Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03324.jsonl.gz/1758

Spitzbergen-Grönlandwale (Balaena mysticetus) sind nach wie vor gefährdet, doch über ihre Verbreitung ist kaum etwas bekannt, was eine genaue Einschätzung ihres Gefährdungsstatus unmöglich macht. Mit einer neuen Studie lieferten norwegische Wissenschaftler nun wichtige Daten dafür.
Die Population von Grönlandwalen, die in der Region zwischen Ostgrönland und Spitzbergen verbreitet ist, wurde seit dem frühen 17. Jahrhundert so stark bejagt, dass ihre Zahl Anfang der 1990er Jahre auf nur noch wenige Dutzend Tiere geschätzt wurde. Und eben weil sie so stark dezimiert wurden, ist es nicht leicht für Wissenschaftler, mehr über die Gewohnheiten der kälteliebenden Ozeanriesen zu erfahren. Dennoch war es Forschern vor einigen Jahren anhand akustischer Methoden gelungen, eine ganzjährige Präsenz der gefährdeten Grönlandwale in der Framstraße zwischen Spitzbergen und Grönland nachzuweisen. In den Wintermonaten zeichneten sie sogar den Gesang der Wale über 24 Stunden am Tag auf, was darauf hindeutet, dass diese Region Paarungsgebiet der Spitzbergen-Population ist.
In einer aktuellen Studie, die in der Fachzeitschrift Biology Letters veröffentlicht wurde, untersuchten Wissenschaftler vom Norwegischen Polarinstitut in Tromsø die ganzjährigen Bewegungsmuster der Spitzbergen-Grönlandwale und deren Nutzung von Lebensräumen, um wichtige Daten für Schutzmaßnahmen zu liefern. Dazu brachten die Forscher von einem Hubschrauber aus an 16 Tieren Sender an, von denen 13 die Positionen zuverlässig übermittelten.
Die Daten lieferten erstaunliche Ergebnisse: Einerseits bestätigten sie die früheren Beobachtungen, dass Spitzbergens Grönlandwale zu allen Jahreszeiten in kaltem Wasser und in enger Verbindung mit dem Meereis anzutreffen sind. Andererseits zeigten die Daten, dass diese Population im Sommer nach Süden und im Winter nach Norden zieht — ganz im Gegensatz zu ihren Artgenossen in der Bering-Tschuktschen-Beaufort-Region und der Population zwischen Ostkanada und Westgrönland, die im Sommer nordwärts und im Winter Richtung Süden ziehen.
Den Winter verbringen die Tiere der Spitzbergen-Population in tiefen, kalten Gewässern, die fast vollständig mit Meereis bedeckt sind, oft mehr als 100 Kilometer von großen, offenen Wasserflächen entfernt. Zum Atmen sind sie auf einige wenige Risse im Meereis angewiesen. Im Sommer nutzen sie dagegen das Nahrungsangebot an der Eiskante, wo durch Auftrieb und Schmelzprozesse die Produktivität besonders hoch ist.
Die Autoren vermuten, dass dieses Verhalten nicht nur mit der Nahrungsverfügbarkeit zu erklären ist, sondern auch mit der intensiven Bejagung in den vergangenen Jahrhunderten zusammenhängt. Die Tiere, die sich im Winter weiter nördlich aufhielten, wurden vom Eis geschützt und blieben von den Walfängern verschont, während die im offenen Wasser erbarmungslos getötet wurden.
Grönlandwale sind die einzigen Bartenwale, die ganzjährig in der Arktis leben und sich im Laufe der Evolution perfekt an das Leben im Eis angepasst haben: sie haben keine Rückenfinne und zeichnen sich durch eine langsame Entwicklung aus mit einer extremen Lebenserwartung von bis zu 200 Jahren, der späten Geschlechtsreife mit 20 Jahren und langen Intervallen zwischen den Geburten. Darüberhinaus können sie mit ihren vier Meter langen Barten sehr schnell und effektiv Nahrung aufnehmen, was ihnen die Aufrechterhaltung einer bis zu 50 Zentimeter dicken Speckschicht ermöglicht.
Sie gehören nicht zu den tief tauchende Walen sondern gehen hauptsächlich in den oberen 200 Metern auf die Suche nach fettreichen Ruderfußkrebsen, Krill und Flohkrebsen.
Die Populationen in der Bering-Tschuktschen-Beaufort-Region und Ostkanada/Westgrönland erholen sich vom historischen Walfang und auch die Spitzbergen-Population zeigt Anzeichen eines Aufwärtstrends.
Allerdings könnten der Verlust von Lebensraum und thermischer Stress aufgrund der steigenden Wassertemperaturen und dem damit einhergehenden Meereisverlust der positiven Populationsentwicklung entgegenwirken.
Laut der Autoren würden sich Spitzbergens Grönlandwale nach Norden in küstenferne, tiefe Gewässer zurückziehen und wären dort gezwungen, sich auf die Produktion von Zooplankton zu verlassen. Sie gehen davon aus, dass eine solche Situation wahrscheinlich die Erholung der Population verhindert.
Quelle: Nature, Kovacs et al. 2020