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Dass Lanthimos‘ The Lobster bei uns nie richtig ins Kino gekommen ist, bleibt eine Schande. Sein Dogtooth war 2009 eine der grossen Entdeckungen hier in Cannes, damals noch in UCR (Un certain regard). Aber dieses Jahr, so dachten viele, ist Lanthimos fällig für eine Palme.
Die Chancen stehen gut für The Killing of a Sacred Deer. Das ist seit langem der wuchtigste, erschütterndste und strengste Film, und klar der erste Gänsehaut-Kandidat im diesjährigen Wettbewerb.
Es fängt an mit einer schwarzen Leinwand und Christus am Kreuz als Orchester-Choral, dröhnend, schmetternd. Dann das erste Bild, ein Herz das rhytmisch pumpt, leinwandfüllend, eine Operationsszene.
Der Herzchirurg, gespielt von Colin Farrell, entledigt sich seiner Insignien, Maske, Lupenbrille. Blutige Latex-Handschuhe landen im Entsorgungskübel und schliesslich schreitet der Mann, mit Hipster-Vollbart, zusammen mit seinem Anästhesisten den Gang hinunter und redet die ersten von vielen, vielen Lesebuchsätzen ohne richtigen Weltbezug.
Das ist die erste Künstlichkeit dieses Films, dieses Reden in Wörtern. Über die neue Uhr des Kollegen, darüber, dass der eine ein Lederband bevorzugt, der andere eines aus Metall. Sätze, so knapp und sauber und logisch, mit Subjekt, Prädikat und Objekt an der vorgeschriebenen Stelle. Sätze, die leicht zu verstehen sind, auch wenn man sich fragt, ob es sich überhaupt lohnt, sie zu verstehen.
Lange Zeit funktionieren alle Interaktionen des Films so. Der Chirurg trifft einen jungen Mann, von dem man sich irritiert fragt, ob es sich vielleicht um einen illegitimen Sohn handeln könnte, oder einen Stricher, bloss wegen der Zurückhaltung bei der Begegnung.
Die Familie des Chirurgen ist eine Bilderbuchangelegenheit, die Frau (Nicole Kidman) eine Augenärztin, die Kinder bildschön, eine 16jährige Tochter («Sie hat eben ihre erste Periode bekommen» verkündet der Vater beim Kollegen) und ein etwas jüngerer Sohn mit prächtigen langen Haaren, die den Vater ein wenig stören.
Die Familie erinnert ein wenig an die Stepford Wives, aber das legt sich wieder, auch wenn die Frau sich nach dem Essen im Schlafzimmer ihres Bademantels entledigt, den Mann fragt: «komplette Anästhesie?» und sich in Unterwäsche auf dem Bett drapiert, als ob sie eben ins Reich der chemischen Träume abgetaucht wäre. Das ist das Sexritual des Paares und wir mögen den beiden Ärzten ihr Doktorspiel gönnen.
Es dauert fast bis zur Mitte des Films, bis sich herausstellt, wie der Chirurg zu dem jungen Mann steht, den er zwischenzeitlich auch zum Essen zu seiner Familie gebracht hat: Er ist der Sohn eines Mannes, der bei einer Herzoperation auf dem Tisch des Chirurgen gestorben ist.
Und dieser Tod ist eine Schuld, die nach Ausgleich sucht. Nach einem Ausgleich allerdings, der Sophie’s Choice vergleichsweise einfach erscheinen lässt und die Familie in eine Konstellation stürzt, die Erinnerungen an Dogtooth aufkommen lässt, an Haneke, an Östlund.
Mehr von der dramatischen Anlage soll hier nicht verraten werden. Gestattet aber sei der Hinweis auf die souveräne Inszenierung, die Mischung von irritierender Künstlichkeit insbesondere der Dialoge mit einem überhöhten Realismus bei der Ausstattung und der Schilderung einzelner Abläufe, auch im Spital.
The Killing of a Sacred Deer ist einer jener Filme, die für einen ganzen Ideenkomplex stehen, ein Film, der das Zeug hat zum Paradigma zu werden für gesellschaftliche und persönliche Dilemmata einer ganz eigenen Ausprägung. Ein grosser Film, der grosse Gefühle auslösen wird, starke Ablehnung und viel Begeisterung.