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Dicker schwarzer Edding wasserfest auf fast allen Materialien, auch auf dem Fensterglas der Strassenbahn. Der Junge steckte ihn wieder ein, schulterte seinen Rucksack aufs Neue, wartete genauso lange bis die blecherne Stimme verkünden liess: «Nächster Halt Kunsthaus», kramte dann ein Taschentuch aus einer seiner unzähligen Hosentaschen und liess damit die Träne aus seinem Gesicht verschwinden. Er streckte seinen Rücken durch, schob die letzte seiner widerspenstigen Strähnen unter die alte Mütze seines Vater, starrte noch ein letztes Mal auf seinen Schriftzug und trat mit einem angestrengten Lächeln aus der Strassenbahn auf die wartenden Menschen zu. Er würde das Wochenende schon irgendwie überstehen, wenn er ihnen keine Angriffsfläche bot.
Was hatte der Junge mit der hässlichen Mütze bloss an dieser Scheibe gefunden? Die junge Frau verdrehte die schwarz umrahmten Augen, als sie das mickrige, unsicher wirkende «PEACE» in der unteren Ecke des Fensters sah. Nicht gut genug für meinen Account, dachte sie, stieg ein, zog sich die Kopfhörer wieder über die Ohren und schaltete die gleiche Musik wie immer ein. Das laute Schlagzeug übertönte den leisen Ton der Fussglocke, auf die sie versehentlich trat. Sie drückte weiter auf ihrem Handy herum, staunte über eines der Bilder auf Instagram – «SCHEISS SYSTEM» war dort riesig auf eine Wand geschmiert – und hinterliess ein Herzchen, während sie gedankenverloren mit einer ihrer blonden Strähnen spielte.
Eine ältere Frau rannte auf die Bahn zu, hämmerte hektisch auf den grünen Knopf neben der sich schliessenden Türe. Sie durfte sich nicht schliessen…! Erleichtert stolperte sie die drei Stufen hinauf, drängte eine Jugendliche zur Seite und klammerte sich an einer der Metallstangen im Eingangsbereich fest. Ohne etwas wahrzunehmen starrte sie aus dem Fenster. Sie musste nach Hause aufs Land fahren, einkaufen und kochen. Hätte ihr Chef sie doch bloss nicht so lange im Büro aufgehalten, sie musste rechtzeitig fertig werden, um ihre Kinder zu begrüssen. Sie fasste sich an die Stirn, als ihr klar wurde, dass sie ihre Jacke im Büro vergessen hatte. Sie atmete tief durch und sah auf ihre goldene Armbanduhr, deren Zeiger sich viel zu schnell bewegten. Sie fluchte. Sie musste doch den Zug noch erwischen, warum fuhr die Tram denn so langsam! Sie sprang aus dem Waggon, kümmerte sich nicht darum, dass sie einige Leute anrempelte und rannte mit einem letzten hektischen Blick auf ihr Handgelenk auf die Gleise im Hauptbahnhof zu.
Mit einem leisen Ächzen hievte sich der Mann mit der Aktentasche in der Hand in die Tram. Warum konnten diese Irren nicht einmal aufpassen. Diese Woche war er nun schon drei Mal fast über den Haufen gerannt worden. Mit blitzenden Augen sah er sich um. Schon wieder lag am Boden eine dieser stinkenden Getränkedosen und das Fenster direkt neben ihm war auch schon wieder vollgeschmiert. «PEACE», pah, als ob es das jemals geben würde, das hatte es noch nie gegeben! Er konnte diesen Saustall nicht dulden, suchte verzweifelt nach etwas, was er dagegen tun könnte. Er fand nur einen Kugelschreiber, aber er hatte nicht vor aufzugeben! Wütend versuchte er den Schriftzug zu übermalen, von ein paar Kratzern abgesehen, gelang es ihm jedoch nicht. Er schmetterte den zerbrochenen Plastikkugelscheiber auf den Boden, als er bemerkte, dass er ihn etwas zu sehr strapaziert hatte, kickte nach der Getränkedose am Boden und stieg aus. Innerlich wild fluchend über die respektlose moderne Gesellschaft.
Das kleine Mädchen wartete ein wenig, bis es sicher sein konnte, dass der Anzugträger nicht zurückkommen würde und verliess dann seinen Sitz. Die Strassenbahn fuhr unsanft an, während das Kind sich vor dem Fenster, genau dort, wo zuvor der Mann gestanden hatte, auf die Zehenspitzen stellte und sich die fünf schwarzen Buchstaben ansah. P-E-A-C-E, was das wohl hiess? Vorsichtig kramte es aus seiner Schultasche einen violetten Filzstift und malte eine Blume hinter das Wort. Das Mädchen lächelte, als es aus der Tram stieg. Endlich hatte das Wochenende begonnen.
Von Carla Reuter