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Eine der längsten Karrieren der Radsportgeschichte geht in die nächste Runde: Tinker Juarez, Vize-Weltmeister und Olympionike, hat mit 60 Jahren ein neues Team gefunden – nur Wochen nachdem er sich mit Cannondale, seinem Sponsor seit 1994, nicht mehr einig wurde. Tinker fährt jetzt für das Team von Floyd Landis, einer anderen illustren Figur des Radsports. Und selbst Lance Armstrong spielt eine Nebenrolle in der endlosen Saga.
Als die Renndresses nicht genug leuchten konnten, gab es einen, der darüber eine massive, schwarze Lockenmatte trug: David, genannt Tinker, Juarez. Cross Country Mountainbiking war allerdings schon seine zweite Karriere. Seinen ersten Vertrag hatte der mexikanischstämmige Kalifornier 1976 mit Mongoose als BMX Racer unterschrieben.
Zehn Jahre später sattelte er auf das neue Gerät namens Mountainbike um und verzückte das Publikum mit feiner Fahr- und Sprungtechnik, einer Pferdelunge, nie versiegendem Kampfgeist und – klar – seiner Haarpracht.
Gesponserter Rennfahrer seit 1976
Als Teil des legendären Cannondale-Volvo-Teams gewann Tinker Juarez in den Neunzigern mehrmals die US-Meisterschaften, einen Weltcup, eine WM-Silbermedaille und startete 1996 und 2000 für die USA an den Olympischen Spielen. Anfang der Nullerjahre, mit 40 Jahren, wäre ein guter Zeitpunkt gewesen, seine bis dahin 25 Jahre dauernde Rennkarriere zu beenden.
War es aber nicht. Tinker suchte sich nochmals ein neues Feld. In Marathon-, Ultra-Bike- und Strassenrennen war er weiterhin konkurrenzfähig. Die US-Meisterschaften im 24-Stunden-Mountainbiken gewann er viermal hintereinander. 2005 fuhr er das 3000 Kilometer lange Race Across America. Nach zehn Tagen und 22 Stunden überquerte er die Ziellinie als Dritter. Später holte er sich noch einen Masters-WM-Titel als Mountainbiker und fuhr einfach weiter, bis heute. Einen guten Überblick über Tinkers bisher 45 Jahre als Rennfahrer bietet seine Fotosammlung auf Facebook.
Es sind nicht mehr die bedeutendsten Rennen, an denen Tinker Juarez startet, dafür meistens besonders lange, anspruchsvolle und oft auch abenteuerliche. Und die nur leicht angegraute Haarpracht steigt auch mit 60 noch auf Siegerpodien.
Seine Enttäuschung war also gross, als ihm Cannondale im Oktober 2021 keinen neuen Vertrag anbot zu Konditionen, die ihm entsprachen. Sein wütender und nach kurzem gelöschter Post zeigt, dass er seine Aufgabe weiterhin darin sieht, Rennen zu fahren und damit Mountainbike-Firmen zu helfen, ihre Produkte zu verkaufen. Als lebende Legende und auffälligste Figur, wo immer er auf die Strecke geht, besitzt er weiterhin Werbewert. Cannondale reagierte mit überaus respektvollen Abschiedsworten an ihren Botschafter seit 1994.
Ein Vertrag im Cannabis-Team des Ex-Dopers
Die Wende kam postwendend. Wenige Wochen nach seinem Abschied von Cannondale verkündete eine andere schillernde Figur des Radsports, dass er Tinker Juarez unter Vertrag nehme: Floyd Landis. Genau, das ist der vermeintliche Tour-de-France-Sieger von 2006, der kurz nach dem Erreichen der Champs Elysées des Dopings überführt wurde. Landis’ Ausreden und weitere Versuche, von seinen Sport-Betrügereinen abzulenken sind eine Geschichte für sich und reichen von einer Hacker-Attacke bis zu Erpressungsversuchen. 2010 gestand er schliesslich doch noch, erklärte 2011 seinen Rücktritt und gründete 2016 seine Firma für CBD-Produkte, Floyd’s of Leadville.
Weil er mit dem Radsport nicht abgeschlossen hatte, baute er wenig später ein Gravel- und Mountainbike-Team auf, mit seiner Cannabis-Firma als Hauptsponsor. Das Startkapital kam von einem der berühmtesten Doper überhaupt, Lance Armstrong. Eine aussergerichtliche Einigung mit Armstrong brachte ihm mehrere Millionen Genugtuung und Beitrag an seine Anwaltskosten ein. Das Team Floyd’s of Leadville sei seine Art, dem Radsport etwas zurückzugeben, weil er betrogen habe, so Landis.
Landis Geschäftspartner gab dem Magazin VeloNews an, sie beide seien gegen Tinker Juarez in den Neunzigern Mountainbike-Rennen gefahren (Landis war 1993 US-Junioren-Meister), hätten ihn nie geschlagen und bewunderten ihn bis heute. Landis selber sagte zu Pinkbike: «Tinker Juarez ist eine Radsport-Legende, und auch nach 50 Jahren seiner Karriere beeindruckt er immer noch als Rennfahrer und als Botschafter für den Sport.» Er sehe es als Privileg, Tinker zu sponsern und freue sich auf gemeinsame Erfolge, so Landis weiter. Dank dem Vertrag mit Floyd’s of Leadville habe Tinker zudem zum ersten Mal in seinem Leben eine Krankenversicherung.
Tinker Juarez kann also weiter gegen Bezahlung Bike- und Radrennen fahren. Aufgehört hätte er sowieso nicht und es ist auch nicht einzusehen, weshalb er das tun sollte, solange er Spass dabei hat.