Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/588

Guido Rey
( 1861-1935.Von Pau. Gei».er.
Credo la lotta coli' Alpi utile come il lavoro, nobile come un' arte, bella come una fede.
G. Rey.
Mit Guido Rey ( gestorben am 24. Juni 1935 ) hat Italien seinen grössten Bergsteiger verloren, und die gesamte alpine Welt ist um einen Bergschriftsteller und Bergdichter ärmer geworden, dem sich nur wenige an die Seite stellen lassen und dessen Werke nicht nur dem alpinen Schrifttum, sondern der klassischen Literatur seines Heimatlandes für immer angehören. Henry Bordeaux hat ihn mit Recht einen « General im Heere der Alpinisten » genannt.
Rey, ein Mann von feinster Kultur und Bildung, Spross eines Piemonteser Kaufmannsgeschlechts und später selbst Leiter eines Grosskaufmannshauses in seiner Vaterstadt Turin, kam früh mit den Bergen in Berührung. Quintino Sella, der erste Finanzminister des Königreichs Italien und Begründer des Alpenclubs Turin, der Keimzelle des heutigen Club Alpino Italiano, war sein Onkel, und sein Vater, eins der ersten Mitglieder des Clubs, versah später im Direktorium der ganz Italien umspannenden Neugründung das Amt des Schatz-meisters. Mit acht Jahren besuchte der Knabe in Begleitung seines Vaters und älteren Bruders einen Verwandten, den Sennen der Alpe della Coche am Monte Viso, eine Fahrt, die ihm die ersten, unauslöschlichen Eindrücke der Hochgebirgswelt vermittelte. Toepffers « Voyages en zigzag » hielten seine Bergsehnsucht wach, bis er als Dreizehnjähriger gemeinsam mit einer Anzahl Vettern von Sella zum erstenmal auf eine richtige Hochtur mitgenommen wurde. Sie galt dem Monte Bo im Monte-Rosa-Gebiet, in dem man den seinerzeit von Leonardo da Vinci erstiegenen Monboso sehen darf. Mehrere Jahre führte Sella seine Neffen und Söhne selbst in die Berge, dann vertraute er sie tüchtigen Berufsführern an, die ihre erste Ausbildung vollendeten. Mit dem Beginn der achtziger Jahre treffen wir Rey auf grösseren Fahrten, die ihn in die Grajischen, Kottischen, Penninischen und Dauphiné-Alpen führen. Neben grossen, klassischen Unternehmungen gelang ihm manche schöne Neufahrt; mit ihnen trat er in die Schar der selbständigen West-alpenerschliesser ein, sein Name gewann Klang unter den Alpinisten. Genannt seien: Südwand der Ciamarella, Nordgipfel der Punta dei Cors, Signalkuppe, Dufourspitze und Lyskamm auf neuen Wegen, Überschreitung der Barre des Ecrins und des Monviso ( des letzteren auf neuer Route ), Nordgrat der Bessanese, Meije und die Aiguilles d' Arves, die er in Gemeinschaft mit Fiorio und Ratti führerlos erstieg; an der südlichen Aiguille hatte der berüchtigte « mauvais pas » Ludwig Purtscheller im vorhergehenden Jahre abgewiesen. Diese drei Gipfel blieben übrigens Reys einzige führerlose Tur.
Am Schlüsse der ausführlichen Monographie, die die Gefährten der Gruppe widmeten, erklärte er, nicht wieder ohne Führer gehen zu wollen: der auf sich selbst angewiesene Führerlose gehe zu oft Irrwege oder müsse seine Fahrt abbrechen, ohne sie zum Abschluss bringen zu können, während der Führer-turist auf eine viel geschlossenere und inhaltsreichere alpine Laufbahn rechnen dürfe. Mitbestimmend bei diesem Entschluss war uneingestanden wohl auch der Gedanke an seinen jüngeren Bruder, der, fast noch ein Knabe, bei einer führerlosen Überschreitung des Col du Géant den Tod gefunden hatte. Meist liess Rey sich von Antonio Castagneri aus der Valle d' Ala führen, dem er in seinem Nachruf ein Denkmal schöner Anhänglichkeit gesetzt hat; auch die Mitglieder der berühmten Valtournancher Führerfamilie der Maquignaz gehörten oft zu seinen Begleitern.
