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In seinem autobiografischen Werk Die Wörter schildert Jean-Paul Sartre die ersten zehn Jahre seines Lebens, also die Zeit zwischen 1905 und 1915, wobei er oftmals auch auf sein späteres Leben vorgreift.
Der Elsässer Charles Schweitzer hat ursprünglich Priester werden wollen, entscheidet sich dann aber für eine Laufbahn als Deutschlehrer. Sein Bruder Auguste wird Geschäftsmann, sein anderer Bruder Louis wird Pastor. (Dessen Sohn Albert Schweitzer, ebenfalls ein Pastor, sollte weltberühmt werden.) Charles heiratet Louise Guillemin, die Tochter eines katholischen Anwalts. Louise schenkt ihrem Mann vier Kinder: zwei Söhne und zwei Töchter. Die erste Tochter stirbt bald. Georges, der ältere Sohn, geht aufs Polytechnikum und Emile, der zweite Sohn, wird Deutschlehrer wie sein Vater und stirbt vereinsamt im Jahre 1927.
Anne-Marie, die zweite Tochter, ist hübsch und begabt, wird aber nicht gefördert. Im Jahre 1904 heiratet sie Jean-Baptiste Sartre, den Sohn des Landarztes Dr. Sartre und einer verarmten Erbin. Jean-Baptiste zeugt mit Anne-Marie ein Kind: Jean-Paul Sartre, der Ich-Erzähler, kommt 1905 zur Welt. Jean-Baptiste stirbt schon kurz darauf an einem schweren Fieber. Seine ersten Lebensmonate wird Jean-Paul von einer Amme aufgezogen. Nach dem Tod Jean-Baptistes kehrt Anne-Marie mit ihrem Sohn zurück zu ihren Eltern, der Familie Schweitzer. Dort besorgt sie den Haushalt, was für ihre Mutter Louise einerseits eine Erleichterung, andererseits aber auch ein Grund zur Eifersucht ist.
Der Tod seines Vaters bedeutet für Jean-Paul die Freiheit. Ohne Vater fehlt ihm ein Über-Ich. Jean-Baptiste ist zu früh gestorben, um bei Jean-Paul Schuldgefühle für seines Vaters Tod zu wecken. Den Gehorsam lernt Jean-Paul niemals, darum kann er auch nicht befehlen. Seinen Vater kennt er nur vom Hörensagen. Von ihm erbt Jean-Paul nur einige – in seinen Augen schlechte – Bücher, die er später verkauft. Jean-Paul leidet an einem höchst unvollständigen Ödipus-Komplex: Sein Vater ist bereits verstorben und seine Mutter, mit der er zusammen das «Kinderzimmer» im Hause Schweitzer bewohnt, macht ihm niemand streitig. Er kennt weder Eifersucht noch Aggression.
Seinen Grossvater empfindet Jean-Paul als einen Patriarchen aus dem 19. Jahrhundert. Charles Schweitzer soll nie ein guter Vater gewesen sein. Doch im Kampf der Generationen verbündet sich der Greis mit seinem Enkel. Das Zusammenleben mit seinem Grossvater fasst Jean-Paul als ein Lustspiel auf, in welchem er selber die Rolle des artigen Kindes spielt. Jean-Paul mag diese Rolle; er wird gehätschelt und gelobt. Man rezitiert seine Aussprüche und bewertet sie als «weit über sein Alter hinausreichend». Im Angesicht seines wohl baldigen Endes meditiert Charles über seinen Enkel und deutet dessen wirren Aussagen wie Orakelsprüche; sucht und findet Weisheit darin. Jean-Paul sieht seine einzige Aufgabe darin, zu gefallen. Seine Alltagshandlungen sind Zeremonien, mit denen er seine Mitmenschen beglückt.
Jean-Paul sieht sich selbst, wie seinen Grossvater, als Mann des Geistes. Er hält sich fern von der weltlichen Gewalt. Die oberste Sprosse der hierarchischen Leiter von Verdienst und Macht möchte er nicht einnehmen. Untergeordnete will er wie Gleichgestellte behandeln, doch findet er Gefallen daran, wenn Arme seine Grossmut auslösen und er durch eine milde Gabe deren Überfluss sein darf.
