Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03171.jsonl.gz/2060

Chalet Muri-Gastgeber Claudio Righetti unterhält sich mit «Mr. Ticino» Marco Solari über dessen Leben und sein neues Buch.
Du sagst: «Wenn ich nach Bern komme, komme ich nach Hause…»
Bern ist meine Stadt, die Stadt, wo ich aufgewachsen bin, zuerst im Fischermätteli und dann an der Länggassstrasse, wo ich mit dem Velo der Mutter jede Strasse abfuhr, im Progi am Waisenhausplatz und im Kirchenfeldgymnasium büffelte, die Stadt der ersten Freundschaften und des ersten Kusses (sie war waschechte Bernerin), die Stadt, in welcher ich bereits mit 14 für die Amerikaner die ersten Stadtführungen machte.
Dein neu erschienenes Buch trägt den Titel «Unverzichtbares Tessin». Warum ?
Napoleon und dem Wiener Kongress sei Dank. Der spätere Kaiser der Franzosen gab den Tessinern die Möglichkeit, einen eigenen Kanton zu bilden. Die Grossmächte liessen sich 1815 in Wien überzeugen, dass eine unabhängige Schweiz im Interesse aller lag. Nicht irgendeine Schweiz, sondern eine Schweiz der Gleichgewichte. Ohne die italienische und rätoromanische Schweiz hätte unser Land, darin sind sich Historiker einig, die Zerreissprobe des ersten Weltkrieges mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überlebt.
In deinem Buch umschreibst du Norden und Süden wie Öl und Wasser: Sie könnten sich annähern, aber nicht vermischen. Wo können Norden und Süden am meisten voneinander profitieren?
Es sind zwei verschiedene Welten. Die Mentalitäten, die Denkweisen könnten nicht unterschiedlicher sein. Grob gesagt: Im Süden denkt man in konzentrischen Kreisen und in meistens interpretationsbedürftigen Bildern, in Metaphern. Im Norden syllogistisch und absolut methodisch aufbauend. Im Süden ist man sich und den anderen gegenüber elastischer, im Norden strenger. Aber diese Antworten sind selbstverständlich ungenügend. Über die Unterschiede zwischen Norden und Süden könnte man Bände schreiben und lange Seminare führen. Die intellektuellste Antwort fand ich bei Goethe im Faust II, dritter Akt. Die unmögliche Heirat zwischen dem nordischen Romantiker Faust und der schönsten aller Frauen aus dem griechischen Altertum, aus der Welt des Lichts, die mediterrane Helena.
Fasziniert hat mich deine Aussage beim Talk im Chalet Muri, Napoleon Bonaparte hätte die Schweiz erobert, doch das Tessin befreit. Wie ist das zu verstehen?
Das Tessin war Untertan von zwölf Kantonen der alten Eidgenossenschaft. Das Regime war in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts schlimm und betrieb Kolonialpolitik. Der aufgeklärte Berner Patrizier Karl-Viktor von Bonstetten hat diese Zustände in seinem Schreiben an die Tagsatzung in Baden gegeisselt. Ein Satz von Bonstetten hat mich getroffen. Es sprach vom Verzascatal und schrieb: «In diesen elendiglichen Hütten möchte keine Deutschschweizer Sau leben wollen» … schrecklich. Die Unabhängigkeit bedeutete Freiheit von den Landvögten und ihren vielen ausbeuterischen Machenschaften.
Im Jahr 1991 hat dich der Bundesrat mit der Organisation der 700-Jahr-Feier der Schweiz betraut. Ein epochales und identitätsstiftendes Ereignis für das ganze Land. Anfangs wolltest du den Auftrag nicht annehmen… dem Vernehmen nach musste dich Bundesrat Delamuraz sogar dazu «verdonnern». Hast du dein «Ja» niemals bereut und was ist die wichtigste Erkenntnis, die du für dich mitgenommen hast?
