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Wenn auf einmal beide Teams ein Eigentor schiessen wollen und eine Mannschaft phasenweise gleich beide Tore verteidigen muss, darf mit gutem Gewissen vom kuriosesten Fussballspiel aller Zeiten gesprochen werden.
Verrückte Spiele hat der Fussball schon viele gesehen. Brasiliens 1:7-Schmach im WM-Halbfinal 2014 zu Hause gegen Deutschland etwa. Oder der Champions-League-Final 2005 von Istanbul, wo Liverpool einen 0:3-Pausenrückstand gegen die AC Milan aufholte und im Penaltyschiessen siegte.
Das Nonplusultra der dramatischsten und kuriosesten Fussballspiele fand aber zweifelsohne am 27. Januar 1994 statt. Die Rede ist nicht von einem WM-Spiel und auch nicht von einem Champions-League-Final, sondern von einem Qualifikationsspiel zur Karibikmeisterschaft 1994. Weil ein Regelexperiment dafür sorgte, dass eine der beiden Mannschaften auf dem Platz plötzlich beide Tore verteidigen musste.
Aber der Reihe nach:
Im Frühjahr 1994 fand ein Qualifikationsturnier statt, bei dem ermittelt werden sollte, welche sechs Nationalteams Gastgeber Trinidad und Tobago und Titelverteidiger Martinique in die Karibikmeisterschaft folgen. Nur jeweils der Sieger der sechs Gruppen qualifizierte sich für die Endrunde.
Gruppe 1 der Qualifikation bildeten Grenada, Puerto Rico und Barbados. Puerto Rico gewann das erste Gruppenspiel gegen Barbados mit 1:0, verlor aber seine zweite Partie gegen Grenada mit 0:2 nach Verlängerung und Golden Goal. Aber Moment mal: Verlängerung in der Gruppenphase? Zwei Tore Unterschied bei Golden Goal? Da stimmt doch etwas nicht ...
Doch doch, das hat alles seine Richtigkeit. Denn die FIFA hat sich für dieses Qualifikationsturnier ein Regelexperiment ausgedacht: Sollte nach 90 Minuten kein Sieger feststehen, geht es auch bei einem Gruppenspiel in die Verlängerung. Da ermittelt dann das «Golden Goal» den Sieger – das Team, das zuerst trifft, gewinnt.
Da in der Endtabelle auch das Torverhältnis entscheidend sein kann, entschied die FIFA zudem, dass ein «Golden Goal» doppelt gezählt wird. Damit sollte der «Nachteil» ausgeglichen werden, den das siegreiche Team hat, da in der Verlängerung ja nur ein einziges Tor erzielt werden konnte. Sollten auch in der Verlängerung keine Tore fallen, würde das Elfmeterschiessen entscheiden – die Punkte würden dann geteilt werden und der Sieger bekäme ein Tor für das Torverhältnis gutgeschrieben.
Die verhängnisvolle 83. Minute
So weit so kompliziert. Nun zurück zur Gruppe 1: Grenada stand vor dem abschliessenden Qualispiel gegen Barbados also mit drei Punkten und dem Torverhältnis von 2:0 (mit nur einem geschossenen Tor) an der Tabellenspitze. Um sich für die Karibikmeisterschaft zu qualifizieren, brauchte Barbados einen Sieg mit mindestens zwei Toren Unterschied.
Das Spiel, das schliesslich in die Geschichte eingehen sollte, verlief dann lange ohne besondere Ereignisse, obwohl es spannend war. Das Heimteam aus Barbados erzielte zwei Treffer und wäre bei jenem Spielstand (2:0) für die Karibikmeisterschaft qualifiziert gewesen. Dann kam die 83. Minute und der Anschlusstreffer von Grenada – ein Tor, das alles auf den Kopf stellte.
Denn nun war den Barbados-Spielern klar: Ein 2:1-Sieg würde ihnen nicht reichen, ein 2:2 jedoch würde sie in die Verlängerung retten, wo sie nochmals eine halbe Stunde lang Zeit hätten – für ein einziges Tor. Nach ein paar erfolglosen Angriffen entschied sich das Heimteam deshalb, sich die neue Regel zum Vorteil zu machen und suchte kurz vor Ende der regulären Spielzeit nicht mehr das 3:1, sondern das 2:2 – das eigene Tor.
Drei Minuten vor Schluss spielten sich Verteidiger Sealy und Torhüter Horace Stoute kurze Pässe zu, bevor Sealy den Ball tatsächlich ins eigene Tor schoss – und sein Team damit in die Verlängerung «rettete».
Grenadas Sturm in beiden Strafräumen
Nun hatte auch Grenada das Spiel begriffen und so versuchten in den Schlussminuten auch die Gäste, noch irgendwie zu einem Torerfolg zu kommen. Ob hinten oder vorne war egal – ein Sieg oder eine Niederlage mit nur einem Treffer Unterschied hätte Grenada ja zur Qualifikation gereicht. So musste Barbados in der Schlussphase tatsächlich beide Tore verteidigen – was auch gelang.
Das verrückte Spiel ging in die Verlängerung und da kam es, wie es kommen musste: Thorne erzielte das «Golden Goal» zum 4:2 für Barbados, das sich somit für die Karibikmeisterschaft qualifizierte.
«Ich fühle mich betrogen. Die Person, die diese Regeln erfunden hat, ist ein Kandidat fürs Irrenhaus», sagte der frustrierte Grenada-Trainer James Clarkson nach dem Match. «Meine Spieler wussten nicht einmal, in welche Richtung sie angreifen mussten: auf unser oder deren Tor. Sowas habe ich noch nie gesehen.»
Ob die FIFA damals auch im Sinn hatte, die seltsame Golden-Goal-Regel ein paar Monate später bei der WM 1994 in den USA anzuwenden, ist nicht überliefert. Jedenfalls hat auch der Weltverband nach dem verrückten Spiel in Barbados erkannt, dass es nicht sinnvoll ist, wenn ein Team für Eigentore belohnt wird. So wurde die Regel nach dem Qualifikationsturnier direkt wieder abgeschafft.