Das letzte Jahrzehnt des Jahrhunderts steht für Rey unter dem Zeichen des Berges, dessen Name für immer mit dem seinen verknüpft ist: des Matterhorns. Von der Kuppe des Monte Bo hatte ihm Sella die blaue Pyramide gezeigt, die sich in der Ferne in kühnem Aufschwung über das weite Gipfelmeer erhob. Bei der Fahrt zur Punta dei Cors sah er den Cervino aus dem Valtournanche aus grösserer Nähe und empfing wieder einen überwältigenden Eindruck. Bald verdichtete sich das Interesse für den Berg zu dem Entschluss, ihn zu ersteigen: zwei Jahre später bereitet er mit einigen Freunden eine führerlose Begehung des Matterhorns vor, da trifft ihn die Nachricht vom Todessturz seines Bruders und lässt ihn die Fahrt sofort abbrechen. 1890 finden wir ihn wieder am Cervino; an Mummerys vergeblichen Versuch von 1880 anknüpfend, sucht er den Gipfel über den Furggengrat zu gewinnen. Innerhalb von acht Tagen kommt es zu fünf Versuchen; während des letzten gebietet ein Steinhagel vom Matterhornkopf auf der Furggenschulter Halt und lässt ihn das ganze Unternehmen als aussichtslos und unsinnig aufgeben. Aber der Dämon des Matterhorns war stärker als seine Vernunft und sein Wille: nachdem er das Hörn inzwischen von Zermatt nach Breuil überschritten und einen durch Wetterungunst vereitelten Versuch gemacht hatte, den Furggengrat im Abstieg zu begehen, nimmt er nach neun Jahren seine früheren Pläne wieder auf. Mit Antoine und Aimé Maquignaz steigt er zur Furggenschulter und lässt sich von Daniel Maquignaz, der mit zwei Begleitern auf dem gewöhnlichen Wege zum Gipfel gestiegen war, ein unterhalb der Spitze verankertes Seil zuwerfen. Mit seiner Hilfe klimmen sie bis auf fünfzehn Meter unter der oberen Gruppe empor, da gerät das Seil am letzten Überhang ins Pendeln, und sie müssen wieder zurück. Auch jetzt gibt sich Rey noch nicht geschlagen. Zwei Tage später ersteigt er den Gipfel über den italienischen Grat, geht auf der Furggenseite soweit wie möglich hinunter, befestigt dort eine Strickleiter und steigt auf ihr soweit ab, bis er den höchsten im Anstieg erreichten Punkt gewonnen hat. Damit war der Furggengrat in seiner ganzen Länge begangen. Eine Ersteigung « by fair means », wie sie Mummery vorgeschwebt hatte, war das freilich nicht, eher eine Niederlage, aber, wie er später bekennt, « diese Niederlage ist mir jetzt teurer als ein Sieg ». Die wirkliche Bezwingung des Furggengrats gelang bekanntlich erst 1911 Reys Landsmann Piacenza, der freilich in die Südflanke ausweichen musste; die erste Begehung bis zur Furggenschulter im Abstieg mit Ausweichen nach Norden wurde 1929 von Blanchet durchgeführt.
Im nächsten Jahr erklomm Rey das Hörn über den Zmuttgrat; nun waren ihm alle vier Grate seines Berges vertraut.
Neben die Matterhornunternehmungen tritt in diesem Jahrzehnt eine Reihe anderer grosser Fahrten, so die Durchsteigung der Monte-Rosa-Ost-wand mit Mattias Zurbriggen, mit erstmaliger Überschreitung des Colle Gnifetti, die Punta Bianca im Verbindungsgrat Matterhorn-Dent d' Hérens, die sich erst beim dritten Angriff ergab, und die erste Begehung des Schalli-grats am Weisshorn im Abstieg. Castagneri und Joseph Maquignaz waren nicht mehr am Leben, sie hatten am Mont Blanc den Bergtod gefunden, und Alessandro Sella, seit dem Monte Bo Reys häufiger Fahrtgesell, war bald nach ihnen gestorben. Rey schloss sich nun eng an Luigi Vaccarone an, einen bedeutenden alpinen Historiker und erfahrenen und weit herum-gekommenen Hochturisten, dem er als Mensch, Bergsteiger und Schriftsteller viel zu verdanken hatte, bis ihm der Tod auch diesen Gefährten nahm. In Ugo, dem Sohn des italienischen Dichters Edmondo de Amicis, gewann er einen neuen bergbegeisterten Begleiter, eine Freundschaft, die ihm neuen Auftrieb gab und ihm eine Reihe von Bergerlebnissen schenkte, wie er sie noch nicht kennen gelernt hatte. Seine bisherigen Fahrten hatten ihn zumeist über Firne und Gipfel der Urgesteinszone geführt; nun zog er mit dem jungen Gefährten zu den Nadeln von Chamonix und den Kalkzinnen der Dolomiten und lernte die kurzen, aber schweren Kletterfahrten kennen, für die er selbst den Namen « Alpinismo acrobatico » geprägt hat — eine Bezeichnung, die heutzutage, im Zeitalter der Seilmanöver und der « Schlosserei », leicht missdeutet werden kann.
