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Jagdbomber-Pilot überlebt Absturz
Autor: Moritz Boschung
Unweit meines Hauses sprang der Pilot ab und ich sah, wie sich der Fallschirm öffnete. Das Flugzeug flog in der gleichen Richtung weiter gegen den Tilletzwald. Unmittelbar danach sah ich eine gewaltige Rauchwolke aufsteigen.» Das gab Josef Bouquet aus St. Ursen gegenüber dem Vize-Oberamtmann Johann Baeriswyl, der zusammen mit der Polizei die Erstuntersuchung unmittelbar nach dem Absturz einleitete, zu Protokoll. Das zweite Flugzeug mit dem Patrouillenführer an Bord machte noch eine Schlaufe über der Unglücksstelle und entfernte sich danach in Richtung Holland. Was war geschehen?
Pilot konnte sich retten
Während der Pilot, Sgt. Jacobus Wilhelmus Andriessen, Jahrgang 1934, Berufspilot bei der niederländischen Luftwaffe, mit dem Fallschirm heil in der Nähe des Schützenhauses von St. Ursen landete, raste sein Flugzeug ein paar Hundert Meter in nordwestlicher Richtung weiter. Unterhalb des Weilers «Chürscheli» schlug das Flugzeug im bewaldeten Hang unmittelbar neben dem Ettiwilbächlein auf und wurde dabei völlig zerstört.
Sofort sprangen die Leute der Umgebung zu den Unglücksstellen. Sie halfen dem Piloten auf die Beine und führten ihn ins nächste Haus, jenes von Josef Bouquet, das sich etwa 250 Meter neben dem Schützenhaus befindet. Der Pilot war offensichtlich verwirrt: Als er die Leute Senslerdeutsch sprechen hörte, war er sich noch nicht bewusst, dass er sich in der Schweiz befand. Von dort aus wurden die hiesigen Behörden und auch die niederländische Botschaft informiert.
Bald erschienen der VizeOberamtmann Baeriswyl und die Polizei auf dem Platz. Baeriswyl informierte die militärischen und die Bundesbehörden, liess die Absturzstelle im Ettiwilgraben durch die Polizei und die Feuerwehr absperren und nahm erste Zeugenbefragungen auf. Noch am gleichen Tag erschienen Angestellte der holländischen Botschaft und Dr. Oswald vom eidgenössischen Luftamt auf der Unglücksstelle. Oswald, der mit dem Verfassen des Flugunfall-Berichtes beauftragt worden war, nahm noch am gleichen Tag die Ermittlungen auf. Am folgenden Tag, Freitag, 19. September, erschienen dann auch noch Experten der holländischen Luftwaffe auf dem Platz.
Wie war es zum Unfall gekommen?
Der überlebende Pilot wurde einvernommen, die niederländische Luftwaffe nach Sinn und Zweck des Fluges befragt, Experten wurden beigezogen, die Absturzstelle mit den Trümmern analysiert und die Wetterkarten konsultiert. Die Untersuchungen ergaben folgende Resultate: Der Pilot hatte zusammen mit seinem Patrouillenführer den Auftrag erhalten, einen zweistündigen Höhen-Navigationsflug zwischen den Niederlanden, wo sich ihre Basis befand, und Basel auszuführen. Ihre Flugzeuge, einsitzige düsenbetriebene Jagdbomber des Typs F-84F «Thunderstreak», waren damals in allen Nato-Staaten tausendfach im Einsatz.
Die Patrouille startete um 09.20 Uhr auf einem Militärflugplatz in der Nähe von Eindhoven in den Niederlanden und durchstach bald die geschlossene Wolkenschicht, um die Flughöhe von etwa 8500 m zu erreichen. Bald stellte der Pilot fest, dass sein Flugzeug zu rütteln begann und die Jet-Temperatur auf das Doppelte des Normalwertes stieg. Er versuchte mit der Reduzierung der Drehzahl das Vibrieren des Motors und die Temperatur zu senken. Doch konnte das Flugzeug mit der reduzierten Leistung seine Höhe nicht mehr halten. Die Flugzeuge gerieten in die Wolkendecke hinein.
