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Auffällig oft gab es vergangenes Jahr vom Anthropozän zu lesen, zu hören und zu sehen. In zahlreichen Artikel, Dokumentationen und Ausstellungen etabliert sich der Begriff allmählich als Nachfolger des Holozäns. Weit über die Wissenschaft hinaus erlangt die Benennung Popularität, um den Menschen als wichtigsten Einflussfaktor auf die geologischen, biologischen und atmosphärischen Prozesse zu benennen. Unser Wirken auf dem Planeten Erde als neue, geochronologische Epoche, die ihre Spuren hinterlassen wird.
Seit Beginn des Jahrhunderts bauen Wissenschaftler um den Niederländer Paul J. Crutzen den Begriff kontinuierlich aus. Obschon die entsprechenden Gremien das `neue` Zeitalter bisher nicht bestätigt haben, verdichten sich die Grundlagen der Befürworter zunehmend. Die Entscheidung könnte voraussichtlich auf dem 35. Internationalen Geologischen Kongress im Spätsommer 2016 in Kapstadt fallen. Die Experten streiten sich noch um Definitionsfragen und den exakten Beginn des Anthropozäns.
Der Mensch formt die Erde
Wann der Mensch mit dem tiefgreifenden Umbau der Erde angefangen hat, darüber gehen die Meinungen weit auseinander. Einige sehen den Entwicklungsschritt in die Neusteinzeit als Auslöser, als Siedler begannen, Land urbar zu machen, und die ersten Völker ihre frühen Zivilisationen begründeten. Andere hingegen favorisieren die Industrialisierung als Startpunkt für den Epochenwechsel. Grösster Konsens besteht momentan jedoch zum Zeitpunkt nach dem zweiten Weltkrieg, als entfesselter Industrialismus und hunderte von Atombombentests die Erde endgültig zu verändern begannen. Denn geologisch lassen sich diese Ereignisse deutlich nachweisen.
Radioaktives Material (Plutonium 239) lässt sich weltweit bereits als Ablagerung in Sedimenten nachweisen, enorme Mengen von Stickstoff und Phosphor für die industrielle Landwirtschaft dringen tief, beeinflussen Wasserqualität und beschleunigen die Versauerung der Meere. Bergwerke fördern pro Jahr 57 Milliarden Tonnen Material aus der Tiefe an die Oberfläche. Jährlich werden 300 Millionen Tonnen Kunststoff erzeugt, davon landet einiges an Abfall in den Gewässern. Der Mensch verantwortet fortschreitendes Artensterben, Artenverschleppung, Übernutzung zur Verfügung stehender Ressourcen, Abschmelzen der Polkappen, Anstieg der Meeresspiegel, Ozonloch, hoch konzentrierte Treibhausgase – die Liste lässt sich scheinbar endlos fortführen. Die Menschheit kratzt nicht nur an der Oberfläche der Natur, sondern verändert sie tief greifend, global und langfristig.
Das Anthropozän fordert Verantwortung
Crutzen und seinen Mitstreitern geht es nicht um ein hübsches Modewort, um die geschaffene Realität wissenschaftlich zu legitimieren. Sie wollen das Bild eines in das System Erde integrierten Menschen fördern.
"Nature as we know it is a concept that belongs to the past. No longer a force separate and ambivalent to human activity, nature is neither an obstacle nor a harmonious other. It`s humanity that forms nature and inscribes itself into the geological record on a planetary scale.” - Haus der Kulturen der Welt
Der Mensch als integraler Bestandteil der Natur, der im eigens geschaffenen Zeitalter zum Hüter und Bewahrer des Erdsystems heranreifen muss… Auf dieses Weltbild nimmt jedoch auch die Kritik Bezug. Das Anthropozän vermittle keine alternativen Gestaltungskräfte auf der Erde, was zwangsläufig in einem Zivilisationsmodell gründe, welches von Machbarkeits- und Perfektibilitätswahn geprägt wäre. Tatsächlich sehen Crutzen und Co. den Menschen, seiner unzähligen Eingriffe in die Umwelt wegen, längst als Akteur und Bestandteil des Erdsystems. Die Natur würde in dieser Logik zur grünen Infrastruktur, Urwälder zu Erholungsgebieten und CO2-Speicher, polare Gebiete zu Klimaanlagen oder Mangrovenwälder und Korallenriffe bilden die Infrastruktur des Küstenschutzes. Der Mensch könnte mit dem Übertritt ins Anthropozän die Verantwortung über das Fortbestehen der Stoffwechselkreisläufe erhalten – er würde zum Umweltmanager der Erde. Sind wir mit unserem noch immer lückenhaften Verständnis der Ökosysteme bereit für so viel Verantwortung? Oder sollten wir uns um eine alternative Definition des Begriffs bemühen?