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Nina Ort
Reflexionslogische Semiotik
VelbrückWissenschaft 2007
Zusammenfassung -PDF
Seite 11
Das Problem, mit dem Semiotik und Literaturwissenschaft seither beschäftigt sind besteht dann allerdings darin, auf der Grundlage des dualistische Erkenntnismodells wissenschaftliche Theorien zur Erklärung von solchen Phänomenen zu entwickeln, die ihrerseits den Gesetzen des zweiwertige Denkens nicht mehr gehorchen.
Konkret wird das dann problematisch, wenn anstelle von statischen Zustands- oder Phänomenbeschreibungen dynamische Phänomene der Entwicklung dargestellt werden sollen. Denn das dualistische Erkenntnismodell liefert nur den Rahmen für die Bearbeitung seins- und identitätslogischer Probleme. Es ist auf das Thema "Sein" fixiert und kann daher nur behandeln, was aus abgeschlossener Prozess vorliegt. Es kann weder Prozessualität konzeptionell fassen noch Neues erklären oder hervorbringen, sondern nur auf "Sein" reflexiv reagieren. Versuche, Prozessualität auf der Grundlage des dualistische Erkenntnisprozess darzustellen, münden daher notwendigerweise in Widersprüche und Paradoxien. Dass die Schwierigkeiten, Prozessualität und Entwicklung darzustellen, mit dem zu Grunde liegenden zweiwertige Erkenntnismodellzusammenhängen, wird indessen kaum wahrgenommen.
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Das Bestechende an Günthers Kritik an der klassischen zweiwertigen Logik besteht darin, dass sie sehr luzide einsetzt als Kritik an der (idealistischen)
philosophischen, erkenntnistheoretischen Dichotomie von »Sein« und »Reflexion«. Auf diesem einigermaßen vertrauten Gebiet entfaltet Günther seine Kritik, die daher gut nachvollziehbar ist und den Leser behutsam an die ungemein schwierige Konzeption einer drei- oder mehrwertigen Logik heranführt. Diese Dichotomie kann terminologisch unterschiedlich gefasst sein. So wird abwechselnd von »Sein« und »Reflexion«, »Sein« und »Nichts«, »Position« und »Negation« oder etwa »Objektivität« und »Subjektivität« gesprochen. Auf diese Weise werden die vielfältigen Verbindungen und Verflechtungen der logischen mit den philosophischen Terminologien dargestellt, die beide zweiwertig, zum Teil jedoch mit stark divergierenden Konsequenzen modelliert sind. In dem hier unternommenen Projekt geht es daher zunächst darum, die unterschiedlichen Terminologien sowie die Verschachtelungen von formallogischen und philosophischen Argumenten, die Günther rekapituliert, zu systematisieren und sorgfältig zu unterscheiden.
"Unsere klassischen Denkgesetze sind der direkte Ausdruck der Funktionsweise unseres Gehirns. [...] In diesem Sinn liefert die auf der einfachen Antithese von Sein und Nicht-Sein beruhende klassische Logik die primordiale Gestalt des Denkens. Sie reflektiert ihre eigenen Seinsbedingungen als logische Gesetze. Diese Einsicht provoziert sofort die weitere Frage: Ist unser Denken durch seine eigenen Existenzvoraussetzungen kategorial endgültig und erschöpfend determiniert, oder aber liegen in der Reflexion die Möglichkeiten zu einer Überdetermination, durch die sich dieselbe dem ursprünglichen und ausschließlichen Diktat einer existentiell und objektiv vorgegebenen Seinsthematik zu entziehen vermag?" (Günther S. XI)
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I.1.3. Kontemplation und Ergebnis/Fertiges
Die Gesetze der zweiwertigen Logik haben in dem Erkenntnismodell nun zur Folge, dass in diesem aus logischen Gründen nur ein vollkommen in sich ruhendes, passives Universum dargestellt werden kann. Anders gewendet: Die Folge des Axioms des ausgeschlossenen Dritten in dem Erkenntnismodell ist die einwertige Ontologie.
Wenn zwischen Objektivität und Subjektivität ein isomorphes Umtauschverhältnis besteht, so kommt Subjektivität im Grunde in diesem Universum gar nicht vor. Die Modellierung des ganzen Wirklichkeitszusammenhangs als bewegungslos in sich ruhender beschreibt Günther wie folgt:
Die erste dieser Reflexionshaltungen ist das naive sich den Objekten
hingebende und sich in dieser Hingabe als Sonderexistenz völlig auslöschende Bewußtsein. Die Reflexion ist auf dieser Stufe ganz und gar ausschließlich Sein, weil sie sich restlos mit dem letzteren identifiziert und von sich selbst als Reflexion nichts weiß. Dieser distanzierende Reflexionsprozeß selbst ist in dieser Situation im Denken überhaupt nicht vorhanden. Er ist thematisch: Nichts.32
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I.1.4. Tertium non datur
Um diese Probleme noch schärfer zu fassen, soll zunächst noch einmal genau rekapituliert werden, inwiefern das »Dritte« des Drittensatzes aus der zweiwertigen Logik und dem dualistischen Erkenntnismodell ausgeschlossen sein muss. Günther sieht einen Erklärungsansatz darin,[…] wenn man sich einmal die Frage vorlegt, was eigentlich jenes mysteriöse Dritte sein mag, das durch das Tertium non datur ausgeschlossen werden soll. Die Antwort ist: Die sich weiter reflektierende Reflexionskraft des Bewußtseins. Was man nicht bemerkt hat, ist, daß diese Antwort in der gegebenen Form ziemlich wertlos sein muß, da sich leicht nachweisen läßt, daß sie einen durchaus zweideutigen Charakter hat.
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Die Notwendigkeit, sich die Frage nach der prinzipiellen Aufhebung des tertium non datur zu stellen, liegt dabei in den oben besprochenen Problemen, Aporien und Defiziten der klassischen, zweiwertigen Logik selbst begründet. Der Zweck seines Vorgehens ergibt sich also unmittelbar aus der bislang besprochenen Kritik an der klassischen, zweiwertigen Logik.
Günther will eine Logik sowie ein Erkenntnismodell formulieren, in denen es sowohl möglich ist, Prozessualität, also Entwicklung und das Erscheinen von »Neuem« in der Welt, dazustellen, als auch Subjektivität, Lebendigkeit, das heißt, die Möglichkeit nicht nur kognitiv, passiv auf Welt zu reagieren, sondern auch volitiv, gestaltend auf Welt zugreifen zu können.
Es muss daher untersucht werden, wie sich die Befreiung vom tertium non datur auf das Erkenntnismodell auswirkt, vorausgesetzt, dass es probehalber auch hier einfach aufgehoben werden kann. Günther nähert sich dem Problem, indem er nach dem Wert der Unterscheidung zwischen Seins- und Reflexionsidentität fragt:
Denn wenn die Reflexion letztlich doch nur die klassische These von der metaphysischen Identität von Denken und Sein voraussetzt – dann ist die mühsam gemachte Unterscheidung von Seins- und Reflexionsidentität
nicht nur überflüssig, sie ist logisch sinnlos.63
Hier wiederholt sich das Problem, mit dem Hegel zu tun hat, wenn er das Implikationsverhältnis aus der formalen Logik in das Erkenntnismodell auf solche Weise überträgt, dass die Operation als petrifizierter zweiter Wert angenommen wird. Damit das »Sein« identifiziert werden kann, muss es von »etwas« unterschieden werden. Dieses »etwas« ist das Nichts oder die Reflexion. Das Dilemma, das hierbei auftritt, besteht darin, dass über das »Nichts« nichts gesagt werden kann – es entzieht sich vollkommen jedem denkbaren Zugriff und ist, wie Günther sagt, vollkommen a-thematisch.
