Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03106.jsonl.gz/358

Wenn man am Anfang des Jahres energiegeladen die Neujahrsvorsätze plant, will man oft gleich Freund*innen und Familie davon erzählen. Ist es motivierend und zielführend, mit anderen über persönliche Ziele zu reden, oder hält es sogar von der Umsetzung dieser Pläne ab?
O b man ein selbstgesetztes Ziel erreicht, hängt von vielen Einflussgrössen ab, unter anderem von der Schwierigkeit und Spezifität des Ziels, der Bindung (engl.: commitment) zum Ziel und der Möglichkeit von Feedback. Auch persönliche Eigenschaften wie das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sowie das soziale Umfeld kann beeinflussen, wie motiviert man ist, ein Ziel zu erreichen (Locke & Latham, 2002). Im Folgenden werden wir uns damit beschäftigen, welchen Einfluss das Einbeziehen des eigenen Umfelds auf die Verwirklichung von Zielen hat.
«Making a public commitment to the goal enhances commitment, presumably because it makes one’s actions a matter of integrity in one’s own eyes and in those of others»
Reden hilft
Es wird oft angenommen, dass die Motivation, persönliche Ziele zu erreichen, höher ist, wenn man anderen Personen davon erzählt. Einerseits, weil man konkrete Unterstützung erhalten kann und andererseits, weil man sozialen Druck hat, das Ziel tatsächlich zu verfolgen, sobald man es «öffentlich» gemacht hat (Munson & Consolvo, 2012). Ausserdem wird argumentiert, dass eine Zielsetzung («Ich werde im neuen Jahr mehr Sport machen») mit einer bestimmten Identität («Ich bin eine Person, die Wert auf Sport und Gesundheit legt») einhergeht. Wenn man mit anderen Personen über ein Ziel redet, übernimmt man eher die zugrundeliegende Identität und handelt entsprechend (Gollwitzer et al., 2009).
In einer Studie von Hollenbeck et al. (1989) wurde bestätigt, dass Personen eine höhere Zielbindung hatten, wenn die Ziele anderen Menschen bekannt waren. Nyer und Dellande (2011) fanden zudem, dass Versuchspersonen, die ihre Absicht zum Gewichtsverlust öffentlich deklarierten, kurz- und langfristig mehr Motivation hatten, abzunehmen, sowie tatsächlich mehr Gewicht abnahmen. Mit anderen Menschen über persönliche Ziele zu reden, und Absichten publik zu machen, kann also helfen, die Zielbindung zu erhöhen und somit das Ziel wahrscheinlicher zu verwirklichen.
Zu viel geredet?
Auf der anderen Seite gibt es Hinweise dafür, dass allein das Reden über Ziele bereits ein Gefühl der Belohnung in uns auslöst, was die Motivation, das Ziel tatsächlich zu verfolgen, sogar verringern kann. In einer Studie von Gollwitzer et al. (2009) wurden Jurastudent*innen gefragt, wie motiviert sie sind, ein*e erfolgreiche*r Jurist*in zu werden. Anschliessend bearbeiteten sie mehrere Gesetzesfälle, wobei sie aufhören durften, wann immer sie wollten. Die Zeitdauer, die Versuchspersonen mit dem Lösen der Fälle verbrachten, wurde als Anhaltspunkt dafür gesehen, wie erfolgreich sie ihr Ziel in die Tat umsetzten. Zudem wurde manipuliert, ob die Versuchsleitung das Ziel der Versuchspersonen kannte, oder den anfänglichen Fragebogen ungesehen aufräumte. Das Ergebnis des Experiments war, dass Versuchspersonen im Schnitt weniger lang an den Gesetzesfällen arbeiteten, wenn ihr Ziel von der Versuchsleitung zur Kenntnis genommen wurde, als wenn es ignoriert wurde. Das gleiche Muster ergab sich auch für selbstgenerierte Ziele und in einer Feldstudie (Gollwitzer et al., 2009). Die Autoren erklären die Ergebnisse dadurch, dass die Kenntnisnahme einer Absicht durch andere Personen bereits ein vorfrühes Gefühl der Vollendung auslöst, was die weitere Zielverfolgung behindert.
