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Die Schweiz hatte sich im Globalisierungsschub des Fin de Siècle stark in die Weltmärkte integriert und auf arbeitsteilige Spezialisierung gesetzt. Dazu kamen enge – und innenpolitisch widersprüchliche – kulturelle Austauschbeziehungen mit den Nachbarstaaten. Die nationalstaatliche Souveränität und Neutralität des Landes waren völkerrechtlich abgesichert. Alle diese Gewissheiten gerieten mit dem Kriegsausbruch in eine Krise, die Schweiz musste sich nach 1914 neu positionieren und wurde dabei massgeblich durch die Wirtschaftskriegsführung, die Politik und Propaganda der europäischen Grossmächte bestimmt. Im Innern bauten sich soziale Spannungen auf, die sich im Landesstreik vom November 1918 entluden; gegen aussen setzte sich die Einsicht durch, dass Strukturen kollektiver Sicherheit wichtig sind, was sich im Beitritt zum Völkerbund im Jahre 1920 manifestierte.
Ein Projekt über vier Universitäten
Diese und weitere Entwicklungen «lassen sich nur aus einer transnationalen Perspektive verstehen», sagt Jakob Tanner, Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich. Das ist der Ansatzpunkt des Forschungsprojekts «Die Schweiz im Ersten Weltkrieg: Transnationale Perspektiven auf einen Kleinstaat im totalen Krieg». Es handelt sich um ein Sinergia-Projekt,mit denen der Schweizerischen Nationalfonds den interdisziplinären Austausch von Forschungsgruppen fördert. Das Projekt erstreckt sich über die Universitäten Bern, Genf, Luzern und Zürich. Die Gesamtverantwortung trägt Jakob Tanner, Koordinator ist der Historiker Roman Rossfeld, Projektmitarbeiter in der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte (FSW).
Bedeutung der Notverordnungen des Bundesrats
In Zürich entstehen im Rahmen des Sinergia-Projekts zwei Dissertationen. Am Lehrstuhl Tanner untersucht der Historiker Oliver Schneider das Vollmachtenregime, mit dem der Bundesrat in dieser Zeit regierte. Unmittelbar nach dem Kriegsausbruch am 3. August 1914 beschloss die Vereinigte Bundesversammlung, der Regierung praktisch unbeschränkte Kompetenzen zu gewähren. In der Folge entstanden über tausend bundesrätliche Notverordnungen, die von der Münzprägung bis zum Milchpreis jedes erdenkliche Detail regelten. Sie legten den Grundstein für einen gewaltigen Ausbau der Bundesverwaltung und die bleibende Stärkung von Bundesbern im Machtgefüge des Landes. Der mit den Kriegsjahren zunehmende Widerstand der Westschweiz gegen die Machtfülle für den als zu Deutschland-freundlich eingestuften Bundesrat blieb erfolglos.
Wie die Schweiz im Wirtschaftskrieg agierte
Mit den Aussenwirtschaftsbeziehungen, der wirtschaftlichen «Überfremdung» und der (Re-)Nationalisierung von Unternehmen im Krieg befasst sich das Dissertationsprojekt von Florian Weber, Wirtschaftshistoriker am Lehrstuhl Tanner. Die kriegführenden Mächte kontrollierten den Aussenhandel der Schweiz eisern. Nachdem durch den Krieg wichtige Getreideimporte aus Russland wegfielen, stieg zum Beispiel die Abhängigkeit von den USA, die in die Bresche sprangen, doch nach ihrem Eintritt in den Krieg 1917 die Gangart gegenüber den neutralen Ländern verschärften. Wie eng die Politik und Wirtschaft in der Schweiz während des zunehmend härter geführten Wirtschaftskriegs verflochten waren zeigt der Umstand, dass der Präsident des Schweizerischen und Handels- und Industrie-Vereins (Vorort) und zugleich freisinnige Nationalrat Alfred Frey im Auftrag des Bundesrats sämtliche Handelsverträge mit den kriegführenden Ländern aushandelte.
Gnadengesuche an General Wille
Auch neben dem Sinergia-Projekt widmen sich UZH-Forschende dem Ersten Weltkrieg. So rüttelt das Dissertationsprojekt «Um Gnade bitten im Ersten Weltkrieg» von Lea Moliterni Eberle, einer Historikerin der FSW, am Bild von General Ulrich Wille, der bislang als unnahbar und absolut unnachgiebig in Disziplinarfragen galt. Er allein hatte die Kompetenz zur Begnadigung einer durch die Militärjustiz verurteilten Person. Zum einen fällt auf, dass etwa ein Drittel der rund 10'000 während des Kriegs Verurteilten ein Gnadengesuch einreichte, zum andern, dass der General jedes Gesuch selbst bearbeitete, dafür nicht selten persönlich Kontakt mit Angehörigen aufnahm und bei Diebstahldelikten durchaus zuweilen Gnade walten liess. Die Gnadenbriefe und der oft umfangreiche Schriftverkehr ermöglichen tiefe Einblicke in die seelische Not der Bittsteller und in die harten Lebensbedingungen während der Kriegsjahre.
