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Peter Zürn zum neuen Lesejahr C, SKZ 46/2006
Es gibt einen Auslegungsstreit um das Lukasevangelium. Rolf Baumann skizziert ihn mit folgenden drei kontroversen Fragen:1
– Ist Lukas ein Evangelist der Armen oder der Reichen?
– Ist er ein Frauenfreund oder ein Frauenfeind?
– Ist er der erste christliche Historiker oder Anwalt der Treue Gottes?
Was ist damit gemeint? Das Lukasevangelium wirkt doch auf den ersten Blick viel ausgeglichener und konfliktärmer als etwa das Markusevangelium. Aber bei einem genaueren Blick werden die Spannungen in diesem Evangelium sichtbar. Es sind Spannungen, die die Zeit prägen, in denen das Lukasevangelium entstanden ist. Es sind Spannungen, die uns heute eng mit der Zeit des Lukas verbinden.
Evangelist der Armen oder Reichen?
Die Art, wie Lukas das Wirken Jesu darstellt, hat einen eindeutig sozialkritischen Akzent. Die Gute Nachricht ergeht an die Armen. «Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes» (Lk 6,20). An die Adressen der Reichen heisst es: «Wehe euch, die ihr reich seid; denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten » (6,24). Gerade die intensive und ausführliche Auseinandersetzung mit den Reichen, die sich so in keinem anderen Evangelium findet, legt die Vermutung nahe, dass sich in der Gemeinde des Lukas etliche wohlhabende und reiche Menschen finden. Es stellt sich die Frage nach ihrer Rolle in der Jesusbewegung, nach ihren Möglichkeiten das Heil zu erlangen, nach ihrem Zugang zum Reich Gottes. Die Botschaft des Lukasevangeliums an sie ist nicht eindeutig. Da wird mehrmals der totale Besitzverzicht (z.B. 5,11; 12,33 f.; 14,33; 18,18–30), an anderer Stelle aber «nur» aktive Wohltätigkeit (3,10 f.; 6,33–36; 8,1–3; 16,9; 19,1–10; 21,1–4) gefordert. Auch das spiegelt vermutlich verschiedene Positionen innerhalb der Gemeinde wieder. Die Situation hatte sich seit der Zeit Jesu gewandelt. Erreichte die Jesusbewegung im ländlich geprägten Palästina vor allem «kleine Leute» und Arme, so hatte sie sich 60 Jahre später, zur Zeit des Lukasevangeliums, auch in die Städte des römischen Reiches ausgebreitet und zog auch materiell besser Gestellte an (vgl. Tabelle). Die Auseinandersetzungen, die in dieser Frage in der lukanischen Gemeinde geführt wurden, sind bis heute aktuell geblieben. Sie führen direkt in unsere heutige Situation als Christinnen und Christen in der Schweiz.
Frauenfreund oder Frauenfeind?
Im Lukasevangelium nehmen Frauen einen grösseren Raum ein als in den anderen Evangelien. Die Kindheitserzählungen erwähnen Elisabet, Maria, die Mutter Jesu sowie die Prophetin Hanna. In der Auseinandersetzung Jesu mit seiner Herkunftsfamilie stellt Lukas Maria in ein besseres Licht als dies z.B. Markus tut (vgl. Lk 8,19–21 mit Mk 3,31–35). Die Heilung der Schwiegermutter des Petrus ist die erste einer ganzen Reihe von Erzählungen, in denen Frauen als Anhängerinnen Jesu vorkommen. Nur bei Lukas findet sich die Aufzählung mehrerer Frauen, die Jesus nachfolgen (Lk 8,1–3). Zu dieser Gruppe von Texten gehört auch die Begegnung Jesu mit der Sünderin (7,36–50) sowie die Erzählung von Maria und Marta (10,38–42). Das Lukasevangelium erzählt ausführlich mehrere Heilungsgeschichten von Frauen (die Witwe von Nain in 7,11–17; die blutende Frau und die Tochter des Jairus in 8,40–56; die gekrümmte Frau in 13,10–17). In mehreren Reich-Gottes-Gleichnissen spielen Frauen eine besondere Rolle (die Frau, die die verlorene Drachme sucht in 13,20–21 sowie die hartnäckige Witwe in 18,1–8). Lk 23,49 nimmt den Erzählfaden der Frauen, die Jesus schon in Galiläa nachgefolgt sind, wieder auf und berichtet von Frauen beim Kreuz, bei der Grablegung Jesu und am leeren Grab (24,1–12).
