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Siril WallimannPlötzlich Blind
Ich würde mich selbst als gefühlsbetonter Mensch beschreiben, der in vielen Situationen eine klare Struktur braucht. Erlebnisse und Erfahrungen prägen meine Denk- und Arbeitsweise. Oft denke ich, auch wegen meiner Feinfühligkeit, über vieles lange nach. Wichtige Entscheide treffe ich selten spontan. Auf der einen Seite kann dies für kreative Lösungen sehr hilfreich sein. Auf der anderen Seite belasten mich diese Gedanken oft unnötig.
Eine meiner grössten Stärken ist mein Kampfgeist. Ich bin der Meinung, dass man vieles erreichen kann, wenn der Wille dazu vorhanden ist. Dank meiner Fröhlichkeit und Offenheit fällt es mir leicht, Kontakte mit anderen Menschen zu knüpfen. Ausserdem habe ich ein gutes Fingerspitzengefühl im Umgang mit anderen Menschen. Ich kann mich oft auf meine Intuition und Menschenkenntnis verlassen.
Aufgrund meines starken Harmoniebedürfnisses, stelle ich die eigenen Wünsche lieber in den Hintergrund, um für alle die bestmögliche Situation zu schaffen. Aus Rücksichtsnahme behalte ich meine negativen Gefühle, Gedanken und Ängste für mich. Dies sollte ich unbedingt ändern, um meine Probleme nicht dauernd mit mir alleine ausmachen zu müssen.
Was ist passiert?
Kurz nach meiner Geburt, am 13.01.1996, wurde bei mir der Augenkrebs Retinoblastom diagnostiziert und ich musste mich bereits im Alter von 2 Monaten den ersten Chemotherapien unterziehen lassen. Nach diesen Chemotherapien folgten vorerst wöchentliche und später monatliche Bestrahlungen in Lausanne, um den Krebs zu besiegen.
Bis zu meinem 5. Lebensjahr wurden regelmässige Kontrollen und Untersuchungen durchgeführt, um einen erneuten Krebsausbruch festzustellen. Innerhalb dieser fünf Jahre konnte bei mir keinen Rezidiv (Wiederauftreten des Krebses) diagnostiziert werden, weshalb ich als geheilt bezeichnet wurde. Durch die Folgen der Krebsbekämpfung habe ich meine Sehkraft auf dem linken Auge komplett verloren. Ich musste schon im jungen Alter lernen mit dieser Einschränkung umzugehen und schätzte mein Augenlicht auf dem rechten Auge um so mehr.
Dank meiner uneingeschränkten Sehkraft auf dem rechten Auge, konnte ich ein „normales Leben“ einer jungen Frau führen und absolvierte nach der obligatorischen Schulzeit die Lehre als Kauffrau. Während meiner Lehrzeit wuchs in mir immer mehr der Wunsch Psychologin zu werden. Um meinem Ziel näher zu kommen, startete ich im Sommer 2015 mit der Berufsmaturität.
Wie erlebst du dein Umfeld? Was ist schwierig, was hilft?
In der Zeit als es mir schlecht ging, dachte ich oft über den Tod nach. Ich überlegte mir, wie es wäre, als Schutzengel über meine Liebsten zu wachen. Im Geheimen schrieb ich Abschiedsbriefe und malte mir in Gedanken meine Beerdigung aus. Das half mir trotz meiner positiven Lebenseinstellung und meines Kampfgeistes. Es wurde auch zum Ritual meinen Eltern jeden Abend zu sagen, wie lieb ich sie habe und wie stolz ich darauf bin, ihre Tochter zu sein. Eine bessere Familie hätte ich mir in meinen schönsten Träumen nicht vorstellen können.
Für meine Eltern war meine erneute Krebserkrankung ein schwerer Schlag. Die Diagnose riss alle Wunden von früher auf. Sie wussten, was nun auf uns zukommen würde, da ich als Baby bereits einen Tumor hinter dem Auge hatte. Mein Vater versuchte stark zu sein und positiv zu denken. Meine Mutter und ich weinten stundenlang zusammen. Es tat uns gut offen darüber zu sprechen. Meine Eltern und mein Umfeld motivierten mich, als ich nicht mehr weitermachen wollte und versuchten mich stets bei Laune zu halten. Ich habe das Glück in einer grossen und liebenswerten Familie aufzuwachsen. Insgesamt habe ich sechs Tanten und Onkel sowie zwei grossartige Paten.
Mit der Erblindung konnte ich am Anfang überhaupt nicht umgehen. Ich versuchte es zu verdrängen und liess mir beim Alltag stark helfen. Der Bruder meines Vaters, welcher als Kleinkind selber durch einen Augentumor erblindete, half mir den Weg zurück in den Alltag zu finden. Es war äusserst wohltuend mit ihm darüber zu sprechen. Er zeigte mir die Hilfsmittel und lernte mich die Brailleschrift mittels Braille Zeile.
Wie hat sich dein Leben nach dem Februar 2016 verändert?
Vorerst veränderte sich innerhalb der ersten acht Wochen nicht viel, ausser den vielen Spitalbesuchen, meiner schlechten gesundheitlichen Verfassung und die Suche nach deren Ursache. In unserer Unwissenheit dachten wir alle, dass mein Sehvermögen wieder zurück käme. Es war kaum vorstellbar, dass dies nicht passieren sollte. Niemand hätte gedacht, dass alles anders kommt.