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Durch den Zusammenschluss ostslaw. Stämme bildete sich im 9. Jh. das Kiewer Reich, das 988 von Byzanz aus christianisiert wurde und im 11. und 12. Jh. seine polit. und kulturelle Blüte erlebte. Der Mongolensturm 1240 und Erbteilungen brachten es unter litauische und poln. Herrschaft (14.-16. Jh.). Im Zuge der poln. Teilungen 1772, 1793 und 1795 fiel der grösste Teil der U. an Russland. Österreich erhielt Galizien und die Bukowina. Während sich unter den österr. Ukrainern (Ruthenen) nach 1848 ein Nationalbewusstsein entfaltete, waren die Kleinrussen des Zarenreichs der Russifizierung ausgesetzt. 1917 erfolgte die Gründung der Ukrain. Volksrepublik (UNR), 1919 jene der Ukrainischen Sozialist. Sowjetrepublik (Teil der Sowjetunion). Nach dem 2. Weltkrieg wurden dem Land die 1921 an Polen gefallene Westukraine, die Nordbukowina und die Karpatoukraine sowie 1954 die Krim angegliedert. Am 24.8.1991 erklärte die U. ihre Unabhängigkeit. Die U. ist eine Republik mit präsidial-parlament. Regierungssystem.
Erste Kontakte zur Schweiz reichen in die Zeit des Humanismus und der Reformation zurück, als rutheni an der Univ. Basel und der Akad. Genf studierten. Gf. Gregor Razoumowsky liess sich 1782 in Lausanne nieder, wo er 1783 zu den Gründern der Société des Sciences Physiques gehörte. Zu den Schweizreisenden des 19. und frühen 20. Jh. zählten Nikolai Wassiljewitsch Gogol, die Erzählerin Marko Wowtschok, der Rechtshistoriker Maxim Kowalewsky und die Dichterin Lesja Ukrajinka. Zu Beginn des 19. Jh. wurde die U. ein Auswanderungsziel für Schweizer. Bei Odessa gründeten diese Neu-Lancy, auf der Krim Zürichtal sowie in Bessarabien die Winzerkolonie Chabag (Schabo). Die Eröffnung des Schweizer Konsulats in Odessa erfolgte 1820. Im späteren 19. Jh. zählten Bündner Zuckerbäcker zu den Besitzern namhafter Konditoreien und Cafés in Kiew, Odessa und Charkow (u.a. die Stiffler und die Fanconi). Nach 1870 befanden sich unter den Studierenden und polit. Emigranten des Zarenreichs auch viele aus der U., so der Nationalökonom Nikolai Siber und der Historiker Michel Dragomanow, der für die U. Autonomie in einem nach Schweizer Vorbild föderalisierten Russ. Reich forderte. Während des 1. Weltkriegs waren Genf, Lausanne und Bern Zentren exilukrain. Aktivitäten (u.a. ukrain. Pressebüro, Büro der Nationalitäten Russlands). Die UNR bzw. ihre Exilregierung unterhielt 1918-26 eine diplomat. Mission in Bern; in Kiew bestand ab 1902 ein Schweizer Konsulat. In der Zwischenkriegszeit war Genf als Sitz des Völkerbunds Wirkungsort von ukrain. Emigranten, UNR-Vertretern sowie Politikern aus der Westukraine (Jewhen Konowalez, Eugène Batchinsky, Mychajlo Jeremijiw, Milena Rudnycka). 1945 schlossen sich die Ukrainer in der Schweiz zum Ukrain. Verein in der Schweiz zusammen. Das in Thun angesiedelte Kuratorium Geistige Freiheit gab um 1980 Texte ukrain. Dissidenten, Bürgerrechtler und oppositioneller Dichter in dt. Übersetzung heraus. 1992-2003 bestand eine Schweiz.-Ukrain. Gesellschaft zur Förderung gegenseitiger Kontakte.
Die Anerkennung der U. durch die Schweiz erfolgte am 23.12.1991; 1993 wurden der Schweizer Botschafter in Kiew und der ukrain. Botschafter in Bern akkreditiert. 1996 trat ein bilaterales Abkommen über Handel und wirtschaftl. Zusammenarbeit in Kraft. Die Exporte der Schweiz in die U. beliefen sich 2010 auf 466 Mio. Fr., die Importe auf 56 Mio. Fr. Die Schweiz unterstützte die U. 2010 mit mehr als 10 Mio. Fr. (u.a. für das Gesundheitswesen, die Justizreform und die nachhaltige Ressourcenbewirtschaftung). Private, kommunale und kirchl. Organisationen leisteten humanitäre und medizin. Hilfe, v.a. ab 1986 an die Opfer des Reaktorunfalls von Tschernobyl. 2010 lebten 4'843 Bürger der U. in der Schweiz und 148 Schweizer in der U. (davon 58 Doppelbürger).
Archive
– BAR
Literatur
– R. Bühler et al., Schweizer im Zarenreich, 1985
Autorin/Autor: Monika Bankowski-Züllig