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| Theodoret von Cyrus († 466) - Kirchengeschichte (Historia ecclesiastica)

Viertes Buch [363—378]
7. Die Weihe des Bischofs Ambrosius1
Auxentius, der die Irrlehre des Arius angenommen hatte und dem die Kirche von Mailand anvertraut war, der aber schon auf gar vielen Synoden war abgesetzt worden, war aus dem Leben geschieden. Da ließ der Kaiser die Bischöfe kommen und redete sie mit folgenden Worten an: „Ihr wißt, da Ihr ja in den heiligen Schriften wohl bewandert seid, recht gut, wie derjenige beschaffen sein muß, der des hohenpriesterlichen Amtes gewürdigt worden ist, wie er seine Untergebenen nicht nur durch sein Wort, sondern auch durch sein Leben unterweisen, wie er sich selbst als Vorbild jeglicher Tugend hinstellen und wie sein Wandel Zeugnis geben [S. 210] soll von seiner Lehre. Einen solchen also erhebet jetzt auf den bischöflichen Stuhl, damit auch wir, die wir die weltliche Herrschaft führen, aufrichtig unser Haupt vor ihm neigen und, da wir als Menschen notwendig auch fehlen, seine Verweise gleich ärztlichen Heilmitteln bereitwillig entgegennehmen können.”
Als der Kaiser so gesprochen, bat ihn die Versammlung, selbst die Wahl zu treffen, da er weise und mit frommer Rechtgläubigkeit geschmückt sei. Er aber antwortete: „Eine solche Aufgabe geht über unsere Kräfte; Ihr dagegen werdet, da Ihr der göttlichen Gnade gewürdigt und im Besitze dieses Lichtes seid, besser wählen können.” Daraufhin traten die Bischöfe ab und pflogen für sich allein Beratung. Es waren aber die Bewohner jener Stadt in Parteien gespalten, indem die einen hartnäckig diesen, die anderen ebenso hartnäckig jenen gewählt zu sehen wünschten. Die einen, die von der geistigen Krankheit des Auxentius angesteckt waren, stimmten nur für ihre Gesinnungsgenossen, die anderen, welche zur gesunden (rechtgläubigen) Partei gehörten, suchten desgleichen einen gesinnungsverwandten Führer zu erhalten. Als Ambrosius, der mit der politischen Leitung der Provinz betraut war, von diesem Zwiespalt erfuhr, fürchtete er, es möchten Unruhen daraus entstehen und begab sich eiligst in die Kirche. Da ließen sie alle von ihrem Streit ab und riefen und verlangten einstimmig, daß ihnen Ambrosius als Hirte vorgesetzt werde. Es war aber derselbe noch gar nicht getauft.
Als der Kaiser dieses vernahm, gab er sofort den Auftrag, daß der lobenswerte Mann getauft und geweiht werde; denn er wußte, daß seine Gesinnung gerader sei als jegliche Richtschnur, und daß seine Entscheidungen zuverlässiger seien als jegliches Richtscheit. Er hielt auch dafür, daß die Wahl von Gott eingegeben sei, und schloß dieses aus dem Zusammenstimmen der früher einander widersprechenden Meinungen. Nachdem also Ambrosius das göttliche Gnadengeschenk der heiligen Taufe empfangen und die hohepriesterliche Weihe erhalten hatte, soll der ganz vortreffliche Kaiser, der den heiligen Handlungen anwohnte, dem Erlöser und Herrn folgenden Lobgesang dargebracht haben: „Dank sei dir, [S. 211] allmächtiger Herr und unser Erlöser, daß du diesem Manne wie ich die Körper, so du die Seelen anvertraut und daß du mein Urteil für gerecht erklärt hast!” Und als wenige Tage später der heilige Ambrosius in einer Unterredung mit dem Kaiser mit dem größten Freimut es rügte, daß gewisse Angelegenheiten von den Beamten nicht sachgemäß erledigt worden seien, da entgegnete der Kaiser: „Diese deine Freimütigkeit kannte ich schon lange, aber obschon ich genau darum wußte, habe ich dennoch deiner Weihe nicht nur nicht widersprochen, sondern sogar mit für dieselbe gestimmt. Heile also jetzt, wie das göttliche Gesetz es vorschreibt, die Krankheiten unserer Seelen!” — So sprach und handelte er in Mailand.
1: Im Jahre 374. — Theodoret berichtet zunächst die wichtigeren kirchengeschichtlichen Ereignisse des Abendlandes unter Valentinian I., die Erhebung des Bischofs Ambrosius von Mailand und die Synode in Illyrien, um dann bis zum Schluß dieses (4.) Buches mit größerer Ausführlichkeit die Kirchengeschichte des Morgenlandes unter Kaiser Valens und besonders dessen Verfolgung der Katholiken zu erzählen.