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Ein unbeabsichtigter Rekord
Piz Badile für Über-Siebziger
W. Kirstein, London
Paul Nigg, der mich vor vier Jahren auf den Bianco geführt hatte, versprach mir auf einer Skitour im vorletzten Winter, mich im darauffolgenden Sommer auf eine Klettertour ins Bergell zu begleiten..
Bisher hatte ich nur den Monte Rosso traversiert und den leichten Südgrat des Pizzo di Casnile erklettert. Vom Badile hatte ich nur viel reden hören, über die schwierige und gefährliche Nordostwand und auch über die etwas leichtere Nordkante. Ich wusste, die Kante war zwar nicht gerade ein Kinderspiel für unsere « jungen Tiger », aber, gute Verhältnisse vorausgesetzt, heutzutage kaum etwas Aussergewöhnliches. Für einen 75jährigen mochte die Sache allerdings etwas anders aussehen, denn die Länge der Kante beträgt immerhin 1250 Meter und die Höhendifferenz vom Einstieg bis zum Gipfel über 800.
Ich war daher nicht besonders verwundert, dass Paul mit seiner Antwort zögerte, als ich ihn im Sommer fragte, ob er bereit sei, mich über die Kante auf den Badile zu führen. Es war mir durchaus klar, dass er genau wusste, welch unzumutbare Verantwortung er zu übernehmen im Begriffe stand, und ausserdem sah es so aus, als ob die Schönwetterphase zu Ende gehen wollte; der Wetterbericht meldete nahende Depressionen und Gewittergefahr. Aber nichtsde-stotrotz setzte Paul das Rendez-vous auf Mittwoch, den t. August, fest.
Am to. sandte er mir eine Nachricht nach Pontresina, er müsse die Tour um einen Tag verschieben; das hiess, ich würde den Badile haargenau zwei Jahre nach dem Bianco erklettern, und zwar wiederum am ominösen Dreizehnten, diesmal sogar noch an einem Freitag. Konnte das gut gehen?
In der Nacht zum Zwölften hatten wir eine Sintflut von Regen in Pontresina, und Paul konnte eine geplante Disgrazia-Besteigung nicht durchführen. Am Morgen darauf klarte es jedoch auf, und am Mittwoch telephonierte er von Bondo aus, ich solle kommen.
Beim Brunnen in Bondo, wo wir uns verabredet hatten, fand ich aber nicht nur ihn, sondern auch seinen Bruder Hans, der von Chur aus angereist war, angeblich, weil er gern die Tour mitmachen wollte. Dass der wahre Grund seines Kommens war, meine Siebensachen zu tragen, damit ich ohne Rucksack würde klettern können, haben die getreuen Brüder heute noch nicht zugegeben.
Hans fuhr uns ein ganzes Stück das Bondascatal hinauf, auf einer Strasse, die wohl kaum für Autos gedacht und gemacht ist, und wir stellten den Wagen erst dort ab, wo der Pfad noch sehr viel schmäler wird. Vor uns konnten wir nun die Scioragruppe sehen, und zu unserer Rechten, etwa 1500 Meter über uns, tauchten die mächtigen Felspyramiden der Bondasca- i59 berge auf, während der Fluss, die Bondasca, tief unter uns rauschte. Der Gegensatz zwischen den riesigen Felsgipfeln und den sanften Nadelwäldern war zauberhaft; man hatte mir nicht zuviel vom Bondascatal erzählt, dem grünen Tal mit dem Bergfluss und dem Blick auf die beiden schönsten Berggruppen des Bergells, getrennt durch den Bondascagletscher.
Auf der Alp Laret, auf 1368 Meter, verliessen wir den Pfad zur Sciorahütte und kreuzten den Fluss auf der Brücke zu dem schmalen und steilen Weg, der uns in zweieinhalb Stunden zur Sasc-Furä-Hütte ( t 904 m ) führte.
Diese Unterkunft hat eine wundervolle Lage, noch mitten im Grünen, wenn auch der Lebensraum des Hochwaldes nicht ganz bis zu ihr hinaufreicht. Die Badile-Nordkante, in gerader Linie über der Hütte, bietet von diesem Standort aus ein der Wirklichkeit durchaus nicht entsprechendes Bild. Gerade weil sie so nah ist, zeigt sie weder ihre wirkliche Höhe noch ihre Länge noch Steilheit.
Der Hüttenwart, ein junger Doktor, der es vorzog, hier oben mit seiner Frau zu arbeiten, organisierte das Essen und die Schlafplätze aufs beste. Die verschiedenen Partien wurden sogar zu verschiedenen Zeiten geweckt, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig am Frühstückstisch zu sitzen hatten.
