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Freiheit (lateinisch libertas) wird als die Möglichkeit verstanden, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auszuwählen und entscheiden zu können. Der Begriff benennt in Philosophie, Theologie und Recht der Moderne einen Zustand der Autonomie eines Subjekts. Freiheit ist somit die erstrebenswerteste Voraussetzung für Länder, Staatswesen, Bürger. Und wer sich nicht versklaven will, hält an ihr fest. Sie ist Trutzburg freier Menschen. Durch Corona gerät die Freiheit aktuell jedoch in arge Bedrängnis.
Von Albin Müller
Corona ist in jeder Hinsicht eine globale Belagerung, mit dem Machtanspruch, Freiheit neu zu definieren. Sie ist der ultimative Stresstest, dessen Überschlagsrechnung allein für die Schweiz in Form von Todesfällen, Schäden an Gesundheit und Psyche sowie wirtschaftliche Einbussen auf ein Fünftel des Bruttoinlandproduktes summieren. Ihr Tribut: Für die Schweiz rund 140 Milliarden Franken; für die Welt 24.4 Billionen. Soviel über Freiheit, wenn man Freiheit mit Geld wiedererlangen will. Im Detail sieht das folgendermassen aus:
- Das Bruttoinlandprodukt (BIP) stieg von 2010 bis 2019 von 629 auf 727 Milliarden Franken und fiel 2020 auf 706 Milliarden Franken, was die Schweiz wieder auf den Stand von 2017 zurücksinken liess.
- Über ein Viertel der Verwaltungsräte schätzen die mittelfristigen Folgen der Coronakrise als negativ ein.
- 17 Prozent der KMU erhöhten seit dem Ausbruch der Coronakrise ihre Vorräte; 39 Prozent verhandelten die Konditionen mit Lieferanten neu aus; 50 Prozent glauben, dass die Coronakrise drei bis zwölf Monate lang negative Auswirkungen auf das Geschäft haben wird; 25 Prozent gehen davon aus, dass die Coronakrise ihr Geschäft mehr als ein Jahr negativ beeinflusst.
- Im September 2021 waren über 60‘000 offene Stellen im Arbeitsmarkt gemeldet. Gegenüber dem Vorjahresmonat hat sich die Anzahl offener Stellen um über 70 Prozent erhöht.
- Im Februar 2021 gab rund ein Viertel der Arbeitnehmenden an, dass sie zu 100 Prozent im Homeoffice arbeiten; über 40 Prozent arbeiten die Hälfte ihrer Arbeitszeit im Homeoffice. Rund 45 Prozent empfinden dabei den fehlenden sozialen Austausch als eine der grössten Schwierigkeiten; rund 30 Prozent fühlten sich abgelenkt.
- Während des Lockdowns im Februar 2021 hatten zwar 22 Prozent der Schweizer Konsumenten mehr Geld zur Verfügung als vor der Krise, knapp jeder Dritte steht jedoch finanziell schlechter da als zuvor. Personen aus einem sehr tiefem Haushaltseinkommen von unter 4000 Franken vermelden seit Beginn der Pandemie im Durchschnitt einen starken Einkommensrückgang von 20 Prozent (!);bei Personen aus Haushalten mit einem Monatseinkommen von mehr als 16’000 Franken sanken die Einkommen um 8 Prozent.
- Rund 11 Milliarden Franken der finanziellen Unterstützungsmassnahmen flossen in die Finanzierung der Kurzarbeit. Die Schweiz vergab im Jahr 2020 Garantien und Bürgschaften von rund 43 Milliarden; für die Kurzarbeitsentschädigung wurden für 2021 bereits 6 Milliarden bewilligt; die Corona-bedingten Mittel für 2021 belaufen sich bisher auf rund 25 Milliarden Franken.
