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Im Staatsarchiv Bern und im Staatsarchiv Aarau findet man je ein Dokument aus dem Jahr 1736, das sich auf einen Heinrich Merz aus Menziken bezieht. Laut dem Reinacher Taufrodel war dieser 1699 in seinem Heimatort als Sohn des Peter Merz und der Maria Brändli in einer kinderreichen Familie zur Welt gekommen.
Die beiden Dokumente lauten:
Archiv Bern: «Mertz Heinrich von Menziken Ambts Lenzburg zeucht (= zieht) sein LandRecht und Mittel wegg. Den 21t April 1736.»
Archiv Aarau: «Den 2ten dito (May) zalt der Undervogt von Reinach für Heinrich Merz daselbsten den abzug von 200 gl. Capital, so er mit bewilligung Mrghh. (meiner gnädigen Herren) und aufgebung seines Landrechtens nach Mütschdorf im Hanauwischen gezogen, allwo er verburgeret ist, à 10 per Cent 40 lb.»
Was bedeutet das genau? Die beiden Quellen bedürfen zweifellos der näheren Interpretation. Wir beginnen mit dem Begriff «Landrecht». Heute hat jeder Schweizer ein dreigliedriges Bürgerrecht. Er ist Schweizer Bürger, Bürger in seinem Kanton und Bürger in einer Gemeinde. Vor Zeiten war das Bürgerrecht bloss zweigliedrig; denn ein schweizerisches Recht in der locker gefügten Eidgenossenschaft gab es noch nicht. In unserer Gegend war aber jeder Bewohner Bürger des bernischen Staates und Bürger in seinem Dorf, beispielsweise in Menziken. Das übergeordnete staatliche Recht nannte man Landrecht. Häufig sprach man auch von «Mannrecht». Das hing vermutlich damit zusammen, dass das Land- oder Mannrecht auch Pflichten umfasste, vor allem die Pflicht eines Mannes, militärischen Aufgeboten Folge zu leisten und «seinen Mann zu stellen».
Wer auswanderte und das bernische Staatsgebiet auf die Dauer verliess, konnte sein Landrecht «wegziehen», das heisst, seine bisherigen Rechte und Pflichten aufgeben. Das tat Heinrich Merz im April 1736. Er benötigte dazu die Bewilligung aus Bern. Diese war an die Bedingung geknüpft, dass er inzwischen am neuen Niederlassungsort Bürger geworden war, von seinen jetzigen Landsleuten als einer der Ihrigen anerkannt wurde. Im ersten obigen Dokument wird das nicht erwähnt, im zweiten aber wird sein neuer Wohn- und Bürgerort «Mütschdorf im Hanauwischen» ausdrücklich genannt. Es handelt sich dabei um das Dorf Mitschdorf, ganz im Norden des Elsass gelegen, im Gebiet der damaligen Grafschaft Hanau-Lichtenberg.
In beiden Dokumenten ist auch von Geldmitteln die Rede. Heinrich Merz zog 1736 nicht nur sein Landrecht weg, sondern auch den Rest seines Vermögens im Betrag von 200 Gulden, die er in der alten Heimat noch zurückgelassen hatte. Dazu musste er eine Gebühr von 10% des Vermögens bezahlen, den sogenannten Abzug. 20 Gulden oder – wie im Dokument gleichbedeutend festgehalten – 40 Pfund blieben daher in der Staatskasse zurück. Die Gebühr für ausgeführtes Geld war damals allgemein üblich, nicht nur im Bernbiet.
Die Heinrich Merz betreffenden Dokumente liegen uns zur Zeit nicht im Original vor, sehr wohl aber andere zu unserem Thema.
Auszug aus einer Landvogteirechnung von 1678: Drei Leute aus Kulm und Suhr haben eine Abzugsgebühr bezahlt.
Der Wegzug von Landrecht und Vermögen war miteinander verknüpft. Sein ganzes Geld durfte nämlich nur wegnehmen, wer gleichzeitig auf sein Landrecht verzichtete. Das war eine Vorsichtsmassnahme der bernischen Behörden. Kehrte ein Ausgewanderter verarmt wieder zurück, war eine Reserve vorhanden, und der Heimkehrer fiel nicht der Armenpflege zur Last.
