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Städte können vernachlässigt und heruntergewirtschaftet, verroht, dreckig und verfallen sein. Dennoch glauben viele Menschen, dass es sich lohnt, in der Stadt zu leben. Auch die schlimmste ist ihnen noch gut genug. Warum? Weil die Städte, so vermute ich, ein Potenzial besitzen, das uns erlaubt, uns als menschliche Wesen komplexer zu entfalten. Die Stadt ist ein Ort, an dem man lernen kann, mit Fremden zu leben, an nicht vertrauten Erfahrungen und Interessen Unbekannter teilzuhaben. Gleichartigkeit stumpft ab und lässt den Geist verkümmern; Vielfalt regt an und erweitert den Horizont.
Der zweite Vorzug der städtischen Gesellschaft ergibt sich unmittelbar aus dem zuerst geschilderten. Die Stadt ist geeignet, den Menschen ein reicheres, komplexeres Selbstgefühl zu vermitteln. In der Stadt sind sie nicht nur Banker oder Straßenkehrer, Afrokariben oder Angelsachsen, Englisch oder Spanisch sprechende Nachbarn, Bürgerliche oder Proletarier: Sie können dies oder jenes oder alles auf einmal sein, ja sogar mehr als das. Ihre Identität geht in keinem festgelegten Klassifikationsschema auf. Jeder kann wechselnde Bilder von seiner eigenen Identität entwickeln, weiß er doch, dass sich die Frage, wer er ist, immer nach den Leuten richtet, mit denen er verkehrt. Eben darin liegt die Stärke der Fremdheit: Sie macht frei von willkürlichen Definitionen und Identifikationen.
Als die Schriftstellerin Willa Cather 1906 nach New York kam und sich in Greenwich Village niederließ, schrieb sie, die in der amerikanischen Provinz stets von der Angst geplagt war, als Lesbierin erkannt zu werden, an eine Freundin: „Hier, an diesem Ort mit seinen unergründlichen Rätseln kann ich endlich atmen.“ In der Öffentlichkeit mag sich der Städter unbeteiligt geben, gegenüber anderen auf der Straße cool und gleichgültig auftreten; und dennoch wird er oder sie im privaten Bereich durch die seltsamen Kontakte angesprochen, wird sich durch die Gegenwart der anderen in den tiefsten Gewissheiten erschüttert fühlen.
Doch diese Vorzüge ergeben sich nicht zwangsläufig aus der Urbanität. Eines der großen Probleme, die das städtische Leben mit sich bringt, lässt sich in folgende Fragen fassen: Wie bringt man die komplexen Elemente, die in einer Stadt vorhanden sind, tatsächlich zur Interaktion, so dass sich die Menschen eher als Weltbürger denn als bloße Stadtbewohner fühlen? Und was muss man tun, damit die belebten, oft überfüllten Straßen, in denen auch die Angst umgeht, zu Orten der Selbsterfahrung werden? Der französische Philosoph Emmanuel Lévinas spricht von der „Nachbarschaft des Unbekannten“, ein Ausdruck, der sehr treffend erfasst, was wir bei der Planung unserer Städte anstreben sollten.
Ich bin überzeugt, dass eine große Umwälzung des Kapitalismus die Stadtkultur und ihrer Werte vollständig verändert hat, dass Stadtplaner und Architekten mit ganz neuen Herausforderungen konfrontiert sind. Der Kapitalismus hat nicht nur durch die Globalisierung eine starke Veränderung erfahren, sondern auch durch eine neue Produktionsweise, die uns heute erlaubt, flexibler, weniger rigide zu arbeiten.
Der deutsche Soziologe Max Weber hat im 19. Jahrhundert die Organisationsstruktur moderner Betriebe mit der militärischer Verbände verglichen. Beide funktionierten nach dem Prinzip einer Pyramide, mit dem Firmenboss oder dem General an der Spitze und den Arbeitern oder den Soldaten an der Basis. Durch die Arbeitsteilung wurden Überschneidungen minimiert, und jede Gruppe an der Basis bekam ihre spezifische Aufgabe zugewiesen. So konnte der Betriebsleiter von der Spitze der Hierarchie aus die Abläufe am Montageband oder im Kundenbüro bestimmen, genau wie der General weit von seinem Befehlsstand entfernte Truppeneinheiten strategisch befehligen konnte. Und als die Arbeitsteilung sich immer weiterentwickelte, stieg entsprechend auch der Bedarf an Facharbeitern, während nur wenig mehr Chefs gebraucht wurden.
