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Zwei Tage im Land der integren Menschen. Erste Eindrücke von Burkina Faso
Welcome im Welcome Hotel, Boubakar und Lucien
Als wir vorgestern Abend gegen 22:00 in Ouagadougou endlich aus dem Bus kraxelten, dauerte es etwas, bis der freundliche Mensch aus Mali, ein angestellter der SONEF Busgesellschaft und ein Taxifahrer sich einig waren, wo ich am besten untergebracht werden sollte. Die auberge in der Stadt komme für mich nicht in Frage, sie sei zwar billig, doch dort verkehrten Prostituierte und es sei zu schmutzig für mich. Aber für 5,000 cfa sei es nicht einfach, etwas akzeptables zu finden. Ich beruhigte, es könnten auch 10,000 sein, wenn es für 5,000 nichts rechtes gäbe. Doch nein, es müsse schon etwas geben, für 5,000 oder vielleicht 6,000. Schliesslich bestimmte der SONEF-Angestellte, dass das Hotel Welcome das passendste für mich sei, und er instruierte den Taximann mich dorthin zu bringen. Mein Begleiter aus Mali kam mit, um sicher zu sein, dass ich wirklich gut untergebracht bin. Im Welcome wurde ich von einem älteren Herrn begrüsst. Gemeinsam mit ihm, dem Taxifahrer und dem freundlichen Beschützer aus Mali besichtigten wir das über einen engen Innenhof erreichbare Zimmer. Ich sagte zu
Es war zwar ein ziemlich deprimierendes Loch, aber die Unbeholfenheit seiner Einrichtung und seine Primitivität hatten es mir irgendwie angetan und Alternativen schien es ohnehin nicht zu geben. Die Zimmertür aus Metall; die Fenster mit dicken Metalllamellen halb verschlossen, in der Ecke ein runder Holztisch, halb darunter das Doppelbett mit einem Regal als Fussteil, alles dünne, wacklige Bretter, Bauart Seifenkiste. Überm Bett ein uralter Ventilator, der, wenn er einmal in Schwung kommt, so sehr an seiner Halterung rüttelt, dass er wohl einem der nächsten Gäste in diesem Zimmer nächtens auf den Kopff fallen wird, und als Höhepunkt die gemauerte Dusche in der einen Zimmerecke. Hoch oben ein Duschkopf aus den 1920erjahren und senkrecht darunter ein Loch mit dem Durchmesser einer Konservenbüchse, dazu ein leichter Duft von Urin und ein Plastikeimer ... Es war eine Kombination von Clo und Dusche, die mir so noch nie begegnet war. oder war es vielleicht doch nur eine Dusche. In der Ecke lehnte ein Metallstab mit unklarem Zweck. Ich benützte ihn, um mir ein genaueres Bild von der Beschaffenheit des Loches zu machen: Für Wasser und wässriges würde es reichen, aber für den Rest? Da ich im Augenblick keine entsprechenden Bedürfnisse hatte, verschob ich die Frage auf morgen, schrieb und las noch ein wenig und schlief dann gut und lange.
Am nächsten Morgen rufe ich zuerst Boubakar an, dessen Nummer ich von Jean-Marc aus der Schweiz habe. Boubakar könne mir, so ean-Marc, einige Kontakte zu blinden Menbschen in Burkina Faso vermitteln. Er kennt auch die Schule in Bulsa, für die Jean-Marc sich seit eingien Jahren engagiert. Boubakar ist sehr freundlich und wird mich sofort im Welcome-Hotel abholen.
ich fühle mich wie ein richtiger Afrikaner, weil mich das Wort "sofort" zum erstenmal nicht davon abhält, im Kaffee gegenüber meinem hotel gemütlich zwei Schalen Nesskaffee und ein halbes Baguette zu verzehren, während vor mir eine Art Strassenrennen stattfindet: Motorräder, Autos und Lastwagen in beiden Richtungen und ziemlichem Tempo in einer engen Strasse. Gedröhn und Gestank von Abgasen. Allein käme ich nur als toter Mann über diese Rennbahn. Zum Glück ist hier immer jemand, der mich ganz selbstverständlich dorthin bringt, wo ich gerade hin will. Zum Kaffee, zum "Cyber" um die Ecke oder zurück zum Welcome.
Nach einer halben Stunde habe ich fertig gefrühstückt. Der Hotelbesitzer hat mir einen Plastikstuhl gebracht und ich sitze vor dem hotel auf dem Trotoir und warte. Boubakars "sofort" zieht sich angenehm in die Länge. Ich sitze und träume. Nach einer Stunde werde ich etwas schläfrig, doch dann kommt er und fünf Minuten später sitzen wir im Toiotabus der Association pour le Salut des personnes handicapées de la vue de Burkina Faso, ASHVB, und Ousmane, der Chauffeur fährt uns zum Sitz der Vereinigung.
Boubakar hat Lucien Naré, den Administrator der Association mitgebracht, und schon auf der Fahrt unterhalten wir uns freundlich und angeregt. Lucien ist anfang oder mitte 50; er erblindete in Folge eines Verkehrsunfalls als er 27 Jahre alt war. Vor seiner Erblindung hat er als Buchhalter gearbeitet. Boubakar ist Leiter und Pfarrer einer christlichen Gemeinde und Leiter oder Mitarbeiter einer Organisation, welche sich für die Interessen aller behinderten Menschen in Burkina Faso einsetzt. In seiner Freizeit arbeite er ausserdem als Übersetzer vom Englischen ins Französische.
Klein aber fein: Die Association pour le Salut des personnes handicapées de la vue de Burkina Faso, ASHVB und ihre Druckerei
Die ASHVB ist in einem ruhigen Haus untergebraacht. In Luciens Büro steht ein PC mit allem drum und dran. Man spürt die mitwirkung der Schweizr Profis: Eine Blindenschriftzeile, ein wohlklingender Lautsprecher für die Sprachausgabe,, ein Punktschriftdrucker etc. etc. Die Einrichtung wirkt viel gepflegter als das Sammelsurium von mehr oder weniger funktionstüchtigen PCs der mauretanischen Blindenorganisation, und auch inwendig scheint Luciens PC wesentlich besser eingerichtet. Jaws scheint gut zu laufen, im Gegensatz zu Nouakchott funktioniert hier auch der Jawscursor und die Jawshilfe. Wie effektiv Lucien seine State-of-the-Art Einrichtung zu nutzen vermag, kann ich allerdings nicht sagen. Ich helfe ihm am nächsten Tag ein wenig, besser mit seinem outlook Express klarzukommen. Dabei erlebe ich ihn als ziemlich unsicher und uunerfahren. Im Gegensatz zu Sy Abdoulaye, der zwar auch sehr langsam arbeitet, aber dabei sehr genau versteht, was er tut und was ich ihm zeige, wirkt Lucien noch wie ein staunender Neuling in diesr Welt.
In einem zweiten Raum steht ein weiterer Punktschriftdrucker. Hier werden die Bücher für die Schule und andere Dinge gedruckt. Dabei stellt man auch Lehrmittel und Lesestoff in More, der in Burkina Faso am weitesten verbreiteten Lokalsprache her. Lucien hat für die 40 Zeichen des morischen Alphabets einen Braille-Zeilensatz entwickelt, den sie jetzt benützen. Das interessiert mich. ich wüsste gerne, wie er dabei vorgegangen ist, und ob und welcher Austausch zwischen den Menschen besteht, die neue Braille-Alphabete entwickeln. Doch ich frage ihn nicht; ich stecke noch zu sehr im allgemein atmosphärischen, bin noch nicht richtig angekommen. Einzelne Eindrücke sind da, jetzt, wo ich schon wieder fort bin, beginnen mich die Details zu interessieren und ich hätte Lust, mir ein genaueres Bild von den Räumen der Association, der Kapazität ihrer Druckerei, ihren Auftraggebern etc. etc. zu machen. Es sind fragen, die ich Lucien vielleicht noch einmal im Rahmen eines Telefongesprächs stellen werde.
