Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03114.jsonl.gz/1481

|Berlin 1994 - 1997|

Im
Zentrum der Arbeiten der Berliner Zeit steht der Grenzstreifen. Ambühls
Atelier und Wohnung befand sich an der Strelitzerstrasse 21. Ein zentraler
Ort in der Geschichte der Berliner Mauer. Hier sprangen die Menschen aus
den Fenstern der Häuser zur Bernauerstrasse hin, um sich in den Westen zu
flüchten. Hier wurde der berühmte Tunnel gebaut, der in einer Toilette
des Hauses Strelitzerstrasse Nr. 58 endete. In diesem Tunnel wurde der
Volkspolizist Egon Schulz erschossen, weshalb die Strelitzerstrasse zu DDR
Zeiten Egon Schulz Allee hiess. Hier stand die Versöhnungskirche, die 1985 gesprengt wurde. Das Thema des Grenzstreifens
und der Mauer wurde in Ambühls Schaffen in vielen Schichten ausgelotet: Der Grenzstreifen als
Schandmal, als Heilkräuterwiese, als Metapher für
den Grenzgang des Menschen, als Wunde, als Ort der Versöhnung
usw.

Die
erste Ausstellung mit Bildern aus Berlin 1994 in Zürich zeugte von den
tiefen und schweren Gedanken, die sich in der Begegnung mit der getrennten
wiedervereinten Stadt Berlin und ihrer Geschichte ergaben: Düstere,
dunkle, schwere Bilder von dem Zirkus auf dem Todesstreifen, eine
Gegenwelt zum Hochglanz- PR-Rummel um die neue Europa-Metropole. In Berlin
wurde das Fischgericht- Buch fertigggestellt. Thomas Primas weilte drei
Monate in Berlin, um den Text zu diesem Buch, aber auch viele andere Texte
zu schreiben. Durch diese Begegnung und die vielen Gespräche mit
dem marxistischen Philosophen Sven Herzig, der mit Frau Marie und
Nora im Haus Strelitzerstrasse 21 wohnte, trat mehr und mehr die Sprache
und das Denken des Menschen, sein Versuch, die Welt in Begriffen zu
fassen, ins Zentrum. Es
entstand der Prototyp des Bildwegs im Rahmen der Vorbereitungen zu einer
Ausstellung in Ascona, am Fuss des Monte Verita.

Einige der in Berlin begonnenen Arbeiten sind noch immer nicht abgeschlossen, so das Projekt der Berliner Apotheke, die Textfragmente des Buches "Wiesenschaft" usw.
"Ich bin der Senn des Grenzstreifens. Da ich keine Schafe oder Kühe besitze, bin ich Hirte von Raupen der verschiedenen Schmetterlingsarten, die hier auf den Brennesseln und wilden Möhren leben und die ich in meinem Atelier hege und pflege. Das Schönste an Berlin ist der Grenzstreifen, dieser dreckige, brach liegende, geschundene Streifen Ödland. Mir ist diese Wunde heiliger, als all die betörenden Wunder, mit der sich der eitle Moloch Berlin schminckt."
|Das Fischgericht|

"Das Fischgericht" ist ein Buch wie
aus dem Mittelalter: ein handgefertigtes, handgemaltes, handgeschriebenes
Einzelstück mit kunstvoller Gestaltung des Einbandes in Feueremail, Bronze,
Silber, Gold und mit vielen Edelsteinen besetzt.

|Berliner Apotheke|

Das Projekt der Berliner Apotheke hängt eng mit dem Textfragment "Wiesenschaft" zusammen, mit der wiesenschaftlichen Forschungsarbeit Puppenharn, die unter anderem in einer Skulptur und in Zusammenarbeit mit Thomas Primas im Essayband "Der Traum des lächerlichen Menschen" Form angenommen hat. Grundthema all dieser Projekte, die im heissen Berliner Sommer des Jahres 1995 ihren Anfang nahmen, ist die Frage nach der "Heilung durch die Kunst". Im Vordergrund stand zunächst der Versuch einer begrifflichen Klärung: Was heisst Heilung? Was heisst Kunst? Voraussetzung dieser Essays ist die Annahme, dass Kunst für den Menschen nur dann einen Sinn hat, wenn sie ihm Heil bedeutet, wenn sie ihn zu seiner Ganzheit führt, lenkt, begleitet. Die "Berliner Apotheke" ist der konkreteste Ausdruck dieses Wunsches. Sie ist nicht nur in einem medizinischen Sinne Apotheke, sondern zugleich konkretisierte Zusammenfassung und Materialisierung von Gedanken und Wünschen. Metaphorisch erscheint in diesen Projekten der Grenzstreifen als eine Wunde, als Grenze, als Verbindung im Schmerz, und wird zugleich erlebt als die Wiese, auf der die Heilkräuter wachsen, die den Schmerz und das Leid der Trennung, aber auch die Mühsal des Zusammenwachsens trösten. Die Berliner Apotheke ist das Produkt praktischer oder angewandter Semiotik.
Zum Kunstprojekt der Berliner Apotheke gehören neben den 27 Urtinkturen vom Berliner Grenzstreifen auch eine Kiste mit Videoaufzeichnungen der Raupen und Schmetterlingszucht in Ambühls Atelier an der Strelitzer Strasse. Die Berliner Apotheke wurde bisher noch nie öffentlich gezeigt.

