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„Eine Taube wechselte ständig ihr Nest. Der scharfe Geruch, den die Nester im Lauf der Zeit entwickelten, war für sie unerträglich. Darüber beklagte sie sich bitter bei einer weisen, alten erfahrenen Taube. Diese nickte mehrmals mit dem Kopf und sagte: „Durch ständigen Wechsel der Nester änderst du nichts. Der Geruch, der dich stört, kommt nicht von den Nestern, sondern von dir selbst.“ André-Comte Sponville
Rein ist, was sauber, fleckenlos, frei von Verschmutzung ist. Reines Wasser ist pures Wasser. Solch ein Wasser „lebt“ nicht, denn alles Lebendige verschmutzt. Leben bringt Veränderung, Verunreinigung. Absolute Reinheit im materiellen Bereich existiert nicht, man hat die Wahl zwischen verschiedenen Graden der Unreinheit und das nennt man Hygiene.
Und doch strebt man in zahlreichen Zusammenhängen nach Reinheit. In der Genealogie bezieht sie sich auf die Herkunft, z.B. „reiner Adel“. In Bosnien redet man von „ethisch reinen Gebieten“… Es gibt reinrassige Hunde und Pferde, die „Reinheit“ von Metallen und Flüssigkeiten, vor allem in Deutschland gilt das „Reinheitsgebot“ beim Bier… Wie schon oben gesagt: absolute Reinheit gibt es nicht – zumindest nicht in materieller Hinsicht.
Ist absolute Reinheit im geistigen Bereich möglich? Der Buddhismus würde dies bejahen, es wäre die vollkommene Erleuchtung. Das Nirvana und die Überwindung jeglichen Karmas. Die Befreiung aus dem Rad des „Samsara“ dem Kreislauf der Wiedergeburten. Welcher Weg führt dahin? Betrachten wir die Reinheit im geistigen und moralischen Sinne versteht man die Reinheit als das Einhalten von Tugenden, und in einigen Religionen auch speziell als Keuschheit.
Was ist im moralischen Sinne rein? Alles, was arglos, ohne Hintergedanken und in lauterer Absicht getan und gefühlt wird. Unrein ist, was man in unlauterer Absicht tut, unrein sind Egoismus, Gewalt, Rücksichtslosigkeit, Bosheit und Grausamkeit. Rein ist die Liebe, Hingabe, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit, die Güte – also alle Tugenden, wenn sie um ihrer selbst willen ausgeübt werden. Jede Tugend ist rein, wenn sie gibt; hingegen ist sie unrein und streng genommen keine Tugend mehr, wenn sie nehmen will. Rein ist die Liebe, die sich verschenkt sowie die Gerechtigkeit, die für den anderen sorgt. Treue, die nicht gefordert, sondern gelebt wird. Jede Absicht ist rein, wenn sie geben will.
Reine Gedanken und Gefühle hat jener,
der nicht vom Streben nach dem eigenen Vorteil
oder der Anerkennung von außen motiviert ist.
Die alten Ägypter hatten als Lebensmaxime: Iri Ma´at! Tue die Ma´at! Ma´at ist die Göttin der Wahrheit-Gerechtigkeit und alle Handlungen der Ägypter sollten ihr dienen. Ihr Symbol war die Feder, und nach dem Tod bei der „Wägung des Herzens“ sollte dieses (Symbol für Taten und Absichten) so leicht sein wie die Feder der Göttin, die auf der anderen Waagschale lag.
Leicht und frei werden wir durch unegoistische Taten und Selbstlosigkeit. In so vielen Kulturen wird Reinheit mit Armut und Entsagung in Verbindung gebracht. Und mit dem Ideal der Besitzlosigkeit. Geistiges oder geistliches Leben in Klöstern oder Religionsgemeinschaften – egal ob in der westlichen oder östlichen Welt – strebt nach Reinheit. Nichts, was man materiell besitzen kann und will ist rein.
Die Reinheit der Gedanken und Gefühle erreicht man demnach durch das Nicht-Wünschen und durch die Absichtslosigkeit, was nicht bedeutet, dass man kein Ziel hat, sondern dass man keine persönlichen Absichten verfolgt. In der Bhagavad-Gita lehrt der Gott Krishna, dass man Befreiung vom Karma durch die „Rechte Handlung“ erlangt, der Handlung aus Pflicht. Man tut die Dinge um ihrer selbst willen, weil sie getan werden müssen, weil das Lebensgesetz dies fordert, weil es notwendig ist. „Tu, was du willst und wolle, was du sollst.“ Was bedeutet das? Ich helfe meiner alten Nachbarin, bin freundlich und höflich zu jedermann, engagiere mich im sozialen Bereich oder bei einer Baumpflanzaktion. Ehrenamtliche Volunteertätigkeit ist bei zahlreichen Menschen unserer Zeit so populär wie noch nie. Und weil sie instinktiv fühlen, dass unsere oft so egoistische, verschmutzte, stinkende Welt dringend Reinigung und Reinheit braucht.
Reinigung ist der Prozess, der zur Reinheit führt. Wir reinigen uns durch selbstloses Handeln durch positive und zuversichtliche Gedanken und Gefühle, denn diese erfüllen unser Inneres mit Helligkeit und Licht. Wenn man wirklich sauber machen will, braucht man Licht – das Licht des Geistes, das die materielle Dunkelheit durchdringt. Feuer – das Abbild des Geistigen oder Göttlichen auf Erden, hat eine große reinigende Kraft, denn es befreit von der Bürde der Materie. Und es fällt immer nach oben, reißt unseren Blick in die Höhe und wir blicken den Funken nach, die im Nachthimmel verglühen…
Die alten Naturphilosophien kennen vier Formen der Reinigung in Übereinstimmung mit den vier Elementen:
Und wussten sie, dass der Mensch mit der physischen Reinigungstätigkeit auch eine innere Reinheit erlangt. Deshalb begannen viele Novizen mit dem Kehren der Tempelstufen oder dem Wischen des Bodens. Reinigend, weil nur mit demütigem und bescheidenem Herzen möglich.
Im religiös-spirituellen Bereich ist rituelle Reinheit notwendig, um eine heilige Stätte zu betreten und am Kult teilzunehmen. Manchmal ist für die Teilnahme am Kultus eine spezielle Initiation nötig, was sich bei der Taufe im Christentum erhalten hat. Zu den Einweihungsriten traditionsgebundener Gesellschaftsformen zählte auch immer ein Bad, bei dem man sich vom „alten Menschen“ und seinen Verschmutzungen befreien konnte. Sich reinigen bedeutet auch loslassen. Reinigungsriten im spirituellen Zusammenhang haben keine hygienische sondern eine pädagogische Funktion, denn die Reinheit als Körperpflege ist ein erster Schritt zur moralischen Reinheit.
Keine Angst, es ist nicht vollkommene Keuschheit gefordert. Sondern nur eins: Hinterfragen Sie ehrlich die Absichten und Beweggründe ihrer Taten. Ist es Ihnen in einer Welt des 21. Jhds. möglich, rein zu sein?
Mir nicht immer, aber immer öfter!
Ihre Gudrun Gutdeutsch &
Treffpunkt Philosphie Zürich
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