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Dokumentation über die Schutzmassnahmen gegen Corona in Geflüchtetenlagern in der Schweiz, von ROTA – migrantische Selbstorganisation.
Während sich das Coronavirus weltweit ausbreitet, herrscht insbesondere in Europa ein grundlegender Informationsmangel über die Situation von Geflüchtetenvor, die in Lagern leben oder an Grenzen festgehalten werden. Wir wollen der Öffentlichkeit einen Einblick in die Situation der Geflüchteten in der Schweiz geben.
Der Corona-Virusbreitet sich rapide aus und viele Schweizer*innen machen sich grosse Sorgen um ihre gesundheitlichen, materiellen und immateriellen Rechte. Was aber denken Menschen, die in Lagern mit durchschnittlich 50 Personen untergebracht sind und Toiletten, Bäder und Küchengemeinschaftlich benutzen? Welche Sorgen machen sie sich?
Wir haben uns mit Geflüchtetenüber die Auswirkungen des Corona-Virus‘auf ihre Lebenslagen unterhalten, da sie als letztes Glied der Gesellschaft oft als erste vernachlässigt werden.
Die Reportagen
Wir haben mit Menschenin 20 Geflüchtetenlagern in den Kantonen Zürich, Bern, Basel, Aargau, St. Gallen und Graubünden gesprochen. 16 davon Männer,vier Frauen. Zwei der interviewten Frauen sind chronisch krank (Epilepsie und Asthma). Das Durchschnittsalter beträgt 34 Jahre.
Fazit
- In den Lagern, in denen die Interviewten leben, sind mindestens 15 und maximal 120 Geflüchtete untergebracht;die mathematische Durchschnittsgrösseeines Lagers beträgt 50 Personen. Pro Zimmer sind mindestens eine, maximal 10 Personen untergebracht; der mathematische Durchschnitt sind vier Personen pro Zimmer. Obwohl die meisten Zimmer für zwei Personen ausgelegt ist, wurde uns berichtet, dass auch in kleinen Zimmern bis zu fünf Personen untergebracht werden.
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- In den Lagern wurden die Geflüchteten wedervon Ärzten oder anderen gesundheitspolitisch Beauftragten, noch durch Übersetzer*innen:
- über die Entwicklungen der Corona-Pandemie in der Schweiz, über die getroffenen Massnahmen sowie über die juristischen und bürokratischen Prozeduren hinsichtlich der Asylprozesse informiert;
- hinreichend über die notwendigen Hygieneregeln hinsichtlich der Pandemie und Gesundheitsrechte informiert.
Die einzigen Massnahmen diesbezüglich bestanden darin, Informationsblätter in mehreren Sprachen zu den notwendigen Hygieneregeln auszuhängen.
Ausnahme: In zwei Lagern in St. Gallen(Landegg und Amden) wurden die Geflüchteten hinreichend über die notwendigen Massnahmen und Informationen in Kenntnis gesetzt.
- Personen, die Covid-19 Symptome aufwiesen, wurden gar nicht oder erst sehr spät getestet; Testergebnisse wurden nicht auf Ebene der Bewohner*innen kommuniziert; trotz positiver Testergebnisse bei einigen Bewohner*innen wurde niemand über die getroffenen Massnahmen informiert; es wurden bei sonst niemandem Tests durchgeführt; es wurden keine Bedingungen für Quarantänefälle geschaffen.
Ausnahme: Im Lager Amden/St. Gallen wurde ein gesondertes Quarantänezimmer eingerichtet, in das alle untergebracht werden, die Covid-19 Symptome aufweisen.
- In keinem Lager wurden notwendige gesundheitliche Vorkehrungen vollumfänglich getroffen; es werden weder kostenlose Hygieneartikel noch kostenlose Verkehrsmöglichkeiten im Falle von Krankheit zur Verfügung gestellt. Küchen, Toiletten und Duschen (also die Gemeinschaftsräume) werden nicht genügend oft gereinigt; besonders hoch ist die Ansteckungsgefahr in den Küchen, da sie von den Bewohner*innen gleichzeitig genutzt werden müssen. Hygieneartikel für Frauen wie Tampons oder Binden wurden weder vor noch während der derzeitigen Pandemie kostenlos zur Verfügung gestellt. (Der Preis dieser Artikel ist in der Schweiz sehr hoch.)
