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Welch offenbarende Wirkung mussten die ersten Fotografien eines Ortes aus der Luft wohl auf seine Bewohnerinnen und Bewohner gehabt haben! Früher – im 18. und 19. Jahrhundert – wussten höchstens ein paar (wohlhabendere) Herren und vereinzelte Damen, die Zeit, Mut und Musse hatten, um auf hohe Berge zu steigen, wie die Welt von oben aussah.
Walter Mittelholzer und die Pioniere der Luftbildfotografie
Nach der quasi gleichzeitig stattfindenden Erfindung der Fotografie durch die Franzosen Joseph Nicéphore Niépce (1765–1833) im Jahr 1826 1 und Louis Daguerre (1787–1851) im Jahr 1839 2 sowie den Engländer William Henry Fox Talbot (1800–1877) im Jahr 1841 3 dauerte es nur knapp weitere 20 Jahre, bis ein Fotograf eine Kamera auf eine Ballonfahrt mitnahm. Der französische Fotograf Nadar (1820–1910) 4 machte 1858 von einem Fesselballon aus das erste, leider nicht erhaltene Luftbild der Schlacht von Solferino. Der Amerikaner James Wallace Black schoss sein erstes Luftbild von Boston (Mass.) im Jahr 1860. In der Schweiz startete der St. Galler Ballonfahrer Eduard Spelterini (1852–1931) 5 zwischen 1891 und 1893 zu dutzenden Ballonfahrten, auf denen er Schweizer Städte, Landschaften und auch die Alpen fotografierte 6 .
Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Entstehen von Fliegertruppen wurde die Luftbildfotografie vielerorts für die militärische Aufklärung verwendet. In der Schweiz tat sich insbesondere der St. Galler Fotograf Walter Mittelholzer (1894–1937) auf diesem Gebiet hervor. Nach dem Krieg gründete Mittelholzer, inzwischen war er auch brevetierter Zivilpilot, die Fluggesellschaft Aero-Gesellschaft Comte Mittelholzer & Co., die 1920 mit einer anderen Fluggesellschaft zur Ad Astra Aero AG fusionierte. In den ersten Jahren war der Verkauf von Luftbildern das zuverlässigere Standbein als die zunächst unregelmässigen Flüge mit vermögenden Passagieren. Fotografiert wurden Landschaften und Ortschaften, Fabriken, Hotels und Bauernhöfe. Die Abzüge verkaufte man einzeln an die Gemeinden, Fabrikanten, Wirte und Bauern, Verkehrsvereine und illustrierte Zeitschriften. Mittelholzer wählte die Motive selber; mit der Zeit erhielt er aber auch Anfragen und Aufträge.
Als die Ad Astra Aero AG 1931 mit der Balair zur Swissair fusionierte und Mittelholzer deren technischer Direktor wurde, führte er die Luftfotografie in der Tochterfirma Ad Astra Photo AG weiter, die 1934 in Swissair Photo AG umbenannt wurde. Nach Mittelholzers Bergtod 1937 übernahm der Fotograf Werner Friedli bis 1960 die Leitung. Nach einer Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg verkaufte die Swissair Photo AG weiterhin Luftaufnahmen von Gemeinden und Industriebetrieben, gründete einen Postkartenverlag und publizierte alle paar Jahre einen Fotoband. Noch heute hängt in vielen Schweizer Wohnungen ein Luftbild der Gemeinde oder des eigenen Hauses, meist produziert von Swissair oder der Air Color SA 7 .
Ein fotografisches Genre
Bei Luftbildern bzw. Luftaufnahmen handelt es sich um die fotografische Abbildung der Erde aus der Vogelperspektive bzw. aus Luftfahrzeugen. Ab dem Ersten Weltkrieg wurden solche Bilder systematisch zu Aufklärungszwecken eingesetzt. Wenig später entdeckten auch die Naturwissenschaften diese Technik für ihre Zwecke. In der Kartografie ist die Luftbildfotografie bis heute eine wesentliche Grundlage zur Erstellung von Kartenmaterialien. Dabei unterscheidet man zwischen Schräg- und Senkrechtaufnahmen:
• Schräg aufgenommene Luftbilder dienen als künstlerische fotografische Ansichten für Architektur- und Landschaftsaufnahmen zur Fernerkundung.
• Senkrecht aufgenommene Luftbilder werden für die Herstellung von Karten (Kartografie) benutzt 8 .
Oft gilt die Luftbildfotografie als technisches Genre. Die Aufnahmen folgen mechanisch einem klar definierten Ablauf. Daher wird der Name des Fotografen, der Fotografin nicht angegeben.
Wie Luftbilder heute professionell produziert werden, erklärt Stephan Landtwing, Mitglied der Geschäftsleitung der schweizerisch-deutschen Firma BSF Swissphoto AG. Die «Nachfolger Walter Mittelholzers», wie sie sich nennen, sind in der Geodatenbranche mit den drei Geschäftsbereichen 3D-Mapping, Ingenieurvermessung/GeoMonitoring und Consulting weltweit tätig.
Die grosse Sammlung historischer Luftbilder im Bildarchiv
Mit über 1,3 Millionen Luftbildern besitzt das Bildarchiv der ETH-Bibliothek schweizweit den grössten Bestand an historischen Luftbildern. 9 Im Vergleich dazu: Der Gesamtbestand des Bildarchivs beläuft sich im Moment (Oktober 2018) auf rund 3,5 Millionen Fotografien. Aktuell deckt die Luftbildsammlung einen Zeitraum von 1918 bis 2014 ab und bildet sich mehrheitlich aus den folgenden fünf Grossbeständen:
Die archivarischen Prozesse
Unsere Nutzerinnen und Nutzer können sich von aussen naturgemäss wenig unter bibliothekarischen oder archivarischen Aufgaben vorstellen. Sie sind dennoch immer wieder erstaunt, wie viele Bilder aus den unterschiedlichsten Bereichen auf der Bilddatenbank E-Pics Bildarchiv Online zum Downloaden und zur freien Nutzung bereitstehen. Eins sei vorausgeschickt: Die archivarische Aufbereitung der analogen Bilder ist äusserst zeit- und ressourcenintensiv und erfolgt deshalb sehr systematisch. Zum Schluss dieser Story werden Sie in der Lage sein, selber eine Hochrechnung des Arbeitsaufwandes zu machen.
Bestandesübernahme
Bei der Bestandesübernahme werden wichtige Vorentscheidungen für alle weiteren Arbeitsprozesse getroffen: Was wird wann in welcher Form bearbeitet? Die zeitliche Priorisierung der Bearbeitung sowie die Bearbeitungstiefe werden also in Abstimmung mit inhaltlichen Schwerpunkten sowie vorhandenen (personellen) Ressourcen definiert.
Inventarisierung
Studentische Hilfskräfte entfernen die originalen Verpackungen, meist Kunststoff- oder Pergaminhüllen, und verpacken die Bilder in säurefreies und gepuffertes, archivierungsbeständiges Papier. Dabei versehen sie sowohl den Fototräger als auch das Verpackungsmaterial mit einer eindeutigen Signatur. Sämtliche Metadaten, also alle Beschriftungen auf dem Bild bzw. der Originalverpackung, werden in eine Excelliste übertragen. Erfreulicherweise erreichen uns immer mehr Bestände mit elektronisch erfassten Metadaten, die wir für unsere Datenbank passgenau aufbereiten.
Digitalisierung
Die Digitalisierung erfolgt nach der Inventarisierung im hauseigenen DigiCenter. Auch hier arbeiten unter Anleitung von Fachpersonen überwiegend studentische Hilfskräfte. Sie erstellen Reproduktionen mit den digitalen Mittelformatkameras Hasselblad H3D/H5D bzw. Scans mit dem Nikon Coolscan 5000 für Kleinbildformate. Bei den Luftbildern hat sich aufgrund der Nutzerbedürfnisse – jemand muss beispielsweise vor Gericht nachweisen, dass die Pergola an seinem Haus zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht erstellt war, – eine Druckerauflösung von A2 auf 300 dpi eingebürgert. Sonstige Bilder werden auf das Format A3 ausgerichtet.
Die Bilder werden als 8-Bit-Tiffs in RGB gespeichert. Die Bilddaten werden so wenig wie notwendig korrigiert, wobei sich der Aufwand bei Farbbildern grösser gestaltet.
Erschliessung
Nun werden die Bilddateien und die Metadatenlisten in die Bilddatenbank importiert. Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek arbeitet seit 2005 mit der Digital Asset Management Software „Cumulus“ der Firma Canto. Bei der Erschliessung werden die Bilder beschlagwortet, und zwar mit dem Genre, dem Ort und allenfalls einem Sachschlagwort.
• Genre: Angesichts der grossen Menge an Luftbildern ist das Schlagwort Luftbildfotografie unterteilt in tief- und hochgeflogene Schräg- und Senkrechtaufnahmen. Da die Aufnahmehöhe meist nicht bekannt ist, erfolgt die Einteilung in hoch und tief nach optischen Kriterien. Das wichtigste Kriterium ist hierbei die Sichtbarkeit von Fenstern bei Häusern. Jedes Bild erhält konsequent nur ein Genre-Schlagwort.
• Ort: In der Regel vergeben wir nur ein Schlagwort für den im Titel erstgenannten Ort, sei dies ein politischer (Gemeinde) oder ein naturgeografischer Ort (Berg, See). Der Grund hierfür liegt ebenfalls in der grossen Menge an Luftbildern. Die Beschlagwortung kann jedoch bereits in der Inventarliste vorbereitet werden, was zeitlich weniger aufwendig ist als direkt in der Bilddatenbank.
• Sachschlagwort: Falls ein Gebäude (z. B. Textilfabrik) oder ein Infrastrukturbau (z. B. Autobahn) das zentrale Motiv eines Luftbildes ist, wird dieses in der Regel beschlagwortet.
Alles in allem kann gesagt werden, dass der Arbeitsaufwand pro Bild mindestens eine Stunde beträgt! Jetzt dürfen Sie rechnen: Wir haben bereits 430‘000 Bilder online gestellt…
Bedeutung für die Forschung
Wozu also dieser immense Aufwand? Eine wesentliche Aufgabe von Bibliotheken und Archiven ist die Bereitstellung und Nutzbarmachung von (kulturhistorisch wertvollen) Dokumenten – sei dies für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler oder für die Öffentlichkeit. Luftbilder sind seit Jahren die meistbenutzten Bilder des Bildarchivs. Architektinnen, Siedlungsplaner, Biologinnen, aber auch Privatpersonen nutzen die Luftbilder für wissenschaftliche Auswertungen, Planungsarbeiten, Gerichtsfälle, Hobbies oder einfach zur Erinnerung.
Konrad Schindler, Professor für Photogrammetrie und Fernerkundung an der ETH Zürich, erklärt wozu Forschende historische Luftbildern nutzen und wie sie heute mit wenig technischem Aufwand selber Luftbilder für aktuelle Forschungsfragen erstellen.
Maha Soltaniehha, Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin mit Professur für Raumentwicklung an der ETH Zürich berichtet über die Vorteile von Luftbildern. Ebenso, wie sie diese für die Entwicklung und Nutzung von freien Flächen verwendet.
Die Crowd hilft mit
Wissen Sie mehr zu einem Bild? Dann schreiben Sie uns Ihre Kommentare! Bei jedem Bild auf E-Pics Bildarchiv Online finden Sie in den Bildinformationen hierfür das Feedback-Couvert (mehr dazu auch in unserem Blog Crowdsourcing). Für viele wissenschaftliche Nutzungsarten von Luftbildern sind Geokoordinaten von Vorteil. Dafür müssen die Luftbilder des Bildarchivs zuerst georeferenziert werden. Seit Januar 2018 kann das interessierte Publikum ausgewählte Luftbilder in spielerischer Weise auf der Plattform sMapshot georeferenzieren.
Das Betrachten der Erde aus der Luft ist heute selbstverständlich geworden: mit Google Maps sind die aktuellen Luft- und Satellitenbilder von praktisch jedem Ort der Erde jederzeit abrufbar. Das Bildarchiv der ETH-Bibliothek archiviert, erschliesst und digitalisiert einen kulturhistorisch bedeutenden Schatz von über 1,3 Millionen Luftbildern, der die Entwicklung der Schweiz in den letzten 100 Jahren von oben dokumentiert.
Fussnoten
- Die erste Fotografie überhaupt ↩︎
- Erfinder der Daguerreotypie ↩︎
- Das erste mit Fotografien illustrierte und kommerzielle Buch aller Zeiten erschien ursprünglich in sechs Lieferungen zwischen 1844 und 1846. Talbot, William Henry Fox (2011): The pencil of nature [reprint] ed.). Chicago: KWS. ↩︎
- Eigentlich Gaspard-Félix Tournachon ↩︎
- Eigentlich Eduard Schweizer. Kramer, Thomas; Capus, Alex; Spelterini, Eduard, & Museum im Bellpark (2007): Eduard Spelterini : Fotografien des Ballonpioniers. Zürich: Scheidegger & Spiess. ↩︎
- Ab 1898 unternahm er auch Flüge über die Alpen. Einer davon zusammen mit dem ETH-Professor Albert Heim: Heim, Albert; Maurer, Julius, & Spelterini, Eduard (1899): Die Fahrt der "Wega" über Alpen und Jura : Am 3. Oktober 1898. Basel: Benno Schwabe, Verlagsbuchhandlung. ↩︎
- Weidmann, Ruedi & ETH-Bibliothek (2014): Swissair Luftbilder: das Luftbildarchiv der Swissair = Swissair aerial photographs: the Swissair Aerial Photography Archive. Zürich: Scheidegger & Spiess (Bilderwelten No. 4). ↩︎
- https://de.wikipedia.org/wiki/Luftbildfotografie ↩︎
- Die Sammlung historischer Luftbilder bei Swisstopo umfasst rund eine halbe Million, https://www.swisstopo.admin.ch/content/swisstopo-internet/de/topics/historical-images/aerial-photo/_jcr_content/contentPar/tabs/items/dokumente_publikatio/tabPar/downloadlist/downloadItems/428_1463568860400.download/Kennwerte-und-Merkmale_bf.pdf ↩︎
- Surber, Kaspar & ETH-Bibliothek (2016): Walter Mittelholzer revisited: aus dem Fotoarchiv von Walter Mittelholzer = from the Walter Mittelholzer Photography Archive. Zurich: Scheidegger & Spiess (Image Worlds No. 6). ↩︎
- Allerdings ohne die Luftbilder: Kreis, Georg & ETH-Bibliothek (2015): Fotomosaik Schweiz: das Archiv der Pressebildagentur Comet Photo AG = Photo mosaic Switzerland: the Archive of the Image Agency Comet Photo AG. Zürich: Scheidegger & Spiess (Bilderwelten No. 5). ↩︎