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Astrid Tomczak-Plewka
«Ich war schon immer an Naturwissenschaften interessiert, wollte das ‘Wie’ und vor allem das ‘Warum’ wissen.» Mit diesem Satz erklärt Claudia Aloisi, warum sie tut, was sie tut. Die Italienerin sitzt in ihrem Labor in Paris. Es sind die Tage des dritten Lockdowns mit nächtlicher Ausgangssperre, sie trägt Maske, obwohl sie alleine ist. Vorschrift ist Vorschrift.
«Ich habe mich auf Anhieb in die Chemie verliebt»
Wie viele andere auch interessierte sich Claudia Aloisi als Kind für alles was kreucht und fleucht. «Ich bin in Sizilien aufgewachsen, zwischen dem Meer und dem Ätna», erzählt sie. In der Grundschule gehörte Biologie zu ihren Lieblingsfächern. Später entdeckte sie, dass die Biologie ohne Chemie nicht auskommt. Als es um die Studienwahl ging, absolvierte sie die Eintrittsprüfungen für Mathemathik, Physik und Chemie – und bestand alle drei. «Das war schrecklich», erinnert sie sich lachend, «mich entscheiden zu müssen.» Offensichtlich hat sie dann mit der Chemie richtige Wahl getroffen: «Ich habe mich auf Anhieb in die Chemie verliebt.» Sie stürzte sich ins Fach – vor allem die physikalische Chemie, welche die Eigenschaften von Stoffen und deren Umwandlung mittels mathematischer Formeln beschreibt. In Aloisis Worten: «Sie erklärt, warum A passiert und nicht B. Ich liebte es», sagt sie rückblickend.
Nach ihrem Bachelorstudium legte sie ihren Fokus dann aber auf organische Chemie, schrieb am King’s College in London eine Masterarbeit in Biotechnologie und kam dann als Doktorandin an die ETH, genauer ans interdisziplinäre biochemische Labor für Toxikologie von Shana J. Sturla. Der perfekte Match für Aloisi: «Ich bin absolut fasziniert von der Schönheit der Chemie an sich», sagte sie. «Aber mir war es immer wichtig, Anwendungen zu finden.» In ihrer Dissertation hat sie Instrumente entwickelt, um chemische Veränderungen der DNA zu identifizieren, die zu Krebserkrankungen führen können. Dabei hat sie mit ihrem Team ein Molekül hergestellt, das spezifisch mit dem krebserzeugenden DNA-Schaden interagiert. Dieses Molekül kann mittels Massenspektrometrie nachgewiesen und quantifiziert werden.
Wenn man weiss, wo und in welcher Zahl dieses Molekül auftritt, könnten potenzielle Krebserkrankungen frühzeitig erkannt und präventiv behandelt werden. Für die Publikation dieser Erkenntnisse erhält Aloisi nun also den Prix Schläfli. «Ich halte meine Arbeit nicht für revolutionär und war deshalb auch sehr überrascht.», sagt die junge Forscherin «Aber was ich an diesem Paper liebe, ist das big picture. Als Forschende versuchen wir den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung zu beschreiben. Aber manchmal fehlen uns die Instrumente dazu. In meiner Arbeit ging es genau darum, diese Instrumente zu finden.» Laut ihrer Mentorin Shana J. Sturla hat Claudia Aloisi damit «einen bedeutenden Beitrag auf dem Gebiet der chemischen Biologie geleistet, insbesondere in Bezug auf die Verwendung synthetischer Nukleotide zur Verstärkung und Erkennung von DNA-Schäden».
Exzellenter Forschung verpflichtet
Zurzeit forscht sie mit einem EMBO (European Molecular Biology Organisation) Stipendium in Paris. Es läuft nächstes Jahr aus, sie wird sich für ein weiteres Jahr bewerben und hofft, danach in die Schweiz zurückkehren zu können. «Ich habe mich in Zürich sofort so wohl gefühlt wie nirgendwo sonst», sagt die 30-Jährige. Ihr grösster Traum wäre eine Professur in der Schweiz. Ein durchaus realistisches Ziel, ist Claudia Aloisi doch laut ihrer Mentorin nicht nur «exzellenter Forschung verpflichtet», sondern darüber hinaus auch eine «begabte Kommunikatorin und Mentorin.» Tatsächlich ist ihr bisheriger Weg schon mit allerlei Erfolgen gepflastert: Sie hat schon mehrere Auszeichnungen und Stipendien erhalten, einige Masterarbeiten betreut – eine ihrer Masterstudentinnen hat sie sogar zu einem Forschungsaufenthalt nach Südkorea mitgenommen.
Zwar brennt ihr Herz für die Wissenschaft, und dennoch hofft Claudia Aloisi auch bald wieder etwas weniger Zeit allein im Labor zu verbringen. Sie kann es kaum erwarten, wieder den Louvre zu besuchen und mit ihrem Freund – Italiener und Chemiker– ans Meer zu fahren. «Ich kann stundenlang schwimmen und alles vergessen.» Die physische Fitness ist ihr genauso wichtig wie die geistige. Sie treibt viel (Lauf-)Sport und ist leidenschaftliche Köchin – aber nein, auch wenn es ihr Hintergrund nahelegt: Die molekulare Küche ist nicht ihr Ding.