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Ein Onkel von mir ist an der Front. Seit dem ersten Kriegstag. Er wird immer dort eingesetzt, wo es am schlimmsten ist. Denn er hat eine Spezialausbildung, er war früher schon länger in der Armee.
Vor kurzem kam er für ein paar Tage nach Hause in die Stadt Brovary bei Kiew. Seine Familie war nach Westen gezogen, als Brovary zu Beginn des Krieges unter schweren Beschuss geriet. Er schickte uns dann ein Foto aus der leeren Wohnung. Dort steht noch immer der geschmückte Weihnachtsbaum.
Im April erfuhren wir, dass es dem Onkel an grundlegenden Dingen fehlte. Er trug Schuhe, die zwei Nummern zu klein waren, seine Schutzausrüstung war unvollständig. Familie und Nachbarn versuchten, alles zu finden, zu kaufen und zu schicken, was sie konnten. Dann kam heraus, dass die gesamte Ausrüstung vorhanden war – aber der Kommandant verkaufte sie heimlich. Die Soldaten hatten Angst, sich zu beschweren, schliesslich ist Krieg. Als dann die Angehörigen Druck machten, wurde der Kommandant entlassen. Ein neuer wurde ernannt, der Onkel bekam endlich alles, was er brauchte. Ich kann mir vorstellen, dass das nicht der einzige Fall war, wo so etwas passierte.
Schwierige Rückkehr
Inzwischen habe ich begonnen, die Heimreise in die Ukraine zu planen. Es sieht aus, als ob es so schwierig werden wird wie die Reise in die Schweiz. Die Zugbillette von der polnischen oder ungarischen Grenze nach Kiew sind jeweils in wenigen Stunden ausverkauft. In den Chats für Geflüchtete findet man Infos über Minibusse, die einen überall in der Schweiz abholen und nach Kiew bringen. Aber das ist keine Option, etwa wenn Kinder dabei sind – die Reise dauert mindestens 25 Stunden. Der Grenzübertritt braucht dann auch noch seine Zeit. Kiew ist auf dem Strassenweg mehr als 2000 Kilometer von Zürich entfernt. Etwa so weit wie Lissabon oder Stockholm.
Hinzu kommen Informationen, die unter Geflüchteten eine Welle der Angst auslösten. Auch wenn sie das Recht auf einen Kurzbesuch in der Ukraine nutzen (bis zu 15 Tage innerhalb von drei Monaten), werden sie trotz Schutzstatus S auf dem Rückweg nicht über die Schengen-Grenze gelassen, weil sie sich länger als 90 Tage in der Schweiz aufgehalten haben. Für viele ist das ein Problem, weil sie kurz in die Ukraine zurückmüssen, aus bürokratischen Gründen, um kranke Verwandte zu besuchen oder so. Nun haben sie Angst, auf dem Rückweg an der Grenze stecken zu bleiben.
Um diese Situation zu klären, schrieb ich ans Staatssekretariat für Migration in Bern. Die Antwort hat mich, gelinde gesagt, überrascht. Um ein solches Grenzproblem zu vermeiden, solle ich einen Direktflug von der Ukraine in die Schweiz nehmen – oder eine alternative Route finden. Ich frage mich, was gemeint ist. Durch Russland oder Weissrussland fahren oder einen Tunnel graben?
Was das Fliegen angeht: Ich denke, man sollte auch in Bern wissen, dass seit dem 24. Februar 2022 keine Flugzeuge mehr über die Ukraine fliegen, weil unser Land jeden Tag von russischen Raketen beschossen wird. Zudem sind unsere Flughäfen bombardiert.
Kein Frühling
Und ich sitze vor dem Computer und ordne Fotos. Der Ordner «Sommer 2022» enthält Schnappschüsse vom virtuellen Buchclub, den ich mit Freunden in Kiew führe, Aufnahmen vom Wald in Winterthur und von traditionellen Schweizer Häusern. Ich mache fast automatisch Fotos, um alles später meinem Vater zu zeigen. Als ich diesen Ordner erstellte, fiel mir plötzlich auf, dass es auf dem Desktop keinen Ordner «Frühling 2022» gibt, stattdessen einen mit dem Namen «Krieg». Ich hätte nie gedacht, dass ich je einen solchen Ordner auf meinem Computer haben würde.
Ich möchte, dass keine Bilder mehr in diesen Ordner wandern. Ich möchte andere, mit dummen Namen – «Grillieren auf dem Land», «Geburtstag», «Ferien». Auf allen Desktops aller Ukrainerinnen und Ukrainer.