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In der Zeit, als die Schulfreunde Jos und Terrie 1979 in Wormer bei Amsterdam eine Band gründeten, taten das alle. Mach es selber, war die Botschaft des Punk. Die meisten Bands lebten ein paar Monate, mit Glück ein paar Jahre. The Ex jedoch haben gerade ihr 26. Jahr begonnen. Vom synkopisch-reduzierten Punk ihres ersten Albums über die Lärmgewitter mit internationalistischen Texten zu den Experimenten mit Freejazz-, elektronischen und afrikanischen MusikerInnen war es ein weiter, aber konsequenter Weg. Neben den Gründungsmitgliedern Jos alias G.W. Sok (Gesang) und Terrie (Gitarre) gehören heute Kat (Schlagzeug), Andy (Gitarre) und Rozemarie (Stehbass) zur Band. Während sich die Band von ihrem riesigen 25. Geburtstagsfest erholt, gibt Andy am Telefon Auskunft.
Andy kommt aus Britannien und begann 1990 mit The Ex zu spielen, als seine eigene Band Dog Faced Hermans eine Pause machte. Zu dieser Zeit begannen The Ex, Musik aus Afrika und Osteuropa in ihre Stücke zu integrieren. Hatte das mit Andys Ankunft zu tun? «Ja. Ich beschäftigte mich sehr mit afrikanischer und ungarischer Musik, als ich nach Holland kam», antwortet Andy. «Dog Faced Hermans hatten viele Folkelemente, und The Ex waren auch interessiert daran. Und als wir dann mit dem Cellisten Tom Cora zusammenarbeiteten, war das eine sehr gute Zeit für die Band, und es begann wirklich etwas Neues. Wir mussten Platz machen im Sound für Tom und sein Instrument.»
Inzwischen haben The Ex mit verschiedenen afrikanischen MusikerInnen zusammengearbeitet, unter anderem mit der Band Konono aus dem Kongo. Und im Januar 2002 stürzten sie sich in ein neues Abenteuer: eine Äthiopientournee. «Wir haben äthiopische Musik gehört und fanden sie grossartig. Dann reiste Terrie ein Jahr in Afrika herum, und in Äthiopien gefiel es ihm am besten», erzählt Andy. «Und es gibt viele Äthiopier und Äthiopierinnen in Amsterdam. Also nahmen wir Kontakt mit ihnen auf, und sie schlugen vor, dass wir in Äthiopien spielen sollten. Zuerst konnten wir uns das nicht vorstellen. Aber schliesslich fanden wir, wir versuchen es einfach. Und es war wirklich aufregend. Sie hatten nie etwas gesehen wie uns, und wir hatten nie etwas gesehen wie sie.»
Ist es nicht schwierig, als «reiche» WesteuropäerInnen in ein so armes Land zu kommen? «Wir leben sehr einfach, wir sind ziemlich arm nach westeuropäischen Standards», antwortet Andy. «Natürlich sind die meisten Leute in Äthiopien ärmer als wir. Wir hätten das Geld auch einem Hilfswerk geben können, aber wir fanden, wir geben, was wir selber zu geben haben: Musik. Wir spielten gratis und verschenkten Kassetten. Am Schluss überliessen wir die Instrumente und Verstärker einer Musikschule.»
In ihrer Organisation sind The Ex heute noch so «punk» wie am ersten Tag: Sie machen wirklich alles selber, haben ein eigenes Label, haben mehrere Studios in besetzten Häusern gebaut und organisieren sich in Netzen mit gleichgesinnten MusikerInnen, die immer internationaler werden. «Wir spielen mit afrikanischen Musikern und Musikerinnen, mit einem Solosaxofonisten oder Klangpoeten, Tänzern oder mit Fugazi - es ist ein wirklich weites Spektrum. Und sie werden alle unsere Freunde», sagt Andy. «Wir haben eine Gemeinschaft von MusikerInnen, mit denen wir arbeiten, aber du könntest sie nie unter ein Dach bringen. Wir haben keinen gemeinsamen Musikstil, keine einheitliche Arbeitsweise, sondern viele verschiedene. Und das mag ich wirklich.»
