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Patrick Pierer | 05.10.2022
Ich erinnere mich noch gut an mein Betriebswirtschaftsstudium an einer sehr renommierten Schweizer Universität im Jahr 2006. Eines der ersten Konzepte, welche wir im Schnelldurchlauf auswendig lernen und dann fast wortgenau an der Prüfung wiedergeben mussten, war «Happy people on a sinking ship». Frei übersetzt: Als Führungspersonen sollten wir dafür sorgen, dass unsere Mitarbeitenden nicht zu glücklich sind, da sie sonst träge und unproduktiv würden.
Skinner und die Ratten
Die Weltanschauung dahinter: Ein Mensch reagiert auf äussere Reize, durch welche er gesteuert wird und konditioniert werden kann. Wir reden vom sogenannten Reiz-Reaktions-Modell, welches auf den russischen Physiologen Pawlow zurückgeht und mit Hilfe dessen der berühmte Psychologe Burrhus Frederic Skinner die Theorie des Behaviorismus entwickelte. Er stellte fest, dass er mit Belohnung (Futter) und Strafe (Elektrischer Schock) das Verhalten von Ratten steuern konnte und schloss daraus, dass auch der Mensch so lernt. Seine Erkenntnisse hatten weitgreifende Folgen und wurden weltweit als Referenzmodell verwendet. Skinner wurde 2002 in der Fachzeitschrift «Review of General Psychology» (herausgegeben durch die American Psychological Association) als der bedeutendste Psychologe des 20. Jahrhunderts bezeichnet.
Segen der Neurobiologie
So erstaunt es nicht, dass dieses Menschenbild 2006 nach wie vor in der akademischen Ausbildung dominierte und bis heute in Führungsetagen weit verbreitet ist. Und gleichzeitig findet langsam, aber immer mehr, ein Umdenken statt. Mitverantwortlich dafür sind die Erkenntnisse der Neurobiologie, umgangssprachlich «Hirnforschung». Sie stellt dieses eben erläuterte konventionelle Verständnis davon, wie die Natur des Menschen funktioniert, ziemlich auf den Kopf. Vereinfacht erklärt schält sie, ausgehend von Experimenten und der Anatomie des Gehirns, ein paar wenige Grundbedürfnisse heraus, welche alle Menschen gemeinsam haben: Sicherheit, Verbundenheit und Autonomie. Dies entspricht im weitesten Sinne auch der Maslow’schen Bedürfnispyramide, wie in der nebenstehenden Abbildung nachvollziehbar wird.
Die Hierarchie der Bedürfnisse
Wichtig dabei zu wissen – und genauer betrachtet logisch – ist es, dass die oben genannten Bedürfnisse einer Hierarchie unterliegen, oder besser gesagt eine klare Prioritätenreihenfolge einnehmen. Wenn ein Mensch um sein Überleben kämpfen muss, so setzt er sämtliche ihm verfügbaren Ressourcen dafür ein. Hier kommt die Skinner’sche Reiz-Reaktion-Regel durchaus zu tragen. Wenn aber sein Überleben gesichert ist, dann fokussiert er sich mehr und mehr auf den sozialen Aspekt seiner Umgebung, auf Beziehungen und die Gemeinschaft. Und wenn er sich in der Gemeinschaft aufgehoben fühlt, dann beginnt der Mensch zu handeln, wird unternehmenslustig und verfolgt Projekte. Dies lässt sich bei Kindern vortrefflich beobachten: Sobald sie sich in einer Gruppe wohl fühlen, beginnen sie zu spielen und die Welt zu erforschen.
Hochbegabt durch Verbindung
Michail Petrowitsch Schetinin war Musiklehrer für Kinder in der Sowjetunion und stellte fest, dass im Gegensatz zum Alltag, nach einer Woche gemeinsam im Wald, fast alle seine Schüler Zeichen von Hochbegabung an den Tag legten und schloss daraus, dass das Gefühl von Verbundenheit die Kinder zu Höchstleistungen beflügelt. Auf dieser Basis gründete er eine Schule, die bis heute unvergleichliche Erfolge hervorbringt.
Die Hierarchie des Gehirns
Diese im menschlichen Verhalten beobachtbare Prioritätenfolge entspricht dem Aufbau unseres Gehirns. So ist unser Stammhirn für das Überleben zuständig. Die sozialen Funktionen sind im limbischen System zu finden, während der Frontallappen für Handlung und Autonomie zuständig ist. Untersuchungen der Gehirnströme zeigen die gleiche, oben beschriebene «Hierarchie». Solange das Stammhirn in hoher Aktivität ist, weisen die anderen beiden Bereiche eine tiefe Aktivität auf. Ist das limbische System überaktiv, so ist der Frontallappen nur schwach versorgt. Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass traumatisierten Menschen Autonomie und die Lösung von Problemen schwerer fällt als anderen.
Wo ist das Bewusstsein?Es bedeutet gleichzeitig aber auch, dass traumafreie Menschen, deren Bedürfnisse nach Sicherheit und Verbundenheit befriedigt sind, handlungsbereit, autonom und produktiv werden. Und ab diesem Moment findet natürliches Lernen und Entwicklung statt. Der vordere Teil des Frontallappens – der präfrontale Kortex – ermöglicht die Reflexion von Erlebnissen, also eine Meta-Perspektive bzw. die Selbstbetrachtung. Eine Fähigkeit, die bisher ausschliesslich dem Menschen zugesprochen wird und zentral für unser Lernen und unsere Entwicklung ist. Es überrascht also nicht, dass hier das Bewusstsein vermutet wird. Hier schafft sich der Mensch Sinn und es entsteht das, was als «intrinsische Motivation» bekannt ist. Maslow nannte diese Ebene der Bedürfnisse «Transzendenz». Diese fügte er in den letzten Jahren seines Lebens seiner Pyramide hinzu, nachdem er über 10 Jahre weltweit Menschen befragt hatte, die seines Erachtens glücklich waren. Leider schaffte es diese Ebene nie in die Schulbücher.
