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Charles Wyrsch "Autoportrait" Nr. 24
Objekt des Monats Oktober 2021
Charles Wyrsch "Autoportrait" Nr. 24, NM 2094
Heuer jährte sich die Geburt von Charles Wyrsch zum 101 Mal. Grund genug, das Werk eines der bedeutendsten Innerschweizer Künstler seiner Zeit anhand eines seiner zahlreichen Werke, welches sich in der Sammlung des Nidwaldner Museums befindet, in Augenschein zu nehmen.
Charles Wyrsch wurde am 5. Juli 1920 in Buochs geboren. Dort wuchs er bei seinen Grosseltern auf, da seine Mutter kurz nach seiner Geburt verstorben war. Nach Abschluss seiner Lehre als Flachmaler im väterlichen Betrieb besuchte er die Kunstgewerbeschule in Luzern, die Ecole des Beaux-Arts in Genf, sowie – nach einigen Privatstunden beim berühmten Maler Albert Pfister in Erlenbach – auch die Kunstgewerbeschule in Basel. 1949 war er für einige Studien auch an der Académie André Lhote in Paris eingeschrieben, wo er in jener Zeit auch Wohnsitz nahm. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz heiratete er 1953 Edith Hug und liess sich mit seiner neugegründeten Familie in Lachen (SZ) am Zürichsee nieder. Im Jahr darauf konnte er in der Galerie an der Reuss in Luzern seine erste Einzelausstellung realisieren.
1966 ereilte die mittlerweile fünfköpfige Familie ein schwerer Schicksalsschlag. Das dreijährige Nesthäkchen Caroline kam bei einem tragischen Unfall ums Leben. Der Tod der geliebten Tochter prägte sowohl Wyrschs Leben als auch sein Schaffen. Sein bekanntestes Werk, die Kreuzwegstationen für die Piuskirche in Meggen (oder genauer gesagt die im UG derselbigen befindliche Theresienkapelle), entstand unter diesen Eindrücken. 1971 zog er nach Kriens, wo er für den Rest seines Lebens Heim und Atelier fand. Die folgenden Jahrzehnte verbrachte er damit, sich voll und ganz seiner Kunst zu widmen. So konnte er seine Werke in zahlreichen Einzelausstellungen einem breiten Publikum präsentieren und wurde mehrmals für sein Schaffen geehrt (u.a.: 1980 Kunst- und Kulturpreis der Stadt Luzern, 1995 erster Preisträger des Krienser Kulturpreises). Im Sommer 2019 starb er – beinahe 99-jährig und fast bis zuletzt voller Tatendrang.
Zwar widmete sich Charles Wyrsch in den 1960er-Jahren zwischenzeitlich der Abstraktion, war ansonsten aber grundsätzlich in der Gegenständlichkeit verankert. Aus seinen Werken sprach jederzeit seine tiefe Verbundenheit zu seiner Innerschweizer Heimat, aber auch Eindrücke, Erfahrungen und Techniken, die er auf seinen zahlreichen Reisen sammeln durfte. Dabei konzentrierte er sich zumeist auf traditionelle Themen wie Landschaften, Stillleben, aus denen oftmals Wyrschs intensive Auseinandersetzung mit christlichen Themen sowie der menschlichen Verlorenheit sprachen. Er widmete sich aber auch eingehend zeitgenössischen gesellschaftlichen Problemen, auf die er in Form sogenannter Feind- oder Protestbildern reagierte.
Ein Schwerpunkt seines Schaffens stellte – vor allem in seinen letzten Lebensjahrzehnten – aber auch Portraits und Selbstportraits im Besonderen dar. Von den insgesamt 53 Werken von Charles Wyrsch, die sich im Besitz des Nidwaldner Museums befinden, sind ein Drittel Selbstportraits. Eines dieser Selbstportraits wollen wir im Folgenden genauer betrachten.
Das vorliegende Bild aus dem Jahre 1985 zeigt Wyrsch so, wie man ihn in jenen Jahren gekannt und wie er sich selbst unzählige Male selbst portraitiert hat: Als älteren stattlichen Herrn mit Bart und Hut. Angefertigt hat er das Bildnis mit Kohle auf rauem Papier. Es ist – wie die meisten seiner Selbstportraits – kleinformatig, mit den Massen 22 x 16 cm. Das Bild ist auf Karton gefasst und in Holz gerahmt. Der Karton ist hinten beschriftet mit der Nummer 24. Dieses Bild stellt demnach das vierundzwanzigste Bild einer Selbstportrait-Serie dar. Allerdings schuf er mehrere solcher Serien mit jeweils unterschiedlichen Nummerierungen, womit diese Nummern ohne Kontext nicht zwingend als strikt chronologisch betrachtet werden können. Zahlreiche seiner Werke malte und überarbeitete Wyrsch jahrelang, im Gegensatz dazu stellten diese Selbstportraits lediglich flüchtige Momentaufnahmen dar. Daher entwickelte sich aus dieser Hinwendung zu Selbstportraits schliesslich eine Art Langzeitstudie, mit der er seinen Alterungsprozess und die damit einhergehenden Veränderungen dokumentieren wollte. All diese Bilder gleichen stilistisch dem vorgestellten Bild, vereinzelt wurden sie mit Bleistift ergänzt/gezeichnet oder mit Öl auf Leinwand gemalt. Einige stellen eine detaillierte Darstellung dar, andere sind nur vage und schemenhaft. Trotz dieser Unterschiede und der unbeständigen Nummerierung ist durch die Gesamtheit dieser Studien die erstrebte Darstellung des Alterungsprozesses anhand der optischen Veränderungen des Dargestellten ersichtlich und ausserdem bilden sie einen sehr persönlichen und intimen Einblick in die Selbstwahrnehmung des Künstlers.
Autor: Cyrill Willi, Praktikant