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Alles im Leben sei eine Frage der Reziprozität, sagt Henri-Jack Dutertre, der Mann, der Shiseido in der Schweiz aufgebaut hat. Er sitzt im Sessel in seinem Büro, von wo man auf die belebte Genfer Place du Molard sieht. Wer Leben liebe, werde vom Leben geliebt, sagt er. Vielleicht liebt er das Leben, weil seines gar nicht so rosig angefangen hat.
Henri-Jack Dutertre kam am 25. April 1941 im französischen Angers zur Welt. Sein Vater war in der Résistance und kam ins Konzentrationslager Mauthausen – als er es verliess, wog er 28 Kilo. Henri-Jack war vier Jahre alt, als seine Eltern sich trennten. Das war damals unüblich. «Diese Ereignisse haben mich geprägt – bis heute», sagt er. Was auch geschehe, wie viel Erfolg er habe, letztlich bleibe Unsicherheit. Vielleicht ist diese Unsicherheit sein Antrieb, vielleicht hat er seinen Erfolg dieser Unsicherheit zu verdanken. Vielleicht bringen es skeptische Menschen weiter als jene, die, von sich überzeugt, blindlings in Betonwände rennen.
Nach der Matura reiste er nach London, weil er sich in eine Engländerin verliebt hatte. Danach ging er freiwillig in den Algerienkrieg. «Es hört sich seltsam an, doch das Jahr in Algerien war eine gute Zeit» – er habe dort so etwas wie eine Familie gefunden, was er zuvor vermisst hatte. Wieder in Paris, begann er bei Olivetti zu arbeiten, wo ihn ein Kunde – ein Parfumhersteller – abwarb. Der Parfumhersteller ging nach einem Jahr in Konkurs. Henri-Jack Dutertre ging zu einem anderen Parfumhersteller, der ebenfalls Pleite ging. Das hört sich bisher nicht nach einer Karriere an. «Seltsamerweise kam ich immer an bessere Jobs», sagt er. Er verstand das nicht, versteht es auch heute noch nicht. Es geschah einfach.
Als er im Jahr 1970 beim Parfumhersteller Capucci arbeitete, wurde er von L’Oréal angefragt, die Direktion von Lancôme zu übernehmen. Er verstand nicht, wieso die ausgerechnet ihn wollten, nahm den Job aber an. Der Mensch entwickelt Talent, wenn er gefordert wird. Und er, Henri-Jack Dutertre, wurde gefordert. Er wurde zum jüngsten Direktor eines französischen Parfumunternehmens. Im Jahr 1975 kam es zu einem abrupten Wechsel: Die Ärzte diagnostizierten bei ihm einen Krebs. Er war plötzlich nahe am Tod. Doch er konnte geheilt werden. «Ich hatte Glück.» Wenn es nicht rund läuft, denkt er zurück an jene Zeit.
Zehn Jahre blieb er bei Lancôme. Er war mit einer Deutschen verheiratet – und als er sich in eine Amerikanerin verliebte, die bei Lancôme in den USA arbeitete, entstanden firmeninterne Probleme. Er suchte einen neuen Job. Dafür erstellte er ein Ranking, welche Firmen ihm wie viel zahlen könnten. Revlon war die Nummer eins. Er bewarb sich bei Revlon – und wurde Generaldirektor. Einige Jahre später verliess er die Firma. «Wer mehrere Unternehmen geführt hat, will irgendwann ein eigenes aufbauen», sagt Henri-Jack Dutertre, «sich immer wieder irgendwo anstellen zu lassen, wäre ein Rückschritt.» Er gründete in Paris eine Parfumvertriebsfirma, die er nach kurzer Zeit einem Ägypter verkaufte. Einfach in Paris Parfums zu vertreiben, das war es nicht. Das hatte er schon zu lange getan.
Er wollte es nochmals wissen, und zwar richtig, er wollte etwas aufbauen. Dabei stiess er auf die Schweiz, in der Shiseido nicht präsent war – nach L’Oréal damals immerhin der grösste Kosmetikhersteller der Welt. Er erstellte einen Business- und Marketingplan und sandte ihn an Shiseido in Paris. Von dort erhielt er grünes Licht, aber in Genf keine Bewilligung zur Gründung seiner Firma. Und bei der Genfer Kantonalbank habe man die Marke Shiseido nicht einmal gekannt. Der damalige Bankverein habe ihn jedoch unterstützt. Er gründete mit einem Kapital von 500 000 Franken und mit zwei inzwischen ausgestiegenen Partnern in Freiburg die Aktiengesellschaft Wodma 41. Heute ist die Firma in Genf und zu hundert Prozent in seinem Besitz.
Die ersten Jahre waren sehr harzig. Henri-Jack Dutertre verlor Geld. Im Jahr 1991 machte er mit der Belieferung seiner ersten Kunden einen Umsatz von einer Million Franken. Bald schrieb er schwarze Zahlen. Er habe in der Schweiz viel Vertrauen erhalten. «Als ich Geld brauchte, erhielt ich Sicherheiten von Freunden» – das gebe es in Frankreich nicht.
