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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1991 von Peter Ziegler
Der Seeplatz ist wieder in Diskussion. Kann er, soll er ansprechender gestaltet werden? Muss er ein gekiester Platz bleiben, nur weil hier während drei Tagen im Jahr der Chilbibetrieb läuft? Könnte nicht auch ein begrünter Seeplatz den Fortbestand des wichtigen Wädenswiler Festes an diesem Ort ermöglichen? Solche Überlegungen seien Anlass, in die Geschichte des Seeplatzes zurückzublicken.
VOR DEM BAHNBAU IN DEN 1870ER JAHREN
Vor dem Bau der linksufrigen Seebahn und der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn, der heutigen Südostbahn, zu Beginn der 1870er Jahre sah die Gegend zwischen der Seestrasse und dem Ufer des Zürichsees völlig anders aus. Eine Zeichnung, die Johannes Isler im Jahre 1769 angefertigt hat, zeigt die ursprüngliche Situation. Die Uferlinie nimmt einen sehr unregelmässigen Verlauf; Buchten wechseln mit Landvorsprüngen und ins Wasser vorragenden steinernen Laderampen.
Das Gebiet des heutigen Seeplatzes auf der Dorfansicht von Johannes Isler, 1769. Im Vordergrund rechts der Scheibenstand (Gebäude mit Pultdach).
1826/27 erneuerte und erweiterte die Gemeinde die alte Winterhaabe. Diese lag – mit jetzigen Grenzen bezeichnet – etwa im Gebiet zwischen Merkur und kleinem Landesteg am Seeplatz und ist auf dem Zehntenplan, den der Wädenswiler Geometer Rudolf Diezinger 1829/30 aufgenommen hat, festgehalten. Am Rande des Hafens gab es Lagerplätze für Waren, denn der Verkehr spielte sich damals noch weitgehend auf dem Wasserweg ab. Auch Werkplätze lagen in Ufernähe, zum Beispiel solche von Steinhauern.
Die Wädenswiler Haabe von Osten. Links die reformierte Kirche, rechts das Haus Jakobshof. Ankunft der Seesängervereine in Wädenswil, 11. September 1826.
Dass der Wädenswiler Gemeindehafen in der Ziellinie des Schiessplatzes lag, störte anscheinend niemand. Vom Schützenhaus beim heutigen «Seehof» aus wurde über die Seebucht hinweg auf eine Scheibe an der Schützenmauer geschossen, welche etwa da stand, wo heute die Bahnhofunterführung West den Seeplatz erreicht. Auf der Dorfansicht, die Heinrich Brupbacher um 1793 gestochen hat, ist die Scheibe zu erkennen.
Erst in den 1850er Jahren wurden Stimmen laut, der Schiessbetrieb störe den Verkehr und solle aus dem Kern an den Rand des Dorfes verlegt werden. Dies war 1859 der Fall; damals weihte man das Schützenhaus am Rotweg ein, am Standort des jetzigen Sekundarschulhauses Fuhr, mit Scheibenstand im Gebiet der noch daran erinnernden Schützenmattstrasse.
Seeufer vor Wädenswil, um 1860. Von links nach rechts: «Sust», «Seehof», «Pilgerhof» und «Rosenegg», «Du Lac». Im Vordergrund der Steinhauerplatz von Leutnant Knabenhans anstelle des heutigen Hauses «Merkur».
Gebiet des heutigen Seeplatzes auf der Dorfansicht von Heinrich Brupbacher, 1793. Rechts die Schützenmauer mit der Schützenscheibe.
Eine weitere Veränderung brachte in den Jahren 1839/40 der Bau eines neuen Hafens südöstlich der alten Haabe von 1826/27, des zweistöckigen Sustgebäudes und des modernen Gasthauses «Seehof» im Gebiet unterhalb des Plätzlis. Die Geschichte dieser Bauten und Anlagen ist im «Jahrbuch der Stadt Wädenswil» 1984 ausführlich gewürdigt worden.
