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Afrika zählt heute 1,2 Milliarden Einwohner und die Bevölkerung des Kontinents wächst. Gemäss Prognose werden in dreissig Jahren gut 2,5 Milliarden mehrheitlich junge Menschen in Afrika leben. Es handelt sich somit um den Kontinent mit der jüngsten Bevölkerungsstruktur, weshalb er auch als «Kontinent der Zukunft» umschrieben wird. Das handelspolitische Gewicht der 55 afrikanischen Staaten (inkl. Westsahara) für die Schweiz beträgt jedoch lediglich etwas mehr als 1%. Im Jahr 2017 entspricht dies 5,2 Milliarden Franken – davon sind 1,8 Milliarden Importe in die Schweiz und 3,4 Milliarden Exporte nach Afrika. Im Vergleich zu China, das mit einer Einwohnerzahl von 1,4 Milliarden eine ähnliche Grösse aufweist, ist dies eine magere Bilanz: So liegt der Warenexport nach China inzwischen bereits bei 5% der Schweizerischen Gesamtexporte, gleichzeitig stammen rund 7% unserer Warenimporte aus China – Tendenz steigend.
Wirtschaftliche Verflechtungen in den Kinderschuhen
Die wertmässig bedeutendsten Schweizer Handelspartner in Afrika sind Ägypten, Algerien, Marokko, Nigeria, Südafrika und Tunesien. Mit vier dieser Handelspartner verfügt die Schweiz über ein Freihandelsabkommen: mit Südafrika im Rahmen der SACU (Southern African Customs Union) – welcher zusätzlich noch Botswana, Lesotho, Namibia und Swasiland angehören – sowie mit den nordafrikanischen Staaten Marokko, Tunesien und Ägypten; mit Algerien befindet sie sich in Verhandlungen, und mit Nigeria gibt es weder ein Abkommen noch konkrete Bestrebungen in diese Richtung.
Seit dem Inkrafttreten der genannten Freihandelsabkommen hat sich das handelspolitische Gewicht mehrheitlich zugunsten der Abkommenspartner verschoben: So treibt die Schweiz heute, relativ betrachtet, deutlich mehr Handel mit Ägypten, Tunesien, Marokko und Südafrika. Während beispielsweise das warenhandelspolitische Gewicht Tunesiens bei der Einführung des Abkommens im Jahr 2006 bei rund 2% lag, sind es im Jahr 2017 bereits 5% des gesamten schweizerischen Warenhandels mit Afrika. Algerien und Nigeria hingegen haben an handelspolitischem Gewicht eingebüsst.
Doch die Dynamik des Austauschs mit den Freihandelspartnern trügt, denn seit der Jahrtausendwende haben die Handelsverflechtungen mit Afrika pro Jahr durchschnittlich lediglich um 1,5% zugenommen. Diese Entwicklung ist auf die Zunahme der Exporte aus der Schweiz nach Afrika zurückzuführen, die jährlich durchschnittlich um 3% gewachsen sind. Die Importe aus Afrika hingegen weisen eine negative jährliche Wachstumsrate von -0,6% aus. Zum Vergleich: Das weltweite Warenhandelsvolumen der Schweiz – exkl. Afrika – ist im gleichen Zeitraum mit durchschnittlich 2,8% pro Jahr beinahe doppelt so schnell gewachsen.
China und Afrika stärker integriert
Vergleicht man diese Entwicklung mit den Handelsverflechtungen zwischen China und Afrika, wird schnell klar, dass der Drache mit dem Löwen eine andere Strategie verfolgt als wir: Die Handelsverflechtungen sind seit der Jahrtausendwende jährlich im Durchschnitt um 20% gestiegen. Nicht nur in Bezug auf den Handel sind China und Afrika eng verflochten, sondern auch punkto Investitionen, Entwicklungshilfe und Infrastrukturfinanzierung. Mit einem Handelsvolumen von 188 Milliarden US-Dollar ist China wirtschaftlich mit Abstand der wichtigste Partner Afrikas – an zweiter Stelle liegt Indien mit einem Handelsvolumen von 59 Milliarden US-Dollar und somit einem beachtlichen Rückstand. Zwischen 2001 und 2015 sind die chinesischen Direktinvestitionen in Afrika von einer Milliarde US-Dollar auf 35 Milliarden gestiegen, was einer jährlichen Durchschnittswachstumsrate von 40% entspricht. Schätzungsweise sind über 10’000 chinesische Unternehmen in Afrika tätig und kreieren dort mehrere Millionen Arbeitsplätze. Gemäss Umfrage werden 89% der geschaffenen Stellen von Afrikanern besetzt.
Wenig Diversifikation und einseitige Handelsstruktur
Die Importquote ist in den meisten Staaten Afrikas höher als die Exportquote, d.h. es wird wertmässig mehr importiert als exportiert (vgl. Grafik). Dies ist u.a. auf die Handelsstruktur zurückzuführen: Die meisten afrikanischen Staaten verweilen immer noch in ihrer Rolle als Rohstoffexporteure, statt verarbeitende Industrien aufzubauen und somit in der Wertschöpfungskette nach oben zu klettern. Ein Beispiel ist die Arabica-Kaffeebohne: Sie gehört zu den hochwertigsten der Welt. Der Kontinent nimmt aber lediglich eine marginale Rolle in der Verarbeitung des Kaffees ein. Diese Tatsache drückt sich auch im Handel mit der Schweiz aus: 26% der Importe aus Afrika sind Güter aus dem landwirtschaftlichen Bereich, 34% sind Energieträger und 15% Produkte der Textilbranche. Demgegenüber sind mehr als die Hälfte (52%) aller Exporte von der Schweiz nach Afrika pharmazeutisch-chemische Güter. Auch die Maschinen-, Apparate- und Elektronikindustrie sowie die Uhren, Bijouterie und andere Präzisionsinstrumente sind mit 22% bzw. 10% relativ bedeutend.
