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Wahrscheinlich kennen Sie Karl Marx, Politphilosoph aus dem 19. Jahrhundert. Doch kennen Sie auch seine Kinder? Wohl kaum. Mir ist noch verschwommen im Kopf, dass er uneheliche Kinder hatte. Auch Winston Churchill, englischer Staatsmann während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dürfte Ihnen bekannt sein. Doch kennen Sie seine Kinder? Oder nehmen wir Charles Haddon Spurgeon, den bekannten Erweckungsprediger aus London. Von ihm weiss ich, dass er zwei Söhne hatte und dass zumindest einer Prediger wurde. Doch das ist auch schon alles, was ich weiss.
In dieser Predigt geht es um einen Mann aus der „Generation danach“, einer vergessenen Generation. In meiner Bibellese bin ich bei ihm hängen geblieben. Er war Sohn und Enkel von berühmten Helden. Er hiess Rehabeam und lebte eine Generation nach der herrlichen Zeit unter David und Salomo. Seine Regierungszeit war nur wenige Jahre vom Höhepunkt der Nationalgeschichte Israels entfernt.
Wenn ich hätte auswählen können, ich hätte lieber die Zeit Davids oder Salomos erlebt. Wie gerne wäre ich beim grossartigen Sieg Davids gegen Goliath (1. Samuel 17) dabei gewesen. Oder bei der berührenden Situation, wo David dem gelähmten Nachfahren Sauls, Mefiboschet, Gnade gewährte (2. Samuel 9). Auch bei Salomo hätte ich gerne ein Ticket für die Einweihungsfeier des Tempels mit dem feierlichen Gebet gelöst (1. Könige 8). Es wäre ein Vorrecht gewesen, Zuhörer den Ausführungen Salomos beim Besuch der Königin von Saba zu lauschen (1. Könige 10). Doch wen interessiert Rehabeam? Kein grossartiger Bericht, nur Spaltung, Rückzug und Kleinglaube. Rehabeam verkörpert den berühmt-berüchtigten Abstieg der dritten Generation.
Die meisten Beiträge zu Rehabeam beschränken sich auf die Geschichte der Teilung Israels (2. Chronik 10). Ich „zoome“ etwas weiter und nehme den gesamten Bericht (2. Chronik 10-12) ins Blickfeld. Dies tue ich in drei Schritten: Zuerst werfe ich einen Blick auf den Bericht, wie er im Buch der Chronik eingebettet ist. Welche Ereignisse werden erwähnt? Was fällt auf? Dann stelle ich ein Kontrastbild zu Christus, dem wahren Sohn Davids, her. In welchen Punkten hebt er sich vom Leben Rehabeams ab? Drittens leite ich einige Lektionen für unser Leben ab.
Untreue im eigenen Umfeld entbindet von der Treue nicht
Uns sind in der Bibel zwei Berichte über Rehabeam hinterlassen. Der eine findet sich im ersten Buch der Könige in den Kapitel 12 und 14, der andere im zweiten Buch der Chronik (Kapitel 10-12). Das lässt fragen: Welche Perspektive nimmt das Buch der Chronik ein? Stanley Ellisen hat dies in seinem Buch „Von Adam bis Maleachi“ prägnant zusammengefasst.
- Die Chronik ist aus priesterlicher Perspektive geschrieben. Der Tempel hat Vorrang vor dem Thron. Der Verfasser berichtet beispielsweise, dass Priester und Leviten vom Nord- ins Südreich emigrierten, 2Chr 11,13-17.
- Die Chronik verfolgt vor allem die Geschichte Judas und die davidische Königslinie. Jerobeam, der zeitgleich im Nordreich regierte, wird nur im Zusammenhang mit dem Südreich erwähnt.
- Die Chronik nimmt vor allem eine religiöse Sicht ein und richtet darum den Blick mehr auf Reformen anstatt auf den Abfall. So bemerkt der Chronikschreiber, dass sich in Juda „noch Gutes“ fand (2Chr 12,12).
- Die Chronik beschreibt eher die Gleichgültigkeit als den Götzendienst. Während der Schlussbericht zu Rehabeams Leben mit einer Bemerkung zum Götzendienst unter Rehabeam verstärkt wird (1Kön 14,22-24), wird dies in der Chronik weggelassen.