Die Aiguillesfahrten fanden 1904/1905, der Besuch der Südtiroler Berge 1910 und 1912 statt. Als Fünfziger überschritt Rey die « Tre Sorelle di Vajolet », am Seile des berühmten, von ihm glänzend charakterisierten Dolo-mitenkletterers « Tita » Piaz. Mit der Dolomitenlandschaft in ihrer besonderen Eigenart konnte er sich anfangs nicht recht befreunden, im Zuge der Bergfahrten aber wurde sie ihm bald vertraut. Der Abschied von ihr ging ihm besonders nahe, war es doch die letzte, innige Berührung mit der Hochalpenwelt, die ihm als Bergsteiger beschieden war.
Als der Krieg ausbrach, trat Rey, der über das Dienstpflichtalter längst hinaus war, bei der Sanitätstruppe ein, in der er Frontdienst leistete. Hierbei erlitt er einen Autounfall, von dessen Folgen er sich nie wieder erholt hat. Mit dem Bergsteigen, auch in gemässigter Form, war es damit zu Ende; sein Wunsch, noch einmal auf einem Dreitausender zu stehen, fand keine Erfüllung mehr. Doch die « nostalgia dell' Alpe » hielt ihn auch weiter in enger Verbindung mit dem Hochgebirge. Am Fusse « seines » Berges, in Giomein, hatte er sich ein Häuschen gebaut, in dem er Jahr für Jahr den Sommer zubrachte.Viele Matterhornbesteiger und Theodulpilger besuchten ihn hier, vor allem die jungen Italiener, die zu einer Neufahrt am Cervino ausgezogen waren. Väterlich beriet er sie und folgte ihnen mit dem Fernglas, wenn sie in steiler Wand oder auf luftigem Grate mit dem Berge rangen, und kehrten sie zurück, so war er der erste, dem sie ihre Erlebnisse berichteten. Manchen, der froh hinaufgezogen war, sah er aber auch still und kalt zu Tale tragen. Über allem aber thronte, bald im Sonnenglanze, bald im Silber des Neuschnees, bald in Nebel oder eine Wolkenkappe gehüllt, die « Becca ». Es war ein Lebensabend, wie er ihn sich ersehnt hatte. Als der Bau der Autostrasse nach Breuil begann, wurde ihm auch Giomein verleidet; er sagte: « Wenn die Valtournancher Strasse gebaut ist, dann sterbe ich » — ein Wort, das sich erfüllt hat.
« La Montagne est ma poésie », dieses Wort Guido Reys ist das Leitmotiv seines Lebens gewesen. Die Bergfahrt als körperliche Leistung übte eine Anziehungskraft auf ihn aus, der er sich nicht entziehen konnte. Bewusst ging er gerade auch solche Berge an, die mehr als Durchschnittskönnen verlangen. Anhaben konnten ihre besonderen Gefahren ihm nichts; er ging auf Fels und Eis gleich sicher und war trotz seiner Kühnheit so besonnen und vorsichtig, dass er wusste, was er sich zutrauen durfte und daher von jedem Unfall in den Bergen verschont blieb. Führerlos ist er, wie erwähnt, nur einmal gegangen, blieb aber bei der Planung und Durchführung seiner Fahrten durchaus selbständig und liess sich von den Führern nur gelegentlich helfen. Sein Verhältnis zu ihnen war das eines Freundes, und stets gestand er ihnen das Hauptverdienst zu, wenn eine Fahrt glücklich durchgeführt werden konnte. Das überragende Können eines Zurbriggen, Piaz oder der Maquignaz hat er neidlos und bewundernd anerkannt.
