Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03116.jsonl.gz/1055

Die Stadt, in der ich von September 1992 bis Januar 1994 gelebt und gearbeitet habe, ist nicht mehr dieselbe.
Nach unserer Ankunft am Flughafen um 01.55 ein kurzer Blick aus dem komfortablen Hotelzimmer, dann eine kurze Nacht.
Am Vormittag sind wir in fünfzehn Minuten zu Fuss in der ummauerten orientalischen Altstadt und werden mit einem orientalischen Frühstück verwöhnt. Es gibt heisses Fladenbrot (təndir çörəyi), weissen Käse verschiedener Art (zum Beispiel motal pendiri und şor), Kükü (ein Art Omelette, ganz grün wegen der vielen Kräuter), Süzmə, Qoğal (ein stark gewürztes Frühstücksbrötchen), Konfitüren, Oliven, Tee, Kaffee.
Nur Weniges erinnert mich an früher. Die alten Ölpumpen am Stadtrand sind noch da, vielerorts noch in Betrieb, sie pumpen unermüdlich, meist allerdings sind sie hinter hohen Mauern verborgen, die errichtet worden sind, damit man sie nicht sieht.
Auch die aserbaidschanische Musik ist noch dieselbe. Im Mugham Club, der sich in einer alten Karawanserei eingerichtet hat, werden mit traditionellen Instrumenten melancholische Melodien gespielt, die manchmal in einen Tanzrhythmus übergehen. Die gut gekleideten Damen aus der Frauenrunde, die an einem langen Tisch einen Geburtstag feiert, stellen sich stolz und aufrecht hin und bewegen sich, sie scheuen sich später auch nicht, an unseren Tisch zu kommen und uns zum Mittanzen aufzufordern.
Geblieben ist auch die Gastfreundschaft: fast alle Menschen sind uns Fremden gegenüber wohlgesinnt, aufgeschlossen, aber nicht aufdringlich.
Nach unserem Frühstück am ersten Tag besuchen wir den Palast des Shirvan-Shah (wir verwenden hier und in der Folge die englische Schreibweise), der als Vasall der persischen Kaiser über ein grosses Gebiet herrschte, und die Wohnung des 1928 geborenen und hochdekorierten Malers Tahir Salahov, der heute in Moskau lebt, einem führenden Vertreter des ernsten, strengen, harten Stils (суровый стиль) , der in den 1960-er und 1970-er Jahren den sozialistischen Realismus der Stalin-Zeit ablöste.
Ebenfalls in der Altstadt besuchen wir den mittelalterlichen Jungfrauenturm oder Kyz kalasy, dessen Funktion bis heute nicht ganz klar ist, der jedoch als Wahrzeichen der Stadt gilt und von dem aus sich ein Blick in alle Himmelsrichtungen bietet.
Abends dann eine Fahrt mit der U-Bahn zur Haltestelle Hatai, die nach dem aserbaidschanisch-persischen Schah Ismail Hatai benannt ist, wo wir im Restaurant «Shah» fürstlich und aserbaidschanisch essen und trinken – nicht nur Wein, sondern auch frisch gepressten Granatapfelsaft.
Am zweiten Tag besuchen wir morgens den Palast des aserbaidschanischen Ölmillionärs und Philanthropen Zeinalabdin Taghiyev (etwa 1838 -1924) im Stadtzentrum. Im Erdgeschoss ist das Museum für Geschichte untergebracht, die Säle sind leer, denn die Präsentation wird erneuert, die Neueröffnung ist für Sommer 2020 vorgesehen. Obwohl das Museum geschlossen ist, werden wir von der Direktorin, Doktor Naila Mammadli gizi Velikhanli, empfangen und durch die Prunkräume im Obergeschoss geleitet.
Am Nachmittag lassen wir uns durch das Teppichmuseum an der Promenade am Kaspischen Meer führen, das in der Form eines halb aufgerollten Teppichs gebaut ist und einen ausgezeichneten Überblick über die traditionelle Teppichherstellung bietet.
