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Leben mit der Feuergefahr — «Neue Normalität» für Kalifornier
Kalifornien wird traditionell mit Sonne, Meer und Hollywood verbunden, mit Abenteuer und Chancen. Aber für viele Menschen, die dort wohnen, hat es zunehmend auch eine andere Seite.
Tina Chandler geht ins Freie und schnuppert die Luft. «Riechst du Rauch?» fragt die Kalifornierin. Selbst wenn der Geruch nicht da ist, verfolgt er sie. Da ist die Angst vor den monströsen Winden im Herbst, Stürmen wie jenen, die vor zwei Jahren verheerende Waldbrände entfachten, Flammen durch ihre Wohnsiedlung in Santa Rosa peitschten — und das Gebiet erst vor Kurzem erneut bedrohten.
2017 blieben den Chandlers nur ein paar Minuten, dem Feuer zu entrinnen, bevor ihr Zuhause abbrannte. Wie viele ihrer Nachbarn entschloss sich die Familie zum Wiederaufbau — um dann vor wenigen Wochen wieder bange Tage durchzumachen, zu sehen, wie das sogenannte «Kincade-Feuer» den Himmel hinter einem Bergkamm in der Nähe der neuen Häuser orange verfärbte.
Kalifornien gilt als der «goldene Staat», reich an Sonne, Chancen und möglichen Abenteuern. Aber für viele, die dort wohnen, gibt es so etwas wie eine «neue Normalität»: Wald- und Buschbrände, die immer aggressiver zu werden scheinen.
Manche geben auf
Einige Bewohner geben auf, ziehen woanders hin. Für jene, die bleiben, bedeutet es ein Leben mit wiederholten Stromabschaltungen, die verhindern sollen, dass Funken von Leitungen bei stürmischem Wetter Flammen entfachen. Es bedeutet, wichtige Dokumente feuersicher und parat für eine plötzliche Flucht aufzubewahren, Sprinkleranlagen zu installieren und die Vegetation rund ums Haus unter Kontrolle zu halten.
Santa Rosa liegt im Bezirk Sonoma, Teil von Kaliforniens malerischem «Wine Country». Das «Tubbs-Feuer», das 2017 Teile der Stadt in Schutt und Asche legte, war das bislang zweitschlimmste in der Geschichte des US-Westküstenstaates — nur übertroffen vom «Camp-Feuer», das im vergangenen Jahr den nördlicher gelegenen Ort Paradise verwüstete und 85 Menschenleben kostete.
Die Verluste durch das «Kincade-Feuer» waren am Ende weniger gross — unter anderem deshalb, weil die Feuerwehr aus Erfahrungen gelernt hat und es präzisere Windvorhersagen gab. Dennoch wurden einige Häuser zerstört, so ein 150 Jahre alter Krämerladen in Healdsburg, der das Zentrum der Winzerei Soda Rock bildete.
Aber schon kurz nach dem Feuer luden Schilder an einer nahe gelegenen Strasse wieder zu Weinproben ein, «die Genesung beginnt» wurde in Grossbuchstaben verkündet. «Das nenne ich Widerstandskraft», lobte ein Weinkunde tief beeindruckt.
Emily McCutchan lebt in einem Ort in der Nähe, aber hielt sich zum Zeitpunkt des Feuers in Italien auf. Sie brach in Tränen aus, als sie nach ihrer Rückkehr die Ruinen auf dem Gelände der Winzerei sah. «Es ist so traurig», sagte sie — und fügte hinzu, dass sie künftig während der Feuersaison nicht mehr verreisen werde. «Es ist dein Zuhause, deine Gemeinde, deine Familie», so McCutchan. «Da sucht man nicht einfach das Weite, wenn es harte Zeiten gibt.»
Winzerei-Besitzer Ken Wilson selbst tröstet sich unter anderem damit, dass sich die Weinreben wohl von dem Feuer erholen werden. Das hat er jedenfalls in der Vergangenheit erlebt: Die Wurzeln reichen zu tief, um zerstört zu werden.
Auch die Chandler-Familie — Tina, ihr Ehemann Joel sowie zwei Söhne und Schwiegertöchter — hat in dieser Gegend tiefe Wurzeln. Sie betreibt eine Baufirma und hat nach dem «Tubbs-Feuer» von 2017 beim Wiederaufbau in Santa Rosa geholfen. Die Chandlers flüchteten damals zusammen vor den Flammen, aber blieben nicht weit vom Haus der Familie im Evakuierungsverkehr stecken — und sahen mit eigenen Augen, wie die Flammen das Gebäude verschlangen. Sohn Bobbie erinnert sich, dass er sich vor Schock und Trauer übergeben musste.
Und so zog sich sein Magen wieder zusammen, als er Ende vergangenen Monats das orangefarbene Glühen des «Kincade-Feuers» sah und erneut eine Evakuierung angeordnet wurde. Aber diesmal entschlossen sich die meisten Mitglieder der Chandler-Familie und mehrere Nachbarn zum Bleiben, weil das Feuer weiter entfernt war als damals. Und tatsächlich kamen sie unbeschadet davon — wenn auch nach Tagen mit wenig oder gar keinem Schlaf.
Einwohner rücken zusammen
Der Stress hat die Einwohner zusammenrücken lassen, man trifft sich jetzt jeden Mittwoch zu einer Weinparty. Viele junge Familien sind zugezogen: War das Leben in dieser Gegend vor den Feuern zu teuer für sie, ist es jetzt erschwinglich geworden. Bobbie mag aber nicht von irgendwelchen guten Seiten der Brände reden, «denn da sind Menschen und Dinge, die nicht ersetzt werden können». Er ist jedoch dankbar, hier zu sein, zusammen mit der ganzen Familie.
Auch seine Mutter Tina will bleiben, aber sie schläft schlecht seit dem «Kincade-Feuer»: Es hat zu viele alte Ängste neu belebt. Es ist nicht das freundliche Kalifornien, das sie stets geliebt hat. «Ich möchte nicht in Angst leben», sagt die 54-Jährige. «Aber wohin würden wir gehen?»
Tina denkt immer noch an die Dinge, die sie 2017 im Feuer verloren hat, die Babybücher etwa, in denen sie die wichtigsten Entwicklungen in den Anfangsjahren ihrer Söhne festhielt. So hat sie zwar noch im Kopf, wie viel die Kinder bei der Geburt wogen, aber wie gross sie waren, hat sie vergessen.
«Als Mutter will man sich an solche Sachen erinnern», sagt sie — und ihre Augen füllen sich mit Tränen. Dann hält sie einen Augenblick inne, hier in ihrer neuen Küche. Und fragt erneut: «Kannst du den Rauch riechen?»
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