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Es geht um viel mehr als nur Geld
Sommerserie Sportmonnaie (2/5) Der Bottenwiler Roger Bolliger will 2020 in Tokio unbedingt nochmals an den Paralympics teilnehmen. Dies, obwohl der Paracycler den grössten Teil seiner Sportkarriere aus eigener Tasche bezahlen muss.
Im Paracycling gehört Roger Bolliger zur Weltspitze. Der 42-Jährige aus Bottenwil hat schon an mehreren Weltmeisterschaften teilgenommen und ist an den Paralympics in Rio im letzten Jahr sowohl im 3000 Meter-Verfolgungsrennen auf der Bahn (9.), als auch im Einzelzeitfahren auf der Strasse (10.) in die Top 10 gefahren.
Um solche Spitzenresultate erzielen zu können, trainiert Roger Bolliger wie ein Profisportler. Mit einem Unterschied: Er verdient dabei nichts. Im Gegenteil. Er muss den grössten Teil der Kosten aus der eigenen Tasche bezahlen. Jede Woche trainiert Roger Bolliger zwischen 10 und 25 Stunden. Je nachdem, in welcher Phase seines Trainings er sich gerade befindet. Von Montag bis Mittwoch arbeitet er bei der Firma Herby Print in Kölliken in einem 30-Prozent-Pensum als Kaufmann. Den Rest der Woche verbringt er zumeist in Davos, wo er eine kleine Wohnung gemietet hat. «Dort habe ich ideale Trainingsbedingungen und kann auch noch die Infrastruktur der Zürcher Höhenklinik in Clavadel nutzen», sagt Bolliger, der 2002 bei einem Arbeitsunfall sein rechts Bein verloren hat.
Fast 30 000 Franken jährlich
Seit 2004 fährt Roger Bolliger Velorennen. Seit 2010 auf «professionellem Niveau», wie er sagt. Bei der Teilnahme an den Paralympics in Rio hat er Blut geleckt. «Ich will unbedingt nochmals an den Spielen teilnehmen. Tokio 2020 ist mein grosses Ziel», sagt Bolliger. Und diesem Ziel ordnet er vieles unter. Er trainiert akribisch nach einem Trainingsplan, um sein Potenzial voll auszuschöpfen, und bestreitet bis zu 40 Rennen pro Jahr. Die meisten davon im Ausland.
Obwohl der Verband die Kosten für Hotels und Verpflegung im Rahmen der Renneinsätze übernimmt und auch Nationaltrainer Daniel Hirs bezahlt, fallen für Roger Bolliger Kosten in der Höhe von bis zu 30 000 Franken jährlich an. Und das, obwohl er aufgrund des grossen Trainingsaufwandes bereits sein Arbeitspensum auf 30 Prozent reduziert hat und sämtliche Ferien- und Freitage für den Sport opfert.
Auf rund 5000 Franken belaufen sich die Kosten für die Reisen, Verpflegung und Unterkünfte während den Trainings. Beinahe das Doppelte kosten die Reisen an die Wettkämpfe im Ausland, die Roger Bolliger wenn immer möglich mit seinem Mini-Van bestreitet. «Ich fahre bis zu 20 000 Kilometer pro Jahr», sagt Bolliger, der bei sich im Auto fast immer noch andere Athleten, Trainer oder Mechaniker mitnimmt.
Sponsor als Glücksfall
Ebenfalls ein grosser Budgetposten ist das Material. Bolliger besitzt ein Rennrad, ein Zeitfahrrad und ein Bahnrad. Jedes davon ist im Vergleich zu normalen Profirädern leicht modifiziert aufgrund der Tatsache, dass Bolliger nur mit seinem linken Bein fährt, und kostet rund 10 000 Franken. Um Kosten zu sparen, fährt Bolliger bis zu vier Jahre lang mit demselben Rad. Wenn immer möglich übernimmt er auch die Reparaturarbeiten selber. Seit diesem Jahr erhält er sein Material von einem Sponsor. «Das ist natürlich absolut grossartig und riesiger Glücksfall», freut sich Bolliger, der trotz einigen Privatsponsoren und der Unterstützung des Verbandes den Grossteil der Kosten für seine Radsportkarriere selber tragen muss.
Kommt erschwerend hinzu, dass es im Paracycling-Sport keinerlei Preisgeld zu gewinnen gibt. Nicht einmal im Weltcup. «Ich trainiere wie ein Profi, verdiene dabei aber keinen Franken», fasst Bolliger seine Situation zusammen. Er sagt dies aber nicht verbittert oder verärgert. Es ist einfach eine nüchterne Feststellung.
Bei Roger Bolliger steht der finanzielle Aspekt ohnehin nicht im Vordergrund. Für ihn hat der Sport eine ganz andere, viel grössere Bedeutung. «Für mich ist der Sport Lebensqualität. Ich kann meine Passion ausleben, kann mich mit vollem Einsatz einem Ziel widmen und erlebe dabei unglaublich viel. Es steckt natürlich viel harte Arbeit dahinter, aber dadurch bin ich fitter und kann trotz meinem Handicap viele Dinge tun, die ich ohne den Sport nicht tun könnte», sagt Bolliger. So gesehen ist der finanzielle Aufwand ein vergleichsweise geringer Preis, den Roger Bolliger bezahlen muss. (von Fabio Baranzini)