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zu den Quellen der Nacht
Teil 4/4
Werner Zurfluh

3. erw. Aufl. 1996 im HTML-Format
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Schamanen leben hüben und drüben
Als die drei Helden »ein Stück Weges geritten waren, begegneten sie einem alten Manne, der in eine grüne Kleidung gekleidet war«, auf einem dunkelgrauen Pferd ritt und von sieben Hunden begleitet wurde. »Kan Mirgän fragte den Alten, wer er wäre, und der Alte versprach, über sich Auskunft zu geben, wenn Kan Mirgän und die übrigen Helden die Güte haben wollten, von ihren Rossen abzusteigen. Dies thaten sie auch, ebenso wie der Alte.« (Märchen) Alle setzten sich nun auf die Erde nieder, und der Alte sagte den drei Helden auf den Kopf zu, was er von ihnen wußte, und schloß seine Ausführungen mit den Worten: »Wollt ihr etwas mehr wissen, so sehen wir einander im Sonnenlande wieder.«. (Märchen) (Inhalt)
Um nur an einem Beispiel zu zeigen, wie sehr die Erfahrung eines Westeuropäers der eines Tataren bzw. eines Märchenhelden ähnlich sein kann, weise ich auf das in meinem Buch "Quellen der Nacht" ausführlich erzählte und kommentierte Erlebnis vom 24. November 1970 hin. Dort kommt es zu einer Begegnung mit einem uralten Indianerhäuptling, der ein mächtiger und ehrfurchtsgebietender Mann ist. Alle werfen sich vor ihm zu Boden und bezeugen auf diese Weise ihre Ehrerbietung. Ich selbst mache trotz meiner Furcht nur eine tiefe Verbeugung. Dann fordert mich der Alte jedoch zum Hinsetzen auf und erklärt, daß ich nicht stehen bleiben dürfe, um beim Gespräch nicht den Eindruck zu erwecken, größer als er selbst zu sein. Nachdem wir beide uns niedergelassen haben, sprechen wir miteinander. (Anm.1) (Inhalt)
Und wie geht es im tatarischen Zaubermärchen weiter? Nachdem die drei Heldenbrüder noch einige Abenteuer bestanden hatten, »begaben sie sich ins Sonnenland und waren kaum aus dem Loche gekommen, als der Alte mit den sieben Hunden ihnen entgegen kam. Die drei Helden fielen dem Alten sofort zu Füßen und fragten ihn, was für ein Mann er wäre.« Und der Alte antwortete: »Gott hat bestimmt, daß ich sowohl auf als unter der Erde wandern soll.« Er hat »mir eine solche Macht gegeben, daß ich die Betrübten trösten und erfreuen und dagegen die Allzufrohen betrüben kann. Das Gemüth derer, die sich allzusehr anstrengen, kann ich gleicher Weise verändern, so daß sie auch heitern Zeitvertreib lieben. Ich heiße Kögel-Chan und bin ein Schaman, der die Zukunft, die Vergangenheit und alles, was sich in der Gegenwart sowohl über als unter der Erde zuträgt, weiß.« - »Laß uns da wissen,« sagte Kanna Kalas, »was man bei uns, fern in der Heimath, macht; wenn du aber nicht die Wahrheit sagst, so hauen wir dir den Hals ab.« »Der Greis zog seine Schamanenkleidung an und begann zu zaubern. Er zauberte und sagte ihnen allen die reine und wirkliche Wahrheit.« (Märchen)
Das Ende der Geschichte ist dann für alle Beteiligten zufriedenstellend: Der Schamane geht seiner eigenen Wege und reitet davon, Kanna Kalas heiratet die Kubaiko und Komdei Mirgän die Kanarko. Kan Mirgän, der schon verheiratet ist, bleibt daheim in seinem Zelt bei seiner Familie und lebt fortan wie die anderen in Frieden, und "weder Krankheit noch Tod hatten Macht über dieselben". (Märchen)
Die tatarische Erzählung gibt einen überaus deutlichen Hinweis auf die Kontinuität des Ich-Bewußtseins. Noch genauere Aussagen finden sich in gewissen tibetischen Schriften, die Evans-Wentz unter dem Titel Tibetan Yoga and Secret Doctrines veröffentlicht hat. Um die Texte aber in ihren Konsequenzen zu erfassen, bedarf es eines Ichs, das die Multidimensionalität des Seins und die Kontinuität des Ich-Bewußtseins einige Male selbst erfahren hat. Und dies ist genau der Haken an der ganzen Sache: Es braucht eben ein subjektives Erleben, um Objektivität zu erlangen und schließlich zu erkennen, daß Subjekt und Objekt nur die beiden Seiten ein und derselben Münze sind. Und wieder müßte man Erkenntnistheorie betreiben, um 'weiterzukommen'.
