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Ueli Aeschbacher aus Wynigen BE, wohnhaft in der Krausen, stellt mir die knifflige Frage nach der Bedeutung seiner Wohnadresse Krausen, mundartlich Chruuse. Krusen ist ein Einzelhof im südöstlichen Zipfel der Gemeinde Wynigen. Er liegt in einem steil ansteigenden Geländeeinschnitt, der rechtwinklig vom Sackgraben – so heisst in diesem Abschnitt das Tal, in dem der Öschbach fliesst – ansteigt. Im Tal liegt heute auch die Krausenmatt und auf der Karte von 1888 ist zu erkennen, dass der Name einst in ein Ober und ein Unter Krausen aufgeteilt worden ist. So weit, so gut, doch damit bin ich dem Namen noch keinen Schritt näher.
"Eh" heisst Recht und Gesetz
Hätte er mich doch nach der benachbarten Rehhaule gefragt, dann hätte ich im sofort geantwortet, dass dieser Name einst Rehhalde hiess, und nichts mit dem Tiernamen Reh zu tun hat. Auch wenn mir historische Belege fehlen, so ist anzunehmen, dass es einst „in der Ehhalde“ oder ähnlich geheissen hatte. „Eh“ ist ein altes Schweizerdeutsches Wort für Recht und Gesetz und bezeichnet Grundstücke mit spezieller rechtlicher Nutzung, zum Beispiel einen Durchgang, was in besagter Grenzlage nur zu gut vorstellbar ist.
Oder ich hätte ihm auch sagen können, dass der Familienname Kraushaar aus dem aargauischen Obersiggenthal stammt oder der Chrüsliger eine alte Apfelsorte ist oder Chrüsch als Mundartname für Kleie verwendet wird. Aber Krause, mundartliche Chruuse, da lockt mich Herr Aeschbacher aus der Reserve.
Fündig werde ich in zwei Nachschlagewerken. Im Lexikon der Pflanzennamen von Marzell erfahre ich, dass das mittelhochdeutsche Wort kruse so viel wie Krug heisst und Bezug nimmt auf krugförmige Früchte sowie auf die gekräuselte Form der Blätter dieser Pflanze oder dieses Baumes. Ebenfalls lautet das Adjektiv kraus im Mittelhochdeutschen krûs. Dann wären wir ja fast wieder beim Chrüsliger.
Krug aus Stein
Diese Spur nehme ich auf und suche im Schweizerdeutschen Wörterbuch Idiotikon, aber den entsprechenden (Apfel-)Baum finde ich natürlich nicht mehr auf dieser Flur. Trotzdem: Mittelhochdeutsch Kruse und Schweizerdeutsch Chruuse bezeichnen einen Krug mit breitem Bauch aus Stein, Tongut, Glas oder Zinn, mit einem Henkel und teils gar mit einem Deckel, in dem Most, Wein oder Bier gereicht wird. In einer kleineren Form reicht es auch für einen Schnaps. Weiter bezeichnet Chruse eine bauchige Pfanne oder eine Bettflasche aus Blech.
Schwarz brennen
Ja wurde zu guter Letzt in diesem abgelegenen Zipfel von Wynigen heimlich und schwarz gebrannt? Oder immer wieder gerne eine Chruuse Most oder Bier getrunken? Nach vollbrachtem Tagwerk in Ehren, aber dadurch ist der Name nicht entstanden.
Vielmehr darf angenommen werden, dass die Form dieses Geländeeinschnitts einst als bauchig, einem Krug ähnlich empfunden wurde und so den Namen erhielt. Nicht ganz von der Hand zu weisen ist ebenfalls ein Bezug zu einer Pflanze mit krausen Blättern beziehungsweise krugförmigen Früchten. Aber jetzt ist mir ganz kraus von der Geschichte.
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser
Beatrice Hofmann-Wiggenhauser, aus Allschwil, ist Journalistin und Sprachwissenschaftlerin. Sie studierte Germanistik und Medienwissenschaften an den Universitäten Basel und Zürich und schrieb eine Dissertation zum Namengebrauch als immaterielles Kulturerbe. Zurzeit arbeitet sie an der Universität Basel in der Forschungsstelle Solothurnisches Orts- und Flurnamenbuch als Namenforscherin am aktuellen Band "Die Flur- und Siedlungsnamen der Amtei Thal-Gäu". Wenn sie nicht das Archiv nach historischen Namen durchstöbert, trifft man sie auf den solothurnischen Feldern und Äckern auf der Suche nach neuen Flurnamen.
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