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Der Crossasia-Blog (Bildquelle) macht in einem Beitrag vom 14. Juli 2016 darauf aufmerksam, dass die Staatsbibliothek zu Berlin den Nachlass des deutschen Konsuls Fritz Weiss (Wikipedia) und seiner Ehefrau Hedwig Weiss-Sonnenberg (Wikipedia) übernommen hat. Hedwig und Fritz Weiss waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts konsularisch an verschiedenen Orten in China tätig. Hedwig Weiss-Sonnenberg hat ihre Beobachtungen immer wieder als Reiseberichte publiziert und später auch in Kinderbüchern verwertet.
Die Online-Ausstellung von Crossasia mit Fotografien, Texten, Karten und Tondokumenten aus dem Nachlass gibt einen sehr guten Einblick in ihre Zeit in China.
Online abrufbar sind andernorts auch einige der Texte von Hedwig Weiss-Sonnenberg. Sie ermöglichen einen weiteren Einblick in den Südwesten Chinas zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive dieser weltoffenen, interessierten, abenteuerlustigen Frau, die natürlich auch von der Weltanschauung ihrer Zeit geprägt war.
Das Ehepaar Weiss blieb nicht in den Städten, in denen Fritz Weiss als Konsul tätig war, sondern erkundete (immer in Begleitung von Trägern und Wächtern) die Gegend um Chengtu (Chengdu) und später Yunnanfu (Kunming). Eine der ersten gemeinsamen Reisen führte von Chengdu nach Kiating. Hedwig Weiss-Sonnenburg berichtet darüber in «Nord und Süd». Sie schildert Landschaft, Leute und die eigenen Erlebnisse (PDF des Artikels)1
In tiefer Nacht pochten wir an das schon geschlossene eiserne Tor der Stadt. Drinnen liess sich eine Stimme vernehmen, die uns versicherte, nicht mehr aufzumachen. Und erst nach langem Hin- und Herreden, nachdem wir versichert hatten, wir wären keine Räuber, öffnete man. Wir gingen zur französischen Mission und Père Gire nahm die sehr müden Wanderer freundlich auf. (334)
So waren wir recht froh, als wir einem Trupp Frauen begegneten, die uns sagten, wir wären gleich oben. Die kleinen Frauen hatten in dem Tempel geopfert, der auf dem Shou Kung Shan liegt; es ist mir unerklärlich, wie sie mit den unglücklichen Füssen da hinauf gelangt waren. (344)
In der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde veröffentlichte «Frau Konsul Fritz Weiss» dann 1915 einen Beitrag über eine gewagte Expedition ins «Lololand», d.h. ins Gebiet der Yi (Wikipedia), die sie mit ihrem Mann unternahm. (PDF des Artikels)2 Die chinesischen Behörden hatten wenig Autorität über das Gebiet der Yi, so dass die Reise nur mit einem «Bürgen» der betreffenden Ethnie, in diesem Fall einem Adeligen möglich und trotzdem risikoreich war.
«Es ist überhaupt vor uns nur zwei fremden Expeditionen vor drei Jahren gelungen, bei ihnen einzudringen. Die erste war von d'Ollone geleitet, einem französischen Offizier, dem es hauptsächlich durch die Hilfe der katholischen Mission gelang, einzudringen, und das Land in gerader Richtung bis an den Yangtse zu durchqueren. Der zweite, ein Engländer Namens Brooke, wurde bei einer ähnlichen Durchquerung von den Lolos erschlagen.» (Ebd., 74).
Hedwig und Fritz Weiss brachten Fotografien und Tonaufnahmen von ihrer Reise mit. Hedwig Weiss-Sonnenburg schildert die Yi mit Sympathie, wenn auch mit dem Abstand der Höhergestellten.
Mapie, unser Bürge, verabschiedet sich hier nach wohlverdienter Belohnung samt seinen Hörigen mit tiefem Kniefall vor uns und stürmt dann mit ihnen unter lautem vergnügtem Rufen davon.Im Laufschritt sehen wir sie den Weg zurücknehmend, den wir eben gekommen sind und hinter einem Hügel verschwinden. Ein freies, glückliches Volk. (Ebd., 90).
