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Ein wichtiger Faktor für das Verstehen von Sätzen ist herauszufinden, welche Wörter in welchem Zusammenhang stehen. Dies passiert unter anderem durch Kongruenz, also Markierung von zusammengehörigen Elementen im Satz (z.B. gleiche Person und Numerusmarkierung am Verb und Subjekt). Kongruenz ist somit ein wichtiger Teil der Struktur vieler Sprachen - darunter der Romanischen - und ein zentraler Untersuchungsgegenstand in der allgemeinen und romanistischen Sprachwissenschaft.
Unser Projekt widmet sich der korpusbasierten Untersuchung von Kongruenzphänomenen und ihres Erwerbs im Tuatschin. Da die rätoromanischen Sprachen im Alpenraum seit Jahrhunderten regen Kontakt mit Schweizerdeutschen Varietäten haben, ist es besonders interessant, diese Erscheinung auch aus der Perspektive des Sprachkontakts zu beleuchten.
Aus typologischer Perspektive weist das Rätoromanische viele interessante Eigenschaften auf, die man selten oder gar nicht in anderen romanischen Sprachen findet, z.B. Sätze mit dem Verb in zweiter Position. Diese Verbzweitstellung interagiert mit einem komplexen Kongruenzsystem, das sich nicht nur anhand von Verbendungen sondern auch durch Subjektpronomina manifestiert, die teilweise an Subjektklitika in norditalienischen Varietäten erinnern. Klitische Subjektpronomina erscheinen im Rätoromanischen nicht mit anderen lexikalischen Nominal- oder Pronominalphrasen in präverbaler Position, dies ist jedoch möglich, wenn sie in Verbzweit- oder Inversion-Sätzen vorkommen. Ausserdem kann Subjektkongruenz am Verb in gewissen Kontexten ausbleiben, z.B. wenn das Subjekt dem Verb folgt. Diese Nichtkongruenz stellt eine Innovation im Nordromanischen Kontext dar, welche Norditalienisch und Galloromanisch teilen und die nur in Randgebieten nicht eingetreten ist (im Friaulischen). Im Projekt wird Fragestellungen, welche Rolle diese Phänomene in der Erwachsenensprache spielen und wie sie im Spracherwerb erlernt werden, empirisch nachgegangen.
Die rätoromanische Varietät der Val Tujetsch ist, wie die anderen rätoromanischen Varietäten auch, durch einen intensiven und langjährigen Kontakt mit den deutschen Varietäten Schweizerdeutsch und Standarddeutsch geprägt. Das Deutsche und auch die surselvische Standardvarietät sind längst Teil der tuatschinen Alltagssprache, wobei verschiedene Sprachmischmechanismen unterschiedliche soziolinguistische sowie psycholinguistische Funktionen zu erfüllen scheinen. Doch was kann noch als Code-Mixing, und was schon längst als romanisch bezeichnet werden? In Zusammenarbeit mit dem SNF-Projekt „The morphosyntax agreement of Tuatschin“ und durch weitere Unterstützung des Universitären Forschungsschwerpunkts Sprache und Raum der Universität Zürich und des Instituts für Kulturforschung Graubünden werden in diesem Projekt verschiedene Formen und Motivationen von Code-Mixing während des Spracherwerbs und im Erwachsenenalter miteinander verglichen. Dabei wird es zuerst aber eine Kernaufgabe sein, neue statistische und auf die Gebrauchsnorm beruhende Methoden zu entwickeln, um Code-Mixing überhaupt von (für den jeweiligen Sprechenden) integrierten Entlehnungen zu unterscheiden. Die Anwendung dieser Methoden auf generationenübergreifende Sprachdaten soll das Kontinuum des Entlehnungsprozesses in Hinblick auf verschiedene soziolinguistische und grammatische Kontexte veranschaulichen und Einblicke in den Sprachwandelprozess des Rätoromanischen ermöglichen.