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Der schwarze Pfeil
Kai studierte interessiert den Bildschirm, der die Position des Schiffes anzeigte. Aus dieser Perspektive sah das recht unspektakulär aus. Sie waren bloss ein kleiner Punkt auf einem grünen Bildschirm mit einem Raster, das eine Menge Linien und Zahlen beinhaltete. So hatte Kais Freundin zu Hause es einmal beschrieben. Kai empfand das anders. Der Bildschirm zeigte ihm genau an, wo sich das Schiff befand, in welche Richtung es fuhr und welche anderen Gefährte in der Nähe waren. Kai fuhr zum ersten Mal auf einem Containerschiff mit und obwohl sich die Navigation kaum von der anderer Schiffe unterschied, fand er das Gesamterlebnis doch ungleich spannender.
Ein zweiter Punkt erschien auf dem Bildschirm. Es handelte sich dabei um ein kleineres Schiff, wahrscheinlich ein privates. Kai warf dem Kapitän einen Blick zu, während der Punkt auf der Anzeige ihrem eigenen näherkam. Der Kapitän lehnte in seinem Sessel und rührte sich nicht. Er verzog noch nicht einmal eine Miene. Kai sah von dem Kapitän zum Bildschirm und zurück. Das kleine Boot steuerte unablässig auf sie zu.
Als der Kapitän immer noch kein Wort darüber verlor, beschloss Kai, die Sache anzusprechen: «Herr Kapitän, haben Sie … Ich meine, ich möchte Sie nicht anzweifeln, aber das Boot …»
«Jep, habe ich gesehen», antwortete der Kapitän sachlich.
«Aber, aber die … Sehen Sie deren Kurs? Ich meine, die kommen direkt auf uns zu.»
«Jep.»
«Aber sollten wir nicht, wir müssen doch, wir können doch nicht …»
Der Kapitän drehte sich zu Kai um und sein Blick liess ihm das Blut in den Adern gefrieren. «Jetzt lernst du etwas über das Leben, junger Mann», sagte der Alte in aller Seelenruhe. «Dieses Schiff ist hundertdreissigtausend Tonnen schwer. Es hat einen Bremsweg von zehn Kilometern. Nun darfst du gerne ausrechnen, wie lange wir brauchen würden, um diesen Idioten auszuweichen. Du kannst nichts tun, Junge.»
«Aber wir müssen etwas tun!», rief Kai aus. «Wir können die doch nicht einfach überfahren! Die sterben doch da unten!»
«Jep, das werden sie wohl.»
Kai sah ein, dass er hier nicht weiterkam und stürmte nach draussen, um Ausschau nach dem Boot zu halten. Nach ein paar wirren Sekunden, fand er es tatsächlich. Es tuckerte genau auf den Bug zu. Kai winkte wie ein Verrückter. «He, weg da!»
Zwar wusste er, dass sie ihn nicht hören konnten, aber vielleicht erkannten sie ja trotzdem, was er wollte.
«Weg da! Beiseite!»
Das Boot tuckerte weiter vor sich hin. Es schlenkerte hin und her und schwankte in den Wellen, die der Frachter erzeugte. Es schien, als versuchten sie, auszuweichen.
«Los! Ihr schafft es!», schrie Kai.
Das Boot wackelte und ruckelte, ehe es aus Kais Sichtfeld verschwand, direkt vor den Bug des Containerschiffes. Kai wusste, was diese Leute nun vor sich hatten: Eine riesige, schwarze Spitze aus massivem Stahl, die sich wie ein Pfeil durch die Wassermassen bohrte. Und dann: Den sicheren Tod.
Kai stürmte in die Kapitänskabine zurück. Die zwei Punkte auf dem Bildschirm befanden sich nun so nahe beieinander, das auch dort das Unvermeidliche deutlich erkennbar wurde. Kai glaubte, in dem Gesicht des Kapitäns eine Regung zu erkennen, als die beiden Punkte aufeinander prallten. Kai schlug die Hände vors Gesicht, um nicht hinsehen zu müssen.
Ein Alarm erklang. Der Kapitän beugte sich vor und schaltete den Alarm aus. Das Schiff fuhr unablässig weiter, nicht einmal ein Ruck entstand, nicht einmal die geringste Vibration. Kai nahm langsam die Hände vom Gesicht. Durch seine verwässerten Augen blickte er in die des Kapitäns.
«Unfallbericht schreiben», kommandierte der Alte.
Kai sah seinen Vorgesetzten noch einen Moment an, aber nicht, weil er ihn nicht verstand, sondern, weil er sich nicht rühren konnte. So etwas durfte doch nicht passieren! Sie waren doch alle Menschen, oder etwa nicht?
«Junge», sagte der Kapitän. «Unfallbericht schreiben.»
«Ich … kann … nicht …», brachte Kai schliesslich heraus.
«Willst du später einmal ein solches Stiff steuern oder nicht?»
Kai erwachte aus seiner Starre. Er reckte sich, sagte «Ja, Herr Kapitän» und verliess die Kabine, um sich mit zitternden Fingern an den Bericht zu setzen.
ist fasziniert von Geschichten über menschliche Gefühle. Das Genre spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Wichtig ist ihr nur, dass ein möglichst breites Spektrum abgedeckt wird: Von den Abgründen bis zu den Höhenflügen.