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Ein Naturschutzgebiet mit Flughafen: Das gibt es nur im Tessin. Willkommen auf der Magadino-Ebene, der Bruchlinie zwischen Europa und Afrika. Hier toben Interessenskonflikte, deren Ende nicht absehbar ist.
Die Zerstrittenheit der Tessiner ist legendär. Stefano Franscini, der 1848 als erster Tessiner in den Bundesrat gewählt wurde, wollte der Streitlust seiner Landsleute mit der Gründung einer neuen Kantonshauptstadt auf dem Monte Ceneri ein Ende bereiten. Deren Name war Programm: Concordia. Franscinis Idee blieb eine Utopie, während die mentale Kluft zwischen Sopra- und Sottoceneri bis heute besteht. Hier Norden, da Süden. Marco Solari, der langjährige Präsident von Ticino Turismo und des Filmfestivals von Locarno, bringt diesen Unterschied, über den schon so viel geschrieben wurde, mit einem anschaulichen Beispiel auf den Punkt: «Noch in Ascona bestellt man im Ristorante streng nach Menükarte, wie in Zürich. In Lugano oder Mendrisio aber besprechen die Gäste mit dem Kellner das Essen, die Sonderwünsche. All’italiana eben.»
Sopra- und Sottoceneri bilden im Kleinen Nord- und Südeuropa ab. Nochmals Solari: «Im Norden Europas die Menschen mit der Sehnsucht nach der Wärme und der Leichtigkeit des Südens. Im Süden des Kontinents die Menschen mit der Nostalgie nach der Ordnung und Struktur des Nordens.» Was kaum einer weiss: die Bruchlinie zwischen diesen beiden Welten verläuft mitten durch die Magadino-Ebene. Geologisch gesehen markiert sie die Grenze zwischen den zwei Kontinentalplatten Europa und Afrika. Nördlich dieser tektonischen Bruchlinie finden wir Gesteine der penninischen Decke, welche zur europäischen Platte gehören. Südlich liegen Gesteine der Südalpen, welche zur afrikanischen Platte gehören.
Vom Niemandsland zur begehrten Fläche
Jahrhundertelang war diese Bruchlinie ein Niemandsland. Zu Franscinis Zeiten war der Talgrund eine unbewohnte Ebene, durch die der Ticino mäandrierte, bis er sich in den Lago Maggiore ergoss. Von den Seitentälern aus schlängelten sich Rinnsale auf den Flusslauf zu, bildeten Teiche und Tümpel. Wo kein offenes Wasser war, lagen Geröll und einige Auen, wuchsen Weiden und Schilf, lebten Vögel und Amphibien. Wenn der grosse Regen kam, wurde die Ebene weithin überschwemmt, und unter der Gewalt der Wassermassen, des Gerölls und des Treibguts änderten die Wasserläufe ihr Bett. Es war wüstes Land, das den Bewohnern der Dörfer, die zum Schutz vor dem Hochwasser an die Hänge am Rand der Ebene gebaut worden waren, wenig Ertrag lieferte. Sie trieben ihr Vieh auf die Auen, schnitten das Schilf, holten Fische aus den Wasserläufen und flössten das Holz aus den Wäldern den Fluss hinunter.
Im 19. Jahrhundert propagierten die liberalen Gründerväter des Kantons Tessin die Zähmung des Flusses und die Austrocknung der Sümpfe. Damit sollten die Lebensbedingungen in den Dörfern am Rand der Ebene verbessert, die Malaria besiegt und die Abhängigkeit des Tessins von den Getreideimporten aus der Lombardei verringert werden: Im Sumpf erkannten die Visionäre die zukünftige Kornkammer des Kantons. Die Verwirklichung dieser Vision dauerte ein Jahrhundert und wurde erst während des Zweiten Weltkriegs abgeschlossen. Die Sümpfe waren zu fruchtbaren Äckern geworden, von denen in der Folge immer mehr zu Gemüsebeeten wurden, auf denen Tomaten, Gurken und Zucchini reiften.
Doch die Bauern blieben nicht lange Herren über die Magadino-Ebene. Mit der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung seit den 1950er-Jahren wurde der Piano di Magadino zum Zentrum der «Città Ticino», wie der Architekt Aurelio Galfetti den wachsenden Tessiner Siedlungsraum zwischen Locarno und Bellinzona getauft hat. Industrie, Gewerbe, Einkaufszentren, Verkehrswege und Wohnbauten entstanden. Das ist insofern naheliegend, als die Magadino-Ebene die grösste verfügbare Fläche im Kanton darstellt. Von den 2812,5 Quadratkilometern, die der Kanton Tessin umfasst, sind bloss 5,1 Prozent Siedlungsfläche. Weitere 14,3 Prozent werden landwirtschaftlich genutzt. Wald (48,8 Prozent) und unproduktive Flächen (31,7 Prozent) machen den Löwenanteil aus. Mit anderen Worten: Im Tessin herrscht Platzmangel. Weitläufige Flächen bietet einzig noch die Magadino-Ebene. Doch wie soll sie genutzt werden? An dieser Frage scheiden sich die Geister immer wieder. Der Piano di Magadino avancierte so zur Kampfzone, wo diverse Interessenskonflikte zutage treten.
