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Etrit Hasler über japanischen Baseball in den US-Internierungslagern
Es mag viele Menschen überraschen, dass die populärste Sportart in Japan nicht etwa Sumo oder Fussball ist – sondern Baseball. Rund 30 000 ZuschauerInnen kommen im Durchschnitt an die Spiele der Nippon Professional Baseball Organization (NPB), insgesamt 25 Millionen ZuschauerInnen pro Saison – der zweithöchste Stadionschnitt irgendeiner Sportart weltweit, der nur noch von der US-Baseballliga MLB übertroffen wird. Und entgegen einem gängigen Klischee entdeckten die Japaner die Sportart nicht etwa erst während der US-Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg.
HistorikerInnen zufolge brachte der Englischprofessor Horace Wilson das Spiel nach Japan. Er befand, dass seine Studenten an der kaiserlichen Universität von Tokio zu wenig Sport treiben würden. Das Spiel gewann schnell an Popularität, 1878 wurde das erste Team formell gegründet, 1936 folgte die erste professionelle Liga, die bis 1949 Bestand hatte. Obwohl der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs einen kontinuierlichen Spielbetrieb so gut wie verunmöglichte, setzte der Spielbetrieb nur gerade 1945 für eine Saison aus und wurde im November desselben Jahres wiederaufgenommen – nicht zuletzt aus Propagandagründen.
Auch im Mutterland des Baseballs, den USA, hatte der Sport unter den Bedingungen des Krieges zu leiden: Das Einziehen vieler Sportler in die Armee führte dazu, dass Athleten, die unter normalen Bedingungen keine Chance gehabt hätten, zu Einsätzen kamen wie zum Beispiel der einarmige Pitcher Pete Gray. Als Alternative wurde auch die Frauenliga All-American Girls Professional Baseball League gegründet (1992 im Film «A League of Their Own» fiktionalisiert verewigt). Und der Mangel an weissen Athleten führte zu Diskussionen um die Abschaffung der 1889 im Baseball eingeführten Rassentrennung, die allerdings bis 1947 andauerte, bis mit Jackie Robinson der erste nichtweisse Spieler eingesetzt wurde.
Diese Aufhebung betraf später auch die in den USA lebenden Japaner – bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs spielten US-Japaner in sogenannten Nisei Leagues (analog zu den Negro Leagues für schwarze Spieler). Mit dem Ausbruch des Krieges änderte sich die Situation jedoch schlagartig. Die meisten aktiven Spieler wurden zusammen mit 120 000 aus Asien stammenden Menschen als Resultat von Roosevelts Exekutivbeschluss 9066 als «enemy aliens» in Internierungslagern inhaftiert.
Doch der Sport überlebte selbst in den Lagern. Teils aus Mangel an anderer Ablenkung in den trostlosen Lagern, teils als Zeichen gegen das ihnen entgegengebrachte Misstrauen organisierten sich in den Lagern Baseballteams – der Gefangene Takeo Suo verglich das Gefühl, das Trikot anzuziehen, damit, die US-Flagge zu tragen. In sieben der zehn Lager bildeten sich Mannschaften, vier davon erhielten die Erlaubnis, für Spiele zu den anderen Lagern zu reisen (selbstredend auf Kosten der Internierten), und so konnte eine echte Liga organisiert werden. Das Play-off zwischen Gila River (Arizona) und Heart Mountain (Wyoming) zog sich über dreizehn Partien und gilt unter SporthistorikerInnen als eine der spannenderen Finalserien der Baseballgeschichte – dokumentiert wurden die Partien unter anderem vom US-Fotografen Ansel Adams.
Nach dem Ende des Krieges und der Auflösung der Internierungslager dauerte es noch einmal zwanzig Jahre, bis japanische Spieler in der US-Profiliga auftauchten – von den Spielern aus den Lagern schaffte es niemand. Der erste eingesetzte Japaner war Masanori Murakami, der 1964 für die San Francisco Giants auflief – als Leihgabe der japanischen Nankai Hawks. 2014 spielten erstmals zwei US-Japaner in einem Final der World Series gegeneinander: Jeremy Guthrie bei den Kansas City Royals und Travis Ishikawa bei den San Francisco Giants – Ishikawas Grosseltern waren während des Krieges InsassInnen des Granada War Relocation Center in Colorado gewesen.
Etrit Hasler ist Autor, Slampoet und Kantonsrat. Er lebt in St. Gallen – aus Überzeugung.