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Die Länderpavillons stehen an der Expo 2015 aufgereiht auf beiden Seiten einer Promenade und wetteifern um die Aufmerksamkeit der vorbeischlendernden Besucher. Es ist unmöglich, alle Pavillons an einem Tag zu besichtigen. Deshalb versuchen die meisten Nationen, auffälliger als ihre Nachbarn zu sein. Die Rezepte sind: mehr Farben, eine gewagtere Architektur, ein spektakuläreres Konzept.
Kuwait stellt eine Kuppel auf eine Sanddüne. Die USA bauen vertikale Gärten. Frankreich trumpft mit einer riesigen Kornkammer auf. Die Flagge, die auf der Höhe der Pavillons jeweils am Rand der Promenade angebracht ist, wäre bei diesen Marktschreiern nicht nötig. Sie sind nicht zu übersehen.
Nur an einem Pavillon würde man vorbeigehen, würde nicht ein weisses Kreuz auf rotem Grund am Strassenrand auf ihn hinweisen. Der Schweizer Pavillon, der aus vier grauen Türmchen besteht, erhält ein Superlativ, das die Konkurrenz um keinen Preis will: Er ist das unauffälligste Bauwerk der Messe. Zudem liegt es nicht direkt an der Hauptstrasse, sondern leicht nach hinten versetzt, nur über einen schmalen Zugang zu erreichen.
Die Unauffälligkeit ist Konzept. Der Schweizer Pavillon entzieht sich dem Wettstreit der Oberflächlichkeiten. Das Ausstellungskonzept ist radikal. Während andere Länder das Motto der Expo, die Ernährung des Planeten, als Vorwand für Tourismuswerbung missbrauchen, reduzieren die Schweizer ihre Ausstellung auf eine Idee. Vier Räume mit vier Nahrungsmitteln: Wasser, Salz, Apfelringe und Kaffee.
Die Besucher können sich frei bedienen, bis die Vorräte ausgehen und die nachfolgenden Besucher vor leeren Regalen stehen. Das Konzept ist so einfach wie bestechend. Das Publikum äussert sich positiv.
Beim Hinausgehen übersehen die meisten Besucher einen Nebeneingang, der zu einer weiteren Ausstellung führen würde. Es ist der Auftritt des Kantons Basel-Stadt, der über eine Million Franken gekostet hat. Hierhin verirrt sich fast niemand. Und wer den Eingang gefunden hat, ist nach zwei Minuten wieder draussen.
Die Basler Ausstellung besteht aus grauen Wänden, die mit einer kleinen weissen Schrift bedruckt sind. Das erste Thema ist Spinat. Was das wohl mit Basel zu tun habe, fragen sich viele – und schreiten weiter. Die Expo ist nicht der Ort, wo man einen italienischen oder englischen Text an einer Wand lesen will über einen Basler Naturwissenschafter und dessen missverstandene Forschung zum Eisengehalt von Spinat.
Zwei Schritte weiter trifft der Besucher auf ein metallenes Modell einer Kortison-Strukturformel. Die Leute runzeln die Stirn. Die Neugier reicht jedoch wieder nicht aus, um den Text dazu zu lesen. Das Schritttempo wird erhöht. Es folgen Bilder von Lällekönig, Münster und Goetheanum. «Langweilig», sagt ein Kind und zerrt die Mutter aus den grauen Räumen zurück in die bunte Expo-Welt. Was denn der rote Faden der Ausstellung sei, will ein älterer Herr wissen. Die Antwort: Alle Themen haben irgendwie mit Basel zu tun.
Nicht einmal der kleine Raum von Syngenta, der sich mit grüner Bemalung vom vielen Grau abhebt und im Vorfeld in Basel zu grossen Diskussionen führte, bremst die wenigen Besucher auf dem eiligen Rundgang. Würden sie hier verweilen, könnten sie Sätze an den Wänden lesen wie «Wir müssen eine wachsende Bevölkerung nachhaltig ernähren». Im Kleingedruckten wird die Forschungsabteilung von Syngenta gelobt.
Im Vergleich zum Auftritt anderer Expo-Sponsoren wirkt die vermeintlich skandalöse Propaganda des Basler Agrochemiekonzerns bescheiden. Es sind dezente Werbetexte, die in der gigantischen Marketing-Show der Expo untergehen. Sie lassen selbstverständlich das Negative weg, suggerieren aber auch keine falschen Tatsachen. Als Meisterin auf diesem Gebiet gebart sich der Nahrungsmittelkonzern Nestlé, der im Schweizer Pavillon löslichen Kaffee als eines der Grundnahrungsmittel anpreisen darf.
Ungewollt hat der Syngenta-Auftritt sogar etwas Subversives. In einer Plastiksäule gefüllt mit Weizen, ein Hinweis auf den steigenden Konsum, liegen mehrere tote Insekten. Sie sind vom Weizenmehl gepudert und daher zwischen den Körnern nur von ganz nah zu erkennen. Sie bleiben vom Publikum unbemerkt.
Der Basler Auftritt erinnert an Ausstellungen mit Stellwänden, die in Schul- oder Gemeindehäusern stehen könnten. Ein Ausstellungskonzept des letzten Jahrhunderts. Ein paar Bildschirme mit bewegten Stadtansichten zwischen den Texten machen daraus noch keine moderne Ausstellung.
Andere Pavillons der Expo zeigen, wie Ausstellungen im 21. Jahrhundert aussehen können. Im brasilianischen Pavillon schreitet man auf einem Netz über eine Pflanzenwelt. Auf dem österreichischen Grundstück steht ein Bergwald, der eine Oase der Ruhe darstellt. Mit bewegbaren Bildschirmen können Teile des Waldes herangezoomt werden und interaktive Informationen eingeblendet werden. Kasachstan demonstriert den neusten Stand der Kinotechnik: Ein 3-D-Film wird auf die Wände eines runden Saals projiziert, in dem sich nicht nur die Luft passend zum Film bewegt, sondern auch der Boden. Israel führt ein Theaterstück auf, in dem ein Schauspieler mit Protagonisten interagiert, die auf mobilen Wänden erscheinen.
Zwischen diesem Spektakel stellt die Schweizer Hauptausstellung mit ihrer radikalen Kargheit einen Gegensatz dar. Die Nüchternheit langweilt nicht, weil sie eine einzige Botschaft vermittelt und diese auf eine überraschende Weise präsentiert. Die Nüchternheit der Basler Nebenausstellung misslingt, weil sie unzählige Botschaften gleichzeitig zu transportieren versucht und dafür veraltete Methoden wählt.
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Am Weltmarkt der Extravaganzen besticht der Schweizer Pavillon mit Bescheidenheit. Nur im Basler Bereich funktioniert das Konzept nicht.
Die Länderpavillons stehen an der Expo 2015 aufgereiht auf beiden Seiten einer Promenade und wetteifern um die Aufmerksamkeit der vorbeischlendernden Besucher. Es ist unmöglich, alle Pavillons an einem Tag zu besichtigen. Deshalb versuchen die meisten Nationen, auffälliger als ihre Nachbarn zu sein. Die Rezepte sind: mehr Farben, eine gewagtere Architektur, ein spektakuläreres Konzept.