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Über Firn und Gletscher
Mit 5 Zeichnungen.Von Rudolf Streiff.
Vor rund 100 Jahren, als man anfing, die Furcht vor dem Betreten der höchsten Gebirgsregionen zu verlieren und ausser den Gemsjägern auch die Pioniere des Alpinismus die Gletscherregion betraten, setzte die wissenschaftliche Erforschung der Gletscher umfassend ein. Im 16. Jahrhundert glaubte man noch, dass der Bergkristall versteinertes Gletschereis sei, also das letzte Glied in der Entwicklung von der Schneeflocke an über Firn- und Gletschereis hinaus darstelle. J. J. Scheuchzer hat als erster 1707 nachgewiesen, dass der Bergkristall mit Eis nichts zu tun hat. Er hat auch erkannt, dass der Gletscher sich vorwärts bewegt, geschichtet ist und Schutt mit sich führt; er darf als Begründer der wissenschaftlichen Gletscherforschung gelten. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts begann die klassische Zeit der Gletscherforschung, mit welcher, in bezug auf die Schweizer Alpen, Namen wie Charpentier, Venetz, Agassiz, Forbes, Tgndall u.a. für immer verbunden sind. Der Schweizer Alpenclub hat bald nach seiner Gründung auf Anregung von Eugène Rambert und der Sektion Tödi die Beobachtung und Erforschung der Gletscher in seinen Aufgabenkreis genommen. In Verbindung mit der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft wurde besonders das Gebiet des Rhonegletschers bearbeitet. Als Ende der achtziger Jahre die Sache dem S.A.C. zu kostspielig wurde, bildete die S. N. G. eine besondere Gletscherkommission. In den von F. A. Forel gegründeten, jetzt von P. L. Mercanton redigierten « Les Variations périodiques des Glaciers des Alpes Suisses » werden jährliche Berichte herausgegeben. A. de Quervain gründete die Zürcher Gletscherkommission zu dem Zwecke, dem bisher etwas vernachlässigten Firngebiet besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Verarbeitung der Aufnahmen dieser Kommission hat in den letzten Jahren Ergebnisse gezeitigt, welche uns erlauben, ein abgerundeteres Bild der Firn- und Gletscherbewegung zu geben, wobei wir uns bewusst sind, dass auch dieses Bild durch künftige Forschungen Korrekturen erfahren wird.
Das Gebiet der eigentlichen Gletscherzunge, also unterhalb der Firnlinie, ist schon recht gut erforscht. Man hat erkannt, dass der Gletscher, wenn auch sehr langsam, fliesst, und dabei den Strömungsgesetzen eines Flusses gehorcht, d.h. längs der Mittellinie und nahe der Oberfläche die grösste Geschwindigkeit zeigt. Man hat dabei angenommen, dass dieses Gesetz bergauf bis zum Ursprung des Gletschers, also auch im Firngebiet seine Gültigkeit habe. Es hat sich nun gezeigt, dass dies ein Irrtum ist. Der Firn fliesst, im Gegensatz zum Gletscher, im Winter schneller als im Sommer, und die Zone grösster Beweglichkeit liegt nicht nahe der Oberfläche, wie in der Gletscherzunge, sondern in den tieferen, bodennahen Schichten. Unsere Messungen am Claridenfirn haben das unzweifelhaft ergeben. Wir haben dort beim Messpunkt auf 2900 m Meereshöhe mitten im oberen Firnboden in den Jahren 1915 bis 1935 einen mittleren jährlichen Firnüberschuss von 3,167 m mit dem mittleren Die Alpen — 1940 — Les Alpes.25 spezifischen Gewicht von 0,5 ermittelt und eine Fortbewegung des Firnes an der Oberfläche von 14 Meter im Jahr. Da die Eidgenössische Landestopographie die Gegend des Claridenfirnes photogrammetrisch aufgenommen hat, konnte das Einzugsgebiet des Claridenfirns bis zum Querschnitt unter unserem Fixpunkt mit 1 089 200 m2 genau bestimmt werden, der Querschnitt selbst annähernd mit 68 000 m2. Das ergibt, selbst wenn wir die unmögliche Annahme machen, dass die an der Oberfläche konstatierte Bewegungsgrösse von 14 Meter im Jahr für den ganzen Querschnitt Geltung habe, ein Durch-flussquantum von nur 952 000 m3, während wir nach obigen Angaben einen Jahresüberschuss von 3 449 500 m3 haben, der unter allen Umständen durch den Querschnitt unter dem Fixpunkt durchfliessen muss, soll das Niveau über Meer des Fixpunktes erhalten bleiben. Der Jahresüberschuss wird jeweilen um Mitte September ermittelt1 ). Er wird bald darauf vom nachfolgenden Winterschnee eingedeckt und bleibt so vor weiterer Abschmelzung oder Verdunstung geschützt. Er büsst zwar durch nachfolgende Verdichtung an Volumen ein, nicht aber wesentlich an Masse.
