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SRF: Sie bringen Ihr neues Elektro-Album wieder mit einer bombastischen Show auf die Bühne. Ist so ein Live-Spektakel noch zeitgemäss?
Jean-Michel Jarre: Heute kann man überall Musik hören: auf der Strasse, im Kopfhörer, überall. Aber der visuellen Eindruck, den man durch einen Youtube-Clip bekommt, ist nicht mit einem Live-Erlebnis vergleichbar.
Ich will Klang-Architekturen und -landschaften erschaffen, mit Fluchtlinien und Perspektiven. Eine Art dreidimensionale Musik, in die man total eintauchen kann. Dafür muss man wirklich ins Konzert kommen.
Sie haben für Ihre Platte «Electronica 2» ein Stück mit Edward Snowden aufgenommen. Warum?
Als ich 2013 an «Electronica» arbeitete, habe ich zum ersten Mal von Edward Snowden gehört. Ich war sehr berührt von ihm, weil er mich an meine Mutter erinnert hat. Sie war eine wichtige Figur in der französischen Widerstandsbewegung im Zweiten Weltkrieg gewesen.
Sie hatte mir erzählt, dass ein Teil der damaligen Gesellschaft die Widerstandskämpfer als Unruhestifter, ja sogar als Verräter angesehen hatte, weil diese die Staatsgewalt infrage stellten.
Ich war sehr berührt von Edward Snowden, weil er mich an meine Mutter erinnert hat.
Meine Mutter hatte mich gelehrt, dass die Gesellschaft sich wehren muss, wenn die Staatsgewalt sich gegen das Wohl der Gemeinschaft wendet. Genau das hat Edward Snowden gemacht, was in mir den Wunsch weckte, mit ihm zusammenzuarbeiten.
Ich habe ihn in Moskau getroffen. Er ist ein grossartiger junger Mann, voll Humor, Leben und Loyalität gegenüber seinem Land. Ausserdem ist er ein Fan der elektronischen Musik. So haben wir beschlossen, ein Stück zusammen zu machen. Wir haben den Titel «Exit» und den Charakter des Stücks gemeinsam festgelegt.
Der harte, hektische Techno-Beat soll die Gier nach immer mehr Daten und Informationen darstellen. Snowdens Beitrag zum Stück besteht aus einem Manifest, das er zitiert, und in dem er erklärt, warum er wie gehandelt hat. Für mich ist seine Tat eine Form zeitgenössischen Heldentums.
Ein Globus und ein menschlicher Schädel sind die Motive des Covers von «Oxygène 1» und auch von «Oxygène 3», Ihrer neuesten Produktion. Steht dieses Bild damals wie heute für Ihre Message, dem Erdball mehr Sorge zu tragen?
Als ich 1976 «Oxygène 1» machte, sorgten sich noch nicht viele Menschen um die Umwelt. Wer das tat, galt damals als Träumer oder als Neo-Hippie. Die Politik kümmerte sich nicht um grüne Anliegen.
Seither ist das gesellschaftliche Bewusstsein und der Respekt für unseren Planeten gewachsen – obwohl keine wirkliche Lösung in Sicht ist. Das wollte ich auf dem Cover von «Oxygène 3» darstellen: Das Problem bleibt bestehen, aber wir betrachten es jetzt aus einem anderen Blickwinkel.
Was erwartet den Hörer auf «Oxygène 3»?
Das 40-jährige Jubiläum von «Oxygène» habe ich zum Anlass genommen, ein Folge-Album zu produzieren. Das erste «Oxygène»-Album habe ich innerhalb von sechs Wochen gemacht. Zum Vergleich: Für die zweitjüngste Platte «Electronica» benötigte ich 5 Jahre.
Also wollte ich mit «Oxygène 3» zurück zu meinen Anfängen und wieder etwas Minimalistisches erschaffen. Auch habe ich während des Komponierens daran gedacht, wie im Vinyl-Zeitalter, eine A- und eine B-Seite zu machen. So entstand ein Album, das musikalisch aus zwei Teilen besteht, einer dunkleren A-Seite gewissermassen und einer melodiöseren B-Seite.
Das Interview führte Meili Dschen.
Sendung: SRF 1, 10v10, 18.11.2016, 21:50