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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

102. Vortrag
4.
Es bleibt also, soviel ich zu sehen vermag, die Annahme übrig, Jesus habe versprochen, seine Jünger aus Fleischlichen oder Animalischen zu Geistigen machen zu wollen, obwohl noch nicht zu solchen, wie wir [S. 1025] sein werden, wenn wir auch einen geistigen Leib haben werden, sondern wie derjenige war, der sagte: „Wir reden Weisheit unter Vollkommenen“1; und: „Ich konnte zu euch nicht reden als zu Geistigen, sondern als zu Fleischlichen“2; und: „Wir haben nicht den Geist dieser Welt empfangen, sondern den Geist, der aus Gott ist, damit wir wissen, was uns von Gott geschenkt worden ist; dieses reden wir auch, nicht mit gelehrten Worten menschlicher Weisheit, sondern wie sie vom Heiligen Geiste gelehrt worden, den Geistigen Geistiges bereitend. Der animalische Mensch aber faßt nicht, was des Geistes Gottes ist“. Der animalische Mensch also, der nicht faßt, was des Geistes Gottes ist, hört das, was er von der Natur Gottes hört, so, daß er dabei etwas anderes als einen Körper nicht denken kann, zwar einen sehr umfangreichen oder unermeßlichen, zwar einen leuchtenden und glänzenden, aber immerhin einen Leib. Darum sind für ihn Gleichnisse alle Aussprüche der Weisheit über die unkörperliche und unveränderliche Substanz, nicht daß er sie als Gleichnisse betrachtet, sondern weil er so denkt wie die, welche Gleichnisse gewöhnlich hören und nicht verstehen. Wenn er aber als ein Geistiger alles zu beurteilen anfängt, selbst aber von niemand beurteilt zu werden3, dann erkennt er, wenn auch in diesem Leben noch wie durch einen Spiegel teilweise4, aber doch nicht durch einen Sinn des Körpers, nicht durch ein Phantasiebild, welches die Gleichnisse von wie immer beschaffenen Körpern erfaßt und bildet, sondern mit ganz sicherer Erkenntnis des Geistes, daß Gott nicht ein Körper, sondern ein Geist ist, indem der Sohn so deutlich den Vater verkündet, daß auch der, welcher verkündet, von derselben Substanz seiend erkannt wird. Dann bitten sie in seinem Namen die, welche bitten, weil sie beim Klange seines Namens nichts anderes, als was die Sache selbst ist, welche mit diesem Namen bezeichnet wird, verstehen [S. 1026] und nicht in geistiger Hohlheit oder Schwäche an einem andern Ort sich den Vater vorstellen und an einem andern den Sohn, wie er vor dem Vater steht und für uns bittet, wobei die Körpermassen beider die jedem entsprechenden Räume einnehmen, und wie das Wort an den, dessen Wort es ist, Worte für uns richtet, und zwar so, daß ein Raum zwischen dem Munde des Sprechenden und den Ohren des Hörenden liegt, und anderes dergleichen, was sich die Animalischen und zugleich Fleischlichen in ihrem Herzen zusammenmachen. Denn was immer dieser Art den Geistigen, wenn sie an Gott denken, wegen des gewohnten Anblicks der Körper einfällt, das verneinen und verschmähen sie und treiben es wie lästige Fliegen von den inneren Augen weg und sind befriedigt durch die Lauterkeit seines Lichtes, durch dessen Zeugnis und Urteil sie diese vor ihren inneren Blick tretenden Bilder von Körpern als durchaus unzutreffend überführen. Diese können, wie auch immer, sich denken, wie unser Herr Jesus Christus, sofern er Mensch ist, für uns den Vater bittet, sofern er aber Gott ist, uns mit dem Vater erhört. Und das, meine ich, hat er angedeutet, wo er sagt: „Und ich sage euch nicht, daß ich den Vater für euch bitten werde“. Freilich zu dieser Anschauung, wie der Sohn den Vater nicht bittet, sondern der Vater und der Sohn zugleich die Bittenden erhören, dringt nur das geistige Auge der Seele empor.
1: 1 Kor. 2, 6.
2: 1 Kor. 3, 1.
3: 1 Kor. 2, 12―15.
4: 1 Kor. 13, 12.