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Es ist absehbar, dass die biologischen Ursachen des Alterns bald bekämpft und gestoppt werden können. Das Ende des Alterns wird aber nicht das Privileg der Reichen bleiben: Im Gegenteil.
Älter werden, altern, ist evolutionsbiologisch sinnvoll. Eine Spezies, deren Mitglieder nicht altern und dann schliesslich sterben, aber sich trotzdem fortpflanzen, würde sich exponentiell vermehren und schliesslich ihre natürlichen Grundlagen vollständig zerstören. Zudem würden die älteren (aber nicht gealterten), erfahrenen Mitglieder mit den jüngeren um die gleichen Ressourcen konkurrieren, wobei die jüngeren stets den Kürzeren ziehen würden. Somit würde auf den Eltern ein enormer Druck lasten, nicht nur für sich selbst, sondern auch für ihre unerfahrenen Jungen zu sorgen, so lange, bis die mit den älteren gleichziehen können. Doch von der ganzen Mühe hätten die Eltern am Ende nichts: ihre Jungen hätten weiterhin schlechte Chancen, sich auf lange Sicht gegen das Übermass der Alten durchzusetzen. Die Investition in Nachwuchs wäre in einer solchen Welt total sinnlos, eine evolutionäre Sackgasse.
Doch für eine ganze Spezies ist eine solche Entwicklung fatal: ändern sich die Lebensgrundlagen oder die Umwelt, kann sie sich nicht evolutionär anpassen und stirbt in kurzer Zeit aus. Biologische Unsterblichkeit ist deshalb aus Sicht der Evolution eine Fehlanpassung, die durch rasches Aussterben „bestraft“ wird. Deshalb ist Altern, teilweise, genetisches Programm. Wir altern nicht einfach aus Verschleiss (denn in jungen Jahren verfügt der Mensch über ausgezeichnete Regenerationsmechanismen), sondern weil der Körper ab einem bestimmten Alter die Regenerationsmechanismen aktiv zurückfährt und den Körper zerfallen lässt. Das wird dadurch bestätigt, dass es Lebewesen gibt, die tatsächlich im biologischen Sinn praktisch nicht altern (wie gewisse Arten von Seegurken und Fischen). Natürlich sterben solche Tiere trotzdem gelegentlich, weil sie gefressen werden – doch statt ihr Populationsgleichgewicht durch Fortpflanzung und Tod an Altersschwäche zu erreichen, erreichen diese Lebewesen ihr Gleichgewicht durch Fortpflanzung und Tod durch Gefressenwerden. Natürlich gibt es bei allen Lebewesen, bei denen das Altern biologisches Programm ist, auch andere Todesarten. Tod durch Krankheit etwa, insbesondere Krebs: Da Krebs jederzeit auftreten kann, nimmt die Chance, an Krebs zu erkranken zu, je länger man lebt (insbesondere, nachdem die Regenerationsmechanismen zurückgefahren wurden). Weiter gibt es genetische Krankheiten, die sich erst viele Jahre nach dem Ende der Fruchtbarkeit einstellen, und die deshalb nicht evolutionär ausgelesen werden können. Dass der Mensch über das Ende der Fruchtbarkeit (Fortpflanzungsfähigkeit) hinaus lebt, ist ohnehin erstaunlich: es gibt kein anderes Säugetier, bei dem dies ebenfalls zu beobachten wäre. Die „Grosselternhypothese“ postuliert, dass die Grosseltern beim frühen Menschen soziale Funktionen übernahmen, in der Kindbetreuung etwa, während die mittlere Generation jagen und sammeln ging. Das ist plausibel, weil sich der Mensch mit seiner ausgesprochen langen Abhängigkeit von den Eltern ebenfalls von allen anderen Tieren abhebt, und sowohl die Zeit der Abhängigkeit als auch die Zeit, die frühe Menschen typischerweise über das Ende der Fruchtbarkeit hinaus lebten, in beiden Fällen etwa gleich lang (~15-20 Jahre) ist. Man sollte sich übrigens nicht der Illusion hingeben, frühe Menschen wären nicht auch 60,70 Jahre alt geworden: Die mittlere Lebenserwartung lag zwar viel tiefer als heute, aber dies ist vor allem anderen auf die hohe Mortalität im Kindesalter zurückzuführen. Damals wie heute gab es vereinzelte Menschen, die allen Krankheiten und Unfällen entkamen und erst im hohen Alter (z.B., jenseits von 100 Jahren) starben.
