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Kapitel 4.4.4 - Definition der osteopathischen spinalen HVLA-Manipulation (SHVLAM)
Die SHVLAM findet ihre praktische Anwendung hauptsächlich in der Optimierung der Beweglichkeit eines spinalen Bewegungssegments (vgl. Figur 4.7), wobei osteopathisch betrachtet der Hauptakzent auf der qualitativen Optimierung der Bewegungen der intervertebralen Gelenke gerichtet ist (vgl. Peeters/Lason 2011A: 17).SHVLAM werden gezielt auf die arthrogenen Gelenke der Wirbelsäule, also die Intervertebralgelenke appliziert, wobei der Einfluss auf sämtliche involvierte Strukturen respektiert wird.
Verwirrend könnte in diesem Zusammenhang die Terminologie der osteopathischen manipulativen Behandlung – Osteopathic Manipulative Treatment – OMT sein. HVLA-Manipulationen sind Teil der OMT, aber nicht alle osteopathischen Manipulationen sind HVLA-Manipulationen. Der Educational Council on osteopathic Principles ECOP publiziert im Namen des zur Zeit wohl bedeutendsten Dachverbandes der Osteopathie, der American Association of Colleges of Osteopathic Medizin (AACOM) seit 1981 The glossary of osteopathic terminology. Die aktuellste Version dieses osteopathisches Begriffsverzeichnis – datiert April 2009 – umschreibt die high velocity low amplitude Manipulation als bestimmte Technik der osteopathisch manipulativen Therapie.
Osteopathic manipulative therapy (OMTh): „The therapeutic application of manually guided forces by an osteopathic physician (U.S. usage) to improve physiologic function and/or support homeostasis that has been altered by somatic dysfunction. OMTh employs a variety of techniques.“ (Mason 2009: 28).
Die high velocity low amplitude Manipulationstechnik (HVLA) wird folgendermassen definiert:
HVLA manipulation: „An osteopathic technique employing a rapid, therapeutic force of brief duration that travels a short distance within the anatomic range of motion of a joint, and that engages the restrictive barrier in one or more planes of motion to elicit release of restriction. Also known as thrust technique.“ (Mason 2009: 30). Maitland führt dabei noch aus, dass dies ausserhalb der Kontrolle des Patienten liegt (vgl. Maitland 1986: 3).
Die osteopathisch angewendete HVLA-Manipulation ist somit als eine Technik zu verstehen, welche eine schnelle, therapeutische Kraft von kurzer Dauer und kleinem Bewegungsausmass innerhalb der anatomischen Bewegungsmöglichkeit eines Gelenks applizieren, um Restriktionen in einer oder mehreren Bewegungsebenen anzugreifen mit dem Ziel, diese zu beheben und so die physiologische Funktion des Körpers zu optimieren und die Homöostase, welche durch somatische Dysfunktionen verändert ist, zu unterstützen. Sie ist auch bekannt unter dem Begriff Thrust-Technik.
Die Osteopathenvereinigung Schweiz definiert HVLA-Manipulationen folgendermassen: „Unter High-Velocity, Low Amplitude oder Thrustmanipulationen versteht der Osteopath nebst den Gelenkmanipulationen sämtliche kurze und schnelle mechanische Impulse von kleinem Bewegungsausmass, welche auf sämtliche Gleitflächen zwischen den Geweben (extrinsisch) sowie innerhalb der Gewebestrukturen (intrinsisch) appliziert werden. Thrustmanipulationen können mit kurzem oder langem Hebelarm ausgeführt werden. Sie haben das Ziel, Bewegungsmechaniken wiederherzustellen, lokale Durchblutungen und die Homöostase zu verbessern oder über dem nervösen, lymphatischen oder vaskulären Weg somatische Dysfunktionen und Narben zu korrigieren. Sie werden ausserdem auf Strukturen appliziert, damit ein bestimmter neurologischer, endokriner oder metaboler Reflex ausgelöst wird. Thrustmanipulationen können zudem angewendet werden, um Haltungs- und Balancestörungen positiv zu beeinflussen, um so die Energiebalance des Patienten zu harmonisieren.“ (Rompen 2011: 12).
Ein terminologisches Missverständnis kann entstehen, wenn osteopathische Manipulation und HVLA-Techniken manchmal nicht korrekt benützt bzw. verwechselt werden. Manipulative Techniken mit einem sogenannten Thrustelement waren bis in die 1970er Jahre das Hauptlernziel der US Amerikanischen Ausbildungsstätten für osteopathische Medizin. Sämtliche osteopathische Manipulationen wurden mit hoher Geschwindigkeit und kleiner Amplitude ausgeführt. Wenn eine osteopathische Manipulation damals auf die Wirbelsäule appliziert wurde, galt diese als spinal HVLA-manipulation. Spätestens seit den 1970er Jahren, als die Ausbildungsstätten ihre Curricula vermehrt mit anderen Techniken ergänzten und ein Spektrum direkter und indirekter Techniken lehrte, sind die Begriffe osteopathische Manipulation und HVLA-Manipulation nicht mehr als Synonyme zu verstehen (vgl. Chila 2010: 669).
Aus osteopathischer Sicht, werden SHVLAM angewendet, um den Organismus zur Autokorrektur zu stimulieren (vgl. Kapitel 5 und 7). Somit können isolierte SHVLAM in der osteopathischen Behandlung nur eine relative Bedeutung haben. Dies im Gegensatz zur klassischen Manual Medizin, zur Chiropraktik, zur Manualtherapie und zur Physiotherapie, wo isolierte SHVLAM mit dem Ziel eingesetzt werden, die Mobilität eines arthrogenen Wirbelsäulengelenks zu verbessern. Die quantitative Vergrösserung des Bewegungsausmasses, also eine Erweiterung der Amplitude steht hier bei der singulären SHVLAM-Anwendung als Behandlungsziel in den Vordergrund. Die Osteopathie dahingegen integriert der SHVLAM als korrigierende Massnahme in ein holistisches System und kombiniert sie mit bis zu 60 anderen parietalen, viszeralen und craniosacralen Techniken, um die biomechanische Sauberkeit, die Qualität der Bewegung zu optimieren (vgl. Mason 2009: 28ff). Die osteopathische Intention der SHVLAM liegt darin, die Qualität und nicht so sehr die Quantität der Mobilität in den intervertebralen Gelenken zu optimieren. Somit wird das gesamte Bewegungssegment, in welchem das betreffende Gelenk funktioniert, behandelt mit dem Ziel, die Neurologie (Efferenz und Afferenz), die Zirkulation (arteriell, venös, lymphatisch und der Liquor cerebrospinalis) sowie die Ökonomie der Bewegungsenergie zu optimieren. Kurze wiederholte HVLA-Manipulationsimpulse können eingesetzt werden, um über den Sympathikus das neurovegetative System zu beeinflussen (vgl. Peeters/Lason 2009: 253)