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«Für einmal die Welt des Kerkers verlassen und schauen, was es zur wirklichen Welt noch zu sagen gibt», heisst es im Klappentext des neusten Werkes «Über Wasser» von Christoph Geiser, was darüber hinwegtäuschen könnte, dass Geiser auch in diesem Buch seinen künstlerischen Ansatz, den er seit seinem Roman «Das geheime Fieber» entwickelt hat, konsequent weiter verfolgt und die reale Welt nur zum Anlass nimmt, mit dem Gerede über sie zu spielen. Auch wenn sich das Ich nicht mehr wie im «Gefängnis der Wünsche» unsere Welt in einer vergangenen vorstellt, auch wenn es nicht eine fiktive Welt wie in den «Baumeistern» entwirft, sondern tatsächlich in der realen Welt reist, zunächst mit einem Stipendium des Kantons Bern mit dem Schiff über den Ozean nach New York fährt und dann in Dresden als Stadtschreiber amtet, so geht es hier – wie auch schon in Geisers früherem Werk – doch darum auszuprobieren, was man über die Welt sagen kann und was sich dazu aus dem Wortmaterial unserer Sprache, der Sprache der Vergangenheit und der Gegenwart, der Umgangssprache und der Sprache der Dichter, herausholen lässt.
Die Sprache des Textes ist denn auch schon vom Wortbild her ungewöhnlich, es finden sich Zeichen, die wir in poetischen Texten nicht erwarten, wie das «&» in «Sack & Pack» oder die Formulierung «und/oder», es wird gestottert: «Keine A- Ah! – Ahhaha! – A! A! Aaaaaaaaaahnung.», es finden sich umgangssprachliche Wendungen neben poetischen aus der Bibel oder Autoren wie Hölderlin und Kleist. Das Chaos erscheint im Dialekt als «Gnusch», Wörter werden in ihre Bestandteile zerlegt und setzen dadurch neue Bedeutungen frei, so etwa «N-Ostalgiker» oder das «Angel-Säxische».
Bei der Einreise nach Amerika hat dieses schreibende Ich auch gleich Gelegenheit, auf die Frage, was es denn schreibe, seine Position im Feld von Wahrheit und Fiktion, von Wirklichkeit und Vorstellung zu begründen. Kein Korrespondent, kein Reporter will dieses Ich sein, sonst müsste es «die Wahrheit (…) und nichts als die Wahrheit» schreiben. «Fiction» schreibt es, so das erlösende Passwort, das Zauberwort, das «den Stempel-Druck erzeugte», der es schliesslich dem Ich erlaubt, das Land, «Gottes eigenes Land» zu betreten, das sich in der Folge immer mehr als Hölle entpuppen wird. Allerdings bemerkt man schon bei der Lektüre des ersten Satzes des Textes, dass es hier literarisch zugeht, denn die Ankunft in Amerika wird als Negation einer berühmten literarischen Ankunft in New York geschildert, jener Karl Rossmanns in Kafkas Amerika-Roman «Der Verschollene». Doch das Ich ist nicht Karl Rossmann, auch nicht K. oder Herr Karl, Karl Rossmann ist hier der Kapitän, und damit beginnt das Spiel mit dem Kafkaschen Text, der immer wieder evoziert wird, aber ebenso falsch wie alles andere hier falsch ist.
Kafka erscheint schon im Titel des nächsten Kapitels wieder, im «Bericht an eine Hohe Kommission», der auf Kafkas Erzählung «Ein Bericht für eine Akademie» anspielt. Aber der Bericht, den der Autor als Flaschenpost an den Bürgermeister von Bern, die Damen und Herren des grossen und kleinen Rats, an die Literaturdamen, wie es später einmal heisst, richtet, ist gar kein Bericht. Schon nach der Anrede beginnen die Vorwürfe und Fragen. Es gibt keinen Grund, diesen Autor nach Amerika zu senden. Er ist kein Gesandter und hat auch nichts verbrochen, wie es in Anspielung auf Karl Rossmann heisst, keine Verführung erduldet, «keine Vergewaltigung erlitten», «kein Küchenpersonal hab’ ich unwillkürlich in andere Umstände gebracht». Er hat auch keinen «Jodok lässt grüßen» in Amerika. Die Fortsetzung des Berichtes ist dann nicht etwa dem Aufenthalt in Amerika gewidmet, sondern den Vorbereitungen der Reise, der Suche nach einem geeigneten Schiff und dem Wunsch, lieber in Italien zu bleiben, zu «verschellen», wie es immer wieder heisst, als nach Amerika zu fahren.