Entsprechend dieser Handelsstruktur erweisen sich die Verflechtungen innerhalb des afrikanischen Kontinents als relativ gering: Der intra-kontinentale Handel betrug im Jahr 2016 gerade mal 18% der gesamten Exporte. Zum Vergleich: In Europa oder Asien sprechen wir hier von 69% bzw. 59% der Gesamtexporte. Mit ihrer Handelsstruktur schöpfen die meisten afrikanischen Staaten die Vorteile freien Handelns – Skaleneffekte, Spezialisierung, Zugang zu günstigeren Vorleistungen und im Endeffekt auch günstigeren Produkte für die Konsumenten – somit nicht aus.
Eine Ursache, weshalb der intra-kontinentale Handel in Afrika relativ unbedeutend ist, könnte darin liegen, dass dem Kontinent ein wirklich bedeutendes Zugpferd fehlt, das durch seine wirtschaftliche Bedeutung den Handel in der gesamten Region zu stimulieren vermöchte. Die Absenz eines solchen Zugpferdes impliziert, dass es für die wirtschaftlich schwachen Staaten nicht genügend Absatzmärkte sowie einen ungenügenden Zugang zu Vorleistungen gibt, weshalb sie sich auf den Handel ausserhalb ihres eigenen Kontinents fokussieren.
Potenzial der neuen Freihandelszone
Es scheint aber Bewegung zu geben: Im Frühling dieses Jahres wurde die weltweit grösste Freihandelszone ins Leben gerufen. Mit der CFTA (Continental Free Trade Area) eröffnen sich für Afrika neue Möglichkeiten im intra-kontinentalen Handel. Das Abkommen wurde bis dato von 44 afrikanischen Staaten unterzeichnet. Die beschlossene intra-kontinentale Freihandelszone könnte ein entscheidender Schritt auf dem Weg zu einer neuen Handelsstruktur sein und somit auch die Rolle Afrikas im Welthandel verändern. Im intra-kontinentalen Handel liegt grosses Wachstumspotenzial für Afrika. Indem neue Absatzmärkte entstehen und ein ungehinderter Zugang zu Vorleistungen ermöglicht wird, öffnet sich die Türe, um in den Wertschöpfungsketten weiter nach oben zu gelangen. Dies ist die Voraussetzung dafür, stärker vom Welthandel profitieren zu können.
Zölle zu senken und Liberalisierungen im Dienstleistungsbereich reichen alleine jedoch nicht aus. Zum einen sind auch die nicht-tarifären Handelshemmnisse zu berücksichtigen, z.B. eine effiziente und reibungsfreie Zollabfertigung. Zum anderen braucht es entsprechende Rahmenbedingungen, damit die Transformation in ein intra- und interkontinental vernetztes Afrika mit einer diversifizierten Handelsstruktur erfolgreich sein kann. Der Kontinent muss in unterschiedlichen Bereichen zusammenarbeiten. Grenzüberschreitende Investitionen in die Infrastruktur sind wichtig, um Strassen- und Zugstrecken für den Transport zu verbessern. Es braucht aber auch harmonisierte Anpassungen im Regulierungs- und Governancebereich.
Ein weiterer Aspekt ist die Korruption. Gemäss dem Corruption Perception Index haben viele Länder Afrikas stark mit Korruption zu kämpfen – eine nicht zu unterschätzende Hürde für die Entwicklung des Handels. Korruption erhöht die Transaktionskosten, begünstigt Rent-seeking-Verhalten und führt zu mehr Unsicherheit sowie ineffizienten Investitionen. Korruptionsbekämpfung ist daher ein Schlüsselfaktor für die weitere Etablierung Afrikas im Welthandel.
Kultureller Wandel in der Schweiz
Man könnte glauben, der chinesische Vormarsch in Afrika würde mehrheitlich über die sogenannten SOE (state-owned enterprises) staatlich orchestriert. Ein genauer Blick lohnt sich, denn diese Vorstellung entspricht nicht der Realität: 90% aller chinesischen Firmen in Afrika sind Privatunternehmen. Eine gewisse Risikobereitschaft scheint von diesen Investoren also vorhanden zu sein. Die chinesische Erfahrung des schwungvollen Aufstiegs der letzten 30 Jahre hat eine Generation hervorgebracht, die nicht nur über Praxiserfahrung verfügt, sondern auch bereit ist, dieses Risiko zu tragen. Für Schweizer Investoren und Unternehmer trifft dies jedoch oftmals nicht zu.
Die Schweiz sollte aber versuchen, vom Drachen zu lernen. Mit mehr Präsenz in Afrika kann sie Arbeitsplätze schaffen und so die Entwicklung auf dem Kontinent begleiten. Wenn sich dereinst neue Wertschöpfungsketten etabliert und die Handelsstrukturen angepasst haben, wird uns eine tiefere Integration mit Afrika umso mehr zu Gute kommen.