In der Regel holten die betreffenden Leute ihr Geld persönlich ab, auch wenn sie eine lange Reise in Kauf nehmen mussten. Geldüberweisungen waren damals nicht völlig unmöglich; sie wurden etwa durch Kaufleute oder über private Kanäle organisiert. Sie waren aber umständlich und kaum sehr sicher. Falls die Geldbezüger auf ihr Landrecht und gleichzeitig auf ihr altes Ortsbürgerrecht verzichteten, was stets Hand in Hand ging, war ihre persönliche Anwesenheit zwingend; denn sie hatten ihren Verzicht unterschriftlich zu bestätigen. Allenfalls schickte jemand einen bevollmächtigten Vertreter und gab ihm eine schriftliche Verzichterklärung mit, die von einer Behörde in der neuen Heimat ausgestellt worden war. Das kam aber eher selten vor. Es ist daher anzunehmen, dass auch Heinrich Merz zur Regelung seiner Verhältnisse im Bernbiet auftauchte. Er dürfte die Gelegenheit benutzt haben, um seine Verwandten zu besuchen. Aus unserem zweiten Dokument geht hervor, dass er die verlangte Abzugsgebühr nicht selber bezahlte, sondern den Reinacher Untervogt damit betraute. Falls die lokalen Behörden das Geld für den Hergereisten verwaltet hatten, lag es auf der Hand, dass sie das Abzugsgeld gleich abzweigten und weiterleiteten. Aus dem Wortlaut des Dokuments könnte man schliessen, dass Heinrich Merz auch Reinacher war. Das ist jedoch eine Ungenauigkeit der Quelle. Menziken unterstand eben auch dem Reinacher Untervogt, obwohl es eine eigenständige Gemeinde war.
2. Teil
Aus andern Quellen erfahren wir über das ganze Drum und Dran beim Bürgerrechtsverzicht und beim Geldwegzug Genaueres. Es lief alles mehr oder weniger nach einem Schema ab. Normalerweise sprach ein heimgereister Gesuchsteller aus dem Wynental oder den Nachbartälern zuerst beim bernischen Landvogt auf der Lenzburg vor. Er hatte sich dort darüber auszuweisen, dass er an seinem neuen Wohnort das Bürgerrecht erworben hatte und dass er Mitglied der reformierten Kirche geblieben war. Der Landvogt schickte jeweils einen Bericht samt den «Attestata» (Zeugnissen) an die Oberbehörden in Bern, von wo in wenigen Tagen die Bewilligung für den Abzug der Geldmittel und des Landrechts zurückkam. Vorbehalten war stets die Bezahlung der 10%igen Abzugsgebühr. – In Bern wurden die weggezogenes Mannrechte regelmässig in einem Buch verzeichnet. Der Landvogt auf der Lenzburg führte in seinen Jahresrechnungen die Einnahmen durch das Abzugsgeld auf (vgl. die Abbildung im 1. Teil). Wir sind dadurch über manchen Fall doppelt informiert, so ja auch bei Heinrich Merz.
Ein Problem konnte es geben, wenn der Bittsteller der im bernischen Staat allein gültigen reformierten Religion nicht treu geblieben war. Falls er am neuen Wohnort zum Luthertum oder zum Katholizismus konvertiert hatte, verweigerte ihm Bern in der Regel die Herausgabe des Geldes ganz oder doch teilweise. Das war nicht nur bei erspartem eigenem Geld so, sondern auch bei einer angefallenen Erbschaft. Überliefert ist neben vielen anderen ein Fall von 1671 aus dem Ruedertal. Ein damals verstorbener Hans Widmer hinterliess acht Erben, von denen zwei im «Schwabenland» Katholiken geworden waren. Der Landvogt liess deren Erbteil konfiszieren und liess nur von einem Bruchteil davon gnädiglich einer armen Verwandten der Enterbten etwas Getreide zukommen. Hätten sich die beiden Auswanderer in die alte Heimat bemüht, um ihr Geld abzuholen, hätten sie mit leeren Händen umkehren müssen.
Der Bewilligung aus Bern lag jeweils der sogenannte Mannrechtsbrief bei, ein Personal- und Herkunftsausweis. Er führte den bisherigen Bürgerort und eventuell die Namen der Eltern des Bittstellers an und bestätigte dessen eheliche Geburt und freien Stand. Der Mannrechtsbrief war aber zugleich die Urkunde, welche die Entlassung aus dem bernischen Landrecht festhielt. Im 18. Jahrhundert verfügte die Berner Regierung über einen vorgedruckten Text, in den lediglich noch der Name des Petenten und sein Herkunftsort eingetragen wurde.
Da das Bürgerrecht, wie eingangs erwähnt, zweistufig war, hatte der Ausgewanderte nicht nur gegenüber dem bernischen Staat Verzicht zu leisten, sondern auch gegenüber der Gemeinde, deren Bürger er bisher geblieben war. Leider haben sich nur aus je einem Wynentaler und einem Suhrentaler Dorf, aus Oberkulm und aus Oberentfelden, Dokumente erhalten, die über diesen Teil des ganzen Verfahrens Auskunft geben. Merkwürdigerweise sind die vorhandenen Urkunden verschiedenartig, die von Kulm anders als die von Entfelden. Es könnte der Eindruck entstehen, dass das Vorgehen unterschiedlich war. Vermutlich aber wurde in den beiden Gemeinden einfach nicht dasselbe aufbewahrt. Wir gehen daher von einem «sowohl als auch» aus, obwohl die Doppelspurigkeit nicht unbedingt einleuchtet.
