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Vom Rande der Komfortzone zum «Best Teacher»
Patrick Schenk, Ihnen wurde schon zum zweiten Mal in Folge der «Best Teacher Award» verliehen. Was denken Sie, worin liegt die Überzeugungskraft Ihrer Lehrtätigkeit?
Patrick Schenk: So sehr ich mich darüber freue: Worin genau meine Überzeugungskraft liegt, weiss ich beim besten Willen nicht. Mir wurde schon gesagt, ich unterrichte mit Leidenschaft und Motivation. Dem stimme ich zu: Ich hatte schon immer grosse Freude an der Lehre. Bereits Anfang zwanzig habe ich begonnen, als Tutor in Methodik, Statistik und Theorien zu unterrichten und liebte es. Es war eine grossartige Gelegenheit, eigenes Wissen zu vertiefen, Wissen weiterzugeben und Erfahrungen zu sammeln.
Leidenschaft und Motivation, that's it?
Ich stellte schnell fest, dass nicht jeder didaktische Ansatz bei jedem Publikum funktioniert. In meinem persönlichen Werdegang war es ein unangenehm «schweigsamer Seminarraum», der mich dazu bewog, meine didaktischen Ansätze zu reflektieren. Ein Skateboarder, der wegen seinen unkonventionellen Tricks und Manöver bekannt ist, meinte einmal treffend: Der perfekte Ort der Inspiration liegt dort, wo man fürchtet, sich zu blamieren. Das nahm ich mir zu Herzen. Ich wurde mutiger und begann, das Unkonventionelle zu suchen. Ich experimentierte mit didaktischen Elementen am Ende meiner Komfortzone, um die Faszination in den Studierenden zu wecken.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Ich liess beispielsweise Studierende die Anzahl Maltesers in einem Glas schätzen, um den «Wisdom of the Crowd»-Effekt zu verdeutlichen, der besagt, dass eine Gruppe voneinander unabhängiger Individuen bessere Entscheidungen trifft als eine einzelne Person. Ich schlug auch schon mit einem echten Hammer auf den Tisch, um die Studierenden darüber nachdenken zu lassen, inwiefern die Wirklichkeit sozial konstruiert sei oder nicht. Und ich erzählte davon, wie ich meine Katze vor Gericht zerren will, weil sie mich gekratzt hat, um das Beispiel mittelalterlicher Tierprozesse und die historische Veränderung von Verantwortungszuschreibung einzuführen.
Glauben Sie mir: Mir kam auch schon viel Fremdschämen entgegen. Manchmal musste ich einstecken. Nicht alle sind Fans von Maltesers, Hämmern oder Katzenbildern im Unterricht. Wenn solche Ansätze aber funktionieren, dann wecken sie die Begeisterung und das Interesse der Studierenden. Sie motivieren dazu, sich mit Themen intensiv auseinanderzusetzen. Eine essenzielle Grundlage für jeden Lernerfolg.
Gibt es persönliche Erfahrungen, Vorbilder oder abschreckende Beispiele, die Sie in Ihrer Lehrtätigkeit geprägt haben?
Auf jeden Fall. Glücklicherweise konnte ich viele Beispiele guter Lehre beobachten, die mich geprägt haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Geblieben ist mir beispielsweise, wie mein Professor im Studium lebhaft demonstrierte, dass es sich beim Hexenhammer (ein im Jahr 1486 erschienenes Werk des deutschen Inquisitors Heinrich Kramer) um eine rationale Legitimation der Hexenverfolgung handelte. Dieses Beispiel ist mir geblieben, weil es so kontraintuitiv ist: Wie kann die Hexenverfolgung mit einer Entwicklung zusammenpassen, die man als Entzauberung beschreiben kann, also der Vorstellung, dass alle Dinge in der Welt prinzipiell rational erklärbar sind? Das war ein ziemlicher Mindfuck. Es lehrte, mich, dass ein provokatives Beispiel das beste Mittel ist, um eine abstrakte Theorie ins Gedächtnis einzubrennen.
