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Adam Smith war ein genialer Denker, doch sein Werk wird bis heute verkürzt und instrumentalisiert. Eine genaue Lektüre zeigt, dass er im Menschen kein egoistisches, sondern ein soziales Wesen sah. Die reine Marktwirtschaft erschien ihm unfähig, eine gerechte Verteilung zu schaffen.
Wenn es darum geht, den gegenwärtigen Kapitalismus mit seinen Exzessen zu rechtfertigen, Freihandel und den Markt zu preisen, greifen Managerinnen, Politiker und WissenschaftlerInnen gerne zu Adam Smith (1723–1790). Der habe doch mit seinem Hinweis auf den Bäcker, der nicht aus Wohlwollen Brot verkaufe, sondern aus Egoismus handle, überzeugend bewiesen: Wenn jeder und jede nur den eigenen Interessen nachgehe, würden alle am besten fahren. Smith habe, so der Dauerrefrain, den Markt als «die unsichtbare Hand» gepriesen, die allen zum Vorteil gereiche und gleichsam interessenlos verfahre. Bis in unsere Tage hinein werden sehr wenige pointierte Zitate dieses genialen Denkers für dubiose Ziele missbraucht – und 99,9 Prozent seines Werks weggelassen.
Noch heute läuft Adam Smith in der Wirtschaftswissenschaft und vor allem in der Wirtschaftspresse mit einer Schelle am Hals herum, die man ihm vor weit über hundert Jahren umgebunden hat. Die seriöse jüngere Forschung hingegen hat die politische Instrumentalisierung von Smith für die liberale und marktradikalneoliberale Politik überwunden. Vorbildlich ist in dieser Hinsicht die Dissertation von Bastian Ronge, «Das Adam-Smith-Projekt» (2015). Er dividiert den Ökonomen Smith und den Moralphilosophen nicht länger auseinander, sondern betont den Zusammenhang von Ethik, Politik und Ökonomie oder die politisch-moralische Fundierung der Wirtschaftstheorie.
Bestatterinnen und Grabschänder
Adam Smith, Ökonom und Aufklärer, war von 1751 an für zwölf Jahre Professor für Moralphilosophie in Glasgow, danach für zwei Jahre Begleiter eines jungen Adligen auf dessen Kavaliersreise («grand tour») durch Frankreich und von 1766 an bis zu seinem Tod Rentier und Privatgelehrter – dank der gut dotierten Leibrente eines Grossgrundbesitzers. In dieser Zeit entstand sein Meisterwerk «An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations», das 1776 erstmals erschien.
Das Buch machte Smith bekannt und berühmt. Und den Autor zum Begründer der politischen Ökonomie, die später unter dem falschen Namen «Volkswirtschaftslehre» zum universitären Lehrfach wurde. Die Rezeption des Buchs war von Anfang an verwirrend und kompliziert und entwickelte ein «seltsames Eigenleben», so der Politwissenschaftler Karl Graf Ballestrem.
Die Geschichte der Smith-Rezeption, die einer Verfälschung seines Werks gleichkommt, passt zur Diagnose, die Max Horkheimer in seinem Essay über «Kategorien der Bestattung» (1934) stellte: In dem Moment, in dem die Theorie «eines genialen Mannes genügend Macht gewinnt, um zwangsläufig von sich reden zu machen, setzt die Arbeit ihrer Angleichung an das Bestehende ein». Viele ExpertInnen machten sich daran, «die Begriffe der revolutionären Theorie in ihre Darstellungen (…) einzuweben und ihren ideologischen Bestrebungen dienstbar zu machen». So erging es Smith: Über sein Buch «Wohlstand der Nationen» behielten von 1790 bis heute Usurpatoren, Bestatterinnen und Grabschänder die Oberhand und machten aus Kritik der politischen Ökonomie eine Fibel der Plusmacherei oder, um es mit Friedrich Engels zu sagen, eine «Bereicherungswissenschaft».
