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Zwergseeschwalbe
Sterna albifrons
© 2007 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Gelber Schnabel, schwarz bespitzt
Die Familie der Seeschwalben (Sternidae), welche zur grossen Ordnung der Wat- und Möwenvögel (Charadriiformes) gehört, umfasst ungefähr 45 Arten graziler Meeresvögel, welche alle einander recht ähnlich sehen. Als Sippe sind die Seeschwalben praktisch weltweit verbreitet. Ungefähr zehn Arten brüten regelmässig in Europa. Die kleinste von ihnen ist die Zwergseeschwalbe (Sterna albifrons), von der auf diesen Seiten berichtet werden soll.
Mit einer Flügelspannweite von 48 bis 55 Zentimetern, einer Gesamtlänge von 22 bis 24 Zentimetern und einem Gewicht zwischen 40 und 60 Gramm ist die Zwergseeschwalbe ein recht zierlicher Meeresvogel. Männchen und Weibchen sehen einander sehr ähnlich, doch sind die Männchen durchschnittlich eine Spur grösser und schwerer als die Weibchen. Der Schwanz ist nur vier bis sechs Zentimeter lang, aber wie bei allen Seeschwalben deutlich gegabelt.
Die Zwergseeschwalbe hat ein überaus grosses Verbreitungsgebiet. Wie gross dasselbe genau ist, hängt allerdings davon ab, welchen wissenschaftlichen Blickwinkel man wählt: Es gibt - beispielsweise in Kalifornien und in Südaustralien - abseits gelegene Populationen von Zwergseeschwalben, welche von manchen Fachleuten aufgrund kleiner Unterschiede in der Färbung und im Ruf als separate Arten eingestuft, von anderen Ornithologen aber als «normale» Zwergseeschwalben betrachtet werden. Je nach Auffassung gibt es darum bis zu fünf Zwergseeschwalbenarten. Selbst falls man alle abseits befindlichen Populationen als separate Arten betrachtet, hat die «eigentliche» Zwergseeschwalbe noch ein sehr weites Verbreitungsgebiet: Sie kommt als Brutvogel in Europa, im westlichen und nördlichen Afrika, in weiten Bereichen des südlichen und östlichen Asiens sowie auf Neuguinea und manchen benachbarten Inseln vor. In jüngerer Zeit hat sie sich von dort zudem ostwärts über den Pazifik ausgebreitet und brütet heute selbst auf Hawai'i.
Die Zwergseeschwalbe ist ein ausgeprägter Küstenvogel, wobei sie Festlandküsten gegenüber Inselküsten bevorzugt. Zum Brüten zieht sie aber auch gern grösseren Flüssen entlang ins Binnenland, und mitunter besiedelt sie sogar Seen, wenn sie dort günstige Bedingungen vorfindet. Die allermeisten Brutgebiete liegen im Tiefland, vielfach praktisch auf Meereshöhe, doch brütet beispielsweise in Armenien ein kleiner Bestand von Zwergseeschwalben an einem Bergsee in 2000 Metern Höhe ü.M.
In Kroatien, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, brütet die Zwergseeschwalbe in drei Gebieten: Im Binnenland gibt es zwei kleine Kolonien mit insgesamt fünf oder sechs Paaren am Mittellauf der Drau und eine Kolonie mit rund zwanzig Paaren am Mittellauf der Save. Vier bis sechs kleine Kolonien mit zusammen ungefähr 30 bis 40 Brutpaaren finden sich sodann auf ein paar Inselchen bei Zadar an der Adriaküste.
Eine Nichtschwimmerin
Die Nahrung der Zwergseeschwalbe setzt sich zur Hauptsache aus ungefähr vier bis sechs Zentimeter langen (Jung-)Fischen sowie kleinen Krebstieren und grossen Insekten zusammen. Bei der Nahrungssuche bewegen sich die eleganten Vögel einzeln oder in kleinen Trupps, manchmal auch in grösseren, lockeren Verbänden über einem Gewässer umher. Dabei fliegt jedes Individuum in einer Höhe von etwa drei bis sieben Metern in schnellem, ruckartigem Flug kreuz und quer dahin und späht mit nach unten gerichtetem Kopf nach möglichen Beutetieren. Immer wieder unterbricht es seinen Suchflug, um für ein paar Sekunden «rüttelnd» an Ort zu schweben und ein entdecktes Objekt genauer ins Auge zu fassen. Danach fliegt es entweder weiter - oder aber es stürzt sich mit angewinkelten Schwingen praktisch senkrecht ins Wasser und versucht, das entdeckte Tier zu erbeuten.
