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Vielleicht gerade wegen erlebter Fremdheit wählt Anjuska Weil stets den Weg der Solidarität. Selbstverständlich ging die Internationalistin und ehemalige FraP!-Kantonsrätin letzten Samstag vor ihrer Feier zum siebzigsten Geburtstag noch an die Kurdendemo.
Aufgezeichnet von Tim Rüdiger
Schneepflotsch. Grausig, kalt und hässlich erschien ihr die neue Heimat am Flughafen Dübendorf. Nachdem sie im Alter von fünf Jahren aus Israel in die Schweiz gekommen war, lebte Anjuska Weil – die damals noch Goldstein hiess – in Zürich. Hier vermisste sie nicht nur die Sonne, das stürmische Meer und die palästinensischen Nachbarn. Das Haus, in dem die Familie lebte, wurde «das rote Haus mit dem schwarzen Mann» genannt. Die Farbe des Hauses rührte nicht von der Fassade her, und der «schwarze Mann» war Anjuskas Vater, der einen dunklen Teint und braune Augen hatte.
Ihre erste Schulfreundin fand sie erst in der Sekundarschule: «Der Schulweg führte bei ihrem Haus vorbei, und wir sassen jeweils im Treppenhaus, weil ich ihre Wohnung nicht betreten durfte. Umso länger war die Auseinandersetzung, bis sie dann einmal zu mir nach Hause durfte.» Darüber hinaus zeigte sich die Schweizer Gastfreundlichkeit in Gestalt der Fremdenpolizei, die jederzeit zu Besuch kommen konnte.
Der Vater war Mitglied der verbotenen kommunistischen Partei in Jugoslawien und kundschaftete im Zweiten Weltkrieg für die Partisanen in den Beizen der deutschen Besatzungsmacht. Nachdem er denunziert worden war, flüchtete er über Umwege in die Schweiz und lernte hier Anjuskas Mutter kennen, die selbst in der SP aktiv war. Der damals gängigen Praxis entsprechend, verlor sie nach der Heirat ihre Schweizer Staatsbürgerschaft und wurde damit ebenfalls staatenlos.
Die ersten drei Jahre lebte Anjuska Weil in Jugoslawien, bis die Familie – der Vater war Jude – dem Aufruf des jungen Staates Israel zur Immigration folgte und sich südlich von Haifa im «Wadi Jamal» niederliess – im Wadi des Kamels. Doch die Eltern ihrerseits fanden das Glück in Israel nicht und zogen – erneut staatenlos – nach nur zwei Jahren nach Zürich. Anjuska Weils Verbindung zu Israel und Palästina ist geblieben: «Der Soundtrack des schönsten Teils meiner Kindheit war Arabisch», sagt sie heute. Im Jahr 2000 war sie Gründungsmitglied, dann zwölf Jahre Geschäftsführerin der Kampagne Olivenöl, die fair gehandeltes Öl aus Palästina vertreibt.
Der St. Galler Bann
Mit achtzehn Jahren – mittlerweile war sie seit acht Jahren eingebürgert – traf sie in einem Zürcher Kino Jochi Weil, den sie im Jahr darauf heiratete. Mit ihm zog sie in die Ostschweiz und nahm zwei Adoptivkinder auf. Wegen ihrem Engagement für eine Fristenlösung wurde ihr jedoch die Stelle in der Schule gekündigt: «Ich durfte damals in einem dreiviertelseitigen Artikel in der Zeitung etwas verklausuliert lesen, dass man sich schon überlegen müsse, ob man einer ‹Kindsmörderin› wie mir noch kleine Kinder anvertrauen könne. Das war faktisch ein Berufsverbot.» Anschliessend führte sie das St. Galler Sekretariat der PdA, in deren vorderen Räumlichkeiten sie einen Laden für Reisen und linke Bücher sowie Schallplatten betrieb.
Der St. Galler Bann wirkte aber nicht bis nach Zürich, wo sie eine Stelle im Kinderhort in der Grünau fand. Im Gegenteil: «Während den Hochschulprotesten gegen Alfred Gilgen wurde meine Anstellung vom Schulvorsteher als Beweis dafür angeführt, dass es in Zürich kein Berufsverbot gebe.» Stattdessen gab sie die Stelle hinterher freiwillig auf, um sich gänzlich der Politik zu widmen: Zuerst als kantonale PdA-Sekretärin, dann im Sekretariat der PdA Schweiz. Von 1991 bis 1999 sass sie für die Frauenbewegung FraP! im Zürcher Kantonsrat, bleibt aber bis heute immer auch bei der PdA aktiv.
Solidarität blieb ihre Sache
Der musikalische Teil des Soundtracks ihrer Kindheit waren Partisanenlieder. «Das erste erlernte Lied war wohl ‹Bandiera Rossa›», blickt sie zurück. Kein Wunder, verstand sie die Proteste um 1968, anders als viele ihrer ZeitgenossInnen, nicht als Aufbegehren gegen die Elterngeneration. «Natürlich habe ich da mitgemacht. Jochi und ich sind jedes Wochenende aus dem Thurgau nach Zürich an die Demonstrationen gefahren. Aber wesentlich war für mich vor allem, dass die Werte, die bei uns zu Hause immer gegolten hatten, endlich nicht mehr nur im Versteckten gelebt werden durften.»
Wichtiger war ihr zu jener Zeit das Engagement für Vietnam – anfangs in der Antikriegsbewegung, später bei «Terre des Hommes». Die Familie nahm über die Organisation einen napalmversehrten Jungen auf, der damit zu ihrem «Bruder» wurde. Und auch nachdem viele Friedensbewegte ihren Fokus weg von Südostasien auf die Kämpfe in Zentralamerika gerichtet hatten, galt für Anjuska Weil der Slogan «Vietnam bleibt unsere Sache!» – denn noch immer galt für das Land ein US-Embargo, und die Bevölkerung litt an den Kriegsfolgen. Seit 1994 ist sie Präsidentin der ‹Vereinigung Schweiz-Vietnam› und besucht das Land mindestens einmal im Jahr.
Während ihrer Zeit auf dem Zürcher PdA-Sekretariat habe sie eine unbestimmbare Anzahl an Bewilligungen für unterschiedlichste Demonstrationen eingeholt. Als Teilnehmerin ist Anjuska Weil heute noch oft dabei: Vor ihrem grossen Geburtstagsfest letzten Samstag besuchte sie in Zürich die solidarische Demo für Kurdistan.