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Das erste genuine UB-Gebäude: Der sogenannte «La Roche-Bau»
Der Platzmangel der UB, untergebracht im Museum an der Augustinergasse und die damit verbundenen Probleme in der Bewältigung der Neuerwerbungen und der Benutzung veranlasste die Regierung zum Handeln. Es sollte dieses Mal ein Gebäude entstehen, das ausschliesslich für die Bestände der UB konzipiert werde, so der Auftrag, der im Herbst 1890 an das Baudepartement ging. Nur der Ort dieser neuen Universitätsbibliothek gab Anlass für Diskussionen: Ein Vorschlag sah vor, dass die neue UB auf dem Areal des Alten Zeughauses gebaut werden sollte, dort, wo in den Dreissigerjahren des letzten Jahrhunderts das neue Kollegienhaus hochgezogen wurde.
Das Erziehungsdepartement beabsichtigte jedoch, den Platz rund um das Bernoullianum, des Kantonsspitals und des Vesalianums als ein universitäres Zentrum zu stärken. So fiel die Wahl auf den sogenannten Spalengottesacker, ein alter Friedhof direkt hinter dem Petersplatz (Bild 6). Nachdem auf Wunsch der Universität und der Regierung der Kantonsbaumeister keine befriedigende Skizze für den gewünschten Bau eingereicht hatte, wurde ein öffentlicher Wettbewerb ausgeschrieben. Doch auch hier konnte kein Entwurf die Bibliothekskommission restlos überzeugen.
Auf expliziten Wunsch des damaligen Oberbibliothekars Ludwig Sieber schrieben die Verantwortlichen der Universität und des Kantons den Architekten Emanuel La Roche persönlich an, er möge einen Planentwurf für den UB-Neubau einreichen. Die Wahl auf La Roche erstaunt, da er bis anhin mehr durch Wohnungsbauten und -sanierungen eine gewisse lokale Bekanntheit erfahren hatte. Sein Entwurf gefiel Bibliothekskommission und Regierung und sie stimmten ohne Zögern diesen Plänen zu.
Eine Expertenkommission wurde eingerichtet und La Roche wurde offiziell mit der exakten Ausarbeitung der Pläne beauftragt. Der Kostenvoranschlag wurde vorgelegt und belief sich auf die damals stolze Summe von 817’450.- Franken. Die Hälfte der Kosten übernahm freundlicherweise die Freiwillige Akademische Gesellschaft.
Die neue UB, auch La Roche-Bau genannt, wurde am Dies Academicus 1896 eingeweiht und verschrieb sich in der Architektur gänzlich dem barocken Historismus. Die Aussenfassade bildete mit den verspielten Konsolen, Fensterrahmungen und Oculi eine Einheit mit dem direkt daran angrenzenden botanischen Garten, der 1898 eröffnet wurde. Anhand des Freihandmagazins, dem einzig übriggebliebenen Part der ersten UB, kann man die verspielten Ornamente und den Stil des ersten UB Gebäudes erfahren. La Roche war am Puls der Zeit: Er verwendete für das Freihandmagazin Stahl als wichtiges Material für die Statik. Erst dank dem Stahl wurde es überhaupt möglich, Bücherregale dicht gedrängt in den Raum hineinzuziehen. Die Räume für die Verwaltung und die für die Bibliotheksnutzer waren für heutige Verhältnisse winzig – die Zahlen der Studierenden beliefen sich allerdings auch nur auf einen Bruchteil von heute. Der Platz im Magazin wurde aufgrund erhöhter Publikationszahlen nach 1900 schneller als erwartet zum Problem, sodass das Magazin bereits 1912/13 verlängert wurde. Ebenfalls nutze man die Umbauarbeiten, um die ersten Telefonkabel zu ziehen. Selbstverständlich war die damalige UB eine sogenannte Magazinbibliothek, d.h. die Nutzer*innen konnten ihre Bücher nicht selber holen, sondern gaben an der Theke einen Bestellzettel ab und warteten, bis ein Magaziner dieses holte.
Der Bau von Otto Senn
Die Anzahl Neuerscheinungen nahmen auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht ab. So kursierten bereits in den Dreissigerjahren des vergangenen Jahrhunderts Pläne für eine Erweiterung der bestehenden UB. Der Zweite Weltkrieg brach inmitten in der ersten Planungsphase aus, alle Entwürfe und Konzepte für die Erweiterung wurden ad acta gelegt. Anno 1948 nahm man sich der UB wieder an: Ganze zehn Jahre dauerte das politische Ringen für den Um- resp. einen Erweiterungsbau, bis der für damalige Verhältnisse grosszügige Kredit von fast 10 Millionen Franken bewilligt wurde. Es war allen Beteiligten klar, dass sich die Bibliothekswelt in den letzten Jahrzehnten rasant geändert hatte: Klimatisierte Magazine, Ausstellungsräume, verschiedene Lesesäle, eine hauseigene Bestandeserhaltung, mehr Personal für die immer differenzierteren Bestände und Medienbearbeitung sowie ein Kaffee zum Austausch. Die Bibliothek war nicht mehr nur ein Speicher der Bücher, sondern ein komplexer und zentraler Organismus für Lehre und Forschung. Die Ausschreibung für den Neubau gewann der international bekannte Architekt Otto Senn. Senn orientierte sich nicht nur an den neusten Bibliothekskonzepten und -funktionen seiner Zeit, sondern auch seine Formsprache reflektierte den damals vorherrschten Baustil, der sogenannten Funktionalismus: Dekorelemente traten (im Gegensatz zu La Roche) in den Hintergrund, Sichtbeton untermauern die Bestrebung, das Bauwerk auf seine Funktionalität zu reduzieren. Ebenfalls wurde Flexibilität hoch geschrieben: Die Räume sollten sich jederzeit an neue Bedürfnisse anpassen, so Senn. Die Kuppel im grossen Lesesaal gilt noch heute als architektonische Meisterleistung und reiht sich in die berühmten Bibliotheksbauten ihrer Zeit ein, weckt gar Erinnerung vieler ehemaliger Student*Innen, die hier auf ihre Prüfungen gelernt haben.