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Hans Damf in allen Gassen
Ich habe irgendwo gelesen, dass es schon in den 1930er Jahren und vielleicht noch früher blinde Menschen gab, die ebenfalls ein ganz gewöhnliches Gymnasium besucht und studiert haben, aber als Kind interessierte mich das wenig! Damals, in den 1960er Jahren, waren wir die ersten drei oder vier blinden Menschen in Basel und Umgebung, die in einem modernen öffentlichen Gymnasium Matur machten. Zugegeben, mein Vater war Psychologe, und er hatte in der Stadt Basel einigen einfluss. Ich hatte also auch Glück. Andere mussten in Marburg, Deutschland ein "Blindenabitur" machen.
Nach der Matur habe ich ein Jahr lang in den USA studiert und mich vom Humanistischen Gymnasium erholt. Dann machte ich in der Ecole d”Humanité auf dem Hasliberg erste Erfahrungen in der wirglichen Welt. Ich hhabe unterrichtet und bin "Familienhaupt" gewesen. Es war aufregend und ganz anders als das HG in Basel! Zwischendurch habe ich nochmal in den USA und in der Schweiz studiert; die Künstlerkarriere hatte ich noch vor einem wie gearteten Aufbruch wieder aufgegeben, vielleicht war ich zu dem Zeitpunkt einfach zu schüchtern.
1984 habe ich in Luzern im "Semi" unterrichtet, dann - hielt ich es nicht mehr aus und kündigte! Ich habe noch viele male versucht, ein Lehrer zu werden, aber es ging immer wieder nicht.
Weil ich die Pädagogik nicht so schnell aufgeben wollte, setzte ich mich einige Jahre lang für die "schweizer Alternativschulen" und das, was die probierten, ein, bis ich merkte, dass es letztlich auf das gleiche Herauskam, wenn auch das "alternativ" zuerst irgendwie vielversprechender war. Also wieder eine Enttäuschung? Vielleicht.
Jetzt zog ich mich in die Vergangenheit zurück und beschäftigte mich fast zehn Jahre lang mit Paul und Edith Geheeb-Cassirer, die 1910 die Odenwaldschule gegründet und 1934 in die Schweiz ausgewandert und die Ecole d Humanitè geleitet haben. Paul Geheeb (1870 bis 1961) war ein Utopist. Edith Geheeb (1885 bis 1982 war realistischer, also blieb die "Ecole" bis heute erhalten, und Ich war wieder da, wo ich nach der Matur zu arbeiten angefangen habe.
Natürlich habe ich auch viel anderes gemacht. Wir haben uns geliebt, Musik gemacht und geredet. Ich habe abgewaschen und geputzt. Ich habe immer wieder in WGs gewohnt. Ich bin einige Jahre lang intensiv in der SBS, Schweizer Seh-, Lese- und Höhrbücherei” zu gange gewesen, ich habe mehr oder weniger gute Artikel für Bücher und Zeitschriften geschrieben, mehr oder weniger exsperimentelle Kurse für behinderte und nicht behinderte geleitet, und ich bin mehr und mehr durch die Welt gereist: Zuerst, in den 1970er und 80er Jahren, bin ich vor allem in den USA gewesen; dann habe ich abstecher nach Osteuropa gemacht, und zum Schluss habe ich auch Asien und Afrika bereist, manchmal mit Freunden, aber meistens alleine. Ich war “Selbstständig Erwerbender”, sodass ich, wenn ich wollte, auch länger weg sein konnte. Schliesslich, im 2010, kündigte ich meine Wohnung, denn ich hatte gemerkt, wenn ich es jetzt nicht mache, dann mache ich es nie mehr. “reisen” war für mich definitiv mehr als Reisen geworden!