Wir sind demnach gezwungen, anzunehmen, dass irgendwo in der Tiefe der Firnmasse eine ganz bedeutend grössere Durchflussgeschwindigkeit herrschen müsse als die an der Oberfläche gemessene. Nach unseren Überlegungen muss diese Zone grösster Beweglichkeit in den bodennahen Schichten liegen. Diese Annahme gewinnt an Wahrscheinlichkeit, weil durch sie eine ganze Reihe von Erscheinungen am Gletscher und in dessen Umgebung zwanglos erklärbar werden, so z.B. die Ausschleifung der Karmulden, die Erhaltung und nur leichte Überarbeitung der Riegel, die Aufrichtung, oft bis zur Senkrechten, der Firnschichten in der Gegend der Schneegrenze, das quellenartige Austreten von Innenmoräne, die Überkreuzung heller und dunkler Bänderung in verschiedenen Winkeln im Gletscherkörper, der Werdegang des feinen Firnkornes zum groben Gletscherkorn, die Überwindung der Bodenreibung selbst bei sehr geringer Neigung des Untergrundes etc. Wir verweisen auf die Figuren 4 und 5, welche unter Berücksichtigung dieser Gesichtspunkte gezeichnet wurden und vielleicht mehr erklären als viele Worte.
Bis vor kurzem konnten wir uns kein genaues Bild des Eisfliessens machen. Mancher wird denken: « Was ist Besonderes dabei? Gletschereis fliesst wie irgendeine breiige Masse. » Das kann nun aber nicht stimmen, denn wie würde da der tatsächliche und an vielen Orten klar sichtbare Abschliff des Felsuntergrundes zustande kommen? Bekanntlich haften bei anderen Flüssigkeiten ( Wasser, öl, Pech, etc. ) die untersten Molekülschichten fest am Untergrund und nur die nächstoberen fliessen übereinander hinweg. Andererseits geraten feste Körper selbst auf glatter Unterlage erst bei beträchtlicher Neigung ins Gleiten. Das äusserlich einem starren Körper ähnliche Gletschereis gleitet aber bei ganz geringer Neigung, ja selbst an leichten Gegensteigungen hinauf und schrammt dabei noch den rauhen Untergrund! Wie ist das möglich? Wir wollen versuchen, auf diese Frage eine Antwort zu geben.
Vgl. Rudolf Streiff: « Der Claridenfirn » in « Die Alpen », 1934.
