Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/2946

Leonardo Da Vinci: 280-Meter-Brücke für Istanbul hätte funktioniert
Hätte der Sultan von Istanbul nicht an der Machbarkeit von Leonardo da Vincis Entwurf gezweifelt, hätte die Stadt eine der spektakulärsten Brücken ihrer Zeit erhalten: ein 280-Meter-Bogen, der ohne Stützen das Goldene Horn überspannt. Eine Studie zeigt, dass die Konstruktion möglich gewesen wäre.
Eine Skizze der Brücke für das Goldene Horn von Leonardo da Vinci: Sie wäre umsetzbar gewesen.
Sultan Bejazid II Wali von Istanbul wollte eine Brücke über das Goldene Horn bauen lassen – und suchte nach Ideen für sein Projekt. Eine lieferte Leonardo da Vinci. Er hatte eine rund 280 Meter lange Konstruktion entworfen, die als durchgehender, flacher Bogen den Meeresarm am Bosporus überspannen sollte. Zudem wölbte sie sich so stark, dass ein Segelboot mit stehendem Mast unter ihr hätte hindurch fahren können.
Widerlager zur Stabilisierung
Das Revolutionäre an da Vincis Plänen: Eine Brücke von solchen Dimensionen hätte man zu Beginn des 16. Jahrhunderts mit Pfeilern gestützt, in Anbetracht ihrer Länge wären es mindestens zehn gewesen. Zur Stabilisierung hatte da Vinci lediglich zu beiden Seiten des Bauwerks Widerlager vorgesehen, die sich stark verbreitern – und ihr gleichzeitig eine elegante Form verleihen.
Allerdings stiess das kühne Projekt beim Sultan auf wenig Interesse. Dies, weil er annahm, dass es nicht realisierbar ist. Der Sultan irrte. Zu diesem Schluss kamen John Ochsendorf, Professor für Architektur sowie für Bau- und Umweltingenieurswesen am Massachusetts Institute for Technology (MIT), Doktorandin Karly Bast und Michelle Xie haben im Rahmen einer Studie. Für diese analysierten sie Pläne und Skizzen, mögliche Baumaterialien, die Konstruktionsmethoden jener Zeit und die damaligen geologischen Bedingungen am vorgesehenen Standort der Brücke. Danach erstellten sie ein detailliertes Modell, um die statische Qualität des Bauwerks zu überprüfen.
Mit 3D-Druck auf den Spuren von Leonardo da Vinci
Auch wenn da Vinci in seinen Skizzen keine Angaben zu Baumaterial und Bauweise gemacht hatte, gehen Ochsendorf und seine Kolleginnen davon aus, dass da Vinci für seine Konstruktion Stein vorgesehen hatte, weil Holz oder Ziegel eine derart grosse Spannweite gar nicht hätten tragen können. Zudem nahmen sie an, dass die Brücke, wie die antiken römischen Mauerwerksbrücken wegen der Schwerkraft für sich allein stehen kann, ohne dass es weiterer Befestigungselemente oder Mörtel bedarf, um sie zusammen zu halten.
Um ihre These zu untermauern, setzten sie da Vincis Entwurf im Massstab 1:500 um. Zunächst stellten sie die einzelnen „Steinblöcke“ mittels 3D-Druck her. Danach wurden die Steine mit Hilfe eines Gerüstes zusammengefügt – wie dies auch im Massstab 1:1 der Fall gewesen wäre. Nachdem der letzte Stein eingefügt worden war und man das Gerüst abgebaut hatte, zeigte sich: da Vincis Planung ginf auf. „Die Kraft der Geometrie hat es möglich gemacht“, wird Bast in der Medienmitteilung des MIT zitiert. „Das Konzept war gut durchdacht.“
Wenn das Genie in Norwegen und Finnland grüssen lässt
Allerdings: Mit der Studie am MIT ist da Vincis Brückendesign nicht zum ersten Mal umgesetzt worden. Unter anderem inspirierten die Skizzen da Vincis zu einer Fussgängerbrücke in der norwegischen Gemeinde Ås, sie ist aber lediglich 45 Meter lang und besteht aus Stahl und Beton. Da Vincis Projekt lieferte somit vor allem die Vorlage zur Form, nicht aber zur Bauweise. Laut Bast ist anhand eines solchen Bauwerks nicht ersichtlich, ob da Vincis Entwurf funktioniert haben könnte. Ähnliches dürfte für das Projekt von Arno Pronk von der niederländischen Universität Eindhoven: Er hatte den Entwurf des Universalgenies vor rund drei Jahren mit Studenten aus Eis oder vielmehr Pykrete (mit Fasern verstärktes Eis) im finnischen Juuka nachgebaut. (mai)