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Die Beleuchtung in der Landkarte
" Sit imago speculum ventatis "
Schattierung und Vertikalbeleuchtung.
Die ältesten Gebirgskarten ( 1530 bis 1750 ) fanden noch kein Mittel, die Berge wirklich im Grundriss darzustellen. Sie zeichneten in konventionellem Aufriss Serien von Einzelbergen und klappten diese Umrisse in die Basisfläche hinab. Das Relief, das eine weniger schwierige Abstraktion von der Natur verlangte, war zur Darstellung der Gebirge leichter als die Karte. Das Gebirgsrelief, von Pfyffer ( 1715—1802 ) in Luzern erfunden und nach der Natur ausgeführt ( Vierwaldstätterseegebiet, aufgestellt im « Gletschergarten » in Luzern ), bewog « Vater » Joh. Rud. Meyer in Aarau, durch Joachim Eugen Müller von Engelberg, den er als topographisches Genie entdeckt hatte und ausbilden liess, ein Relief eines grossen Teiles der Schweiz in 1:20,000 ausführen zu lassen ( 1790—1814 ). Nach diesem Relief ( aufgestellt im geographischen Institut der Universität Zürich ) wurde von J. H. Weiss der Meyersche Atlas der Schweiz in 16 Blättern gezeichnet. Das Relief war das Mittelglied, das von der Natur zur Karte leitete. In den nach dem Relief gezeichneten Atlasblättern sind die Berge zum ersten Male durch Schattierungs-schraffuren vorwiegend in der Gefällsrichtung aus der horizontalen Fläche hervorgehoben. Die Beleuchtungsrichtung ist schwankend, meistens aus NW angenommen. 1771 erfand Ingenieur Ducarla in Genf die Darstellung durch Horizontalkurven in bestimmten Vertikalabständen. 1799 stellte Joh. Georg Lehmann, sächsischer Major, zuerst ein wissenschaftliches System für eine Schraffierung in Richtung und Stärke nach der Böschung auf, das bis zu 45° reichte. Die Karte von Bayern erweiterte das System bis 60°, die topographische Karte von Österreich bis 80° Gefälle. Die Zeichnung der Schraffen musste auf Grundlage der Horizontalkurven ( Isohypsen ) ausgeführt werden. Die Schraffen stehen stets senkrecht auf den Kurven und geben die Richtung des grössten Gefälles an. Aus dieser Konvention ergab sich somit zur Darstellung der Berge eine Schattierung der Gehänge nach der Steilheil. Diese Vertikalbeleuchtung musste proportional dem Kosinus des Steigungswinkels zunehmen. Die Horizontalfläche wurde am hellsten, die Vertikalfläche schwarz.
Die Wirkung einer Vertikalbeleuchtung am Gebirge können wir in unseren Zonen nicht in der Natur beobachten. Bringen wir ein Relief in senkrechte Beleuchtung ( Oberlichtsaal ), so sehen wir sofort, dass die Beleuchtungs-unterschiede verschieden steiler Flächen viel geringer sind, als bei den Schraff ur-skalen der Karten. Die geometrisch konventionell exakten Schraffurskalen führen zu einer argen Übertreibung in der Schattierung. Sie sind durchführbar für ein milde hügeliges Land, aber nicht für das Hochgebirge. Ausserdem hat auch das Bedürfnis nach deutlicher Darstellung der Kleinformen im Kulturland stets zur Übertreibung der Schattierung im Gebirge gedrängt.
So starke Schattierungen wie auf den Karten sieht man überhaupt auch aus dem Ballon niemals.
Als Hilfsmittel zur Schattierung in der zu vervielfältigenden Karte stand bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts noch einzig der Strich, die Schraffur, zur Verfügung. Der Strich musste als Stich auf Kupfer, Stahl oder Stein ausgeführt werden. Die praktisch zeichnerische Ausführung dieser Stiche hat herrliche Leistungen aufzuweisen. Heute stehen keine solchen Stecher mehr zur Verfügung. Man müsste sie zuerst wieder ausbilden.
Es seien hier einige Beispiele von Gebirgskarten, in Vertikalbeleuchtung gestochen, angeführt:
Frankreich, 1:80,000, erschienen 1818—1866, 267 Blätter; Österreich, 1:75,000, erschienen 1832—1865; Norwegen, 1:200,000, erschienen seit 1865, « Amtskarte »; St. Gallen und Appenzell, 1:25,000, erschienen 1860? 16 Blatt; Glarus, 1:50,000, erschienen 1862? J. M. Ziegler; Engadin, 1:50,000, erschienen 1870? J. M. Ziegler, 4 Blätter.
Bemerkungen. Die Schraffierung in den Karten von Frankreich und Österreich ist so dicht und dunkel, dass darin vielfach die Topographie nicht mehr sichtbar ist. Sie sind in wenig gegliedertem Terrain gut, im Gebirge abschreckend, unleserlich.
Die Amtskarte von Norwegen hat im weichen Boden Schraffen in der Gefällsrichtung, im Fels Horizontalschraffuren in recht geschickter Ausführung und Verbindung.
Die Karte der Kantone St. Gallen und Appenzell, aufgenommen von Eschmann u.a., gestochen unter Leitung von J. M. Ziegler durch Leuzinger und Randegger mit Gefällsschraffen und Horizontalkurven von 100 m, ist wohl die schönste Gebirgszeichnung in Schraffen und Vertikalbeleuchtung, die jemals gemacht worden ist! Schade, dass die Aufnahme dafür im einzelnen nicht entsprechend reich war. Alles ist klar, prägnant, charakteristisch und leicht leserlich.
Kanton Glarus ist in erster Auflage mit Horizontalkurven von 30 m und Schummerung, in zweiter mit Horizontalkurven und Gefällsschraffen erschienen. Ebenso sind die 4 Blätter Engadin in Horizontalkurven und Gefällsschraffen ausgeführt.
