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Völliger Blödsinn! – So in etwa würde ich Complete Nonsense im Titel übersetzen. Als Ausruf, halb verärgtert, halb amüsiert hervorgestossen. Meine Ausgabe (mit einer Einführung von Quentin Blake und den – nachträglich von Richard Beards handkolorierten – Originalzeichnungen des Autors. London: Folio Society, 82013) enthält alle Nonsense-Bücher des Autors, als da sind: A Book of Nonsense (1846); Nonsense Songs, Stories, Botany and Alphabets (1871); More Nonsense Pictures, Rhymes, Botany, etc. (1872); Laughable Lyrics: A Fourth Book of Nonsense Poems, Songs, Botany, Music, etc. (1877); Nonsense Songs and Stories (1895).
Dass ich Nonsense nicht mit dem „Unsinn“ übersetzen will, hängt damit zusammen, dass sich das Wort „Unsinn“ durch seine Negation als gegen einen „Sinn“ gerichtete Option darstellt, „Blödsinn“ (oder, was ich auch hätte wählen können, „Quatsch“) eine – allerdings nicht existenzialistisch angehauchte! – Sinnlosigkeit suggeriert. Es ist mutatis mutandis derselbe Unterschied wie zwischen unmoralischem und amoralischem Verhalten. Die mir bekannten deutschen Übersetzungen behalten denn auch den englischen Begriff Nonsense bei.
Edward Lears Nonsense-Verse werden meist in Zusammenhang mit den Nonsense-Gedichten von Lewis Caroll genannt. Das tut beiden Unrecht und weckt Erwartungen an Lear, die dieser nicht erfüllen kann noch will. Caroll spielt mit der Sprache und schreibt tatsächlich „Unsinn“, also gegen jedweden Sinn Gerichtetes. Caroll entzieht sich einer Interpretation durch den Leser, indem er sich hinter Kunstwörtern versteckt, die einen mehrfachen oder auch gar keinen Sinn haben können. Literarisch gesehen ist Caroll der Vater von James Joyce. Lear entzieht sich einer Interpretation durch den Leser, weil seine Verse so simpel sind. Sie erinnern an Kinderverse und -lieder, an die Art und Weise, wie Kinder mit der Sprache spielen: indem sie lautmalerisch gleich oder ähnlich lautende Wörter aneinander reihen. Der einzige Sinn dahinter ist ein phonetischer. Lears berühmte Limericks sind im Grunde genommen gar keine. Bei einem Limerick erwarten wir, dass die fünfte und letzte Zeile eines Verses eine Pointe enthält. Bei Lear sitzt die Pointe, wenn überhaupt, in der vierten Zeile; die fünfte wiederholt, manchmal leicht variiert, die erste und ist mehr eine beruhigende Ausleitung denn eine explodierende Pointen-Bombe. Mit Gedichten wie The Owl and the Pussycat oder Nonsense-Stories wie The Storie of the Four Little Children who went around the World und The History of the Seven Families of the Lake Pipple-Popple ist Lear aber seinerseits literarischer Vater – nämlich von T. S. Eliots Practical Cats. (Und damit Grossvater von Andres Lloyd Webbers Musical Cats.)
Da Lear seine Gedichte und Geschichten häufig gleich selber illustrierte, liegt dem deutschsprachigen Leser ein Vergleich mit Wilhelm Busch nahe. Allerdings ist Lears Zeichenstil ein völlig anderer und – vor allem! – ist Lear nirgends auch nur halb so zynisch wie Busch, auch wenn seine Geschichten ebenfalls oft mit dem Tod der Protagonisten enden. Man kann, wenn man will, in Lears Werk, in der sinnfreien Koppelung von Begriffen, eine Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen im England von Queen Victoria sehen. Aber, falls sie überhaupt vorhanden ist, ist diese Kritik sehr, sehr leise. Das Vergnügen an für einmal von allem Sinn befreiter Lektüre kann sie einem nicht nehmen.