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Heimat und die dortigen sozialen Einrichtungen als das Prototyp des Kastenwesens überhaupt betrachtet hat. Namentlich hat die genauere Durchforschung der alten Sanskritlitteratur einerseits, der Fortschritt der englischen Statistik in Indien anderseits eine Menge neuer Aufschlüsse über das Kastenwesen gebracht, welche ein allgemeineres Interesse beanspruchen können. In der ältesten Periode der indischen Geschichte gab es noch keine eigentlichen Kasten.
Die Brahmanen scheinen sich als Hauspriester angesehener und reicher Adels- und Fürstenfamilien und als alleinige Besitzer des gesamten religiösen und gelehrten Wissens früh zu einer sehr einflußreichen Stellung emporschwangen zu haben, bildeten aber den übrigen Ständen gegenüber noch keine streng in sich abgeschlossene Zunft. Erst in einem der spätesten Lieder des Rigweda findet sich der berühmte Vers, der die Entstehung der vier Hauptkasten aus den verschiedenen Gliedmaßen des Weltgeistes Puruscha schildert und noch in der Gegenwart als die Magna Charta des Brahmanentums betrachtet wird.
Der Brahmane, heißt es hier, war sein Mund;
der Krieger wurde zu seinen Armen;
Schenkel war das, was jetzt Vaisya (Ackerbauer) ist;
aus den Füßen entstand der Sudra.
Sucht man durch den mythologischen Nebel, in den diese Überlieferung den Ursprung des indischen Kastenwesens hüllt, zu dem historischen Kern vorzudringen, so wird man sich die allmähliche Entstehung dieser ständischen Gliederung etwa folgendermaßen vorzustellen haben: Bekanntlich sind die Arier, die herrschende Rasse in Indien und die nahen Stammverwandten der indogermanischen Völker Europas, vom Norden [* 2] her in Indien eingewandert, wo sie die einheimische schwarze Bevölkerung [* 3] teils unterjochten, teils in die Gebirge im Innern des Landes zurücktrieben.
Die jahrhundertelangen Kämpfe, die um den Besitz von Hindostan geführt wurden, begünstigten das Emporkommen eines kriegerischen Adels. Zugleich entwickelten sich aber bei einem so tief religiös angelegten Volke die Brahmanen, welche mit dem wirksamsten Zaubersegen für Schlacht und Krieg bekannt waren, immer mehr zu einem geschlossenen und erblichen Stande. Den beiden privilegierten Klassen der Priester und Krieger stand die Masse des Volkes unter dem Namen der Vaisyas, d. h. der Ackerbau und Gewerbe treibenden Klasse, gegenüber.
Eine ähnliche Rangordnung findet sich in dem Zendavesta der stammverwandten Iranier, wie auch im europäischen Mittelalter die gesamte Bevölkerung in den Lehr-, Wehr- und Nährstand eingeteilt wurde. In Indien stand jedoch unter diesen drei Kasten, welche unter dem Namen der »Zweimalgebornen« oder »Arier« zusammengefaßt wurden, noch eine vierte Kaste der Sklaven oder Diener, Sudras genannt, welche aus den Überresten der unterjochten Urbevölkerung des Landes bestand.
Diese Vierkastenordnung war die älteste Form des indischen Kastenwesens und wurde als der Hauptpfeiler der indischen Staatsverfassung noch in einer viel spätern Epoche festgehalten, welche längst, dem Fortschritt der Kultur und Gesittung gemäß, die Anzahl der Kasten außerordentlich vervielfältigt hatte. Die indischen Gesetzbücher fassen ihrem Standpunkt gemäß, welcher jede Vermischung der Kasten als etwas höchst Sündhaftes betrachtet, die wenig geachteten Kasten der Fischer, Ärzte, Schauspieler, Gaukler etc. als Produkte verbotener Zwischenheiraten unter den vier Hauptkasten auf.
