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Sie nahm sich einen Becher Joghurt aus dem Kühlschrank. Er zählte lautlos von zehn auf null und konzentrierte sich auf sein Marmeladenbrötchen. Trotzdem hörte er, wie sie mir einem schmatzenden Geräusch den Plastikdeckel vom Becher zog und die Molkerückstände von der Oberfläche des Joghurts saugte. Offensichtlich ass sie Mokka, stichfest. Er blickte immer noch auf seinen Teller, erwog aufzustehen, blieb aber dann doch sitzen.
Ohne seine Frau anzusehen wusste er, was nun passierte, und zwar blitzschnell: Löffel hinein, Löffel zum Mund, schlucken, und wieder von vorne. Keine unnötigen Pausen. Innerhalb von 25 Sekunden war der Becher leer. Dann das obligate Auslecken des oberen Randes und aller Bereiche, die sie mit der Zunge erreichen konnte. Wie eine züngelnde Schlange oder ein hechelnder Hund. Er atmete tief ein und beobachtete sie von unten her. Dann schluckte er den letzten Bissen seines Brotes, wischte die Krümel vom Tisch in den Teller und räusperte sich. "Wieso kannst du deinen Joghurt nicht normal essen wie alle anderen Leute auch?"
Sie blickte ihn an, als wäre er ein Fettfleck auf einem blankpolierten Spiegel. Ihre Finger legten den Plastikdeckel in den leeren Becher, dann riss sie die Kartonbanderole vom Plastikbecher. Sie stand auf und stapelte den Becher in weitere Becher, die sich in den Vortagen angesammelt hatte. Dann brachte sie die Pappverkleidung zum Behälter mit dem Kartonmüll. Wie ein Automat, ging es ihm durch den Kopf.
Schliesslich stemmte sie die Hände in die Hüften: "Rudi, was für eine Laus ist dir denn heute über die Leber gelaufen?" Ihre Augen funkelten. Nun war Vorsicht angesagt, sofern der restliche Tag einigermassen friedlich ablaufen sollte. "Keine Laus. Ich mag es einfach nicht, wie du Joghurt ist, das ist alles." Kein Ausweichen heute, nein, er würde stark bleiben. Ha!
Zuerst schien sie fast vorneüberzukippen vor lauter Staunen. Dann sah er die Röte in ihren Hals und ihre Wangen steigen. "Spinnst du eigentlich? Meinst du, ich finde es toll, dir beim Essen zuzuschauen? Das Knacken deines Kiefers macht mich verrückt! Und wie du Suppe vom Löffel saugst ist zum Davonlaufen. Ich schäme mich immer richtig, wenn wir auswärts essen!" Sie zog die Augenbrauen zusammen und wartete. Normalerweise wäre es das jetzt gewesen. Weiter ging er nie.
Er betrachtete sein Frau und überlegte, wie sie ausgesehen hatte, als er sie kennen gelernt hatte. Die Zornesfalte zwischen den Augen hatte sich damals schon angekündigt. Der harte Zug um den Mund auch. Genau das fand er damals so anziehend. Sie wusste, was sie wollte, nahm kein Blatt vor den Mund. Eigentlich mochte er das auch heute noch an ihr.
"Doris, das führt doch zu nichts", lenkte er ein und lehnte sich in seinen Stuhl zurück. "Lass uns wie zwei Erwachsene miteinander reden." Er versuchte, nicht seinen üblichen Hundeblick aufzulegen. Das hatte sie ihm schon vor Jahren verboten.
"Wer hat denn angefangen?" brauste sie auf, jedoch schon deutlich leiser. Der Sturm war vorüber, umschifft, er hatte gerade noch die Kurve gekriegt.
Heute Abend, wenn sie beim wöchentlichen Line Dance Training wäre, würde er seinen Plan umsetzten. Gepackt hatte er sein kleines Köfferchen schon lange. Viel brauchte er eh nicht. Seine Sudokus, einen Stift, ein paar Unterhosen. Er würde ein Hotel nehmen, wo es kein Frühstück gäbe. Und damit keine Joghurtbecher. Er würde den ganzen Tag im Bett liegen bleiben und auf die Matratze krümeln. Und sich ausmalen, dass sie sich Sorgen machte. Oh je, er vermisste sie jetzt schon beim blossen Drandenken. Nein, er würde den Koffer weiterhin unter seinem Bett behalten. Fürs nächste Mal. Vielleicht.