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In der Vita der Schriftstellerin Aline Valangin (1889–1986) kristallisieren sich zentrale Momente des Schweizer Geisteslebens im 20. Jahrhundert. Zunächst am Konservatorium in Lausanne als Konzertpianistin ausgebildet, unterzog sie sich später bei C. G. Jung einer Analyse, wurde selbst Psychoanalytikerin und führte mit ihrem ersten Gatten Wladimir Rosenbaum, einem Anwalt, der als Kind aus Russland in die Schweiz gekommen und bis 1940 mit ihr in offener Ehe lebte, den «Baumwollhof» in Zürich, in dem das Paar auch einen legendären Künstlersalon unterhielt. Nachdem es in Comologno den Palazzo della Barca erworben hatte, kehrten u.a. Elias Canetti, Kurt Tucholsky, Ignazio Silone und Hans Marchwitza ins abgelegene Onsernone-Tal ein. Dies waren nur einige der bekanntesten Gäste der Villa, bei denen es sich nicht zufällig um exponierte Gegner des Nationalsozialismus und des Faschismus handelte: Hilfe für politisch Verfolgte zu leisten hatte hier Priorität. In zweiter Ehe war Valangin bis 1965 mit dem Komponisten Wladimir Vogel verheiratet.
Im Tessin, wo die Autorin bis zu ihrem Tod leben sollte, entstanden Erzählungen, die den Sehnsuchtskanton vieler Deutschschweizer nicht verklärten, sondern vielmehr seine Eigenheiten hervortreten liessen, und zwar vor allem die sozialen. Valangin, gebürtige Waadtländerin, schrieb in deutscher Sprache im und über den italienischsprachigen Südzipfel der Schweiz, was ihre ohnehin professionelle Beobachtungsgabe nur präzisierte. Nachdem der Limmat-Verlag im Frühjahr ihren Roman «Casa Conti» neu aufgelegt hat, der vom Schicksal zweier Schwestern zwischen Land- und Stadtleben handelt, folgt nun auch «Die Bargada». Somit sind beide Prosaarbeiten der Schriftstellerin zum Valle Onsernone im Zweiten Weltkrieg endlich wieder verfügbar.
Valangin hatte in den 1940er-Jahren am literarischen Wettbewerb der Büchergilde Gutenberg teilgenommen und mit dem Manuskript zum vorliegenden Roman, der erstmals 1944 erschien, deren Anerkennungspreis gewonnen. Lilian Studer erinnert in ihrer editorischen Notiz daran, wie positiv die Zeitgenossen auf diese Erzählung reagiert hatten – und wie irritiert manche doch waren, dass die Männer hier eine Nebenrolle spielen. Die Geschichte kreist um die Bargada, ein Gehöft, das «zu den auffallendsten Anwesen des Tales» zählt, in dem es steht, und handelt tatsächlich vorrangig von seinen Bewohnerinnen. Das Beziehungsgeflecht, das Valangin hier über mehrere Generationen ausbreitet, ist eine eindrückliche Schilderung der Erosion des dörflichen Patriarchats. Dies ist keineswegs gleichbedeutend mit einem erwachenden feministischen Bewusstsein im politischen Sinne, wohl aber mit einem Begreifen der Veränderbarkeit der eigenen familiären Lage wie der sozialen Interaktion über die expliziten wie impliziten Klassengrenzen hinweg, die eine ländliche Gemeinschaft prägen. Besonders beachtlich ist, mit welcher Klarheit die Autorin, die nie schweren körperlichen Arbeiten nachgehen musste, genau deren Mühen nachzeichnet. Mit Sicherheit einer der wichtigsten Tessin-Romane.