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Bild: Die Erde wird auch als blauer Planet bezeichnet. Doch wie geht die Menschheit damit um? Foto: Pixabay
„Ein verantwortlicher Umgang mit der Ressource Wasser sollte eine Verpflichtung für jede Nation, jedes Unternehmen, jede Institution und jeden Menschen sein.“
Anfang der Neunzigerjahre begann ich, das Thema Wasser in der Presse zu verfolgen. Das Spannende ist: Dieselben Artikel von damals könnten noch heute veröffentlicht werden. Niemand würde es bemerken. Die Artikel sind dreißig Jahre alt. Doch sie sind immer noch aktuell, und nur wenige wollen es wahrhaben – wir müssen uns ändern, wenn sich etwas verändern soll.
Wasser unterliegt keinem Trend. Es ist unser Lebensmittel Nummer eins. Das wird so bleiben, solange es Lebewesen gibt. Erst wenn sich seine Qualität verschlechtert oder die Menge abnimmt, erhält es entsprechende Aufmerksamkeit. Eine vorausschauende Politik muss sich jedoch zukünftig ernsthaft mit diesem Thema beschäftigen. Voraussetzungen und Vorsätze sind bereits vorhanden.
Sogar eine eigene europäische Wasser-Verfassung gibt es. So lauten die Grundsätze der Europäischen Wasser-Charta des Europarates vom 6. Mai 1968:
- Ohne Wasser gibt es kein Leben, Wasser ist ein kostbares, für den Menschen unentbehrliches Gut.
- Die Vorräte an gutem Wasser sind nicht unerschöpflich. Deshalb wird es immer dringender, sie zu erhalten, sparsam damit umzugehen und, wo immer möglich, zu vermehren.
- Wasser verschmutzen heißt, den Menschen und allen anderen Lebewesen Schaden zufügen.
- Die Qualität des Wassers muss den Anforderungen der Volksgesundheit entsprechen und die vorgesehene Nutzung gewährleisten.
- Verwendetes Wasser ist den Gewässern in einem Zustand wieder zurückzuführen, der ihre weitere Nutzung für den öffentlichen wie für den privaten Gebrauch nicht beeinträchtigt.
- Für die Erhaltung der Wasservorkommen spielt die Pflanzendecke, insbesondere der Wald, eine wesentliche Rolle.
- Die Wasservorkommen müssen in ihrem Bestand erfasst werden.
- Die notwendige Ordnung der Wasserwirtschaft bedarf der Lenkung durch zuständige Stellen.
- Der Schutz des Wassers erfordert verstärkte wissenschaftliche Forschung, Ausbildung von Fachleuten und Aufklärung der Öffentlichkeit.
- Jeder Mensch hat die Pflicht, zum Wohl der Allgemeinheit Wasser sparsam und mit Sorgfalt zu verwenden.
- Wasserwirtschaftliche Planung sollte sich weniger nach den verwaltungstechnischen und politischen Grenzen als nach den natürlichen Wassereinzugsgebieten ausrichten.
- Das Wasser kennt keine Staatsgrenzen, es verlangt eine internationale Zusammenarbeit.
Gute Vorsätze, doch welche Nation in Europa setzt diese Charta um? Welcher Bürger kennt diese und lebt danach? Wasser hat einen schweren Stand in einer Politik, die sehr oft wirtschaftlichem Druck nachgibt und die Nachhaltigkeit oft nur als Floskel verwendet. Dabei hätten Institutionen bei der Sensibilisierung im Umgang mit Wasser einen wichtigen Auftrag. Wie ein roter Faden sollte sich das Trinken vom Kindergarten über Schule und Berufsausbildung bis zur Universität und den Arbeitsalltag hindurchziehen.
Da es sehr schwierig ist, Erwachsene umzuerziehen, sollten Kinder bereits von Anfang an rund um das Thema Wasser gebildet werden. Dabei gilt der alte Spruch: „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Bei Erwachsenen funktioniert es dann fast nur noch über das Herdenverhalten.
Daher sollten wir schon bei den Jüngsten Verständnis dafür schaffen. Was soll ich einer jungen Mutter über die Wichtigkeit einer ausreichenden Wasserversorgung erzählen, die in einer Hand eine Dose Energy-Drink und in der anderen eine Zigarette oder ihr Smartphone hält und dazu einen Kinderwagen vor sich herschiebt? Am Thema Wasser ist sie schlichtweg nicht interessiert. Und diese Haltung gibt sie später an ihr Kind weiter.
