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Arbeit und deren Bedingungen, insbesondere Zwangsarbeit und Ausnutzung sind Themenkreise, die spätestens seit der Theoriebildung von Kapitalismuskritik und Postkolonialismus im Mittelpunkt politischer Debatten stehen. Auch die zeitgenössische Kunst thematisiert diese verstrickten Thematiken, die sämtliche Gesellschaften und Kulturen betreffen. Künstlerinnen und Künstler wie Coco Fusco, Adrian Piper, Oscar Bony und Mario Motti, um nur einige Beispiele zu nennen, sensibilisieren in ihrem Werk die Besucherinnen und Besucher von Ausstellungen für solche Probleme. Einen neuen Beitrag leistet seit wenigen Jahren Cameron Rowland, geboren 1988 in Philadelphia und heute wohnhaft in New York,[1] der insbesondere auf die Zwangsarbeit von Gefangenen in den USA fokussiert.
Der Künstler hat in seiner kurzen bisherigen künstlerischen Tätigkeit bereits an mehreren Gruppenausstellungen teilgenommen, wie zum Beispiel Conspicuous Unusable (Miguel Abreu Gallery, New York, 2013), The Husk (New York, 2014), Theatre Objects (LUMA Westbau, Zürich, 2015) und The Contract (Essex Street, New York, 2015). Besonders hervorzuheben sind seine beiden Einzelausstellungen, Bait, Inc. im Jahr 2014 in der Galerie Essex Street sowie dieses Jahr 91020000 im Artists Space, ebenfalls in New York.
Bait, Inc.: Conceptual art zwischen Ausnutzung und Spekulation
Rowland ist der Meinung, dass Sklaverei in den USA nach wie vor ein aktuelles Thema ist. Streitfragen wie Ausnutzung der Arbeiterklasse und Rassismus würden noch heute in der Gestaltung von alltäglichen Objekten und in der Verwendung spezieller Materialen in Erscheinung treten. In seiner Einzelausstellung Bait, Inc. betont er, dass Rassismus stark mit dem amerikanischen sozialen Gefüge in Verbindung steht: Trotz des Versuches, der Diskriminierung Einhalt zu gebieten und die soziale Ungleichheit zu verbannen, durchzieht Rassismus heute noch die Arbeiterschaft. In seiner künstlerischen Praxis thematisiert Cameron Rowland zudem häufig das Problem vom Wesen und Privatbesitz von Objekten.[2]
Rowland legt die ganze Ausstellung Bait, Inc. auf die Wiederverwendung von Alltagsobjekten aus. Dennoch erscheinen die einzelnen Gegenstände dem Betrachter nicht vertraut, sondern vielmehr atypisch. Ferner hat sich Rowland für die Ausstellung manche der Objekte durch illegales Handeln angeeignet. Der Schwarzmarkt hat aufgrund der Wirtschaftskrise von 2008 grossen Aufschwung erlebt und betrifft viele US-amerikanische Industriezweige. Zuvor wurden zahlreiche Betriebe wie Umspannstationen, Telefonleitungen, Eisenbahnen, Wasserleitungen und Tornado-Warnsysteme noch durch die öffentliche Hand unterstützt. Die Wirtschaftskrise führte allerdings zur Privatisierung dieser Bereiche und demzufolge einer starken Preiserhöhung vieler Materialien und Konsumgüter. Die Objekte in der Ausstellung Bait, Inc. dienen Cameron Rowland dazu, persönlich Anklage zu erheben gegen eine auf Gewinn und Profit orientierte Ökonomie, die unter Ausnutzung und teilweise Zwangsarbeit zu Lasten von Chancengleichheit geht.[3]
«In businesses where employees’ time is one of the most valuable assets, the Handpunch time clock secures this time. Manufactured by Schlage (the American lock company) the Handpunch uses a biometric reading of an employee’s right hand to inhibit false clock-ins and payment for false hours. Biometric recognition was developed to replace photography as a superior form of criminal indexing.»[4]
Aufgrund der Ambivalenz der ausgestellten Gegenstände, deren Bedeutung im Umfeld der Ausstellung nicht unmittelbar ersichtlich ist, stattet Rowland seine Werke mit Begleitbeschreibungen aus, die deren Hintergrund und Nutzung erläutert. Es handelt sich oft um Gegenstände, die zu den Prozessen des täglichen Lebens gehören. Trotzdem erscheinen sie für den Ausstellungsbetrachter fremd, da sie ihrem ursprünglichen Kontext entrissen wurden. Isolierung und Ausgrenzung (Zustände, die als Metaphern auch die Existenz der Arbeiterklasse in den USA charakterisieren können) werden folglich durch jedes Werk in der Ausstellung widerspiegelt.
