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Tigerhai
Galeocerdo cuvier
© 2008 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Artwork © Owen Bell
Die Haie gehören innerhalb der Sippe der Wirbeltiere mit den Rochen und den Seedrachen zusammen zur Klasse der Knorpelfische (Chondrichthyes). Der Name «Knorpelfische» bezieht sich darauf, dass das Skelett der Haie, Rochen und Seedrachen aus Knorpelsubstanz besteht und zwar teilweise verkalkt, aber nie echt verknöchert ist wie bei den Knochenfischen (Klasse Osteichthyes, auch Osteognathostoma). Die Klasse der Knorpelfische ist weit artenärmer als die Klasse der Knochenfische: Sie setzt sich aus nur etwa 1100 Arten zusammen, während letztere rund 25 000 Arten zählt.
Häufig werden die Knorpelfische aufgrund verschiedener körperbaulicher Merkmale und ihres hohen erdgeschichtlichen Alters als «primitiver» eingestuft als die Knochenfische. Ökologisch gesehen ist das aber keineswegs richtig: Sie haben es nämlich verstanden, sich im Laufe ihrer langen Stammesgeschichte immer wieder den veränderten Umweltbedingungen anzupassen, und insbesondere die Haie stellen heute sehr fortschrittliche Fischformen dar. Dies zeigt sich nicht zuletzt daran, dass viele von ihnen in zahlreichen marinen Ökosystemen unangefochten die dominanten Raubtiere und somit den allermeisten Knochenfischen «überlegen» sind. In manchen Aspekten ihrer Biologie, insbesondere in ihrer Fortpflanzungsweise, scheinen die Haie sogar höher entwickelt zu sein als die grosse Mehrzahl der Knochenfische.
Die heutigen Knorpelfische werden im Allgemeinen in zehn Ordnungen gegliedert, nämlich die Ordnung der Seedrachen oder Chimären (Chimaeriformes), die Ordnung der Sägerochen (Pristiophoriformes), die Ordnung der Echten Rochen (Rajiformes) und sieben Ordnungen von Haien. Letztere wiederum werden in 30 Familien mit rund 370 Arten unterteilt. Der Tigerhai (Galeocerdo cuvier), von dem hier berichtet werden soll, gehört innerhalb der Ordnung der Grundhaie (Carcharhiniformes) zur Familie der Requiemhaie (Carcharhinidae).
Nur die Jungen sind getigert
Der Tigerhai gehört zu den grössten Haiarten: In Ausnahmefällen kann er angeblich bis zu sieben Meter lang und über 900 Kilogramm schwer werden. Die erwachsenen Individuen, welche heutzutage gefangen werden, weisen allerdings im Allgemeinen eine Länge von «nur» drei bis fünf Metern und ein Gewicht von 200 bis 600 Kilogramm auf, wobei die Männchen im Durchschnitt eine Spur grösser und schwerer sind als die Weibchen. Dennoch ist die Grösse des Tigerhais durchaus mit der des Weissen Hais (Carcharodon carcharias) vergleichbar, der mit einer verlässlich nachgewiesenen Maximallänge von 6,4 Metern als die grösste Beute jagende Haiart gilt. (Die beiden noch grösseren Haiarten, der Walhai (Rhincodon typus) und der Riesenhai (Cetorhinus maximus), sind friedfertige Planktonfilterer.)
Der Name «Tigerhai» trifft vor allem auf die jungen Individuen zu: Sie haben auf dem Rücken und den Flanken eine auffällige Streifen- und Fleckenzeichnung, die dann mit zunehmendem Alter allmählich verblasst und bei betagten Individuen meist gar nicht mehr erkennbar ist. Die auffällige Musterung hat für die Jungtiere wahrscheinlich eine Tarnfunktion, denn sie halten sich vornehmlich in küstennahem Flachwasser direkt unter der Wasseroberfläche auf. Dort erzeugen die Lichtreflexionen der Wellen ähnliche Muster, wie sie die Jungtiere auf ihrer Körperoberseite tragen.
