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Kathrin Halter
02. April 2020
Sie kennen den Schweizer Dokumentarfilm gut. Die Branche hierzulande geniesse «paradiesische Zustände», sagten Sie einmal. Wie meinen Sie das?
Ich bewundere schon lange, welch hohen Stellenwert man in der Schweiz dem Dokumentarfilm zumisst. Das sieht man jeweils auch an Wettbewerben von Schweizer Festivals: Dieses Jahr zum Beispiel waren neun von zwölf Beiträgen im Hauptwettbewerb der Solothurner Filmtage Dokumentarfilme. In der Schweizer Presse gelten Dokumentar- und Spielfilme zumindest als ebenbürtig. Die Wertschätzung des Dokumentarfilms zeigt sich natürlich auch in der grosszügigen Finanzierung, die ja auf einem Selbstverständnis beruht. Sie ist viel besser als bei uns und spielt auf dem Niveau deutscher Spitzenproduktionen – entsprechend sind auch die Gehälter in der Schweiz deutlich höher als in Deutschland.
Spielen Sie damit auch auf Regie- und Autorenhonorare an?
Bei uns gibt es für Kamera, Ton oder Schnitt tarifrechtliche Bindungen. Für Autoren- und Regieleistungen von abendfüllenden Dokumentarfilmen sind die Gehälter hingegen viel niedriger als in der Schweiz. Umgekehrt: In Deutschland wird die Arbeit für Dokumentarfilme zu niedrig bezahlt. Das Land glaubt im fiktionalen Bereich auf Weltstandard mitspielen zu müssen und verliert dabei die Bedeutung des Dokumentarfilms aus dem Auge. In der deutschen Presse sind Dokumentarfilme eigentlich nur existent, wenn sie ein relevantes Thema behandeln, und nicht, weil sie vielleicht auch wichtige Filme sind, die im Kino funktionieren.
Wenn Sie Dokumentarfilme aus der Schweiz mit deutschen oder mit europäischen vergleichen, fällt Ihnen da etwas auf?
Die Schweiz bringt jedes Jahr zahlreiche grosse, aufwändig produzierte Dokumentarfilme auf den Markt – mehr als Deutschland oder als Frankreich. Das fällt auch auf, weil die Schweiz europaweit gesehen ein kleines Produktionsland ist. Damit lässt sich die Schweiz mit Dänemark und Norwegen vergleichen, die das auch gerade tun. Produktionsländer mit einem kleineren Gesamtvolumen sind sehr klug beraten, wenn sie nicht alles in den fiktionalen Film stecken. Insgesamt ist der Dokumentarfilm immer noch viel kostengünstiger. Wer hier stark ist, kommt auch damit in die Welt.
Trotzdem wird in der Schweiz regelmässig die Frage gestellt, ob nicht zu viele (Dokumentar-) Filme, entstehen.* Gibt es die Gefahr einer Überproduktion?
Ja, das ist auch in Deutschland ein grosses Thema. Nüchtern gesehen müsste man von einer Überproduktion sprechen, weil zu viele Filme in zu engem Takt starten und dann kaum mehr beachtet werden. Um die Filme erfolgreich zu machen, müsste mehr Geld für die Promotion zur Verfügung stehen. Wenn der Markt übersättigt ist, dann reguliert er sich selber. Die Filmbranche ist auch nicht übersubventioniert, weder in der Schweiz noch in Deutschland.
Fallen Ihnen bei Schweizer Dokumentarfilmen bestimmte thematische oder formal-ästhetische Vorlieben auf?
Ich sehe zwei Pole. Einerseits gibt es die Dokumentarfilme, die regional verortet sind, sich also um regionale Themen kümmern, wo dann auch Schweizer Dialekt gesprochen wird; diese Filme sind meist nicht für die internationale Auswertung gedacht. Und dann gibt es eine Gruppe von Schweizer Filmemachern wie Heidi Specogna, Christian Frei oder Kaspar Kasics, die sich grossen internationalen Themen widmen und auch international beachtet werden.
Woran zeigt sich die verhältnismässig gute Finanzierung im Schweizer Dokumentarfilm? In Technik und Handwerk, der aufwändigen Herstellung?
Darin auch, ja. Anspruch und Niveau sind hoch. In der Schweiz leistet man sich ja auch mehr Drehtage. Zudem gibt es bei euch auch mehr Geld für die Entwicklung von Dokumentarfilmen. Wie wichtig diese ist, wird völlig unterschätzt. In Deutschland müsste man da viel mehr investieren. Immerhin gibt es beim BKM, der Förderung des Bundes, seit vier Jahren eine Entwicklungsförderung, auch wenn diese noch relativ bescheiden ausfällt.
