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Bei den Frauen will Tiffany Géroudet versuchen, ihren EM-Titelgewinn vom Vorjahr zu bestätigen. Die Schweizer (Degen-)Fechter gewannen in ihrer Olympia-Geschichte bislang acht Medaillen. Einziger Goldgewinner ist der nicht mehr aktive Marcel Fischer, dem 2004 in Athen der ganz grosse Coup gelang.
Keine Olympia-Erfahrung
Keiner aus dem Schweizer Fecht-Trio für London 2012 verfügt über Olympia-Erfahrung. Allerdings war Fabian Kauters älterer Bruder Michael vor vier Jahren in Peking Olympia-Achtelfinalist. Und Vater Christian Kauter 1972 (Silber) und 1976 (Bronze) jeweils sogar Medaillengewinner mit dem Team.
Vorab Fabian Kauter und Heinzer haben die Messlatte mit ihren vorolympischen Erfolgen hoch gelegt. Heinzer hatte Ende Juni an den EM seinen 3. Platz aus dem Vorjahr wiederholt, nachdem er zwei Wochen zuvor als erster Schweizer überhaupt den Grand Prix de Berne zum zweiten Mal in Folge gewinnen konnte. Fabian Kauter übernahm Ende April nach Platz 2 in Heidenheim sogar kurzzeitig Position 1 der Weltrangliste.
Kauter hat Heinzer schon in einem Finale gedemütigt
Und mit der Mannschaft feierten die beiden Ende April in Heidenheim den ersten Weltcup-Triumph der Schweizer Fecht-Geschichte sowie im Juni den Team-EM-Titel in Legnano (It). Schliesslich standen sich Fabian Kauter und Max Heinzer bei der Olympia-Hauptprobe von Ende Juni am Turnier in Buenos Aires im Final gegenüber.
Fabian Kauter entschied das erste Finalduell zweier Schweizer im Weltcup mit 15:6 zu seinen Gunsten. Fabian Kauter ist als Nummer 2 der Welt zusammen mit dem Weltranglisten-Ersten Nikolai Nowosjolow im 30er-Feld direkt für die Achtelfinals gesetzt. Der Wettkampf findet am 1. August statt.
Kein Teamwettkampf im Degen
Der Degen-Teamwettkampf der Männer ist in London für einmal nicht olympisch. Doch für 2016 in Rio sind die Aussichten gemessen an der aktuellen Form der Schweizer als Nummer 1 Europas rosig. Aber auch für die Gegenwart mit dem olympischen Einzel ist Fabian Kauter
zuversichtlich: "Es werden meine ersten Spiele sein. Dennoch werde ich antreten, um zu gewinnen. Auch wenn Fechten nicht mit Tennis zu vergleichen ist und immer wieder andere Leute an einem Tag gross auftrumpfen und gewinnen können, bin ich zuversichtlich." Max Heinzer hat sich längst damit angefreundet, nicht als Aussenseiter antreten zu können. "Dass ich mit Druck umgehen kann, habe ich ja auch mit der Wiederholung des Sieges am Weltcup-Turnier in Bern bewiesen."
Beide Fechter mit Chancen
Fabian Kauter weiss: "Max und ich sind beide fähig, auf alle Arten zu treffen." Für den Männer-Equipenchef Daniel Giger gilt Max Heinzer als "extrem aggressiver Fechter". Und zu den Unterschieden zwischen dem vorübergehenden Weltranglisten-Leader Fabian Kauter und seinem Schweizer Vorgänger an der Spitze des Rankings (Marcel
Fischer) urteilt Giger: "Fischer setzte durch die Fechtschule des damaligen Nationaltrainers Rolf Kalich vorab auf Angriff, Länge und Distanz. Fabian Kauter arbeitet mehr mit Paraden, ist stark auf den Fuss des Gegners, aber auch mit Handtreffern erfolgreich. Sowohl Fabian Kauter als auch Fischer sind extrem komplett."
Géroudet auf Formsuche
Kalich: Dieser hatte schon bei seinem Abgang 2008 prophezeit, dass ihn am meisten schmerze, "dass ich den Gewinn der Olympia-Medaille von Fabian Kauter als Schweizer Nationaltrainer verpassen werde."
Als Europameisterin 2011 wird Tiffany Géroudet im Excel Center in London von Amtes wegen zum weiteren Kreis der Medaillenanwärterinnen gehören. Betrachtet man jedoch die Leistungen der letzten Wochen und Monate, müsste auch ein Vorstoss in die Viertelfinals als Erfolg gewertet werden. Nachdem sie sich im März souverän für die Olympische Spiele qualifiziert hatte, geriet Tiffany Géroudet in eine kleine Baisse. Das Zwischentief war - auch in den Augen von Nationalcoach Angelo Mazzoni - nicht verwunderlich. Denn sie konnte sich eine Zeit lang wegen ihrer Ausbildung zur Lebensmitteltechnologin nicht mehr ganz auf den Sport konzentrieren. In London fühlt sie sich jedoch bereit, an frühere Erfolge - sie war auch Junioren-Weltmeisterin 2006 - anzuknüpfen.
Das Sorgenkind der Schweiz?
Für Mazzoni war Géroudet lange Zeit ein Sorgenkind. Der Italiener ist überzeugt, dass die Sittenerin viel mehr aus ihrem enormen Talent herausholen könnte. Als sie die WM 2010 förmlich verpatzt hatte, warf er ihr vor, sie bereite sich zu amateurhaft auf die grossen Wettkämpfe vor. Das traf sie wie ein Stich ins Herz und verfehlte mithin seine Wirkung nicht.
Mazzoni, seit vier Jahren als Nachfolger des ebenfalls erfolgreichen Rolf Kalich im Amt, und Géroudet arbeiten sehr ernsthaft und jetzt auch zielstrebig zusammen. "Ich habe kein sehr aggressives Temperament und ich hatte mich immer auf mein Talent verlassen", sagte Géroudet zwei Tage vor ihrem Olympia-Debüt. "Aber ich habe in dieser Beziehung Fortschritte gemacht."
Mentale Frische fehlte
Für Mazzoni war das Nachlassen in den letzten Monaten auch deshalb nachvollziehbar, weil die Qualifikation auch mental sehr viel Substanz gekostet hatte. Im Olympia-Wettkampf will Mazzoni eine Fechterin sehen, wie er sie an der letztjährigen EM in Sheffield erlebt hat. "Ich werde in ihre Augen schauen und wissen, ob sie konzentriert und aufmerksam ist. Ich werde sehen, ob sie zuhören wird und die richtigen Dinge macht. Wenn ich das nicht erkenne, wird es kein guter Tag."
Eher gelegen kommt Géroudet die nicht gerade einfache Auslosung. Zum Auftakt trifft sie auf die Polin Magdalena Piekarska, die als Nummer 16 der Setzliste unmittelbar vor ihr liegt. "Bereits da sind die Chancen 50:50." Sie glaube, dass ein schwieriges Tableau für sie besser sei. "Dann weiss ich, dass ich auf dem Maximum kämpfen muss." Wenn sie jeweils geglaubt habe, der Weg für eine Topplatzierung sei frei, sei es oft nicht gut herausgekommen.