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Die Parole «Mein Körper gehört mir» hat in verschiedenen Abwandlungen schon manchem Kampf gedient. Nun erscheint sie von Neuem, und zwar bei Demonstrationen gegen das Impfen, Testen und Maskentragen.
Vor allem als Begründung der Impfverweigerung hat der Spruch eine oberflächliche Plausibilität. In ausformulierter Form sagt sie: Ich ganz allein bestimme, was mit meinem Körper geschieht; niemand kann mir befehlen, das Injizieren einer dubiosen Substanz in meinen Körper über mich ergehen zu lassen; denn dieser Körper gehört mir, mir ganz allein.
Eine solche Haltung erscheint als solide begründet. Denn wer sonst als dieses Ich sollte einen Besitzanspruch auf dessen eigenen Körper haben! Ginge es hier effektiv um eine Frage des Besitzens, so wäre die Diskussion gelaufen. Unter diesem Vorzeichen verlangt die Aussage «mein Körper» geradezu nach der Ergänzung «gehört mir».
Das Pronomen «mein» wird in der Grammatik als «possessiv» oder «besitzanzeigend» bezeichnet. Dass diese Benennung zu eng gefasst ist, merkt man an Beispielen wie «meine Mutter», «mein Ideal» oder «meine Pflichten». Ein grosses deutsches Wörterbuch definiert deshalb so: Das Possessivpronomen «mein» ordnet etwas dem Zugehörigkeits- oder Interessenbereich der eigenen Person zu.
Denkt man im Sinne dieser weiter gefassten Definition ein bisschen über den Tellerrand hinaus, so wird rasch klar, dass «mein Körper» nicht meinem Besitzanspruch und meiner absoluten Verfügungsgewalt unterworfen ist und in diesem Sinn «mir gehört». Was ist zum Beispiel, wenn dieser mein Körper übel riecht? Ist das dann allein meine Sache? Könnte ich entsprechende Andeutungen aus meinem Umfeld abtun mit dem Argument «mein Körper gehört mir»? Und was, wenn ich auf die Idee verfiele, mit Berufung auf meine Alleinzuständigkeit für meinen Körper diesen in Gesellschaft grundsätzlich unbekleidet spazieren zu führen? Ich würde rasch feststellen, dass die Verfügungsgewalt über den eigenen Leib an soziale und unter Umständen auch rechtliche Grenzen stösst.
Mit dem eigenen Körper ist man Teil der realen, genauer: der natürlichen, kulturellen und sozialen Welt. Zu ihr gehören auch die Körper aller anderen und deren Ansprüche. Man ist nie allein mit seinem Körper; dieser ist auf mannigfache Art verflochten mit der Realität anderer Körper und der von ihnen gebildeten Gesellschaft. Spätestens die Pandemie sollte uns das gelehrt haben. Der Vorgang des Ansteckens ist ja ein handfester Beweis unserer physischen Sozialität.
Das simple «mein Körper gehört mir» hat eine falsche Plausibilität. Deren Richtigstellung besagt nicht, er gehöre jemand anderem (dem als «Corona-Diktatur» diffamierten Staat zum Beispiel). Als Korrektur der plakativen Phrase ist die Einsicht gefordert, dass ich mit meinem Körper in die natürliche, kulturelle und soziale Realität eingebunden bin.
Das Problematische an der Aussage «Mein Körper gehört mir» ist nicht das «mir», sondern das «gehört».