Die tatarische Heldensage zeigt zudem unmißverständlich, daß es menschliche Wesen gibt, die gewissermaßen von Berufes wegen fähig sind, wachbewußt in verschiedenen Zustandsebenen zu leben. Dabei handelt es sich um Schamanen, die sowohl im "Sonnenland", im Alltag, als auch in der "Unterwelt", in der Welt des "Klartraumes" und der "Außerkörperlichkeit" zu Hause sind. Die erzählerische Herausarbeitung eines kontinuierlichen Überganges von der einen in die andere Lebenssphäre weist darauf hin, daß in der tatarischen Geschichte die physisch-materielle Existenzebene klar von der sogenannten außerkörperlichen unterschieden wird. (Inhalt)
Für alle diejenigen Völker, bei denen das Schamanentum in hohem Ansehen steht, gibt es in bezug auf die Intersubjektivität und die Frage nach dem Vorhandensein selbstbewußter Gestalten in dem Zustand, der mangels einer besseren Bezeichnung "außerkörperlich" genannt wird, keine Zweifel. Man darf diese Auffassung wie die vieler Esoteriker "naiv realistisch" nennen, womit die Tatsache gemeint ist, daß die wahrgenommene Welt als objektiv gegeben und als völlig vom Subjekt unabhängig aufgefaßt wird. Das dieser Meinung zugrundeliegende Weltbild geht von der nicht weiter hinterfragten Annahme aus, daß das wahrnehmende Subjekt keinerlei Einfluß auf den Wahrnehmungsvorgang als solchen hat. Die äußere Welt ist demzufolge wie die Traumwelt ein reines Naturprodukt jenseits aller Vorstellungen und Weltbilder. Der naive Realist identifiziert selbstverständlich im Alltag die wahrgenommene Welt mit der physikalischen, im außerkörperlichen Zustand dagegen mit der seelisch-geistigen. In der Folge - schreibt Paul Tholey - erscheint die Wahrnehmungswelt «als diejenige Welt, in der man lebt, handelt, mit anderen Personen kommuniziert und die man für die einzig wirkliche hält, solange man nicht gerade Erkenntnistheorie betreibt». (Anm.2) (Inhalt)
Insofern der "naive Realist" darauf besteht, das etwas nur dann "Wahrheit" genannt werden darf, «wenn es mit einer als absolut unabhängig konzipierten, 'objektiven' Wirklichkeit übereinstimmt», (Anm.3) ist er ein metaphysischer Realist. Diese Position erlaubt es zwar seit zweitausend Jahren darüber zu streiten, «was wirklich existiert» (ibid.). Aber die unauflösbare Verknüpfung des Begriffs der Wahrheit mit dem Begriff der objektiven Gültigkeit steht dabei überhaupt nicht zur Diskussion. «Im großen und ganzen», betont Ernst von Glasersfeld, «hat sich das auch nach Kant kaum geändert. ... Trotz Kants These, daß der Verstand seine Gesetze nicht aus der Natur schöpft, sondern sie ihr vorschreibt, fühlen sich die meisten Wissenschaftler heute noch als 'Entdecker', die Geheimnisse der Natur lüften und den menschlichen Wissensbereich langsam aber sicher erweitern; und unzählige Philosophen widmen sich der Aufgabe, diesem mühsam errungen Wissen die unumstößliche Sicherheit zuzuschreiben, die alle Welt von der 'echten' Wahrheit erwartet. Nach wie vor herrscht da die Auffassung, daß Wissen nur dann Wissen ist, wenn es die Welt erkennt, wie sie ist.» (ibid.:19). (Inhalt)
Die zentrale Frage, wie der Mensch Kenntnis von der Wirklichkeit erlangt und ob diese Kenntnis auch verläßlich und "wahr" ist, beschäftigt die Gemüter auch und ganz besonders im Hinblick auf das persönliche Überleben des Todes und die außerkörperlichen Erfahrung. Meine bisherigen Ausführungen werden bereits gezeigt haben, was für mich "reine Wahrheit" und "objektive Wirklichkeit" bedeutet. Ich möchte es dennoch ganz deutlich aussprechen: Ich kümmere mich weder um das eine noch um das andere, sondern versuche bloß herauszufinden, ob die Grundlagen meines Wissens der Erfahrungswelt standhalten - und zwar sowohl der Welt im Alltag wie auch der (Ander-) Welt während des Schlafzustandes des physischen Körpers. Für mich stellt sich somit die zentrale Frage, ob ich aufgrund des mir zur Verfügung stehenden Wissens die Möglichkeit habe, «Vorhersagen zu machen und gewisse Phänomene (d.h. Erscheinungen und Erlebnisse) zu bewerkstelligen oder zu verhindern» (ibid.:22). Wenn es diesen Dienst bei mir und bei anderen nicht erweist, wird mein Wissen mitsamt den damit verbundenen erkenntnismäßigen Grundannahmen wie jedes andere «fragwürdig, unbrauchbar und schließlich als Aberglaube entwertet» (ibid.:22-23).