Die Türe seines Büros bleibt während des Gesprächs offen. Dies gehöre zur Firmenkultur. Die Leute kommen in sein Büro, wenn sie ein Anliegen haben. Das ist ihm lieber als Sitzungen. Er mag keine Sitzungen. Es gibt pro Woche nur eine Sitzung, in der ganz schnell die Hauptpunkte durchgegangen werden. Die Büros schliessen um 17.30 Uhr, am Freitag um 16 Uhr, fix. Oftmals werde in Büros während des halben Tages geplaudert und am Abend aufgearbeitet. Dies will er nicht. Wenn er merkt, dass jemand nicht in seine Firmenkultur passt, dann handelt er schnell. «Ich mag keine rauen Menschen. Wieso muss man sich Schmerzen zufügen, wenn es anders geht?»
Früher, als er noch angestellt war, musste er politisch handeln. Dies falle jetzt weg, weil er sich seine Ziele selbst setze. Politisch handeln muss er allenfalls noch in seiner Position als Vizepräsident des Verbandes der Parfumindustrie der Schweiz; letztes Jahr hat er den Posten als Präsident aufgegeben. Am wichtigsten sei ihm, mit den Händlern gute Beziehungen zu haben. Bei Wodma 41 in Genf, wo insgesamt 25 Leute arbeiten, sei er omnipräsent – «ich kenne alle Details, weil ich das Ganze aufgebaut habe». Einschliesslich der Verkäuferinnen in den Warenhäusern arbeiten knapp neunzig Personen für sein Unternehmen.
Es sei nun Zeit für einen Mittagslunch, sagt er. Wir gehen in die Brasserie Lipp, die nur ein paar Schritte entfernt ist. Wir nehmen die Abkürzung durch das Warenhaus Globus – an der Shiseido-Verkäuferin vorbei. Die Verkäuferin muss um die Mittagszeit immer unter Hochspannung sein, denn Henri-Jack Dutertre isst täglich in der Brasserie Lipp, und er nimmt immer die Abkürzung durch den Globus. In der Brasserie Lipp ist immer ein Tisch für ihn reserviert. Er zahlt seine Konsumationen per Monatsrechnung. Oftmals macht er Notizen auf dem Tischtuch, die er am Nachmittag ins Geschäft mitnimmt. Er ist ein Gewohnheitsmensch. «Wenn mir etwas gefällt, dann wiederhole ich es», sagt er an seinem Tisch in der Brasserie Lipp. Einmal hat er sechs Wochen lang jeden Tag den Wurstsalat gegessen. Dieser Wurstsalat ist dann für eine Weile auf der Karte nach ihm benannt worden: Wurstsalat Henri-Jack.
Er bewegt sich in Genf auf einem kleinen Terrain. Wohnung, Geschäft und Brasserie Lipp befinden sich in unmittelbarer Nähe. Auch seine Zigarren – kubanische Epicure Nr. 2 – kauft er immer in jenem Mikrokosmos: bei der Genfer Zigarrenlegende Gérard. Die derzeitige Intoleranz gegenüber Rauchern ärgert ihn. «Ein Frontalangriff auf die Genusskultur.»
Er mag es, wenn man ihn in Restaurants kennt. In der Cantinetta Antinori in Zürich erinnert man sich an ihn, seitdem er bei seinem ersten Besuch die Muschelschalen aus dem Teller nach dem Essen im Aschenbecher verschwinden liess. Er sagte dann, dass er die Schalen gegessen habe. Die konnten das kaum glauben.
Wenn er nach Zürich gehe, dann fliege er immer, weil er den Geruch in Zügen nicht ausstehen könne. Mit dem Geruch in Zügen verbinde er unschöne Erinnerungen aus seiner Kindheit. «Wissen Sie, dass der Mensch ein enormes Erinnerungsvermögen hat, wenn es um Gerüche geht?», fragt er. Er erinnere sich sehr genau an das erste Parfum, das er von einer Freundin erhielt: Carven. «Duft war damals seltsam für einen Mann. Ich hatte das Gefühl, seltsam zu riechen.»
Zürich sei eine wunderbare Stadt – tolle Restaurants, schöne Frauen und kaum Aggressivität. Dies gefällt ihm. Ebenso, dass man im Hotel Storchen, wo er jeweils übernachtet, seine Spleens kennt – dass sich beispielsweise ganz viele Kissen auf seinem Bett befinden müssen. Er mag intime Verhältnisse. Deshalb ist es auch kein Problem für ihn, dass seine Tochter aus erster Ehe und seine zweite Frau bei ihm in der Firma arbeiten. Seine Frau, Marietta Budiner, ist Pharmazeutin und hatte einst die zweitälteste Apotheke Deutschlands von ihrer Mutter geerbt. Sie kam nach Genf, um in den Labors der United Nations, im Narcotic Drugs Laboratory, und für die WHO zu forschen. Bei einem Intermezzo als Pressechefin bei Ullstein/Langen-Müller in München lernte sie 1987 Henri-Jack Dutertre kennen. Seit 13 Jahren macht sie die Öffentlichkeitsarbeit bei Wodma 41. Dutertres erste Frau war auch Deutsche. Er mag deutsche Frauen. Französinnen hätten ihn immer enttäuscht, sagt er. Möglicherweise geht ihm ihr Spiel zu nahe. Dann isst er seinen Meeresfrüchtesalat. Dazu trinkt er Mineralwasser.
