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Herr Wirth, wie sehen Sie das Verhältnis von Mensch und Tier?
Mathias Wirth: Als moralisch bedeutungsvoll, denn Menschen machen für Tiere einen Unterschied. Anders als unbelebte Gegenstände kann ein Lebewesen ein gutes oder schlechtes Leben haben. Das Verhältnis von Mensch und Tier ist also prekär: Zwar können sich Menschen moralisch auf Tiere beziehen, vor allem durch Nichteinmischung oder sogar durch Hilfeleistungen, etabliert ist aber ihr Gebrauch für Nahrung, Forschung und Unterhaltung.
Die Frage, ob es unmoralisch ist, Tiere zu missachten oder zu quälen, ist ethisch kaum brisant, weil daran kein Zweifel besteht. Prekär ist das Verhältnis von Mensch und Tier, wenn aus Gründen der Moral zum Nachteil von Tieren gehandelt wird, wie im Bereich der Forschung.
Sollen wir Menschen Tierversuche durchführen dürfen?
Keiner würde sagen, es wäre grundsätzlich unmoralisch, das Halten von Tieren zu Zwecken der Unterhaltung zu unterlassen. Im Fall des klinischen Tierversuchs und unter den Voraussetzungen der Alternativlosigkeit und Analgesie – also der Schmerzunterdrückung – ist es anders: Es könnte unmoralisch sein, Mechanismen und Wirkstoffe nicht am Tiermodell zu erforschen, solange keine anderen Methoden zur Verfügung stehen und wenn dadurch menschliches Leben erhalten werden kann. Am Krankenbett hat diese Position eine hohe Evidenz.
Die Schlechterstellung von Tieren in Notsituationen wird als Ultima Ratio diskutiert. Denn obwohl Tiere moralische Bedeutung haben, werden sie in moralischen Konflikten nicht wie ein vollständiger Teil der moralischen Gemeinschaft behandelt, weil sie für passive, aber nicht für aktive Moralfähigkeit stehen. Menschen sind potenziell in der Lage, anderen probate Hilfe zu gewähren. Das können Tiere wahrscheinlich nicht. Es ist unter den Bedingungen der Knappheit von Zeit und Mitteln verständlich, wenn eine Gemeinschaft reziproker Hilfsfähigkeit dies stark gewichtet. Im besten Fall wird dies nicht gegen Tiere orientiert, sondern als Aussage über einen
Schutz verstanden, den wir einander schulden. Das trifft exakt die in der Tierethik kritisierten biblischen Anthropologien jüdischer und christlicher Provenienz, nach denen der Mensch über alles andere Leben erhoben sei. Damit soll kein mangelndes Mitgefühl gegenüber Tieren gefördert werden, sondern eine egalitäre Verhältnisbestimmung der Menschen. Es sind hier alle Menschen, die einen hohen Rang einnehmen. Das kann mit besonderen Schutzpflichten verbunden werden.
Sollen wir Tiere essen dürfen?
Es gibt in der Regel keinen moralischen Grund, nicht auf den Konsum von Fleisch verzichten zu können. Im Gegenteil, das Verspeisen anderer Lebewesen kann als schlimmste Form ihrer Missachtung beschrieben werden. Dennoch sollte die Position des Abolitionismus – die Ablehnung jeglicher Nutzung von Tieren durch Menschen – keine Haltung der Verachtung einnehmen, denn elementare Vollzüge des Lebens, zu denen Hunger und Essen gehören, sind nicht «begierdetranszendent», also nicht einfach stornierbar. Langfristig leistet dies aber keine Begründung für die Massivität von Tierleid.
Frau Blattner, wie sehen Sie das Verhältnis von Mensch und Tier?