Beeindruckt hat mich auch ein Dozent, der sich bewusst die Zeit nahm, seine Studierenden mit geschickten Fragen in ein Gespräch zu verwickeln und dadurch zu einem neuen Thema hinzuführen. Es hat mich gelehrt, dass wir nicht nur auf die pure Wissensvermittlung setzen dürfen, sondern in die didaktische Aufbereitung investieren müssen, selbst wenn man mal ein Lernziel weniger abhakt. Und deshalb freue ich mich heutzutage so sehr, wenn ich mit meinem Hammer durch die Uni gehe und mir Studierende lauthals zurufen: «Ah, Sozialkonstruktivismus!»
Sie dozieren nicht nur «mit Leib und Seele», wie es auf der Webseite der Universität Luzern steht, Sie forschen auch aktiv. Fühlen Sie sich mehr in der Lehre oder in der Forschung zu Hause? Oder anders gefragt: Sind Sie lehrender Forscher oder forschender Lehrer?
Für mich gehen Forschung und Lehre Hand in Hand. Beides beruht auf einem Frage- Antwort- Diskurs. In diesem Sinne bin ich ein lehrender Forscher. Lassen Sie mich das etwas ausführlicher erklären. Ich habe schon früh in meiner Kindheit die Angewohnheit entwickelt, mir selbst Fragen über die Welt zu stellen und diese in ausufernden Monologen zu beantworten. Ich denke, diese Angewohnheit ist ein Kennzeichen einer wissenschaftlichen Einstellung zur Welt, die alle Forschenden verbindet. Im Prinzip habe ich dabei schon meine eigenen Vorlesungen gehalten. Die Vorlesungen, die ich heute halte, sind vielleicht reicher an Besucherinnen und Besucher, der Altersschnitt ist etwas höher und ich sitze nicht mehr allein im Zimmer und erklär's mir selbst – meistens zumindest. Das Prinzip ist jedoch dasselbe: Sowohl in der Forschung als auch in einer Vorlesung stelle ich Fragen an die Welt und versuche, eine Antwort darauf zu geben.
Anders ausgedrückt: Vorlesungen zu halten bedeutet, Studierenden von der Forschung und von Fragen zu erzählen, für die man selbst brennt. Es braucht das Herz eines Forschenden, um gute universitäre Lehre zu leisten und die Studierenden für ein Thema zu begeistern. Natürlich gibt es Tage, an denen Deadlines für wissenschaftliche Arbeiten näher rücken und ich zögere, mein Büro zu verlassen. Doch sobald ich den Vorlesungssaal betrete, mutiere ich zum Vollblut-Dozenten. Ich fühle mich im Vorlesungssaal zu Hause. Ich vergesse alles, was sonst noch um mich geschieht. Es gibt nur diesen einen Moment, dieses Gefühl des gemeinsamen Lernens, ein Kollektivgefühl. Das beflügelt nicht nur den Geist, sondern gibt auch neue Energie.
Damit Lehre funktioniert, bedarf es zwangsläufig auch Studierende. Braucht es «gute Studierende» für «gute Lehre»? Was zeichnet Ihrer Meinung nach «Best Students» analog dem «Best Teacher Award» aus?
Einen «Best Student» gibt es nicht. Wir können die mannigfaltigen Kompetenzen und Bedürfnisse von Studierenden nicht auf einer eindimensionalen Skala abbilden. Ein solches Vorgehen würde auch verhindern, dass wir immer wieder neue Überraschungen machen dürfen. Es gibt stille Studierende, die brillante Theoriearbeiten verfassen. Andere vermögen Theorien direkt in der Praxis anzuwenden und dazu Kampagnen zu entwickeln. Es gibt Studierende, die diskutieren gerne. Sie machen meine Vorlesungen durch Einwände interessanter. Kürzlich hielt eine Soziologin aus der Praxis einen Vortrag in meiner Vorlesung, danach durften meine Studierenden Fragen stellen. Das waren richtig gute Fragen, die das Gelernte widerspiegelten. Mir ging regelrecht das Herz auf!
