Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03275.jsonl.gz/568

„Once you put on a General’s armor, your life is no longer your own!“
Das chinesische History-Drama Hua Mulan stellt den ersten chinesischen Film, den ich je gesehen habe; Filme wie „Red Cliff“, „Hero“ oder „The House of Flying Daggers“ wurden mir zwar zahlreiche Male empfohlen und stehen auch auf der Liste der Filme, die ich unbedingt sehen will, haben es aber bislang noch nicht in mein Regal bzw. in meinen DVD-Player geschafft. Zu „Hua Mulan“ las ich viel Gutes, ausserdem gefiel mir der Trailer und nicht zuletzt, die Disney-Adaption der chinesischen Sage. Mit dieser hat „Hua Mulan“ jedoch herzlich wenig zu tun, lediglich zum Anfang hin gibt es einige Parallelen, danach weicht der Disney-Film deutlich von der Vorlage ab. Deswegen wäre es auch ausgesprochen müssig, „Hua Mulan“ mit dem Disney-Mulan zu vergleichen, weil zwar dieselbe Vorlage adaptiert wird, jedoch auf zwei grundverschiedene Arten.
Im China des 5. Jahrhunderts herrscht Krieg, die Rouran-Nomaden bedrohen die nördlichen Wei, und so machen diese mobil. So wird auch der kranke Vater der jungen Mulan ins Heer berufen, was diese nicht gerne sieht. Kurzerhand stiehlt die in den Techniken des Kung Fu unterwiesene junge Frau die Rüstung und das Schwert ihres Vaters und tritt der Armee bei, indem sie sich als Mann ausgibt. Mulan erweist sich als gute Kämpferin, und gemeinsam mit ihrem Kameraden Wentai gelingt ihr ein rascher Aufstieg zur Generalin. Doch Mulan ist es nicht wohl, es fällt ihr schwer, ihre Gefühle, unter anderem für Wentai, vom Schlachtfeld fern zu halten, und erst als Wentai fällt blüht die Strategin und Kriegerin in Mulan auf. Und so stellen sich die nördlichen Wei unter der Führung von Mulan einem letzten Gefecht gegen die barbarischen Rouran…
Mit dieser Voraussetzung einer doch sehr martialisch angehauchten Story startet ein actiongeladener Film mit unzähligen Schlachten, die sich über einen Zeitraum von 12 Jahren erstrecken, und in denen entsprechend viel Blut fliesst. Man spart nicht an grausamen Folterungen und Exekutionen, zeigt jedoch nur so wenig, wie man muss. Ich rechne den Machern hoch an, dass man nicht meint, man müsse sich den westlichen Standards anpassen und den Film zu einem Gewaltschauspiel verkommen lassen. Dass man diesen Grundstein für eine tiefgründige Story, die Fragen aufwirft dann wiederum nicht nutzt, ist schon sehr enttäuschend, hätte es doch unzählige Ansätze gegeben, um anzuknüpfen – Pazifismus, Schuldgefühle und Treue, um nur wenige zu nennen.
Daneben sollte sich eine Lovestory entwickeln, die so plakativ aufgebaut wird, dass selbst der dämlichste Zuschauer merken muss, wie sehr Mulan ihren Wentai liebt. Dass man hier nicht so sehr auf Liebesgesülze gesetzt hat, wie zu erwarten wäre, und die Romanze ziemlich nebensächlich versickern lässt, ist den Machern hoch anzurechnen, und unterstützt die Authenzität der Figur Mulan, die von der gesamten Armee bis auf zwei Leute für einen Mann gehalten wird. Bei der Echtheit punktet „Hua Mulan“ – man verzichtet gänzlich auf übertriebene Action und Gefühlsheischerei betreibt man kaum, lediglich gegen Ende wird manche Träne verdrückt und die eine oder andere Phrase gedrescht. Sätze wie „Das Schicksal der Welt liegt in deinen Händen!“ oder urplötzlich in hügeligem Gebiet auftauchende Sandstürme können da auch nicht allzu viel kaputt machen.
Mit so einem überzeugenden und jungen Cast ist das auch keine grosse Sache – Zhao Wei besticht als zwiegespaltene Kriegerin Mulan, ihr zur Seite steht Chen Kun als ihr Male Love Interest und der General an ihrer Seite,
Hentai Wentai. Die Darsteller der weiteren Krieger an Mulans Seite liefern ebenfalls solide Leistungen, so fern es ihre doch sehr geringe Leinwandpräsenz erfordert – neben Mulan und Wentai kommen sie kaum zum Zug. Jaycee Chan, Sohn der Filmlegende Jackie Chan, der seinem Vater wie aufs Haar gleicht, spielt Mulans Jugendfreund Fei Xiahou (in den deutschen Untertiteln jedoch „Tiger“), der immer treu an ihrer Seite kämpft und ihr den Rücken stärkt. Auf der Gegenseite findet sich der gnadenlose Danyu (offenbar ein Rouran-Herrscher-Titel) Mendu ganz stark verkörpert von Hu Jun, dessen Ziel kein Geringeres ist, als China mit seiner Streitmacht zu überrollen. Weshalb man jedoch den russischen Bariton Vitas als seinen Bruder an seine Seite stellen musste, bleibt mir verschleiert, denn neben der Tatsache, dass er nicht im Geringsten chinesisch ausschaut, überzeugt er auch schauspielerisch zu keinem Zeitpunkt.
Musikalisch untermalt werden die schönen Szenen und gekonnt eingefangenen Bilder von den singapurianischen Brüdern Lee Wei Song und Lee Si Song, die mit mal sehr subtilen, mal pompösen Klängen eine asiatische Stimmung zaubern, bzw. diese verstärken. Der Titelsong wird von Stephanie Sun und in einer englischen Version von Vitas gesungen, der auch hier ganz klar den Kürzeren zieht, trotz sehr schöner hoher Stimme. Warum man den Kerl mitmachen liess, weiss keiner so Recht, nehme ich an. Weitere Musikstücke aus dem Film stammen von Jane Zhang, einer wasserstoffblonden Chinesin, die so gar nicht dämlich ausschaut. Die Stücke selbst sind aber okay, auch wenn sie nicht so toll sind, dass ich mich noch erinnern könnte, wo im Film sie vorkamen, und ob überhaupt. 😉
Insgesamt ist „Hua Mulan“ ein trotz einiger Längen ein gelungenes Geschichtsepos, das ein gutes Biopic einer selbständigen und eigensinnigen, ab und zu auch sturen Frau zeigt, die dem Emanzen-Bild einer Alice Schwarzer entgegenwirkt. 😉 Der Film zeigt die Ballade der Hua Mulan so, wie ich sie mir vorgestellt habe und liefert auch sonst ein gutes Bild des Chinas vor einigen Jahrhunderten. Umso mehr frage ich mich, warum eine weitere Verfilmung des Stoffs, diesmal von Disney, die ihre Story in Live Action und 3D umsetzen, nötig ist.
Für die, die es interessiert, habe ich noch eine englische Übersetzung der „Ballade der Hua Mulan“ gefunden.