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Lectio XVI
Wozu ist der Mensch fähig? Sind sein Erfindergeist und seine Schaffenskraft grenzenlos? Wird das ewig so weitergehen? Oder stossen wir irgendwann an eine unüberwindbare Grenze? Gibt es am Ende eine Macht, die sogar den menschlichen Geist in Schranken weist? Diese Fragen stellen sich die Menschen seit der Antike immer wieder.
Einer der berühmtesten Erfinder der Antike war Daedalus. Sein Name steht stellvertretend für den wichtigsten Charakterzug eines Erfinders: δαίδαλος (daidalos) bedeutet so viel wie «schlau» oder «raffiniert». Ob es ihn wirklich gab, ist fraglich; seine Geschichte gehört zum reichen Mythenschatz der Insel Kreta.
Daedalus war als Flüchtling nach Kreta gelangt, was dem König Minos sehr gelegen kam: Der brauchte einen findigen Geist, der seiner Frau Pasiphaë half. Diese hatte sich nämlich unsterblich in einen wunderschönen Stier verliebt.
Daedalus entwarf einen hölzernen Kuhkörper, in den Pasiphaë hineinschlüpfen konnte, um so ihre Lust mit dem Stier auszuleben. Und die Paarung blieb nicht ohne Folgen: Pasiphaë gebar ein Wesen, halb Stier, halb Mensch, das Minotaurus genannt wurde, und fortan ganz Kreta in Angst und Schrecken versetzte. Erneut wandte sich der König an Daedalus und befahl ihm, ein Labyrinth zu bauen, worin man das Ungeheuer einschliessen konnte, damit niemand mehr zu Schaden käme.
Minos erkannte die strategische Bedeutung von Daedalus’ Genie und fürchtete daher, Daedalus könnte seinen Erfindergeist in den Dienst eines anderen Herrschers stellen. Deshalb wollte er verhindern, dass Daedalus Kreta verliess, und sorgte dafür, dass kein Schiff Daedalus und seinen Sohn Ikarus an Bord nahm. Er glaubte, die Fluchtgefahr sei damit gebannt…