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Ansatzpunkt: Kollektive Emotionen und Rituale
Der ursprünglichste Zugang zur Forschung über kollektive Emotionen wurde in soziologischer Hinsicht durch Emilie Durkheim’s Studie ‚Die elementaren Formen des religiösen Lebens‘ aus dem Jahre 1912 gelegt. Gemäss dieser entsteht in und durch Rituale eine gemeinschaftliche, emotionale Erregung (bezeichnet mit dem Zungenbrecher Efferveszenz) wodurch Solidarität, Gemeinschaft und letztlich soziale Ordnung überhaupt erst entsteht. Aus dem rituellen Zusammensein entstehen auch Symbole für die Gemeinschaft (Totems), welche die Gemeinschaft für den einzelnen jeweils aktualisieren und vergegenwärtigen. Über und durch Rituale werden soziale Strukturen – bei Durkheim religiöse Gemeinschaften – allmählich aufgebaut und verfestigt. Insofern sind gemäss dieser Sichtweise kollektive Emotionen eine zentrale Schlüsselgrösse der Erklärung des Sozialen überhaupt.
Das Grundelement dieser Ansätze sind also Ritualhandlungen in denen (und durch die) spezifische Emotionen ausgelöst werden. Entsprechend stehen und fallen solche Theorien mit der präzisen Bestimmung dieser Grundelemente. Eine neuere, ausführliche Herausarbeitung dieses Aspektes wurde durch Collins mit der Theorie der Interaction Ritual Chain-Theorie geleistet. Ausgeprägte Anleihen bei Collins und seinen Vorläufern tätigt auch Jonathan Turner mit seiner Emotionstheorie, welche anschliessend besprochen wird.
Interaction Ritual Chain-Theorie
Randall Collins (2004) fasst sein Modell eines Interaktionsrituals zunächst unter vier Voraussetzungen. Diese sind:
- Physische Kopräsenz der Beteiligten mit
- Einer Abgrenzung gegenüber Aussenstehenden.
- Ein gemeinsamer Fokus der Anwesenden und
- Eine durch sie geteilte Stimmung
Letztere verstärkt sich im Laufe des Interaktionsprozess wechselseitig unter den Beteiligten. Dies führt zu einer wechselseitigen Abstimmung, zu einer Rhythmisierung der Interaktion. Solches kann bereits bei zwei Anwesenden (Dyaden) auftreten, aber auch in Massenveranstaltungen. Im Ergebnis eines gelingenden Interaktionsrituals stellt sich dann bei den Beteiligten ein Gefühl der Solidarität ein und beim Individuum kommt es zum Aufbau einer ‚emotionalen Energie‘; „a feeling of confidence, elation, strength, enthusiasm and initiative in taking action“ (Collins, 2004, S.49). Weitergehend wichtig sind spezifische Symbole (visual icons, words, gestures) , welche den rituellen Interaktionsprozess begleiten, respektive sich in diesem ausbilden und die Gruppe im Nachhinein repräsentieren.
Quelle: http://www.sebastianredenz.com (mit relativ umfangreiche Darstellung des Ansatzes)
Ein einzelnes Interaktionsritual-Element baut also emotionale Energie auf – dies bis zu einer Sättigung (und das Interaktionsritual endet da). Anschliessend baut sich (individuell) die emotionale Energie langsam ab. Oder sie wird durch die Verkettung in weiteren Interaktionsritualen reaktiviert, gestärkt und verändert. In der Verkettung solcher Interaktionsrituale bauen sich dann Gruppennormen und Symbole auf, welchen sich die Gruppenmitglieder verpflichtet fühlen. Collins zitiert hierzu Durkheim:
„Moreover, without symbols, social sentiments could have only a precarous existence. Though very strong, as long as men are together and influence each other reciprocally, they exist only in the form of recollections after the assembly has ended, and when left to themselves, these become feebler and feebler; (…) Thus these systems of emblems, which are necessary if society is to become consious of itself, are no less indispensable for assuring the continuation of this consiousness.“ (Durkheim 1912/1965, S. 265 cit nach Collins,2004, S.37).
