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Die dunklen Augen des Knaben verfolgten jeden Handgriff seiner Großmutter, während sie sich mit ihren farbenfrohen Kleidern schmückte. „Grandma, darf ich dich heute begleiten?“ fragte der Dreikäsehoch, während er sie am Rockzipfel zog. „Nein Jenoe, du bleibst brav hier oben bei deiner Schwester.“
Enttäuscht schürzte er seine Lippen und verließ den kleinen Raum nach draußen ins Freie.
Mia, die sah, wie gelangweilt ihr kleiner Bruder mit einem Stock Kreise in die staubige Erde malte, winkte ihm lachend zu. „Hey Jenoe? Was hat dir denn den Tag vermiest?“ fragte sie einfühlsam. „Ach, es ist wegen Großmutter! Sie will mich einfach nicht in ihren Hogan mitnehmen, dabei bin ich dafür schon groß genug.“ „Nein, Jenoe, bist du eben nicht! Komm lass uns zu den Pferden gehen, die wollen gefüttert werden“, mahnte Mia und begab sich zu der Pferdekoppel. Jenoe schlendernd hinterher.
In diesem Moment trat die alte Indianerin hinaus ins Freie. „Kinder, seid schön brav, bis ich wiederkomme“, rief sie ihren Enkelkindern hinterher. Sie raffte ihre Röcke und ging leichten Schrittes den steilen, Pfad hinunter in den Canon de Chelly. Der steinige Weg führte an roten Felsen vorbei.
Manchmal blieb die Navajofrau entzückt bei einer Blume stehen, die aus dem sandigen Boden wuchs.
Zur selben Zeit kämpften sich Albert und Bernadette den steilen Berg hinauf. Obwohl das Schweizer Ehepaar noch recht jung war, klagte die Frau unentwegt über den steilen Aufstieg. Der hagere Krankenpfleger fuhr sich verärgert über das kurz geschorene, rote Haar. “Stell dich nicht so an, Bernadette!“ presste er hervor, denn er hatte selber seine Probleme mit dem unbequemen Aufstieg.
„Ist das denn die Möglichkeit!“ rief Albert erstaunt und zeigte mit dem rechten Zeigefinger nach oben. „ Eine richtige Indianerin!“ entfuhr es da auch Bernadette. Noch bevor die Beiden begriffen, dass solch eine Begegnung in dieser Gegend ganz normal war, forschte Grandma bereits in den Gesichtern der müden Touristen, die sich den Berg hinaufquälten.
„Madam, sie sollten eine Kur mit diesen Kräutern machen. Ist gut für ihr Herz.“ Die Schamanin kramte unter den bunten Stoffen einen Leinenbeutel hervor, den sie der Schweizerin lächelnd überreichte. „Täglich einen Löffel mit heißem Wasser übergießen, fünf Minuten ziehen lassen und dann schluckweise trinken“, sagte sie in gutem Englisch.
Warum wusste diese Frau von ihren Herzproblemen, schoss es Bernadette durch den Kopf.
Bevor sie sich richtig bedanken konnte, eilte die Greisin leichtfüßig weiter. Es schien, als ob die weißen Turnschuhe den Boden nicht berühren würden!
Bernadette lag in der darauf folgenden Nacht lange wach. Im Morgengrauen war ihr klar: sie musste die Indianerin mit den farbigen Gewändern nochmals aufsuchen.
Aber wie konnte sie ihr Vorhaben ihrem cholerischen Mann verheimlichen? Also fragte sie frühmorgens ganz unschuldig: „Was haben wir denn heute auf dem Programm?“ „Auf keinen Fall mache ich diese Tortur von gestern nochmals mit!“ wetterte der Mann aufgebracht, als er endlich richtig wach war. „Wir fahren mittags nach Chinle zum Einkaufen. In der Zwischenzeit will ich keinen Mucks von dir hören! Ist das klar?“ Albert fasste seine Frau unwirsch am Handgelenk, so dass sie stöhnte. Dann kehrte er sich missgelaunt auf die Seite und schlief laut schnarchend wieder ein.
Bernadette’s Herz schmerzte und sie griff hastig nach den Tabletten, die ihr der Arzt verschrieben hatte, obwohl keine der Untersuchungen auf ein Herzproblem hindeutete. Aufgewühlt stieg sie aus dem Bett. Eine heiße Dusche und ein starker Kaffe würden ihr jetzt gut tun.
Unsicher, was sie nun tun sollte, schaute sie aus der Dachluke empor zum herrlich blauen Himmel. Jetzt war die Zeit gekommen! Sie musste sich zusammen reissen! Auf leisen Sohlen verließ sie, mit vor Angst zitternden Knien, das für drei Wochen gemietete Wohnmobil. Sie würde wieder blaue Flecke davontragen, wenn Albert sie dabei ertappte.
Auf dem Campingplatz begegnete sie keiner Menschenseele. Zwei Krähen stritten sich um ein Stück Brot.
Nur mit einem kleinen, grauen Rucksack ausgerüstet, begab sich Bernadette zum südlichen Canyonrand, am White House Overlook vorbei, hinunter zum White House Ruin Trail. Es war die einzige Möglichkeit, ohne Führer ins Tal hinunter zu gelangen. Den kilometerlangen Pfad würde sie trotz ihrer schlechten Verfassung in gut einer Stunde bewältigen können. Je weiter sie sich von ihrem Mann entfernte, umso kräftiger fühlte sie sich.
Unten angekommen, schaute sie sich vorsichtig um. Auch hier kein Mensch weit und breit. Wo war die Navajofrau, welche ihr gestern die Heilkräuter geschenkt hatte, geblieben?
Eine Erdhörnchen-Familie spielte übermütig vor ihrem Bau in der Morgensonne.
Ängstlich fragte sich Bernadette: habe ich das Richtige getan? Wäre es klüger, umzukehren und Albert's Wutausbrüche über sich ergehen zu lassen, als sie das ferne Heulen eines Wolfes vernahm. Nein! Dieses Mal wollte sie standhaft bleiben und ihrer inneren Stimme folgen!
In sich gekehrt, trottete sie fast schleichend, an der kleinen Hogansiedlung der Navajo Indianer vorbei, dem trockenen, von gelb leuchtenden Bäumen gesäumten Flussbett, entlang.
Entspannt setzte sich Bernadette, die von Selbstvorwürfen geplagte Frau, auf einen trockenen Baumstamm. Der warme Windstoß, der ihr das blonde, kurze Haar zerzauste, zauberte ihr ein Lächeln aufs Gesicht, das aber schnell wieder verschwand, als sie den Stein in der Form eines Totenkopfes erblickte.
„Hallo!“ rief da eine Stimme aus dem Nichts! Erschrocken sah Bernadette zu den zwei Felsnadeln des Spider Rock empor.
Auf dem 240 Meter hohen Wahrzeichen des Canyons, sah sie niemanden. Voller Grauen besann sie sich auf den Mythos, der diesen Berg umgab, der besagte, dass da oben die Spinnenfrau wohne, die ungehorsame Kinder verschlinge. Würde sie auch verschlungen werden, schoss es Bernadette durch den Kopf.
Der Wind hatte drastisch zugenommen. Lautes Geplapper erlöste sie aus ihrer Erstarrung. Touristen waren im Anmarsch. Dem Weinen nahe, schlug die gepeinigte Frau den Mantelkragen hoch. Niemand sollte ihr Gesicht sehen! Ihr Blick fiel erneut auf den Stein neben ihr. Wie durch Geisterhand sog er sie in sich hinein.
Nur einen Augenblick der Verwunderung!
Schon sah sich Bernadette von fröhlichen Kindern umgeben. Ein reges Treiben! Ein Truthahn gab glucksende Laute von sich. Während dessen kletterten die klein gewachsenen Anasazi-Indianer, die waghalsige Holzleiter hinauf, welche die Häuser in der Ebene mit denjenigen oben in der großen Felsnische verband. Die Männer vom White House trugen, außer einem Lendenschurz, nichts auf der braunen Haut. Die Frauen dagegen trugen knielange, aus Wildleder gefertigte Kleider.
Verwirrt liess Bernadette den Stoff ihres reich bestickten Wildlederkleides durch die Hände gleiten. Was war mit ihr geschehen? Mit gemischten Gefühlen fühlte sie ihren Körper wie eine leere Hülle auf dem Baumstamm sitzen. Ihre Seele jedoch befand sich vor einem geflochtenen Korb kniend, welcher mit fingerlangen Maiskolben gefüllt war, die zu Mehl verarbeitet werden mussten. Eine mühselige Arbeit mit Metate und Mano.
Die Indianerin vom Vortag sass neben ihr, vor einem kleinen hölzernen Webstuhl, wobei sie jetzt viel jünger aussah. Ihr pechschwarzes, langes Haar glänzte im Sonnenschein. Einige Mädchen gerbten fleißig Hirschleder, wobei sie sich mit Handzeichen verständigten. In ihrer Sprache gab es nur wenige Wörter. „Hungrig?“ fragte die Weberin, indem ihre schmale Hand auf Bernadettes Mund zeigte. Nach einem freudigen Nicken, begaben sie sich hinauf zu den Feuerstellen, welche auf dem Felsvorsprung loderten.
Die Männer durften vor den Frauen und Kindern essen. In dieser Zeit backte Bernadette einige Maisfladen für die Kinder auf einem flachen, heißen Stein. Hungrig griffen die Kleinen danach. Außer den Tortillas aßen sie gekochte Bohnen und das wenige Fleisch eines Hirsches, das die Männer zurückgelassen hatten. Kaum den letzten Bissen geschluckt, stiegen die Frauen leichtfüßig die Leiter hinunter zum nahen Fluss. Dort füllten sie das kühle, klare Wasser in ihre mitgebrachten Kalebassen, die sie dann mühselig in die Cliff Dwellings hinauf trugen.
An Arbeit fehlte es dem fleißigen Volk nie. Am Abend sank Bernadette völlig übermüdet, aber glücklich, auf ihr hartes Lager, das sie mit einigen Frauen und Kindern teilte.
Wie durch einen Schleier sah sie eine einsame, weiße Frau auf einem trockenen Holzstamm sitzen.
Dieses unglaubliche Vision dauerte vielleicht einige Minuten; Bernadette kam es jedoch wie Jahre vor. Geblendet von der Sonne, fand sie sich im seichten Bachbett des Canyons wieder. Sie wusste, was sie zu tun hatte! Noch ganz benommen, raffte sie fröstelnd ihren grauen Regenmantel zusammen. Innerlich ruhig und gelassen, begab sie sich erneut auf die Suche nach der Schamanin mit den farbigen Gewändern.
Was war das dort drüben? Da hing ja ein Traumfänger an einem trockenen Ast. Bernadette bewunderte das schöne Stück, das leicht im Wind baumelte. Bevor sie erneut in eine andere Zeit abschweifen konnte, öffnete sich die Türe des Hogans vor ihr. Spitzbübisch lächelnd trat Grandma, eingewickelt in ihre farbigen Tücher, ins Freie.
„Komm mein Kind, du bist Zuhause angekommen!“
Bernadette wusste: hier konnte sie so viel Kraft tanken, dass Sie Albert verlassen und in naher Zukunft wegen Körperverletzung anzeigen würde.