Einen Beitrag zur Gestaltung eines Seeplatzes leistete im Jahre 1861 der Wirt des Hotels Engel, Jacques Hauser. Er liess vor seinem renommierten Gasthof den Engelplatz anlegen und erreichte damit, dass anfangs Mai 1862, nach der Schliessung des Hotels Seehof, der Dampfschiffsteg von der Sust weg an die jetzige Stelle verlegt wurde. Das zur Landeanlage benötigte Material wurde in den Gärten ob dem «Hirschen» sowie beim Schützenplatz am Rotweg abgegraben.
VERÄNDERUNGEN DURCH DEN BAHNBAU
Die Eisenbahn schnitt das Dorf in den 1870er Jahren vom Seeufer ab. Es fehlte zwar nicht an warnenden Stimmen, als bekannt wurde, dass der Schienenstrang der Nordostbahn in Ufernähe verlegt werden sollte. In der Begeisterung zugunsten des Fortschritts gingen aber solche Bedenken unter. Eine Linienführung durchs Oberdorf, wo mehr Bauersleute wohnten, wurde mit dem Schlagwort «Kühbahn» abgetan.
Für den Bau der linksufrigen Seebahn und des Trassees der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn waren im Uferbereich grosse Aufschüttungen nötig. Am 9. Juni 1872 beschloss die Gemeindeversammlung, der Eisenbahngesellschaft Wädenswil-Einsiedeln für den Bahnbau den Susthafen, den Landungsplatz beim Seehof sowie den Gemeindeplatz beim Engel abzutreten. Weitere Landverkäufe erfolgten in den Jahren 1873/74 für den Bau des Stationsgebäudes.
Die 1840 erstellte und 1873 eingedeckte Haabe bei der Sust. Links das Hotel Seehof, in der Bildmitte das Haus «Fortuna» (Dosenbach). Aufnahme von 1867.
Noch 1872 begannen die Aufschüttungen im Seegebiet. Sie waren wegen des weichen Untergrunds zum Teil schwierig. So versank beim «Seehof» zweimal nacheinander ein Stück des eben erstellten Trassees der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn im See. Auf den aufgefüllten Susthafen kam der neue Güterschuppen zu stehen, der sich noch heute am gleichen Standort erhebt. Unmittelbar seeabwärts schloss der Bahnhof an, der 1934 abgebrochen wurde, nachdem man am 29. Oktober 1932 das etwas weiter entfernte heutige Stationsgebäude eingeweiht hatte. Ein interessantes Detail: Für das Zuschütten des Susthafens wurde eine Rollbahn eingesetzt, die ein Zeitgenosse fotografisch festgehalten hat.
Am 18. September 1875 fuhr der erste Zug der linksufrigen Seebahn Zürich-Ziegelbrücke in den Bahnhof Wädenswil ein; die Wädenswil-Einsiedeln-Bahn nahm den Betrieb am 1. Mai 1877 auf.
Auffüllen des Hafens bei der Sust, 1873. Im Hintergrund das Haus «Gambrinus».
DIE ENGELHAABE
Die Engelhaabe, die noch 1870 bis hart an die Mauern des Gasthofes reichte, war nicht öffentlicher Besitz, sondern gehörte einer Genossenschaft: den Haabgenossen beim Engel. Diese achteten streng darauf, dass ihre Rechte gewahrt blieben. Durch Amtliche Publikation im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» liessen sie im Mai 1853 das «Ein- und Ausschiffen, Aus- oder Einladen sowie das Ablegen irgendwelcher Gegenstände» allgemein verbieten. Auf Übertretungen stand eine Busse von 6 Franken, die zu gleichen Teilen dem Verzeiger und dem Armengut zufallen sollte.
Im Juni 1863 wurde auf dem Inseratenweg «der Inhalt der bei der Haabe zum alten Engel angebrachten Tafel» wieder einmal in Erinnerung gerufen, welche «jede Art von Benutzung dieser Haabe, namentlich das Schwemmen von Pferden, Waschen, Baden usw. aufs Strengste untersagt». Und im Januar 1864 folgte das Verbot, beim Landungssteg der Engelhaabe Schutt und anderes Material abzulagern.