Ort-Semiotik 50
I.2. Reflexionsüberschuss: Im Grunde gleicht Günthers Vorschlag einer nicht-Aristotelischen Logik dem mathematischen Vorschlag einer nicht-Euklidischen Geometrie, in der das Parallelenaxiom weggelassen wurde.57 Es handelt sich zunächst um ein Gedankenexperiment, mit der Annahme, dass ebenfalls ein formales oder formalisierbares System zum Vorschein kommen müsste, wenn man die Beschränkungen der Logik durch die vier Prinzipien (Identität, verbotener Widerspruch, tertium non datur, Grund) aufhebt. Günther spielt also die Möglichkeiten durch, die sich ergeben, wenn man die Logik von diesen Prinzipien befreit, sowie die Konsequenzen, die sich daraus für ein philosophisches Erkenntnismodell ergeben.
Boe: Hinweis: Ort-Semiotik 151
I.7.2. Existenz: In diesem Abschnitt soll untersucht werden, inwiefern Volition als Reflexionsform sich tatsächlich auf die Realität auswirkt. Es dürfte inzwischen deutlich geworden sein, dass hier ein kybernetischer, genauer, ein technischer Willensbegriff angestrebt wird.
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Die Notwendigkeit, sich die Frage nach der prinzipiellen Aufhebung des tertium non datur zu stellen, liegt dabei in den oben besprochenen Problemen, Aporien und Defiziten der klassischen, zweiwertigen Logik selbst begründet. Der Zweck seines Vorgehens ergibt sich also unmittelbar aus der bislang besprochenen Kritik an der klassischen, zweiwertigen Logik.
Günther will eine Logik sowie ein Erkenntnismodell formulieren, in denen es sowohl möglich ist, Prozessualität, also Entwicklung und das Erscheinen von »Neuem« in der Welt, dazustellen, als auch Subjektivität, Lebendigkeit, das heißt, die Möglichkeit nicht nur kognitiv, passiv auf Welt zu reagieren, sondern auch volitiv, gestaltend auf Welt zugreifen zu können.
Boe: Hinweis: Ort 14: Das nicht-klassische, reflexionslogische System Günthers ist ein prozessuales System, mit dem dargestellt werden kann, dass auf Wirklichkeit nicht nur reaktiv reflektiert, sondern auch aktiv, gestaltend und kreativ zugegriffen werden kann. Soweit ich die Theorielage überblicke, ist es das einzige philosophisch-erkenntnistheoretische Modell, das einen derart radikalen, aber ebenso überzeugenden und in sich konsistenten Entwurf für die Darstellung evoluierender, prozessualer, das heißt, nicht-klassischer, also lebendiger Systeme liefert.
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Das isomorphe Umtauschverhältnis von Sein und Reflexion wird nun also derart rekonstruiert, dass reflexionsseitig ein Reflexionsüberschuss bestehen bleibt, der sich der Möglichkeit der Objektivierung, also der Darstellung entzieht.
Das bedeutet, Günther geht nicht den Weg über die Annahme irgendeiner
Vermittlungsinstanz oder einer apriorischen Idee (wie etwa Zeit), um Prozessualität in sein System zu integrieren, sondern er weist darauf hin, dass es notwendig ist, eine genuine dritte Komponente der Realität anzunehmen, um diese angemessen beschreiben zu können.
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Ein wichtiges Ergebnis lässt bereits an dieser Stelle angeben. Im Gegensatz
zu einem identitätslogischen System, das, wie gezeigt wurde, nur »totes«, objektives »Sein« thematisieren kann, ist das hier vorgeschlagene System in der Lage »Werden« zu thematisieren. Mit dem Begriff »Werden« kann exakt jener noch nicht seins-thematisch gebundene Reflexionsüberschuss beschrieben werden. Der Begriff bietet sich deshalb an, da er die reflexive Prozessualität selbst beschreibt, die noch nichts Faktisches thematisiert. Hier ergibt sich insofern ein erster Hinweis auf die auf die Zukunft hin orientierte, evolutionäre Prozessualität, die mit dem hier vorgeschlagenen nicht-klassischen Erkenntnismodell dargestellt werden kann.
I.2.2. Zweideutigkeit
Die Reflexion als Reflexion auf Sein und als Reflexionsprozess bedeutet eine Verzweideutigung des Reflexionsbegriffs, der im dualistischen Erkenntnismodell aufgrund des dort gültigen tertium non datur nicht vorgesehen
und nicht erlaubt ist. Der nicht-klassische Vorschlag, der das tertium non datur aufhebt und ein »sowohl als auch« der beiden Aspekte eines Begriffs zulässt, hat demgegenüber zur Folge, dass der reflexive, negative Aspekt des Begriffs nicht vollständig objektiviert werden kann.
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...was Hegel als »Synthese« konzipiere, als neue Reflexionssituation zu deuten:
"Hätte Hegel vorausgesetzt, daß das theoretische Bewußtsein echter
»Reflexionskategorien« fähig sei, also solcher, die sich nicht auf das Sein abbilden lassen, dann hätte er zu dem Schluß kommen müssen, die »Synthese« von Sein und Nichts ist kein Realprozeß sondern eine neue Reflexionssituation, in der sich das Bewußsein weder mit Sein noch mit Nichts –und nicht einmal mit dem Gegensatz beider – sondern mit der Verneinung der ganzen Thematik, die sich in diesem Gegensatzpaar aufbaut, identifiziert. D.h., er wüde erkannt haben, daßdie angebliche »Synthese« der bisherigen Momente der Realitä noch nicht zur Wirklichkeit selbst führen kann, weil die Reflexion außr dem Thema »Sein« noch ein zweites autonomes Thema »Sinn« besitzt und daßin diesem neuen Thema jetzt »Sinn des Seins« nur einen partiellen Ausschnitt der zweiten Reflexionsthematik liefert, da Sinn üerhaupt sowohl Sinn des Seins als auch Sinn des Sinns ist. Also anstatt zur Realitä muß die »Synthese« von Sein und Nichts noch tiefer in ein vom Sein Abstand nehmende Reflexion hineinfüren anstatt aus ihr heraus".68 68 Günther (1991): Grundriß. S. 308.
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Denken wäre dann immer nur bereits Gedachtes zu denken. Weiter unten, in Abschnitt I.3. Ich – Du – Es, wird diese Idee noch weiter radikalisiert und auf konstruktivistische Weise auf die Realitätsthematik der Objektivität ausgeweitet, wobei gezeigt werden wird, dass reine, objektive Objektivität nur eine theoretische Annahme ist.
Es wäre nämlich nun auch zu einfach, diesen Aspekt der Reflexivität dem Subjekt als denkendem Ich und als Gegenpol zum Objektiven oder objektiv Gedachten zuzuschlagen. Dieser Reflexionsüberschuss ist vielmehr etwas genuin Drittes.
Nachdem sie [die Reflexion] ihre eigenen Gesetze festgestellt und im Tertium non datur ihre eigene zweiwertige Grenze festgestellt hat, entdeckt sie, daß ein Reflexionsrest zurückbleibt: nämlich jene reflexive Tätigkeit selbst, die erst die »äußerliche« Reflexion-in-anderes und dann die erste Reflexion-in-sich in Bewegung setzt. Da aber alles theoretische Denken des logischen Subjektes sich in diesen beiden Reflexionsformen abspielt, kann jener Reflexionsüberschuß keinem irgendwie gearteten ichhaften Denken eines individuellen Subjekts mehr angehören.73
73 Günther (1991): Grundriß. S. 269.
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Gerade ihre Ungebundenheit (an irgendeine Art Objekt) gewährleistet den Prozess der Reflexion überhaupt.
