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Alpinbau – Neue Staumauer für die Energiewende
Die Planer und Erbauer der Staumauer Spitallamm leisteten in den 1930er-Jahren Pionierarbeit. Die Mauer an der Grimsel ist eine der ersten grossen sogenannten Bogengewichtsmauern, eine Mauer also, die einerseits das Wasser durch ihr Gewicht und andererseits durch ihre Abstützung links und rechts im Fels zurückhält. Gebaut wurde die Mauer Spitallamm zwischen 1925 und 1932. Talauswärts ist sie in markante, regelmässige Stufen gegliedert und misst vom Fundament bis zur Krone 114 Meter. Damit war sie zur Zeit des Baus eine der höchsten Talsperren überhaupt. Der bekannte Hoover-Damm in den USA beispielsweise, der ebenfalls eine Bogengewichtsmauer ist, wurde erst 1935 fertiggestellt, die Staumauer in Mauvoisin 1957 und die Grande Dixence 1961.
Zeitgleich mit der Staumauer Spitallamm bauten die KWO die Gewichtsmauer an der Seeuferegg. Die beiden Mauern ermöglichen seither die Stauung des Grimselsees. Dieser ist mit rund 94 Millionen Kubikmeter Stauvolumen das mit Abstand wichtigste Wasserreservoir für die Stromproduktion der KWO.
In den 1960er-Jahren wurde durch präzise Abklärungen und Kontrollen ersichtlich, dass aufgrund der damaligen Bauweise und späterer Ausbesserungen bei der Staumauer Spitallamm eine sogenannte vertikale Bauwerkstrennung besteht. Das heisst, die Mauerkrone und der Vorsatzbeton hatten begonnen, sich vom Rest der Mauer, dem Massenbeton, zu separieren und gegen den Grimselsee hin zu bewegen. Über die Jahre hinweg akzentuierte sich diese Trennung.
Die Verantwortlichen der KWO beschlossen, nötige Sanierungsarbeiten im Rahmen einer möglichen Erhöhung der beiden Staumauern an der Grimsel vorzunehmen. Ziel der Projektplaner war es, den Vorsatzbeton abzubrechen und durch neuen Beton zu ersetzen, der besser mit der bestehenden Mauer, dem Massenbeton, verankert wäre. Bei weiteren Abklärungen zeigte sich jedoch, dass im Massenbeton der Mauer möglicherweise eine Alkali-Aggregat-Reaktion stattfindet, eine unerwünschte chemische Reaktion, die langfristig zu Betonschäden führen kann. Hinzu kam, dass sich mehr und mehr Sedimente vor der Mauer sammelten, was zu einer Verlandung der Grundablassinstallationen auf der Wasserseite der Staumauer führte. Die KWO sahen aufgrund dieser Befunde von einer Sanierung der Mauer ab und begannen stattdessen im Herbst 2015 mit den Projektierungsarbeiten für einen Neubau. Dies auch, weil die Aufsichtsbehörde des Bundes für die Talsperren, das Bundesamt für Energie, von den KWO forderte, die KWO müssten bis im Jahr 2017 ein genehmigungsfähiges Bauprojekt zur Instandsetzung der Staumauer Spitallamm vorlegen – und zwar unabhängig davon, ob nun die Staumauer an der Grimsel erhöht werden könne oder nicht. Für den Bau der neuen Mauer reichten die KWO Mitte Mai 2017 beim Kanton Bern ein Baugesuch mit einer entsprechenden Umweltverträglichkeitsprüfung ein. Die KWO veranschlagten die Kosten für den Bau auf rund 125 Millionen Franken.
Im Juni 2019 begannen die KWO nun mit dem Bau einer neuen, doppelt gekrümmten Bogenstaumauer, die unmittelbar vor der alten Mauer auf der talzugewandten Seite zu stehen kommt. Die alte Staumauer Spitallamm bleibt unverändert bestehen und wird später geflutet. Der Wasserdruck des Grimselsees wird künftig durch die neue Staumauer aufgefangen, ein Stollen neben der alten Mauer sorgt für den hydraulischen Ausgleich des Wasserspiegels.
