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Nach dem Feuer im Lager Moria auf Lesbos haben wir von Zekria Farzad Informationen aus erster Hand bekommen. Der afghanische Journalist hatte in Moria eine Schule gegründet, die nun wie so vieles zerstört worden ist. Ein Interview
Zekria Farzad ist ein 41-jähriger Journalist aus Afghanistan. Mit seiner Familie, seiner Frau und seinen fünf Kindern musste er Afghanistan verlassen und schaffte es, die Grenzen der Festung Europa zu erreichen. In einem Schlauchboot überquerten sie in einer kalten und dunklen Nacht im Februar 2019 das ägäische Meer und wurden als Geflüchtete zur Registrierung ins Geflüchtetenlager Moria geschickt.
Zekria realisierte früh, dass dort abgesehen von den nötigsten Überlebensmitteln etwas ganz Wichtiges fehlte: Es gab keine Schulen, überhaupt keine Bildungseinrichtungen. Er nahm die Initiative und begann mit dem Wenigen, was er besass, zu unterrichten. Bald unterstützten ihn weitere Geflüchtete und engagierten sich freiwillig für die Schule. Im Mai 2019 wurde ‚Wave of Hope for the Future‘ (Welle der Hoffnung für die Zukunft) gegründet, eine Institution von Geflüchteten für Geflüchtete.
Nach mehr als einem Jahr gelang es Zekria und seiner Familie, nach Athen weiter zu reisen. ‚Wave of Hope‘ hatte sich weiterentwickelt, neue Schulen und neue (künstlerische) Aktivitäten waren dazugekommen, in anderen Geflüchtetenlagern, aber auch anderswo.
In diesem Sommer setzte Zekria Farzad seine Reise in ein sichereres Land fort. Es gelang ihm, in die Schweiz einzureisen und einen Asylantrag zu stellen. Er lebt zur Zeit getrennt von seiner Familie in der Genfersee-Region und hat eine Aufenthaltsbewilligung F (vorläufig aufgenommen) erhalten.
Paul Leuzinger (PL): Zekria, was weisst Du über die momentane Situation in Moria?
Zekria Farzad (ZF): Die Situation ist schrecklich, besonders jetzt nach dem grossen Feuer, das das ganze Lager zerstört hat. Mehr als 13‘000 Menschen waren während mehr als neun Tagen auf den Strassen und Plätzen rund um das Lager verstreut. Jetzt sind viele von ihnen in einem Lager, das ich ‚Moria II‘ nenne, es ist schlimmer als ‚Moria I‘. Dieses Lager in Kara Tepe wurde in wenigen Tagen erbaut. Es ist kein ausgebautes Lager, es ist ein vorläufiges Lager auf Zeit. Sie haben einfach Zelte aufgestellt, ohne gute Unterlage. Diese Zelte sind keine gute Unterkunft für die Menschen dort. Es wird immer kälter. Die Menschen haben viele Probleme: Probleme mit der Ernährung; sie stehen bis zu drei Stunden an, bis sie etwas zu essen bekommen. Es gibt auch viele viele Fälle von retraumatisierten Menschen nach diesem Feuer. Es hatte grosse Auswirkungen auf ihre psychischen Probleme. Und es fehlt an Ärztinnen und Ärzten, an Nahrung, an sauberen Toiletten, an … an so vielem Lebensnotwendigem. Das ist kein Leben für Menschen, das ist ein Leben für Tiere.
PL: Also sind momentan auch die Aktivitäten von ‚Wave of Hope‘ in Lesbos erschwert?
ZF: Ich begann im März 2019 mit einer Initiative von Geflüchteten für Geflüchtete … aber jetzt, nach dem Feuer, haben wir zum Glück durchsetzen können, dass unsere Initiative als NGO in Italien registriert wurde. Wir haben jetzt unser offizielles Bankkonto, die Bewilligung für Aktivitäten, die Spenden, die wir erhalten, sind nicht mehr informell und zufällig. Dies hat einen guten Einfluss auf unsere Arbeit und auf die betroffenen Geflüchteten, und ich als Gründer, bin sehr glücklich darüber. Wir sind jetzt in Verhandlungen mit NGOs in Moria und arbeiten mit ihnen zusammen. Mit ‚One happy Family‘ zum Beispiel. Und wir beginnen neu mit unserer Arbeit, jetzt aber ausserhalb des Lagers, weil wir als NGO nicht im Lager selbst tätig sein dürfen. Bestimmt gibt es einige Initiativen von Geflüchteten dort, die werden wir unterstützen, wir werden einige Schulklassen, Kunst-Aktivitäten und Verteilaktionen auch innerhalb des Lagers organisieren. Offiziell von ausserhalb werden wir versuchen, Initiativen von Geflüchteten im Lager selbst zu unterstützen. Letzte Woche erhielten wir von den Lager-Behörden den Bericht, dass wir – als jetzt offiziell registrierte NGO – keine Aktivitäten und Initiativen im Lager entfalten dürfen.
