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1995 hätte das Jahr des endgültigen Durchbruchs für japanische Animes im Westen werden sollen. Um das zu bewerkstelligen, wurde zum ersten Mal ein Anime in Japan, den USA und England gleichzeitig veröffentlicht. Die Massnahme schlug fehl.
Während der Film in seinem Heimatland zum Gassenfeger wurde, interessierten sich in den USA und England nur ein paar Nerds für den Streifen von Mamoru Oshii. Der Name des Werkes: «Ghost in the Shell».
Was war schief gelaufen?
Der Film, der auf den Ideen des legendären Zeichners Masamune Shirow basiert, erhielt brilliante Kritiken. Sein Look sei einmalig, der Soundtrack stimmig. Das «Deutsche Filmlexikon» schwärmt von «philosophischen Dialogen» und einem «meditativen Erzählstil». So weit so gut. Dass «Ghost in the Shell» im Westen zu Beginn floppte, hat trotzdem seine Gründe.
Es handelt sich dabei nicht um einen klassischen Plot-Film, keinen klassischen «Held kriegt Problem, Held löst Problem»-Film. Diese Elemente existieren zwar, sie werden aber vom fast allmächtigen philosophischen Überbau des Films dominiert. Und dieser beschäftigt sich mit Fragen ganz existenzieller Natur – mit Fragen der Identität.
Was ist die Seele? Was sind Erinnerungen? Sind Fantasie und virtuelle Ereignisse als Realität zu akzeptieren? Was passiert, wenn eine künstliche Intelligenz ein Bewusstsein entwickelt? Wie unterscheidet sich dieses von der menschlichen Seele?
«Ghost in the Shell» (1995) erdreistete sich, den Zuschauer unaufhörlich mit schwierigen Fragen zu konfrontieren und am Ende ohne Antworten wieder nach Hause zu schicken. Das war zu viel für das amerikanische Massenpublikum.
Und so wurde Oshiis Werk erst später in den Videotheken zum Geheimtipp. 2008 sicherte sich Steven Spielberg mit seinem Studio DreamWorks die Rechte an der Realverfilmung. Und diese kommt nun am 30. März ins Kino.
Um es vorweg zu nehmen: «Ghost in the Shell» ist auch in der Realversion von 2017 ein ausgesprochen interessanter Film:
Der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Filmen besteht in der Gewichtung des philosophischen Überbaus. «Ghost in the Shell» (2017) ist im Gegenteil zu seinem Vorgänger kein Film, der vom Konzept getrieben wird. Der Realfilm ist ein Plot-Film.
Der Zuschauer wird zwar weiterhin mit den Fragen zur Identitätsfindung konfrontiert, Regisseur Rupert Sanders («Snow White and the Huntsman») liefert aber auch Antworten. Diese sind zwar nicht immer besonders überraschend, eignen sich aber gleichzeitig als dankbaren Plot, der im Original komplett fehlt. Die – typisch Masamune Shirow – nur schemenhaft erklärten politischen Verhältnisse im Jahre 2029 lässt der Brite bewusst weg.
Dass Sanders die Story simplifiziert und die schwierigen ungelösten Fragen etwas zurück stellt, ist nicht nur schlecht. Der Film wird leichter verdaulich und somit einer breiteren Masse zugänglich gemacht – auch wenn «Die Hard»-Fans Verrat am Original-Konzept beanstanden und Gift und Galle speien werden.
Aber das werden sie sowieso. Denn der Realfilm ist so etwas wie ein Best-of der vielen Spin-offs, die seit 1995 im «Ghost in the Shell»-Dunstkreis erschienen sind. Dass die Rosinenpickerei ohne Rücksicht auf allfällige storytechnischen Ungereimtheiten geschieht, wird den alten Fans ebenfalls nicht gefallen.
Die eigentliche Leistung des Realfilms ist es, die schwer verdaulichen philosophischen Fragen an einem leicht süsslichen Plot zu servieren. Dadurch wird «Ghost in the Shell» für Feinschmecker zwar etwas uninteressanter, für den Mainstream ist er allerdings jetzt geniessbar – und Fast Food ist er bei weitem noch immer nicht. «Ghost in the Shell» ist auch im Jahre 2017 noch immer mehr «Matrix» als «Captain America».
Noch ein Wort zur Besetzung von Major Motoko Kusanagi (Scarlett Johansson): hier handelt es sich um einen klaren Fall von Hollywood-Rassismus, einen klaren Fall von «Whitewashing». Dass dies auch in diesem Film passiert, ist deshalb etwas tragisch, weil «Ghost in the Shell» nicht mit der Besetzung der Hauptrolle steht oder fällt. Dieser Film ist grösser als seine Hauptrolle.
Gerade als Fan des Animes wäre es ein Einfaches gewesen, den Realfilm kaputt zu kritisieren. Ehrlicherweise muss man aber gestehen, dass trotz des Rassismus-Fauxpas und des Dumbing-Down-Effekts ein wirklich interessanter Film entstanden ist. Und das spricht wiederum für die Vorlage. Oder eben doch auch für die Umsetzung. Oder beides. Ich an deiner Stelle würde auf jeden Fall wieder einmal ins Kino gehen.