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Der einflussreichste Makroökonom
Je mehr man sich mit der Geschichte des makroökonomischen Denkens auseinandersetzt, desto mehr fällt einem auf, dass die offizielle Geschichte weitgehend mythologisch ist. Von der Überhöhung von Keynes‘ Beitrag war in diesem Blog schon einmal die Rede (hier). Keynes war weder der erste noch der einzige, der in den 1930er-Jahren feststellte, dass die Geld- und Finanzpolitik kurzfristig grosse Wirkung hat. Trotzdem wird heute alles Denken, dass auf dieser Einsicht beruht, als «keynesianisch» bezeichnet.
Eine weitere Legende ist, dass der Monetarismus das totale Gegenprogramm zum Keynesianismus darstellte. Milton Friedman und Karl Brunner waren zwar im Gegensatz zu den Keynesianern gegen eine aktivistische Konjunkturpolitik, doch stellten sie die kurzfristige Wirkung der Konjunkturpolitik keineswegs in Frage. Sie waren vielmehr der festen Überzeugung, dass die Geldpolitik besser als die Finanzpolitik geeignet war, die Konjunkturwellen zu glätten. Die Geldpolitik kann an eine unabhängige Institution, die Zentralbank, delegiert werden, während die Finanzpolitik wegen des politischen Prozesses erst verzögert einsetzt und aufgrund von divergierenden Interessen verwässert wird.
So war es auch das Anliegen von Milton Friedman und Anna Schwartz zu zeigen, dass die Geldpolitik bei der Bekämpfung der Grossen Depression versagt hat. Anders als die Österreichische Schule waren sie der Meinung, dass die US-Zentralbank die Krise durchaus hätte lindern können und lindern sollen. Für die Österreicher (Ludwig von Mises, Friedrich von Hayek) hingegen war der dramatische Abschwung der 1930er-Jahre eine notwendige Korrektur, um die Überinvestitionen der goldenen Zwanzigerjahre zu korrigieren. Eine Linderung der Krise stuften sie als Symptombekämpfung ein, die später eine umso grössere Krise hervorrufen würde.
Es ist deshalb nicht überraschend, dass Milton Friedman grosse Mühe mit der Konjunkturtheorie der Österreichischen Schule hatte. Anlässlich des ersten Treffens der Mont-Pèlerin-Gesellschaft kam es zu grossen Differenzen mit Ludwig von Mises (Quelle: Gespräch von M. Friedman mit dem Magazin «Reason», Juni 1995):
Reason: But you knew Mises personally. Did you see the intolerance that you find in his method also in his personal behavior?
Friedman: No question. The story I remember best happened at the initial Mont Pelerin meeting when he got up and said, „You’re all a bunch of socialists.“ We were discussing the distribution of income, and whether you should have progressive income taxes. Some of the people there were expressing the view that there could be a justification for it.
Another occasion which is equally telling: Fritz Machlup was a student of Mises’s, one of his most faithful disciples. At one of the Mont Pelerin meetings, Fritz gave a talk in which I think he questioned the idea of a gold standard; he came out in favor of floating exchange rates. Mises was so mad he wouldn’t speak to him for three years. Some people had to come around and bring them together again. It’s hard to understand; you can get some understanding of it by taking into account how people like Mises were persecuted in their lives.
Wie nahe die Monetaristen dem Keynesianismus standen, ist auch Friedrich von Hayek nicht entgangen. In einem Interview kommt klar der grosse Abstand zwischen den Österreichern und den Monetaristen klar zum Ausdruck (hier). Friedman und Hayek teilten zwar viele politische Überzeugungen und standen beide den Republikanern nahe, aber als Ökonomen lebten sie auf ganz verschiedenen Planeten.
Auch ihre Wirkung könnte nicht unterschiedlicher sein. Hayek ist heute in der Mainstream-Ökonomie eine Nebenfigur, während das monetaristische Programm fast vollständig übernommen worden ist. Bradford De Long hat diesen Zusammenhang präzis nachgezeichnet (hier).
Es ist deshalb nicht übertrieben, wenn man Milton Friedman als einflussreichsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts bezeichnet. Die Idee, dass auch die Finanzpolitik in einer Depression eine wichtige Rolle zu spielen hat, mag zwar seit der Finanzkrise wieder an Aktualität gewonnen haben. Aber es dürfte unter den Ökonominnen und Ökonomen auch heute noch kein Zweifel bestehen, dass die Zentralbanken 2008-09 den entscheidenden Beitrag zur Abwendung einer Grossen Depression geleistet haben, nicht die Konjunkturpakete. Der Triumph des Monetarismus ist immer noch ungefährdet.