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In Italien gilt seit 1978 eine Fristenregelung. 1981 wurde
die Gesetzesrevision in einer denkwürdigen Volksabstimmung mit 68%
Ja-Stimmen bestätigt. Doch die Diskussion über das neue Gesetz ist nie zur
Ruhe gekommen. Immer wieder werden aus dem konservativen Lager
Einschränkungen beantragt und von den linken Parteien kategorisch
zurückgewiesen.
Die Auseinandersetzung um RU 486 hat die Debatte neu entflammt. Im Jahr 2005 beantragte der Gesundheitsminister der 3. Regierung Berlusconi, Francesco Storace, freiwillige Mitarbeiter der anti-Abtreibungs-Organisationen seien zur Beratung der Frauen in den staatlichen Beratungsstellen beizuziehen - es müsse mehr getan werden, um Schwangerschaftsabbrüche zu verhindern...
Die linken Parteien, die Ärzteschaft, die progressiveren Regionen bezeichneten diese Idee als unsinnig, vielmehr verlangten sie Sexualerziehung an den Schulen, Information für die Immigrantinnen, kostenlose Verhütungsmittel...
Am 31. Januar 2006 hat die Kommission für soziale Fragen der grossen Kammer des Parlamentes den Schlussbericht einer Untersuchung über das Funktionieren des Gesetzes 194 betr. die Abtreibung gutgeheissen. Die Untersuchung wurde auf Verlangen der Mitte-Rechts-Mehrheit gegen den Widerstand der Opposition durchgeführt. Sie hat nichts Neues aufgedeckt sondern bestätigt, was man bereits wusste: die Beratungsstellen verfügen über zu wenig Ressourcen und Finanzen, um ihrer Aufgabe im Bereich der Prävention gerecht werden zu können.
In Tat und Wahrheit gehört Italien zu den Ländern mit
niedriger Abtreibungsrate (9 auf 1000 15-44-jährige Frauen im Jahr
2013). Die Zahl der registrierten Schwangerschaftsabbrüche
hat seit 1983 deutlich
abgenommen. 1982 erreichte sie ein Maximum von 234'800. Im Jahr 2007
waren es 126'562. Die Tendenz ist weiter sinkend: 102'760 im Jahr 2013, ein Rückgang um
56% gegenüber 1982. 2014 ist die Zahl zum ersten Mal unter 100'000 gesunken (97'535).
siehe Grafik
Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt die Gründe dieser Entwicklung auf: Vor allem jüngere Frauen verwenden mehr und mehr sichere Verhütungsmittel. Die Zahl der ungeplanten Schwangerschaften und Geburten hat in den 90er Jahren gegenüber 10 Jahren zuvor massiv abgenommen. Bei Frauen unter 30 Jahren hat sie sich halbiert.
(Planned and unplanned births and conceptions in Italy 1970-1995. Maria Castiglioni et al.)
Wie andere europäische Länder ist auch Italien mit einem neuen Problem konfrontiert: Die Zuwanderung hat stark zugenommen, und Migrantinnen (aus Osteuropa, Afrika, Lateinamerika, Asien) haben eine markant höhere (2-4fache) Abortrate als einheimische Frauen. Mehr als ein Drittel der Abbrüche betreffen Ausländerinnen, während ihr Anteil an der weiblichen Bevölkerung wesentlich geringer ist!
Beinahe 70% der Gynäkologen verweigern aus Gewissensgründen die Mitwirkung an
Schwangerschaftsabbrüchen, in gewissen Regionen sind es gegen 90%, so dass Frauen
dort kaum Zugang zu dieser Dienstleistung haben oder nur mit langen
Wartezeiten. Daher gibt es immer noch
heimliche Abtreibungen, vor allem im Süden des Landes, die im Jahr 2005
auf 15'000 geschätzt wurden, 2013 auf
12-15'000 (Quelle:
Relazione
2015 del Ministero della salute al
Parlamento sull'interruzione di gravidanza).
