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Was Wirtschaftsethik leisten kann
Wirtschaftsethik
Man stelle sich Robinson Crusoe auf einer einsamen Insel vor. Im Vordergrund seines täglichen Überlebenskampfs steht die Ressourcenbeschaffung und sein größtes Problem ist die Knappheit: woher die nächste Mahlzeit bekommen, wie Regenwasser für trockene Tage auffangen und aufbewahren, wie den Schlafplatz sichern? Zu einem Interaktionsproblem und damit zu einem ökonomischen Problem im eigentlichen Sinne wird die Knappheit allerdings erst, wenn eine zweite Person, Freitag, ins Spiel kommt. Jetzt wird die Knappheit zu einem sozialen Problem, denn nun konkurrieren zwei Individuen um die begrenzten Ressourcen. Diese Situation enthält bereits die beiden grundlegenden Elemente wirtschaftsethischer Probleme: mindestens zwei Akteure handeln in einer Umgebung, welche von Knappheit gekennzeichnet ist - und daraus resultieren Konflikte.
Was kann Robinson tun? Er kann um die knappen Ressourcen gegen Freitag kämpfen. Allerdings ist dieses Unterfangen riskant, da er den Kampf verlieren oder zumindest Kapazitäten zur Ressourcenbeschaffung einbüßen kann. Er könnte aber auch in höchst tugendhafter Absicht seine Vorräte mit Freitag teilen, was aber zu einem kontraproduktiven Ergebnis führt - keiner würde vermutlich satt werden. Aber es bietet sich noch ein dritter Weg an: Robinson und Freitag könnten eine Kooperation eingehen, das zum sozialen Problem gewordene Knappheitsproblem lösen, was letztlich dazu führt, dass Robinson am Ende rein materiell besser dasteht als in seiner Einsamkeit zuvor. Mit diesem Beispiel verweisen Prof. Christoph Lütge, Inhaber des Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhls für Wirtschaftsethik und Global Governance an der TU München, und sein Mitautor Matthias Uhl, TUM Junior Fellow, zu Beginn des Buches auf typische wirtschaftsethische Probleme als Interaktionsprobleme, welche durch Interessengegensätze gekennzeichnet sind und nach Lösungen gesucht wird, von denen beide Parteien profitieren (Win-Win-Situation).
Zwischenzeitlich ist Wirtschaftsethik an vielen Hochschulen zum Lehrfach geworden, teilweise ist es bereits Pflichtfach in wirtschaftswissenschaftlichen Studiengängen. Es ist zu erwarten, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Angesichts dieser Entwicklung geht es den Verfassern in ihrer Publikation darum, den aktuellen Stand der Disziplin zusammenzufassen und einen Überblick über die wesentlichen Themenfelder zu geben. Das Lehrbuch richtet sich an alle an Wirtschaftsethik Interessierten, insbesondere an Studierende der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, der Geisteswissenschaften bis hin zur Informatik sowie Ingenieur- und Naturwissenschaften. Die fünf Kapitel widmen sich folgenden Schwerpunkten:
Kapitel 1 "Begriffliche Grundlagen" umfasst die Klärung von Begriffen wie Ethik, Ökonomik und Wirtschaftsethik und stellt grundlegende theoretische konzeptionelle Eckpunkte, etwa das Verhältnis von Ethik und Ökonomik, vor.
Kapitel 2 "Historisch-ökonomischer Hintergrund: Vormoderne und Moderne" zeigt die Entwicklung wirtschaftsethischen Denkens vor dem historischen Hintergrund auf. In diesem Zusammenhang wird der Übergang von der Handlungs- zur Bedingungsethik herausgearbeitet. Es werden auch die ethische Bedeutung des Wettbewerbs in der Moderne reflektiert und erklärt, warum die Idee des gerechten Preises und des Zinsverbots anschauliche Beispiele für vormoderne Moralnormen darstellen.
Kapitel 3 "Grundlagen und Werkzeuge der Wirtschaftsethik" behandelt im ersten Abschnitt philosophische Theorien und Konzepte, welche in der Wirtschaftsethik verwendet werden. Der zweite Abschnitt befasst sich mit ökonomischen bzw. sozialwissenschaftlichen Werkzeugen. Dabei geht es u. a. um Konzepte wie der rationale Akteur und um Dilemmastrukturen.
Kapitel 4 "Problemkreise der Wirtschaftsethik" referiert nacheinander wirtschaftsethische Probleme der Globalisierung, der Armut und Ungleichheit, der Menschenwürde und Menschenrechte sowie der Nachhaltigkeit. Dabei überraschen manche Untersuchungsergebnisse z. B. dass eine völlige Abschaffung von Kinderarbeit in Entwicklungsländern nicht immer wünschenswert sei und dass der Kauf regionaler Produkte nicht unbedingt die energieärmste Produktionsweise unterstützt.
Kapitel 5 "Unternehmensethik" betrachtet relativ umfassend unternehmensethische Problemstellungen. Ausgehend von der Tatsache, dass Unternehmen in der globalisierten Welt zentrale Akteure sind, wird die unternehmerische Verantwortung im Rahmen von Compliance, Corporate Social Responsibility, Corporate Citizenship und Creating Shared Value untersucht. Mit konkreten Fallbeispielen werden u. a. auch Wege aufgezeigt, wie Unternehmen Verstöße gegen Compliance verhindern können, beispielsweise durch "Whistleblowing"-Systeme, Compliance-Schulungen und Beratungen sowie Due Diligence von Geschäftspartnern.
Wer sich nicht nur oberflächlich mit Wirtschaftsethik als "Bindestrich-Ethik" befassen, sondern sich systematisch mit der Frage auseinandersetzen will, was eine Wirtschaftsethik für die Moderne leisten kann und muss, dem kann die Lektüre dieses Lehrbuchs sehr gut empfohlen werden. Damit kommt der eingangs angesprochene Adressatenkreis um dieses anspruchsvolle aber auch interessant geschriebene Lehrbuch kaum herum.