Auch die ethischen Werte des Bergsteigens hat Rey klar erkannt und wurde nicht müde, sie immer wieder hervorzuheben; er geht so weit, dass er einmal erklärt: « Das Bergsteigen ist Mittel, nicht Selbstzweck: Mittel, in jungen Jahren den Charakter für die Kämpfe zu stählen, die ihm bevorstehen, dem Manne die Kraft zu bewahren und die entfliehende Jugend zu erhalten und ihm für sein Alter einen Schatz heiterer, durch nichts getrübter Erinnerungen aufzuspeichern » — eine etwas überspitzte Formulierung, die sich aus seinen sonstigen Äusserungen über den Sinn des Bergsteigens von selbst berichtigt. Er predigte diesen Gedanken nicht nur im Wort, sondern auch mit der Tat. Die Bergsteigerjugend der Sektion Turin, in der er trotz Ablehnung aller Ämter eine führende Stellung innehatte, geleitete er oft auf die heimatlichen Höhen und lehrte sie die Kunst rechten Bergsteigens. Besonders bei den Jungakademikern fanden seine Bestrebungen reichen Widerhall.
« La Montagne est ma poésie »: Berge und Bergsteigen waren für Rey das beglückendste Erlebnis seines Daseins, aber sie können nicht ausschliesslicher Lebensinhalt sein. Hierzu darf eine Äusserung Reys angeführt werden, die einem an Paul Montandon gerichteten Brief entnommen ist und von diesem freundlichst zur Verfügung gestellt wurde: « Je ne suis pas marié, mais je pense que la passion pour la montagne n' exclut pas d' autres grandes affections; au contraire, elle me paraît les raffiner et les fortifier. Du reste, l' alpinisme n' est pas le but d' une vie; c' est tout simplement un moyen pour vivre un peu plus intensément et sainement. » « La Montagne est ma poésie », darin liegt weiter begründet, dass Rey keineswegs ein blosser Sportalpinist war. Die Berge hatten ihm mehr und Wertvolleres zu geben. Sie schenkten ihm das Abenteuer, aber auch die Schönheit. Die Grosse und Ursprünglichkeit der Natur, wie sie sich in der Hochgebirgslandschaft offenbart, sprach zu ihm in eindringlichen Tönen, denen er während eines Rasttages oder eines nächtlichen Freilagers — er hat deren viele erlebt — in Hingebung lauschte und die er zu deuten wusste wie wenig andere. Es war ein Dichter, dem das Erlebnis des Hochgebirges hier zuteil wurde und dem es gegeben war, dieses Erlebnis aus heissem Herzen in vollendeter Meisterschaft zu gestalten. Eine reiche, beschwingte Sprache, bald in vollen Akkorden erklingend, bald auf einen zarten Ton gestimmt, kühne, aber treffende Bilder und häufige, aus dem Schatz des inneren Bildungs-gutes geschöpfte Zitate aus den antiken Klassikern und aus seinen italienischen Dichtern kennzeichnen den Stil Guido Reys. Immer ist er natürlich und ohne jede Pose. Was als Überschwenglichkeit gedeutet werden könnte, entspringt dem lebhaften Naturell des Südländers, für den — im Gegensatz zu der Verhaltenheit des nordischen Menschen — auch die Unbefangenheit bezeichnend ist, mit der alle, auch die innersten Regungen des eigenen Herzens blossgelegt werden.
Sella hat die dichterische Anlage in Rey offenbar früh erkannt; er zollte einem der Fahrtenberichte, die der Neffe ebenso wie seine eigenen Söhne ihm nach den gemeinsamen Exkursionen vorlegen musste, eine so warme Anerkennung, dass er ihn damit ermutigte, öfter zur Feder zu greifen. Unterwegs machte sich Rey häufig Notizen und liess auch oft die Kamera arbeiten. Diese Augenblicksaufzeichnungen und Erinnerungsbildchen dienten ihm als Unterlage und Hilfe bei der Formung des Erlebten. So blieb er mit dem, was er schrieb, trotz des dichterischen Schwungs wirklichkeitsnah und entging der Gefahr, eine mehr phantasievolle als der Wahrheit entsprechende Schreibtischarbeit zu liefern. Mit dem Beginn der achtziger Jahre taucht sein Name in den Spalten der Rivista und des Bollettino des C.A.I. auf. Zuerst schreibt er knappe Berichte, dann auch grössere Arbeiten; es sind Fahrtenschilderungen, Nachrufe und Aufsätze zu Gegenwartsfragen des Alpinismus, meist in novellistischer Form. Ein Teil von ihnen wurde, vermehrt um einiges noch Ungedruckte, 1898 und 1904 in den mit Saragat herausgegebenen Büchern « Alpinismo a quattro mani » und « Famiglia alpinistica » wieder abgedruckt. Eine teils erweiterte, teils gekürzte Neuausgabe der in diesen beiden Bänden enthaltenen Schriften Reys erschien 1929 unter dem Titel « II Tempo che torna »; sie enthielt auch die noch zu erwähnende « Alba Alpina ». Eine französische Zusammenfassung der meisten kleineren Arbeiten war schon 1913 als « Récits et Impressions d' alpinisme » gedruckt worden.
