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Wissen Hunde, wie spät es ist?
Wenn es darum geht, die alltägliche Rückkehr der Familienmitglieder von der Arbeit zu erwarten, sind Hunde zuverlässig wie eine Funkuhr: Ab einer bestimmten Zeit tigern sie entweder unruhig durch die Wohnung oder legen sich mit Blick zur Haustür in den Flur, aufmerksam auf jedes Geräusch jenseits der Tür lauschend. Woher wissen unsere Vierbeiner, wann es Zeit für die gesteigerte Aufmerksamkeit ist? Können sie die Uhr lesen, haben sie etwa ein Gefühl für das abstrakte Konzept der Zeit? Vielleicht weniger ein Gefühl, als viel mehr ein Näschen.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wissen Hunde nicht, wie spät es ist. Ebenso sicher haben sie auch kein Zeitempfinden im Sinne menschengemachter Zeiteinheiten wie Stunden oder
Minuten. Und doch: Ist es Zeit für die Rückkehr eines Familienmitglieds von der Arbeit, dann wird aus dem entspannt umherdösenden Vierbeiner ein gespannt wartender Hund, der erwartungsfreudig aus
dem Fenster schaut oder mit dem Kopf zur Eingangstür liegt und auf jedes Geräusch jenseits der Tür reagiert.
Wenn also Hunde keine Uhr lesen können, woher wissen sie, dass zu einer gewissen Zeit jeden Moment jemand Wichtiges in ihr Leben zurückkehren wird?
Dieser Frage ist der Natur- und Tierforscher Chris Packham für die BBC Reihe "Inside the Animal Mind" (ungefähr: "Im Innern des tierischen Bewusstseins/Verstands") nachgegangen, und zwar
mit Hilfe von Jazz, einem Vizsla.
Der Rüde lebt mit seiner Familie im schottischen Lesmahagow, und seine Menschen vermuten, dass Jazz weiss, wie spät es ist
Um herauszufinden, ob der Vizsla tatsächlich ein Zeitgefühl oder gar die Fähigkeit hat, die Uhr zu lesen, hat das BBC-Team Jazz's Zuhause mit Kameras ausgestattet, um ihn und sein Familienleben eine Woche lang zu beobachten.
Der Tagesablauf von Jazz spielt sich nach immer dem selben Muster ab: Christine und John verlassen morgens, immer zur selben Zeit das Haus, auf das Jazz aufpasst, bis Christine als erste nach Hause zurückkehrt, meist so gegen 16 Uhr. John kommt eine Stunde später. Rund zwanzig Minuten vorher beginnt Jazz, die Ankunft seines Herrchens zu erwarten: er springt auf das Sofa und blickt zum Wohnzimmerfenster hinaus. Jeden Arbeitstag, immer um die selbe Zeit, wie ein hündischer Wecker. Es scheint, also ob Jazz weiss, dass John gleich nach Hause kommen wird. Aber wie macht er das?
Die Vermutung: Während John aus dem Haus ist, verblasst der Geruch, den er hinterlässt gleichmässig. Fällt die Intensität unter eine bestimmte Grenze, spürt Jazz, dass Johns Rückkehr bevorsteht. Um diese These zu prüfen, wurde der Parameter Geruch verändert. Auf ihrem Heimweg holte Christine Johns T-Shirt ab, das er den Tag über getragen hatte und verteilte den frischen, intensiven "John-Duft" in ihrem Zuhause. Wenn der nachlassende Duft für Jazz als Gradmesser für das Vergehen der Zeit bis zu Johns Heimkehr dient, dann müsste die Auffrischung dieses Dufts theoretisch die Uhr zurückdrehen. Hat die Duft-Dichte nichts mit Jazz' Zeitgefühl und der Erwartung von Johns Heimkehr zu tun, dann müsste er - wie üblich - gegen 16.40 Uhr beginnen, nach dem Herrn des Hauses Ausschau zu halten. Aber das tut er nicht. Um 16.48 Uhr liegt er immer noch entspannt auf seiner Decke und döst vor sich hin. Als John pünktlich um 17 Uhr durch die Tür kommt, lässt sich Jazz zunächst nicht blicken. John muss ihn rufen. Und Jazz scheint völlig überrascht, John zu sehen.
Die Redaktoren der Sendung weisen ausdrücklich darauf hin, dass dieser Versuch keine wissenschaftliche Aussagekraft hat, und dass Jazz auf eine Vielzahl ganz anderer Indikatoren reagieren könnte: "Aber ist es nicht eine faszinierende Idee, dass ihr Geruchssinn Hunde befähigt, etwas Abstraktes zu 'begreifen' wie die Bedeutung der Zeit? Ein Konzept, dessen Verständnis wir Menschen exklusiv für uns in Anspruch nehmen."
Zusammenfassung/Übersetzung: Martina Monti