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Alles niedlich
Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, meine Damen und Herren, aber eine Reihe von Stofftieren auf dem Bett oder gar Sofa sind für mich (wie übrigens auch für den Mainstream der Empirischen Sozialforschung) als Prekariatsanzeiger ungefähr so zuverlässig wie ein laufender Grossbildfernseher oder gewisse lebende Haustiere – also ziemlich zuverlässig. (Die Unterschicht ist sehr tierlieb, weshalb beispielsweise Herr Wüllenweber in seinem Buch «Die Asozialen» empfiehlt, zur Beurteilung der tatsächlichen Qualität eines Wohnquartiers einfach im nächsten Supermarkt die Grösse der Abteilungen für Alkoholika und Tiernahrung heranzuziehen: je breiter hier die Auswahl, desto prekärer die Lage.) Natürlich kommt es ein bisschen auf die Art der Stofftiere an. Oder, in den Worten von Thomas Mann: «Nun kommt es im Leben darauf an, wer eine Wahrheit ausspricht.»
Ich betrachte zum Beispiel Wile E. Coyote, den Sie oben auf dem Bild sehen, als Sinnbild für den sehr begrenzten Lohn allen irdischen Strebens. Ja, Wile E. Coyote, der sein Leben lang dem Roadrunner hinterherjagt, ist eine keuchende Metapher sowohl für das Verlangen wie für dessen Vergeblichkeit, und ich liebe diesen ausgestopften Wile E. Coyote, den ich vom besten Ehemann von allen bekam, als ich längst jenseits des Stofftieralters war.
Aber Wile E. Coyote soll auch nicht gerade niedlich sein. Bei Stofftieren, die niedlich sein sollen, so mit grossen Augen und roten Herzchen, sieht die Sache anders aus. Schon vor einiger Zeit fand sich in «Vanity Fair» unter dem Titel «Addicted to Cute» ein lesenswerter Aufsatz darüber, dass die Welt zunehmend von einer Besessenheit mit Niedlichkeit geplagt werde; alles, alles muss niedlich aussehen: Autos, Getränkeverpackungen, Filme, Umgangsformen, alles niedlich. In besagtem Essay wurde die These vertreten, dass die Sucht nach Niedlichkeit eventuell mit der Durchdigitalisierung und Allgegenwart von Technologie im postindustriellen Zeitalter zu tun habe; insofern spiegele das Verlangen nach «Cuteness» (dem Gegenteil von Coolness) die nostalgische Sehnsucht nach einer älteren Welt – beziehungsweise den pathetischen Versuch, seelenlose Apparate zu animieren, indem man sie etwa mit niedlichem Bildwerk und drolligen Geräuschen ausstattet. Dabei sind die meisten seelenlose Apparate heutzutage ohnehin schon wahnsinnig identifikatorisch aufgeladen; darinnen besteht ja gerade ihre Ambivalenz: einerseits werden die Dinge, die immer potenter und flexibler erscheinen, mehr denn je personalisiert, und andererseits werden immer mehr nicht-stoffliche Phänomene verdinglicht und käuflich (zum Beispiel ein gutes Gewissen durch sogenannten nachhaltigen Konsum). Und schliesslich greifen die Sachen selbst mehr und mehr in vormals nicht-stoffliche Transaktionen ein, zum Beispiel in die Anbahnung oder Beendigung menschlicher Beziehungen. Das ist das eine. Das andere ist eine umgreifende Selbst-Infantilisierung erwachsener Menschen als Spiegelbild der Sucht nach Niedlichkeit. Sie sehen das zum Beispiel auf Facebook, wo die Leute ihre Profile mit Babyfotos von sich selbst dekorieren. Yelch!
Und deshalb sollte man irgendwann seine Stofftiere loswerden. Auch wenn das nicht immer so einfach ist, wie kürzlich ein geprüfter Vater im britischen «Guardian» schrieb; sogar wenn man Stofftieren mit maskuliner Indifferenz begegnet, ist es nicht so einfach – und zwar offenbar besonders nicht bei jenen hässlichen, zerrupften, abgerammelten Exemplaren, die hygienisch hochgradig bedenklich sind und denen mindestens schon ein Glasauge fehlt und die man als Kind geliebt und überall mit hingeschleppt hat, während sie inzwischen nur noch ein mittleres Brand- und Gesundheitsrisiko darstellen. Ich hatte auch so eins. Ein (einstmals) hellbeiges Kamel namens Karoline. Und jetzt habe ich Phyllis. Phyllis ist kein Stofftier, sondern eine knapp dreijährige junge Dame, die uns manchmal besuchen kommt, und immer, wenn sie uns besuchen kommt, freut sich Phyllis über Wile E. Coyote, und deswegen bliebt der auf seinem Platz. Mit der gleichen Begeisterung stürzt sich Phyllis übrigens auf den sprechenden Mr-T-Schlüsselanhänger, der immer neben meinem Schreibtisch liegt. Quit yo jibba jabba! Das Gegenteil von cute.