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Seychellenparadiesschnäpper
Terpsiphone corvina
© 1996 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Bruchstücke des Gondwanalands
Die Seychellen, im westlichen Indischen Ozean nordöstlich von Madagaskar gelegen, gelten mit ihrem angenehm warmen Klima, dem kristallklaren Meer und den palmengesäumten Sandstränden zu Recht als Inbegriff eines tropischen Inselparadieses. Anfang der siebziger Jahre erhielt der Archipel einen internationalen Flughafen, und seither entdecken immer mehr Touristen die Schönheit dieser Inselgruppe, die 1976 von den Briten in die Unabhängigkeit entlassen wurde.
Die Seychellen bestehen aus insgesamt 115 Inseln und weisen eine gesamte Landfläche von 454 Quadratkilometern auf. Die Mehrzahl der Inseln sind flache Korallenkalkbänke. Ganz im Nordosten des Archipels befinden sich jedoch 30 Inseln, welche aus Granit bestehen. Sie weisen eine Fläche von 277 Quadratkilometern auf, wovon 155 Quadratkilometer auf die Hauptinsel Mahé entfallen, 38 auf Praslin, 20 auf Silhouette, 10 auf La Digue und der Rest auf die kleineren Graniteilande Frégate, Félicité, Curieuse, Marie-Anne, Aride und wie sie alle heissen.
Von den brasilianischen, mitten im Atlantik gelegenen Felsen St. Peter & St. Paul, abgesehen sind die Granitinseln der Seychellen weltweit die einzigen ozeanischen Inseln, welche aus kontinentalem Gestein bestehen und nicht aus vulkanischer Eruptionsmasse oder aus Korallenkalk. Man nimmt an, dass sie als «Bruchstücke» aus dem Gondwanaland hervorgegangen sind - jenem südlichen Urkontinent, der vor über hundert Millionen Jahren begann, in seine heutigen Teile Südamerika, Afrika, Madagaskar, Vorderindien, Australien und Antarktika auseinanderzubrechen.
Die Granitinseln der Seychellen beherbergen aufgrund ihrer jahrmillionenlangen Isolation vom Rest der Welt eine einzigartige Fauna und Flora. So gibt es unter anderem mehrere Landvogelarten, welche weltweit nur hier heimisch sind.
Leider stehen die Landvögel der Seychellen - wie wir es von anderen ozeanischen Inseln her zur Genüge kennen - unter erheblichem Druck seitens des Menschen bzw. der von ihm hervorgerufenen Umweltveränderungen: Zwei endemische Arten, nämlich der Seychellenalexandersittich (Psittacula wardi)
und der Aldabrabuschsänger (Nesillas aldabranus)
, sind bereits ausgestorben, und von den überlebenden neun gelten acht als vom Aussterben bedroht, vier davon sogar akut. Bei letzteren handelt es sich um: 1. die Seychellenzwergohreule (Otus insularis)
mit noch etwa 80 Paaren auf Mahé; 2. die Seychellendajaldrossel (Copsychus sechellarum)
mit ungefähr 50 Individuen auf Frégate und einem eingebürgerten Paar auf Aride; 3. den Mahébrillenvogel (Zosterops modestus)
mit vielleicht noch 20 Paaren auf Mahé; und 4. den Seychellenparadiesschnäpper (Terpsiphone corvina)
mit weniger als 80 Individuen auf La Digue. Von ihm soll auf diesen Seiten die Rede sein.
Ein Mitglied der Rabenfamilie?
Die Gattung der Paradiesschnäpper (Terpsiphone)
besteht aus zwölf verschiedenen Arten, welche in weiten Teilen Afrikas südlich der Sahara, auf Madagaskar, im südlichen und östlichen Asien sowie im indomalaiischen Archipel ostwärts bis zu den Philippinen vorkommen. Innerhalb der Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes) gehört die Paradiesschnäppergattung zusammen mit 17 weiteren Gattungen der Sippe der Monarchen (Monarchini) an. Diese wurde früher der Familie der Fliegenschnäpperartigen (Muscicapidae) angegliedert, einer sehr umfangreichen Familie mit über 1300 Arten von Timalien, Grasmücken, Rohrsängern, Fliegenschnäppern, Schmätzern, Nachtigallen usw.
