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Anspruch nehmen würde, beschränke ich mich auf die Erwähnung des Wichtigsten und verweise im Uebrigen auf die ausgezeichnete Bibliographie der gallo-romanischen Mundarten von D. Behrens (französische Ausgabe von E. Rabiet, Berlin 1893), die für die Jahre 1892 bis 1902 von D. Behrens und J. Jung in der Zeitschrift für französische Sprache und Litt. (Bd. 25, I, S. 196-266) fortgesetzt worden ist. Die Redaktion des Glossaire des patois de la Suisse romande bereitet eine neue Bibliographie vor, die namentlich mit Bezug auf die im Dialekt geschriebenen Werke vollständiger sein soll. Die selbe Redaktion sammelt seit 1899, unter Beistand des Bundes und der französischen Kantone, die Materialien für ein vollständiges Wörterbuch (ähnlich dem Schweizerischen Idiotikon). Sie legt in den Rapports annuels über ihre Tätigkeit Rechenschaft ab und sucht durch das Bulletin du Glossaire, eine seit 1902 erscheinende kleine Zeitschrift, für die mundartlichen Studien Interesse zu erwecken.
Hauptsächliche Werke über unsere Mundarten. I. Allgemeine Werke: Bridel, Ph., et L. Favrat. Glossaire des patois de la Suisse romande. (Mémoires et documents publ. par la Soc. d'histoire de la Suisse rom. 21). Lausanne 1866. - Das schon erwähnte Werk von J. Zimmerli gibt Abrisse der Phonetik und Formentabellen. - Jaberg, K. Ueber die assoziativen Erscheinungen in der Verbal flexion einer südostfranzösischen Dialektgruppe. Aarau 1906. - Luchsinger, Chr. Das Molkereigerät in den romanischen Alpendialekten der Schweiz (im Schweizer. Archiv für Volkskunde. IX). - Gignoux, L. La terminologie du vigneron dans les patois de la Suisse rom. (in der Zeitschrift für roman. Philologie. 26). –
II. Arbeiten über bestimmte Einzelgebiete.
a) Kant. Bern: Schindler, D. Vokalismus der Mundart von Sornetan. Leipzig 1887. - Degen, W. Das Patois von Crémines. Halle 1896. - Degen, W. Die Konjugation im Patois von Crémines (in: Aus romanischen Sprachen und Litt. 1905). - Alge, A. Die Lautverhältnisse einer Patoisgruppe des Berner Jura. St. Gallen 1904. –
b) Kant. Neuenburg: Haefelin, F. Die Mundarten des Kant. Neuenburg (in der Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 21). - Urtel, H. Beiträge zur Kenntnis des Neuenburger Patois. I: Vignoble und Béroche. Darmstadt 1897. - Vouga, P. Essai sur l'origine des habitants du Val de Travers. Halle 1906. –
c) Kant. Freiburg: Haefelin, F.: Les patois romans du canton de Fribourg (in Lemcke's Jahrbuch. 15, 1879). - Gauchat, L. Le patois de Dompierre (in der Zeitschrift für roman. Philologie. 14). - Savoy, H. Essai de flore romande. Fribourg 1900. - Gauchat, L. L'unité phonétique dans le patois d'une commune (in Aus roman. Sprachen und Litt. 1905). –
d) Kant. Waadt: Odin, A. Phonologie des patois du tant. de Vaud. Halle 1886. - Odin, A. Etude sur le verbe dans le patois de Blonay. Halle 1887. - Odin, Mme L. Glossaire de Blonay (im Druck). - Byland, A. Das Patois der Mélanges vaudois von L. Favrat (in der Zeitschrift für französ. Sprache und Litt. 25). –
e) Kanton Wallis: Cornu, J. Phonologie du Bagnard (in der Romania. VI). - Gilliéron, J. Patois de la commune de Vionnaz (in der Bibliothèque de l'École des Hautes-Études. 40. fascicule). - Lavallaz, L. de. Essai sur le patois d'Hérémence. Paris 1899. –
f) Kanton Genf: Vergl. die schon angeführte Arbeit von E. Ritter. - Duret, V. Grammaire savoyarde; publ. par E. Koschwitz. Berlin 1893. –
3) Wichtigste Sammlungen von mundartlichen Texten: Recueil de morceaux choisis ... Lausanne 1842. - M(oratel), J. L. Bibliothèque romane. I (nicht mehr erschienen). Lausanne 1855. - Appendice des schon erwähnten Glossaire von Bridel und Favrat. - Le patois neuchâtelois; publ. par la soc. d'histoire. Neuchâtel 1895.
