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Der berühmte weisse Marmor aus Carrara ist nicht nur ein Symbol für Luxus. Der Bruch wurde zu einem der wichtigsten Orte für die Gewinnung von Kalziumkarbonat zur Herstellung von Zahnpasta. Doch der Abbau verschandelt die Landschaft. Und birgt für die Arbeiter tödliche Risiken. Profiteure sind lokale und internationale Eliten. Darunter die Familie Bin Laden und ein Schweizer Multi.
Das Weiss wirkt verstörend – von Weitem erinnern die Steinbrüche von Carrara an einen Gletscher. Beim Näherkommen aber breitet sich vor unseren Augen ein Bergbaurevier aus, wie eine eierschalenfarbene Decke, die sich über die Flanken der Apuanischen Alpen legt. Dutzende von schweren Lastwagen, beladen mit riesigen Rohmarmor-Blöcken, durchqueren die von Baggern abgegrabenen Berghalden.
Auf der steilen Strasse kämpft sich unser Vierradantrieb-Wagen zum Michelangelo-Steinbruch hoch. Dort wird der Statuario-Marmor abgebaut, eine der teuersten Marmorarten, für die bis zu 4600 Franken pro Tonne bezahlt wird.
Hier sind ein Dutzend Arbeiter in der prallen Sonne beschäftigt. Der 52 Jahre alte Riccardo, der seit rund 30 Jahren in den toskanischen Steinbrüchen arbeitet, macht sich mit einer Diamantdrahtsäge hinter einen Marmorblock.
Die Hitze ist erdrückend. "Im Sommer ist der Steinbruch ein wahrer Glutofen. Und im Winter ist es kalt und feucht", sagt Riccardo unter Keuchen.
Schon sein Vater und seine Onkel brachen Marmor. Stolz erklärt er uns seine Arbeit, bevor er schliesslich sagt: "Ich hoffe dennoch, dass mein Sohn in seinem Leben etwas anderes tun wird."
Hochriskante Arbeit
Trotz den Anstrengungen der letzten Jahren ist die Sicherheit in den Steinbrüchen für die Arbeiter immer noch mangelhaft . Am 11. Juli brach ein Marmorblock in einem Lagerhaus entzwei – der 37 Jahre alte Luca Savio, Vater eines kleinen Jungen, kam dabei ums Leben. Einige Wochen zuvor, im Mai dieses Jahres, war der 58 Jahre Luciano Pampana gestorben: Er wurde von einem Bagger zerdrückt.
"Die Sklaven verlieren in Carrara weiterhin ihr Blut", klagte Pater Raffaello in einer seiner Predigten. "Die Apuanischen Alpen wurden brutal verletzt, und auch wenn nicht viele davon profitieren mögen, sind einige dabei sehr reich geworden!"
"Die Sklaven verlieren in Carrara weiterhin ihr Blut."
Don Raffaele, Priester in CarraraEnde des Zitats
Die Gewerkschaften fordern schlicht und einfach die Schliessung der Steinbrüche, in denen die Sicherheitsmassnahmen unzureichend sind. Im Verlauf der letzten zwölf Jahre kamen in den Steinbrüchen elf Menschen ums Leben, allein sechs 2015 und 2016. "Das ist wirklich zu viel, wenn man bedenkt, dass es in der ganzen Provinz etwa 600 Bergleute gibt", sagt Roberto Venturini, Sekretär der Gewerkschaft Fillea CgIL in Massa, der Hauptstadt der Provinz Massa-Carrara.
Für den Gewerkschaftsvertreter, der uns vor Ort begleitet, gibt es nur eine Möglichkeit, um den Betrieb des Standorts mit der Arbeitsplatzsicherheit und dem Schutz der Umwelt zu vereinbaren: "Die Produktion muss verlangsamt und die Zahl der Arbeiter erhöht werden."
Seiner Ansicht nach könnte der wachsende Unmut der Einwohner und Einwohnerinnen Carraras, welche die durch den Abbau verursachten Risiken und Schäden immer weniger tolerieren, als Hebel dienen, um die Betreiber zur Vernunft zu bringen.