Jean-Paul erfährt von seiner Grossmutter nicht die gleiche Bewunderung für das Spielen seiner Kinderrolle wie von den anderen Familienmitgliedern. Sie durchschaut Jean-Pauls «Affereien» und verlangt von ihm Entschuldigungen für sein Verhalten, die er ihr nur widerwillig gewährt. Dadurch kommt es zu kleineren Auseinandersetzungen zwischen «Karlundmami», wie Anne-Marie ihre Eltern zu nennen pflegt. «Karl» Schweitzer ist den Deutschen gegenüber feindselig eingestellt, weil sie Frankreich im Jahre 1871 das Elsass weggenommen haben. In seiner neu gegründeten Sprachschule – Familie Schweitzer ist 1911 nach der Pensionierung Charles’ vom Pariser Vorort Meudon nach Paris übersiedelt – sind die Deutschen jedoch seine besten Kunden.
Jean-Paul spielt seine Rolle derweil weiter – doch nur, wenn er dabei von Erwachsenen beobachtet wird und dadurch bei ihnen Entzücken auslösen kann.
Jean-Paul kann zwar selber noch nicht lesen und darum auch nichts mit den Büchern seines Grossvaters anfangen. Er erkennt aber schon bald, dass die Bibliothek seines Grossvaters für diesen von grosser Bedeutung ist – ja dass der Wohlstand der ganzen Familie davon abhängt! – und beobachtet den sorgsamen Umgang, den Charles mit seinen Büchern pflegt. Die Bücher hingegen, die Louise aus der Leihbücherei holt, behandelt Charles eher verächtlich. Für Jean-Paul ist sein Grossvater zunächst eine Art Handwerksmeister, schliesslich hat er das Deutsche Lesebuch «gemacht». Schon bald jedoch wird Jean-Paul beigebracht, die Literatur als eine Leidenschaft und die Professur wie ein Priestertum zu sehen.
Jean-Paul erhält einen Märchenband des Autors Maurice Bouchor, aus dem ihm seine Mutter vorliest. Jean-Paul fällt auf, dass seine Mutter beim Vorlesen aus dem Buch viel sicherer und in einer viel gehobeneren Sprache spricht, als wenn sie die gleichen Märchen frei aus ihrem Gedächtnis nacherzählt. Jean-Paul wird hellhörig auf die immer gleiche Abfolge der Wörter, so wie sie im Buch geschrieben stehen. Er beneidet seine Mutter um die Fähigkeit des Lesens und möchte es selber erlernen. Nachdem man ihm das Alphabet beigebracht hat, macht sich Jean-Paul am Buch Heimatlos von Hector Malot zu schaffen. Er kennt den Inhalt dieses Buches auswendig, geht es Seite für Seite durch, den Text halb rezitierend, halb entziffernd, gelangt schliesslich auf der letzten Seite an und – kann plötzlich lesen!
Nun liest sich Jean-Paul quer durch die Klassiker der grossväterlichen Bibliothek und erkennt darin die Welt im Spiegel. Den Umgang mit den Besuchern im Hause Schweitzer empfindet Jean-Paul dagegen als banal, sodass er sich nur allzu gerne in den Wahnsinn der Bücher zurück flüchtet. Im Gegensatz zum Alltagsleben findet Jean-Paul hier die Dichtigkeit der Welt wieder, mit allen Abgründen des menschlichen Daseins: Ehebruch, Verwandtenmord, Inzest. In der Literatur findet Jean-Paul seine Religion. Die Bibliothek ist sein Tempel.
Charles führt seinen Enkel in die Welt der Autoren ein. Jean-Paul sieht diese als seine ersten Freunde an. Für Charles ist die Weltliteratur jedoch auch Arbeitsmaterial: Er bewertet Autoren anhand der Eignung ihrer Texte für seinen Unterricht. Wie seinen Alltag gestaltet Jean-Paul auch die Lektüre als ein Schauspiel, denn er weiss, dass seine Familie ihn dabei beobachtet. Erhält er beim Lesen in der Bibliothek plötzlich Besuch, täuscht er vor, Corneille zu lesen – dessen Alexandrinerverse er eigentlich als abstossend empfindet.
