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Interview mit Jean-Baptiste Richardier, Mitbegründer unserer Organisation
Anlässlich unseres 40-jährigen Bestehens blickt Jean-Baptiste Richardier, Mitbegründer unseres Hilfswerks, auf die Ursprünge und das Herzstück unserer Organisation zurück.
Jean Baptiste und Marie Richardier mit 2 Begünstigten, Mom und Emilie Pin Vath, in den 1980er Jahren. | © HI
Wie wurde Handicap International gegründet?
Die Gründung von Handicap International kam völlig unerwartet. Ich war mit Ärzte ohne Grenzen an der thailändisch-kambodschanischen Grenze und wurde Zeuge von 10 bis 15 neuen Opfern von Landminen, einer Waffe, mit der die Überlebenden des Regimes der Roten Khmer vernichtet wurden. In diesem Moment beschlossen meine Frau Marie und ich, und später auch meine Schwester und mein Schwager, eine Hilfsorganisation zu gründen, um während humanitären Krisen zu helfen. Damals war es üblich, unter dem Vorwand der Qualität der Versorgung, mit der Hilfe bis zu einem günstigeren Zeitpunkt zu warten.
Welche Rolle spielen Prothesen für unsere Hilfsorganisation?
Zum Zeitpunkt der Gründung von Handicap International war man der Ansicht, dass man mit der spezifischen Hilfe für Menschen mit Behinderungen bis zu einem Zeitpunkt warten müsse, der für eine qualitativ hochwertige Versorgung günstiger und vorteilhafter sei. Dies war ein absolut inakzeptabler Irrtum! Denn gerade dann, wenn Menschen unsägliches Leid erfahren haben, brauchen sie Hilfe, um sich wieder aufzurichten und das, was ihnen angetan wurde, zu verarbeiten. Nur so können sie ihr soziales, familiäres und berufliches Leben aufrechterhalten und all diese Schwierigkeiten überwinden.
Was sind die Schlüssel für eine erfolgreiche Rehabilitation?
Wir haben sehr schnell gemerkt, dass Prothesen nicht ausreichen. Natürlich nutzten die Mutigsten und Kräftigsten unter ihnen sofort die neuen Möglichkeiten, die ihnen die freien Hände boten, und gingen ihren täglichen Aufgaben nach. Aber die überwiegende Mehrheit war gebrochen. Dann erkannten wir, dass die Ausbildung von Menschen mit Amputationen zu Techniker:innen, damit sie ihre eigenen Prothesen herstellen und andere Menschen mit Prothesen ausstatten konnten, eine aussergewöhnliche Verwandlung in ihnen bewirkte. Wir haben erkannt, dass das Gefühl, in der Gesellschaft gebraucht zu werden, ein wesentlicher Bestandteil der Rehabilitation ist. Deshalb haben wir unsere Projekte für den Zugang zur Schule, den Zugang zur Berufsbildung und die Eingliederung in die Gesellschaft ins Leben gerufen.
Inwiefern ist die Innovation das Herzstück unserer Arbeit?
Der erste technologische Fortschritt von Handicap International bestand darin, lokale Materialien und lokale Kompetenzen zu nutzen. Es war sehr wichtig, dass die Menschen mit den Materialien vertraut waren, damit sie sie annehmen und selbst anfangen konnten, Prothesen herzustellen und unabhängig zu werden. Der zweite technologische Meilenstein war unsere Zusammenarbeit mit der Firma Proteor bei der Entwicklung von Notfall-Prothesen-Kits, mit denen wir während der Katastrophe in Port-au-Prince in Haiti Hunderte von Amputierten versorgen konnten. Und in letzter Zeit haben wir mit 3D-Prothesen experimentiert. Auch hier folgen wir der Philosophie von Handicap International, das Machbare umzusetzen. Was in einem bestimmten Umfeld sinnvoll ist, muss umgesetzt werden, von der Bambusprothese bis hin zur 3D-Prothese.