Sie sehen, all das sind Qualitäten, die wünschenswert sein können – und es gibt noch viele mehr. Doch ich würde sie nie gegeneinander abwägen wollen, geschweige denn können. Die Uni Luzern lebt von den mannigfaltigen Stärken der Studierenden. Meine Aufgabe ist es, die Studierenden dort abzuholen, wo sie sind und ihre Qualitäten zu fördern.Und genau hier sehe ich die Chance der Didaktik: Nicht selten treten dank unterschiedlicher Methoden plötzlich neue Aspekte meiner Studierenden zum Vorschein.
Wie zufrieden wären Sie mit der heutigen Art der Lehre an wissenschaftlichen Institutionen in der Schweiz, wenn Sie nochmals Student wären? Sehen Sie Verbesserungspotenzial?
Insgesamt hat sich die Lehrmethodik an den Universitäten klar verbessert. Als ich Student war, folgte man einem Standardaufbau. Heute sind die Vorlesungen kreativer und abwechslungsreicher geworden. Die heutigen Dozierenden sind sich eher bewusst, dass eine sorgfältige Wahl und Reflexion der didaktischen Mittel notwendig sind. Das gefällt mir an der Universität Luzern, hier scheint mir diese Hingabe besonders ausgeprägt. Didaktisches Geschick und Reflexion bedürfen aber auch Wille und Einsatz. Einen guten Kurs vorzubereiten, ist sehr aufwändig.
Das bedeutet gleichzeitig, dass der Anspruch an die Dozierenden in den letzten Jahren gewachsen ist. Einerseits wird von ihnen verlangt, Studierende durch didaktisch ansprechende Ansätze auszubilden. Andererseits müssen sie ausgezeichnete Forschung liefern. Diese Doppelrolle bringt Druck mit sich. Der Anspruch der Exzellenz in der Forschung setzt dem Eifer in der Lehrtätigkeit sicherlich Grenzen – und umgekehrt. Deshalb braucht es institutionelle Strukturen, die es Dozierenden und Forschenden ermöglichen, diese Ansprüche möglichst gut zu vereinen.
Haben sie zum Abschluss noch einen Tipp für gute Lehre?
Es gibt kein Rezept für gute Lehre. Dozierende müssen ihren eigenen Ansatz finden. Bei mir haben die Maltesers, der Hammer und die Katzenbilder gut funktioniert. Aber es wäre unsinnig, wenn jetzt alle Katzenbilder zeigen und Hämmer schwingen würden! Was ich aber sagen kann, ist: Innerhalb der Grenzen althergebrachter Normen gedeiht kein Fortschritt. Es lohnt sich, mit dem Unkonventionellen zu experimentieren, selbst wenn man Gefahr läuft, in fremdschämende Augen zu blicken.
Ein inspirierendes Schlussplädoyer, Herr Schenk. Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die bereichernden Einblicke.
Ich danke Ihnen! Es freut mich sehr, dass der universitären Lehre diese Wertschätzung entgegengebracht wird.
Dieses Interview wurde von Chantal Hüsler, Bachelor-Studentin der Geschichte und Rechtswissenschaft, verfasst.
Zur Person
Patrick Schenk hat an der Universität Zürich Soziologie, Volkswirtschaftslehre sowie Philosophie studiert und in Soziologie promoviert; 2018 war er Gastwissenschaftler am Max-Planck-Institut in Köln. Seit August 2018 arbeitet er am Soziologischen Seminar der Universität Luzern. Momentan ist er Teil des SNF-Projekts «Künstliche Intelligenz und moralische Entscheidungen in zeitgenössischen Gesellschaften». Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören Themen der Wirtschafts-, Moral- und Techniksoziologie.
2022 und 2023 gewann er an der Universität Luzern den «Credit Suisse Award for Best Teaching», der jährlich vom Jubiläumfonds der Credit Suisse Foundation in Zusammenarbeit mit den Universitäten, technischen Hochschulen und Fachhochschulen der Schweiz vergeben wird.