Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03610.jsonl.gz/831

BMW 328 MM BERLIN-ROMA TOURING SUPER-LEGGERA
Der Einfluss der Politik
Ein Rennwagen, der nie in Wettrennen eingesetzt wurde? Da musste die Politik im Spiel sein...
Der BMW 328 MM Berlin-Rome Touring Superleggera: eine ungewöhnlich lange Bezeichnung für ein so schlankes Auto. Zudem ist es ein sehr klangvoller Name. „Touring Superleggera“ zum Beispiel. Weltberühmt wurde dieser Karosseriebauer durch die Herstellung von handgefertigten aerodynamischen Karosserien aus Aluminium. Obwohl Touring seine Dienste oft automobilverrückten Aristokraten anbot, baute das Unternehmen auch besondere Karosserien für Wettrennen, bei denen Leichtigkeit und aerodynamische Qualitäten Erfolgsgaranten waren. Das galt auch für diesen BMW, der 1940 nach Mailand geschickt wurde, um mit zwei verwandten Typen eine Schlankheitskur zu absolvieren. Der Grund für diese Entscheidung war ganz einfach. Seit seiner Auslieferung im Jahr 1936 hatte der BMW 328 bereits zahlreiche Wettrennen gewonnen. Der recht kompakte 6-Zylinder-2-Liter-Motor war jedoch nicht mehr der Schnellste. Für die Entwicklung eines stärkeren Motors war kein Geld verfügbar. Deshalb beschloss BMW, seine ganze Aufmerksamkeit der Reduzierung von Gewicht und Luftwiderstand zu widmen. Angestrebt wurden ein noch dynamischeres Fahrverhalten sowie ein höheres Tempo.
Der Name dieses BMW weist zudem auf zwei berühmte Wettrennen hin. Die Buchstaben MM erinnern an die Mille Miglia, das besonders berühmte italienische Straßenrennen über 1.600 Kilometer, das jeder Hersteller der 1930er- und 1940er-Jahre, der etwas auf sich hielt, auf die Liste seiner Erfolge setzen musste.
Wettrüsten
Der Name dieses BMW weist zudem auf zwei berühmte Wettrennen hin. Die Buchstaben MM erinnern an die Mille Miglia, das besonders berühmte italienische Straßenrennen über 1.600 Kilometer, das jeder Hersteller der 1930er- und 1940er-Jahre, der etwas auf sich hielt, auf die Liste seiner Erfolge setzen musste. BMW hatte dieses Rennen bereits dank Baron Huschke von Hanstein für sich entschieden, der das Rennen 1940 mit einem 328 Coupé mit Touring-Karosserie beherrscht hatte. Dabei handelte es sich jedoch um eine verkürzte Ausgabe der Mille Miglia, da nur 9 große Schleifen um die Städte Brescia, Cremona und Mantua zu absolvieren waren. BMW wollte sich aber mit diesem Sieg nicht zufrieden geben. In München war man sich natürlich darüber im Klaren, dass der Wagen aufgerüstet werden musste, um die zunehmend mächtige Konkurrenz zu bezwingen.
Obwohl?... Die großen Entscheidungen wurden ja gar nicht in München getroffen. Damals stand der deutsche Automobilsport unter völliger Kontrolle der NSKK, einer Organisation, die von Hitler mit dem Ziel gegründet wurde, der ganzen Welt über den Automobilsport die Größe des Dritten Reichs zur Schau zu stellen. Bei den Großen Preisen übernahmen diese Aufgabe die berühmten Silberpfeile von Mercedes und Auto Union. Bei den Rallyes und den Straßenrennen setzte die NSKK vor allem auf den BMW 328.
