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Das Schweizervolk hat jüngst die Atomausstiegs-Initiative mit 54.2% verworfen. An der Einstellung gegenüber Atomenergie kann es nicht liegen, denn diese wird in der Schweiz mehrheitlich abgelehnt, und das nicht erst seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima 2011. Ein Vergleich nach Geschlecht, Alter und Parteiidentifikation zeigt, dass man aus dem Scheitern der Initiative keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte.
Die genauen Gründe für die Ablehnung der Atomausstiegs-Initiative lassen sich heute noch nicht feststellen, dafür muss auf die VOTO-Analyse zu den Abstimmungen vom 27.11. gewartet werden. Die Angst, dass die Versorgung nicht gesichert werden kann und Strom aus dem Ausland eingekauft werden müsste wird sicher eine wichtige Rolle gespielt haben, denn die Schweizer sind eher atomkritisch eingestellt.
Seit 1995 wird bei der Selects-Befragung, die alle vier Jahre nach den Parlamentswahlen durchgeführt wird, die Frage nach der Einstellung zur Atomenergie gestellt. Diese Auswertung erlaubt, sich ein Bild über den Anteil atomkritischer Schweizer zu machen. Die Nachwahl-Befragungen zeigen, dass der Anteil (in Prozent) an Atomgegnern stets höher war als derjenige der Befürworter.
Sehr schön zu erkennen ist der „Fukushima-Effekt“ bei der Befragung 2011. In den Jahren zuvor, namentlich bei den Befragungen 2003 und 2007, verringerte sich der Anteil der Gegner, auch wenn er jeweils nicht unter 50% sank.
2007 zeigt den niedrigsten Anteil an Atomkraft-Gegners seit 1995 – aber auch dort fällt er nicht unter 50%.
Die Reaktorkatastrophe in Fukushima, Japan, löste nicht nur in der Schweiz heftige Reaktionen aus. Hierzulande dominierte die Atomenergie-Frage die Diskussion im Parlament und prägte die Entwicklung der Energiestrategie 2050 des Bundes, welche den geregelten Ausstieg aus der Atomenergie vorsieht. Schon vier Jahre später ist der Anteil der Gegner in der Gesamtbevölkerung jedoch schon wieder abgesunken, wenn auch nicht auf seinen Tiefstwert von 2007.
Der Fukushima-Effekt auf die Einstellung zur Atomenergie hat sich abgeschwächt, bei 72% ist der Anteil der Gegner aber immer noch höher als in den Jahren zuvor, ausgenommen 2011.
Es besteht allenthalben Uneinigkeit über die Langzeit-Wirkung des Fukushima-Effekts. Die Abschwächung des Anteils der Gegner und Abstimmung vom 27. November scheint gegen ein grundlegendes Umdenken zu sprechen, aber der Zeitraum ist zu kurz, um definitive Aussagen zu treffen.
Frauen sind atomkritischer
Interessant ist ein Vergleich nach Geschlecht. Frauen sind der Atomenergie gegenüber deutlich kritischer eingestellt. Das lässt sich von 1995 bis 2015 durchgehend feststellen.
Die Geschlechtergruppen verhalten sich über die Zeit gesehen ähnlich, aber ein konstanter Graben von mindestens 12% bleibt. Der Anstieg 2011 fällt bei den Männern grösser aus. Abgeleitet von dieser Darstellung sieht es also so aus, dass der Fukushima-Effekt auf Männer einen grösseren Einfluss hatte als auf Frauen.
Auch hier lässt sich 2015 eine Abschwächung des Anteils der Gegner 2015 feststellen. Es bleibt abzuwarten, ob sich dieser Abfall fortsetzt und ob der Geschlechter-Graben sich weiter vertieft oder nicht.
Kein tiefer Generationen-Graben bei der Einstellung zur Atomenergie
Von 1995 bis 2011 ist zwischen den Altersgruppen keine grösseren Unterschiede festzustellen. Bis 2015 gilt aber, dass die über 50-Jährigen eine eher positivere Einstellung gegenüber der Atomenergie haben.
Man sieht, dass der Fukushima-Effekt bei den 31-50-Jährigen am deutlichsten zutage tritt. Es ist anzunehmen, dass zumindest ein Teil dieser Bevölkerungsgruppe Tschernobyl aktiv miterlebt hat. In Anbetracht dessen, dass Fukushima der zweite Vorfall mit gravierenden Folgen ist, macht der grosse Anstieg in dieser Altersgruppe Sinn.
Nicht erklärt wird mit dieser Logik allerdings, dass die über 50-Jährigen durchwegs die Altersgruppe darstellen, welche den geringsten Anteil an Atomenergie-Gegnern aufweist. Gerade im Jahr 2011 scheint dies seltsam, da alle befragten Personen, welche 2011 über 50 Jahre alt waren, Tschernobyl miterlebt haben. Der Unterschied lässt sich vielleicht damit erklären, dass die 1980er für die 50+-Gruppe weniger prägend waren als für die 31-50-Jährigen. Die ersten 20 Lebensjahre eines Menschen sind instrumentell in der politischen Sozialisation. So liesse sich der „Ausreisser“ von 2011 bei den 31-50-Jährigen vielleicht erklären, denn diese Altersgruppe wurde von Tschernobyl stärker geprägt als die Gruppe 50+.
