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Teil 3: Schwerpunkt „Befähigung“
Im Teil 2 lernten Sie die Möglichkeiten zur Erweiterung der Fachbereiche kennen, so dass sie anschlussfähig werden an das Können, Wissen und Wollen der Schülerin oder des Schülers. Wenn eine Schülerin oder ein Schüler eine Aufgabe nicht lösen kann oder eine Aktivität nicht durchführen kann, liegt es nahe, nach einer einfacheren Aufgabe oder Aktivität zu suchen. Das ist nicht immer sinnvoll, denn es ist gut möglich, dass die Schülerin oder der Schüler sich mit ganz anderen Problemlösungen beschäftigen sollte, um im Kompetenzerwerb weiterzukommen. Statt von den Defiziten auszugehen, gilt es in einer solchen Situation, vom Bildungsauftrag der Befähigung (vgl. Teil 1, Aufgabe «Behindertenrechtskonvention») auszugehen. Wie Sie konkret vorgehen könnten, ist hier anhand des Ihnen sicher bekannten Cartoons erläutert:
Für den Schimpansen passt diese Lernsituation:
- es braucht keine Elementarisierung, weil er über die erforderlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten verfügt.
- es braucht keine Kontextualisierung; weil die Lernumgebung «Baum» anschlussfähig ist an vergangene, gegenwärtige und zukünftige Lebenswelten.
- es braucht keine Personalisierung, weil seine Interessen und Bereitschaften angesprochen werden und er sich in dieser Lernsituation als selbstwirksam erlebt.
Wie ist es mit den anderen Tieren? Macht es Sinn, diese Fähigkeit/Fertigkeit (auf Baum klettern) für die anderen Tiere zu elementarisieren?
Nein, denn keines der anderen Tiere wird jemals auf den Baum klettern können. Es bringt somit nichts, wenn Sie eine einfachere Aufgabe stellen oder eine entwicklungslogisch vorgelagerte Fähigkeit oder Fertigkeit fördern. Lässt sich die Aufgabe anpassen, so dass andere Tiere sich beteiligen können?
Folgende Fragen sind hilfreich auf der Suche nach sinnvollen Anpassungen.
Anpassung der Aufgabe: Alternative Fähigkeiten/Fertigkeiten?
Anpassung der Lernumgebung: Kontextualisierung
Wie die Angebote zur Vertiefung zeigen, sind Anpassungen grundsätzlich möglich, so dass sich weitere Tiere beteiligen können. Doch spätestens jetzt stellt sich die Frage: Macht es Sinn, einen solchen Aufwand zu betreiben? Sollten die anderen Tiere nicht besser etwas anderes lernen? Klar, für den Schimpansen macht diese Aufgabe Sinn, nicht nur, weil er sie lösen kann, sondern weil er die geförderte Aktivität für viele verschiedene Problemlösungen einsetzen kann. Das Lösen dieser Aufgabe leistet somit einen Beitrag zum Kompetenzaufbau des Schimpansen – wie das «Sich-allein-aufrichten-können» bei Nick Vujicic.
Die zentrale Frage allerdings ist: Wozu klettert man auf Bäume? Welche Problemstellungen können so gelöst werden? An welchen Kompetenzen wird dabei gearbeitet? Hier finden Sie einige Vorschläge:
- Nahrung suchen und finden (Kompetenz in Wirtschaft, Arbeit, Haushalt)
- Überblick über Raum gewinnen (Kompetenz in Mathematik, Form und Raum: Erforschen und Argumentieren)
- sich vor einer Überschwemmung in Sicherheit bringen (Kompetenz in Sport und Bewegung: Bewegen in Wasser, Sicherheit im Wasser)
Indem der Schimpanse auf den Baum zu klettern übt, erhöhen sich seine Verwirklichungschancen, dass er in der Zukunft einmal ein gutes Leben führen kann, weil er dabei an zentralen Kompetenzen arbeitet. Er erwirbt eine Fähigkeit, die er in zahlreichen Situationen nutzen kann (Befähigungsbereich «Erwerben und nutzen»). Doch auch für einen Schimpansen ist das nicht genug zur Befähigung. Er muss auch lernen, sich vor Gefahren zu schützen, er muss mit anderen Schimpansen zusammenleben können und vieles mehr. Die Befähigungsbereiche helfen an alle Kompetenzbereiche zu denken, in denen die Tiere sich weiterentwickeln sollen. Dies ist bei Schülerinnen und Schülern ebenso wichtig.
