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© 1996 Markus Kappeler
Tuamotu-Sumpfhuhn - Porzana atra
Hendersonlori - Vini stepheni
Silberwangen-Flaumfusstaube - Ptilinopus insularis
Pitcairn-Rorsänger - Acrocephalus vaughani
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Pitcairninseln - bestehend aus den vier Eilanden Pitcairn, Henderson, Ducie und Oeno - liegen im südöstlichen Pazifik auf halbem Weg zwischen Neuseeland und Peru und bilden gewiss einen der abgeschiedensten Plätze unseres Planeten: Die nächstgelegene bewohnte Insel ist das 500 Kilometer entfernte, zu Französisch-Polynesien gehörende Mangareva; Tahiti liegt 2200 Kilometer entfernt, Neuseeland gar 5300. Genau diese Abgeschiedenheit war seinerzeit (1790) der Grund gewesen, weshalb sich die «Bounty»-Meuterer nach längerer Irrfahrt hierher zurückgezogen hatten - und in diesem entlegenen «Schlupfwinkel» tatsächlich dem langen Arm der britischen Admiralität und damit dem Strang entkommen waren.
Die Pitcairninseln sind seit 1838 eine Überseebesitzung Grossbritanniens. Politisch verwaltet werden sie vom britischen Generalgouverneur in Neuseeland. Bewohnt ist einzig die sieben Quadratkilometer grosse, bergige Vulkaninsel Pitcairn: Sie hat eine Bevölkerung von rund fünfzig Personen (welche zu neunzig Prozent von den neun «Bounty»-Meuterern und deren zwölf tahitischen Frauen abstammen).
Angehobene Atolle sind selten
Von den drei unbewohnten Pitcairninseln sind die beiden flachen Atolle Ducie und Oeno winzig: Sie weisen Landflächen von je unter einem Quadratkilometer auf. Henderson ist hingegen 37 Quadratkilometer gross - und zudem geologisch höchst interessant, denn es handelt sich um ein sogenanntes «angehobenes Atoll», von denen es weltweit verhältnismässig wenige Exemplare gibt.
Während langer Zeiträume war Henderson ein typisches Atoll gewesen - also ein Ring kleiner Korallenkalkinselchen, welche um eine zentrale Lagune herum angeordnet sind, knapp über den Meeresspiegel herausragen und einer untermeerischen Vulkanspitze aufsitzen. Erst als später die mächtigen Eruptionen, die zur Entstehung der Insel Pitcairn führten, Verformungen der Erdkruste in dieser Pazifikregion hervorriefen, da wurde der «Henderson-Berg» angehoben, wodurch das «Henderson-Atoll» immer weiter aus den Fluten des Pazifiks auftauchte.
Heute ragt Henderson als tafelbergartige Insel - mit zentralem, allseits steil ins Meer abfallendem Plateau - ungefähr dreissig Meter aus dem Meer heraus. Für den Menschen ist das Eiland schier unbegehbar. Denn zum einen ist das Inselinnere mit einem dichten, undurchdringbaren Gewirr aus sieben bis zehn Meter hohen Büschen, Sträuchern und Bäumen überwuchert. Zum anderen ist der koralline Kalksteinboden überaus scharfkantig und weist unzählige Spalten und Risse auf, was die Fortbewegung zu Fuss sehr beschwerlich und nicht ungefährlich macht.
Trotz der aussergewöhnlichen Abgeschiedenheit der Hendersoninsel inmitten des Südostpazifiks und der enormen Distanzen zu den nächsten kontinentalen Landmassen hat im Laufe der Jahrtausende ein bemerkenswertes Spektrum von tierlichen und pflanzlichen Lebewesen es geschafft, das kleine Eiland durch die Luft oder über das Wasser zu erreichen und zu besiedeln. Viele dieser Inselwesen haben sich in der Isolation eigenständig weiterentwickelt, so dass sie sich heute in Körperbau und Verhalten deutlich von ihren Verwandten auf dem Festland bzw. auf anderen Pazifikinseln unterscheiden. Sie sind zu sogenannten «endemischen» Arten geworden, die es einzig auf Henderson und nirgendwo sonst auf der Welt gibt.
Dies gilt unter anderem für drei der vier auf der Hendersoninsel heimischen Landvogelarten: Sowohl das Tuamotu-Sumpfhuhn (Porzana atra)
als auch der Hendersonlori (Vini stepheni)
und die Silberwangen-Flaumfusstaube (Ptilinopus insularis)
und sind endemische Arten. Als nahezu endemisch könnte man die vierte ansässige Landvogelart, den Pitcairn-Rohrsänger (Acrocephalus vaughani)
, bezeichnen. Denn ausser auf der Hendersoninsel kommt er nur noch auf der Pitcairninsel und auf der im Tubuai-Archipel (Französisch-Polynesien) liegenden Insel Rimatara vor.
Im folgenden sollen die vier Landvogelarten der Hendersoninsel kurz vorgestellt werden.
