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«Monty Python war so gut, weil wir nicht wussten, was wir tun»
- Mittwoch, 17. Juni 2015, 17:40 Uhr
Vom unbeholfenen und überbehüteten Schlaks zum legendären Autor und «Monty Python»-Gesicht: John Cleese erzählt seinen Weg in der Autobiografie «Wo war ich nochmals?». Cleese ist überzeugt, dass es eine Truppe wie Monty Python heute nicht mehr geben könnte.
John Cleese, was hat Sie veranlasst, eine Autobiografie zu schreiben?
Der Schauspieler Michael Caine erzählte mir mal, dass er gerade mit seiner Autobiografie fertig geworden sei und wie gerne er sie geschrieben habe. Ich fragte, warum denn? Er sagte, weil man so wieder an Dinge aus seinem Leben rankommt, von denen man glaubt, sie verloren zu haben. Das fand ich interessant. Ich begann darüber nachzudenken, auch eine zu schreiben.
Und als Sie sie dann geschrieben haben, hat es Ihnen Spass gemacht?
Es war das Befriedigendste, was ich seit langem getan habe. Denn die letzten paar Jahre verbrachte ich hauptsächlich damit, Geld zu verdienen, um die Alimente für meine Ex-Frau zu bezahlen. Die wurden auf 20 Millionen Dollar festgesetzt.
Sie beschreiben in der Autobiografie die ersten 30 Jahre Ihres Lebens, bis zum Moment, in dem die Sache mit Monty Python losgeht. Wann haben Sie herausgefunden, dass Sie ein besonderes Talent haben, Leute zum Lachen zu bringen?
Ich glaube, als ich etwa neun war. Ich war ein Einzelkind und überbehütet. Ausserdem zogen wir ständig um, so dass ich nur wenig Gelegenheit hatte, Freunde zu finden.
Ich fand aber sehr schnell raus, dass ich akzeptiert werde, wenn es mir gelingt, meine Kameraden zum Lachen zu bringen. Das war kein bewusster Gedanke damals, Kinder handeln da eher instinktiv. Aber ich begann, die zwei Dinge miteinander zu verbinden: Leute zum Lachen bringen und sich besser fühlen.
Wenn Sie ans Nachkriegs-England zurückdenken, an die satirischen Radio- und Fernseh-Shows jener Zeit, was war das für eine Art Humor damals?
Der Humor war sehr zurückhaltend. Sehr höflich. Keine unanständigen Wörter oder so. Und er war auch sehr unterwürfig. Es wäre zum Beispiel niemandem in den Sinn gekommen, eine Parodie auf den Prime Minister zu machen. Oder auf die Queen. Gott bewahre!
Und so gab es den ungezügelteren oder bizarreren Humor, wie ich ihn mochte, nur in ganz kleinen Dosen. In «The Goon Show» zum Beispiel, einer Radio-Show mit Peter Sellers, Harry Secombe und Spike Milligan. Das mochte ich. Ich kann nicht erklären, warum. Es ist, wie wenn man lieber Erdbeeren als Himbeeren mag.
Sie traten den «Footlights» bei, der Studenten-Comedy-Truppe in Cambridge. Wie kam das?
Das war eher ein Unfall. Ich tat es, weil ich die Leute dort so mochte. Aber das hatte zur Folge, dass ich sehr viel Zeit in unserem Clubraum verbrachte, der zu allem Übel auch noch gleich bei meiner Studentenbude lag. Ich war also ständig dort und wurde wie reingezogen in dieses Show-Ding. Aber ich hätte nie gedacht, einmal im Showbusiness zu landen. Ich kam von der unteren Mittelschicht und es war klar, dass ich Rechtsanwalt werden würde.
Und warum sind Sie dann doch Komiker geworden?
Das war ein Zufall. In meinem mittleren Jahr in Cambridge wurde ich gefragt, ob ich in der Revue mitmachen möchte, die jedes Jahr nach den Examen stattfand. Ich sagte zu, zusammen mit Graham Chapman und Tim Brooke-Taylor. Als die Show dann lief, tauchten plötzlich Leute in unserem Clubraum auf, die uns Jobs anboten – bei der BBC! Wir sollten fürs Radio schreiben.