Gefangene der Freundlichkeiten
Für den Nachmittag ist der Besuch der von der Association 2007 eröffneten Blindenschule mit dem etwas umständlichen Namen "Siloé de Association pour le salut des personnes handicapées de la vue", vorgesehen. Boubakar und Lucien fragen mich immer wieder, wann ich die Schule gerne sehen würde, während ich ihnen klarzumachen versuche, dass ich keine Ahnung habe, wann unser Besuch für die schule passen würde und ob und wann der Bus zur Verfügung stehe etc., sodass sie sagen sollten, wann wir dorthin aufbrechen. Nachdem wir uns eine Weile im Reigen dieser Freundlichkeiten gedreht haben, schlage ich vor, dass wir zuerst etwas essen sollten. Sie ssind einverstanden, da auch sie einen kleinen Hungr verspüren. Doch beeginnt jetzt sogleich ein neuer reigen: Sie fragen, was ich gerne essen möchte, und ich sage, da ich die hiesigen Sitten und Möglichkeiten nicht kenne, solten sie ruhig das Steuer in die Hand nehmen. ich sei mit allem einverstanden und habe keine besonderen Vorstellungen oder Ansprüche. Natürlich,aber was ich denn gerne essen würde ... Schliesslich gehen wir in ein "im Garten" ganz in der Nähe gelegenes kleines Restaurant, wo ich wieder gefragt wurde, was ich denn gerne essen würde, während ich herauszufinden versuche, was denn da sei.
Diese sich im Kreis drehende Freundlichkeit erinnert mich an Wroclav (Breslau), wo Gilles und ich im Herbst 1992 oder 93 einen zweitägigen Workshop über alternative Schulformen geben sollten. Bei der Planung wurden wir gefragt, wann wir Mittagessen wollten. Wir sagten, fwir seien da ganz flexibel, sie sollten sagen, was am besten passe. O nein! Sie seien ganz flexibel, wir sollten einfach sagen, wann wir essen wollen. Nun, wann man denn in Polen so in etwa zumittag esse. O, das spiele gar keine Rolle, wir sollten einfach sagen, wann es uns am besten passen würde. Nach einer halben Stunde sagte ich schliesslich, dass ich es gut fände, wenn wir um viertel nach zwölf oder halb eins essen können. Doch ja, das sei kein Problem. Soweit der erste Teil der Geshichte. Der zweite Teil fand am nächsten Mittag statt. Als wir um 12 Uhr mit unserer Arbeit aufhörten, war von Essen weit und breit nichts zu sehen oder zu riechen. Um viertel nach zwölf immer noch nichts; um halb eins immer noch nichts. Ich fragte, wie es mit dem essen sei. Die Antwort: Kein Problem, es kommt sofort. Tatsächlich hatten jetzt einige Frauen angefangen, ein Büffet für uns aufzubauen. Wir hatten ein volles Programm, und ich hätte gerne weiter gearbeitet, aber da das Essen jeden Moment fertig sein konnte haben wir gewartet bis pünktlich um halb zwei alles so weit war. Spätr habe ich erfahren, das man in Polen früühestens um eins oder halb zwei zumittag isst ...
Diesmal machte Boubakar dem Kreislauf der Freundlichkeit ein Ende, indem er für uns ein Huhn bestellte. Es war ein kleines, ziemlich mageres und ziemlich teures Hühnchen, zu dem man uns ein paar Stück angetrockneten Brotes brachte ... Als es am folgenden Tag wieder um die Frage des Essens ging, sagte ich zu Lucien, wir könnten auch etwas kaufen, etwas Brot vielleicht oder ein paar Bananen, und hier im Schatten vor dem Büro essen. Ich würde es gerne so tun, wie sie es normalerweise täten. Diesmal funktionierte es; wir waren dem Kreislauf der Freundlichkeit entkommen und sassen mit Jogurt und Bananen gemütlich zusammen und plauderten.
