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Reussbote vom 4. Juni 1973:
Ein hundertjähriges Vermächtnis!
Als unlängst im Restaurant Frohsinn in Mellingen die Gaststube einer Restaurierung unterzogen wurde, kam nach Entfernen des Täfers und der Tapeten eine Maueröffnung zum Vorschein, welche das abgebildete Schriftstück enthielt. Das in der alten deutschen Schrift verfasste Dokument hat folgenden Wortlaut:
„Diese Stube wurde vertäfert den 5. Brachmonat 1873 durch Anton Wassmer, Bierbrauer.
Wünsche allen auf dieser Wirtschaft Glük. Wer dieses Papir zuerst in die Hände bekommt, hat einen Taler auf dem Rathhaus Mellingen zu gut. Wilhelmine Wassmer.“
Brachmonat ist der Juni. Das Dokument ist also nach fast genau 100 Jahren aufgefunden worden. Ein Taler galt bis 1850 vier Gulden zu Fr. 1.60. Die seit dem 15. Jahrhundert geprägten Gulden und Taler waren im Volke noch lange über das neue Münzgesetz von 1850 hinaus lebendig, als der Franken zur offiziellen Einführung gelangt war. Allerdings wurde der Franken schon fünf Jahre nach der Revolution von 1798 geprägt, behielt jedoch die Bezeichnung Gulden weiterhin; im Geldverkehr jedoch war der Gulden immer noch Fr. 1.60 wert. Ab 1850, als das neue Münzgesetz zur Einführung gelangt war, wurden Kaufabschlüsse in der Regel mit der Doppelbenennung des Kaufbetrags getätigt; z.Bsp. Kaufpreis Fr. 3200.—oder 2000 alte Franken.
Der Franken war also im Jahre 1850 schon gehörig abgewertet worden. Ab 1850 kursierte das Silbergeld mit der sitzenden Helvetia, an Stelle des Talers der Fünfliber, der ein Gewicht von 25g besass, heute nur noch 15g.
Noch einiges ist über den Bierbrauer Wassmer und das Restaurant zum Frohsinn, das diese Bezeichnung erst seit etwa 50 Jahren besitzt; vorher war es noch die Pintenwirtschaft Zumstein (Vater von Gärtner Zumstein), noch früher die Pintenwirtschaft Affentranger, geführt von der Familie dieses Namens, aus der vier Kinder entsprossen, drei Töchter und ein Sohn. Der letztere, Emil, machte eine Lehre als Käser und erweiterte seine beruflichen Kenntnisse in einer Molkerei in England. Zurückgekehrt begann Emil Affentranger den Milchhandel in Mellingen, erwarb die alte Apotheke beim Zeitturm und richtete darin eine Milchzentrale ein.
Viele Jahre war er Stadtrat. Als dann die Milchverwertungsgenossenschaft diesen Betrieb übernahm, erwarb er in der (Bahnhof)Vorstadt den „Neuhof“ und richtete darin eine Spezereihandlung ein, den Vorläufer des heutigen Konsum Denner. Die Bezeichnung Neuhof prägte vordem die Familie Schneider, welche nach längerer Pacht des Pestalozzigutes bei Birr, das ehemals vom Arzt und Vizeammann Dr. Wassmer innegehabte, etwa 10 Jucharten umfassende Heimwesen erwarb
Der Vater des Bierbrauers Anton Wassmer war Stadtammann. Anton begab sich 1849 auf die Wanderschaft und wurde u.a. in München mit der Bierproduktion bekannt.
1854 kehrte er zurück und erstellte an der Reuss beim Iberg Gebäulichkeiten einer Bierbrauerei. Im folgenden Jahre verheiratete sich Anton Wassmer mit Wilhelmine Huber und erwarb von seiner nunmehrigen Schwiegermutter Katharina Huber die von dieser betriebene Pintenwirtschaft (eben das heutige Restaurant Frohsinn), und zwar zum Preise von 7000 Franken.
1861 geriet der Bierbrauer Wassmer in den Geldstag, worauf seine Frau Wilhelmine vom Bezirksamt die Bewilligung zum Weiterbetrieb der Pintenwirtschaft bekam. Ab 15. Juli 1864 konnte Anton Wassmer die Pintenwirtschaft wieder unter seinem Namen führen, da es ihm gelungen war, mit den Gläubigern einen Nachlassvertrag abzuschliessen.
Aber 1879, als nach dem Konkurs der Nationalbahn das Finanzdebakel auch Mellingen in den Bereich zog, geriet Wassmer neuerdings in den Geldstag und seine Frau, diesmal war es nun bereits eine geborene Stöckli, bekam wieder die Bewilligung zum Weiterbetrieb der Wirtschaft.
