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Viele Hunderassen zeigen im Umgang mit dem Menschen eine Reihe von Verhaltensauffälligkeiten, die leichter verständlich werden, wenn man sich die Verwendung der jeweiligen Rasse in ihrer früheren Arbeitsgeschichte vor Augen führt. Viele Verhaltenweisen, die einen Hund zu einem guten Arbeitshund gemacht haben, sind im Alltag eines Familienhundes störend bzw. schwierig. Vielfach werden diese Verhaltenseigenschaften auch durch Botenstoffe im Gehirn, Hormone und andere, innere steuernde Faktoren beeinflusst.
Text: Udo Ganslosser, Sophie Strodtbeck
Als erste Hundegruppe in dieser Artikelserie wollen wir uns mit den Meutehunden (Beagle, Foxhound etc.) beschäftigen, wobei der Beagle als charakteristischer Vertreter herausgegriffen wird, weil er häufig unter seinem Ruf, ein netter und kinderfreundlicher Familienhund zu sein, leidet.
Meutehunde («Hounds») sind in grösseren Gruppen selbständig unterwegs. Sie sind meist Nasenjäger, die eine einmal gefundene Fährte oft stundenlang verfolgen, ohne in direktem Kontakt mit dem Menschen zu stehen. Denn auf der Fuchsjagd kann der Hund schlecht nach zehn Minuten einfach wieder umdrehen, weil er keine Lust mehr hat. Also wurde er schon immer auf eine gewisse Beharrlichkeit und Ausdauer hin selektiert.
Zuchtziel Kooperation mit Menschen
Diese Eigenschaften sind auch in mehreren neueren wissenschaftlichen Untersuchungen deutlich geworden. In Vergleichsuntersuchen zwischen Hunden, die sehr viel in ihrer Arbeit mit dem Menschen kooperieren (etwa Apportier- und Hütehunde) mit solchen, deren Rassegeschichte eine unabhängige Arbeit vom Menschen gefordert hat (Meutehunde, Herdenschutzhunde etc.), zeigte sich, dass die Hunde der letztgenannten Gruppe bei schwierigen bis unlösbaren Aufgaben viel seltener und viel später Hilfe beim Menschen suchen. Auch im Verständnis und im Befolgen von Hinweiszeichen des Menschen (Blickrichtung, Fingerzeig etc.) sind die Hunde der selbständig arbeitenden Gruppe nicht so gut wie diejenigen, deren Rassegeschichte das ständige Zusammenarbeiten mit dem Menschen gefordert hat.
In der Budapester Vergleichsstudie, in der Hunde von 96 verschiedenen Rassen nach Persönlichkeitsachsen gelistet wurden, erreicht der Beagle Platz 51 für Gelassenheit und emotionale Stabilität, Platz 55 für Trainierbarkeit und Offenheit für neue Erfahrungen, Platz 15 für Geselligkeit und Platz 46 für Extrovertiertheit. Er liegt also für die meisten Eigenschaften mit Ausnahme der Geselligkeit für Hunde im Mittelfeld.
Fellfarbe
Eine Erfahrung, die Beaglehalter und Trainer sehr häufig machen, ist bei anderen Hunderassen auch schon durch wissenschaftliche Untersuchungen gestützt: Es gibt Zusammenhänge zwischen der Fellfarbe eines Hundes und seiner Persönlichkeit bzw. seinem Verhalten. Die schwarze oder dunkelbraune Variante des Pigments Melatonin ist gekoppelt mit einer stärkeren Aktivität des aktiven Stresssystems (Adrenalin, Noradrenalin, Dopamin), das auch Neugier, aktive Problemlösung und Offenheit für neue Erfahrungen steuert. Die rote Variante des Pigments ist gekoppelt mit einer stärkeren Aktivität des passiven Stresssystems (Cortisolsystem), das eher Problemvermeidung und abwartendes, distanziertes Beobachten einer neuen unbekannten Situation steuert. Die Erfahrung, dass Tricolor-Beagles, die mehr schwarze Anteile im Fell haben, etwas aktiver, neugieriger und damit auch vielleicht für den Halter anstrengender sind, könnte diesen biochemischen Zusammenhang bestätigen. Bei anderen Hunderassen sind diese Untersuchungen bereits systematisch durchgeführt worden und bestätigten die Vermutung.
