Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03297.jsonl.gz/2268

Die Sprache ist ein Teil der individuellen Identität und kreiert Zugehörigkeit. In der offiziell viersprachigen Schweiz erzeugt dies zwar Unterschiede zwischen den Sprachgebieten, aber auch eine einzigartige Zuwendung zur Mehrsprachigkeit.
Die Sprache ist wichtig für die eigene Identität, weiss Claudine Brohy, Sprachwissenschaftlerin an der Universität Freiburg. «Man unterscheidet zwischen individueller und sozialer Identität.»
Die individuelle Identität sei wichtig für den Aufbau des Selbst eines Menschen, während die soziale Identität sich in einer Gruppe, zum Beispiel in der Familie, einer Altersgruppe oder einem Sportverein, entwickle. Neben Aspekten wie Herkunft oder die Zugehörigkeit zu einer Generation sei die Sprache also ein weiterer Faktor, der die Identität prägt. «Man kann sich aber gut mit mehr als nur einer Sprache identifizieren», sagt Brohy weiter. Sie ist selber zweisprachig aufgewachsen.
Die Schweizerinnen und Schweizer sind sehr mehrsprachig im europäischen Vergleich.
In einem Land mit vier Landessprachen und mit Deutsch als Sprache der Mehrheit, seien Unterschiede dennoch vorprogrammiert. «Bei Abstimmungen ist oftmals ein Röstigraben zu sehen», so Brohy. Die deutschsprachigen Kantone sind tendenziell für weniger Beteiligung des Staats und mehr Familiensolidarität, während die Westschweiz europafreundlicher ist und den Sozialstaat stärker fördern will.
Aber auch innerhalb einer Sprachregion gäbe es Unterschiede: «Basel stimmt oft mit der Westschweiz zusammen, und das Tessin wählt nicht immer wie die Westschweiz», so Brohy weiter. Läckerligraben und Polentagraben werden diese Phänomene in Anlehnung an den «Röstigraben» genannt.
Tiefe des Röstigrabens ist individuell
«Die Bundesverfassung, wie auch die Freiburger Kantonsverfassung, regeln das sprachliche Zusammenleben unter anderem mit dem Territorialprinzip», so die Sprachwissenschaftlerin. Dieses soll die Sprachgrenzen stabilisieren und die Homogenität der Sprachregionen gewährleisten. Das Prinzip erkläre auch, wieso es in einem einsprachigen Kanton sehr schwierig sei, eine anderssprachige Schule zu eröffnen. «Die meisten Kantone sind einsprachig, und der Föderalismus garantiert die Kultur- und Schulhoheit der Kantone, was für die Sprache wichtig ist». Tendenziell ziehen die Leute weniger in andere Sprachgebiete. «Heute hat man Autobahnen, gute Zugverbindungen und Homeoffice. Umziehen für eine neue Arbeitsstelle ist nicht immer nötig», so Brohy. Wie tief die Gräben empfunden werden, sei aber individuell unterschiedlich.
«Auch wenn nicht alle Bewohnerinnen und Bewohner selber mehrsprachig sind, so sind sie doch in unterschiedlichem Ausmass mit der Mehrsprachigkeit in Kontakt. Sei es mit dem Geld, der mehrsprachigen Bundesverwaltung, durch die Medien, Werbeplakate oder Gespräche im Zug. «Die Mehrsprachigkeit ist Teil der Schweizer Identität und schafft Zugehörigkeit», so Brohy.