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Seinsgebiet der Kunst: Das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft
(Bild: "Am Computer" von Sibylle Laubscher, Acryl auf Papier)
Nach meinen Ausführungen zum Verhältnis von Kunst und Wissenschaft möchte ich als nächste Thematik das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft aufgreifen. Diesem Verhältnis entspringen gleichsam alle Quellen des Kunstschaffens.
Von meinem Lehrer, dem Maler und Kunstphilosophen Martin Rabe (geb. 1942) dient mir dazu einleitend ein Zitat:
„Kunst ist die Kraft zur Form in der Mitte zwischen der Sinneskraft und der Kraft der Vernunft. Sie wird von Menschen für Menschen gemacht. Damit setzten sie Ordnung ins Chaos. Deshalb wohnt ihrem Kern zutiefst das Menschliche inne. Dort ist der Mensch sich selbst am nächsten. Das ist das Mass. Verlassen die Menschen dieses Maß, entsteht das Gegenteil von Kunst: Beliebigkeit.“
Diese These weißt unter anderem darauf hin, dass Kunst etwas Gemachtes ist und zwar von Menschen für Menschen und nicht für Galerien, Sammlungen und Museen und schon gar nicht für sogenannte Kunstmessen. Speziell darauf werde ich noch zurück kommen. Kunst ist eine Angelegenheit der Menschen.
Zunächst soll in der hier notwendigen Kürze der Begriff „Gesellschaft“ vorgestellt werden, damit ein gewisses Verständnis möglich ist für die Frage nach ihrem Verhältnis zur Kunst.
In seiner „Anthropologie des Menschen“ (AA7, 324) fordert Immanuel Kant (1724-1804): „Der Mensch ist durch seine Vernunft bestimmt, in einer Gemeinschaft und mit Menschen zu sein und in ihr sich durch Kunst und Wissenschaft zu kultivieren, zu zivilisieren und zu moralisieren.“
Nach Auffassung der Naturrechtslehre der von Kant inspirierten Aufklärung, wird eine Vereinigung, eine Gemeinschaft eingefordert, gegenüber dem vorher im sogenannten „Naturzustand“ vereinzelt lebenden Menschen, zu einem Sozialverbund, an dessen Ende dann die Idee des Staates steht und ein sogenannter Gesellschaftsvertrag, welchen Kant eine „regulative Idee“ nennt, die ein Staat als Grundlage benötigt.
Ohne auch nur irgendeinen Abstrich an Kants Vorschlag zu machen, zeigen uns neuere Forschungen von Archäologen, dass der im „Naturzustand“ vereinzelt lebende Mensch doch schon für sich die Gemeinschaft als eine weitere Lebensform entwickelte.
In den ältesten Monumenten der Menschheit von vor 12000 Jahren in Anatolien haben innerhalb der Ansiedlungen von Menschen (in Nevali Cori) Gemeinschaftsgebäude einen zentralen Platz, also Räume, die allen dienten zu einer gemeinschaftlichen Idee. Mir scheint diese Entdeckung eine bedeutende Aussage über die geistige Konstitution der Menschen als ein Gemeinschaftswesen zu sein.
Unter Gemeinschaft versteht man eine in der Regel überschaubare Gruppe, deren Mitglieder etwas „Gemeinsames“ haben und dadurch auch bewusst eine Bindung eingehen. Erst danach, darauf aufbauend, bildet sich die Vorstellung und Form einer „Gesellschaft“.
Der französische Mathematiker und Philosoph August Comte (1798-1857) versuchte wohl als erster eine Lehre von der Gesellschaft, Soziologie (von lat. Socius: der Geselle, Genosse). Darin legte er die Theorie einer Ergänzung der Naturphilosophie vor, welche an die in einer Gesellschaft immer vorhandenen eigenen Grundgesetze anknüpft. Diese benennt er „physique soziale“. Im heutigen Verständnis kennzeichnet es das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft, welche die Form des sogenannten „vergesellschafteten Menschen“ hervorbringt. Intersubjektivität als elementare Kraft der Zwischenmenschlichkeit.
Der Soziologe Ferdinand Tönnies (1855-1936) wurde dann mit seinem Hauptwerk „Gemeinschaft und Gesellschaft“ (1887) zum eigentlichen Begründer der Soziologie als Wissenschaft. Er spricht von sozialen Formen, bei denen der Wille des Einzelnen sich als Teil eines Kollektives versteht und damit die Form von Gemeinschaft prägt. Der Einzelne stellt sich selbstlos in ein gemeinsames Wollen. Weiter erklärt er, dass sich dieses selbstlose Verhalten allerdings in der Form von Gesellschaft umkehrt! In Gesellschaften soll der Wille zum Gemeinsamen vorrangig dem persönlichen Nutzen dienen. Bei Tönnies schließen sich demnach Begriffe „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“ aus.