Beim Bau der linksufrigen Seebahn wurde ein Teil der bisher privaten Engelhaabe zugeschüttet, und über das Neuland verlegte man das Geleise. Als Ersatz für den eingedeckten Susthafen verpflichtete sich das Bahnunternehmen zum Bau eines neuen Hafens vor dem Bahntrassee zwischen «Engel» und «Jakobshof». So entstand zu Beginn der 1870er Jahre die neue Engelhaabe, und zwar in grösserem Ausmass als heute.
Die in den 1870er Jahren angelegte Engelhaabe mit Blick ins Bahnhofquartier (links) und auf das Hotel Engel mit 1878 eingeweihtem Saalbau (rechts).
Zu einer ersten Verkleinerung der Anlage führte der Ausbau der Bahnlinie Wädenswil-Zürich auf Doppelspur in den Jahren 1924/25. Damals wurde die Fläche um einen Viertel reduziert. Beim Bahnhofneubau von 1931 verschmälerte man den Hafen abermals. Zwischen zwei Spundwänden rammte die Zürcher Firma Locher & Co. eine Doppelreihe von Holzpfählen in den Seegrund, über denen man die neue Hafenmauer aufbetonierte. Dann füllte man die Hafenpartie bergseits der neuen Mauer auf. Dieser Veränderung fiel die Schwanenkolonie zum Opfer, welche der Verkehrs- und Verschönerungsverein Wädenswil im Jahre 1929 im Engelhafen eingerichtet hatte.
Im Zusammenhang mit dem Neubau des Bahnhofs wird 1931 die Engelhaabe verkleinert. Im Hintergrund links die Badanstalt.
Am Seeplatz, 1927. Landesteg mit Dampfschwalbe, fischender Knabe auf der Mauer der Engelhabe.
KEHRICHTABLAGERUNG AUF DEM SEEPLATZ
Mit dem Bahnbau verlor der seit 1875 nur noch über eine Barriere beim «Engel» erreichbare Seeplatz viel von seiner früheren Attraktivität. Er wurde in der Folge ganz und gar vernachlässigt. In erster Linie war er der Tummelplatz der Jungen. Paul Blattmann (1869-1947) veröffentlichte 1915 im «Allgemeinen Anzeiger vom Zürichsee» Erinnerungen an seine Bubenzeit. Er erzählt vom Baden und Fischen, von Versteckis und Fangis auf dem Gelände am See, vom Schifflifahren und Schlittschuhlaufen.
Schon vor dem Bahnbau hatten die Anwohner im Gebiet des heutigen Seeplatzes Kehricht abgelagert, zum Teil in der Absicht, damit den Platz etwas zu vergrössern. Seitdem der Schienenstrang den Uferstreifen vom Dorf trennte, konnte man den Hauskehricht nur noch auf grossen Umwegen zur Deponie am Seeplatz bringen. Der Gemeinderat liess darum seit 1876 jeden Samstag im Dorfgebiet die Abfälle einsammeln und mit ein bis zwei von Pferden gezogenen Kehrichtwagen zum See fahren.
Blick vom Bahngeleise über dem Seeplatz auf den Landesteg mit Wartehäuschen. Aufnahme von 1876.
Auch der Zugang zum Dampfschiffsteg bei der Engelhaabe war seit dem Bahnbau mühsamer geworden. 1895 hatte die Gemeinde Wädenswil von der Nordostbahngesellschaft den Landesteg der Dampfboote erworben, samt dem Wartehäuschen auf dem Gemeindeplatz, wie der kleine Platz am See damals hiess. Um den Fussgängerverkehr zwischen Bahnhofstrasse und Dampfbootlandesteg zu erleichtern, beschloss die Gemeindeversammlung vom 20. Juni 1897 den Bau einer Passerelle beim «Schiffli». Sie bestand bis 1931 und soll namentlich für Kinder attraktiv gewesen sein, die von hier aus versuchten, in den Kamin der unten durchfahrenden Dampflokomotiven zu spucken!
