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Didier van Cauwelaerts Roman, 1994 mit dem ′Prix Concourt′ ausgezeichnet, gibt der in der französischen Literatur oft behandelten Immigrantenthematik eine überraschende Wendung: Der junge Aziz, nach einer Polizeirazzia ausgewiesen, fliegt mit einem "Integrationsbeauftragten" in seine vermeintliche Heimat Marokko. Dort verkehren sich die Verhältnisse: Der Schützling wird zum Fürsorger, des Leben des Fürsorgers gerät aus den Fugen... Ungekürzte und unbearbeitete Textausgabe in der Originalsprache, mit Übersetzungen schwieriger Wörter am Fuss jeder Seite, Nachwort und Literaturhinweisen.
Portrait
Didier van Cauwelaert, 1960 in Nizza geboren, hat seit seinem literarischen Debüt ein sehr umfangreiches und vielgestaltiges Werk vorgelegt. Bereits im Alter von 9 Jahren schickte er das Manuskript für einen Kriminalroman an den Gallimard-Verlag und war sich sicher, dass er als jüngster Schriftsteller gedruckt werden und in die Literaturgeschichte eingehen würde. Doch erst 1981 interessierte sich ein Verleger für den Autor. Dieser hatte sich in der Zwischenzeit einige Jahre dem Theater gewidmet. Er war als Schauspieler in einem Sartre-Stück aufgetreten und hatte sich als Regisseur einiger Inszenierungen von Beckett, Anouilh und Ionesco hervorgetan. Einige Zeit betätigte er sich auch als Kritiker für Kinderliteratur. Mit der Veröffentlichung von Romanen wie 'Vingt ans et des poussières' (Prix Del Duca 1982), 'Poisson d'amour' (Prix Roger Nimier 1984), 'Les vacances du fantôme' (Prix Gutenberg 1987) erreichte er ein immer grösseres Publikum. Der grösste Erfolg wurde ihm mit dem Prix Goncourt 1994 zuteil, den die Jury ihm für 'Un aller simple' zuerkannte. 'Un aller simple' wurde 2000 von Laurent Heynemann nach einem von van Cauwelaert selber verfassten Skript verfilmt. Neben zahlreichen Romanen hat van Cauwelaert Theaterstücke und Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben, zeichnet aber auch verantwortlich für die von Franck Bonnet illustrierte Comic-Reihe 'Vanity Benz'. Seine Bücher sind bislang in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt worden.
Geschichte über Kultur und Identität - mit interessanter Wendung
von einer Kundin/einem Kunden
am 26.08.2010
Man nimmt das Buch in die Hand und denkt so bei sich: Ach ja, noch ein Autor, der auf den interkulturellen Zug aufspringt, vielleicht schon ein bißchen ausgelutscht, die Thematik, aber eine ganz nette Idee, und weil man in Frankreich ohnehin nicht um eine Beschäftigung mit der Maghrebproblematik herumkommt,...Man nimmt das Buch in die Hand und denkt so bei sich: Ach ja, noch ein Autor, der auf den interkulturellen Zug aufspringt, vielleicht schon ein bißchen ausgelutscht, die Thematik, aber eine ganz nette Idee, und weil man in Frankreich ohnehin nicht um eine Beschäftigung mit der Maghrebproblematik herumkommt, kauft man es schließlich doch. Und dann kommt etwas ganz anderes, wirklich Gutes und Interessantes: Ein Roman nämlich über einen scheinbar Fremden, Heimatlosen - das maghrebinische Findelkind Aziz - und den urfranzösischen Gegenpart - den attaché humanitaire, der Aziz in seine "Heimat" zurückbegleiten soll -, der kulturell scheinbar festverankert, verortet ist. Und doch ist er der eigentlich Heimatlose in dieser Geschichte. Im Laufe der Erzählung findet der französische Staatsbeamte seine eigentliche Heimat in den imaginary landscapes eines von Aziz beschriebenen, fiktiven Ortes in Marokko, während der vermeintlich wurzellose maghrebinische Immigrant Aziz konsequenterweise in das Land zurückkehrt, das seine eigentliche Heimat ist - Frankreich - und dort durch die Verwicklungen der Geschichte schließlich zu einem festen Platz in der Gesellschaft kommt.
Van Cauvelaert gelingt es, in diesem Roman zweierlei zu verbinden: Auf der einen Seite schreibt er einen psychologischen Roman, der uns tief in die kulturellen und persönlichen Identitäten und Identitätskrisen der Protagonisten entführt, auf der anderen Seite ist der Subtext dieses Buches ganz klar politisch und nimmt Stellung zu einem der wichtigsten gesellschaftlichen Probleme des gegenwärtigen Frankreichs. Beide Aspekte werden geschickt in eine durchaus gefällige Prosa eingewoben, ohne zu belehren oder zu moralisieren.
"Un aller simple" (dt. "Das Findelkind" - übrigens ein sehr unglücklich gewählter Titel) ist aber trotz der leichten Feder, mit der das Buch verfaßt ist, kein einfacher, kein leichter Roman, und er ist im Gegenteil in jeder Hinsicht vor allem ein tieftrauriger Roman, der sehr viel zu sagen hat.
Ob das Buch für den Fremdsprachenunterricht besonders geeignet ist, ist allerdings meines Erachtens durchaus zu bezweifeln. Trotz relativ einfacher Satzstrukturen greift das Buch auf einen umfangreichen umgangssprachlichen Wortschatz zurück, über den Fremdsprachenschüler in der Regel wahrscheinlich noch nicht verfügen - und möglicherweise ist dies auch nicht gerade der Wortschatz, von dem wir sagen würden, daß es wünschenswert ist, ihn zu allererst zu erwerben. Andere Texte bieten sich daher m.E. rein vom Spracherwerb her mehr an. Gleichwohl ist der Text von der Aktualität des Themas her natürlich sehr gut für den Fremdsprachenunterricht geeignet, zumal er den Schüler eben, wie gerade erwähnt, nicht nicht mit moralisierenden Phrasen erschlägt.