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MHHerrn Dr Alfred Escher dahier.
Zürich, den 10. October 1863.
Hochgeachteter Herr!
Von ganz verschiedenen Seiten ist mir mitgetheilt worden, daß in ein-flußreichen Kreisen die Absicht obwalte, in der nächsten Sitzung des Großen Rathes die Wahl zu einem Mitgliede des schweizerischen Ständerathes auf mich zu lenken. Ich weiß nicht, inwieweit diese Mittheilungen begründet sind, und vermag auch nicht zu beurtheilen, ob ein solcher Wahlvorschlag bei der Mehrheit des Großen Rathes auf Anklang rechnen könnte; ich vermuthe aber, es beziehe sich Ihre Eröffnung, daß Sie vor der nächsten Großrathssitzung mit mir eine mündliche Besprechung wünschen, auf die gleiche Wahlfrage. Daher halte ich es für meine Pflicht, Ihnen ohne längern Verzug meine Ansichten hierüber offen mitzutheilen, um Ihnen vielleicht Unannehmlichkeiten und mir Mißdeutungen zu ersparen.
Natürlich würde es mich in hohem Maße freuen, wenn ich für eine so wich-tige Wahl wirklich in Frage stehen sollte. Zwar bin ich mir wohl bewußt, daß ich ein derartiges Zutrauen durch wirkliche Leistungen auf dem Gebiete der kantonalen Verwaltung noch nicht gerechtfertigt habe; immerhin werde ich mich dadurch ermuntert fühlen, mich auch in kantonalen Angelegenheiten nach bester Überzeugung und nach Maßgabe meiner Kräfte weiterhin zu bethätigen. Ebenso weiß ich die freundschaftliche Gesinnung, welche Sie bei diesem Anlasse neuerdings zu bethätigen geneigt scheinen, wohl zu würdigen.
Leider nöthigen mich indessen zwei Verhältnisse gebieterisch, eine Wahlcan-didatur der erwähnten Art abzulehnen, falls eine solche wirklich beabsichtigt ist: | meine gegenwärtige Beamtung in hiesiger Stadt und die Rücksicht auf das Wohl meiner Familie.
Was meine gegenwärtige Beamtung betrifft, so darf ich kaum annehmen, daß die städtischen Behörden mir ihre Zustimmung zu regelmäßig wiederkehrenden, Monate andauernden Abwesenheiten vonZürich geben würden; falls aber diese Zustimmung auch erhältlich wäre, müßte ich mich in Bern um die städtischen Verhältnisse jeweilen in einem Maße bekümmern, daß umgekehrt Störungen meiner dortigen Wirksamkeit zu besorgen wären. Hiezu kommen ökonomische Rücksichten, die ich im Hinblick auf meine Vermögensverhältniße und auf die Zu-kunft meiner Familie ohne zwingende Gründe nicht außer Augen lassen darf. Zur Zeit ist es mir möglich, durch angestrengte Arbeit mein Einkommen als Stadtschreiber durch gewisse Nebeneinnahmen zu vermehren, welche es mir ermöglichen, in meiner Ökonomie auf ehrenhafte Weise alljährlich etwas vorwärts zu kommen; diese Einnahmen müßte ich bei einer Wahl in die Bundesversammlung größtentheils aufgeben und da-durch schon jetzt bei aller Arbeit auf eine allmählige Verbesserung meiner Ökonomie verzichten.
Gewiß entgeht Ihnen das Gewicht und die Berechtigung dieser
Ablehnungsgründe nicht. Niemand
[...?] kann mehr
bedauern als ich selbst dadurch von einem weitern Felde der Thätigkeit
zurückgehalten zu werden. Um so eher hoffe ich, daß Sie meine Ablehnung
billigen und die Aufmerk-samkeit der Wähler auf Persönlichkeiten lenken
werden, bei welchen ähnliche Hindernisse nicht obwalten. Ich zweifle nicht
daran, daß geeigne-tere Candidaten, als ich wäre, wohl aufgefunden werden
können, und daß daher meine Ablehnung nur von mir selbst zu bedauern sein
wird. |
Indem ich Sie ersuche, obige Eröffnungen als vertrauliche be-trachten zu wollen, und Ihnen bei diesem Anlasse den freundlichen An-theil, welchen Sie stetsfort an mir nehmen, verdanke, schließe ich mit der Versicherung wahrer Hochachtung und freundschaftlicher Ergebenheit.
Dr E. Escher