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Taraba 22
Die passierbare/unpassierbare Türe
Marcel Duchamp montierte 1927 in seinem Atelier eine Türe, die in einer Ecke des Raumes angebracht war und einen Raum verschloss, während ein anderer dadurch geöffnet war und umgekehrt. Wollte man nämlich den eigenen Raum verschließen, wurde damit der andere automatisch geöffnet....Die Tür ist offen, weil oder wenn sie geschlossen ist und geschlossen, weil oder wenn sie offen ist. Klassisch logisch gesehen ist eine Türe entweder offen oder geschlossen.
Marcel Duchamp Les mystères de la Porte
Eine Türe, die sowohl offen als auch geschlossen ist, erzeugt innerhalb der Domäne der klassischen Logik ein starkes Unbehagen. Sie entspricht nämlich der Paradoxie der Gleichzeitigkeit von Gegensätzlichem .
Sie stellt sozusagen die bildhaft erfasste Antinomie schlechthin dar, die geradezu als Symbol für die Laws of Form und zugleich für den einzigen Operator des Kalküls der Form stehen kann. (Fussnote 23: der Operator des Kalküls, der von Spencer Brown in den Gesetzen der Form erstellt wird, ist injunktiv, das heißt er leistet zugleich Verschiedenes: er zeichnet und ist eine Grenze, bezeichnet das, was sich innerhalb der Grenze befindet und beinhaltet die Notwendigkeit, seine Grenze zu kreuzen. Seine Funktion besteht darin, zu nennen und zu kreuzen. Er hat die Form eines umgekehrten L, und formuliert exakt zwei Axiome: das Gesetz des Nennens und Gesetz des Kreuzens.)
Eine Zwei-Seiten-Form also, deren einer Seite markiert (offen) ist und deren andere unmarkiert (geschlossen) ist oder vice versa. Sie verwandelte aber zugleich das klassisch logische Entweder/Oder, das Kernstück der aristotelischen Logik, in ein transklassisches, imaginäres Sowohl-Als-Auch des durch das klassische Entweder- Oder Getrennten.
Der Operator des Kalküls der Form hat nun, zufälligerweise oder nicht, genau dieselben Eigenschaften wie jene antinomische Türe, er öffnet und schließt, er bezeichnet und negiert, beziehungsweise er markiert und lässt unmarkiert. Es gibt nur diese letzteren zwei Zustände die er kennt, und er muss, oder kann, ebenfalls ähnlich Duchamps Türe, zwischen diesen zwei antinomischen Zuständen des Sowohl- Als-Auch oszilieren, beziehungsweise kreuzen und kam damit, durch subversive Einführung imaginärer Zeit, ein klassisch logisch verarbeitbares Entweder-Oder erzeugen.
Es gibt noch ein weiteres merkwürdiges Türenobjekt bei Marcel Duchamp, das sich heute - durch die Scharfstellung der Gesetze der Form - lesen lässt.
Marcel Duchamp Porte Gradiva
Bevor ich darauf eingehe, will ich meine These selbstreferentiellen Zweiheit des Geistes und der Form, in der Geist einzig erscheint, kurz vorgreifen.
Ausgehend von der Definition, dass eine Bestimmung oder Bezeichnung auf einer Unterscheidung beruht und es keine Unterscheidung ohne Bezeichnung gibt, gilt, dass eine Seite x der Unterscheidung die andere Seite y ausschließt, die jedoch als Ausgeschlossene die Seite x definiert, und zwar von x aus, so dass y in x selber enthalten ist, weil sie y ausschließt. Die Form, von der hier die Rede ist, ist damit augenblicklich eine Zwei-Seiten-Form (Luhmann) - und die zwei Seiten zuinnerst voneinander untrennbar.
Mit dem Unterscheidung ist es daher so: Es erfordert nicht nur den Beobachter x sondern erzeugt instantan, besser gesagt beinhaltet ab ovo einen zweiten Beobachter y.
Denn eine Unterscheidung, die nicht bezeichnet wird ist genauso wenig eine Beobachtung, wie eine Beobachtung, die nicht beobachtet wird.
Wie und warum? Die erste (Erste) Unterscheidung ist die Form der Unterscheidung schlechthin. Es handelt sich naturgemäß dabei um den/die BeobachterIn. Die Form entsteht dadurch, dass sie ab ovo in sich und verschieden ist. Sie konstruiert und verwirklicht, als Zwei-Seiten-Form sich augenblicklich selbst als Anderen.
Unterscheidung funktioniert, wie obige Definition besagt, ausschließlich zu zweit, denn x und y sind die zwei Seiten ein und derselben Form. Ohne diese zwei Beobachter keine Unterscheidung - nicht die geringste.
Beziehung - und die Welt ist diese Beziehung - ist immer ein Produkt doppelter Beschreibung. (Fussnote28: vgl. dazu Gesetze der Form S.66: „Ein Beobachter ist ebenfalls eine Markierung, da ihr den Raum unterscheidet, den er innehat (...). nun sehen wir, das die erste Unterscheidung, die Markierung und der Beobachter nicht nur austauschbar sind, sondern in der Form identisch“.)
