Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03473.jsonl.gz/1256

Herbstversammlung 2011
Wovon schwärmt ein Bienenschwarm?
Die Aussage dieses Titels ist ganz wörtlich zu nehmen, denn ein Bienenschwarm verlässt den Stock ohne ein festes Ziel und muss in den nächsten Tagen ein neues Heim finden. Untersuchungen über diesen Vorgang haben erstaunliche Fähigkeiten des Bienenschwarmes zu Tage gebracht. Stehen mehrere mögliche Nistorte zur Verfügung, wird fast immer der geeignetste ausgesucht. Die Frage ist: Worauf achten die Bienen und wie einigen sie sich?
An der Herbstversammlung des Vereins thurgauischer Bienenfreunde (VTBF) vom 22. Oktober 2011 im Gasthaus zum Trauben in Weinfelden referierte Hans-Ulrich Thomas, Betriebsberater aus Zürich zu diesem Thema. Er hat uns die folgende Zusammenfassung seiner Ausführungen - basierend auf den Forschungsarbeiten des amerikanischen Bienenforschers Tom Seeley - in einem Nachdruck aus dem "mellifera.ch Magazin" vom Mai 2011 zur Verfügung gestellt.
Wovon schwärmt ein Bienenschwarm?
Eine gute Frage mit einer verblüffenden Antwort: Von nicht viel Anderem als Menschen auf Wohnungssuche. Ein genügend grosser Raum für den Wabenbau sollte es sein mit "sonniger" Flugrichtung nach Süden und bevorzugt einige Meter ab Boden liegend. Doch wie bringen es die Bienen fertig, so etwas zu finden und aus verschiedenen Möglichkeiten das Geeignete herauszufinden? Hier einige Resultate des amerikanischen Bienenforschers Tom Seeley.
Verlässt ein Bienenschwarm sein angestammtes Nest, sammelt er sich in der Regel für einige Stunden in unmittelbarer Nähe des Bienenstandes an einem Ast um dann plötzlich wegzufliegen. Nach ca. 1-2 km Flugstrecke lässt er sich nieder und sucht von dort aus ein neues Zuhause. Eine typische Aufgabe für die Spurbienen (Kundschafterinnen).
Etwa 5% aller Arbeiterinnen eines Bienenvolkes sind Spurbienen und damit zuständig für das Finden von neuen Nektar-, Pollen- und Wasserquellen; bei einem Schwarm ist es die Suche nach einem neuen Nistort. Dazu wird die nähere und weitere Umgebung intensiv abgesucht. Hat die Spurbiene ein interessantes Objekt gefunden, wird es im Durchschnitt fast eine Stunde lang inspiziert. Unter anderem wird die Nisthöhle selbst, deren Lage, die äussere Umgebung, wie auch die Grösse des Flugloches genau untersucht. Bienen bevorzugen Nisthöhlen mit ca. 20 - 80l Inhalt etwa 3m ab Boden gelegen, die ein unten liegendes und nach Süden gerichtetes Flugloch von etwa 30 cm² Grösse haben. Nicht wichtig scheinen Durchzug oder Nässe zu sein. Ebenfalls keine Rolle spielt die Distanz zum alten Nest.
Das Erstaunliche nun: Obwohl die Spurbienen oft kilometerweit in einer total neuen Umgebung suchen, finden sie zurück zum temporären Biwak des Bienenschwarms, um dort mittels des Bienentanzes Werbung zu machen für das Gefundene. Nicht selten kann man zwanzig, dreissig Bienentänze auf einer Schwarmtraube beobachten. Diese Tänze sind sehr unterschiedlich. Die Spurbienen scheinen ein angeborenes Wissen für einen guten Nistort zu haben und eine Vorauswahl zu treffen. Für ideale und sehr geeignete Standorte wird viel länger und intensiver getanzt wie für weniger geeignete. Entsprechend ist auch der Rekrutierungserfolg. Das sind die nachtanzenden Bienen, die den angezeigten Standort anfliegen und ebenfalls untersuchen und ihrerseits wieder intensiv dafür tanzen oder eben auch nicht, je nach eigener Einschätzung. Die nahe liegende Idee, dass eine zurückkehrende Spurbiene den Tänzen einer anderen Spurbiene folgt und dann vergleicht, konnte nicht bestätigt werden.
Beobachtet man die Tänze auf der Oberfläche eines Bienenschwarmes über einige Tage hinweg, sieht man, wie sich allmählich ein Konsens für einen neuen Standort entwickelt. Für einen Platz also, der den Anforderungen der Bienen in (fast) allen Punkten ideal entspricht. Nur selten gibt es Fehlentscheidungen. Zusammengefasst: Eine wirklich einmalige und bewunderungswürdige Leistung eines Bienenvolkes.
Doch die nächste Aufgabe folgt sogleich. Wie wird ein Bienenschwarm zum neuen Nistort geführt? Das ist wiederum eine Aufgabe für die Spurbienen. Während mehreren Tagen hängt ein Schwarm bewegungslos am selben Ort und die einzelnen Bienen können nicht sofort wegfliegen.
Zuerst gilt es alle Bienen in der Schwarmtraube zu aktivieren. Eingeleitet wird dieses Verhalten durch die Spurbienen, die sich intensiv auf der Schwarmtraube hin und her bewegen, Pfeiflaute generieren und Schwänzeltänze für den ausgewählten neuen Standort aufführen. Mittels Zittern ihrer Flugmuskeln müssen die Bienen ihre Flugmuskeln zuerst auf über 35°C vorheizen. Ein Prozess, der mehrere Stunden dauert. Erst wenn die Oberflächentemperatur des Bienenschwarms auf über 35°C angestiegen ist, erheben sich die Bienen in die Luft, und wir können das imposante Schauspiel eines fliegenden Bienenschwarms beobachten, der kurz darauf in sein neues Heim einzieht.
Aus: T. Seeley: Group decision making in honey bees. American Scientist, May-June 2006, S. 220-229
Nachtrag der VTBF-Redaktion
Die deutsche Übersetzung des Buches "Honeybee Democracy" von Thomas D. Seeley ist erhältlich unter dem Titel "Bienendemokratie, wie Bienen kollektiv entscheiden und was wir davon lernen können" (Verlag S. Fischer, Frankfurt; ISBN: 978-3-10-075138-6).