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Am 27. August 2020 präsentierte das Schweizerische Gesundheitsobservatorium (Obsan) den nationalen Gesundheitsbericht 2020. Die von Bund und Kantonen getragene Institution analysiert vorhandene Informationen zur Gesundheit in der Schweiz und unterstützt Bund, Kantone und weitere Institutionen im Gesundheitswesen bei der Planung und Entscheidungsfindung. Der im Rahmen des Berichts verwendete Gesundheitsbegriff umfasst Aspekte des Wohlbefindens wie auch der Krankheit. Im Rahmen des Berichts wird über die körperliche und geistige Gesundheit von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, gesundheitsfördernde und -hemmende Verhaltensweisen wie auch Massnahmen in den Bereichen Gesundheitsförderung, Prävention und Gesundheitsversorgung informiert.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass ein guter allgemeiner Gesundheitszustand eine wichtige Ressource zur Bewältigung der Entwicklungsaufgaben im Kindes- und Jugendalter ist und dass eine erfolgreiche Bewältigung dieser Entwicklungsaufgaben die Chancen gesund zu bleiben erhöht.
Für den nationalen Gesundheitsbericht 2020 wurden wesentliche Erkenntnisse aus der Schweiz und relevante Studien aus dem naheliegenden Ausland ab dem Jahr 2000 aufgearbeitet und eine national repräsentative Datenquelle aufbereitet. Bei der Erstellung des Berichts zeigte sich, dass zur Gesundheit von Kindern unter 10 Jahren oftmals keine national repräsentativen Daten bestehen. Dieser Umstand soll sich zukünftig ändern.
Die wichtigsten Erkenntnisse des nationalen Gesundheitsbericht 2020 mit Bezug zur frühen Kindheit werden in der Folge kurz ausgeführt.
Demografie
Im Jahr 2017 wurden 87'381 Kinder in der Schweiz geboren, 674 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bis 25 Jahren verstarben im selben Jahr (Säuglingssterblichkeit bei 4 von 10 Todesfällen). Der Anteil der Kinder und Jugendlichen an der Schweizer Gesamtbevölkerung ist aufgrund einer höheren Lebenserwartung und einer sinkenden Geburtenrate in den vergangenen Jahrzehnten schrittweise gesunken. Im Jahr 2017 entspricht der Anteil der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen rund 27% der ständigen Wohnbevölkerung der Schweiz. Der Jugendquotient (Anteil der unter 20-Jährigen an der erwerbsfähigen Bevölkerung im Alter von 20 bis 64 Jahren) fiel von 37.5% im Jahr 2000 auf 32.5% im Jahr 2017.
Lebenswelten, Umweltfaktoren und gesellschaftliche Rahmenbedingungen
Die Struktur der Kernfamilie als erstes soziales Umfeld und wichtiger Bildungsort hat sich stark verändert. Seit 1970 hat sich die Anzahl der Einelternfamilien verdoppelt, auch die Anzahl der Patchwork-Familien nimmt zu. Im Jahr 2017 wachsen 41% der Kinder ohne Geschwister und rund 42 % Prozent mit einem Geschwister im Haushalt auf. Die grosse Mehrheit der fast 1.5 Millionen Kinder und Jugendlichen wächst in einem unterstützenden und ressourcenreichen familiären Klima auf. Nichtsdestotrotz waren im Jahr 2014 rund 70'000 Kinder und Jugendliche von absoluter Armut betroffen. Die Anzahl Kinder in belasteten Familien ist jedoch deutlich höher, so leiden beispielsweise 8% der elterlichen Bezugspersonen unter mittleren bis schweren Depressionen. Grundsätzlich weisen Kinder von Eltern mit Migrationshintergrund gleich den Eltern geringere soziale Ressourcen auf. Dies ist insofern von Bedeutung, als dass die Gesundheitschancen von einer zur nächsten Generation weitergegeben werden. Am deutlichsten zeigt sich dieser Umstand bei den Bildungschancen. 32 % der Kinder von Eltern ohne nachobligatorische Schulbildung erreichen ebenfalls nur diesen Bildungsabschluss. Im Gegensatz dazu weisen nur 2% der Kinder von Eltern mit Hochschulabschluss keine nachobligatorische Schulbildung auf.