PL: Gilt dies für alle NGOs oder nur für ‚Wave of Hope‘?
ZF: Das gilt für alle NGOs. Nur zwei grosse NGOs, ‚Movement on the Ground‘ aus Holland und ‚Refugees for Refugees‘ sind dort, beide sind im Bereich Unterkunft für die geflüchteten Menschen tätig. Nur diese beiden dürfen nach den Informationen von unseren Freunden und Kollegen im Lager tätig sein; weil sie sie noch für den Aufbau von Behelfsunterkünften brauchen. Wenn die gebaut sind, wird die Regierung die Verantwortung übernehmen. Das ist allerdings keine gute Nachricht, denn die Regierung macht aus dem Geflüchtetenlager ein Gefängnis. Für die Menschen werden die Regeln und Verbote viel enger und strenger, das führt zu einer Verschlechterung ihrer Lebensumstände.
PL: Ihr werdet also die Aktivitäten von ‚Wave of Hope‘ in Lesbos neu organisieren. Aber eure Organisation ist auch an andern Orten aktiv …
ZF: Ja, zum Glück breitet sich ‚Wave of Hope‘ aus, Wellen tun das eben … Konkret haben wir Schulen in Nea Kavala, in Kavala, in Malskasa, in Saloniki, auf der Insel Chios und in Moria, also sechs Schulen innerhalb von Geflüchtetenlager. Wir haben mehr als 4‘000 Lernende. Wir arbeiten mit vielen einzelnen Freund*innen aus verschiedenen Ländern auf der ganzen Welt. Zehn internationale Freiwillige helfen uns bei unseren Aktivitäten in Griechenland. Und dann haben auch in Afghanistan zu arbeiten begonnen, wir sind daran, in der Provinz Kabul, in einer ländlichen Gegend eine Schule wieder aufzubauen - mehr als die Hälfte steht schon wieder. Das ursprüngliche Schulgebäude war von den Taliban niedergebrannt worden.
PL: Du kommst aus Afghanistan. Die Freund*innen, die mit dir arbeiten und dich bei diesem Projekt unterstützen, sind das auch Menschen aus Afghanistan?
ZF: Gute Frage. Es sind nicht nur Menschen aus Afghanistan, aber in der Mehrheit. Weil bekanntlich 75% der Menschen in Moria aus Afghanistan kommen. Wir hatten Schulklassen für verschiedene Nationalitäten und wir hatten Lehrer*innen aus verschiedenen Nationalitäten. Wir hatten Lehrer*innen für Französischsprachig aus afrikanischen Ländern, für Menschen aus Somalia, für Arabischsprachige, für Farsisprachige und für Englischsprachige. Und wir hatten Lehrer*innen für Griechisch für alle. Unsere Mitarbeitenden kommen aus verschiedenen Ländern rund um den Globus. Es ist wie bei den verschiedenen Farben von Blumen, und ich bin so glücklich und erfreut über all unsere Aktivitäten und dass Menschen aus so vielen Ländern zusammenarbeiten. Aber leider hat uns das Feuer viele Erschwernisse gebracht, so haben wir mehr als 130 Bilder verloren. Jedes Bild war etwa 100 Euro wert; die Lehrer*innen und die Lernenden, unsere Künstler, hatten verschiedene Objekte gestaltet. Und wir hatten einen Vertrag mit Caritas Deutschland, sie wollten all diese Objekte nächste Woche kaufen. Aber jetzt sind sie im Feuer verbrannt. Die Künstler sind Angehörige unserer Schulen. Wir stellen das Ausgangsmaterial zur Verfügung, und nach dem Verkauf ihrer Kunstobjekte geht 50% des Geldes direkt in die Taschen unserer Künstler, den Lernenden, und die anderen 50% brauchen wir für die Schulen und ihre Ausgaben.
PL: Du selbst warst während einer längeren Zeit in Moria. Wann und für wie lange warst Du dort?
