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Silo, Kopenhagen
Die Inspirationskraft des Silos fesselt Architektinnen und Architekten bis heute. So findet man beispielsweise im Internet die deutschsprachige Site siloarchiv.org, die sich ausführlich mit diesen gigantischen Zeitzeugen befasst. Und der neue, im vergangenen Jahr eingeweihte neue Kornsilo im Zentrum von Zürich mutet wie eine Renaissance des Speicherbaus als Bedeutungsträger an. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern ist der Turm an der Limmat alles andere als anonyme Architektur; man weiss, welches Architekturbüro für seinen Entwurf verantwortlich ist.
Stumme Wahrzeichen
Die zwei Kornsilos in Kopenhagens Nordhafen entstanden in den frühen 1960er-Jahren, sie stammen also aus einer Zeit, in der das Heldenhafte dieser grossen Volumen auch in der Architektenwelt einer nüchternen Betrachtung ihres Nutzens wich. Den Bedeutungsverlust machten sie allerdings durch ihre Exponiertheit wett, insbesondere nach der Einstellung der ursprünglichen Nutzung vor einigen Jahren.
Die beiden relativ schmalen, langgezogenen, rund 50 Meter hohen Prismen stehen in einem rechten Winkel zueinander und werden getrennt von der Helsinkigade. Diese Strasse erschliesst den nördlichen Teil einer künstlichen Halbinsel, die von zwei Hafenbecken flankiert ist, den inneren Nordhafen. Der ganze Nordhafen ist ein fast vollständig von Wasser umgebenes Gelände von rund zwei Quadratkilometern, das nördlich des Stadtzentrums dem Öresund abgerungen wurde. Er entstand sukzessive ab der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Aufschüttungen, welche die Preisgabe älterer Anlegestellen zugunsten von Aufschüttungen im Stadtzentrum kompensierten. Das völlig flache Areal wird von der restlichen Stadt durch den Bahndamm und die Gleisfelder der Umschlagplätze getrennt und war lange Zeit nicht öffentlich zugänglich. Die beiden ungebrauchten Silos im inneren Nordhafen wurden durch Graffiti verziert, die sich wie Friese entlang der Dachkante erstrecken. Für die Passagiere des Pendlerverkehrs waren die riesigen, etwas wackligen Beschriftungen gut sichtbar und hoben die grauen Sichtbeton-Giganten, die aus dem Hafengelände ragten, ins öffentliche Bewusstsein. Auf dem längs zu den Hafenbecken stehenden, hinter die Helsinkigade zurückversetzten Volumen stand «KlarPiratStart», auf jenem, das quer zum Becken und nahe am Wasser steht, las man «HVA DRIKKER MØLR», eine abgekürzte Version des klassischen dänischen Echorufs «hvat drikker Møller?» (was trinken Müller?). Die Antwort des Echos: Øller (Biere). Dass diese Erkennungsmerkmale in den öffentlichen Diskurs eingebracht wurden und manchen ans Herzen wuchsen, überrascht eigentlich nicht.
Die Graffitis und die stoische, abweisende Präsenz der Silos sind Vergangenheit. Beide Strukturen wurden zu Wohngebäuden umgebaut. Dies geschah im Rahmen einer städtebaulichen Umwandlung des inneren Nordhafens in die Verlängerung des Århusgade-Quartiers.
Eingeholt
Der Nordhafen lag bisher vor der Stadt. Nun hat ihn – und mit ihm die beiden Silos – die Stadt eingeholt. Kopenhagen hatte ungefähr 540 000 Einwohnerinnen und Einwohner. Diese Zahl sollte bis 2015 um 100 000 Personen anwachsen. Ein Teil der räumlichen Stadterweiterung würde im Nordhafen erfolgen, mit dem inneren Nordhafen wurde der Anfang gemacht. Die bisherigen Infrastrukturbauten würden nicht vollständig verschwinden, ein Teil des Geländes bleibt ein eingefriedeter Zollfreihafen.
Die beiden Silos stehen im Planungsgebiet Århusgade-Quartier. Der Name signalisiert den Anschluss an die bestehende Stadt westlich des Hafens und des Bahndamms. Dort verläuft die gleichnamige Strasse quer durch ein Arbeiterquartier, das sich nun in das Hafengebiet ausdehnen soll. Die Bauarbeiten starteten 2012, man rechnete mit einer Umsetzung innert zehn Jahren. Es sollten Wohnungen für 2500 bis 3000 und Arbeitsplätze für insgesamt 6000 bis 7000 Menschen geschaffen werden. Der Masterplan sah eine dichte Bebauung mit Gässchen und den bestehenden Kanälen vor. Zwar wurde nach wie vor von Monolithen gesprochen, die im Hafengelände stehen, doch die wuchtigen Volumen wurden auf einen menschlichen Massstab heruntergebrochen. Es war also eine Bewegung «hin zu einer Architektur» – aber eigentlich in der Gegenrichtung zu jener in Le Corbusiers über 90-jährigem Manifest.
Megaräume
Der Silo quer zur Uferlinie mit dem Echoruf-Graffiti wurde vor diesem Hintergrund vom Kopenhagener Büro COBE zum neuen Quartierschwerpunkt umgebaut. Die 17-geschossige Struktur beherbergt jetzt Wohnungen mit Flächen zwischen 106 und 401 Quadratmetern, öffentliche Eventräume und Bankettsäle.
Die Architekten sprechen von einer Umkehrstrategie: Der Sichtbeton, welcher das äussere Erscheinungsbild prägte, ist nun das Charaktermerkmal vieler Innenräume. Um in der Gebäudehülle die geforderten Dämmwerte zu erreichen, wurde der Silo aussen verkleidet. Teilweise raumhaltige Fassadenelemente aus galvanisiertem Stahlblech dienen als Schutzschicht. Sie geben dem einst klaren prismatischen Volumen durch Schrägen sowie Vor- und Rücksprünge eine neue Plastizität und eine Gliederung nach Geschossen.
Die Umrisse des schlanken, scheibenförmigen Volumens bleiben dennoch erkennbar. «Wir wollten den Charakter des Silos so weit wie möglich erhalten», sagt dazu Dan Stubbergaard, Gründer von COBE und Leiter des Gestaltungsteams, «so verpassten wir ihm einfach einen neuen Mantel.» Die galvanisierte Stahlblechhülle wird schnell eine raue Patina aufweisen, und der Silo behält dadurch den Charakter eines Industriebaus am Hafen.
Die 38 Wohnungen, die sich teilweise über mehrere Etagen ausdehnen, wirken archaisch und majestätisch. Die Raumhöhen betragen teilweise sieben Meter. Fenster und Balkone gehen mit ihren Massen auf diese Überdimensionierung ein. Die Fensterrahmen sind etwas breiter als die Öffnungen, die in die Silowände geschlagen wurden; blickt man aus den Wohnungen in die Hafenlandschaft, zum Stadtzentrum hinüber oder auf den Öresund hinaus, bleiben sie unsichtbar. Die meisten Wohnungen bieten Ausblicke in mehrere Richtungen.
Im Dachgeschoss ist ein öffentliches Restaurant untergebracht, das vollkommen verglast ist und einen Rundblick erlaubt. Das Erdgeschoss ist als Event Space eingerichtet, der flexibel bespielt werden kann. «Die gemischten privaten und öffentlichen Nutzungen sorgen dafür, dass das Gebäude den ganzen Tag über belebt ist», kommentiert Dan Stubbergaard das Konzept. Der Architekt sieht sein Projekt als einen Brennpunkt des neuen Quartiers im inneren Nordhafen. Ausserdem findet er, dass durch die Revitalisierung des Erbes aus dem Industriezeitalter solche Bauzeugen aus der Vergangenheit neu entdeckt werden können. Und geht so weit, zu sagen, dass dadurch in der öffentlichen Wahrnehmung aus «trash» ein «treasure» wird. Ob er da an das Märchen vom hässlichen Entlein seines Landsmanns Hans Christian Andersen gedacht hat?
Verlust der Anonymität
Zweifellos lässt sich dieser Wandel eines anonymen Silos zu einem Wohn- und Eventhaus der eher gehobenen Klasse als Veredelung bezeichnen. Die Prägung durch eine Autorenschaft und, wenn man so will, die gesteigerte Charaktertiefe des Bauwerks geht allerdings zu Lasten der formalen Reinheit. Sie stellte einen Wert für sich dar und ging mit der Löcherung und der Verkleidung ein für allemal verloren. So gesehen kann der Verlust der Anonymität ihren Preis haben.
BAUTAFEL
Bauherrschaft
Klaus Kastbjerg und NRE
Denmark
Architekt
COBE
Umgebungsgestaltung
COBE
Ingenieure
Balslev and Wessberg
Generalunternehmer
NRE
Denmark