Unabhängig davon, ob das Stosstauchen erfolgreich war oder nicht, fliegt die Zwergseeschwalbe jeweils sofort wieder auf und davon. Für einen Meeresvogel mit Schwimmhäuten zwischen den Zehen erscheint diese «Wasserscheu» etwas seltsam. Sie ist aber familientypisch: Die Seeschwalben lassen sich allesamt höchst selten auf der Wasseroberfläche nieder. Den Noddiseeschwalben (Anous spp.)
fehlt sogar ein Wasser abstossendes Gefieder.
Nicht alle ihre Beutetiere erjagen die Zwergseeschwalben durch Stosstauchen. Manchmal fliegen sie auch in einem steilen Bogen zum Wasser hinab und picken mit ihrem Schnabel geschickt ein Kleintier von der Oberfläche weg. Hin und wieder gehen sie ferner an Land auf Beutefang. Manche Opfer, zum Beispiel Krabben, ergreifen sie am Boden, andere wie Libellen erhaschen sie im Flug oder pflücken sie im Vorbeiflug von einem Zweig.
Insgesamt sind die Zwergseeschwalben keine wählerischen Beutegreifer, sondern Gelegenheitsjäger: Sie richten sich nach dem örtlichen und jahreszeitlichen Kleintierangebot. Dementsprechend schwankt die Zusammensetzung ihrer Kost stark von Ort zu Ort und von Saison zu Saison. Unter den Meeresfischen sind Sandaale (Ammodytes spp.)
, Heringe (Clupea harengus)
und Sprotten (Sprattus spp.)
wichtige Beutetiere. In Süssgewässern gehören Plötze (Rutilus rutilus)
, Rotfeder (Scardinius erythrophtalmus)
und Grundeln (Gobius spp.)
zu den häufigen Beutefischen. Unter den Krebstieren fallen den Zwergseeschwalben hauptsächlich Krabben und Garnelen zum Opfer.
Fische als Hochzeitsgeschenk
In Europa schreiten die Zwergseeschwalben jeweils im Frühling zur Brut. Im Nordwesten des Kontinents treffen sie normalerweise in der ersten Märzhälfte in ihren Brutgebieten ein und beginnen Anfang April mit der Eiablage. Im Mittelmeerraum beginnt das Brutgeschäft normalerweise zwei bis drei Wochen früher. Auf der Krim-Halbinsel im Schwarzen Meer beginnen sie hingegen selten vor Anfang Mai mit dem Legen.
Wie die meisten ihrer Vettern sind die Zwergseeschwalben gesellige Vögel. Allerdings bilden sie keine kopfstarken Kolonien: Ihre Brutgruppen umfassen gewöhnlich nur fünf bis fünfzehn Paare. Ihrer einmal gewählten Brutkolonie bleiben die erwachsenen Individuen in der Regel ein Leben lang treu. Dort brüten Jahr für Jahr dieselben Paare am selben Ort. Ob die Vögel monogam sind, also ihrem Partner lebenslang die Treue halten, lässt sich daraus nicht zwingend folgern. Bei vielen Vogelarten erweist sich bei genauerem Hinschauen, dass die (scheinbare) Treue zum Partner bloss eine Folge der Treue zum Nistplatz ist. Dies könnte durchaus auch bei den Zwergseeschwalben der Fall sein.
Als Brutplätze dienen den Zwergseeschwalbenkolonien gewöhnlich flache Küstenstreifen oder Flussinseln, welche mit Kies, Muschelschalen oder Sand bedeckt sind und höchstens spärlichen Pflanzenwuchs aufweisen. Oft befinden sie sich bloss einen oder zwei Meter oberhalb der Flut- bzw. Hochwassermarke.
