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Geschichte INCA / ILS
Die Frères und die Schweiz
Immer wieder hört man von Eltern, die mit ihren Söhnen das Institut Catholique Neuchâtel besichtigen, dass ihnen die "Frères" als Orden überhaupt nicht bekannt sind. Dabei wirkten die ersten Frères schon vor etwa 270 Jahren in der Schweiz. Bereits 1750 eröffneten sie ein erste Schule in Estavayer-le-Lac. Nach Estavayer-le-Lac folgten diverse Gründungen, bis dann 1863 die ersten Frères nach Neuchâtel kamen, um dort eine schon bestehende Primarschule zu übernehmen. Der erste Biograph von Jean-Baptiste de La Salle, Frère Bernard (Jean d'Auges), stammte aus Fribourg. Sehr wahrscheinlich begegnete er schon 1713 zum ersten Mal dem Ordensstifter de La Salle.
Quelle aller Artikel: Institut Catholique - Ouverture sur la vie 1893 - 1993
Waum ein Pensionat in Neuchâtel?
Neuenburg war im 19. Jahrhundert Universitätsstadt geworden und eine städtische Handelsschule bot den Deutschschweizern die Möglichkeit, ihre zweite Landessprache gründlich zu erlernen. Dies wusste Fr. Joseph, der Generalobre der Frères, als er 1888 die Communauté von Neuchâtel besuchte. Auch von katholischer Seite, so schlug er vor, sollte jungen Menschen die Möglichkeit geboten werden, ihre Französischkenntnisse zu verbessern und in einem Internat zu wohnen.
Der Start vor 130 Jahren
Zur Zeit wirkte schon seit 20 Jahren Frère René-Marie Ribeau von den Frères und der Bevölkerung geschätzt, als Directeur der Ecole Catholique von Neuchâtel. Der Pfarreirat und Pfarrer Berset stimmten dem Vorhaben des Generalobern zu. Deshalb entschloss man sich am 24. Juni 1890 zum Kauf (CHF 180'000) der "Propriété Nicolet" (Faubourg du Crêt 31, heute Maladier 1).
Im Vertrag zwischen dem Generalobern der Frères und Pfarrer Berset, "président de la Société libre des catholiques romains de Neuchâtel", wurden unter anderem folgende Bestimmungen festgehalten:
- das "Hôtel Fauche" soll der Primarschule sowie dem Pensionat dienen
- das "Institut des Frères" hat eine jährliche Miete nach der Anzahl Pensionnaires zu entrichten, ausserdem für entstehende Ausgaben für Mobiliar oder Einrichtungen des Pensionats aufzukommen
- sollte der geplante Kirchenbau auf diesem Gelände verwirklicht werden (im jetzigen Schulhof), so wir ein neuer Vertrag erstellt
In kurzer Zeit wurden die nötigen Umbauten vorgenommen. Vorgesehen war Platz für ca. 30 Pensionäre.
Die Eröffnung des Pensionats fand am 1. Oktober 1893 statt, aber in weit bescheidenerem Masse als erhofft. Zuerst meldeten sich nur drei interne Schüler aus Goldau (SZ) an, später folgten deren fünf. In einem Brief von 1892 meinte Pfarrer Berset noch, dass keine Zweifel bestünden bezüglich des Bedarfs für ein Internat. Er beantworte jährlich zwanzig bis dreissig solche Anfragen aus der Deutschschweiz.
Warum das Pensionat bald wieder geschlossen wurde
Wie aus dem erwähnten Brief von Pfarrer Berset zu entnehmen ist, zeigte sich offenbar Frère René-Marie in Sachen Ausgaben zu wenig grosszügig bei der Inbetriebnahme des Internats. Sein Nachfolger, Frère Robustien, war Franzose und konnte sich scheinbar zu wenig in die Mentalität der Schweizer einfühlen. Jedenfalls stagnierte auch unter seiner Leitung die Zahl der Anmeldungen für das Pensionat. Zehn Schüler meldeten sich für Oktober 1894 an, und an Ostern des folgenden Jahres schmolz diese Zahl auf drei, vier Schüler. Pfarrer Berset glaubte aber auch, einen Grund für das geringe Interesse der ersten Jahre zu kennen: Diese jungen Deutschschweizer fügten sich nur widerwillig den disziplinarischen Anforderungen. Somit wurde der Vertrag am 24. Juni 1896 gekündigt und das Pensionat geschlossen.