Ich versuche, die extremen Positionen des 'naiven' und des 'metaphysischen' Realismus zu vermeiden, denn ich bin außerstande, über das "eigentliche Sosein" des "außerkörperlichen Daseinszustandes" etwas Endgültiges und Unumstößliche auszusagen. Ich kann nur einfach von meinem Erleben erzählen und die für mich ausschlaggebenden kognitiven, emotionalen und motivationalen Voraussetzungen erläutern. Auf diese Weise läßt sich immerhin zeigen, das ein bestimmtes Wissen nicht mehr und nicht weniger als ein Schlüssel darstellt, der eine verbotene und tabuisierte Raumzeit öffnet und eine erstaunliche Vielfalt an Erfahrungsmöglichkeiten erschließt - mit weitreichenden Konsequenzen für die persönliche Existenz, das Leben in der Gemeinschaft und die Einstellung gegenüber Schlaf und Tod. (Inhalt)
Im "Lucidity Institute Catalog" des Lucidity Institute von Stephen LaBerge steht etwas, das im Rahmen einer prinzipiellen Vorentscheidung gesehen werden kann, nämlich: «Lucid dreams are dreams in which you know that you are dreaming, and are aware that the dream is your own creation.» In einem luziden Traum (oder der Außerkörperlichkeit) wird die Tatsache erkannt, daß es sich nicht um eine Erfahrung auf der Alltagsebene handelt - einverstanden. Aber daß das Wahrgenommene einzig und allein auf einer eigenen Schöpfung (own creation) beruhe, entspricht einer (gestalt-) theoretischen Vorentscheidung, die unweigerlich in einen extremen Solipsismus abgleitet, weil sie alles dem Subjekt zuschreibt. Bei der tatarischen Heldensage müßten die Begegnunge zwischen Kubaiko und Kanarko und das Treffen der drei Helden mit dem Schamanen als rein subjektiv bezeichnet werden. In diesem Falle wären einige Erklärungen fällig z.B. in bezug auf die Intersubjektivität. (Inhalt)
Meiner Meinung nach sind weder der (luzide) Traum noch die Außerkörperlichkeit ausschließlich eine eigene (subjektive) Schöpfung. Das Geschehen besitzt vielmehr auch eine objektive Komponente, ohne deswegen allerdings 'rein objektiv' zu sein. Nur der 'naive Realist' würde meinen, die Ereignisse seien objektiv. Und der 'metaphysische Realist' würde nach einer objektiven, subjektunabhängigen Wirklichkeit suchen. - Ich hatte zu lernen, daß die Positionen des Subjektivismus und des Objektivismus Extreme sind, die in Sackgassen führen, und betrachte die nächtlichen Ereignisse nunmehr als eine untrennbare Mischung von Subjektivem und Objektivem. Arthur Stanley Eddington wählte dafür die Bezechnung 'selektiver Subjektivismus'. Diese Sicht, die für die Quantenmechanik und die Relativitätstheorie gültig ist, scheint mir auch in bezug auf die (luziden) Träume und die Außerkörperlichkeit vernünftig zu sein: Es ist eben nicht möglich, den subjektiven vom objektiven Anteil fein säuberlich zu trennen! (Inhalt)
Egal, um welche Ereignisse es sich handelt, sie sind niemals bloß die Schöpfung eines Subjektes, sondern stets eine komplexe Mischung von subjektiven und objektiven 'Materialien'. Der Mensch ist Mit-Schöpfer des Traumgeschehens - ebenso wie er Mit-Schöpfer des Geschehens im Alltag ist. Dank der Bewußtheit ist es ihm möglich, darauf zu achten, daß der Subjektanteil nicht dominierend wird, weil es möglich ist, mit dem, was einem begegnet, zu wechselwirken. Es ist eine ethische Verpflichtung, wenigstens so zu tun, als ob die Ereignisse objektiv seien. Das erlaubt es, der Situation enstprechend zu reagieren, d.h. situationsadäquat zu wechselwirken. Würde der Mensch dies tagsüber tun, sähe die Tierhaltung anders aus und würde die Umweltproblematik effizient angegangen. Durch die Dominanz des Subjektanteils aber werden Außenwelt und Innenwelt andauernd neu verschmutzt!