Ausdauernde Jäger
Aus der genannten Beschreibung des Beagle-typischen Arbeitens, nämlich lange und selbständig eine Fährte zu verfolgen, lassen sich bereits eine Reihe, der für Beaglehalter typischen Probleme erklären.
Einen Jagdtrieb im klassischen Sinne gibt es nicht, da jede der etwa sechs bis sieben Verhaltensweisen in der Jagdsequenz eines Hundes ihre eigene innere Handlungsbereitschaft und unterschiedlich auslösende Situation hat. Der Erfolg beim Verfolgen einer Fährte ist dann unter anderem von der Empfindlichkeit des Riechorgans und von der Ausdauer des Hundes abhängig. Bezüglich der Empfindlichkeit des Riechorgans gibt es Angaben über die Zahl der Duftrezeptoren auf der Riechschleimhaut eines Beagles. Sie liegt zwar mit zirka 400 Millionen deutlich unter der Zahl des Spitzenreiters Bloudhound (zirka 550 Millionen), aber deutlich über des immer als Vergleichswert angeführten Deutschen Schäferhunds mit 250 Millionen Rezeptoren. Die Ausdauer eines Hundes wird wohl von verschiedenen chemischen und neurobiologischen Faktoren in Gehirn und Hormonsystem des Tieres beeinflusst. Bekannt ist, dass Tiere mit hoher Ausdauer, die beispielsweise auch sehr lange an bereits gelernten Erfahrungen festhalten, eine sehr hohe Anfälligkeit für Stereotypien und Zwangshandlungen haben. Wer sich besonders ausdauernd mit einer Aufgabe auseinandersetzt, und diese auch ohne menschliches Zutun lösen möchte, wird auch bei einer unlösbaren Aufgabe nicht so schnell aufgeben. Stattdessen besteht dann die Gefahr, dass man sich durch rhythmisch wiederholte Handlungen einen «Kick» in Form einer Dopamin-Ausschüttung verschafft, die einem bei erfolgreich bewältigter Aufgabe das «Aha-Erlebnis» verschafft hätte. Untersuchungen an Zootieren und Labortieren zeigen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Ausdauer eines Tieres bei der Lösung von Problemen, dem Festhalten an bereits gelernten und erfolgreich angewendeten Lösungsstrategien und dem Auftreten von Stereotypien gibt. Und gerade bei Beagles treten Verhaltensstörungen in Form von häufig und rhythmisch wiederholten Bewegungen oft zutage.
Stereotypien entstehen besonders häufig bei Tieren, die in ihrer Jugend unter reizarmen Bedingungen aufgewachsen sind. Dann werden einige Regionen im Streifenkörper an der Basis des Grosshirns nicht ausreichend mit Dopamin-gesteuerten Fasern versorgt. Ergebnis ist ein Dopamin-Mangel in der späteren Entwicklung, den das Tier dann eben durch die rhythmisch wiederholten und selbstbelohnenden Bewegungen kompensiert. Die sprichwörtliche Beagle-Sturheit, mögliche Defizite in der Aufzucht (z. B. bei ehemaligen Labor-Beagles) und die rassetypische Tendenz, seine Probleme selbst zu lösen, anstatt Hilfe beim Menschen anzufordern, gehen hier also eine unheilvolle Verbindung ein.
