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Institutionen und Preise tragen Leo Baecks Namen. Er war einer der bedeutendsten Vertreter des liberalen Judentums und in der NS-Zeit Repräsentant der jüdischen Gemeinschaft. “Spiegelbild seiner Ideale”, so ein Experte.
von Leticia Witte
Aus Nazi-Deutschland hätte er entkommen können, blieb aber bei den bedrängten Jüdinnen und Juden in Berlin. Er war ihr Repräsentant – bis er selbst nach Theresienstadt deportiert wurde. Rabbiner Leo Baeck war einer der bedeutendsten Vertreter des liberalen Judentums. Heute ist er für viele Menschen ein Vorbild: in seinem Wirken und Denken, als Lehrer.
Nach ihm sind Institutionen benannt, Lehranstalten und Auszeichnungen des Leo-Baeck-Instituts und des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dieser hat übrigens seinen Sitz im Leo-Baeck-Haus nahe der Neuen Synagoge in Berlin-Mitte. Vor 150 Jahren, am 23. Mai 1873, wurde Baeck in Lissa – heute Leszno in Polen – geboren. Er war eines von elf Kindern, Nachkomme von Rabbinern und selbst Rabbiner in Oppeln, Düsseldorf, Berlin sowie für Soldaten im Ersten Weltkrieg.
Erst kürzlich sagte der Vorsitzende der Allgemeinen Rabbinerkonferenz Deutschland, Rabbiner Andreas Nachama, dass Kernsätze von Baeck so stark in ihm verwurzelt seien, dass er sie “gelegentlich wie Glaubensgrundsätze” zitiere. Zum Beispiel: “Judesein verlangt, dass wir bestimmte Dinge tun, weil sie richtig sind, und nicht, weil sie uns einen persönlichen Vorteil oder materiellen Nutzen bringen.”
Für Baeck war es zum Beispiel richtig, den Verfolgten beizustehen. Auch wenn das für ihn Verhaftungen und andere Gefahren zur Folge hatte. Gleichwohl nicht nur für ihn, sondern auch für seine engen Mitarbeitenden, von denen etliche ums Leben kamen. Baeck wurde nicht müde, auf die Lage von Jüdinnen und Juden unter dem NS-Regime aufmerksam zu machen und sie zu unterstützen: seelsorgerisch als Rabbiner und mit Taten als Funktionär.
Baeck trieb mit seinen Helferinnen und Helfern Gelder auf für Menschen, die ihre Existenzgrundlagen zunehmend verloren, und blieb in Deutschland, um – soweit möglich – anderen bei der Auswanderung zu helfen. Er wollte “der letzte Jude” sein, der Deutschland verlässt. Baeck war neben vielen anderen Ämtern Präsident der Reichsvertretung der deutschen Juden, später dann der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland sowie Präsident der World Union for Progressive Judaism.
Dass die Nazis die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin 1942 schlossen, konnte Baeck freilich nicht verhindern. Sie war eine Institution des liberalen Judentums mit Abraham Geiger als “Spiritus Rector”. Baeck lehrte dort, bis nur noch wenige Studenten übrig waren. An der Einrichtung studierte auch die weltweit erste Rabbinerin, Regina Jonas.
Sie war wie Baeck im Ghetto Theresienstadt eingesperrt, bevor sie in Auschwitz getötet wurde. Inhaftiert in Theresienstadt wurde Baeck Anfang 1943. Wie Jonas versuchte auch er dort, den Menschen Trost, rabbinischen Beistand und Bildung zu vermitteln. Baeck überlebte den Terror, hatte aber Verwandte, Freunde und Weggefährten verloren.
Seine Ehefrau Natalie war bereits 1937 in Berlin gestorben, und seine Tochter Ruth mit Familie rechtzeitig nach England gegangen. In London empfingen sie Baeck dann auch nach seiner Befreiung. Bis zu seinem Tod am 2. November 1956 in der britischen Hauptstadt war er umtriebig, nahm Ämter wieder auf, bemühte sich um Entschädigungen und Rückgaben und engagierte sich im jüdisch-christlichen Dialog. Nach Schriften wie “Das Wesen des Judentums” (1905) arbeitete er in dieser Zeit an “Dieses Volk. Jüdische Existenz”.
In seiner Biografie über Baeck schreibt Michael A. Meyer von einer seltenen Kombination von “tatkräftiger Führung mit profundem Denken”. Baeck habe das Märtyrertum verehrt und aus seinem Glauben heraus eine moralische Verpflichtung in allen Lebensbereichen verspürt. Auch wenn er durchaus Kritiker gehabt habe, habe er andere Ansichten gelten lassen und sei vermittelnd aufgetreten. Baeck habe als höflich und zurückgenommen gegolten. Kurzum: “Als Mensch war er das Spiegelbild seiner Ideale.”
Meyer erinnert daran, dass Baeck nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben habe, dass sowohl Gerechtigkeit als auch das Ideal eines Weltfriedens letztlich nicht von Nationen abhängig seien, sondern von einzelnen Menschen. Daher sei es notwendig, Frauen und Männer zu gerechten Menschen zu erziehen. Diese Feststellung hat bis heute nichts an Aktualität eingebüßt.
Hinweis: Michael A. Meyer, "Leo Baeck - Rabbiner in bedrängter Zeit", Verlag C.H.Beck, 2021, 365 S., ISBN 978-3-406-77378-5
KNA/lwi/jps