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Bereits heute sind die Auswirkungen des Ukraine-Kriegs auf die Ernährungs- und Armutssituation im Globalen Süden im Alltag spürbar, wie eine Umfrage der Caritas zeigt. Angesichts der sich massiv verschärfenden Ernährungskrise ist es umso dringlicher, dass sich die Internationale Gemeinschaft für ein sozial nachhaltiges Ernährungssystem stark macht und armutsbetroffene Länder mit Zusatzfinanzierungen unterstützt werden – auch von der Schweiz.
Die Fakten sind inzwischen bekannt: Russland und die Ukraine gehören zu den global grössten Agrar- und Lebensmittelproduzenten. Auf sie entfällt ein Drittel der weltweiten Weizen- und Gerstenexporte. Auf das Getreide der Ukraine sind grosse Teile Europas, des Nahen Ostens und Afrikas angewiesen. Die Getreideproduktion inklusive Verkauf sind in der Ukraine infolge des Kriegs massiv eingeschränkt. Millionen Tonnen stecken unterwegs fest, hinzu kommen gezielte Attacken der russischen Streitkräfte.
Bereits die Corona-Pandemie hatte eine massive Verschlechterung der Ernährungssicherheit zur Folge. Im vergangenen Jahr hatten 193 Millionen Menschen in 53 Ländern nicht genug zu essen. Die Ukrainekrise wird die Armut massiv verschlimmern und hat bereits heute enorme Auswirkungen: Der Lebensmittelindex kletterte im März auf einen neuen Höchststand seit seiner Einführung 1990.
Die wirtschaftlichen Folgen sind für die armutsbetroffenen Menschen gravierend
Der beispiellose Anstieg der Lebensmittelpreise, mit dem die Menschen konfrontiert sind, wird zu einem drastischen Anstieg der Zahl unterernährter Menschen führen. Hinzu kommen die ökonomischen Folgen aufgrund der erhöhten Rohstoff- und Energiepreise, Transportverzögerungen und unterbrochenen Lieferketten. Schliesslich hat Russland eine Schlüsselrolle als Produzent von Düngemitteln. Die westlichen Sanktionen lassen deren Preise auf ein Rekordniveau ansteigen, womit auch hier ein Rückgang der landwirtschaftlichen Erträge anzunehmen ist.
Caritas Schweiz ist in rund 20 Ländern in Subsahara-Afrika, Asien, Lateinamerika, der Karibik, Osteuropa und im Nahen Osten tätig mit Fokus auf den besonders armutsbetroffenen Bevölkerungsgruppen. Eine Umfrage der Caritas in diesen Ländern zu den Folgen der Ukrainekrise hat ergeben, dass in mehr als der Hälfte der Länder die Treibstoffpreise um 10-20 Prozent stiegen, in anderen sogar um bis zu 50 Prozent. Dies betrifft gerade auch Länder, in denen die lokalen Marktsysteme sehr anfällig sind für Schwankungen der Treibstoffpreise. Letztere verursachen einen starken Kostendruck auf die Grundnahrungsmittel.
Die humanitäre Situation verschlechtert sich
In den meisten der Länder sind die Weizenpreise um zwischen 20 und 100 Prozent gestiegen. Auch die Grundnahrungsmittel sind von enormen Preissteigerungen von bis zu 100 Prozent betroffen, insbesondere Getreide, Speiseöl, Zucker und Mehl. Der stärkste Anstieg wurde in Äthiopien, Brasilien, Kambodscha, Mali, Tadschikistan und Uganda beobachtet. Das Beispiel Mali zeigt auf, warum die steigenden Nahrungsmittelpreise umgehend zu Existenznöten führen. Dort lebt die Hälfte der Bevölkerung von weniger als 1.90 USD pro Tag und die Lebensmittelausgaben der armutsbetroffenen Bevölkerung machen 80% des verfügbaren Einkommens aus. Die Grundnahrungsmittelpreise sind in der kürzeren Vergangenheit massiv gestiegen: So kosten Mais, Sorgho und Hirse heute das Doppelte als vor einem Jahr. Und die Preise steigen nach der Ernte erfahrungsgemäss bis September weiter an. Die Folge davon ist nun, dass die Menschen bei gleichem verfügbarem Einkommen nur halb so viel konsumieren können. Mit der im Sahel wie in Ostafrika herrschenden Dürre führt dies zu einer gravierenden Ernährungskrise.
