Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03306.jsonl.gz/2539

Jedes Klavier klingt schief. Noch schiefer jede Orgel, weil die Unsauberkeiten lange nachklingen. Das liegt in der Mathematik begründet und dem unserem Tonsystem eigenen Fehler. Es ist unmöglich, alle zwölf Töne der Tonleiter so zu stimmen, dass die harmonisch wichtigsten Intervalle (Quinten und Terzen) sauber klingen.
Mit dem Erlanger Traktat (um 1450) war die Forderung auf dem Tisch, die reine Terz anstelle der pythagoräischen Terz in die abendländische Musik einzuführen. Somit kamen der grosse Ganzton (9:8) und der kleine Ganzton (10:9) in die Welt. Jetzt musste ein Tonsystem gefunden werden, das unterschiedlichen Ganztönen genügte, neben der reinen Quinte auch die reine Terz enthalten sollte und zur Transponierung geeignet war.
Der enharmonische Instrumentenbau florierte zuerst in Italien. Nicola Vicentino baute um 1555 das Archicemablo mit 36 Tasten pro Oktave, verteilt auf zwei Manuale mit gebrochenen Obertasten. In der Kirche San Martino in Lucca wurde 1584 eine der ersten Orgeln mit geteilter Tastatur eingeweiht.
Das Klavier geht auf eine Erfindung um 1700 zurück. Bartolomeo Cristofori, Hofinstrumentenbauer von Ferdinand de Medici in Florenz, baute das erste dnyamisch abstufbare Cembalo und später das erste funktionstüchtige Hammerklavier.
Wie die Tasteninstrumente (Claviere) gestimmt werden sollen, um der Vielfalt an Musik und ihren unterschiedlich gefärbten Tonarten gerecht zu werden, gibt fortan zu streiten. Auch Komponisten, allesamt abseits grosser Musikzentren wirkend, regen sich und treten der Vorherrschaft der «wohltemperierten» Stimmung entgegen. Sie beginnen schon im 19. Jahrhundert Töne zwischen den Halb- und Ganztönen zu komponieren und benötigen Claviere, auf denen ihre mikrotonale Musik erklingen kann.
Corinne Holtz begibt sich mit dem Literatur- und Musikwissenschafter Silvan Moosmüller auf einen Streifzug durch die Musikgeschichte des Claviers und lädt zu Zwischenhalten in die Werkstatt von Urs Bachmann. Er überträgt die 10 kreierten Stimmungen von Edu Haubensak für 'Grosse Stimmung' auf 10 Flügel, Simone Keller probiert.