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1. Film: Der Junge, der den Wind einfing
Williams Vater Trywell (Chiwetel Ejiofor) hatte einst nicht die Möglichkeit, die weiterführende Schule in seinem malawischen Heimatdorf zu besuchen – sein 14-jähriger Sohn William (Maxwell Simba) soll es besser haben. Mit ruhiger Kameraführung und kargen Dialogen wird der Zuschauer in den scheinbar hoffnungslosen Alltag einer Dorfgemeinschaft eingeführt. Es geht alles schief. Sintflutartige Regenfälle zerstören die Ernte, eine gewaltige Dürre verhindert das Wachsen der neuen Maiskulturen, diktaturähnliche Zustände, Hungerrevolten, die Wegweisung des jungen William von der Schule, weil die Familie das Schulgeld nicht mehr bezahlen kann, die Katastrophenmeldungen scheinen nicht abzubrechen. Trotzdem gelingt es dem weggewiesenen Schüler, sich in die Bibliothek zu schmuggeln.
Dort entsteht auch der Plan, einen Generator zu bauen, der wiederum eine Pumpe antreiben soll, welche mit dem heraufgeholten Grundwasser die trockenen Felder bewässern wird. Das Problem: William benötigt das Fahrrad seines Vaters, den einzigen nennenswerten Besitz der Familie. Die Geschichte hat sich in der Tat so ereignet. Der Kinoheld William Kamkwamba studiert heute an einer renomierten Universität in Südafrika und hatte auch einen faszinierenden Auftritt in einem TED-Talk. Ich habe diese Netflix-Story meinen Schülerinnen und Schülern geschaut, im Anschluss an eine Unterrichtseinheit über Elektrizität und Induktion. Zwei Ihrer Kommentare wurden bereits im Condorcet-Blog aufgeschaltet und auch der Ted-Talk ist dort zu sehen (Man sieht, was in diesen Menschen steckt, 17. Juni 2019). Der Film ist unglaublich packend erzählt, mit hervorragdenden Schauspielern besetzt und macht Mut. Ein Meisterwerk!
2. Film: Ça commence aujourd’hui von Bertrand Tavernier
Ein fast unerträglicher Film über Arbeitslosigkeit und die Zukunft einer Gesellschaft, die ihren Kindern nicht einmal mehr die Grundformen zwischenmenschlicher Kommunikation zu vermitteln vermag. Wir befinden uns in einer französischen Krisenregion (die Gegend um die stillgelegten Zechen bei Lille). Die Hauptfigur des Daniel Lefebvre („maßvoll idealisiert …“, Filmdienst) leistet mit seinen Kolleginnen und Kollegen einen Totaleinsatz für die Schwächsten unserer Gesellschaft. Immer wieder wird er von den Ereignissen überrollt, sieht seine Grenzen, kann sich aber nicht abgrenzen. Erbittertes Aufbegehren wechselt sich ab mit Phasen tiefster Resignation. Der beinahe dokumentarische Erzählstil wirkt stellenweise wie eine gnadenlose Bestandesaufnahme und gerät so zu einem Plädoyer für Verantwortung und Engagement des Einzelnen. Interessant sind auch die Reibereien mit den Vorgesetzten, den Behörden und den Sozialdiensten, wo praxisferne Vorgaben die Arbeit der Lehrkräfte erschweren. Oder wo schlichte Überforderung und Ratlosigkeit nahtlos in brutale Gleichgültigkeit umschlägt. So weit sind wir in der Schweiz mit Sicherheit nicht, aber gewisse Szenen wecken beim Zuschauer durchaus Erinnerungen an ähnliche Erlebnisse. Taverniers Film ist eine Anklage an das System, aber auch eine Ode an unseren Beruf. Die Rolle des “Working Class Heroe” kommt ja auch – obwohl sie hier in der Schweiz eher spöttisch betrachtet wird – dem Autor dieser Zeilen, der jahrelang in der Gewerkschaft VPOD tätig war, sehr entgegen.
3. Film: Tableau noir von Yves Yersin
“35 Jahre lang mussten wir auf einen längeren Film von Yves Yersin, der mit “Les petites fugues” einst ein breites Publikum verzaubert hatte, warten. Dann hat er mit «Tableau noir» einen Dokumentarfilm realisiert, der so ungewöhnlich ist wie Yersins rekordverdächtig lange Abwesenheit von der grossen Kinoleinwand. Nicht weniger als 1200 Stunden Material haben Yves Yersin und sein Kameramann Patrick Tresch auf den Höhen des Val-de-Ruz in einer der abgelegensten Ecken des Neuenburger Juras gedreht, stets auf Augenhöhe und im Austausch mit den kindlichen Protagonisten und Protagonistinnen. Der weisshaarige Hirschi, schon von seinem Äusseren her eine imposante Erscheinung, zeigt dabei ein pädagogisches Sendungsbewusstsein, das seinesgleichen sucht. Aber Hirschi ist auch einer, der ganz wie ein traditioneller Patron agiert: streng, aber gerecht, allwissend und grundsätzlich gutmütig – aber in gewissen Momenten kann man sich auch vorstellen, dass, wenn man es sich einmal mit ihm verdorben hat, nichts mehr ist wie vorher. Gilbert Hirschi ist mit Leib und Seele einer, der «seinen» Kindern die Welt vor dem Schulzimmer erschliesst und näherbringt. Für ihn ist lernen und leben kein Gegensatz, erst im Miteinander vermögen sich beide Begriffe richtig zu entwickeln. Man darf aber auch vermuten, dass während dieser vier Jahrzehnte der Unterricht bei Lehrer Hirschi weitgehend immer so war, wie er im Film zu sehen ist – und das hat auch seine Berechtigung, denn der Lauf der Jahreszeiten, das Funktionieren einer Töpferscheibe oder überhaupt elementarer physikalischer Gesetzmässigkeiten sind so ewig wie jene Werte von Freundschaft, Solidarität und gegenseitigem Verständnis, auf die diese Lebensschule baut.” Geri Krebs in NZZ 13.3.2013.
Dieser treffenden Filmbesprechung ist kaum mehr etwas hinzuzufügen, ausser vielleicht die etwas kitschige Bemerkung, dass mich dieser Film tief berührt hat. Alles, was uns dieser technokratische Lehrplan 21 aufbinden will und praxisferne Vorgaben verhindern, wird in diesem Film stilvoll ausgeblendet. Wenn man zusammenzählt, was Hirschi mit seinen 12 Zöglingen unternimmt, würde dies zahlreiche Disziplinarsitzungen, mehrere Verweise und vermutlich auch die Entlassung des Lehrers in den urbanen Zentren unseres Landes zur Folge haben.
«Tableau noir» ist grosse Kunst von Yves Yersin, ein wunderbarer Film. Die 2 Stunden vergehen im Fluge.
Alain Pichard