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Alfredo da Rocha Viana, Junior – besser bekannt als “Pixinguinha“ (geboren am 23. April 1879 – gestorben am 07. Februar 1973), war ein Komponist, Arrangeur, Flötist und Saxofonist, der in Rio de Janeiro das Licht der Welt erblickte. Musiker, Musikologen und Liebhaber brasilianischer Musik mögen sich in dem einen oder anderen Fall widersprechen – schliesslich, so sagte die rundliche, lustige Nachbarin von Nélson Rodrigues, über Geschmack lässt sich nicht streiten! Aber wenn es einen Namen gibt, der über jenen individuellen Präferenzen steht, dann ist es “Pixinguinha“.
Der Kritiker und Historiker Ari Vasconcelos hat die Bedeutung dieses fantastischen Instrumentalisten, Komponisten, Orchestrator und Maestro in bewundernswerter Art und Weise zusammengefasst: “Wenn Sie 15 Bücher zur Verfügung haben, um über die brasilianische Volksmusik zu schreiben, seien Sie versichert, dass dies wenig ist. Sollten Sie jedoch nur Platz für ein einziges Wort haben, dann ist nicht alles verloren – schreiben Sie einfach hin: “Pixinguinha“.
Pixinguinha entwickelte sich zu Brasiliens grösstem Komponisten der Volksmusik – besonders in einem Genre, das man als “Choro“ bezeichnet. Indem er die Musik von älteren Choro-Komponisten des 19. Jahrhunderts mit zeitgenössischen, jazz-ähnlichen Harmonien mischte, mit afro-brasilianischen Rhythmen und hochentwickelten Arrangements, stellte er “seinen Choro“ einem neuen Publikum vor und trug dazu bei, ihn als typischen brasilianischen Stil zu popularisieren. Er war auch einer der ersten brasilianischen Musiker und Komponisten, die von den neuen professionellen Möglichkeiten profitierten, welche den Musikern mit der neuartigen Technologie der Radioübertragung und den Studioaufnahmen zur Verfügung standen. Pixinguinha komponierte Dutzende von Choros, inklusive einige der bekanntesten Werke dieses Genres, wie zum Beispiel “Carinhoso“, “Glória“, “Lamento“ und “Um a Zero“.
Pixinguinha war der Sohn des Musikers Alfredo da Rocha Viana, eines Flötisten, der eine grosse Sammlung von älteren Choros sein Eigen nannte, und der regelmässige Zusammenkünfte von Musikern in seinem Haus abzuhalten pflegte. Pixinguinha erlernte das Flötenspiel zuhause – wurde dann aber ein Schüler von Irineu de Almeida, er komponierte sein erstes Stück im Alter von 14 Jahren und machte seine erste Tonaufnahme im Alter von 16. Im Jahr 1912 begann er sich in Cabarets und Revuen zu präsentieren – In Rio de Janeiro, in der Nachbarschaft des Stadtteils Lapa. Dann wurde er als Flötist im “Rio Branco Filmtheater“ engagiert (Stummfilme wurden damals von Life-Musik begleitet). 1914 vereinte er sich mit seinen Freunden João Pernambuco und Donga – zusammen gründeten sie die Gruppe “Caxangá“, die eine Menge von sich reden machte, bis sie sich 1919 auflöste.
Sie hatten Grösseres vor: 1919 gründeten Pixinguinha, sein Bruder China, Donga, João Pernambuco und andere prominente Musiker die revolutionäre Musik-Gruppe “Os Oito Batutas“ (Die acht Tüchtigen). Ihre instrumentale Zusammenstellung war auf den ersten Blick recht traditionell, beherrscht von einer Rhythmus-Sektion gezupfter Saiten: Pixinguinha auf der Flöte, plus Gitarren, Ukulele, Banjo-Ukulele und Perkussion. Nachdem sie sich regelmässig in der Lobby des “Cine Palais Filmtheaters“ präsentierten, wurden sie bald zu einer grösseren Attraktion als die Filme selbst. Ihr Repertoire war vielseitig, es beinhaltete Volksmusik aus dem brasilianischen Nordosten, Sambas, Maxixes, Walzer, Polkas und “brasilianische Tangos“ (der Choro-Terminus war damals noch nicht etabliert als ein Genre).
