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Im Zentrum des Seminars steht das «ventennio», die 20-jährige Herrschaft Benito Mussolinis, die wie kaum eine andere Periode die Geschichte des italienischen Nationalstaates prägt. Bis heute sind historiographische und politische Debatten um diese Zeit allgegenwärtig und die monumentalen «steinernen Reste» des Faschismus dienen als Mahnmale und Objekte der Verklärung in italienischen Städten und Dörfern. Im Seminar gilt es, diese Periode in einen grösseren Zusammenhang der italienischen Geschichte zu stellen und zu analysieren.
Der Erste Weltkrieg war der Katalysator für ein soziales und politisches Kräftemessen, das in Italien nach dem Krieg mit legalen und illegalen Mitteln ausgefochten wurde. Sozialrevolutionäre Bewegungen bildeten sich im gesamten politischen Spektrum heraus und sahen eine radikale Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen vor. Von seinen Anfängen als Kampfbewegung nach dem Ersten Weltkrieg, die es vermochte, die Unzufriedenheit grosser Teile der italienischen Gesellschaft zu kanalisieren, bis zur Etablierung eines totalitären Regimes im Laufe der 1920er Jahre war der Faschismus einem ständigen Wandel unterzogen, der innere Zerwürfnisse und politische Notwendigkeiten widerspiegelte. Nach der Festigung der Macht konnte Mussolini zu einer gesamtgesellschaftlichen Neukonzeption übergehen, die es ihm ermöglichen sollte, breiten Konsens für seine Politik zu erreichen. Gleichzeitig trachtete der italienische Machthaber nach einer Revision der aus italienischer Perspektive skandalösen Friedensschlüsse von 1919. Der Mythos der «vittoria mutilata», des «verstümmelten Sieges» und der Irredentismus wurden damit zu Leitmotiven der italienischen Aussenpolitik. Ergänzt wurde diese Politik durch den Expansionismus und der Suche nach einem Kaiserreich in Afrika. Die Annäherung an NS-Deutschland ab 1936 und die katastrophale Erfahrung des Zweiten Weltkriegs wurden schliesslich zum Grabstein für die faschistische Herrschaft und zu einer Bürde für die postfaschistischen Regierungen.
Ziel des Seminars ist es somit, die Bedeutung des Ersten Weltkriegs für die italienische Nachkriegsgeschichte sowie für Genese und Aufstieg des Faschismus zu untersuchen, Mussolinis Ziele für die Gestaltung einer neuen Gesellschaftsordnung zu betrachten, innen- und aussenpolitische Perspektiven zu erörtern, die faschistische Revisions- und Expansionspolitik darzustellen sowie die Folgen bis zu den Friedensschlüssen mit Italien vom Februar 1947 einzuordnen.
Einführende Literatur:
Albanese, Giulia (Ed): Rethinking the History of Italian Fascism, London 2022.
Dogliani, Patrizia: Il fascismo degli italiani. Una Storia sociale, Milano 20223.
Mantelli, Brunello: Kurze Geschichte des italienischen Faschismus, Berlin 1998.