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Afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung
Der hier zu besprechende Band ist eine Studie von Jürg Martin Meili, einem Mittelschullehrer und freischaffenden Journalist, mit der dieser Arbeit 2010 an der Universität Zürich promovierte. Meili untersucht in seiner Doktorarbeit die wechselseitige Abhängigkeit von Kunst, insbesondere Musik und der Identität einer Gruppe, die diese Musik anhört am Beispiel der Afro-amerikanischen Bevölkerung der USA. Mit anderen Worten, er untersucht, inwieweit die Musik der Schwarzen Bevölkerung der USA mithalf, eine Identitätsfindung zu ermöglichen in der politischen Umbruchphrase der USA in den 1960er Jahren, als Martin Luther King und Malcolm X für die politische Gleichberechtigung und die tatsächliche Umsetzung des Wahlrechts kämpften, das den Schwarzen aufgrund von sog. Jim-Crow-Gesetzen weitgehend verwehrt war. In dieser Arbeit, die unter dem Titel Kunst als Brücke zwischen den Kulturen : Afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung im transcript-Verlag erschienen ist, bemüht sich Meili, die zwei grossen Themenkreise Schwarze Musik und Bürgerrechtskampf unter einen Hut zu bringen. Ein sehr ambitioniertes Unterfangen, für dessen Umsetzung Meili an manchen Stellen die analytische Schärfe vermissen lässt. Insgesamt aber ist ihm eine ansprechende Darstellung in Deutscher Sprache gelungen, die begeisterte Leser finden wird unter denjenigen, die mit dem politischen Kampf um Gleichberechtigung kaum oder wenig vertraut sind. Der Titel ist etwas sonderbar, denn die Brücke zwischen den Kulturen wird wenig thematisiert, vielmehr wird Musik als Vermittler eines Zusammengehörigkeitsgefühl in der Schwarzen Bevölkerung behandelt.
Als Begleiter für seine Dissertation konnte Meili zwei Professoren der Uni Züriuch gewinnen, zum einen Prof. Georg Kohler, inzwischen emeritierter Professor für politische Philosophie und Frau Prof. Therese Steffen, zum damaligen Zeitpunkt Privatdozentin für das Gebiet "Englische und Amerikanische Literatur" und heute Koordinatorin für das Doktoratsprogramm Gender Studies und Anglistik-Professorin an der Uni Basel. Die Studie weist denn auch Aspekte der Literaturtheorie wie der politischen Philosophie auf, und je nach Fragestellung wird die eine oder andere Antwort stärker gewichtet. Den musikwissenschaftlichen Teil deckt Meili mit seinem persönlichen Interesse an der Afro-Amerikanischen Musiktradition ab, das wohl auch als Triebfeder hinter der Erarbeitung dieser Studie steht.
Jürg Meilis Studie ist in zwei grosse Blöcke gegliedert, zum einen «Musik der Freiheit : Eine Analyse Afro-Amerikanischer Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung» (S. 31–212) mit fünf grossen Kapiteln und zum anderen «Kunst für mehr Identität und Solidarität : Eine Analyse der Bedeutung und Möglichkeiten der Kunst in der Gesellschaft» (S. 213–290) mit drei Kapiteln. Der erste Block ist der für Bluesinteressierte und Musikliebhaber relevantere Teil, werden hier doch verschiedene Stilrichtungen Afro-Amerikanischer Musik besprochen und ihre Bedeutung in der Gesellschaft. Teil zwei ist eine stärker theoretische Betrachtung von Kunst als identitätsstiftendem gesellschaftlichen Phänomen, die über allgemeine Betrachtungen zur Kunst in der Tradition Aristoteles‘ und Platons zum Schluss kommt, Kunst eine heilsame und positive Auswirkung auf die Gesellschaft haben kann, ja zwangsläufig haben wird. Neben einer Einleitung ist die Studie zusätzlich ausgestattet mit einem Anhang, der zwei Liedtexte enthält und einer zehnseitigen Bibliographie zum Thema.
In dieser Rezension wird vornehmlich der Abschnitt zur afro-amerikanischen Kultur besprochen, also der erste Teil. Dieser enthält ein erstes Kapitel zur «Herkunft der afro-amerikanischen Musik» (S. 31–64), gefolgt von einem Abschnitt, der mit «zeitgeschichtlicher Hintergrund : Die schwarze Bürgerrechtsbewegung» überschrieben ist (S. 65–110). Es folgen die «Interpretation ausgewählter Liedtexte» (S. 111–144), in dem nach allgemeinen Bemerkungen zu Blueslyrics die Texte von Willie Dixons I Just Want to Make Love to You, Chuck Berrys Around and Around und Fred McDowells You Gotta Move analysiert werden. Es folgen zwei Kapitel zur «Bedeutung der afro-amerikanischen Musik in der Gesellschaft» und zum «Hip-Hop : Moderne Sklavenerzählungen?»
