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War er nun in China oder hat er sich dies in seinem stillen Kämmerlein nur ausgedacht? Fake News aus vergangenen Zeiten? Uns kann es egal sein: Den Spuren Marco Polos folgend müssen wir nicht einmal so weit in den Osten reisen, um das gleichnamige Spiel von Daniele Tascini und Simone Luciani (Hans im Glück) zu gewinnen.
Ich kann mich an eine Partie mit Pete erinnern: Aus dem Genre des Ameritrash kommend, hat er die gesamte Partie ein langes Gesicht gezogen und nur widerwillig seine Züge durchgeführt. Auf meine Frage, ob ich ihm helfen könne (nicht generell, sondern auf die Partie bezogen), meinte er nur, dass Marco Polo ein weiteres Exemplar der langweiligen Zunft der Eurospiele sei…
Nur ein Fisch in einem Schwarm unter vielen? Oder der Regenbogenfisch im weiten und tiefen Kniza-, Teuber- oder Rosenberg-Meer? Gleich vorweg: Bei Marco Polo handelt es sich um einen hervorragenden Euro. Die Mechanismen sitzen, die Runden flutschen geschmeidig, die Partien verlaufen eng und abwechslungsreich. Warum landet es dann trotzdem relativ wenig auf dem Muwins-Spieletisch? Dieser Frage gehe ich gerne nach…
Wir verkörpern einen Entdecker zu Zeiten Marco Polos und bereisen die weiten Welten östlich von Venedig. „Nebenbei“ handeln wir mit Gold, Pfeffer und Seide, kaufen Kamele, führen königliche Aufträge aus, gründen Handelsposten und ersuchen gerissene Financiers um Unterstützung unserer Vorhaben.
Für diese Aktionen setzen wir keine Arbeiter ein, sondern benutzen unsere Würfel. Je nach gewürfelter Augenzahl verbessert sich die aktivierte Handlung. Ich erhalte also beispielsweise zwischen 1 und 6 Kamele.
Die verschiedenen Aktionsfelder sind schnell erklärt:
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Auf dem Markt erhalten wir unsere Ressourcen (Kamele, Gold, Pfeffer und Seide).
- Wir bitten um die Gunst des Khans. Dieser schenkt uns eine Ressource nach Wahl und stellt uns für dessen Transport ein Kamel zur Verfügung.
- Es gibt auch einen Handelsplatz für Aufträge.
- Wir begeben uns auf Reisen: Analog der gewürfelten Augenzahl können wir uns eine Anzahl an Felder fortbewegen und erkunden die Welt östlich Venedigs. Eine Reise ist lustig, jedoch nicht gratis. Dafür müssen wir Geld und Kamele einsetzen. An unserem Reiseziel angekommen, erlaubt uns die dortige Stadtregierung die Gründung eines Handelspostens.
- In den bereisten Städten gibt es weitere Aktionsfelder. Diese kann ich nur nutzen, wenn ich dort einen Handelsposten eingerichtet habe. Manchmal kann ich Punkte gegen Gold tauschen, ein anderes Mal Kamele erwürfeln.
Vermischt wird das Ganze mit einer Prise Zug um Zug: Am Anfang der Partie suche ich mir 2 Zielkarten aus. Besuche ich diese 4 genannten Orte (pro Karte je einen Start- und einen Zielort), erhalte ich mehr Punkte als derjenige, der nur deren 2 besichtigt hat.
Weiter füge ich noch einen Esslöffel Burgen von Burgund hinzu: Das Resultat des Würfelwurfes darf mit dem Einsatz von Kamelen (ja, Kamelen…) geändert werden. Zudem kann ich weitere Würfel für eine Runde dazu kaufen.
