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Die noch immer in den Handbüchern tradierten linguistischen Hypothesen zur Erklärung der räumlichen Ausbreitung dialektaler Erscheinungen sind teilweise bald 100 Jahre alt und bedürfen dringend einer Überprüfung auf dem Hintergrund des heutigen system- und soziolinguistischen Wissens und vor allem auch auf der Basis heutiger Möglichkeiten der computer-gestützten Bearbeitung grosser Datenmengen. Dabei besteht in linguistischer Hinsicht insbesondere im Bereich der Dialektsyntax, die die traditionelle Dialektologie ausgespart hatte, eine Forschungslücke. Da die Geographie und insbesondere die GIScience schon lange über Verfahren zur Prüfung des Einflusses verschiedener Variablen auf die Verteilung von Merkmalen im Raum verfügt, ist es ausserdem dringend geboten, diese Theorien und Methoden in die linguistische Betrachtung mit einzubeziehen und ihre Tauglichkeit für die linguistische Interpretation zu beurteilen.
Während die ältere Dialektologie bereits Hypothesen v.a. auf einer historischen Interpretation bestimmter sprachräumlicher Konstellationen (Reliktgebiete, Schranken, Verdrängung etc.) aufgebaut hat (vgl. Niebaum & Macha, 2006), fehlt bis jetzt eine quantitativ untermauerte Beschreibung der Distribution. Die zeitweise verworfene Vorstellung der Isoglossenbündelung (Nerbonne, 2009), die sich bei genauerer Betrachtung meist als grobe Vereinfachung herausstellt, ist unter Einbeziehung moderner Vorstellungen über unscharfe Grenzverläufe und mit quantitativen Methoden wieder aufzunehmen und neu zu prüfen. Aus Sicht der Geographie und GIScience besteht die Möglichkeit, ein neues Anwendungsgebiet erschliessen zu können, das aufgrund der speziellen Natur von Sprachdaten besondere methodische Herausforderungen bereithält. Es bestehen grosse Lücken in der Nutzung analytischer Methoden aus der GIScience für linguistische Fragen, besonders im Bereich der differenzierten Untersuchung räumlicher Distributionsverhältnisse und bei Methoden zur Korrelation des Verlaufs geographischer und sprachlicher sowie zwischen sprachlichen Grenzen.