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John B. Priestley war ein vielseitiger Mann. Heutzutage kennt man „den letzten großen englischen Erzähler“ und „Shakespeare des kleinen Mannes“, wie er manchmal genannt wird, vor allem durch seine Theaterstücke. Priestley war aber mitnichten nur Schriftsteller, sondern auch Publizist, Literaturkritiker, Rundfunksprecher und eine einflussreiche Persönlichkeit im öffentlichen und politischen Leben des 20. Jahrhunderts.
Geboren 1894 in Yorkshire, verließ John Priestley – den Beinamen Boynton gab er sich selbst in seiner Jugend – mit 16 Jahren die Schule und wechselte als kaufmännischer Angestellter in die Wollbranche, um Geld zu verdienen. Nebenbei schrieb er Artikel für die sozialistische Presse, Essays und Gedichte. Im Ersten Weltkrieg ging er als Freiwilliger an die Front. Nach dem Krieg ermöglichte ihm sein kleines Ex-Offiziersgehalt ein Studium in englischer Literatur, Geschichte und Politik am berühmten Trinity College in Cambridge. In den 1920er Jahren war Priestley als freier Journalist und Literaturkritiker in London tätig und veröffentlichte seine ersten Bücher: literaturwissenschaftliche Studien und Romane. Den Durchbruch brachte ihm der Roman The Good Companions (Die guten Gefährten) von 1929: ein heiteres, in der Nachkriegszeit besonders willkommenes Buch über wandernde Schauspieler, ihre Abenteuer und ihre Liebe zum Theater.
Bald wandte sich Priestley selbst dem Theater zu – erst mit einer Bühnenfassung der Good Companions und dann mit Dangerous Corner (Die gefährliche Kurve, 1932). Dieses Theaterstück sollte eines seiner bekanntesten werden. Die gefährliche Kurve legt eine Reihe von Merkmalen an den Tag, die auch Priestley spätere Dramen kennzeichnen: Es spielt in einem einzigen Zimmer innerhalb einer kurzen Zeitspanne, handelt von der englischen Mittelschicht, enthält eine gute Portion Sozialkritik und hat bei aller Realitätsnähe ein spannendes, akribisch konstruiertes Sujet. Seine Struktur entspringt Priestleys Faszination mit verschiedenen Theorien der Zeit, v.a. mit den Ideen des englischen Philosophen J.W. Dunne, der in seinem Buch An Experiment with Time (1927) den Begriff der „seriellen Zeit“ eingeführt hatte. Priestleys Interesse an Zeitkonzepten liegt einigen seiner besten Dramen zugrunde, darunter Time and the Conways, I Have Been Here Before (beide 1937) und sein bekanntestes Stück, An Inspector Calls (1945). Der Autor nannte sie selbst „time plays“.
In den 1930-40er Jahren war Priestley auf dem Gipfel seiner Popularität – nicht nur als Dramatiker, sondern auch als Rundfunksprecher. Seine wöchentliche BBC-Radiosendung während des Zweiten Weltkriegs war so beliebt, dass Priestley als Sprecher an Popularität allein Churchill nachstand. Wegen der Kritik an der Führung des Landes wurde die Sendung schließlich abgesetzt. Priestleys politisches und soziales Engagement – er hatte u.a. die sozialistische Gruppe „Ausschuss vom Jahre 1941“ mitbegründet – setzte sich trotz seiner Enttäuschung über die Labour-Partei in den 1950er Jahren fort. So war er eine Zeit lang Vizepräsident des Komitees für die nukleare Entwaffnung Großbritanniens. Als Leiter der britischen Sektion für Film, Radio und Presse der UNESCO förderte Priestley den geistigen Internationalismus, und 1949 wurde er zum Präsidenten des ersten internationalen Theaterinstituts in Paris gewählt.
Priestley blieb bis in die 1970er Jahre aktiv und veröffentlichte Romane, Dramen, literaturwissenschaftliche Studien, Essays und Presseartikel. Er lehnte es ab, in den Adelsstand erhoben zu werden, akzeptierte jedoch 1977 den Order of Merit, da diese Auszeichnung keine parteipolitische Bedeutung hatte.
Priestley starb im Jahre 1984 und hinterließ insgesamt 28 Romane und 47 Stücke für die Bühne, Film und Radio. Er ist einer der meistgespielten britischen Dramatiker des 20. Jahrhunderts.