Das Tuamotu-Sumpfhuhn
Das Tuamotu-Sumpfhuhn, ein Mitglied der Familie der Rallen (Rallidae), hat wie manche seiner Verwandten, die auf ozeanischen, raubfeindfreien Inseln zu Hause sind, seine Flugfähigkeit abgelegt und ist zum reinen «Fussgänger» geworden. Es ist ein sehr zutrauliches Geschöpf, das keinerlei Furcht vor dem Menschen zeigt. Deshalb wissen wir über seine Lebensweise weit besser Bescheid als über die der anderen Landvögel Hendersons.
Mit einer Länge von etwa 22 bis 24 Zentimetern und einem Gewicht um 70 Gramm (Weibchen) bzw. 80 Gramm (Männchen) ist das Tuamotu-Sumpfhuhn ein mittelgrosses Mitglied seiner Sippe. Paarweise besetzen die Vögel Territorien von etwa einem Hektar Grösse, in welchem sie keine fremden Artgenossen dulden. Sie sind tagsüber unterwegs und suchen dann emsig in der Streuschicht und in der bodennahen Vegetation nach Nahrung. Ihre Hauptspeise bilden kleine wirbellose Tiere aller Art, darunter Käfer, Spinnen, Asseln und Würmer. Gerne verspeisen sie aber auch die Eier des ansässigen Blauschwanz-Schlankskinks (Emoia cyanura)
, die dieser an die Unterseite abgefallener Blätter der Schraubenbäume (Pandanus spp.)
geklebt hat.
Das Nest des Tuamotu-Sumpfhuhns besteht hauptsächlich aus in Stücke gerissenen Schraubenbaumblättern und befindet sich gewöhnlich im Bereich des Luftwurzelstocks einer Schraubenbaumgruppe oder aber in einem Nestfarn (Asplenium nidus)
. Das Gelege umfasst zwei oder drei Eier, und die Jungen schlüpfen nach einer Brutzeit von 20 oder 21 Tagen aus den Eiern. Sie sind typische Nestflüchter, also sehr weit entwickelte Vogelkinder, welche alsbald ihre ersten Schritte ausserhalb des Nests unternehmen.
Während einer Woche werden die jungen Tuamotu-Sumpfhühner vollständig von ihren Eltern mit Futter versorgt, danach beschaffen sie sich ihr Futter zunehmend selbst, und im Alter von einem Monat können sie sich bereits eigenständig ernähren. Zu diesem Zeitpunkt haben sie auch schon ihr kindliches Daunenkleid gegen ein wetterfestes Jugendgefieder ausgetauscht. Im Alter von drei bis fünf Monaten lösen sie sich gewöhnlich von ihren Eltern: Sie verlassen deren Territorium und versuchen, sich mit einem Partner zusammenzutun und ein eigenes Territorium einzurichten.
Neueren Schätzungen zufolge dürften mehr als 6000 erwachsene Tuamotu-Sumpfhühner auf Henderson leben.
Der Hendersonlori
Der Hendersonlori gehört innerhalb der Familie der Papageien (Psittacidae) zur Gattung der Maidloris (Vini)
, welche allesamt in der polynesischen Inselwelt zu Hause sind. Mit einer Länge von 19 Zentimetern und einem Gewicht von etwa 50 Gramm ist er ein recht kleiner Vogel. Nichtsdestotrotz tritt er auf Henderson recht augenfällig in Erscheinung. Im Gegensatz zu den anderen Landvogelarten der Insel ist der zierliche Papagei nämlich viel im Luftraum über der dichten Pflanzendecke unterwegs und legt bei seinen Ortsverschiebungen von Futterplatz zu Futterplatz oft grössere Distanzen zurück. Man sieht deshalb immer wieder kleine Trupps von drei bis fünf Hendersonloris pfeilschnell über die Insel fliegen, wobei das Schwirren ihrer kleinen Flügel deutlich zu vernehmen ist.
Die Nahrung des Hendersonloris setzt sich hauptsächlich aus pflanzlichen Stoffen zusammen. Mit Hilfe seines scharfkantigen Hakenschnabels und seiner pinselförmigen Zunge nimmt er Nektar, Pollen und Fruchtfleisch verschiedenartiger Blütenpflanzen zu sich. Gewissermassen als «Beikost» verzehrt er aber auch Schmetterlingsraupen, denen er bei der Futtersuche begegnet.
Über die Fortpflanzungsgewohnheiten des Hendersonloris ist so gut wie nichts bekannt. Vom nah verwandten, auf den Tubuai-Inseln heimischen Rubinlori (Vini kuhlii)
wissen wir, dass er in kleinen Baumhöhlen nistet und dass sein Gelege aus ein oder zwei Eiern besteht. Es ist anzunehmen, dass dies auch für den Hendersonlori gilt.
Der Bestand des Hendersonloris wird auf 1000 bis 2400 Individuen geschätzt. Genauere Schätzungen sind wegen der «nomadischen» Lebensweise des kleinen Inselpapageis nicht machbar.
