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Bei einer Podiumsdiskussion zum Thema «Krieg und Frieden» trat ich in einer Schule einem überzeugten Pazifisten gegenüber. Ein aufmerksamer Schüler fragte ihn, ob er überhaupt in der Lage sei, Gewalt anzuwenden. Als der Pazifist dies verneinte, folgerte der Schüler scharfsinnig, dass dessen Gewaltverzicht keine bewusste Entscheidung, sondern eher eine Notwendigkeit sei, da ihm die Fähigkeit zur Gewaltanwendung fehle. Er hinterfragte damit die Authentizität des Pazifismus des Mannes und deutete an, dass es sich mehr um eine Rationalisierung seiner Unfähigkeit handle.
Diese Begegnung inspirierte mich, über den Zusammenhang zwischen Freiheit, individuellen Fähigkeiten und der Bedeutung der Eigenverantwortung für die persönliche Entwicklung nachzudenken.
In unserer Welt wird Freiheit oft auf zwei Arten interpretiert: als Fehlen von Zwängen und als Fähigkeit, aus Optionen zu wählen. Doch diese Sicht vernachlässigt ein zentrales Element – die Handlungsfähigkeit. Wahre Freiheit umfasst nicht nur die Wahlmöglichkeit, sondern auch die Kompetenz, diese Wahl in die Tat umzusetzen.
Die Fähigkeit zu handeln ist grundlegend für echte Freiheit. Sie bedeutet mehr, als nur Optionen zu haben; sie erfordert die Stärke, diese Optionen auch zu nutzen. Diese Fähigkeit zu entwickeln, liegt in unserer Verantwortung und erweitert unsere Freiheit. Zum Beispiel zeigt sich wahre Grosszügigkeit erst, wenn man die Mittel hat, grosszügig zu sein. Gleiches gilt für die Gnade. Diese Beispiele verdeutlichen, dass Freiheit die Kraft erfordert, Entscheidungen zu treffen und umzusetzen.
Solidarität hebt diese Idee auf eine kollektive Ebene. Wahre Freiheit entsteht, wenn Menschen ihre Rolle in der Gesellschaft selbst definieren und ihre Fähigkeiten zum Wohle der Gemeinschaft einsetzen. Oft klafft jedoch eine Lücke zwischen den moralischen Ansprüchen, die einige stellen, und ihrer eigenen Fähigkeit oder Bereitschaft, diese zu erfüllen. Gerade deshalb ist es notwendig, dass wir unsere eigenen Fähigkeiten erkennen und nutzen, statt leere Forderungen zu stellen.
«Oft klafft eine Lücke zwischen den moralischen Ansprüchen, die einige stellen, und ihrer eigenen Fähigkeit oder Bereitschaft, diese zu erfüllen.»
Die wachsende Erwartungshaltung, Unterstützung ohne Gegenleistung zu erhalten, und die Neigung, die Verantwortung für das eigene Leben auf andere abzuschieben, fördern eine Kultur der Abhängigkeit und untergraben die Eigeninitiative. Viele fordern Unterstützung von denen, die sie als privilegiert ansehen, und übersehen dabei, dass Erfolg nicht nur das Resultat von Zufällen ist, sondern massgeblich das Ergebnis harter Arbeit. Diese Einstellung zeugt von fehlender Selbstreflexion und Eigenverantwortung. Wahre Verbesserung und Freiheit werden durch persönlichen Einsatz und Bildung erreicht, nicht dadurch, Veränderungen von anderen zu fordern.
Das traditionelle Pflichtgefühl, welches einst das Handeln vieler Menschen leitete, scheint in der heutigen Gesellschaft einer Anspruchshaltung Platz zu machen. Dies zeigt sich darin, dass die Übernahme von Eigenverantwortung und das Zurverfügungstellen eigener Stärken für andere nicht mehr als selbstverständliche Pflichten angesehen werden.
So wird unsere Gesellschaft immer stärker von einem Klima der Abhängigkeit und des Anspruchsdenkens beherrscht. Anstelle eigener Anstrengungen erwartet man externe Hilfe, die irrtümlich als selbstverständliches Recht betrachtet wird. Häufig wird diese Hilfe als eine Art staatliche Umverteilung missverstanden, bei der angeblich von den «Privilegierten» genommen wird, um es den «Anspruchsberechtigten» zu geben.
Diese Haltung reflektiert eine zunehmende Überzeugung, dass man als Individuum ein besonderes, schützenswertes «Pflänzchen» sei, das ein Anrecht auf Hege und Pflege hat. Dabei wird vergessen, dass für Hege und Pflege jemand verantwortlich sein muss. Diese Sichtweise vernachlässigt die Bedeutung der persönlichen Verantwortung und des Beitrags jedes Einzelnen zum Gemeinwohl. Das Pflichtgefühl, sich selbst zu bilden, zu stärken und seine Fähigkeiten zum Wohl der Gemeinschaft einzusetzen, wird übersehen oder gar abgelehnt.
Wissen um des Handelns willen
Die gesellschaftliche Entwicklung bedroht unseren sozialen Zusammenhalt, indem sie die Bereitschaft zur Eigenverantwortung und aktiven Teilhabe schwächt. Für eine starke und widerstandsfähige Gesellschaft ist es entscheidend, ein Bewusstsein für die Bedeutung von Pflicht und Selbstentwicklung zu stärken. «Das Ziel der Erziehung ist nicht das Wissen um des Wissens willen, sondern um des Handelns willen», erklärte der englische Philosoph und Soziologe Herbert Spencer im 19. Jahrhundert. Damit einher geht die Notwendigkeit, durch Bildung, körperliches Training und eine breite Interessenvielfalt unsere Handlungsfreiheit zu erweitern.
Indem wir diese persönlichen Ressourcen entwickeln, erhöhen wir nicht nur unsere eigenen Freiheiten, sondern tragen auch zum Zusammenhalt in der Gesellschaft bei. Nur wer über Stärken und Ressourcen verfügt, kann diese auch im Rahmen von sozialen Engagements einsetzen. Aus der «positiven Psychologie» wissen wir zudem, dass soziales Engagement und Zufriedenheit korrelieren. Persönliche Weiterentwicklung bereichert also nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft. Eine gebildete, gesunde und engagierte Bevölkerung ist besser in der Lage, sich an der Gestaltung einer freieren und gerechteren Gesellschaft zu beteiligen. Wer die Gesellschaft und die Welt verbessern will, muss zuerst sich selbst verbessern. Nicht durch ständiges Jammern und den Ruf nach dem regulierenden Staat wird die Welt besser, sondern durch den Beitrag des Einzelnen.
«Persönliche Weiterentwicklung bereichert nicht nur das Individuum, sondern auch die Gesellschaft.»
Fangen wir also bei uns selbst an: Entwickeln wir unsere Fähigkeiten weiter, erweitern unser Wissen und engagieren uns aktiv. Nur so können wir nicht nur unsere eigene Freiheit maximieren, sondern auch einen bedeutenden Beitrag zum Wohle der Gemeinschaft leisten. Lassen Sie uns gemeinsam an einer Gesellschaft arbeiten, in der jeder Einzelne nicht nur seine Rechte kennt, sondern auch seine Pflichten ernst nimmt und danach handelt.