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Herr Tonella, was passiert im Körper und Gehirn von Jugendlichen in der Pubertät und wodurch wird sie ausgelöst?
Was genau die Pubertät auslöst, ist noch nicht vollständig geklärt. Irgendwann ab 9 Jahren bei den Mädchen und 11 Jahren bei den Buben beginnt das Gehirn, Signale abzugeben, die die Bildung von Sexualhormonen anregen. Diese Botenstoffe sorgen dafür, dass sich der Körper allmählich verändert: Bei den Jungen werden die Hoden und bei den Mädchen die Eierstöcke aktiviert. Gleichzeitig werden in den Nebennieren Hormone produziert, die das Haarwachstum im Achsel- und Schambereich auslösen und für Achselgeruch, unreine Haut und fettige Haare sorgen.
Woran merkt man, dass ein Kind in der Pubertät ist?
Oft hört man Eltern sagen, ihr Kind sei in der Pubertät, weil es rebelliert. Die Rebellion ist aber vor allem eine Ausdrucksform. Aus medizinischer Sicht beginnt die Pubertät mit dem Brustwachstum bei den Mädchen und dem Hodenwachstum bei den Buben. Das merkt man aber nur bedingt – bei den Mädchen etwas mehr als bei den Jungs. Eines der offensichtlichsten Merkmale ist der Pubertätswachstumsschub, mit dem die Jugendlichen regelrecht in die Höhe schiessen. Der tritt aber erst nach dem Pubertätsbeginn ein.
Was sind Meilensteine in der Entwicklung?
Bei den Mädchen beginnt zwischen dem 8. und dem 14. Lebensjahr das Brustwachstum. Zwei bis drei Jahre danach setzt die erste Periode, medizinisch Menarche genannt, ein – im Durchschnitt mit 12½ bis 13 Jahren. Dann neigt sich das Wachstum dem Ende zu. Die Schambehaarung beginnt ab etwa 8 Jahren zu wachsen. Bei den Buben setzen das Wachstum der Hoden und die Penisverlängerung zwischen 10 und 15 Jahren ein. Die Schambehaarung beginnt mit etwa 11 Jahren zu wachsen. Merkmale wie Stimmbruch sowie Achsel- und Gesichtsbehaarung sind grösstenteils genetisch bedingt, daher ist es schwierig, sie als Meilensteine zu definieren. Der Stimmbruch setzt aber in einem relativ fortgeschrittenen Pubertätsstadium ein.
Worin unterscheidet sich das Verhalten von Mädchen und Buben in der Pubertät?
Das kann man nicht generell sagen. Im Gehirn befinden sich mehrere Strukturen, die empfindlich sind auf Pubertätshormone. Durch verschiedene Mechanismen werden somit Stimmung und Verhalten beeinflusst. Die Jungen werden aber tendenziell etwas aggressiver und impulsiver als die Mädchen. Sie wollen auch vermehrt Kräfte messen und sich innerhalb einer Gruppe profilieren. Das trifft bei den Mädchen seltener zu. Das Rebellieren und die Stimmungsschwankungen sind bei beiden etwa gleich ausgeprägt. Das hat aber nicht nur mit den hormonellen Vorgängen zu tun, sondern auch mit psychologischen Faktoren wie dem Ablösungsprozess oder der Verunsicherung, die die Jugendlichen begleiten.
Womit kämpfen die Jugendlichen am meisten?
Ich berate in der Wachstumssprechstunde viele Kinder, die überdurchschnittlich gross oder klein sind und solche, die früher oder später als Gleichaltrige in die Pubertät kommen. Einige belastet es, dass sie aus der Reihe tanzen. Eine krankhafte Entwicklung liegt aber meistens nicht vor. Ich habe den Eindruck, dass sich insbesondere durch die sozialen Medien der Druck auf diejenigen verstärkt hat, die nicht dem Mittelmass entsprechen. Im Leistungssport leiden pubertätsverzögerte Buben besonders häufig, weil die Körpergrösse und die Kraft sich erst noch entwickeln müssen und sie vorübergehend einen Nachteil erleben.
Wie geht man als Eltern mit den Launen von Pubertierenden am besten um?
Allgemein darf man sich nicht auf derselben Ebene bewegen, sondern ein Rückgrat für die Teenager sein. Allfällige Wortgefechte und Beleidigungen sollten gemieden werden, und wenn harte Worte gefallen sind, darf man sie nicht persönlich nehmen und nicht nachtragend sein. Problematisch finde ich aber auch, wenn sich die Eltern zu sehr einmischen. Man kann die Jugendlichen auch mal machen lassen und Vertrauen in sie haben. Das bedingt, dass man auch mal wegschaut. Natürlich darf man klare Regeln aufstellen, sollte die aber je nach Situation ausdiskutieren. Reine Autorität stösst meistens auf Widerstand.
Wie schaffen Sie es, zu den Jugendlichen Vertrauen aufzubauen?
Ich versuche, eine zwischenmenschliche Beziehung aufzubauen. Das Vertrauen kommt mit der Zeit, indem man gemeinsam Probleme löst. Ich achte darauf, dass ich nicht alles, was mir Jugendliche in der Sprechstunde anvertrauen, den Eltern erzähle – wenn es nicht nötig ist. Ich setze mich auch viel mit den Jugendlichen auseinander und frage sie, womit sie sich beschäftigen, welche Musik sie hören usw. Es gibt aber auch Jugendliche, die ich schon lange kenne und die mir praktisch nichts erzählen. Das muss ich akzeptieren.