Charlotte Blattner: «Das» Tier-Mensch-Verhältnis gibt es nicht. Einigen Tieren, etwa «Haustieren», begegnen wir mit Wohlwollen. Andere Tiere hingegen sehen wir primär als wirtschaftliche Ressource, so etwa «Nutztiere», oder als Mittel zur Erreichung gesundheitspolitischer Ziele, etwa «Versuchstiere». Die verwendeten Begriffe sind bezeichnend für die Art und Weise, wie wir Tiere sehen und folglich behandeln: So soll etwa Zweck der «Milchkuh» sein, Milch zu produzieren. Dass Kühe Milch nicht «normalerweise» und «natürlich» produzieren, sondern sie dafür zwangsbefruchtet und jährlich wiederkehrend ihrer Kälber beraubt werden, wird durch solche Begrifflichkeiten gezielt ausgeblendet. Die eigenen Bedürfnisse und Vorhaben von Tieren sind dabei unerheblich. Dass eine Kuh also gerne ihre familiären Beziehungen ausleben würde, ihre Geschlechtsorgane nicht täglich berührt haben will oder nach einem eigenen, selbstdefinierten «guten Leben» strebt, übergehen wir systematisch. Das Tierschutzgesetz widerspiegelt diese anthropozentrischen Dynamiken in seinen Grundsätzen: Das Wohlergehen der Tiere ist sicherzustellen, «soweit es der Verwendungszweck zulässt». Kritische Stimmen sagen deshalb dem Tierschutzgesetz nach, es sei viel eher ein «Tiernutzungsgesetz».
Sollen wir Menschen Tierversuche durchführen dürfen?
Auch im Bereich der Tierversuchsforschung findet sich diese Grundstruktur wieder: Die in den 1960er-Jahre entwickelten 3R-Prinzipien (Replace – Vermeiden, Reduce – Verringern und Refine – Verbessern) sollen die Zahl der Versuche begrenzen und das Leid der Tiere auf ein unerlässliches Mass verringern. Trotzdem ist die Zahl der weltweit für Versuchszwecke verwendeten Tiere seither kaum gesunken und steigt mit dem SARS-CoV-2-Virus steil an. Frühere Bemühungen, die Forschung an Tieren wirksam einzuschränken und zu besseren und effektiveren Methoden überzugehen, wurden vom Narrativ überholt, dass Pandemien Tierversuche pauschal bedingen. Paradox ist das insofern, als wir selbst diese Pandemie verursacht haben und deren Ursachen – trotz Vorhersehbarkeit und Vermeidbarkeit – fortbestehen: Seit März 2020 haben wir weder den Wildtierhandel noch die industrielle Tierproduktion eingeschränkt – die primären Brutstätten neuer Krankheitserreger. Ähnliches kurzfristiges Denken und destruktive Dynamik liegen dem anthropogenen Klimawandel, der wachsenden weltweiten Antibiotikaresistenz und anderen «Krisen» zugrunde: Wir selbst schaffen kontinuierlich die Bedingungen für die gefühlte «Notwendigkeit» der Nutzung beziehungsweise Ausnutzung anderer Tiere.
Sollen wir Tiere essen dürfen?
Wie neuere Forschungen der politischen Philosophie zeigen, üben wir im Wesentlichen eine Gewaltherrschaft über andere Tiere aus: Diese wurden durch Gefangenschaft und selektive Zucht in die menschliche Gesellschaft gebracht. Wir haben sie von unserer Fürsorge abhängig gemacht und ihnen die Möglichkeit einer unabhängigeren Existenz verwehrt. Wir haben sie gezwungen, sich an unserem System der sozialen Zusammenarbeit zu beteiligen, indem wir sie für Nahrung und Arbeit ausbeuten. Sie sind Mitglieder einer gemeinsamen Gesellschaft mit uns, aber als eine untergeordnete Klasse, die uns dienen soll. Beinahe jede Dimension ihres Lebens wird von einer menschlichen politischen Ordnung bestimmt und geregelt, die ihre Interessen rücksichtslos ignoriert. Spätestens seit Ausbruch der Coronakrise sollte uns allen aber klar sein, dass wir damit nicht nur den Tieren schaden, sondern letztlich auch uns selbst. Unser aller Ziel sollte deshalb sein, unsere Beziehungen zu anderen Tieren gerechter zu gestalten. Ein Teil davon ist, deren grundlegendste Interessen zu respektieren – gerade das Interesse, physisch unversehrt und am Leben zu sein.