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Gerade das Schulwesen gibt uns genügend Beispiele dafür, dass es oft klüger ist, das Rad zurückzudrehen, als an etwas festzuhalten, das sich nicht bewährt hat. […] Und wie steht es mit der grossen Orthographiereform, diesem «Jahrhundertwerk»? Jeder Verlag hat sich seither bemüssigt gefühlt, das Reformrädchen wieder nach eigenem Gusto zurückzudrehen - die einen schneller, die anderen weniger.
Aus presse und internet
29. 8. 2009
26. 8. 2009
Die Regeln, die der Namensgeber im 19. Jahrhundert aufstellte, galten weitgehend noch bis zur deutschen Wiedervereinigung im Jahre 1990. In keinem anderen europäischen Sprachraum richteten sich die Menschen nach derart alten orthografischen Regeln. Dem „Einheitsduden“, der das rund vier Jahrzehnte währende Nebeneinander einer ost- und einer westdeutschen Ausgabe beendete, folgte 1996 die notwendige Reform.
25. 8. 2009
«Wir versuchen in der Diskussion um die Rechtschreibreform, die schlimmsten Dinge zu verhindern», sagt der Präsident der Akademie, Klaus Reichert, zur Auseinandersetzung um die Reform von 1996. Ob «wohl bekannt» zusammen oder getrennt geschrieben wird, ob in «tut mir leid» leid mit großem oder kleinem l beginnen soll: Für Reichert sind das keine Petitessen, sondern «Eingriffe in die Wortbedeutung» – und damit in die Sprache, mit der in den Worten Adolf Grimmes «ein Volk lebt und stirbt, blüht und verdorrt».
20. 8. 2009
Das Sinfonieorchester Basel hat ein neues Signet. […] Die noblen Majuskeln im Schriftzug des alten Logos sind konsequenter Kleinschreibung («sinfonieorchester basel») gewichen […]. Ein ungeschriebenes Gesetz verlangt heute, dass alles und jedes eine Marke ist, ein Label hat und sich schon sprachlich von der Konkurrenz abhebt. So schreibt sich das Kammerorchester Basel absurderweise «kammerorchesterbasel», und auch die «basel sinfonietta» huldigt der radikalen Kleinschreibung. Übrigens hat auch die Allgemeine Musikgesellschaft Basel ein neues, elegant geschwungenes Schrift-Logo in – erraten! – radikaler Kleinschreibung.
19. 8. 2009
HaBEN sie sich auch schon mal geWUNdert, dass viele kreative Sprach- und WortSCHÖPFer sich imMER häuFIGer von VERSal eingestREUTen GROSSbuchstaben ganz alLEINstellende eigenNAMen und AufMERKsamkeit verSPRECHen? […] Auch die GROSS- und Kleinschreibung ist zwar mit der RECHTschreibreFORM mEHRfach hin- und HER geDREHt worden.
18. 8. 2009
Am Anfang war die Abgrenzung. Schließlich haben es die der Zukunft zugewandten Avantgarden noch stets als ausgemacht betrachtet, sich von allem bis zu einem bestimmten Zeitpunkt Dagewesenen erst einmal zu unterscheiden. […] Dabei ist es im Kern geblieben, auch wenn sich die inzwischen meist unter dem Doppelbegriff "konstruktiv-konkret" firmierende Kunst heute, mehr noch als zu ihren Anfängen, durch eine immense Vielfalt der Medien, Stile und Temperamente auszeichnet und spätestens seit Max Bill in Texten, Titeln und Manifesten die konsequente Kleinschreibung dominiert.
Viele beklagen den Verfall unserer Sprache und verweisen auf Jugendwörter, Szenesprache und die verunglückte Rechtschreibreform. […] Ganz anders sehen es die Wissenschaftler. Die neueste Ausgabe ihres Fachblattes "Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes" stellt schon im Titel die Diagnose: "Name: Deutsch, Alter: 1200, Befund: gesund!" Darin warnt André Meinunger vor allem davor, aus den im Einzelnen durchaus lächerlichen Entgleisungen der Gegenwartssprache gleich auf deren "Tod" zu schließen […].
17. 8. 2009
«Ich habe andere Probleme als die Notenrelevanz der neuen Rechtschreibung – ich bin froh, wenn meine Schüler ‹wir› ohne ‹h› schreiben und ‹war› von ‹wahr› unterscheiden können», sagt Thomas Fausch, der in Oberrieden Sek B/C unterrichtet. […] Wenn seine Schüler nur bei den Neuregelungen Fehler machten – beispielsweise «Stengel» anstatt neu «Stängel» schreiben –[,] hätten sie trotzdem gute Noten. […] Persönlich findet Thomas Fausch es «unangebracht», wenn «Spaghetti» neu «Spagetti» geschrieben werden sollte. […] «Die Schüler dürfen bei mir weiterhin ‹Spaghetti› schreiben. Ich finde es fragwürdig, wenn wir in der mehrsprachigen Schweiz Fremdwörter phonetisch schreiben. Es geht doch nicht, dass ich den Schülern im Deutschunterricht beibringe, man schreibe ‹Portmonee› und im Französischunterricht ‹portemonnaie›.»
Es geht doch: Möbel (mit grossem M) gegen meuble, Affäre gegen affaire, Republik gegen repubblica.
16. 8. 2009
Aber wo ist die rote Farbe geblieben? Die gibts nicht mehr. Bislang wurden durch die Rechtschreibreform veränderte Schreibungen rot markiert - aber nun, nach 13 Jahren „neuer“ Rechtschreibung, ist eine solche Heraushebung wahrlich nicht mehr nötig.
Für viele ist es immer noch ungewohnt, statt „Schiffahrt“ nun „Schifffahrt“ und „Stopp“ statt „Stop“ zu schreiben. Besonders eingedeutschte Fremdwörter wie „Portmonee“ und „Frisör“ wirken grotesk und stoßen häufig auf Kritik. […] 79 % der Deutschen stimmten hingegen der folgenden Aussage zu: „Durch die Rechtschreibreform weiß man bei vielen Wörtern gar nicht mehr, wie sie richtig geschrieben werden.“
Unsere aussage: Durch die rechtschreibreform weiss man, dass man bei vielen wörtern auch vorher nicht gewusst hat, wie sie richtig geschrieben werden. „Stopp“ und „Frisör“ sind alte, uralte rechtschreibung.
15. 8. 2009
An der neuen Rechtschreibung kann ich mich nicht richtig erwärmen. Da werden unnötige Änderungen vorgenommen, aber was wichtig wäre, wird belassen. […] Wie einfacher würde das Schreiben gemacht, wenn man die Kleinschreibung einführen würde. Wie viele Lernstunden könnten für einen Schüler während der ganzen Schulzeit eingespart werden? Besonders in der heutigen Computerzeit sollte die Kleinschreibung selbstverständlich sein.
