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Ich wurde schon vorgewarnt: die Röcke der Frauen in Dublin sollen sich im Morgengrauen bis unterhalb der Wahrnehmungsschwelle verkürzen. Und das nicht nur in den Augen des Betrachters. In Manchester zeigt sich ein ähnliches Phänomen allerdings schon viel früher: kurz vor 22 Uhr staune ich ob der langbeinigen Schönheit, die untenrum tatsächlich nur eine Art Badeanzug trägt. In diesem Fall empfinde ich weniger allerdings nicht unbedingt als mehr und ich bin dann auch nicht erstaunt, als ich gleich angequatscht werde mit der Frage: «are you gay»?
Manchester ist definitiv eine Stadt mit Lebenserfahrung. Im 19. Jahrhundert Wiege der Industriellen Revolution zerfiel die Stadt spätestens während der Weltwirtschaftskrise teilweise und es machte sich grosse Arbeitslosigkeit breit. Inzwischen hat sich die Stadt wieder einigermassen erholt und sich stark gewandelt. Viele Zeugen der Industrialisierung und Arbeiterquartiere wurden in den 70er und 80er Jahren abgerissen, die meisten davon wohl komplett zerfallen wie Bilder beim Ancoats Memorial nahelegen. Einige dieser verfallenden Zeugen stehen weiterhin – versehen mit Schildern, die auf Asbestverseuchung hinweisen.
Es existieren aber auch heute noch Arbeiterquartiere, die ihren ganz eigenen Charme versprühen. Auch wenn im 19. Jahrhundert wohl Dutzende Arbeiter in kleinen Wohnungen leben mussten, sind diese aus rotem Backstein gebauten Häuser nicht zu vergleichen mit Slums von Drittweltländern, die oftmals nicht einmal richtig befestigt sind. Die Anita-Street beispielsweise ist heute eine schmucke Strasse mit Blumen vor den Häusern, das Ballspielverbot deutet auf eine kleinbürgerliche Einwohnerschaft hin. Vor bald 200 Jahren hatte die Anita-Street allerdings noch einen anderen Namen, der auf eine weniger schmeichelhafte Vergangenheit hinweist: damals wurde sie im Volksmund auch «Sanitary-Street» genannt, da sie von vielen für ihre Notdurft missbraucht wurde.
Diese Zeiten sind heute vergessen. Es wird viel gebaut und die Stadt hat sich ein neues Image zugelegt als wiederum führende postindustrielle Stadt. So hatte sie Alan Turing hervorgebracht, einen der Väter der Informatik, der während des Zweiten Weltkriegs die Entschlüsselung der deutschen Funksprüche ermöglichte und beherbergt eine der renommiertesten Universitäten Grossbritanniens. Sie hat auch weitere äusserst bekannte «Kinder»: so zum Beispiel die Popgruppe Simply Red, die Götter des Brit-Pop Oasis und auch Take That. Vielleicht ist es also kein Zufall, dass die Musik von Robbie Williams laut in mein Zimmer hinaufdröhnt – die Disco liegt direkt unterhalb, was wohl den erstaunlich günstigen Preis des Zimmers erklärt.
Manchester ist aber vor allem auch eine Stadt der Männer. Eine Stadt mit zwei Fussballclubs in der Premier League. Die Stadt von Mick Hucknall, Robbie Williams und Noel Gallagher. Die Stadt, die den homosexuellen Alan Turing so lange verfolgte, bis er sich mit nur 41 Jahren umbrachte. Aber auch die Stadt, die heute mit ihrer «Gay village» wirbt und damit Turing ein wohl nicht beabsichtigtes, dafür umso eindrücklicheres Memorial bietet.
P.S. Um 23.05 Uhr kommt der Typ von der Bar auf mich zu und fragt mich was Unverständliches, worauf ich mit «no» antworte. Seinem Blick nach realisiere ich, dass er mich wohl nicht gefragt hat, ob ich ein weiteres Bier möchte, sondern dass das Pub nun schliesse. Meine Hoffnung, dass damit auch die Disco unter mir verstummt ist allerdings schnell zerschlagen. Und inzwischen spielen sie auch nicht mehr Robbie Williams. Einen Vorteil hat die Musik aber definitiv: man hört die Toilettenspülung der Zimmer ohne eigenes Badezimmer am Kopfende des Bettes nicht gar so laut…
P.P.S Inzwischen spielt «All night long» von Lionel Richie…