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Multiresistente Keime sind ein grosses Problem im Gesundheitswesen – ein Problem, das sich massiv verschärfen könnte, wenn keine Massnahmen dagegen ergriffen werden. Schon jetzt sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation WHO jedes Jahr 700'000 Menschen weltweit an Infektionen, die von antibiotikaresistenten Bakterien verursacht werden. Bis 2050 könnte diese Zahl ohne Gegenmassnahmen auf 10 Millionen explodieren.
Antibiotikaresistente Keime würde man wohl zuerst in einem Krankenhaus erwarten. Doch es gibt eine Quelle für diese Erreger, die in vielen Haushalten zum Alltag gehört: Hundefutter. Dies zeigt eine Studie, die kürzlich in Portugal an der Fakultät für Pharmazie der Universität Porto durchgeführt wurde und im «International Journal of Food Microbiology» erschienen ist.
Die fünf Wissenschaftlerinnen untersuchten von September 2019 bis Januar 2020 insgesamt 55 Proben von verarbeitetem und unverarbeitetem Hundefutter. Diese Proben – von 25 internationalen, meist weltweit vertriebenen Marken – stammten aus acht Supermärkten und einer Tierklinik und umfassten verschiedene Formen wie Nassfutter, Trockenfutter, tiefgefrorenes Rohfleisch und Leckerlis.
Es gelang den Forscherinnen, nicht weniger als 163 Enterokokken-Arten in 30 Proben des Hundefutters nachzuweisen. Zwei davon – E. faecium und E. faecalis – spielen eine Rolle in der menschlichen Verdauung und auch in der Verdauung der Hunde. Diese Bakterien gehören zur normalen Darmflora, können aber schwere Infektionen verursachen, wenn sie ausserhalb des Darmbereichs auftreten. Vor allem aber sind sie gegen eine Reihe von Antibiotika resistent, die oft zur Behandlung von Infektionen verschrieben werden, darunter Ampicillin (E. faecium) oder Erythromycin (E. faecalis).
Insgesamt wiesen 31 Prozent der Enterokokken Multiresistenzen gegen die für die Behandlung von Menschen wichtigen Antibiotika auf; das heisst, sie waren resistent gegen mehr als drei Antibiotika aus verschiedenen Familien. 9 Prozent des Nassfutters und 53 Prozent des Trockenfutters waren davon betroffen. Die meisten multiresistenten Keime fanden sich jedoch in rohem Fleisch: Sämtliche 14 Proben von Rohfutterprodukten – zur Hauptsache Lachs, Huhn, Kalb, Hirsch, Truthahn oder Ente, jeweils mit Obst und Gemüse gemischt – enthielten solche Bakterien.
Noch schwerwiegender: Sieben der Proben, vornehmlich aus Rohfutterprodukten, wiesen sogar Erreger auf, die gegen Linezolid resistent sind. Dies ist ein sogenanntes Reserveantibiotikum, sozusagen eine pharmazeutische Eingreiftruppe: Linezolid kommt als letztes Mittel gegen Enterokokken zum Einsatz, wenn alle anderen Antibiotika versagen.
Das Forschungsteam kommt daher zum Schluss, dass Hundefutter – insbesondere rohes Fleisch – eine unterschätzte Quelle für antibiotikaresistente Bakterien ist. Wenn diese Bakterienstämme vom Hund auf den Menschen übertragen werden, bestehe eine Gefahr für die Gesundheit. Luísa Peixe, Leiterin des Forschungsteams, wird in einer Mitteilung der Universität wie folgt zitiert:
Die starke Belastung der Rohfutterprodukte durch multiresistente Keime ist umso bedenklicher, als die Fütterung mit rohem Futter in letzter Zeit bei Hundebesitzern im Trend liegt. Das sogenannte Barfen – das Kurzwort steht für die Fütterung mit «biologisch artgerechtem rohem Futter» – soll gewährleisten, dass Hunde so natürlich wie möglich ernährt werden. Dieser Futtermix besteht in der Regel aus Portionen aus rohem Fleisch, Schlachtnebenprodukten, Knochen und Zutaten wie Gemüse und Obst.
Doch der Trend zum Barfen könnte «die Ausbreitung von resistenten Bakterien begünstigen», wie die Wissenschaftlerinnen warnen. Sie schlagen den Behörden vor, das Futter nicht nur wie derzeit üblich auf bakterielle Krankheitserreger – etwa Salmonellen – zu untersuchen, sondern auch auf antibiotikaresistente Keime.
Den Hundebesitzern empfehlen die Studienautorinnen, auf eine gute Hygiene zu achten. Dies gelte besonders für jene, die rohes Fleisch verfüttern. Nach dem Füttern und auch nach dem Einsammeln von Hundekot sollte man sich die Hände gründlich waschen, um das Risiko einer Ansteckung zu minimieren. Roh gefrorenes Futter sei nach dem Auftauen sofort zu verfüttern oder zu kochen, damit antibiotikaresistente Bakterien und andere Keime abgetötet werden.
Die Befunde der portugiesischen Studie decken sich mit den Ergebnissen einer Studie, die 2019 an der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich durchgeführt wurde. Dort wurde jedoch ausschliesslich Rohfutter – für Hunde, aber auch für Katzen – untersucht. Die Forscher analysierten 51 Proben von verschiedenen Anbietern in der Schweiz auf die Gesamtkeimzahl, auf normale und antibiotikaresistente Enterobakterien sowie auf Salmonellen.
Bei nahezu drei Viertel der Proben (73 Prozent) war der Richtwert für Enterobakterien überschritten. In 61 Prozent der Proben fanden sich ESBL-bildende Bakterien – ESBL ist ein Enzym, das gewisse Antibiotika wirkungslos macht. Daneben wurden auch Salmonellen (in zwei Proben) gefunden. Ebenfalls zweimal fanden die Forscher den Erreger E. coli, der ein Colistin-Resistenzgen aufwies. Dieses Gen ist verantwortlich für einen übertragbaren Resistenzmechanismus gegen das Reserveantibiotikum Colistin.
Besonders die Häufigkeit der ESBL-bildenden Bakterien beunruhigte die Forscher. «Uns hat aufgeschreckt, dass diese Keime bei Hunden und Katzen so häufig nachgewiesen werden können», sagte Roger Stephan, Professor am Institut für Lebensmittelsicherheit der Vetsuisse-Fakultät, in einer Pressemitteilung. «Als einen möglichen Übertragungsweg vermuteten wir die Verfütterung von rohem Fleisch.»
Auch die Autoren der Zürcher Studie empfehlen daher Hunde- und Katzenbesitzern, die auf das Barfen setzen, «vorsichtig mit dem Futter umzugehen und strikte Hygiene bei der Fütterung einzuhalten». Tierhalter sollten sich bewusst sein, dass ihr Liebling möglicherweise multiresistente Keime in sich trage – und diese auch verbreiten könne. (dhr)