12. 8. 2009
Manche hoffen, dass nun etwas Ruhe in den jahrelangen Rechtschreibe-Wirrwarr einkehren wird. Andere sind unzufrieden mit der neuen Regelung. Rolf Bommeli, Schulsekretär von Stäfa, informiert, dass der Stäfner Oberstufe die Änderungen zu wenig weit gehen würden. «Sie hätte sich eine radikalere Reform gewünscht», sagt er auf Anfrage. Viele Rechtschreibfehler würden in der Gross- und Kleinschreibung passieren. Darum plädiert die Oberstufe Stäfa für eine konsequente Kleinschreibung analog dem Englischen. Rolf Bommeli meint: «Das wäre eine wirkliche Erleichterung gewesen.»
Die «Gemse» ist ab Schulbeginn von nächstem Montag definitiv erlegt. Schüler, welche die alpinen Paarhufer in Aufsätzen nicht mit «ä» schreiben, erhalten einen Fehlerpunkt. […] Corinne Hoss-Blatter, Schulpflegerin in Zollikon, weist darauf hin, dass alle Lehrmittel im Kanton Zürich seit mehreren Jahren in der neuen Rechtschreibung verfasst seien. Die parallele Verwendung beider Varianten, wie von der EDK ausdrücklich erlaubt, ist in Zollikon schon seit Längerem Vergangenheit. «Von einem Wirrwarr kann deshalb nicht die Rede sein», sagt Hoss-Blatter weiter.
10. 8. 2009
Die verschiedenen Hausorthographien der Zeitungs- und Buchverlage, die nur eine Auswahl der Neuschreibungen verwenden, zeigen deutlich, daß die Allgemeinheit keineswegs mit den für die Schulen verordneten Neuschreibungen einverstanden ist.
8. 8. 2009
Die gut dreijährige Übergangsfrist ist abgelaufen; alte Rechtschreibung ist jetzt falsch, nur die neue ist richtig. Obschon die jüngste Rechtschreibereform immer Kritiker hatte und noch immer hat, schauen die Solothurner Schulbehörden und Lehrer dem Ganzen relativ gelassen entgegen. «Wir sind parat», sagt etwa Andreas Walter, Leiter des Amtes für Volksschulen und Kindergarten. Man habe sich lange genug auf die Umsetzung der Reform vorbereiten können – «für uns ist alles klar». […] Ähnlich pragmatisch sieht man die definitive Einführung der neuen Rechtschreibung an der Basis, bei den Solothurner Lehrerinnen und Lehrern. Mehr noch: Nicht die neue Rechtschreibung sei das Problem, heisst es, vielmehr hätten die Schülerinnen und Schüler teils grundsätzlich Mühe mit der Sprache.
[…] in der Tat ist die neue Orthographie eine Quelle der Verunsicherung und wird es bleiben – Regelsicherheit und Unzweideutigkeit lassen sich als Folge der verunglückten Reform wohl auf längere Sicht nicht wieder herstellen.
Tatsächlich scheint es, dass die Hausaufgaben gemacht wurden und man an den Schulen bereit ist für den Tag X, wie eine kleine Umfrage bei Lehrpersonen der Primar-, Sekundar- und Mittelschule ergab. «Es gibt keinen Donnerschlag», lacht der an der Primarschule Niederbüren tätige Urs Weber, «für die Kinder ändert sich nichts, für die Eltern vielleicht – und für mich als Lehrer ist das einfach ein Auftrag.» Für die Dritt- und Viertklässler seiner Stufe sei die Rechtschreibung ohnehin etwas Neues, sie kennten ja keine andere.
Die neue Sprachregelung ist nicht logisch. Nur: War es denn die alte? Hatte sie nicht einfach den eklatanten Vorteil, dass es 100 Jahre lang keine Sprachreform gegeben hat? Dass Generationen von Schülern gelernt haben, dass «st» nicht getrennt wird (Ko-sten), «sp» (Knos-pe) aber schon? Dass Zucker und Bäcker bei der Trennung je ein Doppel-k bekommen, dass «die andern» nur klein geschrieben wird, wenn das Subjekt bereits benannt worden ist?
Aha, die alten regeln («die andern») schon vergessen! Jedenfalls würde dieses problem durch die eigennamengrossschreibung gelöst.
Am 17. August, dem Todestag des Barock-Schriftstellers Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, wird in dessen Geburtsstadt Gelnhausen die Neuübertragung seines großen Romans "Simplicissimus Teutsch" durch Reinhard Kaiser erstmals vorgestellt. Literaturwissenschaftler Professor Heiner Boehncke hatte das Projekt aus der Taufe gehoben […]. Das Original war vor jeder Rechtschreibreform verfasst. Ist es auch deshalb nur schwer entschlüsselbar? [Boehncke:] Ja, es gab noch keine einheitliche Rechtschreibung, keine festen Regeln für die deutsche Schriftsprache, aber das betrifft von vielen Verständnisschwierigkeiten nur eine, wenn auch eine recht große. […] Übrigens ist die Übersetzung in der neuen Rechtschreibung erschienen. Sie soll ja bitteschön auch in den Schulen gelesen werden.
7. 8. 2009
Drei Übergangsjahre blieben Lehrer «korrekturtolerant», ab sofort ist ein Schreibfehler «notenrelevant». Ausnahmen bestetigen die Rägel: SVP-Deutschlehrer Oskar Freysinger will seinen Rotstift in Zweifelsfällen weiterhin nicht einsetzen. Sogar also in Parteien, die sich bislang nicht durch ihre Korrekturtoleranz hervorgetan haben, verflüssigt sich Richtig und Falsch bis zur Notenirrelevanz.
Die Probleme mit der Rechtschreibreform hatten schon früher Verleger und Buchdrucker. […] Nachdem nun am 31. Juli 2009 auch für die in der deutschsprachigen Schweiz liegenden Schulen die Übergangsfrist abgelaufen ist, bleibt zu hoffen, dass Medien wie das Tagblatt der Verantwortung gegenüber den Schülern gerecht werden und auf «fehlerhafte» Wörter wie «Stop» und «Tip» verzichten und wie die Buchdrucker vor fast 100 Jahren wieder zur Vernunft zurückfinden.
