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Das waren unleugbare Erfolge der Republik und ihrer opportunistischen Regierung. Diese erweckten denn auch sofort aufs neue die erbitterte Gegnerschaft der Radikalen. Ihre Unternehmungen blieben jedoch zunächst erfolglos, und zwar weil jetzt auch die Konservativen die Regierung stützten, die einen autonomen Schutzzolltarif vorgelegt hatte, worin jene ihre meist landwirtschaftlichen Interessen gewahrt sahen. Die Kammer entschied sich für die Doppelform eines Maximal- und eines Minimaltarifs, von denen der letztere jenen Staaten zu gute kommen sollte, die ihrerseits Frankreich Begünstigungen vor andern gewähren.
Da aber auch der Minimaltarif sehr hohe Sätze aufwies, so geriet die Republik im Laufe des J. 1892 in eine handelspolitisch immer mehr isolierte Stellung. Solange nun der neue Tarif nicht auch vom Senat genehmigt war, hatten die Konservativen keinerlei Grund, eine Veränderung im Ministerium herbeizuführen oder zuzulassen, und stimmten deshalb die Radikalen nieder. Vollends als dieselben im Dez. 1891 die Kündigung des Konkordates forderten, welchen Antrag die Regierung für unnütz und schädlich zugleich erklärte. So war das Kabinett neuerdings befestigt.
Aber dennoch waren seine Tage gezählt. Ein im Februar vorgelegtes Genossenschaftsgesetz verstimmte die Konservativen, die darin eine Waffe der Regierung gegen die religiösen Körperschaften erblickten. Als dann das Ministerium dies öffentlich in Abrede stellte, erregte es andererseits den Zorn der Radikalen, die es des Einverständnisses mit dem Papste beschuldigten. So blieb, von rechts und links angefochten, eine von der Regierung gebilligte Tagesordnung mit 212 gegen 304 Stimmen in der Minderheit, und Freycinet nahm 19. Febr. seine Entlassung.
Da aber gerade zur selben Zeit eine päpstl. Encyklika (vom 16. Febr.) alle Franzosen aufforderte, die herrschende Regierungsform anzuerkennen und die Regierung zu unterstützen, und da Carnot ein radikales Kabinett aus Rücksicht für den Zaren nicht berufen wollte, wurde das System nicht geändert. Die Präsidentschaft ging auf Loubet über, Freycinet behielt das Kriegsportefeuille, doch Constans trat aus. Die päpstl. Encyklika hatte zur weitern Folge, daß etwa 40 monarchistische Deputierte, sog. Ralliierte, unter Führung des Abgeordneten Piou die Gruppe der Konstitutionellen Rechten (s. d.) bildeten und sich mit Aufgebung ihres polit. Ideals auf den Boden der bestehenden Verfassung stellten. Daß sich im Mai auch der «Verein des christl. Frankreichs» auflöste, der bis dahin den Mittelpunkt der antirepublikanischen Elemente gebildet hatte, hatten die Machthaber ebenfalls den päpstl. Erlassen zu verdanken.
