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Ein kleiner Satz im Film, eine grosse Knacknuss für Ryan Gosling
In «First Man» spielt der 37-Jährige den ersten Mann auf dem Mond – und kämpft mit dem legendären Satz.
Wer hat den Satz erfunden, den Neil Armstrong im Juli 1969 sagte, bevor er als erster Mensch den Fuss auf den Mond setzte? War es der Astronaut selber, spontan, beim Verlassen der Landefähre? Hat er ihn von der Weltraumbehörde Nasa eingeflüstert bekommen, weil die wusste, dass ihr Pionier kein grosser Redner war und nur etwas Technisches murmeln würde? Steckt gar ein Schriftsteller wie Arthur Miller dahinter? Bis heute bleibt das ein Rätsel. Nur eines ist sicher: Ryan Gosling war es nicht. Obwohl er die Worte so oft gesagt hat wie kein anderer.
Gosling, 37, spielt die Hauptrolle in «First Man». Erzählt wird die Geschichte vom Flieger Neil Armstrong, der sich zuerst in enge, zerbrechliche Flugzeuge setzte – sie wurden auch Särge genannt – um sich so hoch raufkatapultieren zu lassen wie keiner zuvor. Er gehörte danach der zweiten Astronauten-Generation an und bekam schliesslich das Kommando über Apollo 11. Keine einfache Rolle für den Schauspieler, der als Autofahrer (in «Drive») und Musiker (in «La La Land») für Aufsehen sorgte. Aber nicht das Handwerkliche an der Astronautenrolle machte ihm zu schaffen. Sondern eben dieser Satz, den er zur Vorbereitung oft wiederholte: «Das ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein grosser Sprung für die Menschheit.» Und noch einmal: «Das ist ein kleiner Schritt . . .»
Wie soll er das sagen, ohne dass es abgedroschen klingt? Ryan Gosling sitzt in einer Bar in einem Pariser Hotel und erzählt, dass er lange brauchte, um sich in das Wesen des Astronauten einzuarbeiten.
Er wünschte sich nichts mehr als «mehr Treibstoff»
Neil Armstrong starb zwar 2012, aber der Schauspieler hatte Kontakt mit seinen Söhnen und der Ex-Frau. Es geht im Film um sehr emotionale Dinge wie den Tod der Tochter der Armstrongs im Alter von zwei Jahren. Aber Neil verarbeitet auch das auf die Art, die ihm eigen zu sein schien – äusserlich ruhig, innerlich zerrissen, aber ohne wirklich darüber zu sprechen.
Nein, die grossen Reden waren nicht das Ding dieses Mannes. Regisseur Damien Chazelle erinnert in diesem Zusammenhang an eine seiner Lieblingsszenen aus dem Film (die sich, wie er versichert, tatsächlich so zugetragen hat): Es geht um eine Pressekonferenz der Mondflugaspiranten, die ausgefragt wurden, was sie für einen speziellen Gegenstand auf den Erdtrabanten mitnehmen würden. Alle erwähnten sentimentalen Dinge, den Babyschuh der Tochter, den Ring für die Verlobte. Ganz anders Neil Armstrong. Der sagte einfach: «Mehr Treibstoff.»
Die Mondflüge waren Himmelfahrtskommandos, es rüttelte und schüttelte, die Computer waren leistungsschwach, die Fehlerquellen immens. Keiner wusste das besser als Armstrong selber, deswegen wünschte er sich etwas, das ihm ein wenig mehr Sicherheit bringen würde auf dem Mond. Aber wenn er tatsächlich nur dem Praktischen zugetan war, wie kam er dann auf den Satz, der das Millionenpublikum vor den Fernsehschirmen entzückte?
