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In den letzten Jahrzehnten sind einige Festivals aufgekommen, die, so liesse sich zumindest spekulativ behaupten, von einem gesellschaftlichen Umdenken zeugen. Man denke beispielsweise an das jüngere Black Film Festival, das seit 2019 im Zürcher Houdini durchgeführt wird, oder das schon seit 20 Jahren etablierte queere Filmfestival «Pink Apple» in Frauenfeld. In der Medienlandschaft und den sozialen Netzwerken, so könnte man weiter argumentieren, zeichnet sich dieses Umdenken in Form von Schlagworten ab – BLM, Political Correctness, #metoo oder die Variante #metwo.
Aber nicht nur durch Medien vermittelt, sondern auch unvermittelt in Diskussionen wird man mit dem Thema konfrontiert. So veranlasste mich persönlich eine hitzige Diskussion dazu, diesen Artikel zu schreiben. Gegenstand der Diskussion war die US-amerikanische Gaunerkomödie «Catch me if you can». Ich sagte zu meinem männlichen Gegenüber, dass Filme dieser Art wohl bevorzugterweise von Männern konsumiert würden, weil es gar keine ernstzunehmenden Rollen gäbe, mit denen sich eine Frau identifizieren könne. Als Antwort bekam ich, dass er Filme wegen ihrer Geschichte schauen würde, Identifizierung sei zweitrangig. Auf mein Nachhaken hin musste er dann aber doch zugeben, dass «Catch me if you can» wohl ein anderes Publikum hätte, würden die Hauptrollen von Schwarzen Frauen gespielt.
Dieser Zwist hat mich dazu bewogen, über Diversität in der Filmbranche nachzudenken: Warum sieht man so häufig weisse Heteromänner in Hauptrollen, warum sind die Frauen jung, schlank, einfältig und People of Color (PoC) kriminell? Inwiefern spiegelt diese Rollenbesetzung die Realität wider? Trägt die Manifestierung von Stereotypen nicht vielmehr zur Bildung von Vorurteilen bei und beeinflusst uns dadurch auch ausserhalb des Kinosaals?Sicher ist die Situation bezüglich in Filmen dargestellter Diversität heute eine andere als im Jahr 2002, als «Catch me if you can» erschien. Aber wie finden Themen wie diese Einzug in Film und Fernsehen?
Ich frage Schauspieler Benito Bause an, ob er mir schildern könne, wie er die Filmbranche zurzeit aus der Perspektive eines PoC erlebt. «Vielleicht merkt man es im Casting noch nicht unbedingt, aber mein Umfeld ist klar sensibilisiert auf das Thema Black Lives Matter. Es liest Bücher wie ‹Exit Racism› von Tupoka Ogette und ist bemüht, das eigene Verhalten zu hinterfragen und blinde Flecken zu erkennen», antwortet der 29-Jährige. Seit den globalen Demonstrationen gegen Rassismus im letzten Sommer sei plötzlich ein ganz neues Bewusstsein für die Lebensrealität von PoC da. Das habe auch wirtschaftliche Folgen: «Wenn die Top 3 auf Netflix über Wochen durch Serien mit PoC in den Hauptrollen dominiert werden, wird es für ein grosses Filmstudio plötzlich spannender, Schwarze Menschen zu casten.»
Dass die Rollenvergabe an PoC nicht unbedingt einfach ist, erklärt Casterin Corinna Glaus: «Es ist mir wichtig, divers zu casten und Klischees aufzubrechen, aber der Pool an Schauspieler*innen ist in der Schweiz ziemlich überschaubar. Ich denke, dass eine gewisse Aufbauarbeit und vor allem auch Nachwuchsförderung nötig ist: Je mehr Diversität in Filmen zu sehen ist, desto mehr junge Menschen, die sich unterrepräsentierten Gruppen zugehörig fühlen, entscheiden sich für den Schauspielberuf.» Corinna Glaus weist zudem darauf hin, dass bereits beim Entstehungsprozess eines Drehbuchs ein Umdenken stattfinden müsste. «Es gibt heute zwar mehr Autorinnen als früher, aber trotzdem dominieren männliche Kollegen das Feld noch immer.» Das habe zur Folge, dass dem Film später eine männliche Sichtweise innewohne und weibliche Themen aussen vor blieben. Benito Bause meint dazu: «Wenn eine weisse Person die Geschichte einer*s Schwarzen schreibt, erzählt sie diese aus ihrer Sicht. Dadurch entsteht, völlig unabhängig von der Qualität ihrer Arbeit, eine verzerrte Wirklichkeit, weil sie, anders als ich, keine jahrelange Erfahrung mit Alltagsrassismus hat. Es ist also grundlegend wichtig, dass PoC, oder andere im Film unterrepräsentierte Menschen, Entscheidungspositionen innehaben.»
