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Leben wie ein Einsiedler
Japanische "Hikikomoris" schotten sich von der Aussenwelt ab
Hintergrund von Shino Yuasa, afp
Tokio (sda/afp) Bevor Yuichi Kurita seinen Englischkurs begann,
lebte der Japaner wie ein Einsiedler. Zwölf Jahre lang verkroch
sich der heute 34-Jährige in seiner Wohnung, schlief bis zum späten
Nachmittag, frühstückte am Abend, sah die ganze Nacht hindurch fern
und spielte bis zum Morgen am Computer.
Mit diesem Leben ist für Kurita seit drei Jahren Schluss: Er zog
sich aus dem Sumpf der Einsamkeit heraus, traf wieder andere
Menschen und begann, Englisch zu lernen.
Aber mit seinem Schicksal ist Kurita in Japan beileibe kein
Einzelfall: Experten schätzen die Zahl der wie Einsiedler lebenden
so genannten Hikikomori unter den rund 127 Millionen Japanern auf
drei Millionen.
"Nationale Tragödie"
"Das Hikikomori-Problem ist eine nationale Tragödie", sagt der
Psychiater Tamaki Saito, der zu den führenden Experten auf diesem
Gebiet zählt. In den meisten staatlichen Gesundheitseinrichtungen
fehle es an ausgebildetem Personal, um die Betroffenen zu betreuen.
"Für die Eltern ist das die Hölle", sagt Saito, der es in
17 Jahren Berufsleben mit mehr als 3000 Fällen zu tun hatte. "Sie
wissen nicht, was sie tun sollen. Sie sind völlig ratlos."
Ratlosigkeit und Verzweiflung
Wie etwa Toshio Shimazaki: Sein 28-jähriger Sohn ist seit sechs
Jahren ein Hikikomori, aber wie es dazu kam, weiss der Vater nicht.
"Und wie sollen wir ihm dann helfen?", fragt sich Shimazaki.
Sumiko Fujimoris mittlerweile 37 Jahre alter Sohn begann vor
zehn Jahren mit dem Rückzug aus der Gesellschaft: "Als er 27 war,
schien er seine Energie zu verlieren", erzählt die besorgte Mutter.
Nach nur einem Monat habe er seinen Job verloren. "Eines Tages
fand ich ihn im Bett sitzend, mit einem völlig leeren Blick."
Seitdem habe ihr Sohn nur noch selten das Haus verlassen.
Psychische Probleme
In einer Umfrage der japanischen Regierung sagten 17 Prozent der
befragten Hikikomoris, sie würden sich zwar in der Wohnung bewegen,
seien aber nicht in der Lage, vor die Tür zu gehen. Aber zehn
Prozent schaffen es der Befragung zufolge nicht einmal, ihr Zimmer
zu verlassen.
Die Ursache für das Kontakt- und Antriebsproblem ist meist auf
psychische Probleme zurückzuführen. 20 Prozent der befragten Männer
hatten Kindheitserfahrungen mit häuslicher Gewalt. 14 Prozent der
Frauen litten unter Essstörungen.
Junge Erwachsene
Das Durchschnittsalter für Hikikomori liegt bei knapp 27 Jahren;
ein Drittel der Betroffenen ist bereits über 30. 40 Prozent der
Betroffenen würden ohne nachvollziehbaren Grund zu Hikikomoris.
Auf jeden Fall ist das Phänomen laut Saito aber sowohl ein
Ausdruck traditioneller, konfuzianischer Werte als auch eine
Ausprägung der Wohlstandsgesellschaft.
"Die konfuzianische Kultur erlaubt es ausgewachsenen Kindern, zu
Hause bei ihren Eltern zu bleiben", sagt Saito. Für japanische
Eltern komme es nicht in Frage, ihre Kinder hinauszuswerfen, nur
weil sie 20 Jahre alt und damit nach japanischem Recht erwachsen
sind.Überflussgesellschaft
Die Überflussgesellschaft fördere das Hikikomori-Syndrom noch
zusätzlich, glaubt der Psychiater. Japaner müssten nicht unbedingt
arbeiten, um zu leben. Wer bei den Eltern wohnen bleibe, könne
meist ein bequemes Mittelstands-Leben führen.
Die Lösung des Problems erscheint einfach: Rausgehen und
Vertrauen zu Menschen aufbauen, die nichts mit der Familie zu tun
haben, wie Saito empfiehlt. Doch dazu sei vermutlich nur ein
Prozent der Betroffenen in der Lage.
(sda - by/bsd011/au/4/c9jpn sozm for/040111 0800)