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Ich bin 1958 geboren in Zürich-Wipkingen aufgewachsen. Als Kind haben mich meine Eltern manchmal ins Kunsthaus Zürich mitgenommen. Sicher wäre auch lieber in die Badi, in den Wald oder an die Chilbi gegangen. Aber es war bisweilen ganz unterhaltend und manchmal auch verstörend. Die Tomaten Dosen von Andy Warhol haben mich in einer Ausstellung zum Thema Pop Art unendlich amüsiert.
Wenn wir heute Besucher aus dem Ausland haben, dann spiele ich gerne den Fremdenführer. Beim Stadtrundgang orientieren wir uns an den Zürcher Cafés und ihren Naschereien etwa bei Sprüngli, Schober oder neuerdings im Café Felix. Das Kunsthaus ist ein fester Teil meines Rundganges, die lieblichen Genfersee Bilder von Ferdinand Hodler sind Weltklasse und immer wieder toll.
Allerdings beginnen wir nicht mit der Kunst sondern mit dem Stifter: Der markante Erweiterungsbau wurde im Jahr 1958 fertiggestellt – das ist mein Geburtsjahr. Bezahlt hat ihn, wie eine Tafel vermerkt, der Zürcher Industrielle Emil Georg Bührle. Er verstarb bereits 1956 und erlebte die Eröffnung damit nicht mehr.
Nun gehört Emil Bührle nicht wirklich zur Zürcher Aristokratie und seine Geschäft hatten weder mit der Eisenbahn oder Schiffsmotoren, noch mit Textilien oder mit Banken und Versicherungen zu tun. Bührles Maschinenfabrik Oerlikon produzierte Waffen. Er selber war nach dem Ersten Weltkrieg in die Schweiz gekommen mit dem erklärten Ziel, von hier aus Waffen für Deutschland zu produzieren um damit das Verbot der Versailler Verträge zu umgehen. Versteuerte er bereits 1939 ein respektables Vermögen von 8.5 Millionen Franken, so waren es nach dem Zweiten Weltkrieg im Jahr 1945 sage und schreibe 170 Millionen, womit Bührle der reichste Schweizer war. Das Geld stammt aus dem Verkauf von Waffen, vor allem des berühmten Oerlikon Artilleriegeschützes an Nazi-Deutschland. Bührle tat dies nicht im Geheimen sondern mit Billigung und Unterstützung der Schweizer Regierung. Sie hoffte damit Nazi-Deutschland ruhig halten und gleichzeitig Arbeitsplätze zu erhalten zu können.
Die Millionen, die damals ins Zürcher Kunsthaus flossen waren blutiges Geld. Bührle und die Schweiz haben damit den grausamen Angriffs- und Vernichtungskrieg mitgetragen, der Nazi-Deutschland gegen den Rest der Welt führte. Ich erkläre das meinen Gästen, die sich meist überrascht zeigen. Und ich sage es mir selber bei jedem Besuch. Übrigens: Das Höllentor von Auguste Rodin, eine riesige Eisenplastik draussen neben dem Eingang, ist auch eine Gabe des Industriellen. Er stiftete das Geld nicht ohne Hintergedanken: Bührle litte zeitlebens darunter, dass er nie in der Zürcher Aristokratie angekommen war und er versuchte dies mit grosszügigen Spenden für kulturelle Institutionen und eigene Stiftungen zu kompensieren.
Schnee von gestern? – Nein: 2020 wird auf der anderen Strassenseite der neue Erweiterungsbau des Zürcher Kunsthauses eröffnet, den der Stararchitekt David Chipperfield entworfen hat. Die Stadt Zürich will sich damit einen Spitzenplatz in der Liga der Kulturstädte sichern. Das Haus erhält prominenten Zuwachs und zwar von der umfangreichen Kunstsammlung, die Emil Bührle aufgebaut hatte. Sie ist spektakulär und umfasst über 600 Werke, darunter viele Impressionisten wie Monet, Gaugin, Van Gogh und Cézanne.
Die Bührle-Sammlung war schon unmittelbar nach dem Krieg im Visier der Ermittlungsbehörden. Bührle musste eine Anzahl von Bildern zurückgeben – es waren Bilder, deren Besitzer jüdisch waren und enteignet oder ermordet wurden oder gezwungen wurden zu flüchten. Zwar hat Bührle die Bilder später ein zweites Mal zurückgekauft – aber der Makel bleibt. Und das Geld dazu hatte er nur deshalb, weil er im Krieg mit dem Waffenhandel mit Nazi-Deutschland zu so viel Geld gekommen war und selbstverständlich hat er mit diesem Geschäft auch nach dem Krieg weitergemacht. Er hat später behauptet, nichts von der problematischen Herkunft gewusst zu haben. Habakuk: Der grosse Winterthurer Kunstsammler Oskar Reinhard kannte sich auf diesem Markt aus und hat von vielen verlockenden Angeboten aus guten Gründen die Finger gelassen.
Eine hässliche Geschichte. Was tun mit einem Schatten, der nie weichen wird und auch nicht weichen soll? – Man muss diese Geschichte aufarbeiten, aber damit ist es nicht getan: Man muss sie den Besucherinnen und Besuchern vermitteln. Und man muss klar machen, dass das nicht nur die Geschichte eines Hauses und einer Sammlung ist. Bührles Geschichte gehört zum Komplex Schweiz-Zweiter Weltkrieg. Und wäre eine Gelegenheit zu zeigen, dass auch die Schweiz Schuld auf sich geladen hat, etwa mit der Abweisung von jüdischen Flüchtlingen an der Grenze, die damit in den sicheren Tod in die Konzentrationslager geschickt wurden oder mit dem Umgang mit jüdischen Vermögen. Das Zürcher Kunsthaus würde damit zu einem Fokus für die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Keine schlechte Lage am Heimplatz: An der Pfauenbühne also im Zürcher Schauspielhaus waren in jenen Jahren viele jüdische Schauspieler tätig, die hier eine sichere Zuflucht gefunden hatten.
Mit in der Verantwortung ist auch die Stadt Zürich, das dem Haus grosszügige Subventionen entrichtet. Ein Anfang ist bereits gemacht: Meine Informationen stammen aus einem Buch mit dem Titel „Schwarzbuch Bührle. Raubkunst für das Kunsthaus Zürich“ das 2015 im Rotpunkt Verlag erschienen ist. Mitautor ist der Winterthur Kunsthistoriker und Raubkunst-Experte Thomas Buomberger. Stadt und Kanton Zürich sowie die Pro Helvetia haben die Publikation unterstützt. Auch das ein wichtiges Zeichen.
Wir setzen mit unseren Gästen den Staădtrundgang fort, die Rämistrasse hinunter vorbei an der Kronenhalle, die nicht zuletzt ihrer Bilder wegen, berühmt ist. Aber Kunst haben wir genug gesehen: Wir gönnen uns im Sternen Grill am Bellevue ein Bier und eine Bratwurst und geniessen den Blick aufs Zürcher Opernhaus, das auch von einem deutschen Emigranten entworfen wurde. Von Gottfried Semper. Seine Geschäfte waren zum Glück friedlicher Natur.
Thomas Buomberger, Guido Magnaguagno (Hg.): Schwarzbuch Bührle. Raubkunst für das Zürcher Kunsthaus. Zürich 2015. https://rotpunktverlag.ch/buecher/schwarzbuch-buhrle