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Ali ist aus Syrien in die Schweiz geflohen und stellt ein Asylgesuch. Etwa zwei Monate später wird er zur Anhörung nach Bern ins Staatssekretariat für Migration SEM bestellt und erzählt: «Im Jahr 2013 war ich während etwa drei Monaten bei meinem Grossvater auf dem Land in Afrin zu Hause. Danach bin ich in die Türkei gegangen.» Der Übersetzer aber versteht etwas anderes, nämlich dass Ali zu jener Zeit zu Hause in Aleppo war, wo er geboren wurde.
Ali wartet mehr als ein Jahr auf den Bescheid des SEM. Dann erfährt er: Er wird vorläufig in der Schweiz aufgenommen. Im Protokoll steht: «Warum war Ali nur drei Tage in Afrin und ging danach nochmals zurück nach Aleppo? Wie konnte er das tun, wenn er politisch verfolgt war?» Dieser Punkt diente als Begründung dafür, dass Ali nur den Status F bekommen hat und kein Asyl. Wegen dieses Missverständnisses, wo «zu Hause» liegt (in Aleppo oder auf dem Land in Afrin), wurde Ali nur vorläufig aufgenommen. Ein kleines Wort macht einen grossen Unterschied.
Die Auswirkung der Sprache auf den Asylentscheid ist enorm. Aber es ist längst nicht selbstverständlich, dass Asylsuchende eine gute Übersetzung bekommen. Es scheint sogar eher Glückssache zu sein.
Tarek ist 25 Jahre alt und seit zwei Jahren in der Schweiz. Es kommt der Tag, an dem er im SEM in Bern befragt wird. Er erzählt die Geschichte seiner Flucht aus Syrien und nennt die Gründe für seine Flucht. Tarek erzählt seine Geschichte auf Arabisch und die Übersetzerin übersetzt sie ins Deutsche. Tarek hat seinerseits schon Deutsch gelernt und versteht gut, was die Übersetzerin in beiden Sprachen sagt. Tarek sagt: «Wenn ich in meinem Heimatland studiert hätte, würde ich hier weiterstudieren.»
Die Übersetzerin sagt: «Er hat in seinem Heimatland studiert, und wird hier weiterstudieren.» Tarek lacht und sagt: «Das stimmt nicht. Ich habe Konjunktiv II verwendet.» Er korrigiert die Übersetzung. Wenn er sie nicht korrigiert hätte, wäre das ein Problem gewesen. Im Lauf der Befragung macht die Übersetzerin noch mehrere weitere Fehler.
Jedes Detail muss stimmen
«Bei Asylprozessen spielt man mit dem Leben und der Zukunft», sagt die Zürcher Übersetzerin L. (Name der Redaktion bekannt). Bei der Befragung zum Asylgesuch ist es entscheidend, die eigene Fluchtgeschichte möglichst präzis zu erzählen. Jedes Detail muss stimmen, gerade auch bei geografischen Informationen, wie die Geschichte von Ali zeigt. Afrin ist eben nicht dasselbe wie Aleppo. Gerade in Syrien muss man genau hinschauen, wo es lebensgefährlich ist und wo weniger. Die Hölle und das Paradies liegen manchmal nur eine halbe Stunde Autofahrt voneinander entfernt. Geografisches Wissen ist für eine genaue Übersetzung absolut nötig. Ebenfalls notwendig ist, dass der/die Übersetzer*in während des Gesprächs Notizen macht.
«Übersetzen», sagt L. «hat nicht nur mit der Sprache zu tun. Es gibt viele Hintergründe auf verschiedenen Ebenen, die man berücksichtigen muss.» Übersetzen ist ein komplexer Prozess, weiss sie, und es geht dabei auch um die Feinheiten der Sprache. Darauf weist auch der Schriftsteller Lukas Bärfuss hin. In einem Essay zum Übersetzen schreibt er: «Worte transportieren Bedeutung jenseits ihrer Begrifflichkeit: durch den Klang und durch den Zusammenhang, in dem sie stehen. Darauf baut die Sprache, sie ist kein logisches System, sondern transportiert Atmosphäre, Gefühl, Widersprüche und Ambivalenzen jenseits der Definitionen.»
Neben einem Talent für Sprachen brauchen Dolmetscher*innen aber auch ein Gespür für Menschen. Sie stehen in der Mitte zwischen verschiedenen Personen, Parteien, manchmal Fronten, und schaffen eine Brücke zwischen den Sprachen und vielleicht auch zwischen den Menschen. Wenn Übersetzer*innen Arroganz zeigen, beeinflusst das die Gesprächsatmosphäre negativ, die Menschen reden weniger offen und wagen es nicht, sich kritisch zu äussern, gerade auch in politischer Hinsicht.
Dolmetscher*innen müssen neutral bleiben, sie dürfen keine Partei ergreifen, auch räumlich nicht. Bei Gesprächen mit Behörden und Polizei sitze man idealerweise im Dreieck, erklärt die Übersetzerin. «Ich gehöre weder zur Polizei noch zur beschuldigten Person.» Leider halten sich die Behörden oft nicht an diese Gesprächsanordnung. Wenn die Übersetzerin dann auf einer der beiden Seiten sitzt, wird es sofort komplizierter.
Zur Neutralität der Dolmetschenden gehört auch die Schweigepflicht. Und falls sie die Person kennen, die eine Übersetzung braucht, müssen sie das sagen und sich allenfalls zurückziehen. Umgekehrt kann die Person bestimmte Übersetzer*innen aus verschiedenen Gründen auch ablehnen. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass Kurd*innen Arabisch-Dolmetschende ablehnen, weil sie sich besser auf Kurdisch ausdrücken können.
