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Russland feierte am Montag den Tag des Sieges über Nazideutschland und hätte eigentlich auch gerne den Sieg im Ukraine-Krieg verkündet. Doch die «Militäroperation», wie sie in Russland offiziell heisst, kommt nicht voran wie gewünscht. Wie steht es um Russlands Armee und ihren Kampfgeist? Nicht sehr gut, sagt ETH-Experte Niklas Masuhr.
Niklas Masuhr
Sicherheitsexperte an der ETH Zürich
Niklas Masuhr ist Sicherheitsforscher am Center for Security Studies der ETH Zürich.
SRF News: Wie steht es am Tag des Sieges, nach zweieinhalb Monaten Krieg in der Ukraine, effektiv um die russischen Streitkräfte?
Niklas Masuhr: Natürlich gibt es ein gewisses Spektrum. Man kann aber grundsätzlich sagen, dass Russland durchaus hohe Verluste erlitten hat. Neben den verfehlten Zielen – beispielsweise die Einnahme von Kiew – ist die Speerspitze des russischen Militärs abgebrochen.
Russlands Militär ist dem ukrainischen zahlenmässig überlegen, und doch fehlen Erfolge. Wie wirkt sich das auf die Moral aus?
Die ist laut gewissen Berichten sehr schlecht. Man kann davon ausgehen, dass insbesondere in Truppenteilen, die höhere Verluste erlitten haben, sowohl menschlich als auch materiell, die Moral schlechter ist als in anderen. Es gibt auch Gerüchte, dass Berufssoldaten, die noch in Russland sind, sich weigern, an die Front zu gehen. Das ist alles schwer zu quantifizieren, aber es steht offenbar nicht besonders gut.
Wie können die Generäle die russische Kampfkraft wiederherstellen?
Indem sie die Truppen reorganisieren. Das hat man vor einigen Wochen beispielsweise versucht, indem man die Kommandokette vereinfachte und jetzt einen Kommandanten hat, der die ganze Operation leitet. Grundsätzlich ist es im Krieg eine Herausforderung, das, was man hat, neu zu organisieren, gewisse Verbände aufzufüllen. Und deshalb wird auch davon ausgegangen, dass es heute eine wie auch immer geartete zusätzliche Mobilisierung geben wird, um die Verluste zu ersetzen.
Grundsätzlich kann man sagen, dass neue Rekruten oder Reservisten auf russischer Seite nicht in wahnsinnig hoher Qualität vorhanden sind.
Wie nützlich wären die Truppen, die sich mobilisieren liessen?
Kurzfristig wohl eher weniger nützlich, aber man kann natürlich auch an anderen Stellen nachfüllen. Man muss sich vorstellen, nicht alle Truppen, die man mobilisieren könnte – etwa Wehrpflichtige vom letzten Jahr –, würden sofort an die Front geschickt. Möglicherweise können sie auch erst einmal in Russland Funktionen auffüllen. Es gibt diverse Wege. Aber grundsätzlich kann man sagen, dass neue Rekruten oder Reservisten auf russischer Seite nicht in wahnsinnig hoher Qualität vorhanden sind.
Die Ukrainer hätten bereits etliche hohe Militärs getötet, heisst es. Welche Folgen hat das für die Schlagkraft der Truppen?
Bei den russischen Streitkräften ist das ein grösseres Problem als beispielsweise bei der Nato, weil diese offizierslastiger sind. Man hat nicht wirklich ein erfahrenes Korps an Unteroffizieren, das dies kompensieren würde. Das Problem, vor dem die Russen jetzt zu einem gewissen Teil stehen, ist, dass solches Personal – mit Erfahrung nicht erst aus der Ukraine, sondern möglicherweise auch aus Syrien – zum Teil wohl unersetzlich ist. Es zu ersetzen und zu trainieren, ist besonders schwer.
Das Ganze muss man jetzt wahrscheinlich auf einer etwas längeren Zeitachse betrachten.
Welche Erfolge sind mit solchen Truppen denn noch möglich?
Man kann sich vorstellen, dass die aktuelle Offensive vielleicht keine grossen Geländegewinne macht, aber durchaus an gewissen Punkten die Linie hält. Und dass es in den nächsten Monaten vielleicht möglich ist, eine erneute Offensive zu führen. Das, was man aktuell versucht, scheint ins Stocken geraten zu sein. Und darum muss man das Ganze nun wahrscheinlich auf einer etwas längeren Zeitachse betrachten.
Das Gespräch führte Susanne Stöckl.