Mutter und Grossmutter betrachten Jean-Pauls Entwicklung mit Sorge. Sie befürchten, das Kind würde geistig austrocknen. Anne-Marie weckt Jean-Pauls Interesse für Abenteuer- und Jugendromane, die er bald täglich verschlingt. Er findet Interesse an den teils blutrünstigen Abenteuer der Romanhelden und schöpft Optimismus aus den stets glücklichen Ausgängen der Geschichten. Seine Vorliebe für Trivialliteratur wird dem Grossvater verheimlicht. Als dieser Jean-Paul jedoch ertappt, wird er wütend auf Anne-Marie und Louise. Diese bestreiten aber, Jean-Pauls Vorliebe für die Trivialliteratur geweckt zu haben.
Charles meldet Jean-Paul, der für sein Alter schon fast zu fortgeschritten sei, an eine Schule, das Lycée Montaigne an. Als Jean-Paul beim ersten Diktat versagt, nimmt Charles ihn wieder von der Schule. Dafür erhält Jean-Paul Privatstunden bei Monsieur Liévin. Der Lehrer wird jedoch schon bald wieder entlassen.
In Arcachon besucht Jean-Paul die Gemeindeschule, wo er in den Pausen immer bei seinem Lehrer Monsieur Barrault bleiben muss. Jean-Paul verwechselt den Ekel mit Ernsthaftigkeit und Tugend: Der unangenehme Körpergeruch Monsieur Barraults löst bei ihm Widerwillen, gleichzeitig aber auch Entzücken aus.
Gleichen Herbsts wird Jean-Paul auf das elitäre Institut Poupon gebracht. Anne-Marie nimmt Jean-Paul schon nach einem Semester wieder von dieser Schule, seine Lehrerin Mademoiselle Marie-Louise erteilt ihm aber nun Privatunterricht. Dabei beklagt sie sich oft über ihr Dasein als ledige Frau, was Charles nur damit kommentiert, dass sie für eine Heirat schlicht zu hässlich sei. Jean-Paul ist entsetzt: Kann man von Geburt an verurteilt sein? Mademoiselle Marie-Louise wird bald durch einen anderen Privatlehrer ersetzt.
Durch das ständige Spielen der Enkelrolle ist Jean-Paul von den Menschen und der Welt entzogen. Er hat die Erwachsenen im Verdacht, ihm gegenüber auch nur eine Rolle zu spielen und somit zu heucheln. Er empfindet, als Mittel für Familienangelegenheiten missbraucht zu werden, und entdeckt, dass seine gespielte Hauptrolle unecht ist. Er schämt sich, aus dem Rahmen einer geordneten Welt zu fallen.
Ganz ohne Vater fehlt Jean-Paul die Daseinsberechtigung. Er kann kein väterliches Werk fortsetzen, es gibt keine Güter, die sein Dasein widerspiegeln – er ist nicht substanziell und dauerhaft, er hat also keine Seele. Durch die ständige Verhätschelung fühlt er sich wie ein Gegenstand, wie eine Topfblume.
Jean-Paul kann zwar seine persönlichen Vorlieben äussern und begründen, sie entschlüpfen ihm aber jeweils wieder in der Einsamkeit. Ihm fehlt die Unbeweglichkeit und Undurchsichtigkeit seiner Mitmenschen: Er ist transparent, er ist nichts. Jean-Paul bemerkt, dass Leute wie Monsieur Simonnot, ein Mitarbeiter seines Grossvaters, für das Universum unentbehrlich sind, dass er aber, Jean-Paul, dem Kreis dieser Unentbehrlichen nicht zugehört. Also flüchtet er sich ins Familientheater und damit in die Schwindelei.
Ab fünf Jahren, besonders aber ab sieben, fühlt Jean-Paul die Gegenwart des Todes. In dieser Zeit verscheidet auch seine Grossmutter Sartre. Bestärkt durch das Gefühl seiner eigenen Überzähligkeit entwickeln sich seine Todesgedanken zu einer Neurose. Aber gerade die Absurdität seines Lebens lässt den Tod so unerträglich erscheinen, dass er sich mit Leibeskräften gegen ihn wehrt.
