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Im laufenden Jahr würden 7,6% des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) schwarz geleistet, sagt der Ökonom Friedrich Schneider. Die illegale Arbeit, die der Vollzeitarbeit von 460'000 Personen entspreche, wertet Schneider nicht nur negativ.
Die Summe der in diesem Jahr total geleisteten illegalen Arbeit veranschlagt Friedrich Schneider, der an der Universität Johannes Kepler in Linz in Österreich lehrt, auf 34,5 Mrd. Franken.
Als Schwarzarbeit definiert der Deutsche die Summe aller entlöhnten, aber bei Steuerbehörden und Sozialversicherungen nicht deklarierten Beschäftigungen.
swissinfo.ch: In Ihrem im Journal of Economic Literature veröffentlichten Artikel stellten Sie fest, es sei sozusagen unmöglich, Schattenwirtschaft zu definieren. Wie würden sie dieses wirtschaftliche Phänomen 2012 definieren?
Friedrich Schneider: Genau gleich wie im Jahr 2000. Schattenwirtschaft umfasst die Produktion legaler Güter und Dienstleistungen, die jedoch in der offiziellen Buchhaltung nicht registriert sind, also vor staatlichen Behörden versteckt werden. Mit solchen Aktivitäten wird aber ein Mehrwert geschöpft, der ans Bruttoinland-Produkt (BIP) angerechnet werden kann.
swissinfo.ch: Allgemein werden darunter nicht deklarierte Aktivitäten im Zusammenhang mit legalen Gütern und Dienstleistungen verstanden, aber auch gesetzeswidrige Beschäftigungen wie Handel mit Raubgut oder Prostitution...
F.Sch.: Wenn jemand in seiner Garage ohne Buchführung ein Auto repariert, so ist das eine legale Beschäftigung, die Mehrwert schöpft. Illegal daran ist hingegen, dass die betreffende Person die Steuern und Sozialbeiträge umgeht.
Sicher gibt es auch illegale Beschäftigungen. So ist zum Beispiel Prostitution in einigen Ländern erlaubt, aber in anderen verboten, doch in der Mehrzahl der Fälle wird sie nicht deklariert.
swissinfo.ch: Laut Ihren Untersuchungen gibt es in der Schweiz 69'000 illegale ausländische Arbeiter. Wie kommen sie auf die Zahl von 460'000 Vollbeschäftigten, die schwarz arbeiten?
F.Sch.: Im Grossen und Ganzen stimmt die Zahl von 69'000 Schwarzarbeitern. Die 460'000 illegal Vollbeschäftigten gibt es in der Wirklichkeit nicht. Es handelt sich um eine fiktive Grösse, die anschaulicher ist, als vom Total der Arbeitsstunden der Schattenwirtschaft zu sprechen.
swissinfo.ch: Ist dies nicht beunruhigend für ein Land mit einer arbeitenden Bevölkerung von vier Millionen Menschen
F.Sch.: Nein, ist es nicht. Es handelt sich um einen geringen Teil der Arbeitskraft. Er entspricht wie gesagt der Summe sämtlicher nicht gemeldeter Arbeitsstunden, die in Vollbeschäftigte umgerechnet werden.
Ich kann nur wiederholen: Der typische Fall ist ein Schweizer Arbeiter, der wöchentlich während 4 bis 6 Stunden in seiner Freizeit irgendeiner entlöhnten, aber den Steuerbehörden nicht gemeldeten Beschäftigung nachgeht.
swissinfo.ch: Besteht ein grosser Lohnunterschied zwischen einem 'offiziellen' Job und Schwarzarbeit?
F.Sch.: Nein, der Unterschied ist gering. Das Nettoeinkommen (Einkommen nach Steuern) ist in beiden Fällen sehr ähnlich. Im Falle von Schwarzarbeit mag es etwas geringer sein. Es gibt natürlich auch Extremfälle, etwa Beschäftigungen im Zusammenhang mit dem Organisierten Verbrechen, welche jedoch die Ausnahme sind.
swissinfo.ch: Einen der grössten Nachteile der Schattenwirtschaft sind die Verluste an Steuern und Sozialversicherungen, die dem Staat dadurch entstehen. Wie hoch sind diese im Falle der Schweiz?
