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«Begleitaspekte der Krise bleiben im Hintergrund»
Wie beurteilen Sie den Umgang der Medien mit der Corona-Krise?
Ich unterscheide zwischen zwei Phasen. Als das Virus primär China betraf, haben die deutschsprachigen Medien teilweise recht aufgeregt berichtet und immer wieder war ein Asiaten-diskriminierender Duktus zu beobachten; das Titelbild des Spiegels vom 1. Februar trug die Schlagzeile «Made in China». Es gab zudem skurrile Geschichten und Verschwörungstheorien über die angebliche Verbreitung des Virus. Beispielsweise hiess es, Chinesen hätten Fledermaussuppe gegessen und ähnliches. Vieles davon spielte sich vor allem in Sozialen Medien ab, aber auch in einigen der journalistischen Medien wurden zuweilen merkwürdige Tipps verbreitet, wie sich eine Ansteckung verhindern liesse. Als das Virus dann bei uns ankam, änderte sich der Ton.
Inwiefern?
Er wurde sachgerechter und es wurden vermehrt Experten und Expertinnen vor Ort befragt wie hiesige Virologen. Es ging dann auch vermehrt um praktische Themen, etwa um die Frage, was jeder Einzelne tun kann, um die Ausbreitung zu verlangsamen oder zu verhindern. In dem Moment, in dem wir uns nicht mehr nur auf die Beobachterrolle zurückziehen konnten, begannen die Medien sich intensiver mit dem Virus und auch mit der Situation vor der eigenen Haustüre zu beschäftigen.
Sie stellen den Medien im Allgemeinen also ein gutes Zeugnis aus?
Insgesamt schon. Hin und wieder stellt sich mir die Frage der Verhältnismässigkeit. Wenn etwa berichtet wurde, dass Spielplatz A zu ist, braucht es dann wirklich noch einen Bericht über die Schliessung von Spielplatz B? Oder ist es sinnvoll, die Rationierung von Klopapier in einer Winterthurer Aldi-Filiale mit fetten roten Buchstaben als Online-Aufmacher zu bringen, wie es der Blick jüngst tat, wenn der Grossteil des Handels glaubhaft versichert, es gebe keinen Grund für Hamsterkäufe? So etwas schürt nur unnötig Panik und lenkt von wichtigeren Themen ab. In der Regel sind das aber Einzelfälle.
Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Panikmache und Information?
Es ist immer eine Grauzone. In dieser Krise ist es für Journalisten wichtig zu differenzieren, geht es in dem Beitrag schwergewichtig um ein gesundheitliches Thema, ein wirtschaftliches oder ein politisches Thema. Sie müssen sachgerecht und verhältnismässig berichten, auf die schwierigen Punkte hinweisen, ohne sie zu dramatisieren und ohne sie herunterzuspielen. Und vor allem relevante Fragen stellen. In Deutschland war oft die zentrale Frage «Findet Fussballspiel x oder y noch statt?» Und ich muss sagen, es gab zur gleichen Zeit deutlich dringendere und relevantere Fragen.
Thematisiert werden auch schwerwiegende ethische Fragen, etwa wie mit knappen Ressourcen umgegangen wird.«Entscheiden Ärzte in der Schweiz bald über Leben und Tod?»– so jüngst ein Titel.
Das sind klassische ethische Dilemmata, für die es keine Lösung gibt und die sich im Medizinalltag häufiger stellen. Entscheiden, wem zuerst geholfen wird oder wer im schlimmsten Fall leer ausgeht, muss ein Arzt auch, wenn er zu einem schweren Verkehrsunfall gerufen wird. Deswegen ist es fraglich, ob man dieses Thema so stark in den Fokus stellen muss. Oder ob man nicht wenigstens eine andere Überschrift wählt.
Wie entscheidend ist für die Berichterstattung, dass in dieser Krise die Journalisten selbst auch betroffen sind?