5. Mundartliche Literatur.
Das Verschwinden der welschen Mundarten als Literatur-Sprache ist kaum zu bedauern. Nicht dass sie nicht im Stande gewesen wären, hochpoetische Gefühle auszulösen, gilt ja doch Mistral als der Homer seiner heimatlichen Mundart! Unser Welschland kann sich allerdings keines solchen Mannes rühmen, besitzt aber doch eine - freilich sehr bescheidene - Dialektliteratur, die ich hier nicht gänzlich ausser acht lassen möchte.
Schriftwerke in der Mundart treten erst spät auf. Die ältesten Erzeugnisse von Wert sind die die Genfer Escalade von 1602 besingenden und aus dem 17. Jahrhundert stammenden Chansons de l'Escalade. Die bequemste Ausgabe des Cé qu'è lainô ist von E. Ritter besorgt worden und 1900 in Genf erschienen; einen Neudruck der Ausgabe von 1702 bietet Jullien (Moutiers-Tarentaise 1903). Die übrigen auf die Escalade bezüglichen Lieder können im Recueil des chansons de l'Escalade (Genève 1845) nachgelesen werden. Dem gleichen Gedankenkreis gehören an die Chanson de Rocati (Ausgabe von P. P. Plan. Genève 1903) und die Conspiration de Compesières (ältestes Manuskript von 1695; veröffentlicht durch Ph. Plan. Genève 1870).
Im Waadtland beginnt die mundartliche Literatur mit dem Conto dau Craizu, einer humoristischen Gerichtsszene aus dem 18. Jahrhundert, zuletzt veröffentlicht von L. Gauchat, Lausanne 1906 (Separatabdruck aus dem Bulletin du Glossaire. V). Ungefähr zur gleichen Zeit tritt auch Freiburg auf den Plan mit einer verunglückten Uebersetzung von Vergil's Bucolica durch den Advokaten Python (Fribourg 1788; Neudruck in J. Moratel's Bibliothèque romane. Lausanne 1855). Die Neuenburger Erzählung La saboulée dè Borgognons berichtet in lebhaftem Stil von einer Episode aus den Burgunderkriegen (die in Locle 1861 erschienene Ausgabe ist, wie diejenige in der Sammlung Le patois neuchâtelois sehr schlecht). Der Berner Jura darf sich des Werkes Les Painies des katholischen Pfarrers Raspieler rühmen, einer aus dem Jahr 1736 stammenden, in Nachahmung eines Gedichtes aus Besançon entstandenen beissenden Satire auf die Reifröcke (beste Ausgabe von A. Rossat im Schweizer. Archiv für Volkskunde. VIII & IX).
Der Dialekt hat besonders für politische und satirische Ergüsse Verwendung gefunden. So besitzt Genf eine ganze kleine Literatur von Pamphleten und Gelegenheitsgedichten. Das beste Stück dieser Art ist die im Dialekt der Ajoie geschriebene Tchenson pauvriotique des Louis Valentin Cuenin, ein Verzweiflungsschrei des armen Teufels, der als Kanonenfutter dienen muss, vor dem aber die Grossen der Erde eines Tages doch Rechenschaft ablegen werden. Der Maler Hornung aus Genf verdankt dem Dialekt einen grossen Teil des Aufsehens, den seine bittern Satiren Les gros et les menus propos erregt haben.
