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Vorab eine (polemische) Kurzcharakteristik der mittelalterlichen Theologie: Der Mensch wird als ein Geschöpf Gottes angesehen. Als Wahrheit wird allein anerkannt, was im Buch der Offenbarung steht, und was die Herde tun soll, wird vom Hirte bestimmt. Jegliches selbständige Denken, Erkennen und Handeln wird geächtet und mit dem Scheiterhaufen bestraft (Kopernikus und Galilei konnten diesem Schicksal zwar geschickt entkommen, Giordano Bruno hingegen musste für sein selbständiges Streben nach Erkenntnis mit seinem Leben bezahlen.). Kurz gefasst: Das selbständige Erkennen der Wahrheit und die Entwicklung der menschlichen Individualität sind des Teufels.
Gut, dass wir das Mittelalter hinter uns haben! Wir leben heute, nach dem Zeitalter des Glaubens, im Zeitalter des Wissens, in dem es, nach Nietzsche, unanständig ist, Christ zu sein. Das Buch der Offenbarung ist ausgetauscht worden mit der empirischen Erfahrung. Wahr ist nicht mehr, was in der Bibel steht, sondern was gemessen, gewägt und gezählt werden kann. Doch wie steht die heutige Universität, die das Monopol der mittelalterlichen Kirche, die Welt zu erklären, übernommen hat, zum selbständigen Erkennen der Wahrheit und der Entwicklung der menschlichen Individualität?
Die Erfolgsgeschichte der Statistik hat dazu geführt, dass das menschliche Individuum immer mehr durch die Masse ersetzt worden ist. Man weiss heute zwar immer mehr über die Stadtbewohner, die Landbewohner, über die Mittel- Ober- und Unterschicht, über alleinerziehende Mütter, über die Kinder der alleinerziehenden Mütter, und so weiter, und so fort – doch was versteht man deswegen von einem Leonardo da Vinci, einem Wladimir Solowjew oder Max Stirner? Nichts! Auch nicht von Interesse, da in der Statistik: Nicht Signifikant. Die Vernachlässigung des Individuums durch die Statistik kann jedoch als eine Folgewirkung einer tiefer liegenden Ursache angesehen werden: Dem an den heutigen Universitäten vorherrschenden naturwissenschaftlichen Weltbild. Jemand, dem es als Verdienst hoch angerechnet werden sollte, dieses von den heutigen Universitäten vertretene Weltbild ernst zu nehmen und dessen Konsequenzen unverblümt auszusprechen, ist der in Mainz lehrende Professor Thomas Metzinger. Zwei kleine Kostproben aus seinem 2009 erschienen Buch «Der Egotunnel»:
„Ganz im Gegensatz zu dem, was die meisten Menschen glauben, war oder hatte niemand je ein Selbst. Es ist aber nicht nur so, dass die moderne Philosophie des Geistes und die kognitive Neurowissenschaft im Begriff stehen, den Mythos des Selbst zu zertrümmern. Vielmehr ist mittlerweile auch deutlich geworden, dass wir das philosophische Rätsel des Bewusstseins – die Frage, wie es jemals auf einer rein physikalischen Grundlage des menschlichen Gehirns entstehen konnte – niemals lösen werden, wenn wir uns nicht direkt mit der folgenden, ganz einfachen Erkenntnis konfrontieren: Nach allem, was wir gegenwärtig wissen, gibt es kein Ding, keine einzelne unteilbare Entität, die wir selbst sind, weder im Gehirn noch in irgendeiner metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt.“
Und weiter: „Neurowissenschaftler sprechen gerne von »Handlungszielen«, Vorgängen der »motorischen Selektion« und der »Bewegungsspezifikation« im Gehirn. Als Philosoph (und mit allem gebotenen Respekt) muss ich sagen, dass dies letztlich begrifflicher Unsinn ist. Wenn man das naturwissenschaftliche Weltbild ernst nimmt, dann existiert so etwas wie »Ziele« nicht, und es gibt auch niemanden, der eine Handlung auswählt oder spezifiziert. Es gibt überhaupt keinen Vorgang der »Auswahl«. Alles, was wir in Wirklichkeit haben, ist dynamische Selbstorganisation. Dieser Vorgang als solcher hat nicht nur kein Ziel, er ist auch völlig ich–frei.“
Eine ich-freie Individualität ist ein unmöglicher Begriff. Ohne Ich ist es unmöglich ernsthaft von einer menschlichen Individualität zu sprechen. Die meist implizite, bei Metzinger jedoch explizit dargestellte Kampfansage der heutigen Universität an das menschliche Ich ist daher in bester mittelalterlicher Tradition. Es gibt heute zwar keine Scheiterhaufen mehr, man kann daher weiterhin den »wissenschaftlichen Unsinn« behaupten, man habe ein Ich, ohne von der Universität verbrannt zu werden. Aber aufgepasst, es ist nicht auszuschliessen, dass in absehbarer Zukunft in Talkshows darüber debattiert wird, ob man nun doch ein Ich habe oder nicht, worauf der Experte freundlich darauf hinweist, dass das Ich, zwar eine evolutionär notwendige, nichtsdestotrotz, nach aller modernsten Erkenntnis der Physik und Psychologie, eine Illusion sei. Er beteuert, dass er dies bedaure, dass aber die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaft auch ihre Vorteile haben, könne man doch mit den heutigen Mitteln diejenigen, die ab der Vorstellung, bloss ein vom Affen abstammender, ichloser Menschenkörper zu sein, in Depression zu verfallen drohen, mit allerlei Medikamenten zu mehr Glücksgefühlen verhelfen, als dies je in der Menschheitsgeschichte möglich war.