Collins erweitert insofern die Perspektive von Ritualen im Zusammenhang mit religiösen Praktiken, wie es Durkheim beschreibt, weit in das Alltagsleben hinaus. Entspricht eine Interaktion den Voraussetzungen eines IR treten die genannten Effekte auf. Es sind dann moderierende Bedingungen insbesondere in den Interaktionsketten, welche die genannten Wirkungen in ihrem Ausmass und ihrer Richtung modulieren. Insofern beansprucht Collins für den Ansatz eigentlich einen Supertheoriestatus: „IR theory is not a model of a wind-up doll, programmed early in life, which ever after walks trough the pattern once laid down. It is a theory of moment-to moment motivation, situation by situation. Thus it has high theoretical ambitions : to explain what any individual will do, at any moment in time, what he or she will feel, think, and say. « (Collins (2004), S. 45)
In diesem Zusammenhange soll jedoch der Fokus zunächst auf der Erklärung der Ausbildung kollektiver Emotionen bleiben. Collin (2012) bemüht sich zwar den Kern der IRC –Theorie gar so weit zu formalisieren, dass sie simulationstauglich und damit direkt überprüfbar wird. Allerdings sind mir bisher keine entsprechenden Ergebnisse bekannt.
Von Scheve (2011) beleuchtet diesen Aspekt auf der Basis sozialkognitivistischer und neurologischer Erkenntnisse vertieft, was zunächst zu einer Huhn-oder-Ei-Diskussion führt: Was ist nun zuerst; eine individuelle Emotion der Gruppen-Identität oder eine kollektive Emotion? Tendenziell legen die eher aus einer kognitivistischen Tradition stammenden Theorieelement, auf die von Scheve verweist, darauf hin, dass es zunächst auf individueller Ebene eine Repräsentation (der Gruppe) sowie entsprechende Bewertungen geben muss, damit eine kollektive Emotion entsteht. Andererseits zeigen wiederum die psychologisch-neurologischen Untersuchungen zur Emotionsübertragung, dass sich viel, was zu einer gemeinsamen Identität beitragen kann, bereits vorbewusst einstellen kann und insofern von einer genuinen, kollektiven Emotion gesprochen werden kann. In dem Sinne wird über von Scheve (2011) vor allem ein grosses Potential sichtbar, wie Collins IRC-Theorie als Scharnier im Verständnis von Emotion und Gesellschaft erhellend sein kann (vgl. dazu auch von Scheve&Ismer, 2013).
Turner‘s Emotionssoziologie
Jonathan H. Turner titelt sein Buch zur Emotionssoziologie lapidar mit ‚Human Emotions – A Sociological Theory‘. Und das Buch endet ebenfalls mit dem lapidaren Satz: : „And, as I often emphasize, if this theory is found wanting, then it is incumbent upon the critic to take this ‚sad song and make it better‘ or at least compose a better song.“ (Turner, 2007, S. 208).
Turners Anspruch an seine Emotionssoziologie ist 1. Zu klären, welche Emotion in welcher Stärke bei welchem Begegnungsverlauf entsprechend welchen Erwartungen auftreten. Und 2. inwiefern soziale Strukturen damit zusammenhängen. Dies dürfte wie bei Collins in der Nähe des Anspruches einer Supertheorie sein.
Charakteristisch für die Theorie ist zunächst ihr evolutionsbiologischer Ausgangspunkt aus dem sie mit ausgeprägtem Fokus auf neurologische Erkenntnisse der Emotionsforschung ein klar strukturiertes Modell menschlicher Emotion aufstellt. Auch der ‚soziologische Teil‘ wird klar strukturiert mit einem einfachen Analysemodell des sozialen Systems. Und zuletzt ist auch das Buch klar strukturiert. Das Summary umfasst im Wesentlichen 19 Thesen mit einigen Unterthesen, welche die Theorie beschreiben. In den einzelnen Kapiteln werden die Thesen erläutert und jeweils sauber in einer Kapitelzusammenfassung nochmals präsentiert.
Vom Kernelement zum Schlussbaustein
Während bei Collins das Interaktionsritual der Kernbestandteil der Theorie ist, lässt sich bei Turner ebenfalls im Anschluss an die Durkheimschen Theorieentwicklung ein formalisiertes Interaktionselement im Zentrum der Theorie finden. Im Gegensatz zu Collins ist dies aber weniger als Basiseinheit des Theoriekonstrukts zu sehen, sondern eher als ein zentraler Abschlussstein eines weiten Theoriebogens.
