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In der 41. Minute gehen Jesses und Celines Meinungen auseinander.
Mit einem Interview mit Sandhya Ramachandran, die ihre Dissertation über die Dialoge in “Before Sunrise” geschrieben hat.
Kontaktinfos Sandhya Ramachandran
Übersetzung Interview Sandhya Ramachandran
Mein Name ist Sandhya Ramachandran, ich bin aus Bombai, Indien. Ich beschäftige mich mit Marken und Communities rund ums Thema Storytelling. Meinen Abschluss habe ich in Film- und Videokommunikation gemacht und bin während meines Studiums “Before Sunrise” begegnet. Seither bin ich ein grosser Fan und sehe ihn mir immer wieder an, empfehle ihn allen meinen Freunden und Familienmitgliedern und habe so viele Leute zu “Before”-Franchise-Fans konvertiert.
Eine Before Sunrise-Evangelistin sozusagen…
Genau, das ist bloss mein Nebenjob. Meine Dissertation habe ich über die Dialoge in Richard Linklaters Before Sunrise am National Institute of Design in Ahmedabad geschrieben, einem wundervollen, grünen Ort mit freilaufenden Pfauen und Affen und so voller Flora und Fauna, dass die Romantikerin in mir auf die Idee kam, auf diesem Campus einen Film zu drehen, in welchem die Menschen sich in Dialogen verlieben. Das habe ich einer älteren Studentin gegenüber erwähnt, und sie meinte: “Das gibt es doch schon, kennst du Before Sunrise etwa nicht?”. So bin ich auf den Film gestossen, und nachdem ich ihn gesehen hatte, wusste ich, dass ich die Dialoge darin auch nur annähernd erreichen würde.
Warum dieser Film und nicht eine andere Romanze?
Ich liebe Konversationen und glaube, dass wir die Filme lieben, die uns am besten reflektieren. Ein anderer Film, auf den ich immer wieder zurückkomme ist “The English Patient” – und auch in diesem geht es viel um Konversationen, Charakterisierungen, Kontext: Die Dinge, die mich in einem Film anziehen. So war es vermutlich die Idee, sich über Gespräche zu verlieben, die mich zu “Before Sunrise” gezogen hat, denn das ist meine Idealvorstellung, sich zu verlieben. Damals war ich auch auf der Suche nach Liebe.
Was hast du in deiner Arbeit analysiert?
Die Idee war, einen Film zu dekonstruieren und aus verschiedenen Perspektiven des Filmschaffens zu beleuchten. Für mich waren es die Gespräche, die ich als die Dimensionen der Analyse gewählt habe. So habe ich alle Dialoge niedergeschrieben und nach Setting, Plot-Entwicklung, Thema, Bewegung, Ort analysiert, habe ein emotionales Flowchart entwickelt und beschrieben, welche Relevanz die einzelnen Dialoge auf die Charakterentwicklung hatten und welche Persönlichkeitsaspekte dadurch enthüllt wurden.
Ich habe die Arbeit gelesen, und was mir besonders gefallen hat ist das emotionale Flowchart. Man sieht, dass sich die Protagonisten dabei oft unterscheiden. Das gibt einem eine Kopf-Perspektive auf einen Film, den man eher mit dem Herzen sieht.
Wenn man einen Film das erste Mal sieht, ist man Teil des Publikums – man sieht den Film mit Leidenschaft, investiert sich emotional in die Protagonisten, will einen Abschluss, eine Heldenreise sehen. Wenn man aber einen Film aus intellektuellen Gründen auseinandernimmt, zieht man sich einen anderen Hut an: Man ist dabei sowohl ein Architekt als auch jemand, der ein Gebäude zerstört. Du siehst die Struktur, die Stabilität, das Fundament, wie jeder Stein auf den anderen gelegt ist. Als ich Before Sunrise das erste Mal sah, erschien er mir wie eine schöne, einfache Geschichte. Später habe ich gemerkt, dass die vier Drehbuchautor*innen viele verschiedene Ebenen in den Film eingebaut und überall Brotkrumen verteilt haben, die uns helfen, die Essenz des Films wirklich zu verstehen. Als Zuschauende merken wir nicht, dass wir diesen Brotkrumen folgen, doch sie sind an so vielen Stellen zu entdecken, und sie helfen uns, mit den Charakteren mitzufiebern – auch in den Sequels. So begegnen wir in Celine einer Person, die sehr idealistisch ist, starke Meinungen hat und für die richtige Sache kämpfen will. Dies zieht sich wie ein Band durch ihren Charakter in allen drei Filmen durch, und ein grosser Teil ihrer Persönlichkeit wurde im ersten Film gesetzt. Wir hören, wie sie über einen Krieg spricht, der nur wenige Kilometer von ihnen entfernt tobt. Wir hören, wie sie die Medien kritisiert, die Fake News in die Welt setzen, und was heute immer noch so ist. Als ich die Dissertation schrieb, war der zweite Film gerade erschienen und der dritte war noch nicht einmal angedacht – ich hatte also bloss zwei Referenzpunkte, und konnte ich in der Dekonstruktion sehen, wie viel Basisarbeit bereits im ersten Film gelegt wurde.
