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Jede Veränderung, auch zum Besseren, tut weh. Denn, ein persönlicher Wandel bedeutet das Eingeständnis, dass wir früher etwas nicht gut gemacht haben. Wir fragen uns dann, warum wir nicht schon früher Konsequenzen gezogen haben. So ist es derzeit mit dem Wandel zur Elektromobilität. Die Angst davor, etwas Gutes aber Unbekanntes zu gewinnen, ist häufig grösser, als die Angst, etwas Schlechtes aber Bekanntes zu verlieren. Deshalb glorifizieren wir das Bekannte, und suchen nach dem Negativen im Unbekannten.
“Du weisst, was Du hast. Du weisst nicht, was Du bekommst.” (Meine Mutter)
Solche Gedanken sind eine vollkommen normale Abwehrhaltung bei Veränderungen. Dies hat aber nichts mit dem Neuen zu tun, sondern nur mit uns selber. Bei genauem Hinsehen haben wir in der Vergangenheit einfach nur unsere Augen verschlossen vor den schlechten Dingen. Beim Verbrenner waren dies sicher die ekligen Benzol-Dämpfe während eines Tankvorgangs und die stinkenden Hände danach. Auf der Arbeit war es vielleicht die schlechte Führungsperson, die man sich schön geredet hat mit Hilfe einer sehr guten monatlichen Kompensation.
Die folgende Liste relativiert viele glorifizierende Irrglauben, die gerne von Veränderungsgegnern genannt werden. Sie soll aber nicht allfällige Ungerechtigkeiten beschönigen, die unser weltweiter Hunger nach Ressourcen und billigen Produkten seit Jahrhunderten verursacht.
Kinderarbeit
- Wenn in Afrika oder in einem aufstrebenden Land Kinder unsere modische Kleidung zusammennähen, unsere Sneakers zusammenleimen, unsere Smartphones mit ihren kleinen, flinken Fingern zusammensetzen, oder für unsere Schönheit in Glimmerminen arbeiten und sterben, dann akzeptieren wir dies bereitwillig. Selbst wenn dieselben Kinder auch nur eine einzige Komponente für Elektroautos herstellen würden (was insbesondere Tesla nicht macht), dann schreien wir “Kinderarbeit”!
Kobalt-Abbau
- Wenn wir Arbeiter aller Altersgruppen in afrikanischen Minen nach dem Gold für unsere Uhren, unseren Diamanten und unserem Kupfer schürfen lassen, akzeptieren wir deren schlechten Arbeitsbedingungen bereitwillig. Wenn es sich um Kobalt handelt, das ebenfalls in diesen Minen vorkommt und teilweise nebenbei mitgewonnen wird, dann sehen wir dies plötzlich als deren Ausbeutung an.
- Wenn Kobalt für die Aushärtung von Kolben, Pleuel, Nockenwellen oder von Werkzeugen für Verbrenner-Fahrzeuge verwendet wird, dann akzeptieren wir dies bereitwillig. Wenn Kobalt in unseren geliebten Laptops, Smartphones, Tablets usw. steckt, dann akzeptieren wir dies auch bereitwillig. Wenn Kobalt für einen winzigen, und immer kleiner werdenden Anteil einer Elektroauto-Batterie verwendet wird, dann sehen wir hierin ebenso die Ausbeutung der Dritten Welt.
- Wenn dem Rohöl in der Raffinerie Kobalt als Katalysator beigemischt wird, um den enthaltenen Schwefel zu entfernen, damit bei der späteren Verbrennung kein saurer Regen entsteht und unsere Wälder nicht wieder sterben, dann interessieren wir uns nicht für den Herstellungsprozess. Wir akzeptieren durch unser Desinteresse, dass das im Benzin und Diesel verbliebene Kobalt verbrannt wird und alle Lebewesen die Rückstände einatmen müssen. Wenn Kobalt aber in einer Batterie für Elektroautos eingelagert wird und nach vielen Jahren der Nutzung zusammen mit allen anderen eingelagerten Elementen nahezu vollständig rezykliert werden kann, dann wird der Herstellungsprozess für uns plötzlich wichtig.
