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«Kulturvermittlung» ist ein Überbegriff für verschiedenste Tätigkeiten und Formate, die zwischen künstlerischer, kultureller oder wissenschaftlicher Produktion und Rezeption vermitteln [1]. Als gemeinsamer Nenner hat sich dabei die Idee der «kulturellen Teilhabe» durchgesetzt [2]. Das heisst, wer Inhalte vermittelt, ist idealerweise um die Niederschwelligkeit des Angebots bemüht: Es sollen möglichst breite Bevölkerungsschichten oder aber spezifische marginalisierte Gesellschaftsgruppen angesprochen werden. Mit diesem Ziel werden auch in den Geschichtswissenschaften Inhalte vermehrt über digitale Kanäle zugänglich gemacht.
Längst etabliert haben sich themenspezifische Webseiten, die meist im Rahmen eines (Jubiläums-)Projekts entstehen (z.B. 1798 Stansstad, 50 Jahre Frauenstimmrecht). Sind sie einmal lanciert, bedürfen sie nur noch wenig Pflege. Ein weiterer Klassiker: Museen, Archive und Bibliotheken präsentieren über Twitter, Facebook oder Instagram einzelne Sammlungsobjekte (z.B. Archives d’Etat de Genève, Bernisches Historisches Museum) [3]. Die Sozialen Medien werden von den Akteur_innen der Geschichtsvermittlung jedoch vorwiegend fürs Werben und Netzwerken genutzt und weniger, um Fachwissen einem Laienpublikum näher zu bringen [4].
Um historisches Wissen digital aufzubereiten, werden andere Formate bevorzugt, allen voran Blogs, Podcasts und (YouTube-)Videos. Der Blog bietet die Möglichkeit, Altbewährtes aus der analogen Welt – wie den Text, der bis anhin fürs Feuilleton oder den Ausstellungskatalog verfasst wurde – ins Digitale zu überführen (siehe z.B. Blog des Musée d’Art et d’Histoire de Genève). Er erlaubt aber auch, leichter zugängliche Sprachstile auszuprobieren (etwa wenn im Blog des Landesmuseums eine historische Figur als «bescheuert» bezeichnet wird). Beim Podcast dürfte es sich um jenes digitale Vermittlungsformat handeln, das die vielfältigsten Urheber_innen aufweist, da auch Privatpersonen oder Kunstschaffende Sendungen realisieren (z.B. Turicana, Wie die Geranie nach Bern verschleppt wurde). Sie ergänzen die von Journalist_innen produzierten Podcast-Sendungen Zeitblende, Mille et une archives und Histoire vivante der SRG/SSR [5]. Ein weiteres Beispiel für eine gelungene wissenschaftsjournalistische Arbeit ist die Videoserie Entretemps der Zeitung Le Temps.
Neben den Medien pflegen vor allem die Museen eigene YouTube-Kanäle. Das Museum Aargau brilliert beispielsweise mit hervorragend inszenierten Kochsendungen oder 360°-Videos. Letztere entstanden (ebenso wie z.B. «s’ Historische Museum för dihei» in Luzern) im Zuge der coronabedingten Schliessungen von Kultur- und Bildungsinstitutionen. Dieses Ereignis führte zweifellos zu einer Zunahme der im Internet bereitgestellten historischen Inhalte. Zahlreiche Podiumsdiskussionen, Vorträge und Vorlesungen wurden per Livestream übertragen oder mithilfe von Videokonferenztools ganz ins Internet verlegt. Ausserdem boten Museen virtuelle Rundgänge an (z.B. Haus zum Kirschgarten Basel, Landesmuseum).
Klar ist: in der Schweiz werden geschichtliche Inhalte variantenreich und in einer insgesamt hohen Qualität digital aufbereitet. An Geschichts-Tweets oder -Videoclips können auch Menschen teilnehmen, die klassische Kulturangebote wie Ausstellungen, Vorträge und Bücher nicht nutzen. Gleiches gilt für das Videospiel «When we disappear» der PH Luzern über eine Fluchtgeschichte im Zweiten Weltkrieg. Das interaktive Element soll es insbesondere Schüler_innen und Jugendlichen leichter machen, sich historisches Wissen anzueignen. Doch das Konzept der kulturellen Teilhabe verlangt mehr als blosse Teilnahme [6]. Es geht über den einseitigen Top-down-Wissenstransfer hinaus. Es umfasst auch aktive Mitwirkung [7].