«In some places, businesses use a pass-thru, to pass cash or goods back and forth; this could be at a bank or a liquor store. The highest standard of pass-thru use bullet proof glass, although this material is far too expensive to be used as a protective measure by those business where it might be most effective. Therein plastic is used in place of bullet proof glass. They are either made by a manufacturer or by the shop owner. A pass-thru is also an open window, when it is too cold or too hot it may be covered with cardboard. This Pass-Thru was made by Rowland.»
Mit dem Werk Pass-Thru (Abb. 4) spricht Cameron Rowland ein äusserst aktuelles Problem in den USA an – den akuten Sicherheitsmangel gewisser Arbeitsplätze. Diese transparenten Würfel werden in der Regel verwendet, um Angestellte, die an der Theke von Geschäften und Banken arbeiten, zu beschützen. Es handelt sich um Behälter, die als Fenster und Durchreiche den Mitarbeiter vom Kunden trennt. Normalerweise sind sie aus kugelsicherem Glas gemacht. Der Behälter von Rowland ist jedoch aus Plastik. Bei einer zweiten Version wurde eine Plastikwand gar durch Karton ausgetauscht, der als prekäres Material die Schwäche und Vorläufigkeit der Sicherheitslage bestimmter Tätigkeiten betonen soll. Der Künstler arbeitet oft mit Gegenständen, die wiederverwendet wurden und dadurch in ihrer ursprünglichen Funktion unbrauchbar geworden sind. Rowland nutzt das individuelle Potenzial der Geschichte eines jeweiligen Gegenstands aus: Jedes Werk steht für ein breit gefasstes, gesellschaftliches Problem und repräsentiert gleichzeitig auf spezifische Weise die Personen, die mit dem Objekt ehemals zu tun hatten. Es sind jedoch nie menschliche Figuren in Rowlands Werken effektiv sichtbar. Unbestrittene Protagonisten der Ausstellungen sind Objekte, und die Potenzialität einer Debatte über Zwangsarbeit und Ausnutzung, die diese Gegenstände von selbst hervorrufen können.
91020000
Rowlands zweite Einzelausstellung trägt einen aussergewöhnlichen Titel: 91020000. Es handelt sich dabei um die Kundennummer, die von Corcraft zugewiesen wurde, als Rowland dort die Materialien für seine Ausstellung bestellte. Corcraft ist eine Regierungsinstitution, deren Zweck und Auftrag auf der offiziellen Website nachzulesen ist:
«Corcraft is the marketplace name for the New York State Department of Correctional Services, Division of Industries. We are a full-fledged division of a state agency that operates as a program, but models finances and operations like a business. All revenues are returned to the General Fund of New York State. Corcraft’s mission is to employ inmates in real work situations producing quality goods and services at competitive prices, delivered on time as required by the State of New York and its subsidiaries at no cost to the taxpayer.
Corcraft supports the overall Department of Correctional Services mission four ways:
- Keeps inmates employed to help prevent disruption
- Helps offset the cost of incarceration
- Teaches work disciplines and job skills
- Helps address taxpayer expectations that inmates do something productive while incarcerated.
[…] By law, Corcraft can only sell to government agencies (including other states) at the state and local levels; schools and universities, courts and police departments, and certain nonprofits.»[5].
Rowland hatte sich entschieden, Gegenstände und Materialen auszustellen, die unter Zwangsarbeit von Gefangenen entstanden waren. Als Non-Profit-Ausstellungsraum konnte Artists Space Kunde bei Corcraft werden. Corcraft organisiert auch Online-Auktionen, bei denen man Regierungsgegenstände wie Möbel ersteigern kann. Die Quittung einer Bestellung von Rowland (Abb. 6) dokumentiert etwa den Erwerb mehrerer Holzbänke (Abb. 1), die üblicherweise in Gerichtssälen verwendet werden. Durch diese Ausstellung zeigt der Künstler die Unhaltbarkeit der Gesetze gegen Zwangsarbeit auf, die er selbst als Widerspruch inszeniert: Rowland möchte die Kunden von Corcraft (also den Staat und regierungsnahe Institutionen, aber auch die Gesellschaft im Allgemeinen) für die Problematiken hinter diesen Typus von Einkäufen sensibilisieren, der die Zwangsarbeit von Gefangenen fördert – gleichzeitig wird er selbst Teil dieses ökonomischen Systems, indem er Kunde dieser Organisation wird. Integraler Bestandteil der Ausstellung war ein zwölfseitiges Handout für die Besucher, das sämtliche ausgestellten Objekte ausführlich erläuterte und kommentierte.[6] Die ersten Seiten fungieren als Einführung oder auch Zusammenfassung der in den USA geltenden Gesetze über Zwangsarbeit. Die wissenschaftliche Struktur und die Verwendung von Fussnoten verweisen auf die ernsthafte Auseinandersetzung von Rowland mit diesen Themen. Die Arbeits- und Lebensbedingungen der Gefangenen und deren Ausbeutung bilden das zentrale Thema dieser Einzelausstellung, die den Willen von Rowland widerspiegeln, das Bewusstsein der Betrachterinnen und Betrachter für diese modernen Form von Sklaverei wachzurütteln.
