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De Geographia: De ventis, De regionibus extra Ptolemaeum
Einführung: Clemens Schlip (traduction française: David Amherdt). Version: 10.02.2023.
Entstehungsdatum: (terminus ad quem) 1527.
Ausgabe: De geographia liber unus, Basel, Faber, 1527, fol. 21ro-vo et 35ro-vo.
Als Ulrich Zwingli 1510 Interesse daran hatte, ein Exemplar des geographischen Werks des Ptolemäus einzusehen, wandte er sich in diesem Anliegen an Glarean; Zwingli wusste, dass Glarean das Werk des Ptolemäus gründlich studiert hatte. Man wird annehmen können, dass der junge Loriti diese – Zwingli bekannten – erdkundlichen Interessen während seiner Kölner Studienzeit entwickelte. Die erste Veröffentlichung Glareans, die sich in gewissem Sinne als geographisch ansprechen lässt, ist seine erstmals 1515 erschienene Helvetiae Descriptio. 1527 veröffentlichte er seinen hier zu behandelnden De Geographia Liber Unus, den er als Handbuch für Studierende der Artes liberales konzipierte. Er wollte damit die Defizite der zu diesem Zweck im Gebrauch befindlichen Werke ausgleichen: Die Geographike hyphegesis des Claudius Ptolemäus hielt er für zu schwierig und konstatierte ausserdem Fehler in ihr; Strabon hatte sich vornehmlich mit Länderkunde (Chorographia) und nicht mit Erdbeschreibung im engeren Sinne (Geographia) beschäftigt; Plinius und Pomponius Mela schienen Glarean nur für Spezialisten geeignet zu sein.
Glarean gliederte sein vierzig Kapitel umfassendes Werk in zwei grosse Partien: Die ersten einundzwanzig Kapitel (die umfangmässig den grösseren Teil bilden, bis 24ro), widmet er der mathematischen Geographie, die restlichen zwanzig Kapitel (bis 35vo) einer auf Kürze bedachten Länderkunde; er verband damit in seinem Handbuch zwei wissenschaftliche Betrachtungsweisen. Die ungleichen Umfänge machen deutlich, dass ihm die mathematische Geographie wichtiger war. Im ersten Teil behandelt Glarean – der selbstverständlich noch vom geozentrischen Weltbild ausgeht – unter anderem folgende Themen: die Prinzipien der Geometrie, die zum astronomischen Verständnis der Sphärenlehre notwendig sind; den Aufbau des Weltalls (Planetensphären); die Bewegungen der Körper im Weltall; die Bedeutung der Begriffe Sphäre, Achse und Pol und die beiden Pole (Arktis und Antarktis); die geographische Bedeutung von Äquator, Zodiak (Tierkreiszeichen), Koluren und Meridian; Mond- und Sonnenfinsternis; den Umfang der Erdkugel, unterschiedliche Masseinheiten; die verschiedenen Winde. Abschliessend geht es um Möglichkeiten, die Erde bzw. den Globus bildlich darzustellen (Kapitel 19 ist eine veritable Bastelanleitung für einen Papierglobus); es folgt noch eine kurze Aufzählung geographischer Grundbegriffe (ohne Erklärungen). Diese der mathematischen Geographie gewidmeten Kapitel enthalten auch eine gewisse Anzahl erläuternder Holzschnittillustrationen von sehr unterschiedlicher Grösse sowie eine doppelseitige Tabelle. Als Beispiel aus dieser Werkpartie geben wir einen Ausschnitt aus dem Kapitel über die Winde.
Die Kapitel 21 bis 40 enthalten eine kursorische Darstellung der verschiedenen Weltregionen. Glarean gliedert diesen Rundgang zunächst gemäss den schon in der Antike bekannten drei Kontinenten, die er wiederum kapitelweise in ihre Hauptregionen zerlegt; innerhalb der Kapitel geht er auf deren Lage ein und nennt wichtige Landschaften, Länder, Städte, Flüsse, Gebirge und Völker (ab und zu auch Herrscher). Auch kurze historische Streiflichter (wie im Kapitel 21 über Deutschland) fehlen nicht; solche geschichtlichen Ausblicke werfen ein Licht darauf, dass es auch bei einer geographischen Weltbetrachtung Aspekte gibt, die dem Wandel unterliegen. Erst im letzten Kapitel De regionibus extra Ptolemaeum geht Glarean, der bis dahin in den Bahnen des ptolemäischen Weltbildes geblieben ist, auf die revolutionären geographischen Neuentdeckungen der frühen Neuzeit ein, nicht zuletzt die Entdeckung Amerikas. Indem er aber die auf einer Stelle im sechsten Buch der Aeneis basierenden Meinung mancher Zeitgenossen referiert, Amerika sei dem Vergil vielleicht schon bekannt gewesen, schlägt der Humanist Glarean selbst bei diesem kurzen Hinweis auf allerneueste geographische Erkenntnisse noch einen Bogen zurück in die Antike. Es sei daran erinnert, dass Glarean diese Passagen zu einem Zeitpunkt schrieb, als die Entdeckung Lateinamerikas (von Nordamerika ganz zu schweigen) bei weitem noch nicht abgeschlossen war: erst fünf Jahre nach Erscheinen von De Geographia erfolgte etwa die Eroberung des peruanischen Hochlandes durch Francisco Pizarro.
Dieser länderkundliche Teil (Kapitel 21 bis 40) weist keine einzige Illustration auf; dies unterscheidet Glareans Geographiehandbuch von vergleichbaren Werken (wie der ihm sicher bekannten Ulmer Ausgabe des Ptolemäus von 1482).
Bibliographie
Dürst, A., Glarean als Geograph und Mathematiker, in: Ortsmuseum Mollis (Hg.), Der Humanist Heinrich Loriti, genannt Glarean 1488-1563. Beiträge zu seinem Leben und Werk, Glarus, Baeschlin, 1983, 119-144.
Heawood, E., «Glareanus: His Geographie and Maps», The Geographical Journal 25 (1905), 647-654.
Hoheisel, K., «Henricus Glareanus 1488-1563», in: T. W. Freeman (Hg.), Geographers Biobibliographical Studies, Bd. 5, London, Mansell, 1981, 49-54.
Johnson, C. R., «Between the human and the divine: Glarean’s De geographia and the span of Renaissance geography», in: I. Fenlon/M. Groote (Hgg.), Heinrich Glarean’s Books. The Intellectual World of a Sixteenth-Century Musical Humanist, Cambridge, Cambridge University Press, 2013, 139-158.