Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03304.jsonl.gz/1287

Seit es Geräte zur Tonaufzeichnung gibt, lassen sich auch mündliche Überlieferungen festhalten. Diese Möglichkeit macht sich die Oral History zunutze, um solche Zeitzeugnisse der Geschichtsschreibung zugänglich zu machen. Wie kommt es aber, dass keine Schweizer Männer befragt wurden, weshalb sie 1971 ihre Meinung zum Frauenstimmrecht gewechselt hatten? – Antworten auf diese Frage versucht Andreas Berz (AB) im Interview von Lorenz Rolli (LR) zu geben. Beide arbeiten im Recherchedienst SwissInfoDesk der NB.
LR: 1959 sagten rund zwei Drittel der an der Abstimmung teilnehmenden Männer Nein zur Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts in der Schweiz. 1971 war das Stimmenverhältnis gerade umgekehrt: Rund zwei Drittel der Männer sagten Ja. Weil die beiden Abstimmungen nur 12 Jahre auseinander lagen, kann das gegensätzliche Ergebnis nicht allein mit dem Generationenwechsel erklärt werden. Vielmehr muss eine namhafte Zahl von Männern ihre Meinung zwischen 1959 und 1971 geändert haben. Was hat Männer, die 1959 Nein stimmten, dazu bewogen, ihre Ansicht zu ändern? Gibt es publizierte oder unpublizierte Quellen zu diesem Meinungswandel?
AB: «Diese spannende Frage scheint tatsächlich (noch) kaum erforscht zu sein. Jedenfalls habe ich trotz intensiver Recherchen keine Publikationen dazu gefunden.»
LR: Als Erklärung für diesen Meinungsumschwung wird oft «der Aufbruch von 1968» (Elisabeth Joris) bzw. «die gesellschaftliche Entwicklung der 1960er-Jahre» (Yvonne Schärli) genannt. – Wie beschreiben die vorhandenen Studien diesen Wandel in Bezug auf das Verhältnis der Geschlechter?
AB: «Der Aufbruch in den 1960er Jahren veränderte die Wahrnehmung der Geschlechterbeziehungen: Das Modell der Unterordnung der Frau unter den Mann als Oberhaupt der Familie machte dem Modell der Partnerschaft Platz. Historisch gesehen war dieser Wandel so tiefgreifend und ‘umstürzend’, dass einige Fachleute von einer Kulturrevolution sprechen. Dabei stellte das Ergebnis vom Februar 1971 einen wichtigen Etappensieg dar und war zugleich der Auftakt zu weiteren Schritten (Gleichstellungsartikel in der Verfassung 1981, neues Eherecht 1986 usw.). Die Referendumsabstimmung zu letzterem ist insofern interessant, als dabei die Mehrheit der stimmenden Männer Nein sagten, sie aber von der deutlichen Mehrheit der befürwortenden Frauen überstimmt wurden.
LR: Interessant wäre es zu erfahren, wie die Männer damals diesen Aufbruch erlebt haben. Waren die lebensgeschichtlichen Erinnerungen von Männern rund um die Frage des Frauenstimmrechts denn nicht Gegenstand von Oral-History-Projekten?
AB: «In der Schweiz unterhält der Verein oralhistory.ch ein Netzwerk der Oral History. Er besitzt dadurch einen guten Überblick über abgeschlossene, laufende und geplante Projekte auf diversen Forschungsgebieten, in welchen die Methode des semidirektiv geführten Interviews mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen zur Anwendung kommt. Den Verantwortlichen von oralhistory.ch sind zwar Befragungen von Männern der Generation 59/71, wie ich sie nennen möchte, bekannt, jedoch nicht zur konkreten Frage, weshalb sie ihre Meinung zum Frauenstimmrecht geändert haben.»
LR: Warum ist niemand dem Phänomen nachgegangen, dass viele Schweizer Männer in einer zentralen gesellschaftlichen Frage ihre Meinung geändert haben?
AB: «Wenn ich das wüsste! Die Quellen in der NB geben dazu nichts her, ich kann die Frage also nicht bentworten. Es macht auch keinen Sinn, Spekulationen anzustellen. Es ist wünschenswert, dass Historikerinnen und Historiker diesem Punkt noch vertieft nachgehen, so dass deine Frage künftig beantwortet werden kann.
Dass es keine solchen Aufzeichnungen gibt, dieser Befund sagt etwas über diese Zeit aus: Die späte Einführung des Frauenstimm- und -wahlrechts in der Schweiz ist doppelt schambesetzt: Seit Gründung der modernen Schweiz 1848 haben Regierungen, Parlamente und Gerichte auf Bundes- und Kantonsebene zahlreiche Gelegenheiten ausgelassen, in dieser Frage selbst aktiv zu werden. Darin wird ein eklatantes Führungsversagen der männlichen Eliten sichtbar.
Andererseits gehört es zum Selbstbild des herrschenden Mannes, dass er eine Meinung hat und für diese auch öffentlich eintritt. Als Schwäche ausgelegt wird es ihm dagegen, wenn er seine Meinung ändert. Auch wenn die Männer der Generation 59/71 für ihren Meinungswechel gute Gründe hatten, hängten sie diesen nicht an die grosse Glocke. Schon eher opportun dürfte gewesen sein, so zu tun, als sei man schon immer für das Ja und somit ‘modern’ gewesen. Denn mit einem solchen Bekenntnis war Mann in jenen fortschrittsoptimistischen Zeiten ‘in’.»
Literatur und Quellen
Letzte Änderung 19.10.2022