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von Xenia Soljanskaja, Russland HEUTE
In einem am vergangenen Montag in der russischen Tageszeitung «Iswestija» unter der Überschrift «Das neue Integrationsprojekt für Eurasien – Zukunft, die heute entsteht» veröffentlichten Artikel verkündete Premierminister und Präsidentschaftskandidat Wladimir Putin die Schaffung einer Eurasischen Union – «dem künftigen Teil eines Grossen Europas und Bindeglieds zwischen der EU und der Asiatisch-Pazifischen Region».
Putin befasst sich in seinem Beitrag mit dem Projekt eines einheitlichen Wirtschaftsraums, das am 1. Januar 2012 anlaufen und in eine Eurasische Union münden soll, «in einen Teil eines Grossen Europas, vereint durch gemeinsame Werte von Freiheit und Demokratie sowie durch die Gesetze der Marktwirtschaft».
Die Botschaft ist klar: Russland wird nun doch keine Grenze zu Kasachstan errichten. Die Quoten für kasachische und weissrussische Arbeitnehmer werden abgeschafft. Russische, kasachische und weissrussische Unternehmen können nun gleich in drei Ländern statt nur in einem staatliche Aufträge erhalten.
Die Eurasische Union ist als «starke übernationale Vereinigung konzipiert, die das Potential hat, einer der Pole in der gegenwärtigen Welt zu werden. Zugleich soll sie die Rolle eines effektiven «Bindeglieds» zwischen Europa und der sich dynamisch entwickelnden Asiatisch-Pazifischen Region spielen», erklärt Putin.
Für die Schaffung einer Eurasischen Wirtschaftsunion setzt sich seit 1994 auch der kasachische Präsident Nursultan Nasarbajew ein. Sein Konzept beinhaltet eine «freiwillige, gleichberechtigte Integration und eine gemeinsame politisch-ökonomische Entwicklung der postsowjetischen Staaten hin zu starken Positionen in einer globalisierten Welt». Im Jahr 2009 veröffentlichte er ebenfalls in der «Iswestija» einen Artikel mit dem Titel: «Die Eurasische Wirtschaftsunion – Theorie und Wirklichkeit». Darin empfahl er die Eurasische Wirtschaftsunion als «Gegenmittel» zur Wirtschaftskrise. Laut Nasarbajew haben sich in den GUS-Staaten Befürworter dieser Idee gefunden. Allerdings sind in der ersten Etappe des Aufbaus einer solchen Union – dem einheitlichen Wirtschaftsraum – bisher nur drei Länder vertreten: Russland, Kasachstan und Weissrussland.
Dessen ungeachtet hält Putin den einheitlichen Wirtschaftsraum für «einen historischen Meilenstein nicht nur für unsere drei Länder, sondern für alle Staaten des postsowjetischen Raums». Am 1. Juli dieses Jahres haben die beteiligten Länder das Projekt der Zollunion gestartet und die Kontrolle über den Warenfluss an ihren Grenzen aufgehoben. Die Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraums erlaube es, einen «kolossalen Markt mit mehr als 165 Millionen Konsumenten, einer vereinheitlichten Gesetzgebung und freier Bewegung von Kapital, Dienstleistungen und Arbeitskräften zu schaffen», so der russische Premier.
Aus all dem folge, dass Russland die 7000 km lange Grenze mit Kasachstan nicht verstärken werden müsse, so Putin. Und die Bürger der Mitgliedsländer des einheitlichen Wirtschaftsraums könnten «ohne jede Einschränkung wählen, wo sie leben, eine Ausbildung erhalten und arbeiten wollen», verspricht der Premier. Gleichzeitig merkt er an, dass es in der UdSSR eine solche Möglichkeit ja nicht gegeben habe, da die Freiheit der Ortswahl durch das System der «Propiska», der Meldepflicht, eingeschränkt gewesen sei.
Ausserdem werde der einheitliche Wirtschaftsraum nützlich für das Geschäftsleben sein. Die Unternehmen erhielten Zugang zu «neuen, dynamischen Märkten» und könnten zudem auf staatliche Aufträge aus allen Mitgliedsländern des einheitlichen Wirtschaftsraums hoffen, hebt Putin hervor. Die Tatsache, dass sich Unternehmen in jedem Mitgliedsland des einheitlichen Wirtschaftsraums frei registrieren lassen könnten, werde zu «einem Wettbewerb in der Rechtssprechung und zur Vereinfachung der bürokratischen Verfahren in jedem Mitgliedsland führen», prognostiziert er abschliessend. •
Quelle: www.russland-heute.de
von Anastasia Gorokhova, Russland HEUTE
Die Fahrt mit der Transsib ist eine Geschichte für sich. Es ist der Traum fast eines jeden Deutschen und die Horrorvorstellung schlechthin für fast jeden Russen. Das, was der Deutsche als besonderes Abenteuererlebnis empfindet, ist für den Russen nicht mehr, als einfach nur endlose Tage und Nächte im Zug zu verbringen. Und das auch noch in einem, der seit Jahrzehnten so ist, wie er eben ist: für einen Russen – gewöhnlich schäbig, für einen Deutschen – ungewöhnlich exotisch.
