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In der Bibel finden wir nicht nur ein Buch über Jesus, sondern gleich vier. Diese stimmen zum Teil überein, weisen aber auch große Unterschiede auf. Warum ist das so?
Wenn wir das Neue Testament aufschlagen, finden wir dort gleich vier Bücher über Jesus: die vier Evangelien nach Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.1 Das ist vielen Menschen längst selbstverständlich geworden, begegnen sie den vier Evangelisten doch seit frühen Kindertagen in verschiedensten Zusammenhängen, von Schulbüchern bis hin zu Darstellungen auf Gemälden, Kanzeln oder Kirchenfenstern. Aber, ehrlich gesagt: Ein bisschen merkwürdig ist das schon. Warum stellt man vier Bücher über Jesus hintereinander? Warum hat man sich in der frühen Kirche nicht einfach auf ein Jesusbuch geeignet? Noch dazu, da die vier Evangelien in vielen Aspekten übereinstimmen und zum Teil sogar wörtlich gleich sind, vor allem die ersten drei Evangelien, Matthäus, Markus und Lukas. Allerdings weisen sie auch erhebliche Unterschiede auf, bis dahin, dass die Evangelien einander in manchen Angaben sogar widersprechen oder zumindest nur schwer miteinander vereinbar sind. Auch diese Schwierigkeit hätte man sich sparen können, wenn man einfach eines der Evangelien in den Kanon der Heiligen Schriften übernommen hätte.
Woher kommen die vier Evangelien?
Die neutestamentliche Forschung konnte mit guten Argumenten aufweisen, dass das Markusevangelium des älteste der Evangelien ist und um das Jahr 70 n. Chr. entstanden war. Solange es nur dieses einzige Evangelium gab, konnte man einfach von «dem» Evangelium sprechen. Bald aber entstanden weitere Jesusbücher. Wahrscheinlich in den Jahren 80-90 n. Chr. verfassten Matthäus und Lukas ihre Werke, und gegen Ende des ersten Jahrhunderts kam das Johannesevangelium hinzu. Nun mussten die vier Werke voneinander unterschieden werden, und man machte sie kenntlich, indem man sie mit möglichst prominenten Namen versah. Matthäus ist ein Name aus dem Zwölferkreis (Matthäusevangelium 9,9; 10,3), Markus wird als ein Begleiter des Petrus angesehen (Apostelgeschichte 12,12), Lukas ist ein Name aus dem Umkreis des Paulus (Philemon 24), und Johannes wird wiederum dem Zwölferkreis zugeordnet. Historisch haltbar sind diese Zuschreibungen an diese Personen aus dem Umkreis Jesu, des Petrus oder des Paulus allerdings nicht. Dazu sind die Evangelien zu spät entstanden. Die Zuschreibungen zeigen aber, dass man versucht hat, die Evangelien – gerade, weil sie ja erst einige Jahrzehnte nach dem Tod Jesu geschrieben wurden – möglichst nah an Jesus heranzurücken und an möglichst bekannte und vertrauenswürdige Personen anzubinden.
Kleine Indizien in den Evangelien lassen erkennen, dass sie nicht nur zu unterschiedlichen Zeiten, sondern auch an unterschiedlichen Orten entstanden. Matthäus schrieb sein Werk wahrscheinlich im syrischen Raum, vielleicht in der Großstadt Antiochia am Orontes, die für die Geschichte der frühen Kirche von großer Bedeutung war. Markus und die Gemeinde, für die er sein Jesusbuch schrieb, lebten wahrscheinlich in Rom. Wo das Lukasevangelium entstand, ist schwer zu sagen. Vielleicht in Kleinasien oder Griechenland. Das Johannesevangelium entstand in einer ersten Fassung wohl im nördlichen Ostjordanraum und wurde dann in Kleinasien, vielleicht in Ephesus, weitergeschrieben.
Woher kommen die Überlieferungen?
Auch wenn das erste schriftliche Jesusbuch, das Markusevangelium, erst etwa vierzig Jahre nach dem Tod Jesu entstand, heißt das nicht, dass man bis dahin vierzig Jahre lang über Jesus geschwiegen hätte. Im Gegenteil: Bereits das Markusevangelium lässt erkennen, dass es auf vorliegende Jesusüberlieferungen zurückgreifen konnte. Es gab mündliche und bald auch schon schriftliche Traditionen, die gesammelt wurden und die Markus in seinem Buch verarbeiten konnte. Wahrscheinlich hatte er eine Sammlung von Wundergeschichten, eine Sammlung von Gleichnissen, ein paar Streitgespräche – und vor allem eine Erzählung über das Leiden und Sterben Jesu zur Verfügung. Das alles verarbeitete er in seinem Buch und legte so den ersten Wurf eines Jesusbuches vor.
