Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03267.jsonl.gz/361

Das Wetter heute früh ist nicht mehr so strahlend wie gestern, aber gut genug für einen längeren Ausflug. Die Klosteranlage in Sergijew Possad (in Sowjetzeiten hiess sie Sagorsk) wollte ich schon bei den letzten beiden Besuchen ansehen, es hat aber zeitlich nie gereicht.
Mit der Vorortsbahn fahre ich vom Jaroslawl-Bahnhof nach Sergijew Possad.
Erstaunlich schnell lässt die Elektritschka Moskau hinter sich. Birkenwälder, kleine Holzhäuser, die ärmlicheren mit Wellblechdächern, Vorgärten, dazwischen Wohnblöcke, Sprayereien. Der Schnee ist am Schmelzen.
Fliegende Verkäuferinnen bieten in den Bahnwagen ihre Waren an: Kugelschreiber, Fensterputzmittel, Klebestreifen.
In der Strukturgeschichte Russlands von Carsten Goehrke lese ich die Geschichte des Klosters nach: Das Dreifaltigkeitskloster (Troiza-Sergiewa Lawra) geht auf eine Einsiedelei eines Sergi von Ragonesch (1314 – 1392) zurück und entwickelte sich dank grossfürstlicher Schenkungen bald zum reichsten Kloster des Landes. Hier kristallisierten sich gegen Ende des 15. Jahrhunderts zwei entgegengesetzte Konzepte heraus: Die einen setzten sich für Besitzlosigkeit der Klöster und damit „Uneigennützigkeit“ ein. Die anderen kirchlichen Würdenträger waren dafür, dass die Klöster viel Besitz haben müssen, um ihre Aufgaben erfüllen zu können. Der Grossfürst unterstützte schliesslich die Seite der „Besitzenden“, weil deren Wortführer in seine Scheidung einwilligte. Goehrke schreibt: „Besitzkirche und Verfügungsgewalt des Staates über die Kirche verbanden sich endgültig miteinander, und ein alternativer Ast der religiösen Entwicklung Russlands endete im Nichts“ (S. 243). Besitzkirche und Verfügungsgewalt des Staates, aha.
Das Kloster entwickelte sich dann zum wichtigsten Zentrum der russisch-orthodoxen Kirche, lange residierte der Patriarch hier, bis er nach Moskau zurückkehrte.
Das Kloster ist durch eine weisse Festungsmauer umgeben. Anders als Moskau konnte es 1600 während des Polenkrieges nicht eingenommen werden.
Ich scheine der einzige Nur-Tourist zu sein. Sonst hat es sehr viele Gläubige und Verwandte von Priestern und von Absolventen des hier untergebrachten Priesterseminars. Die Kirche ist voller Weihrauch, man bekreuzigt sich vielmals und ausholend. Choräle sind über den Lautsprecher zu hören, Ikonen zu kaufen, man füllt sich heiliges Wasser ab. Sehr eindrücklich.
Auf der Rückfahrt Gespräch mit einer jungen Sibirin. Sie spricht recht gut französisch und ist hier, um Arbeit zu suchen. In Sibirien sei das fast aussichtslos und hier auch sehr schwierig.
Zurück in Moskau versuche ich meine innere Stadtkarte etwas in Ordnung zu bringen, spaziere der Kremlmauer entlang und dann den ganzen neuen Arpad hinunter.
Das Hotel Ukraina, in dem ich 1978 untergebracht war, steht im schönsten Zuckerbäcker-Stil immer noch da und gehört jetzt zur Raddison-Kette.
Auch das Weisse Haus, der Sitz der Regierung der Russischen Föderation steht natürlich immer noch gegenüber. Ich erinnere mich, wie es 1991 beim versuchten Putsch gegen Gorbatschow immer wieder im Fernsehen zu sehen war. Jelzin, der vor dem Weissen Haus auf einen Panzer kletterte und eine improvisierte Rede hielt. Das Ende von Gorbatschow als Präsident und auch das Ende der Sowjetunion waren damit eigentlich besiegelt.
Auf dem Weg zum Kiewskaya-Bahnhof finde ich sogar die Hinterhöfe wieder, in denen früher die alten Leue Schach gespielt haben. Es spielt niemand mehr Schach, aber ein Vater ist mit seiner Tochter beim Tischtennis.
Die Pirogge an einem Stand in Sergijew Possad und das Nachtessen in einem „Mu-Mu-Retaurant“, wo man sich über den Gast aus der Schweiz freut, kosten zusammen etwa so viel wie gestern die zwei Sprite aus der Minibar.
Das Wetter heute früh ist nicht mehr so strahlend wie gestern, aber gut genug für einen längeren Ausflug. Die Klosteranlage in Sergijew Possad (in Sowjetzeiten hiess sie Sagorsk) wollte ich schon bei den letzten beiden Besuchen ansehen, es hat aber zeitlich nie gereicht.