Thatsächlich verdanken diese Kasten ihre Entstehung der Tendenz, jedes besondere Gewerbe in jeder einzelnen Provinz zu einer gesonderten Kaste zu erheben. Der Kastengeist, früh geweckt, hat in Indien immer weiter um sich gegriffen, und noch heute ist die Anzahl der Kasten in steter Zunahme begriffen, wie auch die gegenseitige Abschließung der Stände nicht ab-, sondern zugenommen hat. Ganz geringfügige Abweichungen von der herkömmlichen Art, ein Handwerk zu betreiben, rufen nicht selten neue Kasten ins Leben. So hat ein Teil der Milchmänner diejenigen Berufsgenossen, welche buttern, ohne die Milch vorher aufzukochen, aus der Kaste gestoßen. In Cuttack in Bengalen finden keine Ehen statt zwischen denjenigen Töpfern, welche ihre Töpferscheibe sitzend drehen und kleine Töpfe formen, und jenen, die ihre Scheibe stehend drehen und große Töpfe verfertigen.
Innerhalb der Fischerkaste gibt es eine Unterkaste, welche die Maschen von rechts nach links, und eine andre, welche sie von links nach rechts arbeitet. Aus der Sanskritlitteratur, aus dem Erbrecht und aus den alten Inschriften läßt sich entnehmen, daß Zwischenheiraten selbst unter den Mitgliedern verschiedener Hauptkasten früher, wenn auch verpönt, doch keineswegs selten waren. Heutzutage zerfällt jede einzelne Kaste wieder in eine Menge Unterabteilungen, denen jeder nähere gegenseitige Verkehr untersagt ist. J. ^[John] Wilson, der sich die Darstellung des indischen Kastensystems zu seiner wissenschaftlichen Lebensaufgabe gemacht hatte, kam in zwei Bänden nicht über die Schilderung der verschiedenen Verzweigungen hinaus, in welche die Brahmanenkaste zerfällt (»Indian Caste«, Bombay [* 4] 1877). Der Kastengeist hat sich in Indien sogar stärker als der Islam erwiesen.
Als die Mohammedaner Indien erobert hatten, nahmen sie nach und nach das Kastenwesen selbst an, und es gibt heutzutage in Indien kastenartige Unterschiede unter den Mohammedanern so gut wie unter den brahmanistischen Sekten. Auch die englische Herrschaft hat das Kastenwesen bisher nur wenig gelockert, wenn auch das Zusammentreffen der verschiedensten Kasten in den englischen Schulen, Eisenbahnen und Tramways zur Beseitigung der alten Standesvorurteile erheblich beiträgt.
Die Brahmanen, 13,730,045 Köpfe nach der Volkszählung von 1881, sind keineswegs als eine eigentliche Priesterkaste anzusehen. Schon in alter Zeit griffen sie des Lebensunterhalts wegen zu den verschiedensten Beschäftigungen. Heutzutage huldigt nur ein sehr geringer Prozentsatz der Brahmanen religiösen oder gelehrten Berufen, dagegen sind die verschiedensten andern Rangklassen bei ihnen vertreten, von dem stolzen Radscha bis zu dem halbnackte brahmanischen Bauer von Orissa.
Sehr viele Brahmanen sind Bettler, andre dienen als Sepoys in der englischen Armee oder als Schreiber in englischen Büreaus etc. Obwohl nach außen hin streng abgeschlossen und den Besitz der über die Schulter geschlungenen Brahmanenschnur als ihr ausschließliches Privilegium betrachtend, zerfallen sie doch unter sich in zahlreiche Unterabteilungen, die nicht untereinander heiraten und nicht miteinander speisen dürfen. Hunter, der bekannte englische Statistiker, erzählt, daß er 1869 einen Verbrecher aus der Brahmanenkaste im Kerker traf, der versuchte, sich durch Hunger zu töten, und sich lieber körperlicher Züchtigung unterziehen als die Speisen genießen wollte, die ein aus dem Nordwesten gebürtiger Brahmane für ihn gekocht hatte. Die kriegerischen Radschputen (von dem Sanskritwort râjaputra, »Königssohn«),
7,107,828
Köpfe, sind die Nachfolger
der alten Kschatriyas oder
Radschanyas, der
Krieger- und Adelskaste. Aber diese
Kaste hat die mannigfaltigsten
Elemente
in sich
aufgenommen, und noch heutzutage kann
man in den entferntern
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Provinzen des indobritischen Reiches ganze Stämme zu Radschputen werden sehen. Von der dritten Kaste des indischen Altertums, den Vaisyas, haben sich manche Überreste in den verschiedenen Klassen der Banyas, »Gewerbtreibenden« (v. sanskr. vanij, »Kaufmann«),
3,275,921 Köpfe, erhalten. Die stärkste Zunahme gegen früher scheint bei den im Altertum als Sudras und Mischkasten bezeichneten Kasten eingetreten zu sein, teils weil ein Stamm der Urbevölkerung nach dem andern von den eingewanderten Ariern unterjocht wurde, teils weil viele Vermischungen stattfanden, teils weil mit der zunehmenden Kultur auch die Arbeitsteilung sich mehr und mehr entwickelte. Auch das religiöse Element ist, besonders durch die ununterbrochen fortgehende Bildung neuer Sekten, ein wichtiger Faktor bei der Vermehrung der Kasten.
