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Bon Iver brechen auf zu neuen Ufern
Bon Iver sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Justin Vernon schlägt die grossen Erwartungen an sein zweites Album mit Synthesizern in den Wind.
Wie kaum ein Zweiter verkörpert Justin Vernon den Mythos des einsamen Songwriters, der sich mit wehem Herzen in die Wildnis zurückzieht, um mit dem Album des Jahres in die Zivilisation zurückzukehren. Das in einer Waldhütte in Wisconsin entstandene Debüt „For Emma, Forever Ago“ lieferte 2008 das Seelenbalsam, auf das sich alle empfindsamen Musikhörer einigen konnten.
Dennoch kam es überraschend, dass kein geringerer als Kanye West Vernon als Gastsänger engagierte und dass seine Songs plötzlich von minderjährigen youtube-Sternchen gecovert wurden. Der Erfolg von Bon Iver dürfte auf die aussergewöhnliche Stimme von Vernon zurückzuführen sein, die klingt als hätte ein Steppenwolf bei Antony Hegarty Gesangsunterricht genommen. Sein androgynes Falsett ist eher ein Weinen als ein Singen, die unverständlichen Laute scheinen einer Phantasiesprache zu entspringen. Auch auf dem zweiten Album lassen sich die Texte nur mit viel Phantasie entschlüsseln.
Gleich zu Beginn wird deutlich, dass das schlicht mit „Bon Iver“ betitelte Album, das in einer zum Tonstudio umfunktionierten Tierklinik entstanden ist, kein zweites „Emma“ sein möchte. Aus der einsamen Holzhütte ist eine geräumige Lodge geworden, in der auch Bläser, Piano und Synthesizer Platz finden. Das orchestrale Finale des Openers „Perth“ wartet mit Pauken und Trompeten auf. Viel fehlt nicht und man könnte von Post-Rock-Bombast sprechen. Bon Iver sind vom Einmannprojekt zur Band geworden.
Die Opulenz der Instrumentierung macht das Album zu einer deutlich vielschichtigeren Angelegenheit als es der folkige Vorgänger war: In „Minnesota, WI“ klingt ein Reggae-Rhythmus an, „Towers“ liebäugelt mit gallopierendem Country und „Calgary“ kommt nach einem sphärischen Synthie-Intro überraschend lofi-artig geschrammelt daher. Das intime „Michicant“ erinnert vielleicht am ehesten an das Debüt, eröffnet gleichzeitig aber auch die elektronischere zweite Hälfte des Albums. Die subtile Perkussion klingt wie von Brian Eno ausgetüftelt, während das folgende „Hinnom, TX“ mit seinem dubbigen Hall wie ein unveröffentlichter Track von Arthur Russell anmutet. Gegen Ende nehmen die 80er-Reminszenzen mehr und mehr Überhand. Das abschliessende „Beth/Rest“ erinnert schliesslich derart an die Schnulzen des New-Age-Zeitalters, dass selbst Phil Collins die letzten Haare zu Berge stehen dürften.
Fans des Debüts, die allergisch auf Synthesizer reagieren, dürften mit „Bon Iver“ ihre liebe Mühe haben. Anstatt auf Nummer sicher zu gehen beweist Justin Vernon mit seinem zweiten Album, dass er weit mehr ist als nur ein einsamer Troubadour.
> Album-Stream „Bon Iver“:
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