Übrigens... Eine Übernachtung kostete dazumal im Institut monatlich CHF 60.00...
Die Regierung Frankreichs und das Institut Catholique
1904 war ein schlimmes Jahr für die Frères von Frankreich. Kirchenfeindliche Gesetze brachten die Schliessung vieler Schulen der Frères mit sich. Die leitenden Instanzen der französischen Ordensprovinz, welcher die Frères von Neuchâtel unterstellt waren, erwogen deshalb eine Wiedereröffnung des Pensionats. Nach Rücksprache mit dem Ordensgeneralat von Rom kamen wieder Frères nach Neuchâtel mit konkreten Vorschlägen für eine Neueröffnung. Eine eigens dazu einberufene Pfarreiversammlung sprach sich einstimmig dafür aus.
Frère Directeur Raynaud, ein Elsässer, schloss für das erwähnte Hôtel Fauche einen dreijährigen Mietvertrag ab. Im 2. Stock richtete man zwei kleine Schlafsäle ein, ein kleiner Pferdestall im Hof wurde entfernt, modernere Toiletten wurden eingebaut, und somit war der Wiedereröffnung des Internats nichts mehr im Wege. Dies geschah im Oktober 1904.
Das «Typische» am INCA von 1905 bis heute
Während der Amtszeit von Frère Raynaud Albisser (bis 1917) zählte das Internat durchschnittlich 25 Schüler. Davon aber besuchte regelmässig eine gewisse Anzahl die öffentlichen Schulen, vor allem die städtische Handelsschule. Dieser Umstand bewog die Frères, selbst einen «Cours commercial» zu eröffnen. 1905 besuchten ihn 12 Schüler (6 interne und 6 externe). Folgende Fächer wurden unterrichtet: Französisch, Mathematik, Naturwissenschaften, Geschichte, Geographie, Buchhaltung, Handelskorrespondenz, Kaligraphie und Stenographie. Um diesen Kurs zu fördern, aber auch als Folge von disziplinarischen Problemen, nahmen man ab 1907 keine Pensionäre mehr auf, welche die öffentliche Handelsschule besuchen wollten.
Ein erster mutiger Schritt der Frères
Nachdem die Neuenburger Katholiken im Jahr 1897 ihre neue Kirche, «l’Eglise Rouge» erbauen liessen, spürten sie die finanzielle Last dieses Unternehmens immer mehr. Man hatte deshalb die Absicht, einen Teil des erworbenen Schulgeländes zu verkaufen. Um eine Zerstückelung des Grundstückes zu verhindern griff Frère Raynaud ein und bat seine Vorgesetzten darum, das ganze Grundstück zu erwerben.
Die erste lakonische Antwort aus Rom lautete: «Quoi faire? Et où trouver l’argent nécessaire pour faire une semblable acquisition?».
Nach langem Hin und Her war es aber dann am 15. Juni 1909 so weit: Der eigens dafür gegründet Verein «La Sauvegarde» gelangte in den Besitz des Hôtel Fauche.
Ein zweiter mutiger Schritt der Frères
Ein Nachbar hatte sich zwar auch nach dem Kaufpreis erkundigt, aber zu spät … Die Frères erwarben das ganze Grundstück, weil sie die Absicht hatten, ihren Wirkungskreis in Neuchâtel auszudehnen. Man wollte ein stattliches Gebäude für die Primarschule und das Pensionat errichten.
Frère Géraldus aus Clermont-Ferrant zeichnete die ersten Pläne. Sie wurden dann vom Architekten U. Grassi aus Neuchâtel ergänzt und den zuständigen Behörden vorgelegt, die sie behaltlos annahmen.
Das heutige INCA wächst aus dem Boden
Wo jetzt das Pensionat steht, erhob sich 1911 noch ein kleines einstöckiges Wohnhaus. Es musste abgerissen werden. Am 10. August 1911 konnte man mit den Aushubarbeiten für die Fundamente des neuen Gebäudes beginnen. Zwei Wochen darauf, am 26. August, fand die Einsegnung des Grundsteins durch Pfarrer Mouthod statt. Fünf Frères der Institutsleitung, neun Frères der damaligen Communauté und viele Freunde und Gäste waren zugegen.