Marmor-Monokultur
Die Provinz Massa-Carrara ist ein Mikrokosmos, der die Auswüchse der Industriewirtschaft repräsentiert: Automatisierung, Verknappung der Ressourcen, Konzentration des Reichtums sowie der Konflikt zwischen Umwelt und Produktion. Letzterer hatte sich in den 1980er-Jahren so richtig entzündet.
Es ging um einen Chemiestandort unterhalb der Steinbrüche, in Richtung Meer gelegen. Bei einem konsultativen Referendum sprachen sich die Stimmberechtigten 1987 für die Schliessung des Industriekomplexes Farmoplant der italienischen Montedison-Gruppe aus. Ein Jahr später, im Juli 1988, beschleunigte die Explosion von Tanks mit dem gefährlichen Pestizid Rogor den Rückbau des Geländes.
Dieser Entscheid zog weitere Kreise, die Chemiebetriebe in der Region stellten der Reihe nach ihre Produktion ein. Dabei überliessen sie Hunderte von Angestellten ihrem Schicksal und "entsorgten" die vergifteten Grundstücke bequem bei den lokalen Behörden.
Nur der Sektor des Marmorabbaus widerstand diesem Aderlass und schuf eine industrielle "Monokultur". Damit fahren einige wenige Akteure riesige Profite ein. Den Menschen aber, die in der Region leben, blieben ein paar Krümel. Und die Bewältigung der Krisen in Sachen Umwelt und Beschäftigung.
Vom Stolz in die Misere
Heute ist der Marmor für die Menschen von Massa-Carrara zum Synonym für "Katastrophe" geworden. Dieser Marmor, der die Identität der dort lebenden Menschen geprägt und die Region in der ganzen Welt bekannt gemacht hat, ist die Ursache einer grossen sozialen Misere und Grund für grosse Umweltsorgen.
In den letzten drei Jahren stiegen die Gewinne der Branche pro Jahr um mehr als 5%. Es ist schwierig, einen anderen Industriesektor mit einem solchen Wachstum zu finden. Und das Wachstum kommt einer immer kleineren Anzahl von Unternehmen zugute.
Die Zahl der Beschäftigten nimmt stetig ab, und ein immer grösserer Teil der Verarbeitungstätigkeiten findet heute im Ausland statt: Seit den frühen 2000er-Jahren sank die Zahl der Arbeitsplätze vor Ort um mehr als 30%, von fast 7000 auf etwa 4750 Stellen.
In den vergangenen Jahren gingen in den zunehmend mechanisierten Steinbrüchen über 300 Arbeitsplätze verloren, sowie 300 weitere in der Verarbeitung und Bearbeitung.
Nicht abgenommen haben dagegen die Konfrontationen. Auf der einen Seite stehen Umweltschützer, auf der andern die Unternehmer. Die einen tendieren dazu, die wirtschaftlichen Auswirkungen zu minimieren, während die anderen die Arbeitsplätze in der Branche hervorheben. Die einzige Gewissheit ist wohl, dass der Marmor die rebellische Identität der Menschen in Carrara prägt.
"Arroganz der Macht"
"Verwundet und wütend nimmt die lokale Gemeinschaft die Marmor-Herren als Vertreter einer arroganten Macht wahr, die sich den Reichtum aneignet, den dieses seltene Material bietet", sagt Paolo Gozzani, der Sekretär der Gewerkschaft CGIL in Massa-Carrara. Im Gegenzug aber verweigere diese Elite den Menschen vor Ort Möglichkeiten und Perspektiven, um deren soziale Lage zu verbessern. Und sie sorgten auch nicht dafür, dass der Marmorabbau zu einer nützlichen Branche für die gesamte Region werde, so Gozzani.
"Die Regel für Unternehmen aus der Steinbaubranche scheint zu sein, die Umweltvorgaben nicht einzuhalten."
Aldo Giubilaro, Generalstaatsanwalt in MassaEnde des Zitats
Eine Ansicht, die Giulio Milani, ein lokaler Schriftsteller und Verleger, teilt. Er hat ein Buch über die Verwüstung der Region durch den Marmorabbau publiziert. Milani macht sich Sorgen um die Zukunft seiner drei Kinder. "Wenn es regnet, werden die Flüsse in der Umgebung weiss wie Milch, wegen dem Marmorstaub, der Marmittola. Und das ist nicht alles", fügt er hinzu.
