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Die Szene: Ein stilloser Saal eines Hotels in einer mittelgrossen, mittelschönen und mittelbeliebten Stadt. Eine Veranstaltung, in der sich verschiedene Menschen über faire Anstellungsverfahren unterhalten. Der Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt soll entgegengewirkt werden. Die Intention: Eine scheinbar Progressive.
Der Saal wirkt zu gross und zu spärlich eingerichtet. Vorne in der Mitte befindet sich eine breite Bühne, auf der ein winzig wirkender Tisch steht. Die Teilnehmenden der Veranstaltung – darunter ich – sitzen an drei grossen Tischen verteilt, die freundlicherweise mit einer Auswahl an Wasser (ja, auch «Pläterliwasser») und Gläsern ausgestattet sind.
Die anderen Teilnehmenden, mit einer Ausnahme allesamt weiblich gelesen, im Durchschnitt wohl um die 35 Jahre alt, sind formell angezogen. Darunter findet sich eine Varietät aus cremefarbenen Saccos, unifarbenen Blusen, Stoffhosen und galanten Röcken, meist in Kombination mit hellen, sauberen Sneakers. Hier verhalten sich alle «ganz professionell».
Eine (nicht ganz so vielfältige) Mischung von Menschen «aus der Praxis». Sie sind Unternehmer*innen, Angestellte bei Versicherungen, arbeiten im HR- oder im Tech-Bereich. Die Atmosphäre wirkt neoliberal anmutend, was sich nicht zuletzt im angekündeten «Networking-Lunch», der an die Veranstaltung angrenzt, manifestiert.
Während der Veranstaltung fällt wiederholt das Wort «Diversität». Dennoch wird in den Redebeiträgen der Anwesenden stets dasselbe Beispiel angeführt: Der ungleiche Zugang zum Arbeitsmarkt für Frauen (und damit sind Cis-Frauen gemeint). Alle Teilnehmenden meiner Gruppe bestehen stark darauf, dass es hier primär darum ginge, bessere Bedingungen für Frauen zu schaffen, Vorurteile gegenüber Frauen zu überwinden im Anstellungsprozess.
Versteht mich nicht falsch, natürlich will ich das auch. Und das wollten auch schon Aktivist*innen vor 100 Jahren! Doch kann es doch nicht sein, dass im Jahr 2023 beim Stichwort «Diversität im Anstellungsprozess» noch immer kein Bewusstsein für, oder zumindest keine Priorisierung von, anderen Unterdrückungsformen vorhanden ist. Der Tenor lautet: Erst das Problem zwischen den binären Geschlechtern lösen, dann kommen alle anderen. Diskriminierungsmuster beruhend auf Rassismus, Ableismus, Gender-Identität oder sozialem Status werden – wenn überhaupt – nur am Rande gestreift.
Die Teilnehmenden lesen Dossiers von fiktiven Bewerbenden und sollen diese bewerten. Die Pronomen sind jeweils in der Bewerbung angemerkt. Bei einer weiblich gelesenen Person steht als Pronomen «they». Die Diskussion über die Bewerbungen ist rege, und unhinterfragt bezeichnen alle Anwesenden diese Person als «sie». Zur Erinnerung: Diese Leute sind allesamt hier, weil sie ein Interesse daran haben, Diskriminierung in Anstellungsprozessen zu minimieren. Als ich die Gruppe frage, warum sie das Pronomen «sie» verwenden, reagieren einige verunsichert, nicht abwehrend. Sie hätten gedacht, dass «sie» das neutrale Pronomen sei auf Deutsch. Ich frage mich im Stillen, ob sie wohl auch eine männlich gelesene Person als «sie» bezeichnet hätten.
Und dann noch was. Immer wieder wird es gesagt, und ich kann es nicht mehr hören. Wie ein Mantra wiederholen die Teilnehmenden: Bei gleicher Qualifikation sollen Angehörige gesellschaftlich diskriminierter Gruppen bevorzugt werden. Bei gleicher Qualifikation. Soft skills. Fähigkeiten. Und wirklich niemensch scheint sich zu fragen, ob eventuell genau hier der Kern der Diskriminierung liegen könnte. Denn wie kommen Menschen zu ihren Qualifikationen, Skills, Fähigkeiten? Der*die Leser*in wird die Antwort kennen. Privilegien. Natürlich ist es für eine mehrfachdiskriminierte Person de facto schwieriger, an dieselbe Bildung, und insbesondere dieselbe Arbeitserfahrung zu gelangen. Und all das genau aufgrund der Diskriminierung, der doch mit diesem Workshop entgegengewirkt werden sollte.
Das oberste Gebot, da scheinen sich alle einig zu sein, ist: Die «bestgeeignete» Person zu finden. Und diese sollte – selbstverständlich – auch noch ausgezeichnet ins Team passen. Nun fragen wir uns doch alle einmal gemeinsam: Wer passt denn wohl am besten in ein Team von wohlhabenden, alten, weissen cis-Männern?