Für am Blues Interessierte ist die Analyse von Songtexten attraktiv. Die hierbei besprochenen Texte werden von Meili (Im Bild anlässlich einer Lesung) in literaturwissenschaftlicher Herangehensweise als losgelöster Teil des Songs verstanden, Überlegungen zur gesamtheitlichen Performanz, in dem der Text Teilaspekt der Musik ist, werden nicht angestellt. Als Fazit der Liedtexte kommt Meili zum Schluss: «Der Blues ist also das weltliche Gegenstück zum religiösen Spiritual. Die Wurzeln sind die gleichen, doch mit dem Blues wird die andere Seite der Medaille beleuchtet. […] Der Beweggrund für den Gesang bleibt allerdings bei beiden der gleiche: Das Leben sollte besser sein, die aktuelle Situation sollte sich zum Besseren verändern. Der Blues bemüht sich, diese Veränderung herbeizuführen, indem er sich gewissermassen am Negativen abstösst, während das Spiritual versucht, sich zum Positiven hochzuziehen. Bildlich gesprochen will er Blues die einengende Mauer der Segregation überwinden, indem er den harten Boden der Realität gebraucht, um über diese Mauer zu springen, während das Spiritual sich am Glauben hochzuziehen hofft, um so die gleiche Mauer zu überwinden und die gewünschte Anerkennung in Gleichheit und Freiheit zu erlangen. Dieses uralte Verlangen, das sich in der Musik seit Generationen manifestierte, zeigte sich mit der Bürgerrechtsbewegung erstmals auch politisch und inspirierte so durch das gesungene Wort die politische Tat.» (S. 143) Diese Schlussfolgerung ist gleichwohl behauptet und nicht überzeugend durch die Texte belegt. Die Spirituals hätte man ja auch als Beweise für Eskapismus verstehen können, indem in diesen Songs die angesprochenen «Mauern» erst beim Eintritt ins Paradies überwunden werden.
Während der Abschnitt zur Entwicklung der Musik bis zum Bürgerkrieg und dann bis zur Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren viele interessante historische Details berichtet, bleibt der Teil zur Bürgerrechtsbewegung etwas farblos. Entwicklung der Musik von den Arbeitsgesängen bis zum Jazz und dem Aufkommen der Plattenindustrie wird hingegen mit Kenntnis und sehr lesbar berichtet. Zur Entwicklung des Blues steuert Meili folgende Überlegung bei: «Langsam, aber unaufhaltsam – vor allem unter dem Einfluss der Grossen Depression – änderte sich das Gesicht des Blues. Der klassische Blues wurde unzeitgemäss, und eine neue Ära verlangte nach neuen Helden, nach neuen Bezugsgestalten. Vor allem die Plattenindustrie, die in den zwanziger Jahren noch unzählige Aufnahmen von Blues-Interpreten in den ländlichen Regionen gemacht hatte, verzeichnete hohe Einbussen. Somit beschränkte sich die Aufnahmetätigkeit auf die Städte. Es warten nicht mehr die Sorgen des Landlebens, die besungen wurden, die man mit dem Blues vergessen wollte, sondern die urbanen Probleme, welche die alten Industriestaaten schon lange kannten.» (S. 60). Besonders lobenswert ist in diesem Teil auch, dass der Autor nicht nur die bekannte Geschichte vom Feld zur Kirche und zum Blues erzählt, sondern dass die Minstrel-Shows in ihrer Bedeutung gewürdigt werden (S. 49f.)
In seinen Einschätzungen folgt Meili in der Regel der verfügbaren Sekundärliteratur, so das auch kontroverse Aussagen nicht durch Primärquellen belegt sind sondern durch andere Narrative. Als Beispiel sei die folgende Aussage zitiert: «Der Blues entwickelte sich [nach dem 2. Weltkrieg] zu neuen Stilen wie dem Rhythm & Blues, dem Soul oder dem Funk. Alle diese Stilrichtungen hatten gemeinsam, dass sie mehr vom Rhythmus lebten als von der Melodie oder der Harmonie. Noch immer war diese Musik ein Ausdruck von Repression oder ein Ventil für rassenbedingte Zwänge und Aggressionen, noch immer wurde sie mit schwarz und wild in Verbindung gebracht, und noch immer verwies sie auf die Kultur Afrikas.» (S. 63). Hier hätte man gerne noch andere Belege gehabt als Giles Oakleys Devil’s Music von 1976. Eine kritische Darstellung der musikkritischen Darstellung der Zeit wäre schön gewesen (ebenso eine Bemerkung zur Genre-Bezeichnung Rhythm & Blues). Die Untersuchung der veränderten Wahrnehmung der Bedeutung Schwarzer Musik folgt dann allerdings im Abschnitt 4.3., in dem die Rezeption der afro-amerikanischen Musik in der Zeitschrift Down Beat (1955–1964) erörtert wird.
