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Er blieb ein bedauernswert einsamer Mensch, von vielen verspottet, von den meisten unverstanden. Von der Ausbildung her war er Lateiner und Romanist, der mit seinen Erstausgaben französischer Klassiker umging wie andere Menschen mit ihrem Partner, sofern das Leben es gut meint: liebevoll. Er benutzte keine Handschuhe, wie es bei solchen Schätzen in Bibliotheken Sitte ist, um erlesene Bücher aus seinem Raritätenschrank zu holen und einem ausgewählten Freundeskreis aus ihnen vorzulesen. Häufig hatten die Passagen, das sei an dieser Stelle beiläufig erwähnt, einen erotischen Bezug. Bei Zitaten dieser Art glänzten seine Augen besonders spitzbübisch. In der Verwaltung, wo er als Historiker tätig war, galt er als Sonderling, und vielleicht wollte er deshalb, wie er immer wieder andeutete, zeit seines Lebens «eine Bombe explodieren lassen». Um seinen gerechten Platz in der Geschichte zu erlangen. Doch ist es zu diesem Thriller nicht gekommen. Nicht einmal in Buchform.
Ich erinnere mich genau an jenes Wochenende, als er mir auftrug, in den Memoiren von Marschall Schukow nach einer bestimmten Schlacht zu suchen – und ihm die entsprechenden Stellen zu übersetzen. Es muss vor genau fünfundzwanzig Jahren gewesen sein. Ich diente bei ihm im Militär und war sein Untergebener, was er mich jedoch zu keinem Zeitpunkt spüren liess. Den Band nahm ich am Freitagabend mit nach Hause und legte mich am nächsten Morgen ins Gras unter den Schatten eines Birkenbaums. Die entsprechende Stelle war bald gefunden, irgendwo zwischen den Seiten 150 und 160, glaube ich. Es war ein sonniger Sommertag und passte augenscheinlich zu dem, was mich bis zum heutigen Tag verfolgt. Doch davon hatte ich damals keine Ahnung. Erst viel später im Leben wird einem bewusst, wie jede Begegnung mit einem fremden Menschenleben mit dem eigenen zu tun hat. Und wie alles mit allem zusammenhängt.
Bereits als Kind habe ich mir immer wieder die Frage gestellt, wie denn ein lexikalischer Eintrag geschrieben sein müsste, um einem neugierigen Menschen eine nicht nur bildliche Vorstellung von Stichworten wie Timbuktu oder Bora Bora zu geben. Spüre ich beim Nachschlagen den Wüstenwind im Gesicht? Höre ich zwischen den Buchstaben das Brechen einer Welle am Strand? Ich tröstete mich in solchen Fällen meist mit den kleinen farbigen Abbildungen, die meinen grossen Träumereien freien Lauf liessen. – Ähnlich, aber selbstredend weniger friedlich verhielt es sich mit dieser Schlacht, die meinem Vorgesetzten von einem Tag auf den anderen so wichtig erschien. Weshalb, habe ich nie erfahren. Vielleicht, weil sich sonst kaum jemand in Europa dafür interessierte. Nomonhan – auch ich hatte von diesem seltsam fremd klingenden Ort bis dahin nie gehört. Auch nicht während des Geschichtsunterrichts im Gymnasium. Selbst der Brockhaus, der sich geordnet in zwanzig Bänden im Bücherregal meiner Eltern befand, half mir nicht weiter. Zur Korrektheit und Entlastung des Verlags sei vermerkt, dass es sich um eine ältere Ausgabe der Enzyklopädie handelte.
Plötzlich lief eine Ameise über die Seite von Marschall Schukows Memoiren und lenkte meine Aufmerksamkeit für einige Momente ab. Was nicht erstaunlich war, denn ausser einigen militärischen Daten über die Erfolge der Roten Armee stand da nicht viel drin. Einer der bekanntesten Heerführer des 20. Jahrhunderts erachtete es als unnötig, die mit dem Sieg verbundenen immensen menschlichen Kosten zu erwähnen. Erst viel später stellte sich heraus, dass er die Zensur bemüht hatte, um die Zahl der Gefallenen aus Propagandazwecken niedrig zu halten.
Damals, vor zwanzig Jahren, war das Insekt über die weissen Seiten von Schukows Memoiren gekrabbelt, wobei es keine Ahnung hatte, welche Buchstaben es mit seinen dünnen Beinen gerade berührte und was diese kyrillischen Zeichen bedeuteten. Ich versetzte mich in die Ameise, als sie von der realen Topographie der umgebenden Gräser unvermittelt mit einer stark erhellten Fläche konfrontiert wurde. Das Papier musste sich seltsam unwirklich anfühlen. Vielleicht spürte sie mit ihren Antennen dessen Unreinheiten und nahm sogar die Druckerschwärze wahr. Die Ameise musste sich wohl glücklich fühlen, als sie wieder sicheren Boden unter den Beinen hatte. Und doch blieb sie einige Zeit auf dem Papier stehen, als ob sie mehr von dieser fremden Umgebung wissen wollte.
An diese Ameise dachte ich auch, als ich vor einiger Zeit in der mongolischen Steppe stand. Die Hitze war unerträglich, es gab kaum Schatten in der prallen Sonne. Irgendwie seltsam für einen Ort, an dem eine der entscheidenden Schlachten des 20. Jahrhunderts stattgefunden hatte. Zwar kann ich, wenn ich mich nur genügend fest anstrenge, die sich in Sandlöchern eingegrabenen Infanterietruppen sehen, ja sogar den Rauch aus den Kanonen erkennen. Doch begriff ich ebenfalls die Sorgen der Verfasser von Lexikoneinträgen, empfand ihre Nöte und Qualen, einen geschichtsträchtigen Ort auf der Erde so zu beschreiben, dass vor den Augen des Lesers lebendige Bilder und keine fiktionalen Welten entstehen. Ich fühlte mich nicht anders als diese Ameise, die eigentlich wohl lieber weitergehen wollte, weil ihr die Gegend zu fremd schien.
«Die Gegend war für ernsthafte militärische Handlungen ungeeignet, da keinerlei Infrastruktur und Transportwege bestanden», heisst es in einem Bericht über die Topographie dieses Ortes. Weiter ist die Rede von Eindringlingen, mechanisierten Brigaden, von Panzerdivisionen und all dem, was zum Vokabular einer Schlacht gehört. Eine Plethora an technischen Daten: 2015 Bomber-, 18 509 Kampfflugzeugeinsätze und 78 360 abgeworfene Bomben, was einem Gewicht von 1200 Tonnen entsprach. Und dann, wie um das Ganze auch für Historiker endgültig abzurunden, die Anzahl an Verwundeten (15 251), Vermissten (2028) und Toten (7675). Alle diese Angaben betrafen übrigens lediglich die sowjetische Seite.
Auch mehrere Jahrzehnte nach dieser Schlacht bleibt das Wesentliche für die Augen unsichtbar. Ausser man hält sie geschlossen und versucht, sich das Heimweh der Soldaten oder ihre Todesängste angesichts von Bombardierungen und Panzerfeuer vorzustellen. Tagebucheinträge wie die von Yoshihiko Yajima geben nur weniges preis, was in den Köpfen der Soldaten vorgegangen sein musste: «Zwei Führer von Einsatztruppen verloren und alle Offizierspiloten. Weshalb durchlebe ich all dies alleine? Schande über mich, Schande über mich. Ich muss zehntausende Male für diese Sünde sterben!» Der Todeswunsch des 22 Jahre früher in der Stadt Saga geborenen Oberleutnants der japanischen Flugwaffe ging wenig später in Erfüllung.
Inzwischen ist es Mittag geworden. Die ersten Kumuluswolken türmen sich am weiten Horizont. Der Himmel ist vom Wüstensand gelblich-matt gefärbt, die Haut fühlt sich zunehmend dürr und die Lippen trocken an. «Meine liebste Ehefrau: Ich muss Dir sagen, dass diese Schlacht durch und durch heftig war. Als Befehlshaber musste ich arbeiten und nicht schlafen. … Ich hoffe, der Konflikt wird bald beendet sein und wir uns bald wiedersehen. … Liebevoll und mit all meinen Küssen für Dich.» Ich kann mir schlecht vorstellen, unter welchen Bedingungen Marschall Schukow ans Küssen dachte. Während einer kurzen Nachtruhe im Zelt des Generalstabs? Kurz bevor die sowjetische Artillerie mit ihren Granatwerfern um 8.45 Uhr morgens das Feuer gegen feindliche Ziele eröffnete? Fest steht, dass der Brief am 1. September 1939 zu Ende geschrieben wurde. Während Schukow Eingang in die Annalen der Weltgeschichte gefunden hat, ist diese Schlacht weitgehend unbekannt geblieben. Die Weite dieses Stückes Land unter der gigantischen Himmelsglocke ist befreiend. Der Raum scheint hier sehr viel mehr für Phantasien und das Kontemplative zu lassen als anderswo. Seit meiner Kindheit suche ich in den Wolken nach Hunden, Krokodilen oder Bären. Hin und wieder finde ich sogar Engel, die dann aber auch ganz schnell dahinschmelzen. Ich gehe weiter, ohne klares Ziel. Es duftet nach Wermut und anderen süsslichen Gerüchen. Nichts, oder fast nichts, steht einem hier im Wege. Das Terrain ist flach und offen. Was es einem wiederum leicht macht, die Orientierung zu verlieren. In der Grassteppe glaube ich die Wracks sowjetischer Kavalleriepanzer zu erkennen. Sie stehen merkwürdig geordnet in der Umgebung, fast wie die Formel-1-Wagen in der Startposition. Beim Nähertreten stelle ich – mit ein wenig Enttäuschung vielleicht – fest, dass es chinesische Attrappen sind.
Aber gibt es vielleicht doch noch irgendwelche Kriegsüberbleibsel? Ich denke weniger an Minen und nicht explodierte Bomben denn an verrostete Gewehre, Säbel oder vielleicht Brillengestelle und Feldstecher. Und wenn ich Glück habe, so denke ich weiter, finde ich möglicherweise sogar Uhren oder Ringe gefallener Soldaten. Bei diesem Gedanken graust mir ein bisschen. Ich erinnere mich genau, wie ich als Kind in einem Steinbruch einen Schädel gefunden habe, wenngleich es nur der einer Katze war. Ich bewahrte ihn für einige Tage bei mir auf, wie vieles, das ich in der Natur fand. Es war nicht wenig. Plötzlich bleiben meine Augen hängen, und erneut ist es eine Ameise, die meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Genauer: eine Spur von Krabbeltieren, der ich, meiner Neugierde entsprechend, folge. Wie eine Karawane von Kamelen in Miniatur ziehen sie in gerader Richtung von Ost nach West.
Vor einem Paar zerfetzter Schuhe bleibe ich stehen. Wie auch die Ameisen, die dort ihr Ziel gefunden haben. Plötzlich höre ich eine Stimme, kann aber niemanden sehen. Ich drehe mich um und erblicke einen ungefähr dreissigjährigen Mann, der auf mich zukommt. Hinter ihm ein Turm drohender Gewitterwolken. Glücklicherweise weicht sein fragender Blick bald einem ausgeprägt fröhlichen Lachen. Instinktiv spüre ich, dass meine Vorstellung, die Schuhe könnten ein Relikt aus jener Schlacht sein, die in den Memoiren von Marschall Schukow in wenigen Abschnitten beschrieben wurde, kindlicher Naivität entsprang. Das seien seine Schuhe samt Gamaschen, die er letztes Jahr fortgeworfen habe, erklärt der Mann mit dem mongolischen Gesicht in einfachem Chinesisch. Nomonhan. Vom Namen der Schlacht hat er zwar gehört, kann sie aber in seinem Kopf weder zeitlich noch thematisch einordnen. Das ist in seinem Leben auch nicht nötig, denn die Schafe, die er hier in der Nähe zum Weiden führt, müssen dringend geschert werden. Und bereits fallen die ersten Regentropfen.
Im Lichte der Unkenntnis dieses jungen Mannes an seiner nächsten Umgebung kam mir das Interesse meines militärischen Vorgesetzten zehntausende Kilometer westlich an dieser Schlacht noch merkwürdiger vor. Ich wollte ihn bei der nächsten Begegnung unbedingt darauf ansprechen. Doch meine Suche nach ihm blieb auch nach meiner Rückkehr nach Europa erfolglos: «Der Traum ist ein zweites Leben. Ich habe nie ohne zu schaudern durch die Tore aus Elfenbein oder Horn dringen können, die uns von der unsichtbaren Welt trennen», stand am Anfang seiner Todesanzeige. Mit den Worten von Gérard de Nerval hatte er sich endgültig von dieser Welt verabschiedet. Der Name dieser Schlacht aber wird für mich immer in Verbindung mit diesem Freund und Einzelgänger stehen. Nicht mehr als nebelhafter Traum, sondern nun als erlebte Vergangenheit. Beide, der einsame Mensch und die fast vergessene Schlacht, sind von der Nachwelt nicht wirklich gewürdigt worden.
Nachtrag: Die Schlacht von Chalchin Gol, in der Historiographie auch als Nomonhan-Zwischenfall bezeichnet, fand vor genau 75 Jahren zwischen den Sowjets und den Japanern im damaligen mongolisch-mandschurischen Grenzgebiet statt. Ungefähr gleichzeitig, nämlich am 24. August 1939, schlossen Deutschland und die Sowjetunion den Nichtangriffspakt ab. In der Gesamtheit trugen diese Ereignisse dazu bei, dass die Japaner sich zwei Jahre später entschlossen, den Wunsch Hitlers nach einer zweiten Angriffsfront im Osten der UdSSR auszuschlagen und stattdessen in Pearl Harbor die USA anzugreifen.