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Es gibt in Gottfried Kellers Werk Stellen, für die man sich eigentlich kaum idealere Leser vorstellen kann als Westschweizer. Ihr Ohr ist empfänglich für seine Erörterungen über den Protestantismus im «Grünen Heinrich», und zumindest die älteren Semester unter ihnen werden nicht ohne heimliches Vergnügen die Sticheleien des Erzählers gegen die fromme und reine Anna lesen, die gerade aus dem Wälschland zurückkehrt und noch von der rigorosen Moral der Waadtländer Pfarrer durchtränkt ist. Immerhin haben zwei Waadtländer Autoren, Yves Velan in «Je» (1959) und Jacques Chessex in «La confession du pasteur Burg» (1967), vom Leidwesen solcher Pfarrer in autobiografischen Romanen berichtet: Sie spinnen damit, wissentlich oder unwissentlich, eine Problematik fort, die Keller auf luftige und lustige Weise aufgeworfen hat, während sie bei ihnen tragischere Züge trägt.
Doch Kellers Realismus gehört nicht unbedingt zu den wichtigsten Einflüssen der deutschsprachigen Kultur auf die Westschweizer Literatur. Die Dichter Gustave Roud und Philippe Jaccottet orientierten sich an der deutschen Romantik und Rilke, und «L’été des sept dormants» (1974), der grosse Roman von Jacques Mercanton, der in einem Knabeninternat in der Nähe von Passau spielt, ist eher Thomas Mann und Adalbert Stifters «Nachsommer» verpflichtet. Und doch gibt es eine Ausnahme, und zwar François Conod (1945–2017). Sein autobiografischer Text «Etoile de papier» (2018) zeugt von seiner Faszination für die erste Fassung des «Grünen Heinrich», die er für spontaner hält als die zweite – Conod konnte sie, da er in Basel aufwuchs, im Original lesen. Und das war unabdingbar, denn die erste Fassung wurde gar nie ins Französische übersetzt!
Der französische und der westschweizerische Heinrich
Dafür die zweite gleich zweimal: zuerst Anfang der 1930er Jahre in der Westschweiz vom jurassisch-neuenburgischen Romancier Jean-Paul Zimmermann, dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, in Frankreich durch den Akademiker Georges La Flize: So gibt es also einen westschweizerischen «Grünen Heinrich» und einen französischen, dessen sprachliche Wendungen etwas gewandter und geschliffener wirken. Dieses Phänomen kann man auch bei Robert Walsers «Der Gehülfe» beobachten, der in der französischen Schweiz zunächst unter dem Titel «L’homme à tout faire» (wörtlich: Ein Mann für alles), dann in Frankreich unter dem Titel «Commis» (wörtlich: Handlanger) herauskam.
Nun, Zimmermanns Übersetzung wurde – ohne Nennung des Übersetzers – in der Reihe Poche Suisse des Verlagshauses L’Age d’Homme wieder aufgelegt. In dieser Reihe stösst man, neben Werken von Dürrenmatt bis Frisch, auch auf die Studie «Le cinéma suisse» von Freddy Buache, der die Verfilmung von «Romeo und Julia auf dem Dorfe» von Hans Trommer und Valérian Schmidely sehr schätzte. Buache lobt die Qualität des Films genauso wie die Novelle, deren Verdienst er darin sieht, die Eigenheit der Figuren durch tägliche Gesten und Handlungen zu umreissen, statt sie durch psychologische Analysen zu erläutern.
Im Lager der Linken
Zimmermann und Buache gehörten zur Linken, genauso wie der allererste Übersetzer von Keller, der Neuenburger Anarchist James Guillaume, ein Freund von Bakunin, der 1864 «Les gens de Seldwyla» vorlegte. Diese Geisteshaltung und autodidaktische Ausbildung scheint der Identifikation mit dem Zürcher Autor förderlich zu sein. Jedenfalls war auch der Lausanner Romancier Jeanlouis Cornuz (1922–2007) diesem politischen Lager zuzurechnen, der 1990, aus Anlass des hundertsten Todestags von Keller, einen biografischen Essay vorlegte, welcher dem Westschweizer Publikum die wesentlichen Züge von Kellers Werk und Leben nahebrachte. Im Jahr darauf wurde in den Genfer Editions Zoé seine Übersetzung von «Martin Salander» aufgelegt, übrigens die erste französische Übersetzung dieses Romans.
Diese späte Rezeption erstaunt auch deshalb, weil Zimmermanns frühe Übersetzung von André Gide begrüsst und gefördert wurde. Gide war ein Bewunderer Kellers – eher eine Ausnahme unter den grossen französischen Autoren – sowie ein Kenner des Neuenburger Juras, wo er einen weiteren Pfarrerroman ansiedelte, «La symphonie pastorale». Mit ihm als Fürsprecher tritt Keller in den Dunstkreis grosser Namen der französischen Literatur ein, unter die auch ein Westschweizer gehoben wurde: Charles-Ferdinand Ramuz, den die Klassikerreihe Bibliothèque de la Pléiade mit zwei Bänden ehrte.
