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Das eigentliche Konzertprogramm war bereits vorüber. Claire Huangci hatte in der Aula der Universität Freiburg 24 Präludien von Sergei Rachmaninow präsentiert. Als dritte Zugabe spielte sie «Comptine d’un autre été» aus dem Film «Le fabuleux destin d’Amélie Poulain». Populäre Melodien bergen stets die Gefahr, dass sie abgegriffen klingen. Doch Huangci interpretierte das Stück mit so viel Gefühl und Liebe zum Detail, dass man ihr staunend zuhörte. Der fast magische Moment stand in scharfem Kontrast zur donnernden Klanggewalt, die sich zuvor durch Rachmaninows Präludien zog.
Kompletter Zyklus
Claire Huangci hat letztes Jahr die technisch anspruchsvollen Präludien von Sergei Rachmaninow auf einer CD eingespielt. «Das war so anstrengend, dass ich danach eine lange Pause gebraucht habe», sagte Huangci zu Beginn des Konzerts. Rachmaninow hat seine Präludien in drei Etappen veröffentlicht. Das erste Stück in cis-Moll entstand 1892. Der Opus 23 mit zehn Präludien wurde 1903 veröffentlicht, der Opus 32 mit 13 Stücken folgte 1910. Ähnlich wie Johann Sebastian Bach und Frédéric Chopin kreierte Rachmaninow damit einen Zyklus mit Präludien in allen Tonarten.
Akkorde als Markenzeichen
Huangci eröffnete das Konzert mit dem viel gespielten Präludium in cis-Moll aus dem op. 3. Donnernde Fortissimoakkorde liessen das riesige Bronzeportal der Halle erzittern. Die kräftigen Klänge waren ein Markenzeichen der Pianistin und prägten das Konzert. Dabei liess Huangci die Akkorde oft wirkungsvoll nachklingen. Auch das anschliessende Opus 23 zeigte die Stärken der 29-jährigen Amerikanerin. Scheinbar mühelos, sauber und routiniert meisterte sie auch schnellste Läufe. Ihre Musik war klanglich imposant. Demgegenüber gingen die ruhigen und sanfteren Momente häufig eher unter, dies nicht zuletzt durch den oft kräftigen Anschlag.
Aus diesem Opus 23 stach das fünfte Präludium in g-Moll positiv hervor. Die charakteristischen Wechsel zwischen der linken und der rechten Hand schufen eine Spannung, die an Volkslieder erinnerte. Mit ihrem pointierten Stil traf Huangci diesen Charakter gut. Eindrücklich wirkten auch ihre energiereichen Ausflüge in die Dur-Passagen, die oft schnell wieder durch das dunklere Moll abgelöst wurden. Eine besondere Wirkung entfaltete Huangci mit ihrem harten Anschlag im neunten Präludium in es-Moll. Fast schien es, als ob ein eisiger Winterwind durch die Aula Magna pfeife. Mit diesem ersten Konzertteil bewies Huangci ihr technisches Potenzial, wobei ihr vor allem die virtuosen Passagen lagen.
Spiegel der Entwicklung
Die Präludien im Opus 32 hatten sich in ihrer Tonsprache gegenüber den früheren Werken deutlich weiterentwickelt. Claire Huangci gelang es, diese musikalische Entwicklung aufzuzeigen. Viele Passagen waren noch virtuoser, noch klanggewaltiger. Pausenlos huschten die Finger über die Tastatur. Gleichzeitig gelang es der Pianistin, die ruhigen und intimeren Stellen stärker zu transportieren. Das hörte man beispielhaft im G-Dur-Präludium, in dem die weiche Hauptmelodie über einem sanften Quintolenteppich dahinschwebte. Damit wirkte Huangcis Musiksprache weniger dick aufgetragen als noch im ersten Teil. Gerade dadurch eröffnete sich dem Zuhörer die Faszination dieser Stücke erst recht.
Begeisternde Zugaben
Das Freiburger Publikum bedachte die Präludien mit warmem Applaus. Doch so richtig sprang der Funke erst mit den vier Zugaben, mit welchen Huangci ihr ganzes Potenzial präsentierte. Spätestens mit der wilden Toccata des österreichischen Komponisten Friedrich Gulda schlug der Applaus in Begeisterung um.
Bilanz
Die Konzerte in Freiburg waren besser ausgelastet
Mit dem Konzert von Claire Huangci ging die diesjährige Freiburger Konzertreihe der Piano Series zu Ende. Rund 3000 Personen besuchten die acht Konzerte, wie Leiterin Natalie Lafranchi sagt. Das ist ähnlich viel wie letztes Jahr. Allerdings fanden dieses Jahr nur noch acht statt zehn Konzerte statt. «Entsprechend waren die Konzerte besser ausgelastet.» Parallel zu den Freiburger Konzerten starteten die Organisatoren dieses Jahr eine Konzertreihe in Bern. «Wir befürchteten, die zahlreichen Berner Zuschauer könnten aufgrund der Berner Konzertreihe wegbleiben.» Das habe sich aber nicht bewahrheitet: «Viele Zuschauer besuchen sowohl die Konzerte in Freiburg als auch jene in Bern.»