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Trotz des nach einer gelehrten Abhandlung klingenden Titels ist dies eine eher persönliche Betrachtung, mehr eine Schilderung einer Lese-Erfahrung denn literarische Analyse.
Byron habe ich zum letzten Mal vor ca. 15 oder 20 Jahren gelesen. Ich hatte seine Lyrik als frisch und gewagt in Erinnerung, als schwer verständlich auch, weil stark autobiografisch bezogen und motiviert. Die erneute Lektüre ausgewählter Stücke – allen voran von Childe Harold – konnte mir das nur teilweise bestätigen. Mag sein, meine Kriterien für die Analyse von Lyrik haben sich geändert; mag sein, dass sich seither durch die Auseinandersetzung mit der Entstehungsgeschichte von zwei andern Werken (Polidoris The Vamypre und Mary Shelleys The Last Man) mein Bild von Byron geändert hat, und zwar zu seinen Ungunsten, weil die Titelfiguren der beiden Werke, die nur wenig verschlüsselt Byron darstellen, zwar faszinierende Gestalten sind, aber doch recht wenig sympathische; schliesslich mag es auch sein, dass die von mir (bzw. dem Herausgeber im Rahmen der Reihe Folio Poets) getroffene Auswahl diesbezüglich unglücklich war.
Childe Harold vor allem ist im Grunde genommen ein versifizierter Reisebericht. Zwar legt Byron in den ersten drei Teilen (im vierten gibt er es dann auf) Wert auf die explizite Feststellung, dass das lyrische Ich keineswegs er selber sei. Dass man das lyrische Ich nie mit dem Autor identifizieren soll, ist zwar ein literaturkritischer Gemeinplatz; aber gerade in Childe Harold stehen wir vor dem Problem, dass der Autor seine Landschafts-Schilderungen in einem fort mit Fussnoten versieht, in denen er dieses oder jenes geschilderte Phänomen als auf Autopsie beruhend bestätigt wissen will. Oder dann nimmt er gleich Bezug auf seine Durchquerung der Dardanellen von Europa nach Kleinasien, die er am 3. Mai 1810 schwimmend vollzog.
Was sicher geblieben ist, ist die Tatsache, dass Byrons “Helden” Egoisten sind, die einerseits sich die Natur ästhetisierend einverleiben, andererseits rast- und heimatlos in dieser Welt umherirren. So etwas macht wohl – wenn man noch im selben Alter ist, wie es Byron und seine Helden waren – einen gewissen Eindruck. Selbst der alte Goethe konnte sich dem Faszinosum ‘Byron’ nicht verschliessen. Ich selber kann zwar die Faszination, die Byron und seine Alter Egos bei persönlicher wie bei literarischer Bekanntschaft ausüben, wenigstens fürs Literarische auch heute noch nachvollziehen. Das lyrische Genie Byron aber ist mir irgendwie abhanden gekommen. Byron ist ein guter und geschickter Verseschmied, und er prägt mit seinen Stanzen durchaus neue Versformen. Dennoch habe ich das Gewagte, an das ich mich zu erinnern glaubte, nicht mehr gefunden. Aber das mag daran liegen, dass ich seither sehr viel mehr an Lyrik – auch aus jener Zeit – gelesen habe.
Zum Schluss ein für Byron sehr typisches Gedicht, was Form, Inhalt und Entstehungsgeschichte betrifft, und das sich in meiner Sammlung findet. Es hat seinen Ursprung in der Affäre mit Lady Caroline Lamb, einer verheirateten Frau. Diese nahm die Affäre bedeutend ernster als er und verfolgte ihn noch jahrelang. (Heute würden wir sie eine Stalkerin nennen.) Bei einer dieser von ihr forcierten Begnungen rief sie aus: “Remember me!” – was er zum Anlass für folgendes ironische Gedicht nahm:
REMEMBER THEE! REMEMBER THEE!
1.
Remember thee! remember thee!
Till Lethe quench life’s burning stream
Remorse and Shame shall cling to thee,
And haunt thee like a feverish dream!
2.
Remember thee! Aye, doubt it not.
Thy husband too shall think of thee:
By neither shalt thou be forgot,
Thou false to him, thou fiend to me!
Byron, wie er leibt und lebt.