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Ombudsstelle: «Das generische Maskulinum ist nicht mehr zeitgemäss»
Ein Beanstander stört sich an der gendergerechten Sprache im «Echo der Zeit». Seiner Ansicht nach entspricht dies einer ideologischen Sprachregelung «von oben». Die Ombudsstelle bezieht entschieden Position und unterstützt die Beanstandung nicht.
Der Beanstander wirft in seinem Schreiben die Frage auf, welche Legitimation die SRG habe, um eigene Sprachregelungen ungefragt einzuführen. Er findet, das sei undemokratisch und ein Mittel der Repression. Das «Echo der Zeit» sei zudem seine Lieblingssendung gewesen. Jedoch verunmögliche «die Verwendung dieser Gender Antisprache», die Beiträge zu hören.
SRF hat im laufenden Jahr die publizistischen Leitlinien hinsichtlich gendergerechter Sprache überarbeitet – die SRG Deutschschweiz und auch SRG Insider folgen diesen Leitlinien.
Mehr Infos zur gendergerechten Sprache bei SRF sowie zu den Publizistischen Leitlinien.
Im Kaptiel 9.5 der überarbeiteten Publizitsitschen Leitlinien, «Genderneutral und diskriminierungsfrei berichten», ist Folgendes zu lesen:
Wir zeigen die Gesellschaft so vielfältig, wie sie ist. Wir verbreiten keine diskriminierenden Klischees.
Wir streben bei SRF eine genderneutrale Sprache an:
- In mündlichen und schriftlichen Texten vermeiden wir in der Regel das generische Maskulinum. Es kommt nur dann ausnahmsweise zum Einsatz, wenn der Platz für Paarformen zu knapp oder eine genderneutrale Formulierung zu umständlich oder unverständlich ist.
- Wir variieren: Paarformen («Bürgerinnen und Bürger»), Wechsel in Aufzählungen («Technikerinnen, Journalisten und Assistentinnen»), genderneutrale oder -abstrakte Begriffe («Interessierte», «Einsatzkräfte», «Medienschaffende»), Kollektivbezeichnungen («die Bevölkerung», «das Management») oder substantivierte Partizipien, wenn sie grammatikalisch und sachlich korrekt sind (Personen sind nur «Demonstrierende», solange sie demonstrieren; danach sind sie etwa Trinkende, oder Reisende).
- Den Genderstern («Politiker*innen») vermeiden wir im Allgemeinen. Falls nötig verwenden wir den Doppelpunkt («Manager:innen»), der das Schriftzeichen für eine kurze Pause ist und deshalb auch von einer Künstlichen Intelligenz so gelesen wird (wichtig für Menschen mit Sinnesbeeinträchtigungen).
Ob wir Schreibweisen wie «Hörer:innen» und deren akustische Umsetzung mit kurzer Pause mitten im Wort in einem Format einsetzen oder nicht, entscheiden wir bewusst. Wir berücksichtigen die Erwartungshaltung und die Gewohnheiten der Zielgruppen des jeweiligen Kanals und Formats. Konkret bedeutet das: In Radio- und Fernsehsendungen wird keine genderneutrale Form («:» als Pause) gesprochen – in Podcasts, Youtube-Formaten oder Formaten für Jüngere ist dies aber möglich. Auf sozialen Plattformen kann man auch den Genderstern einsetzen, wenn es den Erwartungen der Zielgruppe entspricht. In Publikationen auf srf.ch, auf Sendungsseiten, in unseren Apps oder im Teletext benutzen wir weder «:» noch «*». In internen Dokumenten verwenden wir den «:», wenn es unvermeidlich ist.
Wir beschreiben Menschen nicht mit stereotypen Sprachbildern und reduzieren sie nicht auf vermeintlich frauen-, männer- oder herkunftstypische Äusserlichkeiten (z.B. «Die zierliche blonde Frau kämpft für ...»). Dasselbe gilt auch für Bildmaterial, denn es tragen zum Beispiel nicht alle Frauen in Führungspositionen Stöckelschuhe. Im Zweifelsfall hilft eine Gegenprobe: Die Frau wird gedanklich durch einen Mann ersetzt. Sexistische Formulierungen wirken komisch (z. B. «Der zierliche Blonde setzt sich besonders für Wirtschaftsförderung ein»).