Und dann kam noch jemand und sagte, unsere Show sei gut genug fürs Londoner Westend. Er wolle uns ein kleines Theater organisieren und uns da rein bringen. Und wenn es gut läuft die ersten paar Wochen, bringe er uns an ein grösseres Theater. Wir staunten nur noch. Aber genau so kam es dann.
Obwohl ich nicht daran glaubte, dass das alles von Dauer sein würde, war der Job doch immerhin bei der BBC und wurde bezahlt. So konnte ich auch meine Eltern davon überzeugen, dass das eine sichere Sache war.
Mit Ihrem Co-Autor Graham Chapman, mit Terry Jones und Michael Palin aus Oxford, mit Eric Idle und dem amerikanischen Autor und Zeichner Terry Gilliam gründeten Sie später die Komiker-Gruppe Monty Python. Warum war die so erfolgreich?
Ich glaube, Monty Python war so erfolgreich, weil jeder von uns ein ziemlich beachtliches Talent hatte, das sich sehr von dem der anderen unterschied. Wissen Sie, die Leute glauben immer, ein erfolgreiches Team müsste aus möglichst gleichartigen Leuten bestehen. Das stimmt aber nicht. In einem wirklich guten Team decken die einzelnen Leute möglichst unterschiedliche Dinge ab.
Terry Gilliam zum Beispiel hatte nichts mit dem Schreiben zu tun. Dafür war er unglaublich wichtig in Bezug auf die Animationen, und ein grossartiger Art-Director bei «Life of Brian». Oder Terry Jones! Terry schrieb ganz andere Sketches als ich. Michael auch. Graham und ich schrieben ähnlich, Eric wiederum ganz anders. Er schrieb auch lieber alleine, während alle anderen zu zweit schrieben.
Es brauchte ein bisschen Zeit, bis wir als Team zusammenfanden. Wie bei Fussballern. Da braucht es auch etwas Zeit, um die Balance zu finden. Aber ab einem gewissen Punkt produzierten wir wirklich erstklassiges Material. Und wir spielten es auch ziemlich gut.
Lag es auch an der Zeit, dass Monty Python so erfolgreich wurde? Die späten Sechziger….
Es war eine wunderbar kreative Zeit damals. Aber für mich war entscheidend: Es war eine wunderbare Zeit damals beim Fernsehen zu arbeiten, weil die BBC eine Reihe von Produzenten und Bereichsleiter hatte, die glücklich damit waren, Talent zu unterstützen. Produzenten und Bereichsleiter müssen nicht zwingend kreativ sein; aber sie müssen in der Lage sein, Talent zu entdecken und zu fördern.
Mit den Jahrzehnten wurden sie immer aufgeblasener und wollten die sein, von denen es heisst: «Oh, das ist seine Sendung!» Aber niemand weiss, wessen Sendung «Monty Python’s Flying Circus» war oder «Fawlty Towers». Uns wurde einfach vertraut und wir schufen etwas Beachtenswertes.
Heute entscheiden eine Menge Leute, die nie geschrieben, nie inszeniert und nie gespielt haben. Aber sie glauben, sie wissen, wie’s geht! Und sie erzählen denen, die tatsächlich schreiben, spielen und inszenieren können, was sie zu tun haben. Das ist im Grunde genommen krank.
Also wäre so etwas wie Monty Python heute gar nicht mehr möglich?
Nein, heute nicht mehr. Kämen wir heute so an wie damals, würden sie wissen wollen, was wir vorhaben. Aber wir sassen mehrere Wochen lang einfach nur da und wussten nicht, was wir tun sollten. Und ich glaube, dass genau dieses Nichts, aus dem heraus wir starteten, der eigentliche Grund dafür war, warum Monty Python so kreativ werden konnte. Weil wir nicht schon besetzt waren von einer unreifen und aufgezwungenen Idee.
Buchhinweis
John Cleese: «So, Anyway...», Penguin 2014.
Teil 2 des Interviews
Lesen Sie im 2. Teil des Interviews, warum John Cleese Monty Python verlassen hat – und welche Macht er dem Humor zuschreibt.
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18.6.2015, 9:02 Seit 09:02
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