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Kurt Aeschbacher und Claudio Righetti: Zwei, die sich kennen und zwei, die sich schätzen. Der Bärnerbär hat Letzterem deswegen die Interviewführung gleich selbst überlassen.
Kurt, was sind deine ersten Erinnerungen an Bern?
Die allerersten? Wahrscheinlich bin ich im Einstein-Haus an der Gerechtigkeitsgasse gezeugt worden. Abgefärbt hat dieser Akt insofern nicht, als dass ich in Mathematik eine totale Nuss bin.
Aber du hast doch Wirtschaft studiert: Zahlen, Fakten …
Das ist erstaunlich, nicht?
Das musst du erklären.
Ich bin damals bei meiner Studienwahl rein taktisch vorgegangen. Interessiert hätte mich nach der Matur ein Medizinstudium, dazu hätte ich jedoch das Latinikum benötigt. Allerdings war ich zu faul, um das nachzuholen, weil ich in der Schule Englisch, Französisch und Italienisch besuchte. Was kam also sonst infrage? In der Analyse all meiner Begabungen stellte sich dann relativ schnell heraus, dass ich nichts kann (schmunzelt). Eine ziemlich brutale Erkenntnis. Ich wählte daher einen Studiengang, bei dem man mit wenig Fachkenntnissen möglichst viel Verschiedenes tun kann, und das war eindeutig Wirtschaft.
Das klappte auf Anhieb?
Der erste Stolperstein war die Statistikprüfung. Dort stand ich an, denn schliesslich hatte ich in meinem Maturzeugnis in Mathematik eine 2. Der Plan meiner heute immer noch besten Freundin Irène Mäder für die Matura lautete: Reingehen, Namen auf die Unterlagen notieren, zwei Fragen abschreiben und dann abgeben. Das haben wir so durchgezogen. Am Schluss resultierte eine 1 ¾ , zusammen mit der schriftlichen 3 und der Erfahrungsnote gab das im Zeugnis eine 2. Ich bestand die Matur übrigens trotzdem.
Zurück zur Statistikprüfung.
Ich begriff überhaupt nichts, ich habe einfach probiert, die Hälfte bestand nicht, ich kam durch. Ich bin aber immer noch überzeugt, dass meine Prüfung verwechselt wurde (lacht).
Wo hast du in deiner Kindheit gewohnt?
Meine Eltern sind in den Breitenrain gezügelt, dort wuchs ich auf.
Nach dem Studium bist du dann weg von Bern.
Das hat damit zu tun, dass ich Einzelkind bin und eine sehr enge Beziehung zu meinen Eltern hatte. Mein Vater war in Bern für die Sanitätspolizei verantwortlich, ausserdem ein sehr engagierter Sozialdemokrat. Für ihn sah die Vorzeigekarriere seines Sohnes so aus: Der wird mal Bürostellvertreter auf der städtischen Steuerverwaltung. Deshalb legte er mir auch dauernd solche Stellen-Inserate auf den Tisch. Ich wusste: Aus dieser geschlossenen Werkstatt muss ich weg, und das klappt nur mit einem geografischen Wechsel. Ich suchte also von Anfang an nie eine Arbeit in Bern und ging deswegen nach Basel.
Was passierte dort?
In Basel fand ich eine Anstellung bei der Tochterfirma eines berühmten Architekturunternehmens – sozusagen die ideale Weiterführung meines Studiums. Man forschte an sozioökonomischen Entwicklungen; später arbeitete ich mich zum Assistenten
«Ich habe gelernt, dass man beim Zuhören weiterkommt als beim Selberreden.»
der Geschäftsleitung hoch. Dann wechselte ich zu Grün80, eine Gartenbauausstellung des Jahres 1980. Mit 28 wurde ich dort Vizedirektor.
Wie lautete deine konkrete Aufgabe?
Ich arbeitete im Bereich Marketing. Wir wussten zunächst nicht, ob wir für den Anlass genug Geld zusammenbrachten, wie viele Besucher kommen würden. Das war im Nachhinein betrachtet ein unglaublicher «Lehrblätz». Am 21. April wurde eröffnet, keinen Tag später. Wir mussten also auf den Punkt parat sein, es gab keine Möglichkeit, etwas zu verschieben. Wie beim Fernsehen quasi.
Eine Ausstellung, die auch im Ausland viel Aufmerksamkeit generierte.
In diesem Zusammenhang lernte ich übrigens die englische Königin kennen sowie Prinz Philipp, der die übelsten Witze erzählte (lacht).
