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Aufgrund der historiografischen Literatur wird die Geschichte der unsicheren Koexistenz von Mensch und Abfall in französischen Städten nachgezeichnet.
Es wird anhand einiger Episoden dieser bewegten, aber kaum dokumentierten Geschichte gezeigt, wie sich der Gegenstandsbereich, die Problematisierung und die praktische Verarbeitung jener «Dinge» entwickelt haben, deren man sich gemäss heutiger gesetzlicher Regelung «entledigt oder entledigen muss».
Im Mittelalter zielen die königlichen Massnahmen in erster Linie darauf, Strassen und Wege, die zugleich dem Verkehr und der Entsorgung dienen, von Unrat zu befreien. Eine Zäsur bezeichnet das Edikt von Villers-Coterêt von 1539, denn es verlangt die Einrichtung von Abtrittgruben und reglementiert die Entfernung anderer Abfälle. Der Abfall dringt gleichsam ins Hausinnere ein, und damit verschiebt sich die Grenze zwischen öffentlicher und privater Sphäre, die in jener Zeit auch in anderen Bereichen einer Neudefinition unterliegt. Die Abfälle werden «privatisiert» die weltlichen Machthaber behalten sich allerdings das Recht vor, den Umgang damit zu bestimmen. Die Abfälle können also von diesem Zeitpunkt an als eine Art «Erweiterung der Person in die Öffentlichkeit» angesehen werden.
Trotzdem, die Behandlung der Abfälle und demnach auch die Sauberkeit der Städte bleiben noch lange ein Problem. In den Anordnungen zur Entfernung des Abfalls mischen sich öffentliche Verantwortlichkeiten, private Initiativen und individuelle Verpflichtungen. Darüber hinaus macht sich seit dem 18. Jahrhundert ein grösseres Dilemma bemerkbar. Mit der Entwicklung der Miasmentheorie wird die Frage der Abfälle, bisher vor allem ein Problem des Unrats und seiner Entfernung, eine Gesundheitsfrage ersten Ranges: Es gilt, die Gefahren abzuwenden, die von den Faulgerüchen ausgehen. Gleichzeitig aber führt eine obsessive «Verlustangst» zu einer Aufwertung der Abfälle samt der Exkremente. Sie dienen ja auch der Düngung. Mit der Zeit schält sich ein Kompromiss heraus, indem die Exkremente desodoriert und in kürzeren Zeitabständen abgeholt und entfernt werden.
Das Aufkommen und später der Triumph der Hygienebewegung Stichwort «Pasteurisation» haben einschneidende Konsequenzen: Die Sorge um die Hygiene gewinnt die Oberhand über wirtschaftliche Überlegungen. Die Befürworter der Verwertung von Abfällen finden sich angesichts der Kanalisation und später der Verbrennung immer mehr auf verlorenem Posten. Auch die Organisation der Abfallsammlung verändert sich im Lauf der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts grundlegend, weil die ungeordnete Deponie von Abfällen auf den Trottoirs verboten und seit 1883 vorgeschrieben wird, die Abfälle in besonderen Behältern bereitzustellen.
Erst in den 1970er Jahren wird diese Abfall-Logik, wenigstens auf rhetorischer Ebene, von Grund auf in Frage gestellt. Die Abfälle geraten in den Sog der allgemeinen Ökologisierung der Gesellschaft, es stehen weniger die Entfernung, die Miasmen oder die Mikroben im Vordergrund als vielmehr Fragen der Verschmutzung und anderer schädlicher Auswirkungen. Die Abfälle werden sogar zum Gegenstand des Code civil, aber man wird wohl eine weitere Krise abwarten müssen, bis sie zu einer wirklichen ökologischen Herausforderung werden und eine neue Abfallpolitik Platz greifen wird, in deren Rahmen der Rückgewinnung und der Wiederverwertung ein grösseres Gewicht zukommt.
(Übersetzung: Albert Schnyder)