Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03318.jsonl.gz/2152

Der Volksmund nennt sie auch: Carnaubeira
Wissenschaftlicher Name: Copernicia prunifera (Miller) H.E. Moore
Deutscher Name: Wachspalme
Aus der botanischen Familie der: Palmae
Herkunft: Brasilien – Nordosten und Pantanal
Charakteristische Eigenschaften der Pflanze
Gerader, zylindrischer Stamm, der eine Höhe von 10 bis 15 Metern erreicht, mit spiralförmigen Zwischenräumen auf seiner Oberfläche, die von den im Lauf der Zeit abgestossenen Blättern stammen. Die Blätter haben die Form eines Fächers und werden bis zu einem Meter lang. Die Blüten sind gelb und sind zu Rispen geordnet – sie erscheinen zwischen Juli und Oktober.
Frucht
Rispe mit Hunderten von eiförmigen und runden Früchten, unreif in brillantem Grün, später im Reifestadium rostrot. Reife zwischen November und März.
Kultivierung
In ihrer Heimatregion vermehren sie sich von selbst. Sie ziehen sandige und zeitweise überschwemmte Böden vor, Sumpfgebiete und Flussufer mit warmem Klima.
Die “Carnaúba” ist eine der von Martius beschriebenen Palmen – jenem Botaniker und Naturalisten, der von dem Überfluss der brasilianischen Natur begeistert war. Aber sie ist nicht nur eine von vielen – sie ist etwas Besonderes! So “besonders”, dass sie auch nicht der Aufmerksamkeit verschiedener Schriftsteller entging – wie zum Beispiel Mário de Andrade, Guimarães Rosa, José de Alencar und Euclides da Cunha, unter anderen – die es verstanden, die vollkommene Anpassung des regionalen Menschen an seinen Lebensraum in ihren Werken hervorzuheben. Und die Carnaúba–Palme, ein Baum mit langem Lebenszyklus, war der lebende Beweis und Zeitzeuge jener Anpassung!
Als der ebenfalls Naturalist Alexander von Humboldt im 18. Jahrhundert die Carnaúba auf brasilianischem Boden kennenlernte, war er derart beeindruckt von den zahlreichen und bedeutenden Verwendungseigenschaften dieser Pflanze, dass er sie kurzerhand den “Baum des Lebens” nannte!
Die Früchte dieser Palme, als Ganzes, finden in der Regel Verwendung als Viehfutter. Aus dem Fruchtfleisch gewinnt man aber auch eine Art Mehl und eine Milch, welche, ähnlich wie die aus der “Babaçu”, die Kokosmilch ersetzen kann. Und als ein Beispiel äusserster Anpassung des Menschen an seine Umwelt: Der geröstete Kern der Carnaúba–Frucht wird gemahlen und als Kaffee–Ersatz mit heissem Wasser überbrüht!
Das Holz der Carnaúba ist äusserst widerstandsfähig und wird zur Herstellung von Wänden, zur Konstruktion von rustikalen Behausungen und auch als schweres Feuerholz verwendet. Im Ganzen pflegt man den Palmenstamm als Telegrafenmast zu benutzen – zerteilt oder zersägt, liefert er gute Dachbalken, Zaunpfähle oder Bretter – ausserdem kann man das Holz gut für gedrechselte Holzarbeiten einsetzen, wie zum Beispiel für Spazierstöcke oder Gegenständen für den Hausgebrauch.
Im brasilianischen Nordosten werden ganze Behausungen aus dem Material der Carnaúba–Palme konstruiert – so, wie man auch das Material von der Babaçu– und der Buriti–Palme benutzt. Auch die Blätter der Carnaúba kommen den Menschen zugute: Man deckt mit ihnen die Dächer von Häusern und Viehunterständen ab – aus ihren Fasern fertigt man Seile, Säcke, Matten, Hüte, Körbe, Kinderwiegen, Hängematten und Umhänge an.
