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Mein Traum - die Besteigung eines Achttausenders
ein Traum
die Besteigung eines Achttausenders
Alain Fénart, Moutier
Der Gasherbrum IV ( 7925 m ) im Licht der untergehenden Sonne 109 — Vorbereitung Die Besteigung eines Achttausenders ist der Traum vieler Alpinisten, aber meist fehlen ihnen die Möglichkeiten zur Ausführung. Eine Expedition erfordert in persönlicher und finanzieller Hinsicht einen grossen Aufwand. Das Abenteuer ohne gründliche Vorbereitung zu wagen, ist meiner Meinung nach zu gefährlich; man sollte vielmehr versuchen, alle Vorteile auf seiner Seite zu haben. Und selbst unter den besten Voraussetzungen sind Erfolge nach wie vor selten.
Die wichtigsten Punkte, auf die hin man sich selbst prüfen muss, sind die Wirkung extremer Höhen und diejenige grosser Kälte auf den eigenen Körper, ausserdem die Reaktion auf ein Zusammenleben auf kleinstem Raum. Solche Selbstprüfungen sind -vielleicht mit Ausnahme der letzten - bei uns kaum durchzuführen. Es gilt also, unter Bedingungen zu trainieren, die denen der geplanten Unternehmung vergleichbar sind.
Wie verhält sich der Körper eines Alpinisten in grosser Höhe? Es gibt nur eine Möglichkeit, das zu erfahren: Man muss aufsteigen. Doch wohin soll man gehen? Ein wenig bekanntes Gebiet ist der Pamir in der Grenzregion von UdSSR, China und Afghanistan. Dort findet der Bergsteiger drei Gipfel über 7000 m, jeder mit Höhenunterschieden von mehr als 3000 m. Diese Gegend habe ich für meinen ersten Test gewählt. Im August 1984 hatte ich Gelegenheit, den mit 7495 m höchsten Gipfel der UdSSR, den Pik Kommunizma ( oder Kommunismus ), zu besteigen. Um meine Widerstandskraft gegen Kälte zu erproben, habe ich mich für arktische Gebiete entschieden, genauer gesagt, für Alaska und den Mount McKinley, der als kältester Berg der Erde gilt. Diese Erfahrung war für mich sehr nützlich, denn ich war dort ausserordentlich niedrigen Temperaturen ausgesetzt. Diese beiden Expeditionen waren Abenteuer im vollen Sinn des Wortes und mit allen dazugehörenden Risiken; das gehörte zu dem Plan, den ich mir im Hinblick auf das angestrebte Ziel gemacht hatte. Dank dieser beiden Erfahrungen war es nun nicht mehr unvernünftig, einen Versuch an einem Achttausender ins Auge zu fassen.
Ende 1985 bot sich die Gelegenheit: der Broad Peak. Nachdem ich mir die Sache gründlich überlegt hatte, beschloss ich, an der Expedition teilzunehmen, und leitete die nötigen Schritte ein.
Einige Bemerkungen zu Geographie und Geschichte Der Broad Peak ist mit 8047 m der zwölft-höchste Gipfel der Erde. Er liegt in der Karako-rum-Kette, zu der noch drei weitere Achttausender gehören: Chogori oder K2 ( 8611 m ), Gasherbrum I ( 8068 m ), Gasherbrum II ( 8035 m ). Sie erheben sich am Rande des berühmten Baltoro-Gletschers, der mit einer Länge von 58 km und einer Fläche von 755 km2 einer der grössten ist.
Die Karakorum-Kette auf der chinesisch-pa-kistanischen Grenze gehört zu Kashmir. Sie ist vom Himalaya durch den Indus geschieden, der im tibetischen Hochland entspringt, Pakistan durchläuft und südlich Hyderabad in den Indischen Ozean mündet.
Das Karakorum-Gebiet wurde vor allem durch den Engländer Conway um 1890 und dann 1909 durch Amadeus von Savoyen, Herzog der Abruzzen, erkundet. Die ersten Besteigungsversuche konzentrierten sich offensichtlich auf den K2, der 1954 durch die Italiener Compagnoni und Lacedelli, vor allem dank der Beteiligung des jungen Alpinisten Walter Bonatti, bezwungen wurde.
