Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03594.jsonl.gz/1455

Der portugiesische Lyriker FERNANDO PESSOA spricht es klar aus:
«Die Welt gehört demjenigen, der nicht fühlt.»
Dass in unserer Gesellschaft eine gelungene Sozialisation weitgehend mit der Fähigkeit, Gefühle zu ignorieren, verbunden ist, deute ich hier bloss an. Ich werde später vertiefend darauf eingehen, wie durch die Sozialisation eine neue Art von Emotionen entsteht, die ich als Sekundärgefühle bezeichne.
Der Unterschied der Primärgefühle zu den Sekundärgefühlen
Der entscheidende Unterschied zu den Primärgefühlen liegt darin, dass Sekundärgefühle vorwiegend kognitiv beeinflusst sind und dadurch nicht mehr spontan körperbezogen ablaufen. Gekoppelt mit Wünschen, traumatischen Erinnerungen und vorgefassten Meinungen (Glaubenssystemen) weisen sie einen hohen Grad von Komplexität auf.
Wie beeinflussbar das Grundmuster an gefühlsmässigen Ausdrucksmöglichkeiten ist und wie leicht es sozialisierenden Einflüssen unterworfen werden kann, haben DANIEL STERN und VIRGINIA DEMOS untersucht:
Die sogenannte affektive Kompetenz des Kindes hängt in starkem Mass von der mütterlichen affektiven Kompetenz ab und wird vom Säugling erst über einen ausgeklügelten Lernprozess erworben, der weitgehend über seine spätere Gefühlsautonomie entscheidet. Aus der grossen Offenheit des Säuglings ergibt sich eine Anfälligkeit für Fremdeinflüsse.
Mangelnde wie auch übermässige «Bemutterung» und unharmonisches Einstimmen (Tuning nach STERN) kann zu Gefühlsprogrammen führen, die sich lebenslang belastend auswirken. Beim unharmonischen Tuning wird zwar auf Gefühlsäusserungen des Kindes positiv geantwortet, aber die Antwort des Elters fällt etwas stärker oder schwächer aus, als es dem vom Kind geäusserten Ausdruck entspricht.
Mangelndes Tuning bei misshandelten Kindern
Die negativen Auswirkungen eines mangelnden Tuning haben CICHETTI und WHITE an misshandelten Kindern eindeutig nachgewiesen. Sie haben festgestellt, dass diese Kinder in ihrem Gefühlsrepertoire stark eingeschränkt waren; insbesondere hatten sie die Tendenz, sich überwachsam und überkontrolliert zu verhalten.
Während Kinder, die in behüteten Verhältnissen aufwuchsen, wenn immer möglich den Umgang mit aggressiven Stimuli vermieden, reagierten vernachlässigte Kinder selber mit aggressiven Verhaltensmustern.
Der Neurobiologe ANTONIO DAMASIO sieht in der Sozialisierung weniger Gefahrenquellen, vorausgesetzt, dass sowohl «das Gehirn wie die Kultur normal sind», das heisst, wenn weder das Gehirn noch die Kultur geschädigt sind.
Er schreibt dazu:
«In Deutschland und der Sowjetunion während der dreissiger und der vierziger Jahre hat sich eine kranke Kultur gegenüber vermutlich normalen Denk- und Entscheidungsmechanismen durchgesetzt – mit entsetzlichen Folgen, wie wir wissen.»
Und in erstaunlicher Offenheit – noch bevor der Jugoslawienkrieg auch dem letzten die Augen geöffnet hat – schliesst er:
«Ich befürchte, dass erhebliche Bereiche der westlichen Gesellschaft allmählich zu weiteren tragischen Beispielen werden.»
Jahrtausende Verdrängung der Seinsliebe
Wie ich noch ausführen werde, bin ich persönlich der Meinung, dass das Auftreten dieser kulturbedingten «tragischen Beispiele» nicht zufällig, sondern die konsequente Folge einer seit Jahrtausenden sich anbahnenden sozialisationsbedingten Verdrängung der Seinsliebe ist.
Zwar hat die Sozialisation, zweifellos über die Verdrängungskaskade eine intellektuelle und kulturelle Strategie zur Bewältigung der psychischen Schmerzerfahrung entwickelt. Ob es ihr – zumindest in unserer westlichen Gesellschaft – damit gelungen ist, diese damit zu lindern, bezweifle ich. Allzuhoch erscheinen die gesellschaftlichen und die individuellen Folgekosten dieser Verdrängung.
Der Einfluss von Angst in der Sozialisierung
Den bestimmenden Einfluss der Angst auf die Sozialisierung sollten wir nicht übersehen. Diese Angst erzeugt ein immer stärkeres Bedürfnis nach Sicherheit, das sich sowohl in einer Flut von Versicherungspolicen als auch in der militärischen Aufrüstung und in der zunehmenden Bedeutung von auf dem Heimmarkt angebotenen Sicherheitssystemen nachweisen lässt.
Aus der Sicht der Sozialisation sind Emotionen immer auf einen unmittelbaren (Überlebens-)Zweck, auf eine bestimmte Situation oder auf eine direkte Bezugsperson hin ausgerichtet.
Der «Sinn» eines Gefühls liegt in seiner fremdbestimmten Zweckgerichtetheit. Für DAMASIO entstanden die (Sekundär-)Gefühle als wesentliche Instrumente im Überlebenskampf, wobei für ihn vor allem die negativen Gefühle am «Fortschritt» beteiligt sein sollen:
«Es ist kaum denkbar, dass Individuen und Gesellschaften, die von dem Streben nach Lustgewinn genauso oder stärker bestimmt werden als vom Streben nach Schmerzvermeidung, überleben können. ..
Negative Gefühle scheinen weit mehr Spielarten zu kennen als positive Gefühle, und augenscheinlich handhabt unser Gehirn die positiven und die negativen Spielarten von Gefühlen mit unterschiedlichen Systemen.»
Und gleichsam zum Beweis der Richtigkeit seiner Aussage zitiert er LEO TOLSTOI:
«Alle glücklichen Familien sind sich ähnlich, aber jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich.»
Heisst das:
Lieber unglücklich
– aber «anders/besser als alle anderen» –
als «einfach glücklich»?