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Nach der Jahrtausendwende wurde Beograd (dt. Belgrad), die an der Mündung der Save in die Donau gelegene Hauptstadt der Republik Serbien, die neue Heimat einer grossen Zahl ausgedienter Basler Strassenbahnwagen.
Ausgangslage
Nach dem Zerfall Jugoslawiens und begünstigt durch Krieg und Misswirtschaft befanden sich die Belgrader Verkehrsbetriebe Gradsko saobraćajno preduzeće Beograd (GSP), zu deutsch etwa «Städtisches Verkehrsunternehmen Belgrad», Ende der Neunzigerjahre in einem desolaten Zustand. So führte Mangel an Geld und Material dazu, dass Streckennetz und Fahrzeuge nicht instand gehalten werden konnten. Von den ursprünglich 200 Gelenkwagen vom Typ CKD Tatra KT4YU waren noch etwa 100 betriebsfähig. Der Gleiszustand war bedenklich – bei Regen musste der Betrieb ab und an sogar eingestellt werden.
Unter Federführung des Schweizer Staatssekretariats für Wirtschaft (SECO) schenkte die Stadt Basel der Bevölkerung von Belgrad als Geste des guten Willens mehrfach nicht mehr benötigte Tramwagen der Basler Verkehrs-Betriebe (BVB) und der Baselland Transport AG (BLT). Für das Projekt wurden zwischen 2002 und 2011 rund 3,5 Mio. Franken bereitgestellt. Das Geld diente für den Fahrzeugtransport, für die Ausbildung von Fahr- und Unterhaltspersonal, für die Beschaffung von Ersatzteilen sowie für die Finanzierung der Revisionsarbeiten. Die Tramfahrzeuge selbst wurden gratis abgegeben. Das SECO rechnete mit einer Restnutzungsdauer von 10 bis 15 Jahren. Die GSP ging ursprünglich davon aus, lediglich bis ca. 2020 auf die Fahrzeuge angewiesen zu sein.
Fahrzeuge und Transport
In einer ersten Phase traten zwischen Oktober 2001 und April 2002 alle DÜWAG-Gelenkwagen der ersten Bauserie aus dem Jahr 1967 (Be 4/6 603–622) sowie die eigentlich als Ersatzteilspender vorgesehenen Wagen 630 und 632 der zweiten Bauserie von 1972 die Reise nach Belgrad an. Dazu kamen zwölf Grossraum-Anhängewagen B 1401–1403, 1405–1407, 1409–1413 und 1415 sowie der Grossraum-Motorwagen Be 4/4 456. Von der BLT erhielt Belgrad die Dreiachs-Anhänger B3 1335–1340 und 1342–1344.
Zwei DÜWAG-Motorwagen (Be 4/6 607 und 619) wurden noch in Basel revidiert und an die neuen Verhältnisse angepasst. Dabei wurde die Simatic-Fahr-/Bremssteuerung ausgebaut und ein Führerbremsventil für die Bedienung der Druckluftbremse installiert. Änderungen erfuhr auch die Fluoreszenzröhren-Innenbeleuchtung. Ferner wurde ein linksseitiger Rückspiegel angebracht und das Basler Wappen bzw. BVB-Logo entfernt. Die Anpassungen an den übrigen Fahrzeugen nahm die GSP direkt in Belgrad vor.
Insgesamt umfasste die erste Aktion der Jahre 2001–02 23 Motor- und 21 Anhängewagen. Bis 2016, also auch nach dem Rückzug des SECO aus dem Projekt, folgten in mehreren Lieferungen Dutzende weitere Fahrzeuge, so bis auf wenige Ausnahmen sämtliche DÜWAG-Gelenkwagen, zahlreiche Grossraum-Anhängewagen von BVB und BLT sowie 13 Gelenkwagen der BLT-Serie 100. Der Ausbau der Simatic-Steuerung wurde nicht bei allen Motorwagen vorgenommen.
Einsatz in Belgrad
Revisionsarbeiten, Personalschulung und Inbetriebnahme der Fahrzeuge wurden vor Ort von SECO-Mitarbeitern überwacht. An einigen Haltestellen war die Perronkante zu hoch, so dass die Türflügel hängenblieben. Dieses Problem konnten die GSP durch Abspitzen der Randsteine lösen.
Bis auf den B3 1338 (ehemaliges Sparschwein) behielten die Fahrzeuge vorerst ihren ursprünglichen (Werbe-)Anstrich. Einige Anhänger bekamen später Ganzwerbungen insbesondere für Raucherwaren, wobei nach Ablauf der Verträge die Grundfarbe der Werbung in der Regel noch einige Zeit bestehen blieb. Alle dreiachsigen Anhänger präsentierten sich zuletzt jedoch in grüner Farbe.
