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Die Gründung der Apostolischen Administration des Tessins ist eine Neuerung des 19. Jahrhunderts, die auf die Jahre 1884–1888 zurückgeht, da die Christianisierung des heutigen Tessiner Territoriums seit den ersten Jahrhunderten der Kirchengeschichte mit den lombardischen Diözesen verbunden war. Die drei Täler Leventina, Blenio und Riviera, die Pieve Capriasca und die Pfarrei Brissago gehörten zur Diözese Mailand, während der Rest des heutigen Tessins der angrenzenden Diözese Como unterstand. Wie kam es im Gebiet des Tessins, das zu den Diözesen Como und Mailand gehörte, zur Gründung einer autonomen Diözese?
Das Bundesgesetz von 1859
Ein erstes Gesamtprojekt mit dem Ziel, die Tessiner Gebiete von den lombardischen Diözesen abzutrennen, geht auf die Zeit der Kantonsgründung 1803 zurück, als im Rahmen der napoleonischen Neuordnung der Schweiz die Schaffung eines einzigen nationalen Bistums angestrebt wurde. Der Vorschlag zeitigte jedoch keine Folgen. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts kam der Wendepunkt. Ein Bundesgesetz von 1859 hatte die ausländischen bischöflichen Jurisdiktionen auf schweizerischem Gebiet aufgehoben, und so benötigte das Gebiet des Tessins, das seit jeher von den Bischöfen von Mailand und Como abhing, dringend eine Lösung. Die beiden Bischöfe aus der Lombardei durften nämlich in den Tessiner Pfarreien nicht einmal mehr die Sakramente spenden. Gleichzeitig zeigt die Korrespondenz in den Archiven, dass der Tessiner Klerus gespalten war: Der ambrosianische Klerus wollte mit Mailand verbunden bleiben, während der römisch-katholische Klerus die Diözese Como verlassen und eine autonome Diözese im Tessin gründen wollte.
Die Regierung des Tessins bei Leo XIII.
Es war kein Geheimnis, dass der Bundesrat sich einen Anschluss des Tessins an eine schweizerische Diözese wünschte, speziell an die von Chur: Der Bundesrat forderte die Regierung in Bellinzona mehrfach auf, den aus Poschiavo stammenden Bischof von Chur, Franz Konstantin Rampa, auf provisorischer Basis als Administrator der Tessiner Pfarreien zu akzeptieren. Die Tessiner waren damit jedoch nicht einverstanden. Im März 1883 schickte die Kantonsregierung den Staatsrat Martino Pedrazzini und den Grossrat Massimiliano Magatti in vertraulicher Mission nach Rom. In einem Treffen mit dem Kardinal-Staatssekretär Ludovico Jacobini «erläuterten sie ihm den Wunsch der grossen Mehrheit von Klerus und Volk, eine eigene Diözese für den Tessin zu errichten»1, und schlugen dazu die Schaffung einer vorläufigen Verwaltungseinheit, wie ein Apostolisches Vikariat oder eine Präfektur, vor. Im Bericht über ihre Mission in Rom beschrieben Pedrazzini und Magatti auch ihre Privataudienz bei Papst Leo XIII. am 2. April 1883: Der Pontifex teilte die Ansicht, es sei notwendig, «die strittige Frage so bald wie möglich zu lösen, zuvorderst im Sinne einer eigenständigen Diözese, in zweiter Linie und provisorisch im Sinne einer einstweiligen apostolischen Administration.»2 Tatsächlich arbeitete der Hl. Stuhl seit der Sitzung der Kardinäle der Kongregation für ausserordentliche kirchliche Angelegenheiten am 6. März 1880 an dem Projekt, den Bischof von Basel, Eugène Lachat – der sich im erzwungenen Exil in Luzern befand, da er von den radikalen Kantonen des Bistums Basel 1873 «abgesetzt» wurde –, mit der apostolischen Administration des Tessins zu betrauen. Dieser römische Plan hätte den Vorteil gehabt, durch Lachats Umzug von Basel nach Lugano sowohl das Tessiner als auch das Basler Problem zu lösen; für letztere Stadt hätte dann ein neuer, von den Lachat-feindlichen Kantonen akzeptierter Bischof ernannt werden können. In Unkenntnis der römischen Pläne hatte Lachat selbst in einem Bericht von 1880 über das Tessin quasi prophetisch angemerkt: «Es gibt dort schöne Kirchen, die als Kathedralen dienen könnten.»3 Aber wie sollte dieses Projekt endlich in die Tat umgesetzt werden?
Eine Angliederung ans Bistum Chur?