Die Gruppe entsprach besonders den nationalistischen Wünschen der brasilianischen Oberklasse, die sich nach einer heimatlichen, exklusiv brasilianischen Musik-Tradition sehnten, frei von ausländischen Einflüssen. Die “Oito Batutas“ wurden zur Sensation quer durch Brasilien – obgleich nicht ohne Gegnerschaft, denn gewisse Mitglieder der weissen Elite von Rio de Janeiro waren nicht glücklich mit den schwarzen Männern, die sich in Shows präsentierten.
Die acht Musiker – und Pixinguinha insbesondere – wurden zur Zielscheibe für Angriffe, die einerseits rassistische Hintergründe hatten, und andererseits aus der Ablehnung von europäischen und nordamerikanischen Einflüssen auf die brasilianische Musik entstanden. Die Gruppe, die sowohl aus weissen wie schwarzen Musikern bestand, präsentierten sich hauptsächlich bei Veranstaltungen der Oberklasse, wo schwarze Musiker von vornherein keinen Zutritt hatten.
Später wurden sie heftig kritisiert von jenen, die meinten, dass die brasilianische Musikkultur in erster Linie ihre europäischen Wurzeln reflektieren müsse, und dass ein schwarzer Musik-Botschafter ein Ärgernis sei. Und schliesslich wurde Pixinguinhas kompositioneller Stil und seine Eingliederung von Trompeten und Saxophonen als “Korruption durch den amerikanischen Jazz“ kritisiert, der damals durch Radiosender langsam populär wurde.
Nach einer Show mit dem Tanzpaar “Duque e Gabi“ im “Assírio-Cabaret“, wurden sie von dem reichen Arnaldo Guinle entdeckt, der ihre erste Europa-Tournee sponserte (1921). In Paris wurden sie die Botschafter für brasilianische Musik – sechs Monate lang spielten sie im “Sheherazade-Cabaret“. Ihre Tournee war ein Riesenerfolg, und Pixinguinha erhielt viel Lob von zahlreichen berühmten Pariser Musikern, inklusive vom berühmten Harold de Bozzi. Nach der Rückkehr in Brasilien folgte eine Tour nach Buenos Aires, wo sie Aufnahmen bei RCA Victor machten. Diese Aufnahmen sind die gelungensten vom reifen Sound der “Oito Batutas“.
Pixinguinha war von Paris mit einer breiteren musikalischen Perspektive zurückgekommen. Er begann damit, Jazz-Standards und Ragtime in das Repertoire seiner Gruppe zu integrieren – und dafür änderte er das instrumentale “Line-up“ dramatisch, mit Saxophonen, Trompeten, Posaune, Piano und einem Perkussions-Kit. Der Name wurde auch geändert in einfach “Os Batutas“, um den neuen Sound zu reflektieren. Er hatte auch ein Saxophon für seinen eigenen Gebrauch mitgebracht, um damit zu experimentieren.
In den späten 20er Jahren wurde Pixinguinha von der RCA Victor angestellt, um das Orchester “Orchestra Victor Brasileira“ zu leiten – während seiner Tätigkeit dort verfeinerte er seine Fähigkeiten als Arrangeur. Damals war es normal für Choro-Musiker, ihren Beitrag zur Musikdarbietung, basierend auf einer einfachen Piano-Vorgabe, zu improvisieren, aber die wachsende Nachfrage nach Radiomusik mit grossen Ensembles, verlangte nach vorgeschriebenen Noten für jedes einzelne Instrument – und Pixinguinha war einer der wenigen Komponisten mit diesem Talent. In dieser Rolle schuf er einige seiner berühmtesten Kompositionen, die von bekannten Gesangsinterpreten seiner Zeit, wie Francisco Alves und Mário Reis, verbreitet wurden.
