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Der Mann ist eine Institution, und das nicht nur in Winterthur, wo er mit anderen Künstlern und mit Sponsoren das Casinotheater vor dem Verfall bewahrte. Auf der frisch renovierten Bühne inszeniert Viktor Giacobbo (63) ab 3. September die Komödie «Alonso».
Sind Sie nun als Künstler auf der Baustelle oder als Verwaltungsratspräsident?
Schlicht und einfach als neugieriger Baustellenbesucher, der zwar weiss, wie der Raum am Ende aussehen soll, aber keine Ahnung vom Handwerk hat. Ich bewundere all jene, die eine derartige Renovation durchführen können.
Weshalb war sie nötig?
Das Casinotheater ist ein sehr lebendiges und stark frequentiertes Haus mit Restaurant und Konferenzräumen. Die Böden und Sitze aus den 1930er-Jahren, die teils unter den Zuschauern zusammengebrochen waren, müssen erneuert werden und es braucht eine Belüftungsanlage, die im Sommer wenigstens für ein paar Grad Kühlung sorgt. Das Schöne daran ist: Wir brauchen keine Steuergelder! Die Hälfte der Kosten von 3,8 Millionen Franken wird aus Eigenmitteln und Sponsorengeldern gedeckt, der Rest vom Zürcher Lotteriefonds.
Wo haben Sie den Umgang mit Finanzen gelernt?
Da Komik und Satire von keiner staatlichen Institution unterstützt werden, ist jeder Kabarettist, der seine Programme selbst produziert, ein Kleinunternehmer. Der Umgang mit dem Budget eines KMU, das 70 Personen beschäftigt und Lehrlinge ausbildet, war mir jedoch nicht vertraut. So bin ich froh, kompetente Fachleute an meiner Seite zu haben. Meine Rolle ist, vor allem VR-Präsident und Repräsentant des Hauses zu sein – manchmal bezeichne ich mich auch als Grüssaugust.
Wie ist die Idee eines Theaters in Künstlerbesitz überhaupt entstanden?
Als das Casino, ein etwas heruntergekommenes Gebäude, in dessen Restaurant sich einst der Winterthurer Freisinn traf, zum Verkauf stand, hatte ich zusammen mit Rolf Corver die naive Idee, Berufskollegen und andere Künstler zu fragen, ob sie in ein «Haus von Künstlern für Künstler» als Aktionäre investieren wollten. Danach konnten wir es günstig von der Stadt erwerben, mussten es allerdings vor der Inbetriebnahme für 13 Millionen Franken instand setzen – und dazu brauchte es engagierte Sponsoren. Eines meiner grossen Idole war Dieter Hildebrandt. Als er zum ersten Mal in dieses Haus kam, war er hin und weg. Er rief sofort seine Frau an und schwärmte von der Bühne, der Atmosphäre und dem Restaurant. Seither ist er hier immer wieder aufgetreten und versprach uns kurz vor seinem Tod noch einen Benefiz-Auftritt für unser Theater – leider kam es aber nicht mehr dazu.
Wie wichtig sind Eigenproduktionen wie «Alonso» für das Casinotheater?
Sie sind Schwerpunkte in unserer Programmplanung, aber auch wichtige Faktoren für das Betriebsergebnis. Wir spielen sie einen ganzen Monat en suite und stimmen sogar das kulinarische Angebot im Restaurant auf den Inhalt ab.
In «Alonso» geht es um einen mexikanischen Nackthund – wird aöso nun auch Hund auf dem Menü stehen? Und was meint der WWF dazu?
Wir müssen noch schauen, wie wir das den Leuten vermitteln können! (lacht) Als engagierter Tierfreund esse ich übrigens nur Fleisch von Tieren, die gut gehalten wurden. Darunter ist zwar kein Hund, aber Hand aufs Herz: Ist das Leben eines Hundes wirklich wertvoller als das Leben eines Kälbchens? Dass Tiere gegessen werden kann niemand verhindern – aber gegen die skandalöse Tierhaltung können wir was unternehmen.
Weshalb führen Sie diesmal «nur» Regie?
