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Forellen Geschichten
Alter Adel
Forellen und ihre Cousins, die Lachse, Saiblinge, Felchen und Äschen nennt man auch Edelfische. Das hat möglicherweise mit ihrem schimmernden Schuppenkleid zu tun, das an ein edles Metall erinnert, aber wohl hauptsächlich mit ihrem feinen Fleisch. Im Mittelalter, als die Worte edel und Adel erfunden wurden, war jede Forelle eine kulinarische Kostbarkeit.
Die Forellen sind aber auch wissenschaftlich betrachtet alter Adel. Ihre ersten direkten Vorfahren, die man heute kennt, lebten vor gut hundert Millionen Jahren in der Blütezeit der Dinosaurier. Forellen in ihrer heutigen Form schwimmen schon seit mindestens zehn Millionen Jahren in den Flüssen und Seen von Ureuropa, also lange bevor die ersten Menschen hier lebten. Diverse Eiszeiten und Wärmeperioden veränderten diesen Lebensraum immer wieder. Gewässer entstanden und verschwanden, Wanderwege wurden blockiert oder fielen trocken. In ihrer bewegten Geschichte haben die Forellen ein enormes Territorium erobert und eine faszinierende Arten- und Formenvielfalt entwickelt.
Die Forellenregion
Ein Grund für den ökologischen Erfolg der Forellen ist ihre aussergewöhnliche Anpassungsfähigkeit an verschiedene Lebensraumtypen. Solange ihr hoher Sauerstoffbedarf gedeckt wird und die Sommertemperaturen erträglich (maximal 23 bis 25 Grad) bleiben, findet man Forellen in allen Arten von Fliessgewässern vom Hochgebirgsbach bis zum mächtigen Flachlandfluss, aber auch in Seen, Quellteichen und Altarmen.
In vielen Gewässern sind Forellen die einzigen Fische oder dann die Art an der Spitze der Fresspyramide. In den Alpen ist die Forelle mit Abstand die häufigste Fischart in Fliessgewässern. Einerseits, weil sie weit verbreitet ist, anderseits, will sie bei gutem Futterangebot und ausreichender Gewässerstruktur dichte Bestände bilden kann.
In Mitteleuropa ist deshalb eine ökologische Fliessgewässerregion nach ihrer wichtigsten Bewohnerin benannt: Die Forellenregion umfasst Oberläufe und Seitenbäche mit streckenweise starkem Gefälle, Fels- oder Kiesgrund, sommerkühlem Wasser (maximal 10 bis 12 Grad). Typisch ist auch das im Vergleich zu grösseren Gewässern limitierte Nahrungsangebot.
Der Begriff Fischregion auf Wikipedia
Das Geheimnis der Fettflosse
Ein unverwechselbares Erkennungsmerkmal aller lachsartigen Fische ist ihre Fettflosse. Diese Bezeichnung ist doppelt irreführend. Dieses rätselhafte Anhängsel ist erstens gar keine Flosse. Im Unterschied zu allen anderen Flossen wird sie nicht durch Knochenstrahlen gestützt und kann vom Fisch nicht gezielt bewegt werden. Sie speichert auch kein Fett, wie man das lange glaubte, dafür ist sie gespickt mit Sinneszellen und Nervenbahnen. Diese Entdeckung weckte gross Zweifel an der Idee, dass die Fettflosse gar keine Funktion (mehr) besitzt. Mittlerweile haben kritische und neugierige Fischbiologen diese Behauptung klar widerlegt. Sie konnten zeigen, dass die Fettflosse ein Strömungssensor ist, der es den Fischen erlaubt, mit möglichst wenig Energieaufwand zu schwimmen und in der Strömung zu positionieren. Vor allem in Fliessgewässern ist das ein gewichtiger Vorteil. Möglicherweise hilft diese markante Ausstülpung der Haut auch bei der Ablösung von Wirbeln und verringert so den Wasserwiderstand. Das wird zur Zeit erforscht. Auf jeden Fall ist die Fettflosse weit bedeutsamer für die Fische, als man das lange Zeit dachte. Die neuen Erkenntnisse stellen auch eine weit verbreitete Praxis in der fischereilichen Bewirtschaftung in Frage. Vor allem in Nordamerika markiert man Forellen und Lachse, die in der Fischzucht für den Besatz aufgezogen werden, durch das Entfernen der Fettflosse.
