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Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen
von Sarah Stutte
Shakespeare, der Trailer unterlegt mit Musik von Radiohead und Krachbumm-Regisseur Roland Emmerich? Das klingt wie seine Endzeitfilme: katastrophal. Doch «Anonymous» ist entgegen aller Skepsis bestes dramatisches Unterhaltungskino mit einer für einen Actionfilm-Regisseur überraschenden Tiefe.
«Jede Kunst ist politisch, sonst wäre sie nur Dekoration.» Diesen entscheidenen Satz spricht Edward de Vere, der Earl of Oxford (Rhys Ifans) im Film schon früh aus. Im London des beginnenden 17. Jahrhunderts ist es seine Intention, die herrschenden Missstände mit der Schreibfeder, statt mit Gewalt zu bekämpfen. Seine Waffe ist der freie Geist, der das Ziel der äusseren Freiheit gewährleisten soll. Da er sich aber innerhalb seines Standesdünkels gefangen sieht, ersucht er die Hilfe des Autors Ben Jonson (Sebastian Armesto), damit dieser de Veres schon zahlreich geschriebene Stücke anonym zur Aufführung bringt. Mit Erfolg: «Hamlet», «Romeo & Julia» und «MacBeth» reissen das niedere Volk mit, die Gratisvorstellungen platzen aus allen Nähten. Als Jonson in Anwesenheit des Schauspielers William Shakespeare (Rafe Spall) aber das geheime Abkommen mit de Vere verrät, ergreift dieser die Chance auf Ruhm und Ehre: Er gibt sich als Autor der gefeierten Werke aus. Derweil beschäftigen den Hof der in die Jahre gekommenen Königin Elisabeth I. (Vanessa Redgrave) politische Ränkespiele und die Deformation der Macht. Elisabeths wichtigster Berater, William Cecil (David Thewlis), spinnt zusammen mit seinem Sohn Robert (Edward Hogg) Intrigen, um dem schottischen König James VI. auf den englischen Thron zu verhelfen. Währenddessen hofft Edward de Vere, der nur einen Tudor als Nachfolger Elisabeths anerkennen will, auf den ersehnten Volksaufstand. Und tatsächlich: Mit Shakespeare als neuem Helden holt das Theater langsam die Wirklichkeit ein. Noch ist de Vere ahnungslos, dass die Realität viel tiefere Abgründe bereithält, als die Fiktion je heraufbeschwören könnte…
War der womöglich grösste Dichter aller Zeiten in Tat und Wahrheit ein Analphabet und Betrüger, der seine Sonnette und Stücke wie «Romeo & Julia» oder «Hamlet» gar nicht selbst geschrieben hat? Mit dieser Frage beschäftigen sich seit mehr als 150 Jahren Sprachwissenschaftler ausserhalb der institutionalisierten Shakespeare-Forschung; und genauso lange streiten sie sich mit den alteingesessenen Akademikern. Diese andauernd-hitzige Debatte schien auch für den belesenen und bekennenden Shakespeare-Fan Roland Emmerich genügend Zündstoff zu bieten, um sie in einer filmischen Verschwörungstheorie zu verarbeiten, die ganz klar Gedankenspielerei bleibt und keine endgültige Antwort sein will. Vielmehr inszeniert Emmerich hier ein Theaterstück mit historischen Begebenheiten, tollen Kulissen, Kostümen und viel Kraft. Bewusst verschwimmt in seiner Aufführung die Grenze zwischen Fiktion und Wahrheit, sie erzählt von Intrigen und grossen Leidensgeschichten am königlichen Hof, dem Gefangensein in Konventionen und der letztendlich befreienden Macht der Worte. Trotz der Tatsache, dass sich der Regisseur mit The Patriot schon einmal eines geschichtlichen Hintergrunds annahm und gekonnt in einer zwar kriegsverherrlichenden, aber dramatischen Geschichte umsetzte: Solch tiefgründige Themen hätte man dem deutschen Weltuntergangsinszenator, der die Finger auch in Anonymous nicht von schlecht gemachten CGI-Effekten lassen kann, nicht zugetraut. Obwohl der Film anfangs arg verwirrlich ist – weil er munter von verschiedenen Personen, die von verschiedenen Schauspielern verkörpert werden, auf verschiedene Zeitebenen springt –, hat er mehr Gewicht als alle anderen Emmerich-Streifen zusammen. Die Story ist packend und unterhaltsam. In ihren besten, weil dramatischsten Momenten weckt sie sogar unser Mitgefühl für die Vielzahl tragischer Figuren, die in Anonymous versammelt sind. Getragen werden diese von richtig guten Schauspielern, allen voran einem überragenden Rhys Ifans, der seinen innerlich zerissenen Edward de Vere mit viel Hingabe spielt, und einer immer wunderbaren Vanessa Redgrave als alternde, ängstliche und verwirrte Elisabeth I.
Sowohl eingefleischte Action-Emmerich-Fans als auch die breite Masse, die mit seinen Endzeitstreifen Independence Day, Godzilla oder 2012 bisher nichts anfangen konnte, sollten sich von Anonymous nicht abschrecken lassen. Denn interessant ist die unerwartet-sinnsuchende und ernste Seite eines Effektregisseurs wie Emmerich allemal. Und über die Urheberrechtsfrage stellt er eine eigene, viel wichtigere: Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten?
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Anonymous (2011)
Deutsch: –
Land: Grossbritannien, Deutschland
Regie: Roland Emmerich
Drehbuch: John Orloff
Schauspieler: Derek Jacobi, Jamie Campbell Bower, Rhys Ifans, Joely Richardson, Vanessa Redgrave, David Thewlis, Xavier Samuel u.a.
Kamera: Anna Foerster
Musik: Thomas Wanker
Laufzeit: 127 Minuten
Kinostart CH: 10.11.2011
Verleih: Walt Disney Studios Motion Pictures Switzerland
Weitere Infos bei IMDB[/box]
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©Walt Disney Studios Motion Pictures Switzerland
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