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Immer am 6. August um 8.15 Uhr wird es still im grossen Friedenspark von Hiroshima. Und dann, nach einer Schweigeminute, verlesen verschiedene WürdenträgerInnen, unter ihnen der Premierminister, ihre Wünsche für den Weltfrieden. So wird es auch in diesem Jahr sein, auch wenn aufgrund der Pandemie diesmal keine ausländischen Gäste auftreten werden. Die BesucherInnen gedenken der Opfer eines der schrecklichsten Momente der Menschheit, des ersten Atombombenabwurfs auf bewohntes Gebiet. Bis zu 80 000 Menschen waren sofort tot, bis Ende des Jahres starben – je nach Schätzung – weitere 10 000 bis über 90 000 Menschen.
In Nagasaki, wo bis Ende des Jahres 1945 zwischen 60 000 und 80 000 Menschen getötet wurden, wiederholt sich dasselbe Schauspiel jeweils drei Tage später, am 9. August. Und seit 1994 reicht Japan immer gegen Jahresende eine Resolution zur Abschaffung von Atomwaffen bei der Uno-Generalversammlung ein. Als bislang grösstes Atombomben0opfer fühlt sich der Staat dazu berufen. Aber auch wenn solche steten Friedensbekundungen anderes erahnen liessen: Das offizielle Japan kam seiner moralischen Pflicht zur historischen Aufarbeitung nie wirklich nach. Mit verheerenden Folgen.
Geschockt und allergisch
Bereits im März 1954, also bloss zwei Jahre nach dem Ende der US-Besatzung, gleiste Japan sein erstes eigenes Atomprogramm auf. Ziel war es, mit US-Hilfe möglichst rasch ein Atomkraftwerk auf japanischem Boden zu bauen. Gleichzeitig begannen einige japanische Politiker, darunter der spätere Ministerpräsident Yasuhiro Nakasone, von einer eigenen Atombombe zu träumen: Auf diesem Weg sollte Japan wieder in den Kreis der Grossmächte zurückkehren.
Entsprechende Pläne stiessen jedoch auf ein unerwartetes Hindernis: Der Schock vom August 1945 hatte in der Bevölkerung grössere Spuren hinterlassen; es hatte sich eine eigentliche Atomallergie breitgemacht. Deren ersten Ausbruch erlebte das Land bereits im März 1954, als bei einem US-Atomtest auf dem Bikini-Atoll mitten im Pazifik das japanische Fischerboot «Glücklicher Drache Nummer 5» samt Besatzung und Fang radioaktiv kontaminiert wurde. In der Folge entstand eine landesweite antiamerikanische Protestbewegung; viele JapanerInnen glaubten, einem dritten US-Atomangriff ausgesetzt zu sein.
Auf diese Stimmung antworteten die Regierungen Japans und der USA mit intensiver Propaganda. Die Atomkraft wurde rhetorisch zweigeteilt: in eine kommerzielle oder «friedliche» Nutzung, die der Energiegewinnung dient, und – davon abgetrennt – die zerstörerische, militärische Nutzung, von der Japan offiziell Abstand nahm. Das offizielle Versprechen lautete fortan: Die totale Vernichtung der Städte Hiroshima und Nagasaki habe gezeigt, welch ungeheure Kraft in der Atomspaltung stecke. Es würden sich riesige Möglichkeiten und paradiesische Zukunftsaussichten eröffnen, falls es gelinge, diese Technik für die Energiegewinnung zu nutzen. Und weil die Atomtechnik von den USA eingekauft wurde, vermochten diese ihr Ansehen in Japan wieder zu steigern.
Als erste Atomanlage ging im Jahr 1966 der Meiler Tokai 1 in der zentraljapanischen Präfektur Ibaraki ans Netz. Der Jubel in der Bevölkerung war gross. Wer von der Atomenergie noch immer nicht überzeugt war, wurde oft mit Geld bestochen – etwa in Form von Subventionen für die BewohnerInnen an den Standorten der Kraftwerke. Kritik wurde zudem von medialer Propaganda übertönt: Die grössten regionalen AKW-Betreiber kauften sich in Lokalzeitungen ein oder liessen in den grossen Tageszeitungen intensiv Anzeigen schalten.
Der Mythos von der Sicherheit
Die Atomallergie der JapanerInnen liess sich aber nur grundlegend überwinden, wenn eine zentrale Bedingung glaubhaft erfüllt werden konnte: «Die Atomkraftwerke mussten für absolut sicher erklärt werden», sagt Tatsujiro Suzuki, Vizedirektor am Forschungszentrum für die Abschaffung von Atomwaffen (RECNA) der Universität Nagasaki. Die japanische Atomindustrie hat damals ganz unverfroren behauptet, ihre Technologie sei anders strukturiert als jene im Ausland und deshalb punkto Sicherheit die beste der Welt. Als «Anzen Shinwa» ist der Sicherheitsmythos bekannt, der so entstanden ist und dem ein Grossteil der Bevölkerung Glauben geschenkt hat.