Die Kinder der Blindenschule von Ouagadougou und die scham der Eltern
Mein Besuch in der Schule wurde offenbar angekündigt. Als wir gegen zwei Uhr ankommen, sind die Kinder jedenfalls alle versammelt und empfangen uns mit einem kräftigen Willkommenslied. Ich höre immer wieder "bienvenu" und "merci", während ich als Ehrengast durch die Gasse der 6 bis 12jährigen SängerInnen gehe. In einem grossen Schulzimmer, das extra für den Zweck etwas umorganisiert wurde, findet dann der offizielle Empfang mit kleinen Ansprachen unnd Grussworten statt. Eine Lehrerin erzählt kurz etwas von mangelnden Lehrmitteln besonders für Geometrie und ähnliche Fächer. Auch eine Vervielfältigungsmöglichkeit für die von ihnen hergestellten Blindenschriftunterlagen fehle. Das Wort Termo-Foil taucht kurz auf. Ich werde aufgefordert, mich vorzustellen, und ich erzähle von meiner Reise durch Europa bis hierher. Dann werden die Kinder vorgeführt: drei von ihnen dürfen etwas rezitieren. Mir fällt ihr echter oder zur Schau gestellter Eifer und ihre Bereitwilligkeit auf. Sie stellen sich hin und sprechen laut und deutlich: "Recitation! Une histoir" und dann geht's los, mit holprigem, aber doch flüssigem Französisch - für all diese Kinder zu Beginn ihrer Schulzeit eine Fremdsprache, die nur in der oberen Mittelschicht und in der Oberschicht etwas verbreitet ist. Nach den Rezitationen gibt's noch zwei Lieder. Wiederum diese starken, kräftigen Stimmen, diese Energie und diese zupackende Freude. Ein Junge begleitet die Gruppe mit freiem lebendigem Dschembespiel ... Schliesslich kommen die Schlussworte. Ich mache den Kindern vor, wie ängstlich viele Menschen in der Schweiz klingen, wenn sie singen. Heiterkeit, endlich ein wenig lachen. Zum Glück ist der offizielle Teil damit beendet, denn ich möchte doch auch gerne noch ein Stück Alltag sehen und Gelegenheit für ein paar Fragen haben.
Nachdem die Tische und Stühle wieder in ihre normale Ordnung gebracht sind, beginnt der Unterricht. Ich schaue bei vier Gruppen vorbei. So weit ich verstanden habe, umfasst die Schule zur Zeit lediglich die Primarstufe, d.h. die ersten sechs Schuljahre, wobei manche Klassen zusammen unterrichtet werden. Ich bleibe jeweils nur kurz. Meine Eindrücke ähneln denen, die ich in pakistanischen oder indischen Schulen und in Tanzania hatte: Disziplinierte Kinder mit grosser Lernbereitschaft, aber auch mit grosser Abhängigkeit von ihrem Lehrer oder ihrer Lehrerin. Viel mechanische Arbeit, stets vom Lehrer oder der Lehrerin dirigiert. In einer Gruppe beginnt die Lehrerin eben ein französisches Diktat. Der Text klingt ein wenig wie unser "Anneli und Hansli" aus den 1960erjahren. Irgendwelche Sätze und Geschichtchen, die mit dem Erleben der Kinder nichts zu tun haben. Doch berührend ist es, als plötzlich zehn Hände beginnen, mit ihren Sticheln loszuschreiben. Ich habe in der Schule zwar auch eine der bei uns seit Jahrzehnten üblichen Perkings Blindenschriftmaschinen gesehen, doch normalerweise schreiben hier alle nach wie vor mit Stichel und Tafel, so wie bei uns vor 40 und 60 Jahren. Es klingt wie eine kleine Herde von Pferden, die über ein Feld galoppiert: Klack krack krackkrackkrack. Krackrkack. krackkrackkrackkrack. Echte Musik, polyrhytmisch bewegte Wellen, ohne feste Konturen aber voller Leben. Ein akustisches Bild, das mich um hundert Jahre zurückversetzt - vielleicht in die Zürcher Blindenschule zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die Siloé de Association pour le salut des personnes handicapées de la vue ist ein Internat. Die Kinder können im Prinzip jedes Wochenende nach Hause, doch viele sind das ganze Jahr über in der Schule, da die Heimfahrt entweder zu weit oder zu teuer ist oder weil man sie dort nicht will. Die Schule wird damit für viele zu ihrem eigentlichen zuhause.
