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Am selben Tag, als Conny Neumanns Artikel erschien, hatte ich eine mehrstündige Begegnung mit dem Deutschland-Korrespondenten des Niederländischen Rundfunks, der eine Reportage über die Rechtschreibreform vorbereitet. Diese Frage interessiert unsere Nachbarn brennend. Denn sie hatten vor einem Jahr eine Rechtschreibreform. Und sie haben jetzt, wie der Titel eines aktuellen Bestsellers lautet, ein „Spellingchaos”, ein Schreib-Chaos.
Aus presse und internet
30. 12. 1996
Daß Friedrich Denk die literarische Bedeutung von Gertrud Fussenegger überschätzt und ihre Nazi-Verstrickung für harmloser hält als viele Kritiker, ist ein alter Hut. Was dies allerdings mit Denks Widerstand gegen die Rechtschreibreform zu tun haben soll, wäre selbst dann nicht nachvollziehbar, wenn man Denk einen Vorwurf daraus machen dürfte, daß er die innere Wandlung einer drittrangigen Schriftstellerin für glaubwürdiger hält als andere.
Extrem ist Friedrich Denk nur in einer Hinsicht: als radikaler Idealist, der sich unermüdlich und erfolgreich für die Allgemeinheit bemüht. Dafür gebührt ihm unser Dank.
Weil er [Friedrich Denk] die Vorwürfe gegen die „frühere NSDAP-Dichterin” Gertrud Fussenegger in einer umfassenden Dokumentation zu prüfen sich herausnahm und dabei zu Ergebnissen kam, die von der allgemeinen Vorurteils-Linie abwichen, werden nun seinem Einsatz für die Verhinderung der Rechtschreibreform ideologische Motive unterstellt.
19. 12. 1996
Denn der Weilheimer Lehrer macht zur Zeit in Holland von sich reden, wo ihn Journalisten für einen Rechtsradikalen halten. Dort sorgte eine geplante Lesereise der von Denk gepriesenen Österreicherin Gertrud Fussenegger für eine diplomatische Verstimmung. Nachdem das Algemeen Dagblad in Den Haag einen SZ-Artikel zitiert hatte, der Gertrud Fussenegger als Nazi-Schriftstellerin, Hitler-Verehrerin und einstiges NSDAP-Mitglied schilderte, mußte der österreichische Botschafter die Schriftstellerin wieder ausladen. […] In Holland und in Kreisen kritischer Pädagogen wie des GEW-Sprechers Günther Götzfried wird Denk nun unterstellt, sein Einsatz für die Unantastbarkeit der deutschen Rechtschreibung trage nicht wissenschaftliche, sondern ideologische Züge.
16. 12. 1996
Natürlich setzt die Kritik der Schriftsteller und aller Liebhaber deutscher Sprache dort ein, wo die Mehrheit der didaktisch ausgerichteten Linguisten und Kultusbeamten einige Schritte zu weit gegangen ist: bei der schwierigen, bisher nirgends systematisch dargestellten Getrennt- und Zusammenschreibung sowie einigen Neuregelungen der Groß- und Kleinschreibung. […] Gleichwohl wäre es völlig verfehlt, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Die deutsche Rechtschreibung gehört nicht den Schriftstellern und Literaturprofessoren, allerdings auch nicht den Rechtschreibdidaktikern.
12. 1996
Als «Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform» ist am 6. Oktober auf der Frankfurter Buchmesse der Einspruch der Öffentlichkeit vorgestellt worden.
Die Bemühungen um eine Reform der deutschen Rechtschreibung in der Schweiz waren während der hier untersuchten Zeit immer massgeblich von den Reformbemühungen in der Bundesrepublik Deutschland beeinflusst. In den folgenden Ausführungen werden die Ereignisse in Deutschland jedoch nur am Rande angesprochen.
25. 11. 1996
Unsere Neuregelung soll das Schreiben erleichtern. Sie soll Ängste abbauen. Durch den inszenierten Pressekrieg ist jetzt aber genau das Gegenteil eingetreten.
19. 11. 1996
Schon Carl Spitteler glossierte […] die Usanzen der Rechtschreibung, als er darauf hinwies, dass das Italienische die griechischen th und ph in einfache t und f umwandle.
8. 11. 1996
Die Aufregung über die neuen Regeln der deutschen Rechtschreibung, besonders wegen der Schreibung von Fremdwörtern, ist für mich schlechterdings unverständlich.
