Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03442.jsonl.gz/1034

Piktogramme, Zeichen und Symbole
Kurzer geschichtlicher Rückblick
Die ersten Zeichen, die auf Informationen zurückzuführen sind, entstanden vor vielen hunderten Jahren in den Höhlen und im fernen Ägypten in Form von Hieroglyphen. Diese handgefertigten Zeichen erzählten Geschichten, erklärten Rituale und warnten vor Gefahren. Die ersten piktografischen Schriften entstanden dann vor mehreren Jahrtausenden. An Abbildung 1 wird deutlich, wie sich die Schrift immer mehr über die Jahrhunderte reduzierte. In der Spalte ganz links ähnelt die Schrift sehr den heutigen Symbolschriften, je jünger die Schrift wird desto mehr wird sie zu einer Schrift, wie zum Beispiel die der chinesischen Zeichen.
Otto Neurath (1882 – 1945) hat sich die ägyptischen Hieroglyphen als Vorbild für seine Zeichenrecherche genommen. Er hat diese so umfunktioniert, dass daraus reduzierte, technische Zeichen wurden. Seine Absicht war es eine Sprache zu entwickeln, die international als Standard angesehen werden sollte. 1949 verfolgte Charles Kasiel Bliss (1897 – 1985) einen ähnlichen Ansatz mit der Entwicklung eines sprachübergreifenden Schriftsystems. Dieses besteht aus 120 Grundsymbolen, welche sich – inspiriert von chinesischen Zeichen – zu Zeichen zusammensetzen lassen. 1 Ziel war es eine völkerunabhängige einheitliche Sprache zu haben, die jeder lesen kann.
Auch Adrian Frutiger (1928 –2015) hat sich mit diesem Thema beschäftigt und schreibt in seinem Buch, dass das Papier eine weisse leere Oberfläche ist, die erst durch das Hinzugeben von schwarz aktiv wird. Die ersten Zeichen kamen auch mit nur einer Farbe aus. Interessant sind die Zeichen der Steinmetze, mit denen sich Frutiger beschäftigt hat. 2
Bei Abbildung 3 wird deutlich, dass die ersten drei Symbole gut erkennbar sind: Lagerfeuer, Wolke und Blitz. Dies sind Zeichen, die von fast jedem identifiziert werden können, da das Abbild dem original auch ohne Farbe ähnelt. Sobald es aber abstrakter wird, wie bei den letzten zwei Symbolen (Abb. 3), wird es schwieriger. Erst nach längerer Betrachtung sind Bäume erkennbar und eine Landschaft. Um solche Symbole zu lesen, müssen Grundlagen bekannt sein. Neben Neurath, Bliss und Frutiger haben auch andere Grafiker und Wissenschaftler, wie beispielsweise Willi Baumeister (1889 – 1955), Matt Mullican (*1951), Otl Aicher (1922 – 1991) an einem Zeichensatz gearbeitet. Ohne diese Arbeiten wären heute Piktogramme und Icons wahrscheinlich nicht so weit verbreitet. Die Piktogramme der Olympischen Spiele 1972, entworfen von Otl Aicher, sind aus der Geschichte des Grafikdesigns nicht mehr wegzudenken. Ebenso wenig die Arbeiten von Otto Neurath zusammen mit dem Grafiker Gerd Arntz für Wien. Neurath ging es vor allem darum eine Bildsprache zu entwickeln, die weitestgehend ohne Worte auskommt und komplexe Sachverhalte bildlich erklärt. Er entwickelte 1920 in Wien die «Wiener Methode der Bildstatistik». Diese wurde später unter dem Namen «ISOTYPE» weitergeleitet und bekannt. Seine Arbeiten mit dem Grafiker Gerd Arntz sind von einer technischen Einfachheit geprägt. 3
Bevor jedoch mit der Gestaltung eines Zeichensatzes begonnen werden kann, müssen diverse Hintergründe und Anforderungen recherchiert werden und es muss bekannt sein, wie die menschliche Wahrnehmung funktioniert.
