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Das Internet hat Bertolt Brechts Radiotheorie verwirklicht: Jeder Empfänger ist auch ein Sender. Doch was bedeutet es, wenn die Nischen den Mainstream nicht mehr infrage stellen können? Gedanken eines langjährigen Radio-DJs zur Digitalisierung und Kommerzialisierung des noch immer besten Mediums für Popmusik.
Wenn wir 2015 über Popmusik im Radio reden, müssen wir unterscheiden: terrestrischer Rundfunk oder Internetradio? Livestream oder Podcast? Einschaltsendungen oder Begleitprogramm? «Einschaltsendungen sind Ausschaltsendungen.» So oder ähnlich begründen Programmdirektoren im deutschen öffentlich-rechtlichen, also gebührenfinanzierten Rundfunk seit nunmehr zwei Jahrzehnten die flächendeckende Abschaffung von Sendungen, für die eine Publikumsgruppe eigens ihr Gerät einschaltet, um einen bestimmten Radio-DJ zu hören.
Beim Hessischen Rundfunk hatte ich von 1984 bis 2008 so eine Einschaltsendung. «Der Ball ist rund» gewann immer mal wieder die Umfragen zu den beliebtesten Radiosendungen in den Popzeitschriften «Spex» oder «Intro». Dies war vor allem den medialen Bedingungen Anfang der Achtziger zu verdanken: Wir hatten noch ein sogenanntes Sendegebiet und noch kein Privatradio, kein RTL, kein Sat 1, kein MTV, kein Internet. Wer sich 1985 für avancierte Popmusik interessierte und abseits der Metropolen lebte, war auf bestimmte Sendungen angewiesen. So kamen die Autoren-DJs zu gewisser Definitionsmacht. Lange ists her. Für unser Ego war diese Art Radio toll. Wir spielten, was wir wollten, und hatten Hörer wie Peter. Der mailte mir am 27. 10. 2004: «Lieber Klaus, ich hoffe, dass du dem gestern verstorbenen John Peel heute einen Nachruf widmest. Peel war für mich von Ende der Siebziger bis Mitte der Neunziger einer der wichtigsten Kulturlotsen, mehr noch: ein Lehrer. Peel erzeugte Bindung, eine unschätzbare Qualität im flüchtigen Medium Radio.»
Peel und die Lemminge
Elf Jahre ist er nun tot, der «einflussreichste Radio-DJ der Welt», so der deutsche Titel seiner Autobiografie. John Peel war Hebamme, Talentscout, Lieblingsonkel, Katalysator und Transmissionsriemen. Sein Name steht für eine Weltaneignungs- und Weltumgangspraxis durch das Medium Musik. Vierzig Jahre lang war der Radio-DJ das Gegenteil jener Media-Control-geeichten Lemminge der Radiowellen, die Musik nur danach beurteilen, ob sie einen «Ausschaltimpuls» auslösen könnte, weil sie aufregt. Die Musik nur als «Bett» oder «Teppich» für ihre läppische Selbstinszenierung benutzen, die sie tatsächlich mit dem Wort «Persönlichkeit» zu schmücken suchen. Wenigstens weichen sie ins Englische aus: Personality!
Wenn solche Leute «ich» sagen, ist das, mit dem Kulturtheoretiker Theodor Adorno gesprochen, schon eine Lüge. Bei der Gleichschaltung heutiger Radio-Personalities hat die Kulturindustrie ganze Arbeit geleistet: Die gute Laune, der Fun, den sie verbreiten, hat etwas von einem Stahlbad. Wenn Peel «ich» sagte, dann meinte er das auch so, erzählte von sich und den Seinen, von den Pubertätspickeln seiner Tochter und von «Pig» – so der Kosename seiner Frau. Peel hat nicht nur HörerInnen geprägt, er hat auch NachahmerInnen gefunden, die das Kommentieren von Musik im Radio mit missionarischem Eifer betreiben und sich als Gatekeeper begreifen. Als informierte VorsortiererInnen, die dem Orientierung suchenden Publikum den Weg durch den Dschungel der Namen und Genres weisen.
Aber ist diese Art von Radio nicht so tot wie John Peel? Wer braucht noch Popleitmedien? Wer braucht den Radio-DJ, der darüber entscheidet, ob nun taiwanesischer Trap das neue Ding wird oder doch Suicide Folk aus Transsylvanien? Ja, die Zeit der Gatekeeper ist vorbei, gewissermassen digital wegdemokratisiert.
