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Titel
Rousseau
(spr. russoh), 1) Jean Baptiste, franz. Dichter, geb. zu Paris [* 3] als der Sohn eines Schuhmachers, der ihm eine sorgfältige Erziehung geben ließ, machte sich früh durch seine formvollendeten Poesien, besonders aber durch obscöne Epigramme einen Namen, ging 1697 als Sekretär [* 4] des Marschalls v. Tallard nach England, fand dann in dem Finanzdirektor Rouillé einen eifrigen Gönner und genoß eines ausgezeichneten Rufs in der feinen Pariser Gesellschaft.
Aber seine krankhafte
Eitelkeit sowie seine unüberwindliche
Neigung zu
Spott und
Satire führte bald seinen
Sturz herbei; infolge
äußerst giftiger anonymer
Angriffe auf einige
Personen, denen er die
Schuld an dem Mißerfolg seiner von 1694 bis 1700 aufgeführten
Komödien beimaß, wurde er 1712 aus
Frankreich verbannt. Er ging zunächst nach der
Schweiz
[* 5] zum französischen
Botschafter
Grafen
du
Luc, dann mit dem
Prinzen
Eugen nach
Wien
[* 6] und ließ sich endlich in
Brüssel
[* 7] nieder. Nach einem vergeblichen
Versuch, seine Rückberufung zu erwirken, starb er in
Brüssel.
Rousseau, der noch im 18. Jahrh. für den ersten lyrischen
Dichter galt, ist vom 19. Jahrh. ungebührlich herabgesetzt worden.
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Denn in allem, was die Form angeht, Harmonie, Reichtum des Rhythmus, Eleganz und Reinheit des Ausdrucks, leistete
Rousseau Vollendetes;
aber die Gedanken sind fade, oft dunkel durch ein Übermaß mythologischer Anspielungen, zum Teil gerade zu falsch. Seinen Oden
fehlt der Schwung, seinen Psalmen das heilige Feuer, seinen Episteln die gleichmäßige, ruhige Stimmung,
seinen Allegorien jede Wahrscheinlichkeit; Laharpe nennt sie zum Sterben langweilig. Seine Komödien und Operntexte sind teils
nicht aufgeführt worden, teils verdientermaßen gefallen.
Nur seine Epigramme, in welchen er seinem Herzen voll Gift und Galle Luft machen konnte, gehören in ihrer knappen Form und scharfen Pointierung zu den vorzüglichsten ihres Genres. Die letzte Ausgabe seiner Werke veranstaltete Amar (Par. 1820, 5 Bde.). Seine »Lettres sur différents sujets de littérature« erschienen Lyon [* 9] 1750, 3 Bde.; seine »Œuvres lyriques«, mit einem Kommentar, gab Manuel (Par. 1852),
»Contes inédits« Luzarche (Brüssel 1881) heraus.
2) Jean Jacques, berühmter franz. Schriftsteller und Philosoph, ward zu Genf [* 10] geboren. Seine Mutter, die Tochter eines evangelischen Predigers, starb schon bei seiner Geburt, und der Vater, ein geschickter Uhrmacher, kümmerte sich nicht viel um die Erziehung seines Sohns, der in seiner Lesewut alle Bücher verschlang, deren er habhaft werden konnte, am liebsten aber die Romane des 17. Jahrh. und Plutarchs Lebensbeschreibungen las. Als sein Vater eines Ehrenhandels wegen aus Genf flüchten mußte, brachte man den zehnjährigen Knaben aufs Land zum Pastor Lambercier, wo sich sein tiefes Gefühl für die Herrlichkeit der Natur entwickelte, dann wieder nach Genf zu seinem Onkel Bernard, der ihn zuerst in das Büreau eines Anwalts, dann zu einem Kupferstecher in die Lehre [* 11] brachte.
Aber sein unsteter Sinn und harte Züchtigungen infolge seiner schlechten Streiche trieben ihn aus Genf;
nach mehrtägigem. Umherirren
kam er nach Consignon zu dem katholischen Geistlichen, der ihn nach Annecy an Frau v. Warens empfahl. Diese, eine
junge, liebenswürdige, aber äußerst schwache und gutmütige Frau, welche ihren Mann verlassen hatte, war kurz vorher zum
Katholizismus übergetreten und bemühte sich, den 16jährigen
Rousseau ebenfalls zu bekehren; sie sandte ihn
nach Turin
[* 12] in ein Bekehrungshaus, wo er bald darauf den Protestantismus abschwor.