Auch die topographische Karte von Bayern ( 1802 ), die französische von Teneriffa und von Korsika, die Karte des Ätna von Sartorius von Waltershausen und viele andere mehr sind in Vertikalbeleuchtung gezeichnet.
Recht peinlich berührt die Tatsache, dass vielen Karten die Jahreszahl ihrer Herstellung oder Herausgabe absichtlich fehlt.
Der Übergang zu schiefer Beleuchtung.
Nun wurden aber schon lange Vorwürfe gegen die Vertikalbeleuchtung erhoben. Man könne in Vertikalbeleuchtung einen Kegel nicht von einem Trichter, einen Kamm nicht von einer Schlucht unterscheiden. Ein beidseitig ähnlich scharfer Berggrat ist in Vertikalbeleuchtung nicht gebührend im Kartenbilde herausgehoben, ohne dass man den Bergkamm als weisse Linie frei lässt, was oft wie eine Strasse aussieht und unrichtig ist. Diese Schwierigkeiten kann der geschickte Zeichner meistens überwinden, wie manche der oben angeführten Karten beweisen — öfter aber ist dies nicht gelungen. Sie liegen im Prinzip der Vertikalbeleuchtung. Gewichtig ist der Einwurf: Die Vertikalbeleuchtung ist etwas künstlich Erdachtes, sie kommt in der Natur bei uns nicht vor. Sie ist eigentlich gar keine Darstellung durch Beleuchtung, sondern durch Böschungsschraffen nach der Steilheit.
So kam man zuerst in Frankreich zur schiefen Beleuchtung, welche das Gebirgsrelief viel plastischer gestalten und ergreifender wiedergeben lasse. Ihr aber ist der ernste Vorwurf zu machen, dass immer die Schattenseite im Kartenbilde zu grosse, die Lichtseite zu geringe Steilheit vortäuscht. Auch eine sehr geschickte Zeichnung kann diese allgemeine Missdeutung durch unser Gefühl nicht vollständig abwenden. Bei Karten kleiner Massstäbe ergibt die schiefe Beleuchtung gar keine befriedigenden Resultate. Für kleine Massstäbe müssen wir bei Vertikalbeleuchtung bleiben. Die Vertikalbeleuchtung ist mehr eine wissenschaftliche, die schiefe Beleuchtung eine mehr künstlerische Darstellungsweise. Die erstere hat mehr die geometrische Form allein im Auge, die letztere eine Effektwirkung ohne geometrische Sicherheit. Als Grundlage für geologische Karten wäre uns die senkrechte Beleuchtung, in massiger Stärke ausgeführt, lieber; die Schattierung nach schiefer Beleuchtung führt, besonders in Schattenregionen, eher zur verwirrenden Unklarheit.
Das Ermessen der Böschungen trotz der sie so ungleich behandelnden schiefen Beleuchtung wird aber immer ermöglicht, wenn die schiefe Beleuchtung auf ein Kurvenbild angewendet ist. Bei den uns zurzeit vorschwebenden Fragen der neuen eidgenössischen Karten besteht darüber kein Zweifel mehr, dass bei Massstäben von 1:100,000 oder grösser vor allem Horizontalkurven vorhanden sind. Effekttäuschungen durch schiefe Beleuchtung können also bei genauerem Zusehen durch die Kurven stets leicht korrigiert werden. Ohne solche dagegen gibt schiefe Beleuchtung ein vielfach unverbesserlich falsches Bild. Wir halten also daran fest: Schiefe Beleuchtung ist nur in Kombination mit Horizontalkurven annehmbar. Aus den Horizontalkurven ergibt sich zugleich neben der schiefen Beleuchtung eine sehr erwünschte Schattierung nach Böschung — um so mehr, je enger der Vertikalabstand der Kurven genommen wird.
Am vorteilhaftesten scheint die gleichzeitige Anwendung schiefer Beleuchtung im Gebirge mit Übergang zu Vertikalschattierung im Hügelland und der Ebene. Schon der J. R.M.eyersche Atlas ist teilweise auf diesen Weg gekommen, ebenso die administrative Karte 1:500,000 von Italien. Die Dufourkarte hat sehr geschickt im sanfter geböschten Hügellande Vertikal-licht und geht erst im Gebirge zu schiefer Beleuchtung über. Die schweizerische Schulwandkarte hat in Farbtönen dasselbe getan.
Für manche wissenschaftliche und technische Zwecke bleibt wohl immer noch die Vertikalbeleuchtung das beste. Die Wissenschafter könnten sich wohl mit Vertikalbeleuchtung einverstanden und befriedigt erklären. Ihnen genügte auch vollständig das Bild der Siegfriedkarte aus Kurven ohne Schatiie- Tung. Allein die grosse Mehrzahl der kartenbenützenden Menschen verlangt nach einem « leichter leserlichen », in die Augen springenden Reliefbild der Berge, sie wünschen schiefe Beleuchtung im Gebirge. Die Karte ohne Schattierungston scheint ihnen zu gitterhaft, zu leer. Sie sehen darin nicht auf den ersten Blick, nach welcher Richtung das Gelände steigt, nach welcher es abfällt. Es hat den Anschein, dass auch die offizielle Landestopographie dieser Auffassung Rechnung tragen will, obschon dadurch in manchen Richtungen der Gebrauch der Karte erschwert wird.
Der verhängnisvolle Missgriff.
Wenn nun schiefe Beleuchtung angewendet werden soll: Von welcher Richtung soll das von oben schief einfallende Licht auf unsere Landschaft in der Karte scheinen? Der Unbefangene wird sofort antworten: So wie es in der Natur im Mittel oder im Lichtmaximum scheint, also von Süden. Kartender Nordhalbkugel sollen S-Licht, Karten der Südhalbkugel sollen N-Licht erhalten. Die Aufgabe ist aber unbegreiflicherweise nicht auf diesem natürlichen Wege gelöst worden, sondern man ist auf einen Abweg geraten und hat sich in demselben festgerannt. Man hat eine Beleuchtungsrichtung angenommen, die in der Natur gar nicht vorkommt. Man stellt die Sonne gegen NW oder NNW in 30 bis bis 50° Höhe, wo sie niemals steht. Wie konnte man zu der Ungeheuerlichkeit kommen, die Sonne so zu verstellen?
Zwei verhängnisvolle Zufälligkeiten entfremdeten unvermerkt und unbewusst die Kartographen der Wirklichkeit. Eine zeichnerische Bequemlichkeit und eine zufällige Gewohnheit verleiteten sie dazu, sich so an der Sonne zu vergreifen. Schon sind wir an den Anblik dieser Ungeheuerlichkeit so gewöhnt worden, dass manchem seine Heimat im natürlichen Beleuchtungsbilde fremd und unverständlich geworden ist. Die beiden Gewohnheiten, welche diese Verirrung in die Kartographie eingeschmuggelt haben, sind folgende:
1. Der mit der rechten Hand zeichnende Kartograph braucht das Licht von links oben vorne, damit nicht seine Zeichnerhand ihm seine Arbeit beschattet. Zeichnet er in Licht von links oben vorne kommend, so ist es für ihn naheliegend, wenn auch durchaus nicht notwendig, sich auch den darzustellenden Gegenstand von links oben beleuchtet vorzustellen oder gar in Relief vor sich zu legen.
2. Gewohnheitsgemäss dreht man die Karte mit N nach oben. Die erste Karte der Schweiz von Aigidius Tschudi 1530 stellt N gegen den Beschauer, S nach oben. Viele andere Karten alter Zeit stellten den Osten — die « Richtung nach dem heiligen Land » und dem « Paradies » — nach oben. Dann wird es plötzlich ziemlich allgemeiner Gebrauch, die Karten mit N nach oben zu zeichnen, zu beschriften und anzusehen. Wahrscheinlich hat sich dieser Gebrauch aus den Seekarten ergeben, welchen diese Stellung wegen der Orientierung nach dem Polarstern bequem war; zum Teil haben wohl auch die Darstellungen auf Globen, deren Scheitel man auch gegen den Polarstern richtete, dazu beigetragen. Man kann aber eine Karte stellen und vor sich halten wie man will. Es liegt kein objektiver Grund für eine bestimmte Lage vor. Es gibt im Weltall oder auf der Oberfläche der Erde kein Oben und kein Unten. Man muss eine Karte in jeder Stellung lesen können. In der Schule sollte man Wandkarten nach wirklicher Himmelsrichtung orientiert auf Tisch oder Boden legen oder an der Wand hängende Karten von Zeit zu Zeit anders drehen, damit die Schüler sich an jede Lage gewöhnen und nicht mehr sagen: Basel liegt oben an Bern, Zürich liegt unterhalb Schaffhausen und ähnliches mehr. Gibt man sich ohne weitere Kritik in diesen beiden Gewohnheiten gefangen, legt man gar noch ein Relief des zu kartierenden Gebietes mit N nach oben daneben auf den Tisch, so ist die NW-Beleuchtung mühelos ohne weiteres Nachdenken erfunden. Diesen beiden Gewohnheiten liegt aber durchaus zu einer solchen Verbindung keine innere Notwendigkeit, kein Zwang zugrunde. Die Kartenstellung mit N nach oben ist eine blosse wertlose Gewohnheit. Der Zeichner bleibe an seinem Tisch mit Licht von links vorne; er drehe nur sein Papierblatt oder seine Stecherplatte auf S nach oben, N gegen seine Brust. Dann wird ihn nichts mehr hindern, seinen Gewohnheiten getreu bleibend, eine Kartenschattierung mit schiefer Beleuchtung aus S oder SE zu zeichnen! Es war nur zeichnerische Gewohnheit, verbunden mit Orientierungsgewohnheit, welche zur schiefen Beleuchtung aus NW und NNW geführt hat. Man drehe die Zeichnungsplatte um 180°, so sind die Schwierigkeiten gehoben, und der Kartograph muss sich nicht mehr anmassen, die Sonne zu verstellen oder das Land zu verdrehen. Übrigens ich, und gewiss auch mancher andere Zeichner, würde keine besondern Schwierigkeiten empfinden, auch eine Karte mit N oben und Arbeitslicht von links oben in S-Beleuchtung zu zeichnen.
Der Widerspruch.
Wie war dieser Missgriff möglich, und wie konnte er sich bis heute erhalten? Die Kartographen waren sich ihrer Befangenheit in den genannten zwei Gewohnheiten, die unwidersprochen vorhanden waren, nicht bewusst. Ihr Ziel, ihre Einstellung ging einzig darauf hin, die Gestalt des Berges ins Auge springend zu zeichnen. Sie vergossen vollständig, dass die Karte, wenn sie auch in mancher Beziehung auf Konvention und eine Art Zeichensprache angewiesen ist, eben doch eine Art Abbild der Natur sein soll und sein will, dass wir aus ihr wirkliche Naturverhältnisse, zu denen vor allem die Stellung der verschiedenen Teile zur Sonne gehört, ablesen wollen. Sie soll ein Spiegel der Natur sein, damit sie verständlich und ergreifend zu unserem Vorstellungsvermögen sprechen kann. Die sich mehrenden graphischen Vervielfältigungs-mittel machten zwar die Darstellungsarten immer begehrlicher, vermochten aber nur in ganz seltenen Fällen, zur natürlichen Beleuchtung zu führen.
Denken wir uns nun einmal in einen Zustand hinein, der noch frei von vorhandenen Gewohnheiten und Konventionen wäre. Die Berge in der Natur haben Sonnenseite und Schattenseite, die sich vor allem in der Belichtung, ausserdem aber auch in der Erwärmung unterscheiden, weil die Sonnenstrahlung Licht und Wärme bringt. Die gegen S offenen Sonnenseiten der Gehänge haben mehr Licht und Wärme und deshalb mehr Siedelungen, mehr Verkehrswege, mehr Kulturen wie Rebenbau, Obstbau, Gartenbau. Die Wiesen und die Alpweiden reichen höher hinauf, der Wald tritt unten relativ zurück, die Schneegrenze liegt höher. Die gegen N offenen Schattenseiten haben weniger Besiedelungen, weniger Verkehrswege, sie sind reicher an Quellen und Bächen, der Wald ist geschlossener, die Alpweiden reichen weniger hoch hinauf, die Schneegrenze liegt tiefer, die Gletscher steigen weiter hinab.