6. 8. 2009
Es geht überhaupt nicht um die albernen «Gämsen», über die die Reformgegner sich angeblich so fürchterlich ärgern. Es geht um etwas viel Wichtigeres: um den Verlust an Ausdrucksmöglichkeiten, hervorgerufen durch den fatalen Ansatz der Reform, Anfängern das Schreiben zu erleichtern und dabei eine Erschwerung des Lesens in Kauf zu nehmen. Die Branche, in der auch der Autor des «Gämsen-Artikels» sein Brot verdient, steckt in enormen Schwierigkeiten, in einem epochalen Umbruch. Zeitungen haben ein grösseres Interesse denn je, ihren Lesern den Zugang zu den Texten auf jede erdenkliche Art zu erleichtern. Auch mit Hilfe der Unterscheidungsschreibung, die von der Reform zum grossen Teil eliminiert worden ist.
Ansatz der reform ist nicht, «eine Erschwerung des Lesens in Kauf zu nehmen» (siehe auch entsprechende zitate), sondern u. a. die erkenntnis, dass die so genannte unterscheidungsschreibung zwar bei laien beliebt ist, aber in den meisten fällen nicht funktioniert und nichts bringt. (Die eigennamengrossschreibung aus der sicht des lesers und stellungnahme zu Kellenberger) Jedenfalls werden die unterscheidungsschreibung im speziellen und das festhalten am alten im allgemeinen die zeitungen nicht retten.
Das im Moment herrschende Durcheinander kann nur durch einen Marschhalt, eine Denkpause und einen geordneten Neubeginn entwirrt werden.
Die Reform sei im Thurgau pragmatisch umgesetzt worden, sagt Walter Berger, Chef des Amts für Volksschule.
Die neuen Regeln seien längst in den Unterricht eingeflossen, sagt Raphael Kummer, Primarlehrer in Hüttlingen-Mettendorf. […] Sein Wigoltinger Kollege Beat Sonderegger findet, dass die Umstellung für die Lehrer der «grössere Krampf» gewesen sei als für die Schüler. Die Lehrkräfte hätten die alten Regeln intus gehabt. […] Zeitungs- und Buchverlage haben ihre eigenen Regeln, die vom Lehrer rot angestrichen würden. Dass die Schüler deswegen ein Durcheinander bekommen, glaubt Lehrer Sonderegger nicht. Wenn ein Schüler mit einem Zeitungsausschnitt in die Schule käme und auf eine Abweichung von der Schulrechtschreibung hinweise, würde ihn das freuen, sagt er. Dann nämlich habe der Schüler bewiesen, dass er ein Rechtschreibe-Problem erkennen kann.
5. 8. 2009
Frau Goebel schreibt von Unsicherheit bei Mehrfachmöglichkeiten in der Sprache, und dass es deswegen die Ausländer beim Deutschschreiben schwer haben sollen. Ich wäre froh, wenn ich im Französischen nicht immer wissen müsste, ob das Verb nun é, és, ée oder ées als Endung hat. Und gerade wir Schweizer sollten doch wissen, dass Intelligenz und Kontext das Eszett überflüssig machen, welches unsere Sprachnachbarn so verzweifelt verteidigen. In diesem Sinne wird man immer wissen, was der vielversprechende Schreiber meint, sogar wenn er sich ein wenig verspricht, pardon, verschreibt, oder?
Was hat Rechtschreibung mit Sprache zu tun? […] Das «Schweizer Sprachbuch» […] zielt auch in diese Richtung. Die Mitautorin Elly Glinz brachte das Problem auf den Punkt: «Rechtschreibung ist nicht wichtig» – nach einer Kunstpause – «aber man muss sie können.» Dies mit einem Augenzwinkern wegen der Gewichtung beim Finden der Sprachnote.
4. 8. 2009
Ab dem 1. August gilt Null-Toleranz bezüglich neuer Deutscher Rechtschreibung. Trotzdem sind oft diverse Varianten möglich. […] Jetzt gilt es ernst, jetzt heisst es Null-Toleranz, und das klingt nach Stress. Doch unter der Lehrerschaft scheint Gelassenheit zu herrschen. Markus Hanhart, Deutschlehrer an der Kantonsschule Küsnacht, findet die «Floskel der Null-Toleranz» eher amüsant. So viel Toleranz wie seit dem 1. August habe die Rechtschreibung bisher wohl noch nie gesehen, sagt er. Der Grund: Für die meisten Neuerungen darf laut des offiziellen Leitfadens der Erziehungsdirektorenkonferenz auch künftig die ältere, gängigere Variante verwendet werden.
Nicht allgemeingültig, aber Profit bringend? Duden und Wahrig haben neue Wörterbücher vorgelegt, die sich nicht immer an die amtlichen Regeln halten. Der fünfte Duden innerhalb von dreizehn Jahren Rechtschreibreform kann erstmals nicht mit orthographischen Neuigkeiten aufwarten, da die Reparaturarbeiten des Rates für deutsche Rechtschreibung Anfang 2006 unterbrochen wurden - zwecks "Marktberuhigung", wie der Vorsitzende Hans Zehetmair sagte. […] Der Markt für gedruckte Rechtschreibbücher bewegt sich, zugleich wird er wegen der elektronischen Hilfsmittel immer enger. Seit der Dudenverlag vom Schulbuchriesen Cornelsen erworben wurde, der auch den Wahrig mitherausgibt, sind weitere Synergieeffekte zu erwarten, denn die Konkurrenz unter demselben Dach dürfte kein Dauerzustand sein.
3. 8. 2009
Es dürften allerdings noch einige Duden-Neuausgaben erscheinen, bis man wieder bei den altbewährten Regeln angelangt ist. Die wenigen Ungereimtheiten der alten Regelung (währenddessen/statt dessen u.a.) hätten sich problemlos eliminieren lassen. Aber Hauptsache, ein paar Neunmalkluge konnten sich profilieren und dabei kassieren.
Als Vorsitzender des grössten Schweizer Sprachvereins war er in den Prozess der Rechtschreibreform miteinbezogen. […] Der 63-jährige Wyss begrüsst, dass es nun soweit ist: «Die Mehrheit hat nicht gerne Varianten in der Rechtschreibung.» […] Die Fragen, die telefonisch oder per E-Mail an das linguistische Sorgentelefon gerichtet werden, drehen sich selten um die Orthografie. «Die meisten Menschen», sagt Wyss, «haben Mühe mit den Fällen, der Grammatik und den Zeiten.» Insofern scheint ihm übertrieben, dass um die Rechtschreibreform so grosses Aufhebens gemacht wurde und wird: «In der Schweiz betreffen die Änderungen nur knapp ein Prozent des Wortschatzes.»
