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Angefangen hat diese Geschichte mit einem Gang in die Brockenstube. Dort fand ein Koch aus Olten vor ein paar Jahren die Zeichnung eines frühneuzeitlichen Globus. Das Bild gefiel ihm, er kaufte es für ein paar Franken und hängte es in seine gute Stube. Durch einen Fernsehbericht über den St. Galler Globus wurde er darauf aufmerksam gemacht, dass es sich bei seinem Brockenstuben-Schnäppchen um ein kulturell wertvolles Objekt handeln könnte, worauf er einen Historiker kontaktiere. Auf diesem Weg erfuhr Jost Schmid, Leiter der Abteilung Karten und Panoramen der ZB, von der Zeichnung.
Schmid setzte sich mit dem Koch in Verbindung. Als er die Zeichnung sah, war ihm sofort klar, dass es sich dabei um eine Abbildung des St. Galler Globus handelte, jenem Objekt, um das sich die Zürcher und St. Galler jahrelang im Kulturgüterstreit gebalgt hatten. Der Globus war 1712 im zweiten Villmergerkrieg von Zürcher Truppen aus dem Kloster St. Gallen geraubt worden und wurde von den St. Gallern zurückgefordert. Zürich und St. Gallen einigten sich schliesslich darauf, dass das Original in Zürich bleiben sollte, wo es im Landesmuseum ausgestellt ist, St. Gallen erhielt eine originalgetreue Replik, die heute in der Stiftsbibliothek zu bewundern ist.
Retuschiertes Original
Zu den ungelösten Rätseln des Erd- und Himmelsglobus aus dem 16. Jahrhundert gehörte, wer ihn gebaut hatte und wo er herkam. Was man wusste, war, dass der Globus 1595 in den Besitz des Fürstabts von St. Gallen gelangte. Von wem er diesen erworben hatte, war jedoch Gegenstand von Spekulationen. Die Forschung vermutete, der Globus könnte für die Augsburger Fugger gebaut worden sein. Bei Restaurationsarbeiten hatte man festgestellt, dass bestimmte Teile des Globus im Nachhinein übermalt worden waren. Das galt insbesondere für einige Porträtmedaillons, die an den Korbstreben des Globus angebracht waren.
Hier kommt das mit schwarzer Feder auf Kalbspergament gezeichnete und mit Aquarell, Gouache und Goldfarbe kolorierte Abbild des St. Galler Globus ins Spiel, das Jost Schmid 2015 dem Koch aus Olten abkaufen und in die Sammlung der ZB überführen konnte. Als Schmid das Bild unter die Lupe nahm, realisierte er, dass es sich in wichtigen Details vom aktuellen Globus unterschied. Ihm war sofort klar, dass die Zeichnung den ursprünglichen Zustand des Globus wiedergab. «Das war wie Ostern und Weihnachten am gleichen Tag», erinnert sich Schmid. Für ihn war klar, dass die nachträglichen Retuschen beziehungsweise das, was darunter lag, der Schlüssel zur Herkunft des Globus sein könnten.
Konterfeis von reformierten Gelehrten
Wie Jost Schmid jetzt dank eigener Recherchen zeigen kann, lag der damit goldrichtig. Schmid liess die Korbstreben monochromatisch und radiografisch untersuchen. Dabei kamen bei den drei Pergamentmedaillons drei Porträts zum Vorschein, die im Nachhinein verändert oder ganz übermalt worden waren. In historischer Detektivarbeit hat Schmid nun den Nachweis erbracht, wessen Konterfeis ursprünglich auf den Medaillons abgebildet waren. Es handelt sich dabei um den niederländischen Gelehrten Gerhard Mercator (1512–1594), der mit einem Zirkel und einem Globus abgebildet ist. Mercator war einer der bedeutendsten Kartographen seiner Zeit. Das zweite Porträtbild konnte Schmid David Chytraeus (1530–1600) zuordnen. Chytraeus war ein Reformator der zweiten Generation, der an der Universität Rostock lehrte, dem «Wittenberg des Nordens», das zum Herzogtum Mecklenburg gehörte. Der dritte prominente Abgebildete schliesslich ist der Herzog selbst, Johann VII. von Mecklenburg (1558–1592).
