Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03553.jsonl.gz/1697

Die international bekannte Buchreihe „Edition d’Or“ zählt mit diesem am 18. Mai 2022 bei der Ausstellung HELVETIA 2022 in Lugano vorgestellten neuen Band bereits das 62. (!) Werk, das ebenso wie alle Vorgänger einer wahrlich exzeptionellen Sammlung gewidmet ist. Der Argentinier Pablo Reim (*1955) ist Südamerika-Philatelisten gut bekannt, denn bereits seine früheren Argentinien- und Altbrasilien-Exponate zählten zu den Ausnahmesammlungen, wie man sie kaum einmal sieht. Reims Großvater mütterlicherseits stammte aus Stuttgart, Pablo Reim lebte selbst längere Zeit als Kind in São Paulo/Brasilien, so dass sich sein Interesse für brasilianische Dom Pedro-Ausgaben oder die „Ochsenaugen“, Brasiliens erste Markenausgabe, leicht erklären lässt. 2011 stellte er erstmals in Cordoba/Argentinien seine „Corrientes“-Sammlung aus, die auf Anhieb Großgold gewann und zum „Ausstellungs-Champion“ gekürt wurde. Ein Jahr später gab es erneut Großgold bei der INDONESIA 2012 in Jakarta. Und bei der diesjährigen LONDON 2022 erreichte sie einmal mehr Großgold und einen Ehrenpreis.
Wo aber liegt Corrientes? Corrientes war eine Provinz der Argentinischen Konföderation, später der Argentinischen Republik. Wer einen Blick in den MICHEL-Katalog wirft, dem werden die Preisnotierungen für die bis 1880 an den Postschaltern damals verfügbaren Marken nicht sonderlich hoch erscheinen. Also kein „schwieriges“ Sammelgebiet? So leicht kann man sich täuschen, wenn man erst einmal in die Tiefe geht. Denn dann hat Corrientes so manches zu bieten, was einem philatelistischen Connaisseur mit der Zunge schnalzen lässt. Breits Reims dreisprachige (dt./engl./span.) Einführung in das Sammelgebiet macht dies deutlich und erklärt, wie und warum diese den französischen CERES-Marken so ähnlichen Briefmarken entstanden sind, wer alles seine Finger mit im Spiel hatte, welche Portostufen und -perioden jeweils galten und wie die Briefmarkenbogen gedruckt wurden. Corrientes hatte Mitte der 1850er-Jahre nur etwa 70.000 Einwohner. Verständlich, dass frankierte Post alles andere als Massenware ist.
In der Sammlung stellt Pablo Reim chronologisch geordnet die einzelnen markenausgaben vor. Die Un Real M. C. auf blauem Papier (1856), die Provisorische Ausgabe (3 Cents) auf blauem Papier mit amtlichen Federzeug (1860), die (3 Cent) ohne Wertschild auf blauem Papier (1860), dito die 2 Cent ohne Wertschild auf gelb-grünem Papier (1864) sowie auf blau-grünem (1865) und 2 Cent/3 Cent ohne Wertschild auf gelbem Papier (1867), gefolgt von der 3 Cent ohne Wertschild auf dunkelblauem Papier (1871) und den 3 Cent-Ausgaben ohne Wertschild auf fünf verschiedenen andersfarbigen Papieren. Der fiskalischen Verwendung der Marken 1879/80 sowie den Nachdrucken von 1877/80 gelten weitere Betrachtungen und Dokumentationen.
Spätestens an dieser Stelle des 161-Seiten-Buches wird dem Leser deutlich, wie komplex und alles andere als einfach eine Spezialisierung dieser Marken ist. Denn es sind eben die „Spezialitäten“, mit denen die Pablo Reim-Sammlung aufwarten kann. Zum Beispiel mit einem ungebrauchten 8er-Block der Un Real von 1856, von denen es überhaupt nur drei heute noch gibt oder das einzige bekannte Kehrdruck-Paar derselben Marke. Reim gelang es, sieben Typen der ersten Ausgabe auf Briefen zu belegen, auch verschiedene Federstrichentwertungen und Stempel, Marken mit Zwischensteg, seltene Destinationen und größte Einheiten auf Brief. Das „Feuerwerk“ der Besonderheiten und kleinen wie großen Raritäten entfacht er bei jeder der oben genannten Ausgaben. Nicht selten liest man davon, dass ein Brief jeweils mit der größten bekannten Einheit frankiert ist oder nur wenige Briefe überhaupt in einer Portophasenzeit bekannt sind. Komplette Druckbögen wechseln mit Teilbögen ab, als ob diese häufig seien – was sie aber nicht sind.
Um es kurz zu sagen: Dieses Buch gehört in die Hand eines jeden Sammlers, der sich einmal mit diesem Gebiet näher auseinandersetzen will. Denn es bietet weit mehr an Information und Anschauungsmaterial als jeder Katalog, selbst jeder Spezialkatalog. Es ist eine unerlässliche Hilfe, dieses Sammelgebiet in seiner Vielfalt besser zu verstehen und einzuschätzen. Perfekt gestaltet und hervorragend – wie alle Bände dieser Buchreihe – produziert.
— Wolfgang Maaßen (AIJP)
172 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, in Englisch und Deutsch