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"Irgendwann nach der Eiszeit", erzählt Lorenz Huber während er vorsichtig eine Biene mit zwei Fingern von seinem Hals pflückt, "irgendwann nach der Eiszeit verbreiteten sich die Vorfahren unserer heutigen Landrassenbiene nördlich der Alpen bis nach Sibirien." Huber lässt das Tierchen wieder fliegen und präzisiert: "Die Grenze war dort, wo auch die Haselstauden nicht mehr wachsen." Und jetzt? Jetzt ist das Reich der Landrassenbiene auf wenige Kantone in der Schweiz zusammengeschrumpft. Huber (47), der sein erstes Taschengeld in Bienen investierte, kontrolliert einen Bienenstock nach dem anderen, beruhigt die Tiere mit einem "Pfffft" aus der Rauchlampe und erklärt, warum das Überleben der Schweizer Landrassenbiene so wichtig ist: "In Jahrtausenden hat sie sich unseren Breitengraden angepasst und sich auf die hiesigen Gegebenheiten eingestellt." Sie sei eine gute Selbstversorgerin und dazu auch noch schwarmträge. Schwärmträge? "Das heisst, dass sich eher selten Schwärme abspalten, und das schätzen wir Imker sehr. Denn es gibt angenehmeres, als einen Schwarm zu suchen und wieder einzufangen."
Imker und Nomade
Huber, der im sanktgallischen Werdenberg wohnt, hat rund 80 Bienenvölker. "Die Zeiten, in denen man mit den Bienen jahrein, jahraus am gleichen Ort sein konnte, sind aber schon lange vorbei", erzählt der Meisterbauer. "Seit die Landwirtschaft immer intensiver betrieben wird, ist einfach zu wenig Nahrung für die Bienen da. Wer die Imkerei professionell betreibt, muss gezwungenermassen zum Nomaden werden." Huber zügelt darum mit seinen Völkern im Lauf des Jahres nicht nur von der Ebene in höhere Lagen, sondern bis nach Graubünden und hat auch einige Völker im Tessin. "Auf der Alpensüdseite allerdings ist die Ligustica-Biene besser geeignet, weil sich diese Rasse genau an das dortige Klima angepasst hat." Huber ist kein "Rassen-Fanatiker", sondern einfach der Ansicht, dass jede Art ihren idealen Standort hat. Das sehen aber nicht alle Imker so. "Schauen sie" zeigt er auf eines der Tierchen, "das ist eine Buckfast, die sich eingeschlichen hat." Die Buckfast-Rasse wurde in England gezüchtet und wird wegen ihrer hohen Erträge von vielen als die beste Biene der Welt bezeichnet. "Das Problem bei der Buckfast, wie übrigens bei allen anderen Rassen ist, dass Kreuzungen mit anderen Rassen schlechte Eigenschaften hervorbringen", weiss Huber. "Die Buckfast beispielsweise produziert viel Honig, aber sie ist auch eine Räuberin, die andere Stöcke heimsucht und die Waben leert." Diese Buckfastbiene ist ein Vollhybrid aus Ligustica, der alten Dunklen Biene (Landrasse), der dunklen Englischen Biene, der französischen dunklen Biene, Mazedonier Biene, Carnica-Biene (Arten) aus Jugoslawien und Kärtnen sowie diverse Unterarten der Carnica, Cyprische Biene, Anatolischen Biene, Caucasica sowie diversen anderen Bienenrasse und Arten.
LID-Sommerserie (6): Tierreservoir Landwirtschaft
LID. Auf den Bauernhöfen leben heute nicht mehr so viele verschiedene Tiere wie früher. Viele Tierrassen sind selten geworden, weil die Bauern unter einem steigenden ökonomischen Druck arbeiten müssen. Für weniger produktive Rassen bleibt kaum noch Platz. In der Landwirtschaft werden deshalb, zusammen mit der Organisation Pro Specie Rara, Anstrengungen unternommen, um gefährdete Tierrassen zu erhalten.