Vorgedruckter Mannrechtsbrief von 1758 für Barthlome Müller aus Oberentfelden
Vor dem Landvogt hatte der Petent ausdrücklich auch auf sein Ortsbürgerrecht zu verzichten. Das tat beispielsweise Im Oktober 1721 ein Rudolf Hunziker, der in der Nähe von Neustadt in der linksheinischen Pfalz Schulmeister geworden war. Er bezeugte vor dem Amtmann auf dem Schloss und zwei Zeugen den Verzicht auf sein Oberkulmer Bürgerrecht (Wiedergabe des Dokuments gleich unten). Bei einem andern Fall erfahren wir, dass der Verzicht mit einem Handgelübde zu bekräftigen war. Der Landvogt liess in der Folge durch den Landschreiber enien sogenannten Revers aufsetzen, worin die Verzichtleistung gegenüber der betreffenden Gemeinde schriftlich festgehalten wurde. Zum Zeichen, dass das Dokument seine Gültigkeit hatte, versah es der Landvogt mit seinem Siegel. Darauf wurde es der betreffenden Gemeinde zugestellt.
Revers von Rudolf Hunziker zugunsten der Gemeinde Oberkulm, 1721,
mit landvögtlichem Siegel
Der Landvogt hatte ein Auge darauf, dass in den Gemeinden alles nach den obrigkeitlichen Vorstellungen verlief. So forderte er die Vorgesetzten der Gemeinde Oberkulm 1718 auf, den Mannrechts-Wegzug ihres Mitbürgers Heinrich Müller in das Gemeindebuch einzutragen. Leider haben sich solche Bücher in den wenigsten Gemeindearchiven bis heute erhalten. Sonst wären wir über manchen Landrechts-Wegzug möglicherweise noch besser informiert. Das Oberkulmer Gemeindebuch aus dem 17./18. Jahrhundert aber ist erfreulicherweise noch da. Regelmässig wurden die Wegzüge offenbar nicht festgehalten; gerade über Heinrich Müller ist nichts zu finden. Drei Einträge abersind tatsächlich vorhanden. Sie betreffen Heinrich Hunziker, Hans Jogglis (1718), drei Brüder Huber (1720) und Jacob Elsasser mit zwei Söhnen (1757). Letztere waren nach Mömpelgard (Montbéliard) westlich des Juras gezogen, die übrigen in die Pfalz. Im Fall von 1757 erfahren wir auch, dass Oberkulm die Urkunden an einem sicheren Ort aufbewahrte, nämlich «in dem Kirchen gewelb (Gewölbe) zu Kulm».
3. Teil
Vor oder wohl eher nach der Audienz beim Landvogt hatte sich der Ausgewanderte bei der zweiten Anlaufstelle zu melden. Das waren die Behörden seiner alten Gemeinde, der Untervogt und/oder die Vorgesetzten, wie die damaligen «Gemeinderäte» hiessen. In ihrer Anwesenheit hatte er ein Dokument zu unterzeichnen, wonach er für sich und alle seine Nachkommen nochmals auf das Bürgerrecht verzichtete. Oft unterschrieben die Gemeindefunktionäre die Urkunde mit. Darin wurde meist ausdrücklich vermerkt, dass der Betroffene inzwischen an seinem neuen Wohnort in der Fremde eingebürgert worden war.
Bürgerrechtsverzicht von Caspar Knoblauch aus Oberentfelden von 1718
Der Text des abgebildeten Dokumentes lautet: «Uff den 6. Hornung 1718 hatt Caspar Knoblauch ihn OberEndtfällden seyn Erbgutt, wo er von seynem Vatter und Mutter sel. ererbt hatt, nemlich ungefohr 100 gl. (Gulden), hinwäg genomen in das Niderlandt ihn Saußeren (Sausenheim in der linksrheinischen Pfalz) in grafschaft Leiningen-Westerburg. Alldorten hab ich mich gesetzt ihn Saußeren und sey (sie) haben mich alldorten zu einem Burger uff und ahn genomen. Darumb thue ich meyn BurgRächt ihn OberEndtfällden quitiren für mich und meyne Nachkommen.» Unter den Text schrieb Knoblauch eigenhändig: «Das beken ich Caspar Knoblauch wie obstat (wie es oben geschrieben steht).»