In der Schweiz existieren verschiedene digitale Projekte, die zur Mitwirkung aufrufen. Schon seit 2009 lädt die Plattform notrehistoire.ch die Westschweizer_innen dazu ein, Bild- und Tonaufnahmen aus dem Privatarchiv zu publizieren. Im Musée imaginaire suisse können Museumsobjekte aus Online-Archiven mit einer erfundenen Geschichte versehen und digital ausgestellt werden. Und das partizipative Archiv corona-memory.ch ermöglicht, Geschichte zu dokumentieren, noch während sie geschieht. Welche Inhalte in diesen Internetgalerien gesammelt werden, bestimmen die Mitwirkenden selbst. Dabei mangelt es häufig an einer Vielfältigkeit der Perspektiven, da nur ein kleines Segment der Bevölkerung diese Plattformen nutzt.
Ein Format wie «Multaka» im Bernischen Historischen Museum, in dem Migrant_innen eine eigene Sicht auf historische Gegenstände entwickeln und vermitteln, existiert im digitalen Raum noch nicht. Das Musée d’art et d’histoire de Genève stellt auf flickr unter dem Titel «Regards croisés sur la ville» Fotografien einer Integrationsklasse aus, um diese mit im Museum ausgestellten Bildern von Fotografen des 19. Jahrhunderts in Dialog treten zu lassen. Im Musée imaginaire des migrations werden Migrationsgeschichten dokumentiert, welche die Migrant_innen teilweise selber aufzeichnen oder zu Protokoll geben. Auf diese Weise wird ihnen ein Status als Wissensträger_innen eingeräumt. Sie sind nicht länger nur Gegenstand der Vermittlung, sondern nehmen aktiv an ihr teil.
Wer den Gedanken der kulturellen Teilhabe in der Geschichtsvermittlung weiterspinnt, stellt fest, dass es mit der Mitwirkung der Zielgruppen nicht getan ist. Teilhabe heisst auch Mitbestimmung [8]. Bleiben wir beim Beispiel der Migrant_innen: Was bedeutet es, wenn sie zu einem Zeitpunkt einbezogen werden, an dem die Kredite bereits gesprochen, die Forschung abgeschlossen, das Webdesign erstellt und das Vermittlungskonzept in allen Details ausgearbeitet worden sind? Wenn ihre Mitarbeit zudem ein hohes Bildungsniveau verlangt, sich auf den Kontext von Migration beschränkt und finanziell nicht entschädigt wird? Werden so nicht gesellschaftliche Machtverhältnisse reproduziert, statt demokratische Prinzipien zu befördern?
Diese Fragen deuten an, dass es in Bezug auf kulturelle Teilhabe in digitalen Vermittlungsprojekten durchaus noch Luft nach oben gibt. Vermittler_innen könnten sich mit Forscher_innen und Informatiker_innen, die sich partizipativen Ansätzen verpflichten, zusammentun. Gemeinsam mit gesellschaftlichen Minderheiten oder Randgruppen könnten Gefässe geschaffen werden, die es diesen erlauben, darüber mitzubestimmen, welche Forschungsfragen gestellt werden, in welche Institutionen und Plattformen Gelder fliessen, welche Programme und Nutzungsbedingungen angewandt werden und welches Wissen in welcher Form vermittelt wird.
Eine zentrale Grundlage partizipativer Forschung dürfte darin bestehen, geschichtswissenschaftliche Methoden im Sinne von «Open Source» zugänglich zu machen. Diverse digitale Angebote sind schon vorhanden, richten sich aber in erster Linie an Studierende (z.B. compas, Ranke.2, Ad fontes oder das quelloffene E-Learning-Spiel Lives in Transit). Als Vorreiterin erweist sich die Oral History: Die Webseiten Oralhistory.ch und Zeitmaschine.TV bieten Amateur_innen das methodische Rüstzeug und die Plattform, um eigene Oral-History-Interviews durchführen und online präsentieren zu können.
Des Weitern erhalten Historiker_innen durch die digitalen Medien neue Möglichkeiten, zusammen mit Nicht-Wissenschaftler_innen zu forschen («Citizen Science»). In der Schweiz wurden und werden erste Erfahrungen im Rahmen von Transkriptionen historischer Quellen gesammelt (z.B. von e-newspaperarchives.ch oder dem Projekt Wenker). Von einer «Co-Creation» in Forschungsprojekten ist man indes noch weit entfernt – jedenfalls im digitalen Raum.