Sgt. Andriessen konzentrierte sich jetzt vor allem auf die Instrumente, die Geschwindigkeit betrug bald kaum noch 300 km in der Stunde. Die Patrouille erreichte schliesslich ein Wolkenloch, durch welches sie abstiegen. Beide Piloten erblickten unter sich eine ihnen unbekannte Stadt (es war die Stadt Freiburg!).
Sgt. Andriessen suchte nun einen Flugplatz, um notzulanden, blieb aber erfolglos. Auf Befehl des Patrouillenführers entfernte sich Andriessen mit seinem Flugzeug von der Stadt weg über weniger dicht besiedeltes Gebiet. Da die Temperatur des Flugzeuges inzwischen so hoch war, dass die Anzeiger am oberen Anschlag anstiessen, gab er das Flugzeug auf einer Höhe von etwa 600 m auf. Er stellte das Triebwerk ab und betätigte den Schleudersitz, während das Flugzeug noch etwa einen Kilometer weiter flog, bevor es am Boden aufschlug.
Verletzung des schweizerischen Luftraums
Die Aussagen des Piloten und die Trümmeruntersuchung liessen den Schluss zu, dass der Unfall auf eine technische Störung zurückzuführen war, durch die in der Schmierung der Turbinen-Hauptlager ein Defekt aufgetreten war, welcher schliesslich zum Anfressen der Lager führte. Das hatte zu den Vibrationen des Motors und zum Leistungsabfall geführt.
Nachdem kein Flugplatz ausfindig gemacht werden konnte, blieb dem Piloten letztlich keine andere Wahl, als das Flugzeug mit dem Schleudersitz zu verlassen und dieses möglichst auf unbewohntes Gebiet zu lenken, um grössere Schäden zu verhindern.
Die Piloten hatten auf ihrem bewegten Flug ohne ihr Wissen den schweizerischen Luftraum verletzt. Der Fall war nicht ohne Brisanz, denn es herrschte der Kalte Krieg und es handelte sich um ein Militärflugzeug der Nato. Es zeigte sich aber sehr rasch, dass keine mutwillige Verletzung des Luftraums und der schweizerischen Neutralität vorlag. Die Behörden verzichteten deshalb auf eine gerichtliche Verfolgung. Der Fall hatte auch keine politischen Folgen. Die Niederlande entschuldigten sich denn auch offiziell für die nicht beabsichtigte Grenzverletzung.
Schäden und Schadenersatz
Die Absturzstelle zog selbstverständlich Hunderte Schaulustige an. Das Trümmerfeld zog sich auf eine Länge von 250 bis 300 Metern. Obwohl es verboten war, Gegenstände einzusammeln und mit nach Hause zu nehmen, verschwanden trotz Bewachung durch Feuerwehr und Polizei und Aufruf in den «Freiburger Nachrichten» viele Trümmerteile in privaten Taschen. Das war nicht ganz ungefährlich, denn das Flugzeug hatte Munition an Bord gehabt, welche in der Folge durch Munitionsexperten der Armee entfernt und vernichtet wurde. Die Firma Franz Raetzo aus der Stockera/Alterswil wurde beauftragt, die Trümmer einzusammeln und auf den Flugplatz Payerne zu bringen.
Der Absturz des Flugzeuges hatte glücklicherweise keinen Personenschaden verursacht. Hingegen verzeichneten vier Bauern aus Wolperwil, Ettiwil und Kürscheli Land- und Waldschäden im Umfang von 2634 Franken 20 Rappen. Zusammen mit den übrigen Kosten für die Feuerwehr, den Abtransport der Trümmer und die administrativen Kosten des Oberamts ergaben sich Kosten von insgesamt 6912 Franken. Sie wurden von den Niederlanden vollumfänglich beglichen.
Quellen: Bundesarchiv Bern, Bestand E8003 1967/76, Bd. 47; Freiburger Nachrichten vom 19. und 22. September 1958; mündliche Berichte von Heinrich Baeriswyl, Heimberg/Alterswil, und Josef Bouquet, St. Ursen.