Soweit zur gemeinsamen Kampfansage der mittelalterlichen Theologie und der modernen Universität an die menschliche Individualität. Doch wie steht es um das selbständige Erkennen der Wahrheit? Hier erübrigt sich eine Kostprobe. Jeder halbwegs Studierte kennt das Mantra der heutigen Universität, dass man eine Hypothese (Idee) nur falsifizieren, jedoch niemals verifizieren könne. Ein Wissenschaftler mit dem Anspruch, nicht nur eine Hypothese zu vertreten, sondern eine Wahrheit erkannt zu haben, läuft allenfalls in Gefahr, von der universitären Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden. Individualität und selbständiges Erkennen der Wahrheit sind, in bester mittelalterlicher Tradition, auch an den heutigen Universitäten – des Teufels! Eine Tatsache, die Karl Ballmer (in «Wissenschaft», 1946) wie folgt zusammenfasst: „Wer von der »modernen Physik« seinen »neuen« Wissenschaftsbegriff meint beziehen zu sollen, der sollte erst einmal über die Methodengleichheit des Theologen und des Physikers ein wenig nachdenken – und über den bösartigen Antihumanismus dieser beiden Vertreter des »christlichen Abendlandes«.
Schauen wir uns diese Methodengleichheit des Physikers und des Theologen mit Hilfe von Karl Ballmer, einem der schärfsten Denker des 20. Jahrhunderts, ein wenig genauer an. Ballmer stellt fest, dass sowohl der Physiker, wie auch der Theologe, sein System auf der Grundüberzeugung aufbaut, dass das Reale (das Sein, oder «Gott») ein völlig ausserhalb des menschlichen Innenwesens Stehendes sei. Was ist damit gemeint? Wenn wir den Physiker fragen, was Farbe sei, erzählt er uns etwas von elektromagnetischen Schwingungen. Der Physiker vertheoretisiert die erlebte Farbe zu einer nicht erlebbaren hypothetischen Schwingung. Diese Schwingung gilt als objektiv und real, während die Farbe zur subjektiven Vorstellung deklassiert wird. Metzinger versucht dieses Weltbild dem Laienpublikum wie folgt zu erklären: „Es ist anfänglich vielleicht beunruhigend, zu entdecken, dass es vor unseren Augen keine Farben gibt. Das zarte aprikosenfarbene Rosa der untergehenden Sonne ist keine Eigenschaft des Abendhimmels; es ist eine Eigenschaft des inneren Modells des Abendhimmels, eines Modells, das durch unser Gehirn erzeugt wird. Der Abendhimmel ist farblos. In der Aussenwelt gibt es überhaupt keine farbigen Gegenstände. Es ist alles genau so, wie es uns schon der Physiklehrer in der Schule gesagt hat: Da draussen, vor ihren Augen, gibt es nur einen Ozean aus elektromagnetischer Strahlung, eine wild wogende Mischung verschiedener Wellenlängen.“ Im Weltbild des Physikers existiert anstatt der erlebten Farbe Rot nur die elektromagnetische Schwingung mit einer Wellenlänge von 790-630 nm. Der Physiker schliesst das Innenwesen des Menschen aus seinem Weltbild aus und setzt an die Stelle, wo die Innenwelt zu stehen hätte, eine Hypothese. Genau gleich verfährt, so die Analyse Ballmers, auch der Theologe. Auch dieser stellt an der Stelle, wo die erlebten Innenerlebnisse des Menschen zu stehen hätten, ein ausserhalb des Menschen existierendes reales Etwas, das er als Gott bezeichnet. Das tragende Reale, beim Physiker wie beim Theologen, ist etwas, was nicht von den Innenerlebnissen des Menschen konstituiert wird.
Wird das tragende Reale in den allmächtigen Gott gesetzt, so lässt sich zumindest die Annahme treffen, dass Gott ein Tröpfchen »Ich« in die Menschengeschöpfe induziert. Wird das tragende Reale hingegen als ein »Ozean aus elektromagnetischer Strahlung« betrachtet, und die Wahrnehmung von Wärme, Geruch, Farbe, Ton, etc. als subjektive Erscheinung deklassiert, welcher keinen eigentlichen Realitätsgehalt zukommt, so kann auch das »Ich« nur als eine Illusion betrachtet werden, das der Hypothese »Ozean aus elektromagnetischer Strahlung« zum Opfer gebracht werden muss.
