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Bild
Titel:
Fingierter Brief eines italienischen Einwanderers in der Herisauer Faschingszeitung
Thema: Wirtschaft
Datum: --.02.1912
Masse: 9 x 12 cm
Standort: Kantonsbibliothek Appenzell Ausserrhoden, Signatur: App P 359
Urheber/-in:
Beschreibung:
In der Herisauer Faschingszeitung «Prinz Carneval», Jahrgang 1912, findet sich ein fingierter Brief eines gewissen «Giacomo Dateli», der seiner Geliebten in Italien schreibt. Er berichtet, dass es sich in «Hehri Sau» sehr gut leben lasse. Er kaufe billige Waren in Italien ein und verkaufe sie teuer an «dummi Svizzeri, wo nüd merggä, wenn bschissa». Und weiter: «I fifä uf Patria, mir gfallä am beste, wo guet got.»
Geschichte:
Solche humoristischen Texte unter den Namen von fiktiven italienischen Autoren wurden zu jener Zeit nicht nur im Prinz Carneval, sondern auch in anderen humoristischen Zeitschriften wie dem Nebelspalter oder sogar vereinzelt in der Ostschweizer Tagespresse veröffentlicht. Auffallend daran war die verwendete Sprache, ein mangelhaftes Deutsch, das vorgab das „gebrochene Deutsch“ der Italiener wiederzugeben. Diese Sprache war gekennzeichnet durch vereinfachte Grammatik, reduzierten Wortschatz und Angleichung der deutschen Aussprache an Merkmale des Italienischen. Die Briefe zogen die Ausdrucksart der Italiener ins Lächerliche und erweckten den Eindruck von mangelndem Denkvermögen.
Die Verspottung der Italiener als „dummi Chaib“ (Nebelspalter, 20.03.1909) hatte wohl auch damit zu tun, dass ein grosser Teil der italienischen Einwanderer jener Zeit Analphabeten waren. Es liegen diesbezüglich zwar keine gesicherten Daten vor, gemäss bis heute unwidersprochenen Schätzungen soll der Wert aber um 40% betragen haben.
Die negative Wahrnehmung von italienischen Einwanderern betraf aber nicht nur deren Bildungsstand. Italienerinnen und Italiener wurden in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg als jähzornige, heissblütige und laute Zeitgenossen beschrieben. Sie seien ungesittet, unreinlich und habgierig, so die gängigen Vorurteile gegenüber dieser Migrantengruppe. Typisch italienische Speisen wurden von den Einheimischen als fremd und minderwertig wahrgenommen, was in abschätzigen Bezeichnungen wie „Polentafresser“ oder „Salamiland“ zum Ausdruck kam. Hinlänglich bekannt ist auch die damals entstandene abschätzige Bezeichnung „Tschinggen“.
Dass die Wahrnehmung der Italiener um 1910 derart negativ geprägt war, hatte viel auch mit Ängsten der einheimischen Bevölkerung zu tun. Zwischen 1900 und 1910 hatte sich die Zahl der Italienerinnen und Italiener in Appenzell Ausserrhoden beinahe verdreifacht. Damit lebten und arbeiteten um 1910 rund 1’400 Menschen aus Italien in Appenzell Ausserrhoden, zumeist in und um Herisau – zehnmal mehr übrigens als zur selben Zeit in Appenzell Innerrhoden.
Autorin: Damiana Widmer, Speicher
Literatur:
Schiavone, Michele et al. Storie di italiani nella Svizzera Orientale. St. Gallen 2001.
Hug, Damiana. „Heissblütige Tschinggen“ und „kreuzbrave Schwoba“: Die Wahrnehmung von Italienern und Deutschen in St. Gallen an der Wende zum 20. Jahrhundert. Zürich 2001.
Schlaepfer, Rudolf. Die Ausländerfrage in der Schweiz vor dem Ersten Weltkrieg. Zürich 1969.
Statistisches Bureau des Schweiz. Finanzdepartements. Die Ergebnisse der Eidgenössischen Volkszählung vom 1. Dezember 1910. Band 1 und 3. Bern 1915 und 1918.
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