Schmerz-Unempfindlichkeit
Noch eine Beagle-typische Eigenschaft, die bei der langandauernden Jagd unter Umständen von Vorteil sein kann, lässt sich mit der Chemie des Nervensystems zumindest teilweise verstehen. Die Erfahrung, dass Beagles sich auf der Jagd bzw. auf der Fährte weder von Dornen noch anderen schmerzhaften Umweltreizen abhalten lassen (dürfen), war sicherlich ein wesentliches Selektionsmerkmal in der Zucht. Die dafür verantwortlichen Botenstoffe sind wahrscheinlich Serotonin, Noradrenalin und Dopamin. Sie hemmen in absteigender Wirkung, dass heisst vom Gehirn auf das Rückenmark übergreifend, die Schmerzweiterleitung. Dadurch können unter Erregung, etwa auf der Fährte oder in der Meutejagd, hochgepuschte Hunde auch bei länger andauernder Schmerzbelastung «funktionieren». Dass ihnen die eingetretenen Dornen wehtun, merken sie erst dann, wenn sie nach beendeter Jagd zum ersten Mal wieder zur Ruhe kommen. Die motivationssteigernde und durch Lernprozesse auch selbstbelohnende Wirkung der genannten Botenstoffe, insbesondere des Dopamins und des Noradrenalins, ist in vielen Labor- und Felduntersuchen verschiedenster Tierarten bereits belegt. Kommt dazu noch die Schmerzdämpfung, dann haben wir den idealen Querfeldein-Langstreckenläufer. Das Verhalten der Beagles, die als Meute auf der Fährte sind, lässt wohl keinen Zweifel daran, dass hier Dopamin und die körpereigenen Opiate tatsächlich eine Rolle spielen. Wer diesem Schauspiel einmal zuschauen kann, sieht wirklich glückliche Hunde.
Verfressenheit
Das Leben in der Meute erfordert auch, dass man sich bezüglich des Fressverhaltens entsprechend angepasst zeigt. Man sollte möglichst wenig Futterneid zeigen und stattdessen so schnell und so erfolgreich wie nur möglich in sich hineinschaufeln. Wer auf einer Jagd ganz schnell sehr viele Kalorien verliert, tut gut daran, sich diese auch in kürzester Zeit wieder anzufressen. Und genau das ist die Basis für die sprichwörtliche Beagle-Verfressenheit, die dann oftmals zu übergewichtigen Hunden führt. Untersuchungen an Menschen und Labortieren zeigen deutlich, dass ein Hormon Namens Leptin für die Langzeitregulation des Appetits und des Nahrungsaufnahmeverhaltens zuständig ist. Normalerweise wird Leptin aus gefüllten Fettzellen freigesetzt und tritt dann sozusagen im Hirnstamm auf die Essbremse. Wird dieses Leptinsystem in seiner Empfindlichkeit verändert, erhöht sich die Anfälligkeit für Essstörungen und Fettleibigkeit. Auch wenn einschlägige Untersuchungen an Hunden bisher nicht durchgeführt wurden, lassen viele Eigenschaften gerade der Beagle-Verfressenheit an eine solche Veränderung des Leptinsystems denken. Was in der Meute adaptiv war, nämlich in kürzester Zeit nach der Jagd die verbrannte Energie wieder zurückzugewinnen, kann im Haustierstand des Familienhundes aber nur zu Gewichtsproblemen und daraus folgenden gesundheitlichen Störungen führen.
Gesundheitliche Probleme
Auch ein medizinisches Problem könnte zumindest teilweise durch die Meutejagd bzw. die dabei herrschenden Glücksempfindungen der Hunde erklärlich sein. Beagles neigen, wie andere Rassen mit schwerer Rute, zum sogenannten Hammelschwanz (Wasserrute). Es handelt sich dabei vermutlich um eine durch Durchblutungsstörungen an der Schwanzwurzel entstandene Gewebsentzündung, die dann eben zur schlaff gelähmten Rute führt. Diese Krankheitserscheinung zeigen viele Beagles besonders häufig, wenn sie längere Zeit auf der Jagd mit hoch erhobenem und wedelndem Schwanz einer Spur gefolgt sind.
