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Im Oktober 2015 löste die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter Fleischesserinnen und -essern und Metzgern Panik aus. Sie teilte mit: Wer täglich 50 Gramm verarbeitete Fleischwaren wie Wurst verspeise, habe ein um 18 Prozent höheres Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, als diejenigen, die auf solches Fleisch verzichten.
Wie gefährlich lebt demnach jemand, der täglich gar 100 Gramm Salami, Schinken und Leberpastete isst? Ist das Risiko dieser Person, an einem Karzinom zu erkranken, um 36 Prozent höher? Was bedeuten die Zahlen überhaupt? Werden 18 von 100 Fleischessern krank, was ja fast jeder fünfte wäre?
Solche Zahlen und Statistiken sind nicht völlig falsch, aber irreführend. Das erkennt man sofort, wenn man weiss, dass von 100 Menschen 5 in ihrem Leben irgendwann an Darmkrebs erkranken. Von 100 Fleischessern sind es ein wenig mehr, nämlich 5,9. Das absolute Darmkrebsrisiko ist für Wurstliebhaber und Aufschnittfreundinnen somit 0,9 Prozentpunkte höher. Von 100 Menschen werden 6 statt nur 5 krank.
«Man sollte vom Arzt stets absolute Zahlen verlangen.»Gerd Gigarenzer, Psychologe
Und woher kommt dann das um 18 Prozent höhere Risiko der WHO? «Es handelt sich dabei um ein relatives Risiko, bei dem die Steigerung von 0,9 Prozentpunkten gegenüber den 5 Prozent tatsächlich 18 Prozent beträgt», präzisiert der Psychologe Gerd Gigerenzer. Der ehemalige Direktor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung leitet das Harding-Zentrum für Risikokompetenz an der Universität Potsdam.
Der Wissenschaftler ist überzeugt: «In unserer Gesellschaft herrscht eine Art Analphabetismus im Umgang mit Wahrscheinlichkeiten und Risiken.» Nicht selten würden mit Schlagzeilen wie derjenigen des höheren Darmkrebsrisikos irrationale Ängste geschürt. Bei genauem Hinsehen bleibe oft wenig Angstmachendes übrig. Gerade in der Medizin: «Viele Patienten sind ratlos, wenn sie Diagnosen mit Wahrscheinlichkeiten erhalten. Was bedeutet ein erhöhtes Risiko von 50 Prozent?» Man sollte vom Arzt stets absolute Zahlen verlangen. Etwa so: «Von 100 Patienten, die ein bestimmtes Medikament nahmen, sind wie viele gestorben? Und wie viele von denen, die es nicht nahmen?»
Um über die Tücken der Statistik aufzuklären, hat Gigerenzer zusammen mit zwei Wissenschaftskollegen die Aktion «Unstatistik des Monats» ins Leben gerufen. Im Internet hinterfragen sie jeden Monat einen Fall von jüngst publizierten Zahlen und wie die interpretiert werden. Die Themen sind dabei breit gefächert.
Bei den Zahlen der WHO handelt es sich um ein relatives Krebsrisiko, bei dem die Steigerung von 0,9 Prozentpunkten gegenüber 5 Prozent tatsächlich 18 Prozent beträgt. Grafisch veranschaulicht, ist das tatsächliche Risiko so:
Was nützen Massentests tatsächlich?
Angst ist ein schlechter Ratgeber. Das gilt vor allem in der Medizin. Als besonders perfide empfindet es der Psychologe Gerd Gigerenzer, «wenn Ängste von Patientinnen aktiviert werden, ohne dass sie die medizinischen Fakten erklärt bekommen». Etwa wenn es um Screenings zur Früherkennung von Brustkrebs geht.
Wobei nicht grundsätzlich von solchen Untersuchungen abgeraten wird. Aber Gigerenzer kämpft dafür, dass Menschen über Nutzen und Schaden in verständlicher Weise aufgeklärt werden, so dass sie selbst – gut informiert – entscheiden können, statt emotionalem Druck ausgesetzt zu sein. «Unsere Studien zeigen, dass die meisten Frauen und Männer den Nutzen und den Schaden solcher Massentests nicht kennen.»
Er liefert ein Beispiel: Eine 40-jährige Frau geht zur Mammografieuntersuchung. Zwar gibt es keinerlei Hinweise, dass sie Brustkrebs haben könnte, aber sie möchte sichergehen. Der Arzt findet etwas Verdächtiges. Wie hoch ist nun die Wahrscheinlichkeit, dass die Frau tatsächlich Brustkrebs hat? Am Beispiel von 100 Frauen sieht das so aus: Sie alle gehen zu einer Reihenuntersuchung, und eine von ihnen hat tatsächlich Krebs. Aber von den 99 Gesunden erhalten 9 einen verdächtigen Befund – das nennt man falsch-positive Ergebnisse.
«Viele Frauen denken deshalb, dass mithilfe von Screenings 200 von 1000 Frauen weniger an Brustkrebs sterben – und nicht nur eine.»Gerd Gigarenzer, Psychologe
Die meisten der beunruhigenden Befunde sind also falsch. Auch der Nutzen des Mammografie-Screenings ist den meisten nicht bekannt. Studien zeigen: Ohne Screening sind nach elf Jahren 5 von 1000 Frauen an Brustkrebs gestorben; mit mehreren Screenings waren es 4. «Anstatt den Frauen das ehrlich zu erklären, hat man ihnen über Jahre hinweg gesagt, dass Mammografie-Screenings die Brustkrebssterblichkeit um 20 Prozent reduzieren. Viele Frauen denken deshalb, dass 200 von 1000 Frauen weniger an Brustkrebs sterben – und nicht nur eine.»