2. 11. 1996
Diese Reform, vor zwei Jahren angekündigt, dann wieder in Frage gestellt, dann doch auf ziemlich überrumpelnde Weise eingeführt, muß natürlich rückgängig gemacht werden.
29. 10. 1996
Mit einem Notruf, als ginge es wahrhaftig um den Untergang der deutschen Sprache, setzen sich Schriftsteller gegen die bereits international beschlossene Rechtschreibereform zur Wehr. Das ist im jetzigen Zeitpunkt mehr als merkwürdig, denn alle Vorschläge der Fachgremien liegen seit Jahren zur Diskussion vor […].
Die vorliegende Reform ist eine Kopfgeburt und das typische Produkt praxisfremder Theoretiker, der Gruppendynamik von Kommissionen und der Willfährigkeit von Politikern, die bekanntlich keinem lange genug vorgebrachten «Reform»-Vorschlag widerstehen können […].
Merkwürdig ist aber, dass die Protestbewegung so unglaublich spät einsetzte. Wenig beeindruckend ist auch, wenn einer der Protestler in der NZZ seine Haltung damit begründet, dass er «partout keine Lust habe», sich umzustellen.
«Beeindruckend» war in der NZZ zufällig getrennt, weshalb es als «beeindrukkend» im archiv verewigt wird.
So wird beispielsweise von mangelnder Transparenz gesprochen, obschon diese Neuregelung seit über 10 Jahren in einer breiten Öffentlichkeit diskutiert wird. Keine Rechtschreibereform und keiner der vielen Ansätze zu einer Neuregelung hat ein so langes und breites Vernehmlassungsverfahren durchlaufen.
28. 10. 1996
Ist die Reform vor den Gerichten zu stoppen? Verfassungsrechtler sehen Chancen. […] "Sobald der Lehrer zum erstenmal ein Wort in der neuen Schreibweise an die Tafel schreibt", sagt der Bundesverwaltungsrichter und Schulrechtsexperte Jörg Berkemann, könne es losgehen: "Ihr müßt es mit einer Unterlassungsklage vor dem Verwaltungsgericht versuchen", ist sein Rat an die Eltern. […] Daß der Rechtsweg gegen "nummerieren" und "Stängel" steinig und langwierig werden könnte, hat erst im Juni dieses Jahres der Jenaer Rechtsprofessor Rolf Gröschner bescheinigt bekommen. Der legte für sich und seine Tochter Alena, 15, Verfassungsbeschwerde ein - und scheiterte prompt.
23. 10. 1996
Obwohl die ablehnende Haltung so vieler angeblicher Sachverständiger gegenüber den Neuerungen aus menschlicher Sicht verständlich ist — der Wissensvorsprung gegenüber den Laien verringert sich in offenbar unangenehmem Masse —, so ist nicht einzusehen, warum die grosse Mehrheit der Deutschsprechenden und Deutschlernenden sich nur aus Rücksicht auf ein paar Elfenbeinturmbewohner weiterhin das (orthographische) Leben schwerer machen sollten, als es unbedingt nötig ist.
Dass das "Fussvolk" am Alten festhalten möchte, kann man noch verstehen. Aber dass die gescheiten Intellektuellen nicht mal einen kleinen Schritt vorwärts wagen, wirkt eher befremdlich.
Was uns im neuen Duden präsentiert wird, ist nichts als Kosmetik und keine echte Reform. Bei der Umstellung auf die Kleinschreibung würden die Vorteile bei weitem überwiegen.
An der neuen Rechtschreibreform der deutschen Sprache hat man zehn Jahre lang herumgebastelt, und dennoch ist eines der grössten Probleme dieser Sprache, die Gross-Klein-Schreibung, beibehalten worden.
Für mich ist die eher skurrile Reform ämel ein weiterer Anlass, auf Englisch umzusteigen.
22. 10. 1996
"Muss die Heimat wirklich Schaden nehmen", mokiert sich der TA […], "wenn wir Spaghetti einst Spagetti nennen?" Mit Verlaub: Ja, sie nähme Schaden, weil die albernen Spagetti (wohl dann "Spadschetti" ausgesprochen …) wieder ein paar Zentimeter mehr Distanz schüfen zu unseren italienisch sprechenden Landsleuten.
