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Als Ritu Saha am 14. Juni 2017 die Fernsehbilder des brennenden Grenfell Tower im Westen Londons sah, fühlte sie Schock und Betroffenheit, aber sie hatte keine Angst. Zwar wohnt sie im Vorort Bromley im Südosten der Stadt selbst in einem Hochhaus, aber sie wäre nie im Leben auf die Idee gekommen, dass sie selbst in Gefahr sein könnte.
Saha, 45 Jahre alt, zog vor rund zwanzig Jahren von Indien nach Grossbritannien und arbeitet heute in der Verwaltung einer Londoner Universität. «Ich sagte mir: Ich lebe jetzt im sechstreichsten Land der Welt», erzählt sie per Zoom. Während des Gesprächs schüttelt sie immer wieder den Kopf, weil ihr alles noch immer so absurd vorkommt. «Ich konnte mir schlichtweg nicht vorstellen, dass es in diesem Land Tausende Wohnblocks gibt, in denen die Bewohner nicht sicher sind.» Aber in den vergangenen vier Jahren hat sie viel gelernt: über mangelnden Brandschutz, über Deregulierung – und darüber, wie teuer dies NormalbürgerInnen wie sie zu stehen kommt.
Gefährliches Verkleidungsmaterial
Der Brand im Grenfell Tower war eines der grössten Desaster der vergangenen Jahrzehnte in Grossbritannien. Es begann in den frühen Morgenstunden, als ein Kühlschrank in einer Wohnung im vierten Stock Feuer fing. Zwanzig Minuten später hatten sich die Flammen auf die Aussenseite des Wohnblocks gefressen. Da sahen die Feuerwehrleute, dass etwas ungewöhnlich war. «Das Feuer verhielt sich nicht so, wie ich es erwartet hätte», sagte einer von ihnen später bei der öffentlichen Grenfell-Untersuchung. «Es sprühte und spuckte, wie wenn Magnesium brennt, und das machte mir Sorgen.»
Der Grenfell Tower war im Zug einer Sanierung ein paar Jahre zuvor mit Platten aus Aluminium und Polyethylen verschalt worden – leicht entzündliches Material, das den Wohnblock in einen riesigen Brennwürfel verwandelte. Mit atemberaubender Geschwindigkeit breiteten sich die Flammen an der Fassade aus, innerhalb von weniger als drei Stunden brannte der gesamte Turm wie eine Fackel. 72 Menschen verloren ihr Leben.
Vier Monate nach der Tragödie tauchten in Ritu Sahas Wohnblock zwei Männer mit gelben Sicherheitswesten auf. Sie hielten sich im Erdgeschoss auf, und dort blieben sie rund um die Uhr: tagelang, wochenlang. Irgendwann erhielten Saha und die anderen BewohnerInnen einen Brief von der Gebäudeverwaltung, in dem stand, dass dies von der Feuerwehr angeordnet worden sei: Die Männer waren die Brandwache. Denn, so stellte sich auf Nachfrage der BewohnerInnen heraus, ihr Block war nicht feuersicher.
Nach dem Grossbrand im Grenfell Tower liess die Regierung unzählige Hochhäuser im ganzen Land auf ihren Brandschutz überprüfen. Das Resultat war erschreckend: Hunderte Blocks wurden identifiziert, deren Aussenverkleidung, das sogenannte Cladding, brennbar ist und die damit für die BewohnerInnen lebensgefährlich sind. Sahas Hochhaus, errichtet in den 1960er Jahren als Gemeindebau und saniert im Jahr 2000, ist eines davon. So musste das Gebäude rund um die Uhr patrouilliert werden, bis die Aussenverkleidung entfernt sein würde.
«Es ist unfassbar», sagt Phil Murphy, ein ehemaliger Feuerwehrmann aus Manchester, der heute als Feuersicherheitsexperte arbeitet. «Dass dieses hochgefährliche Verkleidungsmaterial an so vielen Gebäuden im Land angebracht wurde, ist ein Irrsinn.» Auch er war überrascht und erschüttert von der Grenfell-Tragödie. Aber dass die Bauvorschriften in Grossbritannien riesige Löcher aufwiesen, das wusste er schon lange. «Die Regierung weigerte sich, die Regulierungsvorschriften für Hochhäuser auf den neusten Stand zu bringen», sagt Murphy, 55 Jahre alt, ein ruhiger Mann mit Brille und Stoppelbart. «2009 gab es in London ein verheerendes Feuer in einem Block, bei dem sechs Menschen starben. Der Untersuchungsrichter, der sich mit dem Fall befasste, empfahl der Regierung, die Bauvorschriften zu aktualisieren.» Der Richter wies insbesondere auf die Gefahr hin, dass die Aussenverkleidung eines Blocks ein Feuerrisiko darstellen könnte. «Aber der verantwortliche Minister tat nichts», sagt Murphy.
