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Die Unfallversicherung deckt die berufliche Erschöpfung nicht ab. Das Parlament ist der Ansicht, dass der kausale Zusammenhang zwischen Arbeit und Burnout schwer nachzuweisen ist.
Der Anteil der Schweizerinnen und Schweizer, die sich bei der Arbeit erschöpft fühlen, liegt bei rund 30% und nimmt gemäss dem Job-Stress-Index 2018externer Link stetig zu. Heute sind von Burnout betroffene Personen lediglich krankenversichertexterner Link.
Für den sozialdemokratischen Parlamentarier Mathias Reynard ist das unzureichend. Er fordert, dass ein Burnout als Berufskrankheit anerkannt und deshalb durch die Unfallversicherungexterner Link abgedeckt werden sollte.
Seine parlamentarische Initiativeexterner Link wurde allerdings vom Nationalrat (grosse Parlamentskammer) abgelehnt. Die Mehrheit der Abgeordneten weist darauf hin, dass der kausale Zusammenhang zwischen Burnout und beruflicher Tätigkeit schwer nachzuweisen sei. Sie zieht Präventionsprogramme des Privatsektors vor, anstatt die Verantwortung der Unfallversicherung zu übertragen. Interview mit Mathias Reynard.
swissinfo.ch: Wie reagieren Sie auf die Ablehnung des Parlaments?
Mathias Reynard: Ich habe versucht, meine Kollegen zu überzeugen. Aber es ist schwierig, weil es für die politische Rechte eine Frage der individuellen Verantwortung ist. Sie ist der Ansicht, dass Personen, die ein Burnout erleiden, ein wenig zerbrechlich sind und ein persönliches Problem haben. Die Rechte zieht es vor, sich hinter der Komplexität des Phänomens zu verstecken, um nichts zu tun.
swissinfo.ch: Warum glauben Sie, dass die derzeitige Situation nicht zufriedenstellend ist?
M.R.: Die Unfallversicherung deckt eine berufliche Erschöpfung nicht ab, weil diese Diagnose weder in unserer Gesetzgebung noch in der Praxis existiert. Wer unter Burnout leidet, wird versuchen, sich wegen Depressionen krankschreiben zu lassen.
Aber ein Burnout ist keine Depression. Die mangelnde Anerkennung ist ein grosses Problem. Wir haben es mit einem sozialen Phänomen von enormer Tragweite zu tun, und es ist verrückt, feststellen zu müssen, dass das Parlament zum ersten Mal zu einer solchen Initiative Stellung nimmt. Bei diesem Thema gibt es eine Diskrepanz zwischen dem, was die Leute erfahren, und den politischen Reaktionen.
swissinfo.ch: Was wäre der Vorteil, wenn man Burnout als Berufskrankheit anerkennen würde?
M.R.: Das würde zumindest bedeuten, dass das Problem erkannt ist. Burnout würde in die Liste der Berufskrankheiten aufgenommen, wodurch sich Schuldgefühle bei den betroffenen Personen vermeiden liessen. Der zweite Vorteil wäre, dass Betroffene vom ersten Tag an unfallversichert wären und von besseren Rehabilitationsmassnahmen profitieren könnten.
Ausserdem stünden Zahlen zur Verfügung, weil es eine Meldepflicht gäbe. Dadurch wäre nicht nur das Unternehmen auf dem Laufenden, sondern auch die Versicherung. Wenn es in derselben Firma immer wieder zu solchen Fällen kommt, werden Alarmsignale und Möglichkeiten zum Handeln ausgelöst.
Diese Anerkennung des Burnouts durch die Unfallversicherung würde auch die Verantwortung der Unternehmen erhöhen und sie ermutigen, Präventivmassnahmen zu ergreifen. Heute müssen die Gemeinschaft – mit den Krankenkassen-Prämien – und insbesondere die Betroffenen, die basteln müssen, um ihr Burnout als Depression zu deklarieren, das Problem tragen.
swissinfo.ch: Wie lässt sich feststellen, dass ein Burnout tatsächlich durch die berufliche Tätigkeit verursacht wird?
M.R.: Die Unfallversicherung verfügt bereits über ein Verfahren, um festzustellen, ob ein Problem vorliegt oder nicht, und ob es sich um eine private oder berufliche Angelegenheit handelt.
Hier liegt der Unterschied zwischen einem Burnout und einer Depression: Wenn die Person eine Depression hat, wird sie von der Unfall-Versicherung nicht anerkannt. Heute wird davon ausgegangen, dass es sich bei allen Burnouts um Depressionen handelt, was nicht der Fall ist.
Burnout-Anerkennung
In der Schweiz wird Burnout in der medizinischen Klassifikation nicht als solches erfasst. Menschen, die unter Burnout leiden, konsultieren in der Regel ihren Arzt, um bestimmte Symptome wie chronische Müdigkeit, Schlaflosigkeit oder körperliche Schmerzen zu behandeln.
Sie werden in der Regel wegen Depressionen krankgeschrieben, während Burnout nicht als psychische Erkrankung, sondern als negative Folge von chronischem, arbeitsbedingtem Stress gilt.
Die Anerkennung von Burnout entwickelt sich jedoch. Die neue Ausgabe der Internationalen Klassifikation der Krankheiten der Weltgesundheits-Organisation (WHO) ordnet Burnout in die Kategorie der arbeitsbedingten Probleme ein und nicht mehr in die Kategorie der Bewältigung des Privatlebens. Burnout wird als Folge von chronischem Stress am Arbeitsplatz beschrieben.Infobox Ende
(Übertragung aus dem Französischen: Peter Siegenthaler)