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Von Dr. Adis Merdzanovic
So manche ein Prominenter fand sich schon in der Kritik der Öffentlichkeit. Affären, Veruntreuungen oder gar gerichtliche Verurteilungen werfen die Frage nach der richtigen Krisenkommunikation immer wieder auf. Wie man damit umgehen kann, zeigt das Beispiel von Alexander Hamilton, dem US-Gründervater, der sich 1797 zur kommunikativen Flucht nach vorne entschied.
Alexander Hamilton gehört zu den bedeutendsten Gründervätern der amerikanischen Geschichte. Nicht nur ist er einer der Hauptautoren der Federalist Papers, welche die Grundlage für das Verständnis der amerikanischen Verfassung legten, sondern er schuf auch als erster Finanzminister das Fundament des amerikanischen Wirtschaftssystems und gründete die Federal Reserve. Die Geschichte des armen Waisenjungen, der sein Können in Schriften und im Unabhängigkeitskrieg unter Beweis stellte, hat mittlerweile Kultstatus, nicht zuletzt seit der Broadway-Musical-Adaption durch Lin Manuel Miranda.
Ein zentraler Aspekt von Hamiltons Geschichte stellt die sogenannte Reynolds Affäre dar. Im Sommer 1791 suchte die 23-jährige Maria Reynolds den damaligen Finanzminister Hamilton auf, um ihn um Hilfe zu bitten. Sie sei von ihrem Ehemann James verlassen worden und bräuchte nun finanzielle Unterstützung. Aus dem Hilfegesuch entwickelt sich rasch eine Affäre zwischen dem verheirateten Hamilton und Reynolds, die bis Juni 1792 dauert. James Reynolds, in vollem Wissen um die Affäre seiner Gattin, nutzte die Gelegenheit, um Geld von Hamilton zu erpressen. Eine Offenlegung der Affäre hätte das politische Ende von Hamiltons Ministeramt bedeutet. Hamilton zahlte, auch wenn in ihm der Verdacht reifte, dass beide Reynolds in die Erpressung involviert waren.
Der Skandal nimmt seinen Lauf
Als James Reynolds wegen anderer Delikte verhaftet wurde, nutzte er sein Wissen, um seine Strafe zu vermindern. In Verhören warf er dem Finanzminister Veruntreuung öffentlicher Gelder zur Tilgung seiner Affären-Schulden vor. Während Hamilton einer Kommission unter der Leitung des späteren Präsidenten James Monroe nachweisen konnte, dass es keinen Machtmissbrauch gab, nutzte sein Rivale Thomas Jefferson fünf Jahre später – als Hamilton nicht mehr Finanzminister, aber immer noch ein mächtiger Politiker war – die Gelegenheit, Gerüchte über das Privatleben von Hamilton zu streuen und der Skandal nahm seinen Lauf. Ein Journalist deckte die Reynolds Affäre auf und veröffentlichte die Anschuldigungen, samt der Dokumente, die Hamilton der Monroe-Kommission übergeben hatte.
Und so fand sich Alexander Hamilton in einer Situation, in der sich seither viele Personen des öffentlichen Lebens wiederfanden. Eine private Affäre, die den Staat nichts gekostet hatte und wohl gegen die Moral der damaligen Zeit, nicht jedoch gegen das Gesetz verstiess, kam ans Tageslicht und drohte, seine Reputation zu zerstören. Sollte er es aussitzen? Sollte er kommunizieren? Auch das eine Frage, die sich seither so manch ein Prominenter gestellt hat.
«Bei der Krisenkommunikation ist es besonders wichtig, dass alles, was man nach aussen trägt, der Wahrheit entspricht», sagt Dr. Adrienne Suvada, Expertin für Krisenkommunikation. Auch sollte man die Wahrheit nicht tröpfchenweise ausschütten, denn alles, was später ans Tageslicht komme, untergrabe die eigene Glaubwürdigkeit. «Oftmals wiegt das Verschleiern schwerer als die Affäre selbst.»
Die Flucht nach vorne: Das Reynolds Pamphlet
Hamilton entschloss sich für die Flucht nach vorne: die Veröffentlichung eines 95-Seiten-Essays, des Reynolds Pamphlets. Darin bestritt Hamilton jegliches Fehlverhalten im Hinblick auf die Veruntreuungsvorwürfe, bestritt die Affäre ansonsten aber nicht und entschuldigte sich sogar dafür. Ein richtiger Entscheid?
Hamiltons «Flucht nach vorne» zu einer Zeit, in der solche Affären wohl nicht gerade selten, aber dennoch gesellschaftlich geächtet waren, stellte einen mutigen und kommunikativ äusserst innovativen Schritt dar. Dieser hat es ihm erlaubt, seine Version der Geschichte für alle Ewigkeiten festzuhalten und den Kritikern somit den Wind aus den Segeln zu nehmen. Der Skandal war zwar nicht rasch vergessen, die Geschichte um Veruntreuung von Staatsgeldern wurde Hamilton jedoch nicht mehr angelastet. Auch wenn seine Chancen, jemals Präsident zu werden, dahin waren, ging seine Partei mehrheitlich unbeschadet aus dem Skandal hervor und Hamilton verlor kaum an politischen Einfluss.
Doch gab es die Reynolds Affäre wirklich? War sie lange Zeit historisch unbestritten, sind gewisse Historiker heute der Meinung, dass sie vielleicht gar nie stattgefunden haben könnte – und ein Vorwand war, gewisse Unregelmässigkeiten in den Staatsbüchern zu Hamiltons Zeit als Finanzminister zu vertuschen. Wenn dies der Fall sein sollte, dürfte Hamilton als Beispiel einer ganz anderen Art der Krisenkommunikation herhalten.