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An der Jazzabteilung der Luzerner Musikhochschule hat die Popmusik Einzug gehalten: Erstmals wird in diesem Studienjahr ein Wahlfachkurs zur Pop-Geschichte angeboten, und an der Projektwoche im Dezember sprachen Fachleute zu wichtigen Aspekten der Popmusik.
New York, ´Charlies Taverneª, eine hippe Musikerbar. Hier hing oft Charlie Parker herum, und manchmal trat er an die Jukebox und wählte einen Countrysong. Verhaltenes Entsetzen in der Bar, und gefragt, warum er sich diesen Mist anhöre, soll der grosse Saxophonist geantwortet haben: ´Die Geschichten, Mann, hör dir die Geschichten an!ª
Die populäre Musik war und ist nicht immer gern gelitten in Jazzkreisen. Zu banal, zu simpel, lautet das Verdikt und umgekehrt natürlich: zu verkopft, zu technisch, zu kompliziert sei der Jazz, meinen die Freunde der Popmusik. Dabei dürfte es sich um eine nur natürliche Hassliebe unter Geschwistern handeln: Sind doch beide dieser wichtigsten Stile des 20. Jahrhunderts Kinder des afro-amerikanischen Kulturschocks, Resultate der Tatsache, dass die aus Afrika nach Amerika verschleppten Sklaven eine neue kulturelle Sprache und Identität finden mussten. Waren ihnen doch afrikanische Künste, Bräuche und Musik verboten in der neuen Welt.
Im Laufe ihrer Geschichte kamen sich der ältere Jazz und der jüngere Pop immer mal wieder nahe. Im City Blues der Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg, als beispielsweise die Bluesssängerin Bessie Smith mit den besten Jazzcombos der Zeit spielte und eine grosse Pop-Karriere hinlegte (inklusive ´Live fast, die youngª-Tod). Die Autoren der Tin Pan Alley schrieben zahllose Crossover-Hits, die, interpretiert von Billie Holiday oder Perry Como, je nachdem dem Jazz- oder Popmarkt zugerechnet werden. Und Nat King Coles ´Route 66ª ist einer der zeitlos besten Popsongs überhaupt, interpretiert in späteren Jahren von vielen Pop-Acts, etwa den Rolling Stones. Im Jazzrock der Siebzigerjahre fanden die so unterschiedlichen Stile unter dem Eindruck von Jimi Hendrix und Miles Davis dann erstmals zu einem gemeinsamen Genre eines allerdings, das nicht gerade zu den Sternstunden der Musikgeschichte gehört.
Im Zeitalter des Sampling bedient man sich heute nun wieder ungeniert auf der jeweils anderen Seite. Gurus Jazzmatazz oder US3 brachten den HipHop an die Jazzfestivals und sorgten dergestalt für eine ungeahnte Adelung der ehemaligen Strassenkultur. Der Jazz seinerseits hat in den letzten Jahren enorm von den Innovationen der elektronischen Dancefloor-Szene profitiert selbst eine einstige Free-Jazz-Hochburg wie das Jazzfestival Willisau konnte seine zeitweilige Orientierungslosigkeit überwinden und sich mit elektronisch aufdatiertem Jazz wieder am Puls der Zeit präsentieren: Nils Petter Molvaer, Erik Truffaz, aber auch Schweizer Gruppen wie Manufactur, Fab4, New Bag oder Koch-Schütz-Studer spielen heute aufregenden Crossover.
Die Lehre: Wer als Jazzmusiker in der Popmusik auf dem laufenden ist, kann neue, spannende Sachen abseits der reinen Berkeley-Lehre produzieren. Seit diesem Studienjahr bietet die Jazz-Fakultät der Luzerner Musikhochschule ihren Studierenden den Wahlfachkurs ´Geschichte der Popmusikª an. In zwei Semestern (30 Lektionen) führt der Kurs von den Wurzeln der Popmusik in den Spirituals, den englischen und irischen Balladen und dem Blues über die Geburt des RocknRoll mit Elvis Presley, die Blütezeit der Sechzigerjahre und die Kommerzialisierung in den Achtzigerjahren mit MTV hinein in die atomisierte Popszene der Gegenwart, wo man heute ans Alternative-Country-Konzert geht und morgen zum 2Step auf den Dancefloor tritt.
Aus dem pophistorischen Wahlfachkurs wuchs denn auch die Referatreihe, die anlässlich der Projektwoche im Dezember namhafte Musikjournalisten an die Luzerner Musikhochschule brachte. Peter Kemper, Redaktor beim Hessischen Rundfunk und Co-Herausgeber neuerer pophistorischer Standardwerke wie ´Alles so schön bunt hierª oder ´...But I Like Itª, erläuterte die Rolle, die die Popmusik in den Jugendbewegungen seit dem Zweiten Weltkrieg spielte und die, vergleichen wir nur die Anti-Vietnam-Bewegung und die Street Parade, eine denkbar unterschiedliche ist. Musikjournalist Christian Hug beleuchtete die ´vorläufig letzte Revolutionª in der Musikgeschichte, nämlich das Sampling, das die Musik nicht nur als Technik, sondern vielleicht noch stärker als Prinzip, veränderte. Medienwisschenschafter Frank Hänecke hatte in seiner Dissertation die Schweizer Poplandschaft untersucht. Sein Referat zeigte, welchen Stellenwert einheimisches Musikschaffen hierzulande hat und welche Rolle die Hitparade dabei spielt.
Jean-Martin Büttner und Martin Schäfer schliesslich beschäftigten sich mit jenen Aspekten der Popmusik, die auch Charlie Parker faszinierten: mit dem Erzählen, mit den Geschichten. Der langjährige Redaktor bei Radio DRS, Martin Schäfer, erklärte, warum Popsongs Texte brauchen. Er zeigte auf, wie Bob Dylan und die Beatles das Textverständnis der Popmusikerinnen und musiker für immer veränderten und wie unterschiedlich dazu die Sprache der Rapper klingt. Jean-Martin Büttner schliesslich, Bundeshausredaktor und brillanter Musikkritiker des Zürcher ´Tages Anzeigerª, zeigte auf, wie Rockmusik ihre Geschichten erzählt, wie Musik, Performance und Text zusammenspielen. Zu diesem Behufe verglich er verschiedene Songs zum gleichen Thema zu einem Sandsturm nämlich, der in den Dreissigerjahren durch die amerikanische Stadt Tupelo tobte.
(Christoph Fellmann, Journalist und Dozent an der Fakultät III)