Mustaffa, ein kräftiger Kerl von 33 Jahren, der seit seinem 17. Lebensjahr nichts mehr sieht, und nach seiner eigenen "Umschulung" im Alphabetisierungsprogramm für Erwachsene arbeitet, welches ebenfalls von der ASHVB angeboten und inzwischen vom Staat mitfinanziert wird, erzählt mir am nächsten Tag, als ich ihn nach der Situation blinder Kinder in seinem Land frage: "Die Situation? Nun, die meisten blinden Kinder werden versteckt. Vor allem auf dem Land. Sie dürfen nicht aus dem Haus, denn - nun, die Eltern schämen sich. Es ist ein Makel füür die Familie, ein solches Kind zu haben, also wird es versteckt. Man bringt ihm nichts bei. Oft wird es einfach sich selbst überlassen. Hockt tagelang in einer Ecke oder liegt rum. Es hat weniger Wert als der Hammel im Hof. Wenn es stirbt - um so besser. Die eltern sind völlig hilflos, sogar wenn sie etwas für ihr Kind empfinden. Es wird allmählich, ganz ganz langsam besser, denn, nun ja, wir versuchen die Menschen aufzuklären. Aber viele Kinder, die zu uns in die Schule kommen, sind völlig verwarlost, mehr ein Tier als ein Mensch. Ein Junge beispielsweise, der mit ungefähr zehn Jahren in unsere Schule kam, pinkelte und schiss regelmässig ins Bett. Es war für ihn normal. Oft hat er nach dem Scheissen begonnen, seinen Kot zu essen. Es war für ihn normal. Er wusste nicht, dass man für so was eine Toilette hat, und dass man seinen Kot nicht isst! Wir haben es ihm gezeigt. Er hat sich nie gewaschen. Er wusste nicht, wie man so was macht.Wir haben ihm alles alles von Anfang an zeigen müssen: Wie man sich wäscht, wie man isst, wie man sich anzieht und seine Kleider wäscht und in Ordnung hält ... Einfach alles. Andere haben vielleicht gelernt auf die Toilette zu gehen, und sie wissen, dass die linke Hand nicht zumm Essen da ist. Aber auch sie müssen zluerst ganz viel lernen. und dann, nach einem Jahr gehen sie während der grossen Ferien für drei Monate in ihr Dorf zurück, und dort sieht die Familie, wie sich ihr Junge oder ihr Mädchen verändert hat. Plötzlich ist da ein Wesen, das sich am häuslichen Leben beteiligt, dass beim Essen zubereiten hilft, das spricht und Fragen stellt und erzählt. Das ist das eigentliche Wunder. Da werden die Eltern und die ganze Familie plötzlich wach und alle merken, dass dises Kind ja ein Mensch ist, ein Mensch, der lachen kann und Spässe macht und Lieder auswendig kennt und sogar seine eigenen Kleider wäscht. Da staunen sie plötzlich und manche sind wie umgedreht und verstecken ihr Kind von da an nicht mehr. Diese Kinder, die in die Dörfer zurückkehren, das sind unsere eigentlichen Missionare. Sie tragen am meisten dazu bei, dass sich die Einstellung gegenüber blinden und sonst wie behinderten Menschen auch bei uns in Burkina langsam langsam zu verändern beginnt."
Der Kampf lohnt sich. ?Tamara Kabores Geschichte
Was Mustaffa erzählt erinnert mich an die erste rezitation des gestrign Nachmitttags. Es handeelte sich um ein von Frau Kabore, einer blinden Lehrerin der Schule verfasstes Gedicht, das ein etwa 10jähriger Junge vortrug. Es war nicht irgend ein nichtssagendes Lesestück oder Gedicht, sondern es war so etwas wie ein Manifest der Blindenbefreiung, ein Manifest wie wir es in den "entwickelteren" Länddern nicht mehr schreiben würden, welches jedoch viel über die hiesige Situation und die Hoffnungen sagt, die in Projekten wie der Blindenschule in Ouagadougou oder die von Jean Marc Meyrat unterstützte Schule in Bulsa stecken.
Toi Braille - un poèm
Toi Braille, qui se lit par le toucher, tu es la soursce de notre bonheure et de notre savoir.
Toi Braille, qui éveilles nos consciences et nous intègres dans le milieu scolaire, tu es notre soleil et notre lumière!
Toi, qui nous fais sortir de nos cachettes et nous rends considérable par le monde entier, tu es le vaincqueur des ténèbres.
r
Grace à toi, oh Braille, nous disons non à la mandicité, nous disons non à la marginalisation, nous disons non aux préjugés, nous disons non à la discrimination et nous disons non a l'exclusion sociale!
Tes vertues sont numbreux; que tu es merveilleux! Oh braille!Que tu es formidable!
Mes frères et soeurs, travaillons et montrons donc nos capacités intéllectuelles, car a-t-on toujours dit qu'on ne voit mieux qu'avec le coeur; l'essentiel est invisible par les yeux.
