Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03445.jsonl.gz/1075

| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

18. Vortrag.
9.
"Denn der Vater liebt den Sohn, und zeigt ihm alles, was er tut"1 . Siehe da: "Er zeigt". Wem zeigt er? Selbstverständlich dem, der sieht. Wir kommen auf das zurück, was wir nicht erklären können, wie nämlich das Wort sieht. Siehe, der Mensch ist durch das Wort gemacht worden; aber der Mensch hat Augen, hat Ohren, Hände, verschiedene Glieder im Leibe; durch die Augen kann er sehen, durch die Ohren kann er hören, durch die Hände kann er arbeiten, verschiedene Glieder, verschiedene Verrichtungen der Glieder. Es kann nicht das eine Glied, was das andere kann; doch wegen der Einheit des Leibes sieht das Auge für sich und für das Ohr, und das Ohr hört für sich und für das Auge. Darf man etwa meinen, so etwas finde beim Worte statt, weil alles durch dasselbe wird? Die Schrift sagt im Psalm: "Verstehet, die ihr ohne Einsicht seid im Volke, und ihr Toren, werdet einmal weise. Der das Ohr gemacht hat, soll der nicht hören, oder der das Auge gebildet hat, soll der nicht sehen?"2 . Wenn also das Wort das Auge gebildet hat, weil alles durch das Wort wird; wenn das Wort das Ohr gemacht hat, weil alles durch das Wort wird, so können wir nicht sagen: Das Wort hört nicht, das Wort sieht nicht, damit uns nicht der Psalm tadle und sage: "Ihr Toren, werdet einmal weise". Wenn also das Wort hört und das Wort sieht, der Sohn hört und der Sohn sieht, werden wir auch an ihm an verschiedenen Stellen Augen und Ohren suchen? Hört er durch etwas anderes, sieht er durch etwas anderes? Und kann sein Ohr nicht, was sein Auge, und kann sein Auge nicht, was sein Ohr? Oder ist er ganz Gesicht und ganz Gehör? Vielleicht ist es so, vielmehr nicht vielleicht, sondern es ist wirklich so, obwohl freilich sowohl sein Sehen wie sein Hören ganz anders ist als das unsrige. Sehen und Hören zugleich ist im Worte, und nicht etwas anderes ist da das Hören und etwas anderes das Sehen, sondern das Gehör ist das Gesicht und das Gesicht das Gehör.
1: Joh 5,20
2: Ps 93,8 f.