Der Grossvater stört sich an Jean-Pauls langen Haaren. Er befürchtet, dass sein Enkel ein Schlappschwanz werden könnte. Jean-Paul glaubt, dass seine Mutter wohl lieber ein Mädchen gehabt hätte. Der Grossvater nimmt seinen Enkel auf einen Spaziergang mit und überrascht die Familie mit Jean-Pauls neuem Kurzhaarschnitt – der Spaziergang führte zum Friseur –, wodurch die sich abzeichnende Hässlichkeit Jean-Pauls erst richtig zur Geltung kommt. Anne-Marie reagiert mit Geschrei und schliesst sich weinend in ihr Zimmer ein, hat man doch ihr hübsches Mädchen durch einen hässlichen Jungen ausgetauscht.
Als Jean-Paul bei einem Theaterauftritt nur eine Nebenrolle spielt und nach der Vorstellung dem Jungen, der die Hauptrolle hat spielen dürfen, den falschen Bart abreisst, wird er des Neides bezichtigt. Von Madame Picard, einer Freundin seiner Mutter, bekommt Jean-Paul ein Freundschaftsbuch. Weil er beim Ausfüllen seines eigenen Eintrags möglichst erwachsen wirken will und Antworten angibt, die weit über sein Alter hinausgehen sollen, wirft man ihm Unehrlichkeit vor. In beiden Fällen reagiert Jean-Paul auf die Vorwürfe, indem er vor dem Spiegel Grimassen schneidet. Dadurch versagt er sich selbst die Möglichkeit, Wohlgefallen zu erregen und verwandelt seine Gewissensbisse in Selbstmitleid.
Mit sieben Jahren hat Jean-Paul den Eindruck, von niemandem ernsthaft gebraucht zu werden. Er kommt sich vor wie ein blinder Passagier in einem Zug, ohne Identitätskarte, ohne Geld, ahnt aber schlimme Folgen für die ganze Menschheit, wenn ihm das Erreichen seines Reiseziels nur aufgrund des Schwarzfahrens versagt werden würde. Doch solange er seine Theaterrolle weiterspielt, darf er im Zug bleiben.
Da Jean-Paul nicht mehr an das Familientheater glauben kann, zieht er sich in die Welt seiner Vorstellung zurück. In seiner Phantasie besteht er die wildesten Abenteuer und hat so die Gewissheit, gebraucht zu werden.
Die Bourgeois des 19. Jahrhunderts haben im Theater den Adel des 18. Jahrhunderts wiederauferstehen lassen. Im Theater herrscht eine strikte Hierarchie vor. Ganz anders im Kino. An Regentagen besucht Jean-Paul mit seiner Mutter oftmals Filmvorführungen. Der Grossvater steht diesem Vergnügen recht gleichgültig gegenüber. Im Kino sieht Jean-Paul Soldaten, Arbeiterinnen und Dienstmädchen – alles Menschen, die nicht in seine Welt passen. 1940 im Gefangenenlager sollte er eine ähnliche Atmosphäre verspüren.
Jean-Paul wächst zusammen mit dem Kino auf. Er kann schon lesen, das Kino kann aber noch nicht einmal sprechen. Die Stummheit der Leinwandhelden stört ihn jedoch nicht. Vielmehr ist er von der Musik angetan, die manchmal so perfekt auf die Handlung passt. Im Kino berührt Jean-Paul das Absolute, draussen nach der Vorstellung fühlt er sich dann wieder überzählig.
Während seine Mutter Klavier spielt, besteht Jean-Paul in seiner Phantasie die wildesten Abenteuer, bewaffnet mit dem Brieföffner seines Grossvaters. 1912 oder 1913 liest Jean-Paul den Abenteuerroman Michel Strogoff von Jules Verne. Beim ersten Durchlesen weint Jean-Paul vor Freude, bei der zweiten Lektüre, drei Monate später, wird er jedoch neidisch auf das Schicksal des Titelhelden, der ihm als Erwählter erscheint. Jean-Paul missbilligt jedoch Strogoffs Unterwürfigkeit gegenüber dem Zaren. Besser gefallen ihm die Helden aus Michael Zévacos Romanfortsetzung. Diese ohrfeigen schliesslich auch ab und zu die französischen Könige. Immer öfters flüchtet sich Jean-Paul wieder in ähnliche Phantasieabenteuer. Er lebt zwei verlogene Leben, wechselt zwischen der Enkelrolle und der Rolle des Abenteuerhelden hin und her.
