Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03588.jsonl.gz/456

Vernachlässigte Tropenkrankheiten
Mehr als eine Milliarde Menschen weltweit leiden an vernachlässigten Tropenkrankheiten (engl. «Neglected Tropical Diseases», kurz NTDs). Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert rund 20 Tropenkrankheiten als vernachlässigt. Gemeinsam haben die Krankheiten, dass sie in erster Linie die ärmsten Teile der Weltbevölkerung betreffen. NTDs, zu denen beispielsweise die Krankheiten Lepra, Flussblindheit, Elephantiasis, Schlafkrankheit, Darmparasiten, Tollwut und Schistosomiasis gehören, treten heutzutage entlang des „Tropengürtels“ auf.
Was sind vernachlässigte Tropenkrankheiten?
Auch wenn es der Begriff nicht unbedingt erahnen lässt, waren einige der vernachlässigten Tropenkrankheiten auch einmal in Europa weit verbreitet. Heutzutage treten die Krankheiten vor allem dort auf, wo es an medizinischer Versorgung, sanitären Einrichtungen und sauberem Trinkwasser fehlt.
NTDs führen meist nicht direkt zum Tod, verursachen aber Blindheit, Entstellungen und Behinderungen. Betroffene Kinder können nicht mehr mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern mithalten, und Erwachsene können nur noch unregelmässig einer Erwerbstätigkeit nachgehen.
Für Betroffene bedeuten vernachlässigte Tropenkrankheiten oft ein endloser Kreislauf aus Krankheit und Armut. Obwohl die Krankheiten grosses Leid verursachen, wird nur wenig in ihre Bekämpfung investiert. Es fehlt an Forschung, einfachen Diagnose-Methoden und wirksamen Heilmitteln. Bei einigen Krankheiten ist die Krankheitsursache sogar weitgehend unbekannt.
Ganzheitliche Sicht auf NTDs
Vernachlässigte Tropenkrankheiten stellen für fragile Gesundheitssysteme eine grosse Belastung dar. NTDs sind ein Indikator für Armut und Ungleichheit. Ihr Einfluss auf Themen der globale Gesundheit wird aber oftmals übersehen oder unterschätzt. Globale Ziele wie die nachhaltigen Entwicklungsziele (SDGs) der Vereinten Nationen können nur erreicht werden, wenn vernachlässigte Tropenkrankheiten als die Herausforderung erkannt werden, die sie für die globale Gesundheit darstellen.
Erst wenn vernachlässigte Gemeinschaften einen besseren Zugang zu Gesundheitsleistungen erhalten, wird auch wirklich „niemand zurückgelassen“. SANTD versucht, die Zusammenhänge zwischen NTDs und artverwandten Themen wie Armutskrankheiten, Malaria, WASH (Wasser, sanitäre Einrichtungen, Hygiene) und Inklusion von Menschen mit Behinderungen aufzuzeigen. Durch die Zusammenarbeit mit Organisationen im Bereich NTDs, Zoonosen, Malaria und Globale Gesundheit versucht SANTD, einen ganzheitlicheren Blickwinkel auf NTDs aufzuzeigen.
Herausforderungen
– NTDs stürzen Gemeinschaften in endlose Kreisläufe von Armut, indem sie Kinder davon abhalten, die Schule zu besuchen, und Millionen Menschen ihrer produktivsten Lebensjahre berauben. Im Rahmen der «Ziele für nachhaltige Entwicklung» (engl. «Sustainable Development Goals», kurz SDGs) der Vereinten Nationen setzen sich Führungspersönlichkeiten weltweit dafür ein, bis 2030 alle an den Entwicklungsfortschritten teilhaben zu lassen und «niemanden zurückzulassen». Für die Verwirklichung dieses Ziels spielt es eine wichtige Rolle, die bisher Unerreichten zu erreichen und ihnen Zugang zu bestehenden und neuen Medikamenten und Behandlungen gegen NTDs zu bieten.
– Trotz besserer Werkzeuge und Daten sowie beträchtlicher Fortschritte in vielen Ländern, die Programmziele in schwer erreichbaren Gebieten umzusetzen, finden NTDs immer noch zu wenig Beachtung durch die globale Gemeinschaft. Zudem erschwert eine riesige Investitionslücke den notwendigen Fortschritt.
Chancen
– Vernachlässigte Tropenkrankheiten können eliminiert oder sogar ausgelöscht werden. Zu einigen Krankheiten existieren Diagnose-Verfahren und Medikament-Therapien, die zur Heilung führen. Durch gemeinsame Projekte der globalen Gemeinschaft ist es gelungen, einige NTDs nahezu auszurotten oder zumindest ihre Verbreitung stark einzuschränken. Regierungen und Politik sind langsam bereit, den Einfluss von NTDs auf Themen der globalen Gesundheit (Armut, soziale Ungleichheit, etc.) wahrzunehmen.
– Veränderungen innerhalb von Entwicklungsorganisationen führen dazu, dass Organisationen vom „Grabendenken“ abkehren und vernachlässigte Tropenkrankheiten aus einer ganzheitlichen Perspektive betrachten. Der Kampf gegen NTDs ist noch lange nicht gewonnen. Aber die genannten Veränderungen zeigen, dass Erfolge möglich und erzielbar sind.
NTDs betreffen über eine Milliarde Menschen
Die Rolle der Schweiz
Die Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten ist eine globale Herausforderung. Die Schweiz trägt bereits seit Jahrzehnten zu diesem Kampf bei. So finanziert die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) Projekte im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, Medikamenten-Entwicklung und Forschung. Ein Beispiel für diesen wichtigen Schweizer Beitrag sind die SANTD-Mitglieder „Drugs for Neglected Disease Initiative“ (DNDi) und „Foundation for Innovative New Diagnostics“ (FIND), die mit finanzieller Unterstützung der Schweizer Regierung neue Medikamente und Diagnose-Verfahren im Bereich NTDs entwickeln.
In den letzten 20 Jahren haben sich NTDs innerhalb der NGO-, Pharma- und Forschungswelt vom unbekannten Sammelbegriff zu einem anerkennten Themengebiet gewandelt. Die Bekämpfung von vernachlässigten Tropenkrankheiten ist eine globale Bewegung, an der auch viele Schweizer Institutionen beteiligt sind. Dieser wichtige Beitrag wird aber oftmals innerhalb kleiner Gemeinschaften geleistet und nur selten national koordiniert und verbunden. Dieses Potential für Synergien und gemeinsame Projekte möchte die Schweizer Allianz gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten ausnutzen.
Während die Bekämpfung von Krankheiten wie Tuberkulose, AIDS und Malaria bereits gut vernetzt vorangeht, besteht im Bereich NTDs noch Aufholbedarf. Die Schweizer Allianz gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten SANTD symbolisiert den Willen der Schweizer NTD-Gemeinschaft, am selben Strick ziehen zu wollen. Ein regelmässiger Wissensaustausch soll bewirken, dass die Organisationen sich gegenseitig auf dem Laufenden halten und Chancen für Kooperationen erkennen können.