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Der Vollmond leuchtete über das noch stille, blaue Meer und liess es in einem silbernen Schimmer leuchten. Bald würde die Sonne auf der anderen Seite aufgehen und mit ihren Strahlen das Meer türkisblau zum Scheinen bringen. Als Mariolu, die kleine Meerwelle, erwachte, blinzelte sie in den Morgengrauen und wusste, dass dieser Tag für sie von spezieller Bedeutung sein würde.
Mariolu schaute sich um und die grossen Wellen schliefen noch tief und fest. Diese Stille faszinierte sie. Sie streckte sich, um über das Wasser zu sehen und ihre zarte Bewegung lies die Welle neben sie erwachen. Mariolu genoss es, als erste wach geworden zu sein, denn so konnte sie das Schauspiel beobachten, wenn die anderen Wellen aufwachten. Ihre langsamen Bewegungen während sie sich streckten und reckten, vom Schlaf noch benommen, liessen langsam die Wasseroberfläche wellenartig schwanken. Die ersten Wellen bäumten sich hoch und liessen sich im Schaum ihres Körpers wieder genüsslich ins Wasser fallen. Mariolu war noch zu klein, um sich so bewegen zu können, aber eines Tages würde auch sie das tun können und zu den anderen grossen Wellen gehören. Sie wäre dann genau so kräftig und mächtig.
Die Sonne ging auf und die ersten Strahlen liessen das Wasser glitzern. Es würde ein schöner und heisser Sommertag werden. Mariolu liebte diese Tage, denn das bedeutete, dass viele Menschen mit ihrem Schiffen aufs Meer hinausfahren würden und diese Szenerie bot ihr immer wieder ein vielfältiges Schauspiel.
Die weissen, auf Hochglanz polierten Schiffe glitten über das Meer und die Wellen amüsierten sich im Kielwasser. Das war wie Achterbahnfahren. Manchmal stritten sich die grossen Meerwellen um den besten Platz. Das fand Mariolu lächerlich, denn es kamen ja so viele Schiffe vorbei, dass sich jede der grossen Wellen an die erste Position stellen konnte. Aber so waren eben die Erwachsenen. Sie schimpften die Kleinen und wenn es darauf ankam, vergassen auch sie ihre Vernunft und liessen sich von ihrem Spieltrieb vorwärts treiben.
Es war Sonntag und an Sonntagen waren immer besonders viele kleine und grosse Schiffe unterwegs. Die Menschen nahmen ihr Essen an Bord und veranstalteten Feste, Grilladen und vergnügten sich bei lauter Musik und erfrischenden Getränken. Ihre Stimmen glitten über das Wasser und Mariolu lauschte gerne den Geschichten, die sie sich erzählten. Alle Zusammenhänge verstand sie nicht immer, da die Menschen oft wirres Zeug redeten, das keinen Sinn machte. Sie vermutete auch, dass sie sich nicht immer die Wahrheit erzählten und mit ihren Geschichten übertrieben, um ihre Gesprächspartner zu beeindrucken.
Das mittelgrosse, weisse Schiff, entdeckte Mariolu bereits als es die Fahrrinne des kleinen Hafens verliess. Im Wind wehte eine grosse Fahne mit einer Sonne und einem Mond. Der Hintergrund war Blau und der Wind zerrte am Stoff, das fest am Masten hing. Menschen liefen seitlich zum Heck und der Kapitän rief ihnen etwas zu, das Mariolu auf diese Distanz nicht verstehen konnte. Sie bewegte sich langsam in die Richtung, aus der das Schiff kam und hoffte, dass es den Kurs beibehalten würde. Sie war neugierig und gespannt, wer die Menschen an Bord waren.
Als das Schiff näher kam, entdeckte Mariolu das kleine Mädchen am Bug des Schiffes. Sie sass am Boden und hielt sich an den Stahlseilen der Reling fest. Ihre Beine hingen über der Kante und sie starrte auf den Wellengang im Wasser. Sie schien fasziniert zu sein, wie die Wellen an der Schiffswand aufschlugen und zurückfielen. Es war ein durchaus hübsches, kleines Mädchen. Sie trug ein rosafarbenes Sommerkleid und ihre blonden Locken bedeckte ein weisser, runder Strohhut mit einer Schlaufe. Ihre Augen waren so blau wie das Meer. Mariolu fühlte sich zu diesem Mädchen hingezogen und so klammerte sie sich an eine kräftige Welle, die sich in Richtung Schiff bewegte. Ihr fehlte noch die Kraft, sich so schnell durch das Meer gleiten zu lassen.
Eine Frau rief nach dem Mädchen, welches aber weiter ruhig und gespannt auf das Meer hinunter schaute, unbeeindruckt, wer nach ihr rief. Zu gross war die Faszination der Bewegungen und der Farben des Wassers. Als sich Mariolu nährte, sah sie das Gesicht des Mädchens, mit ihren zarten Konturen und ihren freundlichen, weichen Gesichtszügen.
Berührt vom Anblick des Mädchens, vergass Mariolu sich rechtzeitig vom Rücken der grossen Welle zu lösen und so geschah es, dass sie gemeinsam gegen das Schiff prallten. Mariolu sah ihr Ende kommen und wusste, dass das ihre letzten Züge waren. Sie zerschlug mit grosser Wucht in Hunderttausend kleine Wassertropfen. Das Mädchen sah Mariolu direkt in die Augen und ein paar Spritzer trafen ihre kleinen, nackten Füsse, die über dem Bord hingen. Das Mädchen riss die Augen auf und sprang hoch. „Mama, Mama, kommt her und schau dir das an! Ich habe die Augen einer kleinen Meerwelle gesehen und ihre Tropfen sahen aus wie Kristalle. Ich habe noch nie so etwas Wunderschönes gesehen, Mama. Schau, auf meinen Füssen sind noch welche…“. Das Mädchen rannte zur Frau, die sich zu ihr umgedreht hatte.
Mariolu zerfiel im Wasser und während sie ihre letzten bewussten Gedanken wahrnahm, fragte sie sich, wofür sich ihr kurzes Dasein wohl gelohnt hatte. Sie sah das strahlende Gesicht des Mädchens vor sich und die Freude in ihren blauen Augen. Und dann erkannte sie den Zweck ihrer eigenen kurzen Existenz in diesem Augenblick. Es war die Freude. Sie hatte dem Mädchen Freude bereitet. Und dafür hatte es sich zu existieren gelohnt, dachte Mariolu.