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In diesem Artikel der Sommerserie «Leer stehende Gebäude» schauen die FN auf einen hundertjährigen Fabrikationsbetrieb, dessen Produkte jetzt in China und Rumänien gefertigt werden: die Saia-Burgess Controls aus Murten.
SBC, Saia Landis und Gyr, Saia-Burgess: Während ihrer über hundertjährigen Geschichte hatte die Saia Murten unter verschiedenen Namen jeweils hoch technologisierte Produkte hergestellt. Zwar unter verschiedenen Namen, nie aber unter fremder Flagge.
Belegschaft in 40 Jahren vervierfacht
Alles begann 1920 mit der Gründung des Unternehmens Société Anonyme des Interrupteurs Automatiques (Saia) in Bern. Das Unternehmen produzierte zeitgesteuerte Schaltapparate, welche erste automatische Steuerungssequenzen möglich machten. Eine Neuheit zu dieser Zeit. Das Kapitel Murten begann für die Saia im Jahr 1951 mit dem Bau des Gebäudes an der Bahnhofstrasse.
Während den Wirtschaftswunderjahren und bis in die 1980er-Jahre wuchs die Saia Murten stetig. 1988 vermeldete «Der Murtenbieter», dass aufgrund des guten Geschäftsgangs 40 zusätzliche Stellen geschaffen wurden. Das einst kleine Unternehmen zählte 1988 stattliche 780 Mitarbeiter. In Murten angefangen hatte die Saia 1950 mit 180 Mitarbeitern.
Fremde Herren in Murten
Ab den späten 1980er-Jahren gaben sich in Murten zahlreiche fremde Herren die Klinke in die Hand. 1986 folgte die erste von zahlreichen Übernahmen. Zusammen mit dem britischen Unternehmen Burgess Products Ltd. entstand die Saia-Burgess. 1996 folgte erst ein Management-Buyout und dann 1998 der Börsengang. Dadurch wurde die erfolgreich wirtschaftende Saia-Burgess Electronics auf das internationale Parkett katapultiert, und es dauerte nicht lange, bis aus dem Ausland Begehrlichkeiten geäussert wurden. So wurde 2005 die Saia durch das chinesische Unternehmen Johnsons Electrics übernommen. Die Chinesen erwiesen sich als Glücksfall. Denn kurz vorher hatte die japanische Firma Sumida einen unfreundlichen Übernahmeversuch gestartet. Es folgten wirtschaftlich erfolgreiche Jahre. Mit dem neuen Eigentümer Johnson Electric begann eine Phase hoher Investitionen in die Bereiche Produktion und Logistik.
Schweizer Produkte nun «Made in China»
Unter der Führung von Honeywell wurde der Betrieb auf das US-amerikanische Wirtschaftsmodell umgetrimmt, mit einer starken Kontrolle aus dem Mutterland. Nichtsdestotrotz wirtschaftete die Saia-Burgess Controls bis zum Ende 2020 erfolgreich weiter. Im Juni 2020 kam dann die überraschende Ankündigung des Konzerns, dass die Produktion nach Rumänien und China verlegt wird. Am 3. November 2021, exakt 70 Jahre nach dem Bezug des Gebäudes an der Bahnhofstrasse in Murten, verliessen die verbliebenen Abteilungen den Standort in Murten und zogen nach Givisiez. Seither steht das Gebäude an der Bahnhofstrasse leer und wartet auf eine neue Bestimmung.
Noch kein konkretes Projekt in Sicht
Nach der Schliessung äusserte sich die Murtner Stadtpräsidentin Petra Schlüchter gegenüber den «Freiburger Nachrichten»: «Wir haben erst vor kurzem die Mitteilung erhalten, dass die Saia-Burgess wegzieht. Diese Information ist etwas überraschend gekommen.» Weiter erwähnte sie, dass Gespräche mit dem Kanton, dem Regionalverband und den Besitzern im Gang seien. Bis heute konnten noch keine konkreten Projekte vorgestellt werden.
Interview
2012 übernahm der US-amerikanische Konzern Honeywell die Saia-Burgess Controls AG – also die hochprofitable Sparte Gebäudeautomation. Jürgen Lauber war von 2000 bis 2014 Direktor und erinnert sich noch gut an diese turbulenten Zeiten:
Jürgen Lauber, Sie haben die Saia-Burgess Controls (SBC) kurz nach dem Management-Buyout und dem Börsengang der Saia-Burgess-Gruppe übernommen. Was waren die Herausforderungen im Jahr 2000? In welchem Zustand befand sich die Saia zu dieser Zeit?
