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[Gastbeitrag] Für Linus. Danke Dir.
Aktualisiert: 24. Juli 2021
19. Juni 2009 - 14. November 2020
In einer längst vergangenen Zeit, als die Berge, die Flüsse und Seen und das Meer unser Gott war, waren alle Lebewesen unsterblich. Die Welt befand sich in einem unendlichen Chaos und jedes Wesen verlor sich elendig in seiner eigenen Ewigkeit.
Zu Jahresende kamen die Göttinnen und Götter zusammen und beschlossen den Lebewesen ihre Sterblichkeit zu schenken. So könnten sie sich über ihre Zeit auf der Erde erfreuen und jedes hätte seinen Platz in einem Kreislauf von Leben und Tod. Noch in dieser Nacht sollten sich die Wesen entscheiden, wieviel Lebenszeit sie sich wünschten. So sprachen die Göttinnen und Götter zu den Lebewesen: „Wer von euch möchte 10’000 Jahre lang leben?“ Sobald meldete sich der Riesenschwamm vom Meeresgrund, der der Sitzung der Götter gespannt folgte. Bei 1000 Jahren meldete sich die Eiche und kurz darauf die Eibe aus dem Dickicht. Bei 500 Jahren erhob die Muschel ihre Stimme aus den Tiefen der arktischen Meere. Es folgten ihr die Haie, Schildkröten, Wale, Hummer, Papageien und Elefanten. Eins ums andere meldete sich von entlegenen Inseln, aus dichten Wäldern, von hohen Bergen und weiten Steppen. Bei 80 Jahren meldeten sich die Hunde.
Nur die Menschen waren abgelenkt. Denn sie brannten Ziegel für ihre Häuser, knüpften Teppiche und backten Brot. Sie waren zu beschäftigt, um die Sitzung der Götter zu bemerken. Bestürzt begannen alle Hunde zu jaulen und zu kläffen, sie kratzten aufgeregt an Türen, scharrten aufgebracht im Boden und rannten mit lautem Gebell unaufhörlich im Kreis herum. Die Nacht neigte sich allmählich ihrem Ende zu und erst als die Götter fragten, wer für elf Jahre leben möchte, wurden die Menschen auf die wildgewordenen Hunde aufmerksam. Erschrocken unterbrachen sie ihre Tätigkeiten und meldeten sich entsetzt bei ihren Göttern. Elf Jahre Lebenszeit würde für Menschen nicht ausreichen, sich im Kreislauf von Leben und Tod einzufinden. Sie würden ja noch als Kinder sterben! Ihr Schicksal schien besiegelt.
Die Hunde wurden abgrundtief traurig, denn die Menschen waren ihre besten Freunde. Da hatte ein besonders schlauer und lieber Hund eine Idee: „Menschen! Lasst uns miteinander tauschen. Wir geben uns mit elf Jahren zufrieden und ihr sollt 80 Jahre leben, dafür aber dürfen wir in euren Häusern leben, auf euren Teppichen schlafen und von euren Tellern essen!“
Die Hunde, die Menschen und die Götter einigten sich noch bevor der Morgen graute. Seither leben Hunde und Menschen Seite an Seite und teilen Essen und Behausung.
Frei nach einer Legende aus dem Tal der Mosuo
Dieser Gastbeitrag stammt aus der Feder von Ursi Grimm, Mitstudentin von "yours truly" in der Grundstufe Journalismus an der SAL.