Lapidar sei mit den ersten Thesen von Turner begonnen:
-
„ Wenn expectations for self, other, and situation are met in an encounter, individuals will experience mild positiv sanctions to other (..); and if they had some fear about expectations being met, they will experience more intense variants and elaborations of positive emotions.
-
The likelihood that expectations will be met in an encounter is a positive function of the degree of clarity in expectations, which, in turn, is a positive and multiplicative function of … „ (Turner, 2007, S.200).
An dieser Stelle folgen Unterthesen, welche eine Relationierung der These 2 anhand von fünf modulierenden Faktoren, welche das encounter in einer ‚turnerschen Version des soziologischen Universums‘ verorten.
Zunächst jedoch zur Basiseinheit des ‚encounter‘ (hier zuweilen mit ‚Begegnung‘ übersetzt):
Es besteht – wie bspw. oben bei Collins - aus einer ‚konkret situierten‘ Begegnung, wobei hier - zunächst – nicht von einem Ritual gesprochen wird. Die Beteiligten strukturieren die Begegnung anhand von ‚Erwartungen‘. Und je nach Wechselwirkung zwischen den Beteiligten und ihren Erwartungen entstehen spezifische Emotionen. Turner (2007, S.83ff) versteht Erwartungen allerdings sehr ‚breit‘ bis schwammig: „…..they typically revolve around characteristics of self, others, and situation. They are often codified into what Affect Control Theory calls ‚fundamental sentiments‘ (…) or what researchers (…) term status beliefs’ ; and individuals are motivated by gestalt propensities to see congruence between …“ (Turner (2007, S.83ff).
Neben den Erwartungen kommt als reaktives Element in der Begegnung noch Sanktionen dazu. Je nach Verlauf der Interaktionen entstehen nach Turner spezifische Emotionen, welche zunächst einmal positiv/negativ/neutral und von unterschiedlicher Stärke sein können.
In These 4 wird schliesslich Collins IRC-Theorie und damit Durkheims Tradition (in der Erläuterung auch explizit) aufgenommen und weiterentwickelt:
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„When individuals perceive that they have received positive sanctions from others, they will experience positive emotions and be more likely to give off positive sanctions to others in an escalating cycle that increases rhythmic synchronization of talk and body language, heightened mutual flow of positiv sanctioning, increased sense of social solidarity; representation of this soildarity with symbols, and overt as well as covert ritual enactements towards these symbols…“. (Turner, 2007, S.91)
Die 5. These ist dann die Umkehrung: bei negativen Sanktionen kommt es zu negativen Emotionen, je stärker diese sind, desto eher kommt es zu Rückzug und Verteidigungsmechanismen und umso geringer ist der weitere Zusammenhalt in der Begegnung.
Dies tönt zunächst nach einer ‚kognitivistischen Variante‘ der IRC-Theorie. Das spezielle an Turners Ansatz ist jedoch sein ausgedehnter evolutionsbiologischer Bezug auf die Entwicklung von Emotionen, was hier nur knapp angesprochen sei:
Die evolutionsbiologische Seite
… „emotions were the first medium of communication among humans‘ hominid or hominin ancestors for two basic reasons. First, emotions are biologically potent in that they alert and orient animals very quickly, and second, they arouse the same or reciprocal emotions in others in a manner that promotes social bonding. » (Turner 2007, S.28)
Die ‚Beweiskette‘, welche die evolutionäre Entwicklung des menschlichen Emotionssystems, gar der ‚Emotionssprache‘ nachweist, ist allerdings gemäss Turner noch teils lückenhaft.
Schritt für Schritt sammelt er jedoch Indizien, welche den Aufbau von Sozialität – und später von Solidarität beim Menschen - durch den evolutionären Druck – und Selektion parallel und verwoben über die Differenzierung von Emotionen aufzeigt.
Diese Erklärungsgrundlage wird durch ausgedehnte Bezüge auf die neurologische Emotionsforschung, wie sie in diesen Texten schon anderweitig angesprochen wurden, sowie evolutionstheoretische Überlegungen der Neurologie unterlegt.
