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Berlin den 13. Juni 1838.
Mein lieber Freund!
Nach meinem Versprechen hole ich nach, was mir die Zeit im letzten Briefe1 zu schreiben nicht mehr gestattete. Von Paraden, Manouvres etc. will ich jetzt nichts sagen, da dich diese Sachen, von denen alle Zeitungen überladen waren, wohl schwerlich interessiren werden. Nur will ich kurz bemerken, daß ich den Kaiser von Rußland2, der sich zu Pferde recht stattlich ansieht, so wie den starrköpfigen Ernst von Hannover3 mit seinem ungeheuren weißen Schnurrbart mehrmals in der Nähe gesehen habe. Bei diesem Anlaß empfehle ich dir auch, falls du es noch nicht gethan haben solltest, das Schriftchen Dahlmanns4 «Zur Verständigung»5 zu lesen, da das selbe die Niederträchtigkeit der neuen hannoveranischen Regierung und die Schwachheit der meisten Beamten so recht anschaulich macht.
Von den mir in deinem Briefe gestellten Fragen habe ich noch die zu beantworten, wie mir die hiesigen Professoren gefallen. Vom Umgang mit ihnen privatim kann ich noch gar nichts sagen, da ich außer zur Anmeldung noch bei keinem gewesen bin. Nach den Aussagen Andrer und dem ganzen Benehmen der Professoren aber weiß ich, daß Savigny6 etwas ceremoniell, vornehm und kalt ist, was ich ihm auch nicht verargen kann, da er schon ziemlich alt ist, und alljährlich eine so große Menge von Schülern kommen und gehen sieht, daß er unmöglich an jedem Einzelnen Interesse gewinnen kann. Klenze7, sehr freundlich, und zu Hause wie auf dem Katheder äußerst wortreich, hat daneben eine Gravität, welche uns an Bürgermeister Heß8 erinnerte. Im Winter empfängt er regelmäßig; und bei Mittagessen etc. soll seine Frau9 ihren Herrn Gemal an Gravität noch übertreffen. Zu Ritter10 und Ranke11 werde ich wenig gehen, da meine Studien mich nicht näher mit Ritter zusammen bringen, und für jetzt auch nicht mit Ranke. Von den Juristen soll auch Rudorf12 sehr artig sein im Umgange. Doch ich will dir kurz diejenigen Professoren, welche ich höre, zu schildern suchen, wie sie im Hörsale erscheinen.
Savigny hat in seinem Äußern gar nicht das Zarte, Weibliche, wie es auf den Kupferstichen scheint, welche sein Porträt enthalten. Er ist ein großer, starkgebauter, gar nicht hagerer Mann, dem nur sein zur Seite herab gestrichnes dunkles Haar etwas Auffallendes giebt, das dann in Abbildungen weibisch erscheint. Sein gebräuntes Gesicht kam uns beim ersten Anblick nicht sehr geistreich, oder ausdrucksvoll vor. Wenn er aber auf seinem Katheder sitzt, so kann man ihn nicht genug anschauen; immer besser gefällt er durch die Ruhe und Klarheit, welche schon in seinem ganzen Äußern abgespiegelt ist. Sein Vortrag ist, wie die Studirenden aller Fakultäten zugeben, der schönste von allen hiesigen Lehrern, und seine Worte sind so gewählt, daß man Alles auf der Stelle niederschreiben und drucken lassen könnte. Wir sind letzte Woche mit der äußern Rechtsgeschichte fertig geworden, die er nur als Einleitung behandelt, aber eben wie fast alle hiesigen Einleitungen mit einer Ausführlichkeit, die fürchten läßt, am Ende werden die letzten Capitel nur oberflächlich behandelt werden können, oder dann werden sich die Vorlesungen noch bis in die Zeit fortsetzen, wo die Andern schon Ferien haben. Wie schon gesagt, herrscht in Allem eine unglaubliche Klarheit, so daß wir keineswegs bereuen, die Institutionen hier zum zweiten Mal zu hören. Auch H. Schweizer13 ist ganz entzückt davon, während sonst seine Erwartungen nicht befriedigt worden sind, indem die Philologen nicht so leicht zugänglich sind, als er glaubte, auch die Meisten als Lehrer weniger sich auszeichnen, als durch ihre Schriften. Böckh14 namentlich soll einen sehr trägen langweiligen Vortrag haben. – Vor einiger Zeit hat sich ein unbedeutendes Ereigniß zugetragen, das ich weniger wegen Savigny's, als um den Geist der jüngern preußischen Prinzen dadurch zu zeigen, hier erwähne. Einer der Prinzen15 nämlich, welche mit Ausnahme des unglücklicher Weise kinderlosen Kronprinzen16 nicht sehr gescheid und gebildet sein sollen, auch vom Volke nicht geliebt werden, wandte sich in einer Gesellschaft an einen Sohn Savigny's mit der Frage: Sind Sie der Sohn17 des Professor Savigny, der für die Göttinger Professoren subscribirte? und nach der Bejahung wandte er ihm sogleich den Rücken. Savigny beklagte sich darüber beim König18, und der Prinz mußte seine Beleidigung abbitten, auf welche Weise, weiß ich nicht.
