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Der lange Vers ist leichter als der kurze, insofern seine Teile ein geringeres Gewicht durch ihren engen Zusammenhang haben: die Elemente des langen Verses relativieren sich gegenseitig. Im kurzen Vers aber ist jedes dieser Elemente oder doch fast jedes selbständig, was im langen Vers Teil ist, das ist hier das Ganze; es erhält so ein viel // grösseres Gewicht, einen viel stärkeren Akzent, viel mehr Pathos. Der lange Vers hat darum eher die Chance, unpathetisch zu geraten als der kurze, der ja auch eine eher staccatohafte Lektüre bedingt; ein in langen Versen geschriebenes Gedicht liest sich fliessender. Ja, dasselbe Gedicht, einmal in kurzen Versen geschrieben, das andere Mal in langen, und zwar so, dass ich einfach zwei oder drei kurze Verse auf die gleiche Zeile schreibe, dieses selbe Gedicht ist jedes Mal ein ganz anderes, sein Rhythmus, sein Ton, sein Sinn verändert sich durch eine scheinbar ganz äusserliche Manipulation. – Immer wieder erstaunt es mich, wie selten es vorkommt, dass Dichter ein Gedicht in mehreren Fassungen vorlegen. Alle haben eine Scheu davor, weil sie zum vorneherein annehmen, nur eine Fassung sei gut, sei gelungen, die anderen müssten schlecht oder wenigstens im Verhältnis zu der einen approbierten unzulänglich sein. Dabei ist es doch denkbar, dass ein Gedicht in zwei gleich guten Varianten existiert, oder mehreren, in vielen. Die puristischen Neigungen // scheinen bei den Dichtern grösser zu sein als bei den Malern, von denen viele sich nicht genug tun können, dasselbe Motiv in den verschiedensten Weisen zu behandeln: als Aquarell, als Ölbild, gezeichnet, gestochen. Und innerhalb jeder dieser Manieren dann nochmals verschieden: einmal mehr hell getönt, einmal mehr dunkel; die Figur, die in der einen Fassung rechts steht, ist in der andern links zu sehen usw. Den Dichtern fällt so etwas merkwürdigerweise kaum ein. Vielleicht weil sie, vor allem in Deutschland, eine andere Auffassung von ihrem Metier haben als die Maler, eine viel angestrengtere, bemühtere: es geht ihnen nicht ums Bilden und Formen, sondern vor allem um Ausdruck. Jetzt gibt es diesen natürlich nicht ohne jenes und umgekehrt. Aber es kommt darauf an, wie man den Akzent setzt. Und da sind doch offenbar die Maler meist einfacher und handfester.