In verschiedener körperbaulicher Hinsicht unterscheidet sich der Tigerhai deutlich von den übrigen Mitgliedern der Requiemhaifamilie: Zum einen ist er erheblich grösser als seine Vettern. Zum anderen weist er mehrere familienuntypische Merkmale auf, darunter ein kleines, schlitzförmiges Spritzloch (Spiraculum) hinter jedem der beiden Augen und insbesondere ein spezielles Gebiss: Während seine Vettern wie die meisten Haie, welche Jagd auf schwimmende Beute machen, im Oberkiefer Schneidezähne und im Unterkiefer spitze, schlanke, auf das Festhalten von Beute spezialisierte Zähne haben, besitzt er oben wie unten Zahnreihen mit je 24 fast identischen, breit gebauten Zähnen, von denen jeder eine schneidende und eine sägende Kantenregion aufweist. Sein Gebiss erlaubt es dem Tigerhai, selbst sehr robuste Materialien wie Säugetierknochen oder Schildkrötenpanzer zu zertrennen.
Von Dosen bis Robben
Das Verbreitungsgebiet des Tigerhais erstreckt sich rund um den Erdball herum über alle tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Zonen der Weltmeere. Bislang wurde er in den Hoheitsgewässern von über 120 Ländern verzeichnet. Auf der offenen, tiefgründigen See ist der grosse Hai ebenso anzutreffen wie in flachen Küstengewässern, und man kann ihm an der Meeresoberfläche ebenso wie in Tiefen von bis zu 350 Metern begegnen. Vielerorts sind regelmässige Bewegungsmuster im Tagesverlauf zu erkennen: In der Abenddämmerung und nachtsüber streift der Tigerhai häufig in untiefen Küstengewässern umher und widmet sich der Beutesuche; am Tag zieht er sich dann wieder in offeneres, tieferes Wasser zurück, um dort zu ruhen.
Der Tigerhai ist ein mächtiger Beutegreifer. Sein Nahrungsspektrum ist wahrscheinlich das breiteste aller Haie, denn er überfällt so ziemlich alles, was er auf seinen Streifzügen antrifft. Zur Hauptsache ernährt er sich aber von Knochenfischen, Meeresschildkröten, anderen Haien, Meeresvögeln, Tintenfischen und Robben.
Anlässlich der Magenuntersuchung von 281 Tigerhaien, welche zwischen 1967 und 1976 im Bereich der Hawaii-Inseln gefangen worden waren, wurden nebst der üblichen Meerestiernahrung folgende eher ungewöhnlichen «Bissen» identifiziert: Pferd, Ziege, Schaf, Hund, Katze, Manguste, Ratte, Mensch, Gemüse (aus Küchenabfällen), Pflanzenblätter, Tangbüschel, Zinnblech, Dosen, Holzstöcke, Plastiksäcke, Papier, Karton und Kleider. Dies hatte zur Folge, dass der Tigerhai verschiedentlich als «Abfallesser» und eher «primitive» Haiart bezeichnet wurde. Das scheinbar ungezielte «Fressen» dürfte jedoch im Gegenteil eine im Verlauf der Stammesgeschichte entwickelte, sehr sinnvolle Ernährungsstrategie darstellen, denn als «Generalist» ist der Tigerhai weder örtlich noch jahreszeitlich an ein bestimmtes Nahrungsangebot gebunden, sondern findet im Unterschied zu vielen spezialisierten Arten, welche engere Nahrungsnischen nutzen, überall und jederzeit ausreichend Nahrung. Diese Einschätzung wird dadurch gestützt, dass der Tigerhai im Verlauf seiner Stammesgeschichte ja auch ein besonders wirksames Gebiss herausgebildet hat, welches ihm erlaubt, Vertreter sämtlicher im und am Wasser lebenden Tierarten zu zerlegen.
Bei der Beutesuche streifen die einzelnen Tigerhaie Tag für Tag weit umher und legen im Jahresverlauf enorme Distanzen zurück. Ob sie feste Wohngebiete haben, also regelmässig dieselben Meeresgebiete durchstreifen und als «standorttreu» zu bezeichnen sind, oder ob sie nomadisch umherziehen, wissen wir nicht. Falls sie über feste Wohngebiete verfügen, müssen diese riesig sein, denn die täglich zurückgelegten Strecken bemessen sich auf viele Dutzend Kilometer.
Es kommt hinzu, dass Tigerhaie mitunter weite, wahrscheinlich jahreszeitlich bedingte Wanderungen unternehmen. Ein mit einem Sender bestücktes Weibchen schwamm beispielsweise innerhalb von hundert Tagen mehr als 8000 Kilometer weit. Auf saisonales Wanderverhalten lässt schliessen, dass in gewissen Regionen die Dichte des örtlichen Tigerhaibestands saisonal beträchtlich schwankt. In der Shark Bay an Australiens Westküste beispielsweise halten sich während der kühlen Monate von Juni bis August deutlich weniger Tigerhaie auf als während des restlichen Jahrs.