Die Bauarbeiten im Hochgebirge auf knapp 1900 Meter über Meer sind logistisch äusserst anspruchsvoll. Gebaut wird während sechs Jahren jeweils von Mai bis Oktober an sieben Tagen pro Woche. Auch bei der neuen Mauer wird die Kronenhöhe rund 113 Meter betragen, die Kronenlänge rund 212 Meter. Daraus ergibt sich ein Betonvolumen von circa 220 000 Kubikmetern. Ein Grossteil des dafür notwendigen Kieses wird aus dem anfallenden Ausbruchmaterial aufbereitet und der nahe gelegenen Deponie an der Gerstenegg entnommen.
Vom Grimselnollen aus, wo auch das Alpinhotel Grimsel Hospiz steht, ist die Baustelle gut sichtbar. Mehr als 90 Jahre nach dem Bau der ersten Mauer werden also an der Spitallamm wieder die Baumaschinen auffahren. Ab 2020 wollen die KWO die Besucherinnen und Besucher an der Grimsel in einem Rundgang eingehend über die spektakuläre Hochgebirgsbaustelle informieren.
Graben in zwei Schichten an sieben Tagen pro Woche
Mit dem «Anschiessen» am 20. Juni 2019 begann der Ausbruch des Erschliessungsstollens Süd. Er ermöglicht den Zugang mit grossen Geräten sowohl zur neuen als auch zur bestehenden Staumauer. In den folgenden Wochen gruben die Arbeiter an sieben Tagen pro Woche in jeweils zwei Schichten den Stollen. Jeden Tag ging es rund sieben Meter vorwärts, sodass Ende September der neue Zugangsstollen zu den Staumauern erstellt worden war.
Parallel zum Ausbruch des neuen Erschliessungsstollens bauten die Arbeiter die Infrastruktur auf, die für den Bau der Ersatzstaumauer benötigt wird. Dazu gehören Zufahrten, die Wasser- und Stromversorgung, die Abwasseranlagen, Unterkünfte für die Arbeiter auf der Baustelle und Büros. Auf dem Grimselnollen wurden rund 40 Schlafplätze eingerichtet. Weitere 32 Schlafplätze bestanden bereits in Guttannen. So können rund drei Viertel der Arbeiter, die im Einsatz sind, vor Ort übernachten.
Eine besondere Herausforderung bei den Arbeiten ist die Nähe des Stollens zur bestehenden Infrastruktur, also zu den Hochspannungsmasten, dem historischen Alpinhotel Grimsel Hospiz, der bestehenden Staumauer und ihren Nebenanlagen. Zahlreiche Messgeräte zeichnen die Erschütterungen aus den Bauarbeiten und den Sprengungen auf. Nötigenfalls können die Bauleute entsprechend reagieren und Anpassungen vornehmen. Ende Juni begann auch der Bau einer Seilbahn, die bis zu neun Tonnen Material transportieren kann. Sie wurde zwischen der Felsflanke Juchli und dem Grimselnollen gespannt und dient unter anderem der Logistik des Aushubs, dem An- und Abtransport von Maschinen und der Versorgung mit Sprengstoff. Der Aushub wird ab Talsohle mit Baggern geladen und mit Lastwagen abtransportiert. Der Aushub im Fels wurde ab Anfang September ebenfalls an sieben Tagen pro Woche gesprengt. 2020 sollen die Aushubarbeiten beendet sein, auch das Kieswerk in der Gerstenegg und die Betonanlage am Fuss der neu entstehenden Staumauer werden dann in Betrieb genommen. Der eigentliche Bau der neuen Staumauer, die sichtbaren Betonarbeiten, beginnen 2021 und dauern bis 2025. ●