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Alexi Graça Simoes (23) ist seit 2021 Pflegefachmann. In seiner Freizeit setzt er sich für die Rechte von LGBTQ+-Menschen ein. Im Interview erzählt er über seine Erfahrungen als Pfleger – ein Beruf, den viele als Frauenberuf abstempeln.
Alexi Graça Simoes, Sie sind Pfleger seit 2021. Wie haben Sie sich für den Beruf des Pflegefachmanns entschieden?
Ich glaube, ich habe mich für diesen Beruf entschieden, weil ich mich gerne um meine Mitmenschen kümmere und den Kontakt mit Menschen mag. Ein weiterer wichtiger Faktor war die Tatsache, dass zwei meiner Cousins selbst Pfleger sind. Ich stand ihnen nahe und bewunderte sie generell, was mich wahrscheinlich dazu bewogen hat, diesen Weg einzuschlagen.
Hat Ihre Geschlechtsidentität Sie an Ihrer Wahl zweifeln lassen?
Nie. Als ich jünger war, hatte ich nicht die Vorstellung, dass es sogenannte weiblichere Berufe gibt. Ich erinnere mich jedoch an die Bemerkung, die mir gegenüber gemacht wurde, dass ich der einzige Junge mit diesem Berufswunsch in meiner Klasse sei, während viele Mädchen in der Pflege tätig sein wollten. Ich habe aber noch nie negative oder positive Bemerkungen im Zusammenhang mit meinem Geschlecht gehört. Ich muss auch sagen, dass ich als homosexuelle Person bereits gesellschaftliche Normen breche, also hat meine Berufswahl mich nie gestört.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie leichter eine Stelle finden, weil männliche Pfleger zum Teil stärker nachgefragt werden?
In der Tat. Zum jetzigen Zeitpunkt ist es für Männer leichter, eine Stelle als Pfleger zu finden. Ich höre leider noch zu oft den stereotypen Diskurs, dass Männer eine andere Dynamik in ein reines Frauenteam bringen, dass Männer sich weniger den Kopf zerbrechen als Frauen oder auch, dass es körperlich besser ist, einen Mann zu haben, um mit aggressiven Patienten umzugehen oder schwere Lasten zu heben.
Haben Sie viele männliche Pflegekollegen und tauschen Sie Ihre Erfahrungen aus?
Ich hatte bis jetzt selten männliche Kollegen. Wir waren nie mehr als drei in einer Abteilung. Im Rahmen meiner Ausbildung waren wir jedoch etwa zehn Männer von insgesamt hundert Studierenden. Was in unseren Gesprächen oft hervorgehoben wurde, war die Tatsache, dass unser Geschlecht die Arbeitssuche erheblich erleichterte. Im gesamten Jahrgang hatte keiner der Männer Schwierigkeiten, eine Arbeitsstelle zu finden, im Gegensatz zu den Frauen.
Was würden Sie an der Situation der Geschlechterdisparität ändern und wie?
Es gibt noch viel zu tun, wenn es um die Gleichberechtigung der Geschlechter geht. Es ist nicht richtig, dass Cis-Männer in diesem Beruf Vorteile haben auf Kosten von Frauen und non-binären Personen. In einer utopischen Welt sollte man diese patriarchalische Sichtweise ändern und davon ausgehen, dass jede Pflegekraft die gleiche Ausbildung genossen hat, und die gleiche Haltung gegenüber jedem Patienten und jeder Patientin einnehmen. Jede Person besitzt unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen entscheidenden Fähigkeiten.
Zur Person
Pfleger mit Leib und Seele
Alexi Graça Simoes wohnt in der Stadt Freiburg und hat 2021 erfolgreich die Ausbildung zum Pflegefachmann absolviert. Auch wenn er als männlich gelesene Person in seinem Beruf mit Vorurteilen zu kämpfen hat, ist er mit seinem eingeschlagenen Berufsweg glücklich. bg
Zahlen und Fakten
Sonderbehandlung für Männer
Gemäss der Berner Fachhochschule (BFH), die schweizweit Zahlen in diesem Bereich erhebt, sind Männer im Pflegeberuf immer noch eine Seltenheit. Gemäss dem Forschungsprojekt «Männer in der Langzeitpflege» der BFH bekommen männliche Pflegefachpersonen aufgrund ihrer «Sonderrolle» eine Besserstellung von Kolleginnen und Kollegen sowie auch von den gepflegten Personen. Oft sind in diesem Bereich Männer auch häufiger in den Führungsrollen vertreten. Die Geschlechtsdisparität stellt nicht nur einen Nachteil für die Frauen im Beruf dar, sondern auch für den Fachkräftemangel. Bis ins Jahr 2025 benötigt die Schweiz gemäss Prognosen 40’000 Pflegefachkräfte. Darum ist die Pflege dringend auch auf männliche Nachwuchskräfte angewiesen. ct