Die Kinder im Jardin de Luxembourg fordern den kleinwüchsigen und schwächlichen Jean-Paul nicht zum spielen auf. Zu stolz, um die anderen Kinder um die Erlaubnis zum Mitspielen zu fragen – Jean-Paul würde sich jedoch selbst mit der unbedeutendsten Nebenrolle zufrieden geben –, zieht er sich lieber zurück in die Welt der Bücher und seiner imaginären Abenteuer.
Im Sommer reisen Jean-Paul, Anne-Marie und Louise bereits in die Ferien nach Arcachon, während Charles im Institut noch Unterricht erteilt. Er sendet seinem Enkel einen Brief in Versform, den Jean-Paul unter Hilfestellung der beiden Frauen ebenfalls in Versform beantwortet. Begeistert von der Versdichtung versucht er die Fabeln von La Fontaine in Alexandriner umzuschreiben, was seine Fähigkeiten jedoch deutlich übersteigt.
Jean-Paul beginnt damit, eigene Romane zu schreiben. Dabei plagiiert er ganz bewusst; kopiert die Geschichten aus seinen Zeitschriften, ändert die Namen der Figuren ab, formuliert alle Sätze um und fügt wissenschaftliche Erklärungen zu seiner Romanwelt ein, die er eins zu eins dem Lexikon Larousse entnimmt. Das Schreiben ist jedoch bloss eine von Jean-Pauls Affereien; er spielt die Rolle des Schriftstellers und löst damit zumindest bei Anne-Marie und Louise Entzücken aus. Charles jedoch ist von Jean-Pauls Schreiberei wenig begeistert, schliesslich schreibt er die «gleichen Dummheiten», wie sie in den Romanheftchen zu finden sind.
Immer öfters baut Jean-Paul Episoden aus seinen Phantasie-Abenteuern in seine Romane ein. Er schreibt dann jeweils von sich als Abenteurer in der dritten Person. Die Durchmischung von eigenen Ideen und kopierten Geschichten erfordern das Erfinden eigener Übergänge, für welche Jean-Paul immer öfters einige Seiten in seinem Heft leer stehen lässt. Seine Geschichten werden immer phantastischer. Er radikalisiert den Abenteuerroman: Die Zahl der feindlichen Schergen wird verzehnfacht, die Helden werden immer grösseren Gefahren ausgesetzt – und bestehen all ihre Abenteuer mit Bravour. Dem bürgerlichen Ideal entsprechend, kämpft immer Einer gegen Alle. In seiner Schöpferlaune macht sich Jean-Paul selber zum Tyrannen und lernt alle Versuchungen der Macht kennen.
Zu dieser Zeit, als die Bourgeoisie keine Feinde mehr fürchtet, macht sie sich gerne mit phantastischen Schauergeschichtchen selber ein bisschen Angst. Gutbürgerliche Zeitungen drucken täglich derlei Erzählungen ab; das entchristlichte Publikum kann dabei den eleganten Reizen der Religion nachtrauern. Im Schreiben lernt Jean-Paul die Freude kennen. Der Lügner findet seine Wahrheit im Erarbeiten seiner Lügen.
Madame Picard und Charles wollen der Stirn Jean-Pauls ablesen können, dass er für eine Karriere als Schriftsteller bestimmt ist. In Wahrheit graust es Charles aber vor dem Gedanken, dass sein Enkel als Schriftsteller enden könnte. Als Alternative schlägt er Jean-Paul die Tätigkeit als Literaturprofessor vor. Dieser Beruf lasse einem genügend Zeit für das Schreiben und man könne dabei auch mit Autoren verkehren.
Seine Romane sieht Jean-Paul nunmehr nur noch als Schreibübungen an. Er steht vor der Wahl zwischen Corneille und Pardaillan (ein Held aus einem Abenteuerroman) und entscheidet sich für Corneille – aus Demut. An seine Begabung zum Schreiben glaubt Jean-Paul höchstens aus Resignation. Sein Grossvater gibt ihm das Gefühl, kein Genie zu haben, was ihm eigentlich auch egal ist. Rückblickend betrachtet sieht Jean-Paul es auch als Witz, mit 50 Jahren noch den Willen eines Mannes (seines Grossvaters) erfüllen zu wollen, der schon längst tot ist. Jean-Paul wird ein Schriftsteller der Fleissübungen. Man gibt ihm später zu verstehen, dass er unbegabt ist.
