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|Abt Leodegar Bürgisser (1696-1717)

Abt Leodegar Bürgisser
Leodegar Bürgisser, 1696-1717. Er wurde als Sohn von Johann Heinrich Bürgisser, Pfister von Beruf, und der Anna Maria Wey am 2.4.1640 (Andreas) in Luzern getauft. Am 18.10.1651 kam er an das Luzerner Jesuitenkollegium, am 15.10.1653 an die St. Galler Schule. Profeß legte er am 27.5.1657 ab. Niedere Weihen am 27.5.1657; Subdiakon wurde er am 17.12.1661, Diakon am 19.5.1663, Priester am 20.9.1664. 1665 wirkte er als Lehrer der Syntax. Am 29.5.1665 wurde er Brüderinspektor. Zwischen 1666 und 1672 wirkte er als Küchenmeister. 1667 ist er als Pfarrer in Wildhaus bezeugt. Am 11.10.1672 wurde er Pfarrer in St. Peterzell. 1673 wird er als Pfarrer in Hemberg erwähnt. Am 26.9.1673 wurde er Verwalter in Ehringen. Am 15.9.1681 ernannte ihn Abt Gall zum Subprior, am 14.6.1683 schließlich zum Dekan. 1682 wirkte er außerdem als Beichtiger in Notkersegg und als Schülerpräfekt. Unter dem Vorsitz von Kardinal Cölestin Sfondrati und der Äbte Raphael von Einsiedeln und Plazidus von Muri wurde er am 10.1.1696 zum Abt erwählt. Die Konfirmation erhielt er am 18.6.1696 von Papst Innozenz XII. So konnte am 4.1 1.1696 Weihbischof Franz Christoph Rinck von Baldenstein, ein Bruder des st. gallischen Landeshofmeisters Wilhelm, aus Eichstätt - um Geld einzusparen unter Umgehung des Konstanzer Bischofs - die feierliche Benediktion vornehmen. Kaiser Leopold I. bestätigte ihm am 13.8.1697 die Regalien, Kaiser Joseph 1. am 22.1 1.1706, Kaiser Karl VI. am 24.3.1713. Der neue Abt begann am 8.5.1696 die Huldigung in der Alten Landschaft, im Toggenburg und im Rheintal einzunehmen. 1697 führte er eine Generalbelehnung durch. Vergeblich versuchte er, erneut in Rorschach eine höhere Schule aufzubauen; das Unterfangen scheiterte nach kurzer Zeit. Wegen des Tragens von Kreuzen bei Prozessionen durch die Stadt St. Gallen kam es 1697 zum sog. "Kreuzkrieg", der in der Konferenz von Rorschach (20.5.-8.6.1697) ohne Blutvergießen beigelegt werden konnte. Deren Ergebnis wurde ein Jahr später von der Tagsatzung dahingehend ergänzt, daß die Stadt dem Stift 3800 fl. Satisfaktion zu zahlen hatte. Abt Leodegar schloß 1702 mit Kaiser Leopold I. einen Defensionalvertrag, was bei den Eidgenossen verschiedentlich Mißbehagen hervorrief. Große Summen (ca. 17'700 Gulden) wandte er für Güterkäufe im Toggenburg auf. Aus der Weigerung der Wattwiler, am Bau der Rickenstraße mitzuwirken, ergaben sich langwierige Auseinandersetzungen mit den Toggenburgern, die auch sonst mit ihrer Rechtsstellung nicht zufrieden waren. Sie besetzten schließlich drei Schlösser und im April 1712 auch die Klöster Magdenau und Neu St. Johann. Diese Kämpfe um die innere Verfassung des Toggenburgs, dessen Freiheitsbestrebungen bei Zürich immer wieder Unterstützung fanden, entluden sich 1712 in einem offenen Krieg. Zürcher, Berner und Toggenburger nahmen am 22. Mai das äbtliche Städtchen Wil ein. Abt Leodegar wich, gefolgt von seinem Konvent, zunächst am 22. Mai von Rorschach nach der Mehrerau aus und zog schließlich am 29. Mai ins Exil auf das Schloß Neu-Ravensburg, dem Verwaltungssitz einer St. Galler Herrschaft nördlich von Lindau. Als Offizial "ad interim" setzte er den Rorschacher Pfarrer Johann Georg Schenkli ein (1712-1718). Die Zürcher und Berner besetzten die äbtlichen Gebiete und verwalteten sie gemeinsam. Einen großen Teil der in St. Gallen zurückgelassenen mobilen Klostergüter, darunter Teile des Archivs und der Bibliothek, führten sie nach Zürich und Bern weg. Wegen der in seinen Augen zu weitgehenden Beschneidung der Rechte der Abtei und der Gefährdung der katholischen Religion im Toggenburg verwarf Abt Leodegar den am 28.3.1714 mit Zürich und Bern zu Rorschach ausgehandelten Frieden. Sein Kloster sollte er nicht mehr wiedersehen: am 28.11.1717 starb er in Neu-Ravensburg an einem Herzversagen. Beigesetzt wurde er in der Mehrerau neben Abt Kilian. Der infolge der kriegerischen Ereignisse in eine schwierige Lage geratene Abt ist trotz der tadellosen Disziplin im Kloster, seines vorbildlichen Mönchslebens und der guten Haushaltung oft kritisiert worden. Man warf ihm harte Unnachgiebigkeit und mangelnde Beweglichkeit vor. Bei günstigeren Zeitumständen und kompromißwilligeren Gegnern stände er gewiß als sehr tüchtiger Abt in einem besseren Licht.
(Duft, Johannes; Die Abtei St.Gallen, St. Gallen 1986)