Die 1897 gebaute und 1931 abgerissene Passerelle zwischen Bahnhofquartier und Seeplatz. Dahinter das Restaurant «Schiffli». Aufnahme von 1930.
WEITERE AUFFÜLLUNGEN AM SEEPLATZ
Im Jahre 1900 gab der Verschönerungsverein eine Gemeindekarte heraus. Sie zeigt die damalige Ausdehnung des Seeplatzes. An die mit «Hafen» bezeichnete Engelhaabe schloss Richtung Giessen der zungenartige Platz an.
Seeplatz und Engelhaabe auf der im Jahre 1900 vom Verschönerungsverein Wädenswil herausgegebenen Gemeindekarte.
Der Landesteg am Seeplatz war Eigentum der Gemeinde. Laut Beschluss der Gemeindeversammlung vom Dezember 1903 wurde er der neu gegründeten Zürcher Dampfboot-Gesellschaft jedoch zur unentgeltlichen Benützung überlassen. Im Jahre 1905 regte der Verschönerungsverein beim Gemeinderat den Bau einer Wartehalle auf dem Ländeplatz beim «Engel» an. Die Behörde griff die Idee auf und liess ein Projekt erstellen «für einen einfach gehaltenen Bau», wofür die Gemeindeversammlung am 31. Dezember 1905 einen Kredit von 4000 Franken bewilligte. Die Wartehalle, ein vom Jugendstil geprägter hölzerner Bau mit Kuppel, wurde 1906 erstellt und stand bis 1950.
Seeplatz mit 1906 erstellter Wartehalle. Postkarte von 1927.
In den folgenden Jahren strebte die Gemeinde die Vergrösserung und Verschönerung des Seeplatzes an. Als erstes beauftragte die Gemeindbehörde 1906 die Firma Locher in Zürich, ein Projekt für die Erweiterung der Landanlage beim Engel auszuarbeiten. Hiefür war aber die Bewilligung der kantonalen Baudirektion nötig. Sie erlaubte 1908 auf Zusehen hin, vor der Stationsmauer erdiges und kiesiges Material im See abzulagern.
Auch am seeseitigen Rand des Platzes, oberhalb des 1903 angelegten kleinen Dampfschiffsteges, wurden Steine und Bauschutt angeböscht, und zwar mit Konzession der kantonalen Baudirektion vom 18. August 1911. Diese Ablagerungen mussten aber von Ledischiffen aus erfolgen und waren mit viel anstrengender Arbeit verbunden. 1911 schüttete man 50 Meter von der alten Mauer, welche den Seeplatz vom See trennte, einen neuen Steinwall auf, 40 Meter lang und an der Basis 15 Meter breit. Dahinter wurde nun in den folgenden Jahren von der Landseite her weiteres Auffüllmaterial deponiert: Aus der einst schmalen Landzunge entstand bis 1915 der Seeplatz heutiger Ausdehnung.
DIE PLATZGESTALTUNG VON 1915/16
In einem nächsten Schritt ging es darum, den aufgeschütteten neuen Platz gegen den See hin durch eine Mauer zu sichern und das Areal ansprechend zu gestalten. Notstandsarbeiten während des Ersten Weltkrieges gaben 1915/16 hiezu die Gelegenheit. Die alte Ufermauer zwischen den Landestegen wurde 30 bis 85 Zentimeter gehoben und vom oberen Dampfschiffsteg an um zwanzig Meter seeaufwärts verlängert, der Platz planiert.