Die folgenden Angebote zur Vertiefung helfen dabei, die Zusammenhänge zwischen Aktivitäten, Kompetenzen und Befähigung besser zu verstehen.
Was wozu üben: Personalisierung (Cartoon)
(Zeitaufwand < 3 Minuten)
Wichtig: Vertiefen Sie sich in die Befähigungsbereiche!
(Zeitaufwand < 5 Minuten)
Wichtig: Lesen Sie die Beschreibungen der Befähigungsbereiche auf S. 27 -29 (DVK 2019).
Weiterführende Lektüre zur Befähigung
(Zeitaufwand < 25 Minuten)
Vertiefung: Lesen Sie folgenden Artikel von Hollenweger (2020), falls Sie sich noch umfassender mit der Thematik «Befähigung als Bildungsziel im Deutschschweizer Lehrplan 21» auseinandersetzen wollen.
Reflexion zur eigenen Befähigung
(Zeitaufwand < 5 Minuten)
- Wählen Sie einen Befähigungsbereiche (DVK 2019, S. 27-29) aus und überlegen Sie sich, an welcher Befähigung Sie in den letzten Jahren gearbeitet haben oder wo Sie sich selber besonders befähigt fühlen.
- Wie genau wurde diese Befähigung aufgebaut? Was haben Sie gemacht, wie fühlten Sie sich dabei, was genau hat Sie weiter gebracht?
Reflexion zur Befähigung Ihrer Schülerinnen und Schüler
(Zeitaufwand < 10 Minuten)
Die «Befähigungskarten» können hier allenfalls als Hilfsmitttel verwendet werden.
Sind meine Aufgabenstellungen befähigend?
Nur festzustellen, dass eine Schülerin oder ein Schüler etwas nicht kann, blockiert unser Denken. Folgende Fragen helfen beim Überwinden der Defizitorientierung:
Erlernbar?
Kann ein Kind aufgrund seiner Behinderung die im Lehrplan vorgesehenen Fähigkeiten und Fertigkeiten («kann»-Formulierungen in den Kompetenzstufen) erlernen? Cartoon: Kann der Vogel lernen, auf den Baum zu klettern? Kann der Fisch lernen, auf den Baum zu klettern?
Anwendbar?
Kann das Kind seine Fähigkeiten und Fertigkeiten (Können), sein Wissen und seine Erfahrungen (Wissen) und seine Bereitschaften und Interessen (Wollen) in der aktuellen Lernsituation einbringen? Braucht es allfällige Anpassungen an der Lernumgebung oder braucht es Hilfsmittel? Cartoon: Ist der Affe motiviert, um auf den Baum zu klettern? Kann der Hund zur Baumkrone hochlaufen, wenn ich eine Rampe um den Baum herum baue?
Befähigend?
Kann das Kind die zu erlernenden Fähigkeiten und Fertigkeiten, das zu erwerbende Wissen respektive die neuen Erfahrungen und die aufzubauenden Bereitschaften nutzen zur Erweiterung seiner Handlungsmöglichkeiten (doings) oder Erfahrungsmöglichkeiten (beings)? Cartoon: Erweitert der Affe seine Handlungsmöglichkeiten wirklich, wenn er immer wieder nur das tut, was er sowieso schon kann? Ist die Erfahrung, oben auf dem Baum einmal eine ganz andere Perspektive einzunehmen, für den Fisch in irgendeiner Weise bedeutsam?