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Die Tierwelt in den Waadtländer Alpen
Daniel Ruchet, Saint-Triphon ( vd )
Das 19. Jahrhundert und der Niedergang der Fauna Ehe wir uns den Tieren zuwenden, die heute in den Waadtländer Alpen leben, und ehe wir von der grossen Arbeit ihrer Wiedereinfüh- Um die heutige Zusammensetzung der Fauna der Waadtländer Alpen wirklich zu verstehen, muss man zwei wichtige Dinge berücksichtigen: die Vergletscherungen während des Quartärs und die Einwirkung des Menschen in sehr viel jüngerer Zeit.
Riesige Gletscher haben wiederholt Nordeuropa, die Karpaten, die Alpen und, in geringerem Masse, die südlicheren Gebirge bedeckt. Im Verlauf des Quartärs folgten sich mehrere, durch verschieden lange Warmzei-ten unterbrochene Vereisungen. Vor ungefähr 50000 Jahren hatte die letzte Eiszeit ihren Höchststand erreicht.
Auch die Waadtländer Alpen waren von diesen Klimaschwankungen betroffen. Während der letzten Aufstiege im Spätherbst, wenn das Nebelmeer die ganze Rhone-Ebene mit einem weissen Mantel bedeckt, habe ich mir oft die Landschaft jener Zeit vorgestellt: Allein die Gipfel ragten aus einer unendlichen, öden und schweigenden Eiswelt empor.
In jener Periode hat unsere heutige Tierwelt begonnen, einige Teile der vom Eis befreiten Landgebiete zu erobern. Dann setzte eine langsame Erwärmung ein, weiteres Land tauchte aus dem Eis auf. Einige Tiere wechselten nach und nach ihren Standort und zogen in höhere Regionen; es entstanden die heutigen nördlichen und alpinen Tierarten ( Murmeltier, Schnee- oder Alpenmaus, veränderlicher Hase, Schneehuhn, Nusshäher, Ringdrossel, Dreizehenspecht usw. ).
Ein anderer Teil der alpinen Tierwelt stammt aus Gebieten südlich der Alpengletscher. Auch diese Tiere sind, wie die nördlichen, vor der Erwärmung in die Höhe geflohen; man findet sie auch in Gebirgen des Mittelmeerbeckens: Rot- oder Steinhuhn ( Bartavelle ), Bergdohle, Alpenkrähe, Mauerläufer, Alpenbraunelle.
Als dann Gras und Wald die Ebenen wieder zunehmend zu überziehen begannen, folgten Gemsen, Steinböcke und Hirsche. Man weiss, dass es ungefähr zweitausend Jahre vor Christus in den grossen Mischwäldern, die das Land bedeckten, Hirsche im Überfluss gab.
rung und Hege sprechen, wollen wir zurückblicken und unsere Aufmerksamkeit kurz jenen Arten zuwenden, die im Kampf gegen die Zivilisation untergegangen sind.
Das 19. Jahrhundert und der Anfang des 20. Jahrhunderts bilden eine Periode, in der die alpine Fauna offensichtlich zurückging. Es war die Zeit, in der die grossen Huftiere nur unter dem Gesichtspunkt, mögliche Fleisch-lieferanten zu sein, betrachtet wurden. Die Fleischfresser ihrerseits galten als Konkurrenten, die es mit allen Mitteln -vor allem Fallen und Gift — auszurotten galt. Ebenfalls haben die zunehmende Bevölkerungsdichte und die Tatsache, dass es für das Grosswild immer schwieriger wurde, sich in einem Gebiet stets intensiveren Ackerbaus zu ernähren, zu einer Abnahme des Wildes und sogar zum völligen Verschwinden einiger Arten beigetragen.
Schon im Jahr 1805 hat die Verwendung des Steinschlossgewehrs das Schicksal von Biber und Steinbock in den Waadtländer Al- Springender Steinbock pen besiegelt. 1838 wurde in Gryon der letzte Bär getötet, der letzte Wolf 1848, den letzten Luchs erlegte 1840 Abraham Martin in L' Etivaz. Der Fischotter war um 1950 praktisch verschwunden, ebenso die Wildkatze. Man kann ohne die Gefahr eines Irrtums behaupten, dass Gemse und Murmeltier am Anfang des 20. Jahrhunderts nur dank der Schutzgebiete gerettet werden konnten.
Wir dürfen in dieser Aufzählung den König unserer Berge, den Hirsch, nicht vergessen. Urkunden beweisen, dass es im 15. und 16. Jahrhundert noch Hirsche in so grosser Zahl gab, dass sie auf den mageren Äckern jener Zeit Schäden anrichteten.
