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Die Zahl der psychischen Erkrankungen steigt rasant. Zum Beispiel Depressionen. Hier haben in den letzten dreissig Jahren die Fälle weltweit um fünfzig Prozent zugenommen. Typisch ist auch, dass psychische Leiden durch äussere Einwirkungen ausgelöst werden: in jüngster Vergangenheit zum Beispiel durch die Covid-Pandemie, aber auch durch die wachsende Besorgnis vor der Klimaerwärmung.
Parallel zu diesen globalen Gesundheitsproblemen belegen umfangreiche wissenschaftliche Untersuchungen die positiven Auswirkungen der Natur auf die psychische Gesundheit und das Wohlbefinden.
Und heutzutage werden Aktivitäten in der Natur sogar zur Behandlung psychischer Leiden eingesetzt: zum Beispiel zur Bewältigung von Stress und Depressionen. Natur tut also gut.
Doch stimmt das wirklich?
Ja, sofern man weiss, reich und gebildet ist und in einer Industrienation lebt.
Untersuchungen an sehr begrenzten Bevölkerungsgruppen
Bei allen anderen Menschen – armen, schwarzen, farbigen, indigenen oder Angehörigen von Minderheiten hat man keine Ahnung. Zwar ist belegt, dass Menschen, die regelmässig Stadtparks besuchen, auf Twitter weniger negativ kommentieren. Was aber einem indigenen Bauern, einer Bäuerin hilft, die den ganzen Tag in der Natur sind und wegen Geldsorgen Depressionen bekommt, hat niemand untersucht.
Dies zeigen Forschende der Universität Vermont (USA) in einer Studie, nachdem sie 174 Publikationen zu den Auswirkungen der Natur auf die psychische Gesundheit überprüft haben. Über 95 Prozent der Studien wurden in westlichen Ländern mit hohem Einkommen in Nordamerika, Europa und Ostasien durchgeführt. Wenige Studien stammten aus Ländern mit mittlerem Einkommen wie Indien. Gerade einmal eine fand in Afrika (Südafrika) und eine in Südamerika (Kolumbien) statt.
Aber es kommt noch schlimmer.
Das Team untersuchte auch die ethnischen Zugehörigkeiten der in den Studien befragten Menschen. Befund: Der Mehrheit der Forschenden ist offenbar entgangen, dass die Ethnie der untersuchten Personen eine Rolle spielt. 62 Prozent der Studien machen keine Angaben zur ethnischen Zugehörigkeit der Probanden. Eine einzige Studie befasste sich mit den indigenen Völkern Nordamerikas. So gesehen sind die aus diesen Studien gezogenen Schlüsse nicht übertragbar auf die Frage, was generell Menschen mit Depression guttut.
Depression ist keine Zivilisationskrankheit
Es wäre aber wichtig, herauszufinden, was solchen Bevölkerungsgruppen gegen psychische Erkrankungen hilft. Denn am häufigsten betroffen sind nicht die neurotischen Stadtmenschen – psychische Erkrankungen sind kein Luxusproblem. Am weitesten verbreitet sind zum Beispiel Depressionen – ausser in den USA – in ländlichen und wenig entwickelten Ländern. Armut und hoffnungslose Zukunftsaussichten machen Menschen besonders anfällig – entsprechend hoch ist hier auch die Suizidrate.
Wer also etwas gegen die globale Psycho-Krise tun will, muss wissen, was den ärmeren, nicht weissen, weniger gebildeten und nicht in Industrienationen lebenden Menschen hilft.
So zieht der Hauptautor der Studie, Carlos Andres Gallegos-Riofrio von der University of Vermont dann auch einen Bogen von der globalen Krise der psychischen Gesundheit zum Kampf gegen Armut, der Verbesserung der Bildung und den weltweiten Bemühungen um Nachhaltigkeit. Um all diese Probleme anzugehen, müsse die Forschung die Vielfalt der Weltbevölkerung, der Kulturen und der Werte besser widerspiegeln.
Die Erkenntnis, dass der modernen Stadtbevölkerung Spazieren im Park und Gruppenwanderungen in den Bergen guttun, reicht nicht im Kampf gegen die globale Epidemie der psychischen Erkrankungen.