30 bis 50 Junge je Wurf
Soweit wir wissen, leben die Tigerhaie einzelgängerisch. Zwar können sich in Gebieten mit zeitweilig überreichem Beutetierangebot vorübergehend grössere Verbände bilden. Solche Gruppierungen scheinen jedoch allein auf den vorhandenen Beutetierüberfluss zurückzuführen zu sein. Jedenfalls konnten bislang keinerlei «persönlichen» Beziehungen zwischen den verschiedenen Individuen beobachtet werden.
Wie bei allen einzelgängerischen Tierarten müssen die männlichen und die weiblichen Tigerhaie natürlich von Zeit zu Zeit ihre Ungeselligkeit ablegen und zum Zweck der Fortpflanzung zusammenkommen. Und zwar besonders eng, denn wie bei allen Haien, jedoch im Unterschied zu den allermeisten Knochenfischen erfolgt die Befruchtung der Eier beim Tigerhai innerhalb des Körpers des Weibchens und nicht im freien Wasser. Es findet also eine echte Begattung statt, bei der das Männchen eines seiner beiden penisartigen Begattungsorgane (Claspers), welche aus dem hinteren Teil der beiden Bauchflossen hervorgegangen sind, in die Kloake des Weibchens einführt und seine Spermien - in Form vorgängig angelegter «Päckchen», so genannter Spermatophoren - hineinpresst.
Nach einer Tragzeit von 15 bis 16 Monaten bringt das Tigerhaiweibchen lebende Junge zur Welt. Nach der Befruchtung der Eier werden diese nämlich nicht abgelegt, sondern gelangen in spezielle Ausbuchtungen der beiden Eileiter und bleiben dort, bis sich die Keimlinge vollständig entwickelt haben. Letztere erhalten keine Nährstoffe von ihrer Mutter, sondern ernähren sich die ganze Zeit allein von ihrem Dottersack. Schliesslich schlüpfen sie in den mütterlichen Eileitern aus ihren Eiern und werden kurz darauf in küstennahen, untiefen Gewässern, freigesetzt. Die Wurfgrösse beträgt typischerweise 30 bis 50 Junge, deren Länge bei der Geburt 50 bis 90 Zentimeter.
Die Jungtiere sind von Anfang an auf sich allein gestellt, denn eine Brutpflege wird seitens der Mutter nicht betrieben. Sie wachsen verhältnismässig langsam heran. Die jungen Männchen erreichen die Geschlechtsreife, wenn sie 2,3 bis 2,9 Meter lang sind; die jungen Weibchen pflanzen sich gewöhnlich erstmals fort, wenn sie eine Länge von 2,5 bis 3,3 Metern aufweisen. Wahrscheinlich dauert es sieben bis neun Jahre, bis die jungen Tigerhaie diese Länge erreicht haben. Die Weibchen scheinen nur alle drei Jahre einen Wurf Junge zur Welt zu bringen. Die natürliche Lebenserwartung ist nicht bekannt, dürfte aber bei etwa 25 Jahren liegen.
Eine ökologische Zeitbombe
Der Mensch stellt den Haien weltweit - meistens mittels beköderter Langleinen - gezielt nach, um ihr Fleisch für den Verzehr zu gewinnen, aus ihren Flossen Suppe herzustellen, ihre Haut zu Uhrenarmbändern und anderen Lederwaren zu verarbeiten, aus ihrer grossen Leber vitaminreichen «Lebertran» zu erzeugen und ihr Knorpelskelett traditionellen chinesischen Heilmitteln beizumengen. In grosser Zahl erbeutet der Mensch zudem Haie als «Beifang» in seinen Stell-, Schwebe- und Schleppnetzen, die er für den Fang von Knochenfischen einsetzt.
Die Ausfälle, welche die Haibestände heute durch den Menschen erleiden, sind aufgrund der riesigen Armada von Berufsfischern auf allen Ozeanen und Meeren enorm. Nach Schätzungen von Marinbiologen dürften gegenwärtig jedes Jahr rund fünfzig Millionen Einzeltiere aus den Fluten gefischt werden. Die immense Fangmenge gefährdet zwangsläufig den Bestand zahlreicher Haiarten. Untersuchungen im Golf von Mexiko haben beispielsweise gezeigt, dass die Populationen der örtlichen Haiarten in jüngerer Zeit um über achtzig Prozent zurückgegangen sind.
