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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

87. Vortrag
1.
In dem evangelischen Lesestück, welches diesem vorausgeht, hatte der Herr gesagt: "Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt, daß ihr hingeht und Frucht bringet, und eure Frucht bleibe, damit, um was ihr immer den Vater in meinem Namen bitten werdet, er euch gebe". Über diese Worte haben wir, wie ihr euch erinnert, bereits gehandelt, soweit es der Herr gab. Hier aber im folgenden Lesestück nämlich, das ihr bei der eben stattgehabten Verlesung gehört habt, sagt er: "Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet". Und darum müssen wir annehmen, dies sei unsere Frucht, von der er sagt: "Ich habe euch erwählt, daß ihr hingehet und Frucht bringet und eure Frucht bleibe". Und was er dann beifügte: "Damit, um was ihr immer den Vater in meinem Namen bitten werdet, er euch gebe", das wird er uns sicher dann geben, wenn wir einander lieben, da ja auch gerade dieses er uns gab, der uns erwählt hat, ohne daß wir eine Frucht hatten, weil nicht wir ihn erwählt hatten, und der uns gesetzt hat, daß wir Frucht bringen, d.h. einander lieben. Diese Frucht können wir ohne ihn nicht haben, wie die Rebzweige ohne den Weinstock nichts vermögen. Unsere Frucht ist also die Liebe, die der Apostel beschreibt: "Aus reinem Herzen und gutem Gewissen und unverfälschtem Glauben1 . Mit dieser lieben wir einander, mit dieser lieben wir Gott. Denn wir würden nicht mit wahrer Liebe einander lieben, ohne daß wir Gott lieben. Es liebt ja einer den Nächsten wie sich selbst, wenn er Gott liebt; denn wenn er Gott nicht liebt, liebt er nicht sich selbst. In diesen beiden Geboten der Liebe hängt ja das ganze Gesetz und die Propheten2 ; Dies ist unsere Frucht. Indem er uns also über die Frucht eine Vorschrift gibt, sagt er: "Dies gebiete ich euch, daß ihr einander liebet". Darum hat auch der Apostel Paulus, da er gegen die Werke des Fleisches die Frucht des Geistes empfehlen wollte, dies an die Spitze gesetzt:"Die Frucht des Geistes ist die Liebe", und dann das übrige, als aus jener Wurzel hervorkommend und damit verbunden, angereiht, nämlich: "Freude, Friede, Langmut, Wohlwollen, Güte, Glaube, Sanftmut, Enthaltsamkeit"3 . Wer aber freut sich gut, der das Gute nicht liebt, worüber er sich freut? Wer kann den wahren Frieden haben, außer mit dem, welchen er wahrhaft liebt? Wer ist langmütig durch beharrliches Bleiben im Guten, wenn er nicht von Liebe erglüht? Wer ist wohlwollend, außer er liebt den, dem er beispringt? Wer ist gut, außer er wird es durch die Liebe? Wer ist in heilbringender Weise gläubig, außer durch jenen Glauben, der durch die Liebe wirksam ist? Wer ist in nützlicher Weise sanft, den nicht die Liebe leitet? Wer enthält sich von dem, was ihn schändet, außer er liebt das, was ihn ehrt? Mit Recht also schärft der gute Meister die Liebe so oft ein, als ob sie das einzige Gebot sei, die Liebe, ohne welche die übrigen Güter nicht nützen können, und die man nicht haben kann ohne die übrigen Güter, durch welche der Mensch gut wird.
1: 1 Tim 1,5
2: Mt 22,40
3: Gal 5,22