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Ich verwende den Ausdruck Materialismus für eine spezifische erkenntnistheoretische Position, die ich unten erläutere. Der Ausdruck wird aber quasi homonym für sehr verschiedene Auffassungen verwendet:
umgangssprachlicher Materialismus
wissenschaftstheoretischer (philosophischer) Materialismus
dialektischer Materialismus
historischer Materialismus
Im Ausdruck "Materialismus" steckt das Wort Material, was ein ganz anderes Wort ist als Materie. In vielen Verwendungen müsste anstelle von "Materialismus" quasietymologisch von "Materie-ismus" gesprochen werden.
Zur gängigen Wort-Geschichte und dem Unterschied zwischen Materie und Material:
Als "Materialismus" gilt - seit G.Leibniz anfangs des 18. Jh. Materialisten und Idealisten unterschieden hat - gemeinhin eine erkenntnistheoretische Position, in welcher physikalischen Prozessen ein ontologisches Sein zugesprochen wird, dem jedes Erkennen Rechnung tragen müsse. Materialismus war in der Aufklärung zunächst als Kampfbegriff vor allem gegen religiöse Anschauungen gedacht, quasi Naturgesetze anstelle des Willen Gottes.
Die Philosophen haben dann auf dem Höhepunkt der Aufklärung unter dem Einfluss von I. Kant, der Ontologie eine Epistemologie entgegengesetzt, in welcher dem Geistigideellen in Form von a priori Kategorien das erkenntnisleitende Primat zugesprochen wird. G. Hegel hat schliesslich auf dem Höhepunkt dieses Idealimus die beiden Positionen in seiner logischen Dialektik aufgehoben, aber nicht - wie später K. Marx - wirkliche aufheben können.
Jenseits der Philosophie - auch wenn lange nicht ausdifferenziert - entwickelte sich eine Naturwissenschaft, die im 19. Jh. praktisch und erfolgreich wurde. Als Materialismus wurde ab 1850 zunehmend auch eine Position bezeichnet, in welcher nur naturwissenschaftliche Erklärungen zugelassen wurden. Im sogenannten Reduktionismus wird alles auf physikalische Prozesse zurückgeführt, im konventionellen Materialismus wird der Spiritualität eine gewisse Eigenständigkeit zugestanden. Auf dem Höhepunkt des naturwissenschaftlichen Materialismus, wie er etwa von L. Feuerbach vertreten wurde, kritisierte K. Marx die Ausblendung der gesellschaftlichen Verhältnisse, der er seine Geschichtauffassung entgegensetzte, die F. Engels dann viel später als Historischen Materialismus bezeichnet hat. Als materialistisch bezeichnete K. Marx eine Geschichtsauffassung, in deren Zentrum die Entwicklung der Produktionsverhältnisse steht, die - in relativierter Anlehnung an C. Darwin - als evolutionäre Entwicklungen begründet werden. Materiell bezeichnet dabei aber kein naturwissenschaftliches Verständnis und schon gar keine Reduktion auf Physik, sondern die tätige Aneignung als Gegenstand der Beobachtung. Historisch bezeichnet dabei, dass die materielle Produktion der Lebensmittel - wie die Naturgeschichte des Menschen - als Evolutionsgeschichte begriffen und dargestellt wird. Dieser Materialismus bezieht sich nicht auf eine naturwissenschaftlich gemeinte, ontologische Materie, sondern auf die materiellen Voraussetzungen jeder herstellenden Tätigkeit, die gemeinhin als Material bezeichnet werden. Dieses Material kann zwar naturwissenschaftlich beobachtet werden, als Gegenstand aber ist in der herstellenden Tätigkeit begründet.
Als Materialismus bezeichne ich meine Auffassung, in welcher ich als toolmaking_animal die herstellende Tätigkeit als Aneignung reflektiere und dabei primär zwei Unterscheidungen verwende: Form und Material. Wenn ich ein Artefakt herstelle, forme ich Material.
Als Materialismus bezeichne ich in diesem Sinne das Resultat einer vortheoretischen Entscheidung, die in entsprechenden Theorien als vorausgesetzte Setzung erkennbar wird. Die verwendeten Unterscheidungen sind nicht von einer wirklichen Beschaffenheit einer gegeben Welt abhängig, sondern davon, wie ich ich mir die tätige Aneignung der Welt durch eine doppelte Differenz vorstelle.
Ich kann um im Beispiel zu bleiben, eine Sichel sehr verschieden formen, aber ich kann sie nicht formlos machen. Für eine Sichel kann ich sehr verschiedene Materialien verwenden, aber ich kann sie nicht ohne Material herstellen.
