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Der Erfolg der Entwicklungshilfe steht zur Debatte. Das kann nicht schaden und es bietet die Möglichkeit, zu erklären warum sie wirksam ist. Zusätzlich zur Grundsatzfrage, ob die Hilfe überhaupt wirkt, wollen viele westliche Länder neu die Entwicklungshilfe zur Migrationssteuerung respektive Verhinderung einsetzen. Geht das? Und wenn ja, wie?
Westliche Entwicklungszusammenarbeit begann im Kalten Krieg unter anderem mit der Rede von US- Präsident Harry S. Truman: «Mehr als die Hälfte der Menschen auf der Welt leben unter Bedingungen, die dem Elend nahekommen. Ihre Ernährung ist unzureichend. Sie sind Opfer von Krankheiten. Ihr Wirtschaftsleben ist notdürftig und stagnierend. Ihre Armut ist ein Handicap und eine Bedrohung sowohl für sie als auch für wohlhabendere Gebiete. Zum ersten Mal in der Geschichte besitzt die Menschheit das Wissen und die Fähigkeit, das Leiden dieser Menschen zu lindern.» Entwicklungszusammenarbeit als Chance zu zeigen, dass wozu das westliche System fähig ist: nämlich die Welt von Armut, Misere und Krankheit zu befreien! Sind aber diesen grossartigen Worten auch Taten gefolgt?
Schauen wir uns deshalb die Zahlen an: In den Sechziger Jahren gingen Truman und andere davon aus, dass zirka die Hälfte der Menschheit arm oder sehr arm war. Dies stimmt mit Max Roser von «Our World in Data» überein. Er zeigt, dass seit den Achtziger Jahren der Prozentsatz der Armen rapider als je zuvor in der jüngeren Geschichte fällt. Soweit so gut. Offensichtlich sind den Worten Taten gefolgt. Nun wäre also die Frage zu klären, ob die Entwicklungszusammenarbeit hierzu einen sinnvollen, wenn nicht sogar wesentlichen Beitrag geleistet hat.
Armut nimmt prozentual und in absoluten Zahlen ab
Fokussiert man nun auf die Daten der klassischen Entwicklungsländer, ist nach wie vor eine prozentuale Abnahme von Armut erkennbar. Hinsichtlich der absoluten Zahlen sieht das Bild bis 2010 je nach Weltregion differenzierter aus. Eine klare Abnahme der Armut zeichnet sich in Lateinamerika, Ostasien und dem Pazifik seit den 1990ern ab. Seit 2003 ebenfalls in Südasien. In Europa und Zentralasien sieht man den Zusammenbruch der Sowjetunion mit einer vorübergehenden Zunahme armutsbetroffener Personen, welche aber nach 2002 wieder aufgefangen wird. Einzig das sub-saharische Afrika verzeichnet bis 2010 eine absolute Zunahme von armutsbetroffenen Personen. Danach aber nimmt aber in jeder Weltregion inklusive Afrika die Armut ab.
Zoomen wir nun noch stärker auf die gemessene Wirkung von Entwicklungszusammenarbeit, die sich ja bekanntermassen auf die Ärmsten der Armen konzentrieren sollte, welche vom generellen Aufschwung oftmals nicht profitieren können. Zwischen 2007 und 2014 hat ein internationales Forschungsteam eine Studie in sechs Ländern durchgeführt. Sie haben zufällig ausgewählte stark armutsbetroffene Begünstigte eines Entwicklungsprogrammes mit einer ebenfalls sehr armen Kontrollgruppe ohne Entwicklungshilfe verglichen. Die Begünstigten profitierten ein Jahr lang von einem sogenannten «livelihood support». Dieser besteht aus einer Schenkung eines Produktionsmittels sowie der entsprechenden Ausbildung, um dieses optimal zu nutzen. Über ein Jahr hinweg wird die Familie zusätzlich mittels Sozialhilfe unterstützt, sowie mit einem wöchentlichen Coaching besser auf die Widrigkeiten des Lebens vorbereitet. Nach einem Jahr hört die Unterstützung gänzlich auf.
Drei Jahre nach Ende des Programmes haben sich in allen Ländern der Jahreskonsum der Familien um einige hundert US-Dollar erhöht. Berechnet man nun den Wert des Programmes, also den lebenslangen erhöhten Jahreskonsum minus die Investition des Programmes, so ergeben sich in allen Ländern eine vierstellige positive Bilanz.
Damit wäre die Frage nach der Wirkung von Entwicklungshilfe zur Armutsbekämpfung – insbesondere bei sehr armen Personen – klar mit ja zu beantworten. Das heisst nicht, dass jede Hilfe und jedes Programm eine Wirkung entfaltet hat. Einige Programme waren zu kurz, zu oberflächlich, arbeiteten mit den falschen Leuten und ihre Erfolge sind in kurzer Zeit verpufft. Aber eine längerfristige, intensive Hilfe zur Selbsthilfe zeitigt erfahrungsgemäss und wissenschaftlich bewiesen nachhaltige Wirkungen. Sie hilft armutsbetroffenen Personen sich aus der Armutsfalle zu befreien. Die Frage stellt sich nun, ob es diese Armutsreduktion noch günstiger gibt?
Migration wirkt stärker als Entwicklungshilfe
Ja, lautet hier die Antwort hier: nämlich mittels Migration! Vergleicht man die Wirkung des intensiven Entwicklungsprogrammes mit der Wirkung von Migration, so verblassen die Zahlen. Ein weiteres Forschungsteam hat aufgrund von Studien und Befragungen einen jährlichen Lohngewinn für Migranten aus sechs Ländern errechnet, falls diese in die USA migrieren und sie der lebenslangen Wirkung des Entwicklungsprogrammes gegenübergestellt.
In allen Fällen übertrifft dieser Lohngewinn den Gesamtwert der Entwicklungshilfe um ein Mehrfaches! Will also die Politik über Entwicklungshilfe die Migration steuern, so muss sie diesen erwarteten statistischen Lohngewinn von Migranten mittels noch wirksamerer Entwicklungshilfe übertreffen.
Ein vielversprechender Ansatz, den auch die Caritas verfolgt, ist es, armutsbetroffenen Personen über einen mittleren Zeitraum in kurzen Abständen Geldbeträge auszubezahlen, den sie frei für ihre persönliche Entwicklung einsetzen können. In einigen Fällen werden sie zusätzlich sporadisch beraten. Damit verringern sich die Kosten der Hilfe, aber der Effekt bleibt in den meisten Fällen hoch. Hilfsprogramme müssen jedoch, damit sie gegenüber der Wirkung (und den Risiken) von Migration bestehen können, längerfristig und mit einem höheren Mitteleinsatz durchgeführt werden. Ansonsten bleibt Migration der effektivste (wenn auch der risikoreichste) Weg, um sich aus der Armut zu befreien.