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A. -- verstanden als bewusster und zweckgerichteter Einsatz der körperl., geistigen und seel. Kräfte des Menschen zur Befriedigung seiner materiellen und ideellen Bedürfnisse -- wird im Folgenden v.a. unter den Aspekten ihrer gesellschaftl. Stellung und ethischen Wertung im hist. Wandel theol., philosoph. und ideolog. Denkens behandelt.
Die im 10. und 11. Jh. entwickelte Lehre der in drei Stände gegliederten Gesellschaft (Ständische Gesellschaft) wies die A. dem untersten Stand der laboratores zu, d.h. den Handarbeitern (Bauern), das Kriegshandwerk dem Stand der bellatores und das Gebet dem geistl. Stand, den oratores. Der niedere Stand der v.a. in der Landwirtschaft tätigen Arbeiter hatte für den Erhalt der beiden geachteten Stände zu sorgen.
Den Worten labor und Ar(e)beit lagen bis ins HochMA v.a. die Bedeutungen passiv erlittener Mühsal, Last und Not sowie mühevoller Anstrengung zugrunde. Bezog sich labor auf menschl. Tätigkeit, stand im FrühMA die Bedeutung von Landarbeit und Landesausbau im Vordergrund. Bei Notker dem Deutschen steht A. für die ganze Existenz im Diesseits. Angelegt ist bei ihm aber auch schon die im Hoch- und SpätMA vollzogene Begriffserweiterung hin zu Werk, Ertrag und Leistung. In der ma. Wertehierarchie stand Handarbeit zuunterst, und die auf den Kirchenvätern aufbauenden Gesellschaftskonzepte der Scholastik entwickelten keine Theologie der A., sondern stellten das Opus Dei grundsätzl. über das Opus manuum, ebenso wie sie die Technik und die Artes mechanicae rangmässig weit unter den spekulativen Wissenschaften, v.a. der Theologie, einstuften. Die geringe Bewertung von A. im ma. Abendland fusste u.a. auf der Auslegung des Alten Testaments, wonach Gott nach dem Sündenfall A. mit Mühsal beschwert habe (Gen. 3, 17-19). Zum andern hatte der Mensch aber auch den Auftrag Gottes erhalten, die Erde zu bebauen und die Schöpfung zu bewahren (Gen. 2, 15). So besass A. nach christl.-jüd. Verständnis keinen Eigenwert an sich, sondern sollte für den Nächsten und die Gem. um Gottes Willen getan werden und zu Gott zu führen.
Das ursprünglich monast. Ideal (Mönchtum) der Benediktiner und der Reformorden strebte die Vita vere apostolica an: Mönche und Nonnen sollten von ihrer Hände A. leben, wobei Handarbeit auch der Demutsübung und der Vermeidung des Müssiggangs diente. Der grösste Teil ihrer Zeit aber war dem Gottesdienst und der spirituellen Perfektion zu widmen. Im 11. und 12. Jh. traten neben die ambivalenten Haltungen gegenüber A. vermehrt Stimmen, die A. positiv bewerteten und ihr auch in der monast. Lebensgestaltung mehr Bedeutung beimassen. Argumente für den ethisch-moral. Nutzen von A. wurden insbesondere in den Auseinandersetzungen zwischen Reformorden (Zisterzienser, Prämonstratenser) und Cluniazensern vorgebracht. Manuelle A. und Kontemplation wurden nicht mehr als unvereinbar betrachtet. Die Forschung sieht in diesem Wertewandel die gelehrte, kirchl. Reaktion auf den gleichzeitigen gesellschaftl. Umbruch, die Wiederbelebung des Handels sowie den Aufschwung des Städtewesens mit seinen Märkten, Handwerken und Gewerben. In der Mitte des 12. Jh. wurde im Libellus de diversis Ordinibus erstmals die Bibelstelle diskutiert: "Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen" (2. Thess. 3, 10).