Nachdem die Zwergseeschwalben aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt sind, verbringen sie zunächst viel Zeit ruhig abwartend im Bereich des Brutplatzes. Möglicherweise erholen sie sich von den Strapazen der Reise; vermutlich beobachten sie aber gleichzeitig, ob sich der Ort weiterhin zum Brüten eignet. Alsbald zeigen selbst jene Paare, welche schon im Vorjahr bzw. in den Vorjahren zusammen gebrütet haben, ritualisiertes Balzverhalten. Dieses umfasst zum einen waghalsige Schauflüge des Männchens und elegante Paarflüge, zum anderen Fütterungszeremonien am Boden, bei denen das Männchen dem Weibchen Fische überreicht. Dank der ausgedehnten Balzhandlungen vermögen beide Partner gut einzuschätzen, ob ihr Gegenüber wirklich gewillt ist, eine Fortpflanzungsgemeinschaft zu bilden, und auch fit genug, um seinen Teil zur aufwändigen Jungenaufzucht beizutragen. Insbesondere beweist das Männchen mit seinen «Fischgeschenken», dass es mehr Nahrung zu beschaffen vermag, als es für die Selbstversorgung benötigt.
Das Nest ist eine schlichte Angelegenheit und besteht aus einer in den Boden gescharrten Mulde, welche eine Tiefe von zwei bis drei Zentimetern und einen Durchmesser von etwa zehn Zentimetern aufweist. Häufig werden ein paar Kieselsteine, Muschelschalen und/oder trockene Pflanzenteile als Unterlage eingetragen. Bis zu sieben Mulden werden - meistens vom Weibchen - geschaffen, bis dieses zufrieden ist und mit dem Legen beginnt. Der Abstand zwischen den Nestern in einer Kolonie ist im Allgemeinen recht gross; er beträgt kaum je weniger als drei Meter.
Feinde werden gemobbt
Seine zumeist zwei oder drei Eier legt das Zwergseeschwalbenweibchen im Abstand von ein bis zwei Tagen. Mit dem Brüten beginnt es erst, wenn das Gelege vollständig ist. Auch das Männchen beteiligt sich am Brutgeschäft, anfangs zwar eher selten und kurz, später aber etwa zu gleichen Teilen wie das Weibchen. Die Jungen schlüpfen nach ungefähr 21 Tagen aus den Eiern. Sie tragen anfangs ein dickes, auf sandfarbenem Grund dunkel gesprenkeltes Daunenkleid, mit dem sie zwischen den Kieselsteinen oder Muschelstücken ausgezeichnet getarnt sind. Schon im Alter von wenigen Stunden sind sie gut zu Fuss.
Während ihrer ersten Lebenstage werden die jungen Zwergseeschwalben fast ununterbrochen gewärmt und behütet, und zwar meistens durch die Mutter, während dem Vater die Futterbeschaffung obliegt. Je älter sie werden, desto weniger Zeit verbringen die Eltern tagsüber bei ihnen. In dieser Phase sind sie eine leichte Beute für verschiedene Fressfeinde, darunter Vogelarten wie Möwen und Greifvögel, aber auch Säugetiere wie Füchse und Marder. Bei Feindgefahr erhalten sie allerdings Hilfe durch alle gerade anwesenden Altvögel der Kolonie: Ein sich nähernder Fressfeind wird nämlich nach seiner Entdeckung heftig und gemeinschaftlich «gemobbt»: Die erwachsenen Vögel folgen ihm im Schwarm, äussern laute Alarmrufe und fliegen Scheinangriffe gegen ihn. Meistens genügt dieser «Wirbel», um den Angreifer aus der Nähe der Jungvögel, die sich derweil bewegungslos auf den Boden drücken, zu vertreiben.
Im Alter von ungefähr drei Wochen verfügen die Jungvögel über ihr Jugendgefieder und können ihren ersten Flug unternehmen. Sie beginnen schon bald, das Stosstauchen zu üben und erbeuten anfangs treibende Blätter und dergleichen, jedoch normalerweise keine Beutetiere. Erst im Alter von zwei bis drei Monaten - kurz vor der Abreise ins Winterquartier - können sie sich selbstständig ernähren und sind nicht mehr auf die Zufütterung durch ihre Eltern angewiesen.
