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“Ginger & Rosa” beginnt mit den Bildern eines Atompilzes und dem zerstörten Hiroshima. Statt des Spielfilms die Kernwaffendoku eingelegt? Nein, denn im selben Jahr wie die Atombombenabwürfe über Japan – 1945 – werden im selben Londoner Kreißsaal Ginger und Rosa geboren. 17 Jahre später, als die Handlung des Films tatsächlich beginnt, sind die beiden beste Freundinnen: Sie rauchen die erste Zigarette zusammen, üben zu küssen, bügeln sich gegenseitig die Haare und liegen mit Jeans in der Badewanne, um sie hauteng anliegen zu lassen.
Das nicht so Offensichtliche im Bild
Es liegt etwas in der Luft im London von 1962: Die Beatles werden von einer großen Plattenfirma abgelehnt, weil sie zu unmodern seien, die Rolling Stones haben sich auch gerade erst gegründet. Große Veränderungen sind greifbar, alles scheint im Aufbruch. Die Angst vor einem atomaren Weltkrieg liegt bleiern in der Luft. Ginger und Rosa, gerade im Prozess des Erwachsenwerdens und immer stärker sensibel werdend für äußere Ereignisse empfinden diese globale Unsicherheit als ganz persönliche Bedrohung. “Wir müssen etwas dagegen tun”, sind sich die beiden einig. “Protestieren”, sagt Ginger, “Beten” meint Rosa. Das sind die ersten Risse in einer bis dahin unzertrennlichen Freundschaft.
Sally Potter, die Regisseurin, zeichnet das Bild der Sechziger Jahre hauptsächlich über die gedeckten Farben und Kleidungsstücke der Protagonisten und über die Musik. Mit dem aus Jazzstücken der 60er Jahre bestehenden Soundtrack wird die Zeit und die Grundstimmung des Films eingefangen. Die Songauswahl liest sich dabei wie ein Lehrstück zum Thema Jazzgrößen: Miles Davis, Duke Ellington, Thelonious Monk und viele andere bekannte Jazzmusiker dieser Zeit.
Das falsche Vorbild
Die Zeit des Umbruchs wird auch in den Familienstrukturen deutlich. Gingers Vater, Roland, lebt den neuen Zeitgeist. Er ist Aktivist, Autor, Freidenker und wird deshalb von seiner Tochter angebetet. Er ist allerdings auch ein Schürzenjäger, der selbst vor der besten Freundin seiner Tochter nicht halt macht. Seine Ehefrau, Gingers Mutter, ist noch gefangen in alten Rollenstrukturen. Entgegen ihrem Willen ist sie das “Heimchen am Herd” und dafür haben sowohl Roland als auch ihre Tochter nur Verachtung übrig.
Ginger ist blind gegenüber den Fehlern ihres Vaters – noch. Am Ende kommt dann der ultimative Betrug, der erst Gingers Welt endgültig aus ihren Fugen geraten lässt, dann aber Mutter und Tochter das erste Mal im Film einander näher bringt.
Was bleibt ist das Ende
Das persönliche Drama des Heranwachsens zweier Mädchen entfaltet sich vor dem Hintergrund von kaltem Krieg, Wettrüsten und atomarer Bedrohung. Rosas fatalistische Sicht auf die Welt – etwas ziemlich normales in ihrem Alter – wird verstärkt durch die real existierenden Bedrohungen, die durch die politischen Umbrüche dieser Zeit entstehen.
Das Auseinanderdriften einer engen Freundschaft ist ein schmerzhafter Prozess, den jeder in seiner Jugend durchlebt hat. Oft, so wie auch in “Ginger & Rosa”, ist er aber notwendig um die eigenen Ideale und Bedürfnisse durchsetzen zu können.
Sehenswert ist der Film insbesondere wegen der herausragenden schauspielerischen Leistung von Elle Fanning, die Ginger spielt. Sie zeigt das Gefühlschaos des Erwachsenwerdens mit einer Verletzlichkeit und Ernsthaftigkeit, die den Film davor rettet, zu einem typischen Teenager-Drama zu verkommen.
Vorpremiere mit der Regisseurin
Am 10. April findet die Vorpremiere von “Ginger & Rosa” im kult.kino Atelier in Basel unter Anwesenheit der Regisseurin Sally Potter und dem Produzenten Christopher Sheppard statt.