The Mysterious Adipose Fin (in Englisch)
Forelle, Fario, Trout & Truite
Die auffällige Farbigkeit der Forellen hat ihren Namen quer durch Europa geprägt. Die Wörter Farbe und Forelle haben nämlich eine gemeinsame uralte indogermanische Wurzel. Abwandlungen daraus sind Forche und Förndli im Alemannischen oder auch örret auf Norwegisch bzw. öring auf Schwedisch.
Das alte lateinische Wort trutta hingegen haben die Römer wie vieles anderes auch von den Griechen übernommen. Es stammt ab von einem uralten Verb, das Fressen, Wühlen, Graben und sich Winden bedeutet. Wer schon einmal eine Forelle beim Jagen oder auch beim Laichen beobachtet hat, kann dieses Namensgebung gut nachvollziehen. Aus trutta sind jedenfalls die modernen Wörter truite (fr.), trota (it.), trucha (sp.) und trout (eng.) abgeleitet, mit denen heute mehrere Milliarden Menschen Forelle meinen.
Die Rätoromanen haben überraschenderweise ein ganz anderes Wort für den häufigsten Fisch ihrer gebirgigen Heimat. Litgiva nimmt Bezug auf den nassen, fliessenden Lebensraum der Forelle. Es ist verwandt mit Wörtern wie liquid und Likör.
Regional bedroht, weltweit eine Bedrohung
Es gibt nur ganz wenige Süsswasserfische, die natürlicherweise so weit verbreitet sind, wie die Bachforelle. Das ist auf die enorme Anpassungsfähigkeit und Konkurrenzfähigkeit dieser Art zurückzuführen. Sie besiedelt sehr unterschiedliche Lebensräume von Meeresküsten und Brackwasserlagunen über Flüsse und Seen bis zu Hochgebirgsbächen. Schon früh begannen Menschen damit, Forellen in Gewässern anzusiedeln, die für Fische auf natürlichem Weg nicht erreichbar waren, wie Bäche oberhalb von Wasserfällen oder Bergseen. Entsprechende Erwähnungen findet man beispielsweise in Dokumenten der Römer und der Wikinger.
Das ursprüngliche Verbreitungsgebiet der Forellen reicht von Portugal und dem Atlasgebirge in Nordafrika über Italien und Griechenland bis zum Kaspischen Meer. Im Norden kommt sie bis zum Nordkap und dem Weissen Meer vor sowie auf den britischen Inseln und auf Island. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Forellen praktisch in allen gemässigten Zonen rund um den Globus angesiedelt: Mit beeindruckendem Erfolg, aber auf Kosten der endemischen Fischfauna. Heute zählt man die europäische Forelle deshalb global zu den gefährlichsten invasiven Fischarten weltweit. Gleichzeitig sind sie populäre Sportfische mit hohem touristischem Wert beispielsweise in den USA, in Argentinien, Chile oder Neuseeland.
Forellen findet man in überraschenden Ländern wie Äthiopien, Kenia, Südafrika, Bhutan, Nepal oder Japan und sogar auf exotischen Inseln wie Madagaskar, Mauritius oder Hawaii. Fast überall auf der Welt, wo es sommerkühle Gebirgsflüsse oder Bergseen gibt, haben Menschen versucht Forellen anzusiedeln. Verblüffend oft mit Erfolg oder mit unliebsamen Folgen, je nach Betrachtungsweise.
Weltweite Verbreitung
Etwas unübersichtliche, aber wissenschaftlich präzise Karte mit Fundpunkten der europäischen Forelle rund um den Globus. Zoombar und mit Referenzen.
Briefmarkenfisch
Die globale Ansiedlung der Forelle hatte und hat ungezählte ökologische Konsequenzen. Diese werden den Menschen erst langsam bewusst. In den meisten Regionen der Welt, wo die Forelle heute vorkommt, ist sie sehr beliebt und sogar Teil der Landeskultur gewordn. Einerseits, weil sie ein ausgezeichneter Speisefisch ist, anderseits weil sie sich als begehrte Anglerbeute touristisch vermarkten lässt.
Ihre extrem weite Verbreitung rund um den Globus wiederspiegelt sich auch in einem Fun Fact:
Die Forelle ist einer der häufigsten Briefmarkenfische überhaupt. Praktisch jedes europäische Land hat die Forelle mindestens einmal in der Geschichte ihrer Post verewigt, darunter auch Zwergstaaten wie Liechtenstein, Andorra oder die Färöer. Der attraktive Fisch ziert aber auch Postwertzeichen weltweit z.B. in Australien. Aserbaidschan oder Argentinien.
