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Vor etwas mehr als 200 Jahren war die Antarktis ein unberührtes Festland. Jetzt wird der Südkontinent jährlich von mehr als 50’000 Touristen besucht, ohne Wissenschaftler zu zählen, die hier ihre verschiedenen Studien durchführen. Dies belastet den südlichsten Kontinent und durch die kühlen Temperaturen werden sich Schäden an der Umwelt nur sehr langsam erholen. Der Klimawandel, die Illegale Fischerei und die Umweltverschmutzung belasten den südlichsten Kontinent zusätzlich. Experten wie Dr. Dana Bergstrom von der Australian Antarctic Division warnen und haben die folgenden sechs Gefahrenpunkte aufgelistet, welche die Antarktis in den nächsten Jahrzehnten massiv verändern könnten.
1. Tourismus
Jedes Jahr wird die Antarktis von einer grossen Zahl von Touristen besucht. Neben dem Ausstoss von Kohlendioxid und „Black carbon“ durch die Schiffe und Flugzeuge, besteht trotz aufwändiger Massnahmen von Seiten der Touranbieter auch die Möglichkeit, fremde Insekten, Sporen und Samen auf den Kontinent zu bringen, die einheimische Arten verdrängen können. Daneben besteht auch die Gefahr, dass Wildtiere durch unvorsichtige Touristen massiv gestört werden können.
Die Branche hat sich zwar selbst und in Zusammenarbeit mit den Antarktisvertragsstaaten strenge Verhaltens- und Sicherheitsmassnahmen auferlegt. So wird z. B. die Nähe zu Wildtieren vorgeschrieben und man soll nicht auf Flechten treten, keinen Müll hinterlassen und keine „Souvenirs“ von Wildtieren mitnehmen. Das Rauchen ist auf dem Schiff nur in ausgewiesenen Bereichen erlaubt. Das Rauchen an Land ist strengstens verboten.
Doch das Problem liegt mehr im Wachstum der Branche und dem Besuchsort. Der Tourismus in der Antarktis beschränkt sich hauptsächlich zu 90% auf die Antarktische Halbinsel. Ausserdem hatte in den letzten Jahren der Tourismus in die Antarktis einen enormen Zuwachs verzeichnet.
Vor der Pandemie reisten in der Saison 2019/20 insgesamt rund 74’000 Touristen in die Antarktis, 18’500 davon als Cruise only, d.h. ohne Anlandung auf dem Kontinent oder auf den naheliegenden subantarktischen Inseln. In der darauffolgenden Saison waren es Pandemiebedingt nur noch 23’000 Besucher.
In der jetzigen Saison 2022/23 werden insgesamt über 100’000 Besucher erwartet, gemäss Branchenvertreter IAATO. Davon werden 75’000 Besucher Landausflüge geniessen und 25’000 „Cruise only“ Besucher nur mit dem Kreuzfahrtschiff vorbeifahren.
Dazu kommen noch zahlreiche Tätigkeiten unter dem Begriff ‘Expedition’, wobei die Grenze von Expedition zu „Unsinn-Unnötig“ nicht genau eruiert werden kann. Um sich den immer mehr häufenden Auswüchsen in den Griff zu bekommen müssten die Vorschriften verschärft werden, damit die Antarktis nicht zur ‘Festhütte’ für jedermann verkommt.
2. Klimawandel
Die globale Erwärmung und das Abschmelzen der Eisschilder sind ein grosses Problem für die Region, vor allem auf lange Sicht. Der globale Klimawandel ist in der Westantarktis am stärksten ausgeprägt. In diesem Teilen der Antarktis kommt es zu einem erheblichen Eisrückgang und dem Zusammenbruch von Schelfeis. Wenn die durchschnittlichen Luft- und Wassertemperaturen steigen, bilden sich mehr Flüsse auf dem Eis und sprengt das darunterliegende Eis. Dies war auch der Grund warum der 12.000 Jahre alte Larsen-Gletscher kollabierte. Andere Schelfeisflächen könnten das gleiche Schicksal erleiden, so die Forscher.
Im Weddellmeer sind in den letzten Jahren mehrere grosse Eisberge von ihren Gletschern abgebrochen, was aber nur bedingt mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringen. Trotzdem handelt es sich dabei um einen Eisverlust der Antarktis.
3. Schnee und Meeresverschmutzung
Eine Bedrohung für die Antarktis ist der Mikroplastik, welcher von den Küsten der Antarktis und subantarktischen Inseln ins Meer gespült wird. Erstmals wurden im letzten Sommer Schnee entdeckt in dem sich nach dem schmelzen in einem Liter Wasser 29 Plastikpartikel befanden. In der Nähe von Forschungsstationen wurde wenig überraschend um ein Vielfaches mehr Mikroplastik gefunden als im Rest des Kontinents. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Aktivitäten von Wissenschaftlern der Grund für sein Erscheinen auf dem Festland waren. Ebenfalls eine Eintragsquelle könnten aber auch Ozean und Luftmassen sein. Genauere Studien könnten hier weitere Informationen liefern.