?Damara Kabore, ouagadougou, Burkina Faso
Frau Kabore, die ich am Freitag nachmittag in der schattigen Plauderrunde vor den Räumen der ASHVB kennenlerne ist jünger als ich gedacht hatte, mitte oder ende zwanzig. Ich frage sie nach ihrer Geschichte, und sie erzählt: "Meine Geschichte? Hmm. Wir waren Zwillinge, zwei Mädchen. ich wurde mit sieben Monaten blind. Danach - nun, danach hat man mich eben versteckt. Das war keine gute Zeit als ich klein war. Die andern durften raus und hatten ihre Freundinnen, und ich musste zuhause bleiben. Manchmal hat meine Zwillingsschwester mich mitgenommen hinaus auf die Strasse, aber wenn mein Vater es gemerkt hat, wurde er wütend. Er hat sich geschämt. Vielleicht hatte er auch Angst. Beides eben. Angst und Scham. Dann eines Tages, als ich sieben Jahre alt war, kam eine Nonne zu uns. Sie hatte durch meine ältere Schwester von mir gehört. Sie kam also und redete mit meinen Eltern. Sie wolle mir die Blindenschrift beibringen, damit ich in die Schule könne, denn es sei nicht recht, blinde Kinder einfach so in der Ecke sitzen zu lassen. Mein Vater wollte davon nichts wissen, aber meine Mutter hat gesagt, wenn du es nicht erlaubst, dann nehme ich mein Kind und gehe. Da hat er ja gesagt, und ich habe begonnen, das Alphabet zu lernen und zu lesen und zu schreiben. Und später ging ich dann in die gewöhnliche staatliche Schule. Ich und ein blinder Junge, der ebenfalls bei der Ordensfrau die Blindenschrift gelernt hat, waren die einzigen blinden Kinder dort. Meine Mitschülerinnen haben mir viel geholfen. Sie haben mir diktiert, was der Lehrer an die Tafel geschrieben hat, und ich hab alles mit dem Stichel für mich notiert. Das war bis Ende Primarschule. Weil ich eine gute Schülerin war und immer gute Noten heimbrachte, war mein Vater inzwischen auch ganz stolz auf mich und fand es gut, dass ich in die Schule gehe. Einmal hat ein Lehrer gesagt, mein Schreiben mache zu viel Lärm. Er wollte mir verbieten, während des Unterrichts zu schreiben. Da ging ich zum Rektor und hab ihm gesagt, dass ich auf diese Weise ja gar nichts lernen würde. Man hat dann eine Konferenz mit dem Lehrer abgehalten und ihm alles erklärt, und dann war's wiedr gut. Eigentlich waren damals alle auf meiner Seite, auch meine Mitschülerinnen. Sie haben alle gesagt, das geht doch nicht! - Ja und dann, mit 12 Jahren sollte ich auf's Gymnasium, doch dort hat man mich abgelehnt, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ein blinder Mensch schreiben und lesen kann. Da war ich dann zwei Jahre zuhause, aber wir hatten bei der entsprechenden staatlichen Stelle Beschwerde eingelegt, und nach zwei Jahren musste das Gymnasium mich aufnehmen. Ja, dort war ich dann bis zum Abitur. Danach ging ich in eine andere Stadt und habe die Sozialarbeiterschule gemacht. Das hat drei Jahre gedauert. Im Gymnasium habe ich meine Tests auf Blindenschrift geschrieben. Da war jemand, der das für die Lehrer übersetzt hat. Ich hatte auch ein paar Lehrbücher. Die wurden für mich abgeschrieben. Allerdings waren das nur Lesebücher und so. Geschichtsbücher und ähnliches hatte ich nie, doch das ging allen so, die wenig Geld für Bücher hatten. An der Berufsschule musste ich die Tests mit der Schreibmaschine schreiben, und meine KollegInnen haben mir die Lehrbücher auf Kassette gesprochen. Das war schon härter. Ja und jetzt erlebe ich die Diskriminierung wieder, denn obwohl ich das Diplom habe, kriege ich keine meiner Ausbildung entsprechende Stelle. Deshalb arbeite ich zur Zeit in der Schule. Die Arbeit ist gut, aber ich verdiene viel zu wenig. Deshalb suche ich auch. Wir haben wieder Beschwerde eingereicht, und ich hoffe, dass ich irgendwann durchkomme und zB beim Staat eine Stelle kriege. - Mir geht's heute ja gut im Vergleich zu den vielen vielen anderen blinden Menschen hier in burkina, aber wenn ich ann sie denke, oder wenn ich daran denke, wie einsam ich als Kind war, dann packt mich eine grosse Wut, und ja - kämpfen muss ich immer noch, immer wieder, denn immer wieder will man mich an den Rand des Lebens schieben! Wer nicht kämpft, geht unter."