Sollte die „Grosselternhypothese“ korrekt sein, zeigt dies, dass sich das Alter des Menschen durchaus biologisch strecken lässt, wenn es evolutionär erforderlich ist. Daraus, und aus allen anderen oben genannten Beobachtungen zum Altern, lässt sich schliessen, dass es früher oder später gelingen wird, den genetischen Schalter des biologischen Alterns auch beim Menschen umzulegen, die Regenerationsmechanismen also letztlich unbegrenzt zu erhalten. Gelingt es gleichzeitig, Krebs nachhaltig zu heilen und „späte“ genetische Krankheiten auszuschalten, steht einer biologischen Unsterblichkeit des Menschen nichts mehr im Weg. Natürlich können solche Menschen immer noch durch Unfälle, seltene Krankheiten oder Selbstmorde sterben (und aller Wahrscheinlichkeit nach wird jeden Menschen früher oder später einen dieser Tode ereilen).
In einer solchen Welt würden nur noch wenige Menschen Kinder zeugen. Zunächst einmal würden alle ziemlich schnell dem Alter entwachsen, in dem sie überhaupt noch Kinder bekommen können. Die Anzahl Eizellen, die eine Frau in ihrem Leben produzieren kann, ist von Geburt an festgelegt und nimmt mit jedem Zyklus ab – dies lässt sich, ohne einen massiven Eingriff in die Fortpflanzungsbiologie, nicht verändern. Zudem bringen Fortpflanzungsorgane eine Menge Probleme (Menstruationsbeschwerden, Gefahr der Entwicklung von Tumoren) mit sich, die man in einer solchen Welt nicht ohne Zwang ständig (Jahrhunderte, Jahrtausendelang?) auf sich nehmen wird. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass sich das Durchschnittsalter der Bevölkerung in einer solchen Welt sehr schnell über das Ende der Fruchtbarkeit hinaus entwickeln würde, und so nur eine kleine Minderheit von Fortpflanzungslinien erhalten bleibt (also Familien, deren Mitglieder sich trotz der biologischen Unsterblichkeit stets schnell genug fortpflanzen, dass die Anzahl reproduktiver Mitglieder nicht abnimmt). Danach kommen weitere Probleme: Wie in der eingangs beschriebenen Welt würden die Kinder stets mit älteren, erfahrenen Menschen um die begrenzten Ressourcen konkurrieren müssen: Im Fall der Zivilisation sind das Arbeitsplätze, Grundstücke, Rohstoffe, vielleicht sogar Nahrungsmittel. Dies würde Eltern einem enormen sozialen und finanziellen Druck aussetzen, da sie stets für sich selbst, als auch für all ihre Nachfahren sorgen müssten. Dies wiederum würde dazu führen, dass nur noch wohlhabende (oder sozial massiv unterstützte) Menschen sich Kinder leisten können. Die breite Bevölkerung würde Kinder mehr und mehr als Luxusprodukt wahrnehmen, sowie als zusätzliche Konkurrenten um schwindende Ressourcen. Als Vorteil könnte man dagegen werten, dass den immer weniger werdenden Kindern immer grössere Aufmerksamkeit zuteil würde, LehrerInnen immer sorgfältiger ausgewählt würden – was natürlich den Preis des Kinderkriegens nur weiter in die Höhe treiben würde.
Aus Sicht des Staates ist das Altern die tödlichste, weitverbreitetste und teuerste Volkskrankheit überhaupt. Schaut man sich das Budget eines typischen europäischen Staates an, dann werden Bildung und Soziales darin den grössten Teil ausmachen. Beide sind, in letzter Konsequenz, die Folge des Alterns: Ohne das biologische Altern müssten Menschen nie in Rente gehen (möglicherweise würden sie dann aber, in einer Welt ohne Aussicht auf Ruhestand, generell eine Reduzierung der Arbeitszeiten fordern?), die ganze Altersversorgung fällt weg. Ohne Kinder gäbe es keine Schulen mehr (nur Universitäten und andere Institutionen der Erwachsenenbildung blieben bestehen), der Druck, innerhalb von einigen Jahrzehnten einer ganzen Generation neuer Menschen alles Wissen, das sie zur Fortführung der Zivilisation benötigen, zu vermitteln, fiele weg. Die Zahl der Sozialfälle würde wohl drastisch zurück gehen, denn Kinder sind auch heute noch in vielen Staaten ein Armutsrisiko, und wie oben erwähnt, werden sich langfristig nur wohlhabende Familien Kinder leisten können. Ältere, erfahrenere Gesellschaften wären vielleicht auch friedlicher und demokratischer, so dass Verteidigungsausgaben zurückgefahren werden könnten. Infrastrukturbauten würden mit dem Ende des Alterns und der Fortpflanzung zurück gehen. Der Staat könnte sich im Wesentlichen auf Verwaltungs- und Sicherheitsaufgaben beschränken. Aus der Sicht des Staates ist die biologische Unsterblichkeit deshalb eine Möglichkeit, seine Ausgaben mittelfristig drastisch herunterzufahren. Insbesondere der schnelle Wegfall der Altersversorgung (die in Zukunft einen immer grösseren Teil des Budgets ausmachen wird, weil – selbst ohne Stopp der biologischen Alterung – immer weniger Junge für immer mehr Alte sorgen müssen) und eines grossen Teils der Grundschulen dürfte einen grossen kurzfristigen Anreiz darstellen, neuen Behandlungen, die das biologische Altern bremsen oder stoppen, zu einem schnellen Durchbruch zu verhelfen. Der Staat wäre in der Lage, diese Medikamente / Apparaturen / Fachkräfte in grossen Mengen einzukaufen und zu verteilen oder zumindest zu einem sehr tiefen Preis anzubieten. Aus diesem Grund dürfte eine solche Behandlung, wenn sie einmal verfügbar wird, in relativ kurzer Zeit breiten Bevölkerungsschichten zur Verfügung gestellt werden. Deshalb würde die Behandlung kein Privileg der Reichen bleiben.
