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Irgendetwas stimmt nicht im Leben von A. Ihre fast symbiotische Freundschaft mit ihrer Mitbewohnerin B und ihre unkomplizierte, wenngleich etwas langweilige Beziehung mit ihrem Freund C erfüllen sie nicht mehr. Was fehlt? Glück? Lebensfreude? Endlich mal wieder etwas Anständiges zu essen? A entscheidet sich, auf die einzige Art auszubrechen, die diese seltsame Welt verdient: Um ihren Körper von innen zu reinigen, verschreibt sie sich einem Kult um eine synthetische Süßspeise.
Aus dem Englischen von
Guntrud Argo, Michael Kellner
Hardcover
Format: 11,6 x 18,5 cm , 352 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5734-0
21,90 EUR
Aus dem Amerikanischen
Guntrud Argo, Michael Kellner
Taschenbuch
Format: 11,6 x 18,5 cm , 352 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5964-1
05.Mai 2017
13,00 EUR
Aus dem Englischen von
Guntrud Argo, Michael Kellner
eBook
352 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9323-2
12,99 EUR
IST ES WAHR, DASS WIR INNEN mehr oder weniger gleich sind? Ich meine nicht psychologisch. Ich denke an die lebenswichtigen Organe wie Magen, Herz, Lunge, Leber. Ihre Lage und Funktion. So, wie ein Chirurg, der das Messer zum Schnitt ansetzt, nicht speziell an meinen Körper denkt, sondern an einen Körper, der im Querschnitt irgendwo in seinem medizinischen Lehrbuch abgebildet ist. Mein Herz könnte aus meinem Körper herausgenommen und in deinen eingesetzt werden, und dieser Teil von mir, den mein Körper ausgebrütet hat, würde weiterleben und fremdes Blut durch fremde Kanäle drücken. In einem passenden Behälter würde es den Unterschied vielleicht nie bemerken. Nachts liege ich im Bett und fühle, wie sich mein Herz bewegt, obwohl ich es nicht berühren oder in der Hand halten kann. Es ist zu klein, um den Brustraum eines erwachsenen Mannes auszufüllen, und zu groß für den eines Kindes. In einem Zeitungsartikel stand mal etwas über einen Mann in Russland, der Blut gehustet hatte; das Röntgenbild zeigte ein Gebilde mit ausgefransten Rändern in seiner Brust. Sie dachten, es sei Krebs, doch als sie ihn öffneten, entdeckten sie einen fünfzehn Zentimeter großen Nadelbaum, der in seinem Lungenflügel wuchs.
In einem Körper gibt es kein Licht. Glitschige Massen pressen auf sich selbst ein, Gebilde stoßen ohne Orientierungssinn aneinander. Sie entstehen einfach so unaufgeräumt. Du legst die Hand auf deinen Bauch und drückst ins Weiche, versuchst mit den Fingern nachzuhorchen, was da los ist. Da drinnen könnte alles Mögliche sein.
Kein Wunder also, dass wir uns am meisten mit unserer Oberfläche beschäftigen: Sie allein unterscheidet uns voneinander. Und sie ist so fragil, so dünn wie Papier.
ICH STAND IN MEINEM ZIMMER vor dem Spiegel und schälte eine Orange. Ich wiegte sie in meiner Hand, umschloss sie, sie passte genau in meine Handfläche. Ich bohrte einen Fingernagel in die oberste Schicht. Den Finger grub ich unter die Schale, bis ich das kühle Fleisch spürte, und dann immer rundherum. Die Haut riss mit einem leisen, wattigen Geräusch, die weiche Schale wickelte sich als unregelmäßige, stumpfe Spirale von der Fruchtkugel. Ich setzte meine Kontaktlinsen ein und blinzelte den Spiegel an. Meistens sah ich mir morgens nicht gerade ähnlich: als würde ich mit einer Fremden aufwachen. Mein Blick streifte meinen noch nächtlich verknoteten bleichen Körper, und ich hatte das Gefühl, da sei jemand in mein Zimmer eingedrungen. Dann zog ich mich an und legte Make-up auf, verteilte ein paar farbige Flüssigkeiten auf meiner Haut, und als ich sah, wie die Hand im Spiegel sich synchron mit meiner bewegte, fühlte ich mich wieder mit dem Gesicht verbunden, mit dem ich nach draußen ging und das ich anderen zeigte. Meine Hand rupfte ein Stück Fruchtfleisch ab und schob es in die Lücke zwischen den Lippen. Saft floss seitlich an meiner Hand hinunter. Wie der Mond schien auch mein Mund im Spiegel von Tag zu Tag ein bisschen anders auszusehen. Es war Sommer, und die Hitze hatte sich noch nicht um unsere Körper gelegt, sie klebrig und feucht werden lassen, als würden wir in Anzüge gezwungen, die wir nicht tragen mochten.
