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| Hilarius von Poitiers († 367) - Zwölf Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

Neuntes Buch
49. Wegen der Wesenseinheit mit dem Vater erfüllt der Sohn dessen Willen.
Damit halte zusammen auch jenes andere Wort, das du zum Vorwurf der Schwachheit im Übermaß geltend machst: „Alles, was der Vater mir gibt, das kommt zu mir; und wer zu mir kommt, den weise ich nicht ab; denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen des Vaters, der mich gesandt hat.”1 Doch der Sohn mag vielleicht ohne Willensfreiheit sein, so daß die Schwachheit des Wesens ihm den Zwang auferlegte. Deswegen aber sei er (immerhin) [S. 124] dem Zwang und nicht dem Willen anheimgegeben, daß er diejenigen nicht von sich weisen dürfe, die ihm vom Vater übergeben sind und zu ihm kommen.
Aber der Herr bezeichnet dadurch die geheimnisvolle Einheit, daß er die ihm Übergebenen nicht zurückweist, sondern den Willen dessen tut, der ihn sendet. Als er gegen die Juden wegen ihres Murrens eben diesen Vorwurf wiederholt, bestätigt er die Auffassung unserer Deutung durch sein Wort: „Jeder, der vom Vater her hört und erfährt, kommt zu mir, nicht, weil den Vater irgendwer gesehen hat, außer, wer von Gott ist, der hat den Vater gesehen. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben.”2
Erstens frage ich, wo man den Vater gehört und wo er die Hörer gelehrt habe. Aber den Vater hat niemand gesehen, außer wer von Gott ist. Und wie mag irgendwer denjenigen gehört haben, den niemand gesehen hat? Wer vom Vater her also hört, der kommt zum Sohn. Da man aber den Sohn hört und er lehrt, so wird damit in ihm die Eigentümlichkeit des väterlichen Wesens erwiesen, das man hört und das lehrt; dadurch, daß der Sohn lehrt und gehört wird, soll man die Verkündigung der väterlichen Lehre erkennen. Niemand hat nämlich den Vater gesehen; und wer zum Sohn kommt, hört und erfährt es vom Vater her, daß er kommen solle; dadurch werden wir zu der Erkenntnis hingewiesen, was das bedeute, daß in den Worten des Sohnes der Vater lehre und daß man im Erblicken des Sohnes den Vater vernehme, der von niemandem erschaut sei; denn die vollkommene Geburt des Sohnes umschließt in sich die Eigentümlichkeit des väterlichen Wesens.
Da der eingeborene Gott also die väterliche Unabhängigkeit bezeugen wollte, unter Wahrung der Einheit seines (Christi) Wesens (mit dem Vater), deswegen weist er diejenigen nicht ab, die ihm vom Vater gegeben wurden, und tut nicht seinen Willen, sondern dessen, der ihn [S. 125] gesandt hat; aber nicht etwa, weil er nicht will, was er tut, oder weil man ihn selbst nicht vernimmt, der doch lehrt, sondern um einerseits denjenigen zu erweisen, der ihn sendet, und anderseits sich selbst, der gesandt wurde, und zwar unter der Eigentümlichkeit nichtunterschiedenen Wesens. Denn sein Wollen und Tun und Sprechen bezeichnet er zugleich auch als Wollen und Tun und Sprechen des Vaters, so sagt er ausdrücklich.
1: Joh. 6, 37 f.
2: Joh. 6, 45―47.