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Von Lars Lange, Jack in the Box e.V., Köln
Wir leben Zukunft. Zukunft ist zu Gegenwart geworden. Zu Flughäfen. Computern. Robotern. Raketen, die unsere Biosphäre verlassen können. Agrarfabriken bauen Mais an, der nach den patentierten Plänen von Großkonzernen gestaltet ist. Der Mensch schafft durch das von ihm selbst Hervorgebrachte Zonen auf der Erde, die er selbst nicht mehr betreten kann. Niemals zuvor wurde unser gemeinsamer Planet so in den Anspruch genommen. Der Mensch ist planetarisch wirksam. Klimakatastrophal wirksam – Wirkung der Gegenwärtigkeit vergangener Zukunft. Beispiellos: 8,8 Millionen Hungertote pro Jahr. Wie geht das weiter?
Zukunft kann nur sein, wenn Zeit ist. Was aber, wenn Menschen keine Zeit haben? Robert Levine arbeitet in „Eine Landkarte der Zeit“ heraus, dass es viele Kulturen auf der Erde gibt, die weder Zeit noch Zukunft kennen. Der Historiker Edward Palmer Thompson veröffentlicht 1967 die kleine Schrift „Blauer Montag“. Er skizziert nach, wie die mechanisch exakte Zeit das Leben der Menschen veränderte. Thompson spricht von der Herausbildung eines Zeitsinnes, der mit dem Beginn der industriellen Revolution notwendig wurde. Denn eine große Verbreitung von Uhren erreichte Großbritannien zu dem Zeitpunkt, als die Industrie einen hohen Wert an Synchronisation von Arbeitskraft benötigte, als die Fertigungsprozesse komplexer und exakter wurden. Die Durchsetzung der durch die Uhr-Mechanik vorgegebenen Einteilung des Tages in Minuten und Stunden dauerte Jahrhunderte und wurde von harten Disziplinierungsmaßnahmen flankiert. Ein herausragendes Beispiel für die gewaltsame Disziplinierungs- und Formungsarbeit finden wir im Gesetzbuch der Crowley Iron Works. Um das Jahr 1700 war das Unternehmen wahrscheinlich das Größte seiner Zeit und weltweit das erste seiner Art, das im industriellen Maßstab Waren produzierte. Um dies zu ermöglichen, verfasste der frühe Unternehmer Ambrose Crowley ein privates Straf- und Gesetzbuch mit einem Umfang von mehr als 100.000 Wörtern (das deutsche „Bürgerliche Gesetzbuch“ hat 184.000 Wörter). Unternehmer wie Crowley verlangten dem frühen neuzeitlichen Menschen ein mechanisches Funktionieren ab, um die getaktete, standardisierte Produktion durch standardisierte Menschen verlässlich laufen zu lassen. Die Uhr gebar eine Biomaschine, die den entmenschlichten Körper in den Dienst der Produktion stellt, berechenbar, verlässlich, getaktet, genormt. „Die Uhr, nicht die Dampfmaschine, ist die Schlüssel-Maschine des modernen, industriellen Zeitalters“, konstatiert deshalb Lewis Mumford.
Erst mit der gewaltsamen Durchsetzung des neuen Zeitsinnes war es möglich, entmenschlichte Arbeit massenhaft in den Dienst einer mechanisierten Produktion zu stellen, die menschliche Arbeitskraft zu strukturieren und zu synchronisieren, um die Kontinuität des Arbeitsprozesses sicher zu stellen. Der Mensch als Ganzes wird so als formbare Biomaschine angeschlossen an eine Produktion, die nicht darauf abzielt, ein mehr an Freiheit für alle zu schaffen, die nicht auf die Schaffung einer egalitäre Gesellschaft abzielt, sondern wir sehen die Einführung eines Ausbeutungsprozesses, der wenige immer reicher und viele immer ärmer macht. Es ist die Genialität einer Biopolitik, die erkennt, dass Reichtum notwendigerweise auf Armut und Arbeit anderer Menschen basiert, oder mit den Worten Foucaults über Bio-Macht: „Diese Macht ist dazu bestimmt, Kräfte hervorzubringen, wachsen (zu) lassen und zu ordnen, anstatt sie zu hemmen, zu beugen oder zu vernichten.“ und um „die Bevölkerung als Produktionsmaschine zur Erzeugung von Reichtum, Gütern und weiteren Individuen [zu] nutzen.“ Dem als Biomaschine missbrauchten Menschen verschwindet die Eigenzeit als lebendiger, autopoietischer Augenblick und die Zukunft kommt nun als Hoffnung ins Leben dieses in den Anspruch genommenen Menschen; die nahe Zukunft als Hoffnung auf den Feierabend, die ferne Zukunft als Erlösung vom Joch der entfremdeten Arbeit.
