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| Tertullian († um 220) - Über den Götzendienst (De Idololatria)

5. Schon das Alte Testament verbot sie.
Ich will nun auf die Ausreden derartiger Künstler recht ausführlich antworten, die niemals in das Haus Gottes zugelassen werden dürfen, wenn einer diese Lehre kennen gelernt hat. Dann pflegt die Redensart vorgeschützt zu werden: „Ich habe anders nichts, wovon ich lebe". Sie kann entschieden zurückgewiesen werden mit der Frage: Also du hast doch zu leben? Was hast du mit Gott gemein, wenn du deinen eigenen Gesetzen lebst? Eine zweite Ausflucht, welche sie aus der Hl. Schrift zu entnehmen wagen, lautet, der Apostel habe gesagt: „Wie jeder gefunden worden, so soll er bleiben"1. Nach dieser Interpretation können [S. 144] wir alle in unsern Sünden verbleiben. Denn jeder von uns wurde als Sünder angetroffen, und Christus ist aus keiner ändern Ursache herniedergestiegen, als um die Sünder zu erlösen. Sodann schützt man vor, Paulus habe vorgeschrieben, dass nach seinem Beispiele jeder durch seiner Hände Arbeit sich seinen Lebensunterhalt verdienen soll2. Wenn mit dieser Vorschrift alle und jede Hantierung in Schutz genommen wird, dann leben vermutlich auch die Badediebe von ihrer Handarbeit, und sogar die Räuber verschaffen sich ihren Lebensunterhalt mit den Händen, ebenso machen die Fälscher falsche Schriftstücke nicht mit den Füssen, sondern mit ihren Händen, die Schauspieler aber erarbeiten sich nicht bloß mit ihren Händen, sondern mit allen ihren Gliedern das tägliche Brot. Der Eintritt in die Kirche möge also allen offen stehen, welche sich durch ihre Handarbeit und ihr Schaffen ernähren, wofern keine Ausnahme gemacht wird für Fertigkeiten, welche die christliche Sittenzucht nicht duldet.
Doch, man bemerkt gegen den Vorhalt des Verbotes eines Bildnisses: Warum hat denn also Moses in der Wüste das Bild einer Schlange verfertigt? -- Ich antworte, die Figuren [des Alten Testamentes] sind eine Sache für sich; sie wurden damals zum Zwecke irgend eines geheimen Ratschlusses hergestellt; nicht zur Beseitigung des Gesetzes, sondern als Abbild ihres jedesmaligen Motivs. Andernfalls würden wir, wollten wir dergleichen Dinge anders, nämlich wie die Gegner des Gesetzes, auslegen, dem Allmächtigen Unbeständigkeit schuldgeben müssen, wie die Marcioniten. Sie verwerfen ihn unter dem Vorwande, er sei veränderlich, indem er hier etwas verbiete, dort es befiehlt. Wofern aber jemand übersieht, dass das genannte Bild, die eherne Schlange, die in einer ganz bestimmten Weise aufgehängt war, das Sinnbild des Kreuzes Christi vorstellte, welches uns von den Schlangen, d. h. den Engeln des Teufels, befreien soll, indem es in sich selbst den Teufel, d. i. die getötete Schlange, aufhängt -- oder was sonst noch für eine andere Auslegung dieses Vorbildes [S. 145] würdigeren Personen etwa geoffenbart worden sein mag, indem der Apostel lehrt, dass alle dem Volk damals zustoßenden Geschicke figürlich waren, denn der Apostel behauptet, dass alle damaligen Schicksale des Volkes vorbildlich gewesen seien -- wenn also, wie gesagt, die eherne Schlange ein Vorbild des Kreuzes war, so ist alles in Ordnung. Denn derselbe Gott war es, der im Gesetze verbot, ein Bild zu verfertigen, aber durch ein ausserordentliches Gebot das Bild einer Schlange zu errichten anbefahl3. Wenn du einem und demselben Gott gehorchest4, dann hast du als sein Gesetz: „Mache dir kein Bildnis"5, Wenn du aber auch auf das spätere Gebot hinsichtlich der Verfertigung einer Schlange Rücksicht nimmst, dann sei auch ein Nachahmer des Moses und verfertige dir kein Bild gegen die Vorschrift des Gesetzes, d, h. es sei denn, wenn es dir Gott ausdrücklich befehlen sollte.
1: 1 Kor. 7,20.
2: 1 Thess. 4,11.
3: 2 Mos. 20,4; 4 Mos. 21,8; 5 Mos. 5,8.
4: Nicht zwei Götter annimmst, wie die Gnostiker.
5: 2 Mos. 20,4.