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Empathie – die (Über)Macht der Gefühle?
Haben Sie schon mal das Wort "Empathie" in Google eingegeben? Ich habe es ausprobiert: In Bruchteilen einer Sekunde habe ich rund 6 Mio. Treffer erhalten. Darunter finden sich Dutzende von – mehr oder weniger leicht – unterschiedlichen Definitionen und Interpretationen. Dies mahnt mich zur Vorsicht: Bei einer solchen Fülle von Deutungen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Missverständnisse entstehen, da jeder dem Begriff eine andere Nuance gibt.
Meine Befürchtung haben die Leser einer bei Pendlern beliebten Zeitschrift bestätigt. In den Web-Kommentaren zu einem Artikel über Empathie wird unter anderem die Sorge geäussert, Empathie könne zu »noch mehr Verweichlichung in der Gesellschaft« führen. Hier vermute ich, dass der/die Kommentator/in unter "Empathie" etwas wie "Mitgefühl, Mitleid" versteht. Nebenbei gesagt: Mir scheint in der Gesellschaft eine Tendenz eher zur Verrohung als zur "Verweichlichung" vorhanden zu sein. Auch die angedeutete Gleichung "einfühlsam = weich" finde ich fragwürdig. Doch darüber vielleicht ein anderes Mal. Heute geht es um die Bedeutung von Empathie.
Wie so oft in einer Fachsprache, beginnt alles bei den Altgriechen. Das Wort empátheia, aus dem "Empathie" hergeleitet ist, bedeutete ursprünglich "Affektion, Leidenschaft". Es war kein Begriff der Dichtung, wie man vielleicht vermuten könnte, sondern der Wissenschaft: empátheia kommt beim Mathematiker, Astronom und Geograph Claudius Ptolemäus sowie beim Arzt Galenos im 2. Jahrhundert n. Chr. vor. Das Wort wurde in der Antike also ganz anders verwendet als heute.
Erst im 19. Jahrhundert bekommt Empathie die Bedeutung von "Einfühlung" und wird zunächst in der Kunst benutzt: Sie bezeichnet jenen Zustand, wenn man sich ganz in die Betrachtung eines Kunstwerkes vertieft. Es war der Philosoph und Psychologe Theodor Lipps (1851-1914), der den Begriff der Empathie/Einfühlung vom Gebiet der Kunst in den Bereich der zwischenmenschlichen Beziehungen führte.
Eine heute verbreitete, grundsätzliche Definition von Empathie lautet: Empathie ist die Fähigkeit, sich in andere Personen einzudenken und einzufühlen, sich in die Situation seines Gegenübers zu versetzen und dessen Emotionen und mögliche Gedanken wahrzunehmen. Es besteht ein klarer Unterschied zu Begriffen wie "Mitgefühl, Mitleid": Ich kann mit einer guten Freundin, die tief in der Ehekrise steckt, durchaus mitfühlen, doch echte Empathie verlangt von mir, dass ich mir ihre Situation und ihr Erleben aus ihrer Perspektive vorstelle. Meine Freundin erwartet von mir nicht, dass ich Mitleid mit ihr habe – sie will, dass ich sie verstehe. In diesem Sinne spricht man in der Fachliteratur von kognitiver Empathie.
Das ist die Form von Empathie, die ich vorziehe: Empathisch zu sein bedeutet, sich für die anderen ernsthaft zu interessieren und sich die Mühe zu machen, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Mit einem Wort: Empathie bedeutet, die anderen ernst zu nehmen. Diese Definition von Empathie gefällt mir so gut, weil sie mich daran erinnert, dass neben den Emotionen auch eine kritische Haltung immer besteht. Wenn ich die Beweggründe und Motive meiner Mitmenschen verstehe, heisst es lange nicht, dass ich ihre Handlungen und Entscheide auch billige. Im Gegenteil. Wenn ich eine konstruktive Empathie leben will, muss ich auch wieder auf Distanz gehen können und gegebenenfalls meine Zweifel, meine Kritik mitteilen.
Der humanoide Roboter Nao, dem in einigen Schlagzeilen eine gewisse Form von Empathie zugeschrieben wird, kann zwar in 19 Sprachen unterrichten und vermag, durch seine verschiedenfarbig leuchtenden Augen, Stimme und Kopfhaltung Empfindungen zu zeigen. Gemäss seinen Schöpfern soll er auch »einschätzen können, ob sich ein Kind langweilt oder gestresst fühlt und über ein Repertoire an Reaktionsmöglichkeiten verfügen, mit denen er Schüler zum Weiterlernen animiert«. Doch, wenn ich nun darüber nachdenke, wie vielschichtig und komplex bereits nur die Definition des Begriffs "Empathie" ist, scheinen mir die Fähigkeiten von Nao recht bescheiden.
Weiterführende Lektüre: L. A. Muckenhuber, J. B. Spenger, Kognition bei Mann und Frau. Einfluss der Studienrichtung auf Empathie- und Systematisierungs-Quotienten, Graz 2009; A. Coplan, P. Goldie (Hrsg.), Empathy, Oxford University Press 2014; T. Hürter, G. Lührs, Th. Wašek, Die Gefühle der anderen, in: Hohe Luft, Nr. 25/2016