ZF: Ich kam am 13. Februar 2019 in Lesbos an, und ich war während mehr als einem Jahr im Lager Moria. Ich bin so glücklich, dass ich immerhin das Glück hatte, etwas für diese schuldlosen Menschen dort zu tun. Ich machte etwas ganz Anderes, das weltweit bekannt wurde und …
PL: War dein Projekt ein spontaner Impuls? Oder hast Du länger analysiert, was für Dich persönlich und für andere Geflüchtete hilfreich wäre?
ZF: Nach 13 Tagen – ich war zu der Zeit in einem Schockzustand, denn wir hatten eine sehr schlimme Zeit erlebt auf unserer Fluchtreise – nach 13 Tagen habe ich begonnen. Ich kaufte ein Whiteboard und einige Stifte und begann meine Arbeit unter einem Olivenbaum. Mit meinen eigenen Kinder und den Kindern meiner Nachbarn begann ich meine erste Schulklasse. Zum Glück ermutigten mich die Menschen aus der Lebensgemeinschaft der Geflüchteten, fortzufahren und mehr für sie zu tun. Sie kamen mit ihren Kindern und wollten mitmachen. Ich fragte sie dann, ob sie mir bitte ihre Zelte für zwei Stunden geben könnten, wir hätten keine Schulräume. Und nach sieben Tage hatte ich mehr als sieben Schulklassen im ganzen Camp, innerhalb und ausserhalb. Und zum Glück …
PL: Ist es möglich, das Lager jederzeit zu verlassen und zu betreten?
ZF: Ja, zu jener Zeit konnte man jederzeit gehen und kommen.
PL: Kannst Du uns das Alltagsleben von Geflüchteten im Camp Moria etwas schildern? Was beschäftigt sie vor allem, was bedrückt sie, was benötigen sie besonders …
ZF: Die Menschen haben ihre Länder ja wegen der herrschenden Probleme und Konflikte verlassen. Sie haben oft seelische Probleme aufgrund ihrer Erfahrungen und ihrer Situation. Wenn sie im Camp Moria ankommen, wenn sie von den Ländern Europas lesen, von der Humanität, die in diesen Ländern hochgehalten werde, gehen sie davon aus, dass die Menschen in Europa auf eine gute Zukunft hoffen. Aber dann spüren und erfahren sie etwas Anderes über die Länder Europas. Wenn sie in Europa ankommen, ganz besonders im Camp Moria oder auf anderen griechischen Inseln, begegnet ihnen unglücklicherweise etwas Anderes, etwas ganz Anderes. Schlimmeres, als in ihren eigenen Ländern, schlimmer als ihre verschiedenen eigenen Konflikte und Probleme, die Selbstmordattentate, denen sie zu entkommen suchten. Als jemand, der über ein Jahr in Moria gewesen ist, sage ich: Das war kein Leben für Menschen. Das war schlichtweg ein Leben für Tiere. Wir bauten unser Obdach selbst, wir kauften Bretter und anderes Material. Das waren dann keine richtigen Schutzräume, die uns wirklich vor dem Regen, dem Schnee, vor dem Sturm und dem Wetter auf Moria geschützt hätten … aber wir hatten keine andere Wahl.
PL: Und in dieser Situation hast Du mit den Schulklassen begonnen, einer Initiative von Geflüchteten für andere Geflüchtete. Weisst Du von anderen spontanen Selbsthilfeprojekten, die von Geflüchteten initiiert wurden? Gibt es viele Projekte dieser Art?
ZF: Leider nein. Die Menschen, die im Geflüchtetencamp Moria oder in anderen Lagern auf den griechischen Inseln landen, denken, dass sie ja rasch wieder von dort weggehen. Sie denken, dass sie von hier aus in andere europäische Länder weiterreisen. Sie hoffen, in zwei, drei Monaten aufzubrechen, so dass es sich nicht lohne, sich zu organisieren und einzurichten. Sie wollen hier nichts unternehmen. Aber als informierter Mensch sagte ich mir, wenn ich zwei Monate hier bin, kann ich etwas tun für die Menschen hier. Ich möchte nicht meine Zeit und die Zeit von anderen vergeuden. Ich werde etwas tun, und dann habe ich begonnen. Aber auch ich dachte nicht, dass ich mehr als ein Jahr dort leben würde (und dabei gibt es Menschen, die mehr als drei Jahre dort sind).
PL: Wie ist das in einem Lager, wo Menschen von ganz verschiedenen Kulturen und Nationalitäten zusammenleben? Entstehen da viele Probleme?
