Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03516.jsonl.gz/828

Berns Burgergemeinde hat ein Imageproblem, das sie nicht wegbringt: In diesem Land ist die Rechtsgleichheit garantiert (Bundesverfassung, Artikel 8). Darum ist jeder Staat im Staat ein Konstruktionsfehler, weil nicht alle ihm angehören können und seine Existenz demnach Rechtsungleichheiten schafft. In der Stadt Bern erkennt man das Problem daran, dass es hier nicht einfach Berner und Bernerinnen gibt, sondern «Berner und Burger» (Frauen sind mitgemeint).
«Von Bernern und Burgern» lautet denn auch der Titel, den die Burgergemeinde über das Werk hat setzen lassen, das ihre Geschichte seit der politischen Entmachtung des Patriziats durch die liberale Staatsverfassung vom Juli 1831 nachzeichnet. Verfasst hat es ein burgergemeinde-externes Forschungsteam, das den Auftrag erhielt, «eine wissenschaftlich fundierte, ausgewogene Studie zur Geschichte der Burgergemeinde Bern» zu verfassen, so das Vorwort.
Nötig geworden ist diese Publikation, weil ein anderes Buch 2008 die gleiche Geschichte in einer Art erzählt hat, die aus Sicht der Burgergemeinde so nicht stehen gelassen werden konnte. Dieses Buch war die Dissertation der Historikerin Katrin Rieder: «Netzwerke des Konservatismus. Berner Burgergemeinde und Patriziat im 19. und 20. Jahrhundert».
Ein bernischer Bilderstreit
«Insbesondere wollte man keine ‘Anti-Rieder’-Schrift produzieren.»
Christophe von Werdt
Allerdings, versichert in seinem Vorwort Christophe von Werdt, Mitglied des Kleinen Burgerrats und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats zum Projekt, sei «Von Bernern und Burgern» nicht deswegen entstanden: Es stimme zwar, dass es ab 2007 einen «bernischen Bilderstreit» gegeben habe, einen Konflikt «zwischen Selbst- und Fremdbildern über die Burgergemeinde». Damals hatte der Journalist Richard Aschinger – gestützt unter anderem auf Rieders noch nicht publizierte Dissertation – einen kritischen «Blick hinter die Kulissen der konservativen Stadtelite» getan («Kleiner Bund», 21.7.2007). Trotzdem, behauptet von Werdt, sei der Burgergemeinde die Idee, die eigene Geschichte schreiben zu lassen, 2007 zufälligerweise gekommen, einfach «aufgrund der an sich interessanten Geschichte […] – insbesondere wollte man keine ‘Anti-Rieder’-Schrift produzieren».
Merkwürdig. Innerhalb von sieben Jahren erscheint zum gleichen Thema – Burgergemeinde im 19. und 20. Jahrhundert – ein zweites Monumentalwerk; noch ein bisschen monumentaler als das erste (zwei Bände statt einer), noch ein bisschen grösser (28,5 x 20,5 statt 24,5 x 16 Zentimeter), noch ein bisschen umfangreicher (863 statt 736 Seiten) – und selbstverständlich blau statt rot. Und der Aufwand wird betrieben, obschon im neuen Werk mit dem gleichen theoretischen Werkzeug gearbeitet wird wie in der rieder’schen Studie, nämlich mit der Kapitalsorten-Theorie des französischen Soziologen Pierre Bourdieu (man erinnert sich: «Distinktion», «Habitus», «kulturelles Kapital»). Zudem erscheint der Name «Rieder» in den beiden neuen Bänden (inklusive Fussnoten) nach meiner Zählung 212mal. Wenn das neue Werk keine «‘Anti-Rieder’-Schrift» ist, dann muss es eine weitschweifige Paraphrasierung sein: Rieder zum zweiten, intoniert im Duktus burgerlicher Temperiertheit.
Die Gegendarstellung von Georg Kreis
Abgesehen davon: Da wurde gute Arbeit geleistet. Die Kapitel 1 bis 5 und 7 haben die HistorikerInnen Birgit Stalder, Martin Stuber, Sibylle Meyrat und Arlette Schnyder verfasst. Sie würdigen die Burgergemeinde unter den Aspekten institutionelle Entwicklung, Burgerrechtspolitik, Bodenpolitik, Kulturpolitik sowie Sozialpolitik und stellen die Berner Burgergemeinde im abschliessenden Kapitel in den gesamtschweizerischen Zusammenhang. Dass ihnen dabei das bourdieu’sche Werkzeug zur kritischen Würdigung bernburgerlicher Distinktion dient, zeigen zum Beispiel die einleitenden Sätze zum originellen Kapitel «Der burgerliche Soziolekt»: «Ein weiteres von burgerlichen Kreisen angewandtes Mittel, um sich trotz dem politischen Machtverlust zu Beginn des 19. Jahrhunderts von den politisch und ökonomisch aufstrebenden bürgerlichen Schichten abzuheben, war die bewusste Pflege der patrizischen und burgerlichen Mundart. Diese sprachliche Distanzierung von nichtburgerlichen Kreisen war Ausdruck der Idee, dass Sprache politisch-kulturelle Werte vermittelt und innerhalb einer Gruppe integrativ wirkt.» (S. 253)
«Wäre das neue Werk keine ‘Anti-Rieder’-Schrift, wäre es eine Paraphrasierung: Rieder zum zweiten, intoniert im Duktus burgerlicher Temperiertheit.»
Fredi Lerch
Das Kernstück der «‘Anti-Rieder’-Schrift» ist denn auch das Kapitel 6, das – drunter tut’s die Berner Burgergemeinde nicht – mit Georg Kreis von einem der prominentesten Historiker der Schweiz geschrieben wurde. Nötig war diese Kapazität deshalb: Rieder hatte – im Kapitel 6 ihres Buches – die «Aristokratie und die Frontenbewegung» thematisiert und nachgewiesen, dass einzelne Exponenten der Burgergemeinde in den dreissiger Jahren des 20. Jahrhunderts in rechtsextremen Bewegungen aktiv waren (es gibt auch ein Foto mit hakenkreuzbeflaggtem burgerlichem Casinosaal). Die skandalisierenden und teilweise undifferenzierten Medienberichte zu Rieders Buch verwischten 2008 den Grenzverlauf zwischen der Burgergemeinde als Institution und einzelnen Burgern als politischen Subjekten.
Diesen Grenzverlauf hatte Georg Kreis wieder deutlich nachzuzeichnen (was er getan hat). Interessant ist, dass im Vorwort behauptet wird, der Beitrag von Kreis relativiere «durch die Kontextualisierung der damaligen bernburgerlichen Politik und der Tätigkeit gewisser Exponenten in rechtskonservativen Kreisen die Thesen von Katrin Rieder» (S. 30). Allerdings hatte Rieder bereits 2008 nachweislich geradezu skrupulös relativiert: «Keinesfalls soll hier der Eindruck erweckt werden, dass die gesamte Burgerschaft, das ganze Patriziat eine rechtskonservative Haltung vertrat, dass sie mit autoritären Herrschaftssystemen sympathisierte oder gar frontistischen oder nationalsozialistischen Organisationen nahestand.» (in ihrem Buch S. 377)
Kreis kritisiert Rieders Darstellung vor allem in einem Punkt: Ihr Begriff der «Netzwerke», den sie auch prominent in den Titel ihres Buches gesetzt hat, insinuiere Verschwörungszusammenhänge, die durch die Quellenlage nicht gedeckt werden könnten. Tatsächlich ist «Netzwerk» in diesem Zusammenhang ein verführerischer und problematischer Begriff, weil er Zusammenhänge, Interessenlagen, Absprachen, Einverständnisse, Pläne und Handlungen nahe legt, die zwar denkbar und plausibel motivierbar, aber eben als Tatsachen quellenmässig nicht zu belegen sind. Kreis schreibt deshalb zu Recht, Rieder hätte in gewissen Passagen insinuierende Zuschreibungen weglassen sollen (die von ihm angeführten Insinuationen: «‘aufschlussreich’, ‘sinnhaft’, ‘auffällig’, ‘nicht von ungefähr’, ‘nicht erstaunlich’, ‘nicht zufällig’»; und: «nebulöse Mechanismen», 719 f.).
Daneben ist nicht zu übersehen, dass die Kreis-Expertise Rieders Vorarbeit verschiedentlich auch affirmativ referiert (zum Beispiel mit Wendungen wie «Rieder präsentiert […] wohl zutreffend»; «wie Rieder betont», «Wie Rieder zutreffend bemerkt» oder «Rieder machte […] nicht ohne verständliche Verwunderung auf den Widerspruch aufmerksam»).
Die historische Forschung geht weiter
Ab sofort gibt es ein legitimes Standardwerk zur Geschichte der Berner Burgergemeinde im 19. und 20. Jahrhundert. Das Buch von Rieder hat daneben als quasi illegitimes Standardwerk weiter Bestand. Sein Verdienst wird über die inhaltlichen Qualitäten hinaus bleiben, die Burgergemeinde öffentlich unüberhörbar aufgefordert zu haben, sich mit der eigenen Geschichte zu befassen. Und das Verdienst der Burgergemeinde ist es, diese Aufforderung ernst genommen zu haben (auch wenn sie dies verständlicherweise nicht zugeben mag): «Von Bernern und Burgern» ist ein Stück Geschichtsschreibung, an dem vorderhand niemand vorbeikommt, der oder die sich über die Geschichte der mächtigen Burgergemeinde Bern ins Bild setzen will. (Damit, dass für verschiedene Aspekte Rieders Buch das zweite Auge für die perspektivische Tiefenschärfe bleiben wird, muss die Burgergemeinde leben.)
Übrigens sagt Katrin Rieder gegenüber Journal B, sie habe die burgerliche Studie noch nicht gelesen. Sie hoffe, dass die beiden jetzt erschienenen Bände mit neuen Quellen und anderen Fragestellungen auch neue Erkenntnisse brächten: «Nur so ist ja Fortschritt in der historischen Forschung möglich.»