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Freitag, 15. Mai
Gschicht vom Tag
Der Steinmetz
Es war einmal ein Steinmetz. Jeden Tag ging er in die Berge, um Steine zu schneiden. Und während der Arbeit sang er, denn obwohl er arm war, wollte er nicht mehr haben, als er besass, und darum hatte er keine Sorgen.
Eines Tages beauftragte man ihn mit Arbeiten an der Villa eines reichen Mannes. Als er die Pracht dieses Hauses sah, überkam ihn zum ersten Mal in seinem Leben quälende Begierde, und er sagte seufzend: «Wenn ich doch reich wäre! Dann brauchte ich nicht wie bisher meinen Lebensunterhalt mit Schweiss und Mühsal zu verdienen.»
Doch gross war sein Erstaunen, als er eine Stimme vernahm: «Dein Wunsch ist erfüllt worden. Von jetzt an wirst du alles bekommen, was du dir wünschst.» Er wusste nicht, was er von diesen Worten halten sollte, bis er abends zu seiner Hütte zurückkehrte und an deren Stelle eine genau so prächtige Villa fand, wie die, an der er gearbeitet hatte. Also gab der Steinmetz seine Arbeit auf und begann das Leben der Reichen zu geniessen.
Eines Tages, an einem heissen und feuchten Nachmittag, als er zufällig aus dem Fenster blickte, sah er den König vorbeireiten mit einem grossen Gefolge von Edelleuten und Sklaven. Er dachte: «Ich wünschte, selbst König zu sein und in der kühlen königlichen Kutsche zu sitzen.» Sein Wunsch wurde sofort erfüllt, und er fand sich wieder zurückgelehnt in den Polstern einer königlichen Kutsche. Aber in dieser Kutsche war es wärmer, als er es sich vorgestellt hatte. Er sah aus dem Fenster und begann über die Kraft der Sonne zu staunen, deren Hitze sogar die dicken Wände des Wagens durchdringen konnte. «Ich wünschte, ich wäre die Sonne», sagte er sich. Wieder wurde sein Wunsch erfüllt, und er konnte jetzt Hitzewellen ins All schicken.
Eine Zeitlang ging alles gut. Dann kam ein Regentag, und er versuchte vergeblich, eine dicke Wolkenbank zu durchdringen. Also liess er sich in eine Wolke verwandeln und berauschte sich an seiner Macht, die Sonne fernhalten zu können. Aber dann wurde er zu Regen und stiess zu seinem Ärger auf seinem Weg zur Erde auf einen mächtigen Felsen, der ihn zu einem Umweg zwang.
«Was?» rief er, «ein elender Felsen ist mächtiger als ich? Gut, dann möchte ich ein Felsen sein.» Da stand er nun hoch aufgerichtet an einem Berghang. Er hatte jedoch kaum Zeit, sich seiner schönen Form zu erfreuen, als er seltsame splitternde Geräusche hörte, die von unten zu ihm hinaufdrangen. Er blickte an sich herab und sah zu seiner Bestürzung ein winziges menschliches Wesen, das damit beschäftigt war, Stücke von ihm abzuschlagen.
«Was?» schrie er, «so ein klägliches Geschöpf soll stärker sein als ein stattlicher Fels, wie ich einer bin? Ich möchte ein Mensch sein!» Also wurde er wieder Steinmetz, der in die Berge ging, um Steine zu schneiden und seinen Lebensunterhalt in Schweiss und Mühsal zu verdienen, aber mit einem Lied auf den Lippen, weil er zufrieden war mit dem, was er war und besass.
Nichts ist so begehrenswert, wie es zu sein scheint, so lange wir es noch nicht haben.
Aus: Anthony de Mello, Warum der Schäfer jedes Wetter liebt, Verlag Herder, Freiburg im Breisgau