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Eines Morgens waren sie da. Baumaschinen in gelbschwarz. Bagger, Kipplader und andere Gefährte mit dicken Rädern, für die Martha keine Namen hatte, wie sie nach längerem Überlegen feststellte. Sie stand am Fester ihrer Wohnung und beobachtet mit ihrem Morgentee in der Hand wie die Bauarbeiter in Gruppen um drei Löcher standen. Ein Mann bediente einen Bagger und vergrösserte eines der Löcher, indem er grobe Fetzen Asphalt abtrennte und wegschaufelte. Warum waren auf einer Baustelle eigentlich immer so viele Menschen, von denen die meisten untätig waren? Martha blies in ihren Tee. Berner Rose. Den mochte sie morgens am liebsten.
Komisch. Sie hatte gar nichts darüber gelesen, dass in ihrer Strasse gebaut werden sollte. Martha studierte die Zeitung jeden Tag gründlich, sogar die Kleinanzeigen. Musste etwas an den Leitungen repariert werden? Sie nahm sich vor, einen der Arbeiter zu fragen, wenn sie später in die Goldschmiede aufbrechen würde. Es fiel ihr erst wieder ein, als sie abends zu Fuss nach Hause zurückkehrte. Die Baustelle war mit rotweissen Stangen abgesperrt und verwaist; der Verkehr nur einspurig möglich. Die Arbeiter waren längst nach Hause gegangen. Martha spähte in eines der Löcher. Erde. Sonst nichts. Keine Leitungen, Rohre oder anderes. Sie ging nach Hause, um sich ein Butterbrot zu schmieren und sich ihren Abendtee zuzubereiten. Kamille. Der entspannte sie nach einem Tag in der Werkstatt.
Der nächste Morgen, Berner-Rosen-Tee. Martha stand wieder am Fenster und blickte auf die Strasse hinab. Die Bauarbeiter rissen weitere Löcher in den Teer, baggerten Erde weg, standen in Gruppen beisammen. Als Martha zur Arbeit aufbrach, waren sie verschwunden. Sie blickte auf die Uhr. Es war 9 - offenbar machten sie ihre Pause. Als sie an den Löchern vorbei ging, blickte sie wiederum hinein. Nichts zu sehen. Für den Verkehr war die Strasse nun komplett gesperrt, nur ein schmaler Streifen für Fussgänger war seitlich mit rotweissem Band abgetrennt.
Am nächsten Tag beschloss Martha früher als sonst in die Goldschmiede zu gehen, um die Arbeiter anzutreffen. Sie musste fast schreien, um den Lärm des Baggers zu übertönen, der gierig Asphaltklumpen auf den Lastwagen schaufelte. "Was wird hier eigentlich gemacht?", rief sie einem der Arbeiter zu, der sich mit einem anderen am Rand eines Loches unterhielt. Dieser zuckte mit den Achseln, die Hände steckten in seiner orangeleuchtenden Hose. "Das wissen wir auch nicht genau." Dann deutete er vage über seine linke Schulter. "Der Chef wirds schon wissen." Martha folgte seinem Finger, der auf ein weiteres Grüppchen Arbeiter zeigte. Sie umrundete einige Löcher und ging zu den Männern, nun wollte sie es wissen. Doch auch hier hatte sie keinen Erfolg. Nichts als Achselzucken und Stirnrunzeln. Sie solle bei der Gemeinde nachfragen, rief ihr einer der Männer hinterher, als sie sich bereits zum Gehen abwandte.
Martha gehörte eigentlich nicht zu der Sorte Leute, die sich bei der Gemeinde über Vorgänge im öffentlichen Raum erkundigten. Als die Strasse vor ihrer Wohnung einem Emmentaler glich, siegte ihre Neugierde. Sie hatte Glück und geriet direkt an die Gemeindeschreiberin, eine patente junge Frau, so Marthas Eindruck. Woran denn in ihrer Strasse gearbeitet werde, erkundigte sie sich. Sie habe nichts in der Zeitung gelesen, aber vielleicht hätte sie es übersehen. "Im Nelkenweg? Da gibt es keine Baustelle", war die Antwort der jungen Frau. Martha überlegte ein paar Sekunden. Ob sie ihr ein Foto schicken solle? Vielleicht sei es ja nicht die Gemeinde, die bei ihr baute; aber gebaut würde definitiv. Die junge Frau versprach, sich zu erkundigen und Martha dann zurückzurufen.
Es wurde Ende Woche, die Strasse war mittlerweile so zerlöchert, dass sie nicht mehr ohne Gefahr betreten werden konnte, bis Martha den versprochenen Rückruf erhielt. Es habe etwas länger gedauert, da sie alle Baufirmen im Umkreis angerufen habe. Doch keine würde im Nelkenweg bauen. "Sind Sie sicher, Frau Caluori, dass bei Ihnen gebaut wird?" Martha liess das Telefon sinken. Was für eine unverschämte Frage. Die Strasse war ein riesiges Loch und ihre Augen immer noch sehr gut - sie brauchte sie schliesslich tagtäglich für Gravuren und andere filigrane Arbeiten an Gold- und Silberschmuck. "Kommen Sie einfach vorbei und sehen sie selbst", sagte sie ins Telefon, dann legte sie auf.
Martha sprach mit den Nachbarn. Keiner wusste Bescheid. Sie fragte noch einmal bei den Bauarbeitern nach. Wiederum Schulterzucken. Was denn das Ziel der Baggerei sei, wollte sie wissen. Ob sie unter dem Teer einen Schatz vermuteten? Zur Antwort erhielt sie Gelächter.
Als der Winter an die Tür klopfte und Martha morgens Teewasser erhitzte, waren sie plötzlich weg. Also, die Baumaschinen, die Absperrungen und die Arbeiter. Die Löcher hingegen nicht. Die Strasse sah aus, als hätte sie einen schweren Hagelschaden erlitten oder als wäre sie von riesenhaften Murmeltieren umgeackert worden. Bis zu zwei Meter tief waren die einzelnen Gruben, die im feuchten Asphalt glänzten. Eingangs der Strasse gab es einen kleinen Menschenauflauf, dort, wo zwei Autos in die Löcher geplumpst waren. Nur ein blaues und ein graues Heck waren noch zu sehen. Menschen standen mit verschränkten Armen neben ihren Fahrzeugen, redeten in ihre Telefone, schüttelten zornig ihre Fäuste.
Martha blies in ihren Tee. Es ging nichts über Berner Rose, um in einen neuen Tag zu starten. Als sie später in die Goldschmiede ging, nahm sie einen anderen Weg, um nicht um die Löcher herumbalancieren zu müssen. Sie las die Zeitung in den kommenden Tagen sorgfältig, erhielt aber keine weiteren Informationen. Die Gemeindeverwaltung und die Polizei standen vor einem Rätsel. Martha fand es fast schon schade, als wenige Wochen später die Baumaschinen auffuhren und die Löcher gefüllt, die Strasse neu geteert wurde. Manchmal ertappte sie sich dabei, wie sie auf den Asphalt starrte und sich überlegte, welche Schätze darunter verborgen wären. Vielleicht sollte sie einfach mal nachsehen?