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A. Lange & Söhne, Glashütte (D)
Was gibt es her?
Landträume wie die eben geschilderten sind primär Rentnerträume. Man sitzt im Grünen, und das Geld für Mehrwerte, die anderswo generiert werden, fliesst so stetig herbei wie der Nachschub an Gütern und Leistungen, die das Leben angenehm machen. In allen Epochen war diese Vorstellung weniger als die halbe Wahrheit. Das Land musste stets genug abwerfen, sollte es kultiviert bleiben und sich nicht in einen Dschungel, in Öd- oder Brachland zurück-«naturieren». Die aktive Ausbeutung und im besten Fall die nachhaltige Bewirtschaftung der Ressourcen war immer das Ziel, das hinter der «Landnahme» stand, wenn die Idee der permanenten Sesshaftigkeit in der betreffenden Landschaft die Haupttriebfeder war.
Die Landschaft muss etwas abwerfen. Spontan denkt man in diesem Zusammenhang an Land- oder Forstwirtschaft. Doch schon ziemlich früh gab es in ruralen Regionen andere ökonomische Lebensentwürfe, welche auf Spezialisierung, Arbeitsteilung und eine vorindustrielle Effizienz setzten. Diese Lebensentwürfe begünstigten die anschliessende Industrialisierung. So gab es beispielsweise im Kanton Zürich Dörfer, die auf die Produktion von Strohhüten oder Socken setzten. Die Ressourcen für die Produkte kamen vom Land, und auf dem Land wurde die Wertschöpfungskette um einige Glieder verlängert. Andernorts entwickelte sich eine Tradition der Zusatzverdienste; in der Ostschweiz entstand im Zusammenhang mit der Stickereiindustrie ein ländliches Verlagswesen, hunderte von «Zulieferbetrieben», die mit Rohstoffen versorgt wurden, verdienten sich in ihren ländlichen Heimstätten ein Zubrot, das die Abhängigkeit von der Landwirtschaft und den Launen des Wetters minderte. Die Industrialisierung selbst war in Europa und der Neuen Welt schliesslich ebenfalls zu einem gewichtigen Teil «ländlich»; Produktionsstätten wurden nicht in bestehenden Städten eingerichtet, sie entstanden häufig dort, wo Ressourcen abgebaut wurden oder Energie vorhanden war, also auf dem Land.
In diesem Licht betrachtet ist die kultivierte Landschaft genauso eine «Maschine» wie die Stadt. Sie muss einen Mehrwert, eine Rendite erzielen. Und sie steht im Austausch mit anderen Regionen. Manche vermuteten Gegensätze lösen sich so auf und erweisen sich als Phantom. Auch der viel verwendete Begriff «Urbanität» und die damit assoziierten Bauformen und -typen taugen nicht dazu, die vermuteten Unterschiede zuverlässig zu verankern. Was allerdings eine Rolle spielt, und darauf möchte wohl Paul Virilio mit seinen Schriften hinweisen, ist das Versorgungsnetz, das Orte – gelten sie nun als Stadt oder als Landschaft – miteinander verknüpft und den Austausch ermöglicht, insbesondere das Mobilitätsnetz für Waren und Menschen. Hier sind Schnelligkeit und Effizienz angesagt, hier drohen bei schlechten Verbindungen ein Verlust an Vitalität und die Gefahr des Rückstands.
Globale Anbindung
Dass auch die Feinmechanik für Messgeräte eine ländliche Tradition hat, ist auf verschiedene Faktoren zurückzuführen. Einerseits gab es Regionen, in denen die Einheimischen mit ihrem «Tüfteltalent» Zeitmessgeräte ersannen und markttauglich machten. Dies gilt etwa für die Schwarzwälder Holzuhr. Viel häufiger stand aber die Migration von Menschen und Ideen am Ursprung ruraler Uhrenmanufakturen. Oft waren es politische Gründe, welche die Fachkräfte aus grösseren Städten in kleinere vertrieben. Dies geschah beispielsweise in der Westschweiz mit dem Ausgangspunkt in Genf, das viele Glaubensflüchtlinge mit technischen Fachkenntnissen aufnahm, die dann weiterwanderten. Im dünn besiedelten Jura stellten Bauern verschiedene Uhrenbestandteile her, die – ähnlich wie beim erwähnten Verlagswesen in der Spitzenindustrie – eingesammelt und zusammengesetzt wurden. Zwar fand bei der Herstellung Ende des 19. Jahrhunderts eine Rationalisierung statt; die Uhren wurden nun in grösseren Fabriken komplett hergestellt. Doch diese Industrie blieb in mehreren Regionen Europas im ländlichen Umfeld verhaftet. Sie konnte sich dies wohl leisten, weil die Produkte und der mengenmässige Rohstoffbedarf klein sind, der Energieaufwand vergleichsweise gering ist und auch die Haltbarkeit der Produkte, die bis heute mit einem «Ewigkeitsanspruch» – der korrekten, zuverlässigen Messung für alle Zeiten! – vermarktet werden.
