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Wenn ich diesen Text fertiggetippt und auf „Veröffentlichen“ geklickt habe, rieseln die Buchstaben durch das Kabel meines Laptops in das zweite Untergeschoss des Hotels. Sobald auch die Bilder dort angekommen sind, wird Jim aktiv.
Wobei: Jim heisst eigentlich nicht Jim, sondern Chukwuebuka. Schon bei seiner nicht ganz legalen Einreise ahnte er aber, dass ihm dieser Name bei den mannigfaltigen Bisnesses, die er auf Gran Canaria anreissen wollte, hinderlich sein könnte. Er trennte sich mit derselben Leichtigkeit von ihm, mit der er in Nigeria vier Ehefrauen samt 15 Kindern sitzengelassen hatte.
Als Jim verkaufte er am Strand zunächst original echte Gucci-Sonnenbrillen und Rolex-Uhren. Eines Tages erzählte ihm sein Freund Carl, mit dem er sich in den Favelas von Maspalomas einen abgewrackten Baucontainer teilt, dass das Hotel, in dem ich gerade meine Ferien verbringe, Gratis-WLAN (oder „Free Wifi“, wie der Spanier sagt) eingeführt habe und nun händeringend nach Leuten suche, welche gewährleisten, dass das mit dem Internet auch wirklich klappt. Aus Kostengründen verzichte man auf eine elektronische Lösung und setze, zumindest für eine auf vier Jahre angelegte Testphase, auf Manpower.
Jim, der Ende Monat jeweils astronomische Summen an Unterhaltszahlungen in die Heimat überweisen muss, erkannte sofort, dass dies für ihn die Chance war, schwarz etwas dazuzuverdienen. Er machte früher als gewöhnlich Feierabend und schickte den Hotelverantwortlichen noch am selben Tag ein Bewerbungsschreiben samt leicht frisiertem Lebenslauf, selbstverfassten Referenzen und einer kanaldeckelgrossen Uhr aus Carls Lager. Zwei Tage später hatte er den Job.
Mit einem Besen wischt er in seinem Kabäuschen all die Sätze und Fotos zusammen, die aus den Zimmern und vom Poolbereich her bei ihm landen. Er besprüht die Häufchen mit lauwarmem Wasser und knetet sie zusammen. Im Halbdunkel des fensterlosen Raums macht er sich anschliessend auf die Suche nach passenden Kartons.
Sobald er die Schachteln gefunden hat, legt er die Kugeln süüferli hinein, füllt die leeren Stellen drumherum mit den bräunlich-gelben Filterresten seiner Selbstgedrehten auf, klappt die Deckel zu, verklebt jede Box mit drei Metern Scotchband – und fertig sind die Datenpakete.
Eine Schachtel nach der andern trägt er über die Treppe nach oben, ins Parterre. Beim Hinterausgang steht ein rotes Wägeli. Jim belädt es mit den Schachteln und hängt es an die Kupplung des Velos, das ihm gegen eine Gebühr von 15 Euro pro Tag als Dienstfahrzeug zur Verfügung gestellt wird. Dann radelt er in die schwüle Nacht hinein los.
Nach gut vier Stunden erreicht er den Hafen von Las Palmas. Ausser Atem und glänzend vor Schweiss übergibt er die Pakete dem Matrosen eines in Panama registrierten Seelenverkäufers. Während der Frachter in Richtung Rotterdam und Basel lostuckert, um irgendwann auch in die Emme abzubiegen, auf der er in Richtung Burgdorf schippert, von wo aus dieser Beitrag möglicherweise noch vor Ende Jahr an die werten Leserinnen und Leser weiterverteilt wird, fräst Jim zurück ins Hotel, wo die Gäste an ihren Handys, Tablets und Macbooks, wie er weiss, immer noch oder schon wieder wie wild am Schreiben und Lesen sind.
Mit dieser Vermutung liegt er nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Surfen wollen zwar alle. Mit dem Zugang ist es für meine Mitbewohnerinnen und -bewohner hingegen chly eine Sache. Die Userkennung lautet „Zimmernummer@HPT“, als Passwort genügt der kleingeschriebene Nachname.
Das ist für manche zuviel des Komplizierten, weshalb sich die Mitarbeitenden an der Rezeption vom frühen Morgen bis am späten Abend mit einem nicht endenwollenden Strom von Menschen konfrontiert sehen, die alle dasselbe murmeln: „Ich hätte da nur eine kurze Frage, und zwar: Wie geht das mit dem Internet?“
„Für euch eigentlich ganz einfach“, seufzt Jim tief unten im Keller. „Aber wenn ihr wüsstet, was…“
Er kommt nicht dazu, den Satz zu beenden. In der Röhre rieselts schon wieder.