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Pascal Nufer
Als Asienkorrespondent berichtete der Thurgauer Pascal Nufer während sechs Jahren für das Schweizer Fernsehen aus China. Ein Gespräch über den alltäglichen Wahnsinn eines Chinakorrespondenten und verpasste Chancen.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine ergänzende Information zu einem im Printmagazin «Die Ostschweiz» publizierten Artikel. Das Magazin kann via <email-pii> bestellt werden.
Als Pascal Nufer Lehrer wurde, wollte er den Schülern die Welt erklären. Doch gearbeitet hat der heute 45-Jährige aus Kradolf im Kanton Thurgau kaum auf seinem angestammten Beruf. Bereits während des Lehrerseminars verfasste er regelmässig Beiträge für das «Thurgauer Tagblatt» und die «Thurgauer Zeitung». Später fing er an, Medienwissenschaften zu studieren und blieb letztendlich im Praktikum bei Radio Munot endgültig beim praktischen Journalismus hängen. Er war Redaktor beim «Tages Anzeiger», arbeitete bei DRS3 und als seine Frau 2004 Lehrerin an der Schweizer Schule in Bangkok wurde, zog er kurzerhand mit ihr nach Thailand. Sieben Jahre lang bediente er als freier Journalist deutsche und Schweizer Medien mit Nachrichten aus Südostasien und tat ein bisschen das, was er als Lehrer auch getan hätte: Menschen fremde Welten näherbringen und erklären.
Sieben Jahre später reist das Ehepaar Nufer während drei Monaten auf dem Landweg zurück in die Schweiz. Hier heuert er 2012 bei der Tagesschau-Redaktion an und realisiert eine fünfteilige Doku-Serie über die Seidenstrasse. 2014 schickt in SRF zurück nach China. Während der nächsten fünf Jahre wird Nufer aus Shanghai für die Tagesschau über die Geschehnisse in China, Nord- und Südkorea, Taiwan und Hongkong berichten. Seine Frau und seine beiden Kinder wohnen mit ihm im Reich der Mitte, von wo er 2019 zurückkehrte, um gleich noch einmal hinzureisen. Dieses Mal «um sich mit dem Land zu versöhnen», wie er sagt. Entstanden ist eine vierteilige DOKU-Serie «Mein anderes China», die Ende April auf 3SAT und Ende Juli auf SRF ausgestrahlt wurde.
Pascal Nufer, welche Meinung hatten Sie von China, bevor Sie die Korrespondentenstelle in Shanghai angetreten haben?
Ich kannte China bereits vor meinem Stellenantritt und hatte ein ambivalentes Verhältnis zu diesem Land. Einerseits ist da dieser ungeheuerliche staatliche Machtapparat und andererseits ist China einfach ein unglaublich faszinierendes Land mit fantastischen Landschaften und Menschen, die im krassen Widerspruch zum staatlichen Gebilde stehen. Ich war Zeuge davon, wie sich das Land für und während der Olympischen Spielen 2008 in Peking öffnete, aber auch davon, wie es sich wieder verschloss. Dann, als zum Beispiel Google verboten wurde, um nur ein Beispiel zu nennen.
Und jetzt, wo Sie mit Ihrer Familie wieder in der Schweiz leben? Hat sich Ihr Chinabild verändert?
Grundsätzlich ist es gleichgeblieben, aber es ist differenzierter geworden. Ich bin nach wie vor fasziniert von der kulturellen Vielfalt Chinas und schockiert vom grauenhaften Machtapparat, der wie nie zuvor seine Zähne zeigt. Das ist ein Widerspruch, den China ausmacht. Auch finde ich, dass von China tatsächlich eine Gefahr ausgeht. Die ist zwar nicht militärischer Natur, doch die Gefahr betrifft unsere Werte. Diese Überwachungskultur oder die Tatsache, dass die Unschuldsvermutung mir nichts, dir nichts ausgehebelt wird. Darin sehe ich eine Gefahr. Dem müssen wir unsere eigenen Werte unbedingt entgegenhalten.
Warum empören wir uns über den Überwachungsstaat China, lassen uns aber freiwillig von amerikanischen Firmen wie iPhone, Google, Facebook, Microsoft & Co durchleuchten?
Ich finde, das darf uns ebenfalls auf gar keinen Fall kalt lassen. Doch wir haben Gesetze, mit denen man den Datensammlerinnen auf die Finger klopfen kann. Der grosse Unterschied: Hier muss ein Zuckerberg vor dem EU-Parlament antraben und sein Geschäftsmodell rechtfertigen. Während es hier ein gewisses Regulativ gibt, das den Datenaustausch verbietet oder zumindest regelt, gibt es so etwas in China nicht. Da landet alles auf dem gleichen Tisch und zwar auf dem der Partei. Und trotzdem ein Aufruf an alle: Wacht auf und passt auf, was ihr mit euren persönlichen Daten macht!
