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"Die Bodenmobilität ist sehr gering." Das wird in vielen agrarpolitischen Diskussionen beanstandet. Gemeint ist, dass wachstumswillige Bauern kaum Boden kaufen oder pachten können, um den Betrieb zu vergrössern und damit wettbewerbsfähiger zu werden. Verantwortlich gemacht werden häufig die Direktzahlungen, von denen ein grosser Teil an die bewirtschaftete Fläche gebunden ist. Teilweise entsteht der Eindruck, dass jeder Bauer seinen Betrieb um jeden Preis weiterführt, nur weil er pro Hektare und Jahr 1,200 Franken Flächenbeitrag vom Bund erhält. Ferner könnte man annehmen, dass Pachtverträge gekündigt werden, weil Bodenbesitzer das Land wieder selber bewirtschaften wollen, um von den Direktzahlungen zu profitieren. Wäre dem so, müsste die Zahl der Bauernhöfe konstant bleiben oder sogar zunehmen.
Die Statistik zeigt aber ein anderes Bild: 2003 gab es noch rund 66,000 Bauernhöfe, fast 27,000 weniger als im Jahr 1990. Damit sind in den letzten dreizehn Jahren jede Woche rund 40 Betriebe verschwunden. Die Einführung der Direktzahlungen im Jahr 1993 hat das Bauernsterben weder beschleunigt noch gebremst.
Drei von zehn Hektaren verpachtet oder verkauft
Wie viel Land durch die Betriebsaufgaben frei geworden ist, zeigt keine Statistik. Eine Annäherung ergibt sich aus der Tatsache, dass die verbleibenden knapp 66,000 Betriebe im Jahr 2003 im Schnitt 4,7 Hektaren grösser waren als 1990. Damit müssten in dreizehn Jahren mindestens 300,000 Hektaren Land den Bewirtschafter gewechselt haben, knapp 30 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche von gut einer Million Hektaren.
Offen bleibt auch, wie viel von diesem Boden verkauft und wie viel verpachtet wurde. Seit 1994 das neue Bäuerliche Bodenrecht eingeführt wurde, muss der Verkauf von Bauernland zwar von den Kantonen genehmigt werden. Das soll garantieren, dass die Höchstpreisrichtlinien eingehalten werden. Bewilligt werden müssen nur Verkäufe über 25 Aren und auch diese nur, wenn nicht innerhalb der Familie gehandelt wird. Das wäre noch kein Problem, denn genau diese Verkäufe sind ja für die Frage der Bodenmobilität relevant. Leider fassen aber nur wenige Kantone die Flächen der bewilligten Verkäufe in einer Statistik zusammen.
Statistiken lassen vieles offen
Der Agrarökonom Gianluca Giuliani – er hat 2002 über Bodenmarkt und Bodenmarktpolitik dissertiert – schätzt, dass jährlich nur 0,2 bis 0,4 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche gehandelt werden. Das wären 2,000 bis 4,000 Hektaren pro Jahr oder maximal 52,000 Hektaren in 13 Jahren. Wenn zwischen 1990 und 2003 wie angenommen 300,000 Hektaren den Bewirtschafter gewechselt haben, müssten 250,000 Hektaren mehr verpachtet sein.
Dem ist aber nicht so: 1990 bewirtschafteten die Schweizer Bauern laut der Eidgenössischen Betriebszählung 427,000 Hektaren Pachtland, dreizehn Jahre später waren es nur 35,000 Hektaren mehr. Die neusten Zahlen sind zwar nur hochgerechnet. Doch auch bei der letzten Betriebszählung im Jahr 1996 wurde nicht bedeutend mehr Pachtland ausgewiesen. Aufgrund dieser Statistiken lässt sich also nicht vollständig zeigen, wie die Schweizer Bauernhöfe in den letzten dreizehn Jahren im Schnitt um 40 Prozent gewachsen sind.
Für Giuliani ist der Pachtlandanteil zu gering beziffert. In einer eigenen Hochrechnung kommt er auf 550,000 Hek-taren Pachtland. Die verbleibende Differenz erklärt er mit innerfamiliären Geschäften. Zum Beispiel könne Land, welches einer Erbgemeinschaft gehöre, als Eigenland ausgewiesen werden.
Ob billig oder teuer – es wird wenig gehandelt
Bleibt die Frage, weshalb nicht mehr Boden den Besitzer wechselt. Giuliani kommt in seiner Doktorarbeit zum Schluss, dass nicht die Direktzahlungen, sondern das Bäuerliche Boden- und Pachtrecht die Bodenmobilität einschränkt. Hinderlich seien die Höchstpreisrichtlinien und die Bedingung, dass nur Bauernland kaufen kann, wer dieses auch selber ackert oder mäht.
