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Brasilien steuert nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahl auf einen Stichentscheid zu. Staatschefin Dilma Rousseff von der links-zentristischen Arbeiterpartei PT verpasste am Sonntag die für einen Erstrunden-Sieg notwendige absolute Mehrheit. Sie muss sich nun in drei Wochen ihrem Herausforderer Aécio Neves von der eher mitte-rechts stehenden Sozialdemokratischen Partei PSDB stellen.
Neves: «Erst auf der Hälfte des Weges»
Nach Auszählung von 99,91 Prozent der Stimmen sicherte sich Rousseff am Sonntag mit 41,6 Prozent zwar klar den ersten Platz. Der eigentliche Gewinner des Wahlsonntags war aber Neves. Der frühere Gouverneur und Senator kam auf überraschend starke 33,6 Prozent und übertraf damit deutlich seine bisherigen Umfragewerte. Beide treten am 26. Oktober in der Stichwahl gegeneinander an.
Als Verliererin ging die ehemalige Umweltministerin Marina Silva aus der Wahl hervor. Sie erzielte 21,3 Prozent der Stimmen und verfehlte damit ihr Ziel, in die Stichwahl zu kommen.
Dem 54-jährigen Neves war es erst in den vergangenen Tagen gelungen, Silva in den Umfragen zu überholen. Vor seiner Aufholjagd lag er wochenlang auf Platz drei. Er forderte in einer ersten Reaktion, dass nun die Kräfte gebündelt werden müssten. «Wir sind erst auf der Hälfte des Weges.»
SRF-Korrespondent Erwin Schmid erklärt: «Neves hat vor allem von Rousseffs massiver Gegenkampagne gegen Silva profitiert.» Letztere wolle nun Neves im zweiten Wahlgang unterstützen. Es komme darauf an, wie viele von Silvas Anhängern ihr ins Lager von Neves folgen werden. «Der Ausgang des zweiten Wahlgangs ist völlig offen», so Schmid weiter.
TV als Propaganda-Mittel
Die nächsten drei Wochen werden stark von Strategien und Absprachen und Bündnissen geprägt sein. Für Neves geht es vor allem um einen geschmeidigen Weg, die Stimmen aus dem Silva-Lager zu sich zu ziehen. Er hatte seine Konkurrentin um Platz zwei in den zurück liegenden Wochen eher schonend behandelt, wohlwissend, dass die Stunde kommen könnte, in der er ihre Hilfe beziehungsweise die ihrer Wähler braucht. Sollten sich beide, unter welchen Umständen auch immer, verbünden, dann könnte es am 26. Oktober für Rousseff tatsächlich knapp werden.
Ob aber Silva ihren Wähler empfiehlt, für Neves zu stimmen, ist offen. Auch das ist in Brasilien Verhandlungssache. Silva hatte schon bei den Präsidentschaftswahlen 2010 - damals als Kandidaten der Grünen - den Sprung in die zweite Runde verpasst. Auch damals gab sie keine grundsätzliche Wahlempfehlung ab. Ein kleiner Trost blieb immerhin für die engagierte 56-Jährige: Sie verbesserte ihr Wahlergebnis von 2010 um über zwei Prozent.
Die gegnerischen Lager dürften in den kommenden drei Wochen vor allem aufs Fernsehen setzen und dort mit einer Mischung aus Emotionen, Musik und perfekt inszenierten Filmsequenzen um die Gunst der Wählen buhlen. Dabei hat Neves allerdings einen Vorteil. Ihm standen bislang nur vier Minuten Sendezeit zur Verfügung, dem Rousseff-Lager dagegen elf. Jetzt haben beide Endrundenteilnehmer die gleiche Sendezeit. Im Fernsehland Brasilien kann das entscheidend sein.
Gegner mit geschichtsträchtigem Namen
Die seit 1. Januar 2011 regierende Rousseff strebt am 26. Oktober eine zweite vierjährige Amtszeit an. Sie sprach am Wahlabend von einem klaren Sieg in der ersten Runde. Der Kampf werden «ganz ohne Zweifel» siegreich sein. Sollte sie als Siegerin aus der Stichwahl hervorgehen, wäre ihre Arbeiterpartei am Ende ihres zweiten Mandats im Jahr 2018 rund 16 Jahre an der Macht. Ihr Mentor und Parteigenosse Lula da Silva hatte von 2003 bis 2010 regiert.
Rousseffs Herausforderer Neves ist der Enkel des ersten gewählten Präsidenten Brasiliens nach der Militärdiktatur, Tancredo Neves, der aber 1985 kurz vor Amtsantritt starb. Aécio Neves ist vor allem durch seine Amtszeit als Gouverneur (Ministerpräsident) des wirtschaftsstarken Bundesstaates Minas Gerais bekannt, wo er von 2003 bis März 2010 regierte und mit Zustimmungswerten von über 90 Prozent aus dem Amt schied.
Fussballlegende wiedergewählt
Brasiliens Ex-Fussballstar Romario hat bei der Wahl den Sprung in den Senat geschafft. Der 48-jährige frühere Stürmer ergatterte für die Sozialisten mit rund 63 Prozent den Sitz für Rio de Janeiro, wie die Wahlkommission nach Auszählung von 90 Prozent der Stimmen mitteilte. Er war ein scharfer Kritiker der Ausrichtung der WM in Brasilien.