Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03142.jsonl.gz/1973

Buchtipp
Nächster Tipp: Wenn jeder an sich denkt, ist nicht an alle gedacht
Letzter Tipp: Wespen. Eine Versöhnung
Ich, Adeline
Das Val d’Anniviers ist eines der sieben grossen Quertäler im Wallis: Es zweigt bei Sierre gegen Süden vom Rhonetal ab und teilt sich im oberen Teil in zwei Seitentäler. Den Talabschluss bindet die Bergkette «Grande Couronne» mit Weisshorn, Matterhorn und Dent Blanche. Eine grossartige Kulisse. In diesem Tal hat Adeline Favre (1908–1983) ihr Leben lang als Hebamme gearbeitet. 8000 Kinder hat sie zur Welt gebracht, anfangs in den Häusern der Familien, zuletzt im Spital von Sierre. In diesem Buch erzählt Adeline ihr Leben. Im Zentrum stehen dabei die Verhältnisse, unter denen die Frauen im Val d’Anniviers lebten, arbeiteten, meist viele Kinder gebaren und oft früh starben. Adeline Favre selbst ist als achtes von vierzehn Kindern aufgewachsen. Gegen den Willen ihrer Eltern besuchte sie in Genf die Hebammenschule. Als kaum Zwanzigjährige kehrte sie ins Wallis zurück und arbeitete bis zu ihrer Pensionierung als Hebamme. Immer wieder wehrte sie sich gegen die Traditionen und hinterfragte Sitten und Mythen. Sie hielt die Frauen an, regelmässig zur Kontrolle zu gehen, und bereitete sie in der Mütterberatung auf die «schmerzlose Geburt» vor. Unüblich für damals, zog sie den Arzt bei, wo sie es für notwendig befand. Schritt für Schritt unterlief die Hebamme das traditionelle System und leitete die Frauen im katholischen Tal auch bei der Geburtenkontrolle an. Sie griff früh zu Antibiotika statt Arnika und schockierte die konservativen Männer im Tal, als sie den Führerschein machte und im eigenen Fahrzeug zur Kontrolle aufkreuzte.
Adeline Favre erzählt ihr Leben in einfachen Worten. Beeindruckend selbstverständlich erzählt sie, wie sie sich gegen die Männer im Tal durchsetzte. Beelendend sind ihre Schilderungen vom Leid der Frauen, die aus religiösen Gründen nicht verhüten durften und gezwungen waren, jedes Jahr ein Kind zur Welt zu bringen, bis ihre Körper ausgelaugt waren. Dennoch blieb den Mädchen nichts anders übrig, als früh zu heiraten und sich damit ihrem Mann vollständig zu unterwerfen. In ihrem Vorwort ordnet Susanne Perren die Entwicklung des Hebammenberufs ein und erschliesst ortsunkundigen Lesern die Geschichte des Val d’Anniviers. Ein beeindruckendes Buch.
Adeline Favre: Ich, Adeline, Hebamme aus dem Val d’Anniviers. Erinnerungen. Limmat Verlag, 208 Seiten, 32 Franken; ISBN 978-3-85791-581-9
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-2244065757303
Wenn Sie das Buch lieber digital für Ihren Amazon Kindle beziehen möchten, klicken Sie hier
Eine Übersicht über sämtliche Buchtipps finden Sie hier: https://www.matthiaszehnder.ch/buchtipp/
Abonnieren Sie meinen Newsletter, dann erhalten Sie jede Woche den Hinweis auf das Sachbuch der Woche in Ihre Mailbox geliefert: https://www.matthiaszehnder.ch/abo/