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Wer gern mal exklusiver und ausgefallener diniert, der greift zu Champagner und Kaviar, Jackfruit und Fiji-Wasser oder Austern mit einem Glas französischen Rotweins. Typisch Frankreich, mögen viele denken, aber noch vor einigen Jahrzehnten hätten wir diese Muscheln in Europa gar nicht vorfinden können.
Denn wenn wir die molluske Delikatesse verzehren, dann handelt es sich dabei um die Pazifische Auster (Crassostrea gigas). Diese stammt, wie der Name schon verrät, ursprünglich aus den nordamerikanischen Pazifikgebieten. In den 1960er Jahren entdeckten auch die Europäer die gewinnbringende Austernzucht für sich. Seit der Verwendung der Pazifischen Austern in den Aquakulturen, die zunächst in den Niederlanden startete, konnte sich die invasive Art entlang der Gezeitenzonen des Atlantiks stark ausbreiten.
Austernzucht
Da Austern organische Substanzen aus dem Wasser filtern und kein zusätzliches Futter benötigen, ist der Arbeitsaufwand der Aquakulturen während der drei bis sechsjährigen Aufzucht gering. Die Austern werden direkt auf dem Boden, in Hänge- oder Pfahlkulturen kultiviert. Die verzehrfertigen Muscheln werden per Hand gepflückt. Um verlässliche Aussagen über die Auswirkungen der Austernzucht auf das Ökosystem zu machen, gibt es keine ausreichenden Daten. Die grösste Gefahr beim Import von Muscheln ist jedoch die Einschleppung weitere invasiver Arten und Parasiten. Dies kann im schlimmsten Fall zum Verlust heimischer Arten oder zu veränderten Räuber-Beute-Beziehungen führen, die die Artenzusammensetzung verändern.
Der Grundstein für eine erfolgreiche Übernahme der Pazifischen Auster im Atlantikgebiet war gelegt. Ihre schnelle Anpassungsfähigkeit an Umweltveränderungen und ihre hohe Toleranz gegenüber Temperaturunterschieden (sie überlebt bei leichten Minusgraden, erträgt aber auch bis zu 30°C) liessen die Pazifikmuschel über die europäische Austernart (Ostrea edulis) triumphieren. Auch die steigenden Temperaturen der Nordsee aufgrund der Erderwärmung verhalfen der Pazifischen Auster bei ihrem Siegeszug. Um sich erfolgreich zu vermehren benötigt die Muschel über einige Woche hinweg Wassertemperaturen von über 18°C. Es dauerte also nicht lange, da hatte der amerikanische Verwandte die heimische Art verdrängt. Letztendlich sorgte die gebietsfremde Muschel durch ihre mitgebrachten blinden Passagiere - ein Handvoll Muschelparasiten - für das Verschwinden der europäischen Bestände. Ostrea edulis galt bis in die 1990er Jahre in der Nordsee als ausgestorben. Seit 30 Jahren ist sie mit kleineren Beständen, die wahrscheinlich aus speziell gezüchteten Aquakulturen stammen, in Frankreich wieder heimisch. Sie gilt aber weiterhin als vom Aussterben bedroht.
Auch mit anderen heimischen Arten konkurrieren die Pazifischen Austern: Haben sie einmal ein Gebiet besiedelt, wachsen sie sehr schnell und formen dichte Bestände. Im UNESCO-Weltnaturerbe Wattenmeer in Norddeutschland zerstörte die sprunghafte Zunahme der Pazifischen Auster die natürliche Beschaffenheit des wertvollen Watten-Ökosystems. Besonders mit der dort heimischen Miesmuschel konkurriert sie um Nahrung und Lebensraum.
"Heute beherrscht die Pazifische Auster im Prinzip das ganze Wattenmeer"
Christian Buschbaum (Meeresökologe am Alfred-Wegener-Institut, Sylt)
Mit umweltschonenden Fischereimethoden wird nun versucht, die invasive Art abzuernten. Wollen also auch Sie Naturschutz und Austerngenuss vereinen, dann greifen sie zu Austern aus zertifizierten Betrieben des UNESCO-Weltnaturerbes. Um ganz allgemein die Ausbeutung der Meere zu stoppen, sind beim Konsum von Speisefisch und Meeresfrüchten generell auf Labels einer nachhaltigen Fischerei zu achten. (Der Anteil von Speisefisch aus Aquakulturen lag 2018 laut UN-Bericht bereits bei 50 Prozent. Doch dies bedeutet nicht zwangsläufig eine ökologische und sozialverträgliche Zucht, es bedeutet erst eine Minderung der Ausbeutung der wilden Fischbestände.)
Mittlerweile gibt es auch Austern mit dem ASC-Label. Die unabhängige Organisation Aquaculture Stewardship Council verleiht Fischzuchtbetrieben ihr Siegel, wenn diese negative Auswirkungen auf die regionale Artenvielfalt vermeiden, auf die Gesundheit der Tiere achten und gute Arbeitsbedingungen für ihre Mitarbeiter gewährleisten. Auch soll die Umweltzerstörung, wie beispielsweise die Verschmutzung der Gewässer mit Chemikalien und Antibiotika oder die Abholzung wertvoller Mangrovenwälder, aufgehalten werden. Das ASC-Label ist - als eine Kompromisslösung verschiedener Interessengruppen - zwar noch nicht über alle Kritik erhaben, aber es setzt die richtigen Impulse für eine verantwortungsvolle Aquakultur und bemüht sich fortlaufend um Verbesserungen. Gerade bei Raubfischen garantiert das ASC-Label eine nachhaltige Futterquelle, die nicht aus Überfischung stammt.
Die Austernzucht findet weltweit statt, wie hier in Vietnam. (Quelle: Thomas Gerlach, Pixabay)
Quellen und weitere Informationen:
WWF: Fischratgeber
Ecologic Institut: Austern
Deutsches Bundesamt für Naturschutz: Belastungen der marinen Aquakulturen
Food and Agriculture Organization of the United Nations: State of the Worlds Fisheries and Aquacultures