Wer sich heute für avancierte Popmusik interessiert, findet Anregungen und Informationen im Netz – und die Musik dazu gleich mit. Die Digitalisierung bietet dem Medium Radio ungeahnte Möglichkeiten, auf die Reichweite bezogen sogar unbegrenzte. Das Internetradio wird zum globalen Airplayer. Via Stream können wir Radiostationen und damit Sounds aus aller Welt empfangen. Ein Traum. Ein Albtraum? Vermutlich beides. Wie so oft, wenn wir Kulturprodukte aus der analogen Ära mit solchen aus der digitalen vergleichen, läuft das wie bei Äpfeln und Birnen. Oder bei Stummfilm versus Tonfilm. Es war schon auch gut, dass wir den Stummfilmkomiker Buster Keaton nie gehört haben. Es ist schon auch gut, dass man tonnenschwere Plattensammlungen auf einem Stick rumtragen kann. Und es ist super, dass man über Maschinen mit jedem Winkel der Erde kommunizieren kann. Von dieser – möglicherweise falsch eingelösten – Utopie erzählten die Hamburger Agitpropper Die Goldenen Zitronen bereits 1996 im Song «Fin de Millénaire»: «Es war die Rede davon, dass es bald möglich wäre, ohne Körper zu reisen. Aber vieles im Leben der Menschen erinnerte doch an vergangene Epochen. (…) Zum Beispiel, dass die Erde eine Scheibe sei, die von der einen Seite von der Sonne beschienen würde, während die andere für ewig im Dunklen läge.»
Viele Sprecherinnen, wenige Hörer
Bezogen auf das Radio stellt sich die Frage, wer auf welche Weise vom technologischen Fortschritt profitiert. Klar erleichtern digitale Technologien heute das, was früher mal als Gegenöffentlichkeit bezeichnet wurde. In Echtzeit via Stream oder Podcast hören, was gerade in Paris, Texas oder Paris, Texas, los ist – wow! Allerdings stellt sich die Frage, wann aus einer angeblichen Gegenöffentlichkeit eine partikulare Öffentlichkeit wird oder eine atomisierte Öffentlichkeit. Wann also die Kanäle der «special interests» so marginal werden, dass sie die Macht der Mainstreamkanäle überhaupt nicht mehr infrage stellen können. Wann also die Atomisierung der spezialisierten Kanäle, der Indies und der Autonomen, umschlägt in einen Wust von Minderheitenstreams, die vor lauter Bäumchen nicht mehr den Wald der dominierenden Massenmedien sehen. «Too many MCs but not enough listeners», konstatierte der Rapper Beans schon in den nuller Jahren – zu viele SprecherInnen, zu wenige ZuhörerInnen.
Wenn jeder auf seinem eigenen Kanal sendet, ist dann Bertolt Brechts Radiotheorie realisiert? Der Traum vom «grossartigsten Kommunikationsapparat des öffentlichen Lebens», der es den Menschen nicht nur ermöglicht «auszusenden, sondern auch zu empfangen, also den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen». Oder hat sich Brechts Traum in einen Albtraum verwandelt? Wenn alle sprechen und keiner mehr zuhört, ist das der Schritt von der Demokratisierung zum digitalen Autismus?
«Einen bekannten Song im Radio hören, mitsingen – das ist eine Art, Kontinuität in einer immer chaotischeren Welt zu finden.» Diese Beobachtung des US-Schriftstellers Jerry Oster stammt aus einer Zeit, als die Welt der Medien noch nicht so chaotisch war, und sie beschreibt exakt, wie die noch immer von der Mehrheit der Gesellschaft konsumierten öffentlich-rechtlichen Begleitprogramme funktionieren: Sie blenden aus. Die grossen Popsender, seien es die für Jugendliche, die für jüngere Erwachsene oder die für Silver Surfer, blenden die Tatsache aus, dass es nie so viel Popmusik gab wie heute und dass diese nie so leicht zugänglich war. Die als Begleitprogramm durch den Tag konzipierten Popwellen reduzieren bewusst die Vielfalt moderner Popmusik auf einen überschaubaren Kanon aus bekannten Songs. So schaffen sie Unterkomplexität durch Reduktion und entlasten ihre NebenbeihörerInnen. Sie bieten einen geschützten Raum, um «Kontinuität in einer immer chaotischeren Welt zu finden».