Das Leben der Pflanzen, der Tiere, der Menschen richtet sich an jedem Orte nach der Höhe, der Böschung und innerhalb dieser Umstände ganz besonders nach der Besonnung. Die mehr oder weniger horizontalen Terrassen geniessen die Vorteile des ebenen Talbodens auch in der Besonnung, während die Gehänge stark abhängig sind von ihrer Stellung zur Bestrahlung. 10 bis 20 Grad günstigere Stellung verdrängt den Holzhauer durch den Viehzüchter, den Viehzüchter durch den Ackerbauer oder Weinbauer oder setzt an Stelle von Wald die Wiese, an Stelle von Wiesen trockene, blendende, sonnige Gehänge, welche künstlicher Bewässerung bedürfen, um Erträge zu liefern.
Die Gewohnheit der NW-Beleuchtung kann diese Erscheinungen nicht umkehren. Dafür erlaubt sie sich, am Kartenbild Gewalt zu üben. Sie malt den Sonnenschein in die Schattenseiten, und sie taucht die Sonnenseiten in tiefen Schatten!
Ich trete in ein Schulzimmer. An der Wand hängt die in vielen Richtungen herrliche schweizerische Schulwandkarte. Mir geht es wie ein Stich durchs Herz: Die warmen Rebgelände und Dörfer auf der Sonnenseite des Walliser Haupttales, an der Nordseite des Lemansees, die viel Ackerbau treibenden, sonnigen Gehänge der Nordseite des Vorderrheintales sind in Schatten gebettet, die bewaldeten Gehänge der Schattenseiten dagegen sind in Sonnenglut gemalt. Der sonnengebrannte, blendende, steile Abhang der Churfirsten mit Quinten, dem wärmsten Orte der Schweiz, wo südliche Steppenpflanzen neben reifenden Feigen gedeihen, liegt auf der Karte in tiefem Schatten. Die Nordseite des Kammes, wo die Schneeflecken noch weit in den Sommer hinein aushalten, ist auf der Karte hervorragend besonnt. Im stärksten Sonnenschein reichen die Schneefelder und Gletscher bis tief in die Täler hinab, im Schatten bleiben sie höher oben zurück. Manche Kämme sind nur im Sonnenglanz in Schnee gehüllt, auf der schattig gemalten Seite schneefrei ( z.B. Titliskette ). Und so ist es überall durch die ganze Schweiz auf der Schulwandkarte. Sie steht mit der Natur und der Kultur in vollständigem Gegensatz. Überall spiegelt sie das Gegenteil von der Wahrheit vor. Und solche Lüge hängen wir an die Wand des Schulzimmers! Daran soll die Jugend ihr Vaterland kennen und verstehen lernen!
Wir haben schon seit vielen Jahrzehnten den Kampf dafür geführt, dass das schöne Land so dargestellt werde, wie die liebe, wahrhaftige Sonne es bestrahlt. Nur wenige einzelne Karten sind so hergestellt worden: Tödigruppe 1: 50,000 in Schraffen mit S-Beleuchtung, für den S.A.C. gestochen von R. Leuzinger 1863, Triftgebiet ebenso 1864. Der geologischen Übersichtskarte der Schweiz 1: 500,000 haben wir Schattierton in S-Beleuchtung unterlegt. Eine herrliche Probe für ein Stück Schulwandkarte des Kantons St. Gallen mit S-Licht von Prof. Imhof 1920 war mir zur Begutachtung übergeben. In diesem Gutachten heisst es unter anderem: « Hiermit erhält der Schüler endlich einmal eine Karte in die Hand, die nicht der Natur mit der Faust ins Gesicht schlägt, wie es leider auch die schweizerische Schulwandkarte tut. Hier wird ihm die Karte zum verständlichen, wahren Abbild seiner heimatlichen Berge. Sie lügt ihn nicht an, sie verwirrt ihn nicht. Schon alle die kleinen Erfahrungen der Schulreisen — da hat er in der Sonne geschmachtet, dort im kühlen Schatten geruht — und ebenso alles, was er gesehen hat über die Verteilung der verschiedenen Bewachsung, der Kulturarten, der Besiedelungen, der Verkehrswege, der Quellen, der Bewässerung, der Schneegrenzen und Schneeflecken sind in seiner Karte mit S-Beleuchtung endlich nicht mehr ein Hohn und Widerspruch zur Kartenbeleuchtung, sondern treten mit derselben in wohltuende Übereinstimmung und alles unterstützt sich zum harmonischen Verständnis des Landes. Das früher so lügenhafte Beleuchtungsbild hat sich hier endlich zur schönen Wahrheit bekehrt. Ich bin ganz überzeugt, dass man in wenigen Jahrzehnten nicht mehr begreifen kann, dass man 1830 bis 1920 in der Regel in den Kartenbildern unseres Landes den Sonnenschein in die Schattenseite der Berge und tiefen Schatten an ihre Sonnenseite malte. » Allein die Kartenprobe mit NW-Beleuchtung ist vorgezogen worden, die Mittagssonne steht wieder im NW!
Eine neueste, interessante Spezialbearbeitung der Siegfriedkarte mit Beleuchtung aus SE liegt uns in Probeabdruck vor. Es ist « Hofers Winter-Reliefkarte der Schwyzer Skiberge », 1: 50,000. Die blauen Schatten auf dem weissen Schnee lassen den Skifahrer sofort erkennen, wo er an sonnigen Tagen guten, trockenen Schnee erwarten darf, während gelblicher Sonnenschein auf den Gehängen ruht, deren Schnee sich bald erweichen kann. Die Reliefwirkung ist sehr gut, die ganze Karte klar und leicht leserlich. Die empfehlenswerten Skitouren, die Schutzhäuser, die lawinengefährlichen Stellen sind auf Grundlage der Erfahrungen der besten Kenner sorgfältigst eingetragen, ohne das Bild stark zu stören. Das Ganze erscheint wie ein harmonisches, malerisch herrliches Wintergemälde eines Fliegers. Wir freuen uns dessen, denn der Skifahrer würdigt die wirkliche Stellung der Sonne!
