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Roger Bahnik ist Chef und alleiniger Besitzer der Mill-Max MFG Corp. in Oyster Bay, US-Staat New York. Dort fabriziert der 50jährige Zürcher mit 200 Angestellten Bestandteile für die elektronische Industrie. Bahnik pflegt einen äusserst unkonventionellen Managementansatz - eine der Ursachen dafü, dass er so erfolgreich ist.
Als Tellerwäscherkarriere will er seinen beruflichen Werdegang nicht beschrieben haben, obschon es der ehemalige Handelsschüler bis zum Multimillionär gebracht hat, ohne Vitamin B, und nachdem er vor 26 Jahren mit mehr oder weniger leeren Taschen nach Amerika gereist war. Immerhin hatte Roger Bahnik damals ein Diplom der Handelsschule im Sack und sechs Jahre berufliche Erfahrung bei der Speditionsfirma Panalpina auf dem Buckel.
Beim Panalpina Ableger in New York kam Bahnik mit einem gewissen Vital Charpilloz aus Delsberg in Kontakt. Der fabrizierte im Jura in diversen Firmen Uhrenbestandteile und andere mechanische Stücke. In einer seiner Firmen, der Mill-Max, stellte Charpilloz Bestandteile für die amerikanische Rüstungsindustrie her, für deren Vertrieb die Charpilloz Corp. in Port Washington im Staat New York zuständig war.
Über Nacht zum Chef geworden
Der Dreimann-Betrieb östlich von New York City wurde zu Bahniks nächster Station. Gewissermassen über Nacht wurde er dort Chef, weil sein damaliger Boss von heute auf morgen - wie in den Staaten üblich - den Hut nahm. Allerdings wurde ein Jahr nach Bahniks Einstieg der Import der von Charpilloz produzierten Teilchen verboten, weil strategisch wichtige Bestandteile zum Schutz der heimischen Industrie im Inland hergestellt werden sollten. Charpilloz hatte die Wahl: die Zelte abbrechen oder die Produktion in die Staaten verlegen und eine Firma nach amerikanischem Recht gründen. Man entschied sich für die zweite Option und flog 11 Zahnradschneidemaschinen ein.
Kurz darauf verunglückte Charpilloz tödlich in einem Autounfall, worauf sich Bahnik "gezwungen" sah, die Erben nach und nach auszukaufen. Doch mit der Fabrikation von Teilchen für die Rüstungsindustrie war auf die Dauer kein Staat zu machen, zumal sich der Vietnam-Krieg dem Ende zuneigte. So stürzte sich Bahnik in die Elektronik. Heute stellt er IC-Sockel, Stecker und andere Teile für die Computer-, Telefon- und Kabelfernsehindustrie her. Seit 1980 liess Bahnik am Gebäude der Mill-Max in Oyster Bay fünf Mal anbauen. Aus den ursprünglich 11 Maschinen sind 500 bis 600 geworden - "Ich habe aufgehört, sie zu zählen" - eine davon im Wert von über 1 Mio Dollar.
Handgestrickte Managementmethoden
Die Führung eines 40-Mio-Dollar-Unternehmens mit 200 Mitarbeitern kann man wohl kaum nur mit dem Besuch einer Handelsschule erlernen. Dennoch hat Bahnik nie an Weiterbildungsseminaren teilgenommen oder einschlägige Literatur studiert, wie er versichert. Sein Managementstil ist handgestrickt, aber, wie der Erfolg beweist, nicht minder effektvoll. Er sei intelligent genug, jeden Fehler nur einmal zu machen, sagt er.
Nach Bahniks Meinung braucht es für die Ausübung seines Jobs eine der beiden folgenden Voraussetzungen: Man sei Techniker und lerne das Kaufmännische hinzu oder man sei Kaufmann mit einem technischen Flair. Bahnik zählt sich zur zweiten Kategorie. Im weiteren müsse man halt "eine Nase fürs Business haben". Vermutlich sind es aber gerade die unkonventionellen Managementmethoden, die dem Zürcher zum Erfolg verhalfen.
Beispiel: Sämtliche an Mill-Max, 190 Pine Road, Oyster Bay, adressierte Post landet auf dem Pult des Chefs. Damit behält der Präsident die Übersicht, und er weiss, was in seinem Betrieb vorgeht. Für einen 40-Mio-Dollar-Betrieb wohl keine Selbstverständlichkeit. Ob man so etwas Mikro-Management nennt, interessiert Bahnik nicht: "Ich war nie in Harvard. Ich habe mir meinen Style selber entwickelt", meint er in amerikanisch verbrämtem Deutsch.
Eine Abneigung gegen Schulden
Der nach Amerika ausgewanderte Schweizer scheint eine absolute Abneigung gegen Schulden zu hegen. Langfristige Fremdverpflichtungen werden mit Null bilanziert. Alle Maschinen sind bezahlt, und eine Hypothek braucht Bahnik auch nicht - weder für seine Fabrik noch für seine Villa direkt am Long Island Sound. Als Roger Bahnik in seinen Anfängen gerne einen Kredit erhalten hätte, fehlte ihm die Bonität und die Banken sagten "nein". Jetzt kommen die Geldhäuser und möchten dem erfolgreichen Unternehmer gerne etwas ausleihen, doch diesmal sagt Bahnik "nein". Nach dem Bericht einer Kreditprüfungsfirma belief sich Ende 1993 das Verhältnis der Aktiven der Mill-Max zu den kurzfristigen Verpflichtungen auf 8,11. Der amerikanische Industriedurchschnitt liegt bei 1 bis 2.
Offenbar hat Bahnik den so völlig unamerikanischen Approach von seinem Vater geerbt. Für diesen soll es eines der höchsten Gefühle gewesen sein, jeden Samstag die Rechnungen bezahlen zu können. Und da zu diesem Zweck jeweils der kleine Roger auf die Post geschickt wurde, blieb ihm dieses Erlebnis in bester Erinnerung.
Rohmaterialien für sechs Monate
Ein weiterer, jeglicher ökonomischen Lehre widersprechender Bahnik-Grundsatz findet sich in der Lagerhaltung. Das Rohmateriallager muss ausreichen, um mindestens für sechs Monate mit "full power" produzieren zu können. Sollten nämlich die Zulieferer von Messing in einen Streik treten, will Bahnik seine Maschinen nicht stillegen müssen. Diese Philosophie hat viel mit Kontrolle zu tun. Ein Wort, welches man von Bahnik öfters zu hören bekommt. So will er alles selbst machen, wenn es irgendwie möglich ist. Die Maschinen werden von den eigenen Leuten gewartet, ein Teil der Werkzeugmaschinen wird selbst hergestellt.
Doch warum eigentlich heisst die Fabrik von Roger Bahnik Mill-Max? Die Legende besagt, dass Charpilloz einen Freund namens Max hatte, der ihn auf die Idee brachte, besagte Teile für die amerikanische Rüstungsindustrie zu fabrizieren. Und weil Charpilloz Millionen solcher Teile fabrizieren wollte, wurde dem Wörtchen Max das Mill vorgestellt. Zu einem unkonventionellen Managementansatz gehört eine unkonventionelle Firmenbezeichnung.
Erschienen in der Handelszeitung am 22. September 1994