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In Kanus, einer Sammlung von Erzählungen, widmet sich die französische Autorin Maylis de Kerangal einem ganz besonderen Thema: Der Ergründung der menschlichen Stimme und damit ihrer Textur, ihrer Materialität und ihrer Kraft.
«Sie ist mir vertrauter als mein Land, diese Stimme, sie ist meine Landschaft.»
Im Zentrum steht die längste der acht Erzählungen, mit dem Titel Mustang. Dort begegnen wir einer jungen Frau, die sich mit ihrem Partner Sam und dem gemeinsamen Sohn Kid in der Kleinstadt Golden, Colorado, niedergelassen hat. Der Ich-Erzählerin fällt es schwer, sich anzupassen, und sie ist verwirrt über die Veränderungen, die sie an Sams Stimme beobachtet, die, wie sie feststellt, weitere Veränderungen in der Persönlichkeit des Mannes, den sie liebt, bewirken. Sie erkennt die Stimme nicht mehr, die sie früher unter hundert Stimmen identifizieren konnte, die Stimme, die «schon so lange in ihrem Ohr wohnt» und deren Veränderungen die Fähigkeit ihres Partners zur Anpassung offenbart, während sie selbst es nicht schafft.
«Ich erkenne Sams Stimme nicht mehr. Als fügte er sich ins örtliche Orchester ein; seine Stimme eignet sich nach und nach ihren Tonfall an, übernimmt ihren Rhythmus und ihre Lautstärke.»
Im Laufe der verschiedenen Erzählungen entdeckt man Stimmen, deren Frequenz Maylis de Kerangal versuchen wollte einzufangen – wie die Stimmen der Urmenschen, die man nicht hören kann, aber die eine junge Frau versucht, sich vorzustellen, während sie beim Zahnarzt ist. Die Stimmen, die man über die Radiowellen hört, oder die veränderte Stimme einer Freundin aus der Jugendzeit. Wir hören auch die Stimme einer Verstorbenen, die ihr Mann auf dem Anrufbeantworter nicht löschen kann, oder die eines stotternden Jungen, der stolpernd nach Worten sucht, um seiner Schwester zum Abitur zu gratulieren, bevor sie bald das Haus verlassen wird.
Die Autorin fängt die Empfindungen und Wahrnehmungen ihrer Figuren ein und gibt sie auf eine ausdrucksstarke Weise wieder, wobei sie ihr Thema gründlich ausschöpft. Und dann sind da noch diese titelgebenden Kanus, über die man zufälligerweise stolpert und die im Laufe der Lektüre zu einem kleinen Spiel werden, an dem man mit Vergnügen teilnimmt. Denn fliessend, wie ein Kanu trägt uns Maylis de Kerangal von einer Geschichte zur nächsten und somit von einer Stimme zur anderen.
Deborah Keller