Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03552.jsonl.gz/21

Rezente Theorien
Eine einheitliche Definition des Begriffs „Motiv“ fehlt in den literaturwissenschaftlichen Disziplinen. Insbesondere ist die Grenze zwischen Thema und Motiv nicht eindeutig festlegbar; sie wird in den Literaturwissenschaften – z.B. der französischsprachigen und der deutschsprachigen Literatur – unterschiedlich gezogen.
Da das Lexikon für möglichst viele Benutzer nützlich sein soll, empfiehlt es sich, die Grenze nicht zu eng zu ziehen und darüber hinaus ein dichtes Netz an Verweisbegriffen aufzunehmen.
Die einschlägigen Werke von Elisabeth Frenzel (Motive der Weltliteratur. Ein Lexikon dichtungsgeschichtlicher Längsschnitte, Stuttgart, 6. Aufl. 2008) und Horst S. und Ingrid Daemmrich (Themen und Motive in der Literatur, Tübingen, 2. Aufl. 1995) verfahren, was die Verweislemmata angeht, in dieser Weise. Das Werk von H. u. I. Daemmrich verzichtet auf eine strenge Abgrenzung zwischen „Motiv“ und „Thema“ dergestalt, dass es beide Elemente nebeneinander in das Nachschlagewerk aufnimmt und zugleich „Motiv“ und „Thema“ als Lemmata aufnimmt, während Frenzel ein eigenes Nachschlagewerk zu den „Stoffen der Weltliteratur“ veröffentlicht hat.
Erwähnt werden sollte darüber hinaus, dass der Motivbegriff und die Arbeiten zu Motiven sich eher abseits der Theoriediskussionen der 70er und 80er Jahre des vorigen Jahhunderts bewegen, sie stehen der vorstrukturalistischen (Werkinterpretation, New Criticism) und poststrukturalistischen Zugangsweise näher als der strukturalistischen, insbesondere fehlt in diesem Bereich die Tendenz, alle subjektiven Anteile aus der Literaturbetrachtung zu eliminieren.
Umgekehrt verzichten Werke, die der strukturalistischen, am Modell der Linguistik orientierten Literaturwissenschaft zuzurechnen sind, gerne auf den Motivbegriff und auf Untersuchungen zu Motiven und verzichten damit auf die Betrachtung eines Elements, das Texte miteinander verbindet und sie (literatur)historisch verortet.
Theoriebildung nach M. Andermatt
Basierend auf textlinguistischen Erkenntnissen im allgemeinen und auf van Dijks Ansatz im besonderen lassen sich für den Begriff „Motiv“ folgende sechs grundlegende Feststellungen treffen:
1. Das Motiv ist als inhaltliches Element ein Bestandteil der semantischen Gesamtstruktur des Textes, d.h. es ist eine Makroproposition, ein Teil der Makrostruktur.
2. Motive werden folglich nach den textlinguistisch beschreibbaren Regeln zur Bildung von Makrostrukturen generiert. Diese sogenannten Makroregeln folgen zwei Prinzipien: dem der Tilgung und dem der Ersetzung. Die Regeln werden so auf die Propostitionenreihen eines Textes angewendet, dass eine Reduktion und Verdichtung der textlichen Information zu sogenannten Makropropositionen erfolgt. Van Dijks Makroregeln lassen sich folgendermassen formulieren:
- Tilgen (oder Auslassen): Aus einer Sequenz von Propositionen kann jede Proposition getilgt werden, die innerhalb dieser Sequenz sekundär ist. Sekundär ist eine Proposition dann, wenn sie „für die Bedeutung oder Interpretation auf höherer oder globalerer Ebene irrelevant“ (Van Dijk 1980, 46) ist (a) oder wenn sie unmittelbar „Bedingung, Bestandteil, Präsupposition oder Folge einer anderen nicht-ausgelassenen Proposition“ (Van Dijk 1980, 47) ist (b).
- Generalisieren (oder Abstrahieren): Eine Sequenz von Propositionen kann ersetzt werden durch eine allgemeinere Proposition, welche die ersetzten Propositionen der Sequenz als Unterbegriffe enthält.