Dies hat ‚unbeabsichtigte?‘ Nebenfolgen für die Theorie auf die hier nur kurz verwiesen sei, beispielsweise für…:
-
die (soziologische) Konzeption des ‚Selbst‘: „Thus, self is not so much a cognitive construct as an activation of the emotion systems implicated in storing memories in the frontal lobe, in thought processes couched in the brains’s way of thinking, in subcortical emotional memory sysem, and in the reactivation of the emotional body systems…“ (ebd. S. 61)
- oder die Perspektive auf interpersonale Prozesse :
«Much of what occurs during the course of interaction is subcortical, revolving around mutual emissions of signals via the body systems and, reciprocally responding to these signals limbically. I would go so far as to argue that most of the emotional dynamics of interaction operate subcortically, and only under relatively high degrees of emotional mobilization do limibic processes become part of consious feelings. Moreover, in terms of sustaining a sense of interpersonal contact, focus, tracking, and rhythm, I suggest taht role-taking and role-making subcortically are more important than talk, rhythmic conversational turn-taking, and consious reflection. » (ebd. S.61).
Die Konzeption von Emotion auf dieser Theoriebasis führt Turner – in der Diskussion verschiedener Emotionsklassifikationen - zu einem Emotionssystem mit 4 Primär-Emotionen (satisfaction-happiness, aversion-fear, assertion-anger, disappointment-sadness) und evolutionär später entstandenene Ableitungen davon. Zentral dabei in der Turnerschen Theorie sind die wechselseitigen Abhängigkeiten, respektive Beförderungen zwischen „Sozialem“ und „Emotion“, wobei der in der Sozialpsychologie oft kritisierte und doch immer wieder auftauchende Gegensatz von Emotion und Kognition sich aufhebt. Inhaltlich konkret schält Turner heraus, dass spezifische Emotionen (insbesondere shame, guilt, alienation) für soziale Ordnung nötig seien – und quasi gemeinsam sich in der Evolution entwickelt haben.
Damit wären nun von der Turnerschen Theorie die Seite ‚erwähnt‘, welche zunächst noch relativ wenig mit einer ‚klassischen‘ Soziologie zu tun haben, sondern eigentlich eine eigenständige, in wesentlichen Teilen sozialbasierte Emotionstheorie darstellen.
Die sozialtheoretische Seite
Für die soziologische Seite des Theoriebogens baut Turner (2007) sich gleich ein eigenes, konzeptionelles Modell der sozialen Struktur und Kultur. Dies natürlich mit der immunisierenden Bemerkung, dieses Theoriekonstrukt sei so vereinfacht, wie noch für den genannten Zweck zu vertreten sei. Dies glückt, so scheint‘ mir, durchaus – eben ‚lapidar‘.
Ebenen der sozialen Realität (nach Turner, 2007 S.67)
Die Unterteilung des Sozialen in eine Mikro-, Meso und Makroebene ist analytisch weitgehend Standard. Etwas ungewöhnlicher sind – gemäss der Grafik - die fetten Pfeile. Sie stellen Kräfte dar, welche auf der Makro- wie der Mikroebene wirken sollen: Auf der Makroebene zählt Turner (2007, S.70) 5 Kräfte auf (Populations- und Reproduktionsfaktoren, Infrastruktur-, Verteilungs und Regulierungsfaktoren) auf dem Mikrolevel sind es 7 Kräfte (Emotionen, Kontaktbedürfnis, Normbildung, Status und Rollen, demographische und ökologische Faktoren).
Es wäre nun ein eigener Text diese Kräfte und ihr Theoriegehalt auseinander zu dividieren.
Für die Emotionssoziologie ist damit aber ein Orientierungsrahmen gewonnen, mit welchem als Erstes das Gelingen von Begegnungen präzisiert werden kann. In etwa nach den Fragen:
- benutzen die Teilnehmer die gleiche 'emotionale Sprache' ?
- inwiefern ist die Begegnung in Strukturen der Mesoebene eingebettet ?
- also in gemeinschaftliche und kategoriale Einheiten
- inwiefern sind letzteres selbst in einer Gesellschaft
- verankert und ausdifferenziert?