Carrara habe in neun Jahren vier Überschwemmungen erlebt, die alle auf die hydrologische Instabilität des Geländes zurückzuführen seien. "Es ist an der Zeit, die sozialen Kosten zu beziffern, die durch den Abbau entstehen. Wir leben in einem echten Bergbaugebiet, das als solches betrachtet werden muss, unter Berücksichtigung der ansässigen Bevölkerung, die unter den Auswirkungen leidet."
Milanis Aussagen werden bekräftigt durch die eindeutige Position des Generalstaatsanwalts von Massa, Aldo Giubilaro. Er äusserte sich jüngst zu einer grossen Operation bei mehreren Unternehmen aus der Marmorabbau-Branche.
Sie brachte Kostproben von Gesetzesverstössen im Umweltbereich an den Tag, die in der Region an der Tagesordnung sind. "Abgesehen von den seltenen, sicherlich lobenswerten Ausnahmen, scheint die Regel für Unternehmen aus der Steinbaubranche zu sein, die Umweltvorgaben nicht einzuhalten. Mit sehr negativen Folgen für die Einwohner der Region", so der Staatsanwalt.
"Es geht nicht nur um ein Umweltproblem, sondern auch und insbesondere um die Gesundheit der Menschen, die in dieser Provinz leben: Sie stehen leider ganz oben auf der Liste der Krebserkrankungen in der ganzen Toskana", sagt Giubilaro. Er ist bekannt dafür, die Omerta, das Gesetz des Schweigens, das in dieser Branche herrscht, zu durchbrechen.
Das "Marmormehl" der Schweizer
Wir verlassen den Michelangelo-Steinbruch und fahren in Richtung Tal. Unten entladen Lastwagen jene Blöcke, welche die Bergleute als minderwertig aussortiert haben. Es herrscht unablässiger Lärm. Hier in der "Mulino", einer Mühle, wird der Ausschuss zu Marmorscherben zerkleinert.
Diese Splitter werden dann wieder auf Fahrzeuge geladen, die über die Strada dei Marmi fahren; eine sechs Kilometer lange Autobahn mit Galerien, deren Bau mit öffentlichen Geldern in Höhe von 130 Millionen Franken finanziert wurde.
Die Autobahn führt zum Industrieunternehmen Omya SA, wo die Marmorsplitter zu Kalziumkarbonat verarbeitet werden. Dies ist eine Komponente, die in Zahnpasta als Verdickungsmittel und leichtes Schleifmittel verwendet wird, aber auch in Dutzenden von weiteren Produkten.
Die Kalziumkarbonat-Mühle. Dieses Pulver macht fast drei Viertel der Produktion der Steinbrüche aus.
Dieses "Marmormehl" ist sehr begehrt. Vor allem von Omya, einem multinationalen Unternehmen mit Sitz in der Schweiz, genauer, im Kanton Aargau. Omya ist nicht börsenkotiert und in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt. Der Konzern besitzt 180 Fabriken in 55 Ländern und ist weltweit führend bei der Produktion von Kalziumkarbonat.
2014 kaufte der Konzern vor Ort ein lokales Werk von seinen Hauptkonkurrenten Imerys (Frankreich). Danach erwarb er bedeutende Anteile an den vier Unternehmen der Region, die im Marmorabbau tätig sind.
Etwa 75% des Materials, das in den Steinbrüchen abgebaut wird, sind diese "Scherben", die zu Kalziumkarbonat verarbeitet werden. Die berühmten Marmorblöcke machen nur etwa 25% des gesamten Abbaus aus.
In der Vergangenheit galten diese Scherben als lästiger Abfall. Doch vor dreissig Jahren machte ein Mann diese "Abfälle" zu Gold: Der grosse italienische Industrielle Raoul Gardini, dessen Stern im Zuge der Mani-Pulite-Untersuchung dramatisch verglühte. Im Juli 1993 beging er Selbstmord, nach Vorwürfen über die Existenz einer schwarzen Kasse zur Finanzierung von politischen Parteien.