Mit gefährdeten Tierrassen sind aber nicht nur Nutztierrassen gemeint. Die Landwirtschaft ist in den letzten Jahren immer ökologischer geworden und ermöglicht es auch freilebenden Tieren, die vom Aussterben bedroht sind, sich wieder vermehrt anzusiedeln.
Das Rätische Grauvieh, die Stiefelgeiss, der Feldhase, das Schweizer Huhn und das Skuddeschaf wurden bereits vorgestellt. In der nächsten Nummer wird über das Wollschwein und das Hochlandrind berichtet.
Verheerende Experimente
Die Buckfast ist aber nur eine von mehreren Sorten, die der Schweizer Landrassenbiene das Leben schwer macht. "Da ist einmal die Carnica (Kärnten), welche ursprünglich aus Südosteuropa stammt, sowie die Ligustica (Ligurien), welche in Norditalien daheim ist. Die Leute, die mit diesen Rassen experimentieren und Kreuzungen vornehmen, sind auf dem Holzweg", ist Huber überzeugt. Die Hoffnung auf mehr Ertrag sei trügerisch. Die erwähnten Rassen seien an unser Klima einfach nicht angepasst und müssten beispielsweise viel intensiver gepflegt und gefüttert werden. "Dieser Mehraufwand macht den erhofften Mehrertrag zunichte." Das Schlimme an der Sache aber ist für Huber, dass mit den Einkreuzungen die guten und bewährten Eigenschaften der Schweizer Landrassenbiene verloren gehen können.
Um wenigstens den verbleibenden Lebensraum der Landrassenbiene zu schützen, nehmen der Imker und seine Kollegen viel auf sich: "Wir führen im Val Cup, einer relativ abgelegenen Gegend, eine Belegsstation. Dort begatten wir Königinnen heran, welche rassetypisch sind und das Überleben der Landrasse sichern sollen." Im Val Cup, diesem geschützten Tal mit viel Feuchtigkeit und dichten Wäldern, sind die Bienenvölker einigermas-sen vor eindringenden fremden Drohnen sicher. "Drohnen sind fliegende Samenpakete die nur dazu da sind, um die Königin zu begatten. Dann haben sie ihren Dienst getan", erzählt Huber. "Sie können bis sechs Kilometer weit fliegen und haben Zugang zu jedem Bienenstock." Und wenn sich nun doch einmal ein solches "Samenpaket" in das relativ geschützte Val Cup verabenteuert? "Die Folgen sind nicht angenehm, aber dank der ausgeklügelten Kontrollmechanismen haben wir das im Griff."
Bienenzucht in der Schweiz
FB. In der Schweiz wird eine sehr vielseitige Bienenhaltung betrieben. Insgesamt werden von den 23,000 Imkern ca. 280,000 Bienenvölker gehalten, d.h. im Durchschnitt 12 Völker pro Imker. Die Schweizer Landrassenbiene hat aber nur noch einen kleinen Lebensraum. Sie ist vor allem noch in den Urkantonen, in Teilen Graubündens, Glarus, in Teilen Zürichs, im Rheintal bis zum Bodensee und in den beiden Appenzell dominierend. In der Nord- und Westschweiz wird vor allem die Carnica, in der Südschweiz die Ligustica gezüchtet. Vor einiger Zeit haben auch Churer Imker auf diese südländische Rasse umgestellt.
Mehrheitlich hausen die Bienenvölker in Schweizerkästen (ca. 80%), die in Bienenhäusern untergebracht sind. In freistehenden so genannten Dadantkästen werden ca. 15% und in anderen Magazinbauten ca. 5% der Völker gehalten. Die Wanderimkerei wird nur von einer kleinen Minderheit betrieben. Die Trachtangebote (das Vorkommen von Pollen) sind je nach Region sehr unterschiedlich. Die wichtigsten Trachtpflanzen in der Schweiz sind: Löwenzahn, Obstbäume, Raps, Robinie ("Akazie"), Kastanien, Alpenrose sowie verschiedene Nadel- und Laubbäume. Die Durchschnittsernte liegt bei 10 kg pro Volk. Überdurchschnittliche Waldtrachten können nur einmal in 10 Jahren erwartet werden.
