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Auf Laurel und Hardy rieselten in «Below Zero» (1930) weiss angemalte Cornflakes nieder. Auf Judy Garland in «The Wizard of Oz» (1939) Flocken aus Asbest. Wer echten Schnee wollte für seinen Film, musste unter mühsamen Bedingungen arbeiten: Beim Dreh von «Way Down East» (1920) holte sich der Regisseur D.W.Griffin Frostbeulen, drei Mitglieder der Crew starben an einer Lungenentzündung. Und Lillian Gish, die Hauptdarstellerin, musste für eine Szene auf einer echten Eisscholle liegen und einen Arm ins kalte Wasser des White River baumeln lassen. Ihre Hand trug bleibende Schäden davon.
Wenn im geheizten Studio gedreht wurde und die Special-Effects-Experten von damals die Filmsets nicht mit Gift oder Esswaren einschneiten, griffen sie zu Salzen, Styropor oder Gips- und Marmorpulver. Das Problem mit den so angelegten Winterwunderlandschaften war, dass sie entweder schlecht aussahen, die Gesundheit der Crew gefährden oder Drehorte dauerhaft verunstalten konnten. Der Schnee in «Dr. Dolittle» (1967) war aus Harnstoffharz gefertigt und blieb über zehn Jahre an den alten Häusern in Castle Combs kleben. Das Harz frass sich in den Stein, aus dem viele der historischen Häuser, Anwesen und Kirchen gebaut sind. Das Dorf war beliebt bei Filmteams, aber die Einwohner hassten die Eindringlinge; einer versuchte, das «Dr. Dolittle»-Set mit einer selbstgebauten Bombe in die Luft zu jagen.
«Als wir 1989 nach Castle Combs kamen, um das Dorf für eine BBC-Show erneut mit Schnee zu überziehen, mussten wir den Einwohnern zuerst beweisen, dass unser Schnee weder Häusern, Menschen, Tieren noch dem Grundwasser schadet», erzählt Darcey Crownshaw, 64, in seinem Büro auf dem Gelände seiner Firma Snow Business. Er ist ein schlaksiger Mann mit schulterlangen graublonden Locken, die nicht aussehen, als ob er einen Gedanken an sie verschwendet. Geht es aber um seinen Kunstschnee, nimmt er es sehr genau. Wenn er sich einen Film anschaut und den Schnee darin besonders gelungen findet, ruft er bei der Produktionsfirma an, um zu erfahren, wer ihn gemacht habe. «Einmal sah ich in einem Antarktis-Film phantastischen Schnee. Es war nicht unserer – er war echt. Das hat mich beruhigt.»
Crownshaws Firma steht in Stroud, einem Städtchen in der hügeligen Landschaft zwischen London und Bristol, und ist untergebracht in einer umgebauten Mühle und zugehörigen Speicherhäusern aus dem 18.Jahrhundert. Die Mühle ist das Hauptquartier, vierzig Personen arbeiten hier. Sie koordinieren Bestellungen oder beladen und entladen die Laster, die von der Schneekanone bis zum Handbesen alles enthalten, um ein Filmset oder eine Privatparty einzuschneien und danach wieder aufzuräumen.
Crownshaws Büro befindet sich in einem kleinen Holzhaus auf dem Gelände, das mehr nach Bauernhof als nach Fabrik aussieht. Es ist Dezember, und es regnet – wie es sich gehört in England. Aber immer wieder schweben Schneeflocken vor dem Fenster vorbei. Manche sind seltsam gross. Crownshaws Angestellte experimentieren nebenan mit Schaumschnee. Später, beim Rundgang, führen zwei Techniker eine der Kanonen vor, mit denen man diesen Schaum in die Luft sprüht. Über den breiten Bach hinweg, der früher das Mühlrad antrieb und in dem jetzt Otter wohnen, kommen die Flöckchen herbeigetanzt, setzen sich auf dem Mantel ab und schmelzen in den Haaren. Der Baum, der neben der Kanone steht, ist nach wenigen Minuten mit einem weissen Flaum bedeckt.
Wenn ein grösseres Gebiet zu beschneien ist, decken die Mitarbeiter von Snow Business zuerst den Boden mit einer weissen Folie, danach sprühen sie mit einem Feuerwehrschlauch ein gut haftendes Gemisch aus Wasser und Papierflocken auf Häuser, Bäume und Strassen. Das nennt sich «general snow», der reicht aus für Totalen. Für Nahaufnahmen ist kleinräumig angelegter «perfect snow» nötig. Der besteht aus mehreren Schichten: zuunterst gröbere Flocken, etwas feinere darüber und zuoberst eine glitzernde Schicht, die funkelt wie echter Schnee in der Sonne. Am Ende wird die aufwendig drapierte weisse Pracht mit Schaufel und Besen wieder weggekehrt, der Papierschnee kann wiederverwertet werden; jener aus Schaum, der Bäume und Büsche verzierte, löst sich unter einem Wasserstrahl auf. Der Winter von Snow Business hinterlässt keine Spuren. Er ist so gut, dass die Firma mittlerweile Marktführerin ist. «Pride and Prejudice», «Harry Potter», «Game of Thrones»: Ist in einer Fernsehserie oder einem Kinofilm der letzten 15 Jahre Schnee zu sehen, stammt er höchstwahrscheinlich von Snow Business.
Seinen ersten Schnee fabrizierte Darcey Crownshaw vor 35 Jahren in der Papierfabrik, bei der er angestellt war und die unter anderem gepolsterte Briefumschläge herstellte. «Da war so eine krümelige Papiermasse drin», wirft seine Frau Louise ein, die sich an eine Ecke seines Schreibtischs gesetzt hat. «Eines Tages kam ein Freund vorbei, ein Special-Effects-Experte, und wollte eine Tonne von diesen Krümeln haben», erzählt Crownshaw weiter. Er brauchte das Material für den Ascheregen in «The Last Days of Pompeii». Bei der Papierfabrik fand man, der Aufwand lohne sich nicht. Aber Crownshaw durfte daran arbeiten, in seiner Freizeit.
Weil die Krümel in der gleissenden Sonne Italiens mehr nach Schnee als nach Asche aussahen, bestellte sein Freund für seinen nächsten Film, «Sakhorov», Papierschnee bei ihm. Er hatte genug von giftigem Schnee, wie er ihn zuletzt 1980 in «The Shining» von Stanley Kubrick verwenden musste, um das unheimliche «Overlook»-Hotel in tiefem Winter versinken zu lassen. «Die Styroporkügelchen, mit denen sie Schneetreiben imitierten, fliegen wohl heute noch irgendwo in den Rocky Mountains herum», sagt Crownshaw. Das Salz, aus dem die Schneehaufen im Heckenlabyrinth bestanden, durch das der kleine Danny vor seinem wahnsinnig gewordenen Vater (Jack Nicholson) flieht, gelangte ins Grundwasser.
Crownshaw experimentierte weiter, und irgendwann habe sein Freund zu ihm gesagt: «Gib deinen Job auf. Widme dich dem Schnee. Du wirst ein Vermögen machen.» Crownshaw kündigte und gründete 1983 Snow Business. Sein Schnee sollte nicht nur schöner sein, sondern auch unschädlich und biologisch abbaubar. Er stellte ihn aus Abschnitten von Papierrollen her, die er seinem ehemaligen Arbeitgeber abkaufte. Das Geheimnis sei, dass das Papier nicht geschnitten, sondern gerissen werde. Man wolle keine Konfetti, sondern Fasern. Wenn man diese mit Wasser mischt, lässt sich der Papierschnee mit einem Schlauch auf dem Filmset versprühen. Anders als Asbest, Marmorpulver oder weisse Cornflakes haftete sein Schnee an Bäumen und Hausdächern, und es blieben Abdrücke von Schuhsohlen oder Autoreifen sichtbar. Man konnte damit sogar Schneeballschlachten veranstalten.
«Schlechter Schnee lenkt von der Story ab», sagt Crownshaw. Zum Beispiel in «Bridget Jones’s Diary». In einer Szene sieht die Landschaft aus, als hätte sie jemand mit Feuerwehrschaum eingesprüht. Crownshaw, der Perfektionist, lächelt gequält. Das sei mühsam gewesen, weil sie ein riesiges Areal einschneien mussten, aber nie wussten, wo die Kamera stehen würde. «Darum haben wir alles mit ‹general snow› eingedeckt und nirgends ‹perfect snow› gelegt, wie wir es sonst machen.»
Abgesehen von Ausnahmen wie dieser Komödie sah Crownshaws Schnee von Anfang an realistischer aus als jener der Konkurrenz. Trotzdem blieb der Erfolg vorerst aus. «Im ersten Jahr machten wir 895 Pfund Umsatz. Ich arbeitete als Kellner, um über die Runden zu kommen», sagt Crownshaw. Es dauerte zehn Jahre, bis er in der Filmindustrie bekannt und aus seinen Experimenten ein echtes Snow Business wurde. Inzwischen gewinnt seine Firma Preise, zum Beispiel den Oscar für die besten visuellen Effekte in «The Curious Case of Benjamin Button».