Nach fünf Jahren in Shanghai sind Sie wieder in die Schweiz zurückgekehrt. Warum?
Ich hatte einen Vierjahresvertrag, den ich um ein Jahr verlängert habe. Als Korrespondent sollte man nach dieser Zeit – vielleicht spätestens nach acht Jahren – seinen Posten räumen. Gerade in Ländern wie China sind die Abnützungserscheinungen besonders gross und man muss aufpassen, dass man nicht zynisch wird und beginnt die journalistischen Grundsätze zu missachten. Kommt hinzu, dass unsere Tochter in die Oberstufe kam und wir fanden, dass das ein guter Zeitpunkt war, nach Hause zu kommen.
Sprechen Sie jetzt fliessend Chinesisch?
Ich habe ein Jahr vor meinem Einsatz angefangen, Chinesisch zu lernen. Sagen wir es so: Ich kann mich auf Chinesisch durchsetzen und auch Strassenumfragen machen. Bei Interviews war aber immer eine Dolmetscherin dabei. Abgesehen davon ist das auch eine Vorschrift der Regierung. Meine Dolmetscherin war aber mehr als eine blosse Übersetzerin. Sie war eher eine Produzentin: Sie kümmerte sich einfach um alles, was es brauchte – nötige Genehmigungen einholen, zum Beispiel. Zudem spricht man in China ja viele Sprachen. Es kam vor, dass ich mehrere Dolmetscherinnen hatte: Eine, die von einer Minderheitensprache nach Mandarin und meine Dolmetscherin, die dann das Mandarin ins Englische übersetzte. Das sind natürlich suboptimale Bedingungen, weil bei jeder Übersetzung etwas verloren geht.
Was haben Sie getan, um uns Schweizern China verständlich zu machen?
Das ist ein Grundanspruch, der jedem Korrespondenten innewohnen sollte. Als Nachrichtenjournalist waren meiner Themen gezwungenermassen eher wirtschaftlicher und politischer Natur, und da hat man es mit dem offiziellen China zu tun. Was dabei zu kurz kam, sind die sozialen, religiösen oder kulturellen Aspekte dieses Riesenreiches. Das ist mit ein Grund, warum ich diese Doku-Serie gedreht und ein Buch geschrieben habe. Es geht im wortwörtlichen Sinn um «Mein anderes China». Ich wollte herausfinden, warum «die» so ticken, wie sie ticken, warum finden wir dies oder das komisch und so weiter. Zudem muss noch gesagt werden, dass nicht alle Chinesen in ständiger Angst vor dem Staat leben. Das ist ein Bild, das ich als Nachrichtenjournalist zwangsläufig auch mitgeprägt habe. Schliesslich muss man jeweils in zwei Minuten Sendezeit einzelne, wichtige Punkte herausgreifen. Es ist richtig, dass man die Dinge beim Namen nennt, man soll aber kein Monster erschaffen, das es so gar nicht gibt.
Sie waren in Shanghai stationiert, aber auch für Nord- und Südkorea, die Mongolei, Taiwan und Hongkong zuständig. Haben Sie diese Länder alle besucht und über sie berichtet?
Ja, ich habe sie regelmässig bereist. Die Mongolei leider am wenigsten, obschon sie mich faszinierte. Mit meiner Familie haben wir dort unsere Ferien verbracht. In Nordkorea war ich nur zwei Mal, weil ich nicht mehr Visa erhalten habe. Schade, da wäre ich gerne öfters hingereist.
Und warum Shanghai und nicht etwa Peking?
Wir kamen mit einem Baby nach China und damals war die Luft in Peking derart schlecht, das wollten wir unserem Sohn nicht antun. Zudem konnte ich mich in Shanghai in eine Bürogemeinschaft mit vorhandener Infrastruktur einmieten. Shanghai ist die Wirtschaftsmetropole und damals war es einfacher, an Interviewpartner heranzukommen. Das hat sich mittlerweile auch geändert. Müsste ich allerdings nochmals entscheiden, wüsste ich nicht, ob ich mich heute nochmals für Shanghai entscheiden würde.
Gibt es etwas Schweizerisches, das Sie in China besonders vermisst haben?
Die Rechtssicherheit. Ein Wahnsinn, welch Glück wir hier haben. Das wurde mir erst bewusst, als mir die Rechtssicherheit abhandenkam. Als Journalist in China befindet man sich immer mit einem Fuss im Gefängnis. Ich möchte nicht allzu staatsgläubig rüberkommen, aber hier in der Schweiz haben die Bürger Rechte, es gibt Gesetze. Die gibt es in China zwar auch, letztendlich läuft aber alles auf Parteientscheidungen hinaus. Diese können dich von einem Moment auf den andern hopsgehen lassen. Da entwickelt man eine gewisse Grundparanoia.
Und umgekehrt, was von China vermissen Sie hier in der Schweiz?
Die Chinesen sind im Restriktiven sehr konstruktiv und kreativ. Ohne Frust zeigen sie Lust, in diesem System zu funktionieren. Die chinesische Mentalität, aus allem etwas zu machen, ist uns abhandengekommen, obwohl das ja lange auch unsere Mentalität war. Diese «Stehauf-Männlein-Mentalität» fand ich ansteckend und die vermisse ich im Moment in ganz Europa.
Wie kam es zur Serie «Mein anderes China»?
Nach Christof Franzen, der von seiner Zeit aus Russland berichtete und Arthur Honegger, der aus den USA heimgekehrt war und ebenfalls eine Reportage über seine Korrespondentenzeit realisiert hat, kam SRF auf mich zu und fragte mich, ob ich bereit wäre, dem Publikum mein anderes China zu zeigen. Da mir persönlich ein guter Schlusspunkt zu meiner Chinazeit fehlte und ich mich mit dem Land versöhnen wollte, habe ich sofort Ja gesagt. Auf gar keinen Fall wollte ich aber Pekingoper singen oder so etwas in diese Richtung. Mir war es wichtig, näher an die Menschen heranzukommen und sie besser zu verstehen.
Ist Ihnen das geglückt?
Mit China wird man nie fertig. Klar, wegen meiner langen Zeit in China, weiss ich nun mehr als andere über das Land und die Leute.
Welchen Ratschlag geben Sie Ihrer Nachfolgerin in China?
Beiss durch, es lohnt sich. Nimm Rückschläge nicht persönlich, das hat nichts mit dir als Person zu tun. Wenn du nicht weiterkommst, ist das oft systembedingt. Du wirst viele Male auf die Nase fallen: Macht nichts – raff dich auf und mach weiter, es lohnt sich wirklich. Bereise die Provinzen, denn Shanghai hat nicht viel mit dem Rest des Landes zu tun.
Was ist das A und O eines guten Korrespondenten?
Neugier, Neugier, Neugier, gepaart mit der Freude am Reisen. Man soll hingehen und hinschauen und nicht im Internet nachlesen und abschreiben, was andere schon geschrieben haben. Dieser Punkt ist unglaublich wichtig. Zudem sollte der Korrespondent seine Agenda selbst festlegen dürfen und nicht etwa die Redaktion in der fernen Schweiz. Ein Korrespondent muss sich bewusst sein, dass er ein Teil des Ganzen ist. Auch wenn es frustrierend ist, wenn ein Beitrag nicht klappt, weil die Polizei das verhindert, so soll dieser persönliche Frust nicht Einfluss auf den Inhalt des Beitrags haben. Gerade bei Berichterstattungen aus Diktaturen ist diese Justierung wichtig. Als Korrespondent bin ich für das Publikum zu Hause ein Übersetzer. Man soll sich darum getrauen, die eigene Person in die Berichterstattung einzubringen.
Im Rückblick, was würden Sie heute von Anfang an anders machen?
Ich würde mehr in die Sprache investieren. Ich kann weder Chinesisch lesen noch schreiben. Ich würde darauf pochen, die Sprache ein halbes Jahr vor Stellenantritt richtig zu lernen. Und ich würde versuchen, noch viel mehr im Land herumzureisen auch in abgelegene Gebiete. Als Journalist muss man einfach reisen, auch wenn man mal keine Geschichte mit nach Hause bringt. Irgendetwas bleibt immer hängen und sei es bloss ein Tagebucheintrag.
Was bereuen Sie, in China nicht getan zu haben?
Ganz am Anfang hätte ich die Gelegenheit gehabt, in die Uiguren-Provinz Xinjiang zu reisen. Wegen eines Termins bin ich aber früher nach Shanghai zurückgereist. Heute bereue ich das, weil ich wegen der Unruhen nie mehr die Gelegenheit bekam, in diese Region des Landes zu reisen.
«Faszination China – Mythen, Macht und Menschen»
Aus den Erfahrungen seiner mehrjährigen Tätigkeit heraus beleuchtet der ehemalige SRF-Korrespondent Pascal Nufer China von verschiedenen Seiten. Den Lesenden bietet sich so ein einmaliger und intimer Einblick in ein vielschichtiges, komplexes Land.
ISBN: 978-3-03875-246-2
Beobachter-Edition, Juli 2020
Michel Bossart ist Journalist und freier Mitarbeiter von «Die Ostschweiz». Nach dem Studium der Philosophie und Geschichte hat er für diverse Medien geschrieben. Er lebt und arbeitet in Benken (SG).
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