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Ein hellgrauer Himmel liegt über der Farm von Florian Gitu Kwaslema. In hohen Stiefeln und mit schwerer, spitzer Harke auf der Schulter schreitet er durch seine Felder. Grüne Mangos hängen von den Bäumen, in den Sträuchern reifen Tomaten. Ein Hahn scharrt in der trockenen, hellbraunen Erde. Der 44-jährige Kwaslema lebt hier mit seiner Frau und seinen vier Kindern. Die Farm der Familie liegt in Dofa, einem winzigen Dorf im Norden Tansanias, einige Autostunden von Arusha entfernt.
Doch so wie heute sah es hier bis vor einiger Zeit nicht aus. Jahrzehntelang bestellte Kwaslema seine Felder auf konventionelle Art und Weise: Samen, die er Jahr für Jahr von Agrarkonzernen für teures Geld kaufen musste, chemisch-synthetische Pestizide aus grellen Plastikeimern und Kunstdünger, von denen Kwaslema nicht wusste, welche Stoffe sie enthielten. Es schien für ihn damals die einzig richtige Art zu sein, Landwirtschaft zu betreiben.
Rückkehr zu den Ursprüngen
Dies änderte sich als er vor rund drei Jahren zufällig am Radio eine Sendung über Agrarökologie hörte: «Die Programme sprachen von traditionellen Anbaumethoden unserer Vorfahren, von gesunden Böden und nachhaltigen Praktiken. Ich begann, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.» Die Radiosendung stammte von Farm Radio International FRI, einer Partnerorganisation von Biovision. Zusammen mit Fachleuten erstellt FRI Radiosendungen über ökologische Landwirtschaft, welche dann in weiten Teilen des Landes ausgestrahlt werden.
In den letzten drei Jahren hat FRI mehrere lokale Radiostationen professionell begleitet und gecoacht. Über 80 Gruppen von Bäuerinnen und Bauern erhielten ausserdem ein spezielles GPS-Radio mit Aufnahmefunktion, um Sendungen auch im Nachhinein noch hören zu können. Farmer Florian Gitu Kwaslema wurde Mitglied genau einer solchen Gruppe. Woche für Woche trafen sich die Bäuerinnen und Bauern und lauschten gemeinsam den Radiosendungen, diskutierten und testeten das Gehörte aus.
«Toll ist, dass wir auch die Möglichkeit haben, den Radiostationen per SMS oder Sprachnachricht Inputs zu liefern und Fragen zu stellen. Einmal wurde unsere Gruppe sogar interviewt und ein paar Tage später habe ich meine eigene Stimme im Radio gehört», so Kwaslema stolz. Der interaktive Gedanke sei ein zentraler Aspekt, erklärt Martin Schmid, Programmverantwortlicher und Co-Bereichsleiter für Entwicklungsprojekte bei Biovision den Ansatz. «Im Austausch mit den Gruppen können wir zusammen mit FRI herausfinden, welche Fragen die Hörerinnen und Hörer besonders interessieren und was sich diese konkret von den Radioprogrammen wünschen.»
Mit dem Ertrag steigt die Unabhängigkeit
Neben den Radiosendungen unterstützt Biovision in Tansania auch das Magazin «The Organic Farmer», das über Anbaumethoden, Tipps und Tricks für nachhaltige Landwirtschaft berichtet und jeden Monat zehntausende Leserinnen und Leser erreicht. «Das Magazin ist ein Ableger des Farmer Communications Programmes unseres Partners Biovision Africa Trust (BvAT), das in Kenia und Tansania mit Unterstützung von Biovision umgesetzt wird», erklärt Martin Schmid. Magazin und Radio ergänzen sich gegenseitig und die einzelnen Redaktionen stimmen den Inhalt gemeinsam ab, damit Bäuerinnen und Bauern ein möglichst breites Angebot und vertiefte Informationen zu agrarökologischen Praktiken erhalten.
Letztere wendet Bauer Florian Gitu Kwaslema in der Zwischenzeit auf seinem ganzen Land an. Mit beeindruckenden Ergebnissen: «Ich konnte mein Einkommen deutlich steigern. Ich brauche keine teuren Dünger, Pestizide oder Saatgut von grossen Firmen mehr. Stattdessen verwende ich Ressourcen von meinen eigenen Feldern. Ich wähle zum Beispiel nach der Ernte die besten Samen aus, die ich dann im nächsten Jahr als Saatgut verwende. Das gesparte Geld stecke ich in den Bau unseres Hauses.»
Seine vermeintlich ungewöhnlichen Anbaumethoden hätten zu Beginn bei den benachbarten Bäuerinnen und Bauern aber auch bei Freunden für fragende Blicke gesorgt. «Sie wunderten sich, wieso ich plötzlich wieder so arbeiten würde wie unsere Grossväter und etwa aus dem Kuhmist meinen eigenen Dünger herstellte. Als sie dann aber die Ergebnisse sahen und hörten, wie ich im Radio interviewt wurde, kamen sie auf mich zu und fragten mich um Rat für ihre eigenen Felder», so Kwaslema.
Schritt für Schritt würden die Menschen aus der Umgebung nun merken, dass Agrarökologie gegenüber der konventionellen Landwirtschaft zahlreiche Vorteile hat. Kwaslema erzählt: «Meine Tante, meine beiden Geschwister und einige Nachbarn haben in der Zwischenzeit schon auf nachhaltige Anbaumethoden umgestellt und pflanzen zum Beispiel einheimische Samen, die lange Zeit in Vergessenheit geraten waren.»
Zehn Millionen Hörerinnen und Hörer
Dieses Momentum gelte es nun zu nutzen, erklärt auch Martin Schmid von Biovision: «In einer nächsten Projektphase wollen wir die Reichweite der Radiosendungen deutlich ausweiten.» Weitere zehn Radiosender werden die Beiträge von FRI ausstrahlen, um über die Vorteile nachhaltiger Landwirtschaft zu berichten. Geplant ist, in den nächsten drei Jahren rund 200 weitere Sendungen aufzunehmen und die potentielle Reichweite von fünf auf zehn Millionen Hörerinnen und Hörer zu erhöhen. Martin Schmid sagt: «Wir wollen gemeinsam mit Farm Radio International mindestens vier Millionen Menschen für Agrarökologie sensibilisieren und mindestens 1.2 Millionen sollen bis 2027 agrarökologische Praktiken anwenden.» Genau wie Florian Gitu Kwaslema es heute schon tut.
Er und seine Familie blicken mit Zuversicht in die Zukunft: «Schon jetzt können wir gut von unserem Land leben. Aber schon bald werden die neu gepflanzten Bäume erste Früchte tragen, die ich dann verkaufen kann. Damit kann ich zum Beispiel die Schulkosten meiner Kinder bezahlen», erklärt er. Dank der Radiosendungen habe er nicht nur von nachhaltigen Anbaumethoden, von Mischkulturen, biologischem Dünger oder der Bedeutung von bestäubenden Insekten erfahren: «Vor allem aber haben wir gelernt, uns zurückzubesinnen: auf einheimische Sorten und Methoden, die schon unsere Vorfahren nutzten. Keine giftigen, chemischen Pestizide. Ein gesunder Boden, eine gesunde Artenvielfalt. Ich merke, wie diese Dinge wieder eine Rolle spielen, und die Art und Weise, wie wir hier Landwirtschaft betreiben, sich ändert.»