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Der Blick allein kann einen Ort nicht erfassen. Es ist seine Geschichte, die ihn erst fassbar macht. Manche Orte wurden auf Papier geschrieben, dort fixiert und sie machen sich auf weissen Seiten selbstständig. Die literarischen Orte, die die Welt wie ein Reiseführer durchziehen. Man kennt den Ort, die Zeit und den Weg. Der erste Bloomsday ist der 16.?Juni?1904, an dem Leopold Bloom die Irrfahrt des ersten Touristen Odysseus nachtut. James Joyce spiegelt Dublin in «Ulysses», und das Spiegelbild wirft sich auf die Stadt zurück. «Ich möchte ein Abbild von Dublin erschaffen, so vollständig, dass, wenn die Stadt eines Tages plötzlich vom Erdboden verschwände, sie aus meinem Buch heraus vollständig wieder aufgebaut werden könnte.» So existiert Dublin nun zweimal.
Good old London
Überquert man wie Macduff die Irische See, erreicht man London. Wie Paris, Berlin, Wien und Prag ist auch London von Literatur erfüllt. Jeder Ziegel ist von jeder Seite beschrieben, und so stehen diese Metropolen kaleidoskopartig im Bücherregal. Die Themse hebt und senkt sich bei Joseph Conrad wie der Atem des Aufbruchs. Der Regen ergiesst «sich in schrägen, klatschenden Strömen …», und man sieht die «… im ziehenden Nebel reglos dastehenden Gebäude.» In die Gassen folgt man zuerst Dickens’ klischeehaftem «Oliver Twist», der hier strandet und sich durch die frühindustrialisierte Gesellschaft bewegt, über die 221b Baker Street, von der aus «Sherlock Holmes» Rätsel und Verbrechen aufklärt, bis heute. London ist ein boomendes Finanzzentrum, das der Stadt seine alte Bedeutung wiedergibt. In Tim Glencross’ letztjährigem Debütroman «Barbaren» kann man in die High-Society Londons eintauchen und die realen Vorbilder im Buch entschlüsseln.
Paris, mon amour
Setzt man auf den Kontinent über, so kommt man über die Normandie nach Paris. Der Badeort Cabourg diente Marcel Proust als Vorbild für Balbec. Im Grand-Hotel des Fin de Siècle ist man «Auf der Suche nach der verlorenen Zeit», nimmt an der gehobenen Gesellschaft teil und schnuppert die Luft der Normandie und Paris. Paris, die Stadt der Liebe und der Literatur. Der erste moderne Roman, der sich in und um Paris dreht, ist die tragisch-schöne Liebeserklärung von Victor Hugo an seine Stadt und ihre Kathedrale in «Der Glöckner von Notre Dame». Sehnt sich Hugo nach dem mittelalterlichen Paris, so widmet Balzac den Szenen des Pariser Lebens um 1824 «Vom Glanz und Elend der Kurtisanen». Die Fortsetzung seiner «Verlorenen Illusionen» folgt Rubempré auf seinem Weg von Liebe zu Leid durch die Schichten des 19. Jahrhunderts. Über die Felder, hinter denen sich Gernouille in «Das Parfum» versteckte, kommen wir an den Hafen Marseilles, wo in einer kleinen Pizzeria mit Blick auf das Wasser ein Mann im mittleren Alter seine Geschichte erzählt. Das Marseille in Anna Seghers «Transit» ist der Brückenkopf zur Emigration, weg von der deutschen Bedrohung und der verlängerten Hand Vichys. Das Auf und Ab der Gassen führt mal um, mal an den Hafen und die Botschaften, immer hoffend, ein Schiff besteigen zu können.
La Serenissima
Bricht man auf, dahin, wo die Zitronen blüh’n, so führt kein Weg um Venedig, die Lagunenstadt, in der «…?die hohen Fenster der Palastbauten Paladios in tiefem, bitterem Sinnen in die Geheimnisse der stummen Wasser hinabschauen.» Neben Poe wählt auch Thomas Mann die Stadt der Städte als Kulisse. «Der Tod in Venedig» lässt sie in einem besonderen Licht wiederauferstehen: Der Scirocco aus dem Süden und das Wasser der Lagune bieten der Cholera Nahrung und Aschenbach die Kulisse seines Abtritts. Mit den Folgen von unnatürlichen Toden beschäftigt sich in Venedig Kommissar Brunetti in den Krimis von Donna Leon. Weiter südlich liegen die Städte, deren Klang schon eigene Geschichten erzählen: Florenz, Rom und Neapel.
Vienna is calling
Wien war schon die Hauptstadt der Kaffeehauskultur, als Starbuck noch eine Figur in «Moby Dick» war. Arthur Schnitzlers Zeitroman «Weg ins Freie» erzählt von der Jahrhundertwende wie Musils Meisterwerk «Der Mann ohne Eigenschaften» für Wien, die Gesellschaft und die Welt auf der Schwelle zur Modernen einsteht. Das Café Central, das Café Museum und nach dem Ersten Weltkrieg das Café Herrenhof waren Zentren des literarischen Lebens. Doch Wien wurde auch vor und nach dieser Blütezeit beschrieben. «Der arme Spielmann» von Grillparzer berichtet von einem Wiener Schicksal, und jüngst wurde der Augarten das Zentrum von Wolf Haas «Wie die Tiere», in dem der Held Simon Brenner schon wieder was zustösst.
Eidgenössische Romane
Abgelegen liegt das Literaturparadies Zentralschweiz. Als man die Berge als Thema entdeckte, durchstreifte man auch die Gegenden zwischen Gotthard und Vierwaldstättersee mit dem Stift. Meisters Wanderjahre nehmen hier ihren Anfang, und Mann beendet in den Bergen über Davos das Leben von Hans Castorp in «Der Zauberberg». Dürrenmatts «Das Versprechen» führt uns durch die düster gestimmten Berge von Chur nach Zürich, den Reichenbachfall, von dem aus Holmes’ Gegenspieler zu Tode stürzte, beiseite lassend. Um zu reisen, braucht es manchmal nur ein Buch – um der Schweiz zu entfliehen vielleicht «Stiller», mit dem man sich auf Weltreise träumt.