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Aus dem Unglück in Italien kann auch die Schweiz etwas lernen: Dass es nämlich fatal sein kann, wenn Infrastrukturprojekte von einzelnen teilweise aus individuellen Gründen über Jahre hinaus verzögert werden. Hätte es gegenüber einem Autobahnneubau in Genua keine Opposition gegeben, wäre der Ponte Morandi stark entlastet worden oder gar ersetzt worden. Letzteres hätte die Tragödie vom letzten Dienstag, den Einsturz einer Teil der Brücke (auf dem Bild der rote Teil), verhindert.
Am letzten Freitag kam heraus, dass vermutlich gerissene Spannseile für das Brückenunglück in Genua verantwortlich waren. Die Betreiberin Autostrade per l’Italia habe im letzten Oktober verlauten lassen, dieses Jahr die Spannseile, an denen starke Rostschäden entdeckt worden waren, zu verstärken – siehe hier. Nun kommt heraus: Die Arbeitsvergaben für ein entsprechendes Projekt starteten im letzten April.
Es war alles schon geplant und berechnet: Mit einem komplexen Sanierungsprogramm sollten die Spannseile des Ponte Morandi gestärkt werden und die Brücke, die sich am Ende ihrer Lebensphase befand, gemäss den Verantwortlichen «ins 21. Jahrhundert transportiert werden.»
Auf dem Plan, den der Corriere della Sera veröffentlichte, ist eingezeichnet, wie die Arbeiten hätten ausgeführt werden sollen.
Fest steht, dass seit langem feststand, dass der Ponte Morandi ein Dauersanierungsfall war. Dass sein Erschaffer, der bekannte Architekt Riccardo Morandi, seinen Nachkommen mit seinen Projekten ein schwieriges Erbe hinterlassen hatte. Morandi hatte kühn projektiert, aber sich teilweise auf falsche Annahmen gestützt. In Südamerika ist eines seiner Werke bereits eingestürzt, in Sizilien ist eine Brücke, die auch aus seiner Feder stammt, seit langem gesperrt, weil sie baufällig ist. Es gab Pläne für eine andere Linienführung der «Autostrada dei fiori» rund um Genova. Gronda hiess das Projekt, je nach Variante sah es einen Abbruch des Ponte Morandi vor (siehe hier). Weil diese Pläne auf Widerstand stiessen – auch vonseiten der heutigen Regierungspartei «Movimento 5 stelle» kam es nicht über die Projektierungsphase hinaus.
Dass notwendige Infrastrukturprojekte über Jahre hinaus verzögert werden, bis es zu spät ist, kommt nicht nur in Italien vor, sondern auch in der Schweiz – wenn auch bisher zum Glück mit weniger gravierenden Auswirkungen. Beim Abschiedsinterview sagte Urs Hany, scheidender Präsident Infra, in der Schweizer Bauwirtschaft: «Die Rekursmöglichkeiten führen dazu, dass es viel zu lange dauert, bis man bauen kann. Die rechtsgültigen Entscheide werden sehr spät gefällt. Zudem müsste es die Möglichkeit geben, das Allgemeinwohl über das individuelle zu stellen. Dann könnten nicht Einzelpersonen Bauprojekte über Jahre verzögern. Allerdings ist der Weg zu diesem Ziel ein weiter, denn man müsste eine solche Interessenabwägung auf allen Ebenen, also kommunal, kantonal und national, einführen.»