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Helga Aichmaier
Eine Facette der digitalen Revolution und ihrer Forcierung des Phänomens „Bild“ wird mittels Analyse der Entwurfsstrategien von dokumentarischen Bildern fokussiert. Die Grenzen des fotografischen Verfahrens haben sich seit dem digitalen Zeitalter verschoben, wie sich an der Hinwendung der (Bild-)Theorien zu Fragen der Konstruktion und Rezeption von Bedeutung ablesen lässt (Geimer 2002). Das interdisziplinär angelegte Dissertationsprojekt setzt den Spannungsbogen von Theorie bis zur Praxis: in beiden Bereichen ist noch unklar, wie ein Entwerfen von Artefakten die Auffassung von Bedeutung beim Rezipieren beeinflusst, respektive wie ein fotografischer Entwurfsprozess analysierbar gemacht werden kann. Bezüge werden auf bildtheoretische Diskurse genommen (beispielsweise Heintz und Huber 2001; Boehm 2007) sowie auf Theorien zu fotografischer Bedeutung (beispielsweise Bolton 1990; Amelunxen, Iglhaut und Rötzer 1996; Horak 2003). Mit der Analyse formaler Entwurfsstrategien, wie Entscheidungen zum Aufnahmestandort, zur Komposition oder über die Festlegung des Bildausschnitts, kann zu einer einer „Retheoretisierung“ des Fotografischen beigetragen werden und der Diskurs über das Phänomen „Bild“ und dessen Bedeutungsherstellung aus produktionsästhetischer Sicht aus der Entwurfspraxis erweitert werden.
Im Forschungsfokus der theoretischen Grundlagen stehen somit technische Bilder, die nicht nur von den Eigenheiten und Grenzen der technischen Werkzeuge, Handlungen und Mediennutzungen bedingt sind. Ausschlaggebend ist ebenso ihre Einbettung in soziale, historische, kulturelle und politische Ereignisse (Bredekamp und Werner 2004), die für eine Analyse zur Genese wesentlich sind. Generell spielen dokumentarische Bilder bei der Berichterstattung sowie bei der Dokumentation von Prozessen eine zentrale Rolle. Sie werden ebenso zur Beglaubigung wie zur medialen Kommunikation eines Ereignisses erstellt. Bei der dokumentarischen Fotografie von öffentlichen Plätzen ist es oft das Ziel diese als (identitätsstiftende) Teile des öffentlichen Raumes darzustellen und / oder diese als Vorstellung eines zugänglichen Ereignisses zu verankern, die sich von denen an Nicht-Orten (Augé 1994) unterscheiden soll. Der Begriff des „Dokumentarischen“ ist dabei ein problematischer, da er unscharf ist und die Frage aufwirft, ob es ein „authentisches“ Bild geben kann, das „objektiv“ ein Ereignis festhält. Das, was als dokumentarisch angesehen wird, unterliegt stetiger Veränderung. Dieser Umstand lässt sich darauf zurückführen, dass es unterschiedliche dokumentarische Praktiken sowie verschiedene Publikationskontexte gibt (Rosler 1999; Solomon-Godeau 2003; Gierstberg, van den Heuvel, Scholten und Verhoeven 2005; Binder und Vogel 2009) – beim Einsatz der dokumentarischen Fotografien in das jeweilige Publikationsmedium liessen sich erneute Möglichkeiten zu einem Weiterentwerfen des dokumentarischen Bildes finden. Mit einem historischen Blick fällt auf, dass bereits der frühe Dokumentarfilm wie auch die -fotografie sich nicht eindeutig taxonomisch zuordnen lassen, sondern, dass diese bereits häufig mit dem Fiktionalem kollidieren indem Inszeniertheit und Sachlichkeit ineinander fallen (Weski 2003). Der Begriff des „dokumentarisches Bildes“ wird somit in einem Spannungsfeld zwischen Darstellung und Vorstellung verhandelt. Dokumentarische Fotografien werden als Bilder charakterisiert, die, ebenso wie bei zeichnerischen oder malerischen Verfahren, durch einen entwerferischen Prozess hervorgebracht werden. Das Projekt wird dokumentarische Fotografie in diesem breiten Spektrum thematisieren, das man in Angrenzung zu Fertigbildern oder fiktionalen Bildern des öffentlichen Raums verstehen kann. Das Ziel der Dissertation ist es formale dokumentarischen Strategien anhand des öffentlichen Platzes zu identifizieren und zu entwickeln.
