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Eckpunkte zum Morbus Gaucher
Klassifizierung
Morbus Gaucher ist eine heterogene Erkrankung. Traditionell wird sie in 3 Hauptphänotypen eingeteilt, die sich hinsichtlich Epidemiologie und Manifestationen unterscheiden:1-3
Typ 1 - nicht-neuronopathische Form1,2
- Betrifft über 90% der Patienten mit Morbus Gaucher in Europa und in den USA.
- Reicht von asymptomatisch bis zu stark symptomatisch mit Zeichen wie Hepatosplenomegalie, hämatologischen Veränderungen und Knochenbefall.
Typ 2 - akut-neuronopathische Form1,2
- Tritt in den meisten Ländern sehr selten auf, < 5% aller Fälle.
- Zusätzlich zur Organbeteiligung variierende, schnell fortschreitende neurologische Manifestationen.
- Betrifft Säuglinge schon in ihren ersten Lebensmonaten. Betroffene Kinder erreichen selten das dritte Lebensjahr.
Typ 3 – subakut/chronisch-neuronopatische Form1,2
- Auch jugendlicher Morbus Gaucher genannt, Manifestation meist im ersten Lebensjahrzehnt.
- Charakterisiert durch später auftretende und langsamer fortschreitende neurologische Symptome als die akut neuronopathische Form.
Epidemiologie
Morbus Gaucher tritt in allen ethnischen Populationen auf. Eine besonders hohe Inzidenz zeigt sich jedoch bei aschkenasischen Juden.1
- In der Gesamtbevölkerung betrifft Morbus Gaucher (Typ 1) weniger als eine von 40.000–60.000 Personen.1
- Bei aschkenasischen Juden liegt die Prävalenz bei ca. 1:800.1
- Aufgrund der autosomal-rezessiven Vererbung sind Männer und Frauen gleichermaßen betroffen.2
Pathophysiologie
Die Erstbeschreibung einer Patientin mit Morbus Gaucher erfolgte 1882 durch den Dermatologen Philippe Charles-Ernest Gaucher. In seiner Dissertation beschrieb er eine Patientin mit massiver Splenomegalie und ungewöhnlich großen Zellen der Milz.4
Die Ursache von Morbus Gaucher liegt in einer Mutation des für die ß-Glucocerebrosidase kodierenden Gens (GBA1). Das Enzym ß- Glucocerebrosidase ist für den hydrolytischen Abbau von Glucosylceramid verantwortlich. Ist die Aktivität des Enzyms gestört führt dies zu einer Akkumulation von Glucosylceramid in den Lysosomen der Makrophagen. Dadurch kommt es zur Bildung charakteristischer dysfunktionaler Speicherzellen, den sogenannten Gaucher-Zellen. Diese Zellen sammeln sich vor allem in der Leber, der Milz und im Knochenmark an und sind schliesslich wesentlich für die Symptome verantwortlich.1
Verzögerte Diagnosestellung vermeiden
Zwischen dem Auftreten der Symptome und der Diagnose vergehen oft mehrere Jahre. Diagnoseverzögerungen können zu irreversiblen Komplikationen führen (siehe Grafik). Darüber hinaus werden Patienten oft unnötigen, invasiven Untersuchungen (z. B. Leber- und Knochenmarksbiopsien oder einer Splenektomie) ausgesetzt, bevor Morbus Gaucher diagnostiziert wird.5
Komplikationen
durch
verzögerte
Diagnose-
stellung
pathologie
Knochen-
schmerzen
Blutungen
Frakturen
Nekrose
bedrohliche
Sepsis
verzögerung
Eine frühe Diagnose schafft Klarheit:
Typische klinische Zeichen können sein:
Zytopenien
- Hämatologische Symptome treten in Zusammenhang mit Morbus Gaucher oft durch Hypersplinisumus oder Knochenmarksinfiltrationen auf.3
- Häufigste hämatologische Befunde sind Anämie (20 – 50% der Fälle) und Thrombozytopenie (60 – 90% der Fälle)1
Splenomegalie
- Bei den meisten Patienten (in Studien bis zu 90%) tritt eine zum Teil massive Splenomegalie auf, die zu Schmerzen und abdominaler Schwellung führen kann. Auch Milzinfarkte kommen vor, Milzrupturen sind sehr selten.1
Hepatomegalie
- Eine Hepatomegalie betrifft ca. 60 – 80% der Patienten, die in seltenen Fällen zu portaler Hypertonie und Zirrhose führen kann.1
Knochenbeteiligung
- Klinische oder radiologische Anzeichen einer Knochenerkrankung treten häufig auf. Der Knochenbefall reicht von asymptomatischen Erlenmeyerkolben-Deformationen des distalen Femurs bis hin zu pathologischen Frakturen und akuten Knochenkrisen.2
Erhöhtes Risiko für manche Malignitäten
- Morbus Gaucher-Patienten zeigten in Studien eine erhöhte Disposition für das Multiple-Myelom, das hepatozelluläre Karzinom und andere Malignitäten.1
Seltenere Befunde
- Selten treten pulmonale Komplikationen auf, die die Lungenfunktion beeinträchtigen und zu pulmonaler Hypertonie führen können.1
- Sehr selten sind Vaskulitis, vitreo-retinale Beteiligung mit weißlichen Flecken (Glukoceramidablagerungen), Beteiligung des Myokards oder der Herzklappen, Insulinresistenz und Amyloidose.1
Referenzen
1. Stirnemann, J. et al. A Review of Gaucher Disease Pathophysiology, Clinical Presentation and Treatments. Int. J. Mol. Sci. 2017; 18(2): 441.
2. Sidransky, E. Gaucher Disease. Medscape, 2018; 944157. Online verfügbar unter: https://emedicine.medscape.com/article/944157-overview (abgerufen am 11.11.2021)
3. Pastores, G. et al. Therapeutic goals in the treatment of Gaucher disease. Semin. Hematol. 2004; 41(Suppl 5): 4-14.
4. Gaucher, PCE. De l’épithélioma primitif de la rate. Hypertrophie idiopathique de la rate sans leucémie. Dissertation. Paris, Frankreich, 1882.
5. Mistry, P. et al. Consequences of diagnostic delays in type 1 Gaucher disease: the need for greater awareness among hematologists-oncologists and an opportunity for early diagnosis and intervention. Am. J. Hematol. 2007: 82; 697–701.