Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03423.jsonl.gz/286

12 Mai Böses, das Böse
„Die Schicksalsanalyse nimmt an, dass hinter dem Bösen und Guten die gleiche Substanz steht; sie nennt die Substanz (Stoff, Materie?) einfach das ‚Epileptoide‘. Das Gute wie das Böse gründen demnach auf einer identischen Substanz.
Das Epileptoid hat – nach der Schicksalsanalyse – folgende Funktionen:
- Es bedingt im vegetativen und seelischen Leben die Periodizität und die Phasenbildung;
- Die gleiche Substanz kann – nach jeweiliger Umweltsituation – einmal als das Böse und ein anderes Mal als das Gute erscheinen;
- Das Epileptoid als Substanz verursacht die anfallsartige Erscheinungsform aller Regungen, die den Menschen im Affektleben und in der Motorik ‚anfallen‘ können;
- Das Epileptoid macht demnach die Affekte scharf, es reizt sie an und erbittert sie, kurz, es gibt den Affekten einen paroxysmalen Charakter;
- Es bedingt bösartige, affektive Explosionen, Ausbrüche in Handlungen, durch Wut und Hass, Zorn und Rache, Neid und Eifersucht, von deren Affekt-Energie das Epileptoid sich nährt;
- Das Epileptoid belastet den Menschen mit Schuld- und Strafangst, mit Selbstbestrafung, Selbstzerfleischung und Gewissensbissen;
- Es zwingt den Menschen dadurch zur Wiedergutmachung aller bösen Gesinnungen und Taten. Somit wandelt sich das Böse zum Guten. [Achtung: Szondi beschreibt auf Se. 162 der Triebentmischten die zweite Möglichkeit: „Ohne den Drang einer Wiedergutmachung einer bösen Tat, ist die Aggression nicht paroxysmal, (d.h. also!) affekt-bedingt. Szondi geht aber auf dies ausserkainitische Erscheinungsform des Bösen nicht weiter ein¨.
- Die Selbstbestrafung durch das Gewissen kann aber sowohl zu seelischen wie auch zu somatischen Erkrankungen führen: auf seelischem Gebiet z.B. zur Hypochondrie, Todesangst, Tötungsphobie, auf dem Sprachgebiet zum Stottern, Poltern und auch zu andersartigen Neurosen. Auf dem somatischen Gebiet: zur Allergie, Heuschnupfen, Ekzem, Migräne, Asthma und – last but not least – in der Motorik zu psychomotroischen, tonicoklonischen Krämpfen, zu Epilepsien;
- Die krankhaften religiösen Ekstasen können ebenfalls die Folgen der Wiedergutmachungstendenz sein und tragen eine anfallsartige Note (siehe Dostojewski).“
Quelle: Szondi, Leopold: Die Triebentmischten, Verlag Hans Huber 1980, S. 188f.