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Superlative gelten für beide: für David Foster Wallace (1962 – 2008) als Autor der US-amerikanischen postmodernen Literatur und für Roger Federer als Tennisstar. Foster Wallace hat 2006 über Federer für die «New York Times» (NYT) geschrieben. In dem Essay erhebt er den Tennisprofi in den Olymp. Eine persönliche Betrachtung zu dem Text, der jetzt auf Deutsch erschienen ist.
«Roger Federer as Religious Experience» – als religiöse Erfahrung – war Foster Wallace› Text im August 2006 in der «NYT» überschrieben; 2012 erschien er unter dem Titel «Both Flesh and Not» in einer gleichnamigen Essaysammlung. «Roger Federer. Eine Huldigung» heisst nun die zweisprachige Buchausgabe.
Das Federer-Buch von Foster Wallace basiert auf einem Treffen der beiden während des Wimbledon-Turniers 2006, das mit dem Final zwischen Roger Federer und Rafael Nadal endete. Als Sportjournalist und Reporter für die «Sportinformation» erlebte ich damals Roger Federers vierten Wimbledonsieg ebenfalls vor Ort live mit.
Dass die renommierte «NYT» den Star unter den amerikanischen Gegenwartsautoren nach Wimbledon entsandt hatte, war natürlich auch unter uns Journalisten ein Thema. Ich war neidisch: Da besuchte ein David Foster Wallace erstmals in seinem Leben ein Grand-Slam-Turnier und durfte sich gleich vor dem Final mit Roger Federer treffen. Wir Schweizer Journalisten konnten mit Federer nur nach den Spielen an den Pressekonferenzen kurz parlieren.
Federermomente
Foster Wallace› Huldigung beginnt mit sogenannten Federermomenten. Unweigerlich suche auch ich, bei meiner Lektüre des Textes, nach meinen Federermomenten. Laut Foster Wallace sind das Augenblicke, «in denen man den jungen Schweizer spielen sieht, und plötzlich klappt einem die Kinnlade runter, man bekommt Stielaugen und produziert Geräusche, die Partner aus Nebenzimmern herbeieilen lassen, um nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist».
Solche Federermomente erlebte ich selber auch: Swiss Indoors 2002, Duell der Jungspunde Federer gegen Andy Roddick. Roddick hielt mit 249 Kilometern pro Stunde lange den Weltrekord für den härtesten Aufschlag. Der Amerikaner schmettert also am Netz. Federers Chance, den Punkt noch zu gewinnen, ist gleich null. Aber irgendwie schafft Federer eine Schubumkehr, springt unfassbar schnell drei, vier Schritte zurück, hebt ab und setzt in der Luft zum Konter-Smash an. Roddick und alle, die es sahen, staunten. Der Ball flog vielleicht einen Meter an Roddick vorbei. Er hätte ihn ins Feld vollieren können – aber nicht im entferntesten hatte Roddick damit gerechnet, dass dieser Ball nochmals zurückkommt.
Einen anderen Federermoment gab es am 3. Februar 2004. Federer hatte soeben das Australian Open gewonnen und erstmals die Führung in der Weltrangliste übernommen. Ich (im Linienflug in der Holzklasse) und Federer (im gesponsorten Learjet) flogen von Melbourne nach Bukarest. Ich checkte im Hotel ein, als in der Lobby Unruhe aufkam. Federer traf ein. Der Medienchef des Tennisverbandes schirmte ihn ab. Doch der Gentleman Federer liess es sich nicht nehmen, mir kurz die Hand zu schütteln und sich zu erkundigen, wie denn meine Reise verlaufen sei.
Federer ist so, wie Foster Wallace ihn beschreibt: stets nett, immer freundlich und lächelnd. Er wirkt total entspannt. Roger Federer ist entweder ein wahnsinnig netter Kerl oder ein Mann, der wahnsinnig gut mit den Medien kann – wahrscheinlich stimmt beides.
Federermomente waren für mich auch alle Interviews, die ich mit dem Maestro geführt habe. 2006 – im Jahr des Besuchs von Foster Wallace in Wimbledon – waren es zwei , eines in Indian Wells, eines in Toronto. Unsere Gespräche waren immer ergiebig. Worüber allerdings Foster Wallace mit Federer gesprochen hat, das geht aus seiner «Huldigung» nicht schlüssig hervor.
Transzendenz
Was aber veranlasste Foster Wallace zu dieser Huldigung Federers? Warum bezeichnet er Federer als «genial» und «Ehrfurcht gebietend», misst ihn gar mit Massstäben der Metaphysik? Einen ersten Hinweis liefert Foster Wallace, als er das Spiel Nadal gegen Federer beschreibt: «Südeuropas leidenschaftlicher Machismo misst sich mit der vertrackten, eiskalten Kunstfertigkeit des Nordens. Dionysos gegen Apoll. » Es geht dem Autor, der in seiner Jugend selbst erfolgreicher Tennisspieler war, also um Ästhetik. «Nadal, der Mann, der das moderne Power-Grundlinienspiel an seine Grenzen getrieben hat» gegen «den Mann, der genau dieses moderne Spiel transzendiert hat». Foster Wallace› Fazit: Mit Federers Tennis sei «rohe Gewalt und Aggressivität von Schönheit in die Knie gezwungen» worden.
Womöglich war es schon 2006 übertrieben, den damals 24-jährigen Federer als Gott, als neuen «Apoll» zu bezeichnen. Aber Wimbledon und dieser wunderschöne «Heilige Rasen» verblenden zuweilen seine Gäste.
Federer selber war es nie peinlich, als der Tennisprofi mit dem schönsten Spielstil bezeichnet zu werden: «Ich gelte eben als ‹der schöne Spieler›, das ist doch cool», entgegnete er Foster Wallace im Interview. «Andere gelten als Hacker».
Jedenfalls liefert Foster Wallace eine brillante Beschreibung aus jener Zeit, als Federer in einer Liga für sich spielte und alles gewann: Mit Wimbledon acht Major-Titel in drei Jahren. Von Wimbledon 2005 bis Wimbledon 2006 triumphierte Federer an vier von fünf Grand Slams.
Im Übrigen zeigt die «Huldigung» einen Moment von überraschender Aktualität, wenn Federer bereits 2006 zu Wallace sagt: «Es ist mein Körper, der entscheidet, wie lange ich spielen werde. Wenn Sie ein bestimmtes Alter erreichen, scheint es, als gäbe es eine Uhr, die die Zeit zählt. Es ist klar, dass früher oder später diese Zeit kommen wird.»
Der Verfasser dieses Artikels, Rolf Bichsel, ist bei der Nachrichtenagentur Keystone-SDA Sportjournalist und -reporter und hat in dieser Funktion Roger Federer während Jahren beobachtet.
David Foster Wallace: «Roger Federer. Eine Huldigung». Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach. Kiepenheur & Witsch, Köln 2021. 128 Seiten. Taschenbuch zirka 15.90 Franken, erscheint am 10. Juni.