Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03415.jsonl.gz/261

José María Ayala ist arm, aber nicht bitterarm. Seine Hütte in den Hügeln von Morazán im Osten von El Salvador hat Wände aus Lehmziegeln und einen Boden aus gestampfter Erde. Der 56-jährige Campesino hat Strom im Haus, ein Radio, einen Fernsehapparat und sogar einen Kühlschrank. Unten im Tal fliesst der Río Torola, der hier zwischen den Hügeln noch klar ist. Noch hat er keine Stadt berührt und ihren Müll und ihr Abwasser verschluckt; noch kann man sein Wasser trinken.
Vier Hektaren Land besitzt Ayala im Tal des Torola. Auf einem Teil davon baut er Mais und rote Bohnen an, die beiden hauptsächlichen Bestandteile der Diät der Armen in Zentralamerika. Gerade so viel, wie er selbst, seine Frau und die drei Kinder, die noch in seinem Haus leben, verbrauchen. Der andere Teil seines Landes liegt brach. «Mais auf den Markt zu bringen, lohnt sich nicht mehr», sagt er. Seit El Salvador und die USA einen Freihandelsvertrag unterzeichnet haben, ist der auf grossen subventionierten Farmen im Norden produzierte Mais viel billiger als der aus der traditionellen kleinbäuerlichen Landwirtschaft. Ayala hat keine Maschine, nur eine Hacke und eine Machete.
Die Hälfte des Volkseinkommens
Und doch lebt er nicht von Mais und Bohnen allein. Das Radio, den Fernsehapparat und den Kühlschrank, die Stromrechnung, seine Kleider und seine Schuhe – all das bezahlen seine drei anderen Söhne, die nicht mehr zu Hause leben, sondern in den USA. «Jeder von ihnen schickt mir jeden Monat hundert Dollar.»
Die drei jungen Männer sind illegal in die USA ausgewandert und arbeiten dort als Erntehelfer oder auf dem Bau. Millionen Menschen aus Mittelamerika tun das. El Salvador ist halb so gross wie die Schweiz und hat knapp sechs Millionen EinwohnerInnen. Jeden Tag machen sich zwischen 300 und 400 Frauen und Männer auf den Weg in die USA. Ein rundes Drittel der salvadorianischen Bevölkerung lebt und arbeitet dort, die meisten ohne Papiere. Das Geld, das sie ihren Familien zu Hause überweisen, nennt man in den USA «remittances», in Lateinamerika «remesas». In El Salvador macht die Gesamtsumme der Remissen 17,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) aus. Arbeitskraft ist das bei weitem wichtigste Exportprodukt des Landes. Es gibt kaum eine Familie, die keine Verwandten zum Arbeiten in die USA geschickt hat.
El Salvador liegt damit noch nicht einmal in der Spitzengruppe der von den Überweisungen ihrer ausgewanderten Landsleute abhängigen Staaten. Im zentralasiatischen Tadschikistan machen solche Remissen 49,6 Prozent des BIPs, im südpazifischen Tonga 37,7 Prozent und im osteuropäischen Moldawien 31,4 Prozent aus. In absoluten Zahlen führt Indien mit 55 Milliarden US-Dollar Rücküberweisungen im Jahr die Liste an, gefolgt von China (51 Milliarden), Mexiko (23 Milliarden) und den Philippinen (21 Milliarden). Insgesamt, schätzt die Weltbank, wurden 2010 über 400 Milliarden US-Dollar von Ausgewanderten an ihre Familien in armen Ländern geschickt. In den meisten Staaten ist das mehr, als sie an internationaler Entwicklungshilfe erhalten, und noch viel mehr, als Auslandsinvestitionen ins Land fliessen.
Genaue Zahlen gibt es nicht. Der allergrösste Teil dieser Überweisungen geht nicht von Bank zu Bank. ArbeiterInnen ohne Papiere besitzen oft kein Konto – und noch viel weniger ihre armen Familien zu Hause. Die meisten sind auf Dienstleister für Bargeldtransfers angewiesen, wo die Überweisung direkt einbezahlt und innerhalb von Sekunden im Empfängerland abgeholt werden kann. Western Union, der Gigant unter diesen Dienstleistern, hat in vielen armen Ländern des Südens ein flächendeckendes Netz von Agenturen. In El Salvador gibt es kaum ein Dorf ohne einen Schalter dieser Firma. Sie lässt sich die simple Dienstleistung teuer bezahlen: Wer aus der Schweiz mit Western Union Geld ins Ausland verschickt, bezahlt bei Summen bis zu 75 Franken pauschal 20 Franken, bei Überweisungen bis zu 300 Franken 30 Franken Gebühr. Die Konkurrenz ist nicht billiger. Kein Wunder, dass viele auf informelle Wege der Übermittlung zurückgreifen und ihr Geld, wenn immer möglich, mit FreundInnen oder Bekannten nach Hause schicken.
Für elementare Dinge gebraucht
Nur ein verschwindender Teil dieses Gelds wird zur weiteren Produktion verwendet. Die einzelnen Summen sind zu klein für eine Investition wie zum Beispiel den Aufbau eines Familienbetriebs. Und die Not der EmpfängerInnen ist zu gross. Sie brauchen die Überweisungen für ganz elementare Dinge: für Lebensmittel, für Kleidung, um die Wohnung in Schuss zu halten. Wenn etwas übrig bleibt, darf es auch ein kleiner Luxus wie ein Elektrogerät sein. Im besten Fall wird ein bisschen Geld in eine bessere Ausbildung der Kinder gesteckt – auf dass die später, wenn sie selbst auswandern, bessere Chancen auf dem fremden Arbeitsmarkt haben.
Die Rollenverteilung ist klar: Verdient wird in den reichen Ländern, in den armen wird nur noch durch das Geld überlebt, das aus den reichen Ländern geschickt wird. Ganze Weltregionen würden langsam nach dem Vorbild von Grossstädten umgeschichtet, sagt der US-amerikanische Soziologe Mike Davis: Im Zentrum befindet sich das Business, die arbeitende Bevölkerung wird in die Trabantenstädte der Agglomeration verdrängt. Mit anderen Worten: Die armen Länder des Südens werden zu Schlafstädten des Nordens – Afrika als Agglomeration von Europa, Mittelamerika als Trabant der USA. Dass Männer wie José María Ayala trotzdem noch aufs Feld gehen und ein bisschen Mais und Bohnen anbauen, hat mehr mit Tradition zu tun als mit Produktion. Auch in den Schlafstädten der Industrienationen des Nordens pflegen die Menschen gerne ihre Gärten.