Ritter hat einen ebenfalls sehr schönen Vortrag. Seine Sprache ist sehr reich an Bildern, was er sagt, klar. Nur hat er den Fehler, sich gar zu oft zu wiederholen, und namentlich braucht er den Ausdruck «Verhältnisse» als Lückenbüßer oft. Natürlich macht jetzt seine Lehre nicht mehr den Eindruck, wie früher, da wir nun schon durch seine und seiner Nachfolger Schriften an seine eigenthümliche geistreiche Auffassung der Geographie gewöhnt sind. Auch er macht sehr lange Einleitungen, | und da er zudem oft Stunden aussetzt, so wird er schwerlich mit seiner Geogr. v. Europa zu Ende kommen. Seine Vorlesungen über Griechenland, 1 Mal wöchentlich, wird er wohl noch einige Semester fortsetzen; denn sonst käme er zu gar nichts. Bei der Anmeldung zu Hause war er gegen uns sehr freundlich, und sagte, er beabsichtige nächstens wieder ein Mal die Schweiz zu besuchen. Ritter scheint zu Hause und auch bei seinem Eintritt in das Auditorium schüchtern, sobald er aber auf dem Katheder ist, verliert sich jede Spur von Befangenheit. Übrigens zeichnet er sehr gut aus dem Kopfe mit schnell hingeworfnen Zügen die Umrisse der Länder und andre Verhältnisse.
Ranke's Vortrag ist ganz sonderbar, ermüdend und, bis man etwas daran gewöhnt ist, widrig. Er spricht nämlich in einer beständigen Begeisterung, und stößt seine Sätze juckweise hervor, so daß man oft die Hälfte nicht versteht, die Namen besonders sind fast unverständlich. Dabei arbeitet er mit Händen und Füßen, und wirft sich in seinem Stuhle von einer Seite zur andern; die Augen nie auf seine Zuhörer, sondern bald rechts, bald links an Decke und Wände geheftet. Daß der Inhalt seiner Vorträge gut ist, versteht sich, jedoch ist die Periode Karls des Großen19, wo wir jetzt stehen, nicht von der Art, daß er viel Neues vorbringen könnte. In allen Vorlesungen Ranke's soll die neuste Zeit am besten dargestellt werden, und Heinrich Vögeli20 rieth mir, kein andres Collegium bei ihm zu hören, als neuste Geschichte.
Klenze endlich ist, wie schon oben gesagt, ungeheuer wortreich. Man kann nicht begreifen, daß er nie stecken bleibt oder ihm der Athem ausgeht, ein solcher Wortschwall ergießt sich aus seinem Munde. Ich glaube in der That, seine Vorlesungen über Naturrecht und dgl. mögen so ziemlich bloßes Geschwätz sein. Dagegen in der römischen Rechtsgeschichte, für die er schon Vieles gearbeitet hat, besonders für die Sammlung und Kritik der leges, ist es bei ihm sehr interessant. Schade ist, daß er dictirt; doch geschieht dieses auf eine Weise, die weniger unangenehm ist, als bei den meisten sonstigen Dictatoren. Er sagt, er müsse es wegen der Studenten thun; er habe einmal anfangen wollen, einen zusammen hangenden Vortrag zu halten, allein man habe sogleich gescharrt, damit er das Gesagte wiederhole.
