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OCTAVIA MINOR sei sogar schöner gewesen als Kleopatra, hieß es.
Eine hingebungsvolle Frau und Mutter, Tochter des Gaius Octavius und Schwester des Kaisers Augustus, der sie über alles liebte. Vergil und Maecenas besingen sie in zahllosen Versen als liebevolle, sensible und vermittelnde, versöhnende, schlichtende Frau. Eine Mediatorin würden wir sie heute nennen. Einnehmend und tugendhaft habe sie mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten stets die bedingungslose Zuneigung aller Menschen gewonnen.
Doch dieser Glanz kam ihr nach und nach abhanden. Wie die anderen Frauen der kaiserlichen Familie war auch sie schon sehr jung als Spielball der Macht benutzt worden. Von ihrem ersten Mann Gaius Claudius, über den man kaum etwas weiß, hatte sie drei Kinder. Dieser starb, als sie mit dem dritten schwanger war. Darauf wurde sie aus politischen Gründen mit Marcus Antonius vermählt, mit dem sie zwei weitere Kinder zeugte. Marcus Antonius aber verließ sie für Kleopatra. Nach Kleopatras und Marcus Antonius’ Tod nahm Octavia deren drei (!) Kinder — Alexander Helios, Kleopatra VIII. und Ptolemäus — zu sich und zog diese wie ihre eigenen Kinder auf. Auch die beiden Kinder, die Marcus Antonius von seiner früheren Frau hatte, zog Octavia auf, als wären es ihre eigenen. Allen Kindern, ob eigene oder adoptierte, ließ sie die bestmögliche Erziehung angedeihen, und alle vergalten ihr Fürsorge und Geborgenheit mit Dankbarkeit.
Von Männern hatte sie, nachdem Marcus Antonius sie verlassen hatte, nichts mehr wissen wollen. Zur Enttäuschung in der Liebe kam hinzu, dass sie über den vorzeitigen Tod ihres Sohnes Marcellus aus erster Ehe, der bereits zum Nachfolger des Augustus ernannt worden war, nie hinweggekommen war. Der Verlust hatte sie in so tiefe Trauer gestürzt, dass sie das Trauergewand nie abgelegt habe, schreibt Vergil, und von niemandem habe sie je Trost zugelassen.
Augustus widmete ihr nach ihrem Tod den wunderbaren ‹Portikus der Octavia›, ein monumentaler Komplex, der noch heute in Rom zu sehen ist, und natürlich das Marcellus-Theater (siehe Bild), das zum selben Komplex gehört und nach dem beklagten Sohn benannt ist.