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Das «Hôtel de la Mer» (auf Karte anzeigen), ein in italienischem Stil gebautes Haus aus dem frühen 19. Jahrhundert, liegt unmittelbar am Hafen von Port Louis. Eine Plakette zufolge, die im Eingangsbereich angebracht ist, soll sich schon Jean-Marie Tromontis immer wieder in dem Hôtel einquartiert haben, um in konzentrierter Ruhe an seinen Texten zu feilen. Und hier soll auch die Erzählung «Pied Soleil» («Sonnenfuss») entstanden sein. Die Geschichte vom «Sonnenfuss» «Pied Soleil» erzählt die Geschichte eines überaus reichen Mannes, der eines Morgens auf einem Schiff zwischen Guadeloupe und Port-Louis die «Frau seines Lebens» trifft – jedoch zu schüchtern ist, mit ihr Kontakt aufzunehmen und sie bei Ankunft aus den Augen verliert. Er kann nicht aufhören, sich die Unbekannte in allen Farben und Facetten auszumalen – derweilen verblasst seine Erinnerung an ihre konkrete Gestalt. Schliesslich hat er nur noch das Bild ihrer kräftigen Zehen vor Augen – in braunen Sandalen. Er sucht per Anzeige nach der Frau, setzt eine hohe Summe aus – und alle, die sich melden, müssen sich bis auf die Füsse in Tücher hüllen. Natürlich ist die Gesuchte nicht dabei. Enttäuscht lässt er sich von den besten Künstlern des Landes nach seiner Beschreibung die Füsse modellieren und zeichnen – immer wieder. So füllt sich sein Haus mehr und mehr mit den Zehen der Geliebten. Eines Tages wird seine Villa von einer Räuberbande überfallen – die Anführerin der Maskierten ist die gesuchte Frau. Sie sieht die ganzen Füsse in dem Haus und gibt sich dem Mann mitsamt Maske für die Dauer einer Nacht hin. Am Morgen verlässt sie ihn wieder noch ehe der Tag anbricht: Bevor sie jedoch aus dem Fenster in die Freiheit springt, fällt der erste Sonnenstrahl auf ihren Fuss. Diese Geschichte hat einen früheren Hotelbesitzer dazu verführt, in jedem der Gästezimmer irgendwo einen Fuss sichtbar zu machen – sei es als Malerei, als Zeitung oder Foto, als Plastik oder auch nur in der Gestalt eines fussförmigen Steines.
Die schönsten Buchten. Auch wer nichts von Tromontis weiss, logiert gut und recht günstig in dem Haus mit seinen hohen Zimmern – wobei die Räume auf der Hafenseite etwas teurer sind als die Zimmer, die auf die ruhige Rue Exocet hinaus gehen. Zum «Hôtel de la Mer» gehört auch ein Restaurant, das sich – wie könnte es an dieser Lage anders sein – vor allem auf Fisch und Meersfrüchte spezialisiert hat. Seit 2006 dirigiert Corinne Roux das Orchester der Töpfe und Pfannen im «Hôtel de la Mer». Zuvor war die blonde Schönheit mit dem verschmitzten Lächeln viele Jahre lang als Tauchlehrerin unterwegs. Zuletzt brachte sie Touristen mit ihrem eigenen Boot zu den Fischgründen vor der Côte Chimerik. Sie brachte ihren Gästen aber nicht nur das Tauchen bei, sondern auch, wie man Fische fängt und wie man sie zubereitet. «Morgens legten wir kleine Netze aus oder jagten grösseren Fischen mit der Harpune hinterher. Am späteren Nachmittag gingen wir meist in den schönsten Buchten vor Anker, tranken kühlen Weisswein und bereiteten in aller Ruhe die Beute des Tages zu. Am Abend dann tafelten wir wie die Könige. Mit den Jahren wurde die Kocherei immer wichtiger – und das Tauchen kamm mir mehr und mehr wie eine grosse Materialschlacht vor. Ich dachte daran, auf meinem Boot eine Art schwimmendes Restaurant zu eröffnen – dann aber erfuhr ich, dass das ‹Hôtel de la Mer› am Hafen von Port-Louis zu verkaufen war.» Dank HOIO fand Corinne Roux einen finanzkräftigen und willigen Partner in der Schweiz, konnte das Hotel kaufen und die dringendsten Rennovationen realisieren.
Kleine Karte – grosse Hommage. Obwohl Corinne Roux nie eine Ausbildung zur Köchin erhielt, führt sie ihre kleine Küchenmannschaft mit gelassener Ruhe an – und garantier Abend für Abend eine tadellose Qualität. Die kleine Karte des «Hôtel de la Mer» ist eine grosse Hommage an den Hafen von Port-Louis und die Fischer, die ihn Tag für Tag beleben. Als Vorspeise serviert Roux zum Beispiel geräucherten Knurrhahn mit einer Art Kartoffelpüree oder einen Chatousalat mit Flafla-Bohnen. Die Hauptspeisen werden natürlich von der «Buiepe» angeführt, der köstlichen Fischsuppe von Santa Lemusa. Als Alternative bieten sich gegrillte Streifenbarben oder in Safranbutter gebratener Franzosendorsch an. Und wer Nachspeisen liebt, sollte sich auf keinen Fall die von Corinne Roux äusserst liebevoll zubereitetet Île flottante entgehen lassen – ein Schüsselchen mit herrlicher Karamellcreme, in der eine mit Pistazienflocken begrünte Insel aus leicht gebackenem Eiweissschaum schwimmt.
First Publication: 1-2008
Modifications: 18-2-2009, 30-9-2011