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Polozk
Polozk oder Polazk (russ. Полоцк, weißruss. Полацк) ist die älteste Stadt Weissrusslands. Sie befindet sich im Norden des Landes, in der Region Witebsk. Zusammen mit der in der Nähe liegenden Stadt Nowopolozk (Nawapolazk) bildet Polozk einen Ballungsraum mit einer Bevölkerung von circa 200.000 Menschen.
Wie viele andere belarussische Städte wurde Polozk an den Ufern eines Flusses errichtet. Die Stadt befindet sich an einem malerisch gelegenen Ort, wo der Fluss Polota in die Düna mündet. Der Fluss Polota gab der Stadt ihren Namen.
Polozk fand als eine der ersten ostslawischen Städte in der Nestorchronik im Jahr 862 erstmals Erwähnung. Archäologische Funde deuten allerdings darauf hin, die sich an Ort und Stelle schon 60 bis 70 Jahre zuvor erste Ansiedlungen befanden. Im Laufe seiner bewegten Geschichte überlebte Polozk zahlreiche Überfälle der Wikinger, kämpfte gegen die Kreuzritter und wurde mehrmals von Armeen fremder Eroberer besetzt.
Das erste gefestigte Herrschaftssystem auf dem Territorium der Stadt war das Polozker Fürstentum, dass sich im 10. Jahrhundert herausbildete. In etwa zur gleichen Zeit wurde die Eparchie (die Bezeichnung einer Diözese in der orthodoxen Kirche) von Polozk gegründet, was der Stadt in der gesamten osteuropäischen Region eine hohe Bedeutung verlieh.
Die günstige geografische Lage an der Schnittstelle mehrerer Fluss- und Handelswege, die unter anderem die Waräger aus Skandinavien bis nach Byzanz nutzten, ermöglichte die rasante Entwicklung der Stadt. Seit dem 9. Jahrhundert gediehen vor Ort Schmiede-, Schmuck-, und Gerberhandwerk, sowie das Bau- und die Nähereigewerbe.
Zwischen 1044 und 1066 wurde in Polozk die erste Steinkirche Osteuropas errichtet, die Sophienkathedrale. Sie thront bis heute über der Stadt. Ihr Bau untermauerte die Stärke und Unabhängigkeit des Polozker Fürstentums. Kathedralen von ähnlicher Bedeutung wurden ebenso in Kiew und Nowgorod errichtet, den Zentren der größten ostslawischen Fürstentümer. Die Sophienkathedrale in Polozk wurde durch einen Brand im 15. Jahrhundert stark zerstört und verlor ihren Status als Standort der Diözese. Im 17. Jahrhundert wurde sie als katholische Barockkirche wieder aufgebaut. Eine Kopie der ursprünglichen Sophienkathedrale soll in naher Zukunft am anderen Ufer der Düna, in Witebsk, gebaut werden.
Während des Krieges verschiedener Adelsdynastien im Großfürstentums Litauen von 1432 bis 1436 wurde Polozk zum Machtzentrum des Fürsten Swidrygiello, der ebenfalls um die Macht im Großfürstentum kämpfte.
Ende des 15. Jahrhunderts kam der Buchdruck nach Belarus. Die erste Bibelübersetzung wurde von Francysk Skaryna in Polozk ausgearbeitet und fand weite Verbreitung. Er übersetzte die Bibel ins Kirchenslawische und gab so dem Volk erstmals die Möglichkeit, die Worte der Bibel in ihrer Sprache zu lesen.
Im Jahr 1498 bekam die Stadt das Magdeburger Recht und wurde zur Hauptstadt der Polozker Woiwodschaft (Verwaltungseinheit/ Gebiet) des Großfürstentums Litauen (später Polen-Litauen).
Im Laufe des Livländischen Krieges zwischen Litauen und dem Moskowiter Fürstentum wurde Polozk im Jahr 1558 von der Armee des russischen Zaren Iwan Wassiljewitsch IV. eingenommen. Große Teile der Stadt und ihrer Befestigungen wurden zerstört.
