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Vor dreissig Jahren ist die Welt verstummt.
In den Schulen gilt hauptsächlich Stillarbeit, ohne dass es wirklich irgendwo aufgeschrieben ist. Vielleicht liegt es daran, dass Generation Delta hauptsächlich aus stillen, introvertierten Menschen besteht, vielleicht liegt es auch daran, dass die anderen Generationen nichts anderes als Sprechen im Kopf haben. Von denen leben aber auch nur noch ein paar alte, verwirrte Leute.
Selten sehe ich Menschen ein ernsthaftes Gespräch führen, und wann, dann haben sie in einem Ohr einen übergrossen Kopfhörer, als würden sie die andere Person am liebsten gar nicht hören.
Ich dafür höre gerne anderen zu. Lieber noch spreche ich – wenn mir doch jemand zuhören würde.
Ich bin einer von diesen Leuten, die einfach nirgends reinpassen. Ich habe früher versucht, mich mit anderen anzufreunden, doch sie wollten nicht mit mir befreundet sein, weil ich zu »aussergewöhnlich« bin. Ich frage mich, was mich in ihren Augen so aussergewöhnlich macht. Meine Hautfarbe? Meine Haare? Mein Kleidungsstil?
Was auch immer es ist, ich glaube, ich habe jemanden gefunden, die mir helfen kann. Die mir helfen kann, Freunde zu finden, und vielleicht auch Freundinnen, im Moment ist es mir egal, einfach jemand. Meine Eltern machen sich Sorgen um mich, weil ich nicht in die heutigen Teenagernormen hineinpasse, und deshalb haben sie sie angeheuert – dabei weiss nicht einmal, wer sie ist. Eine Therapeutin? Eine Babysitterin?
Jedenfalls hat diese mysteriöse Person einen guten Geschmack. Wir sollten uns in einem Kaffee treffen, am Ende der Stadt, und nun bin ich hier, tropfnass vom Septemberregen in einem gemütlichen Kaffee und trinke wahrscheinlich schon meinen dritten Kaffee. Pünktlich scheint sie nicht zu sein.
Gerade als meine Tasse mit einem für meine Ohren zu lautem Geräusch auf den Unterteller trifft, erklingt ein Läuten und jemand betritt den Raum.
Die Kundin dreht sich zu mir um und schenkt mir ein messerscharfes Lächeln. Ich versuche gar nicht erst zurückzulächeln. Meine Miene verfinstert sich nur noch, als ich sehe, wie sie langsam zu mir hinüberläuft und mich dann mustert. »Du musst Sam sein?«
Du musst meine angebliche Lösung sein, denke ich, spreche es aber nicht aus.
Kurz überlege ich, den Kopf zu schütteln oder nein zu sagen, doch «kurz» ist vielleicht doch etwas zu lang – ohne zu fragen setzt sie sich hin.
Sie hat einen blauen Pixie Cut, wahrscheinlich über zehn Piercings, fünf davon nur an den Ohren. Ihre Augen sind unnatürlich eisblau und ähneln den Schlitzen einer Katze. Ich frage mich, ob sie Kontaktlinsen trägt.
»So, Sam. Du weisst wahrscheinlich, warum wir hier sind?«
Ich starre sie wortlos an. Ist es heutzutage normal, eine Schlangenzunge zu haben? Vielleicht fällt es mir nicht auf, weil niemand mit mir spricht. Vielleicht hat sie sich die Zunge auch so geschnitten. Was es für Menschen gibt.
»Nicht so gesprächig, was?« Miss Mysterious, von der ich den Namen immer noch nicht weiss, grinst mich an und zeigt dabei ihre Zähne. Sie sind schneeweiss und wenn ich mich nicht täusche, sind zwei davon etwas länger als die anderen und haben einen Spitz.
Ich möchte etwas entgegen, oder vielleicht sollte ich, weil sonst nie jemand so viel mit mir spricht, von meinen Eltern mal abgesehen. Doch mein Mund ist wie zugeklebt, und ich bringe kein Wort heraus. Ich lehne mich zurück, überlege, ob ich sie einfach ignorieren sollte. Sie lehnt sich ebenfalls zurück und verschränkt die Hände ineinander. Ihre Augen funkeln abwartend.
Was wollten meine Eltern genau erreichen? Ich dachte, sie wollten einfach, dass ich Freund*innen finde, aber etwas ist hier faul. Ich sollte niemals Leute nach dem Aussehen beurteilen, aber ich kann mir den Gedanken nicht verkneifen, dass «Sie», die immer noch keinen Namen hat, überhaupt nicht so aussieht, als könne sie mir helfen.
»Lass dir Zeit«, seufzt die Frau. Ich bemerke, dass sie schwarzen Nagellack trägt, genauso wie ich. Vielleicht ist sie mir ja doch ein wenig ähnlich. Vielleicht kann sie mir wirklich aus meiner einsamen Krise heraushelfen.
Als sie mich ansieht, habe ich plötzlich einen Geistesblitz. Ich setze mich auf. Die Frau lehnt sich vor und lächelnd wissend, als hätte sie genau das geplant. Mir ist ein Gedanke gekommen. Ich habe keine Ahnung, ob es mit der Frau zu tun hat, die mir bisher nur ein paar einseitige, gewöhnliche Fragen gestellt hat, ob sie genau diesen Gedanken bei mir herbeirufen wollte oder ob es Zufall ist.
»Getrau dich, sprich es nur aus«, lacht die Frau mich an.
Ich tue es nicht, weil der Gedanke zu privat für mich ist, aber ich denke darüber nach.
Was ist, wenn ich der Einzige bin, der keine Gedanken lesen kann?
Bevor ich fester darüber nachdenken kann, wird alles still um mich herum, stiller als sonst. Ein Glas zerschellt auf dem Boden und tausende von Scherbenstücke fliegen in alle Richtungen. Ich drehe mich um und sah, wie mich alle anstarrten.
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