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Ich habe eine Bar in einer Strasse wenig ausserhalb der Altstadt. Es sind nie besonders viele Leute da, Angestellte, Teenager, Händler. Mit meinem Leben bin ich zufrieden. Ich mag Dinge, die sich wiederholen, die Platanen, die ihre Blätter verlieren, die Vorträge des Bürgermeisters, die skurrilen Typen, die ihre Zeit am Tresen verbringen. An dem Tag, als Corazza kam, war zum Beispiel der alte Alfio da und wartete auf einen Anruf. Auf den wartet er schon sein ganzes Leben. Morgens taucht er piekfein auf, mit Krawatte und Aktenköfferchen, als ob er auf dem Weg zur Arbeit wäre. Dann setzt er sich hin und sagt: «Renzo, ich erwarte einen Anruf, gibst du mir ein Zeichen, wenn es so weit ist?»
Natürlich ist es nie so weit. Das Wandtelefon ist ja auch gar nicht mehr da, heutzutage haben alle ein Handy. Genau damit hat Corazza angefangen, er hat laut ins Handy geredet. Da habe ich begriffen, dass er es ernst meinte. Er diskutierte über Garantien und Prozentsätze. Dann bestellte er ein Bier und blickte mich an, mit einem Gesicht wie ein geprügelter Hund.
«Irgendein Problem?», fragte ich.
«Geld», antwortete er. «Geld ist immer ein Problem. Der eine hat’s, der andere nicht, der dritte will bloss welches wechseln.»
«Wechseln?»
Mit einem Schluck stürzte Corazza das halbe Bier herunter. «Man müsste eine Vertrauensperson haben, einen Einheimischen…»
Da ich den Eindruck hatte, dass er mit sich selbst redete, fragte ich nicht nach. Oft sagen die Leute zu viel, und dann bereuen sie es. Und schauen dich böse an, als ob sie ihre Worte am liebsten zurücknehmen würden, und letztlich wechseln sie die Bar. Unser Platz ist irgendwo in der Mitte zwischen Licht und Schatten, und da müssen wir bleiben. Wir hören zu, sind zurückhaltend mit Ratschlägen. Viele, die hier vorbeikommen, müssten einen anderen Weg einschlagen: Manche schaffen es, andere verschwinden. Verschwinden… nein, eigentlich bleiben sie alle hier. Wir sind nicht in einer Metropole, wir wissen genau, wer wessen Sohn ist und wen es wohin verschlagen hat. Wenn einer aus der Reihe tanzt, akzeptieren wir das – nicht weil wir Mitgefühl hätten, sondern weil die Gewohnheit stärker ist. Den alten Alfio sehen wir nicht einmal mehr, er gehört schon zur Landschaft.
Jeden Morgen trinkt Alfio Kaffee mit einem Schuss Cognac, dann gibt er mir mit einem Zeichen zu verstehen, dass ich den Kaffee anschreiben soll, nimmt seinen Aktenkoffer und schaut im Hinausgehen auf die Uhr, wie jemand, der verabredet ist. Corazza fragte mich, wer das sei. Ich erklärte ihm, dass er harmlos ist. «Er hat eine IV-Rente, aber er tut gern so, als ob er Arbeit hätte.»
«Und ihr tut so, als ob ihr ihm glauben würdet?»
Ich zuckte mit den Schultern. Glauben kostet nichts. Corazza und ich haben lange geplaudert, er ist die ganze Zeit am Tresen geblieben. Als ich ihm sagte, dass ich ihm helfen könne, war er beinahe überrascht. Er hatte mir erzählt, dass er sich mit Geldgeschäften beschäftige: Devisenhandel, Darlehen und solche Dinge. Einer seiner Kunden, ein Spanier, wollte drei Millionen Euro in Schweizer Franken wechseln, und so hatten sie ein Treffen in unserer Stadt vereinbart.
Und da kam nun ich ins Spiel. Die Angelegenheit war heikel, sie konnten die drei Millionen Euro nicht einfach in einer Bar tauschen. Deshalb hatte Corazza sich überlegt, bei einer Bank nach einem Sitzungsraum für zwei, drei Stunden zu fragen. Er kannte niemanden in der Stadt, während ich schon immer hier wohnte. Ich bin Kunde einer Bank, man vertraut mir.