[…] dass bestimmte politisch und kulturell randständige Gruppierungen (zum Beispiel die Kleinschreiber) hinter den Kulissen auf eine Umgestaltung der Orthographie drängen und die Arbeiten daran auf leisetreterische Weise — damit ja keine Hasen aufgescheucht werden — in Gang gekommen sind. (Über die Notwendigkeit einer solchen Reform ist ja nie öffentlich diskutiert worden […])
So ist zu hoffen, dass bald ein grosser Schweizer Verlag dem Beispiel des "Spiegels" folgt, die neuen Regeln ignoriert und damit Signalwirkung erzielt. Das Thema würde sich von selbst erledigen.
21. 10. 1996
Kann man den Zug noch stoppen? Jeder Zug kann angehalten werden. Und dieser Zug ist kaum angefahren. […] Die Unterzeichner der "Frankfurter Erklärung" gegen die Rechtschreibreform wollen diese Schreibreform, so wie sie jetzt und erst jetzt erkennbar wird, nicht haben. Sie fordern deshalb die verantwortlichen Politiker auf, diese Reform zurückzunehmen, um jahrzehntelange Verwirrung zu vermeiden, um Millionen sinnlose Arbeitsstunden und Milliarden Mark einzusparen.
20. 10. 1996
Vielleicht nur für einen Wimpernschlag der Geschichte ist der Deutschlehrer Friedrich Denk einer der bekanntesten Männer im Land. […] Friedrich Denk, 53 Jahre alt, kämpft gegen die Rechtschreibreform. Er hat, im Alleingang, eine der wuchtigsten Pressekampagnen der letzten Zeit in Gang gesetzt, und scheinbar war alles ganz einfach. Er mußte mit einer Tüte voller Flugblätter sowie einer Resolution zur Frankfurter Buchmesse reisen, und er mußte ungefähr 70 Repräsentanten des deutschen Geisteslebens anrufen, die fast alle sofort seiner Meinung waren: die Rechtschreibreform soll weg. Dann erschien eine Titelstory im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel", seitdem brennt in Weilheim die Luft.
19. 10. 1996
Platens aufklärerische Ambitionen richteten sich ebenso darauf, die christliche Religion in einen Glauben an Freundschaft zu überführen, wie auf eine Reform der Rechtschreibung und der deutschen Theater.
18. 10. 1996
Keiner, der das neue Regelwerk ernsthaft prüft, wird mit dem erreichten Ergebnis bis in alle Einzelheiten einverstanden sein. Das gilt auch für uns. Insgesamt haben wir mehr gewollt, einiges wollten wir anders, manches wollten wir nicht. Dies ändert aber nichts an unserer Überzeugung, dass die neue Regelung als Ganzes der bisherigen klar überlegen ist: Sie ist einfacher handhabbar — dies gilt für Kinder wie für Erwachsene —, und sie ist besser lehrbar und lernbar.
Es scheint, also ob die Debatte nördlich des Rheins heftiger geführt werde als bei uns. […] Ruth Schweikert, Schriftstellerin: "Von einer solchen Reform erwarte ich radikale Schritte, wie zum Beispiel die konsequente Kleinschreibung." […] Jürg Laederach, Schriftsteller: "Die Reaktion der deutschen Schriftsteller kommt spät, und ich finde sie seltsam. Auf den Punkt gebracht bedeutet sie: keine Änderung! Das sind ungewohnte Töne aus dieser Ecke." […] Renate Nagel, Verlegerin: "Ich habe mich schon 1994 gegen die Rechtschreibreform ausgesprochen." […] Kurt Marti, Schriftsteller: "Ich halte nichts von dieser Reform, sie ist unnötig. Ich sehe nicht ein, weshalb die Rechtschreibung von irgendwelchen Kulturbürokraten geregelt werden soll."
17. 10. 1996
Den Schriftstellern, Akademien und Verlagen (von denen sich einige einen enormen Profit durch die Reform versprechen, andere dagegen ihre Existenz gefährdet sehen) kann der Vorwurf nicht erspart werden, daß sie sich viel zu spät zu Wort gemeldet haben.
15. 10. 1996
Muss die Heimat wirklich Schaden nehmen, wenn wir Spaghetti einst Spagetti nennen? […] Am Duden kämpft die deutsche Intellektuellengarde mit Verzweiflung ums Überleben im öffentlichen Raum.