Deren bekannteste ist die 1855 zum erstenmal erschienene Création du monde. Das eigentlichste Gebiet der Mundart ist aber die Anekdote. Aus der grossen Menge von sehr beliebten kleinen Erzählungen in Prosa und in Versen hebe ich hervor diejenigen des liebenswürdigen und auf die fürstliche Vergangenheit von Valangin stolzen G. Quinche;
ferner die ausgezeichneten kleinen Sittenbilder von Louis Favrat, die den Mutterwitz und den gesunden Sinn des Waadtländer Bauern so wohl illustrieren;
dann die Schwänke von Ch. Dénéréaz, der den Wörterreichtum seiner Muttersprache hervorzuheben liebt und uns immer mit einem herzlichen, gutmütigen Lachen entlässt;
endlich die feinen Stücke von L. Courthion, der sich hauptsächlich mit den Legenden und alten Ueberlieferungen seines heimatlichen Bagnesthales beschäftigt.
Viele weniger gelungene, dafür aber meistens sehr lustige Anekdoten anderer Autoren füllen die Spalten des wackern Conteur vaudois, des Jura und des Pays du dimanche, des Ami du peuple, des Valais romand, sowie vieler anderer volkstümlicher Zeitungen und Kalender. Auch einige Zeitschriften, wie der Conservateur suisse, die Étrennes fribourgeoises und das Musée neuchâtelois, machen sich eine Pflicht daraus, die kostbarsten Dialektstücke abzudrucken und sie so einer unverdienten Vergessenheit zu entziehen.
Als einziger Schriftsteller, dem die Behandlung ernsthafter Vorwürfe im Dialekt gelungen ist, kann Louis Bornet genannt werden. Er hat uns u. a. die frische Idylle Lè tsevrês geschenkt, in der ein Kampf zweier Ziegenböcke entscheidet, welchem ihrer beiden Liebhaber die reizende Goton ihr Herz schenken wird (schöne Ausgabe von J. Reichlen im 3. Band der Gruyère illustrée).
Vergessen wir zum Schluss nicht die Volkslieder und Sprichwörter, die zum Gemeingut der Völker gehören, oft aber mit dem deutlichen Stempel unseres Geistes versehen werden. Das Volk lebt sich in sie hinein und verleiht ihnen ein Stück seiner Seele. Unsere besten Volksliedersammlung en sind diejenigen von J. Cornu (in der Romania IV), J. Reichlen (in der Gruyère illustrée. IV, V) und ¶
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A. Rossat (im Schweiz. Archiv für Volkskunde. III ff.). Sprichwörter haben gesammelt: J. Chenaux und J. Cornu (in der Romania. VI), G. Pfeifer (im Bulletin du Glossaire. III) und J. Surdez (im Bulletin du Glossaire. IV); ferner finden sich solche im 7. Band des Conservateur suisse. Unter den Liedern des westschweizerischen Volkes steht an erster Stelle der berühmte Ranz des vaches (Kuhreihen) mit seiner herrlichen Melodie, die die Schweizersöldner in der Fremde mit Heimweh erfüllte und zur Desertion trieb. Das letzte Dialektwort, das dereinst auf unsern Lippen ertönen wird, wird das liôba! liôba! seines Refrains sein.
[Prof. Dr. L. Gauchat.]
III. Italienisch.
1. Einleitendes.
Das ganze der Südflanke der Alpen angehörige Gebiet der Schweiz hat mit Ausnahme der beiden Walliser Dörfer Gondo und Simpeln, sowie des Tessiner Dorfes Bosco als Amts- und Kultursprache das Italienische angenommen. Ferner ist das Italienische auch Kirchen- und Schulsprache im ladinischen Dorf Bivio-Stalla (im Oberhalbstein). Unter «italienisch» verstehen wir hier diejenige Sprache, die infolge ihrer inneren Vorzüge, sowie durch den Einfluss der sich ihr zuerst bedienenden Stadt Florenz und der ihr vom leuchtenden toskanischen Dreigestirn (Dante, Boccaccio und Petrarca) verliehenen Macht als literarischem Idiom über alle Dialekte des Halbinsellandes Italien und der dazu gehörenden Inseln die Herrschaft erlangt und alle übrigen lokalen Schriftsprachen, die sich neben ihr gebildet, verdrängt hat. Unter diesen letztern befand sich die lombardische Schriftsprache, die nach der Zeit der ausschliesslichen Verwendung des Lateinischen und vor dem Aufkommen des Toskanischen sicherlich in den später die italienische Schweiz bildenden lombardischen Landschaften ebenfalls als Sprache der Kultur gedient hat.
Der Gebrauch des Toskanischen beschränkt sich jedoch auf die nicht zum Alltagsleben gehörenden Bedürfnisse; es ist die allgemein übliche Schriftsprache, wird dagegen als gesprochene Sprache bloss in der Kirche und Schule, vor Gericht und im Ratssaal, in Vereins- und Volksversammlungen, sowie im mündlichen Verkehr mit Italienern aus andern Landesteilen und mit Ausländern verwendet. In allen übrigen Fällen des mündlichen Verkehrs bedient man sich der lokalen Dialekte, die zwar zahlreiche örtliche Unterschiede zeigen, aber doch (mit Ausnahme des deutschen Dialektes von Bosco) in ihrer Gesamtheit den gemeinsamen Typus der lombardischen oder, genauer gefasst, der westlombardischen Mundart darstellen. Die Verbreitungsgrenze dieses auch als «zisabduanisch» (d. h. diesseits oder rechts der Adda herrschend) bezeichneten Typus wird im Grossen durch die Alpen, den Po, die Sesia und die Adda bestimmt.
Der lombardische Dialekt bildet zusammen mit den Dialekten des Piemont, Liguriens und der Emilia eine besondere mundartliche Gruppe, die wegen ihrer Verwandtschaft mit den transapenninischen Idiomen einerseits und den transalpinen anderseits als gallo-italische Gruppe bezeichnet wird. Erscheinungen, welche das Lombardische mit dem Italienischen gemein hat, sind unter anderm die Verwandlung von lateinischem pl, bl, cl, gl, fl in py, by, ky, gy, fy, die heute teilweise (ky, gy) zu neuen Resultaten fortgeschritten sind. So entspricht lombard. pyana, čaf dem italien. pinna, chiave, während das Französische den Anlaut von plaine, clef intakt erhielt.
Ein wichtiger Charakterzug, der das Lombardische mit dem Toskanischen verbindet, ist der Verlust des auslautenden -s, wie in lat. tempus = ital. tempo = lombard. temp, oder lat. cantas = ital. canti = lombard. te ca.nti oder ca.nta, gegenüber französ. temps, chantes. Der Abfall des -s hatte auch in der Pluralbildung der Substantive wichtige Konsequenzen. Von den einzig übrig gebliebenen lateinischen Kasus des Plurals muri und muros wurde der zweite durch den Verlust des -s gleichlautend mit dem Singular muro, sodass der Toskaner und der Gallo-Italiker sich gezwungen sahen, die Form muri zur Bezeichnung des Plurals zu wählen. Im Französischen fällt umgekehrt -i ab, während -s bleibt. Dadurch wurde hier der alte Nominativ unbrauchbar und setzte sich der Akkusativ als Pluralform fest.
Anderseits stimmt das Lombardische sehr oft eher mit dem Französischen überein, z. B. in folgenden wichtigen Punkten, die wir als charakteristisch hervorheben:
1) in den Lauten ö und h, die das Toskanische nicht kennt, z. B. lombard. kör, französ. cœur, ital. cuore; lombard. mür, französ. mur, ital. muros 2) im Abfall der unbetonten Endvokale e, i, o, wie aus den selben Beispielen ersichtlich ist;
3) in der teilweisen oder ganz durchgeführten Nasalierung der Vokale vor -n: lombard. paŋ und pã, französ. pain, ital. pane;
4) latein. p und t werden zwischen Vokalen zu v und d, so in lombard. savę, französ. savoir, ital. sapere, oder in lombard. canta.da, altfranzös. chantede (woraus später chantée), ital. cantata. Man vergleiche ferner noch lombard. piazę und französ. plaisir mit ital. piacere, mailändisch pyasa und französ. place mit ital. piazza u. s. w. Auch die Behandlung des Personalpronomens ist gleich wie im Französischen, z. B. mailänd. el canta = französ. il chante, während der Italiener das Pronomen auslassen kann: canta. Die Hervorhebung der Person erfolgt ebenfalls wie im Französischen: lombard. mi a ka.nti, französ. moi je chante.
