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Als ich 17 Jahre alt war, lebte ich ein Jahr lang in einem Vorort von Philadelphia. Nach zwei Wochen an der Schule kam ein grosser, schwarzer Junge auf mich zu und fragte mich, ob es wahr sei, dass ich aus der Schweiz komme. Kobe erklärte mir, dass er Italienisch spreche, es aber mit niemandem mehr sprechen könne, weil in seinem Umfeld nur noch Englisch gesprochen werde. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung davon, wer dieser Junge war.
Er erzählte mir, dass er ab und zu in der Schweiz weile und im Sommer in einer Sportakademie in der Nähe von Basel trainiere. Er wollte wissen, warum ich in den USA lebte, und so sprachen wir regelmässig zusammen Italienisch. Er erzählte mir, dass sein Vater Joe nach einer NBA-Karriere Basketball-Profi in Italien gewesen sei und er deswegen fliessend Italienisch spreche. Er sagte, auch er spiele Basketball, und ich meinte zu ihm, er könne eines Tages für Freiburg Olympic spielen, das Team aus meiner Stadt sei Serien- und Rekordmeister. Er hat es nie komplett ausgeschlossen.
Da wir gemeinsam die Fächer Physik und englische Literatur besuchten, traf ich ihn jeden Tag am Morgen und am Nachmittag. Für Physik hatte er, glaube ich, nicht viel übrig, in englischer Literatur war er aber ein sehr interessierter Zuhörer und anregender Gesprächspartner. Nach ein paar Wochen realisierte ich langsam, dass dieser sympathische und schlaue Junge anscheinend «the next big thing» war, dass er der nächste Michael Jordan werden könnte.
Zwei Mal pro Woche hatte ich auch noch Sport mit ihm. Ich glaube, der Sportlehrer krempelte den Lehrplan speziell für Kobe komplett um. Entweder spielten wir Basketball oder wir liefen einfach Runden ums Spielfeld. Zu meinen persönlichen Sportler-Highlights gehören bis heute sicherlich meine Siege im Badminton gegen ihn. Dass ich seinen Schulrekord in einem Sprint-Stop-and-Go-Parcours geschlagen habe, hat ihn sehr beeindruckt. Und im Basketball erzielte ich etliche Punkte auf Assist von Kobe Bryant – das hört sich bis heute noch sehr gut an!
Da der Schulsport in den USA viel wichtiger ist als überall sonst auf der Welt, kam ich auch an schulischen Sportanlässen oft mit ihm in Kontakt. Wir spielten für die Lower Merion Aces. Kobe war der absolute Überflieger der Basketball-Liga, ich war ein solider Skorer in der Eishockeymannschaft. Er sprach mich immer wieder auf unsere Spiele an, verfolgte und lobte auch meine nicht mit seinen vergleichbaren kleinen Erfolge.
Unsere Basketballmannschaft stiess in der Saison 1995/96 nach 30 Siegen in Serie bis in die State Finals vor. Im Final gegen die Erie Cathedral Prep lagen wir dann schon nach ein paar Minuten unfassbar chancenlos mit 0:20 hinten. Kobe misslang jeder Wurf, es war surreal für einen, der sonst im Schnitt über 30 Punkte pro Partie skorte. Das Team rappelte sich aber auf, kämpfte sich zurück ins Spiel und gewann schlussendlich Spiel und Titel mit 48:43. Ironischerweise war dies im Rückblick eines der schlechtesten Spiele, die Kobe Bryant jemals bestritt.
Ich erinnere mich an einen smarten, charmanten und zielbewussten jungen Mann, der schon früh als Jugendlicher ein Ziel hatte und sein Leben diesem grossen Traum unterordnete. Ich hatte immer das Gefühl, dass er wusste, dass er es schaffen würde. Nichtsdestotrotz blieb er «laid back» und freundlich zu allen. In Literatur umarmte er beim Betreten des Klassenzimmers immer unseren Lehrer, John Osipowicz. «Mr. O.» war ein älterer Herr, der uns Kurzgeschichten zu lesen gab, die wir dann in der Schule diskutierten. Und in diesen Klassengesprächen erkannte ich, dass Kobe ein intelligenter Mensch war, der einen Karriereplan hatte und wusste, wohin er wollte, und dass er trotz wahrscheinlicher NBA-Karriere mit beiden Füssen auf dem Boden bleiben würde.
Auch seine Meinungen und Ideen zu den literarischen Texten fand ich sehr anregend. Als Kobe vor zwei Jahren dann nebst seinen zahlreichen Sporttiteln auch noch einen Oscar gewann, konnte ich nur noch schmunzeln. Dieser Typ hat wirklich alles und noch mehr erreicht in seinem Leben. Che grande uomo!
Es war sehr speziell, einen der grössten Sportstars unserer Zeit so kennenzulernen, abseits von Trubel und Fotografen, einen fast gewöhnlichen 17-Jährigen kurz vor dem ganz grossen Karrieresprung. Ich habe nach der High School kein NBA-Spiel live im Stadion erlebt, habe aber seine Karriere aus der Ferne ganz genau mitverfolgt. Auch an den Olympischen Spielen 2008 und 2012 schaute ich mir alle Spiele der US-Mannschaft im TV an.
Ich würde nicht behaupten, dass wir Freunde waren, aber Kollegen allemal. Ab und zu tauschten wir einige Sätze via Facebook aus, aber richtig eng in Kontakt blieben wir nicht. Er würde sich melden, wenn er mal wieder in die Schweiz komme, versprach er. Dazu wird es nun leider nie mehr kommen.
Kobe Bryant war für mich einer der grössten Sportler unserer Zeit, auf einer Stufe mit Roger Federer, Tiger Woods, Cristiano Ronaldo und Lionel Messi. Aber eben greifbarer und vertrauter, weil ich ihn in jungen Jahren kennenlernen durfte.
Ich sass am Sonntagabend bis um Mitternacht ungläubig vor dem Fernseher, hin und her schaltend zwischen den Nachrichten von CNN, BBC, L’Équipe und RMC Sport. Ich habe Kobe gekannt, bevor er ein Superstar wurde, habe seine sportliche Laufbahn stets verfolgt, und dann stirbt er so tragisch, viel zu jung, erst 41 Jahre alt.
«Only the good die young», ich weiss. Doch er war der Beste, und für alle, die ihn kannten, eine riesige Inspiration, ein wahres Vorbild.
Fu un onore conoscerti, grande uomo. R.I.P. Kobe.
Patrick Fasel ist in Alterswil aufgewachsen, wohnt heute am Zürichsee und arbeitet als Fremdsprachenlehrer in Einsiedeln. Für die «Freiburger Nachrichten» schreibt der sportbegeisterte 42-Jährige regelmässig den «Gottéron-Blog».