Nach dem Grimm‘schen Wörterbuch hatte Zukunft zunächst im Mittelhochdeutschen bis ins frühe 17. Jahrhundert die räumliche Bedeutung von „Ankunft“/“Herankunft“ als Ableitung des Wortes „zukommen“. Dazu gab es parallel in der kirchlichen Sprache die starke Konnotation von der „Herabkunft des Herren“. Diese christliche Bedeutung hat sich bis ins 19. Jahrhundert erhalten. So kennt die Bibel Luthers ausschließlich diese Bestimmtheit von „Zukunft“. Aus diesem religiösen Gebrauch und Verständnis von Zukunft hat sich die spätere, zeitliche Lesart gebildet. So schreibt Hölderlin „wie vom Elysium herüber, vernahm ich seine (des frühlings) zukunft“. Dieses jetzt zeitliche Zukommen ist noch etwas Unabwendbares, etwas unbedingt Kommendes, eine Determiniertheit, eine Vorbestimmung: der Frühling kommt auf jeden Fall. Erst ab dem 18. Jahrhundert überwiegt vollends die zeitliche Bedeutung, die sich aus der Wendung „zukünftige Zeit“ heraus schält. Diese Wortherkunftsgeschichte des gegenwärtigen Gebrauchs des Begriffes Zukunft wirft die Frage auf, auf wessen Ankunft wir denn eigentlich warten, warum der Rückgriff auf die Ankunft des Gottes? Auf was warten wir in der Zukunft, oder auf wen?
Ich behaupte hier, dass das Projekt Zukunft eine Rekurrierung auf das christliches Jenseitsversprechen darstellt, also ein Versprechen auf einen dem schmerzenden Jetzt enthobenen Zustand. Ähnlich wie das Christentum, welches alte, vorchristliche Strukturen und Feste in das neue, christliche Weltbild erfolgreich eingespeist und nutzbar gemacht hat, so hat sich der Kapitalismus nun des christlichen Codes bedient. Zukunft substituiert christliche Erlösung, Paradies, Himmel, aber auch Ewigkeit. Denn Zukunft ist strukturell statisch: auf die Zukunft folgt eine neue Zukunft. Ein ewiges Versprechen. Zukunft ist also eine Erzählung, die ihren Ursprung in fernster Vergangenheit hat. Wenn wir uns anschauen, was der Mensch in Zukunft alles kann, was uns in der Gegenwart als Zukunft versprochen wird, was als Zukunft in die Gegenwart gekommen ist, so meine ich, dass dem zukünftigen Menschen die Rolle eines Schöpfergottes zukommt. Anders ausgedrückt: Das durch den Menschen geschaffene, ins Äußere projizierte christliche Gottesbild inkorporiert in den Urheber der Projektion, in den Menschen; so wie ein Geist in ein Medium einfährt. Weniger esoterisch gesprochen kehrt das vom Menschen selbst in der Vergangenheit geschaffene Konzept eines Schöpfergottes als Introjekt zu diesem zurück.
Auf wessen Ankunft warten wir also in der Zukunft, warum der Rückgriff auf die Ankunft Gottes? Weil der zukünftige Mensch auf sich selber warten soll. Dieser Mensch wartet auf die Ankunft seiner selbst als Gott. Er arbeitet an der Ankunft desjenigen Gottes, der er selber ist. Das verborgene, dem Narrativ Zukunft innewohnende Ziel ist demnach die Autoapotheose, die Selbstgottwerdung. Zukunft wird so zur Heilsgeschichte unserer Zeit – das Narrativ Zukunft ist die Eschatologie des Kapitalismus. Dieses Versprechen, selbst Gott werden zu können, ist aus meiner Sicht der Treibsatz unserer Gesellschaftsordnung, das mächtige Reservoir spiritueller Energie des Kapitalismus. Das Neue Testament erzählt von Jesu, der als Gott Mensch wird. Das Narrativ Zukunft, die Heilslehre des Kapitalismus, ist die Geschichte des Menschen, der Gott werden kann. Doch das ist das Vermögen der nur ganz Wenigen. Denn das Göttliche wird erst durch Differenz dem Profanen enthoben.