Die «Anfälligkeit» der Haie auf die Nachstellungen seitens des Menschen hat damit zu tun, dass sie - wie ja auch die grossen Landraubtiere - erstens eine geringe natürliche Bestandsdichte, zweitens eine lange Entwicklungszeit und drittens eine geringe Fortpflanzungsrate aufweisen. Mathematische Modelle zeigen, dass sie nicht in der Lage sind, langfristig eine mehr als drei- bis fünfprozentige Abfischung im Jahr auszugleichen. Diese Quote wird heute zweifellos im Fall vieler Haiarten massiv überschritten - und der Fischereidruck lässt derzeit keineswegs nach, sondern steigt im Gegenteil weiter an.
Bedenklich stimmt in diesem Zusammenhang nicht zuletzt der Umstand, dass die Haie als die «Tiger und Löwen der Meere» die obersten Glieder vieler mariner Nahrungsketten darstellen. Werden sie vom Menschen aus dieser ökologisch bedeutsamen Position entfernt, so kann dies unabsehbare Folgen für eine Vielzahl mariner Ökosysteme haben. Das Überfischen der Haie wird deshalb von manchen Experten als «ökologische Zeitbombe» eingestuft.
Noch ist der Tigerhai ein weit verbreiteter Meeresbewohner, und noch kommt er vielerorts in grösseren Beständen vor. Es gibt jedoch klare Hinweise darauf, dass auch seine Bestände schrumpfen. In der von der Weltnaturschutzunion (IUCN) veröffentlichten Roten Liste wird der Tigerhai seit dem Jahr 2000 in der Kategorie «Nahezu gefährdet» geführt. Mit anderen Worten gibt seine negative Bestandsentwicklung inzwischen offiziell zu Besorgnis Anlass.
Legenden
Der Tigerhai (Galeocerdo cuvier) gehört zu den grössten der weltweit rund 370 Haiarten. Die erwachsenen Individuen, welche heutzutage gefangen werden, weisen im Allgemeinen eine Länge von bis zu fünf Metern und ein Gewicht von bis zu 600 Kilogramm auf, wobei die Männchen durchschnittlich etwas grösser sind als die Weibchen.
Der Tigerhai ist in vieler Hinsicht ein «Generalist»: Er ist rund um den Erdball herum über alle tropischen, subtropischen und warmen gemässigten Zonen der Weltmeere verbreitet; er streift auf der offenen, tiefgründigen See ebenso umher wie in flachen Küstengewässern; und er überfällt so ziemlich jedes im Wasser befindliche Tier, dem er auf seinen Streifzügen begegnet. Tatsächlich gilt sein Nahrungsspektrum als das breiteste aller Haie.
Das Tigerhaiweibchen bringt etwa alle drei Jahre nach einer Tragzeit von 15 bis 16 Monaten einen Wurf lebender Junge zur Welt. Die Wurfgrösse beträgt gewöhnlich 30 bis 50 Junge, deren Länge bei der Geburt 50 bis 90 Zentimeter. Das Bild zeigt ein Weibchen mit einem seiner neugeborenen Jungen. Die beiden waren für wissenschaftliche Forschungszwecke bei den Bahamas gefangen und wenig später wieder unbeschadet freigesetzt worden.
Der Name «Tigerhai» trifft vor allem auf die jüngeren Individuen zu (links ein neugeborenes, oben ein halbwüchsiges): Sie weisen auf Rücken und Flanken eine auffällige Streifen- und Fleckenzeichnung auf, welche dann mit zunehmendem Alter verblasst. Die Musterung hat wahrscheinlich eine Tarnfunktion, denn im küstennahen Flachwasser, wo sich die jungen Tigerhaie vornehmlich aufhalten, erzeugen die Lichtreflexionen der Wellen ganz ähnliche Muster.
Der Tigerhai gilt neben dem Weissen Hai (Carcharodon carcharias) und dem Bullenhai (Carcharhinus leucas) zu den für den Menschen gefährlichsten Haiarten. Alle drei sind mächtige Fische, verfügen über Zähne, welche Fleisch zertrennen können, und besuchen häufig auch untiefe Küstengewässer, also Orte, wo Menschen gern baden gehen. Wirklich nachgewiesen sind gemäss der Internationalen Haiangriffs-Datenbank (ISAF) zwischen den Jahren 1580 und 2007 allerdings nur gerade 115 Todesfälle, und zwar 64 durch Weisse Haie, 28 durch Tigerhaie und 23 durch Bullenhaie.
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