- Die Coronakrise beansprucht viele Familien stark. Vor allem für Familien mit Vorbelastungen nehmen psychische Erkrankungen oder häusliche Gewalt zu: Sorge um die eigene Gesundheit und die der Angehörigen, materielle Lebensbedingungen, z.B. beengende Wohnverhältnisse und mangelnde Rückzugsmöglichkeiten, fehlende emotionale Entlastung durch Aussenkontakte und die Angst vor Arbeitsplatzverlust bzw. generell um genügende sozioökonomische Ressourcen spielen dabei eine Rolle.
- Schulschliessungen brachten viele Familien in grosse Schwierigkeiten. Trotz Fernunterricht und erheblichen Anstrengungen von Seiten der Schule und Lehrerschaft hat diese Ausnahmesituation die sozialen Ungleichheiten zwischen den Kindern mit und ohne Migrationsvordergrund in der Schweiz nochmals weiter verschärft.
- Im März 2020 waren noch 51 Prozent der Meinung, dass die Medien über das Coronavirus umfassend informieren, im Juli 2021 waren es gerade noch 32 Prozent(!); zudem sind mehr Menschen der Meinung, dass die Medien übertreiben: 22 Prozent stimmten im März 2021 dieser Aussage zu, im Juli 2021 bereits 45 Prozent(!).
- Die Corona-Pandemie trifft insbesondere arme Länder noch viel härter als uns in der Schweiz. Die sozialen Systeme sind schwächer ausgebaut, zudem fehlt es vielerorts an staatlichen und privaten Mitteln, um Krisen zu überbrücken. Millionen Menschen haben aufgrund der Pandemie bereits ihre Arbeit verloren. Meist sind es Menschen in prekären Lebenssituationen, die sich mit informellen Jobs knapp über Wasser halten konnten – und jetzt vor dem Nichts stehen. „Die sozialen Folgen des Corona-Virus werden noch gravierender sein als die gesundheitlichen“, betont Thomas Gurtner, der im Februar 2020 die Leitung der internationalen Zusammenarbeit des SRK übernommen hat.
Diese Zahlen und Entwicklungen zeigen: Die Corona-Pandemie hat vielen Menschen Leid gebracht und gesellschaftliche Spannungen und Risse deutlich sichtbar gemacht. Freiheit ist allumfassend und deshalb nicht mit Geld aufzuwiegen. Sie ist vielmehr ein Entscheid, Dinge zu tun, die man tun soll, und Dinge zu lassen, die man lassen soll. Es ist die persönliche und gesellschaftliche Identität, deren innere Werte schliesslich wertvolles und sogleich sinnstiftendes Handeln jederzeit ermöglichen.
Es stellt sich somit beispielhaft an dieser Coronakrise die Frage, ob ziviles oder militärisches Experimentieren mit neuartigen Viren eine lohnenswerte Tat ist, solange Verantwortung nicht mit dem Tun einhergeht, nämlich mit Ausbruch einer Pandemie die Weltgemeinschaft schnell und ehrlich zu informieren. Hier zeigen sich exemplarisch die Grenzen von Mitgliedschaften in internationalen Organisationen, wo oftmals Entscheide, die nicht den eigenen entsprechen, aber samt Verantwortung mitgetragen werden müssen.
Freiheit, Respekt und Bescheidenheit
Die Menschheit hätte die Wahl, frei zu sein. Doch ihr eigenes Unvermögen macht sie fehlbar. Sie missbraucht ihre Freiheit, mal unbewusst, mal bewusst als Ausrede, für ihr Fehlverhalten. Der Mensch benutzt die Freiheit zu oft als Deckmantel, um seinem selbstsüchtigen Wesen nachzujagen. Der Preis: der schrittweise Verlust von gesellschaftlicher und individueller Freiheit aus Mangel an aufzubringender Eigenverantwortlichkeit an deren Stelle Fremdbestimmung und Fremdkontrolle tritt.
Freiheit ist, wenn man sie jedem zugesteht. Dies verlangt gegenseitigen Respekt und Bescheidenheit. Freiheit lässt jedem das Seine. Freiheit hat somit Grenzen. Der Preis ist sichtbar hoch, wenn man sie überschreitet.
Der Autor ist Betriebsökonom und Stiftungsrat Zukunft CH.