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Self-Control is just empathy with your future self
Ich finde es immer wieder faszinierend, wie die Neurowissenschaften mit Erkenntnissen, die sie durch Studien an unserem Hirn gewinnen, Zusammenhänge, die man/frau in der psychologischen Arbeit und Erfahrung erahnt hat, in neuem Licht zeigen oder selbst als „wahr beweisen“.
Hier ein eindrückliches Beispiel:
Die rTPJ ( right temporoparietal junction, die rechte temporoparietale Übergangsregion) wird schon länger mit Empathie und Selbstlosigkeit in Verbindung gebracht.
Und, das ist auf den ersten Blick merkwürdig: mit Selbstkontrolle.
Zwischen beiden gibt es einen ziemlich interessanten Zusammenhang.
Menschen, bei denen die rTPJ grösser ist, verhalten sich altruistischer. Wenn die Region hingegen gestört ist, verändert das unsere Fähigkeit, über Moral nachzudenken. Stimuliert man den Bereich mit elektrischen Strömen, können Menschen besser die Perspektive anderer einnehmen. Aber nicht nur diese: Auch die Perspektive ihres Selbst in der Zukunft.
Das klingt erst einmal verwirrend, aber hier liegt der Zusammenhang zwischen Selbstkontrolle und Empathie: Demnach ist Selbstkontrolle nichts anderes als Empathie mit unserem zukünftigen Selbst.
Empathie hängt von der Fähigkeit ab, die eigene Perspektive zu überwinden, die eines anderen zu schätzen und sich in dessen Lage zu versetzen. Selbstbeherrschung ist im Wesentlichen die gleiche Fähigkeit, nur dass die Situation der anderen Person deinem zukünftigen Ich gehört – einem hypothetischen Wesen in der Zukunft, das genauso gut eine andere Person sein könnte. Man kann Selbstbeherrschung als eine Art zeitliche Selbstlosigkeit sehen. Es ist das gegenwärtige Du, dass etwas hinnimmt um dem zukünftigen Du zu helfen.
Sucht und Impulsivität vs. Empathie und Selbstkontrolle
Impulsivität und Egoismus sind also wohl nur zwei Seiten der gleichen Medaille, ebenso wie ihre Gegenteile: Zurückhaltung und Empathie.
Vielleicht ist das der Grund, warum Menschen, die sadistisch veranlagt sind einen niedrigen Wert für Empathie, aber einen hohen für Impulsivität aufweisen. Vielleicht ist das auch der Grund, warum Impulsivität mit dem Abstürzen von Süchtigen korreliert, Empathie hingegen mit längerer Abstinenz. Diese Eigenschaften stehen für unsere Erfolge und Misserfolge, wenn es darum geht, unserer eigenen egozentrischen Blase zu entkommen und das Leben anderer zu verstehen – auch wenn diese anderen unser eigenes, zukünftiges Gesicht tragen.
Anders gesagt: Gegen Sucht hilft Selbstkontrolle, also Mitgefühl mit sich selber (sich selbst mit etwas Distanz ansehen können – auch in der Zukunft).
Gewissenhaftigkeit ist wichtig für unsere Gesundheit
Gewissenhaftigkeit (Selbstkontrolle, Pflichtbewusstsein…) ist einer der wichtigsten Faktoren zur Erlangung von Gesundheit. Neben dem, dass gewissenhafte Menschen weniger rauchen und Alkohol trinken und massvoller essen, gelingt es ihnen, sich bessere Lebensbedingungen zu erarbeiten. Wer schon in der Kindheit selbst-diszipliniert zu Werke geht, bekommt eher gute Noten, schafft eher eine anspruchsvolle Ausbildung und wohnt in einer gesünderen Umgebung.
Die Selbstkontrolle und – damit zusammenhängend – “Alles mit Mass!” ist also der wahre Glücklich-Macher. Selbstkontrolle macht Kinder im späteren Leben stark. Leute mit viel Selbstkontrolle führen im Schnitt bessere und längere Beziehungen als Menschen, die sich weniger im Griff haben. Sie werden mehr gemocht und anerkannt. Sie sind weniger gestresst, fühlen sich weniger schuldig, können sich besser an neue Situationen anpassen und sind weniger beratungsresistent. Sie begehen auch weniger Verbrechen. Sie überwinden sogar Vorurteile besser. Und, nach all dem, nicht überraschend: Sie leben länger. (Roy Baumeister: Die Macht der Disziplin. Campusverlag, 2012)
Alles schön und gut: Aber eine Überdosis Disziplin ist nicht mehr gesund
Auch hier gilt „Alles mit Mass“, selbst Selbstkontrolle nur mit Mass.
Wichtig ist der Wechsel von Spannung und Entspannung, von Kontakt und Rückzug, von Selbstkontrolle und Genuss! Eine wohltuende Rhythmisierung unseres Lebens. Es existiert auch eine Rückseite der Medaille durch eigentliche “Selbstknechtung”, was in Stress, Depression und Burnout enden kann. Deutungshilfe bietet der deutsche Philosoph Byung-Chul Han. Laut Han hat sich der Westen von einer Kontroll- in eine Leistungsgesellschaft umorganisiert.
(dazu auch mein Blogbeitrag über Cortisol bei zu starker Disziplin!)
Hierzu passen grosse Studien zu Ausdauersportarten, die zeigen, dass ein Wechsel von kurzen, sehr intensiven Trainingseinheiten und längeren langsame, ja bedächtige Einheiten für die Gesundheit optimal ist (>>>).
