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Dies ist der letzte Teil der Saga um Gormenghast und Titus Groan, den Mervyn Peake vollenden konnte. Von einem vierten Teil (Arbeitstitel: Titus Awakes) existieren drei Seiten lesbare Notizen und ein paar weitere Seiten unlesbare. Peake, von seiner Krankheit (Parkinson) eingeholt, verlor nicht nur die Kontrolle über seinen Körper, sondern auch die über seinen Geist. (Seine Frau, Maeve Gilmore, hat ihre Version des vierten Teils dann selber geschrieben; so viel ich weiss, behauptete sie, in der von Mervyn Peake vorgesehenen Richtung. Wenn dem so ist, wäre das ein Grund, fromm zu werden und Gott dafür zu danken, dass Peake den vierten Teil nicht schreiben konnte. Dass Titus Groan auf seinen Wanderungen an einer Insel angeschwemmt wird, die dieselbe Insel ist, auf der auch die Familie Peake eine Zeitlang lebte, und beim Erwachen sich als Mervyn Peake entpuppt … nein, ein so banales Ende hätte diese grossartige Reihe nicht verdient!)
Der dritte Teil ist für viele Aficionados ein Stein des Anstosses. Nicht nur, dass Schloss Gormenghast nur noch in den Erinnerungen Titus Groans zu existieren scheint, hat viele verstört. Vielen – und man hat das schamlos seiner Erkrankung zugeschrieben, nämlich, dass er die Kontrolle über seine Story verloren hätte – ist es ein Dorn im Auge, dass das quasi mittelalterliche Setting der ersten zwei Bände verloren ging. (Nun werden schon im zweiten Band Schusswaffen explizit erwähnt, wenn auch nicht verwendet, was meinen Verdacht, dass wir hier eher die fiktive Geschichte einer Art chinesischen Kaisersohns vor uns haben, der die Verbotene Stadt verlässt, um festzustellen, dass es Gegenden gibt, die nicht von ihr oder ihm wissen, ja, die ihn für einen gefährlichen Landstreicher halten. Gegenden, in denen Dinge existieren, von denen andererseits die Verbotene Stadt nichts wusste.)
Das mittelalterliche Setting (so es überhaupt existierte!) ging verloren, habe ich gesagt – und es ging gleich komplett verloren. Titus Groan landet auf seiner Wanderung dreivierteltot am Ufer eines Flusses in der Nähe einer Stadt. Schon hier wartet die erste Überraschung auf den Leser, indem Muzzlehatch, Titus’ Retter, ein – Automobil fährt. Viel später werden wir auch Helikopter finden und flügellose Flugzeuge (also raketenbetriebene?). Als Zentrum des Bösen (zumindest für Muzzlehatch) entpuppt sich eine geheimnisvolle Fabrik, von der wir nie erfahren, was sie denn nun herstellt – ausser übel riechenden Dämpfen. Doch Peake geht nicht nur in die Gegenwart, er führt auch Elemente der Science Fiction ein: Ein merkwürdiger, in der Luft schwebender gläserner Körper, der Titus überall hin folgt, bis er ihn mit dem letzten Kieselstein von Gormenghast zerstört. Ein unbekannter Strahl tötet alle Tiere im Zoo von Muzzlehatch, Titus’ einzigem Freund in dieser merkwürdigen Welt.
Daneben hat Peake auch ein verstörende unterirdische Welt eingeführt, in der die Outcasts der Gesellschaft leben, die Bettler und Verbrecher. (Hierin, auch wenn ihr Äusseres ganz anders beschrieben wird, an die verbrecherischen Parallelwelten eines Eugène Sue – Les mystères de Paris – oder Victor Hugos Welt der Kanäle unter Paris in Les misérables gemahnend.) In dieser Welt wird Titus beinahe zum Märtyrer einer Verbrecherin – Dostojewskij umkehrend.
Das hier ist keine Zusammenfassung der Story – zu viele faszinierende Details müssten noch aufgeführt werden. Wenn wir in den ersten beiden Büchern über Titus und Gormenghast eine Kritik vor uns haben am Alten, am Überlieferten, das die nachfolgenden Generationen erstickt und zu Puppen eines Rituals macht, dessen einziger Sinn in seiner Sinnlosigkeit liegt, so finden wir nun Titus in einer (mehr als) modernen Welt wieder – und siehe da: Diese Welt ist um kein Haar besser oder grundlegend anders als die alte. An die Stelle des Rituals tritt die Überwachung – und wir erfahren nicht einmal durch wen. Es gelingt Titus zwar, sich aus den Umklammerungen der Moderne zu befreien, die sich primär in Cheeta, einer modernen jungen Frau manifestieren, aber im Hintergrund agiert jemand, der sich nie zu erkennen gibt. Dass diese Befreiung bzw. Flucht nur mittels moderner Technik möglich ist – einem Raketenflugzeug, einem Schleudersitz und einem Fallschirm – beweist die Perplexität und Kompexität von Peakes Welt.
Man hat diesem Band vorgeworfen, dass er so anders ist, als die vorhergehenden. Nicht nur, dass plötzlich moderne, ja mehr als moderne Technik existiert. Auch Sexualität wird plötzlich thematisiert: Titus liegt in diesem Band ganz eindeutig bei verschiedenen Frauen im Bett. Und Cheeta, die moderne Frau, wird vor allem deshalb zu seiner Antagonistin, weil sie ihn zwar in sich verliebt machen kann (was ihr erklärtes Ziel war), aber seine Liebe auch sehr rasch wieder verliert, weil sie komplett frigide ist und sich seinem Wunsch nach gemeinsamem Sex verweigert.
Mit seinen Science-Fiction-Elementen verlässt Band 3 auf den ersten Blick den existenzialistischen Grund von Band 1. Das ist aber nur scheinbar, denn es zeigt sich, dass weder Vergangenheit noch Zukunft dem jungen Titus einen Halt geben können. Die Vergangenheit, Gormenghast, sollte für Titus der Hafen sein, von dem aus er in die Zukunft segelt – aber mehr und mehr fürchtet er, den Verstand verloren und von Gormenghast nur geträumt zu haben. Deshalb wird er auch in der Zukunft nicht heimisch.
Zum Schluss von Band 3 ist Titus – rein zufällig – wieder an der Grenze von Gormenghast angelangt. Er sieht das Schloss und hört die täglichen, zum Ritual gehörenden Salutschüsse der Kanonen. Statt heimzukehren, dreht er sich um, um in eine andere Richtung wieder von Gormenghast wegzuwandern. Ein ewiger Wanderer durch die Zeiten, so, wie der Ewige Jude? Es scheint fast so.