Eine weitere Besonderheit des Lukasevangeliums sind Erzählungen, in denen eine Frauen- und eine Männerrolle nebeneinander gestellt sind und sich ergänzen: die Verkündigung an Zacharias und Maria (1,5–38), die Weissagung des Simeon und der Hanna (2,21–40); die Bitte des römischen Hauptmanns von Kafarnaum und der Witwe von Nain (7,1–7), die Gleichnisse vom Mann mit dem Senfkorn und von der Frau mit dem Sauerteig (13,19–21), die Begegnung Jesu mit Simon von Zyrene und den weinenden Frauen (23,26–31).
Die Liste ist eindrücklich lang. Aber genauso eindrücklich ist die Liste der Stellen, an denen das Lukasevangelium Frauen unsichtbar macht und von der Nachfolge ausschliesst: In 4,22 wird Jesus als der Sohn Josefs bezeichnet, Maria bleibt unsichtbar; in 8,19–21 fehlen die Schwestern Jesu neben seinen Brüdern. Wenn in 14,26 und 18,29 die Voraussetzung der Nachfolge darin besteht, «die Ehefrau zu verlassen», die Möglichkeit, den Ehemann zu verlassen, aber nicht erwähnt wird, wird klar, dass sich Lukas ausschliesslich Männer in der Nachfolge Jesu vorstellt. Lk 8,1–3 zählt – wie gesagt – Frauen auf, die Jesus in Galiläa nachfolgen und deren Weg sie unters Kreuz und ans Grab führen wird. Vielsagend ist dann aber doch die feine Unterscheidung zwischen diesen Frauen und den Jüngern: «Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit allem, was sie besassen» (Einheitsübersetzung). Unausgesprochen bleibt, was die Nachfolge der Frauen von der der «Jünger» unterscheidet.
Die offensichtlichen Spannungen in der Geschlechterfrage verweisen uns wieder auf die veränderte Situation zur Zeit der lukanischen Gemeinde. Gegenüber der Jesusbewegung als «Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten» (Elisabeth Schüssler Fiorenza) wird den Frauen in der Gemeinde des Lukas nur eine bestimmte Gleichberechtigung zugestanden. Frauen und Männer sind «im Glauben» gleichberechtigt, nicht aber «im Gemeindeleben». Dort, wo es um die Verantwortungspositionen und Ämter geht, die sich in der Kirche auszuprägen beginnen und die sich auf bestimmte Personen und Rollen in der Jesusbewegung zurückbeziehen, schweigt Lukas auffallend von Frauen. Er zieht keine Konsequenzen aus ihrer Präsenz in der Nachfolge Jesu, von denen er erzählt oder wenn, dann doch nur eine halbe. Sabine Bieberstein spricht mit dem Blick auf die galiläischen Frauen und ihre Jüngerinnenschaft von «gebrochenen Konzepten».2 Diese gebrochenen Konzepte führen uns direkt in unsere heutige kirchliche und gesellschaftliche Situation.
Christlicher Historiker oder Anwalt der Treue Gottes?
Lukas lässt seinem Evangelium die Apostelgeschichte als Fortsetzung folgen. Damit wird die Zeit des Auftretens Jesu wie von selbst zu einem Ereignis der Vergangenheit. Insofern ist Lukas der erste christliche Historiker. Die Zeit Jesu ist für ihn dabei die «Mitte der Zeit», zwischen der Zeit Israels und der Zeit der Kirche. Besteht hier aber nicht die Gefahr, dass die Zeit Israels zur blossen und längst vergangenen Vorgeschichte wird?
