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Vermutlich kann kein Mensch der Welt all die Sprachen der Bücher in den Gestellen des Übersetzerhauses Looren lesen. Viele der Bücher wurden von Gästen des Hauses übersetzt: Von Englisch ins Litauische, von Französisch in Rumänisch oder von Spanisch in Griechisch.
Idyllisch ausserhalb von Wernetshausen über dem Zürichsee gelegen, bietet das Übersetzerhaus Looren Literatur-Übersetzern aus aller Welt Raum für mehrwöchige Arbeits- und Studienaufenthalte. Dabei können die Übersetzerinnen und Übersetzer auch ihre Erfahrungen austauschen.
Auf die Frage nach der exotischsten Sprachenkombination, die es bisher gegeben habe, antwortet die Geschäftsleiterin des Hauses, Gabriela Stöckli: "Von Katalanisch in Hindi." Einmal habe auch jemand von Lak – einer Sprache, die in der russischen Republik Dagestan gesprochen wird – auf Russisch übersetzt.
"Das ist eine Sprache, die es offiziell gar nicht gibt", sagt sie gegenüber swissinfo.ch. "Die Übersetzung war Teil eines Programms für gefährdete Sprachen. Das ist etwas, das wir künftig etwas mehr fördern möchten."
Hohe Anforderungen
Trotz dem breiten Mix an Sprachen, kommt es selten vor, dass die im Haus wohnenden Übersetzer nicht mindestens einen Kollegen finden, mit dem sie sich sprachlich austauschen können. Beim Besuch von swissinfo.ch halfen die Übersetzer vom Deutschen ins Englische ihren Kollegen, die von Deutsch auf Türkisch oder von Russisch auf Englisch übersetzten. Die Diskussionsthemen seien breit, erzählt Stöckli. Es gehe um spezifisch sprachliche Fragen, aber auch um Fragen um den Wert von Übersetzungen, um Tipps, wie man einen Verleger findet und Kontakte schafft.
Nichtlinguisten können wahrscheinlich kaum nachvollziehen, mit welchen Herausforderungen Übersetzer konfrontiert werden. Profunde Kenntnisse der Original- und der Übersetzungssprache sind lediglich eine Grundvoraussetzung.
Die Herausforderungen sind Teil des Spasses. Cemal Ener ist daran, den Schweizer Autor Robert Walser (1878 – 1956) von Deutsch auf Türkisch zu übersetzen. Walser gilt als schwierig zu übersetzender Autor. Ener hat einmal an einem Workshop für Walser-Übersetzungen teilgenommen: "Wir bekamen einen Kurztext zum Übersetzen. Das war schwierig, weil die Unterschiede der Sprachen gross sind. Ich hatte ganz andere Probleme mit der Übersetzung, als ein japanischer Kollege."
Ener hat keine Zweifel darüber, was einen guten Übersetzer auszeichnet. "Sie müssen ein Ohr für Ihre eigene Sprache haben und noch mehr für die Fremdsprache. Man muss zuerst einen Text zerstören und ihn anschliessend wieder aufbauen."
Musik und Rhythmus
Donal McLaughlin, der von Deutsch auf Englisch übersetzt, sagt, sein Ziel sei es, "ob bei Prosa oder bei Poesie die Musik und den Rhythmus einzufangen. Es ist sehr wichtig, zuzuhören. Meine eigenen Texte und meine Übersetzungen sind – so hoffe ich – von der Tatsache beeinflusst, dass ich ein gutes Ohr habe, wie die Leute sagen".
Ener und McLaughlin lernten beide in der Schule Deutsch. Sergey Levchin jedoch, ein anderer Bewohner des Hauses, stammt aus der Ukraine. Als Kind zügelte er mit seinen Eltern in die USA. Heute ist er perfekt zweisprachig. "Ich denke, dass der Übersetzer in mir geboren wurde, nachdem ich in die USA gezogen war. Ich musste ständig zwischen Russisch und Englisch hin und her pendeln, das hat mich stark geprägt", sagt Levchin gegenüber swissinfo.ch.
Das Haus
Seit 2005 bietet das Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen (Kanton Zürich) professionellen Literaturübersetzerinnen und -übersetzern aus allen Ländern Raum für mehrwöchige Arbeits- und Studienaufenthalte.
Bis zu 10 Personen können sich im Haus anz ihrem Übersetzungsprojekt widmen und sich gleichzeitig mit Kolleginnen und Kollegen austauschen. Alle Sprachkombinationen sind willkommen.
Als erste Einrichtung dieser Art in der Schweiz, die mit vier Landessprachen seit jeher ein Land der Übersetzung ist, versteht sich das Haus vor allem als ein Ort der konzentrierten Arbeit. Zusätzlich trägt ein Veranstaltungsprogramm dazu bei, das literarische Übersetzen zu vermitteln und seine Akteure zu fördern.
In Zusammenarbeit mit anderen Institutionen des literarischen Lebens in der Schweiz und im Ausland hat sich in den letzten Jahren ein Netzwerk gebildet, das den Informations- und Wissensaustausch im Bereich der Literaturübersetzung fördert, aber auch den Dialog mit allen wichtigen Akteuren des Literaturbetriebs pflegt.Infobox Ende
Schottisch, das andere Englisch
McLaughlin machte als Kind ähnliche Erfahrungen, allerdings zügelte er von einem englischen Sprachraum in einen andern: Von England nach Schottland. "Ich nahm als Kind wahr, dass es verschiedene Wörter für dieselben Dinge gab. Als ich in Schottland ankam, hatte ich die grösste Mühe, die Leute dort zu verstehen. Vielleicht war das eine gute Übung, um später einmal Schweizerdeutsch zu verstehen. Ich habe schon als Knabe viel übersetzt, indem ich meiner Mutter sagte, was die Nachbarn erzählten. Ich denke, dass diese Fähigkeit später aus McLaughlin einen Übersetzer gemacht hat."
Im Looren Haus hat jeder Übersetzer einen eigenen Raum, mit einem Bett, einem Schreibtisch, Telefon- und Internet-Anschluss. Es gibt eine gemeinsame Küche und einen grossen gemeinsamen Aufenthaltsraum. Dazu kommt eine Bibliothek mit unzähligen Büchern in Dutzenden von Sprachen. Das Internet sei zwar eine gute Quelle, sagt Stöckli, doch Bücher seien immer noch vital, vor allem, wenn es um obskure und archaische Begriffe gehe.
(Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Keiser), swissinfo.ch