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Nebelhaftes Gelaber à la Mann
Aus dem Archiv — Im Oktober 1948 erhält der weltberühmte Schriftsteller Thomas Mann zwei Ausgaben des «Zürcher Student» zugeschickt. Zwei Monate später kommt ein Antwortbrief.
Einleitung von Jon Maurer
«Mit aller Bestimmtheit will ich versichern…» setzt der fiktive Erzähler Serenus Zeitblom zu seinem Bericht über das Leben des Musikers Adrian Leverkühn an – so der Beginn von Thomas Manns Roman «Doktor Faustus». Mit exakt denselben Worten begann ein gewisser Professor Mumpitz seinen Beitrag zum «Irgendwiealismus», der im Juli 1948 im «Zürcher Student» veröffentlicht wurde. Wer beide Texte liest, erkennt in Zeitblom und Mumpitz eine tiefe Geistesverwandtschaft: Sie kommen beide ungern zum Punkt.
Die Redaktoren des «ZS» schickten das Heft mit dem Text zum
«Irgendwiealismus» an Thomas Mann, der zum Zeitpunkt in Pacific Palisades, Kalifornien, lebte. Entsprechend schrieb der Schriftsteller am 29. Oktober 1948 in sein Tagebuch: «Zürcher Studenten schicken ihre Zeitschrift mit Spässen über ‹Faustus›». Kurz darauf erhielt die Redaktion ein Antwortschreiben Manns, welches in der Dezember-Ausgabe desselben Jahres abgedruckt wurde.
«Von dem Ausgelassenen, Spottlustigen und Übermütigen» in den Heften zeigte sich der Schriftsteller sehr angetan, auch wenn es manchmal ein wenig «ins Bierfidele» abgleite. Die Parodie auf «Dr. Faustus» fand er «hübsch» und liess dabei ein wenig tiefer in seine eigene Interpretation des Romans blicken: Nämlich sei schon «Dr. Faustus» satirisch angelegt, womit im ZS eigentlich «eine Parodie der Parodie» zu lesen sei.
Schliesslich bezog sich Mann in seinem Brief auf einen Essay, der hier leider keinen Platz fand. In «Der Mensch und die Gefahr» schrieb ein Student über die empfundene Haltlosigkeit seiner Zeit, in der weder Religion noch menschliche Bräuche dem Leben einen Sinn verleihen. Mann fand den Ton, der darin angeschlagen worden war, rührend, ermahnte jedoch dazu, mit der Haltlosigkeit zu leben und nicht zu früh «nach dem Hafen» zu verlangen. Denn selbst wenn die Seele um Frieden bitte, gilt für Mann: «Die Unruhe des Herzens ist die Hauptsache».
Die Parodie: «Der Irgendwiealismus»
Prof. Dr. Alexander R. Mumpitz / Juli 1948
Mit aller Bestimmtheit will ich versichern — wiewohl ich mir bewusst bin, mit wie wenig Bestimmtheit es überhaupt möglich ist, in unsern unsicheren Zeiten etwas zu versichern —, dass dieses Buch keineswegs in der Meinung geschrieben wurde, es lasse sich heute schon Abschliessendes und Endgültiges über eine so junge, nichtsdestoweniger aber so enorm weitverbreitete Philosophie, wie es die Lehre vom Irgendwie alles Seienden ist, aussprechen; keineswegs in dieser Meinung, sage ich, wurde dieses Buch verfasst, geschweige denn schrieb ich es in der vermessenen Annahme, die Zukunft dieser Lehre — sei es in Form eines schreckhaften Bildes von einer nahe bevorstehenden totalen Verwirrung aller Geister oder eines verheissungsvollen Gemäldes von einer in Bälde sich entfaltenden geistigen Hochblüte unserer menschlichen Gesellschaft — schildern und damit gleichsam vorwegnehmen zu können, wohingegen ich in diesem Vorwort sozusagen an Eides Statt zu Protokoll geben möchte, dass einzig und allein die wissenschaftlich einwandfreie Absicht mich, den Verfasser, leitete, einem heutzutage offenkundig sich aufdrängenden (um nicht zu sagen: aufdringlichen) Phänomen jene Aufmerksamkeit zu schenken, die einem Phänomen von so eminenter Tragweite gebührt, mit welchem Geständnis natürlich noch immer die andere, schwerwiegende Frage unbeantwortet ist, nämlich, ob sich der Leser auch in den richtigen Händen befinde, will sagen: ob ich meiner ganzen Existenz nach der rechte Mann bin zur Lösung einer so umfänglichen Aufgabe, wie es die Darstellung und Erhellung des heute im Zentrum alles Denkens und Redens stehenden Begriffes «Irgendwie» ist.