Was hat dich am meisten überrascht, während du den Film analysiertest?
Am meisten hat mich überrascht, wie sehr die Charaktere der Wahrsagerin und des Poeten in den Film eingewoben waren. Beide repräsentieren für mich eine Art Puppenspieler oder den Regisseur selbst, und sie sagen voraus, was in diesem und den nächsten Filmen passieren wird. In diesem Sinne sind sie die Stimmen, die die Protagonist*innen durch Hinweise dazu bewegen wollen, ihre Träume zu leben. Als beispielsweise die Wahrsagerin Celine sagt, sie solle sich der Ungelenkheit des Lebens ergeben, dann ist das eine besondere Formulierung, denn Celine bekämpft diese Ungelenkheit: Unrecht stört sie, und sie berichtigt ständig Dinge in ihrem Leben. Doch ein Mensch kann nur eine begrenzte Wirkung auf die Welt haben, und die Wahrsagerin sagt ihr, dass sie stattdessen im Moment leben und ihre Kämpfe besonnen aussuchen soll. Ich glaube, dass dies Aussagen des Regisseurs sind in der Hoffnung, dass die Charaktere sie verstehen und ihr Leben in die richtigen Bahnen lenken.
Ich fand es spannend, dass Erni Mangold, die die Wahrsagerin gespielt hat, sagte, dass ihr Charakter eine ältere Version von Celine sein soll.
Oh – das passt! Wenn die Wahrsagerin eine ältere Version ihrer selbst ist – was ja derselbe Grund dafür ist, dass Celine mit Jesse aus dem Zug steigt, die Zeitreise – dann passt das dazu, dass die Stimme aus der Zukunft zu ihr spricht und ihr sagt, sie solle ihr Leben in ausgeglichenere, ruhigere Bahnen lenken. Das würde auch erklären, warum sie Jesse ignoriert: Es ist nicht ihre Aufgabe, Jesse zu beraten. Darum sagt sie auch nur “Er lernt ja noch”. Ihr hingegen offenbart sie all diese Weisheiten.
Wenn wir es so interpretieren, dass dies die Herauforderung ist, der sich Celine stellen muss, was ist dann Jesses Herausforderung?
Jesse scheint mir wie jemand, der ständig Dinge über das Leben ent-lernt und wieder lernt. Er hatte einen sehr pragmatischen Blick auf das Leben: Er hat seine Urgrossmutter verloren, seine Eltern liessen sich scheiden, und er hat eine nihilistische Einstellung: Die Dinge sind so, wie sie sind, er beschreibt das Leben als eine Ansammlung mühsamer Stunden. Als Pragmatiker wirft er seine Hemmungen und Fehler ab, und lernt konstant. Und mit diesem einen Satz “Er lernt ja noch” vermittelt die Wahrsagerin diesen wichtigen Aspekt über ihn. Sie ignoriert ihn nämlich nicht – auch wenn das der Film suggeriert – sondern sie sagt ihm: Du bist ein ständig Lernender, jemand, der hart an seinem eigenen Leben arbeitet.
Was ist deine Lieblingsszene im Film, eine die besonders hervorsticht?
Wenn ich nur eine Szene wählen müsste, dann wäre es vermutlich die Szene ohne Dialog: Die in der Hörkabine. Sie vermittelt so viel. Nonverbale Konversation im Film ist so unterbewertet. In dieser Szene sieht man, wie verwundbars sie sind, wie sehr sie sich angezogen fühlen, wie sie sich Dinge sagen wollen, Worte aber nicht genug sind, dass da diese tiefe Verbindung besteht, würden sie aber darauf agieren, wäre diese vielleicht verloren, die Verwirrung, die Lust nach dem Leben – das alles wird in dieser Szene zur Schau gestellt. Und kein Wort wird gewechselt, nur das Lied von Kath Bloom spielt im Hintergrund. Diese Szene rührt mich zu Tränen, denn sie zeigt für mich, worum es im Leben und der Liebe geht, und es ist so einfach vermittelt.