An verschiedenen Stellen beschreibt Günther diese Komponente der ungebundenen Reflexivität daher auch als Ursache (Bedingung) des Denkens überhaupt. Wenn diese beiden Möglichkeiten ausgeschlossen werden, bleibt nun nur eine Alternative: Der Reflexionsüberschuss als dritte Realitätskomponente ist dann eine Reflexion, die die Relation zwischen Sein und Negation reflektiert, das heißt, den beiden Komponenten gleichermaßen distanziert gegenübersteht. Das bedeutet, dieser Reflexionsüberschuss kann als eine Form der Negation betrachtet werden, der den Gegensatz von »Sein« und »Reflexion« insgesamt negiert oder verwirft. Die Relation zwischen »Sein« und »Reflexion« ist nun offensichtlich kein Objekt im Sinne von objektiv gegebenem, selbstidentischem Sein.
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Es ist der Reflexionsüberschuss als Reflexionsprozess selbst, der einerseits »das Denken vorantreibt« und andererseits die Subjektivitätsthematik komplexer werden lässt und sich immer mehr vom »Sein« entfernt. Auf welchem Wege dies geschieht, erläutert Günther wie folgt:
"Wir sehen uns also der paradoxen Situation gegenüber, daß das Denken, wenn es sich selbst als prozeßhafter, subjektiver Erlebnissinn verstehen will, dies nur auf dem Umweg über die Gestalt des objektiv Gedachten tun kann. Es beginnt also mit einer ausdrücklichen Fehlthematisation. Das ist, wie gesagt, unvermeidlich. Das Denken begreift sich selbst nie als Denken, sondern vielmehr als Gedachtes.83
(83 Günther (1991): Grundriß. S. 215)
Ort-Semiotik65
I.3. Ich – Du – Es
Der Übergang von einem zweiwertigen zu einem dreiwertigen Erkenntnismodell
bedeutet den Übergang von einem identitätslogischen zu einem reflexionslogischen System; es bedeutet die Abkehr von einem Erkenntnismodell, mit dem »Sein« identifiziert werden soll, und die
Hinwendung zu einem, das sich mit Reflexivität, das heißt, mit Subjektivität
beschäftigt.85
...Der »Umweg« über die »Fehlthematisierung« hilft jedoch zu verdeutlichen, worum es bei dieser Begrifflichkeit geht. Wenn das Denken seine Seinsbedingungen als logische Gesetze betrachtet, so kann dies auch
folgendermaßen paraphrasiert werden: Das denkende Ich begreift sich
selbst nie als denkendes Ich, sondern vielmehr als gedachtes Du, also als Objekt.
Günther bezieht sich in diesem Zusammenhang auf Schelling, der Descartes vorgeworfen habe, er sei in seinem Rückgang zur Subjektivität nicht weit genug gegangen, sondern habe Subjektivität genau als jene Absolutheit aufgefasst, die die Totalalternative von Subjekt und Objekt überhaupt erst ermöglicht habe. Schelling sei nun der Ansicht, es genüge nicht, die Subjektivität als die private Subjektivität des »Ich« zu begreifen, sondern es müsse auch die des öffentlichen »Du« mit einbezogen werden.86
Wozu dient nun bei Günther die Einführung des »Du«, das hier offensichtlich
neben zwei Begriffe gestellt wird, die zumindest ihre Herkunft aus der klassischen Differenz von Subjekt (Ich) und Objekt (Es) zu haben scheinen, und die ich daher als missverständlich bezeichnet habe? Einen ersten Hinweis auf das sich hier stellende Problem formuliert Günther, indem er sogleich jenes Missverständnis ausräumt: »Der metaphysische Irrtum der klassischen Logik ist, daß angenommen wird, daß sich die Gegensätze von Ich und Es genau mit denen von Subjekt und Objekt decken.«87
77..An Stelle des Seins als des einzigen metaphysischen Substrats der
Realität besitzt die Wirklichkeit jetzt drei ebenbürtige metaphysische
Komponenten. Dem Übergang von der zweiwertigen zur
dreiwertigen Logik entspricht ein entsprechender Schritt von der
identitätstheoretischen zu einer trinitarischen Metaphysik, die auf
der Voraussetzung beruht, daß die metaphysische Struktur der Welt
nicht aus einem solitären Substrat erklärt werden kann, das unter
dem Namen »Sein« auftritt, sondern daß vielmehr das, was wir als
Wirklichkeit verstehen, das Produkt dreier metaphysischer Komponenten ist, die alle drei in einem bestimmten Sinne »sind«.101
78...dass dieses nicht-klassische Erkenntnismodell das klassische impliziert. Natürlich muss auch innerhalb dieses erweiterten Systems die Möglichkeit vorhanden sein, dass ein »Ich« oder ein Bewusstsein sich mit sich selbst identifizieren kann, das heißt, zwischen sich selbst und seiner Umgebung unterscheiden kann.
Es ist dies wiederum eine weitere Formulierung der Erkenntnis,
dass wir nur zweiwertig denken können, auch wenn ein mehrwertiges
System die gesamte Realitätsthematik adäquater wiedergibt.
Dieser Aspekt beschreibt, dass das »Ich« sich stets in einem Umtauschverhältnis zu seiner Umwelt verstehen muss, da es andernfalls nicht mehr wüsste, was es ist. Günther kommt zu dem Ergebnis, dass ein dreiwertiges System sich aus drei zweiwertigen Systemen zusammensetze, und nur in dieser Sichtweise könne Identität konzipiert werden.
79 ...Die Identität des »Ich« mit sich selbst ist aus der Perspektive eines
nicht-klassischen Erkenntnismodells hingegen eine Implikation eines
an sich wesentlich komplexeren Konstitutionsgefüges. Auch hier wird
wiederum deutlich, inwiefern ein nicht-klassisches System die Gültigkeit
des klassischen Systems nicht aufhebt, sondern dieses als Sonderfall
impliziert. Die Zuweisung der Subjektivität eines »Du« durch ein »Ich«
ist ihrerseits nur autologisch möglich. Denn Ich und Du nehmen sich
gegenseitig unmittelbar nur als Handelnde wahr bzw. als Wille, nicht
als Sein, auf das passiv reflektiert wird, und auch nicht als Subjektivität:
»Wenn wir der anderen Person ebenfalls Subjektivität zuschreiben, so
beruht das ausschließlich auf einem Anerkennungsakt. Die Forderung,
fremdseelische Subjektivität an-sich-objektiv festzustellen, widerspricht
sich selbst.«103
Noch deutlicher schreibt Günther: »Im Gegensatz zu den zwischen unbelebten Dingen stattfindenden objektiven (gegebenen) Ereignissen ist die Subjektivität in der Gestalt des Du für uns ausschließlich als ›Willens‹-Ereignis beobacht- und begreifbar, d. h. als Ausdruck eines subjektiven Willens, der nicht der unsrige und für uns vollkommen unzugänglich ist.«104
Dass ein »Du« über Subjektivität verfügt, ist aus der Perspektive des »Ich« also stets eine Unterstellung. Bemerkbar macht sich die Subjektivität des »Du« für ein »Ich« nicht als Faktum, sondern als Wille und Handlung. Den Unterschied zwischen der Negation des irreflexiven »Seins« durch das Subjekt und dem Negationsverhältnis zwischen »Ich« und »Du« beschreibt Günther auf geradezu poetische Weise:
Im ersten Fall setzt das Bewußtsein in den Erlebnissen: das bin ich nicht, sich negierend von seinem Gegenstande ab, weil er nicht antwortet. […] Der Pegasus, die mir objektiv in der Welt begegnende Seele (das Du), der objektiv in Sprache und Schrift kristallisierte Gedanke, sind nicht ich, gerade weil sie antworten, weil sie mir widersprechen und weil sie eine potentielle Transparenz haben, die nicht die meine ist.105
Hierin besteht die große Alternative, nicht nur kontemplative Reflexionsverhältnisse zur Beschreibung der Welt zur Verfügung zu stellen, sondern die Möglichkeit, Prozesse, Entwicklungen, Veränderungen selbst darstellen zu können, die eben nicht immer nur als Prozessergebnisse, Entwicklungsergebnisse wiederum kontemplativ beobachtet werden können, sondern als aktiver, gestaltender Zugriff auf die Welt formulierbar werden. Eine genaue Interpretation des Willens als Volition wird in Abschnitt I.7. Ordnung und Umtausch – Kognition und Volition geleistet. Hier ist zunächst die Mechanik der dreiwertigen Konstellation von Bedeutung
Ort-Semiotik139
Kognition und Volition: Es geht hier keineswegs um irgendeinen emphatischen Begriff eines »freien Willens«, ein historisch überladener aber ebenso nebulöser Begriff, der aufgrund seiner Vieldeutigkeit kaum brauchbar sein kann bei der Entwicklung eines formal geschlossenen, nicht-klassischen Erkenntnismodells.