Am 7. Juli 1956 erreichten Larch, Moravec und Willenpart den Gipfel des Gasherbrum II. Vier anderen Österreichern, Schmuck, Wintersteller, Diemberger und Buhl, gelang am 9. Juni 1957 die Besteigung des Broad Peak. Der vierte dieser Giganten, der Gasherbrum I, wurde 1958 von den Amerikanern Kauffmann und Schoening bezwungen.
Unsere Expeditionsgruppe hat acht Mitglieder: fünf Schweizer, einen Österreicher, eine Österreicherin, einen Deutschen \ Sie wird von Frank Tschirky aus Davos geleitet. Am 31. Mai 1986 verlässt die Gruppe Europa mit dem Ziel Pakistan.
Der Staat Pakistan wurde am 15. August 1947 aus den überwiegend mohammedanischen Teilen British-Indiens geschaffen, blieb aber zunächst, bis zur Anerkennung von Bangla Desh im Januar 1972, noch innerhalb des Commonwealth. Die Bevölkerung besteht zum weitaus grössten Teil aus Muslimen und zu einem sehr kleinen Teil aus Hindus — für die soziale Gliederung ist in diesem Land die Reli-gionszugehörigkeit entscheidend. Zwischen Pakistan und dem gleichzeitig entstandenen Nachbarstaat Indien bestehen, vor allem wegen des Gebietes von Kashmir, nach wie vor 1 Expeditionsmitglieder: Frank Tschirky ( CH ), Bruno Sprecher ( ch ), Hans Kaiser ( ch ), Daniel Schär ( ch ), Alain Fénart ( CH ), Sebastian Hölzl ( A ), Henriette Eberwein ( A ), Rudi Dufner ( D ) erhebliche Spannungen, die ständige Guerilla-kämpfe im Karakorum zur Folge haben. Kashmir, das von beiden Staaten beansprucht wird, ist heute ein durch eine von der UNO festgelegte Demarkationslinie geteiltes Land: Der Osten gehört zu Indien, das nordwestliche Gebirgsland zu Pakistan.
Islamabad / Rawalpindi Ich habe einige Schwierigkeiten, mich an die Lebensformen in diesem Land zu gewöhnen. Wir brauchen mehrere Tage, um auch nur anzufangen, uns von unseren Vorstellungen zu lösen. Die Umstellung ist um so krasser, als wir auch noch mitten in den Ramadan geraten sind. Wir holen uns unser auf dem Luftweg eingetroffenes Material, besorgen Lebensmittel, die noch notwendig sind und anschliessend zu Lasten von je 25 Kilo abgepackt werden müssen. Die Nahrung für die Träger wird in der Hauptstadt eingekauft, denn Mehl und Salz sind in den Dörfern, durch die wir kommen werden, häufig mit Sand vermischt.
Bei der Besprechung im Tourismusministerium wird alles aufs genaueste geprüft: Identität der Expeditionsteilnehmer, Versicherung, Bewilligung und - und - und. Wir lernen Raja, unsern Verbindungsoffizier, kennen, einen zwanzigjährigen Leutnant, dessen erste Expedition das sein wird.
Nach Norden Wir möchten zunächst nach Norden, nach Skardu, doch das Flugzeug kann nur bei gutem Wetter starten. Da die Vorhersage schlecht ist, beschliessen wir, nicht weiter kostbare Zeit durch das Warten auf einen nicht gesicherten Flug zu verlieren und den Weg mit dem Bus zurückzulegen.
Der Karakorum Highway, eine in fünfzehn Jahren von mehr als 20000 Menschen gebaute Strasse, führt uns durch wüstenartige Gebiete, Reisfelder und einige hundert Kilometer den Indus aufwärts nach Skardu, der Hauptstadt von Baltistan.