Hierzu möchte ich für mein Thema eine mir wichtig erscheinende Anmerkung machen: im Verhältnis von Kunst und Gesellschaft stehen sich zwei sehr unterschiedlichen Positionen gegenüber: die Zweckfreiheit der Kunst und die vor allem in der Gegenwart total zweckorientierte Gesellschaft. Das wird uns am Ende noch beschäftigen.
In der Fortsetzung des Werkes von Tönnies steht vor allem Max Weber (1864-1920), welcher zwar stets vom vergesellschafteten Menschen spricht, jedoch perspektivisch immer die Vergemeinschaftung einfordert, also eine Art der Rücknahme von Einzelinteressen.
Für unsere Bemühungen ist der Soziologe Georg Simmel (1858-1918) insofern ergiebiger, weil er auch ein bedeutender Kunstphilosoph war und deshalb die Kunst in ihrer Wesensart in seine Überlegungen mit einbezog. Von ihm stammt übrigens eine „Philosophie des Bilderrahmens“, sowie eine bedeutende Arbeit über Rembrandt.
Simmel sieht in den sozialen Interaktionen die Vergesellschaftung freier, als eine „Spielart“, in deren sich die Inhalte so verhalten, „wie das Kunstwerk zu Realität.“ Damit stellt er also das „Mögliche“ (und nicht das Faktische) in den Vordergrund. Auf diese Weise geriet die Vergesellschaftung zu einem Wert für sich und ein „Glückszustand“ jenseits der sozialen Realitäten. Bekanntlich kann man das Kunstschaffen als ein Tun bezeichnen, mit der Absicht, Ernst und Spiel miteinander zu verbinden.
Von hier aus lässt sich ein Bogen zu Friedrich Schiller (1759-1802) spannen, welcher über die Auswirkungen der Französischen Revolution entsetzt war, vor allem darüber, dass dieses epochale Geschehen seine dritte Forderung, nach Freiheit und Gleichheit nicht auch die Brüderlichkeit zu verwirklichen suchte. Für ihn sollen die Menschen in einer grossen Gemeinschaft leben und nicht alleine. Nur so könnten humanistische Ideale ausgelebt werden. Der Mensch, von der Dualität Geist und Materie geprägt, empfindet und denkt in Sinnlichkeit und Vernunft. Er fordert in seinen „Briefen zur Ästhetischen Erziehung des Menschen“ eine Erziehung durch die Kunstkraft. Im Wesentlichen geht es ihm um zwei Grundhaltungen:
- Kunst, beziehungsweise ästhetische Erziehung als Erfahrung vom persönlichen Glück, das dem Menschen im ästhetischen Spiel (Simmel!) widerfährt, und
- Kunst, beziehungsweise ästhetische Erziehung als gesellschaftsveränderndes Moment, das über die Sensibilisierung des Menschen und die Veredelung seines Charakters geschieht.
So könnten humanistischen Ideale verwirklicht werden, welche er zwischen den Polen Stofftrieb (Gefühle, Instinkte, persönliche Nutzen) und Formtrieb (Vernunft, die sich aus der Kultur der Menschen entwickelt und deren Entwicklung nicht durch Pflichten und Gesetze eingeschränkt werden dürfe, da diese den Menschen dann zum „Sklaven seines Verstandes“ machen würden.
Und dann kommt er zu seiner entscheidenden Folgerung:
„Denn, um es endlich auch einmal heraus zu sagen, der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Simmel!)
Für mein Thema möchte ich festhalten, dass Schiller von einer Gemeinschaft der Menschen redet, die ihre Form durch die selbstlos wirkende Kunstkraft erhält, bis hin zur Forderung nach einem auch so geformten ästhetischen Staat.
So kritisch und richtig wie Schiller die Schäden der Französischen Revolution beschreibt bringt dieser europäische Umsturz allerdings für das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft völlig neue Perspektiven. Bis dahin war Kunst und Kunstgenuss allein dem König, der Kirche und dem Adel vorbehalten. Diesen drei Größen wurde ihrer allesbestimmende Macht genommen und ihre Schätze dem neu erfundenen „Bürger“ öffentlich zugänglich gemacht. Und es war kein geringerer als Napoleon, welcher den Louvre in Paris ausbaute und zu einer nationalen Angelegenheit machte. Er wurde 1793 eröffnet und seit dem hielten Kunst und Gesellschaft als Thema Einzug in die Kunst.
Wohl der bedeutendste Wegbereiter hierzu war der spanischer Maler Francisco de Goya (1746-1828) mit seinem Gemälde „die Erschießung der Aufständischen“. Dieses Werk ist die erste Kritik an der Gesellschaft von Rang innerhalb des Kunstschaffens auf das sich bis in die Gegenwart zahlreiche Künstler berufen.
