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Einst waren sie erbitterte Feinde. Erbfeinde (als ob man Feindschaft wie ein Vermögen vererben könne). Im ersten Weltkrieg und im zweiten Weltkrieg lieferten sich beide Staaten Menschen- und Materialschlachten, die Ihresgleichen suchten. Mehrere Millionen Tote auf beiden Seiten waren zu beklagen. Wer hätte 1918 gedacht, dass sie einmal Freunde werden würden? Und als am 8. Mai 1945 in Paris die Kapitulationserklärung Deutschlands unterzeichnet wurde und das Ende des Horrors des zweiten Weltkriegs besiegelt wurde hätte wohl niemand für möglich gehalten, dass nur wenige Jahre später, 1963, ein Freundschaftsvertrag von europäischem Rang zwischen beiden unterzeichnet werden würde: der Elysée-Vertrag.
Wenige Jahre zuvor hatte einer der Väter der Europäischen Idee, Robert Schumann, erklärt: „Europa lässt sich nicht mit einem Schlage herstellen und auch nicht durch eine einfache Zusammenfassung: Es wird durch konkrete Tatsachen entstehen, die zunächst eine Solidarität der Tat schaffen. Die Vereinigung der europäischen Nationen erfordert, dass der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland ausgelöscht wird. Das begonnene Werk muss in erster Linie Deutschland und Frankreich erfassen.“
Mit der Unterzeichnung des Elysée-Vertrages durch Konrad Adenauer und Charles de Gaulle am 22. Januar 1963 wurde die Grundlage für die deutsch-französische Freundschaft gelegt. Sie beinhaltete nicht nur eine regelmäßige Konsultation auf höchster politischer Ebene und schloss eine enge Abstimmung im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik, später auch der Verteidigungs- und Umweltpolitik und aller europäischer Fragen mit ein; wesentliches Element des Vertrags war die Einbindung der Zivilgesellschaft, insbesondere der Jugend, in den Prozess der Versöhnung und Zukunftsgestaltung. Schul- und Städtepartnerschaften entstanden, das dt. –frz. Jugendwerk wurde gegründet, ein reger Wissenschaftsaustausch bis hin zur Gründung der dt.-frz. Hochschule begann, und so fand die deutsch-französische Freundschaft eine Breitenwirkung in die Gesellschaften hinein, die im Laufe der Jahre zu einem wesentlichen Fundament der Europäischen Bewegung wurde.
Eingeprägt hat sich in die Geschichtsbücher besonders eine Geste der Versöhnung: Helmut Kohl und François Mitterand, 1984, in Verdun. Sie stehen an den Gräbern einer der fürchterlichsten Massenschlachten des ersten Weltkriegs. In einem Bericht dazu heißt es: „Und gerade in Verdun, wo sich der Stumpfsinn eines mörderischen Stellungskriegs so deutlich zeigt, stockte den Reportern am 22. September 1984 der Atem: Während der Gedenkzeremonie vor dem Beinhaus Douaumont, in dem die sterblichen Überreste von 130.000 unbekannten Kriegstoten lagern, fassten sich die beiden Staatsmänner plötzlich an den Händen. Minutenlang verharrten sie schweigend in dieser Haltung.“
Ob aus politischem Kalkül oder aus echter Ergriffenheit - die Geste brachte ähnlich dem Kniefall Willy Brandts in Warschau 1970 etwas von dem zum Ausdruck, was viele Menschen politisch empfanden: Eingeständnis der Schuld, Bitte um Vergebung, Aussöhnung zwischen den einst verfeindeten Staaten, Bekenntnis zum Frieden.
So seid ihr nun Botschafter der Versöhnung – heißt es als Auftrag an alle Christen im 1. Korintherbrief.
Auch, wenn im deutsch-französischen Dialog heute die Religion in der Regel ausgeschlossen bleibt, vor allem wegen der strikten Trennung von Staat und Kirche in der französischen Verfassungstradition, so kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass beide Länder eine lange christliche Tradition mit einander verbindet.
Als Konrad Adenauer und Charles de Gaulle am 8. Juli 1962 an der Versöhnungsmesse in der Kathedrale von Reims teilnahmen, wurde deutlich, dass Versöhnung nicht allein eine Frage der politischen Machbarkeit ist, sondern als Bitte um Vergebung vor Gott ihren Anfang nimmt. Politik, das wurde deutlich, basiert auf Grundlagen, die sie selbst nicht schaffen kann. Botschafter der Versöhnung zu sein ist ein hoher Anspruch, den die beiden Staatsmänner in die Tat umsetzen konnten – und an dem sich auch ihre Nachfolger und ihre Nachfolgerin orientiert haben. Seitdem hat die Europäische Union ihren Völkern Frieden und Wohlstand gebracht.
Frankreich und Deutschland können auch angesichts der Herausforderungen der Wirtschafts- und Finanzkrise aus der Geschichte ihrer Versöhnung und ihrer Freundschaft die Stärke schöpfen, um gemeinsam Antworten auf die aktuellen Probleme zu finden. Sie können daraus auch Inspiration gewinnen, die Europäische Union beim Aufbau langfristig tragfähiger politischer Strukturen und einer wirklichen sozialen Marktwirtschaft in Europa zu unterstützen. Sie können sich dafür einsetzen, dass die Achtung der Würde des Menschen, die Sorge um das Gemeinwohl und die Prinzipien der Solidarität und der Subsidiarität immer stärker den Aufbau Europas leiten.
Die Europäische Integration ist zu einer symbolträchtigen Form der Konfliktlösung geworden, wie die Verleihung des Friedensnobelpreises an die Europäische Union noch einmal herausgestellt hat. Die Freundschaft zwischen unseren ehemals verfeindeten Ländern kann ebenso Vorbild für die Aussöhnung an anderen Orten der Welt sein.
Im aktuellen Kontext ist der 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags die Gelegenheit, auch die jungen Menschen daran zu erinnern, dass Versöhnung kein leeres Wort ist, sondern der Weg, den unsere Länder tatsächlich in der Geschichte gegangen sind und der uns über sechzig Jahre Frieden beschert hat.
So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, und zwar so, dass Gott selbst durch uns ermahnt; so bitten wir nun an Christi Statt: Lasset euch versöhnen mit Gott!