In den Monaten Februar, März und April wurden die Bewohner von Paris [* 2] durch häufige Dynamitattentate der Anarchisten beunruhigt. Nur einen der Verbrecher, Ravachol, gelang es zunächst zu ergreifen. Er wurde 11. Juli hingerichtet. In ihren Grundfesten wurde die Republik jedoch erschüttert durch eine Katastrophe, die am Schluß des Jahres über sie hereinbrach. Nach 18monatiger Voruntersuchung beschloß der Ministerrat 15. Nov. das Kriminalverfahren gegen die Leiter des Panamakanalunternehmens eröffnen zu lassen, und wenige Tage darauf (21. Nov.) beschuldigte der Boulangist Delahaye in der Kammer 150 Deputierte, darunter frühere Minister und hohe Beamte, daß sie ihr Votum zu Gunsten der Pamamaanleihe für hohe Summen hätten erkaufen lassen, und beantragte die Einsetzung einer parlamentarischen Untersuchungskommission. Seinem Antrag wurde stattgegeben und Brisson zum Vorsitzenden der aus 33 Mitgliedern bestehenden Kommission ernannt. Die allgemeine Beunruhigung wurde noch erhöht durch den Tod des Bankiers Reinach (20. Nov.), der die Finanzoperationen der Panamagesellschaft zum größten Teil geleitet hatte. Man behauptete, daß er sich vergiftet habe, um sich der Verantwortung zu entziehen, oder gar daß er noch lebe und seine Beerdigung nur ein Scheinmanöver gewesen sei. Am 28. Nov. wurde in der Kammer die Exhumierung der Leiche verlangt, und als das Haus trotz des Widerspruchs des Justizministers Ricard demgemäß beschloß, reichte das Ministerium seine Entlassung ein. Das neue Kabinett, das unter Ribot 6. Dez. zusammentrat, umfaßte alle Mitglieder des alten mit Ausnahme von Ricard, an dessen Stelle Bourgeois Justizminister wurde, und Roche, für den Sarrien den Handel übernahm. Jedoch nur wenige Tage darauf (13. Dez.) mußte der Finanzminister Rouvier, der nicht leugnen konnte, daß er zu Wahlzwecken Gelder von der Panamagesellschaft angenommen hatte, dem Senator Tirard seinen Platz räumen. Neue Angriffe, die sich namentlich gegen Loubet, Freycinet und Burdeau richteten, zwangen auch das so rekonstruierte Ministerium, seine Entlassung einzureichen. In dem neuen «purifizierten» Kabinett, das Ribot am folgenden Tage bildete, fanden sie keine Stelle. Als 10. Jan. die Kammer wieder zusammentrat, wurde der langjährige Präsident Floquet, der ebenfalls seine Beteiligung an der Verteilung der Panamagelder an die Presse [* 3] hatte zugeben müssen, nicht wiedergewählt; an seine Stelle trat Casimir-Perier. Ebenfalls 10. Jan. begann vor dem Pariser Zuchtpolizeigericht der Prozeß gegen die Verwaltungsräte der Panamagesellschaft, die beiden Lesseps, Fontane, Cottu und Eiffel, die 9. Febr. wegen Betrugs und Vertrauensmißbrauchs zu hohen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, doch wurde das Urteil wegen Verjährung durch den Kassationshof im Juni aufgehoben. Weit sensationeller gestaltete sich ein zweiter Panamaprozeß, der 8. bis 21. März gegen die oben genannten Direktoren der Panamagesellschaft als Bestecher, und den frühern Minister Baïhaut, einige Senatoren und Deputierte als Bestochene vor dem Geschworenengericht in Paris geführt wurde. Die meisten der Angeklagten wurden allerdings freigesprochen, doch wurden Lesseps, Blondin und Baïhaut verurteilt, und zwar zu 1, 2 und 5 Jahren Gefängnis.
Durch dieses Urteil schien der Panamaskandal in einer für das herrschende parlamentarisch-republikanische System möglichst günstigen Weise beigelegt zu sein, und die Kammer, die, solange diese Angelegenheit im Vordergrunde gestanden, die Regierung energisch unterstützt hatte, entzog ihr plötzlich dieses Vertrauen. Der Senat hatte die von der Kammer beschlossene Verbindung der Reform der Getränkesteuer mit dem Budget abgelehnt, das Ministerium stellte sich auf die Seite des Senats und nahm, da es 30. März mit seinem Antrag, den Senatsbeschluß zu acceptieren, in der Minderheit blieb, seine Entlassung. An Stelle Ribots übernahm Dupuy 4. April das Präsidium, und ihm bewilligte die Kammer 28. April, was sie dem vorigen Ministerium versagt hatte, sodaß das Budget mit vier Monaten Verspätung endlich zu stande kam. ¶
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Ein Handelsvertrag mit Rußland, in dem Frankreich die Zölle auf Naphthaprodukte (Petroleum) auf die Hälfte des bisherigen Betrages herabsetzte und von Rußland wesentliche Zollermäßigungen für feinere Industrieerzeugnisse und Ackerbaugeräte erlangte, legte von neuem Zeugnis ab von den freundschaftlichen Beziehungen, die sich zwischen beiden Mächten entwickelt hatten. Grenzstreitigkeiten mit Siam spitzten sich im Juli zu einem Konflikt zu, als den Menam hinauffahrende franz. Kanonenboote von den Siamesen beschossen wurden. Frankreich forderte 20. Juli in einem Ultimatum Anerkennung des Mekong als Grenze und besetzte, als Siam mit der Annahme zögerte, Tschantabon. Erst 3. Okt. kam ein Vertrag zu stande, worin Siam auf das linke Mekongufer verzichtete.