Das Gefängnis, das wir schon aus dem Sade-Roman («Gefängnis der Wünsche») und aus den «Baumeistern» als produktive Geisersche Metapher kennen, besteht in der Realität New Yorks aus einem konkreten Gefängnis: das Ich eingesperrt in einem Kellerloch mit vergittertem Fenster, einer Hölle, als einzige Gesellschaft Pussy, die Katze mit den sechs Krallen. Damit sind die Themen gegeben, die der Roman nun durchspielt. Die Stadt ist die Hölle und das in «Gottes eigenem Land», dem von Puritanismus gezeichneten, in dem nur die Erwählten die Zeichen kennen, z. B. in der Untergrundbahn. Nur sie wissen, welchen track man nehmen muss, unser Fussgänger dagegen zieht es vor, nicht in den Untergrund, in die Unterwelt zu steigen, die funktioniert wie Calvins Prädestinationslehre: «Calvins Gnade jedoch ist gnadenlos! – wie die Untergrundbahn. Ohne Ausweg! Entweder man hat den express track erwischt oder den local track und sitzt folglich, je nachdem, entweder im falschen oder im richtigen Zug, denn nur die Erwählten…» (S. 95) Es sind nicht zuletzt diese Zusammenstellungen aus völlig verschiedenen Bereichen, die witzig und geistreich wirken. In dieser Welt des Textes der freien, aber nicht willkürlichen Assoziation, kann es dann auch dazu kommen, dass der Calvin der Reformation plötzlich mit einem ganz andern in Zusammenhang gebracht wird: mit jenem der Unterwäsche produziert, es ist dann von Calvin-Höschen die Rede.
Die Hölle wird immer wieder mit dem uns bekannten religiösen Diskurs spielerisch umschrieben, was sich dann etwa so liest: «Denn – Verdammt! – wer raucht. Der muß nach unten. Wo dieses Zähneklappern ist … Verdammt!» wobei dieses «verdammt» sowohl als Fluch wie als Urteil gelesen werden kann. Wo eine Hölle ist, da ist auch ein Paradies, und ein Kamel wäre auch da, das bekanntlich eher durch ein Nadelöhr kommt als ein Reicher in den Himmel. Das Kamel zeigt sich in Form von Camel-Boots, und das Nadelöhr ist bald die richtige Strasse, die jene, die «completely lost» sind, also schon fast zu den Verlorenen und Verdammten gehören, dann noch zum indischen Restaurant führt. Auch beim endgültigen Entkommen aus der Hölle, bei der Abreise aus den USA, muss man durch das Nadelöhr.
Als erklärender Untertitel zum ersten Kapitel, das in Dresden spielt, heisst es: «Er ist angekommen», wie wissen wir nicht, einmal Himmel und Hölle und dem Chaos entronnen, offenbar problemlos. Wir treffen ihn wieder, wie er Bilder betrachtet oder besser: zum Reden bringt, wie er dies so unvergleichlich im Caravaggio-Roman getan hat. Hier, auf den Bildern finden sich die Schiffe wieder, Pussy, der Ozean, die grossen Flüsse Europas und Amerikas; denn hier in Dresden schaut er sich auch die Bilder Amerikas an. Nur eines will unser virtuoser Autor nicht beschreiben: das Grüne Gewölbe in Dresden, «das ist ja nichts als Zier! Zierat! Unrat … von Gebrauchswert keine Spur (…) Unbeschreiblich ist es! Und – kein Bild.» Es ist echt, wirklich, aber doch nicht zum Brauchen da, und daher fragt sich unser Autor, wozu es denn da sei, vielleicht als Thema für einen Matura-Aufsatz in der Kategorie «Be-schreibung» oder als Strafaufgabe für einen renitenten Zögling oder gar als Aufgabe für den Stadtschreiber.
«Passagen», der Untertitel des Buches, das bedeutet nicht nur von Europa nach Amerika zu fahren und wieder zurück, das bedeutet zugleich auch, dass die Wörter, die Motive und Themen von einem Kontinent zum andern wandern und so nicht auf der Ebene der dargestellten Welt, aber in der Welt der Bilder, der Fiktionen und der Sprache ein dichtes Textgewebe schaffen, wie wir es sonst nur aus Gedichten kennen. So wie wir die Schiffe und Pussy wieder finden, so kommen auch andere Elemente wieder verwandelt vor, etwa das Kamel in der Form der über hundert Jahre alten Kamelie, denn warum sonst würde über diese «Kameliendame» so ausführlich geredet? Das Nadelöhr, bzw. die Nadel kommt wieder in Form einer Sicherheitsnadel, mit der das Ich am 1. Mai die rote Nelke anstecken will.
Im letzten Kapitel verliert sich unser Autor als Stadtschreiber in das Betrachten eines Bildes «42 Kids» aus einem Band «Bilder von Amerika», «als bliebe uns von allem letztenendes doch nur Kunst». Die Kids vergnügen sich im Planschbecken und miteinander und werden in der Rede des Autors, der alle Bilder zum Leben erweckt, lebendig, dieses Autors, der, hätte man ihn statt nach Amerika in die Provence geschickt, doch «glatt Das Parfüm! und tausendmal parfümierter…» geschrieben hätte. Zum Glück für uns Leser und Leserinnen hat ihn die Hohe Kommission nach Amerika geschickt, denn mit ihm durch die Hölle und das Paradies der Bilder und Texte zu wandern – wir sind ja alle wie der Autor «genuine Fuß-Gänger» – ist ein grosses Vergnügen.
Christoph Geiser, «Über Wasser. Passagen». Amman, Zürich 2003.
Rosmarie Zeller, geboren 1946 in Rheinfelden, habilitierte sich an der Universität Basel im Fach Deutsche Philologie mit einer Arbeit zur Poetik des Dramas und lehrt u.a. an der Universität Basel.