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Kapitalismus konkret!
«Eine kleine Elite von 85 Personen besitzt genau so viel Vermögen wie die Hälfte der Weltbevölkerung». Mit diesem Satz beginnt eine am 20. Januar 2014 veröffentlichte Mitteilung von «Oxfam», einer internationalen Vereinigung von humanitären Hilfs- und Entwicklungsorganisationen, die sich der Bekämpfung der Armut in der Welt widmen.
Oxfam hat den Beginn des diesjährigen Weltwirtschaftsgipfels (WEF) in Davos zum Anlass genommen, um einen neuen Bericht unter dem Titel «Mit den extremen Ungleichheiten Schluss machen» bekannt zu machen (http://www.oxfam.org/fr/policy/finir-inegalites-extremes). Damit soll, wie es in der Mitteilung heisst, «die Übereinkunft einer begüterten Elite mit der politischen Macht» angeprangert werden, welche «die ökonomischen Spielregeln verfälscht, die Demokratie unterhöhlt und eine Welt hervorbringt, in der die 85 grössten Vermögen ebenso viel besitzen wie die Hälfte der Weltbevölkerung».
Im Dienst der Mächtigen
In dem Bericht wird hervorgehoben, dass sich die wirtschaftlichen Ungleichheiten in den meisten Staaten rapid vergrössert haben. Der Reichtum von 1 Prozent der Weltbevölkerung belaufe sich auf 110 Billionen Dollar, 65-mal mehr als das gesamte Vermögen der ärmeren Hälfte der Menschheit. Das ist das 7,3–fache dessen, was die Wirtschaft der USA – als noch immer grösste Wirtschaftsmacht der Welt – in einem Jahr als Bruttosozialprodukt hervorbringt und das 45-fache dessen, was die USA in einem Jahr in ihrem Staatshaushalts, dem grössten der Welt, zur Verfügung haben. Die «massive Konzentration der wirtschaftlichen Ressourcen in den Händen immer weniger Menschen stellt eine reale Bedrohung für die integrativen Wirtschafts- und Sozialsysteme dar und verstärkt andere Ungleichheiten wie die zwischen Männer und Frauen», heisst es in dem Bericht. Die Staaten dienten «hauptsächlich den Interessen der Wirtschaftseliten zum Nachteil der anderen Bürger».
21 Billionen Schwarzgeld
«In den entwickelten Ländern ebenso wie in den Entwicklungsländern leben wir in einer Welt, in der die niedrigsten Steuersätze, die besten Gesundheits- und Bildungsmöglichkeiten und die Möglichkeit der Ausübung von Einfluss mehr und mehr nicht nur den reichsten Leuten, sondern auch ihren Kindern gewährt werden», heisst es unter Verweis aus die Vererbung der Riesenvermögen weiter. In den letzten Jahrzehnten sei es den Reichen insbesondere gelungen, die Deregulierung des Finanzsektors, die Senkung der Steuersätze auf die hohen Einkommen und das Kapital sowie die Reduzierung der öffentlichen Dienstleistungen für die Mehrheit der Bevölkerung durchzusetzen. Seit Ende der 70er Jahre hätten sich die Steuersätze für die Reichen in 29 von 30 Staaten, für die Daten verfügbar waren, verringert. Die Unternehmen und Privatpersonen mit den grössten Vermögen auf dem Erdball «verbergen Tausende von Milliarden vor der Steuer». Es werde geschätzt, dass 21 000 Milliarden nicht deklarierte Dollar (21 Billionen) auf Auslandskonten versteckt werden.
Man sollte sich allerdings fragen, ob Oxfam den richtigen Adressaten ausgewählt hat, wenn es mit diesem Bericht ausgerechnet an die Mächtigen der Wirtschaft und Politik appelliert, die in Davos zusammengekommen sind, um von ihnen ein «notwendiges Engagement» gegen das ständige Anwachsen des Reichtums und der ökonomischen Ungleichheiten einzufordern.
G. Polikeit