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Text: Phuong Lam-Tran / Foto: Stocksy
Nach der Befruchtung legt der weibliche Seidenspinner, also der ausgewachsene Schmetterling, 400 bis 600 winzige, gelbliche Eier von circa einem Millimeter ab. Verfärben sie sich dunkelgrau, ist es Zeit für die Raupe, zu schlüpfen. Sie ist dann circa zwei Millimeter lang sowie dunkel und hat einen schwarzen Kopf.
Die Seidenraupe ernährt sich ausschliesslich von frischen Maulbeerblättern – vorzugsweise den weissen – und zwar ununterbrochen, Tag und Nacht. Dank dieser Gefrässigkeit legt die Raupe innerhalb eines Monats massiv zu: das 10 000-fache an Gewicht und das 50-fache an Länge (von etwa 2 mm auf 10 cm). Wachstumsrekord unter allen Lebewesen!
Wenn die Zeit der Metamorphose gekommen ist, hört die Raupe auf zu essen. Zuerst wickelt sie ein loses Geflecht um sich, dann entsteht nach und nach ein Kokon, der aus einem mehrere Hundert Meter langen Faden gefertigt ist. In diesem verbringt die Seidenraupe circa 16 Tage. Für rund 250 Gramm Seide werden um die 3000 Kokons benötigt. Je nach Rasse und Ernährung der Seidenraupe kann die Farbe des Fadens variieren: Weiss, Gelb, Grün oder Braun. Um Seide zu gewinnen, muss man die Kokons kochen, was dazu führt, dass die Raupen getötet werden. Erst dann lässt sich die Seide weiterverarbeiten. Einzig für die Nachzucht dürfen die Raupen schlüpfen.
Endlich ein Schmetterling: glänzend-grau bis mehlig-weiss, mit schwarzen kammförmigen Fühlern und Flügeln mit Querstreifen flattert der Seidenspinner in die Welt hinaus. Nun ist er bereit, sein kurzes Leben anzutreten, das lediglich der Fortpflanzung dient. Der Falter ist jedoch hochgradig gezüchtet und daher in der Wildnis nicht überlebensfähig: Die Insekten können weder fressen noch fliegen – dafür sind sie zu schwer. Nachdem sich der Seidenspinner fortgepflanzt hat, stirbt er.
Es gibt viele Geschichten und Legenden darüber, wie Seide entdeckt wurde: Eine davon besagt, dass eine chinesische Kaiserin 3000 v. Chr. beim Teetrinken am Fusse eines Maulbeerbaums zufällig auf den Stoff stiess. Ein Seidenraupenkokon soll ihr in die Tasse gefallen sein. Als sie ihn herausnahm, begann er sich zu entrollen. Zwischen ihren Fingern hielt sie einen langen, glänzenden, weichen und starken Faden. Begeistert befahl die Kaiserin ihren Untertanen, aus dem Faden einen Stoff herzustellen. Die Wissenschaft geht jedoch davon aus, dass die Serikultur, also die Herstellung von Seide, bereits vor 8500 Jahren in China betrieben wurde.
Dank des prestigeträchtigen Stoffes hat sich der Handel zwischen China und Europa so stark intensiviert, dass die wichtigste Handelsroute zwischen dem Fernen Osten und dem Westen danach benannt wurde: die Seidenstrasse. Denn Seide war die Ware, die auf dieser Route am häufigsten transportiert wurde. Im Auftrag von Kaiser Justinian sollen schliesslich Mönche die ersten Seidenraupeneier aus dem Osten mitgebracht haben – versteckt in Bambusrohren.
Die Seidenproduktion begann hierzulande im 16. Jahrhundert und blieb lange Zeit ein wichtiger, wenn auch kleiner Wirtschaftszweig. Aus klimatischen Gründen wurde die Zucht der Seidenraupe nur im Tessin betrieben. Doch auch dort nahm die Seidenindustrie mit den Jahren ab, unter anderem aufgrund der Konkurrenz im Ausland sowie der vermehrten Nachfrage nach Kunstseide. 2009 wurde die alte Schweizer Tradition der Seidenproduktion jedoch wiederbelebt. Laut Swiss Silk, dem Verband der Schweizer Seidenproduzierenden, gibt es hierzulande derzeit 14 von ihnen. Weitere Informationen zur Seide aus der Schweiz findest du unter swiss-silk.ch.
Die Seidenproduktion geht auch nachhaltig.
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