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Pyrenäendesman
Galemys pyrenaicus
© 1997 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Ein aquatischer Maulwurf
Die Familie der Maulwürfe (Talpidae) ist eine von insgesamt sechs Familien, aus denen sich die Ordnung der Insektenesser (Insectivora) zusammensetzt. Bei den anderen handelt es sich um die Igel (Erinaceidae), die Spitzmäuse (Soricidae), die Tenreks (Tenrecidae), die Schlitzrüssler (Solenodontidae) und die Goldmulle (Chrysochloridae). Während die ganze Ordnung der Insektenesser rund 430 Arten umfasst, gehören der Familie der Maulwürfe 40 Arten an. Die meisten hiervon sind in der paläarktischen Region beheimatet, also den nördlichen Bereichen Europas und Asiens (südwärts bis zum Mittelmeer bzw. bis zum Himalajagebirge). Ein paar von ihnen leben aber auch in Nordamerika, und eine oder zwei Arten im südöstlichen Asien. In Südamerika, Afrika und Australien fehlen sie hingegen vollständig.
Die meisten Maulwurfarten - so auch «unser» Europäischer Maulwurf (Talpa europaea)
- führen eine unterirdische Lebensweise in Gangsystemen und zeigen sich kaum je an der Erdoberfläche. [Darauf ist ja auch ihr Name zurückzuführen, der nichts mit «Maul» zu tun hat, sondern die Tiere als Erzeuger der allbekannten Maulwurfshügel bezeichnet: «Maul» ist in diesem Fall vom althochdeutschen Wort «Molta» abgeleitet, welches «Erde» bedeutet und beispielsweise noch in unserem «Torfmull» steckt. «Maulwurf» bedeutet also nichts anderes als «Erd(auf)werfer».] Ein paar wenige Maulwurfarten - so etwa der Japanische Spitzmull (Urotrichus talpoides)
- graben zwar ebenfalls im Boden, sind aber regelmässig auch oberirdisch tätig und klettern bei der Nahrungssuche sogar auf niedrige Büsche.
Und nochmals ein paar wenige andere Arten haben sogar eine völlig gegensätzliche Lebensweise entwickelt: Sie bewegen sich als gewandte Schwimmer und Taucher hauptsächlich im Wasser umher. Zu diesen «aquatischen» Maulwürfen zählen neben dem im Osten Nordamerikas heimischen Sternmull (Condylura cristata)
vor allem der im Bereich von Wolga, Don, Dnjepr und Ob heimische Russische Desman (Desmana moschata)
und der in Südwesteuropa lebende Pyrenäendesman (Galemys pyrenaicus)
. Von letzterem soll hier berichtet werden.
In Gebirgsbächen zu Hause
Fast alle Insektenesserarten sind kleine Tiere, und der Pyrenäendesman bildet diesbezüglich keine Ausnahme: Erwachsene Individuen (beiderlei Geschlechts) weisen eine Kopfrumpflänge von 11 bis 16 Zentimetern und ein Gewicht von 40 bis 80 Gramm auf.
Das auffälligste Körpermerkmal des Pyrenäendesmans ist gewiss seine lange, aus zwei Knorpelröhren zusammengesetzte und bis auf einige Tasthaare nackte Nase. Sie überragt die Unterlippe weit, ist sehr beweglich und erinnert an einen kleinen Rüssel. In Anpassung an das Wasserleben sind die beiden Nasenlöcher an ihrer Spitze durch muskulöse Klappen verschliessbar. An die Fortbewegung im Wasser sind auch die Gliedmassen des Pyrenäendesmans bestens angepasst: Die Zehen der Hinterfüsse weisen vollentwickelte Schwimmhäute auf, und auch die Finger der Vorderfüsse sind mit kurzen Schwimmhäuten verbunden. Die Hinterfüsse sind im übrigen sehr kräftig entwickelt, denn sie erzeugen zur Hauptsache den Vortrieb beim Schwimmen. Nicht zuletzt ist auch das Fell des Pyrenäendesmans «wassertauglich»: Es besteht aus zwei Schichten, nämlich kurzem, überaus dichtem und dadurch wasserundurchlässigem Unterhaar sowie öligem, wasserabstossendem Deckhaar. Es schützt den kleinen Insektenesser im Wasser vor Auskühlung.
