Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03527.jsonl.gz/795

Das Boot fährt quer über den Mekong. Jetzt zur Trockenzeit fliesst der Strom in Kambodscha träge dahin. Wir fahren vorbei an kleinen Inseln, wo Wasservögel dösen, an Zementbojen, die die Grenze nach Laos markieren. Und dann taucht sie auf: eine gewaltige, grün verhüllte Wand auf felsigem Grund, überragt von Kränen.
2016 habe der Bau des Don Sahong-Wasserkraftwerks in Laos begonnen, sagt der Fischer Houth Seng bitter. «Jetzt ist der Mekong oft völlig verschmutzt. Die meisten unserer Irawadi-Delphine sind verschwunden.»
Der Mekong ist die Lebensader Südostasiens. Er fliesst durch China, Myanmar, Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam. 800 Säugetierarten leben im seinem Flussgebiet, 2800 Vogel- und 1300 Fischarten, 65 Millionen Menschen.
Problematische Auswirkungen lange ignoriert
Der Mekong fällt über 4300 Kilometer fast 5000 Meter tief ab. Um die Jahrtausendwende beschlossen die Mekong-Länder, ihren wachsenden Energiebedarf klimaschonend mit der Wasserkraft des Flusses zu decken.
China hat sieben Staudämme gebaut und plant zwölf weitere. Laos, Kambodscha und Vietnam haben zwei Dutzend Talsperren vor allem an Mekong-Zuflüssen errichtet.
Allein am unteren Mekong sollen 160 Wasserkraftwerke entstehen. Problematische Auswirkungen wurden lange ignoriert.
Das Mekong-Delta ist in Gefahr
Aus dem Himalaya und aus den Bergen Chinas trägt der Mekong wie ein gewaltiges Förderband nährstoffreiches Sediment flussabwärts. Das erklärt der australische Umweltexperte Jeremy Carew-Reid: «Noch 2007 erreichten 140 Millionen Tonnen Sediment das Mekong-Delta in Vietnam. Diese Region ist grösser als die Schweiz – und das fruchtbarste Reisanbaugebiet Asiens. Inzwischen aber werden 60 Prozent des Sediments von Staudämmen blockiert.» 2040 dürften im Vergleich zu 2007 nur noch drei Prozent des Mekong-Sediments im Delta ankommen.
Hinzu kommt der Klimawandel: Immer stärkere Taifune spülen immer mehr Salzwasser ins Landesinnere Vietnams und fruchtbare Bodenkrume ins Meer. Der Meeresspiegel steigt.
200‘000 Hektar Agrarfläche pro Jahr verliert das Mekong-Delta heute. Für das Jahr 2100 prophezeien Studien die Überflutung von 40 Prozent des Deltas. Bis zu 17 Millionen Menschen werden ihre Heimat verlieren. Reis für 250 Millionen Menschen muss woanders angebaut werden.
Keine grossen Fische mehr
20 Minuten sind es von den berühmten Tempeln Angkor Wats zum Tonle Sap. Der mit dem Mekong verbundene See schwillt zur Regenzeit auf das Siebenfache seiner normalen Grösse. Er ist das Zentrum der Fischerei in Kambodscha. Sechs Millionen Kambodschaner leben davon, fast 40 Prozent der Einwohner. Fisch ist, neben Reis, das Grundnahrungsmittel in Kambodscha; es deckt drei Viertel des Proteinbedarfs.
Mit dem Motorboot geht es hinaus auf den Tonle Sap, der im Nachmittagsdunst endlos erscheint. Der Fischer Oeur Navy geniesst die Ruhe auf dem spiegelglatten See. «Heute habe ich 20 Kilo gefangen», sagt er. «Dafür gibt mir der Händler zwölf US-Dollar. Alles recht kleine Fische; grosse gibt es während der Trockenzeit nicht mehr im Tonle Sap. Vor zehn Jahren hatte ich zur Trockenzeit noch 50 bis 60 Kilo im Netz, während der Regenzeit oft hundert Kilo.»
Tödliche Wanderblockade
Überfischung und die Brandrodung von Wäldern am Seeufer seien eine Ursache für den Rückgang des Fischbestands im Tonle Sap, sagt Minh Bun Ly. Er ist ein lokaler Umweltaktivist.
Eine weit grössere Bedrohung für den Fischbestand im ganzen Mekong-Flussgebiet jedoch hänge mit dem Wandertrieb zusammen, der – wie im europäischen Lachs – in 40 Prozent der Fischarten hier verankert ist. «Zu Beginn der Trockenzeit wandern diese Fische hunderte Kilometer den Mekong und seine Zuflüsse hinauf, um in speziellen Regionen zu laichen. In der Regenzeit ab Juni dann lassen sich die Fische und ihre Jungen wieder flussabwärts treiben.»
Die neuen, bis zu 60 Meter hohen Staumauern blockieren diese Fischwanderung, die unabdingbar für den Fortbestand ganzer Arten ist. Am stärksten betroffen sind grosse, für die Fischer besonders attraktive Arten. «Die Riesenbarbe und der Riesenwels sind inzwischen vom Aussterben bedroht.
Pessimistische Prognosen
Bis 2040 verschwinden, wenn alle geplanten Staudämme gebaut werden, 40 Prozent der Fisch-Biomasse am Mekong, sagt eine Studie der Mekong River Commission, in der sich die Mekong-Unteranrainer Thailand, Laos, Kambodscha und Vietnam der nachhaltigen Bewirtschaftung des Flusses widmen.
Die Artenvielfalt werde sich drastisch verringern. Und: Die armen Fischer Kambodschas würden noch ärmer – so wie auch die Kleinbauern des untergehenden Mekong-Deltas.
Regierungen ignorieren ihre eigene Kommission
Schon 2010 forderte die Kommission ein zehnjähriges Moratorium für den Staudammbau. Warum hören die Regierungen nicht auf ihre eigene Kommission? Von Staudämmen profitierten vor allem einflussreiche Konzerne, erklärt Jeremy Carew-Reid. «Energieriesen, Baukonzerne, Banken, Industrie und Grosslandwirtschaft sorgen dafür, dass Gutachten den Nutzen der Wasserkraftwerke betonen», so Carew-Reid.
Finanziell schwer bezifferbare Probleme dagegen werden niedrig gewichtet, sagt der Umweltexperte: «Was sind Fischbestände der Zukunft wert? Was bedeuten die Arbeitsplätze von Millionen Fischern, was ein im Meer versinkendes Flussdelta? Und was sind das kulturelle Erbe und die religiöse Tradition am Fluss lebender Ureinwohner wert?»