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Das Elend der Liebe wurde schon in zigtausenden Liedern über die Jahrhunderte hinweg beschrieben. Aber erst in der Postmoderne wurde der Liebeskummer zum prägenden Gefühl ganzer Generationen, die sich in ihrer unnachahmlichen Verzweiflung inzwischen sogar technischer Hilfsmittel bedienen.
Die freudsche Kultur habe nahegelegt, dass das Liebeselend im Großen und Ganzen unvermeidlich und selbstverschuldet sei, so Illouz. Das Scheitern der Liebe sei durch die seelische Geschichte des Individuums zu erklären und unterläge folglich auch dessen Kontrolle. Die Idee der individuellen Verantwortung stellt Illouz nun aber auf den Kopf und behauptet, dass "die Wechselfälle und Nöte unseres Gefühlslebens vielmehr durch institutionelle Ordnungen geprägt" würden. Nicht eine dysfunktionale Kindheit, sondern ein Bündel aus sozialen und kulturellen Spannungen und Widersprüchen, die das moderne Selbst und seine Identität strukturieren, verursache die Probleme der heute Liebenden. Es soll nicht unerwähnt blieben, dass gerade die Liebe der Zement ist, mit dem das Gebäude der männlichen Herrschaft errichtet wurde, denn hauptsächlich Frauen würden auch heute noch der sog. Fürsorge nachkommen. Der Geschlechterkampf würde so lange von Männern dominiert, weil diese immer noch die wirtschaftliche und sexuelle Macht hätten. Aber gerade die Liebe trägt auch das Potenzial in sich, das Patriarchat von innen zu unterwandern, so Illouz. Auf der anderen Seite der Gefühlsskala steht dann das Leid, "das durch Bilder und Ideale, aus denen sich unsere Erinnerungen, Erwartungen und Sehnsüchte zusammensetzen". Leid sei ein Einbruch des Irrationalen in das alltägliche Leben und wir leiden oft doppelt, wenn dem Leiden kein Sinn abgetrotzt werden kann: "unter dem Schmerz, den wir erfahren und unter unserer Unfähigkeit, ihm eine Bedeutung zu verleihen".
"Jemanden zu lieben heißt, das Gute in ihm und durch ihn zu lieben." Kierkegaard meinte, dass Liebe abhängig vom Charakter kein "eruptives Ereignis sei, sondern eher ein kumulatives, eines der longue durée". Eva Illouz verwendet verschiedene Quellen, aber auch psychologische oder soziologische Studien sowie einige Tiefeninterviews. Im ersten Kapitel vertieft sie sich in das Thema Heiratsmarkt und schreibt von den Ritualen, die "ein mächtiges Werkzeug, um Ängste zu bannen, die durch Unsicherheit hervorgerufen werden" seien. Sie rufen aber auch Erwartungen hervor. Illouz nennt dies ein "Regime der Performativität von Gefühlen". Dieses Regime stehe im Gegensatz zum heutigen Regime emotionaler Authentizität, das durch die ökonomische Unabhängigkeit der Betroffenen immer mehr hervortrete, da Ehe für das wirtschaftliche Überleben nicht mehr entscheidend ist. Im zweiten Kapitel geht es um Bindungsängste und die Architektur der romantischen Wahl. Darin beschreibt sie, wie Mädchen ohne Identitätsbruch aufwachsen und ihr ganzes Erwachsenenleben danach strebten, Verschmelzungsbeziehungen mit anderen zu reproduzieren, während Jungs lernen würden, sich zu separieren und sich darauf reduzieren, Liebe zu empfangen statt zu geben oder zu erwidern. Für Männer würde Liebe oder Sex später zu einem bloßen Status, der es ihnen erlaube, mit anderen Männern zu konkurrieren. Für Frauen hingegen sei die Liebe eine Möglichkeit des sozialen Aufstiegs. Dass die heutige Bindungsangst auch daraus resultiere, dass es zu viel Angebot gäbe und die damit einhergehende Ambivalenz zum tragenden Gefühl des Geschlechterkampfes wird, mag mehr Wahl, aber weniger Wohl für den/die einzelnen bedeuten.
Das dritte Kapitel widmet sich dem Verlangen von Anerkennung. Auf den Zweifel folgt Gewissheit, formulierte es Descartes, aber andererseits "Selfcontemplation is a curse that makes an old confusion worse". Die beflügelnde Kraft der Liebe, das, was guttut an der Liebe, ist ja die Transformation, man fühlt sich "stärker, reicher, vollkommener" und für einen Augenblick ist man wirklich der, den wir uns zu sein einbilden. "Das Gefühl gewöhnlicher Unsichtbarkeit zu überwinden und ein Gefühl der Einzigartigkeit sowie ein gesteigertes Selbstwertgefühl zu empfinden" zeichne die Liebe aus. Ist deswegen sich zu verlieben schon zum Grund und Zweck geworden? Die romantische Liebe ist zum Schauplatz der Aushandlung des Selbstwertgefühls geworden, schreibt Illouz und gibt zu bedenken, dass eine romantische Bindung zu Selbstwertgefühl verhelfen müsse. Liebe ist in der Moderne entscheidend dafür geworden, den Wert einer Person zu konstituieren. Das normative Selbstbild eines jeden Menschen sei auf die Möglichkeit der steten Rückversicherung im Anderen angewiesen. Anerkennung wiederum sei eine komplexe symbolische Arbeit, die durch wiederholte Rituale gewährleistet werden müsse. Das Leid mache das Selbst nicht zunichte, sondern erhöhe und verherrliche es, somit sei es ein Ausdruck aristokratischer Werte. Leiden konstituiert und verherrlicht das Selbst zu einer bedeutsamen Existenz. Das große Ziel des Lebens ist Sensation, damit wir fühlen, dass wir existieren, wenn auch unter Qualen, so Mario Praz in "Liebe, Tod und Teufel". Im Ergebnis untergräbt die Abtrünnigkeit des Liebesobjekts das Selbst, so Illouz abschließend. Wir müssten uns eben zwischen einer ekstatischen und einer selbstbestimmten Existenz entscheiden.