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Die gross angelegte mittelalterliche Uferbefestigung bei Stansstad war im Lauf des 14. Jahrhunderts fertiggestellt worden. Grosse Gefahr drohte damals den Unterwaldnern von Luzern her und von der Burg Neu-Habsburg bei Meggen. Stansstad war wegen seiner Nähe zu den habsburgischen Stützpunkten besonders gefährdet. Deshalb errichteten die Unterwaldner an den kritischen Stellen, so wie es im Alpenraum üblich war, Sperrmauern. Der Gefahr vom See her trat man mit Uferbefestigungen entgegen. Bereits während der Schlacht am Morgarten hatten Luzerner Krieger eine wohl nur schwache Palisade durchbrochen und das Dorf Stansstad geplündert. Deshalb wurde nach 1315 in Stansstad eine neue Befestigung errichtet, die ein solches Eindringen fortan verhindern sollte. Im See sollten drei Reihen von Holzpfählen sowie auf einer künstlich aufgeschütteten Insel ein Turm das einlaufen feindlicher Schiffe erschweren. Das Ufer wurde mit Steinbarrikaden, Erdwällen und Gräben befestigt. Eine Steinbarrikade, die mit Holzpfählen verstärkt war, wurde im Alpnachersee angelegt. Im Zentrum dieses Verteidigungsgürtels erhob sich der Schnitzturm. Von der in mehreren Bauperioden entstandenen Befestigungsanlage sind ausser dem Schnitzturm noch heute Teile des äusseren Palisadengürtels mit Einfahrtslücke, dem Grendel, sowie Teile des „Vorgemürs“ oder „Tellers“ mit einem heute abgegangenen hölzernen Blockbau unter Wasser erhalten. Diese unter Wasser gelegenen Überreste der ausgedehnten Befestigungsanlage wurden anlässlich von archäologischen Tauchuntersuchungen in den Wintern 1976 und 1977 erforscht und genau vermessen. Dabei konnten auch ein eiserner Schlüssel sowie vor dem äussersten Palisadenring des „Tellers“ ein ebenfalls gut erhaltenes Halbarteisen aus dem frühen 14. Jahrhundert geborgen werden. Die Landbefestigungen sind alle zerstört. Die Wälle sind abgetragen und die Gräben zugeschüttet.
Weitere Luftaufnahmen von Stansstad
Der Schnitzturm, das markanteste Bauwerk der Befestigung, ist auf drei Seiten vom Wasser des Vierwaldstättersees umgeben, nur auf der Südseite ist er mit dem Ufer verbunden. Sein Grundriss beschrieb ein ungefähres Quadrat von etwa 8.8 Metern Seitenlänge. Der Turm ragt noch rund 16 Meter in die Höhe. Die Mauerstärke von über 1.4 Metern verjüngt sich nach oben. Die Fenster- und Türöffnungen stammen aus dem 16. Jahrhundert. Bei den Bauarbeiten von 1588/89 erhielt der Turm seine regelmässig angeordneten Rundbogenfenster und den jetzt ebenerdigen Zugang auf der Südseite. Früher befand sich der Zugang an der hinteren Ecke der rückseitigen Wasserfront. Der Hocheingang lag im zweiten Stockwerk und war von den schiffen auch nur mittels einer Leiter oder Tauen erreichbar. Der Zinnenkranz, der den oberen Abschluss des Bauwerks bildet, wurde um 1880 rekonstruiert. Ursprünglich dürfte den Turm ein flaches Pyramidendach bedeckt haben.
Auch der Eidgenössischen Chronik des Luzerner Chronisten Melchior Russ von 1482 geht hervor, dass Teile der Uferbefestigung bereits im Sommer 1315 bestanden. Der Uferturm, der Schnitzturm, wird aber nicht erwähnt. In der Chronik von Aegidius Tschudi wird ein Seegefecht mit einem für die Luzerner ungünstigen Ausgang im Jahr 1314 geschildert, wobei ein Turm mehrmals genannt wird. Tschudis Schilderung mag auf nidwaldnische Überlieferung zurückgehen. Das noch bei Melchior Russ erwähnte Vorwerk stand wohl bereits im 16. Jahrhundert nicht mehr aufrecht, den Tschudi nennt nur die Schwirren und den „Turn so da ist zu Land“. Hier handelt es sich zweifellos um den heutigen Schnitzturm. Obwohl er erst 1428 erstmals urkundlich erwähnt wird, dürfte er doch zusammen mit den anderen grösseren Befestigungsanlagen um 1320 entstanden sein.
Au bord du lac, au centre, le Schnitzturm, vu depuis Rotzberg
Im Lauf der Zeit wurde der Zustand des Bauwerks schlechter, und obwohl Nid- und Obwalden gemeinsam für seinen Unterhalt zu sorgen hatten, wurden umfassende Instandstellungsarbeiten durch amtliche Sparparolen und Verzögerungsmanöver verhindert. Im November 1587 beschloss eine besondere Landesgemeinde, den baufälligen Turm zu sanieren. Die Zustimmung Obwaldens zu den Arbeiten blieb lange aus, wobei im betreffenden Schreiben bemerkt wurde: „... doch dunck unss gar nitt von nötten witter zu buwen, allein mit Thüren, Schlösser, Thillenen ouch der Helm, Dachstuol und Decken, wie vormalss und nitt unnötigen Kosten uffthryben.“ 1589 war die Erneuerung des Turmes vollendet. Auch im Lauf der nächsten Jahrhunderte wurde der Turm mehrmals umgestaltet; so erhielt er 1635 ein neues Dach. Beim Franzoseneinfall diente der Turm den Nidwaldnern als Beobachtungsposten und wurde erst nach einem Erfolg der feindlichen Landarmee bei Ennetmoos aufgegeben. Die Franzosen zündeten ihn an, wobei er völlig ausbrannte. Der heutige Baubestand der Anlage beruht auf den Erweiterungsbauten des 16. und 17. Jahrhunderts und auf der 1880 erfolgten Restauration. Der Turm war bis ins 18. Jahrhundert hinein mehr oder weniger unterhalten worden. Die Gesamtbefestigung hingegen hatte ihren militärischen Wert bereits im Lauf des 14. Jahrhunderts verloren, als der ganze Vierwaldstättersee zur Eidgenossenschaft gehörte und keine Übergriffe mehr von Luzern her zu erwarten waren. Der Schnitzturm von Stansstad bildete aber nicht nur einen wichtigen wehrhaften Bestandteil der ausgedehnten Uferbefestigung, vielmehr hatte er auch repräsentativen Charakter. Als weithin sichtbares Wahrzeichen des Landes Unterwalden weist er in die Anfänge des spätmittelalterlichen Territorialdenkens und bildet zusammen mit dem unter Wasser liegenden Restbestand der ehemaligen Befestigung ein wichtiges Zeugnis aus der Entstehungszeit der Eidgenossenschaft.
Bibliographie