Den dritten Tag in Baku beginnen wir mit einem Besuch des Kunstmuseums. Wer genau hinsieht, bemerkt neben wenigen Werken europäischer Maler (Bernardino Luino, Andrea del Sarto, Franz Hals) die bekannteren Malereien russischer Künstler: von Pyotr Vereshchagin die «Ansicht von Baku vom Meer aus», von 1872, oder von Vassily Pukirev: «Die unterbrochene Hochzeitszeremonie», 1877 (eine junge Frau, der ein verlegener Bräutigam die Ehe versprochen hat, fällt in der Kirche in Ohnmacht, weil eine andere junge Frau samt ihrer Mutter auftaucht mit einer Bestätigung in der Hand, die zeigt, dass der Bräutigam schon verheiratet ist) oder Ivan Ayvasovskis Bild «Schiff im Sturm», 1899, das ursprünglich im Haus von Taghiyev hing. Es lohnt sich weiter, sich Zeit zu lassen für die Meister der aserbaidschanischen Malerei der zaristischen und sowjetischen Zeit, darunter wieder Salahov, und für die anderen Kunstgegenständige des Museums.
Vom Museum steigen wir die Treppen hoch zum Aussichtspunkt über der Stadt. Hinter dem Aussichtspunkt befindet sich die Allee der Märtyrer, an der die Toten der Massaker des «Schwarzen Januar» 1990 liegen. Die Gräber erklären, warum in Aserbaidschan niemand der Perestroika von Michail Gorbatschow nachtrauert. Unter den Bäumen hinter der Allee sind die jungen Männer aus Baku begraben, die im Krieg 1992-1994 gefallen sind. 900,000 verzweifelte Aseris wurden damals aus Armenien, Nagorno-Karabach und aus sieben weiteren Bezirken Aserbaidschans vertrieben. Die meisten kamen in die Hauptstadt, hausten in zerfallenden Kollektivunterkünften und prägten das Stadtbild. Stromausfälle, eine unregelmässige Wasserversorgung, eine nicht mehr funktionierende Fernheizung und Menschenschlangen vor den Bäckereien waren Teil einer Normalität, die man sich heute nicht mehr vorstellen kann.
Vorbei an den hochmodernen Flame Towers, die das Stadtbild am Tag und in der Nacht beherrschen, vorbei auch am Denkmal des aserbaidschanischen Kommunisten Nariman Narimanov führt unser Spaziergang zur renovierten Moschee Taza Pir, die durch die Renovation viel von ihrer Atmosphäre verloren hat, und zur Kirche des Erzengels Michael von 1850.
Die Kirche hat einen neuem Dachstock und eine neue Kuppel, der Innenraum ist aber noch nicht renoviert worden und wirkt mit seinen Ikonen, den Kerzen und dem unebenen Fussboden sehr ursprünglich. Früher am selben Tag haben wir auch die Synagoge besucht, wo wir ohne Formalitäten hineingebeten werden und uns die Gebetsräume ansehen. Ein Gebetsraum ist dort für die europäischen Juden eingerichtet, ein anderer für die georgischen Juden.
Bei unserem langen Spaziergang ist uns aufgefallen, wie in Baku bis vor kurzem Stadtplanung betrieben worden ist: ein ganzes Viertel ist dem Erdboden gleichgemacht worden, um Platz zu schaffen für Hochhäuser. Auch die grosszügige Parkanlage gegenüber unserem Hotel, unter der sich eine riesige Tiefgarage versteckt, ist durch die Zerstörung eines historisch gewachsenen Viertels entstanden.
