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| Athanasius (295-373) - Vier Briefe an Serapion v. Thmuis (Epistulae ad Serapion)

Erster Brief
9.
Aber, heißt es, da die Schriftstelle nun doch einmal den Gesalbten erwähnt, so darf man folglich unter dem hier genannten Geist nichts anderes verstehen als den Heiligen Geist. Ihr habt also wohl bemerkt, daß der Heilige Geist mit Christus zusammen genannt wird; wo habt ihr aber beobachtet, daß er der Natur nach vom Sohn getrennt und geschieden wird, weil ihr behauptet, Christus sei kein Geschöpf, während ihr den Heiligen Geist ein Geschöpf nennt? Es ist auch widersinnig, das von Natur Ungleiche zusammen zu nennen und zu preisen. Denn welche Gemeinschaft oder welche Ähnlichkeit hat das Geschöpf mit dem Schöpfer? Ihr müßtet ja sonst auch mit dem Sohne die durch ihn geschaffenen Wesen zusammenzählen und verbinden. Demnach hätte es genügt, das Schriftwort vom Wehen der Winde1 zu verstehen, wie ausgeführt wurde. Weil ihr aber vorschützt, daß an jener Stelle auch Christus erwähnt werde, müssen wir die Stelle genauer ins Auge fassen, ob wir nicht auch für den Geist, von dem es heißt, daß er geschaffen werde, einen treffenderen Sinn gewinnen können. Was bedeutet nun die Verkündigung seines Gesalbten unter den Menschen anders als sein Menschwerden und dasselbe wie der Ausspruch: „Sieh, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und seinen Namen wird man Emmanuel nennen"2, und alles andere, was über seine Ankunft geschrieben steht? Ist aber von der Verkündigung der Ankunft des Logos im Fleische die Rede, was muß man dann unter dem geschaffenen Geist verstehen, wenn nicht die Neuschöpfung und Erneuerung des Geistes der Menschen? Denn diese hat Gott auch durch Ezechiel verheißen mit den Worten: „Und ich werde euch ein neues Herz geben und werde euch einen neuen Geist geben; und ich werde [S. 415] das steinerne Herz aus eurem Fleische nehmen und werde euch ein Herz von Fleisch geben, und meinen Geist werde ich euch geben"3. Wann ging denn das in Erfüllung wenn nicht damals, als der Herr erschien und durch seine Gnade alles erneute? Sieh, auch an dieser Stelle wird die Verschiedenheit der Geister ersichtlich: Unser Geist ist jener, der erneut wird; vom Heiligen Geist aber sagt Gott nicht schlechtweg, daß er ein Geist, sondern daß er sein Geist sei, durch den auch der unsere erneut wird, wie auch der Psalmist im 103. Psalm sagt: „Nimmst du weg ihren Geist, so vergehen sie und kehren zum Staub zurück; sendest du deinen Geist aus, so werden sie geschaffen, und du erneust das Antlitz der Erde"4. Wenn wir aber durch den Geist in der Tat erneut werden, so ist es nicht der Heilige Geist, von dem hier gesagt wird, daß er geschaffen werde, sondern unser Geist. Wenn ihr also richtig einseht, daß der Sohn kein Geschöpf ist, weil durch den Logos alles geschaffen ist, wie soll es dann keine Lästerung sein, den Geist ein Geschöpf zu nennen, in dem der Vater durch den Logos alles vollendet und erneut? Auch wenn sie sich eingebildet haben, weil einfach geschrieben steht, daß der Geist geschaffen werde, so sei damit der Heilige Geist gemeint, müssen sie sich schließlich doch überzeugen lassen, daß es nicht der Heilige Geist ist, der geschaffen wird, sondern unser Geist, der durch ihn erneut wird. Darum hat auch David im Psalm gefleht: „Ein reines Herz schaffe in mir, und den rechten Geist erneue in meinem Innern"5. Hier wird nämlich gesagt, daß er ihn schaffe; zuvor aber hatte er ihn bereits gebildet, wie Zacharias es ausspricht: „Der den Himmel ausspannt und die Erde gründet und den Geist des Menschen in ihm bildet"6. Denn den Geist, welchen er vorher gebildet hatte, hat er, nachdem derselbe gefallen war, neu geschaffen, indem er selbst zum Geschöpf kam, als der Logos Fleisch ward, „um", wie der Apostel sagt, „beide zu einem neuen Menschen zu [S. 416] schaffen"7, ,,der nach Gott geschaffen ist in Wahrheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit"8. Damit meinte er nämlich nicht, daß etwa ein anderer Mensch geschaffen worden sei als jener, der im Anfang nach dem Ebenbild Gottes geschaffen wurde; er ermahnte vielmehr, die in Christus geschaffene und erneute Gesinnung (νοῦς) anzunehmen, was gleichfalls wieder durch Ezechiel angedeutet wird, wenn er sagt: „Bereitet euch ein neues Herz und einen neuen Geist; und warum sterbet ihr, Haus Israel? Ich will ja nicht den Tod des Sterbenden, spricht Gott der Herr"9.
1: περὶ πνεύματος ἀνέμων
2: Jes. 7, 14.
3: Ez. 36,26.
4: Ps. 103,29. 30.
5: Ps. 50,12.
6: Zach. 12,1.
7: Eph. 2, 15.
8: Eph. 4,24.
9: Ez. 18,31. 32.