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Damit «Landsassen» zu einer Heimat kamen
Seit 1867 gibt es eine selbständige Burgergemeinde in Rütschelen. Das 150-Jahr-Jubiläum wurde an einem schönen, wenn auch kühlen Abend auf dem Flüehli gefeiert. Umrahmt wurde das Fest durch die Klänge der Musikgesellschaft Rütschelen. Nicht nur Burgerinnen und Burger von Rütschelen, sondern auch Einwohnerinnen und Einwohner der Gemeinde folgten der Einladung zu dieser Geburtstagsfeier.
Die Teilnehmenden liessen sich gerne durch die amtierende Präsidentin Lina Kurth und die ehemaligen Präsidenten Andreas Kaufmann und Andreas Wälchli auf den Weg in die Vergangenheit der Burgergemeinde mitnehmen.
Zu Beginn ihrer interessanten Ausführungen ging Lina Kurth zurück auf den Beginn der Burgergemeinden. Sie wies auf die sogenannten «Heimatlosen» hin. Zu den Folgen von Kriegen, religiösen Verfolgungen, sozialen Missständen aller Art gehörte es, dass Menschen dauernd auf Wanderschaft waren und nie irgendwo heimisch wer--
den konnten. Das wurde für die Obrigkeit zu einer Landplage. 1520 befasste sich die Tagsatzung mit dem Problem. Es wurde als Grundsatz entschieden, dass Einheimische in die Orte ihrer Herkunft und Ausländer des Landes verwiesen werden sollten.
Nur Landsassen
Der Erfolg war bescheiden. In der nächsten Zeit fehlte es nicht an Bemühungen der Regierung, diesen Heimatlosen, nun «Landsassen» genannt, eine Heimat zu geben.
1648 ging mit der Reformation die Armenpflege von der Kirche auf die Gemeinden über. Es wurden Neusiedlungen in Einöden für die Landsassen geschaffen. 1820 kam es zwischen den eidgenössischen Ständen schliesslich zu einem Konkordat, wonach sie sich gegenseitig verpflichteten, einem anderen Kantonsbürger den Aufenthalt und die Niederlassung zu gestatten. Nun hatten die Landsassen zwar ein Kantons-, aber kein Gemeindebürgerrecht. 1822 erliess die Regierung der Stadt und der Republik Bern die Verordnung zur Einführung von Burger-rodeln. Jede Gemeinde musste unter der Leitung und Aufsicht des Pfarrers einen solchen Rodel führen.
Aber Heimatlose gab es immer noch. Erst die Bundesverfassung von 1848 brachte eine endgültige Lösung. Das Gesetz über die Einbürgerung der Heimatlosen und Landsassen wurde aber erst im Jahr 1859 vom Grossen Rat verabschiedet.
Die Zuteilung dieser umherziehenden Menschen an die Gemeinden erfolgte per Los. Alle heimatberechtigten Personen in einer Landgemeinde wurden damit zu Burgern.
Es gab Einwohnergemeinden, später folgten die Zivilstandsämter. Letzteren wurde nun die Führung der entsprechenden Rodel für die Bürgerinnen und Bürger einer Gemeinde übertragen. Die Burgergemeinden stellen seit Jahren keine Heimatscheine mehr aus und wurden nicht mehr verpflichtet, die Burgerrodel weiterzuführen. Das Recht zur Zusicherung und Erteilung des Gemeindebürgerrechts in der Form des Burgerrechts ist ihnen weiterhin gewährt.
Geld fürs Auswandern
In Rütschelen hatte es etliche Arme, deshalb wurde 1850 der Aebnitwald abgeholzt und der Erlös Personen übergeben, die auswandern wollten. Das Holz wurde für Bahnschwellen der Linie Olten–Bern verwendet.
Ein ganz wichtiger Schritt war 1867 der Abschluss des Ausscheidungsvertrages zwischen der Einwohnergemeinde Rütschelen und der (damals wohlhabenden) Burgergemeinde Rütschelen (Kirchgemeinde Lotzwil, Kirchengut). Darin sind die Vermögenswerte, Schulden, Rechte, Dienstbarkeiten und die Standorte von Liegenschaften, Land- und Waldstücken genau umschrieben.
