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Selten passt das Adjektiv «berüchtigt» so zum Wort «berühmt» wie bei der Tourist Trophy. Beim legendären Töffrennen auf der Isle of Man fährt der Tod stets mit. Gestern starben drei Teilnehmer innerhalb von 24 Stunden.
Die Isle of Man ist aus drei Gründen bekannt. Erstens gilt sie als Steueroase. Zweitens hat sie eine äusserst kuriose Flagge, bestehend aus drei angewinkelten Beinen. Und drittens ist die Insel jedes Jahr Gastgeberin der Tourist Trophy, des tödlichsten Töffrennens der Welt. Mehr als 250 Menschen verloren im Temporausch ihr Leben, seit die Trophy 1911 erstmals ausgetragen wurde.
Vorgestern und gestern kamen innerhalb von 24 Stunden drei Teilnehmer um: der Holländer Jochem van den Hoek (28), der Engländer Davey Lambert (48) und der Ire Alan Bonner (33). Sie starben entweder an Ort und Stelle oder erlagen im Spital den schweren Verletzungen, die sie bei ihren Stürzen erlitten.
Jeder Abschiedskuss für die Liebste an der Startlinie kann der letzte gewesen sein. Die Strecke verzeiht keinen Patzer. «Wenn Roger Federer einen Fehler macht, verliert er einen Punkt. Wenn ich einen Fehler mache, verliere ich mein Leben», bringt es Richard Quayle, ein ehemaliger Sieger, auf den Punkt.
Die Besonderheit dieses Rennens ist, dass es nicht auf einem für Wettkämpfe angelegten Rundkurs ausgetragen wird. Sondern auf den gewöhnlichen Strassen der Insel. Als «scheinbar endlose Aneinanderreihung von Kurven, Hügeln, Sprüngen, Steinmauern, Schachtdeckeln und Telefonmasten» wird der 60 Kilometer lange Parcours auf der Website des Rennens beschrieben.
Beinahe unmöglich, sich jede Kurve genau einzuprägen. Vom Deutschen Siegfried Schauzu, in den 60er- und 70er-Jahre achtfacher Sieger als Seitenwagen-Pilot, ist das Zitat überliefert: «Die Ideallinie um 10 Zentimeter zu verfehlen, kann den Weg ins Jenseits bedeuten.»
Den Streckenrekord hält seit dem vergangenen Jahr Michael Dunlop. Als erster Fahrer überhaupt legte er die Runde in weniger als 17 Minuten zurück, seine Zeit von 16:53.929 entspricht einem Durchschnittstempo von 215,6 km/h entspricht. Als Vergleich: Am letzten Sonntag brachte es Andrea Dovizio bei seinem WM-Sieg in der MotoGP-Klasse in Mugello auf einen Speed von durchschnittlich 174 km/h.
Zwischen Bray Hill und der Quarterbridge Road steht eine Tempo-30-Tafel. «Da habe ich 280 km/h auf dem Tacho und werde in der Senke von der Fliehkraft so nach unten gedrückt, dass die Gabel kurz auf Block geht und die Ölwanne schleift», sagte der Österreicher Horst Saiger dem «Spiegel».
Auf dem Rundkurs gibt es nicht bloss ein, zwei gefährliche Stellen. Die «New York Times» hat grafisch aufbereitet, wo sich die tödlichen Unfälle ereignet haben. Das Resultat: überall. Auf Geraden, in engen Kurven und in weiten Kurven, in Dörfern und auf offener Strecke und besonders in heimtückischen Passagen mit Licht-Schatten-Wechsel bei Sonnenschein.
Auch ein Schweizer trug sich in die Siegerliste der Tourist Trophy ein. Der dreifache Weltmeister Luigi Taveri siegte 1962, 1964 und 1965 auf der Isle of Man.
Der heute 87-jährige Taveri gilt auf der Insel immer noch als Legende. Doch welche Bezeichnung trifft dann auf einen wie Joey Dunlop zu? Der Nordire ist der Rekordsieger. Sagenhafte 26 Mal stand er zuoberst auf dem Podest. So liess sich leicht ein Spitzname finden, der dem Legendenstatus gerecht wird: «King of the Roads». Dunlop war abergläubisch und fuhr stets mit einem roten T-Shirt unter dem Kombi und mit einem gelben Helm.
Nachdem er im Jahr 2000 bei einem Rennen in Estland tödlich verunglückt war, übertrug das nordirische Fernsehen seine Beerdigung live. Und auf der Isle of Man wurde neben der Rennstrecke eine Statue von Joey Dunlop errichtet.
Die letzten Rennen der diesjährigen Austragung finden morgen Freitag statt. Dann kehrt wieder Ruhe ein in der Steueroase Isle of Man. Bis die Rennfahrer im nächsten Jahr erneut zur Tourist Trophy pilgern. Im Wissen, dass nicht jeder die Insel dann lebend verlassen wird.