Deutsch-italienische Freundschaft
Um der deutschen Industrie zu weltweiten Ruhm zu verhelfen, wollten die Nazis ein Geschwindigkeitsrennen zwischen Berlin und Rom veranstalten, zwei Städte, die sich ebenfalls in der Typenbezeichnung dieses BMW wiederfinden. Dadurch sollte der Nutzen der berühmten deutschen Autobahnen verdeutlicht werden. Daher erteilte die NSKK BMW 1938 den Auftrag, einen Sportwagen mit einem 2-Liter-Motor zu entwickeln, der auch für höhere Geschwindigkeiten gewappnet war. BMW wusste sofort, dass es dafür Hilfe von außen bedurfte. Aus Italien zum Beispiel, der mit Deutschland befreundeten Nation, die für ihre leichten und aerodynamischen Karosserien aus Aluminium bekannt war. So entstanden ein 328 Touring Coupé und zwei 328 Roadster, die 1939 bei den 24 Stunden von Le Mans ein vielversprechendes Ergebnis erzielten. Sogar so vielversprechend, dass neue Windkanaltests durchgeführt wurden, um die Höchstgeschwindigkeit dieser BMWs auf 230 km/h zu verbessern. Am Steuer eines dieser 328er beherrschte Von Hanstein 1940 die Mille Miglia und holte einen vernichtenden Sieg vor dem 3-Liter-Alfa von Farina. Beflügelt durch diesen Sieg wollten die Anführer der NSKK stets mehr. Nach wie vor schwebte ihnen dieses sagenumwobene Rennen zwischen Berlin und Rom vor, auch wenn dieses Ereignis mehrmals aufgeschoben werden sollte. BMW wurde daher aufgefordert, seinen 2-Liter-Sechszylindermotor so weit wie möglich zu entwickeln, während eine x-te Entwicklung der Karosserie bei Touring in Italien in Auftrag gegeben wurde. Die internationalen Beziehungen gestalteten sich bereits allmählich schwieriger. Zwei Wochen nach Von Hansteins Sieg bei der Mille Miglia war nämlich die deutsche Armee in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Luxemburg einmarschiert. Die freundschaftlichen Beziehungen zu Italien unter Mussolini waren jedoch nach wie vor intakt, sodass die NSKK weiterhin auf italienische Fachkräfte zurückgreifen konnte. Deutschland hoffte zudem, dass 1941 eine Neuauflage der Mille Miglia organisiert würde und dass dann dieses berühmte Ereignis zwischen Berlin und Rom stattfinden könnte.
Schwacher Trost
Für dieses Rennen, das sehr schnell zu werden versprach, wählte Touring eine völlig glatte Karosserie mit geraden Flanken, während die bisherigen Roadster noch geschwungene Kotflügel hatten. Da der Sechszylindermotor 135 PS entwickelte, musste die Leistung stimmen. Dies konnten von Hanstein und seine Assistenten bei einer abschließenden Testfahrt dieser drei prächtigen BMWs zwischen Mailand und München bestätigen. Indessen bestimmte der Krieg das gesamte Geschehen der betroffenen Länder. Die Mille Miglia konnte erst viel später wieder organisiert werden, während das Rennen zwischen Berlin und Rom nie zustande kam. Als sich 1944 abzeichnete, dass die politische Lage kippen würde, wurden diese Rennwagen in Lagerhallen in der Nähe von Salzburg versteckt. Zwei dieser außergewöhnlichen Fahrzeuge sind nie wieder aufgetaucht. Nur dieses einzigartige Exemplar überlebte diese dunkle Phase der Geschichte. Anfang der 1950er-Jahre wurde es ziemlich lange von einem US-Offizier für Alltagsfahrten benutzt. Viel später wurde es von BMW Mobile Tradition abgeholt. Dort befindet es sich auch heute noch. Die fortschrittlichste, schnellste, schönste, leichteste und exklusivste 328 nahm daher nie an einem Straßenrennen teil. Zum Glück konnte er 2002 die Mille Miglia mit dem berühmten italienischen Spezialisten für Regelmäßigkeitsrennen Giuliano Cané am Steuer gewinnen. Das ist natürlich nur ein schwacher Trost.
In der Schlichtheit liegt die Kraft
Es ist dieser einzigartige BMW, den Mobile Tradition jetzt aus seiner Sammlung für eine einmalige Fahrt entlang der Bayerischen Alpenstraße sowie des Achen- und Jochenpasses in der Nähe des Walchensees holt. Eine einmalige Gelegenheit. Denn sonst ist dieser Wagen nie auf der Straße zu sehen. Dennoch hat es Petrus heute nicht gut mit uns gemeint. Den ganzen Tag über sollte es in Strömen gießen. Das Wetter ist so schlecht, dass wir befürchten, unseren Ausflug ganz absagen zu müssen. Zum Glück gibt man bei BMW nicht so schnell auf. Obwohl dieser Wagen von unschätzbarem Wert ist und am nächsten Tag am Concorso d’Eleganza Villa d’Este teilnehmen soll, wird er gefahren. Schließlich wurde er ja zu diesem Zweck gebaut. Ein Lob für diese Kühnheit! Manche Konstrukteure gehen viel vorsichtiger mit ihren Juwelen um.
Zum Glück ist der 328 ein einfaches Auto. Das gilt natürlich für die Bauweise, aber auch für die Fahrweise. Dies ist gewiss einer seiner Vorteile. Mit seiner Schlichtheit übertrifft er viele der anspruchsvolleren Konkurrenten, die bei weitem nicht so zuverlässig, aber dafür viel schwerer sind und ihren Fahrern wesentlich mehr Energie abverlangen.