In Bern fand am 25. Juli 1883 eine Sitzung des Bundesrats mit dem Tessiner Staatsrat statt. Der Bundespräsident Louis Ruchonnet und der Vizepräsident Emil Welti stellten «mit Bedauern» fest, dass das Tessin auf seiner Ablehnung jeglichen Anschlusses an die Diözese Chur beharrte. Erstaunlicherweise jedoch stiess der Vorschlag, in Lugano eine provisorische Administration einzurichten und sie dem Bischof von Basel anzuvertrauen, auf Zustimmung: «Sie sind umso positiver dazu eingestellt, als die Regierung des Tessin für dieses Amt sofort Msgr. Lachat vorgeschlagen hat, der demzufolge auf den Bischofssitz von Basel verzichten und davon entbunden werden müsste.»4 Die Sache schien auf fruchtbaren Grund zu fallen. Leo XIII. wurde über die jüngsten Entwicklungen informiert und verlor keine Zeit: Den jungen Untersekretär der Kongregation für ausserordentliche kirchliche Angelegenheiten, Domenico Ferrata, betraute er mit dem Auftrag, «sich in geheimster Mission in die Schweiz zu begeben, um vollständige Informationen zu sammeln, damit er sich ein richtiges Urteil über die Dinge und die Menschen bilden konnte.»5
Diplomatische Missionen von Msgr. Ferrata
So wurde Msgr. Domenico Ferrata von 1883 bis 1888 eine wichtige diplomatische Mission anvertraut, um die diffizilen Probleme im Tessin und der Diözese Basel zu lösen, vor allem aber zu dem Zweck, «den religiösen Frieden in diesem Land wiederherzustellen».6 In Luzern besuchte Ferrata Bischof Lachat, der ihn in einem Zimmer mit Aussicht auf den Vierwaldstättersee höflich empfing. In den Gesprächen zwischen den beiden Kirchenmännern vertraute Ferrata Lachat an, dass Leo XIII. eine Lösung des Konflikts wünschte, wäre sie doch nützlich, um «gewisse inoffizielle Beziehungen mit dem Bundesrat in Gang zu bringen, indem dazu aus Rom jemand gesandt wird, um eine besondere Angelegenheit zu verhandeln. Diese Entsendung würde den Weg ebnen für eine permanente Nuntiatur.»7 Der Bischof akzeptierte die Pläne des Hl. Stuhls. Er war bereit, die Diözese Basel aufzugeben und die Seelsorge des Tessins zu übernehmen, «denn ich hege eigentlich Sympathie für dieses Volk, und ich werde mit Freude für das Heil dieses Volkes wirken.»8 Bei einer zweiten Schweizer Mission von Ferrata im Sommer 1884 wurde die Lösung von allen, auch vom Bundesrat, akzeptiert, und der bei den Liberalen beliebte Kanonikus Friedrich Fiala wurde zum Bischof in Basel ernannt.
Abmachungen mit dem Bundesrat
Nach Lachats Tod im Jahr 1886 ging der Bundesrat wieder zum Angriff über und verlangte erneut den Anschluss des Tessins an eine schweizerische Diözese. Auf provisorischer Basis billigte Bern die Ernennung von Vincenzo Molo, Erzpriester von Bellinzona, zum apostolischen Administrator, aber die Spannungen blieben ungelöst. So bat der Hl. Stuhl Msgr. Ferrata, der inzwischen als Nuntius in Brüssel tätig war, im Februar und März 1888 eine dritte Mission in die Schweiz zu unternehmen. Im Bundeshaus sassen am Verhandlungstisch die Bundesratsmitglieder Numa Droz und Louis Ruchonnet, um sich mit Ferrata zu besprechen. Gemeinsam stellten sie fest, dass die von ihnen jeweils verteidigten Positionen – die vom Hl. Stuhl gewünschte Errichtung einer Diözese im Tessin einerseits und der von Bern erhoffte Anschluss des Kantons an ein bestehendes Bistum andererseits – vom Vorschlag des Delegierten des Hl. Stuhl überwunden wurden: Ferrata empfahl, die apostolische Administration des Tessins stabil und endgültig zu machen, indem sie formell an die Diözese Basel angeschlossen wurde. «Diese Massnahme entspräche auf wirksame Weise den religiösen Bedürfnissen des Tessin und würde gleichzeitig die Erhebung des Kantons zur Diözese vermeiden.»9
Wie eine Flasche exzellenten Champagners
Der geniale diplomatische Vorschlag stiess auf die Zustimmung des Bundesrats. Die Vereinbarung vom 16. März 1888 wurde von den eidgenössischen Räten und am 4. Juli desselben Jahres vom Bundesrat gebilligt, während Papst Leo XIII. sie am 13. Juli guthiess. In der Bulle Ad universam vom 7. September 1888 legte Leo XIII. fest, dass der Titel des Bischofs von Basel nunmehr mit dem von Lugano vereint sei, wobei jedoch die Unabhängigkeit der apostolischen Administration des Tessins gewahrt werde (so blieb es bis zum Jahr 1971). Im März 1888 begegnete Ferrata in Bern dem zukünftigen Genfer Kardinal Gaspard Mermillod, der ihn zu diesem Erfolg beglückwünschte: «Die Tessiner Katholiken können sich über die Vereinbarung vom 16. März freuen. Sie schafft im Tessin eine echte Diözese, wenn auch ohne diesen Namen. Das ist wie eine Flasche exzellenten Champagners, der nur das Etikett fehlt.»10
Lorenzo Planzi