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Anfang der 1980er-Jahre liess der marxistische Historiker Eric Hobsbawm seine Studenten scheinbar althergebrachte Traditionen als moderne Erfindungen entlarven. Das Zerlegen von Mythen war auch in der Schweiz lange Teil des Selbstverständnisses von Linken und Liberalen. Es war auch eine Abgrenzung zu den Rechtskonservativen, die sich mit dem Gedenken an Rütlischwur, Morgarten und Marignano überboten.
Das ist vorbei. In den letzten Jahren bedient man sich auch bei Sozialdemokraten und Freisinnigen wieder ungehemmt bei der Geschichte. Aktueller Verkaufsschlager auf dem Markt der Erinnerungskultur ist der 12. September 1848. Der Tag entwickelt sich zur ernsthaften Konkurrenz für den 1. August. 2011 begannen ein paar alternde Juso den Tag zu feiern und gründeten den Verein 12. September. Immer mehr Organisationen springen auf den Zug auf.
Die Mitglieder der Operation Libero, die durch ihren Kampf gegen die Durchsetzungsinitiative bekannt geworden ist, bezeichnen sich gar als Kinder von 1848 und verweisen in ihrem Gründungspapier bereits im ersten Satz auf den 12. September.
Morgen wird der Tag, an dem 1848 die Bundesverfassung verabschiedet wurde, mit Festen in Winterthur, Genf und Zürich begangen. In Bern treten der Rapper Greis, die Unternehmerin Sandra von May-Granelli sowie Alt-Nationalrat Alec von Graffenried als «Botschafter für 1848» auf. Organisiert wird die Feier von mehreren linken bis liberalen Organisationen.
Sehnsuchtsjahr 1848
Wann die Schweiz gegründet wurde, fragte die SP-Nationalrätin Margret Kiener Nellen im Dezember 2009 den Bundesrat. Als Antwort gab es eine Floskel und einen Verweis auf die Forschungsfreiheit. Wie Rom nicht in einem Tag gebaut wurde, erstreckte sich die Entstehung der Eidgenossenschaft über Jahrhunderte. Zudem kenne die Schweiz keine verbindliche amtliche Geschichtsschreibung, sondern Meinungs-, Informations- und Forschungsfreiheit.
Für Linke und Liberale bietet der 12. September 1848 verschiedene Anknüpfungspunkte. Mit der Verabschiedung der Bundesverfassung wurde die Schweiz zur demokratischen Insel im monarchischen Europa. Zeitgenossen sinnierten über die Strahlkraft des Beispiels der Eidgenossen. So schrieb etwa der Jurist Johann Caspar Bluntschli, die Schweiz habe Idee und Prinzipien verwirklicht, die für die ganze europäische Staatenwelt «seegenreich und fruchtbar seien», und dachte darüber nach, ob sich die «internationale Schweizernationalität in der grossen europäischen Gemeinschaft auflöse». Dank solchen Zeilen können auch überzeugte Europäer 1848 feiern.
Wenn es darum gehen soll, die Entstehung der modernen Verfassung zu feiern, kommen indessen noch andere Daten infrage. Die Verfassung von 1848 war keineswegs die erste. Am 12. April 1798 trat die Verfassung der Helvetik in Kraft. Sie war der Schweiz von Frankreich in einer Mischung aus Revolutionsexport und Invasion verordnet worden. Darum und weil das zentralistische Grundgesetz keine Autonomie für Kantone oder Gemeinden vorsah, wird selten der Ruf laut, diesen Tag zu feiern. Dasselbe gilt für die Mediationsakte. Ab dem 19. Februar 1803 galt diese Sammlung von kantonalen Verfassungen und Bestimmungen für den Bund. Napoleon Bonaparte verordnete sie der Schweiz, um im Konflikt zwischen Föderalisten und Zentralisten auszugleichen.
Für den 12. September 1848 spricht, dass die damalige Verfassung die erste war, die sich die Schweizer selbst gaben. Zwar kam die radikale Forderung nach einer Volkswahl der Verfassungskommission nicht durch. Eine von der Tagsatzung ernannte Kommission schrieb den Verfassungstext. In allen zweiundzwanzig Kantonen fand aber eine Abstimmung statt. 15 Kantone stimmten zu. Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden, Zug, Wallis und das Tessin lehnten ab. Die Appenzeller Halbkantone waren gespalten. Innerhoden lehnte ab, Ausserrhoden nahm an. Doch es gab auch weniger demokratische Momente. Die Luzerner lehnten eigentlich ab. Weil man die Abstinenten aber zu den Ja-Stimmen zählte, galt die Verfassung auch in Luzern als angenommen. In Kanton Freiburg entschied der Grosse Rat an Stelle der Abstimmungsberechtigten.
Liberaler wäre der 19. April 1874
Die Konfliktlinie verlief ähnlich wie während des Sonderbundskrieges. Die katholischen Kantone fürchteten die Zentralmacht der reformierten Kantone. Erst mit der Verfassungsrevision 1874 entspannte sich die Lage. Im Referendum sahen die Konservativen das Mittel, die Liberalen im Zaum zu halten. Am 19. April 1874 wurde die Revision der Bundesverfassung an der Urne angenommen. Er taugt mindestens so gut als liberaler Nationalfeiertag wie der 12. September. An diesem Tag dehnte die Eidgenossenschaft die Glaubensfreiheit auf nicht christliche Gemeinschaften aus, führte die Gewerbefreiheit ein und schaffte die Todesstrafe ab. Letztere wurde aber 1879 per Volksinitiative wieder eingeführt und der Jesuitenorden war nach wie vor verboten.
Wenn es darum ginge, die Demokratie zu feiern, wäre freilich noch ein anderes, noch viel späteres Datum in Betracht zu ziehen: der 7. Februar 1971. Der Tag an dem die Herren Schweizer nach 123 Jahren Bundesstaat auch den Frauen das Stimmrecht gewährten.
Was Wilhelm Tell, das Rütli und den 1. August angeht: Auch sie bieten nicht nur für rechte Parteien Anknüpfungspunkte. Die entscheidende Frage ist, ob Gessler primär als Fremder oder als Unterdrücker gesehen wird. Im Bauernkrieg von 1653 führten drei als Wilhelm Tell verkleidete Männer die Entlebucher und Emmentaler zum Aufstand gegen die Obrigkeit. Also gegen einen Unterdrücker im Innern.
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Linke und Liberale begehen den 12. September als Nationalfeiertag. Eignen würden sich auch andere Daten.
Anfang der 1980er-Jahre liess der marxistische Historiker Eric Hobsbawm seine Studenten scheinbar althergebrachte Traditionen als moderne Erfindungen entlarven. Das Zerlegen von Mythen war auch in der Schweiz lange Teil des Selbstverständnisses von Linken und Liberalen. Es war auch eine Abgrenzung zu den Rechtskonservativen, die sich mit dem Gedenken an Rütlischwur, Morgarten und Marignano überboten.