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17.09.2018 - Hanspeter Stalder
17.09.2018
Hanspeter Stalder
Mongolisch-schweizerisches Märchen
Dorj und seine hochschwangere Frau Suren leben als Nomaden in der mongolischen Steppe, weit weg von den nächsten Nachbarn. Als ihr Arzt zu einer Behandlung in der Stadt rät, begeben sich die beiden auf den mühsamen Weg in die Hauptstadt Ulaanbaatar. Dafür müssen sie einen Fahrer finden und aufbieten. Und im Spital erfahren sie, dass sie ohne gültige Papiere ihrer Heimatgemeinde keine Hilfe bekommen werden und die notwendige Behandlung zum Voraus bezahlen müssen. Suren beauftragt Dorj, ihre goldenen Ohrringe, sein Hochzeitsgeschenk, zu versetzen. Auf dem Weg zum Pfandhaus aber verliert er einen davon. An einen Verkauf ist nicht mehr zu denken. Verzweifelt und verloren in der grossen Stadt trifft Dorj auf die Prostituierte Saraa. Diese verschafft ihm Zugang zu einem Karaoke-Wettbewerb, wo er mit einem selbst komponierten Lied überraschend das Preisgeld gewinnt. Saraas Zuhälter Jack jedoch will ihm den Gewinn abjagen. Während Suren im Spital in den Wehen liegt und sehnsüchtig auf ihren Mann wartet, muss dieser um sein nacktes Überleben kämpfen. …
Die internationale Premiere erlebte «Out of Paradise» am Filmfestivals von Shanghai, wo er mit dem «Grossen Preis» als «Bester Spielfilm» ausgezeichnet wurde. In der Begründung der Jury heisst es: «Ein schlichter, aber keineswegs einfacher Film, sehr aufrichtig und gleichzeitig poetisch. In jeder Beziehung ein selten guter Film.»
Dorj und die schwangere Suren auf dem Weg zum Spital
Ein Alltag, der zu Poesie wird
Nach zwei Fehlgeburten erwartet Suren wieder ein Kind: unruhig, freudig und ängstlich zugleich, gleichermassen ihr Mann Dorj, wie eben jede Geburt gemischte Gefühle auslöst. Erzählt wird ihre Geschichte wie selbstverständlich und alltäglich. Was die beiden jedoch auf dem Weg vom Aufbruch aus der ländlichen Jurte und über dramatische Umwege bis zum Spital in der Stadt erleben, macht aus der Erzählung ein existenzielles Road Movie, in dem alles zufällig und unerwartet ist wie im Leben. Im Hintergrund erfahren wir zudem vieles von einem fremden Volk, seinen Sitten und Gebräuchen, seinem Denken, Fühlen und Handeln.
«Out of Paradise» erzählt von zwei Landeiern in der Grossstadt, in der sie fremd sind, naiv, und ihr Handeln bis zum Schluss geheimnisvoll bleibt. Realisiert ist der Film mit schlichten Bildern (Kamera Simon Bitterli), einem konventionellen Schnitt (Petra Beck), einer zurückhaltenden Musik (Urs Bollhalder), mit einem Drehbuch und einer Darstellerführung (Batbayar Chogsom) wie in einem Volksmärchen, in dem man mitfiebert. Manchmal wirkt er auch wie die Story aus einer fernen Welt, die jedoch auch die unsere sein könnte, dann wieder wie ein Dorftheater von früher, schlicht, ohne viel Aufwand, aufrichtig und poetisch.
Dorj erlebt einen Kulturschock
Aus einem Interview mit dem Regisseur Batbayar Chogsom
Welche persönlichen Motive liegen «Out of Paradise» zugrunde?
Als ich 2009 zum ersten Mal Vater wurde, musste ich oft an meinen Vater denken, der nicht mehr lebte. Auch mein Schwiegervater ist einen Monat vor der Geburt unseres Sohnes gestorben. Eltern zu werden ist an und für sich nichts Aussergewöhnliches, viele Menschen erleben dies, doch für jeden Einzelnen ist es speziell und einmalig. Tod und Geburt gehören zum Leben, wir alle erleben die gleichen Ereignisse, jeder für sich, doch alle ähnlich. Darum ist «Out of Paradise» persönlich und universell zugleich.
