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Rezepte gegen die Hitze
Weltweit suchen Raumplanerinnen und -planer nach Rezepten, um die Temperaturen in Städten zu senken. Hausbesitzerinnen und Immobilieneigner können im Kleinen auch Vorkehrungen gegen die Hitze treffen. Und sollte man nicht auch in ländlichen Gebieten vorsorgen? Casafair-Berater Kristijan Moser widmet sich diesem Thema.
Der Sommer 2022 war der heisseste, der in Europa jemals gemessen wurde. Auch 2019 war sehr heiss und trocken, 2018 ebenso. Sicher ist: Aufgrund der Klimaerwärmung werden Hitzeperioden länger und häufiger.
Stadtverwaltungen haben das Problem erkannt
Städte und Agglomerationen haben mit der Hitze besonders zu kämpfen, weil Gebäude und Strassen die Wärme speichern. Die Suche nach Rezepten, um das Siedlungsgebiet zu kühlen, ist deshalb bereits seit einigen Jahren in vollem Gang. Ein paar Beispiele:
Chur installiert in der Altstadt erfrischende Nebelduschen. Die Stadt Zürich verfügt über eine Fachplanung zur Hitzeminderung und hat dafür unter anderem einen Plan zum Kaltluftsystem der Stadt erstellt. Dieser zeigt, in welchen Gebieten ein besonderes Augenmerk auf die Positionierung von Bauten gelegt werden muss, damit im Sommer weiterhin kühlende Luft in die Quartiere fliessen kann. Diese gelangt unter anderem vom See und von den bewaldeten Hügeln in die Stadt.
Im Frühling 2023 hat der Luzerner Stadtrat einen Kredit in der Höhe von 1,8 Millionen Franken beantragt, um in der Innenstadt das Prinzip der Schwammstadt umzusetzen. Vereinfacht gesagt, funktioniert die Methode folgendermassen: Bei Regen wird das Wasser nicht mehr nur in die Kanalisation geleitet, sondern in saugfähigen Bodenflächen gespeichert. Durch die langsamere Verdunstung der Feuchtigkeit sollten die Temperaturen an heissen Sommertagen um mehrere Grad sinken, so die Hoffnung der Behörden.
In Los Angeles experimentiert die Stadtverwaltung mit weissen Strassenbelägen. Die Idee dahinter: Dunkle Oberflächen tragen zur Bildung von Hitzeinseln bei. Helle Flächen reflektieren das Sonnenlicht besser (Albedo-Effekt). Die amerikanische Umweltbehörde geht davon aus, dass die Temperatur in einer Stadt um ein halbes Grad sinken könnte, wenn ein Drittel aller Strassen mit einem reflektierenden Belag überzogen würde.
Last but not least ein Blick nach Paris: Die Touristenmetropole hat eine App entwickelt, auf der tausend «flots de fraîcheur» aufgeführt sind. Das sind kühle Plätzchen, wo man der sommerlichen «canicule» (Gluthitze) entfliehen kann.
Einzelobjekte und Parzellen gegen die Hitze wappnen
Hausbesitzer und Immobilieneigentümerinnen können auf ihren Grundstücken ebenfalls Vorkehrungen gegen die Hitze treffen. «Zu einem grossen Teil gelten dabei dieselben Prinzipien wie bei der grossräumig angelegten Stadtplanung», erklärt Kristijan Moser, der seit rund eineinhalb Jahren bei Casafair als Berater tätig ist.
Rezept 1: Böden entsiegeln
In Städten ist ein grosser Teil des Bodens bebaut, betoniert, asphaltiert oder gepflastert. Die versiegelten Flächen sind eine der Hauptursachen für die Hitzebelastung. Mit (Teil-)Entsiegelungen kann man dagegen ansteuern. Besonders wirksam sind grossflächige Massnahmen ab einer Hektare, zum Beispiel die Planung von neuen Pärken bei Umnutzungen. Doch auch die Begrünung von Innenhöfen, Verkehrsinseln und kleinen Restflächen zeigt positive Effekte.
Steingärten und geteerte Vorplätze mögen zwar pflegeleicht sein, aber sie sorgen im Sommer im wahrsten Sinne des Wortes für heisse Köpfe. Klar: Um die Zufahrt von Lieferwagen und Feuerwehr zu sichern, braucht es befestigten Untergrund, doch es lohnt sich, zugunsten der Lebensqualität auf das Zupflastern neuer Flächen zu verzichten oder da und dort ein paar Quadratmeter Asphalt wieder aufzuknacken.
Rezept 2: Bäume pflanzen
Der Schattenwurf von Bäumen zählt zu den wirksamsten Mitteln zur Kühlung. Ein Baum lässt oft mehrere Hundert Liter Wasser pro Tag verdunsten. Dadurch entsteht Verdunstungskälte. Messungen haben gezeigt, dass die Temperaturen in Strassenzügen mit Bäumen insgesamt rund sieben Grad tiefer lagen als in baumlosen Strassen. Ebenfalls frappant: Im Schatten eines Baumes liegt die Temperatur je nach Untergrund bis zu zwanzig Grad tiefer als wenige Meter daneben.
