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Schneeziegenjagd – im Bann Britisch-Kolumbiens
Durch das kleine Kippfenster dringt sanft das beruhigende Plätschern des Holzbrunnens vor der Jagdhütte. Das monotone und beruhigende Geräusch hilft bei Vollmond, sich in den Schlaf zu wiegen. Sonst ist nichts zu hören. Höchstens hin und wieder der Wind und was die menschenarme Natur sonst noch zu bieten hat. So wie heute Nacht: heulende Wölfe.
Text und Fotos: Mario Theus
Britisch Kolumbien
Die kanadische Provinz an der Küste des Pazifischen Ozeans ist riesig. 23 Mal würde die Schweiz hineinpassen. Die meisten Gebiete sind nur dünn oder gar nicht besiedelt. Auf einen Quadratkilometer kommen fünf Menschen. Das sind 40 Mal weniger als in der Schweiz, 12 Mal weniger als im Wallis und immerhin noch 5 Mal weniger als in Graubünden. Die Landschaft ist durchzogen von zahlreichen Gebirgszügen, darunter auch die bekannten Rocky Mountains. Dazu kommen gewaltige Gletscher, Seen, weite Bergtäler, endlose Nadelwälder und frei fliessende Gewässer. So müssen wohl die Alpen vor einigen Tausend Jahren ausgesehen haben. Atemberaubend!
Weite Teile Britisch-Kolumbiens (kurz auch BC genannt) sind menschenleer, denn der grösste Teil der Bevölkerung lebt in Grosstädten. Von den viereinhalb Millionen Einwohnern Britisch-Kolumbiens leben alleine zweieinhalb Millionen in Vancouver, der bekannten Metropole an der Westküste Nordamerikas. Die Bevölkerung hat erst ab dem 20. Jahrhundert stark zugenommen. Ausgelöst wurde diese Entwicklung durch verschiedene Einwanderungswellen wegen des damaligen Goldrausches.
Kanada ist eine sehr junge Nation – erst im Jahr 1867 wurde sie gegründet. BC trat 1871 der Kanadischen Föderation bei. Anfänglich wurde Britisch-Kolumbien von den sogenannten First Nations, von der indianischen Urbevölkerung, bewohnt. Die ältesten Nachweise von Siedlungen der Ureinwohner reichen über 12 000 Jahre zurück. Heute sind nur noch etwa viereinhalb Prozent der Bevölkerung von BC Angehörige der First Nations.
Als Teenager über den Atlantik
«Ich stehe auf mit der Jagd. Ich gehe zu Bett mit der Jagd. Ich träume von der Jagd. Die Jagd ist mein Leben», antwortet Michael Schneider auf die Frage, was die Jagd ihm bedeutet. In den Siebzigerjahren begann sein Vater Jagdreisen in Europa, Asien, Alaska und Kanada zu organisieren. An einigen dieser Expeditionen durfte Michael schon in jungen Jahren teilnehmen. Am Jagdabenteuer auf Reisen fand Michael grossen Gefallen. Ihm wurde bald klar, dass Britisch-Kolumbien der Ort ist, wo er leben und seine eigenen Jagdreisen veranstalten wollte. Nach Beendigung seiner Lehre in Deutschland im Jahr 1987 – Michael erlernte das Handwerk des Metzgers – packten Michael und seine damalige Freundin und heutige Ehefrau Manuela im Alter von 19 Jahren ihre Koffer und zogen nach Kanada. Heute führen sie zusammen mit den Söhnen René und Christian ein erfolgreiches Familienunternehmen in der Jagd-und Fischereibranche.
Seit nun mehr als drei Jahrzehnten führt Michael Jagdgäste aus der ganzen Welt auf Elch, Schneeziege, Schwarzbär und Grizzly (Die Jagd auf Grizzlybären wurde jedoch im vergangenen Jahr aus politischen Gründen in ganz Britisch-Kolumbien verboten.).
Die Grösse des bewirtschafteten Reviers haut einen vom Sockel: 380 000 Hektaren. Auf dieser Fläche kann Michael Jagden von elf verschiedenen Camps aus anbieten, wobei neun davon nur mit einem Wasserflugzeug erreichbar sind.