Wir waren um zwei Uhr an der Reihe; Abmarsch drei viertel Stunden später. Das Wetter schien gar nicht übel; nur war es etwas warm für diese Höhe und zu dieser Nachtzeit. Im fahlen Mondlicht brauchten wir keine Taschenlampen; einige Gruppen zogen an uns vorbei. Paul schlug aber nicht ohne Absicht ein ziemlich gemächliches Tempo an: Er wollte meine Kräfte für das Klettern sparen. Allmählich verblichen die Sterne, während es im Osten zu tagen anfing. So erreichten wir nach zwei Stunden den Grat, der in einer endlosen Zahl von steilen und immer steiler werdenden Abschnitten direkt in den Himmel zu führen scheint. Das unterste Stück wird auf einem Schneefeld auf 1 Auf dem Gipfel des Piz Badile der rechten Seite umgangen; darüber beginnt der eigentliche Felsgrat. Die Sonne schien jetzt auf diese Schneide, und wir konnten einige Kletterer schon hart am Werk beobachten. Es machte den Eindruck, als ob sie sich überhaupt nicht bewegten. Die Ausgesetztheit und Schwierigkeit des Grates zwingen einen eben beinahe immer, in « englischer » ', und nicht in « alpiner » Weise zu klettern. Es kommt selten vor, dass alle drei Kletterer an einem Seil sich gleichzeitig fortbewegen. Das ganze Sicherungsmanöver muss bestimmt etwa dreissigmal wiederholt werden. Und Paul untersuchte jeden einzelnen Haken sehr sorgfältig, bevor er ihm sich und uns anvertraute; wenn er einen schlechten fand, nahm er ihn heraus; war er verbogen, so warf er ihn fort, wenn nicht, so behielt er ihn. Ein besonders loser sah aus, als ob er zum Abseilen benutzt worden wäre.
Gleich von Anfang an wurde mir bewusst, dass ich mich an eine Technik zu gewöhnen hatte, die mir neu war. Ich war gewohnt, nach Griffen und Tritten zu tasten; hier aber war sowohl für die Hände als auch für die Füsse die Reibung viel wichtiger. Ich hatte in Bondo Paul meine zwei Paar Kletterschuhe gezeigt, ein sehr schweres Paar mit einer Stahlsohle zwischen Vibram und Leder, das andere, viel leichter, mit einer sehr elastischen Sohle, viel zu elastisch nach meiner Meinung. Paul aber hatte just diesen leichten Schuh gewählt; dieser würde sich viel besser an die rauhen Plattenflächen anschmiegen und durch die grössere Reibung die Sicherheit erhöhen. Dabei konnte er von der « wunderbaren Eigenschaft » der Bergeller Felsen nicht genug schwärmen, von dieser Rauheit, die den Sohlen und auch den Fingern einen guten Halt gebe. Ich glaube zwar, auf die Dauer könnte dabei die Haut an den Fingern ordentlich in Mitleidenschaft gezogen werden, denn Handschuhe kann und will man nicht benützen, weil sie das « Fingerspitzengefühl », das 1 Selbstsicherung des Führenden ist in England obligatorisch.
man braucht, um zu beurteilen, ob die Haftung gut genug ist, verunmöglichen.
Paul sagt nicht viel in seinem Buch « Bergell » über diese Tour; die Beschreibung ist sehr einfach, etwa so: « Mit einer Ausnahme, ungefähr auf halber Höhe, wo man nach rechts traversieren muss, um eine senkrechte Wand zu vermeiden, folgt man immer der eigentlichen Grat-schneide.Viele, viele Platten; eine Delikatesse für gute Kletterer. Wer zögert, wird sehr viel Zeit verlieren. » Die erste grössere Schwierigkeit ist die « Zürcherplatte », so benannt, weil Alfred Zürcher die Nordkante als erster im Jahre 1923 mit Walter Risch erstieg. Viele Mitglieder des -englischen - Alpine Club erinnern sich an ihn als den Ehren-Vizepräsidenten und Vertreter der Schweiz anlässlich der Hundertjahrfeier des Alpine Club im Jahre 1957. Der Schwierigkeitsgrad ist mit IV, an zwei Stellen mit IV+ bezeichnet, obwohl ich mehr als einmal die Empfindung hatte, es sei viel schwieriger als gerade « sehr schwierig ». Jeder Kletterer weiss ja, dass, selbst wenn eine Route denselben Schwierigkeitsgrad hat wie z.B. eine wohlbekannte Kletterei - nennen wir in meinem Fall den Lake District ( im englischen Klettergarten im Norden Englands ) —, die einem « ganz harmlos » in Erinnerung ist, die Höhe, Ausgesetztheit und Länge einer Tour in den Alpen einen enormen Unterschied bewirken. Auf der Nordkante werden die Tiefblicke auf die mächtige Nordostwand immer grossartiger, je höher man steigt. Und wir hatten dazu noch, trotz den nicht besonders rosigen Prognosen, unwahrscheinliches Wetterglück. Es blieb warm und windstill. Am frühen Morgen lag ein Nebelmeer unter uns, und bald bildeten sich leichte Wolken zu unserer Rechten und Linken, wodurch der Tiefblick oftmals verwischt wurde. Und dann kamen wir zur berüchtigten Zürcherplatte; das « Spiel » konnte beginnen. Aber Paul zeigt sich in solchen Situationen stets als geborener Psychologe, wie ihn keine Universität besser ausbilden 1 2 Südansicht des Piz Badile Photos Walter Kirstein, London könnte, wenigstens was die « angewandte » Psychologie betrifft. « Dort, Walter! Pass auf, wie ich es mache! Du legst einfach deine Hände ganz flach auf den Fels. Und dieser Fels ist der beste auf der Welt. Sieh nur, wie leicht du nun den Tritt dort drüben erreichen kannst. Hier erholst du dich einen Moment, wiederholst das Manöver - und schon bist du oben! » Ich setze mich in Bewegung. Merkwürdig, es macht mir nun gar nichts mehr aus, dass jener erwähnte « Tritt » höchstens als Standfläche für eine Fliege in Frage kommen kann. Paul hat gesagt, es wird gehen - und es geht. Dabei sorgt er sich rührend um seinen Touristen. Er weiss praktisch alles über meine 75 Jahre. « Walter, pass auf deinen Puls auf; du verstehst das besser als ich. Wenn du eine Pause brauchst, dann sag es! » Niemals würde er widersprechen, sollte ich um eine kurze Rast bitten nach einer besonderen Anstrengung. Ich kann heute noch nicht verstehen, wie er es fertigbrachte, drei andere Seilschaften zu überholen. Nur in einem Fall erkannte ich die Ursache: Der Seilerste war der Versuchung erlegen, einer der verlockenden seitwärts führenden Felsleisten zu folgen. Dann muss man nämlich jedesmal zur Gratschneide zurück.
