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Schon vor 1880 sind Versammlungen von Christen im Rahmen der protestantischen Erweckungsbewegung in Kerzers und Müntschemier dokumentiert. Christian Böhlen war der erste von der „Evangelischen Gesellschaft des Cantons Bern“ (EGB) ins Grosse Moos gesandte Evangelist – so wurden damals deren Prediger bezeichnet. Er wirkte von 1896 bis 1913 im Seeland und gründete Versammlungsorte in Kerzers, Müntschemier, Ins, Erlach, Gals, Brüttelen, Kappelen, Wileroltigen und Golaten.
Das Evangelische Gemeindschaftswerk wurde 1831 als "Evangelische Gesellschaft des Cantons Bern" (EGB) gegründet. Sie suchte Gläubige zu sammeln, ihren Glauben zu festigen und verbreitete christliche Schriften. Der EGB verbundene Männer und Frauen gründeten das Diakonissenhaus Bern und das Salem-Spital, die Neue Mädchenschule, das Seminar Muristalden und das Freie Gymnasium.
Spannungen zwischen der Leitung in Bern und Mitarbeitern auf dem Land führten 1908 zu einer Spaltung und zur Gründung des "Verbands Landeskirchlicher Gemeinschaften" (VLKG). Nach 88 Jahren im 1996 vereinigten sich beide Werke wieder und nahmen den heutigen Namen "Evangelisches Gemeinschaftswerk" (EGW) an.
Heute umfasst das EGW 36 Ortskirchen. Eine davon ist das EGW Kerzers.
Der EGW-Bezirk Kerzers
Die Anfänge
Schon vor 1880 sind Versammlungen von Christen im Rahmen der protestantischen Erweckungsbewegung in Kerzers und Müntschemier dokumentiert. Christian Böhlen war der erste von der EGB ins Grosse Moos gesandte Evangelist – so wurden damals deren Prediger bezeichnet.
Davor besuchte der Bauernsohn die theologische Ausbildung bei der Pilgermission St. Chrischona bei Basel.
Der heutige Pfarrer John Weber, der über die Geschichte des EGWs im Seeland geforscht hat, liest hier Auszüge aus der (erfolgreichen) Bewerbung Böhlens am 28. Juni 1890 ans Komitee der Ausbildungsstätte:
Christian Böhlen wirkte von 1896 bis 1913 im Seeland und gründete Versammlungsorte in Kerzers, Müntschemier, Ins, Erlach, Gals, Brüttelen, Kappelen, Wileroltigen und Golaten. Sein Herzensanliegen war, dass viele Menschen die gute Nachricht aus der Bibel hören und in Beziehung mit Jesus treten konnten.
Am Ende seines Dienstes hatte er acht Chöre und zwei Posaunenchöre gegründet. 1904, 1911 und 1912 wurden die Vereinshäuser in Kerzers, Ins und Erlach gebaut.
Nach dem umtriebigen Christian Böhlen folgten bis zum heutigen Tag 14 weitere Evangelisten, später Prediger und heute "Pfarrer EGW" genannt.
Von Anfang an verstand sich die EGB als Erneuerungsbewegung innerhalb der reformierten Landeskirche. So versammelten sich die Gläubigen sonntagnachmittags zur Bibelstunde in den Stuben von Bauernhöfen. Dort wurde über die am Morgen in der Kirche gehörte Predigt ausgetauscht.
Die Gottesdienste
Mit der Zeit fing man an, selber Gottesdienste zu feiern. Allerdings fanden die bis in die 1980-er Jahre immer am Nachmittag oder am Abend statt. Der Bezirk Kerzers war ja sehr weitläufig und die Menschen noch nicht so mobil. So fuhr der Prediger häufig mit dem Velo durchs Moos – morgens zum einen und nachmittags zum anderen Versammlungsort.
In den 1970-er Jahren konnte das Vereinshaus in Müntschemier gebaut werden. Um die Jahrtausendwende wurden die Vereinshäuser Erlach und Ins verkauft. Heute bestehen noch die beiden Versammlungsorte Kerzers und Müntschemier. Im Jahr 2000 konnte das EGW Kerzers an der Kreuzgasse in Kerzers ein Grundstück erwerben. Nach einer langen Projektierungsphase wurde das neue Gebäude an der Kreuzgasse 8 erbaut und 2018 bezogen.
Feste gehörten immer in den Jahresplan des EGWs Kerzers. So wurde ein Bezirksfest veranstaltet, ein Erntedank- und ein Neujahrsfest gefeiert. Da gab es ein Auftritt des Chors, ein Theaterstück der Jugendgruppe oder eine Darbietung des Posaunenchors. Im September 2021 konnte der Bezirk das 125-Jahr-Jubiläum feiern. Im gleichen Monat feierte das Gesamtwerk die 25-jährige Wiedervereinigung von VLKG und EGB 1996.
Miteinander Gott zu loben und sich durch seine Worte herausfordern zu lassen, war und ist in den Gottesdiensten zentral.
Die Kinder und Jugendlichen
An den meisten frühen Versammlungsorten gab es auch eine Sonntagsschule (in Kerzers seit 1904). Während der Versammlungen waren die Kinder aber dabei. Die Sitzordnung war klar: Auf der linken Seite sassen die Männer, in der Mitte die Frauen und rechts die Familien. Dass es dem einen oder anderen Kind auch manchmal langweilig wurde, versteht sich von selbst.
Nach und nach wurde immer mehr für Kinder und Jugendliche angeboten. Seit 1955 entstanden die CEVI Jungscharen in Kerzers und Müntschemier, die Sommer-Kinderlager in Saanenmöser und Aeschi, die Kinderwoche im Herbst und verschiedene Gruppen für Jugendliche. Seit 1998 ist im EGW Kerzers neben dem Pfarrer auch ein Jugendarbeiter, eine Jugendarbeiterin angestellt.
Das soziale Engagement
Sich für das Wohl des Nächsten einzusetzen, war in jeder Generation ein wichtiges Anliegen. Menschen aus dem EGW haben sich – wie schon in den frühsten Anfängen des Werks – immer sozial und politisch für die Gemeinschaft engagiert. Die jährliche Aktion Weihnachtspäckli ist ein Beispiel aus der jüngeren Geschichte.
Lobe den Herrn, meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!
Dieser Bibelvers aus Psalm 103 umschreibt gut den Rückblick auf die über 125-jährige Geschichte des Evangelischen Gemeinschaftswerks EGW Kerzers.
Zusammengefasst von Mirjam Lehmann im September 2021