Es fände eine fundamentale Neuausrichtung der menschlichen Existenz statt, wie sie in der Geschichte der Menschheit beispiellos ist. An Stelle einer Gesellschaft, die sich ständig im schnellen Generationenwechsel ersetzt, würde eine entstehen, die im Kern konstant bleibt und nur noch erfahrener wird. Langfristiges, vorausschauendes Denken würden sich plötzlich lohnen, weil jeder wüsste, dass er die Konsequenzen seines Tuns auch noch in ferner Zukunft selber zu ertragen hätte. In der Forschung wären ganz neue Durchbrüche möglich, weil grosse Wissenschaftler der Menschheit über Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende erhalten bleiben – wo wären wir heute, wenn Einstein nie gestorben wäre?
Aus der Perspektive dieser künftigen Welt betrachtet, ist unsere heutige Existenz kurz, hastig, und in Anbetracht des Aufwandes, den wir treiben, um immer und immer wieder neue Generationen von Menschen zu fähigen Mitgliedern der Gesellschaft auszubilden, enorm verschwenderisch. 20 Jahre Ausbildung für 45 Jahre Berufsleben? Ist es nicht einfach schade, all diese Individuen, Persönlichkeiten, Talente fortlaufend an einen biologischen Alterungsprozess zu verlieren, der seine wichtigste Funktion ohnehin nicht mehr erfüllen kann?
Im Gegensatz zu dem, was oftmals behauptet wird, würde ein Ende des biologischen Alterns nicht zu einer sofortigen Bevölkerungsexplosion führen. Die Bevölkerung würde sicher etwas schneller wachsen, als bisher. Aber zunächst einmal muss die Technologie entwickelt werden und sich durchsetzen. Es ist gut möglich, dass die ältesten Menschen, die heute Leben, schon derart stark gealtert sind, dass sie nicht mehr „gerettet“ werden können. Bis also die ersten „superalten“ Menschen überhaupt zum eigentlichen Bevölkerungswachstm beitragen, dürfte es noch Jahrzehnte dauern. Es werden darüber hinaus natürlich weiterhin sehr viele Menschen an Unfällen, Kriegen, Hungersnöten und Krankheiten sterben, Stopp des Alterns hin oder her. Wenn eine solche Erfindung also heute gemacht würde, dürfte sie sich nicht vor 2050 merklich auf die Bevölkerungsentwicklung auswirken. Zu diesem Zeitpunkt würde die Anzahl der Geburten nach Schätzungen der Vereinten Nationen ohnehin unter die Anzahl der Todesfälle fallen, so dass der Stopp des Alterns lediglich den Zeitpunkt nach hinten schiebt, an dem die Weltbevölkerung zu schrumpfen beginnt. Dieser Schrumpfungsprozess wird, langfristig gesehen, trotzdem eintreten (weil immer kleinere reproduktive Generationen immer weniger Nachfahren erzeugen, die Anzahl der Unfälle aber wohl einigermassen konstant bleibt), aber viel flacher und weniger dramatisch ausfallen. Da Wissenschaft und Technologieentwicklung stark von einer grossen, aktiven, gut ausgebildeten und diversifizierten Bevölkerung abhängen, könnte die Hochtechnologiezivilisation Menschheit über das Ende des Bevölkerungswachstums hinaus weiterbestehen.
So könnte es sich am Ende sogar herausstellen, dass das Ende des biologischen Alterns der Menschheit genau jene paar Jahrtausende Hochtechnologie gibt, die nötig sind, um sie zu einer wirklich langlebigen, interstellaren Zivilisation zu machen.