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Wahrscheinlich ist dein Grossvater zur Schule gegangen und dein Urgrossvater auch. Aber dein Ururgrossvater vielleicht nicht und so war es auch bei dem alten Mann in dieser Geschichte. Er lebte mit seiner Frau am Rand von einem Wald in einer alten schiefen Hütte. Die beiden waren schon so alt, dass sie nicht mehr die Kraft hatten, um als Bauern zu arbeiten und deshalb hatten sie jeden Tag Hunger und im Winter froren sie. «Weshalb sind wir so arm und andere reich?», fragte der alte Mann seine Frau.
«Die Reichen, die sind zur Schule gegangen, haben lesen, schreiben und rechnen gelernt, deshalb geht es ihnen heute so gut!», meinte sie.
Der alte Mann überlegte eine Weile dann sagte er: «Gut, dann will ich auch in die Schule gehen!»
Am nächsten Tag stand er früh auf, wusch sich das Gesicht und zog seine besten Kleider an. Die Frau strich ihm die Haare glatt, wie das Mütter tun, deren Kinder zur Schule gehen und sagte: «Pass gut auf, damit du viel lernst!»
Als der alte Mann endlich bei der Schule ankam, wunderte sich der Lehrer: «Was willst du denn hier Grossväterchen?»
«Ich will in die Schule gehen und ganz viel lernen, damit es uns besser geht.»
«Du bist schon zu alt für die Schule», meinte der Lehrer.
Der alte Mann aber bat so lange, bis der Lehrer ihn ins Schulzimmer liess. Dort setzte er sich in die hinterste Reihe und lauschte auf alles, was der Lehrer sagte und staunte über die Zeichen an der Wandtafel.
Als die Schulglocke läutete, machte er sich auf den Heimweg. Die Kinder sprangen an ihm vorbei, er aber schlurfte müde, auf seinen Stock gestützt. Da stiess er plötzlich mit seinen Füssen an einen Beutel. Er hob ihn auf, schaute hinein und sah darin lauter Geldstücke. Glücklich trug er den Beutel nach Hause. Schon von weitem rief er seiner Frau zu: «Du hattest recht! Ich habe in der Schule so viel gelernt, dass ich das Glück gefunden habe!» Er zeigte ihr den Beutel und sie staunte über die vielen Geldstücke. «Jetzt müssen wir nie mehr hungrig sein und nie mehr frieren!», sagte die alte Frau fröhlich. Beide setzten sich zufrieden auf die warme Ofenbank und freuten sich über ihr Glück.
Am nächsten Tag klopfte es an der Tür. Ein sehr reicher Mann, der niemandem etwas gönnte, hatte nämlich den Geldbeutel verloren und jetzt ging er von Haus zu Haus und fragte: «Habt ihr vielleicht einen Geldbeutel gefunden?»
Der alte Mann hatte noch nie im Leben gelogen, deshalb sagte er: «Ja, habe ich.»
«Wann und wo hast du ihn gefunden?», wollte der Reiche wissen.
«Das war auf dem Schulweg, als ich zur Schule ging.»
«Das kann ja gar nicht sein! Als du ein Kind warst, war ich noch nicht einmal geboren! Du bist wohl nicht mehr ganz richtig im Kopf», rief der Reiche und ging wütend davon.
So kam es, dass die beiden Alten sich noch lange an dem Glück freuen konnten, das Grossvater gefunden hatte, als er zur Schule ging.
© Djamila Jaenike, Zeitschrift Märchenforum Nr. 97, nach: A. Karalijtschev, N. P. Todorow, Die kluge Schöne. Märchen aus Ländern des Balkan, Sofia 1986
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch