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DESIGN
Pink Power: Kulturgeschichte einer Farbe
Cécile Moser
Von wegen Rosa ist für Mädchen: Die Farbe ist wohl die mit der grössten subversiven Kraft. Dies haben Glam-Rock Ikonen, Queers, Gays und jüngst auch Feminist_innen immer wieder eindrucksvoll vorgeführt.
Sie ist die wohl meist diskutierte und umstrittenste Farbe überhaupt: Rosa, Englisch Pink. Kaum eine Farbe ist bedeutungsgeladener und hat ihre kulturelle und gesellschaftliche Codierung derart häufig gewechselt, wie Rosa. Heute wird die Farbe etwa mit dem weiblichen Geschlecht, sprich Girlie-Stuff oder der Schwulen-Organisation Pink Cross assoziiert. Doch dem war wie erwähnt nicht immer so. Bis ca. 1920 wurden nämlich nicht weibliche, sondern männliche Babies in rosa Klamotten gehüllt. Rosa wurde als zartere Form von Rot gesehen, und Rot wurde mit Stärke, Kampfgeist und Männlichkeit assoziiert – Eigenschaften, die man dem 'starken Geschlecht' gerne zuschreiben wollte. So waren auch die ersten Trikots des 1897 ins Leben gerufenen Fussballclubs Juventus Turin rosa. Mädchen erhielten im Gegenzug und als Anlehnung an die Farbe der Mutter Maria blaue bzw. hellblaue Kleidung. Noch davor gab es übrigens gar keine Gender spezifische Baby-Kleidung, diese wurden allesamt in Weiss gehüllt. Mit der aufkommenden Industrialisierung gab es dann eine erneute Umdeutung, trugen doch Arbeiter oder Matrosen meist Blau. So galt ab den 20er-Jahren Blau als männliche und Rosa in der Umkehrung als weibliche Farbe und entsprechend wurden Babies gekleidet. Rosa wurde im männlichen Kontext zur Farbe der Schwulen, zuerst allerdings in einer negativen Bedeutungsverwendung. Im 2. Weltkrieg wurden homosexuelle jüdische KZ-Häftlinge zur Strafe und Diskriminierung mit dem Rosa Winkel (ein nach unten gerichtetes gleichschenkliges Dreieck) versehen.
Erst mit der Zeit begannen homosexuelle Communities, die Farbe für sich positiv umzudeuten. Dieses Verfahren wird als subversive Affirmation bezeichnet und ist auch ein in der Kunst häufig verwendetes Instrument. Man unterläuft Strukturen, führt sie quasi ad absurdum und deutet sie in genau diesem Sinne um. Meist ist dies die bedeutungsstärkere und effektivere Methode, kulturelle Codes aufzuzeigen und zu kritisieren, als sich krampfhaft gegen sie zu wehren und um jeden Preis einen starken Gegenpol bilden zu wollen. Denn am Ende tut man so genau das gleiche, wie der Faktor, den man eigentlich bekämpfen möchte. Dies demonstrierten auch auf eindrucksvolle Weise Glam-Rock Ikonen wie David Bowie alias Ziggy Stardust oder Marc Bolan (Bild unten). Sie nutzen rosafarbene Federboas und Kleidungsstücke, häufig auch verziert mit Glitzer, daher auch der Name des Glam Rocks, um ihrer Freiheit auf der Bühne Ausdruck zu verleihen und mit dem Establishment, dem vorherrschenden Diskurs, zu brechen. Und damit war es denn auch passiert: Rosa hat die Popkultur erobert und wurde die Farbe der Freaks, Aussenseiter, Querschläger, Queers oder Gays. Ein jüngstes Beispiel für diese Verwendung sind selbstverständlich auch die Pussy Hats, welche Feminist_innen rund um den Globus an den Women's Marches tragen.
Mit dem wachsenden Kapitalismus erreicht Rosa im Kontext von Mädchen-Spielwaren und -Kleidung seinen Höhepunkt. Noch heute gibt es Kinderüberraschungseier im rosa Layout extra für Mädchen, und auch ein Besuch in Spielwaren-Abteilungen zeigt, wie omnipräsent diese Farbe im Feld von weiblichem Konsum ist. Dies wird von vielen kritisiert und Organisationen wie „Pink Stinks“ setzen sich etwa für Gender neutrales Spielzeug ein. Im avantgardistischen Design-Bereich ist jedoch auch sehr stark der Trend hin zu unisex Produkten ersichtlich, was etwa die letztjährigen Pantone-Trendfarben Serenity und Rosé Quartz zeigten, deren Verschmelzung als Symbol der Unisex-Tendenz im Zentrum stand. Abgesehen von den kulturellen Bedeutungen hat diese Farbe allerdings auch noch einen physischen Aspekt. So ist es erwiesen, dass die Farbe den Puls senkt und beruhigend wirkt, was auch dazu geführt hat, dass in vielen Gefängnissen rosa Zellen eingerichtet wurden, um aggressive Sträflinge zu beruhigen. Denn wer kennt das Gefühl nicht, sich in einem rosafarbenen Raum plötzlich pudelwohl und fluffig weich eingekuschelt zu fühlen? Ob dies daher rührt, dass uns das an eine Gebärmutter erinnert, oder ganz einfach an den physikalischen Reaktionen auf die Farbe liegt, sei dahingestellt. Jedenfalls sollen uns diese Abhandlungen aufzeigen, dass die Farbe Rosa heutzutage genauso viele negative wie positive Bedeutungszuschreibungen hat. Und richtig eingesetzt, im gezielten, kontextuellen und subversiven Gebrauch, ist diese Farbe ein durchaus mächtiges Instrument. So hat sich dem auch fempop verschrieben. Ein Blick auf unser Layout genügt, denn wir lieben Rosa und lieben das Spiel mit dieser umstrittenen Farbe. Pink Power Forever!