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Kapellen – aargauisches Kulturgut
Das Wort «Kapelle» leitet sich ab vom mittellateinischen «capella», was soviel wie «kleiner Mantel» oder «Mäntelchen» bedeutet. «Capella» hiess im frühmittelalterlichen fränkischen Königspalast in Paris der Raum, in welchem ein Stück des Mantels des hl. Martin von Tours als Reliquie aufbewahrt wurde. Soldat Martin hatte gemäss Legende – die Szene war einst auf einer Schweizer 100-Franken-Note dargestellt – seinen Mantel zerschnitten und die Hälfte einem Bettler geschenkt.
Im Laufe des Hochmittelalters dehnte sich der Begriff Kapelle in Europa auf die Beträume an weltlichen und geistlichen Höfen sowie in Rats- und Bürgerhäusern aus. Nun wurden allgemein kleine sakrale Räume und Bauwerke, die nicht die rechtliche Stellung einer Kirche aufwiesen, als Kapellen bezeichnet. Auch abgesonderte Räume mit eigener gottesdienstlicher Bestimmung innerhalb von Kirchen fielen unter den Begriff (Grabkapellen, Taufkapellen, Seitenkapellen u.a.).
Vielfältige Kapellenlandschaft
Im Aargau steht eine beachtliche Anzahl Kapellen. Zusammen mit den Kirchen, den Klöstern, den Bildstöcken sowie den Weg- und Flurkreuzen bilden sie eine reiche Sakrallandschaft. Sie erstreckt sich über die mehrheitlich katholisch geprägten Teile des Kantons: das einstige österreichische Fricktal und die ehemals gemeineidgenössischen Untertanengebiete Grafschaft Baden und Freiamt. Seit 1803 bilden diese drei Regionen zusammen mit dem früheren bernischen Aargau den Kanton Aargau. Im Berner Aargau verschwanden die Kapellen nach der Reformation, da der Protestantismus vorwiegend nur Gemeindekirchen kennt.
Die aargauische Kapellenlandschaft weist betreffend Alter, Gründungsgeschichte, Architektur, Ausstattung und Bedeutung der Kapellen eine grosse Vielfalt auf. Kapellen befinden sich in und neben Kirchen, in Klöstern und bei Schlössern, in Städten, Dörfern und Weilern, entlang von Strassen und Wegen, auf dem freien Feld oder im Wald. Wir treffen auf geschichtsträchtige Kapellen, deren Wurzeln ins erste Jahrtausend zurückreichen, aber auch auf moderne Sakralbauten. Die Entstehungsgeschichte vieler Kapellen ist uns bekannt, bei anderen bleibt sie für immer im Dunkeln; manchmal berichtet eine fromme Legende über den Ursprung eines Gotteshauses.
Viele Kapellen empfangen uns mit einer bescheidenen Innenausstattung, andere prunken mit üppigem Barock oder strahlen im festlichen Rokoko. Nicht jede Kapelle eignet sich für die Feier der Heiligen Messe, viele dienen dem einfachen Gebet der Gläubigen, so auch Wegkapellen, die als erweiterte Bildstöcke daherkommen. Manche der kleinen Gotteshäuser erfreuen sich aufgrund ihrer Lage oder historischen Bedeutung einer grossen Bekanntheit. Einige werden von Wallfahrern aufgesucht, andere sind beliebte Hochzeitskapellen. Doch ein weites Gebiet unserer Kapellenlandschaft ist für die meisten Aargauerinnen und Aargauer «terra incognita» – unbekanntes Land. Dies zu ändern, ist ein Ziel des Projekts Aargauer Kapellen.
Weltliche Stifter
Unsere Kapellen sind in der Regel keine kirchlichen Stiftungen. Oft waren es vermögende Personen, die es sich leisten konnten, zur Ehre Gottes und der Heiligen eine Kapelle zu erbauen und auszustatten. Reine Frömmigkeit oder die Erfüllung eines Gelübdes (Votivkapellen) konnten Gründe sein für die Errichtung eines Sakralbaus. Vor diesem Hintergrund entstanden vor allem im Zeitalter der barocken Volksfrömmigkeit zahlreiche Kapellen.
Häufig errichteten die Bewohner eines vom Pfarrort abgelegenen Dorfes oder Weilers eine Kapelle. Sie ermöglichte den Gläubigen das gemeinsame Gebet (Rosenkranz u.a.), ohne den oft beschwerlichen Weg zur Pfarrkirche unter die Füsse nehmen zu müssen. Einen Ort in der Nähe zu haben, wo man Gott, Maria und den Heiligen nahe sein und ihnen die Anliegen, Nöte und Bitten vorbringen konnte, war ein grosses Anliegen der Menschen in früheren Jahrhunderten.
Durch das Projekt Aargauer Kapellen entsteht die erste umfassende Beschreibung der römisch-katholischen Kapellen des Aargaus. Nicht berücksichtigt werden die in Kirchen integrierten Kapellen (Taufkapellen u.a.). Eine Ausnahme bilden aufgrund ihrer Bedeutung für die Volksfrömmigkeit die Burkartskapelle in Beinwil i.F. und die Verenakrypta in Bad Zurzach. Verzichtet wird in der Regel auch auf Abdankungskapellen auf Friedhöfen.
Die folgenden Beschreibungen der einzelnen Kapellen wollen das Bewusstsein und die Sensibilität für ein religiöses, volkskundliches und künstlerisches Kulturgut des Aargaus stärken. Dabei soll uns stets auch in Erinnerung gerufen sein, dass Kapellen noch immer Orte der Ruhe und des Gebetes sind.
Linus Hüsser