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Christian Bättig ist gelernter Zimmermann, er war Skilehrer und als Servicemann im Skirennsport tätig. Seine Leidenschaft für den Skisport führte zu seiner beruflichen Wende. Seit 30 Jahren vertreibt er mit seiner Firma Chris Sports AG die kanadische Kultmarke Rocky Mountain. Bättig blickt zurück auf die Anfänge seines Vertriebs und erklärt, weshalb er das Jubiläum nicht als Leistungsausweis betrachtet.
Wie wird ein Zimmermann zum Bike-Importeur?
Das hatte wenig mit meinem erlernten Beruf zu tun und viel mehr mit meiner Tätigkeit als Service-Mann im Skirennsport. Nach der Junioren-Ski-WM 1989 in Alaska flog ich zusammen mit einem Freund nach Salt Lake City, wo wir unsere ersten Bikes kauften. Zurück in der Schweiz war das Interesse gross, vor allem an meinem Haro Mountainbike. Darauf knüpfte ich den Kontakt zum US-Vertreiber von Haro Bikes – das war die erste Marke, die ich anschrieb. Wenig später bekam ich den Vertrieb für die Schweiz zugesprochen und schon bald war der erste Container mit zwei Modellen auf dem Weg in die Schweiz. Im darauffolgenden Winter kamen Smith-Skibrillen und Nishiki-Bikes dazu.
Was wurde aus Haro Bikes in der Schweiz?
Ähnlich wie GT war Haro eine BMX-Marke, die Mountainbikes produzierte. Von Haro verkauften wir irgendwann nur noch BMX Bikes, doch nachdem die Marke von Kenstone Metals übernommen worden war, sank die Qualität. Sie produzierten Stahlrahmen, die nicht einmal gerade liefen. Wir mussten bei jedem Rahmen eine Qualitätskontrolle machen, und wir mussten die Zusammenarbeit beenden. Eigentlich schade, denn Haro war eine coole Marke.
Hast du damals den gesamten Vertrieb selber organisiert?
Der erste 20-Fuss-Container wurde nach Effretikon in das Einfamilienhausquartier angeliefert, wo wir wohnten. Meine Mutter half mir beim Entladen, reichte mir die Kartonkisten aus dem Container und ich rannte damit in die Garage und zurück. Den Verkauf und Versand der Bikes machte ich ebenfalls selbst, fuhr mit einem ausrangierten VW-Bus mit Werkstattnummernschild zu Händlern in der ganzen Schweiz. Dabei kannte ich mich überhaupt nicht aus mit den Preisen. Von den zwei Modellen war das teure viel zu günstig, das günstige viel zu teuer und die Marge war auch zu gering. Anfänglich dachte ich, wenn ich 200 Franken an einem Bike verdiene, dann reiche mir das.
Wie gross war das wirtschaftliche Risiko vor 30 Jahren? War das ein All-in-Geschäft oder war das ein Nebenerwerb?
Zu Beginn lebte ich etwas von der Hand in den Mund. Ein 20-Fuss-Container fasste je nach Grösse 127 bis 136 Bikes. Mehr konnte ich anfänglich gar nicht finanzieren. Immer wenn ich aber einen halben Container vorverkauft hatte, konnte ich wieder einen vollen bestellen. Als die Zahlen dann zunehmend stiegen, gründete ich eine AG. Daneben arbeitete ich noch zwei Tage die Woche bei Adidas Schweiz, wo mein damaliger Chef quasi mein Mentor war. So konnte ich jeweils die alten Computer und Software übernehmen, die für mein Geschäft noch einige Jahre gute Dienste leisteten. Auch die richtigen Kontakte zur UBS-Bank Kloten spielte er mir zu, wo ich stets gut beraten wurde. Im Jahr 1991 war die One-Man-Show vorüber und ich stellte meinen ersten Mitarbeiter ein, bald eine weitere Mitarbeiterin, und die Firma wuchs stetig.
Und wie kamst du zum Rocky-Mountain-Import?