Natürlich hat die Gruppe der lombardischen Dialekte auch eigene Charakterzüge, die weder im heutigen Toskanischen noch im modernen Französisch wiederkehren. Dahin ist vor allem zu rechnen die Pluralbildung, die (wie im Deutschen) auf Umlaut beruht. So z. B. mailänd. vęč, Plural vič = alt; valm. špọs, Plural špüs = Gatte; fọrt, Plural fört = stark (vergl. im Deutschen Hut - Hüte, Loch - Löcher etc.). Weitere Einzelheiten werden nachher bei der Besprechung der lombardischen Dialektspaltungen noch zu erwähnen sein.
2. Geographische, historische und ethnische Grundlagen der Dialekte der italienischen Schweiz.
Das italienisch sprechende Gebiet der Schweiz stellt keine geographische Einheit dar. Es verteilt sich auf drei Landschaften, von ungleicher Grösse, die durch dem italienischen Königreich zugehörige Territorien voneinander geschieden werden und unter sich nicht direkt zusammenhängen. Der weitaus grösste dieser drei Teile mit etwa 140000 Einwohnern wird durch die Mesolcina und den Kanton Tessin gebildet und gehört fast ausschliesslich dem obern Flussgebiet des Tessin und des nördlichen Langensees an, den zweiten Teil stellt das zum Liro (Einzugsgebiet der Adda) sich entwässernde Val Bregaglia (Bergell) mit etwa 1600 Einwohnern dar, und der dritte Teil ist das ebenfalls zum Einzugsgebiet der Adda gehörige Val Poschiavo oder Puschlav mit ungefähr 4200 Ew. Alle drei entbehren einer einheitlichen geographischen Geschlossenheit.
Sogar der erstgenannte grösste Abschnitt muss als ein fast zufälliges Aggregat bezeichnet werden, da der (mit Ausnahme des zum Comersee sich entwässernden Val di Muggio) zum Einzugsgebiet des Luganersees gehörige Sottoceneri dem Sopraceneri mehr nur äusserlich angegliedert als wirklich organisch einverleibt erscheint. Stets hat er sich zu diesem sowohl mit Bezug auf seine politischen wie wirtschaftlichen Anschauungen und Interessen in Gegensatz gestellt. Dazu kommt, dass ihn nicht durchwegs natürliche Grenzen vom benachbarten Königreich Italien scheiden. Ein zusammenhängendes organisches Ganzes bildet einzig der Sopraceneri (mit der Mesolcina), der das gesamte obere Einzugsgebiet des Tessin umfasst und im Westen vom Mündungsgebiet der Tosa, im Osten von demjenigen der Adda (Val del Liro) und oberen Comersee klar begrenzt erscheint.
Wie die italienische Schweiz der geographischen Einheitlichkeit ermangelt, fehlt ihr auch der historische und politische Zusammenhang sowohl in der Gegenwart als - in noch verschärftem Masse - in der Vergangenheit. Sind doch die Mesolcina, das Bergell und das Puschlaverthal politisch vom Kanton Tessin geschieden, und dem Kanton Graubünden angegliedert. Vor ihrer Zuteilung zur schweizerischen Eidgenossenschaft teilten die in Frage stehenden Gebiete die Geschicke der verschiedenen westlombardischen Staatswesen, denen sie angehörten.
Besonders wichtig sind für uns, sowohl mit Bezug auf die staatlichen als auf die kirchlichen Verhältnisse, die Streitigkeiten zwischen Como und Mailand und, was die südlichen Bündnerthäler anbetrifft, zwischen Como, dem Bistum Chur und den weltlichen Gewalten Rätiens. Die Bündner Thäler schlossen sich dann freiwillig dem Grauen Bund an, wodurch sie den übrigen Gliedern dieses Bundes an Rechten und Pflichten gleichgestellt wurden. Anders stand es mit dem Tessin, dessen ¶