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Leitmotive der Forschung
Anthroposophisch-goetheanistischen Forschungsansätze in der Chemie
Das gemeinsame Anliegen der verschiedenen anthroposophisch-goetheanistischen Forschungsansätze in der Chemie lässt sich durch die in der Einleitung genannten drei methodischen Motive - Verzicht auf Modellvorstellungen, Orientierung der Methodik am Gegenstand, Suche nach dem Bezug zum Menschen - umreissen. In ihnen spiegeln sich wohl die meisten Arbeitsrichtungen; es wäre jedoch ein Missverständnis, in ihnen Vorgaben für den Wissenschaftler zu sehen.
Zu den Literaturangaben: in diesem Abschnitt ist nur auf grundlegende Texte von Goethe und Steiner verwiesen; Arbeiten anderer Autoren werden im Abschnitt Beispielhafte Arbeiten vorgestellt. Bibliographische Angaben finden sich im Abschnitt Literatur - Grundlagen.
1. Motiv: Verzicht auf Modellvorstellungen
Ein erstes Motiv besteht in dem Bemühen, Stoffe und Prozesse nicht durch Modellvorstellungen zu erklären, sondern in der Weise von Goethes naturwissenschaftlichem Vorgehen die Phänomene sich gegenseitig beleuchtend zu ordnen und ihren inneren Zusammenhang aufzudecken (Literatur: Goethe 1792, Steiner 1884-97, Steiner 1886/1924). Als - jeweils an der Sache zu entwickelnde, siehe 2. Motiv - Ordnungsprinzipien kommen dabei neben einfachen Verwandschaften vor allem Polarität und Steigerung im Sinne Goethes in Betracht sowie die Dreigliederung im Sinne der von Steiner entwickelten Dreigliederung des menschlichen Organismus [Link] nach Nerven-Sinnes-, Rhythmischem und Stoffwechsel-Gliedmassen-System.
2. Motiv: Orientierung der Methodik am Gegenstand
Der Versuch, methodisch dem Forschungsgegenstand gemäss vorzugehen, bildet ein weiteres methodisches Motiv anthroposophisch-goetheanistischer Forschung in der Chemie. Z.B. stellen chemische Elemente Endpunkte chemischer Zerlegungen dar, sind Atome Endergebnis einer gedanklichen Zerlegung der Materie. Obwohl systematisch sinnvoll, ist es daher nicht eigentlich berechtigt, die gesamte Chemie und mit ihr die materielle Welt auf solchen Endpunkten aufzubauen. Vielmehr geht jedem Stoff ein Entstehungsprozess voran, dem er seinen Ursprung verdankt und aus dem heraus er verstanden werden kann, ohne der natürlichen Folge der Phänomene untreu zu werden. Stoffe erscheinen unter diesem Blickwinkel als zur Ruhe gekommene Prozesse, die Welt als eine grosse, in ständiger Verwandlung begriffene Gesamtheit sich bedingender und ablösender Prozesse, die hier und da zur Ruhe kommen und als Stoffe greifbar werden.
Die unter 1. und 2. beschriebenen Herangehensweisen stellen zugleich Einstiege in die von Steiner so genannten »anthroposophischen Forschungsmethoden« der Imagination, Inspiration und Intuition [Link] dar. Diese zielen auf eine an die sinnliche Erkenntnis anknüpfende, aber über sie hinaus gehende übersinnliche Anschauung von Mensch und Natur (Literatur: Steiner 1920b, Steiner 1921b).
3. Motiv: Suche nach dem Bezug zum Menschen
Ein drittes Motiv besteht in der Suche nach Zusammenhängen zwischen Stoffen und chemischen Vorgängen in Natur und Labor mit Lebensvorgängen des Menschen im Hinblick auf ein Verständnis des Menschen als Mikrokosmos (Literatur: Steiner 1922/23). Dabei handelt es sich weniger darum, Naturvorgänge im Menschen aufzusuchen - dies ist Gegenstand der Physiologie -, als darum, die Einheit des anthroposophisch als physisch-seelisch-geistiges Wesen begriffenen Menschen [siehe auch R. Steiner GA 9; Theosophie. Einführung in übersinnliche Welterkenntnis und Menschenbestimmung (1904)] mit dem ebenso angeschauten Kosmos (sowohl irdische Natur als auch Planeten- und Fixsternwelt) zu entdecken. Hierdurch wird z.B. eine rationale Begründung der Indikation natürlicher mineralischer und pflanzlicher Heilmittel ermöglicht.
Martin Rozumek