Smith begann als Moralphilosoph und veröffentlichte 1759 «The Theory of Moral Sentiments». In diesem komplexen Werk versuchte er, die anthropologischen Grundlagen menschlichen Zusammenlebens zu klären sowie das paradoxe Zusammenspiel von Eigeninteresse und Sympathie empirisch zu belegen. Das siebzehn Jahre später erschienene Buch über den «Wealth of Nations» dagegen handelt nicht von Sympathie und moralischen Urteilen, sondern von Wohlstand, Profit, Lohn und anderen wirtschaftlichen Themen. Insbesondere in der deutschen Smith-Rezeption von Ende des 19. Jahrhunderts an entdeckte man bei Smith einen «Umschwung»: vom Ethikbuch des Jahres 1759 zum Ökonomiebuch von 1776. Fortan zirkulierte die Rede vom doppelgesichtigen Smith: dem Menschenfreund und dem berechnenden Ökonomen.
Diese These entpuppt sich bei einer kritischen Lektüre beider Werke als unhaltbar. Sie ist vielmehr der Versuch von Ideologinnen und Propagandisten, Parteien und Wirtschaftsverbänden, das Werk für ihre jeweils eigenen Interessen in grober Weise zu vereinnahmen. Das beginnt schon bei der Übersetzung: In der «Theory of Moral Sentiments» bedeutet «Sentiment» nicht etwa «Gefühl», sondern «moralische Urteilspraxis». Sympathie, die emotionale Basis für die Kommunikation von Menschen mit Menschen, meint Smith, bestimme unsere Art und Weise, moralische Urteile zu fällen – denn «Sympathie» gehöre zur menschlichen Natur und sei in dieser tief verankert: «Als die Natur den Menschen für die Gesellschaft bildete, da gab sie ihm zur Grundausstattung ein ursprüngliches Verlangen mit, seinen Brüdern zu gefallen, und eine ebenso ursprüngliche Abneigung, ihnen zu schaden.»
Ohne moralischen Rigorismus
In dieser natürlichen Disposition steckt nach Smith auch der Anspruch auf Gleichheit und Gleichbehandlung aller Menschen. Smith entwickelt seine These jedoch nicht normativ, das heisst mit Rekurs auf Autoritäten oder Regelkanons, er beobachtete vielmehr empirisch-pragmatisch das Alltagsleben. Der erste Satz der «Theorie der ethischen Gefühle» lautet: «Man mag den Menschen für noch so egoistisch halten, es liegen doch offenbar gewisse Prinzipien in einer Natur, die ihn dazu bestimmen, am Schicksal anderer teilzunehmen.» Die Unwägbarkeit und Unsicherheit des von ihm gewählten Verfahrens – eben Alltagsbeobachtungen – schützten Smith vor moralischem und theoretischem Rigorismus.
Smith führt in seine Theorie eine Instanz der Selbstreflexion ein: den unparteiischen Zuschauer, der quasi das Gewissen dessen ist, der beobachtet. Dieser fiktive Zuschauer bestätigt dem selbstreflexiv Analysierenden, also dem über sich und sein Handeln Urteilenden, wie er selbst, also der Zuschauer, von «seinen Brüdern» betrachtet und behandelt werden möchte: nämlich mit Sympathie, wie der Analysierende es als naturgegeben beobachtet hat. Smith geht nicht, wie der Philosoph Ernst Tugendhat betont, davon aus, dass es zwischen zwei Handelnden Interessengleichheit gebe. Er unterstellt vielmehr, dass bei allen Menschen eine «Harmonie der Affekte» naturgegeben sei – Menschen wollen als Menschen untereinander menschlich handeln, also mit Sympathie für den anderen. Diese Argumentation beruht eben nicht auf einem ichbezogenen Prinzip, sondern auf dem Prinzip der wechselseitigen Abhängigkeit und Sympathie von Menschen untereinander als genuin soziale Wesen.
Tausch als Kooperation
Auf dieser Basis argumentiert Smith auch in «Wealth of Nations». Auch in diesem Werk stützt er sich eben gerade nicht – wie ihm Neoliberale unterstellen – auf borniert-egoistische Interessen- und Profitkalküle der Einzelnen. Seine grundlegende Einsicht lautet: «Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Rücksicht auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihre Eigenliebe und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen.» Die beiden Sätze werden meistens sehr verkürzend-verfälschend interpretiert – nämlich im Horizont des Egokapitalismus beziehungsweise Marktradikalismus.