Seltene Erden
- Wenn 25% der jährlichen Produktion von Seltenen Erden als Katalysatoren (Mischoxide) bei der Raffination von Rohöl eingesetzt werden, eine erhöhte Kraftstoffeffizienz bei Verbrennungsmotoren erzielen und in den Katalysatoren die tödlichen Abgase weniger tödlich machen, dann haben wir nie von Seltenen Erden gehört. Wir erinnern uns auch nicht, dass das Neodym in unseren Lautsprechern und Kopfhörern zu den Seltenen Erden zählt. Wenn weitere 25% für Permanentmagnete verwendet werden, die unter Anderem in den Anlassern und Zusatzmotoren in unseren Verbrenner-Fahrzeugen verarbeitet sind, dann haben wir dies auch nicht gewusst. Wenn diese Permanentmagnete in einem Elektroauto verwendet werden, dann dichten wir dem Elektroauto einen riesigen Verbrauch aller Seltenen Erden an.
Lithium-Abbau und Wasservergeudung
- Wenn Lithium für Akkus in Smartphones, Laptops oder Akkuwerkzeugen, in der Atomphysik, bei der Kernfusion, in der Medizin oder in Form von Lithiumstearat als wichtiger Zusatz für Öle und Schmierfette in Verbrenner-Fahrzeugen eingesetzt wird, dann kümmert uns der Gewinnungsprozess von Lithium nicht. Wenn mittels des gleichen Produktionsprozesses Lithium für ein Elektroauto gewonnen wird, dann dichten wir dem Prozess einen horrenden Wasserverbrauch an.
- Wenn 15’000 Liter Trinkwasser für die Herstellung auch nur eines Kilogramms Rindfleisch benötigt werden, dann verbrauchen wir genüsslich das Fleisch. Wenn 15’000 Liter Salzwasser benötigt werden, um das Lithium für eine Batterie mit einer Kapazität von bis zu 100 kWh zu produzieren, dann reden wir von Wasserverschwendung.
- Wenn in Kanada durch das Ausspülen von Ölsand oder durch Fracking weltweit Milliarden Liter geniessbares Grundwasser verseucht und Tausende von Quadratkilometern Natur zerstört werden, dann akzeptieren wir dies bereitwillig. Es stört uns auch nicht, dass die Ölindustrie seit Hurrikan Ivan vor 15 Jahren täglich 17’000 Liter (gesamt 100’000’000 Liter) Rohöl in das fragile Salzwasser-Ökosystem des Golfs von Mexiko pumpen und damit bereits bis zu 100’000’000’000’000 Liter Wasser verseucht hat. Es stört uns noch weniger, dass das gesamte Nigerdelta verseucht ist. Ungern denken wir an die vielen Ölkatastrophen, die kaum vorstellbare Mengen an Wasser verschmutzt und Tiere getötet haben. Wenn in einem Salzsee in der Atacamawüste ungeniessbares, versalztes Grundwasser zur Lithium-Gewinnung hochgepumpt wird und das Wasser anschliessend entsalzt versickert oder verdunstet, dann sehen wir hierin die Zerstörung der Umwelt und Vergeudung von Grundwasser.
Strombedarf
- Wenn für Bereitstellung von Diesel durch die Erdölförderung, den Transport des Erdöls zu Raffinerien, den Transport des Erdöls per Pipeline, den Energieaufwand für das Raffinieren (hierfür alleine bedarf es 11 kWh) und den Transport zur Tankstelle insgesamt 42 kWh Energie aufgewendet werden müssen, damit ein Verbrenner-Fahrzeug 100 km fahren kann, halten das die Stromversorger und -netze selbstverständlich aus. Wenn ein ähnlich dimensioniertes Elektroauto nur 17 kWh für 100 km benötigt, und mit den 42 kWh 250 km weit fahren kann, dann glauben wir, dass dadurch die Stromversorgung zusammenbrechen wird, was selbstverständlich nicht passieren wird.
- Wenn der Verbrauch eines Verbrenner-Fahrzeugs trotz verbrauchsoptimierter Fahrweise das ganze Jahr 20 bis 30% höher ist, als der Hersteller beschönigend deklariert hatte, dann sehen wir das als ganz normal an und tanken halt ein wenig häufiger. Wenn ein Elektroauto nur im Winter aufgrund der Heizung und dem erhöhten Rollwiderstand einen um 25% erhöhten Verbrauch hat, dann halten wir das für inakzeptabel.
Batterie-Lebensdauer und Recycling
- Wenn ein Verbrennungsmotor nach 200’000 km einen Lagerschaden erleidet, dann hat er gute Dienste geleistet. Wenn eine heute verbaute Antriebsbatterie erst nach 800’000 km ausgetauscht werden muss, anschliessend weitere 10 Jahre als Pufferbatterie bei uns Zuhause Anwendung findet und danach zu 90% rezykliert werden kann, dann sehen wir hierin eine Entsorgungskatastrophe.
