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Nach sechs Monaten Pause ist es wirklich Zeit für einen neuen BM-Comic-Review. Da ich das letzte halbe Jahr auf der grünen Insel auf der anderen Seite des Ärmelkanals verbracht habe, scheint es mir nur passend, mich mit einem irischen Comic zurückzumelden. Hier meine Rezension zu "The Broker" : Von Dela Wälti
„The Broker“ ist nicht nur das Comic-Debüt von Wayne Talbot, sondern auch die Erstveröffentlichung von Rogue Comics, einem 2017 gegründeten Dubliner Independent-Comic-Verlag. Aufgrund Problemen mit dem Verlag unter dem „The Broker“ ursprünglich erscheinen sollte, hat Talbot mit zwei verschiedenen Künstlern zusammenarbeiten müssen – die ersten zehn Seiten wurden von Ruairi Coleman illustriert, während für den Rest Brian Corcoran zuständig war. Die Zeichenstile von Coleman und Corcoran ergänzen sich jedoch reibungslos und dem Endprodukt sind diese Anfangsschwierigkeiten zum Glück nicht anzumerken. Somit gelingt Talbot und Rogue Comics ein solider Start ins Comic-Universum.
Obwohl Talbot zuvor beruflich in der Animation und Filmproduktion tätig war, ist von der ersten Seite an klar, dass er mit Comicbüchern grossgeworden ist. Das erste Panel zeigt eine Gruppe Maskierter beim Raubüberfall: Dies könnte der Anfang eines x-beliebigen Batman-Heftchens sein. Generell bleibt „The Broker“ den klassischen amerikanischen Superheldencomics im Erzähl- und Zeichenstil äusserst treu – Explosionen, korrupte Cops, viel Gewalt und eine allgegenwärtige Endzeitstimmung. Das ist also die Welt in der sich die Heldin (?) Catelyn Harrison wiederfindet. Sie hat zwar keine Superkräfte, weiss aber als Veteranin trotzdem, sich selbst zu verteidigen. Dieses Wissen hat sie dann auch bitter nötig, als sie sich in einer undurchsichtigen Verschwörung gefangen sieht. Soweit nichts Neues für das Genre. Trotzdem wirkt „The Broker“ nicht schal, denn auf jeder Seite spürt man die Lust Talbots am neuen Medium Comic. So erlauben sich er und sein Team immer wieder versteckte Anspielungen an die Pop-Kultur der 90er Jahre, wie das Nirvana-Shirt der Protagonistin oder ein Schaufenster, das mit Seinfield angeschrieben ist. Gleichzeitig lässt er sich aber auch von seinem filmischen Hintergrund inspirieren und kreiert kurzerhand einen Soundtrack zum Buch, den man während des Lesens laufen lassen könnte, um wirklich in Stimmung zu kommen.
Trotz all diesen Verweisen auf vergangene Tage, ist „The Broker“ aber mehr als ein nostalgischer Blick zurück. Es werden äusserst aktuelle Themen wie die verbreitete Desillusionierung mit dem Bankensystem, der Demokratie und der Digitalisierung angesprochen. Zugegeben die Frage, wer nun der wirkliche Gauner sei, der Bankräuber oder die Bank, ist nicht gerade originell, aber dabei belässt es Talbot glücklicherweise auch nicht. Sehr viel interessanter wird es zum Beispiel, wenn die Rolle der Technologie thematisiert wird: Was hat das grössere Zerstörungspotenzial, ein explosiver Tweet oder ein Kanister gefüllt mit Benzin? Zudem fehlt auch ein klarer Gegner, den Harrison bezwingen müsste, vielmehr scheinen alle, sie eingeschlossen, Spielfiguren in einem viel grösseren, die Welt umspannenden Plot zu sein. Dies passt perfekt in ein Zeitalter, in dem gefühlt alle paar Sekunden eine neue Verschwörungstheorie die Runde macht, in dem wir lieber an Echsen auf der anderen Seite des Mondes glauben, als an die kalte Gleichgültigkeit des Universums.
Alle diese kleinen Details und die Aktualität machen aus „The Broker“ mehr als nur ein 0815 Action-Comic, aber natürlich auch noch lange keine Revolution des Genres. Aber das versucht Talbot auch gar nicht erst, vielmehr ist es das Herzensprojekt eines Comicliebhabers für andere Comicliebhaber*innen. Nicht mehr aber auch nicht weniger.