Zudem ist für die Gesundheit – und wir sprechen hier nicht über die Ausdauer – die Häufigkeit der Bewegung wichtiger als die Intensität oder die Dauer.
„Mässig, regelmässig“ ist also die Devise!
Zudem wird immer klarer, dass Selbstkontrolle und Disziplin beim Gesundheitsverhalten zu eng gesehen wurden. In vielen Studien zeigte sich, dass Selbstkontrollierte zwar mehr Sport treiben, gesünder essen, sich weniger von der Arbeit abhalten lassen und bessere Leistungen erzielen – aber nur, sofern sie feste Gewohnheiten haben! Sie essen fast täglich zur gleichen Zeit, treiben Sport zu festen Zeiten und gehen fast täglich immer zur gleichen Zeit schlafen. Leute mit hoher Selbstkontrolle strukturieren ihr Leben so, dass sie gar nicht erst in Not kommen, sie anwenden zu müssen.
Willenskraft? Selbstkontrolle? Nein: Gewohnheiten!
Wir überschätzen uns und unsere Willenskraft und unsere Selbstkontrolle. Wir glauben, wenn wir uns nur am Riemen reissen, könnten wir jederzeit unser Verhalten steuern und unsere Ziele erreichen. Das stimmt aber leider nicht.
Kurzum: Unerwünschtes Verhalten zu unterdrücken, nützt mal wieder sehr wenig. Und: Was man nicht gerne macht, sollte man automatisieren!
Leistungsdruck der Selbstoptimierung
Die Philosophin Ariadne von Schirach beschreibt in Ihrem Buch «Du sollst nicht funktionieren» die Folgen des Leistungsdruckes der Selbstoptimierung als fatal:
“Jenseits von Burn-Out, Einsamkeit und Angst ist doch das Schlimmste an der unablässigen Selbstoptimierung dieser überall bemerkbare Verlust von Lebensfreude. Wir verlernen, uns gehen zu lassen. Die Fähigkeit, Hingabe, Lust und Rausch zu erleben und zu geniessen, kommt uns durch diese dauernde Selbstbeobachtung und -kontrolle abhanden“.
Doch das ist nicht alles.
Die Philosophie rät seit Jahrtausenden, der Mensch solle sich um seine Seele kümmern. Das bedeutet, eine Beziehung zu seinem Inneren zu haben – zu seinen Gefühlen, Träumen und Werten. Zu seiner eigenen Lebendigkeit. Wenn diese Beziehung verloren geht, verlieren wir auch den Sinn unseres Lebens.
Selbstoptimierung als eine Form von Kontrolle suggeriert nun Sicherheit. Auch angesichts der umfassenden Beschleunigung versuchen wir, an etwas festzuhalten: an unserer Jugend oder an unserer Leistungsfähigkeit.
Zugleich versuchen wir uns immer wieder auf allen möglichen Märkten zu beweisen – vom Dating- bis zum Arbeitsmarkt.
Dadurch wird der Selbstwert zum Marktwert. Dabei vergisst man leicht, dass jeder Mensch, genau so wie jedes Stück Natur und jedes Tier, an sich wertvoll ist. Dieses Wissen müssen wir uns zurückerobern.
Was bringt uns denn weiter? Wäre ein Mittelmass aus Selbstoptimierung und Lebenskunst optimal?
Ich glaube, der entscheidende Gedanke hinter dieser Frage betrifft nicht nur das Mass, sondern auch die Motivation. Es ist sinnvoller, die Energie, die wir in die Optimierung unseres Selbst stecken, dafür zu nutzen, das Bild, das wir abgeben möchten, mit unserer inneren Wirklichkeit in Korrespondenz zu bringen.
In einer Zeit, in der die Welt so sinnlos und brutal wirkt, liegt es an jedem Einzelnen, Widerstand gegen Konkurrenz, Kälte und Gier zu leisten. Das beginnt mit einem nutzlosen Lächeln, das wir dem anderen schenken, anstatt ihn oder sie einfach nur abzuchecken. Es ist an der Zeit, wieder Lieben zu lernen und das Leben zu wagen, anstatt es nur zu verwalten.
Es ist also sehr gut zu erkennen, dass es nicht so wichtig ist, dass sie eine bessere Version von sich selbst werden. Es ist viel wichtiger, ein anständiger Mensch zu werden.
Es ist völlig in Ordnung, Träume zu haben und unmögliche Ziele zu verfolgen. Aber es lohnt sich auch zu bedenken, dass alles im Leben nur vorübergehend ist. Auch gibt es etwas, was Psychologen die “hedonische Tretmühle” nennen: Wann immer Sie etwas erreichen, gibt es immer irgendein weiteres Ziel, das Sie erreichen möchten. Das Erreichte wird schnell schal. Und so läuft man immer im Kreis, immer auf der Suche nach dem nächsten Ziel und wird nie glücklich und zufrieden sein. Wenn Sie das einmal erkannt haben, dann ist es an der Zeit zu fragen: Was ist wirklich wertvoll – nicht nur für mich, sondern für möglichst viele Menschen, ob sie mir nahestehend sind oder nicht.
Kurzum: Self-Control is just empathy with your future self!
Quellen:
Self-Control is just empathy with your future self, Ed Yong, The Atlantic:
https://www.theatlantic.com/science/archive/2016/12/self-control-is-just-empathy-with-a-future-you/509726/)
https://www.piqd.de/gesundheit/es-gibt-einen-zusammenhang-zwischen-selbstbeherrschung-und-empathie
Letzte Aktualisierung:
26. Juni 2022