Im späteren August oder im September verlassen die Zwergseeschwalben ihre Brutplätze, oft im Familienverband. Die im östlichen Europa brütenden Zwergseeschwalben verbringen die Wintermonate im Allgemeinen im Bereich des Roten Meers, beim Persischen Golf und in den angrenzenden Bereichen des westlichen Indischen Ozeans. Diejenigen aus dem westlichen Europa fliegen hingegen mehrheitlich nach West- und Südwestafrika. Auch in ihren Winterquartieren halten sich die kleinen Seeschwalben vornehmlich in Küstengebieten auf.
Die jungen Zwergseeschwalben schreiten im Alter von zwei oder drei Jahren erstmals zur Brut. Sie kehren dann zwar in jenes Brutgebiet zurück, in welchem sie zur Welt kamen, jedoch selten zur selben Brutkolonie. Im Allgemeinen schliessen sie sich einer anderen Kolonie an oder versuchen, mit ihresgleichen eine neue zu gründen. Das bisher anhand beringter Individuen festgestellte Höchstalter beträgt 23 Jahre und 11 Monate.
Die Bestände in Europa schwinden
Noch ist die Zwergseeschwalbe eine sehr weit verbreitete Vogelart. Ihre globale Population wird auf 70000 bis 100000 Brutpaare geschätzt. In vielen Regionen, insbesondere in Europa, ist jedoch seit geraumer Zeit ein Rückgang der Bestände festzustellen. Zum Verhängnis wird der zierlichen Seeschwalbe, dass ihre bevorzugten Brutgebiete besonders anfällig sind auf menschliche Einflüsse: offene Sand- oder Kiesstrände werden heute europaweit - an den Meeresküsten ebenso wie an Flüssen und Seen - von ungezählten Erholungssuchenden heimgesucht. Natürliche, offene Flussläufe werden begradigt und eingedämmt, um Land zu gewinnen, aufgestaut, um Strom zu gewinnen, und ausgebaggert, um Kies- und Sand zu gewinnen. Überdies werden sie mit Abwässern aller Art befrachtet, was der Fisch- und Kleintierfauna zusetzt, von der sich die Zwergseeschwalbe ernährt. In vielen europäischen Ländern, so auch in Kroatien, gibt es darum heute nur noch ein paar wenige verstreute Brutkolonien.
Besonders gravierend ist die Situation im west- und mitteleuropäischen Binnenland: Inzwischen findet die Zwergseeschwalbe nur noch an drei Flüssen - nämlich an der Loire, der Weichsel und der Drau - vor, was sie zum erfolgreichen Brüten braucht: vegetationsarme Kies- und Sandbänke zum Nisten und klares Wasser mit genügend (Jung-)Fischen für die Ernährung. Die am stärksten gefährdete Kolonie befindet sich an der Drau im Grenzgebiet zwischen Kroatien und Ungarn. Hier ist bis heute eine vielfältige, dynamische Wildflusslandschaft erhalten geblieben, welche ausser der Zwergseeschwalbe auch dem Flussregenpfeifer (Charadrius dubius)
, dem Eisvogel (Alcedo atthis)
und vielen weiteren bedrängten Geschöpfen eine Zuflucht bietet. Doch selbst dieses Kleinod ist gefährdet: Bereits wird die Drau an zahlreichen Stellen «reguliert», mancherorts wird Sand und Kies abgebaut. Kommerzielle Interessen gehen mit überholten Ansichten zum Hochwasserschutz Hand in Hand.
Verschiedene Organisationen, darunter der WWF Österreich, die kroatische Drau-Liga, die Drau Föderation Ungarn, BirdLife Slowenien und Euronatur, haben sich nun zusammengetan, um die verbleibenden natürlichen Lebensräume entlang der Drau zu retten. Gemeinsam wollen sie erreichen, dass sämtliche zerstörerischen Eingriffe eingestellt werden und gleichzeitig ein Umdenken im Wasserbau erfolgt. Um in der Öffentlichkeit wie auch bei den zuständigen Behörden für den Schutz der Drau zu werben, wird die Zwergseeschwalbe gewissermassen als «Botschafterin» eingesetzt, denn sie ist ein guter und attraktiver Indikator für intakte Flussökosysteme. Wer mehr wissen möchte, findet unter www.sterna-albifrons.net weitere Informationen.
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