Die Einheit der operationellen Differenz zwischen Form und Material ist die Herstellung.
Materialien entstehen in doppelter Hinsicht mit ihren Formungen. Als Material bezeichne ich sekundär alles, was eine (tautologischerweise zeichenbare) Form hat und logisch primär das, was sich durch die herstellende Formgebung konstituiert. Das Referenzobjekt des Ausdruckes Bronze beispielsweise kann als Barren, Klumpen, Ohrring oder Statue, aber nicht ohne Form existieren. Jede Herstellung ist deshalb eine Umformung.
Wenn ich vom Material spreche, abstrahiere ich von dessen Form. Wenn ich dieses Material in einer physikalischen Perspektive beobachte, bezeichne ich es als Materie. Materie aber ist ein sich in Quanten auflösendes Konstrukt der Physik, also gerade kein Material (Zu dieser Konstitution siehe auch Luhmann über Medium in Die Kunst der Gesellschaft 1995:167).
In der Herstellung von Artefakten unterscheide ich drei Herstellungsaspekte:
Die Produktion von Stahl kann ich als Herstellung begreifen. Ich kann Stahl nicht formlos herstellen, auch wenn mich die Form im Prinzip nicht interesssiert. Wenn ich aber ein Material wie Stahl herstelle, weiss ich wozu und damit verbunden auch, in welcher Form es mir als Halbfabrikat am besten dient. Das Herstellen von Material erscheint unter entwickelten Produktionsverhältnissen insofern als primäre Herstellungsart, als ich zuerst Stahl haben muss, bevor ich aus Stahlträgern eine Brücke konstruieren kann. Aber jede mir bekannte Materialherstellung setzt einerseits konstruierte Werkzeuge voraus und lässt sich als Aspekt neuer Werkzeugentwicklungen verstehen. Deshalb spreche ich von toolmaking animals und nicht von materialmaking animals.
Im so verstandenen Materialismus begreife ich die Entwicklung der Lebensverhältnisse als materielle Produktion in deren Zentrum die Werkzeugherstellung steht. Was Menschen denken oder glauben, oder was für Ideen und Ideale sie haben, und wie sie darüber sprechen, ist dabei so sekundär, wie die physikalische Perspektive auf die sogenannte Materie. Es geht dabei nicht um Erkenntnis, sondern um Aneignung, die Erkenntnis einschliesst.
In der Kybernetik verwende ich hochentwickelte Werkzeuge, also Automaten als Erklärungungen. Das, was ich erkläre, bezeichne ich als Phänomen. Als Standardbeispiel gilt der Thermostat als Erklärung für das Phänomen, dass die Temperatur in einem Raum konstant bleibt. Es spielt dabei keine Rolle, warum Menschen gerne konstante Raumtemperaturen haben, weil es nicht darum geht, Menschen zu erklären.
Die konstante Raumtemperatur dient hier als Beispiel für eine hergestellte Umwelt. Die Räume, die Heizungen und die Thermostaten sind materielle Produkte und mithin durch Tätigkeiten geformtes Material. Wenn ich den Raum mit konstanter Temperatur noch nicht habe, dient mir die Erklärung als Herstellungsanweisung.
In gewisser Hinsicht beginnt die Kybernetik mit Phänomenen. Hinter jedem kybernetischen Phänomen steht aber ein Beobachter, der eine Erklärung will. Was als Phänomen in Frage kommt, wird in dieser materialistischen Auffassung durch das bestimmt, was toolmaking animals herstellen wollen.
Wenn ich von der Entwicklung des Menschen spreche, unterscheide ich eine naturhistorische Entwicklung innerhalb des Tierreiches, die mit dem Auftreten des Menschen abgeschlossen ist, und eine sozialhistorisch Entwicklung des Menschen, die mit dem Auftreten des Menschen beginnt und in welcher sich nicht mehr der Mensch, sondern dessen Lebensverhältnisse als Kultur entwickeln. Wenn ich den Menschen als toolmaking animal beobachte, beobachte ich im Tierreich eine Entwicklung hin zur Verwendung von Objekten, welche am Schluss den Menschen als Herstellenden hervorbringt, und eine zweite Entwicklung, in welcher sich die Menschen dadurch entwickeln, dass sie ihre Werkzeuge, ihre Lebensmittel und ihre gesellschaftlichen Verhältnisse entwickeln.
