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Warum Hemingways Kurzgeschichten so herausragend sind
- Samstag, 18. Juli 2015, 9:45 Uhr
Ernest Hemingway ist einer der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts; er gilt als Meister der Kurzgeschichte. Jetzt ist der Sammelband «Schnee auf dem Kilimandscharo» in einer neuen Übersetzung erschienen. Die Geschichten sind so brillant, weil sie nur das Nötige enthalten.
Don Siegel hat den Film gedreht, der Ernest Hemingways beste Story als Vorlage nutzt. «Die Killer» heisst der Film und «Die Killer» heisst die Geschichte, die Hemingway Ende der 1920er-Jahre in Paris schreibt:
Zwei Männer betreten einen Schnellimbiss irgendwo in den USA. Sie bestellen irgendwas von der Karte und sie warten auf jemand. Es dauert eine Weile, bis klar wird, auf wen sie warten. Der Mann heisst Ole Andresen. Er war Boxer in Chicago. Jetzt liegt er in einem Hotelzimmer angezogen auf dem Bett und will nicht gehen. Er hat ein Problem, das er nicht lösen konnte, und jetzt will er nicht mehr weg. Er wird nicht in den Imbiss kommen, aber die beiden Männer kommen zu ihm.
Buchhinweis
Ernest Hemingway: «Schnee auf dem Kilimandscharo – Stories», Rowohlt Verlag 2015.
Ein Film erzählt, was Hemingway verschweigt
Lee Marvin spielt einen der Killer, Ronald Reagan, in seiner letzten Rolle vor dem Einstieg in die Politik, ist sein Auftraggeber, Angie Dickinson dessen Frau. Der Mann im Hotel wird erschossen, die Killer von ihrem Auftraggeber verraten.
Am Ende werden alle tot sein und der Film hat seine Geschichte erzählt – auch das vorher und nachher, das es bei Hemingway nicht gibt. Seine Kurzgeschichte bleibt in der Bar und im Hotel, vor der Tat – und doch ist schon alles da. Don Siegels grossartiger Film, gedreht 1964, zeigt nur, was Hemingway verschweigt.
Die Eisberg-Theorie
Auf knappen 24 Druckseiten hat Ernest Hemingway ein Meisterstück geschrieben. Eigentlich nur eine Szene, aber in ihr ist alles, was den Schriftsteller und späteren Nobelpreisträger auszeichnet.
Lakonie und Schicksal und die Kraft der Worte, die sich dem Weglassen verdankt. Nur zehn Prozent sollten sichtbar sein, 90 Prozent unter Wasser liegen, befand Hemingway in seiner selbst gebastelten Eisberg-Theorie.
Alle, die nach ihm Kurzgeschichten in der angelsächsischen Literatur schrieben, hat das beeinflusst. Und es gilt natürlich für alle Geschichten dieser Sammlung, die im amerikanischen Original 1961 erscheint.
Fast nur Dialoge
«Ein sauberes, gut beleuchtetes Café» heisst eine andere Geschichte. James Joyce lobt sie als ein meisterhaftes Werk, eine der besten Geschichten, die je geschrieben worden seien. Auch sie besteht fast nur aus Dialogen. Ein alter Mann und ein Kellner, dann noch einer. Der alte Mann sitzt auf der Terrasse im Schatten. Sie reden über ihn, ob er trinkt, ob er sich umbringen wird und warum. Ein paar Fragen, ein paar Beobachtungen, spät nachts. Das Gespräch wird zum Selbstgespräch und das Selbstgespräch führt ihn weiter ins Nichts, buchstäblich, «Nada»: «Es war nur das, und mehr als Licht und eine gewisse Sauberkeit und Ordnung waren nicht nötig.»
Würde und Ordnung, wenigstens, das ist die Essenz. Mehr kann man nicht weglassen, wenn man etwas sagen will, das über die «Daily News» hinausgeht. Was noch? Szenen aus Afrika und aus dem Krieg in der Normandie, ein Junge in einer Klinik und eine Ehe im Aus. Ein Mann sieht im Fiebertraum sein Leben vorüberziehen und erträumt seine Rettung, die es nicht geben wird.
Ein trauriges Ende
Als diese grossartigen Kurzgeschichten 1961 erscheinen, hatte sich Hemingway mit Elektroschocks gegen Depressionen behandeln lassen, geplagt von Verfolgungswahn vor dem FBI und der Steuerbehörde. Er ist ein alter, kranker Mann. Im Juli 1961 erschiesst er sich in seinem Haus in Ketchum, Idaho, mit der Schrotflinte. Da hatte die Legende seines Lebens längst begonnen.
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