Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03316.jsonl.gz/390

Münsterlingen/Konstanz – In Münsterlingen gastiert am 8. Dezember «Neues von Michel aus Lönneberga». Am Konstanzer Theater gibt es «Die Brüder Löwenherz» als Weihnachtsmärchen für Kinder ab sieben Jahren. Beide Geschichten sind aus der Feder der schwedischen Schriftstellerin Astrid Lindgren. Sie wäre in diesem Jahr 111 Jahre alt geworden. Aber wer war diese weltberühmte Frau?
Astrid Lindgren wird im Jahr 1907 in Småland geboren. Sie wächst behütet auf, mit strenggläubigen Eltern, aber auch frei – in der Natur. Eine glückliche Kindheit. Schon als Schülerin zeichnet sie sich durch ihre Fähigkeiten im Schreiben aus. Sie beginnt ein Volontariat bei der Lokalzeitung und erlebt eine wilde und unangepasste Jugend, die abrupt endet: mit 18 Jahren wird Lindgren schwanger. Ein Skandal, zumal sie die Tochter des Kirchenvorstehers ist. Sie bekommt ihren Sohn Lasse in Kopenhagen, wo sie ihn einer Pflegemutter übergibt. Die Trennung wirft einen dunklen Schatten auf die junge Frau, über den sie ein halbes Jahrhundert nicht sprechen wird.
Zurück in Stockholm wird sie Sekretärin im «Königlichen Automobil-Club», wo Sture Lindgren, ihr zukünftiger Ehemann, als Bürovorsteher arbeitet. Sie besucht ihren kleinen Sohn, so oft sie kann und holt ihn nach der Heirat zu sich. Aus der Ehe geht dann Tochter Karin hervor. Während des 2. Weltkrieges liest Lindgren Briefe für den schwedischen Nachrichtendienst und wertet die darin enthaltenen Informationen aus. Sie führt Kriegstagebuch und hegt eine große Abscheu gegen Hitler und den Nationalsozialismus.
Ein Kinderbuch schreibt sie aus der Not heraus. Ihre kleine Tochter liegt mehrere Tage krank im Bett und möchte Geschichten hören. «Von wem denn?», fragt Astrid Lindgren. «Von Pippi Langstrumpf!», sagt die kleine Karin. Und so nahm sie Gestalt an, diese Person mit den roten Zöpfen, dem Äffchen und dem Pferd. Es folgten Ronja Räubertochter, Karlsson vom Dach, Madita, Kalle Blomquist, die Kinder aus Bullerbü und viele, viele mehr. Sie alle prägen die Kindheit von Kindern auf der ganzen Welt. Die Bücher sind in über hundert Sprachen übersetzt und haben eine Gesamtauflage von etwa 160 Millionen Exemplaren. Mehr über das Leben von Astrid Lindgren, die als erste Kinderbuchautorin den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, gibt es ab dem 6. Dezember im Kino. Der Film «Astrid» beleuchtet das Leben und Wirken dieser beeindruckenden Frau, die ein großes politisches Engagement aufbrachte. Ihr Kampf galt der Unterdrückung und der Ungerechtigkeit in jeglicher Form. Vor allem aber machte Astrid Lindgren sich stark für die Kinder. In einer Zeit, in der Gewalt noch eine gängige Erziehungsmethode darstellte, hielt sie flammende Plädoyers für das einzige, das Kinder immer und überall brauchen: Liebe.
Neues von Michel aus Lönneberga
Ein musikalisches Theaterstück zeigt am 8. Dezember in der Psychiatrie in Münsterlingen den Lausbub Michel. In den Geschichten vom Hof in Katthult verbirgt sich viel von Lindgrens eigener Kindheit in Schweden. Grüne Wiesen, dichte Wälder, kleine rote Häuser mit weißen Fensterrahmen, Kinder die barfuß durch die Welt streunen und allerhand Unfug machen. Allen voran Michel, ein strohblonder Lausbub, der es faustdick hinter den Ohren hat. Immer wieder aufs Neue heckt er Streiche aus, die seine Mutter Alma abends mit viel Ach in ihren blauen Schreibheften notiert.
