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schweiz
«Meine Tochter schrieb vor der Wahl ein schönes SMS»
Können Kandidaten noch schlafen vor der Bundesratswahl? Was sagen Frau und Kinder vor dem Gang nach Bern? Alt-Bundesrat Pascal Couchepin weiss es.
Anne-Laure Couchepin ist bereits erfolgreiche Gemeinderätin. Foto: Keystone
Kantonsräte, Nationalräte, Staatsräte, Richter, Ingenieure, Offiziere, Anwälte: Die Familie von Alt-Bundesrat Pascal Couchepin hat in ihrer Geschichte einige illustre Persönlichkeiten hervorgebracht. Dabei hatte sich Urahne Jean-Jacques Couchepin im Jahr 1748 noch als einfacher Schuhmacher in Saint-Maurice und später in Martigny niedergelassen. Für den vorläufigen Höhepunkt in der Familiengeschichte sorgte Pascal Couchepin. Seine Politkarriere begann 1968 im Gemeinderat von Martigny, führte 1984 ins Stadtpräsidium und dann ins Berner Bundeshaus.
Sich in dieser Familiengeschichte einen prominenten Platz zu sichern, ist herausfordernd. Anne-Laure Couchepin Vouilloz, das mittlere von Couchepins drei Kindern, beeindruckt das nicht. Seit 2008 sitzt sie wie schon ihr Vater im Gemeinderat Martignys, der Exekutive. Und im Herbst kandidiert die 39-Jährige für das Amt der Stadtpräsidentin. Würde sie gewählt, nähme sie am selben Schreibtisch Platz, an dem schon ihr Vater sass. Und sie wäre überdies die erste Stadtpräsidentin in der Geschichte des Unterwallis; Sitten, Siders, Monthey und Saint-Maurice werden seit je von Männern regiert.
Die Politik selbst entdeckt
Fragen zu ihrer Familiengeschichte und zum Einfluss ihres Vaters auf ihre Polit-karriere weicht Anne-Laure Couchepin konsequent aus. Zeitungstitel wie «Eine Couchepin als Präsidentin» oder «Anne-Laure C., Tochter des Präsidenten» mag sie nicht. Sie sagt, sie liebe ihre Eltern wie jede Tochter und jeder Sohn, sie habe aber immer versucht, Anne-Laure zu sein. Entsprechend stark sei ihr Charakter. Und sie betont: «Ich wuchs wie alle Gleichaltrigen auf und erinnere mich nicht, in Martigny irgendwelche Privilegien genossen zu haben, nur weil mein Vater Stadtpräsident war.»
1998, bei der Wahl des Vaters in den Bundesrat, war Anne-Laure Couchepin bereits 20 Jahre alt und nach einer Ausbildung als Physiotherapeutin im Begriff, an der Universität Lausanne ein Jusstudium zu beginnen. Vom Leben unter der Bundeshauskuppel bekam Anne-Laure Couchepin wenig mit. Dennoch begann sie sich für Politik zu interessieren. Sie studierte verschiedenste Parteiprogramme – um sich am Ende jener Partei anzuschliessen, der die Familie seit je anhängt: der FDP. «Druck gab es nie», sagt die 39-Jährige. Auch heute sei der Vater nicht ihr Mentor. Sie tausche sich mit ihm wie mit anderen Vertrauten über politische Themen aus. Bescheidenheit, soziale Offenheit und Unabhängigkeit gehören gewissermassen zum politischen Programm der 39-Jährigen, die mit dem Anwalt Gonzague Vouilloz verheiratet ist und vier Kinder hat. Vom dirigistischen Habitus ihres Vaters, von seinem Hang zur Provokation ist bei ihr nichts zu spüren. Vor acht Jahren ging Anne-Laure Couchepin während des Wahlkampfs für den Gemeinderat gar so weit, dass sie jegliche Interviews verweigerte. Sie habe zuerst einen Leistungsausweis vorzeigen wollen, begründet sie den damaligen Entscheid.
Eine ausgezeichnete Schule
Im Gemeinderat übernahm sie das Schulwesen und arbeitete weiter als Anwältin. Sie wusste, was Martigny brauchte: Krippenplätze. Sie baute das Angebot von 265 im Jahr 2008 auf aktuell 364 Krippenplätze aus. Und sie trieb das in Martigny bereits etablierte Projekt der integrativen Schule weiter voran. Dass die Stadt Kinder mit Handicaps und Migrantenkinder konsequent in die Regelschule aufnimmt, wurde 2013 auch auf Bundesebene honoriert. Der Verein «Forum Bildung» zeichnete die Primarschule Martigny unter 100 Teilnehmern als leistungsstärkste Schweizer Schule aus, gemeinsam mit der Zürcher Oberstufenschule Wädenswil. Anne-Laure Couchepin Vouilloz sagt: «Die integrative Schule ist ein entscheidender Faktor für den sozialen Zusammenhalt von Martigny.»
Ihre Arbeit findet über die Parteigrenzen hinaus Anerkennung. Gaël Bourgeois, Walliser Politiker und Mediensprecher der SP Schweiz, erlebte Anne-Laure Couchepin Vouilloz als Präsidentin der Kommission der Orientierungsschule. Er sagt: «Sie ist gut organisiert, leitet die Sitzungen effizient und hat klare Ziele. Sie kommt in ihrer Arbeit voran.» Dass sie nun für das Stadtpräsidium kandidiert, erstaune ihn jedenfalls nicht.
Wahlen im November
Trotzdem: Den roten Teppich rollte ihr die FDP Martigny nicht aus. Von der Vorstellung, ihr Vater könnte in der Partei die Fäden gezogen und ihr zur Nomination verholfen haben, will sie nichts wissen. Sie betont: Sie habe sich parteiintern nach langen, freundschaftlich geführten Diskussionen gegen Mitkonkurrent David Martinetti durchgesetzt. Sie dürfte aber davon profitiert haben, dass ihr Konkurrent 2008 bei seiner Kandidatur für das Vizestadtpräsidium von Martigny bereits einmal unterlag – und das just gegen CVP-Mann Benoît Bender, der nun auch für das Stadtpräsidium kandidiert.
Auch für Anne-Laure Couchepin Vouilloz wird der Wahlkampf gegen Bender kein Spaziergang. Obwohl die Wahlen erst Mitte November stattfinden, ist ihr eine gewisse Anspannung anzumerken. Gut möglich also, dass sie bei Vater Pascal doch noch ein paar Ratschläge einholt. Schliesslich weiss er, wie man solche Wahlen gewinnt – und wie man danach nach Bern kommt.