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Wieder einmal demonstriert die Akademikerin Michèle Binswanger in einem Artikel des preisgekrönten «Mamablog» ihre antiwissenschaftliche Haltung:
Der am 24. März veröffentlichte Artikel «Warum sollten Kinder glücklich machen?» bespricht zwar nicht «Alternativmedizin» (vgl. dazu hier), sondern Sozialwissenschaft, vertritt aber die von der Autorin gewohnte Position: Die Nutzlosigkeit wissenschaftlicher Methode in Anbetracht der alleserklärenden, unfehlbaren Anekdote.
Wissenschaftliche UnmündigkeitDie Autorin beschreibt einleitend, worum es in dem vorliegenden Text geht:
Eine mir zugegebenermassen nicht ganz fremde Idiotie hat mal wieder Hochkonjunktur. Es geht um eine Studie, doppelblindstudienbeglaubigte «Fakten», es geht um die Monetarisierung von Emotionen, die Ökonomisierung von Lebensmodellen, das Ausspielen verschiedener Lebensentwürfe gegeneinander.
Eine «Idiotie» habe «Hochkonjunktur», weil eine bestimmte Studie vorliegt. Eine Studie bedeutet scheinbar «Hochkonjunktur». Und irgendetwas mit doppelblind. Also eine Doppelblindstudie?
Weiter beschreibt die Autorin diese «Idiotie»:
Die Kontrahenden: Eltern gegen Kinderlose. Spielball: Das persönliche Glück. Schiedsrichter: Die Psychologen Richard Eibach und Steven Mock von der kanadischen Universität Waterloo.
Also handelt es sich um eine Doppelblind-Studie, in welcher Menschen mit Kindern die Testgruppe, Menschen ohne Kinder die Kontrollgruppe bilden (oder umgekehrt)? Klärung verschafft nur ein Blick in die betroffene Studie. Glücklicherweise verlinkt die Autorin im zweiten Absatz auf die betroffene Studie: Link.
Oder auch nicht: Die Autorin verlinkt nicht auf die Studie selber, sondern einen Artikel über die Studie (dieser Artikel erwähnt nichts von einer Doppelblind-Studie). Wenige Minuten Recherche führen zur eigentlichen Studie: Link. Die Studie habe ich hier zum Download bereitgestellt.
Wie also beschreiben die Autoren der Studie ihr Vorgehen? Zwei Versuche haben diese durchgeführt; Versuch 1 beschreiben sie folgendermassen (S. 204):
Versuch 2 beschreiben die Studienautoren folgendermassen (S. 206):
Es handelt sich also eindeutig nicht um eine Doppelblind-Studie. Ebenso klar ist, dass nur Menschen mit Kindern die Untersuchungseinheiten bilden, kinderlose Menschen nicht teilnehmen.
Nun ist also klarer, worum es in der Studie nicht geht. Worum geht es aber? Die Mamablog-Autorin beschreibt den Zweck der Studie wie folgt:
Die beiden postulieren aufgrund einer Studie, dass Elternglück nichts ist als Lug und Selbstbetrug ist. Denn Kinderkriegen, so meinen sie den Beweis erbracht zu haben, ist irrational und unvernünftig und funktioniert nur über Selbstbetrug. Um das herauszufinden, verwandelten die Forscher die Kinder erst mal eine quantifizierbare Grösse, der Einfachheit halber: Geld. Ein Kind kostet rund 190′000 Dollar – zumindest in Amerika – so hat man errechnet. Ganz schön viel, wenn man bedenkt, was man sich dafür alles hätte kaufen können.
Die Studienautoren postulierten, dass «Elternglück» nur «Lug und Selbstbetrug» sei. Kinderkriegen sei «irrational und unvernünftig» - was der Unterschied zwischen «irrational» und «unvernünftig» ist, erklärt die Autorin, ausgebildete Germanistin, leider nicht.
Im nächsten Absatz führt die Autorin weiter aus:
Daraus folgerten die Forscher, dass jene, die dumm genug sind, 190′000 in eine so unsicheres Gut wie Kinder zu investieren, das Elternglück umso mehr idealisieren. Klassische Kompensation. Was teuer war, muss schön geredet werden, so der Schluss der Forscher. Mitgeliefert wird auch gleich eine pfannenfertige Antwort, warum ausgerechnet heute, da man sich Kinder ja kaum mehr leisten kann, sie gleichzeitig so idealisiert. Völlig irrational. Wer so emotional und wertgesteuert handelt, ist ja recht eigentlich ein Trottel.
Wer «dumm» genug sei, viel Geld in Kinder zu investieren, idealisiere «Elternglück» umso mehr; «klassische Kompensation». Wer so widersprüchlich handle, sei ja «recht eigentlich ein Trottel», behaupteten die Studienautoren.
Es verwundert wenig, dass die Studienautoren selber sich in anderen Worten ausdrücken:
Die Studienautoren behaupten, dass ihre Untersuchung einen Dissonanz-Mechanismus aufzeige: Je stärker Eltern nur negativen Implikationen des Kinderhabens ausgesetzt seien, desto stärker versuchten diese Eltern, (erhoffte) positive emotionale Implikationen des Kinderhabens zu betonen.
Die Studienautoren sprechen nicht von «Dummheit» und «Trotteln», sondern von der Theorie der kognitiven Dissonanz. In diesem Fall ist die Dissonanz folgende: Eltern haben ein Kind oder mehrere Kinder. Gegen das «Halten» von Kindern (also gegen den status quo) sprechen die hohen Kosten; der emotionale Nutzen des Kinderhabens wird als Rechtfertigung für den status quo herangezogen. Sprich: Je stärker Eltern mit den Kosten der Kindererziehung konfrontiert werden, desto eher rechtfertigen Eltern diese Kosten mit emotionalem Nutzen des Kinderhabens.
Die konkreten Ergebnisse fassen die Studienautoren in Tabelle 2 für Versuch 1 (S. 205) und Tabelle 3 für Versuch 2 (S. 206):
Idealisierung des Elternseins wurde mit folgenden acht Fragen gemessen (S. 204):
«Dissonant feelings» aus Tabelle 2 wird mittels dreier Indikatoren gemessen: Die interviewten Eltern sollten angeben, wie «uncomfortable», «uneasy» und «bothered» sie sich gerade fühlten.
Nun gibt es an dieser Studie zweifellos einiges zu kritisieren. So ist unklar, warum in Versuch 1 mehr Frage-Items die Idealisierung messen als in Versuch 2. Die Auswahl der Untersuchungseinheiten ist willkürlich - die Studienautoren verallgemeinern ihre Ergebnisse unzulässigerweise. Es wird nicht wirklich erklärt, warum Versuch 2 so durchgeführt wurde und nicht anders.
Die Grundaussage dieser Studie ist aber durchaus interessant: Je stärker Eltern mit negativen Implikationen des Kinderhabens konfrontiert werden, desto stärker betonen Eltern positive Implikationen des Kinderhabens.
Wie geht die Mamablog-Autorin mit den Ergebnissen der Studie um? Mit einem Sprung ins Anekdotische, z.B.:
Ich weiss nicht. Hat eigentlich irgendwer behauptet, Kinder machen glücklich? Das tun sie nicht. Sie foltern einen mit Schlafentzug, sie nerven, sie zwingen einem ein geregeltes Leben auf und berauben einen der so hoch geschätzten individuellen Freiheit. Sie machen spiessig, sie belasten die Beziehung und bringen dich dazu, dich von deiner eigenen Liebe zu ihnen versklaven zu lassen. Und manchmal macht einen dieser Stress beinahe wahnsinnig.
Aber bekommt man Kinder, weil sie einen glücklich machen sollen? So wie man sich ein Auto zulegt oder ein paar schöne Schuhe kauft? Ich frage mich auch, woher die Auffassung kommt, Eltern täten den lieben langen Tag nichts anders, als von Kinder- und Elternglück zu schwärmen. Ich höre eher klagen. So sehr, dass ich mich nach der Geburt meiner Tochter ernsthaft fragte, warum nie jemand davon gesprochen hat, was für eine berauschende Erfahrung Elternschaft ist.
Und versucht dabei gar nicht erst, auf die Argumente der Studie einzugehen. Die Studie behandelt nicht die Frage, ob Kinderhaben effektiv in irgendeiner Form glücklich mache, sondern bloss, als wie emotional positiv Eltern das Kinderhaben angesichts der ökonomisch negativen Folgen des Kinderhabens einschätzen.
Die Mamablog-Autorin schreibt sich in anekdotische Rage, und segelt dabei an der Studie, welche sie eigentlich zu kritisieren versucht, vorbei.
Fazit
Der Mamablog-Artikel «Warum sollten Kinder glücklich machen?» zeigt zweierlei:
- Dass es scheinbar selbstverständlich ist, Studien zu kritisieren («Idiotie»), ohne wirklich zu kritisieren, was die Studien aussagen.
- Dass wissenschaftlich ausgebildete Menschen scheinbar der Überzeugung sind, dass der Plural von «Anekdote» nicht etwa «Anekdoten», sondern «Daten» ist - und diese anekdotischen «Daten» genügen, um wissenschaftliche Forschung zu widerlegen.