Wir transportieren keine Stereotype: Frauen sind nicht immer nett, Männer im Haushalt nicht alle unbeholfen, Südländerinnen und Südländer nicht immer fröhlich.
Wir zeigen Männer in vermeintlichen Frauenrollen und umgekehrt. Auf unseren Bildern sind auch gleichgeschlechtliche Paare zu sehen. Ältere Menschen bilden wir auch als aktive, gesunde Personen ab, nicht nur am Gehstock. Ebenso werden Menschen mit Beeinträchtigungen sowie Migrantinnen und Migranten als selbstverständlicher Teil des Schweizer Alltags gezeigt.
Wir vermeiden Formulierungen, die eine Normvorstellung zementieren, unterschwellige Wertungen beinhalten, bestimmte Bevölkerungsgruppen ausschliessen oder diskriminieren (z.B. «Herr und Frau Schweizer finden ...», «Die Schweizer sind ein sauberes Volk», «Schwarze haben Rhythmus im Blut»). Unseren Willen zum sensiblen Sprachgebrauch zeigen wir insbesondere bei der Berichterstattung über Gruppen mit spezifischen Identitäten (z.B. Transgender), indem wir uns konstruktiv mit den Vorschlägen zu Sprachregelungen der entsprechenden Interessenverbände auseinandersetzen.
Wir streben bei Expertinnen und Experten ein ausgeglichenes Verhältnis an, Zielgrösse ist 50:50. Eine gleichberechtigte Repräsentation muss zur Selbstverständlichkeit werden, denn sie ist auch ein Merkmal journalistischer Qualität.
Es ist verbindliche Aufgabe der Redaktionen, in ihren Fachbereichen Expertinnen zu finden und zu befragen. Die Suche nach geeigneten Expertinnen ist bereits bei der Planung zu berücksichtigen. Jede einzelne Journalistin, jeder einzelne Journalist bei SRF achtet auf eine ausgeglichene Bilanz. Die Vorgesetzten fordern diese aktiv ein.
Nicht nur das Geschlecht, auch andere Diversitätsmerkmale lassen wir in die Suche nach Fachpersonen, Akteurinnen und Akteuren einfliessen, zum Beispiel Alter oder Migrationshintergrund.
Da Kritik an gendergerechter Sprache allerdings kein Einzelfall ist, hat sich die Ombudsstelle entschlossen, eine Stellungnahme zum Thema abzugeben:
Die deutsche Sprache ist kein starres Konstrukt, sondern wandelt sich fortlaufend. Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie etwa erhielt ein ganz neues Vokabular Einzug. Auch der Umgang mit den Geschlechtsformen wandelt sich – so hat der Duden den Begriff «Gendersternchen» 2020 in seine Ausgabe aufgenommen und führt in diesem Zusammenhang als Beispiel den Begriff «Lehrer*in» auf.
Als Unternehmen, das alle Bevölkerungsteile umfasst und der Gleichberechtigung Rechnung trägt, will SRF auf das «generische Maskulin», bei dem die Frauen lediglich «mitgemeint» sind, verzichten. Diese Sprachweise ist nicht mehr angebracht und nicht mehr zeitgemäss – auch wenn sie die Anpassungen den Sprachfluss stören mögen. Selbst wenn es wohl so ist, dass die Sprache die Gesellschaft noch nie verändert hat – Sprache und Denken beeinflussen sich gegenseitig. Wer meint, Frauen seien beim generischen Maskulinum mitgemeint, ignoriert die Forschung, die das Gegenteil bewiesen hat: Kinder zeichnen Wissenschaftler als Männer, nicht als Frauen.
Statt des «generischen Maskulins» ist deshalb nachvollziehbar, dass in den Radio- und TV-Programmen wenn immer möglich beide Formen («Politikerinnen und Politiker») oder geschlechtsneutrale Formulierungen («Demonstrierende») verwendet werden. Parlamentarier:innen, Politiker:innen etc. werden bei SRF nur dort verwendet, wo ein jüngeres Publikum angesprochen ist, das mit dieser Form der Gendersprache besser vertraut ist. Also in erster Linie bei Social-Media-Inhalten. In den klassischen Radio- und TV-Programmen ist diese Form aber nicht (mehr) zu sehen bzw. zu hören.
Text: SRG.D/lh
Bild: SRG.D/Illustration Cleverclip
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