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Riesenwaldschwein
Hylochoerus meinertzhageni
© 2010 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Von den eigentlich erstaunlich wenigen Grosssäugetieren, die der Mensch domestiziert hat, gehören die meisten der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) an. Sie stammen dort aus drei Familien: das Rind, das Schaf und die Ziege aus der Familie der Hornträger (Bovidae), das Dromedar, das Kamel, das Lama und das Alpaka aus der Familie der Kamele (Camelidae) und das Schwein aus der Familie der Schweine (Suidae).
Ebenfalls ziemlich überraschend ist die Tatsache, dass sämtliche Hausschweinerassen weltweit auf eine einzige Stammform zurückgehen, nämlich das über weite Bereiche Europas und Asiens verbreitete Wildschwein (Sus scrofa) - obschon die Familie der Schweine noch rund zwanzig weitere Arten umfasst, die sich grundsätzlich ebenfalls für die Überführung in den Haustierstand eignen würden, da sie allesamt gesellig leben und sehr lern- und anpassungsfähig sind. Zu nennen ist nicht zuletzt das grösste Mitglied der Familie, das in den Waldregionen Äquatorialafrikas heimische Riesenwaldschwein (Hylochoerus meinertzhageni). Warum Hausschweine einzig in Europa und Asien entstanden sind und ausschliesslich vom Wildschwein abstammen, wird wohl immer ein Rätsel bleiben.
Seiner beachtlichen Körpergrösse und seinem weiten Verbreitungsgebiet zum Trotz war das Riesenwaldschwein eines der letzten grossen Säugetiere Afrikas, welche der westlichen Wissenschaft bekannt wurden - später noch als das Okapi (Okapia johnstoni), welches 1899 entdeckt und 1901 wissenschaftlich beschrieben worden war. Das erste Riesenwaldschwein, das nach Europa gelangte, war ein weibliches Exemplar, das 1903 vom Briten Richard Meinertzhagen (1878-1967) im Nandi Forest in Kenia geschossen und dann ins Naturhistorische Museum London gesandt worden war. Der dortige Kurator für Säugetiere, Oldfield Thomas (1858-1929), lieferte nach gründlicher Untersuchung des Tiers im folgenden Jahr, 1904, die wissenschaftliche Beschreibung der neuen Art und benannte sie zu Ehren ihres Entdeckers meinertzhageni.
Aus der Sicht des Riesenwaldschweins ist dieser Name weniger ehrenhaft. Meinertzhagen war zwar zu seiner Zeit ein sehr weit gereister und umtriebiger Offizier, Entdecker und Ornithologe gewesen. Nach seinem Tod stellte sich jedoch heraus, dass er auch ein grosser Schwindler und Betrüger gewesen war. Unter anderem hatte er grössere Passagen in den von ihm veröffentlichten «Tagebüchern» frei erfunden. Auch hatte er nachweislich Exemplare von Vögeln aus Sammlungen anderer Forscher entwendet, um sie als seine eigenen auszugeben. Immerhin scheint das Riesenwaldschwein zu den wenigen Entdeckungen zu gehören, die tatsächlich er gemacht hatte.
In seinem Tagebuch «Kenya Diary 1902-1906» beschreibt Meinertzhagen die Entdeckung: Am 11. März 1904 führte er als Hauptmann der britischen Armee eine Patrouille am Mount Kenya an, als einer seiner Männer ein seltsam grosses weibliches Schwein mit auffallend langen schwarzen Haaren schoss. Leider konnte Meinterzhagen damals nur ein Stück der Haut retten. Das Schwein liess ihm aber keine Ruhe. Schliesslich, am 22. Juni 1904, gelang es ihm, im Nandi Forest im dichten Busch auf 40 Meter Entfernung das eingangs erwähnte Weibchen zu erlegen und so das Riesenwaldschwein der westlichen Wissenschaft bekannt zu machen. Den ansässigen Kikuyu war das Tier übrigens durchaus bekannt; sie nannten es Numira.
In Äquatorialafrika zu Hause
Die erwachsenen Riesenwaldschweine weisen eine Kopfrumpflänge von 130 bis 210 Zentimetern, eine Schulterhöhe von 75 bis 110 Zentimetern und ein Gewicht von 100 bis 275 Kilogramm auf, wobei die Männchen im Durchschnitt erheblich grösser sind als die Weibchen und insbesondere einen besonders breiten, massigen Kopf besitzen. Männchen wie Weibchen tragen auf graurosafarbener Haut ein spärliches Haarkleid aus langen, rauen, schwarzen Haaren, welches mit zunehmendem Alter immer schütterer wird. Ferner ragen bei beiden Geschlechtern vor allem die oberen Eckzähne («Haderer») seitlich deutlich aus dem Mund hervor, wobei aber diese Waffen bei den Männchen erheblich grösser und robuster sind als bei den Weibchen. Der Längenrekord beträgt 35,9 Zentimeter.