Dazu kommen die Besonderheiten des Bodenmarktes. Boden ist erstens unvermehrbar. Das Angebot kann bei grosser Nachfrage nicht einfach vergrössert werden und jede Parzelle ist in ihrer Art und von ihrer Lage her einzigartig und einmalig. Subjektive Gründe bestimmen deshalb den Wert massgeblich. Zweitens wird zwischen Bauland und Landwirtschaftsland unterschieden. Letzteres ist wesentlich weniger wert als Bauland, weil sich sein Wert danach richtet, wie viel Einkommen darauf mit Landwirtschaft erzielt werden kann. Der Bodenmarkt ist deshalb ein so genannter Verkäufermarkt: Die Bodenbesitzer sind am längeren Hebel.
Diese wollen nach der Theorie beim Verkauf möglichst viel verdienen. Attraktiv ist ein Verkauf also bei hohen Preisen. Die Preise für Bauernland sind jedoch in den letzten Jahren aus verschiedenen Gründen gefallen. Deshalb wollen heute laut Giuliani nur noch wenige Besitzer verkaufen. Die Einteilung in Bau- und Landwirtschaftsland verstärkt diesen Trend in Stadtnähe. So wird in Agglomerationsgemeinden kaum Boden gehandelt, obwohl dort anteilsmässig ähnlich viele Betriebe aufgegeben werden wie auf der Alpensüdseite. "Wer damit rechnet, dass sein Landwirtschaftsland eingezont wird – und damit massiv an Wert gewinnt –, verkauft es nicht", erklärt Agrarökonom Giuliani.
Boden kaufen ist eine teure Wachstumsstrategie
Anzunehmen, dass mit steigenden Preisen der Weg zum Wachsen offen ist, ist jedoch ein Trugschluss. Denn bei hohen Preisen kann sich kaum ein Bauer das Wachsen leisten. Auch bei moderaten Preisen von fünf bis sieben Franken pro Quadratmeter gutem Bauernland – teilweise wird heute für Boden noch deutlich mehr bezahlt – muss ein Bauer 50,000 bis 70,000 Franken aufwerfen, um seinen Betrieb um eine Hektare zu vergrössern. "Der Zukauf von 10 bis 15 Hektaren ergibt einen Kaufpreis in der Grössenordnung von einer Million Franken", rechnet Felix Peter von der Abteilung für Landwirtschaft des Kantons Aargau vor. Mit Getreide, Milch oder Fleisch kann dieser Kauf nicht finanziert werden – zumal ein Bauer nur so viel mehr Land bewirtschaften kann, wenn er grössere Maschinen einsetzt. Damit er mehr melken kann, braucht er ausserdem mehr Milchkontingent und in den meisten Fällen auch einen grösseren Stall. "Ein Wachstumsbetrieb kann durch Bodenkäufe kaum zu vernünftigen Strukturen kommen, ohne sich dabei übermässig zu verschulden", bilanziert Bodenmarktspezialist Giuliani.
Im Berggebiet finden sich keine Käufer
Diese Überlegungen treffen jedoch nur in Gebieten mit gutem Landwirtschaftsland zu. In abgelegenen Gebieten präsentiert sich die Lage ganz anderes. Dort ist Land zu günstigen Preisen erhältlich, findet aber keine Käufer. Vor allem auf der Alpensüdseite verzichten immer mehr Bodenbesitzer auf ihr Land, weil sie sich den Aufwand für den Unterhalt nicht mehr leisten wollen oder können. Sie treten ihren Boden gratis den Gemeinden ab – Dereliktion ist das Fremdwort für diese Entwicklung. Diese werde in den nächsten Jahren zunehmen, befürchtet der Walliser Staatsrat Wilhelm Schnyder. "Es gibt viele Gemeinden, in denen bis vor kurzem auch Randgebiete wunderbar gepflegt wurden, heute aber vieles vergandet", erklärte er in der Fachzeitschrift "Die Grüne". Zuerst ziehe sich die Landwirtschaft zurück, dann vergandeten die Flächen und am Ende komme es zur Dereliktion. Vor allem für das Oberwallis befürchtet er, dass es plötzlich viel herrenloses Land geben könnte.
Fazit: Unabhängig vom Preis und von der Politik gibt es viele Gründe, weshalb nur wenig Bauernland gehandelt wird. Vielleicht wäre es Zeit, nicht länger die geringe Bodenmobilität zu beklagen, sondern die Wachstumsstrategie zu hinterfragen.
Siehe auch "Bauernland: Die Preise sind gesunken, das Angebot rar" im LID-Mediendienst Nr. 2494 vom 7. Dezember 2000 / Info-Grafik "Fast die Hälfte des Landes ist gepachtet" im LID-Mediendienst Nr. 2598 vom 9. Januar 2003