Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03342.jsonl.gz/1373

Neulich sagte der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk im NZZ-Interview folgendes: «Deutschland ist, als Heimat von Karl Marx, die grösste Exportnation für Irrtümer, die die Welt bewegten.»
Und etwas später sagte er: «Ideen, die aus Deutschland kommen, haben eine gefährliche Neigung zur Verwirklichung.» Das steht in krassem Gegensatz zum (wohl falsch interpretierten) Satz des Lübecker Dichters Emanuel Geibel aus dem Jahr 1861: «Am deutschen Wesen mag die Welt genesen».
Importnation Schweiz
Welche Schlüsse können und sollen wir Schweizer als Nachbarn von Deutschland aus dem Zitat von Peter Sloterdijk ziehen? Da gibt es eine reiche Auswahl an möglichen Reaktionen.
Eine radikale Antwort wäre: Wir tun das Gegenteil dessen, was Deutschland tut oder empfiehlt. Das ist vielleicht keine gute Idee, denn Deutschland exportiert ja nicht nur Irrtümer. Eine andere Antwort wäre: Schauen und hören wir nicht darauf, was Deutschland tut und sagt. Vielleicht ist auch das nicht das Gelbe vom Ei, denn Deutschland ist das grösste unserer Nachbarländer, und die Deutschen sind die zweitgrösste ausländische Bevölkerungsgruppe in der Schweiz. Deutschland ist das zweitgrösste Exportland und das grösste Importland der Schweiz.
Meine bevorzugte Antwort steht am Schluss dieses Artikels. Vorerst teste ich einige Ideen, die aus Deutschland kommen: Die Energiepolitik, die Klimafrage, die Zuwanderung und die korrekte Sprache.
Die Energiepolitik
Einer der grössten politischen Fehlentscheide, welchen Deutschland im neuen Jahrhundert gefällt hatte, war die Reaktion der deutschen Bundesregierung auf den Atomunfall vom 11. März 2011 in Fukushima. Bereits drei Monate später beschloss der Deutsche Bundestag den Ausstieg aus der Atomenergie. Dass dies unter der wohl einzigen Regierungschefin geschah, welche als promovierte Physikerin über die fachliche Kompetenz zur Beurteilung des Themas verfügte, ist besonders bedenklich. Es ging dabei wohl wieder einmal um die Genesung am deutschen Wesen.
Die Schweizer Regierung machte sich mit einer politischen Blitzkehrtwendung zur wichtigsten Importnation der deutschen Energiepolitik. Der Bundesrat beschloss schon im Mai 2011 den langfristigen Atomausstieg. Sechs Jahre später wurde in einer Volksabstimmung ein Bewilligungsverbot für neue Atomkraftwerke angenommen. Zurzeit läuft die Unterschriftensammlung für eine Volksinitiative mit dem Ziel, das Bewilligungsverbot für neue Atomkraftwerke wieder aufzuheben. Gottlob hat das Schweizer Volk das Initiativ- und das Referendumsrecht.
Die Klimafrage
Falsch wäre es, das Gleiche wie zur Energiepolitik zur Klimapolitik Deutschlands zu sagen. Der klimapolitische Ausschuss IPCC wurde vom Umweltprogramm der UNO bereits 1988 gegründet. Im Dezember 2015 haben 196 Staaten und die EU in Paris einen völkerrechtlich bindenden Vertrag beschlossen, um den Klimawandel zu bremsen. Die Erderwärmung sollte damit unter zwei Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit beschränkt werden. Deutschland ist gewiss ein Land, das der Klimapolitik einen besonders hohen Stellenwert einräumt. Ein deutsches Exportprodukt ist dies aber nicht, auch wenn die vereinbarte Politik möglicherweise in die Kategorie «Irrtümer» gehört. Es wäre dann ein UNO-Irrtum.
Übrigens führt die verfehlte Energiepolitik dazu, dass in Deutschland mehr als ein Drittel der Stromproduktion aus Kohlekraftwerken stammt, die als CO2-Schleudern gelten. An diesem deutschen Wesen wird das Klima nicht genesen.
Die Zuwanderung
Der berühmteste Satz in der langen Kanzlerschaft von Angela Merkel lautet: «Wir schaffen das». Sie sagte das 2015, als rund eine Million Menschen nach Deutschland strömten und einen Asylantrag stellten. Die meisten kamen aus Syrien, andere aus Nordafrika, dem Irak, Afghanistan. Merkel liess sie einreisen, auch wenn andere EU-Länder für sie zuständig waren. Der damalige Innenminister sagte später, es habe «Momente des Kontrollverlusts gegeben». Sein Nachfolger nannte die Situation von 2015 sogar einmal eine «Herrschaft des Unrechts». Gemäss Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 sind die allerwenigsten dieser Zuwanderer «Flüchtlinge», die einen Anspruch auf Asyl haben.
Irgendwie hat die Schweiz dieses deutsche Exportprodukt «Zuwanderungspolitik der Irrtümer» faktisch übernommen, obschon Volk und Stände im Jahr 2014 die Volksinitiative «gegen Masseneinwanderung» bei hoher Stimmbeteiligung angenommen haben. Will die Schweiz am deutschen Wesen genesen?
Die korrekte deutsche Sprache
Schliesslich kämpfen progressive Kreise in der Schweiz für die zwangsweise Übernahme des neuen deutschen Exportprodukts «gendergerechte deutsche Sprache». Eigenartigerweise werden sie dabei unterstützt von wachsenden «Inclusion and Diversity»-Abteilungen schweizerischer Konzerne.
Die Sprachdiktatur links-grüner Weltverbessernder hat in Zürich schon zur Rückweisung von Vorstössen im Gemeinderat geführt, welche nach linksgrünem Gusto nicht «gendergerecht» formuliert waren. Jetzt kämpft die betroffene SVP-Politikerin Susanne Brunner mit der Initiative «Tschüss Genderstern» für eine Regelung in der Gemeindeordnung, dass die Stadt eine klare, verständliche und lesbare Sprache verwenden muss – und dies ohne Sonderzeichen innerhalb einzelner Wörter.
Importregel für die Schweiz Wie sollen wir Schweizer mit den Exportideen aus Deutschland umgehen, die eine gefährliche Neigung zur Verwirklichung haben? Wir sollten diese so prüfen, wie wir Ideen aus anderen Quellen prüfen. Übernehmen könnten wir solche, die der Schweiz und ihren Bewohnern dienen. Bei Bedarf kann dies in einer Volksabstimmung geklärt werden.
Schreibe einen Kommentar