Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03168.jsonl.gz/1899

Frage: Ich habe in der Sauna ein Gespräch aufgeschnappt. Dort liess sich ein Börsen-Heini über verschiedene Aktien aus. «Zürich» sei besonders günstig, sagte er. Und ABB sei «sauteuer» geworden. Als ich dann zu Hause in der Zeitung nachschaute, kam ich überhaupt nicht mehr draus. Für ABB habe ich einen Kurs von 27 Franken, für «Zürich» einen solchen von 390 Franken gelesen. Habe ich falsch nachgeschaut? P. P., Ebikon LU
Antwort: Nein, Sie haben die Kurse richtig gelesen. Sie haben nur missverstanden, was unter einer teuren und einer günstigen Aktie zu verstehen ist. Der absolute Frankenwert sagt nichts aus, ob eine Aktie teuer oder günstig ist. Wenn Sie für einen Café Creme fünf Franken zahlen, so ist das teuer. Wenn Sie für eine Pizza im Restaurant zehn Franken bezahlen, so ist das günstig.
Eine Aktie ist dann teuer, wenn der Kurs im Verhältnis zum geschätzten Gewinn als hoch eingestuft wird. So orientieren sich Börsianer am Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV), eine der wichtigsten Kennziffern im Börsengeschäft. Das KGV setzt den geschätzten Gewinn pro Aktie ins Verhältnis zum heutigen Kurs. Wenn der Kurs steigt, steigt auch das KGV. Wichtig: Massgebend ist der geschätzte, nicht der realisierte Gewinn. Den Anleger interessiert die Zukunft, nicht die Gegenwart.
Dass nun der geschätzte Gewinn das Mass aller Dinge ist, macht das Ganze nicht einfach. Eine Schätzung ist eben nur eine Schätzung. So kommt es vor, dass nach Bekanntgabe eines Rekordgewinns die Aktie in den Keller saust. Dies sorgt etwa für Verwirrung. Dieser angebliche Widerspruch kommt daher, dass die Analysten einen noch höheren Rekordgewinn erwartet hatten. Der geschätzte Gewinn war also höher als der effektiv publizierte Rekordgewinn.
ABB, um Ihr Beispiel zu nennen, hat ein KGV von 22,2; bei der Zürich hingegen beträgt das KGV weniger als 10. Deshalb wird Zürich als günstig eingestuft, obschon der Aktienkurs 14 mal höher ist als jener von ABB.
Doch aufgepasst: Eine Technologiefirma mit einem enormen Wachstumspotenzial verträgt ein höheres KGV als eine Versicherungsgesellschaft, welche in einem gesättigten Markt operiert. Deshalb sind die Anleger bereit, für die Kudelski-Aktie einen Preis zu zahlen, der ein KGV von 23 ergibt.
Erschienen im BLICK am 23. Juni 2007