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Eine Welt, die unzuverlässig ist, kann nur von unzuverlässigen Lesern gelesen werden. Wolfgang Herrndorfs postum erschienenes Werk «Bilder deiner grossen Liebe» ist, findet unser Rezensent Florian Oegerli, eine Einladung genau dazu.
von Florian Oegerli
Mit vierzehn Jahren las ich zum ersten Mal Kafka. Ich erkannte ihn dabei nicht. Es war in den frühen Nullerjahren. Damals besass ich einen Palm-Handheld, auf dem ich E-Books las, die ich im Internet fand. So kam es, dass ich auf «Die Verwandlung» stiess. Davon hatte ich nie gehört; deshalb ging ich davon aus, dass es sich um ein völlig bedeutungsloses Werk handelte, das vermutlich von einem schlechtgelaunten Informatiker in der Freizeit niedergetippt worden war. Entsprechend vorurteilsfrei machte ich mich an die Lektüre. Ich wusste nicht, dass Kafka zu den «grossen» Autoren gehört, und konnte ihm auf Augenhöhe begegnen. Ich fand die Erzählung witzig, weil ich sie so las, als sei Gregor Samsa ein Mensch aus dem 21. Jahrhundert, irgendein Twentysomething, der nicht arbeiten wollte. Es war der beste Kafka, den ich je gelesen habe. Leider werde ich ihm nie mehr so begegnen können, denn inzwischen haben mir Schule und Universität ein Kafka-Bild eingehämmert, dem ich gefälligst zu folgen habe. Seither ist «Die Verwandlung» nur noch halb so schön. Dieses Erlebnis hat mir allerdings jüngst geholfen, Wolfgang Herrndorfs «Bilder deiner grossen Liebe» unvoreingenommen zu begegnen.
Es kann schnell geschehen, dass ein Autor in ein bestimmtes Bild gepresst wird. Wolfgang Herrndorf wusste das, als er, während sein Krebs sich täglich verschlimmerte, in sein Testament schrieb:
«Keine Fragmente aufbewahren. Niemals Germanisten ranlassen.»
Vielleicht fürchtete er, zu einem jener Autoren zu werden, zu denen in einem Jahr mehr Seiten an Sekundärliteratur erscheinen, als der Autor in seinem ganzen Leben veröffentlicht hat.
Es ist ein Glücksfall, dass sich Herrndorf kurz vor seinem Suizid dennoch dazu entschied, seinen Freunden, Marcus Gärtner vom Rowolth-Verlag und der Journalistin Kathrin Passig, die Herausgabe einer posthumen «Tschik»-Fortsetzung anzuvertrauen. Woher der Sinneswandel kam, können wir Herrndorf leider nicht mehr fragen. Er hat sich am 26. August 2013 erschossen, mit nur 48 Jahren. Vermutlich verdanken wir seinen Meinungsumschwung Isa. Isa, das Mädchen, auf das Tschik und Maik auf einer Müllkippe treffen, ist als Figur wohl so stark, dass sie Herrndorfs Zweifel zerstreuen konnte.
Feuilletonschriftsteller mit Rasenmäher
Der Einfluss der beiden Herausgeber ist bei der Lektüre übrigens nicht zu spüren. «Bilder deiner grossen Liebe» ist ein typischer Herrndorf-Roman, quasi das weibliche Gegenstück zu seinem Erstling «In Plüschgewittern». Reist dort ein männlicher Ich-Erzähler durch die Grossstadt, bewegt sich hier eine junge, sensible Ich-Erzählerin durch das deutsche Hinterland. Beiden Figuren gemein ist eine starke Beobachtungsgabe für die schreckliche Schönheit der Welt um sie. Stärker als bei «In Plüschgewittern» sind in «Bilder deiner grossen Liebe» aber die meisten Nebenfiguren dermassen verschroben, dass man sie als vollkommen absurd abtun wollte, wären sie nicht trotz ihrer Abwegigkeit (oder vielleicht gerade deswegen) äusserst lebensnah. Da gibt es einen kleinen Jungen, der Frösche sammelt, ein Kanalschiffer, der früher als Bankräuber tätig war, und einen gruseligen Feuilletonschriftsteller mit Rasenmäher. Und da ist natürlich Isa selbst, die zwar vielleicht «verrückt», aber nicht «bescheuert» ist und gleich auf den ersten zwei Seiten aus dem Anstaltstor in die Welt hinausgleitet, ähnlich wie Eichendorffs Taugenichts, der nur zwei Absätze braucht, um die Mühle seines Vaters hinter sich zu lassen. Fällt dem aber alles in den Schoss, muss sich Isa mit einem mühseligeren Wanderleben begnügen: Geduscht wird unter den Wassersprengern von Fussballfeldern, geschlafen unter freiem Himmel, und zum Essen gibt es nur Kekse.
Sowieso hinkt der Eichendorff-Vergleich bei näherer Betrachtung. Isa ist schliesslich, im Gegensatz zu «meinem» damaligen Gregor Samsa, ein Mensch des 21. Jahrhunderts. Sie kreist ein wenig um sich selbst, und sie liest die Welt auf ihre Weise, gern auch gegen den Strich – da atmen Bustüren aus, da türmen sich Ambosswolken auf, und da erscheint ihr nicht nur ihr Vater an einer Bushaltestelle, sondern auch ihr eigener Autor auf einem Friedhof.
Kleine Vignetten, grosse Freiheit
Ob Isa nun verrückt ist, darf der Leser selbst entscheiden. Dass sie sich dabei als ziemlich unzuverlässige Erzählerin entpuppt, macht die Lektüre von «Bilder deiner grossen Liebe» zu einem Erlebnis grösstmöglicher Freiheit. Der Roman, der Fragment bleiben musste, besteht aus Miniaturen, die aufeinanderfolgen wie Vignetten in einem finnischen Experimentalfilm. Das sorgt zwar dafür, dass der Roman nicht besonders plotreich ist. Aber mit Sätzen wie: «Pappelsamen schneien um mich herum, und der süsse Duft der Lichtnelken strömt durch die Nächte» ist der Leser mehr als entschädigt.
Um einen solchen Roman am meisten zu geniessen, sollte sich der Leser ein Vorbild an Isa nehmen und selbst unzuverlässig werden. Er darf den Roman so lesen, wie er möchte, genau so, wie Isa die Welt liest, wie sie es möchte. Denn:
«Verrückt sein heisst ja auch nur, dass man verrückt ist, und nicht bescheuert.»
Eine unzuverlässige Welt wie unsere, in der es weder ein klares Gut und Böse, noch vorgeschriebene Lebensläufe mehr gibt, bedarf mehr unzuverlässiger Leser. Im 21. Jahrhundert verschieben sich Grenzen zwischen normal und krank ständig: Nicht nur wird der Autismus plötzlich zu einem viel weiteren Autismus-Spektrum oder befällt ADHS plötzlich Erwachsene, auch die Narrative, an die wir glauben, können jederzeit aufhören, genau wie die grossen fragmentarischen Romane: «Amerika», «Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull» und, hoffentlich, auch «Bilder deiner grossen Liebe».
Wolfgang Herrndorf
Bilder deiner grossen Liebe
Rowohlt Berlin
144 Seiten
ISBN 978-3-87134-791-7
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