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Reynaldo Hahn – der Name erzählt allein schon einen grossen Teil seiner Biografie oder jedenfalls seiner Herkunft: Geboren 1874 in Caracas als Sohn eines Hamburger Kaufmanns und einer Venezolanerin mit baskischen Wurzeln. Der Vater stieg zum Berater des Präsidenten Antonio Guzman Blanco auf, und sah es nach Ende von dessen Amtszeit aber angezeigt, mit seiner elfköpfigen Familie nach Paris zu fliehen. Und so ist Reynaldo Hahns Karriere als Komponist gleichwohl eine ziemlich französische geworden: Conservatoire, Schüler unter anderem von Massenet, Erfolge in den Pariser Salons, eine leidenschaftliche Affäre mit Marcel Proust, aus der eine lebenslange Freundschaft erwuchs. Als er 1947 in Paris starb, hinterliess er Opern, Operetten, Ballettmusiken, eher wenig Instrumentalmusik, dafür zahlreiche Lieder. Zwar steht Reynaldo Hahn immer ein wenig im Schatten der Grossen des französischen Liedgesangs von Berlioz und Fauré über Chausson und Massenet bis zu Debussy und Poulenc, aber das scheint eine ungerechte Wahrnehmung zu sein, wie man jetzt sagen kann, nachdem auf vier CDs alle seine Lieder vorliegen.
Drei Viertel seiner 107 Lieder wurden bisher niemals aufgenommen oder sind längst nicht mehr verfügbar. Das war der Ausgangspunkt der Stiftung Palazzetto Bru Zane, die sich seit vielen Jahren auf höchstem musikalischem und musikwissenschaftlichem Niveau um das Repertoire der französischen Romantik kümmert, eine Gesamteinspielung in Angriff zu nehmen. Gewinnen konnte man dafür den griechischen Bariton Tassis Christoyannis, der sich schon mit Lied-Einspielungen von Félicien David oder Edouard Lalo hervorgetan hatte, und dessen Klavierpartner Jeff Cohen. Aufgenommen wurde zwischen November 2018 und Februar 2019 im venezianischen Palazzo Bru Zane, der dieser Stiftung und dem dazugehörenden CD-Label den Namen gab.
Hahns Liedschaffen deckt enorm vielseitige Facetten des kompositorischen Spektrums seiner Zeit ab. Stark verwurzelt zeigte er sich oft im französischen Romantisme im Stil Massenets, liess sein Interesse an Alter Musik, etwa von Couperin, einfliessen, liess sich andererseits vom Symbolismus und von Debussys Impressionismus inspirieren und schlug gegen Ende seines Lebens auch die Türe zum Verlassen der Tonalität nicht zu. Er tauchte ein in die spezifischen Klangwelten alter venezianischer Lieder oder der britischen Inseln, andererseits flirtete er auch in manchen seiner Lieder mit Operette und Musical. Dabei bleibt stets eine seiner hervorstechendsten Eigenschaften die Einfachheit seiner Melodieführungen und die Sparsamkeit im Einsatz von Effekten, die weniger in virtuosen Äusserlichkeiten aufscheinen als in überraschenden harmonischen Wendungen, rhythmischen Akzenten oder in lakonisch gesetzten Klavierakkorden.
Zu dieser stilistischen Vielschichtigkeit passt, dass für diese Einspielung mit Christoyannis ein fundierter Lieder-Sänger gründlich ans Werk gegangen ist und mit einem überaus reichen stimmlichen Spektrum, mit viel Farbenreichtum und sprachlicher Eloquenz sowie viel gestalterischer Intelligenz die Mammut-Aufgabe einer kompletten Aufnahme dieser Lieder nicht nur bewältigt, sondern jedes einzelne dieser Miniatur-Kunstwerke auf seine ganz spezifischen Ausdrucksbereiche abfragt und für jedes die passenden stimmlichen Mittel findet – was im Übrigen gleichermassen für den Pianisten Jeff Cohen gilt. Man hätte sich vielleicht vorstellen können, mit einer weiblichen Stimme, ein klangliches Gegengewicht zu setzen und für zusätzliche Stimmfarben zu sorgen. Aber das ist auch schon der einzige Einwand zu einer in jeder Hinsicht gelungenen, überaus bereichernden und auch nach der vierten CD kein bisschen langweilenden Einspielung.
Reynaldo Hahn: Sämtliche Lieder. Tassis
Christoyannis (Bariton), Jeff Cohen (Klavier).
Bru Zane 2002