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Su Franke
In den 90ern hörte ich in einer Satiresendung «Liebe Hörerinnen und Hörer an den Radioapparatinnen». Danach habe ich viel über das künstliche Sprachhindernis der gendergerechten Formulierungen nachgedacht. Innere Einstellungen werden wir damit nicht verändern. Gendergerechte Formulierungen stehen uns beim Sprechen und Schreiben meist im Weg. Sätze klingen aufgedunsen oder unpersönlich, besonders in unserer Kurznachrichtenwelt. Universitäten veröffentlichen Leitfäden, die helfen sollen, korrekt, aber lesefreundlich zu formulieren. In Geschäftsberichten wird einführend darauf verwiesen, dass nachfolgend stets beide Geschlechter gemeint sind. Schreibende Menschen haben längst ihre Wege und Abkürzungen gefunden, die einer gleichstellenden Schreibweise gerecht werden sollen. Varianten mit Schräg- und Bindestrichen trennen, was sie eigentlich vereinen sollten. Worte werden unaussprechlich, aber man würdigt zumindest die gute Absicht des Autors. Ich könnte auch «frau würdigt» schreiben, aber das ist orthografisch nicht korrekt. Sagt eine Geschäftsführerin «liebe Mitarbeiter/-innen», fühlen sich die männlichen Kollegen nicht angesprochen. Formuliert sie «liebe Mitarbeitende», kommt das bei mir nicht an, weil es nicht meiner Muttersprache entspricht.
Bei manchen Wörtern ist es leichter, männliche und weibliche Formen zu nutzen. Niemand stellt eine Geschäftsführerin oder Ärztin in Frage. Oder staunen wir im Jahr 2017 noch, dass es «sogar» eine Frau geschafft hat? Falls ja, ist für mich das Ziel weit verfehlt, wollten wir doch gleiche Chancen über die Sprache suggerieren. Unser Denken beeinflusst, was wir sagen und schreiben, und umgekehrt.
Aber können wir über eine unnatürliche Formulierung tatsächlich das Denken verändern? Ich habe Leute gesehen, die daran verzweifeln, die geforderten Schreibweisen für Gleichstellung einzuhalten. Unauffälliges Augen-Verdrehen hilft der Sache nicht. Im Gegenteil: Es ist ein unangenehmes Hindernis entstanden. Und auch dieses beeinflusst unser Denken. Wird die (sprachliche) Gleichstellung der Frau als anstrengend oder gar lächerlich empfunden, wie sollen sich Menschen dann beim Handeln dafür einsetzen? Wir sollten Gleichstellung in einen grösseren Kontext stellen. Gleichstellen sollten wir Menschen in ihrer Vielfalt. Transgender, Schwangere, ältere und jüngere Leute, ungewöhnliche Lebensformen sowie Menschen mit Behinderungen, aus unterschiedlichen sozialen Verhältnissen oder fremden Kulturen. Manche Sprachen kommen ohne geschlechtsspezifische Pronomen aus. Dort ist «der» Mensch weder männlich noch weiblich, sondern ein Mensch. Statt Sprachhindernisse weiter zu verteidigen, enttarnen wir lieber Diskriminierung im alltäglichen Handeln. Ich wünsche mir, dass wir unsere Sprache in klaren, verständlichen Formen nutzen, um damit mehr Gleichheit zu schaffen. Mit hinderlichen Sprachregelungen haben wir es jedenfalls nicht geschafft.