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Unser Verdauungssystem verändert sich mit dem Alter. Ab dem 50. Lebensjahr steigt die Wahrscheinlichkeit, an Verdauungsstörungen zu leiden. Pathologien der Speiseröhre, der Gallenwege und des Dickdarms treten mit zunehmendem Alter häufiger auf. Wir können verschiedene Erkrankungen wie die gastroösophageale Refluxkrankheit, Lithiasis, Verstopfung und andere unterscheiden. Die gastroösophageale Refluxkrankheit ist der Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre. Sie macht sich durch ein Brennen im Brustbereich bemerkbar. Es gibt auch Komplikationen bei Erkrankungen der Gallenwege. Dazu gehören die akute Cholezystitis, die akute Cholangitis und die akute Pankreatitis. Verstopfung ist definiert als weniger als drei Stuhlgänge pro Woche.
Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, lesen Sie den Artikel von Prof. Jean-Louis Frossard.
Einführung
Das normalerweise unauffällige Verdauungssystem kann mit zunehmendem Alter symptomatisch werden. Die Frage der Alterung des Verdauungssystems wird jedoch weiterhin stark diskutiert, da dieses Gebiet bisher nur teilweise erforscht ist. Die Hinweise darauf, dass die ösophagischen und anorektalen Funktionen am meisten unter den Auswirkungen der Alterung leiden, verdichten sich allerdings. Die Häufigkeit von gastroösophagealem Reflux und Verstopfung steigt mit dem Alter deutlich an, ebenso wie Gallensteinleiden. Gallensteine sind zweifellos ein häufiges Problem in der Bevölkerung und ihre Inzidenz nimmt ab dem Alter von 60 Jahren um fast 10 % zu. Die damit verbundenen Komplikationen haben teils schwere Folgen für ältere Patienten, bei denen Gallensteine häufig schwer zu diagnostizieren sind. Die klinische und biologische Präsentation ist bei Patienten mit zahlreichen Begleiterkrankungen häufig untypisch, was die grosse Morbidität und Mortalität erklärt. In diesem Artikel werden die folgenden Erkrankungen im Detail beschrieben: gastroösophagealer Reflux, Gallensteinleiden und Verstopfung.
Gastroösophagealer Reflux
Der Begriff «gastroösophagealer Reflux» bezeichnet den Rückfluss von Mageninhalt in die Speiseröhre. Obwohl Reflux physiologisch geringfügig bei fast jedem Menschen vorkommt, kann dieser in manchen Fällen so stark ausgeprägt sein, dass er ein Brennen im Hals verursacht, welches durch die Nahrungsaufnahme (schwere Mahlzeiten, Kaffee, Tee etc.) und eine nach vorne geneigte Position begünstigt wird. Paradoxerweise kann starker Reflux komplett asymptomatisch bleiben, was die Exzellenz der Schutzsysteme unseres Körpers bestätigt, die die Auswirkungen von Säure auf die Schleimhaut der Speiseröhre reduzieren. So einfach ist es jedoch leider nicht immer, da bei manchen symptomatischen oder nicht-symptomatischen Patienten Läsionen in der Speiseröhre (Reflux-Oesophagitis) entstehen können, wenn diese der Magensäure chronisch ausgesetzt ist. Eine Endoskopie der Speiseröhre und des Magens kann Aufschluss über Erosionen oder Geschwüre in der Speiseröhre geben. In seltenen Fällen extremer Säure-Exposition kann sich die Schleimhaut der Speiseröhre in eine intestinale Schleimhaut verwandeln (Barrett-Ösophagus), was zu einer Entartung führen kann. Interessanterweise werden fast 50 % der Barrett-Ösophagen bei asymptomatischen Reflux-Patienten diagnostiziert. In diesem Stadium werden neben einer Endoskopie auch Biopsien durchgeführt, um die Gutartigkeit des Prozesses sicherzustellen und die weitere Behandlung des Patienten zu bestimmen. Die Behandlung von gastroösophagealem Reflux besteht in der Regel aus einer Umstellung des Lebenswandels und der Ernährung (Verzicht auf schwere Mahlzeiten, Kaffee und Tee, Erhöhung des Abstands zwischen der Abendmahlzeit und dem Schlafengehen, Erhöhung des Bettkopfteils) und Medikamenten, die die MagensäureProduktion blockieren.
