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Lisa D. Nolte, Tages-Anzeiger (17.01.2015)
Es gibt Operninszenierungen, bei denen das ursprüngliche Werk nur noch durch die Musik erkennbar ist. Andere versuchen, mit einer Kostümschlacht das Bühnengeschehen originalgetreu in die Handlungszeit zu hieven. Dann gibt es solche, die nicht mit grossen Ideen glänzen, aber auch nicht stören. Zum Beispiel Marc-Antoine Charpentiers «Médée», wie sie der deutsche Regisseur Nicolas Brieger nun in Basel präsentierte.
Es ist nicht widersinnig, die Geschehnisse am korinthischen Hof, wo der Kriegsheld Jason und seine politisch verfolgte Frau Médée Unterschlupf finden, in das Nobelhotel eines Militärstaates zu versetzen. In der Lobby werden dekadente Staatsanlässe gefeiert, während die exilierte Prinzessin von Kolchis sich im Keller darunter versteckt. Auch kann man als Wink aus der Entstehungszeit der Oper das Orchester als Teil des Bühnenbilds in Barockgewänder stecken, wenn man den Prolog streicht, der als Element ausserhalb der eigentlichen Handlung die Staatssituation unter Louis XIV kommentiert. Dass das vergiftete Kleid von Médées Nebenbuhlerin Créuse plötzlich anfängt zu rauchen und Médée selbst, nachdem sie ihre Kinder umgebracht hat, einen Abgang im Bühnenfeuer macht, wirkt dann schon etwas ungewollt komisch. All das rückt aber völlig in den Hintergrund angesichts der musikalischen Qualität, die das Ensemble dem selten aufgeführten Werk entlockt.
Das kunstvolle Libretto von Charpentiers «Tragédie mise en musique» bestimmt die Musik fast durchgehend – Rezitative werden nur selten durch kurze Arien unterbrochen. Dass das nicht trocken wirkt, ist der starken Besetzung zu verdanken, die ihren gesamten Erfindungsreichtum und viel Einfühlungsvermögen für Alte Musik mitbringt, um den Rollen Leben einzuhauchen. Magdalena Kožená gestaltet die Médée mit der lyrischen Sanftheit der Liebenden aus und steigert sich dann über eine verzagte Fahlheit in eine fast heisere, rasende Wut. Als Créuse setzt ihr Meike Hartmann ihren schmeichelnden Sopran entgegen, mit dem sie zugleich den Hofstaat bezirzt und die giftigen Untertöne der intriganten Göre versprüht. Zwischen die Rivalinnen schaltet sich der betörend reine Tenor von Andres J. Dahlin (Jason), so aalglatt, dass er aus brenzligen Situationen geradezu entgleitet.
Das Basler La Cetra Barockorchester und Vokalensemble unter der Leitung von Andrea Marcon unterlegen dabei die Untiefen des Medea-Stoffs mit dem Facettenreichtum, der nötig ist, um die Geschichte greifbar zu machen.