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Obwohl die alte Dame mit Kopftuch in dem kleinen Laden etwas verloren wirkt, weiss sie über die Preise sehr gut Bescheid. «Milk’s gone up. 49 pence a pint», erklärt sie zuhause ihrem Mann am Frühstückstisch, nicht ohne ihn dabei zu massregeln, weil er sich wieder einmal die Butter zu dick auf seinen Toast gestrichen hat. «Good grief!», entgegnet dieser, «We’ll have to economise.»
Das ist natürlich ironisch gemeint, denn natürlich brauchen Margaret Thatcher und ihr Mann Denis nicht zu sparen, und ausserdem könnte sich Denis so viel Butter aufs Brot schmieren wie er wollte, denn er ist seit vielen Jahren tot. Das wiederum wird klar, wenn im nächsten Moment die Haushaltshilfe in die Küche tritt und man die ehemalige Premierministerin Grossbritanniens allein am Tisch sitzen sieht.
Somit sind in diesem Film bereits nach wenigen Minuten die psychologischen Koordinaten festgelegt: Auf der einen Seite eine willensstarke Frau, die sogar am Frühstückstisch das Kommando vorgibt, auf der anderen Seite eine altersdemente Aussenseiterin, die sich mit ihrem verstorbenen Mann unterhält und zunehmend von Erinnerungen überwältigt wird.
Dass in der Folge dieses Eintauchen in die Vergangenheit mittels zahlreicher Rückblenden geschieht, ist für ein Biopic im Allgemeinen üblich. In The Iron Lady ist diese Vorgehensweise jedoch insofern prekär, als sie dem Ziel anhängt, das Private (als das Unschuldige) und das Politische (als das Hinterfragbare) zu trennen. Dies wird gleich zu Beginn deutlich, wenn Thatcher zum ersten Mal ihre Zeitreise ausgerechnet beim Signieren ihrer Autobiografie antritt: Als sie von der «äusseren Wirklichkeit» kurz abgelenkt mit ihrem Mädchennamen unterschreibt, reisst sie die Seite – ein kleiner Akt der Selbstvernichtung – ohne zu zögern wieder heraus. So wie die junge Margaret damals war, so möchte die heutige nicht mehr sein. Doch es ist zu spät, man befindet sich bereits im Jahr 1943 im Lebensmittelgeschäft des Vaters und wird Zeuge, wie die nicht besonders attraktive Margaret die Zulassung für ihr Oxford-Studium erhält. Während der Vater sich freut, verweigert die sorgenvoll dreinblickende Mutter ihrer Tochter Umarmung und Anerkennung.
Derart erlebt man in chronologischer Abfolge den Aufstieg Thatchers an die Spitze der britischen Macht, ihren Kampf gegen das männliche Establishment und diverse innen und aussenpolitische Krisen. Doch wollte man The Iron Lady daran messen, was man über Margaret Thatcher als Frau erfährt beziehungsweise über ihre konservative Politik, die Grossbritannien mehr als ein Jahrzehnt prägte und veränderte, fällt das Urteil ernüchternd aus: Weder von der Person, noch von den Auswirkungen ihrer bis heute umstrittenen Amtsführung erzählt The Iron Lady Wesentliches.
Somit bleiben nur zwei Möglichkeiten: Entweder es entspricht dem Kalkül der Regisseurin Phyllida Lloyd und ihrer Drehbuchautorin Abi Morgan, gerade so viele dunkle Flecken auf Thatchers Kostüm zuzulassen, um sich gerade nicht den Vorwurf der Hagiografie einzuhandeln. Dafür würde sprechen, dass The Iron Lady für die Rückblenden die subjektive Sichtweise Thatchers wählt und der Film sich somit in gewisser Weise selbst aus der Verantwortung nimmt. Oder, was schlimmer wäre, hier wird ein von Unbedarftheit geprägtes historisches Verständnis deutlich, das Geschichte mit einem Bilderbuch verwechselt. Dafür würde sprechen, dass Abi Morgan in einem Interview meinte, es sei ihr wichtig gewesen, «eine möglichst runde, harmonische Interpretation dieses Menschen zu schreiben.» Was an diesem Film jedenfalls erstaunlich ist: Während Meryl Streep an die Leistung Helen Mirrens in The Queen erinnert, indem sie sich in ihre Rolle förmlich eingräbt, und die Maskenbildner diese Mimikry eindrucksvoll perfektionieren, bleibt die Erzählung selbst stets an der Oberfläche.
Wobei es gar nicht darum ginge, einen – ohnehin stets fragwürdigen – Blick hinter die Kulissen der Macht zu präsentieren, sondern um den schmalen Grat zwischen Empathie und Distanz, wie ihn ein vergleichbares Biopic unlängst eindrucksvoll beschritt. Auch in Clint Eastwoods J. Edgar driftet die Erzählung gemeinsam mit dem FBI-Chef wiederholt in dessen Erinnerungen ab, während dieser seine Memoiren diktiert. Doch nicht nur ist die «materialreiche Chronologie über mehrere Zeitsprünge hin brillant gebrochen und verschachtelt», sondern «mündet der Film in eine Klimax, die das von J. Edgar Erzählte in Frage stellt und widerlegt.» (Martin Walder in Filmbulletin 1.12). Eastwood gelingt es, Politik und Privates in der Schwebe zu halten – ein Zugang, der sich für ein Biopic über eine zwiespältige und umstrittene Persönlichkeit wie Hoover – und als eine solche muss auch Thatcher betrachtet werden – als überaus treffend erweist. Denn dadurch verweigert Eastwood jene einfachen Zuschreibungen, die Hoover im Laufe seiner langjährigen Amtszeit auf sich zog. <The Iron Lady jedoch lässt keine Fragen offen, weil Regie und Buch überhaupt keine stellen. Dem Terroranschlag der IRA auf das Brighton Hotel im Oktober 1984 und dem in zehn Minuten abgehandelten Falkland-Krieg kommt dieselbe Bedeutung zu wie dem Meer aus Rosenblüten, durch das Thatcher bei ihrem Auszug aus der Downing Street schreitet.
«I cannot die washing up a tea cup», meint die junge Thatcher zu ihrem Mann, als dieser um ihre Hand anhält. Und wie zum Beweis sieht man die Eiserne Lady am Ende tatsächlich beim Abwasch – und ihr Versprechen halten.