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In der Philosophie, aber auch in anderen Geistes- und Sozialwissenschaften besteht eine lange Tradition des Nachdenkens über die Frage: "Was ist der Mensch?" Der Aufklärungsphilosoph Immanuel Kant vertrat die Auffassung, dass die drei Grundfragen der Philosophie – "Was kann ich wissen?", "Was soll ich tun?" und "Was darf ich hoffen?" – in die anthropologische Fragestellung münden und in dieser ihre Mitte und ihren Höhepunkt finden. Besonders im 20. Jahrhundert widmeten sich viele Denker verstärkt der Philosophischen Anthropologie und legten Abhandlungen dazu vor – von Ernst Cassirer über Max Scheler bis hin zu Arnold Gehlen und Helmuth Plessner. Der Begriff der Kultur spielte in der Auseinandersetzung mit der Anthropologie eine große Rolle. In der Postmoderne traten dann fächerübergreifende Diskurse und Dispute über die Soziologie der Diversität hinzu, die auf der politischen Schaubühne ebenso Beachtung finden wie in Parteiprogrammen, Bildungseinrichtungen und Religionsgemeinschaften. Der Philosoph Michael Zichy weist in seiner kurzen Darstellung nun auf die gesellschaftlich bestimmende Kraft gängiger Menschenbilder hin und spricht über die Schulung der Wahrnehmung, die hiermit bewusst oder unbewusst verbunden ist.
Der Begriff "Menschenbild" sei von "Missverständnissen" begleitet, verdanke seine "Überzeugungskraft" aber der "intuitiven Plausibilität". Zichy spricht insbesondere von der Nachkriegszeit und der Suche nach einer neuen geistigen Orientierung. Doch der Begriff bleibt zwiespältig und belastet: "Im besten Fall dient er heute als Schmuck für leicht verstaubte Sonntagsreden, die einen Eindruck von Tiefsinn erzeugen wollen. Im schlimmsten Fall dient er als dogmatische Keule, die – mit Emphase eingesetzt – doch nur den Mangel an Argumenten kaschieren soll." Zutreffend beobachtet ist, dass der Begriff moralisch verwendet wird, ungeachtet oder vielleicht sogar aufgrund der ihn begleitenden inhaltlichen Unschärfe. Zichy möchte das Verständnis über Menschenbilder neu untersuchen und den Begriff positiv aufnehmen: "Menschenbilder bilden das Fundament jeder Gesellschaft – ihrer Ordnungen, ihrer Moral, ihres Rechtssystems, ihrer Pädagogik, kurz: Menschenbilder bilden das Zentrum der Kultur." Das ist wuchtig und allgemein formuliert. Der Autor scheint einen summarischen Begriff von Kultur vorauszusetzen. Oft nutzt er das Christentum oder die christlichen Kirchen als Beispiele. Gewiss wird auch heute noch von einem christlichen Menschenbild gesprochen. Doch besteht aus religionswissenschaftlicher oder auch aus religionssoziologischer Sicht eine Einheit unter den Christen hinsichtlich ihres Menschenbilds? Zeigen sich nicht unüberbrückbare Differenzen bei Streitpunkten wie Abtreibung und Suizidbeihilfe? Es gibt Menschen, die sich Christen nennen und beides unter gewissen Umständen für zulässig halten, und es gibt Menschen, die sich Christen nennen und beides kategorisch ausschließen. Berufen würden sich alle Beteiligten wahrscheinlich auf das christliche Menschenbild. Also scheint es nicht ein einziges christliches Menschenbild zu geben. Auch Michael Zichy verweist auf Nuancen und Schattierungen. Doch er bekräftigt zugleich: "Allerdings lassen sich Menschenbilder trotz solcher Binnendifferenzen doch zu größeren Einheiten zusammenfassen, in denen die Mitglieder ihrer Gruppen ihre Überzeugungen noch wiedererkennen können." Trotz aller "Binnendifferenzen" hält der Philosoph den Begriff Menschenbild für geeignet, um diesen heute zu nutzen – und spricht fortan vom christlichen, marxistischen und konservativen Menschenbild. Jedes dieser Menschenbilder werde "aus der Summe der kollektiv geteilten, sich überlappenden Annahmen über den Menschen gebildet". Menschenbilder stellten "höhergeordnete Typisierungen" dar, die mit "erkenntnisleitender bzw. epistemischer und moralischer Autorität" ausgestattet seien und bestimmte Funktionen erfüllten, etwa zur Identifikation "von etwas als Mensch". Menschenbilder seien "Bündel von Überzeugungen". Pointiert formuliert der Autor, dass kulturelle Systeme in diesen ihren "Kristallisationspunkt" hätten. Das Menschenbild sei das "zentrale Element eines kulturellen Systems": "Menschenbilder sind mithin tatsächlich so etwas wie der Angelpunkt jeder lebensweltlichen Wirklichkeitskonstruktion; sie sind das Zentrum der Kultur." Das Menschenbild "formt den Menschen nach seinem Bilde". Michael Zichy schreibt: "Die Selbstverständlichkeit, mit der wir an unser gemeinsames gesellschaftliches Menschenbild glauben, sollte uns nicht übersehen lassen, dass es Völker auf dieser Welt gab und immer noch gibt und weiterhin geben wird, die völlig andere Menschenbilder haben." Besteht aber überhaupt ein "gemeinsames gesellschaftliches Menschenbild" – ob in Deutschland, in der Schweiz und Österreich oder anderswo? Können wir heute, ja konnten wir überhaupt je von Völkern in diesem umgreifenden Sinne sprechen, in dem Michael Zichy das tut? Es genügt, sich dazu die sehr heterogene Geschichte Deutschlands zu vergegenwärtigen, von Migrationsbewegungen ganz zu schweigen. Dass etwa in manchen Kreisen von einer deutschen Kultur gesprochen wird – oder gar einer Leitkultur –, impliziert mitnichten, dass diese mehr ist als eine unklare Denkfigur oder ein politischer Kampfbegriff. Gelingt es der "lebensweltlichen Wirklichkeitskonstruktion" also, Menschen pädagogisch zu formen und zu bilden? Prägen Menschenbilder die Wahrnehmung von unseren Mitmenschen so sehr?
Etwas Wesentliches lässt Michael Zichy außen vor: Noch immer gibt es unter Menschen Armut und Reichtum, und noch immer sind das eine sowie das andere Formen einer prägenden objektiven Wirklichkeit, mitnichten subjektive oder "lebensweltliche Wirklichkeitskonstruktionen". Ohne die Berücksichtigung der ökonomischen Bedingungen, auf denen Gesellschaften beruhen – in lokaler, nationaler und globaler Perspektive –, lassen sich Menschenbilder nicht verstehen, da auch sie auf dieser Grundlage gebildet werden. Michael Zichy schreibt, dass Menschenbilder "enorm machtvoll" seien, "nicht zuletzt deshalb, weil sie auf die Art und Weise, wie wir Menschen sind, massiv Einfluss nehmen" und das "zentrale Element der Kultur einer Gesellschaft" bilden würden. Viele Philosophen interpretieren die Welt, in der sie selbst und in der wir leben, und arbeiten dabei mit gedankenvollen Konstruktionen. Auch Michael Zichy wirbt für "transparente Menschenbilder", "gegenseitiges Verständnis", "Toleranz" und den "Pluralismus der Kulturen". Solches verdient vielleicht breite Zustimmung, aber genügt das? Wenn es darauf ankommt, die Welt zu verändern, dann bleiben die kritische Reflexion und die konsequente Analyse der ökonomischen Bedingungen der Gesellschaft unverzichtbar, um zu erkennen, warum viele Menschenbilder im Umlauf sind und warum es noch Armut und Reichtum gibt, hier und überall auf der Welt.