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Der vielseitige schwedische Autor Håkan Nesser legt mit Der Fall Kallmann eine Sozialstudie der etwas anderen Art vor. Wir befinden uns in einer kleinen Stadt im mittelschwedischen Binnenland, die K. genannt wird, und schreiben das Jahr 1995.
Eugen Kallmann unterrichtete an einer Gesamtschule Schwedisch und galt in seinem Kollegium als Einzelgänger, doch seine Schülerinnen und Schüler verehrten ihn. Einzig Igor, einem Lehrer für Mathematik und Physik, sowie Ludmilla, der Beratungslehrerin, gelang es hin und wieder einen kleinen Einblick in Kallmanns Gedankengänge zu bekommen. Doch auch diese blieben sehr fragmentarisch. Eines Abend im Mai findet der Schüler Charlie seinen Lehrer Kallmann am Fuße der steilen Treppe eines verlassenen Hauses tot auf.
Igor und Ludmilla erinnern sich an die Gespräche mit Kallmann und seine Andeutungen. Hat sein Versuch, einen alten Mordfall aufzuklären, womöglich etwas mit seinem Tod zu tun? Die Gerüchteküche in der kleinen Stadt brodelt, doch die Polizei kann kein Fremdverschulden feststellen. Außerdem sind auch schon bald Sommerferien.
In Stockholm trauert derweil Leon Berger um seine Frau und seine fünfzehnjährige Tochter, die beide vor einigen Monaten bei einer Reise vor der Küste Tansanias ertrunken sind. Wobei von der Leiche seiner Tochter Judith jede Spur fehlt. Um nicht in seiner Trauer zu ertrinken, nimmt er das Angebot seiner früheren Kommilitonin Ludmilla an, sich um die freigewordene Stelle an deren Gesamtschule zu bewerben. Als Schwedischlehrer und Nachfolger Kallmanns. Dass er damit kein einfaches Erbe antritt, wird ihm klar, als er im Schreibtisch seines Vorgängers auf dessen Tagebücher stößt. Zuerst will er sie entsorgen, doch seine Neugier ist größer. Kallmann schreibt darin, er würde die Gabe besitzen, in den Augen anderer Menschen erkennen zu können, ob sie je gemordet haben. Tatsächlich scheint er in den letzten Monaten seines Lebens einem ungesühnten Verbrechen auf der Spur gewesen zu sein.
Inzwischen haben auch Andrea und ihre beste Freundin Emma, Schülerinnen Kallmanns, sowie der Schüler Charlie, der den toten Kallmann gefunden hat, angefangen Nachforschungen zum Geschehen um ihren Lehrer anzustellen.
In tagebuchartigen Kapiteln erteilt Håkan Nesser seinen Hauptfiguren abwechselnd das Wort und webt so – aus den sehr unterschiedlichen Erzählsträngen – eine sehr dichte Geschichte. Dass Kriminalromane auch Gesellschaftsstudien und politische Momentaufnahmen sein können, ist nichts Neues. (Besonders bei schwedischen Autorinnen und Autoren beobachte ich das häufig.)
In Der Fall Kallmann greifen nationalistisch gesinnte Schüler eine Lehrperson und zwei Schüler mit Migrationshintergrund an – zuerst mit schriftlichen Bedrohungen und später auch tätlich. Eines Tages wird unweit der Schule die Leiche jenes Schülers, der als Kopf der Nazi-Gruppe galt, gefunden. Dass es kein Suizid war, wird schnell klar. Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonen stehen Kopf und eine kompetente Kommissarin nimmt schließlich die Ermittlungen auf.
Ich mag Nessers Schreibstil, seine Annäherung an die sehr unterschiedliche Arten, Mensch zu sein und seinen damit verbundenen respektvollen Umgang mit Menschen in ihrer Unterschiedlichkeit – was ihn nicht daran hindert, klare Stellung gegen Unrecht zu beziehen. Ich folge gerne Nessers Gedankengänge, die oft geradezu philosophisch sind, da ich mich auf eine ähnliche Weise mit dem Leben und den Zusammenhängen zwischen Ereignissen beschäftige.
Für Menschen, die nicht blutige Action suchen, sondern eine differenzierte Auseinandersetzung mit Themen wie Respekt und Gerechtigkeit mögen, ist dieses Buch genau das Richtige.
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag
€ 20,00 [D] | € 20,60 [A] | CHF 26,90* (* empfohlener Verkaufspreis)
576 Seiten, 13,5 x 21,5 cm
ISBN: 978-3-442-75728-2
btb