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Weisst du, wie viel du weisst? Sicher?
Ein gutes Gefühl bei der Vorbereitung und in der Prüfung – und dann folgt eine ungenügende Note? Wie kann das sein? Wusstest du nicht genug? Und: Wie kannst du überhaupt wissen, wie viel du weisst? Oder wie wenig?
Ich hatte ein sehr gutes Gefühl nach der Prüfung - und dann kam so eine miese Note, wie kann das sein?
Schock und Unglauben folgen manchmal auf die Verkündigung eines Prüfungsresultats.
Die Empörung ist besonders gross, wenn sich bei der Vorbereitung und während der Prüfung ein gutes Gefühl einstellte. «Ich kann das» oder «läuft gut». Und auf ein gutes Gefühl sollte doch eine gute Note folgen, oder? Nein, leider nicht.
Wenn du das Gefühl hast, du hättest es gut gemacht, gibt es zwei mögliche Resultate:
a) Du hast es gut gemacht.
b) Du hast es sehr schlecht gemacht.
Diese Erkenntnis stammt von David Dunning und Justin Kruger, die in den 90er-Jahren an der Cornell University forschten.
«Wenn Menschen schlechte Leistungen erbringen oder inkompetent sind - wissen sie überhaupt, dass sie inkompetent sind?»
Diese Frage stand am Anfang der Arbeit der beiden Sozialpsychologen – und ihre Antwort ist so klar wie ernüchternd:
Sie wissen es nicht.
Dunnings und Krugers Forschungsergebnisse über die Wahrnehmung der eigenen Inkompetenz wurden legendär und prägten 1999 den «Dunning-Kruger-Effekt».
Mit verschiedenen Studentengruppen haben die beiden Forscher viele Experimente durchgeführt. Sie wollten herausfinden, ob und wie das Ausmass der eigenen Inkompetenz gemessen werden könnten.
Die Studienteilnehmenden mussten dafür unter anderem drei Tests absolvieren und Fragen aus den Bereichen Grammatik, logische Argumentation und Humor beantworten.
Das Thema Humor wählten Dunning und Krüber übrigens, weil sie von einer Alltagserfahrung ausgingen: Die meisten Menschen überschätzen offenbar ihre Fähigkeit, voraussagen zu können, was für andere lustig ist.
Das passiert gar nicht so selten: Jemand macht einen Witz und niemand lacht. So manch ein Scherzbold schätzt komplett falsch ein, was sein Publikum lustig findet – und was eben nicht.
Am Ende jeder Testserie wurden die Teilnehmenden jeweils gefragt: «Was denkst du: Wie gut hast du abgeschnitten im Vergleich mit den anderen?»
Unfähigkeit führt zu Selbstüberschätzung
Im Alltag erleben wir die Inkompetenz anderer oft und meist störend: forsche Autofahrer/innen brechen vollkommen unbesorgt Regeln, die sie ganz offensichtlich nicht kennen.
Oder wir nerven uns an Meinungsträgern, die stur bei ihrer Falschmeinung bleiben – trotz anderslautender Faktenlage. Irritierend ist dabei vor allem das Selbstvertrauen, denn in all diesen Situationen erscheint es vollkommen fehl am Platz.
Vor allem, wenn wir die Verkehrsregeln verinnerlicht haben oder uns im besprochenen Thema besonders gut auskennen.
Dunning und Kruger haben mit ihren Arbeiten auch gezeigt, dass in gewissen, von ihnen untersuchten Bereichen - wie beispielsweise dem Autofahren, dem Schachspiel oder auch dem Erfassen komplexer Texte – die Unwissenheit zu mehr Selbstvertrauen führt als das Wissen.
Eigentlich müsste es doch andersherum sein, nicht wahr? Je weniger ich weiss, desto vorsichtiger werde ich… Nun, Nichtwissende werden gerade durch ihr Nichtwissen übermütig.
Wer besonders wenig weiss, überschätzt sich besonders stark
Ein Viertel der Studienteilnehmenden lagen mit der Einschätzung ihrer Leistung im Vergleich zu den anderen so richtig daneben:
Sie vermuteten sich unter denjenigen, die 60-70 Prozent der möglichen Punkte erzielten. Ihr Resultat betrug aber lediglich 11-13 Prozent des Maximalresultats.
