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Ein Komma kann Leben retten!
Der internationale Tag des Übersetzens geht auf Hieronymus' Todestag am 30. September 420 zurück (frz. St. Jerome, ital. san Girolamo, niederl. Hiëronymus van Stridon). Er übersetzte u.a. die lateinische Bibel («Vulgata») und gilt als Schutzpatron der Übersetzer:innen und der Bibliotheken.
Von den Vereinten Nationen unterstützt, soll die Bedeutung von Übersetzungen für die internationale Vernetzung sichtbar gemacht werden.
Die vier nordgermanischen Sprachen und das Niederländische, die am Deutschen Seminar unterrichtet werden, bieten für den 30.09.2021 einen Blick auf die Kommasetzung bei Übersetzungen aus dem Norwegischen, Niederländischen, Isländischen, Dänischen und Schwedischen.
Das Deutsche Seminar ist weit mehr als ein Seminar für Deutsch: Auch andere germanische Sprachen wie Niederländisch und die skandinavischen Sprachen sind hier zu Hause. In der Unterrichts- und Übersetzungspraxis dieser Sprachen stossen die Dozentinnen und Dozenten immer wieder auf interessante Ähnlichkeiten sowie Unterschiede zum Deutschen, selbst wenn es um so etwas Kleines wie das Komma geht.
Norwegisch
Elisabeth Petersen (Norwegisch-Lektorin)
Die richtige Platzierung des Kommas im Norwegischen ist essenziell. Wenn man Pech hat und es falsch im Satz platziert, kann man erschossen werden, wie im ersten Satz. Ein Komma kann auch Leben retten, wie in Satz Nr. 2.
1) «Skyt han, ikke vent til jeg kommer.» («Erschiesse ihn, warte nicht auf mich.»)
2) «Skyt han ikke, vent til jeg kommer.» («Erschiesse ihn nicht, sondern wartet, bis ich komme.»)
Niederländisch
Chris De Wulf (Niederlandistik-Dozent)
Kommas sind in der Tat bedeutungsvoll. Im Niederländischen zeigt ein Komma vor einem Relativsatz an, ob dieser Satz eine entscheidende Information im Satzglied ist oder nicht. Im Deutschen werden Kommas nicht für diesen Unterschied eingesetzt, so dass sich unsere Studierenden erst nach viel Übung an diese Regel gewöhnen. Das gilt sogar auch für Niederländischsprachige – denn der unterschied wird nur auf Schriftebene gemacht. Gesprochen sind die untenstehenden Sätze zweideutig.
1) «De brandweer redde de kinderen, die beleefd waren.» («Die Feuerwehr rettete die Kinder, und diese waren höflich.»)
2) «De brandweer redde de kinderen die beleefd waren. » («Die Feuerwehr rettete nur die Kinder, die höflich waren – aber nicht diejenigen, die nicht höflich waren.»)
Das Komma ist also ein kleines Zeichen mit grosser Wirkung. Die muss aber nicht immer grammatisch gravierend sein. In vielen Sprachen wird das Lesezeichen lediglich dafür verwendet, eine Pause einzuführen, etwa in der dänischen, schwedischen und isländischen Gegenwartsprosa hat es oft eher rhythmische als grammatische Funktion.
Dänisch
Caroline Sørensen (Dänisch-Lektorin)
Dies ergibt für den literarischen Übersetzer, die Übersetzerin aus dem Dänischen ins Deutsche eine spannende Herausforderung. Denn auch wenn die dänischen und die deutschen Kommaregeln weitgehend vergleichbar sind, tritt die künstlerische Freiheit in dänischen Originaltexten, im Vergleich zu deutschen Übersetzungen, öfter hervor.
Ein Beispiel dafür gibt es in Efter solen / Nach der Sonne von Jonas Eika:
«De fleste vil gerne tilbage, selvom de så glemmer alt det de så mens de var væk.»
(«Die meisten möchten gerne zurückkommen, obwohl sie dann alles vergessen, was sie gesehen haben, während sie weg waren.»)
Gleich viele Nebensätze, unterschiedliche Kommasetzung. Jonas Eika hat nur ein grammatisches Komma vor einem der drei Nebensätzen gesetzt, während Ursel Allenstein in ihrer Übersetzung das grammatische Komma konsequent benutzt: Vielleicht um den Text nicht unnötig zu danisieren.
Schwedisch
Anna Schaffner (Schwedisch-Lektorin)
«Je weniger Kommas, desto besser»: Im Schwedischen wird kein Komma vor einem Relativsatz oder sonstigem Nebensatz gesetzt, es sei denn, dieser ist eine eingeschobene Erklärung (Apposition). Abgesehen von ein paar Regeln wie z.B. obligatorisches Komma bei Aufzählungen ist die Kommasetzung Ermessenssache; bei kurzen Sätzen wird davon abgesehen, bei längeren Sätzen ist die Pausenfunktion des Kommas wichtig und das Ziel die verbesserte Lesbarkeit. Dabei wird oft «laut Vorlesen» als Methode empfohlen. Im ersten Kapitel von Ronja Räubertochter von Astrid Lindgren, in der Übersetzung von Anne-Liese Kornitzky, wird der Unterschied Schwedisch-Deutsch sichtbar:
«Det var så nämligen att Lovis sjöng när hon födde barn.»
«Es war nämlich so, dass Lovis sang, als sie ihr Kind gebar.»
Sind die Tage des schwedischen Kommas also gezählt? Mitnichten. Es sucht und findet gerade andere Wege und hat z.B. das etwas aufgeregte Ausrufezeichen in Mails ersetzt:
«Hej Eva, allt väl?» Und in der zeitgenössischen Literatur, z.B. bei Jonas Hassen Khemiri, ist das Komma der grosse Stimmungsverdichter und Tempomacher, indem Sätze einfach aneinandergereiht werden, nur durch Komma getrennt (Asyndes).
Isländisch
Ursula Giger (Isländisch-Lektorin)
Im Isländischen werden viel weniger Kommas gesetzt als im Deutschen. Doch in Island sind Dichter:innen und Autor:innen hoch angesehen und es ist wichtig, ihnen ihre künstlerische Freiheit zu lassen. In einem isländischen Werk zur Grammatik der Sprache heisst es beim Thema Kommaregeln ausdrücklich:
«Einnig er heimilt að nota kommu í listrænu skyni til að ákveða hik eða þagnir í lestri í samræmi við hugmyndir höfundar um lestur, framsögn eða stíl.»
(«Ebenso ist es erlaubt das Komma in künstlerischer Absicht zu setzen um beim Lesen ein Zögern oder Schweigen im Sinne des Autors / der Autorin einzubauen das seine Vorstellung in Bezug auf das Lesen, Erzählen oder den Stil unterstreicht.»)
Tja, wie viele Kommata sollte dieser deutsche Satz wohl haben?