«A substitute activity engenders a sense of having reached the conceptually broader intention, given that performance of the substitute activity has been witnessed by other people.»
Wie passt das zusammen?
Wie kann man sich diese gegensätzlichen Vorhersagen erklären? Unter der Annahme, dass Menschen allgemein ein hohes Bedürfnis haben, vor anderen konsistent zu erscheinen (Salancik, 1977), folgt, dass die Zielbindung höher ist, wenn andere Menschen davon wissen. Je höher die Zielbindung, desto wahrscheinlicher wird das Ziel in Handlungen umgesetzt (Locke & Latham, 2002). Möglicherweise spielt es hier eine Rolle, ob das Ziel eine konkrete Handlung ist (z.B. Nyer & Dellande, 2010), oder ob es sich um ein vages «Identitätsziel» handelt und somit theoretisch durch andere Handlungen ersetzt werden könnte (z.B. Gollwitzer et al., 2009).
Zielbindung (engl.: commitment) beschreibt ein psychologisches Konstrukt, welches angibt, wie verbindlich sich eine Person auf ein Ziel festlegt (Schüler, 2010). Zielbindung ist besonders wichtig, wenn das Ziel schwierig zu erreichen ist, weil es sonst zu frühzeitigem Aufgeben kommt. Zwei Faktoren, die Zielbindung beeinflussen, sind (1) die persönliche Relevanz des Ziels und (2) der Glaube, das Ziel erreichen zu können (Locke & Latham, 2002).
Die Self-Completion Theory (Wicklung & Gollwitzer, 1982) sagt unter anderem aus, dass Identitätsziele vage sind und keine konkrete Handlung vorgeben. Das Identitätsziel «Ich will ein sportlicher Mensch sein» kann durch verschiedene Handlungen erreicht werden, z.B. zwei Mal pro Woche joggen gehen, im Alltag die Treppen nehmen, statt Aufzug zu fahren, oder einem Sportverein beitreten. Wenn eine Diskrepanz zwischen Identitätsziel und den eigenen Handlungen besteht, kommt es zu einem Gefühl der Unvollständigkeit, welches durch identitätsrelevante Aktivitäten ausgeglichen werden kann. Es wurde ausserdem gezeigt, dass positive Selbstbeschreibungen in der Öffentlichkeit bereits ein Gefühl der Vollständigkeit herstellen können, was das tatsächliche Ausführen der identitätsrelevanten Aktivitäten weniger notwendig macht (Gollwitzer et al., 1982; Gollwitzer et al., 2009). Anders gesagt: «Wenn andere von mir denken, dass ich ein sportlicher Mensch bin, dann bin ich das wohl auch».
Vermutlich spielen auch individuelle Faktoren eine Rolle bei der Frage, wie sinnvoll es ist, persönliche Ziele publik zu machen (Hollenbeck et al., 1989), beispielsweise das Bedürfnis nach Konsistenz oder die Erfolgsmotivation.
Fazit
Seinem persönlichen Umfeld von zukünftigen Zielen zu erzählen, kann hilfreich sein, weil es den sozialen Druck erhöht und es damit wichtiger wird, das Ziel tatsächlich zu erreichen. Andererseits kann sich bereits durch das Gespräch ein Gefühl des Erfolgs einstellen, welches die Zielverfolgung schwieriger macht. Daher sollte man darauf achten, vor allem Identitätsziele möglichst konkret zu formulieren und zu quantifizieren, da die Umsetzung so leichter «überprüfbar» wird. Beispielsweise könnte man einen Freund wissen lassen, dass man ab sofort jede Woche zwei Mal schwimmen geht, um Ausdauer aufzubauen.