Also Begegnungen können in unterschiedlichem Ausmass Erwartungen befriedigen, was entsprechende positive oder negative Emotionen bei den Beteiligten auslöst. Ergänzend kann festgestellt werden, dass in der Regel positive Emotionen tendenziell eher der eigenen Kompetenz zugeschrieben werden, während negative Emotionen eher in bestimmter Weise externalisiert werden.
Mit den angesprochenen Fragen ergibt sich für jedes encounter eine Wechselwirkung zwischen der individuellen ‚Erwartung‘ und (in der weitesten Fassung) durch gesellschaftliche ‚Erwartungen‘, welche sich auf der Mesoebene, wo das encounter eben zwangsläufig eingebettet ist, treffen.
Dieses Kontrukt wird zum Beispiel ergiebig, wenn typische Begegnungssituationen aufgestellt und relationiert werden. Beispielsweise das Chef-Angestellten-Gespräch.
Oder es flackert auf in solchen Nebenbemerkungen wie folgende:
„When individuals consistently experience shame in a wide variety of encounters embedded in the coporate units of institutional domains that distribute resources, such as economy, education, and polity, and when they have a long biography of shame experiences in these domains, it becomes more likely that the shame, if repressed, will be transmuted into intense anger that will be directed outward beyond the meso level to the culture and structure of institutional domains, stratification systems, societies, and systems of societies. If this shame is experienced collectively, the anger may be codified into ideologies that justiy protest and potential violence against meso and macro units of a society or those of another society; and it becomes more likely that individuals will mobilize into corporate units that attack the insitutional domains and stratificatin systems of their own societies or those of another society.“ (S.109)
Zusammenfassend…
Gemäss Turners Anspruch an (s)eine Emotionssoziologie sollte eine Zuordnungen zwischen spezifischen Emotionen unter spezifischen (gesellschaftlichen) Bedingungen zu einem spezifischen Verhalten – und Entwicklungen führen.
Ein Beispiel – natürlich die abschliessende These 17 - sei angeführt:
17. „The more individuals have experienced diffuse anger, especially anger emerging form expressed second-order elaborations of negative primary emotions, the more likely will they make external attributions to macrostructures; and the more likely will they begin to experience intense first order elaborations of anger such as rightous anger and vengenance at targets of external attribution. » (ebd. S.199)
Die Subthese spricht dann die Ressourcen an, welche genutzt werden können, die externen Atributionen zu verstärken, um die Wut in kollektive Gewalt überführen zu können. Diese Subthese ist dann ihrerseits unterteilt, wobei die zweite Variante lautet:
„The more negative emotions can be framed in terms of justice and morality, the more intense will the negative ideologies about the targets of external attributions..(…)…and the more likely will the goals of the corporate units formed by these networks be viewed in moral absolutes.“ (ebd. S.199)
Auffällig an dieser Soziologie ist die Einbettung des Individuums in die Gesellschaft als ebenso aktiv, wie den sozialen und seinen ‚biologischen‘ Bedingungen ausgeliefert. Und sie ist insofern (um es ganz und gar unsoziologisch zu sagen) ‚schön‘, da in ihr sogenannt positive Eigenschaften wie Solidarität, ebenso wie Gewalt gleichermassen Raum und Erklärung finden – und die Gesellschaft zu einer einfachen evolutionären ‚Zufälligkeit‘ wird.
Sie ist insofern ‚auf den ersten Blick‘ überzeugend durch den hohen Systematisierungsgrad. Allerdings – dies zeigen die letzten langen Zitate – auf den zweiten Blick bliebe bei aller Systematik die Komplexität eben Komplexität – um es lapidar zu sagen.
Ansatz Systemtheorie
Luc Ciompis 'Fraktale Affektlogik'
Ein weiterer Ansatz, welcher Emotion ganzheitlich anzugehen versucht und auch in einen gesellschaftlichen Zusammenhang stellt, ist Luc Ciompis 'Fraktale Affektlogik'.
Dieser Ansatz ist ein Versuch, eine Vielzahl von Erkenntnissen der Emotionsforschung aus der Perspektive der 'Chaostheorie' einzuordnen und dabei zu einem ganzheitlichen System zu vereinen. Explizit sucht Ciompi auch Anschlüsse bei der Luhmannschen Systemtheorie. Insofern könnte oder müsste diese Zusammenfassung zu den Texten gesellt werden, welche den eingangs dieser Reihe gewählten Zugang zum Thema kollektiver Emotionen, der sozialsystemischen Theoriebasis gezählt werden.