Preis
- Wenn wir jeden Tag und besonders zu Spitzenzeiten von neuen Kraftstoffpreisen überrascht werden, dann akzeptieren wir wehrlos diese Preiswillkür der Ölkonzerne. Wir haben auch bereitwillig akzeptiert, dass wir mit unserer Abhängigkeit vom Öl sowohl ferne Despoten und Diktatoren als auch Umweltzerstörung, Unterdrückung, Enteignung, Terrorismus, Krieg und Vertreibung finanzieren. Wenn wir aber den Preis für Strom und dessen Herkunft wählen und ihn lokal oder sogar selber Zuhause produzieren können, dann sehen wir dies als Nachteil.
- Wenn ein Verbrenner-Fahrzeug kurz nach der Zulassung bereits 30% – und mehr – seines Marktwertes verliert, dann akzeptieren wir dies. Wenn aber ein Elektroauto wie ein Tesla erst nach 70.000 Km 30% des Kaufbetrags verliert, dann sollen sich Elektroautos nicht rechnen?
Ladepausen
- Wenn wir am Vorabend einer Reise mit einem Verbrenner-Fahrzeug noch rasch 10 Minuten zur Tankstelle fahren, dort 15 Minuten den Tank füllen, den Ölstand kontrollieren und bezahlen, und wieder 10 Minuten nach Hause fahren, dann akzeptieren wir dies als unabdingbar. Wenn wir über Nacht das Elektroauto daheim laden und am Morgen mit voller Batterie losfahren, dann sehen wir das als unpraktisch an.
- Wenn wir während einer Fahrt mit einem Verbrenner-Fahrzeug eine 10-minütige WC-Pause oder eine 45-minütige Essens-Pause einlegen, dann akzeptieren wir den vermeintlichen Zeitverlust bereitwillig. Wenn wir während der gleichen Zeit die Batterie des stehenden Elektroautos aufladen, dann ist das für uns Zeitverschwendung.
Zu leise Autos
- Wenn wir als Fussgänger aufmerksam, unachtsam oder gar mit Kopfhörern durch die Stadt laufen, dann wünschen wir uns eine leise Umwelt und wollen am liebsten unsere laute Umwelt gar nicht wahrnehmen. Wenn wir uns über den lauten Auspuff eines Verbrenner-Fahrzeugs aufregen, dann nervt uns der Lärm. Wenn es sich aber um ein leises Elektroauto handelt, dann wollen wir dieses plötzlich hören und erzwingen künstlichen Lärm, der sich dann auch noch richtig schlecht anhört.
Winter
- Wenn wir im Winter im Stillstand den Motor eines Verbrenner-Fahrzeugs, das dann bei 2 Liter Hubraum einen Verbrauch von 1 Liter/h hat, zum Heizen des Innenraums laufen lassen und so der 50-Liter-Tank nach maximal 50 Stunden restlos leer wäre, dann nennen wir das normal. Wenn ein Elektroauto, wie der Kia e-Niro, mit einer 64 kWh-Batterie und einer Heizleistung von 0.8 KWh/h auch 50 Stunden durchhalten und mit den restlichen 24 kWh noch weitere 100 km Reichweite aufweisen würde, dann dichten wir nur dem Elektroauto an, bei Schneechaos die Autobahn zu blockieren.
Stromerzeugung mit Windräder
- Wenn unsere Millionen an Hauskatzen Milliarden Vögel nur zum Spiel töten, dann akzeptieren wir dies als “natürlich”. Wenn Windräder auch nur einen Bruchteil dieser Vögel töten, dann nennen wir sie “Vogelkiller”.
Selbstverständlich ist nicht alles rosig in der Welt der Elektromobilität, denn die Elektromobilität ist nur Klimaretter, nicht aber Weltretter.
Wenn wir das nächste Mal ablehnende Meinungen hören oder selber haben, dann wäre es sicher hilfreich zu überlegen, woher diese Ablehnung stammt. Basiert die Meinung vielleicht auf einem alten Irrglauben, an dem wir uns festkrallen und den wir nur schwer ablegen können? Gehen wir in uns und fragen uns, warum wir manchmal gerne die Augen vor Veränderungen verschliessen und bekanntes Schlechtes so bereitwillig akzeptieren, nur weil wir es kennen.
Update: Prof. Dr. Volker Quaschnig hat nach meiner Veröffentlichung einen ähnlicher Ansatz publiziert: Faktencheck: Welches Auto hat die beste Klimabilanz?