Seine Frau und er duzen niemanden in der Firma, die Tochter Virginie (35) hingegen schon. Wichtig sei, dass sie beide zu Hause nicht über die Arbeit redeten. Und wenn seine Frau davon spreche, dann höre er einfach nicht zu. Gelegentlich sei diese familiäre Konstellation problematisch – etwa bei Sitzungen. «Meine Tochter sagt mir vielleicht mal etwas, das die anderen nicht sagen würden.» Möglicherweise antworte er dann auch ein bisschen härter. Oder wenn er sich ärgere, was im Durchschnitt pro Monat einmal vorkomme, dann habe ihn seine Frau auch schon vor den anderen Angestellten gefragt, ob er ein Zäpfchen brauche, um sich zu beruhigen. Dies sei natürlich eine heikle Situation. «Aber letztlich nehmen wir das mit Humor», sagt er. Einmal im Jahr reist er geschäftlich nach Japan. Manche Europäer schätzten die Japaner falsch ein, sie dächten, dass Japaner eine Maske trügen. Dann trügen sie selber gegenüber den Japanern eine Maske, weil sie sich anpassen wollten. Auf dieses Maskenspiel sollten sich die Europäer nicht einlassen. «Ich habe es oft sehr lustig mit Japanern, wir lachen viel.»
Natürlich seien die Strukturen anders in Japan. Jeder noch so kleine Entscheid muss bei einer höheren Instanz abgesegnet werden, was zeitaufwändig ist. Und ist der Entscheid gefällt, wagt niemand, dagegen Einspruch zu erheben – auch wenn er offensichtlich falsch ist. Auf unteren Hierarchiestufen hat man Angst, die eigene Meinung durchzusetzen, also wird man eine Meinung vertreten, von der man nicht überzeugt ist. In Frankreich hingegen ändern sich Meinungen sehr schnell, sagt Henri-Jack Dutertre. In der Schweiz arbeite man sehr effizient – aber oftmals ein bisschen mit einer Beamtenmentalität. Man erledige die eigenen Arbeiten sehr kompetent, aber nur die eigenen.
«Shiseido muss japanisch bleiben», glaubt er – auch wenn der Konzern nun eine europäische Zentrale in Paris hat. Shiseido wurde im Jahre 1872 gegründet. Das Unternehmen hat Marken wie Carita, Gaultier oder Issey Miyake kreiert. Henri-Jack Dutertre ist der einzige Vertreter weltweit, der das gesamte Markenportfolio von Shiseido vertritt. «Es war mir sehr wichtig, alle Marken zu haben», sagt er. Nun hat er begonnen, dieses gesamte Shiseido-Sortiment in Warenhäusern mittels Shop-in-Shop-Konzepten zu vereinen – im Manor in Vevey und Genf, im Innovazione in Lugano.
«Und jetzt müssen Sie eine Crèmeschnitte essen», meint er. Dies sei wichtig. Auch wenn er Leute einstelle, dann nehme er sie in die Brasserie Lipp und möchte wissen, was sie über diese Crèmeschnitte denken. Das gehöre zum Eignungstest. Und zur Kultur des Unternehmens. Henri-Jack Dutertre mag die Crèmeschnitte in der Brasserie Lipp. Und er mag Menschen, denen sie auch schmeckt.
Wenn er Zeit hätte, dann würde er nach Südfrankreich reisen, Golf spielen, Freunde treffen. Er fühle sich eigentlich jung und komme täglich gerne zur Arbeit. Aber natürlich macht er sich Gedanken über die Zukunft. Irgendwann werde er eine Lösung finden müssen, sagt er. Eine Option wäre, dass Shiseido seine Firma kauft oder dass er ein Joint Venture macht. Dann zündet er sich eine Epicure Nr. 2 an.
Im Jahr 2004 machte sein Unternehmen 22 Millionen Franken Umsatz. Im laufenden Jahr sollen es 27 Millionen sein. «Im nächsten Jahr rechne ich mit den gleichen Umsätzen wie dieses Jahr, Sie sehen, ich bin nie zuversichtlich.» Er habe immer eine vage Angst vor der Zukunft.
Im September ist er Schweizer geworden, das freut ihn. «Ich mag dieses Land und möchte einmal hier in der Schweiz sterben», sagt er. Dann schweigt er. Und nimmt einen Zug seiner Epicure Nr. 2.