Für alle diejenigen, die an dieser Stelle ab diesen sonderlichen Gedanken nicht kopfschüttelnd zum Bier greifen und allesamt, die Philosophen, Physiker und auch die Theologen, zum Teufel wünschen, oder sich ihres Ich’s schon dadurch vergewissert glauben, dass sie ihre Meinung – pardon Urteil – über Müll & Trash uneingeschränkt im virtuellen Raum kundtun können, sondern sowohl ihr Ich, als auch das naturwissenschaftliche Weltbild, ernst nehmen, lässt sich folgender Ausblick eröffnen: Trotz dem klaffenden Abgrund zwischen der Weltanschauung Ballmers und Metzingers ist eine zukünftige Versöhnung dieser beiden Weltanschauungen nicht auszuschliessen; stimmt doch Ballmer der Analyse von Metzinger, dass es eine unteilbare Entität »Ich« weder im menschlichen Gehirn noch in einer metaphysischen Sphäre jenseits dieser Welt gibt, und dass der Begriff der »motorischen Selektion« ein grober Unfug ist, vollumfänglich zu! (Siehe Ballmers Schrift: «Briefwechsel über die motorischen Nerven»).
In der Weltanschauung Ballmers kommt jedoch die Hypothese «Ozean aus elektromagnetischer Strahlung» als das tragende Reale ebensowenig in Frage wie die Hypothese «Gott». Wenn aber die Grundpfeiler der modernen Physik und der Theologie als das tragende Reale nicht in Frage kommen, was ist dann tragende Realität? – – – Im Sinne Ballmers ist diese Frage identisch mit der Frage nach dem Ursprung des Ich. Metzinger schafft das Ich ab, es hat keinen Platz in seinem Weltbild. Ballmer hingegen fordert das Abendland zur Redlichkeit auf, endlich die tradierte aristotelische Seele – von der die Theorie des «Selbstmodells» von Metzinger nur eine moderne Variation ist! – zu überwinden, indem als das Erstsubjekt der Sinneswahrnehmung die Welt selbst anerkannt wird. Dadurch ergibt sich eine Existenzmöglichkeit des Ich in und durch die Sinneswahrnehmung. In Ballmers eigenen, kristallklaren Worten: „Nicht die aristotelische »Seele« (der Meier, Müller, Huber) ist Subjekt der Sinnestätigkeit; Erstsubjekt der Sinneswahrnehmung ist die Welt selbst, der persönliche Gott und Tod in den wir sogenannten Menschen als Subjekte der Sinneswahrnehmung nur »eingeschaltet« sind, indem wir aus dem Können des Todes in jeder einzelnen Sinneswahrnehmung aus dem Tode zum »Leben« erstehen, wobei auch unser soidisant »Ich« mitentsteht. Die Sinneswahrnehmung ist nicht eine »Mitteilung« der Welt an Bürgersleute, sondern ist das Verhältnis der Welt zu sich selbst, in das die Bürgersleute nur eingeschaltet sind. Es wird ein Fortschritt des 20. Jahrhunderts sein, wenn man das Problem der »Urzeugung« als die Frage der Entstehung von »Ich« und »Seele« – in der Sinneswahrnehmung! – diagnostiziert.“ (Ballmer, «Problem der Physik», S. 4)
Ballmer betrachtet die Subjektivität nicht als ein Problem der Philosophie, der Psychologie, oder der Biologie, sondern als ein Problem der Physik. Er vollzieht eine kopernikanische Wende, neben der die Wende des Kopernikus bloss ein blasser Schatten ist. Er überwindet damit den diagnostizierten Antihumanismus, erschüttert dadurch jedoch die Grundfesten der theologischen, der naturwissenschaftlichen, wie aber auch der relativistischen Weltanschauung. Dass eine solche Weltanschauung nichtsdestotrotz vorerst auf wenig Anklang stösst, ist daher so sicher wie das Amen in der Kirche, die Impulserhaltung der Physik und die Talkshows im Fernsehen.
Literatur:
Ballmer, K. (1953) Briefwechsel über die motorischen Nerven. Besazio: Verlag Fornasella
Ballmer, K. (1996) «Wissenschaft». Besazio: Verlag Fornasella
Ballmer, K. (2002) Problem der Physik. Besazio: Verlag Fornasella
Metzinger, T. (2009) Der Egotunnel. Berlin: Berlin Verlag GmbH
Text: Fionn Meier, studiert VWL an der Uni Fribourg. Interesse: Philosophie, Geschichte und ‚Associative Economics‘.