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Ulrich (Woody) Jakob, 64, gründete zusammen mit Freunden den Plattenladen Jamarico in Zürich. Mit viel Idealismus hält er ihn seit 36 Jahren am Leben.
«Ich bin ein Quereinsteiger. Mein erster Beruf war Primarlehrer, ich habe aber nach der Ausbildung nur ein Jahr unterrichtet, danach ging ich auf Reisen und jobbte querbeet. In der Wohngemeinschaft, wo ich zusammen mit meinen zwei Kollegen lebte, hatten wir die Idee, Reggae-Platten direkt aus Jamaika zu importieren, weil wir Freude an diesem Musikstil hatten.
Zunächst führten wir einen eigenen Vertrieb ohne Verkaufslokal – ein Zimmer in der Wohngemeinschaft wurde zweckentfremdet. Als sich immer mehr Leute für das Angebot zu interessieren begannen und die Kunden teils zu unmöglichen Zeiten kamen, mieteten wir ein kleines Ladenlokal.
Am Morgen bin ich immer vor der Ladenöffnung da, um administrative Aufgaben zu erledigen, Bestellungen aufzugeben, Ordnung zu machen und die Kasse für den Verkauf vorzubereiten.
Am Anfang verdienten wir nicht genügend Geld und finanzierten unser Leben mit regulären Jobs nebenher. Ich war der Erste des Gründungsteams, der sich einen kleinen Lohn ausbezahlen liess, dafür aber den ganzen Tag im Laden anwesend war.
Nach dem ersten erfolgreichen Geschäftsjahr begannen wir, etwa einmal im Monat nach London zu fliegen, um uns mit dem neusten Material einzudecken. Wir kamen mit der neu entstehenden Independent-Szene – unabhängige Labels, Vertriebe und Läden – in Berührung und sind hineingewachsen. Die Schallplatten brachten wir in Koffern in die Schweiz.
In den Neunzigerjahren lief der Verkauf von CDs und Vinylplatten gut, und wir hatten drei Jamarico-Filialen in der Zürcher Innenstadt mit bis zu zehn Angestellten. Mit den aufkommenden Onlineangeboten gingen die Verkäufe rapide zurück, wir mussten die Plattenläden im Niederdorf schliessen und uns auf das Stammhaus am Helvetiaplatz beschränken.
Ich bin frühpensioniert, arbeite aber Teilzeit im Laden zusammen mit meinen beiden langjährigen Mitarbeitern, die auch im Teilzeitmodus angestellt sind. Ich bin überzeugt, dass mein Plattenladen, wenn ich einmal altershalber aus der Firma austrete, fachkompetent weitergeführt wird.
Da ich schon lange im Geschäft bin, weiss ich, wo ich Inspiration finden und Informationen über Neuerscheinungen abrufen kann. Feedback von Kunden und Angebote von Lieferanten sind weitere Quellen, um neue und interessante Bands zu finden. Immer wichtiger werden Onlineplattformen wie zum Beispiel Pitchfork oder Bandcamp; bei Letzterer bestellen wir mitunter direkt bei den Bands Platten. Wir haben viele Musiker, die bei uns im Laden vorbeikommen, und gute Kontakte zur Zürcher Musikszene.
Ein reichhaltiges Sortiment war immer das Ziel des Jamarico. Wichtig ist uns, neue und relevante Musikrichtungen zu präsentieren. Wir haben den Anspruch, mehr zu bieten als das, was man im Internet abfragen kann. Wenn wir unsere Kunden mit der Zeit besser kennen, beliefern wir sie mit persönlichen Empfehlungen und bieten ihnen passende Neuheiten an.
Kamen früher mehrheitlich Männer, sind heute beide Geschlechter vertreten und auch alle Altersklassen im Laden anzutreffen. Wir haben Stammkunden, die jede Woche vorbeischauen, und andere, die sporadisch vorbeikommen, sowie Auswärtige, die selten nach Zürich fahren, dafür viele Platten aufs Mal einkaufen. Die jungen Leute, die vielleicht zwei- bis dreimal im Laden stehen, kann ich noch nicht so genau einschätzen, ob sie dereinst zu meinem Kundenkreis gehören werden. Jedenfalls schätze ich sie sehr, denn sie sind interessiert und gut drauf.
Ich bin mir häufig am Überlegen, ob wir im Social-Media-Bereich auf unserer Website etwas Attraktives aufbauen sollten. Doch dies ist aufwendig und für mich Neuland, zudem fehlt mir die Zeit dazu. Onlinehandel und Postversand bieten wir nicht an, dafür können Konzertveranstalter ihre Flyer, Musikprogramme und Plakate bei uns im Treppenaufgang präsentieren.
Seit vielen Jahren treffen sich Musikliebhaber jeden Dienstagabend nach Ladenschluss zu einem Umtrunk, um zusammen Musik zu hören und Neuigkeiten auszutauschen. Ab und zu organisiere ich kleine Konzerte im Laden. Diese sind gut besucht, und der Raum ist häufig so voll wie früher, als die Leute ihre Musik nur im Plattenladen kaufen konnten.»