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Abgekröpf
Die Form von Zeilenbauten muss nicht zwingend ein einfaches Rechteck beschreiben. Knicke, Winkel und Rücksprünge können auch bei länglichen Bauten auftreten. Was aber haben diese Formen für eine Auswirkung auf das Verständnis der Baukörper, auf die Zwischenräume und auf die Typologie im Allgemeinen?
(…vorher) Zwei Projekte in direkter Nachbarschaft zeigen die Bandbreite von abgewinkelten Längsbauten auf. Es ist dies der Entwurf von Adrian Streich für die Siedlung Eyhof und die geplante Überbauung in der Ey von Atelier WW. Beide sollen typische Zeilenbauten aus der Nachkriegszeit ersetzen.
Im „Eyhof“ geschieht dies mit einer aussergewöhnlichen Gebäudeform die mit dem Wort „abgekröpft“ beschrieben werden könnte: Hierbei werden zwei Kopfbauten durch eine etwas dünnere Taille verbunden. Diese Formwirkung entsteht durch zwei Massnahmen: Einen markanten Rücksprung auf der einen Längsseite und der Ausdrehung eines Kopfbaus aus der Grundrichtung. Der sehr flache Winkel der Ausdrehung scheint auf die Formgebung von Baukörper und Aussenraumes nur marginal Einfluss zu nehmen. Hierzu zeigt die Nische weitaus grösseres Potenzial. Sie bildet eine derart starke Gliederung aus, dass sich die Frage stellt, ob hier überhaupt von einem Zeilenbau gesprochen werden kann. Die Strukturierung der Längsrichtung weist auf eine grundlegende, typologische Differenz zum klassischen Zeilenbau hin.
Der Nachkriegszeilenbau besteht zwar ebenfalls aus mehreren, aneinander gereihten Zweispännern. Er ist damit gewissermassen auch strukturiert. Allerdings bestehen zwischen den einzelnen Häusern des Zeilenbaus keine Gewichtung, wie wir dies im Falle des „Eyhofs“ mit den Begriffen Taille und Kopfbau bezeichnet haben. Die Gewichtung führt aber nicht nur zu einer anderen Erscheinung des Baukörpers selbst. Sie führt auch zu einem viel flexibleren Umgang mit der Gebäudeausrichtung. Die sehr massig proportionierten Kopfbauten haben puncto Setzung viele Ähnlichkeiten mit den Punktbauten. Ihre Ausrichtung kann zwar geordnet sein, sie muss es aber nicht. Die Zwischenräume sind nicht mehr so entscheidend, wie dies bei den Nachkriegszeilenbauten der Fall ist. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie diese Doppelkopfbauten in den unterschiedlichsten Richtungen zueinander gestellt sind und dennoch nicht konzeptlos wirken. Die Körper verankern sich mit ihren Enden prägnant in der Umgebung und genügen so, wie die Punktbauten auch, sich selbst.
Ganz anders liegt der Fall bei dem Projekt „in der Ey“. Auch hier wird mit leichten Abdrehungen gearbeitet. Jedoch sind die Glieder des Baukörpers gleichwertig gestaltet und in ihrer Hauptausrichtung liegen die Bauten parallel nebeneinander. Die geknickte Formgebung wirkt sich hauptsächlich auf den Aussenraum aus. Die Zwischenräume erhalten durch die Verengungen und Ausweitungen eine lebendige Note. Die Grundrichtung der Gebäude steht aber zu keinem Zeitpunkt in Frage und die Typologie des Zeilenbaus ist aus jedem Standpunkt erkennbar. Die Nähe zwischen den einzelnen Bauten formuliert ein klares Gegenüber. Mögen sie auch viel dichter aneinander gestellt sein. Sie sind dennoch derselben aussenräumlichen Logik verpflichtet, wie ihre Vorgänger. Hier wurde die Typologie mit auflockernden Knicken weiterentwickelt ohne, dass diese Deformationen überhandnehmen.
Damit zeigt sich worauf es beim Zeilenbau in grossem Masse ankommt: Die Lesart der Typologie wird von der Form des einzelnen Baukörpers und von ihrem Zusammenspiel bestimmt. Beim Projekt „in der Ey“ überwiegt ganz klar die Längsrichtung und die Gleichbehandlung der Gebäudeteile. Beim „Eyhof“ sorgt eine Kombination aus fehlenden Parallelen, tiefen Grundrissen und grossen Rücksprüngen dafür, dass hier, trotz einer länglichen Form, von einer ganz neuen Typologie gesprochen werden muss. (Weiter bei…)