Einige auf dem Schloss Lenbzburg verfasste Reverse haben sich im Oberkulmer Archiv erhalten, mehrere lokale Dokumente in Oberentfelden. Dass sich der Gesuchsteller aber auf jeden Fall auch in der Gemeinde zu zeigen hatte, wird ausgerechnet durch ein Oberkulmer Dokument belegt. 1718 erfahren wir nämlich von Heinrich Hunziker, nun Ehemann und Bürger in Fussgönheim in der Pfalz, er habe sowohl beim Landvogt als bei der Gemeinde Oberkulm «bittlich angehalten».
Eine Variante des Geschilderten ist aus dem Jahr 1752 bekannt. Jacob Berner aus Suhr, inzwischen Bürger in Mittelbach im Herzogtum Zweibrücken, hatte von einem in Suhr verstorbenen Bruder 30 Gulden geerbt. Er reiste aber nicht selber dorthin, sondern liess das einen Bevollmächtigten tun. Damit das möglich war, musste er vor dem Zweibrücker Oberamtmann erscheinen und dort das Nötige schriftlich fixieren lassen, nämlich seinen Verzicht auf das Suhrer Bürgerrecht und – gestützt auf das Zeugnis eines Pfarrers – die Bestätigung seiner reformierten Religionszugehörigkeit. Mit diesem Schreiben hatte Berners Vertrauter zweifellos die übliche «Tour» zum Lenzburger Landvogt und zu den Suhrer Behörden zu unternehmen. In deren Archiv landete die Urkunde ja schliesslich auch.
Der Verzicht auf das alte Bürgerrecht war normalerweise unabänderlich. Aus Oberentfelden ist jedoch ein Fall mit einer interessanten Rückkehrmöglichkeit überliefert. Einem Auswanderer namens Peter Roland wurde 1729 zugestanden: «Wann er heüt oder morn so viel guht oder gält heimbringen könne, als er jetzunder wegtrage, solle ihme alsdann sein Burgerrecht wieder gegäben werden.»
Der Fall zeigt, dass einzelne Auswanderer nur zögernd auf ihre angestammten Rechte verzichteten. Es gab welche, die noch über Jahrzehnte, ja lebenslänglich am alten Bürgerrecht festhielten und deswegen Geld ungenutzt «zu Hause» liegen liessen. Da spielten sicher nostalgische Gefühle mit, das Widerstreben, die Verbindung zur Gegend endgültig abzubrecvhen, wo man aufgewachsen war und wo liebe Verwandte lebten. Man tat es aber auch aus praktischen Überlegungen nicht gern, wollte sich die Möglichkeit einer Rückkehr in die alte Heimat für alle Fälle offen halten. Sicher wirkte auch die Scheu vor Umtrieben mit, wenn sie nicht unbedingt nötig waren. Die Mehrzahl der Auswanderer allerdings integrierte sich verhältnismässig rasch ganz in der neuen Heimat und verzichtete nach wenigen Jahren auf das alte Recht. Es war nicht ganz unmöglich, neben dem neuen Bürgerrecht das alte beizubehalten; doch kam das sehr selten vor.
Ein Wort auch zu den auswandernden Frauen. Waren sie als Mütter in eine Familie eingebunden, hatten sie weiter nichts zu unternehmen. Die Rechte des Familienvaters galten auch für sie und die Kinder, und von einem Bürgerrechtsverzicht war in Normalfall auch die ganze Familie betroffen. Selbständig handeln mussten hingegen ledige und verwitwete Frauen. Auch sie konnten natürlich Geld wegziehen und Rechte aufgeben. Es scheint allerdings, dass kein besonderes Verfahren vor bernischen Behörden nötig war, wenn eine junge Frau in der Fremde heiratete und dadurch die dortigen Rechte und Pflichten erwarb. Ihr bernisches Landrecht dürfte dann automatisch erloschen sein. Anders war es bei einer Witfrau, deren Mann die bernischen Rechte noch besessen hatte. Wollte sie nach dem Tod des Ehemannes auf diese Rechte verzichten, zum Beispiel wegen eines Geldbezuges, hatte sie sich genau wie ein Mann persönlich an die bernischen Behörden zu wenden. Dabei besagte eine besondere Bestimmung, dass Witfrauen im Gegensatz zu den Männern nur für sich selber, nicht aber für ihre minderjährigen Kinder auf das bernische Landrecht verzichten durften. Diese mussten, wenn sie erwachsen waren, selber entscheiden.
Bemerkt werden muss zum Schluss, dass vor 1676 im Bernbiet andere Verhältnisse geherrscht hatten als die von uns geschilderten. Damals hatte das Ortsbürgerrecht auf dem Besitz eines Hauses im Dorf beruht. Wer wegzog und sich anderswo niederliess, war am alten Ort zum vorneherein nicht mehr Bürger. Keine Änderung hingegen erfuhr 1676 das bernische Landrecht .Dieses hatte zuvor genau die gleiche Rolle gespielt wie danach.