Offen bleibt, wie stark Fukushima als einschneidendes Erlebnis die Atomenergie-Debatte in Zukunft befeuern wird. Die Altersgruppen haben sich bereits 2015 wieder angenähert, allerdings haben noch nicht alle Personen, welche Fukushima miterlebt haben, das Wahlalter 18 erreicht. Das letzte Wort ist also noch nicht gesprochen.
Die SVP bekämpft die Energiestrategie 2050 an vorderster Front. Ist das im Interesse ihrer Wähler?
Die SVP und FDP haben eine klare Nein-Parole zur Atomausstiegs-Initiative vorgegeben. Die SVP erwähnt in ihrem Parteiprogramm den Atomausstieg zwar nicht explizit, stehen der Energiestrategie 2050, die die Stilllegung der 5 Schweizer Kernkraftwerke nach Ablauf ihrer sicherheitstechnischen Betriebsdauer verlangt, kritisch gegenüber. Es ist fraglich, ob und wie weit das im Sinne ihrer Wähler ist.
Die SVP- und FDP-Wähler stehen der Atomenergie wenig überraschend positiver gegenüber als die SP-Wähler. Aber auch im bürgerlichen Lager gibt es Atomkraft-Gegner. Das Nein zur Atomausstiegs-Initiative hat den Parteispitzen zwar Auftrieb verschafft. Es ist jedoch ungewiss, wie weit die Wähler diese Politik mittragen wollen.
Mehr im Einklang mit ihren Wählern ist die CVP. Auch sie vertrat eine klare Nein-Parole bei der Atomausstiegs-Initiative, was einem Teil der Basis nicht gefallen haben dürfte – der Anteil der Atomenergie-Gegner ist unter CVP-Wählern durchwegs grösser als unter SVP- und FDP-Wählern – unterstützt aber die Energiestrategie 2050. Das dürfte dem CVP-Wählerwillen entsprechen.
Als einzige der vier Parteien sprach sich die SP für die Initiative aus. Damit sind sie mit ihrer Wählerschaft auf einer Wellenlänge, denn diese weist einen sehr hohen Anteil an Atomkraft-Gegnern auf.
Die bürgerlichen Parteien am Scheideweg
Wie bei den vorhergehenden Darstellungen ist 2015 ein tendenzieller Rückgang der Gegner festzustellen, sogar bei den SP-Anhängern. Die bürgerlichen Parteispitzen täten hingegen gut daran, ihren momentanen Kurs zu hinterfragen.
Eine Diskussion um neue AKWs, wie sie die SVP nicht zum ersten Mal anstrebt, scheint verfrüht und mit einer entsprechenden Initiative könnten die Bürgerlichen Schiffbruch erleiden. Die Entwicklung weg von der Atomenergie, wie sie die Energiestrategie 2050 vorsieht, sollte nicht vorzeitig beerdigt werden.
Die Schweizerinnen und Schweizer sind atomkritisch.
Der grösste Unterschied lässt sich über die Parteiidentifikation feststellen. Allgemein gesehen ist das Schweizervolk der Atomenergie gegenüber eher kritisch eingestellt.
Weitere demographische Merkmale, wie zum Beispiel Bildungsstand, würden sich für weitere Analysen anbieten.
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Quellennachweis:
Bundesamt für Energie BFE (2016): Energiestrategie 2050. (http://www.bfe.admin.ch/energiestrategie2050/index.html?lang=de [Stand: 20.11.2016]).
CVP Schweiz (2016): Energiestrategie. (https://www.cvp.ch/de/tags/energiestrategie [Stand: 26.11.2016]).
Glass, Jennifer, Bengtson, Vern L. und und Chorn Dunham, Charlotte: Attitude similarity in three generational families: Socialization, status inheritance, or reciprocal influence? American Sociological Review 51(5), 685-698.
Selects: Swiss national election studies, cumulated file 1971-2011 [Dataset]. Distributed by FORS, Lausanne, 2013. www.selects.ch.
Selects: Swiss Electoral Studies (Selects) 2015 [Dataset]. Distributed by FORS, Lausanne, 2016. www.selects.ch.
SP Schweiz (2016): Energiestrategie 2050. (https://www.sp-ps.ch/de/thema/energiestrategie-2050 [Stand: 2.12.2016]).
Tages-Anzeiger (2016): SVP ergreift das Referendum gegen Energiestrategie 2050. (http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/standard/svp-ergreift-referendum-gegen-energiestrategie-2050/story/14846130 [Stand: 3.12.2016]).
Titel: Wie atomfreundlich sind die Schweizerinnen und Schweizer? Anthea Alberto, <email-pii>, 12-709-283; Abgabedatum: 18.12.2016; Forschungsseminar Politischer Datenjournalismus; Prof. Dr. Fabrizio Gilardi, Dr. Michael Hermann, Dr. des. Bruno Wüest; Anzahl Worte: 931