Es geht stattdessen vielmehr um die logisch zwingende Erkenntnis, dass Realität für lebendige Systeme nicht vollständig determiniert sein kann, und – im Umkehrschluss – dass sie dies für nicht lebendige Systeme ist, die keine Umwelt besitzen, sondern sich nur darin befinden.234 Anders herum formuliert: Indeterminiertheit erfordert volitive Entscheidungen, da sie die zwangsläufige Reaktion auf die Umwelt nicht vollständig vorgibt.
234 Allein Günthers wissenschaftstheoretisches Umfeld, nämlich die Kybernetik, bürgt dafür, dass sich der Begriff der Volition eher an den Beobachtungen der Quantenmechanik und deren Annahmen über die Indeterminiertheit der Welt orientiert. So schreibt Günther: »In der Physik ist längst eingesehen worden, daß das absolut für sich seiende, objektive Objekt eine bloße Fiktion ist. Die Grenzen zwischen den mathematischen Formeln und dem Gegenstand, den sie beschreiben, verschwimmen mehr und mehr. Es ist nicht mehr zu unterscheiden, welche Eigenschaften des Gegenstandes bloß »gedacht« sind und welche er »an sich« hat. Damit geht aber der Transzendentalcharakter des Gegenstandes unweigerlich verloren. Das Objekt wird in die Logik hineingezogen.« (Günther (1991): Grundriß. S. 329.)
Die Einführung des Begriffs der Volition ist – wie sich inzwischen sicher intuitiv erschließt – deshalb notwendig, weil mit ihm der eigentliche und wesentliche Unterschied zu einem klassischen System vorliegt. Der ganze bisher betriebene theoriebautechnische Aufwand dient der Möglichkeit, ein lebendiges System als eines zu beschreiben, das sich seiner Umwelt gegenüber verhalten kann. Wie weiter oben bereits gezeigt, definiert Günther ein lebendiges System als eines, das eine Umwelt besitzt, anstatt sich nur in einer Umwelt zu befinden. Diese Definition wird in Erkennen und Wollen um den Begriff des Willens ergänzt.
Auf diese Weise wird die Grundannahme Günthers reformuliert, der zufolge eine Dyade, bestehend nur aus zwei Themen wie Sein und Reflexion, in schlichter gegenseitiger, kontemplativer Reflexivität verharren müsste.
Das hier von ihm als volitiver Aspekt der Subjektivität eingeführte dritte Thema bereichert das lebendige System also um Willensfreiheit, schärfer formuliert: Willensfreiheit als dritter Aspekt definiert lebendige Systeme gegenüber nicht-lebendigen.
150
In seinen Überlegungen, wie überhaupt eine Vermittlung denkbar sei zwischen reiner Objektivität und reinem introvertierten, kontemplativen Bewusstsein, stellt Günther den Willen (und die Handlung) als jene Instanz dar, die, anders als der an der Realität zweifelnde Geist, eine unmittelbare Realität der Dinge evident werden lässt:
Ebenso wie das kontemplative Bewußtsein an unheilbarer Skepsis krankt, so ist das sich in Handlungen betätigende Bewußtsein konstitutionell unfähig an der objektiven, bewußtseinstranszendenten Welt zu zweifeln. Daß das Ding, das wir technisch betasten, bearbeiten und verändern, nur in unsern Bewußtseinsakten seine Existenz haben soll, ist vom praktischen Standpunkt aus vollkommen sinnlos. Der handelnde Wille bietet uns eine zuverlässige Brücke von der Innenwelt zur Außenwelt.255
255 Günther (2002): Das Bewusstsein der Maschinen. S. 137.
Ort-Semiotik 187
II. Peirce – reflexionslogisch erweitert
II.0. Einleitung
Bei meinem Projekt, eine dreiwertige Zeichenlogik zu entwickeln, die im Anwendungsfeld der Literaturtheorie und -analyse fruchtbar sein kann, gehe ich von einem allgemeinen Zeichenbegriff aus. Die Radikalität des Semiotizitäts-Axioms besteht darin, dass semiotische Prozesse als konstitutiv für Realität, also den Gesamtzusammenhang dessen, was klassisch als Opposition von Objektivität und Subjektivität betrachtet wurde, angenommen werden:
Sprache ist demnach keine besondere Leistung des Denkens, sondern das Denken ist an sich semiotisch konstituiert.
188 In der Peirceforschung herrscht Konsens darüber, dass es bei Semiotik vor allem um semiotische Prozesse, also um Semiose geht, nicht nur um die Darstellung des Zeichens. Eine erste These lautet daher: Theoriemodelle, die auf der Grundlage eines zweiwertigen Erkenntnismodells beruhen, können Semiose als Prozessualität nur behaupten, nicht aber widerspruchs- bzw. paradoxiefrei darstellen. Sie können außerdem Prozessualität nicht als evoluierende Prozessualität darstellen, mit der Neues erzeugt wird. Als seinslogisch fundierte Theorien sind sie notwendig daran gebunden, der identifikatorischen Bestimmung von Zeichen und Zeichenprozessen zu folgen.
193
II.2. Dreiwertigkeit im Peirceschen Zeichenmodell
II.2.1. Das Dritte als Vermittlung?
Peirce’ Zeichenmodell besteht aus vielfältig aufeinander bezogenen, irreduziblen Triaden, die, wie gezeigt werden soll, in einer zweiwertigen
Logik nicht widerspruchsfrei thematisiert werden können. Das Peircesche Zeichenmodell bildet somit eine geeignete Grundlage zur Ausformulierung einer dreiwertigen Zeichenlogik.
196 ...dass Vermittlung nur eine spezifische Form der Relationierung dreier Konstituenten miteinander ist – durch sie kann Dreiwertigkeit nicht erklärt, und mit ihr kann »das Dritte« nicht als Konstituente aufgefasst werden.
Notgedrungen evoziert die Figur einer vermittelnden Instanz auf diese Weise die herkömmlichen Vorstellungen der Synthese, der Aufhebung oder systemtheoretisch gesprochen: der Einheit der Differenz.
Hier soll demgegenüber versucht werden, das genuin triadische Zeichen bei Peirce so darzustellen, dass das Dritte als gleichwertiges Drittes bestimmt wird, und gerade nicht als Vermittlungsinstanz zwischen der bekannten dyadischen oder dialektischen Konstellation. Deutlicher formuliert:
Nicht ein Drittes kommt zu einer Dyade hinzu, sondern eine Triade konstituiert sich gleichmäßig aus der wechselhaften Relationierung dreier Konstituenten.