Der St. Galler Germanist und Kantilehrer Roman Looser hat an der jetzigen Version mitgearbeitet. Wir haben mit ihm über diese neuen Regeln geredet. […] Sind Sie damit zufrieden, wie es jetzt herausgekommen ist? [Looser:] Mit Kompromissen von Kompromissen von Kompromissen kann man nie zufrieden sein. […] Wenn es darum geht, wirklich eine logische Rechtschreibung hinzubekommen, dann müsste man viel radikaler eingreifen. Da gab es bereits verschiedene Versuche im Lauf der letzten Jahrzehnte. Ein Beispiel wäre, dass man Nomen klein schreibt.
Was halten Sie heute von der Rechtschreibreform?
Eine "Reform" hätte ohnehin vollkommen anders ausgesehen. Mut hätte erfordert, die Groß- und Kleinschreibung radikal zu vereinfachen, die Kommaregeln auf eine oder zwei zu reduzieren und dabei den Unterschied zwischen "dass" und "das" nicht einfach zu verändern ("ß" wird "ss"), sondern abzuschaffen (immerhin wird es ja auch gleich ausgesprochen), etc.
Die einzige Rechtschreibreform, bei der ich sofort zustimmen würde, wäre die Angleichung der Groß/Kleinschreibung in der deutschen Schriftsprache an die anderen europäischen Sprachen.
Ganz abgesehen davon, dass ich selbst die neue Rechtschreibung konsequent ignoriere.
Der Duden verkauft sich als "Bibel der Rechtschreibung". Bringt er für die neue Rechtschreibung wirklich Klarheit? [Domanske:] Es steht natürlich alles drin, aber zum Erlernen der Orthografie ist der Duden keine besondere Hilfe. Insbesondere was die Zusammen- und Getrenntschreibung angeht, sind auch die Fachleute zehn Jahre nach den Rechtschreibreformen nicht sicher.
Die wesentlichen Unterschiede zwischen dem neuen Duden und Wahrig, welche beide gleich groß und gleich schwer sind, jeweils 1216 Seiten umfassen, vom selben Unternehmen gedruckt wurden und inzwischen beide zu Cornelsen gehören, sind schnell genannt: Der Duden ist 4 Euro teurer, enthält das amtliche Regelwerk nicht mehr, verzichtet auf die bisherige Rotmarkierung der Neuschreibungen und empfiehlt durch Gelbmarkierung in 3000 Fällen die jeweils von der Duden-Redaktion bevorzugten Schreibvarianten - meist die reformierten. Im Wahrig findet man stattdessen tabellarisch die 1500 Variantenempfehlungen der Nachrichtenagenturen, während im Wörterverzeichnis weitgehend darauf verzichtet wird, dem Schreiber nahezulegen, wie er sich zu entscheiden habe.
2. 8. 2009
Auch wenn der Duden-Verlag bisher mit jeder Neuauflage des einstigen Klassikers den Eindruck zu erwecken suchte, das Thema „Rechtschreibreform“ sei damit endgültig durchgesetzt und erledigt, ist die Kritik an den von ihm vorgeschlagenen Reformschreibungen niemals verstummt und erweist sich jedesmal erneut als nur zu berechtigt. Die aktuelle Neuauflage fordert diese Kritik sogar noch mehr heraus als ihre Vorgänger.
Vor allem die jüngste Rechtschreibreform brachte den als unumstößlich geltenden Schlachtturm gegen die babylonische Sprachverwirrung gehörig ins Wanken. Konkurrenzverlage publizierten eigene Lexika, weil die kollektive Unsicherheit über richtige und falsche Schreibweisen ständig wuchs.
31. 7. 2009
Die beiden Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber, eine Übereinkunft zur Orthographie scheint derzeit nicht möglich. […] Viele professionell Schreibende wünschen sich heute nicht mehr explizit die alte oder die neue, wohl aber eine verbindliche Rechtschreibung.
Der professionell schreibende Goethe konnte von sich sagen: «Ich diktiere meistens und sehe nicht nach.» Ihm war der inhalt wichtiger.
Schnellleser mit drei «l» für immer: Ab morgen ist die neue Rechtschreibung in der Schweiz verbindlich. Gut so, sagt Sprachexperte Johannes Wyss. […] Wieso hat man nicht Mut bewiesen bei der Reform und gleich bestimmt: Künftig schreibt man im Deutschen alles klein? [Wyss:] Das probierte man ja zwanzig Jahre lang. Horst Sitta, Professor am Deutschen Seminar in Zürich, setzte sich unter anderem dafür ein. Aber der Vorschlag kam nicht durch, weil der Eingriff in das Schriftbild zu gross gewesen wäre. Im Barock begann man, wichtige Wörter grosszuschreiben. Das Deutsche entwickelte sich in Richtung Gross- und Kleinschreibung, die anderen Sprachen hin zur Kleinschreibung.
Die Welt, 31.07.2009. […] Dankwart Guratzsch nimmt den neuen Duden und den neuen Wahrig unter die Lupe und kommt zu dem Ergebnis, dass die Rechtschreibreform "völlig gescheitert" sei: "Soll man laut Duden zum Beispiel 'bei Weitem' schreiben, so schließt sich Wahrig 'bei weitem' noch nicht an" - es ist einfach schlimm (und zeigt, dass man sich zur gemäßigten Kleinschreibung hätte durchringen sollen).
Untersucht man die Abweichungen näher, kommt eine interessante Tatsache zutage: Nicht der Rechtschreibrat scheint eine erkennbare Funktion auszuüben, wohl aber die Deutsche Presse-Agentur (dpa) als Sachwalterin des gedruckten Deutsch. […] Damit wiederholt sich ein Phänomen, mit dem sich schon der Schöpfer der deutschen Einheitsrechtschreibung, Konrad Duden, konfrontiert gesehen hatte: Mehrfachschreibweisen ließen sich nicht durchsetzen. Der Widerstand ging von den Buchdruckern aus. Auf einer Tagung in Konstanz 1902 "gaben sie ganz unverhohlen ihrer Missstimmung über die durch die neuen Regelbücher nur noch vermehrte Unsicherheit in der Rechtschreibung Ausdruck". Und so waren es schon damals die gedruckten Medien, die im Kampf um eine einheitliche Schreibweise letztlich obsiegten. 1903 lieferte Duden erstmals einen "Buchdruckerduden" aus, der später mit dem "normalen" Duden verschmolz.