Diesen Schritt hatte er hauptsächlich gethan in der Hoffnung auf eine gute Versorgung, wie sie Frau v. Warens und andre Bekehrte vom König von Sardinien [* 13] erhalten hatten; aber darin sah er sich gründlich getäuscht. Sich selbst überlassen, nahm er sein abenteuerndes Leben wieder auf, wurde Bedienter bei einer vornehmen Dame, von der er jedoch bald wieder entlassen wurde wegen des Verdachts, einen Diebstahl begangen zu haben, trat dann in den Dienst des Grafen von Gouvon, wo man nach Entdeckung seiner hervorragenden Befähigung bemüht war, für seine geistige Weiterbildung zu sorgen, entlief aber auch hier wieder aus Liebe zum Vagabundenleben und kehrte endlich nach langen Irrfahrten 1730 zu Frau v. Warens zurück.
Als auch der Versuch, ihn zum Geistlichen heranzubilden, mißlang, versuchte er es mit der Musik, gab Musikstunden, schloß sich einem Industrieritter an, gelangte nach vielen thörichten Streichen und seltsamen Abenteuern bis nach Paris, kehrte dann aber wieder zu Frau v. Warens zurück, die inzwischen nach Chambéry verzogen war. Nach einem vergeblichen Versuch, sich als Schreiber und Musiklehrer sein Brot [* 14] selbst zu erwerben, zog er zu seiner Freundin, die seine Geliebte geworden war, auf das Landgut Les Charmettes und verlebte dort acht glückliche Jahre, schwelgend im Genuß der schönen Natur, hauptsächlich aber mit ernsten Studien beschäftigt.
Hier las er die englischen, deutschen und französischen Philosophen, studierte Mathematik und Latein, vertiefte seine religiösen Anschauungen und versuchte sich in Lustspielen und Opern. Da aber seine Gesundheit durch übermäßige Anstrengungen und die Sorgen um die zerrütteten Vermögensverhältnisse seiner Freundin untergraben war, reiste er auf zwei Monate ins Bad [* 15] nach Montpellier; [* 16] als er dann nach seiner Rückkehr bei Frau v. Warens einen andern Liebhaber findet und mit diesem ihre Gunst nicht teilen will, wie sie es ihm vorschlägt, verläßt er ihr Haus, geht als Hauslehrer nach Lyon und 1741 nach Paris, um sein neues System, Noten durch Zahlen auszudrücken, der Akademie zu unterbreiten.
Als diese seine Entdeckung zurückwies und überdies eine Krankheit seine Sorgen um die Existenz bedeutend vermehrte, nahm
Rousseau die
Stelle eines Sekretärs beim französischen Gesandten zu Venedig,
[* 17] dem Grafen Montaigu, an, einem geizigen, brutalen Mann, bei dem er
nur 18 Monate aushielt. Obwohl aber auch seine Oper »Les Muses galantes« fast vollständig durchfiel, so
wurde er doch allmählich bekannt; er trat in lebhaften Verkehr mit Diderot, Grimm, d'Alembert, Holbach, Frau v. Epinay u. a.,
und schon damals rühmte man seine geistvolle Unterhaltung und spottete über sein unbeholfenes Benehmen und seine maßlose
Eitelkeit. In dieser Zeit knüpfte er auch sein Verhältnis mit Thérèse Levasseur, einer Arbeiterin ohne
jede Schulbildung und so beschränkt, daß sie weder die Monatsnamen erlernen, noch den Wert der einzelnen Geldmünzen behalten
konnte.
Trotzdem lebten beide glücklich in einer Vereinigung, deren festester Kitt die Macht der Gewohnheit war, und die erst 25 Jahre
später durch die Ehe geheiligt wurde; ja,
Rousseau nahm sogar die zänkische und habsüchtige Mutter und den
kranken Vater der Therese mit in den Kauf. Sie schenkte ihm fünf Kinder, die er alle ins Findelhaus brachte, eine Herzlosigkeit;
die er mit vielen Sophistereien zu entschuldigen versuchte. Eine Sekretärstelle, welche er damals bei Madame Dupin
und deren Schwiegersohn bekleidete, gab er bald auf für eine Anstellung als Kassierer beim Generalpachter Dupin; inzwischen
aber war er mit Einem Schlag ein berühmter Mann geworden.
Seine Abhandlung über die Verderblichkeit der Bildung (»Discours sur les arts et les sciences«, 1750), eine Antwort auf eine von der Akademie zu Dijon [* 18] gestellte Preisfrage, war von dieser mit dem Preis ausgezeichnet worden. Von nun an trat er in bewußten Gegensatz zu der Zivilisation, die er für alle menschlichen Laster und besonders für seine eignen Verirrungen verantwortlich machte. Er verschmähte es jetzt auch, von der Schriftstellerei zu leben, und empfahl sich trotz des heftigen Widerspruchs seiner Geliebten und ihrer Mutter als Notenabschreiber in der sichern Erwartung, daß es einem berühmten Mann an Aufträgen nicht fehlen würde. Er täuschte sich auch nicht, denn schon um ihre Neugier zu befriedigen, kamen viele; immerhin aber war es eine höchst unwürdige Rolle, zu der ihn sein ungemessener Stolz und seine Menschenverachtung vermochten. Die Gegenvorstellungen seiner Freunde machten die Sache nur noch schlimmer; er begegnete ihnen mit dem größten Mißtrauen und witterte fortan überall Feindschaft und Verrat. Auch auf dem Theater [* 19] errang er nun einen glänzenden Erfolg mit der Oper »Le [* 20] devin du village« (1752); dagegen fiel sein Lustspiel »Narcisse, ¶
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ou l'amant de lui-même« (1753) vollständig durch. In demselben Jahr erschien seine »Lettre sur la musique française«, mit welcher er durch seine Parteinahme für die italienische Musik einen heftigen Sturm gegen sich erregte. Seine zweite größere Schrift war wiederum von der Akademie zu Dijon angeregt und handelte von dem Ursprung und den Gründen der Ungleichheit unter den Menschen (»Discours sur l'inégalité parmi les hommes«, 1754); auch diese Schrift enthält die heftigsten Anklagen gegen die Gesellschaft. In dieser Zeit machte er eine Reise nach Genf, wo er glänzend empfangen wurde und zum Calvinismus zurücktrat; er nannte sich von nun an mit Vorliebe »Citoyen de Genève«.
Nach seiner Rückkehr nach Paris schrieb er die »Lettre à d'Alembert contre les spectacles« (1758) und trat in eine heftige Polemik mit Voltaire ein, die bald in die bitterste Feindschaft ausartete. Seit 1756 bewohnte er auf eine Einladung der Frau v. Epinay ein Gartenhäuschen im Wald von Montmorency, die berühmte, später umgebaute »Eremitage«. Hier, in der Einsamkeit, inmitten einer herrlichen Natur, hoffte er ein glückliches und ruhiges Leben führen zu können; aber seine häusliche Misere, seine heftige, sinnliche Leidenschaft für die Gräfin d'Houdetot und besonders sein krankhaftes Mißtrauen und seine nervöse Reizbarkeit, die den Bruch mit seinen besten Freunden, Grimm, Diderot und Frau v. Epinay, herbeiführte, machte den Aufenthalt in der Eremitage unmöglich; er bezog eine Gartenwohnung zu Mont Louis in der Nähe von Montmorency.
Hier lebte er auf einem Lustschloß, welches ihm der Herzog von Luxembourg zur Verfügung stellte, von 1757 bis 1762, und wenn auch sein Gemüt nicht gesundete, so sind hier doch seine berühmtesten Werke vollendet worden: »Julie, ou la Nouvelle Héloïse« (1760),
»Du Contrat social, ou Principes du droit politique« (1762) und »Émile, ou de l'Éducation« (1762). Aber auch er teilte das Geschick aller Propheten. Aus Frankreich verbannt, wo das Parlament die Verbrennung des »Émile« und die Verhaftung des Verfassers dekretiert hatte, in seiner Vaterstadt, wo man seine Schriften öffentlich verbrannt hatte, geächtet, mußte er in dem damals preußischen Neuchâtel, im Dorf Moitiers-Travers ^[richtig: Motiers-Travers], eine Zuflucht suchen; günstig nahm ihn der Gouverneur des Ländchens, der Marschall Georg Keith, auf.
Von hier schrieb er seine Streitschrift an den Erzbischof von Paris und die berühmten »Lettres de la montagne«, worin er die Glaubensfreiheit gegen Kirche und Polizei in Schutz nahm. Doch die Intrigen seiner Feinde ließen ihn auch hier nicht ruhen. Auf Anstiften des protestantischen Geistlichen machten die fanatisierten Bauern einen Angriff auf sein Haus und vertrieben ihn aus ihrem Dorf (Sommer 1765). Auch von der Petersinsel im Bieler See, wohin er sich geflüchtet, wurde er verjagt; schon wollte er sich auf die Einladung Friedrichs II. nach Berlin [* 22] begeben, als er den dringenden Bitten Humes, nach England überzusiedeln, nachgab.