197 ...Wenn nun aber zwischen »Sein« und »Reflexion« gerade nicht klassisch unterschieden wird, so muss zwischen beiden auch nicht vermittelt werden. Erkenntnistheoretisch und logisch relevante Dreiwertigkeit muss demnach wesentlich grundsätzlicher konzeptualisiert werden.
Ort-Semiotik 197
II.2.2. Dreiwertigkeit als logisches Problem – Modallogik oder Reflexionslogik?
198 ...Anders nämlich als zweiwertige Theoriemodelle, die versuchen, das Dritte einzuführen, um die Theoriemodelle zu erweitern – wie etwa Systemtheorie –, geht Peirce von vornherein so vor, dass er die Triadizität seines Modells als das Ergebnis einer Reduktion modelliert, und zwar der Reduktion der Kategorientafel von Kant, die ihn zu dem Tripel von Erstheit, Zweitheit und Drittheit führt. Schon aus diesem Grunde muss ein unmittelbarer Vergleich seines Zeichenmodells mit erweiterten, zweiwertigen Modellen unwillkürlich in die Irre führen.
Zweitheit wird nicht – wie etwa in strukturalistischen Modellen oder in der Luhmannschen Systemtheorie – ab einem gewissen Stadium der Theoriekonstitution als defizitär empfunden, sondern andersherum fragt Peirce
danach, auf welchen »Mindestkonstituenten« eine Zeichentheorie bzw. eine Zeichenlogik aufbauen kann. In den Principles of Philosophy schreibt Peirce:
A thorough study of the logic of relatives confirms the conclusions which I had reached before going far in that study. It shows that logical terms are either monads, dyads, or polyads, and that these last do not introduce any radically different elements from those that are found in triads. I therefore divide all objects into monads, dyads, and triads; [...]. (Peirce, CP 1.293)
Ein triadisches Objekt stellt ein relationiertes Gefüge dar, ein Verhältnis, insofern die drei Konstituenten sich wechselseitig vermittelnd konstituieren. Im Vergleich mit Günthers Triade von »Ich«, »Du« und »Es« kann dieser Zusammenhang erklärt werden. Dabei könnte »Ich« als reiner Selbstbezug mit dem monadischen Objekt verglichen werden, das »Du« mit dem dyadischen Objekt und das »Es« mit dem triadischen Objekt.
199 ...Was Peirce mit seiner Relationenlogik aussagt, betrifft also nur Modi des Seins, nicht das Sein selbst.27
27 Diesen subtilen Unterschied beschreibt Peirce an einer weiteren Stelle sehr deutlich:
»I essay an analysis of what appears in the world. It is not metaphysics that we are dealing with: only logic. Therefore, we do not ask what really is, but only what appears to everyone of us in every minute of our lives. I analyze experience, which is the cognitive resultant of our past lives, and find in it three elements. I call them Categories.« (Peirce, CP 2.84.)
Boe: appears in the world - vgl. Spencer Brown -
200...Offensichtlich entzündet sich Peirce’ Kritik aber an eben jener klassischen, philosophischen Logik, die auch im Mittelpunkt der Güntherschen Kritik steht:
The truth is that pragmaticism is closely allied to the Hegelian absolute idealism, from which, however, it is sundered by its vigorous denial that the third category (which Hegel degrades to a mere stage of thinking) suffices to make the world, or is even so much as selfsufficient. Had Hegel, instead of regarding the first two stages with his smile of contempt, held on to them as independent or distinct elements of the triune Reality, pragmaticists might have looked up to him as the great vindicator of their truth. (Of course, the external trappings of his doctrine are only here and there of much significance.) For pragmaticism belongs essentially to the triadic class of philosophical doctrines, and is much more essentially so than Hegelianism is. (Indeed, in one passage, at least, Hegel alludes to the triadic form of his exposition as to a mere fashion of dress.)29
291... Firstly comes »firstnesses«, or positive internal characters of the subject in itself; secondly comes »secondnesses«, or brute actions of one subject or substance on another, regardless of law or of any third subject; thirdly comes »thirdnesses«, or the mental or quasimental influence of one subject on another relatively to a third. Since the demonstration of this proposition is too stiff for the infantile logic of our time (which is rapidly awakening, however), I have preferred to state it problematically, as a surmise to be verified by observation.32
207...Zwar stand Peirce eine solche Lösung noch nicht zur Verfügung – tatsächlich werden sich jedoch seine Ideen als äußerstkompatibel mit dem reflexionslogischen System Günthers erweisen.
Im Gegensatz zu Peirce’ diesbezüglichen Anmerkungen und im Gegensatz
zu den Interpretationen des Peirceschen Systems als eines modallogischen,
werde ich daher seine Zeichentheorie als nicht-klassisches, dreiwertiges System rekonstruieren. Alle Peirceschen Triaden weisen jene standortabhängige Struktur auf, sind ähnliche kenogrammatische Verbundstrukturen wie die im System von Günther. In den folgenden
Abschnitten wird verdeutlicht werden, inwiefern Erstheit als Kategorie des Möglichen weitaus mehr impliziert als in der Modallogik. Möglichkeit als Kategorie, so wird zu zeigen sein, ist die Basis des Peirceschen Systems als eines nicht-klassischen, logisch dreiwertigen Systems.
Es gibt allerdings Hinweise darauf, dass es auch bei Peirce’ Zeichenmodell
um ein solches dreiwertiges System geht, in dem der dritte Wert nicht als modallogisches »möglich« aufgefasst werden soll oder etwa als »zweifelhaft«. Sehr ausdrücklich weist Peirce selbst wiederholt darauf hin, dass es stets zweifelhafte Situationen sind, die der Anlass dazu sind, sie in Gewissheiten zu überführen – diese Gewissheiten sowie dieser Wunsch nach Gewissheit müssen allerdings in einem radikal-konstruktivistischen Sinne als Viabilität bzw. im Sinne der Peirceschen Kontinuumstheorie aufgefasst werden, der zufolge jede Gewissheit letztendlich nur einen hypothetischen Charakter besitzt. Möglichkeit als Charakterisierung einer der Kategorien bei Peirce darf hier also nicht mit dem modallogischen Wert »möglich« verwechselt werden. Möglichkeit wird bei Peirce mit der Kategorie der Erstheit korreliert. Wie lässt sich dies mit der bei Günther erarbeiteten Kategorientafel vereinbaren? Bei Günther bedeutet Möglichkeit als Kategorie
Zukunft, »die sich als freie, noch unbestimmte Möglichkeit eines handelnden Willens«47 darstellt. Ich vertrete die Auffassung, dass sich die so definierte Kategorie der Möglichkeit gut mit der Peirceschen Kategorie der Erstheit in Übereinstimmung bringen lässt. Denn Erstheit als Möglichkeit versteht Peirce als reine Qualität, die nicht individuiert ist, an nichts Substantielles gebunden. Insofern kann sie also auch nicht identifiziert werden – sie entzieht sich dem seinslogischem Zugriff. Ganz so wie in Günthers Modell die freie, noch unbestimmte Zukunft als Möglichkeit sich dem volitiven Zugriff anbietet, weil sich der Kognition hier keine objektiven Daten bieten, so ermöglicht Erstheit bei Peirce jene Kategorie, in der »verblüffende Phänomene« auftauchen, da diese ebenso wenig als objektive, identifizierbare Daten erscheinen. Auf diese reagiert nun bei Peirce der abduktive Schluss mit Hypothesenbildung.
