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Splügenpass
(Kt. Graubünden, Bez. Hinterrhein). 2117 m. Wichtigster Passübergang von Graubünden nach Italien, speziell vom Rheinwaldthal nach dem Val San Giacomo-Chiavenna-Comersee; Parallelpass zum St. Bernhardin (Rheinwald-Misox) und gleichzeitig mit diesem 1818-1823 als schöne grosse Kunststrasse gebaut. Beide Uebergänge waren schon den Römern bekannt und weisen jetzt noch Spuren und zum Teil noch benutzte Reste der alten Römerstrassen auf.
Die wahrscheinlich anfangs des 3. Jahrhunderts entstandene römische Militärkarte, die sog. Tabula Peutingeriana, und das etwas später erschienene Itinerarium des Antonin nennen einige Stationen an der Splügenstrasse, so Clavenna (Chiavenna, deutsch Cleven), Tarvessede (wahrscheinlich des jetzige Madesimo), Cunus aureus (wahrscheinlich an der Stelle der jetzigen Dogana südl. der Passhöhe), Curia (Chur, Coira). Ist nun auch der Verlauf der alten Strasse im allgemeinen bekannt, so lässt er sich doch im einzelnen nicht leicht verfolgen, da von den Stationen zwischen Chiavenna und Chur keine einzige ganz sicher festgestellt ist.
Von Chiavenna bis Splügen muss sie in grossen Zügen, wenn auch mit manchen und zum Teil beträchtlichen Abweichungen im einzelnen, ungefähr mit der jetzigen Strasse übereinstimmen, da die Römer ihre Bergstrassen nach den jetzt noch als die besten und zweckmässigsten anerkannten Methoden bauten. Schon sie schmiegten diese Strassen dem Terrain an, suchten sonnige und möglichst lawinensichere Lagen aus und vermieden finstere Schluchten und Rutschpartien. Sie wichen dagegen grösseren Steigungen nicht aus und legten darum weniger Serpentinen und weniger kostspielige Kunstbauten (Viadukte etc.) an als es heutzutage geschieht.
Danach war für die Römer das Tracé durch das meist enge Thal von Chiavenna (317 m) bis Isola (1277 m) so ziemlich gegeben. Von da ging es steil über die Terrassen und Abhänge ö. der Schlucht des Kardinell (Val del Cardenello) hinauf nach dem Piano della Casa (Dogana, 1900 m) und dann fast gerade weiter zur Passhöhe (2117 m). Diese noch gut erhaltene via strata von Isola aufwärts wird von den Anwohnern für die römische gehalten. Ein anderes, vielleicht mit mehr Recht für römisch gehaltenes und jetzt noch als Saumweg nutzbares Strassenstück zog sich von oberhalb Campodolcino ins Val Madesimo (das alte Tarvessede?) hinein und dann längs den Hängen des s. Ausläufers des Surettahorns nach der Dogana.
Eine dritte, jetzt ebenfalls aufgegebene Route führte später (seit 1643) durch die Schlucht des Kardinell und war der grossen Lawinengefahr wegen auf langen Strecken mit Schirmdächern versehen. Von der Passhöhe nach Splügen hinunter folgte die Römerstrasse ungefähr der jetzigen Route, doch mit weniger Serpentinen im obersten und untersten Teil. In der Schlucht des Splügenbergbachs finden sich noch Spuren der alten Strasse. Von Splügen bis Chur weichen die beiden Strassenzüge dagegen vollständig voneinander ab. Die Römerstrasse ging links des Hinterrheins längs dem Fuss des Kalkberges nach Sufers und von da nö. hinauf über die Alp Perfils zum Lai da Vons und zu Punkt 2079 m, dann ö. und n. um den Piz Vizan zur Alp Annarosa und von da oberhalb Wergenstein, Mathon und Lohn nach dem Maiensäss Saissa und durch den Dürrenwald zur Nolla, dann hinauf nach Urmein und über den Heinzenberg (Flerden-Sarn-Präz), endlich über Balveins-Foppas-Runcaglia hinab nach Räzüns und über Brühl und Vogelsang rechts des Rheins (nicht über Bonaduz und Reichenau) nach Ems und Chur. Ob das eben genannte Saissa identisch ist mit dem sprachlich gleichsinnigen Lapidaria der Peutingerschen Tafel, erscheint sehr fraglich.