Wahrnehmung und Form
Die Wahrnehmung durch das Betrachtete wird direkt vom Auge zum menschlichen Gehirn geleitet. Die Übersetzung von Informationen muss bei der Gestaltung von Grafiken berücksichtigt werden, so dass diese steuerbar wird. Die linke Gehirnhälfte ist bei den Menschen der logische Teil, in welchem analysiert wird und Zahlen verarbeitet und strukturiert werden. Bei der rechten Gehirnhälfte hingegen ist Raum für Fantasie, Konzeption, Ideen und Mustererkennung. Kurz gesagt ist links für die Verarbeitung der Informationen zuständig und rechts für das Erkennen der Gestaltung, der Zeichen und wie diese empfunden werden. 4 Zum Beispiel können Menschen weniger genau Vertikalen als Horizontalen abschätzen. Ein Turm würde uns also viel höher vorkommen als eine Strecke, die gleich lang ist. 5
Der Mensch bewegte sich von Anfang an auf horizontaler Ebene. Aus diesem Grund hat sich die Kraft seiner Optik vorwiegend in die Breite orientiert, denn die Gefahrenzone lag hauptsächlich seitlich. Aus einer jahrtausendealten, vererbten Anstrengung können wir heute feststellen, dass unser Sichtfeld in der horizontalen Dimension viel weiter ausgedehnt ist als in der vertikalen.6
Zur Wahrnehmung gehören ausserdem die geometrischen Grundformen, wie: Dreiecke, Kreise, Rechtecke und Linien. «Der Prototyp Linie wird von Anfang an als eine Gerade aufgefasst. Wir nehmen an, dass durch die Nebeneinanderstellung von Punkten der Ausdruck einer Linie vorgetäuscht wird, dass sie zu einer Vervollständigung einlädt.»7 Zudem kann eine Linie nur so lange als Linie erkannt werden, bis sie eine gewisse Strichstärke nicht überschreitet. Wird eine Linie zu fett sieht das Auge keine Linie mehr, sondern eine Fläche, was für das Erkennen von Zeichen, die klein oder filigran sind, erschwert.8
Alexander Kerstin war der gleichen Meinung und hat noch folgendes in Bezug auf Linien in Form von Pfeilen ergänzt: «Wir lesen von links nach rechts. Dementsprechend empfinden wir eine Waagerechte mit Pfeilspitze nach rechts als vorwärts weisend, eine Waagerechte mit Pfeilspitze nach links als rückwärts weisend.»9 Ein weiterer Punkt ist die Vervollständigung. Wenn viele Punkte auf einer Geraden verlaufen, werden diese automatisch als Linie erkannt und somit vom Menschen selbst vervollständigt. So entstehen durch Akzente von unterschiedlich dicken Punkten Kreise, Dreiecke, Pyramiden und vieles mehr (siehe Abb. 5).
Eine weitere wichtige Rolle spielt die Leserichtung bei der Wahrnehmung von Steigung und Gefälle. Die lateinische Schrift, wie sie auch in der Schweiz verwendet wird, wird klassisch von links nach rechts und von oben nach unten gelesen (rechtsläufig). Dies hat zur Folge, dass eine Schräge von links unten nach rechts oben gerichtet den Eindruck einer Steigung ergibt, jedoch von links oben nach rechts unten es eher wie ein Gefälle wirkt. Dies ist vor allem bei Verkehrsschildern zu beobachten, die zwar gelernt wurden, jedoch dieser natürlichen Logik entsprechen.10
Die Verkehrsschilder haben unsere Wahrnehmung sehr geprägt. Die Schilder teilen uns Verbote, Gebote und Hinweise mit. Die Verkehrsschilder bestehen meistens aus Kreisen oder Dreiecken, denn eine Stadt an sich wird wegen der Häuser schon sehr rechteckig geprägt. Die Schilder würden schlichtweg untergehen und nicht rechtzeitig erkannt werden.11 Ein sehr abstraktes Verkehrszeichen ist das Zeichen für «gefährliche Kreuzung», welches kein anderes Symbol besitzt als ein «x».
Das Kreuz an sich ist immer offen und deshalb gehört es laut Frutiger zu den abstrakten Zeichen. Der Mensch kann sich weniger damit identifizieren. Ein Quadrat hingegen ist geschlossen und steht mental für den Standpunkt, Schutz und sozusagen das Haus bzw. Grundstück. 12
Bei der Betrachtung von Verbos- oder Auflösungsschildern fällt auf, dass die Symbole dort oft durchgestrichen sind, wie beim «Wenden verboten» oder bei der Aufhebung von Geschwindigkeitsbegrenzungen. Dies gilt häufig ebenso für allgemeine Schilder, wie «Rauchen verboten», welches oft nur mit einer Linie durchgestrichen ist. Dabei ist in den meisten Fällen ein Verbotsschild rund und mit einem roten Rahmen versehen und ein Gebotsschild blau und rund oder blau und eckig (Parking, Hospital, Info, usw.).
