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Beginnen wir mit einer allgemeinen Betrachtung. Die Polemik folgt am Schluss.
Gewalt ist im Hockey legal. Es ist erlaubt, den Gegenspieler mit Gewalt vom Puck zu trennen oder ihn daran zu hindern, den Puck weiterzuspielen oder in seinen Besitz zu kommen.
Bereits Checks, die in allen Teilen regelkonform sind, können zu Verletzungen führen. Beispiele dafür sind die Kollisionen zwischen Ambris Dominic Zwerger und Lausannes Fabian Heldner in den Pre-Playoffs oder Zürichs Denis Malgin und Biels Noah Schneeberger im Viertelfinal.
Die Versuchung ist gross, in schwierigen Situationen einschüchternde Härte als Fortsetzung des Spiels mit anderen Mitteln einzusetzen. Die beiden jüngsten Beispiele: Magnus Nygren gegen Sandro Forrer und Jannik Canova gegen Gian-Marco Wetter in der Viertelfinal-Serie zwischen dem HC Davos und den Rapperswil-Jona Lakers.
Dabei ist zu beachten: Beim Tempo, der Dynamik und der Intensität des modernen Hockeys sind Verletzungen – wie oben ausgeführt – auch dann möglich, wenn sich die Gewalt im Rahmen der Spielregeln bewegt. Gerade deshalb ist es wichtig, eine klare Linie zwischen legalen und illegalen Aktionen zu ziehen. Um Checks wie die von Nygren und Canova zu verhindern.
Jedes Spiel der Qualifikation und der Playoffs wird vom Fernsehen produziert. Es gibt also eine Rechtsgleichheit für alle. Die TV-Bilder sind so gut, dass Fehlurteile bei der Beurteilung einer Aktion praktisch ausgeschlossen werden können. Das bedeutet: Die Liga kann, wenn sie denn will, dafür sorgen, dass Checks wie jene von Nygren oder Canova nicht mehr vorkommen.
Es wäre gar nicht so schwierig. Folgende Massnahmen sind juristisch problemlos durchsetzbar und würden hohe Wirkung erzielen:
Der Coach hat am meisten Einfluss auf das Verhalten der Spieler. Er arbeitet praktisch jeden Tag mit ihnen. Angriffe gegen den Kopf eines Gegenspielers, Checks in Situationen, die gar keinen Check mehr erfordern und die nur dazu dienen, den Gegner einzuschüchtern, kann ein guter Coach genauso «abstellen» wie Fehlpässe und Stellungsfehler. Er kann sie aber auch tolerieren oder gar von seinen Spielern fordern.
Warum werden diese schon lange fälligen Massnahmen nicht endlich in die Tat umgesetzt? Weil die Ligaführung den Konflikt mit den Klubgenerälen scheut. Weil der Kult der Härte im Eishockey noch immer über allem steht: Nichts fürchtet ein Mann im Hockey mehr als den Ruf, ein Weichei zu sein.
Die bedingungslose Akzeptanz irregulärer Härte ist im Eishockey nach wie vor sehr hoch. Viel zu hoch. Lakers Sportchef Janick Steinmann hat vor laufender TV-Kamera den Angriff von Magnus Nygren auf Sandro Forrer – also auf seinen eigenen Spieler – verharmlost. Das gehöre bei den Playoffs dazu.
Unfassbar? Nein, klug berechnet. Steinmann ist der fähigste, smarteste Sportchef der neuen Generation. Es ist nicht seine Sache, diese Aktion verbal zu sanktionieren und sich in einem «Macho-Sport» dem Verdacht auszusetzen, ein weinender Knabe zu sein. Es ist an den Liga-Instanzen, die entsprechenden Sanktionen zu ergreifen.
Glücklicherweise sind Fouls wie die jüngsten zwei im Viertelfinal zwischen den Lakers und Davos Ausnahmen. Das führt aber mit dazu, dass die Liga nichts dagegen unternimmt. Die Empörung verebbt ja recht schnell. Wir gehen zur Tagesordnung über und alles bleibt, wie es ist: Ein paar Spielsperren, Bussen und Verfahrenskosten, die einen Sünder nicht mehr kratzen als eine Parkbusse und ihn nicht vor weiteren Taten abhalten. Sanktionen ohne jede Wirkung.
Daran wird sich erst etwas ändern, wenn gefoulte Spieler Strafanzeige einreichen und die Versicherungen konsequent Regressforderungen gegen den Verursacher einer Verletzung und seinen Arbeitgeber stellen. Das wird noch eine Weile dauern. Aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Klubs und die Spieler in dieser Sache zur Kasse gebeten werden. Sechsstellig. Und ganz abgesehen vom Kostenfaktor: Jede Verletzung eines Spielers ist eine zu viel.
Und nun noch Klartext zur Serie HC Davos gegen die Rapperswil-Jona Lakers. Ja, natürlich heizt HCD-Trainer Christian Wohlwend seinen Spielern ein.
Ja, natürlich zielten die Aktionen von Jannik Canova und Magnus Nygren rücksichtslos einzig und allein auf die Einschüchterung der gegnerischen Mannschaft. Diese überbordende Härte ist das letzte Mittel, das den Davosern bleibt, um die taktisch und spielerisch bisher klar überlegenen und besser gecoachten Lakers vielleicht doch noch bodigen zu können.
Gerade deshalb wäre es wichtig, auch den Coach, der diese Strategie der Gewalt anwendet – in diesem Falle Christian Wohlwend – so lange zu sperren und mindestens so hoch zu büssen wie seine fehlbaren Spieler.
Hier ganz kurz eine Polemik: Christian Wohlwend ist unter diesem Gesichtspunkt betrachtet ein gefährlicher Coach. Er übertreibt es mit dem Ein- und Anheizen. Ende der Polemik.
Nostalgie pur. Da kommt nach dem Spiel ein verschwitzter Goalie mit der Nummer 26 (wie einst Martin Gerber) und spricht breitestes Emmentaler-Berndeutsch (wie einst Martin Gerber), um über sein Abenteuer zu berichten. Martin Gerber hat für die Schweiz 46 WM-Partien (inkl. den Final von 2013) bestritten und ist in der NHL Stanley-Cup-Sieger und Dollar-Millionär geworden.