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Die Weltwirtschaft ist in eine gefährliche neue Phase eingetreten. Es gibt einen Weg für eine nachhaltige Erholung, schreibt IWF-Direktorin Christine Lagarde. Aber er wird zusehends schmaler.
Um den Weg für eine nachhaltige Erholung zu beschreiten, benötigen wir weltweit einen starken politischen Willen – wir brauchen Führung und weniger waghalsige Politik, mehr Kooperation und weniger Wettbewerb, Agieren und weniger Reagieren.
Gegenwärtig besteht eines der grössten Probleme in der zu hohen Verschuldung des weltweiten Finanzsystems – der Regierungen, der Banken, der privaten Haushalte und insbesondere der Industrieländer. Das Vertrauen wird beschädigt und die Nachfrage, Investitionen und die Schaffung von Arbeitsplätzen werden gebremst. Diese Länder sind mit einer schwachen und holprigen Erholung und einer inakzeptabel hohen Arbeitslosigkeit konfrontiert.
Die Schuldenkrise der Euro-Zone hat sich verschärft und die finanziellen Belastungen steigen. Die politische Unentschlossenheit in einigen Lagern verschlimmert die Situation. Unter der Oberfläche brodelnde soziale Spannungen könnten ihr Übriges zur Verschärfung der Vertrauenskrise beitragen.
Druck aus Bilanzen von Staaten und Banken nehmen
In dieser Situation ist unser gemeinsames Handeln für eine globale Erholung in vier wesentlichen Bereichen gefragt: Reparieren, reformieren, für ein erneutes Gleichgewicht sorgen und wiederaufbauen.
Erstens reparieren. Bevor wir irgendetwas anderes unternehmen, müssen wir Druck aus den Bilanzen von Staaten, privaten Haushalten und Banken nehmen, welcher die Erholung drosseln könnte. Industrieländer benötigen glaubwürdige mittelfristige Strategien zur Stabilisierung und Verringerung der öffentlichen Verschuldung.
Allerdings kann eine zu rasche Konsolidierung die Erholung beeinträchtigen und die Beschäftigungsaussichten verschlechtern. Glaubwürdige Massnahmen, die mittelfristig und nachhaltig für Einsparungen sorgen, werden dazu beitragen, heute Raum für Wachstum zu schaffen – indem sie ein langsameres Konsolidierungstempo zulassen. Natürlich ist der genaue Weg für jedes Land ein anderer, da einige unter dem Druck des Marktes stehen und keine Wahl haben, während andere über grösseren Handlungsspielraum verfügen.
Ebenso wichtig ist es, Druck von den privaten Haushalten und Banken zu nehmen. Im Hinblick auf die Vereinigten Staaten begrüsse ich die jüngsten Vorschläge von Präsident Barack Obama zur Stärkung des Wirtschaftswachstums und Schaffung von Arbeitsplätzen. Massnahmen, die Eigenheimbesitzern zu niedrigeren Zinsen verhelfen, oder aggressive Programme zur Verringerung ihrer Kreditsummen wären ebenfalls hilfreich. In Europa müssen die Staaten ihre Finanzierungsprobleme mit einer glaubwürdigen Konsolidierung ihrer Haushalte angehen. Zusätzlich müssen Banken über einen ausreichenden Kapitalpuffer verfügen, um das Wachstum zu fördern.
Der zweite Punkt sind Reformen, wobei der Finanzsektor Priorität geniesst. Positiv ist zu sehen, dass weitgehend Einigkeit über höhere Qualitätsstandards für Kapital und Liquidität mit geeigneten Verfahren zur stufenweisen Einführung besteht. Es gibt noch immer erhebliche Lücken, die durch internationale Kooperation geschlossen werden müssen, um Aufsichtsarbitrage zu verhindern.
Auch die soziale Dimension sollte im Zeichen von Reformen stehen – insbesondere die Notwendigkeit, Wachstumsquellen zu identifizieren und zu fördern, die in der Lage sind, genügend Arbeitsplätze zu schaffen. Das ist besonders wichtig für die Jugend.
Schwellenländer müssen Lücke ausfüllen und für Nachfrage sorgen
Dem dritten Ziel des gemeinsamen Handelns, der Wiederherstellung eines Gleichgewichts, kommt eine doppelte Bedeutung zu. Zum einen muss die Nachfrage wieder vom staatlichen zum privaten Sektor verlagert werden, wenn dieser der Belastung gewachsen ist. Das ist bislang nicht geschehen.
Zum anderen muss die globale Nachfrage künftig von jenen Ländern ausgehen, die einen Handelsbilanzüberschuss haben und nicht ein Defizit. Während die entwickelten Staaten weniger ausgeben und mehr sparen, müssen die Schwellenländer die entstandene Lücke ausfüllen und für die Nachfrage sorgen, die die globale Erholung vorantreibt. Doch auch dieser Neuabgleich konnte bisher nicht in ausreichendem Masse hergestellt werden, und wenn die Industrieländer in der Rezession versinken, wird es für niemanden ein Entkommen geben.
Die vierte politische Notwendigkeit ist Wiederaufbau. Viele Länder, einschliesslich deren mit niedrigen Einkommensniveaus, müssen ihre wirtschaftlichen Abwehrkräfte wieder instand setzen – etwa, indem sie ihre Haushaltspositionen stärken –, um sich gegen zukünftige Stürme zu wappnen. Dies wird auch dazu beitragen, den nötigen Raum für wachstumsfördernde öffentliche Investitionen und wichtige soziale Sicherungsnetze zu schaffen.
Beitrag des IWF zu einem stabileren internationalen Finanzsystem
Unter diesen Umständen ist der Internationale Währungsfonds – mit seinen 187 Mitgliedsländern – in einer einzigartigen Position, unser gemeinsames Handeln zu fördern. Unsere politische Beratung kann dazu beitragen, die drängenden aktuellen Fragen zu erhellen – Wachstum, grundlegende Schwachstellen und die Verbundenheit der Staaten. Unsere Kreditvergabe kann Ländern in Schwierigkeiten Luft verschaffen. Und, wenn wir einen Blick über den Krisenhorizont hinaus werfen, kann der IWF auch dazu beitragen, ein sicheres und stabileres internationales Finanzsystem aufzubauen.
Durchlavieren oder halbherzige Massnahmen sind fehl am Platz. Wenn wir den Moment nutzen, können wir gemeinsam einen Weg aus der Krise finden und wieder für starkes, nachhaltiges und ausgewogenes weltweites Wachstum sorgen. Aber wir müssen schnell handeln – und geschlossen.
* Christine Lagarde ist geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds. © Project Syndicate, 2011