In der zunehmend arbeitsteiligen Wirtschaft (Arbeitsteilung) des Hoch- und SpätMA entwickelte sich wiederum ein Antagonismus zwischen Handarbeitern und sog. Müssiggängern, z.B. Kaufleuten, Rentiers, Magistraten, Amtsleuten und Notaren. Bei Kaufleuten und Handwerkern bildete sich ein neuartiges Berufsbewusstsein aus (Beruf). In der städt. Gesellschaft entwickelte sich ein spezif. Arbeitsbegriff, der das Gewinnstreben des einzelnen Betriebs in Handwerk oder Handel mit der Normvorstellung des städt. Gemeinwohls zu vereinbaren suchte. Nach der in der Bürgerschaft vorherrschenden Arbeitsauffassung sollte jeder Betrieb ein ausreichendes Einkommen zur sog. Nahrungssicherung, d.h. zum Lebensunterhalt des Meisters, der Meisterin und ihrer Fam. erzielen. Er sollte andererseits vernünftige Preise fordern und auf strikte Einhaltung von Qualitätsnormen bedacht sein, um unlauteren Wettbewerb und die Übervorteilung der Kunden zu vermeiden. Im Lauf des SpätMA wurden die städt. Handwerke und Gewerbe durch Verordnungen und Kontrollen der Zünfte und der Obrigkeit mehr und mehr reglementiert. Der Begriff der Ehre im Handwerk leitete sich nicht nur aus der Beachtung der Normen in der Produktionssphäre ab, sondern bezog sich ebenso auf die moral. und sozialen Aspekte von Herkunft und Lebensführung. Von den ehrbaren Berufen wurden die unehrlichen Berufe abgegrenzt. Im gesellschaftl. System der spätma. Städte wurden die einzelnen Sozialgruppen allg. vermehrt über ihre A. definiert. In der ma. ländl. Gesellschaft sind spezif. Wertungen der A. kaum fassbar, insbesondere auch nicht im Zusammenhang mit ländl. Unruhen, in deren Verlauf andernorts in Europa (z.B. Bauernaufstand in England 1381) durchaus Klagen über den Müssiggang von Adel und Klerus geäussert worden sind.
Vom 13. Jh. an erfuhr A. im theol. Diskurs eine Aufwertung, welche die soziale und wirtschaftl. Entwicklung im Zeichen des Städtewesens reflektierte. Mit den zeitgenöss. städt. Arbeitsformen setzten sich Vertreter der Bettelorden auseinander, insbesondere die Dominikaner. Der Franziskanerprediger Berthold von Regensburg sah Müssiggang als "Mutter aller Sünden". Er entwickelte einen für alle Stände gültigen christl. Arbeitsbegriff. Danach herrschte für Ordensleute und Laien gleichermassen das Gebot der A. um der Notdurft willen, damit die Seele nicht Schaden nehme. Auch Berthold stufte das innere, geistl.-andächtige Leben (vita contemplativa) höher ein als das tätige (vita activa). In seinem Konzept der zehn Chöre der Christenheit reihte er die weltl. Berufe in die sieben niederen Chöre ein, welche den drei höchsten, nämlich den herrschenden Ständen, zu dienen verpflichtet waren. Spielleute und andere Angehörige von Randgruppen galten als Abtrünnige, analog zu den gefallenen Engeln. Die A. der in den niederen Chören vereinigten ehrl. Berufsleute dagegen galt als nützlich und unentbehrlich. Sie bedeutete soziale Verpflichtung der Laien im Sinne eines gottgegebenen Amts, wie dies auch Thomas von Aquin vertrat.
Einen entscheidenden Schritt zur konzeptionellen Überleitung von A. als Berufung hin zum Begriff des christl. Berufs im Sinne Martin Luthers taten die Mystiker wie Meister Eckhart und Johannes Tauler, indem sie vita activa und vita contemplativa aufeinander bezogen und das eine als Mittel zur Erreichung des andern sahen. Sie hoben die scheinbare Antinomie zwischen Tätigkeit und Beschaulichkeit auf, wenn z.B. Eckhart gleichermassen die andächtig-beschaul. Maria lobte und die äussere Arbeit der Martha als nützlich wertete. Auch einem Laien war es nach Eckhart auf seinem individuellen Weg möglich, sich mit Gott zu verbinden. Nach Tauler hebt Gott in seiner dreifaltigen Einheit den Gegensatz von Wirken und Ruhen in sich auf. Gottes Aufforderung zur Christus-Nachfolge gilt unabhängig von der kirchl. oder weltl. Standeszugehörigkeit, und es gehört zur Lebensaufgabe auch des Laien, die eigene Berufung zu erkennen und auszuüben. Der Mensch sollte eine gute, nützl. Tätigkeit in Unauffälligkeit und Ruhe ausüben, dabei den Blick und das Gemüt nach innen lenken und Gott einbeziehen.
Um die Auffassung von A. entbrannten im SpätMA im sog. Armutsstreit langwierige innerkirchl. Auseinandersetzungen, die die Lebensweise und wirtschaftl. Grundlage der Bettelorden betrafen. In der Auseinandersetzung mit den Weltgeistlichen und mit konkurrierenden Orden vertraten die Bettelorden (z.B. Johannes Mulberg) mitunter die Auffassung, wonach der Bettel ihnen (und den regulierten Schwestern) vorbehalten sei, Laien aber sich von A. zu ernähren hätten. Diese Haltung wurde u.a. in der Polemik gegen die Beginen und Begarden eingenommen, deren handwerkl. Tätigkeit wiederum von den Handwerkern als unliebsame Konkurrenz bekämpft wurde. Zu Beginn des 15. Jh. wurden die Beginen in Basel vertrieben, in Bern traf sie das Gebot, die Ordenstracht abzulegen.
Aus der moral.-ethischen Aufwertung der A. in den städt. Bürgerschaften entwickelte sich im ausgehenden MA der auch von den weltl. Obrigkeiten propagierte Gedanke der Pflicht zur A., nicht zuletzt als Reaktion auf das drängende Problem der Armut und des auf wachsende Ablehnung stossenden Bettelwesens.
Autorin/Autor: Dorothee Rippmann
Die spätma. Differenzierung unter den Armen erfuhr im 16. Jh. eine Weiterentwicklung zur reformator. Arbeitsethik, welche man bei Huldrych Zwingli ansatzweise, in Johannes Calvins Schriften systematisch formuliert findet: Gottes Schöpfung steht am Anfang aller menschl. A. Wer aus freiem Willen arbeitet, steht im Einklang mit Gottes Wirken. Wird A. als Berufung und Gottesdienst empfunden, verleiht sie dem Arbeitenden auch seine menschl. Würde. Deshalb ist jeder Mensch nur dann wahrhaftig Mensch, wenn er im Glauben und Gehorsam arbeitet. Insofern lässt sich A. als Gnade Gottes und als Vorgeschmack des kommenden Reiches erleben. Das hat auch Auswirkungen auf die Berufswahl. Es geht nicht nur darum, den Lebensunterhalt zu verdienen. A. soll dem Nächsten auch nützen. Neben Ackerbau und Handwerk zählen dazu auch nützl. nichtmanuelle Aktivitäten wie Regierungsgeschäfte, Handel und Unterricht. Berufe, welche nur der Fleischeslust dienen, sind zu meiden. Wer nicht arbeitet, ist nicht wirkl. Mensch. Arbeitslosigkeit ist ein Vergehen gegen die Menschlichkeit und gegen Gott, und deshalb nicht zu tolerieren. Durch ehrl. Arbeit erworbener Reichtum ist zugleich Ausdruck göttl. Gnadenwahl und sozial-ethischer Verpflichtung. Wer finanziell in der Lage ist, anderen A. zu geben, und es nicht tut, macht sich schuldig, und wer einem Menschen die A. wegnimmt, nimmt ihm das Leben. Calvin erhebt sich somit gegen den sozioökonom. Machtmissbrauch durch die Reichen. Max Weber brachte die prot. Berufsethik, insbesondere Elemente der innerweltl. Askese und der Prädestinationsgnade, mit der Entfaltung kapitalist. Gesinnung (Kapitalismus) in Verbindung und löste mit dieser These eine anhaltende Diskussion aus. Ernst Troeltsch bekräftigte Webers These mit der Behauptung, mit Calvin habe die Modernisierung der Arbeitswelt begonnen. Kritiker wiesen dann aber nach, dass Weber und Troeltsch den aktivist. Puritanismus des 18. Jh. mit Calvins Rückbezug auf das Alte und Neue Testament verwechselt hatten.
Von Beginn der Reformation an ordneten einige ref. eidg. Orte (Zürich, Bern, Basel) die Fremden Dienste unter die falschen Berufe ein, weil hier Geld zu leicht und rasch verdient werde. Sie bezeichneten das Annehmen von persönl. Pensionen und Geschenken als besonders verwerflich und verboten beides. Ziel der evang. christl. Obrigkeit war die Begünstigung ordentl. Handwerks- und Landarbeit in der Heimat. Mit dem Verbot der Fremden Dienste und der Bekämpfung des Pensionenwesens versuchte man aber auch das Zurschaustellen von Luxus zu unterbinden. Konsequenterweise führte diese Einstellung zur systemat. Verschärfung der Sittenmandate. Wer als ehrl., rechtschaffen und arbeitswillig galt, aber keinen Erwerb hatte und arm war, erhielt fürsorgl. Unterstützung. Spätestens im 17. Jh. wurde durch städt. und zünft. Almoseneinrichtungen dafür gesorgt, dass Waisenkinder eine Berufslehre absolvieren konnten oder wenigstens zu ehrl. Erwerbsarbeit angehalten wurden. Das führte an mehreren Orten zur Einrichtung von städt. Arbeitshäusern für Frauen und Männer. Eine besondere Form des Arbeitshauses war das Schellenwerk (Zwangsarbeitsstrafe). Die Obrigkeit ermutigte auch einheim. und eingewanderte Unternehmer zur Eröffnung von Manufakturen. Daraus entwickelten sich die später als merkantilist. Einrichtungen bezeichneten Wolltuch-, Seiden-, Strumpf-, Baumwolldruck- und Geschirrmanufakturen des 18. Jh.
Die Aufklärung erwirkte eine Säkularisierung des ref. Arbeitsethos. Im Rahmen der Ökonom. Gesellschaften, insbesondere der Helvet. Gesellschaft, wurden nämlich Ideen des Merkantilismus und der klass. Nationalökonomie aufgegriffen und diskutiert. Man war der Ansicht, dass sich Liebe zur A. zu Fleiss und Betriebsamkeit steigern könne. Zur Förderung der Arbeitsamkeit, dieses Ausdrucks reiner vaterländ. Sitte, brauche es ein geordnetes Staatswesen ("gute Policey"). Man sehe das auf dem Land dort, wo Emsigkeit, Fleiss, Mühe und A. die Wildnis in fruchtbare Äcker und angenehme Wiesen verwandelt haben. Auch städt. Handwerk, Gewerbe, Industrie und Handel wurden mit viel Lob bedacht. Die Jugend sei deshalb vermehrt zu arbeitsamen und nützl. Bürgern zu erziehen (Johann Heinrich Pestalozzi). Allg. sei nämlich die A. das urspr. Kapital der Nation. Je mehr Bevölkerung mit nützl. A. beschäftigt sei, desto reicher würden die Nationen. Deshalb vertrage die Schweiz auch noch mehr Konkurrenz, denn diese rege zur Tätigkeit an. Bei der Elite wie beim Volk sei demnach der Müssiggang heftig zu bekämpfen.
Wie die Erziehung zur disziplinierten A. als erste Christenpflicht im Zentrum der ref. Sozialpädagogik stand, so kam im Vergleich dazu der Arbeitsethik im kath. Frömmigkeitsideal der Barockzeit neben zahllosen Andachtsübungen, Gebeten, Gottesdienstbesuchen und Wallfahrten eine eher untergeordnete Bedeutung zu. Mit grosser Verspätung und auch viel weniger konsequent übernahmen die kath. eidg. Orte im Sog der Aufklärung dennoch einige der von den Reformierten entwickelten beschäftigungspolit. Massnahmen. So reduzierte vermutlich aus ähnl. Überlegungen heraus Luzern 1763 die Zahl der kirchl. Feiertage von rund 40 auf 20, was für Handwerker und Taglöhner, sofern sie Aufträge erhielten und A. fanden, eine spürbare Einkommensverbesserung brachte. Doch gelang es in der frühen Neuzeit weder den ref. noch den kath. eidg. Orten, A. und Einkommen sinnvoll zu verteilen, um Armut, Arbeitslosigkeit und Müssiggang wirksam zu begegnen.