Das Verbreitungsgebiet des Riesenwaldschweins erstreckt sich in einem breiten Gürtel über ganz Äquatorialafrika, von Guinea-Conakry, Sierra Leone und Liberia im Westen bis Äthiopien und Kenia im Osten. Innerhalb dieses weiten Areals ist die Population allerdings nicht zusammenhängend, sondern in eine Vielzahl separater Bestände aufgeteilt, weil das Riesenwaldschwein - wie sein Name andeutet - auf ausgedehnte Waldungen als Lebensraum angewiesen ist und solche in Äquatorialafrika nur noch inselartig vorkommen.
Hinsichtlich des Waldtyps erweist sich das Riesenwaldschwein als wenig wählerisch. Offensichtlich hat es lediglich zwei Ansprüche an seinen Lebensraum, erstens das Vorhandensein von Dickichten, in die es sich zum Ruhen zurückziehen kann, und zweitens das Vorhandensein von offenen, nicht allzu trockenen, mit Gräsern und Kräutern bewachsenen Lichtungen, auf denen es weiden kann. In Bergregionen kann man es in Höhen von bis über 3500 Meter ü.M. finden. Dort benützt es Baumheidenbestände (Erica arborea) und Bambusdickichte als Rückzugsorte. In tieferen Lagen besiedelt es unter anderem mittelfeuchte Hügel- und Tieflandwälder, Sumpfwälder, Galeriewälder entlang von Fliessgewässern, Waldsavannen und sogar dichtes Sekundärgebüsch, das sich auf ehemaligen, nun brachliegenden Anbauflächen gebildet hat.
Auch hinsichtlich ihres Tagesablaufs erweisen sich die Riesenwaldschweine als sehr flexibel. In Gebieten, wo der Jagddruck hoch ist, sind sie fast ausschliesslich nachts aktiv, anderswo jedoch häufig tagsüber. Im Aberdare-Nationalpark in Kenia, welcher grossenteils auf über 2000 Meter ü.M. liegt und wo die Nächte empfindlich kalt werden können, dauert ihre Hauptaktivitätszeit während der tagsüber warmen bis heissen Trockenzeit gewöhnlich von der Abenddämmerung bis Mitternacht. Später in der Nacht, wenn die Temperaturen unangenehm tief fallen, ziehen sie sich in ihre Unterschlupfe zurück und schmiegen sich eng aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Während der kühlen Regenzeit kommen sie hingegen oft tagsüber ins Freie, um sich an der Sonne zu wärmen und der Nahrungssuche zu widmen.
Keine Wühler
Die Schweine unterscheiden sich von den Mitgliedern der übrigen Paarhuferfamilien durch ihre Kost. Die meisten von ihnen sind keine Vegetarier wie jene, sondern ausgeprägte Allesesser, welche ein breites Spektrum von pflanzlichen und tierlichen Stoffen, oft einschliesslich Aas, zu sich nehmen. Im Allgemeinen überwiegt immerhin auch bei den Schweinen der Anteil der pflanzlichen Nahrung, wobei unterirdische Wurzeln, Knollen und Sprossachsen (Rhizome), die sie mit Hilfe ihrer knorpelgestützten Rüsselscheibe aus der Erde wühlen, einen wichtigen Bestandteil bilden. Letzteres gilt uneingeschränkt für vier der fünf Schweinearten, welche in Afrika südlich der Sahara vorkommen: das Gewöhnliche Warzenschwein (Phacochoerus africanus), das von Mauretanien und Äthiopien im Norden bis Namibia und Südafrika im Süden in sämtlichen Savannen vorkommt, das Wüstenwarzenschwein (Phacochoerus aethiopicus), das nur in Somalia, Nordostkenia und Südostäthiopien heimisch ist, das Buschschwein (Potamochoerus larvatus), das von Äthiopien bis Südafrika im östlichen und südlichen Afrika anzutreffen ist, und das Pinselohrschwein (Potamochoerus porcus), das von Senegal bis Kongo-Kinshasa im westlichen und zentralen Afrika lebt. Deren Wühlplätze bilden vielerorts ein charakteristisches Landschaftselement.
