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Literatur
Offene Rechnungen
Sieben Jahre nach ihrer Scheidung kommen Carmen und Carlos wieder einigermaßen miteinander klar, schließlich ist er der Vater ihres Sohns Jorge, sagt sich Carmen, und Jorge braucht einen Vater. Der Junge freut sich auf ein Wochenende zu zweit, allein mit seinem Vater in den Bergen bei Madrid, auch wenn ihr Verhältnis schwierig ist. Immer verpatzt Jorge nämlich irgendetwas.
Nachdem Vater und Sohn abgereist sind, findet Carmen auf dem Tisch ein Manuskript, das Carlos daließ, damit sie es lesen solle: das Manuskript seines ersten Romans. Obwohl die Geschichte wenig originell und auch nicht sonderlich gut geschrieben ist - ein Krimi über eine Entführung mit viel Sex und Gewalt -, kommt Carmen nicht von der Lektüre los und liest sie übers Wochenende fast bis zum tragischen Ende. Bald entdeckt sie Parallelen zu ihrer gemeinsamen Zeit mit Carlos, findet sich selbst und ihn in Personen des Romans wieder und sucht zwischen den Zeilen nach Botschaften an sie selbst. Will er Jorge etwa entführen und ihr wegnehmen? Womöglich als Rache für das, was sie ihm nach der Scheidung antat, als sie auf ein Jahr ein Kontaktverbot erwirkte? Was wird er verlangen? Verbirgt sich eine verschlüsselte Forderung in dem Text? Wäre er womöglich in der Lage, dem Sohn etwas anzutun? Unmöglich! Doch da ist noch Yolanda, seine alte und neue Freundin, die er einst zur Abtreibung überredete, als er Carmen kennen lernte und sich in sie verliebte. Für Yolanda ist Jorges Existenz eine offene Wunde. Sie hasst den Jungen und er hasst sie. Aber Carlos sagte doch, sie würden das Wochenende nur zu zweit verbringen, obwohl ... Jorge war es, der das sagte, Carlos hatte bloß gemeint, Yolanda habe vermutlich zu tun ...
Lo que no está escrito (Zwischen den Zeilen), der neuste Roman des 1963 geborenen Autors Rafael Reig, ist ein raffiniert komponierter Psychothriller mit mehreren ineinander greifenden Erzählebenen, in dem sich die Personen ihre Fallen selbst stellen und sich regelrecht selbst vernichten. Der Thriller hat ein genauso böses und zugleich offenes Ende wie der Roman im Roman, dessen letzte Seiten Carmen angesichts der sich überschlagenden Ereignisse in ihrem wirklichen Leben nicht mehr liest. Anfangs sind die beiden Geschichten nur über die Leserin Carmen miteinander verbunden, ganz am Ende aber beginnt Carlos' Roman in ihre Wirklichkeit einzugreifen.
Leider noch nicht auf Deutsch erhältlich, aber empfehlenswert!