In Afrika
Ich bin also - immer auf dem Landweg - über Frankreich, Spanien und Marokko in Mauretanien gelandet. Dort habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr nur ein Beobachter war. Ich begegnete zum Beispiel einem Menschen namens Ousman, auch Blind, der mich von anfang an in Beschlag genommen hat. Er hat gesagt, "wenn wir wirglich einen blinden Menschen aus Europa in Mauretanien haben, der ganz alleine gereist ist, dann machen wir wieder einmal Propaganda für die blinden Mauretanier, denn wir sitzen immernoch auf der Strasse und Betteln. Bist du dabei?" Amadu, ein Freund von Ousmane, habe ich mit einem Darlehen unterstützt, weil er ein Taxi kaufen wollte. Ein anderer Blinder hat versucht mit einem Computer umzugehen. Ich habe auch ihm tagelang geholfen. Drei Jugendlichen habe ich Geld gegeben, weil sie einige Hühner kaufen und dadurch die Familie unterstützen wollten. Es waren spannende Wochen.
Im Niger traf ich Moussa und seine Familie. Damals hatten sie nur ein "Guru", ein aus Zweigen zusammengebautes und mit Heu bedeckten Hütte. Also bauten wir mit einigen Freunden ein richtiges Haus. - Eindrücklich war auch die Zeit im kongo. Ich habe in Uvira, Süd-Kivu, drei Monate an einer Uni unterrichtet, und auch ausserhalb der Uni viele, interessante Menschen kennengelernt, unteranderem eine blinde Frau, die mich sehr beeindruckt hat, weil sie gekämft hat, obwohl alle sagten, "komm, bettle oder heirate". . Wieder "Betteln oder Heiraten"!
Damals, im 2011, ging es mir vorallem darum, der Uni in Uvira beizustehen. Einige Freunde und ich beschlossen deshalb in der Schweiz einen Verein "Darsilamano" zu gründen .Wir sammelten Geld, wir verkauften Bilder, wir machten einen "Frlohmarkt", wir sprachen in einigen Schulen über Afrika, und wir trieben Computer auf, um sie in Uvira (Kongo) in der Uni einsetzen zu können. Ich war damals voller Tatendrang und es fühlte sich gut an!
Hirnschlag
Im Juli 2013 war ich wieder einmal im Dorf von Moussa im Niger. Am 9. August assen wir gemütlich zu mittag. Dann habe ich mich eine Viertelstunde im Schatten eines Baumes hingelegt, aber als ich wieder aufstehen wollte, da ging es nicht mehr. Schon eine Stunde später konnte ich nicht mehr Reden, und ich war einseitig gelähmt. Irgendwie hat Moussa die Telefonnummer meines älteren Bruders in der Schweiz gefunden, und vier Tage später war ich in Basel. Ich hatte einen Hirnschlag.
Ich will das ganze auf und ab der 5 Jahre nachher nicht en detail erzählen. Jetzt bin ich im Rollstuhl, und ich habe einen epileptischen Anfall gehabt. Ich bin viel vergesslicher geworden als vor dem Anfall. Zum Glück Rede ich wieder einigermassen "Normal". Auch englisch und französisch kann ich jetzt wieder mehr oder weniger gut. . Verstehen konnte ich alles von Anfang an.
Mühe macht mir jetzt immer wieder die Blindheit: Ich bin als Rollstuhlfahrer viel verlorener als vorher. Ich könnte in einem Elektorollstuhl auch einhändig ungefähr alles das machen was die anderen auch ausserhalb des Hauses Tun. Aber als Blinder im Rollstuhl, der nur noch eine Hand hat? Als Sehender könnte ich vieles kompensieren was mir jetzt nicht mehr möglich ist. Ich könnte viel leichter Zähneputzen, weil ich schauen kann. Ich könnte viel leichter an den Tisch rollen weil ich schon von weitem schauen kann wo ich mich hinrollen will, ich könnte viel leichter sehen, wo der Teller hingekommen ist, weil ich schauen kann. Aber eben: ich bin blind, ich bin lahm und - ein Zückerlein der besonderen Art -, ich bin sehr vergesslich geworden.
Ich wollte noch einmal in den Kongo gehen, und mich von allen, die mir so treu beigestanden waren, abschied nehmen. Aber schon in Butschumbura, Burundi wusste ich, ich werde zurückkommen und helfen.
Copy 2019, Martin Näf