Ort-Semiotik 208
II.3. Die Kategorien und das Sein
Es ist sinnvoll, mit der Untersuchung der Kategorien zu beginnen. In diesem Abschnitt wird somit unmittelbar der Kernbereich des Gedankengebäudes
von Peirce betreten und hier wird die grundsätzliche Frage nach den Übereinstimmungen zwischen seinem und Günthers System zu beantworten sein, das heißt insbesondere die Frage, ob das Peircesche System als ein logisch dreiwertiges System dargestellt werden kann, das ähnlich modelliert werden kann wie das Günthersche. Hierbei stellt sich die Aufgabe, die kontrovers diskutierte Definition von Kategorien so zu rekonstruieren, dass deutlich wird, inwiefern diese Kontroverse eine ist, die nur auf dem Boden einer zweiwertigen Logik bzw. eines zweiwertigen Erkenntnismodells geführt werden kann.
209...Die Frage nach der Definition von Kategorien lässt sich zunächst
resümieren als die Frage, ob Kategorien Aussagen über das »Sein«
treffen, also Seinsweisen kategorisieren, oder Wahrnehmungsformen
darstellen bzw. Bedingungen des Denkens oder der Reflexion auf das
Sein darstellen.
211...dass Peirce zwar fünf Kategorien einteilt, in der Ausarbeitung seiner gesamten Zeichentheorie jedoch nur die drei zwischen Sein und Substanz eingeschlossenen Kategorien verwendet,
die als Erstheit, Zweitheit und Drittheit wohlbekannt sind.57
Sein und Substanz stellen somit Horizonte der Erfahrung dar. Auf diesen
Punkt wird noch zurückzukommen sein, wenn zu diskutieren ist, inwiefern auch bei Günther Subjektivität und Objektivität keine wohl unterschiedenen zwei Wirklichkeitskonstituenten mehr sind, sondern in eine Verbundstruktur von drei Wirklichkeitskonstituenten aufgelöst werden.
Wo also Peirce innerhalb des Rahmens von Sein und Substanz
Kants Kategorientafel auf drei Kategorien reduziert, so gelangt Günther über die Auflösung der Seinsthematiken von Sein und Reflexion zu seinem System aus drei Wirklichkeitskonstituenten.
215...Daher muss Qualität hier als abstrakte Größe, als reine Eigenschaft,
ohne jegliche Substanz, der sie angehörte, begriffen werden. Erstheit als
Qualität darf demnach nicht mit irgendeiner Form der Unmittelbarkeit von Erfahrung oder etwa eines Sinneseindrucks verwechselt werden.
216..Erstheit: Qualität ist etwas, das unabhängig davon besteht, ob sie einer Substanz zukommt oder nicht. Dies entspricht der allgemeineren Definition von Peirce, wonach Erstheit etwas sei, unabhängig von etwas Zweitem. Qualität ruft also »den Akt der Aufmerksamkeit [hervor, der] keinerlei Konnotation besitzt«
Zweitheit als Relation bedeutet Faktizität. Weiter unten, in Abschnitt II.9.
Abduktion, werde ich genauer ausführen inwiefern Erstheit und Zweitheit
auf diese Weise am direktesten in Situationen involviert sind, in
denen abduktives Schließen bzw. Volition notwendig sind.
Drittheit als Repräsentation liegt nun deshalb direkt neben der Substanz,
da in Drittheit Substanz und Prädikation so miteinander verbunden
sind, dass Substanz als Element (der Mannigfaltigkeit) erkannt
werden kann – in Günthers Terminologie: hier geht es um objektivierte
Daten, die nun auch der kognitiven Reflexion zugänglich sind. Hier
geht es also um die klassische Domäne des »Seins«.70
Peirce, so kann nun festgestellt werden, nimmt dem Kantschen System
also sowohl das »transzendentale Subjekt« als auch das »Ding an
sich«. Indem er dies tut, löst er sich vom Boden eines identitätslogischen Erkenntnismodells und betritt denjenigen eines reflexionslogischen Erkenntnismodells, auf dem sich alle Bestimmungen als standortabhängig, perspektivisch, hypothetisch und kontinuierlich evoluierend erweisen.
Eine weitere Rekonstruktion der Kategorientafel Kants durch Peirce
besteht darin, dass er sie fundamentaler anlegt. Während die Kategorien
Kants im Grunde die überhaupt möglichen Formen, Sinneseindrücke
zu beurteilen darstellen, beginnt Peirce, wie eben beschrieben, mit einer
Kategorie, die zwar den Bezug herstellt zu einer Qualität, dies aber
gerade so, dass nur der Bezug auf etwas höchst Formales, vollkommen
Substanzloses besteht, dass also mit der Qualität keinerlei Urteil oder
Prädizierung vorliegt.
217...Zwischen diesen beiden Begriffen, die gewissermaßen die beiden Horizonte der Realität bilden, spannen sich die drei Kategorien möglicher Erfahrung, möglichen Unterscheidens auf.
Während in der Dimension der Erstheit die »Berührung« mit der »Substanz« nur die erregte Aufmerksamkeit einem erst zu bestimmenden Objekt gegenüber bedeutet, ist in der Dimension der Zweitheit die zwangsläufige Reaktion auf das Objekt seine Prädizierung und damit seine Transformation in einen Begriff. In der Dimension der Drittheit hingegen geht es nurmehr um logische, begriffliche Operationen der Repräsentativität. Drittheit kann in diesem Sinne als die Form der Ausformuliertheit bezeichnet werden, die sich also dem Horizont der Substanz annähert.
Ort Semiotik274 -Semiose
II.7. Zeichen – Semiose
Die inzwischen gewonnenen Einsichten in die Formen und Strukturen
der Schlussfolgerungsweisen sowie ihre syllogistische Darstellung ermöglichen
nun einen neuartigen Blick auf das Zeichen bei Peirce im engeren Sinne, also auf die Triade von Objekt, Repräsentamen und Interpretant.
Man kann den semiotischen Prozess des Zeichens nämlich auf dieselbe Weise interpretieren. Im Folgenden werde ich darstellen, dass, ebenso wie die drei Schlussfolgerungsweisen der Deduktion, Induktion und Abduktion Zeichen sind, nämlich Formen des Arguments, die Zeichentriaden bzw. die Semiosen aus Objekt, Repräsentamen und Interpretant deduktive, induktive und abduktive Zeichen bzw. Semiosen sind.
276...Zeichendefinition von Peirce, die hier noch
einmal zitiert sei:
A Sign, or Representamen, is a First which stands in such a genuine
triadic relation to a Second, called its Object, as to be capable of determining
a Third, called its Interpretant, to assume the same triadic
relation to its Object in which it stands itself to the same Object.
The triadic relation is genuine, that is its three members are bound
together by it in a way that does not consist in any complexus of
dyadic relations. That is the reason the Interpretant, or Third, cannot
stand in a mere dyadic relation to the Object, but must stand in
such a relation to it as the Representamen itself does. Nor can the
triadic relation in which the Third stands be merely similar to that in
which the First stands, for this would make the relation of the Third
to the First a degenerate Secondness merely. The Third must indeed
stand in such a relation, and thus must be capable of determining a
Third of its own; but besides that, it must have a second triadic relation
in which the Representamen, or rather the relation thereof to its Object, shall be its own (the Third’s) Object, and must be capable
of determining a Third to this relation. All this must equally be true
of the Third’s Thirds and so on endlessly; and this, and more, is involved in the familiar idea of a Sign; and as the term Representamen
is here used, nothing more is implied. A Sign is a Representamen
with a mental Interpretant. Possibly there may be Representamens
that are not Signs. Thus, if a sunflower, in turning towards the sun,
becomes by that very act fully capable, without further condition,
of reproducing a sunflower which turns in precisely corresponding
ways toward the sun, and of doing so with the same reproductive
power, the sunflower would become a Representamen of the sun.