Adrian Frutiger betont ausserdem, dass Symbole, die Buchstaben ähneln auf keinen Fall als Objekt erkannt werden, sondern nur als Buchstaben. Das Gehirn hat die Buchstaben schon gespeichert. Es ist somit schwer in den folgenden Formen etwas anderes als Buchstaben zu erkennen:13
Ein anderer relevanter Punkt in der Wahrnehmung ist die automatische Gesichtserkennung. Menschen wollen überall Gesichter sehen. Schon Kinder zeichnen ein Gesicht bestehend aus einem Kreis und vier Linien oder einem Kreis, zwei Punkten und zwei Linien. Das Auge spielt oft verrückt und der Mensch erkennt Gesichter in Steinen, Wäldern, Sand, etc. – also muss bei der Gestaltung darauf geachtet werden, dass kein Gesicht erkannt wird, wo keins sein soll.14
Wenn der Betrachter davor bereits weiss, um welchen Kontext es sich handelt, ist sein Grundverständnis für das Piktogramm schon erhöht. So verhält es sich mit der gewählten Überschrift zu einer Grafik oder einem Plan, genauso wie zum Inhalt eines Gebäudes oder Areals. zum Thema.16
Die sind nur einige der Wahrnehmungsregeln, die für Gestaltungen wichtig sind. Es gibt mittlerweile viel mehr Erkenntnisse und Regeln, die hier aber nicht weiter vertieft werden.
Technik, DIN und ISO-Standards
Otl Aicher beschäftigte sich intensiv mit Standardisierung von Zeichen und mit deren Normen und Regelungen. In dem Buch «Zeichensystem der visuellen Kommunikation», welches er zusammen mit Martin Krampen erstellt hat sind viele interessante Grafiken verzeichnet. Darunter Normierungen für gewissen Bereiche wie Landschaftsplanung, Bewegungsorientierung, Piktogramme und vieles mehr. Ebenso war Otl Aicher ein Visionär was eine internationale Zeichensprache zu kreieren betrifft. Er vertrat die Auffassung, dass alle Kreativen zusammen an einem Strang ziehen sollten und nicht immer neue Zeichensätze entwickeln, sondern vielmehr auf Vorhandenes zurückgreifen sollen. Dabei spielt die technische Seite dieser Zeichen in seinem Buch eine enorm wichtige Rolle. Otl Aicher und Martin Krampen gehen oft auf ISO-Standards und DIN-Normen ein. Nachfolgend ein paar Beispiele, wie solche genormten Skizzen und Zeichen aussehen.17
Zudem gibt es bereits viele Normen und ISO-Standards. Nachfolgend werden einige etablierte Beispiele gezeigt und benannt. Die Bezeichnung der Norm ist «ISO 7010» und sie legt Rettungs-, Verbots-, Gebots-, Warn- und Brandschutzzeichen fest. Wohingegen die Formen und Farben in der «ISO 3864» geregelt sind. Dies soll international für mehr Sicherheit durch einheitliche Kennzeichen sorgen.
Warnzeichen
Verbotszeichen
Brandschutzzeichen
Brandschutzzeichen werden auch Sicherheitszeichen genannt und kennzeichnen Einrichtungen und Geräte, die für den Brandschutz relevant sind. Das Format ist viereckig. Der Hintergrund ist Signalrot (RAL 3001) und das Zeichen Signalweiss (RAL 9003).
Gebotszeichen
Gebotszeichen sind Sicherheitszeichen, die auf ein Gebot hinweisen. Die Form ist rund mit einem Hintergrund in Signalblau (RAL 5005) und Zeichen in Signalweiss (RAL 9003).
Rettungszeichen
Rettungszeichen weisen innerhalb von Gebäuden auf Fluchtwege und Verhalten hin. Die Rettung der Personen steht hier im Vordergrund. Die Zeichen sind quadratisch bzw. mit Richtungspfeil rechteckig. Die Hintergrundfarbe ist Signalgrün (RAL 6032) und die Zeichen sind in Signalweiss (RAL 9003) anzulegen.
