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Die meisten Netzwerkindustrien – Telekom, Post, Luftfahrt, Eisenbahn, Elektrizität, Gas und Wasser – wurden ab den Achtzigerjahren im Kontext der Globalisierung weltweit liberalisiert. Insbesondere in der EU wurde diese Deregulierung ab 1990 schrittweise und systematisch in allen Infrastruktursektoren verfolgt. Die Ausnahme bietet das Wasserwesen, das lokal organisiert ist. In Industriestaaten wie Grossbritannien, Neuseeland sowie in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern kam es zusätzlich zu Privatisierungen.
Beides – die Liberalisierung und die Privatisierung von Infrastrukturen – führte zu grossem Regulierungsbedarf, da es sich rasch herausstellte, dass Infrastrukturmärkte nur dank Regulierung funktionieren. Denn Infrastrukturen oder Netzwerkindustrien sind teilweise monopolbehaftet, und die entsprechenden Märkte sind beispielsweise wegen Externalitäten, Netzeffekten, Service-public-Auflagen, Subventionen und weiter bestehendem Staatseigentum immer imperfekt. Ab den Neunzigerjahren hat diese Entwicklung einen grossen Forschungsschub ausgelöst.
Ursprung in den USA
Schon vor dieser «Liberalisierungs- und Privatisierungswelle» gab es in den USA eine gewisse Erfahrung mit der Regulierung von Infrastrukturen. Allerdings war diese damals stark lokal geprägt, da sie sich auf sogenannte Utilities Regulators der US-Bundesstaaten konzentrierte. Diese staatlichen Kommissionen fokussieren auf den Konsumenten, den sie vor (lokalen) Monopolen im Wasserwesen, im öffentlichen Verkehr, beim Kabelfernsehen sowie beim Gas und bei der Elektrizität schützen wollen. Aus dieser Praxis heraus hat sich schrittweise die sogenannte Regulierungsökonomie herausgebildet. Regulierung ist in diesem Sinne in erster Linie als «Markt-Ersatz» zu verstehen. Mit anderen Worten: Wie können dank Regulierung, (lokale) Monopole zu effizientem marktähnlichem Verhalten angehalten werden?
Die Regulierung von nationalen – im Fall von Europa auch internationalen – Infrastrukturnetzen stellte die gängige, rein ökonomische Regulierungstheorie ab den Neunzigerjahren vor weitere Herausforderungen. Aufbauend auf der erwähnten Regulierungsökonomie, hat sich seither eine umfassendere und interdisziplinärere Theorie namens Regulatory Governance entwickelt, die nun ebenfalls technische und politische Dimensionen einschliesst. Auf technischer Ebene sind dies etwa der Netzzugang, die Interoperabilität, technologisch bedingte Engpässe sowie Systemfunktionen. Die Politik ist zum Beispiel bei der Regulierung von Leistungsvereinbarungen, von Konzessionen und von Public-Private-Partnerships besonders involviert.
Unternehmen und Regulatoren profitieren
Diese neuere, eher europaorientierte Forschung baut weniger auf der neoklassischen als vielmehr auf der institutionellen Ökonomie auf. Statt sich auf das möglichst effiziente Verhalten von Monopolisten zu beschränken, gilt das Augenmerk vermehrt den Konsequenzen der institutionellen Ausgestaltung der Regulierung auf das effiziente und sichere Funktionieren von gesamten (sogar europaweiten) Infrastruktursystemen. Dabei wird insbesondere das Zusammenspiel zwischen Regulatoren, Verwaltung und Gerichten analysiert. Methodologisch baut diese neuere Forschungsrichtung weniger auf der Ökonometrie als vielmehr auf der Simulation von Akteuren (Agent-based Modelling) auf.
Sowohl Regulierungsökonomie als auch Regulatory Governance sind letztendlich angewandte Wissenschaften, deren Ziel es ist, Unternehmen, Regulatoren und Gesetzgeber zu unterstützen: Infrastrukturmärkte und -systeme sollen effizient, das heisst so marktnah wie möglich, aber auch sicher und im öffentlichen Interesse, organisiert werden. Damit der volkswirtschaftliche Nutzen der Netzwerkindustrien optimal ist, müssen die Institutionen und damit die Regeln, unter welchen die verschiedenen Netzwerkindustrien operieren, entsprechend angepasst werden.