Ich überlese die vorstehenden Zeilen und kann nicht umhin, festzustellen, dass ich darin den Leser noch sehr im Unklaren über mein Vorhaben lasse, was mir den Vorwurf einbringen könnte, ich hätte dieses ganze Buch gewissermassen aus den Fingern gesogen, ein Vorwurf, den zu entkräften ich dadurch unternehmen will, dass ich Ihnen — verehrter Leser — mit wenigen Worten den ganz konkreten Anlass zu diesem Werk verrate.
Im Erfrischungsraum der Universität X., an welcher Hochschule ich seit wenigen Monaten den neu geschaffenen Lehrstuhl für Irgendwiealismus innehabe, war mir ungesucht Gelegenheit geboten, anlässlich der Einnahme eines kleinen Imbisses zwischen zwei Vorlesungen ein Gespräch von Studenten, die sich in meiner allernächsten Nähe angeregt unterhielten, zu belauschen, aus welchem hervorging, irgendwie habe Stalin halt doch recht, wenn er sozusagen behaupte, Truman verfolge gewissermassen das Ziel, das Abendland irgendwie unter die Knute des amerikanischen Kapitalismus zu zwingen, was dem derart sprechenden Studenten aber von einem seiner Kollegen arg verübelt wurde, der nun seinerseits erwiderte, es sei sozusagen eine fromme Täuschung, wenn man gewissermassen glaube, Stalin trage sich nicht mit einer irgendwie ähnlichen Absicht, eine Meinung, der die meisten der Umstehenden irgendwie beitraten, worauf ich irgendwie den Erfrischungsraum verliess, sozusagen entschlossen, meine Forscherkraft gewissermassen ganz den drei kleinen Wörtchen «irgendwie», «sozusagen» und «gewissermassen» zu widmen. [...]
Im Kapitel vier soll der Versuch unternommen werden, zu zeigen, dass die drei Redensarten «gewissermassen, sozusagen und irgendwie» der typische Ausdruck eines (das heisst unseres) Zeitgeistes sind, und dass mithin diese heute so ungemein (und gemein) häufig verwendeten Wörtchen im Grunde gar nichts anderes vorstellen als drei Volksausgaben des Begriffes «relativ», welche Behauptung ich zu beweisen gedenke an Hand eines Ausspruches meines Kollegen Prof. A., der, wenn in der Lateinstunde der Satz «Specie sol circum terram volvitur, re vera terra circum solem» zur Behandlung stand, seinen Schülern zu erklären pflegte: «Ja, meine Geehrten, das erste glaubte man im grauen Altertum, das zweite meinte man seit Galileo Galilei — und seit Einstein weiss kein Mensch mehr, wie es wirklich ist», woraus ich die Quintessenz zu ziehen beabsichtige, dass wir heute — welche Möglichkeit noch Goethe in seinen «Kleinen Schriften über deutsche Literatur» energisch aus der Sprache verwiesen hat (angeregt übrigens durch Fichte, der von 1794 bis 1799 als Dozent an der Universität Jena wirkte und von dem Goethe schreibt: «Dieser kräftige, entschiedene Mann konnte gar sehr in Eifer geraten, wenn man dergleichen bedingende Phrasen in den mündlichen oder wohl gar schriftlichen Vortrag einschob. So war es eine Zeit, dass er dem Worte ,gewissermassen' einen heftigen Krieg machte.») — ich bitte, dort wieder ansetzen zu dürfen, wo ich versprach, aus meinen Forschungen die Quintessenz ziehen zu wollen, dass wir heute in der zwiespältigen Lage