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Von Yasmin Billeter
Luca, was dachtest du, als du die Diagnose Asperger erhalten hast?
Luca: Ich war noch im Kindergarten, als ich die Diagnose erhielt. Mich störte sie nicht, aber meine Eltern waren froh, dass sie wussten, was mit mir nicht stimmte.
Was hast du getan, um damit umzugehen?
Im Kindergarten hatte ich vor der Diagnose eigentlich keine Probleme gehabt. Es war eher so, dass die anderen Kinder unter mir gelitten hatten. Mir wurde ein Verhaltenstraining empfohlen. Ein solches absolvierte ich auch, aber es war mir nicht wirklich nützlich.
Warum haben denn die anderen Kinder unter dir gelitten?
Ich wollte einfach in Ruhe gelassen werden und wurde grob, wenn mich jemand störte. Ich war auch laut und habe mit meiner unruhigen Art den Unterricht gestört.
Asperger – was ist das eigentlich?
Das Asperger-Syndrom ist eine Form von Autismus. Das Gehirn von Menschen mit einer autistischen Wahrnehmung funktioniert anders, was mit spezifischen Stärken und Schwächen verbunden ist. Für Betroffene ist es schwierig, Mimik und Körpersprache zu verstehen, darauf zu reagieren und sie selbst einzusetzen. Dafür haben sie oft ein ausgeprägtes logisches Denken und wissen genau, was sie interessiert. Mit Änderungen im alltäglichen Leben können sie nicht gut umgehen, ein geregelter Tagesablauf ist wichtig. Manche sehen Autismus als Behinderung. Viele sprechen von Neurodiversität und davon, dass sie eine andere Art der Wahrnehmung haben. Auch Greta Thunberg oder Elon Musk haben das Asperger-Syndrom.
Ein bekanntes Vorurteil über Menschen mit Autismus ist, dass sie genau wüssten, was sie interessiert. Wie war das bei dir mit der Studienwahl? Was interessiert und fasziniert dich?
Bei mir war es genauso: Mich hat es schon immer interessiert, Dinge zu bauen und auseinanderzunehmen. Als Kind habe ich jeden Tag eine andere Eisenbahn aufgestellt und ganz viele Maschinen erfunden. Zum Beispiel einen Drucker mit Filzstiften oder eine Art Magnetschwebebahn aus Permanentmagneten. Auch Elektronik faszinierte mich. Ich habe die Spielsachen immer auseinandergeschraubt, anstatt damit zu spielen.
Als Kind habe ich jeden Tag eine andere Eisenbahn aufgestellt und ganz viele Maschinen erfunden.
Als dann der Computer ein Thema wurde, wusste ich sofort, dass er meine Zukunft wird. Nachdem ich die ersten Codezeilen geschrieben hatte, war mir klar, dass ich dies zu meinem Beruf machen wollte. Ich kannte niemanden mit Programmiererfahrung und lernte alles mit Büchern und später durch das Internet. Bereits in der 5. Primarklasse programmierte ich ein Lernprogramm für meine Klasse in BlitzBasic. Es hatte über 10’000 Zeilen Code, 20 Aufgaben und eine grafisch animierte Story.
Wie reagieren Mitmenschen, wenn sie von deiner Andersartigkeit erfahren?
Sie nehmen es zur Kenntnis. Ich habe immer alle informiert, und das wurde gut aufgenommen. Diese Strategie hat für mich funktioniert. Viele finden mich anders mit allen Vor- und Nachteilen, aber mein Umfeld kann sehr gut mit mir umgehen.
Was ist in deinem Studienalltag anders als bei Nichtbetroffenen?
Ich brauche für alles viel mehr Zeit. Deswegen habe ich kaum Freizeit. Zudem bin ich sehr perfektionistisch. Fächer, die eine enge Zusammenarbeit erfordern, sind schwierig für mich. Ich rege mich auf, wenn andere ihren Teil nicht so gut machen wie ich meinen. Manchmal darf ich allein arbeiten. So konnte ich zum Beispiel statt in den Produktentwicklungs-Modulen, welche interdisziplinäre Teamarbeit erfordern, an einem erfolgreichen Forschungsprojekt über Quantenkryptographie mitarbeiten.