Die letzte Reise in China war keine freiwillige mehr. China hatte Deutschland am 14. August 1917 den Krieg erklärt, was natürlich zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte. Das Konsulat in Kunming musste aufgegeben werden und Hedwig und Fritz Weiss mussten mit ihren zwei Kleinkindern das Land verlassen, was eine 3000 Kilometer lange Landreise von Kunming über das Yunnan-Plateau nach Szechuan und schliesslich Shanghai nötig machte. Hedwig Weiss-Sonnenburg schildert sie unter dem Titel «Dreitausend Kilometer quer durch China – Erinnerungen einer Deutschen aus dem Jahre 1917» (PDF des Artikels3 ebenfalls in «Nord und Süd». Hier begegnen wir auch den Revolutionswirren in der Zeit nach dem Sturz der Qing-Dynastie 1912:
Den ganzen Tag über begegneten uns die zwei von Trägern getragenen leichten Bergsänften mit kranken Soldaten, die vom Lazarett in Suifu nach ihrer Heimat befördert wurden. Sie gehörten zu den Yünnan-Truppen, die vor wenigen Monaten mal wieder für das Fortbestehen der Republik China gegen die anders denkenden Szetchuan-Truppen gekämpft hatten (...) bleich und teilnahmslos hingen die armen Kerle in ihren Sänften, unter sich das unbeschreiblich verschmutzte Bettzeug (...). Das Furchtbarste aber war der Geruch, der diesen vorübergehenden Sänften entströmte (...) Den kranken Soldaten folgten an die dreihundert in rotes Tuch geschlagene Särge gefallener "Helden", die ebenfalls in ihre Heimat abgeschoben wurden. Diese wurden von vier Kulis getragen, die Särge der höheren Offiziere aber von acht Leuten. Obendrauf sass dann immer noch ein lebender Hahn, und unter laut gesungenem He-Ha versperrten die Träger den schon so schmalen Weg. Immer wieder erschien so ein roter Sarg um eine Felsnase vor uns. (182)
Nach 28 Tagen in Sänften, auf dem Pferd und zu Fuss kann Familie Weiss aber Henchiang dann ihre Reise auf dem Wasser fortsetzen und erreicht schliesslich Shanghai. Der erste Weltkrieg scheint weit weg, auch wenn er der Grund für die Rückreise ist. Der amerikanische Missionsarzt verarztet die Familie freundlich.
Dieser sowie die dort anwesenden anderen amerikanischen Missionare waren von ausnehmender Freundlichkeit gegen uns, ohne jeden Hass auf Deutschland und die Deutschen, es berührte uns in dieser Zeit wirklich angenehm. (183)
Und vom chinesischen Personal nimmt man nur ungern Abschied:
Rührend war es, wie sie alle voller Liebe für unsere Kinder sorgten. Besonders das Baby war der Sonnenschein und Liebling der ganzen Karawanne. Immer fröhlich strahlte sie den ernstesten Chinesen an, fürchtete sie sich doch später in Shanghai vor jedem Europäer. (179)
Sowohl Fritz Weiss wie Hedwig Weiss-Sonnenburg haben weitere Berichte geschrieben. Die Internet-Ausstellung gibt einen sehr guten Überblick über ihre Zeit in China. Eine weitere Auswertung des Nachlasses, wie er von ihrer verstorbenen Enkelin Tamara Wyss begonnen wurde, könnte trotzdem in verschiedener Hinsicht interessant sein.
1Weiss-Sonnenberg, Hedwig. 1914. In: Nord und Süd – Eine deutsche Monatsschrift. 38. Jg. Bd. 149, H. 477. Juni 1914, 331-344. https://archive.org/details/NordUndSued1914Bd149 (25.7.2016)
2Weiss-Sonnenberg, Hedwig. 1915. Von O Pien Ting nach Ma Pien Ting durchs Lololand. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Heft 2, 73-91. http://www.digizeitschriften.de/dms/toc/?PID=PPN391365657_1915 (25.7.2016)
3Weiss-Sonnenberg, Hedwig. 1919. Dreitausend Kilometer quer durch China. Erinnerungen einer Deutschen aus dem Jahre 1917. In: Nord und Süd – Eine deutsche Monatsschrift. 44. Jg. Bd. 171, H. 477. Okt.-Dez. 1919, 173-184. https://archive.org/details/NordUndSued1914Bd149 (25.7.2016)