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Sie könnten verschiedener nicht sein, in jeder Hinsicht: das Museum Hermann Hesse in Montagnola und das Museum der Leventina in Giornico. Ersteres befindet sich in einem mittelalterlichen Turm im Herzen eines alten Tessiner Ortes, in einer südländischen Umgebung aus Palmen, Platanen und sonnigen Tagen, während das Umfeld des zweiten ganz anders aussieht. Man erreicht es über ein zuweilen schwieriges Tal, das nicht nur den anstrengenden Überlebenskampf seiner Bewohnerinnen und Bewohner in der Vergangenheit bezeugt, sondern Dank seiner strategischen Position auch in der grossen Geschichte eine Rolle spielte.
Geführt werden diese beiden kleinen und doch so wertvollen musealen Einrichtungen (2018 zählte das Osservatorio culturale del Cantone Ticino über 80 davon auf einem Gebiet mit 350.000 Einwohnern) von zwei Frauen, die von uns zu einer Begegnung eingeladen wurden, um über die Herausforderungen eines Berufes zu sprechen, der zuvorderst eine mit Leidenschaft gelebte Berufung ist. Auf halber Strecke zwischen Giornico und Montagnola treffen wir Diana Tenconi, Kuratorin des Museums der Leventina, und Regina Bucher, Direktorin des Museums Hermann Hesse.
Wie entstanden Ihre Museen?
Regina Bucher: Das Museum Hesse entstand 1997 zunächst als Verein auf Betreiben einiger Personen und Hermann Hesses Sohnes Heiner. Aus finanziellen Gründen kam das Projekt nicht weit. Seit dem Jahr 2000 leitet nun eine Stiftung das Museum auf einer solideren Basis, und so konnte unsere Arbeit richtig Fahrt aufnehmen.
Diana Tenconi: Das Museum der Leventina entstand 1966 auf Initiative von Diego Peduzzi und hat seit 1972 seinen festen Sitz in der Casa Stanga. Damals wurde auch ein Verein gegründet, der heute noch besteht und unter anderem für das Fundraising und die Betreibung des Museums zuständig ist. 1990, als das Gesetz über die regionalen ethnografischen Museen herauskam, wurde unser Museum Mitglied im ethnografischen Netzwerk des Kantons. Im Tessin gibt es insgesamt elf Museen, die vom Kanton mitfinanziert werden. Dies läuft über einen Vierjahresvertrag mit dem Zentrum für Dialektologie und Ethnografie, das verschiedene Leistungen anbietet und auch die Aktivitäten der Museen kontrolliert und so für ihre Qualität garantiert.
Diana Tenconi und Regina Bucher sind zwei sehr unterschiedliche Frauen: nachdenklich und diskret die erste, vulkanisch und beinahe südländisch die andere. Obwohl sie sich zum ersten Mal begegnen, erkennen beide Direktorinnen dieses Treffen als Gelegenheit, sich auszutauschen. Regina Bucher wendet sich direkt an Diana Tenconi,
RB: Seid Ihr Eigentümer des Museums?
DT: Ja. 2014 haben wir einen wichtigen Umbau vorgenommen, bei dem die Casa Stanga mit einem anliegenden Gebäude verbunden wurde, und so konnten wir die Ausstellungsräume erweitern.
RB: Torre Camuzzi dagegen ist in Privatbesitz und wir zahlen Miete. Das ist natürlich eine finanzielle Bürde, und ausserdem können wir keine Umbauten vornehmen.
Die Finanzierung ist ein Leitmotiv in der Museumspolitik. Wie gehen Sie mit diesem Problem um?
RB: Wir sind eine private Stiftung und erhalten seit fünfzehn Jahren vom Kanton Unterstützung bei einzelnen Projekten. Im Lauf der Zeit waren Kürzungen unvermeidlich, und so sind wir gezwungen, mehr private Sponsoren zu suchen.
DT: Der Kanton zahlt einen Beitrag zur Finanzierung meiner Anstellung (60%) und der meiner Sekretärin (50%). Bei Ausstellungen arbeiten wir mit Sponsoren.
RB: Es ist gut, dass der Kanton einen Teil Eurer Personalkosten übernimmt, denn es ist schwierig, Sponsoren zu finden, die sich an den normalen Betriebskosten beteiligen möchten. In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir alles versucht, um die Einnahmen zu steigern, von der Sponsorensuche bis zur Gestaltung unseres Buchladens, aber trotz einer durchschnittlichen Besucherzahl von 13.000 Besuchern jährlich mussten wir auch Stiftungskapital ausgeben.
DT: Nur mit dem Publikum kann man es nicht schaffen... wir haben in etwa 3’000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr. Ich finde es bewundernswert, dass es Euch gelingt, mit Euren Initiativen Gelder zu sammeln.
