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Grüne Kolonisierung: Starbucks und Conservation International in Chiapas
--- Angeles Mariscal (ergänzt: Direkte Solidarität) ---
Neo-Kolonialismus in Reinkultur: Der auf sein Ökoimage bedachte Weltkonzern Starbucks vereinnahmt mit Hilfe eines Umweltschutzverbandes lokale Kaffeebauern-Kooperativen. Doch in El Triunfo, im südlichen Chiapas unweit der zapatistischen Aufstandsregion, ging die Rechnung nicht auf...
Jaltenango, Chiapas. Abgeschirmt von der Umweltorganisation Conservation International (CI, siehe Kasten), versucht der transnationale Kaffeekonzern Starbucks die Vermarktungspolitik für den biologischen Kaffee in Chiapas an sich zu reissen. Diese Situation hat die Campesino-Organisationen der Region gespalten.
Mittels den mit dem Kaffeekonzern Starbucks geschlossen Verträgen beabsichtigt CI den grössten Teil der organisierten Kaffeeproduzenten der Region für sich zu gewinnen, indem sie anbietet, den aktuellen Kaffeepreis zu verdoppeln. Im Gegenzug sollen die Kooperativen die gesamte Vermarktung der Firma Agroindustrias de México S.A. (AMSA) überlassen, die das Produkt unter der CI-Marke „Green Conservation Coffee“ vertreiben würde. CI hat sich im Lauf der Jahre als technischer Berater ausserdem strategische Informationen und das Register der Biokaffee-Produzenten in der Region angeeignet.
Die betroffenen Bauern von den vier Kooperativen der Koordination El Triunfo kritisieren, dass diese Vorgehensweise von CI innerhalb ihrer Organisationen zu Spaltungen und Unsicherheit über den Verkauf der Ernte führt und Teil einer "neokolonialen" Strategie ist, die darauf abzielt, die Abhängigkeit von den transnationalen Konzernen zu verstärken und ihre Kapazitäten zur Organisation und Selbstverwaltung abzuschaffen.
Die Vertreter der Koordination El Triunfo - zusammengesetzt aus den Campesinos Ecológicos der Sierra Madre von Chiapas (CESMACH), Triunfo Verde, den Organisationen der Kaffeeproduzenten von Angel Albino Corzo (OPAAC) und der Regionalen Organisation der Öko-Landwirtschaftlichen Produzenten (ORPAE) – legen in der Sierra Madre von Chiapas, in der Pufferzone des Bio-Reservats El Triunfo, der Tageszeitung La Jornada diese Fakten vor. Die Campesinos repräsentieren 1028 Familien, die seit 10 Jahren den biologischen Kaffeeanbau betreiben, zertifiziert von OCIA Internacional und CERTIMEX. Sie sind auch im Fairen Handel aktiv, der ihnen einen würdigen Mindestpreis garantiert. Diese höheren Einkünfte, erklärt Sixto Cruz, Koordinator von CESMACH, erlaubten es den Produzenten, die Kaffeekrise zu überstehen, die das Land seit 1989 beeinträchtigt.
In einem Gespräch auf dem Kooperativensitz im Bezirk von Jaltenango geben die Produzenten an, dass sie ihren Organisierungsprozess 1991 begonnen hatten. "Wir verstanden, dass der Kaffeeanbau als solcher keine Überlebensgarantie war, deshalb suchten wir Alternativen, die es uns ermöglichten uns weiterzuentwickeln. Aber wir begannen dies mit der klaren Auffassung, dass dabei stets sozial bewusst vorgegangen werden sollte, auch wenn wir uns in einem Markt arrangieren müssen ", erklärt Adalberto Velasquez, Präsident der Kooperative Triunfo Verde.
Die Ankunft von Conservation InternationalLaut Roberto Escalante, Direktor des Öko- Reservats El Triunfo, wurde der biologische Kaffeeanbau von den CESMACH-Produzenten mit dem Projekt 'Café Amigable de la Conservación' begonnen, aber fünf Jahre später tauchte CI auf und begann Gelder zur Initiierung eines ähnlichen Projektes namens 'Café de Conservación' auszuschütten. Santiago Argüello, Vertreter von CI in dieser Region, bestätigt: Die Präsenz seiner Organisation in der Sierra von Chiapas ist "Teil einer Strategie, die ganz Mittelamerika umfasst, und beabsichtigt, den Marktzugang für Produzenten zu erleichtern, die ökologischen Kaffeeanbau betreiben."
Beide Projekte, das von CESMACH und das von CI, beruhen darauf, keine Chemikalien zu verwenden, keine einheimischen Kaffeestraucharten auszumerzen, auf jeder Kaffeepflanzung mindestens zehn verschiedene Straucharten zu kultivieren und Abholzung zu vermeiden. Im Jahre 1999 akzeptierten die organische Kaffeeproduzenten die Zusammenarbeit mit CI. "Unsere grösste Schwierigkeit als Produzenten war die Vermarktung, und das war der Vorschlag, mit dem sie ankamen. Sie hatten ein geschäftstüchtigeres Schema" erklärt Reynaldo López, Präsident von CESMACH.
In den nächsten drei Jahren schafften es die ökologischen Campesinos durch die Zuammenarbeit mit CI, ihre Produkte zu einem Preis abzusetzen, der 78 % über der lokalen Norm lag, und ihren Export von 385 auf 822,5 Tonnen biologischen Kaffees zu erhöhen. Doch Reynaldo Lopez fügt hinzu: "Das Problem ist, dass die Leute von CI, während sie unser Vertrauen gewannen, daran arbeiteten, unsere interne Organisation zu eliminieren. Sie fingen an, bei den Projekten unsere Zustimmung und unsere Zeiteinteilung zu übergehen. Sie versuchten sogar Anbautechniken zu verändern, mit einer Haltung im Stile von 'nimm's oder lass es, denn ich bin der Markt und du musst dich anpassen oder verschwinden'."
Die grüne Kolonisierung"Und Mitte 2003, als sie dachten, dass wir bereits abhängig von ihnen seien, versuchten sie, die Kommerzialisierung vollständig zu übernehmen. Sie sagten uns, dass wir uns aus der Bohnenauswahl, der Qualitätskontrolle und dem Export heraushalten sollten und nur noch der AMSA unseren Kaffee abliefern sollten", erzählen die Vertreter der vier Kaffeeorganisationen.
Sie fügen hinzu, dass CI im gleichen Zeitraum die Kaffeebauern darüber informierte, dass sie ihre Produktion verdoppeln müssten, weil sie neue Verträge mit Starbucks geschlossen hätten. "Wieder einmal ohne uns zu konsultieren, ohne Vorwarnung, uns nur als simple Arbeiter ansehend. Wir antworteten, dass wir durchaus einen Vertrag mit dieser Firma eingehen wollten, aber ohne diese neue Handelspolitik."
Noch während das Vorgehen von CI in den Organisationen in den Kooperativen besprochen wurde, informierte sie die konservative Umweltschutzgruppe, dass die Produzenten ab August 2003 "Spenden" zur Abdeckung der "Arbeitskosten" an sie zu entrichten hätten. Diese Tarife bewegten sich zwischen 5 und 15 Dollar pro exportiertem Quintal (45.4 kg), je nach Zertifizierungsgrad jedes Bauern (Biokaffe, Umstellungskaffee oder Fair Trade Kaffee). Das heisst, die Kaffeebauern hätten für die Vermarktung insgesamt zwischen einer und drei Millionen Pesos zahlen müssen. CI wollte ihnen zusätzlich eine Zahlung für das Anbauaufsichtsprogramm aufzwingen, das von ihren Technikern betrieben wird - und ausserdem forderte CI einen Beitrag von 16% der Einkünfte zur Unterstützung ihres sogenannten "Fondo Verde" („Grüner Fonds“ zum Schutze der Umwelt).
Der regionale Koordinator des Kaffeeprogramms von CI, Santiago Argüello, rechtfertigt die neue Handelspolitik mit dem Argument, die Kaffeeorganisationen hätten es teilweise versäumt, die Verpflichtungen mit Starbucks zu erfüllen, da sie die Ernte nicht in der abgemachten Zeit und Form geliefert hätten, was "einem Mangel an Kapazität für Verarbeitung und Export gleichkommt". Aus diesem Grund hätte Starbucks entschieden, dass die Produzenten sich ab der Ernte 2003 einverstanden erklären müssten, die Verarbeitung und Vermarktung der Firma AMSA zu überlassen.
"AMSA sollten als Kojote fungieren, als Zwischenhändler. Vier unserer sechs Kooperativen widersetzten sich und brachen die Geschäftsbeziehungen ab", erklärt Sixto Cruz. Er fügt hinzu, dass Starbucks bereits Tausende Dollar in die Vermarktung investiert habe, um den Kaffee, den sie sich aneignen wollten, auf ihrem Markt unter dem Label "Shade Grown" einzuführen.
Teile und herrscheConservation International gelang es schliesslich, die Bauernorganisationen in der Sierra Madre zu spalten. Jajnoptic und ICEAAC, vormals Mitgliedsorganisationen der Koordination El Triunfo, sowie einige wenige Grossbauern traten der neu gegründeten Gesellschaft Café de Conservacion bei. In deren Vorstand sitzen ausschliesslich Leute von CI, die sich jedoch in drei Jahren aus der Gesellschaft zurückziehen sollen. Der CI-Funktionär Santiago Argüello argumentiert, der erste Vorstand müsse die Nachhaltigkeit der Organisation erreichen und Zugang zu Geldern und Krediten gewährleisten. Argüello bejaht, dass CI mit Starbucks zusammenarbeitet, dem Konzern, der auch im Aufsichtsrat von CI vertreten ist und einer der wichtigen “Spender” von CI ist. “Starbucks ist nicht nur Kunde, er beteiligt sich auch an den Naturschutz-Projekten und gibt Gelder für technische Unterstützungsprogramme. Für das Kaffee-Projekt in Mexiko spendete der Konzern über den Fondo Verde eine Million Pesos (gerade mal 110’000 SFr.). Deshalb engagiert sich Starbucks doppelt”, meint Argüello. Er versichert, das neue Vermarktungsmodell entspreche “den Wünschen der Kunden, welche mehr Ankauf erzielen wollen. Sie sagten, sie könnten nicht direkten Kontakt pflegen mit Kleinkooperativen, welche nur geringe Quantitäten verkaufen können. Deshalb wurde AMSA für die Verarbeitung, den Export und die Kommunikation ausgewählt.” Der neue Kaffee von CI wurde unter der Marke Green Conservation Coffee registriert.
