Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03465.jsonl.gz/1319

Abraham Roth (1823-1880)
Abraham Roth ( 1823-1880 ) Zur Berner Garde der Gründer des SAC gehört auch Dr. Abraham Roth. Geboren am 22. Februar 1823 in Märstetten im Thurgau als einziges Kind des dortigen Pfarrers, verlor er schon kurz nach der Geburt seine Mutter und mit sechs Jahren seinen Vater, worauf er im Hause des St. Galler Stadtpfarrers Wirth erzogen wurde. Auf die St. Galler Schulzeit folgten Studienjahre an den Universitäten Bonn und Berlin. Die Vorlesungen über Philosophie, Staatsrecht und Geschichte, neben solchen über Literatur und Kunstgeschichte, musste der Student wegen Übelhörigkeit durch Privatunterricht und Selbststudium ergänzen. Als aufgeweckter, liebenswürdiger Gesellschafter und tüchtiger Klavierspieler erwarb er sich rasch Freunde. Der ererbte Wohlstand ermöglichte ihm weite Reisen nach Nord und Süd - Skandinavien und Algier -, unterbrochen durch einen Studienaufenthalt in Paris. Seine Reiseeindrücke hielt der mit wachen Sinnen und gewandter Feder begabte Roth in fesselnden Schilderungen fest.
1847 kehrte er endgültig in die Heimat zurück, gründete in Frauenfeld mit Friederike Appenzeller einen eigenen Hausstand und bereitete sich nun systematisch auf den Beruf eines Publizisten vor. Zunächst erwarb er sich an der Universität Bern den Doktorhut mit einer staatsrechtlichen Abhandlung über « Die Zustände der Landgrafschaft Thurgau im 16. und 17. Jahrhundert »; dann wurde er Mitarbeiter an der « Thurgauer Zeitung ». Es waren damals unruhige Zeiten: Freischarenzüge, drohender Sonderbund! Temperament und politisches Credo drängten den jungen Thurgauer zu führender Stellung, und so gründete er 1850 mit Gesinnungsfreunden den Berner « Bund », dessen Gesicht er in 15jähriger Redaktionstätigkeit massgebend mitprägen half. Innere Differenzen bewogen ihn 1865 zum Rücktritt und zur Herausgabe der « Sonntagspost » und 1869 derjenigen der « Berner Tagespost » in eigenem Verlag: Beides Unternehmen, nach englischem Muster aufgezogen, die aber trotz hohem Niveau ein finanzieller Misserfolg wurden. So übernahm Roth am 1. Januar 1871 gerne die Hauptredaktion der neu gegründeten « Schweizer Grenzpost » in Basel, die er zu einem der angesehensten und weitestverbreiteten Blätter ausbaute. Nur neun Jahre waren ihm noch vergönnt. Dann raffte der Typhus den erst 57jährigen am 3. September 1880 dahin.
Roths alpine Laufbahn, so hervorstechend sie damals war - Simler nennt ihn einen « Montanisten erster Ordnung » - ist bei weitem nicht mit der eines Studer oder Fellenberg zu vergleichen. Sein bevorzugtes Tourengebiet waren zuerst die Glarner, dann die Berner Alpen. Besonders in diesen, auf vielen Gletscherwanderungen, für die er eine Vorliebe gehabt haben muss - er gibt seinen Lesern « Marschregeln » für Gletscherbegehungen mit auf den Weg -, bildete er sich zum Hochalpinisten heran. Seine erste grössere Unternehmung war eine Sustenhornbesteigung im Jahre 1858. Seine Glanzzeit fiel in die Jahre 1860-1863. Eröffnet wurde sie 1860 mit dem Wetterhorn. Am 31. Juli 1861 gelang ihm mit den drei Brüdern Blatter aus Meiringen als Führer die 7.Finsteraarhornbesteigung. Das Jahr 1862 bescherte ihm gar drei Erstbesteigungen: Am 30. Juni das Gross Doldenhorn, am 2. Juli die Weisse Frau, beidemal mit Fellenberg und Oberländer Führern, und schliesslich am 7.September den Bifertenstock, zusammen mit G. Sand, A. Raillard und Führer H. Eimer. Dazwischen, am 13. August, bestieg er als alleiniger « Herr » mit nur einem einheimischen Begleiter den Glarner Tödi auf teilweise neuem Weg und in Rekordzeit. Damit hatten seine Grossunternehmen ihr Ende gefunden.
Als geborener Publizist hielt Roth seine grösseren Bergfahrten im Druck fest, sei es im « Bund », im « Jahrbuch » oder in Buchform. Ihrer sind drei, die seinen Ruf als Alpinisten und alpinen Schriftsteller begründeten: « Gletscherfahrten in den Berner Alpen » von 1861, « Finsteraarhornfahrt » von 1863 und « Doldenhorn und Weisse Frau » vom selben Jahr, letzteres ein Gemeinschaftswerk von Roth und Fellenberg, das mit seinen elf Farbendruckbildern und einer farbigen Karte ein Schmuckstück alpiner Literatur ist.
Roths Stil ist auch in seinen Bergbüchern der eines gewiegten Feuilletonisten. Er pflegt bewusst einen behäbig ausladenden Erzählerton, den er humorvoll auflockert und je nachdem mit gelehrten oder volkstümlichen Wendungen anschaulich untermalt, wobei er sich gerne der direkten Rede bedient. Seine Fabulierlust geht so weit, dass er z.B. in sein Finsteraarhornbuch eine ausgewachsene Novelle, die Geschichte vom « schönen Anneli », einbaut. Sein Bergfreund Simler rühmt nicht nur Roths « napoleonisches » Eilmarschtempo auf den Touren, sondern auch seine Kunst der Schilderung einer Bergaussicht. Die Tödiaussicht z.B. könne man nicht « bezeichnender, kürzer und poetischer zusammenfassen », als wie dies Roth tue.