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Die Frage, was unter Armut zu verstehen ist und ab wann eine Person als arm gilt, lässt sich nicht anhand von objektiv eindeutigen und allgemein anerkannten Kriterien beantworten, sondern variiert je nach Sichtweise und gesellschaftlichem, kulturellem und politischem Kontext. Armut kann nicht unabhängig von Wertvorstellungen definiert werden. Aufgrund der Vielzahl von Sichtweisen auf das Phänomen Armut sind auch die Ansätze der statistischen Erfassung vielfältig.
Ausgangspunkt der Konzeption einer Armutsstatistik ist daher die Frage, wie Armut abzugrenzen ist. Im Folgenden werden zwei Konzepte zur Messung von Armut erläutert.
Die Verteilung von Lebenschancen, Lebensbedingungen und sozialem Status wird massgeblich bestimmt durch die Verfügbarkeit von Einkommen und Vermögen. Daher kommt den finanziellen Ressourcen auch eine zentrale Bedeutung bei der Erfassung von Armut zu. Der Fokus offizieller Armutsstatistiken liegt deshalb in der Regel auf den finanziellen Ressourcen von Haushalten und damit auf der materiellen bzw. finanziellen Armut. Finanzielle Armut lässt sich anhand des verfügbaren Haushaltseinkommens1 (und im Idealfall auch unter Berücksichtigung des Vermögens) abgrenzen. Die Festlegung von finanziellen Armutsgrenzen kann ausgehend von einer absoluten oder relativen Definition von Armut erfolgen.
Definition von absoluter Armut
Absolute Armut wird als Unterschreitung eines festgelegten Existenzminimums definiert. Ursprünglich wurde dabei von einem physischen Existenzminimum ausgegangen, das nur die überlebensnotwendige Versorgung mit Nahrung, Kleidung, Obdach usw. umfasst. In reichen Industrieländern ist das physische Überleben jedoch in der Regel gesichert. Das vom Bundesamt für Statistik verwendete Konzept absoluter Armut beruht daher auf einer bedarfsorientierten Festlegung einer Armutsschwelle ausgehend von einem sozialen Existenzminimum, das nicht nur das physische Überleben sicherstellt, sondern auch eine minimale gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen soll.2 Diese Armutsschwelle ist insofern absolut, als sie nicht direkt von der gesamtgesellschaftlichen Güter- oder Ressourcenverteilung abhängt. Indirekt wird sie jedoch durch die Festlegung von Versorgungsminima (Grundbedarf) berücksichtigt. 3
Die Festlegung einer Mindestversorgung hängt immer auch von gesellschaftlichen Wertvorstellungen ab. In der Regel wird eine absolute finanzielle Armutsschwelle über die Kosten eines bestimmten Warenkorbes festgelegt. Dieser Betrag
wird mit dem verfügbaren Einkommen einer Person oder eines Haushalts verglichen. Eine Person gilt als (einkommens-)arm, wenn ihr Einkommen die Armutsschwelle unterschreitet. Dieses Vorgehen hat den Vorteil, dass sich die Messung von Armut direkt an den Bedürfnissen der Betroffenen orientiert. Dadurch sind Rückschlüsse auf die Versorgungssituation und die Lebensbedingungen der Bevölkerung möglich. Eine finanzielle Unterstützung armer Personen oder Haushalte schlägt sich direkt in einer messbaren Reduktion der als arm identifizierten Bevölkerung nieder, weshalb eine so definierte Armutsquote als sozialpolitische Zielgrösse geeignet ist. Die Auswahl der als nötig beurteilten Güter, die auch die Höhe der Armutsschwelle bestimmt, ist jedoch notwendigerweise wertgebunden und
somit zu einem gewissen Grad willkürlich, da sie nicht nach objektiven wissenschaftlichen Kriterien bestimmt werden kann. Bereits eine geringe Verschiebung der Armutsschwelle hat beträchtliche Auswirkungen auf die Anzahl der als arm
identifizierten Personen. Zudem führt eine solche absolute Armutsdefinition zu je eigenen nationalen Armutsschwellen, da unterschiedliche Warenkörbe verwendet werden. Internationale Vergleiche sind daher mit dem absoluten Konzept kaum möglich. In der Schweiz leitet sich das soziale Existenzminimum von den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) ab, die als Referenz für die Beurteilung des Sozialhilfeanspruchs dienen. Die Richtlinien der SKOS werden von den meisten Kantonen und Gemeinden übernommen und sind damit allgemein akzeptiert. Die absolute Armutsgrenze des BFS orientiert sich an diesen Vorgaben. Sie setzt sich zusammen aus einem Pauschalbetrag für den Lebensunterhalt, den individuellen Wohnkosten sowie monatlich 100 Franken pro Person ab 16 Jahren für weitere Auslagen.4
Relatives Konzept – Armutsgefährdung
Im Gegensatz zu absoluten Armutsschwellen orientieren sich relative Grenzen nicht am Bedarf, sondern an der Verteilung von Gütern oder Ressourcen in der Gesamtbevölkerung. Sie beziehen sich in der Regel entweder auf untere Quantile der Einkommensverteilung oder werden als Anteil eines Lagemasses der Verteilung (arithmetisches Mittel oder Median) festgelegt. Die international gängigsten Grenzen liegen bei 50 und 60 Prozent des medianen verfügbaren Äquivalenzeinkommens der Bevölkerung.5 Armut entspricht nach dieser relativen Konzeption einer extremen Ausprägung sozialer Ungleichheit. Vorteile dieser Armutsdefinition liegen in der internationalen Verbreitung, der Vergleichbarkeit aufgrund der einheitlichen Messmethode sowie der einfachen und damit nachvollziehbaren Berechnung. Die Armutsgefährdungsgrenzen hängen zudem direkt vom mittleren Wohlstandsniveau der jeweiligen Gesellschaft ab und werden jährlich neu berechnet, so dass Veränderungen der sozioökonomischen Rahmenbedingungen direkt (d.h. ohne Verzögerung durch politische Prozesse) in die Armutsmessung einfliessen können. Der wesentliche Nachteil einer nach diesem Ansatz ermittelten Armutsbetroffenheit ist die schlechtere Eignung als Zielgrösse der Armutsbekämpfung: Wird die Armutsgrenze als unteres Quantil der Einkommensverteilung festgelegt,
wird – ausser bei absoluter Gleichverteilung – immer ein festgelegter Anteil der Bevölkerung als arm gelten, unabhängig vom tatsächlichen Lebensstandard. Auch wenn man Anteile von Lagemassen als Armutsgrenze verwendet (wie z.B.
die Grenze von 60% des Medians des Äquivalenzeinkommens) bleibt die Kritik bestehen, dass dies keine direkten Aussagen über die effektive Wohlfahrt der Bevölkerung zulässt, sondern vielmehr die soziale Ungleichheit in einer Gesellschaft widerspiegelt. So bleibt nach diesem Konzept das Ausmass an Armut konstant, wenn beispielsweise alle Mitglieder einer Gesellschaft 10% mehr oder weniger pro Monat zur Verfügung haben. In diesem Fall bleibt die Ungleichheit bestehen, obwohl sich für die einzelnen Personen eine markante Veränderung der Lebensbedingungen
ergeben kann. Umgekehrt können Personen mit einem Einkommen knapp über der relativen Armutsgrenze in die relative Armut abrutschen, wenn das Medianeinkommen ansteigt, auch wenn sich die Bedingungen für diese Personen
absolut gesehen nicht verändern. Die Höhe des Grenzwertes, also ob etwa 50% oder 60% des Medians gewählt werden, lässt sich zudem weder theoretisch begründen noch aus methodischen Argumenten oder empirischen Analysen
ableiten und wird deshalb per Konvention festgelegt. Durch die Verwendung von zwei Grenzwerten wird dieses Problem abgeschwächt und es kann untersucht werden, inwieweit Armutsgefährdung von der Festlegung des Grenzwertes
abhängt. Zudem wird die Verteilung der Einkommen im unteren Bereich der Einkommen detaillierter beschrieben.
1
Das verfügbare Haushaltseinkommen berücksichtigt alle Einkommen (Erwerbs-, Transferund Vermögenseinkommen)
sämtlicher Haushaltsmitglieder und wird berechnet, indem vom Bruttohaushaltseinkommen die obligatorischen Ausgaben abgezogen werden. Dabei handelt es sich um Sozialversicherungsbeiträge (AHV/IV-Beiträge, berufliche Vorsorge usw.), Steuern, Krankenkassenprämien und regelmässige Transferzahlungen an andere Haushalte
(z.B. Alimente).
2
Dieses Vorgehen wird auch von der Konferenz der kantonalen Sozialdirektorinnen und Sozialdirektoren (SODK) empfohlen.
3
Der Grundbedarf ist vom gesellschaftlichen Versorgungsstandard abhängig und variiert über Raum und Zeit (z.B. wird
in der Schweiz heute ein Fernseher zum Grundbedarf gezählt, während er früher als Luxusgut galt).
4
Durch die Verwendung der individuellen Wohnkosten wird folglich für jeden Haushalt eine individuelle Armutsgrenze
berechnet.
5
Die 50%-Grenze wird von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) verwendet,
die 60%-Grenze vom Statistischen Amt der Europäischen Union (Eurostat).
Artikel von Martina Guggisberg, sie ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Analysebereich Einkommen und Armut der Sektion Sozialanalysen, BFS
Dies ist ein autorisierter Abdruck des Beitrages, der am 21.06.2012 im Informationsmagazin des BFS ValeurS erschienen ist.