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Die ganze Finanzwelt hängt an ihren Lippen, wenn Janet Yellen (69) heute den Kurs in der Zinspolitik der US-Notenbank neu festlegt. Eine Zinserhöhung gilt als wahrscheinlich — und wird an den Märkten gleichermassen erhofft wie gefürchtet.
Doch wer ist diese Frau eigentlich, die nun mit der ersten Zinsanhebung seit fast zehn Jahren das Ende des ultrabilligen Geldes in den USA einläuten und damit die Situation an den Finanzmärkten auf den Kopf stellen könnte? Wir haben uns den Werdegang von Fed-Chefin Janet Yellen einmal genauer angesehen.
Der Werdegang
Janet Louise Yellen wurde am 13. August 1946 im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren. Schon als junge Frau habe Yellen einen Weg gesucht, den Menschen unter Einsatz von Logik zu helfen, und daher Ökonomie studiert, heisst es in Biografien über sie. Ihren Uni-Abschluss machte sie 1967 mit «summa cum laude», 1971 erhielt sie ihren Doktortitel von der renommierten Yale-University. Ihr Mentor während dieser Zeit war der Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger James Tobin, der sich vor allem im Bereich der Kapitalmarkttheorie einen Namen gemacht hatte.
Ihre erste berufliche Station bekleidete Yellen als Assistenzprofessorin für Ökonomie an der Elite-Universität Harvard. Bereits 1977 wechselte sie jedoch zum ersten Mal zur Fed in die US-Hauptstadt. Dort in der Cafeteria traf sie ihren heutigen Ehemann George Akerlof, der mittlerweile Wirtschaftsnobelpreisträger ist. Nach einer weiteren Zwischenstation an der «School of Economics» in London baute sie sich ihre akademische Karriere an der Universität von Kalifornien in Berkeley auf.
Die Karriereleiter
1994 holte sie der damalige Präsident Bill Clinton als Notenbankgouverneurin zur Fed zurück, 1996 machte er sie dann zu seiner Top-Wirtschaftsberaterin im Weissen Haus. Nach einer erneuten Rückkehr an die Universität von Kalifornien wurde sie 2004 die Präsidentin der Zentralbank in San Francisco.
2010 schliesslich nominierte Obama Yellen zur Vize-Chefin der Fed — also zur Nummer zwei neben dem damaligen Notenbank-Chef Ben Bernanke. 2013 wurde sie schliesslich als dessen Nachfolgerin nominiert und trat die Position an der Spitze der Fed im Februar 2014 an. Bereits damit schrieb sie Geschichte, da vor ihr nie eine Frau die geldpolitisch wichtigste Stelle der USA innehatte.
Freunde und Kritiker
Jenet Yellen hat zahlreiche Unterstützter, aber auch einige Kritiker. Während die einen sie für nicht krisenfest und geldpolitisch unvorsichtig halten, finden die anderen, dass sie eine vorsichtige, aber zielstrebige Denkerin mit einem scharfen Intellekt sei. Debatten mit ihr könne man nur verlieren, da ihre Argumente stets bombenfest seien. Ihre Entscheidungen würden stets auf Fakten, nie auf Intuition basieren und sie besitze trotz ihrer zurückhaltenden Art eine immense Führungsstärke gepaart mit der nötigen Härte.
«Eine kleine Lady mit einem grossen IQ», heisst es angeblich in Washington voller Respekt über sie. Teils wird von Janet Yellen wie von einem übermächtigen Wesen gesprochen: Sogar das volle Ausmass der Immobilienblase hätte sie schon 2007 vorausgesehen — lange vor den meisten anderen Ökonomen. Kritiker halten dagegen, dass sie dennoch kaum etwas aktiv dagegen unternommen hätte. Denn dazu wäre sie als Präsidentin der Zentralbank in San Francisco durchaus in der Lage gewesen.
Skepsis gegenüber Wall Street
Eine Erkenntnis ihrer Forschung sei gewesen, dass Märkte entgegen der reinen Lehre nicht immer allein effizient seien, sondern auch von staatlicher Regulierung profitierten. Auch deshalb gilt Yellen heute als Wall-Street-Skeptikerin. Doch als Verfechterin für das Aufbrechen grosser Banken oder für anderes linksliberales Gedankengut hat sie sich nie wirklich hervorgetan — eher im Gegenteil.
Die Politik ihres Vorgängers im Amt, Ben Bernanke, die Konjunktur massiv mit billigem Geld anzukurbeln, hat sie stets voll unterstützt — manchmal drängte sie sogar ungeachtet von Inflationsgefahren und anderen Risiken auf noch stärkere Massnahmen, um den blutarmen US-Arbeitsmarkt zu stärken.
Keine Angst vor moderater Inflation
Janet Yellen ist der Überzeugung, dass eine Inflation von zwei Prozent pro Jahr gut für die Wirtschaft sei und konnte sich mit dieser Meinung auch innerhalb der Fed durchsetzen. Im Juli 1996 überzeugte sie sogar den damaligen Notenbankchef Alan Greenspan von ihrem Standpunkt, als dieser die Chance sah, die jährliche Inflation auf null Prozent abzusenken und somit die langersehnte Preisstabilität zu erreichen.
«Sie argumentierte, dass ein wenig Inflation eine gute Sache sei. Dafür legte sie wissenschaftliche Studien vor, die zeigten, dass eine niedrige Inflation die Schwere und Häufigkeit von Rezessionen mindere», schreibt Binyamin Appelbaum von der New York Times über die Argumente, mit denen sie den erfahrenen Greenspan auf ihre Seite ziehen konnte.
Die Zinswende will sie sanft angehen
Laut Daten vom Dienstag liegt die US-Kerninflation, die schwankungsanfällige Komponenten wie Energie ausklammert, aktuell bei genau 2,0 Prozent, also dem Wert, den die Fed anstrebt. Experten sind sich einig, dass Yellen mit diesen Zahlen eine gute Vorlage hat, um heute die Zinsen zu erhöhen. Der US-Leitzins liegt derzeit auf dem historisch niedrigen Niveau von null bis 0,25 Prozent.
Yellen selbst plädiert allerdings dazu, vorsichtig vorzugehn. In einem Brief an US-Konsumentenschützer Ralph Nader bekräftigte sie Ende November, dass die Zinsen nur in kleinen Schritten erhöht werden sollten. «Eine übermässige Anhebung der Zinsen (...) würde das wirtschaftliche Wachstum untergraben, eine langandauernde Rückkehr zu niedrigen Zinssätzen erforderlich machen», schrieb sie. Experten gehen daher davon aus, dass die Zinsen heute zunächst leicht angehoben werden und weitere, schrittweise Erhöhungen für die kommenden Jahre signalisiert werden.
Betrachen Sie in diesem Video Yellens Ankunft im Fed-Gebäude vor dem historischen Treffen.