Wiederverwendung und Irritation
Durch die Wiederverwendung und Neu-Kontextualisierung seitens Rowland werden ‹banale› Objekte wie Büromöbel, Reinigungsmittel und Kabel (Abb. 7) sowie scheinbar nutzlose Gegenstände zu symbolischen Metonymien eines verdorbenen und nicht leistungsfähigen Rechtssystems. Die Darstellung der brutalen Einfachheit jedes Kunstwerkes[7] und ihre Natur als ausrangierte Gegenstände verursachen ein irritierendes Gefühl beim Betrachter, der im Idealfall neue Sichtweisen auf die in der Ausstellung behandelten Thematiken entwickelt. Jedes Werk besitzt eine eigene Geschichte und Identität, und fungiert als dokumentarisches Mittel der derzeitigen Situation von Gefängnisinsassen (und generell der Arbeiterschaft) in den USA. Damit führt Cameron Rowland einen wertvollen und unentbehrlichen Diskurs über stets aktuelle Themen wie Rassismus, Identität und Zwangsarbeit weiter, den Künstler wie Adrian Piper, David Hammons, Glenn Ligon und Kara Walker begonnen haben.[8]
Die verwendeten Bilder unterliegen dem Copyright der offiziellen Webseiten von Essex Street und Artists Space.
Die Abbildungen 1 und 5 stammen von einem Artikel von Christian Viveros-Fauné, Artnet News (Fotos von Adam Reich).[9]
[1] Cameron Rowland studierte an der Wesleyan University in Middletown (Connecticut). Vgl. Kari Rittenbach, Property Relations, the art of Cameron Rowland, Flash Art, Oktober 2015 (http://www.flashartonline.com/article/property-relations/).
[2] Linda Mai Green, First Look: Cameron Rowland, Art in America Magazine, 1. September 2016 (www.artinamericamagazine.com).
[3] The Contemporary Art Daily, Cameron Rowland at Essex Street, 26. April 2014 (http://www.contemporaryartdaily.com/2014/04/cameron-rowland-at-essex-street).
[4] Die Kommentare wurden von Cameron Rowland geschrieben und sollen zu integralem Bestandteil seiner künstlerischen Arbeit betrachtet. Alle Kommentare stammen aus der Internetseite von Essex Street (http://www.essexstreet.biz/artist/rowland).
[5] Official Website of Corcraft Products, New York State Department of Correctional Services, Division of Industries (https://www.corcraft.org/webapp/wcs/stores/servlet/WhoWeAreView?langId=-1&storeId=10001& catalogId=10051).
[6] Das PDF-Dokument ist durch die Internetseite der Galerie Artists Space herunterladbar (http://artistsspace.org/exhibitions/cameron-rowland). Direktes Link zum Handout: http://s3.amazonaws.com/asmedia/cede8e3025fb184f2b229d0d5d0144c8/qsBCiAkHES.pdf.
[7] Andrew Russeth, Around New York (Rezension), Artnews, 2016, S. 120.
[8] Roberta Smith, In Cameron Rowland’s „91020000“: Disquieting Sculptures, Art Review, The New York Times, 28. Januar 2016 (http://www.nytimes.com/2016/01/29/arts/design/in-cameron-rowlands-91020000-disquieting-sculptures.html?_r=0).
[9] Christian Viveros-Fauné, Cameron Rowland Uses Convict’s Objects to Take On the Prison Industrial Complex, Artnet News, 11. Februar 2016 (https://news.artnet.com/art-world/cameron-rowland-artspace-prison-objects-423338).