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Inflation und die Lohn-Preis-Spirale
Aktualisiert: 4. Mai
Infolge des seit Herbst 2021 starken Anstiegs der Preise für Erdöl, Erdgas, Schiffstransporte, Computerchips, Baumaterialien und andere Güter und Dienstleistungen wird auch das Thema Inflation in einer breiteren Öffentlichkeit beachtet. Unter Inflation wird ein ständiger Anstieg des allgemeinen Preisniveaus über Jahre verstanden. Dabei fällt heute auf, wie plötzlich wieder mit dem alten Bild einer «Lohn-Preis-Spirale» auf die drohende Gefahr einer Inflation hingewiesen wird. Dieses Bild verwendeten einige Ökonomen im deutschen Sprachraum schon vor 50 Jahren. Es gab damals Leute, die suggerierten, die Inflation sei gleich einer Schlange, die sich immer schneller im Kreise drehe und versuche, sich in den Schwanz zu beissen. Die nähere Begründung lautete damals: Der Preis für Erdöl ist gestiegen, dadurch wird das Heizen und Autofahren teurer und dies führe zur Forderung der Leute nach höheren Löhnen. Höhere Löhne bedeuten i.d.R. jedoch höhere Lohnkosten, was die Unternehmungen zwinge die Preise für Produkte und Dienstleistungen, mehr als den gestiegenen Rohstoffkosten entsprechend, anzuheben. Dadurch steige das allgemeine Preisniveau und dies löse weitere Lohnforderungen aus – die Spirale ist in Gang gesetzt (vgl. die Abbildung).
Ein anderes Beispiel bildet die Anhebung des Mehrwertsteuersatzes. Dadurch steigen die Preise für Güter und Dienstleistungen, Lohnerhöhungen werden damit begründet und durchgesetzt, die Herstellkosten steigen. Die Unternehmungen müssen die Preise für Dienstleistungen und Produkte anheben, um diese zusätzliche Kosten zu decken; der LIK (Landesindex der Konsumentenpreise) steigt ebenfalls, was zu weiteren Lohnforderungen führt u.s.w., die Inflation wird beschleunigt, die Lohn-Preis-Spirale setzt sich dadurch in Gang. In einem andern Fall sind es die Mieten, die wegen steigender Hypothekarzinsen, angehoben werden. Es gibt viele weitere Beispiele von Einzelpreissteigerungen, bei denen das Argument einer Lohn-Preis-Spirale herangezogen wird, um vor einer Inflation zu warnen, die dadurch ausgelöst werde.
Auf den ersten Blick scheinen die gegebenen Erklärungen plausibel zu sein. Ungefähr zur selben Zeit dienten damals derartige Erklärungen auch als Warnung vor den Folgen einer Lohnindexierung. Es wurde nämlich argumentiert, durch eine vertragliche Bindung der Lohnentwicklung an die Teuerung werde die Inflation beschleunigt. Zu diesen und den andern oben erwähnten, vermuteten Inflationsmechanismen kann folgendes gesagt werden: Wenn die Lohn-Preis-Spirale dem tatsächlichen Inflationsmechanismus entsprechen würde, dann sollte man den Prozess umkehren und die Inflation allein durch die Senkung beispielsweise der Verbrauchssteuer, der Importzölle oder der Hypothekarzinsen wieder stoppen können.
Das Bild einer «Lohn-Preis-Spirale» ist irreführend. Es fehlt jeder Nachweis, dass eine selbsttätige Spirale in Gang gesetzt wird, wenn der Preis beispielsweise für Erdöl steigt. Die Leute müssen für einzelne Produkte Heizöl, Benzin und alle erdölabhängigen Produkte entsprechend dem teureren Erdöl mehr bezahlen. Das dafür zusätzlich erforderliche Geld beschaffen sie sich, indem sie für andere Güter und Dienstleistungen weniger ausgeben. Die Nachfrage nach andern Gütern und Dienstleistungen geht zurück und deren Preise werden sinken. Damit eine ständig hohe Inflation bestehen kann, müssten die Leute dauerhaft bereit und in der Lage sein, für die Güter und Dienstleistungen immer höhere Preise zu bezahlen, ohne sich gleichzeitig bei andern Käufen einzuschränken. Dafür müssten ihnen andauernd Gelder zufliessen, z.B. aus staatlicher Unterstützung oder staatlichen Aufträgen, die allesamt durch die Notenpresse und nicht durch zusätzliche Steuern finanziert werden.
Schon in den 1970er Jahren stellte der US-amerikanische Ökonom, Milton Friedman, aufgrund seiner umfassenden Untersuchungen in den USA fest, dass Inflation immer und überall ein monetäres Phänomen sei, und zwar in dem Sinn, als sie nur dann erzeugt und weiter bestehen kann, wenn in einer Volkswirtschaft die Geldmenge rascher ausgeweitet wird als die Menge der produzierten Güter und Dienstleistungen. Der Basler Ökonom, Peter Bernholz[1], kommt aufgrund seiner ausführlichen Analysen der weltweit bedeutenden Inflationen ebenfalls zum Schluss, Inflation ist tatsächlich ein monetäres Phänomen, d.h., Inflation wird durch eine übermässige Ausweitung der Geldmenge erzeugt. Bernholz stellt unter anderem auch fest, dass Hyperinflationen bisher immer durch öffentliche Budget-defizits verursacht wurden, die man überwiegend durch Geldschöpfung finanzierte.[2] Die Hypothese von Milton Friedman hat also weiterhin Gültigkeit, sie ist bis heute nicht widerlegt worden.