Nach Baviers spezieller Forschung an Ort und Stelle kann die Römerstrasse nicht über Saissa geführt haben, sondern muss im Bogen ö. und n. unter diesem Punkt durchgegangen sein, da es keinen Zweck gehabt hätte, sie von Lohn (etwa 1600 m) erst weit hinauf (bis über 2000 m) und dann wieder steil hinunter zur Nolla zu führen. Lapidaria = «Stein» oder «Fels» kann sich recht gut auf irgend eine andere Stelle zwischen dem Dürrenwald und Lohn beziehen, da es dort steinige Halden und Felspartien genug gibt, die den Namen rechtfertigen würden.
Nach Bavier hätte übrigens die Splügenstrasse wie auch die benachbarte Bernhardinstrasse zur Römerzeit nicht für Wagen, sondern nur für Saumtiere und Fussgänger gedient, da nirgends von Wagen die Rede ist und die Strassenbreite an allen bekannten Stellen nur 1,5 m beträgt und keine Ausweichplätze vorhanden sind. Die fahrbaren Strassen jener Zeit, z. B. Septimer und Julier, waren 2,7 bis 3 m breit. Die Römerstrassen in den Alpen haben dann durch das ganze Mittelalter in wenig verändertem Zustand bestanden und gegen zwei Jahrtausende dem Verkehr gedient, der je nach den Zeitläufen mehr oder weniger rege war.
Der Zustand der Strassen war meist ein schlechter; für den Unterhalt geschah wenig. Oft dienten sie dem Wasser als Abflussrinnen, waren mit grobem Gesteinsschutt und im Winter mit Schnee erfüllt. Da dazu noch grosse Steigungen (bis zu 30%), gelegentliche Verheerungen etc. kamen, waren sie nur mit grossen Mühen zu passieren. Erst mit dem 19. Jahrhundert brach für die Alpenstrassen ein neues Zeitalter an. Die neue Kunststrasse Chur-Splügendorf wurde 1818-1823, gleichzeitig mit derjenigen über den St. Bernhardin (1818-1821) und mit derjenigen über den Splügenberg (Chiavenna-Passhöhe 1818-1820, Passhöhe-Splügendorf 1822) gebaut.
Die Strecke Chur-Splügendorf ist 52 km, die Strecke Splügendorf-Chiavenna 40 km lang, die ganze Strasse durchschnittlich 6 m breit. Nur eine kurze Strecke erreicht die Maximalsteigung 9%. Die ganze Strecke Chur-Splügen-Chiavenna kostete 1943200 Fr., ungerechnet die unentgeltliche Abtretung des benötigten Rohmaterials an Holz, Steinen und Kies, und der Kiesfuhren von Seite der Gemeinden. In die Kosten teilten sich die Staaten Graubünden, Sardinien und Oesterreich, die anliegenden Gemeinden und die Churer Kaufmannschaft. Die Strecken durch die Schluchten der Viamala und Rofna, dann die Splügenstrasse im engern Sinn von Splügen bis Chiavenna gehören zu den grossartigsten und kühnsten Strassenbauten der Alpen überhaupt. Von Splügen weg steigt die Strasse in einigen Windungen etwa 200 m in die Höhe, dann folgt eine sanfter ansteigende, annähernd geradlinige ¶
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Strecke, endlich gegen die Passhöhe hin wieder eine solche mit engern Windungen. Etwas unterhalb der Passhöhe bieten ein Berghaus (2035 m) und eine längere Gallerie Unterkunft und Schutz. Etwa halbwegs zwischen Splügen Dorf und Passhöhe wird etwas ö. über der Strasse in der Räzünseralp ein schöner weisser Marmor gebrochen, dessen Abfälle man als Strassenmaterial benutzt. Die Passhöhe, ein kahler Sattel zwischen Tambo- und Surettahorn, bildet die Wasserscheide zwischen Hinterrhein- und Addagebiet und die Grenze zwischen der Schweiz und Italien.