Aus diesem Grund ist es wichtig, dass die staatlichen Institutionen ihren Bildungsauftrag ernst nehmen und so schon die Kinder für eine gesunde Lebensweise sensibilisieren.
Das Thema Wasser sollte bereits in der frühen Kindheit eine bedeutende Rolle spielen. Ich sehe das deutlich bei meinen Enkelkindern, in der Kita und im Kindergarten. Wir Erwachsenen müssen schon den Jüngsten das Trinken vorleben. Schließlich funktioniert bei ihnen vor allem das Prinzip von Vorbild und Nachahmung.
Trinken wir Erwachsenen nicht, kommen auch unsere Kinder nicht auf die Idee. So sehe ich Erzieher:innen häufig bei der Zigarettenpause, doch leider nicht bei einer Trinkpause. Dabei kann ich mir gerade in einem Kindergarten einen Wasserhahn als besonders schönen Treffpunkt vorstellen. Dort könnten die Erzieher:innen das Trinken spielerisch vermitteln. Erhält ein Körper gutes Wasser, reagiert er positiv darauf. Diese Botschaft müssten die Erzieher:innen emotional vermitteln. Denn rein rationale Ansätze können Kindern in diesen jungen Jahren noch eher selten vermittelt werden.
Dasselbe gilt für die Schule. Zu meiner Schulzeit war es noch verboten, während des Unterrichts zu trinken. Ich kann mich noch gut an einen Eintrag ins Klassenbuch erinnern. Den habe ich erhalten, weil ich in der Biologiestunde unter der Bank heimlich ein Capri-Sonne getrunken habe. Beim Hausmeister der Schule kaufte man sich damals in der großen Pause Capri-Sonne oder einen Kakao. Niemand wäre auf die Idee gekommen, Wasser zu kaufen. Hatte man Durst, trank man es am Waschbecken. Heute nehmen Kinder nun oft Wasserflaschen in die Schule mit.
Die Bedeutung von Wasser findet ihren Weg in die Kindergärten und Schulen leider nur sehr langsam. Mein jüngster Patensohn wählte am Gymnasium Sport als Hauptfach. Da ist dann auch Ernährung ein wichtiges Thema. Doch vor Kurzem bat er mich: „Komm doch mal in meine Schule. Die wissen da gar nichts von Wasser.“
Auch in den Fachhochschulen und Universitäten ist es nicht weniger wichtig, frisches Wasser zu trinken. Als meine Tochter ihr Psychologiestudium begann, bat ich sie, ihre Wasserflasche, um das regelmäßige Trinken nicht zu vergessen, immer direkt vor sich stellen. Ihr war das zunächst peinlich. Meine Antwort darauf lautete: „Das mag sein. Doch so bleibst du gesund und konzentriert.“ Die Luft in Hörsälen ist oft unfassbar schlecht. Die Studierenden profitieren deshalb sehr davon, etwas quellfrisches, sauerstoffreiches Wasser zu trinken. So bleiben sie wach, während die Informationen auf sie einprasseln. Dieses Bewusstsein würde vielen von ihnen helfen, ihre Prüfungen ohne Leistungseinbrüche erfolgreich zu meistern.
Auch in der Arbeitswelt ist das Trinken oft kein Thema. Viele haben jedoch verlernt, ihren Durst wahrzunehmen. Ein Grund dafür ist unsere Leistungsgesellschaft. Ich kann mir bei meiner Tätigkeit meinen Tisch nach Bedarf einrichten. Ich platziere dort gut sichtbar einen Apfel und mein Wasser. Doch wie sieht es bei der industriellen Fertigung aus? Ich kann mich gut an die ersten Schreibsäle erinnern. Über diese gibt es heute noch zahlreiche Dokumentaraufnahmen. Da saßen zwanzig bis dreißig Frauen hinter Schreibmaschinen und tippten Vorlagen ab. Platz für ein Glas Wasser gab es schon dort nicht. Man kann sich vorstellen, wie stressig diese Situation für die Gehirnzellen dieser Sekretärinnen war.
