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Zitat:
Der Ernährer der Welt
Soja, Zucker, Rindfleisch: Niemand exportiert so viele Agrarprodukte wie Brasilien. Das Land ist reicher und mächtiger als je zuvor. Gleichzeitig werden viele Brasilianer immer noch nicht satt
Von Ralf Südhoff
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Der fünftgrößte Staat der Erde könnte dauerhaft zum Weltexporteur Nummer eins für Fleisch und Felderträge aller Art werden.
China hat sich zur Werkbank der Welt entwickelt. Indien gilt als das neue Service-Zentrum der Welt. Und Brasilien? Brasilien könnte zum Ernährer der Welt werden, zur »globalen Agrarsupermacht«, wie der ehemalige amerikanische Außenminister Colin Powell vorhersagt. [...]
Bradyrhizobium japonicum nennt sich ein Bakterium, das [Döbereiner] durch Hornbrille und Mikroskop hindurch in einem der leuchtend grünen Blätter entdeckte. Ein Bakterium, mit dem sich das Blattgrün gierig den Stickstoff aus der Luft holt. Und wächst und wächst und wächst.
Die Forscherin brachte die Bakterien mit Sojasamen zusammen und konnte so dieselben Erträge wie bisher erzielen – ohne ein Gramm Dünger zu benutzen. Ein phänomenaler Erfolg: Sie wurde für den Nobelpreis für Chemie nominiert. Bundespräsident von Weizsäcker verlieh ihr 1984 das Verdienstkreuz Ersten Ranges. Nur in Brasilien blieb ihr Werk lange unbeachtet. [...]
Ein breiter Streifen aus rotem Sand verläuft schnurgerade bis zum Horizont. Der Boden ist in der brasilianischen Savanne Cerrado trocken wie Mehl. Trotzdem erstreckt sich links und rechts der Sandpiste, so weit das Auge reicht, ein wundersam grünes Meer aus Soja.
Es ist eine der kleinsten Farmen der Familie Maggi. Die Maggis sind die größten Sojahersteller der Welt. Andre Maggi machte sich einst in den Westen Brasiliens auf, um die Landwirtschaft im staubtrockenen Niemandsland von Mato Grosso zu revolutionieren. Damals, vor 15 Jahren, wuchs dort kein Halm Soja, und seine Konkurrenten hielten den inzwischen verstorbenen Firmengründer für verrückt. Heute nennen sie seinen Sohn Blairo Maggi und den Ziehsohn Pedro Jacyr nur ehrfürchtig »die Sojakönige«. [...]
Brasilien, das Land der Maggis, war schon immer der größte Produzent für Kaffee und Orangensaft. Doch inzwischen verschifft Brasilien jährlich auch Soja im Wert von zehn Milliarden Dollar in alle Welt und ist damit Marktführer. Allein im Jahr 2001 hat sich die Sojaanbaufläche um 50 Prozent erhöht. Außerdem ist Brasilien seit kurzem der weltgrößte Exporteur von Rindfleisch und Hühnern, von Zucker und Biodiesel. Und ob Baumwolle, Tabak oder Mais, einfach alles, was Wurzeln hat, wächst in diesem Land – und die Ausfuhren wachsen mit: Seit dem Jahr 2000 stiegen die Agrarexporte jährlich um durchschnittlich 27 Prozent. [...]
Trotz dieser hausgemachten Hürden schickte Brasilien im vergangenen Jahr mehr als 20 Millionen Tonnen Soja übers Meer, schon im Jahr 2015 sollen es 32 Millionen Tonnen sein: Europa verlangt seit dem Ausbruch von BSE nach Tierfutter aus Soja. China produziert aus Soja alles Mögliche, ob Fertiggerichte oder Soßen, Viehtröge oder Kosmetika, und davon immer mehr. Soja ist heute überall, und überall ist die Familie Maggi.
Gründer Andre Maggi machte sich in den achtziger Jahren die Vision und Forschungen Döbereiners zu Eigen. Er ließ in der Steppe eine Sojasaat nach der anderen testen, bis er welche fand, die auf den sandigen Böden wenigstens standen. Den Rest besorgte viel, viel Dünger. Seitdem gibt es kein Halten mehr.
135.000 Hektar mit Soja gehören heute den Maggis, mehr als 100.000 Hektar haben sie zusätzlich gepachtet. Das ist 25-mal die Fläche Berlins. Darauf ernteten sie zuletzt 400.000 Tonnen Soja, und ein Vielfaches davon, mehr als zwei Millionen Tonnen, kaufen sie dazu und verschiffen es ins Ausland. [...]
»Bis zu 20 verschiedene Saaten nutzen wir heute«, mal mit, mal ohne Gentechnik, von Feld zu Feld, von Meter zu Meter angepasst. An die 60 Kilo Soja holt Pedro Jacyr auf diese Weise heute aus einem Hektar Steppe, vor zehn Jahren waren es gut 40 Kilo.