Nachbarschaft des Unbekannten
Im Bereich der Industrieproduktion fand Webers Pyramide ihre vollendete Form im sogenannten Fordismus. Dabei handelte es sich um ein bis ins kleinste Detail festgelegtes Management der Arbeitskraft, das auch noch die Zeitphasen und einzelnen Handgriffe erfasste und von einigen wenigen Experten an der Spitze verfügt werden konnte.
Am besten veranschaulicht dieses Modell die General-Motors-Autofabrik in Willow Run in den USA: ein riesiges Gebäude mit einer Länge von 1,5 Kilometern und einer Breite von 400 Metern, wo die Roheisenblöcke und die Glasscheiben am einen Ende hineingingen und am anderen Ende die fertigen Autos herauskamen. Nur durch ein System striktester Arbeitskontrolle konnte die Produktion in derartigen Dimensionen koordiniert werden. Dieser industrielle Ablauf fand in der Welt der Schreibtischarbeiter in den 60er Jahren sein Gegenstück in den strengen Kontrollen, die Unternehmen wie IBM einführten.
Vor etwa dreißig Jahren begann in einigen Wirtschaftsbranchen allerdings der Aufstand gegen die Webersche Pyramide. Einige Unternehmen versuchten, Organisationen „aufzulösen“, ganze Ebenen der Bürokratie abzuschaffen (wobei die Bürokraten durch neue Informationstechnologien ersetzt wurden) und die Praxis zu durchbrechen, die dem einzelnen Arbeiter bestimmte Tätigkeiten fest zuschrieben.
Stattdessen wurden Teams gebildet, die jeweils kurzfristig spezifische Aufgaben zu bewältigen hatten. Bei dieser neuen industriellen Fertigungsstrategie konkurrierten mehrere Teams, um ein von oben gesetztes Ziel so effektiv und schnell wie möglich zu erreichen. Hier erledigt nicht mehr jede einzelne Person als Glied einer definierten Befehlskette sein eigenes Stück Arbeit, sondern die Aufgaben überschneiden sich: Die verschiedenen Teams konkurrieren mit dem Ziel, dieselbe Aufgabe am schnellsten und am besten zu bewältigen. Auf diese Weise kann das Unternehmen auf eine veränderte Marktnachfrage rascher reagieren.
Die Apologeten dieser neuen Arbeitswelt behaupten, sie sei auch demokratischer als der militärische Stil des alten Systems. Aber dem ist nicht so. Webers Pyramide wurde vielmehr durch einen Kreis ersetzt, dessen Mittelpunkt nur einige wenige Manager besetzen. Und die treffen die Entscheidungen, definieren die Aufgaben, beurteilen die Ergebnisse. Die Revolution der Informationstechnologie gibt ihnen die Möglichkeit, sämtliche Arbeitsprozesse innerhalb des Unternehmens viel unmittelbarer zu kontrollieren als im alten System, wo die lange Befehlskette häufig dazu führte, dass die Anordnungen beim letzten Glied in modifizierter Form ankamen.
Den an der Peripherie des Kreises arbeitenden Teams wird freie Hand gelassen, wie sie die im Zentrum beschlossenen Produktionsziele umsetzen. Sie können also im Rahmen der Konkurrenz über die Mittel zur Lösung ihrer Aufgaben frei befinden, bleiben aber in der Entscheidung, worin diese Aufgaben bestehen, ebenso unfrei wie eh und je.
Die Bürokratie in Gestalt der Weberschen Pyramide sah Belohnungen vor, wenn einer seine Arbeit so gut wie möglich erledigte. Im kreisförmigen, aus der Mitte geführten System geht die Belohnung dagegen an das Team, das gegen die anderen Teams gewinnt, nach dem Prinzip des Alles oder nichts, von Wirtschaftswissenschaftler Robert Frank auch the winner-takes-all organisation genannt. Die bloße Anstrengung, das Bemühen, bringt nichts mehr ein. Laut Frank verschärft diese neue Formel die starke Ungleichheit der Löhne und Vergünstigungen in den Unternehmen, die sich der Flexibilität verschrieben haben.