Nicht zutreffend ist die Aussage hingegen für die fünfte Schweineart, das Riesenwaldschwein. Seine grosse, bei den Männchen bis 16 Zentimeter breite Rüsselscheibe scheint sich für das Wühlen im Boden schlecht zu eignen. Stattdessen reisst es mit seinen Lippen Gräser und Kräuter ab und zerkaut diese mit seitlichen Kaubewegungen des Unterkiefers gründlich, bevor es sie verschluckt. Es ernährt sich also eher wie eine Antilope als wie ein typisches Schwein. Das Riesenwaldschwein ist jedoch kein reiner Vegetarier und nimmt beispielsweise gern Insektenlarven, nestjunge Nagetiere oder das Fleisch frischtoter Tiere zu sich, wenn sich die Gelegenheit dazu bietet.
Im Allgemeinen begegnet man den Riesenwaldschweinen in Gruppen. Zahlreiche Männchen führen aber auch eine einzelgängerische Lebensweise. Die Gruppen bestehen jeweils aus ein bis vier Weibchen und deren Nachwuchs aus den letzten ein bis drei Würfen und werden meistens von einem kräftigen Männchen begleitet. Dessen Hauptaufgabe bildet - neben der Zeugung des Nachwuchses - die Verteidigung der Gruppe gegenüber Leoparden, Tüpfelhyänen und weiteren Fressfeinden; selbst Menschen werden von den wehrhaften Kolossen manchmal angegriffen.
Jede Gruppe bewegt sich in einem durchschnittlich zehn bis zwanzig Quadratkilometer grossen Streifgebiet umher, welches mit den Streifgebieten der benachbarten Gruppen stark überlappt. Innerhalb des Streifgebiets finden sich in ausreichender Menge alle ökologischen Güter, welche für das Überleben und Wohlbefinden der Gruppe erforderlich sind, insbesondere Dickichte, Weideflächen, Mineralsalzlecken, Tränken und Suhlen. Ein Netz von Pfaden zieht sich durch das ganze Streifgebiet. Im dichten Gebüsch, wo sich die Ruheplätze befinden, bilden diese Pfade teils richtige Tunnel mit einer Höhe von etwa einem Meter. Die Ruheplätze selbst sind typischerweise flache, in den Boden gekratzte Mulden und befinden sich oft unter einem umgestürzten Baum, am Fuss eines Steilhangs oder an anderen trockenen, vor Regen geschützten Stellen.
Die Männchen kollidieren frontal
Auf grösseren Weideflächen können gelegentlich mehrere Gruppen von Weibchen zu kopfstarken Verbänden zusammenfinden, ohne dass es zu Streitigkeit zwischen ihnen kommt. Erwachsene Männchen sieht man jedoch kaum je beisammen, denn deren Begegnungen verlaufen selten friedlich, weshalb sie einander im Allgemeinen aus dem Weg gehen. Gelegentlich fordert aber ein besitzloses Männchen einen Gruppenbesitzer heraus. Es kommt dann zu einem ritualisierten Kräftemessen, das über die Führungsrolle in der betreffenden Gruppe entscheidet.
Ein solcher Wettstreit beginnt jeweils damit, dass die beiden Männchen aufeinander zugehen, Stirn an Stirn legen und dann mit aller Kraft nach vorn drücken. Oft reicht dies bereits, um die Angelegenheit zu regeln: Eines der Männchen dreht sich um und macht sich aus dem Staub, kurzfristig verfolgt vom anderen. Ist die Sache noch nicht klar, folgt ein Rammkampf: Die beiden Männchen gehen zehn bis zwanzig Meter auseinander und rennen dann kraftvoll aufeinander zu, bis ihre Schädel mit einem lauten Knall aufeinanderprallen. Ist das Kräftemessen noch immer nicht beendet, gehen die beiden Männchen noch weiter auseinander und rennen erneut aufeinander los. Spätestens nach der zweiten Frontalkollision ist im Allgemeinen klar, wer der Kräftigere der beiden ist. Zwar sind die Schädel der männlichen Riesenwaldschweine überaus robust gebaut, doch können mehr oder weniger gravierende Schädelbrüche durchaus vorkommen.
2 bis 11 Junge je Wurf
In Ostafrika, wie wahrscheinlich überall im äquatorialen Artverbreitungsgebiet, scheint sich die Fortpflanzungszeit über das ganze Jahr zu erstrecken, wobei gebietsweise eine Häufung der Geburten zu Beginn der besonders nahrungsreichen Regenzeit zu beobachten ist. Die Tragzeit dauert rund 125 Tage. Als Kinderstube dient ein sicherer Unterschlupf in einem Dickicht. Dort legt das Weibchen ein Nest aus Gras an. Je Wurf kommen 2 bis 11, gewöhnlich aber 3 oder 4 Junge zur Welt.