Winzig wie bei allen Maulwürfen sind die Augen des Pyrenäendesmans. Sie liegen im Fell versteckt und sehen nicht scharf, sondern reagieren im wesentlichen nur auf Lichtveränderungen. Äusserlich überhaupt nicht sichtbar sind die Ohren, deren Gänge unter Wasser durch Klappen verschliessbar sind. Verschlossene Nase, verschlossene Ohren, leistungsarme Augen - all dies weist darauf hin, dass sich der Pyrenäendesman bei seinen Streifzügen im Wasser - ebenso wie seine grabenden Vettern im Untergrund - überwiegend über den Tastsinn orientiert, sich also diesbezüglich weitgehend auf seine borstigen, höchst empfindlichen Tasthaare an Schnauze, Gliedmassen und Schwanz verlässt.
Das Verbreitungsgebiet des Pyrenäendesmans erstreckt sich von den nördlichen Ausläufern der Pyrenäen im Südwesten Frankreichs südwärts bis zu den Berggebieten in der nördlichen Hälfte Spaniens, namentlich die Pyrenäen selbst, das Kantabrische Gebirge im Nordwesten, die Berge von La Rioja im zentralen Norden und die Sierra de Guadarrama sowie die Sierra de Gredos nördlich bzw. westlich von Madrid. Ferner kommt der Pyrenäendesman im bergigen Norden Portugals vor, südwärts bis zur in der Landesmitte gelegenen Serra da Estrela.
Innerhalb seines Verbreitungsgebiets bewohnt der Pyrenäendesman hauptsächlich schnell fliessende, klare Gebirgsbäche in 300 bis 1200 Metern Höhe ü.M. Man hat ihn aber auch schon in Bergseen beobachtet, in Bächen in 2200 Metern Höhe und in Flüssen praktisch auf Meereshöhe. Er ist also keineswegs ein strikter Bergbachbewohner, wie es manchmal heisst, sondern zeigt durchaus eine gewisse ökologische Anpassungsfähigkeit. Wichtig scheint für ihn aber erstens zu sein, dass seine Wohngewässer kalt, klar und sauerstoffreich sind - und sie dadurch die Lebensgrundlage für ein breitgefächertes Spektrum von Insektenlarven, seiner Hauptnahrung, bilden. Zweitens scheint wesentlich zu sein, dass die Gewässer natürliche Ufer aufweisen, denn das Vorhandensein wassernaher Unterschlupfe zwischen Steinen, Wurzeln, Kräutern und Stauden ist für den kleinen, gegenüber Raubtieren wehrlosen Insektenesser überlebenswichtig. Am Ufer, knapp oberhalb der Hochwassergrenze, befindet sich auch der Bau des Pyrenäendesmans. Manchmal gräbt er diesen selbst, sofern der Boden weich genug ist. Oftmals übernimmt er aber auch den verlassenen Bau einer Westschermaus oder «Wasserratte» (Arvicola sapidus)
und passt diesen seinen Bedürfnissen an.
Gefrässiger Unterwasser-Kleintierjäger
Der Pyrenäendesman ist ein Nacht- und Dämmerungstier: Den Tag verschläft er in seinem Bau, nachtsüber ist er fast ständig im Wasser unterwegs. Dort schwimmt er jeweils etwa eine Minute lang unter Wasser, bevor er zum Atemholen kurz auftaucht und dabei seinen Rüssel wie einen Schnorchel aus dem Wasser streckt.
