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Ich habe das RTL Dschungelcamp geschaut (und damit enden die persönlichen Enthüllungen). Viel wurde über dieses Sendeformat, in welchem sich mehr oder weniger prominente Menschen im Dschungel ekelerregenden Prüfungen unter Einschluss der Öffentlichkeit stellen müssen, bereits geschrieben oder diskutiert. Betrachten wir aber das Dschungelcamp für einen Moment aus der Perspektive des unternehmerischen Stakeholdermanagements, welches zum Ziel hat, mithilfe der Anspruchsgruppen einer Organisation einen möglichst hohen gemeinsamen Nutzen zu erwirtschaften. Man spricht dann von integrativen oder „win-win“ Ergebnissen. In diesem Gedankenexperiment ist RTL die interessierende Unternehmung, welche das Produkt „Dschungelcamp“ ausstrahlt und verkauft.
Was für einen Nutzen haben die verschiedenen Stakeholder von RTL? Für die Fernsehzuschauer scheint das Dschungelcamp aufgrund der Einschaltquoten eine riesige Nachfrage zu befriedigen, was einen konkreten Nutzen darstellt. Weiter bekommen die immer mehr prominent werdenden Menschen im Dschungel durch ihre Teilnahme einerseits eine Gage von mehreren zehntausend Euros, andererseits erhalten sie eine Plattform sich vor mehr als acht Millionen Fernsehzuschauern zu präsentieren. Die lokalen Zulieferer im Osten von Australien bekommen zusätzliche Aufträge durch die Anwesenheit des etwa 300 Personen umfassenden Produktionsteams, wobei die produzierende Kakerlaken- und Wasserspinnenindustrie davon am meisten profitieren dürfte. Zudem generiert die Produktion des Dschungelcamps auch Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung und verhilft dem Tourismus zu erhöhtem Umsatz. Schliesslich dürfte sich auch der Eigentümer von RTL, also die Aktionärinnen und Aktionäre der RTL-Group, darüber freuen, dass das Dschungelcamp so erfolgreich in der angepeilten Zielgruppe ankommt und dementsprechend Werbeeinnahmen generiert. Das Dschungelcamp stellt also ein durch und durch erfolgreiches Fernsehformat dar, welches für seine primären Stakeholder den Nutzen erhöht.
Es stellt sich aber die Frage, ob ein unternehmerisches Stakeholdermanagement, welches sich ausschliesslich am gemeinsamen Nutzen orientiert, auch ein „gutes“ Stakeholdermanagement darstellt. Können die ekligen Dschungelprüfungen, der Verkauf der menschlichen Würde für eine Antrittsgage, die Ausnutzung von finanziellen Notlagen oder die durch entsprechende Schnitttechnik konstruierten stereotypischen Rollen der mehr oder weniger prominenten Menschen im Dschungel vor dem Hintergrund eines wirtschaftlich erfolgreichen Sendeformats in Kauf genommen werden? Dies mag ein jeder für sich selber beantworten. Meines Erachtens zeigt das Dschungelcamp jedoch eindrücklich auf, wie sehr wirtschaftliche Überlegungen in einem Spannungsfeld zu gesellschaftlichen Normen und Werten stehen können. Eine Unternehmung kann durchaus wirtschaftlichen Nutzen für ihre Stakeholder schaffen, ohne sich zu überlegen, was denn ein „gutes“ Stakeholdermanagement darstellt. Beispiele dafür sind am augenfälligsten auch in der Rohstoffbranche zu finden.
Eine Möglichkeit dieses Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen und ethischen Aspekten zu thematisieren kann durch eine Unternehmung anhand einer Stakeholderbefragung wahrgenommen werden. Die Stakeholder können sich also dazu äussern, was für sie in ihrer Beziehung zu einer Unternehmung tatsächlich wichtig ist. Durch den Einbezug ihrer Stakeholder kann eine Unternehmung ihre Geschäftstätigkeit einerseits legitimieren, nimmt aber andererseits diese Stakeholder auch in die Pflicht, über die eigenen ethischen Ansprüche nachzudenken. Das Dschungelcamp wäre demnach ein Ausdruck über die Wertvorstellungen und Normen der Stakeholder von RTL und somit auch einer Gesellschaft. Wussten Sie eigentlich, dass das Dschungelcamp 2013 für den bedeutendsten deutschen Fernsehpreis, den Grimme-Preis, nominiert war?