Zeichen, Icons, Symbole, Isotype und Piktogramme
Im Rahmen der Gestaltung von Informationen – vor allem international – ist es hilfreich grafische Elemente zu verwenden. Bereits Aicher war der Ansicht, dass die Zeichensprache eine neue Zeit einleiten würde und die allgemeine Sprache auf internationalem Boden überhand gegenüber dem Text bekommt. «Die Beschleunigung dieser Entwicklung18 seit Beginn unseres Jahrhunderts deutet darauf hin, daß für bestimmte Kommunikationssituationen die Nationalsprachen und deren schriftliche oder typographische Übertragung fortschreitend durch Symbole ersetzt werden. Dies gilt sicher überall dort, wo es gerade um die Überwindung von Sprachbarrieren geht.»19
Zeichen
Grafische Elemente, sogenannte «Zeichen» können nach ihrer Anwendung und Semantik geteilt werden.20 Dabei werden drei Zeichenkategorien unterschieden: Ikon, Index und Symbol. Desweitern werden auch drei Zeichenarten unterschieden: Piktogramm, Icon, Logo/Signet. Um die Möglichkeiten und Aufgaben der einzelnen Bezeichnungen zu erkennen, ist es notwendig die Zusammenhänge bzw. Unterschiede der einzelnen Begriffe: zu differenzieren.21
Ikon(e)
Ikone kommt aus dem Griechischen und bedeutet so viel, wie «Abbild». Es sind Zeichen, die die Bedeutung des Zeichens abbilden. Als Beispiel dient die Treppe, diese erinnert uns an eine Treppe, die wir schon einmal „real“ gesehen haben.22 Eine Ikone ist auch ein »Kultbild der orthodoxen Kirche mit der Darstellung heiliger Personen oder ihrer Geschichte« und wird nur im Kontext erkannt.23 24 In der Semiotik, also der Wissenschaft von Zeichen und deren Bedeutungen, wird das Icon als ein Zeichen definiert, der abzubildenden Sache ähnelt.25
Index
Ein Index ist ein Zeichen, das eine Assoziation zur Bedeutung hat. So erinnern uns Messer und Gabel (Besteck) an das Essen. Die logische Konsequenz ist: Wo es Besteck gibt, gibt es etwas zu Essen und das Zeichen wird dadurch als «Restaurant» erkannt.26
Symbol
Das Symbol ist ein Zeichen, das ohne direkten Bezug zum Abgebildeten ist.27 Zeichen, die sich nur mit Vorkenntnissen deuten lassen, sind Symbole, Beispiele dafür wären: Nationalflaggen und die Flagge der Europäischen Union. Die zwölf Sterne sind ergeben sich nicht aus der Anzahl der beteiligten Nationen, sondern die Zahl «12» ist das Symbol der Vollkommenheit, Vollständigkeit und Einheit.28 Die Bedeutung von Symbolen muss zuerst erlernt werden.29
Selbst ein Zeichen für einen «An- und Aus-Schalter» wird meistens nicht mit einem verständlichen Icon, sondern mit einem Symbol dargestellt. Das gezeigte Symbol bildete sich aus einer römischen Eins «I» (einschalten) und einer kreisrunden Null «O» (ausschalten).30
Jedoch sind nicht alle Symbole weltweit mit der gleichen Bedeutung hinterlegt. Dies gilt zum Beispiel für Symbole «Daumen hoch», welches in den meisten Ländern «super» oder «eins» bedeutet und in anderen Ländern eine vulgäre Beschimpfung ist (Russland, Mittlerer Osten, Teilen von Afrika, Australien und der Türkei).31 Deshalb erwähnte Aicher bereits 1977 in seinem Buch: «Im Interesse der internationalen Kommunikation ist also eine verbindliche Standardisierung von Bildsymbolen ein vordringliches Gebot.»32 Es ist nicht nur schwer standardisierte Icons und Zeichen zu entwickeln, sondern auch diese dann allen Menschen beizubringen. Abstrakte Zeichen können selbst für nur ein Land wie das der Schweiz schwer zu integrieren sein. Der Vorteil von Zeichen liegt in der schnellen Erfassbarkeit, der Nachteil jedoch ist, dass ein blosses Symbol grosse Chancen hat, missverstanden zu werden.33 Symbole können eingesetzt werden, um mehr auszudrücken als nur das Offensichtliche. Deswegen werden diese oft als Bildzeichen für Logos oder als Markensymbol verwendet. Symbole sollten jedoch nicht auf Tasten und Knöpfe appliziert werden. Ein Ring ist ein Symbol für der Treue, Wellen sind ein Symbol für das Element Wasser und ein vierblättriges Kleeblatt ein Symbol des Glücks.34
