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Schallplatten leben wieder – zu Recht!
Lange totgesagt, erlebt die Schallplatte seit Jahren eine beeindruckende Wiedergeburt. Auch ich habe mich kürzlich mit dem Vinyl-Virus infiziert, obwohl das Medium bereits vor meiner Geburt praktisch verschwunden war. Dieser Beitrag ist ein Versuch, den Schallplatten-Hype ganz ohne Nostalgie und rosarote Brille zu ergründen.
Aufstieg, Fall und zweites Leben: Eine kurze Geschichte der Schallplatte
Schauen wir uns zuerst kurz den Werdegang der Schallplatte bzw. Langspielplatte (LP) an: 1930 entwickelt, war sie eine Verbesserung der Schellack-Platte von 1896 und bot erstmals eine Wiedergabezeit von etwa 25 Minuten pro Seite. Sie konnte sich aber erst in den 1950er-Jahren so richtig durchsetzen, als Plattenspieler zunehmend in jedem Haushalt zu finden waren. Rund 30 Jahre lang war die LP das Medium für die Musikwiedergabe in den eigenen vier Wänden.
Mit dem Aufkommen der Kassette 1963 und dann vor allem der Compact Disc 1981 wurde der vorläufige Niedergang der LP besiegelt. Innerhalb der 1980er-Jahre verschwand die schwarze Platte fast vollständig aus den Geschäften – die Musikgesellschaften setzten auf die CD. Ihre Vorteile lagen auf der Hand: Kompakteres Format, das mobiles Musikhören (Auto, Discman etc.) ermöglichte, mehr Speicherkapazität und kein Wenden in der Mitte des Albums. Ausserdem wurde die CD nicht mechanisch mit einer Nadel gelesen, sondern nur von einem Laser, weshalb es beim Abspielen keine Abnutzung gab. LPs waren bald nur noch etwas für Nostalgiker und Ewiggestrige.
Bereits Mitte der 90er-Jahre erreichten jedoch auch die CD-Verkäufe ihren absoluten Höchststand und gingen ab da bereits zurück. Das Internet übernahm schon bald das Zepter bei den Musikverkäufen. Internetfähige Handys (ab 2007 popularisiert durch das iPhone) und Musik-Streamingdienste wie Spotify (ab 2008) gruben der CD massive Marktanteile ab.
Phönix aus der Asche
Doch dann passierte etwas Sonderbares: Trotz rasanter Digitalisierung erwachte das Interesse an Schallplatten zum zweiten Mal. Ab etwa 2007 stiegen die Verkäufe wieder an. Zwar auf niedrigem Niveau, aber unaufhaltsam. Musiker verkauften neue Alben zunehmend auch wieder als Schallplatte und der Markt wuchs um mehr als 20% pro Jahr. Unterdessen hat die LP sogar die CD wieder überholt – zumindest in den USA. In der Schweiz machen Schallplattenverkäufe ungefähr zwei Prozent des Musikmarktes aus (ca. 5 Mio. Franken jährlich), CDs liegen immer noch bei rund 9 Prozent.
Trotz dieses noch kleinen Marktes ist die Nachfrage hierzulande enorm. Sie übersteigt das Angebot um rund das Dreifache. Auf neue Alben müssen Liebhaber schon mal fast ein Jahr lang warten! Aus diesem Grund hat im Herbst 2022 eine Schweizer Firma die Produktion von Schallplatten nach 18 Jahren wieder aufgenommen, die Adon Production AG im aargauischen Neuenhof. Es gibt also seit neustem wieder Vinyl Made in Switzerland.
Was macht die Schallplatte neuerdings so beliebt?
Es gibt verschiedene Gründe und Eigenschaften, die andere Medien (CD, Streaming etc.) zwar teilweise auch bieten, aber nur die Schallplatte vereint sie alle:
- Entschleunigung: Gerade, weil heute immer mehr Teile des Lebens online stattfinden und alles sofort abrufbar ist, sehnen sich viele von uns nach etwas Ruhe, Stichwort Digital Detox. Und was könnte entschleunigender sein, als sich mit einer Tasse Tee (oder einem Glas Wein) hinzusetzen und das Lieblingsalbum bewusst zu hören, ohne dass das Handy in Griffnähe ist? So wird Musik zur eigentlichen Aktivität und dient nicht nur zur Hintergrundbeschallung, wie es heute meistens der Fall ist.
- Zum Anfassen: Mehr noch als bei der CD ist das Abspielen von Schallplatten ein physisches Erlebnis: Man nimmt die Platte aus dem Karton, entfernt den Papier-Sleeve, öffnet den Deckel des Plattenspielers, legt die Platte auf den Teller und setzt behutsam die Nadel auf. Als erstes hört man meistens für einige Sekunden das charakteristische Rascheln, bevor der erste Song beginnt. Kaum ein anderes Medium bietet diese physische Auseinandersetzung mit der Musik.
- Wertschätzung für die Musiker: Obwohl Musik-Streaming beliebt ist wie nie zuvor, verdienen die Musiker enorm wenig damit. Bei Spotify sind es durchschnittlich gerade mal 0.3 Cent pro Stream. Um 1'000 Dollar zu verdienen, braucht man also über 330'000 Streams, was viele Künstler bei Weitem nicht schaffen. Kauft man sich nun ein Album auf Vinyl (oder CD oder digital), gehen 10 bis 25 Prozent des Kaufpreises direkt an den Musiker. Bei einem Preis von 30 Franken sind das bis zu 7.50 Franken. Man müsste die Songs dieses Künstlers 2'716-mal streamen, damit man auf denselben Betrag kommt! Mit dem Kauf unterstützt man die Musiker viel unmittelbarer und hat erst noch ein physisches Produkt, vergleichbar mit einem Merchandise-Artikel.
- Musik zum Sammeln: Streaming ist praktisch, aber man besitzt die Musik nicht mehr, sondern mietet sie nur. Schallplatten gehören einem, man kann sie zuhause ausstellen und sich an den schönen Covers freuen. Das weckt den Sammeltrieb vieler Menschen. Dazu kommt, dass man Schallplatten in physischen Läden kaufen kann. Durch die Gänge zu streifen, auf der Suche nach dieser einen LP, die die Sammlung der Perfektion näherbringt, gehört zum Erlebnis dazu.
Die Schallplatte und Ich
Als Kind der 90er bin ich mit CDs (und Kassetten) aufgewachsen. Meine Eltern hatten zwar ihre alten LPs und sogar einen Plattenspieler im Keller, rausgeholt wurden die aber nie. Schallplatten kannte ich bis vor Kurzem nur aus Filmen.
Bei aller Freude an der Musik ist es mir die ersten 25 Jahre meines Lebens niemals in den Sinn gekommen, mich hinzusetzen und ein Album von Anfang bis Schluss durchzuhören, ohne dabei noch drei andere Dinge zu tun. Musik war (und ist) für mich primär ein täglicher Begleiter im Hintergrund, ob beim Arbeiten, Autofahren, oder zuhause.
Trotzdem reizte mich Vinyl irgendwie schon lange: Das Analoge, das Simple, der Style. Den Computer einfach mal ausgeschaltet lassen und die Musik geniessen. «Irgendwann passiert es», da war ich mir sicher.
Und genau das tat es letzten Sommer. Ich war als DJ für einen Firmenanlass in Frauenfeld und war viel zu früh dran. Um die Wartezeit bis zum Beginn der Party zu überbrücken, schlenderte ich durchs Quartier und stand plötzlich vor einem Plattenladen. Zehn Minuten später stand ich wieder vor dem Eingang, mit zwei Schallplatten in der Hand und einem breiten Grinsen im Gesicht.
So richtig durchdacht war das Ganze nicht: Ich hatte weder einen Plattenspieler noch Platz dafür in meinem kleinen Wohnzimmer. Aber der Anfang war nun mal gemacht, also musste eine Lösung her.
Der Plattenspieler zieht ein
Es traf sich gut, dass ich mein altes Sideboard schon länger ersetzen wollte. Ein Streifzug durch die Brockis der Region förderte ein Ungetüm zu Tage, das auf zwei Etagen genügend Platz bot, um alle meine bestehenden Geräte und eben auch den angedachten Plattenspieler aufzunehmen.
Letzteren fand ich nicht im Sortiment von BRACK.CH, wie ihr vielleicht erwartet hättet, sondern im Keller meiner Eltern. Von dort konnte ich ihn auf unbestimmte Zeit … ähm … entwenden. Es ist ein L 75 der Schweizer Firma Lenco, hergestellt irgendwann in den 70er-Jahren, und zwar in der Schweiz (!). Leider war es ein Geschenk mit ein paar Haken: Irgendwer hatte in den letzten paar Jahrzehnten die fest verbauten Cinch-Stecker abgerissen und ausserdem war die Nadel völlig hinüber. Meine erste Amtshandlung war daher, das Gerät in einen Fachhandel zu bringen und es reparieren zu lassen.
