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Reichen, Albert, 1864-1929, Pfarrer Stadtkirche
Albert Reichen war von 1895 bis 1929 Pfarrer an der Stadtkirche Winterthur. In seiner Arbeit als Seelsorger wandte er sich in erster Linie den Arbeiterfamilien und den älteren Menschen zu. Er war ein aktiver Sozialdemokrat gewesen.
Albert Reichen kam am 30. Januar 1864 in Grindelwald zur Welt. Er kam aus einem armen Elternhaus und war nach der Volksschule zuerst als Hilfsarbeiter tätig. Ab 1879 absolvierte er eine kaufmännische Lehre. Nach einer Anstellung für eine Versicherung in Genf, arbeitete er für die Schweiz. Centralbahn und ab 1883 in Zürich für die Schweiz. Rückversicherungs-Gesellschaft. Er holte die Matura nach und begann 1886 bis 1890 das Theologiestudium an der Universität Zürich. Nach verschiedenen Pfarrvikariaten war er 1892 bis 1895 Pfarrer in Seuzach und anschliessend bis 1929 an der Stadtkirche Winterthur.
Bald war ihm klar, dass sich die Kirche öffnen muss oder dass die Pfarrer zu den Leuten gehen müssen. Das besondere Anliegen war ihm, sich den Arbeitern, die in den Fabrikhallen und ihren bescheidenen Wohnhäusern nicht das einfachste Leben fristeten, zuzuwenden. Pfarrer Reichen fand den Weg zu den Arbeitern, indem er sie zum Beispiel im SLM-Wohlfahrtshaus an der Brühlbergstrasse 5 aufsuchte und zu ihnen sprach.
Nach einer strengen Arbeitswoche inklusive den ganzen Samstag benötigten die Arbeiter den Sonntagmorgen zum Schlafen. Ein Kirchbesuch stand nicht zur Debatte. Reichen setzte sich auch nachhaltig dafür ein, zusätzlich zur Stadtkirche geeignete Räume für kirchlichen Unterricht, auch Sonntagschule, zu schaffen. Das gelang mit der Einweihung des Kirchgemeindehauses an der Liebestrasse im Jahre 1913.
Von seiner Herkunft und seinem Lebensweg her gesehen, ist es kaum erstaunlich, dass es Albert Reichen auch auf die politische Bühne zog.
Als Mitglied der Sozialdemokratischen Partei war er deren Vertreter im Grossen Stadtrat (Legislative) von Winterthur (1905-06 Präsident). Von 1898 bis 1899 und 1902 bis1929 gehörte er dem Zürcher Kantonsrat an. Er wirkte auch von 1917 bis 1929 im Erziehungsrat und 1917 bis 1929 in der Hochschulkommission.
Reichen war der erste sozialdemokratische Pfarrer in Winterthur gewesen. Er bemühte sich um die Bildung der Arbeiter; in den Räten befasste er sich mit Schulfragen sowie dem Kranken- und Armenwesen. 1917 war er Mitgründer der Pro Senectute. Reichen starb in Winterthur am 25. November 1929.
Reichen setzte um, was Leonhard Ragaz im Basler Münster in seiner Maurerstreikpredigt gesagt hatte: „Die soziale Bewegung ist eben doch weitaus das Wichtigste, was sich in unseren Tagen zuträgt. Wenn das offizielle Christentum kalt und verständnislos dem Werden einer neuen Welt zuschauen wollte, die doch aus dem Herzen des Evangeliums hervorgegangen ist, dann wäre das Salz der Erde faul geworden.“
Die Arbeiterunion Winterthur, der Zusammenschluss der Gewerkschaften und der Sozialdemokratischen Partei, hatte durch eine Geldsammlung der Volkshaus-Genossenschaft zur Eröffnung des neuen Hauses der Winterthurer Arbeiterschaft die Skulptur „Der Giesser“ geschenkt. Sie stand lange Jahre im Garten des Volkshauses.
Nach der Abrechnung dieses grosszügigen Kulturgeschenkes blieben einige hundert Franken übrig. Mit diesem Geld liess die Arbeiterunion zusätzlich vom gleichen Künstler, dem Berner Karl Schenk, eine Büste erstellen. Die Büste zeigt den Pfarrer und Sozialdemokraten Albert Reichen, der während 35 Jahren an der Stadtkirche Winterthur gewirkt hatte.
Bis zur Schliessung des legendären Volkshauses stand das Ebenbild des Genossen Reichen, Freund des Friedens, Freund der Jugend und Menschenfreund in der Halle des ersten Stockes im Volkshaus. Hunderte, ja tausende von Funktionären wiesen ihrem Vorkämpfer und Freund auf dem Weg in die verschiedenen Sitzungszimmer ihre Referenz. Seit dem 8. Dezember 1999 ist die Büste des Arbeiterpfarrers neu im Kirchgemeindehaus an der Liebestrasse aufgestellt.