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In einer Tiefgarage in Brunnen
Aus dem Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt.
Eigentlich brauchte ich nur ein Schuhgestell, ein möglichst einfaches, günstiges Schuhgestell. Ich suchte auf einem Internetmarktplatz und wurde fündig, es gab da ein Gestell für 25 Franken, so lautete das erste Gebot. Ich wartete bis kurz vor Ende der Auktion, niemand ausser mir bot einen höheren Preis, und so ging der Zuschlag an mich.
Der Verkäufer wohnte in Brunnen, das wusste ich schon, und weil ich ein paar Tage später nach Disentis fuhr, entschloss ich mich, über Brunnen zu fahren, um das Gestell dort persönlich zu holen. Dann sparte ich erst noch die Portokosten.
Saadet hiess der Verkäufer, ein türkischer Name, fand ich heraus, der offenbar Glück bedeutet – was ich als gutes Omen betrachtete. Auch reagierte Saadet sehr freundlich auf meine Nachrichten, und wir vereinbarten die Übergabe auf 19 Uhr abends, bei ihm zu Hause in Brunnen.
Als ich in Brunnen ankam, kam eine letzte SMS – Saadet schlug vor, wir könnten unseren Handel in der Tiefgarage abwickeln, falls es zu regnen beginnen würde. Da weit und breit keine Regenwolken zu sehen waren, wurde ich etwas skeptisch. Warum lotste er mich in die Tiefgarage? Warum konnte er mir das Gestell nicht vor dem Haus übergeben?
Das Haus war ein billiger, in die Jahre gekommener Block, mitten in Brunnen, ziemlich unansehnlich, und ich dachte schon, was mache ich hier, und wie sieht es wohl aus, dieses Schuhgestell, sicher ganz anders als auf dem Bild, und die Tiefgarage, die sah ich auch, ein schwarzes Loch gähnte mir da entgegen, und ich war mir gar nicht mehr sicher, ob mir Saadets Name wirklich Glück bringen würde.
Doch da kam er bereits aus der Haustür gelaufen, ein jüngerer Mann im unvermeidlichen Balkantrainer, und begrüsste mich sehr zuvorkommend, auf Englisch, sein Deutsch sei leider zu schlecht. Ich überreichte ihm eine Schale mit Trauben aus unserem Garten, als kleines Mitbringsel, obwohl ich nicht wusste, ob er mit Trauben überhaupt etwas anfangen konnte – ob er nicht bloss am Verkauf der Ware interessiert war.
Aber er hatte eine freundliche, sympathische Ausstrahlung, und so zeigte ich mich dann willig, in dieses Loch von Tiefgarage zu fahren. Als ich unten war und sich das Tor unerwartet hinter mir schloss, setzte sich in mir der Gedanke fest, das ist eine Falle, das Schuhgestell gibt es gar nicht, der will mich ausnehmen. Ich fühlte mich ziemlich unwohl und ich wollte gar kein Schuhgestell mehr, das war keine gute Idee – doch da tauchte Saadet schon auf und brachte es mit.
Es war nicht das tollste Gestell, das ich je gekauft hatte, aber es reichte für meine Bedürfnisse. Während wir es zusammen in meinen Wagen luden, unterhielten wir uns ein wenig, und Saadet, der Glückliche, erzählte mir dann bereitwillig, seine Mutter stamme aus Bulgarien, sein Vater aus der Türkei, dort sei er aufgewachsen, später habe er lange im Ausland gelebt und seit neuestem wohne er hier.
Sein Bruder besitze eine grosse Restaurantkette in Istanbul, das sagte er so betont, als wolle er von sich ablenken. Er selber sei im Reisebusiness tätig – was auch immer das hiess. Genaueres erwähnte er nicht. Ich zügelte meine Neugier, es konnte mir schliesslich egal sein – und irgendwie wechselten wir dann das Thema. Unvermittelt, ich weiss nicht mehr wie, landeten wir bei der Religion. Saadet war offenbar Muslim, er sprach von den Weisheiten des Korans, und einen Augenblick dachte ich, sein Reisebüroberuf sei nur eine Tarnung, mit Sicherheit sei er ein Islamist.
Aber dann merkte ich, dass er mich nicht bekehren wollte. Er habe den ganzen Koran gelesen, in einer ganz alten Fassung, erzählte er mir, und da stehe am Anfang nicht, dass man beten solle. Da stehe, man solle lesen.
Das habe er sich zu Herzen genommen, erklärte Saadet, und als er den Koran fertig gelesen hatte, las er die Bibel und dann auch die Schriften anderer Religionen. Er wolle sich ein eigenes Bild verschaffen, und das empfahl er auch mir. Das wünsche er sich für alle Menschen, dass jeder Mensch sich die Frage stellt: Woran glaube ich? Was bedeutet Gott für mich?
Und dann erzählte er mir von einem persischen Mystiker, Rumi, und empfahl mir, unbedingt dessen Werke zu lesen. Wir standen in dieser Tiefgarage, neben dem noch immer geöffneten Heck meines Wagens mit dem Schuhgestell, und sprachen über einen persischen Mystiker aus dem 13. Jahrhundert. Was für eine verrückte Szene.
Zuletzt hätten wir fast vergassen, dass ich ihm noch das Geld zahlen musste. Doch als ich ihm die 25 Franken in die Hand drücken wollte, gab er mir den Fünfliber zurück, er wolle nur 20 Franken, denn ich hätte ihm ja die Trauben geschenkt. Er schätzte die Trauben nicht weniger als das Geld. Die Tiefgarage verlor ihre Düsterkeit.
So haben wir uns dann voneinander verabschiedet. Wir wussten, wir sehen uns nie mehr, aber es war eine wunderbare Begegnung. Und deshalb kann ich nur sagen, es lohnt sich manchmal, auf Internetmärkten etwas zu kaufen und es selber beim Verkäufer zu holen. Denn möglicherweise bringt man nicht nur ein Schuhgestell mit nach Hause – sondern vielleicht auch eine Erkenntnis.
Eine Erkenntnis fürs Leben. Aus einer Tiefgarage in Brunnen.
Dieser Text erschien im Podcast «5 Minuten» von Nicolas Lindt - Gedanken, Beobachtungen, Geschichten - täglich von Montag bis Freitag auf Spotify, iTunes oder auf der Website des Autors www.dieluftpost.ch
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