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von Markus Schär, 26.06.2018
«Geschichte geht immer weiter»
Was hält eigentlich den Thurgau zusammen? Und wie lange gibt es den Kanton überhaupt noch? Kaum jemand denkt so tief über solche Fragen nach wie André Salathé. Der Staatsarchivar machte den Historischen Verein in den letzten zwanzig Jahren als Präsident wieder zur wichtigen Institution für alle Geschichtsinteressierten; jetzt tritt er zurück. Ein Gespräch unter Studienkollegen. Teil 2.
André Salathé, als ich erstmals ins Thurgauer Staatsarchiv ging, weil ich für ein Mittelalter-Seminar zur Entstehung des Dorfes eine Arbeit über Weinfelden schrieb, raunzte mich Staatsarchivar Bruno Meyer an: «Sagen Sie Professor Sablonier einen Gruss: Was Sie machen wollen, ist ein Seich.» Wie erlebtest du deinen Einstieg in die Thurgauer Geschichte?
Ich ging für das zweite Proseminar ins Staatsarchiv, weil ich etwas zu Diessenhofen im Mittelalter schreiben sollte. Da gab es keine Probleme, weil ich vom richtigen Professor kam: von Hans Conrad Peyer. Er war, wie ich später in den Akten sah, einer von wenigen, mit denen Bruno Meyer überhaupt noch den Kontakt pflegte. Die Allgemeine Geschichtsforschende Gesellschaft der Schweiz sägte ihn 1953 als Sekretär ab. Und deshalb liess er tatsächlich alle Schüler von ihm missliebigen Professoren abblitzen, aus Zürich nur jene von Peyer und von Muralt nicht.
Du hast schon während des Studiums einen Arbeitskreis zur Thurgauer Geschichte gegründet.
Ja, zusammen mit Jakob Stark, dem heutigen Regierungsrat.
Warum? Weil die offizielle Thurgauer Geschichtsschreibung vernachlässigte, was ihr wichtig fandet?
Ganz eindeutig. Wir sahen, dass überhaupt niemand grosse Themenfelder bearbeitete, so die ganze Sozialgeschichte. Deshalb schauten wir beispielsweise die Infrastrukturen an, wie die Friedhöfe oder die Wasserversorgung, die Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, und fragten uns, was die Einweihungsfeiern über diese Gesellschaft sagten. Zu einigen der Themen, zu denen wir damals arbeiteten, führte der Historische Verein in den letzten Jahren Zyklen von Führungen durch. Wir luden aber auch Albert Schoop ein, dessen Geschichte des Kantons Thurgau 1988 viel Kritik erntete. Allerdings sahen wir in der offenen Diskussion, dass uns wenig verband.
«Das Familienbild von gewissen Leuten war damals so: Die Ehefrau braucht keine eigene Mitgliedschaft, sie gehört einfach zum Mann.»
André Salathé, Historiker
Du kamst 1992 in den Vorstand des Historischen Vereins und brachtest da die Sozial- und Wirtschaftsgeschichte ein, wie wir sie bei Professor Rudolf Braun gelernt hatten. Für Albert Schoop war das aber «marxistische Geschichtsschreibung». Wehrte sich niemand gegen dich?
Nein, der Vorstand stritt mehr über die äussere Form unserer Publikationen oder auch über die Mitgliedschaft: Darf man im Thurgau die Paar-Mitgliedschaft zulassen?
Was sprach dagegen?
Das Familienbild von gewissen Leuten: Die Ehefrau braucht keine eigene Mitgliedschaft, sie gehört einfach zum Mann. Dass ich anregte, wir könnten auch Konkubinatspaare mit unterschiedlichen Namen zulassen, führte zu den heftigeren Diskussionen, als dass ich vorschlug, wir sollten uns einmal mit der jüdischen Geschichte am Hochrhein befassen und die Jahresversammlung in Gailingen durchführen.
Allerdings kam es zu einem Volksaufstand, als der Verein 2004 für die Jahresversammlung nach Konstanz ging.
Das nicht gerade, aber ich bekam von einem ehemaligen Frauenfelder Kantilehrer einen Schandbrief: Das Territorium, wo einst Hitler herrschte, dürfe man nicht betreten. Ich fühlte mich aus der Zeit gefallen, als stünden wir alle noch in Uniform am Stacheldraht. Er trat dann aus dem Verein aus.
Aber es gab keine Widerstände, als du 1998 Präsident wurdest?
