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«Graded Exposure in vivo»-Methode bei chronischen Schmerzen
Ich danke den Kollegen Harnik et al. für die hervorragenden Artikel zum «komplexen regionalen Schmerzsyndrom (CRPS)». Wie sie in Teil 1 ausführlich beschreiben, ist es oft schwierig, dieses Schmerzsyndrom effektiv zu behandeln, und es ist mit viel Leid und Kosten verbunden. In Teil 2, im Abschnitt über Therapien, heben die Autoren zuerst die wichtige Bedeutung von Bewegung und Verhaltenstherapie hervor, bevor sie schmerzlindernde Therapien im Detail beschreiben.
Hier möchte ich gerne eine kleine Ergänzung hinzufügen: Die Kombination von spezialisierter Physiotherapie und Verhaltenstherapie, vor allem die sogenannte «Graded Exposure in vivo» (GEXP), hat sich bei chronischen Schmerzen – wobei Angst für Schmerz/Bewegen eine Rolle spielt – und bei CRPS insbesonders als sehr effektiv erwiesen [1–3]. Als Rehabilitationsarzt des «Maastricht University Medical Center» konnte ich diese Behandlungsmethode für chronische Schmerzen mitentwickeln und habe als ärztlicher Teil des Behandlungsteams sehr viele Patientinnen und Patienten mit CRPS mitbetreuen können. Die Behandlung war sehr erfolgreich [1, 3]. GEXP ist eine über 100 Jahre alte, hochwirksame psychologische Therapie zur Behandlung von Phobien wie Höhenangst oder Sozialphobie [5]. Die Patientinnen und Patienten werden sehr strukturiert von ihnen als bedrohlich empfundenen Situationen und Tätigkeiten, und zwar in zunehmender Intensität, ausgesetzt. Beim CRPS der Hand zum Beispiel heisst das, zuerst die betroffene Hand selbst zu massieren, dann immer schwerere Gegenstände aufzunehmen, bis sie schliesslich nach einigen Wochen an den Händen hängen. Die Angst nimmt bei jedem Schritt zunächst stark zu, bis die Bewegungen erfolgreich ausgeführt wurde. Dieser kleine Gewinn vermindert die Angst etwas und der nächste Schritt kann unternommen werden.
Das Verfahren wurde kontinuierlich an die unterschiedlichen Schmerzsyndrome angepasst und weiterentwickelt [1, 4]. Wenn keine signifikante psychische Komorbidität vorliegt, die zuerst angegangen werden muss, ist die Behandlung sehr effektiv, dauert nur relativ kurze Zeit und ist daher auch kostengünstig [4]. In der Praxis fangen Patientinnen und Patienten schnell an, sich wieder zu bewegen, wenn die Angst vor (noch mehr) Schmerz abnimmt, und im Fall eines CRPS verschwinden auch die meisten Symptome schnell. Dies gibt den Betroffenen nochmals Vertrauen in die Behandlung und erhöht oft ihre Motivation; die Last des Schmerzes verschwindet dabei langsam in den Hintergrund. Unsere Erfahrung nach möchten die meiste Patientinnen und Patienten dann die Schmerzmittel reduzieren und schliesslich stoppen. Durch internationale Netzwerke von Schmerztherapeutinnen und -therapeuten konnte GEXP in einige andere fortschrittliche Kliniken in Europa expandieren, wie etwa nach Deutschland und in die Schweiz.
Für weitere Informationen und Erfahrungen mit der GEXP-Methode stehe ich gerne zur Verfügung.
Der Autor hat deklariert, keine finanziellen oder persönlichen Verbindungen im Zusammenhang mit diesem Beitrag zu haben.
Kopfbild: © Thomas Gowanlock | Dreamstime.com