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Die aussterbende Kunst der Gesichts-Tattoos bei den Amazigh-Frauen
Vielleicht fragst du dich als erstes: Wer sind denn die Amazigh-Frauen?
Der geläufigere Namen für Amazigh-Frauen ist Berber-Frauen. Mir war jedoch nicht bewusst, dass Berber ein abwertender Begriff ist, abgeleitet von “Barbaren”. Damit wird schon deutlich, wie Amazigh-Frauen in der Vergangenheit und zum Teil auch heute wahrgenommen werden. Sie selbst nennen sich Amazigh, was “freie Menschen” oder “edle Menschen” bedeutet. Imazighen ist der Oberbegriff für verschiedene indigene Gruppen in Libyen und anderen Teilen Nordafrikas, die keine Araberinnen sind.
Vor der arabisch-muslimischen Eroberung Nordafrikas im siebten Jahrhundert waren die Amazigh-Frauen matriarchal organisiert. Heute ist die indigene Gruppe hauptsächlich arabisiert und ihre ursprünglichen Lebensweisen werden unterdrückt. Von der Atlantikküste Marokkos über Ägypten sowie Mali und Niger gehören 30 bis 40 Millionen Menschen zu den Imazighen. Sie sind eine ins Abseits geschobene Minderheit in Nordafrika, deren kulturelle Identität, Werte und Sprache (Tamazight) oft keine Anerkennung finden. Dabei spielten die Amazigh-Frauen einst eine wichtige Rolle in der Geschichte Nordafrikas und teilten die Entscheidungsmacht mit den Männern.
Eine sehr alte Tradition der Amazigh-Frauen ist die traditionelle, dunkelblau oder blaugrüne Tätowierung, die Oushem genannt wird.
Die Tattoos sprachen ihre eigene Sprache. Sie zeigten zunächst einmal den Familienstand an. Lief das Tattoo von der Unterlippe über die Länge des Kinns, zeigte sie an, dass die Frau verheiratet ist. Lief es zwischen den Augenbrauen, zeigte es an, dass sie verlobt ist, befand es sich auf der Nase, bedeutete es, dass die Frau geschieden ist.
Diese Tattoos befanden sich um die Öffnungen des Körpers wie Augen, Nase und Mund, aber auch Nabel oder Scheide und anderen Körperoberflächen, die als verletzlich galten sowie an den Unterarmen, Handgelenken und den Waden.
Sie dienten auch als Schutz vor bösen Geistern, die versuchen könnten, in den Körper der Frauen einzudringen und sie zu besitzen. Ein tätowierter Punkt auf der Nase oder am Auge konnte böse Geister fernhalten.
Zwischen den verschiedenen Volksstämmen variieren die Ornamente. Die symmetrischen Linien und Kreuze wurden durch die Natur und durch Tiere, wie Skorpione, Schmetterlinge, Schlangen, Krebse, Fische inspiriert, aber auch durch Himmelskörper wie Mond und Sterne oder durch Bäume, wie Eschen, Feigenbäume und Palmen.
Die Symbole hatten unterschiedliche Bedeutungen. Der Baum stand für Fruchtbarkeit. Frosch und Spinne standen für Fruchtbarkeit und magische Riten. Schlangen repräsentierten Fruchtbarkeit und Heilung. Fischgräten repräsentierten Wasser, Wohlstand und Fruchtbarkeit.
Die Eidechse stand für Wiedergeburt und Licht. Fliegen und Bienen für Ausdauer und Energie. Die Diamantform stand für den Schutz des persönlichen Raumes.
Bei wichtigen Übergangsriten bekamen die Mädchen im Alter von 11 bis 14 Jahren ihr erstes Tattoo. Die zu stechenden Muster wurden zunächst vorgezeichnet und anschliessend mit einer Nadel oder mit Zitronenbaumdornen in die Haut gestochen. Die blaue Farbe wurde aus zerstossenen Blättern der Indigo-Pflanze gewonnen, alternativ wurde Russ oder Holzkohle verwendet. Die gestochenen Körperstellen wurden anschliessend mit einer Pflanze namens Kheddira eingerieben, die einen grünen Farbstoff beinhaltet. So erhielt man die traditionelle grüne Farbe.
Zum ersten Tattoo bekamen die Mädchen auch Ratschläge geliefert, denn die Frauen, die die Tattoos stachen, waren die Hüterinnen uralten Wissens und wussten um magische Medizin.
Das Stechen der Tattoos stand ursprünglich für Ehre und Stolz der Stämme. Durch den Zuzug der Amazigh-Frauen in die Städte im 20. und frühen 21. Jahrhundert wurde die Tradition der Tattoos kaum mehr durchgeführt. Ein wichtiger Faktor war dabei, dass das Stechen von Tattoos in der islamischen Glaubenslehre überwiegend als verboten angesehen wird, da die Ansicht besteht, dass der Körper von Allah nur geliehen ist und nicht verändert werden darf. Viele Muslime sehen im Tätowieren eine Verschandelung des Körpers, das Tattoo ist für sie “haram”, also schlecht, schändlich, verboten.
Die Nomadenvölker haben sich diesem Einfluss lange entzogen. Trotzdem findet man heute keine Frau mehr unter dreissig, die noch traditionelle Tattoos trägt. Aus dem Oushem, der traditionellen Tätowierung, die einst der Stolz der Nomadenfrauen war, wurde also durch die Islamisierung eine Verschandelung des Körpers. Und so sind es die Amazigh-Grossmütter, die diese Tradition noch verkörpern, aber es werden immer weniger…
Text: Karin Hangartner
Foto: Emily Hasson Pixabay
Hier wäre noch eine interessante Doku von 8 Minuten zum Thema:
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