Längs der Uferzone pflanzte man anstelle der früheren Platanen zwei Reihen Kastanienbäume, und beim oberen Steg entstand ein Rondell mit sechs Pappeln. Für die gesamten Arbeiten hatte die Gemeindeversammlung vom 31. Januar 1915 einen Kredit von 12 500 Franken gesprochen. Eingeschlossen war ein Betrag für einen laufenden Brunnen auf dem sogenannten Engelplatz zwischen Engelhaabe und Wartehalle beim grossen Dampfschiffsteg. Er wurde im Dezember 1916 vollendet und war ein Gemeinschaftswerk: Gestalterische Ideen stammten von den Architekten Müller & Freitag in Thalwil; den Entwurf für den die Stud krönenden Seebuben mit dem Fisch lieferte der Zürcher Künstler Hans Markwalder; die Steinhauerarbeit besorgte der Wädenswiler Bildhauer Amsler, und die Firma Elektra goss die bronzene Brunnenröhre.
Brunnen am Seeplatz, mit Plastik «Seebube mit Fisch» von Hans Markwalder, 1916.
DER BAU DES NEUEN HAFENS
Im Jahre 1924 wollte der Gemeinderat den Seeplatz am südöstlichen Ende verlängern. Die kantonale Baudirektion würdigte indessen eine Einsprache der Kreisdirektion III der SBB und verweigerte die Bewilligung für weitere Landanschüttungen. Man traute der Tragfähigkeit des Seegrundes nicht und fürchtete nachteilige Auswirkungen für die Bahnanlage und den Bahnbetrieb.
Die Neugestaltung des Bahnhofquartiers in den Jahren 1931 bis 1933 – es wurden 10 Häuser abgerissen, ein neues Stationsgebäude und der Kronenblock gebaut sowie der Bahnhofplatz angelegt – brachte auch einen verbesserten Zugang zum Seeplatz. Als Ersatz für den aufgehobenen Niveauübergang beim Engel und die beseitigte Passerelle schuf man eine Unterführung, mit Treppenabgang vom Bahnhof, Zugang zum Mittelperron und beidseitigem Aufstieg zum Seeplatz. An der Chilbi 1932 konnte die Personenunterführung erstmals benützt werden.
Blick über den Seeplatz auf das Hotel Engel, 1931.
Als der Engelhafen beim Bahnhofumbau von 1931/32 abermals um mehr als die Hälfte verschmälert werden musste, verpflichteten sich die Bundesbahnen zum Bau eines neuen Hafens am Südostende des Seeplatzes. Nach langwierigen Seegrundsondierungen konnten die Arbeiten im Sommer 1931 in Angriff genommen werden. Die Firma Locher & Co. in Zürich konstruierte den mit einem Rondell abgeschlossenen, 110 Meter langen und 3,75 Meter breiten Hafendamm in einer damals neuartigen Technik, die in Europa erst ein einziges Mal angewendet worden war, beim Bau einer Brücke in Stockholm. Die Hafenmauer ist aus vier mächtigen Eisenbeton-Caissons zusammengesetzt. Die 25 Meter langen Hohlkörper ruhen auf betongefüllten Eisenrohrtragjochen, welche Seetiefen bis zu 15 Meter überwinden. Am 2. Mai 1932 nahm die Wädenswiler Behörde den neuen Hafen ab. Er enthielt auch eine von der Gemeinde gebaute, gedeckte Bootshalle mit 42 Unterständen.
Der 1932 eingeweihte neue Hafen am Südostende des Seeplatzes. Aufnahme von 1971.
VERÄNDERUNGEN SEIT 1948
Für längere Zeit gab es auf dem Seeplatz keine baulichen Neuerungen mehr. Dann musste im Winter 1947/48 die im Bereich des grossen und des kleinen Landesteges eingesunkene und ausgebauchte Ufermauer saniert werden. 1956 wurde der aus dem Jahre 1903 stammende «Schwalbensteg» repariert und die Landungsbrücke am grossen Steg in den See hinaus verlängert.
