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Ein winziges Hotelzimmer, Nummer 203, Hotel du Lac, Wädenswil, Kanton Zürich: Das Zimmer ist sehr schmal, sehr sauber, pastellfarben. Man sieht auf einen Parkplatz, auf Geleise, dahinter liegt als einziger Luxus der Zürichsee. Ausser einem Rollkoffer deutet nichts auf die Bewohnerin hin. Dabei lebt Liliane Aeberhard hier seit Monaten. Sie ist 60-jährig, alleinstehend, kinderlos, Sozialhilfebezügerin. Seit Anfang Monat erhält sie keinen Franken mehr von der Sozialhilfe – obwohl die Unterstützung bis Ende Januar 2011 bewilligt wurde. Sie besitzt momentan 68 Franken und 80 Rappen. Sie sagt: «Jetzt muss ich bei Bekannten betteln gehen.»
Warum wird ihr kein Geld mehr ausbezahlt? Der Grund ist vermutlich, dass das Sozialamt Aeberhard bereits mit 62 Jahren pensionieren lassen will. Damit dieser Schritt eingeleitet werden kann, müsste Aeberhard kooperieren. Sie weigert sich aber, sie will weiterhin einen Job suchen. Ob die Theorie stimmt, ist unklar: Das Sozialamt darf wegen des Amtsgeheimnisses keine Aussagen machen.
Liliane Aeberhard ist eine freundliche Frau, die häufig lacht. Sie hatte als freischaffende Journalistin gearbeitet und als Dokumentalistin, die für kleinere Firmen Dossiers zusammenstellte oder Tagungsberichte verfasste. Daneben fing sie eine Ausbildung in chinesischer Medizin an. Doch die Aufträge wurden mit den Jahren seltener, das Geld knapp. Kurzzeitig betreute sie abends alte Damen, für einen geringen Lohn, Unterkunft, Verpflegung. Doch sie konnte den Abstieg nicht aufhalten. Sie zog schliesslich in ein Bed & Breakfast in Au (das zur Gemeinde Wädenswil gehört). Ihr Konto war leer, die Habseligkeiten deponierte sie bei Bekannten. Liliane Aeberhard strandete. Sie beantragte Anfang Jahr in Wädenswil Sozialhilfe (als selbstständig Erwerbende hat sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld).
Fortan, ab Februar, erhielt Aeberhard Geld. Unterkunft und Krankenkassenprämien werden seither direkt vom Sozialamt bezahlt. Aeberhard erhielt nicht die üblichen 960 Franken pro Monat, die die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) als Grundbedarf für eine Einzelperson vorsieht. Sondern weniger. Einmal werden gerade mal 624 Franken ausbezahlt. Wädenswil kürzt fünf Prozent, wenn jemand im Hotel untergebracht werden muss, weil es nicht genügend Sozialwohnungen gibt; schliesslich würden Kosten für die Haushaltführung wegfallen. Allerdings fällt in einem Hotelzimmer auch die Möglichkeit zu waschen und zu kochen weg. Auch sonst ist Wädenswil nicht grosszügig: Es wurden kaum Zulagen für Transport oder auswärtige Verpflegung bezahlt, aber weitere Abzüge gemacht. Etwa in den ersten Monaten fünfzehn Prozent für eine sogenannte Notüberbrückung (weil die Schriften zuvor nicht in Wädenswil lagen, wurde am Anfang nur eine Nothilfe gezahlt, erst später die reguläre Sozialhilfe). Zudem musste Aeberhard eine offene Rechnung für das Bed & Breakfast über Monate abbezahlen, denn Sozialämter übernehmen keine Schulden. Auch keine Bussen: Weil Aeberhard ihre Zugbillette nicht bezahlte, wird sie nun von der SBB betrieben.
Sich zu wehren gegen Entscheide einer Sozialhilfebehörde, ist schwierig. Einsprachen landen zuerst bei der Sozialhilfebehörde selbst, dann beim Kanton. Und ein rechtliches Verfahren dauert Jahre.
Aeberhard versucht, einen Job zu finden. Sie sagt: «Mit dem wenigen Geld, das ich erhalte, kann man gar kein Einkommen erarbeiten, ich kann mir etwa kein Telefon und keinen Computer leisten. Und mit den Kleidern, die ich trage, bekomme ich sowieso keinen qualifizierten Job.»