Die Hierarchie ist ein Notprogramm
Die Realität zeigt aber auch, dass hierarchische Strukturen durchaus erfolgreich sein können. Die ganze Wirtschaft und auch das Militär basiert auf diesem Aufbau. Hierarchische Strukturen zeichnen sich durch eine hohe Effizienz aus und machen in gewissen Situationen durchaus Sinn – beispielsweise wenn es um das Überleben einer Gemeinschaft geht. Sie ist – analog dem Stammhirn – das Notprogramm einer Gemeinschaft. Das heisst aber auch, dass sie alle anderen Aspekte neben dem Überleben ausblendet – sprich das Wohl der Menschen, die sozialen Bedürfnisse und auch die Umwelt. Hinzu kommt, dass die Aufrechterhaltung dieses Systems, welches nur über Belohnung und Strafe funktionieren kann, mittelfristig mit enorm viel Aufwand verbunden ist – vor allem in Situationen, in welchen keine unmittelbare Gefahr von aussen droht. Rückschlüsse auf unsere aktuelle globale Situation und die Marktwirtschaft seien dem Leser überlassen.
Das Indianer-Prinzip
Indigene Stämme Nordamerikas pflegten das Ritual des Kriegsbeils. Während sie in Friedenszeiten eine gleichgestellte Kreiskultur pflegten, gruben sie in Kriegszeiten das Kriegsbeil aus und wechselten in eine strenge Hierarchie.
Ein System ist immer so gut, wie es mit der Umwelt zurecht kommt. Heisst für Führungspersonen: Je nach Situation kann eine andere Struktur hilfreich sein. Wichtig ist, den Wechsel wenn möglich für alle bewusst zu vollführen.
Ein neues FührungsverständnisWie würde vor diesem Hintergrund eine geeignete Führungsperson für eine Gemeinschaft und somit ein Unternehmen aussehen? Ihre primäre Funktion wäre die Ermöglichung für alle Mitglieder, diese Grundbedürfnisse zu erfüllen. Neben der Gewährleistung von Sicherheit (Regeln, Strukturen, Prozesse, Verbindlichkeit) geht es in erster Linie um das Schaffen von Verbundenheit. Auf diesem Nährboden und bestenfalls in dieser Reihenfolge, könnten dann Kompetenzen und Verantwortlichkeiten vergeben und der Raum für Autonomie geschaffen werden. Die Führungsperson hat dann eine koordinierende Rolle: Sie stellt sicher, dass die jeweiligen Fähigkeiten am für die Gemeinschaft/Organisation passenden Ort sind. Als Prozessbegleiter entwickelt sie aus dem Kreis der Gemeinschaft heraus einen Sinn bzw. einen Zweck, welcher als (intrinsischer) Antrieb auf die Menschen der Organisation wirkt.
Psychotherapie
Theoretisch scheint dies sehr einfach. Und meine persönlichen Erfahrungen beweisen, es funktioniert. Aber Jahrhunderte von hierarchischen Strukturen und unsere Abrichtung auf Belohnung und Strafe – über unsere Erziehung wollen wir hier nicht sprechen – haben tiefe Spuren hinterlassen und sind nicht von heute auf morgen abzulegen. Und doch erkennen wir immer mehr, dass wir als Menschheit gar keine andere Möglichkeit haben, als neue Wege zu gehen. Führungspersonen sind somit auch in der Rolle eines Psychotherapeuten, und zwar für Organisationen. Dafür brauchen sie Tools, welche es zum Glück bereits gibt. Aber wenn sie diesen Wandel nachhaltig gestalten wollen, kommen sie auch mit diesen Tools nicht drum herum, die Hierarchie, die alten Menschenbilder und das Prinzip von Belohnen und Strafen in sich selbst Schritt für Schritt abzulegen.
Über den Autor:
Patrick Pierer hat als Führungsperson und als Berater diverse Unternehmen in den Bereichen Kultur, Führung, Organisationsentwicklung und Markenführung mitgestaltet und begleitet.
Werkzeuge
Verbundenheit & Sinnstiftung
DYADE
Die Dyade ist ein wirkungsvolles Werkzeug für den Aufbau oder die Auffrischung von Verbundenheit in einer Gruppe. Das Individuum wird gesehen, erhält Raum und Wertschätzung. Die Dyade kann die Teilnehmer unterstützen, fokussierter zu werden und beeinflusst sowohl die Effizienz des Prozesses als auch die Qualität des Resultats.
Verbundenheit & Sinnstiftung
LAGERFEUER
Die Lagerfeuer Methode orientiert sich an gruppendynamischen Gesetzmässigkeiten und ist ein wirksamer Ansatz, um einerseits ein gemeinsames Anliegen und somit Verbundenheit zu ermöglichen, und gleichzeitig macht sie Stärken sichtbar und fördert gegenseitige Wertschätzung. Eigen- und Fremdbild wird ebenfalls abgeglichen.
Autonomie
GUT & GERNE
Was wir gerne tun, tun wir fast immer auch gut. Diesem Prinzip folgend hilft dieser Prozess, versteckte Potenziale sichtbar zu machen und die Aufgabenverteilung in der Organisation zu optimieren. Nach einer individuellen Bestandesaufnahme entsteht ein Gesamtbild, welches auch Überraschendes zu Tage bringen kann. Ein Kernteam oder eine Person sollte den Prozess innerhalb der Organisation koordinieren.