Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03121.jsonl.gz/811

Bewusstsein zu haben ist zwar eine Vorgabe unserer Existenz, kann aber als Belastung und als Fluch erfahren werden, da es auch die Ursache dafür ist, dass wir uns als Fleisch erfahren oder, christlich gesprochen, als Kreatur, als stets gefährdete und schliesslich vergängliche Wesen.
"Bewusstsein als Verhängnis", so der Titel des Buches vom jungen Philosophen Alfred Seidel (1895-1924), in dem er den Wert des Bewusstseins grundsätzlich bezweifelte; denn dessen Wirkung sei nur "Auflösung und Schwächung", wobei Seidel zur Erklärung dieser These auf die Erstarrung vor der Kompliziertheit des Lebens, auf die Hemmung vor der Tat und den Ekel vor der Banalität hinwies. Seidel schloss, dass die Reflexion nur eine "Flucht vor dem Leben" und Selbstentschuldigung vor sich selber sei.
Weil aber in der Einbildungskraft das Ideal stets gegenwärtig bleibt, was durch keine Tat in die Realität überführt wird, kann diese Diskrepanz bei empfindsamen Naturen zur Melancholie führen und über sie zur Selbstvernichtung wie bei Seidel selber. In seinem letzten Brief an den Nervenarzt und Psychologen Hans Prinzhorn, den Herausgeber seines Werkes, schrieb er, es sei seine "teuflische Aufgabe" gewesen, aufdecken zu müssen, dass das Bewusstsein ein Verhängnis sei, und wer sein Buch gelesen habe, werde selber sagen, dass mit dieser Erkenntnis "kein Mensch mehr leben kann." Nach diesem Brief erhängte er sich an einem Baum in der Erlanger Anstalt.
Na ja, dieses interessante Werk habe ich gelesen und lebe immer noch!