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Vor einem Vierteljahrhundert dominierten harte Rockbands die Popmusik. Doch im Reich der verzerrten Gitarre vollzog sich gerade eine Zeitenwende. Ab August 1991 waren innert weniger Wochen eine ganze Reihe von Platten erschienen, die Geschichte schreiben sollten: das schwarze Album von Metallica und «Use Your Illusion» von Guns n\‘ Roses; «Nevermind» von Nirvana, Pearl Jams Debüt «Ten» und «Badmotorfinger» von Soundgarden.
Für einen Rockfan mit schmalem Budget war das unmöglich alles auf einmal zu finanzieren. Darum musste man sich entscheiden: Metallica und Guns n\‘ Roses, mit Hard Rock und Heavy Metal, den wir seit den 80ern kannten. Oder die neue Art der Gitarrenmusik, wie sie die Grunge-Bands spielten.
Und dann gab es da noch etwas anderes. Etwas Finsteres, Fieses, das aus seiner 80er-Nische ins neue Jahrzehnt gekrochen war. Man nannte es Industrial Metal. Industrial war in den späten 70ern entstanden, eine konfrontative Maschinenmusik, die von europäischen Bands wie Throbbing Gristle, den Einstürzenden Neubauten oder den Young Gods als feste Grösse im Untergrund installiert wurde. Es brauchte aber zwei amerikanische Bands, die wussten, wie Showbusiness geht, um den Stil, nun um Gitarren ergänzt, in den Mainstream zu führen: Nine Inch Nails und Ministry.
Ministry veröffentlichten «Psalm 69» im Juni 1992, also im Jahr eins nach Grunge. Es war nicht das erste Album der Band um Al Jourgensen und Paul Barker. Die Gruppe aus Chicago hatte schon zehn Jahre lang Musik veröffentlicht und dabei zunehmend radikal die Stile und Stilmittel durchexerziert, aus denen der Industrial Metal hervorgehen sollte: Synthie-Pop, EBM, verzerrte Gitarren und Samples.
Auf «Psalm 69: The Way to Succeed and the Way to Suck Eggs», wie das Album mit vollem Titel hiess, waren aber auch fortgeschrittene Musikhörer nicht vorbereitet. Der Titel bezog sich auf «The Book of Lies» von Aleister Crowley, einem Satanisten, dessen Einfluss auf alle möglichen Rockbands ganze Bücher gewidmet sind. Thematisch drehte sich das Album um die Politik, Drogen, Religion und das Ende der Welt.
Der Opener «N.W.O» brach brutal in die Gehörgänge und dort setzte sich die wütende Abrechnung mit Bush senior fest. 1993 war der Song in der Kategorie Best Metal Performance für einen Grammy nominiert (gewonnen haben dann aber die Nine Inch Nails). Seither gibt es immer wieder neue Videos, die den Song über die «New World Order» mit Bildern aus der Gegenwart updaten.
Guns n\‘ Roses oder Nirvana? Ministry machten diese Frage obsolet, denn in ihnen hatten wir adoleszenten Headbanger eine neue Lieblingsband gefunden. Über monoton knüppelnde Rhythmen bretterten ultraharte Gitarren, und Al Jourgensen lehrte uns mit unmenschlich verzerrter Stimme das Fürchten. Aller Brachialität zum Trotz verfügten Songs wie «Jesus Built My Hotrod», die Junkie-Hymne «Just One Fix» (im Video gibt sich William S. Burroughs die Ehre) und der Titeltrack zwischen Bombast, Lobpreisung und Thrash Metal über genug Popappeal, um «Psalm 69» in die Charts und Ministry (hinter den Chili Peppers, aber vor Soundgarden) auf Platz zwei des Lollapalooza-Line-ups zu bringen.
Im Zuge dieses Erfolgs fanden auch Nebenprojekte wie die Revolting Cocks (Ministry als Party-Band) und Lard (Ministry mit Jello Biafra als Sänger) Aufmerksamkeit. So sorgte Lards «Forkboy» für Terror auf der Tonspur in Oliver Stones «Natural Born Killers».
«Psalm 69» inspirierte eine ganze Reihe von Nu-Metal-Bands, die aber bald und zu Recht wieder von der Bildfläche verschwanden. Anhaltenden Erfolg bescherte die von Ministry popularisierte Mischung aus Techno-Wumms und Metal-Gitarren hingegen Rammstein.
Ministry selbst bekam der Erfolg nicht besonders. Das nächste Album «Filth Pig» faszinierte mit tonnenschwer schleppenden Song-Ungetümen und einem Bob-Dylan-Cover und die folgende Sphinctour feierte die Selbstzerstörung auf offener Bühne. Danach fiel dem langjährigen Heroinkonsumenten Al Jourgensen für «Dark Side of the Spoon» (1999) zumindest noch ein wortwitziger Titel ein. Beim vorläufig letzten Album «From Beer to Eternity» (2013) bekam er nicht mal mehr das hin.