Lucien und Mustaffa ergänzen. "Ja, manche von uns erreichn wirklich etwas, doch das sind bis jetzt nur ganz wenige, und selbst wir spüren die Diskriminierung immer wieder." Dann sagt Lucien: "Weisst du, bei uns glauben die Leute zum Beispiel, dass es Unglück bringt, wenn einem in der Früh als erstes ein blinder mensch begegnet. Wenn ich deshalb aufstehe und aus dem Haus gehe, grüsse ich niemanden. Ich antworte nur, wenn mich jemand grüsst, denn dann weiss ich, dass es für ihn okay ist mit mir zu sprechen. Später am Tag ist es natürlich anders. Dann grüsse ich alle, denn dann weiss ich ja, dass ich sicher nicht der erste bin, der ihnen heute begegnet." Auf meine Frage hin sagt Mustafa, der mir robuster und draufgängerischer erscheint als Lucien: "Ja doch, das ist für mich genau dasselbe. Es ist noch so ein ungutes Gefühl um die Blinden."
wer nicht hilft, hilft am meisten ... Eine Weisheit und eine Ausrede zugleich
Natürlich fragt Lucien mich am Ende unseres gemütlichen Plaudernachmittages, ob ich nicht bereit sei, etwas für ihre Schule zu tun. Ich hätte ja gesehen, was alles fehle. Ich bin wieder einmal in der Klemme: soll ich helfen, soll ich meine Zeit und Energie und vielleicht auch mein Geld hier investieren? Was das Geld angeht, so ist eine bessere entlöhnung der LehrerInnen vermutlich eines der vordringlisten Probleme der Schule, denn zur Zeit ist der Wechsel im Team wegen der geringen Bezahlung gross. Das macht eine systematische Aufbauarbeit jedoch so gutt wie unmöglich. Die materielle Ausstattung der Schule und die Schulräume selber sind zwar bescheiden, aber direkte Not sehe ich in diesem Bereich nicht. Sicher, die rund 10 bis 15 Jungen und Mädchen haben jeweils nur einen relativ engen Schlafraum zur Verfügung und einige von ihnen müssen aus Platzgründen auf Matten auf der Erde schlafen, doch das ist nicht besser oder schlechter als das Leben in einem durchschnittlichen Dorf, und auch die Tatsache, dass es im erst kürzlich errichteten 1. Stock des Schulgebäudes noch keine elektrischen Installationen gibt, ist etwas, mit dem sich leben lässt.
Ich sage Lucien schliesslich, dass ich seinen Appell an meine Hilfsbereitschaft zwar verstehe, dass ich im augenblick jedoch nichts tun wolle, da ich nicht jedem Menschen und jedem Projekt, dem ich in Afrika begegne, helfen könne. Das überfordere meine Energie und mein Bankkonto, denn er könne sich ja vorstellen, dass ich überall, wo ich vorbeikomme, dasselbe gefragt werde. lucien lacht und sagt, "dann bleibst du jetzt einfach hier und reist nicht weiter!" Ich denke an die Möglichkeit, in der Schweiz ein paar Menschen für die Bildung einer Arbeitsgruppe zu gewinnen, in der wir verschiedene Hilfsmöglichkeiten prüfen und dann tun, was uns am sinnvollsten scheint: Geld sammeln, europäische Fachleute und interessierte Leien zur freiwilligen Mitarbeit animieren, Transporte mit Schulmaterial und anderen Dingen zusammenstellen ... Dabei würde mich allerdings zu allererst interessieren, welche Initiativen und Organisationen es in diesem Bereich bereits gibt. Im übrigen bräuchte ich für jede Vermittlungs- oder Aufklärungsarbeit Material: Ein Video über die Situation blinder Kinder und Erwachsener in Burkina Faso oder in Afrika allgemein; Photos; kurze Beschreibungen ihrer Projekte mit Angaben über Projektzile, bisherige Erfolge, aktuelle Probleme, beteiligte Projektpartner und aktuelle Wünsche ...