F.Sch.: Jährlich verliert der Bund ungefähr zwei Milliarden Franken, inbegriffen Sozialbeiträge und Steuereinnahmen.
swissinfo.ch: Laut Ihren Untersuchungen hat Schwarzarbeit aber auch positive Seiten. Nämlich?
F.Sch.: Zwei Drittel des durch Schwarzarbeit erwirtschafteten Einkommens fliessen durch Ausgaben in die legale Wirtschaft zurück und tragen so zum Wirtschaftswachstum und der Einnahme indirekter Steuern bei. Dennoch haben aber der Staat und die Institutionen weniger Einnahmen. Die Schattenwirtschaft ist somit keine Schwarzweiss-Fotografie.
swissinfo.ch: 2008 führte die Schweiz ein Gesetz zur Bekämpfung von Schwarzarbeit ein. Diese ist inzwischen zurückgegangen. Kann man daraus folgern, dass mehr Inspektoren und mehr Betriebskontrollen sowie weniger administrativer Umtrieb bei der Personaleinstellung zur Verminderung der Schwarzarbeit beigetragen haben?
F.Sch.: Ja, dies ist Teil der Erklärung, weshalb sich das Einkommen der Schattenwirtschaft von 39,5 Mrd. Franken im Jahre 2004 auf 34,6 Mrd Franken im laufenden Jahr vermindern wird.
Schattenwirtschaft
Die wichtigsten im März veröffentlichten Schlussfolgerungen der Untersuchungen von Professor Scheider:
2012 wird die Schattenwirtschaft in der Schweiz 7,6% des Bruttoinlandprodukts erwirtschaften. Dies liegt weit unter dem Durchschnitt von 19,2% der 31 untersuchten europäischen Volkswirtschaften: Italien weist 21,6% Schwarzarbeit-Anteil auf, Portugal 19,4%, Spanien 19,2%, Deutschland 13,5%, Frankreich 11% und Grossbritannien 10,5%.
2008 trat in der Schweiz ein neues Gesetz zur Bekämpfung von Schwarzarbeit in Kraft, das die administrativen Umtriebe für die Steuererklärung und die Sozialversicherung erleichterte. Gleichzeitig wurden auf kantonaler und Bundesebene mehr Inspektoren eingesetzt und mehr Betriebskontrollen vorgenommen.
Die verschärften Massnahmen zeigen Erfolg: Während 2004 die Schattenwirtschaft 39,5 Milliarden Franken zum, waren es 2007 noch 36,8 Milliarden Franken und dieses Jahr werden es 34,6 Milliarden Franken sein.
Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) erklärt diesen Rückgang mit der guten Wirtschaftslage des Landes, welche der legalen Personaleinstellung förderlich sei.
Das Seco teilt hingegen die Auffassung nicht, wonach Schwarzarbeit auch positive Auswirkungen habe, "vor allem, weil die Betroffenen nicht in den Genuss der Sozialversicherung kommen", erklärt Serge Gaillard der Direktor des Bereichs Arbeit beim Seco.
"Wenn die illegale Personaleinstellung in einem Wirtschaftssektor zur Norm wird, so ist es für Unternehmen sehr schwierig, jemanden legal anzustellen", so Gaillard
(Quelle: Eco-Magazin Schweizer Fernsehen).Infobox Ende
Friedrich Schneider
1949 in Konstanz (Deutschland) geboren; doktorierte in Wirtschaftswissenschaften.
Schneider war Professor an den Universitäten von Pittsburgh (USA), Aarhus (Dänemark), Melbourne (Australien) und Saarbrücken (Deutschland).
Seit 1991 betätigt er sich als Forscher und hat den Lehrstuhl für Wirtschaft am Institut für politische Ökonomie an der Universität Johannes Kepler in Linz (Österreich) inne.
Professor Schneider ist einer der bekanntesten und meist zitierten Experten für Schattenwirtschaft. Seit 25 Jahren erforscht er das Phänomen in 165 Volkswirtschaften untersucht.Infobox Ende
(Übertragen aus dem Spanischen: Regula Ochsenbein), swissinfo.ch