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Auswanderer, Fotograf, Naturforscher, Expeditionsleiter, Sammler: Der Freiburger Patrizierspross Louis de Boccard (1866–1956) war eine schillernde Persönlichkeit. Als 23-Jähriger schloss er sich 1889 einer Gruppe von Freiburger Auswanderern an, die mit dreissig Kühen und drei Stieren in die argentinische Kolonie Bragado übersiedelten, um dort eine Art Greyerzerkäse herzustellen. Der abenteuerlustige, junge Mann wurde Sekretär auf einem Landwirtschaftsbetrieb, verliess Bragado aber nach einigen Monaten. Er zog nach La Plata, wo er eine Anstellung im Naturhistorischen Museum erhielt und an wissenschaftlichen, touristischen und politischen Expeditionen teilnahm und sie bald selber organisierte. 1894 kaufte er ein Haus und zwei Jahre später ein Landgut in Gualeguay, auf dem er sich mit seiner Frau und seinen zwei Kindern niederliess. Nach dem Tod seiner Frau unternahm er mehrere Reisen in die Schweiz, kehrte aber immer wieder nach Argentinien zurück. 1932 kaufte er ein Gut in Areguá in Paraguay, dort starb er 1956 mit neunzig Jahren.
Zwischen Geschichte und Kunst
Unter dem Titel «Conquistador» («Eroberer») zeichnet das Greyerzer Museum in Bulle jetzt das Leben von Louis de Boccard nach und zeigt gleichzeitig eine Fotoarbeit von Nicolas Savary, der 2014 auf den Spuren des Freiburger Auswanderers durch Argentinien und Paraguay reiste. «Es ist zugleich ein historisches und ein künstlerisches Projekt», sagt Museumsdirektorin Isabelle Raboud-Schüle. Nicolas Savary, der in Bulle geboren und aufgewachsen ist und heute in Lausanne lebt, entwickelte das Projekt im Rahmen einer Künstlerresidenz der Stadt Lausanne. Die Ausschreibung der Residenz habe ihn an die Geschichte von Louis de Boccard erinnert, die seit einigen Jahren in seinem Gedächtnis geschlummert habe, erzählt Nicolas Savary. Tatsächlich war es Théo Savary, der Vater des Fotografen, der 2010 bei der Räumung eines Hauses in Villars-sur-Glâne auf einen Koffer stiess, der jahrzehntelang vergessen im Estrich gestanden haben dürfte. Dieser Koffer enthielt zahlreiche Dokumente aus dem Nachlass von Louis de Boccard: Fotografien, Briefe, Expeditionsalben, Postkarten, Zeitungsausschnitte, Zugbillette und vieles mehr – Dinge, die vom Leben des Freiburger Abenteurers erzählen, aber auch von Argentinien und Südamerika zwischen 1890 und 1950.
Im Dialog mit der Vergangenheit
2017 hat das Greyerzer Museum den Fonds übernommen und arbeitet ihn jetzt nach und nach auf. Die aktuelle Ausstellung ist ein erstes Ergebnis davon. Während die Fotoarbeit von Nicolas Savary 2018 bereits im Musée de l’Elysée in Lausanne zu sehen war, ist in Bulle erstmals auch der Fonds Louis de Boccard zu entdecken. Nebst den grosszügig inszenierten Bildern von Savary sind über 200 Originalobjekte aus dem Fonds ausgestellt und treten mit den zeitgenössischen Fotografien in einen Dialog. Das war auch die Absicht von Nicolas Savary, als er sich 2014 auf den Weg machte. «Ich wusste nicht, was mich erwartete», erzählt der 47-Jährige. «Ich wollte herausfinden, welche Geschichten hinter den Bildern und Dokumenten von Louis de Boccard steckten, mich der Vergangenheit annähern und einen Teil der Geschichte wieder lebendig machen.» Savary besuchte Orte, an denen sich Louis de Boccard aufgehalten hatte, machte Nachkommen des Auswanderers ausfindig und fand auch immer wieder neue Dokumente. Seine Bilder erzählen von dieser Suche und von seinem ganz persönlichen Blick auf Argentinien und Paraguay.
Ein Foto etwa, aufgenommen in einem Hotelzimmer in Paraguay, zeigt einen Tisch voller Dokumente, die Savary bei Nachkommen von Louis de Boccard fand. Andere Bilder entstanden im Naturmuseum von La Plata, in dem der Freiburger Auswanderer angestellt war. Die Aufnahme eines ausgestopften Albatros erinnert an eine Anekdote aus de Boccards Aufzeichnungen, in denen er von einem Albatros erzählt, der bei einer seiner Überfahrten tot auf das Schiff fiel und den er einsammelte und später ausstopfte. In Bragado machte sich Savary auf die Suche nach dem Ort, an dem de Boccard 1889 ankam, in Buenos Aires dokumentierte er den Wandel der Quartiere Palermo und La Boca, und in Areguá porträtierte er junge Nachkommen des Auswanderers.
Das «grosse blaue Album»
Mit Savarys Bildern korrespondieren die Fotografien und Dokumente aus dem Nachlass von Louis de Boccard. Kernstück ist das «grosse blaue Album», wie die Verantwortlichen des Museums es liebevoll nennen: ein 72 mal 50 Zentimeter grosses, gebundenes Album mit 264 Fotografien von Buenos Aires und anderen Landesgegenden. Die meisten dieser Bilder aus den Jahren 1888 und 1889 stammen von dem damals 25-jährigen Bündner Fotografen Samuel Rimathé, der ein paar Monate vor Louis de Boccard nach Argentinien kam. De Boccard hat die Albuminabzüge gesammelt und eingeklebt. Dass die beiden Schweizer sich persönlich kannten, ist nicht belegt, aber wahrscheinlich. 82 Bilder aus dem Album sind in der Ausstellung zu sehen, dazu eine Reproduktion des Buches, in dem die Besucher blättern können. «Die Bilder von Samuel Rimathé sind erstaunlich», sagt Museumskonservator Christophe Mauron. «Mit seinen Momentaufnahmen und seinem Blick für das Alltägliche war er seiner Zeit weit voraus.»
Greyerzer Museum, Bulle. Bis zum 21. April. Di. bis Fr. 10 bis 12 und 13.30 bis 17 Uhr, Sa. 10 bis 17 Uhr, So. 13.30 bis 17 Uhr. Am So., 24. Februar, finden eine geführte Besichtigung und Vorträge mit verschiedenen Experten aus Fotografie, Ethnografie und Kunst statt (14 bis 16 Uhr).
Fonds Louis de Boccard
Restaurierung und Forschung
Der Fonds Louis de Boccard enthält an die 900 Fotografien und 300 andere Dokumente. Vieles davon fand sich in vier fein säuberlich geführten Alben. Herzstück ist das «grosse blaue Album» mit 264 Fotografien, von dem in der Ausstellung eine Reproduktion zu sehen ist. Wegen der Grösse des Albums und der schlechten Qualität des Papiers liessen sich die Seiten kaum umblättern, ohne die Fotos zu gefährden. Darum wurden die Bilder aus dem Album entfernt und einzeln restauriert und konserviert. Auch das Album wurde restauriert und bleibt erhalten. Forschungsprojekte für die weitere Aufarbeitung des Fonds sind in Planung.