Lukas ist ein Meister der Verklammerung. Über das Pfingstereignis und die Geistausgiessung zum Beispiel verklammert er die Zeit Jesu aufs Engste mit der Zeit der Kirche. Indem er das Pfingstereignis in der Predigt des Petrus mit den Worten des Propheten Joel deutet, verklammert er es ausserdem mit der Zeit Israels (Joel 3,1–5 in Apg 2,17–21). Die Ereignisse um Jesus und um seine Nachfolgerinnen und Nachfolger machen – im Zeugnis des Lukasevangeliums – aufs Neue die Treue des Gottes Israels sichtbar und erfahrbar – über die Zeiten hinweg. Die Apostelgeschichte ist bis zur letzten Seite geprägt von der intensiven Auseinandersetzung um die Treue und Gegenwart Gottes, um die biblische Verheissung des «Ich-bin-da», auch wenn das Auseinanderdriften von Judentum und Christentum immer sichtbarer und unvermeidlicher wird. Auch diese Spannung verweist uns auf unsere gegenwärtige Situation.
Lukas lesen – eine Herausforderung
Drei spannungsreiche Anfragen an das Lukasevangelium, drei Streitpunkte, die uns in die Auseinandersetzung miteinbeziehen, auch wenn uns fast 2000 Jahre von Lukas und seiner Zeit trennen. Wenn wir Lukas lesen, stehen wir vor der Frage, wie wir als reiche Kirche in einem der reichsten Länder dieser Welt am Reich Gottes mitarbeiten können. Wenn wir Lukas lesen, stehen wir vor der Frage, wie wir die Kirche als Nachfolgegemeinschaft von Gleichgestellten gestalten können. Wenn wir Lukas lesen, stehen wir vor der Frage, wie wir unseren Glauben mit der langen Geschichte Gottes mit den Menschen und besonders mit den Menschen des Volkes Israel verknüpfen können. Wenn wir Lukas lesen – und das tun wir im Lesejahr C intensiv – stehen wir vor grossen Herausforderungen. Lukas zu lesen und sich diesen Herausforderungen zu stellen, lohnt sich. Ich wünsche Ihnen ein spannendes Lesejahr C.
Peter Zürn
Peter Zürn, Theologe und Familienmann, ist Fachmitarbeiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks.
Materialien des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks zum Lesejahr C
Lukas: einen anderen Lebensstil entdecken, Bibel heute 154, 2/2003
In dieser Ausgabe von Bibel heute findet sich die bereits erwähnte Skizze des Auslegungsstreits um Lukas von Rolf Baumann. Ausserdem unter dem Titel «Ein Buch für Leute von heute» ein Artikel von Sabine Bieberstein, der die Welt, in der das Lukasevangelium entsteht, beleuchtet. In dieser veränderten Welt erzählt Lukas von der alten Botschaft der Bibel und von Jesus und stellt die Frage, die direkt in unsere heutige Zeit reicht: Wie kann die verwandelnde und heilende Kraft des Reiches Gottes bei uns, in unserem Alltag und in unseren gesellschaftlichen und kirchlichen Strukturen neu erfahrbar werden?
In dieser Ausgabe von Bibel heute findet sich ausserdem ein Interview mit Hermann- Josef Venetz zu Lukas, dem «Evangelist, der mich in Atem hält», ein Blick auf das lukanische Verständnis von «Zeit» – die Entdeckung der Langsamkeit von Regula Grünenfelder, eine Auslegung der Erzählung von der Heilung der gekrümmten Frau (Lk 13,10–21) von Brigitte Schäfer mit einer Bibelarbeit zu diesem Text, ein Artikel von Daniel Kosch zum Themenbereich von «Geld – Gott – Gerechtigkeit» im Lukasevangelium sowie ein Blick auf den «Auslegungsstreit um Lukas» von Rolf Baumann. Eine Ausgabe der Zeitschrift kostet Fr. 10.–. Das Abonnement mit vier Ausgaben pro Jahr Fr. 40.–.
