Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03235.jsonl.gz/832

Besides a mathematical inclination, an exceptionally good mastery of one's native tongue is the most vital asset of a competent programmer.
— Edsger W. Dijkstra, EWD 498
Sprache ist für mich sehr wichtig, und zwar nicht obwohl, sondern weil ich Informatiker bin. Obwohl ich ohne grössere Probleme in den mathematischen Fächern durch das Studium gekommen bin, sind meine Fähigkeiten in diesem Fach nicht besonders stark ausgeprägt. (Meine Mathematiklehrer vom Gynmanisum können dies sicherlich bestätigen.)
Fremdsprachen lerne ich zwar auch nicht besonders schnell, aber nach längerer Beschäftigung mit einer Sprache kann ich in dieser doch recht präzise und flüssig kommunizieren. Noch wichtiger finde ich, dass man sich der Unterschiede zwischen verschiedenen Sprachen bewusst wird. Denn wortweise Übersetzungen sind nicht nur stylistisch schlecht, sondern oft schlichtweg falsch. So lässt sich dieser Satz aus dem Deutschen:
Ich glaube, ich spinne.
nicht eins zu eins ins Englische übersetzen:
I believe, I spider.
Dies gilt auch für Programmiersprachen; auch diese sollten idiomatisch gebraucht werden: Was in der Programmiersprache C korrekt und idiomatisch sein mag:
for (int i = 0; i < n; i++) { sum += values[i]; }
Sollte beispielsweise in Clojure ganz anders aussehen:
(reduce + values)
Von jemandem, der bei Sätzen wie dem folgenden nicht leicht mit den Augen rollen muss:
Es macht Sinn hier ausserhalb der Box zu denken und eine Extrameile zu gehen, damit wir das Produkt rechtzeitig ausrollen können.
Erwarte ich auch keine stilistischen Meisterleistungen im Programmcode, gerade
wenn mehrere Programmiersprachen in einem Projekt zum Einsatz kommen.
(Mangelndes Verständnis für Sprachidiome dürfte wohl auch der Grund sein, dass
JavaScript nach vielen Jahren doch noch ein
class-Schlüsselwort erhalten hat.)
Doch braucht man gar nicht die stilistische Ebene und die Übersetzungen zwischen verschiedenen Idiomen heranzuziehen um sprachliche Ungereimtheiten zu finden. Oft hapert es schon beim Gebrauch einzelner Wörter:
Das läuft auf einem physikalischen Server, nicht auf einem virtuellen.
Physik ist die Lehre der Körper, und «physikalisch» bezeichnet etwas die Lehre der Körper betreffendes. Das Gegenteil eines virtuellen Servers ist ein physischer Server: ein Server, der als Körper vorhanden ist. Zu einem «physikalischen» Server könnte man sich vielleicht einen chemischen oder biologischen Server als Gegensatz vorstellen. (Ein physikalischer Server wäre einer, auf dem physikalische Berechnungen durchgeführt werden.) Hier dürfte es sich nicht einmal um ein Übersetzungsproblem aus dem Englischen («physical») handeln, ist doch der physician ein Arzt (der sich mit menschlichen Körpern beschäftigt) und der physicist ein Physiker (der sich mit der Lehre von Körpern befasst) ‒ Achtung: Verwechslungsgefahr!
In englischsprachigen Vorträgen wird oft ‒ zu oft! ‒ das Verb «to consume» verwendet:
We provide services and libraries that you can consume.
Das Wort «konsumieren» (denn dieses Wort lässt sich auf Englisch und Deutsch gleich verwenden) bedeutet, dass etwas verbraucht wird. In der Informatik ist dies etwa im Zusammenhang mit Messaging (korrekterweise) zu lesen:
The producer sends out messages, which are consumed by multiple workers.
Die Nachrichten müssen konsumiert werden, ansonsten würden sie mehrfach verarbeitet. Einen Dienst (engl. service) oder eine Programmbibliothek (engl. library) kann man jedoch beliebig oft verwenden, ohne dass diese dabei verbraucht werden würden. (Bei einem Bezahlservice verbraucht man vielleicht Tokens oder Credits wenn man den Service verwendet.)
Natürlich kann man Ausdrücke wie «physikalischer Server» oder «to consume a library» pragmatisch deuten und dabei das Gemeinte korrekt vom Gesagten unterscheiden. Diese Toleranz führt jedoch dazu, dass die Unterschiede zwischen verschiedenen Begriffen («physisch» und «physikalisch»; «konsumieren» und «verwenden») verloren gehen und man dadurch weniger klar kommunizieren kann:
— The message was consumed by all workers.
— So we have a race condition in the messaging component?
— No. The workers just use
getinstead of
popon the message stack. Works as intended…
— But then those messages are not consumed, but only used.
— So what's the difference?
Oder:
— Wir brauchen zusätzliches IT-Budget um neue physikalische Server zu beschaffen.
— Aber wir haben doch gar kein Physik-Departement an unserer Universität!?
— Was tut denn das zur Sache? Wir brauchen die Server um Word-Dateien zu archivieren.
— Und was hat denn das mit Physik zu tun?
— Gar nichts, aber ich will nicht, dass die Dokumente in die Cloud gelangen.
— Ach, sie meinen einen physischen Server?
— Natürlich, davon rede ich schon die ganze Zeit!
Diese Dialoge sind natürlich weit hergeholt und dürften ‒ hoffentlich ‒ so nie zu vernehmen sein. Schliesslich schreibe ich diese Sprachglosse nur, um mich zu unterhalten. (Man beachte: sprachliches Feingefühl kann eine zusätzliche Quelle von Ärgernis und Heiterkeit im Alltag sein.)