Es wäre für alle Beteiligten besser, das, was Lynne Levitan und Stephen LaBerge im Artikel Other Worlds: Out-of-Body Experiences and Lucid Dreams schreiben, zu bachten, auch wenn gewisse Punkte etwas anders zu gewichten sind:
«Spiritual teachings tell us that we have a reality beyond that of this world. The OBE may not be, as it is easily interpreted, a literal separation of the soul from the crude physical body, but it is an indication of the vastness of the potential that lies wholly within our minds. The worlds we create in dreams and OBEs are as real as this one, and yet hold infinitely more variety. ... Freed of the constraints imposed by physical life, expanded by awareness that limits can be transcended, who knows what we could be, or become?»
«Geistige Lehren erzählen uns, daß wir eine Wirklichkeit jenseits dieser Welt haben. Die außerkörperliche Erfahrung ist nun nicht, wie immer wieder etwas leichtfertig gesagt wird, eine Trennung der Seele vom physisch-materiellen Körper, die als wörtlich aufzufassen wäre. Vielmehr ist sie ein Anzeichen von der Bandbreite jenes Potentials, das zur Gänze innerhalb unseres Verstandes und damit unserer geistigen Fähigkeiten liegt. Die Welten, die wir in Träumen und außerkörperlichen Erfahrungen erschaffen, sind ebenso real wie unsere alltägliche und außerdem unendlich vielfältiger. ... Befreit von den durch das physisches Leben aufgezwungen Fesseln, die durch Bewußtheit gesprengt und damit transzendiert werden, wer weiß, was wir alles sein oder werden könnten?»
Dies ist meine Übersetzung, die eher die 'subjektive Richtung' gewichtet, wie sie wohl von Stephen LaBerge und Lynne Levitan gemeint ist. Wie gesagt, bin ich mit dieser Gewichtung nicht ganz einverstanden, denn die Wirklichkeit ist meines Erachtens - und vorsichtiger ausgedrückt - eine Mischung von Subjektivem und Objektivem, d.h. sie umfaßt beides. Eine Realität jenseits dieser (physisch-materiellen) Welt, wie wir sie normalerweise erleben, kann nur erfahren werden, wenn die durch das physisches Leben aufgezwungen Fesseln durch Bewußtheit bzw. Ich-Bewußtseinskontinuität gesprengt und auf diese Weise transzendiert werden. Daß wir uns dann jedoch in einem ausschließlich 'subjektiven Raum' befinden, ist fraglich - auch wenn sich alles innerhalb des Gehirns abspielen sollte - und Außerkörperlichkeit keine als wörtlich aufzufassende Trennung der sogenannten Seele vom physisch-materiellen Körper ist. Schließlich weiß niemand, was genau das Gehirn ist. Auch weiß niemand, wie es bis ins letzte Detail im Kopf drinnen aussieht. Außerdem ist auch nicht bekannt, was Raum und Zeit und was Materie und Energie sind, denn Formeln wie z.B. E=mc2 machen 'nur' einen Zusammenhang verständlich, erklären aber weder Masse noch Lichtgeschwindigkeit in ihrer letztendlichen Wirklichkeit.