“Before Sunrise” wird normalerweise als Liebesfilm beschrieben – aber ist es wirklich ein Film über Liebe?
Er lässt sich nicht als romantischer Film kategorisieren, da er nicht bloss um Liebe geht, sondern um die Realität des Lebens und die Hindernisse, die wir alle überwinden, wenn wir aufwachsen. Wenn man sich die “Before”-Serie anschaut, dann beziehen sich diese auf verschiedene Phasen im Leben. Wenn wir selbst diese Phasen durchmachen, wissen wir, wie wir uns mit den Charakteren in Bezug setzen können. Als ich “Before Sunrise” sah, war ich 24, und deshalb hat der Film auf eine Weise zu mir gesprochen wie kein anderer. Heute bin ich 32, und als ich “Before Sunset” sah, konnte ich mich ebenso auf diesen Film beziehen, weil ich heute verheiratet bin und anderen Herausforderungen gegenüberstehe – sogar mehr noch als auf “Before Sunset”. Und vielleicht werde ich in ein paar Jahren “Before Midnight” als den Film sehen, der am meisten zu mir spricht. Es kommt mir also vor, als ob man mit diesen Charakteren aufwächst. Darum geht es nicht bloss um Romantik – es ist so, als ob diese Charaktere Zeugen deines eigenen Lebens sind und über deine Probleme sprechen. In dem Sinne ist es eher ein Drama und keine Romanze.
Before Sunrise ist fast 25 Jahre alt. Was glaubst du hat sich seither in der Art und Weise, sich zu unterhalten geändert?
Eine grossartige Frage. Als ich den Film zum ersten Mal sah, kam er mir sehr kontextuell vor, und trotzdem haben sich viele Dinge geändert. Als sie vereinbaren, keine Telefonnummern oder Adressen auszutauschen, kam mir sofort der Gedanke: “Warum suchen sie sich nicht auf Facebook?”. Die Prämisse, dass zwei Menschen so getrennt voneinander sind, kann heute nicht mehr funktionieren: Egal wer, irgendwo auf dem Internet findet man sich immer.
Das ist wahr, sonst hätten wir dieses Gespräch wohl gar nicht.
Genau. Also die Idee, dass zwei Menschen nicht in der Lage sind, sich zu verbinden, ist heute unmöglich. Wenn Linklater diesen Film heute drehen würde, wären gewisse Stellen lächerlich – aber aufgrund des Kontextes hat er immer noch Bedeutung. Darüber hinaus haben wir seit etwa 10 Jahren sehr viel mehr Kommunikationsachsen zur Verfügung: Textnachrichten, Sprachnachrichten, Social Media-Plattformen, gegenseitiges Tagging – Kommunikation ist ein allumspannendes 360°-Ding geworden. Nicht bloss: “Lass uns treffen und quatschen.” – wir können übers Telefon, über Sprachnachrichten oder bloss in Emojis miteinander sprechen. Die Natur von Konversationen hat sich verändert, und wir können heute ein ganzes Gespräch halten, ohne einmal unseren Mund zu öffnen, und das ist faszinierend. In diesem Sinne brauchen wir eine andere Art von Film für diese Welt. Doch als der Film herauskam bis vor ungefähr 8 Jahren hatte der Film immer noch eine grosse Relevanz. Damals haben wir Menschen immer noch von Angesicht zu Angesicht getroffen, mit ihnen kommuniziert und uns in sie verliebt – ein lineares Muster im Gegensatz zur heutigen Vielzahl von Verbindungspunkten. Und irgendwie erweckt der Film dadurch auch ein Gefühl von Nostalgie.
Das gilt ja nicht nur für die Natur von Konversationen, sondern auch, wie man sich trifft oder mit romantischen Gedanken kennenlernt. Wie jemand im Podcast erwähnte, würde man heute sicher nicht mit jemandem aus dem Zug aussteigen, wenn man ihn oder sie nicht zumindest gegoogelt und gesehen hätte, was sie auf Facebook schreiben.