Eine kleine Anekdote zu den drei Begriffen: Ikon, Index und Symbol:
Als früher Daten noch hauptsächlich auf Disketten gespeichert wurden, war das gängige «Speichern»-Zeichen für alle verständlich und deshalb als Ikone einzuordnen, da es das Abbild der dazugehörigen Bedeutung war. Für alle, die die 3,5-Zoll-Disketten noch kennen, ist das Zeichen heute ein Index, da es uns an das «Speichern» erinnert. Für die junge Generation, welche noch nie eine Diskette gesehen haben, ist es ein Symbol, da es keinen Bezug zwischen der Grafik und der Bedeutung mehr hat.35
Logo bzw. Signet
Der Begriffe Logo kommt aus dem Griechischen und bedeutet: Sinn. Das Wort Signet hingegen kommt aus dem Lateinischen und bedeutet: Zeichen. Beide Begriffe werden verwendet, um Firmen oder Organisationen eine eindeutige Identität zu geben. Dabei kann sowohl auf Bilder, Worte, einzelnen Buchstaben, Zahlen und kombinierte Zeichen zurückgegriffen werden. Sie transportieren Ideen und die Philosophie eines Unternehmens. Oft ist das Logo der erste Touchpoint und sollte deshalb das Unternehmen bestmöglich widerspiegeln und die Einzigartigkeit hervorheben. Die Bildzeichen oder Bildmarken, werden gekonnt genutzt, um eine Marke oder ein Unternehmen zu kennzeichnen.36
Icon
Ein Piktogramm, das speziell für Benutzeroberflächen entwickelt wurde nennt man Icon. Dabei besteht häufig eine Verwechslungsgefahr mit dem Begriff «Ikone». Ein «Icon» ist ein grafisches Zeichen innerhalb einer Benutzeroberflächen, wohingegen es beim «Ikon» darum geht, ein Zeichen zu gestalten, welches die Bedeutung wirkliche Bedeutung des Zeichens abbilden.37 Icons kommen aus der Informationstechnik und bilden eine Aktivität oder ein Objekt ab, welche für eine bestimmte technische Funktion (Displays, Automaten, Software, usw.) steht. Welche Funktion sich hinter dem Icon verbirgt, muss vom Anwender meistens erst erlernt werden.38 Wenn Nutzer:innen das Icon anwählt, wird eine bestimmte Aktion ausgelöst, z. B. das Starten eines Programms.39 Es soll eine klare unmissverständliche Aussage oder einen eindeutigen Hinweis liefern.40
Dennoch lassen sich mit allgemeinen Icons im passenden Umfeld kulturelle und sprachliche Barriere überwinden. Ein Beispiel für ein bekanntes Icon ist das Piktogramm «Lupe». Dieses wird immer als solches erkannt und dient somit als Hinweis für eine Suchfunktion. Nach Stapelkamp dienen Icons auf Schildern meist als Vorgabe und Hinweis zum Verhalten und als Wegweiser und werden deshalb oft auch Piktogramm genannt.41
Isotype
ISOTYPE – ehemals «Wiener Methode der Bildstatistik» – wurde von Neurath und Arntz als moderne Bildersprache betitelt, welche eine durch Symbole verdeutlichte Sprache für die Darstellung von Tatsachen verwendet werden sollte.42 Vor allem aber in den Bereichen Technik, Gesellschaft und Wissen. Oberstes Kriterium war die Verständlichkeit, welche nur durch eine klare Struktur gewährleistet werden kann. Die symbolische Sprache soll in mannigfaltigen Umgebungen durch eine Art Bausteinsystem verwendbar sein. Auch mit weitgehendem Verzicht auf Sprache soll dies eine Kommunikation ermöglichen, um Missverständnisse durch Kulturunterschiede oder Analphabetismus zu besiegen.43
All dies zeigt aber auch, dass ISOTYPE als Erweiterung von bereits vorhandenem Wissen auf der Basis von alltäglichem Vorwissen aufbaut und demnach nicht grundsätzlich selbsterklärend sein will.44[/efn_note]