Doch aus dem damaligen falschen Verhalten gegenüber der Tierwelt erwuchs eine Reaktion, die sich auf verschiedene Weise äussert:
Rehe in der Region von Molard ( oberhalb Montreux ) a ) durch eine zunehmend strengere Reglementierung der Jagd, vor allem durch die Einführung von Abschussquoten ( die Erlasse des 19. Jahrhunderts, als Gemsen und Steinböcke für schädliche Tiere gehalten wurden und, mit gleichem Recht wie Bären, Wölfe und Luchse, jederzeit und überall abgeschossen werden durften, liegen weit zurück ); b ) durch Anlage von Reservaten; c ) durch die Wiederansiedlung verschwundener Arten.
Ende des letzten Jahrhunderts haben bedeutende Wissenschaftler die Jagdverhält-nisse in den Waadtländer Alpen untersucht, um die Rettung seltener Tierarten zu versuchen. Es wurde beschlossen, einen grossen Teil dieses Alpengebiets mit einem Bann zu belegen, das heisst, dort ein Schutzgebiet zu schaffen, in dem nicht gejagt werden darf. Im Jahr 1896 entstand das grosse Tierreservat Diablerets-Muveran, das 54 km2 einnimmt. Seine Grenzen wurden bis heute kaum verändert. Später wurden zwei weitere Schutzgebiete geschaffen: im Jahr 1947 La Pierreuse mit 10,5 km2 und 1969 die Bimis mit 13 km2. Weitere kleinere Reservate kamen zu verschiedenen Zeiten hinzu. Es war höchste Zeit, etwas zum Schutz der Gemsen zu unternehmen. In einem Bericht von 1889 aus Bern hielt M. von Gross, der die südliche Kette der Waadtländer Alpen drei Tage lang inspiziert hatte, fest, dass er keine einzige Gemse zu Gesicht bekommen habe. Heute dagegen zählt man, dank der Reservate und ihrer vernünftigen Wartung, mehr als 2000 Tiere, die sich auf die Waadtländer Alpen und Voralpen verteilen.
Ausserdem siedelt der Kanton Waadt seit 1956 wieder Steinböcke in seinen Bergen an. Wir werden im folgenden Kapitel darüber berichten. Unter den Fleischfressern gibt es seit 1976 wieder den Luchs; er wurde entweder ausgesetzt oder ist aus anderen Kantonen zugewandert. Hirsche versuchen, sich die höhergelegenen Alpweiden wieder zu erobern, während die Rehe diese Gebiete bereits Anfang des Jahrhunderts zum Standort gewählt haben.
Bis heute macht sich der Einfluss des Menschen im Gebirge weniger bemerkbar als in der Ebene. Das ist sicher der Grund dafür, dass die Tierwelt der Alpen so viel reicher und vielfältiger erscheint.
Über den erzielten Erfolgen dürfen wir aber nicht vergessen, welchen Schwierigkeiten sich die Tiere gegenübergestellt sehen: Zerstörung von Hecken und Feuchtgebieten, Anlage neuer Strassen und Zufahrtsmöglichkei-ten für Wagen an ehemals ruhige Orte, Aufsplitterung der besten Biotope durch Bauten oder Errichtung von Seilbahnen und ähnlichem. Heute sind es nicht mehr Steinschloss-gewehre, die manche Tierarten in ihren Revieren ausrotten, sondern der gewaltige Bevölkerungsdruck, durch den der Lebensraum der Tiere zunehmend eingeengt wird. Es zeigt sich immer deutlicher, dass eine Art nur in dem Masse überleben kann, in dem einerseits jedes Individuum über genügend Raum verfügt und andererseits der Austausch zwischen benachbarten Territorien möglich ist.
Der Steinbock in den Waadtländer Alpen Dieses Kapitel soll dem Waadtländer Steinbock gewidmet sein, denn wir haben stets die Wiederansiedlung dieses herrlichen Tieres und seine Erhaltung als eine der schönsten Aufgaben angesehen, die im 20. Jahrhundert durchgeführt wurden. Diese Wiederansiedlung war um so schwieriger, als zur Zeit der Aussetzung der ersten Tiere jegliche Erfahrung fehlte. Wie wertvoll hätten damals die vielen Beobachtungen sein können, die wir in den Jahren zusammengetragen haben, in denen wir unsere kleinen Capra ibex-Kolonien aus der Nähe erleben konnten.
Unter allen Tierarten, die nach und nach in den Alpen ausgerottet wurden, ist der Stein- bock unbestritten die schönste und interessanteste. Sein Verschwinden im Jahr 1805 , wie 1815 ein statistisches Werk angab, war ein fast nicht wieder gutzumachender Verlust. Glücklicherweise kam der Wunsch vieler Naturfreunde bereits 1875 in dem ersten Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz der Vögel zum Ausdruck, in dem die Absicht der Eidgenossenschaft, die Wiedereinführung des Steinbocks in den Alpen zu versuchen, festgehalten ist. Der Gesetzestext ist sehr vorsichtig abgefasst und lässt deutlich erkennen, dass man sich keinen Illusionen über die Schwierigkeiten eines solchen Vorhabens hingab. Sie haben sich tatsächlich als zahlreich, aber nicht als unüberwindlich erwiesen. Heute kann man mit Freude feststellen, dass die Anstrengungen zum Erfolg geführt haben. Das Ergebnis ist augenscheinlich. Die hochgelegenen Landstriche der Waadt sind wieder von Steinböcken bewohnt, heute leben dort mehr als 300 Tiere. Ihre stolzen, sich gegen den Himmel abzeichnenden Silhouetten erfüllen das Herz des Naturschützers mit Freude.