Ich habe letztes Jahr mitgespielt in «Achtung Schwiiz», das so erfolgreich war, dass wir es Ende dieses Jahres wieder aufnehmen werden. Zur Abwechslung inszeniere ich nun gerne – zumal, wenn ich mit so einem tollen Schauspielerteam arbeiten kann, mit Tamara Cantieni, Max Gertsch, Anne Hodler und Dominique Müller.
Was reizt Sie daran, im TV die 16. Staffel «Giacobbo/Müller» zu starten?
Wir haben immer noch Lust darauf, geniessen es, dass SRF uns völlig freie Hand lässt und freuen uns über die tolle Quote von konstant über 30 Prozent. Die Zuschauer spüren, dass wir nichts und niemanden – inklusive uns selbst – verschonen, spontan agieren und so auch mal einen Ausrutscher riskieren.
Welche Ihrer Sketch-Figuren liegen Ihnen besonders am Herzen?
Derzeit Frau Leutenegger-Oberholzer und Donatella Versace. Doch die Lieblingsfiguren von Mike und mir sind Boppeler & Stark. Auch viele Zuschauer lieben diese Milieu-Typen, die alles lesen und mitkriegen, was auf dieser Welt passiert, aber nichts richtig einordnen können – das lautstark vorgetragene Halbwissen eignet sich enorm für Komik.
Wann hat die Zusammenarbeit mit Mike Müller eigentlich begonnen?
Das war noch zu «Viktors Spätprogramm»-Zeiten. Als ich hörte, dass es in Olten jemanden gäbe, der Peter Bichsel perfekt imitieren kann, schrieben Markus Köbeli und ich für ihn einen Sketch. Das klappte gut, wir verstanden uns auf Anhieb und seither sind wir befreundet. Als uns SRF fünf Jahre später eine Sendung anbot, schlugen wir ein wöchentliches Late-Night-Format vor.
Hat sich Ihr Verhältnis verändert, seitdem Ihr Partner mit «Der Bestatter» eine eigene erfolgreiche TV-Sendung hat? Am Anfang liessen Sie noch mehr den Chef heraushängen …
Manchmal wundert es mich, wie ernst uns die Leute nehmen! Natürlich spiele ich zuweilen den Chef so wie ich den Zivilschutz-Crack spiele oder den Commodore-Nerd. Als kritisiert wurde, dass Mike mir dreimal hintereinander den Kaffee bringen musste, haben wir das aus kindischem Trotz absichtlich institutionalisiert. Konkurrenzdenken oder Neid ist uns fremd, wir gönnen einander jede einzelne Pointe!
Wie entspannen Sie sich in Ihrer Freizeit?
Ich stehe nicht allzu früh auf, höre Indie-Rock, fahre Mountainbike, gehe wandern und reise – also stinknormal, wie viele andere auch. Da ich sehr gerne lese und mit Peter Haag befreundet bin, dem Verleger von Kein & Aber, arbeite ich dort noch im Verwaltungsrat mit. Klingt wichtig, ist aber ein reines Kulturengagement. Ich bekomme weder Dividenden noch Sitzungsgelder – schon gar keine Abgangsentschädigung!
Und beim Casinotheater?
Da bekomme ich als Verwaltungsratspräsident eine Aufwandsentschädigung von 1000 Franken pro Monat.
Woher kommt Ihr Faible für Indie-Rock?
Anders als viele Altersgenossen habe ich nicht vor 30 Jahren aufgehört, neue Musik zu hören. Ich bin zwar mit den Beat-
les und Rolling Stones aufgewachsen, war jedoch immer neugierig, wie junge Bands diese Elemente aufnehmen und kreativ weiterentwickeln. Das ist eine unglaubliche spannende Szene. Vor allem Künstler aus der angelsächsischen Welt gefallen mir: Archive, die Avett Brothers, Delta Spirit, Ryan Adams oder Jack White.
Also ist für Sie jetzt auch Open-Air-Saison?
Dicht gedrängt in grossen Massen zu stehen, ist nicht so mein Ding. Bei den Winterthurer Musikfestwochen machte ich zuletzt für Elbow oder Element of Crime eine Ausnahme. Dieses Jahr verpasse ich leider aus Termingründen die Konzerte von Manchester Orchestra und Dabu Fantastic.