Das mag zunächst genügen, um Duchamps Porte Gradiva, nun in diesem Licht zu re-konstruieren: es handelt sich diesmal um eine geschlossene Tür: einen Türstock, sowie einen Türrahmen mit einer Plexiglasfüllung, aus der aber ein mannshohes Loch in der Umrissform einer männlich-weiblichen Doppelfigur in Umarmung ausgeschnitten ist, die somit - durch das subversive Loch der sie bezeichnenden Umrissform - sowohl geschlossen als auch offen ist.
Dieses zweite Türemotiv Duchamps lässt sich in diesem Licht nun so interpretieren: die Türe symbolisiert sowohl den Schnitt (die Grenze, die Unterscheidung) zwischen zwei scheinbar getrennten Räumen , zwei komplementären Feldern, als auch seiner zwei Momente: den Moment des Eingangs in das eine Feld, das Feld der Dualität beziehungsweise der Unter-Schiedenheit, sowie den Moment des Verlassens des anderen Feldes, des Feldes der Un-Geschiedenheit - oder umgekehrt - symbolisiert also deren ständigen Übergang (oder Oszillation) von dem einen Zustand in den anderen.
Porte Gradiva symbolisiert intuitiv, ephemer und transparent die Erste Unterscheidung (und ihre zwei Unterscheider), von der in diesem Text ständig die Rede sein wird, und impliziert, die permanente (subversive) Nicht-Unterscheidung, von der hier nicht die Rede ist: und zwar in dem entscheidenden Augenblick der (Ersten) Unterscheidung - gerade noch in dem vereinigten Zustand der Seligkeit des Nichts: Zustand der Ungeschiedenheit, der Nicht-Getrenntheit, der Nicht-Unterscheidung beziehungsweise – der Nicht-Beobachtung.
Duchamp hat in durchscheinende Türblatt aus Kunststoff den gemeinsamen Umriss einer Doppelfigur geschnitten, - die Figur eines miteinander verschlungenen Liebespaares genau an dieser getunnelten Grenze, von dem man jedoch nicht weiß, auf welcher Seite, in welche Sphäre es momentan gewechselt ist, in die der Getrenntheit oder in die ihrer Vereinigung und Aufhebung jeder Dualität.
Es ist damit sowohl der Moment indiziert, bevor die gegenseitige Bezeichnung sie trennt, als auch der Augenblick selbst, in welchem sie, durch das Tor, in das Reich der Dualität und der Dichotomien schon übergegangen sind:
Eine solch sinnfällig verschlungene Doppel-Figur, mit gemeinsamem Umriss, der den Übergang bildet, illustriert „des Himmels ersten Familienwitz“: stellt den paradoxen und damit selbsrreferentiellen Ursprung der zwei unterschiedenen Beobachter aus ein und derselben Form dar.
The cleft of the First Distinction can see its own outline as male on the one side and female on the other. By pretending successively to be one side of itself and then the other, it can make out to itself that it's one outline is in fact to persons, that is engineering the huge love-partnership that is Heaven’s First Familiy Joke
(George Spencer Brown Only Two can Play this Game, pg. 136)
Boe: das obenstehende Zitat (in Tarabas Buch in deutscher Übersetzung) ist Teil einer ausfühlichen "Note" in Spencer Browns Introduction. Mir hat dieser Text geholfen, die Gedanken von Frau Taraba besser zu verstehen.
Die Doppelfigur stellt den paradoxen und damit selbstreferentiellen Ursprung der zwei unterschiedenen Beobachter aus ein und derselben Form dar. Eine männlich- weibliche, sich gegenseitig beobachtende Dyade bestimmt auch in der hermetischen Philosophie und alchimistischen Praxis das zentrale Geschehen des Großen Werkes. Sie gelangt dort, über die drei Phasen des zwölfstufigen Werks - zur Wiedervereinigung der Gegensätze in der Chymischen Hochzeit - zum erlösenden Lapis, dem Stein der Weisen. (Fussnote32: der Begriff des Lapis ist in der Alchimie analog zur Quadratur des Kreises. Beide bezeichnen in der Alchimie das Unerreichbare. Es handelt sich bei der Quadratur aber durchaus auch um etwas Reales, welches seine Entsprechung im mathematischen Coup der Erfindung der komplexen Zahlen hat. Dort wird das Imaginäre in das Reelle „herüber gezogen“ (beziehungsweise das Reelle im Imaginären angesiedelt), um das Problem der Selbstbezüglichkeit mathematisch zu bändigen, es zu ent-paradoxieren. Indem man nämlich die imaginäre Zahl i mit einer reelen Zahl koppelt.)
Zurück zu Duchamp, dem bekanntlich ein Nahverhältnis zur Alchimie nachgesagt wird. Sein hermetisches Werk Etant donnés... enthält sein bedeutendstes und kryptischstes Motiv aller passierbaren und unpassierbaren Türen.
Beobachtung 1.Ordnung: beobachten (unterscheiden und bezeichnen)
Beobachtung 2.Ordnung. beobachten des Beobachtens
Beobachtung 3.Ordnung: beobachten des Beobachtens des Beobachtens
Marcel Duchamp Etant donnés...