Als man Jean-Paul Schulhefte kauft, die sich äusserlich nicht von seinen Romanheften unterscheiden, werden für ihn die Schriftstellerei und seine Hausaufgaben zur Einheit. Er legt seine Feder darauf mehrere Monate beiseite. Doch dann kommt es bei ihm zu einem Aufbäumen: Er sieht den Schriftsteller als einen Helden an, der von der Welt gebraucht wird und der Menschheit die gewaltigsten Dienste leistet. (Die Menschheit soll sich aber noch bis 1935 gedulden müssen, ehe Jean-Paul sein erstes Buch veröffentlicht.) Corneille wird sein neuer Pardaillan – ein neuer Schwindel beginnt.
In Zévacos Fortsetzungsroman trifft der Held Pardaillan auf den Schriftsteller Cervantes. Dieser möchte Pardaillan als Modell für einen seiner Romanhelden verwenden. Über diese Taktlosigkeit wird Jean-Paul wütend, wird doch der Schriftsteller-Ritter in zwei Teile gespalten – in einen Schriftsteller und in einen Ritter als getrennte Personen. Im Don Quijote macht man öffentlich Jean-Pauls imaginäre Heldentaten lächerlich. Jean-Paul möchte ein Pardaillan sein, ist jedoch nur ein Cervantes. Von nun an lässt er den Heroismus beiseite.
Stattdessen konzentriert er sich auf die Gefahren, denen sich die Schriftsteller ausgesetzt sehen. Doch Wille, Mut und Begabung reichen nicht aus; um wirklich als Schriftsteller gebraucht zu werden, braucht es auch Gefahren. Jean-Paul vernimmt aber von überall her, dass die Menschheit dem Weg der Perfektion entlang gehe. Eine solche konfliktfreie Welt verurteilt den Schriftsteller zur Arbeitslosigkeit. Jean-Paul findet jedoch einen Weg, seine Berufung zu verklären: Intellektuelle wie sein Grossvater bewahren das Göttliche, indem sie es auf die Kultur übertragen. Ihre Aufgabe ist es, die Kunstwerke der toten Intellektuellen wie Reliquien aufzubewahren, damit später neue Reliquien entstehen können. Also stellt Jean-Paul seine Feder in den Dienst der Erlösung.
Er schreibt nicht, um gelesen zu werden. Er will keine Leser, sondern Leute, die ihm verpflichtet sind. Seine Schreiberei verkommt zum reinen Selbstzweck, die vollgeschriebenen Romanhefte landen ungelesen auf dem Boden. Dadurch entzieht sich Jean-Paul der Versuchung, Wohlgefallen zu erregen – und wird in seiner Heimlichkeitwahr. Er ist von der Illusion besessen, die lebenden Dinge mit der Schlinge seiner Sätze einfangen zu können.
Für seine Zukunft sieht Jean-Paul zwei Szenarien: als ein verhasster Schriftsteller, der einsam stirbt; oder als ein einst verpönter Autor, der vom Volk rehabilitiert und bald schon verehrt wird. Doch in beiden Fällen verhüllt der Drang zum Schreiben nur seine Lebensverweigerung: Jean-Paul schreibt, damit man ihm sein Dasein verzeiht.
Im Gegensatz zu Heldentaten sind Schriften unvergänglich. Seinen Körper sieht Jean-Paul als ein notwendiges Übel an; ohne ihn wäre das Schreiben nicht möglich. Sein bis zum Jahre 1955 erstelltes Werk ist seine Wiedergeburt; 25 Bände, 60 Kilogramm Papier. Im Gegensatz zu seinen Freunden an der École Normale Supérieure setzt sich Jean-Paul kaum mit dem Tod auseinander, denn der Heilige Geist hat bei ihm ein umfangreiches Werk in Auftrag gegeben; nun muss er Jean-Paul auch genügend Zeit zur Vollendung dieses Werks geben. Ohne Todesangst verschanzt sich Jean-Paul nicht wie seine Freunde in Gegenwärtiges, entdeckt nicht die unersetzliche Qualität seines Lebens und kommt daher auch nicht in die Versuchung, sich selbst zu lieben. Sein Leben empfindet er als lästig; er kann es nur als Instrument seines Todes brauchen, denn Tod und Ruhm bilden eine Einheit.