Gallensteinleiden bei älteren
Menschen Gallensteine sind sehr häufig. In Europa und den USA sind 10 bis 15 % der Bevölkerung ab 65 betroffen, wobei die Prävalenz bei Frauen doppelt so hoch ist. Die Mehrheit dieser Patienten ist bei der Diagnose asymptomatisch, ohne Anamnese von Gallenschmerzen oder Komplikationen (Cholezystitis, Cholangitis oder Pankreatitis). Bei beiden Geschlechtern ist mit zunehmendem Alter ein linearer Anstieg der Prävalenz von Gallensteinen zu beobachten. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich die Wahrscheinlichkeit, Symptome zu entwickeln, (Gallenkoliken) mit hohem Alter mit einer Frequenz von 1 – 4 % pro Jahr erhöht. Aufgrund dieser Tatsache muss der Arzt bei älteren Patienten besonders aufmerksam sein, da auch die Morbiditäts- und Sterblichkeitsraten mit dem Alter ansteigen. Der therapeutische Ansatz ist bei älteren Menschen deutlich komplizierter und riskanter.
Komplikationen bei Gallensteinleiden
Akute Cholezystitis (Gallenblasenentzündung)
Bei einer Cholezystitis liegt eine Infektion der Blasenflüssigkeit vor, die meistens durch die Verstopfung des Gallenblasengang durch einen Gallenstein verursacht wird. Die Symptome sind plötzlich auftretende Bauchschmerzen, häufig im Rahmen einer subfebrilen Körpertemperatur und für gewöhnlich begleitet von Übelkeit und Erbrechen. Die Epidemiologie ist dieselbe wie bei Gallensteinen. Die Behandlung besteht in einer Notablation der Gallenblase oder einer zeitlich versetzten Ablation im Rahmen eines laparoskopischen Eingriffs.
Akute Cholangitis (Entzündung der Gallengänge)
Eine akute Cholangitis kann bei älteren Menschen nur schwer diagnostiziert werden, weil die Patienten häufig kaum Symptome aufweisen. Die Kriterien der klassischen Charcot-Trias II – Fieber, Gelbsucht und Schmerzen im rechten Oberbauch – können in 30 bis 40 % der Fälle im Allgemeinen nicht festgestellt werden und dieser Prozentsatz ist bei älteren Menschen noch höher. Bei ihnen kann sich die Erkrankung mit besonderen Symptomen äussern, wie beispielsweise Verwirrungszuständen, Hypotonie und akutem Nierenversagen. In dieser Altersgruppe sind Fieber und Bauchschmerzen im Vergleich zu jüngeren Patienten sogar eher selten. Dieser Unterschied ist biologisch bedingt, da bei älteren Patienten häufig keine Leukozytose vorliegt, dafür aber eine ausgeprägtere Cholestase. Es handelt sich um einen lebensbedrohlichen Zustand, der sofortiges Eingreifen und die umgehende Entfernung der Gallensteine in einem Zentrum mit der notwendigen Expertise für Gallenkatheter erfordert.
