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Kleinparteien müssen mehr tun für ihre öffentliche Wahrnehmung als die grossen Volksparteien. Das erreichen sie unter anderem, indem sie Nischen besetzen. Erfahren Sie, in welchen politischen Themenfeldern dies der BDP, EVP, GLP und den Grünen gelingt.
Kleinparteien unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht von Grossparteien mit einem Wähleranteil über 10 %. Sie zeichnen sich mitunter durch eine andere Mitgliederstruktur, geringere finanzielle Ressourcen und eine unterdurchschnittliche Repräsentanz in Regierung sowie kleinen Kammern aus, aber auch durch das Fehlen einer eigenen Fraktion.
Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass sie in der medialen Berichterstattung und öffentlichen Wahrnehmung weniger Themen besetzen können. Bei den vier grössten politischen Parteien CVP, FDP, SP und SVP ist die öffentliche Beachtung denn auch über die verschiedenen politischen Themenfelder hinweg ausgeglichener als bei den kleineren Parteien.
Kleinparteien können sich auf einzelnen Gebieten besonders stark positionieren, erhalten dafür vergleichsweise wenig Beachtung in den meisten anderen Themenbereichen. Das belegen die in der unteren Tabelle aufgeführten Variationskoeffizienten der Parteien.
Mit Blick auf die Öffentlichkeitsarbeit scheinen kleinere Parteien folglich gut beraten zu sein, sich stärker auf bestimmte politische Themenbereiche zu fokussieren, als dies die vier grossen Parteien tun. Gleichzeitig ist die Frage berechtigt, ob die Daten nicht den Rückschluss auf eine bereits existierende überdurchschnittliche thematische Fokussierung der Kleinparteien erlaubt.
Alle politischen Parteien sind zu Recht darum bemüht, sich über die Aneignung besonderer Kompetenzen die Themenführerschaft in einzelnen politischen Feldern anzueignen. Gerade kleineren Parteien ist jedoch angesichts der nachfolgenden Daten davon abzuraten, auf die Strategie «Hansdampf in allen Gassen» zu setzen. «Nischen besetzen» heisst die Devise.
Variationskoeffizienten
CVP 34 %
FDP 23 %
SP 28 %
SVP 25 %
Grüne 50 %
GLP 107 %
BDP 77 %
EVP 92 %
Der Variationskoeffizient misst die Streuung der Wahrnehmung in den verschiedenen Themenbereichen. Je höher der Wert, desto stärker sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Themenbereichen. Die hier aufgeführten Zahlen basieren auf den Daten zu den nachfolgenden Graphiken. Diese wurden mittels der Web-Plattform Themenpuls.ch erhoben.
Aufs richtige Pferd setzen
Wir haben für die GPS, GLP, BDP und EVP untersucht, mit welchen Nischen sie am ehesten über die Medien wahrgenommen werden. Die Grünen und die GLP können sich auf je einem Thema besonders erfolgreich positionieren: die Grünen im Bereich Umwelt & Lebensraum, die Grünliberalen in der Energiepolitik. Wer die politische Medienberichterstattung der letzten Jahre mitverfolgt hat, den mögen diese Ergebnisse wenig überraschen. Die Deutlichkeit der Ergebnisse erstaunt da weit mehr.
Bei der EVP lassen sich drei politische Felder bestimmen, bei welchen sie im Vergleich zu anderen Themenbereichen und Parteien besonders stark wahrgenommen wird: «Gesellschaftspolitik», «Öffentliche Finanzen» und «Verkehr und Infrastruktur». Diese Ergebnisse verlangen eine genauere Betrachtung der betreffenden Medienartikel.
In der Gesellschaftspolitik fand die EVP insbesondere zu folgenden politischen Fragen Erwähnung: Einheitskrankenkasse, AHVplus-Initiative, Ecopop-Initiative, Prostitutionsverbot, Abtreibungen, Rechte gleichgeschlechtlicher Paare, Rauchverbot, Lebensmitteldeklarationen. Vorwiegend also Themen aus dem Bereich Gesundheit und Ethik. Der Ausreisser «Öffentliche Finanzen» lässt sich durch die Volksinitiative für eine nationale Erbschaftssteuer erklären, welche die EVP mitlanciert hat. Bei «Verkehr und Infrastruktur» fand die EVP in der Debatte um die zweite Gotthardröhre als Teil des Nein-Lagers Erwähnung.
Die BDP ihrerseits verschafft sich prioritär in folgenden politischen Feldern Gehör: «Politisches System», «Sicherheitspolitik» und «Öffentliche Finanzen». Letzteres ist durch die ehemalige Finanzministerin und BDP-Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf begründet. Im Bereich «Politisches System» konnte die BDP Akzente in der Diskussion um die Initiativflut, die Zauberformel und die Diskussion um einen zweiten SVP-Sitz setzen. In der «Sicherheitspolitik» wiederum in der Debatte um die Beschaffung des Gripen-Kampfjets. Damit liegen sie auf Kurs mit den anderen bürgerlichen Parteien. CVP, FDP, SVP und BDP erhalten in sicherheitspolitischen Debatten überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit.