Der flexible Arbeitsplatz wird mit der immer wiederkehrenden Formel „nicht langfristig“ gekennzeichnet. Die Stufen der Karriereleiter werden durch Jobs ersetzt, die in der Erfüllung spezifischer und begrenzter Aufgaben bestehen. Ist die Aufgabe erledigt, ist häufig auch der Job zu Ende. Im Hightech-Sektor von Silicon Valley beträgt die durchschnittliche Laufzeit der Arbeitsverträge gegenwärtig etwa acht Monate. Wer solche Jobs annimmt, bekommt laufend neue Arbeitskollegen – ganz im Sinne der modernen Managementtheorie, nach deren Erkenntnissen die „Lebensdauer“ eines Teams ein Jahr nicht überschreiten sollte.
Auf dem heutigen Arbeitsmarkt ist dies zwar noch nicht das dominierende Strukturmodell, aber es ist durchaus schon eine Avantgarde des Wandels, eine Vorahnung dessen, wie die künftigen Strukturen auszusehen haben: Niemand würde heute ein Unternehmen gründen, das auf dem Prinzip dauerhafter Arbeitsplätze basiert.
Die flexible Organisation fördert den Sinn für Loyalität oder Brüderlichkeit so wenig, wie sie der Demokratisierung dient. Es ist schwer, sich für ein Unternehmen zu engagieren, das keinen definierbaren Charakter hat, schwer auch, sich loyal gegenüber einer unbeständigen Institution zu verhalten, die einem selbst keine Loyalität entgegenbringt. Selbst die Führungskräfte solcher Unternehmen finden allmählich heraus, dass bei fehlendem Engagement die Produktivität sinkt und die Bereitschaft steigt, Geschäftsgeheimnisse auszuplaudern.
Der mangelnde Sinn für Brüderlichkeit, der sich durch das „nicht langfristig“ erklärt, hat noch subtilere Folgen. Die lösungsorientierte Teamarbeit setzt die Menschen ungeheuer unter Druck, und in den Verliererteams sind gegenseitige Schuldzuweisungen in der letzten Phase der Zusammenarbeit an der Tagesordnung. Auch hier gilt: Vertrauen der informellen Art braucht Zeit; man muss die Menschen erst einmal kennenlernen. Und die Erfahrung, nur vorübergehend in einem Unternehmen zu sein, führt dazu, dass man nur lockere Kontakte knüpft und sich nicht auf andere einlässt, weil man ja bald wieder den Abgang macht.
Auf der praktischen Ebene ist genau dieser Mangel an gegenseitiger Loyalität einer der Gründe, die es den Gewerkschaften so schwermachen, in den flexiblen Betrieben oder Unternehmen, beispielsweise in Silicon Valley, die Arbeitnehmer zu organisieren. Der Sinn für Brüderlichkeit als gemeinsames Schicksal, als dauerhafter Bestand gemeinsamer Interessen, ist schwächer geworden. Gesellschaftlich bringen die Kurzzeitjobs ein Paradox hervor: Die Menschen arbeiten intensiv, unter großem Druck, aber ihre Beziehungen zu anderen bleiben oberflächlich. Dies ist keine Welt, in der es sinnvoll wäre, sich wirklich auf andere einzulassen – jedenfalls nicht auf lange Sicht.
Meine These lautet nun, dass der flexible Kapitalismus auf die Städte exakt die gleichen Wirkungen ausübt wie auf die Arbeitsplätze. Genau wie die flexible Produktion zu oberflächlicheren und kurzlebigen Beziehungen am Arbeitsplatz führt, so erzeugt dieser Kapitalismus auch in der Stadt einen Zustand, in dem oberflächliche und unverbindliche Beziehungen vorherrschen. Diese lassen sich in drei Dimensionen festmachen.