Dort erledigen wir die letzten Kleinigkeiten und besorgen uns schon die Hälfte der Träger. Die zwei Tonnen Material werden auf von Traktoren gezogene Anhänger verladen. Nach einer letzten Nacht im Hotel K2 machen wir uns auf den Weg nach Dassu. Nichts mehr von Strassen! Jetzt gibt es nur noch durch weite Sandflächen verlaufende Pisten. Nachdem wir die Hängebrücke über die schäumenden schwärzlichen Wasser des Indus passiert haben, kommen wir schliesslich auf grundlosen Wegen in das Tal von Shigar. Hier gibt es grüne Oasen, in deren Mitte sich Dörfer zusammendrängen. Eine Panne unseres Jeep zwingt uns zu einem längeren Aufenthalt. Wir benutzen ihn, um einige Worte mit dem Lehrer des Dorfes zu wechseln und mit den Menschen von Baltistan bekannt zu werden. Mit den herbeigeeilten Kindern veranstalten wir sogar ein kleines Volleyballspiel. Anfang des Nachmittags kommen wir in Dassu, dem
Der Anmarsch Wir brauchen nicht nach Trägern zu suchen. Sie sind da, drängen sich mit unbeschreiblichem Lärm in der Hoffnung, dass wir sie einstellen. Unser Verbindungsoffizier arbeitet mit peinlicher Sorgfalt genau nach Vorschrift, wodurch die Sache nicht schneller geht. Wir brauchen sieben Stunden, bis alles erledigt ist. Uns treibt das besonders zur Verzweiflung, weil eine österreichische Expedition neben uns dank eines erfahrenen Offiziers dasselbe in weniger als zwei Stunden schafft. Die Lasten sind alle mehr oder weniger gut zu tragen. Um endlose Auseinandersetzungen zu vermeiden, werden die Träger der Reihe nach aufgerufen, jeder erhält eine Nummer und holt sich dann die entsprechende Last. Auf diese Weise geht die Verteilung schnell vor sich. Die Träger machen sich unter Führung eines Man- Reich verzierter und bemalter Lastwagen auf dem Karakorum Highway nes, der Marschrhythmus und Etappen bestimmt, auf den Weg zum Basislager.
Damit beginnt der lange Weg den Braldo aufwärts. Er ist schwierig und gefährlich und führt uns - manchmal fast auf dem Niveau des Wasserspiegels, dann über hohe, unsichere Moränen, in tiefe Schluchten und auf der andern Seite wieder hinauf - in drei Tagen nach Askole, dem letzten bewohnten Ort des Tales.
Verständigungsschwierigkeiten setzen unsern Beziehungen zu den Trägern enge Grenzen; jeder ist vorsichtig, beobachtet und versucht, die Achillesferse des andern zu entdecken. Ein falsch verstandenes Wort, eine missdeutete Geste können manchmal einen Streik zur Folge haben. Doch mit dem Auftreten technischer Schwierigkeiten ändern sich die Verhältnisse, eine Hilfestellung, eine freundliche Geste, ein Dankeschön entspannen die Atmosphäre. Wenn es auf dem Hinweg unzählige Schwierigkeiten gab, so verlief der Rückweg, vor allem dank Takt und Fingerspitzengefühl, aufs beste.
Eine Expeditionsinflation In den letzten Jahren hat die Regierung mehr und mehr Expeditionen die Genehmigung erteilt, in den Baltoro vorzudringen. So Der Bergriese Chogori-K 2 ( 8611 m ) Der Broad Peak ( 8047 m können zahllose Alpinisten diese Regionen besuchen, ohne vorher auf endlosen Wartelisten « anzustehen ). Im Gegenteil, sehr viele Expeditionen benutzen denselben Weg auf denselben Gipfel, was zu einem Gedränge in den Höhenlagern führt. Das Basislager des K2 ist ein richtiges kleines Dorf mit mehr als hundert Menschen.
Wenn die Träger einige Expeditionen begleitet haben, sind sie der Meinung, genug Geld verdient zu haben, und kehren in ihr Dorf zurück. Manchmal muss man dann über eine Woche warten, bis eine neue Mannschaft zusammengestellt ist.