Die Jungen haben bei der Geburt ein strohgelbes Fell ohne Streifung, das aber rasch nachdunkelt, zunächst zu braun, dann, mit etwa drei Monaten, zu schwarz. Sie bleiben im Dickicht verborgen, bis sie etwa eine Woche alt sind. Danach begleiten sie ihre Mutter bei der Nahrungssuche. Anfangs verbringen sie fast die ganze Zeit unter ihrem Bauch und halten beim Gehen exakt ihre Geschwindigkeit ein. Im mütterlichen Schatten und Bauchfell sind sie jeweils kaum zu erkennen.
Ungefähr eine Woche später werden sie einerseits mutiger und andererseits zu gross hierfür. Sie streifen dann in der näheren Umgebung der Mutter umher, inspizieren jedes Objekt und spielen viel miteinander. Ihre Sterblichkeit ist in dieser Phase hoch, denn sie bilden eine leichte Beute für Leoparden, Hyänen und zahlreiche weitere Fressfeinde. Die Entwöhnung erfolgt im Alter von etwa neun Wochen. Die jungen Weibchen schreiten im Alter von etwa anderthalb Jahren erstmals zur Fortpflanzung. Die jungen Männchen dürften erst im Alter von mehreren Jahren und nach zahlreichen Rammkämpfen die Gelegenheit dazu erhalten. Das Höchstalter liegt in der freien Wildbahn bei 12 bis 18 Jahren.
Das Riesenwaldschwein ist noch immer weit verbreitet und zumindest regional, in grossflächigen Schutzgebieten, auch recht häufig. Die Weltnaturschutzunion (IUCN) klassifiziert die Art darum als «Nicht gefährdet». Das darf nicht darüber hinweg täuschen, dass die Bestände des Riesenwaldschweins seit geraumer Zeit rückläufig sind, verursacht einerseits durch Lebensraumverlust, insbesondere Waldrodungen, andererseits durch starke Bejagung. Das Fleisch wird teils lokal verzehrt, teils geräuchert und anschliessend als «Buschfleisch» auf Märkten in Dörfern und Städten zum Verkauf angeboten. Die übermässige Bejagung dürfte dafür verantwortlich sein, dass das Riesenwaldschwein im Festlandteil Äquatorialguineas (Mbini) und in Ruanda inzwischen ausgestorben ist.
Legenden
Das Riesenwaldschwein (Hylochoerus meintertzhageni) ist das grösste Mitglied der Familie der Echten oder Altweltlichen Schweine (Suidae). Erwachsene Individuen weisen eine Kopfrumpflänge von 130 bis 210 Zentimetern und ein Gewicht von 100 bis 275 Kilogramm auf, wobei die Männchen (unten) im Durchschnitt erheblich grösser und schwerer sind als die Weibchen (links). Bei den Männchen sind zudem die aus dem Mund ragenden oberen Eckzähne («Haderer») deutlich grösser als bei den Weibchen.
Das Verbreitungsgebiet des Riesenwaldschweins erstreckt sich über ganz Äquatorialafrika, von Guinea-Conakry und Sierra Leone im Westen bis Äthiopien und Kenia im Osten. Als Lebensraum dienen ihm Waldungen aller Art. Dort geht es vorzugsweise auf Lichtungen dem Nahrungserwerb nach. Im Unterschied zu den meisten anderen Schweinearten wühlt es kaum je mit seiner Rüsselscheibe nach Wurzeln und Knollen im Boden, sondern ernährt mehrheitlich weidend von Gräsern und Kräuter.
Im Allgemeinen streifen die Riesenwaldschweine in Gruppen umher. Diese setzen sich aus ein bis vier erwachsenen Weibchen und deren Nachwuchs aus den letzten ein bis drei Würfen zusammen und werden meistens von einem kräftigen Männchen begleitet. Die überzähligen Männchen führen eine einzelgängerische Lebensweise.
Die jungen Riesenwaldschweine kommen nach einer Tragzeit von gut vier Monaten zumeist zu dritt oder viert zur Welt. Bei der Geburt tragen sie ein strohgelbes Fell ohne Streifung, das aber rasch nachdunkelt und sich schon im Alter von etwa drei Monaten farblich kaum mehr von dem der Mutter und der anderen Gruppenmitglieder unterscheidet.
Das Riesenwaldschwein ist weit verbreitet und gebietsweise auch recht häufig - insbesondere in grossflächigen Schutzgebieten wie dem Queen Elizabeth Nationalpark in Uganda, wo dieses Bild aufgenommen wurde. Die IUCN stuft es darum als «Nicht gefährdet» ein. Dies darf aber nicht darüber hinweg täuschen, dass seine Bestände vielerorts seit geraumer Zeit zufolge Lebensraumverlust (Waldrodungen) und starker Bejagung rückläufig sind.
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