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Kürzlich hat die WELTWOCHE in einem interessanten Artikel darauf hingewiesen, dass Karl Viktor von Bonstetten als Landvogt, Berner Adliger und Schriftsteller der Aufklärung am Ende des 18. Jahrhunderts das Saanenland (Grenzgebiet Kantone Bern und Waadt) berühmt gemacht habe. Als Zeitzeuge hat er seine Beobachtungen in einem Buch «Briefe über ein schweizerisches Hirtenland» festgehalten. Da könnte man einiges hinzufügen: Karl Viktor von Bonstetten hat, teilweise zusammen mit seiner Freundin Frederike Brun, auch unseren Kanton bereist: Im Tessin war er nicht als Landvogt, sondern als Syndikator mit der Aufgabe, die Landvögte zu überwachen. In dieser Funktion hat er 1795 und in den folgenden Jahren die sogenannten «Italienischen Ämter», also das Gebiet der heutigen italienischen Schweiz, besucht und seine Eindrücke zu Papier gebracht. Es waren ja die letzten Jahre der Herrschaft der Deutschschweizer Landvögte, kurz bevor Napoleon Bewegung in unsere Politik gebracht hat. In den unruhigen Zeiten gelang es Bonstetten auch nicht mehr, seine Briefe sorgfältig zu redigieren – er flüchtete nach Dänemark und veröffentlichte in Kopenhagen im Jahre 1800 die spannende Schilderung übers Tessin. Was er in seiner Zeit auf der Alpensüdseite gesehen hat, ist noch heute eine überaus spannende Lektüre.
Auf gefährlichen Wegen gelangt Bonstetten ins Verzascatal. Dort trifft er auf Frauen, die – nach seiner Einschätzung – schon in ihrer Kindheit dahinwelken, weil sie zu schwere Arbeiten verrichten müssen. Die oft jähzornigen und rachsüchtigen Männer des Tals tragen stets ein Messer bei sich, mit dem sie sich gegenseitig erstechen. Bei den Essgewohnheiten merkt er billigend an, dass die Männer meist mit Frau und Kindern zusammen essen – etwas, was in anderen Tessiner Tälern undenkbar sei. Beliebt waren Polenta, Kastanien und Milch. Kartoffeln wurden noch sehr wenige gegessen, weil man sie lieber den Schweinen überliess. Im Onsernonetal erlebte er ein Attentat auf den Pfarrer von Loco, einen gewissen Broggini. Er versuchte herauszufinden, warum die Ortsbevölkerung so zornig auf ihren Pfarrer war: Dieser hat in seinem Haus beim Besuch des Bischofs eine Mahlzeit gegeben und die Kosten dafür der Gemeinde verrechnet. So weit so gut. Beim Essen hat aber auch ein Verwandter des Pfarrers teilgenommen und der Streit entbrannte nun darum, ob der Pfarrer der Gemeinde für diesen Verwandten auch einen Taler berechnen dürfe. Es ging also offenbar um ungerechtfertigte Spesen. Im Maggiatal mit seinen vielen Felsen und Überschwemmungsgebieten fühlte sich Bonstetten von Tod und Verwüstung umgeben. Fruchtbäume wurden hier keine gepflanzt, weil die Früchte angeblich schneller gestohlen werden als sie geerntet werden können. Bonstetten findet wenig lobende Worte über die damalige rückständige Tessiner Landwirtschaft. Auch die Regierung der Landvögte kommt in seiner Beurteilung sehr schlecht weg. In Camedo überschreitet er die Brücke bei Ribellasca und kann endlich aufatmen: «Sobald man den piemontesischen Boden erreicht hat, fühlt man den Einfluss einer bessern Regierung». Wie sich die Zeiten doch ändern!