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Ellery Eskelin ist kein Bilderstürmer. Er reisst nicht nieder, sondern er baut. Er baut weiter an diesem weitverzweigten Gebäude, das der Jazz heute ist. Das hängt mit seiner musikalischen Sozialisation zusammen.
1957 geboren, wuchs er in den Sechzigerjahren in Baltimore auf. Seine Mutter war Berufsmusikerin, sie spielte Orgel, die Hammond B3. Ein Instrument, das zu jener Zeit unglaublich populär war. Oft waren es Frauen, die die Orgel spielten; in Erinnerung bleiben Shirley Scott und ihre Namensvetterin Rhoda Scott.
Offensichtlich lag ein Tasteninstrument für eine Frau in jenen konservativen Zeiten drin. Diese Organistinnen hatten zumeist ihre eigenen kleinen Bands, einen Saxofonisten, einen Schlagzeuger, vielleicht noch einen Gitarristen, das musste genügen. Sie spielten in kleinen Clubs, von denen es zu jener Zeit unzählige in allen grösseren Städten gab.
Er kannte die Songs aus Musical, Revue und Film auswendig
Ellery Eskelin hörte seine Mutter spielen, Blues natürlich, gospelähnliche Musik und die Songs vom Broadway und aus Hollywood, aus Musical, Revue und Film, die Popmusik jener Tage. Jedermann kannte diese Lieder und hätte mitsingen können. Auch Ellery Eskelin kannte die Songs auswendig. Als er mit etwa zwölf anfing Saxofon zu spielen, waren das die ersten Melodien, die er übte.
45 Jahre ist das nun her, und Eskelin ist immer noch fasziniert von diesen Songs. Wenn er sie spielt, versucht er die Zeit, in denen sie entstanden sind, mitzunehmen und sie spürbar werden zu lassen. Nicht in dem er so spielt wie damals, sondern indem er in seinem Ton und seinen Improvisationen die grossen Tenorspieler von damals mitschwingen lässt.
Ein fetter, voluminöser Klang
Ellery Eskelin versucht, die Musik vorwärts zu treiben. Paradoxerweise tut er dies, indem er immer weiter zurückschaut. Vor einiger Zeit kaufte er sich ein neues Saxofon, allerdings nicht ein goldglänzendes Neuinstrument, sondern eines, das schon alt war, als er geboren wurde, gebaut 1935. Instrumente aus jener Zeit sind anders konstruiert und klingen anders, fetter, voluminöser, aus heutiger Sicht ein wenig antiquiert – so klingt auch Ellery Eskelin.
Auch in anderer Hinsicht ist er zurückgekehrt zu seinen Wurzeln. Sein «Trio New York» ist ein klassisches Orgeltrio wie damals: Tenorsaxofon, Orgel und Schlagzeug. Die Stücke, die die drei zusammen spielen, sind diejenigen, die schon Mutter Eskelin spielte. Anders natürlich. Damals spielte man die Melodie des Songs und improvisierte anschliessend darüber.
Einer spielt ein Motiv, die anderen springen auf
Ellery Eskelin beginnt mit seinen Kollegen einfach zu spielen, und irgendwann findet man gemeinsam zu einem Song; einer spielt ein Motiv daraus, die anderen springen auf, langsam tastet man sich zusammen vor. Für Hörerinnen und Hörer, die dieses Repertoire kennen – in den USA sind das immer noch viele, vor allem ältere Leute – ist das Ratespiel, «Wohin führt uns die Musik? Was wird als nächstes erklingen?», spannend und amüsant.
Ellery Eskelin führt vor, dass Jazz, ja eigentlich jede grosse Kunst, nicht aus dem Nichts entsteht. Sondern aus einer langen und lebendigen Tradition.