Lukas entdecken. Lese- und Arbeitsbuch zum Lukasevangelium, Fr. 8.–
Neben einer Einführung ins Lukasevangelium bietet der Band Artikel zur Vorgeschichte des Lukasevangeliums, zum Wegmotiv bei Lukas, zu Lukas und die Frauen, zu Maria und Marta (Lk 10), zur Heilung einer Frau am Sabbat (Lk 13), zum Gleichnis vom klugen Hausverwalter (Lk 16), zur Lukaspassion und zur Emmausgeschichte (Lk 24). Zu jedem Artikel gehört eine Bibelarbeit mit dem Dreischritt «Auf den Bibeltext zugehen», «Auf den Bibeltext hören», «Mit dem Bibeltext weitergehen».
Daniel Kosch / Brigitte Schäfer / Claudia Zanetti: «Jesus im Alltag begegnen.» Lebenssinn und Lebensstil nach Lukas. Reihe WerkstattBibel Band 1, Fr. 21.50
Darin finden sich mit der Frage nach den Jüngerinnen und Jüngern Jesu und den Menschen in den Gemeinden, in denen die Evangelien entstanden, neue Zugänge zur Jesusbewegung und den Evangelien. Das Lukasevangelium wird als Reisebericht der Menschen, die eine Weggemeinschaft mit Jesus pflegen, gelesen. Ausserdem enthält der Band – wie alle Bände der Reihe WerkstattBibel – 6 ausgearbeitete und in der Praxis erprobte Bibelarbeiten zu Texten aus dem Lukasevangelium. Es sind Bibelarbeiten «mit allen Sinnen», die dem Satz von Hermann- Josef Venetz folgen: «Eine gute Nase, gute Augen, aufmerksame Ohren, ein feiner Tastsinn, ein geübter Geschmackssinn sind zum Verständnis der Bibel ebenso wichtig wie Hebräisch oder Griechisch.»
Weitere Materialien zum Thema:
Dem Dialog verpflichtet. Biblisches Arbeitsheft zur Aussendung der Jüngerinnen und Jünger Jesu nach Lk 10,1–12, Fr. 9.– Ökumenische Unterlagen zum Bibelsonntag 2004: Heute ist dieses Wort der Schrift erfüllt – Lk 4,14–30, Fr.10.–. Mit Hintergründen zum Text, Bibelarbeiten, einer Predigtskizze und liturgischen Elementen.
Und ganz aktuell:
Walter Kirchschläger: Nur von Galiläa nach Jerusalem? Zur Geotheologie der Evangelien, in:Welt und Umwelt der Bibel 4/2006: Auf den Spuren Jesu. In dieser gerade erschienenen Ausgabe von Welt und Umwelt der Bibel vergleicht Walter Kirchschläger die vier Geschichten, die von den Wegen Jesu und seiner Nachfolgegemeinschaft erzählen. In vier geographischen Aufrissen skizziert er das jeweilige theologische Weg-Konzept der Evangelien. Im lukanischen Doppelwerk wird Jerusalem als Angelpunkt der Wege erkennbar, als Ziel- und Wendepunkt Jesu und als Ausgangspunkt der christlichen Botschaft.
Alle beschriebenen Materialien sind erhältlich bei: Schweizerisches Katholisches Bibelwerk, Bibelpastorale Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich,Telefon 044 205 99 60, E-Mail infobibelwerk.ch
Auf den aktuellen Stand der Bibelpastoral in der Schweiz bringt Sie ein Blick auf unsere Homepage: www.bibelwerk.ch
1 Rolf Baumann: Auslegungsstreit um Lukas, in: Bibel heute 154 2/2003, 22–23.
2 Sabine Bieberstein: Verschwiegene Jüngerinnen – vergessene Zeuginnen. Gebrochene Konzepte im Lukasevangelium. Freiburg / Schweiz–Göttingen 1998.
3 Nach Daniel Kosch / Brigitte Schäfer / Claudia Zanetti: Jesus im Alltag begegnen. Lebenssinn und Lebensstil nach Lukas (= WerkstattBibel Band 1). (Verlag Katholisches Bibelwerk) Stuttgart 2001, 14.