Wir wollen uns erinnern, dass Wasser ein gar eigenartiger Stoff ist, der in seinem flüssigen Zustand bei -f- 4 Grad Celsius am schwersten ist. Diesem Umstand haben wir es zu verdanken, dass unsere Seen in harten Wintern nicht zu völligen Eisklumpen erstarren, dass wir auf unsern Bergtouren auf dem Gletscher etwa in eisbedeckte Wassertümpel treten und uns wundern, weshalb das Wasser tagelang flüssig bleibt, obgleich die Gefässwandung allseitig eine Temperatur von 0 Grad oder weniger aufweist. Wie die Figur 1 zeigt, ist nach dem nächtlichen Zufrieren die Zirkulation im Wassertümpel vermindert und am Grunde lagert ein schwerer Wassersack von + 4 Grad Wärme, der wegen seiner schlechten Leitfähigkeit viele Stunden zur Abkühlung auf 0 Grad braucht. Noch seltsamer verhält sich das Wasser beim Gefrieren, da wächst das Volumen und vermindert sich deshalb das spezifische Gewicht vom Wert 1 zum Wert 0,9. Im Gegensatz z.B. von Eisen, welches beim Erhitzen langsame Übergänge vom harten zum schmiedbarweichen, dann breiigen bis zum leichtflüssigen Zustand aufweist, geht Eis vom festen Zustand direkt in den flüssigen über, ohne breiiges ZwischenLü-f ttemp Üïiïtï O QfâOl stadium. Wir wollen uns auchWaSSOTISOtgcKg^ erinnern, dass Gletschereis NX^Â^'-f^^M/ 2strukturell von gewöhnlichemG letfSChßfAxf-+ 5 " _Ti^EÌS. ^O*à> Wassereis verschieden ist.H v2^^ s " Letzteres ist aus der Er- »y starrung einer Wassermenge v^^s. +0°^V^vv +Ö°Cn^^ bei einer Abkühlung unter ^s Nxw 0 Grad Celsius entstanden,Fig- lm das Gletschereis dagegen aus einer Anhäufung kleiner Schneekristalle, die sich in mit Wasserdampf übersättigter Luft gebildet haben und als Schnee niedergefallen sind. Unter dem Einfluss von Sublimation, Schmelzvorgängen, Schweredruck und gelegentlichem Regen kommt Bewegung in die aufgeschichtete Schneemasse und findet eine Art Umkristallisation und Verdichtung zu sogenanntem Firn statt1 ). Aus dem feinpulverigen Winterschnee ist bis zum Herbst Firn geworden, jenes Gemenge von trübweissen Schneekörnern von der Grosse eines Stecknadelknopfes oder Reiskorns, mit dem spezifischen Gewicht von ungefähr 0,5, während frischgefallener Schnee nur 0,05 bis 0,1 hatte. Die einzelnen Firnkörner schmiegen sich so dicht aneinander, dass zwischen ihnen nur kapillarfeine Wege zum Eindringen von Regen- oder Schmelzwasser und zum Entweichen gepresster Luft verbleiben.
In niederschlagsfreien Zeiten wird durch den Wind von den umgebenden Felsen Gesteinstaub herabgeweht; auch kosmischer Staub und andere Dinge fallen auf die Firnoberfläche und trüben sie. Neu darauf fallender Schnee sticht in seinem reinen Weiss deutlich von der trüben, alten Schicht ab. So entsteht schon im Hochfirn eine deutliche Schichtung als Abbild des Witte-rungsablaufes im Jahr. Im Firngebiet ist die Hauptabschmelz-(Ablations- ) Periode von Mitte Juni bis Mitte September. Der vom vergangenen Winter übriggebliebene Firn wird vom neuen Winterschnee begraben und zugleich vor weiterer Abschmelzung oder Verdunstung geschützt. Die Firnschicht wird also von Jahr zu Jahr tiefer. Trotzdem sehen wir in der Natur den Firn nicht endlos in die Höhe wachsen. Er scheint bei einer gewissen Maximalhöhe, welche von der mittleren Bodentemperatur des betreffenden Ortes abhängt, einen Gleichgewichtszustand zu erreichen. Schnee und Gletscher sind schlechte Wärmeleiter, weshalb in den tieferen Firnschichten die Temperaturschwankungen der äusseren Luft nicht mehr zur Geltung kommen, d.h. Sommer oder Winter in bezug auf die Innentemperatur der Firnmasse wirkungslos bleiben. Am Grunde des Firns kommt dagegen die Erdwärme zur Wirkung. Nach Schlaginhaufen ist in den Alpen zwischen 2750 und 2900 m ü. M. die Höhenstufe, wo die mittlere Bodentemperatur des Jahres 0 Grad Celsius ist. Mit je 30 bis 40 m Tiefe gegen das Erdinnere zu steigt die Temperatur um 1 Grad mittLüahresTemp 2800 m. ü.M.
Bodenwärme unter einem Hochtal ohne und mit Gletscher.
Fig. 2.Fig. 3.
