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ES IST NICHT SICHER, wer sich wen ausgedacht hat: Hockney Kalifornien oder Kalifornien Hockney, an einem Tag wie diesem fliessen sie mühelos ineinander in ihrer pastellfarbenen Flüchtigkeit. Ich passe da perfekt hinein, jemand, der nicht fertig ist, der hier genausogut nicht am Springbrunnen sitzen könnte, Gast in einem Motel, an sich schon eine Eigenschaft der Flüchtigkeit. Das Motel ist hellblau, meine Kleider haben die in dieser Gegend vorgeschriebenen Mädchenfarben, ich sehe, wie die ephemeren Jogger ihre zarte Zeichnung am Rande des Ozeans entlangschieben.
Motel, äusserste Flüchtigkeit, Emblem der höchsten Kunst des Verschwindens. Man trägt einen Namen ein, bezahlt, bekommt einen Schlüssel, Eis steht auf dem Flur: Wim Cactus und Annabel Geranium haben Zimmer 124. Im Zimmer 124 warten 18 000 andere Gäste ohne Konturen, ihre Seelen hängen vor dem Fernseher, in den geblümten Gardinen, sie liegen summend in der Badewanne, sehen einem Gesundbeter im Fernsehen zu, lesen die «Los Angeles Times», denken an ihren Pontiac 1952, der unsichtbar draussen steht, weiss wie Sahneeis. Alle Reisenden der Welt spuken in den Zimmern der anderen Reisenden, das ist ein Gesetz. Sie paaren sich, küssen sich, schmatzen, essen, lassen das Eis in den Bourbongläsern klirren, sie schlafen mit offenem Mund, und sie schlafen nicht, sie injizieren ihre exotischen Träume in die Gardinenstange und erinnern sich an das Meer, das draussen liegt.
Morgen reisen sie weiter, aber sie lassen ihre unsichtbare Anwesenheit zurück, die Bewegung einer Hand, einen nicht beendeten Satz, Gedanken des Entzückens und des Abscheus. Man achte nur mal darauf, wie schwer sich die Tür eines Motelzimmers öffnen lässt, das spezifische Gewicht all dieser Seelen bremst die Bewegung, dein Eintreten zwingt sie, sich neu zu arrangieren, deine physische Präsenz watet durch den Raum, den sie einnahmen, du bist nie allein. Annabel Geranium streckt sich auf dem Bett aus und studiert die Karte, Wim Cactus tritt auf den Flur und schaufelt seinen Plastic-Kübel voll mit Eis, das Geräusch erinnert ihn an seinen Grossvater in Tilburg, 1946: das Geräusch des Kohleschaufelns, ein Geräusch, das es nicht mehr gibt. Er kehrt in Zimmer 124 zurück, legt die gläsernen, durchsichtigen Kohlen in sein Glas und giesst sich Bourbon ein. Mit dem eiskalten Glas in der Hand gehe ich zum Springbrunnen und kuschle mich in meinen Hockney. Rechts unten, gleich über der Signatur. Es ist deutlich zu erkennen, dort sitzt Wim Cactus. Komplott der Sonne, des Bourbon, der Eiswürfel: Das Glas in seiner Hand wird zu Gold, es sendet Strahlen aus. Er sitzt gut da, Hockneys Gartenstuhl ist geräumig, geflochtener Bambus, weiss angemalt, wollüstige Schnörkel. Rosa Fliesen, blaue Espadrilles, Gänseblümchen hie und da im geschorenen Rasen. Und der ist grün. Er sieht die ephemeren Jogger usw., dann sieht er die luftige Konstruktion des Piers, der weit ins Meer hinausragt, die Fischer, den Pelikan.
Erst auf dem nächsten Bild habe ich den Kopf gedreht, und jetzt sehe ich sie, die Palme. Sie hat keine Arme, ist das erste, was ich denke. Warum ist sie so hoch? Ich wende den Kopf ab, sie ist zu hoch. Nein, jetzt will ich noch einmal schauen. Habe ich genug Halswirbel? Ich fange am Boden an, im geschorenen Gras. Dann gehe ich aufwärts, langsam, ohne zu rucken, ich bin ein perfekter Kameramann, ich tue es zentimeterweise, ergötze mich an dieser närrischen fächelnden Bewegung der lose gesponnenen Wolken, die am kalifornischen Blau hängen, erst dann gelange ich zu der zerzausten, fransigen Krone. Palme, denke ich, und mangels anderer Objekte fahre ich damit fort. Palme, Palme, Palme. Ein gewisses Gefühl der Glückseligkeit bemächtigt sich des Bewohners von Zimmer 124. Annabel Geranium erscheint in der Tür. Das Licht überfällt sie. Rosa sind ihre Kleider. Sie sieht die scharfe Form der Berge hinter der Mission, dann das Funkeln des Meeres, das tauchende Selbstmordkommando dreier Pelikane, die sich in die Brandung stürzen, dann erst ihn. «Wohin schaust du?», fragt sie. «Auf diese Palme», sage ich. «O.»
Der unsichtbare Zeichner ist schneller als der Kameramann. Der Stamm der Palme: eine einzige Bewegung, japanischer Meister. Das Grün da oben: sechs explodierende Flaggen. Dann sieht er die Frau in Rosa in der Tür des hellblauen Motels. Pink, Geranium, denkt er, und denkt an das Eau de toilette seiner Mutter. Pink Geranium, Crabtree & Sons.
Alles ist so einfach. Die Welt ist ein Verweis.