Man kann sich fragen, warum die Behörden der Genehmigung zum Besuch dieser Gebiete nicht mehr Schwierigkeiten in den Weg legen. Die offizielle Erklärung, man wolle vielen Alpinisten Gelegenheit geben, die hohen Gipfel des Landes zu ersteigen, ist nicht der einzige Grund. Die Expeditionen sind eine ausgezeichnete ( Milchkuh ), und das muss ausgenutzt werden! Eine Genehmigung, den K2 zu besteigen, ein einfaches Stück Papier, kostet 8000 Franken. Wer sich an den Gasherbrum I, Gasherbrum II oder Broad Peak wagen will, muss vorher erst einmal 6000 Franken zahlen. Ausländische Expeditionen sind also eine vorzügliche Einnahmequelle.
Ein weiterer Grund für die Anwesenheit so vieler ausländischer Bergsteiger in diesem Teil von Kashmir könnte durch die Hoffnung der pakistanischen Regierung gegeben sein, auf diese Weise ein weiteres Vordringen der indi- sehen Armee zu verhindern, die zur Zeit unseres Aufenthalts den dem Baltoro-Gletscher benachbarten, ebenfalls pakistanischen Sia-chen-Gletscher besetzt hält. Eine leider nicht nachprüfbare, aber einleuchtende Hypothese.
In den Dörfern, durch die wir kommen, fühlen wir uns ins tiefste Mittelalter versetzt. Alles Grün ist dem Boden mit Hilfe eines Bewässerungssystems abgerungen, das unseren Walliser Suonen gleicht. Die Kornmühlen werden mit Wasserkraft betrieben. Das Wasser wird in hölzernen Leitungen zum Mühlrad geführt, das die Mühlsteine antreibt. Man trifft am Anfang der Siedlungen auf mehrere solcher Mühlengruppen. Der Eingang zum Dorf wird durch eine feste Schranke gesichert, die man jeweils übersteigen muss. Merkwürdig -vor allem angesichts der entwickelten Müh-lentechnik-, dass die Bewohner nicht ein System einer schwenkbaren Barriere ausgebildet haben. Jede Hausgruppe ist zum Schutz gegen wilde Tiere von Mauern aus einem Stroh-Lehm-Gemisch, bekrönt von dornigem Gebüsch, umgeben.
In dieser Männergesellschaft arbeiten die Männer im allgemeinen wenig, sie schwatzen endlos miteinander, verdingen sich andererseits aber auch als Träger, um etwas Geld ins Haus zu bringen. Der Dorfvorsteher hat die Aufgabe, die Gebühren einzuziehen. Die Felder werden ausschliesslich von Frauen und Kindern besorgt. Die Dörfler leben sehr zu- rückgezogen, ohne viel Verkehr mit ihren Nachbarn. Heiraten zwischen nahen Verwandten haben Degenerationserscheinungen zur Folge; man sieht viele Behinderte, die in die Gemeinschaft integriert sind. Auch mehrere unserer Träger wirkten leicht schwachsinnig, doch sie trugen ihre Lasten wie die andern.
Beginn des Aufstiegs Von Askole aus nehmen wir nun wirklich das Gebirge in Angriff: Auf Gletschertraversierungen und Märsche über Moränen folgen Flüsse mit einer Temperatur zwischen 2 und 4 Grad und schwierige Felspassagen. In zwei Tagen erreichen wir Payu, die letzte grüne Fläche vor dem Baltoro-Gletscher. Es ist üblich, dass dort ein Ruhetag eingelegt wird, damit die Träger die Nahrung für die langen Glet-scheretappen zubereiten können. Die Einheimischen kochen nicht auf den Benzinvergasern der Expedition, sondern ausschliesslich auf Holzfeuer. Sie tragen auch immer einen Vorrat an Holz für die nächsten Tage mit.