Während das Kastenwesen sich elastisch genug zeigte, um sich weit auseinander liegenden Stadien sozialer Entwickelung anzupassen und das ganze Völkergemisch Indiens in sich aufzunehmen, war die vorherrschende Tendenz doch auf die Ausbildung solcher Einrichtungen gerichtet, welche geeignet waren, die Organisation der Kasten zu kräftigen und Neuerungen und fremde Eindringlinge abzuwehren. Jede Kaste ist in gewisser Weise gleichzeitig eine Zunft oder Handelsgilde, eine Assekuranzgesellschaft und eine religiöse Sekte.
Als Zunft sorgt sie für die richtige Ausbildung der heranwachsenden Mitglieder, setzt die Löhne fest, sitzt über Vergehungen
gegen die Kastenordnung zu Gericht und befördert die Kame
radschaft durch gesellige Zusammenkünfte. Die
berühmten alten Bauwerke Indiens, die das Staunen der Reisenden erregen, wurden von Zünften und Innungen dieser Art errichtet,
auf denen auch die Blüte
[* 6] der verschiedenen einheimischen Industrien Indiens ausschließlich beruht. Um die Konkurrenz etwas
zu zügeln, setzt die Kaste gewisse Feiertage fest, an welchen nicht gearbeitet werden darf.
Wer dieses Verbot übertritt, muß eine Geldbuße bezahlen. Geldstrafen spielen überhaupt eine wichtige Rolle. Am gewöhnlichsten nehmen sie die Form einer Festmahlzeit an, welche das straffällige Mitglied allen übrigen Mitgliedern der Kaste zu geben gezwungen wird. Art und Kosten der Bewirtung sind dabei ein für allemal festgesetzt, und keiner der Eingeladenen darf zweimal von einem Gericht fordern. Schwerere Vergehungen werden durch Ausstoßung aus der Kaste gesühnt.
Noch jetzt wird in solchen Fällen die alte Zeremonie des Ghataspota (»Zerwerfen des Topfes«) vollzogen, wodurch die Ausschließung aus der Gemeinschaft der Stammesgenossen figürlich angedeutet wird. Früher wurde durch die Ausschließung aus der Kaste auch das Erbrecht völlig aufgehoben und die Ehe aufgelöst. Die englische Gesetzgebung hat alle zivil- und vermögensrechtlichen Folgen der Ausstoßung aus der Kaste beseitigt. Aber noch immer kann der Ausgestoßene sich nicht innerhalb der Kaste verheiraten, darf nicht mit seinen Kollegen zusammen speisen und geht jeder geistlichen Hilfe und der Dienste [* 7] des Barbiers und Wäschers verlustig. Er ist daher in der Regel sehr gern bereit, sich zur Sühne durch eine Festmahlzeit loszukaufen. Auch das Lehrgeld, welches von den Anfängern erhoben wird, bildet eine Einnahmequelle für die Zunft. Es beläuft sich z. B. in Ahmedebad je nach der Wichtigkeit des betreffenden Gewerbes auf 5-50 Pfd. Sterl. und wird meistens zur Bestreitung gemeinsamer Feste verwendet. Streiks zur Erzwingung höherer Löhne kommen bei den indischen Zünften so gut wie bei den Handwerkervereinen Europas vor.