30. 7. 2009
Die Schulen lassen sich davon nicht beirren – auch nicht in Basel: «Wir brauchen jetzt eine einheitliche Linie und keine neue Verunsicherung», sagt Hans Georg Signer, Leiter Bildung im Erziehungsdepartement. Das Reformziel – einfachere und eindeutigere Regeln – sei zwar verfehlt worden, die alten Regeln seien jedoch sicher nicht besser. Signer ist überzeugt, dass die Reform nicht mehr zu stoppen ist und zu keinen Problemen wie etwa mehr Rekursen führen wird.
Während sich Schüler und Lehrer mit der Reform arrangiert haben, weibelt der pensionierte Verlagsleiter Urs Breitenstein für eine Orthografie mit numerierten Gemsen und Stopstrassen. […] «Weil wir Liebhaber der deutschen Sprache uns wehren müssen, wenn man sie uns kaputt machen will.»
Nein aber auch, da will jemand die sprache kaputt machen! Da versteht man, dass sich ihre besitzer («uns kaputt machen») wehren.
In der BaZ gibt es eine Abteilung Korrektur. Dort arbeiten die Hüterinnen und Hüter der Rechtschreibung. Rosmarie Ujak ist seit 26 Jahren BaZ-Korrektorin, sie kennt die Zeit vor der Reform und danach. […] Früher hiess es: Im Zweifelsfall schreibt man gross. Also: «Er hat Recht.» Heute schreibt man im Zweifel eher klein: «Er hat recht.» Was soll daran logischer sein? Auch die neuen Trennungsregeln sind eher eine Katastrophe, die versteht kein Mensch.
«Im Zweifelsfall schreibt man gross» hat zum glück noch nie gegolten. Und wie ist das mit «vor der Reform und danach»? Bei diesem beispiel ist beides richtig, vor der reform nur die kleinschreibung.
29. 7. 2009
In den letzten 13 Jahren ist so viel eingeführt und zurückgenommen worden, dass Schüler und Lehrer gar nicht mehr wissen können, was galt und was gilt.
An der sprache hat sich nichts geändert. Für das hin und her bei der rechtschreibung sind nicht die reformer verantwortlich. Ein trost ist, dass sich auch auf vielen anderen gebieten in 13 jahren viel geändert hat (vielleicht sogar bei der sprache), ausser wohl im lateinunterricht.
Aber muss man das alles gleich so schwer nehmen und das ganze Paket verdammen? Etwas mehr Gelassenheit, bitte! Wer, wie der Verfasser dieser Zeilen, schon einige hundert Lernende vom Teenager- bis ins Erwachsenenalter in die neue Rechtschreibung eingeführt hat, der kann im Allgemeinen bestätigen: Im Schulalltag bringt die Reform kaum zu hohe Hürden. «Was, das ist eine Neuschreibung? Das habe ich schon immer so geschrieben!» - das ist in Klassen nicht selten zu hören.
27. 7. 2009
Da sind die Engländer klüger als wir. Sie haben zwar das absurdeste System der Rechtschreibung, aber gerade weil es so absurd ist, wird nichts geändert. Dieses System hat sich in allen Kontinenten eingespielt, und von einer gemeinsamen Reform träumt niemand.
Eine dieser niemands ist die Spelling society.
Die Schweizer Orthographische Konferenz (SOK) hat stets darauf hingewiesen, dass Orthographie nicht durchgehend logisch definiert werden kann, weil andere wichtige Kriterien mitspielen (Analogie, Betonung, Unterscheidungsschreibung, Usus, Schreibgeschichte). Der (gescheiterte) Versuch, die Orthographie «logisch» und unter Missachtung der übrigen Kriterien zu definieren, kommt von den Reformern. […] Bewahrung der Einheitlichkeit war die wichtigste Forderung an die Reformer.
Die regelung von 1996 ist für uns (mit den bekannten einschränkungen) gut, weil wir wissen, dass ortografie nicht durchgehend logisch definiert werden kann, weil andere wichtige kriterien mitspielen (analogie [z. b. stängel], betonung, unterscheidungsschreibung, usus [z. b. nummerieren], schreibgeschichte [z. b. andere «falsche» analogien]). Weniger wichtig sind für uns unterscheidungsschreibung (NZZ, 6. 8. und Welt Online, 21. 7. 2008) und einheitlichkeit (stellungnahme in korrekturen.de, 21. 11. 2007).
26. 7. 2009
Bernhard Pulver, Vorstandsmitglied der Erziehungsdirektorenkonferenz, befürchtet kein Chaos. […] Was halten Sie von neuen Trennvorschriften wie: grösst mögliche, hell blau, Vorsichts halber, Bank Angestellter? [Pulver:] Soweit ich informiert bin, sind da beide Möglichkeiten erlaubt. […] [Zurlinden:] Eine Flut von Einsprachen nach Aufnahme- und Abschlussprüfungen ist vorprogrammiert. Sind Sie gerüstet? [Pulver:] Ich glaube nicht, dass es viele Einsprachen geben wird. Ich war in den letzten Jahren an Dutzenden von Veranstaltungen und habe mit Hunderten von Lehrkräften, Eltern und Schülern über die Schule gesprochen: Die Rechtschreibreform war nie ein Thema, wirklich nie! Lehrer, Eltern und Schüler haben viele Sorgen – aber die Rechtschreibreform habe ich nie als Problem angetroffen.
Auch interviewer sind keine supermen; manchmal sind sie fiese fallensteller.
24. 7. 2009
Konrad Duden hat in seinen Schriften «Die deutsche Rechtschreibung» (1872) und «Die Zukunftsorthographie» (1876) seine Regeln, basierend auf dem phonologischen Prinzip, dargelegt. Als Vorbild dienten ihm vor allem die Italiener. Diese schreiben: teatro und nazione. Wir hingegen halten an den alten Zöpfen fest und schreiben: Theater und Nation.
Die Neuerungen in der deutschen Rechtschreibung sind ab 1. August an Schweizer Schulen «notenwirksam». Erziehungsdirektoren und Lehrer erwarten keine Probleme. […] Die Schweiz habe sich bei der Reform von 2006 unter anderem eine Übergangszeit von drei Jahren ausbedungen, um die notwendigen Referenzdokumente – wie den neuen Schüler-Duden – erarbeiten zu können. So habe man Zeit gehabt, sich an
Es ist jedermann unbenommen, aus alt und neu das Beste auszuwählen. An sich ist die Einführung der Kleinschreibung im Deutschen überfällig, nicht zuletzt im Hinblick auf die Deutsch lernenden Fremdsprachigen. Da die bisherige Gross- und Kleinschreibung jedoch im deutschsprachigen Raum eine Art Kulturgut darstellt, sollte sie nicht ganz abgeschafft werden, sondern könnte von Buchverlagen, literarisch Interessierten und sprachlich Sensiblen weiterhin gepflegt werden.