Jean-Paul liest ein Büchlein über die Kindheit berühmter Männer. Darin werden Anekdoten über Rousseau, Bach und Rembrandt so geschickt erzählerisch manipuliert, dass selbst der banalste Zwischenfall zum späteren Leben und Werk des jeweiligen Künstlers eine Beziehung zu haben scheint. Jean-Paul, der schon während früher Kindheit an Augenproblemen leidet, nimmt nun seine spätere Blindheit vorweg, indem er oft bei schlechten Lichtverhältnissen liest und schreibt. Seine Mutter macht ihn dann jeweils darauf aufmerksam, dass er so noch seine Augen verderbe.
Das Schulwissen Jean-Pauls wird immer grösser und beginnt die Heldengeschichten aus seinem Kopf zu verdrängen. Er hört mit dem Schreiben auf und wird in der Schule als normaler, durchschnittlich intelligenter Junge wahrgenommen. Der ausbrechende Erste Weltkrieg beraubt ihn seines Lesestoffs: Die Romanheftchen seines Lieblingshelden Pardaillan verschwinden aus den Regalen. An dessen Stelle rücken in den Kriegsjahren dienstbare Soldaten, die immer im Kollektiv handeln. Der Heroismus ist in den neuen Heftchen für alle zugänglich, ja sogar eine elementare Pflicht für jedermann. Also schreibt Jean-Paul einen eigenen Roman, in welchen sein Held den deutschen Kaiser Wilhelm II. gefangen nimmt, sich mit ihm duelliert und ihn dazu zwingt, einen Schandfrieden zu unterzeichnen.
Zum ersten Mal liest Jean-Paul einen Roman durch, den er selbst geschrieben hat. Er erkennt, dass es sich dabei eigentlich um eine Lügengeschichte handelt und entdeckt dadurch seine Einbildungskraft. Seine Schreiberei löst Wohlgefallen aus. Darauf hört er wieder auf zu schreiben. In den Kriegsjahren nimmt Jean-Paul allmählich Abstand von seinem Auftrag, Schriftsteller zu werden. Er verbringt viel Zeit mit seiner Mutter. Die beiden kommentieren die Ereignisse ihres Alltags im Romanstil, von sich selbst in der dritten Person Mehrzahl sprechend.
In der Vorschule des Lycée Henri IV. ist Jean-Paul nur einer von vielen. Seine Überlegenheit schwindet dahin; er merkt, dass immer jemand noch besser und schneller antworten kann als er. Anne-Marie bringt seinen Lehrer Monsieur Ollivier mit ihrem Charme dazu, Jean-Paul im Auge zu behalten. Jean-Paul wird darauf ohne Anstrengung ein ziemlich guter Schüler, sodass er ab der fünften Klasse bei seinem neuen Lehrer auf eine Vorzugsbehandlung verzichten kann. Jean-Paul hat sich an die Demokratie gewöhnt.
Die Schularbeiten rauben Jean-Pauls Zeit fürs Schreiben, seine Schulgefährten nehmen ihm die Lust dazu. Er führt wieder zwei Leben; spielt zu Hause den Erwachsenen und fühlt sich unter den anderen Kindern wirklich erwachsen. Beim Spiel mit seinen Freunden wird er zum ersten mal wirklich gebraucht. Er ist befreit von der Sünde seiner Existenz.
Zu seinem Mitschüler Bercot fühlt sich Jean-Paul besonders hingezogen, denn dieser will auch Schriftsteller werden. In den Pausen «diskutieren» die beiden über Literatur, indem sie all die Werke aufzählen, die sie bereits in den Händen gehalten haben. Bercot stirbt bereits mit 18 Jahren an Tuberkulose. Allgemeine Bewunderung kommt dem Mitschüler Bénard zu, der in allen Fächern der Beste ist. Er stirbt jedoch schon bald. Als der neue Schüler Paul-Yves Nizan zu Jean-Pauls Klasse stösst, wirkt er aufgrund seiner Ähnlichkeit zu Bénard wie dessen Wiederauferstehung. Nizan ist sehr belesen und möchte wie Jean-Paul ebenfalls Schriftsteller werden. Die beiden freunden sich sehr viel später miteinander an.