In der Schweiz gibt es noch keine umfangreichen Studien zum Thema Diversität im Film, das Bundesamt für Kultur konnte bisher lediglich Tendenzen im Rahmen einer Vorstudie feststellen. Es ist daher schwer abzuschätzen, wo die Schweiz im internationalen Vergleich steht. Der Schweizer Verein FemaleAct, bei dem sich Schauspieler*innen für Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne einsetzen, bezieht sich deshalb auf deutsche Studien. So beispielsweise auf die der Universität Rostock zum Thema Geschlechterdarstellung in Film und Fernsehen aus dem Jahr 2017. Die Grundlage dafür bildete die Analyse von über 3000 Stunden Fernsehen aus dem Jahr 2016 sowie 800 deutschsprachigen Kinofilmen aus den letzten sechs Jahren. Aus ihr geht hervor, dass nur 57 Prozent der deutschen Filme den Bechdel-Test bestehen, einen aus drei Fragen bestehenden Test, den die amerikanische Cartoon-Zeichnerin und Autorin Alison Bechdel 1985 kreierte: Kommen im Film mindestens zwei Frauenrollen vor? Sprechen sie miteinander? Unterhalten sie sich über etwas anderes als über einen Mann? Bei knapp der Hälfte der untersuchten Filme lassen sie sich nicht bejahen – 87 Prozent hingegen bestehen den Furtwängler-Test (so nennt sich das männliche Pendant).
Mira Frehner von FemaleAct ist sich sicher, dass beim Thema Diversität im Film in der Schweiz noch viel Handlungsbedarf besteht: «Wir wollen eine Checkliste erstellen, die Institutionen zu mehr Diversität verhilft und Diskriminierung aufdeckt. Gemeinsam mit anderen Akteur*innen der Branche wollen wir dafür an einem Runden Tisch zusammenkommen.» Die Winterthurer Schauspielerin fügt hinzu: «Es ist wichtig, bestehende Drehbücher zu prüfen und zu diskutieren, bei welchen Rollen es für die Geschichte nicht relevant ist, wie sie besetzt werden. In solchen Fällen können Minderheiten eingesetzt werden, ohne etwas an der Aussage des Films zu ändern.»
Aber entsteht durch das krampfhafte Fördern von Diversität nicht eine politisch überkorrekte Scheinwelt? «Die Gesellschaft in der Schweiz ist sehr vielfältig, aber nur ein kleiner Ausschnitt unserer Gesellschaft wird in Filmen abgebildet. Wir möchten das Publikum sensibilisieren, es soll sich fragen: Fühle ich mich repräsentiert?», sagt Mira Frehner. «PoC werden besetzt, wo es um Herkunft geht, spielen aber zum Beispiel selten Ärzt*innen. Schwangere Frauen werden nur gezeigt, wenn die Schwangerschaft auch tatsächlich thematisiert wird. Und ein*e Schauspieler*in mit Behinderung wird nur dann eingesetzt, wenn es im Film in erster Linie um diese Behinderung geht.»
In Hinblick auf die Frage nach der Repräsentation von Frauen in Filmen spreche ich mit der Schauspielerin Barbara Grimm darüber, was sich bezüglich Frauenrollen in den letzten Jahren verändert hat. «Die jungen Frauen spielen heute politischere, relevantere Rollen als früher, das liegt unter anderem auch daran, dass mehr Autorinnen Stücke und Drehbücher schreiben.» Die 66-Jährige berichtet, dass ihre Generation stark geprägt sei von der Vorstellung, dass die Frau weniger wert sei als der Mann. «Heute kümmern sich junge Frauen selbst um ihren Erfolg und die jungen Männer sind nicht mehr so chauvinistisch wie früher.» Trotzdem seien wir noch weit entfernt von tatsächlicher Gleichstellung: «Der Mann steht bei Film-Produktionen auch heute noch oft im Zentrum, an ihn wird der Cast angepasst. Ich habe einmal als Absage gehört, ich sei zu gross als Partnerin für den Hauptdarsteller, umgekehrt habe ich das noch nie erlebt.»