Du warst immer ein feingeistiger Mensch, hast über all die Jahre ein sehr gutes Gespür für Menschen entwickelt.
Ich habe viel von meinen Eltern mitbekommen, ich besitze wohl eine genetische Voraussetzung für das Interesse an anderen Personen. Und: Ich nehme mich selbst nicht zu wichtig. Ich habe gelernt, dass man beim Zuhören weiterkommt als beim Selberreden. Und dieses Talent ist wahrscheinlich das einzige, das ich habe. Ich bin eigentlich die Inkarnation des Misserfolgs, der doch noch einen Weg gefunden hat, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren (lacht).
Ich mag generell Menschen, die viel wissen, die einen 360°-Horizont haben. In diese Kategorie gehörst du für mich.
Ich werde dafür bezahlt, anderen zuzuhören und Bücher zu lesen. Schöner kann es doch gar nicht sein. Es ist eine Krankheit der heutigen Zeit, dass niemand mehr Fragen stellt und kaum jemand mehr Geduld hat, zuzuhören. Dauernd dazuzulernen ist Teil meiner Arbeit.
Wie kamst du schliesslich zum Fernsehen?
Das war völliger Zufall. Während der Gartenausstellung hatte ich sehr viel Kontakt zu Medien. Wir kreierten selber Radiosendungen, einmal pro Woche erzählten wir mittags vor den Nachrichten die lustigsten Geschichten der Ausstellung. So entstand ein tiefes Vertrauen untereinander, und mein Vertrag bei Grün80 lief Ende Oktober 1980 sowieso aus. Ich wollte eigentlich danach auf eine grössere Reise, die Macher der TV-Sendung «Karussell» fragten mich dann aber an, ob ich nicht zu ihnen arbeiten kommen wolle, um die andere Seite kennenzulernen. Ich gab mir eine Zeitspanne von drei bis vier Monaten, daraus wurden dann 40 Jahre (lacht).
Damals bedeutete Fernsehen noch etwas komplett anderes, es existierten noch nicht so viele Sender, man hatte generell weniger Ablenkungsmöglichkeiten.
>nser Team war ein innovativer und durchgeknallter Haufen. Einmal stellten wir auf einem Bauernhof zig Kameras auf, die 24 Stunden Tag nonstop liefen. Die Schweiz schaute also einem langweiligen Bauernhof zu.
Eine Art Vorläufer von Big Brother!
Wir gingen noch weiter: Wir wollten einen ganzen Tag lang ein Ballett mitverfolgen. Auf dem ersten SRG-Kanal wurde gezeigt, was auf der Bühne ablief, auf dem zweiten konnte man den Backstage-Bereich beobachten. Die Zuschauer stellten deswegen ihre Fernseher zusammen, weil sie alles gleichzeitig beobachten wollten. Vordergründig sah man also die schwebenden Schwäne, hinten dann die erschöpften, teils weinenden Tänzerinnen – ich erinnere mich an die eine Frau, die ihre Schuhe auszog, das Blut lief ihr an den Füssen herunter, sie zog diese dann wieder an, kam auf die Bühne und schwebte dahin.
Du hattest nie Berührungsängste. Und, ganz wichtig: Du warst und bist echt. Aber eine ganz andere Frage: Wie häufig kommst du noch nach Bern?
Vor vier Jahren starb meine Mutter, also nicht mehr so häufig. Für Berner ist das Reisen nach Zürich wie ein Trip nach Las Vegas: fremdes Territorium. Und dann dieser Verkehr, man weiss nicht, ob man ankommt, all diese komischen Menschen, die Party machen (ironisch) Es war über all die Jahre schwierig, Freunde aus Bern nach Zürich einzuladen. In dem Sinne: Ich komme nicht mehr so häufig nach Bern, denn es lädt mich auch kaum einer mehr ein.
Aber fühlst du dich noch als Berner?
Ja, schon.
Vermisst du Bern wenigstens noch?
Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde: ja. Wenn ich hier bin, spaziere ich durch die Altstadt und geniesse das. Mir ist alles bekannt und ich staune dann, was sich nicht oder nicht unbedingt positiv verändert hat (schmunzelt). Aber Heimat verbinde ich weniger mit einem Ort, sondern mehr mit Menschen, die einem etwas bedeuten. Ein Stück Heimat ist für mich sicher die Sprache. Das Berndeutsch habe ich immerhin auch nach 40 Jahren im zürcherischen Asyl behalten.
Interview: Claudio Righetti/ys/dr