Naturschutz oder Erschliessung?
Nehmen wir das Beispiel der Ticino-Mündung. Dort gibt es eine Auen- und Moorlandschaft, die Bolle di Magadino, die einzigartig ist. Fische, Enten, Schwäne, Blässhühner, Haubentaucher, Wasserschlangen, Sumpfschildkröten, Molche, Frösche, Kormorane, Reiher und Zugvögel finden hier ihr Habitat. Ein Kies- und Betonwerk störte in diesem 660 Hektaren grossen Reservat jedoch lange Zeit die Ruhe. 2007 konnten Umweltschützer einen wichtigen Erfolg verbuchen: das Kieswerk musste auf Geheiss des Bundesgerichts das Feld räumen. Das einmalige Feuchtgebiet des Ticino-Deltas wurde damit endgültig der Natur überlassen, wie es die kantonalen Naturschutzbestimmungen schon seit Anfang der 1970er-Jahre vorgesehen hatten.
Mit der Ruhe ist es trotzdem nicht weit her. Denn gleich neben den Bolle befindet sich seit 1939 der Flugplatz Locarno-Magadino, wo jährlich über 60‘000 Flugbewegungen registriert werden. Dass eine Verlängerung der Lande- und Startbahn, ein seit Langem gehegter Wunsch der Aviatoren, im Lager der Umweltaktivisten nicht mehrheitsfähig ist, versteht sich von selbst. Diese wehren sich vehement gegen eine weitere Zubetonierung der Magadino-Ebene – mal mit Erfolg, mal stehen sie auf verlorenem Terrain, im wahrsten Sinne des Wortes.
Nicht verhindern konnten sie beispielsweise den Bau einer Kehrrichtverbrennungsanlage, die seit 2008 bei Giubiasco das Eingangstor zur Magadino-Ebene bildet. Wohl aber den Anschluss der Region Locarno an die Autobahn A2. Im September 2007 versenkte das Tessiner Stimmvolk die vom Kanton favorisierte Variante 95, die mitten durch die Ebene geführt hätte. Bemerkenswert war, dass 10 von 14 Gemeinden der Magadino-Ebene dieser Streckenführung zugestimmt hatten. Deren Bevölkerung ist des Durchfahrtsverkehrs überdrüssig. Ob ein anderthalb Milliarden Franken teurer Umfahrungstunnel durch die Ceneri-Nordflanke die Lösung bringt, bleibt abzuwarten. Optimisten rechnen damit, dass ein solches Projekt frühestens im Jahr 2038 eröffnet werden könnte.
Bereits in Betrieb ist der Ceneri-Basistunnel, dessen Zufahrt viel Agrarland zum Opfer gefallen ist. Die Bahnprojekte sind damit aber noch nicht abgeschlossen. Die NEAT sieht eigentlich eine Umfahrung von Bellinzona vor. Am Kreuzungspunkt zwischen alter Bahnstrecke und neuer Magadino-Querung bei Camorino ist ein neuer Umsteigebahnhof vorgesehen, die «Stazione Ticino». Doch bis diese Vision Realität wird, wird noch viel Wasser den gleichnamigen Fluss hinunter fliessen, und die Tessiner werden bestimmt noch manchen Strauss miteinander ausfechten.
Eben radeln
Die Magadino-Ebene bietet für jeden Geschmack etwas. Ein 22 Kilometer langer Radweg führt von Bellinzona nach Locarno.
Reife Verpflegung
Wer sich mit Obst und Gemüse (oder Tomatensauce) eindecken will, macht bei Orticola Bassi Halt.
Paradies für Ornithologen
Im Naturschutzgebiet Bolle di Magadino kann man auf ausgeschilderten Pfaden seltene Vögel beobachten.
Überblick oder Adrenalinkick
Wer hoch hinaus will, startet auf dem Flugplatz Locarno-Magadino zu einem Alpenrundflug oder gleitet mit dem Fallschirm zu Boden.
Rennfahrer
Wer Gas geben will, dreht auf der Gokart-Piste seine Runden.