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Prinz ohne Land
Der Madrilene Calderon de la Barca schrieb in der Zeit seines langen Lebens unter anderem rund 200 dramatische Werke und gilt als der grösste spanische Autor des 17. Jahrhunderts. Mit seinem Tode 1681 starb, so heisst es, das „Siglo de Oro“, das Goldene Zeitalter Spaniens.
Calderons Ideal von hoher menschlicher Ethik, getragen von der Verpflichtung zu moralischer und philosophischer Integrität wirkte in der Literatur vor allem im 18. und 19. Jahrhundert nach, so bei Goethe oder Eichendorff. Heute kennen wir vor allem das auch ins Deutsche übersetzte Hauptwerk „Das grosse Welttheater“. Das Drama „Der standhafte Prinz“, im 18. und 19. Jahrhundert ausserordentliuch hoch geschätzt, verschwand im 20. Jahrhundert mehr und mehr von den deutschen Bühnen.
Ein Märtyrerstück
Sein Inhalt, kurz skizziert, ist der Kampf um die erste christliche Kolonialisierung eines andersgläubigen afrikanischen Staates durch Europa, in diesem Falle Portugal, anfangs des 15. Jahrhunderts. Bei den – erfolglosen – Kämpfen der Marokkaner um die Rückeroberung der marokkanischen Küstenstadt Ceuta wird der portugiesische Kronprinz Don Fernando vom Maurenkönig gefangen genommen und den Portugiesen als Geisel gegen die Rückgabe der Stadt Ceuta angeboten. Der Prinz aber will den „Rückfall“ einer bereits als christlich deklarierten Stadt an die Moslems unter allen Umständen verhindern. Er widersteht allen Peinigungen und „rettet“ durch seinen qualvollen Tod die Stadt Ceuta für die Portugiesen. Bis heute sind sie und die Stadt Melilla (seit 1580 spanische) Enklaven auf afrikanischem Boden und werden, vor allem im Zeichen der derzeitigen Flüchtlingsbewegungen, immer noch schwerst militärisch bewacht und immer wieder bestürmt, Bollwerke am Rande Europas auf fremdem Territorium.
Ein Stück um religiöse Territorien und Überzeugungen. Ein Märtyrerstück also.
Neuübersetzung und Fremdbesetzung
In Polen, wie uns der polnische Regisseur Michael Borczuch im Programmheft zur Basler Aufführung versichert, sei das Drama immer noch sehr populär, was vor allem der Übersetzung bzw. Adaption des romantischen polnischen Nationaldichters Juliusz Slowacki (1809–1849) zu verdanken sei. Auch das Theater Basel hat sich eine Neuübersetzung ins Deutsche geleistet. Die deutsche Philologin Susanna Lange, welche vor rund 10 Jahren auch Cervantes’ „Don Quijote“ neu übersetzt hatte, nahm sich des wortreichen Textes an. Zum Glück – falls man Gelegenheit hat, den Stücktext nachzulesen.
Denn auf der karg eingerichteten Basler Bühne wird – als besonderes „amuse-gueule“ – von extra eingeflogenen polnischen Schauspielern auch Polnisch gesprochen, dies offenbar als Hommage an die Popularität des Werkes im Heimatland des Regisseurs. Da frägt man sich: Weshalb wurde hier ein Stoff gewählt, der über alle Grenzen hinweg durchaus und überzeugend für sich selber spricht, wenn man solch plumpe und geographisch eingeengte Hinweise auf die Aktualität des Stoffes nötig hat? Und wie kommt ein deutschsprachiges Publikum dazu, fast die Hälfte des ohnehin nur rudimentär gesprochenen respektive gespielten Textes nicht verstehen zu können?
Schweizer Flüchtlinge?
Exakt während der Premiere gingen in Katalonien Tausende von Menschen auf die Strasse, um für Selbstbestimmung bzw. Loslösung einzustehen. Ob Regionalismus, ob Religion: Die Auseinandersetzung damit, gerade auch im Theater, wurde und wird mit Herzblut und harten Bandagen geschrieben. Da wirkt eine unterkühlte, intellektuell verdrehte Inszenierung trotz aller Mätzchen wie amateurhaften Videos oder gar Spässchen wie Fondue-Essen der Schweizer Flüchtlinge auf afrikanischem Boden wie eine Groteske.
Schweizer Flüchtlinge? Ach ja: Zum guten Schluss anzumerken wäre der an sich einleuchtende Ausgangspunkt der Inszenierung, dass für einmal Schweizer nach Afrika flüchten. Dieser – von einem hervorragenden Sound (Bartosz Dziadosz) unterstützte – Ansatz wird jedoch verzettelt und verläuft sich, im fast wirklichen Sinne des Wortes, im Sande. Schade.