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Sie waren jung und ein Sonntag auf dem Eis war ihr Schicksal. Doch ihr Coming-out wagten Terry und Pat erst, als sie über 80 Jahre alt waren. Jetzt ist ihre Geschichte zum Dokumentarfilm geworden.
Als Terry Donahue im März 2019 starb, war sie 95 Jahre alt. Ganze 74 davon hatte sie mit ihrer grossen Liebe verbracht. Mit einer Frau. Pat Henschel. Und genau 65,5 Jahre hatten sie diese Liebe geheim gehalten. Vor der Familie, dem Arbeitgeber und dem Sportclub.
Terry und Pat sind zwei kanadische Farmertöchter. Als sie sich 1947 zufälligerweise kennen lernen, ist Terry ein kleiner Star, ist Catcher bei der All-American Girls Professional Baseball League im Team der Peoria Redwings. Wenn die Redwings auf Tour sind, teilt sich Terry ihr Zimmer mit einem Mädchen, das ihr von Frauen erzählt, die anderen Frauen nachstellen würden. Nachts verbarrikadieren die beiden ihre Zimmertür mit Möbeln.
Als echte Kanadierin spielt Terry in ihrer Freizeit Eishockey. Und trifft dabei an einem Sonntagmorgen auf die drei Jahre jüngere Pat. Beide sind wie vom Blitz getroffen. Es ist Liebe und nichts anderes. Pat ist Telefonistin, weshalb es ihr leicht fällt, mit Terry auch während der Baseball-Saison in engem Kontakt zu bleiben. Und Pat kann hinreissende Liebesbriefe und Gedichte schreiben.
Die beiden bemühen sich, immer die letzte Zeile ihrer Briefe – die Zeile mit dem Namen der anderen – wegzureissen. Niemand soll wissen, dass sie von einer Frau für eine Frau geschrieben wurden, «wir kennen zu viele, die von ihren Familien verstossen worden sind», sagen sie.
Homosexualität ist strafbar. Wenn eine Frau nicht mindestens drei als «fraulich» definierbare Kleidungsstücke trägt, wird sie verhaftet. Wenn sie Hosen mit einer Männer-Knopfleiste trägt, wird sie verhaftet. Baseball wird in kurzen Röcken ohne Knieschoner gespielt, «lieber blaue Flecken als lange Hosen» ist das Motto.
Nach dem Ende von Terrys Profikarriere ziehen die beiden in ein Häuschen, sie geben an «Cousinen» oder «Freundinnen» zu sein, sie sagen, dass es so für zwei Frauen «billiger» und «sicherer» sei. Terrys Bruder, ein homophober Alkoholiker sagt, seine Schwester müsse nur endlich mal von einem «grossen Schwarzen durchgevögelt werden», dann habe sich das erledigt. Sonst sagt niemand was dazu. Vielleicht, weil gar nicht sein kann, was keiner ausspricht.
Die Frauen wohnen nicht nur zusammen, sie arbeiten jetzt auch Seite an Seite im Büro eines vornehmen Einrichtungshauses und achten peinlich genau darauf, dort immer nur im Kleid und in High Heels aufzutreten. In ihrer Freizeit verkehren sie mit anderen Lesben und Schwulen. Ihre andere Familie.
Und als es viele, viele Jahre später so weit ist und die beiden nach dem Coming-out gegenüber Terrys Familie auch schon bald in ein Altersheim umziehen müssen, da entdeckt Terrys Lieblingsnichte erstaunt, wie gross die andere Familie der beiden eigentlich gewesen ist.
Eine Zusammenführung der beiden Welten findet an der Eheschliessung von Pat und Terry statt. Denn angesichts von Terrys sich verschlimmernder Parkinson-Erkrankung ist den beiden klar, dass sie dies endlich tun wollen. Und dass sie nach Kanada zurückkehren müssen, wo Terrys Familie sich um sie kümmert.
Pat tut sich schwer damit, die amerikanische Freiheit und die Freunde aufgeben zu müssen, ausgerechnet jetzt, wo sie es endlich wagen, sich vor aller Welt als lesbisches (Ehe-)Paar zu zeigen, geht es zurück in die engeren Verhältnisse, aus denen sie kommen. Dorthin, wo jetzt alle froh sind, dass sie wenigstens Eheleute sind und also nicht mehr «in Sünde» leben.
Der berührende Film über die beiden, deren Leben viel enger verflochten waren als die der meisten, ist jetzt auf Netflix, er hätte zuerst auf einem der vielen abgesagten Filmfestivals laufen sollen. Ryan Murphy («Glee», «Pose», «American Horror Story») hat ihn produziert, doch gedreht hat ihn Terrys Grossneffe Chris Bolan, er hat kurz nach dem alle überraschenden Coming-out beinahe zehn Jahre lang immer wieder die Kamera auf die alten Frauen, seine eigene Familie, auf die Gespräche, die Schmerzen und Konflikte gehalten. Hat das Überdauern einer riesengrosse Liebe in zwei Körpern, deren Zerfall durch nichts mehr aufzuhalten ist, dokumentiert.
Man wünschte sich noch etwas mehr historisch-politisches Material, mehr gesellschaftsanalytische Einbettung. Aber es reicht auch so: Für einen durchheulten Abend und eine rechte Portion Dankbarkeit, dass die Welt, in der die beiden voneinander Abschied nehmen mussten, eine offenere ist als jene, in der sie vor Jahrzehnten zueinander fanden.
«A Secret Love», ca. 90 Minuten, jetzt auf Netflix.
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