Allerdings ist Ciompi – an sich Psychiater – eher ein Sozialpsychologe als ein Soziologe. Die soziologische Seite seines Werkes ist insofern eher knapp – was allerdings kein Mangel ist. Denn die Idee der ‚Fraktalen Affektlogik‘ kann oder sollte gar eigentlich als konsequent sozialdynamisch bezeichnet werden.
Die Grenzen des Ansatzes liegen eher darin, dass die vielen Elemente der ‚Chaosforschung‘ zumeist lediglich als Analogie dienen und die damit dargestellten Prozesse insofern eher ‚illustrieren‘ als belegen. Es gibt Versuche theoretische Elemente quantitativ empirisch umzusetzen. Diese scheinen bisher jedoch noch eher Stückwerk geblieben zu sein.
Das speziell Interessante an der Theorie ist der 'radikale‘ Ansatzpunkt. Ciompi verzichtet auf solche 'anschauliche Basiseinheiten des Sozialen‘ wie encounters, um an die oben erörterten Ansätze anzuschliessen. Ciompis Ausgangspunkt ist das affektuelle Geschehen, eine ständige Bewegung psychophysischer Befindlichkeiten. Dieses ist an sich ein intraindividuelles Geschehen, was als ständiges, komplementäres Zusammenwirken eines umfassenden Affektsystems mit einem (davon zu unterscheidenden) kognitiven System zu bestimmen ist.
Das zugehörige, dreidimensionale Bild ist bestechend: Die möglichen Affektzustände bilden eine Potential-Landschaft, vorstellbar als eine Landschaft mit Hügeln und Tälern – wobei die Höhen und Senken sich verändern können. Höhen sind (aktuell) spannungsgeladener als Senken. In dieser Landschaft rollt eine virtuelle Kugel den Weg des kleinsten Widerstandes, also nach unten. Diese Kugel kann als ‚Aufmerksamkeitsfokus‘ gesehen werden.
Sie rollt im übertragenen Sinn den ‚Lustweg‘. Insofern ist nach Ciompi Spannungsreduktion eine Triebfeder – wobei sich ‚Spannung‘ (ausser im Grade hoher Depression) aber auch ständig wieder neu aufbaut.
Mit den beiden Grafiken suche ich das Bild zu illustrieren:
Die Potentiallandschaft ‚ Vermeidung‘ zeigt zwei „Berge“, wo die Spannung ‚gross‘ ist – und darum hellgrüne Flächen, wo die Spannung niedriger ist. Damit ist die „Komfortzone“ relativ gross . Der Aufmerksamkeitsfokus – und damit das Denken, wird sich in diesem Bereich bewegen – es hat auch kleinere Seelein, wo die Aufmerksamkeit verharr könnte.
Die Potentiallandschaft II zeigt die Umkehrung davon: Die grössere Fläche ist nun „spannungsgeladen“ – und die Berge sind zu zwei (unverbundenen) ‚Vertiefungen’ geworden. Gemäss dem Lustweg wird dann eine dieser beiden Komfortzonen angestrebt. Die Spannung ergibt sich aus der Ambivalenz, welche der beiden Komfortzonen angestrebt wird.
Solche Potentiallandschaften können relativ stabil sein – oder auch ‚kippen‘. Also gemäss den aufgeführten Beispielen: Die Komfortzone wird (nach gewisser Zeit) langweilig und die „Lust steigt“ etwas zu unternehmen. Es kommt dann zur Ambivalenz , welcher der beiden Berge bestiegen werden soll – ein spannungsgeladener Zustand…
Affekt ist eben 'mehr' als Emotion. Er ist bereits das (inzwischen) vor allem aus neurologischer Perspektive naheliegende Modell eines Zusammenspiels von Emotion, Kognition und körperlichen ‚Markern‘. Die Emotionen werden von Ciompi – in der Auseinandersetzung mit den verschiedenen, bestehenden Klassifikationen der Forschung - 'einfachheitshalber' in fünf Basisemotionen (Interesse, Angst, Wut, Trauer, Freude) geteilt, welche in vielfältiger Weise sich zu weiteren Emotionen zusammenmischen können. Affekte werden daraus bestimmt als ‚gerichtete Energieverteilungsmuster‘, welche sich evolutionär herausgebildet haben. Sie funktionieren als soziale Signale und können sich über emotionale Ansteckung auf ein Kollektiv ausbreiten. Sie sind – als ein Zusammenspiel von Emotion und Kognition auch keineswegs ‚ausschliesslich‘ etwas individuelles, sondern können, sei es durch Gefühlsansteckung, sei es durch Kommunikation interindividuell ausbreiten.