Erst vier Jahre später kam es zur konkursamtlichen Steigerung, wobei der Bruder der Wirtin, Jean Stöckli, zum „Löwen“ in Lenzburg, die Liegenschaft seines Schwagers erwarb und die Bierherstellung an den Brauer J. Zimmermann weiter veräusserte. Bald nachher starb Anton Wassmer, während die Bierbrauerei 1894 einging.
Weil das beschriebene „Vermächtnis“ während der 100 Jahre seit der Testierung gut verwahrt war, ist nicht anzunehmen, dass der Anspruch jemals geltend gemacht wurde. Die heutige (1973) Besitzerin des „Frohsinn“, Frau Elisabeth Lutz, dürfte wohl demnächst „auf dem Rathhaus Mellingen“ das Testament vorweisen. Da man dort mit dem Teuerungsindex gut umzugehen versteht, wird man ihr, der Geldentwertung entsprechend, zehn blanke Neutaler verabfolgen….
Bild-Nr.: 06018.5
Bild: Reussbote 4.5.1973
Text: Reussbote
Copyright: Reussbote
Die schmucke Front des einstigen Restaurants „Frohsinn“ mit eleganter Giebelründe und seinen vier Fenstern pro Stockwerk
strahlt echte Hablichkeit aus. Der Dachhimmel wurde anlässlich des Umbaus 1996/97 hübsch bemalt. Das Gebäude dürfte etwa 1840
errichtet worden sein. Vermutlich seit damals bis 1993 wurde in dieser Liegenschaft eine Gastwirtschaft betrieben.
Seit 1850 war die Gattin von Gemeinderat Huber hier Wirtin.
Sicher seit 1855 war Anton Wassmer Frohsinnwirt. Daneben betrieb Wassmer eine Bierbrauerei in einem Gebäude an der Reuss
in der Nähe des Iberg. Als Wirt machte Wassmer zweimal Konkurs, nämlich 1861 und 1879.
Die Wirtschaft ging 1883 in den Besitz von Wassmers Schwager, Jean Stöckli, Wirt zum „Löwen“ in Lenzburg, über.
Ab 1881 wirtete – offenbar als Pächter – Bernhard Benz.
Ab 1887 bewirtete eine Frau Zimmermann, ab 1889 Elise Bucher und ab 1890 ein Christian Ribi die Gäste.
1891 übernahm Melchior Affentranger die Wirtschaft. Diese hiess zuerst „Gasthaus Affentranger“ und wurde später unter diesem
zu „Gasthof Frohsinn“ umbenannt.
Eine Zeitlang führte auch Ferdinand Zumstein, der Vater von Heinrich Zumstein, Gärtnermeister und Verfasser der Geschichte von
„Mellingen Ein Stadt i sin Zyt -1700-1900“, die Gastwirtschaft.
In den 1970er-Jahren war Elisabeth Lutz Besitzerin des „Frohsinns“.
Von 1982-1992 führte Manuel Andelo als Pächter mit viel Erfolg den „Frohsinn“, zog dann aber weiter in den „Mellingerhof“,
weil in der Liegenschaft vieles sanierungsbedürftig war. Unter ihm hiess die Wirtschaft „Trattoria Toscana“.
Andelos Nachfolger hatte als Gastwirt keine glückliche Hand: Kaum ein Jahr später musste er Konkurs anmelden.
Seither blieb die Gastwirtschaft geschlossen. Besitzer waren damals zwei Immobilienhändler von Wettingen und Olivone.
Doch auch diese gerieten in Finanznöte, weshalb der Gasthof 1996 versteigert wurde. Die Gaststube wurde nicht mehr eröffnet.
Wieder verschwand eine typische Altstadtbeiz, in der beispielsweise Vereinsmitglieder oder die Feuerwehrleute nach ihren Übungen
ihren Durst löschten.
Erworben wurde die Liegenschaft von Stefan Knecht. Das Gebäude wurde in sorgfältiger Art stilsicher zum Geschäfts- und Wohnhaus
umgebaut.
1997 konnte Knecht seine Firma "Treuhand Frohsinn GmbH“ eröffnen.
Literatur zu diesem Text:
- ho. Steuererklärung statt Spaghetti und Pizza. Reussbote 26. August 1997.
- Nüssli Adolf. Eine weitere Zwangsversteigerung in Mellingen. Reussbote 4. März 1996.
- Nüssli Benedikt. Neu in Mellingen: Frohsinn Treuhand. Reussbote 1997
- Nüssli Albert. Ein hundertjähriges Vermächtnis! Reussbote 4. Juni 1973.
- Zumstein Heinrich. Mellingen 1700-1900. Mellingen 1988, S. 315-316.
Bild-Nr.: 06018
Bild: Fotoarchiv Mellingen
Text: Rainer Stöckli
Copyright: Fotoarchiv Mellingen