Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03301.jsonl.gz/1024

LESEPROBE 3

«Scheisse, verfluchte!» Wie immer stand David Wyss am Jahrestag des Unfalls am Grab der Familie, die er zerstört hatte. «Warum?» stand unter den drei Namen auf dem Grabstein. Seit genau sechs Jahren überschattete diese Frage Davids Leben. Er starrte bitter grübelnd vor sich hin und bemerkte kaum die Sonne, die nach dem bisher wolkenverhangenen Tag doch noch zum Vorschein kam, und auch nicht die junge Frau, die zu ihm getreten war und schweigend neben ihm stehen blieb.
«Komm, Dave, wir gehen zu Tom», sagte sie nach einigen Minuten leise und hakte sich bei ihm ein. An einer anderen Ecke des Friedhofs machten sie vor einem Urnengrab halt. Es trug dasselbe Todesdatum wie das Familiengrab vorher. Wyss zitterte leicht und ballte die Fäuste, um sich besser kontrollieren zu können. Er starrte mit verzweifeltem Blick ins Leere. Warum hatte er sich an diesem verhängnisvollen Tag nicht krankgemeldet, wenn er mit seinen Gedanken eh nur bei seinem Vater weilte, der nach einem Schlaganfall im Spital lag? Und wenn er schon trotzdem zur Arbeit gekommen war, warum hatte er nicht wenigstens Tom gebeten, mit dessen Wagen zu fahren? Und warum dieser Traktor? Und der Scheisskerl, den sie verfolgten, wollte sich ja eh bloss die Kugel geben! Morgenthalers und Tom — sie alle waren sinnlos gestorben.
«Es tut mir so leid, Vanessa», stammelte er mühsam.
Sie legte ihren Arm um ihn. Dann legte sie eine Rose auf das Grab und wandte sich zu ihm. Er hielt ihrem ernsten Blick kurz stand, dann schloss er die Augen und strich sich mit Daumen und Zeigefinger die Tränen weg. Ja, es war ein Unfall gewesen, das wusste er, und auch, dass es keines der Opfer zurückbrachte, wenn er sich immer wieder quälte. Man hatte es ihm schon oft genug gesagt.
«Ich vermisse ihn.» Sie versuchte, tapfer zu klingen. «Aber ich will weiterleben, verstehst du? Und du sollst auch weiterleben.»
Nichts war mehr, wie es war. Sie hatte mit Tom ihren Mann verloren und all die Jahre seither mit David auch ihren besten Freund. Er war froh, dass sie einander wieder in die Augen schauen konnten.
«Und ich werde nicht länger zusehen, wie du als Schatten deiner selbst dahin vegetierst.»
«Du hast gut reden, du trägst auch keine Schuld!», entgegnete er barscher als beabsichtigt. Er wusste, dass sie recht hatte. Aber auch er hatte damals alles verloren. Nur gab er sich nicht das Recht, über seinen Verlust zu trauern. Er dachte an die Schulzeit zurück, als er sich in sie verknallt hatte; an Tom, seinen besten Kumpel, den er im Fussballclub kennengelernt und der ihm Vanessa vor der Nase weggeschnappt hatte; mit dem er später nach der Berufslehre die Polizeischule besuchte und dessen Trauzeuge er wurde. Sie waren Partner gewesen, und auch privat ein Team, zusammen mit Vanessa und Maya, seiner Freundin. Und heute? Tom war tot, Maya hatte er zuletzt gesehen, als sie ihm im Spital nach seiner Aufwachphase aus dem Koma mitteilte, sie könne mit seiner Schuld nicht leben, und er, er war mit 35 ein gebrochener Mann; die einzige, die ihren Mut nicht verloren hatte, war Vanessa, obwohl auch sie lange gebraucht und mit Gott und der Welt gehadert hatte. Er bewunderte sie, und manchmal regte sie ihn auch auf mit ihrem Optimismus und ihrem Willen, ihr Leben wieder in die Hand zu nehmen: Sie hatte es geschafft, ihre Trauer nie in Vorwürfe und Hass gegen ihn umzudrehen. Sie hatte sogar während dem Prozess gegen ihn betont, sie habe keine Wut auf ihn, obwohl sie wisse, dass seine Unachtsamkeit vier Menschen das Leben gekostet hatte. Manchmal wäre es ihm lieber gewesen, sie hätte ihn angeklagt und angeschrien. Wie er selbst es tat, jeden verdammten Tag und jede einsame Nacht.
«Ich hab sie wieder getroffen», sagte sie unvermittelt.
«Noena?», fragte er.
«Ja, Noena. Am Montag. Diesmal ohne ihre Psychologin. Ich war bei ihr zu Hause in Belp.»
«Und?», seine Stimme klang beinahe ängstlich.