Celsius ( geothermische Tiefenstufe ). Die Kurven gleicher Temperatur steigen unter einer Bergmasse höher als auf ebenem Gelände daneben. Wie die Figuren 2 und 3 schematisch zeigen, bewirkt der Schutz ( vor Ausstrahlung ) einer Gletschermasse, dass die Bodentemperatur unter dieser höher hinaufsteigt als in einem gleichartigen Tal ohne Gletscher. Nach Blümcke, Hess u.a. wurde berechnet, dass durch die Erdwärme am Grund des Gletschers jährlich etwa 7—10 mm Eis geschmolzen werden. Trotz diesem geringen Betrag darf die Bedeutung der Erdwärme für den Gletscherhaushalt nicht unterschätzt werden. Sie ist ein dauernd wirkender Faktor, und durch sie kommt bei geneigtem Untergrund auf alle Fälle Bewegung in die Firnmasse. Durch die Untersuchungen der Schweizerischen Schnee- und Lawinenforschungskommission wurde festgestellt, dass eine relativ starke Beschleunigung der Gleitgeschwindigkeit stattfindet, wenn die Temperatur oder der Druck auf die Gleitfläche um einen kleinen Betrag zunehmen. Betrachten wir in Fig. 4 das Gletscherkorn -K-, welches senkrecht über dem Punkt -a-des Untergrundes steht. Bei der Abschmelzung infolge der Erdwärme sinkt K der Schwerkraft folgend zum Punkt -al-, hat demnach den Weg -b- talwärts gemacht und mit ihm die ganze darüberliegende Firnsäule. In ähnlicher ÜBER FIRN UND GLETSCHER.
Weise muss in den oberen Firnschichten bei der Verdichtung des Firnes eine Bewegung talwärts stattfinden. Als Folge dieser Bewegungen reissen oben im Firngebiet die bekannten Bergschrunde auf, welche oft in prachtvollen Girlanden die Firnmulde umsäumen. Wo Bewegung ist, ist auch Wärme, und desgleichen Wärme, wo Druck herrscht. Da Firn das spezifische Gewicht von 0,5-0,75 hat, üben jede 15-20 m Firnhöhe einen Druck von einer Atmosphäre aus. Wir sehen also, dass in den tieferen Firnschichten drei Wärmequellen zur Wirksamkeit kommen: die Erdwärme, die Bewegungswärme und die Druckwärme. Es ist daher nicht erstaunlich und durch Messungen auch
Schematischer Schnitt im Rrngebiet.
JHrnspalre ,r n. _ WSgrm* V-Betrag d.jahrLRiessbewegung.
1Aussentempr Firntreppe variabel.
bestätigt, dass im Innern von Firn und Gletscher eine konstante Temperatur von + null Grad Celsius herrscht und eine allerdings sehr langsame Bewegung. Im Firngebiet gleicht die Bewegung derjenigen in einem Silo; erst im Gebiet der Gletscherzunge wird die Eisbewegung komplizierter1 ). Oben im Firngebiet wird neues Material aufgeschüttet, unten an der Gletscherzunge wird durch die Sonnenwärme fortwährend Material weggenommen. Im technischen Silo bewegen sich ganz trockene körnige Materialien unter Differentialbewegungen ohne Schmiermittel langsam abwärts, wenn unten abgezapft wird, um so leichter muss das beim Firn und Gletscher gehen, wo die Körner ihren Aggregatzustand ändern können. Da sie unter dem Einfluss der oben erwähnten Wärmequellen schon nahe beim Schmelzpunkt sich befinden, genügt eine hauchdünne Schmelzwasserschicht in Verbindung mit feinstem Gesteinsmehl als Schmiermittel zur Überwindung der Reibung. ( Man erinnere sich nur an die Schmierwirkung einer dünnen Feuchtigkeitsschicht auf staubigem Asphalt oder auf einer Eisenbahnschiene !) Die tiefliegenden, « geschmierten » Firnkörner werden durch den Schweredruck der oberen gleichsam herausgequetscht. Bei der Differentialbewegung bleibt die ursprüngliche Körnerstruktur erhalten, nur die Korngrössen verändern sich, indem einzelne Körner auf Kosten benachbarter wachsen, andere sogar verschwinden, so dass mit der Zeit die grossen Körner zahlreicher sind und bei langen Gletschern bis zu Faustgrösse anwachsen. Die Körner greifen in rundlichen Kerben und Ausbuchtungen so dicht ineinander, dass die kapillarfeinen Grenzflächen nur unter günstigen Umständen oder bei künstlicher Färbung auch dem flüchtigen Auge sichtbar sind. Wie kommt der Felsabschliff am Untergrunde und an den Seitenumwan-dungen eines Gletschers zustande? Chemisch reines Eis würde den Felsen TAL-GLETSCHER ( schematischRrnschichtung ^7 Diagramme ~f; des Eis-Fliessens GLETSCHER--Zunge _. Ablation Érosion zurAnhäufung von GrundmôTâ< KarmuldeSchonung des Riegels Fig. 5.