- Konstruieren (oder Integrieren): Eine Sequenz von Propositionen kann ersetzt werden durch eine komplexere Proposition, welche die ersetzten Propositionen der Sequenz als Komponenten enthält.
Diejenigen Propositionen des Textes, welche von keiner dieser Regeln transformiert werden können, bleiben als solche erhalten und werden auf die nächsthöhere Makroebene übernommen. Die Makroregeln sind rekursiv anwendbar und können auf jeder Makroebene erneut zum Einsatz kommen, bis schliesslich eine höchste, nicht mehr weiter abstrahierbare allgemeine Ebene – die Ebene des Textthemas – erreicht ist.
Mit den Makrotransformationen wird die komplexe Information eines Textes zunehmend reduziert. Makroregeln können somit als „Operationen für semantische Informationsreduktionen“ (Van Dijk 1980, 44) angesehen werden. Sie sind die formale Rekonstruktion der kognitiven Vorgänge, die bei Sprachgebrauchern ablaufen, wenn sie einen Text paraphrasieren, zusammenfassen oder dessen Thema bestimmen, wobei Paraphrase, Zusammenfassung oder Thema genau dasselbe sind, was van Dijk eine Makrostruktur, oder einen Teil von ihr, nennt.
Eine Makrostruktur und ihre Makropropositionen oder Motive sind mit anderen Worten ein neuer Text, der sehr spezielle Bezüge zum ursprünglichen Text besitzt, da er dessen Inhalt verkürzt wiedergibt. Gleichzeitig definiert dieser neue Text eine Textmenge, da ihm „im Prinzip eine unendlich grosse Zahl ‚konkreter‘ Texte ‚zugrundeliegen‘ kann[,] […] nämlich alle Texte, die dieselbe globale Bedeutung haben“ (Van Dijk 1980, 49).
3. Motive in ihrer makrostrukturellen Eigenschaft können entsprechend der hierarchischen Organisation von Makrostrukturen auf verschiedenen Makroebenen (A-, B-, C-Ebene) formiert werden. Es lassen sich deshalb semantisch über- und untergeordnete Motive (A-, B- und C-Motive) unterscheiden. Diese Vorstellung des Motivs mit entsprechenden Motiv-Ebenen ersetzt die ältere Unterscheidung in Haupt- und Nebenmotive. Je abstrakter und handlungsferner ein Motiv ist – ich nenne es dann C-Motiv –, desto höher steht es in der Hierarchie der semantischen Textstruktur, desto mehr Motive tieferer Ebenen – A- und B-Motive – können ihm untergeordnet sein.
4. Die Abgrenzung des Begriffs ‚Motiv‘ von dem ihm übergeordneten Begriff ‚Thema‘ ist relativ in bezug auf den Verkürzungs- oder Abstraktheitsgrad der Propositionen (Inhalt-Umfang-Relation).
5. Motive bilden sich als komplexes Resultat von Inferenzziehung. Es gehört zum textlinguistischen Grundwissen, dass Kohärenz nicht bloss ein Merkmal von Texten, sondern vielmehr das Ergebnis kognitiver Prozesse der Textverwender ist. Von Inferenz oder Inferenzziehung ist dann die Rede, wenn Rezipient und Rezipientin eigenes erworbenes Wissen verschiedenster Art anwenden, um einen Text als kohärent verstehen zu können. Dass die Rezeptionsseite texttheoretisch grundsätzlich an der Kohärenzbildung beteiligt ist, dass also ein Text nicht einfach über eine feststehende gleichsam objektive Sinnebene verfügt, kann nicht genug betont werden.
Weil das Erkennen und Beschreiben von Motiven wesentlich aus Inferenzprozessen resultiert, also auf bei der Leserin und beim Leser vorhandenes Wissen angewiesen ist, hat das Motiv keinen ‚objektiven‘ Charakter. Motive und Makrostrukturen sind keine feststehenden Grössen eines Textes. Sie konstituieren und wandeln sich unter dem Zugriff der Rezeption, wobei dieser wiederum im Horizont gesellschaftlicher Diskursregelungen erfolgt.