Die lichtdurchfluteten, geräuscharmen Ateliers mitten in der Natur, an der guten Luft, gehören zum Image dieser Industrie: Chronometer, die praktisch im Ambiente von Kurorten entstehen, können nicht lahmen oder von Aussetzern geplagt sein. Gesundheit, Präzision und Beständigkeit passen ausgezeichnet zusammen, die Kombination trägt den guten Ruf von Manufaktur und Atelier in die weite Welt, die lokalen Eigenschaften werden zur Trumpfkarte, die global sticht. Und die regional die Chancen steigert, nicht «abgehängt» zu werden.
Pragmatik in Glashütte
Glashütte ist zwar eine Stadt, aber eine kleine – eine Stadt auf dem Land eben. Das Stadtrecht erhielt der Ort im heutigen deutschen Bundesland Sachsen 1506, die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner betrug damals etwas mehr als 500. Die Region nennt sich Ost-Erzgebirge und bildet die Grenze zur Tschechischen Republik. Der Name des hügeligen Geländes deutet Erzvorkommen und Bergbau an. «Glashütte» weist auf eine Produktionsstätte hin, die mit dem Abbau und der Verarbeitung von Bodenschätzen zu tun hat. Der erste wirtschaftliche Aufschwung im späten 15. Jahrhundert war mit dem Fund von Silbererz verbunden, der Bergbau fand aber wegen Kriegen und mangelnder Rentabilität noch im 19. Jahrhundert sein Ende. Es schlug die Stunde der Uhrmacher.
Ferdinand Adolph Lange (1815 bis 1875) war der erste von ihnen, der sich in Glashütte der Produktion von Zeitmessgeräten widmete. Er stammte aus Sachsens Hauptstadt Dresden und war dort in Verhältnissen aufgewachsen, die man heute mittelständisch nennen würde: Er studierte am Dresdner Polytechnikum, lernte anschliessend sein Metier beim sächsischen Hofuhrmacher und verbrachte Lehr- und Wanderjahre in Frankreich, der Schweiz und Grossbritannien. Nach einer Teilhaberschaft in einem Uhrmacherbetrieb in Dresden gründete er Ende 1845 in Glashütte mit einem Partner – finanziell unterstützt von der königlich-sächsischen Regierung mit einem rückzahlbaren Darlehen – die Uhrenmanufaktur, die bis heute Bestand hat.
Die Standortwahl mutet aus heutiger Sicht, auch aufgrund des Darlehens, spontan wie die Unterstützung einer strukturschwachen Region an. Auch in einem Video des Unternehmens (alange-soehne.com/de/unsere-herkunft) wird die Migration von Dresden nach Glashütte als humanitärer Akt zur Beschäftigung der darbenden Bevölkerung dargestellt. Der Eintrag zum Firmengründer auf Wikipedia enthält eine pragmatischere Ergänzung: Die Region bot das für den Beginn einer wirtschaftlichen Uhrenproduktion unerlässliche niedrige Lohnniveau. Ausserdem darf angenommen werden, dass der Bevölkerung arbeitsteilige, nicht land- oder forstwirtschaftliche Aktivitäten, die Stetigkeit und Disziplin verlangen, seit Generationen bekannt waren. Das Erzgebirge hat neben der Bergbautradition auch seit Jahrhunderten den Ruf als Heimat von Tüftlern und technisch-mechanischem Talent, kennt man es doch für seine Erzeugung von Spielzeug und Musikdosen. Das Uhrenunternehmen von Lange, dem verschiedene weitere folgen sollten, versprach auch Ausbildungsstätten und machte aus Glashütte ein Innovations- und Wissenszentrum auf dem Gebiet der Feinmechanik.
Standorttreue
Glashütte wuchs in der Belle Époque zu einem Zentrum der europäischen Uhrenproduktion heran, mit A. Lange & Söhne als eine Art Anker-unternehmen. Die Erschliessung des engen Tals der Müglitz verbesserte sich durch die 1890 eröffnete Müglitztalbahn, eine schmalspurige «Secundäreisenbahn», die von Heidenau bei Dresden als Stichstrecke talaufwärts bis zum Kurort Altenberg nahe der tschechischen Grenze führt. Das Stammhaus von A. Lange & Söhne befindet sich wenige Schritte vom Bahnhof entfernt, bei der Einmündung der Strasse aus dem Ortszentrum in jene, die der Müglitz entlangführt. In der Zwischenkriegszeit entstanden mit den Gebäuden einer Manufaktur zur Herstellung von Präzisionspendeluhren und einer Rechenmaschinenfabrik weitere Werke am südlichen Ortsausgang, westlich der Strasse und der Bahnlinie durchs Tal. Nach der Neugründung wurden sie als «Lange I» und «Lange II» zu Betriebsgebäuden von A. Lange & Söhne. Die sachlichen Betonskelettstrukturen wurden mit Walmdächern gedeckt, wodurch sie sich dem Bestand anglichen und sich gut zwischen die bewaldeten Hänge des Tals einbetteten.
Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs trennte das Schicksal die Geschicke der Familie Lange von Glashütte und der Produktionstätte. Die Uhrenmanufakturen der kleinen Stadt wurden von der sowjetischen Besatzungsmacht enteignet und von der DDR in den Volkseigenen Betrieb (VEB) Glashütter Uhrenbetriebe (GUB) überführt. Zwei Urenkel von Ferdinand Adolph Lange betrieben in Westdeutschland einen neuen Uhrengrosshandel. Doch das Heimweh blieb. 1990 gründete einer dieser Urenkel, Walter Lange, in den ursprünglichen Gebäulichkeiten die Lange Uhren GmbH als neue Uhrenmanufaktur und erwarb dann die Markenrechte für A. Lange & Söhne, die vom VEB GUB nach der Wiedervereinigung zwischenzeitlich an die Treuhandanstalt gegangen waren. Seit 2000 gehört der Betrieb zum Schweizer Konzern Richemont. Mit dem Ergänzungsbau vis-à-vis von «Lange II» lieferte das Unternehmen einen Beweis seiner Standorttreue.
Ein kleines Quartier
Die Erweiterung wurde 2015 im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel eingeweiht. Sie basiert auf dem siegreichen Projekt eines Architekturwettbewerbs aus dem Jahr 2007, der vom Architekturbüro Jessenvollenweider, Basel, gewonnen wurde.
Der Standort der Erweiterung befindet sich zwischen der Altenberger-Strasse und der Bahnlinie. Der Neubau ist mit dem bestehenden Werk «Lange II» durch eine Brücke über die Strasse verbunden. Das Entwurfsteam will mit seinem Projekt das Bild eines zusammengehörigen Ensembles von Häusern evozieren, das als charakteristisches «Lange-Quartier» in Erscheinung tritt.
Das Projekt besteht aus einem breiten, flachen Haus für die Arbeit an den Maschinen und einem schlanken, hohen Haus für die Handarbeit. Die beiden Bauteile sind mit einer Treppenhalle verbunden und so nebeneinander gestellt, dass das niedrige Volumen an der Altenberger-Strasse die Traufkante seines Gegenübers aufnimmt und im hohen Haus die sensiblen Atelierarbeitsplätze auf die grünen Hänge des Müglitztals blicken. Wie «Lange I» und «Lange II» tragen auch diese Ergänzungen Walmdächer. Durch diesen oberen Abschluss und die Gliederung der Volumen sind der bisherige Ausdruck und auch der vertraute Massstab der Anlage gewahrt. Glashütte bleibt Glashütte.
Bezug zur Natur
Das Manufakturgebäude kombiniert die Einbettung in den Kontext mit der Nutzung und den spezifischen Bedingungen des Ortes. So bleibt im engen Talabschnitt die flache, blendende Morgensonne über die grösste Zeit des Jahres von der Atelierfassade fern. Die Atelierkompartimente wurden um 10 Grad nach Norden abgedreht. So profitieren diese Arbeitsplätze über die gesamte Länge der Ostseite von einer blendarmen Nordbelichtung. Den Ateliers ist eine schmale Raumschicht vorgelagert. Sie dient als Puffer fürs Klima und den Druckausgleich der Reinräume. Sie schützt diese gleichzeitig vor Feinstaubeintritt über die Fassadenfugen. Schliesslich bietet sie auch Gästen die Gelegenheit, die Arbeit der Uhrmacherinnen und Uhrmacher von vorne auf Augenhöhe zu verfolgen; das Niveau des Pufferraums liegt tiefer als jenes der Ateliers.
In den Worten des Entwurfsteams übersetzen die zwei neuen Häuser das komplexe Erweiterungsprogramm in eine denkbar lapidare, fast archaische Anordnung. Die Neubauten korrespondieren mit der Haustypologie des Tals und gleichzeitig mit der im kollektiven Gedächtnis verankerten Vorstellung einer Manufaktur. Diese doppelte Reverenz an die Ursprungsform von Bauen, Leben und Arbeiten zeichnet den Neubau unmissverständlich als Haus der Handarbeit aus.
Die Architekten Jessenvollenweider zu ihrem Erweiterungsbau
Bautafel
Architekten
Jessenvollenweider, Basel
Bauherr
Lange Uhren GmbH, Glashütte (D)
Fertigstellung
2015