Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/816

Mit Kinderaugen – The Boy in the Striped Pyjamas von Mark Herman
Preisgekrönte Filme wie Schindler’s List oder La vita è bella mögen die Diskussion mittlerweile obsolet erscheinen lassen, doch die Frage, ob der Holocaust zum Thema eines Films taugt, stellt sich mit jedem Versuch von neuem. Wie kann man darstellen, was sich schlechterdings nicht darstellen lässt? Stanley Kubrick etwa ist beim Versuch, einen Film über den Holocaust zu drehen, fast verzweifelt. Auch er konnte das Dilemma nicht auflösen, dass ein ungeschönter Blick in diesem Fall schlicht nicht möglich ist; die Grausamkeit des Konzentrationslager lässt sich unmöglich in „realistischen, ehrlichen Bildern“ auf die Leinwand bringen. Wie also mit dem Problem der Nichtdarstellbarkeit umgehen?
The Boy in the Striped Pyjamas wählt einen ähnlichen Weg wie La vita è bella, er zeigt die Ereignisse aus der Sicht eines kleinen Kindes. In diesem Fall allerdings nicht eines Opfers; Protagonist Bruno (Asa Butterfield) ist vielmehr der Sohn des Kommandanten von Auschwitz. Zu Beginn des Films wurde der Vater gerade auf seine neue Stelle befördert, und die Familie zieht, sehr zum Missfallen Brunos, von Berlin weg, in ein festungsähnliches Haus in unmittelbarer Nähe des Lagers.
Der achtjährige Bruno hat natürlich kein Verständnis für Politik; vielmehr bewundert er seinen Vater zu Beginn blind und spielt mit Begeisterung Soldat. Doch zum Spielen gibt es in dem neuen Zuhause leider niemanden und so nähert sich Bruno entgegen dem elterlichen Verbot eben doch dem nahe gelegenen „Bauernhof“, dessen Arbeiter alle seltsame „gestreifte Pyjamas“ tragen, und freundet sich durch den Stacheldrahtzaun mit einem gleichaltrigen Jungen namens Shmuel (Jack Scanlon) an.
Um es gleich vorwegzunehmen: Plausibel ist die Geschichte der Freundschaft zwischen dem KZ-Häftling und dem Sohn das Nazi-Offiziers nicht. Doch für den Film erweist sie sich von erstaunlicher dramaturgischer Effizienz. Der naive Blick Brunos ermöglicht es dem Film, indirekt von all den Dingen zu erzählen, die sich eben nicht erzählen lassen.
Die gleichnamige Vorlage des irischen Schriftstellers John Boyne wurde mit zahlreichen Jugendbuchpreisen ausgezeichnet, und auch der Film richtet sich deutlich an ein jugendliches Publikum. Erfreulicherweise verkneift sich Regisseur Mark Herman dennoch jeglichen erklärenden Gestus und hält seine Zuschauer für intelligent genug, um es bei viel wirkungsvolleren Andeutungen zu lassen. Wenn Bruno schon beim Einzug die qualmenden Schornsteine sieht und man ihm auf die Frage, was denn hier verbrannt wird, mit einer Lüge antwortet, dann ist das effizienter als jeder erklärende Exkurs. Besonders eindrücklich zeigt der Film, dass beide Jungen gleichermassen belogen werden: Selbst Shmuel weiss nicht genau, was im Lager wirklich vor sich geht; auch ihn will man schonen und erzählt ihm deshalb, dass seine Grosseltern bei der Ankunft im Krankenhaus gestorben seien und dass in den Öfen Stroh verbrannt wird.
Hat man sich mal an die unwahrscheinliche Ausgangslage und die Tatsache gewöhnt, dass alle Schauspieler edelstes Bühnenenglisch sprechen, entwickelt der Film einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann – bis zum bitterst möglichen Ende. Man kann die dramaturgische Präzision kritisieren und den Film als raffiniertes Melodram abtun, man mag die etwas zu schönen Bilder für unpassend halten, doch seinem eigenen Anspruch, den Holocaust einer neuen Generation nahe zu bringen, wird The Boy in the Striped Pyjamas auf jeden Fall gerecht.
Erschienen auf cineman.ch.
The Boy in the Striped Pyjamas in der Internet Movie Database