Der nackte Leib liegt grell beleuchtet in dem hermetisch verschlossenen Raum (im Museum) in Philadelphia. Die Schenkel weit geöffnet, der Kopf, abgesehen von ein paar Haarsträhnen, zur Gänze durch den Bruchrand einer fingierten Ziegelmauer verborgen. Die Nackte erhält einen Gasleuchter in der linken Hand. Sie beschränkt damit den Voyeur, der die Szene durch ein Guckloch in der Türe naiv beobachtet (Beobachtung 1.Ordnung), zusätzlich mit einer erhellenden Beobachtung zweiter Ordnung. Sie verhilft ihm zu Beobachtung einer Beobachtung: indem sie nämlich die Gasfackel in die Höhe hält um ihre entblößte Woolworth zu beleuchten, wirft sie nicht nur faktisch selbst Licht auf jenen Ursprung der Welt, der sie selbst ist, sondern praktiziert damit zugleich die Selbstbezüglichkeit und Selbstreflexion, die auf klassisch logischer Ebene nicht zu haben ist. Er kann nun selbst einen Ebenenwechsel erleben, der hierin zu Duchamps Kybernetik dritter Ordnung, nämlich zu einer eigenen Reflexion der Reflexion-in-sich-und-anderes geworden ist.
Duchamps letztes Werk gibt dem Adepten sozusagen zu bedenken, was in letzter Instanz, Preis und Bedingung der Möglichkeit jedes Beobachtens und Unterscheidens ist: die Erste Unter-Scheidung.
Mit ihr fängt alles an. Sie erscheint in der Form der Vulva - der Scheide - das heißt mit der Entscheidung der Entscheidung zur Ent-Scheidung und dies ist eine Funktion der Vulva und ihr Beobachter ist eine Dimension dessen, was er zu beobachten begehrt.
Die Vulva bildet den leibhaftigen Tunnel, der die Entscheidung zur Unterscheidung macht und ist damit ohne Frage tunnel de passage von und zur kybernetischen Gebärmutter. Sie ist somit das, in ihrer jeweiligen Trägerin gut versteckte, reelle, Fleisch gewordene ambulante Symbol des ihr zu Grunde liegenden mathematischen Kalküls.
Sie ermöglicht und leistet die leibhaftige Operation des Kreuzens oder Übergehens, durch welche die Zwei-Seiten-Form der Unterscheidung überhaupt erst geschaffen wird, und sie ist in ihrer ganzen Tiefe zugleich der blinde Fleck des namenlosen Beginns. Sie ist das Auge und der Blick im eben noch geeinten Moment des ersten Augenblicks.
Sie ist der namenlose Hintergrund, der ominöse blinde Fleck aus welchem das Auge des Beobachters im selben Augenblick heraustreten und erscheinen wird, um unter ihrem namenlosen Blick, zusammen mit Ihr und durch den Wiedereintritt in Sie, jene Zwei-Seiten-Form zu bilden, die Sie in jedem Augenblick anpeilt, zu der Sie sich ent-schieden hat, um sich in Ihm selbst zu sehen, was naturgemäß mit einschließt, dass Er sich nur in Ihr sehen kann, und in die Er, im selben Moment, indem er sich von ihr unterschieden hat, schon wieder eingetreten ist. (Fussnote38: der Wiedereintritts der Form in die Form, die berühmte Re-entry, ist der Spencer Brownsche Coup, indem er am Ende seines Kalküls der Form, den Beobachter als unabdingbar für jede Unterscheidung setzt: der Beobachter wohnt sozusagen jeder Unterscheidung inne, weil er ihr operativ beiwohnt und selbst, je eine Seite jeder Unterscheidung ist und zugleich beide! Er stellt damit, so meine hier zu entwickelnde These, nicht nur „ein“ Beobachter, sondern immer zugleich nur Teil einer Beobachter-Dyade beziehungsweise eines Beobachter-Paares. Ersteres jedoch ist biologische und logisch Sichtbare der zweiwertigen Operationen einer Beobachter-Triade. Die Triplizität alles Unterschiedenen kommt ans Licht, wenn sie, was hier das zentrale Thema ist, wahrgenommen, sich eräugt, sich eignet, das heißt beobachtet, unterschieden und bezeichnet wird.)
Der ständige Wiedereintritt der Form in die Form entspringt nicht nur seinem Verlangen zu unterscheiden und zugleich in das von ihm Unterschiedene wieder einzugehen, sondern Re-entry ist protologisch, logisch, meta-logisch, biologisch und kalkültechnisch notwendig, damit Etwas sich formuliert und formt: der Operator ist injunktiv, - er/sie muss kreuzen. Er/Sie hebt damit die Paradoxie ihres/seines Ursprungs auf und schafft - auf der Ebene des Lebens und der Natur - die großteils ent-paradoxierte Welt einer Vielzahl unterschiedener, einander widersprechende Lebewesen....
Alles beginnt mit der namenlosen 1. , ersten, beziehungsweise Ersten Unterscheidung, obwohl alles immer schon begonnen hat.
Sylvia Taraba