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In wenigen Wochen, am 1. April 2023, jährt sich Sergej Rachmaninows Geburtstag zum 150. Mal. Ein guter Grund, um daran zu erinnern, dass der russische Komponist und Pianist ein Luzerner war – zumindest zeitweise. Und das ist kein Aprilscherz.
Wer vor dem KKL Luzern in ein Motorboot steigt (wie Rachmaninow selbst eines besass), der ist in einer knappen Viertelstunde in Hertenstein. Dort, am Ufer des Vierwaldstättersees, liess Rachmaninow Anfang der 1930er Jahre per Sprengung einen Felsabhang abtragen und eine luxuriöse Villa errichten. Vor den Kriegs- und Revolutionswirren in seiner russischen Heimat war er 1917 auf Umwegen in die USA geflohen. Im Exil betätigte er sich fortan vor allem als Pianist – nicht zuletzt, um den Lebensunterhalt für sich und seine Familie zu sichern –, war also fortwährend auf Tournee und komponierte kaum noch.
Das änderte sich erst, als sich die Rachmaninows Ende der 1920er Jahre entschlossen, zumindest in den Sommermonaten wieder in Europa sesshaft zu werden, und schliesslich ein Grundstück auf einer weit in den See hineinragenden Halbinsel nahe Luzern erwarben – eben in Hertenstein. Er fühle sich «grossartig», auch wenn er «bis jetzt von dem grossen Haus nur träumen» könne, heisst es in einem Brief Rachmaninows. «Hier gibt es eben gerade diese Stille und Ruhe, derer ich so bedarf.» Und er ergänzt: «Ich fand in Gedanken sogar einen Ort, wo man mich, wenn es soweit sein sollte, auch beerdigen kann.»
Idyllisches Landgut im Bauhausstil
Um die Parzelle bebaubar zu machen, musste sie zunächst eingeebnet werden – deshalb die Felssprengungen. Einen traditionelleren Entwurf des in Köln ansässigen Schweizer Architekten Emil Felix, der das bestehende Chalet umgestalten und ergänzen wollte, lehnte Rachmaninow ab. Stattdessen liess er die Luzerner Architekten Alfred Möri und Karl Friedrich Krebs, die als Vertreter des «Neuen Bauens» fast zeitgleich auch die Lukaskirche neben dem Luzerner Vögeligärtli realisierten, von 1931 bis 1934 eine überraschend moderne Villa errichteten: im Bauhausstil, in hellen Farben, mit Flachdächern für Sonnenbäder und grossen Glaswänden hin zum See und zum Bergpanorama, mit Ölheizung, Fahrstuhl und einer Garage für den Lincoln, den sich der begeisterte Autofahrer Rachmaninow angeschafft hatte. Auch ein Motorboot für Spritztouren auf dem Vierwaldstättersee erwarb Rachmaninow. (Es war so leistungsstark, dass es später, während des Zweiten Weltkriegs, von der Schweizer Armee ihren Beständen einverleibt wurde.) Das «beste Zimmer», so hatte es Rachmaninow von Anfang an geplant, sollte sein Studio sein: «mit grossen Fenstern auf den See, dreieinhalb bis vier Meter hoch» und ausgestattet mit einem Konzertflügel der Firma Steinway & Sons – einer Spezialanfertigung zu Rachmaninows 60. Geburtstag, einen Meter länger als üblich.
Wenn er durch sein neues Haus gehe, fühle er sich «wie ein Millionär – obwohl nicht jeder Millionär ein solches Haus besitzt», bekannte Rachmaninow und kolportierte stolz eine Bemerkung seines Chauffeurs, der ihm gegenüber geäussert habe: «Sie können allein für das Anschauen Eintritt verlangen.» Ein besonderes Augenmerk galt nicht zuletzt dem Park, den Rachmaninow auf dem knapp 20.000 Quadratmeter grossen Grundstück anlegen liess, das auch ein Gärtnerhaus sowie ein Boots- und Badehaus umfasste. Er bestellte Zypressen, Lärchen, Silbertannen, Birken, Ahorn-, Tulpen- und Pflaumenbäume, Rosenhecken und Trauerweiden. Ja, er legte bei deren Anpflanzung sogar selbst tatkräftig Hand an, indem er einen Bauern mit Pferdepflug über das Gelände dirigierte, und vermerkte am Tag des feierlichen Einzugs in Hertenstein: «Ich spazierte durch den Garten, um alle Bäume zu prüfen.» Es ging ihm also durchaus darum, sich mit modernen Mitteln dem Lebensstil des vorrevolutionären russischen Landadels anzunähern, wie er ihn selbst einst auf dem Gut Iwanowka genossen hatte.
