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Schluss mit dem sinnlosen Aufwand!
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Die Möbelentwürfe von Le Corbusier sind funktional und gründen auf Standards. Zusammen mit Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand stellte der Meister 1929 in Paris die ersten Einrichtungsgegenstände aus. Was folgte sind Klassiker, die noch heute Fälschungen in den Schatten stellen.
Die Möbelentwürfe von Le Corbusier sind funktional und gründen auf Standards. Zusammen mit Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand stellte der Meister 1929 in Paris die ersten Einrichtungsgegenstände aus. Was folgte sind Klassiker, die noch heute Fälschungen in den Schatten stellen.
Le Corbusier hätte nicht keine Möbel machen können. Das wäre mit dem umfassenden gesellschaftlichen Anspruch, mit der er seine Architektur betrieb, nicht zu vereinbaren gewesen. Man stelle sich vor: Ein Corbusier-Haus, eine eigentliche Wohnmaschine, ein Werkzeug, und darin zierlicher Biedermeier, schnörkliger Regence-Stil oder üppiger Barock. Allein das Dekorative war Le Corbusier zuwider. Ganz im Sinne von Adolf Loos‘ Ornament und Verbrechen (1908) bemerkte er: «Die Dekoration ist von dem sinnlichen und primitiven Charakteristikum. Je kultivierter ein Volk wird, desto mehr verschwindet die Dekoration.» Und in seiner Schrift «Vers une Architecture» (1923) spricht er sich für unbedingte Funktionalität aus: «Es besteht keine Verbindung zwischen unseren täglichen Aktivitäten auf der Bank oder im Büro, die gesund und nützlich und produktiv sind, und unseren Aktivitäten im Schoss der Familie, die in jeder Hinsicht behindert werden.»
Funktional sind Möbel im Sinne Le Corbusiers, wenn sie Standards folgen: «Standards gründen auf eindeutigen Fundamenten, deren Logik durch den Gebrauch generiert wird. Alle Menschen haben den gleichen Organismus, die gleichen Funktionen. Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse. Die Gesellschaft, die sich mit der Zeit entwickelt, bestimmt Klassen, Funktionen und Erfordernisse an Standards. Das Resultat sind Standardprodukte.» Durch standardisierte Serienproduktion wollte Le Corbusier nicht nur ein hohes Mass an funktionaler Effektivität erreichen, er sah darin auch die Chance, die Wirtschaftlichkeit der Herstellungsmethode und die daraus resultierende Verbreitbarkeit von Möbeln zu nutzen, um einer breiten Masse einen erhöhten Wohnkomfort zu ermöglichen. Die Standards legte Le Corbusier in seinem universellen Masssystem Modulor fest, das er zwischen 1942 und 1955 entwickelte. Mit seinem Werk hatte er sich dem Ziel verschrieben «harmonische Masse festzulegen, die den menschlichen Dimensionen genüge tun, und die sich auf Architektur und mechanische Dinge gleichermassen anwenden lassen.» Das System basiert auf den menschlichen Standardgrösse (zuerst 175 cm, ab 1950 183 cm) und dem Goldenen Schnitt. Im Ansatz werden Corbusiers für den Modulor grundlegende Überlegungen bereits im Pavillon de l’Esprit Nouveau (1925) an der internationalen Kunstgewerbeausstellung in Paris sichtbar. In den damals konzipierten Wohneinheiten ist auch zu sehen, dass Gegenstände nicht nur in sich selber schlüssig sein, sondern sich auch zueinander harmonisch verhalten müssen, sich in ihr Umfeld einzufügen haben. Die Einrichtung des Pavillons bestand aus neuem, funktionalem Mobiliar, einigen Entwürfen von Le Corbusier (etwa den Casiers Standard mit Pierre Jeanneret), Thonet-Stühlen und Sesseln, Gemälden von Fernand Léger, Juan Gris, Amédée Ozenfant und Le Corbusier und Plastiken von Lipchitz. Jedes Ding stand, hing, lag auf dem ihm im architektonischen Konzept zugedachten Platz. Die Architektur nahm in dieser Konstellation also die beherrschende Position ein.
Le Corbusier selber verwahrte sich dagegen, dass sein Mobiliar «Mobiliar» genannt würde. Der Begriff habe etwas Vages, Schlampiges und umfasse eine Menge Krimskrams, war er überzeugt. Die Bezeichnung «Ausrüstung» hingegen vermittle den Nutzeffekt und weise auf die Realisierung der wirklichen und genauen Funktion hin. «Die Ausrüstung spart Zeit, Mühe und Geld. Mit einem Wort: Schluss mit dem sinnlosen Aufwand!» Eine erste Serie von Einrichtungsgegenständen, die Le Corbusier seinen Prinzipien entsprechend zusammen mit seinem Vetter Pierre Jeanneret und der Architektin Charlotte Perriand entwarf, wurde am Pariser Salon d’Automne 1929 ausgestellt, sie kam zum ersten Mal in der Bildergalerie der Villa La Roche und die Bibliothek der Villa Church in Ville-d’Avray zum praktischen Einsatz. Die am Herbstsalon präsentierte Kollektion umfasste, wie dem Katalog zu entnehmen ist: «Standardregale: gemacht, um alle Gegenstände des häuslichen Gebrauchs aufzunehmen: Kleider, Tischwäsche, Geschirr, Bücher, andere Objekte; Tische, die allen nach den gleichen Funktionsbausteinen aufgebaut sind, unter gewissen Umständen können sie gruppiert stehen; Sessel, die ihren verschiedenen Funktionsmöglichkeiten gemäss geformt sind - Erholungssessel (Chaiselongues und Fauteuils), Arbeitssessel (mit Rädern).» Die Strukturen der damals lancierten Möbel sind alle in Stahlrohr ausgeführt. Die Arbeit mit diesem neuen Material, davon war Le Corbusier überzeugt, ermögliche den Zugang zu neuen leichteren Formen, sei ökonomischer und effizienter in Bezug auf die Funktionalität. Charlotte Perriand bemerkte in einem 1929 in der Zeitschrift «The Studio» veröffentlichen Manifest: «Metall spielt für Möbel die gleiche Rolle, die Zement in der Architektur gespielt hat. Es ist eine Revolution.»