Autorin/Autor: Martin Körner
Die bürgerl. und industrielle Umwälzung des 19. Jh. erfasste auch die normativen Vorstellungen und Leitbilder, die sich um den Begriff der A. gelagert hatten (Bürgertum). Dieser vereinheitlichte sich und rückte als zentrales Element von Bürgerlichkeit in den Brennpunkt gesellschaftl. Wertschätzung. Erst jüngst scheinen sich die Sinngebungen wieder verstärkt zu differenzieren.
Aufklärer. und frühliberale Konzepte (Liberalismus) des späten 18. und frühen 19. Jh. erhoben A. zum abstrakten, säkularisierten Prinzip, lösten die älteren Bezüge zu "Mühe" und "Last", stellten dagegen eine Verbindung zur Vorstellung von Reichtum her. Der traditionell nach "unten" hin belastete Begriff wuchs über seine Pädagogisierung (Pestalozzi, Isaak Iselin) und Ökonomisierung zu einem Grundprinzip bürgerl. Weltgestaltung, die sich auf die produktive Kraft freier, formal gleicher und wertschaffender A. berief. Die aus älteren Bindungen freigesetzte A. galt in optimist.-liberaler Sicht als Garantin der individuellen Lebensbewältigung wie des kollektiven Fortschritts.
Die Umformung und der gesellschaftl. Siegeszug des Konzepts im 19. Jh. vollzogen sich vor dem Hintergrund der Ablösung familien- und hauswirtschaftlicher durch marktvermittelte Formen der A., die in der sozialen Praxis immer häufiger als Lohnarbeit auftrat (Lohn). Aus dem Widerspruch zwischen den an die A. geknüpften Glücksversprechen und dem Druck, der auf Lohnarbeit lastete, erwuchs ab der Mitte des 19. Jh. die unter dem Nenner der sozialen Frage abgehandelte Sozialkritik. Vertreter des Sozialismus teilten die bürgerl. Hochschätzung der A., deren Emanzipation aus ihrer Sicht allerdings noch ausstand. Spätere sozialist. Versuche, die gegebene Pflicht zur lebenslangen A. verfassungsmässig durch ein "Recht auf A." zu ergänzen (erstmals 1894 durch eine Volksinitiative), scheiterten allerdings.
Neben den säkularisierten und liberalen oder auch konservativ-konfessionell gefärbten Elitevorstellungen von A. lebten im Alltag des 19. und 20. Jh. vielfältige Formen religiös geprägter normativer Leitbilder fort. Das Modell gottgefälligen Wandels und der darin eingeschriebenen Pflicht steter A. im Rahmen vorgegebener Hierarchien erfuhr von konservativ-kirchl. Seite und über das Bildungswesen eine breitenwirksame Propagierung. Im späten 19. Jh. fächerte sich der Begriff zunehmend schichtspezifisch auf: Mit den sozioökonom. Krisen der voll entwickelten Industriegesellschaft wuchs der Bedarf an Legitimation sozialer Ungleichheit. Während das propagierte Ideal der A. für die unteren Schichten am Gedanken des getreuen Dienens und der bürgerl. Sekundärtugenden von Fleiss, Sauberkeit und Ordnung anknüpfte, betonten unternehmer. und gebildete Eliten in der Selbstdarstellung die Aspekte von Wagemut, schöpfer. Kraft und öffentl. Wirken. Zeitungen und Verbandsblätter entwickelten sich vom späten 19. Jh. an zu Foren, in denen unzählige (als Quelle noch wenig beachtete) Nachrufe die Kraft der A. priesen.