«Unser erster Schnee war relativ grob», sagt Crownshaw. Als Snow Business 1991 den Auftrag für das BBC-Kinderprogramm «Thomas the Tank Engine» bekam, musste für die kleinen Figuren ein feinerer Schnee her. Dieser wiederum habe sich in Filmen mit Menschen als idealer Frost herausgestellt. So kann man sich Crownshaws Arbeitsweise vorstellen: Aus jedem Kundenbedürfnis und auch aus jedem Fehler entsteht ein neues Produkt. Snow Business macht Flocken, die schnell oder langsam fallen. Solche, die nach 20 Sekunden schmelzen, und solche, die 20 Jahre halten – für Themenparks. Oder blauen Schnee für Arktis-Szenen und gelblichen für Werbeaufnahmen von Kühlschränken. «Der Hintergrund, vor dem sie standen, durfte nicht so weiss sein wie sie», sagt Crownshaw.
Damit der Schneefall niemanden stört, weder auf Filmsets noch bei Firmenanlässen, hat Snow Business mit Akustikern die leiseste Schneekanone der Welt entwickelt. «Es ist Darcey, der das alles erfindet», sagt seine Frau Louise. Als ob sie ihn daran erinnern wollte, nicht zu bescheiden zu sein. Er hat die Ideen, entwickelt werden die Produkte dann von Chemikern, Physikern oder Ingenieuren in den Tochterfirmen in Deutschland, Tschechien und den USA.
Seine Leute verwandeln nicht nur sommerliche Filmsets in Winterlandschaften, sondern helfen auch bei echtem Schnee nach, weil der so empfindlich ist und unangenehm kalt und nass: «Wenn 200 Filmleute auf einem frisch verschneiten Feld herumstapfen, sieht das nicht lange jungfräulich aus. Dann kommen wir und richten die Fläche wieder her.» Wenn man künstlichen auf echten Schnee legt, wirkt er wie eine Isolationsschicht. So musste Tom Cruise nicht frieren, als er sich in «Mission Impossible» in einem eingeschneiten Erdloch versteckte.
Snow Business beliefert Film- und TV-Sets, Ausstatter von Schaufenstern und Macher von Werbespots mit zweihundert Sorten Schnee, Eis und Frost. Unterschieden wird zwischen fallendem Schnee, liegendem Schnee und Auslagenschnee für Schaufenster. Die Produkte tragen Namen wie SnowFx, PowderFrost, SnowBase, SnowBlanket, SnowExFoam, SnowMembrane, SnowSparcle, Ultra Ice. «Mr. und Mrs. Snow» heissen der vorgefertigte Standard-Schneemann und seine Frau. Auf dem Firmengelände steht eine Kältekammer, wo sie auch echten Schnee herstellen können, der in Kühllastwagen ausgeliefert wird.
Ausser Schnee produziert Snow Business auch Asche und Russ. Im Hauptgebäude in Stroud gibt es zur Produktedemonstration eine Eishöhle und einen kleinen, verkohlten Raum. Steigt man – vorbei an Regalen mit künstlichen Eiswürfeln, Eiszapfen und allen möglichen Sorten Schnee – über die schmale Treppe in die blauweiss ausgeleuchtete Grotte hinab, beginnt man sofort zu frösteln. Dabei ist es hier drin gleich warm wie oben in den Büros. Nebenan in der künstlichen Brandruine glaubt man, kalten Rauch zu riechen. So echt sehen das Eis und der Russ aus. Sie sind aus Wachs und fühlen sich samtig zart an.
Weil Darcey Crownshaw der Schutz der Umwelt ein Anliegen ist, besteht der Grossteil seiner Produkte aus Papier und Stärke. Nur wenige sind aus Plastic, er will nicht, dass sein Schnee am Ende zur Erderwärmung beiträgt und das Verschwinden des echten beschleunigt. Bis Weihnachten 2019 soll Snow Business plasticfrei sein, vom Schnee bis zum Verpackungsmaterial. Crownshaw arbeitet seit Jahren mit Greenpeace zusammen. Einerseits liefert er Schnee und Eis für ihre Aktionen, andererseits haben ihn Greenpeace-Leute auch schon darauf aufmerksam gemacht, dass einer seiner Schneetypen nicht so umweltfreundlich war, wie er glaubte. Was er sofort änderte. Eine Sorte liess Crownshaw an der Universität Bristol von Biologen testen. Es gab sogar staatliche Fördergelder dafür. In einem Gewächshaus beschneiten die Wissenschafter die seltenen exotischen Pflanzen, die dort wachsen. Keine nahm Schaden.