Während des Krieges, im Jahr 1580, wurde allerdings auch das erste jesuitische Kollegium in Polozk eröffnet. Dessen erster Leiter war Piotr Skarga, ein wichtiger Gelehrter der ebenso Rektor der Vilniuser Universität des Jesuitenordens war. Dokumente datierend aus dem 16. Jahrhundert zeugen davon, dass Polozk damals als eine der größten Städte Europas galt, deren Einwohnerzahl circa 100.000 Menschen umfasste. Allerdings dezimierten die Kriege der folgenden Jahrhunderte, die Pest (1566), Hungersnöte (1600 und 1741-1746) und zahlreiche Brände die städtische Bevölkerung stark. Während des russisch-polnischen Krieges von 1654-1667 geriet die Stadt unter die Herrschaft Russlands, später wurde sie aber wieder polnisch und blieb das Zentrum der entsprechenden Wojewodschaft.
Die Ereignisse des Großen Nordischen Kriegs hatten ebenfalls großen Einfluss auf die Geschichte von Polozk. Im Jahr 1705 befahl Zar Peter der Große das Schloss von Polozk einzureißen, da es einen strategisch wichtigen Kontrollpunkt in der Region darstellte und nicht in die Hände des Feindes fallen sollte. Die berühmte Sophienkathedrale wurde in dieser Zeit aus eben jenen Gründen teilweise gesprengt.
Nach der ersten Teilung Polens (1772) gehörte der rechtsufrige Teil von Polozk zum Russischen Imperium, der linksufrige kam nach der zweiten Teilung (1793) hinzu. Polozk war nun Teil des Gouvernements Pskow, später wurde es selbst das Zentrum eines Gouvernements. Dies wiederum ermöglichte einen wesentlichen wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklungsschub der Stadt. Es wurden neue administrative Gebäude errichtet, das Siedlungsterritorium wurde erweitert. So stellte Polozk langsam seinen Status als wichtiger Durchgangs- und Handelsstandort wieder her, die Einwohnerzahl vergrößerte sich dementsprechend.
Anfang des 19. Jahrhunderts gab es drei höhere Bildungseinrichtungen in Polozk, zwei von ihnen wurden von Ordensgemeinschaften gegründet. Durch einen Zarenerlass von 1812 wurde auch dem Jesuitenorden das Recht zur Gründung einer Akademie verliehen. Acht Jahre später, als die Tätigkeit des Jesuitenordens im Russischen Imperium verboten wurde, reorganisierte man die Akademie und übergab sie zusammen mit der reichen Bibliothek dem Orden der Piaristen.
In Polozk existierten verschiedene Konfessionen und Orden nebeneinander. Orthodoxe, Lutheraner, Jesuiten, Dominikaner, Bernhardiner, Basilianer, und Franziskaner unterhielten ihre eigenen Kirchen und Klöster, so dass die städtische Architektur bedeutend bereichert wurde.
Im Jahr 1812 fanden zwischen dem russischen Heer und der französischen Armee Napoleons zwei Schlachten bei Polozk statt. Die erste Schlacht brachte keine wesentlichen Gewinne, doch während der Zweiten befreiten die russischen Truppen Polozk und drängten die französische Armee zurück.
Während des russischen Bürgerkriegs und der Nazi-Besatzung war Polozk unter Kontrolle von deutschen und polnischen Truppen. Seit dem Jahr 1924 gehörte die Stadt zur Belarussischen Sozialistischen Sowjetrepublik (BSSR), während des Zweiten Weltkrieges wurde sie am 16. Juli 1941 nach 20 Tagen der Verteidigung von der deutschen Armee eingenommen. Erst am 4. Juli 1944 befreite die Rote Armee die älteste belarussische Stadt. Polozk hatte nach dem Krieg 150.000 Todesopfer unter seiner Bevölkerung zu beklagen. Eine gravierende Folge des Krieges für die Überlebenden war eine enorme Wohnungsnot, denn bis zu 96% des Wohnungsbestandes waren vernichtet worden.
Heute zählt Polozk zu den schönsten belarussischen Städten, deren reiche Geschichte viele Sehenswürdigkeiten zum Vorschein brachte. Heute locken unter anderem zahlreiche kulturelle Veranstaltungen. Eine dieser Veranstaltungen ist das internationale Orgelmusik-Festival „Sophias Glocken“, das jedes Jahr im November in der Sophienkathedrale stattfindet. Im April jeden Jahres gibt es zudem ein Kammermusikfestival, bei dem auch moderne Werke zu Gehör kommen.
Polozk ist allerdings nicht nur reich an Geschichte und Kultur, es bietet auch geographische Besonderheiten. So haben die Stadtväter Polozk als den geographischen Mittelpunkt Europas ausgelobt, ein Denkmal markiert heute diesen Punkt.
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