Profit vor Sicherheit
Die Aufweichung der Gebäudestandards hatte in den 1980er Jahren begonnen, unter Margaret Thatcher. 1984 wurden die Bauvorschriften gelockert, Hunderte detaillierte Regulierungen wurden gestrichen und durch kurze, funktionale Anforderungen ersetzt, die neue Gebäude erfüllen sollten. Dann entzog die Regierung den Gemeindebehörden die Verantwortung für den Wohnungsbau, und damit verloren diese auch einen guten Teil ihres Budgets für den Unterhalt von Gemeindebauten.
Die Aufgabe, die Qualität von Gebäuden zu überprüfen, wurde ebenfalls teilprivatisiert. Laut dem Fachmagazin «Inside Housing» hatte dies zur Folge, dass neue Bauprojekte einfach durchgewinkt wurden, weil sich die privaten Bauaufsichtsfirmen so neue Aufträge versprachen: «Der Wettbewerb schuf einen Anreiz, keine Bauvorhaben zu untersagen.»
Die Labour-Regierung unter Tony Blair (1997–2007) befeuerte diesen Wettbewerb. 2006 etwa wurden die Vorschriften zur Aussenverkleidung von Hochhäusern so aufgeweicht, dass «die Bauaufsichtsvertreter alles absegneten», wie ein Hersteller von Fassadenverkleidungen gegenüber «Inside Housing» sagte. «Wenn man alles dem Markt überlässt und die Bauvorschriften nicht laufend aktualisiert, dann können die Bauherren dies ausnutzen», sagt Phil Murphy. «Sie ersetzen sicheres Material durch solches, das etwas billiger ist. Das gesparte Geld stecken sie selbst ein.» Profit kam zunehmend vor der Sicherheit.
So haben sich über Jahre und Jahrzehnte schwere Mängel in unzähligen britischen Wohnblocks angestaut. Es geht nicht nur um brennbare Fassaden, sondern um fehlende Brandschutzwände, Alarmsysteme und Berieselungsanlagen oder um Türen, die eigentlich feuerfest sein sollten, aber in Wirklichkeit aus blossem Sperrholz bestehen. «Wie viele Gebäude insgesamt renovationsbedürftig sind, weiss im Prinzip niemand», sagt Murphy. «Die Regierung ist erst jetzt dabei, eine detaillierte Übersicht zu erstellen. Ich habe von Zahlen zwischen einer und zwei Millionen Menschen gehört, die davon betroffen sind. Das sind Tausende Gebäude.»
Etwas mehr Klarheit besteht darüber, wer für die Renovationsarbeiten bezahlen muss: nicht die Firmen, die für die baufälligen Blocks verantwortlich sind, sondern die Leute, die dort wohnen. Leute wie Ritu Saha. «Einige Wochen nachdem die zwei Männer von der Feuerpatrouille aufgetaucht waren, erfuhren wir, dass sie uns pro Monat 24 000 Pfund kosten», erzählt Saha, das entspricht etwa 30 000 Franken. «Da erst wurde mir bewusst, wie gross das Problem tatsächlich ist.»
Saha hat ihre Wohnung 2015 gekauft und ist eine von 57 WohnungseigentümerInnen in ihrem Block – eine sogenannte Leaseholderin. Die Instandhaltung der gemeinsamen Räume – etwa Liften und Korridoren – wird über den Wartungsaufschlag bezahlt, den alle LeaseholderInnen entrichten müssen. Er kostet Saha rund 2000 Pfund pro Jahr. Aus diesen Beiträgen hatten die LeaseholderInnen im Lauf von zwei Jahrzehnten eine stattliche Reserve von etwa 70 000 Pfund für Wartung und allfällige Reparaturen angehäuft. «Aber nachdem die Männer vom Feuerschutz aufgetaucht waren, hatten wir unser finanzielles Polster innerhalb von drei Monaten verpulvert», sagt Saha. Um Geld zu sparen, übernahmen die LeaseholderInnen selbst einen Teil der Brandwache, sie wechselten sich im Schichtbetrieb ab. «Aber dennoch verdreifachte sich meine Wartungsgebühr: Drei Jahre lang musste ich fast 7000 Pfund bezahlen.»
