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Wie läuft das NHL-Business? André Rufener, der mit Abstand einflussreichste NHL-Spieleragent mit Schweizer Pass, erzählt, wie Deals in der wichtigsten Liga der Welt gemacht werden, wie sich die Rolle der Schweizer verändert hat und warum Nico Hischier nicht zu seinen Kunden gehört.
Beginnen wir mit Luca Sbisa. Wie schwierig war es, ihn im Herbst 2018 wieder zum Salär-Millionär zu machen?
André Rufener: Es ist immer sehr schwierig, in einer Tryout- Situation einen guten Vertrag herauszuholen. Die Voraussetzung ist ein sehr gutes Camp. Aber der Spieler muss überhaupt erst im Camp eine faire Chance haben. Luca hat von Lou Lamoriello (GM der Islanders) und den Coaches alle Möglichkeiten bekommen, sich einen Vertrag zu erspielen, und er hat diese Chance gepackt. Bei den Islanders ist es sehr geschätzt worden, dass es Luca auf sich genommen hat, im Camp um einen Vertrag zu kämpfen.
Im Normalfall ist es in so einer Situation nicht mehr möglich, mehr als eine Million Salär herauszuholen.
Das ist so. Eigentlich ist eine Million Dollar in dieser Situation das höchste der Gefühle.
Warum klappte es trotzdem? Sie haben einen Einjahresvertrag für 1,5 Millionen Dollar herausgeholt.
Weil Luca im Camp und in den drei ersten Vorbereitungsspielen mit Leistung überzeugte und seine Leistung von Lou Lamoriello mit einer respektvollen Vertragsofferte honoriert worden ist.
Man kann auch sagen, dass er halt einen guten Agenten hat.
Ich danke für die Blumen. Aber das spielte hier eine untergeordnete Rolle. Lamoriello ist einfach ein Gentleman.
Aber jemand musste dafür sorgen, dass Luca Sbisa bei diesem Gentleman einen Vertrag bekommt.
Wenn Sie es nicht lassen können: Ja, bei der NHL-Spielergewerkschaft hat man den Vertrag mit grösster Genugtuung zur Kenntnis genommen.
Wie hat eigentlich Ihr NHL-Abenteuer begonnen? Mit Luca Sbisa?
Ja, das ist so. 2007 habe ich seinen Wechsel zu Lethbridge organisiert (ein Team auf höchster nordamerikanischer Juniorenstufe – die Red.).
Wie sind Sie auf ihn aufmerksam geworden?
Ich habe ihn bei den Elitejunioren in Zug gesehen und ihn mit den Eltern zu einem Gespräch eingeladen. Ich hatte von Roy Stasiuk, dem damaligen General Manager in Lethbridge, eine telefonische Anfrage bekommen. Er habe beim Juniorenturnier in Calgary Luca Sbisa gesehen und fragte mich, ob ich mir einen Wechsel dieses Spielers nach Lethbridge vorstellen könne. Ich sagte ihm, dass ich mir das vorstellen könne, das Problem sei bloss, dass Luca Sbisa bei Zug noch einen Vertrag habe. Also machten wir einen Deal: Roy sicherte sich im Juniorendraft die Rechte an Luca und ich sorgte dafür, dass er in Zug aus dem Vertrag herauskam.
War das ein Problem?
Ja, die Zuger hatten gar keine Freude. Ich glaube, sie haben letztlich der Vertragsauflösung nur zugestimmt, weil sie Luca nicht zutrauten, in Nordamerika Karriere zu machen, und davon ausgingen, dass er spätestens nach ein paar Monaten wieder nach Zug zurückkehrt.
Er ist in Nordamerika geblieben.
Er war mein erster wichtiger Kunde. Ich war schon damals der Meinung: Wenn ein Schweizer die Belastung mental aushält, dann ist eine Karriere in Nordamerika möglich. Talent haben unsere Jungs ja genug. Luca ist dann der Vorreiter der Generation geworden, die bereits im Juniorenalter nach Nordamerika wechselt.
Mit Luca Sbisa haben Sie auch Ihren ersten NHL-Vertrag gemacht. Worin unterscheidet sich der André Rufener von damals vom André Rufener von heute?
Ich bin immer noch gleich wie damals.
Wirklich?
Nun, ich bin reicher an Lebenserfahrung und das Eishockey hat sich seither verändert. Aber ich bin immer noch gleich wie damals.
Wie hat sich das NHL-Business seither verändert?