Wir halten daran fest: Bei einer topographischen wie bei einer Schulkarte handelt es sich nicht bloss um die Darstellung der geometrischen Form der Berge in beliebiger Beleuchtung mit willkürlich verstellter Sonne, sondern um die harmonische Darstellung der gesamten Natur des gebirgigen Landes, und dazu gehört wahrhaftig auch der Unterschied von Sonnenseite und Schattenseite mit allen seinen Folgen, die wir allenfalls in der Vertikalbeleuchtung übergehen, aber sicherlich nicht durch die NW-Beleuchtung in das Gegenteil der Wirklichkeit umkehren dürfen!
Einige Bemerkungen zur schiefen Beleuchtung überhaupt.
Wir wissen alle, dass manche Bergformen sich plastischer und charakteristischer durch die eine, andere durch eine andere Beleuchtungsrichtung darstellen liessen. Wir können aber nicht innerhalb einer Karte für jeden Berg die Beleuchtungsrichtung seiner Form zuliebe umstellen. Dadurch würde das Gesamtbild verwirrt und der Zusammenhang verloren gehen. Wir dürfen aus dem gleichen Grunde die Beleuchtungsrichtung nicht auswählen nach ihrer Wirkung auf die Darstellung einzelner Berge oder Berggruppen. Wir müssen uns da von allgemeineren Gesichtspunkten leiten lassen. Dagegen hat sich längst aus der Erfahrung ergeben, dass die Lichtrichtung innerhalb einer Karte, in geringem Masse variiert, oft ein treffliches Hilfsmittel ist, eine charakteristische Gestalt besser auszudrücken. Man soll dem Kartenzeichner diese kleine begrenzte künstlerische Freiheit lassen. Sie ist bei NW-Licht mit Vorteil angewendet worden; wir beanspruchen sie auch für die Beleuchtung aus S.
Unter allen Umständen soll man die Schattierung in Karten nicht, wie bisher so oft, zu stark machen. Schlagschatten sind auszuschliessen, die Schattenseiten dürfen nicht zu dunkel werden. Auch in den Schatten muss alle topographische Zeichnung leserlich, klar und offen sein. In der Natur erhalten ja auch die Schattenseiten der Berge noch flacher auffallendes und von allen Seiten des Himmelsgewölbes noch viel diffuses Licht. Eine Licht-bestrahlung, die einem einzelnen momentanen Sonnenstande entspricht, passt nicht in die Karte. Eine solche erzeugt immer Schlagschatten und zeichnet, wo sie als Streiflicht auftritt, unbedeutende Kleinigkeiten mit grosser Härte und Übertreibung, während sie an anderen Stellen alle Kleinformen todblendet. In der Natur verändert die Bestrahlung ihre Richtung fortwährend von Aufgang bis Untergang. Tagelang ist sie durch Bewölkung nicht direkt der kleinen Sonnenscheibe entsprechend, sondern diffus, verwischt. Aber immer kommt sie in ihrer Hauptkraft von der Sonnenseite. Ihre Wirkung auf Bewachsung, Besiedelung, Bebauung ist nicht das Abbild einer einzelnen Minute, sondern die Summenwirkung aller Sonnenstellungen. Der Schwerpunkt, aus dem die Sonnenwirkungen kommen, ist die Mittagssonne im Sommer. Die Kartenbeleuchtung soll deshalb auch nicht einem einzelnen, vorübergehenden Sonnenstande angemessen sein, sondern einem mittleren Hochstande in den Sommermonaten. Aus breiter Fläche von 30 bis 50° Höhe ist aus S in breitem Strome unser Kartenlicht anzunehmen. Man könnte auch für die schiefe Beleuchtung eine wissenschaftliche Methode suchen. Die Beleuchtungsstärken verschieden gelegener Geländeflächen müssten zuerst in einer Jahressumme gemessen werden. Zu diesen Jahressummen müsste dann eine Schattierungsskala hergestellt werden. Die Sache wird schwierig und weitläufig, aber nicht prinzipiell unmöglich sein. Vorläufig werden wir mit Schätzung oder Reliefversuch das Ziel erreichen.
Ich habe schon angedeutet, dass gewisse Bergfonnen sich besser durch die eine, andere durch eine andere Beleuchtungsrichtung darstellen lassen, dass wir aber für eine Karte ein mehr oder weniger einheitliches Licht annehmen müssen. Gerade die Schweiz, Jura wie Alpen, eignen sich im ganzen wie auch in der grossen Mehrheit der Einzelberge viel besser für Beleuchtung aus S, als für N- und NW-Licht. Es liegt dies tief in ihrer Entstehung begründet. Aus S und SE vorstossende Wellen der Erdrinde haben sie erzeugt. Aus S und SE steigen die Gebirgsfalten auf und fallen, wie die Wellen eines brandenden Meeres, steil ab gegen W, NW und N, oder sie überschlagen sich sogar in dieser Richtung und branden an Hindernissen empor. In grosser Mehrzahl wenden ihre Kämme die Steilseite gegen N und NW. Denken wir z.B. an den gegen N gerichteten Steilrand des Aarmassives und seines Sedimentmantels. Er erstreckt sich von der Alteis über Jungfrau, Eiger, Wetterhörner und Windgälle, Tödigebiet, Vorab bis Calanda. Der Südseite der grossen Gebirgswelle dagegen entsprechen ihre reich gestuften Rücken-seiten im Rhonetal und Vorderrheintal. Die nördlichen Randzonen der Alpen zeigen sehr ausgesprochen diesen Bau. Moléson, Stockhorn, Schrattenfluh, Pilatus, Rigi, Rossberg, Speer, Säntisgebirge wenden alle ihre Rücken gegen SSE und schauen mit steilem, schattigem Profil gegen das Vorland hinaus. In NW-Beleuchtung lassen sich diese steilen N-Wände nicht herausheben, in der Schulwandkarte sieht man sie kaum, und doch sind sie die markantesten Züge in der Gestalt der Alpen. Berge mit Steilabfall nach S, sanfterem Anstieg von der Nordseite, wie Titliskette, Churfirsten, sind viel spärlicher vertreten. Die S-Beleuchtung müssen wir in erster Linie fordern, weil sie allein das Kartenbild in Harmonie mit der Natur bringt. Aber überdies können wir noch sagen: Sie zeichnet auch die Gestalt der Mehrheit unserer Bergketten viel besser als das NW-Licht.
