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Wer heutzutage eine CD produziert, muss sich schon was Besonderes einfallen lassen, um im eh nicht mehr allzu prosperierenden Geschäft Aufmerksamkeit zu erlangen. Zum Beispiel mit einem bezüglich Inhalt und Aufmachung außergewöhnlich gestalteten Booklet, wie es etwa die Edition der Stiftung für französische Musik «Palazzetto Bru Zane» tut. Mit hervorragend, geradezu bibliophil gestalteten Ausgaben selten gespielter oder zum Teil ganz vergessener französischer Opern des 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Aufhorchen lässt auch eine CD, die der auf historische Interpretation spezialisierte Pianist und Musikwissenschafter Leonardo Miucci vorgelegt hat. Neben einer Dissertation über Beethovens Klaviersonaten, neben seinen kritischen Editionen und seiner Dozententätigkeit – unter anderem an der Hochschule Bern – ist der Mailänder auch konzertierend tätig. Mit Mitgliedern des Alea-Ensembles hat er unlängst ein interessantes Projekt über die frühen Klavierquartette Beethovens, gespielt erstmals auf historischen Instrumenten, abgeschlossen. Die erste CD galt dessen ungemein musizierfreudigen drei Quartetten WoO 36; die aktuelle CD unter dem Titel «The Art of Arrangement» bildet nun den Abschluss. Doch gleichzeitig öffnet sie den Blick, indem sie auch ein Werk Mozarts enthält und so den berühmt gewordenen Eintrag des Grafen und Förderers, Ferdinand Ernst von Waldstein, in Beethovens Stammbuch unterstreicht, welcher besagt, dass er, der 22-jährige Beethoven, in Wien «Mozarts Geist aus Haydns Händen» empfangen solle – Mozart war 1792, als Beethoven in die Donaustadt übersiedelte, bereits seit einem Jahr tot. Ist schon in den oben erwähnten frühen Quartetten aus der Bonner Zeit (1785) das Vorbild Mozart spürbar, so ist die stilistische und geistige Verwandtschaft zwischen dem beethovenschen Quintett und jenem von Mozart noch deutlicher.
Was die vorliegende Einspielung zudem bemerkenswert und überraschend macht: Beide Quintette, also Beethovens Op. 15 und Mozarts KV 452, erklingen nicht in ihrer originalen Besetzung für Klavier und vier Bläser, sondern in der Fassung als Quartett für Klavier und drei Streicher; entstanden zweifellos, um sie einem breiteren Publikum bekannt und spieltechnisch zugänglich zu machen.
Mozarts Quintett für Oboe, Klarinette, Horn, Fagott und Klavier in Es-Dur (KV 452) entstand im März 1784. Mozart schätzte es «als das beste was ich noch in meinem leben geschrieben habe», wie er am 10. April seinem Vater in Salzburg schreibt. Und weiter: «Ich wollte wünschen sie hätten es hören können! – und wie schön es aufgeführt wurde!» Diese Einschätzung wundert nicht, eröffnet Mozart mit dieser Komposition den Bläsern doch neue kammermusikalische Perspektiven, die über das übliche Umfeld der Harmoniemusiken hinausführen. Diese ungewohnte Besetzung hat Beethoven 1796 zweifellos zu seinem Opus 16 – gleiche Tonart, vergleichbare Satzfolge mit langsamer Einleitung und finalem Rondo – inspiriert. Doch gleichzeitig stellt der 26-Jährige dem grossen Vorbild auch Eigenständiges gegenüber. Damit wollte er, wie das lesenswerte Booklet festhält, einerseits Mozarts Spuren folgen, andererseits, sich mit einem dem aktuellen Wiener Zeitgeist entsprechenden, ambitionierten Werk dem Publikum vorstellen. 1801 hat Beethoven, als gewiefter Geschäftsmann, der er war, eine eigene Transkription für Klavier und Streicher vorgelegt. Im Fall von Mozart dagegen handelt es sich, veranlasst vom renommierten Wiener Verleger Artaria, um eine posthume Übertragung aus dem Jahr 1793 von unbekannter Hand (und damit wohl nicht von einem Schüler und Kopisten Mozarts namens Franz Jacob Freystädtler, wie lange angenommen).
Leonardo Miucci und seine drei Streicherkollegen nehmen sich der beiden Werke mit überschäumender Spielfreude und Vitalität an. Das historisch informierte Spiel auf den entsprechenden Instrumenten schafft ein atemberaubend transparentes und luzides Klangbild: Zu Miuccis Hammerflügel, Nachbau von 2019 eines zeitgenössischen Anton-Walter-Flügels, gesellen sich Andrea Rognonis Testore-Violine aus dem Jahr 1739, die Replik von 2012 einer Testore-Viola von 1745, gespielt von Stefano Marcocchi, sowie Marco Frezzatos Poppella-Cello von 1607. Diese Instrumente besitzen alle einen ausgesprochen eigenen und eigenwilligen Charakter, vereinigen sich jedoch zu einem ungemein farbenreichen Gesamtklang.
Historisch, aber sehr lebendig
Die vier Musiker scheinen vom gleichen Atem beseelt zu sein und entfalten ein beredtes, dialogisches Spiel, das von Flexibilität und Geschmeidigkeit geprägt ist. Die Tempi sind bis in die feinsten Nuancen geformt und modifiziert, doch stets dem atmenden Fluss vertrauend, stets die eintönige Gleichförmigkeit vermeidend. Das zeigt sich in den spannungsgeladenen Pausen ebenso wie in den organisch gestalteten Übergängen, in den minimalen Verzögerungen oder, wo angezeigt, den knackigen Akzenten, was dem Ganzen mitunter fast den Charakter des Improvisatorischen, auf alle Fälle des lebendig Pulsierenden verleiht. Die Kunst der Improvisation ist in der heutigen klassischen Ausbildung leider von untergeordneter Bedeutung, war aber bis weit ins 19. Jahrhundert selbstverständlich; im geistvollen Spielwitz der vier Künstler wird es erneut manifest, und ganz besonders natürlich in den von Miucci genialisch improvisierten Kadenzen. Beethoven, der gemäss Überlieferung seine ausgezeichneten Mitspieler mit seinen improvisatorischen Exploits offenbar immer mal wieder zum Schwitzen gebracht haben soll, hätte mit Sicherheit seine etwas bärbeissige Freude daran.
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