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30. März 2023
News
Brasilien: Die indigenen Tupinambá reichen Gesuch um Anerkennung ihres Gebiets ein
Die indigene Gemeinschaft der Tupinambá hat einen Bericht verfasst, um ihren historischen Anspruch auf das Gebiet um den unteren Lauf des Tapajós-Flusses im Amazonas darzulegen. Diesen Bericht haben sie nun bei der staatlichen Indigenen-Behörde FUNAI eingereicht: Ein Meilenstein damit ihr Gebiet staatlich anerkannt wird. Doch beim Besuch der FUNAI hat sich auch gezeigt: Die schädliche Politik des rechtsextremen ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro wird noch lange zu spüren sein.
Die Tupinambá haben letzte Woche einen Bericht bei der Indigenen-Behörde FUNAI eingereicht. Dieser soll unter anderem darlegen, dass die Tupinambá mit ihrem Gebiet verbunden sind, eine Grundlage für die staatliche Anerkennung des Territoriums als «Terra Indígena». Für den Bericht haben die Tupinambá geographische Daten und weitere Informationen über ihr Gebiet gesammelt. Die Daten wurden von einer Arbeitsgruppe zusammengetragen, bestehend aus Wissenschaftler:innen und Leader:innen der Tupinambá sowie in Zusammenarbeit mit der Koordination des Indigenen Rates der Tupinambá im Rahmen des Tapajós Amazonas (CITUPI): «Dieser Bericht enthält die Ergebnisse der Georeferenzierung sowie historische, anthropologische und sozio-ökologische Informationen über das Tupinambá-Territorium betreffend Flüsse, Wälder und territoriale Grenzen», heisst es darin.
Die Geschichte des Territoriums der Tupinambá
Die indigenen Tupinambá im Gebiet des unteren Tapajós-Flusses leben in 25 Dörfern und zählen heute ungefähr 4000 Personen. Durch Erzählungen und archäologische Funde legen sie den historischen Bezug ihrer Gemeinschaft zu ihrem Gebiet dar: «Wir können unsere enge Beziehung zum Kapokbaum und den Encantados [«menschliche und nicht-menschliche Wesen, die heilige Orte bewohnen, die für uns sorgen und uns schützen, damit wir weiter existieren können»] bestätigen und feststellen, dass unsere Vorfahren schon vor Tausenden von Jahren in diesem Gebiet lebten. Die Terras pretas - Behausungen, die im Herzen des Waldes und an den Oberläufen der kleineren Flüsse und Bäche liegen - dienten als Zufluchtsorte in Zeiten des Krieges und des Mordens. Wir sind Überlebende und Widerständige der vielen völkermörderischen Angriffe der sogenannten europäischen Zivilisation, die uns seit mehr als 500 Jahren plagt.»
Dabei wird deutlich: Die Tupinambá sind schon lange bedroht. Unter Bolsonaro hat diese Bedrohung nochmals neue Dimensionen angenommen:
«In den letzten Jahren, insbesondere in den letzten vier Jahren der Regierung Bolsonaro, haben wir einen alarmierenden Anstieg der illegalen Bergbauaktivitäten erlebt, vor allem in Gebieten, die traditionell von indigenen Völkern und traditionellen Bevölkerungsgruppen bewohnt werden und in denen der Bergbau zuvor verboten war. Tonnen von Quecksilber werden jedes Jahr entlang des mittleren und oberen Tapajós als Folge dieser Bergbauinvasion in den Fluss geschüttet.»
Funai: Hoffnungsträgerin mit schlechten Bedingungen
Um diesen Bericht nun einzureichen, hat eine Delegation der Tupinambá die FUNAI in Brasília besucht. Die FUNAI muss den Bericht nun anerkennen und ihn dann dem Justizministerium überreichen, um der Anerkennung des Gebiets als «Terra Indígena» näherzukommen. Auch wenn der Anerkennungsprozess jahrelang dauern kann, sind die Erwartungen an die FUNAI gross. So schreiben die Tupinambá:
«[Joênia Wapicharas] historischer Amtsantritt als Präsidentin der FUNAI bedeutet für uns, die indigenen Völker in ganz Brasilien, die Möglichkeit, endlich die legitimen Gestalter:innen jener Politik zu werden, die unsere Territorien, Kulturen und unser Leben betrifft.»
Die Hoffnung, endlich in das politische Geschehen miteinbezogen zu werden, hat Lula mit seinen ersten Amtshandlungen geweckt: Er hat ein Ministerium für Indigene geschaffen und die Indigene und GfbV-Partnerin Sonia Guajajara zur Ministerin ernannt. Die FUNAI untersteht nun dem neuen Ministerium und erhält damit mehr Gewicht.
Doch der Besuch bei der FUNAI hat auch nochmals gezeigt: Die Folgen der Politik Bolsonaros werden noch lange zu spüren sein. Bolsonaro hat Indigenenrechte strukturell unterminiert. Die FUNAI begann in grossem Stil Lizenzen für den Rohstoffabbau in indigenen Territorien zu vergeben, anstatt die Gebiete zu schützen. Sie erkannte kein einziges indigenes Territorium mehr an und stoppte alle Demarkierungsprozesse. Darüber hinaus wurden der FUNAI Gelder gekürzt und personelle Engpässe geschaffen, da Rekrutierungsverfahren für offene Stellen unter Bolsonaro ausgesetzt wurden. Die Folge: Die FUNAI hat kaum mehr Ressourcen, um all das in Angriff zu nehmen, was unter Bolsonaro auf Eis gelegt worden war.
Indigenenrechte müssen immer noch erkämpft werden
Indigene Gemeinschaften müssen auch unter Lula mit Nachdruck ihre Rechte einfordern. Die Strukturen, welche ihre politische Teilhabe ermöglichen sollten, funktionieren kaum. Die FUNAI und die gesamte brasilianische Regierung stehen vor einer enormen Aufgabe: Sie müssen die politischen Strukturen von Grund auf neugestalten – mit einem Minimum an Ressourcen. Doch die Hoffnung auf tiefgreifende Veränderungen besteht noch immer und die Tupinambá bleiben dran. Mit ihrem Bericht ist die erste Hürde genommen, damit ihr Gebiet staatlich anerkannt und damit den Status einer «Terra Indígena» erhält – die beste Grundlage, um ihr Gebiet nachhaltig zu schützen.