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Schon ist er wieder in aller Munde: der Marshall-Plan, der nach dem Zweiten Weltkrieg mithalf, Europa aus dem wirtschaftlichen Elend zu befreien. Unlängst hat Frank-Walter Steinmeier, SPD-Fraktionschef im Deutschen Bundestag, davon gesprochen: «Der EU-Marshall-Plan für den Maghreb gehört auf die Tagesordnung.»
Gegen die allgemeine Stossrichtung von Steinmeiers Vorschlag ist nichts einzuwenden. Natürlich muss die EU versuchen, die demokratischen Bewegungen in Nordafrika mit wirtschaftlichen Massnahmen zu unterstützen. Aber die Unterschiede zwischen der Lage Westeuropas nach dem Zweiten Weltkrieg und der gegenwärtigen Situation sind so gross, dass eine Wiederauflage des Marshall-Plans wenig Sinn macht. Westeuropa litt unter den Folgen des Krieges, aber hatte robuste wirtschaftliche Strukturen. Was es brauchte, war eine Art Anschubfinanzierung.
Deswegen waren die Summen, die aus Washington über den Atlantik flossen, relativ bescheiden. Die USA zahlten über vier Jahre hinweg insgesamt 12,4 Milliarden Dollar an 16 europäische Länder, während das US-Bruttoinlandprodukt 1947 rund 250 Milliarden Dollar betrug. Das heisst, im Schnitt zahlten die USA 3,1 Milliarden Dollar pro Jahr, was etwas mehr als einem Prozent des BIP entsprach – nicht besonders viel. Das Wunder des Marshall-Plans von 1947/48 bestand eben gerade darin, dass er mit einer bescheidenen Summe eine überraschend grosse Hebelwirkung erzeugte.
In Nordafrika ist die wirtschaftliche Lage viel dramatischer als in Europa nach 1945. Es gibt keine Wirtschaft, deren Motor man mit ein paar Milliarden Euro wieder in Gang bringen könnte. Es braucht grundlegende wirtschaftliche Reformen. Nordafrika sollte sich nicht an Europa, sondern an Asien orientieren, denn im Osten hat man gezeigt, wie durch geschickte Reformen die wirtschaftlichen Kräfte des Landes geweckt werden können. Es braucht einen Deng-Xiaoping-Plan, keinen Marshall-Plan.« Zur Übersicht