Bis vor wenigen Jahren fuhren die Belgrader Verkehrsbetriebe mit Billeteur. Da die aus Basel übernommenen Fahrzeuge keinen Billeteursitz mehr hatten, musste vorne eingestiegen und die Fahrkarte beim Wagenführer gelöst werden. Zwischenzeitlich haben die GSP ein neues Tarifsystem eingeführt, welches jedoch den Einbau von elektronischen Entwertergeräten in die Fahrzeuge bedingte.
Die Basler Gelenkwagen verkehrten grösstenteils mit Anhängewagen. Solche schienen in Belgrad überhaupt sehr beliebt, insbesondere die Dreiachser. Eine Kompatibilität mit den Tatra-Motorwagen der GSP bestand jedoch nicht, so dass Anhänger ausschliesslich hinter Basler DÜWAG-Motorwagen liefen (bei den ehemaligen BLT-Be 4/6 101…115 wurden die Kupplungen entfernt). Alleinfahrende Gelenkwagen waren auf der Linie 11 die Regel oder kamen bei Anhängermangel vor. Doppeltraktionen konnten wegen der Weichensteuerung nicht gebildet werden.
Haupteinsatzgebiet waren die Linien 3, 5, 7 und 14. 2011 empfingen die GSP allerdings dreissig neue Niederflur-Multigelenkwagen «Urbos 3» des spanischen Herstelles CAF. Der Einsatz von Basler Trams beschränkte sich in der Folge weitgehend auf Spitzenzeiten.
Bereits nach wenigen Monaten Einsatzdauer präsentierten sich die Fahrzeuge meist in erbärmlichem Zustand: Beulen und Kratzspuren zeugten von unsorgfältigem Umgang und zahlreichen Feindberührungen mit Autos. Einige Wagen waren auch in schwere (Eigen-)Kollisionen verwickelt, wurden teilweise in der GSP-Werkstätte jedoch wieder aufgebaut. Ausgemustert wurden bisher die alle Dreiachs-Anhänger sowie einige DÜWAG-Motorwagen.
Der Be 4/4 456 galt als Exot im Wagenpark und verkehrte nie im Linienbetrieb. Der Stromabnehmer war für Belgrader Verhältnisse ungeeignet und der Wagen für das hohe Fahrgastaufkommen zu klein. Zudem fehlte es an Personal, welches Fahrschalter und Führerbremsventil richtig bedienen konnte. Einzelne Versuche, mit dem Wagen Stadtrundfahrten anzubieten, verliefen im Sande. Eine Ausmusterung des Einzelstücks war dennoch bisher nicht vorgesehen.
Fahrzeugnummerierung
Grundsätzlich behielten die Fahrzeuge ihre Basler Betriebsnummern bei. Eine 2010 begonnene Vereinheitlichung der Nummerierung sämtlicher GSP-Fahrzeuge erfasste auch die ehemaligen BVB- und BLT-Trams. Entsprechend dem neuen Schema sollten die Nummern aller Fahrzeuge des elektrischen Betriebs mit oder ohne eigenem Antrieb, also Tram-Motorwagen, Tram-Anhängewagen und Trolleybusse, im Bereich zwischen 1400 und 3000 zu liegen kommen. Dies erreichte man, indem 2016 den Nummern der Motorwagen die Ziffer 2 vorangestellt wurde. Schon drei Jahre zuvor wurden die BLT-Grossraumanhänger 1301…1321 zu 1440–1449. 2014 bekamen die bereits abgestellten, jedoch noch nicht ausgemusterten Dreiachs-Anhänger 1335…1344 die neuen Nummern 1450 bis 1458. Diese etwas konzeptlose Vorgehensweise führte zu verschiedenen Konflikten. Als eine Folge davon wurden von den BVB neu übernommene Anhänger ab 2016 grundsätzlich mit Nummern im Bereich 1470ff. in Betrieb gesetzt.
Fazit
Für Verkehrsbetriebe in der Schweiz stellte die Abgabe von ausgemustertem Rollmaterial an Städte in Osteuropa eine einfache und billige Entsorgungslösung dar, wobei es grundsätzlich zu begrüssen ist, wenn noch betriebsfähige Fahrzeuge einer weiteren Nutzung zugeführt werden. Dieses Experiment scheint insbesondere in der Ukraine (Winnyzja) und im rumänischen Iasi recht gut gelungen.
Mehrere Besuche in Belgrad hinterliessen jedoch gemischte Gefühle. Es entstand der Eindruck, dass die GSP mit den quasi aufgedrängten «Geschenken» nie richtig glücklich wurden. Zu gross war vermutlich die Umstellung vom robusten KT4YU auf die in praktisch sämtlichen Bereichen völlig anders konzipierten Basler Fahrzeuge. Wohl nur die immense fachliche und finanzielle Unterstützung aus der Schweiz sowie die Aufsichtsfunktion des SECO verhinderten, dass das Rollmaterial schon nach kurzer Zeit wieder abgestellt wurde. [Weiterlesen]