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"Die lezten Tage waren nicht ohne Wichtigkeit für mich. Der Schulrath sass u. ernannte mich zum Direktor der polyt. Schule für die nächsten Jahre." Der Professor für darstellende Geometrie Deschwanden war Lehrer aus Leidenschaft, die Verwaltungsarbeiten absorbierten ihn aber beinahe ganz.
|Josef Wolfgang von Deschwanden (1819-1866) war Ende der 1840er-Jahre Lehrer und Rektor an der Oberen Industrieschule in Zürich und schon dort mit Fragen nach einem geeigneten Unterricht für Techniker beschäftigt. Ab 1851 beriet er die Hochschulkommission in Bern bei den Vorarbeiten zur Errichtung einer polytechnischen Schule. Diese übertrug ihm zudem die Aufgabe, den Vorbereitungskurs einzurichten, der seit dem Frühjahr 1855 die ersten Polytechnikumsanwärter auf einen einigermassen angemessenen Wissensstand bringen sollte: Die neu gewählten Professoren, oft bekannte Wissenschaftler auf ihrem Gebiet, sollten den regulären Semesterbetrieb im Oktober aufnehmen können, ohne intellektuelle Abstriche machen müssen.||

Deschwandens Tagebuchnotizen aus den ersten Jahren des Polytechnikums sind ein hochinteressantes Dokument bürgerlicher Selbstvergewisserung. Das Tagebuch war für den Verfasser eine offenbar notwendige Instanz, um die Spannungen zwischen politisch-professioneller Pflichterfüllung und wissenschaftlich-forschender Selbstverwirklichung abzufedern und auszuhalten. Denn die organisatorischen Aufgaben brachten es mit sich, dass Deschwanden Lehre und Forschung stark vernachlässigen musste. So schrieb er Ende April 1855:
"Schon lange kam ich nicht mehr so müde nach Hause, wie Heute. Den ganzen Vormittag und Nachmittag bis 4 Uhr Prüfungen mit den zum Polytechn. Angemeldeten; nachher Transport von Modellen aus der Kantonsschule in die Gebäude des Polytechn., das Erlassen mannigfacher Anordnungen um das Geschäft der Prüfungen in Gang zu erhalten u. gegen Jeden, der etwa verletzt werden könnte seine Schuldigkeit zu thun: dies Alles hat mir meine Kräfte für heute ordentlich geraubt. Und doch war es mir wieder eine Art Erholung, bei den jungen Leuten zu sein. Ihr Anblick erfüllt mich mit mehr Freudigkeit, den Unterricht wieder zu beginnen u. statt mit diesen trockenen Verwaltungssachen, wieder mit dem Unterricht u. der Wissenschaft selbst mich zu beschäftigen; nachdem ich diese schönen Tage des Lehrens u. Arbeitens schon über ein Jahr verlassen, ist dieser Wunsch für den Lehrer nicht ein unbilliger."
Die Aufnahmeprüfungen zum Vorbereitungskurs erwiesen sich als rundum positive Erfahrung. Deschwanden zählte die Absprachen und Beratungen im neuen Kollegium zu den "grössten Freuden, welche ich während der ganzen Zeit der Verhandlungen über das Polytechnikum genoss". Auch war man hinsichtlich der kommenden Lehraufgaben nun ein wenig beruhigt. Die Prüfungen waren gut ausgefallen. Kaum jemand musste abgewiesen werden und "einige dieser jungen Leute machten so schöne Arbeiten, dass man eine wahre Freude daran haben muss".
"Wenn diese jungen Herzen sich erfreuen an dem, was man ihnen darbietet, dann schlägt auch unser Herz höher u. voller, dann empfindet man eine Wonne, wie sie vielleicht nur dem Lehrer vergönnt ist. Dieser Wonne kann auch ich wieder hoffen, theilhaftig zu werden. Also Glück auch zum neuen Werke! Diese Hoffnung, dieses vielmehr mit Sicherheit vorauszusehende Glück entschädigt für manche Mühe u. Qual des lezten Jahres."
Lehrer zu sein verstand Deschwanden als Berufung. Man sah den Direktor und Geometrieprofessor Lehrmittel basteln und Bücherlisten für die Bibliothek zusammenstellen. Er begann ein "technologisches Wörterverzeichnis in 4 Sprachen mit Figuren, zum Gebrauch für die Schüler" und meldete seinem Tagebuch im Mai 1855: "Ordentlicher Fortgang des Wörterverzeichnisses. Ich freue mich recht darauf, nach Pfingsten einige Tafeln aufhängen zu können. Dies wäre eine erste aus der eidgen. Anstalt hervorgegangene u. die Eigenthümlichkeiten derselben an sich tragende Arbeit." Allerdings musste er unmittelbar darauf zur Kenntnis nehmen, dass sein Vorgesetzter, Schulratspräsident Jakob Konrad Kern, die didaktischen Anstrengungen als "höchst untergeordnet, unbedeutend u. wenig dringend" behandelte. "Der Mann war niemals Lehrer!", empörte sich Deschwanden (Gyr 1981, 131).
Zu Beginn eines jeden Kurses blühte Deschwanden auf. Im täglichen Umgang mit den Studenten fühlte er sich in seinem Element. Auch träumte er davon, wieder zur "so lieben Thätigkeit" der Forschung zu kommen. Jedoch blieb dazu keine Zeit. Die Verwaltungsaufgaben, die "Dutzend u. Dutzend Nebendinge" und "juridischen Spitzfindigkeiten", von Deschwanden durchweg als Bürde und Negativerfahrung beschrieben, hinderten ihn daran. Er sah sich in einer undankbaren Vermittlerposition zwischen Schulrat und Professoren: "Die Bildung der LektionsVerzeichnisse u. Stundenpläne ist etwas, das mit den speziellsten Ansichten der Lehrer über ihre Wissenschaften u. mit ihren eigenthümlichsten Wünschen zusammenhängt. Daher ein mehrfaches Kreuzfeuer auf den vom Schulrath entworfenen Plan" (Gyr 1981, 129). Undankbar war die Direktorenstelle vor allem deswegen, weil sie institutionell nur wenig Gewicht hatte. Dies machte sich Deschwanden im Eintrag vom 5. September 1855 klar. Es passe nicht recht zu seiner Stellung, dass man ihm dauernd ins Handwerk pfusche. Er fühlte sich korrigiert wie ein "Schulbub":
"Würden am Ende nur noch die Arbeiten bleiben, wie ich sie gemacht, so hätte ich doch wenigstens eine einzelne Arbeit vor mir; aber so wird nachher immer noch soviel herumgekleistert, dass ich doch niemals ein eigenes Werk vor mir sehe."
Die geplante Eröffnungsfeier torpedierte seine Vorstellungen eines konstruktiven Arbeitsklimas an Hochschulen von vornherein: "Die Anstalt ist für die Jugend, die Schüler errichtet worden, u. man schliesst gerade diese von der ganzen einen Hälfte des Festes aus. Also ist auch ein Schulfest möglich ohne Schüler!". Die Führung der Schüler, wie die Polytechniker in den ersten Jahrzehnten tatsächlich hiessen, erschien ihm ebenfalls kontraproduktiv: Solange die jungen Leute in ihren Lehrern "Polizeidiener" erblickten, sei die Lehratmosphäre gründlich vergiftet.
Immer wieder beschäftigte ihn der Gedanke, die Direktorenstelle aufzugeben. Als er 1856 ein Gesuch um Verminderung seiner Geschäfte beim Schulrat einreichte, "wurde ein Beschluss gefasst, der so gut wie eine Abweisung dieses Gesuchs ist: Erleichterung durch Verminderung meines Unterrichtes". So bat er am 7. August 1857 mit ausführlicher Begründung um vollständige Entlassung als Direktor. Die Verwaltungsaufgaben seien zu einer schweren Last geworden, die ihm "wenig andere Befriedigung als die der Pflichtenerfüllung" gewährte. Auch fürchtete er, den Anschluss an den Stand seiner Wissenschaft zu verlieren und damit den Anforderungen der Lehre immer weniger gerecht zu werden. Doch sein Wunsch stiess auf taube Ohren. Deschwanden blieb noch bis 1859 Direktor. Bis zu seinem Tod 1866 lehrte er am Polytechnikum.
Andrea Westermann