Werfen wir jetzt sieben Schlaglichter auf den Bericht:
Die lange Vorgeschichte der Teilung Israels (2Chr 10,19). Die Teilung wurde schon weit vor dem Antritt Rehabeams vorbereitet. Bereits zur Zeit der Richter beanspruchte der Stamm Ephraim vehement seinen Führungsanspruch (Richter 8+11). David regierte sieben Jahre in Hebron (2Sam 5,5). Der Aufstand Schebas gegen Ende der Regierungszeit Davids verrät ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Stamm Juda. Der aufständische Führer Scheba rief: „Wir haben kein Teil an David noch Erbe am Sohn Isais.“ (2Sam 20,2)
Schlecht beraten (2Chr 10,8+13). Rehabeam zeigte vorerst eine gefasste Reaktion. Auf die Bitte des Volkes zog er sich drei Tage zur Beratung zurück. Vielleicht wusste er noch aus der Zeit seines Vaters, dass man in einer solchen Situation eine Ratsversammlung einzuberufen hatte. Die Art und Weise der Beratung verrät jedoch eine fahrlässige Einstellung. Rehabeam machte einen verwöhnten und lebensfernen Eindruck. Der Kommentator Matthew Henry merkt an, dass es für sanfte Worte braucht es eigentlich wenig brauchte ausser Selbstbeherrschung. Diese hat Rehabeam gefehlt. Ich fragte mich: Weshalb versäumte es Rehabeam, Gottes Rat einzuholen? Dieses Versäumnis wiegt umso stärker, als die kommende Teilung und die Herrschaft Jerobeams angekündigt waren (siehe 1Kön 11,28-40).
Die Sache ging von Gott aus (2Chr 10,15 + 11,4). Die Teilung Israels ist ein eindrückliches Beispiel, wie Gott seinen Plan auch mittels sündiger Taten der Menschen verwirklicht. Zweimal wird ausdrücklich erwähnt, dass die Sache von Gott aus geschehen war. Gott erfüllte seinen Ratschluss, indem er Menschen ihrer eigenen Torheit überliess. Die Vorsehung Gottes hob jedoch keineswegs die Verantwortung des Menschen auf!
Rehabeams Unsicherheit und Orientierungslosigkeit (2Chr 10,18 + 11,1-3). Rehabeam reagiert hektisch und unüberlegt. Sein Handeln zeugt von grosser Orientierungslosigkeit. Er schickte dem Volk den Fronaufseher nach, also den Mann, der den Zorn gleich zum Kochen brachte. Zurückgekehrt an seinen Regierungssitz, berief er das Heer ein. Auch hier hören wir nichts davon, dass er Gott um Rat und Hilfe angefragt hätte. Was für ein Unterschied zu den Zeiten seines Vaters und Grossvaters. David schrieb eine Reihe von Psalmen, in denen er Ringen, Angst und Unsicherheit angesichts einer feindlichen Übermacht darlegte. Auch Vater Salomo verfasste einen einmaligen Schatz an weisen Sprüchen zur umsichtigen Regierung. Bei seinem Sohn blieb anscheinend nur noch etwas aus dieser Zeit zurück: Das Feldherrengehabe. Inhaltlich
Rehabeams doppelte Demütigung (2Chr 11,4 + 12,6). Über allem Negativen droht das Gute vergessen zu gehen. Immerhin war Rehabeam zweimal bereit zum Einlenken. Einmal war er bereit, das bereits versammelte Heer wieder nach Hause zu schicken, nachdem ihn ein Prophet dazu aufgefordert hatte. Manche Regenten kehrten auch an diesem Punkt nicht um. Als später der ägyptische König ins Land einfiel, war Rehabeam erneut bereit sich zu demütigen. Lieber spät als nie!
Wenige gottesfürchtige Leute stabilisieren das Südreich (2Chr 11,13-17). Die Schilderung vom Zustrom von Priestern und Leviten sowie Gottesfürchtigen aus allen Stämmen erstaunt. Ich weiss nicht, wie viele Personen das gewesen sind. Man kann von einigen Hundertschaften ausgehen. Erstaunlicherweise stärkten diese Personen das gesamte Südreich für mehrere Jahre! Der Einfluss der Gottesfurcht darf nicht unterschätzt werden!
