Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03103.jsonl.gz/1876

«Das Kraftwerk in Veytaux am Genfersee kann pro Jahr rund eine Milliarde Kilowattstunden (kWh) Spitzenenergie erzeugen. Dies entspricht dem Stromverbrauch von etwa 300 000 Haushalten.» Mit diesen und ähnlichen Worten – basierend auf der Medienmitteilung des federführenden Stromkonzerns Alpiq – berichten heute einige Schweizer Medien über die Einweihung des erweiterten Pumpspeicher-Kraftwerks Hongrin-Léman; dieses verstromt das vom Genfersee (korrekt: Lac Léman) in den Hongrin-Stausee hinauf gepumpte Wasser.
Diese Berichte sind unvollständig. Und sie erwecken den Eindruck, eine Batterie – und um das handelt es sich bei Pumpspeicher-Kraftwerken – könne Strom «erzeugen». Das wäre ein Wunder. In Wirklichkeit wandelt das Pumpspeicher-Kraftwerk in Veytaux am Lac Léman jährlich 1,2 Milliarden kWh Pumpstrom, der in andern Kraftwerken zuerst erzeugt werden muss, mit einem energetischen Verlust in eine Milliarde kWh Spitzenstrom um (Nachtrag: inklusive Stromanteil aus natürlichen Zuflüssen). Wobei sich diese Erwartungen der Alpiq wohl als übertrieben erweisen dürften.
Doppelte Leistung, mehr Stromverbrauch
Der Reihe nach: Das Pumpspeicherwerk Hongrin-Lémann befindet sich im Besitz des Stromkonzerns Alpiq sowie von mehreren Westschweizer Verteilwerken. Es verfügte schon bisher über eine installierte Leistung von 240 Megawatt. Die Erweiterung verdoppelt diese Leistung – mit je zwei Maschinengruppen à 120 Megawatt – jetzt auf 480 Megawatt. Bei Volllast lassen sich aus technischen Gründen aber nur 420 Megawatt nutzen; 60 Megawatt bleiben also in Reserve, falls mal eine Maschinengruppe ausfällt. Soviel zur Leistung.
- Wenn nun, wie die Alpiq erwartet und schreibt, in der erweiterten Kraftwerkzentrale künftig pro Jahr «rund eine Milliarde Kilowattstunden» Strom produziert (also turbiniert) werden, dann müssen die Turbinen mit ihrer maximalen Leistung von 420 Megawatt (MW) während rund 2400 Stunden pro Jahr das Wasser aus dem Hongrin-Stausee auf Volllast turbinieren (Die Rechnung: 1 Mrd. kWh = 1 Million MWh, dividiert durch 420 MW, = 2381 Std.)
- Bei einem Wirkungsgrad von 80 Prozent (ein Mittelwert, bei Hongrin-Léman liegt er etwas tiefer), also einem Pumpverlust von mindestens 20 Prozent, müssten die Pumpen damit während rund 3000 Stunden laufen, um das Wasser vom Lac Léman in den 875 Meter höher gelegenen Hongrin-Stausee hinauf zu befördern. Nachtrag: Die Alpiq rechnet unter Berücksichtigung der natürlichen Zuflüsse und des etwas tieferen Wirkungsgrad mit 2800 Pumpstunden. Dabei verbrauchen diese Pumpen rund 1,2 Milliarden kWh Strom, den andere Kraftwerke im In- oder Ausland zuerst erzeugen müssen. Unter dem Strich ergibt das im Pumpspeicher-Kraftwerk Hongrin-Léman allein – und damit in der Schweizer Strombilanz – trotz natürlichen Zuflüssen eine Einbusse von 0,2 Milliarden kWh Strom. Das entspricht einem Anteil von 0,3 Prozent an der gesamten jährlichen Netto-Stromerzeugung in der Schweiz.
- Die Annahme von 2800 Pump-Volllaststunden ist allerdings sehr optimistisch. Das zeigt folgender Vergleich: Alle bestehenden Schweizer Pumpspeicher-Kraftwerke verfügten 2016 über eine Pumpleistung von 1760 Megawatt. Im Jahr 2016 verbrauchten diese Pumpen gemäss Elektrizitätsstatistik 2,9 Milliarden kWh Strom. Das ergibt 1650 Pumpstunden bei Volllast. Dieser Mittelwert ist also viel kleiner als die Hongrin-Prognose der Alpiq.
Nachtrag: Die Alpiq teilte nach Redaktionsschluss mit, bei der Produktionserwartung von einer Milliarde kWh sei die Produktion aus natürlichen Zuflüssen im Umfang von 0,15 Milliarden kWh inbegriffen. Aus dem Pumpbetrieb allein erwartet die Alpiq also nur 0,85 Milliarden kWh.
Für Haushalte und Versorgung?
Etwas schräg ist der eingangs zitierte Vergleich mit dem «Stromverbrauch von 300 000 Haushalten». Denn Pumpspeicher-Kraftwerke pumpen und produzieren den Strom nicht primär zu Gunsten der Haushalte. Sondern sie pumpen mit Bandstrom und produzieren Spitzenstrom, um mit der Preisdifferenz trotz energetischem Verlust Geld zu verdienen.
Auch die Aussage, «das neue Kraftwerk trägt einen wichtigen Teil zur Bewältigung der Herausforderungen der zukünftigen Stromversorgung unseres Landes bei», die der Präsident der Betreibergesellschaft, Pierre Alain Urech, bei der Einweihung machte, trifft nur bedingt zu. Die Erweiterung dieses Pumpspeicher-Kraftwerks kann zwar – wie andere auch – die Schwankungen zwischen Produktion und Verbrauch von Strom ausgleichen, aber nur kurzfristig. Dazu hat es in der Schweiz aber schon heute mehr als genügend Leistungskapazität.
Die «Herausforderung» für die künftige Stromversorgung ergibt sich aus dem Verbrauchs- respektive Importüberschuss im Winterhalbjahr; mit der Abschaltung der alten AKWe wird dieser Importüberschuss zunehmen. Dazu trägt der Leistungsausbau aber wenig bei. Denn der Hongrin-Stausee, der vollgepumpt 52 Millionen Kubikmeter Wasser speichern kann, ist schon nach 25 Tagen vollständig geleert, wenn alle Turbinen mit Volllast produzieren. Es handelt sich also um einen Wochen- bis Monats-, nicht – wie bei grösseren Stauseen – um einen Saisonspeicher.
Viel billiger als Linthal 2015
Ein Wort noch zum Geld: Der Ausbau der Kraftwerkzentrale um 240 Megawatt installierte und 180 Megawatt nutzbare Leistung kostete 311 Millionen Franken. Ergibt 1,3 Millionen Franken Investition pro Megawatt Leistung. Zum Vergleich: Der Bau des Pumpspeicher-Kraftwerks Linthal 2015 mit 1000 Megawatt Leistung, das diesen Sommer endlich den Betrieb aufnehmen sollte, kostete 2,1 Milliarden oder 2,1 Millionen Franken pro Megawatt. Ähnlich hoch dürften die Investitionskosten beim Alpiq-Projekt Nante de Drance ausfallen. Was zeigt: Der Ausbau der Pumpspeicher-Anlage Hongrin-Léman ist rentabler (oder weniger unrentabel) als der Neubau von Linthal 2015 im Kanton Glarus und Nant de Drance im Wallis.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Keine