Unendliche Jagdgründe
Allen voran wird in Britisch-Kolumbien das Jagdrecht den First Nations zugestanden. Für die Selbstversorgung sowie zu kulturellen Zwecken ist den Ureinwohnern das Jagen praktisch uneingeschränkt gestattet. Britisch-Kolumbien ist in neun Jagdbezirke eingeteilt und hat ein modernes Wildtiermanagement. Die einheimischen Jäger können für wenig Geld Jagdlizenzen für die Jagd auf eine Vielzahl von Wildtierarten erwerben. Eine Elch-Lizenz kostet zum Beispiel rund 18 Franken, die Lizenz für einen Weiss- oder Schwarzwedelhirsch 11 Franken, eine Schneeziege kostet 30 Franken und auf Luchse kann man ab 6 Franken jagen. Für nicht einheimische Jäger steigt der Preis etwa auf das Zehnfache. Wie dies üblich ist beim Lizenzsystem, kauft der Jäger das Recht zur Jagd in einem bestimmten Gebiet.
Die Jagdreiseveranstalter bzw. «Outfitter» kaufen zunächst die Vermarktungsrechte für ein bestimmtes Gebiet. Dabei sind die Outfitter an dieselben Regeln wie jeder lokale Lizenzjäger gebunden. Ein lokaler Lizenzjäger, und selbst verständlich auch ein Mitglied der First Nations, kann in den Jagdrevieren der Outfitter ebenfalls ohne Voranmeldung auf die Jagd gehen.
Auch die Jagdreiseveranstalter müssen für ihre Gäste eine Jagdlizenz für die jeweilige Wildtierart kaufen. Die Lizenz für eine Schneeziege beläuft sich auf etwa 260 Franken. Für eine professionell geführte zehntägige Schneeziegenjagd in einer entlegenen Ecke, umgeben von Wildnis bis zum Horizont, muss ein Jäger, egal welcher Herkunft, etwa 12 000 Franken hinblättern. Diese Kosten entstehen vor allem durch die aufwendige Logistik. Das Einfliegen ins Jagdgebiet, die Unterkunft, die Verpflegung, und vor allem die Personalkosten führen dazu, dass eine solche (Traum-)Jagd für viele ein Traum bleibt.
Königin in der Farbe des Winters
Berge haben eine eigene Ausstrahlungskraft. Nirgends kommt man zu Fuss dem Himmel so nah wie im Gebirge. Sie sind Quelle von Naturkräften, formen Wind, Wetter, Bäche und Flüsse, die durchs Land strömen. Berge bilden den Lebensraum wundervoller Kreaturen. In den Alpen himmeln wir Jäger zum Beispiel Berghirsch, Steinwild und Gämse an. In den Bergen Britisch-Kolumbiens hat letztere eine nahe Verwandte, welche bei Jägern in Nordamerika einen sehr hohen Status geniesst: Die Schneeziege oder Oreamnos Americanus, wie sie unter Wissenschaftlern genannt wird. Wie ihr Namen schon andeutet, ist die Schneeziege ganzjährig schneeweiss. Sie lebt meist oberhalb der Waldgrenze und kann oft in fast senkrechten Felswänden beobachtet werden. Der Schneeziegenforscher Douglas H. Chadwick bezeichnet die weissen Überlebenskünstler als «die beste und kompletteste Bergsteigerin, die weltweit je existiert hat.»
Die Schneeziege führt ein gefährliches Leben. Eine kleine, von einigen Jägern wahrscheinlich weit überschätzte Gefahr, sind die Raubtiere. Wölfe, Pumas, Adler, Grizzlies und Schwarzbären, vielleicht sogar Luchs und Vielfrass. In Britisch-Kolumbien kommen sie alle vor. Schneeziegen müssen stets auf der Hut sein. Doch ein anderer Lebensfeind stellt alles in den Schatten, was ihnen den Tod bringen könnte: Der Winter. Britisch-Kolumbien liegt über dem 50. Breitengrad. Die Sommertage sind hier zwar länger als in den Alpen, doch das Nadelöhr ist der Winter. Im Winter sind die Tage kürzer und noch kälter als in den Alpen. Wildbiologe D. H. Chadwick konnte in den Siebzigerjahren, nach einem extremen Winter, dokumentieren, wie Schnee und Kälte in seinem Forschungsperimeter 90% der Schneeziegen ausradiert haben. Auch in durchschnittlichen Wintern überleben 40 bis 50 % der Kitze und Jährlinge gemäss den Erhebungen von Chadwick nicht. Dies sind ähnliche Werte, wie wir sie zum Beispiel bei den Gämsen kennen.