Was gibt es für Herausforderungen?
Ich werde während der Lektion oft nicht fertig mit den gestellten Aufgaben. Das stresst mich. Ausserdem kann ich mir Namen nicht merken und das «du» und «Sie» ist für mich schwierig.
In der Kommunikation habe ich allgemein Schwierigkeiten.
Die anderen Studierenden haben ein Leben neben der Schule, ich bin auf die Schule fokussiert.
Wie äussern sich diese?
Ich rede oft drauflos und meine Erwartungen an mein Gegenüber sind anders. Zudem schaue ich den Menschen oft nicht in die Augen und kann nicht verstehen, wenn jemand eine Ausrede bringt. Ich merke, dass meine Mitmenschen oft andere Wertvorstellungen haben als ich. Die anderen Studierenden haben ein Leben neben der Schule, ich bin auf die Schule fokussiert. Ich habe kaum freiwillige Kontakte zu Mitstudierenden.
Worauf achtest du bei Gesprächen?
Dass ich möglichst viel Zeit für mich beanspruche. Solange ich rede, kann ich das Gespräch kontrollieren und muss nicht deuten, was die anderen mir sagen möchten.
Welche Unterstützung erhältst du im Studium?
Die Hochschule unterstützt mich mit den Nachteilsausgleich. Dadurch erhalte ich mehr Zeit für Prüfungen. Prüfungen schreibe ich alleine in einem separaten Raum, damit ich nicht so schnell abgelenkt werde. Zudem bin ich froh, wenn ich gewisse Arbeiten alleine statt wie vorgesehen als Gruppenarbeit ausführen kann; leider braucht das dann noch mehr Zeit.
Was ist das Positive an deinem Asperger-Syndrom?
Meine Stärke ist, dass ich sehr gut programmieren kann und bereits viele erfolgreiche Open-Source-Projekte gemacht habe. Ich erhielt auch einen Preis für die beste Matura-Arbeit des Kantons Zug. Meine «Schwäche» hat mir schon sehr viel gebracht.
Die Überflutung mit äusseren Eindrücken ist für Menschen mit Asperger oft ein Problem. Wie spielt sich das bei dir ab?
Situationen mit der Gefahr von Reizüberflutungen vermeide ich nach Möglichkeit und suche mir Orte mit wenig Personen und Einflüssen. Falls ich doch einmal an einem hektischen Ort bin wie zum Beispiel am Bahnhof, dann beeile ich mich und renne. Ich gehe nie einkaufen oder an ein öffentliches Fest. Am meisten stört mich, dass ich dann versuche, mehreren Gesprächen gleichzeitig zu folgen.
Kommt dir das Distance Learning also entgegen?
Ja sehr; für mich ist es genial! Ich spare Zeit und vermeide die unangenehme Reise an die Hochschule. Ich kann mich selbst gut motivieren und lerne so besser.
Menschen im Autismus-Spektrum verfügen über viele Eigenschaften, die auf dem Arbeitsmarkt gefragt sind. Gerade in Berufen, wo das Lösen von Problemen wichtig ist, sind sie überdurchschnittlich vertreten. Bist du der ideale Informatiker?
Ja, weil es mich nicht stört, über Stunden auf ein einziges Problem fixiert zu sein. Ich kann mir Programme im Kopf vorstellen, das können andere nicht.
Mich stört es nicht über Stunden auf ein einziges Problem fixiert zu sein.
Worauf bist du stolz?
Ich habe den Weg: Primarschule – Sonderschule – Primarschule, dann an die Kanti, an die ETH und an die Hochschule Luzern – Informatik geschafft. Das zeigt, dass nach einem schwierigen Start immer noch alles möglich ist.
Danke für das Gespräch!
*Name geändert
Veröffentlicht: 20.05.2021
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