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Die Organisation des menschlichen Miteinanders hat Gemeinschaften und Gesellschaften seit jeher beschäftigt, mitunter zusammengeführt – aber auch tief gespalten. Der intellektuelle Streit setzte meist bereits anlässlich der präsentierten Modelle des Zusammenlebens ein: In Buch V der «Politeia» Platons zeichnet Sokrates seinen idealen Staat und diskutiert ihn mit Adeimantos, Glaukon und Thrasymachos. Später haben sich Thomas Morus («Utopia»), Tommaso Campanella («Der Sonnenstaat») und Francis Bacon («Nova Atlantis») mit dem Thema befasst – ihre Werke allesamt utopische Würfe, die für die politische Philosophie wegweisend waren, aber auch stets umstritten.
Klar ist: Von der Utopie des «besten Staatswesens» auf der kleinen Insel «Bensalem» in Bacons fiktivem «Neu-Atlantis» bis zur Verfasstheit der Nationalstaaten unserer Zeit – und ihnen sogar auf globaler Ebene übergeordneter Institutionen – ist es ein weiter Weg. Und die Dimensionen, in denen Staatlichkeit heute gedacht wird, hätten wohl selbst die Fantasie eines Thomas Morus nachhaltig herausgefordert, schliesslich war es nicht die glückliche Wiederentdeckung einer lange «untergegangenen heilen Welt», die einer neuen, globalen Weltordnung Bahn brach, sondern die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges und der Kriegseintritt der USA. Seit dem Sieg über den Nationalsozialismus stellten sich die Vereinigten Staaten folgende Frage: Wie sollte das bei weitem mächtigste Land der Welt die eigenen Interessen wahren können und gleichzeitig Verantwortung übernehmen?
Die Antwort darauf war die Pax Americana, zumindest für den Rest des Jahrhunderts: Ein Netz aus globalen Organisationen wie Weltbank, Internationalem Währungsfonds (IWF), Welthandelsorganisation (WTO), der Nato und den Vereinten Nationen (UNO) sollte – indirekt oder direkt geführt oder beeinflusst, weil finanziert durch die USA – für Stabilität zwischen den Nationen sorgen. Dank Bretton Woods wurde sogar der US-Dollar zur weltweiten Reservewährung mit allen entsprechenden Vorteilen, noch wichtiger für die Akzeptanz dieser Ordnung scheint in der Rückschau aber ironischerweise der Kommunismus: Die Vorteile der unter US-Schutz florierenden «freien Welt» gegenüber der UdSSR waren einfach so augenfällig, dass die grossen westlichen Bündnisse des Machterhalts kaum in Frage gestellt wurden.
Die Erfindung der Soft Power
Das sollte sich in den 1990er Jahren ändern. Mit der Implosion des kommunistischen Systems begann auch die Erosion der amerikanischen Vormachtstellung. Der vergesellschaftende Antikommunismus der vorigen fünfzig Jahre verlor seinen Reiz und damit die USA ihre bis dahin «natürlich» erscheinende Dominanz. Geschwächt durch die vielen Wunden des Vietnam- und des ersten Irakkriegs, auch durch die damit verbundenen enormen Kosten, stand Amerika plötzlich «nackt» da – was sollte nun die Pax Americana weiter rechtfertigen?
«Die Europäische Union und ihre Vorläufer, die aus diesem Idealismus hervorgingen, kümmerten sich dabei zunächst um ökonomische Fragen, bescherten dem Kontinent aber auch politisch eine lange Phase des Friedens und der Prosperität.»
Spätestens mit dem Ende des zweiten Irakkriegs änderten die Amerikaner ihre aussenpolitische Strategie und verlagerten sich auf sogenannte Soft Power durch Überzeugen, Überreden und «zum Nachdenken anregen». In der Theorie des Stichwortgebers Joseph Nye1 klang das noch sehr schön – in der Praxis aber hiess es für kleine und mittlere Staaten, dass sie die Entscheide der grösseren, die allesamt immer stärker um ihre Vormachtstellung besorgt (und engagiert) waren, entweder mittragen mussten oder auf «schwarzen Listen» landeten, die sie dann tatsächlich «überredeten», der Übernahme neuer Regeln zuungunsten der eigenen Situation doch zuzustimmen.
Anschauungsunterricht, wie «Soft Power» hard facts zur Folge haben kann, gab und gibt es vonseiten der G20 und der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) regelmässig – die Regeln der Macht in diesen Institutionen sind und bleiben offensichtlich. Für kleine Nationen kann «Soft Power» also sehr gefährlich sein, weil es bis heute keine Gerichtsbarkeit gibt, die für auf diesem Wege durchgebrachte, krass benachteiligende Massnahmen angerufen werden und korrigierend eingreifen könnte. Um die oft ganz handfesten und meist wirtschaftlichen Motive…