Das und dass ist zweierlei.
Das ist wahr, aber das und das (artikel und demonstrativpronomen) sind auch zweierlei.
Anzufügen wäre, dass Orthografie generell wenig bis nichts zur Verständigung beiträgt - sie erscheint letztlich bloss als Ausdruck von Eitelkeit, eine Schulbildung genossen zu haben. Da habens die Chinesen bedeutend leichter mit ihrer aufs Minimalste reduzierten Grammatik […].
So charmant er sein konnte, so streitlustig war er auf der anderen Seite. Verhaßt waren ihm jegliche Attitüden, die feministische Bewegung, die Rechtschreibreform («Sprache will nicht demokratisiert, sie will geadelt werden»), […] die Dekadenz der modernen Zeit ebenso wie die biedere Beschaulichkeit – und nicht zuletzt die ganze angelsächsische Welt mit ihrem «geistlosen Pragmatismus».
23. 7. 2009
Die affigste Sprachpuristin ist die NZZ höchstpersönlich mit ihrem "placieren" und "Plastic", die schon nach alter Rechtschreibung zumindest antiquiert waren.
Zur NZZ wäre noch anzumerken: Es ist irgendwie tragisch, dass sie die reformer mit ihrer langjährigen schreibung «überschwänglich» zu «behände» usw. «verleitet» und dann die neuerungen nicht übernimmt.
Der Lehrerverband wie auch die Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) befragten ihre ausländischen Partnerorganisationen nach ihren Erfahrungen. In beiden Ländern habe es keine ernsthaften Probleme oder Einsprachen gegen die neuen Regeln gegeben, erklärten Zemp sowie der zuständige EDK-Fachreferent Alexander Gerlings.
Die neuen Mundartnamen für Orte und Wege haben ein politisches Nachspiel: Der Thurgau übertreibe mit der Umbenennung, meinen die Parteien. […] Aus dem Hinterthurgauer Mörikon wurde Möörike, aus Luchen Lache und aus Rotbühl das inzwischen bekannte Roopel. Die kritischen Stimmen an den ungewohnten neuen Mundartnamen häufen sich denn auch. […] Es würden Steuergelder verwendet, um Namen zu ändern, ohne dass ein Bedürfnis dafür bestehe. Erste Kritik habe er schon vor zwei Jahren gehört, sagt SP-Präsident Peter Gubser. Ihm komme die Aktion wie die neue Rechtschreibung vor. Zuerst gebe es einen Langschuss mit vielen neuen Schreibweisen, dann werde zurückgerudert.
Soeben ist der Jubiläums-Rechtschreibduden herausgekommen, die 25. Auflage. […] Die rot markierten Wörter fehlen, das heisst, die berühmte Gämse drängt sich nicht mehr in den Vordergrund, und sie tut so, als ob sie sich schon immer so geschrieben hätte. Die rote Farbe wird sich als Zornesröte auf den Gesichtern der nach wie vor vorhandenen Reformgegner finden, denn die Neuschreibungen werden so zementiert. Wer erstmals in einen Duden schaut, kommt gar nicht auf die Idee, das Tier könnte sich einst «Gemse» geschrieben haben. Das ist aber gut so. Was es jetzt braucht, ist eine Beruhigung. Was es nicht braucht, ist eine weitere Verunsicherung seitens der Reformgegner, die weiter der Illusion nachhängen, die Rechtschreibreform könne rückgängig gemacht werden.
22. 7. 2009
Nach den Sommerferien wird in Schülerarbeiten auch in der Schweiz notenrelevant der Rotstift angesetzt, wenn gegen die neuen Rechtschreib- und Interpunktionsregeln verstossen wird.
Die nun bald zementierte Verbindlichkeit für die neuen Regeln an den Schulen ist denn letztlich nur noch ein marginaler Vollzugsakt nach immerhin bereits elf Jahren Unterrichtspraxis mit der neuen Rechtschreibung in allen vier deutschsprachigen Ländern. EDK-Generalsekretär Hans Ambühl gibt zu Protokoll, die neue Rechtschreibung sei an den Schulen bestens eingeführt, die grosse Mehrheit der neuen Regeln überdies bereits schon seit vier Jahren notenrelevant. […] Weit weniger gelassen stehen der «Deadline» vom 1. August die helvetischen Gegner dieser Reform gegenüber, die sich in der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK) privat organisiert haben.
Die Rechtschreibreform ist gross gestartet und in kläglichem Gezerre um Einzelfälle, Ausnahmen und Varianten versandet. Auch wenn sie im Grossen und Ganzen einen Fortschritt darstellt: Jeder, der sich ein bisschen mit der Sprache beschäftigt, kann sein Lieblingsbeispiel für mangelnde Logik finden. Er müsste aber auch zugeben: Logik und Sprache berühren sich nur am Rande; und wie logisch war eigentlich die Orthografie vor der Reform? […] Der neue Duden, jetzt in seiner 25. Auflage erschienen, hebt die neuen Schreibungen farblich gar nicht mehr hervor: Sie sind jetzt sprachlicher Alltag. Wer das ändern will, muss starke Argumente haben. Die Reform-(und Reformreform-)Gegner haben das nicht.
Bei dieser «Reform» ist nicht einmal die in allen nicht Deutsch sprechenden Staaten Europas übliche Substantiv-Kleinschreibung zustande gekommen. […] Konrad Duden, dessen Rechtschreibregeln wir angeblich praktizieren, war, wie auch der Begründer der Germanistik, Jacob Grimm, ein entschiedener Gegner der Grossschreibung.
21. 7. 2009
In Arbeiten von Schülerinnen und Schülern gelten ab dem 1. August Verstösse gegen die Regeln der neuen Rechtschreibung als Fehler
So werden jetzt ab dem 1. August alle Verletzungen des Regelwerks der deutschen Sprache in den Schulen geahndet und im Sprachunterricht in die Bewertung mit einbezogen. Diese Regelung gilt auch für die Schaffhauser Schulen. Diese hatten auf das Schuljahr 1998/99 hin die neue Rechtschreibung eingeführt. Im Vorfeld waren die Lehrpersonen in Weiterbildungsveranstaltungen entsprechend geschult worden, wobei ihnen mit dem Schaffhauser Peter Gallmann ein äusserst kompetenter Lehrmeister zur Verfügung stand […]. […] sieht er [Peter Pfeiffer von der Abteilung «Schulentwicklung, Steuerung und Aufsicht» des Erziehungsdepartements (ED)] die Möglichkeit von Gerichtsfällen als «sehr klein» an. Aus diesen Gründen folgt Schaffhausen der EDK und lehnt die Forderung der SOK ab.
Zusätzlich neu am neuen Duden ist die Farbe. Ganz früher, als die heiß diskutierte und umstrittene, aber jetzt zum amtlichen Abschluss gekommene Rechtschreibreform nur als Damoklesschwert drohte, war das Nachschlagewerk rein schwarz gedruckt. Nun ist noch Gelb ins Farbenspiel gekommen. In allen Fällen, in denen die neue Rechtschreibung für ein Wort mehrere Schreibweisen zulässt, gibt der Duden eine eindeutige Empfehlung: Die von der Dudenredaktion zum Gebrauch empfohlene Schreibweise ist gelb unterlegt […].
20. 7. 2009
Noch immer versuchen Gegner, die Reform zu stoppen. Max Wey, Autor und Ex-Chefkorrektor der «Weltwoche», hält das für ein «unverhältnismässiges Theater». […] Die Schweizer Orthographische Konferenz will die Umsetzung der Reform mit einem Moratorium stoppen. [Wey:] Das ist lächerlich. Die Reform ist längst durch. […] Die Reform bringt einige sehr sinnvolle Neuerungen, die von den Gegnern immer ausgeklammert werden. Ich habe beispielsweise nie eingesehen, weshalb man «Schifffahrt» nur mit zwei f schrieb. Meiner Meinung nach hätte man aber noch viel weiter gehen können. Ich bin ein Befürworter der Kleinschreibung. Aber die darf man nicht zu laut propagieren, sie würde niemals akzeptiert.
Vor einigen Jahren stiftete die „Rechtschreibreform“ Verwirrung. Jetzt sorgen die Redaktionen der großen Lexika Duden und Wahrig für Chaos in der deutschen Sprache […]. In tausenden Fällen geben Duden und Wahrig unterschiedliche Empfehlungen. Wir zeigen einige Beispiele […].
19. 7. 2009
Die Kompetenz der Jugendlichen im Verfassen eines deutschen Textes hat in den vergangenen Jahren klar abgenommen. Von daher ist für mich der Streit um die Rechtschreibenormen von untergeordneter Bedeutung.
Und niemand spricht von der gemässigten kleinschreibung. Im zeitalter von sms- und e-mail-botschaften fällt es doch nicht schwer, solche texte zu lesen. Haben nicht die dänen in den dreissiger jahren diesen schritt erfolgreich gemeistert?
Ich gebe jedem den Rat: Mach du den Unsinn nicht mit!
18. 7. 2009
Wir alle, aber auch die jüngsten Schüler, werden – so vielleicht zuhause noch einige Bücher im Regal stehen und zwecks Leselust auch ab und zu in die Hand genommen werden – weiterhin mit der «alten» Schreibweise konfrontiert. Doch alle diese Bücher sind, gemäss den neuen Regeln, «falsch» geschrieben. Der Leser sieht sich demzufolge weiterhin mit zweierlei Schreibweisen konfrontiert. Aber nur eine davon ist angeblich gültig.
Nur zweierlei schreibweisen? Hat herr Kern keine deutschen (mit ß), fraktur- oder sonst alten bücher? Und sms erhält er natürlich keine.
Schon wieder gibt es neue Rechtschreibwörterbücher: Am Montag, 20. Juli, kommt der neue Wahrig auf den Markt, am Dienstag, 21. Juli, der neue Duden. Beide Wörterbücher belegen, daß die Einheitlichkeit in der deutschen Rechtschreibung noch immer in weiter Ferne liegt. Nach wie vor geben sie in Tausenden von Fällen unterschiedliche Empfehlungen. […] Duden und Wahrig stellen zusammen mit dem Österreichischen Wörterbuch diejenigen Wörterbuchredaktionen, welche die Regierung durch Sitze im „Rat für deutsche Rechtschreibung“ privilegiert hat. Der von den Kultusministern im Jahr 2004 eingesetzte Rat hütet das Erbe der mißlungenen Rechtschreibreform. Er setzt sich nahezu ausschließlich aus Urhebern und Nutznießern der Reform zusammen. Im Rechtschreibrat ringen die Wörterbuchredaktionen von Duden und Bertelsmann-Wahrig um die Deutungshoheit über die Rechtschreibreform. […] Kurios bei diesen ganzen Gegensätzen ist, daß die beiden Wörterbücher seit kurzem unter dasselbe Dach gekommen sind. Im Frühjahr hat Langenscheidt nämlich das Bibliographische Institut, das die Dudenredaktion beherbergt, an die mächtige Schulbuchverlagsgruppe Cornelsen verkauft. Cornelsen verlegt jedoch gemeinschaftlich mit Bertelsmann auch den Wahrig. Die Vermutung liegt nahe, daß Cornelsen in den nächsten Jahren Duden und Wahrig miteinander vereinigt.
Denn schon im 17. Jahrhundert stießen sich "Sprachreiniger" am nebeneinander von C und K für den gleichen Laut. […] 1748 brachte es Christoph Gottsched in seiner Grundlegung einer Deutschen Sprachkunst endgültig auf den Punkt: "Denn die Schrift ist ja in ihrem Ursprunge dazu erfunden worden, die Töne des Mundes abzubilden und sichtbar zu machen". […] In Berlin wurde 1901 die orthografische Konferenz einberufen, die in eine Rechtschreibreform mündete. Wie heute waren auch damals nicht alle begeistert […].
17. 7. 2009
In Zeiten grosser Rechtschreibereformen und Gegenreformen hat es ein Standardwerk der deutschen Sprache nicht leicht. Denn über die richtige Schreibweise der deutschen Schriftsprache ist man sich momentan wenig einig. Das hat zur Folge, dass die Schüler in der Schule «Tipp» mit zwei p gemäss dem Verbstamm schreiben, während in einigen Zeitungen wie auch der unsrigen «Tips» gegeben werden. Am Montag erscheint der Duden in seiner 25. Auflage, und für das 129 Jahre alte Standardwerk ist der nützliche Hinweis ein Tipp. Bei «Tip» steht «alte Schreibung für Tipp». Man sieht, die Schülerinnen und Schüler haben es nicht leicht, und der Duden auch nicht.
Zum Geburtstag ein Bündel Satzzeichen überreicht zu bekommen, damit dem Geburtstagskind künftig die Kommata und Punkte nicht mehr ausgehen - das klingt wie ein Scherz aus dem Zeitalter der Rechtschreibreform. Das denkwürdige Präsent gab es aber schon am 20. Juli 1960, als Uwe Johnson seinen 26. Geburtstag feierte, ein Jahr nach dem Erscheinen von "Mutmaßungen über Jakob". […] In diesem Falle, zum 50. Jahrestag des Erscheinens der "Mutmaßungen", wurde "die Geschichte vom Werden des Schriftstellers Uwe Johnson" erzählt. Dessen Schreiben ohne Komma trieb seinen Lektor schier zur Verzweiflung: Er ließ sie mit Bleistift im Typoskript nachtragen, bis Johnson ihn darüber aufklärte, die Interpunktion sei reine Absicht.
