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Die Schweiz hat bereits zum fünften Mal einen Hilfstransport in die Ostukraine organisiert. Ein Güterzug transportiert 3500 Tonnen Quarzsand, der für die Filterung von Wasser in Donezk benötigt wird. Doch wegen eines kriegerischen Zwischenfalls hat die Lieferung Verspätung.
Dietrich Dreyer von der Humanitären Hilfe des Bundes, die zur Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) gehört, schildert im Interview die Umstände und Hintergründe der Schweizer Hilfe für das Kriegsgebiet Ostukraine.
SRF News: Warum ist der Hilfstransport nach Donezk ins Stocken geraten?
Dietrich Dreyer: Wir haben bei diesem Hilfstransport in die Ostukraine mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die wir bei den vorherigen nicht hatten. Auf die Bahnstrecke, welche der Güterzug mit dem Quarzsand befahren sollte, wurde in direkter Nähe der sogenannten Kontaktlinie ein Bombenanschlag verübt.
Die Strecke war dann zwei Tage lang gesperrt, weil sich beide Seiten zunächst auf den Einsatz der Reparatur-Brigade einigen mussten, damit diese nicht von der einen oder anderen Seite beschossen wurde. Inzwischen ist die Strecke repariert und für den sehr eingeschränkten Güterverkehr freigegeben.
Personenzüge fahren auf der Strecke sowieso keine. Die Güterzüge transportieren vor allem Kohle aus den beiden nicht-regierungskontrollierten Gebieten Donezk und Lugansk in die regierungskontrollierten Gebiete, wo die Kohle zum Heizen und zur Stromerzeugung gebraucht wird.
Der Hilfstransport führt mitten durchs Kriegsgebiet. Haben Sie das hautnah miterlebt?
Ich bin jetzt das zwölfte Mal in Donezk und es ist nicht das erste Mal, dass ich ähnliches erlebe. Die Anreise führt jeweils über verschiedene Checkpoints, bevor man in die «graue», umkämpfte Zone kommt, in der vor allem in der Nacht immer wieder geschossen wird. Bislang hatten wir Glück, dass uns nichts passiert ist. Allerdings versuchen wir, das Risiko zu minimieren: Ab spätestens 13:00 oder 14:00 Uhr bewegen wir uns nicht mehr in dieser Zone.
Am Morgen herrscht meist Ruhe, geschossen wird erst ab späterem Nachmittag oder ganz sicher nachts.
Bei früheren Transportkonvois kamen Lastwagen zum Einsatz, diesmal ist es ein Güterzug mit 50 Waggons. Weshalb?
Bei den früheren Lieferungen ging es um ein paar hundert Tonnen Güter. Das waren vor allem Substanzen zur chemischen Wasseraufbereitung, Medikamente und medizinische Apparate für die Region Donezk. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die chemische Behandlung für Trinkwasser gut funktioniert. Doch für die letzte Stufe der Wasseraufbereitung braucht es Quarzsand, durch den das Wasser gefiltert wird, und dieser geht in den Wasserwerken der Region Donezk nun langsam aus. Deshalb braucht es die riesige Menge von 3500 Tonnen Sand, um die Trinkwasserversorgung für vier Millionen Menschen in nächster Zeit zu sichern.
Sie begleiten diesen Transport . Fahren Sie auf dem Güterzug mit?
Nein, das geht nicht. Zum einen ist die Mitfahrt über die Kontaktlinie nicht gestattet, ausserdem wollen wir dies aus Sicherheitsgründen nicht riskieren. Es würde auch gar nichts bringen, um den Zug schneller oder sicherer ans Ziel zu bringen.
Die Schweiz hilft bei der Trinkwasseraufbereitung im umkämpften Gebiet. Wie ist es möglich, dass beide Seiten mit sauberem Wasser versorgt werden können?
Es braucht die Zusammenarbeit beider Seiten, der ukrainischen Behörden in Kiew und der de-facto-Behörden in Donezk. Die Absprache mit beiden Seiten war bei der Vorbereitung des Trinkwasserprojekts im Frühling 2015 die wichtigste Aufgabe. Erfreulicherweise ist das gelungen. Bis heute ist die Schweiz der einzige Drittstaat, der die Bevölkerung beider Konfliktparteien bedient. Dies ist möglich, weil die Schweiz versucht, strikt nach humanitären Prinzipien zu arbeiten: Neutralität, Unparteilichkeit und keine Bedingungen. Es ist hier fast exemplarisch gelungen, keine der beiden Seiten zu bevorzugen.
Wann erwarten Sie den Güterzug in Donezk und was passiert dann mit dem Sand?
Er sollte noch am Montag die Filterstation ausserhalb von Donezk erreichen. Dort wird umgehend mit der Entladung des Sands begonnen. Die 3500 Tonnen Material müssen nun noch gereinigt werden. Lehm und andere unerwünschte Stoffe müssen herausgewaschen werden, bevor dann rund ein Drittel des Materials als reiner Quarzsand zur Wasserreinigung eingesetzt wird. Dies gibt 30 Angestellten der Wasserwerke ein halbes Jahr lang Arbeit.
Aus den zwei Dritteln «Abfall» werden Backsteine und Plättli produziert, die in den Wasserwerken für Reparaturen gebraucht werden. Das Schweizer Team überquert nach Übergabe des Zuges die Kontaktlinie wieder in Richtung Westen und fliegt von Dnepropetrowsk aus wieder zurück in die Schweiz.
Das Gespräch führte Stefan Kohler.
Krieg in der Ukraine
2014 stürzte die prorussische Regierung in Kiew nach gewalttätigen Protesten. Russland annektierte daraufhin die ukrainischen Halbinsel Krim. Zudem unterstützt Moskau einen Aufstand in der Ostukraine. In den Abkommen von Minsk wurden Waffenruhen vereinbart, die aber nicht halten. In dem Konflikt starben bislang rund 10'000 Menschen.