wohl kaum abschleifen können. Gletschereis enthält aber immer etwas Gesteinsstaub; und Gesteinsbrocken von den umrahmenden Felsen gelangen durch Rißspalten und Randklüfte zwischen Eis und Felsen. Infolge der Spannungsdifferenzen zwischen den unter Druck stehenden, unten ausweichenden Firnmassen und den mehr passiv mitgenommenen, steiferen oberen Schichten, besonders an örtlich hemmenden Stellen, entstehen Spalten, welche aber selten bis zum Grunde reichen. Über die Spalten im allgemeinen und über andere Erscheinungen an den Gletschern wollen wir uns hier nicht verbreiten, sondern nur den Bergschrund erwähnen, weil ihm eine besondere Bedeutung zukommt. Er ist die Spalte, welche zuoberst am Firn entsteht, wo der durch die Erdwärme abgleitende von dem am Felsboden festgefrorenen Firn abreisst. Der Bergschrund reicht meistens bis zum Grunde hinab und fängt in erster Linie die von der Felsumrahmung herabkommenden Gesteine auf. Weil der Firn in der Tiefe schneller fliesst als oben, führen die Firnschichten ( siehe Figuren 4 und 5 ) eine nach unten kreisende Bewegung aus, greifen die hier noch scharfkantigen Steine vom Bergschrund an auf und schleifen so den Untergrund hohl aus. Die Steine werden zwar dabei in den Eiskörper hineingedrückt, aber die Kraft, mit welcher das geschieht, ist gleich der Kraft, mit welcher der Stein schürft oder selbst abgeschliffen wird. Wir sehen deshalb in der Natur da eine hohlgeschliffene Karmulde, wo von der Felsumrahmung hartes, scharfkantiges Material in den Bergschrund stürzt; aber keine Firnmulde, sondern einen konvexen Firnbuckel, wo der Firn frei sich aufschichtet und die Felsumrahmung fehlt! Das feine einjährige Firnkorn hat sich auf seinem langen, in die Tiefe tauchenden Weg talwärts zum grossen Firnkorn umgewandelt. Die Luft zwischen den Körnern ist fast ganz ausgewandert, und die Verdichtung ist so weit fortgeschritten, dass das spezifische Gewicht von 0,75 bis zu fast 0,9 zugenommen hat. Die Firnkörner sind zu Gletscherkörnern geworden. Massenanziehungs- und Kapillarkräfte halten trotz der Differentialbewegung die Kornmasse doch so fest zusammen, dass beim Über-fliessen einer Untergrundschwelle ( Riegel ) auch die untersten Massen sogar über leichte Gegensteigungen hinweg mitgezogen werden. Nur wenn die Anzahl der dabei mitgeschleppten Grundmoränensteine zu gross ist, d.h. also, wenn die Summe aller Reibungswiderstände an diesen Steinen die kinetische Energie der bewegten inneren Gletscherkornmasse übersteigt, bleiben die Steine z.T. stecken, die Schürfung hört auf, der Riegel wird geschont. Die Bewegungsrichtung der fliessenden Kernmasse geht nach oben, wo der Widerstand geringer ist, denn im Gebiet der Gletscherzunge herrscht starke Schmelztätigkeit, sind die oberen Gletscherkörner besser « geschmiert » und beweglicher geworden. Es kommt gelegentlich zu Abscherungen der oberen Schichten von den unteren, zu stark abgebremsten, und zu Überkragungen. ( Siehe Fig. 5 rechts aussen. ) Die Linie stärkster Fliessbewegung hat im Längsschnitt eines kurzen Gletschers die Form des liegenden S; in einem langen Gletscher verläuft sie in Wellenform, je nach den Gegebenheiten des Untergrundes. Wo der stärkste Fluss unten durch geht, zeigen sich Firntreppen, wo er die Richtung nach oben nimmt, stossen oft einzelne Firnblöcke über die allgemeine Gipfelflur hinaus. Im konkaven Teil der S-Form geraten wir in den Eissumpf, im konvexen Teil auf Spalten und Seraks.
