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Joachim K.* (62) bekam im Alter von 26 Jahren die Diagnose HIV. Bei ihm ist Aids aber nie ausgebrochen. Heute lebt er mit einer Tablette pro Tag. Einschränkende Nebenwirkungen spürt er keine.
«Ich nehme an, dass ich mich vor rund 40 Jahren in der Karibik mit HIV angesteckt habe. Ich hatte dort eine Beziehung zu einem Mann. Aber das ist eine Vermutung. Für mich spielt es auch keine Rolle, wo ich das Virus aufgelesen habe – ich habe keinen Groll. Ich bin in meinem Leben viel herumgekommen. 1980 lebte ich eine Zeit lang in Paris, später in London. Damals war es als KV-Absolvent problemlos, nach einem Auslandaufenthalt wieder einen Job in der Schweiz zu finden. Ich konnte unter rund einem Dutzend Stellen auswählen. Einen Aidstest machte ich eigentlich zufällig. Mitte der Achtzigerjahre ging ich wegen einer Bagatelle zum Hausarzt. Wir sprachen über Aids, das damals ein grosses Thema in den Medien war. So machte ich diese Abklärung mehr noch so nebenbei. Der Arzt teilte mir danach mit, dass ich für einen zweiten Test ins Zürcher Unispital müsse. Am USZ bestätigte sich, dass ich HIV-positiv bin. Ich war geschockt. Damals war diese Diagnose ein Todesurteil. Für eine Woche fand ich praktisch keinen Schlaf. Ich fühlte mich wie elektrisiert, voller Energie und hellwach. Mein Kopf war frei und die Gedanken klar. Aber ich wollte die Diagnose nicht wahrhaben.
Noch während eines Jahres verdrängte ich die Tatsache, indem ich hyperaktiv war und dafür sorgte, dass ich jede Minute beschäftigt war. Ich arbeitete viel und machte viel Sport. Ich war ein begeisterter Volleyballer und spielte auch einige Saisons in der Nationalliga A. Mit dem Sport bewies ich mir, dass mein Körper trotz der HI-Viren kerngesund war. Ich lebte quasi nach dem Motto: Je mehr ich mache, desto gesünder bin ich. Anfangs musste ich täglich einen Medikamentencocktail nehmen, um zu verhindern, dass sich die Käfer in mir drin weiterverbreiten und die Krankheit ausbricht. Das waren etwa 20 Tabletten pro Tag. Ich hatte Glück, dass ich ausser eingefallenen Wangen und etwas Bauchfett keine Nebenwirkungen hatte. Die Situation war aber schon auch eine starke psychische Belastung. Ich war lange Zeit ohne Partner und sehr alleine. Ich hatte Angst, an einer gewöhnlichen Grippe sterben zu müssen. Und wenn ich für Reisen durch den Zoll musste, war ich nervös. Werden mich Beamte wegen der vielen Medikamente befragen oder gar nicht durchlassen?
Noch heute weiss nur mein engstes Umfeld, dass ich HIV-positiv bin: Meine Familie, mein langjähriger Partner und gute Freunde. In den Achtzigern wurden Menschen, die sich mit HIV geoutet haben, abgestraft. Unwissen und reflexartige Abwehr waren verbreitet – ich habe Freunde, denen aus Angst vor einer Ansteckung der Handschlag verweigert wurde. Am Arbeitsplatz nahm ich die Medikamente jeweils heimlich auf der Toilette ein. Meine Familie wusste zwar, dass ich schwul bin, aber über HIV habe ich sie erst in den Neunzigerjahren eingeweiht. Sie hatten genug Sorgen, ich wollte ihnen nicht noch mehr aufhalsen. Inzwischen sind die Medikamente um Welten besser als früher. Seit sechs Jahren nehme ich nur noch eine Tablette pro Tag und leide unter keinen Nebenwirkungen. Das ist schon bemerkenswert. Früher sagten mir die Ärzte, wenn alles ideal laufe, würde ich die Pension vielleicht erleben. Am USZ, wo ich halbjährlich zur Kontrolle muss, werde ich gut betreut. Seit drei Jahrzehnten habe ich die gleiche Pflegeexpertin. Eine Zeitlang wohnten wir in der gleichen Siedlung und sind inzwischen gut befreundet. Wir gehen regelmässig zusammen auf den Markt. Ich hatte viel Glück im Leben. Ich bin seit 20 Jahren in einer guten Beziehung und habe einen guten Freundeskreis. Trotz der Ansteckung kam ich immer davon, konnte viel reisen, habe viel erreicht im Job. Ich hatte auch ein gutes Los, da ich früh wusste, dass ich krank bin. Sonst wäre ich heute wahrscheinlich schon an einer Doppelinfektion gestorben. Ich habe wirklich viel Schwein gehabt.»
*Name der Redaktion bekannt