Auch die Kommunikation in Filmen oder der Werbung der vergangenen Jahrzehnte vermittelte einen Lebenswandel, der nicht gesundheitsbasiert war. Denken wir an die verführerische Bildsprache der Tabakwerbung von den Sechziger- bis zu den Achtzigerjahren, geprägt vom Camel- oder Marlboro-Mann. Beide sitzen gern mit hochgelegten Beinen am Feuer. Sie amüsieren sich mit anderen freiheitsliebenden Abenteurern. Dabei rauchen sie genüsslich eine Zigarette. Auch wurde suggeriert: „Hast du Stress, rauch erst einmal eine Zigarette“ (HB-Männchen). Eigentlich hätte es heißen müssen: „Hast du Stress, trink erst einmal ein Glas Wasser!“ Die Zigarettenwerbung war enorm heuchlerisch. Denn Rauchen verbraucht in unserem Körper zusätzlich Wasser. Es trocknet uns regelrecht aus. Wir nehmen heißen Rauch zu uns. Kondensat und Teer binden Flüssigkeit. Diese Bestandteile lagern sich zudem in der Lunge und in den Gefäßen ab. Entsprechend wurden wir über Generationen falsch geprägt und programmiert. Diese Prägung haben wir an unsere Kinder weitergegeben. Trinken ist für sie kein Thema mehr. Und wenn, findet es nur noch in Form von Genussmitteln (Säften, Fruchtnektare, Energiedrinks, Softdrinks etc.) statt.
Wir Menschen neigen zum Polarisieren. Wir bleiben selten neutral, sondern ergreifen lieber Partei für die eine oder andere Seite. Dieses Phänomen erleben wir gerade sehr deutlich in Sachen Corona und der entstandenen gesellschaftlichen Spaltung. Das dazu gehörende Vokabular ist entsprechend brutal. Wir „kämpfen“ mit einem Virus, das wir „besiegen“ wollen. Wir stehen mit dem Virus regelrecht auf „Kriegsfuß“.
Eine steigende Zahl von Menschen betrachtet diese Situation jedoch zunehmend ganzheitlich. Ihrer Meinung nach gehören Viren und Bakterien zum Leben, genau wie Luft und Wasser. In unserem Körper tummeln sich sogar mehr Bakterien als Zellen. Auch im besten Quellwasser gibt es Bakterien. Von einem ganzheitlichen Standpunkt betrachtet haben Bakterien und Viren entsprechende Aufgaben.
Um die Bevölkerung zu informieren, ist die Arbeit der Medien von entscheidender Bedeutung. Doch warum kommen viele Themen, die für den Menschen so viel wichtiger sind, so selten in die mediale Berichterstattung? Der Grund dafür ist, dass viele Themen erst durch einen Hype in den Medien in den Fokus der Aufmerksamkeit rücken. So war es auch mit der „Fridays for Future“-Bewegung und Greta Thunberg. Der Ursprung für diese Entwicklungen ist in der Selbstanalyse der Medien zu suchen.
Sie nehmen ihre Leser- und Klickzahlen genau unter die Lupe. Sind diese Zahlen zu niedrig, starten die Medien einen regelrechten Kampf um die Lesergunst. Das Resultat kann auch bei seriösen Medien in plakativen Überschriften mit Boulevardzeitungs-Charakter bestehen. Diese Tendenz entwickelt sich weiter, da die Medienhäuser selbst auch Wirtschaftsunternehmen sind. Ein Einbruch bei der Anzeigenschaltung hat dramatische Folgen. Um diese abzuschwächen, treiben die Medien die berühmte „Sau durchs Dorf“.
Corona ist aktuell der entsprechende Dauerbrenner. Das Virus betrifft uns alle und bedeutet eine konstante, potenzielle Gefahr. Doch im Vergleich zu anderen Bereichen ist die Corona-Berichterstattung überbordend. Schließlich gibt es nicht nur Corona. Wir haben auf der Welt zahllose andere, ursächliche und gravierende Probleme.
Wenn ich den Menschen etwas über Wasser erzählen möchte, ernte ich oft Unverständnis. In den letzten 30 Jahren bin ich häufig auf eine ablehnende, manchmal sogar aggressive Haltung gestoßen: „Was willst du mir erzählen? – Wasser ist Wasser!“ oder „dafür habe ich jetzt keine Zeit“. Doch die Zeiten ändern sich, aktuell befinden wir uns in der Schweiz gerade im Wahlkampf von zwei entscheidenden Volksabstimmungen zum Thema Wasser. Und die Wellen schlagen hoch. Von den Gegnern der Initiativen wird eine Zukunft geschildert, in der wir ohne den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft nicht mehr genügend zu essen haben. Von den Initiatoren wird ein Zukunftsszenario beschrieben, in dem wir keine von Pestiziden unbelasteten Wasserressourcen mehr vorfinden. Doch fangen wir bei etwas ganz Einfachem an.