Mit der Finanzierung des Standes am Salon d’Automne hatte die Firma Thonet Frères die Rechte an der Produktion der neuen Möbel erworben. Sie stellte etwa die Chaiselongue Basculante (LC 4) in einer Luxusausführung mit Fellbezug und in einer Normalversion, mit Direktbespannung des Gestells mit Stahlfedern und Stoff und mit einer Lederauflage für die Füsse, her. In der zuerst genannten Version wurden nur wenige Stücke verkauft, die zweite aber wurde schon damals zum Grosserfolg. Ungefähr zur gleichen Zeit wie die berühmte Chaiselongue entstanden die Casiers Standard, die Sessel LC 3 und LC 1 (1928), der Drehstuhl LC 7 (1925/28), der Drehhocker LC 8 (125/28) , der Hocker LC 9 (1925/28) und der Tisch LC 6.
Obwohl die heute verbreiteten Bezeichnungen der Möbel mit dem Namensbestandteil LC vehement auf Le Corbusier als Haupturheber hinweisen, waren die Architekten Pierre Jeanneret und Charlotte Perriand an vielen Entwürfen massgeblich beteiligt. Manche sagen sogar, dass es Charlotte Perriands Art war, die Dinge zu sehen, die aus den Möbeln das gemacht haben, was sie sind. Sie hätte dem kalten Rationalismus Le Corbusiers Menschlichkeit hinzugefügt, heisst es etwa, und sie hätte mit ihrem Talent und Intuition beim Entdecken und der Anwendung neuer Materialien viel zum Gelingen der Entwürfe beigetragen. Wie auch immer er geartet war, Perriands Einfluss war gross. Dabei – so erzählt die weitverbreitete Anekdote – hätte Le Corbusier die Architektin gar nicht anstellen wollen. Er habe sie, als sie ihn 1927 um eine Mitarbeit ersuchte, sogar mit den Worten zurückgewiesen: «Wir besticken hier keine Kissen.»
Le Corbusiers, Perriands und Jeannerets Entwürfe seien «geschichtlich und formal legitimierte Möbeltypen mit einer zeitgemässen Form- und Konstruktionslogik, veritable Ikonen» und deshalb so erfolgreich, sagt Le-Corbusier-Experte Arthur Rüegg. Eine Chaiselongue Basculante zu besitzen, heisst für viele noch immer, eine Ansage zu machen. Das Stück zeichne einen als Architekturkenner und Feingeist aus, meinen sie, wohingegen der genauso ikonische Eames Lounger eher als Hinweis auf eine gewisse finanzielle Arriviertheit und gediegenes Geniessertum gelesen werden möchte. In der Zeitschrift Ideales Heim galt in den achtziger Jahren sogar die Direktive, nicht mehr als eine Chaiselongue Basculante pro Heft zu zeigen. Natürlich werden Le Corbusiers Möbel auch gefälscht. Dass unter den Originalen unterschiedliche Stücke aus verschiedenen Produktionsphasen existieren, macht eine Verifizierung nicht einfacher. Allein die Chaiselongue Basculante wurde von 1930 bis etwa 1938 von Thonet Frères (in der Schweiz von 1933 bis 1939 von Embru) 1950 bis 1979 von Wohnbedarf, 1959 bis 1964 von Heidi Weber und von 1965 bis heute von Cassina hergestellt. Bei der italienischen Firma liegen die weltweiten Rechte an der Produktion und Verbreitung der Möbel. Das dies im Sinne der Gestalter geschieht, dafür sorgte Charlotte Perriand, die ab 1979 von Cassina als Beraterin zugezogen wurde. Sie brachte eine ganze Palette von Material und Farbvariationen ein. Heute überwacht Charlottes Tochter, Pernette Perriand-Barsac, die Weiterentwicklung der Möbel. Eine Anpassung einzelner Modelle an heutige Gegebenheiten ist für sie unumgänglich, die in diesem Jahr lancierten Outdoorversionen verschiedener Sessel begrüsst sie deshalb. «Ein allwettertauglicher LC4 ist genauso ein Original, wie es einer aus den ersten Produktionsphase ist», stellt sie klar. Eine Fälschung hingegen – und gegen solche spricht sie sich bei verschiedenen Gelegenheiten mit grosser Vehemenz aus - ist, was nicht nachweislich aus einer der frühen Produktionsphasen stammt, und alles neueren Entstehungsdatums, auf dem nicht Cassina draufsteht. Le Corbusier selber äussert sich ziemlich lapidar und ohne sich zu echauffieren zum Thema: «Glauben Sie wirklich, es gäbe keine Unterschiede zwischen Fälschungen und dem Echten?!»
von Rebekka Kiesewetter