Der Abschnitt über die Bürgerrechtsbewegung ist deshalb kritisch zu betrachten, weil er die Vorgeschichte dieser Bewegung und namentlich die Positionen der Zwischenkriegsjahre weitgehend unberücksichtigt lässt. Bezeichnend ist die Aussage «Die Geburtsstunde der schwarzen Bürgerrechtsbewegung fiel auf den 1. Dezember 1955» (S. 68). Mit diesem Hinweis auf Rosa Parks und den von ihr ausgelösten Busboykott in Alabama werden Booker Washington, W.E.B. Du Bois und Marcus Garvey erst einmal historisch ausgeblendet, was in einer Studie, die an anderer Stelle auf Aristoteles und Platon zurückgreift, zumindest erstaunt. Die Forderung nach gleichen politischen Rechten für die Rassen ist ohne die Grundlagenarbeit von Du Bois und dem NAACP undenkbar, die Schwarze Amerikaner als Menschen mit den gleichen Ansprüchen auf Rechte und mit denselben Fähigkeiten im Bewusstsein der Weissen Mehrheit verankerte. Die Hinweise auf diesen Kampf auf den folgenden Seiten berichtet hierüber nur mit einer Knappheit, die dem Thema m.E. nicht gerecht wird.
Indem Meili die Einschätzungen der Historiker allesamt übernimmt anstatt sie zu hinterfragen, leidet seine Studie daran, zu oft das bekannte Narrativ ein weiteres Mal zu wiederholen. Als Beispiel hierfür verweise ich auf die Darstellung von Willie Dixon in der Analyse von dessen Song I Just Want to Make Love to You. Dort wird wie in einem Lexikoneintrag das Leben Dixons erzählt: Geburt in Vicksburg, Inspiration, Chess Records, Lippmann, sein Kampf um Rechte etc. Was den grossen Bassisten und Komponisten inspirierte, was ihn musikalisch wie menschlich ausmachte, das wird leider nicht ersichtlich. Meili berichtet auch, dass Dixon 1992 an der Inaugurationsfeier von Präsident George Bush sen. Teilgenommen haben soll, was aus mehreren Gründen falsch sein muss. Neben der Tatsache, dass die Inaugurationsfeier am 20. Januar 1992 Präsident Bill Clinton ins Amt einführte — Bush hatte die Wahl verloren und musste das Weisse Haus räumen — war der schwer zuckerkranke Dixon damals neun Tage vor seinem Ableben und wird es wohl nicht nach Washington geschafft haben. Natürlich ist es angesichts von im Web verfügbaren umfassenden Darstellungen zum Leben eines jeden bekannten Künstlers nicht leicht, etwas besonderes zu erzählen, aber gerade deshalb hätte ich der Autor stärker auf eine persönliche Darstellung verlegen sollen statt das mechanische Herunterbeten von Fakten zu betreiben.
Es gäbe viele lesbare und interessante Passagen zu berichten, aber auch viel sattsam Bekanntes und oftmals Wiederholtes. Insgesamt ist aus der Sicht eines am Blues und seiner Stellung in der Amerikanischen Kultur Interessierten zu bemerken, dass die Arbeit viele Allgemeinplätze weiterträgt. Sie ist aber für jemanden, der noch nicht viel zum Thema gelesen hat, eine gute und umfassende Einführung mit einer Reihe anregender Gedanken zur Geschichte und Entwicklung der Afro-Amerikanischen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten.
Hier ein Link zum Video einer Lesung durch den Autor (das allerdings im Moment nicht funktionierte)
Andere Rezension des Werkes durch Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer.
Jürg Martin Meili - . Kunst als Brücke zwischen den Kulturen : Afro-amerikanische Musik im Licht der schwarzen Bürgerrechtsbewegung (Reihe Kultur und soziale Praxis) - .Bielefeld:transcript Verlag, 2011 - . Mai 2011, 320 S., kart. - . ISBN 978-3-8376-1732-0