In die Kultur gehört alles, was nicht auch in der Natur vorhanden ist. Die Geschichte des Menschen beinhaltet, was Tiere auch tun und was Tiere nicht auch tun. Mit dem Ausdruck toolmaking animal bezeichne ich den Oberbegriff und die Differenz. Menschen leben als naturgeschichtliche Wesen wie andere Tiere. Die quasi natürlichste Aneignung bezeichne ich Konsumtion. Alle Tiere nehmen Nahrung aus ihrer Umwelt auf. Viele Tiere konsumieren auch Material, mit welchem sie ihre Umwelten einrichten. Bestimmte Vögel beispielsweise bauen Nester. Bei dieser Art des Konsumierens bleibt das Material in der Herstellung in veränderter Form erhalten und wird in diesem Sinne erst beim Konsumieren des Nestes verbraucht. Menschen konsumieren auch Materiel, wenn sie Werkzeuge herstellen und natürlich konsumieren sie auch die Werkzeuge und mithin das Material, aus welchem die Werkzeuge gemacht sind, wenn sie mit Werkzeugen ihre Lebensmittel produzieren.
In der Produktion ihrer Lebensmittel gehen Menschen bestimmte Produktionsverhältnisse ein, die sich historisch mit der Entwicklungsstufe der jeweilig materiellen Produktivkräfte zusammen entwickeln. Als sozialhistorischen Materialismus bezeichne ich die Geschichtsschreibung, in welcher die Produktionsverhältnisse als spezifischer Aspekt der materiellen Produktion erscheinen. K. Marx sprach von einer notwendigen Entwicklung der Produktionsverhältnisse, während sie mir als zufällig, also nur historisch gegeben erscheinen. Diese materialistische Notwendigkeit ist eine evolutionstheoretisch zurückgeschaute, nicht eine deterministische. Ich weiss nie, was kommen muss, sondern immer nur was kommen musste.
Die - unter materialistischen Gesichtspunkten sozialhistorisch beobachtete - relevante Konsumtion ist die Produktion, in welcher Werkzeuge zur Herstellung von Werkzeugen wendet werden. Wo die Produktionsmittel nicht Eigentum jener sind, die damit arbeiten, unterscheide ich verschiedene Produktionsverhältnisse. Unter kapitalistischen Verhältnissen wird im Produktionsprozess Lohnarbeit konsumiert. Die Konsumtion der Arbeitskraft vollzieht sich wie jede andere Konsumtion ausserhalb des Markts oder der Zirkulationssphäre in ihrer unmittelbaren Verwendung.
Der herkömmlichen Auffassung von Materialismus wurde philosophiegeschichtlich gesehen ein Idealismus entgegengesetzt, der die Entseelung der Materie durch eine Vergeistigung aufgehoben hat. Jenseits der Differenz zwischen Materie und Geist hat K. Marx einen Materialismus begründet, den er selbst kaum ausgeführt hat und der auch in der Psychologie der Tätigkeit, etwa bei A. Leontjew und K. Holzkamp in Bezug auf Material sehr abstrakt geblieben ist. Auch dieser an Arbeit orientierte Materialismus - der wegen Lenins dialektisch-historischem Materialismus immer auch in politischen Konnotationen verstrickt war - ist wie der ursprünglichere Materialismus erst durch die Kritik an seinen idealistischen Gegenpositionen als solcher hervorgetreten.
In der Neuzeit hat der Materialismus zwei prominente Gegenpositionen, die Informationstheorie und Medientheorie.
In der Informationstheorie (die bei ihrem Erfinder C. Shannon noch mathematische Kommunikationstheorie geheissen hat) gibt es eine quasi rein geistige Information, die keinen materiellen Träger hat und sozusagen als etwas Drittes neben Materie und Energie fungieren soll. Auf Konstruktionen wird ganz verzichtet, weil jede Operation durch beliebige Konstruktionen realisiert werden kann.
Es handelt sich um eine Art Wiederholung der hegelschen Logik gegen den Materialismus.
In der Medientheorie, wie sie beispielsweise durch F. Heider eingeführt wurde, wurd das Geformte als Ding bezeichnet und anstelle von Materie der Ausdruck Medium verwendet. Differenztheoretisch kann dieses Medium durch die Differenz zwischen Material und Medium gesehen werden, wobei Medium für die nicht aktualisierte Form steht, also keine Eigenschaft hat, während die Materialbezeichnung Eigenschaften bezeichnet und auch eine konkrete Form impliziert.
Es handelt sich um eine Art Idealismus, die von der doppelten Bestimmung der Herstellung abstrahiert und nur die quasi geistige Form beobachtet.