Die Bauarbeiten gingen erstaunlich rasch voran: nach nur einem Jahr Bauzeit war das Pensionat bezugsbereit. Es war das zweite in Neuchâtel errichtete Eisenbetongebäude. Mit dem ersten dieser Bauart hatte man Probleme, deshalb wurde beim Bau des Pensionats weder an Eisen noch an Zement gespart! Die damals offiziell ausgeführte Belastungsprobe ergab eine Senkung von nur 0.5 mm! Nach den Sommerferien konnten drei Primarklassen in die neuen Räume des ersten Stocks einziehen. Am 25. September richteten sich 27 Pensionäre in zwei neuen Klassenräumen im 2. Stock ein. Der neue Schlafsaal im 3. Stock war ebenfalls bezugsbereit. Einige Zimmer im 4. Stock wurden Schülern zugeteilt, die ihre Ausbildung in der städtischen Handelsschule weiterführten.
Was hat sich im Gebäude verändert seit 1911?
Die Grundnutzung des Hauses blieb erhalten. Nur das ganze Erdgeschoss (jetzt Spiel- und Studiersaal) war zu Beginn eine Kapelle mit zwei Reihen von je 17 Bänken. Schon 1918 wurde diese zu grosse Kapelle unterteil. Vier Klassenräume (Hofseite) mit einem drei Meter breiten Gang bildeten den 1. Stock. Im zweiten standen zwei weitere Klassenräume, ein kleiner Mehrzweckraum, ein Bureau für die Direktion und ein Raum für Schulmaterialen zur Verfügung. Der 3. Stock bot Platz für 60 Betten. Der vierte Stock blieb bis heute unverändert, was die Aufteilung betrifft.
Erweiterung des «Hôtel Fauche» (1912)
Östlich vom Hôtel Fauche (Seite Postzentrale) stand ein kleines Gebäude, das im November 1911 niedergerissen wurde. Die Ordensobern hatten nämlich die Absicht, die Ausbildung für junge Franzosen, die das Leben als Frère kennenlernen wollten, nach Neuchâtel zu verlegen. Dazu waren wieder Neubauten notwendig. Man verlängerte deshalb das Hôtel Fauche durch einen Anbau nach Osten (heute: grosser Speisesaal und Aufbau). Auch diese Konstruktion ging sehr rasch voran. Nach nur 8 ½ Monaten Bauzeit war dieser neue Flügel fertiggestellt. Später sollte auch er dem Pensionat dienen. Mit einer kurzen Unterbrechung blieb diese Ausbildungsstätte für zukünftige Frères bis 1922 in Neuchâtel.
Mitten im Ersten Weltkrieg …
Übernahm Frère Rose Blime die Schulleitung, (6. Mai 1917). Er war aber kein Neuling, seit 1904 lebte er in Neuchâtel. Die erfreuliche Entwicklung des Pensionats nahm mit dem Krieg ein jähes Ende. Viele der Schüler waren bisher Franzosen. Politische und finanzielle Probleme bewirkten, dass in diesen Jahren nur noch wenige Pensionäre in Neuchâtel blieben. Die Schulgebäude dienten regelmässig als Unterkunft für internierte Zivilisten und Militärs. Die Kosten für die Pensionäre stiegen und die meisten Lebensmittel waren rationiert.
Französischkurse für Deutschschweizer
Pensionäre aus Frankreich kamen auch nach dem Krieg nur noch wenige, weil der Geldwechsel für sie sehr ungünstig ausfiel. Die Frères wandten sich in der Folge der Deutschschweiz zu und man passte die Lernprogramme dieser neuen Situation an. Ein besonderer Kurs wurde gegründet mit vielen Französischlektionen, und etwas Geographie, Arithmetik und Buchhaltung. Die Ferienkurse werden auch zu dieser Zeit das erste Mal erwähnt (1924).
