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Erfolgreiche Karrieren verlaufen gelegentlich auch ausserhalb der ETH. Der Winterthurer Industriellensohn Hans Sulzer (1876-1959) (ganz links im Bild mit Kommilitonen in Leipzig) war sich dessen noch nicht bewusst, als er nach seinem juristischen Erststudium an der Wende zum 20. Jahrhundert vergeblich auf eine ergänzende Ausbildung an einer technischen Hochschule hoffte.
«Es hatte dabei die Weisung, dass ich nach Abschluss meines juristisch-nationalökonomischen Studiums noch ein paar Semester an einer technischen Hochschule studieren sollte. Leider kam es nicht mehr dazu, da mein Onkel […] auf meinen baldigen Eintritt ins Geschäft drängte. In meiner leitenden Stellung in dem Unternehmen habe ich zeitlebens unter diesem Versäumnis gelitten.»Letztwillige Verfügung, 12. März 1942 (AfZ Nachlass Hans Sulzer / 52.5.).
Erfolgreicher Unternehmer
Das «Versäumnis» war für Hans Sulzer einerseits persönlich offenbar schmerzhaft. Sein früher Eintritt ins Familienunternehmen Gebrüder Sulzer im Jahr 1903 markiert andererseits den Beginn einer über fünfzig Jahre langen erfolgreichen Berufskarriere mit Spitzenpositionen im Unternehmen, in der schweizerischen Wirtschaftspolitik und auf dem internationalen diplomatischen Parkett während der beiden Weltkriege.
Auf eine kaufmännische Lehrzeit in Europa folgte als Bestandteil der erweiterten Ausbildung und zur internationalen Vernetzung eine zweijährige Geschäftsreise durch Süd-, Zentral- und Nordamerika. Als er anschliessend 1909 zum Kollektivgesellschafter geworden war, hatte sich Hans Sulzer im Familienunternehmen etabliert. Und schon kurze Zeit später wurde er zur treibenden Kraft bei der Umwandlung in die Aktiengesellschaft mit dem Namen «Gebrüder Sulzer Aktiengesellschaft Winterthur». 1914 zum Vorsitzenden der geschäftsleitenden Delegation des Verwaltungsrats ernannt, fungierte er später als dessen Vizepräsident und dann als Präsident bis zu seinem Tod 1959.
Diplomatischer Quereinsteiger
Ungeplant und mit vergleichsweise jungen 41 Jahren betrat Hans Sulzer – wohl gerade wegen seines wirtschaftlichen Erfolgs – die diplomatische Bühne. Der Bundesrat ernannte ihn 1917 zum ausserordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister in Washington. Angesichts der unsicheren Versorgungslage der Schweiz während des Ersten Weltkrieges sollte er mit den Amerikanern über dringend benötigte Lebensmittellieferungen verhandeln. Sein weitreichendes Kontaktnetz nutzte er in der Sache sehr erfolgreich. Zusammen mit seiner Frau Lili schaffte er es zudem, die öffentliche Meinung in den USA über die Schweiz positiv zu beeinflussen:
«I […] can assure you that one of the compensations of my war work in Washington was my delightful associations with you and your family and my regret always was that the war exigencies did not permit us to do more for your good people whom you so ably represented.»Vance McCormick, Vorsitzender War Trade Board, 15. Januar 1920 (AfZ Nachlass Hans Sulzer / 32.4.).
Im Zweiten Weltkrieg war «Minister Sulzer» als zentrale Figur in die Organisation der Kriegswirtschaft eingebunden. Erneut war er auch in diplomatischer Mission unterwegs. In London und Berlin vertrat er diesmal die handelspolitischen Interessen der Schweiz gegenüber den Alliierten und den Achsenmächten. Diesen schwierigen Spagat musste er teuer bezahlen. In einem Brief aus London an seine Frau zeichnet sich das Unheil bereits ab:
«Ich muss sagen, ich bin nicht gerade in glücklicher Stimmung; eigentlich hätte ich besser für eine fighting-mission nach Berlin gepasst, als hier die Bührle’sche Waffen- und Munitionsfabrikation für die Nazi zu verteidigen. (das unter uns).»
Um eine Reduktion des deutsch-schweizerischen Aussenhandels zu erreichen, beschlossen die Alliierten, zum erprobten Sanktionsmittel der sogenannten schwarzen Liste zu greifen. Doch nicht etwa die Werkzeugmaschinenfabrik Oerlikon, sondern die Firma Sulzer fand sich ab Oktober 1943 ein halbes Jahr auf dieser Liste. Damit wurde vor allem ein Exempel an Hans Sulzer als dem herausragenden Repräsentanten der Schweizer Wirtschaft statuiert. Erst nach dem Einlenken der Schweiz beendeten die Alliierten ihren Eingriff in die schweizerische Maschinenindustrie. Von der vorübergehenden Ungnade erholt, entwickelte sich der Geschmähte im Rückblick zum «Transatlantiker der ersten Stunde» (vgl. dazu die Informationen zur entstehenden biografischen Studie am Schluss dieses Beitrags).
Sulzer dennoch an der ETH verewigt
Auch das Credo, ein Sulzer müsse an die ETH, fand letztlich Gehör, allerdings in Kunstform und gegen Bezahlung. Der Landschaftsmaler Wilhelm Ludwig Lehmann schuf im Erweiterungsbau des ETH-Hauptgebäudes Darstellungen wichtiger technischer Werke und Unternehmen in der Schweiz. Im Firmenauftrag entstand so 1928 das Wandgemälde einer Montagehalle für Dieselmotoren der Gebrüder Sulzer AG:
Biografie auf neuer Quellenbasis
Ein Glücksfall ist die 2021 erfolgte Schenkung umfangreicher privater Korrespondenz und Fotografien aus Familienbesitz an das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, das bereits den Nachlass von Hans Sulzer betreut. Im Gleichschritt mit dieser Ablieferung durch den Enkel Alfred R. Sulzer reifte der Gedanke, den «business-statesman» aus Winterthur einer biografischen Studie zu unterziehen, die sich insbesondere auch auf diese bisher unveröffentlichten privaten Quellen stützen konnte.
- «Weltengänger» in krisenhaften Zeiten – Der Winterthurer Industrielle und Diplomat Hans Sulzer (1876-1959): In der im Mai 2023 erscheinenden Biografie beleuchten sieben Autorinnen und Autoren Sulzers unterschiedliche Lebenswelten.
- Buchvernissage 24. Mai 2023: Information und Anmeldung.