Wenn es sich um eine Karte handelt, welcher viele Farbtöne zur Verfügung stehen, so bringen wir die Terrainformen mit allen ihren Beziehungen am besten und natürlichsten ins Bild durch Kombination von: 1. Abstimmung einiger grossen Höhenstufen; 2. gleichzeitig schiefe Beleuchtung aus S.
Von mancher Seite hört man die Forderung, durch Anwendung von mehr Farben die Karten leserlicher zu machen und zu beleben. Wir möchten im Gegenteil sagen: Farben soviel wie möglich vermeiden. Nicht weil sie den Druck verteuern, sondern weil sie die wissenschaftliche und technische Verwendbarkeit der Karten einschränken. Wenn z.B. auf den künftigen Karten grüner Ton den Wald angeben soll, so wünschten wir, dass das Grün nicht als glatter Farbton, sondern als « Signatur » erstellt werde, welche auch schwarz gedruckt werden kann, wenn man die Karte z.B. als Grundlage für eine farbenreiche, geologische Karte gebrauchen muss. Farben, und besonders Farbtöne, erschweren oder verunmöglichen die Benutzung der Karte für alle die mannigfaltigen Anwendungen in Wissenschaft und Technik, die ihre Interessen in Farben darstellen müssen. Es sind unserem Lande allseitig gebräuchliche Karten vonnöten. Schraffen in schwarzen Linien stören den Eintrag von Farben für verschiedene Spezialzwecke nicht. Dagegen wird schon ein Beleuchtungston ( in Schummerung, Kreidelithographie, Raster usw. ) oft recht hinderlich sein. Es muss uns dann die Möglichkeit gegeben werden, die Karte ohne den Beleuchtungston als Unterlage für unsere Farben zu gebrauchen oder den Beleuchtungston im neutralsten Grau und möglichst leicht zu halten.
Die Gründe der Gegner der S-Beleuchtung.
Die Frage liegt nahe, warum es denn so schwer halte, die Anpassung der Kartenbeleuchtung an die Natur zu erwirken. Wenden wir uns in Kürze der Auffassung der Gegner der S-Beleuchtung zu. Seit 60 Jahren hat mich die Beleuchtungsfrage der Karten beschäftigt, und ich habe mir seit langem die Worte der Gegner notiert. Die Gegengründe sind heute noch die gleichen wie 1870.
Zu den Gegnern der Einführung des S-Lichtes gehört, gewissermassen pflichtgemäss und vorläufig, die schweizerische Landestopographie. Es ist ihr das nicht zu verargen. Das glänzendste, nie übertroffene und wissenschaftlich wie künstlerisch hervorragendste grosse Landeskartenwerk ist ihre Dufourkarte. Diese hat die NW-Beleuchtung zu einem völligen Siegeszug geführt, obschon ihre glänzenden Vorzüge nicht in der Beleuchtungsrichtung, sondern, neben der Genauigkeit, in der durchsichtigen Klarheit und Charakteristik der ganzen Zeichnung und des Stiches gelegen waren. Sie wurde nachgeführt. Sie ist massenhaft benutzt, wieder gedruckt und überall verwendet worden ( Geologische Karte der Schweiz ). Ähnliche Klarheit und Verständlichkeit bietet die 4blätterige 1:250,000-Karte. Dem Siegfriedatlas, dem Kind der Dufourkarte, lag ebenfalls für seine Felszeichnung das Blut der Mutter inne: die Sonne steht hoch am Himmel in NW. All die Stecherplatten und Umdruckplatten, die noch vorrätigen Auflagen haben ihre Sonne im NW. Sollte nun das alles durch eine Umkehr, eine Abdrehung des Sonnenstandes um etwa 140 Grad als veraltet hingestellt und dadurch entwertet werden? Es ist menschlich ganz begreiflich, wenn man von dieser Seite mit aller Anstrengung versucht, nun die NW-Beleuchtung durch nachträgliche Begründung zu verteidigen. Wir müssen loyalerweise auf solche Begründungen eintreten. Wir dürfen sie nicht ignorieren.