Ich glaube nicht. Es gibt zwar im Verein das Phänomen, dass jede Präsidentin und jeder Präsident einen persönlichen Fanclub hat, der bei einem Wechsel austritt. So war es auch, als ich das Amt von Margrit Früh übernahm, aber wohl nicht, weil ich ein rotes Tuch gewesen wäre. Ich hoffe, dass es jetzt nicht so ist; ich würde es meiner Nachfolgerin Karin Bauer gönnen.
Der Verein leidet schon lange an Überalterung. Du glaubtest vor zehn Jahren gar, er gehe unter.
Ja, wir dürfen trotz einer insgesamt erfolgreichen Zeit nicht in Schönfärberei verfallen. Es gab elende Probleme, jüngere Mitglieder zu finden – das heisst im Historischen Verein: Leute zwischen vierzig und fünfzig. Es fällt in einem solchen Kanton schwer, jedes Jahr 15 bis 25 Leute zu suchen, um jene zu ersetzen, die altershalber austreten oder sterben.
«Es war mir ein Anliegen, dass wir nicht so taten, als wüssten wir alle Antworten, sondern dass wir Fragen stellten.»
André Salathé, Historiker
Was heisst das für die Zukunft des Vereins?
Ich gehöre nicht zu jenen, die meinen, was eine gewisse Zeit bestanden hat, müsse für alle Ewigkeit fortbestehen. Ich fragte mich also vor zehn Jahren: Hat dieser Verein seine Mission erfüllt? Bin ich der Liquidator? Aber da gelang gerade die Wende – über den Berg ist der Verein allerdings noch nicht.
Was spricht die Mitglieder an?
Sie interessieren sich immer noch, wie von Anfang an, für Burgen und Schlösser. Aber sie lassen sich auch auf sozialgeschichtliche oder aktuelle Themen ein. So schauten wir einmal den Bau des Hauptbahnhofs Zürich an: Die Geschichte geht weiter, wir sind Teil davon. Entscheidend ist der Mix. Daneben war es mir ein Anliegen, dass wir nicht so taten, als wüssten wir alle Antworten, sondern dass wir Fragen stellten. Das führte zu schönen Erlebnissen, etwa als wir bei einem Zyklus zu «Höhen und Tiefen der Thurgauer Geschichte» auf der Hochwacht in Fischingen über die Entwicklung der Landschaft diskutierten – in einer vergnügten Stimmung.
Gibt es bei den Jungen überhaupt noch ein Geschichtsbewusstsein, also ein Wissen darum, dass es früher einmal kein Smartphone und kein Google gab?
Das ist eine schwierige Frage – ich bin inzwischen ja auch ein Mann im vorgerückten Alter. Grundsätzlich gilt: Ausser bei jenen, die Geschichte studieren, also wohl irgendeinen Defekt haben, entwickelt sich das Geschichtsbewusstsein eher spät. Und ich glaube jetzt festzustellen – ohne dass ich auf Alterspessimismus mache –, dass es generell abnimmt: Die Jüngeren interessieren sich kaum mehr für das Phänomen, dass die Zeit läuft und dass es frühere, ganz andere Zeiten gab. Als Archivar sehe ich, dass die Tradition in den Familien abreisst. In meiner Amtszeit kamen viele ältere Leute in mein Büro, um uns Familiendokumente zu übergeben, die man vor fünfzig Jahren selber behalten hätte. Wenn ich sie nach dem Grund fragte, sagten sie immer: Unsere Kinder interessieren sich nicht mehr dafür, fertig, Schluss.
Das ist André Salathé
André Salathé, geboren 1959, besuchte 1975 bis 1979 das Thurgauer Lehrerseminar in Kreuzlingen und studierte 1979 bis 1987 in Zürich Allgemeine Geschichte, Neuere deutsche Literatur und Publizistik. 1987 Lizenziat mit einer Arbeit bei Rudolf Braun über die Anfänge des Polizeiwesens im Thurgau 1798 bis 1831. 1987 bis 1990 freischaffender Historiker. 1990 bis 1995 Thurgau-Redaktor für das Historische Lexikon der Schweiz und Mitarbeiter der Rechtsquellenstiftung des Schweizerischen Juristenvereins. Seit 1995 Staatsarchivar, 1998 bis 2018 Präsident des Historischen Vereins des Kantons Thurgau. Autor und Herausgeber von regionalgeschichtlichen und archivfachlichen Büchern.
Den ersten Teil des Interviews mit André Salathé können Sie hier lesen:
Von Markus Schär
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