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Am kommenden Wochenende finden in der Ukraine Präsidentschaftswahlen statt. Doch wirklich ehrliche, unabhängige KandidatInnen gibt es nicht. Am gigantischen Skiprojekt Swidowets in den Karpaten lässt sich zeigen, warum.
Man kann das Drama dieses Staates über seine Skigebiete erzählen. Ja doch, in der Ukraine kann man Ski fahren. Das Land ist grösser als Frankreich und unendlich flach. Doch an der westlichen Flanke – dort, wo die Ukraine an Rumänien, Ungarn und die Slowakei grenzt – erheben sich die Karpaten. Hier finden sich die letzten grossen Buchenurwälder Europas.
Jassinja ist ein unscheinbares Karpatendorf. Mitten im Ort steht ein Monument, versehen mit vielen kleinen Porträts und verblichenen Plastikblumen. Die Menschen auf den Fotos sind im Februar vor fünf Jahren auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew – dem «Maidan» – erschossen worden. Tausende demonstrierten damals gegen die Korruption und gegen Präsident Wiktor Janukowitsch, der sich weigerte, das Assoziierungsabkommen mit der EU zu unterzeichnen. Die Situation spitzte sich zu, hundert Menschen starben. Janukowitsch musste fliehen. Es kam zu Neuwahlen.
Neuer Präsident wurde Petro Poroschenko, der «Schokoladenkönig». Der schwerreiche Unternehmer besitzt mehrere Süsswarenfirmen. Vor den Wahlen hatte er versprochen, diese Unternehmen abzugeben. Nichts davon ist passiert. Er blieb der Oligarch, der er schon immer war.
Am kommenden Wochenende stehen nun wieder Präsidentschaftswahlen an. Fragt man UkrainerInnen nach ihren FavoritInnen, lächeln sie matt und sagen, sie hätten nur die Wahl zwischen «Shit» und «noch grösserem Shit». Was sie meinen, lässt sich in der Gegend von Jassinja veranschaulichen. Es geht um drei Skigebiete: Drahobat, Bukowel und Swidowets. Die ersten beiden existieren schon, das dritte ist in Planung.
Knappes Wasser
Eine internationale Gruppe von UmweltschützerInnen hat sich in diesen Tagen Mitte März in Jassinja zusammengefunden, um Free Svydovets zu unterstützen. Die lokale Organisation kämpft gegen das geplante Skiresort. In Jassinja nehmen die UmweltschützerInnen zwei Skishuttles: Rumpelkisten mit einen Meter hohen Rädern. Sie kämpfen sich über eine morastige Piste hoch nach Drahobat, ein kleines Skigebiet mit vier Liften.
Der Nebel hat den Berg fest im Griff. Der Schnee liegt kniehoch, der Wind pfeift garstig. Die Mitglieder der Gruppe ziehen sich in eines der Hotels zurück. Sie sitzen neben modern ausgerüsteten Skifahrern und Snowboarderinnen, trinken Tee und hören zu, wie Wasil Fabrizi erzählt, warum er zum Umweltaktivisten geworden ist. Der rundliche Mann betreibt in der Gegend eine kleine Sägerei. Vor drei Jahren hörte er das erste Mal vom geplanten Skigebiet.
Das Swidowetsmassiv erstreckt sich nordwestlich von Drahobat. Eine Landschaft wie das Entlebuch, mit Wald, Alpwiesen und vielen Pflanzen und Tieren, die es nur hier gibt. Das Gebiet ist ein Unesco-Biosphärenreservat. Die empfindlichen Zonen sind vollständig geschützt, in den Randregionen ist eine «sanfte ökonomische Entwicklung» erlaubt.
Fabrizi erzählt, was genau geplant ist: Unterkünfte für 28 000 TouristInnen, 60 Hotels, 120 Restaurants, 33 Lifte, 230 Kilometer Skipiste und ein Flugplatz. Das klingt nach dem Bau einer kleinen Stadt und nicht nach «sanfter Entwicklung». 5000 Arbeitsplätze wurden versprochen. Für eine so abgelegene Gegend ist das viel.
Fabrizi hat zusammen mit anderen Einheimischen gegen das Projekt geklagt, weil die lokale Bevölkerung nicht korrekt angehört worden sei. Im vergangenen Jahr haben sie – was alle überraschte – vor Gericht recht bekommen. Damit ist das Projekt nicht verhindert, aber immerhin verzögert. Fabrizi ist überzeugt, dass es zwar vielleicht Arbeitsplätze geben wird, aber nur schlecht bezahlte und auch nur für die Wintersaison.
Mit von der Partie ist auch Bohdan Prots. Er arbeitete früher für den WWF Ukraine und leitet heute das Naturhistorische Museum der westukrainischen Stadt Lwiw. Prots zieht eine Karte hervor, auf der das Biosphärenreservat und das geplante Skiresort eingezeichnet sind. Der grösste Teil des Skigebiets kommt im Reservat zu liegen.