Fortsetzung der Familienpolitik (2Chr 11,18-23). Rehabeam wurde ein Jahr vor Regierungsantritt Salomos geboren. Er erlebte also die komplette Herrschaft Salomos mit. Höchstwahrscheinlich wuchs er in der Nähe seiner Mutter, einer Ammoniterin, auf. Das lässt den Schluss zu, dass er in einem Umfeld der Religionsvermischung gross wurde. Das Handeln Rehabeams legt zutage, dass er in Angelegenheiten der Familienpolitik einiges von David und Salomo mitbekommen haben musst. Er „handelte geschickt“ (2Chr 11,23; das hebr. Wort meint ein kluges, umsichtiges Handeln), indem er seine eigenen Söhne innerhalb des Landes verteilte und sie mit Besitz und Unterhalt versorgte. Andererseits verraten seine Heiraten eine Fortführung der Familienpolitik des Vaters. Einmal mehr geht es nicht ohne Bevorzugung. Rehabeam heiratete sich in die Linie Absaloms ein. Wahrscheinlich war Maacha eine Enkelin. Sie wird Rehabeams Lieblingsfrau. Von einem Nachfolger Rehabeams, Amasa, hiess es später: „Dazu setzte er auch seine Mutter Maacha ab, dass sie nicht mehr Herrin war, weil sie ein Gräuelbild der Aschera gemacht hatte. Und Asa zerschlug ihr Gräuelbild und verbrannte es am Bach Kidron.“ 1Kön 15,13). Diese Bemerkung lässt deutlich werden, dass diese Frau einen negativen Einfluss auf die Königsfamilie ausübte.
Der Bericht über die Plünderung der Schätze durch Pharao Necho fasst die Geschichte Rehabeams gut zusammen. Sein Vater baute Paläste, Gärten, Vorratsstädte und Stallungen. Er importierte Luxusgüter und vermehrte das Gold. Seinem Sohn fehlte nicht nur das Gold, es fehlte ihm vor allem das gesamte inhaltliche Erbe. Es scheint kaum etwas vom Vertrauen des Grossvaters und von der Weisheit des Vaters übrig geblieben sein. Entband das Rehabeam von seiner Verantwortung? Keinesfalls. Auch wenn sein Vater sich in alten Tagen auf den Götzendienst einliess, seine Mutter nichts anderes kannte, die Ratgeber ihn auf eine falsche Fährte führte und sein Konkurrent im Nordreich sich durch eine neue Art des Götzendienstes hervortat, gilt: Die Untreue des Umfelds hob den Anspruch an die Treue des Thronfolgers Rehabeam nicht auf.
Die Treue des wahren Thronfolgers Davids
Warum ist Rehabeam in Gottes Geschichte aufgenommen worden? Es geht in der Bibel nicht um ihn, sondern um den wahren Nachkommen Davids, der eines Tages kommen würde. Das ganze AT ist auf diesen Brennpunkt hin angelegt. Jede Seite der Bibel lässt die Erscheinung dieses Nachfolgers dringender werden. Gerade die Untreue der Könige Israels und Judas verstärken den Ruf nach dem treuen Nachkommen. Das schnelle Versagen des Volkes gegenüber den Bundesbestimmungen Gottes bestätigte: Auch das auserwählte Volk würde es nicht aus eigener Kraft schaffen!
Wenn wir gleich zu den Lektionen für unser Leben weitergehen würden, würde etwas Wichtiges „vom Wagen fallen“. Weshalb? Die AT-Figuren sind nicht nur Helden oder Versager, die wir feiern oder verurteilen sollen. Das Leben Rehabeams dürfen wir nicht einfach mit „Sieben Merkmale eines schwachen Führers“ abtun. Die Bibel ist nämlich keine Morallehre zur Verbesserung unserer Fähigkeiten und zur Optimierung unseres Erfolgs. Die Geschichte Rehabeams lenkt uns auf ein Kontrastbild hin. Die Untreue des Verantwortungsträgers zeigt uns die Treue des einzigen geliebten Sohnes auf. Wenn nicht der Sohn Davids gekommen wäre, wären wir verloren gewesen.