Es sollte auch nicht immer so getan werden, als wisse man um die letzten 'Geheimnisse', wenn etwa von Bewußtheit gesprochen wird. Denken wir doch einfach daran, daß das Ich nicht einmal über den Körper Bescheid weiß, mit dem es sich meist identifiziert. Oder ist jemand etwa der Meinung, er habe 'sein' Gehirn selbst aufgebaut? (Inhalt)
Es ist wohl eine Frage der Zurückhaltung, anstelle von «the worlds we create in dreams and OBEs» zu sagen: «die Welten, an deren Gestaltung wir in Träumen und außerkörperlichen Erfahrungen mitbeteiligt sind». Es ist dann möglich, innerhalb eines luziden Traumes bzw. einer außerkörperlichen Erfahrung die subjektiven Vorstellungen etwas zurückzunehmen und adäquater auf die Situation zu reagieren, gerade weil eine Multidimensionalität angenommen und zumindest so getan wird, als ob da etwas Objektives vorhanden wäre.
Nun sei zum Schluß noch eine andere Geschichte erzählt: (Inhalt)
Die Feuerprobe
Auf einer meiner nächtlichen Reisen stoße ich in der Nacht auf den 27. Dezember 1974 auf einen aus großen Zelten bestehenden Gebäudekomplex, in dem etwa hundert Indianer leben. Das Zelthaus ist ein Stockwerk hoch und unterkellert. Von den Schlafräumen im ersten Stock führt eine angebaute Holztreppe auf die grasbewachsene Erde herunter. Auf der ersten Stufe steht ein Medizinmann, der eine Büffelmaske als Kopfbedeckung trägt. Er und die bei meiner Ankunft zusammengelaufenen Indianer schauen mich mißtrauisch an. Kaum einer ist mir freundlich gesinnt. Die Blicke verheißen nichts Gutes. Ich werde belauert, und alle scheinen darauf zu warten, daß ich etwas tue, das "meinen Untergang beschleunigt".
Merkwürdigerweise scheinen aber auch alle zu wissen, daß ich gekommen bin, um den "Keller der Medizinmänner" zwecks Weiterbildung betreten zu dürfen. Mein Ansinnen ist aber ungemein provozierend, denn Außenstehenden wird es kaum jemals gestattet, die unterirdischen Räume zu betreten. Ich muß also irgendetwas tun, um mich zu legitimieren und um zu zeigen, daß ich berechtigterweise hierhergekommen bin und jene Fähigkeiten besitze, um unbeschadet die Welt unter der Erde betreten zu können.
Es ist nun an mir, zu zeigen, über welche Zauberkräfte und Intuition ich verfüge. Aus meiner Hosentasche nehme ich ein paar weiße Wattebäusche und sage: «Feuer wird entstehen.»
Vorsichtig fasse ich die Watte mit der rechten Hand und führe sie langsam vor die Mundöffnung, um anschließend tief und verhalten einige Male hintereinander den Bausch anzublasen. Bald verfärbt sich die weiße Watte. Es entstehen mehrere bläuliche und rötliche Punkte, die sich bei jedem Anblasen mehr und mehr ausdehnen. Wegen des starken Ein- und Ausatmens wird mir fast ein bißchen schwindlig, weshalb ich sehr genau auf die Atmungstechnik achte.
Und plötzlich entsteht Feuer. Durchsichtige, blaurote Flammen züngeln lustig hervor und wirbeln in die Luft hinaus. Damit alle den feurigen Wattebausch sehen können, halte ich ihn hoch. Die Gesichtszüge der umstehenden Indianer hellen sich auf. Offensichtlich sind alle erfreut und zufrieden ob des kleinen Kunststückchens. Die Probe ist bestanden. Der Zutritt zu den "Kellern der Medizinmänner" steht mir offen. Erwartungsvoll folge ich dem Medizinmann, der mir den Weg weist.
Wo sind also die verschlossenen Türen? Wenn das Ich bereit ist, gewisse Proben zu bestehen, erhält es Zutritt zu den verborgenen Räumen, Zugang zu nichtalltäglichen Wirklichkeiten - aber nur, wenn es auf ein gewaltsames Eindringen verzichtet.