RB: Wir haben gerade eine schwierige Zeit hinter uns; in der Vergangenheit hatten wir dreizehn Personen gefunden, die sich bereit erklärt hatten, uns drei Jahre lang mit einem bestimmten Betrag zu unterstützen. Wir gaben ihnen den Namen Der Kreis der Glasperlenspieler (nach Hesses bekanntem Roman, Anm. d. Red.). Zum Dank erhielten sie eine Arbeit von Mario Botta. Als die drei Jahre um waren, kam die Gemeinde von Collina d’Oro auf den Plan, Dank der wir bis 2021 einigermassen unbesorgt sein können…
DT: Auch die Gemeinden der Leventina überweisen seit 2014 pro Einwohner einen Betrag.
Was kann der Besucher in Ihren Museen entdecken?
DT: Nach dem Umbau haben wir einen neuen Ansatz gewählt. Früher hatten wir einen historischen Blickwinkel und erzählten vom Leben der Bauern, heute ist der Ansatz anthropologisch. Der rote Faden der Dauerausstellung ist die Identität. Eine Abteilung ist der Identität der Individuen gewidmet, eine der Identität der Gemeinschaft und eine der Geschichte des Tals, das von der Weidewirtschaft über die Nutzung der Ressourcen bis zur Industrie und natürlich den Tourismus gelangte.
RB: Wir widmen uns dem Mann, der noch heute der weltweit meistgelesene deutschsprachige Schriftsteller des 20. Jahrhunderts ist. Der Hauptsaal beschäftigt sich mit den 43 Jahren, die Hesse im Tessin lebte; ausgestellt sind dort viele persönliche Gegenstände Hesses, die ich mit Mühe zusammengetragen habe, wie seine Brille und seine Reisetasche. Aber auch Briefe und Fotografien, und seine wunderschönen Aquarelle. Wir versuchen, nicht zu viele Erklärungstexte zu liefern, denn unser Museum möchte vor allem die tiefe Spiritualität Hesses wieder auferstehen lassen. Zwei Mal im Jahr organisieren wir auch Wechselausstellungen.
Welches Verhältnis haben Ihre Museen zur Bevölkerung?
RB: Wir haben anfangs etwas Misstrauen verspürt, doch jetzt ist das Verhältnis gut, auch weil wir viele Veranstaltungen in italienischer Sprache anbieten. Im Mai haben wir das einhundertjährige Jubiläum der Ankunft Hesses in Montagnola gefeiert, und die Bevölkerung hat begeistert teilgenommen.
DT: Für uns ist der Kontakt zu den Einheimischen wichtig; daher organisieren wir in der Gegend Konferenzen oder Exkursionen mit erfahrenen Führern wie Orazio Martinetti, Guido Pedrojetta und Fabrizio Viscontini. Die Verbindung zur Bevölkerung ermöglicht es uns auch, auf die ehrenamtliche Mitarbeit der Bewohner zählen zu können.
Was können die Besucherinnen und Besucher in der Umgebung Ihrer Museen entdecken?
RB: Wir bieten neben dem Museum vor allem einen herrlichen Garten, in dem unsere Schildkröte lebt, sowie ein Literaturcafé. Wenn man die weitere Umgebung erforschen möchte, kann man verschiedene thematische Spaziergänge mit Audioguide machen. Ausserdem können unsere Führer die Besucher auch nach Carona begleiten, ans LAC in Lugano oder auf den Monte Verità. Wir entwickeln auch massgeschneiderte Programme.
DT: Wir raten, die Natur der Leventina zu entdecken, mit Wanderungen im Pioratal, zum Tremorgio oder auf den Gotthard. Auch in der Gegend von Giornico selbst gibt es zahlreiche Monumente, für die sich ein Besuch lohnt, von der romanischen Kirche San Nicolao bis zum Museo La Congiunta, einem von Peter Märkli entworfenen Gebäude aus Beton, das die Skulpturen von Hans Josephsohn beherbergt. Es gibt auch zwei romanische Steinbrücken und die einzige bewohnte Insel im Fluss Ticino. Dieser Ort hat eine besonders gute Energie.
Das Museum wird also zum Ausgangspunkt …
RB: Heute muss ein Museum einfach mehr bieten als nur eine Ausstellung. Unsere Zukunft liegt darin, den Bedürfnissen des Tourismus entgegenzukommen.
DT: Sehr richtig. Museen werden zu einem Ort der Information über die ganze Gegend – manchmal geben wir sogar Tipps, wo man gut essen gehen kann!
RB: Wir müssen daran arbeiten, die das Publikum an uns zu binden. Im Museum Hesse kommen etwa 20% der Besucherinnen und Besucher wieder. Die Atmosphäre ist angenehm und entspannt.
DT: Das ist ein ganz wichtiger Aspekt. Die Atmosphäre und wie wir das Publikum aufnehmen, ist grundlegend.
Diana Tenconi und Regina Bucher verabschieden sich. Erstere kehrt nach Süden, zweitere nach Norden zurück. Mein Eindruck ist, dass sie sich wieder treffen werden..