Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03109.jsonl.gz/191

Als Schauspieler, Performancekünstler und Veranstalter hat Norbert Klassen die Schweizer Kulturszene mitgestaltet und auch immer wieder herausgefordert. Nun ist er mit siebzig Jahren in Bern gestorben.
Er hätte einen schönen Traum gehabt, erzählte er mir vor zwei Wochen, als ich ihn im Spital besuchte: «Ich lag im Krankenbett, auf einer Bühne, und sagte den ‹letzten Satz›. Dieser Satz war so bedeutend, dass das Publikum mich mit tosendem Beifall und Hurrarufen feierte, bis sich der Vorhang schloss.» – «Was war das für ein letzter Satz?», wollte ich wissen. «Ach», lachte er los, «… den habe ich vergessen!»
Norbert Klassen, in den sechziger und siebziger Jahren als grosser Star der Berner Kleintheaterszene gefeiert, wollte nicht vom breiten Publikum bewundert werden, sondern Gleichgesinnte berühren. Nach seiner Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum machte er in Bern Furore in Stücken wie Wolfgang Borcherts «Draussen vor der Tür», das im Kleintheater an der Kramgasse 250 gespielt wurde. Doch schon bald wurde ihm die Theaterwelt zu eng. Er trat an Bahnhöfen und im Tram, auf dem Balkon und im Korridor auf, schon bevor er den Begriff «Performancekunst» kennenlernte. Sein erweitertes Theaterverständnis lautete: «Theater findet jederzeit statt, wo immer man ist, und die Kunst macht es einfach leichter zu glauben, dass dies der Fall ist.»
Blick aus dem Schaufenster
Inspiriert von der Fluxus-Bewegung, von John Cage, vom Living Theatre, das er Ende der siebziger Jahre in New York auch live erleben sollte, und vom Ausstellungsmacher und Theoretiker Gerhard Johann Lischka, der ihn mit PionierInnen der internationalen Performancewelt zusammenbrachte, gründete Klassen 1970 in Bern das Theaterkollektiv Studio am Montag. Hier erkundete er Grenzbereiche zwischen Theater und Performance, oft auch in Zusammenarbeit mit seiner Weggefährtin Janet Haufler. Das Studio am Montag entfernte sich immer weiter vom traditionellen Theater und wurde 1985 zum Stop Performance Theater STOP.P.T.
In Klassens «favourite performance live» sassen die BesucherInnen in einem Raum vor einem Schaufenster. Der Vorhang öffnete sich, und sie konnten dem Leben draussen auf der Strasse zuschauen, dreissig Minuten lang. «Performance» war eine noch undefinierte Disziplin. Sie hatte mit der Freiheit zu tun, nicht die Idee eines Regisseurs umzusetzen, sondern jeder Darstellerin und jedem Zuschauer ihre oder seine Individualität zuzubilligen. Auch seinen StudentInnen an der Berner Schauspielschule und an der Zürcher F+F Schule für experimentelle Gestaltung gab Klassen neben dem technischen Rüstzeug die Idee von existenzieller Freiheit mit auf den Weg. Sie sollten lernen, sich selbst als reale Person einzubringen und den ZuschauerInnen ohne vorgefertigtes Skript Geschichten zu erzählen, die für ihr Leben von Bedeutung sein könnten.
Präsenz zwischen allen Stühlen
Als die städtischen Subventionen für STOP.P.T halbiert wurden, gab er 1995 den Sisyphuspreis zurück, den er kurz zuvor für seine unermüdliche Vermittlungsarbeit bekommen hatte. Nachdem die Berner Schauspielschule ihm 1996 gekündigt hatte, wandte er sich vermehrt eigenen Projekten zu und gründete 1998 das Performancefestival Bone im Berner Schlachthaus Theater. Damit wurde Bern zu einem wichtigen internationalen Begegnungszentrum für «all die wenigen», die sich der puren Präsenz verschreiben, die zwischen allen Stühlen entsteht.
Norbert Klassen war ein Meister dieser performativen Präsenz, die er schon allein im Sitzen, Stehen und Gehen verbreitete. Einmal erzählte er, wie er es geschafft habe, den Raum zum Tanzen zu bringen. Er hätte immer den «Boléro» von Maurice Ravel tanzen wollen. Ohne tanzen zu können, hätte er die Lösung dazu gefunden: «Ich stand unbewegt im Bühnenlicht, in einem festlichen Glitzerkleid, und ritzte mir achtzehn Schnitte in die Stirn, begleitet vom sich ständig steigernden Rhythmus der Musik: Das an meinem Körper herunterlaufende Blut war der Tanz!»
Norbert Klassens Tod fiel mitten in den Start der 14. Saison des Perfomancefestivals Bone. Die Festivalleitung hatte er kurz zuvor an Valerian Maly und Peter Zumstein abgegeben. Seine eigene Performance jedoch geht weiter: Seine Urne hat er der Performancegruppe Black Market International vermacht, deren Mitglied er seit 1985 war und die regelmässig am Festival auftrat. Die Urne soll nun mit auf die Reise gehen, und seine Asche auf den Bühnen dieser Welt verstreut werden.
Am Samstag, 28. Januar, findet von 15 bis 23 Uhr ein öffentlicher Gedenkanlass im Progr-Zentrum für Kulturproduktion in Bern statt, wo Norbert Klassen seit 2004 einer der engagiertesten Ateliermieter war.