Neue Schaffenskraft in der Schweiz
«Senar» nannte Rachmaninow seine Villa am Vierwaldstättersee, nach den Vornamen von sich und seiner Frau: Sergej und Natalja Rachmaninow. Seine Briefe unterzeichnete er als «Wilhelm Tell aus der Villa Senar». Sieben Jahre lang, von 1932 bis 1939, verbrachten er hier mit seiner Familie die Sommermonate. Und tatsächlich fand Rachmaninow in der Ruhe seines Schweizer Refugiums endlich zurück zum Komponieren: Hier entsteht die Paganini-Rhapsodie op. 43, bis heute einer seiner grössten Hits. (Mit augenzwinkerndem Seitenblick auf die hohen Baukosten seines Hertensteiner Heimes nennt Rachmaninow sie «eine kleine Wiedergutmachung für all die Dummheiten, die ich mir beim Bau der Villa Senar gestattet habe».) Und hier komponiert er die Dritte Sinfonie, mit der Riccardo Chailly und das Lucerne Festival Orchestra 2019 ihren grossen Rachmaninow-Zyklus eröffnet haben, den sie in diesem Sommer mit der Ersten Sinfonie und dem Vierten Klavierkonzert (Solist ist Daniil Trifonov) fortsetzen.
Seine Paganini-Rhapsodie stellte Rachmaninow dem Luzerner Festspielpublikum übrigens höchstpersönlich vor: Im Sommer 1939 war das, ein Jahr nach Gründung der Internationalen Musikfestwochen Luzern (dem heutigen Lucerne Festival), als er gemeinsam mit dem damaligen Festspielorchester unter der Leitung des Schweizer Dirigenten Ernest Ansermet ausserdem noch Beethovens Erstes Klavierkonzert interpretierte. Die Neue Zürcher Zeitung rühmte in ihrer Konzertkritik «die stupende Leichtigkeit seiner Technik, den zauberhaft zarten Anschlag, die Transparenz seines Vortrags» und resümierte, Rachmaninow habe «trotz seiner vornehmen Zurückhaltung die Liebe der Massen erworben».
Hingerissen von der Aufführung war auch der musikbegeisterte Maharadscha von Mysore, der das Konzert mit 43-köpfiger Entourage besuchte und darum bat, von Rachmaninow in Senar empfangen zu werden. Rachmaninow kam diesem Wunsch nach. Ja, er begutachtete sogar die Klavierkünste einer der Töchter des Maharadschas, der einst selbst mit einer Pianistenlaufbahn geliebäugelt hatte (was für einen Thronfolger aber selbstverständlich undenkbar war).
Das Konzert am 11. August 1939 sollte Rachmaninows einziger Auftritt bei Lucerne Festival bleiben – und es war sein letzter in Europa. Denn nur zwölf Tage später reiste er per Schiff nach Amerika, um dem Zweiten Weltkrieg zu entfliehen, der wiederum eine Woche später mit dem Überfall Nazideutschlands auf Polen begann. Erneut musste Rachmaninow mit der Villa Senar ein Stück Heimat aufgeben.
Dieses Stück Heimat kann bald von allen Rachmaninow-Fans und Musikliebhaber*innen besucht werden: Nachdem zunächst Rachmaninows jüngste Tochter Tatjana und später ihr Sohn Alexander Conus in der Villa Senar lebten, wurde sie nach dessen Tod vom Kanton Luzern übernommen und soll nach der gegenwärtigen Restaurierung als Kultur- und Künstlerhaus fungieren. Neben der Wagner-Villa in Tribschen ein weiterer inspirierender Ort, der die Geschichte der Musikstadt Luzern erlebbar macht.
Malte Lohmann | Redaktion
Lucerne Festival Orchestra | Riccardo Chailly | Daniil Trifonov