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Kapitel 37: Virale Neuigkeiten
»Ich darf mit meiner Magie keinem Wesen der Anderswelt Schaden zufügen«, sagte Glenna.
›Du darfst sie generell nicht gegen ein Wesen der Anderswelt einsetzen‹, erinnerte sie Jamie.
Glenna runzelte die Stirn, während sie rastlos auf und ab ging. Ihr lief die Zeit davon. Der Cusith war hergekommen, weil er Janet auflauern wollte, aber sie war noch auf ihrem Spaziergang mit dem Rest der Familie. Das bedeutete doch immerhin, dass er sie nicht automatisch wittern konnte.
Es war aber nur eine Frage der Zeit, bis er sie finden würde.
»Die Frage ist doch, was das bedeutet, oder?«, fragte sie in den Raum hinein.
›Was was bedeutet?‹
»Dass ich meine Magie nicht gegen sich einsetzen darf.«
›Ich bin mir nicht sicher‹, gestand Jamie. ›Worauf willst du hinaus?‹
Glenna holte ihr Mobiltelefon hervor und blickte auf das Display. Sie könnte Janet anrufen und sie bitten zurückzukommen, aber das würde nichts nützen. Das Einzige, was den Cusith von einem Angriff abhielt, wäre eine größere Menschenmenge. Er konnte sie nicht entführen, wenn zu viele Leute da waren, ansonsten hätte er es während des Fests bereits getan.
Ob sie zu dritt draußen im Dunkeln spazierten oder zu viert hier waren, würde wohl keine Rolle spielen.
Trotzdem konnte sie sie warnen. Wovor auch immer.
Sie entsperrte das Display und wollte bereits das Kontaktbuch aufrufen, als das blaue Twitter-Icon in ihr Auge stach.
Eine absurde Idee blitzte in ihrem Verstand auf.
Sie öffnete die Applikation und begann eine Nachricht zu tippen.
›Was tust du?‹, fragte Jamie, aber Glenna tippte konzentriert weiter, bis sie mit der Nachricht zufrieden war und sie abschickte.
»Uns etwas Zeit verschaffen«, sagte sie und steckte das Telefon wieder ein.
Sie würde sich soeben vielleicht keine Freunde gemacht haben, aber das spielte keine Rolle.
Sie streifte sich ihren Mantel über und trat auf die Straße.
›Und vielleicht etwas deutlicher?‹
»Später«, sagte sie und wollte bereits los eilen, als sie Janets Fahrrad an der Fassade lehnen sah.
Sie wägte einen Moment lang ab. Es war Ewigkeiten her, seit sie Fahrrad gefahren war.
Die Worte des Púcas kamen ihr in den Sinn und sie lächelte grimmig.
Sie hatte etwas Mühe mit dem Aufsteigen, radelte aber schon bald auf dem Trampelpfad Richtung Festgelände durch die Nacht.
Ihr war klar, dass ihr Ablenkungsmanöver nur für einen kleinen Aufschub sorgte, aber vielleicht würde es genügen, den Cusith eine weitere Nacht lang hinzuhalten. Und vielleicht würde das auch genügen, dass er unverrichteter Dinge in die Anderswelt zurückkehren musste.
Irgendwie zweifelte Glenna daran. So richtig hatte sie nie herausgefunden, warum gewisse Wesen sich dauerhaft in ihrer Welt aufhalten konnten oder wollten und andere nicht.
Während sie dahin fuhr, hielt sie Augen und Ohren offen. Sie vernahm nichts außer den üblichen Geräuschen der Nacht und die kleine Lampe, die vom Fahrraddynamo angetrieben wurde, erleuchtete nur hie und da gerade die Stelle, an der sie entlangfuhr.
Weder den Cusith noch die drei Spaziergänger konnte sie ausmachen.
Dann aber hörte sie plötzlich ungewöhnliche Geräusche. Sie konnte sie nicht einordnen, doch es klang wie Metall, das aufeinander schlug. Vermutlich war es der Wind, der irgendwelche lose Zeltschnüre mit Ösen gegeneinanderprallen ließ.
Sie erreichte das Festgelände und ließ das Fahrrad liegen. In all den gespannten Zeltschnüren hätte sie zu Fuß schon genug Mühe voranzukommen.
Sie erreichte das Speisezelt und trat ein, als sie die ersten Stimmen vernahm.
»Hallo?«, drang es etwas skeptisch von außerhalb.
Das war schneller gegangen als erwartet.
»Moment!«, rief sie zur Antwort und trat hinter die Bar.
Die Kühlschränke waren ausgeschaltete, aber Glenna hoffte, die Nacht war frisch genug, dass das keine große Rolle spielte.
