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Die Erklärung des Autors anlässlich der Vergabe des Preises »20 Jahre iranischer Roman« (1999)
Iranischer Literaturpreis für Mahmud Doulatabadi
Am vergangenen Donnerstag hat die iranische Regierung in einem Teheraner Theater den Literaturpreis »20 Jahre iranischer Roman« an 20 Autoren und Autorinnen vergeben. Verliehen wurde der mit umgerechnet 8.000 DM dotierte Preis von Ayatollah Mohadscherani, Minister für Kultur und islamische Führung, im Rahmen einer Feierstunde zum 20jährigen Bestehen der Islamischen Republik. Unter den Ausgezeichneten wurde nur ein Mitglied des Kerns des Iranischen Schriftstellerverbandes berücksichtigt, der Schriftsteller Mahmud Doulatabadi.
Mahmoud Doulatabadi zählt zu den bedeutendsten Romanciers und Erneuerern der zeitgenössischen iranischen Literatur. Der epische Romanzyklus »Kelidar«, der die Geschichte eines Nomadenstamms aus Khorassan schildert, ist sein Hauptwerk. Die Werke von Doulatabadi konnten im Iran in den letzten Jahren auf Grund der Eingriffe der Zensur nicht oder nur unter großen Hindernissen erscheinen. Doulatabadi gehört zur Gruppe jener Autoren, welche sich für die Neugründung eines demokratischen Schriftstellerverbands engagieren.
In einer Erklärung vom 11. März teilte Mahmud Doulatabadi mit, er nehme den Preis an, weil er »ein Zeichen für die Entfaltung der Freiheit und Vernunft, der individuellen und gesellschaftlichen Rechte, der Ablehnung und Abwehr von Gewalt« sei. Die Preissumme aber widmet er den Familien der kürzlich ermordeten Schriftsteller Mohammad Mokhtari und Mohammad Djafar Pujandeh – »den Opfern der Gedanken-, Schreib- und Redefreiheit«.
Mahmud Doulatabadi
Erklärung zuhanden der Jury anlässlich der Vergabe des Preises
»20 Jahre iranischer Roman«
Sehr geehrte Damen und Herren
Zum Ersten muss ich mich für Ihr Wohlwollen gegenüber der zeitgenössischen iranischen Literatur und den Schriftstellerinnen und Schriftstellern bedanken.
Zum Zweiten möchte ich meine Freude darüber ausdrücken, dass die Voraussetzungen für die Entstehung und Anerkennung des iranischen Schriftstellerverbands günstig geworden sind. Ich hoffe, dass der iranische Schriftstellerverband sich in naher Zukunft unter der Beteiligung ernstzunehmender Autorinnen und Autoren und ohne Fanatismus und Dogmatismus von einem geschlossenen Zirkel zu einem allumfassenden Verband entwickelt.
Es ist der Öffentlichkeit bekannt, dass Mahmud Doulatabadi nie nach Auszeichnungen gestrebt hat. Und ich tue dies auch heute nicht. Dass ich den Preis »20 Jahre iranischer Roman« gutheiße, ist ausschließlich Ausdruck meiner Anteilnahme am rationalen Prozess eines geordneten kulturellen, gesellschaftlich-politischen Fortschritts, den unsere Gesellschaft auf ihrem Weg zu den Prinzipien von Gesetzmässigkeit und Rechtsstaatlichkeit durchläuft. Dieser Weg wird mit einer Reife und Vernunft eingeschlagen, die für die Weltöffentlichkeit erstaunlich sein mag, für den iranischen Menschen jedoch normal und natürlich ist.
In dieser Situation nehme ich den Preis dankbar an – mit dem Gefühl tiefer Verantwortung für die Entfaltung der Freiheit und Vernunft, der individuellen und gesellschaftlichen Rechte, der Ablehnung und Abwehr von Gewalt.
Wir iranischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller, wir alle, denen die Kultur dieses Landes am Herzen liegt, dürfen aber zu keiner Zeit die anderen Kulturschaffenden unserer Sprache und Literatur vergessen. Deshalb überlasse ich die Preissumme mit dem Gefühl höchster Wertschätzung den verehrten Familien von Mohammad Mokhtari und Mohammad Djafar Pujandeh – den Opfern der Gedanken-, Schreib- und Redefreiheit, und begnüge mich persönlich mit der Ehre, die mir zuteil geworden ist.
Mit Dank
Mahmud Doulatabadi
Hamburg, den 19. Esfand 1377 (11. März 1999)