Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03174.jsonl.gz/73

Forschungsprojekt unter der Leitung von Prof. Dr. Jan B. Meister (Abteilung Alte Geschichte und Rezeptionsgeschichte der Antike)
September 2019 bis August 2024
Finanziert durch den Schweizerischen Nationalfonds
Monarchische Körper sind besondere Körper, denn die Monarchie als Institution muss verkörpert werden. Auch in modernen Monarchien ist der monarchische Körper daher eingebettet in Pomp und Zeremoniell. In der römischen Antike ist das nicht anders – und doch ist die römische Monarchie speziell: Sie bildet einen der globalgeschichtlich seltenen Fälle, in denen eine Monarchie sekundär aus einer bereits bestehenden, dezidiert anti-monarchischen Ordnung hervorgegangen ist. Das hatte Auswirkungen auf den Körper des Herrschers: Die Problematik, eine de facto existierende Monarchie im Rahmen einer republikanischen Tradition zu verkörpern, führte zu diversen Problemen und Paradoxien. Noch für die institutionelle und ideologische Festigung der spätantiken römischen Monarchie bildete das Fehlen einer monarchischen Tradition eine zentrale Prämisse, liess es doch Raum für neue, eigene Traditionsbildungen. Die Entstehung und Entwicklung des spätantiken Kaisertums sowie sein Fortleben in den monarchischen Herrschaften des frühen Mittelalters bilden den Gegenstand des Eccellenza-Projektes, das den langen Zeitraum vom 2. bis zum 8. Jh. n.Chr. betrachtet. Herrscherkörper als das zentrale Medium monarchischer Repräsentation in der Vormoderne bieten sich besonders an, diese Transformationsprozess zu untersuchen.
Kulturhistorisch bilden Herrscherkörper ein ausgesprochen lohnenswertes Forschungsfeld: Das Spannungsverhältnis zwischen dem sozial geformten «Gesellschaftskörper» und dem Körper als Träger von Individualität ist hier besonders ausgeprägt:
Methodisch sind dabei drei Ebenen zu unterscheiden: Literarische Repräsentationen von Herrscherkörpern, die jeweils in ihrem gattungsspezifischen Kontext zu analysieren sind, bildliche Repräsentationen mit ihren ikonographischen und objektgeschichtlichen Eigenheiten und schliesslich die Frage, inwieweit sich aus den Zeugnissen eine historische Praxis rekonstruieren lässt, die Aufschluss darüber geben kann, wie der «reale» Körper performativ die Monarchie repräsentierte.
Das Projekt nimmt diese Mehrdimensionalität des Phänomens «Herrscherkörper» in drei Teilprojekten in den Blick:
Jan B. Meister
Untersucht wird die Entwicklung vom 2. bis ins 4. Jh., wobei die zunehmende institutionelle Festigung der Monarchie, die Dezentralisierung des Kaisertums und die Christianisierung zentrale Untersuchungsfelder bilden. Ziel ist es, die Festigung des Kaisertums in den von Umbrüchen gekennzeichneten Jahrhunderten bis zum Tod Theodosius’ 395 zu untersuchen, bei dem mit der Demut (humilitas) erstmals eine neue, genuin christliche Herrschertugend fassbar wird. Die These ist, dass sich die für die weitere Entwicklung prägende christliche Monarchie und ein entsprechendes Repertoire an Körperbildern weitgehend in dieser Zeitspanne herausbildeten.
Jonas Borsch
Das Teilprojekt untersucht im Sinne einer „langen Spätantike“ die Transformation und das Fortwirken antiker Traditionen bis ins 8. Jh. Dabei liegt der Fokus einerseits auf dem neuen Zentrum Konstantinopel und den dort fassbaren Entwicklungen, etwa neuen Formen der zeremoniellen Einbindung von Kaiserkörpern, Sakralisierungstendenzen und dem möglichen Aufkommen eines Konzepts der körperlichen Unversehrtheit; andererseits – und damit verknüpft – werden Wechselwirkungen mit benachbarten Monarchien betrachtet, von den Sasaniden bis zu den römischen Nachfolgereichen in Ost und West. Der Blick auf Kontinuitäten und Differenzen im kulturübergreifenden Vergleich soll die Ergebnisse dabei über die Antike hinaus anschlussfähig machen.
Alexander Thies
Das Teilprojekt untersucht im Sinne einer "langen Spätantike" die Konzeptionen, Transformationen und das Fortwirken antiker Traditionen der Körper von Herrscherfrauen von der Hohen Römischen Kaiserzeit bis in das 8. Jh. n. Chr. in den Monarchien des gesamten Mittelmeerraumes. Dabei soll die Perspektive jedoch über eine Frauengeschichte hinaus zu einer Geschlechtergeschichte erweitert werden, da die Körper von Herrscherfrauen vor allem deshalb interessieren, weil sie als weibliches Pendant zum männlichen Herrscher die Kategorie Geschlecht besonders deutlich werden lassen. Ein besonderes Augenmerk liegt daher auch auf jenen Fällen, in denen Herrscherfrauen in der Repräsentation verstärkt einbezogen oder auch gerade bewusst ausgeblendet werden, die Monarchie also als reine Männersache konzeptualisiert wird. Diese kulturübergreifende Vorgehensweise in der longue-durée-Perspektive soll demnach die erhofften Ergebnisse für die Alte Geschichte, die Frühmediävistik, die historische Monarchieforschung und die Geschlechtergeschichte anschlussfähig machen.