- Die einzige Massnahme, die überall vollumfänglich eingeführt wurde, ist das absolute Besuchsverbot.
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- Die finanziellen Zuwendungen für tägliche, wöchentliche und monatliche Aufwendungen wurden nicht nur nicht erhöht, sondern der Posten für die Mobilitätskosten wurde sogar reduziert. Die Beträge reichen nicht zur Begleichung der steigenden Hygiene-und Gesundheitsausgaben, sie reichen nicht einmal für Verpflegung, geschweige denn für die zusätzlichen Nahrungsmittelkosten wie Vitaminpräparate, die angesichts der niedrigen Qualität der Nahrungsmittelversorgung derzeit angebracht sind. Die finanziellen Zuwendungen fallen weit hinter die eigentlich Bedürfnisse zurück.
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- Für Kinder wurden keine gesonderten gesundheitlichen Massnahme vorgenommen. Die Kinder, die jetzt nicht mehr zur Schule gehen können, sind de facto in kleine Zimmer und Korridoreeingesperrt. Es gibt keine Spielplätze und derSchulunterricht wurde unterbrochen; aufgrund der Beschäftigungslosigkeit sind die Kinder besorgt. Die verantwortlichen in der Verwaltung ergreifen keine Massnahmen, um sich dieser Sorge der Kinder anzunehmen. Obwohl in weiten Teilen des Landes der Schulunterricht weitergeht, ist das für die Kinder in der Mehrheit der Lager nicht der Fall.
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- Die Massnahmen der schweizerischen Regierung werden seitens der Geflüchteten als unzureichend empfunden. Es wird hervorgehoben, dassdas Verwaltungspersonalseit der Verschärfung der Corona-Krise oft den Arbeitsplatz verlässt, den Kontakt mit den Geflüchteten meidet und die ihnen zugewiesenen Arbeiten nicht erledigt. Die Geflüchteten versuchen, durch Selbstisolation und individuelle Massnahmen mit der Pandemie umzugehen.
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- Die Menschen in den Lagern bringen folgende Sorgen zur Sprache:
- vergessen und verlassen zu werden
- die Angst, nicht genügend informiert zu sein und nicht genügend Zugriff auf Gesundheitsdienste zu haben;
- die Angst, dem Tode überlassen zu werden, falls die Gesundheitsdienste aufgrund der Überlastung Präferenzen einführen müssen;
- dass sich die Situation verschlechtert und die Unsicherheit steigen wird;
- dass sich die Asylverfahren in die Länge ziehen und diese besondere Lageda zu genutzt werden wird, mehr Abschiebungen durchzuführen.
- Folgende dringende Bedürfnisse der Geflüchteten werden nicht erfüllt:
- alle notwendigen Hygieneartikel: Masken, Handschuhe, Desinfektionsmittel, Seife, Toilettenpapier, Putzmittel;
- Vereinfachung des Zugangs zur medizinischen Versorgung für chronisch Kranke;
- genügend finanzielle Zuwendungen, um eine gesunde Ernährung und nötige Nahrungsergänzungsmittel zu gewährleisten;
- Spielplätze und Fernunterricht für Kinder;
- psychologische Unterstützung.
- Folgende Massnahmen sollten laut der Geflüchteten in den Lagern ergriffen werden:
- zu allererst bessere und detailliertere Informationen;•Einzelzimmer und separate Toilette und Duschen;
- Einführung eines Nutzungsplansmit Warteschlangen und eine regelmässige Reinigung der Küchen;
- die regelmässige Reinigung und Desinfektion der Lager;•Informationen zu laufenden Asylprozessen;
- die Aufhebung der teilweise täglich mehrmals anstehenden Meldepflichten;
- die Möglichkeit, die Lager zu verlassen;
- die Verlagerung der Menschen im Sinne der Ermöglichung der Einhaltung der Schutzmassnahmen, die vom Bundesrat beschlossen worden sind; primär von Familien mit Kindern, älteren Mitmenschenund chronisch Kranken in leerstehende Wohnungen im jeweiligen Kanton und die Befriedigung ihrer unmittelbaren Bedürfnisse.
ROTA – Migrantische Selbstorganisation
30. März 2020
www.facebook.com/Rota.migrant/