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Wären wir ebenso gefasst wie Luther, überzeugt, dass es nichts Wichtigeres auf der Welt gibt als was wir gerade tun, oder wären wir fassungslos, weil wir nie an die Endlichkeit unseres Lebens gedacht haben, oder würden wir in verzweifelte Aktivität verfallen, um wenigstens an diesem letzten Tag einen kleinen Teil dessen zu erledigen, was wir versäumt haben?
Die Frage bringt verschiedene Reaktionen hervor. Sie verweist uns aber unweigerlich auf das, was wir unbedingt tun wollten in unserem Leben und bisher unterlassen haben, und auf alles, was eigentlich anstehen würde: ein Gespräch, eine versöhnliche Geste, Zeit für ein liebevolles Zusammensein.
Ich habe früher einmal während zwei Jahren jeden Tag am Morgen den Tod hinter mich gestellt und ihn gefragt: Was rätst du mir heute? Was ist das Wichtigste?
Die Antworten (die natürlich aus mir selber kamen) haben mich gelehrt, zu unterscheiden zwischen dem wirklich Wichtigen in meinem Leben und dem, was meiner Alltag-Geschäftigkeit vordringlich schien.
Es reicht, wenn wir uns von Zeit zu Zeit fragen, was wir wirklich anstreben in unserem Leben, was Priorität hat und was wir an unserem letzten Tag bedauern oder auch womit wir zufrieden sein könnten.
Ich füge einen Text bei von Virginia Satir, der amerikanischen Familientherapeutin, den sie kurz vor ihrem Tod geschrieben hat, und der auf all das hinweist, was sie in ihrem Leben bedauert. Ihren grossen Verdienst um Menschen, denen sie geholfen hat, scheinen darin nicht auf. Sie haben für sie selbst das «Zuwenig» in ihrem Leben nicht aufgewogen.
Wenn ich nochmals beginnen könnte,
möchte ich es wagen, mehr Fehler zu machen.
Ich möchte entspannt sein, warm und wilder werden als diesmal.
Ich möchte nur noch wenige Dinge wirklich ernst nehmen.
Ich möchte mutiger sein.
Ich würde mehr Berge besteigen,
mehr Flüsse durchschwimmen
und mehr Sonnenuntergänge geniessen.
Ich würde mehr Eis essen und weniger Bohnen.
Ich würde mich mehr um richtige Probleme kümmern
und weniger um eigebildete.
Verstehst du?
Ich bin eine von denen, die prophylaktisch gelebt hat,
vernünftig und nett, Stunde um Stunde, Tag um Tag.
Doch, doch, ich habe meine guten Augenblicke gehabt.
Aber wenn ich das Ganze nochmals beginnen könnte,
so würde ich dafür sorgen, dass sie viel häufiger wären.
Eigentlich möchte ich probieren, nichts anderes zu haben
als Augenblicke im «Jetzt», einen nach dem andern,
statt so viele Jahre lang immer der Zukunft entgegen zu leben.
Ich war eine von denen, die nirgends hinging ohne Thermometer,
Gurgelwasser und Wärmeflasche, Mantel und Regenschirm.
Wenn ich neu anfangen könnte,
würde ich mit weniger Ballast reisen.
Ich würde früher im Jahr barfuss gehen
und länger im Herbst noch.
Ich würde öfter Karussell fahren
und immer wieder mein Glück versuchen,
mehr Menschen grüssen, mehr Blumen pflücken und viel öfter tanzen.
Ja, wenn ich nochmals anfangen könnte, aber du weisst, das kann ich nicht.
Virginia Satir, amerikanische Schriftstellerin und Psychotherapeutin, schrieb diesen Text im Alter von 84 Jahren, kurz vor ihrem Lebensende.