Ausgegrabene Stöcke und Wurzeln beweisen, dass einst der Wald bis auf diese Höhe reichte. Jenseits wenig unterhalb der Passhöhe findet sich die dritte italienische Cantoniera (2067 m) und 2 km unter der Passhöhe (12 km von Splügen Dorf) das italienische Zollamt, la Dogana del Monte Spluga, und mehrere andere Wirtschafts- und Unterkunftsgebäude im sog. Piano della Casa (etwa 1900 m). Von da kann man westwärts durch das Val Loga und über den Curciusagletscher ins Areuethal und weiter nach Nufenen im Rheinwald oder direkt nach San Bernardino (über die Bocca di Curciusa) steigen oder auch östlich am Lago Nero und Lago d'Emet vorbei zum Passo di Emet und nach Inner Ferrera-Avers gelangen.
Die Splügenstrasse selbst führt südostwärts über den Liro und zur 2. Cantoniera (1870 m), einem stattlichen
Gebäude mit Glockentürmchen am W.-Abhang des Rückens von Madesimo, welches Dorf man von hier aus auf gutem Weg in 2 Stunden
erreicht. Die Cantoniera, auch la Stuetta genannt, bietet gute und billige Unterkunft und einen letzten umfassenden Ueberblick
über die Bergwelt am
Splügenpass. Dann geht es weiter, immer hoch über dem Liro und durch mehrere
Gallerien an der 1. Cantoniera (Wirtschaft) vorbei nach Pianazzo (1400 m), dem ersten Dorf der S.-Seite.
Zweigstrassen führen von da einerseits hinunter nach Isola, andrerseits hinein nach Madesimo (1660 m) im gleichnamigen Seitenthal, einem von Italien aus stark besuchten Kurort mit gross angelegten Hotel- und Badeinrichtungen. Der Passo di Madesimo (2280 m) verbindet den Ort mit dem schweizerischen Ferrera- und Averserthal. Gleich unterhalb Pianazzo bildet der Bach des Val Madesimo einen prachtvollen, 260 m hohen Wasserfall. Dann folgt das kühnste Stück der Splügenstrasse, eine Strecke mit Gallerien, mächtigen Stützmauern, in Fels gehauenen Partien und mit Windungen, die wie die Gallerien eines Theaters fast senkrecht übereinander liegen.
Rasch geht es nun in die Tiefe, und bald ist der Wiesengrund von Campodolcino (1050 m) mit seinen schönen Ahorn-, Buchen- und Eschengruppen und den zerstreuten Weilern erreicht (15 km von der Passhöhe). Die erste Anlage der Strasse ging von Campodolcino nach Isola hinein und von da in Windungen hinauf nach Pianazzo. Verheerende Ueberschwemmungen des Jahres 1834 veranlassten die Verlegung der Strasse an die jetzige Stelle am ö. Gehänge des Thals mit Beiseitelassung von Isola.
Fussgänger aber können immer noch von der Dogana im Piano della Casa durch die Schlucht des Kardinell nach Isola und Campodolcino gelangen. Von da führt die Strasse immer am ö. Thalgehänge und in einiger Höhe über dem Thalgrund durch den untern Teil des Liro- oder Giacomothals. Der Thalgrund ist öftern Ueberschwemmungen ausgesetzt und darum meist baumlos und mit gewaltigen Trümmermassen bedeckt, während die Gehänge zu beiden Seiten im Schmuck der Kastanienwälder prangen.
Man passiert zahlreiche Weiler und kleinere, mehr malerische als schöne Häusergruppen und der Reihe nach die zerstreuten Dörfer Prestone, Gallivaggio und San Giacomo. Andere Dörfer, Weiler, Kirchen und Kapellen grüssen von den Höhen herab, und brausende Wasserfälle stürzen aus zahlreichen Seitenschluchten hervor. Die warme insubrische Region mit italienischem Landschafts- und Vegetationscharakter ist erreicht. Bald unterhalb San Giacomo öffnet sich das enge Thal in die weite Ebene von Chiavenna (30 km von der Passhöhe, 300 m über Meer), wo die herrliche Bergstrasse des Splügen zu Ende geht.