In dieser Analyse nicht berücksichtigt ist, wie stark die Themenfelder die Bevölkerung bewegen. Hierbei bestehen nicht zu vernachlässigende Unterschiede zwischen den einzelnen politischen Gebieten: Migration, Aussenpolitik oder Wirtschaftspolitik generieren in der medialen Öffentlichkeit deutlich mehr Aufmerksamkeit, als dies für die Energie- oder Umweltpolitik der Fall ist. Von Vorteil ist es, die Themenführerschaft über besonders bewegende Themenbereiche zu haben. Allerdings fällt auf, dass dies den hier untersuchten Kleinparteien anscheinend durchs Band nicht gelingt.
Berechnungsmethode: Anzahl Nennungen der Partei im jeweiligen Themenbereich / Anzahl Nennungen von Parteien im jeweiligen Themenbereich / Anzahl Nennungen der betreffenden Partei über alle Themenbereiche hinweg. Die Skala wurde so festgelegt, dass der geringste Wert auf 0 fällt. Die Skala hört beim Wert 10 auf. Alle darüberliegenden Werte sind auf 10 begrenzt. Die Skala sagt nichts über die Anzahl der Partei-Nennungen in einem Themenbereich aus. Stattdessen setzt sie die Partei-Nennungen in einem Themenbereich in Relation zu allen Parteien-Nennungen in diesem Themenbereich und zur Anzahl an Parteinennungen über alle Themenbereiche hinweg. Diese Gewichtung erlaubt es, Rückschlüsse
Die erfolgreichen Strategien sind…
Kleinparteien sind aufgrund ihrer Rolle als Nichtregierungsparteien besonders gefordert, sich Gehör zu verschaffen. Zudem besteht im heutigen Wahlsystem mit Quoren und vielen relativ kleinen Wahlkreisen stets die Gefahr, dass sie den Sprung ins Parlament nicht schaffen oder deutlich untervertreten sind.
Gleichzeitig müssen Kleinparteien mehr Flexibilität beweisen und auf sich ändernde politische Grosswetterlagen reagieren können. Mit dem Rechtsrutsch bei den nationalen Wahlen 2015 etwa änderte sich zugleich die Stellung vieler Kleinparteien in der Mitte. Damit einher gehen kann auch eine inhaltliche Neuausrichtung.
Umso mehr Gewicht erhält die Frage, mit welcher Strategie die Kleinparteien öffentlichkeitswirksam politisieren wollen. Folgende vier erfolgreichen Strategien lassen sich beobachten:
- Fokussieren: Sei es inhaltlich oder personell: Kleinparteien sollten sich stärker fokussieren, um nicht profillos zu wirken. Stichworte sind die «Ein-Themen-Bewirtschaftung» und «Zugpferd der Partei». Die Bedeutung solcher Aushängeschilder, wie es Alt-Bundesrätin Eveyline Widmer-Schlumpf und Nationalrat Martin Bäumle für ihre jeweiligen Parteien sind, ist nicht zu unterschätzen. Allerdings verweist Politologe Michael Hermann darauf, dass die Zugpferd-Idee, also die Konzentration auf politische Schwergewichte, allgemein voranschreite.
- Lancieren: Das Ergreifen von Volksinitiativen kann gerade Kleinparteien in ihrer Öffentlichkeitswirkung einen grossen Schub geben. Ohne politische Verbündete und reelle Erfolgschancen droht das Unterfangen allerdings zu einem Rohrkrepierer zu werden. Die GLP-Initiative «Energie- statt Mehrwertsteuer» ist ein gutes Beispiel dafür.
- Nischen besetzen: Mit Blick auf die mediale Präsenz gilt es, offene Nischen zu besetzen. Die oben aufgeführten Daten legen diesen Schluss nahe.
- Kräfte bündeln: Indem Kleinparteien untereinander in einzelnen Fragen Allianzen schmieden und gemeinsam politische Ziele verfolgen, beschaffen sie sich das nötige politische Gewicht.
Zu Themenpuls
Die Resultate zur Medienpräsenz der politischen Parteien basieren auf Daten der Web-Plattform Themenpuls.ch. Themenpuls ist ein Service von Farner Consulting AG und Kuble AG. Die Web-Plattform erlaubt es, die online erschienenen Medienartikel nach Reaktionen im Web und Themen auszuwerten. Die Auswertung von Farner basiert auf jenen Artikeln, welche besonders viele Reaktionen im Web auslösten, um die Aussagekraft betreffend Medienpräsenz zu gewährleisten. Artikel ohne Resonanz könnten ein falsches Verständnis von Medienpräsenz vermitteln.