Neben dem Eis nicht viel, die Mechanismen sind in diesem Geschäft nach wie vor die gleichen. Aber das Spiel hat sich extrem verändert. Wir können schon fast von einer neuen Sportart reden. Das Tempo ist viel, viel höher. Früher waren Härte, Grösse und Gewicht entscheidend. Heute dominieren die Faktoren Schnelligkeit, Beweglichkeit und Talent. Das Tempo ist das A und O. Wer nicht schnell laufen kann, ist verloren.
Eine Entwicklung, die den Schweizern in die Karten spielt?
Ja, absolut.
Hat sich der Ruf der Schweizer in der NHL verändert?
Oh ja!
Woran merkt man das?
Ausdrücke wie «soft as swiss cheese» («weich wie Schweizer Käse») gibt es nicht mehr. Den Ruf, zu weich zu sein, haben unsere Jungs inzwischen wegradiert. Jeder auf seine Weise etwas dazu beigetragen. Vorreiter war Mark Streit, der für uns viele Türen aufgemacht hat. Das sind sich auch alle bewusst. Indem er durch alle Mühlen gegangen ist und sich nie hat entmutigen lassen, hat er dafür gesorgt, dass die Schweizer eine echte Chance bekommen haben. Vor Streit haben die NHL-Manager die Schweizer gar nicht beachtet.
Unterschieden sich die NHL-General-Manager stark von den Sportchefs in der Schweiz?
Ja, ein Vergleich ist fast nicht möglich. Natürlich hat der General Manager in der NHL das letzte Wort. Aber den Vertrag handeln seine Assistenten aus. Das sind Analytiker und Zahlen-Professoren, die einfach alles über einen Spieler wissen.
Also basieren alle Entscheidungen nur auf Statistiken?
Es ist sozusagen eine «Vergleichsschlacht»: Auf der einen Seite stehen die Klubvertreter, die alle statistischen Angaben zusammentragen, um den Preis zu drücken. Auf der anderen Seite ist es mein Job, alle Argumente zu bringen, um den Preis nach oben zu treiben.
Die Gegenseite ist da im Vorteil. Die beschäftigen sich ja den ganzen Tag hauptberuflich nur mit Hockey-Statistiken.
Nein, so ist es nicht. Wir haben bei der Agenten-Gewerkschaft auch unsere Analytiker, die mir die Argumente liefern. Diese Unterstützung ist phantastisch, ich kann da auf immenses Wissen und riesige Erfahrung zurückgreifen. Es liegt dann an mir, die richtige Strategie zu wählen. Bei der Vertragsverlängerung von Nino Niederreiter war diese Strategie ganz anders als im Fall von Sven Bärtschi.
Was war der Unterschied?
Bei Nino war es so, dass zum gleichen Zeitpunkt auch die Verträge von mehreren anderen Spielern seiner Kategorie ausgelaufen sind. Ich war damals sicher, dass jeder einen viel besseren neuen Vertrag bekommen und uns so ein starkes Argument für einen höher dotierten Vertrag liefern wird. Also warteten wir ab. Die Wild spekulierte hingegen auf fallende Löhne und wartete ebenfalls.
Also ein klassisches Pokerspiel.
Wenn Sie so wollen. Unsere Rechnung ist aufgegangen. Im letzten Moment, bevor wir beim Lohn-Schiedsgericht antraben mussten, haben wir uns in unserem Sinne geeinigt.
Was war die Strategie bei Sven Bärtschi?
Da gab es praktisch keine auslaufenden Verträge mit vergleichbaren Spielern. Also musste ich alles daransetzen, gute Argumente für einen besseren Vertrag zu finden.
War es schwierig?
Verhandlungen sind immer schwierig, wenn man nicht einen Superstar vertritt.
Die Grossen bekommen alles, die Kleinen müssen sehen, wo sie bleiben. Wie im richtigen Leben.
Das ist durchaus so.
Aber Ihr grösster Coup ist nach wie vor, dass Sie damals die New York Islanders dazu gebracht haben, Nino Niederreiter zu Minnesota Wild zu transferieren.
Wir waren die Ersten, die es gewagt haben, einen Trade zu verlangen. Das war damals eine Sensation, wenn nicht gar eine Ungeheuerlichkeit. Wir sind von allen Medien, von allen grossen NHL-Analysten und Kommentatoren durch den Fleischwolf gedreht worden. Inzwischen ist es üblich, dass Spieler nach einem Trade fragen. Sensation.
Wie schwierig war es?
Schwierig. Ich war ein unbekannter Agent aus der Schweiz und geriet in einen Gewittersturm.
Und warum hat der damalige General Manager schliesslich den Trade gemacht?
Weil er fand, es sei die beste Lösung.
Wie lange haben Sie für die Entscheidung, einen Trade zu verlangen, mit sich gerungen?
Schon ein paar Wochen. Es war ein wohl überlegter Schritt, keine Kurzschlusshandlung.