Punkte erhalte ich für so ziemlich alles: Wenn ich derjenige bin, der Beijing als Erster entdeckt, für durchgeführte Aufträge (gib 3 Gold und 3 Pfeffersäcke ab, erhalte dafür 7 Punkte), für Städtebesuche (Zielkarten) und für eine gewisse Anzahl von gegründeten Handelsposten. Der beste Händler erhält zudem Bonuspunkte (am meisten erfüllte Aufträge), das Vermögen wirft auch noch Punkte ab… Sehr wahrscheinlich habe ich sogar noch eine weitere Möglichkeit vergessen. Es handelt sich also um einen gewöhnlichen Punktesalat-Euro, ohne Thematik, ohne Drama, ohne Konfrontation…
Glücklicherweise wird das Spiel durch drei Eigenheiten gerettet, bzw. spielbar gemacht:
- Aktionsfelder können nicht geblockt werden. Wenn ich ein besetztes Feld aktivieren will, muss ich tief in die Tasche greifen: Ich bezahle so viel Geld, wie mein niedrigster eingesetzter Würfel Augen zeigt.
- Jeder Spieler startet mit einem eigens gewählten Abenteurer. Dieser besitzt jeweils Spezialfähigkeiten, die die Regeln komplett auf den Kopf stellen: Raschid ad-Din Sinan muss nicht würfeln, Kubilai Khan startet sein Abenteuer in Beijing, Nicolo und Marco Polo (Vater und verzogener sowie ängstlicher Sohn) beginnen mit zwei Figuren ihre Entdeckungsreisen, Mercator ex Tabriz ist ein Schmarotzer und erhält Waren, wenn es seine Gegner auch tun. Jeder dieser Charaktere benötigt eine eigene Spielweise. Das Herausfinden der geeigneten Taktik macht den Reiz aus! Ob es sich nun bei Marco Polo um ein asymmetrisches Spiel handelt, lasse ich unsere Anwälte entscheiden.
- Zudem sieht der Spielplan in jeder Partie anders aus. Die Städte erhalten unterschiedliche Aktionen und Boni. Auch deswegen muss ich meine Spielweise immer der jeweiligen Partie anpassen.
Warum landet das Spiel also trotzdem nur eher selten auf unseren Tischen? Erstens, weil wir extreme Eurospielhasser unter uns haben. Zweitens, weil es thematischere Spiele gibt und drittens, weil wir direkte Konfrontationen bevorzugen. In seinem Genre ist Marco Polo hervorragend und ich finde, dass die Preise verdient gewonnen wurden. Anscheinend soll es im Sommer 2017 eine neue Auflage geben. Diejenige, ohne eigenes Exemplar, müssen sich unbedingt eines beschaffen. Den glücklichen Besitzern rate ich, so schnell wie möglich ein weiteres Mal die Reise in den fernen Osten anzutreten.
13 comments
Ich kenne bei uns eigentlich keine „extremen Eurohasser“. Höchstens „ausgeprägte Schlechtespielehasser“. Es gibt durchaus gute Euros, und das meiste, das wir bei MUWINS spielen, dürfte in diese Kategorie fallen. Allerdings: Versteht man unter „Euro“ lediglich „themenbefreiter Punktesalat“, dann ja – die haben zu recht Mühe bei uns. Marco Polo liegt hart an dieser Grenze: Der Name „Marco Polo“ suggeriert spannende Abenteuer in fernen Ländern, das Spiel ist dann eine Übung in Buchhaltung und Administration – was nicht in jedem Fall bedeuten muss, dass es schlecht ist. Ich würde zugestehen, dass das Spiel dennoch mehr bietet und wohl nicht a priori in die Tonnenkategorie gehört… 😉
…viertens: Praktisch jedes Mal, wenn wir uns treffen, hat schon wieder jemand eine Neuanschaffung, die gespielt werden will.
Übrigens bin ich kein „Eurohasser“. Eins meiner absoluten Lieblingsspiele ist im Prinzip ein Euro (Robinson Crusoe). Ich finds halt nur nicht so spannend, wenn es im Spiel v.a. darum geht, einen optimalen Punktegenerator aufzubauen. Dass solche Spiele für manche Leute aber ihren Reiz haben, kann ich durchaus verstehen. Ich bin nur keiner von ihnen. Und zum Glück gibts mittlerweile auch ganz andere Euros.