Parallel zur schichtspezif. vollzog sich im 19. Jh. die geschlechtsspezif. Differenzierung des Arbeitsbegriffs. Folgenreich war nach 1870 der Wandel in der Bewertung von Frauenarbeit, deren hauswirtschaftl. Teil (Hausarbeit) mit der zunehmenden Durchsetzung der Lohnarbeit immer mehr der Charakter von A. abgesprochen wurde. In der sich entwickelnden Sozialstatistik fielen selbst erwerbstätige Frauen, z.B. Dienstmädchen, aus dem Kreis der Erwerbenden, wenn sich ihre Tätigkeit im Haushalt vollzog. Die sozialstatist. und sprachl. Unsichtbarmachung grosser Teile weibl. A. färbte auch auf die Wertschätzung von Frauenerwerbsarbeit ab. Modellhaft schien A. realisiert in der lebenslangen Verpflichtung männl. Arbeitnehmer. Mit den Anfängen des Sozialstaats wurde die normierende Vorstellung von A., die grosse Teile weibl. Lebensrealität ausblendete, auch in den Sozialversicherungen verankert. Vielfältige, z.T. bis in die Gegenwart reichende Diskriminierungen resultierten daraus. In altersmässiger Hinsicht erfuhr die Kinderarbeit im Laufe des 19. und 20. Jh. sowohl ihre stärkste Verbreitung als auch ihre schrittweise gesetzl. Einschränkung. Die Aufgabe der Erwerbsarbeit im Alter erhielt mit der dank berufl. Vorsorgeleistungen (Pensionskassen, AHV) finanziell abgesicherten Pensionierung ebenfalls eine gesetzlich geregelte Form.
Die Blütezeit rigoros durchgesetzter, moralisierter und geschlechtsspezifisch aufgeladener Vorstellungen von A. fiel in die Periode 1930-60. Das angeblich besondere Verhältnis des Schweizers zur A. geriet zu einem Kernstück nationaler Identität; symbol. und ritualisierte Formen des Alltags bestärkten dies. Privatunternehmen machten in der Zwischenkriegszeit die Ehrung von Arbeitsjubilaren und verwandte Formen der Auszeichnung zum Element betriebl. Sozialpolitik. Daneben entwickelten sich mit Arbeitswissenschaft und wissenschaftl. Betriebsführung (Taylorismus) auch zukunftsweisende Debatten um Leistungsmessung, den Begriff der Arbeitsfreude oder der betriebl. Arbeitsgemeinschaft. Die Angestellten sprachen besonders auf solche vorerst primär sprachl. Neuerungen an, die eine Aufwertung untergeordneter Lohnarbeit zu versprechen schienen. Nach 1945 entfalteten unter dem Druck des Arbeitskräftemangels solche Konzepte, in denen sich A. mit Vorstellungen von Sozialpartnerschaft verband, starke Zugkraft.
Hochkonjunktur, wachsender Wohlstand und verbesserte Bildung setzten ab den 1960er Jahren den traditionellen Begriff der A. unter Druck. Von Marktforschung und Soziologie interessiert beobachtete Ansprüche auf "Selbstverwirklichung" in A. und Freizeit liessen die Arbeitsmoral des blossen Dienens als altmodisch erscheinen. Die identitätsstiftende Rolle der A. in der individuellen Lebensbewältigung dürfte dennoch hoch geblieben sein, wie der Umgang mit Arbeitslosigkeit zeigt. Nur Randgruppen ("Aussteiger") verweigern sich dem Verpflichtungsdruck, der sich seit dem 19. Jh. mit A. verband. Im Begriff des Workaholics äussert sich jedoch auch eine breitere Kritik am zweckvergessenen Leistungsdenken. Ob aus "post-materiellen" Orientierungen, deren angebl. Vormarsch die Zeitdiagnostik seit den 1980er Jahren konstatiert, ein tieferer Wandel im Begriff der A. hervorgehen wird, entzieht sich vorläufig der Beurteilung. Langfristig von Bedeutung ist hingegen der Wandel, der sich seit etwa 1970 in der Bewertung von Frauenarbeit abzeichnet. Harte Kritik hat seither auf die Existenz der unsichtbar gemachten weibl. Arbeit ausserhalb marktvermittelter Lohnarbeit und die damit in Zusammenhang stehende Zurücksetzung von Frauen auch in der Erwerbsarbeit hingewiesen. Die Einstellungsmuster ändern sich. Seit der 10. AHV-Revision von 1995 rechnet die Sozialversicherung Guthaben für nicht marktvermittelte Betreuungsarbeit in den Fam. an (Erziehungs- und Betreuungsgutschriften).
Autorin/Autor: Mario König