Natürlich gab es auch kritische Stimmen wie etwa den Atomwissenschaftler Hiroaki Koide, ein bekanntes Gesicht der japanischen Antiatomkraftbewegung. In jungen Jahren sei er von der Atomkraft fasziniert und überwältigt gewesen, sagt der Wissenschaftler, doch sei er schon während des Ingenieurstudiums zu Beginn der siebziger Jahre zur Erkenntnis gelangt, dass eine Trennung zwischen friedlicher und militärischer Atomnutzung keinen Sinn ergebe. Schliesslich handle es sich um die gleiche Technologie – und um die gleichen Sicherheitsfragen. «Im Gebiet mit den weltweit häufigsten Erdbeben von absolut sicheren AKWs zu sprechen, ist ein Skandal», sagt er. Erst mit der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 kippte die atomfreundliche Stimmung bei der Bevölkerungsmehrheit zumindest zwischenzeitlich; drei Jahre lang herrschte viel Misstrauen gegenüber den Kraftwerksbetreibern. Doch obwohl in den Neunzigern AKW-Unfälle aus aller Welt vermehrt den Weg in die japanischen Medien fanden, ging der Antiatomkraftbewegung die Luft aus. In der Bevölkerung machte sich Desinteresse breit. Die Überzeugung, dass ein grösserer Atomunfall in Japan völlig unrealistisch sei, setzte sich wieder fest.
Für die Sicherheitsstandards der AKWs hatte der Sicherheitsmythos verheerende Folgen. Höhere Mauern etwa, die Atomreaktoren vor Flutwellen schützen sollten, wurden auch deshalb nicht gebaut. Wo es zu Unfällen kam, wurden diese vertuscht oder in der Öffentlichkeit heruntergespielt, Sicherheitsberichte wurden gar gefälscht. Als am 11. März 2011 ein Erdbeben der Stärke 9,0 auf der Richterskala den Nordosten der japanischen Inselkette erschütterte, kam es zum Super-GAU. Denn der folgende Tsunami überschwemmte das Stromnetz und die Notstromaggregate des AKW Fukushima Daiichi und verhinderte den Betrieb der Kühlsysteme. Es kam zur Kernschmelze und zur Kontaminierung ganzer Landstriche und des Meerwassers mit radioaktiven Stoffen.
Die Macht des «Atomdorfs»
Die Katastrophe von Fukushima wirkte sich wohl auf die Atomenergiepolitik von Regierungen anderswo aus, in Japan aber macht die Regierung von Premierminister Shinzo Abe, der seit Ende 2012 im Amt ist, keine Anstalten, aus der Atomenergie auszusteigen. Dies, obwohl gemäss Umfragen rund die Hälfte der Bevölkerung eine schrittweise Abkehr befürwortet. Derzeit sind zwar nur noch 9 von einst 54 Atommeilern am Netz, aber noch immer ist das «Atomdorf» – so wird der Zusammenschluss der entsprechenden Interessengruppen genannt – stark genug, um Ausstiegspläne zu unterbinden. Solche hätten manche grosse Abschreibungen zur Folge. Als Atomtechnik exportierendes Land würde Japan zudem schlecht dastehen, sollten eines Tages keine eigenen AKWs mehr laufen. Und für die SympathisantInnen einer japanischen Atombombe, zu denen auch der Rechtskonservative Abe gehört, würde ein Atomausstieg wohl nicht nur symbolisch die Zertrümmerung dieser Träume bedeuten. Auch im Zeitalter von Abes Remilitarisierungsrhetorik ist die Atomallergie in der Bevölkerung immerhin noch gross genug, um eine echte öffentliche Debatte über ein japanisches Atomwaffenprogramm zu verhindern.
«Als Anführer der globalen Antiatombewegung – eine Rolle, die uns aus historischer Perspektive eigentlich zustehen würde – taugt Japan aber bis heute nicht», sagt Akihiro Yamamoto, ein Medienschaffender und Atomwaffenexperte. Schon allein durch die Tatsache, dass es sich unter dem US-Atomschirm befinde, habe das Land jede Glaubwürdigkeit verspielt, sagt Yamamoto.
Dazu kommt, dass Japan 46 Tonnen waffenfähiges Plutonium hortet – genug Material, um mehrere Tausend Atomsprengköpfe von der Nagasaki-Kategorie zu bauen. Rein technisch gesehen steht das Land von allen heutigen Nichtatommächten dem Bau einer Atombombe wohl am nächsten.So ist es letztlich kein Wunder, dass sich die japanische Regierung darum bemüht, das öffentliche Erinnern an Hiroshima und Nagasaki in einem überschaubaren Rahmen zu halten. Auch 75 Jahre danach.