Wir sollten bedenken, dass in dieser Höhe, auf 3500 m, ein Baum dreihundert Jahre braucht, um eine rechte Grosse zu erreichen, dass aber nur einige Sekunden nötig sind, um ihn zu schlagen. Wenn die Regierung nicht einschreitet, wird der zunehmende Betrieb das Verschwinden von Payu zur Folge haben. Schutzmassnahmen würden allerdings nicht ohne finanzielle Konsequenzen für die Alpinisten bleiben, aber ist die Rettung eines Stückes Grün in einer unwirtlichen Region nicht ein Eisskulptur auf dem Baltoro-Gletscher kleines Opfer wert? Können wir wirklich noch ein Blatt, eine Blume, einen Baum geniessen? Nachdem wir während eines Monats nichts als Steine, Schnee und Eis gesehen haben, verstehen wir jetzt, wie wohltuend das Grün auf den Menschen wirkt: Es bedeutet tatsächlich die Rückkehr ins Leben.
Als wir auf den Baltoro-Gletscher kommen, erwartet uns ein Fest der Schönheit, eine eigentliche Freude für Augen und Herz. Vor uns erheben sich auf verhältnismässig engem Raum Gipfel mit berühmtem Namen: Trango-Türme, Masherbrum, Chogori(-K2 ), Chogolisa, Gasherbrum, Broad Peak. Der Baltoro-Glet-scher ist eher ein breites Band aus Steinen und übereinander getürmten vielfarbigen Blöcken. Die ersten Flächen mit Büssereis tauchen erst auf, als wir uns dem Konkordiaplatz nähern, wo sich der Gletscher in zwei Arme teilt, von denen einer nach Süden, in Richtung auf den Chogolisa und die beiden Gasherbrum, verläuft und der andere nach Norden, in Richtung auf den Broad Peak und den Cho-gori(-K2 ).
In der Mitte des linken Arms - des Godwin-Austen-Gletschers - schlagen wir unser Basislager auf einer Moräne in 4850 m Höhe auf. Wir verwenden mehrere Tage auf seine Einrichtung, denn es ist vorgesehen, dass wir uns hier einen Monat aufhalten. Um sich von den zunehmenden Anstrengungen zu erholen, ist ein gut eingerichtetes, praktisches und bequemes Basislager nötig. Ebenso ist ein gutes Einvernehmen innerhalb der Gruppe von grösster Bedeutung, denn eine konfliktgeladene Atmosphäre kann das ganze Unternehmen scheitern lassen.
Im Basislager vergehen wir vor Ungeduld. Unser Wunsch, zum Angriff auf den Berg auszuziehen, ist um so grosser, als das Wetter gut zu bleiben scheint. Aber wir müssen uns zusammennehmen, denn Hast kann sich nur negativ auswirken. Wir sind hin und her gerissen zwischen dem Wunsch nach sofortigem Handeln und dem wohlüberlegten Plan eines schrittweisen Vorgehens. In dem Bemühen, diese beiden extremen Neigungen miteinander in Einklang zu bringen, richten wir die beiden ersten Lager ein, zwischen denen wir in einem ständigen Kommen und Gehen den Transport des unbedingt nötigen Materials erledigen; wir haben nämlich auf die Anstellung von Hochgebirgsträgern verzichtet. Diese Wege sind ermüdend, begünstigen aber die Akklimatisierung. Bei dieser Art des Aufstiegs verzichtet man - soweit das möglich ist - auf das Anseilen; jeder steigt in dem ihm entsprechenden Rhythmus. In psychologischer Hinsicht ist das sehr viel anspruchsvoller, denn man weiss, dass man ständig auf Gedeih und Verderb den Folgen auch des mindesten Fehlers ausgesetzt ist. Man muss sich also jeder Bewegung sicher sein, Selbstvertrauen haben und seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen kennen. Die Bindung durch das Seil fehlt, die Solidarität spielt jedoch ohne Einschränkung, wenn die Situation es erfordert. Andererseits herrschen Egoismus und der Gedanke ( jeder für sich>: Wen die Kräfte verlassen, der muss sich selbst zur Umkehr entschliessen, ohne seine Kameraden aufzuhalten. In einer solchen Expedition ist der Alpinist also ein Individualist und Einzelgänger, hat aber gleichwohl die andern nötig. Für jeden, der eine solche Situation nie erlebt hat, ist sein Verhalten schwer verständlich.