14. 10. 1996
Wie erwartet hat auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung sich gegen die Rechtschreibreform gewendet. […] Sie habe sich den in der Frankfurter Erklärung zum Ausdruck gebrachten und inhaltlich begründeten Protest in aller Entschiedenheit zu eigen gemacht. […] Aus dem Protest wird – ungewöhnlich genug für eine sonst eher diplomatisch vornehme Institution – so etwas wie ein revolutionärer Aufruf zum Boykott. Alle von der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung betroffenen Schriftsteller, Gelehrten, Akademien, Redaktionen, Verlage und entsprechenden Institutionen werden energisch aufgefordert, «schon jetzt ihren Willen zu bekunden und sich der sogenannten Reform zu verweigern» […].
Spiegel: Herr Enzensberger, die Landessprache, in der Sie schreiben, soll sich ändern - statt „Gemse“ soll künftig „Gämse“ […] und statt „Haß“ „Hass“ geschrieben werden. Wie finden Sie das? Enzensberger: Eine Clique von selbsternannten Experten will sich wichtig machen, zwei Großverlage schnappen nach dem Monopolgewinn, und die Politik übt sich wie gewöhnlich im Etikettenschwindel. Dabei geht es überhaupt nicht um die Sprache, sondern um die Rechtschreibung, die von jeher das Steckenpferd aller Besserwisser war.
Immerhin berichtigt Enzensberger, dass es «nicht um die Sprache, sondern um die Rechtschreibung» geht. – Übrigens war «Steckenpferd» im artikel zufällig getrennt und lebt nun im Spiegel-archiv als «Stekkenpferd» weiter.
Erstens: Welch eine Notwendigkeit besteht zu solchen Veränderungen? Zweitens: Wer hat ein Interesse daran? Drittens: Wer besitzt die Legitimation, diese Veränderungen als Regel einzuführen?
Ich habe ein Autorenleben lang verhindern müssen, daß die unter Duden-Diktat lebenden Lektorate mir in meinen Büchern "eine Zeit lang" zu "eine Zeitlang" zusammenschweißten. "Eine Zeit lang" soll jetzt sein, dafür muß ich jetzt "leichtbekleidet" gegen rohe Trennung verteidigen. […] Ich fahre fort, die Wörter möglichst so zu schreiben, wie ich sie höre und wie ich sie ihrer Herkunft nach verstehe. […] Solange man abends im Freien sitzen kann, mag ich mich nicht mit Normen belästigen, die mich nicht beleben. Und tagsüber arbeite ich ja. Erst der sach- und fachverständige Friedrich Denk […] hat mich aus dem verantwortungsscheuen Sommerschlaf geweckt und an die Unterschreibfront zurückgeholt.
Reich-Ranicki, Marcel: Komma muß bleiben. Der Spiegel (spiegel.de), 14. 10. 1996, nr. 42, s. 273 (379 wörter)
Einmal in 100 Jahren sollte man sich von dem stets zu erwartenden Widerstand der älteren Generationen nicht beirren lassen und die Rechtschreibung reformieren.
Ich bin dagegen, die Schüler unnütz zu quälen, aber diese Rechtschreibreform, die sich unsere Kultusminister ausgedacht haben, ist keine Hilfe, sie ist einfach nur Murks. […] Aber wenn sich die Bürokraten schon daran vergreifen, dann bitte gleich viel radikaler — mit der gemäßigten Kleinschreibung. Damit hätte man jedenfalls an Europa gedacht und sich anderen Schriftsprachen angeglichen. […] Wer hat überhaupt diese Reform beschlossen? Ich hab' den Eindruck, das ist so ein Professoren-Mulm, beschlossen von praxisfernen Gestalten, die nicht wissen, wo der Kellerschlüssel liegt, aber klug daherquasseln.
12. 10. 1996
Eine kultivierte Rechtschreibung dient dem Leser, denn sie macht die Bedeutung für das Auge sinnfällig. Für den Schreiber jedoch stellt sie eine Erschwernis dar, denn sie setzt nichts Geringeres voraus als eine fast schon wissenschaftliche Analyse der Sprache. Und die Großschreibung der Substantive? Die zeigt dem Auge, von welchen konkreten oder abstrakten Gegenständen in einem Text die Rede ist. Sehr sinnvoll auch dies.
