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Der Kastanienbaum
Es war einmal vor langer Zeit in einem längst vergessenen Königreich, da lebte eine alte Frau mit ihren drei Töchtern in einem alten Haus in einem kleinen Wäldchen. Alle drei Töchter waren jung und schön, und alle drei waren fleissig: Sie kümmerten sich um alles im Haus, denn ihre Mutter war krank. Als die alte Frau spürte, dass sie im Sterben lag, rief sie alle ihre Töchter zu sich: „Kinder“, sagte sie, „ihr wart alle immer gut und artig, und ich bin sehr stolz auf euch. Aber ich muss euch jetzt verlassen, denn meine Zeit ist gekommen. Ich habe jeder von euch noch ein letztes Geschenk zu geben. Passt gut darauf auf, sie werden euch helfen.“ Der Ältesten, die bald heiraten würde, gab sie einen goldenen Ring und sagte: „Dieser Ring ist das einzig wertvolle, was mir geblieben ist. Trage ihn zur Hochzeit, und du wirst mit deinem Mann glücklich sein für den Rest deines Lebens.“ Sie nahm den Ring entgegen und dankte ihr. Der zweiten überliess sie das Haus mit den zittrigen Worten: „Dieses Haus ist weder schön noch gross, aber es ist ein gutes Zuhause. Pflege es wie bisher, und du wirst niemals arm oder alleine sein.“ Sie nahm den Schlüssel, den ihr die Frau entgegenhielt, und dankte ihr. Dann wandte sich die alte Frau an die jüngste Tochter: „Dies ist etwas ganz Besonderes, du musst nur...“ Doch weiter kam sie nicht, denn sie bekam einen heftigen Hustenanfall. Mit letzter Kraft überreichte sie ihr eine goldbraune Kastanie, danach starb sie. Alle drei weinten heftig um ihre Mutter, aber niemand weinte so sehr wie die Jüngste: Denn sie wusste nicht, was aus der Kastanie werden sollte.
Es verging einige Zeit. Die älteste Tochter war nun verheiratet, hatte zwei schöne und gesunde Kinder und das ganze Dorf bewunderte sie und den Ring, den sie immer trug. Die zweite Tochter hatte sich gut um das Haus gekümmert, es erstrahlte in einem neuen Glanz, und sie eröffnete eine Gaststube. Sie erfreute sich bald grosser Beliebtheit, sodass Leute von fern und nah dorthin reisten, nur um im kleinen Haus des Glücks zu speisen. Die jüngste Tochter jedoch war verarmt, ihr schlichtes Kleid hing in Fetzen und sie bettelte in der Nähe des Dorfbrunnens. Alles, was sie noch hatte, war die Kastanie, die ihre Mutter ihr gegeben hatte. Eines Nachts, als sie nicht schlafen konnte, ging sie in den Wald auf eine Lichtung in der Nähe des Gasthauses und pflanzte die Kastanie.
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© Linda E. Wilhelm