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Viel ist derzeit von Gender und Ungleichheit die Rede, die schwache Präsenz von Minderheiten aber findet selten Erwähnung. Bietet das Schweizer Filmschaffen, zumal der Spielfilm, ein getreues Abbild der Schweiz? Vier Filmschaffende berichten.
Von Mariama Balde
Alireza Bayram
Schauspieler. Er hat unter anderem in der amerikanischen Serie «Homeland» und in «Tehran Taboo» von Ali Soozandeh gespielt.
Ich arbeite seit zehn Jahren als Schauspieler. Ich habe beim Theater begonnen, mit Studentenfilmen, Werbung und bei Fernsehserien. Als Schauspieler iranischer Abstammung mache ich oft die Erfahrung, dass man mir sagt, man habe keine gute Geschichte für mich finden können, was bedeutet, dass man keine Flüchtlingsrolle zu vergeben hat... Aber ich bin doch Schweizer, ein Schweizer Schauspieler! Für mich ist es schwierig, eine Anstellung zu finden, weil man, denke ich, immer noch in Stereotypen denkt. Warum muss man bei einem Film oder einer Serie rechtfertigen, wenn ein Anwalt schwarzer Hautfarbe oder der Polizist eine Frau ist? Im Film «Aloys» zum Beispiel ist es gelungen, die Klippe zu umschiffen, indem Minderheiten sichtbar und Akzente zugelassen werden, ohne dass das erklärt werden muss. Vielfalt ist eine wesentliche Dimension der Schweizer Kultur. Gegenwärtig besuche ich Regiekurse in Zürich; hier möchte ich mich tiefer mit diesen Fragen zum Casting auseinandersetzen. Ich rege meine Klassengenossen an, einfach mal um sich zu schauen. In Deutschland, wo ich auch arbeite, ist man sich dessen bewusst. In der Schweiz spielt das eher untergründig mit.
Shyaka Kagame
Regisseur. Sein erster Dokumentarfilm, «Bounty», zeigt den Alltag junger Schweizer mit schwarzer Hautfarbe.
Bevor ich «Bounty» drehte, empfand ich ein Manko. Ich kann nicht im Detail über den Schweizer Film reden, im medialen Raum der Schweiz wird die Frage der Schwarzen jedenfalls oft nach den üblichen Klischees abgehandelt. Ich wollte daher einer jungen Generation eine Stimme geben, nämlich der meinen: den Schwarzen, die zwischen zwei Kulturen aufgewachsen sind. Die Schweiz ist speziell insofern, als sie keine koloniale Vergangenheit hat und zutiefst regionalistisch ist. Aber Franzosen und Belgier haben mir gesagt, sie sähen sich in meinem Film vertreten. Als Gast bei Kinovorstellungen stellte ich fest, dass sich das Publikum bewusst ist, dass wir – als sichtbare oder kulturelle Minderheiten – Opfer einer Verdrängung sind. Es liegt an uns, uns bemerkbar zu machen. Je mehr Kulturschaffende aus dieser Vielfalt hervorgehen und sich aus ihrer Sicht äussern, umso mehr werden sich mediale Bilder und Darstellungsweisen ändern. Bei uns gibt es eben noch zu wenige, die künstlerisch arbeiten; die Wege sind nicht vorgespurt. Meine Schwester zum Beispiel ist Schauspielerin und die einzige «Schwarze» ihrer Schauspielklasse.
Mariangela Galvao Tresch
Die Produktions- und Castingdirektorin hat ihre Ausbildung in der Schweiz und Kuba absolviert.
Die Frage der Vielfalt auf der Leinwand beginnt bei der Grundlage, den Drehbüchern. Als Casting-Direktorin suche ich nicht Vielfalt per se. Bei meinem letzten Casting zum Beispiel, für eine Serie, die im Bankenviertel Genfs spielt, ging ich davon aus, dass die Kader kaum je sichtbaren Minderheiten entstammen. Wir wollen ja nicht eine Wirklichkeit schaffen, die real nicht besteht. Es geht vor allem darum, hinsichtlich der Geschichte, die der Filmemacher erzählen will, kohärent zu bleiben, anderseits um die Qualität der Schauspieler. Ich stelle aber fest, dass es wenig Schauspieler aus Minderheiten gibt, und sobald man nicht mehr unter Professionellen sucht, wird das Casting schnell aufwendig. Man muss auch sagen, dass in einem Land, wo das Fernsehen bei der Finanzierung eine Schlüsselrolle spielt, die Filme einer Mehrheit gefallen müssen. Bei Schweizer Koproduktionen können Produzenten sich zudem selten durchsetzen, zumal was das Casting anbelangt.
Werner Schweizer
Regisseur, Autor und Produzent bei Dschoint Ventschr.
1994 haben Samir, Karin Koch und ich die Ziele von Dschoint Ventschr neu bestimmt. Die Firma setzt sich seitdem zum Ziel, Filme zu produzieren, die formal innovativ sind, engagiert und der kulturellen Vielfalt unseres Landes verpflichtet. Samir ist als Schweizer und Iraker immer ein Gesprächspartner und eine Referenz für Autoren verschiedenster Abstammung gewesen. Dank dieser multikulturellen Sicht konnte sich Dschoint Ventschr international bekannt machen, so zum Beispiel mit dem Film «Das Fräulein» von Andrea Štaka oder neuerdings mit «Iraqui Odissey» von Samir. Ich kann verstehen, dass man sich daran orientiert, was Erfolg bringt, was beim Schweizer Publikum und Fernsehzuschauer ankommt. Doch die kulturelle Vielfalt ist für eine lebendige Demokratie wichtig. Wir brauchen sie; sie ist kein Luxus. Hoffen wir, dass künftig ein Erfolgsfilm mit einem interkulturellen Stoff Anerkennung findet und jene, die Filme finanzieren, ermutigt, in diese Richtung zu gehen.
Bild: «Bounty» von Shyaka Kagame porträtiert eine neue Generation, die sich behauptet, indem sie sowohl ihre Schweizer Identität als auch ihre kulturelle Eigenart für sich beansprucht.
▶ Originaltext: Französisch