Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03531.jsonl.gz/359

Stresst euch!
Text: Dr.med Thomas Summer / Foto: pixabay
Was ist Hormesis?
Wann war Ihnen das letzte Mal richtig kalt?
Wann war Ihnen das letzte Mal richtig heiss?
Wann hatten Sie das letzte Mal richtig Hunger?
Wann hatten Sie das letzte Mal richtig Durst?
Wann haben Sie das letzte Mal richtig geschwitzt?
Wann waren Sie das letzte Mal richtig ausser Atem?
Wann haben Sie das letzte Mal etwas richtig Schweres gehoben?
Wann waren Sie das letzte Mal richtig schmutzig?
Wann haben Sie sich das letzte Mal richtig konzentrieren müssen?
Wann hatten Sie das letzte Mal richtig Angst vor einer bestimmten Herausforderung?
Was ist Hormesis?
Wieso nehmen in unserer modernen Gesellschaft Übergewicht und Zivilisationskrankheiten immer mehr zu?
Warum sind Allergien und Autoimmunerkrankungen auf dem Vormarsch?
Wieso fühlen sich so viele Menschen gestresst?
Wieso fühlen sich so viele Menschen müde und ausgebrannt?
Was ist Hormesis?
Eine der grossen Bestrebungen unsere Zivilisationsgesellschaft ist es, Anstrengung und Mühe, in welcher Form auch immer, zu vermeiden. Wenn es kalt ist, wird geheizt. Wenn es warm ist, die Klimaanlage betätigt. Man geht nicht zu Fuss, man fährt mit dem Auto, mit dem Aufzug, mit dem E-Bike. Essen und Trinken ist immer und überall vorhanden. Sauberkeit und Hygiene wird schon den kleinen Kindern beigebracht.
Was ist Hormesis?
Hormesis besagt, dass ein sonst schädlicher Reiz, in der richtigen Dosis, eine spezifische und positive Anpassung auslöst. Nichts anderes wird zum Beispiel mit einem Training bewirkt. Man stresst seinen Körper mit einem Lauftraining. Um nicht mehr in diese Extremsituation zu kommen, passt er sich in der darauffolgenden Erholung an. Durch diese kleine Leistungssteigerung wird die Ausdauer gesteigert. Das gleiche gilt auch für ein Kraft- oder jedes andere Training. In ähnlichem Sinne wird durch Mikroorganismen, die man nicht sofort abwäscht, oder desinfiziert, das Immunsystem stimuliert und dadurch widerstandsfähiger. Voraussetzung ist natürlich immer, dass man dem Körper Zeit für die Anpassung gibt und ihn nicht überfordert.
Die Dosis macht das Gift
Auch bei Hitze und Kälte macht die Dosis das Gift. Der körperliche Stress eines Saunabesuches löst in Körper und Geist viele positive Reaktionen aus. Übertreibt man es jedoch, kann es auch zu einer Überforderung des Organismus kommen. Ebenso bei Kälte. Eine kalte Dusche wirkt aktivierend. Verirrt man sich allerdings auf einer Skitour im Schneesturm, riskiert man Erfrierungen.
Der dauernde Überfluss unserer modernen Lebensweise erzeugt vielfach Stress. Man ist immer und zu jeder Zeit erreichbar. Das Smartphone gibt den Rhythmus vor. Überall Emails, SMS, WhatsApp. Social Media bestimmen das Selbstwertgefühl. Wieso sich nicht auch einmal dem Stress aussetzen und darauf eine Zeit lang verzichten?! Natürlich, bevor man entlassen wird, weil man seit Wochen nicht mehr auf die Emails des Chefs geantwortet hat. Nun kann man dieses Beispiel des Elektronikverzichtes noch nicht wirklich als „psychologische Hormesis“ bezeichnen. Aber wie wäre es damit, sich einmal einer bestimmten Angst zu stellen?!
Alles mit Mass und Ziel
Zu viel und vor allem ungesundes Essen, machen oft krank. Sich auch hier im Verzicht zu üben, kann unzählige positive Effekte haben. Fasten, in unterschiedlichen Formen, hat in vielfältiger Weise eine heilsame Wirkung auf Körper und Geist. Auch hier gilt: alles mit Mass und Ziel. Diese Liste an Beispielen liesse sich fast unbegrenzt fortsetzen. Das Prinzip der Hormesis bleibt jedoch gleich: durch ungewohnte Reize, also Stress, wird eine positive Anpassung ausgelöst. Jin und Jang gehören allerdings zusammen. Stress und Anstrengung werden nur durch die Erholung förderlich. Genauso ist jedoch wirkliche Entspannung und Ruhe nur möglich, wenn man ihr Gegenteil kennt.
Raus aus der Komfortzone
Die Dosis gilt dabei für beide Seiten und macht bekanntlich das Gift.
Es mag vielleicht komisch klingen, aber dieser Artikel soll ein Aufruf sein, sich zu stressen. Seien Sie kreativ dabei, sich aus der eigenen Komfortzone zu bringen. Bitte haben Sie aber immer auch die Dosis im Blick und bringen Sie sich und andere nicht in Gefahr.
Freuen Sie sich auf das grossartige Gefühl einer bewältigten Herausforderung. Denn das Leben hat sich mehr verdient als es, wohltemperiert, nur auf dem Sofa zu verbringen.
Zurück zur Übersicht