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Mit adliger Feder: Marie von Ebner-Eschenbach
Marie von Ebner-Eschenbach, gemalt von Karl von Blaas 1873.
Der Name Marie von Ebner-Eschenbach hat in mir bis vor kurzem stets ein wenig Langeweile ausgelöst. Die erste Assoziation waren geflügelte Worte aus ihrer Feder - auf Zuckerpäckchen oder Kalenderblättern. Die meisten von ihnen sind durchaus träf, aber nicht ohne belehrenden Unterton. Und dieser war es wohl, der mich manchmal etwas verdriesslich stimmte und zu einem Vorurteil führte.
So blieb eine Bildungslücke offen, bis ein Redaktionskollege mich bei meiner Suche nach einem geeigneten Text für unsere «Lesung im Zwei» auf das Hauptwerk der österreichischen Dichterin hinwies: auf den Roman «Das Gemeindekind» von 1887.
Mobbing im Dorf
Ich war überrascht von der psychologischen Klarsicht, mit der die Schriftstellerin den Werdegang des Einzelnen in seiner begrenzten Freiheit und in seinen begrenzenden Abhängigkeiten nachzeichnet. Und ich war fasziniert von der gekonnten Dramaturgie, mit der sie die Gruppendynamik eines Dorfes darstellt, die gnadenlos Rangordnungen durchsetzt oder kippt und dabei Vorgänge aufweist, die wir heute als Mobbing bezeichnen.
Protagonist ist der Aussenseiter Pavel Holub, der mit seiner Schwester Milada eine Kindheit in bitterer Armut verbringt. Der Vater wurde wegen eines Mordes zum Tod verurteilt und exekutiert. Und die Mutter sitzt im Zuchthaus, weil sie während des Prozesses trotzig schwieg, obwohl ihr Mann die Schuld an seiner Tat auf sie abgeschoben hatte.
Zwischen Optimismus und Pessimismus
Dieser Trotz nimmt viel Leid hin, wenn daraus nur die Möglichkeit zum moralischen Vorwurf entsteht, nach der Formel: Du bist schuld, wenn es mir schlecht geht. Und dieser Trotz vererbt sich als Verhaltensmuster auf Pavel und Milada. Das Mädchen stirbt daran, der Junge kämpft ein Leben lang dagegen an - mit mässigem Erfolg.
Die «Moral von der Geschicht» ist ein nüchterner Befund, der sich so ziemlich in der Mitte zwischen Optimismus und Pessimismus befindet. - Umso energischer setzte sich Freifrau Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916) für gesellschaftspolitische Ziele ein. Sie nutzte dazu die Unabhängigkeit, die sie als Adlige in gehobenen Lebensumständen genoss.
Claude Pierre Salmony, Redaktion Hörspiel