But thought is the chief, if not the only, mode of representation.209
Denn Kategorien sind keine Eigenschaften, die Aspekten zukommen können, sondern stellen Formen des Denkens dar.
Objekt, Repräsentamen und Interpretant können nur derart mit den Kategorien in Verbindung gebracht werden, dass es jeweils alle drei kategorialen Bezugsweisen auf sie gibt. So kann auf das Objekt ikonisch (Erstheit), indexikalisch (Zweitheit) und symbolisch (Drittheit) Bezug genommen werden.
280...Es muss demnach Zeichen oder Semiosen geben, in denen das Objekt ein überraschendes Phänomen darstellt, dass allererst dazu anregt oder nötigt, ein dieses Objekt erklärendes Zeichen zu konstituieren.
Vielleicht ist es das, was Peirce in der zweiten, etwas problematischen
Hälfte seiner Zeicheninterpretation zum Ausdruck bringen will. Wie zu
zeigen sein wird, ist das derart angeregte abduktive Zeichen ein neues
Zeichen, das etwas Neues darstellt.
282
Anders gewendet: Im induktiven Zeichen wird dem zum Repräsentamen
degenerierten ersten Interpretanten die Funktion der vermittelnden Regel
durch den nachfolgenden Interpretanten erst übertragen.
Wo also der abduktive Aspekt eines Zeichens darstellt, warum es
überhaupt zur Semiose kommt und wodurch im semiotischen Prozess
neue Interpretanten erforderlich werden, zeigt der induktive Aspekt eines Zeichens, wie die Regelmäßigkeit eines Zeichens konstituiert wird.
Auf diese Weise werden im Zeichen selbst die drei wesentlichen, nämlich
kategorialen Zeichenkonstituenten dargestellt: der repräsentative
Aspekt des Zeichen als deduktives Zeichen, die Motivation zur Semiose
bzw. die Möglichkeit der Semiose im abduktiven Zeichen und die
faktische Konstitution als Semiose im induktiven Zeichen.
Der Aspekt der Motivation und Möglichkeit des Zeichens, wie er im abduktiven
Zeichen zum Ausdruck kommt, ist an sich – positivsprachlich – nicht
darstellbar, nicht erfassbar, denn der Moment, in dem der neue Interpretant
hinzukommt, sein Auftauchen, kann nicht mit abgebildet werden.
Was ich durch die mechanische Umstellung des klassischen Syllogismus
dargestellt habe, ist die bereits durchgeführte und abgeschlossene abduktive
Semiose. Hierauf gehe ich in Abschnitt II.9., Abduktion, noch
gesondert ein.
283...282
Anders gewendet: Im induktiven Zeichen wird dem zum Repräsentamen
degenerierten ersten Interpretanten die Funktion der vermittelnden Regel
durch den nachfolgenden Interpretanten erst übertragen.
Wo also der abduktive Aspekt eines Zeichens darstellt, warum es
überhaupt zur Semiose kommt und wodurch im semiotischen Prozess
neue Interpretanten erforderlich werden, zeigt der induktive Aspekt eines Zeichens, wie die Regelmäßigkeit eines Zeichens konstituiert wird.
Auf diese Weise werden im Zeichen selbst die drei wesentlichen, nämlich
kategorialen Zeichenkonstituenten dargestellt: der repräsentative
Aspekt des Zeichen als deduktives Zeichen, die Motivation zur Semiose
bzw. die Möglichkeit der Semiose im abduktiven Zeichen und die
faktische Konstitution als Semiose im induktiven Zeichen.
Der Aspekt der Motivation und Möglichkeit des Zeichens, wie er im abduktiven
Zeichen zum Ausdruck kommt, ist an sich – positivsprachlich – nicht
darstellbar, nicht erfassbar, denn der Moment, in dem der neue Interpretant
hinzukommt, sein Auftauchen, kann nicht mit abgebildet werden.
Was ich durch die mechanische Umstellung des klassischen Syllogismus
dargestellt habe, ist die bereits durchgeführte und abgeschlossene abduktive
Semiose. Hierauf gehe ich in Abschnitt II.9., Abduktion, noch
gesondert ein.
285...Wesentlich interessanter als die Frage nach der Richtigkeit dieser
Zuordnung ist, dass mit den Begriffen Gewohnheit, Sinnlichkeit und
Wollen drei Begriffe vorgeschlagen werden, die gut mit den Begriffen
korreliert werden können, mit denen Günther die Realitätskonstituenten
fasst, nämlich Objektivität, Kognition und Volition.
Kognition und Volition sind bei Günther die beiden Formen der Reflexivität, also der Subjektivität, und so erscheint es plausibel, kognitive Reflexivität mit Sinnlichkeit und volitive Reflexivität mit Wollen zu konnotieren.
Das bedeutet, das Peircesche System formuliert hier das, was Günther als reflexionslogisches System vorschlägt, in dem kein Element mehr ganz das ist, was es ist, sondern reine reflexive Bestimmung, die jederzeit zur Neubestimmung zur Disposition steht.
Ort-Semiotik 292
I.9. Abduktion
Denken und Schlussfolgern sind für Peirce dasselbe, das heißt, Denken ist semiotisches Zeichenprozessieren.
Überträgt man nun Günthers Vorstellung des zweiwertigen Erkenntnismodells auf diese Bestimmung bei Peirce, so wäre der Schluss daraus, dass auch zweiwertiges Zeichenprozessieren nur einen sehr limitierten Wirklichkeitsausschnitt behandeln kann. Hierfür reichen das deduktive und das induktive Denken, und dies sind auch die Schlussweisen, die in der klassischen Logik Gültigkeit besitzen.
Deduktion beschäftigt sich, anders formuliert, ganz klassisch nur mit dem, was bereits existiert. Sie ist seinslogisch ausgerichtet. Das, was ich hier als deduktives Zeichenprozessieren bezeichne, entspricht also eher den iterativen oder oszillierenden Bewegungen, mit denen Günther das klassische Erkenntnismodell charakterisiert.
293...dass Peirce mit dem Konzept der Abduktion den Boden
der klassischen Logik zumindest implizit verlässt.
Schließlich ist es das abduktive Schließen, das – anders als das deduktive und das induktive, die beide nur behandeln, was bereits »da« ist – »Neues« in Form eines evoluierenden Prozesses generiert.
Peirce schreibt:
»Nicht den kleinsten Schritt können wir in unserer Wissenerweiterung über das Stadium des leeren Starrens hinaus tun, ohne dabei bei jedem Schritt eine Abduktion zu vollziehen.«227
294...Dennoch gibt es in der Semiose eine degenerative Situation, in der der Interpretant in einer Relation zur Relation von Repräsentamen und Objekt
steht. Diese Situation verdient gesonderte Beachtung. Denn dieser degenerative Aspekt markiert den Moment in der Semiose, in dem der
abduktive Schluss motiviert ist. Dieser Moment verdeutlicht daher den
Prozesscharakter der Semiose. Der Interpretant übernimmt in dieser
Position die Funktion des Rejektionswertes, wie Günther ihn entwirft,
da er in einem reflexiven Verhältnis zur Alternative von Objekt und
Repräsentamen steht. Hier entsteht auf diese Weise eine Situation der
Polykontexturalität.
296 Die Konstellation einer Polykontextur, also einer Totalalternative und eines Rejektionswertes als Reflexion dieser Totalalternative beschreibt somit den »Mechanismus« der Abduktion.
