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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

14. Buch
4. Der Sinn der Worte „nach dem Menschen leben“ und „nach Gott leben“.
Lebt also der Mensch nicht nach Gott, sondern nach dem Menschen, so ist er dem Teufel ähnlich; denn auch der Engel durfte nicht nach dem Engel, sondern mußte nach Gott leben, sollte er in der Wahrheit standhalten und aus dem, was Gottes, die Wahrheit reden, statt aus dem Eigenen zu lügen. Und vom Menschen sagt der Apostel an anderer Stelle1 : „Wenn aber die Wahrheit Gottes in meiner Lüge überströmte“. Die Lüge nennt er da unser Eigen, die Wahrheit spricht er Gott zu. Wenn demnach der Mensch nach der Wahrheit lebt, so lebt er nicht nach sich selbst, sondern nach Gott. Gott ist es, der gesagt hat2 : „Ich bin die Wahrheit“. Lebt er aber nach sich selbst, d. i. nach dem Menschen und nicht nach Gott, so lebt er klärlich nach der Lüge; nicht als wäre der Mensch selbst die Lüge, da ja sein Urheber und Schöpfer Gott ist, der natürlich nicht Urheber und Schöpfer der Lüge ist, sondern weil die dem Menschen anerschaffene Grundrichtung erfordert, daß er nicht nach sich selbst, sondern nach dem lebe, der ihn erschaffen hat, d. h. daß er dessen und nicht seinen Willen tue; nicht so leben, wie es ihm anerschaffen ist, darin besteht die Lüge. Er will nämlich glückselig sein, auch wenn er nicht so lebt, daß er es sein kann. Ein solcher Wille ist das Verlogenste, was es gibt. Und mit gutem Grund kann man deshalb sagen, jede Sünde sei eine Lüge. Denn die Sünde kommt nur zustande durch einen auf unser Wohlergehen oder auf Abwendung unseres Übelergehens gerichteten Willen. Also ist das Lüge, was zu unserm Wohlergehen geschieht, aber eben dadurch uns übel bekommt, oder was zur Besserung unserer Lage geschieht und sie in Wirklichkeit verschlechtert. Und dies rührt lediglich daher, daß es dem Menschen nur gut ergehen kann im Anschluß an Gott, den er nun aber durch die Sünde verläßt, nicht im Anschluß an sich selbst, in der Sünde, die darin liegt, nach sich selbst zu leben.
Wenn wir also die Ursache des Entstehens zweier verschiedener und sich entgegengesetzter Staaten darin gesucht haben, daß die einen nach dem Fleische, die andern nach dem Geiste leben, so könnte man als Ursache ebensogut bezeichnen, daß die einen nach dem Menschen, die andern nach Gott leben. Mit ausdrücklichen Worten sagt ja « Paulus » zu den Korinthern3 : „Denn wenn unter euch Eifersucht und Streit « herrschen », seid ihr dann nicht fleischlich und wandelt nach dem Menschen?“ Also wandeln nach dem Menschen ist gleichbedeutend mit fleischlich sein, weil unter Fleisch als einem Teile des Menschen der Mensch selbst zu verstehen ist. Vorher hat er ohnehin die nämliche Gattung von Menschen seelisch genannt, die er hier als fleischlich bezeichnet; er sagt nämlich4 : „Denn welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, als nur der Geist des Menschen, der in ihm selbst ist? So weiß auch niemand, was Gottes ist, als nur der Geist Gottes. Wir aber“, fährt er fort, „haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt worden ist. Und das lehren wir auch, nicht mit gelehrten Worten menschlicher Weisheit, sondern mit geistgelehrten, indem wir das Geistige geistig behandeln. Der seelische Mensch dagegen faßt nicht, was des Geistes Gottes ist; ihm ist es Torheit.“ An solche also, an seelische meine ich, wendet er sich kurz hernach mit den Worten5 : „Und ich, Brüder, konnte nicht zu euch reden als zu Geistigen, sondern als zu Fleischlichen“; hier wie dort derselben Redefigur sich bedienend, mit dem Teil das Ganze bezeichnend. Denn sowohl mit der Seele als auch mit dem Fleische, den beiden Bestandteilen des Menschen, kann man das Ganze, den Menschen, bezeichnen; und so ist seelischer Mensch und fleischlicher Mensch gleichbedeutend, beides ist ein und dasselbe, nämlich der nach dem Menschen lebende Mensch, wie ja auch wieder eben Menschen gemeint sind sowohl in der Stelle6 : „Aus den Werken des Gesetzes wird nicht gerechtfertigt werden jegliches Fleisch“, als auch in der Stelle7 : „Fünfundsiebzig Seelen stiegen hinab mit Jakob nach Ägypten“. Dort ist unter jeglichem Fleisch jeglicher Mensch zu verstehen und hier unter den fünfundsiebzig Seelen fünfundsiebzig Menschen. Und statt: „nicht mit gelehrten Worten menschlicher Weisheit“ hätte es ebensogut heißen können: fleischlicher Weisheit, und statt: „ihr wandelt nach dem Menschen“ ebenso gut: nach dem Fleische. Noch deutlicher tritt das hervor in den anschließenden Worten8 : „Denn wenn der eine sagt: Ich bin des Paulus, der andere aber: Ich des Apollo, seid ihr da nicht Menschen?“ Was er meinte mit den Ausdrücken: Seelisch seid ihr, fleischlich seid ihr, das sagt er hier genauer, voller: „Menschen seid ihr“, das will sagen: Nach dem Menschen lebt ihr, nicht nach Gott; würdet ihr nach Gott leben, so wäret ihr Götter,
1: Röm. 3, 7.
2: Joh. 14, 6.
3: 1 Kor. 3, 3.
4: Ebd. 2, 11-14.
5: 1 Kor. 3, 1.
6: Röm. 3, 20.
7: Gen. 46, 27.
8: 1 Kor. 3, 4.