Als Assekuranzgesellschaft vertritt die Kaste die Stelle der Armenpflege, welche in Indien als solche nicht existiert. Jede anständige Kaste ist auf die Unterstützung dürftiger Mitglieder bedacht. Auch ist die Aussicht, in der Kaste zu einer angesehenen Stellung emporzusteigen, ein wirksames Motiv, um sich anzustrengen und vor den übrigen hervorzuthun.
Als religiöse Sekte hat jede Kaste ihre bestimmten Gebräuche und Observanzen sowie eine ziemlich weitgehende Jurisdiktion über ihre sämtlichen Mitglieder bei Vergehungen gegen das religiöse und Sittengesetz. Viele Kasten, wie z. B. die Gosains, welche den ganzen Körper mit Asche zu beschmieren pflegen, haben einen rein religiösen Charakter. Als gemeinsames Kennzeichen der Sekte dient ein Stirnzeichen, das mit Farbe jeden Morgen erneuert wird.
Im ganzen genommen muß man sich hüten, über den Schattenseiten des Kastenwesens seine günstigen Wirkungen zu übersehen. In dem losen Gefüge orientalischer Staaten hat es jedenfalls von jeher durch Beförderung des Korporationsgeistes ein vortreffliches Präservativ gegen die Ausschreitungen und das Sinken Einzelner und die Basis aller großen gemeinsamen Unternehmungen gebildet.
Vgl. Kitts, Compendium of the castes and tribes found in India (Lond. 1886);
Hunter, The Indian Empire (2. Aufl., das. 1886);
Barthélemy Saint-Hilaire, L'Inde anglaise (Par. 1887);
Zimmer, Altindisches Leben (Berl. 1879);
Garbe, Indische Reiseskizzen (das. 1889).
Rechtspflege in Ostindien.
Die Gesetzgebung hat in Indien in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht und ist für eine Reihe wichtiger Materien auf dem Standpunkt der Kodifikation angelangt. Zugleich sind auch wichtige Ergebnisse zu verzeichnen auf dem wissenschaftlichen Gebiet der Forschungen über das alte indische Nationalrecht, das zwar bei dem Fortschreiten der Kodifikation immer mehr an Ansehen einbüßt und an Geltung im praktischen Leben verliert, aber vermöge seiner hohen Ausbildung einen dauernden Wert für die indische Kulturgeschichte und für die vergleichende Rechtswissenschaft (s. d.) behält.
Zivil- und Strafrecht haben in Indien wie in andern orientalischen Ländern von jeher einen integrierenden Bestandteil des Religions- und Sittengesetzes gebildet. Demgemäß sind die Gesetze der Hindu in demjenigen Teile der alten Sanskritlitteratur enthalten, der sich auf die Erlangung des religiösen Verdienstes, Dharma, bezieht, welches den Menschen von den Fesseln der Wiedergeburt befreit und ihn nach dem Tode der Freuden des Paradieses teilhaftig macht. In den ältesten Rechtsquellen, den Dharmasūtras, werden die einzelnen Rechtsgrundsätze noch ohne jede Spur systematischer Anordnung vorgeführt.
Erst in dem berühmten Gesetzbuch des Manu findet sich eine Einteilung des gesamten Rechts in nachstehende 18 Materien:
1) Schuldrecht, 2) Depositen, 3) Verkauf eines Gegenstandes durch einen andern als den Eigentümer, 4) Handelsunternehmungen einer Gesellschaft, 5) Zurücknahme eines Geschenks, 6) Nichtbezahlung einer verabredeten Löhnung, 7) Bruch eines Übereinkommens, 8) Rückgängigmachung von Käufen und Verkäufen, 9) Streitigkeiten zwischen dem Eigentümer (von Vieh) und seinem Viehtreiber, 10) Grenzstreitigkeiten, 11) Realinjurien, 12) Personalinjurien, 13) Diebstahl, 14) Raub und andre Gewaltthaten, 15) Ehebruch, 16) Pflichten der Ehegatten, 17) Erbrecht, 18) Spiel und Tierkämpfe. Die ältesten Dharmasūtras, namentlich das Dharmasūtra des Apastamba, sind nach den Untersuchungen von Bühler im 6. Jahrh. v. Chr., wenn nicht früher, verfaßt ¶