1950 zeigte sich die Wartehalle von 1906 in einem äusserst schlechten Zustand. Das Fundament war stellenweise eingesunken, die Holzkonstruktion von Fäulnis befallen, und das Dachgebälk drohte einzustürzen. Gegen Jahresende beschloss daher die Gemeindeversammlung, das Gebäude sei abzubrechen und durch eine neue Wartehalle am gleichen Ort zu ersetzen. So entstand nach den Plänen des Wädenswiler Architekten A. Wernli die jetzige Wartehalle, mit Wartsaal, Billetschalter, Geräteraum, Telefonkabine und Toiletten. Der Flachdachbau war einfach, nüchtern und entsprach damit dem zweckorientierten Geschmack der Zeit.
Projektskizze von Architekt A. Wernli für die 1950/51 erstellte neue Wartehalle am Seeplatz.
Im Zusammenhang mit dem Neubau der Stellwerkanlage im Bahnhof Wädenswil wurde im Oktober 1978 der Bahnübergang Hafenstrasse in der Nähe der Badanstalt geschlossen. Dafür konnte gleichzeitig die neue Bahnhofunterführung Ost freigegeben werden, welche vom «Du Lac» her den Zugang zum Seeplatz ermöglicht, nötigenfalls auch für Rettungsfahrzeuge.
Mit Rücksicht auf den traditionellen Chilbibetrieb wurde der Seeplatz so belassen, wie er zu Beginn der 1930er Jahre gestaltet worden war. Die Behörde entschloss sich seither lediglich zu geringfügigen Änderungen. Im Herbst 1964 beispielsweise wurde am Rand des Seeplatzes zwischen den Aufgängen der Unterführung West ein Blumenbeet angelegt und mit 1800 Tulpenzwiebeln bepflanzt. Diese waren ein persönlich überbrachtes Geschenk der Polizeimusik Nijmwegen, welche sich damit für den herzlichen Empfang in Wädenswil bedankte. Die Tulpen standen im Frühling 1965 erstmals in voller Blüte.
Im Dezember 1968 sorgte der Vogelschutzverein für eine weitere Neuerung auf dem Seeplatz: Er stellte am Ufer zwischen den beiden Schiffstegen ein von Ernst Ruggli gemaltes Schaubild auf, welches die häufigsten Wasservögel darstellt und erklärt.
Seit dem Herbst 1969 steht nahe der Bootsvermietung beim neuen Hafen die 1887 gebaute Dampflokomotive «Schwyz» der ehemaligen Wädenswil-Einsiedeln-Bahn. Die restaurierte Lokomotive, welche bis 1941 im Streckendienst der Südostbahn eingesetzt war, brachte einen neuen Akzent auf den Seeplatz und gehört heute zu dessen vertrautem Erscheinungsbild.
1969 wurde auf dem Seeplatz die 1887 gebaute Dampflokomotive «Schwyz» der ehemaligen Wädenswil-Einsiedeln-Bahn aufgestellt. Sie stand bis 1941 im Streckendienst der SOB, welche 1991 die Hundertjahrfeier begehen konnte.
Um den Platz auch für Eltern mit kleineren Kindern etwas benützerfreundlicher zu machen, richtete das Bauamt Wädenswil im Sommer 1985 in der Nähe des grossen Schiffsteges einen Kinderspielplatz ein und erfüllte damit eine Petition der Sozialdemokratischen Partei und ein Postulat der EVP-Fraktion. An Spielmöglichkeiten sind vorhanden: ein Häuschen zum Klettern mit schwankendem Steg, eine Rutschbahn, ein «Riitseil» und ein Gartenschach.
Der 1985 eingerichtete Kinderspielplatz beim grossen Schiffsteg.
Im Sommer 1987 wurde der alte Hafen, die ehemalige Engelhaabe, saniert. Fünf Meter seewärts der abgebrochenen alten Haabmauer errichtete man eine neue Mole, wodurch rund 25 zusätzliche Bootsplätze gewonnen werden konnten.
