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Mittwoch, 26. Oktober, 20.54 Uhr
Die See liegt da wie ungebügelte Satin-Bettwäsche. Seit gestern sind wir nur noch Toten begegnet. Am Abend kam ein Schnellboot der «Bourbon Argos» vorbei, um uns den Körper der toten Frau, den wir gegen Mittag geborgen hatten, abzunehmen. Und um uns gleichzeitig ein «migrant boat» mit 18 Leichen zu übergeben. Die «Bourbon Argos» hatte an jenem Tag zwei Boote geborgen, darin fanden sich auch 29 tote und 6 lebende Personen, die so rasch wie möglich in ein richtiges Spital gebracht werden mussten. Dem grossen MSF-Schiff fehlte der Platz und die Zeit, alle Toten aufzunehmen. So übernahmen wir das MigrantInnenboot über Nacht und banden es an der «Sea Watch 2» fest. Ein Beiboot voller Leichen, ein kleines Massengrab an unserer Seite, das wir über den grossen Friedhof, der das Mittelmeer ist, neben uns her zogen. Die Blinklichter der Schwimmwesten, die noch im Boot waren, leuchteten während der ganzen Nacht weiter, obwohl es für ihre TrägerInnen keine Rettung mehr gab.
Heute morgen um 11 Uhr kam die «Vos Hestia» von Save the Children, um die Leichen zu übernehmen. Sie baten uns, das Wasser, das noch im Boot war, abzulassen. Ingo, Head of Mission, und Peter, erster Maschinist, stiegen mit Gummistiefeln in das elf Meter lange Boot, versuchten diese elende Mischung aus Benzin, Meerwasser und Körperflüssigkeiten, die ihnen bis über die Knöchel reichte, abzupumpen. Sie mussten dabei über die Leichen junger Menschen steigen, die vielleicht von den Benzindämpfen ohnmächtig geworden und in der einige Zentimeter tiefen Brühe ertrunken waren. Vielleicht hatte es auch eine Massenpanik gegeben und sie waren niedergetrampelt worden. Mit dem Gesicht nach unten lagen die meisten da, über- und untereinander. Das Benzin hat die Pigmente ihrer Haut grossflächig weggeätzt, manche Körperstellen und Gliedmassen weiss bis hellrosa zurückgelassen. Ein Mann und eine Frau lagen eng umschlungen im Boot. Vielleicht ein Paar, das Arm in Arm gestorben war.
Die «Vos Hestia» liess das Gummiboot zum Mutterschiff schleppen, wo jeder Körper einzeln per Kran an Bord gehoben wurde, um sie nach Italien zu bringen, wo sie beerdigt werden sollen. (Ich bin froh, dass ich das nicht gesehen habe. Ich war im Medienraum dabei, das «Search and Rescue»-Logbuch zu aktualisieren.)
Morgen ist unser letzter Tag in der Rescue Zone. Wir hoffen, noch lebende Menschen finden und bergen zu können. Übermorgen kommt ein Sturm.