Insofern sieht Ciompi Affekte als die entscheidenden Elemente, welche den Fokus der menschlichen Aufmerksamkeit (‚intern‘) und damit die kognitive Dynamik steuern. Kognitive Reize als Wahrnehmung (quasi von ‚aussen‘) stehen damit in Wechselwirkung. Individuell ist jedoch immer schon eine ‚Stimmung‘ vorhanden, welche auch die Aufmerksamkeit und damit die Wahrnehmung ‚steuert‘.
Entsprechend bestehen individuell und in gewissem Sinne auch interindividuell Programme, wie bestimmte Reize, Stimmungen verarbeitet werden. Ciompi nennt dies Angstlogiken, Interessenlogiken und Alltagslogiken um nur einige zu nennen.
Alltagslogiken also wären eine Art Grundstimmung, normale Realität, welche wir als ‚natürlich‘ erleben, aber individuell unabhängig der jeweiligen Lebenssituation sehr verschieden sein kann:
„Zur Alltagslogik gehören neben unreflektierten Wertesystemen, Überzeugungen und sozialen Vorurteilen aller Art auch alle automatisieren Normvorstellungen, die das Verhalten beispielsweise in der Familie, auf der Strasse oder in einer Kirche regulieren, ferner Selbstverständlichkeiten aller Art in Bezug auf Sprechweise, Kleidung, Wert- und Schönheitsbegriffe sowie auch alle eingeschliffenen kognitiven Fähigkeiten wie Reden, Lesen, Schreiben und Rechnen, Verkehrsmittel benutzen, mit Automaten umgehen, Strassensignale kennen und so weiter. Viele solche 'Denk- und Verhaltensmoden' sind somit stark zeit- und kulturabhängig. Selbst scheinbar tiefverwurzelte Fühl- und Denkverbindungen wie etwa diejenigen, die die religiösen Wertvorstellungen oder das Verhältnis zwischen den Gesc00hlechtern regulieren, können sich – wie gerade heute in allen westlichen Gesellschaften wieder spektakulär zu beobachten – unter veränderten sozialen Bedingungen in kurzer Zeit erheblich wandeln. “ (S. 107).
Viele Prozesse und Begriffe der Theorie von Ciompi bleiben unklar strukturiert. Die hier nicht weiter beschriebenen Zugriffe von Ciompi auf die Elemente der Theorien nichtlinearer Systemdynamiken (insbesondere Fraktale, dissipative Strukturen, strange attractors), der Bezüge auf autopoietische Systemtheorien verschiedener ‚Herkunft‘ sind zwar keineswegs zur Schlagworte. Die einzelnen Theorien sind relativ breit ausgebreitet aber die Anschlüsse bleiben zwangsläufig deskriptiv.
Fazit
Zwei Aspekte des Ansatzes sind meines Erachtens ganz speziell bemerkenswert. Zum einen ist es der in den Texten geradezu selbstverständlich anmutende Holismus der Theorie und zum andern die Form der Affektivität als ‚fraktal‘.
Das Konstrukt der Affekte scheint ein recht treffendes Label zu sein für die integrierte Funktionsweise von Emotion und Kognition, wie sie vor allem aus neurologischer Perspektive der Emotionsforschung angeführt wird. Ciompi sieht denn auch durch viele Erkenntnisse aus der neurologischen Emotionsforschung eine klare Bestätigung seiner Affekttheorie. Dies betrifft speziell die Thematiken der ‚Spiegelneuronen‘, des ‚embodiments‘ und des Zusammenspiels von Emotion und Kognition.