VERANSTALTUNGEN AUF DEM SEEPLATZ
Bevor 1932 der Bahnhofplatz geschaffen wurde, war der Seeplatz neben dem Schulhausplatz Eidmatt und dem Postplatz oder Plätzli der grösste Freiraum im Dorfgebiet; das Areal des heutigen Rosenmattparks gehörte bis 1939 noch der Familie Gessner.
Grössere Veranstaltungen fanden darum häufig auf dem Seeplatz statt. Hier gab es Fasnachtsunterhaltung und Darbietungen von Varietes, und nach der Erweiterung des Platzes stellte sich im August 1916 erstmals eine grössere Chilbi auf. Auch an der Bundesfeier, die 1891 in der Schweiz eingeführt worden war und sich nach 1900 allgemein durchzusetzen begann, versammelten sich die Wädenswiler auf dem Seeplatz. Hier loderte der Holzstoss, hier demonstrierten die Turner ihre Künste im Licht bengalischer Beleuchtung, hier wurde Feuerwerk abgebrannt. Augustredner sprachen zur Bevölkerung, die Harmonie konzertierte, und mancher Sternmarsch lampiontragender Kinder endete am See. Am 1. August 1968 führte Wädenswil hier zum letzten Mal die Bundesfeier durch.
Chilbi - Hochbetrieb auf dem Seeplatz. Im Vordergrund die Geisterbahn.
Auf dem Seeplatz schlugen – um nur einige Beispiele zu nennen – der Zirkus Royal (1964), der Zirkus Stey (1968), der Zirkus Nock (1970) und das Variete Zamponoo (1981) ihre Zelte auf. Pfingstmission und «One Way Center» führten hier im August 1972 eine öffentliche Gläubigentaufe durch, und die Interessengemeinschaft Kulturhaus wählte den Ort für ihr «Sommerfest 83».
Ein besonderer Höhepunkt auf dem Seeplatz: der Viehaufzug mit Landwirtschaftsschau am 9. September 1987 während des «Wädi-Fäschts». Stiere, Kühe, Kleintiere in Gehegen, Heufuder und Weinfuhren, Schnapsbrennerei und eine Festwirtschaft; Bäuerinnen und Bauern in Trachten, dazu dicht gedrängt festfrohe Leute aus allen Volksschichten und Altersstufen schufen auf dem Seeplatz eine einmalige und für viele unvergessliche Stimmung.
«Wädi-Fäscht 1987». Viehaufzug mit Landwirtschaftsschau auf dem Seeplatz am 9. September 1987.
Dann kehrte auf dem Seeplatz wieder der Alltag ein: mit älteren Leuten auf den Ruhebänken unter den schattenspendenden Kastanien, mit Kindern, die Wasservögel füttern, ihr Glück mit der Angelrute versuchen oder mit den Velos ihre Runden drehen. Schiffspassagiere überqueren den Platz, bei den Mietbooten im neuen Hafen herrscht Betrieb; auf der Hafenmole sonnen sich Jugendliche, plaudernd, rauchend ...
Seeplatz Wädenswil. Quaimauer zwischen den beiden Landestegen, überschattet von der Kastanienallee.
Im Herbst 1990 trug der Wädenswiler Künstler Urs Burkhardt dazu bei, dass der Seeplatz vorübergehend wieder ein Anziehungspunkt wurde: Am 17. September schlug der Bildhauer hier seine Werkhütte auf und gab bis zum 20. Oktober vielen Interessierten Einblick in sein Schaffen. Wie soll es mit dem Seeplatz weitergehen? Eine Umfrage des Verkehrsvereins hat gezeigt, dass eine Mehrheit den Chilbibetrieb weiterhin auf dem Seeplatz wünscht. Anderseits nehmen immer mehr Leute Anstoss an der kahl wirkenden Gestaltung. Vorbei ist die Zeit, da – wie 1916 – der Seeplatz Wädenswil als eine der schönsten Anlagen am ganzen Zürichsee gerühmt wurde. Studien für eine Verschönerung des Platzes sind im Gange. Was daraus wird, mag die Zukunft zeigen.