Neun Stunden, nachdem wir die Hütte verlassen hatten, standen wir auf dem Gipfel, der erst etwa zwanzig Minuten, bevor man ihn erreicht, sichtbar wird. Ich war nicht im geringsten enttäuscht, dass jetzt Wolken die Aussicht beeinträchtigten. Wir hatten es geschafft! Und Paul schien ebenso befriedigt, dass er mich bis auf den Gipfel gebracht hatte, wie ich darüber, dass ich hier oben stand.
Beim Abstieg auf der italienischen Seite verschwanden die Wolken wieder, und die scharfen Grate ergaben kontrastreiche Bilder. Diese Normalroute hat nur den Schwierigkeitsgrad IIaber es ist nicht immer leicht, den rechten Weg zu finden, da er nicht immer der Gratschneide folgt. Ich war ziemlich müde vom Auf-2 stieg, so dass wir bis zur Gianettihütte ( oder Capanna Badile, 2534 m ) fünf Stunden benötigten. Ein gutes Abendbrot, eine grosse Flasche Spumante und der von einer Gitarre begleitete Gesang einer Tessiner Gruppe versetzte uns bald in eine angenehme « Hüttenstimmung ». Zufälligerweise waren auch vier junge englische Touristen zugegen, die die Badile-Nordostwand ohne Führer durchstiegen hatten.
Ich aber nahm nun an, damit sei unsere Tour praktisch zu Ende, abgesehen von einem eher langweiligen Abstieg ins Tal am darauffolgenden Tag. Aber wie schlecht kannte ich Paul! -«Den Badile auf der schönsten Felsroute in den Alpen erklettern, Walter, das ist nicht genug. Das haben wir nur getan, um deine Eitelkeit zu befriedigen. Morgen zeige ich dir das Bondascatal von oben bis unten; da wirst du Zeit haben, seine Schönheit und die Blicke auf all die herrlichen Felsgrate und Gipfel ohne grosse Anstrengung und in aller Musse zu geniessen.
Am nächsten Morgen verliessen wir die Hütte relativ spät, um sechs Uhr. Nach dreistündigem leichtem Anstieg, erst über einige Geröllfelder, dann über leichte Felsen, standen wir am Passo di Bondo. Und nicht eine Wolke am Himmel! Ganz nahe, steil unter uns, sahen wir die grossen, offenen Spalten des Bondascagletschers und dahinter die zackigen Spitzen der Scioragruppe. Das letzte Stück hinunter zum Bergschrund war gar nicht so einfach. Paul musste uns beide auf eine Brücke hinunterlassen, von der wir uns dann leicht zur jenseitigen Lippe hinaufarbeiten konnten. Er selbst folgte am Doppelseil nach, das er um eine Felsnase geschlungen hatte.
Der Gletscherabstieg war problemlos; einige Spalten mussten wir wohl überspringen und eine etwas « luftige » Brücke begehen, und Paul meinte, der Gletscher werde in kurzer Zeit unbegehbar sein.
Ein kurzer Zwischenhalt in der Sciorahütte und ein zweistündiger, genussreicher Abstieg hinunter zum Wagen beendete die Bergfahrt.
Erst als ich in den kleinen Laden in Bondo trat, um etwas Trinkbares zu kaufen, wurde mir klar, dass ich so etwas wie einen Rekord aufgestellt hatte. Die Leute im Dorf wussten schon Bescheid und liessen mich weder das Getränk noch meine Telephongespräche bezahlen - und dies alles nur, weil niemals zuvor ein o Über-Siebziger » die Nordkante des Badile gemacht hatte!