Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03226.jsonl.gz/115

Charlotte Bachrach – auch Bara genannt – wird am 20. April 1901 in Brüssel als Tochter deutsch-jüdischer Eltern geboren; ihr Vater, Paul Bachrach, ist ein wohlhabender Textilhändler. Im Alter von sechs Jahren lernt Charlotte das Tanzen bei Jeanne Defaw, einer Schülerin der bekannten modernen Tänzerin Isadora Duncan (1877–1927).
Charlotte Bachrach – auch Bara genannt – wird am 20. April 1901 in Brüssel als Tochter deutsch-jüdischer Eltern geboren; ihr Vater, Paul Bachrach, ist ein wohlhabender Textilhändler. Im Alter von sechs Jahren lernt Charlotte das Tanzen bei Jeanne Defaw, einer Schülerin der bekannten modernen Tänzerin Isadora Duncan (1877–1927). Später besucht sie in Lausanne die Schule eines anderen berühmten Tänzers, Choreographen und Pädagogen, des Russen Alexander Sacharoff (1886–1963). Zwei Begegnungen prägten sie massgeblich: die mit dem javanischen Prinzen Raden Mas Jodjana (1893–1972), einem mystischen Tänzer, bei dem Bara orientalischen Tanzunterricht nimmt, und die mit Uday Shankar (1900–1977), einem bengalischen Pionier des modernen Tanzes in Indien, der ihr indischen Tanz beibringt. Wichtig für ihren künstlerischen Werdegang ist schliesslich ihr Aufenthalt 1918 in Worpswede (Deutschland), wo sich die berühmte Künstlerkolonie befindet und wo viele Künstlerpersönlichkeiten weilen: unter den vielen, denen Charlotte begegnet, sind der Architekt Carl Weidemeyer (1882–1976) und der Maler Heinrich Vogeler (1872–1942), einer der Gründer der Kolonie 1889.
Die ersten öffentlichen Auftritte von Charlotte Bara gehen auf das Jahr 1917 in Brüssel zurück, wo sie sich durch ihren Pantomimentanz auszeichnet. Zwischen 1919 und 1920 erhält sie trotz ihres jungen Alters das Privileg, in einer Aufführung im Kammertheater von Max Reinhart an den Kammerspielen in Berlin zu tanzen; der Pianist Leo Kok begleitet sie am Klavier. In Berlin besucht sie die Kurse der Schweizerinnen Berthe Trümpy und Vera Skoronel. Anfang der 1920er Jahre zieht die Familie Bachrach endgültig nach Ascona, wo Paul Bachrach das Anwesen San Materno gekauft hat, ein antikes romanisches Herrenhaus, das einem französischen Grafen, Enrico De Loppinot, gehörte, umgeben von einem prächtigen botanischen Park mit Magnolien, Zitrusfrüchten, Palmen und Rosen. Seit den frühen Jahren im Schlösschen organisiert Charlotte Bara im grossen zentralen Saal Tanzvorführungen, Musik- und Literaturveranstaltungen. Sie beschliesst, neben dem Haus, dem sogenannten Castello San Materno, eine Tanzschule oder – in ihren Worten – „eine Schule für Ausdrucksgestalt“ zu bauen. Ein Theater also, das in ihren Vorstellungen der Idee eines Tanztempels entsprechen muss, gedacht als Sublimation einer neuen Lebensform. Um dieses Projekt zu realisieren, beruft Paul Bachrach seinen Freund und Architekten Carl Weidemeyer nach Ascona. Charlotte Bara lebt bis zu ihrem Tod am 7. Dezember 1986 in Ascona.
Charlotte Baras Choreographien sind mit dem religiösen und dem orientalischen Tanz verbunden. Besonders im sakralen oder religiösen Tanz lässt sich Bara von mittelalterlichen Legenden, Darstellungen der Passion Christi und heroischen Figuren des Christentums inspirieren (die berühmte Danza Macabra, in der Baras Tanz einen fast sakralen Charakter annimmt, verbindet kulturelle Einflüsse aus der Malerei der Frührenaissance und Renaissance und mittelalterlichen hagiographischen Legenden). Anfang der 1920er Jahre ist Gabriele D'Annunzio von der Intensität ihres Tanzes und den Bewegungen ihrer Hände so beeindruckt, dass er verspricht, ihr mit der Musik von Gian Francesco Malipiero eine Reihe von Legenden zu widmen. Anton Giulio Bragaglia widmet dem „Heiligen Tanz“ von Charlotte Bara eine eingehende Studie. Auch in den 1920er Jahren loben die Schriftsteller Ernst Blass und John Schikowski die Tänzerin und ihre harten und eckigen Bewegungen, ihre ausdrucksstarke und andächtige Intensität, ihren gotischen Stil. Charlotte Bara tanzt in Italien, Frankreich, Österreich und Deutschland, aber ihre Heimat bleibt immer Ascona, San Materno, wo sie im Frühjahr 1958 zum letzten Mal tanzt.
Der Charlotte Bara Bestand wurde von ihren Enkelinnen Eliane und Nelly Bachrach und der Haushälterin Marina di Maggio grosszügig gespendet. Der gesamte Bestand, der aus persönlichen Gegenständen, Dokumenten, Fotos, Zeichnungen und Skizzen (von ihrem Ehemann Carl Rütters realisiert) besteht, wird im Museo Comunale d'Arte Moderna aufbewahrt. Die Aufgabe des Museums ist es, die Dokumente zu studieren und die Bedeutung der Tänzerin im Zusammenhang mit der Entwicklung des modernen Tanzes herauszuarbeiten.
Fotografisches Porträt von Charlotte Bara | FCB 3-1-323
Charlotte Bara mit der Tanzgruppe von Ascona im Teatro San Materno | um 1950 | FCB 3-1-315
Charlotte Baras Hände in der Lotusblumenstellung | FCB 3-1-311
Charlotte Bara. Madonna | FCB 3-1-301
Charlotte Bara. Ägyptischer Tanz | 1930-1935 | FCB 3-1-313
Tanzschuhe von Charlotte Bara
Kamm von Charlotte Bara
Russische Ikone aus dem Besitz von Charlotte Bara