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Mit den roten Rechenbüchlein von Justus Stöcklin lernten im 20. Jahrhundert Hunderttausende von Schülerinnen und Schüler rechnen.
Guter Unterricht erfordert gute Lehrmittel. Dieser Devise dürfte Justus Stöcklin uneingeschränkt zugestimmt haben.
Stöcklin, 1860 in Ettingen geboren, liess sich in Kreuzlingen zum Primarlehrer ausbilden. 1877 trat er in Seltisberg in den Schuldienst, 1884 wurde er nach Liestal berufen, wo er bis zu seiner Pensionierung unterrichtete.
Als Verfasser von mathematischen Lehrmitteln trat Stöcklin erstmals 1887 in Erscheinung. Damals gab er seine ersten Rechenbüchlein in den Druck. Stöcklin soll die Hefte, wie Lukas Boser im «Baselbieter Heimatbuch» 28/2011 schreibt, «zuerst bloss als Hilfsmittel für den eigenen Gebrauch entwickelt haben». Doch dann wurde das Lehrmittel sowohl im Baselbiet wie in der übrigen Deutschschweiz gut aufgenommen. 1888 schafften es Stöcklins Hefte ins Verzeichnis der in den obligatorischen Primarschulen der Schweiz gebräuchlichen Lehrmittel.
In Baselland wurden Stöcklins «Aufgaben zum schriftlichen Rechnen» für die erste bis sechste Klasse sowie sein «Rechenbuch für schweizerische Volksschulen» für die Halbtags- und Repetierschulen für obligatorisch erklärt. Und der Kanton St. Gallen gab im Schuljahr 1891/1892 mehr als 10’000 Exemplare von Stöcklins Heften an die Schülerinnen und Schüler ab.
Andere Kantone zogen rasch nach. Von den rund 370’000 Knaben und Mädchen, die 1912 in der Deutschschweiz die Schule besuchten, lernten gemäss Berechnungen Stöcklins etwa 280’000 das Rechnen mit seinen Büchern.
Ins Russische übersetzt
Als Stöcklin 1943 starb, schrieben die «Basler Nachrichten», seine Rechenbücher hätten ihre 40., 50. und 65. Auflage überschritten. Einige seien sogar ins Russische übersetzt worden.
Mit seinen mathematischen Best- und Longsellern machte Justus Stöcklin gutes Geld. Das war sicher ein angenehmer Nebeneffekt seiner Werke. Mehr noch als den Gelderwerb verfolgte Stöcklin aber pädagogische und bildungspolitische Ziele. Mit seinen Lehrmitteln sollte die Alltagserfahrung der Menschen in den Mathematikunterricht einfliessen und die heranwachsende Generation so befähigt werden, «die Rechenfälle des praktischen Lebens sicher und rasch zu beurteilen und zu lösen».
Doppelsseite aus Justin (sic) Stöcklin, Rechenfibel mit Bildern, Zeichnungen von Evert van Muyden und Adolf Marti, 12. Auflage, ohne Jahr. (Bild: Hans-Jörg Walter)
Wichtig war für Stöcklin auch, wie er 1912 schrieb, dass durch die Verbreitung seiner Lehrmittel «im weitaus grössten Teil der deutschen Schweiz» in Fragen des Mathematikunterrichts «die gewünschte Übereinstimmung für dieses Landesgebiet bis zu einem gewissen Grad» erreicht worden sei.
Die Verbesserung des Unterrichts war Stöcklin bis zu seinem Tod ein stetes Anliegen. «Auf dem Sims seines Sterbezimmers», heisst es im Nachruf der «National-Zeitung», «lag das Manuskript eines Aufsatzes über Kinderpsychologie im Rechenunterricht.»
Quellen
Lukas Boser: Liebe zu Zahlen und Poeten – Justus Stöcklin: der Vater des roten Rechnungsbüchleins, in: Mir wei luege – Bildung und Wissen im Basebiet. Baselbieter Heimatbuch, Band 28, Liestal 2011, S. 87–94
Nachruf in der «National-Zeitung», 13. Juli 1943
und in den «Basler Nachrichten», 13. Juli 1943