Die erste Schneeziegenjägerin
Michael Schneider führt von Mitte August bis Ende September Jäger auf Schneeziegen. Ausser im Jagdgebiet «Alpine Lake» starten die Jagden mit einem Fussmarsch. Vom Basislager im Tal oder am See geht es hoch bis zur Baumgrenze. Dort werden die Zelte aufgeschlagen, um von dort aus den Schneeziegen nachzustellen. Ein ganz besonderer Ort ist der Alpine Lake. Dieser liegt mitten in einer Bergkette der Skeena Mountains. Am Alpine Lake hat Michael eine kleine aber feine Jagdhütte errichtet. Ein vier auf fünf Meter messender Jägertraum, umgeben von Wildnis soweit das Auge reicht. Die Jagdhütte bietet vier bis fünf Personen Unterschlupf, hat eine Küche, eine simple Dusche und eine Heizung.
Jeder Weidmann braucht neben dem jagdlichen Geschick vor allem viel Jagdglück. Im August des vergangenen Jahres war die Schweizerin Sabrina D. Bloch die erste Jägerin, die Michael Schneider auf Schneeziegen führte. Das war nicht selbstverständlich, denn fast jeder dritte Jäger geht leer aus. Die Jagd auf Schneeziegen ist sehr anstrengend, vergleichbar mit der Gams- oder Steinwildjagd. Wer nicht gut zu Fuss ist, wird scheitern. Es gibt keine Wege, keine Pfade, das Jagdgebiet ist im wahrsten Sinne des Wortes unwegsam. «Es bedarf grosser mentaler Stärke. Dies wird oft unterschätzt. Der Jäger muss mit der emotionalen Achterbahnfahrt der Jagd und vor allem mit der Enttäuschung umgehen können.», sagt Michael Schneider. Die Schneeziegen haben fast alle Vorteile auf ihrer Seite. Oft stehen sie an Orten, wo nur Extrembergsteiger hinkommen würden. Schneeziegen sehen sehr gut und auf weite Distanz. Sie verhalten sich sehr scheu gegenüber allem, was nach einem potenziellen Fressfeind aussieht. Für einen Jäger aus den Alpen vollkommen ungewohnt: man läuft und spiegelt oft tagelang ohne Anblick. Vor allem die strengen Winter und der karge Lebensraum der Schneeziegen lassen hier keine Wildtierdichten zu, wie wir dies bei Gams- und Steinwild kennen. Und als sei dies nicht genug, sei hier noch das Wetterglück erwähnt. Wer Pech hat, der erwischt eine Regen- oder gar Schneeperiode. Auch im Monat August ist dies immer möglich. Doch sind dies nicht genau die Zutaten für das, was die perfekte Jagd ausmacht?
Als Jäger sind alle Menschen gleich
Man kann die Jagd buchen – aber den Jagderfolg muss man sich verdienen. Michael Schneider erklärt: «Ein Privileg meiner Arbeit ist, dass ich mit Menschen unterschiedlichster Herkunft, aus allen Schichten und Berufen, eine sehr intensive Zeit verbringen kann. Egal, ob Sohn eines Staatspräsidenten, Anwalt, Metzger, Schriftsteller, Mann oder Frau – als Jäger sind wir alle gleich. Wir beginnen den Tag mit dem gleichen Ziel. Wir begegnen den gleichen Hürden. Wir erleben die gleichen Höhen und Tiefen, und nur gemeinsam können wir Jagderfolg haben.»
Wie Sabrina D. Bloch sich als Jägerin an den Schneeziegen versuchte, wie Michael Schneider mit ihr die Höhen und Tiefen teilte, und wie das Jäger- und Jägerinnenleben an einem Ort ist, wo die Wölfe direkt vor der Jagdhütte heulen, ist auf dem YouTube-Kanal von PalormaHunting zu sehen: https://www.youtube.com/watch?v=ulE2hnTT3f4