Nun unterhalten die öffentlich-rechtlichen Anstalten in Deutschland und in der Schweiz auch noch kulturelle Spartensender. Dort, so könnte man meinen, sollte doch Platz sein für einen kritischen Diskurs über Popmusik. Fehlanzeige. Bis auf einige ruhmreiche Ausnahmen haben sich die Kultursender aus der Debatte verabschiedet. So kann es passieren, dass Weltstars wie Björk, Neil Young oder D’Angelo neue, gegenwartsrelevante Alben rausbringen, und keines der Vollprogramme eines öffentlich-rechtlichen Senders verliert ein Wort darüber, während dieselben Alben in sämtlichen Feuilletons gross besprochen werden. Ein medienpolitischer Treppenwitz, der noch absurder wird, wenn Rundfunkhierarchen den Ballast des öffentlich-rechtlichen Informationsauftrags im Internet entsorgen wollen. Wer sich für spezielle Themen interessiere, könne doch dort fündig werden, heisst es dann.
Profis machen Praktika
Tatsächlich findet immer mehr qualifizierte Popkulturarbeit im Internet statt – für immer weniger Geld. Diese Faustregel der digitalen Marktwirtschaft gilt für schreibende Kritikerinnen wie für Radiomacher. Das in Hamburg ansässige Internetradio Byte FM – dort gibt es profilierte AutorInnensendungen für null Honorar – hat 2009 den Grimme Online Award bekommen, den bedeutendsten Medienpreis Deutschlands (vgl. «Vom Recycling zum Neubeginn»). In der Begründung erinnert die Jury an alte Zeiten, «bevor der kommerzielle Umbruch der Radiosender den geschmacksbildenden Radio-DJ durch den chartgesteuerten Computer ersetzte. Dass erst ein neues Medium genau das auferstehen lässt, was viele mit Wehmut an die früher vor dem alten Medium verbrachten Stunden zurückdenken lässt, mag Ironie des Schicksals sein. Doch ist Byte FM kein verklärter Blick in die Vergangenheit, sondern eine von Musikliebhabern für Musikliebhaber gestaltete Plattform.»
Die niedlichen «Musikliebhaber» sind zum grossen Teil MusikjournalistInnen mit viel Erfahrung beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk, viele von ihnen Gatekeeper alter Schule. Deren qualifizierte popkulturelle Arbeit ist im Zuge des fast drei Jahrzehnte andauernden «kommerziellen Umbruchs» immer weniger gefragt. Mit dem Siegeszug des kommerziellen Privatradios, der just mit dem Fall der Berliner Mauer zusammenfällt, hat sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland von der Popkritik weitgehend verabschiedet. Entsprechende Sendungen wurden abgeschafft oder auf nächtliche Sendeplätze verschoben. Also reamateurisieren sich Popkritikprofis zwangsfreiwillig und senden unter Praktikumsbedingungen bei einem Internetradio wie Byte FM. Selbstverwirklichung gegen Selbstausbeutung – die Tauschformel der Prekaritätsökonomie.
Was die Grimme-Jury in ihrer Eloge verschweigt: dass die «Musikliebhaber» sich nicht bloss selbst ausbeuten, sondern dass sie unter den gegebenen ökonomischen Bedingungen sämtliche Qualitätsstandards unterschreiten müssen, die bei orthodox ausgestatteten öffentlich-rechtlichen Programmen üblich sind. Von dem Geld, das bei Byte FM in ein aktuelles Zweistundenmagazin fliesst, könnte ein Radiofeuilleton wie Deutschlandradio Kultur keine zwei Minuten senden.
Von Diedrich Diederichsen, einem der vom Aussterben bedrohten Päpste, stammt das Plädoyer «für einen Kompromiss mit der Kulturindustrie: gut bezahlte, lange Texte, die mit fundierten Reflexionen intervenieren». Und gut bezahlte Sendungen zu speziellen Themen ohne Formatzwänge. In Diederichsens defensiver Formulierung vom Kompromiss lauert schon die Niederlage als sich selbst erfüllende Prophezeihung. Der Appell dürfte die Kulturindustrie so kalt lassen wie die Öffentlich-Rechtlichen die Forderung nach einem Finanzausgleich und einer Reprofessionalisierung der zwangsamateurisierten Internetmangelwerker. Appelliert werden muss dennoch.