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annabelle: Thandiwe Muriu, wie kamen Sie zur Fotografie?
Thandiwe Muriu: Ich bin in Nairobi aufgewachsen, mit drei Schwestern. Meinen Eltern war es wichtig, dass wir Mädchen dieselben Möglichkeiten hatten wie Jungs. Mein Vater lehrte mich praktische Dinge, auch wie man eine Kamera benutzt. Ich experimentierte mit seiner alten Nikon, schaute mir Youtube-Tutorials an und brachte mir das Fotografieren selbst bei. Mein Vorbild: Die Bilder in den Modemagazinen meiner älteren Schwester.
Sie arbeiteten bereits im Alter von 17 Jahren als Werbefotografin. Mit 23 fotografierten Sie Ihre erste eigene Kampagne, bald wurden Sie von den grössten Firmen Ostafrikas engagiert. Warum kehrten Sie der Werbung den Rücken und wandten sich der Kunst zu?
Ich ging zwar noch immer gern zur Arbeit. Aber zusehends vermisste ich die Magie. Der Job erfüllte mich nicht mehr. Eine Bekannte brachte mich auf die Idee, mein eigenes Ding zu machen. Ich hatte nie zuvor etwas von Fotokunst gehört. Ich war es gewohnt, die Vision eines Auftraggebers in meiner eigenen Weise umzusetzen. Aber jetzt konnte ich meiner eigenen Vision folgen. Ich fragte mich also: Was will ich ausdrücken? Wer bin ich?
Wer ist Thandiwe?
Antwort eins: Ich bin eine Frau. Das ist ein wichtiger Aspekt meines Lebens. Antwort zwei: Ich liebe Farben. Ich wollte sehen, wie verrückt ich sein kann mit Farben, wenn man mir keine Grenzen setzt. Antwort drei: Ich bin Afrikanerin. Das sollte nicht der Fokus meiner Arbeit sein, aber es war mir wichtig, der von meiner Herkunft geprägten Sicht auf die Dinge gerecht zu werden.
Das Fotoprojekt, das Sie bereits 2015 starteten, heisst «Camo». Woher der Name?
Camo steht für Camouflage. Wie bei der Camouflage fügen sich die Frauen in meinen Fotografien derart ein, dass sie mit dem Hintergrund verschmelzen. Das ist ein Kommentar auf die klar definierten Rollen für Frauen, die jede Kultur hat und die besonders stark ausgeprägt sind in traditionellen Gesellschaften wie der kenianischen. Die Frauen, die sich in die für sie vorgesehenen Rollen fügen, verschwinden im gesellschaftlichen Gewebe. Aber Frauen sind so viel mehr als diese Rollen, die man ihnen zugesteht. Die Frauen auf meinen Fotografien fügen sich zwar ein, sie stechen aber auch heraus. Sie sind mutig, man kann sie nicht ignorieren, sie haben Autorität, sie lächeln nie, sie brauchen keine Bestätigung und fragen nicht um Erlaubnis, um sein zu dürfen, wer sie sind.
Haben Sie selbst die Erfahrung gemacht, dass von Ihnen erwartet wird, sich als Frau einzufügen, unsichtbar zu werden?
Die Gesellschaft in Kenia ist sehr traditionalistisch, es gibt klare Regeln, was Männer können und was für Frauen richtig ist. In Nairobi sind die Menschen zwar etwas aufgeschlossener. Aber selbst meine Eltern, die mich immer unterstützt haben, waren besorgt über meine Berufswahl. In Kenia gab es kaum Frauen, die Werbefotografie machten. Auf den Sets war ich für gewöhnlich die einzige Frau. Wenn ich mich als Fotografin vorstellte, sagten alle: Oh, wir dachten, das wäre etwas, das nur Männer tun. Ich musste immer um das Recht kämpfen, im Raum zu sein.
Camouflage bedeutet auch Tarnung. Sich anzupassen, kann auch ein Schutz sein.
Genau. Ich zum Beispiel lächle viel. Irgendwann habe ich realisiert, dass ich mein Lächeln gezielt einsetze. Wenn ich einen Raum voller Männer betrete, dann lächle ich. So wirke ich weniger bedrohlich.
In Ihrem Werk verhandeln Sie überholte Rollenbilder, andererseits arbeiten Sie mit traditionellen afrikanischen Textilien. Wie zwiegespalten ist Ihr Verhältnis zur Tradition?
Ich sehe mich als Teil einer Bewegung, die ich New Africa nenne. Die Generation meiner Eltern empfindet den Einzug westlicher Werte in Kenia als Bedrohung. Ich hingegen gehöre einer Generation an, die darin etwas Positives sieht. Ja, wir sind Afrikaner:innen. Wir teilen diese Traditionen, aber unser Leben ist westlich geprägt: Ich spreche Englisch, ich trage westliche Kleidung. New Africa ist die Idee einer hybriden Kultur, die Fusion beider Welten.