Hospitirt habe ich unter Anderm bei Gans21 im Staatsrecht zwei Mal. Es ist sehr unterhaltend in diesen Vorlesungen. Gans hat in seinem ganzen Äußern und auch im Vortrage etwas, das seine Neigung zu Frankreich ausdrückt. Er ist sehr lebhaft, witzig, und in manchen Punkten so freimüthig, daß man gewiß gern sähe, wenn er ein Mal an eine andre Universität berufen würde. Wenigstens wird man es in der Hauptstadt eines absolutistischen Königreiches nicht gerade gern sehen, wenn ein öffentlicher Lehrer das Princip des Absolutismus, die Theorie der von Gott eingesetzten Könige, interpretirt: Wem Gott ein Amt gibt, gibt er auch Verstand.
Was das Local der Universität anbelangt, so gehört zu den Annehmlichkeiten ein Wäldchen von Kastanienbäumen, in welchem man während der Zwischenstunden spazieren kann; auch das, daß man beim Portier Kaffee, Bouillon, Butterbrod, Liqueure etc. erhalten kann; zum Un-Angenehmen dagegen die durchgehends schmalen unbequemen Tische, die oft wackelnden Bänke und der Mangel an jeder Vorrichtung zu Aufbewahrung von Hüten, Mützen, Schirmen etc. Alle diese Gegenstände muß man bei ohnehin schon schmalen Plätzen neben sich legen oder zwischen den Beinen halten, was besonders bei nassen Schirmen unangenehm ist. Im Winter soll es sehr oft geschehen, daß aus den Collegien Mäntel gestohlen werden, wenn man nicht darauf sitzt. –
Da ich sonst nicht mehr viel weiß, so füge ich noch die Stücke bei, in denen wir Seydelmann22 gesehen haben. Es sind dieses: Der Kaufmann von Venedig. In Clavigo als Carlos. In Emilia Galotti als Marinelli. Im Clavigo spielte auch die Hagen23, und zwar sehr gut. Sonst aber glaube ich, dß Mad. Crelinger24 im Ganzen ausgezeichneter ist. Vorgestern waren wir in Rossini's25 Wilhelm Tell, der recht artig in Scene gesetzt war. Die Landschaften waren nicht getreu, aber doch schweizerartig, dagegen die Costüme meist unpassend. Der Inhalt des Stückes erinnert bekanntlich nicht sehr an die wahre Geschichte; da aber die Männerrollen, bes. Tell, gut besetzt waren, und das Orchester ausgezeichnet ist, so gefiel uns die Aufführung gut. Zum Glück wurden die Tänze weggelassen.
In meinem ersten Briefe vergaß ich, Huber26 von Murten zu erwähnen. Ich sehe denselben fast nie; derselbe steht hier bei den Schweizern im Rufe eines Aufschneiders. – Zur Berichtigung meiner Angaben27 über Finsterwald28 und Escher29, welche ich im Wesentlichen bestätige, bemerke ich nur, daß die angegebnen Zahlen sich auf Finsterwald beziehen, und statt 3000 es heißen muß 2000. |
Wegelin30 ist noch immer sehr schwach und sieht übel aus; doch hat sein Blutspeien in Folge wiederholter Aderlässe für jetzt wenigstens aufgehört. Möchte er nur bald so weit hergestellt sein, um heimkehren zu können, da der Arzt ihm dses sehr anräth, und er selbst natürlich ganz zufrieden damit ist. Da er immer sehr wenig sprechen darf, und wir nicht viel Neues ihm zu erzählen wissen, so sind ihm unsre Besuche wohl nicht sehr von Werth, obschon er gern Jemand bei sich sieht. Eine Zeit lang war er sehr gut unterhalten, indem ihm G. Wyß31 nach seinem Wunsche die leichtern Sätze der Geometrie mit ihren Beweisen vortrug; aber der Vorrath ging bald aus, da wir keinen Legendre32 bei uns haben.
Sonst sind, soviel ich weiß, alle hiesigen Bekannten von dir gesund, und ich wünsche nur, daß dich dieser Brief eben so antreffen möge. Grüße mir Blumer, Wolf33, Heß34 und die übrigen Schweizer, und gib' bald von deinem Befinden Nachricht Deinem treuen:
Jacob Escher.