Sie selbst kann das gerade noch stemmen, aber sie weiss, dass viele ihrer NachbarInnen in finanzieller Not sind. «Wir sind normal verdienende Leute, manche arbeiten in Einkaufsläden, andere sind pensioniert. Wenn sich die Wartungsgebühr auf einmal dermassen erhöht, bringt das viele Leute in Schwierigkeiten.» Ein paar NachbarInnen seien bereits zurück in ihre Elternhäuser gezogen und hätten ihre Wohnungen untervermietet, weil sie sich diese nicht mehr leisten konnten.
Dabei haben die LeaseholderInnen in ihrem Wohnblock eigentlich noch Glück gehabt. Nach starkem öffentlichem Druck richtete die Regierung 2019 einen Geldtopf ein, aus dem sie die Entfernung von brennbarer Aussenverkleidung bezahlt; insgesamt hat sie fünf Milliarden Pfund versprochen. Dafür qualifizieren sich aber nur Gebäude, die über achtzehn Meter hoch sind – darunter auch der Block von Saha. Die erste Schicht der Fassade ist bereits abgerissen worden, die zweite wird in den kommenden Jahren abmontiert. «Es wird 52 Wochen dauern», sagt Saha.
Astronomische Rechnungen
Tausende andere WohnungsbesitzerInnen, die in niedrigeren Gebäuden leben, müssen hingegen selbst in die Tasche greifen, um den Geiz der Bauherren zu kompensieren. Auf Social Media haben manche Fotos ihrer Rechnungen gepostet: In einem Fall waren es 100 000 Pfund Wartungsgebühr für das Jahr 2021, in einem anderen Fall 200 000 Pfund. In Grossbritannien, wo das Durchschnittseinkommen rund 30 000 Pfund beträgt, kommt dies nichts anderem als einer Mitteilung gleich, dass man bald bankrott gehen wird. Auch lassen sich die Immobilien nicht verkaufen: Jede einzelne Wohnung in einem Block mit brennbarer Aussenverkleidung ist auf null Pfund bewertet – keine Bank stellt dafür eine Hypothek bereit. So sitzen Tausende BritInnen in Wohnungen mit mangelhaftem Brandschutz fest und müssen sich nicht nur um ihre Sicherheit sorgen, sondern auch um ihre finanzielle Zukunft.
Der Cladding-Skandal hat sich in den vergangenen Jahren zu einer grösseren Krise ausgeweitet – und er weckt zunehmend Widerstand. Im ganzen Land haben sich WohnungsbesitzerInnen zu Kampagnen zusammengeschlossen. Ritu Saha ist Mitgründerin der Gruppe «UK Cladding Action Group». Sie fordert, dass die Bauherren für ihre Fehler bezahlen sollen – und die Regierung dafür, dass die Bauvorschriften so lax sind. «Das Verursacherprinzip soll gelten: Wer etwas kaputtgemacht hat, soll dafür zahlen.» Ähnliche Forderungen stellen unzählige andere Organisationen und PolitikerInnen, darunter die Gewerkschaft der Feuerwehr, der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan sowie die Gruppe Grenfell United, die die Opfer des Grossbrands vertritt. Unter dem Schlagwort «End the Cladding Scandal» haben Tausende BürgerInnen in den vergangenen Wochen Proteste im ganzen Land abgehalten.
Für Saha geht die Geschichte weiter. Ein neuer Feueralarm ist zwar in ihrem Block installiert worden, und die Feuerpatrouille ist weg. Aber das Alarmsystem erfordert eine Aufsichtsperson, die es rund um die Uhr betreut. Dafür fehlt den LeaseholderInnen das Geld – und so legen sie erneut selbst Hand an. Saha übernimmt drei Tage in der Woche den Posten als Brandschutzwartin, sie trägt dann stets einen Pager und ein Diensttelefon bei sich – beide liegen auch jetzt neben ihrem Computer – und darf das Gebäude nicht verlassen. «Es ist ein hochsensibler Alarm, er geht ständig los. Sobald jemand Toast verbrennt, muss ich losrennen und untersuchen, ob es ein falscher Alarm ist oder nicht», erklärt Saha. «72 Stunden am Stück mache ich das – nicht einmal zum Milchholen darf ich aus dem Haus.»