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Die acht Himmelsrichtungen waren schon vor über 2000 Jahren bekannt. Der Philosoph und Naturforscher Aristoteles liess damals einen «Turm der Winde» bauen. Um ihn zu veranschaulichen, nahm er die Hilfe der Götter in Anspruch.
Die Haupthimmelsrichtungen Norden, Osten, Süden und Westen, wie wir sie im letzten Beitrag (siehe FN vom 25. August 2021) behandelt haben, würden für meteorologische Zwecke nicht genügen. In der Wetterkunde braucht es die Himmelsrichtungen zur Beantwortung der Frage, aus welcher Richtung der Wind weht.
Flach oder bergig
Winde sind bewegte Luftmassen, und ihre Eigenschaften zeigen, aus welchem Ursprungsgebiet sie kommen. Für die Wetterprognosen sind diese Besonderheiten der Luftmassen grundlegend. Wenn die Luft über ein Land weht, dann spielt auch die Oberflächenbeschaffenheit des Landes (Orografie) eine wichtige Rolle. In Holland mit seinen weiten Ebenen werden die Winde aus Norden, Osten, Süden oder Westen praktisch nicht verändert.
In unserem Land mit seinen hohen Bergen und tiefen Tälern kann ein Nordwind in eine nordöstliche Richtung abgelenkt werden, was wir als Bise wahrnehmen. Ein Wind aus Westen, der über den Jura weht, wird durch das Mittelland in eine südwestliche Richtung umgelenkt.
Aus acht Richtungen
Mit Nordosten und Südwesten haben wir nun zwei zusätzliche Himmelsrichtungen erwähnt. Das genügt aber nicht. Es kommen noch die ebenfalls winkelhalbierenden Windrichtungen aus Südosten und Nordwesten dazu. Mit diesen insgesamt acht Windrichtungen ist es möglich, eine genaue meteorologische Beschreibung der Windrichtung zu formulieren.
Für die systematische Namensgebung gilt die Regel: «Norden und Süden gehen vor Osten und Westen.» Die Windrichtungen «Nordosten» und «Südwesten» können also nie «Ostnorden» oder «Westsüden» heissen.
Bei den Abkürzungen wird zudem der Osten nicht mit O, sondern mit E bezeichnet, was vom englischen Wort East = Osten abstammt. Damit kann man Verwechslungen mit der Zahl 0 ausschliessen, also Osten abgekürzt E; Nordosten NE und Südosten SE. Die anderen Abkürzungen sind einfach: Süden S, Südwesten SW, Westen W, Nordwesten NW und Norden N.
2000 Jahre alt
Nun könnte man meinen, dass diese Windrichtungen und ihre «Erfindung» auf eine neuzeitliche wissenschaftliche Meteorologie zurückzuführen sind. Dem ist aber nicht so, ja, man glaubt es kaum, aber diese Einteilung in acht Himmelsrichtungen ist schon weit über zweitausend Jahre alt. Sie geht auf den grossen griechischen Philosophen und Naturforscher Aristoteles (384–322 v. Chr.) zurück.
Der Turm der Winde
Er war damals ein Universalgelehrter und gehört bis in die heutige Zeit zu den bekanntesten und einflussreichsten Wissenschaftlern. Er verfasste viele Beiträge zur Meteorologie und definierte als Erster diese acht Windrichtungen. Er veranlasste noch zu seinen Lebzeiten, dass in Athen ein «Turm der Winde» gebaut wird. Die Fertigstellung dieses achteckigen Turms nach seinen eigenen Plänen (siehe Abb. 1) hat er aber nicht mehr erlebt.
Im Jahr 48 v. Chr. verwirklichte der damals sehr bekannte griechische Architekt Andronicos von Cyrrhus dieses bedeutendste meteorologische Denkmal der Antike. Der Turm der Winde aus Marmor am Fuss der Akropolis kann heute noch bewundert werden, auch wenn der Zahn der Zeit ihn da und dort etwas veränderte.
Mithilfe der Götter
Wie konnte man sich nun diese Windrichtungen und ihre Wettereinflüsse im Altertum merken? Das war bei den alten Griechen gar nicht schwierig, denn es gab sehr viele Götter. Unter diesen Göttern waren einige für Wind und Wetter verantwortlich. Acht spezielle Götter waren für die Windrichtungen und das Wetter aus diesen Gegenden zuständig. Dafür wurden sie auf dem Turm der Winde im Marmor der Kuppel verewigt.
Triton drehte sich
Aber wie wusste man, aus welcher Richtung der Wind wehte? Diese Aufgabe übernahm der Meeresgott Triton. Er hatte einen fischartigen Unterleib und einen menschlichen Oberkörper. Triton sass auf der Spitze des Turms und konnte sich frei um seine Achse drehen. Mit seinem Stab in der Hand zeigte er genau in die Windrichtung, aus der der Wind blies. Er war also der «Vorfahre» der Wetter- und Windfahnen (Abb. 2 zeigt den heutigen Turm der Winde).
Die acht Götter sind noch alle am gleichen Ort wie vor 2069 Jahren, hingegen wurde der Meeresgott Triton Opfer von Stürmen oder Erdbeben und fiel offenbar einmal herunter. Von diesem Turm der Winde wollen wir noch zwei Gottheiten exemplarisch erwähnen. Es sind dies die Götter Boreas und Apeliotes (siehe Abb. 3 und 4).
Nasskalt durch Boreas
Der Gott Boreas verkörpert den Nordwind. Das ist in Griechenland, aber auch bei uns ein Wind, der aus polaren Gebieten kalte und feuchte Polarluft mitbringt. Dieser Wind führt in der Regel zu nassem und kaltem Wetter, bei uns in höheren Lagen sogar zu Schneefällen.
Boreas ist als alter Mann dargestellt, der mit einer Tunika, das heisst einem fest gewobenen Kleid, einem dicken Mantel und hohen, warmen Schuhen ausgerüstet ist. Er bläst in eine Triton-Muschel und kündigt das nasskalte Wetter an. Nach ihm ist heute noch der böige und kalte Fallwind «Bora» an der dalmatinischen Küste von Ex-Jugoslawien benannt. Er hat schon manchem Urlauber die Ferientage verdorben.
In Richtung Osten schaut der Gott Apeliotes. Er weist auf einen trockenen Ostwind hin. Bei uns wäre das mit der Bise vergleichbar. Apeliotes ist jugendlich, mit lockigem Haar und heiterem Gesichtsausdruck. Ein leichtes Gewand kleidet ihn, und er trägt in seinen Händen eine Schale mit reifen Früchten, die auf die Zeit der Ernte hinweist. Apeliotes steht also für einen trockenen östlichen Kontinentalwind bei sonnigen Hochdrucklagen.
Die restlichen sechs Windrichtungen werden ebenfalls durch Götter versinnbildet. Ihre Kleider und ihr Gesichtsausdruck zeigen dem Beobachter charakteristisch, ob sie leichte Schönwetter-Winde oder Stürme mit Gewittern, Hagel und Starkregen, das heisst Unwetter im Gepäck mitführen.
Es ist doch erstaunlich, wie man schon in so frühen Zeiten aus den Windrichtungen empirisch die zu erwartenden Wetterlagen hergeleitet hat.