Die Erschießung der Aufständischen Francisco de Goya, 1814
Quelle: Wikipeadia
Ein weiteres Beispiel aus der sogenannten klassischen Moderne führt uns nach Italien. Dort entwickelte sich die Spielart des „Futurismus“, mit einem Konzept, welches ausschließlich das Gesellschaftliche ins Zentrum des Schaffensprozesses rückte. In dem sogenannten ersten „Manifest des Futurismus“ aus dem Jahre 1909, verfasst von Filippo Tommaso Marinetti (welcher später den Werdegang Mussolinis mit begleitete) zitiere ich einige Sätze:
„Wir wollen die Liebe zur Gefahr besingen, die kraftvolle und kühne Haltung… …Wir wollen den Menschen besingen, der das Lenkrad hält, dessen Säule im idealen Sinne die Erde durchquert, die ihrerseits auf ihre Kreisbahn geschleudert ist… Zeit und Raum sind gestorben… Wir wollen den Krieg verherrlichen, das einzige Heil für die Welt, den Militarismus, die zerstörerische Geste der Anarchisten… auf dem Gipfel der Welt stehend schleudern wir noch ein Mal unseren Trotz den Sternen entgegen.“
An dieser Stelle möchte ich nun ein kunstphilosophisch orientiertes Fazit ziehen:
Wenn wir danach fragen, aus welchen Quellen sich die Kunst speißt, so gab ich zu Anfang mit dem Zitat von Martin Rabe bereits die Antwort. Sie ist vom Menschen als geistige Person getragen. Sie hat ihren Ursprung in Elementarerlebnissen des einzelnen Menschen und in der Beziehung des Menschen zum Übermenschlichen und vor allem in dem Verhältnis des Menschen zur Gemeinschaft. Diese drei Bereiche wirken nicht getrennt, sondern wirken in einander. In der Gemeinschaft finden auch die religiösen Kräfte und weitere Organisationen und Kulte ihren Platz.
Elementarerlebnisse entwickeln sich weniger aus technischen Gebilden oder Theorien der Naturwissenschaften usw., sondern aus den Seelengründen, dem Staunen und der Neugierde des Menschen vor der Welt. Dazu gehört eine Sinnenfrische und der Spieltrieb. An jedem Punkt seiner menschlichen Totalität kann er sein Kunstschaffen ansetzen. Doch es versiegen die Quellen der Kunst, wenn die Menschen nicht mehr zu Elementarerlebnissen fähig sind, wenn sie blind vor der Welt und von Angst in der Welt geprägt sind. Wenn das Grundvertrauen in die Schöpfung verloren ist.
Zur vorher beschriebenen Vergesellschaftung des Menschen trug auch entscheidend der Verlust bei, eines von der Metaphysik geprägten Weltbildes gegen Ende des 20. Jahrhunderts. An die Stelle der Metaphysik trat dann die Gesellschaft. Grundlegende Erkenntnisse zur Lebenswirklichkeit der Menschen suchte man fortan aus der Gesellschaft selbst zu ziehen. Man setzte sich nicht mehr in Distanz zur Gesellschaft, sondern man sprach aus der Gesellschaft in die Gesellschaft hinein. Sie erklärte sich aus sich selbst heraus. Seit dem wurden dann immer neue Formen proklamiert: die Industriegesellschaft, die Konsumgesellschaft, die Wissens- und Informationsgesellschaft, die Spassgesellschaft, die globalisierte Gesellschaft, usw. usw.
Auch die gesamte Kunstszene wurde davon erfasst und die Gegenwartskunst beschränkt sich darauf, als Applausinstrument zu dienen für Formen, wie sich eine egoistisch gestimmte Gesellschaft selbst gern sieht. Das Verschwinden von Elementarerlebnissen öffnet ein weites Tor für Beliebigkeiten, welche wie ich zur Anfang erklärte, das Ende der von Selbstlosigkeit bestimmten Kunst herbeiführt. Die im Verständnis Schillers notwendige „Brüderlichkeit/ Schwesterlichkeit“ bliebe in dieser Form von Gesellschaft chancenlos. Dabei hatte es mit den Künstlern des Dada oder George Grosz (1893-1959) und Otto Dix (1862-1942) geistreiche und überzeugende Entwürfe gegeben. Doch es bildete sich viel Unrat, dem man aktuell in einer Ausstellung von Georg Baselitz (geb. 1938) kopfschüttelnd in Paris begegnen kann.
George Grosz, New York Street Scene, ca. 1932
Quelle: Hammer.ucla.edu
© Sibylle Laubscher
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