Von Überfiguren wie Peter Liechti oder Peter Mettler abgesehen: Sind Schweizer Dokumentarfilme bei aller handwerklichen Exzellenz formal gesehen nicht oft eher konventionell?
Nein (zögert). Inhalt und Form eines Dokumentarfilms sollten korrespondieren, und viele Themen erzählen sich tatsächlich in einer eher konventionellen Form am besten. Ich fände es zum Beispiel vermessen, von den aussergewöhnlichen Filmen einer Heidi Specogna, die in Krisengebieten entstehen, auch noch formal oder ästhetisch Ungewöhnliches einzufordern. Umgekehrt kommen aus der Schweiz auch formal mutige Filme. «Saudi Runaway» von Susanne Regina Meures etwa, um nur gerade ein aktuelles Beispiel zu nennen.
Visions du Réel proklamiert ja das Konzept einer «Vision» von Wirklichkeit; damit ist ein Anspruch verbunden. Wie grenzt sich das DOK.fest München von Nyon ab?
Der Unterschied zwischen uns und Nyon ist nicht so gross. Die ästhetisch und inhaltlich starken Filme setzen sich überall durch; wir bieten beides. Beneiden tun wir das Festival mehr um seinen Namen, auch wenn «Vision du Réel» nur im Französischen wirklich funktioniert. Wir hadern etwas mit dem Begriff Dokumentarfilm, weil viele Menschen damit eher «Dokumentation» und weniger das Narrative und Äesthetische verbinden. Andererseits: Die Grenze dessen, was ein Dokumentarfilm ist und was nicht mehr, wird mit jedem Film neu vermessen. Ein Dokumentarfilm ist eine ästhetische Form der Repräsentation von Wirklichkeit – und darf und muss sich einiges mehr erlauben als eine Dokumentation.
DOK Leipzig ist ja das grösste Dokumentarfilmfestival in Deutschland. Wie definiert ihr euch im Vergleich zu ihm?
Was die Zuschauer anbelangt, haben wir Leipzig im letzten Herbst überholt. Wir hatten über 52ʼ000 Zuschauer, Leipzig wie in den Jahren zuvor wieder 48ʼ000. Vor zehn Jahren hatten wir noch 12ʼ000 Besucher. Was die Ausrichtung anbelangt ist Leipzig dem osteuropäischen Filmschaffen näher. Wir sind tendenziell eher Richtung Westen und Süden ausgerichtet, haben also zum Beispiel einen grösseren Anteil an Filmen aus Österreich und der Schweiz. Aber natürlich gibt es eine Schnittmenge an Filmen, die uns alle interessieren.
Das Gespräch führte Kathrin Halter
* 2018 waren es gemäss einer Pro Cinema-Statistik 77 von insgesamt 129 Flmen, 2019 waren es 69 von 111.
▶ Originaltext: Deutsch
künstlerischer Leiter und Geschäftsführer vom DOK.fest München, wurde 1964 in Hamburg geboren. Er studierte Fotografie an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und Regie für Dokumentarfilm an der Hochschule für Fernsehen und Film München und ist Autor, Regisseur und Kameramann zahlreicher Dokumentarfilme («Der letzte Dokumentarfilm»). Von 2002 bis 2009 war Daniel Sponsel Mitarbeiter in der Abteilung Dokumentarfilm und Fernsehpublizistik an der HFF München. Er hat Lehraufträge an der ZHdK, der HFF München oder der Drehbuchwerkstatt München und ist Mitglied zahlreicher Jurys. Das DOK.fest München leitet Daniel Sponsel seit 2009. Er hat es um die neuen Reihen DOK.deutsch, DOK.guest, die Retrospektive und DOK.education erweitert. 2011 rief er die Branchenplattform DOK.forum ins Leben.
Auch das DOK.fest München findet dieses Jahr wegen Corona ausschliesslich online statt: als DOK.fest München @Home 2020. Man ist in Gesprächen mit allen RechteinhaberInnen der 159 Filme, die für das Festival ausgewählt worden waren. Schon viele haben zugesagt, ihre Filme auch online zur Verfügung zu stellen. Aber das Onlinefestival soll mehr sein als ein kuratierter Streamingdienst: Neben Filmen will man auch eine Programmstruktur und ein Rahmenprogramm bieten, um ein «virtuelles Festival-Feeling» zu schaffen, so Festivalleiter Daniel Sponsel. Geplant sind Q&As mit den RegisseurInnen aller Filme und eine virtuelle Eröffnungsfeier. Die Wettbewerbsreihen sollen beibehalten werden, die Jurys sollen die Filme online sichten und in Skype-Konferenzen darüber diskutieren. Und die Zuschauer sollen online über den Publikumspreis abstimmen.
Das Gespräch führte Kathrin Halter
18 Februar 2020