Nach den Erkenntnissen der neutestamentlichen Bibelwissenschaft kannten jene, die das Matthäus- und Lukasevangelium schrieben, das Markusevangelium. Sie nahmen es jeweils als Grundlage für ihr eigenes Werk. Das erklärt die großen wörtlichen Übereinstimmungen zwischen Markus, Matthäus und Lukas. Matthäus und Lukas hatten aber noch weiteres Material zur Verfügung. So profitierten sie von einer Sammlung von Jesusworten, die in der Forschung die «Spruchquelle» oder «Redequelle» genannt wird und als «Q» abgekürzt wird. Wir verdanken dieser Quelle so wichtige Texte wie die Bergpredigt oder das Vaterunser. Darüber hinaus verarbeiteten Matthäus und Lukas noch weitere Geschichten in ihren Büchern, die «Sondergut» genannt werden, weil diese Texte nur in einem der beiden Evangelien vorkommen. Das sind so schöne Geschichten wie die Geburtsgeschichten Jesu, die sich bei Matthäus und Lukas stark voneinander unterscheiden, oder auch die Ostererscheinungen, bei denen die beiden Evangelisten jeweils unterschiedliche Wege gehen. Johannes schließlich ging nochmals andere Wege und griff zwar grundsätzlich auf die vorliegende Jesusüberlieferung zurück, fand aber eine ganz eigene Sprache und eigene Bilder für sein Jesusbuch.
Unterschiedliche Jesusbücher für unterschiedliche Fragen
Es liegt auf der Hand: Wenn die Evangelien zu so unterschiedlichen Zeiten und an so unterschiedlichen Orten entstanden, können sie nicht die gleiche Jesusgeschichte erzählen. Denn die Situation ihrer Adressat*innen war jeweils eine andere, jede der Gemeinden hatte mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen, und es stellten sich andere Fragen, wie man nun in dieser Zeit nach der Botschaft Jesu leben sollte. Daher setzte jeder Evangelist mit seiner Jesusdarstellung andere Akzente, vertiefte diesen oder jenen Aspekt, der für die eigene Gemeinde von Bedeutung sein könnte, oder liess anderes weg, was er als nicht so wichtig für die Fragen seiner Leute ansah. So entstanden unterschiedliche Jesusbücher, die jeweils die Situation der eigenen Zeit und des eigenen Ortes vor Augen hatten. Sie erzählten die Jesusgeschichte so, dass sie in der eigenen Zeit verstanden wurde und Antwort auf deren brennende Fragen gab. Denn man wollte mit dem Buch über Jesus ja überzeugen und zeigen, dass dieser Jesus auch «heute» – und das heisst im Jahr 70, 80 oder 100 n. Chr., in Rom, Philippi oder Antiochia – noch aktuell und von Bedeutung ist.2
Würde nicht ein einziges Evangelium genügen?
In der frühen Kirche mangelte es nicht an Versuchen, die verschiedenen Evangelien, die zu Beginn des zweiten Jahrhunderts in Umlauf waren und in den Gemeinden auch nebeneinander gelesen wurden, durch ein einziges Evangelium oder eine Harmonie aus den vorhandenen Evangelien zu ersetzen.
So warb der wohlhabende Reeder Markion etwa ab 139 n. Chr. in Rom vehement dafür, nur das Lukasevangelium und einige Paulusbriefe als verbindlich anzusehen. Grund dafür war, dass er die Schriften des Alten/Ersten Testaments ablehnte und daher alles aus den Evangelien entfernen wollte, was mit diesen Schriften zu tun hatte. So ließ er nur ein von solchen alttestamentlichen Bezügen (vermeintlich) «gereinigtes» Lukasevangelium gelten. Zwar wurde Markion bald von der Gemeinde in Rom wegen seiner Ideen ausgeschlossen; doch weil er viel Geld in sein Projekt investierte, wurden seine Schriften in manchen Gemeinden noch Jahrhunderte später gelesen.
Einen anderen Weg beschritt der Syrer Tatian, der gegen Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr. aus den ihm bekannten Evangelienschriften eine Evangelienharmonie herstellte, das Diatessaron. Vor allem in Syrien wurde diese Evangelienharmonie sehr geschätzt, aber auch im Westen wurde es viel gelesen und diente bis ins Mittelalter als Vorbild für weitere Evangelienharmonien.
Die Kirche entschied sich für einen anderen Weg. Sie hielt daran fest, dass es eine Mehrzahl von Evangelien gab und geben sollte. Vor allem in der Auseinandersetzung mit Markion wurde schon bald die Anerkennung von vier Evangelien zum Zeichen der Rechtgläubigkeit.
Vielstimmigkeit
Das heisst aber in der Konsequenz: Das Neue Testament lässt nicht nur ein einziges und massgebliches Jesusbild gelten, sondern stellt eine Vielzahl von Jesusbildern nebeneinander. Diese können sich auf produktive Weise ergänzen, stehen zum Teil aber auch in Spannung zueinander und können einander korrigieren. Wenn wir das Neue Testament auslegen, dürfen wir also nicht einfach ein einziges Jesusbild absolut setzen, sondern müssen uns bewusst sein, dass uns der Jesus des Neuen Testaments nur in einer Vielzahl von Bildern begegnet. Auf diese Weise können verschiedene Sichtweisen Raum und verschiedene Stimmen Gehör finden. Erst in dieser Vielstimmigkeit ergibt sich das, was den Jesus des Neuen Testaments ausmacht.3
- Vgl. hierzu und zum Folgenden Sabine Bieberstein: Jesus und die Evangelien (Studiengang Theologie II,1), Zürich 2015.
- Wie sie das genau machten, wird auf glaubenssache-online.ch demnächst in eigenen Artikeln beschrieben werden.
- Bildnachweise Titelbild: Halfpoint-iStock; Bild 1: photocase/owik2; Bild2: robertharding/Alamy; Bild 3: Molchanovdmitry/iStock