Die Forschungsfrage(n) lassen sich folgend zusammenfassen: Welche Möglichkeiten der Bilderzeugung, des Entwurfes, kommen im Genre der dokumentarischen Fotografie von öffentlichen Plätzen zum Einsatz? Durch welche Entwurfsstrategien entstehen diese dokumentarischen Bilder?
Beim methodischen Vorgehen handelt es sich um folgenden Ansatz: Grundlagenorientierte Entwurfsforschung wird ausgehend von der Empirie entwickelt, wobei der explorative Zugang „Research through Art and Design“ (Frayling 1993/1994) mit Methoden der Bildanalyse (beispielsweise Mitchell 1994; Galison 1998; Boehm 2007) kombiniert wird. Durch diese Bereicherung eines Practice-Led-Research-Ansatzes (Rust et al. 2007) wird im folgenden von „Practice Led Iconic Research“ (Renner 2010) gesprochen. Hierbei soll ein eigenständiger Beitrag aus dem Bereich der Visuellen Kommunikation heraus entwickelt werden, der (implizites, anschauliches) Wissen durch den Produktionsprozess von Bildern analysierbar macht. Man könnte diesen Zugang auch als heuristische Methode bezeichnen, da sich die in einem Entwurfsprozess befindende Person durch gezielte Fragenstellungen dem eigenen Tacit Knowing, einer Wissensform im Entwurfsprozess, selbst annähern kann. Grundlegend für das Verständnis dessen ist, dass es sich um ein nicht-proportionales Wissen handelt, von dem man eben mehr wissen kann, als dass man es beschreiben könnte (Polanyi 1966). Diese Forschungsmethode folgt daher grossteils einem poietischen Prozess, der anschliessend anhand des empirischen Materials der entworfenen Bildserien analysiert und theoretisiert wird. Dabei haben die jüngst erschienenen Erkenntnisse der Kognitionswissenschaften gezeigt, dass es zwischen einem emotionalen, unbewussten und einem rationalen, bewussten Denken einen Austausch gibt (Johnson 2007). Das Denken in abstrakten Konzepten könne gar nicht jenseits des menschlichen sensomotorischen Systems betrachtet werden (Renner 2010). Neben einer adäquaten Versprachlichung der Vorgänge oder Einsichten, die während des Entwerfens den Prozess leiten, ist auch die „Dokumentation“ dieser Prozesse ausschlaggebend, damit diese für wissenschaftliche Zwecke ausreichend nachvollziehbar sind.
Research-in-Progress: Eine Vorschau auf Ergebnisse dieses Projektes ist anhand einer ersten Analyse von Bildserien zu öffentlichen Plätzen vorgesehen. Zu den Charakteristika des dokumentarischen Bildes gehören eine unterstellte Zurücknahme von Autorschaft und die Annahme einer Authentizität gegenüber dem dargestellten Ereignis. Strategien, die diesen Rahmen einzuhalten versuchen, orientieren sich beispielsweise an der Wahl des Standorts der dokumentarischen Aufnahme, der zu verwendenden Technologie, der Aufnahmeperspektive und des Aufnahmeausschnitts, der Komposition einer Szene bis hin zu Entscheidungen, die medial motiviert in ein Ereignis eingreifen. Mit spezifischen Entwurfsstrategien wie beispielsweise Verdichtung oder Kontextualisierung wird die Interpretation dokumentarischer Bilder beeinflusst. Aus Sicht der Bildpraxis wird gefragt, wie Dokumentarfotografien Bedeutungen generieren und auf welche Techniken der Bildherstellung und Bildauswahl zurückgegriffen wird, wenn man aus einer Vielzahl von Möglichkeiten, ein bestimmtes Bild als dokumentationswürdig erachtet. Es wird gezeigt, welche Möglichkeiten die Entwurfspraxis bietet, um ein Konzept des Dokumentarischen unter Berücksichtung verschiedener Gestaltungstechniken und wechselnder historischer Deutungen zu erzeugen.