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Drei Jahre alt war der chinesische Pianist Lang Lang, als er erstmals an einem Klavier sass. Mit fünf gewann er seinen ersten Wettbewerb, mit neun studierte er an der Musikhochschule in Peking. Skirennfahrerin Lindsey Vonn stand mit zwei erstmals auf Skiern. Weil ihr Vater ihr Talent erkannte, zog die Familie ihretwegen ins Ski-Resort Vail, als Lindsey elf war. Ihre erstes FIS-Rennen fuhr sie mit fünfzehn, mit sechzehn gewann sie eines. Auch Martina Hingis war zwei Jahre alt, als sie erstmal ein Tennis-Racket in der Hand hielt. Mit vier spielte sie ihr erstes Turnier, mit zehn in der Nationalliga B, mit zwölf war sie die jüngste Spielerin, die je einen Junioren-Grand-Slam-Titel gewann.
Meine Tochter ist neun. Sie hat gerade angefangen, Klavier zu spielen. In meinen Augen tut sie das so locker, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. In dem Alter studierte Lang Lang bereits an der Musikhochschule. Meine beiden Kinder standen mit zwei Jahren erstmals auf Skiern. Ich bin in den Bergen aufgewachsen, es war einfach selbstverständlich, dass meine Kinder Skifahren, sobald sie einigermassen laufen können. Meine Neunjährige fährt mittlerweile Ski und Snowboard und mein Siebenjähriger fetzt am Liebsten auf Skiern die Halfpipe runter, inklusive halsbrecherischer Stunts. Ich muss mir schon richtig Mühe geben, um ihnen auf der Piste noch einigermassen nachzukommen. Als Lindsey Vonn so alt war wie die beiden, wusste ihr Vater längst, dass sie das Zeug zur Skirennfahrerin hat. Seit einem guten Jahr spielen beide meine Kinder Tennis. Der Kleine ist wohl ein hoffnungsloser Fall. Null Ballgefühl. Die Grosse ist ziemlich gut. Sie spielt übrigens auch Fussball, und hat keine Angst, den Jungs der gegnerischen Mannschaft mal kräftig eins ans Schienbein zu treten (Irgendwas muss sie ja von mir haben…). Martina Hingis spielte in dem Alter schon auf fast professionellem Niveau Tennis.
Immer, wenn ich von den Lang Langs, Lindsey Vonns und Martina Hingis' dieser Welt lese, frage ich mich, woran denn diese Eltern erkannt haben, dass ihre Kinder ungewöhnlich talentiert sind. Leidenschaft allein reicht da doch nicht. Seit sie drei Jahre alt ist, lag mir meine Tochter in den Ohren, sie wolle tanzen. Ich fragte mich schon damals, ob sie wirklich tanzen wolle, oder ob ihr einfach der Gedanke gefiel, in einem hübschen Kleidchen rumzuhüpfen, wie in ihrem Lieblingsfilm «Barbie und die zwölf tanzenden Prinzessinnen». Mit vier fing sie an, Ballett zu tanzen. Zwei Jahre später wechselte sie zum Hip-Hop. Das tanzt sie heute noch. Als Hobby - ohne richtigen Ehrgeiz. Aber sie zieht es immerhin seit fünf Jahren durch. Gerade hat sie die Gruppe gewechselt. Sie tanzt jetzt auf einem Niveau, das eigentlich zu tief ist für sie. Aber sie möchte dort sein, wo ihre Freundinnen sind. Das ist in dem Alter wichtiger als Primaballerina-Träume. Für die meisten jedenfalls.
Habe ich was verpasst? Sind meine Kinder in irgendetwas aussergewöhnlich talentiert, und ich merke es nicht? Und selbst wenn - wollen Kinder, dass man ihre Talente fördert? Wollte Lang Lang mit neun Jahren weg von zu Hause und täglich acht Stunden Klavier üben? Wollte Lindsey Vonn mit elf weg von ihrer gewohnten Umgebung und ihren Freunden ziehen, um bessere Chancen als Skirennfahrerin zu haben? Wollte Martina Hingis sich bereits mit vier Jahren mit anderen auf dem Tennisplatz messen? Ganz ehrlich - ich wage das zu bezweifeln.
Meine Kinder sind auch schon Skirennen gefahren, und meine Tochter stand schon mit ihrer Hip-Hop-Truppe auf der Bühne. Aber sie würden niemals auf die Idee kommen, einem ihrer Hobbys alles andere unterzuordnen - sogar wenn sie selbst merken würden, dass sie darin besser sind als alle anderen. Aber wenn sie das denn wirklich wären, wäre es als Mutter nicht meine Pflicht, das zu merken und zu fördern? Werfen sie mir später vor, die ganz grosse Karrierechance verpasst zu haben, weil ihre Mutter nicht gecheckt hat, wie gut sie sind? Vielleicht. Aber das Risiko gehe ich ein. Momentan ist mir wichtiger, dass sie Freude an dem haben, was sie machen. Dass sie Freunde haben. Dass sie ganz normale Kinder sind. Wenn sie irgendwann das Gefühl haben, sie müssten jetzt täglich acht Stunden täglich Klavier oder Tennis spielen oder irgendwo anders hingehen, um ihre Träume zu verwirklichen, unterstütze ich sie dabei. Auch wenn es dann vermutlich zu spät ist.