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Quelle: «Gewerbezeitung Wädenswil», 22. Oktober 2018 von Peter Ziegler
Älteste Belege
In der Herrschaft Wädenswil wurden schon früh Reben gezogen. Eine Urkunde von 1270 besagt, dass Rudolf, der letzte Freiherr von Wädenswil, einen geschlossenen Rebbezirk von 22 Jucharten (7 ha) Ausmass besessen habe. Die Quellen des 14. und 15. Jahrhunderts belegen, dass sich der Weinbau grosser Beliebtheit erfreute. Grösster Rebbesitzer war die Johanniterkomturei mit ihren 24 Lehenhöfen. Genannt werden unter anderem folgende Rebflächen in Komtureibesitz: 1427: 5 Kammern Reben (zirka 36 Aren) in Haslers Gut; 1436: 4 Tagwen (1 Tagwe = das, was ein Rebbauer in einem Tag mit der Hacke bearbeiten kann) Reben am Letten (Gegend Schlossbergstrasse) und 2 Jucharten (64 Aren) an Leinhalden (Gebiet Leigass); 1484: Reben in der Hinteren Au; 1488: 1 Jucharte Reben bei der Burg; 1516: Reben an der Breite (unterhalb dem Schloss).
Rebberg zwischen reformierter Kirche und Schulhaus Eidmatt, 1867.
Beschränkter Anbau
Angebaut wurde vor allem Weisswein, dessen Ausfuhr von der Regierung geduldet wurde. Dagegen erging 1645 ein Verbot, Veltliner einzuführen. Dies führte zu Klagen der Wirte, welche die Qualität des einheimischen Weins bemängelten. Als die Regierung sah, dass der Weinbau an beiden Seeufern auf Kosten des Ackerbaus immer mehr ausgedehnt wurde, verbot sie 1663 das Einschlagen neuer Reben. An die Stelle der Reben traten aber nicht wie gehofft Getreidefelder, sondern Wiesen und Weiden.
Weinbauernhäuser
Dass der Rebbau auch im 18. Jahrhundert bedeutend war, belegen die Weinbauernhäuser in Fachwerkkonstruktion. Sie sind gekennzeichnet durch einen hohen Mauersockel über einem tiefen Keller mit Fasslager für die grossen hölzernen Fässer. Als Beispiele seien das Haus zur Langen Stege an der Fuhrstrasse, das Haus Bühl am Rotweg oder das Julius-Hauser-Haus neben der reformierten Kirche angeführt.
Links neben der Kirche das Weinbauernhaus «Julius-Hauser-Haus» mit verputzter Fassade, rechts das 1950 abgebrochene Freischulhaus.
Trotten und Trottbäume
Im alten Wädenswil waren Trottgebäude stark verbreitet. Die frühesten – im Besitz des Johanniterordens – werden 1487 und 1546 erwähnt. Noch 1798 zählte man in der Dorfwacht 43, in der Ortwacht 39 und in der Bergwacht 40, also insgesamt 122 Trotten.
Das bedeutendste Gebäude war die zum Schloss gehörende Zehnttrotte der Landvogtei Wädenswil. Sie stand am untersten Ende der Schlossgass und wird im Kirchenurbar von 1555 erstmals erwähnt. Hier presste man den Zehntwein, den zehnten Teil des Ernteertrags, den jeder Rebbauer der Obrigkeit abzuliefern hatte. Zur Zehnttrotte gehörten eine Haabe am Seeufer und ein tiefer Weinkeller, der etliche hundert Eimer Wein fasste.
Im Herbst herrschte in der Wädenswiler Zehnttrotte Hochbetrieb. 1611 zum Beispiel war der Trottmeister Hans Wild mit elf Mann während 15 Tagen ununterbrochen an der Arbeit. Zwei bis drei Stunden Ruhe im Trottenstübchen mussten für die Erholung genügen.