»Ich Idiot«, herrschte sie sich an, als sie den ersten Kühlschrank öffnete.
Natürlich spielte es keine Rolle, ob da Bier warm war. Sie wollte die Leute ja nicht wirklich verköstigen. Das war rein die Gastgeberin, die aus ihr sprach.
Der Kühlschrank war vollgefüllt mit Bier und anderen Getränken und sie waren zwar nicht kalt, aber doch immerhin frisch.
Glenna schloss den Kühlschrank wieder und eilte durch das Zelt.
Als sie die Zelttücher teilte und nach draußen trat, stand eine kleine Armee vor ihr. Vor Schreck machte sie einen Schritt zurück und fasste sich ans Herz.
»Oh«, sagte der Krieger vor ihr und trat mit ausgestreckter Hand auf sie zu. »Verzeihung. Wir wollten Sie nicht erschrecken.«
Glenna blinzelte, doch das gute Duzend Männer und Frauen in Kettenhemden und Plattenrüstungen verschwanden nicht. Da erinnerte sie sich daran, die Gruppe schon einmal gesehen zu haben, und zwar während der Ritterspiele auf dem Markt.
»Oh«, sagte nun Glenna. »Nicht doch. Ich war nur nicht auf den Anblick vorbereitet.«
Der vorderste junge Herr wirkte etwas peinlich berührt.
»Wir haben um ehrlich zu sein gerade noch in der Nähe trainiert, weil unser Bus erst morgen zurück nach Dublin fährt. Darum waren wir so schnell hier.«
»Die Aktion über Twitter ist ganz schön spontan«, sagte eine Frau in einem Kettenhemd neben ihm. »Aber ziemlich cool von der Organisation.«
Glenna lächelte freundlich und nickte. »Ja, das ist es durchaus.«
»Sagen Sie vielen Dank von uns«, sagte ein weiterer und grinste breit. »Also, wo ist denn jetzt das Bier, das noch leergetrunken werden muss?«
Janet würde sie umbringen, dessen war sich Glenna bewusst. Entweder sie oder die Herren und Damen Ritter vor ihr.
Sie trat zur Seite und wies in das Zelt. »Bitte, da hinten bei der Bar. Sie dürfen die Schränke ruhig nach draußen rollen und es sich hier bequem machen.«
»Klasse!«, sagte der Bärtige und trat an ihr vorbei in das Zelt.
Die anderen folgten auf dem Fuß.
Glenna hingegen bewegte sich etwas weg und kramte dann wieder nach ihrem Mobiltelefon.
›Was in aller Welt tust du da?‹
Als sie da Display entsperrte, stach ihr sofort das rote Icon neben dem Twitter-Logo in die Augen, das eine kleine 53 anzeigte.
»Oh«, machte sie. »Vielleicht bin ich gerade viral gegangen.«
›Entschuldigung?‹
»Unwichtig.« Sie öffnete das Telefonbuch und wähle Janets Nummer.
Es dauerte einen Moment, dann nahm sie tatsächlich ab.
»Glenna? Ist alles in Ordnung?«
»Ah«, sagte diese. »Ich bin nicht ganz sicher. Ich glaube, mir ist etwas fürchterlich Dummes passiert, Liebes.«
»Was denn?«, fragte Janet und Glenna konnte die Unsicherheit in der Stimme hören.
»Ich glaube, jemand hat mein Twitter gehackt.« Solche Dinge passierten, das wusste sie auch ohne Aidans Nachhilfe. »Und jetzt hat jemand getwittert, dass es Freibier gäbe im Speisezelt auf dem verlassenen Festgelände. Ich weiß wirklich nicht, wie das passieren konnte, aber ich habe Angst, dass jemand das lesen könnte und es wirklich glaubt und sie dann …«
»Glenna, stopp!«, unterbrach Janet ihre Redeflut. »Das ist gar nicht gut. Kannst du das irgendwie löschen?«
»Ich kann es versuchen, aber ich weiß nicht, ob ich mich noch anmelden kann.«
»Versuch es, Glenna, ja? Ich bin in der Nähe des Geländes und geh gleich mal hin und schau mir das an.«
»In Ordnung, bitte schau …« Aber Janet hatte bereits aufgelegt.
Ein großer Knoten von schlechtem Gewissen formte sich in Glennas Bauch, aber was sein musste, musste sein.
Das war schon mal etwas. Sobald Janet hier war, wäre sie für den Moment sicher vor dem Cusith. Nun musste sie nur noch herausfinden, wie sie die Töle zurück in die Anderswelt jagen konnte.
Vorschau auf das Kapitel „Kaltes Eisen“ von nächster Woche: