Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03513.jsonl.gz/1291

Das antarktische Paradoxon besagte, dass trotz der globalen Erwärmung sich in der Antarktis das Packeis ausgedehnt hatte. Diese Veränderungen an der Oberfläche entlang der antarktischen Küste führten auch zu Veränderungen am Meeresboden. Besonders die Biomasse von Wirbellosen und die Produktivität gingen zwischen 1988 und 2014 im östlichen Teil des Weddellmeers massiv zurück, wie eine jetzt veröffentlichte Studie gezeigt hatte.
Die Forschungsgruppe um Projektleiter Dr. Claudio Richter vom Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) fand jedoch nicht nur den Rückgang, sondern auch eine Erklärung dafür: Die zunehmende Meereisbedeckung in dieser Zeit und die grösseren Schneemengen auf dem Eis. «Wir hatten immer vermutet, dass Meereis der Schlüssel sein könnte», erklärt Dr. Richter. «Über den grössten Teil der Antarktis hat das Meereis bis vor kurzem zugenommen. Mehr schneebedeckte Eisschollen bedeuten: weniger Licht, welches das Wachstum von Kleinalgen an der Wasseroberfläche unterstützt und dadurch weniger abgestorbenes Plankton, das auf den Boden sinkt.» Dadurch wurde gemäss den Forschern, die Nahrungsgrundlage für bodenbewohnende Tierarten entzogen und filtrierende Arten wie Muscheln oder Schwämme müssen hungern. Das Resultat ist eine geringere Biomasse und Produktivität an diesem ansonsten sehr reichhaltigen Lebensraum.
Doch wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner. In diesem Fall, so fand Santiago Pineda-Metz, Student und Erstautor der Studie heraus, sind dies vor allem Arten, die sich von Ablagerungen und den festsitzenden Organismen ernähren. Dazu gehören beispielsweise Seegurken oder Seesterne. Insgesamt verschoben sich die Häufigkeiten der verschiedenen Ernährungstypen entsprechend hin und her, doch die Biomasse, ein Massstab für den Zustand und die Produktivität des Systems, ging zurück. Dies führte der Forscher vor allem auf den Verlust von Glasschwämmen zurück, die einen grossen Teil der bodenbewohnenden Organismen ausmachen und einen Lebensraum für viele kleinere Organismen bilden. Diese Schwämme leben eigentlich vom «Planktonregen», abgestorbenen Kleinstalgen, die in der Wassersäule langsam herunterfallen und Bodensedimente bilden, wenn sie nicht filtriert werden.
Die Proben stammen alle aus der Kapp Norvegia-Auståsen-Region nahe der Neumayer-III-Station auf der Ostseite des Weddellmeers. Zwischen 1988 und 2014 sammelte das AWI von der Polarstern aus insgesamt 59 mal Proben vom Meeresboden der Region. Dabei wurde ein speziell entwickeltes Gerät, der 2 Tonnen schwere Multigreifer, genutzt, der ein Total von 300 Proben entnommen hatte. Mehr als 45 Tonnen Sediment wurden durchsiebt und mehrere Zehntausend Organismen wurden bestimmt. Die Auswertung der Daten fiel dann auf Santiago Pineda-Metz als Teil seiner Doktorarbeit. Er untersuchte auch die möglichen Gründe für den Rückgang und analysierte beispielsweise den Einfluss abbrechender Eisschelfe und über den Boden schrammende Eisberge als mögliche Faktoren. Doch es blieb der negative Einfluss der Schneedecke und des Meereises. Doch ab 2014, mit dem Ende der Daten, fand auch eine Umkehrung der Meereisbedeckung statt. Seither hat das antarktische Meereis einen massiven Verlust erlebt und ist auf die Menge der 1980er Jahre gesunken. Das könnte gute Neuigkeiten für die Benthosbewohner bedeuten. Anfang nächsten Jahres möchten die Forscher eine neue Datenreihe beginnen, denn die Erholung des Systems hat auch klimarelevante Bedeutung. «Die Speicherung von Kohlenstoff (blauer Kohlenstoff genannt, Anm. d. Red.) im Benthos bildet eine wichtige Rückkopplung für das Klimasystem», meint Pineda-Metz. Seine Postdoc-Arbeit scheint zumindest klar zu sein.
Quelle: Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung