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Ich habe kürzlich ein kleines Olivenbäumchen für mein Fensterbrett gekauft, und seither habe ich vieles über den Ölbaum und die Olivenproduktion gelesen. Dabei bin ich auf ganz unterschiedliche Zahlen über die Oliven- und die Olivenölproduktion in aller Welt gestossen. Kennen Sie dazu zuverlässige Angaben?
W.R., A-3100 Sankt Pölten
Antwort: Wir wollen versuchen, etwas Ordnung ins Faden- bzw. Olivenkörbchen zu bringen, obschon dies kein einfaches Unterfangen ist.
Zahlen zum Olivenölmarkt sind am zuverlässigsten vom Internationalen Olivenölrat (IOOC) zu beziehen. Diese Institution rechnet damit, dass die Olivenölproduktion 1999/2000 (Juli bis Juni) bei 2'033'000 t lag, um 300'000 t unter dem Ergebnis des Vorjahres. Laut "Fischer Weltalmanach 2002" beträgt die Oliven-Welternte 14 Mio. t. Wenn diese beiden Zahlen stimmen, bedeutet dies, dass pro 100 kg Oliven 14,3 l Olivenöl erzeugt werden. Tatsächlich: Laut dem Olivenölproduzenten Nicola Di Capua in CH-8424 Embrach ZH rechnet man mit einer Ausbeute von 15%, bei schonenderen Extraktionsmethoden mit 13%.
Die Angaben über die durchschnittlichen Erträge der Olivenbäume schwanken enorm: von 14 kg bei Bergoliven bis 200 kg in Apulien pro Baum und Jahr; zweifellos gibt es Bäume, die es auf 300 kg bringen. Die Erträge variieren von Jahr zu Jahr; einem guten folgt in der Regel ein mageres Ertragsjahr. Zudem kommen Bäume erst etwa 6 Jahre nach dem Pflanzen in die Ertragsphase, die sich dann bis ins Alter von 50, ja 150 Jahren noch steigern kann die Bäume können mehrere Jahrhunderte alt werden, wenn alles gut geht; es gibt 1000-jährige und ältere Bäume. Zudem hängt der Ertrag mit der Sorte zusammen (botanisch heissen Zuchtoliven Olea europaea L.). Der Oleaster ist die Wildform, vielleicht eine verwilderte Kulturform, ein sperriger Strauch mit kleinen, ölarmen Früchten. Es gibt mindestens 50 Olivensorten, die alle sehr unterschiedliche Eigenschaften haben.
In der Toscana, in Spanien und Griechenland habe ich in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet, dass die alten knorrigen Olivenbäume, mit denen auch eiskalte Winter aufräumen können und die oft von Reben umgeben waren, zunehmend monotonen, agroindustriellen Plantagen mit Zwergbäumen Platz machen müssen. Dadurch werden ganze Kulturlandschaften verwüstet, Lebensräume zerstört und die Bodenerosion in dramatischer Art beschleunigt. Die EU fördert diesen unsäglichen Blödsinn: Wer möglichst viele Bäume pflanzt, erhält viel Subventionen. In den EU-Ländern gibt es 2,8 Mio. Olivenbauern, an die pro Jahr rund 2,5 Mrd.€ gehen (rund 3,75 Mrd. CHF, Stand 2001).
Offenbar gibt es auf der Erde 800 Millionen Olivenbäume; jedenfalls geistert diese Zahl in der Fachpresse herum. Die genaue Anzahl kennt wohl niemand. Stellen wir diese Zahl 800 Mio. in Beziehung zur Weltolivenproduktion, hiesse das, dass pro Baum im Durchschnitt nur 17,5 kg Oliven geerntet werden. Die vielen Neupflanzungen dürften den Durchschnitt herunterdrücken. Doch brauchen die Statistiken nicht zu stimmen; Oliven und Olivenöl werden ohnehin in der Welt herumgeschoben, und die Angaben dürften je nach Subventionserfordernissen frisiert sein.
Die wichtigsten Olivenölproduzenten sind Spanien mit angeblich über 800 000 t, Italien (490 000 t), Griechenland (400 000 t), Tunesien (200 000 t) und die Türkei (180 000 t). Die Hauptimporteure des kostbaren Öls sind die USA (360 000 t), Frankreich (220 000 t), Deutschland (100 000 t) und Grossbritannien (97 000 t). Es ist schwer zu beurteilen, wie verlässlich solche Zahlenangaben sind, wahrscheinlich bloss Hinweise auf Grössenordnungen.
Nicht alles Ölivenöl ist tatsächlich auch im Ölproduktionsland gewachsen, sondern da ist alles im Fluss... Das deutsche Bundesernährungsministerium schrieb 2001: "Der grenzüberschreitende Handel mit Olivenöl ist weltweit innerhalb der 90er-Jahre um 60 % angewachsen. Besonders bemerkenswert ist die Entwicklung auf den 'neuen Märkten' USA, Australien und Japan. Durch gezielte Werbemassnahmen der EU mit einem finanziellen Aufwand von jährlich rund 5,6 Mio. Euro ist es gelungen, die Nachfrage in diesen Ländern zu verdoppeln. Ab kommendem Jahr soll der Verbrauch von Olivenöl aus der EU in einigen Südprovinzen Chinas ebenfalls durch gezielte Werbemassnahmen der EU gesteigert werden." Zuerst wird also die Überproduktion inszeniert und dann mit kostspieliger Werbung der Absatz geölt und die Sache über Kontinente verschoben, ganz nach den Prinzipien der Gewinnmaximierung.
Unter den Speiseölen nimmt Olivenöl mit seinen rund 2 Mio. t Weltproduktion nur den 7. Rang ein nach Ölpalme (24 Mio. t.), Soja (23 Mio. t.), Sonnenblume (9,5 Mio. t.), Erdnuss (4,5 Mio. t.), Baumwollsaat (3,8 Mio. t.), Kokos (3,3 Mio. t.), ein Hinweis auch auf die unterschiedlichen Kochgewohnheiten und Eignung der geographischen Breiten für den Anbau der Nutzpflanzen.
Ein natives (naturbelassenes) Olivenöl ist eine herrliche Zutat in der Küche, oder sogar eine wesentliche Grundlage des Kochens. Die Kunst besteht darin, das beste Öl zu finden, und das ist ebenso schwierig, wie den genauen Produktionszahlen auf die Spur zu kommen. Es muss ein Öl sein, das nicht aus der wunderbaren Vermehrung stammt und es mit Gütesiegeln wie "extra vergine" und wenigstens mit der Herkunftsbezeichnung wie "Prodotto italiano" ernst nimmt. Hat man es gefunden, spielen statistische Grössen eine unbedeutende Rolle.
Walter Hess
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