Suren macht sich Sorgen vor der Geburt
Sie haben mit 26 die Mongolei verlassen und sich dann in der Schweiz ein neues Leben aufgebaut.
Aufgewachsen bin ich in einer Lehrerfamilie in der Stadt. Mein Vater war Dozent für Russisch an einer Hochschule in Ulaanbaatar, meine Mutter Geografielehrerin in einer Mittelschule. Alle meine Geschwister haben im In- oder Ausland studiert; auch mein Wunsch war es, mich irgendwann im Ausland weiterzubilden. Professor Bodenheimer, dem dieser Film gewidmet ist, hat mir ermöglicht, in der Schweiz zu studieren. Er war für mich ein Mentor; was ich im Leben erreicht habe und wer ich geworden bin, verdanke ich zu grossen Teilen ihm. In Zürich habe ich studiert, im Kanton St. Gallen mich niedergelassen und eine Familie gegründet. – Ich finde, es gibt viele Parallelen zwischen der Schweiz und der Mongolei, die man vielleicht nicht auf den ersten Blick wahrnimmt. Die Eigenständigkeit und der Wille, frei zu sein, sind im Charakter sowohl der Schweizer als auch der Mongolen tief verwurzelt.
Saraa und Dorj verbringen zusammen eine Nacht im Hotel
Wie war es für Sie und das Schweizer Team, in der Mongolei zu drehen?
Unser Team war sehr klein: Wir hatten nur sieben Mitglieder aus der Schweiz, drei davon Studierende der ZHDK. So ist «Out of Paradise» der erste Langspielfilm des Kameramanns Simon Bitterli, der damit sein Studium in der Masterklasse abgeschlossen hat. Einen Monat vor dem Dreh bin ich in die Mongolei gereist. Dort habe ich mit meinem Bruder, der Geschäftsführer von Chogsomfilm ist, die Castings, die Location und Unterkünfte vorbereitet. Es war sehr nützlich, einen ganzen Monat vor dem Dreh mit den Schauspielern intensiv proben zu können. Als das Schweizer Team kam, waren alle gut vorbereitet und motiviert. Weil wir immer mehrere Szenen an einem Tag drehten und jeder Einzelne mehrere Aufgaben erledigen musste, war es sehr anstrengend, wurde jedoch im Grossen und Ganzen ein Abenteuer.
Dorj reitet durch die weite Landschaft in die Zukunft
Wie kann sich ein internationales Publikum im Film wiedererkennen und was nach Hause nehmen?
Das Thema Landflucht ist weltweit ein Phänomen, auch in Europa und der Schweiz. Alle wollen von den Annehmlichkeiten der Ballungszentren profitieren, gleichzeitig begibt man sich in Konfliktsituationen, wenn man so nahe zusammenrückt. Der Werteverlust bei den Neuankömmlingen ist ein brisantes Thema, das oft ignoriert wird. Die Geschichte des Films könnte man wohl auch in einem mitteleuropäischen Land ansiedeln, doch dann würde das Spezielle der grossen zeitlichen und räumlichen Distanzen zwischen Land und Stadt in der Mongolei fehlen. Mit «Out of Paradise» habe ich eine Geschichte versucht, welche die Zuschauer auf eine emotionale Reise mitnimmt. Zugleich war ich bestrebt, kein moralisches Urteil über die gezeigten Lebensweisen zu fällen. – Ich wünsche mir, dass das Publikum nach meinem Film mit einem zufriedenen Gefühl aus dem Kino herauskommt und vielleicht mit noch grösserer Lust wieder ins Kino zurückkehrt.
Regie: Batbayar Chogsom, Produktion: 2017, Länge: 94 min, Verleih: LookNow