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Seltsam, diese Frage im Titel des Artikels! Oder auch nicht? Denn jeder Mensch ist in Gefahr, gelebt zu werden statt selber zu leben; nur zu funktionieren, statt lebendig zu sein.
In welchem Jahr wurden die folgenden Sätze geschrieben? «Es droht, den Menschen in uns auszulöschen, das echte Menschentum unmöglich zu machen… Wenige Menschen sehen mit klaren Augen, wie sie eigentlich leben. Sie leben nicht, sie werden gelebt, durch den ganzen Tag hindurch von irgendwelcher unbekannter Macht, die über ihnen die Peitsche schwingt.»
Der Befund ist sehr aktuell. Er passt in die heutige hektische Zeit. Allein der Stil verrät, dass die Sätze nicht ganz taufrisch sind. Sie stammen aus dem Jahr 1928 und wurden vom reformierten Pfarrer Friedrich Rittelmeyer geschrieben. Was würde der Herr Pfarrer wohl heute schreiben, wenn er in die Agenden von Kindern schaute, die von ihren Eltern pausenlos zwischen Schule, Tanzstunde, Tennisunterricht, Klavierstunde, Geburtstags-Party und so weiter und so fort gefahren werden?
Vor rund dreissig Jahren hängte ein – durchaus nicht fauler! – Mitbruder an seine Zimmertüre den Spruch: «Die meiste Zeit wird mit Arbeit verplempert.» Weil der Bruder eben sehr fleissig war, konnte ich annehmen, dass der Spruch ironisch gemeint war. Doch vielleicht diente er ihm als Warnung, nicht in der Arbeit aufzugehen.
Dass eine solche Mahnung nicht überflüssig war, zeigten damals viele Todesanzeigen, die voller Stolz vermeldeten: «Sein Leben war Arbeit.» Gewiss, in den Jahren vor der Hochkonjunktur mussten viele Menschen fast Tag und Nacht «chrampfen», um sich und ihre Familien durchzubringen. Mein Vater beispielsweise, ein Kleinbauer, konnte sich höchstens am Sonntag einige Stunden der Musse gönnen. Dies prägte ihn bis am Schluss seines Lebens. Auch als er bereits über 70 und kränklich war, brachte er es nicht fertig, während der Woche spazieren zu gehen. Er hatte Angst, ein benachbarter Bauer könnte ihn sehen und ihm böse sein, dass er ihm nicht bei der Arbeit half.
Immerhin konnte mein Vater bis ins hohe Alter einige Dinge tun, die ihm das Leben nicht «nutzlos» erscheinen liessen. Er hatte Kaninchen, spaltete Holz, machte die Umgebung des Hauses sauber. Er war wohl in einer komfortableren Lage als ein Chefarzt, der vor einigen Jahren im Kanton Zürich abrupt abgesetzt wurde und sich bald darauf das Leben nahm.
Ein befreundeter Jesuit sagte bei seiner Abdankung: «Wenn ein Mensch wie P. S. seinen Lebenssinn und seinen Selbstwert weitgehend im beruflichen Erfolg sah und seine Existenz in hohem Masse von der Arbeit her definierte, stürzt mit dem Verlust der Arbeit wirklich eine ganze Welt zusammen. Wir dürfen P. darum betrauern, dass er sich so sehr angepasst hat an den knallharten Mechanismus der Arbeitswelt, wo wir immer für unsere Erfolge und Leistungen und unser Haben respektiert und belohnt werden.»
Ich denke da an einen Bekannten von mir, den berühmten Journalisten-Kollegen Niklaus Meienberg, wie der erwähnte Arzt, ein Suizid-Opfer. In einem Gedicht an seine «linken Freunde», die so sehr die Leistungsgesellschaft kritisierten, schrieb er, sie würden ihn jahrelang vergessen und erst wieder an ihn denken, wenn sie von ihm eine Leistung – einen Artikel – brauchten…
Im Nachruf auf den verzweifelten Chef-Arzt heisst es am Schluss, er sei «am Nichts gestorben: an der innern Leere, am Gefühl, Nichts und Niemand zu sein ohne seine berufliche Stellung.»
Der christliche Glaube gibt uns die Zuversicht, dass wir von Gott vor aller Leistung geliebt werden. Umso tragischer ist es, dass vor allem tiefgläubige Menschen meinen, sie hätten nur eine Existenzberechtigung, wenn sie sich bis zum Umfallen für die andern einsetzten. In seinem Abschiedsbrief schrieb der Arzt P. S.: «Ich habe wenig für mich getan, sondern wollte vielmehr anderen geben können.» Gewiss eine heroische Einstellung! Doch sie führte zu einem schlimmen Ende.
Die Gefahr, auf eine verhängnisvolle Art sich selber zu verlieren, ist nicht neu. Schon im 12. Jahrhundert machte der heilige Bernard von Clairvaux seinen Freund Papst Eugen III. darauf aufmerksam. Er fürchtete, der Papst könne seine Menschlichkeit verlieren und sein «Herz verhärten», wenn er nicht auch an sich selber denke:
«Wie kannst du voll und echt Mensch sein, wenn du dich selbst verloren hast? Wenn alle Menschen ein Recht auf dich haben, dann sei auch du selbst ein Mensch, der ein Recht auf sich selbst hat. Warum solltest einzig du selbst nichts von dir haben?»
Gegen Schluss seines Mahnbriefes an seinen päpstlichen Freund fragt Bernard: «Wie lange noch schenkst du allen andern deine Aufmerksamkeit, nur dir selber nicht?»
Das folgende Gedicht von Hans Kuhn-Schädler könnte uns helfen, hin und wieder uns selber etwas Gutes zu tun:
Einmal wieder leben
Einmal wieder tief durchatmen
Einmal wieder mit sich ins Reine kommen
Einmal wieder Bilanz ziehen vor Gott
Einmal wieder ausruhen
Einmal wieder verdauen und verarbeiten
Einmal wieder danken und beten
Einmal wieder schauen und hören
Einmal wieder riechen und schmecken
Einmal wieder tasten und fühlen
Einmal wieder leben
Vielleicht gelingt es Ihnen im Kalenderjahr 2004, sich hin und wieder ganz bewusst an die eine oder andere Zeile zu erinnern – damit sie die Frage, «Heute schon gelebt?» wirklich bejahen können …
Walter Ludin