Ich hatte einer kantonalen Schulbehörde für eine neue Schulwandkarte S-Beleuchtung empfohlen. Die kartographische Abteilung der Landestopographie vertrat in einem amtlich abgegebenen Gutachten den gegenteiligen Standpunkt, den sie wie folgt angibt: Sie behauptet 1920, die Beleuchtung in der Karte habe nur den Zweck, « die morphologische Gestaltung des Terrains zum Ausdruck zu bringen ». Man suche eine plastische Wirkung, « wozu irgendeine Art der Beleuchtung der Oberfläche das Mittel bietet ». « Die Beleuchtung ist mehr oder weniger nebensächlich. » « Für die Erfassung der Bodenkonfiguration bedarf es keiner sogenannten natürlichen Beleuchtung, niemals kommt man mit der Karte in der Hand, die natürliche Beleuchtung im Gelände zu kontrollieren. Je grössere Gebiete die Karte umfasst, desto mehr fällt die natürliche Beleuchtung ausser Bedeutung. » « Die Geländedarstellung in Karten bezweckt ausschliesslich die Veranschaulichung der dritten Dimension. Man soll aus der Karte nicht mehr herauslesen wollen, als was sie naturgemäss geben kann. » Und am Schlüsse heisst es: « Eine Änderung der Einfallsrichtung des Lichtes auf eidgenössischen, bestehenden oder kommenden Kartenwerken steht zurzeit nicht in Frage. Es will uns nicht einleuchten, wie ein Wechsel hierin für Schülerkarten von Vorteil sein, also leichteres und besseres Verständnis fördern könne. » Dies mag genügen, den Standpunkt des Vertreters der Landeskartographie zu zeigen. Alles ist darin abgestimmt auf die Behauptung, die Beleuchtung diene nur der Darstellung der Bergform und brauche nicht natürlich gerichtet zu sein. Man kann sagen, das sei Geschmackssache. Ich als alter Schulmeister habe ein höheres, weiterblickendes Ideal der Karten vor Augen. Es schadet ihnen gar nichts, wenn sie trachten, das Bild der Landschaft auch weiteren natürlichen Wahrheiten anzupassen wie die so wichtige Besonnung. Sicherlich dürfen wir nicht gerade dieses Moment ins Gegenteil verkehren um so weniger als bei S-Beleuchtung der Zweck der Formendarstellung gerade so vollkommen oder noch besser erreicht wird als durch die naturwidrige NW-Beleuchtung. Im genannten Gutachten fand ich keinen einzigen wirklichen Grund für die NW-Beleuchtung und keinen gegen die S-Beleuchtung angeführt.
Meint man etwa, die Schüler lesen nicht auch den Unterschied von Sonnenseite und Schattenseite und stossen nicht auf den unsinnigen Widerspruch dieser Kartenbilder mit der Natur? Ihr Verständnis wird gehemmt. Aber auch für uns alle, die wir Karten ständig gebrauchen, dem Skifahrer und ganz besonders dem Flieger ist eine Karte mit NW-Licht ein Ärgernis. Der Flieger soll schnell erkennen, wo er ist. Dazu kann er nicht eine verkehrte Beleuchtung brauchen. Schon bei Ballonfahrten empfand ich peinlich diesen Widerspruch unserer Karten mit der Natur.
Es ist mir im Verlaufe der letzten 40 Jahre auch immer deutlich geworden, dass die amtlichen kantonalen Schulbehörden nicht die Kraft haben, sich zum Besseren aufzuschwingen. Eine solche schreibt z.B.: « Wir sind der Ansicht, dass die Frage der S-Beleuchtung erfolgreich nur gelöst werden kann, wenn die Landeskartographie sich zur Überzeugung der Vorteile der S-Be-leuchtung wird durchgerungen haben. » Und ein anderes Aktenstück spricht sich mir sogar dahin aus, es sei nicht an den Kantonen, hier Wandel zu schaffen, das dürfe nur von der eidgenössischen Behörde ausgehen. Allein gerade diese hat uns ja die unwahre Beleuchtung in die Karten gebracht und hält sie fest. In unserem Lande dürfte wohl doch noch jeder das Recht haben, sich der Sonne anzupassen. Wenn den kantonalen Behörden eine Verbesserung von Fachleuten vorgeschlagen wird, so wenden sie sich stets um Rat und Hilfe an die eidgenössische Landeskartographie, ohne zu bedenken, dass dieses Amt durch seine Beteiligung in der Sache am allerwenigsten in der Lage ist, objektiv urteilen zu dürfen.
Es ist manchmal recht sonderbar, wie die schlechte, zirka 75jährige Angewöhnung unwillkürlich die bessere Einsicht ausschaltet und mit unter-bewusster List sich zu rechtfertigen versucht. Es würde zu weit führen, hierfür Beispiele mitzuteilen. Aber diese Angewöhnung an die Verkehrtheit greift immer weiter.
Am deutlichsten zeigt sich die Wirkung der Angewöhnung an das NW-Kartenlicht in folgendem « Grund gegen die S-Beleuchtung »: Eine Gebirgskarte, in S-Beleuchtung gezeichnet, in Fensterlicht von links oben betrachtet, lässt die Berge als Löcher und Furchen, die Täler als Rücken erscheinen, kehrt also das Relief um! Diese Erscheinung tritt tatsächlich hie und da auf, besonders bei übertrieben starker Schattierung, bei kleineren Massstäben und bei Karten ohne deutliche Zeichnung des Flussnetzes, der Besiedelung und der Verkehrswege. Man kann mit einiger Übung vor solchen Karten das Sehen beliebig einstellen oder umstellen und je nachdem bei gleichbleibender Lage das Relief verkehrt oder richtig sehen. Ich habe über diese Sache viele Versuche mit mir selbst und mit anderen gemacht. Die Täuschung triti nur ein bei schlecht gezeichneten Karlen. Bei guter Schat- tierung, bei Karten mit Tiefentönen neben der schiefen Beleuchtung, mit gutem Gewässerbild etc. kommt sie nicht vor. Ihre Hauptursache ist die Angewöhnung an die Kartenbilder mit der verkehrten, unwahren Beleuchtung. Es ist die unwillkürliche Wirkung der eingeübten Deutung der Schattierung durch NW-Licht, der bereits viele Menschen zum Opfer geworden sind. Auf einer ebenen Fläche, wie es die Karte ist, ist die Richtung der Beleuchtung des Papieres vom Fenster oder unter freiem Himmel ganz unbedeutend. Das gute Bild enthält das ihm gegebene Licht in sich fest. Gut gezeichnete Karten, sowohl mit NW-Licht ( Dufourkarte ) als mit S-Licht, kann man in jeder beliebigen Stellung ins Fensterlicht bringen, ohne dass sich Reliefumkehr für das Auge einstellt.