Natürlich ist alles schiefgegangen, ihr habt es in der Zeitung gelesen. Die Bank hat mir für zwei Stunden einen Raum im ersten Stock gegeben. Um es kurz zu machen: der verdammte Corazza war ein Betrüger. Er wartete im Sitzungsraum auf seinen Kunden und gab sich dann als Direktor der Bank aus, und dieser Idiot ist darauf hereingefallen. Mit der Entschuldigung, dass er das Geld zählen wolle, entfernte sich Corazza für ein paar Minuten. In Wirklichkeit verliess er die Bank, und der Spanier sah ihn nie wieder.
Die drei Millionen Euro nahm er natürlich mit.
Der Mist ist, dass ich Corazza gesehen habe. Bevor er verschwand, kam er in der Bar vorbei und machte ein paar Tausend Euro locker, in einem Umschlag. Nur Alfio und ich waren da, es gibt keinen anderen Zeugen. Ich habe das Geld genommen, und das hat der Polizei nicht gefallen. Sie haben mich stundenlang verhört und schliesslich mit der Ankündigung, dass es noch nicht ausgestanden sei, gehenlassen. Tatsache: ich habe Mist gebaut, als ich Corazzas Komplize wurde, auch wenn man schwer bestimmen kann, wie sehr mir das bewusst war. Jedenfalls will die Polizei mich büssen lassen.
Glücklicherweise ist nun heute abend etwas Seltsames passiert.
Die Sperrstunde rückte näher, in der Bar war niemand mehr. Gerade wollte ich selbst gehen, als die Tür aufging und der alte Alfio hereinkam, wie gewöhnlich im Anzug, mit seinem Aktenkoffer und dem frisierten Haar.
«So, ich habe gehört, dass du ein Betrüger bist», sagte er.
«Was weisst denn du davon?», gab ich zurück. «Wer sagt das?»
«…aber diesmal haben wir wohl Glück gehabt!»
«Wie?»
«Der Spanier hat sich für das richtige Modell entschieden.»
Während er das sagte, legte Alfio seinen Aktenkoffer auf die Theke. Auch da begriff ich noch nicht. Der Alte musste es mir erklären.
«Ein Augenblick hat genügt, als er die Quittung unterschrieben hat.» Er zwinkerte mir zu.
«Der Bruchteil einer Sekunde, verstehst du, das war schon ein Wagnis…»
Ein Wagnis. Ich weiss nicht, wo Alfio solche Wörter hernimmt. Jedenfalls hat er keine weiteren Worte darüber verloren. Er tippte sich mit zwei Fingern an die Stirn, als lüftete er einen imaginären Hut. Bevor er davonlief, machte er eine Art Verbeugung, den Koffer liess er stehen. Als ich zur Schwelle stürzte, war Alfio auf seinem alten Fahrrad schon weit weg, verlor sich in Licht und Schatten der Strassenlaternen.
Ich kehrte an die Theke zurück und öffnete den Koffer.
Drei Millionen Euro.
Sofort machte ich den Deckel wieder zu. Die Zeitungen berichteten, man habe den Betrugskoffer leer am Stadtrand gefunden. Alfios Aktenkoffer, versteht sich, der dank eines überraschenden Zufalls dem des Spaniers ziemlich ähnlich sah. Alfio hatte sie vertauscht: Es war ihm gelungen, Corazza unbemerkt hereinzulegen. Und mir das Geld wie neu zurückzubringen.
Und jetzt?
Stunden sitze ich schon hier und schreibe, und ich habe mich noch nicht entschieden.
Ich weiss, dass ich eigentlich zur Polizei sollte. Aber es ist auch schön, sich das Geld im Aktenkoffer vorzustellen – und an Reisen und verrückte Dinge zu denken. Es ist auch schön, die Augen zu schliessen und die Abenteuer zu sehen, die ich nie erleben werde.
Es ist spät. Ich sollte die Bar schliessen und schlafen gehen. Das hier ist meine Stadt und etwas anderes brauche ich nicht. Das hier ist mein Leben. Für mich ist es Abenteuer genug, jeden Morgen die Bar aufzumachen, mit dem alten Alfio, den Stammgästen und den Laufkunden ein paar Worte zu wechseln. Etwas anderes brauche ich nicht.
Aber warum kann ich dann nicht schlafen?