Die Sparte Steuerungselektronik war in einem kritischen Zustand, weil die Unternehmensgruppe im Zuge des Börsengangs alle Finanzmittel in den teuren Aufbau der prestige- und umsatzträchtigen Sparte des Automobilgeschäfts gesteckt hatte.
Kurz nach Ihrem Eintritt als Direktor kam die erste grössere Herausforderung. Wie haben Sie den Versuch der unfreundlichen Übernahme durch die japanische Firma Sumida 2005 erlebt?
Es war, als ob man einen Wirtschaftskrimi live miterleben würde. Für alle Aktionäre wäre es am Ende sehr profitabel gewesen.
Diese Gefahr konnte in letzter Minute abgewiesen werden, als sich das chinesische Unternehmen Johnson Electrics als Weisser Ritter erwies. Was änderte sich nach der Übernahme durch die Chinesen?
Es wurde fast alles besser. Das ganze Theater, das ein börsenkotiertes Unternehmen für Analysten und Presse machen muss, fiel weg. Der neue Chef in Hongkong hat als Vollbluttechniker und leidenschaftlicher Produktionsmann alle Aktivitäten der Saia in Murten auf Produktivität und Innovation fokussiert und viel investiert. Das war eine coole Zeit.
Sie haben als Direktor der SBC die Wirtschaftskrise von 2000 und die Weltfinanzkrise von 2007 gekonnt umschifft. Der Tod auf Raten für die Saia erfolgte dann 2013 durch die Übernahme durch das US-Unternehmen Honeywell – Ironie des Schicksals?
Eine feindliche Übernahme gehört zum angelsächsisch geprägten Wirtschaftsleben dazu.
Wie haben Sie die Zeit nach 2014 erlebt? Hat sich das Ende der SBC abgezeichnet?
Für mich hat sich die Saia-Burgess Controls AG nach 2014 gemäss Lehrbuch für US-amerikanische Manager entwickelt – also völlig voraussehbar: das Zerlegen der Organisation in Teilfunktionen. Diese werden jeweils durch kleine funktionale Häuptlinge besetzt und müssen an die Zentrale berichten. Diese ist wiederum für viele Standorte auch in Osteuropa und Asien verantwortlich. Dann beginnt die Kostenreduktion automatisch.
Was, denken Sie, sind die Gründe, dass die Produktion ins Ausland abgezogen wurde?
Jeder Funktionshäuptling verbessert jedes Jahr sein Ergebnis, indem er Arbeitsplätze vom Hochlohnland in ein Billiglohnland verlagert. Um kurzfristig noch mehr Profit zu machen, wird nicht mehr in die Zukunft investiert. Im Gegenteil, dem Kunden werden die Preise hochgeschraubt und gleichzeitig die Dienstleistungen reduziert. Am Ende ist halt nichts mehr da. So geschah es auch in Murten.
Zur Person
Jürgen Lauber
Jürgen Lauber (61) startete 1988 als diplomierter Elektroingenieur der Universität Karlsruhe in das Berufsleben. Nach verschiedenen Stationen in Deutschland und Italien kam er im Jahr 2000 nach Murten und leitete bis 2014 die Saia-Burgess Controls AG als Direktor. Heute hat Jürgen Lauber sein eigenes Unternehmen 2ease AG. Er berät Unternehmen, wie sie mit der Kaizen-Methode effizienter und produktiver arbeiten können. Die Kaizen-Philosophie beschreibt eine Denkweise, bei der kleine, schrittweise Änderungen im Laufe der Zeit eine grosse Wirkung erzielen. rmc
Sommerserie
Leer stehende Gebäude und ihre Geschichte
In loser Reihenfolge berichten die FN über die Geschichte und das Schicksal von leer stehenden Gebäuden im Kanton Freiburg. Wir nehmen die Leserschaft mit dieser Serie mit auf eine Reise ins Spannungsfeld zwischen Abbruch, um Neues zu schaffen, und Erhaltung von Zeugen der Geschichte. rmc