Der deutsche Rocky-Vertrieb BikeAction bediente damals die Schweiz über die Velowerkstatt Olten. Rocky Mountain wollte aber den Vertrieb anders organisieren, und so wurde ich im Jahr 1990 zu später Stunde nach Biel gerufen, wo ich mich mit Grayson Bain, dem Besitzer von Rocky Mountain und Craig Pollak von Race Face im Restaurant eines Altersheims traf. Organisiert hatte das Treffen Bruno Graf, Besitzer des Bikeshops Jumpin‘ Ghost, der gegenüber lag. Um ein Uhr früh erhielt ich die Preisliste überreicht. Quasi über Nacht, in einem Altersheim, war ich zum Schweizer Importeur von Rocky Mountain geworden.
Wieso hast du dich für den Import entschieden anstatt selber eine coole Marke zu gründen?
Wir hatten mal No-Name-Bikes in Kleinserien gebaut, aber ich war nie wirklich darauf erpicht, selber Rahmen zu konstruieren. Ich fand die Marken und deren Geschichte wie auch das ganze Marketing mit den Renn-Teams viel spannender. Zudem war ich immer stark Nordamerika-orientiert, war deshalb auch nie an der Taipeh-Cycle-Show, sondern besuchte die Fahrradmesse in Anaheim oder später in Las Vegas. Auch Festivals wie das Sea Otter Classic interessierten mich, die Nischen. Ich vertrieb auch viel «Gerümpel», Nischenprodukte, mit denen sich kaum Geld verdienen lässt, White-Industries-Naben zum Beispiel. Wir setzten damit keine 20'000 Franken um, aber es war trotzdem super. Die wuchtigen Naben gefielen mir einfach.
In den Neunzigern wurden nicht nur Mountainbikes importiert, sondern auch ein Lifestyle mit aufgebaut. Hast du das auch bewusst gemacht?
Nein, wir waren einfach ein Teil dieses Sports. Lifestyle konnte ich damals wohl nicht einmal schreiben. Wir waren damals aber jedes Wochenende an Schweizer Rennen mit einem Stand vertreten und fuhren auch selber in den Hobby- oder Masters-Kategorien mit. Eigentlich lebte ich einfach meinen Traum, und ich hatte die Gabe, andere für Nischenprodukte zu begeistern. Dadurch fand ich auch meist zu den passenden Bikeshops.
Wie siehst du das Importgeschäft heute und was schätzt du nach wie vor daran?
Wenn wir von grossen Playern wie Giro oder Bell sprechen, dann ist der Umgang immer noch sehr locker. Was hingegen die Zulieferkette angeht, das ist hochanstrengend. Das betrifft aber jeden in dieser Branche. Gesamthaft glaube ich, ist die Fahrradindustrie im Vergleich zur Automobilindustrie nach wie vor nicht professionell. Aber dass nicht immer alles durchgetaktet und organsiert ist, macht es für viele Leute darin spannend. Zum Beispiel auch, dass es hin und wieder mal Improvisationskünste braucht, wenn beispielsweise bestimmte Teile für 800 Bikes fehlen, aber trotzdem eine Lösung her muss. Es mag etwas schräg klingen, aber ich finde es gut, dass es so ist. So bietet die gesamte Fahrradbranche inklusive Fachhandel Platz für Quereinsteiger, und von denen lebt der Sport – dieser «Sauhaufen» von Quereinsteigern macht für mich diese Branche aus.
Gab es Momente, wo du dachtest, jetzt geht alles den Bach runter?
Nein, das hatten wir nie. Wir waren vorsichtig und sparsam. Ich schuf ein gesundes Eigenkapital, damit die Firma mit möglichst wenig Fremdkapital auskommt. Aber natürlich machte ich auch Fehler, beispielweise sass ich zwei Jahre lang auf Beachcruisern, die wir nur mit Mühe und etwas Fremdhilfe verkaufen konnten.
