Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03425.jsonl.gz/89

Das Rathaus ist in Liestal ein Begriff – aber ebenso ein Kuriosum. Die auffällig rote spätgotische Fassade stammt nämlich zur Hälfte aus dem Jahr 1939. Was ist passiert?
Im Zusammenhang mit einem Umbau wird 1459 erstmals ein Rathaus an der Stelle des heutigen Rathauses erwähnt. Mit Umbauten hat das Gebäude an der gleichnamigen Strasse in seiner Geschichte denn auch viel zu tun. Der Bau, beziehungsweise dessen augenfällige Fassade, wie wir sie heute kennen, stammt aus dem Jahr 1568. Sprachlich gibt sich die Architektur als spätgotischer Nachzügler, wobei gerade die Gotik als längste Epoche einen Zeitraum von 500 Jahren abdeckt und die Übergänge, etwa zur Renaissance fliessend sind. Die Malereien auf den Fassadenflächen beispielsweise sind eher der Renaissance zuzuordnen. Das Gebäude ist drei Arkaden breit, wovon zwei geschlossen sind. Nach Fertigstellung des Baus wurde die Fassade im Jahr darauf 1589 bemalt. Eine Jahreszahl im 3. Geschoss deutet darauf hin. Bald mal schuf man eine Verbindung zum rückwärtigen Haus am Fischmarkt. Das Erdgeschoss des Rathauses soll im 18. Jahrhundert zudem als Metzgerei genutzt worden sein.
Von 1872 bis 1874 wurde wieder gebaut. Dazu kam ein rückwärtiges Feuerwehrlokal und ein Versammlungssaal für die Gemeinde. 1885 fanden im Innenbereich diverse Umbauarbeiten statt. Um 1900 entschied man sich, die Fassade zu erneuern. Dazu engagierte man den in Basel geborenen Kunstmaler und Restaurator Paul Friedrich Wilhelm Balmer aus Lausen. Er restaurierte 1903 etwa auch Malereien am Basler Rathaus.
Mit dem Abbruch des Nachbarhauses in Richtung Törli wurde eine Erweiterung direkt an der Rathausstrasse möglich. Die Architekten Wilhelm Brodtbeck & Fritz Bohny führten die Fassade in derselben spätgotischen Sprache um zwei Achsen weiter. Während die beiden neuen Arkaden geschlossen blieben, wurde eine Arkade des Altbaus zwecks Durchgangs geöffnet. Die Pilaster enden im ersten Geschoss und werden ganz im Stile der Fassadenbemalung in den oberen Geschossen nur noch zeichnerisch perspektivisch bis zum Dach weitergeführt. Aus Sicht von Brodtbeck, der auch Mitglied im Heimatschutz war, ist diese Anbiederung an vergangene Zeiten durchaus nachvollziehbar, ist das Fassadenbild doch 1:1 kopiert wurden. Nur die Jahreszahl «1938» in einem der überhöhten Mittelfenster weist darauf hin. Das Satteldach mit seinen Treppengiebeln schliesst das Rathaus einheitlich ab. Aus heutiger Sicht mutet dieser Entscheid seltsam, ja fast kitschig an. Die Fassadenmalerei der Erweiterung wiederum stammt von Otto Plattner.
Speziell an der Fassade sind – trotz der hohen Fenster – die grossen Flächen, die wohl speziell für die Malereien geschaffen wurden. Während die ersten drei Geschosse über Flächen im Sturz (über den Fenstern) und in der Brüstung (unter den Fenstern) verfügen, so schliessen die Fenster im obersten Geschoss direkt ans vorstehende Dach an. Den Grund dafür kann man nur erahnen. Auf dieser Höhe hätte man die Malereien von der schmalen Strasse ohnehin nicht mehr erkennen können. Anstatt dessen gibt es Malereien zwischen den Fenstern und in der Untersicht des abgeschrägten Dachvorsprungs.
Text: Simon Heiniger / Architektur Basel
Rathaus Liestal
Adresse: Rathausstrasse 36, 4410 Liestal
Vorgängerbau: 1459
Baujahr: 1568/1589
Rückwärtiger Anbau: 1872-1874
Umbau Innenbereich: 1885
Erneuerung Fassade: 1900 (Wilhelm Balmer)
Erweiterung: 1937-1939 (Brodtbeck & Bohny)
Fassadenmalerei 1939: Otto Plattner
Anbau: 1980
Rückwärtiger Anbau: 1995 (Otto + Partner)
Fotos:
– © Simon Heiniger / Architektur Basel
– Online-Archiv, Staatsarchiv Baselland
Quellen:
– Kantonales Inventar der geschützten Kulturdenkmäler (Online-Inventar)
– Projektgruppe Dichter und Stadtmuseum Liestal (2007), Von Brodtbeck und Bohny zu Otto + Partner, Architektur aus Liestal seit 1901, Dichter- und Stadtmuseum Liestal, ohne ISBN