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Brasilien gehört zu den Ländern mit der höchsten Zahl an Feuchtgebieten. Beispiele sind das Pantanal, die größte Feuchtsavanne der Welt, die Überschwemmungwälder und Flußniederungen des Amazonasbeckens und die riesigen Mangrovenwälder im Norden des Landes. Spezialisten sind sich einig, dass sie alle für die Artenvielfalt, das Klima und vor allem für das Überleben der Menschen eine wichtige Rolle spielen.
Laut Experten sind Feuchtflächen für das ökologische Gleichgewicht, die Artenvielfalt und auch das Klima von großer Bedeutung. Sie sind zudem Brutstätten diverser Fisch- und anderer Tierarten, sorgen für einen ausgeglichenen Wasserhaushalt, liefern sauberes Trinkwasser, fungieren als Schwämme bei Hochwasser, binden das klimaschädliche Kohlendioxid, bergen wegen ihrer Artenvielfalt eine enorme Gen-Bank und dienen den Menschen als Lebensraum und Nahrungsgrundlage.
Mangrovenwälder und Restingas übernehmen darüber hinaus noch eine weitere wichtige Funktion. Sie sind nicht nur Wiege vieler auch kommerziell genutzter Fischarten. Zusätzlich schützen sie die Küste vor Erosionen.
Ein Fünftel Brasiliens sind Feuchtflächen
Etwa 20 Prozent der Landesfläche Brasiliens werden als Feuchtflächen eingestuft. Vom 5,5 Millionen Quadratkilometer umfassenden Amazonas-Regenwald gelten etwa 30 Prozent als Überschwemmungsgebiet und Feuchtniederungen. Das Pantanal erstreckt sich in Brasilien auf einer Fläche von etwa 140.000 Quadratkilometern und ist damit größer als Griechenland. Im Norden Brasiliens befindet sich zudem der größte zusammenhängende Mangrovenwald der Welt. Insgesamt sind etwa 26.000 Quadratkilometer der Küste Brasiliens mit dem dichten Netz der Mangroven bewachsen.
Hinzu kommen zahllose weitere Feuchtflächen, wie Sümpfe, Moore, Quellbereiche, Flussmündungen, Auen, Restinga, Korallenriffe. Manche von ihnen umfassen dabei tausende Hektar wie im Flussbecken des Rio São Francisco gelegene Pantanal Mineiro. Eine Besonderheit sind auch die wie grüne Inseln wirkenden ”Brejos de exposição”, mit Wald bewachsene Feuchtflächen inmitten des kargen und trockenen semiariden Nordostens Brasiliens.
Per Gesetz sind Feuchtflächen geschützt und als ”Áreas de Proteção Permanente” (APP) definiert, als Biotope, die nicht verändert werden dürfen. Eingehalten werden muss ebenso ein Mindestabstand zu ihnen, sei durch Landwirtschaft oder Bauaktivitäten. Bei Quellbereichen und Sümpfen beträgt dieser Schutzabstand 50 Meter. Viele sind darüber hinaus in Nationalparks oder andere Schutzgebiete eingebunden.
Mensch und Natur
Vor der Zerstörung durch den Menschen sind sie damit dennoch nicht ganz geschützt. Allein im Amazonas-Regenwald sind zwischen August 2019 und Juli 2020 11.088 Quadratkilometer Wald gerodet worden. Das entspricht in etwa der Größe von 1,1 Millionen Fußballfeldern. Täglich sind damit 3.037 Fußballfelder Regenwald zerstört worden, 126 pro Stunde.
Im Pantanal sieht es nicht besser aus. Über Monate hinweg standen im vergangenen Jahr Teile des einzigartigen Bioms in Flammen. Beinahe vier Millionen Hektar, etwa 30 Prozent der Gesamtfläche, in Brand gestanden. Feuerwehrleute und Experten sind sich einig, dass die größte Dürre der vergangenen Jahrzehnte die Ausbreitung der Feuer begünstigt hat. Einig sind sie sich aber auch, dass weit über 90 Prozent der Brände durch Menschen verursacht wurden. Ausgelöst wurden sie teilweise durch achtloses Verbrennen von Müll und einem unsachgemäßen Abfackeln von Weiden und Äckern. Es gab aber auch kriminell gelegte Feuer. Die Spurensuche der Polizei hat diese zu einer Handvoll Fazendas, Großgrundbesitzer, geführt. Die Ermittlungen laufen noch.
Fest steht indes, dass mit 40.000 Quadratkilometern eine Fläche von beinahe der Größe der Schweiz (41.285 Quadratkilometer) zerstört wurde. Die Niederschläge der vergangenen Monate haben das Grün wieder sprießen lassen. Bis die Narben aber wieder verheilt sind werden Jahre oder Jahrzehnte vergehen, wie Forscher befürchten. Tausende Tiere wurden Opfer der Flammen und ebenso Millionen von Samen und Früchten. Ums Leben gekommen sind ebenso Menschen.
Noch jetzt sind Helfer verschiedener Organisationen und Ehrenamtliche im Einsatz. Sie legen an verschiedenen Stellen Früchte und Futter für die Wildtiere aus, um deren Not und Beutedruck zu mildern. Ein weiteres Problem ist die Asche, die durch den Regen in Flüsse und Gewässer eingetragen wird und dort zu Sauerstoffarmut und Fischsterben führen kann.
