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Blog prof. René Prêtre
Mission Mozambique 2018, le 14 mai
Post by René Prêtre
Lundi 14 mai 2018
14.30 Uhr
Vollgas und durchstarten.
Ein wenig entgegen unseren Gewohnheiten haben wir gestern für den Missionsstart bereits komplizierte Fälle eingeplant, aber eigentlich nur, weil uns … nur komplizierte Fälle vorgelegt wurden. Als erstes ein sechsjähriges Kind, das bereits kurz nach der Geburt von einem anderen Team operiert worden war. Jeder Chirurg arbeitet auf seine Art und Weise. Mein Team und ich bemühen uns jeweils, eine Gewebeschicht, entweder aus natürlichem Gewebe oder aus einer dünnen künstlichen Membran, zwischen Herz und Sternum zu legen, um die beiden Strukturen voneinander zu isolieren. Andere Teams ergreifen diese Massnahme nicht, was aber bedeutet, dass, wenn erneut eine Operation vorgenommen werden muss, ein erhöhtes Risiko besteht, dass die Struktur des Herzens (normalerweise die rechte Herzkammer) verletzt wird, was dramatische Folgen haben kann. Aufgrund der Verwachsungen, die sich rund um das Herz gebildet haben, ist also in jedem Fall für jede erneute Operation doppelte Vorsicht geboten.
Nach dem Schnitt in die Haut und das Unterhautgewebe beginne ich vorsichtig, das Sternum mit einer extrem feinen oszillierenden Säge zu öffnen. Ich versuche natürlich, die Sternumschicht nicht zu durchdringen, um ein Touchieren des Herzens darunter zu vermeiden. Ich bin bereits in der Mitte des Sternums angelangt, als plötzlich, obwohl ich die Schnitttiefe meiner Säge sehr genau kontrolliere, eine Welle blaues Blut hervorquillt. Die Blaue Flut! (So nennen wir diese Art Blutung.) Stets gefürchtet und niemals willkommen. Jetzt muss alles Schlag auf Schlag gehen, denn es dauert nur ein paar Minuten, bis ein Patient sein ganzes Blut verloren hat. Da das Gehirn als empfindlichstes Organ in Bezug auf Sauerstoffmangel keine Unterbrechung der Blutzirkulation von mehr als vier Minuten erträgt, muss in dieser Zeit eine Lösung gefunden werden, wie diese Blutung gestoppt und dem Patienten das verlorene Blut zurückgeführt werden kann.
Sofort verabreichen wir Heparin, damit das Blut nicht mehr gerinnt, und saugen das ganze hervorsprudelnde Blut mit dem Sauger der Herz-Lungen-Maschine auf. Das Blut sammelt sich im Behälter und ist nun bereit, über eine ziemlich grosse Kanüle, die in eine Arterie eingeführt wird, wieder zugeführt zu werden. In aller Eile machen wir einen Einschnitt in die Oberschenkelgefässe und spalten die Arterie auf. Sie wird über eine Kanüle mit der Herz-Lungen-Maschine verbunden. Von jetzt an kann das entweichende Blut wieder zugeführt und damit der Blutdruck und der Kreislauf aufrechterhalten werden. Wir haben sehr schnell gehandelt, die Retransfusion hatte bereits begonnen, als der Blutdruck sich noch auf 70/40 mmHg befand. Unserer Meinung nach sollte also keine Gefahr einer Hirnschädigung bestehen. Noch einmal führen wir eine Venenkanüle in die Oberschenkelvene ein, diesmal in die Vene nebenan. Diese Kanüle wird bis zum Vorhof hinaufgeschoben. Von hier wird sie das Blut, das zum Herz zurückfliesst, in die Herz-Lungen-Maschine pumpen. Das so entleerte Herz hört auf zu bluten. Das Operationsfeld, das vor kurzem noch einem Vulkanausbruch glich, hat sich umgehend beruhigt, es ist kein Blut mehr zu sehen. Wir nehmen also erneut die Säge zur Hand, um das Sternum zu öffnen. Das Herz ist von den Sternumrändern getrennt und das 8×3 mm grosse Loch in der rechten Herzkammer ist einfach zugenäht. Von nun an nimmt die Operation wieder ihren gewohnten Lauf. Im vorliegenden Fall geht es darum, wieder eine Verbindung zwischen der rechten Herzkammer und den Pulmonararterien herzustellen. Aufgrund der ausgeprägten Verwachsungen, ist eine sorgfältige Dissektion nötig, und wir brauchen ganze vier Stunden für diesen Eingriff. Es ist 14.30 Uhr als wir das Brustbein wieder schliessen – über einem wohl reparierten Herzen.
Ich verlasse den Operationssaal, gehe in die angrenzende kleine Küche und esse ein Tagesmenu, um etwas Kraft zu schöpfen. Die Küche am Institut ist immer ausgezeichnet. Heute gibt es Gambas und gebackene Kartoffeln mit Bohnen und Rüebli.
20.00 Uhr
Wir verlassen den Operationssaal nach dem zweiten Patienten. Der sechs Monate alte Junge, den wir gerade operiert haben, verfügt über eine äusserst komplizierte Anatomie. Wir haben hier weder die Möglichkeit, die Gefässe mittels dreidimensionaler Bildgebung zu scannen, noch steht uns während des Eingriffs eine transösophageale Echographie zur Verfügung (diese Ultraschallaufnahmen über die Speiseröhre sind viel genauer, als wenn sie über den Thorax gemacht werden). Der Chirurg muss sich meistens allein mit diesen atypischen Anatomien rumschlagen. Mich hat es eine gute halbe Stunde – und drei Herzeinschnitte – gekostet, um gedanklich und mit Hilfe von ein paar bruchstückhaften Informationen, die ich über diese Herzfehlbildung hatte, die Anatomie zu rekonstruieren. Als ich die Puzzleteile endlich zu einem Ganzen zusammengefügt hatte, wurde die Operation zu einem Nähspiel mit ganz feinen – und damit dichten – Nähten. Nach sechzig Minuten präzisester Arbeit war ich mir sicher, jede einzelne Lungenvene wieder richtig mit dem rechten Vorhof verbunden zu haben (denn nicht eine war korrekt verbunden gewesen). Und dann musste ich nur noch zwei Löchlein im Innern des Herzens schliessen – ein häufig gemachter Handgriff! –, um die Herzkorrektur abzuschliessen. Ein schönes Gefühl, beim Anhalten der Herz-Lungen-Maschine zu sehen, wie das Herz wieder selbst zu arbeiten anfängt und wie der Blutdruck seine Pulsatilität wieder aufnimmt. Nach drei Stunden finden wir uns in der Küche bei einem Nescafé wieder, Sozinho und ich. Er gesteht mir, dass er diese Anatomie noch immer nicht verstanden hat. Also zeichne ich sie ihm auf.
An diesem Abend essen wir gleich im Spital, damit wir noch eine letzte Visite machen können, bevor wir ins Hotel zurückfahren.