An den Ufern nahe gelegener Inseln bringen Wellen die Überreste von Fischereiausrüstung und anderen Teile an Land. Wilde Tiere verwechseln dabei Abfall mit Nahrung, fressen diesen und verletzen sich gelegentlich daran. Robben, Pinguine und andere Meeresbewohner verfangen sich oft in Fischernetzen, was oft zu ihrem Tod führt.
Um die Antarktis vor Verschmutzung und negativen menschlichen Einflüssen zu schützen, wurde am 1. Dezember 1959 in Washington der Antarktisvertrag unterzeichnet, welcher am 23. Juni 1961 in Kraft trat. Derzeit gibt es 46 Unterzeichner des Vertrags, darunter die Vereinigten Staaten, Russland, China, Indien, Japan, Deutschland und Frankreich.
Der Antarktis-Vertrag legt fest, dass die unbewohnte Antarktis zwischen dem 60. und 90. Grad südlicher Breite ausschliesslich friedlicher Nutzung, besonders der wissenschaftlichen Forschung vorbehalten bleibt. Das Dokument verbietet zudem jede Aktivität im Zusammenhang mit dem Abbau von Bodenschätzen.
4. Verlust der Biodiversität
Das Aussterben jeglicher Tierart ist ein schwerwiegender Verlust für die Artenvielfalt. Es kann die Nahrungskette stören und zu einer Veränderung des Ökosystems des gesamten Kontinents führen. Als Folge der globalen Erwärmung schrumpft die Meereisbedeckung, die für das Überleben praktisch aller Tiere auf und in der Nähe des Kontinents notwendig ist.
Der Südliche Ozean beherbergt 88 % der benthischen Fauna, der Lebewesen, die auf dem Meeresboden leben. Die meisten grossen Wale und Pinguine sind hier zu finden. Mindestens 40% der Tierarten in der Antarktis sind endemisch, das heisst, sie kommen nirgendwo sonst auf der Welt vor.
Zu ihnen gehört der antarktische Krill (Euphausia superba). Die gesamte Biomasse des Antarktischen Krills wird auf bis zu 725 Millionen Tonnen geschätzt. Viele Arten sind für ihr Überleben darauf angewiesen. Die kleinen Krustentiere sind eine Hauptnahrungsquelle, z. B. für Robben und Pinguine. Der Krill reagiert empfindlich auf steigende Wassertemperaturen. Daher leiden seine Bestände unter der globalen Erwärmung. Die Existenz des Krustentiers ist auch durch übermässige Fischerei und Meeresverschmutzung bedroht.
5. Fischerei und illegale Fischerei
Da die Fischbestände überall schwinden, wächst das Interesse am Ausbau der antarktischen Fischerei. Ohne eine angemessene Kontrolle droht dem Südlichen Ozean eine übermässige Ausbeutung der natürlichen Ressourcen. Zu den möglichen Folgen der Fischerei gehören der Rückgang der Raubtierpopulationen, die Zerstörung des Lebensraums der Meerestiere und der Tod von Nichtzielarten, die sich in den Netzen verfangen.
So ist beispielsweise die Langleinenfischerei für Albatrosse gefährlich. Bei dieser Methode werden an einer aus Kunststoff gefertigten Hauptleine mit vielen Köderhaken versehene Nebenleinen ausgelegt. Langleinen können bis zu 130 Kilometer lang und mit mehr als 20.000 Köderhaken versehen sein. Vögel können sich in solchen Angeln verfangen, sich darin verheddern und umkommen.
Der Antarktischen Seehecht (Dissostichus mawsoni) wird gemeinsam mit dem Schwarzen Seehecht (Dissostichus eleginoides) in den letzten Jahren vor der Küste der Antarktis in grossen Mengen illegal gefangen. Sie sind inzwischen durch Überfischung gefährdet.
6. Abbau von Mineralien
Der vor über 60 Jahren unterzeichnete Vertrag besagt, dass der Kontinent frei von Krieg, Waffen und Atommüll zu halten sei. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Antarktis durch weitere Regeln, die den Abbau von Mineralien und Ölbohrungen verhinderten, zum grössten Naturschutzgebiet der Welt. Doch jetzt untergräbt der Klimawandel diesen Schutz.
Das Interesse an den Bodenschätzen des eisigen Kontinents wächst von Jahr zu Jahr, da die Reserven auf anderen Kontinenten erschöpft sind.
Der Kontinent verfügt über etwa 900 Erzlagerstätten sowie über Kohle, Öl und Gold. Heute wird der Abbau durch das Inlandeis behindert – sein Abschmelzen, um den Zugang zu den Ressourcen zu erleichtern, kann die Ökosysteme schädigen und zu einem Anstieg des Meeresspiegels führen.
Es ist wichtig, daran zu denken, dass nicht nur die Zukunft des Kontinents, sondern die der ganzen Welt von der Lösung der Umweltprobleme der Antarktis abhängt.
Heiner Kubny, PolarJournal