Die Krisen multiplizieren sich
Die Preiserhöhungen wirken sich ganz direkt auf die humanitäre Situation aus, die sich in der Mehrheit der Länder, in denen Caritas tätig ist, verschlechtert hat: Wo Saatgut, Dünger, Nahrungsmittel teurer werden, ist die Ernährungskrise eine unmittelbare Folge davon. Investitionen der Entwicklungszusammenarbeit in verbesserte Lebensbedingungen werden infolge der höheren Preise zunichte gemacht. Die Berichte mehren sich, dass sich viele Familien wieder nur eine Mahlzeit pro Tag leisten können. Bei dieser prekären humanitären Lage sind für zahlreiche fragile Länder der Welt die Auswirkungen der Ukrainekrise ein Faktor unter vielen, der ihre Lebenssituation dramatisch verschlechtert. Die Krisen multiplizieren sich: Die Ernährungskrise wird verstärkt durch lokale Konflikte, durch die Klimakatastrophe, die Corona-Pandemie und nun auch noch durch die Auswirkungen des Ukraine-Russland-Kriegs.
Regionale und lokale Märkte stärken
Caritas Schweiz bekämpft diese Notlage durch direkte humanitäre Unterstützung der armutsbetroffenen Bevölkerung in weltweit rund 20 Ländern. Ein Weg dazu ist die Förderung lokaler Marktsysteme und von Berufsbildungsmassnahmen. Vor dem Hintergrund der Ernährungskrise wird besonders deutlich, wie dringend die Internationale Gemeinschaft auf die Stärkung regionaler und lokaler Märkte angewiesen ist. Es wird aber auch klar, dass wir auf ein ökologisch und sozial nachhaltiges Ernährungssystem hinarbeiten müssen. Es ist dringend angezeigt, die Folgen des Kriegs in der Ukraine für armutsbetroffene Länder mit Zusatz-Finanzierungen zu lindern.
In der Schweiz aber bleibt der Anteil der öffentlichen Entwicklungsausgaben mit rund 0.5 Prozent der Wirtschaftsleistung deutlich unter dem Zielwert von 0.7 Prozent. Die Folgen dieses global wenig nachhaltigen Sparens sind gravierend: Die Ernährungskatastrophe 2022 im Sahel und in Ostafrika zeigt sehr deutlich, dass wir unseren Wohlstand auf Kosten und gegen die Rechte anderer beanspruchen und verteidigen. Die Lebensbedingungen in reichen Ländern mit unbegrenztem Zugriff auf Ressourcen gründen auf der Armut anderer. Es wird immer noch selbstverständlich vorausgesetzt, dass Menschen in armen Ländern Verzicht üben sollten, und es wird hingenommen, dass ein grosser Teil der weltweiten Bevölkerung hungert.
Caritas Schweiz wird sowohl operativ als auch über Lobby-Massnahmen an der sozialen und ökologischen Gerechtigkeit weiterarbeiten. Gleichzeitig wird sie alles daran setzen, die globale Armut weiter zu bekämpfen und die Folgen humanitärer Krisen wie jene des Ukrainekonflikts zu mildern.
Geschrieben von Franziska Koller
Titelbild: Aufgrund der Dürre kann die Mutter der 7-köpfigen Familie das Land nicht mehr bestellen und keine Milch mehr melken, da die Tiere sterben. Und nun wird auf dem Markt noch alles teurer. Äthiopien 2022, Aga Kararso Village Moyale. © Ayaana Publishing PLC-Caritas Schweiz