfügen GFL und EVP über 17 Prozent Wähleranteile, etwas schwächer sind sie im Breitenrain (15 Prozent) und im Westen (10 Prozent).
FDP, SVP, CVP: Die bürgerlichen Parteien waren mit 35 Prozent Wählerstimmen um 3 Punkte schwächer als bei den letzten Wahlen. Dieser Rückgang ist vor allem auf Verluste der FDP zurückzuführen, welche in sämtlichen Stadtkreisen rund 3 Punkte einbüsste. Ihre Parteistärke bewegt sich nun zwischen 13 und 16 Prozent. Im Kirchenfeld aber wurde sie, trotz Verlusten, mit 27 Prozent wieder zur stärksten Partei. Die SVP verzeichnete ebenfalls in sämtlichen Stadtkreisen leichte Verluste, ausser in Bümpliz, wo sie mit 22 Prozent ihren Vorsprung als klar stärkste Partei im bürgerlichen Lager ausbauen konnte. Die CVP hielt sich auf ihrem bisherigen Niveau von rund 4 Prozent.
Die kleinen Rechtsparteien (SD, ARP, EDU): Bei den jüngsten Wahlen erzielten die kleinen Rechtsparteien zusammen mit 6 Prozent ihr schlechtestes Wahlergebnis seit 1980. Verluste verzeichneten sie in sämtlichen Stadtkreisen, auch in Bümpliz, wo sie mit 12 Prozent Wähleranteilen ihre höchste Parteienstärke erreichten.
Der Autor ist Politologe und
leitet im Bundesamt für Statistik die Sektion «Politik, Kultur, Medien».