Rezept 3: Schatten schaffen
Im Schatten von Bäumen ist es deutlich kühler als im Schatten von Häusern oder Schirmen. Der Grund: Pflanzen lassen Wasser verdunsten, und die Verdunstungskälte kühlt die Luft. Aber wo es keinen Platz hat für Bäume, ist künstlicher Schatten eine valable Alternative. Dazu gehören aussen montierte Sonnenstoren oder geschickt platzierte Balkone und Brüstungen, die im Winter das wärmende Sonnenlicht durch die Fenster eindringen lassen und im Sommer fernhalten.
Rezept 4: Brunnen und Wasserspiele
An manchen Stellen gibt es keinen Platz für Pflanzen. Etwa auf Plätzen, wo viele Veranstaltungen stattfinden oder wo die Zufahrt für die Feuerwehr gesichert sein muss. Hier sind Wasserspiele und Brunnen eine empfehlenswerte Alternative. Die kühlende Wirkung einer Springbrunnenanlage ist sogar in einer Distanz zu spüren, die rund zehnmal so lang ist wie der Strahl der Wasserfontäne hoch. Für Kinder bietet fliessendes Wasser immer eine willkommene Abwechslung. Gegen eine solche Lösung sprechen die allfällig hohen Kosten oder Wassermangel.
Rezept 5: Regenwasser sichtbar machen
Regen, der auf ein Hausdach fällt, wird heute vielfach kaum genutzt. Das wertvolle Nass versickert sehr schnell oder verschwindet in der Kanalisation. Dabei könnte es vermehrt zur Kühlung der Umgebung und der Innenräume beitragen, indem man das Dachwasser zum Beispiel in oberflächliche Sicker- und Verdunstungsmulden einleitet.
Rezept 6: Fassaden begrünen
Der kühlende Effekt von begrünten Fassaden ist nicht nur in Innenräumen, sondern auch in der nahen Umgebung eines Gebäudes spürbar: Bei Vergleichen mit nicht begrünten Wänden lag die Temperatur in 60 Zentimetern Abstand zum Gebäude bis zu 1,3 Grad tiefer. Im Winter wirkt die Begrünung wärmedämmend. Knackpunkt: Je nach Bauweise entsteht ein hoher Material- und Energieverbrauch. Künstliche Bewässerungssysteme sind teuer und fressen Energie.
Rezept 7: Dächer begrünen
Begrünte Dächer wirken sich positiv auf das Innenraumklima von Gebäuden aus und reduzieren den Heiz- und Kühlbedarf. Auf die bodennahe Umgebung wirken Dachbegrünungen allerdings erst dann, wenn sie mehrere hundert Quadratmeter Fläche umfassen und sich nicht mehr als zehn Meter über Strassenniveau befinden. Kristijan Moser merkt zudem an, dass extensiv begrünte Dächer ihre Kühlwirkung verlieren können, sobald die Vegetationsschichten während Trockenperioden keine Feuchtigkeit mehr enthalten. Mittels einer intensiven Begrünung und dem Zurückhalten von Regenwasser verlängert sich die Kühlwirkung.
Rezept 8: Hellere Oberflächen
Vergleiche zeigen, dass eine weisse Wand das Sonnenlicht besser reflektiert als ein dunkler Asphaltboden. Dadurch heizt sie sich weniger auf. Allerdings gilt auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme. Zu stark reflektierende Oberflächen können auch blenden und sich durch Mehrfachreflexion schneller aufheizen. Im Zweifelsfall sollte man sich von einer Fachperson beraten lassen.
Pilotprojekt von Casafair
Kristijan Moser ist Experte für Gebäudetechnik und arbeitet seit einigen Jahren als Berater für Klimaarchitektur. Im Sommer 2023 wird er drei Mitglieder von Casafair eng begleiten. Darunter sind je ein Einfamilienhaus in Brüttisellen (ZH) und St. Erhard (LU), sowie ein ein Dreifamillienhaus in Basel.
Mit Hilfe dieser Pilotberatungen möchte er noch besser herausfinden, mit welchen Methoden einzelne Immobilien besser gekühlt werden können. «Die meisten Strategien zur Klimaanpassung, die bisher entwickelt wurden, fokussieren auf Gebiete mit urbanem Charakter, auf Neubauprojekte und auf ganze Städte oder Stadtteile», erklärt Moser. Es fehle an Informationen und Strategien zur Hitzeanpassung auf Parzellenebene und in ländlichen Gebieten. Dazu möchte er einen Beitrag leisten. «Ich möchte in diesem Bereich gezielt mehr Erfahrungen sammeln und an weitere Interessierte weitergeben.» Denn auf dem Land und in den Agglomerationen liesse sich jetzt mit vorbeugenden Massnahmen noch vieles steuern.