Es gibt Lehrer, welche sich gegen eine Schulwandkarte mit S-Licht wehren, weil es « verwirrend und unpädagogisch » sei, den Schülern die eine Karte in NW-, die andere in S-Beleuchtung vorzuhalten; es würde dies den Lehrer zwingen, zu sagen, das eine sei richtig, das andere falsch. Keines ist « falsch » in solchem Sinne. Die eine ist historisch entstandene Konvention, die andere strebt noch mehr Annäherung an die Natur an. Gerade der Nachweis, dass man manches verschieden machen kann und dass in solchen Dingen die Zeit Fortschritte bringen kann, ist doch ein erzieherischer Wert. Meint man denn, es müsse der Jugend alles in unabänderlicher Unfehlbarkeit eingepflanzt werden? Meint man denn, man dürfe einen wesentlichen Fortschritt hintan-halten, um in der konventionellen Beleuchtungslüge sich konsequent zu zeigen? Mir scheint dies kein pädagogisches Erfordernis! Früh sollen sich die jungen Menschenkinder daran gewöhnen, dass unser Schaffen verbesserungsfähig ist. Die Hochachtung vor früheren Leistungen wird in geschickter Lehrerhand dadurch nicht zerstört, sondern vermehrt werden. Der Widerspruch einer Karte mit N-Licht gegenüber der Natur ist sicherlich viel schlimmer als der Widerspruch zwischen einer älteren und einer neueren Wandkarte im Schulzimmer.
Manche Bekämpfer der S-Beleuchtung wollen auch der NW-Beleuchtung das Prädikat der « Natürlichkeit » retten, indem sie feststellen, dass im Hochsommer gegen Sonnenuntergang unser Land auch aus NW beleuchtet werde. Sie übersehen dabei, dass dies nur eine kurzzeitige, extreme, nicht eine mittlere Beleuchtungsrichtung ist, und dass sie nur aus der Horizontregion, nicht von etwa 30 bis 50° Horizonthöhe kommt. Sie erzeugt mächtige Schlagschatten, die für ein Kartenbild unannehmbar sind. Es ist nicht wahr, dass jemals die NW-Kartenbeleuchtung der Natur entspreche. Sie ist und bleibt eine unglückliche Erfindung unbewussten menschlichen Irrganges. Wie dürfen wir uns anmassen, die Sonne um 130 bis 140° anders zu richten, als dem Mittelwerte ihrer Summenwirkung entspricht?
Wir halten fest, dass die Verteidiger der NW-Beleuchtung gar nichts irgendwie Wesentliches oder Wirkliches der Forderung der S-Beleuchtung entgegenzuhalten wissen. Alle die vermeintlichen Gründe zerrinnen bei näherer Prüfung sofort ins Nichts. Es ist hier allein nur das Festhalten an einer alten, unglücklichen Gewohnheit, was gegen Vernunft und Wahrheit kämpft. Aber auf die Dauer lässt sich das Bessere und Wahre nicht zurückdrängen. Wozu der Kampf gegen die Verbesserung?
Wir dürfen uns nicht dem zufälligen Entwicklungsgange, der uns in die unnatürlichen Widersprüche der NW-Beleuchtung gedrängt hat, als dauerndes Opfer hingeben. Wir müssen Übereinstimmung suchen zwischen dem Kartenbilde und der Natur. Und wenn wir nun schon vielfach so sehr an die Verkehrtheit gewöhnt sind, dass uns in der Darstellung die Wahrheit befremdet, so müssen wir eben an uns selbst arbeiten, um wieder unbefangen und frei zu werden. Das gilt für den einzelnen und gilt für die Staaten und ihre Organe, die ihre Karten herstellen. Für die schweizerische Landeskartographie ist der Moment gekommen, wo es gilt, alle innere Kraft zusammenzunehmen, um in der Beleuchtung unserer Karten den Fehler der Vergangenheit wegzuwerfen und den grossen Schritt von der verirrten Konvention zur Natur, von der unbewussten Lüge zur bewussten Wahrheit zu tun. Wir müssen Beispiele von guten Karten mit S-Beleuchtung vor Augen bekommen 1 Privat-institute können uns nur in kleinen Dimensionen solche Karten liefern. Es ist höchste Zeit, Wandel zu schaffen, denn die Umkehr wird immer schwieriger. Zuerst muss die eidgenössische Landestopographie und dann die Erziehungs-departemente der Kantone in ihren neuen Karten das schöne Heimatland so darstellen, wie die liebe, wahrhaftige Sonne es beleuchtet und erwärmt!
Zum Schluss fasse ich die Resultate und Vorschläge für die neuen Schweizerkarten, soweit sie sich auf die Beleuchtung beziehen, in einige Sätze zusammen. Vorausgesetzt ist immer, dass die Unterlage eine Höhenkurvenkarte sei.
1. Jede Reliefzeichnung, ob glatter Ton oder Schraffur, senkrecht oder schief beleuchtet, muss charakteristisch, zart und durchsichtig gehalten sein, damit auch noch im tiefsten Schatten die Kurven und die topographische Zeichnung deutlich heraustritt und die Schattierung nicht übertrieben wirkt.
2. Für viele wissenschaftliche und technische Zwecke wäre die massige Schattierung nach Böschung ( Vertikalbeleuchtung ) am nützlichsten. Sogar Weglassen der Schattierung ( wie die Siegfriedkarte ) würde gutgeheissen. Die Wünsche weiterer Kreise sind es, die auf Reliefschattierung drängen.
3. Für die Reliefzeichnung des Gebirges muss eine breite, nicht zu harte Belichtung aus Süden und 30 bis 50° Höhe angewendet werden, entsprechend der Jahressumme der natürlichen Licht- und Wärmebestrahlung.
4. Für Flachland und Hügelland mit Kleinformen soll in den gleichen Karten Vertikalbeleuchlung ( Böschungsschattierung ) angewendet werden nach Muster Dufourkarte.
5. Um eine recht vielseitige, nützliche Verwendung der Karten zu ermöglichen, ist Mehrfarbigkeit und sind besonders Farben in Tönen möglichst zu vermeiden oder zu beschränken.Albert Heim