Ich persönlich scheine in der Zugfrage eine Position dazwischen einzunehmen. Die Transsib – da war ich mir sicher – ist eine Reise wert, das muss man mal erlebt haben … aber … ohne Dusche, mehrere Tage?! Das muss eigentlich nicht sein. Jetzt sitze ich aber im Zug Novosibirsk-Wladiwostok und fahre auf meiner Reise die längste Strecke nonstop: zwei Tage und zwei Nächte, und habe es bisher noch keine Minute bereut.
Schon die 16 Stunden Fahrt von Irkutsk nach Tschita waren ein Erlebnis. Der Blick aus dem Fenster ist Oscar-reif. Man lernt aus ihm, dass Russland tatsächlich gross ist. Nicht, dass das eine neue Information sei. Wirft man einen Blick auf die Weltkarte, fällt das auch auf. Aber was ist schon der Blick auf die Karte im Vergleich zum Blick auf die endlosen Weiten Sibiriens! Wälder, soweit das Auge reicht, Seen, Flüsse, Berge, Felder. Das rhythmische Klopfen der Zugräder versetzt einen in Halbtrance und auf einmal hat man patriotische Gefühle. Diese scheinen alle Zuginsassen zu überrumpeln. Niemand ist vor ihnen sicher. Auch die ausländischen Fahrgäste werden leicht sentimental, sogar melancholisch, kleben am Fenster und bekommen fast schon russische Gesichtszüge. Kurz gesagt: Sie kommen der geheimnisvollen russischen Seele ein bisschen näher.
Im russischen Zug, sei es die Transsib oder jeder andere Nachtzug, passieren Geschichten, die von zufälligen Begegnungen gekennzeichnet sind. So war es auch auf der Strecke Irkutsk-Tschita. Das Team des Goethe-Instituts hatte eine Aufgabe: Die «Lern Deutsch»-Kampagne musste auch auf Rädern fortgesetzt werden. Also gingen wir durch den Zug, verteilten Flyer, redeten mit den Fahrgästen, Jost –der Rapper aus Berlin – gab einen Freestyle nach dem anderen und im Endeffekt landeten wir in einem Zugabteil am Tisch mit Sascha, seinem kleinen Sohn Sascha und der Frau Olga. Die holten nach russischer Art alles Essen aus ihren Taschen und nicht zuletzt die Flasche Wodka. Der grosse Sascha konnte Bruchstückweise Englisch und hatte auch ein paar Deutsche Sätze auf Lager, wie etwa: «Eins, zwei – Polizei!» Es war eine erstaunlich herzhafte Atmosphäre, in der wir mehrere Stunden verbrachten und der deutsch-russische Austausch real wurde.
Die zwei Tage und zwei Nächte in der Transsib waren ein Erlebnis und vergingen schneller, als gedacht – trotz vier Stunden Verspätung. Übrigens: eine Seltenheit. Die Transsib ist, im Gegensatz zur Deutschen Bahn, fast nie zu spät. Wälder gingen – Felder und Steppen kamen. Dörfer, – verarmt und alt, zogen immer öfter an uns vorbei. Dann wurde es Abend und wir verschanzten uns mit unserem Proviant im «Männerabteil» (Anmerkung: wir besetzten komplett zwei Abteile im Wagen). Unser Fotograf Andrej lernte auf seinem Spaziergang durch den Wagen Vasja kennen: ein junger und wirklich sehr grosser Mann, der den Spezialeinsatzkräften der russischen Polizei, dem OMON, diente. Vasja gesellte sich zu uns, denn auch er interessierte sich für die deutsche Kultur. Und für deutsche Rapmusik, deswegen musste Jost sein Bestes geben. […] Doch die harte Schale dieses Riesenkerls weichte allmählich auf und zum Vorschein kam ein eigentlich recht sympathischer Mensch, der sich mit uns dermassen wohl fühlte, dass er nicht wieder gehen wollte. Für meine deutschen Freunde war er ein interessanter Weggefährte. Seine Liebe zu uns zeigte Vasja, indem er seine Handynummer hinterliess mit den Worten: «Ruft an, wenn ihr ein Problem habt.» Spätestens ab da hatten wir bis Wladiwostok keine Angst mehr.
Quelle: www.russland-heute.de
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