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Station 13
Carl Spitteler als Freigeist
Der in Liestal (BL) geborene Carl Spitteler lebte mit seiner Familie 32 Jahre als freier Schriftsteller in Luzern. 1919 erhielt er als erster Schweizer den Nobelpreis für Literatur.
Die Universität Luzern hat ihn 2019 gemeinsam mit der Stadt Luzern und dem Kanton in einem Festakt geehrt und sein umfangreiches literarisches Schaffen gewürdigt. (siehe dazu: Die Universität Luzern im Zeichen Carl Spittelers)
Näheres zum Nobelpreisträger erfahren Sie im Audiobeitrag oder im vollständigen Text "Carl Spitteler als Freigeist".
In Luzern findet Carl Spitteler, der einzige gebürtige Schweizer Nobelpreisträger für Literatur, als 19‑Jähriger beim Oberschreiber Julius Rüegger an der Bruchstrasse 20 Zuflucht, nachdem er durch die Ost- und Zentralschweiz geirrt war. Aufgewachsen in einem grossbürgerlichen protestantischen Elternhaus in Liestal, konnte er den Wunsch seines autoritären Vaters nach einem anständigen Jurastudium nicht erfüllen und musste sich der elterlichen Gewalt entziehen. Doch in Luzern findet Carl Spitteler keine institutionelle Heimat. Denn mit der Theologischen Lehranstalt, welche 1864 aus der Kantonsschule herausgelöst wird und ganz auf die priesterliche Praxis ausgerichtet ist, kann der atheistische Freigeist nichts anfangen. Dennoch studiert er in Basel protestantische Theologie. Eine Pfarrerstelle im Kanton Graubünden schlägt er dann aber aus und verpflichtet sich als Hauslehrer im zaristischen St. Petersburg und später in Neuveville am Bielersee. Daneben schreibt er Besprechungen, unter anderem als Redaktor der "Neuen Zürcher Zeitung".
Bereits zu Beginn seines literarischen Schaffens kommt zum Ausdruck, dass er die Masse scheut wie der Teufel das Weihwasser. Sein freirhythmisches Epos "Prometheus und Epimetheus" erinnert an den poetischen Duktus seines Zeitgenossen Friedrich Nietzsche. Man hört darin Prometheus seinem Bruder Epimetheus zurufen: "Auf! Lass uns anders werden, als die Vielen, die da wimmeln in dem allgemeinen Haufen!" Carl Spitteler wird sich zeitlebens vom allgemeinen Zeitgeist der Masse distanzieren wollen.
In der Artikelreihe "Luzern als Ausflugsstation" kommt prägnant zum Ausdruck, warum sich Carl Spitteler nach seinen Wanderjahren gerade in Luzern als freier Schriftsteller 1893 mit seiner Familie niederlässt. "Am Vierwaldstättersee herrscht der Raum", ist er überzeugt. Diesen Raum machen die Horizontale des Sees und Vertikale der Berge aus. Doch auch hier zeigen sich die Eigenheiten des Poeten, der sich von der aufkommenden Touristenmasse abzuheben weiss: Das Stanserhorn mag er nicht, weil die Seilbahn zu steil sei; der Pilatus stelle für Luzern dieselbe Attraktion dar wie für Neapel der Vesuv und ist somit für ihn nicht von Interesse. Einzig "dem" Rigi kann er mehr abgewinnen und hält "ein Schönwetter in Luzern, das nicht für den Rigi benützt wird, […] für ein sträflich vergeudetes Schönwetter". Von der in Luzern ansässigen Gotthardbahngesellschaft erhält er den lukrativen Auftrag für den Reiseführer "Der Gotthard". Und auch darin entzieht er sich systematisch der herkömmlichen touristischen Blicklenkung und Schablonisierung der Wahrnehmung.
Die Seele müsse eine leere Folie sein, auf der sich die Umgebung einprägt. Erst so entsteht ein Realismus, der zum Idealismus fähig sei. Dies zeigt sich in seinem äusserst lesenswerten Bekenntnisschreiben "Imago", worauf die frühe Psychoanalyse von Sigmund Freud und Carl Gustav Jung Bezug nimmt. Und selbst das lange Versepos "Olympischer Frühling", wofür Spitteler 1919 offiziell den Nobelpreis erhält, nimmt die Direttissima zwischen realer Beschreibung und Ideal. Wahrscheinlicher ist aber, dass Carl Spitteler mit seinem politischsten Text "Unser Schweizer Standpunkt", den er vier Monate nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfasst und mit dem er am meisten hadert, erstmals ins Bewusstsein einer Weltöffentlichkeit rückt. Darin plädiert er für absolute Neutralität und geisselt die Solidarität der Romands mit Frankreich und der Deutschschweizer mit dem Deutschen Reich – womit er es sich mit seiner eigenen deutschsprachigen Leserschaft aber verscherzt.
So bleibt sich der einstige Bohémien als Einzelgänger treu, der sich inzwischen als bekennender Nicht-Tourist in der Touristen- und Leuchtenstadt gut bürgerlich eingerichtet hat. Die Gründung einer "Universitas Benedictina Lucernensis", wie sie noch vor seinem Tod angestrebt wird, wird ihn kaum bewegt haben.