Der 53 Jahre alte, im schlesischen Wohlau geborene und auf der Schwäbischen Alb und in Bayern aufgewachsene Germanist und Romanist [Denk] ist ein Wirbelwind in allen Gassen der Literatur und Pädagogik. […] Der frühere bayerische Kultusminister Maier ermahnte Denk, er solle sich bei seiner Kampagne gegen das "Portmonee" (statt Portemonnaie) nur keinen Herzinfarkt holen. Prompt antwortete der Unermüdliche: Für den Chikoree (statt Schikoree) zu sterben wäre "ein starker Abgang".
11. 10. 1996
Vielleicht aber stellt sich doch am Ende die Einsicht ein, dass es heute auf diese rücksichts- wie gedankenlose Weise einfach nicht geht; dass sich solche Reformen ohne demokratische Transparenz nicht verordnen lassen; dass eine Sprache unbedingt zu begreifen ist als eine «lingua semper reformanda», für deren immer wieder notwendige und vernünftig durchzuführende Reform nicht eine jeweils ad hoc einzuberufende Kommission verantwortlich sein sollte, sondern vielleicht eine noch zu gründende Akademie für die deutsche Sprache.
Eine noch zu gründende akademie? Aha, ein sich selbst konstituierendes altherrengremium – das wäre dann demokratisch und transparent?!
Sicherlich kann jeder für sich «Basssänger» oder «Hilfe suchend» schreiben, aber eben nur in seinem privaten Bereich, denn beides ist falsch.
Eigentlich bin ich ja in die […] «Frankfurter Erklärung» mit dem Appell […] zur Rücknahme der 1998er Duden-Regel-Reform (oder: Dudenregelreform?) nur recht zufällig und im laufenden Buchmessenstreß (oder: Buch-Messenstreß?) wie Pontius ins Credo reingerutscht; und ich fühle mich auch, obwohl Mit-Erstunterzeichner des Revisions-Aufrufs, keineswegs als dessen Aktivist und Funktionär.
8. 10. 1996
[…] die vor heiliger Empörung bebende "Frankfurter Erklärung zur Rechtschreibreform" […]. […] was die 100 Autoren, Germanisten, Pädagogen, Schüler, Buchhändler, Historiker und "Liebhaber der deutschen Sprache und Literatur" auf der Buchmesse als Menetekel verkündeten, ist nichts weniger als der nationale Notstand […]. […] Orwellsche Düsternis senkt sich über die orthographisch kolonisierten User des Deutschen […].
7. 10. 1996
Die Rechtschreibreform sorgt für Verwirrung an den Schulen: Welches Regelwerk empfehlen Sie den Lehrern? Holzapfel: Jedenfalls nicht den Duden in seiner neuesten Fassung. Der vermischt die neuen amtlichen Regeln mit eigenen Empfehlungen in einer Weise, die für den Benutzer schwer durchschaubar ist.
10. 1996
Abstract: In dem Beitrag wird über die Prozeduren der Reformvorbereitung nach der Wiener Konferenz 1994 und öffentliche Reaktionen darauf berichtet, werden die letzten Änderungen genannt sowie Termine und Modalitäten der Reformeinführung und geplante Aktivitäten in der Übergangszeit bis zum Jahr 2005 erläutert.
23. 9. 1996
Christian Schmid-Cadalbert spricht mit Horst Sitta, dem Präsidenten der schweizerischen Arbeitsgruppe Rechtschreibereform, und mit anderen Fachleuten.
16. 9. 1996
Die neue Rechtschreibung überfordert offenbar auch die Hersteller von Wörterbüchern. Obwohl die Rechtschreibregeln von insgesamt 212 auf 112 reduziert wurden, gibt es Fehler und Widersprüche in neu erschienenen Lexika.
29. 8. 1996
Seit der Unterzeichnung der Rechtschreibreform […] ist es die Aufgabe einer (noch zu bildenden) Kommission von sechs deutschen, drei schweizerischen und drei österreichischen Experten, über die Wahrung einer einheitlichen Rechtschreibung im deutschen Sprachraum zu wachen und, wenn erforderlich, das neue Regelwerk anzupassen. Jedem Verlag, der die Bestimmungen der Rechtschreibreform und die Empfehlungen der Kommission einhält, steht es also frei, ein Wörterbuch herauszugeben. In der folgenden Rezension werden die Neuerscheinungen des Duden-Verlags und des Bertelsmann-Verlags vorgestellt. […] In sehr kurzer Zeit hatten somit die Verlage die letzten Beschlüsse noch in ihre Werke aufnehmen müssen – aber nicht überall wurde dies sorgfältig genug getan.
