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(K)ein Bild machen?!
Die biblische Sprache ist voller Bilder. Die Psalmen beschreiben Gott unter anderem als guten Hirten, Fels, Burg, Schild, Vater der Waisen, Anwalt der Witwen. Jesus sprach in Gleichnissen vom Himmelreich, das einem Senfkorn, einem Schatz im Acker, Sauerteig oder einer verlorenen Münze gleicht. Wie können wir von Gott und vom Himmelreich anders reden als in Bildern? Wie sollen wir die Wirklichkeit Gottes, die unsere menschliche Wirklichkeit übersteigt, anders als mit bildhaften Vergleichen zu beschreiben versuchen?
«Du sollst dir kein Bildnis machen»
Gleichzeitig hallt in unseren Ohren das Gebot «Du sollst dir kein Bildnis machen» (2. Mose 20, 4) nach. Wir sollen Gott nicht auf ein Bild festlegen. Ihn nicht in ein Bild «einsperren». Wenn ich ein festes Bild von einer Person oder einem Gegenstand habe, dann habe ich das Gefühl, über diese Person oder diesen Gegenstand zu verfügen. Ich kann das Bild herumzeigen und sagen: «So ist diese Person. So ist dieser Gegenstand. So ist Gott.» Das Bilderverbot richtet sich dagegen, dass wir uns Gott «unter den Nagel reissen», uns seiner bemächtigen und über ihn verfügen. Gott ist immer jenseits der Bilder, die wir uns von ihm machen. Im engeren Sinn will das Gebot verhindern, dass die Israeliten ihren Nachbarvölkern nacheifern und ebenfalls Schnitzbilder oder gegossene Standbilder von Gott anfertigen und diese anbeten.
Brücke zum Urbild schaffen
Die orthodoxe Kirche kennt bis heute eine reiche Tradition von Ikonen, welche Christus, die Dreieinigkeit, Maria, Heilige und die Apostel darstellen. Sie sind aber ausdrücklich kein Gegenstand der Anbetung, sondern wollen eine Brücke schaffen zum Urbild, das «hinter» dem Bild steht. Ikonen sind eine Hilfe, um dem Göttlichen zu begegnen. Im Mittelalter waren die Kirchen oft mit Fresken ausgemalt. Man feierte den Gottesdienst in Anwesenheit der Glaubenszeugen, die den Menschen vorangegangen waren. Die Bilder dienten auch der Vergegenwärtigung der biblischen Geschichten für Menschen, die nicht lesen konnten.
Zwingli und die Bilderfrage
Zwingli lehnte die Bilder und Statuen ab, weil Christus der einzige Vermittler zwischen Gott und den Menschen ist. Es braucht keine Heiligen als Nothelfer. Deshalb kritisiert er die Bilderverehrung zusammen mit der Heiligenverehrung. Sie verstellt den Blick dafür, dass nur einer allein «unser zuoflucht und trost ist». Allerdings liess Zwingli Bilder gelten, wenn sie im Dienst der Verkündigung standen. Die erste Zürcher Gesamtausgabe der Bibel (Froschauer Bibel) enthielt viele kunstvolle Bilder.
Kunst macht sichtbar
Diese Zurückhaltung gegenüber Bildern hat sich bis heute in der reformierten Kirche erhalten. Sakrale Kunst wird als dekoratives Element zur Aufhübschung des Kirchenraumes oder eines Kirchgemeindehauses angesehen. Wir haben uns an eine Hungertuch-Ästhetik gewöhnt, welche ein pädagogisches Anliegen vertritt. Kunst in der Kirche könnte aber auch wieder ihren Platz finden als Sehhilfe, die versucht, Unsichtbares sichtbar zu machen, den Grund des Seins aufleuchten zu lassen. Eine Kunst, die nicht einfach sich selbst gefällt oder die plumpe Provokation sucht, sondern einen Erfahrungsraum öffnet.
In Szene setzen
Die Helen Dahm-Ausstellung im Kunstmuseum des Kantons Thurgau in der Kartause Ittingen ist ein eindrückliches Beispiel, wie ein Mensch in einen Dialog tritt mit biblischen Elementen und in eine Resonanz dazu geht. Was wiederum beim Betrachtenden – sofern er oder sie empfänglich dafür ist – innerlich etwas zum Klingen bringen kann. Auch die Reihe «Bibelspot», welche das katholische Bibelwerk lanciert, will biblische Kunstwerke in Szene setzen. Im August führt die Entdeckungsreise in die Kartause Ittingen, wo in der Klosterkirche die Sünderin, die Jesus die Füsse küsst, abgebildet ist. (tb)
Eintauchen in die Kirchenbildbetrachtung in der Kartause Ittingen: Bibelspot «Sie berührt ihn», Vesperfeier mit anschliessendem Imbiss, 11. August, 18 Uhr, Klosterkirche; Ausstellung «Helen Dahm: Ein Kuss der ganzen Welt», bis 25. August 2019, Kunstmuseum Thurgau.