In seinem literarischen Hauptwerk, dem Matterhornbuch ( 1904 ), dem schönsten Buch, das über eine einzelne Berggestalt geschrieben worden ist, gibt Rey eine formvollendete und packende Darstellung seiner Matterhorn-erlebnisse. Diesem persönlichen Bekenntnis schickt er als echter Schüler Vaccarones einen historischen Teil voraus, in dem er auf Grund eines um- fänglichen mündlichen und schriftlichen, gedruckten und ungedruckten Quellenmaterials ein farbiges und lebendiges Bild der Ersteigungsgeschichte des Matterhorns und ihres^ geschichtlichen, landes- und volkskundlichen Hintergrundes gibt. Manches ist anders gesehen als in Whympers klassischem Werke, aber eben dafin liegt die alpin-historische Bedeutung von Reys Buch: zeigt das Bild,.das er von Whympers Gegenspieler Carrel entwirft, auch zu helle Farben, so ist es bei Whymper zu schwarz gemalt; erst aus dem Vergleich beider Darstellungen lässt sich ein Bild gewinnen, das der historischen Wahrheit nahekommt. Das ins Deutsche, Englische und Französischex ) übersetzte Werk ist in seiner Originalausgabe ( 2. Auflage 1928 ) auch in buchkünstlerischer Hinsicht eines der schönsten alpinen Bücher.
Über seine Aiguilles- und Dolomitenfahrten gab Rey 1914 ein aus Vorträgen erwachsenes Buch « Alpinismo acrobatico » heraus, das gleichfalls eine Zierde des alpinen Schrifttums ist. Es ist ein reines Erlebnisbuch, durchglüht von der Freude an dem neuartigen Bergerleben und der Genugtuung darüber, als reiferer Mann — während seines letzten Bergsommers stand er im zwei-undfünfzigsten Lebensjahr — diesen Kletterfahrten noch gewachsen zu sein. Bei aller Hingabe an die Gegenwart drängt sich aber immer wieder der Gedanke an den kommenden Tag des Verzichts auf die Berge auf, der mit den zunehmenden Jahren näher und näher rückt. Dieser schwermütige Unterton ist es, der dem Buch einen besonderen Reiz verleiht. Mit dem Anfangs-kapitel hat Rey ein ebenbürtiges, freilich ganz anders geartetes Gegenstück zu dem Gréponaufsatz des von ihm hochverehrten Mummery geschaffen. Auch dies Buch hat ausserhalb Italiens seine Übersetzer gefunden.