6. Ein Motiv ist – dies sei zum Schluss eigens betont – eine strukturelle Grösse bzw. ein theoretisches Konstrukt und manifestiert sich deshalb nur mittelbar in einem Text, nämlich in den Sätzen, aus denen die Struktur des Motivs abgeleitet ist. Die Sätze und Wörter in einem Text sind also streng genommen nie ein Motiv, sondern als textuelle Sequenzen lediglich die Basis für die Motivbildung bei der Inferenzziehung.
Leitlinie der Hrsg.
Ungeachtet der Unschärfe, die der Motivbegriff in der Diskussion tatsächlich hat, soll als Leitlinie dennoch der Versuch einer Begriffsbestimmung gegeben werden.
Sie steht nicht in Konkurrenz zu der von M. Andermatt gegebenen, orientiert sich allerdings an den praktischen Erfordernissen des Lexikons, das nicht so sehr die Frage stellen muss „ist das ein Motiv, oder nicht?“, sondern gehalten ist, die Frage nach möglichen Beziehungen eines (ausserbiblisch verwendeten) Motivs ins Alte Testament zu beantworten und dem Leser für das jeweilige Motiv Informationen zu geben, die eine angemessene Einordnung desselben ermöglichen.
Zugleich sollte diese Begriffsklärung verhindern, dass die einzelnen Artikel des Lexikons zu stark hinsichtlich des Motivbegriffs variieren. Vor diesem Hintergrund ist die folgende Begriffsbestimmung zu sehen.
Definition
Ein Motiv ist ein kleines Element einer Erzählung. Abgeleitet vom lateinischen Verb „movere“ bezeichnet es einen minimalen schematisierbaren Erzählzug, der in der Lage ist, eine Erzählung in Gang zu setzen, bzw. im Leser zu evozieren.
Es handelt sich bei dem Motiv oftmals um ein intertextuelles Phänomen, Motive erscheinen häufig in mehreren Erzählungen, dies ist jedoch keine Voraussetzung für die Einschätzung eines narrativen Elements als Motiv.
Motivklassen
Die Klasse der „Motive“ lässt sich weiterhin untergliedern in eine Reihe von Motivklassen, wie in Literaturwissenschaft online geschehen:
Man unterscheidet inhaltlich
- Situations-Motive (z.B. Dreiecksverhältnis, Doppelgänger, feindliche Brüder),
- Typus-Motive als Charakterschemata (z.B. femme fatale, Einzelgänger, Intrigant),
- Raum-Motive (Schloss, Wald, Insel) und
- Zeit-Motive (Mitternacht, Frühling);
gattungstheoretisch etwa
- Dramen-Motive (feindliche Brüder),
- lyrische Motive (Einsamkeit, Abschied),
- Märchen-Motive (Ring, Vogel, Verwandlung) etc.;
und formal primäre, Zentral- oder Kernmotive von sekundären, Rand- oder Rahmenmotiven und Leitmotiven.»
Die Klassifizierungen der inhaltlichen und gattungstheoretischen Motivtypen sind auch für das Lexikon alttestamentlicher Motive von Interesse, weil sie verstehen helfen, warum so unterschiedliche Lemmata darin aufgenommen sind und inwiefern unter dem jeweiligen Lemma tatsächlich ein Motiv zu verstehen ist.
Schlussfolgerungen
- Diese Klassifizierungen sollten darum im Artikel möglichst erwähnt werden.
- Die Artikel sollten ausserdem, neben einer kurzen Darstellung des Motivs, unbedingt auf diejenigen Texte verweisen, die das Motiv enthalten sowie Unterschiede in der jeweiligen Ausprägung des Motivs aufzeigen.
- Zentrale Vokabeln, die auf das Motiv verweisen, sollen erwähnt werden (z.B.: „mit starker Hand und ausgestrecktem Arm“ in Verbindung mit dem Exodusmotiv). Sofern das möglich ist, kann eine literaturgeschichtliche Einordnung der Texte vorgenommen werden.
- Nützlich wären auch Hinweise auf neutestamentliche und ausserbiblische Aufnahmen des Motivs (Wirkungsgeschichte), bzw. auf dessen Aufnahme aus voralttestamentlichen Quellen (Traditionsgeschichte). Bei theologisch besonders gefüllten Motiven (z.B. „Exodus“) sollte dem Leser auch ein Hinweis auf die Bedeutung des Motivs für die Theologie gegeben werden.
Jutta Krispenz