Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03385.jsonl.gz/1956

Schweizer Zinkkugelbriefe von 1871
Die unglaublichsten Dinge geschahen mit der Post der belagerten Festungen im Deutsch-Französischen Kriege von 1870/ 71. Da gab es nicht nur unbemannte sowie bemannte Freiballons, die Päckchen und Säcke voll Post zuerst einmal dorthin brachten, wo sie der Wind hinblies; Schmuggler, die Post in hohlen Schlüsseln, Zähnen, Schuhsohlen usw. durch die
Linien brachten; Hunde, mit denen man vergebens das Gleiche versuchte; diplomatische Taschen, die ziemlich regelmässig durch Parlamentäre ausgetauscht wurden und in denen auch Privatpost mitbefördert wurde; Brieftauben, die Mikrophotographien tausender von Telegrammen in jeder Sendung nach Paris flogen; sondern sogar hohle Zinkkugeln von etwa
Kopfgrösse, die, mit Briefen vollgestopft, am Boden der Seine entlang nach Paris rollen sollten, wo man sie in einem Netz auffischen wollte.
Keine von den 55 verlöteten Kugeln wurde jedoch während der Belagerung von Paris geborgen. Die bisher zuletzt gefundene enthielt 540 Briefe in tadellosem Zustande und wurde am 6. August 1968 bei Seint-Wandrille, in der Nähe von Rouen, von Joseph-Rene Le Grevellec ausgebaggert. Eine genaue Liste aller Kugelfunde steht noch aus, aber es scheint, das
so etwa die Hälfte von denen, die man 1871 der Seine anvertraut hatte, während der nächsten hundert Jahre wieder zum Vorschein kam.
Dass die Idee des Pariser Erfinders Pierre- Charles Delort damals neu war, kann man nicht behaupten. Eine viel kompliziertere Hohlkugel war Ende September der Regierungsdelegation in Tours vorgeschlagen — und abgelehnt — worden. Ausserdem soll der Zoll schon lange vordem auf ähnliche Weise betrogen worden sein. Trotzdem gewährte man in Paris, wie Herr Pierre G. Hermant vor ein paar Jahren entdeckte, ein 15-jähriges Patent auf die Erfindung. Die Beschreibung, auf Briefpapier von La France Financiere, wurde am 21. November 1870 eingereicht und am 28. Januar 1871, Tag der Ergebung von Paris, gutgeheissen und angenommen.
Offizielle Versuche unternahm man innerhalb von Paris ab Oktober bis Dezember 1870. Sie stellten zwar die Postbeamten zufrieden, aber die Kugeln konnten naturgemäss nur eine kurze Strecke die Bievre und die Seine hinunterrollen. (Die Bievre ist heutzutage ein verdeckter Kanal innerhalb von Paris.) Ausserdem ging viel Zeit verloren, bis man schliesslich am 6. Dezember einen Vertrag mit den drei Geschäftsleuten schloss, von denen Louis- Emile Robert und Pierre-Charles Delort sofort danach, um l Uhr morgens am 7. Dezember, im Ballon "Denis Papin" mit einer Anzahl von hohlen Kugeln abflogen. Ihre nächtliche Fahrt, bis 7 Uhr morgens, verlief glatt, obwohl feindliche Truppen nur etwa 5 km vom Landeplatz lagerten. Sie entkamen unentdeckt.
Nach Scherereien mit der Regierungsdelegation, die sich gegen die Ausführung des Pariser Vertrags sträubte, unterzeichnete man einen neuen mit ermässigtem Porto und entsprechend schmalerem Gewinn der Unternehmer. Fast ein Monat war seit der Ballonfahrt vergangen, bis endlich die Zinkkugelpost am 4. Januar 1871 anlief. Die diesbezügliche Verordnung enthielt der Moniteur vom 26. Dezember 1870. Am 31. Januar 1871 wurde der Kugelverkehr wieder eingestellt. Was noch nicht verpackt und in der Seine „aufgegeben"
war, kam auf dem Landweg nach Paris, erst in Reissäcken als Schmuggelpost, ein paar Tage später als legitime Post.
Ein Zinkkugelbrief musste mit l Fr. Porto beklebt sein, durfte nur bis zu 4 g wiegen und zeigt meist keinen Ankunftsstempel, da nicht zugestellt. Von der geborgenen Post gibt es viele wassergeschädigte Briefe, bei denen ein Teil der Marken oder sogar das gesamte Porto fehlt. Wenn solche markenlose Briefe frühzeitig genug gefunden wurden, dass die Post sie noch auslieferte, so wurden sie mit einem "P.P." (port paye = Porto bezahlt) gestempelt. So ist schon dieser Stempel allein ein Beweis der Ankunft eines solchen Briefes.
Warum aber Schweizer Briefe in dieser Sonderpost "Paris par Moulins (Allier)", welche charakteristische Zeile als Teil der Adresse in der Verordnung vorgeschrieben war? Nun, aus zumindesten dreierlei Gründen: Erstens wollten Schweizer Freunde und Verwandte sich mit Paris in Verbindung setzen; zweitens schrieben Flüchtlinge aus Frankreich, die sich in der Schweiz aufhielten, dorthin; und drittens wurde ein Teil ausländischer (d.h., nicht aus der Schweiz stammender) Post durch die Schweiz übermittelt.
Nicht alle Schweizer Zinkkugelbriefe sind so auffallend wie das von Herrn Raymond Pittier beschriebene (Berner Briefmarken Zeitung 1972, No. 5/6, S. 86-88) und auf der Lemanex 78 ausgestellte Unikat, dem man einfach eine Schweizer l Fr. Marke aufklebte (Abb.). Es wurde trotzdem einwandfrei nach Moulins befördert und in eine Kugel gesteckt. Dass sie erst zu spät gefunden wurde und der Brief daher nie ankam, hatte mit dieser verkehrten Frankatur nichts zu tun.
Abgesehen von dieser bisher einzig bekannt gewordenen Ausnahme verstanden die Schweizer, dass es sich bei dem Porto um französische Marken handelte, obwohl man sich evtl. nicht über die Aufteilung (20c Porto und 80c Honorar) klar war. Jedenfalls hiess das, dass man seine "Paris par Moulins" Briefe entweder persönlich oder unter Umschlag durch die Post erst nach Frankreich besorgen und mit französischen Marken frankieren lassen musste, die wohl den meisten Leuten ausserhalb Frankreichs fehlten.
Man kann also die meisten Briefe Schweizer Ursprungs weder an Frankatur noch an Stempeln erkennen, sondern muss sich den Inhalt ansehen. (Briefe mit 30c Schweizer und l Fr. französischen Marken kommen vor, laut Herrn Robert Boussac, CENTEX Katalog 1970, S. 93.) Da findet man gewöhnlich auf Anhieb den Wohnort des Senders, denn, genau wie heute, sind die meisten Briefe am Kopf mit Ort und Datum gekennzeichnet.
Briefsammler, selbst wenn sie sich speziell für Postgeschichte interessieren, den Inhalt entweder überhaupt nicht beachten oder aber den postgeschichtlich meist interesselosen Text eingehend studieren, ohne sich z.B. zu überlegen, was es mit Ort und Datum auf sich haben könnte. So übersehen sie manche wichtige Hinweise auf ungewöhnliche Herkunft ihrer Briefe, und die Schweizer Zinkkugelbriefe sind eben weit seltener als die schon ungewöhnlichen französischen.
Eine besonders nette Überraschung erfuhr ich mit einem Zinkkugelbrief, der dem Augenschein nach ein ganz „gewöhnlicher" aus Bordeaux war. Handschriftlich wurde er aber in Strassburg datiert. Wie kam also ein Brief aus dem besetzten Elsass ins freie Frankreich? Das ging über die Schweiz. Im Text heisst es, die Antwort per Ballonbrief nach Basel zu adressieren, von wo sie dem Schreiben zuginge. Mein Brief wurde daher von Strassburg erst nach Basel geschmuggelt (zur Umgehung der Zensur), von dort unter Umschlag nach Bordeaux geschickt, dann frankiert und nach Moulins aufgegeben. Darauf blieb er anscheinend ein paar Jahrzehnte im Schlamm der Seine stekken bevor er gefunden wurde, denn er kam nie an.
Im Gegensatz zu anderen aussergewöhnlichen Massnahmen dieses Krieges, die man entweder nicht verheimlichen konnte oder an deren Geheimhaltung man gar nicht dachte, wurden die „Agenten" der Paris-par-Moulins Post nicht näher beschrieben. Noch am 31. Januar 1871 wunderte sich die Neue Basler Zeitung auf Seite l über „Die geheimnisvolle Briefbeförderung nach Paris" und glaubte, des Rätsels Lösung in der diplomatischen Tasche des Pariser Gesandten der USA zu wittern. Dabei erhielt Washburne auf diese Art während der ganzen Belagerung viel weniger Briefpost, als in einer einzigen Zinkkugel steckte. Das Geheimnis war also voll gewahrt.
Zinkkugelbriefe gleich welcher Erhaltung sind Zeugen einer Verzweiflungsmassnahme der Post, die es verdienen, nicht nur gesammelt sondern auch genau studiert zu werden.
© Schweizerische Vereinigung für Postgeschichte / SVPg