Am augenscheinlichsten ist die physische Bindung an die Stadt. Flexible Arbeitskräfte weisen eine ungewöhnlich hohe Mobilität auf. Zeitarbeit ist auf dem Arbeitsmarkt der einzige Bereich, der ein rapides Wachstum zu verzeichnen hat. Aushilfskrankenschwestern in den USA ziehen achtmal häufiger um als ihre festangestellten Kolleginnen. Für die oberen Wirtschaftsetagen gilt: Führungskräfte haben ihren Wohnort früher zwar nicht seltener gewechselt als heute, aber dieser Wechsel verlief anders. Sie blieben gewissermaßen im alten Trott, an dasselbe Unternehmen gebunden, und dieses Unternehmen definierte ihren „Platz“, ihr Lebensfeld, egal, in welcher Ecke der Welt sie sich gerade befanden.
Genau dieser Faden der Kontinuität wird durch die flexiblen Arbeitsformen abgerissen. Forschungsarbeiten über die Entwicklung des urbanen Raums haben herausgefunden, dass die städtische Lebensart für diese Elite mittlerweile wichtiger ist als ihre Jobs: Bestimmte Viertel oder Nobelgegenden mit einem reichen Angebot an schicken Restaurants und speziellen Dienstleistungen treten an die Stelle des Unternehmens und übernehmen dessen Funktion als Anker.
Der zweite Ausdruck des neuen Kapitalismus ist die Standardisierung der städtischen Umwelt. Vor ein paar Jahren habe ich den Chef eines großen New-Economy-Unternehmens durch das Chanin Building in New York geführt, einen Art-déco-Palast mit großzügigen Büros und wunderbaren öffentlichen Räumen. „Das wäre nichts für uns“, sagte mein Begleiter, „die Leute könnten sich allzu sehr an ihre Büros gewöhnen, sie könnten glauben, dass sie hierher gehören.“
Das flexible Büro ist nicht als ein Ort gedacht, an dem die Menschen Wurzeln schlagen sollen. Die Büroarchitektur flexibler Firmen soll eine physische Umgebung garantieren, die sich jederzeit umgestalten lässt. Die Neutralität der neuen Gebäude hat im Übrigen damit zu tun, dass sie als Investmentobjekte zu einer globalen Währung geworden sind. Damit ein Geschäftsmann in Manila problemlos zehntausend Quadratmeter Büroraum in London kauft oder verkauft, braucht dieser Raum selbst die Uniformität und Transparenz des Geldes. So erklären sich auch die Stilelemente der New-Economy-Gebäude, die „Skin-Architektur“, wie Ada Louise Huxtable sie genannt hat: das Äußere mit Design aufgepeppt, das Innere immer neutraler, in Standardausstattung, beliebig einzurichten.
Neben der Skin-Architektur nimmt auch die Standardisierung des Konsumsektors immer mehr überhand: ein weltweites Netz von Kettenläden, die in Manila, Mexico City oder London in gleichartigen Räumen die gleichen Waren anbieten. Es fällt schwer, mit einem bestimmten Geschäft von GAP oder Banana Republic warm zu werden; Standardisierung macht die Menschen gleichgültig.
Auch die mangelnde institutionelle Loyalität am Arbeitsplatz – ein Problem, das auch die Manager heute kritischer sehen, die einst blindwütige Verfechter der permanenten Umstrukturierung waren –findet ihre urbane Entsprechung im Reich des öffentlichen Konsums. Das persönliche Engagement, die Anhänglichkeit und Treue zu bestimmten Einkaufsplätzen oder Stammlokalen ist unter den veränderten Rahmenbedingungen zerbrochen.
Die Städte hören auf, Fremdes, Unerwartetes, Erregendes zu bieten. Auch zur Entwicklung gemeinsamer Geschichte kommt es in den neutralen öffentlichen Räumen immer seltener: Das kollektive Gedächtnis schwindet. Der standardisierte Konsum zerstört lokale Bedeutungen in der gleichen Weise, wie der neuartige Arbeitsplatz die gewachsene gemeinsame Erinnerung unter den Arbeitern zersetzt.
Standardisierung und Gleichgültigkeit
Die dritte Auswirkung des neuen Kapitalismus ist für das Auge weniger sichtbar. Hochgradiger Stress und flexible Arbeitsformen zerrütten das Familienleben. Die üblichen von der Presse transportierten Bilder – vernachlässigte Kinder, Erwachsene im Stress, geografische Entwurzelung – treffen nicht den eigentlichen Kern dieser Desorientierung. Wichtig ist vielmehr, dass die Verhaltensregeln, die in der neuen Arbeitswelt herrschen, jede Familie zerstören müssten, wenn man sie vom Büro mit nach Hause bringen würde: Leg dich nicht fest, lass dich nicht ein, konzentrier dich aufs kurzfristige Kalkül!
Wenn Politiker öffentlich die „Werte der Familie“ beschwören, so kommt darin mehr zum Ausdruck als lediglich eine rechte Grundeinstellung: Es ist eine Reaktion auf die oft dumpf, aber heftig empfundene Gefährdung des Familienzusammenhalts im Zeitalter der New Economy. Das von Christopher Lasch entworfene Bild der Familie als „Himmel in einer herzlosen Welt“ schildert ein Bedürfnis, das umso dringender wird, je unvorhersehbarer und zeitaufwendiger sich die Arbeit der Erwachsenen gestaltet. Der damit benannte Konflikt, der für Angestellte mittleren Alters in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen wurde, besteht darin, dass die Erwachsenen, die sich ständig für den Zusammenhalt und die Organisation der Familie abrackern müssen, aus dem öffentlichen Leben mehr und mehr zurückziehen.
Damit komme ich zum letzten Punkt: Wie wirkt sich die Globalisierung auf die Städte aus? Die neue Elite, die ihre Geschäfte global in Städten wie New York, London oder Chicago betreibt, meidet den Bereich der Politik. Sie will in der Stadt operieren, sich aber nicht in irgendeiner Form an der Regierung beteiligen. Sie stellt eine Macht dar, ohne Verantwortung zu übernehmen.
Noch 1925 gab es etwa in Chicago zwischen politischer und ökonomischer Macht einen untrennbaren Zusammenhang. Die Chefs der 80 Spitzenunternehmen der Stadt saßen in den Verwaltungsräten von insgesamt 142 Krankenhäusern, sie stellten 70 Prozent der College- und Universitätsvorstände, und die Steuersummen von 18 nationalen Unternehmen machten 23 Prozent des städtischen Haushaltsbudgets aus.
Dagegen finden wir heute in New York nur wenige Figuren aus den Chefetagen international agierender Firmen in den Vorständen der Bildungsinstitutionen und keine Einzige im Verwaltungsrat eines Krankenhauses. Auch wissen wir mittlerweile gut Bescheid, wie freischwebend multinationale Konzerne wie Rupert Murdochs „News Corp“ operieren, um sich Steuerforderungen, auf lokaler oder nationaler Ebene, weitgehend zu entziehen.
Diese Entwicklung rührt daher, dass die globale Ökonomie nicht im eigentlichen Sinne in der Stadt verwurzelt, das heißt, mit der Stadt als Ganzes verbunden ist. Sie führt vielmehr ein Inseldasein – buchstäblich auf der Insel Manhattan in New York, architektonisch an Standorten wie Canary Wharf in London, die an geschlossene römische Siedlungen erinnern. Wie John Mollenkopf und Manuel Castells gezeigt haben, verströmt sich dieser global erwirtschaftete Reichtum kaum über die Grenzen der Enklave hinaus.
Die Enklavenpolitik der globalen Ökonomie erzeugt eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber der Stadt, die Marcel Proust in einem ganz anderen Kontext als Phänomen des „passiven Liebhabers“ beschrieben hat. Angesichts der Drohung, die Stadt zu verlassen, irgendwo anders in der Welt seine Zelte aufzuschlagen, bietet man dem globalen Unternehmen enorme Steuerfreiheiten, um es zum Bleiben zu bewegen. Diese gewinnträchtige Verführungsstrategie beruht darauf, dass die Unternehmen so tun, als sei ihnen ihr Standort letztlich egal.