Eine rassetypische Disposition liegt bei Beagles auch für die Schilddrüsenunterfunktion vor. Das Schilddrüsenhormon Thyroxin selbst hat zwar mit der Steuerung des Verhaltens eigentlich nichts zu tun, jedoch ist bei einem Mangel an Schilddrüsenhormon eine Veränderung im Stoffwechsel der Botenstoffe Serotonin und Dopamin zu verzeichnen, und diese beiden Botenstoffe wirken sich wiederum in vielfältiger Weise auf das Verhalten aus. Die rassetypische Disposition zur Schilddrüsenunterfunktion beim Beagle ist bekannt. Man sollte also bei Beagles, zumindest ab dem Erwachsenenstadium, sehr wachsam sein. Zeigen sich Verhaltensäusserungen wie etwa Launenhaftigkeit, Zurückgezogenheit, Futterneid oder auch Aggression gegen Menschen oder Artgenossen, so könnte eine Schilddrüsenunterfunktion die Ursache sein. Dann sollte in jedem Falle der Tierarzt konsultiert werden.
Anspruchsloser Familienhund?
Möglicherweise ist ja diese rassetypische Disposition zur Schilddrüsenunterfunktion auch eine der Ursachen dafür, dass in der Beissstatistik des amerikanischen Hundeforschers James Serpell der Beagle, der bei uns als gelassener und fröhlicher Familienhund gilt, an mehreren Stellen vordere Plätze belegt. In einer umfangreichen Befragung von tausenden von Hundebesitzern zeigte sich, dass der Beagle in den USA Platz 5 in der Statistik über Angriffe auf Fremde einnimmt und bei Angriffen auf den eigenen Besitzer sogar Platz 1 erreicht. Ob sich unter diesen Zahlen viele unentdeckte und nicht behandelte Schilddrüsenpatienten befinden oder ob die Ursache auch in den ganz anderen Praktiken der Hundehaltung in USA gegenüber dem deutschsprachigen Mitteleuropa liegt, kann an dieser Stelle nicht entschieden werden. In den USA werden Hunde oftmals sehr wenig beschäftigt, Freilauf ist nur selten möglich, und ein unterbeschäftigter und arbeitsloser Beagle muss schliesslich seinen Frust irgendwo auslassen.
Der Beagle als Laborhund
Weltweit sind Beagles die Laborhunde Nummer 1. Ihrer sprichwörtlichen Verfressenheit ermöglicht es beispielsweise, die Hunde auch ohne vorhergehende Fastenperioden jederzeit mit Futterbelohnung in Lernversuchen und anderen Verhaltenstests zu überprüfen; mit dazu beitragen dürfte auch ihr stets fröhliches und freundliches, selten nachtragendes Wesen. Man arbeitet einfach lieber mit Hunden, die trotz der anstehenden Versuche den Menschen immer noch begrüssen und sich ihm freudig erregt annähern. Ausserdem lassen sich Meutehunde in der Regel problemlos in Gruppen halten. Ohne nun über das Thema Tierversuche an und mit Hunden diskutieren zu wollen, ist es uns jedoch ein Bedürfnis, darauf hinzuweisen, dass heute viele Labors nach Abschluss der Versuchsreihen bereit sind, ihre Beagles an verantwortungsvolle Privathalter abzugeben. Vielfach sind diese Hunde noch recht jung und können dann noch 10 Jahre oder länger ein hundegerechtes Dasein in einer Familie führen. Informationen zu diesem Thema finden sich beispielsweise auf www.laborbeaglehilfe.de. Wie wir gesehen haben, muss bedacht werden, dass gerade Hunde aus Labors, unter Umständen durch die erfahrungsarme Aufzucht einen gewissen Risikofaktor zur Entstehung von Stereotypien und Bewegungsauffälligkeiten zeigen. Umso wichtiger ist es, nun alles zu tun, um diesen Hunden eine tiergerechte, möglichst beaglegerechte Auslastung zu verschaffen. Zielobjektsuche oder andere Formen der Gegenstandsdifferenzierung wären hier an erster Stelle zu nennen. Auch kompliziert gelegte Schleppfährten können dazu dienen, den Beagle mit seiner Nase und trotzdem noch mit Köpfchen zu beschäftigen.
Auch andere «Workaholic-Rassen», wie beispielsweise Border Collies und Australian Sheperds, weisen sehr oft Verhaltensprobleme durch ihre Rassedisposition auf. Damit werden wir uns im nächsten Beitrag befassen.