Die "Berliner Apotheke", eine im Sperrmüll an der Strelitzer Strasse gefundene, alte, schwarz emaillierte Geldkassette mit 27 Glasfläschchen.
"Mehr noch als bloss Apotheke ist die "Berliner Apotheke" ein Portrait Berlins, Fassung dieses Genius Loci in einem Objekt. Die Wirkung des Ortes Berlin auf den Menschen ist in der Berliner Apotheke dokumentiert und zugleich aufgehoben. Damit ist auch dargestellt, wie Kunst Heilung bedeuten könnte: Indem sie das Erlebte und Wahrgenommene in einen der menschlichen Erfahrung gemässen Code und eine Sprache übersetzt, und daraus einen Gegenstand entstehen lässt, der allgemein empfindbar ist. Dies heisst allerdings nicht, dass die materialisierte begriffliche Fassung dem Betrachter auch bewusst wird. Doch dies ist auch nicht nötig, da das Objekt als "Berlin" verstanden wird, sofern die Übersetzung gelungen ist. Die Erörterung des Gelingens ist eine semiotische Diskussion."
|Wiesenschaft|

Das Manuskript des unveröffentlichten Buches
"Wiesenschaft" beginnt mit einem Zitat von Paracelsus (1493-1541):

"Alle
Wiesen und Matten,
Wiesenschaft ist ein Versuch zu einer ganzheitlichen Weltbetrachtung, aber ohne feste Rezepte und ohne Systematik. Das Manuskript selbst bleibt fragmentarisch, zettelkastenhaft und bietet ein Konglomerat von inhaltlich und stilistischen unterschiedlichsten Elementen, von Erkenntnistheorie, Tagebuchnotizen, Erinnerungen bis zum Entwurf einer Asterix und Obelix Serie über die Medien und Remineszenen der griechisch mythologischen Omphalos-Historie.
"Die Lektüre dieses Buches ist bestimmt anstrengend. Man denke aber nur wie anstrengend es war, das zu schreiben - von Denken wollen wir lieber nicht reden."

" Wenn stimmt, was Paracelsus sagt, dann ist auch der Berliner Grenzstreifen eine Apotheke. Das ist der Ausgangspunkt zur Wiesenschaft. Was eine solche Annahme sonst noch alles bedeutet, ist am Anfang nicht absehbar. Die "Wiesenschaft" beginnt also wie ein Spaziergang in ein Labyrinth hinein, mit vielen Sackgassen, Umkehren, Wiederbeginnen. Irgendwann wird es dann ungemütlich und der Spaziergang wird immer verzweifelter zu einem Befreiuungsversuch. Man ist da lange drin! Als Ganzes ist die "Wiesenschaft" in der vorliegenden Form kaum geniessbar. Aber gewisse Teile haben ihre Reize. Man sollte es als Orakelbuch benutzen."
|Puppenharn|

Im Sommer
1995 verwandelte sich das Atelier in Berlin in eine Aufzuchstation für
Schmetterlinge. In mehreren Kästen zog Daniel Ambühl auf Brennesseln und
wilden Möhren Raupen gross, die er auf dem Grenzstreifen, der in
umittelbarer Nähe zum Atelier lag, entdeckt hatte. In einem Tagebuch sind
die Beobachtungen der Aufzucht, Verpuppung und des Ausschlüfens von
Kleinem Fuchs, Tagpfauenauge, Admiral, C-Falter, Landkärtchen und
Schwalbenschwanz beschrieben.

Die ursprüngliche Idee dieser eigenartigen Forschungsarbeit galt dem Puppenharn, wissenschaftlich als Mekonium bezeichnet, einem kleinen Tropfen, wässeriger, meist brauner bis bordeauxroter Flüssigkeit, welchen der ausgeschlüpfte Schmetterling abgibt, bevor er in sein neues Leben auffliegt. Dieser Tropfen Puppenharn enthält alle Stoffe, die der Schmetterling von seinen früheren Lebensphasen der Raupe und der Puppe nicht mehr braucht.
Das Projekt führte schliesslich über die eigentliche Beobachtung des Verhaltens von Raupen, Puppen, Schmetterlingen und über die Entdeckung der verschiedenen Schmetterlingsarten auf dem Grenzstreifen von Berlin hinaus: zu einem philosophischen Nachdenken über die Bedeutung des Puppenharn in der Biografie des Menschen und daraus hervor gehend - im Sinne der Signaturenlehre - zur Entwicklung homöopathischer medizinischer Mittel, die unter der Bezeichnung "Berliner Apotheke" zusammengefasst sind.
Das im Steintisch Verlag erschienene Buch "Der Traum des lächerlichen Menschen" - eine Zusammenarbeit zwischen Thomas Primas und Daniel Ambühl - beschreibt die geistige Bewegung dieser Forschungsarbeit anhand einer Skulptur, die den Namen "Puppenharn" trägt.
Eine poetische Verdichtung der Grundideen dieser Forschungsarbeit "Puppenharn" findet sich in der Erzählung "Der Brennesselmann", der Geschichte zum Bildweg Ybrig, der im Jahre 2000 entstand.