Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03170.jsonl.gz/1743

Neben der Stadt Zürich rückte der Standort Winterthur beim Aufbau eines Zweigstellennetzes zuerst in den Fokus. Der Bankrat trat in der zweitgrössten Stadt des Kantons sofort in Übernahmeverhandlungen mit der Leihkasse Winterthur, die durch die örtliche «Hülfsgesellschaft» gegründet worden war. Da keine Einigung erzielt werden konnte, eröffnete die Zürcher Kantonalbank im November 1870 eine eigene Filiale. In Affoltern am Albis gelang es hingegen, die Ersparniskasse des Bezirks Affoltern mit allen Aktiven und Passiven zu übernehmen und ab April 1871 unter dem Schirm der Zürcher Kantonalbank zu führen. 1872 wurde beschlossen, vorerst in jedem Bezirk jeweils eine Filiale zu errichten. 1873 wurden folglich weitere Filialen eröffnet: In Bülach, Andelfingen und Meilen übernahm man bestehende Sparkassen, Uster war dagegen eine Neugründung. Im Bezirk Pfäffikon scheiterte die Übernahme der dortigen Bezirkssparkasse, sodass der Standort Bauma gewählt wurde. Die von der «Vorsteherschaft der Gemeinde Bauma» vorgeschlagenen Lokalitäten wurden von zwei Bankräten genauer unter die Lupe genommen. Drei Standorte schieden aus: wegen der grossen Entfernung zum Dorf, wegen Feuchtigkeit und wegen der «Beschränktheit» des Raumes. Es blieb ein mögliches Banklokal in der Dorfmitte, das, obwohl in einem Wirtshaus gelegen, als passend bezeichnet wurde. 1877 und 1878 folgten die Eröffnungen von Filialen in Dielsdorf und Horgen.
Wo soll die nächste Filiale eröffnet werden?
Um die Dienstleistungen der Zürcher Kantonalbank im ganzen Kanton zur Verfügung stellen zu können, war es nötig, in allen Regionen Zweigstellen zu eröffnen. Doch wie am besten wachsen? Vor Ort bestehende Banken übernehmen oder eigene Filialen aufbauen?
Die bereits 1873 eröffnete Filiale Uster, 1893.
Filiale Meilen um 1910 mit Geleisen der Wetzikon-Meilen-Bahn.
Filiale Wald, Bezug des Neubaus im Mai 1912.
Drei Dörfer im Nahkampf
Im Bezirk Hinwil buhlten die drei Gemeinden Wetzikon, Wald und Rüti um eine Filiale. Letztlich machte Rüti 1872 aufgrund der besten Verkehrsanbindung das Rennen. Doch Wald gab nicht auf und insistierte mit dem Hinweis auf die Entwicklung der Industrie weiterhin auf Eröffnung einer Filiale. Der Bankrat gab teilweise nach und wies den Filialleiter in Rüti an, in Wald vorerst ein Büro mit eingeschränkten Öffnungszeiten zu eröffnen. Aufgrund des Kundenandrangs wurde schliesslich 1905 an diesem Hotspot der Textilindustrie mit 16 Fabrikbetrieben doch noch eine vollwertige Filiale eröffnet.
Die Kompetenzen der Filialen waren noch ziemlich eingeschränkt und sie wurden durch die sogenannte Filialkommission des Bankrats streng kontrolliert. Die Filialen konnten bis zu einer bestimmten Obergrenze Darlehen und Kredite gegen Hinterlegung von Wertschriften oder Bürgschaften ausgeben, durften bis zu einem bestimmten Wert Wechsel diskontieren, übernahmen das Inkasso von Zinsen und Kapitalzahlungen und pflegten weitere Bankgeschäfte wie das Ausstellen von Checks. Ausgenommen waren Abschlüsse von Hypotheken. Die Vergabe sollte frei von lokalen Einflüssen geschehen und von Fachpersonen mit fundiertem Einblick in die Bewegungen des Liegenschaftsmarkts, sprich vom Hauptsitz in Zürich, vorgenommen werden. Grössere Verantwortung besassen die Filialen im Sparkassengeschäft. Sie führten in diesem Zusammenhang auch die Buchhaltung und überwachten die sogenannten Einnehmer im Bezirk. Es handelte sich dabei um angesehene und in der Gemeinde verankerte Privatpersonen, die dezentral im Namen der Zürcher Kantonalbank Spargelder der Bevölkerung entgegennahmen. 1908 existierten auf Kantonsgebiet 80 solcher nebenamtlich geführter Einnehmereien.