16. 7. 2009
Die Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung nimmt fünf neue Mitglieder auf. Sie wacht mit Argus-Augen über die deutsche Sprache […]. Was macht eine Akademie mit einem solch schwerwiegenden Titel? Sie kümmert sich um die deutsche Sprache und Literatur. Ob es der renommierte Georg-Büchner-Preis ist, den die Akademie jährlich vergibt, oder Kleinigkeiten wie diese: Leid tun oder leidtun - zusammen geschrieben, auseinander, groß oder klein? Die Anarchie in der deutschen Rechtschreibung trieb Klaus Reichert, dem Präsidenten der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, vor ein paar Jahren tiefe Zornesfalten auf die Stirn. Die Rechtschreibreform und den damit einhergehenden Wildwuchs der Schreibweisen schmähte er als Missgeburt. Doch gegen die Macht des Faktischen kam auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung nicht an. Die Reform blieb und die Verwirrung bei vielen Deutschen auch.
15. 7. 2009
«Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt», möchte man den Konspiranten zurufen, die sich das hohe Ziel gesetzt haben, im «deutschen Quartier» wieder für Ordnung zu sorgen […]. Allerdings – wenn ihre Palastrevolution in einem «Vorschlag zur Güte» gipfelt und sie bloss die Wiederzulassung der alten neben den neuen Schreibweisen fordern, ist der Misserfolg vorprogrammiert […]. Das vorgeschlagene Nebeneinander-Provisorium erhöht die Verwirrung, statt sie aus der Welt zu schaffen! […] Ceterum censeo: Diese «Reform» ist schleunigst ersatzlos zu entsorgen.
12. 7. 2009
Dass die Reform nun zum Gesetz erhoben wird, ist ein Schildbürgerstreich. Als Ausweg bietet sich derzeit einzig ein Moratorium an. Die gewonnene Zeit darf aber von der Erziehungsdirektorenkonferenz nicht wie bisher verplempert werden. Sie muss endlich Nägel mit Köpfen machen. Und das ist noch nicht einmal so schwierig. Ein konsistenter und praktikabler, von der Schweizer Orthographischen Konferenz ausgearbeiteter Vorschlag für eine sinnvolle Rechtschreibung (Grundsatz: «bei Varianten die herkömmliche») liegt auf dem Tisch. Man könnte ihn tel quel übernehmen. Man müsste nur wollen.
Zum glück will man nicht.
9. 7. 2009
Die Gämsenstrasse ist die erste Zürcher Strasse, deren Namen der neuen Rechtschreibung angepasst wurde. […] Die Glattalstrasse ist noch nicht Duden-konform. Sie wird auch erst zur Glatttalstrasse, wenn eines der Strassenschilder beschädigt ist und ausgewechselt werden muss. […] Nicht immer folgt der Strassenname aber dem Duden. Badenerstrasse, Winterthurerstrasse […] sind Beispiele von Errungenschaften, wo sich der Strassenname gegenüber dem Duden durchgesetzt hat.
Strassennamen gibt es allerdings nicht nur auf schildern. Und diese waren noch nie einheitlich, bei langen strassen wie der Badenerstrasse und der Winterthurerstrasse schon gar nicht. Es gibt auch (noch?) schilder mit «Badener Strasse» und «Winterthurer Strasse».
7. 7. 2009
Der grundlegende Systemfehler liegt darin, dass der Staat befiehlt, was richtig und was falsch ist. Da gibt es für Jung und Alt nur eines: zivilen sprachlichen Ungehorsam!
Bravo, herr FDP-kantonsrat! Und hier finden Sie, was richtig ist.
Im Jahr 1999, mit dem ein Jahrtausend zu Ende ging, führte Porsche lange vor der offiziellen und hochgradig umstrittenen eine gänzlich unangefochtene hausinterne Rechtschreibreform durch: Die anno 1973 erstmals mit den Lettern RS, später auch RSR geadelten Sportmodelle der legendären Elfer-Baureihe firmieren seitdem unter dem Buchstaben-Ziffern-Kürzel GT3.
3. 7. 2009
«Da werden Sie geholfen», ist ihr persönlicher Beitrag zur Rechtschreibereform.
Man wollte das Schreiben vereinfachen, aber gerade das Gegenteil ist der Fall. Die Bevölkerung findet teilweise keine Logik und weiss nicht mehr, was gilt und was nicht. Da sind Stolpersteine wie etwa: die Erfolgversprechenden Massnahmen, aber die gewinnbringenden Investitionen. Eine aufwändige Arbeit (kommt von Aufwand), neu ein aufwendiger Lebensstil. Eine epochemachende Erfindung, aber eine Zeit lang arbeiten. Selbständig oder selbstständig. Känguruh oder Känguru. Delphin oder Delfin. […] Das Werk, das der «Rat für deutsche Rechtschreibung» ausgearbeitet hat, wurde von der Sprachgemeinschaft nie ganz akzeptiert, jedoch von der Politik zum Gesetz gemacht.
Wurde denn die alte rechtschreibung von der sprachgemeinschaft ganz akzeptiert? (schreibkompetenz)
1. 7. 2009
Am 1. August wird nach einer dreijährigen Übergangszeit die neue deutsche Rechtschreibung verbindlich! Aber zum Glück nur an den Schulen und bei den Behörden. Da haben wir von der Presse es doch viel bequemer. Wir halten uns einfach an die Empfehlungen der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK), eines Vereins, der an vorderster Front hartnäckig gegen die Fehlleistungen der deutschen Rechtschreibreform ankämpft. […] im September werden Sie wieder von uns lesen können, mit einem kunterbunten Mix aus neuer und alter Rechtsschreibung.
Die neue Rechtschreibung betrifft höchstens zwei Prozent unseres Wortschatzes. Somit wird diese Reform auch nur einen marginalen Einfluss auf die Notengebung in den Aufsätzen haben.
Haben die Kritiker vergessen, dass es früher mindestens so schwierig war, st nicht zu trennen und Schiff(f)ahrt mit zwei f, Massstab hingegen mit drei s zu schreiben? […] Trauen wir unsern Kindern doch etwas zu und verunsichern sie nicht mit Ängsten vor Veränderung und Weiterentwicklung.