Von der Römerzeit bis zum Bau der neuen Strassen, also bis etwa 1820, standen Splügen- und Bernhardinstrasse an Verkehrsbedeutung hinter dem Septimer und ¶
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dem Julier zurück, da diese fahrbar, jene aber nur für Saumtiere gangbar waren. Immerhin bekamen jene Fahrstrassen die Konkurrenz dieser Saumstrassen deutlich zu spüren, was unter anderm in Herabsetzung der Transport- und Lagergebühren, in vermehrter Sorge für die Sicherheit der Leute und Güter etc., sowie auch in Streitigkeiten zwischen den beteiligten Thalschaften und sog. Portgemeinden sich äusserte. So klagten 1467 die Gemeinden an der Septimerstrasse beim Bischof von Chur gegen diese Stadt und verlangten, sie sollte gehalten sein, fremde Kaufmannsgüter nur über den Septimer zu leiten.
Und der Bischof gewährte die Bitte. Allein bald darauf (1473) bauten die Gemeinden Thusis, Cazis und Masein im Einverständnis des Grafen von Werdenberg-Sargans und der Gemeinden des Domleschg linker Rheinseite einen wagenbreiten, in Fels gesprengten Weg durch den innern Teil der Viamalaschlucht vom Hof Rongellen nach Zillis, wobei sie von den Clevnern und Misoxern unterstützt wurden. Dann bildeten sie eine Portgenossenschaft, wie solche gleich auch in Räzüns, Schams, Rheinwald, Misox und im San Giacomothal entstanden.
Die neue Strasse kam so immer mehr in Aufnahme. Einen vollständigen Sieg errang sie aber erst durch den Neubau (1818-1823). Seitdem kam der Septimer in Vergessenheit und Verfall. Der ganze transalpine Verkehr, so weit er überhaupt durch Graubünden ging, bewegte sich nun über Splügen und St. Bernhardin. Aber auch diese Strassen wurden durch die 1820-1830 gebaute St. Gotthardstrasse und dann durch die Gotthardbahn immer mehr in Schatten gestellt. 1880 gingen 18798 Reisende über den Splügen und 8023 über den St. Bernhardin, 1890 nur noch 10090 über den erstern und 3703 über den letztern.
Vor Eröffnung der Gotthardbahn betrug die Zahl der Reisenden über Splügen und Bernhardin jährlich 25000-30000 und darüber, nachher nur noch um 15000. Ein vollständiger Umschwung ist im Güterverkehr eingetreten. Nur wenige Posten, wie Kastanien und Mehl, sind sich vor und nach Eröffnung der Gotthardbahn annähernd gleich geblieben. Der Weintransport aus Italien aber fiel von etwa 14000 auf 7000 Zentner, die Seide gar sank von rund 10000 Zentnern auf O. Aehnlich hat die Ausfuhr schweizerischer Baumwollfabrikate über die zwei genannten Pässe, die früher 2000-4000 Zentner per Jahr betrug, gänzlich aufgehört. Diese und noch viele andere Dinge gehen nun alle durch den Gotthard. Eine Splügenbahn aber, so sehr ersehnt und umstritten, will noch immer nicht kommen.
Längs dem Splügenweg hat man verschiedene lateinische Inschriften entdeckt, so z. B. in Vô zwischen Cimaganda und Campodolcino. Die Strassenbrücke über den Pigneuerbach auf Schweizerseite trägt die Inschrift: Jam via patet hostibus et amicis. Cavete Räti! Simplicitas morum et unio servabunt avitam libertatem. Eine andere, aus 1838 stammende Inschrift unterhalb Pianazzo (auf der italienischen Seite) ist von der Kaufmannschaft von Chiavenna zu Ehren des Kaisers Ferdinand I. angebracht worden, der die Strasse nach den Hochwassern von 1834 zum Teil neu anlegen liess.
Bibliographie:
Bavier, S. Die Strassen der Schweiz. Zürich 1878. - Schulte, Aloys. Geschichte des mittelalterlichen Handels und Verkehrs zwischen Westdeutschland und Italien. Leipzig 1900. - Reinhard, R. Topographisch-histor. Studien über die Pässe und Strassen in den Walliser-, Tessiner- und Bündneralpen. Luzern 1901. - Gilli, G. Das Strassennetz des Kantons Graubünden (im Jahresbericht der naturforschenden Gesellschaft Graubündens). Chur 1898. - Die schweizerischen Alpenpässe; offizielles Posthandbuch. 2. Aufl. Bern 1893.
[Dr. Ed. Imhof].