23. 8. 1996
Namentlich die Zürcher Bevölkerung hat sich am 22. August, dem Erstverkaufstag des neuen Rechtschreibe-Dudens, mit einer Begeisterung auf das reformierte Regelwerk gestürzt, für die in der Branchengeschichte Vergleiche fehlen.
20. 8. 1996
In den Schuljahren 1998/99 bis 2004/2005 werden Schreibungen nach der alten Norm als veraltet vermerkt, aber nicht als Fehler bewertet. […] Es werden keine bestehenden Lehrmittel aus Gründen der Rechtschreibereform eingestampft oder kurzfristig ausser Kraft gesetzt.
Wer den Duden vielleicht übermorgen Abend genauer anschaut, wird sich zuerst schnäuzen oder gar einen Katarr kriegen. […] Wer sich da und auch bei den neuen Kommaregeln auskennen will, kommt um diese 21. Duden-Ausgabe nicht herum; der Verlag rechnet mit einer Million verkauften Exemplaren bis Jahresende.
8. 1996
Eisenberg geht davon aus, dass die Verdoppelung von Konsonantenbuchstaben nicht primär mit der Vokalkürze, sondern mit der Syllabierung in gesprochener Sprache zusammenhängt: Ein Konsonant, der an einer Silbengrenze steht, gehört unter bestimmten Bedingungen beiden Silben an, er bildet ein Silbengelenk. Ein Vergleich mit der Schreibung schweizerdeutscher Dialekte kann diesen Ansatz bestätigen. […] Die andersartige Phonologie der schweizerdeutschen Dialekte schlägt auch auf die schweizerische Variante der Standardsprache durch; sie ist unter anderem auch der versteckte Grund, dass die Schweiz weiterhin auf das Eszett verzichtet.
19. 7. 1996
Unbestritten ist, dass unsere Sprache an Differenzierungsvermögen einbüsst. Oder wer kann mir künftig auf Anhieb ausdeutschen, was Folgendes heisst: die Polizei tappt im Dunkeln (ist sie nun in ihren Ermittlungen noch nicht weitergekommen – oder fahndet sie tatsächlich im nächtlichen Wald?)
7. 7. 1996
Die Rechtschreibereform, die jetzt eingeläutet worden ist, räumt mit einigem Unsinn auf - indem sie neuen Unsinn einführt.
1. 7. 1996
Am heutigen Montag, den 1. Juli , unterzeichnen in Wien die deutschsprachigen Länder eine gemeinsame Absichtserklärung zur Neuregelung der deutschen Rechtschreibung. […] Im Folgenden ein Vorgeschmack, konzipiert anhand des Bertelsmann-Wörterbuchs Die neue deutsche Rechtschreibung. Dass ihr kein überschwänglicher Empfang zuteil würde, der neuen Orthografie, sobald sie zu Stande käme, das war uns bewusst. Dass sie den einen ein Gräuel sein würde, den anderen ein Stuss, kein Quäntchen besser, aber potenziell konfuser und ein bisschen weniger scharmant als die frühere, ist eine Plattitüde. Den Einen ist sie nur ein Sidestepp vor einer substanziellen und essenziellen Rechtschreibreform, die anderen - oder auch nur anders Denkenden - werden ganz gräulich im Ungewissen gelassen, ob sie damit zu Rande kommen werden oder nicht.
20. 6. 1996
Für die offizielle Übergangsfrist (Schuljahrbeginn 1998/99 bis Ende Schuljahr 2004/05) gilt: Es werden nur noch die neuen Schreibungen gelehrt, gegenüber den alten Schreibungen aber, soweit sie in Schülertexten vorkommen, ist Toleranz zu üben. Das heisst: Sie sollen als veraltet angemerkt, nicht aber als Fehler bewertet werden. Ein solches Vorgehen ergibt sich logisch daraus, dass während der Übergangsfrist noch eine ganze Reihe von Lehrmitteln, die die alte Schreibung repräsentieren, in Gebrauch sind und die Schüler täglich mit den alten Schreibungen konfrontiert sind.
3. 6. 1996
Die Erziehungsdirektorenkonferenz hat beschlossen, am 1. Juli dieses Jahres in Wien die «Zwischenstaatliche Erklärung zur Rechtschreibereform» zu unterzeichnen. Die Neuregelung der deutschen Rechtschreibung bringt – sehr vereinfacht dargestellt – Veränderungen in den nachfolgend aufgeführten Bereichen.