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Gebetshaus
20. April 2020
Wochentext von Matthias Krieg / Azorin
Empfindet ihr nicht eine tiefe Liebe zu den Bahnhöfen? Die Bahnhöfe, in den grossen Städten, sind es, die jeden Morgen zuerst das unerbittliche Leben des Alltags wecken. Und zuallererst sind es die Laternen der Bahnarbeiter, die vorbei gehen, sich kreuzen, kreisen, zurückkommen, sich von einer Seite zur andern wenden, hart am Boden, geheimnisvoll, geschäftig, verschwiegen. Und dann sind es die Handkarren, die mit Knarren und Kreischen einsetzen. Später der dumpfe, ferne Lärm der Wagen, die einfahren. Und noch später die Menschenflut, welche durch die weiten Portale dringt und sich verstreut hierhin, dorthin, in der mächtigen Halle.
Azorín, Auf den Spuren Don Quijotes, spanisch 1905.
Doch, ich liebe sie auch, die Bahnhöfe in grossen Städten! José Augusto Trinidad Martínez Ruiz, der sich nach dem Helden eines eigenen Romans von 1903 bald einmal Azorín nennt, beschreibt hier einen Bahnhof von Madrid, vermutlich den bei der Puerta de Atocha, denn der Ich-Erzähler bricht nach Süden auf, um in der Mancha den Spuren Don Quijotes nachzugehen. Doch, ich kenne die mächtige Halle mit ihrem weitgespannten Dach aus Gusseisen und Glas! 1905, als La ruta de Don Quijote gedruckt wurde, war sie, 1888-92 im Jugendstil errichtet, eine aktuelle architektonische Sensation. Doch, mich faszinieren die Bahnhöfe des Fin de Siècle ebenso wie Azorín! Seine Reise beginnt zwar in der Moderne, aber Atocha liegt gleich neben der Plaza Emperador Carlos V (1516-56 auf dem Thron), mit dem das Siglo de Oro, Spaniens goldenes Jahrhundert von 1550-1660, begonnen hat, während es mit Felipe IV (1621-65 auf dem Thron), der den fertigen Don Quijote von Cervantes (1605-15 im Druck) gerade in Händen hält, zuendegegangen ist.
Was Carlos V, der Habsburger, einst mit dem Gold Lateinamerikas errichtet hat, aber während der Dekadenz des Ritterstands, die Cervantes so süffisant und amüsant persifliert, das will Alfonso XIII, der Bourbone (1886-1931 auf dem Thron), mit Atocha, dem repräsentativen Bahnhof im Stil der Décadence, wiederholen: die Selbstdarstellung spanischer cornucopia, der Prosperität aus dem Füllhorn, des Wohlstands und der Weltläufigkeit, nun dank der Industrialisierung. Von ihr zeugt die Eisenbahn, in Spanien seit 1848. Azorín reist aus der pulsierenden Moderne in die apathische Vergangenheit, von Atocha aus in die Mancha, aus der neuen Décadence der Industrialisierung in die alte des Siglo de Oro.
Seine tiefe Liebe zu den Bahnhöfen findet Ausdruck in einem impressionistischen poème en prose, einer wunderbaren lyrischen Miniatur, einer poetischen Momentaufnahme. Arthur Honeggers Komposition Pacific 231, jener mouvement symphonique von 1923, der einer Dampflok und ihrer Bewegung gewidmet ist, passt zu ihr, noch zu sehen auf der gerade verschwindenden Zwanzigfrankennote. Azorín beschreibt indirekt einen Kontrast: Nicht mehr Kirchtürme wecken das unerbittliche Leben des Alltags, sondern Bahnhöfe. Nicht mehr die Laterne des Nachtwächters, der nach Hause geht, ist zu sehen, sondern die Laternen der Bahnarbeiter, die ihr Tagwerk beginnen. Nicht das Geschepper des Milchgeschirrs, mit dem der Bauer vom frühen Melken kommt, ist zu hören, sondern das Knarren und Kreischen der Handkarren. Nicht in die Kirche und zur Frühmesse strömt die Menschenflut, sondern durch die weiten Portale des Bahnhofs.
Azorín beschreibt 1905, was auch 2019 zu sehen ist: Die grossen Bahnhöfe des Fin de Siècle sind die Kathedralen des neuen Jahrhunderts. Mammon ist ihr Gott, Mobilität ihre Pilgerfahrt, Konsumismus ihre Frömmigkeit, Ausbeutung ihre Hörigkeit. Arbeit ist unerbittlich, hart und dumpf. Cornucopia geniessen vor allem die Mächtigen. Deren Selbstdarstellung freilich ist so dekadent wie herrlich. Wer liebt sie nicht, diese Bahnhöfe!