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Der Journalist Ruedi Weiss kam 1973 zu Comet, nachdem er sich auf eine Stellenausschreibung beworben hatte. Werner Catrina, Leiter der Reportage Abteilung bei Comet liess alle Bewerber eine Referenz-Reportage schreiben und diesen Wettbewerb konnte Weiss für sich entscheiden. Weiss gab seine Mitarbeit bei der Zeitschrift Schweizer Jugend und in der Abteilung “Jugend” von Schweizer Fernsehen SRF – wo er zuvor Teile der Grundausbildung absolviert hatte – auf und wurde Mitglied des Reporterteams bei den Cometen.
Cs: Ruedi Weiss, Journalist, ca. 1973 (Com_LC1572-001-019)
Das Team bestand aus den Journalisten Werner Catrina und Ruedi Weiss sowie den Fotografen Christof Sonderegger, Walter Schmid und Hans Krebs. Zusammen produzierten sie mehrere hundert Text- und Bildreportagen pro Jahr. Die Liste der Zeitschriften, welche Comet damals bediente, ist lang: Schweizer Familie, Schweizer Illustrierte, Beobachter, Annabelle, TELE, Schweizer Jugend, Die BUNTE, Das Gelbe Heft, Der Sonntag, Leben und Glauben, TIPP, Wir Eltern, ELLE, Swissair Gazette, Schweizer Baublatt, Die Grüne, Das Hunde Magazin, Meyers Modeblatt, Jugendzeitschrift TEAM und Femina. Zu den Kunden zählten weiter die Zeitungstitel NZZ, Tages Anzeiger, BLICK, COOP Zeitung, Zürcher Unterländer, Landbote, Berner Zeitung, Basler Zeitung, Zürichsee Zeitung, Glarner Nachrichten, Luzerner Tagblatt, Glarner Tagblatt, Thuner Tagblatt, Die TAT, Berner Tagblatt, Berner Oberländer und Bieler Tagblatt, um nur die wichtigsten zu nennen.
Beim Weggang von Werner Catrina übernahm Ruedi Weiss die Leitung der Reportage Abteilung, bis er 1980 in die Abteilung Information von Schweizer Radio DRS im Radiostudio Zürich wechselte. Beim SRF arbeitete Weiss 30 Jahre lang als Redaktor, Moderator und Reporter für die News-Sendungen, dann als Ausbildungsbeauftragter und später beim SRF Im Leutschenbach in der Marketingabteilung. Seit 2012 ist Ruedi Weiss als freier Journalist im Tessin tätig und arbeitet vor allem für die “Tessiner Zeitung”. Für diese Wochenzeitung realisiert er ganzseitige Text- und Bildreportagen, so wie er es seinerzeit bei Comet gelernt hatte.
Comet Weihnachtsapéro, Dezember 1976: v.l. Marianne Vogel-Senn, Jules Vogt, Sunny Graf, Ruedi Weiss, Hans Ruedi Bramaz (Com_L25-0844-0006-0001)
Gerne erinnert sich Ruedi Weiss an die Comet-Zeit, vor allem an die sehr kollegiale Zusammenarbeit mit den Fotografen Walter Schmid, Christof Sonderegger und Hans Krebs. Jeder Tag brachte ein neues Abenteuer und die gemeinsamen Erlebnisse schweissten das Team zusammen. Die Cometen waren von einer Art “Passion” angetrieben. Trotz dürftigem Lohn arbeiteten sie wie besessen und schauten nicht auf die Uhr. Oft liess man den Tag gemeinsam in der Beiz oder bei einem Firmenapéro ausklingen.
Ruedi Weiss, Hans Krebs und die Fotolaborantin Vreni Gügi (v.l.n.r.) beim Betrachten von Dias am Leuchtpult, ca. 1975 (Com_LC1294-001-001)
Am häufigsten arbeitete Ruedi Weiss mit den Fotografen Christof Sonderegger und Walter Schmid zusammen. Mit ihnen realisierte er mindestens zwei Reportagen pro Woche, vor allem für diverse Magazine wie die Schweizer Familie und das Gelbe Heft. Selbst auflagestarke Illustrierte beschäftigten damals kaum eigene Reportageteams, welche diese Magazine wöchentlich mit genügend spannenden und gut recherchierten Bild- und Textreportagen füllten. Um den Umsatz zu erhöhen, griffen Weiss und Catrina zum bewährten Mittel der Zweitverwertung. Nachdem eine Reportage bei einem Magazin wie die Schweizer Familie oder bei einer Tageszeitung wie der NZZ erschienen war, boten sie das Thema zur Weiterverwendung kleineren Magazinen und Zeitungen an.