Ich weiss nicht was mich damals zögern liess. Wahrscheinlich die Angst, nicht auf der Höhe der Erwartungen zu sein. Die wichtigste Erkenntnis? Die Schweiz ist ein Juwel, ihre politische Kultur ein Kunstwerk. Ich erkannte in dieser Zeit, was dieses Land wirklich bis heute zusammenhält: Die Sorge, die tausenden von kostbaren Gleichgewichten zu bewahren.
Es gab damals auch den Künstlerboykott. Besonders ergriffen bin ich vom Brief von Max Frisch, der in deinem Buch abgedruckt ist. Frisch beendet ihn mit den Worten: «Was mich mit diesem Staat (die Schweiz) heute noch verbindet: ein Reisepass (den ich nicht mehr brauchen werde)». Was bedeutet für dich persönlich dieser Brief?
Das Testament eines Enttäuschten. Ich lese diesen Brief immer wieder mit grosser Rührung. Frisch liebte die Schweiz und verzweifelte an ihr.
Dank der 700-jahr-Feier kennen wir uns! Ich hatte damals die Dali-Muse Amanda Lear gebeten, ihre Sicht der Schweiz zu malen. Es war mir wichtig, einen Blick von aussen zu zeigen. Was könnten wir besser tun, um die Schweiz in der Welt sicht- und greifbarer zu machen – tun wir genug dafür?
Ich bin überzeugt, dass wir sehr viel tun und dies in allen möglichen Bereichen gesellschaftlich aber auch wirtschaftlich. Befreien wir uns endlich von unseren vielen Selbstzweifeln! Das bedeutet nicht etwa, in Selbstgefälligkeit zu fallen, sondern bereit zu sein, sich auch weiterhin zu engagieren mit Sensibilität im Inland und mit solidarischem Denken international.
Ein weiterer Meilenstein deines Wirkens ist das Locarno Filmfestival: Ein Viertel Jahrhundert hast du als Präsident dieses intensiv begleitet und erfolgreich etabliert. Heute zählt es zu den wenigen, weltweit anerkannten Leuchttürmen seiner Art. Wie würdest du die Bedeutung des Filmfestivals gestern und heute in wenigen Worten beschreiben?
Locarno ist unter sechstausend Filmfestivals in der Welt bestimmt unter den zehn signifikanten Festivals. Aber man darf nie zurücklehnen. Kulturelle Veranstaltungen sind wie Unternehmen. Sie sind wie eine Kugel auf einer schiefen Ebene. Sobald man innehält, rollt sie zurück.
Die Kulturmäzenin Maja Hofmann hat deine Nachfolge als Präsidentin des Locarno Filmfestivals angetreten. Was ist dein Wunsch für sie für die Zukunft des Festivals?
Maja Hoffmann ist ein Beispiel, wie sich eine Person mit viel «feu sacré» und echtem «supplement d’âme» einsetzen kann. Sie ist weltweit vernetzt und anerkannt. Sie hat entschieden, an Locarno zu glauben. Das öffnet dem Festival enorme Perspektiven.
Wir leben heute in einer komplexen Zeit weltbewegender Veränderungen, geprägt von weitgreifenden kulturellen Umbrüchen. Wird die liberale Freiheit des Geistes und Gedankens in Zukunft noch Freiraum haben?
Wenn wir uns bewusst sind, dass diese Werte ebenso kostbar sind wie die Luft, die wir atmen und wir bereit sind, uns dafür einzusetzen und notfalls dafür zu kämpfen – jede und jeder in seinem Umfeld – dann werden auch zukünftige Generationen diese Freiheiten, die für uns so selbstverständlich geworden sind, geniessen können. Der wahre Feind ist die Gleichgültigkeit.
CR: Und zum Schluss: Welche Frage darf ich dir beantworten?
MS: Was erwartest du jeweils von deinen Gesprächspartnern, die du ins Chalet einlädst?
CR: Ich gehe immer ohne Erwartungen in ein Gespräch – wichtig sind für mich Offenheit und Spontaneität, ein erfrischender Gedankenaustausch zwischen Freunden, welcher den Geist beflügelt und die Seele nährt.cr