Aber auch dort war seines Bleibens nicht lange; sein Menschenhaß, der durch die Leiden [* 23] der letzten Jahre allmählich in Verfolgungswahnsinn ausgeartet war, vielleicht auch einige Rücksichtslosigkeiten seines Gastgebers, besonders aber wohl der Anstoß, den die englische Gesellschaft an seinem Verhältnis zu Therese nahm, führte bald den Bruch herbei. Schon landete er in Frankreich, erhielt 1770 die Erlaubnis, nach Paris zurückzukehren, wo er in der Rue Plâtrière (die jetzt seinen Namen trägt) eine Wohnung bezog, und vollendete dort die schon in England begonnenen »Confessions« (deutsch von L. Schücking, Hildburgh. 1870), worin er mit einer oft empörenden Offenheit und Rücksichtslosigkeit gegen sich und andre sein ganzes Leben der Welt darlegte. In langer armenischer Kleidung wandelte er damals melancholisch unter den Parisern umher, trieb Musik und Botanik und nährte sich vom Notenschreiben, bis er im Mai 1778 vom Marquis v. Girardin die Einladung erhielt, in Ermenonville, unweit Paris, ein stilles Landhaus zu beziehen.
Hier starb er plötzlich 2. Juli d. J., wie einige vermuten, eines freiwilligen
Todes. 1794 wurden seine Gebeine (von Ermenonville) feierlich im Panthéon beigesetzt, von wo sie unter der Restauration heimlich
wieder entfernt sein sollen; seine Landsleute aber errichteten auf der nach ihm benannten
Rousseauinsel in Genf
ihrem größten
Bürger ein Denkmal. Außer den angeführten Werken schrieb
Rousseau:. »De l'imitation théâtrale« (1764);
das Melodrama »Pygmalion«, welches Berquin in Verse brachte;
die Abhandlung über die »Vertu la plus nécessaire aux héros« (1769);
ein »Dictionnaire de musique« (1767);
»Lettres sur la botanique«;
»Dialogues«, Briefe etc. Mehrere Schriften wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht, wie »Le Lévite d'Ephraïm«;
»Émile et Sophie, ou les Solitaires«, eine schwächliche Fortsetzung des »Émile«;
die »Considérations sur le gouvernement de Pologne« und endlich die »Confessions«, die vervollständigt wurden durch eine Art Tagebuch: »Les Le rêveries du promeneur solitaire«, die gegen seinen ausdrücklichen Wunsch schon drei Jahre nach seinem Tod veröffentlicht wurden.
Mehr als Voltaire bestimmte
Rousseau die geistige Physiognomie des alternden 18. Jahrh. Aufgewachsen in einer Stadt, die durch harte
Kämpfe gegen Gewalt und Übermut frei und groß geworden, in welcher strenge calvinistische Zucht wahre und tiefe Frömmigkeit
nicht ausschloß, mit einem Herzen voll glühender Liebe zur Natur, deren Großartigkeit und Lieblichkeit
in ihm einen begeisterten Lobredner fand, trefflich gewappnet mit dem geistigen Rüstzeug des philosophischen Jahrhunderts,
ein scharfer Denker, von der feurigsten Beredsamkeit, daneben von einer Betonung
[* 24] des eignen Ichs, von einer Selbstsucht und Überhebung,
die in ihrer Übertreibung geradezu widerwärtig wirken, unternimmt er es, die moralischen und politischen
Verhältnisse umzuformen, indem er den glänzenden Schleier, welcher die Fäulnis und das Elend des sozialen Lebens verhüllte,
mit kühner Faust zerriß und vollständige Umkehr predigte, die Rückkehr zur natürlichen Empfindung und zur reinen Bürgertugend.
Seine Hauptwerke geben uns ein anschauliches Bild seines Systems. Wenn er in der Abhandlung über die Verderblichkeit der Bildung nachwies, daß mit dem Fortschreiten der Kultur der Verfall der Sitten Hand [* 25] in Hand gegangen sei, daß Irrtum und Vorurteil unter dem Namen Philosophie die Stimme der Vernunft und der Natur erstickt hatten, so zeichnet er im »Émile« das Ideal eines Bürgers und die Mittel, das Kind zu einem solchen zu erziehen. Fern von der Welt und dem verderblichen Einfluß der Gesellschaft soll die Seele des Kindes sich bilden;
da der Mensch von Natur gut ist, so braucht nur Irrtum und Laster fern gehalten zu werden;
dann wird der Knabe lernen, natürlich und richtig zu fühlen und zu denken, ohne daß Vorurteil und konventionelle Begriffe die Klarheit seiner Anschauungen beeinträchtigen;
dann wird er von selbst Wissenschaft und Kunst und zuletzt auch Gott finden lernen.
Den Glanzpunkt des »Émile« aber bildet das ¶