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Die Mischung von Enttäuschung und Stolz, wenn ein Kind erfährt oder selbst herausfindet, dass das Umfeld ihm ein Spiel vorgaukelte in der Absicht, dass es das Spiel eben gerade nicht als Spiel durchschaue, ist symptomatisch für jeden Entwicklungsschritt Richtung Erwachsensein. Enttäuschung - zuerst einmal in der üblichen Bedeutung einer negativen Emotion als Reaktion auf die Entdeckung, dass man bewusst belogen wurde - Enttäuschung also darüber, dass man etwas für bare Münze, für gesicherte Realität, ja sogar für absolut gültige Wahrheit hielt, was die, die uns das erzählten, selbst gar nicht für wahr halten. Die Enttäuschung bezieht sich - so meine These - weniger auf die Frage, ob irgendeine Instanz nun sicher sagen könne, ob es den Osterhasen, den Samichlaus, das Christkind nun wirklich gebe, als auf die Tatsache, dass man von nahen Vertrauenspersonen belogen oder zumindest nicht in das Spiel eingeweiht wurde. 'Enttäuschung' kann man aber auch decodieren als die Ent-Täuschung, also den Wegfall, die Aufhebung der Täuschung - und schon konnotiert der Vorgang positiver und führt zum Stolz, etwas durchschaut zu haben, hinter eine Fassade gekuckt und sie somit erst als Fassade erkannt zu haben.
So weit wird sich das Protestgeheul in Grenzen halten. Nun aber zur These, dass sich dieser Vorgang unablässig wiederhole bis zum Erwachsensein - oder genauer: wiederholen müsste, falls jemand wirklich erwachsen werden möchte. Dahinter steckt eine nicht ganz übliche Definition von 'erwachsen'. 'Erwachsen' wäre demzufolge jemand, der keiner Täuschung mehr aufsitzt, der weder sich selbst etwas als absolut wahr vorgaukelt, noch sich irgendetwas vorgaukeln lässt. Erwachsen wäre jemand, der das zuviel zitierte und kaum verstandene Dictum von Sokrates aushält: "Ich weiss, dass ich nichts weiss". Wer sich noch an irgendwelche absolute Wahrheiten klammert, wer irgendwelches Wissen als 'gesichert' reklamiert, wer glaubt, Naturgesetze oder gar 'Schicksalsgesetze' entdeckt zu haben, die schon immer galten und ewiglich gelten werden, wer irgendeine religiöse, politische, ideologische, spirituelle oder was weiss ich für eine Überzeugung, sei es eine selbst gebastelte oder eine von einem Kollektiv übernommene, für absolut verkaufen und anderen aufzwingen will, wäre demzufolge nicht erwachsen, sässe immer noch einer Täuschung auf. Östliche Weisheitslehren gehen so weit, dass sie das, was wir Westler im Brustton der Überzeugung 'Realität', 'Welt', 'Universum', 'Materie' nennen, mit dem Begriff 'MAYA' bezeichnen, dem Sanskritwort für 'Täuschung'. Der Erwachsene kann auch diese Vorstellung schmunzelnd gelten lassen, denn wer weiss schon, ob sie nicht stimmt? Solange niemand von ausserhalb unseres Bewusstseins uns erzählt, ob es nicht vielleicht eine Sphäre, eine Welt, was auch immer ausserhalb unseres Bewusstseins gebe, könnte es doch durchaus sein, dass wir auch im Grossen einer ganz saftigen Täuschung aufsitzen. Und dass unsere Sinne nicht gerade absolute Leistungen erbringen, wenn man sie mit den Sinnen von Tieren vergleicht, dürfte doch wenigstens den Verdacht nähren, dass auch unser Bewusstsein, das die sinnlichen Wahrnehmungen aufnimmt, sortiert und zu deuten versucht, nichts Absolutes, nichts Unhinterfragbares, nichts Einzigartiges sein könnte, dass unsere Vernunft, auf die wir so stolz sind, uns genau so fragwürdige, relative und manchmal sogar recht schäbige Resultate liefert, wie unsere Sinne und das ganze physische Equipment, mit dem wir weder Infrarot noch Ultraviolett sehen, nur einen winzigen Bruchteil dessen riechen, was ein Hund erschnuppert, und nicht mal in derLage sind, an der Decke rumzuspazieren, zu atmen unter Wasser und zu fliegen, ohne in schwerfällige, fette Maschinen einzusteigen.
Die Lehren rund um diese MAYA-Vorstellung geben den Hinweis, dass die wenigen Erleuchteten, die noch in einem Menschenkörper steckten, zuerst einmal einen nicht enden wollenden Lachanfall hatten - und deuten es so, dass sie eben gerade entdeckt hätten, dass unsere Welt mit dem ganzen Mörderlispiel, Folter, Krieg und Elend, mit der ganzen Gier und der unsäglichen Dummheit nur ein Traum, ein Spiel sei. Wenn wir also schon keine gesicherte, absolut richtige Sicht auf unsere Welt haben mangels externem Beobachtungsstandort, weil wir eben mitten drin stecken, so könnten wir doch zumindest diese Haltung des Spiels als Hypothese zu bewahren versuchen. Denn solange wir davon ausgehen, in einem grossen Spiel mitzumachen und bei jedem Spielzug an die Möglichkeit denken, dass es eben nur ein SPIEL-Zug sein könnte, dass der grosse Shakespeare vielleicht doch ein wenig Recht haben könnte mit seiner ebenfalls zuviel zitierten und selten in ihrer revolutionären Tiefe verstandenen Behauptung 'Life is a stage' - solange könnte das Leben doch recht abenteuerlich, recht entspannt, recht humorvoll sein. Eben ein Spiel unter Erwachsenen, von denen keiner behauptet, er wisse mit letzter Sicherheit, ob es den Osterhasen nicht doch gebe. Es sei einfach wie mit Mani Matters Lied vom 'Bueb mit Name Fritz', der immer so schnell gerannt sei 'wie dr Blitz', dass ihn noch niemand gesehen habe und dass sogar er, der Verslischmied, nicht sicher sagen könne, ob es ihn gebe oder nicht.
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