Die Verfälschung besteht darin, dass IdeologInnen aus dieser zehntausendfach zitierten Stelle kurzschliessen, Smith betrachte Eigenliebe, Eigeninteresse oder egoistischen Eigennutz als erstes und einziges Motiv sowie als entscheidende treibende Kraft wirtschaftlichen Verhaltens. Das meint Smith jedoch an keiner Stelle seines tausend Seiten starken Buchs. Es geht Smith nie um die Motive, sondern vor allem um die anthropologische Basis des menschlichen Handelns. Im geselligen Zusammenleben ist es Sympathie, aus der heraus Menschen Gefühle und Gemütsausdrücke miteinander austauschen. Zu ihrem wirtschaftlichen Handeln gehört «der Hang zu tauschen, zu handeln und eine Sache gegen andere auszutauschen».
Tauschen und Handeln sind nach Smith Teil «der menschlichen Natur» wie die Sympathie gegenüber anderen Menschen. Der Schlüssel zum Verständnis der oben zitierten zentralen Passage ist nicht das Interesse oder Motiv des Fleischers oder Bäckers, sondern die existenzielle Voraussetzung jeden Lebens: die Selbsterhaltung. «Gib mir, was ich will, und du sollst haben, was du willst.» Denn der zivilisatorische Fortschritt in einer arbeitsteiligen Tauschgesellschaft besteht für Smith gerade darin, dass nicht jeder und jede selbst herstellen muss und kann, was er oder sie zum Überleben benötigt. Der Zwang zu Kooperation und gegenseitiger Hilfe entspringt nicht egoistischen Kalkülen, sondern ist die gemeinschaftliche Basis von Tauschgesellschaften.
Der Staat muss eingreifen
Das zweite Feld, auf dem die Theorie von Smith trivialisiert und verfälscht wurde – insbesondere von PropagandistInnen der sozialen Marktwirtschaft und des Liberalismus nach 1945 –, ist das Verständnis von Markt. Unbestritten ist, dass Smith die Wirtschaft vom Korsett staatlicher Bevormundung ebenso befreien wollte wie von der feudalen Tradition, dem Adel wirtschaftliche Privilegien und andere Exklusivrechte einzuräumen. Aber entgegen dem liberalen und neoliberalen Marktradikalismus wollte Smith den Staat und die staatliche Regelungskompetenz nicht beseitigen, sondern nur «Höflingen, Geldleuten und Gutsbesitzern» ihre Vorrechte wegnehmen. Im Gegensatz zu den Vorstellungen von Apologeten wie Friedrich A. Hayek, die den Markt als «spontane Ordnung» anpreisen und Smiths Theorie auf Markt, Wettbewerb und Privateigentum reduzieren, sollte der Markt in seiner Theorie der «commercial society» gerade nicht regieren – schon gar nicht spontan.
Nach den Vorstellungen von Smith lebte in der von krassen Formen der Unterdrückung befreiten «kommerziellen Gesellschaft jedermann vom Tauschen und wird in gewisser Hinsicht ein Händler». Smith war obendrein klar, dass eine reine Marktwirtschaft unfähig ist, für eine gerechte Verteilung zu sorgen, denn «im Hinblick auf das Produkt von Arbeitskraft in einer grossen Gesellschaft gibt es niemals so etwas wie eine faire und gleiche Verteilung». So können beispielsweise für Smith Gesellschaften keinen Bestand haben, in denen der grösste Teil der Bevölkerung arm ist. Er meint vielmehr: Weil die forcierte Arbeitsteilung dafür sorge, dass Menschen, die nur einfache Arbeiten ausführen, «dumm und beschränkt» blieben, müsse der Staat kompensatorisch eingreifen und beispielsweise für Bildung sorgen.
Smith war ein engagierter Vertreter des Freihandels und plädierte für «ein natürliches System der Wirtschaftsfreiheit». Über dessen Funktionieren sagte er zwar wenig, dafür umso mehr Kritisches über die Defizite. Und so spricht Smith an einer einzigen Stelle von «einer unsichtbaren Hand», die dafür sorge, dass über den Marktmechanismus Zwecke erfüllt würden, die nicht vom Handelnden selbst beabsichtigt seien, aber sowohl dem Eigen- wie auch dem Allgemeininteresse entsprächen. Der Markt könne seine technische Koordinationsfunktion jedoch nur dann erfüllen, so Smith weiter, wenn die Regeln und Mechanismen, nach denen er funktioniere, politisch festgelegt und staatlich überwacht würden. Kurzum: Wäre diese Bedingung von Smith heute erfüllt, befänden sich viele Manager, Bankerinnen und Unternehmer nicht mehr auf freiem Fuss.
