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An der Tour de France fuhr Marc Hirschi mit beherzten Auftritten ins Rampenlicht. An der WM in Imola gelang dem 22 Jahre jungen Berner gleich die Bestätigung seiner Erfolge in Frankreich. Drei Gründe, weshalb er schon jetzt so ein guter Rennfahrer ist.
Es war ein harter, langer Tag im Sattel für die besten Radprofis der Welt. Im WM-Rennen in Imola wurde ihnen nichts geschenkt. Steile Rampen und viele Kilometer machten den Wettkampf zu einem Ausscheidungsfahren, in dem einer nach dem anderen das hohe Tempo der Favoriten nicht mehr mitgehen konnte.
Einer war stets vorne dabei: Marc Hirschi. Erst als der spätere Weltmeister Julian Alaphilippe energisch attackierte, musste der Berner abreissen lassen. Doch als er bemerkte, dass das wunderschöne Regenbogentrikot ausser Reichweite war, konnte Hirschi gedanklich sofort umschalten und dank taktischer Cleverness die Bronzemedaille gewinnen.
Als jüngster Fahrer seit Lance Armstrong, der 1993 in Oslo noch vor dem 22. Geburtstag sensationell Weltmeister wurde, durfte Hirschi im Alter von 22 Jahren und 35 Tagen auf ein WM-Podest steigen.
Seit dem Zweiten Weltkrieg gelang dies nur fünf Fahrern, die noch jünger als der Schweizer waren. Allesamt wurden später Velo-Legenden: Greg LeMond gewann die Tour de France und die WM; Freddy Maertens wurde Weltmeister und gewann die Vuelta; der luxemburgische «Engel der Berge» Charly Gaul triumphierte bei Tour und Giro d'Italia; Armstrong war der siebenmalige Rekordsieger der Tour de France, bis seine Erfolge wegen Doping annulliert wurden; und Rik van Steenbergen wurde drei Mal Weltmeister und gewann ausser der Lombardei-Rundfahrt jedes der fünf Monumente.
Das ist die Kategorie Rennfahrer, in die Hirschi aufsteigen möchte. Und es ist die Kategorie, die er erreichen kann. Denn gerade im WM-Rennen hat er eindrücklich seine Stärken bewiesen. Stärken, die ihn im Verlaufe der Karriere noch weit bringen können.
Das WM-Rennen in der Emilia-Romagna war 258,2 Kilometer lang. Diese Distanz ist heutzutage eher aussergewöhnlich, gerade junge Fahrer haben wenig Erfahrung mit solchen Strecken. Hirschi bestritt dieses Jahr kein längeres Rennen, 2019 in seiner Neoprofi-Saison beendete er insgesamt vier Rennen mit mehr Kilometern. Hinzu kam in Imola, dass die Fahrer rund 5000 Höhenmeter bewältigen mussten auf den neun Runden mit jeweils zwei kurzen, aber steilen Anstiegen.
Hirschi besitzt bereits jetzt einen guten «Motor», um auch bei solch langen Rennen erfolgreich zu sein. Und da der Körper mit zunehmendem Ausdauertraining leistungsfähiger wird, hat der 22-Jährige sein Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Hinzu kommt eine hervorragende Radbeherrschung, die besonders bei seinen wagemutigen Abfahrten zu erkennen ist.
Mit 1,74 Meter und 61 Kilogramm ist er leicht genug für die Berge, sodass dereinst vielleicht auch die Gesamtwertung einer dreiwöchigen Rundfahrt in den Fokus rücken könnte. Vorerst scheint Hirschi dort ein Etappenjäger zu sein und ein heisser Kandidat für hügelige Eintages-Klassiker, etwa das Gold Race, Lüttich-Bastogne-Lüttich, Flèche Wallone oder die Lombardei-Rundfahrt.
Im WM-Rennen war Hirschi in der entscheidenden Phase auf sich alleine gestellt, während etwa die Belgier noch zu viert vertreten waren. Klar: Die Schweiz konnte auch nur mit sechs Fahrern antreten, die grossen Nationen hatten neun Starter. Trotz dieses Nachteils gelang es dem Team, seinen Leader gut abzuschirmen, so dass Hirschi Kraft sparen konnte. Zwar sagte er nach dem Rennen, er habe sich nicht so stark gefühlt – doch dieses Gefühl trog ihn glücklicherweise.
Hirschi zeigte sich gedanklich jederzeit voll auf der Höhe. Er war fast immer ideal platziert, in den ersten Positionen der Gruppe. Nur einmal wurde es kurz kritisch, drohte er den Anschluss zu verlieren. Doch insgesamt bewies Hirschi – wie schon an der Tour de France – eine bemerkenswerte Reife. Instinktiv macht er stets das Richtige. Eine seltene Gabe, die Champions von grossen Fahrern abhebt.
Zu dieser taktischen Cleverness kommt eine Abgebrühtheit hinzu, die üblicherweise nur ein Routinier hat. Marc Hirschi machte alles richtig, als hinter Alaphilippe ein Quintett um die restlichen Medaillen kämpfte. Jeder der fünf wusste, dass von ihnen der Belgier Wout van Aert der wohl beste Sprinter ist. Und so suchte im Endspurt jeder dessen Hinterrad, um die Bronzemedaille zu gewinnen.
Hirschi war es schliesslich, dem das um wenige Zentimeter gelang – und keinem seiner hoch dekorierten Widersacher. Michael Kwiatkowski war schon Weltmeister, Vuelta-Sieger Primoz Roglic gerade Zweiter der Tour de France geworden, Jakob Fuglsang zuletzt Sieger der Lombardei-Rundfahrt. Hirschi blieb cool, auch als diese Stars ihn blickreich aufforderten, mitzuführen. Dieses Selbstbewusstsein, diese Nervenstärke – ein weiteres Merkmal dieses aussergewöhnlichen Rennfahrers, dem die Zukunft gehört.
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