Die Chancen für ein gutes und gesundes Aufwachsen ab Geburt sind demnach sehr verschieden und hängen in weiten Teilen von den Ressourcen und Belastungen sowie dem sozioökonomischen Status der Familie ab. Dies bedeutet für die Gesundheitsförderung im Kindesalter, dass sich diese nicht einzig auf die individuelle Gesundheit des Kindes beziehen darf, sondern der Fokus auch auf die Stärkung der Ressourcen in der Familie und in den Lebenswelten der Kinder gelegt werden muss. Wissenschaftliche Erkenntnisse zur lebenslangen Entwicklung der Gesundheit zeigen, dass in sog. kritischen Perioden wie beispielsweise der frühen Kindheit besonders viele gesundheitliche Weichen gestellt werden.
Die Umsetzung UN-Konvention über die Rechte der Kinder wird durch die im Rahmen der Untersuchung befragten Expert*innen in Bezug auf die Chancengleichheit und das Recht auf Mitbestimmung eher kritisch eingeschätzt. Genannt wird u.a. der regional unterschiedliche Ausbau der Angebote im Frühbereich. Die Frühförderung als Mittel zur Verbesserung der Chancengleichheit wird demgemäss in vielen Kantonen und Gemeinden noch wenig stark genutzt. Als ungenügend wird auch der Schutz vor Gewalt, konkret die Körperstrafe als Erziehungsmittel, beurteilt.
Körperliche Gesundheit und Entwicklung
Im Rahmen des nationalen Gesundheitsberichts wird darauf hingewiesen, dass die subjektive Einschätzung des Gesundheitszustands bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen grundsätzlich erfreulich hoch ist. Nichtsdestotrotz lassen sich relevante Unterschiede abhängig von Alter, Geschlecht und Sozialstatus der Eltern feststellen. Die grosse Mehrheit der Kinder, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schweiz zeigen gemäss Befragungen ein hohes Mass an Wohlbefinden. Die Entwicklung des Kindes in Schwangerschaft und ab der Geburt wird in gynäkologischen und pädiatrischen Vorsorgeuntersuchungen und schulärztlichen Screenings erhoben. Die gynäkologischen und pädiatrischen Vorsorgeuntersuchungen sind wichtig und ermöglichen abweichende Entwicklungen frühzeitig zu entdecken und, falls angebracht, Unterstützungen oder Therapien einzuleiten, denn bereits während der Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett werden die Weichen für die spätere kindliche Entwicklung gestellt. Die Untersuchungen bei Kindern fokussieren auf Grösse und Gewicht sowie auf kognitiven, sozialen und motorischen Fähigkeiten. Die motorischen Fähigkeiten sind zentral für eine gesunde Entwicklung. Sie ermöglichen soziale Partizipation und wirken sich positiv auf gesundheitsrelevante Faktoren wie Bewegung, Körpergewicht und das Selbstwertgefühl aus. Diese entwickeln sich in der frühen Kindheit kontinuierlich. Im Rahmen pädiatrischer Vorsorgeuntersuchungen ist es ferner angebracht, Indikatoren für die sozio-emotionale Entwicklung zu berücksichtigen, so wird beispielsweise die Fähigkeit zur Selbstregulation bereits im ersten Lebensjahr entwickelt und ist bis ins Erwachsenenalter wichtiger Faktor für die psychische Gesundheit.
Die Entwicklung von Kindern in der Schweiz wird mittels zwölf vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen bis ins Alter von 6 Jahren zwar regelmässig untersucht, jedoch werden die Daten nicht in einer Weise erhoben, die eine nationale Auswertung oder einen Vergleich der Daten ermöglicht. Über die psychische Gesundheit respektive Krankheit von Kindern im Vorschulalter ist nichts bekannt, obwohl man davon ausgeht, dass psychische Störungen im frühen Kindesalter genauso häufig sind wie später in der Entwicklung und eine frühzeitige Erkennung sich günstig auf den weiteren Verlauf auswirken könnte.
Gesundheitsverhalten, Gesundheitsförderung und Prävention
Auf nationaler Ebene existieren kaum Daten über die gesundheitsfördernden oder gesundheitsschädigenden Verhaltensweisen von Kleinkindern. Dies obwohl die kindliche Entwicklung in den ersten Lebensjahren die Gesundheit nicht nur kurzfristig, sondern langfristig prägt. Die Gesundheitsförderung und -prävention hat zum Ziel, die Gesundheit zu erhalten. Wirksame Ansätze der Gesundheitsprävention und -förderung fokussieren in der Regel auf eine Veränderung des individuellen Verhaltens im Sinne eines gesundheitsfördernden Lebensstils und auf eine Verbesserung der Lebensumstände und der strukturellen Rahmenbedingungen. Insbesondere die Lebensphase der frühen Kindheit und der Jugend sind prädestiniert gesundheitsförderliches Verhalten zu erlernen, einzuüben und nachhaltig zu verinnerlichen.
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