Berichte von Betroffenen und gerichtliche Untersuchungen haben aufgezeigt, dass manchmal die gleichen Ärzte, die sich in den Spitälern aus "Gewissensgründen" weigern, in ihren Praxen gegen gutes Geld solche Eingriffe vornehmen...
In fast allen westeuropäischen Ländern ist die Abtreibungspille Mifegyne seit 2000 zugelassen. Der Vatikan und die italienischen Bischöfe liefen während langer Zeit Sturm gegen RU 486 und machten ihren Einfluss bei der Regierung gegen eine Zulassung in Italien geltend. Daher hat die französische Herstellerfirma Exelgyn lange darauf verzichtet, die Registrierung des Medikamentes in Italien zu beantragen.
Am 10. November 2007 wurde das Zulassungsgesuch endlich bei der italienischen Behörde eingereicht. Am 30. Juli 2009, nach über 1½ Jahren, hat die Arzneimittelbehörde Aifa dem Gesuch zugestimmt. Nach weiteren Blockade-Manövern, die die Einführung des Medikamentes nochmals verzögert haben, ist Mifegyne seit April 2010 endlich auch in Italien erhältlich.
Dank dem engagierten Arzt Silvio Viale wurde im September 2005 am Turiner
Spital Sant'Anna im Piemont eine Versuchsreihe eingeleitet. Nach kurzem Unterbruch
- wegen des Einschreitens des konservativen
Gesundheitsministers der 3. Regierung Berlusconi, Francesco Storace - wurde sie im November weitergeführt,
allerdings mit der Auflage, dass die Frauen drei Tage hospitalisiert
werden müssen. Der Versuch wurde im September 2006 wegen politisch
motivierten Interventionen erneut abgebrochen, nachdem 362 Frauen mit
Mifegyne ihre Schwangerschaft beendet hatten. Andere Regionen
und Spitäler sind dem Beispiel des Piemont gefolgt: Ligurien, Lombardei, Umbrien, Latium, Kampanien wollten ebenfalls Versuchsreihen starten.
Ein Spital in der Toskana ist - mit Unterstützung des regionalen Gesundheitsdirektors - kurzerhand dazu übergegangen, Mifegyne direkt aus Frankreich zu beziehen, gestützt auf ein Dekret aus dem Jahr 1997, welches es den Ärzten gestattet, ein in Italien nicht registriertes Medikament direkt zu importieren, wenn sie es für die Gesundheit ihrer Patienten für notwendig halten. Zu Recht wiesen die Ärzte darauf hin, dass weitere Versuchsreihen unnötig sind: Das Medikament ist millionenfach erprobt und von der EU-Behörde seit 1999 zugelassen.
Der Gesundheitsminister der 3. Regierung Berlusconi, Storace, versuchte, den Direktimport zu stoppen, die Toskana machte jedoch weiter und die Regionen Emilia-Romagna und Apulien begannen ebenfalls damit. Die Gesundheitsministerin der Regierung Prodi (2006-2008), Livia Turco, machte den Weg frei für RU 486. Die 4. Regierung Berlusconi (2008-2011) machte wieder Obstruktion...
Seit April 2010 ist Mifegyne nun aber in italienischen Spitälern
erhältlich. Aber die Regierung hat vorgeschrieben, dass die Frauen
von der Einnahme von Mifegyne bis zur Ausstossung der Frucht (in der
Regel 3 Tage) im Spital bleiben
müssen. Das ist völliger Unsinn. Allerdings können die Frauen das Spital
verlassen, wenn sie unterschreiben, dass sie das auf eigene
Verantwortung tun. Ein Grossteil der Frauen machen davon Gebrauch. Das Vorgehen variiert von einem Spital zum andern.
Angesichts dieser Hürden wurden im Jahr 2012 immer noch bloss 8,5% der Abbrüche mit Mifegyne durchgeführt. Der Prozentanteil ist allmählich steigend: 9,7% im Jahr 2013.