Hat mich Marco Polo das eine Mal, als ich es spielte, begeistert? Nein (was zu einem kleinen Teil wohl auch daran lag, dass ich schlecht spielte). Ich fands aber auch nicht doof. Das ganze Würfelelement ist z.B. mal was anderes und eine an sich witzige Mechanik. Wie du sagst, ist es halt nicht unbedingt mein Genre – nichtsdestotrotz schienen mir alle Rädchen gut geschmiert ineinanderzugreifen, von daher zweifle ich dein Urteil auch nicht an (zumal du dich da eh besser auskennst als ich).
Hiho, wir spielen schon häufiger Euro-Games aber Marco Polo setzt auch bei uns Staub an. Ich habe letztens mal wieder eine Rezension gelesen, die das Spiel in den Himmel gelobt hat und mir dann nochmal die Regeln durchgelesen und beim Spieleabend auf eine Partie bestanden. Ergebnis eher mau. Die Spezialfähigkeiten sind so dermaßen unterschiedlich, dass man das Spiel eigentlich schon gut kennen muss, um die Vorteile dann auch nutzen zu können. Und einigen von uns war das auch ein zu straffes Korsett. Das Spiel gibt für unseren Geschmack zu sehr vor, wie es gespielt werden möchte/ sollte.
Great Western Trail liegt auch noch unbenutzt seit der letzten „Spiel“ im Schrank…
Die beiden Staubfänger sprechen (natürlich ganz subjektiv gesprochen) für Deinen Geschmack 😏. GWT hab ich zwar nie gespielt, es war für mich aber in dem Moment vorbei, als ich gehört habe, dass man für Herden mehr Kohle kriegt, wenn sie unterschiedlich gefärbte Kühe beinhalten. Kleine Herden bringen kleine Kohle, grosse Herden bringen grosse Kohle – so gehört sich das! Ihre Farbe spielt in der näheren Zukunft der Vierbeiner absolut keine tragende Rolle mehr…
Herzlichen Dank für deine Rückmeldung Axelsohn. In den Himmel loben würde ich Marco Polo nicht. Ich mag halt Spezialfähigkeiten. Dadurch verlängert sich die Haltbarkeit des Spiels. Der Reiz ist halt mit allen Charakteren zu gewinnen. Die negativen Punkte wurden bereits alle erwähnt: rel. unthematisch, mechanisch, mathematisch, friedliebend… Nach wie vor gehört MP für mich in die Top Ten der WP Spiele.
Ach Benji… Da zeigt sich wieder einmal der Gemüsebauer. Eine Kuh ist nicht gleich eine Kuh. Eine grosse Herde von Freiburger Kühen ist weniger Wert als eine kleine Herde von Kobe Rinder… Ein konfrontatives Spiel inkl. Kuhmarkt würde ich sofort zocken. Verlag müsste einfach Splotter sein!
Das wäre dann allenfalls eine Frage einer BESTIMMTEN gefragten Farbe – was nicht da gleiche ist wie „möglichst viele Farben“. Neinnein, gerade als Gemüsebauer ist man prädestiniert, reine Punktesalate schon von weitem zu erkennen!
Hi muwinser,
im Artikel wird erwähnt, dass es durchaus „Euros“ gibt die euch zusagen.
Da ich selbst immer wieder angewidert zurück schrecke (kann ich nix dafür, muss ich so akzeptieren – sehr zum Leidwesen einiger Mitspieler ), wenn sich ein Spiel als extremes Punktesammelspiel ohne Interaktion outet, ich andererseits aber genau deswegen eure Erfahrungen sehr schätze, wüßte ich nun gerne welche „Euros“ ihr gut findet – und warum?
Durchaus gefallen hat mir persönlich z.B. Chimera Station und Nusfjord.
