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Trotz zeitweise schwieriger Rahmenbedingungen entstanden immer wieder neue Firmen, die sich dank guter Ideen und innovativer Produkte zu Grossbetrieben entwickelten und für den Arbeitsort Thun von grosser Bedeutung waren. Die meisten dieser Unternehmen waren in der Metall- und Maschinenindustrie tätig. Eine Ausnahme bildete die Firma Gerberkäse AG: Das Unternehmen wurde 1836 von zwei Brüdern in Langnau gegründet; der eine zog um 1850 nach Thun und errichtete 1856 ein Verwaltungsgebäude an der Allmendstrasse. Ab 1860 war die Firma im Käsehandel tätig und produzierte auch Kondensmilch und Milchpulver für Kinder. Ein Nachkomme der Gründer, Walter Gerber (1879–1942), absolvierte in der Firma eine kaufmännische Ausbildung und sammelte daraufhin im Ausland Berufserfahrung. Um 1908 übernahm er zusammen mit Fritz Stettler (1865–1937) die Geschäftsleitung. Um Käse länger haltbar zu machen, erfanden die beiden 1911 ein Herstellungsverfahren für Schmelzkäse, der in Blechdosen und Kartonschachteln verpackt wurde. Dieses Produkt war bald ein grosser Erfolg und entwickelte sich zu einem Exportschlager. 1915 beschäftigte die Firma 23 Personen, acht Jahre später waren es bereits 125. Entlang der Allmendstrasse entstand zwischen 1911 und 1952 ein eigentlicher Industriekomplex. 1927 zog sich Walter Gerber aus der Geschäftsleitung zurück. Die Firma florierte auch ohne ihn: Sie lancierte 1936 den Gala-Käse und später das Fertigfondue. Gerberkäse entwickelte sich zur Schweizer Traditionsmarke, die überall bekannt und beliebt war. 2002 übernahm die Firma Emmi die Gerberkäse und fusionierte sie darauf mit zwei anderen Firmen. 2006–2010 verlegte Emmi die Produktion von Thun nach Langnau. Damit gingen in Thun 160 Arbeitsplätze verloren. Mit dem Abbruch des Fabrikgebäudes verschwand 2012 zudem ein wichtiger Zeuge dieser Firmengeschichte.29
Werbeplakat des Grafikers Peter Birkhäuser (1911–1976) für die Firma Gerber- käse, 1945. Die Thuner Firma hatte in den 1910er-Jahren ein Herstellungsverfahren für
Schmelzkäse entwickelt, der in Blechdosen und Kartonschachteln lange haltbar ist. Knapp 100 Jahre lang produzierte die Gerberkäse in Thun.
Willy Habegger (1918–2002) gehörte zur nächsten Generation von Thuner Unternehmern. Er absolvierte eine Hufschmied- und eine Schlosserlehre in Thun und Steffisburg. 1943 eröffnete er seine eigene Metallbauwerkstatt. Gemeinsam mit Albert Schönholzer (1912–1999) entwickelte er ab 1945 Seilbahnen, die sich dank dem Ausbau des Bergtourismus und dem Kraftwerksbau in der Schweiz und im Ausland gut verkauften. Mit seinen Skiliften, Sessel- und Kabinenbahnen sowie weiteren Produkten wuchs Habegger zu einem führenden Unternehmen in diesem Bereich, das mehrere 100 Personen beschäftigte. 1980 geriet der Betrieb in eine Liquiditätskrise und wurde deshalb 1982 an die Firma von Roll verkauft. Von Roll fusionierte die Seilbahnsparte mit ihrer eigenen Produktion in Bern und verkaufte diese 1996 an die österreichische Firma Doppelmayr, die sich 2002 mit Garaventa zusammenschloss. Willy Habegger löste die Sparte Hebetechnik 1980 aus der Firma heraus und gründete die Habegger Maschinenfabrik AG, die 1993 von seinem Sohn Peter übernommen wurde. Dieser stellte mit rund zwei Dutzend Mitarbeitenden weiterhin erfolgreich Seilzuggeräte her. 2016 verkaufte er die Firma an den Drahtseilhersteller Jakob AG in Trubschachen.30
Der Unternehmer Willy Habegger verfolgt in der Schlosserei seiner Maschinenfabrik an der Industriestrasse, wie ein Arbeiter die Träger eines Seilbahnmastes zusammenschweisst. Foto, um 1970.
Thun war auch ein bedeutender Fabrikationsstandort von Uhrensteinen: Dabei werden kleine Edelsteine geschliffen und durchbohrt, um sie dann als Lager in Uhrwerke oder Präzisionsinstrumente einzusetzen. 1925 gründete Fritz Räz (1892–1957) die Uhrensteinfabrik Watch Stones, die nach einem Jahr an der Bernstrasse 100 und in der Folge bis zu 400 Personen beschäftigte. 1971 übernahm die Pierres Holding die Firma und stellte ein Jahr später die Produktion in Thun ein.31
1953 entstand das Unternehmen Meyer Burger in Steffisburg, das Maschinen zur Uhrensteinbearbeitung und später Spezialsägemaschinen herstellte. Es nutzte den Boom der Fotovoltaik im 21. Jahrhundert und brachte 1999 die erste Bandsäge für die Solarindustrie auf den Markt. Meyer Burger zog 2006 mit 100 Mitarbeitenden in eine Liegenschaft der Ruag in Thun; 2012 errichtete die Firma auf einer Parzelle der Stadt im Schoren einen Neubau, wohin sie den Geschäftssitz und den grössten Teil der Produktion und Entwicklung mit rund 500 Angestellten verlegte. 2018 verlagerte sie über 200 Produktionsarbeitsplätze von Thun ins Ausland.32
In Thun fabrizieren zwei weitere Firmen spezielle Uhren, die sie in die ganze Welt verkaufen. Aus der 1924 gegründeten Turmuhrenfabrik Bär-Wittwer entstand 2012 die Firma Inducta AG. Und der Uhrmacher Beat Haldimann (geboren 1964) stellt mit einem kleinen Team in Handarbeit Luxusuhren her, die auf selbst entwickelten Konstruktionen basieren.33
Ein weiterer wichtiger Arbeitgeber in der Thuner Maschinenbauindustrie ist die Schleuniger Gruppe. Sie wurde 1975 als Sutter Electronic AG in Thun ins Leben gerufen. Diese übernahm 1993 die Firma Schleuniger Productronic in Solothurn und änderte ihren Namen. Sie stellt Maschinen für die Kabelbearbei- tung her und beschäftigte 2015 rund um den Globus rund 700 Personen, davon 180 in Thun.34 Zu Beginn des 21. Jahrhunderts ist die Maschinenindustrie ein wichtiger Pfeiler der Thuner Wirtschaft. Er wird verstärkt durch zwei weitere Firmen, die sich in Steffisburg befinden: die 1912 gegründete Fritz Studer AG und die seit 1918 existierende Firma Rychiger.
Die erfolgreichen Unternehmen schafften es, sich im internationalen Wettbewerb mit neuen Produkten zu behaupten. Auf lokaler Ebene unterstützten die Behörden diese Betriebe durch eine aktive Raumplanung und die Schaffung neuer Industriezonen. Nach dem Zweiten Weltkrieg verschoben mehrere Industriebetriebe ihre Produktionsstandorte an den Stadtrand im Gwatt oder in die Vororte Uetendorf, Steffisburg und Heimberg.35