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Übersetzungen sind im Bereich der klassischen, der gehobenenen, der Welt-Literatur (oder wie immer man diesen Bereich nennen will) im Moment der absolute Renner. Klassiker werden in steter Regelmässigkeit neu übersetzt (ich glaube, den Anfang machten hier die Neuübersetzungen von Dostojewskis Romanen), oder sogenannt ‚unübersetzbare‘ Bücher einer Nationalliteratur wurden schlusssendlich doch übersetzt und gehören nun, wenn nicht zur Welt-, so doch zur europäischen Literatur. Stefano D’Arrigos Monumentalwerk Horcynus Orca wurde hier vor kurzem erst besprochen; in Moshe Kahns Fussstapfen als ‚kongenialer‘ Übersetzer ist nun Brigitte Döbert getreten: Ihre Übersetzung des offenbar ebenfalls ‚unübersetzbaren‘ Werks von Bora Ćosić, Die Tutoren, liegt seit diesem Jahr im Verlag Schöffling & Co. vor. Mir persönlich will zwar scheinen, dass Die Tutoren weniger ‚unübersetzbar‘ gewesen sein müssen als Horcynus Orca; da ich aber beide Male das Original nicht kenne und sowieso nicht verstehen würde, liegt diese meine Einschätzung wohl eher daran, dass mir der Italiener doch mehr Eindruck gemacht, hat als der Autor aus dem ehemaligen Jugoslawien.
Tatsächlich ist der Roman noch zur Zeit entstanden, als Tito das Völkergemisch jener südwesteuropäischen Region mit eiserner Faust (die sich in Samthandschuhen versteckte) regierte. Bora Ćosić erzählt uns die Geschichte einer Familie – bzw., er lässt sie durch Familienmitglieder selber erzählen.
Den Anfang macht Theodor, Pope in einem kleinen Kaff in Slawonien. Sein Part spielt 1828. Den Schluss macht ein Erzähler, der vorgibt, der Autor selber zu sein und in einer Buchhandlung Teile seiner Familiengeschichte erzählt zu bekommen. Dieser Part spielt in der Gegenwart der Entstehung des Romans, das sind die 1970er Jahre. Jeder Erzähler, jede Erzählerin hat einen eigenen Stil.
Der Roman setzt, wie gesagt, ein mit Theodors Notizen zu seinem Leben in der Kleinstadt. Theodor verwendet als Orientierungshilfe den enzyklopädischen Stil. Zu diversen Stichworten notiert er seine Gedanken. Theodor handelt und schreibt offenbar ganz naiv; dadurch werden seine Einträge (unfreiwillig?) komisch, und wir dürfen uns nicht wundern, wenn bei diesem Afterkind der Aufklärung trotz seines klerikalen Berufs wenig Bildung zu finden ist und auch – wenig Glaube an Gott.
Katharina ist Theodors Schwiegertochter und setzt 1871 ein. Sie denkt und schreibt pragmatisch und realistisch; ihre Sorgen drehen sich um den Aufbau und Erhalt des kleinen Familienimperiums, zu dem der in der Familie seit längerem gepflegte Weinbau mittlerweile geworden ist. Seitenlang ohne Abschnitte gehalten, erinnert ihr Part der Erzählung an eine Mischung aus Écriture automatique und Realismus, Virginia Woolf und Henry James.
Der nächste Teil (Laura 1902) führt uns Novi Sad, das kleine Kaff, in dem sich die Familie bisher grösstenteils aufhielt, vor auf dem Weg in die Moderne, ins 20. Jahrhundert. Im Stil eines phantastisch-skurrilen Dramas werden uns die Personen der Stadt vorgeführt. Dieses Drama wäre absolut unaufführbar, denn eine körperliche Veränderung einer Figur auf der Bühne wäre heute allenfalls mit modernster Tricktechnik im Film darstellbar. Expressionistischer Einfluss ist unübersehbar.
Lazar, 1938 wird von dessen Mutter erzählt, einer gebürtigen Grazerin, die in diese, mittlerweile reiche Familie eingeheiratet hat. Sie hat dafür den Glauben und die Sprache gewechselt – ein typisches Produkt aus Kakaniens Endzeit. (Wie sich überhaupt der ganze Roman bis hin zu diesem Teil auch als Schilderung Kakaniens aus der Froschperspektive einer weit entfernten und an und für sich relativ unwichtigen kakanischen Provinz lesen lässt.) Unsere Grazerin ist eine ähnliche Frau wie ihre (angeheiratete) Grossmutter; die Familie lebt mittlerweile in Zagreb. Noch mehr als Katharina schreibt die verwitwete Frau anscheinend regellos nieder, was ihr gerade durch den Kopf schiesst: Kochrezepte, Familien-, Dorf- und Weltgeschichte… Zum Schluss wird sie gar lyrisch.
Den Schluss macht Der Autor, 1977, der Bora Ćosićs Situation als (zweitweilig) unterdrückter Autor in Titos Jugoslawien beschreibt.
Weshalb der Titel, nachdem im Buch selber keine Tutoren vorkommen? Ich habe es bereits angedeutet: Bora Ćosićs Figuren verwenden in ihren Partien keinen eigenen Stil, sondern einen der Zeit geschuldeten, ihnen von aussen anerzogenen. Dabei sind sie allerdings kaum in der Lage, diesem Stil Genüge tun zu können. Immer wieder bricht ihre Naivität durch. Die Lücke, die zwischen Anspruch und Realität klafft, ist nicht nur komisch, sondern auch erschreckend erhellend für die condition humaine im Allgemeinen. Wir imitieren nur den Stil unserer Zeit, ohne doch wirklich da hinein zu gehören.
Fazit: Auch wenn ich D’Arrigos Roman höher einschätze, kann ich Die Tutoren doch uneingeschränkt empfehlen – jenseits von jedem Hype um Übersetzungen von Unübersetzbarem, jenseits eines Hypes um Zugehörigkeit zu einer gesamteuropäischen ‚Hochliteratur‘.