Negativprämie zum Feuchtgebietstag
Angesichts der durch die Menschen verursachten Tragödie und dem zögerlichen Handeln durch die Regierung Brasiliens wird dem Weltnaturerbe Pantanal am Dienstag (2. Februar) zum Welttag der Feuchtgebiete vom Global Nature Fund (GNF) einmal mehr der Negativpreis Threatened Lake of the Year verliehen. Den hat es 2007 schon einmal erhalten. Das Pantanal wird somit weltweit das einzige Gebiet sein, dass zweimal mit der Negativprämie bedacht worden ist.
Die Prämie soll das Augenmerk auf das Pantanal lenken. Gefordert wird ein umgehendes Handeln zum Schutz und Erhalt der größten Feuchtsavanne unseres Planeten. Die Prämie soll aber nicht nur Politiker und Menschen in Brasilien aufrütteln. Sie richtet sich ebenso an die Menschen in Europa und Amerika. Gefordert wird ein Umdenken beim Konsumverhalten. In der Pressemitteilung des GNF wird auf die Macht der europäischen Konsumenten verwiesen und darauf, dass Europa Soja für Tierfutter und Fleisch aus Brasilien bezieht, das zum Teil aus dem Pantanal stammt.
Türklopfen zur Rettung des Pantanals
Noch ist nicht Alles verloren. Verschiedene Initiativen setzen sich unermüdlich für das Pantanal ein. Im Bundesstaat Mato Grosso haben sich die Pantanal-Munizipe zu einem Verband zusammengeschlossen (Associação Mato-grossense dos Municípios). Der versucht, Grundeigentümer für den Naturschutz zu gewinnen, der letztlich ja auch ihnen zugute kommt. Ziel ist es unter anderem, die Grundbesitzer zur Renaturierung zerstörter Quellbereiche zu überreden.
Nach einer Studie des Instituto Homem Pantaneiro werden die 13 wichtigsten Flüsse des Pantanals von 139 Quellen gespeist. Von diesen sind allerdings nur 38 gut erhalten und mit einer Vegetation bestanden. Das Grün, wie Bäume und Sträucher, schützt nicht nur die Quelle, sondern gewährt ebenso einen steten Wasserfluss und vermeidet Erosionen, die die Flüsse des Pantanals versanden lassen.
Eine Anzeige alleine reicht nicht aus, sagt Letícia Larscher vom Instituto Homem Pantaneiro. Vielmehr müssten Fazendeiros und Grundeigner auch davon überzeugt werden, dass eine Wiederbepflanzung der Quellbereiche notwendig und sinnvoll sei. Auf der Tagesordnung stehen deshalb Besuche bei den Quellbesitzern.
Brunnen für Feuerwehr und Tiere
Einen anderen Weg gehen die brasilianische Gesundheitsstiftung Funasa und das Umweltamt des Bundesstaates Mato Grosso. Wegen des flachen Grundwasserspiegels im Pantanal sollen in den kommenden Wochen Brunnen gebohrt werden. Diese sollen den Tieren während der Trockenzeit als Tränke dienen und den Feuerwehrleuten bei ihren Einsätzen als Wasserreservoirs. Denn mit weiteren Bränden und ausgeprägteren Dürren wird gerechnet.
Fliegende Flüsse: Vom Regenwald zum Pantanal
Die Zunahme der Dürren wird von den Forschern nicht nur mit dem Klimawandel in Zusammenhang gebracht. Eine Rolle spielt ebenso die Kahlschläge im Amazonas-Regenwald. Über dem dichten Blätterdach des Regenwaldes bilden sich durch die Verdunstung von Wasser Wolken. Diese regnen nicht gänzlich über Amazonien ab, sondern gelangen über die Luftströme in den Mittleren Westen und Südosten Brasiliens. Die Forscher sprechen von ”Rios voadores“, fliegenden Flüssen.
Nach Schätzungen der Forscher gehen 40 Prozent der Niederschläge im Pantanal auf die Verdunstungsarbeit der Bäume Amazoniens zurück. Der Schutz des Amazonas-Regenwaldes ist somit ebenso von großer Bedeutung für das Pantanal.
Mit Öko-Tourismus Pantanal retten
Ein wichtiger Beitrag für den Erhalt der gigantischen Feuchtsavanne ist auch der Öko-Tourismus. Rita Maria Garcia von der Universität Mato Grosso (Unemat) stuft diesen als fundamental für die Region ein. Fotosafaris, Kanu-Wanderungen und Fischtourismus bieten Teilen der etwa drei Millionen Bewohnern des Pantanals ein Einkommen. Gleichzeitig trägt er zum Naturschutz bei. Weil Touristen eine intakte Natur sehen wollen, wird geschützt und setzt ein Umdenken ein.
Dass das funktioniert zeigt das Beispiel der Jaguare. Die wurden einst wegen ihres Felles getötet und auch, weil sie Rinder reissen. Dank verschiedener Initiativen und des Tourismus ist ihre Zahl wieder steigend. Dazu beigetragen haben unter anderem Wildtierbeobachtungen, mit der Aussicht, möglicherweise einen Jaguar zu sehen zu bekommen.
Laut Rita Maria Garcia erinnert die gigantische Überschwemmungslandschaft des Pantanals an das weltberühmte Okavango-Delta in Botswana. Dem Pantanal schreibt sie ein ähnliches Potential zu, sich zu einem weltweiten Natur-Tourismusziel zu entwickeln.
Noch gibt es für das Pantanal deshalb Hoffnungen, wie ein Phönix wieder aus der Asche zu steigen.