Der Holismus ergibt sich aus der ‚Fraktalität‘ des/im ‚Affektsystems‘. Die theoretischen Elemente die Ciompi dazu anführt, sind die Verweise einerseits auf Forschungen zur Gefühlsansteckung, wie eben erwähnt, andererseits auf das Konstrukt der strukturellen Koppelung der Systemtheorie(n). Die Selbstähnlichkeit diagnostiziert er ‚überall‘. Sei es im Individuum, sei es im Sozialen.
Mit dem Affekt bezeichnet er eine die Kognition im engeren Sinne vorspurende und strukturierende ‚Basiseinheit‘. Hierbei stellt sich eine Nähe zur Luhmannschen Systemtheorie zunächst dadurch ein, dass dieser soziale Systeme auf einem eigenen Begriff von Kommunikation basiert und diese als strukturell gekoppelt mit Bewusstseinssystemen definiert. Dies einmal abgesehen von den generellen Bezügen beider auf die Konzepte der Systemtheorie und spezielle der Autopoiesis.
Ciompi bemängelt dann aber bei Luhmann ein zeitgemässes Verständnis von Bewusstsein, was zu einem verkürzten Verständnis von Kommunikation führe. Dagegen kann sich die Luhmannsche Soziologie jedoch einfach immunisieren, da ihr Gegenstand ja ‚bewusst‘ und begründet das ist, worüber kommuniziert werden kann – und es ihr dabei letztlich egal sein kann, wie genau dies abläuft und zu welchen Kognitionen genau ein Bewusstsein jeweils kommt.
Insofern ist es durchaus naheliegend, dass Ciompi immer wieder auch den Anschluss an die Luhmannsche Konzeption der Soziologie suchte. Und insofern macht es ebenso Sinn, dass diese Nachfrage nicht auf übermässiges Echo stiess (vgl. Baecker (2004), Ciompi (2004)).
Wollte man dieses Thema genauer betrachten, würde dies wahrscheinlich zunächst zurück zur Frage der weiteren Emotionssoziologie führen, inwiefern Emotionen einen Sprachcharakter haben und spezifisch bei Ciompi wie dies mit Affekten zusammen geht.
Die drei Theorien in drei Sätzen
- Die Interaction Ritual Chain-Theorie von Randall Collins bietet ein anregendes Analysewerkzeug von Kommunikationsereignissen hinsichtlich ihrer gemeinschaftsbildenden (und konfliktbeladenen) Verläufen. Wann gelingt es Ereignisse, „Events“ gemeinschaftsbildend, rsp. ‚nachhaltig‘ zu gestalten?
- Mit der Erweiterung über die ‚Soziologie‘ und Emotionstheorie von Turner‘ kann dies insbesondere fruchbare Rückschlüsse über den Wandel und die Entwicklung institutioneller Kulturen (in Unternehmen, öffentliche Organisationen der Politik, Kultur, Familien, Kollegenkreis etc.) in relativ einfach operationalisierbarer Form liefern.
- Offen bleibt mit dem Hintergrund der Arbeiten von Ciompi, inwiefern es allenfalls gar analytisch möglich wäre Emotion – und Affekt – auch als inter- oder transindividuelles Konstrukt, quasi als eine Erweiterung des luhmannschen Verständnisses von Kommunikation und Gesellschaft präziser zu modellieren.
Literatur
Ciompi, Luc (1997a). Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Vandenhoek&Ruprecht.
Ciompi, Luc (1997b). Zu den affektiven Grundlagen des Denkens. Fraktale Affektlogik und affektive Kommunikation. System Familie, 10, S.128-134
Ciompi, Luc (2004). Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann? Soziodynamische Wirkungen von Emotionen nach dem Konzept der fraktalen Affektlogik. Soziale Systeme, 10, S. 21-49.
Collins, Randall (2014) Interaction ritual chains and collective effervescene. In: Von Scheve & Salmela, Mikko (eds.). Collective emotions. Perspectives from Psychology, Philosophy, and Soziology. Oxford Press. S. 299-325.
Collins, Randall (2012). Konflikttheorie. Ausgewählte Schriften. Springer VS.
Von Scheve, Christian (2011). Collective emotions in rituals: Elicitation, Transmission, and a ‚Matthew-effect‘. In : Wulf, Michaels A. (eds.) Emotions in Rituals. London Routledge.