Dabei geht es nicht um die immer wieder neue Erfindung von Zeichen, sondern um die Wiedererkennung und die Wiederholung.45 ISOTOPE war stark mit der Auftragslage und kommunalen Projekten in Wien verknüpft.46 Otl Aicher und Martin Krampen waren einer ähnlichen Ansicht, dass auch eine Zeichensprache ähnlich wie die gesprochene Sprache gewisse Grundregeln braucht. «Die semantischen Elemente, die zum Ausdruck eines Sachgehaltes dienen» und aber auch die «syntaktische Funktion, die den Ausdruck einzelner Sachverhalte zu einer Aussage verbindet.» Als Beispiel wird das Symbol «Rauchen verboten» verwendet. Das Zeichen der Zigarette bedeutet Rauchen und das Rot in Verbindung mit der durchstreichenden Linie «verboten». Es wurde herausgefunden, dass Raucher:innen automatisch an das Rauchen denken, wenn sie das Symbol sehen, was schlussendlich nicht den Zweck erfüllt zu verhindern, dass geraucht wird. Es verdeutlicht den Unterschied zwischen der Sprache bzw. Typografie und der Wahrnehmung von Zeichen Das Lesen ist ein linearer Prozess, aber das Zeichen wird auf einmal im Ganzen wahrgenommen.47
Piktogramme
Ein Piktogramm besteht aus den lateinischen Wörtern «pictus» – Bild und «gramma» –Schriftzeichen, ist ein grafisches Symbol, das etwas in vereinfachter, bildhafter Form beschreibt.48 Die Gestaltung sollte so sein, dass sie international und interkulturell von möglichst vielen Menschen interpretiert werden können.49 Piktogramme werden bei Orientierungs- und Leitsystemen an Bahnhöfen, Flughäfen und vielen weiteren Gebäudearten angewendet. Piktogramme dürfen emotionale bildliche Elemente enthalten, da diese die Menschen schneller und direkter ansprechen.50 Massgeblich für die Entwicklung solcher Zeichensysteme waren die Olympische Spiele – vor allem die Spiele von Tokio (1964), Mexiko (1968) und München (1972). Hier wurden Piktogramme zur Kommunikation und als Medium für die Informationsvermittlung im grösseren Stil angewendet.51
Die entwickelten Piktogramme von Otl Aicher waren im einfach und klar: Er erstelle ein Raster in einem quadratischen Feld und unterteile dieses mit vertikalen und horizontalen Linien (siehe Abb. 25). Zusätzlich platzierte Aicher Linien in einem Winkelverhältnis von 45 und 90 Grad zueinander. Alle Beine und Arme der Personen im Piktogramm weisen die gleiche Stärke auf. Alle gezeigten Sportarten wurden dabei absolut geometrisch angelegt. Aus verschiedenen Abhandlungen geht heute hervor, dass diese Piktogramme nur richtig interpretiert werden können, wenn eine kognitive und kulturelle Kompetenz bei den Betrachterinnen und Betrachter vorliegt.52
In einem Experiment von Maren Lassen wurden acht Piktogramme auf ihre Erkennbarkeit getestet. Dabei gab es für jedes der acht Piktogramme fünf Stile: von detailliert bis sehr abstrakt. Heraus kam, dass die abstrakten Piktogramme sehr langsam erfasst und nicht immer erkannt wurden. So ist die Begründung von Otl Aicher und Martin Krampen auf das Experiment: «Die Ergebnisse dieses Experiments zeigen an, wie verwickelt die Frage des Stils von Piktogrammen mit den Persönlichkeiten der Versuchspersonen und der Bedeutung der Symbole selber [sic!] ist.»53
Dennoch ist es in der Signaletik nicht möglich auf Piktogramme zu verzichten. Piktogramme, Zeichen und andere Symbole werden immer dann bevorzugt eingesetzt, wenn die Auffassungszeit bzw. Betrachtungszeit sehr kurz ist. Einfache Piktogramme können schneller erkannt werden als Text.54 Hierzu zählt zum Beispiel das «Männlein/Weiblein und Invaliden-Piktogramm», welches in den meisten Fällen als «Toiletten»-Piktogramm verstanden wird.
Internationale Piktogramme
Um diese Entwicklung zumindest im öffentlichen Bereich in geregelte Bahnen zu lenken, wurde die ISO 7001: „Grafische Symbole zur Information der Öffentlichkeit“ herausgegeben. Die ISO (International Organization for Standardization) führt weltweit Testserien zur Wirkung von Piktogrammen durch. Dabei wird nach semiotischen und wahrnehmungspsychologischen Erkenntnissen in unterschiedlichen Kulturkreisen nach dem optimalen Ausdruck und der jeweiligen Wirkung neu entwickelter Zeichen gesucht.55
Gestaltungsgrundlagen von Piktogrammen
Der Unterschied zwischen Visualisierung und Gestaltung liegt darin, dass Visualisierung immer über eine einfache Gestaltung hinaus geht. Wenn etwas visualisiert wird, wird im gleichen Zuge etwas neu geschaffen. Ein Kunstwerk, eine Lösung, etwas das seinen Zweck erfüllt. Dies bedeutet aber auch, dass wenn etwas neu erfunden wird, der User wieder neue Bedeutungen und Gesten lernen muss.56 Alexander ist der Meinung, dass eine gut gestaltete Grafik den User lehrt, während eine schlechte ihn verunsichert. Deshalb ist ihr oberstes Prinzip, Sicherheit beim Betrachter auszustrahlen. Keine komplexen Symbole, die das Auge ewig betrachten muss, um es zu identifizieren und eben so wenig schwache Kontraste und unleserliche Schriften.57
Der Schweizer Adrian Frutiger, ein bekannter Schriftengestalter des 20. Jahrhunderts, veröffentlichte ein Buch über Zeichen und entwickelte ästhetische Schriften, wie die Univers und die Frutiger. Ausserdem hat er sich – wie bereits erwähnt – auch mit Zeichen auseinandergesetzt. Frutiger hat die Ansicht, dass die Lehre der Zeichenentstehung sehr wichtig ist, damit Grafiker keine Zeichen entwickeln, die später falsch gedeutet werden. Auch Otl Aicher war ein Visionär, der sich mit klaren technischen Piktogrammen nach einem bestimmten Raster hervorhob.
Konkrete Eigenschaften, wie beispielsweise die Form, der Abstraktionsgrad, die Farbe, das Format und die Strichstärke sind vorgegeben, um möglichst viele Gemeinsamkeiten bei den Zeichen untereinander zu bilden. Dies – ähnlich wie bei Schriften – vor allem, um die Piktogrammfamilie zu verdeutlichen. Bekannte Beispiele für den Versuch, solche Zeichensysteme zu bilden, sind die Icons der Menüleisten von Betriebssystemen oder Informations- bzw. Funktionssoftware und die Piktogramme von Otl Aicher für die Münchner Olympiade 1972 entworfenen Zeichen für Sportarten.58
«Ein Test zur Überprüfung eines guten Icons:
- Schlicht
- Symmetrisch
- Auch bei extremer Verkleinerung noch klar und präzise
- Passt grob in ein Quadrat»59
Donna Wong rät dazu in Piktogrammen keine abgeschnittenen Icons zu verwenden. Das Piktogramm soll die Daten auf einen Blick visualisieren. Abgeschnittene Icons tragen nur zur Verwirrung bei.
Ein Symbol mit zu viel Details lenkt den Leser nur von wesentlichen Inhalten ab, der Vergleich einzelner Ereignisse fällt diesem deutlich schwerer.60
Gute Erkennbarkeit
- Klare Grundformen wie Kreis, Quadrat, Rechteck, Dreieck
- Auffällige Farben mit guter Kontrastwirkung
- Skalierbarkeit muss gegeben sein
Einprägsamkeit
- Klare und reduzierte Bildsprache
- Klarer und eindeutiger Figur-Grund-Kontrast
- Bevorzugt Schwarz-Weiß-Kontraste
- Negativumkehrungen müssen problemlos möglich sein
- Immer gleichbleibende Umrisse
- Keine wechselnden Linienstärken für gleichartige Elemente
- Gleichartige Gestaltung und Bildanmutung innerhalb einer Serie 61
Die Herausforderung hier liegt vor allem in dem Generieren von Zeichen, die in allen Kulturkreisen als gleich und einleuchtend sind. Verschiedene Länder haben unterschiedliche Zeichen- und Farbbedeutungen, wie auch Religionen und Verhalten.
Piktogramme in der Signaletik
In der Signaletik greifen wir häufig auf Piktogramme zurück, um Informationen besser und schneller an die Menschen transportieren zu können. Dabei spielen verschiedene Faktoren eine Rolle:
- Für welche Zielgruppe sind die Piktogramme gedacht?
- Alter
- Körperliche/Geistige Einschränkungen
- Bildung (kann lesen und schreiben)
- Kultureller Hintergrund
- Geschwindigkeit (Fussgänger:in/Autofahrer:in)
- Wofür werden die Piktogramme eingesetzt?
- Lenkung Interne
- Lenkung Externe
- Lenkung Logistik
- Wie sind die räumlichen Bedingungen?
- Aussen-/ oder Innensignaletik
- Licht/Beleuchtung
- Material und Oberflächen
- Kunst am Bau
- Sichtachsen und Anordnung der Korridore
- Wird es digitale Anwendungen in der Signaletik geben?
