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Am 18. März 2024 hat sich der 100. Geburtstag der Berner Schriftstellerin Gertrud Wilker gejährt, die heute eine nahezu Unbekannte innerhalb der Schweizer Literatur ist.
Von Margit Gigerl
Als Gertrud Wilker im Spätherbst 1977 gemeinsam mit ihrer Mutter die Wohnung ihrer verstorbenen Tante Emma Kupli auflöst, stösst sie auf eine unerwartete Hinterlassenschaft. Insgesamt acht Tagebücher aus den Jahren 1922 bis 1975, Schulhefte mit Kommentaren zu gelesenen Büchern, Reisetagebücher, zahlreiche Fotos und Briefe dokumentieren das Leben der zeitlebens alleinstehenden Tante. Emma Kupli blieb aus finanziellen Gründen eine höhere Bildung verwehrt und lediglich die ungeliebte Rolle als Arbeitsschullehrerin. Diese Belegmaterialien, die Teil des Nachlasses von Gertrud Wilker im Schweizerischen Literaturarchiv geworden sind, bilden die Grundlage für eine Befragung von Emmys Leben in Wilkers Roman «Nachleben». Sie ermöglichen zugleich einen seltenen Einblick in die Erzählwerkstatt der Autorin, die ihre schreibende Annäherung an das «kleine Leben» der Tante kritisch und zunehmend skrupulös hinterfragt.
Gertrud Wilker hat ihren Blick schon früh in der Beobachtung sozialer und politischer Verhältnisse geschärft und insbesondere weibliche Rollenmodelle hinterfragt. Aus eher bescheidenen Verhältnissen stammend, erkämpft sie sich in den 1940er-Jahren ihr Studium der Germanistik, Psychologie und Kunstgeschichte an der Universität Bern und promoviert 1950 beim Berner Ordinarius Fritz Strich mit einer Untersuchung zu «Gehalt und Form im deutschen Sonett von Goethe bis Rilke». Spätestens zu dieser Zeit beginnt sie zu schreiben, 1959 betritt sie mit den beiden Erzählungen «Der Drachen» und «Ein Gespräch» die literarische Bühne der Schweiz.
Ihre unverwechselbare literarische Stimme entwickelt Gertrud Wilker relativ autonom, zuallererst wohl als Lyrikerin, wie die beiden Gedichtbände «Feststellungen für später» und «Leute, ich lebe» eindrücklich bezeugen. Ihr erster Roman, «Elegie auf die Zukunft», erscheint 1966, fünf Jahre später folgt «Altläger bei kleinem Feuer». Doch die Schweiz der 1960er- und frühen 70er-Jahre ist für Autorinnen ein besonders harter «Holzboden», um Gottfried Kellers Diktum zu bemühen. Schreibende Frauen sind rar: Da ist die zurückgezogen im aargauischen Landhaus Kapf lebende Erika Burkart, deren erste Lyrikbände zu dieser Zeit erscheinen, oder Silja Walter, die in der Abgeschiedenheit des Benediktinerinnenklosters Fahr schreibt. Andere wie Cécile Ines Loos und Regina Ullmann sind verstummt oder vergessen.
Erst in den 1970er-Jahren nach Einführung des allgemeinen Frauenstimm- und -wahlrechts, die mit dem Aufbruch der 68er-Generation und der neuen Frauenbewegung zusammenfällt, können Schweizer Autorinnen nicht länger ignoriert werden. Eveline Hasler, Gertrud Leutenegger, Erica Pedretti, Laure Wyss – sie alle treten in die literarische wie politische Öffentlichkeit. In diesem Kontext erfährt auch Wilker zunehmend Resonanz, obschon sie sich selbst stets jeglicher programmatischen Einordnung und feministischen Zuschreibungen widersetzt hat. Das 1978 von Wilker herausgegebene «Kursbuch für Mädchen», eine Anthologie literarischer Texte von Frauen, und die ein Jahr später erscheinenden Prosaminiaturen «Blick auf meinesgleichen. 28 Frauengeschichten» werden als exemplarische Frauenliteratur rezipiert.
In ihrem letzten, 1980 publizierten Roman «Nachleben» kündigt sich jedoch schon ihre Krebserkrankung an. Ihr früher Tod 1984 lässt vieles unveröffentlicht und das Werk von Gertrud Wilker schmal bleiben, ihrem eigenen Nachleben überlassen.
Die 1924 in Solothurn geborene Gertrud Wilker studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Psychologie in Bern und Zürich. In den späten 50er-Jahren begann sie Lyrik und Kurzprosa zu veröffentlichen. Bis zu ihrem frühen Tod 1984 publizierte sie 4 Romane, 5 Erzählsammlungen und 2 Gedichtbände.
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Sie erkämpfte sich das Studium und ihre literarische Stimme (PDF) (PDF, 508 kB, 18.03.2024)Der Bund, Montag, 18. März 2024
Letzte Änderung 26.02.2024