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Leben im Gegenlicht – Photomodell schon mit vier Jahren
Leben im Gegenlicht
Photomodell schon mit vier Jahren
Leben im Gegenlicht: Eine Serie des Fürsorgeamtes der Stadt Zürich, die monatllich einmal erscheint, um über die vielseitige Tätigkeit dieses Amtes zu informieren. Die Portraits (Name, Herkunftsort etc. werden durch die Autorin geändert) entstehen aus freiwilligen Gesprächen mit Männern und Frauen, welche die Leistungen des Fürsorgeamtes während kürzerer oder längerer Zeit brauchen, um aus Schicksalsschlägen, Verstrickungen und Notsituationen herauszufinden oder mit diesen leben zu lernen. Leben im Gegenlicht – nicht im Dunkeln und nicht im Rampenlicht, die Schatten sind länger, aber das Licht fehlt nicht.
“Schon früh musste ich arbeiten, schon mit vier Jahren. Als Photomodell. Als ich vierzehn war, weigerte ich mich, weiterhin an allen freien Nachmittagen, manchmal auch abends und nachts vor der Kamera zu stehen”. Lea W. fand es “scheusslich”, dass sie über keine Freizeit verfügte wie andere Kinder. Eine Folge der “Zwangsarbeit” war, dass in den neun Schuljahren nur eine einzige Freundin hatte. Das Geld, das die kleine Lea W. erarbeitete, diente der Grossmutter zur Tilgung der grossväterlichen Schulden.
Eine andere Bezugsperson als die Grossmutter hatte Lea W. nicht; der Stiefgrossvater starb, als sie vier Jahre als war, die Eltern hatte sie kaum gekannt. Eine kaufmännische Lehre auf einer Bank bot ihr die Möglichkeit, nicht nur einen verantwortungsvollen Beruf zu erlernen, sondern auch mit vielen Menschen in Kontakt zu treten. Als sie sich mit 21 Jahren in einen Mann verliebte und diesen drei Jahre später heiratete, sich von ihm nach einer Indienreise wiederum ein Jahr später trennte, begann gleichzeitig ihre Drogenlaufbahn, zuerst mit Haschisch und Haschischdeal, später mit Heroin. Damals, Anfang der achtziger Jahre, kostete eine Tagesration Heroin auf dem Schwarzmarkt rund 700 Franken. Während einiger Zeit gelang es ihr, die Arbeit als Bankangestellte und ihre Sucht irgendwie zu vereinen, doch sie verschuldete sich immer stärker und verlor schliesslich ihre Arbeit.
1980 hatte Lea W. einen Sohn geboren, den sie von Herzen liebte. Für das Kind zu sorgen, war ihr jedoch nicht möglich. Vom sechsten Monat an wuchs der Bub in einem Kinderheim auf, doch die Wochenende, häufig auch die freien Nachmittage, verbrachte er mit seiner Mutter. Lea W. hatte ein schweres Leben. Sucht und Prostitution bedingten sich wechselseitig. Allerdings versuchte sie seit 1983, vom Heroin loszukommen. Immer wieder fiel sie zurück, suchte jedoch Arbeit im Gastgewerbe und meldete sich für ein Methadonprogramm an. Zwei Jahre musste sie warten, bis sie aufgenommen wurde. Die Drogenersatzabgabe war kombiniert mit einem Beschäftigungsangebot in der Natur. “Harte Arbeit im Wald, Forstarbeit. Wie froh war ich zu spüren, dass ich noch Kraft hatte und das Leben schön fand!” Seit einem Jahr ist sie auch vom Methadon frei, “aus eigenem Willen”, wie sie strahlend ergänzt.
Es brauchte viel Zeit und Geduld, damit Lea W. wieder “den Rank fand”. Seit 1979 suchte sie die Sozialberatungsstelle ihres Wohnkreises auf; noch heute holt sie dort Rat. Sie lebt in einer einfachen städtischen Wohnung ohne Zentralheizung und arbeitet heute in der Kantine einer städtischen Institution. “So viele meiner ehemaligen Kolleginnen und Kollegen leben nicht mehr. Das stimmt traurig. Ich wollte nicht zugrundegehen”. Sie schaut mit Zuversicht in die Zukunft, für sich und ihren Sohn, der noch in diesem Jahr Handwerkerlehre beginnen wird.
Kasten
Die Abteilung Sozialberatung des Fürsorgeamtes bietet in 19Beratungsstellen, die auf Stadtkreise und Quartiere verteilt sind, persönliche und wirtschaftliche Hilfe an. Arbeitslosigkeit, Alkohol- oder Drogenprobleme, Schuldenfragen, Schwierigkeiten mit Behörden, Unterkunfts- und Beziehungsprobleme und vieles anderes mehr mögen den Schritt zur Sozialberatungsstelle nötig machen. Es wäre jedoch falsch anzunehmen, dass bei diesen Stellen fertige Rezepte zur Behebung von Notlagen bereitliegen. Damit eine Lebenssituation auf nachhaltige Weise verändert werden kann, müssen Menschen, die in Schwierigkeiten geraten sind, wieder ihre eigenen Kräfte und Fähigkeiten entdecken und diese einsetzen lernen. In diesem Sinn leisten die Sozialberatungsstellen vor allem Hilfe zur Selbsthilfe.
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