Firneis erodiert, sofern ihm Gesteinsmaterial zur Verfügung steht, mehr in die Tiefe, weniger in die Breite. Die Ausweitung des Firnbeckens hängt vom Grad der Verwitterung der umgebenden Felsen ab. Die Gletscherzunge erodiert weniger in die Tiefe als in die Breite, dieses nur dort, wo sie durch Felswände eingeengt ist. Da treten zwischen dem Eis und den Felsen Randklüfte auf, in welche Steine von der Obermoräne und von den Felsen stürzen und durch die Gletscherbewegung mitgenommen werden. Das dichte Gletschereis setzt, besonders bei tiefen Temperaturen, dem Eindringen der eingeklemmten Steine Widerstand entgegen. Dieser Widerstand entspricht genau dem Druck des Steines gegen den Felsen. Folgen davon sind die oft deutlich sichtbaren Schrammen oder sogar Hohlkehlen in der Längsrichtung der Gletschertal-wände. Die Tiefenschürfung der Gletscherzunge kann bei allzustarker Schuttführung am Grund oder an den Seiten zuweilen gänzlich ausbleiben, sobald nämlich die Summe aller Widerstände der reibenden Steine grösser wird als die kinetische Energie der inneren, abwärtsdrängenden Eismasse beträgt. Dann schwimmt der Gletscher auf seinem eigenen Schutt und die Erosion hört ganz auf oder beschränkt sich auf einzelne Oberflächenteile der Grundmoräne selbst. Es kommt unter Mitwirkung der subglazialen, mäandernden Wasserrinnen zur Bildung von Drumlins. So nennt man vom Gletscher geformte Schutthügel, welche die Form eines in der Längsrichtung gespaltenen Eies haben. Diese zuletzt beschriebenen Fälle treten besonders in flachem Gelände und zu Zeiten von starken Gletscherrückzügen auf, wo dann die Dicke der Gletscherzunge abnimmt und damit auch der Massendruck. Zuweilen kommt es vor, dass die weniger schuttführende Gletschermitte weiter fliesst, während die dünnen Seitenshelfe durch den vielen Schutt zu viel Reibung erfahren, längs Scherflächen sich vom « lebenden » Gletscher abtrennen und als sogenanntes « Toteis » liegen bleiben, wie man das zurzeit sehr schön am Steingletscher unter dem Sustenpass sehen kann. Es kann auch vorkommen, dass die ganze schuttbedeckte Zunge vom Hauptgletscher abgetrennt wird, am häufigsten über einem Riegel, wo der Gletscher durch Spalten und Seraks aufgelöst ist, somit der Abschmelzwärme eine vielfach vergrösserte Oberfläche darbietet, während talabwärts das flache Zungenstück im Schutze der dicken Schuttbedeckung lange Zeit erhalten bleiben kann. Wir wandern in den Bergen sicher öfters über ausgedehnte Schutthügel, ohne zu ahnen, dass wir Toteis unter unsern Füssen haben.
Wir haben oben geschrieben, dass wir auf dem Claridenfirn bei 2900 m ü. M. im Zeitraum von 1915—1935 einen mittleren Firnüberschuss von 3,167 m am Ende des Schmelzjahres festgestellt haben. Dieser Überschuss hat nun, wie der Gletscherrückgang zeigt, nicht einmal genügt, um den « Status quo » aufrecht zu erhalten. Nun haben wir im Zeitraum von 1928—1939 einen mittleren Firnüberschuss von nur noch 2,34 m gemessen. Der Gletscherschwund geht also in verstärktem Masse weiter. Immer grössere Schuttfelder werden entblösst. Die Vegetation kann nicht so schnell nachrücken, und den losen Schutt befestigen. Der Schutt hat seine solide Ruhelage noch nicht gefunden. Bei jedem Schlagwetter wird die Gefahr von Murgängen immer grösser, einzelne Zugänge zu den Clubhütten und Gipfeln können sich zu unseren Gunsten oder Ungunsten ändern, und viele unserer Gletschertäler werden etwas vom früheren malerischen Reiz verlieren. Dem jungen Forscher aber zeigen sich neue Probleme, welche zu lösen ihm vorbehalten sind.