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Zur Charakteristik des Naziregimes in Deutschland gehörte ein eigenes Vokabular: Nazis sprachen von «entarteter» Kunst, von «Rassenschande» oder von «Untermenschen».
Einige Nazibegriffe kommen aber deutlich unscheinbarer daher – und sind teilweise noch in der heutigen Sprache üblich. Wie soll man damit umgehen? Historiker und Autor Matthias Heine hat darüber ein Buch geschrieben.
Matthias Heine
Journalist
Matthias Heine ist ein deutscher Autor, Historiker und Journalist. Er hat mehrere Bücher über Wortbedeutungen im Lauf der Geschichte geschrieben und arbeitet als Redakteur für die deutsche Zeitung «Welt».
SRF: Es gibt Wörter, von denen man weiss, dass sie zur Nazisprache gehören. Bei anderen ist die nationalsozialistische Prägung weniger bekannt, etwa beim Begriff «Kulturschaffende».
Matthias Heine: Dieser Begriff entstand mit der Gründung der Reichskulturkammer 1933. Einen solchen Ausdruck hat es vorher noch nicht gegeben.
Warum haben wir ihn einfach so übernommen?
Naja, er ist ja nicht wie «Rassenschande» oder «Untermensch». Sie merken nicht sofort, dass «Kulturschaffende» aus der Nazi-Ideologie kommt.
Zudem schliesst der Begriff eine gewisse Lücke: Er meint nicht nur Künstlerinnen und Künstler, sondern auch Produzentinnen, Techniker und alle anderen, die im weitesten Sinne mit Kultur zu tun haben.
In Ihrem Buch beschreiben Sie auch andere Wörter aus dem Nazivokabular, die sogar Synonyme für Mord sind. Trotzdem brauchen wir sie heute noch.
Propagandaminister Joseph Goebbels gab im Zusammenhang mit der Reichspogromnacht 1938 die Anweisung, immer von «Aktionen» gegen Juden zu sprechen. Später galt diese Wortwahl bei der Ermordung von Behinderten oder der Räumung von Ghettos.
Ein weiteres Beispiel ist «Betreuung»: Es war ein Hüllwort für den Mord an Behinderten. Trotzdem lebte der Begriff nach dem Nationalsozialismus weiter.
Es gibt Begriffe, die schon allein von ihrer Zeichenbedeutung her mit dem rassistischen Denken der Nazis verbunden sind.
Inzwischen ist dieses Wort wohl aber auch durch den massenhaften Gebrauch leergespült. Die Verbindung mit den Nationalsozialisten hat sich erledigt.
Gewisse Begriffe verbinden wir heute noch mit den Nazis, andere nicht. Woher kommt das?
Es gibt Begriffe, die schon allein von ihrer Semantik, also ihrer Zeichenbedeutung her mit dem rassistischen Denken der Nazis verbunden sind – etwa «Rassenschande», «Untermensch» oder «vernegern».
Andere Wörter wie etwa «Betreuung» oder auch «Sonderbehandlung», die beide mit dem Töten zusammenhängen, wurden auch schon vorher benutzt. Solche Ausdrücke kann man wieder unschuldig verwenden.
Umgekehrt gibt es aber auch Ausdrücke, die wir zum Nazivokabular zählen, die aber gar nicht von den Nationalsozialisten kommen.
«Bis zur Vergasung» ist so ein Fall. Ich habe in meinem Buch die These belegt, dass dieser Ausdruck schon viel älter ist und aus der chemischen Industrie des 19. Jahrhunderts stammt.
Wenn Sie weiterhin von «Rassenschande», «Negern» oder «Untermenschen» sprechen, haben Sie ein Problem, bei dem Ihnen Sprachberatung nicht helfen kann.
Wenn man etwas «bis zur Vergasung» erhitzt, macht man es so heiss, dass es anfängt zu kochen und verdampft. Der Weg von dort bis zum heutigen Gebrauch als Redensart ist relativ gut nachvollziehbar.
Wie sollten wir mit Wörtern umgehen, die tatsächlich aus dem Nazi-Vokabular stammen, oder nachträglich damit verbunden wurden?
Wenn Sie weiterhin von «Rassenschande», «Negern» oder «Untermenschen» sprechen, haben Sie ein Problem, bei dem Ihnen Sprachberatung nicht helfen kann. Andere Begriffe können wir aber heute unbefangen benutzen.
Literaturhinweis
«Verbrannte Wörter - Wo wir noch reden wie die Nazis - und wo nicht», Duden-Verlag, 2019.
Mein Beispiel ist hier «Sonderbehandlung». Dieses Wort wurde in den Konzentrationslagern für Tötungen verwendet. Wenn meine Tochter beim Frühstück eine Extrawurst verlangt, kann ich ihr heute trotzdem sagen: «Du kriegst keine Sonderbehandlung.»
Wenn Sie aber alle 80 Nazibegriffe, die ich in meinem Buch aufzähle, in Ihrem aktiven Wortschatz haben, dürfen Sie sich nicht wundern, wenn Sie für einen Nazi gehalten werden – oder möglicherweise sogar einer sind.
Das Gespräch führte Susanne Schmugge.