Nach drei Tagen in der Stadt fahren wir am vierten Tage, einem Sonntag, mit meinem Freund Allahiar (hier sei mein Dank an ihn ausgedrückt!) in einem Kleinbus nach Gobustan. Das grosse Dorf im Südwesten der Stadt liegt neben einem UNESCO-Weltkulturgut. Es sind steinzeitliche Einritzungen auf Felsen, von denen der Blick weit über das Kaspische Meer reicht. Eine römische Inschrift bezeugt, dass römische Truppen bis an dieses Meer vorgedrungen sind.
Ein weitgereister Mann aus Gobustan, der sich als Schamane vorstellt, vermittelt uns seine Interpretation der Felszeichnungen. In der einen sieht er eine Darstellung von Chakren. Das Bild eines Schiffes bringt er in Beziehung zum Norweger Thor Heyerdahl, der auf Schiffen aus Schilf, die mit Teer verkleistert worden sind, über das Meer gefahren ist.
Unser Schamane erzählt auch, wie die Inseln an der Küste vor Gobustan früher Tag und Nacht brannten von den natürlichen Austritten von Öl und Gas. Er ist überzeugt, dass Gobustan schon vor dem Aufkommen des Zoroastrismus ein Ort religiöser Erfahrungen war. Durch die Ausbeutung der Öl- und Gasvorkommen sind diese Feuer inzwischen teilweise erloschen.
Nach dem Besuch der Felszeichnungen fahren wir auf einer Piste zu den Schlammvulkanen. Es sind Tümpel oder mehrere Meter hohe Kegel, die sich aus der praktisch vegetationslosen Landschaft erheben und frei zugänglich sind. Das Wetter ist uns wohlgesinnt. Bei Regenwetter ist eine Zufahrt über den lehmigen Boden undenkbar. Unterwegs kommen wir an einer Stelle vorbei, wo eine zähflüssige Masse aus Öl und Teer aus dem sandigen Boden an die Oberfläche dringt und eine Pfütze gebildet hat.
Die Tümpel blubbern ruhig vor sich hin. Man nähert sich, um genauer hinzusehen, und erschrickt, sobald sich eine grosse, in Schlamm verpackte Gas-Blase halbkugelförmig erhebt, zerplatzt und den Schlammtümpel überschwappen lässt.
Auch den folgenden Tag verbringen wir ausserhalb, besuchen mit einer französischsprachigen Führerin die Sehenswürdigkeiten der Halbinsel Absheron, zuerst mal Yanar Dag, einen Ort, wo natürliches Gas aus dem steinigen Boden fliesst und brennt. Der Ort war bis vor kurzem frei zugänglich, jetzt bezahlt man einen überhöhten Eintrittspreis. Auch hier hat sich die Höhe der Flammen verringert.
Anschliessend besuchen wir das ethnographische Freilichtmuseum Qala, eine Art aserbaidschanisches Ballenberg-Museum, und schliesslich den zoroastrischen Feuertempel Ateshgah, einen heiligen Ort in Form einer Karawanserei für zoroastrische Pilger aus Indien und Iran, der bis anfangs des 19. Jahrhundert besucht wurde. Auf dem Rückweg in die Stadt halten wir beim Zentrum Heydar Aliyev der Stararchitektin Zaha Hadid. Unterhalb des Zentrums befindet sich auch der Ort, der sich in Baku am besten für Selfies eignet, die man an Freunde und Bekannte verschicken kann.
Am letzten Tag unseres Aufenthalts besuchen wir das sehr sehenswerte Museum für zeitgenössische Kunst etwas ausserhalb des Zentrums, bummeln der Strandpromenade entlang zurück ins Zentrum und lassen uns als Schlusspunkt unseres Kulturaufenthalts am Nachmittag durch das Museum für aserbaidschanische Literatur führen.
Glück hatten wir mit dem Wetter, etwas Pech mit dem Konzert- und Theaterprogramm. Wären wir eine Woche früher oder später in Baku gewesen, so hätten wir den Teilnehmern weitere Kulturgenüsse empfehlen können.
Am meisten Glück hatten wir jedoch mit unseren interessierten, lauffreudigen und geduldigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.