Eindrucksvoll und schön gewachsen, wie die meisten der brasilianischen Palmen, wird die Carnaúba höher als zum Beispiel die Babaçu, und sie ist wirtschaftlich noch bedeutender als die Buriti! Und das deshalb, weil man ausser den Früchten, den Kernen, den Blättern und den vielseitig verwendbaren Fasern, aus der Carnaúba noch ein Wachs von grosser industrieller Bedeutung gewinnt. Die Blätter der Carnaúba–Palme sind mit einer wachsartigen Schicht überzogen. Mit Wachs überzogene Blätter verschiedener Pflanzen sind wahrscheinlich das Ergebnis ihrer Anpassung an trockene Lebensräume, denn eine solche Wachsschicht verhindert den Wasserverlust durch die Atmung und schützt ausserdem die Pflanze vor Pilzbefall.
Das Wachs, als wirtschaftlich inzwischen bedeutendes Produkt der Carnaúba, wird in den meisten Fällen noch heute in primitiver Handarbeit gewonnen. Und dieser Vorgang sieht in der Regel wie folgt aus : Nachdem man die jungen Blätter der Palme abgeschnitten hat, werden sie mehrere Tage lang in der Sonne zum Trocknen ausgebreitet, bis sich die Wachsschicht, mit der sie überzogen sind, in eine Art mehliges Pulver verwandelt – jetzt schafft man die Blätter in einen dunklen Raum, eine Art Unterstand ohne Fenster, und dort reisst man sie mit Holzgabeln auseinander und beginnt mit der “Batedura”: die Blätter werden solange auf den harten Lehmfussboden geschlagen, bis sich die gesamten Wachspartikel gelöst haben – in winzigen weissen Schuppen. Nachdem sich dieser Wachsstaub gelegt hat, wird er zusammengefegt, in Kerosin–Kanister gefüllt und mit ein bisschen Wasser aufs Feuer gestellt. Der Schmelzprozess ergibt eine grünliche Paste, welche man heiss in eine rustikale Holzpresse füllt – dann endlich erhält man durch den Pressvorgang ein flüssiges Wachs, welches in Keramikkrüge gefüllt und durch Erkalten steif wird.
Palmen, so schrieb von Martius, gibt es in der “Terra Brasilica” im Überfluss, sie schaukeln im Wind an den Sandstränden der Küste, wachsen in den endlosen Savannen, erheben sich mutig und stolz in sumpfigen Ebenen, breiten ihre wunderschönen Silhouetten zwischen der Vegetation der Wälder aus und leben sogar auf den dürren. Trockenen Boden der “caatinga”. Grosse oder kleine Palmen schiessen überall aus dem Boden hervor – an den Stränden, auf Abhängen, auf steilen Felsen, auf fruchtbarem oder sterilem Boden!
Ein Buch von F.C. Hoehne (1939) “HEILENDE UND TOXISCHE PFLANZEN UND VEGETATIVE SUBSTANZEN” ist der Leitfaden für die Industrie, welche sich mit der Herstellung einer Palette der verschiedensten Produkte beschäftigt, zum Beispiel: Schuhcremes, Schmiermittel, Kerzen, Firnissen, Säuren, Seifen, Streichhölzern, thermische Isolierstoffe, CD–Matrizen, Leuchtstoffröhren, Kohlepapier, Lippenstifte etc. – alle diese Produkte wären ohne Palmen undenkbar!
Trotz so vieler Qualitäten, als Grundstoff so vieler unterschiedlicher Produkte und der Tatsache, überall im tropischen Klima leicht und schnell zu wachsen, produziert die Carnaúba–Palme lediglich in der trockenen Umgebung der “Caatinga” des brasilianischen Nordostens ihr Wachs in einer wirtschaftlich relevanten Quantität. Der umständliche, primitive Herstellungsprozess allerdings bringt ein Produkt hervor, welches eigentlich den Ansprüchen der Industrie von heute schon nicht mehr gerecht wird. Noch ist Brasilien der grosse Exporteur des Carnaúba–Wachses – sowohl in Pulver– als auch in flüssiger Form – der Bundesstaat Piauí an erster Stelle, gefolgt von Ceará und Rio Grande do Norte.
Die grössten und dichtesten Carnaúba–Haine des Landes finden sich in dieser Region, welche Jahr für Jahr zunehmend von der Trockenheit befallen wird. Dort breiten sich die “Canaubais” kilometerweit aus – begrenzen die Strassen ins Landesinnere oder begleiten die Seitenarme von Flüssen, die über ihre Ufer treten, wenn der Regen kommt.