Am Ende des gleichen Jahres, im fünften Weltkriegsmonat, gab Rey noch eine zweite Schrift heraus, « Alba Alpina » betitelt, eine von der Erinnerung verklärte Schilderung seines Besuchs auf der Alpe della Coche, ein Hymnus auf die italienische Bergwelt und ein Gruss an Frankreich und die unerlösten Gebiete des Trentino, deren Vereinigung mit Italien er in naher Zukunft sieht. Dieses ganz auf den vaterländischen Ton gestimmte kleine Werk zeigt Rey von einer Seite, die auch sonst gelegentlich in seinen Schriften deutlich wird und zu den wesentlichen Zügen seiner Persönlichkeit gehört. Immer ist er durch und durch Italiener gewesen. Daher seine enge Verbundenheit mit den heute italienischen Dolomiten und seine Vorliebe für die Grenzberge, zu deren Gipfeln er gern neue, ganz auf italienischem Boden gelegene Anstiege suchte. Dass er im Gründungsjahr des Königreichs Italien geboren wurde, ist ein Symbol, wie ja auch der um jene Zeit entstandene italienische Alpinismus eine besonders starke nationale Note trägt. Aber auch als Patriot 2 ) Zu der letzten französischen Ausgabe steuerte der anfangs zitierte französische Akademiker und Schriftsteller Henry Bordeaux auf Veranlassung der Übersetzerin und in Unkenntnis Reys eine Einleitung bei, die auch in « La Montagne », Dezemberheft 1932, wiedergegeben wurde. Fast identisch war diese Einleitung schon in Reys « Récits et impressions d' alpinisme » und in den « Paysages Romanesques » von H. Bordeaux 1925 erschienen. Bordeaux erwähnt darin des längeren eine Begegnung mit Guido Roy am Weissthor, welche dieser in einem Privatbrief vom 20. Februar 1933 als Phantasie bezeichnet. Er sei weder in den Bergen noch anderwärts je mit dem genannten Schriftsteller zusammengetroffen. ( Mitteilung von Paul Montandon. ) Die Alpen — 1936 — Les Alpes.18 blieb er vornehm und verfiel nicht in die Übertreibungen der Kriegsjahre. Seine Hinneigung zu Frankreich ist verständlich: er entstammt einer Gegend, in der italienisches und französisches Volkstum sich durchdringen, das Französische war seine Muttersprache, und es rollte auch ein Teil französischen Blutes in seinen Adern. Einige seiner kleineren literarischen Arbeiten erschienen zuerst in französischer Sprache, und die « Alba Alpina » ist nach seinen eigenen Worten zwar italienisch geschrieben, aber französisch gedacht. So sahen die Franzosen ihn fast als einen der Ihren an und gaben diesen Empfindungen durch die Verleihung des Kreuzes der Ehrenlegion einen sichtbaren Ausdruck. Wenige Monate vor seinem Tode wurde es ihm, der schon seit langem von schweren Leiden heimgesucht wurde und sich während der kurzen Feier nur mit äusserster Willenskraft aufrecht erhielt, von einer Abordnung des Französischen Alpenclubs überbracht.
Das heutige Italien sieht in Rey « die reinste und vollkommenste Verkörperung der italienischen Bergleidenschaft »; sein Alpinismus, der sportliche Einstellung, Streben nach charakterlicher Erziehung durch die Berge und Berggenossen und glühende Vaterlandsliebe miteinander vereinigt, deckt sich weitgehend mit der Sportauffassung des Faschismus. Aber er steht über ihr: denn mit diesen Zügen verbindet er den Gedanken der seelischen Bereicherung durch das Erleben der Hochgebirgsnatur, ein Zug, der im modernen, nicht nur italienischen Alpinismus unwesentlich zu werden scheint, und — er weiss nichts von Rekordjägerei. Ein nur sportlich eingestellter Bergsteiger hätte niemals die Wirkung haben können, die die reiche, starke und gleichwohl bescheidene, harmonische Persönlichkeit Reys, dieses echten Cavaliere, über die zünftigen Kreise hinaus gehabt hat und behalten wird.
Schliessen wir diese Betrachtung mit den Worten, die Julius Kugy, der Erschliesser der Julischen Alpen, eine Rey in vielem verwandte Gestalt, dem Lebenden gewidmet hat: «... ein schlanker Mann,... dessen tiefes und edel blickendes Auge mich bezauberte,... Guido Rey, Italiens grösster und erfolgreichster Bergsteiger. Meinem Herzen so nahe, weil er nie kühler Sportsmann gewesen ist, sondern immer zartfühlend und formvollendet, der seelenvollste aller Bergschriftsteller und Bergpoeten. Weil ich in seinen Schilderungen so oft in herzenswarmer Fassung Dinge gelesen, die mein eigenes Innerstes mir schon leise zugeflüstert hatte, ohne dass ich im entferntesten mir bewusst gewesen wäre, dass man sie so zart, so schön und so zutreffend in Worte kleiden und laut aussprechen könne und dürfe. Dessen Erzählungen man mit dem überraschenden Empfinden liest, daran müsse ja unser eigenes Herz mitgearbeitet haben, aber wann und wieso? Eine überaus liebenswürdige, dabei starke und führende Persönlichkeit vor-nehmster Herren- und Künstlernatur, deren Reiz auf mich so wohltuend wirkte, dass noch so flüchtige mit ihr verbrachte Augenblicke den Tag vergoldeten und Festesglanz über die Stätte breiteten, wo damals und später die Berge uns zusammengeführt haben. »