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Der Tag beginnt mit sehr viel Nebel. So hat unsere Reiseleitung kurzum den Museumstag auf heute umorganisiert. Wir beginnen mit einem Ausflug in das „Historisch-Technische Informationszentrum“ in PeenemĂĽnde. FĂĽr die ältern Lesern hier, sagt wahrscheinlich das Stichwort Raketenforschung schon einiges mehr.
Im dichten Nebel und gegen einen kĂĽhlen Wind, bummeln wir zum örtlichen Bahnhof hier in Zinnowitz. Eine Komposition aus Niederflurwagen bringt uns während einer viertelstĂĽndigen Fahrt zum Bahnhof von PeenemĂĽnde. Schon beim Aussteigen fallen uns die langen Wohnbauten, wie man sie vielleicht aus Aufnahmen aus der DDR-Zeit, kennt, auf. Jetzt unbewohnt, unbenutzt, zerbrochene Fensterscheiben, verwilderte Vorgärten, zusammen mit dem Nebel ein eher tristes Bild. Vorbei an einem Kindermuseum, Puppenmuseum, einer ausgestellten Rakete und einem Denkmal fĂĽr gefallene Soldaten, gelangen wir zum Eingang des „Historisch-Technischen Informationszentrums im Kraftwerk“ wie es ganz ausgeschrieben heisst. Der Museumseingang hat merkwĂĽrdig dicke Wände, vielleicht 2 Meter Beton oder mehr. Schon bald werden wir von unserer MuseumsfĂĽhrung ĂĽbernommen, eine Dame, welche selber ihre Kindheit in nächster Nähe verbracht hat.
Während den nächsten knapp zwei Stunden erklärt sie uns die Geschichte von Peenemünde. Den Zusammenhang des Baues der Heeresversuchsanstalt zur Raketenforschung, vom militärischen Sperrgebiet über den ganzen nordwestlichen Teil der Insel, von Wernher Freiherr von Braun (dem Konstrukteur/Erfinder des Raketenantriebes), dem zweiten Weltkrieg bis hin zur Bombardierung dieses Inselteiles durch die Briten, die Eroberung durch die Russen und schlussendlich dann die Wende und später das Abschalten des Kraftwerkes im Jahre 1990, Entmilitarisierung (1996) und seit Anfang des 21. Jahrhunderts der Öffnung für den Tourismus. Ihre Erläuterungen gehen mir, der ich aus einer Generation die zwar nach dem zweiten Weltkrieg geboren wurde, aber in einer Zeit, in der die geschichtliche Nachverarbeitung noch nicht in der Schule gelehrt wurde, nahe, mir persönlich sehr nahe.
Einerseits die grosse Leistung die hier mit der Erfindung des Raketenantriebes gemacht wurde. Damit zusammenhängend auch all die Erstellung der Infrastrukturen, angefangen von den Wohnungen und vielen Annehmlichkeiten fĂĽr die Ingenieure und Techniker, ĂĽber ein eigenes Kraftwerk zur Deckung des immensen Stromverbrauchs in der Forschung der Raketentechnik, all die militärischen und „halbzivilen“ Anlagen, den Versuchsanlagen, den Startanlagen, dem Bau eines eigenen Bahntrassees, bis zur dusteren Seite der Lager fĂĽr die Zwangsarbeiter, Deportationen und Konzentrationslagern. Einerseits bewundernswert mit welcher Energie und Zielstrebigkeit hier in kĂĽrzester Zeit grĂĽsste Bauten erstellt wurden und das scheinbar Unmögliche eines senkrechten Starts eines Flugobjektes eben doch möglich gemacht wird, andererseits das schiere Grauen unter Missachtung jeglicher Menschlichkeit.
Irgendwie sind wir alle froh, als uns die Sonne mit wärmenden Strahlen im Ausgang der Museumsanlage wieder begrüsst. Persönlich ist mir noch nie ein Besuch eines Museums so nahe gegangen. Sei es weil die Museumsführung offensichtlich eine Direktbetroffene war, oder weil diese ganze Geschichte erst ein paar wenige Jahre in der Vergangenheit liegt.
Das Mittagessen nehmen wir im nahen Hafenrestaurant „Die Flunder“ ein. GegenĂĽber liegt der welt grösstes, jemals betriebenes Diesel U-Boot der russischen Kriegsmarine, vertäut an der Quai-Mauer. Auch dieses könnte noch besichtigt werden. Ich, fĂĽr meinen Teil, habe fĂĽr heute genug Kriegsgeschichte erlebt und verzichte auf einen Besuch im inneren dieses Stahlkolosses.
Anschliessend bringt uns die niederflurige Usedomer Bäder Bahn wieder einen Teil des Weges zurück. Den Rest wandern wir durch Arvenwälder und entlang der Ostsee auf einem wunderbaren, sandigen Boden wieder zurück in unser Hotel in Zinnowitz.