Beim Anschliessen an den Audio-Receiver zuhause dann das nächste Malheur: Mein Verstärker hat keinen Phono-Eingang. Dabei war ich der festen Überzeugung gewesen, dass einer verbaut war. Dieses Mal wurde ich bei BRACK.CH fündig und holte mir einen simplen Phono-Vorverstärker, der zwischen den Plattenspieler und den Receiver geschaltet wird.
Der nächste Schritt: Schallplatten kaufen. Natürlich könnte ich die im Internet bestellen, doch dann würde ich mich eines zentralen Erlebnisses berauben: dem Stöbern in Plattenläden. Gerade in der heutigen Zeit, in der man sich fast alles mit wenigen Klicks vor die Haustür liefern lassen kann (was ich auch tue), hat es für mich einen besonderen Reiz, in physischen Geschäften einzukaufen.
Also suchte ich den nächstgelegenen Plattenladen auf, um mir einen Grundstock an LPs zuzulegen, Eine wahre Freude, sag ich euch! Tausende Schallplatten, gebraucht und neu, gefühlt bis unters Dach, aus allen Genres, die man sich vorstellen kann. Ein musikverrückter Inhaber/Verkäufer, der vermutlich jede Band kennt, die in den letzten 80 Jahren ein Album veröffentlicht hat. Und ein Geruch in dem Laden, der jeder Beschreibung spottet. Da kann der Onlinekauf nicht mal ansatzweise mithalten.
Zeitreise im Wohnzimmer
Dann endlich kam der grosse Moment: Handy und Computer waren aus dem Raum verbannt und ich liess zum ersten Mal in meinem Leben die Nadel auf Vinyl treffen.
Nun, was soll ich sagen?
Der ganze «Prozess» von der Auswahl der Platte, bis man dann die ersten Klänge vernimmt, gleicht einem Ritual, mit dem man die Musik aus den Tiefen der Vergangenheit hochbeschwört. Es ist eine andere Art des Musikhörens, als wir es uns heute gewöhnt sind – aus der Zeit gefallen und irgendwie doch vertraut. Man lässt sich nicht nur von der Musik berieseln, sondern hört aktiv hin, achtet auf die einzelnen Instrumente, den Gesang und darauf, wie alle Elemente zusammenkommen.
Dazu muss ich sagen: Grundsätzlich kannte ich diese Form des Musikhörens schon. Ungefähr einmal pro Woche gönne ich mir ein paar Gläsli aus meiner Whiskybar und höre dazu Musik. Bisher spielte ich dabei die Musik vom Laptop aus über die Stereoanlage ab. Diese Rolle hat nun der Plattenspieler übernommen. Und ich war überrascht, wie sehr mich der Wechsel weg vom Laptop entspannt hat, obwohl ich ihn vorher nie als störend wahrgenommen hatte. Wir nutzen diese Geräte so viel in unserem Alltag, da ist es einfach eine willkommene Abwechslung, wenn sie mal ausgeschaltet bleiben.
Was die Audioqualität im Detail angeht, kann ich nicht mitreden – da fehlen mir die Goldohren. Klar ist, vom technischen Standpunkt her ist die Schallplatte der (unkomprimierten) digitalen Tonspur, wie die eine CD bietet, unterlegen. Sei es beim Frequenzgang, der Dynamik (Differenz zwischen den lautesten und den leisesten Tönen), der Kanaltrennung oder anderen Parametern: Die Schallplatte gibt die Musik nicht in derselben Treue zur originalen Aufnahme wieder wie die CD oder ein hochauflösendes Streaming. Aber es sind genau diese kleinen Imperfektionen, die den Reiz von Vinyl für mich ausmachen. Dazu gehört auch das Rascheln/Kratzen zu Beginn einer Platte oder zwischen den Liedern.
Und nicht nur das Musikhören selbst macht das Erlebnis aus. Schon die Auswahl der Platten aus der Sammlung gehört dazu. Da man nicht einfach per Tastendruck zum nächsten Titel oder auf ein anderes Genre wechseln kann, muss ich mir gut überlegen, was ich heute hören möchte. Dabei setze ich mich mit den Alben auseinander und treffe eine bewusste Auswahl, anstatt einfach «Play» zu drücken und den Computer die Arbeit machen zu lassen.
Ist Vinyl etwas für dich?
Jetzt sind wir bei der Gretchenfrage angekommen. Sagen wir es so:
Wenn
- du dich auch nur ansatzweise für Musik interessierst,
- du dir zwischendurch Momente der Entschleunigung wünschst,
- du deine Lieblingsmusiker (mehr) unterstützen möchtest,
- du irgendwo Platz für einen Plattenspieler hast, oder freimachen kannst,
dann kann ich dir nur ans Herz legen: Gib den Schallplatten eine Chance.