Unter Wasser erweist sich der Pyrenäendesman als eifriger Kleintierjäger. Flink läuft und schwimmt er umher, krümmt seinen Rüssel nach allen Seiten und tastet unter Steinen, zwischen Wurzeln und im Grund geschickt nach Beute. Zum Opfer fallen ihm dabei hauptsächlich Insektenlarven, Wasserinsekten, Krebstiere, Würmer und Schnecken aller Art sowie Fisch- und Froschlaich. Mitunter erbeutet er aber auch Kaulquappen und kleine Molche, gelegentlich sogar Fische. Kleinere Beutetiere verzehrt er gleich unter Wasser. Eine spezielle Einrichtung in seiner Luftröhre verhindert dabei, dass Wasser in die Lungen gerät. Grössere Beutetiere trägt er an eine geschützte Stelle am Ufer, um sie dort ungestört verspeisen zu können.
Obschon der Pyrenäendesman ein sehr erfolgreicher Unterwasserjäger ist, verbringt er jeweils einen Grossteil der Nacht auf der Pirsch. Dies zeugt von einem beachtlichen Appetit. Frühere Berichte, wonach er Tag für Tag das Doppelte seines Eigengewichts an Nahrung benötige, um gesund zu bleiben, sind zwar übertrieben. Zwischen zwanzig und dreissig Prozent seines Eigengewichts müssen es aber immerhin sein - das wären für einen mittelgrossen Menschen 15 bis 20 Kilogramm!
Moschusduft hält Rivalen fern
Eine Feldstudie über das Verhalten der Pyrenäendesmane, welche in den achtziger Jahren von französischen Forschern durchgeführt wurde, hat gezeigt, dass die kleinen Säuger eine ausgesprochen territoriale Lebensweise führen. Das häufigste gesellschaftliche «Arrangement» ist ein erwachsenes Desmanpaar, welches ein klar begrenztes Stück Fliessgewässer für sich allein als Wohngebiet besetzt hält. Das Territorium des Männchens erstreckt sich durchschnittlich über eine Gewässerlänge von 430 Metern, das des Weibchens über rund 300 Meter, wobei das Weibchenterritorium vollständig innerhalb der Grenzen des Männchenterritoriums liegt.
Duftmarken dienen den Territoriumsbesitzern dazu, ihre Artgenossen darüber zu informieren, dass das betreffende Gewässerstück besetzt ist und Eindringlinge keinesfalls geduldet werden. Die Pyrenäendesmane streifen zu diesem Zweck immer wieder das Sekret aus einer grossen, nahe der Schwanzwurzel befindlichen Moschusdrüse an Gegenständen entlang des Ufers ab. Der leichtflüchtige Duft des Sekrets ist selbst für uns Menschen mit unserer unempfindlichen Nase wahrnehmbar (und führt unter anderem dazu, dass Pyrenäendesmane zwar von Raubsäugern getötet, wegen ihres «strengen» Geruchs jedoch nicht verzehrt werden).
Tägliche Patrouillengänge dienen den Pyrenäendesmanen nicht nur zum Auffrischen der Duftmarken und Bekräftigen des Revieranspruchs, sondern auch dazu, etwaige Eindringlinge zu stellen und zu vertreiben. Dass es bei Begegnungen mit eingedrungenen Artgenossen offensichtlich recht unfreundlich zugeht, zeigen Beobachtungen über das Verhalten von Pyrenäendesmanen in Gefangenschaft. Setzt man zwei gleichgeschlechtliche Tiere zusammen in ein Gehege, so kommt es sogleich zu erbitterten Kämpfen zwischen ihnen, die in der Regel mit dem Tod des unterlegenen Tiers enden.
Ausser Desmanpaaren wurden bei der besagten Feldstudie auch einzelgängerische erwachsene Individuen festgestellt. Sie bewegen sich jeweils in einem grösseren Wohngebiet umher als die Paare, kennzeichnen jedoch einen deutlich kleineren Bereich darin als ihren Eigenbezirk. Ausserdem sind sie sehr bemüht, sämtlichen Artgenossen aus dem Weg zu gehen. Welche Rolle diese Tiere in der Desmangesellschaft spielen, ist nicht geklärt. Möglicherweise handelt es sich um junge Tiere, denen es noch nicht gelungen ist, ein Territorium zu besetzen, das gross genug für eine ganze Familie ist.
