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Der heute (fast) vergessene Mediziner und Anthropologe Paul Alsberg (1883-1965) hat in seinem zuerst 1922 erschienenen Buch „Das Menschheitsrätsel“ versucht zu zeigen, dass sich der Mensch nicht nur qualitativ von jedem Tier unterscheidet, sondern dass dieser Unterschied in einem andersartigen Entwicklungsprinzip begründet liegt. So stamme der Mensch zwar gewissermaßen vom Affen („Metapithecus“) ab, aber aus der (evolutionstheoretischen) Annahme einer kontinuierlichen Entwicklung alles Lebens könne weder auf die Seinsweise des Produkts der Entwicklung (hier: des Homo sapiens) noch auf die Gleichartigkeit des zu Grunde liegenden Entwicklungsprinzips geschlossen werden (= genealogischer Fehlschluss). Eine kontinuierliche Entwicklung schließt qualitative Sprünge gerade nicht aus. Doch wodurch ist das spezifisch menschliche Entwicklungsprinzip nach Alsberg genau gekennzeichnet?
Menschen und Tiere sehen sich zwar vor das gleiche Problem gestellt: Überleben durch Anpassung an veränderliche Umwelten. Aber sie lösen diese Probleme durch völlig unterschiedliche ‚Strategien‘. Während Tiere dem Organprinzip unterworfen sind (Anpassung des Organismus an die Umwelt), untersteht der Mensch dem Werkzeugprinzip: Im Unterschied zum okkasionellen Einsatz von Hilfsmitteln bei einigen Tierspezies, schlägt der Mensch durch den habituellen Einsatz von Werkzeugen (und der Konstitution einer Werkzeug- und Kulturwelt) eine spezifisch andere Entwicklungsrichtung ein, die nach Alsberg zu einer tendenziell zunehmenden Körperausschaltung und Körperbefreiung führt. Damit ist gemeint, dass Werkzeuge den unmittelbaren Körperkontakt mit der Umwelt unterbinden und funktional an die Stelle eines Körperteils treten (z.B. der Hand). Der Einsatz eines Werkzeuges ist aber nicht unbedingt so zu verstehen, dass damit etwas besser verrichtet wird, was ansonsten schlechter mit einem Körperteil verrichtet werden müsste, sondern dass das Werkzeug an die Stelle des Körperteils tritt: „Das Werkzeug ist nicht, wie die landläufige Meinung geht, ein Mittel zur Verstärkung des Körpers, sondern umgekehrt ein Mittel zu seiner Ausschaltung“. Natürlich ist es der menschliche Körper, der die Werkzeuge (und später die Maschinen) bedient, aber die Werkzeuge vollbringen Funktionen, die der menschliche Körper gerade nicht oder nicht in vergleichbarer Weise vollbringen kann.
Der Werkzeuggebrauch hat dabei mehrere Folgen für den Menschen und seine Entwicklung:
- Mittels seiner Werkzeuge passt sich der Mensch an wechselnde Umwelten an.
- Mittels Werkzeugen passt der Mensch seine Umwelten seinen Bedürfnissen und damit auch seinem Körper an (Stichwort: Kulturlandschaften).
- Der Mensch passt sich zwar nicht mehr organisch natürlichen Umwelten (z.B. Antarktis, Weltraum) an, aber er hat sich im Laufe seiner Entwicklung seinen Werkzeugen und seinen ‚künstlichen‘ Umwelten angepasst. Nach Alsberg war der Mensch daher ursprünglich auch kein Mängelwesen à la Gehlen, sondern wurde es, wenn überhaupt, erst durch seine Kulturanpassung. Der Mensch ist allenfalls ein sekundäres Mängelwesen und das auch nur, wenn man die Angepasstheit des tierischen Organismus an eine bestimmte Umwelt zum Maßstab nimmt. In Wahrheit ist der Mensch aufgrund seiner Nichtfestgelegtheit aber gerade fähig, in alle möglichen Kulturwelten hineinzuwachsen. Der Mensch ist, insofern er auf Kultur ‚biologisch‘ angelegt und letztlich auf diese auch zum Überleben angewiesen ist, gerade kein Mängelwesen. Es gehört schon zur ersten Natur des Menschen auf die Erwerbung einer zweiten Natur ausgerichtet zu sein. Hierin liegt kein Mangel, sondern gerade das Erfolgsgeheimnis des Menschen beschlossen.
- Die negative Kehrseite der Beherrschung der Erde mittels Technik ist aber zugleich die Abhängigkeit des Menschen von seinen technischen Hilfsmitteln. Ein Weg zurück zur Natur oder in ein Reich jenseits der Kultur ist der Menschheit versperrt. Jeder Versuch ist für den einzelnen lebensgefährlich, für die Menschheit aber würde sie das sichere Ende bedeuten.
‚„Mensch“ ist ein jedes, in seiner Entwicklung unter dem Menschheitsprinzip stehende Wesen.“ Erst durch Einsatz des menschlichen Entwicklungsprinzips (= Werkzeugprinzip, Körperausschaltung, Körperbefreiung) wurde der Mensch zum Menschen – und wurde es immer mehr. Gibt es eine Endgestalt dieser Entwicklung der zunehmenden Körperausschaltung? Man könnte denken, dass eine radikale Körperausschaltung letztlich in einem Geist-Upload bestehen müsste. Gegen die Realisierung dieser posthumanistischen Fantasie sprechen aber mindestens zwei gewichtige Gründe, die ich hier nur kurz andeuten kann:
Erstens dürfte das Computermodell des Menschen radikal falsch sein, denn der Mensch ist weder nur Körper und Geist, noch verhalten sich diese wie Hardware und Software und auch nicht wie kausale Basis und Epiphänomen zueinander. Körper und Geist sind vielmehr nur zwei von mindestens sechs unselbständigen Momenten des Menschseins („Anthropoialien“): Neben Geistigkeit und Körperlichkeit sind dies: das Ich, der Leib (der nicht einfach mit dem sichtbaren Körper identisch ist), Bewusstsein als Erleben und die erlebte Umwelt. Der Mensch ist somit die Einheit nicht nur von zwei, sondern von sechs Grundmomenten. Weder ist der menschliche ‚Geist‘ etwas Epiphänomenales, noch kann er sich außerhalb dieses Gesamtarrangements realisieren, weshalb es mehr als fraglich ist, dass ‚der‘ Geist überhaupt übertragbar ist.
Zweitens: Aber selbst wenn dies gelänge, wäre damit das entscheidende ‚existenzielle‘ Problem gar nicht gelöst: die Wahrung der Identität der Person. Dass dies selbst durch eine perfekte Übertragung des Geistes nicht gewährleistet wird, zeigt folgendes Gedankenexperiment (das der Struktur nach von Parfit stammt): Nehmen wir an, jemand würde eine absolut perfekte Kopie meines Gehirns erstellen, während ich weiterlebe: Es dürfte klar sein, dass ich weiterhin T.S. bleibe, während das Gehirndouble nur eine Kopie darstellt, die nicht ich selbst bin! Hieraus folgt, dass selbst wenn ein Upload des Geistes möglich wäre, es nicht mein Geist wäre. Es gibt kein virtuelles Leben nach dem natürlichen, bei dem ‚Ich selbst‘ noch dabei wäre.
Der vollständige Übergang des Menschen in die virtuelle Realität wäre nichts anderes als die Selbstauslöschung desselben. Für Alsberg liegt denn auch das Endziel nicht in der völligen Eliminierung des organischen Körpers, sondern in der Befreiung des Menschen vom „Frondienst“ entfremdeter Arbeit, die nicht durch eine marxistische Revolution, sondern durch technischen Fortschritt ermöglicht wird.
Doch sind wir nicht aufgrund gentechnischer Selbstgestaltung längst dabei, einem neuen Entwicklungsprinzip zu folgen, das man das ‚Prinzip des Übermenschen‘ nennen könnte? Zweifellos wird es dem Menschen zunehmend möglich, sich genetisch selbst zu ‚manipulieren‘. Diese Technik für sich stellt aber gerade kein neues Entwicklungsprinzip dar, sondern nur die Fortsetzung des alten. Die Frage ist vielmehr, ob der Mensch sich hierdurch in ein spezifisch neues Wesen verwandeln kann. Zweifel sind angebracht: Quantitative Steigerungen allein (schöner, gesünder, intelligenter) bedeuten noch keine Selbstüberwindung. Hierzu müsste es zu einem echten, das Menschsein in eine andere Gattung transformierenden Novum kommen. Doch worin könnte dieses bestehen?