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| Cyrillus von Alexandrien († 444) - Über Den Rechten Glauben an den Kaiser (De recta fide ad imperatorem)

6.
Die einen haben sich erkühnt, zu lehren, daß das Wort Gottes des Vaters zwar als Mensch erschienen sei, daß es aber nicht das aus der heiligen Jungfrau und Gottesgebärerin genommene Fleisch getragen habe, indem sie lügnerisch behaupten, das Geheimnis beruhe lediglich auf Schein. — Andere, die sich nicht entschließen können, einen anscheinenden Menschen als Gott anzubeten und dem von der Erde genommenen Fleische die höchsten Ehrenbezeigungen zu erweisen, sind infolge übergroßer Unwissenheit auf einen falschen und verderbten Glauben verfallen, indem sie behaupten, das aus Gott dem Vater hervorgegangene Wort sei verwandelt worden in die Natur von Knochen und Nerven und Fleisch, während sie über die Geburt des Emmanuel aus der Jungfrau mit weitaufgerissenem Munde lachen und diese beste und gotteswürdige Art der Menschwerdung als unannehmbar von sich weisen. — Wieder andere meinen, der mit Gott dem Vater gleich ewige Gott das Wort sei vielmehr erst später geboren und erst zu der Zeit hervorgebracht worden, als er auch dem Fleische nach ins Dasein trat. — Es gibt auch solche, die in ihrer Gottlosigkeit sich bis zu dem Wahne haben verleiten lassen, daß sie meinen, das aus Gott stammende Wort sei überhaupt nichts Persönliches gewesen, sondern nur ein Reden, erfolgt in einem Menschen. So Marcellus und Photinus.1— Noch andere wollen zwar glauben, daß der Eingeborene wahrhaft Mensch geworden und im Fleische gekommen ist, nicht aber, daß das angenommene Fleisch vollkommen beseelt gewesen ist mit einer vernünftigen und geistbegabten Seele wie bei uns. Sie wollen vielmehr das Wort Gottes und den aus der heiligen Jungfrau genommenen Tempel zu einer vollkommenen Einheit, wie sie sagen, verknüpfen und behaupten nun, das Wort habe in dem Tempel gewohnt und den angenommenen Leib sich zu eigen gemacht, die Stelle der vernünftigen und geistigen Seele aber habe es selbst ausgefüllt. — Noch andere treten diesen Meinungen entgegen und bekämpfen diese Aufstellungen, indem sie lehren, der Emmanuel bestehe und sei zusammengesetzt aus Gott dem Worte und der vernünftigen Seele und dem Leibe, also der schlechthin vollkommenen Menschheit, und doch haben auch sie die gesunde und untadelhafte Anschauung über ihn nicht ganz gewahrt. Denn sie zerteilen den einen Christus in zwei und ziehen gleichsam einen dicken Strich zwischen beiden, indem sie einen jeden als für sich allein bestehend betrachten: der aus der Jungfrau geborene vollkommene Mensch sei ein anderer als das aus Gott dem Vater stammende Wort. Nicht wie wenn sie nur die Natur des Wortes und die Natur des Fleisches auseinander hielten und den diesbezüglichen Verschiedenheiten Rechnung tragen wollten; denn damit würden sie noch nicht gegen die wahre Lehre verstoßen, weil in der Tat die Natur des Fleisches durchaus nicht dieselbe ist wie die Natur Gottes. Aber sie stellen den einen [Christus] für sich und gesondert als Menschen hin, und den andern nennen sie der Natur nach und in Wahrheit Gott, und doch wollen sie Christen sein. Sie haben auch Schriften darüber verfaßt und wörtlich also zu sagen gewagt: „Der eine, von Natur und in Wahrheit Sohn, ist das Wort aus dem Vater; der andere teilt mit dem Sohne den Namen des Sohnes."2Und nach anderem sagen sie wieder: „Das Wort Gottes ist nicht Fleisch, sondern hat einen Menschen angenommen. Denn der Eingeborene ist im eigentlichen Sinne und an sich Sohn Gottes, des Schöpfers aller Dinge; der Mensch aber, den er annahm, nicht von Natur Gott, wird um des wahren Sohnes Gottes willen, der ihn angenommen, gleichfalls Gott geheißen. Denn das Wort: ,Niemand kennt den Sohn, es sei denn der Vater’,3geht auf den von Natur und in Wahrheit vollkommenen Sohn aus dem Vater; die Worte Gabriels aber: ,Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade gefunden bei Gott, und siehe, du wirst empfangen im Schoße und einen Sohn gebären und seinen Namen Jesus nennen’,4beziehen sich auf den Menschen."5So sagen jene. Wir aber denken nicht so. Denn niemals wird das Reden der Irrgläubigen uns verleiten, den geraden Pfad zu verlassen, um einen andern, nicht zum Ziele führenden und verfehlten Weg einzuschlagen.
1: Bischof Marcellus von Ancyra in Galatien, gest. um 374, und Bischof Photinus von Sirmium in Pannonien, gest. 375.
2: Aus einer Schrift des Nestorius; vgl. Fr. Loofs, Nestoriana, Halle a. S. 1905, 217.
3: Matth. 11, 27.
4: Luk. 1, 30 f.
5: Aus der erwähnten Schrift des Nestorius; vgl. Loofs a. a. O.