Wie lange dauerte es von der ersten Anfrage bis zum Trade?
Mehrere Monate.
Haben Sie in dieser Zeit schlecht geschlafen?
Nein, nein, ich schlafe immer gut. Wir waren auf diese Situation vorbereitet. Wir wussten, dass wir da durch müssen. Nino war bereit, seine Familie und ich auch.
War das ihr Durchbruch in der NHL-Agentenszene?
Auch wenn ich in den Medien Prügel gekriegt habe: Ich bin dadurch bekannt geworden. Gott sei Dank, hat Nino dann mit Leistung bewiesen, dass der Entscheid richtig war. Kürzlich hat mir einer aus dem Management der Islanders gesagt, dass es ein guter Entscheid war. Es sind keine negativen Gefühle zurückgeblieben.
Da hing Ihre Reputation an Ihrem Spieler. Hätte Nino Niederreiter nach dem Trade bei den Wild versagt, wären Sie wohl auch unten durch gewesen.
Ja, natürlich. Es ist ein Geben und Nehmen. Wie im richtigen Leben.
Ist der Betreuungsaufwand für die Spieler in der NHL grösser als in der Schweiz?
Viel grösser. Es ist alles intensiver. Sie bestreiten mehr Spiele. Bei uns gibt es manchmal vom Sonntag bis Freitag kein Spiel, in der gleichen Zeit sind es in der NHL drei Spiele verteilt auf einen ganzen Kontinent.
Aber die NHL ist doch sehr professionell und die Spieler sind selbständig. Weshalb dann ein grosser Aufwand?
Da haben Sie recht. Meine Spieler sind selbständig. Aber ich schaue ungefähr drei Viertel ihrer Spiele an und oft auch mehrmals einzelne Sequenzen. Der Gedankenaustausch über die Leistung gehört dazu. Der Aufwand ist auch neben dem Sport beträchtlich. Die umfassende Beratung etwa in Steuer- und Geldfragen ist wichtig. Ich arbeite eng mit Steuer- und Treuhandspezialisten und zwei sehr erfahrenen Finanzexperten in Nordamerika zusammen.
Wie ganz konkret verfolgen Sie die NHL-Spiele?
Nachdem mir mein Osteopath gesagt hat, dass ich zusammenklappen werde, wenn ich so weitermache, nicht mehr gleich wie bis vor zwei Jahren.
Das heisst?
Ich kam sieben Jahre lang während der Saison gar nicht mehr richtig zum Schlafen. Es ist vorgekommen, dass ich neun Nächte hintereinander um 23.00 Uhr ins Bett gegangen, um 01.00 Uhr wieder aufgestanden bin und dann bis nach Sonnenaufgang NHL-Spiele geschaut habe. Zwischen Oktober und Mai habe ich bis zu sieben Kilo zugenommen und brauchte den ganzen Sommer zur Regeneration und es wurde immer schlimmer. Weil ich immer mehr Spieler hatte, ist es immer schlimmer geworden und meine Gesundheit ist aus der Balance geraten.
Und jetzt?
Ich halte mich mehr in Nordamerika auf. Wenn ich an der Westküste bin, kann ich bequem am Nachmittag die Spiele an der Ostküste verfolgen oder ich bin im Stadion.
Wie oft sind Sie in Nordamerika?
Zwischen drei und vier Monaten.
Hätten Sie auch gerne Nico Hischier in Ihrem Portefeuille? Haben Sie sich um ihn bemüht?
Ja, aber nicht so intensiv wie andere. Ich habe nicht alles stehen und liegen lassen. Er hätte von mir nicht mehr oder weniger Aufmerksamkeit als meine anderen Spieler bekommen. Es ist völlig okay, dass er sich für einen anderen Agenten entschieden hat. Ich habe mich über seinen Draft und seine erfolgreiche erste NHL-Saison sehr gefreut. Er ist mit Mirco Müller, einem von meinen Klienten, gut befreundet. Man kann ja nicht alles haben.
Hat Nico Hischier die Wahrnehmung der Schweizer in Nordamerika nochmals verändert?
Oh ja, er ist eine weitere Bestätigung für die Qualität unserer Spieler. Die Nummer 1 zu sein hat in Nordamerika in jeder Beziehung eine viel grössere Bedeutung als bei uns. Wir sagen: Oh, er ist die Nummer 2, das ist super. In Nordamerika ist die Nummer 2 der erste Verlierer. Schon nach kurzer Zeit weiss niemand mehr, wer die Nummer 2 war. Die Nummer 1 aber bleibt jahrelang in der Erinnerung haften.
