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Das Buch
von Cedric Weidmann
Der Song heisst After the Thaw.
Der Morgen ist so frisch, dass der Junge, als er am Altersheim vorbeigeht, die Jacke enger zuzieht. Die Sonne ist noch nicht aufgegangen und es ist keine Spur von ihr zu sehen, aber der Junge schaut zu den Hügeln hinüber. Er weiss wo sie auftauchen wird. Auf der Strasse liegt eine umgefallene Mülltonne, er hüpft drüber, er zieht die Finger in der Jackentasche zusammen, bis die Gelenke knacken. Als er in den Zug steigt, setzen sich ihm seine Freunde gegenüber, sie holen ihre Handys hervor, hören auf einem Ohr Musik oder verfallen in eine beängstigende Dämmrigkeit. Ob er von der Prüfung gehört habe, die heute unangekündigt stattfinden solle. Jemand habe davon gesprochen. Der Junge schüttelt den Kopf. Man solle nicht immer alles glauben, sagt er, und seine Freunde erwidern, dass es bis jetzt aber immer gestimmt habe, wenn sich das herumgesprochen habe. Und während er sich darüber austauscht, was sie alle nicht können, und dass sie das Buch nicht gelesen hätten, gleitet der Blick des Jungen, wie versehentlich nach draussen, zu den vorbeiziehenden Lichtern der beleuchteten Küchen und Schlafzimmern, zu den roten Polkapunkten der im Stau stehenden Autos und den von Tau glitzernden Feldern. Eine Wolke scheint sich aus dem grossen Wolkenmeer herauszukämpfen und streckt den Kopf nach unten. Ausnahmsweise habe er sich vorbereitet, gibt der Junge zu. Das Cover hat ihn angesprochen. Mal sehen, ob ihm das etwas bringt, wenn es eine Prüfung gibt. Aber nur schon das — dass er das Buch gelesen habe — überzeuge ihn, dass es heute keine Prüfung gebe, so sei das nun einmal. Die anderen nehmen die Bücher hervor, manche lassen auch die Arme vor der Brust verschränkt und wollen ihn ausfragen, aber nachdem er es in wenigen Sätzen zusammengefasst hat, beharrt er darauf, dass sein Wissen erschöpft sei. Die Wolke schlenkert nun allein in der Luft, sie scheint ihm zuzurufen: Ich habe es geschafft, und so hässlich ich jetzt bin, ich bin etwas anderes. Das ist mein Jenseits, mein Himmel: Der Himmel aus dem Himmel der anderen heraus.
Der Junge schiebt den Freunden das Buch mit seinen Notizen zu, aber sein Blick schiesst an ihnen vorbei und bleibt am Sitzmuster der Stühle hängen. Ein Satz aus dem Buch schwirrt ihm durch den Kopf und das Bild eines kleinen Bauernsohns, das Aufbäumen gegen alles, was sich ihm widersetzt, steigt vor sein Blickfeld. Er spürt auf der Haut noch die Wildheit jener Person, die die Langeweile und die Umständlichkeit altmodischer Sätze nicht so recht dämpfen konnte, die von ihr berichteten. Es ist ihm, als sässe dieser andere Junge Rücken an Rücken zu ihm im nächsten Abteil und er spürt ihn durch die Lehne hindurch. Diese Prüfung wird er nicht bestehen, er ist sich sicher. Aber das Buch vergisst er nicht, er hat es irgendwie gemocht, und etwas daran macht ihm Angst. Denn er wird wegen ihnen, diesen Sätzen, nie mehr seine Freunde anschauen können, ohne durch sie hindurchzusehen. Vielleicht wird er gar nichts mehr wirklich ansehen können. Aber sein Körper fühlt sich besser an. Die Wolke leuchtet plötzlich auf, die Strahlen der Sonne, die noch hinter dem Hügel steckt, berühren sie vor den anderen. Der Junge spürt einen Stich in der Region seines Herzens, aber er verschwindet unverzüglich wieder. Draussen sieht er auf der Strasse keine Sekunde einen einzigen Menschen, aber ein Haufen in der Kälte stehenden Dinge, die aussehen, wie Dinge, die zu lange in der Kälte gestanden haben. Er schüttelt die Jacke aus, bevor er sie anzieht. Der Satz ist noch da.