Literatur / Anmerkungen:
„Die materialistische Anschauung der Geschichte geht von dem Satz aus, daß die Produktion, und nächst der Produktion der Austausch ihrer Produkte, die Grundlage aller Gesellschaftsordnung ist; daß in jeder geschichtlich auftretenden Gesellschaft die Verteilung der Produkte, und mit ihr die soziale Gliederung in Klassen oder Stände, sich danach richtet, was und wie produziert und wie das Produzierte ausgetauscht wird. Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen, in ihrer zunehmenden Einsicht in die ewige Wahrheit und Gerechtigkeit, sondern in Veränderungen der Produktions- und Austauschweise; sie sind zu suchen nicht in der Philosophie, sondern in der Ökonomie der betreffenden Epoche.“ Friedrich Engels (Herrn Eugen Dührings Umwälzung der Wissenschaft, MEW Bd. 20, S. 248-249)
K. Marx sprach von einem "anschaulichen Materialismus" bei Feuerbach: "Der Hauptmangel alles bisherigen Materialismus (den Feuerbachschen mit eingerechnet) ist, daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus - der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt - entwickelt. Feuerbach will sinnliche - von den Gedankenobjekten wirklich unterschiedne Objekte: aber er faßt die menschliche Tätigkeit selbst nicht als gegenständliche Tätigkeit. Er betrachtet daher im "Wesen des Christenthums" nur das theoretische Verhalten als das echt menschliche, während die Praxis nur in ihrer schmutzig-jüdischen Erscheinungsform gefaßt und fixiert wird. Er begreift daher nicht die Bedeutung der "revolutionären", der "praktisch-kritischen" Tätigkeit." (Thesen über Feuerbach, MEW, Band 3, 5ff).
W. Haug, der eine längere Diskussion geführt hat, um naive Materialismen zu bekämpfen, bezeichnet den "Historischen Materialismus" als Philosophie der Praxis (im Argument 236:387f und unterscheidet einen "anschaulichen Materialismus" von einem Materialismus wie ihn Marx in den Feuerbach-Thesen vorgeschlagen hat (den Haug bei Gramsci (und bei Brecht) wiederfindet. Bezüglich der traditionellen Unterscheidung schreibt Haug: "Er (Gramsci) hat wohl gespürt, dass die materialistische Entscheidung der Grundfrage der Philosophie eben eine Entscheidung ist, also eo ipso ein Bewusstsein oder Subjekt in eine im Doppelsinn entscheidende Position rückt. Sèves 'ferme affirmation' des Primates der Materie ist in der Tat bei aller Entschlossenheit und Festigkeit ein subjektiver Akt. Das nichtprimäre anerkennt den Primat; der Primat dieses Akts liegt bei der Instanz, die ihn sich abspricht. Sie tut es, aber sie weiss es nicht. Dies ist der Dezionismus der ontologischen Widerspiegelungstheorie. Ihr Bekenntnis zum philosophischen Materialismus ist also von der ironischen Dialektik heimgesucht, unwillentlich eine subjektivistische und idealistische Note zu tragen. ...
Marx, der in der ersten Feurbachthese das Innenwelt-Aussenwelt-Schema des anschaulichen Materialismus verwirft und verläst und sogar den Idealismus bei aller Kritik bevorzugt, weil dieser das Subjekt wenigsten tätig denkt, wenn auch nur mental und nicht materiell. ... Brecht: wir können letztlich nur erkennen, was wir verändern können."
Nach W. Haug meint, dass das Primat der Materie in der Tat bei aller Entschlossenheit und Festigkeit ein subjektiver Akt sei, dass das Bekenntnis zum philosophischen Materialismus in der “ontologischen” Widerspiegelungstheorie von einer der ironischen Dialektik heimgesucht, unwillentlich eine subjektivistische und idealistische Note in sich trage.
“Im Vergleich mit den kognitivistischen Grundvorstellungen heißt dies, daß hier das Handlungssubjekt nicht auf verschiedene Weise ins »System« introjiziert und durch diese Mystifikation eine Bedingtheit der Systemparameter vom »Sensorischen Input« o.ä. vorgetäuscht ist, sondern als Ursprung der Handlungen zweifelsfrei das empirische Subjekt außerhalb des Systems bestimmt wird - zugespitzt in der von der Handlungsregulationstheorie vollzogenen »materialistischen« Gleichsetzung von Handlungsausführung und stofflicher Realitätsveränderung durch das handelnde Subjekt.” (Holzkamp, K.:Lernen, Studienausgabe 1995, S.163f)
Ein für mich schönes Bild dazu gibt F. Lassalle in seinem Text "Über Verfassungswesen", worin schreibt, dass die Verfassung kein geistiges Konstrukt sei, sondern die Beschreibung der je herrschenden materiellen Verhältnisse.
exemplarisch: Materialismus
das_argument
Blog: operativer Materialismus