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Journalismus arbeitet mit Sprache, einem höchst unvollkommenen, aus Zorn zerstörten Werkzeug.
Wenn ich mich richtig erinnere, war es Walter Benjamin, der den Zerfall der Sprache beschrieb. Zu Anfang aller Zeiten war Sprache wirklich mächtig: als Sprache Gottes. Damals schuf das Wort noch das Ding.
Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
Dann folgte die adamitische Sprache, die Sprache des Paradieses, in der jedes Ding seinem Namen vollständig entsprach.
Gott, der Herr, formte aus dem Ackerboden alle Tiere des Feldes und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte es heissen.
Und dann, nach dem Sündenfall, trennten sich die Namen von den Dingen, um nie mehr mit ihnen zur Übereinstimmung zu kommen. Seitdem passen die Worte zur Welt wie zu grosse oder zu kleine Kleider. Und verdammen die Menschheit zu ewiger Debatte, Missverständnissen und Streit.
Da aber sah Gott, dass sie alles erreichen könnten, so lange sie ein Sprache sprächen; und so verwirrte Gott ihre Sprachen.
Kein anderes Gewerbe verdankt dem Fluch Gottes, die Sprachen zu verwirren, so direkt seine Existenz wie der Journalismus. Kein Wunder, werden Journalisten von vielen Menschen als direkte Abkömmlinge der Schlange gesehen.
Doch von Zeit zu Zeit bricht selbst der Journalismus aus seinem Käfig aus.
Ich dachte daran, als diese Woche die Geschichte des 16-jährigen Schülers aus London kursierte. Dieser hatte sich auf Twitter als freier Sportjournalist ausgegeben, tätig für den «Daily Telegraph» und die «Financial Times». Der Schüler twitterte vor allem Transfergerüchte. Da er zwei Mal Glück hatte, und völlig richtig lag, hielt man ihn für einen Insider. Als er aufflog, hatte er schon 25’000 Followers und seine Tweets lieferten selbst seriösen Medien Schlagzeilen. (Die Story finden Sie hier.)
Die Legende vom Fussballer O’Donnor
Vor mehreren Jahren sass ich mit einem Sportjournalisten in der Kneipe und trank. Und dieser erzählte mir die Legende vom Fussballer O’Donnor.
Irgendwann, Anfang der der 90er-Jahre, sass der Sportjournalist in einer Zeitungsredaktion im Tessin und war verzweifelt. Er hatte eine völlig leere Seite und drei Stunden bis zum Drucktermin. Er blätterte in der «Gazzetta dello Sport» und entdeckte eine kleine Notiz. Der Trainer des AC Mailand hatte ein Juniorentournier besucht und gesagt: «Das Niveau war ordentlich. Besonders ein Schotte namens O’Donnor hat gut gespielt.»
Darauf rief der Sportjournalist beim Präsidenten vom FC Chiasso an: «Wenn ihr einen Stürmer von AC Milan für eine Saison bekommen könntet, würdet ihr ihn spielen lassen?»
«Ja sicher!», sagte der Präsident des FC Chiasso.
Dann rief der Sportjournalist beim Pressemenschen der AC Milan an und sagte: «Gesetzt den Fall, ihr kauft einen 16-jährigen Stürmer? Würde der in der ersten Mannschaft spielen? Oder würdet ihr ihn bei einer Provinzmannschaft parken? Zum Beispiel beim FC Chiasso?»
«Natürlich», sagte der Pressemann: «So machen wir es immer!»
Worauf der Sportjournalist in Schottland bei O’Donner anrief: «Wenn AC Milan dich kauft, würdest du dann auch eine Saison beim FC Chiasso spielen?»
«Ja!», rief O’Donnor und weinte vor Glück, weil die AC Milan ihn wollte.
Worauf der Sportjournalist die Schlagzeile tippte: «AC-MILAN-STAR ZUM FC CHIASSO?» und seine Seite füllte. Und dann die halbe Frontseite. Die Geschichte schaffte es zum Aufmacher des Tages.
Natürlich spielte O’Donnor nie in Mailand. Aber er bekam von den Glasgow Rangers eine Gehaltserhöhung, weil ein Verein wie die AC Milan ihn wollte.
«Sehr ethisch ist das aber nicht», sagte ich.
Der Sportjournalist sah mich an und sagte: «Du hast kein Herz. Diese Geschichte war weit mehr als ethisch. Sie war schön. Alle Menschen haben sich darüber gefreut. Sie hat den gedemütigten Anhängern des FC Chiasso Hoffung geschenkt. Und dank ihr hat ein Junge aus dem Arbeiterviertel von Glasgow etwas Geld bekommen. Sag schon: Hast du mit einer Geschichte je mehr erreicht?»
Ich musste meine Niederlage zugeben. Für einmal hatte der Journalismus etwas erschaffen, statt unvollkommen beschrieben. Sicher, der Presserat wäre nicht glücklich gewesen. Aber dafür, für einen Augenblick, wehte wieder der Wind des Paradieses.