Einige Jahre zuvor, 1987, war Gardini mit dem Unternehmen Calcestruzzi Spa ins Marmorgeschäft eingestiegen. Und hatte die Idee, Marmorscherben zu Kalziumkarbonat zu verarbeiten; ein Geschäft, das bald einmal florierte. Das hat sich bis heute nicht geändert.
Wir konnten dies am Fuss des Monte Sagro sehen, im Naturpark der Apuanischen Alpen, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Eros Tetti von der Organisation Salviamo le Apuane (Rettet die Apuanischen Alpen) zeigte uns die Bergwände: Sie werden buchstäblich abgetragen, um den Kalziumkarbonat-Handel zu versorgen. Eine Plünderung, die auch den Südhang des Bergs betrifft.
In Seravezza, einem Dorf, etwa eine halbe Autostunde von Carrara entfernt, werden wir von einer Gruppe von BürgerInnen empfangen, die gegen die unkontrollierte Ausweitung der Abbau-Aktivitäten kämpft. "Unsere Gruppe wurde aus Opposition gegen die Wiedereröffnung von drei Marmor-Steinbrüchen am Monte Costa gegründet", sagen sie uns. "Wir sind um unser Territorium besorgt und machen uns Gedanken über die Folgen dieser Aktivitäten auf unsere Gemeinschaft."
Der edle Teil geht ins Ausland
Während das "Marmormehl" in Italien bleibt, wird das "weisse Gold" – die Marmorblöcke – im Rohzustand in die ganze Welt exportiert, in die USA, nach China, Indien und in die arabischen Länder. Die Marmorblöcke werden im Ausland bearbeitet, wo die Arbeit billiger ist. Was dazu führt, dass für die Menschen vor praktisch nichts mehr übrig bleibt. Die Tage, als Massa und Carrara weltweite Zentren für Marmorkunst und –handwerk waren, sind längst vorbei.
"In der Vergangenheit fertigten Familienunternehmen Skulpturen oder produzierten Materialien für die Architektur. Sie sind vom Aussterben bedroht."
Boutros Romhein, BildhauerEnde des Zitats
Boutros Romhein, ein Bildhauer syrischen Ursprungs, lebt seit 35 Jahren in Carrara, wo er heute Studierende aus der ganzen Welt in die Geheimnisse der Marmorhauerei einführt. "Auf der Via Carriona, die von den Steinbrüchen bis an die Küste führt, gibt es heute fast keine Marmor-Handwerker mehr", bedauert er. "In der Vergangenheit fertigten kleine und grössere Familienunternehmen Skulpturen oder produzierten Materialien für die Architektur. Sie sind nun vom Aussterben bedroht."
Die Statistiken belegen diese Entwicklung. 2017 stieg der Export von Marmorblöcken aus Italien um 37%. Mit etwa 212 Millionen Euro erzielte Carrara den höchsten Umsatz im Land. Im gleichen Zeitraum sank der Umsatz der Marmor-Handwerksbetriebe um 6,6%.
Der Marmor der Familie Bin Laden
Carrara-Marmor bleibt ein lukratives Geschäft, wie der Eintritt der saudi-arabischen Familie Bin Laden in die Branche 2014 beweist. In jenem Jahr investierte sie 45 Millionen Euro, um die Kontrolle des Unternehmens Erton sicherzustellen. Erton hält die Hälfte das Kapitals von Marmi Carrara.
Der Konzern hält über die Società Apuana Marmi einen Drittel der lokalen Abbau-Konzessionen in den Händen. Vier einheimische Familien teilten sich den Haufen Geld von 45 Millionen Euro, den die CpC Holding investiert hatte. Die Holding gehört zur saudischen Binladin Group.
So wurde Carrara zu einem industriellen Bergbaugebiet, auf Kosten der traditionellen, auf Kunsthandwerk fussenden lokalen Wirtschaft der Steinbrüche. Eine Entwicklung, die auch negative Auswirkungen auf die Beschäftigung hat. Im vergangenen Jahr betrug der Anstieg der Arbeitslosenrate 36,7%.
Damit belegte die Provinz Carrara Platz zwei in der Rangliste der italienischen Provinzen mit dem höchsten Anstieg der Arbeitslosenrate. Gleichzeitig aber startete das Business mit Marmor und Kalziumkarbonat durch.
(Übertragung aus dem Französischen: Rita Emch)