Ein einzigartiger Look
Die Forelle ist die einzige einheimische Fischart, die eindeutig und auffällig gepunktet ist. Eine typische Schweizer Bach- oder Flussforelle hat hunderte von Punkten. Die meisten davon sind schwarz oder dunkelbraun, manche aber auch leuchtend rot und weiss umrandet. Bei richtig grossen Forellen können einzelne der Tupfen gross wie ein Fünfliber sein. Auch die Vielfalt der Muster ist beeindruckend: Bei einigen Individuen findet man nur einige wenige grosse Punkte oder sie fehlen sogar ganz, während manche Forellen von Kopf bis Schwanz dicht mit feinen Pünktchen übersät sind. Punkte fehlen auf dem zumeist hellen Bauch und auf den Brust- und Bauchflossen.
Die Forellen eines Gewässersystems weisen in der Regel ähnliche Punktmuster auf, falls nicht durch die fischereiliche Bewirtschaftung Forellen aus anderen Einzugsgebieten eingeführt wurden.
Punkte als Tarnzeichnung beobachtet man häufig in der Natur, nicht nur bei Fischen. Ähnlich wie Streifen lösen sie aus der Distanz die Konturen des Körpers auf. Oft verbergen sie auch das Auge, das viele Raubtiere als Zielpunkt zum Zupacken, -picken oder -beissen anvisieren.
Vielfalt auf engem Raum
Die Forellengalerie der Schweizer Fischereiberatungsstelle FIBER zeigt einen Ausschnitt der faszinierenden Vielfalt der Forellen, die sich am offensichtlichsten an ihrer Färbung und Musterung erkennen lässt.
Das Geheimnis der schwarzen Forellen
Es sind unheimliche Szenen, die sich seit den späten 1970er-Jahren jeweils im Spätsommer an Bächen und Flüssen der Schweiz und anderer Alpenländer abspielen. Äusserlich gesunde, gut genährte Forellen verfärben sich plötzlich schwarz. An ihren natürlichen Standplätzen in der Strömung können sie sich nicht mehr halten und treiben ab in Hinterwasser und ruhige Buchten. Dort legen sie sich erschöpft auf den Grund oder stehen apathisch am Ufer. Oft sind sie so geschwächt, dass man sie mühelos von Hand fangen kann. In der Regel sterben sie innert Tagen oder sogar Stunden. Leber, Nieren und Milz dieser Forellen sind heftig entzündet und irreversibel geschädigt. Andere Fischarten sind nicht betroffen. Das deutet auf einen artspezifischen Erreger hin.
Es hat dennoch fast vier Jahrzehnte gedauert, bis man herausfand, was die tödlichen Veränderungen auslöst. Erst mit hoch modernen genetischen Techniken und leistungsfähigen Computern konnte eine süddeutsche Forschungsgruppe den Krankheitserreger identifizieren.
Im Herbst 2018 publizierte das Team seinen Fund. Verantwortlich für das „Schwarzforellen-Syndrom“ oder Proliferative Darkenig Syndrome (PDS) ist demnach ein so genanntes Fisch-Reovirus. Nah verwandte Viren aus dieser Gruppe lösen bei Atlantischen und bei Pazifischen Lachsen tödliche Organentzündungen aus – in der Regel ebenfalls artspezifisch.
Die deutschen Forscher nehmen an, dass die PDS-Viren mit eingeführten Zucht- oder Wildfischen wie Lachsen oder Regenbogenforellen in den Alpenraum gelangten und sich hier zu einem hochinfektiösen und lebensgefährlichen Krankheitserreger für Forellen entwickelten. Eine Behandlung ist in freier Wildbahn unrealistisch, eine Bekämpfung der Viren auch. In zahlreichen Gewässern sind Forellen nach heftigen PDS-Infektionen verschwunden und lassen sich nicht mehr ansiedeln.
Identification of a piscine reovirus-related pathogen in proliferative darkening syndrome (PDS) infected brown trout (Salmo trutta fario) using a next-generation technology detection pipeline (in Englisch)
Ein dramatisches Leben
Jeden Herbst werden Bäche und Flüsse in der ganzen Schweiz zur Bühne für ein faszinierendes Schauspiel. Es treten auf: Grimmige Haudegen mit bezahnten Laichhaken, wählerische Schönheiten mit dicken Bäuchen und zwergenhafte Heimlichtuer, die geschickt auf ihre Chance warten. Die Hochzeit der Forellen ist ein Drama mit vollem Körpereinsatz. Grosse, starke Männchen vertreiben ihre schwächeren Konkurrenten, um sich mit möglichst wohlgenährten, gesunden Weibchen zu paaren. Eine Laune der Natur will es, dass sich in genau diesem kostbaren Moment auch kleine, flinke Männchen im Wortsinn in die Fortpflanzung einmischen.
