Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03510.jsonl.gz/9

Das ist eine ganz besondere Bahnunternehmung: Sie besitzt zwei Bahnhöfe und nur gerade zweimal 2 km Streckengleis, kein einziges Fahrzeug, das Personal stammt von SBB Infrastruktur, sie befördert keine Passagiere – und sie floriert. Es ist die Hafenbahn Schweiz AG (HBS) in Basel. Ihre beiden Güterbahnhöfe an den Rheinhäfen von Basel-Kleinhüningen und Birsfelden – bis 2009 gab es noch einen dritten beim inzwischen stillgelegten Hafen St.Johann – umfassen gesamthaft rund 57 km Gleis (ohne Privatgleise), 350 Weicheneinheiten und derzeit noch vier Stellwerke.
Seit 1924 werden hier Güterwagen be- und entladen, rangiert, zu Zügen formiert und die Verbindungen zu den Schienennetzen von SBB (ab Hafen Birsfelden) bzw. DB (ab Kleinhüningen) aufrechterhalten. Die Ladung der Züge besteht aus allem, was die zahlreichen Rheinschiffe anliefern und – in geringerer Menge – Richtung Nordsee abtransportieren. In Birsfelden sind es vor allem eingehende Erdölprodukte, in Kleinhüningen alle übrigen Güter sowie Lastwagen, welche für den Alpentransit die Rollende Landstrasse benützen. All das kommt und geht in riesigen Mengen; für 2014 weist die Statistik mehr als 4 Millionen Tonnen Güter auf der Schiene aus; das sind gut 60% der gesamten in den Schweizerischen Rheinhäfen umgeladenen Fracht!
Langlebige Technik
Nach der Fertigstellung der Anlagen in den 1920er Jahren ging es noch beschaulich zu. Dampflokomotiven bewegten die Güterwagen, und die Weichen wurden von Hand gestellt. Bald schwoll das Transportvolumen jedoch an, und eine Modernisierung der Anlagen drängte sich auf. Das Ziel: Mit Ausnahme von peripheren, nur wenig genutzten Gleisfeldern sollten sämtliche Weichen von zentralen Stellwerken aus fernbedient werden. Und dies mit modernster Technik, nämlich, was den Bahnhof Kleinhüningen betrifft, mit elektromechanischen Stellwerken der sogenannten Bauform 1912 von den deutschen Vereinigten Eisenbahn-Signalwerken (VES). Dieses Stellwerkmodell verkörperte bis in die dreissiger Jahre das Nonplusultra der Ingenieurtechnik. Durch eine Drehbewegung des entsprechenden Schalters wird einerseits die Speisung des entsprechenden Weichenmotors aktiviert und gleichzeitig innerhalb des Schaltkastens eine Mechanik aktiviert. Lange Metallstäbe mit unregelmässig angeordneten Verdickungen – Lineale genannt, einer pro Weiche – verschieben sich so gegeneinander, dass je nach Weichenstellung benachbarte Weichenschalter mechanisch blockiert werden – eine primitive Art von "Fahrstrassensicherung" also, nicht unähnlich der Funktion des Schlüsselbarts in einem herkömmlichen mechanischen Schloss.
In den dreissiger Jahren bestellte die Hafenbahn ein solches Wunderwerk, doch der Kriegsausbruch verhinderte zunächst dessen Lieferung; erst 1945 konnte das Stellwerk installiert werden. Und bis heute erfüllt es seinen Zweck unermüdlich und mit höchster Zuverlässigkeit – mehr als 70 Jahre lang!
Doch ein Ende zeichnet sich ab. Erstens gibt es kaum noch Ersatzteile; ein Schaden in der Sicherungsmechanik wäre wenn überhaupt, dann nur mit riesigem Aufwand zu reparieren. Zweitens lässt sich das Stellwerk nicht an neue Gleispläne anpassen; die Entfernung einer Weiche stellt keine Probleme, aber eine neue liesse sich unmöglich integrieren. Denn es gibt – drittens – immer weniger Fachleute, die das Gerät kennen sowie betreuen und bedienen können. Noch ein paar wenige Pensionierungen, und das betriebliche wie auch das technische Fachwissen ist weg.
Höchste Zeit also für einen totalen Neubeginn. Nach einem hart geführten Wettbewerb hat Siemens den Auftrag erhalten, das Wunderwerk von dazumal in Kleinhüningen bis Sommer 2017 durch modernste Technik von heute zu ersetzen. Ein Stellwerk Simis W wird die Funktion der zwei elektromechanischen Anlagen übernehmen, ein weiteres Stellwerk des gleichen Typs zwei Jahre später die in Birsfelden installierte Integra-Schalteranlage mit Jahrgang 1955 und das VES im Stellwerk 2 aus dem Jahre 1940 ersetzen.
Modern und flexibel
Bei der Konzeption der neuen Stellwerke stand der Anspruch im Vordergrund, eine ähnliche Langlebigkeit zu erreichen wie sie die heute vorhandenen Stellwerke aufweisen. Simis W ist bekannt für die hohe Sicherheit und die aus dem modularen Aufbau resultierende Flexibilität. Die neuen Anlagen in Basel sind durchwegs für ETCS Level 1 LS ausgelegt und erlauben damit den Einsatz von Triebfahrzeugen ausländischer Bahnunternehmen. Zumindest in der Anfangszeit werden die Stellwerke örtlich bedient, sie sind jedoch von Anfang an für Fernsteuerung geeignet. Im Endausbau werden die Bahnhöfe untereinander von einem Arbeitsplatz aus ferngesteuert, zumindest zeitweise in Randstunden. Für Siemens ist die Modernisierung der Basler Hafenbahnhöfe der Hafenbahn Schweiz AG ein herausfordernder Grossauftrag; für die Hafenbahn markieren sie den Sprung aus der eisenbahntechnischen Frühzeit direkt in die Zukunft.
Kleinhüningen – ein Grossbahnhof!
Der Güterbahnhof Kleinhüningen umfasst nach der Modernisierung:
84 zentralisierte Weichen
4 Entgleisungsweichen
126 Achszähler-Abschnitte
3 Bahnübergänge
94 Zwergsignale
15 Minisignale ("interne Hauptsignale" mit den Signalbegriffen Halt und Warnung (Rot/Orange); sie sichern die mit einem Hauptsignal ausgerüstete Ausfahrt Richtung Basel Badischer Bahnhof)
2 Hauptsignale mit Vorsignal für die Einfahrt
1 Ablaufberg-Steuerung
1 Transitions-Balise als Übergabe zum Zugsbeeinflussungssystem der DB
1 Stellwerk Simis W
1 Iltis-Arbeitsplatz (bereit für spätere Integration von Birsfelden)
1 Hauptrechner plus 8 Satellitenrechner
…plus ca 80 Weichen in den handbedienten, mehrheitlich privaten Randzonen.