Oft braucht es individuelle Lösungen
Innovative Immobilienbesitzer versuchen ihre Siedlungen bereits jetzt besser an die Klimaerwärmung anzupassen. Doch wie bleiben die Temperaturen auch ohne Klimaanlage tief? «Man muss jede Siedlung sehr genau anschauen, denn so verschieden, wie sie sind, so unterschiedlich sind auch die Lösungsansätze.» Zur Veranschaulichung erwähnt er zwei Beispiele aus seiner Beratungstätigkeit:
In den letzten drei Jahren hat Moser unter anderem für die Wohnbaugenossenschaft «Mehr als Wohnen» in Zürich Oerlikon und die gemeinnützige Wohnbau AG «Habitas 8000» Gutachten erstellt. Die Siedlung von «Mehr als Wohnen» auf dem Hunzikerareal zählt schweizweit sowohl aus sozialer wie aus ökologischer Sicht zu den vorbildlichsten Neubauvorhaben. Trotz einer Minergie-ähnlichen Bauweise leidet ein Teil der Bewohnerinnen und Bewohner unter Hitze. «Wir stellten fest, dass sich die Aussenluftdurchlässe für die Frischluftzufuhr an einem ungünstigen Ort befinden, direkt unter den Storenkästen, wo sie sich vor allem bei den südlich ausgerichteten Zimmern sehr erwärmen», erklärt Moser. Die Genossenschaft sucht nun nach Verbesserungsmöglichkeiten.
Für «Habitas 8000» hat Moser insgesamt vierzehn Parzellen an verschiedenen Standorten unter die Lupe genommen. «Bei einigen dieser Gebäude sehe ich mit einer automatischen Nachtauskühlung über das Treppenhaus ein relativ einfach umsetzbares Optimierungspotenzial».
Über den Gartenzaun hinaus planen
Auf einen Punkt legt Moser besonders Wert: Wer sein Haus klimatauglicher gestalten möchte, sollte mit seinen Überlegungen nicht an seiner Parzellengrenze haltmachen. «Man könnte zwischen zwei Grundstücken doch auch mal eine gemeinsame Sickermulde anstatt eines Maschendrahtzaunes erstellen.». Die öffentliche Hand biete zudem immer mehr Möglichkeiten, um das Regenwasser oberflächlich über den öffentlichen Grund zu leiten, zum Beispiel in einer Baumallee. «Noch sind solche Lösungen selten, aber ein auslotendes Gespräch mit den Behörden kann nie schaden.» Die Klimaerwärmung ist eine Realität. Wer ökologisch Verantwortung tragen will, muss kreativ werden.»
Folgen für die Gesundheit
Hitzewellen beeinträchtigen die Lebensqualität der Bevölkerung und sie fordern einen hohen Preis. Eine 2022 von der Universität Bern erarbeitete Studie weist nach, dass in der Schweiz die Todesfälle, die mit Hitze in Verbindung gebracht werden konnten, stark
zugenommen haben.
Auch die Konzentrationsfähigkeit leidet bei hohen Temperaturen. Forscherinnen und Forscher konnten aufzeigen, dass unsere kognitive Leistung bei Hitze deutlich nachlässt.
Lesetipps
- Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) hat 2018 die Broschüre «Hitze in Städten» herausgegeben. Die 108 Seiten starke Publikation wendet sich an Fachleute,
die sich mit der Siedlungsentwicklung befassen und das Thema Klimaanpassung aktiv angehen wollen.
Der Ratgeber hält einen bunten Strauss von Planungsgrundsätzen, städtebaulichen Leitsätzen und Massnahmen bereit, die aufzeigen, wie man gegen Hitzeinseln vorgehen kann. Zahlreiche Best-Practice-Beispiele aus dem In- und Ausland demonstrieren,
wie einzelne dieser Ideen bereits umgesetzt worden sind.
- Die Zeitschrift «Hochparterre» hat Sommer 2022 44 Klimatipps für Stadtplanerinnen und Landschaftsarchitekten zusammengestellt. (Heft 6–7/21). Ein
besonders interessanter Aspekt sei hier herausgepickt: Klimafreundlicher Städtebau bedingt auch eine sorgfältige Planung des Untergrunds. Denn nur wer Platz für Wurzeln schafft, schafft auch Platz für Bäume.
- Mehr Informationen zur Schwammstadt bietet die Broschüre «Regenwasser im Siedlungsraum: Starkniederschlag und Regenwasserbewirtschaftung in der klimaangepassten Siedlungsentwicklung.» (2022), Bundesamt für Umwelt.
Aus «casanostra» 171
Die Autorin
Mirella Wepf
Journalistin