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Die Kolumne aus der SonntagsZeitung vom 1.8.2010
«Was hat der Lehrer gemeinsam mit hochradioaktivem Abfall? Beide sind ausgebrannt.» Viel Lehrpersonal muss wegen Burn out ausgemustert werden, einer Modekrankheit, die wie der Titel eines James-Brown-Songs klingt. So schlimm ist der Lehrermangel, dass man wahrscheinlich sogar mich nähme. Oder Sie! Nun lehre ich zuweilen an Hochschulen und bestritt eine Woche, so dass ich praxisgestählt die wichtigsten Lehrlehren zum Besten geben kann.
Am ersten Tag fotografiert man die Klasse durch und memorisiert die Namen. Dann funktioniert es wie mit der Fernbedienung. Träumt jemand, so schnarrt man: «Thorsten, halten Sie das für stichhaltig?» Ausserdem gibt man ein umfangreiches Lesepensum auf und beginnt den zweiten Tag mit: «Tamara, was sind die drei zentralen Gedanken der Einleitung?» Tamara: «Äh, ich, konnte leider …» Haemmerli: «!» Tamara: «Ich habe den Text nicht gelesen.» «Nicht gut, Tamara, nicht gut. Max, was steht in der Einleitung?» Max: «Ich wusste nicht, dass wir auch die Einleitung …» Es ist frappierend: Weil keiner bloss gestellt werden will, befleissigt sich die Jungmannschaft, fürderhin die Texte zu lesen. Damit hat man die Wunderwaffe «Gruppenarbeit» im Arsenal. Braucht der Lehrer Ruhe und Musse, lässt er Gruppen bilden, die das Gelesene diskutieren, je einen Sprecher wählen, der die Ergebnisse in der Klasse vorträgt, wo sie erneut besprochen werden. Damit hat man auf sicher eine Stunde Ruhe im Karton. Und die Schüler werden mit dem Phänomen «Sitzung» vertraut gemacht, einer diskurszentrierten Interaktionsformation, bei der in der Regel auch nix Gescheites rausschaut. So kommt man über die Runden. Falls Sie jetzt meinen, das funktioniere aber nicht bei einer Problembärklasse, einverstanden, da müssten Sie sich wohl eine DirtyHarry-Attitüde sowie eine Magnum 0.44 zulegen.
Immer wieder verblüfften mich meine Schäfchen. Ein Student, der gefehlt hatte, erklärte mir: «Ich habe neuen Nachbarn. Wir haben die Nacht durchdiskutiert.» Ich wollte zum Donnerwetter über Gebräuche in der Erwachsenenwelt ansetzen. Dann dachte ich, wahrscheinlich ists der Migrationshintergrund. Der junge Mann stammt sicher von einem anderen Planeten. Mich irritierte auch, dass ich predigte, erklärte und alle Register zog und mich trotzdem einem schwarzen Loch gegenüber sah. Die Runde unbewegter Gesichter liess keine Rückschlüsse zu, ob sie meinen Auftritt gut fanden. Ein deutscher Erzieher versicherte mir: «Das wissen die selber nicht.» Worauf ich erleichtert den Witz erzählte: «Was sagt die Schweizerin nach dem Geschlechtsverkehr?» «Ischs rächt gsi?»