Ein ähnliches Problem kennen die Mediziner bei einer anderen Krebsart, die völlig harmlos verlaufen kann. Etwa 85 Prozent aller Männer mit Prostatakrebs sterben mit dem Krebs, aber nicht durch ihn. Ohne Prostata-Screening starben nach 13 Jahren etwa 0,6 Prozent der Männer an Prostatakrebs. Unter denen, die sich einem Screening unterzogen, starben rund 0,5 Prozent. Absolute Risikoreduktion: 0,1 Prozentpunkte – die relative beträgt 20 Prozent.
Durch Mammografie-Screenings wird die Brustkrebssterblichkeit um 20 Prozent reduziert. Was heisst das? Wie viel weniger Frauen sterben, wenn sich 1000 untersuchen lassen?
Überdiagnostiziert, überbehandelt
Die Prostatakrebs-Früherkennung führt in vielen Fällen dazu, dass Männer behandelt werden, obwohl ihnen der Krebs zeit ihres Lebens keine Probleme bereitet hätte. Wenn aber bei einem Screening etwas gefunden wird, lassen sie sich oft operieren. Die häufige Folge: Impotenz oder Harninkontinenz. Trotzdem sind die betroffenen Männer nicht selten überzeugt, das Screening habe ihnen das Leben gerettet. Auch hier plädiert Psychologe Gerd Gigerenzer für mehr Information: «Je älter Männer werden, desto eher haben sie irgendeine Form von Prostatakrebs. Aber nur die wenigsten sterben daran. Würde man alle Männer regelmässig testen und alle nichtprogressiven Krebse operieren oder mit Strahlen behandeln, hätten wir Massen von inkontinenten und impotenten Männern.»
Überbehandlung gibt es auch bei den Frauen. Beim Mammografie-Screening zeigt sich: Im Lauf von zehn Jahren kann von 1000 Frauen ein Leben gerettet werden. Für die Betroffene ist das natürlich relevant. Aber alle falsch-positiv diagnostizierten Frauen müssen mit der Angst leben, erkrankt zu sein, und weitere Diagnostik sowie unnötige Behandlungen wie Bestrahlung oder Chemotherapie bis zur teilweisen oder vollständigen Brustentfernung über sich ergehen lassen. «Mammografie ist kein besonders zuverlässiger Test, und wer regelmässig daran teilnimmt, muss irgendwann mit einem falschen Alarm rechnen», sagt Gerd Gigerenzer.
Ähnlich problematisch und unzuverlässig ist die Eierstockkrebs-Früherkennung: Von 100 Frauen, die ein verdächtiges Ergebnis im Ultraschall und im Bluttest erhalten, haben 94 (!) keinen Eierstockkrebs. Aber 32 von diesen 100 Frauen werden unnötig einer oder beide gesunden Eierstöcke entfernt.
Früherkennung ist keine Vorsorge
Mit Ungewissheit leben zu lernen, stellt eine grosse Herausforderung dar, und Menschen haben viele Methoden erfunden, um sie zu verdrängen: «Wir versichern uns gegen alles, schwören auf Horoskope, beten zu Gott und sammeln Terabytes von Informationen, um unsere Computer in Kristallkugeln zu verwandeln. Statt Illusionen der Gewissheit zu schaffen, sollten wir den Mut fassen, den Risiken ins Auge zu sehen, sie richtig einzuschätzen und selbst Verantwortung zu übernehmen», sagt Gerd Gigerenzer.
Viele Frauen glauben etwa, dass Mammografie die Wahrscheinlichkeit senkt, an Krebs zu erkranken. Doch dem ist nicht so. Früherkennung erkennt nur Krankheiten, die bereits vorhanden sind. Die beste Waffe gegen Krebs bestehe in echter Vorsorge, so Gigerenzer. Darin, junge Menschen zu bilden, damit sie in der Lage sind, ihren Lebensstil selbst in die Hand zu nehmen. Etwa 20 bis 30 Prozent der Krebsfälle sind durch Rauchen bedingt, 10 bis 20 Prozent durch Fettleibigkeit und bei Männern 10 Prozent durch Alkoholmissbrauch. «Wenn wir das in den Griff bekommen, könnten wir etwa die Hälfte aller Krebsfälle verhindern.»
Weitere Informationen:
«Superfoods» wie Chiasamen, Açaí- oder Gojibeeren sollen leistungsfähiger machen, den Alterungsprozess aufhalten, das Herz stärken und vor Krebs schützen. Doch bei vielen Krebsarten spielt nicht die Nahrung, sondern das Übergewicht die entscheidende Rolle. Es soll allerdings einzelne Nahrungsmittel geben, die das Krebsrisiko erhöhen oder vermindern, behaupten das American Institute for Cancer Research und der World Cancer Research Fund International.
Zu den Risikofaktoren gehören vor allem rotes und verarbeitetes Fleisch, Süssgetränke und Alkohol. Eine mediterrane Ernährung hingegen senke das Risiko für Übergewicht und Fettleibigkeit – und damit das Risiko für Krebs. Vollkornprodukte, Nahrungsfasern und Milchprodukte reduzierten zudem das Risiko für Dickdarmkrebs.
«Superfoods» gegen Krebszellen gibt es nicht, auch wenn einzelnen Lebensmitteln eine krebsvorbeugende oder krebsheilende Wirkung nachgesagt wird. Allerdings sind die Mengen der positiv wirkenden Substanzen in Lebensmitteln viel zu gering, als dass sie Krebs heilen könnten. Die Krebsliga empfiehlt: «Die Zufuhr vieler unterschiedlicher Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Gemüse, Früchten und Vollkornprodukten ist sinnvoller, denn so unterstützen sich Mikronährstoffe gegenseitig in der Wirkung.»