Agentur Feuerthalen, Mitte 20. Jahrhundert.
Manchmal den Überblick verloren
Trotz engmaschiger Kontrolle konnte es geschehen, dass eine Filiale in Schieflage geriet. Im Gefolge des Zusammenbruchs der Kreditbank in Winterthur von 1891 entstanden bei der dortigen Filiale hohe Verluste. Man machte einerseits die dortige Filialleitung verantwortlich, streute aber auch selbst Asche auf das Haupt, wie im Geschäftsbericht von 1891 nachzulesen ist: «Auf der Hauptbank vertraute man zu viel auf die leider oft unzuverlässigen Berichte der Filialen. (…) Der Geschäftsumfang der Kantonalbank ist in der letzten Zeit so gross und ausgedehnt geworden, dass es der Direktion trotz aufreibender Thätigkeit fast nicht mehr möglich war, in alle Theile des so weit verzweigten Geschäfts genügend hinein zu blicken. Oft und viel hatte man von einer etwelchermassen zu verändernden Organisation gesprochen, doch dieselbe hinausgeschoben, theils wegen ungenügender Lokalitäten, theils weil die Einführung des Notenmonopols zu Gunsten des Bundes in naher Aussicht stand.»
1908 wurde dem Bankrat bewusst, dass in der Bevölkerung eine Nachfrage nach weiteren Zweigstellen bestand, die grössere Kompetenzen als die Einnehmereien hatten. Er wollte aber auch nicht den personal- und kostenintensiven Vollservice der Filialen anbieten. So schuf er als Zwischenform die Agenturen, die zum Teil «von den Agenten neben ihrer anderen Tätigkeit herlaufend besorgt», zum Teil vollamtlich geführt wurden. Bis 1920 wurden 17 Agenturen eröffnet. Die Agentur Oerlikon wurde aufgrund der rasanten Entwicklung 1919 bereits in eine Filiale umgewandelt. Drei der Agenturen entstanden durch Übernahme lokaler Banken, die anderen waren Neueröffnungen.
Filiale Horgen um 1960.
Neueröffnete Agentur Regensdorf, 1959: «Die einfach gehaltenen Fassaden mit den leuchtenden Konturen und den neuzeitlichen, sehr gefälligen Schaufenstern verleihen dem Gebäude Charakter und Schönheit.»
Pfleglicher Umgang mit Lokalbanken
In der Jubiläumsschrift von 1920 wurde darauf hingewiesen, dass sich die Zürcher Kantonalbank im Gegensatz zu anderen Kantonalbanken «im eigentlichen Konzentrationsprozess, also in der Fusionstätigkeit, im allgemeinen zurückgehalten hat». Tatsächlich nahm man in der Expansionsphase auf gut fundierte Lokalbanken Rücksicht, indem man sie vor Ort nicht konkurrenzierte. Häufig wurde die Zürcher Kantonalbank jedoch ausdrücklich um eine freundliche Übernahme ersucht, da die kleinen Banken oft im Sinne der Gemeinnützigkeit gegründet worden waren und die Fortführung der Tätigkeit durch die potentere Kantonalbank als zielführend betrachtet wurde. Jedoch waren Konflikte beim Aufbau eines sinnvollen Zweigstellennetzes nicht immer zu vermeiden. Als die Verantwortlichen der Spar- und Leihkasse des Bezirks Pfäffikon 1873 gegen die Eröffnung einer Kantonalbankfiliale am Rande ihres Bezirks in Bauma protestierten, war der Bankrat der Ansicht, dass die Interessen der Spar- und Leihkasse nicht berücksichtigt werden können, wenn das Bedürfnis von Bauma nach einer Filiale der Kantonalbank offensichtlich werde. Und: Der Fortbestand der Spar- und Leihkasse in Pfäffikon sei damit ja nicht ausgeschlossen, der Bezirk sei für beide gross genug. Tatsächlich existiert die Bank noch heute als Bank Avera, obwohl die Zürcher Kantonalbank 1953 schliesslich auch im Bezirkshauptort aufgrund «der geschäftlichen Bedeutung dieses Ortes» eine Agentur und 1982 sogar eine Filiale einrichtete.
Bankzweigstelle im Einkaufszentrum Volketswil, in guter Gesellschaft mit dem Warenhaus EPA und dem Kleidergeschäft Charles Vögele, 1970er Jahre.
Titelbild: Filiale Oerlikon, Ecke Franklin-/Edisonstrasse, 1920 Jahre.