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Kann man an Erinnerungen erkranken oder erinnerungssüchtig werden? Kurt Martis Wortprägung «Memoritis» legt zumindest nahe, dass er eine pathologische Variante der Memoria kennt. Kleine Episoden legt er vor, über fünfzig sind es, auf zwanzig Jahre verteilt, Erzählminiaturen eigentlich, bald theologisch, bald erotisch aufgeladen, bunte Erinnerungsblätter in grau-brauner Zeit, Nachrichten aus einem unversehrten Land von einem Studenten, der nach 1945 ins zertrümmerte Deutschland fährt, wie Max Frisch, könnte man sagen; Fritz Dürrenmatt, der Sonderling, war eine Zeitlang in seiner Berner Schulklasse. Ein sympathisches Buch, eigentlich, geschrieben, um die eigene «Memoritis» zu kurieren. Die erste Person singular darf nur knapp zweieinviertel Seiten «Vorbemerkungen» beanspruchen. Dann distanziert sie sich von sich selbst und nennt sich altertümelnd «Jüngling», dann einfach «er» oder «der Student». Hier kokettiert einer doch etwas irritierend mit dem Prinzip Selbstdistanzierung. (Beständig fragt sich der Leser: Warum nur? So allenthüllend sind diese Memoiren denn nun auch nicht, dass ein etwas mutigeres Ich sie nicht ertrüge.) Am Ende der Erinnerungen tritt der Berner Jüngling von einst in den evangelisch-reformierten Kirchendienst ein, als «Diener am göttlichen Wort», auch wenn er gerade noch Josephine Baker im Berner Kursaal gehört hat. Aber der reformierte Protestantismus gestattet ja dergleichen…
Wenig in diesem Band verrät den späteren Lyriker, einen der bedeutendsten der schweizerischen Gegenwartsliteratur. Eindrücklich Kurt Martis, des «Studenten», Schilderung von Karl Barth: «Seine häufig weit ausholenden, weit dahinschwingenden, einen Sachverhalt einkreisenden Sätze, nicht immer leicht lesbar, offenbarten im mündlichen Vortrag erst recht ihre Musikalität und gleichsam barocke Sinnlichkeit. Dass seine hellblauen Augen oft kurz vom Typoskriptblatt aufsahen und über die vorgerutschte Brille hinweg Blickkontakt mit der Hörerschaft herstellten, verriet zudem, wie dialogisch sein magistraler Diskurs angelegt war.» Stellen wie diese erinnern beispielsweise an Nicolaus Sombarts insgesamt freilich ambitionierteren studentischen Reminiszenzen an Heidelberg (Rendezvous mit dem Weltgeist. 1945–1951). Auch die Art, wie Marti subtil Stimmungsbilder aus dem Bern der Zwischenkriegsjahre zeichnet, die Anfälligkeit bestimmter Eidgenossen für faschistisches Gedankenungut andeutet, die dann aber rechtzeitig umschlug in Widerstand, alles das lohnt die Lektüre dieses sonst eher unauffälligen Bandes. Leicht wird er es nicht haben, sich in der Flut der Memoirenliteratur zu behaupten, schwerer zumindest als Martis Gedichtbände.
vorgestellt von Rüdiger Görner, London
Kurt Marti: «Ein Topf voll Zeit 1928–1948». Zürich/München: Nagel & Kimche, 2008