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Wälder, Wälder, nichts als Wälder
Von Ellinor v. Kauffungen und Walter Gerig
Nach dem gemeinsamen Frühstück im Garten der Babuschkas gehts weiter durch die endlose Taiga mit ihren Birken-, Arven- und Kieferwäldern nach Tschita (Chita). Hier befindet sich ein Militärzentrum der russischen Armee, weshalb die Stadt bis Ende der 80er Jahre für Ausländer gesperrt war. Die Elite der russischen Helikopterpiloten werden hier weiter ausgebildet zu Kampfpiloten für Spezialmissionen. Deshalb war ständig (auch in der Nacht) Helikopterlärm zu vernehmen. Traurige Berühmtheit erlangte sie auch als Verbannungsort der sog. “Dekrabristen”, aufständische Adlige, welche sich – inspiriert von der französischen Revolution – anfangs des 19. Jhdt. gegen den Zar aufgelehnt hatten, hingerichtet oder zur Zwangsarbeit hierher verbannt worden waren. Letztere haben (wie ganz allgemein die Verbannten, die ja meist Intellektuelle und Gebildete waren) viel Einfluss auf Kultur und Bildung genommen haben. Dank der Goldgruben und dem Bau der Transsib verdreifachte sich die Einwohnerzahl, so dass Tschita einst sogar die Hauptstadt eines eigenständigen Pufferstaats zwischen Russland und Japan war.
Wir besichtigen eine neu erbaute Kirche und den grossen Leninplatz. Dank ihrer Nähe zu China ist die Stadt auch heute noch ein bedeutender Handelsplatz, in deren Zentrum es hübsche Häuser reicher Geschäftsleute gibt. Weil wir viel Zeit haben, schlendern wir umher, bevor wir weiterfahren nach Nercinsk: ein trostloses Kaff, das auch einmal bessere Zeiten erlebt hat: zuerst ein Fort, in dem der erste Grenzvertrag zwischen Russland und China abgeschlossen wurde, dann eine Stadt, wo Silber, Gold und Edelsteine gefördert wurden und wiederum Dekabristen in der Verbannung lebten. Michail Butin, ein reicher Grubenbesitzer, baute sich hier einen riesigen maurischen Palast, von dem aber nur noch ein Eckhaus vorhanden ist, in welchem sich das Heimatmuseum befindet, das wir besichtigen, bevor wir unser Quartier beziehen: Doppelzimmer gibt’s dort nur eins, die Männer übernachten in einem Massenlager, die übrigen müssen in eine Fabrikunterkunft ausweichen, wo auch erst ein Russe rausgeschmissen werden muss, damit wir alle ein Zimmer kriegen. Die Leute sind unfreundlich, das Essen im sog. Restaurant lausig und die Stimmung am Boden. Wie an den Tankstellen und den (meist lieblosen) Strassencafés müssen Essen und Getränke im voraus bezahlt werden: soviel zum Thema Vertrauen und Gastfreundlichkeit. Weshalb François am nächsten Morgen beschliesst, dass wir angesichts der auch künftig zu erwartenden teilweise fragwürdigen Unterkünfte und der ausgezeichneten Strassen Etappen zusammenlegen und heute direkt nach Skorovodino fahren. Der Entscheid war goldrichtig: es gibt nichts zu sehen unterwegs, nur 600 km Taiga auf einer (wegen der Absenkung durch den Permafrost) teilweise ziemlich bodenwelligen Strasse. Dafür erwartet uns In Skorovodino ein neueres Hotel an einem kleinen See, zwar mit shared bathroom, aber ausgezeichnetem Essen und freundlichen Menschen, das unser Weltbild wieder etwas zurechtrücken. Noch um 23h ist es hell und warm, unseren Schlummertrunk auf dem Vorplatz teilen wir mit ein paar feiernden Russen, denen Martin weismacht, dass man Malt Whisky mit Sauerstoff (von dem er noch eine Flasche aus Tibet mitführt) anreichern muss. Sie saufen Ex – aber auch da bringen wir ihnen bei, dass man dieses edle Getränk in kleinen Schlücken geniesst!
Am kommenden Morgen giesst es in Strömen und ist kalt, hellt aber bald wieder auf. Bis nach Svobodny sind es gut 500km – wiederum Wälder, Wälder und nichts als Wälder, dafür auf ausgezeichneter Strasse, die Geschwindigkeiten von über 100km/h zulässt. In Svobodny, einer hässlichen, typisch sowjetischen Stadt nahe der chinesischen Grenze, machen wir eine eigentliche Zeitreise. Hier wird der neue russische Weltraumbahnhof, oder Kosmodrom wie ihn die Russen nennen, gebaut. Der Alte, Baikanur, befindet sich in Kasachstan. Aus strategischen Gründen wollen die Russen diese Installationen wieder auf ihrem eigenen Territorium haben, wohl auch nicht zuletzt aus militärischen Gründen. Eine neue Eisenbahn ist jedenfalls gebaut. Das Hotel ist ein hässlicher Kasten, mit einer Dezurnaja wie anno dazumal, der Etagenfrau, die akribisch darüber wacht, wer kommt und geht. Die Suche nach einem Esslokal gestaltet sich schwierig: drei der vier örtlichen Restaurants sind nicht imstande, innert zwei Stunden für 18 Gäste etwas auf den Tisch zu bringen. Im vierten gibt’s dann doch passable chinesisch-russische Plättli, drei für 6 Personen. Dann legt der DJ los – neben ein paar hiesigen Frauen bevölkert auch unsere Truppe die Tanzfläche und rockt und rollt, dass es eine Freude ist und uns die russischen Gäste herzlich verabschieden.
Frühstück gibt es am Sonntagmorgen keins: 7h sei zu früh, und auch die Aussicht auf Sonderbezahlung vermag daran nichts zu ändern. So treten wir die Weiterfahrt halt unverpflegt an – die Taiga ist unser ständiger Begleiter. Fast 800km legen wir heute zurück, die Hälfte davon durch den autonomen jüdische Oblast (Region) der von Stalin nach dem 2. Weltkrieg den Juden zu Verfügung gestellt wurde. Von einem jüdischen Leben war allerdings nichts zu sehen. Keine Synagoge oder koscheres Restaurant. Einst war ein Drittel der etwa 170‘000 Einwohner jüdisch. Heute sind es noch ein paar Tausend. Angeblich soll es auch einen Rabi geben. Viele Bewohner sind nach dem Ende der Sowjetunion nach Israel oder Deutschland ausgewandert. In den letzten Jahren beobachtet man aber eine ständige Rückwanderung von Ehemaligen aus Israel, vor allem ältere Leute den das warme Klima und die Sprache in Israel nicht zusagt und die sich nicht in die israelische Gesellschaft integrieren konnten da sie zum Teil ihre jüdische Identität verloren hatten und sich mehr als Russen fühlen. Angeblich sollen es etwa 2000 pro Jahr sein.
Vor Chabarovsk (Khaborovsk) wird der Verkehr dichter, am Strassenrand bieten Dorfbewohner auf Schemeln in kleinen Behältern und Eimerchen an, was sie gesammelt oder im Garten gezogen haben: Beeren, Gemüse, Kartoffeln. Unsere Vorfreude auf ein Erstklasshotel erfährt allerdings einen argen Dämpfer, als wir gegen 21h in Chabarovsk über die imposante 3km lange Amurbrücke in die Stadt einfahren und kurze Zeit später den ziemlich verfallenen Plattenbau inmitten eines Einkaufszentrums sichten, der unser Hotel Aurora sein soll. Das Logis ist dann allerdings mit jeweils zwei Zimmern geräumig.
Dank Zeitverschiebung können die Fussballbegeisterten am Montagmorgen den Fussball-WM-Final Deutschland-Argentinien vom Bett aus verfolgen. Um 9h30 sollte der Bus für die Stadtrundfahrt da sein – “problems”, sagt Chingiss. Eine Stunde später ist er endlich da. 40 km dehnt sich die Stadt aus, am Fluss Amur gelegen, der die Grenze zu China bildet. Einst als Festung gegründet, “Geburtsort” der ersten Teilstrecke der Transsib, heute eine bedeutende Industrie- und Ausbildungsstadt mit über 600’000 Einwohnern. Die Stadt beherbergt vier Universitäten (die wohl bekannteste ist die Eisenbahnuniversität mit über 10’000 Studenten) sowie mehrere Akademien und andere Hochschulen. Wegen ihrer Topographie erinnert sie ein wenig an San Francisco da sie sich über drei Hügel und zwei Täler hinzieht. Entlang der Hauptstrasse haben sich hübsche Gebäude aus der Gründerzeit erhalten, wenn auch die Kirchen teilweise neu gebaut wurden. Vom Steilufer schweift der Blick auf den gewaltigen Fluss. Inzwischen hat es zu regnen begonnen, so dass wir ins Hotel zurückfahren, um endlich mal wieder ein paar Stunden in Ruhe mit Lesen, Schreiben und Dolce far niente zu verbringen.