Anders gesagt: Wer besonders wenig weiss, überschätzt sich besonders stark.
Die Besten dagegen, die zwischen 80-90 Prozent der möglichen Punktzahl erzielten, gaben eine vorsichtigere Prognose ab: Sie glaubten, zu der Gruppe zu gehören, die 65-85 Prozent der möglichen Punkte erreichten.
Anders gesagt: Sie lagen mit ihrer Einschätzung ziemlich richtig, oder unterschätzten sich ein wenig.
Leistung Resultat Prognose
|Niveau||Ergebnis||Einschätzung|
|Schlechteste||11-13 Prozent der Note||60-70 Prozent der Note. Die anderen sind dümmer|
|Beste||80-90 Prozent der Note||65-85 Prozent der Note. Die anderen sind gleich intelligent|
Kruger und Dunning zogen aus all diesen Untersuchungen folgenden Schluss:
Inkompetenz führt zu einem übersteigerten Selbstvertrauen («Ignorance makes you overconfident»).
Diese Aussage ist in den Vereinigten Staaten so berühmt geworden, dass Personen, die sich mit ihrer Inkompetenz outen, schon mal geneckt werden:
«Welche Hochschule hast du absolviert? Die Kruger-Dunning-Uni?»
Woher rührt aber diese krasse Fehleinschätzung der Inkompetenten?
Die beiden Forschenden erklärten das überraschende Phänomen so: Um die eigene Kompetenz einschätzen zu können, benutzt das Hirn dieselben Informationsstrukturen, die es nutzt, um die Fragen zu beantworten, die im Test gestellt wurden.
Dies wird an einem konkreten Beispiel leicht verständlich: Wenn ich mich noch nie richtig mit Komma-Regeln befasst habe, konnten sich die entsprechenden Verknüpfungen im Gehirn noch nicht aufbauen.
Dadurch fehlt mir das Instrument, das mir eine Einschätzung erlaubt, wie gut meine Kenntnisse der Komma-Regeln tatsächlich sind. Ein vorsichtiges Urteil über meine Komma-Kenntnisse würde also lauten:
«Ich habe keine Ahnung, wie gut ich die Regeln beherrsche, denn ich habe mich noch nie richtig damit befasst.»
Wie kommt man gegen die eigene Inkompetenz an?
Intuition und Bauchgefühl sind tolle Werkzeuge – sie erlauben unserem Gehirn, Energie zu sparen.
Es überschlägt kurz eine Rechnung oder Aufgabe und spuckt eine Antwort aus, die plausibel erscheint. Aufgabe erledigt, Ressourcen geschont!
Nachdenken, Analysieren und Prüfen fordern unserem Denkorgan so viel Energie ab, dass es diese Anstrengung lieber vermeidet.
Stimmt aber der spontane Einfall? Leider nicht immer.
Und je weniger vorher wirklich gelernt wurde, desto grösser ist das Risiko, dass wir Unsinn von uns geben – und peinlicherweise sogar, ohne es zu merken.
Solange auf ein gutes Gefühl nur einmal eine schlechte Note folgt, ist das nicht weiter schlimm.
Dann liegt es am Thema, an der Tagesform oder ist schlicht und einfach Pech. Jedem kann mal etwas misslingen.
Passiert es dir aber immer wieder, wenn du bei der Vorbereitung oder in einer Prüfung ein gutes Gefühl hast, danach aber von einer schlechten Note «kalt erwischt» wirst?
Dann solltest du dein Lernverhalten überdenken. Es könnte sein, dass du dich nicht genügend sorgfältig vorbereitest.
Drei Schritte führen aus der «Kruger-Dunning-Falle»
Wer immer wieder erlebt, dass auf ein gutes Gefühl eine schlechte Note folgt, sollte die folgenden drei Schritte beim Lernen befolgen.
Mindestens so lange, bis das positive Gefühl während der Prüfung irgendwann tatsächlich mit einem positiven Prüfungsresultat übereinstimmt:
1. Entwickle eine gesunde Skepsis gegenüber deinen eigenen Fähigkeiten.
Wohlgemerkt, du musst dich nicht als Person generell und andauernd in Frage stellen! Nur im Bezug mit dem Lernthema, das gerade vor dir liegt oder das dir in der Vergangenheit öfters Mühe bereitet hat. Bemühe dich, Unsicherheit zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren – also mit Lernen.
