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Den Siegeszug seiner Erfindung erlebte er nicht mehr. Er starb vor 100 Jahren, neun Monate, nachdem er seine Methode publiziert hatte. Barack Obama und Hillary Clinton behaupteten beide von sich: «Ich bin ein Rorschach-Test».
Gnarls Barkley promotete seinen Welthit «Crazy» mit einem Musikvideo aus lauter Rorschach-Klecksen. Und im verfilmten Comic «Watchmen» heisst eine Figur «Rorschach» - Markenzeichen: eine Maske mit wechselnden Test-Flecken.
Hermann Rorschach, der ein bisschen aussah wie Brad Pitt in «Seven», hätte sich köstlich amüsiert. Er war ohnehin ein lustiger, neugieriger und unkonventioneller Mensch. Wie sein Vater war Rorschach ein begabter Maler. Zum Gaudi von Kollegen pflegte er Vorgesetzte zu karikieren. In der Studentenverbindung hiess er deshalb «Klex».
Während Rorschach in der Psychiatrischen Anstalt Herisau arbeitete, brachte er ein Äffchen mit, um zu sehen wie die Patienten reagierten. Und mit hospitalisierten Kindern spielte er das damals beliebte Gesellschaftsspiel «Klecksographie». Er wollte herausfinden, ob begabte Kinder Faltkleckse anders deuten als unbegabte.
Nachdem sein Berufskollege Szymon Hens Tintenklecks-Karten zur Analyse der Phantasie von Patienten entwickelt hatte, systematisierte Rorschach ab 1917 sein «Wahrnehmungsexperiment» - «Test» nannte er es nicht. Er experimentierte mit 300 psychisch auffälligen und 100 «normalen» Probanden.
Schnell zeigte sich, dass es Standardantworten gibt, die von der Mehrheit gewählt werden - Fledermäuse, Schmetterlinge, Zwerge etwa. Und dass sich Schizophrene durch besonders abweichende Wahrnehmungen auszeichnen.
Um Klecksographie zu mehr als einem Spiel zu machen, stellte Rorschach eine Reihe standardisierter Testkarten zusammen: nicht zu realistisch, aber auch nicht zu abstrakt, die Hälfte schwarz-grau, die andere bunt. Dazu legte er Kriterien fest, die eine möglichst objektive Analyse ermöglichten: Wird das Ganze betrachtet oder das Detail? Werden Menschen oder Tiere bevorzugt? Farben mit einbezogen? Bewegung wahrgenommen?
Seine Ergebnisse publizierte er 1921. Erst der sechste angefragte Verleger fand sich zur Publikation bereit. Da er vermutete, das Buch werde ein Ladenhüter, nötigte er Rorschach, die Anzahl der teuren Illustrationen zu reduzieren und sich auf zehn Testtafeln zu beschränken. Sie sind in der Urform bis heute in Gebrauch.
Als Rorschach neun Monate später mit 37 Jahren an einer unbehandelten Blinddarmentzündung starb, hatte er gerade mal 25 Franken am Buch «Psychodiagnostik» verdient. Ausserhalb von Zürich - damals die Hochburg der modernen Psychiatrie - hatte die Fachwelt Rorschachs Methode kaum zur Kenntnis genommen.
Auftritt Bruno Klopfer, ein jüdischer Psychiater aus Bayern, der 1933 auf dem Weg in die Emigration einen längeren Zwischenstopp am Zürichsee machte, um sich am berühmten Burghölzli und bei C.G. Jung an der ETH weiterzubilden. Klopfer erwies sich als besonders begabter Analytiker von Rorschach-Tests.
In den USA war er der Brüller auf jeder Abendgesellschaft. Denn Klopfer vermochte - ohne jemandem begegnet zu sein - aus dessen Rorschach-Antworten Alter, Geschlecht und ungefähre Betätigung herauszulesen. Das Kunststückchen verschaffte dem Rorschachtest aber nicht nur Anhänger in der Fachwelt, sondern auch Kritiker.
Klopfer war der erste von vielen, welche Rorschachs Ansatz weiterentwickelten und in Richtung Objektivität verfeinerten. Dazwischen erhielt die Theorie immer wieder Todesstösse. Etwa, als eine Studie Rorschach-Tests von Piloten mit denjenigen von Schizophrenen verglich und keine nennenswerte Unterschiede ausmachte.
Es gab aber auch erstaunliche Treffer: So wurde 1976 ein junger Amerikaner, der eine Frau entführt hatte, forensisch begutachtet; man wollte wissen, ob er zu Schlimmerem fähig war. Alle psychodiagnostischen Tests verliefen unauffällig - bis auf den Rorschach.
Dieser zeigte ein abnormes Verhältnis zu Frauen an. Das hatte der Analysand in der Tat: Es war der Serienkiller Ted Bundy, der innert weniger Jahre um die 60 Frauen umgebracht hatte.
Video: https://www.youtube.com/watch?v=-N4jf6rtyuw