Dass bei diesem Produkt die Kooperativen nicht mehr erwähnt werden, wischt Argüello mit dem Argument weg, “dass mit der neuen Vermarktung der Gewinn für die Bauern gleich oder höher ist, weil sie nun überhaupt kein Risiko mehr eingehen und sich weder über die Börsenschwankungen noch über Wechselkurse den Kopf zerbrechen müssen.” Und um die Übernahme der Mitglieder der Kaffeekooperativen zu rechtfertigen, argumentiert Argüello, dass diese “bereits im Register der Naturschützer eingeschrieben waren.”
Die Vertreter der Koordination El Triunfo erklären ihrerseits, dass CI zu Beginn eine respektvolle Zusammenarbeit anbot, die jedoch in den letzten Monaten in direkte Agression umschlug. Als sich die Kaffeebauern in der Koordination El Triunfo weigerten, die neuen Handelskonditionen zu akzeptieren, begann das Personal von CI einen Rundgang durch alle Gemeinden der Bioproduzenten und bot ihnen direkten Ankauf an. Seit letztem Dezember betrebt CI zusammen mit AMSA gar eine eigene Aufzuchtanlage.
Die betroffenen Kaffeebauern denunzieren, dass AMSA und CI illegal Gebrauch des Registers der Bio-Kooperativen machen. Denn über das illegale Verwenden der Daten der Kooperativen (in dem die einzelnen Bio-Kaffee-Bauern registriert sind) rechtfertigt AMSA den biologischen Ursprung des Kaffees ihrer Marke Green Conservation Coffee.
“Das alles schmerzt uns sehr, denn wir organisieren uns seit über zehn Jahren. Zwei von sechs Organisationen der Koordination El Triunfo akzeptierten die Behandlung von Conservation International”, meint Reynaldo Lopez, 60jähriger Bauer und Gründungsmitglied von Cesmach. “An welchem Punkt befinden wir uns heute? Wir konnten neue Kunden finden und rund 70 % der Ernte 04 verkaufen. Wobei wir uns bewusst sind, dass uns mit der Zeit ein noch grösserer Schaden droht”, meint Sixto Cruz, ebenfalls von Cismach. Auf die Nachfrage von Direkte Solidarität mit Chiapas hin meinte Sixto, AMSA offeriere weiterhin gute Ankaufspreise und insbesondere könne die ungleich finanzkräftigere AMSA den Produzenten gleich den vollen Preis zahlen. Beim Verkauf über die Kooperativen hingegen müssten die Bauern auf einen Teil des Erlöses warten, bis der Export abgewickelt ist. Dafür sei es ihnen in den letzten Monaten in intensiverer Zusammenarbeit mit dem fairen Handel gelungen, den Preis von AMSA (16 pesos /kg Pergaminkaffee) zu übertreffen (Cesmach zahlte in der Ernte 2004 18 pesos/kg Pergaminkaffee). Er sieht diese Entwicklung als Erfolg der Bewusstseinsarbeit der Kooperative: Die Bauern haben die beiden Verkaufsmöglichkeiten – die einfache über AMSA/CI an Starbucks und die komplizierte, verantwortungsvolle über die eigenen Kooperativenstrukturen – analysiert und sich für letztere entschieden.
Sixto Cruz zeigt sich im Gespräch mit der Direkten Solidarität erstaunt, dass Starbucks in der Schweiz im Fairen Handel mitmischt (auch wenn die marginalen Umsatze von Max-Havelaar zertifiziertem Kaffee zu keinem Verhältnis stehen zur vollmundigen Starbucks-Werbung, siehe Kasten). Denn laut dem Vertreter von Cesmach war ihre Beziehung zu Starbucks immer “sehr distanziert” – die Vertreter des Multis seien nur selten vor Ort aufgetaucht. Die Erfahrungen mit CI und Starbucks, welche sie in letzter Zeit im Bereich Biokaffee machen mussten, lassen Sixto Cruz zum Schluss kommen, dass das Verhalten von Starbucks “keine Übereinstimmung mit dem Fairen Handel” zeige.
Sixto Cruz ergänzt, dass sie “keine Rebellen” seien und sich nicht grundsätzlich gegen Verkäufe an Starbucks wenden würden, “aber was wir nicht wollen, ist die Art und Weise der Kommerzialisierung, die sie uns aufzwingen wollten. Wir möchten lieber zwei oder mehrere Kunden und unseren Markt öffnen. Wir möchten unsere eigenen Fähigkeiten in den Bereichen Produktion, Kommerzialisierung und Finanzierung weiterentwickeln. Das Potential dazu haben wir.”