The Ex nutzten die Musik immer auch für die Verbreitung von politischer Information. Umfangreiche Broschüren ergänzten in den achtziger Jahren ihre Alben. Da ging es um Arbeitskämpfe, Südafrika, Nicaragua, Umweltschutz, die quirlige holländische BesetzerInnenbewegung und vieles mehr. In den neunziger Jahren wurden G.W. Soks Texte metaphorischer, verloren jedoch nie ihre politischen Bezüge. Das neue Album «Turn», auf dem Globalisierung und Irakkrieg ihre Spuren hinterlassen haben, ist mit Texten wie «Henry K.» - über Henry Kissinger - so offenkundig politisch wie die frühen Alben. «Ja, auf diesem Album war Jos sehr direkt, vor allem gegenüber der US-Politik», sagt Andy. «In den letzten drei Jahren waren wir ja mit einer Überdosis Nachrichten über den Irak konfrontiert und reagierten darauf. Es geht hier vor allem um die USA, weniger um Holland. Auf dem nächsten Album wird es wahrscheinlich um Holland gehen, denn was hier passiert, wird auch immer extremer. Vor allem die Haltung gegenüber Ausländern und Ausländerinnen ist erschreckend. Vielleicht werden auf dem nächsten Album auch die Texte holländisch sein.»
Zuerst gehen die fünf aber auf Tournee. Live sind sie wie ein Wirbelsturm, der auch nach 25 Jahren nicht nachgelassen hat. Spielen sie immer gern? «Manchmal bin ich wirklich müde vor dem Spielen. Manchmal fehlt die Inspiration von den OrganisatorInnen oder vom Publikum. Dann ist es schwieriger», meint Andy. «Aber wenn wir anfangen, vergesse ich das. Ich spiele so gern! Wir bekommen unheimlich viel zurück an den Konzerten.» Am «Ear We Are»-Festival in Biel treffen sie andere experimentierfreudige MusikerInnen - auch ihren ehemaligen Bassisten Luc: Er spielt mit 4 Walls, der Band, die früher Roof hiess und zu der Tom Cora (1953-1998) gehörte, der für The Ex so wichtig war.
Terrie und Andy, in kurzen Hosen und Hausbesetzerstiefeln, rasen hyperaktiv über die Bühne und legen filigrane Gitarrenfiguren über das Rhythmusgerüst von Kat und Rozemarie. G.W. Sok steht in der Mitte wie ein Demoredner und liefert für einmal ein Kuchenrezept - «The Pie» -, damit alle ihren lokalen «global leaders» eine Torte ins Gesicht werfen können: «Die Puppenspieler an der Macht sind sich immer einig, dass Steine keine Argumente sind - und in der Zwischenzeit prügeln sie uns mit Knüppeln, erschiessen uns mit Kugeln und laden uns an ihre Abrisspartys mit Verleumdungen, Lügen, Tränengas und Panzern. Nein danke, wir haben verstanden, und deshalb wollen wir den Kuchen globalisieren!»
Festival Ear We Are in: Biel Alte Juragarage, Do-Sa, 3.-5. Febr, Do, 20.30 h, Evan Parker Electro-Acoustic Ensemble & Duo Furt. Fr, ab 20.30 h, Hans Hassler; Kapital Band 1; The Ex. Sa, 16 h, Louis Sclavis; 17 h, Ray Anderson; ab 20.30 h, The Swiss-Australian Percussion-Connection; Charlotte Hug, Patricia Bosshard, Marie Schwab und Cristin Wildbolz; 4 Walls; Cyler & Mod. www.earweare.ch The Ex auch in: Genf Cave 12, So, 6. Febr, 21.30 h. Yverdon L’Amalgame, Do, 10. Febr, 20.30 h. www.theex.nl