sind, von allen Dingen «irgendwie» etwas sagen zu können, in welcher Tatsache sich Tragik und Chance unserer Zeit zugleich offenbaren, indem nämlich der epidemische Gebrauch des Wörtchens «irgendwie» (und seiner Anverwandten) sowohl sicheres Anzeichen eines nebelnden und schwebelnden Schwatzes sein kann, als auch Ausdruck einer aufrichtig empfundenen grossen Angst vor falschen und ungerechten Behauptungen, sowohl sprachliches Merkmal einer geistigen Heimat- und Haltlosigkeit, als auch Folge einer noch nie dagewesenen, vorurteilsfreien Aufgeschlossenheit den verschiedensten Erscheinungen gegenüber (welche Aufgeschlossenheit und Gerechtigkeit ihrerseits wieder zur Folge haben, dass wir zwar alles «irgendwie» schön, «irgendwie» wahr und «irgendwie» gut finden können, dafür aber selber nichts Schönes mehr zu schaffen, nichts Wahres mehr zu sagen und nichts Gutes mehr zu tun vermögen).
Solche Ueberlegungen waren es, die mich zum Studium des Irgendwiealismus und zur Abfassung dieses Werkes drängten [...]
Es lebe irgendwie die Objektivität!
Der Brief
Thomas Mann / 30. Oktober 1948
Sehr geehrter Herr...
Vielen Dank für Ihren freundlichen Brief und die beiden Ausgaben des «Zürcher Student», die ich sehr aufmerksam und mit Vergnügen gelesen habe. Die Rolle, die gelegentlich «Dr. Faustus» darin spielt, hat mich nicht wenig amüsiert, und zwar im Gedenken an Ihre Bemerkung, dass das humoristische Element in dem Buch viel zu sehr übersehen werde. Ich finde, das ist ein erlösendes Wort. Wenn ich jenem Adrian Leverkühn irgend etwas von mir selbst mitgegeben habe, so ist es der Sinn für Komik und die Neigung zur Parodie. Der Verfasser der sehr hübschen Satire in Heft 4, Seite 94, war sich vielleicht garnicht bewusst, dass er, stilistisch, die Parodie einer Parodie gab, nämlich einer Selbstparodie, die dann freilich in der Fortführung, ohne eigentlich ihre Linie zu verlassen, an die äussersten Grenzen heutiger Ausdrucksmöglichkeiten der deutschen Sprache führt. Ist das wahr, oder nicht? —
Von dem Ausgelassenen, Spottlustigen, Uebermütigen in Ihren Heften war ich wohl am meisten angetan. Es hat mir das Herz erleichtert. Manchmal gleitet es etwas ins Bierfidele ab, lässt aber fast immer etwas von dem Gefühl für die Not und Fragwürdigkeit der Zeiten spüren, und selbst der Goethe-Ulk in Heft 3 hat etwas glücklich Vorbeugendes gegen die Schrecken des bevorstehenden und schon anhebenden 49er Goethe-Rummels. Und ich soll auch mittun, sogar in Zürich! Dabei habe ich noch gar keine Ahnung, wie ich noch einmal etwas über den Alten zusammenkratzen soll. J'ai vidé mon sac.
Vollends das Rein-Ernste in den Blättern, wie «Der Mensch und die Gefahr», ist sehr rührend. Am rührendsten und sympathischsten für mich persönlich das «Ich nicht» auf S. 85 unten. Ich kann nur sagen: Ich auch nicht. Aber wir wollen nicht zu früh nach dem Hafen verlangen und um Frieden der Seele bitten. Die Unruhe des Herzens ist die Hauptsache. Und dass man sie spürt, unter allen Scherzen, in Ihrer kleinen Zeitschrift, das spricht für Sie.
Ihr ergebener Thomas Mann.