Eine Brise wehte durchs offene Fenster herein, sie roch nach gemähtem Gras, zerstückelten Blumen, und ich hörte, wie die Menschen ihre Häuser verließen. Autotüren gingen auf und zu, Reifen knirschten über Kies, als sie aus den Einfahrten fuhren und für acht oder neun Stunden verschwanden, nur um mit aufgeknöpften Hemdsärmeln und nicht mehr ganz so frisch zurückzukehren. Ich mochte es, die Geräusche aus der Nachbarschaft in meinen Schlaf sickern und die Dinge langsam real werden zu lassen. Ich mochte es, außer wenn ich es hasste. Dass die Häuser so nah beieinanderstanden, dass das Erste, was ich jeden Morgen draußen sichtete, das verquollene Gesicht meiner Vermieterin war, die den Kopf aus der Tür steckte, um sich die Zeitung zu grapschen. Sie wohnte zwar unter uns, konnte aber aus einem bestimmten Winkel direkt in unsere Wohnung gucken. Jeden Tag bückte sie sich erst mal, sammelte die Zeitung auf, drehte dann um und verrenkte sich den Hals, um in mein Fenster zu linsen und auszukundschaften, ob ich die Nacht in meinem Zimmer verbracht hatte. Ihre Haarfarbe wechselte mit dermaßen penetranter Häufigkeit, rostrot die eine Woche, schmutzig blond die nächste, dass wir uns nicht sicher waren, ob sie ihr echtes Haar oder eine Perücke trug. Und, falls es eine Perücke war, ob sie damit auch schlief. Meine Mitbewohnerin B sagte, sie wirke, als würde sie in ihrem eigenen Zuhause verfolgt, als lebe sie auf der Flucht, ohne sich vom Fleck zu bewegen. Im Haus nebenan wohnte ein Studentenpärchen, bei dem rund um die Uhr der Fernseher lief, selbst wenn sie die Wohnung verließen, um zu ihren Vorlesungen oder Jobs zu gehen, oder welche Verpflichtungen auch immer sie hatten. Ihr Bildschirm leuchtete durch die Nacht und tauchte eine leere Couch in blaues Licht. Er wurde nur schwarz, wenn die beiden in jenes dritte Zimmer gingen, das einzige, das ich von unserem Apartment aus nicht sehen konnte. Manchmal schauten B und ich zur Abwechslung in ihren Fernseher statt in unseren. Obwohl wir auf die Entfernung nur raten konnten, was wir sahen, zappten wir durch die Kanäle, um den selben Sender zu finden. Gegenüber auf der anderen Straßenseite wohnte eine Familie mit einem Hund, der die meiste Zeit schlief. Nur am Nachmittag erwachte er ein paarmal zum Leben und raste los, um sich gegen die Fensterfront zu werfen, krachte dabei mit der Schnauze gegen die Scheiben und bellte, bis die Töne, die er von sich gab, immer verzerrter und heiserer klangen. Ich stand von meinem Schreibtisch auf, um nachzuschauen, was der Auslöser gewesen war. Es war aber nie etwas zu sehen, nicht mal ein Eichhörnchen. Manchmal trafen sich unsere Blicke, und dann starrten wir einander über die Straße hinweg an, der Hund und ich, und wussten nicht weiter. Es war eine sichere Gegend. Es gab nichts, über das man sich hätte beklagen können, ohne völlig verrückt zu klingen. Draußen schien grell die Sonne, und ich hörte die unsichtbaren Vögel in den Bäumen, das Geräusch ihrer Bewegungen, während sie durch die Büsche schwärmten. Sie zwitscherten sich laut etwas zu, und die dünnen Zweige bogen sich unter dem Gewicht ihrer kleinen Körper.
Zadie Smith im Esquire
»Alexandra Kleemans A wie B und C hat mich absolut begeistert! Ich habe noch nie etwas gelesen, das das Grundgefühl, eine junge Frau im heutigen Amerika zu sein, so gut und genau trifft.«
ZEIT online
»Obsessives Hungern und die Selbstauflösung in der amerikanischen Konsumgesellschaft: Die Schriftstellerin Alexandra Kleeman hat einen radikalen Debütroman geschrieben.«
Vogue
»Alexandra Kleeman gelingt mit A wie B und C ein brilliant irritierendes Zeitbild.«
taz
»You too can have a Body like mine heißt ihr Buch auf Englisch und dieses Werbeversprechen nimmt einen Großteil ihrer messerscharfen und detaillierten Beobachtungen ein.«
DIE ZEIT
»Sommerlich leicht ist A wie B und C nicht, und doch dringend zu lesen. Denn es geht um uns. Und um das, was wir nie werden wollen.«
Fritz rbb
»A wie B und C ist eine kluge Satire und eine originelle Kritik an zu viel Konsum, Optimierungswahn und falschen Schönheitsidealen. Ein echtes Knaller-Debüt.«
Die Welt
»In ihrem verstörend-witzigen Debütroman karikiert Alexandra Kleeman den Wahn um Schönheit und Selbsterfüllung«