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Riesen und Künzler haben ihre eigene Theatertruppe «Vor Ort» zusammen mit den Schauspielern Dominique Jann und Jonathan Loosli vor sechs Jahren gegründet. Die vier hatten sich an der Schauspielschule Zürich kennengelernt und beschlossen, gemeinsam dem etablierten Theaterschaffen etwas entgegenzusetzen. Die Theatertruppe VOR ORT spielt nicht in Theaterräumlichkeiten, sondern stets an speziellen Orten, die fürs Theater erst mal erschlossen werden müssen. Das Stück «Die Sage vom Schlachthaustier» (2010) spielte im Perimeter Schlachthaus, Rathausplatz und Schütte. Für die Produktion «Neuland» (2012) erschloss die Truppe das Gaswerkareal, und 2013 bespielte sie die Hohlräume der Monbijoubrücke mit dem Drama «Bruder Tod».
Fellini fabuliert im Tramdepot
Für ihr neuer Stück «Fellinis ‹Totale Liebe›» sind sie gegenwärtig daran, das Tramdepot Burgernziel und dessen Umgebung in einen Theaterschauplatz zu verwandeln. Das Tramdepot wurde von Bernmobil aufgegeben und soll demnächst abgerissen werden. Auf dem Areal plant die Stadt Bern ein Wohnbauprojekt. «Es ist schade, wenn eine derart interessante Architektur wie das Tramdepot einfach verschwindet», findet Mathis Künzler. Umso wichtiger ist es ihm, dieses der Abrissbirne geweihte rund 100-jährige Gebäude nochmals einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Angetan haben es den Theaterschaffenden besonders die Gleisstränge und Wartungsgruben in der grossen Halle, die sie als vorgefundenes Bühnenbild in die Handlung einbeziehen wollen.
«Fellini’s ‹Totale Liebe›» basiert auf der Lebensgeschichte der tschechischen Schauspielerin Lída Baarová (1914-2000). Die unter dem bürgerlichen Namen Ludmila Babková in Prag geborene Actrice und Sängerin spielte ab 1934 für die deutschen Ufa-Studios in vielen Filmen, in denen sie meist die Rolle des exotischen Vamps verkörperte. Prägend für ihr Leben wurde dann eine Liebesaffäre, die sie mit dem deutschen Propagandaminister Joseph Goebbels eingegangen war und die ihr in Nazi-Deutschland ein zeitweiliges Arbeitsverbot und nach dem Krieg in Prag eine 18-monatige Inhaftierung wegen Kollaborationsverdacht einbrachte. VOR ORT will aus dieser Vita allerdings nicht ein Stück über den zweiten Weltkrieg machen, sondern stellt sich vor, was ein Fabulierer wie Federico Fellini wohl aus dieser Lebensgeschichte gemacht hätte. Tatsächlich gab es nämlich eine Verbindung von Lída Baarová zu Fellini: Der Maestro hatte mit ihr 1953 eine Nebenrolle seines Films «I Vitelloni» (Die Müssiggänger) besetzt.
«Gefühl des Films»
Bisher erarbeitete die Truppe ihre Stücke eigenhändig während des Probenprozesses. Für «Fellini’s ‹Totale Liebe›» geht sie einen Schritt weiter, indem sie den bekannten Buch- und Theater-Autor Charles Lewinsky für die Mitarbeit am «Drehbuch» gewinnen konnte. «Mit dem Stück haben wir die Absicht, quasi einen fiktiven Fellini-Film zu erarbeiten», erzählt Sonja Riesen, welche die Lída Baarová spielen wird. «Es ist die Fiktion, die wir der Realität entgegenstellen wollen. Und wir hoffen, das Gefühl eines Films erzeugen und dabei etwas von Fellinis Opulenz ins Tramdepot zaubern zu können.»
Im Untergrund lauert der Bewilligungswahn
Das Konzept mit den immer neu zu erschliessenden Spielorten erfordert jeweils einen riesigen Organisationsaufwand, speziell wegen der Bewilligungen, die eingeholt werden müssen. Mathis Künzler dazu: «Wir fechten oft einen langwierigen Kampf mit Behörden und Versicherungen aus, der manchmal kafkaesk anmutet.» Aus Angst, für irgendetwas Verantwortung übernehmen zu müssen, würden die Anfragen meist erst einmal abschlägig beantwortet. Da brauche es viel Überzeugungsarbeit und gleichzeitig auch Kompromissbereitschaft. Und oft befinde man sich mit dem Endprodukt dann trotzdem am Rande der Legalität.
Tragfähige Utopie?
Aber kann dieses Konzept auch inhaltlich neues Terrain erschliessen? Der britische Kulturwissenschaftler Mark Fisher hat die These aufgestellt, dass beispielsweise die Popmusik seit über einem Jahrzehnt praktisch nur noch Wiederholung hervorbringe und begründet diese Beobachtung damit, dass wir uns den Glauben an eine alternative Zukunft abgewöhnt hätten. Konkret nennt er die gegenwärtige neoliberale Politik, der niemand eine tragfähige Utopie gegenüberstellen könne. Gilt das auch fürs Theater? Bewegungen wie die «Kulturrevolutionen» von 68 und 80 sind ja heute in Europa nicht auszumachen und Mathis Künzler bedauert, dass er aufgrund seines Alters diese Zeit nicht miterleben konnte: «Ich wünsche mir manchmal, im Rahmen eines Kollektivs für eine gesellschaftliche Veränderung kämpfen zu können. Es ist heute schwierig, klare Positionen zu beziehen, weil die Argumente für und wider sich oft aufheben», sagt er.
Immerhin versucht VOR ORT, die herkömmlichen Theaterformen zu sprengen und dort anzuknüpfen, wo um 1982 zum Beispiel «Zampanoo’s Variété» als Strassentheater aufgehört hatte. In diesem Zusammenhang sei hier erwähnt, dass zum harten Kern des Ensembles VOR ORT auch Zampanoo-Urgestein Ursula Stäubli gehört. Jedenfalls läuft jeder Theaterabend anders ab, weil die Truppe teilweise im öffentlichen oder halböffentlichen Raum spielt. «Das erschliesst uns teilweise ein neues Publikum, das sonst kaum ins herkömmliche Theater geht. Und es führt zu unerwarteten Situationen, die dann oft spontan ins Geschehen mit einbezogen werden», so Riesen.
Auf vielen Bühnen präsent
In die freie Theatertruppe «Vor Ort» investieren die beiden Theaterleute ihr Herzblut. Sie haben aber auch Erfahrung mit etabliertem Theater und im Filmschaffen. Sonja Riesen arbeitete an diversen Theaterproduktionen in Deutschland und der Schweiz mit und wurde einem breiteren Publikum durch ihre Rolle der Serviertochter Regula im Film «Der Goalie bin ig» von Sabine Boss und als Hauptdarstellerin in der Fernsehproduktion «Unser Kind» von Luki Frieden bekannt. Mathis Künzler war ebenfalls an vielen Bühnen im deutschsprachigen Raum und in diversen Spielfilmen zu sehen. Für seine Hauptrolle in der Sat1-Soap «Verliebt in Berlin» konnte er den «Deutschen Fernsehpreis» einheimsen. Die Arbeit mit den «grossen Kisten» bringe ihnen natürlich wichtige Erfahrungen ein, finden beide. Ein weiteres hervorragendes Trainingsfeld seien die Kommunikationstrainings, für die sich beide engagieren lassen. In Bildungskursen, beispielsweise im Gesundheitswesen, improvisieren sie als Übungs-Gesprächspartner respektive Übungs-Patienten. Neben dem Übungsaspekt sorgen diese Engagements für das nötige Einkommen, das in der freien Szene nur spärlich erwirtschaftet werden kann.
Im Gegensatz zu Deutschland, wo die freie Theaterszene praktisch keine Unterstützung erhält, gibt es in der Schweiz die Kulturförderung von Kantonen und grösseren Städten, Stiftungen wie Göhner oder das Migros-Kulturprozent. Hierzulande sei viel Innovation aus der freien Theaterszene hervorgewachsen und es sei eine einmalige Chance, dass die Geldgeber dies honorieren würden, «Mit dem Stück ‹Neuland› haben wir mit Eintritten 25 Prozent der Kosten erwirtschaften können. Das ist so ziemlich das Maximum an Eigenfinanzierung, das man mit einem Theaterprojekt erzielen kann», sagt Sonja Riesen.