«Er war auf jeden Fall vorbereitet, es ist schwer vorstellbar, dass ihm der Satz einfach rausgerutscht ist.»Ryan Gosling
Natürlich gibt es eine offizielle Version der Geschichte. Neil Armstrong selber hat immer behauptet, er habe sich die Worte in den Stunden vor dem Aussteigen ausgedacht, als der Eagle – so hiess die Mondlandefähre – gelandet war und er mit Buzz Aldrin warten musste bis zum grossen Moment (an den vorgesehenen Schlaf war nicht zu denken). Ryan Gosling hält dies für plausibel, der Pragmatiker Armstrong habe wirklich einfach die nächsten Tätigkeiten visualisiert, und da sei ihm fast automatisch der kleine Schritt auf der Treppe in den Sinn gekommen. «Er war auf jeden Fall vorbereitet, es ist schwer vorstellbar, dass ihm der Satz einfach rausgerutscht ist.»
Doch es gibt auch andere Spekulationen. Der Reporter Norman Mailer, der für «Life» die Mondlandung nahe begleitete, vermutete, dass der Spruch von der Nasa ausgeheckt worden war, vielleicht mithilfe des Schriftstellers Arthur Miller. Armstrongs Bruder Dean behauptete 2013, er habe Monate vor der Mission schon davon gewusst, Neil habe ihm einen Entwurf gezeigt und gefragt, was er davon halte. Und damit sind die Verschwörungstheoretiker noch gar nicht erwähnt, die glauben, die ganze Mondlandung sei sowieso ein Fake und von einem Regisseur wie Stanley Kubrick – nach genauem Drehbuch – im Filmstudio inszeniert worden.
Hat er sich verhaspelt beim Aufsagen auf dem Mond?
«Neil war Ingenieur, als solcher äusserst nüchtern. Aber er konnte immer wieder alle überraschen», sagt Ryan Gosling. Dafür, dass er den Satz – ob er nun von ihm ist oder nicht – vorher kannte und aufsagte, spricht ein Detail, über das seit der Landung diskutiert wird. Wer sich nämlich das englische Original anhört, merkt, das ein winziges Wörtchen fehlt, nämlich ein «a». Armstrong scheint zu sagen: «That’s one small step for man, one giant leap for mankind.» Ohne das «a» vor «man» würde das heissen, «ein kleiner Schritt für die Menschheit», wäre also sinnlos. Aber Ryan Gosling versichert: «Armstrong sagte das ‹a›, Tontechniker haben das unterdessen analysiert und rausgehört. Also sagte ich es im Film, ganz leise, auch.»
Gosling macht sich als Neil Armstrong auf den Weg zum Mond. Bild: Unviersal Pictures via AP
Damit ist das wenigstens geklärt. Der Film von Damien Chazelle machte allerdings nach der Premiere in Venedig aus anderen Gründen Schlagzeilen. Zuerst griffen ihn Patrioten an, weil er das Setzen der US-Flagge auf dem Mond nicht ausdrücklich zeigt. Dann kam er unter Beschuss der Gegenseite, weil er die ganze Expedition eben doch als Pioniertat weisser Amerikaner feiere. So fiel er bei der Premiere im eigenen Land zwischen Stuhl und Bank und erreichte nicht die Resonanz, welche das gleiche Regie-Hauptdarsteller-Duo mit dem Oscarfilm «La La Land» erreicht hatte.
Der Kanadier Gosling will sich auf Diskussionen um Flaggen nicht einlassen. «Natürlich waren die Astronauten auch Patrioten», sagt er nur. Er richtet das Augenmerk aber lieber auf die fast unmenschlichen Leistungen, welche die Astronauten erbracht haben. «Für mich ist das auch nach dem Film unvorstellbar», sagt er. Was würden Sie in diesem Fall Neil Armstrong fragen, wenn er noch leben würde? «Vermutlich, ob er es richtig findet, dass ich ihn spiele.» Wobei auch dem Hauptdarsteller klar ist, dass er darauf keine Antwort erhalten würde.
(SonntagsZeitung)
Erstellt: 04.11.2018, 15:18 Uhr
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