Heute ist die Burgergemeinde im Besitz von 137 ha Wald und 54 ha Land. Das Flüehli gehört zum Eigentum der Burgergemeinde. Das Land für den Bau des Lehrerhauses 1957 und 1969 für denjenigen des Schulhauses wurde der Einwohnergemeinde zur Verfügung gestellt.
Die Veruntreuung des damaligen Burgerkassiers 1976 war für die Finanzen der Burgergemeinde ein harter Schlag. Ab diesem Jahr amteten Hans Kurth als Burgerschreiber und seine Frau Margrit Kurth-Meyer als Kassierin.
1967 fügte der Jahrhundertsturm den Wäldern der Burgergemeinde einen Schaden von 8000 m3 oder acht Jahresnutzungen Holz zu. Der Sturm «Vivian» 1990 brachte 1000 m3 und 1999 «Lothar» 2500 m3 Holz zu Schaden. Die Liegenschaft in der Stampfi konnte gekauft, ausgebaut und dort die erste Schnitzelheizung in Betrieb genommen werden. Für die UKW-Station auf dem Gütsch wurde Boden zur Verfügung gestellt und die Strasse bis Waldhaus ausgebaut. Die Waldhütte konnte umgebaut und eine Feuerstelle errichtet werden. 1994 lieferte die Bur-
gergemeinde Bauholz für den Dachstock des Gemeindehauses, wo auf Druck des Burgerrates eine Schnitzelheizung eingerichtet wurde. 1981 wurden die Forstreviere gegründet. 1999 wurde das Gemeinderevier dem Staatsrevier 609 Nord zugeteilt.
2005 demissionierten Hans und Margrith Kurth. Esther Kurth-Lüthi wurde als neue Burgerschreiberin und Kassierin ernannt.
Wegen dem Preiszerfall des Holzes diskutierte der Burgerrat im Jahr 2009 erstmals über einen grösseren Wärmeverbund im Bergquartier. Heute sind diesem 18 Liegenschaftsbesitzer angeschlossen.
Etliche Aufgaben der Burgergemeinde Rütschelen haben sich in all den Jahren verändert. Anpassungen mussten erfolgen, zum Beispiel, dass die Burger kein Holz mehr erhalten, auf der andern Seite kein Gemeinwerk mehr zu leisten ist.
Dies hatte Auswirkungen auf die Öffentlichkeit, hat doch seit eh und je die Burgergemeinde Holz für das 1.-August-Feuer bereitgestellt. Erstmals wurde nun im Frühjahr 2017 für den 1. August eine öffentliche Holzsammlung organisiert, an der auch ganze Familien teilgenommen haben.
Esther Kurth demissionierte als Burgerschreiberin und Kassierin per Ende Juni 2016. Der Burgerrat wählte als Nachfolgerin Alexandra Ruch. Das Wohl der Bevölkerung von Rütschelen ist der Burgergemeinde wichtig, deshalb unterstützt sie auch die Vereine und ihre Tätigkeiten ebenso wie die Durchführung der Seniorenreise.
Neues Bänkli und Jubiläums-Linde
Zum 150-Jahr-Jubiläum der Burgergemeinde Rütschelen wurde auf dem Flüehli ein zweites Bänkli gesetzt. Zudem ist geplant, den Lindenbaum, den die Teilnehmenden an der Jubiläumsfeier bestaunen konnten, in den nächsten Tagen am Standort des Kirschbaumes Richtung Bisig beim Bänkli des Dorfvereins zu setzen. Gemeindepräsident Stefan Herrmann zitierte Steve Jobs: «Der einzige Weg, grossartige Arbeit zu leisten, ist zu lieben, was man tut.»
Er zeigte auf, dass die Burgergemeinde ihre Arbeit liebt und dankte ihr herzlich für ihr Engagement. «Rütschelen wäre ohne die Burgergemeinde schwer vorstellbar», ist er überzeugt. «B»Regina Zaugg