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→ DER NACHLASS
Hanna Orzechowska
(1923 – 2008)
Warschau, Polen
DER NACHLASS
Das Archiv von Hanna Orzechowska befindet sich in der Nähe der Altstadt von Warschau, in der Wohnung, in der die Künstlerin seit Anfang der 1960er Jahre mit ihrer Familie lebte (ihrem Ehemann, dem Bühnenbildner Wojciech Sieciński, und ihrer Tochter Agata).
Orzechowskas Atelier befand sich ursprünglich im Warschauer Stadtteil Wola, wurde aber bei einem Brandanschlag niedergebrannt, der viele ihrer Werke zerstörte. Diejenigen, die gerettet werden konnten, wurden in die Privatwohnung der Künstlerin gebracht. Dank der Bemühungen von Orzechowskas Tochter konnte die Wohnung in ihrer ursprünglichen Form erhalten werden, so wie sie zu Lebzeiten ihrer Eltern genutzt wurde. Dadurch haben wir nun die Möglichkeit, die von der Künstlerin hinterlassenen Materialien und ihre Werke in fast komplett zu inventarisieren und zu studieren. Das Archiv enthält Gemälde, Collagen, Textilien, Fotografien, Texte und andere Dokumente von Orzechowska. Für eine Institution, die sich in erster Linie der Aufarbeitung der Geschichte vergessener, unentdeckter oder unterschätzter Künstlerinnen widmet, ist dieses Forschungsmaterial von besonderer Bedeutung. Innerhalb der Kunstgeschichte wurden die Biografie und das Werk von Hanna Orzechowska im Wesentlichen auf eine Fussnote in der Biografie des berühmteren Künstlers, Władysław Strzemiński, reduziert. Orzechowska war eine Schülerin von Strzemiński, die von ihm als eine der talentiertesten angesehen wurde. Ihre Beziehung gab Anlass zu Gerüchten über eine Affäre, die jedoch weder in den Dokumenten noch in Orzechowskas eigenen Berichten bestätigt werden. Dies könnte jedoch ein wichtiger Grund dafür sein, dass Orzechowskas Werk trotz dessen Originalität und Qualität bisher nie systematisch untersucht wurde. Zu ihren Lebzeiten hatte Orzechowska nur drei Ausstellungen, und ihre Werke wurden nie in Buch- oder Katalogform gesammelt.
Die Erarbeitung ihres Archivs zielt darauf ab, die Präsenz von Hanna Orzechowska in der polnischen und europäischen Kunst wiederherzustellen.
DIE KÜNSTLERIN
Hanna Orzechowska wurde am 1. Januar 1923 in Warschau geboren. Im Jahr 1946 begann sie ihr Studium an der heutigen Akademie der Schönen Künste in Łódź, an der Fakultät für Innenarchitektur, Fachbereich Grafik, bei Prof. Władysław Strzemiński, und an der Fakultät für Textildesign. Sie besuchte die kunsthistorischen Vorlesungen von Strzemiński und nahm an seinen zahlreichen Freiluft-Kursen in Nowa Wieś und Nowa Ruda teil, zusammen mit Stanisław Fijałkowski, Danuta Kulanka, Stefan Krygier, Bolesław Utkin, Judyta Sobel und anderen. Mit Strzemiński verband sie eine tiefe Freundschaft bis zu seinem Tod im Jahr 1952, woraufhin Orzechowska seine Tochter Nika Strzemińska wiederholt unterstützte.
1951 erwarb Orzechowska ein Diplom in Druckgrafik, 1952 ei in Textildruck. Von 1952 bis 1955 setzte sie ihr Studium an der Akademie der Schönen Künste in Warschau, an der Fakultät für Malerei, im Atelier von Prof. Eugeniusz Eibisch fort.
Von 1955 bis 1957 arbeitete sie als Designerin für Textildruck am Institut für Industriedesign in Warschau. 1957 nahm sie eine Stelle im Atelier für Textildruck für Bekleidung an der Akademie der Bildenden Künste in Łódź unter der Leitung von Prof. Teresa Tyszkiewicz an. Sie beschäftigte sich mit Vorentwürfen, dem Entwurf von Bekleidungsstoffen und dem Entwurf von Textildrucken (1957-1959). Ab 1963 unterrichtete sie selbständig Klassen für das Design von bedruckten Bekleidungs- und Dekorationsstoffen und gründete ein Atelier für einzelgefertigte Stoffe - das erste seiner Art. Seit 1957 war sie Dozentin an der Akademie der Schönen Künste in Łódź, seit 1973 Professorin.
Sie schuf Gemälde und Collagen und experimentierte mit Maltechniken. In ihren Werken kombinierte sie druckgrafische, textile, fotografische und skulpturale Elemente, bedruckte Stoffe (Filmdrucke wurden für sie von der Experimentellen Werkstatt der Kunstakademie realisiert), Grafiken und Illustrationen (in den 1950er Jahren arbeitete sie u. a. für die Zeitschrift Nowa Kultura). Sie gehörte dem Klub der jungen Künstler und Wissenschaftler in Warschau an. 1947 nahm sie zusammen mit Władysław Strzemiński, Stefan Wegner, Lech Kunka, Teresa Tyszkiewicz und anderen an der Nationalen Ausstellung der Avantgarde-Maler teil.
1979 wurde sie durch einen Einbruch und einen Brandanschlag auf ihr Warschauer Atelier um einen Grossteil ihres künstlerischen Schaffens gebracht. Nach diesem tragischen Ereignis erlitt Orzechowska einen Nervenzusammenbruch, von dem sie sich jedoch erholte. Ihr sich verschlechternder Gesundheitszustand machte es ihr jedoch unmöglich, ihre kreative Arbeit fortzusetzen.
In der ersten Periode ihres Schaffens (1955-1958) wurde Orzechowska von ihrem Professor Władysław Strzemiński und dessen Konzept des Unismus beeinflusst, doch war dies, wie sie sagte, eine polemische Inspiration. Ab 1960 begann die Künstlerin mit Collagen zu experimentieren und entwickelte ihre eigene, einzigartige kreative Sprache.
Hanna Orzechowska starb 2008 in Paris.