Gegen die Raubgier
Seit über 200 Jahren wird «die unsichtbare Hand» mit dem Ziel zitiert, den Denker Adam Smith für eine Politik zu vereinnahmen, die den Staat abwertet und den Markt über alles stellt. Die gängige These lautet: Der Markt zeitige automatisch optimale Ergebnisse, wenn er nur vom Staat nicht «gestört» und von Gewerkschaftsforderungen nicht «bedrängt» werde. Beim ehemaligen Kanzler Ludwig Erhard, dem Vater des «deutschen Wirtschaftswunders» in der Nachkriegszeit, sicherte die «unsichtbare Hand» gar die «prästabilierte Harmonie» zwischen Privat- und Gesamtinteresse, wie dieser im Jahr 1939 schrieb, als die «Harmonie» geradewegs in den Krieg mündete.
Während die herrschende Wirtschaftswissenschaft die Wirtschaft als ein quasi über der Gesellschaft stehendes und von ihr losgelöstes, nach eigenen Regeln funktionierendes System begreift, war die Ökonomie für Smith eine politische Ökonomie, eingebunden in ein Moral- und Rechtssystem. Sein «natürliches System der Wirtschaftsfreiheit» war Teil des «grossen Systems der öffentlichen Verwaltung», das dem «natürlichen Streben nach Gerechtigkeit» Geltung gegen die «natürliche Selbstsucht und Raubgier» der Reichen verschafft, denn «alle Menschen, selbst die dümmsten und gedankenlosesten, verabscheuen Betrug, Gemeinheit und Ungerechtigkeit und freuen sich, wenn diese bestraft werden».
Smith verteidigte den Freihandel, aber nicht die damalige Propaganda der physiokratischen Lehre, die unter der Parole des Laissez-faire alle Freiheit für Getreidehändler und Grossgrundbesitzer forderte. Smiths Antwort: «Das Interesse der Händler widerspricht dem öffentlichen Interesse.» Er verteidigte auch das Privateigentum: «Das Eigentum, das jedermann an seiner eigenen Arbeit hat, ist die ursprüngliche Grundlage von allem anderen Eigentum, und so ist es das heiligste und unverletzlichste.» Aber Smith war kein Fanatiker, sondern blieb Kritik und Aufklärung verpflichtet. Er fügte diesem Satz deshalb hinzu: Den Arbeiter «daran hindern zu wollen, seine Kraft und Geschicklichkeit so anzuwenden, wie er es, ohne seinen Nächsten zu kränken, passend findet, ist geradezu eine Verletzung dieses heiligsten Eigentums». Und Smith wusste: «Wo auch immer viel Eigentum ist, da ist auch grosse Ungleichheit. Für einen sehr reichen Mann muss es wenigstens 500 Arme geben, und der Überfluss bei den Wenigen setzt die Dürftigkeit der Menge voraus.»
Smith war kein Sozialist. Aber noch weniger als mit dem Sozialismus hatte er mit jenen Apologeten gemein, die den Kapitalismus als Marktwirtschaft verklären und den Sozialstaat als «komfortable Stallfütterung» denunzieren, wie Wilhelm Röpke es als einer der geistigen Väter des Neoliberalismus tat. Smith erinnerte die Reichen immerhin daran, dass sie vom «Schutz einer bürgerlichen Obrigkeit» abhängen, «damit sie nur eine Nacht ruhig schlafen können». Er erkannte den Staat als Institution «zur Verteidigung der Reichen gegen die Armen»; also «jener, die einiges Eigentum haben, gegen jene, die gar nichts haben».
Die politische Ökonomie hatte seiner Meinung nach nicht die Aufgabe, Rezepte anzubieten, wie die Reichen reicher und die Armen ärmer gemacht werden konnten, sondern «erstens, den Menschen reichlich Einkommen, und zweitens dem Staat genügend Einnahmen zu verschaffen, um öffentliche Dienste zu erfüllen». Mit Neoliberalen und Marktradikalen, die unentwegt und laut den «schlanken Staat», niedrige Steuern für Unternehmen, niedrige Löhne und «Markt, Markt, Markt» predigen, hat Adam Smiths Theorie nichts zu tun. Im Gegenteil.