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Sie war Chefin der Schweizer Börse, arbeitete bei verschiedenen Schweizer Banken und lehnte sogar einmal einen Job bei Goldman Sachs ab. Antoinette Hunziker-Ebneter über Männerdominanz im Finanzsektor, die 1:12-Initiative und leere Wegzugsdrohungen.
WOZ: Sie haben eine bemerkenswerte Karriere durchlaufen: Sie haben bei verschiedenen Banken gearbeitet, waren Chefin der Schweizer Börse SWX (heute SIX), bauten die paneuropäische Börse Virt-x auf. Warum haben Sie sich für die Finanzbranche entschieden?
Antoinette Hunziker-Ebneter: Erst wollte ich Biochemie studieren. Aber mein Vater war Professor an der Uni Zürich, und ich wollte nicht dort studieren, wo er doziert. Als mir jemand von St. Gallen erzählte, entschied ich mich für Bankwirtschaft an der HSG, weil es als betriebswirtschaftliches Fach viel Volkswirtschaft enthielt. Die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge haben mich immer interessiert, aber ich wollte in der Wirtschaft arbeiten. Als ich an der HSG war, hatte die Investmentbank Goldman Sachs eine Teilzeitstelle offen. Ich kümmerte mich dort auch um Übersetzungen und begann, mich für den Optionenhandel zu interessieren. Ich bestellte Bücher aus der Firmenbibliothek in New York, schrieb darüber meine Diplomarbeit. Es gab hier nicht viele, die sich mit Optionenhandel auskannten. So kam ich auch zur Citibank Zürich. Ende der Achtziger baute ich dann bei der Bank Leu das Optionengeschäft auf.
Und dann wurden Sie Mutter. Haben Sie immer weitergearbeitet?
Bevor ich Mutter wurde, arbeitete ich 100 Prozent beziehungsweise 150. Chefin der Handelsabteilung der Bank Leu zu sein und Mutter – das war für mich nicht vereinbar. Danach habe ich viele Jahre Teilzeit gearbeitet. Zuerst nur einen Tag, dann zwei Tage die Woche. Immer mehr. Als CEO der Schweizer Börse arbeitete ich wieder achtzig Prozent.
Sie haben bei Goldman Sachs Teilzeit gearbeitet, einer Bank, die in der Finanzkrise eine bedeutende Rolle spielte und für die sich eine Faszination entwickelt hat, die schon fast ins Verschwörungstheoretische geht …
Ja, allerdings. Sie boten mir gar eine Vollzeitstelle an, ich konnte mich in London und New York vorstellen. Aber ich passe nicht in eine Firma, in der man ein «Sklave» sein muss. Ich habe eine eigene Meinung. Also sagte ich ab. Das hatte es vorher noch nicht gegeben, dass jemand eine Stelle von Goldman Sachs angeboten bekommt und sie dann nicht annimmt. Aber die Werte der Firma passten nicht zu mir.
Weil man ein «Sklave» sein muss?
Man muss ständig verfügbar sein. Bei Goldman Sachs lässt Sie der Chef schon mal bis um 11 Uhr abends warten, weil er Sie dann angeblich noch einmal sprechen will. Dabei könnte er auch schon um 6 Uhr mit Ihnen reden. Ich habe viel gelernt bei Goldman Sachs. Aber der Stil? Der war nichts für mich.
Hat Sie die männliche Dominanz in der Finanzbranche manchmal gestört?
An der HSG waren wir auch nur dreizehn Prozent Frauen. Ich habe aber immer versucht, das zu ändern. Bei der Bank Leu habe ich viele Frauen reingeholt, bei der Börse in London hatten wir sogar einen Frauenanteil von fünfzig Prozent, und auch heute arbeiten zur Hälfte Frauen in unserer Firma.
In einem Interview sagten Sie Anfang des Jahres, Sie hätten viele Männer getroffen, die sich vor allem über materielle Werte definierten, und dass Sie bei diesem «Wettrüsten» nie mitmachen wollten. Als Beispiel nannten Sie, dass sie seit 25 Jahren im gleichen Haus leben.
Ja, in diesem Haus lebe ich immer noch.
Sind Sie ein bescheidener Mensch?
Ich denke schon. Demut ist für mich ein wichtiges Kriterium.
Wie viel verdienen Sie?
Genug, dass ich leben kann.
Sie mussten nie nach dem Lohn fragen, sagten Sie einmal.
Nein, das habe ich nie gemacht. Ich habe wahrscheinlich immer weniger verdient als meine männlichen Kollegen. Vielleicht war das blöd. Denn Frauen verdienen im Schnitt immer noch zwanzig Prozent weniger als Männer.
Sind die Löhne in der Finanzbranche zu hoch?
Ja. Ich sehe nicht ein, warum jemand in der Finanzbranche mehr verdienen sollte als in der Industrie. Das war nicht immer so, und ich glaube nicht, dass diese Entwicklung anhält.
Die Löhne werden sinken?
Ja, auf jeden Fall. Die Banken können das gar nicht mehr finanzieren.
Es heisst, hohe Löhne seien nötig, um die guten Leute zu halten.
Das glaube ich nicht. Wo sollen die denn alle hin? In den USA wartet niemand auf Schweizer Banker. Wenn jemand unzufrieden war mit dem Lohn, dann habe ich als Chefin immer gesagt: Dann geh doch. Zieh doch mit deiner Familie in einen Vorort von New York. Zieh nach London, schau, wie hoch die Preise dort sind. Was ich hier im Monat für eine Wohnung zahle, gebe ich in London in einer Woche aus.
Was halten Sie von der Juso-Initiative, die innerhalb eines Betriebs ein maximales Lohnverhältnis von 1:12 fordert?
Die Initiative gibt es, weil es so grosse Exzesse gegeben hat. 1:12 ist sicher gut, aber ich glaube, dass auch ein Verhältnis von 1:25 akzeptabel wäre.
Antoinette Hunziker-Ebneter (51) gründete 2006 mit PartnerInnen die Forma Futura Invest AG, eine Vermögensverwaltungsfirma, die auf nachhaltige Anlagen setzt.