Nun holt er ein bisschen aus. Denn unweit des geplanten Skigebiets liegt das Skiresort Bukowel, das vor einigen Jahren gebaut wurde. Es verfügt über sechzig Kilometer Pisten, die beschneit werden müssen, weil der höchste Punkt auf nur 1300 Metern über Meer liegt. Prots sagt, Bukowel habe zu wenig Wasser, um genug Kunstschnee zu produzieren.
Im Swidowetsgebiet hingegen gibt es ausreichend Wasser. Deshalb soll nun in diese Richtung expandiert werden. Nur werde das Wasser auch hier knapp, wenn man 230 Kilometer Pisten beschneien würde. Zudem schädige Kunstschnee die Flora und belaste das Grundwasser, so Prots. Am Ende hätten die Einheimischen kein Wasser mehr. «Und das grosse Geld machen andere», sagt er. Davon ist auch Fabrizi überzeugt.
Der Oligarch und die Wahlen
An diesem Punkt verschmilzt das Resortprojekt mit der Politik: Laut Free Svydovets ist Ihor Kolomojskyi der heimliche Grossinvestor. Über sein Firmenkonglomerat weiss man wenig. Auf der Liste der reichsten Ukrainer fungiert er mit einem Vermögen von aktuell 1,6 Milliarden US-Dollar auf Platz drei.
Das Skiresort Bukowel kontrollieren Kolomojskyi und die Brüder Oleksandr und Wiktor Schewtschenko, das ist belegt. Finanziell involviert ist auch Hennadi Boholjubow, mit dem zusammen Kolomojskyi einst die Privat Bank gegründet hatte, die grösste Bank der Ukraine. 2016 wäre sie wegen fauler Kredite beinahe kollabiert. Weil die Hälfte der UkrainerInnen ein Konto bei der Privat Bank haben, musste sie – um sie vor dem Zusammenbruch zu bewahren – verstaatlicht werden. «Laut der Nationalbank hat die Privat Bank über 95 Prozent ihrer Kredite an nahestehende Gesellschaften vergeben – also im Wesentlichen an Firmen von Kolomojskyi und Boholjubow», schrieb damals die NZZ.
Die ukrainische Nationalbank reichte deswegen Ende 2018 auch in Genf eine Klage gegen Kolomojskyi ein, weil er jahrelang dort residiert hat. Inzwischen geschäftet er von Israel aus.
Das geschäftliche Netz von Kolomojskyi ist so gigantisch wie undurchschaubar und eng verflochten mit der Politik: Bukowel-Manager Oleksandr Schewtschenko politisiert für die liberale Ukrop-Partei, die Kolomojskyi nahesteht. Schewtschenko sitzt im Parlament und kandidiert nun fürs Präsidentschaftsamt. Allerdings dürfte er kaum Chancen haben.
Chancen haben hingegen Julia Timoschenko und Wolodymyr Selenskyi – die Lady mit dem geflochtenen Haarkranz und der Komiker. Timoschenko ist eine Politveteranin, sie war schon zweimal Regierungschefin. Vor kurzem wurde ein Telefongespräch geleakt: Man hört eine Frau, die einem Mann zum Geburtstag gratuliert; sie klingt wie Timoschenko, er wie Kolomojskyi. Die beiden unterhalten sich sehr vertraut. Timoschenko bedankt sich «für alles», und Kolomojskyi sagt: «Wir geben nicht auf, bevor wir unser Ziel erreicht haben.» Man kann nicht sagen, ob das Gespräch echt ist – aber kaum jemand zweifelt daran, dass es wahr sein könnte und Kolomojskyi Timoschenko bezahlt.
Swidowets’ Zukunft
Bleibt noch Selenskyi. Er ist jung, unverbraucht, frech und schwingt in den Umfragen obenaus. Die Leute lieben ihn, weil er in einer seiner beliebten TV-Serien einen nicht korrumpierbaren Präsidenten spielt. Selenskyis Problem ist nur: Er hat in Kolomojskyis TV-Sender 1 + 1 Karriere gemacht. Er beteuert zwar, unabhängig zu sein, er und Kolomojskyi seien nur Geschäftspartner. Viele UkrainerInnen können da aber nur lachen. Sie begreifen: Leute wie Kolomojskyi sind reich, weil sie wissen, dass Politik die Fortsetzung des Business mit andern Mitteln ist.
Und deshalb ist es für viele UkrainerInnen fast unmöglich zu wählen, weil sie zwischen dem Oligarchen Poroschenko und Kolomojskyis mutmasslichen Marionetten entscheiden müssen. Wirklich aufrichtige, unabhängige KandidatInnen, die auch reale Chancen haben, gibt es nicht.
In Drahobat ist der Nebel verschwunden. Zwei Pistenbullys fahren die AktivistInnen den Berg hoch. Der Blick öffnet sich über die verschneiten Kämme des Swidowetsmassivs. Vielleicht werde das Resort nie gebaut, sagt Bohdan Prots. Weil es sich nicht rentiere und die Klimaerwärmung den Skisport auf dieser Höhe bald unmöglich mache. Aber die Wälder für die Pisten würden sie bestimmt abholzen. Weil sich damit auch ohne Skiresort Geld machen lässt.
Die Recherchereise wurde durch den Bruno-Manser-Fonds organisiert, aber von den Teilnehmenden selber bezahlt.