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Braucht es die Gymi-Prüfung überhaupt?
Eine Carte Blanche von Res Marti*.
Alle Eltern wünschen sich für ihre Kinder eine gute Ausbildung. Mindestens derselbe oder ein höher bewerteter Bildungsabschluss als der eigene soll es sein. Auch wenn die Schweiz über ein ausgezeichnetes duales Berufsbildungssystem verfügt, wünschen sich immer mehr Eltern für ihre Kinder die Matura. Nichts scheint eine bessere Garantie für den Erfolg, als ein Platz am Gymnasium.
Diese Plätze sind aber beschränkt, und dies wird sich in naher Zukunft aus politischen Gründen auch kaum ändern. Wenn aber immer mehr Eltern sich für ihre Kinder eine Matura wünschen, so wird der Kampf um die Gymiplätze zunehmend härter.
Welche Jugendlichen sollen nun die wenigen begehrten Plätze am Gymi bekommen? Natürlich die besten, die gescheitesten, die leistungsfähigsten. Andere Kriterien – zum Beispiel diejenigen, die am nächsten bei den Kantonsschulen wohnen oder die Jugendlichen mit den reichsten Eltern – wären in einer Leistungsgesellschaft nicht nur ungerecht, sondern auch volkswirtschaftlich ineffizient.
Wer aber sind die Besten? Wie können wir garantieren, dass die wenigen begehrten Mittelschulplätze an die gescheitesten und leistungsfähigsten Jugendlichen vergeben werden?
In den Kantonen werden verschiedene Auswahlverfahren angewandt; am verbreitetsten sind Lehrerempfehlungen, Vornoten, Aufnahmeprüfungen, Probezeit oder eine Kombination davon. Mit 15 Jahren trat ich im Kanton Solothurn zur Kantiprüfung an. Mein Jahrgang war der einzige, in dem alle Jugendlichen eine Prüfung ablegen mussten. Davor und danach galt das nur für Schülerinnen und Schüler, welche die nötigen Vornoten nicht erreicht hatten. Trotz fehlender allgemeiner Aufnahmeprüfungen ist die Maturaquote im Kanton Solothurn mit 14,5 Prozent tiefer als im Kanton Zürich (18,5 Prozent).
Wie sind die verschiedenen Aufnahmeverfahren zu beurteilen? Vornoten und Lehrerempfehlungen haben den Nachteil, dass sie von leistungsfremden Merkmalen wie dem Gesamtniveau der Klasse, der Persönlichkeit der Lehrperson, dem Geschlecht oder der Nationalität der Schüler beeinflusst werden. Studien zeigen, dass Vornoten und Lehrerempfehlungen leider nur mittelmässig mit der Leistungsfähigkeit der Schüler zusammenhängen.
Aufnahmeprüfungen haben den Nachteil, dass sie einfach beeinflussbar sind. Gymivorbereitungskurse sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen – das Geschäft mit der professionell unterstützten Vorbereitung auf die Gymiprüfung im Kanton Zürich boomt. Nur: Die Kurse sind teuer und nicht für alle Eltern erschwinglich. Als Resultat wird die Gymiprüfung von den Schülern mit der besten Vorbereitung bestanden. Das führt dazu, dass 59,8 Prozent der Kinder im Schulkreis Zürichberg an die Kantonsschule gehen, während es im Schulkreis Schamendingen gerade mal 9,8 Prozent sind und im Zürcher Weinland 13,2.
Zu behaupten, dass am Zürichberg sechsmal mehr intelligente Kinder wohnen als in Schwamendingen, wäre anmassend. Das Wettrüsten für die Aufnahmeprüfungen führt dazu, dass einige der begehrten Plätze am Gymnasium von mittelmässig begabten Jugendlichen besetzt werden, während leistungsfähigere, aber weniger professionell vorbereitete Kinder keinen Gymiplatz bekommen.
Die Probezeit als Auswahlverfahren hat den Vorteil, dass sich Schülerinnen und Schüler über eine längere Zeit beweisen müssen. Eine stabile Leistung über ein halbes Jahr lässt sich ungleich schwieriger durch Nachhilfekurse beeinflussen. Natürlich ist auch die Probezeit nicht ein perfektes Messinstrument für die Leistungsfähigkeit. Die Selektion ist wie bei den Lehrerempfehlungen und Vornoten vom Umfeld abhängig und kann durch Nachhilfe zusätzlich beeinflusst werden.
Das jetzige System der Aufnahmeprüfungen im Kanton Zürich ist mit dem Auseinanderklaffen zwischen Angebot und Nachfrage nach Gymiplätzen aber so nicht mehr haltbar. Für eine fairere Verteilung der Zugangschancen braucht es Anpassungen am System. Denn für den Eintritt ans Gymi muss tatsächlich die Leistung zählen.
*Res Marti ist Kantonsrat in Zürich (Grüne). Beruflich ist er Sozialwissenschaftler und hat sich über Jahre mit Kinder- und Jugendforschung beschäftigt. Mit einer parlamentarischen Initiative fordert er die Anpassung des Aufnahmesystems für die Mittelschulen im Kanton Zürich.