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Vegetarisch oder vegan?
Notwendige Bemerkungen zu einer überflüssigen Debatte
Vegetarier haben es wirklich nicht leicht. Eben noch von den Fleischessern verspottet, droht nun schon wieder Ungemach, diesmal von der anderen Seite: Kritik von den Veganern, die nicht nur Fleisch, sondern auch Milchprodukte, Eier und Leder als unmoralisch ablehnen.
Dazu gleich eingangs zwei Thesen, um die Problematik und Brisanz der Frage «Vegetarisch oder vegan?» zu veranschaulichen:
- Die Kritik der Veganer an den Vegetariern ist ethisch-faktisch völlig richtig.
- Die Kritik der Veganer an den Vegetariern ist politisch-strategisch völlig falsch.
Die ethische Sicht
Wie immer, wenn es um emotional aufgeladene und sachlich vielschichtige Diskussionen geht, empfiehlt es sich auch hier, zunächst nüchtern die Fakten zur Kenntnis zu nehmen:
Jede kommerzielle Nutzung von Tieren, also auch die in der Milch-, Eier- und Lederindustrie, bedeutet de facto eine Ausnutzung der Tiere – weil Konkurrenz, Wirtschaftlichkeitsdenken und Profitstreben automatisch zur Ausbeutung der Tiere führen. Darüber hinaus besteht zwischen der Milch-, Eier- und Lederindustrie einerseits und der Fleischindustrie andererseits ein vielfältiger, enger und unlösbarer Zusammenhang dergestalt, dass jeder Konsum bzw. jede Nutzung von Milch(-produkten), Eiern und Leder gleichzeitig die Fleischindustrie ankurbelt.
Dazu nur drei Beispiele: Die Kinder der Milchkühe, die Kälber, landen, sofern sie nicht weiblich sind und ebenfalls der Milchproduktion zugeführt werden (und etwas später auch geschlachtet werden), im Schlachthaus; die Kinder der Legehühner enden, wenn sie männlich sind und nicht gleich nach der Geburt vergast, ertränkt oder in den Fleischwolf geworfen werden, als Brathähnchen; der Verkauf von Leder erhöht die Gewinnspanne der Fleischproduzenten.
Strategisches Vorgehen
Andererseits ist es aber völlig abwegig, wie nicht selten praktiziert, Vegetarier und Fleischesser «in einen Topf zu werfen», nach dem Motto: «Wer Käse isst, kann gleich auch Fleisch essen!» Selbstverständlich richtet der Fleischesser einen grösseren Schaden an: weil er nicht nur, wie der Vegetarier, die tierlichen Milch- und Eier-«Lieferanten» direkt ausbeutet und die Fleischindustrie indirekt fördert, sondern weil er darüber hinaus auch noch die Fleischindustrie direkt forciert. Der Fleischesser, der ja immer auch ein Milch-, Eier- und Lederkonsument ist, hat schlicht und eindeutig viel mehr Tiere auf dem Gewissen als der Vegetarier.
Wie wird man vegan?
Eine ganz andere Tatsache, die es bei der Frage «Vegetarisch oder vegan?» ebenfalls zu berücksichtigen gilt, ist aber diese: Zum Veganer wird so gut wie niemand mit einem Schritt. Vielmehr vollzieht sich die Wandlung vom Fleischesser zum Veganer fast immer über die Zwischenstufe Vegetarier. Schon allein aus diesem Grund wäre es unsinnig, die de facto notwendige Voraussetzung für den Veganismus, den Vegetarismus, zu verteufeln.
Hinzu kommt: Für den Vegetarismus kann und soll man offen und öffentlich werben. Hier ist «Überzeugungsarbeit» sinnvoll und notwendig. Und zwar deshalb, weil die faktischen und ethischen Gründe für den Verzicht auf Fleisch nicht nur rational, sondern auch «lebenspraktisch» unmittelbar plausibel gemacht werden können: Die Wurstsemmel durch eine Käsesemmel und die Fleischsauce durch eine Kräutersauce zu ersetzen – das kann man sich verhältnismässig leicht vorstellen. Aber mit einem Schritt auf «alles» zu verzichten, überfordert die Phantasie (nicht zuletzt aufgrund des unzureichenden Informationsstandes) und provoziert Angst, Ärger – und vor allem Flucht: «Dann mach ich doch lieber gleich so weiter wie bisher und esse alles, worauf ich gerade Lust habe!»
Zum Vegetarismus kann man die Menschen führen, zum Veganismus müssen sie selber kommen. Der Schritt zum Veganer vollzieht sich im Stillen, im Privaten. Allerdings in aller Regel nur unter einer Voraussetzung: wenn die Menschen motiviert sind, aus ethischen Gründen auf die Ausbeutung von Tieren zu verzichten. Und die Sensibilisierung dazu erfolgt fast immer im Zuge eines ethisch begründeten Vegetarismus. Deshalb ist es so wichtig, die Menschen zum ethischen Vegetarismus zu führen. Alles andere und weitere geschieht, wenn es geschieht, von selbst.
Gemeinsam mehr erreichen
Die Verurteilung von Vegetariern schafft keine Veganer, verhindert aber Vegetarier. Die Verteufelung des Vegetarismus bringt keinerlei Nutzen, aber immensen Schaden. Entscheidend ist, wie gesagt, die moralische Motivation. Deshalb sollen diejenigen, die die ehrliche Absicht haben, auf Fleisch zu verzichten, diejenigen, die bereits am veganen Ziel sind, und «alle dazwischen» an einem Strang ziehen – anstatt sich gegenseitig auszugrenzen und damit den Tieren zu schaden.
Wäre der Konflikt zwischen Vegetariern und Veganern nicht Realität, er würde vielleicht von den Werbestrategen der Fleischindustrie erfunden – und wäre eine geniale Idee. Über nichts freuen sich die Fleischesser mehr als über streitende Nichtfleischesser!
Helmut F. Kaplan