«Ich habe Schnee schon immer geliebt», sagt Crownshaw, der 1954 in der Industriestadt Sheffield geboren wurde. «Als Kind habe ich stets auf weisse Weihnachten gehofft. Aber die sind rar in England, ein Mythos, erfunden von Charles Dickens.» Weil der berühmte Autor aus Portsmouth in der Zeit aufwuchs, als es in Europa aussergewöhnlich kalt war und weisse Weihnachten für ihn als Junge normal waren, schilderte er das auch so in seinen Geschichten. Zuerst in «The Pickwick Papers» von 1836, seinem ersten Roman, und später in «A Christmas Carol». Seither träumen wir von weissen Weihnachten. Crownshaw ist ein Dickens von heute: Er hilft, den Mythos in Filmen und Fernsehserien am Leben zu erhalten.
«In meiner Heimatstadt gab es damals sehr viele Schlote. Wegen des Russes und des Rauchs konnte man manchmal nur ein paar Meter weit sehen.» Aber wenn es mal schneite, dann sei die ganze hässliche schwarze Welt verwandelt gewesen. Nur – nach zwei Tagen war der Schnee schwarz. «Wenn man durchstapfte, hinterliess man weisse Spuren.»
Etwas Vergleichbares hat Crownshaw für «Star Wars – The Last Jedi» (2017) entwickelt, bloss mit Rot statt Schwarz: Wenn die Sky-Speeder in der Schlacht von Crait die salzige Oberfläche dieses Planeten berühren, spritzen blutrote Fontänen auf. Wenn einer der Rebellenkommandanten seinen Fuss auf den weissen Boden setzt, bleibt ein roter Abdruck zurück. «Das ist echt. Nur der Hintergrund ist computergeneriert», sagt Crownshaw. Inzwischen ist die Digitaltechnik gut genug, um Schnee echt aussehen zu lassen, was seinen Job sehr viel angenehmer mache. «Wir müssen nicht mehr ganze Areale einschneien. Wie zum Bespiel 1996 die 800000 Quadratmeter für ‹Hamlet› von Kenneth Branagh. Ein Albtraum!»
Obwohl der Schnee von Snow Business heute fast überall anzutreffen ist, ist die Firma klein und flexibel geblieben. Crownshaw pflegt freundschaftliche Beziehungen zu Special-Effects-Expertinnen und Produktionsleitern, und wenn jemand etwas braucht, hilft er. Einmal hat er Schnee nach Sibirien geliefert – ein Unternehmer wollte es in seinem Nachtclub schneien lassen. «Ein andermal hatten wir einen Notruf von einem ‹Bond›-Set», sagt er. Das Team habe in echtem Schnee und Eis gedreht, als Tauwetter einsetzte. «Unser Eis schmilzt, könnt ihr kommen?» lautete die Anfrage. Obwohl es Freitag war, habe er sofort ein Transportflugzeug organisiert, damit das Filmset pünktlich zum Drehstart am Sonntag wieder nach ordentlichem Winter aussah. Snow Business gestaltet auch die Eröffnungszeremonien von Olympischen Spielen. In einem Flur im Hauptgebäude hängt ein Foto vom Spektakel im russischen Sotschi 2014. «Darüber dürfen wir leider nicht sprechen.»
Crownshaw ist der Konkurrenz immer einen Schritt voraus. In China kam er allfälligen Kopisten zuvor, indem er mit seiner Firma der China Film Group Corporation beitrat, dem grössten staatlichen Filmunternehmen. Wenn dieses einen Film mit Schnee, Eis oder Asche produziert, müssen Crownshaws Produkte verwendet werden. Gegen die Gefahr, die im eigenen Land droht, den Brexit, hilft der Firma, dass sie in Europa und den USA mehrere Tochterfirmen hat.
«Der Brexit, was für ein Chaos! Diese Unsicherheit ist unerträglich.» Vorsichtshalber hat Darcey Crownshaw Lagerhäuser gemietet, in England wie in Europa, um hier wie dort möglichst viel von dem Material zu lagern, das Snow Business sonst zwischen den Ländern hin und her transportiert. Dank den Tochterfirmen in Dänemark, Schweden, Frankreich, Deutschland und Portugal dürfte der Brexit Snow Business nicht so hart treffen. Crownshaw versucht es mit Optimismus: «Wir haben in England das Sprichwort: Every black cloud has a silver lining.» Sinngemäss: In allem Schlechten steckt auch etwas Gutes.
«Ich habe mir mein Leben lang um 18 Millionen Dinge Sorgen gemacht. Vielleicht zwei davon sind tatsächlich schiefgegangen», sagt er. Also habe er es sich abgewöhnt, pessimistisch zu sein. Oder er versuche es zumindest. Zum Beispiel jetzt, wo er sich und Snow Business auf seine Pensionierung vorzubereiten anfange. Was ihn beruhigt: «Meine Tochter hat beschlossen, Schnee-Ingenieurin zu werden.»
Denise Bucher ist Redaktorin von «Frame», dem Filmmagazin der NZZ am Sonntag.