Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03516.jsonl.gz/3001

Bis in die 1960er Jahre berücksichtigt Pro Helvetia in ihren internationalen Tätigkeiten die zeitgenössische Literatur praktisch nicht. Ähnlich wie in der Malerei und anderen Kunstsparten konzentriert sich die Stiftung auf einige wenige „klassische“ Vertreter des Schweizer Geisteslebens, deren Werke auf einfache Weise mit dem gültigen nationalen Identitätsdiskurs in Einklang gebracht werden können. Im literarischen Bereich gehören zu diesen repräsentativen Künstlern Jeremias Gotthelf und Charles Ferdinand Ramuz.
Die wichtige Rolle, die Gotthelf in der Anfangsphase der kulturellen Aussenpolitik spielt, entspricht seiner Bedeutung in dem von der Geistigen Landesverteidigung neu erfundenen literarischen Kanon der Schweiz. In seiner im Dezember 1938 an das Parlament überwiesenen Botschaft zur Schweizer Kulturpolitik verweist der Bundesrat auf den Schriftsteller aus dem Emmental, um den „Schweizer Geist“ zu definieren:
Ein Jeremias Gotthelf ist so durch und durch schweizerisch, dass dieser Name allein schon genügen würde, um unsere Auffassung von der ausgesprochenen Eigenart des schweizerischen Geistes zu stützen.
Die offizielle Anerkennung Gotthelfs, der zu Lebzeiten zu den unerbittlichsten Gegnern des Bundesstaates von 1848 gehörte, bestätigt die konservative und antimoderne Ausrichtung der Kulturpolitik vor dem Zweiten Weltkrieg. Bereits in der Zwischenkriegszeit verstärken die sozialen und politischen Krisen konservative Strömungen, die den Internationalismus der Grossstädte ablehnen und das Ideal einer Rückkehr zur vorindustriellen, ländlichen Schweiz pflegen. In diesem Zusammenhang werden Gotthelfs Romane immer mehr zum Inbegriff einer „gesunden“ nationalen Literatur. In ähnlicher Weise wird auch das Werk von Ramuz in eine Warnung vor den Folgen der Industrialisierung und der Modernisierung uminterpretiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg finden sich die gleichen Konzepte in der im Entstehen begriffenen Kulturaussenpolitik wieder. Die ersten Übersetzungsprojekte von Pro Helvetia betreffen die Romane Gotthelfs, die ausserhalb der Schweiz noch kaum bekannt sind. Allerdings scheitern diese Vorhaben am besonderen, von dialektalen Ausdrücken geprägten Stil des Autors. Anfangs der 1950er Jahre sind die Werke Gotthelfs das Thema zahlreicher Artikel, die der Pressedienst von Pro Helvetia im Ausland verbreitet. 1958 finanziert die Kulturstiftung eine englische Übersetzung der Erzählung Die schwarze Spinne, 1960 eine japanische Fassung des gleichen Texts.
In der Nachkriegszeit wird auch Ramuz zu einem beliebten kulturellen Exportartikel. Zahlreiche Vorträge im Ausland und Artikel gelten dem Werk des Schriftstellers, und in den 1950er Jahren subventioniert die Kulturstiftung einen Ramuz-Lehrstuhl am Centre universitaire de Nice. Die Abkehr vom Gotthelf-Ideal erfolgt in der Politik von Pro Helvetia erst Mitte der 1960er Jahren und ist insbesondere der von Jean-Rudolf von Salis eingeleiteten Modernisierung zu verdanken. (tk)
Archivbestände
Pro Helvetia, Protokolle Gruppe I
Literaturhinweise
Jost, Hans Ulrich: Politique culturelle de la Confédération et valeurs nationales, in: Crettaz, Bernard; Jost, Hans Ulrich; Pithon, Rémy: Peuples inanimés, avez-vous donc une âme ? Histoire et société contemporaines, Lausanne 1987, S. 19-38
Jost, Hans Ulrich: De l’anticommunisme chez Gotthelf à l’antisocialisme helvétique, in: Caillat, Michel; Cerutti, Mauro; Fayet, Jean-François; Roulin, Stéphanie (Hrsg.): Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse, Zürich, Chronos 2009, S. 29-45