Im diesjährigen Kindermusical wird eines von Michels Glanzstücken dargeboten: das große Aufräumen von Katthult. Gemeint ist ein Festmahl, das der Lausbub für die Bewohner des Armenhauses gibt. Ob alle sich darüber freuen? Das erfährt man in der Mundart-Inszenierung von Brigitt Maag, die zwei Jahre zuvor mit «Pippi feiert Geburtstag» in Münsterlingen einen hervorragenden Theaternachmittag auf die Bühne brachte. Auch bei Michel wird wieder viel gesungen, getanzt und gelacht!
Abenteuergeschichten und der Kampf gegen das Böse
Doch auch abseits von heiteren Geschichten hat Astrid Lindgren Themen von Kindern aufgegriffen und in Büchern umgesetzt. In ihrem Roman «Die Brüder Löwenherz» beschreibt sie die Geschichte zweier Brüder, die beide sterben – der kleine Krümel an einer schweren Krankheit, sein Bruder Jonathan aufgrund eines Unfalls. Sie kommen dann ins Land Nangijala, ein Ort voller Lagerfeuer und Pferderücken, wilden Bächen, grünen Tälern und kleinen Dörfern. Doch hier ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Das Heckenrosental wird bedroht von einer dunklen Macht: König Tengil sorgt mit seinem ungeheuerlichen Drachen Katla für Angst, Schrecken und Unterdrückung. Die Brüder brechen auf zu einer gemeinsamen Reise, um das Böse zu besiegen.
«Die Brüder Löwenherz» ist ein Abenteuerroman mit philosophischem Inhalt. Astrid Lindgren hat hierfür viel Kritik erhalten. Ein großer Vorwurf war, dass sie die Darstellung des Todes zu leichtfertig abhandle und eine Art Suizidempfehlung abgeben würde, frei nach dem Motto: «Wenn es in dieser Welt, in diesem Leben, nicht klappt, dann eben in einem anderen.» Aber auch zahlreiche Auszeichnungen erhielt die Autorin für dieses polarisierende Werk, das aufzeigt, welche Konsequenzen Regime mit Willkür und Schrecken für den Einzelnen erfordern.
Diesen Stoff macht das Theater Konstanz zum diesjährigen Weihnachtsmärchen für Kinder ab sieben Jahren. Mit Besinnlichkeit und Lebkuchenmännchen hat das wenig zu tun. Das wird spätestens dann deutlich, wenn das Bühnenbild sich in die märchenhafte Welt Nangijalas verwandelt und wilde Gestalten im Ziegenpelz durchs Wurzelwerk galoppieren. Es ist eine unkonventionelle Inszenierung des Klassikers und erfordert Bereitschaft zum Abenteuer.
Wer ins Theater geht, um die Helden der eigenen Kindheit in Strumpfhosen und mit Prinz-Eisenherz-Frisur zu sehen, der macht sich besser einen gemütlichen DVD-Nachmittag mit der Verfilmung aus den 1970er Jahren. Wer aber den eigenen Horizont öffnet für eine Neuinterpretation in einer Welt, die Videos beinhaltet, Handys, Computerspiele und Animationsfilme, in der Lebensrealität unserer Kinder also, der findet mit dieser großartigen Inszenierung unter der Regie von Sara Ostertag eine Fortführung der eigenen Kindheit in einer neuen, modernen Facette. Hier tanzen die Protagonisten in einer körperlich anspruchsvollen Performance und zeigen darüber hinaus Engagement, das Herzblut beweist. Ambitionierte Choreographien werden mit warmherzigen Gesangstücken kombiniert. Und das Thema Sterben wird nicht mit der Schwere und Bedrückung von uns Erwachsenen aufgezeigt, sondern aus der Perspektive von Kindern. Und da darf auch mal gekichert werden. Zum Beispiel wenn Jonathan und Krümel sich traurig in den Armen liegen und im Hintergrund das witzige Pony genüsslich seinen Salat verzehrt.
Astrid Lindgren hätte bei den vielen Kindern, die ihren Geschichten noch immer – und immer wieder – lauschen, bestimmt eine wahre Freude!
«Neues von Michel aus Lönneberga»:
Münsterlingen, Psychiatrie GZ-Saal, 08.12.2018, 14 Uhr
Tickets und Infos: www.kindermusicals.ch
«Die Brüder Löwenherz»:
Stadttheater Konstanz: 25.11., 09.12 ., 16.12 ., 23.12., 25.12., 30.12 jeweils 15 Uhr
29.12 um 18 Uhr
www.theaterkonstanz.de
geschrieben von Veronika Fischer