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«Der Bund», 6. 11. 2015
«Die Malaise» löst hier ein Malaise aus
Was für eine Malaise: «James Bond ist zurück, volle Pulle.» Das muss ich erst mal sacken lassen. Nichts gegen Bond, aber wie hier über ihn geredet wird: Da geht doch die deutsche Sprache stiften! Oder bin ich als Pensionär einfach überfordert?
Im ersten Absatz werden Sie mehrmals gestutzt haben, ausser wenn Sie eng vertraut sind mit der heutigen deutschländischen Umgangssprache. «Deutschländisch» ist hier nicht etwa spöttisch gemeint, sondern als Fachausdruck für Sprachformen, die in Deutschland auftreten, aber selten oder nie in Österreich oder der Schweiz. Es geht also um Teutonismen, um Wörter oder Wortverwendungen, die nicht gemeindeutsch, also im ganzen Sprachgebiet heimisch sind, sondern eben nur in Deutschland; so wie die Austriazismen in Österreich oder die Helvetismen in der Schweiz. Einige Leser haben mich auf Teutonismen aufmerksam gemacht, die sich ausbreiten; dafür danke ich ihnen hier gern.
Das Malaise fängt schon mit dem Wort selber an. Es ist ennet des Rheins weiblich, in der Schweiz aber meist sächlich. Der Duden nennt beide Formen, ohne Präferenz. Das französische Vorbild «malaise» ist männlich und bedeutet «Unwohlsein, Unbehagen». In der zweiten Bedeutung wird es im Deutschen verwendet. Die Umwandlung zu «die» Malaise ist wohl als (falsche) Analogie zu Mayonnaise oder eben Majonäse zu erklären. «Das» Malaise liesse sich mühsam via Latein begründen, denn der Malaise-Bestandteil «aise» wird unsicher aufs Partizip «adjacens» (naheliegend) zurückgeführt, das für alle grammatischen Geschlechter gleich lautet.
Nur als «Unbehagen» ist das Wort traditionell in der Schweiz geläufig. In Deutschland wird es zudem oft für «unbefriedigende Situation, Misere» verwendet; diese Zweitbedeutung steht seit langem im Duden. Mittlerweile ist mit «Malaise» auch in der Schweizer Presse häufiger ein Missstand gemeint als das (dadurch ausgelöste) Missbehagen, das der ursprünglichen, französischen Bedeutung entspricht. Man kann den Bedeutungswandel als Zeichen des zunehmenden, wenn auch einseitigen Kulturaustauschs mit Deutschland begrüssen; ich empfinde ihn eher als Entfremdung vom Französischen und Verlust einer helvetischen Eigenheit.
Ein ähnliches Malaise beschleicht mich, wenn ich statt «mit Volldampf» oder «auf tutti» eben «volle Pulle» lese. In der Schweizer Mediendatenbank (SMD) findet sich der laut Duden «saloppe» Ausdruck vor allem in Sportberichten. Auch anderswo kommt er vor, siehe Bond-Filmkritik, meistens in einem Zitat. Dies auch bei Sprechern, die vermutlich in der Schweiz aufgewachsen sind. Das führt zur bangen Frage, ob sie auch schon im Dialekt «volle Pulle» gesagt haben oder ob ihre Äusserung so eingedeutscht wurde. Und zur Anschlussfrage, welcher Fall schlimmer wäre.
Auch «sacken lassen» findet man gelegentlich in (Sport-)Zitaten, so nach einer Fussball-Niederlage: «Wir müssen das jetzt erst einmal sacken lassen.» Der Duden hilft nicht weiter, wohl aber das Digitale Wörterbuch (dwds.de): «damit umgehen lernen, darüber schlafen». Da kann man eine deutsche Quelle oder Berichterstattung vermuten. Ebenso bei «stiften gehen», was gemäss Duden umgangssprachlich «ausreissen, fliehen» bedeutet. Wenn aber «die Kohärenz stiften geht», wie neulich in einer Theaterkritik, dann muss man eher vermuten, ein Schweizer Schreiber wolle deutschländisch brillieren.
Aus den Einleitungssätzen bleibt noch der «Pensionär» zu klären. Hierzulande ist er die selten gewordene Figur des Kostgängers, der zum Pensionspreis isst. Sonst ist der Pensionär laut Duden ein «Ruheständler», in Österreich auch «Pensionist» geheissen. Oder allenthalben «Rentner»; dies oft auch in Zusammenhängen, wo die (mehr oder weniger eingestellte) Berufstätigkeit keine Rolle spielt – aber das ist ein Thema für ein andermal.
© Daniel Goldstein (sprachlust.ch)