Die Zahl der Pensionäre stieg nur langsam an. In den ersten Nachkriegsjahren zählte das Internat zwischen 20 und 30 Schüler. Ab 1925 stieg die Zahl auf etwa fünfzig an. Allerdings besuchte fast die Hälfte davon die städtische Handelsschule. Diesen Zustand hielt man für unbefriedigend. Ab 1926 nahm man deshalb nur noch wenige Schüler auf, die nicht die hauseigenen Sprachkurse besuchten. Zu erwähnen ist, dass die Anfänger damals den ersten zwei Klassen der Primarschule zugeteilt wurden. Sie erhielten aber zusätzlich noch einige Stützlektionen.
Damals noch ohne «plaquettes» und «coupons» …
Um die Fortschritte im Erlernen der französischen Sprache zu fördern, beschloss die Institutsleitung, dass die Deutschschweizer untereinander Französisch sprechen mussten. Das war 1924. Allerdings fiel diese neue Pflicht den damaligen Schülern sehr wahrscheinlich leichter als den jetzigen, denn der tägliche Kontakt mit den «Romands» war damals irgendwie natürlicher als heute. Die Disziplin wurde auch gestrafft: es gab weniger «sorties libres», auch für die Besucher der städtischen Handelsschule. Übrigens waren diese «sorties» zu jener Zeit nur als Belohnung für tadelloses Benehmen und gute schulische Leistungen gedacht.
Verschiedene Umbauten (1926 – 28)
Die Kapelle im Erdgeschoss des Pensionats war noch immer zu gross. Im Sommer des Jahres 1926 richtete man deshalb eine kleinere Kapelle im alten Gebäude ein, im 1. Stock (heute Videosaal und Klassenzimmer). Der grosse Saal im Erdgeschoss wurde als Spiel- und Theatersaal mit Bühne eingerichtet. Auch die Frères legten Hand an: Während den Osterferien 1926/27 tapezierten sie z. B. mehrere Zimmer für die Pensionäre. Im neuen Flügel des Hôtel Fauche wurde damals auch der grosse Speisesaal eingerichtet. Den früheren Speisesaal unterteilte man in ein Sprechzimmer und einen Billardsaal. (Das Sprechzimmer dient heute als kleiner Speisesaal für die Primarschule und der Billardsaal wurde zum Réfectoire der Frères). 1927 wurde dem Dactylounterricht ein eigener Raum zugeteilt. Im Jahr darauf verblieb nur noch eine einzige Klasse der Primarschule im neuen Gebäude.
Krisenjahr (1928 – 35)
Man kann den Vermutungen des Chronisten jener Jahre sicher zustimmen, wenn er als Ursache des zahlenmässigen Rückgangs der Pensionäre folgende Gründe angibt: die weltweite Wirtschaftskrise, der Geburtenrückgang und die besondere Krise im Hotelgewerbe (Hoteliersöhne waren stark vertreten). Im Jahre 1935 sind nur noch 12 interne Schüler verzeichnet. Das Institut war sogar auf die finanzielle Unterstützung des Ordensmutterhauses in Besançon angewiesen. Ein wirtschaftlicher Rückschlag anderer Art verschlimmerte die finanzielle Situation noch beträchtlich: Durch den Konkurs einer kanadischen Schifffahrtsgesellschaft verloren die Frères Aktien im Wert von CHF 35'780.00. Für das Jahr 1930 z. B. sah die Bilanz folgendermassen aus: Einnahmen: CHF 62'905.38; Ausgaben: CHF 62'975.88. Trotz der Schwierigkeiten war man immer darauf bedacht, das Haus in gutem Zustand zu erhalten. Deshalb konnte Frère Régimbert Clerget, ein Franzose, damals als Direktor in einer Chronik schreiben: «Tout a été entretenu dans la propreté et netteté qui caractérisent la Suisse».
Intensives religiöses Leben
Das religiöse Leben der Pensionäre wird in dieser Periode als vorbildlich geschildert. Es war eine marianisch geprägte Zeit. Sie fand auch ihren Ausdruck in einer Lourdes-Grotte, die ein ehemaliger Schüler im Hof errichtete, dort wo gegenwärtig die Kletterstangen stehen. Die Schule erhält vorübergehend den Namen «Pensionnat de l’Immaculée Conception». Mehrere Schüler folgten dem inneren Ruf und wurden Priester, Missionar, Frère oder traten in andere Ordensgemeinschaften ein.