Die Fortpflanzungszeit der Pyrenäendesmane fällt jeweils in die erste Jahreshälfte. In den klimatisch milderen Regionen finden bereits im Januar die ersten Paarungen statt. Die Tragzeit dauert ungefähr dreissig Tage, so dass die ersten Geburten Mitte Februar erfolgen. Das Pyrenäendesman-Weibchen bringt meistens drei oder vier, höchstens fünf Junge zur Welt. Diese sind bei der Geburt blind, zahnlos und fast nackt. Schon nach einem Monat sind sie jedoch entwöhnt und soweit harangewachsen, dass sie sich selbständig machen können. Sie verlassen dann den mütterlichen Bau und alsbald auch das elterliche Revier, um nach einem unbesetzten Gebiet zu suchen und sich dort niederzulassen.
Wie bei vielen Insektenessern kann das Pyrenäendesman-Weibchen fast unmittelbar nach der Geburt seiner Jungen erneut trächtig werden, so dass es je Fortpflanzungszeit zwei- oder sogar dreimal Junge aufzuziehen vermag. Die Nachzuchtrate ist also recht hoch. Allerdings sind Desmane wie alle Insektenesser verhältnismässig kurzlebige Tiere, die wohl in freier Wildbahn selten älter als vier oder fünf Jahre werden. Die Sterberate ist somit ebenfalls ziemlich hoch.
Natürliche Bachläufe werden rar
Der Pyrenäendesman hat sich im Laufe seiner Stammesgeschichte an das Leben im Bereich von sauberen Fliessgewässern mit natürlichen Ufern hervorragend angepasst und nutzt dort eine ökologische Nische, die ihm niemand streitig macht...
...ausser dem Menschen: Durch Bachbegradigungen und Flussregulierungen zwecks Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, Flussaufstauungen zwecks Gewinnung von elektrischer Energie, Uferbefestigungen zwecks Verhinderung von Überschwemmungen und Wasserableitungen zwecks Bewässerung von Kulturflächen wurden und werden die natürlichen Gewässer innerhalb seines Verbreitungsgebiets vielerorts dermassen verändert, dass er keine Lebensgrundlage mehr findet.
Auch die Rodung der Wälder im Bereich seiner Heimatgewässer wirkt sich negativ auf den Pyrenäendesman aus, denn die Trübung des Wassers durch erhöhten Schwebstoffeintrag und seine Erwärmung durch verstärkte Sonneneinstrahlung führen zu einer massiven Verminderung der Wasserorganismenbestände in den betreffenden Gewässern und verschlechtern so das Nahrungsangebot für den Pyrenäendesman entscheidend. Eine Beeinträchtigung der Kleintierwelt und damit der Nahrungsgrundlage des Pyrenäendesmans bewirken ferner all die Abwässer, die der Mensch gedankenlos in die Gewässer einleitet. Die Schadstoffe, denen der Pyrenäendesman dabei als Endglied mancher Nahrungsketten ausgesetzt ist, können überdies seine Gesundheit direkt schädigen.
Die Kombination all dieser vom Menschen verursachten Veränderungen der natürlichen Gegebenheiten im Bereich der südwesteuropäischen Fliessgewässer hat zur Folge, dass der Pyrenaeendesman allmählich aus immer weiteren Gebieten innerhalb seines Verbreitungsgebiets verschwindet. Dies betrifft in jüngerer Zeit selbst Berggebiete wie die französischen Pyrenäen, wo die Art unlängst noch in umfangreichen Beständen vorkam.
Letztlich hängt der Fortbestand des Pyrenäendesmans davon ab, ob es uns gelingt, einen ausreichenden Teil der verbleibenden Naturlandschaften und insbesondere der noch unberührten Fliessgewässer innerhalb seines Verbreitungsgebiets in Form von Naturschutzgebieten vor dem schädigenden Zugriff durch den Menschen zu bewahren. Dafür müssen wir uns auch zugunsten all der anderen vielgestaltigen tierlichen und pflanzlichen Lebewesen, die den Lebensraum mit dem kleinen Wassermaulwurf teilen, nach Kräften einsetzen.
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