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Wie ist es eigentlich, einen Blinden ins Ziel zu lotsen?
Aufgezeichnet von Bea Emmenegger, Bild: SXC
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Mein erstes Skirennen als Guide eines Sehbehinderten war zugleich ein ziemlicher Motivationsschub: Mein Fahrer und ich haben das Rennen gewonnen. Das waren die Schweizer Meisterschaften vor drei Jahren, und der Fahrer war Beda Zimmermann. Er hatte eine Studienkollegin von mir angefragt, ob sie als Guide vor ihm herfahren würde, und sie hat das Mail an mich weitergeleitet. Ich traf mich am Freitag vor dem Rennen mit ihm, liess mir sagen, was ich tun muss, und lotste ihn am Samstag zum Sieg.
Danach verletzte sich Beda, darum bin ich seit November 2012 die Guide von Hugo Thomas. Bei Wettkämpfen oder Trainings sind alle alpinen Behindertensportler zusammen, also auch die Rollstuhlfahrer. Wir sind eine tolle, bunte Truppe, und die jeweilige Behinderung ist kein Thema. Die Paralympiker sind Spitzensportler. Sie fahren nach genau den gleichen Regeln und mit den gleichen Techniken. Es ist nicht so, dass ihre Ski kürzer oder die Tore weiter gesteckt wären. Mein Job ist es, Hugo laufend zu sagen, was auf ihn zukommt. Jetzt musst du in die Hocke, oder: Achtung, Eis!, oder: Hier hat es Schläge! Wir sind per Headset verbunden, und eigentlich rede ich vom Start bis ins Ziel. Hugo ist Romand. Für einen Blinden ins Ziel zu lotsen?mich hat dies den positiven Nebeneffekt, dass mein Französisch besser geworden ist. Anfangs hatte es sich wirklich auf «à gauche» und «à droite» beschränkt.
Die Besichtigung vor den Rennen macht Hugo mit. Er versucht, ein Bild der Schlüsselstellen abzuspeichern, und wir machen ab, was ich dann sagen werde. So weiss er jeweils, wo er sich befindet. Er mag die Speeddisziplinen lieber als den Slalom. Als ich noch selbst Skirennen fuhr, habe ich den Slalom sehr gemocht. Aber mit Hugo fahre ich lieber Abfahrt oder Super-G, denn ich darf im Slalom die Stangen nicht berühren, und das zu vermeiden, wird zum Stress. Wenn ich die Stangen wegdrücken würde, könnten sie Hugo ins Gesicht knallen.
Meine Rennerfahrung hilft mir. Ich weiss, wie man Tore anfahren muss, wie man sich eine Linie einprägt, und ich bin technisch gut genug. Ich muss mich ja nach jedem Tor umsehen, ob Hugo noch da ist. Früher fuhren die Guides hinter den Athleten, aber da konnten sie sie ja gar nicht vor Vereisungen oder Schlägen warnen.
Weil ich als Sportlehrerin nicht ständig verfügbar bin, hat Hugo einen Nachteil: Andere Athleten können auf die Ski, wann immer sie Zeit haben, Hugo nur, wenn ich dabei bin. Das Gleiche gilt für Rennen. Für Sotschi musste ich unbezahlten Urlaub nehmen.
Wir müssen uns gegenseitig vertrauen, es funktioniert nur so. Wenn ich sehe, dass er will, trainiert, alles gibt, können wir von mir aus auch Letzte werden, Niederlagen gehören zum Sport. Wir gehören bei den Sehbehinderten international nicht zum Favoritenkreis, wir lauern dahinter. Wenn Hugo so fährt, wie er es kann, funktioniert das. Und Olympia in Sotschi ist auf jeden Fall toll, wir haben ein megaenges Verhältnis im Schweizer Team.
* Luana Bergamin (28) ist Guide des sehbehinderten Skirennfahrers Hugo Thomas. Sie wohnt in Zürich.
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