Hallo Peter
Ich kann ja deine viszerale Spontanreaktion beim Betrachten von Unmengen bunter Plättchen, von denen klar ist, dass alle möglichen Farbkombinationen am Ende (besser noch in mehreren Zwischenwertungen) irgendwie verrechnet werden (wer hinten liegt mit dem Faktor 1.5 multipliziert – schliesslich sollen alle bis zuletzt gewinnen können) gut nachvollziehen. Es geht mir/uns ja ähnlich. Dennoch haben ein paar Titel die Hürde genommen. Für mich (und ich kann nur für mich sprechen) gehören in unvollständiger Aufzählung dazu:
– Euphrat & Tigris (Natürlich! Der Klassiker, allerdings kein echter Euro, da WIRKLICH böse, und es wird viel zuwenig multipliziert)
– Funkenschlag passt
– Carson City (auch hier wird geballert. Zufall? Ich denke, nicht)
– Crisis (haben wir auch schon besprochen)
– Snowdonia
…
Allzuviele mehr werden’s nicht, aber doch immer mal wieder was. Es soll unter uns sogar Leute geben, die Russian Railroads gut finden. Ich gehöre nicht dazu, aber hey… 😉
Vielleicht mag ja Yves noch was ergänzen…
Hallo Banjamin,
die von dir genannten Spiele treffen auch bei mir auf eine eher positive „viszerale Spontanreaktion“ (Mediziner wa?) 😀 – wenn auch einige davon noch auf die Ausübung ihres Existenzrechtes im Regal ausharren…(wie schon mal gesagt : bin eher noch gut informierter Anfänger)
Aber da wird es jetzt auch knifflig und man sollte vorher abklären, wo der Frosch die Locken hat.
Denn : Was genau macht ein Eurospiel zu einem eben solchen? Da haben wir zwei wohl schon unterschiedliche Schubladen, denn die genannten Spiele hätte ich niemals zu denen gerechnet, die in mir diese Fluchtgefühle auslösen.
Schon lange siniere ich über eine Definition, aber es ist kompliziert. Vor allem ist bei mir schnell Schluss mit lustig, wenn ich merke, dass die Mechanik des Punktegewinns um selbigen drumherum gestrickt wurde – und nicht etwa ein Spiel ausgetüftelt wurde, das zur Auswertung ein Punktesystem braucht.
Vielleicht wäre das mal Stoff für eine gute Aufarbeitung der verschiedenen Spielarten – wenn diese natürlich auch nur für die Muwins gelten würde – denn die Geschmäcker und Ideen dazu sind so zahlreich wie die Blogköche.
Grundsätzlich finden wir bei Eurospielen kaum direkte Konfrontationen vor, Spieler werden nie eliminiert, der Glücksanteil ist kaum vorhanden und im Fokus stehen die Mechanismen. Bitte beachte, dass nicht alle „Bedingungen“ vorhanden sein müssen, damit ein Spiel als Euro angesehen wird. Meistens geht es um effizientes Ressourcenmanagement, vielfach sind es Wirtschaftsspiele.
Beni hat dir bereits einige spannende Vertreter dieser Sparte genannt. Gerne ziehe ich mit und nenne dir noch Puerto Rico, Burgen von Burgund, Brass und Lords of Waterdeep,
Ein anderes Spiel zeigt dir, dass die Defintion „Euro-Spiel“ nicht ganz klar ist: Indonesia. Beni wird sicher nun laut aufschreien, aber grundsätzlich ist es ein purer Euro. Die Handler werden nicht eliminiert, kein Glücksanteil, reine Rechnerei der Punkte aka des Geldes, Thema ist meiner Meinung nach zufällig. Nur ist hier der Interaktionsgrad sehr hoch…
Ich schliesse mich Yves in Sachen (versuchter) Definition weitgehend an, und ja, es ist wohl kein Zufall, dass die von mir aufgezählten „guten Euros“ sehr eng an der Schwelle zum „Nicht-Euro“ stehen. Indonesia inklusive 😉
Hm,…spielerisch in neue Verhaltensweisen schlüpfen können mit denen ich dann auf andere, neue Art mit meinen Spielgenossen agiere….ich glaube hier hängt für mich ein großer Teil der Froschlocken ;-).
Denn ein Spiel enttäuscht mich fast grundsätzlich, wenn alle wie mit Scheuklappen auf das eigene Tableau bzw nur starren Blicks auf das Hauptspielbrett gucken in der Absicht auch noch die letzte Kleinstmöglichkeit zu analysieren um noch ein Pünktchen zu erwirtschaften – Solospieler zusammen am Tisch…pfffffff…Wie pfiffig und interaktiv dagegen ist doch ein MiniRails