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Der im Jahr 1990 unter MS-DOS entwickelte Weltraum-Shooter «Wing Commander» hat seinerzeit neue Standards für die Qualität von Computerspielen gesetzt und war ausschlaggebend für die Wandlung des PCs zum populären Spiele-Rechner.
Mit üppigen Grafikanimationen, Soundeffekten und interaktivem Spielspaß war «Wing Commander» seiner Zeit voraus. Für den zweiten Teil wurden instruktive Zwischensequenzen sogar mit echten Schauspielern gefilmt (unter anderem Mark Hamill). Die Handlung ist simpel: Der Spieler schlüpft in die Rolle von Christopher Blair und muss die Menschheit vor den Kilrathi (einer gemeinen Sorte von Katzenwesen) schützen; sie also am besten ganz vernichten. Insgesamt wurden 5 Spiele entwickelt. Im dritten Teil wurde der Planet der Kilrathi zerstört, im fünften Teil schlüpft der Spieler in die Rolle von Lance Casey, wieder, um gegen diesmal Insekten ähnliche Feinde anzutreten. Programmiert und designt wurde das Spiel von Chris Roberts für die Firma „Origin Systems“. Für Origin Systems arbeitete Roberts von 1986 bis 1996. Danach gründete er Digital Anvil.
Um sich den Traum eines Wing Commander-Spielfilms zu erfüllen, steckte Roberts 1999 viel Geld von Digital Anvil in die aufwändige Hollywood-Produktion. Roberts – der keinerlei Erfahrung als Filmemacher hatte – führte selbst Regie. Zur Vertonung wurde Kevin Kiner herangezogen, dem die Produktion zur Auflage machte, eine Musik á la INDEPENDENCE DAY abzuliefern. ID4-Komponist David Arnold zeigte sich hilfreich und hat das WING COMMANDER Hauptthema spendiert.
Bei anderen Rezensenten kommt die Partitur viel besser weg, als sie eigentlich ist. Gelegentlich wird sie sogar gleichgesetzt mit Arnolds Vertonung zu INDEPENDENCE DAY, was allerdings zu kurz gedacht ist. Ich werde nun die Stärken der ID4 Musik skizzieren, und anschließend beide Scores direkt miteinander vergleichen. Meine Kritik gegenüber WING COMMANDER ist daher immer aus diesem Vergleich heraus zu verstehen. Arnolds Musik zu INDEPENDENCE DAY hat eine hohe narrative Qualität und begeistert bis heute viele Musikliebhaber:
– Kontrapunkte: Wuchernde Action-Passagen ergänzen sich mit kitschig-sentimentalem Schmelz. Dies hat dem Komponisten den Spitznamen „Corn-O-Maniac“ eingebracht. Durch raschen Stimmungswechsel erreicht die Musik eine Wendigkeit, die mit der Bilderflut mithalten kann.
– Endlos aufgetürmte Fanfaren- und Sirenenmotive ergänzen sich prächtig mit geschickt eingewobenen Basseinschüben.
– Vermischung diverser Musikstile: Pastorale Elemente (vgl. Anton Bruckner), überzogener Patriotismus mit einem Schuss Americana, und etliche Hollywood Suspense Klischees versorgen die Musik mit einem ganz eigenen Flair.
– Die Grundstimmung des Scores, die man graduell in jedem Cue vernehmen kann, ist eine Mischung aus ungeheurer Hetze mit bis ins Groteske wachsender Anspannung.
Nun zu Wing Commander. Der Score eröffnet mit einem furiosen „Overture“. Das Hauptthema ist zusammengesetzt aus einigen ID4-Motiven (schwerpunktmäßig aus „Evacuation“ [0:03,0:50]) und lässt das Herz eines Action-Liebhabers höherschlagen. Im Folgenden lässt die Musik aber rasch nach; die geweckte Freude wird schnell getrübt. Kiners Komposition könnte als zusammenhangloser Sampler einiger Arnold-Musiken durchgehen. Selbst das gelungene Hauptthema findet im Fortgang wenig Bedeutung. Gelegentlich wird es zitiert, aber wenig bearbeitet.
Die Grobmaschigkeit der Partitur zeigt sich erstmals in „Torpedo Kilrathi“ (Track 3): Auf auf Spannung getrimmte Streicher folgt abrupt eine Blechbläser-Attacke, die dann gemächlich vor sich hin plätschert – man erkennt, dass das Fehlen von allmählichen Steigerungen dem Hörer eine Identifikationsmöglichkeit nimmt.
Gelungen sind die Action-Cues „Into the Quasar“ (Track6 ab 1:40) und „Kilrathi Into Scylla“ (Track 16); hier hat sich Kevin Kiner aber von David Newmans GALAXY QUEST inspirieren lassen (Track 24; „The Battle“ ab 0:15). Das Kilrathi-Thema ist somit nur teilweise vom Wing Commander – Thema abgeleitet. Außerdem klingen diese Cues vom Rest des Geschehens separiert und bewegen sich daher in einer emotionalen Leere. Eine narrative Grundstimmung, die sich wie ein roter Faden durch die Musik zieht, sucht man vergeblich.
Die Komposition ist somit ein Placebo, und kann den Forderungen der Produzenten nicht gerecht werden: Alles klingt vertraut nach David Arnold und Nicholas Dodd, aber im Vergleich mit ID4 steckt weder dramaturgisch noch stimmungsmäßig „Arnold“ drin. Die Musik hat dennoch einen gewissen Unterhaltungswert und kann durchaus empfohlen werden. Dass Chris Roberts’ Spielfilm gefloppt ist, liegt am Regisseur selbst. Ohne zu erkennen, dass ein erfolgreicher Film anderen dramaturgischen Gesetzen folgt, hat er sich zu sehr auf den Erfolg seines kultigen Computerspiels verlassen.
Oliver, 18.7.2020
WING COMMANDER
Musik von Kevin Kiner
Hauptthema von David Arnold
Sonic Images
36:24 Min.
17 Tracks