Inzwischen fanden 20. Aug. die Neuwahlen zur Deputiertenkammer statt und ergaben mit den Stichwahlen 3. Sept. wieder eine Verstärkung [* 5] der Republikaner, aber auch der Socialisten, während die Hoffnungen der Ralliierten sich nicht erfüllten. Es wurden gewählt 409 Republikaner und Radikale, 79 socialistische Radikale und Socialisten, 29 Ralliierte und 64 Konservative. Kurz vorher (16. und 17. Aug.) war es zwischen franz. und ital. Arbeitern in Aiguesmortes zu blutigen Zusammenstößen gekommen, wobei eine Anzahl Italiener getötet und verwundet worden waren, ein Ereignis, das nicht dazu beitrug, das ohnehin gespannte Verhältnis zu Italien [* 6] zu verbessern. Dagegen feierte die Republik einen großen Triumph, als Rußland endlich den Kronstadter Flottenbesuch erwiderte. Am 13. Okt. traf ein auf der Heimreise von Amerika [* 7] begriffenes russ. Geschwader unter Admiral Avellan im Hafen von Toulon [* 8] ein, wo es bis 29. Okt. verweilte. Auf das überschwenglichste wurden die russ. Offiziere und Seeleute gefeiert, namentlich auch in Paris, wohin sich ein Teil zum Besuch begab; ein Taumel der Begeisterung ergriff die franz. Bevölkerung [* 9] und erreichte seinen Gipfel, als Kaiser Alexander in einem Telegramm an Carnot von den «Banden, welche unsere beiden Länder vereinigen», sprach, in welchen Worten man die Existenz eines franko-russ. Bündnisses bestätigt zu finden glaubte.
Dieser Erfolg hinderte aber nicht, daß das Ministerium Dupuy bald darauf bei dem Versuch, sich einheitlicher zu gestalten und seine radikalen Mitglieder abzustoßen, zu Falle kam (25. Nov.). Erst nach langem Bemühen kam 3. Dez. ein neues Kabinett mit Ausschluß der Radikalen unter dem bisherigen Kammerpräsidenten Casimir-Perier zu stande, der zugleich das Auswärtige übernahm. Kammerpräsident an seiner Stelle wurde Dupuy, der gleich darauf Gelegenheit hatte, sich in dieser Stellung durch seine Kaltblütigkeit auszuzeichnen. In der Sitzung der Deputiertenkammer, 9. Dez., wurde von der Galerie eine Dynamitbombe in den Saal geschleudert, die über 20 Abgeordnete verletzte. Der Thäter, der Anarchist Vaillant, wurde alsbald ergriffen. Dies Attentat rief eine große Erbitterung gegen die Anarchisten hervor, und bereits 11. Dez. wurde eine Preßgesetznovelle in der Kammer angenommen, die die Verherrlichung von Verbrechen und auch die indirekte Aufreizung dazu unter Strafe stellte, und 15. Dez. drei weitere Gesetzentwürfe über den Verkehr mit Sprengstoffen, über Vereinigungen mit verbrecherischen Zwecken und wegen Bewilligung eines Kredits zur Verstärkung der Polizei. Trotzdem fanden nach der Hinrichtung Vaillants während der nächsten Monate noch mehrere anarchistische Bombenanschläge in Paris statt. Aber Casimir-Perier fuhr fort, nachdem durch die Konversion der 4½ prozentigen Rente in 3½ prozentige auch das Gleichgewicht [* 10] im Budget hergestellt worden war, die Regierung mit fester Hand [* 11] zu führen, und unterstützt von der Rechten, einen mehr konservativen Zug in die Politik zu bringen.
