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STATT-THEATER
Duras-Adaption fasziniert
TOBIAS GEROSA
Was geschieht, wenn die «Maladie de la Mort» in den Aargau kommt? Sie wird zum «Bräschte Tod», jedenfalls in der Übersetzung, die Beat Unternährer für Volker R. D. Herrnbergers Inszenierung geschaffen hat.
Marguerite Duras’ Text von 1983 führt einen Mann und eine Frau zusammen. Er bezahlt, damit sie ein paar Nächte mit ihm verbringt – Nächte, die ihm das Leben zurückgewinnen sollen. Sie lässt sich auf seine Regeln ein, gibt sich ihm hin und erweist sich doch als die Stärkere, der seiner «Maladie de la Mort» nichts anhaben kann. Sie geniesst sogar den auch in der Übersetzung unverblümt, aber ohne jede Peinlichkeit beschriebenen Sex und indem er vergeblich dem Geheimnis seines Sehnens nachjagt. Sie sagt ihm das schonungslos und diagnostiziert seine Liebesunfähigkeit als Todeskrankheit. Duras’Text verlegt die nächtlichen Gespräche durch indirekte Rede in eine Rückblende oder ein Gedankenspiel des Mannes, in das die Frau mit ein paar wenigen Sätzen hineinspricht.
Die Inszenierung Herrnbergers treibt dieses strukturell distanzierende Spiel noch weiter, indem sie den Text zum männlichen Monolog macht. Der Mann tritt aus dem Zuschauerraum und beginnt zu erzählen: «Dihr hättet sie im Zug chönne träffe.» Später folgen viele «hät er gfragt» und «hät sie gseit», wobei die mittelländisch-solothurnische Diktion die Distanz ambivalent macht, weil sie sie durch den indirekten Sprachduktus gleichzeitig ständig schafft. Überhaupt sorgen Doppelbotschaften für konstante Aufmerksamkeit: Wenn Urs Mühlethaler als älterer Mann zwar im seidenglänzenden Anzug auftritt, mit Schlafzimmerblick und hängenden Schultern aber von Anfang an Schwäche markiert; oder auch im Versuch, die Sprache der Frau durch Tanz zu ersetzen.
Claire Birrfelder liegt lange Zeit auf dem durchsichtigen, blau beleuchteten Bett im Zentrum der Bühne, je mehr der Mann sich an sie klammert, umso aktiver wird sie. Ihre fast schwerelosen Bewegungen kontrastieren immer mehr mit Mühlethalers Bodenständigkeit und Erdenschwere.
Wo die sparsame Regie auf den Text vertraut und die spärliche äussere Handlung nicht nur doppelt, erreicht sie beachtliche Konzentration auf einen schwierigen Text. Ein ambitionierter Beginn von Herrnbergers «statt-Theater».
Wiederholung «Dr Bräschte Tod». Festsaal Königsfelden, 7. Juni.