Und wie ist es als Frau in einem gewissen Alter? Die oben erwähnte Studie aus Rostock stellt fest: Bis Mitte 30 werden Frauen und Männer im deutschen Film und Fernsehen in etwa gleich oft gezeigt. Ab Mitte 30 kommen auf eine Frau zwei und ab 50 sogar drei Männer. Ältere Frauen sind also zunehmend weniger sichtbar. «Äusserlichkeiten sind bei Frauen extrem wichtig», meint Barbara Grimm. «Männer können ‹Typen› sein, aber Frauen müssen alle in eine gewisse Schublade passen. Erfreulicherweise tragen Hollywood-Grössen wie Maggie Smith, Helen Mirren, Glenn Close oder Meryl Streep sehr viel zur Sichtbarkeit von Frauen über 50 bei, indem sie auch im hohen Alter noch Filme drehen und damit veraltete Geschlechterklischees aufbrechen.»
Um bis heute bestehende sexistische Muster zu erkennen und anzugehen, sei es wichtig, dass sich Schauspieler*innen austauschen können, sagt Mira Frehner. «Oftmals sind Frauen alleine am Set und merken gar nicht, dass andere Frauen mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Deshalb fördern wir bei FemaleAct den direkten Austausch.» Durch den Verein falle es Schauspieler*innen leichter, Forderungen bezüglich Gage zu stellen oder Vorschläge zur Gestaltung ihrer Rollen einzubringen. «Und schlussendlich bedeuten spannendere Frauenrollen ja auch spannendere Männerrollen, weil Männer dadurch nicht in den immer gleichen Gegenpart gezwängt werden.»
Das Ziel wäre, da sind sich Mira Frehner und Corinna Glaus einig, ein entspannter Umgang mit dem Thema Diversität. «Die gute Absicht soll nicht als solche erkennbar sein, Selbstverständlichkeit wird angestrebt», meint Corinna Glaus. Und Benito Bause merkt an: «Es geht ja nicht darum, farbenblind zu werden. Es wäre fatal, wenn man keine Hautfarbe sehen würde, damit ignorierte man die Lebensrealität von Schwarzen Menschen, die aufgrund ihrer Hautfarbe tagtäglich sozialen und institutionellen Unterdrückungsmechanismen ausgeliefert sind. Rassismus lässt sich nicht wegreden, indem man als weisser Mensch verkündet, einem falle so etwas gar nicht auf. Letzteres ist genau das Problem. Von weissen Menschen braucht es nicht mehr Ignoranz, sondern mehr Solidarität.»
Benito Bause lebt in München. Er studierte Schauspiel in Leipzig und Halle und war in der Spielzeit 17/18 Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich. Zuletzt war der 29-Jährige in der SRF-Produktion «Frieden» zu sehen.
Corinna Glaus ist eine der bedeutendsten Casterinnen der Schweiz. Nach einem Ethnologie-Studium arbeitete sie als Regieassistentin und Regisseurin für Theater und Film, bevor sie 1997 «Glaus Casting» gründete. Ihre Casting-Firma ist verantwortlich für Produktionen wie «Tatort», «Die göttliche Ordnung» oder «Platzspitzbaby».
Mira Frehner ist Vorstandsmitglied von FemaleAct, einem Verein für Schauspieler*innen, die sich für Gleichstellung und Diversität im Film und auf der Bühne einsetzen. Die Winterthurerin hat in Berlin Schauspiel studiert und lebt in Zürich.
Barbara Grimm besuchte die Schauspielschule in Bern. Sie war 18 Jahre lang am Theater Orchester Biel Solothurn engagiert. Als Filmschauspielerin war sie unter anderem in «Eine wen iig, dr Dällebach Kari» zu sehen.
Rebekka Bräm ist Sängerin und Managerin eines A-cappella-Ensembles mit einem Frauenanteil von 100 Prozent. Präpandemisch genoss sie regelmässige Kinobesuche mit anschliessendem Dim Sum, heute tut es auch ein Netflix-Abend mit Burger vom Lieferdienst.
Cynthia Schemidt ist Künstlerin und verdient ihre Brötchen mit dem Mischen von belgischen Kreiseln und dem Velofahren in Einzelformation.