Am Berg Unser Weg ist Lawinen ausgesetzt, folglich sind wir nach überaus reichlichen Schneefällen gezwungen, mehrere Tage zu warten, bis die Gefahr vorbei ist. Anfang Juli, also nach zwei Wochen im Basislager, hat sich unsere Situation kaum verändert: Im unteren Teil sind die Bedingungen zufriedenstellend, zwei Lager wurden eingerichtet, aber weiter oben kennen wir die Verhältnisse nicht.
Wir müssen Lager III einrichten. Der erste Versuch scheitert an den viel zu grossen Schneemengen oberhalb von Lager II; die Gefahr von Schneebrettern ist allgegenwärtig. Während die erste Mannschaft wieder absteigt, um sich auszuruhen, startet die zweite. Da weitere Expeditionen den gleichen Weg benutzen, können die Männer an der Spitze sich beim Spuren ablösen. Unserer zweiten Gruppe gelingt es, Material auf eine Höhe von ungefähr 6700 m zu bringen. Sie hofft, am nächsten Tag das dritte Lager einzurichten und - wenn alles gut geht - einen Versuch in Richtung Gipfel zu unternehmen.
Ein ernstes Problem beschäftigt die Gruppe, zu der ich gehöre, während eines ganzen Nachmittags. Die Spitzengruppe soll vom Gipfel zurückkehren, um die Nacht im Lager IM zuzubringen, und das kurz nach unserer Ankunft in diesem Lager. Im Lager III steht aber nur ein einziges Zelt zur Verfügung. Unter den gegebenen Bedingungen kann also die untere Gruppe ihren Versuch nicht unternehmen. Wir haben die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten: Darauf hoffen, dass das stabile gute Wetter noch ein wenig anhält, und mit unserm Angriff auf den Gipfel warten, oder aber ein zweites 116Zelt aufschlagen, was zusätzliche Lasten und Anstrengungen mit sich bringt. Das ist der einzige Weg, ein Kreuzen im letzten Lager auf 7200 m zu bewerkstelligen. Nach langer Diskussion entscheiden wir uns für diese zweite Möglichkeit, und das war gut! Alles läuft wie geplant ab: Wir kreuzen unsere drei Gefährten, die vom Gipfel absteigen. Sie sind glücklich über ihren Sieg, vor allem Henriette Eberwein, die erste österreichische Alpinistin, die einen Achttausender bestiegen hat. Sie geben uns einige beruhigende Ratschläge, machen uns aber klar, dass wir den Sieg noch lange nicht errungen haben.
In dieser Höhe kann der Magen nichts mehr aufnehmen, und wir müssen uns auf ungezuk-kerten Tee beschränken. Damit wächst das Kräftedefizit des Körpers, denn es gelingt uns nicht mehr, den täglichen Bedarf von 8000 bis 10000 Kalorien zu decken. Wir ersetzen so gut es geht den Wasserverlust, aber auch da erreichen wir den Ausgleich nicht.
Während ich in meinem Zelt auf den Schlaf warte, arbeitet mein Geist: Wird es mir gelingen, meinen ersten Achttausender zu besteigen? Im Augenblick ist alles in Ordnung, aber welche Bedingungen werden wir morgen antreffen? In einem kleinen Winkel meines Bewusstseins bin ich überzeugt, dass es mir gelingen wird. Eine der wesentlichen Voraussetzungen für den Erfolg ist ja eine starke Motivation. Man muss an ihn glauben, unaufhörlich darum kämpfen, aber auch genügend klaren Verstand bewahren, um aufgeben zu können, wenn es wirklich nötig ist.
Wird mein Traum Wirklichkeit werden?
Der grosse Tag ist angebrochen und der Sieg nur noch eine Frage der Zeit. Es herrscht eine empfindliche Kälte, Zehen und Hände sind dem Erfrieren nahe. Ich habe meine Erfahrungen vom Mount McKinley und weiss also, wie weit ich gehen darf, ohne mein Fell zu riskieren. Ist es wirklich sehr kalt? Minus 25 Grad oder noch darunter? Ich habe kein Thermometer, kann es also nicht sagen.