1835 wurde die Zehnttrotte abgebrochen. An ihrer Stelle entstand später das Haus zum Wasserfels, Schlossgass 2.
Wädenswil im Jahre 1642. Im Vordergrund am See die Zehntentrotte.
Kurz vor und nach 1900 ging der Weinbau in der Gemeinde Wädenswil stark zurück. Aktuell sind es 7,34 Hektaren. Hatte man 1834 noch 145 Jucharten (46 ha) Rebland gezählt, waren es im Jahre 1910 nur noch 29,44 Jucharten (9,4 ha). Damit wurden die meisten Trottgebäude nicht mehr benötigt und daher abgebrochen oder umgenutzt. Erhalten ist ein Trottgebäude mit Trottbaum aus dem Jahre 1753 im Unteren Leihof, und im Weinbaumuseum auf der Halbinsel Au ist die aus Zürich Unterstrass stammende Trotte von 1761 betriebsbereit.
Trotte von 1753 im Unteren Leihof.
Trottbäume ziehen
Von Zeit zu Zeit mussten die Wädenswiler einen neuen Trottbaum zur Zehnttrotte ziehen. Das war 1558 der Fall. Im Auwald wurde eine mächtige Eiche gefällt, von Zimmerleuten behauen und dann von 202 Männern an einem Seil zur Trotte geschleift. Ein Tambour schlug dazu den Takt. Am Abend belohnte der Landvogt die Bürger mit dem Ausschank von Gratiswein.
1604 hatte man wieder einen neuen Trottbaum nötig. Im Wolfbüel im Wädenswiler Berg wurde eine mächtige Eiche gefällt, behauen und gelocht, und von 290 Männern und zwei Pferden den rund fünf Kilometer langen Weg zur Zehnttrotte gezogen. Zum Dank für die geleistete Arbeit tischte man der Seilschaft am Abend im Gesellenhaus Fleisch, Käse, Brot und Wein auf.
Chrähane
War die Traubenlese beendet, lud der Weinbauer zu einem nächtlichen Fest, das erst mit dem Hahnenschrei endete und darum Chrähane genannt wurde. Zu einem üppigen Mahl kamen verschiedene Spiele und Scherze. Lehrer Hans Altwegg berichtet 1913, dass der Wädenswiler Julius Hauser (1834–1897) während des Essens einen um den andern seiner jungen Gehilfen heimlich hinaus auf die Treppe zum «Sternegugge» rief. Der Erwählte musste durch den Ärmel eines Vestons am Himmel die Sterne betrachten, während Hauser durch die vordere Öffnung des «Fernrohrs» ein Glas Wasser schüttete. Die also Geprellten hielten das Geheimnis natürlich für sich, damit die andern auch noch in die neue Astronomie eingeführt werden konnten.
Wädenswil und die Reben
Falscher Mehltau, Reblaus, der Import von billigen Weinen sowie die gesteigerte Nachfrage nach Bauland waren Gründe, weshalb der Rebbau auch in Wädenswil stark zurückging. Nur die Rebbergstrasse und das Haus Reblaube erinnern daran, dass einst mitten im Dorf Trauben wuchsen.
Reben am Au-Hügel um 1900.
Doch Wädenswil ist für den Weinbau noch immer bedeutend: mit dem neu eröffneten Kompetenzzentrum, der Agroscope, der ZHWA, dem Rebberg am Auhügel oder dem vor 50 Jahren eröffneten Weinbaumuseum in der Vorderen Au. Und nicht vergessen seien die Wädenswiler Pioniere im Rebbau: Hermann Müller-Thurgau (1850–1927), der erste Direktor der heutigen Agroscope, und sein Mitarbeiter, der Weinbautechniker Heinrich Schellenberg (1868–1967).
Hermann Müller-Thurgau.
Weinbauer Julius Hauser.
Weinbautechniker Heinrich Schellenberg.
1912 wurde der Rebberg am Auhügel gerodet. 1950 pflanzte man hier wieder Reben an.