Mit anderen Worten, die Globalisierung stellt sowohl in Bezug auf die Städte als auch in Bezug auf die Nation den Begriff der Bürgerschaft in Frage. Die Städte haben keinen Zugriff auf das Vermögen der globalen Firmen, und die Firmen selbst übernehmen kaum Verantwortung für ihre Präsenz. Die Drohung des Wegzugs macht es ihnen möglich, Verantwortung zu vermeiden. Umgekehrt gibt es keine politische Handhabe, um instabile, flexible Institutionen zu zwingen, einen fairen Beitrag für die Privilegien zu zahlen, die sie in der Stadt genießen.
Aus all diesen Gründen stehen die Städte vor drei neuen Problemen: dem Dilemma der Bürgerschaft; dem Problem einer angenehmen städtischen Umgebung (insofern Unstetigkeit und Standardisierung die Menschen gleichgültig gegenüber öffentlichen Plätzen werden lassen); und der Schwierigkeit einer unmittelbaren, dauerhaften Bindung an die Stadt.
Die ortsungebundene Produktion von Gütern zeigt sich in den Städten in Gestalt global agierender, mobiler Unternehmen und flexibler Arbeitsplätze – ein dynamischer urbaner Kapitalismus, der mit seiner Routine alles Vorfindliche auszuradieren droht. Schon jetzt prägt diese rastlose Ökonomie den Bereich der Politik, schafft Unverbindlichkeit und Standardisierung in der physischen Umgebung, belagert die Privatsphäre mit einer neuen Art von Arbeitsdruck.
All diese Probleme prägen die „bürgerliche Stadtgesellschaft“ unserer Zeit. Diese bedeutet heute einen Zustand wechselseitiger Anpassung, die durch wechselseitige Abgrenzung erreicht wird. Das ist nichts anderes als ein Zustand des sich gegenseitig In-Ruhe-Lassens, die Ruhe gegenseitiger Gleichgültigkeit. Positiv gesehen, ist es einer der Gründe, warum die moderne Stadt, die dehnbar ist wie ein Akkordeon, neue Wellen von Migranten so leicht absorbieren kann: Die unterschiedlichen Nischen sind hermetisch gegeneinander abgeschlossen.
Negativ gesehen, bedeutet das Miteinanderauskommen durch Abgrenzung nicht nur das Ende dessen, was das Zusammenleben einer Bürgerschaft ausmacht und eine Verständigung über unterschiedliche Interessen voraussetzt, es bedeutet auch einen Verlust schlichter menschlicher Neugierde auf andere Menschen.
Und doch erzeugt die Flexibilität des modernen Arbeitsplatzes ein Gefühl der Unvollständigkeit. Die flexible Zeit ist nicht kumulativ, sondern seriell: Man macht ein Projekt und dann ein anderes, das mit dem ersten nichts zu tun hat. Aber es entsteht kein Bedürfnis, dass man sich, da im eigenen Leben etwas fehlt, etwas außer sich sucht, wie die „Nachbarschaft des Unbekannten“ (Emmanuel Lévinas).
Daraus ergeben sich einige Ansätze für die Kunst, unsere heutigen Städte besser zu gestalten. Wir brauchen ein Miteinander verschiedener Aktivitäten in demselben Raum, wie es früher ein Miteinander von Familienleben und Arbeitsleben gab. Die Unvollständigkeit der kapitalistischen Zeit wirft uns auf dieselben Probleme zurück wie in den ersten Anfängen der städtisch-industriellen Entwicklung. In einer Stadt, die das Wohnhaus, domus, brutal aus seinen Zusammenhängen riss und die räumliche Verbindung zerstörte, die vor dem Aufkommen des industriellen Kapitalismus zwischen Familie, Arbeit, feierlichen und eher informellen öffentlichen Plätzen bestanden hatte. Es tut dringend Not, die Kollektivität des Raums wieder herzustellen, um die serielle Zeit der modernen Arbeit zu bekämpfen.
Aus dem Englischen von Grete Osterwald
Richard Sennett ist Professor für Soziologie an der London School of Economics und Autor zahlreicher Bücher, zuletzt erschien von ihm „Die offene Stadt. Eine Ethik des Bauens und Bewohnens“, München (Hanser) 2018. Dieser Text erschien im Februar 2001 in LMd.