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WOZ: Herr Galbraith, diese Woche hat US-Notenbankchef Ben Bernanke prophezeit, selbst wenn der finanzielle Sektor stabilisiert werden könne, verschlechtere sich die Situation in der Realwirtschaft. Müssen Hausbesitzer und Lohnarbeiter sich auf das Schlimmste gefasst machen?
James K. Galbraith: Amerikas Immobiliensektor ist offensichtlich in einem Tief, darunter leiden das Baugewerbe und die Hausbesitzer, deren Investitionen an Wert verlieren. Doch andererseits gibt es in den USA eine ganze Menge Häuser. Wir haben keinen Mangel an Wohnraum, und die Belehnung von Wohneigentum ist ja nicht die einzige Möglichkeit, um die Kaufkraft der Bevölkerung zu stärken. Am besten ist es immer noch, wenn alle einen Job haben.
... und einen existenzsichernden Lohn.
Einverstanden. Aber als Erstes müssen wir die Idee zurückweisen und bekämpfen, dass der Zusammenbruch des finanziellen Sektors notwendigerweise Massenarbeitslosigkeit mit sich bringt. Die Frage ist nicht, wie wir uns am besten auf schlimme Zeiten vorbereiten, sondern wie wir unser ökonomisches System verändern, um diese schlechten Zeiten zu verhindern. Wie können wir von instabilem und nicht nachhaltigem Wachstum wegkommen? Wie ersetzen wir die unzuverlässigen Kapitäne der globalen Ökonomie? Die Tage, in denen Davos als Treffpunkt der besten und brillantesten Köpfe der Weltwirtschaft galt, sind definitiv vorbei.
Bietet der Kapitalismus genug Raum für Reformen? Der US-Soziologe Immanuel Wallerstein schrieb vor ein paar Tagen: «Es ist so gut wie sicher, dass das gegenwärtige System nicht überleben wird.»
Das kapitalistische System ist bereits 1929 zusammengebrochen und nie wiederhergestellt worden. Seither haben wir eine gemischte Wirtschaft mit einem öffentlichen und einem privaten Element. Seit Ronald Reagan gibt es beharrliche Versuche, dieses gemischte System zu deregulieren. Und jetzt erleben wir die Endphase eines entfesselten Räuberstaates, welcher sich zynisch von den Institutionen ernährt, welche im New Deal für die Mittelklasse gebaut worden sind. Ist das ein Zusammenbruch des Systems? Ich würde eher sagen, dass wir zurückfinden sollten zu dem Modell, welches uns jahrzehntelang gut gedient hat. Wir können die Institutionen, die noch funktionieren, renovieren und nach Bedarf neue Institutionen hinzufügen, zum Beispiel für den Umgang mit Fragen der Klimaveränderung.
Welche Rolle spielt der kostspielige Krieg gegen den Terror in der gegenwärtigen Krise? Hindern die Feldzüge im Irak und in Afghanistan eine zukünftige US-Regierung an wirtschaftlichen Reformen?
Es gibt keine reale Kapitalknappheit. Das US-Militärbudget beträgt rund 500 Milliarden Dollar, das sind knapp drei Prozent der 15-Billionen-Ökonomie. Natürlich wäre es schön, wenn man einen Teil dieses Geldes in andere Bahnen lenken könnte. Aber wenn das politisch nicht möglich ist, heisst das auf keinen Fall, dass die USA diese Mittel nicht anderswo finden kann. Nicht der Umfang, sondern der Einsatz der Mittel ist in dieser Übergangsperiode das Hauptproblem.
Wenn genug Geld vorhanden ist – weshalb werden dann Barack Obama und John McCain ständig gefragt, welche Programme der nächste Präsident aufgrund der Finanzkrise kürzen müsste?
Das hat mit gut organisierten Interessengruppen in Washington zu tun, die das amerikanische Volk seit Jahren vor dem baldigen Zusammenbruch der Sozialversicherungen warnen. Das ist kompletter Blödsinn. Es ist nicht der amerikanische Staat, der vor dem Konkurs steht. Das Problem ist die Misswirtschaft im Finanzsektor. Wir haben wieder einen Fall Enron vor uns, aber diesmal nicht in Houston, sondern im Herzen des Finanzsystems.
Fernab von Wall Street kämpfen Menschen in der Dritten Welt härter um das tägliche Überleben. Ist dort auch die Nahrungsmittelkrise ein Teil des allgemeinen Scheiterns?
Ja, eine Weltwirtschaftsordnung, in der die Deckung von Grundbedürfnissen von Börsenschwankungen abhängig ist, ist ein Irrsinn. Bereits verrotten Nahrungsmittel in Häfen, die niemand exportieren und importieren kann, weil die Kredite nicht garantiert sind.
Wird sich mit dem Zusammenbruch von Wall Street auch die Weltwirtschaftsordnung ändern?
Absolut. Alle diese Dinge müssen neu überdacht werden.
Als «30-Jahre-Projekt» bezeichnet James K. Galbraith (56) die Dekonstruktion der neoliberalen Marktwirtschaft. Galbraith lehrt Ökonomie in Austin (Texas).