Eine raffinierte Linie
Hinter dem Dreispeichenlenkrad ist das Fahrgefühl einmalig. Man sitzt jedoch auch sehr tief, noch tiefer als in einem klassischen 328, und die Pedale sind etwas versetzt. Die Position ist hervorragend. Auch der Schalthebel ist leicht zu bedienen. Punkto Ergonomie gibt es nicht viel einzuwenden. Das Armaturenbrett ist besonders einfach, aber genau das macht seinen Charme aus. Zwei Kippschalter für die Scheinwerfer und Blinker, ein Zugschalter für den Choke sowie ein Schalter und sechs Zifferblätter zieren die Mittelkonsole aus Stahl. Das ist alles. Es ist jedoch schade, dass Drehzahlmesser und Tachometer nicht im Sichtbereich des Fahrers liegen.
Die Karosserie verdankt ihre ganze Eleganz auch ihrer Schlichtheit, dem Streben nach Effizienz und dem Verzicht auf Verzierungen. Dieser BMW ist schön wie eine Athletin in Höchstform. Funktionale Eleganz. Minimalismus in reinster Form. Wer sich von großen Blondinen mit Silikonbrüsten verführen lässt, wird von diesem BMW sicherlich enttäuscht sein. Der 328er ist alles andere als spektakulär. Er ist ein Juwel, aber eines, das nur Kenner zu schätzen wissen.
Nervös, aber berechenbar
Mühelos springt der Sechszylindermotor mit einem dumpfen Grollen an. Den ovalen Auspuffen entweicht ein Geräusch, das an die Stimme von Marianne Faithfull nach einer Nacht in verrauchter Kulisse erinnert. Ein hohler Klang, als ob man diese Musik im größten Heysel-Palastsaal genießen würde. Der Sechszylinder reagiert schnell auf Bewegungen mit dem Gaspedal und lässt sich leicht hochfahren. Bei hoher Drehzahl hat er nicht viel weniger zu bieten als ein Schlagzeugorchester in Topform.
Das Vierganggetriebe ist ein kleines technisches Wunderwerk. Der besonders lange Schalthebel führt nicht zu einem Mangel an Präzision. Es ist zudem perfekt synchronisiert, sodass müheloses Schalten ohne Wahrnehmung ächzender Geräusche möglich ist. Beim Schalten muss man nicht erst aufs Gaspedal steigen, auch wenn man dazu wegen des angenehmen Motorgeräuschs durchaus geneigt wäre.
In engen Kurven wird das Heck ziemlich unruhig. Mehr als beim klassischen 328er. Selbstverständlich beruht dies auf der merklich höheren Leistung, aber auch auf einem hohen Drehmoment und vor allem dem geringeren Gewicht. Dennoch ist dieser BMW durchaus berechenbar und leicht beherrschbar.
Im Urlaub
Wie uns bereits bekannt war, gehört der BMW 328 zu den besten Sportwagen der Vorkriegszeit. Heute wissen wir, dass es noch Besseres gibt. Dank seiner höheren Leistung und seines deutlich verringerten Gewichts ist dieser 328 Touring Superleggera noch attraktiver als der klassische 328er, ohne dabei den Fahrer vor Probleme zu stellen. Es ist kein Auto, das man dauernd mit der Peitsche fahren muss. Sein Motor ist sehr energisch und verfügt über eine gute Leistungsreserve bei allen Drehzahlen. Besondere Fahrfreude bereitet das Schaltgetriebe: Damit lassen sich die Gänge besonders schnell und ohne Knarren hoch- und herunterschalten. Seine Bremsen sind ausdauernd und leicht zu dosieren. Die Steuerung ist präzise und sehr direkt. Das Fahrgestell ist sowohl komfortabel als auch besonders gut ausbalanciert. Gibt es überhaupt etwas zu bemängeln? Ja, eins: Es ist wirklich bedauerlich, dass es von diesem Fahrzeug nur ein Exemplar gibt.
Nachdem wir etwa 200 Kilometer im strömenden Regen zurückgelegt haben, waren wir gern bereit, diesem Abenteuer ein Ende zu setzen. Das ist natürlich ganz und gar nicht der Fall. Wir sind nämlich richtig traurig. Ein Gefühl, das vermutlich mit dem vergleichbar ist, das man nach einer einzigartigen Nacht mit der Frau seiner Träume empfindet. Man genießt noch immer diesen außergewöhnlichen Moment, weiß jedoch, dass man wahrscheinlich keine Gelegenheit haben wird, sie wiederzusehen. Was für ein fantastischer Wagen, dieser 328 Touring Superleggera! Es handelt sich zweifellos um eines der außergewöhnlichsten Autos, das wir je fahren durften. Sollten wir dieses Jahr in der Gegend von Salzburg Urlaub machen, werden wir uns sicherlich auf die Suche nach abgeschiedenen Höfen begeben, die Tore von so manchen Scheunen öffnen und in so manchem Heuhaufen stöbern. Man weiß ja nie, was man dort finden könnte...
Mehr erfahren
Für mehr Emotionen abonnieren Sie unseren Newsletter