Sicher, das war alles nicht einfach, und die Pioniere dieser Wiederansiedlungsaktion haben viel Begeisterung gebraucht. Es sei daran erinnert, dass der Kanton Waadt 1930 in Zusammenarbeit mit der Bex-Gryon-Villars-Bahn beim Col de Bretaye einen Steinbockpark eingerichtet hatte. Alle Schüler jener Zeit werden sich noch an diesen Park erinnern. Er konnte zweimal Tiere zum Aussetzen liefern. Als 1936 drei junge Steinböcke verfügbar waren, beschloss man, mit diesen und drei Tieren aus der Interlakener Zucht eine Neuansiedlung in der Region der Diablerets zu versuchen. Die Aussetzung, die sorgfältig vorbereitet worden war, wurde auf dem Plateau des Châtillon, oberhalb von Taveyannaz, vorgenommen. Alles schien normal zu verlaufen; doch einige Schlechtwettertage hinderten den Jagdaufseher, das Verhalten der Neuankömmlinge zu beobachten. Einen Monat nach ihrer Neuaus-setzung waren sie bereits verschwunden. Mehrere Jahre später kamen Nachrichten, diese Steinböcke seien in den Kanton Wallis ausgewandert. Man muss zugeben, dass der an Wiesen sehr arme Nordhang der Diable-retskette für Wiederkäuer kaum geeignet war.
Zudem gilt es noch beizufügen, dass sich die aus Zuchten stammenden Steinböcke -ungeachtet der Dauer ihrer Gefangenschaft -für die Aussetzung schlecht eignen. Sie scheinen sich nämlich nach ihrer früheren Lebensund Haltungsweise . Sie fürchten den Menschen nicht mehr, sondern nähern sich ihm ohne jegliches Misstrauen. In den Bergen ausgesetzt verhalten sich solche Steinböcke nicht wie wilde Tiere: Sie suchen die Begegnung mit dem Menschen und den Haustierherden und kommen sogar bis zu den Behausungen. Damit aber setzen sie sich vielerlei Gefahren aus.
Im Jahr 1965 versuchte man noch einmal, Tiere auszusetzen, wieder im gleichen Gebiet. Diesmal stammten die vier Steinböcke aus dem Reservat Mont Pleureur, dem schönsten und reichsten des Wallis. Drei Tiere waren nach einigen Monaten verschwunden, das vierte, ein prächtiger achtjähriger Bock, wurde im Winter 1967/1968 aus einem nicht weit entfernten Gebiet am Chamossaire gemeldet. Sofort nahm man Kontakt auf und setzte dort Der veränderliche Hase, der seine Fellfarbe entsprechend der Jahreszeit wechselt im Frühjahr 1968 ein junges Steinbockpaar gleicher Herkunft aus. Seitdem hat sich die Kolonie erfreulich entwickelt, Ende des Jahres 1985 zählte man mehr als 40 Tiere. Andernorts erhöht sich die Zahl der Tiere regelmässig, und zwar dank der Zuwanderung aus den angrenzenden Kantonen Wallis, Bern und Freiburg. Es sei hinzugefügt, dass die schönen Kolonien von La Pierreuse, des Vanil Noir und der Chaussykette die Kantonsgrenzen grosszügig übersehen.
In dem schönen Werk von Frédéric de Tschudi aus dem Jahr 1859,
( Früher waren sie in den höchsten Bergen Deutschlands, der Schweiz und des Ural, deren Schmuck sie bildeten, sehr zahlreich. Die Römer fingen oft hundert oder zweihundert von ihnen lebend und brachten sie nach Rom für ihre Zirkuskämpfe.Verschiedene Gründe erklären ihr schnelles Verschwinden: Sie vermehren sich nicht stark, und sie sind so wenig scheu, dass der Jäger bereits in Schussweite ist, ehe sie an Flucht denken. Die Natur des Landes, in dem sie leben, setzt sie grossen Gefahren aus; Lawinen, Steinschläge, die Gletscherbewegungen, die Zerstörung von vielen ihrer alten Weiden machen ihr Leben immer schwieriger. Es ist möglich, dass die Steinböcke in der Schweiz im 15. Jahrhundert noch sehr zahlreich waren. ) Das ist, kurz zusammengefasst, die Geschichte des Steinbocks in den Waadtländer Alpen.
Aus dem französischen Teil. Übersetzt von Roswitha Beyer, Bern
Piz Roseg von der Schneekuppe aus Inhalt