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Sehr geehrter Herr Kantonsratspräsident, meine sehr geehrte Damen und Herren
Ich heisse Sie auch von meiner Seite her ganz herzlich willkommen zur Premiere des Berufswahltheaters «My Top Job». Ich freue mich, dass Sie unserer Einladung so zahlreich gefolgt sind.
Urs Brütsch, der Leiter des BIZ, hat seine Begrüssung mit einem fiktiven Gedankenexperiment begonnen, ich möchte meinen Beitrag mit einem fiktiven Beispiel einer Berufswahl einleiten:
Ein amerikanischer Prediger – ich betone: ein amerikanischer Prediger! – hatte einen Sohn im Berufswahlalter. Dieser Sohn hatte aber noch keine grosse Vorstellung davon, was er nun werden wollte. Deshalb beschloss sein Vater, ihm ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Eines Tages, als der Sohn in der Schule war, legte der Pfarrer vier Gegenstände auf den Arbeitstisch seines Sohnes: Eine Bibel, einen Dollar, eine Flasche Whisky und eine Ausgabe des Playboy.
Er dachte sich: «Wenn er die Bibel nimmt, dann wird er Pfarrer wie ich. Wenn er den Dollar nimmt, dann wird er Kaufmann. Wenn er die Flasche Whisky nimmt, dann wird er Schriftsteller und wenn er den Playboy nimmt… dann gnade Gott, dann wird er ein Frauenheld.» Dann versteckte sich der Vater hinter der Tür.
Als der Sohn ins Zimmer kam, sah er die Gegen-stände auf dem Tisch. Interessiert betrachtete er die Sachen. Als erstes klemmte er sich die Bibel unter den Arm, als zweites liess er den Dollar im Hosensack verschwinden, dann nahm er einen Schluck aus der Flasche und faltete gleichzeitig das Poster des Playboys auseinander… «Mein Gott», entfuhr es da dem Prediger hinter der Türe, «mein Sohn wird Politiker!»
Meine Damen und Herren, nicht überall verläuft die Berufswahl so harmonisch und unvoreingenommen wie in diesem Beispiel aus den USA. Dagegen wollen wir mit dem Theater und der Kampagne spezifisch etwas unternehmen. Die Veranstaltung heute Abend hat aber auch einen grundsätzlichen Charakter.
Die Berufslehre ist, obgleich ein Erfolgsmodell, Gegenstand von Kritik. Sie kennen die Debatte über Maturaquote, Akademisierung, Selektion, mehr gymnasiale Maturanden etc.
Das gefällt mir nicht, weil ich überzeugt bin, dass das Nebeneinander von Berufsbildung und Allgemeinbildung und die Gestaltung unseres Bildungssystems nach dem Grundsatz “Kein Abschluss ohne Anschluss” eine besondere Stärke der Schweiz ist.
Wir dürfen nicht die verschiedenen Bildungswege gegeneinander ausspielen, denn offen sind sie alle. Die Berufslehre ist ein phantastischer Bildungsweg. Und wenn jemand daran zweifelt, dann mache ich gern einen Hinweis auf die Kinder des neuen Staatssekretärs für Bildung, Forschung und Innovation, Mauro Dell’Ambrogio. Dr. Dell’Ambrogio hat sieben Kinder. Und fünf dieser Kinder haben eine Berufslehre gemacht, und zwei eine gymnasiale Matura. Ich finde das ein sehr starkes Statement für die Berufslehre, wenn der oberste Bildungsbeauftragte der Schweiz mit Stolz und Freude von den Berufslehren seiner Kinder berichtet.
Wir sind heute also einerseits hier, um uns grundsätzlich für die Berufslehre stark zu machen. Und andererseits sind wir heute hier, um uns spezifisch mit einem wichtigen Aspekt der Berufslehre zu befassen: Mit der Berufswahl und Vorurteilen bei der Berufswahl.
Niemand will einen Beruf, der stinkt, und Mädchen wählen typische Frauenberufe und Knaben typische Männerberufe. Oder konkret: Mädchen werden nicht Informatikerin und Knaben lernen keine Pflegeberufe. Eine Berufswahl ohne Vorurteile öffnet den Blick für Nischen und für den persönlichen Erfolg. Und das Theater ist ganz besonders geeignet, den Blick zu öffnen und zum Handeln zu verleiten.
Die Homepage dieser Kampagne, www.mytopjob.ch, ist ab heute aufgeschaltet. Sie wurde von einer Lernenden, also von einer jungen Frau programmiert. Ich wünsche mir, dass diese junge Frau am Ende der Kampagne in zwei Jahren eine Unterstiftin hat. Ich wünsche mir, dass auch die Gesellschaft – wir alle hier im Saal – unsere Vorurteile gegenüber von bestimmten Berufen prüfen und überdenken. In der Nische und im Anderssein liegt ein riesiges Potential versteckt. Nicht nur hinsichtlich der Berufswahl, sondern bezogen auf das Leben und auf das Menschsein an sich.
Ich freue mich sehr auf die Theateraufführung – grundsätzlich und spezifisch – und bedanke mich für Ihr Kommen und bei allen Menschen, die den Anlass heute abend gemacht haben.