- Screens
- Touchscreens
- Website
- Digitale Wegführung via Smartphone o. ä.
Des Weitern gibt es Aspekte, die die Gestaltung und Erstellung von Piktogrammen für Projekte beeinflussen und lenken:
- Besteht bereits ein Corporate Design mit Piktogrammen, auf welches zurückgegriffen werden kann?
- Gibt es eine Vorgabe bei der Schrift? Oft werden die Piktogramme in Bezug auf besondere Schriftmerkmale erstellt
- Welche Piktogramme werden benötigt?
- Wie sind die Corporate Design Farben und müssen diese übernommen werden?
Ein Beispiel für eine einheitliche und identitätsstiftende Piktogrammfamilie ist die von Bern Aqua im Westside in Bern. Es wurde hier mit zwei Farben gearbeitet: Schwarz, Rot und Hellblau. Dies hat sowohl Vorteile als auch Nachteile. Der Vorteil ist: Das Hellblau symbolisiert das Wasser, der Nachteil daran ist jedoch auch, dass auch andere Dinge, wie der «Schwimmring», das «Durchstreichen» bei Verboten und Infoelemente (Minuten, Richtungspfeile) in Hellblau erscheinen. Das gleiche gilt für die Farbe Rot, welche eigentlich eher für Verbote, Feuer oder Notfälle steht. Dies wird hier symbolisch richtig für heisses Wasser, jedoch auch für Minutenangaben verwendet. Aus ästhetischer Sicht sind sie sehr hochwertig und ansprechend. Im Bereich der Signaletik wurden die Piktogramme einfarbig in Schwarz oder Weiss verwendet.
Unsere Praxisbeispiele
Fazit und Ausblick
Piktogramme sind mittlerweile Teil unseres Alltags. Wir begegnen ihnen täglich. Die gängigsten Piktogramme sind wohl die für Toiletten, den öffentlichen Bahn- und Flugverkehr und Regeln im Strassenverkehr. Wir sind nicht der Meinung, dass alle Piktogramme erst erlernt werden müssen, bevor diese verstanden wird. In unseren Signaletik- und Beschriftungskonzepten versuchen wir diese möglichst eindeutig zu gestalten. Je nach Objekt und Kunde fallen die Piktogramme optisch und ästhetisch anders aus. Vor elegant zu technischen, von emotional zu schlicht. Dennoch sind wir immer wieder mit Herausforderungen konfrontiert. So sind die Debatten rund um das Thema «Gleichstellung der Geschlechter», welches auch bei den Piktogrammen angekommen ist. Es gibt Diskussionen zu den «Ampelmännchen», den «Herren/Damen» Piktogramm für Toiletten und wie diese geschlechtsneutral abgebildet werden könnten. Noch gibt es keine eindeutigen Piktogramme, um diesen Ansprüchen und Forderungen gerecht zu werden. Die ADA – Americans with Disabilities Act – wollen Menschen vor Beeinträchtigung und Diskriminierung schützen. Sie entwickeln zusammen mit betroffenen Menschen neue Design Standards. Einige davon haben sich bereits in den USA etabliert. Besonderer Vorreiter ist der Bundesstaat Kalifornien, welcher per Gesetz vorschreibt, dass jede Einzel-Toilette in jedem Unternehmen, jeder öffentlicher Einrichtung und staatlichen Behörde allen Geschlechtern offenstehen muss. Beschildert wird nach Artikel 24 der «California Code of Regulations».62 Das Gesetz schreibt keine bestimmte Formulierung vor, solange diese geschlechts-neutral ist. Auf dem Schild kann z. B. «Toilette», «All-Gender Toilette», «Unisex» oder «Alle Willkommen» stehen.63 Auch die in Versalien und/oder Braille geschriebene Sprache muss geschlechts-neutral sein.
Hier in Europa und in der Schweiz ist dies noch nicht vorgeschrieben. Das Symbol «Männlein/Weiblein» ist hier noch immer die meistverwendete Form der Darstellung für Toiletten. Oder hättest du gewusst das ein Dreieck ein geschlechterneutrales WC symbolisieren soll? Gehen wir wieder zurück zum Text und lassen die Piktogramme in manchen Fällen sogar wieder hinter uns? Oder wagen wir uns an eine neue zeitgemässe Symbolisierung heran?
Wir sind auf Eure Meinungen, Feedback und Anregungen gespannt und hoffen, dass Euch der Artikel gefallen hat.