Lucien ist mit allem einverstanden, doch am liebsten wäre ihm trotz allem irgend ein konkretes Versprechen ... Er denkt konkret und nicht abstrakt und allgemein wie ich. Natürlich hat auch er Recht: Das eine tun und das andere nicht lassen! Aber zu schnell gegebene Hilfe verlängert letztlich bloss die Abhängigkeit. Es ist wie in der Schule: Die Rolle des Lehrers ist tückisch. Die Frage, was tut ihr oder was könnt ihr tun, um euch selbst zu helfen mag herzlos erscheinen, doch sie ist unterm Strich vermutlich hilfreicher als unsere Gewohnheit, sofort einzugreifen und etwas zu tun. Boubakar, mit dem ich bei anderer Gelegenheit kurz über dieses Thema gesprochen habe, hat mehr Sinn für meine Haltung und meine Art des vorgehens.
Um nicht ganz abstrakt zu bleiben, gebe ich Lucien am Ende unseres Zweikampfes über die hier und jetzt nötige Hilfe 20,000 cfa als Spende für die Küche, damit sie einmal etwas besonderes kochen können. Das helfe ihnen natürlich nicht weiter, aber vielleicht sei es doch etwas, was den Kindern und den Erwachsenen in der Schule freude macht.
Und das Clo?
Das war am Freitag Nachmittag. Am Samstag will ich weiter in Richtung Niger, wo ich Ismael treffen will, um über seine Pläne in Sachen Hilfe für blinde Kinder zu sprechen. Ich staune darüber, wie viel ich hier trotz der Kürze meines Besuches erlebt und erfahren habe, und wie sympathisch mir die Menschen von Burkina Faso sind. Viel zum Ruhm des Landes der integren Menschen trug mein Hotelbesitzer bei, denn, naja, die Sache mit dem Clo. Nach dem Schulbesuch am Donnerstag musste ich eben doch einmal grösser, sodass ich ihn bat, mir doch bitte noch das Clo zu zeigen. Das löste eine komplizierte und mir anfänglich ganz unverständliche Aktion aus. Ich wurde in den zweiten Stock des Vorderhauses geführt. Vor einer Türe sollte ich kurz Platz nehmen, denn die Frau hätte noch "commerce" da drinnen. Olala, an Commerce hatte ich eigentlich nicht gedacht, aber naja, mal sehen. Nach einigen Minuten kam die Frau aus dem Zimmer und mein Hotelbesitzer führte mich hinein, zeigte mir voll Stolz das Bett und den Tisch und den Stuhl und dann ein Clo ... Hier, hier sei es ... Man würde mir meinen Rucksack gleich bringen. Hier sei es besser für mich ... Das Haus sei viel moderner und das Clo eben auch ... Tatsächlich gab's da eine Closchüssel und auch eine Art Spülung; das Wasser floss allerdings eher spärlicch, denn naja: wir waren eben im zweiten Stock. Alles in allem war ich aber am Ziel meiner Wünsche angelangt.
Den Ruhm seines Landes hat der liebe Mensch aber ein paar Stunden später gerettet, alss ich ihm die fünftausend cfa für mein Zimmer und tausend cfa für all seine Freundlichkeit bezahlen wollte. Zuerst gab er mir die tausend cfa zurück. "Es ist doch klar, dass wir helfen, behalten Sie das nur für sich. Sie können das ja auch brauchen." Und dann lehnte er sich vertraulich zu mir hinüber und flüsterte mir ins Ohr: "Und wissen Sie, das Zimmer kostet nur 3,000 cfa. Aber die beiden, die sie gestern hergebracht haben, die wollten einen Deal mit mir machen. Und weil sie ja dabeistanden konnte ich nichts sagen. Aber jetzt ... Nehhmen Sie das ... Auch wenn Sie jetzt vorne wohnen, wo's eigentlich ja etwas teurer ist, weil's so neu ist ...". Was für ein lieber und freundlicher Mensch!