In den letzten drei Jahrzehnten hat das Mountainbike einige Hochs- und Tiefs durchgemacht. Wie hast du das erlebt?
Ungefähr Mitte bis Ende der Nullerjahre hatte Rocky Mountain Mühe, denn es fehlten die Innovationen. In diesen Jahren verkauften wir in der Schweiz rund 300 Fahrräder weniger pro Jahr als davor. Danach stieg der Innovationsgrad wieder, man bewegte sich weg vom Cross-Country und belegte mit Enduro eine kommerziellere Schiene, was sich für Rocky Mountain auszahlte. Natürlich gingen die Verkäufe nie linear nach oben, sondern bewegten sich wellenförmig. Zurzeit sind wir damit aber klar in einem Hoch. Gemäss unseren Durchschnittszahlen war 2020 ein Rekordjahr.
Wann kam die erste Boom-Phase für Rocky Mountain?
Die erste Boom-Phase trat ein, als die grossen Marken wie Specialized und Co. teurere Bikes absetzen konnten. Und damals erschloss Rocky Mountain ein neues Preisniveau, denn zuvor kostete ein Trek vielleicht maximal 2'800 Franken, ein Rocky Mountain Altitude hingegen 3'400 Franken, die absoluten High-End-Modelle um die 5'000. Danach sorgten Renn-Teams der Marken wie Scott für das gewisse Etwas und von dort an stiegen auch bei Scott die Preise. Bei Rocky Mountain musste man reagieren und sich überlegen, ob man in dem Preissegment bleiben, oder günstiger werden will. Unter dem neuen Markenbesitzer waren damals die Möglichkeiten vorhanden, günstige Modelle zu 600 Franken auf den Markt zu spülen. Das passierte aber nie, was eine gute Entscheidung war.
Wie hält man eine Marke wie Rocky Mountain so lange attraktiv?
Die Antwort auf die letzte Frage beantwortet ebenfalls einen Teil dieser Frage. Aber das A und O ist bei den Händlern selektiv zu bleiben. Diejenigen, die ein Nischenprodukt wie Rocky Mountain verkaufen können, haben eine Passion für die Marke und ihre Geschichte. Es gibt Händler, die verkaufen Scott oder Trek und wollen noch ein Nischenprodukt obendrauf, egal ob es Rocky, Yeti oder Santa Cruz ist. Dann haben sie das Gefühl diese Bikes verkaufen sich von selbst. Aber das funktioniert nur, wenn diese Händler den Spirit einer Marke leben, sich auch eine Kundschaft aufbauen, die solche Nischen-Bikes wollen. Das steckt viel Arbeit und Herzblut drin. Für mich sind 30 Jahre Rocky Mountain in der Schweiz kein Leistungsausweis. Das Lob gilt den Händler und Endkunden, die uns diese Bikes abkaufen, denn sie machten uns zu dem, was wir heute sind. Zum Jubiläum müssten wir unsere Kunden feiern und nicht uns selbst.
Ist der jetzige Mountainbike-Boom erst der Anfang einer noch viel grösseren Nachfrage oder ist der nächste Crash vorprogrammiert?
Ich glaube beides, und in der Firma Chris Sports reagieren wir eher vorsichtig. Wir steigern um rund 15 Prozent, nehmen mit Rocky Mountain kaum noch neue Händler, versuchen aber diese so gut wie möglich zu bedienen. Der Rückgang kommt bestimmt und wohl dann, wenn die Leute wieder regelmässig reisen können. Das aber passiert auch nicht sofort. Den aktuellen Boom sehe ich auch durch den Zwang ausgelöst im Lande zu bleiben. Das Kapital ist bei vielen dennoch da und wird investiert, aber nicht nur ins Mountainbike. Das gilt für Outdoor-Sport allgemein. Man muss sich schon fragen, ob man diesen Motor überhitzen will. Deshalb konzentrieren wir uns auf unsere Werkstätten, damit die vielen Bikes aus diesem Boom auch repariert werden können, wenn der Boom vielleicht vorbei ist.