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Belfast: Stadt der Sehnsucht
Text: Stephanie Hess; Fotos: Getty Images (2), Alamy (1)
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Belfast ist wie die Ofenkartoffeln, die hier so oft auf den Teller kommen: Die Schale zäh, das Innere butterweich und von einer tiefen Wärme. Die Schale, das ist die Geschichte, die diese Stadt und die ganze Insel umspannt. Entzündet durch den irischen Unabhängigkeitskrieg, spaltete sich das Volk in Loyalisten und Republikaner. Während Jahrzehnten herrschte Krieg in diesem kleinen Land, der über 3500 Tote forderte und offiziell erst 1998 endete.
Ein Banker im schicken Anzug, der heute auf einer roten Bank in der Commercial Court Street sitzt, wo sich ein Pub ans nächste reiht, sagt: «Inzwischen gehen unsere Kinder wieder in die gleichen Schulen, spielen gemeinsam Rugby, trinken zusammen im Pub.» Und dennoch: «Die Erinnerungen an diesen Krieg sitzen tief, die Wunden verheilen langsam.» Das versinnbildlichen die Peace Walls, hohe Mauern, die noch immer ein paar Belfaster Wohnquartiere durchziehen, um verfeindete Nachbarn zu trennen.
Vielleicht hat sich grad wegen der jahrzehntelangen Gewalt unter der harten Schale so viel zarte Sanftmut gesammelt. Kein Pub, kaum eine Strassenecke ohne jemanden, der Folk spielt. Im John Hewitt Pub sitzen drei junge Männer, sie gehören zur Belfaster Band Athrú. Auf einmal nehmen sie Gitarre, Dudelsack, Ziehharmonika hervor und legen los – das klingt schwermütig schön. Ein paar Schritte weiter dringt das Lied aus «Once», dem irischen Independentfilm, durch die Fenster eines Pubs: «I don’t know you but I want you.» Diese Heissblütigkeit traut man den Männern und Frauen hier gar nicht zu. So zurückhaltend freundlich sind sie, distanziert interessiert.
Ich frage den Banker auf der roten Bank, woher sie kommt, diese Höflichkeit. Er überlegt, entschuldigt sich dann fürs lange Überlegen und sagt: «Danke, das ist eine sehr gute Frage. Ich habe mir darüber noch nie Gedanken gemacht. Aber wenn ich so darüber nachdenke, haben wir das wohl der Erziehung unserer Mütter zu verdanken.»
Dann verabschiedet er sich, er trifft seine Frau zum Abendessen im Restaurant gegenüber. Und schreitet mit seinem teuren Anzug, seinen Lederschuhen davon. Die Schale und ihr weicher Kern.
Tipps
SCHLAFEN
The Bullitt Hotel
Auf Extras wie Minibar oder zu Schwänen gefaltete Duschtücher wird hier verzichtet, man pflegt eine No-Nonsense-Philosophie. Viel Wert legt man dafür aufs Essen. Achtung: Am Wochenende kann es ziemlich laut werden.
40a Church Lane, Tel. 0044 28 95 90 06 00, bullitthotel.com, DZ ab ca. 140 Fr.
Titanic Hotel Belfast
Dieses neue Hotel steht im Quartier, wo einst die «Titanic» gebaut wurde. Es gibt hier weniger Grössenwahn, dafür viel geschmackvolle Gemütlichkeit.
8 Queens Road, Tel. 0044 28 95 08 20 00, titanichotelbelfast.com, DZ ab 140 Fr.
ESSEN
Holohan’s Irish Pantry
Gute alte irische Küche mit modernem Dreh.
43 University Road, Tel. 0044 28 90 29 11 03, holohanspantry.co.uk
21 Social
Toller Irish Stew, guter Service, selbstverständlich Livemusik.
1 Hill Street, Tel. 0044 28 90 24 14 15, 21social.biz
PUBS
Commercial Court
In dieser Strasse reiht sich Pub an Pub. Bei schönem Wetter sitzt man auf roten Bänken an den Hauswänden. Am sympathischsten ist hier «The Duke of York», am schönsten «The Dark Horse».
Infos zu beiden: dukeofyorkbelfast.com
The John Hewitt
Fast jeden Abend gibts hier Konzerte irischer Musiker. Angenehme Atmosphäre.
51 Donegall Street, thejohnhewitt.com
Kelly’s Cellars
Mit 250 Jahren der älteste Pub von Belfast, in dem Ende des 18. Jahrhunderts gar ein irischer Aufstand beschlossen wurde.
30–32 Bank Street, kellyscellars.com
UNTERWEGS
Ulster Museum. Neben Archäologie, Zoologie, Geologie und Kunst findet man hier die umfassend aufgearbeitete Geschichte des Nordirlandkonflikts. Botanic Court, nmni.com The Gobbins Cliff Path. Auf diesem Küstenweg liefert man sich – geführt in einer Gruppe – der wilden nordirischen Natur aus.
thegobbinscliffpath.com, 30-minütige Autofahrt von Belfast
ANREISE
Direktflüge ab Zürich und Basel nach Dublin, einstündige Busfahrt bis Belfast
SOUVENIR
Cider! Eine Schande, dass der prickelnde Apfelwein in der Schweiz nicht zum Standard gehört. Mein nordirischer Favorit: Long Meadow Cider.