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VON LIEBE UND SEHNSUCHT
Mit Franz Schubert begann in der Liedkunst ein neues Kapitel. Unter den Textautoren der rund 600 Lieder, die er in seinem kurzen Leben schrieb, reicht das Spektrum von grossen und prominenten Dichtern wie Goethe bis hin zu Modeschriftstellern und zu dichtenden Freunden des Komponisten, wie etwa seinem zeitweiligen WG-Genossen Johann Mayrhofer. Einige der Vertonungen Schuberts erkunden im Rahmen der traditionellen Strophenform vielfältige Ausdrucksnuancen – so beispielsweise Luisens Antwort durch mehrfachen Rhythmuswechsel der Klavierstimme oder Des Fischers Liebesglück mit betörend schönen, zwischen Dur und Moll, Selig- und Traurigkeit irisierenden Harmonien. Andere Lieder sind durchkomponiert und mitunter theatralisch wie kleine Opernszenen, wie etwa Willkommen und Abschied oder An den Mond in einer Herbstnacht, wo Schubert sogar ein kurzes Rezitativ eingefügt hat. Gemeinsam ist diesen so unterschiedlichen Vertonungen jedoch, dass die Klavierbegleitungen Entscheidendes zur Aussage der Musik beitragen: Melodie und Begleitung sind zusammen erfunden und dicht miteinander verwoben.
Einen ähnlichen Weg wie Schubert beschritt wenig später Robert Schumann. Manche seiner Lieder könnte man sogar fast als Klavierstücke mit unterlegtem Text bezeichnen: Ohne dass die Singstimme überflüssig wäre, ist ihre Verbindung mit dem Klavierpart doch sehr eng.
Schumann komponierte fast 150 Lieder, etwa die Hälfte seines Schaffens auf diesem Gebiet, in seinem ‹Liederjahr› 1840. Unter ihnen sind auch die zwölf Nummern der Reihe op. 35 nach Texten von Justinus Kerner (1786 – 1862), einem schwäbischen Arzt und Dichter, der ebenso als Verfasser parapsychologischer Abhandlungen und Vorreiter des Spiritismus bekannt wurde. Als echter Romantiker war Schumann offen für die Welt der Geister, und als er Ende des Jahres 1840 die «Zwölf Gedichte» aus Kerners Werken auswählte, setzte er eines mit Anspielungen auf Übersinnliches in die Mitte: das Lied Auf das Trinkglas eines verstorbenen Freundes, in dem sich der Wein im Glas beim Mondenschein in Blut zu verwandeln scheint. Die übrigen Lieder handeln vom Wandern, von unerfüllter Liebe, von der Flucht in die Einsamkeit der Natur, von Sehnsucht nach der Ferne oder auch nach der Heimat – alles zutiefst romantische Themen. In der Schumann-Literatur wurde viel diskutiert, ob die Sammlung ein echter Zyklus ist, der liedübergreifend eine Geschichte erzählt. Einiges spricht dafür – etwa die systematisch anmutende Tonartenfolge oder die Tatsache, dass Schumann für die letzten beiden Lieder die gleiche schlichte Melodie wählte, die im Schlussstück Alte Laute nur «noch langsamer und leiser» zu singen ist. Letztlich konnte aber bisher keine dramaturgisch überzeugende Erklärung gefunden werden, die alle zwölf Lieder einschliesst.
Jürgen Ostmann
Konzertprogramm
Franz Schubert 1797 – 1828
Lieder (1815–1827) (40’)
Der Jüngling an der Quelle (von Salis-Seewis) D 300
Luisens Antwort (Kosegarten) D 319
Willkommen und Abschied (Goethe) D 767
Wandrers Nachtlied II (Goethe) D 768
Des Fischers Liebesglück (Leitner) D 933
An den Mond in einer Herbstnacht (Schreiber) D 614
Auflösung (Mayrhofer) D 807
Im Freien (Seidl) D 880
Über Wildemann (Schulze) D 884
Auf der Bruck (Schulze) D 853
Robert Schumann 1810 – 1856
Liederkreis op. 35 nach Gedichten von Justinus Kerner (1840) (31’)
Lust der Sturmnacht
Stirb, Lieb’ und Freud’!
Wanderlied
Erstes Grün
Sehnsucht nach der Waldgegend
Auf das Trinkglas eines verstorbenen Freundes
Wanderung
Stille Liebe
Frage
Stille Tränen
Wer machte Dich so krank?
Alte Laute
Liederabend
Sophie Rennert Mezzosopran
Graham Johnson Klavier
Die österreichische Mezzosopranistin Sophie Rennert begann ihre Gesangsausbildung bei ihrer Mutter Sigrid Rennert. 2014 schloss sie ihr Studium an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien MDW bei Karlheinz Hanser und Charles Spencer mit Auszeichnung ab. Sie besuchte Meisterkurse unter anderem bei Brigitte Fassbaender, Ann Murray, Helmut Deutsch. Sophie Rennert ist Gewinnerin des 2. Preises und des Publikumspreises des 7. Internationalen Cesti-Wettbewerbs für Barockgesang in Innsbruck 2016 sowie Preisträgerin des Internationalen Mozartwettbewerbs Salzburg 2014. Grosse Erfolge feierte sie als Opernsängerin, so etwa in der Titelrolle von Händels Lotario an Konzert Theater Bern, dessen Ensemble sie von 2014 bis 2016 angehörte. Als Liedsängerin arbeitet sie mit den bedeutendsten Begleitern wie Graham Johnson, Helmut Deutsch, Julius Drake und Joseph Middleton zusammen.
Graham Johnson gilt als einer der bekanntesten Liedbegleiter unserer Zeit. Er arbeitete mit Weltstars wie Brigitte Fassbaender, Jessye Norman, Thomas Hampson, Peter Schreier oder Elisabeth Schwarzkopf. Der Pianist studierte in London an der Royal Academy of Music; unter seinen Lehrern sind Gerald Moore und Geoffrey Parsons hervorzuheben. Zu seinen Verdiensten zählt die Gesamtaufnahme des Schubert’schen Liedschaffens auf dem Label Hyperion Records. Ähnliche Projekte wurden mit Liedern Schumanns und Faurés umgesetzt. Ausserdem ist Johnson Verfasser ausgezeichnet recherchierter Bücher und CD-Booklets. Er ist Senior Professor für Korrepetition an der Guildhall School of Music und Mitglied der Königlich Schwedischen Musikakademie.