Der Sauerstoffmangel hat eine Vermehrung der roten Blutkörperchen zur Folge. Wassermangel und Verdickung des Blutes bewirken eine schlechte Zirkulation und eine schnelle Abkühlung der Extremitäten. Die niedrige Temperatur ist sicher unser grösster Feind.
Gegen 11 Uhr komme ich auf den Pass, der zwischen dem Mittelgipfel und dem höchsten Punkt liegt. Dort setze ich meinen Rucksack ab und lege eine Pause ein, um auf Rudi zu warten, der mir im Abstand von zehn Minuten folgt. Ich möchte die Besteigung des Grates mit ihm zusammen unternehmen, aber die Kälte geht mir durch und durch, und Rudi lässt auf sich warten. Ich mache mich also auf den Weg. Dabei folge ich Max, einem Mitglied der deutschen Expedition, der fünfzig Meter vor mir ist.
Der Wind bläst heftig, Wolken verdecken die chinesische Flanke und verbergen uns die gewaltigen Wächten, denen entlang wir das letzte Stück des Grates zurücklegen müssen. Auf halbem Wege begegne ich Daniel, der schon vom Gipfel zurückkommt; er ist in bester Verfassung. Wir kommen nur langsam voran, Rudi folgt uns in einigem Abstand. Felspassagen wechseln mit Schneestreifen. Ich erreiche Max im Augenblick, als er in Gipfelnähe kommt. Als ich mich umdrehe, sehe ich nichts von Rudi. Wo ist er? Macht er eine Pause? Ist er umgekehrt? Warum? Hat er einen Unfall gehabt? Ich habe nichts gehört, aber der Wind bläst wirklich mit ungewöhnlicher Kraft.
Auf dem Gipfel reichen Max und ich uns die Hand und machen einige Photos. Freude? Keine Spur! Trotz allem, was wir seit mehreren Tagen durchgestanden haben: nichts. Ich bin in einem merkwürdigen Zustand, bin meiner selbst nicht mehr recht mächtig, und mein Verstand arbeitet nicht mehr logisch. Schon auf dem Grat- ich hatte mich auf meinen Pickel gestützt, um wieder zu Atem zu kommen -waren mir die Augen zugefallen, als träume ich. Erst als ich aus dem Gleichgewicht geriet, hat mich die dadurch bewirkte kleine Erschütterung wieder in die Wirklichkeit zurückgebracht.
Der Händedruck zwischen Max und mir hat eine tiefe Bedeutung, ist mehr als die traditionelle gebräuchliche Geste. Ich glaube, dass sich in ihm meine ganze Freude ausgedrückt hat, eine Art Erleichterung. Endlich bin ich auf Am Anfang des Abstieges in Richtung des Basislagers diesem verwünschten . Auf einem Achttausender zu stehen, auf einem der höchsten Gipfel der Erde, und neben sich einen noch höheren Berg - den K2 - zu sehen, gibt mir ein Gefühl der Frustration. Ich habe das Gefühl, er verspottet uns, macht sich über unsere gerade vollbrachte Leistung lustig. Er scheint zu sagen: ( Seht nur, ich bin immer noch ein gutes Stück höher als ihr!> Beim Abstieg begegnen wir Rudi. Er hat Halt gemacht in der vergeblichen Hoffnung, seine Füsse für den weiteren Weg zu erwärmen. Völlig erschöpft erreichen wir schliesslich Lager IM.
In der Nacht bricht ein Sturm aus, und wir müssen den Rückweg unter schwierigen Bedingungen - tiefer Schnee, Nebel, Lawinen -bewältigen. Wir haben Mühe, uns zu erholen, und erreichen das Basislager erst am übernächsten Tag. Als dann die nervöse Spannung sich gelegt hat, steigt die Freude aus meinem tiefsten Innern auf und tritt schliesslich voll zutage: Ich habe einen Achttausender bestiegen, meinen ersten. Mein Traum ist Wirklichkeit geworden!
Aus dem französischsprachigen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern.