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Die Arbeit an der historisch-kritischen Gesamtedition der Werke und Briefe von Jeremias Gotthelf fördert immer wieder neue Dokumente zu Tage, führt zu neuen Einsichten in das Werk und liefert nicht zuletzt zahlreiche kleine Nebenfunde (manch Kurioses). Einiges davon bereichert unsere Kenntnis von Leben, Amtstätigkeit und literarischem Schreiben Gotthelfs, manches bereichert einfach den Alltag der Editor*innen.
Gerne möchten wir solche Funde mit Ihnen teilen.
Funde und Mitteilungen aus unserer Arbeit
Schriftvorlagen für Henriette Bitzius
Erst 1995 gelangte ein Brief des Thurgauer Theologen und Pädagogen Johannes Pupikofer in die Burgerbibliothek und wurde seither in einer nicht näher erschlossenen Schachtel aufbewahrt. Von der Forschung bislang nicht zur Kenntnis genommen ist er nun im Rahmen der Gotthelf-Edition ‘entdeckt’ worden.
In den 1830er-Jahren Lehrer in Sumiswald, ist Pupikofer häufig Gast im Lützelflüher Pfarrhaus, bevor er in den 1840er-Jahren in den Thurgau zurückkehrt, wo sein bekannterer Bruder Johann Adam als Theologe und Historiograph wirkt. In seinem Brief vom 22. Juli 1839 an Albert Bitzius kommt Johannes Pupikofer einem Wunsch von Henriette Bitzius nach und skizziert Ideen für einen vorbildlichen Lese- und Schreibunterricht. Beispielhaft notiert er Schriftvorlagen in einer “geradlinigen Schrift”, die vom Kind gut nachgebildet werden könnten (siehe Abbildung), und empfiehlt den Einsatz beweglicher Holz- oder Kartonbuchstaben, mit denen das Kind verschiedene Wörter bilden dürfe, "wodurch Abwechslung u Thätigkeit u Trieb u Lust zum Lernen im Kinde erwacht." Pupikofer ermutigt Henriette Bitzius, ihren eigenen Unterrichtsweg zu suchen, denn "die Freude, ihn mehr oder weniger selbständig gefunden zu haben, wäre gewiß für die Mutter unbeschreiblich." Für Pupikofer scheint es naheliegend, dass Henriette Bitzius sich durch ihren Mann anleiten liesse, so schreibt er Albert Bitzius: "an der Stelle der Frau Pfarrer würde ich nicht ruhen, bis Sie mir zu jeder Lektion in der Zurüstung des nöthigen Apparates, in Ertheilung von Rath etc. an die Hand gegangen." (Burgerbibliothek Bern, Nachlass Jeremias Gotthelf 45.)
Gotthelf als Beiträger für Johann Konrad Zellwegers Werk über die schweizerischen Armenschulen?
Immer wieder wurde vermutet, dass Gotthelf in Johann Konrad Zellwegers Überblicksdarstellung “Die schweizerischen Armenschulen nach Fellenbergischen Grundsätzen” (1845) das Kapitel zur Armenerziehungsanstalt Trachselwald schrieb, die er mitbegründet und für die er in der Schrift Die Armennoth (Erstauflage 1840) geworben hatte. Schriftliche Belege für eine Autorschaft Gotthelfs gibt es jedoch keine. Vom Editionsteam ist nun in der Burgerbibliothek Bern ein bislang unedierter Brief Zellwegers an Albert Bitzius vom 30. November 1844 wieder aufgefunden worden, in dem Zellweger über den Brand an der von ihm geleiteten Anstalt Schurtanne in Trogen am 2. September 1844 klagt: Ihm habe “das furchtbare Brandunglück bis auf das geringfügigste Billet herab alle Papiere, folglich auch ihre Arbeit und alle übrigen Materialien zu meiner Schrift geraubt”. Den Beitrag, der ihm von Bitzius zwei Jahre zuvor auf seine Bitte hin übermittelt worden wäre, habe an einer Versammlung der Appenzeller Gemeinnützigen Gesellschaft “als Vorlesung den Beifall der Zuhörer gefunden”. Zellweger ersucht Bitzius schliesslich darum, die Arbeit nochmals zu schreiben: “Sie arbeiten so leicht, wie kein Anderer, kennen diese Anstalt durch und durch und verstehen absonderlich die große Kunst der gefälligen Darstellung.” (Burgerbibliothek Bern, Nachlass Jeremias Gotthelf 45.) Ob Bitzius der Bitte nachgekommen ist und wie eine allfällige Schrift durch Zellweger für die Publikation umgearbeitet oder übernommen worden ist, bleibt freilich trotz dieses Briefes offen. Vielleicht werden in den nächsten Jahren weitere Dokumente aufgefunden, die Aufschluss hierzu geben?