Die vergessene Rolle der Frauen
Thematisch auf die Erinnerungskultur fokussiert ist das Forschungsprojekt «Wissenschaftliches Narrativ und geschichtskulturelle Spuren». Anhand von Beispielen wie Füsilier Wipf oder der legendären, in einem Soldatenlied besungenen Wirtstochter Gilberte de Courgenay erklären Béatrice Ziegler, Titularprofessorin für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit, und Konrad Kuhn, Lehrbeauftragter des Historischen Seminars, wie der Erste Weltkrieg wohl Figuren für die geistige Landesverteidigung im Zweiten Weltkrieg lieferte, eine tiefere Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen im Ersten Weltkrieg aber unterblieb. So wird aufgezeigt, dass Frauen wohl Aufgaben in der Berufswelt und der Öffentlichkeit übernahmen, damit aber die Forderung nach einer Gewährung der staatsbürgerlichen Rechte verbanden – die man dann kurzerhand vom Tisch wischte.
Mehr dazu ist in einem Referat von Béatrice Ziegler («Zur schweizerischen Erinnerung und zum Gedenken eines kriegsverschonten Landes an den Grossen Krieg») am 28. Februar an einer militärhistorischen Tagung (siehe Kasten unten) zu erfahren. Zum Thema erscheint zudem Ende April im Verlag hier+jetzt ein Buch unter dem Titel «Der vergessene Krieg», das die Formung von Mythen zum Ersten Weltkrieg analysiert und seinen Spuren in der Gegenwart nachgeht.
Wanderausstellung ab August
Erste Ergebnisse all dieser Forschungsprojekte werden auch in eine breitangelegte Wanderausstellung «14/18 – die Schweiz und der grosse Krieg» einfliessen, die vom Verein «Die Schweiz im Ersten Weltkrieg» getragen wird. Die Ausstellung startet im August zeitgleich in Basel und Zürich, um anschliessend vier weitere Orte zu bereisen. Eine Begleitpublikation zur Ausstellung gibt dem breiten Publikum einen illustrierten Überblick über die Schweiz im ersten Weltkrieg.
Auch die International Encyclopedia of the First World War wird von den Forschungsresultaten profitieren. Diese Onlineplattform zum Ersten Weltkrieg ist von der Freien Universität Berlin und der Bayerischen Staatsbibliothek initiiert worden und kann auf ein Netzwerk von rund tausend Fachleuten auf der ganzen Welt zurückgreifen. Roman Rossfeld ist zusammen mit dem Historiker Daniel Marc Segesser, Dozent am Historischen Insitut der Universität Bern, der ebenfalls Mitglied im Sinergia-Projekt ist, als «Section Editor Switzerland» für die Website tätig.
Militärhistorische Tagung Ende Februar
Am 28. Februar und 1. März greift eine Tagung mit in- und ausländischen Historikerinnen und Historikern militär-, sozial- und kulturgeschichtliche Fragestellungen auf. Die Veranstaltung mit dem Titel «An der Front und hinter der Front» versteht sich als Plattform, um unterschiedliche Richtungen der Weltkriegsforschung zusammenzubringen und deren Arbeiten miteinander zu konfrontieren. Entsprechend breit ist die Palette der Beiträge und reicht von «Wann wurde der Krieg total?» (Roger Chickering, Georgetown Universität, Washington DC) bis «Zwischen Hammer und Amboss – Kriegsmaterialexporte der schweizerischen Uhren-, Metall- und Rüstungsindustrie im Ersten Weltkrieg» (Roman Rossfeld, UZH). Organisiert wird die Tagung von Rudolf Jaun(Titularprofessor Historisches Seminar UZH und Schweizerische Vereinigung für Militärgeschichte und Militärwissenschaften) gemeinsam mit der Militärakademie der ETH Zürich. Die Veranstaltung ist öffentlich, Tagungsgebühr 50 Franken (für Studierende kostenlos). Freitag, 28. Februar und Samstag, 1. März 2014 Programmund Anmeldetalon Am 8. Mai thematisiert das Schweizerische Institut für Auslandsforschung in seiner Vortragsreihe an der Universität Zürich das schicksalhafte Jahr 1914. Christopher Clark, Professor of Modern European History an der University of Cambridge, zeichnet das Bild jener komplexen Welt nach, in der gegenseitiges Misstrauen, Fehleinschätzungen und nationalistische Bestrebungen zu einer Situation führten, in der ein Funke genügte, den Krieg auszulösen. Sein Buch «Die Schlafwandler» hat die gängige These in Frage gestellt, wonach das deutsche Kaiserreich mit seinen Grossmachtfantasien die Hauptschuld am Ausbruch des Kriegs trage. Am 28. Juni wird der deutsche Philosoph Peter Sloterdjik mit Miriam Meckel, Professorin für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St.Gallen, und dem deutschen Historiker Gustav Seibt über «Ein Fanal mit Folgen – der Erste Weltkrieg» debattieren. Das Podiumsgespräch im Schauspielhaus Zürich leitet Martin Meyer, Feuilletonchef der Neuen Zürcher Zeitung. Weitere Informationen zu beiden Veranstaltungen: www.siaf.ch
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