Die Befragungen zum Asylgesuch beim SEM dauern durchschnittlich 7 bis 8 Stunden. Während dieser Zeit müssen sich Übersetzer*innen vollkommen konzentrieren und alles übersetzen. Wissenschaftlich betrachtet funktioniert das Hirn beim Übersetzen nur eine Stunde lang einwandfrei; danach verändert sich der Prozess. Vielleicht ist auch das ein Grund für die Fehler, die passieren?
Dolmetscher*innen sind verpflichtet, das Gespräch vollständig zu übersetzen. Sie dürfen nichts unterschlagen, nicht abkürzen: «Es ist nicht die Aufgabe der Übersetzerin zu entscheiden, was relevant ist», sagt L. «Du weisst nicht, was ein Wort später bedeuten kann.» Kleinigkeiten können einen massiven Einfluss auf den Asylprozess oder eine juristische oder medizinische Entscheidung haben. «Beim Dolmetschen geht es meistens um Urteile und Vorurteile.»
Prekäre Arbeitsbedingungen
Übersetzer*innen tragen eine enorme Verantwortung. Diese steht aber im Gegensatz zu ihren prekären Arbeitsbedingungen. Dolmetscher*innen arbeiten im Kanton Zürich auf Abruf zu einem Stundenlohn von 70-75 Fr. Für die Anreise kann nur eine halbe Stunde verrechnet werden. Bis zu einer halben Stunde vor dem Termin können die Behörden absagen – auch wenn der/die Dolmetschende für diesen Auftrag einen anderen Termin abgelehnt hat. Beim SEM in Bern liegt der Stundenlohn von Dolmetscher*innen bei 84 Fr., schriftliche Übersetzungen werden zusätzlich vergütet.
«Übersetzen ist ein sehr wichtiger Job, aber wird offiziell zu wenig geschätzt», sagt L. Laut der Übersetzerin müssten alle Dolmetscher*innen einmal einen Tag streiken, um zu zeigen, wie wichtig sie sind.
Eine gute Ausbildung bildet die Basis für eine gute Übersetzung. Der Kanton Zürich stellt mittlerweile recht hohe Anforderungen. Übersetzer*innen müssen Deutsch auf C1-Niveau beherrschen und eine Sprachprüfung ablegen. Für Behördendolmetscher*innen gehört auch eine juristische Prüfung dazu. Ausserdem plant Zürich, auch in der Muttersprache eine Prüfung einzuführen. Der Kanton hat in Bezug auf die Qualitätssicherung bei Übersetzungen eine Vorreiterrolle. Woran es hingegen mangelt, ist die laufende Weiterbildung von Dolmetscher*innen und Behörden.
Das Schicksal eines Menschen hängt davon ab, ob er sich verständigen kann und verstanden wird – nicht nur im Asylprozess, sondern auch in unserem Zusammenleben im Alltag, bei der Arbeit, bei der Lösung von Problemen. Natürlich bedeutet es einen zusätzlichen Aufwand, eine Übersetzung zu organisieren, und es ist längst nicht selbstverständlich. Niemand bezahlt gerne dafür, was auch an den Arbeitsbedingungen der Dolmetscher*innen deutlich wird. Doch damit eine gesellschaftliche Kommunikation wirklich funktioniert ist, sollten wir uns bemühen, einander gegenseitig zuzuhören, zu verstehen und zu übersetzen. Nur dann sprechen wir miteinander und nicht übereinander.
Infobox
Wer sorgt für Übersetzungen?
Übersetzungen braucht es in ganz unterschiedlichen Kontexten. Das Schweizer Recht kennt kein allgemeines «Recht auf Übersetzung». Doch gestützt auf den Anspruch auf rechtliches Gehör stellt der Staat in den meisten gerichtlichen und administrativen Verfahren von Staates wegen ein*e Dolmetscher*in zur Verfügung. Am klarsten verankert ist der Anspruch auf Übersetzungsleistungen in Strafverfahren. Auch bei Gesprächen beim SEM, die das Asylverfahren betreffen, ist üblicherweise eine Übersetzung garantiert. In Schulen sind Lehrer*innen verpflichtet, für Elterngespräche ein*e Dolmetscher*in anzufordern, wenn die Eltern kein Deutsch verstehen.
Im Gesundheitsbereich ist die Lage weniger eindeutig. Zwar verpflichtet die Verfassung den Bund und die Kantone, für eine allen zugängliche medizinische Grundversorgung von hoher Qualität zu sorgen. Auch die Kantonsverfassung verpflichtet den Kanton und die Gemeinden zu einer ausreichenden Gesundheitsversorgung. Und das Patient*innengesetz schreibt vor, dass die ärztliche Aufklärung über eine medizinische Behandlung in «verständlicher Form» zu erfolgen hat. Daraus kann man ableiten, dass Mediziner*innen für die sprachliche Verständigung verantwortlich sind. Doch es gibt ein Problem: Übersetzungen im Gesundheitsbereich werden von der obligatorischen Krankenpflegeversicherung nicht erstattet. Sie werden von verschiedenen, teils öffentlichen, teils privaten Akteur*innen des Gesundheits- und Sozialsystems getragen, oft von den Kliniken selbst. Der Bedarf an Übersetzung im Gesundheitsbereich ist längst erkannt, aber die Finanzierung nicht geklärt.
(wenn Platz)
Afrin ist eben nicht dasselbe wie Aleppo. Gerade in Syrien muss man genau hinschauen, wo es lebensgefährlich ist und wo weniger. Die Hölle und das Paradies liegen manchmal nur eine halbe Stunde Autofahrt voneinander entfernt.