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Der poetischste Sportler aller Zeiten.
Diese Woche feierte der unerreichte Muhammad Ali das Fünfzigjahrjubiläum seines ersten Weltmeistertitels im Schwergewichtsboxen. Der junge Herausforderer aus Louisville, Kentucky, der damals noch Cassius Clay hiess, schlug am 25. Februar 1964 in Miami den Titelhalter Sonny Liston in sieben Runden. «I will beat him, because he is ugly and I am handsome!», hatte der erst 22-jährige Cassius Clay vor dem Kampf verkündet. Und es stimmte. Clay sah besser aus als seine Gegner. Clay war schneller als seine Gegner. Clay war eleganter als seine Gegner. Aber vor allem konnte Cassius Clay diese Dinge auch benennen.
In einer Zeit, in der Schwarze in den USA noch zu gehorchen und zu kuschen hatten, stand der junge Cassius Clay vor jedes Mikrofon und hörte nicht auf, sich selbst mit rhythmischen Sätzen zu rühmen. Seine Statements, die er nicht selten in gereimter Form vortrug, waren Loblieder auf seine Kampfkraft, seine Geisteskraft, sein Tempo und seine Schönheit. Zuweilen kam es vor, dass er sich in eine poetische Ekstase redete, einen rhetorischen Rausch, der eine vorher und nachher nie mehr da gewesene poetische Kraft entfaltete. Dass ein schwarzer Sportler aus Kentucky derart selbstbewusste Reden von sich gab, war im damaligen Nordamerika eine Provokation. Da seine Statements aber immer voller Rhythmus, voller Kraft und voll von geistreichen Metaphern waren, liebten ihn selbst diejenigen, die er herausforderte.
Den kollektiven Hass des weissen Establishments zog er erst auf sich, als er sich kurz nach seinem Titelgewinn zur «Nation of Islam» bekannte und den Namen Muhammad Ali annahm. Er habe seinen Sklavennamen für immer abgelegt, erklärte Ali der Weltöffentlichkeit. Und als sich sein Gegner Ernie Terrell 1967 an einer Pressekonferenz mehrmals weigerte, Muhammad Ali mit seinem neuen Namen anzureden, bat ihn Ali eindringlich: «Nenn mich bitte nicht Cassius Clay. Ich heisse Muhammad Ali.» Ernie Terrell lachte nur. Doch das Lachen verging ihm bald, als er ab der achten Runde, bereits schwer getroffen, immer wieder von Muhammad Ali im Ring gefragt wurde: «What’s my name? What’s my name? Tell me Ernie, what’s my name?» Später erklärte Ali den Reportern, er habe Ernie Terrell absichtlich nicht k. o. geschlagen, um ihn die ganzen fünfzehn Runden lang demütigen zu können.
Als Muhammad Ali wenig später den Militärdienst und seinen Einsatz im Vietnamkrieg verweigerte, spürte er die ganze Verachtung seiner MitbürgerInnen. Er wurde als Vaterlandsverräter und Antiamerikaner beschimpft. «Warum soll ich gegen Leute kämpfen, die mir nie etwas angetan haben?», fragte Ali – und durfte vier Jahre lang keinen Profiboxkampf mehr absolvieren. Er nutzte die Zeit, um sich für soziale Projekte einzusetzen und den Koran zu studieren. 1971 kam er mit unvermindertem Elan in den Ring zurück. 1974 gewann er in Kinshasa den Kampf des Jahrhunderts gegen den als unschlagbar geltenden George Foreman, und wenig später besiegte er in Manila seinen Herausforderer Joe Frazier in einem epischen Kampf über vierzehn unendlich scheinende Runden.
Jeder seiner Kämpfe war begleitet von seinen unnachahmlichen Reden, in denen er über gesellschaftliche Themen genau so eloquent referieren konnte wie über boxtechnische Details («Leute, ihr dürft in der Halle nicht blinzeln. Mein schnellster Schlag ist so schnell, dass ihr ihn verpassen könntet, wenn ihr blinzelt»).
Muhammad Ali erkrankte nach seiner Karriere an Parkinson. Heute, fünfzig Jahre nach seinem ersten Weltmeistertitel bei den Profis, lebt der 72-Jährige zurückgezogen. Gelegentlich sendet er noch Grussbotschaften für soziale Projekte. Muhammad Ali ist ein alter, kranker Mann. Aber seine Gedichte und seine Ansprachen, deren Poesie und Eindringlichkeit dem späteren Rap in nichts nachstehen, bleiben unvergessen.
Pedro Lenz (48) ist Schriftsteller und lebt in Olten. Muhammad Ali sah und hörte er erstmals 1971 im Schwarz-Weiss-Fernsehen. 2010 veröffentlichte er das Bühnenstück «Tanze wi ne Schmätterling» (Cosmos-Verlag) über Alis Kampf gegen Jürgen Blin im Zürcher Hallenstadion.