Die Schweiz gehört weltweit mit durchschnittlich sieben Völkern pro Quadratkilometer zu den Ländern mit der höchsten Bienendichte. Durch die flächendeckende geografische Verteilung der Bienenstände ist die Bestäubung der Kulturen und Wildpflanzen zum heutigen Zeitpunkt gewährleistet.
Immerwährender Kampf
Allerdings ist die Verteidigung des Lebensraumes der Landrassenbiene ein Kampf ohne Ende. Unterstützung erhalten die Schweizer Züchter inzwischen aber von Kollegen in Spanien, Belgien, Frankreich und anderen Ländern, wie der Präsident des Vereins zur Erhaltung der Landrassenbiene (SLB), mit Sitz in Buchs ZH, Gabriel Kuhn, erklärt. "Dort sieht man langsam ein, dass man mit der Verdrängung der dunklen Biene grosse Fehler gemacht hat."
Kuhn richtet schwere Vorwürfe an den Bund und an die Forschungsstation Liebefeld. "Ohne Rücksicht auf gewachsene Strukturen und auf die Qualität der einheimischen Biene wurden alle möglichen Rassen importiert und zugelassen." Begonnen habe der Feldzug gegen die Landrasse während dem zweiten Weltkrieg. "Damals wurden die Carnica und verschiedene Unterrassen populär gemacht, obwohl sie sich überhaupt nicht für unsere Regionen eignen." Kuhn weiss auch von syrischen, russischen und gar den so genannten Mörderbienen, die in die Schweiz eingeführt wurden. "Letztere sind ganz klar eine Bedrohung für die Menschen – diese Politik ist wirklich unverständlich."
Organisierte Überlebenshilfe
LID. Der Verein zur Erhaltung der Schweizer Landrassenbiene SLB wurde 1990 gegründet und arbeitet eng mit der Stiftung Pro Specie Rara zusammen. Zusammen mit anderen europäischen Organisationen verfolgen beide das Ziel, die Landrassenbiene zu erhalten. Der SLB hat 120 Mitglieder.
Kontakt: SLB, Gabriel Kuhn, Tüfistr. 38a, 8311 Brütten, Tel. und Fax 052 345 26 68
Die Artenvielfalt ist bedroht
Eine der Folgen des Imports von neuen Rassen sei unter anderem auch, dass es immer weniger Waldhonig gebe. "Dieses gefragte Produkt wird vor allem von unserer einheimischen Biene produziert, welche immer mehr verschwindet." Kuhn schaut aber über den helvetischen Tellerrand hinaus: "Es geht nicht nur um die Landrassenbiene, sondern auch um die Carnica oder die Ligustica. Auch diese Sorten sind letztlich vom Aussterben bedroht. Durch die Vermischung geht das originale Genmaterial und damit die Artenvielfalt für immer verloren." Am liebsten, so der Präsident des SLB, hätten viele Leute wohl eine Biene, die am Schluss auch noch das gefüllte Honigglas zum Grossverteiler bringt. "Dabei weiss man um die Gefahren, die mit diesen Bienen-Importen verbunden sind: Varroa, Faulbrut und so weiter. Aber man macht es trotzdem."
Bild 1: Eine typische Vertreterin der Schweizer Landrassenbiene. Bild: SLB
Bild 2: In der sogenannten "Queen Bank", einem speziellen Bienenkasten, haben vier junge Königinnen überwintert. Bild: Franz Bamert
Bild 3: Bei schönem Wetter herrscht ein ständiges Kommen und Gehen am Flugloch. Bild: Franz Bamert
Bild 4: Den Besuchern von Lorenz Huber erlaubt der Glaskasten einen vertieften Blick in das "Innenleben" des Bienenstocks. Bild: Franz Bamert