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Rezension | Spencer
Spencer | Rezension
von Madeleine Hirsiger
Wir schreiben das Jahr 1991. Auf dem Landgut Sandringham House in Norfolk bereitet ein Heer von Leuten die weihnachtliche Zeremonie für das englische Königshaus vor: Armeefahrzeuge halten vor dem Eingang, im Stechschritt werden von Soldaten grosse Kisten in eine leere, riesige Küche gestellt. Alles hat seine Ordnung. Sie werden abgelöst von mindestens einem Dutzend Köchen. In den Kisten liegen Früchte, Fleisch, Hummer ohne Ende. Das Setting ist gesetzt. Die Tradition ebenfalls. Während die Royals nach und nach im Rolls Royce vorfahren, irrt Prinzessin Diana mit ihrem Porsche in der vernebelten verlassenen Gegend umher. Sie weiss nicht mehr, wo sie ist und kommt am 24. Dezember verspätet im Schloss an. Die Familie sitzt schon fast bei Tisch, in der Mitte Queen Elisabeth II. Es herrscht Nervosität.
Diana, die Widerspenstige
Diana steht im Mittelpunkt der Geschichte. Die Mitglieder der königlichen Familie bewegen sich nur im äusseren Kreis um die Hauptfigur herum. Diana ist von Zorn und Verzweiflung besetzt und nicht mehr bereit, sich unter- und einzuordnen und an diesen uralten, antiquierten Traditionen teilzunehmen, etwa dass man nach den Weihnachtstagen drei Pfund zugelegt haben muss. Der Gang auf die Waage ist obligatorisch. Akribische Regel wie diese prägen den ganzen Film und verleihen der Geschichte eine beklemmende Enge, aus der Diana um jeden Preis entfliehen will. Die Wände haben Ohren, die Überwachung ist lückenlos. Es ist diese Spannung, dieses Unwohlsein, das sich auf das Publikum überträgt. «Hier gibt es keine Zukunft», sagt Diana einmal zu ihren Söhnen William und Harry, mit denen sie ein herzliches, ja inniges Verhältnis verbindet. Die mit ihren Söhnen vorherrschende ‹Normalität› ist sonst im ihrem Leben nicht zu finden.
Die Prinzessin bricht aus
Diana sucht verzweifelt aus ihrem Gefängnis zu entkommen, aus der «Firma», wie das Königshaus auch von Harry und Meghan Jahre später genannt wird. Längst ist bekannt, dass Prinz Charles eine Beziehung zu seiner alten Liebe Camilla Parker pflegt. Ja, er schenkt ihr zu Weihnachten sogar die gleiche Perlenkette wie seiner Frau. Zurückgezogen auf ihrem Zimmer verschlingt Diana ein Buch über Anne Boleyn, die im 16. Jh. an der Seite von Henry VIII Königin war. Der König verliebte sich in eine andere Frau, darum musste Anne aus dem Weg geschaffen werden und wurde wegen angeblichen Ehebruchs hingerichtet. Wer hat Diana dieses Buch auf das Bett gelegt, was hat es zu bedeuten? In faszinierenden Bildern zeigt uns der chilenische Regisseur Pablo Larrain die Verzweiflung von Prinzessin Diana, ihre Ausweglosigkeit – und immer wieder begegnet ihr Anne Boleyn in den endlosen Gängen des Schlosses. Von ihrer Kammerzofe Marry, zu der sie ein freundschaftliches Verhältnis pflegt und ihr auch mal das Herz ausschüttet, wird ihr eingetrichtert, dass sie stark sein solle und in diesem Spiel die Waffe sei. Schliesslich gelingt Diana der Absprung vom sich immer schneller drehenden Karussell. An Weihnachten 1991 setzt sie ihren Entschluss um, und will die Ehe mit Prinz Charles beenden.
Kulminationspunkt «of no return»
Man kann einwenden, dass Diana schon einige Male Weihnachten mit der königlichen Familie auf Gut Sandringham gefeiert hat und es diese Rituale seit jeher gegeben hat. Von daher nichts Besonderes. Aber 1991 ist das Mass voll. Diana sieht endgültig keine Perspektive mehr in ihrem Dasein als Prinzessin. Der 45-jährige Regisseur Pablo Larrain hat die drei Weihnachtstage in kompakter und überraschender Weise zum Kulminationspunkt «of no return» gemacht. Star in diesem packend inszenierten Drama ist die Amerikanerin Kristen Stewart, und ihr königliches Englisch ist perfekt. Larrain hat sich entschieden, nur die rebellierende und psychisch angeschlagene Diana zu zeigen, in einer fiktiven Form – denn wer weiss schon, wie es wirklich war. Diesbezüglich eher überprüfbar war «Jackie: Die First Lady» mit Natalie Portmann in der Hauptrolle, die Larrain 2016 nach einem Dokumentarfilm aus der damaligen Zeit realisiert hat, was ihm, genauso wie jetzt bei «Spencer», meisterlich gelang.
Fazit: «Spencer» ist ein starkes, beklemmendes Stück Kino über eine Prinzessin, die keine mehr sein will.
Spencer | Stimmen
«SPENCER erreicht die emotionale Extravganz eines erstklassigen Melodramas und verweigert sich doch dessen Konventionen. Der Film ist zugleich eine historische Fantasie, ein klaustrophobischer Thriller und eine schwarze Sittenkomödie.» – La Times | «Selten war Kristen Stewart faszinierender und herzzerreissend verletzlicher als in dieser Rolle.» – The Hollywood Reporter | «SPENCER begeistert das Filmfestival von Venedig, erhält stehende Ovationen und einen Status als Oscarfavorit.» – Variety | «SPENCER nutzt Kristen Stewards geheimnisvolle Aura und magnetische Ausstrahlung, aber führt sie auch in ganz neue schauspielerische Bereiche.“ – The New Yorker | «SPENCER ist mehr als das Porträt eine Frau in schwieriger Situation. Der Film ist eine politische Fabel, eine Allegorie von Machtlosigkeit, Revolte und Befreiung.» – The New York Times
Statement von Regisseur Pablo Larraín
Wir alle sind seit Kindertagen mit Märchen vertraut, doch Diana Spencer veränderte deren Paradigmen und die idealisierten Vorbilder der Popkultur von Grund auf. Dies ist die Geschichte einer Prinzessin, die nicht Königin werden wollte, sondern sich eine eigene Identität erschuf. Sie stellte die Märchenwelt auf den Kopf. Bis heute bin ich von ihrer Entscheidung, die für sie extrem hart gewesen sein muss, überrascht. Dieser Schritt bildet das Herzstück des Films. Ich wollte Dianas Entscheidungsprozess beleuchten, das Schwanken zwischen Zweifeln und Entschlossenheit bis zum letztendlichen Befreiungsschlag für sie selbst und ihre Kinder. Ihre Entscheidung wurde ihr Vermächtnis: Dieses Bekenntnis zu Ehrlichkeit und Menschlichkeit ist bis heute beispiellos.
Spencer | Spielfilm | Regie: Pablo Larraín | Cast: Kristen Steward, Sally Hawkins, Sean Harris, Timothy Spall, Jack Farthing | Dauer: 117 Minuten | Verleiher: DCM
Kinostart Deutschschweiz: 13. Januar 2022