Hierbei muss nun unbedingt darauf geachtet werden, dass es sich
nicht einfach um zwei zweiwertige, aufeinander bezogene Relationen
handelt – die genuine Triadizität bleibt erhalten. Denn erstens können
die drei Zeichenaspekte nur in der triadischen abduktiven Semiose in
dieser Form miteinander in eine Beziehung eingehen, das heißt, alle
drei Aspekte sind wechselseitig füreinander konstitutiv. Und zweitens
beschreibt der Rejektionswert eben keine isomorphe Umtauschrelation
zwischen »Sein« und »Reflexion«, sondern, auf einem erweiterten Reflexionsniveau, die zwischen einer zweiten Reflexion und einem Reflexionsverhältnis.
Die Triadizität wird gewissermaßen in immer weitere Reflexionsthematiken
hineingezogen. Vielleicht hilft es hierbei nochmals, an Glanvilles Vorschlag zu denken, sich Triaden wie Triangel vorzustellen, auf die man »von oben« sieht: dann ist vom Triangel nur eine Seite mit zwei in derselben Ebene liegenden Eckpunkten zu sehen.229
229 »I’m not sure if, looking from above, you were to place the triangle so its base was not horizontal but vertical, what this would mean to me, how I would interpret it.« (Glanville (2001): Triads. S. 84.
298 Dies bedeutet also, dass Zeichen bei Peirce stets zumindest die gewissermaßen »einfachste« Form einer Polykontextur enthalten, da sich per Zeichendefinition jedes Zeichen durch einen abduktiven Aspekt
konstituiert.
Es ist somit diese polykontexturale Situation, die zum Semioseprogress motiviert. Kann man diese Auffassung akzeptieren, so
kann dies als die Struktur betrachtet werden, die es gestattet, die Peircesche Zeichentheorie als auf einer nicht-klassischen Logik aufbauend zu rekonstruieren.
Ort-Semiotik322
II.10. Die unabschließbare Semiose
Derjenige, der nicht seine eigene Seele opfert, um die ganze Welt zu retten, scheint mir im Ganzen mit all seinen Schlussfolgerungen unlogisch zu sein.267
324
Wie ich in Abschnitt I.8.2., Prozessualität und Neues, bereits dargestellt habe, halte ich es für sinnvoll, die herkömmlichen Begriffe von Zukunft, Vergangenheit und Gegenwart zunächst in einem ganz allgemeinen Sinne als relational zu bestimmen. Auf diese Weise können sie flexibel mit den Peirceschen Kategorien korreliert werden. Zukunft kann dann, kategorial gesprochen, als jener Seinsmodus der Indeterminiertheit dargestellt werden, also abstrakte Möglichkeit, und Gegenwart wäre dann »alles Faktische« als »Resultat einer Entscheidung«.271 Mit der Gleichsetzung von Möglichkeit und Indeterminiertheit soll also bestimmt werden, dass Indeterminiertheit jene abstrakte Form der Multinegationalität darstellt, einen morphogrammatische Strukturverbund, in dem die einzelnen Leerstellen noch nicht besetzt und die Relationen noch nicht entscheiden sind. Indeterminiertheit bedeutet dann, dass abduktiv geschlossen werden muss und somit Neues kreiert werden kann, wodurch Zeit generiert wird. Es wird also keine Zeit vorausgesetzt, innerhalb der Entscheidungen getroffen werden, sondern Zeit wird als durch Handlung erzeugt durch das reflexionslogische System begründet.
325
Die Unerreichbarkeit des »Endes aller Zeiten« ist demnach nur die Feststellung, dass Realität prozessuale Realität ist, dass sie also über das hinausgeht, was mit einem klassischen, seinslogischen Modell erfasst werden kann. Das damit im Umkehrschluss charakterisierte klassische Erkenntnismodell wird demnach als Reflexionsform »reiner Erinnerung«, als nicht-lebendiges und nicht-prozessuales Modell noch einmal definitiv verabschiedet.
Wenn also gesagt wurde, ein klassisches, rein kognitives System hänge von seiner Umwelt vollkommen ab, so kann nun ergänzt werden, dass es auch Zeit nur so konzeptualisieren kann, dass es von – wie auch immer – gegebener Zeit abhängt. Gemäß der reflexionslogischen Inversion erzeugt ein nicht-klassisches System, das zusätzlich über Volition verfügt, Zeit und Prozess und transformiert evolutive Veränderung in seine Umwelt.
Diese Prozessualität muss nun noch einmal präzisiert werden. Denn es geht ja nicht nur darum, darstellen zu können, dass Realität evoluiert, und dass die Produkte dieser Evolution durch die reflexionslogischen Systeme generiert werden, sondern insbesondere darum zu zeigen, wie diese Systeme auf prozessuale Wirklichkeit reagieren. Es gilt also, so wie es bei der Klärung des Kategoriensystems von Peirce geleistet wurde, dazustellen, dass hier Seins- und Reflexionsweisen miteinander verwoben sind.
Die hier skizzierten Möglichkeiten der morphogrammatischen und standortabhängigen Triaden-Konstitution machen deutlich, dass die Zeichenlogik von Peirce auf keinen Fall als eine Semiotik verstanden werden kann, in der mit feststehenden Zeichen feststehende Dinge oder Ideen bezeichnet oder repräsentiert werden.
327
Auf diese Weise erhalten die Kontinuumstheorie und die Vorstellung der unabschließbaren Semiose eine reflexionslogische Begründung, die wesentlich stärker ist als die herkömmlichen Begründungen, etwa durch die zumeist nur behauptete Degeneration von Zeichentriaden, die im jeweiligen Degenerationsstadium einer erneuten Ergänzung bedürfen, oder durch die Voraussetzung von Zeit, in der sich Semiose abspielt.
328
Mit anderen Worten, die Themen des reflexionslogischen Modells sind keine Themen, auf die kontemplativ und rein kognitiv reagiert werden kann, sondern solche, die volitiven, aktiven Zugriff erfordern. Reflexionslogisch lässt sich mit Peirce sagen, jede Erkenntnis ist »die Erkenntnis einer Relation«279, wobei nun der Akzent auf diese triadische Konstellation als Stellenwertsystem gesetzt werden soll, in dem Sinne, dass sie stets ein hermeneutisches Problem darstellt, in dem es nicht um identifizierbare, irreflexive Konstituenten geht. Kontinuität als Prozessualität ist nicht von außen, also durch die Umwelt gewährleistet – Ereignisse ereignen sich also nicht in der Zeit. Kontinuität ist vielmehr das notwendige Produkt volitiven oder abduktiven Zugriffes auf die Umwelt, wodurch Zeit generiert wird.
Während das zweiwertige, also seins- und identitätslogische Denken auf Umwelt nur insofern reagieren kann, als es dort seine Themen vorfindet, und zwar stets als abgeschlossenen Prozess vorfindet, und daher Zeit logisch eigentlich gar nicht konzeptualisieren kann, kann das nicht-klassische, reflexionslogische Denken Zeit dadurch konzeptualisieren, indem es lebendige Systeme beschreibt, die kreativ handelnd Ereignisse hervorbringen.
329
Aus der Perspektive dieser beiden pragmatischen Theorien kann eine solche ethische Haltung als logisch zwingende Konsequenz verstanden werden, sich adäquat seiner Umwelt gegenüber zu verhalten, aufgrund der Einsicht, dass sie das Produkt unserer Haltung ihr gegenüber ist. Und schließlich erweist sich damit der von Foerstersche Rat, stets so zu handeln, dass sich die Anzahl der Wahlmöglichkeiten dadurch erhöht, aus dieser Perspektive weniger als ethischer und zugleich pragmatischer Imperativ, als vielmehr als die einzig denkbare logische Form des Handelns für lebendige Systeme.
Die Unabschließbarkeit der Semiose erweist sich also als notwendige Konsequenz der Operationen eines reflexionslogischen, lebendigen Systems, das neue Wahlmöglichkeiten schafft.
Logik
Protologik