Dies sollte sich auch in dem Verhältnis zur Kirche geltend machen. Der Kultusminister Spuller erklärte 3. März in der Kammer, daß die Regierung in religiösen Fragen das Princip der Toleranz vertrete und dem «neuen Geist» der Versöhnung Rechnung tragen wolle. Aber die dadurch nur gesteigerten Machtgelüste der Kirche machten diese Versöhnlichkeit bald zu Schanden. Verordnungen betreffend die Rechnunglegung über die Kirchengüter fanden bei vielen Bischöfen und Geistlichen heftigen Widerstand, der durch ein, vom Papst allerdings später desavouiertes Rundschreiben des päpstlichen Nuntius Ferrata noch bestärkt wurde.
Die Regierung konnte nicht umhin, zur Wahrung der staatlichen Autorität gegen mehrere renitente Bischöfe, namentlich den Erzbischof von Lyon, [* 12] mit Maßregelungen einzuschreiten. Nun hatte sie auch die Rechte gegen sich, ohne darum doch die Radikalen für sich gewonnen zu haben, und so kam sie bei der nächsten Gelegenheit zu Falle. Als die Kammer 22. Mai das Verbot, daß Angestellte der Staatsbahnen [* 13] an Arbeiterkongressen teil nähmen, mißbilligte, nahm das Ministerium seine Entlassung.
Dupuy bildete nun wieder ein Kabinett (30. Mai). Eine hervorragende Stellung nahm darin der Minister des Auswärtigen, Hanoteaux, ein, der sogleich mit Energie gegen das zwischen England und dem Kongostaat [* 14] 20. Mai geschlossene Abkommen vorging, durch das man F.s Vorzugsrechte im Kongobecken mißachtet und auch die Rechte der Pforte im äquatorialen Sudan geschmälert glaubte. Dieser Aktion ging parallel eine ähnliche Deutschlands, [* 15] mit welchem Staat Frankreich schon unter dem vorigen Ministerium 18. März ein sehr günstiges Abkommen über die Abgrenzung der beiderseitigen Machtsphären in Westafrika getroffen hatte, wodurch Frankreich der Zugang zum Tsadsee gesichert war. Inzwischen wurde die Aufmerksamkeit von diesen Dingen abgelenkt durch die Ermordung des Präsidenten Carnot. Als dieser bei einem Besuch in Lyon 24. Juni abends nach dem Theater [* 16] fuhr, wurde er von dem ital. Anarchisten Caserio, der sich auf das Trittbrett des Wagens schwang, durch einen Dolchstoß schwer verwundet und starb wenige Stunden danach. In der durch diese That hervorgerufenen Erregung machte namentlich die Teilnahme des Deutschen Kaisers und die damit verbundene Begnadigung zweier in Deutschland [* 17] wegen Spionage verurteilten franz. Marineoffiziere einen tiefen Eindruck.
19) Unter der Präsidentschaft Casimir-Periers und Faures (seit 1894). In dem am 27. Juni Versailles [* 18] zusammengetretenen Kongreß wurde gleich im ersten Wahlgang Casimir-Perier, der nach dem Sturz seines Ministeriums wieder Kammerpräsident geworden war, mit 451 von 851 Stimmen zum Präsidenten der Republik gewählt. In ihm sah man in der Furcht vor der anarchistischen und socialistischen Gefahr den Retter des republikanischen Staatswesens. Die meisten Stimmen nach Casimir-Perier hatte der Radikale Brisson (191), der dann in der Deputiertenkammer zum Präsidenten ¶