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LES NATIONS
Europäische Instrumentalmusik des Barock
Alle gehören sie einer Generation an – ausgenommen nur der erste der sieben Komponisten des Programms: Francesco Turini wurde bereits um 1595 geboren. Er schrieb bevorzugt Vokalmusik, veröffentlichte in einem Madrigalband aber auch einige instrumentale Beigaben. Ihre Titel bezeichnen Liedmelodien, die in den Stücken variiert werden. «E tanto tempo hormai» lässt sich mit «Es ist schon so lange her» übersetzen, und «Il Corisino» ist wohl eine veränderte Schreibweise von «Il Coricino» (das Herzchen).
Francesco Maria Veracini war ein brillanter Violinvirtuose, aber wegen seiner stolzen, aufbrausenden Art bei Kollegen recht unbeliebt. 1722 stürzte er sich aus dem Fenster eines oberen Stockwerks – aus Wut, in geistiger Umnachtung oder, wie der in Folge hinkende Geiger selbst behauptete, nach einer Intrige seiner Konkurrenten an der Dresdner Hofkapelle. Womöglich schlug sich sein exzentrisches Wesen ja auch seinen Werken nieder – etwa in der Sonate op. 1 Nr. 1, deren Finale das Signalmotiv eines Postillons enthält.
Johann Sebastian Bach schrieb oft Satzpaare aus Toccata (oder Präludium) und Fuge. Seine sieben frühen Cembalo-Toccaten BWV 910 bis 916 sind dagegen reich gegliederte Einzelsätze. Insbesondere das D-Dur-Stück BWV 912 bietet viel Abwechslung: Nur kurz verweilt es beim frei schweifenden Gestus einer typischen Toccata; dann folgt ein rhythmisch gebundenes Allegro, ein ausgedehntes, in sich mehrteiliges Adagio und schliesslich ein schneller Abschnitt im Gigue-Rhythmus.
Georg Friedrich Händel war berühmt-berüchtigt für seine Kunst, eigene und fremde Werke arbeitssparend wiederzuverwerten. In seiner Triosonate HWV 386 zitierte er eine Arie aus Reinhold Keisers Oper Octavia. Ausserdem ist der dritte Satz praktisch identisch mit dem Air «Vaghe fonti» aus Händels eigener Agrippina und der Schlusssatz thematisch verwandt mit dem Duett «Why so full of grief, my soul» aus dem Chandos-Anthem «As pants the hart» – alte Bekannte in neuem Gewand.
Jean-Marie Leclair, der Begründer der französischen Violinschule, veröffentlichte unter anderem vier Serien von je zwölf Sonaten für sein Instrument. Besonders interessant ist die abschliessende Ciacconna der vierten Sonate des dritten Buchs: Über einer stetig wiederholten Basslinie entfalten sich virtuose Oberstimmen-Variationen. Die Harmonik changiert zwischen Dur und Moll, und ein Violoncello tritt als zweites Soloinstrument hinzu.
Ganz ins Zentrum des Interesses tritt das sonst eher grundierende Cello in Francesco Geminianis Sonaten op. 5. Der in London lebende Schüler Corellis und Alessandro Scarlattis war beim konservativen englischen Publikum umstritten: Sein rhythmisch sehr freies Spiel und eine Neigung zu Chromatik und kühnen Harmonien brachten ihm den Beinamen «il furibondo» (der Verrückte) ein.
Antonio Vivaldi schrieb neben seinen berühmten Solokonzerten mit Orchester auch Kammerkonzerte für mehrere einfach besetzte Instrumente. Warum nannte er sie nicht ‹Sonaten›? Vermutlich wegen der dreisätzigen Anlage (schnell – langsam – schnell) und aufgrund der Satzstruktur, die den Solo-Tutti-Wechsel eines Konzerts nachahmt. Im hochvirtuosen Concerto RV 92 teilen sich Blockflöte und Violine die solistischen Aufgaben.
Jürgen Ostmann
Konzertprogramm
Francesco Turini ca. 1589 – 1656
Sonata per due canti
Intermezzo «E tanto tempo hormai»
Sonata per due canti e basso «Il Corisino» (Erstdruck 1621) (10’)
Francesco Maria Veracini 1690 – 1768
Sonata per flauto e basso continuo a-Moll
aus «Sonate a Violino o Flauto solo, Opera prima» (Erstdruck 1721) (10’)
Johann Sebastian Bach 1685 – 1750
Toccata D-Dur für Cembalo solo BWV 912 (ca. 1706 – 1711?) (12’)
Georg Friedrich Händel 1685 – 1759
Triosonate c-Moll für Violine, Flöte und Basso continuo HWV 386 (ca. 1717 – 1719?) (10’)
Jean-Marie Leclair 1697 – 1764
Sonata IV B-Dur für Violine und Basso continuo (Troisième livre op. 5) (Erstdruck 1734) (10’)
Francesco Geminiani 1687 – 1762
Sonata III C-Dur für Violoncello und Basso continuo
aus «Sonates pour le violoncelle et basse continue» op. 5 (Erstdruck 1746) (10’)
Antonio Vivaldi 1678 – 1741
Concerto D-Dur RV 92 für Blockflöte, Violine und Basso continuo (ca. 1720 – 1724?) (10’)
ENSEMBLE MAURICE STEGER
Maurice Steger Blockflöte
Amandine Beyer Barockvioline
Daniel Rosin Barockcello
Sebastian Wienand Cembalo
Maurice Steger wird als «Paganini der Blockflöte» (NZZ) und «The world’s leading recorder player» (THE INDEPENDENT) gepriesen. Der ECHO Klassik 2015, den er als ‹Instrumentalist des Jahres› erhielt, bestätigt seinen Erfolg. Regelmässig kann man ihn als Solisten, Dirigenten oder in Doppelfunktion mit den tonangebenden Originalklangensembles, aber auch mit führenden modernen Orchestern erleben.
Amandine Beyer hat sich in den letzten Jahren als Referenz im Bereich der Barockvioline etabliert. Nach erstem Unterricht in Aix-en-Provence studierte sie am Pariser Konservatorium und an der Schola Cantorum in Basel, wo sie 2011 selbst eine Professur antrat. Sie arbeitet als Solistin, Konzertmeisterin und Coach für historische Aufführungspraxis, widmet sich aber auch intensiv der Kammermusik. 2006 gründete sie ihr eigenes Ensemble, Gli Incogniti.
Daniel Rosin wuchs in Bern auf, wo er bei Peter Hörr studierte. Künstlerische Impulse von Persönlichkeiten wie Heinrich Schiff, János Starker und Pieter Wispelwey ergänzten seine Ausbildung. Er ist als freischaffender Barockcellist und Kammermusiker tätig.
Sebastian Wienand studierte Cembalo, Fortepiano und Generalbass an der Schola Cantorum in Basel. Er konzertiert auf historischen Tasteninstrumenten weltweit als Solist, Kammermusikpartner sowie Continuocembalist mit Gruppen und Musikern wie dem Freiburger Barockorchester, der Akademie für Alte Musik Berlin, Les Musiciens du Louvre, Maurice Steger, Gottfried von der Goltz, Rebeka Rusó und anderen.