Offensichtlich erfolgreich, denn sonst gäbe es diese weit verbreitete „Unart“ längst nicht mehr.
In manchen Gewässersystemen wandern die Forellen viele Kilometer weit, um den perfekten Platz mit sauberem, lockerem Kiesgrund und günstiger Strömung zu finden. Die Weibchen (Rogner) säubern mit ihrer Schwanzflosse eine Fläche von bis zu einem halben Quadratmeter von Laub, Algen und Sediment und graben so eine Vertiefung im Bachbett. In diese Laichgrube legen sie mehrere Tausend Eier. Nach der Befruchtung wird der Laich mit Kies überdeckt, und aus den Eiern schlüpfen in den Zwischenräumen so genannte Brütlinge mit einem Dottersack. Nach ein bis drei Monaten verlassen die zwei bis drei Zentimeter langen Larven ihr Nest und suchen nach flachen Uferpartien mit schwacher Strömung.
Hier zeigen sie bereits das forellentypische Revierverhalten und verteidigen vehement ihren kleinen, aber überlebenswichtigen Platz. Nur die stärksten Jungfische überleben diese Phase.
Sie sind vom ersten Tag ihrer Existenz einem brutalen Selektionsdruck unterworfen. Für ein erfolgreiches Forellenleben braucht es gute Gene und Glück. Das Ziel des täglichen Flüchtens, Fressens, sich Behauptens und Überlebens ist ein attraktives Aussehen und maximale Fitness, wenn es im Herbst um die Zeugung der nächsten Generation geht und der Kreis sich schliesst.
Bachforelle und Seeforelle, zwei Lebensformen von Salmo trutta beim Laichen auf der Laichgrube
Faszinierende Aufnahmen aus der Hasliaare und ihren Zuflüssen im Berner Oberland (Einzugsgebiet Brienzersee) von Matthias Meyer.
Seit Urzeiten begehrt
Bereits der Nachwuchs der Forellen – vom befruchteten Ei bis zum fingerlangen Jungfisch – ist eine extrem begehrte Beute. Eier und frisch geschlüpfte Brütlinge werden von Egeln, Insektenlarven und Krebsen gierig gesucht und vertilgt. Bodenlebende Fischarten wie Groppe, Trüsche, Aal stöbern die Laichgruben auf und plündern sie gnadenlos. Sobald die zwei bis drei Zentimeter langen Larven ihr Nest verlassen, wird ihr Leben noch gefährlicher. Eine Vielzahl von Wasserbewohnern machen Jagd auf die nahrhaften Winzlinge. Von räuberischen Insekten und Krebstieren über Raubfische bis zu Amphibien (z.B. Molche), Vögeln (z.B. Eisvogel) und Säugetieren (Wasserspitzmaus, Fischotter). Forellen wachsen rasch, doch die meisten werden nicht gross genug, um keine Fressfeinde mehr zu haben. Kapitale Artgenossen (Seeforellen können über einen Meter lang werden), Trüschen, Namaycush und Hechte jagen und fressen nachweislich Forellen bis über 40 Zentimeter Länge.
Der wichtigste Fressfeind der Forellen, um es mal ganz unkulinarisch ausdrücken, sind allerdings wir Menschen. Das aromatische, zarte und grätenarme Fleisch wird schon in griechischen und römischen Schriften schwärmerisch beschrieben. Man kann ohne wilde Spekulation davon ausgehen, dass Forellen schon lange vor der Erfindung des Kochbuchs mit Hochgenuss verspeist wurden. In vielen europäischen Ländern gehören Forellenrezepte zum kulinarischen Erbe.
In der Schweiz sind das die «Forelle blau» und die Forelle nach Art der Müllerin (à la meuniére).
Truite meunière (in Französisch)
Das aromatische Fleisch der Forelle braucht keine intensiven Gewürze oder Saucen, es schmeckt am besten möglichst unverfälscht, zum Beispiel mit Mehl bestäubt, gesalzen und in Butter gebraten. Wie man das macht, weiss man am besten in Frankreich: