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In Cairo/IL fliessen der Ohio und der Mississippi zusammen. Zwei stählerne Brücken führen dort von Ost nach West, zweispurige, altmodische. Sie wirken klein. Den grossen, ungezähmten Eindruck machen die beiden Flüsse. An den Ufern signalisieren die Hochwassermarken, wer hier Meister ist. Nirgendwo in Europa findest Du einen ähnlichen Anblick.
Die Landspitze am Zusammenfluss heisst Fort Defiance Park, benannt nach einer Befestigungsanlage im US-Bürgerkrieg. Davon ist nichts mehr zu sehen. Auf einer wüsten Betonplattform kann der Besucher die Szenerie einziehen, die bewaldeten Ufer, die endlos langen Lastkahnzüge, meist mit Kohle beladen. Die Anlage ist ungepflegt, die Zufahrt löchrig. Der Unterhalt ist Sache der Gemeinde, und das ist das Problem. Cairo (2900 Einwohner) erweist sich als einer der schäbigsten, elendesten Orte in Amerika. Zerfallene und zerfallene Gebäude signalisieren, dass hier einmal mehr gewesen ist. Zu Anfang des 20. Jahrhunderts lebten hier 15 000 Personen. Heute scheinen lediglich zwei Kirchen ordentlich unterhalten zu werden, der Rest zerfällt. Wer wollte auch investieren? Rechts und links sind die Ufer mit meterhohen Dämmen befestigt – jedes Hochwasser droht den Ort zu überfluten.
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Cairo war das Ziel von Huckleberry Finn’s Flossfahrt den Mississippi herunter. Sein Freund Jim, der entlaufene Sklave, war ein freier Mann, wenn er in Cairo den Boden des Bundesstaats Illinois betrat – aber das ist eine andere Geschichte. Ich fuhr nur aus einem Grund nach Cairo: Look see. Ich wollte schauen, was an der Kreuzung Commercial Street/8th Street zu sehen ist. Dort wurde am 11. November 1909 ein mutmasslicher Mörder gelyncht. Eine Meute blutrünstiger “Bürger” holte den 22jährigen Will James – einen Schwarzen – aus dem Gewahrsam der Polizei und hängte ihn an einem Stahlbogen über besagter Kreuzung auf. Als das Seil nicht hielt, wurde er mit hunderten Kugel durchsiebt. Danach trennte die Meute den Kopf vom Rumpf, stellte diesen auf einem Spiess zur Schau und verbrannte den Rest. Laut Zeitzeugen schauten zehntausend Personen zu, Männer, Frauen und Kinder, viele nahmen sich Knochen des Ermordeten als Souvenirs mit. Will James war verhaftet worden, weil er im Verdacht stand, zwei Tage zuvor eine Verkäuferin – weiss – umgebracht zu haben. Den “Bürgern” ging die Polizei bei den Ermittlungen nicht schnell genug vor. Und weil es bei der Urteilsverkündung gegen einen zweiten mutmasslichen Mörder – einen Weissen – eine Verzögerung gab, wurde dieser ebenfalls aus dem Knast geholt und an einem Telefonmast gehängt.
Die Commercial Street gibt es nicht. Aber es gibt eine Commercial Avenue, die sich mit der 8th Street kreuzt. Diese Kreuzung ist leer. Es stehen keine Häuser mehr dort. Kein Stahlbogen, nicht einmal eine Telefonstange. Nur Brachen, auf denen Gras wächst. Aus einer Ruine im Hintergrund spriessen Bäume.