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1919 bis 1921, nachdem sich der Rauch des Ersten Weltkriegs verzogen hatte, erfasste das Volksbildungsfieber Europa. Insbesondere im deutschsprachigen, im englischen und im skandinavischen Raum schossen Volkshochschulen aus dem Boden, geschätzte 600. Es dehnte sich rasch von den Städten in die Landschaft aus. Jede Kommune, die etwas auf sich hielt, gründete ihre kleine Volkshochschule.
Man muss sich die Bildungslandschaft im damaligen Europa vorstellen: Grundschule, Sekundarschule, Höhere Lehranstalten und Universitäten, seit Ende des 19. Jahrhunderts auch von Vereinen oder der Kirche getragene Arbeiter- und Frauenbildungsangebote. Weiterbildung war ein ganz neuer Gedanke.
Es gab kein Fernsehen, das Radio wurde erst richtig populär. Der Film steckte noch in den stummen Kinderschuhen. Doch der rasante Wandel – einerseits die Entwicklung der Industrie, das Wachstum der Arbeiterklasse, die Moderne des ständigen technischen Fortschritts, andererseits der Zerfall der Monarchien und der Aufstieg der Demokratien, alles beschleunigt durch den Ersten Weltkrieg – liess keinen Stein auf dem anderen.
Die sozialen Verwerfungen liessen sich nur mit Bildung überwinden. Denn Bildung ermöglichte es dem Gebildeten, zu verstehen, die eigenen Optionen souveräner zu erkennen und entsprechend zu handeln. Gemeint war damit in erster Linie kulturelle und wissenschaftliche Allgemeinbildung. Jede und jeder sollte zur bürgerlichen Kultur, die das Herz der neuen Gesellschaftsformation ausmachte, Zugang finden.
Und heute? Heute haben wir das Internet, eine unglaubliche, allen verfügbare Wissensbasis, zugänglich über das Handy, das zum Sackmesser für jede Lebenslage geworden ist. Die Moderne hat das zu Beginn des 20. Jahrhunderts lancierte Projekt der Selbstverwirklichung vollendet. Doch sie macht aus Selbstverwirklichung eine Sache der beruflichen Fähigkeiten, der Distinktion, der Karriere, des globalen Wettbewerbs. Sie reduziert Bildung auf zweckdienliches Anwendungswissen, und ignoriert den zweiten grossen Gründungsimpuls von 1920: Dass Erwachsenenbildung immer Bildung zur Mündigkeit ist. Mündigkeit meint mehr als Können. Mündigkeit meint, dass wir in der Lage sind, die Welt um uns zu erkennen, zu verstehen und angemessen zu handeln. Mündigkeit meint: In der Lage zu sein, die Demokratie zu leben, argumentieren zu können, anderes gelten zu lassen. Mündigkeit meint: Freiheit und ihre Grenzen zu erkennen und zu leben. So kann man das Projekt Volkshochschule von 1920 auch als bürgerliches Befreiungsprojekt für das von der alten Aristokratie und den neuen Fliessbändern geknechtete Volk lesen.
Dieses Freiheitsprojekt hat es 2020 nicht leicht. Die Zeit ist von Wettbewerb, globalen Rankings, der unermüdlichen Jagd nach Einzigartigkeit und der aggressiven Like-dislike-Unkultur der Social Media bestimmt. Das alles spiegelt sich in der Geschichte der Volkshochschule Zürich. Umso wichtiger ist jenes Freiheitsprojekt. Umso wichtiger sind die Volkshochschulen, die sich der Verwertungslogik des Bildungssystems entziehen – und gerade deswegen aus dem Blick der Politik geraten sind, der es nur um Wohlstand geht. Aus dieser Position hat der Verband der Schweizerischen Volkshochschulen zu seinem 75-Jahr-Jubiläum ein Bildungsmanifest verfasst: «Bildung zur Vernunft». Darin heisst es: «Wir fordern … eine Bildungspolitik, die die wissenschaftliche und kulturelle Allgemeinbildung als Kern jeder Bildung anerkennt und fördert.»
Dieser Forderung schliessen wir uns an. Sie bedeutet kein Zurück zu den Anfängen. Die Gesellschaft heute ist nicht die Gesellschaft von 1920. Wissen ist 2020 fast geschenkt; die digitalen Instrumente sind unverzichtbar. Doch Verstehen fällt deshalb nicht leichter, sogar schwerer, weil es eine grössere Anstrengung erfordert. Deshalb behält das gemeinsame partizipative Lernen, wie die Volkshochschulen es anbieten, seine Wichtigkeit. Wir nennen es die humanistische Allgemeinbildung, weil sie den ganzen Menschen erfasst: Kopf, Herz, Hand.
Pius Knüsel
(Vorwort zur Festschrift «Ein lernbegierig Volk»)