Sehr wahr. Früher haben wir um Vorstellungen gebeten. Man hat sich durch Freunde, Familie oder an Veranstaltungen getroffen. Es war unmöglich, fremde Menschen ausserhalb dieser Kontexte zu treffen. Heute kann man jemanden auf Tinder sehen und diese wichtige Entscheidung treffen, ob man diese Person treffen möchte, so einfach. Wie wir heute Romantik angehen, hat sich stark verändert. Was mir an diesem Film so gut gefällt ist das Zögern, die Zurückhaltung, die nonverbale Interaktion dieser zwei Charaktere – wie die Stelle, an der Jesse versucht, Celines Haare zu berühren. Er zögert, weil er nicht weiss, ob es angebracht ist oder nicht. Dieses wunderschöne Zögern und die ganze Entstehung von Romantik ist von der heutigen Gleichung zum grossen Teil entfernt worden, denn die Verhaltenheit verschwindet, wenn du nach rechts swipest. Damit sagst du der anderen Person: Du bist jemand, der für mich in Betracht kommt, und wenn man sich trifft, sind beide auf der gleichen Ebene. Früher hat man sich getroffen um herauszufinden, ob überhaupt etwas aus einer Bekanntschaft werden könnte. Es war praktisch keine Erwartungshaltung im Spiel, und heutige romantische Begegnungen haben ihre gegenseitigen Erwartungen bereits kalibriert. Ich möchte das nicht werten – es ist ein Zeichen der heutigen Zeit – und heute hat man wahrscheinlich ein gesünderes Dating-Profil als früher, wo man sich entweder mit möglichen Partnern getroffen hat oder einer der Verlierer war. Es ist einfach eine Riesenveränderung, wie man sich heute unterhält und romantisch zusammenkommt.
Hatte “Before Sunrise” auch einen Einfluss auf dein persönliches Leben?
Einen riesigen Einfluss: Es war das erste, worüber mein heutiger Ehemann und ich uns unterhalten haben. Ich bin damals nach Mumbai für einen neuen Job gezogen, wo er auch arbeitete. Ich hatte ihn am ersten Tag kurz kennengelernt, und am nächsten Tag sah ich ihn in der Nähe meines Schreibtischs stehen und sich mit jemandem über “Before Midnight” unterhalten. Die geprächige Person, die ich bin, habe die Gelegenheit genutzt und gesagt, wie sehr ich die Filmserie liebe und dass ich meine Dissertation darüber geschrieben habe. Er fand das spannend, so habe ich ihn gefragt, ob er Lust hätte sie zu lesen – auch wenn sie ausser meinem Professor kaum jemand gelesen hat. “Behance”, wo ich die Arbeit hochgeladen hatte, kannte er nicht, also bin ich später bei ihm vorbei gegangen, um ihn den Link zu geben. Und als ich “B-E-” in seinen Laptop tippe, füllt sich der Link automatisch und ich finde heraus, dass er mich bereits gegoogelt hatte, und den Film deshalb nebenbei meinem Schreibtischnachbar gegenüber erwähnt hatte (lacht).
In den 90er Jahren wäre das nicht passiert!
Stimmt, das war in den 2000ern. Das war also das erste, worüber wir sprachen und der Grund, warum er mich interessant fand – dass ich beschlossen hatte, meine Dissertation über einen Film zu schreiben, den er auch sehr liebt. Und weil “Before Midnight” gerade erschienen war, beschlossen wir, einen Kurzfilm zu machen, eine “Ode an Before Midnight”- und so haben wir uns bei Gesprächen, beim Schreiben von Dialog besser kennen gelernt und uns ineinander verliebt. Die Filmserie hatte also einen riesigen Einfluss auf mein Leben und ich schulde ihr sehr viel! (lacht) Danke, Richard Linklater, falls du zuhörst!
Eine sehr romantische Geschichte! Wo können unsere Zuhörende mehr über dich erfahren?
Ich habe eine Website namens sandhya.work, wo man meine Texte, Kurzfilme und Designprojekte finden kann. Und wenn jemand mit mir die “Before”-Filme disktutieren will, findet man mich ganz einfach über Google. Ich freue mich immer über Linklater-Fans, die sich mit mir unterhalten wollen.
Dann bedanken ich mich ganz herzlich dafür, dass du dir Zeit genommen hast, die Kontinente für unsere gemeinsame Passion zu verbinden.
Danke vielmals Timm, dass du dich bei mir gemeldet und meine Dissertation gelesen hast, und dafür, dass du einen Film machst, der vielen Leuten eine Menge bedeutet. Ich hoffe, dass noch ganz viele andere Menschen ihre Meinung über den Film teilen werden!
Jetzt werde ich rot. Vielen Dank!