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Der deutsche Kabarettist Dieter Hildebrand hat einmal gehöhnt, dass gewisse Gewerkschafter zu Gesprächen mit der Firmenleitung gingen, und es anschliessend heisse, es habe sich um einen „Meinungsaustausch“ gehandelt: Die Gewerkschafter seien mit der Meinung der Bosse wieder herausgekommen.
Es war also kein Meinungsaustausch, sondern ein freundlich-höfliches Gespräch, das genau drei Wochen nach meiner Plakataktion in einem kühl-eleganten Sitzungszimmer des Raiffeisen-Hauptsitzes in St.Gallen stattfand. Auf der einen Seite des Tisches der wütend-enttäuschte, gleichzeitig leicht nervöse Bankkunde und linke Polit-Aktivist, auf der anderen Seite der spürbar angespannte und gleichzeitig PR-gestählte CEO der drittgrössten Bank der Schweiz.
Raiffeisen-Gründer würde sich im Grabe umdrehen: Hans Fässler, Protestaktion
Auf dem Tisch lag das Schild mit dem Text, der sich inzwischen herumgesprochen hat: „Friedrich Wilhelm Raiffeisen, 1818-1888, würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, was man aus seiner Bank gemacht hat.“ Auf dem Tisch lagen meine vier Forderungen, die dann unwidersprochen zur Traktandenliste des dreiviertelstündigen Gesprächs wurden. Und draussen waren ein Mann und eine Frau an der Arbeit und während dem ganzen Gespräch damit beschäftigt, mit langen Abziehern die hohen Fenster des Raiffeisen-Erdgeschosses zu putzen.
Genossenschaften sind für mich eine mögliche Strategie auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus. Im Parteiprogramm der SPS von 2010, an dessen Ausarbeitung ich mich beteiligt habe, heisst es: „Zur Demokratisierung der Wirtschaft trägt auch das Genossenschaftswesen bei, das wir ausbauen wollen. Die Genossenschaft bildet auf betrieblicher Ebene ein Gegenmodell zur Aktiengesellschaft.“
Meine erste Forderung, Raiffeisen solle die Genossenschaftsstruktur unbedingt beibehalten und nicht auf die NZZ und ihre kapitalistischen Flötentöne hören („… die genossenschaftlichen Strukturen der Raiffeisen-Zentrale, des Schaltzentrums der Gruppe, sind den zusehends komplexeren Anforderungen im Bankgeschäft immer weniger gewachsen …“), stiess bei Herrn Gisel auf offene Ohren. Die Überprüfung der Genossenschaftsstruktur sei eine Forderung der Finma, sagte er, innerhalb der Bank habe sie seiner Meinung nach keine Chance.
Bei Traktandum 2 gingen die Meinungen am Tisch auseinander und kamen auch nicht wieder zusammen. Bei der Neugestaltung des Vergütungsmodells, so meine Forderung, solle Raiffeisen das 1:12-Prinzip zur Grundlage nehmen und die alten sowie die neu zu wählenden Mitglieder des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung darauf verpflichten. Dem aufmerksam zuhörenden CEO (Jahreseinkommen: 1,8 Millionen) rechnete ich vor: Bei einem angenommenen Mindestlohn von 5’000 Franken pro Monat ergäbe sich neu ein Maximallohn von 60’000 Franken pro Monat oder 720’000 Franken pro Jahr.
Herr Gisel hielt dieses Modell für „noch nicht realisierbar“ und verwies auf die „Marktfähigkeit“ und das übrige Bankenumfeld und die immer komplexeren Risikobeurteilungen. Ich merkte mir das Wörtchen „noch“ in seiner Antwort und zeigte mich optimistisch: Unter Hunderten von Bewerbungen sollten sich doch genug solche finden lassen, welche gleichzeitig die geforderten fachlichen Qualitäten sowie auch die moralische Sensibilität für eine anständige Lohnstruktur mitbringen.
Wie hoch denn der Raiffeisen-Mindestlohn sei, wollte ich unter diesem Traktandum noch wissen, während draussen die Fensterputzer weiter ihrer Arbeit nachgingen. Herr Gisel wusste es nicht, versprach aber, mir die Antwort nachzuliefern. Einen Tag nach dem Gespräch wusste ich: 52’000 Franken (ohne Ausbildung), 56’000 Franken (mit Berufslehre).
Unter Traktandum drei schlug ich vor, Raiffeisen solle mit mir zusammen eine Kundgebung auf dem Raiffeisenplatz in St.Gallen organisieren. Die Bank könne anlässlich des 200. Geburtstags von Friedrich Wilhelm Raiffeisen, welchen Raiffeisen Schweiz scheinbar verpasst habe, ihre Pläne (Projekt „Fokus 21″) erläutern, und die enttäuschten Bankkunden könnten zusammen mit mir unter dem Motto „Für anständige Banken!“ ihren Unmut äussern (CS und UBS mögen den Plural beim Motto beachten). Herr Gisel nahm die Idee entgegen und versprach, sie weiterzuleiten.
Während die Fensterputzer sich um die Ecke des Gebäudes herumarbeiteten, versicherte mir Herr Gisel, wie sehr die ganze Sache mit Herrn Vincenz und die öffentliche Kritik ihm und der Bank zu schaffen machten und wie sehr man sich jetzt bemühe, das verlorene Vertrauen wiederherzustellen. „Auf dass“, sagte er mit Verweis auf das grosse blaue Schild, das immer noch auf dem Tisch lag, „Friedrich Wilhelm Raiffeisen sich nochmals umdrehen kann.“ – „Damit er in der richtigen Lage wieder in Frieden ruhen kann“, fügte ich hinzu und hatte in diesem Moment das Gefühl, dass es Herrn Gisel ziemlich ernst war.
If you can’t beat them: Raiffeisen gibt Kritiker-Schild Sonderplatz (Video: Blick Online)
Traktandum 4 wurde für mich zur kleinen Überraschung. Auf meine Idee, das Schild als Mahnmal im Hauptsitz der Bank zwischen (anderen) Kunstwerken aufzuhängen, hatte die Bank erst ablehnend reagiert und lediglich versprochen, mir das Schild zurückzugeben. War es die Drohung mit einer Demonstration auf den „Roten Platz“? War es die freundliche Atmosphäre des Gesprächs? War alles nur ein Missverständnis? Oder war es PR-basierte Einsicht?
Herr Gisel war jedenfalls einverstanden, dafür zu sorgen, dass das Schild aufgehängt würde. Während er zuerst bemerkte, er werde die Ausführung seinem Nachfolger überlassen, korrigierte er sich kurz danach und versprach, die Sache noch in seiner Amtszeit zu erledigen und mich zur Anbringung einzuladen.
Ich werde ihm vorschlagen, diese Anbringung zumindest medienöffentlich zu machen. Er wird dann nochmals Gelegenheit haben, die seiner Meinung nach zu wenig beachteten Schritte zu erläutern, welche die Bank mit „Fokus 21“ eingeleitet hat, und ich hätte nochmals Gelegenheit zu erklären, was ich mir 200 Jahre nach der Geburt von Friedrich Wilhelm Raiffeisen unter einer „anständigen Bank“ vorstelle.