In den letzten Jahren durchgeführte Untersuchungen des Erbguts («DNA») verschiedener Sperlingsvogelarten haben nun aber ergeben, dass die Monarchen deutlich näher mit den Krähen, Elstern und Hähern verwandt sind als mit den Fliegenschnäppern. Die ganze Sippe soll nun aufgrund dieser molekulargenetischen Studien aus der Familie der Fliegenschnäpperartigen (Muscicapidae) herausgelöst und neu der Familie der Rabenvögel (Corvidae) zugeordnet werden. Diese systematische Neuerung ist in den ornithologischen Fachkreisen zwar noch umstritten, dürfte aber über kurz oder lang allgemeine Anerkennung finden.
Takamaka und Badam
Der Seychellenparadiesschnäpper hat etwa die Grösse eines Sperlings: Die Weibchen weisen eine Länge von 16 bis 18 Zentimetern auf, wovon 8 bis 10 Zentimeter auf den Schwanz entfallen, und sie wiegen um 15 Gramm. Die Männchen sind ähnlich gross, doch kann ihr Schwanz bis 30 Zentimeter lang sein.
In seiner Inselheimat bewohnt der Seychellenparadiesschnäpper fast ausschliesslich schattige, küstennahe Wälder, welche von den beiden Baumarten Takamaka (Calophyllum inophyllum)
und Badam (Terminalia catappa)
geprägt sind, zwei Baumarten, welche entlang der Tropenküsten der Alten Welt weit verbreitet sind. Der kleine Vogel bevorzugt dabei feuchtes und sumpfiges Gelände, wohl weil sich dort ein besonders reiches Insektenangebot findet, von dem er sich zur Hauptsache ernährt.
Männchen wie Weibchen betreiben bei der Nahrungssuche gewöhnlich die «schnäppertypische» Ansitzjagd: Sie sitzen aufmerksam spähend auf einem freistehenden Ast, von dem aus sie einen guten Überblick über die nähere Umgebung haben. Sobald sie ein Fluginsekt entdecken, schiessen sie los, schnappen es aus der Luft und kehren sogleich zu ihrer Warte zurück, um es zu verzehren. Gelegentlich untersuchen die Seychellenparadiesschnäpper aber auch Zweige und Blätter nach essbaren «Happen».
Vornehmlich pflanzen sich die Seychellenparadiesschnäpper zur regenreichen Zeit des Nordwestmonsuns fort, zwischen November und April, wohl weil dann das Nahrungsangebot reichlich ist und die Aufzucht des nimmersatten Nachwuchses etwas leichter fällt. Zu Beginn der Fortpflanzungsperiode verhalten sich die Männchen vorübergehend sehr auffällig: Immer wieder sind sie in heftige Luftkämpfe mit Rivalen verwickelt, denn jedes von ihnen versucht nun, ein möglichst grosses Waldgebiet als Territorium geltend zu machen.
Sind die territorialen «Fragen» einigermassen geklärt, widmet sich jedes Seychellenparadiesschnäpper-Paar dem Bau seines Nests. Dieses wird gewöhnlich am Ende eines herabhängenden Asts eines Takamaka- oder eines Badam-Baums gebaut, meist in einer Höhe von drei bis fünf Metern über dem Boden und oft am Rand einer Lichtung.
Das Seychellenparadiesschnäpper-Nest hat die Form einer Tasse und besteht aus Palmfasern, Stengeln von Kasuarinen (Casuarina equisetifolia)
, Würzelchen und Gräsern, welche geschickt miteinander verwoben und zusätzlich mit Spinnweben verklebt werden. In diesen Napf legt das Weibchen stets nur ein Ei. Nach einer Brutzeit von etwa zwei Wochen schlüpft daraus das Junge, ungefähr zwei Wochen später ist es flügge, und etwa nochmals so lange dauert es, bis es sich selbständig macht. Schon in der nächsten Regenzeit ist es fortpflanzungsfähig und kann seinerseits für Nachwuchs sorgen.
Der Jungvogel ist anfangs - unabhängig vom Geschlecht - ähnlich gefärbt wie seine Mutter, doch wirken seine Farben etwas «verwaschen». Erst anlässlich der ersten Mauser erscheint dann beim jungen Männchen das charakteristische schwarze Gefieder mit den verlängerten mittleren Schwanzfedern bzw. beim jungen Weibchen die dreifarbige «Frauentracht».
Die Küstenwälder schrumpfen
Takamaka-Badam-Wälder waren ursprünglich auf allen Granitinseln der Seychellen die hauptsächliche Pflanzendecke im Küstenbereich gewesen. Daraus lässt sich schliessen, dass der Seychellenparadiesschnäpper einst - vor der Ankunft des Menschen auf dem Archipel - ein weitverbreiteter Vogel gewesen sein muss. Als er aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erstmals wissenschaftlich beschrieben wurde, da war er bereits stark zurückgedrängt und brütete nur noch auf La Digue in nennenswerter Zahl. Seitdem die Restbestände auf Marie-Anne und Aride in den dreissiger Jahren und diejenigen auf Praslin und Félicité in den siebziger Jahren unseres Jahrhunderts vollständig verschwanden, ist La Digue nunmehr seine einzige Heimat. Der Bestand verteilt sich auf fünf Küstenplateaus, von denen dasjenige im Westen der Insel (mit einer Fläche von 160 Hektaren) die grösste Bedeutung für den kleinen Vogel hat.
Der Grund für den scheinbar unaufhaltsamen Schwund der Seychellenparadiesschnäpper-Population ist zweifellos die anhaltende Zerstörung der natürlichen Pflanzendecke durch den Menschen. Als sich die ersten Siedler im Jahr 1770 auf den Seychellen niederliessen, nahm die Rodung der Inselwälder ihren Lauf: Anfänglich mussten sie Pflanzungen von Muskat-, Zimt- und Nelkenbäumen sowie Kokospalmen und anderen Nutzpflanzen weichen. Später wurden sie des Holzes wegen vermindert, um damit einerseits den Bedarf der lokalen Haus- und Bootsbauer zu decken, andererseits die europäischen Segelschiffbauer zu beliefern. Mehr und mehr mussten besonders die Wälder im Küstengürtel auch den Siedlungen der anwachsenden Bevölkerung Platz machen. Und gerade diese für den Seychellenparadiesschnäpper höchst verhängnisvolle Entwicklung hält leider bis auf den heutigen Tag an: Bald die letzten Reststücke natürlichen bzw. naturnahen Küstenwalds werden beseitigt, um an ihrer Stelle touristische Anlagen und private Villen zu errichten.
So wird der Seychellenparadiesschnäpper leider immer weiter an den Rand der Ausrottung gedrängt. Eine Bestandserhebung, die in den siebziger Jahren durchgeführt wurde, ergab eine Zahl von 70 bis 80 Seychellenparadiesschnäppern, denen noch 55 bis 65 Hektaren Waldland zur Verfügung standen. 1992 war dann der verfügbare Lebensraum auf 40 Hektaren geschrumpft, und es ist anzunehmen, dass die Restpopulation des hübschen Singvogels ebenfalls um rund ein Viertel bis ein Drittel zurückgegangen ist.
Angesichts dieses schleichenden, durch den unablässigen Lebensraumverlust verursachten Bestandsrückgangs ist es ein schwacher Trost, dass die früher geäusserten Befürchtungen nicht begründet zu sein scheinen, wonach die eingeschleppten Ratten und Katzen dem Seychellenparadiesschnäpper zusätzlich schaden könnten. Es hat sich gezeigt, dass die Lage der Nester am Ende herabhängender Äste die Eier und Nestlinge wirksam vor diesen Nesträubern schützt. Auch die unmittelbare Nachbarschaft zum Menschen scheint im übrigen keine wesentliche Störung des Seychellenparadiesschnäppers zu bedeuten: Oft legen die Vögel nämlich ihre Nester unmittelbar über einem viel begangenen Fusspfad an.