Hans Krebs: Erdbebengebiet Friaul, Gemeinde Trasaghis / Peonis, 11/1976 (Com_L25-0781-0004-0004)
Eine der eindrücklichsten Reportagen führte Ruedi Weiss zusammen mit dem Fotografen Hans Krebs 1976 ins erbebenerschütterte Friaul. Sie begleiteten im Auftrag verschiedener Zeitungen einen Hilfskonvoi nach Norditalien, der Wohnwagen ins Erdbebengebiet zu den Überlebenden brachte. “Eine Reise, die mich stark bewegt hat …”, erinnert sich Weiss. “Wir sahen im zerstörten Friaul zwischen riesigen Trümmerfeldern unbeschreibliches Leid und hatten die Aufgabe, diese Menschen in ihrem Elend und tiefstem Schmerz abzubilden”. Da habe es Momente gegeben, wo auch er an seine Grenzen gekommen sei.
Ebenso in guter Erinnerung bleibt ihm eine 24-Stunden Reportage über den Hauptbahnhof Zürich, die er ebenfalls mit Hans Krebs für die Schweizer Illustrierte realisierte. Krebs hatte nur eine kleine, unauffällige Kamera dabei und erklärte Weiss seinen Plan: Er wollte die Nähe zu den Menschen suchen und ohne Blitz fotografieren, weil so die “Tragik der Welt” am besten zum Vorschein komme.
Ruedi Weiss und Hans Krebs: Reportage über den Hauptbahnhof Zürich, Doppelseite aus der Schweizer Illustrierten vom 3.11.1980
Ruedi Weiss und Hans Krebs: Reportage über den Hauptbahnhof Zürich, Doppelseite aus der Schweizer Illustrierten vom 3.11.1980
Ruedi Weiss war pausenlos unterwegs und brauste zum Beispiel mit Walter Schmid und seinem roten VW-Golf ins Bündnerland für eine Reportage über den letzten Schindelmacher, Lenz Krättli in Untervaz. Kaum war darüber alles “im Kasten”, deckte er in einer weiteren Reportage für den Beobachter mit Fotograf Reto Schneider die zweifelhaften Eingriffe bei Hausschweinen in einem Schlachthof auf. Diese Praktiken wurden später aufgrund der Reportage vom kantonalen Veterinäramt verboten.
Walter Schmid: Untervaz, Schindelmacher Lenz Krättli, 03.02.1976 (Com_L25-0042-0001-0008)
Auch als Fotomodell stellte sich Weiss gerne für seine Kollegen zur Verfügung, hier für ein Experiment von Walter Schmid.
Walter Schmid: Totenkopf (Zweifachbelichtung über Spiegel mit Porträt von Ruedi Weiss), 18.12.1978 (Com_L27-0668-0002-0010)
Comet hat sich auch immer wieder um gutbezahlte PR-Mandate beworben und darunter auch “journalistisch interessante Fische” an Land gezogen, wie es Weiss formuliert. Zum Beispiel das Mandat der Jungfraubahnen, welches das Tandem Weiss/Sonderegger übernahm. “Wir waren dabei frei in der Themenwahl. Die Themen mussten einfach mit dieser Region im Berner Oberland zu tun haben”. Das entsprach den Wünschen von Christof Sonderegger, der dann Tage bis Wochen in der Region verbrachte. Dabei setzte er die Gegend in akribischen, fotografischen Inszenierungen zu stimmungsvollen Bildern um. “Gleichzeitig recherchierte er Themen, die sich später für einen Reportageeinsatz mit mir eignen würden”, erinnert sich Ruedi Weiss.
Der Enthusiasmus und die gute Stimmung bei Comet ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Björn Erik Lindroos als Patron alter Schule seine Belegschaft bei Wasser und Brot hielt. Die Devise des Chefs lautete nicht etwa Innovation, sondern Bewahrung des Zustands. Jeweils am Letzten des Monats trabten die Cometen einzeln in seinem Büro an und setzten sich ihm gegenüber auf einen Stuhl, der niedriger war als der Chefsessel. Sie hörten sich eine Predigt an, wie gut man es bei Comet ja habe und nahmen das Couvert mit Bargeld in Empfang. Bei Ruedi Weiss waren es 1’750 Franken.
Der Beitrag beruht auf zwei Gesprächen mit Ruedi Weiss am 9.11.2022 und 6.3.2023.
Bisher erschienen in der Reihe Die Cometen:
Geplant sind: Markus Hässig, Rudolf Steiner, Rolf Neeser, Thomas Zwyssig, Ralph Bensberg, Gary Kammerhuber und weitere.