In digitalen Projekten, die sich am Grundsatz der kulturellen Teilhabe orientieren, müssten konsequenterweise die Machtverhältnisse bedacht werden, die in die Hard- und Software eingeschrieben sind und durch sie perpetuiert werden. Die intransparenten Geschäftsmodelle und Nutzungsbedingungen vieler Sozialer Medien sind mit einer partizipativen Entwicklung kaum vereinbar [9]. Es ist auch bekannt, dass Algorithmen Schwarze benachteiligen oder mobile Geräte auf den Durchschnittsmann zugeschnitten sind [10]. In der Schweiz passiert noch wenig, um marginalisierte Gesellschaftsgruppen zur (Mit-)Gestaltung digitaler Räume zu ermächtigen. Einen Anfang machen einzelne Initiativen, die Mädchen oder Geflüchteten das Programmieren beibringen.
Es gibt auch Kritik an partizipativen Ansätzen, da sie für Expert_innen bedeuten können, weniger autonom und effizient arbeiten zu können. Partizipation ist zeitaufwändig und teuer. Die billigere Variante einer «Partizipation light» liegt nahe, unterläuft allerdings den emanzipatorischen Anspruch [11]. Wie dem auch sei: wer würde sich heutzutage gegen die Notwendigkeit aussprechen, die hierarchischen Strukturen in Forschung und Vermittlung aufzubrechen und einer multiperspektivischen Geschichtsschreibung den Weg zu ebnen? Und wie soll dies gelingen, wenn nicht, indem quer durch alle Phasen der Wissensproduktion und -vermittlung Möglichkeiten zur Mitbestimmung geschaffen werden?
Franziska Merz hat den Master in Zeitgeschichte absolviert und ist aktuell auf Stellensuche. E-Mail senden
1 Vgl. Wolfram, Susanne: Was, wie und für wen?, in: dies. (Hg.): Kulturvermittlung heute. Internationale Perspektiven, Bielefeld 2016., S. 13.
2 Vgl. Mandel, Birgit: Teilhabeorientierte Kulturvermittlung, in: Nationaler Kulturdialog (Hg.): Kulturelle Teilhabe. Ein Handbuch, Zürich/Genf 2019, S. 71.
4 Dass auch die Kommunikationsstellen und Forschenden an den schweizerischen Universitäten die Sozialen Medien in erster Linie für den Austausch innerhalb der Hochschulcommunity nutzen, hat der Historiker Urs Hafner in einer kürzlich veröffentlichten Studie festgestellt. Vgl. Hafner, Urs: Forschung in der Filterblase. Die Wissenschaftskommunikation der Schweizer Hochschulen in der digitalen Ära, Baden 2020; Cliocast #11, infoclio.ch, 28.08.2020.
6 Vacca, Sandra: Auf der Suche nach Expert_innen der Migration. Wissenstransfers und Konzepte partizipativer Ausstellungsgestaltung in Deutschland und Grossbritannien, in: IMIS-Beiträge 51, 2017, S. 220.
7 Vgl. Mandel, Teilhabeorientierte Kulturvermittlung, S. 71.
8 Ebd.
9 Vgl. Rehders, Henrike: Partizipation für alle? Partizipative Geschichtskultur auf YouTube, in: Bunnenberg, Christian; Steffen, Nils (Hg.): Geschichte auf YouTube. Neue Herausforderungen für Geschichtsvermittlung und historische Bildung, Berlin 2019, S. 197 f.
10 Gull, Thomas: Das verborgene Leben der Algorithmen, 14.04.2020; Criado-Perez, Caroline: Unsichtbare Frauen. Wie eine von Daten beherrschte Welt die Hälfte der Bevölkerung ignoriert, München 2020, S. 219 ff.
11 Ariane Brenssell und Andrea Lutz-Kluge stellen einen allgemeinen Trend zur «Alibi- oder Pseudopartizipation» fest: «So ist vermehrt zu beobachten, wie das partizipative Moment wie zur Dekoration oben aufgesetzt und so der emanzipatorische Anspruch unterwandert wird. […] Bei genauerer Betrachtung lässt sich […] erkennen, dass die Stadtbewohner*innen lediglich über Nebenschauplätze abstimmen dürfen – eine mehrspurige Strasse wird gebaut, die Stadtbewohner*innen dürfen über die Seitenrand-Bepflanzung entscheiden.» Brenssell, Ariane/Lutz-Kluge, Andrea (Hg.): Partizipative Forschung und Gender. Emanzipatorische Forschungsansätze weiterdenken, Opladen/Berlin/Toronto 2020, S. 11.