Es lohnt sich auch, Gedanken wie «das kann ich dann schon», «das kenne ich irgendwie» oder «wird schon gutgehen» eine Weile lang grundsätzlich zu misstrauen.
Erkenne deine eigenen «Lernsaboteur-Gedanken», mit denen du die intensivere Auseinandersetzung mit dem Lernstoff abbrichst, verschiebst oder vermeidest.
Gerade sie sind es, die oftmals Zuversicht vermitteln – die allerdings durch nichts gerechtfertigt sind.
2. Lege bei der Vorbereitung auf Prüfungen den Fokus stärker aufs Abfragen statt aufs Nachvollziehen oder Verstehen.
Etwas in der Theorie nachlesen, ein Thema zusammenfassen, die Notizen ordnen – all diese Tätigkeiten sind schön und gut und auch wichtig im Studium.
Sicherheit in Bezug auf deine Kompetenz oder Inkompetenz gibt dir aber nur eines: ein Test.
Erst, wenn du Fragen ohne jegliche Hilfe richtig beantwortest, kannst du ganz sicher sein, dass du das Thema beherrschst.
Schaffst du eine Probeprüfung in exakt der vorgegebenen Zeit - ohne Hilfe?
Kannst du eine Definition auswendig nachsagen?
Kannst du frei aus dem Gedächtnis ein Mindmap oder ein Schema zeichnen, in dem die wichtigsten Schlüsselthemen abgebildet sind?
Kannst du aus dem Stand einen kurzen Aufsatz über das Thema schreiben?
Kannst du es jemandem erklären?
Stimmt, diese Selbstabfrage ist oftmals unangenehm, braucht Zeit und tut weh.
Schliesslich werden wir so mit unserer eigenen Inkompetenz konfrontiert.
Genau hier setzt aber der Lernprozess ein: beim Abrufen.
3. Gewöhn dir an, Prüfungsaufgaben zweimal durchzugehen.
Einmal rasch und nach «Bauchgefühl»: Schreib spontane Antworten auf ein Notizblatt oder mit Bleistift an den Rand, aber markiere jetzt schon, was mit einem unguten Gefühl oder sogar Unsicherheit verbunden ist.
Beim zweiten Durchgang nimmst du dir Zeit, liest genau, überlegst sorgfältig, denkst analytisch und bohrst in deinem Hirn nach den richtigen Fakten.
Vom Nichtwissen ausgehen – und Wissen schrittweise aufbauen
Ich weiss, dass ich nichts weiss.
Vor dem Hintergrund des oben Gesagten wird Sokrates‘ berühmtes Zitat besonders interessant.
Weiss er wirklich…? Aber wenn er tatsächlich nichts weiss – wie kann er dann erkennen, dass er nichts weiss? Verwirrend.
Doch als Haltung für dich, während du lernst, wäre genau dieses «ich weiss, dass ich nichts weiss» eigentlich schlau.
Solange du Anfänger bist oder noch keine guten Resultate erzielst, solltest du einfach mal davon ausgehen, dass du nichts weisst.
Und zwar so lange, bis du dir das Gegenteil bewiesen hast. Dies kannst du schon während des Lernens tun, indem du dich häufig abfragst, dich testest, dein Wissen prüfst.
Nicht umsonst ist die Selbstabfrage erwiesenermassen eine der effektivsten Lernstrategien überhaupt. Weitere gute Lernstrategien findest du hier:
In Kürze:
- Inkompetenz führt zu übertriebenem Selbstvertrauen.
- Intuition und Bauchgefühl führen uns oft in die Irre.
- Um deine eigene Leistung in einem Gebiet einschätzen zu können, musst du dich in diesem Gebiet gut auskennen.
- Der Gedanke «Das weiss ich …. so ungefähr» führt beim Lernen zum Misserfolg
- Nur die (gnadenlose) Selbstabfrage rechtfertigt ein gutes Gefühl beim Lernen.