Die Maggis sehen sich trotzdem erst am Anfang. Pedros Bruder Blairo ist inzwischen Gouverneur von Mato Grosso und hat 2003 angekündigt, die Agrarfläche im Staate verdoppeln zu wollen. Und Mato Grosso allein ist zwar fast zweimal so groß wie Frankreich. Es macht jedoch nur ein Zehntel Brasiliens aus. Für Sojakönig Pedro Jacyr steht fest: »Brasilien hat das Potenzial, die Welt zu ernähren.« [...]
Aber warum? »Wir haben unendlich viel Land, billige Arbeit, ein perfektes Klima und vor allem die beste tropische Agrartechnologie der Welt«, zählt Minister Rodriguez auf. Um noch besser zu werden, hat die Forschungsagentur Embrapa inzwischen ein landesweites Netz von über 8.000 Mitarbeitern gespannt. Das Ergebnis: Brasilien nutzt heute nicht nur rund 40 Prozent mehr Anbaufläche als vor 20 Jahren. Es holt aus dieser Fläche auch 150 Prozent mehr Ernte als früher (siehe Grafik).
Automatisierte Großfazendas, die ihre Größenvorteile für »Economies of Scale« nutzen, tun ihr Übriges: Eine Tonne Zucker produzieren sie für 160 Dollar. In Europa kostet es das Dreifache. Und das Forscherheer der Embrapa ist erst dabei, Döbereiners Wachstumsbeschleuniger von Soja, der jährlich Dünger im Wert von 2,5 Milliarden Dollar ersetzt, auf die Reis- und Zuckerrohrplantagen zu übertragen. [...]
Statt sich zu bescheiden, klagen sie hartnäckig gegen die politischen Schranken des Nordens, der für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus Brasilien Zölle von 150 Prozent und mehr erhebt. Damico & Co. zerren den Amerikaner und Europäer vor das Schiedsgericht der Welthandelsorganisation WTO. Sie klagen und klagen – und bekommen Recht und immer wieder Recht. Bis zum kommenden Mai muss die Europäische Union ihre Zuckersubventionen drastisch reduzieren. Als Nächstes sind die Baumwollsubventionen der USA fällig. Und die Bananenzölle der Europäer. Brasiliens Boom könnte bald neue Nahrung bekommen. [...]
»Wir waren beim Angeln, da trieb plötzlich ein toter Piranha vorbei, und es kamen immer mehr. Wir fuhren ihnen nach, wir fanden schließlich Hunderte toter Fische und Vögel, es nahm kein Ende.«
Bis heute ist das Wasser ungewohnt dunkel im Rio Claro, dem Klaren Fluss. Die Ursache liegt nicht nur für Ele Verte auf der Hand: Das Pantanal liegt in Mato Grosso, dessen trockene Savanne die Maggis und andere mit Supersoja und viel, viel Dünger zu einer riesigen Farm verwandelt haben. »Dann kam der große Regen und hat die Felder überschwemmt«, klagt Ele Verte, »seitdem sind die ganzen Chemikalien im Fluss.« [...]
Ein einmaliger Vorgang? Greenpeace Brasilien beklagt seit langem, dass der Agrarboom die einmaligen Gewässer bedrohe. Und den Regenwald: Allein im Jahr 2004 wurde im Amazonasgebiet von Brasilien die Fläche Belgiens gerodet. Fast die Hälfte davon ging in Mato Grosso verloren. Niemand weiß, durch wen, doch Greenpeace hat sich entschieden und Gouverneur Blairo Maggi die »Goldene Kettensäge« überreicht.
Andere Kritiker halten Brasiliens Agrarboom noch aus einem anderen Grund für nicht nachhaltig. Die internationale Hilfsorganisation Oxfam beispielsweise bemängelt die geringen Sozialstandards auf vielen Kaffeeplantagen. Und Ökonomen verweisen auf die geringe Wertschöpfung von einfachen Agrarprodukten.
Das Zauberwort, mit dem diese Probleme gelöst werden sollen, lautet in der Hauptstadt »Agroindustrie«. Statt Kühen sollen Steaks verschifft werden, statt Bohnen Sojaöl, statt Zucker soll aus Zuckerrohr in großem Stil der Treibstoff Ethanol gewonnen und gemeinsam mit dafür optimierten Automotoren exportiert werden. Mehr Wertschöpfung, mehr Arbeit – dann kann man es sich leisten, mit dem Raubbau aufzuhören, so die Hoffnung. Doch der Weg dahin erscheint noch vage. Um die Agroindustrie zu entwickeln, müsste die Regierung ihre Investitionen in Bildung und Infrastruktur deutlich erhöhen, und nicht nur die OECD fordert, auch Arbeiter und Landlose am Agrarboom zu beteiligen. Noch immer sind die Einkommen in Brasilien so ungleich verteilt wie in kaum einem anderen Land der Welt (siehe Kasten). Eine Landreform und eine »effektive Sozialpolitik« könnten hier nach Ansicht der OECD Abhilfe schaffen. Doch auf diesen Gebieten sind die Felder der Agrarmacht kaum bestellt.
Brasilien wird künftig zweifellos die Welt ernähren. Ob die Brasilianer davon selbst auf Dauer satt werden, steht noch nicht fest.
DIE ZEIT 04.05.2006 Nr.19