Das macht sicher einen Unterschied. Teilweise ist es ein Problem, dass manche Journalisten über Themen berichten, bei denen sie sich schwer tun, sich selbst auf die Situation einzulassen, weil ihnen das Thema relativ fremd ist. In diesem Fall aber ist jeder betroffen. Hinzu kommt, dass in dieser bislang einmaligen Krise, die ja in erster Linie die Volksgesundheit betrifft, vermehrt eine Riege von Journalisten zum Zuge kommt, die sonst nicht so im Vordergrund steht, die Wissenschaftsjournalisten.
Was hat das für einen Einfluss?
Der Wissenschaftsjournalismus - obwohl er finanziell leider unterdotiert ist - ist in demokratischen Gesellschaften wie der Schweiz sehr kompetent und gut aufgestellt. Man merkt das auch daran, dass die Expertisen von relevanten und fachkundigen Personen vor Ort eingeholt werden. Davon profitiert derzeit der Journalismus ganz allgemein.
Vermehrt thematisieren die Medien auch ihren eigenen Umgang mit der Krise. So fragte der Tagesanzeiger Online seine Leser, ob sie die Berichterstattung als angemessen empfinden. Ist diese Selbstreflexion ein Novum?
Die Medien sind zunehmend selbstreflexiv. Leider haben wir hierzulande keinen sehr ausgeprägten Medienjournalismus. Aber durch die Digitalisierung und die Interaktivität ist ein anderer Austausch mit dem Publikum möglich und sollte eigentlich für Journalisten selbstverständlich sein. So kann man überprüfen, ob man auf dem richtigen Weg ist, oder Aspekte eines Themas vernachlässigt. Und es gibt auch vermehrt Faktenchecks, das heisst, Theorien und Behauptungen, die in den Medien und inbesondere auch auf Plattformen sozialer Medien kursieren, werden überprüft. Auch das ist eine Art der Reflexion.
Viele Portale setzen auf Corona-Ticker, bringen sämtliche weltweite Nachrichten zur Virusverbreitung. Werden wir mit Corona-News überschwemmt?
Ich glaube wir können von einem mündigen Mediennutzer ausgehen, der selbst entscheidet, wann er sich gut informiert fühlt. Insofern sehe ich das eigentlich nicht problematisch. Mir macht mittlerweile eher Sorgen, dass manche, teilweise auch neuere Begleitaspekte des Themas etwas im Hintergrund bleiben.
Welche?
Manche Freiheiten, die demokratische Gesellschaften charakterisieren, werden zurzeit zwar aus guten Gründen eingeschränkt. Aber es wird nicht thematisiert, wer und nach welchem Konzept entscheidet, wie diese Freiheiten wieder zurückgegeben werden. Dies gilt in ähnlicher Weise auch für die Maßnahmen zur Schließung diverser Landesgrenzen in Europa. Und wenn z.B. in Österreich die Regierung Standortdaten von Mobilfunkanbietern verwendet, um zu kontrollieren, ob die Menschen sich an die eingeschränkten Ausgehregeln halten, und Politiker anderer Länder mit ähnlichen Gedanken spielen, bedarf es einer hohen Wachsamkeit. In all diesen Fällen müsste meiner Ansicht nach Journalismus viel deutlicher als bislang seine Kritik- und Kontrollfunktion gerade auch in einer Krisenzeit wahrnehmen und entschiedener nachfragen und einordnen.
Cornela Krause, reformiert.info, 26. März 2020
Marlis Prinzing vertritt an der Universität Freiburg seit 2007 das Fach Medienethik und hat in Köln eine Professur als Kommunikationswissenschaftlerin. Sie hat in Deutschland Geschichte, Politikwissenschaft sowie Mathematik studiert, arbeitete für diverse Medien als Journalistin, darunter «NZZ» und «Die Zeit», und lehrte als Medienwissenschaftlerin an verschiedenen Universitäten.