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Das Burg- und Landrecht zwischen den Eidgenossen und Appenzellern
Druck AU 1, Nr. 307.
Die Urkunde von 1411 ist nur mit dem Appenzeller Siegel gesiegelt; sie ist also von den Appenzellern für die Eidgenossen ausgestellt worden. Mit ihr bestätigen die Appenzeller, dass sie Bürger und Landleute von Zürich, Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden, Zug und Glarus geworden sind.
Burg- und Landrechte sind Verträge, mit denen Adlige, Klöster oder ganze Gemeinden unter konkret formulierten Bedingungen («gedinge») als Bürger oder Landleute einer Stadt oder einer Gemeinde aufgenommen werden. Nach 1400 wurden Burg- und Landrechte zu sehr beliebten politischen Mitteln. Appenzell war 1402/03 ins Schwyzer Landrecht aufgenommen worden. Dies diente beiden Seiten: Die Appenzeller erhielten militärische Unterstützung, und die Schwyzer konnten ihren politischen Einflussbereich erheblich erweitern. Bereits 1404 nutzten der Landammann und die «gemain lantlüt ze Appenzell» selber das neue Instrument und nahmen Graf Rudolf von Werdenberg in ihr Landrecht auf. In beiden Fällen ging es darum, sich militärische Hilfe zu sichern. Rudolf von Werdenberg kämpfte in den Appenzellerkriegen auf der Seite seiner neuen «Landleute».
Hinweise zur Transkription
Transkribieren Sie u/v nach dem Lautwert (also z.B. «und» für «vnd»). Beachten Sie, dass Distinktionszeichen über dem u, welche der Unterscheidung vom Buchstaben n dienen, weggelassen werden. Zeichen über dem u, die nach heutigem Lautwert ein ü meinen, werden hingegen als solche ergänzt. Passen Sie i und j dem heutigen Gebrauch an. Wortteile, die optisch getrennt erscheinen, aber sinngemäss zusammengehören, werden als ein Wort transkribiert (z.B. «anrueren» anstelle von «an rueren», «dieselben» statt «die selben» oder «darzuo» statt «dar zuo»). Fügen Sie über der Zeile stehende Vokale hinter dem darunter stehenden Vokal ein.
Und sullent dann
wir, dieselben von Appazell, dien so dann gemant hant und ouch allen andern iren eidgnossen nach der manung
unverzogenlich und ane alle widered mit unsern liben und mit unserm guot und mit unser
macht, die wir dann
gehaben mugen, zuo inen oder anderswohin, do hin wir dann gemant sint, züchen und inen behulffen und beraten sin
und darzuo unser bestes tuon, als ob die sach unser eigen sach were, ane alle geverd. Und sullent ouch
die hilff gentzlich in unserm kosten tuon, wie dik das ze schulden kunt, ane der eidgnossen schaden ungefarlich.
Das Burg- und Landrecht ist zwar von zwei Partnern – Appenzell auf der einen Seite, die sieben eidgenössischen Orte auf der anderen Seite – geschlossen, doch machen die konkreten Bestimmungen die untergeordnete Stellung der Appenzeller sehr deutlich.
Für das Burg- und Landrecht von 1411 engagierten sich auf eidgenössischer Seite in erster Linie Schwyz und Glarus. Die Bestimmungen des Burgrechts weisen darauf hin, dass sie an der militärischen Stärkung der Eidgenossen durch die Appenzeller interessiert waren. Zürich dagegen schätzte es, mit dem Vertrag eine gewisse Kontrolle über die Appenzeller erreicht zu haben.
Der Urkundeninhalt besagt, dass die Appenzeller, wenn sie dazu aufgefordert wurden, unverzüglich mit ganzer Macht sowie auf eigene Kosten ihren eidgenössischen Mitbürgern und Mitlandleuten militärische Hilfe leisten mussten. Selber konnten sie zwar ein Gesuch um militärische Unterstützung stellen, doch waren die Eidgenossen nicht verpflichtet, diesem nachzukommen. Wenn die Eidgenossen darauf eingehen wollten, durften sie beliebig viele Männer schicken, und die Appenzeller mussten erst noch deren Einsatz bezahlen. Und schliesslich durften die Appenzeller nur mit Erlaubnis der Eidgenossen einen Krieg beginnen oder Dritten Kriegshilfe leisten.
Erklärungen
manung: Aufforderung zur militärischen Hilfe, Mahnung
mit unsern liben: mit unsern Körpern
mit unserm guot: mit unserm Gut
mit unser macht: mit unserer militärischen Macht
ane alle geverd: ohne jegliche Gefahr
dik: oft
ungefarlich: redlich, treu, rechtschaffen
Item so hant dann wir, die vorgenanten lantlüt ze Appenzelle,
wir alle gemeinlich und under uns jeklicher besunder, was mannen oder knaben ist, die sechtzechen jar alt und elter sint, gelert eid ze Got und ze den heilgen mit ufgehepten handen gesworn, das wir alle und
die zuo uns gehoerent und unser jeklicher besunder den vorgenanten stetten und waltstetten allen und dem merteil stetten und lendern under inen gehorsam sin sullent ane alle geverd. Und bi denselben unsern
eiden hant wir gelopt und verheissen iren und aller ir burger und lantlüten, die jetzuo zuo inen allen oder deheiner statt oder land besunder gehoerent oder hernach also zuo inen gehoeren werdent, schaden ze warnen und
ze wenden und ir ere und nutz ze fürdern als verr wir kunnen oder mugen, ane alle arglist ungefarlich.
Auch die Bestimmungen zum Eid und zur Möglichkeit, das Burg- und Landrecht zu ändern, zeigen die untergeordnete Stellung der Appenzeller. Alle Landleute über 16 Jahren leisteten den Eidgenossen einen Gehorsamseid ohne Gegenschwur. Und nur die Eidgenossen, nicht aber die Appenzeller konnten den Vertrag ändern.
Das Burg- und Landrecht von 1411 markierte nach dem vorangehenden, von Krieg und Unruhe geprägten Jahrzehnt die Erreichung eines subtilen Gleichgewichts zwischen den Appenzellern und den Eidgenossen. Erst aus späterer Sicht bedeutet das Burg- und Landrecht von 1411 einen wichtigen Schritt der Einbindung Appenzells in die sich verfestigende Eidgenossenschaft.
Erklärungen
lantlüt: Landleute, Bewohner des Landes Appenzell, Einwohner, Einheimische
ufgehepten: aufgehaltenen
gelert eid: ein Eid, der vorgelesen oder vorgesprochen wird; feierlicher Eid
waltstetten: Sammelname für Uri, Schwyz, Ob- und Nidwalden seit Beginn des 14. Jahrhunderts
ane alle geverd: ohne jegliche Gefahr
gelopt und geheissen: gelobt und versprochen
deheiner: irgendeiner
verr: sehr
kunnen: können
fürdern: fördern
ungefarlich: redlich, treu, rechtschaffen