Acht Hektaren sind zuwenig
Es wurden schon vor geraumer Zeit Anstrengungen zum Schutz des Seychellenparadiesschnäppers unternommen, denn die «trauernde Witwe» ist bei der kreolischen Inselbevölkerung von alters her ein recht populärer Vogel. So überwacht bereits seit 1970 ein Wildhüter die Einhaltung der gesetzlichen Schutzbestimmungen zugunsten des Seychellenparadiesschnäppers.
In den Jahren 1977 und 1978 wurde dann eine vom WWF unterstützte wissenschaftliche Feldstudie durchgeführt, um die Lebensraumansprüche des Seychellenparadiesschnäppers sowie seine Verbreitung und seine Bestandssituation genau abzuklären. Diese Studie zeigte zweifelsfrei, dass der Seychellenparadiesschnaepper auf Gedeih und Verderb auf das Vorhandensein der Takamaka-Badam-Küstenwälder angewiesen ist und dass sein Fortbestand letztlich davon abhängt, ob es uns gelingt, angemessene Teile dieser Wälder vor dem zerstörerischen Zugriff durch den Menschen zu bewahren.
Nach Abschluss der Studie wurde der Inselregierung ein ganzes Massnahmenpaket zur Rettung des Seychellenparadiesschnäppers vorgeschlagen. Wer damals rasche und weitreichende Schritte erwartet hatte, wurde allerdings enttäuscht: Aufgrund der besagten Vorschläge verpflichtete sich die Regierung zwar 1982, ein spezielles Seychellenparadiesschnäpper-Reservat zu schaffen. Erst 1991 erhielt jedoch ein acht Hektaren grosses Gebiet unter dem Namen «La-Digue-Veuve-Reservat» gesetzlichen Schutzstatus.
Sicher ist dies ein erfreulicher Schritt. Man darf aber nicht übersehen, dass im besagten Reservat nur ein paar wenige Seychellenparadiesschnäpper-Paare ausreichenden Lebensraum finden. Um dem kleinen Vogel eine echte, längerfristige Überlebenschance zu geben, sind weitere Schutzmassnahmen unumgänglich. Beispielsweise müsste ein Sumpfgebiet nördlich der Ortschaft L'Union, welches ein wichtiges Rückzugsgebiet der Art darstellt, ebenfalls als Naturschutzgebiet ausgewiesen werden. Ferner müssten einstmals gerodetet Teile verschiedener Küstenplateaus mit Takamaka-Badam-Wald wiederaufgeforstet werden - zugunsten des Seychellenparadiesschnäppers ebenso wie zur Erhaltung des traditionellen Bootsbau-Handwerks. Diese und weitere dringende Schutzmassnahmen wurden der Inselregierung schon vor etlicher Zeit anempfohlen, doch ist bis heute kaum etwas in dieser Richtung geschehen.
Die Seychellen haben sich in den vergangenen zwanzig Jahren durch weise Selbstbeschränkung einen überaus guten Ruf als Touristenziel geschaffen. Insbesondere wurden frühzeitig Gesetze zur Erhaltung der faszinierenden Inselnatur erlassen, wegen der die Urlauber hauptsächlich anreisen. Um das wichtigste Kapital der Seychellen, die landschaftliche Schönheit und die tierliche und pflanzliche Einzigartigkeit, langfristig zu erhalten, braucht es aber mehr als Gesetzesparagraphen auf dem Papier. Der anhaltende, schleichende Schwund der Seychellenparadiesschnäpper-Population zeigt dies unmissverständlich. Damit der devisenbringende Besucher auch in Zukunft einen Traumurlaub auf den Seychellen verbringen kann, müssen unbedingt weiterreichende naturschützerische Massnahmen in die Wege geleitet werden.
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