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Wohin geht die Landwirtschaft in den nächsten Jahren? Um die aktuellen Herausforderungen besser zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte. Ein Interview mit Peter Moser vom Archiv für Agrargeschichte.
Die Landwirtschaft in der Schweiz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Es fand insbesondere ein Konzentrationsprozess statt, der dazu geführt hat, dass in den letzten 40 Jahren rund die Hälfte der damals bestehenden Bauernbetriebe verschwunden ist. Dafür bewirtschaften heutige Landwirtinnen rund doppelt so viel Fläche pro Betrieb. Diese Entwicklung zeigt sich in vielfältiger Weise: Zum Beispiel bei der Anzahl Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, der Biodiversität oder dem Erscheinungsbild der Landschaft, wie die beiden Bilder auf den folgenden Seiten eindrücklich aufzeigen. Worauf ist dieser Strukturwandel zurückzuführen und wie lässt er sich historisch einordnen? Wie haben sich die Landwirtschaft und die Ansprüche an sie verändert? Wir werfen mit Peter Moser vom Archiv für Agrargeschichte einen Blick auf vergangene Entwicklungen der Landwirtschaft in der Schweiz.
Strukturwandel oder Hofsterben? Welcher Begriff bringt die Entwicklung der letzten Jahrzehnte besser auf den Punkt?
Keiner eignet sich wirklich, um die Veränderungen auf den Punkt zu bringen. Denn Höfe sterben nicht, sondern werden aus ganz unterschiedlichen Gründen aufgegeben, oder, seltener, neu aufgebaut. Und der Begriff Wandel suggeriert eine vielfältige Entwicklung, verdeckt also, dass die Entwicklung seit den 1950er Jahren einseitig in zwei Richtungen geht: Der Aufgabe und der Vergrösserung von Höfen.
Welcher Begriff wäre denn geeignet, die Entwicklung der Schweizer Landwirtschaft in den letzten fünfzig Jahren zu umschreiben? Und aus welchen Gründen?
Die Veränderungen sind so vielfältig, dass sie mit einem Begriff nicht adäquat erfasst werden können. Wer wissen möchte, weshalb so viele Betriebe aufgegeben werden, denkt am besten über die Bedingungen nach, unter denen Landwirtschaft betrieben wird – und erkundigt sich bei denjenigen, die Betriebe leiten, weshalb sie diese aufgeben oder vergrössern wollen.
Welche Schlüsselmomente waren für den Strukturwandel entscheidend?
Dazu würde ich die letzten 150 Jahre in vier Perioden unterteilen: Erstens in die Zeit von den 1870er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg, also die Jahre der ersten wirtschaftlichen Globalisierung, als überall in Europa die bäuerlichen Familienbetriebe auf Kosten der Lohnarbeiter beschäftigenden Grossbetriebe erstarkten, weil letztere mangels Rentabilität aufgegeben wurden. Zweitens in die Zeit zwischen den zwei Weltkriegen, als mit der Vergesellschaftung der Landwirtschaft auch die Zahl der Betriebe relativ stabil gehalten wurde. Drittens in die Periode der 1950 bis 1980er Jahre, als sowohl die Motorisierung als auch die Chemisierung viel dazu beitrugen, dass immer weniger Menschen viel grössere Flächen bewirtschaften konnten (und, von der staatlichen Preispolitik gesteuert, auch zum Wachstum gezwungen waren, wenn sie in der Landwirtschaft ökonomisch überleben wollten). Diese Tendenz ist auch in der vierten Periode, also der Zeit seit den 1990er Jahren, zu beobachten. Allerdings gibt es nun auch das Phänomen, dass wieder neue Betriebe entstehen oder beim Generationenwechsel nicht, wie in der Periode zuvor, aufgegeben werden. Das zeigt, dass auch die agrarpolitischen Reformen der letzten Jahrzehnte Resultate hervorbringen, die man positiv betrachtet als vielfältig, negativ gesehen als widersprüchlich interpretieren kann.
Welches sind die massgeblichen Kräfte hinter dem Strukturwandel? Wurden diese Veränderungen agrarpolitisch gefördert oder war die Agrarpolitik eher am Reagieren? Wie haben sich Verbände und weitere Akteure bisher dazu gestellt?
Meistens reagiert die Politik auf Veränderungen und versucht, diese entweder zu beschleunigen oder zu verlangsamen. Entgegen der historischen Entwicklung werden grössere Betriebe von den Entscheidungsträgern in den Industriegesellschaften einseitig als «moderner» und «effizienter» eingestuft als Klein- und Mittelbetriebe. Die Positionen innerhalb der Landwirtschaft sind vielfältiger. Betriebsleitende müssen und wollen in der Regel, dass ihr Betrieb wächst. Der Bauernverband hat sich seit seiner Gründung immer für eine pragmatische Ausgestaltung des Wachstumsparadigmas ausgesprochen. Gegen diese Haltung gibt es innerhalb der Landwirtschaft seit den 1950er Jahren Opposition. Zuerst von den Bäuerlichen Komitees und Uniterre, seit den 1980er Jahren auch von der VKMB.
Die Landwirtschaft in der Schweiz hat sich in den letzten 50 Jahren grundlegend verändert. Was waren die prägendsten Veränderungen hinsichtlich ihrer Funktion und der Ansprüche, die an sie gestellt werden?
Bis in die 1980er Jahre sollte die Landwirtschaft vor allem günstig produzieren, seit den 1990er Jahren ökologisch und weltmarkttauglich.
Wo zeigen sich die Auswirkungen am deutlichsten?
Daran, dass man seit den 1990er Jahren anstrebt, Leistungen im Bereich der Ökologie mit Direktzahlungen abzugelten. Mit dem Versuch, die Produktion über Marktmechanismen zu steuern und die Umwelt mit Vorschriften und Anreizen zu schützen, geht aber auch die illusorische Vorstellung einher, dass Ökologie und Nahrungsmittelproduktion getrennt werden könnten.
Wie hat sich das Bild der Landwirtschaft in der Gesellschaft in dieser Zeit verändert?
Es gibt nicht ein Bild oder eine Erwartung. Charakteristisch ist vielmehr, dass es unzählige Vorstellungen von und Erwartungen an die Landwirtschaft gibt. Diese schliessen sich zwar nicht immer, aber vielfach gegenseitig aus – was bekanntlich viel dazu beiträgt, dass trotz dem rasanten Wandel auf den Betrieben in den agrarpolitischen Diskussionen endlos ein angeblicher Stillstand beklagt wird.
Man spricht auch heute wieder von einem Reformstau und davon, dass die Situation blockiert sei. Inwiefern lässt sich die heutige Situation mit früheren Schlüsselmomenten vergleichen?
Der Begriff «Reformstau» ist völlig ungeeignet, um die Situation adäquat zu beschreiben. Einen angeblichen «Reformstau» beklagen alle, die ihre (partikulären) Ziele nicht erreichen, also Wachstumskritiker wie Wachstumseuphoriker. Es handelt sich, wie die Forderung nach einer «extensiven» oder einer «intensiven» Landwirtschaft, um ein leeres Schlagwort.
Die heutigen Herausforderungen sind mit der Biodiversitätsund Klimakrise jedoch sehr gross. Gibt es historisch gesehen ähnliche Situationen und wie wurde damit umgegangen?
In demokratischen Gesellschaften gibt es keine Vorschläge, mit denen alle einverstanden sind. Als es in der zweiten Hälft des 19. Jahrhunderts dank den Dampfschiffen möglich wurde, Nahrungsmittel zuverlässig über lange Wege zu transportieren, setzte man auch in der Schweiz auf eine weltweite Arbeitsteilung (Milch in Europa, Getreide in Übersee). Als dieses System im Ersten Weltkrieg scheiterte, organisierte die Industriegesellschaft die Landwirtschaft im Sinne eines Service Public: Die bäuerliche Bevölkerung hatte nun das zu produzieren, was die Leute hier brauchten – also auch wieder Getreide und Gemüse. Das Nachsehen hatten die Advokaten des Freihandels und diejenigen Bäuerinnen, die sich auf die Weltmärkte ausgerichtet hatten. Wer sich in den heute umstrittenen Fragen durchsetzen wird, weiss ich nicht. Geschichte ist ein offener Prozess, den man beklagen oder ausgestalten kann.
Welche Auswirkungen hatte der Strukturwandel auf die Arbeitsbedingungen in der Landwirtschaft und die Biodiversität?
Wie in der Industrie nahm mit dem Ersatz von tierischer und menschlicher Arbeit durch den Einsatz von fossilen Energieträgern und chemischen Hilfsmitteln auch in der Landwirtschaft die Biodiversität ab, die zuvor von der bäuerlich-biologischen Landwirtschaft erst geschaffen worden war – mit viel Handarbeit auch von Kindern, Frauen und Männern, die zusammen mit Tieren Agrikultur betrieben.
|Der Historiker Peter Moser ist Initiant und Leiter des Archiv für Agrargeschichte in Bern. Das Archiv für Agrargeschichte (AfA) ist ein unabhängiges, in der Archivierung, wissenschaftlichen Forschung sowie der Informations- und Wissensvermittlung zur Geschichtschreibung über die ländliche Gesellschaft tätiges Institut.|