Welches ist aus Ihrer Sicht der grösste Deal, den Sie bisher gemacht haben?
Nicht der Trade von Nino Niederreiter von den Islanders nach Minnesota. Eher die letzten Vertragsverlängerungen für Niederreiter und Sven Bärtschi. Am einfachsten waren die Vertragsverhandlungen im Fall von Nikolaj Ehlers. Nach zwei halbstündigen Telefonaten war alles erledigt. (Der Sohn von Langnaus Trainer Heinz Ehlers hat einen Vertrag über sieben Jahre und insgesamt 42 Millionen Dollar unterschrieben – die Red.)
Sie waren als Spieler kein Star und mussten oft den Klub wechseln. Hat Ihnen diese Erfahrung bei Ihrer Arbeit als Agent geholfen?
Oh ja. Diese Erfahrung erleichtert im Sport jeden Job, ob Agent, Sportchef oder Trainer. Es ist sehr hart, wenn man vor jedem Spiel nicht weiss, ob man auch eingesetzt wird und wenn man jedes Jahr um einen neuen Vertrag bangen muss. Diese Erfahrung hilft einem sehr und ich habe allergrössten Respekt für alle, die sich durchbeissen. Stars kennen diese Situation gar nicht und es gibt nur wenige, die dann in anderen Funktionen auch erfolgreich sind. Joe Sakic, der General Manager in Colorado, ist eine Ausnahme, nicht die Regel.
In der Schweiz drängen immer mehr Spielervermittler auf den Markt – ist das gut?
Nein. Heute möchte ich nicht mehr anfangen. Die Unsitten sind beunruhigend. Heute gibt es schon 13-jährige Spieler, die von Agenten angegangen werden. Das ist schlichtweg absurd. Keiner braucht einen Agenten, bevor er 15 Jahre alt ist.
Ein Agent für 13-jährige Spieler?
Ja, ich konnte das fast nicht glauben. Aber ich weiss es im Fall von meinem Göttibuben aus eigener Erfahrung.
Was hat diese Entwicklung ausgelöst?
Die Eltern sind mitverantwortlich. Sie sind beeindruckt, wenn auf einmal ein Agent anruft, ihren Buben rühmt. Es gibt dann gar keinen Markt, blindlings wird alles geglaubt, was ein Agent verspricht.
Was raten Sie?
Ich rate allen Eltern: Warten Sie, bis der Bub 15 oder besser noch 16 Jahre alt ist. Dann machen Sie sich in aller Ruhe schlau, welche Agenten es gibt, und hören Sie sich an, was sie zu erzählen haben. Dann ist es möglich, die richtige Entscheidung zu treffen. Alles andere ist ein Witz.
Gibt es dieses Problem in Nordamerika auch?
Nein, Agenten sind erst ab 16 erlaubt.
Es gibt noch weitere Besonderheiten in unserem Hockey. Beispielsweise die immer früheren Vertragsunterzeichnungen bei der Konkurrenz. Könnte es verhindert werden?
Ich wünschte es. Es müsste mit einem Gentleman-Agreement möglich sein.
Sie sind naiv.
Nein. Das Gentleman-Agreement funktioniert ja bei der Ausländerregelung auch. Keiner hat sie bisher unterlaufen.
Aber das ist eine andere Sache. Vertragsunterzeichnungen zur Unzeit sind nicht kontrollierbar.
Das ist eben der grosse Unterschied zu Nordamerika: Bei uns fehlt das Bewusstsein, dass alle im gleichen Boot sitzen. Bei uns haben die Manager der grossen Klubs Angst vor echter sportlicher Konkurrenz. Dabei wäre es im Sinne der Sache und alle, auch die Grossen, würden profitieren, wenn wir beispielsweise eine Lohnobergrenze einführen würden. Dann hätte jeder die Chance, Meister zu werden und die Meisterschaft würde viel spannender. Bei uns sind es ja immer die gleichen Teams, die Meister werden. Und dann würden wir sehen, wer die guten Sportchefs sind.
Aber eine Lohnobergrenze lässt sich nicht durchsetzen. Sie lässt sich kaum kontrollieren.
Aber wenn sich alle dran halten, dann geht es. Ich kann einfach nicht verstehen, warum sich die Kleinen in der Liga nicht zusammenschliessen und Änderungen, Restriktionen durchsetzen, die die Chancengleichheit erhöhen. Sie haben ja gegenüber den Grossklubs die Stimmenmehrheit bei der Ligaversammlung.
Fehlt der Mut zur Revolution?
Es ist mir jedenfalls ein Rätsel, warum diese Revolution durch die Kleinen ausbleibt. Es würde unser Eishockey in jeder Beziehung so viel besser machen.