Ich sehe drei Vergleichspunkte:
- Der Mensch trennt, Jesus einigt. Jesus führt zusammen, was die Menschen auseinander gebracht haben. Menschen zusammen zu bringen, das wissen wir aus Erfahrung, ist viel komplizierter und aufwendiger als das Trennen. Von Jesus wird gesagt, dass er die zerstreuten Kinder Gottes zusammenführte (Joh 11,52). Zu seinem Vater betete er: „Heiliger Vater, erhalte sie in deinem Namen, den du mir gegeben hast, dass sie eins seien wie wir.“ (Joh 17,11)
- Der Mensch vernebelt, Jesus schafft Klarheit. Bei Rehabeam ist scheinbar nur noch die Form übrig geblieben, der Inhalt fehlte. Er machte den Eindruck des bürokratischen Managers, dessen Kompetenz im Wissen über Prozesse besteht. Jesus schafft Klarheit dort, wo die Menschen sein Gebot vernebelt haben. In der Bergpredigt ging er beispielsweise daran, die Überlieferung der Menschen klarzustellen mit der klaren Ansage: „Ihr habt gehört – ich aber sage euch…“ Was war das Resultat? Die Menschen erkannten, dass er mit Vollmacht lehrte, nicht wie die Schriftgelehrten (Mt 7,29).
- Der Mensch entscheidet eigenwillig, Jesus erfüllt Gottes Wille. Rehabeam liess sich erst dann bremsen, als die Not es nicht mehr anders zuliess. Ansonsten traf er eigenmächtige Entscheide. Jesus vollbrachte das Werk seines Vaters, indem er seinen Willen vollständig ausführt. Er sagte: „Meine Speise ist die, daß ich den Willen dessen tue, der mich gesandt hat, und sein Werk vollbringe.“ (Joh 4,34)
Bleibe treu bei dem, was dir anvertraut ist
Durch die Kraft des Heiligen Geistes sind die Erlösten befähigt, zur Ehre Gottes zu leben. Lassen wir uns anhand von Rehabeams Leben zeigen, wies dies noch besser geschehen kann. Mir ist stets die Formulierung von 1. Mose 17,1 vor Augen. Gott sprach zu Abraham: „Lebe von meinem Angesicht, und sei vollkommen.“ Elia formulierte es ähnlich, als er vor Ahab auftrat. Er war vom Bewusstsein durchdrungen, dass er vor Gott stand (1Kön 17,1). Ebenso verbringen wir unser Leben vor dem Einen Zuschauer. Deshalb formuliere ich mögliche Lernpunkte in Form von fünf Fragen:
- Wo suche ich in Schlüsselmomenten des Lebens Rat? Auf wen höre ich? Eine Hilfe dazu ist das Zurückblicken an bisherige entscheidende Augenblicke. Wie oft versäumen wir es, in entscheidenden Momenten vor Gott um das Anliegen zu ringen.
- Rehabeam ging immer wieder über sich hinaus. Das könnte ein Wink an einige von uns sein. Schätze ich meine Kräfte richtig ein?
- Damit in Zusammenhang steht die Warnung aus Rehabeams Leben: Reagiere ich stets auf den „letzten Zwick“, wenn es nicht mehr anders geht?
- Rehabeam führte die Familienpolitik des Grossvaters und Vaters weiter. Das lässt die Frage entstehen: Welche Familiensünden gebe ich an die nächste Generation weiter? Vielleicht ist das Gebet angezeigt: Herr, zeige mir solche „Wege der Mühsal“ auf!
- Vielleicht gehörst du zu denjenigen, die schon einige schmerzliche Niederlagen erlitten haben. Was zerbrochen worden ist, kann zwar vor Gott in Ordnung gebracht werden. Doch die schmerzlichen Folgen bleiben. Es stellt sich die Frage: Kann ich sie wie Rehabeam akzeptieren? Zum Glück dürfen wir dabei auf den Treuegaranten blicken und müssen nicht bei uns stehen bleiben!
Fazit
Wir leben nicht im Rampenlicht, noch weniger als Rehabeam. Wir sehen uns nach Erweckung und nach gottesfürchtigen Führern, die uns vorausgehen. Das gibt uns jedoch keinen Grund, uns mit Untreue abzufinden. Gerade in einem solchen Umfeld ist Treue gefragt. Zum Glück hebt darüber hinaus unsere Untreue seine Treue nicht auf. Darum ergeht im Hinblick auf den wahren Nachkommen Davids die Ermutigung: Halte treu an dem fest, was dir anvertraut ist.
Idee zur Vertiefung
Stelle den Bericht Rehabeams der Weisheit seines Vaters Salomo in den Sprüchen gegenüber.