Hat die Arbeit an «Camo» Ihre Einstellung zur Tradition verändert?
Die afrikanischen Stoffe waren für mich früher vor allem alten Tanten vorbehalten. Je länger ich aber mit ihnen arbeitete, desto mehr verliebte ich mich in die Textilien. Da steckt natürlich ein Konf likt drin, schliesslich stehen sie in meinem Werk für die traditionelle Denkweise, die für die Unterdrückung der Frauen verantwortlich ist. Aber wir haben in Kenia auch wunderbare Traditionen, die Frauen ermächtigen. Mir ist erst mit der Zeit klar geworden, dass konservative Denkmuster kein kenianisches Problem sind, auch kein afrikanisches, sondern ein globales. Ich spreche nicht für afrikanische Frauen, sondern für alle Frauen. Meine Arbeit ist ein Liebesbrief an die Frauen aus der Sicht einer Kenianerin.
Wie wählen Sie die Textilien aus?
Wir haben in Nairobi diese Märkte in Lagerhallen, die bis unters Dach mit Textilien gefüllt sind. Ich ziehe ein Stück raus, schaue es mir an, ziehe ein nächstes raus und wühle mich durch Tausende von Stoffen. Am Ende finde ich fünf, die ich nutzen kann. Ich suche nach Drucken, die meiner Vision von New Africa entsprechen. Die sogenannten Ankara-Stoffe stammen aus Westafrika, es sind traditionelle Farben und Stile. Im ostafrikanischen Tansania werden eher Stoffe mit floralen Motiven in dunklem Blau, Rot und Braun getragen. In sie würde sich auch meine Grossmutter oder meine Mutter kleiden, ich aber nicht. Meine Generation bevorzugt Stoffe, die geometrisch gemustert sind, ein moderner Print auf einem traditionellen Stoff. Diese Muster wähle ich auch für meine Fotografien.
Bild: Thandiwe Muriu
Bild: Thandiwe Muriu
Bild: Thandiwe Muriu
Bild: Thandiwe Muriu
Bild: Thandiwe Muriu
Bild: Thandiwe Muriu/Institute
Neben den farbenfrohen Prints kommen in Ihren Fotografien auch zahlreiche Accessoires vor. Warum?
Wer an Kenia denkt, der denkt an hungernde Kinder und Slums. Und das ist auch eine Realität. Es gibt grosse Armut in Kenia, viele Menschen leben hier unter schwierigsten Bedingungen. Aber Kenia ist viel mehr als das. Die Not macht die Menschen erfinderisch. Die Sonnenbrillen, Kämme, Schmuckstücke in meinen Fotografien sind aus Materialien gefertigt, die man in jedem kenianischen Haushalt findet und die für gewöhnlich im Abfall landen. Diese Dinge verkörpern für mich ein Potenzial.
Können Sie das erklären?
Ein Becher ist an sich nur ein Becher. Aber seit ich an «Camo» arbeite, sehe ich in einem Becher Ohrringe, eine Sonnenbrille. Frauen sind oft selbstkritisch, die Liste der Dinge, die sie an sich lieben, ist meist sehr kurz. Fragt man sie danach, legen sie erst mal eine Denkpause ein. Manchen fällt kaum etwas dazu ein. Ich wünschte mir, diese Frauen würden das Potenzial in sich sehen.
Mit «Camo» sind Sie weit über Kenia hinaus als Künstlerin bekannt geworden. Wie fühlt sich das an?
Das ging alles sehr schnell. Ich hatte mir einen Namen als Werbefotografin gemacht und dachte, das wäre das Höchste, was ich erreichen kann. Vor drei Jahren dann kontaktierte mich eine Galerie aus Paris, sie hatten meine künstlerischen Arbeiten auf Instagram gesehen und wollten sie ausstellen. Ich dachte erst, es wäre ein Scherz. Und sagte mir dann, dass ich es einfach versuchen müsse, schliesslich lebten wir in einer Pandemie, die Welt drohte unterzugehen, ich hatte nichts zu verlieren. Nach der Ausstellung unterschrieb ich einen Vertrag mit der Galerie. Ich wurde an der Photo London für einen Award nominiert. Dabei hatte ich während Covid Nairobi nie verlassen. Ich hatte noch nie eine Kunstmesse von innen gesehen. Dann riefen Redaktor:innen der «Vogue» an, «BBC» wollte ein Interview, ich konnte meine Geschichte erzählen und begann, die Welt zu bereisen. Ein unglaubliches Gefühl. Aber ich bin mir der Verantwortung bewusst, Frauen richtig repräsentieren zu müssen.
Gibt es heute mehr Fotografinnen in Kenia?
Es gibt ein paar, aber die Fotografie ist noch immer eine Männerdomäne. Ich kriege aber viele Nachrichten von Frauen, die meine unkonventionelle Karriere verfolgen. Mein Erfolg gibt ihnen Hoffnung und Hoffnung ist eine gute Sache.