Akute Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung)
Eine akute Pankreatitis wird durch die Migration eines Gallensteins in den Hauptgallengang ausgelöst. Das Migrationsrisiko hängt von der Grösse der Gallensteine ab. Gallensteine unter 5 mm sind mit einem erhöhten Risiko für eine akute Pankreatitis verbunden. Klinisch charakterisiert sich die akute Pankreatitis durch einen epigastrischen Schmerz, der den Körper von einer Seite zur anderen durchzieht, und mit einem Anstieg der Lipase auf das Dreifache des Normalwerts verbunden ist. Der Amylase-Wert wird von den verschiedenen Konsenskonferenzen nicht mehr als Diagnosetestwert empfohlen. Die Lipasämie bleibt im Serum längere Zeit erhöht, was bei älteren Patienten, die erst später einen Arzt aufsuchen, ein erheblicher Vorteil ist. Die Sterblichkeitsrate für die akute GallensteinPankreatitis steigt mit zunehmendem Alter an, wie von den meisten Studien belegt. Bei einer schweren Pankreatitis wird sie auf 8 % geschätzt. Die Alterung ist für bestimmte strukturelle Veränderungen verantwortlich, welche die Zusammensetzung der Gallensteine verändern, was die besondere Veranlagung älterer Menschen für infektiöse Komplikationen erklärt. Die meisten Gallensteine bestehen in erster Linie aus Cholesterin. Eine amerikanische Studie hat einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Präsenz von bakteriellen Mikrokolonien in der Pigmentmatrix dieser Gallensteine und der Schwere der Infektion gezeigt. Bei den im Lithiasis-Pigment identifizierten Bakterienstämmen handelte es sich um E. Coli, Klebsiella und Enterokokken. Bei unklaren klinischen oder biologischen Krankheitsbildern ist die Endosonografie – ein deutlich weniger invasives Verfahren als ein Gallenblasenkatheter – die Referenzabbildungstechnik zur Diagnose einer Lithiasis im Hauptgallengang (Abbildung). Die Abbildung mit Magnetresonanz ist bei Steinen unter 5 mm im Hauptgallengang weniger leistungsstark als die Endosonografie. Die Endosonografie kann also als erste Massnahme durchgeführt werden. Wenn ein verstopfender Gallenstein diagnostiziert wird, kann anschliessend unter Narkose ein Gallenkatheter gelegt und gleichzeitig eine Sphinkterotomie durchgeführt werden.
Verstopfung
Die Darmpassage ist bei allen Menschen unterschiedlich. Auch für den Begriff «Verstopfung» gibt es zahlreiche Interpretationen, die von den persönlichen Gewohnheiten abhängig sind. In der Wissenschaft spricht man erst von Verstopfung, wenn eine Person weniger als 3 Mal pro Woche Stuhlgang hat. Das Unwohlsein und die Härte des Stuhls sind untergeordnete Kriterien für die Diagnose Verstopfung. Die Befragung des Patienten ist wesentlich, da sie es ermöglicht, insbesondere Veränderungen der Darmpassage zu überprüfen, denn diese sind für den Arzt Grund zur Besorgnis. Jede progressive Veränderung der Darmpassage mit immer seltenerem Stuhlgang bei einem zuvor regelmässigen und problemfreien Patienten ist ein Alarmsignal für den Arzt. Dieser sollte daraufhin eine klinische Untersuchung, Blutuntersuchungen und gegebenenfalls eine Darmspiegelung anordnen. Bei dieser Untersuchung wird der gesamte Darm untersucht, um insbesondere Darmkrebs auszuschliessen, der in der Schweiz jährlich rund 5’000 Menschen betrifft. Es ist wichtig, daran zu erinnern, dass alle Personen ab 50 ein Darmkrebs-Screening in Form einer für die Erkennung dieser Krebsart anerkannten Methode (okkultes Blut im Stuhl, Sigmoidoskopie oder Darmspiegelung) in Anspruch nehmen sollten. Verstopfung wird mit einer Umstellung der Ernährung behandelt, insbesondere durch den vermehrten Verzehr von Obst und Gemüse. Der in der Bevölkerung weit verbreitete Glaube, dass im Laufe des Tages viel getrunken werden sollte (> 2 Liter), ist leider nur ein Gesundheitsmärchen: Bisher wurde die Wirkung dieser Massnahme in Studien noch nicht belegt. Die Verschreibung von leichten Abführmitteln (plantaga oval) wird von Ärzten als erste Massnahme bevorzugt. Bei hartnäckiger Verstopfung können weitere Substanzen in Betracht gezogen werden (reizend wirkende Abführmittel, osmotische Abführmittel, Moleküle, die die Wassersekretion der Darmzellen steigern).
Schlussfolgerung
Erkrankungen der Speiseröhre, der Gallenblase sowie Koliken nehmen mit dem Alter zu. Bei wiederkehrenden Verdauungsproblemen muss der Hausarzt konsultiert werden. Seine Aufgabe ist es, den Patienten im Rahmen der Befragung zu beruhigen. Im Zweifelsfall kann ihn der Hausarzt für spezielle Untersuchungen weiter überweisen.