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Der neue Film von Paul Thomas Anderson ist ganz grosses Schauspielkino. So viel schon einmal als vorweggenommenes Fazit. Wie Philip Seymour Hoffman und Joaquin Phoenix sich hier duellieren, mit perfekt geschriebenen Dialogen und konträr angelegten, sehr prägnant geformten Figuren, das ist schon ein Genuss. Auch visuell ist The Master eine Augenweide. Aufgenommen in 65 mm, einem nur noch selten genutzten Format, ist der Film von einer Klarheit und Schärfentiefe, von einer Wärme und Schönheit, die Erinnerungen an Filme der fünfziger Jahre weckt, an Vertigo zum Beispiel. Darüber hinaus stellt das Drehbuch wichtige Fragen: Was macht der Krieg aus den Menschen? Warum möchten sie Teil von etwas Höherem sein? Der Titelcharakter scheint massgeblich von L. Ron Hubbard, dem Gründer von Scientology, inspiriert. Aber: Anderson interessiert sich nur am Rande für die Sekte. Über ihre Weltanschauung, ihre Funktion oder die Gefahr, die von ihr ausgehen könnte, erfährt der Zuschauer nichts. Wenn der Film nach 137 Minuten zu Ende geht, fehlt ein Mosaikstein. Das Bild bleibt unvollständig – wie bei einem unvollendeten Meisterwerk.
Und noch etwas irritiert. Der Titelfigur gilt gar nicht das Hauptaugenmerk des Films. Zunächst lenkt Anderson das Interesse des Zuschauers auf jemand anderen: Freddie Quell, einen labilen Marineoffizier, der von inneren Dämonen gequält wird. Ein Alkoholiker, der Schnaps panscht, ein Sexsüchtiger, den schon der kleinste Reiz in Erregung versetzt. Als seine Kameraden am Strand das Ende des Zweiten Weltkriegs im Pazifik feiern und aus Sand eine nackte Frau modellieren, benutzt er sie wie eine Sexpuppe – um dann enthemmt, mit dem Rücken zur Kamera, ins Meer zu masturbieren. Joaquin Phoenix spielt diese verwilderte, animalische Seele mit unsteten Augen, hängenden Schultern, vorgeschobenem Hals und schlaksigem Gang. Die Bedrohung, die von ihm ausgeht, ist stets spürbar.
Als ein Wanderarbeiter in Kalifornien an einem von Freddies selbst gebrannten Schnäpsen stirbt, flüchtet er nach San Francisco und versteckt sich auf einer Yacht. Sie gehört Lancaster Dodd, einem charismatischen, reichen und gebildeten Autor, der auf dem Weg nach New York die Hochzeit seiner Tochter feiert. Dabei nutzt er die Zeit, eine Gruppe zu gründen, kurz «The Cause» genannt. Ein unspezifischer Name, offen für Interpretationen. Geht es um eine Sekte, eine Bewegung, einen Kult? Dodd lässt sich nicht in die Karten schauen, und darum spielt ihn Philip Seymour Hoffman als charmanten, selbstbewussten und jovialen Mann, hinter dessen Fassade aber auch Boshaftigkeit, Paranoia und Bedürftigkeit aufscheinen.
Der brillante, eloquente Manipulator und der rastlose Herumtreiber – von nun an konzentriert sich der Film auf die gegenseitige Abhängigkeit dieser höchst unterschiedlichen Männer. Während Freddie nach dem Ende des Krieges auf der Suche nach etwas Höherem, Grösserem ist, nach einer Ersatzfamilie, erliegt Lancaster einer eigentümlichen Faszination für diesen Mann. Er braucht ein Gegenüber, an dem er sich messen, das er manipulieren kann. Freddie wird zu seiner linken Hand, und in einer der beklemmendsten Szenen unterzieht ihn Dodd einem auf Hubbards «Dianetics» beruhendem Ritual, das im Film als «processing» beschrieben wird: Quell muss andauernd dieselben Fragen zu seiner Vergangenheit beantworten, wie in einem Kreuzverhör, wieder und immer wieder
Zu den Schwächen des Drehbuchs, von Anderson selbst geschrieben, zählt, dass wir über Dodds Herkunft und sein früheres Leben kaum etwas erfahren. Wir lernen seine Anhänger kennen, zum Beispiel Helen Sullivan, die von Laura Dern in ihrer gewohnten Mischung aus Nervosität und Misstrauen verkörpert wird, oder seine Frau Peggy, die im Hintergrund ruhig und überlegt die Fäden zieht und quasi als Schutzwall gegen die Aussenwelt fungiert. Doch woran «The Cause» glaubt, was sie inhaltlich will, wie sie administrativ funktioniert, warum das obsessive Erkunden der persönlichen Geschichte so wichtig ist, lässt der Regisseur beiseite. Es geht um Disziplin, um Unterwerfung, das merkt man an der Leidenschaft, mit der Quell seinen Master gegen Gegner auch mit den Fäusten verteidigt. Anderson hat seinen Film nicht zu Ende gedacht und lässt ihn, dramaturgisch ungeschickt, mit einer Abfolge enigmatischer, lose verknüpfter Episoden ausklingen. Szenen, denen auch schon mal etwas Exzentrisches, Traumhaftes anhaftet, etwa wenn Dodd bei einer wilden Party einen Jazzklassiker singt und plötzlich alle Frauen um ihn herum nackt sind.
Die Unbestimmtheit des Films, die Vagheit der Aussage und die losen dramaturgischen Enden ändern allerdings nichts an den spektakulären Bildern. Die Detailfreudigkeit des Breitwandformats geht einher mit Andersons bewundernswerter Fähigkeit, Bilder zu komponieren, Figuren in Beziehung zueinander zu setzen, Gesichter zu erkunden oder die vierziger und fünfziger Jahre mit genauer Ausstattung und warmem Licht wiederzubeleben. Die Art und Weise, wie Quell häufig am Bildrand verharrt oder wie ein Berserker den Raum durchmisst, um Aufmerksamkeit zu erregen, sagt mehr über seinen Aussenseiterstatus als tausend Worte. Ein anderes Mal fährt Dodd auf einem Motorrad in einer Salzwüste dem Horizont entgegen, und nur der exakten Tiefenschärfe ist es zu verdanken, dass der Zuschauer sieht, wie er langsam wieder zurückkommt. Als er Quell bittet, dasselbe zu tun, passiert etwas Unerwartetes, und das Enigmatische dieser Szene wird so zum Emblem für The Master. Anderson hat einen faszinierenden Film gemacht. Und doch verlässt man das Kino ratlos.