ZF: Leider ja. Man konnte ja darüber in den Zeitungen lesen: jede Woche hatten wir eine getötete Person im Geflüchtetenlager Moria. Wegen verschiedener Konflikte, verschiedener Kulturen, verschiedener Lebensstile, und all das schafft Probleme … Ich arbeitete 18 Stunden pro Tag. Früh am Morgen wachte ich auf und ging um 6 Uhr in die Schule. Um 7 Uhr begann der Unterricht, ich musste alles regeln und meine Stunden vorbereiten, dann arbeitete ich bis um 9. Nach 9 arbeitete ich als freiwilliger Übersetzer in einem der medizinischen Zentren, das durch BRF (Boat Refugee Foundation) betrieben wurde. Ich war zusammen mit den Ärzt*innen und Pflegefachleuten in der Klinik und wir sahen viele Menschen, die miteinander gekämpft hatten, verletzte und verwundete Menschen kamen zu uns. Während einer Woche hatten wir eine oder zwei getötete Menschen und mehr als 20 verletzte Personen kamen in unsere Station. BRF betreute die Nachtschicht, die meisten der Streitfälle und Kämpfe geschahen nachts. Und wenn ich auf der Schicht war, dachte ich oft, was geht denn hier vor …
PL: … ausgelöst durch die Spannungen und begünstigt durch die schlechte Situation im Camp?
ZF: Genau. Einmal war die Situation nicht gut. Und zweitens auch wegen der Regierung. Sie tat nicht viel, um das Camp sicher zu machen, stationierte dort nicht viele Polizisten. Sie erliessen nur strenge Regeln. Einige Menschen bekamen zwei Ablehnungen und dachten: heute schaffen sie mich aus, oder morgen. Und wussten nicht, was er oder sie tun konnte, um das Leben zu retten, denn sie wollten nicht zurück nach Afghanistan, nach Syrien oder in andere Länder. Sie waren doch wegen einer besseren Zukunft für sich selbst und für ihre Kinder hierher gekommen. Das ist das grosse Thema, das die Seele der Menschen dort beschäftigt.
PL: Vielen Dank für dieses Interview, Zekria, für die zusätzlichen Informationen, die Du uns als Betroffener vermittelt hast. Gibt es etwas, was Du hinzufügen oder unterstreichen möchtest?
ZF: Wie Du weisst habe ich ‚Wave of Hope‘ gegründet. Alles hat im Geflüchtetenlager Moria angefangen. Jetzt haben wir mehr als sechs Schulen in Griechenland und eine Schule in Afghanistan. Wir haben ein Büro in Afghanistan und wir bemühen uns, unser neues Büro in Athen zu eröffnen. Ich versuche, hier in der Schweiz Freunde und Unterstützung zu finden, ein Zusammenschluss mit all den anderen Menschen, die mir helfen möchten.
Als Geflüchteter habe ich der Welt etwas zu sagen. Es gibt Menschen in der Schweiz und überall, Menschen, die an die Mitmenschlichkeit denken. Sie wollen etwas tun, damit sich die Welt zum Besseren verändert. Ihnen will ich sagen, dass es in Moria 13‘000 und mehr als 24‘000 Menschen auf den griechischen Inseln gibt, Menschen, die unter sehr schlechten Bedingungen leben müssen. Meine Message ist: Bitte handelt, handelt so schnell wie möglich.
Unter den Menschen in Griechenland gibt es viele Menschen mit einem guten Herz, viele gute Menschen; sie können die Welt verändern. Sie stellen Möglichkeiten dar, sie bringen viele gute Auswirkungen mit sich, und sie formen die Zukunft Europas mit. Als Geflüchteter überlege ich mir, dass die meisten europäischen Länder ja viele Menschen an den Corona Virus verloren haben. Sie brauchen junge Menschen voller Energie. In einem klugen System könnten sie die ökonomischen Probleme lösen helfen, und sie können etwas bewegen in ihren eigenen Ländern. Ich hoffe, sie bringen viele Veränderungen zustande in Moria, so schnell wie möglich, denn nach dem Feuer gibt es so viele Erschwernisse für die Menschen dort. Ich habe gehört, dass Deutschland jetzt etwa 1‘500 Menschen aufnehmen möchte, aber das ist so viel wie nichts. Ich wünschte, dass die Schweiz und andere Länder auch etwas tun würden für diese schuldlosen Menschen, die dort unter sehr schrecklichen und entsetzlichen Bedingungen leben. Und für mich selbst, ja, ich warte sehnlich auf die Bewilligung, meine Familie nachkommen lassen zu dürfen, so dass wir wieder alle zusammen sind in der Schweiz.
(Interview vom 29. 9. 2020)
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