Die Ereignisse und Begegnungen dieser Jahre lassen Jean-Paul seinen Auftrag vergessen, Schriftsteller zu werden, obgleich dieser weiterhin bestehen bleibt. Die früheren Tage in Jean-Pauls Leben gleichen sich alle. Er möchte aber, dass ihm jeder Tag Unerwartetes bringt. Da er an einen guten Ausgang seiner Geschichte glaubt, stellen unerwartete Ereignisse für ihn nur Täuschungsmanöver dar. Seine Leiden sind nur als Prüfungen gedacht, und als Mittel, später daraus ein Buch zu schreiben. Für jedes Unglück klagt Jean-Paul sich selber an, denn er möchte, dass alle Dinge nur von ihm selbst abhängen.
Die damalige Zeit der Dritten Republik ist durch einen unerschütterlichen Optimismus und ein ständiges Vorwärtsstreben geprägt. Es genügt nicht mehr, bloss Gutes zu tun – man muss stets Besseres tun. Jean-Paul sieht sich nicht durch die Vergangenheit getrieben, sondern von der Zukunft angezogen. Seine Gedanken an eine ruhige Evolution verwandelt er in das Prinzip einer sprunghaften Revolution. Lob für vergangene Leistungen weist Jean-Paul von sich, doch nicht etwa aus Bescheidenheit. Er ist im Gegenteil davon überzeugt, es in Zukunft noch viel besser machen zu können. Sein liebstes Kunstwerk ist das jeweils zuletzt betrachtete; sein bestes Buch ist immer gerade in Arbeit – gefolgt von dem zuletzt erschienenen Werk. Nur durch diese Betrachtungsweise kann er sich die Chance offen behalten, am Ende ein Meisterwerk zu schaffen.
In seiner Kindheit spielt Jean-Paul nur scheinbar eine Nebenrolle. In Wirklichkeit ist er der Held der ganzen Geschichte, die am Schluss gut ausgeht. Für seine Grossmutter empfindet er Mitleid, denn sie wird ihm im zweiten Teil seines Romans nicht mehr begegnen. Jean-Pauls Bestimmung Schriftsteller zu werden bleibt zwar weiterhin in Kraft, er weiss jedoch nicht, was er damit anfangen soll. Die Schwierigkeit des Seins befällt ihm von neuem; eigentlich hat sie ihn gar nie verlassen.
Beim Gedanken, dass die Menschheit eines Tages untergehen könnte, ist Jean-Paul zutiefst schockiert. Denn wenn die Menschheit verschwindet, werden dadurch auch ihre Toten wirklich getötet. Als Jean-Paul im Jahre 1917 auf dem Schulweg auf seine Kameraden wartet, denkt er zur blossen Zerstreuung an den Allmächtigen. Dieser entschwindet ihm jedoch sofort, sodass Jean-Paul zu sich selbst sagt, dass Gott nicht existiere. Der Heilige Geist, der Jean-Pauls Auftrag garantiert, regiert ihn jedoch weiterhin.
Als Schriftsteller bemüht sich Jean-Paul zunächst darum, das Schweigen des Seins durch ein lästiges Geräusch von Wörtern zu enthüllen. Er schreibt über das Unglück des Daseins, ist dabei verfälscht und verblendet – und glücklich.
Mit der Entdeckung der Gewaltsamkeit ändert sich Jean-Paul später. In seiner Hässlichkeit findet er sein negatives Prinzip, das ihn dazu bringt, gegen sich selbst zu denken. Seine früheren Illusionen fallen in sich zusammen; den Heiligen Geist treibt er aus. Er fühlt sich wieder als Reisender ohne Fahrkarte.
Mit dem Schreiben hat er zwar nicht aufgehört; es ist seine Gewohnheit und sein Beruf. Doch sieht er in der Feder nicht mehr das Schwert von einst, er kennt nun seine Ohnmacht. Die Kultur kann niemanden erretten und rechtfertigt auch nicht. Sie ist allein der kritische Spiegel, der dem Menschen sein eigenes Bild gibt.
Seine Neurose hat er zwar ablegen können, die Charakterzüge des Kindes sind aber auch noch mit 50 Jahren in ihm zu finden. Seinen Wahnsinn liebt er, denn dieser hat ihn gegen die Verführungen des Elitedenkens gefeit.
Jean-Paul Sartre: Die Wörter, Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag (2009). 37. Auflage. Aus dem Französischen von Hans Mayer. ISBN-13: 978-3-499-11000-9