WOZ: Warum haben Sie keine privaten Dinge in Ihrem Zimmer?
Liliane Aeberhard: Im Schrank sind noch eine zweite Hose und eine zweite Bluse zum Wechseln. Ich will mich nicht einrichten. Ich will endlich wieder ein normales Leben führen. Das Schlimme ist, dass die Leute, die über längere Zeit Sozialhilfe beziehen, sich an diese Misere gewöhnen. Sie richten sich ein, damit sie nicht mehr zu viel leiden. Schon nach kurzer Zeit nimmt die Motivation bei der Jobsuche ab.
Wie wehren Sie sich dagegen?
Ich stehe früh auf und fahre nach Zürich. In der Bibliothek lese ich Zeitungen, damit ich auf dem Laufenden bleibe. Nur so finde ich allenfalls wieder einen Job als Dokumentalistin. Aber es ist schwer. Mir wurde etwa der Beitrag an eine Journalistenorganisation nicht bezahlt, obwohl das bei der Jobsuche helfen würde. Die Sozialarbeiterin meinte, das sei alles im Grundbedarf drin.
Warum sind Sie in Wädenswil gelandet?
Das war Zufall. Aber seit ich hier bin, achte ich darauf, dass ich mich regelmässig in der Gemeinde aufhalte. Die Leute sind sehr freundlich hier. Es ist mir peinlich, dass sie für mich zahlen müssen, obwohl sie mich nicht kennen.
Sind Sie einsam?
Man kann mit so wenig Geld kaum am sozialen Leben teilnehmen. Es ist ein Leben auf Sparflamme. Es ist mehr Überleben als Leben. Man muss sich etwa entscheiden, ob man eine Briefmarke kauft oder ein Telefonat macht.
Wo essen Sie?
Ich mache mir Sandwiches oder gehe in Selbstbedienungsrestaurants. Dort kann man die Mikrowelle benutzen.
Und wie verbringen Sie sonst Ihre Zeit?
Da gibt es nicht viel. Ich wollte hier mal in den Turnverein, aber es war zu teuer für mich.
Trotzdem lachen Sie häufig.
Man bekommt Übung. Ich weiss, es geht anderen genauso schlecht. Man hält viel aus.
Tauschen Sie sich mit anderen in der gleichen Situation aus?
Nein, das bringt mir nichts.
Haben Sie sich verändert?
Eigentlich nicht. Ich war schon immer eigenständig.
Dann hat Sie die Situation nicht beeinträchtigt?
Ich weiss nicht genau, ob das tatsächlich der Fall ist.
Wädenswil arbeitet mit einer privaten Überwachungsfirma zusammen, die Sozialmissbräuche aufdecken soll. Wurden Sie schon einmal überwacht?
Das könnte sein. Weil ich immer so früh aufstehe, glauben die Leute, ich gehe arbeiten. Viele Sozialhilfeempfänger bleiben morgens lange im Bett, einige trinken. Letzthin war ich an einer medizinischen Veranstaltung, an der nur drei Personen teilnahmen, ein Arzt, ich und ein Mann, der hinter mir sass und sich sehr merkwürdig benahm. Er passte nicht in die Umgebung.
Liliane Aeberhards Leben ist äusserst schwierig. Sie ist kein Einzelfall. Denn Sozialämter können Druck aufsetzen, indem sie Leistungen kürzen oder gar streichen. Das komme immer wieder mal vor, sagt der Leiter des Wädenswiler Sozialamts – etwa, um fehlende Unterlagen einzufordern. Oder eben, um Leute in die Frühpensionierung zu schicken. Dann zahlt nicht die Gemeinde, sondern die AHV. Das ist juristisch korrekt, wie Skos-Präsident Walter Schmid sagt: «Die Sozialhilfe hilft nur, wenn sonst nichts mehr greift, sie ist das allerletzte Auffangnetz. Wenn sich jemand weigert, dies zu akzeptieren, zahlt die Sozialhilfe kein Geld mehr.»
Übrigens: Die SVP, stärkste Partei im Wädenswiler Gemeinderat, will die Sozialhilfe kürzen und forderte auch schon einen vollamtlichen Sozialdetektiv. Am Geld liegt das nicht: Kürzlich gab der Stadtrat bekannt, dass wegen der guten Finanzlage die Steuern gesenkt werden sollen.