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Früher waren es verarmte Städter, die dem Heroin verfielen. Heute sind es Menschen aus der US-Mittelschicht. Und es sind Hunderttausende. Vor allem in weniger urbanen Gebieten ist von einer regelrechten Epidemie die Rede. So wie in Maine.
Nach dem Arztbesuch kommt die Sucht
Manche Betroffene finden in einer Institution Zuflucht und Unterstützung, wie im Portland Recovery Center. Einer der Patienten ist der 37-jährige Damian. Er erzählt: «Meine Drogenabhängigkeit begann 2001. Ich kam in eine Schiesserei und wurde ins Spital eingeliefert. Dort haben sie mir opiumhaltige Schmerzmittel gegeben. Als ich entlassen wurde, fühlte ich mich schrecklich. Ich war auf Entzug und wusste nicht, wie mir geschah.»
Heroin ist heute so einfach zu erhalten wie etwa Cannabis.
Damian begann, auf dem Schwarzmarkt Schmerzmittel zu kaufen, bis diese teurer und rarer wurden. «Dann kam das Heroin. Es ist überall. Heroin ist heute so einfach zu erhalten wie Cannabis.»
Billiger als Schmerzmittel
Damians Fall ist typisch. Am Anfang vieler Suchtfälle in den USA steht ein Besuch beim Arzt. Die Ärzte haben in den letzten Jahren immer mehr opiumhaltige Schmerzmittel verschrieben. Die Pharmaindustrie hat gut daran verdient und lieferte Studien, die besagten, dass die Schmerzmittel nicht abhängig machten. Das ist nicht wahr: Laut anderen Studien waren Medikamente die Einstiegsdroge für vier von fünf Heroinabhängigen in den USA.
Heroin ist heute billiger als Schmerzmittel. Die Zahl der an Opiate-Überdosen gestorbenen Menschen hat sich in den letzten zehn Jahren vervierfacht. 48'000 US-Amerikaner starben 2013 daran – deutlich mehr, als bei Autounfällen ums Leben kamen. Die Drogenepidemie gilt als eine der Gründe dafür, dass die Lebenserwartung der weissen Bevölkerung in den USA sinkt.
Das neue Gesicht des Missbrauchs
Bob Fowler führt durch den kargen Gang der Milestone Foundation in Portland, Maine. Er erklärt: «Wir haben 16 Betten für Frauen und Männer und bieten einen vier bis sechstägigen Entzug an – mit medizinischer Hilfe.» Noch vor fünf Jahren waren es fast ausschliesslich Alkoholiker, die die Räume bevölkerten. Heute kommen andere Patienten. Die Hälfte von ihnen sind süchtig nach Opiaten. Unter ihnen viel mehr jüngere Menschen und Frauen als früher. Nur: Bob Fowlers Stiftung ist die letzte solche Einrichtung in Portland, eine andere hat eben die Tore geschlossen, weil ihr das Geld fehlte.
Von der Behandlung auf die Strasse
Der Gouverneur von Maine, Paul LePage, ist einer von vielen republikanischen Gouverneuren, die sich weigerten, im Rahmen der Gesundheitsreform Barak Obamas die Krankenversicherung für Arme zu gewähren.
Er sagt, dies koste zu viel. Gleichzeitig hat er die bestehenden Versicherungsleistungen gekürzt.
Wir tun alles in unserer Macht, um die Leute nicht in die Obdachlosigkeit zu entlassen, aber es geschieht relativ oft.
Bob Fowler erklärt: «Etwa 70'000 Menschen hatten eine Krankenversicherung und haben sie nun verloren. Das betrifft einen grossen Teil der Drogenabhängigen, da sie wegen ihrer Sucht oft ihre Stelle und ihr Einkommen verlieren.». Oft verlieren sie auch ihr zu Hause. Viele der Menschen in der Milestone Foundation landen nach der Behandlung wieder auf der Strasse.
Prävention, Bekämpfung und Behandlung
Portland ist eine schmucke Hafenstadt mit Backsteingebäuden. Nichts weist darauf hin, was hinter der Fassade geschieht. Alle seien betroffen, sagt Bürgermeister Ethan Strimling. «Wir haben gesehen, dass Heroin die Besten und Gescheitesten aller Einkommensgruppen töten kann.»
Er plädiert für eine ganzheitliche Lösung des Problems. «Es ist wie ein Stuhl mit drei Beinen: es braucht Prävention, Bekämpfung und Behandlung. Ohne alle diese Massnahmen wird die Krise nie enden.»
Wir haben in den 1990er-Jahren immer härtere Drogengesetze erlassen (...). Wir haben es aber vernachlässigt, den Süchtigen zu helfen.
Der Schwerpunkt sei bisher auf der Bekämpfung gelegen, und das habe nicht funktioniert, sagt Strimling. «Wir haben in den 90er-Jahren Drogengesetze erlassen, die immer mehr Menschen immer stärker bestraften für immer kleinere Mengen an Drogen. Wir haben es aber vernachlässigt, den Süchtigen zu helfen.»
Ethan Strimling hofft, dass es im Kongress von Maine und beim Gouverneur ein Umdenken gibt, und dass die Politik mehr Mittel bereitstellt, um die Drogenepidemie zu bekämpfen. Derweil tut der Bürgermeister von Portland, was er kann.
Fast alle Verbrechen haben mit Sucht zu tun. Niemand stiehlt hier ein Auto, weil er Hunger hat.
Die Polizeibehörde etwa versucht Süchtige, die sie aufgreift, in eine Behandlung einzuweisen. Die Situation beschert ihm viel Arbeit, sagt Polizeidirektor Michael Sauschuk. «Fast alle Verbrechen haben mit Sucht zu tun. Niemand stiehlt hier ein Auto, weil er Hunger hat. Er tut dies, weil er seine Sucht bedienen muss. Niemand bricht in eine Bank ein, weil er oder sie in die Ferien reisen will.»
Appell an die Ärzte
78 Menschen sterben in den USA täglich an einer Überdosis an opiumhaltigen Substanzen wie Heroin oder Schmerzmitteln. Das Problem ist so gross geworden, dass sich auch das Weisse Haus damit befasst. Die Gesundheitsbehörde hat Empfehlungen für Ärzte erlassen, nach denen sie opiumhaltige Schmerzmittel zurückhaltender verschreiben sollen.
Präsident Barak Obama hat im aktuellen Budget 1,1 Milliarden Dollar reserviert, um gegen die Heroinepidemie anzukämpfen. Das ist eine Verdreifachung des Budgets. Doch angesichts des Ausmasses des Problems ein Tropfen auf den heissen Stein.