1939 wurde er dann von dem bekannten Komponisten Radamés Gnattali bei der RCA abgelöst – er verliess den Verlag, um sich dem Flötisten Benedito Lacerda und seiner Band anzuschliessen, wo er das Tenorsaxofon als sein primäres Instrument mit einbrachte und weiterhin für die Gruppe komponierte. “Lacerda’s Band“ war ein “Conjunto Regional“ – diesen Namen gab man damals jenen Musikern, die von den Radiostationen angeheuert wurden, um Musikdarbietungen zu verbessern oder Sänger zu begleiten – oft wohnten sie direkt in der Nachbarschaft der Studios. Während der 30er, 40er und 50er Jahre unterstützten die “Regionalen“ auch die besten Choro-Musiker des Tages und leiteten die Professionalisierung der brasilianischen Musikindustrie ein. Mit Lacerda begann für Pixinguinha eine weitere fruchtbare Periode des Komponierens und des Gravierens von Platten.
In der Mitte der 50er Jahre führte eine allgemeine musikalische Geschmacksveränderung, und die wachsende Popularität des Samba und des amerikanischen Jazz, zu einem abnehmenden Interesse an regionalem Choro – andere Genres beherrschten die Gegenwart der Radiosender. Pixinguinha verbrachte seine Zeit zurückgezogen, in der Öffentlichkeit erschien er nur noch selten (zum Beispiel beim “Abend des Choro“, einem TV-Programm produziert von Jacob do Bandolim im Jahr 1955 und 1956).
Pixinguinha starb 1973 in der Kirche “Nossa Senhora da Paz”, im Stadtteil Ipanema, während er einer Taufe beiwohnte. Er wurde im Friedhof von Inhaúma begraben. Sein Geburtstag, der 23. April, wird inzwischen als “Nationaltag des Choro“ in Brasilien gefeiert.
Verglichen mit den älteren Choro-Kompositionen des späten 19. Jahrhunderts, von denen er seine Inspiration bezog, waren Pixinguinhas Kompositionen anspruchsvoller im Gebrauch ihrer Harmonien, dem Rhythmus und Kontrapunkt. Während viele der älteren Kompositionen allein für Piano konzipiert waren, nutzten seine Werke die volle instrumentale Breite eines grossen Orchesters aus. Pixinguinha war einer der ersten Band-Leader, der regelmässig afro-brasilianische Perkussions-Instrumente in seine Kompositionen einbezog – wie zum Beispiel das “Pandeiro“ (Tambourin) und das “Afoxé“ (ein “Schüttelinstrument“ aus einer Kalebasse, um die ein Netz aus Glasperlen oder Kaurimuscheln gespannt ist), die inzwischen in der Choro- und der Samba-Musik zum Standard gehören. Seine Arrangements waren leicht beeinflusst vom Ragtime und dem Jazz, Musikstile, die während seiner Karriere sehr populär wurden. Als er “Carinhoso“ (1930) und “Lamentos“ (1928) herausbrachte, wurde er noch kritisiert, weil man aus seinen Werken zu viel “Jazz-Sound“ herauszuhören glaubte. Heutzutage sind diese berühmten Kompositionen ein besonders respektierter Teil seines Choro-Gesamtwerks.
Diskographie Pixinguinha
- Oito Batutas (1994)
- Som Pixinguinha (1971)
- Gente da Antiga (1968)
- Carnaval dos bons Tempos (1967)
- Alegria (1960)
- Pixinguinha e sua Banda em Carnaval de Nássara (1957)
- Assim é que é (1957)
- Festival da velha Guarda (1956)
- Companheiros (1956)
- Carnaval da velha Guarda (1955)
- A velha Guarda (1955)