Die drei Porträts sind für Jost Schmid der hieb- und stichfeste Beweis für die Herkunft des Globus: Er wurde nicht in Augsburg hergestellt, sondern am Hof des Herzogs von Mecklenburg in Schwerin. Auf die norddeutsche Herkunft verweisen auch weitere Indizien wie die Namen regional verehrter Heiliger auf dem Kalender, die ergänzte Beschriftung der Stadt Rostock im Kartenbild und die Klima-Bezeichnungen Rostock und Wittenberg auf dem Meridianring.
«Protestantischer Globus wird katholisch»
Doch weshalb wurden die Porträts von Johann VII. und David Chytraeus im Nachhinein retuschiert? Aus dem Herzog wurde der St. Galler Mönch Iso, aus Chytraeus Archimedes. Ganz übermalt wurde das Abbild von Gerhard Mercator. Für Schmid ist klar, weshalb die Veränderungen vorgenommen wurden: «Die Porträts der bekannten Gelehrten und des Herzogs wiesen den Globus als «protestantisch» aus. Der Fürstabt von St. Gallen liess daraus einen «katholischen» Globus machen.» Mit den Details nahm man es dabei offenbar nicht so genau.
Die nachträgliche Umwidmung, so nachlässig sie auch sein mag, hat die Forschung bis heute genarrt. Jetzt hat Jost Schmid den Schleier gelüftet. Er weiss auch, wer den Globus gebaut hat: Tilemann Stella, der nachweislich in der Zeit um 1575, als der Globus vermutlich geschaffen wurde, am Hof in Mecklenburg arbeitete. Stella war einer der wenigen Globenbauer seiner Zeit, der in der Lage war, ein solch komplexes Werk zu vollbringen, und er verfügte über ein kaiserliches Privileg, das ihm die Veröffentlichung von «einem Globus sowohl des Himmels als auch der Erde» gestattete.
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- Aus dem reformierten Gelehrten David Chytraeus wurde bei der Umwidmung des Globus in St. Gallen Archimedes. (Bild: Schweizerisches Nationalmuseum.)
Tod des Herzogs verzögerte Fertigstellung
Als Stellas Auftraggeber Herzog Johann Albrecht 1576 starb, war der Globus vermutlich noch nicht ganz fertig, die Arbeiten daran wurden aus Kostengründen eingestellt. Erst Johann Albrechts Sohn Johann VII. liess dann das Werk um 1590 vollenden und sich selbst mit dem Porträtbild widmen. Ein schriftlicher Hinweis auf den Schöpfer Tilemann Stella fehlt allerdings. Jost Schmid erklärt das damit, dass dieser bereits weitergezogen war, zu diesem Zeitpunkt sein Brot am Hof von Johan I. von Pfalz-Zweibrücken verdiente und vergeblich ausstehende Honorare aus Mecklenburg einforderte.
Nach dem frühen Tod von Johann VII. 1592 sollte der Globus verkauft werden, um einen Teil der herzoglichen Schulden zu decken. Das Pergament mit dem Abbild des Globus war «eine Verkaufs-Vorschau», wie Jost Schmid erklärt. Anhand dieses Prospekts konnten sich Interessenten ein Bild vom Globus machen. Gelandet ist er schliesslich in St. Gallen.
Mit etwas Glück und akribischer Forschungsarbeit ist es Jost Schmid gelungen, das Rätsel der Herkunft des St. Galler Globus zu lüften. Dieser ist offenbar eigentlich ein Mecklenburger (oder Schweriner) und er ist nicht katholisch, sondern reformiert.
Die ausführliche Beschreibung der wissenschaftlichen Herleitung von Jost Schmid findet sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte (ZAK), Heft 2/2017.
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