Ramuz und Keller: fremde Nähe
Keller nimmt in der Deutschschweiz einen ähnlichen Rang ein wie Ramuz in der Westschweiz. Dessen Begräbnis 1947 war ein ähnliches Ereignis wie dasjenige von Keller 1890 in Zürich. In Frankreich stiess er indes nicht auf einhellige Begeisterung. Er fand zwar ein Publikum und wurde unter Schriftstellerkollegen geschätzt, aber manche Kritiker hatten wenig für die, wie sie meinten, regionale Pseudomündlichkeit übrig, welche die Romane seiner reifen Phase prägt, wobei es sich freilich um eine ausgefeilte Kunstsprache handelt, bei der das Bäuerliche ein eigentlicher Etikettenschwindel ist. Gleichwohl wurde Ramuz in der gediegenen Gallimard-Reihe Bibliothèque de la Pléiade publiziert, eine Ehre, die ihn «offiziell» zu einem Klassiker der französischen Literatur erklärt: Die beiden Bände wurden übrigens gut verkauft, wenn auch mehrheitlich in der Westschweiz.
Im Anmerkungsapparat der Pléiade wird «Der grüne Heinrich» als mögliches Vorbild von «Aimé Pache peintre vaudois» (Aimé Pache, Waadtländer Maler) angeführt, einem Künstlerroman von 1911: Doch obwohl Ramuz gut Deutsch sprach, gibt es keinen konkreten Hinweis, dass er Keller wirklich gelesen hat. Natürlich hat er von ihm gehört, aber er beruft sich nie auf ihn, und auch die Herausgeber der Pléiade-Bände konnten keinen expliziten intertextuellen Verweis zwischen dem «Grünen Heinrich» und «Aimé Pache» anführen. Es steht denn auch weniger Ramuz’ Faszination von Kellers Text selbst im Raum, sondern ein kultureller Kontext: Der Erfolg des «Grünen Heinrich» löste nämlich in der französischsprachigen Schweiz die Mode des Bildungsromans aus – und «Aimé Pache» kann als erster Künstlerroman der Romandie gelten.1 Auf der Ebene des Stils gehören Ramuz und Keller jedoch in zwei verschiedene Welten. Kellers «süsse, herzstärkende Skepsis» (Walter Benjamin) steht einer Modernität Flaubert’scher und Cézanne’scher Prägung bei Ramuz gegenüber: ein unsichtbarer Erzähler, wobei die Geschichte aus den jeweils unterschiedlichen Gesichtspunkten der Figuren geschildert wird; Primat von Schrift und Stil, als Material behandelt, das man unablässig formen und feilen muss; eine Aussenwelt, die auf quasi phänomenologische Weise wahrgenommen wird.
Die wegweisende Rolle von Corinna Bille
Wie sieht es heute mit dem Interesse für Keller aus? Es ist schwer vorstellbar, dass sich ein zeitgenössischer Autor vom «Grünen Heinrich» in einer Weise inspirieren liesse wie einst Corinna Bille (1912–1979), die eine eigene Version der Geschichte des «Meretlein» in ihrer Erzählung «Emerentia» vorlegte, die 1979 in ihrem Band «Deux passions» erschien. Sie transponiert die Geschichte des gequälten Kindes ins Wallis zur Zeit von Keller – und das in der ihr eigenen poetischen Sprache, in ihrer romantischen Kargheit, die auf eigenwillige Weise der Vorlage gerecht wird. Dass eine Frau eine so subtile Hommage vorlegte, ist vielleicht gar nicht so überraschend, da bei Keller die Frauen eine wichtige Rolle spielen.
Ein weiterer Zug, der Keller von Ramuz unterscheidet, dem man in überzogener Weise einen Hang zur Misogynie vorwarf: Ramuz hat zwar unvergessliche Frauenfiguren erschaffen, so etwa in «Derborence» oder «La beauté sur la terre», aber seine Sicht der sexuellen Differenz trägt letztlich tragische Züge, während bei Keller die Frau ein Glück in einer Welt ohne Urteil verkörpern kann, wie es die Beziehung des grünen Heinrich zu seiner Mutter oder Judith andeuten. Keller will an die Möglichkeit einer Versöhnung der Geschlechter glauben, an eine gemeinsame Freiheit, der wie in «Romeo und Julia auf dem Dorfe» nur durch den Tod ein Strich durch die Rechnung gemacht wird.
Wer weiss, vielleicht wird dieser Traum einer grenzenlosen Gemeinschaft der Geschlechter dank neuer Übersetzungen kommende Generationen prägen?
Nächstes Jahr wird der Übersetzer Lionel Felchlin in den Editions Zoé die erste vollständige französische Version der «Leute von Seldwyla» veröffentlichen. Wird diese Publikation in der französischen Schweiz ein neues Interesse für ein Werk entfachen, das weitgehend verkannt und von demjenigen von Robert Walser überstrahlt wird, obwohl dieser Keller selbst viel verdankte? Jedenfalls wird an den Waadtländer Gymnasien im Unterricht «Roméo et Juliette au village» heute kaum mehr gelesen…
Aus dem Französischen übersetzt von Stefan Zweifel.
Ein Vergleich von Keller und Ramuz ist indes auch hier nicht uninteressant: Beide Maler ziehen aus, um eine Hauptstadt der Künste zu erobern: Heinrich Lee München und Aimé Pache Paris; beide fühlen sich marginalisiert und fallen aus den Kunstströmungen ihrer Zeit heraus. Und beide kehren nach ihrer Abwesenheit zu ihrer Mutter zurück, die im Sterben liegt. Bei Keller wie, ein halbes Jahrhundert später, bei Ramuz ist religiöses Schuldgefühl nicht mehr an der Tagesordnung. ↩