Die Silberwangen-Flaumfusstaube
Die Silberwangen-Flaumfusstaube gehört innerhalb der Familie der Tauben (Columbidae) zur Sippe der Fruchttauben (Treroninae). In dieser Sippe finden sich einige der am leuchtendsten gefärbten Vögel der Welt, und tatsächlich ist auch die Silberwangen-Flaumfusstaube ein farbenprächtiger Vogel. Erwachsene Individuen weisen eine Länge um 30 Zentimeter und ein Gewicht von etwa 100 Gramm auf.
Wie alle Fruchttauben ernährt sich die Silberwangen-Flaumfusstaube in erster Linie von reifen Früchten. Sie verbringt einen Grossteil des Tages damit, ruhig durch die dichte Vegetation zu streifen und nach schmackhaften Bissen Ausschau zu halten und solche zu verzehren. Soweit wir wissen, ernährt sie sich von rund zwanzig verschiedenen Fruchtarten, doch das begehrteste und wichtigste Futter sind die saftigen roten Beeren des Nesselgewächses Procris pedunculata
, welche die meiste Zeit des Jahres reichlich vorhanden sind.
Die Silberwangen-Flaumfusstauben ziehen stets einzeln oder paarweise umher und erweisen sich als recht ortstreu; selten fliegen sie grössere Strecken über die Pflanzendecke hinweg. Wahrscheinlich führen sie eine monogame und territoriale Lebensweise.
Das plattformartige Nest der Silberwangen-Flaumfusstaube ist wenig kunstvoll aus Zweigen zusammengefügt und befindet sich in zwei bis drei Metern Höhe im Geäst eines Baums oder Strauchs. Das Gelege umfasst stets nur ein Ei.
Man schätzt, dass die Taubenpopulation auf Henderson rund 3500 Individuen umfasst.
Der Pitcairn-Rohrsänger
Der kleinste Landvogel der Hendersoninsel ist der Pitcairn-Rohrsänger, ein Mitglied der Sippe der Grasmücken (Sylviinae) innerhalb der Familie der Fliegenschnäpperartigen (Muscicapidae). Er ist nur etwa 18 Zentimeter lang und wiegt lediglich um 25 Gramm.
Der Pitcairn-Rohrsaenger ist ein sehr geschäftiger Vogel, der sich tagsüber in allen «Etagen» vom Boden bis zu den höchsten Kokospalmwipfeln umherbewegt. Als «Gemischtköstler» ernährt er sich von Samen und Fruchtfleisch ebenso wie von Schnecken, Ameisen, Fliegen und Wespen.
Das napfförmige Nest des Pitcairn-Rohrsängers befindet sich stets ein paar Meter über dem Boden. Es ist aus dünnen Würzelchen und Kokospalmfasern aufgebaut und mit feinstem Pflanzenmaterial ausgekleidet. Das Gelege besteht normalerweise aus zwei oder drei Eiern.
Die Population des Pitcairn-Rohrsängers auf Henderson wird auf rund 11 000 Vögel geschätzt.
Henderson ist Teil des Weltnaturerbes
Lange Zeit war man der Ansicht gewesen, die Hendersoninsel sei zu keiner Zeit von Menschen besiedelt gewesen und befinde sich in nahezu jungfräulichem Zustand. Heute wissen wir, dass das entlegene Eiland irgendwann zwischen 800 und 1050 n.Chr. von polynesischen Seefahrern entdeckt und bis ungefähr 1450 n.Chr. zumindest zeitweise besiedelt worden war.
Jene frühen Inselsiedler verursachten diverse Störungen des Inselökosystems. Nachweislich starben damals zwei Taubenarten (Gallicolumba sp.
und Ducula sp.)
aus, wohl weil sie für den Verzehr übermässig bejagt wurden. Auch wurde in jenem Zeitraum die Polynesische Ratte (Rattus exulans)
eingeschleppt. (Die Polynesier hatten die Angewohnheit, auf allen Inseln, die sie erreichten, diesen anpassungsfähigen und fruchtbaren Nager freizusetzen, damit er sich vermehren würde und später als Nahrungsquelle dienen konnte.) Die Polynesische Ratte ist zwar ein weit weniger forscher Räuber als die Hausratte (Rattus rattus)
oder die Wanderratte (Rattus norvegicus)
. Doch dürfte auch sie etwelche Schäden an der Fauna und Flora der Insel bewirkt haben und noch immer bewirken. Unter anderem scheint sie als gewiefte Nestplünderin für eine Verminderung mehrerer bodenbrütender Meeresvogelarten auf Henderson verantwortlich zu sein. Ob sie auch einen schädlichen Einfluss auf die heimischen Landvogelarten hat, ist jedoch schwer zu sagen.
Im übrigen wurden von den polynesischen Inselsiedlern verschiedene Kulturpflanzen eingeführt, darunter die Kokospalme. Viele dieser Pflanzen sind aber zwischenzeitlich ausgestorben, und diejenigen, die überlebt haben, finden sich vor allem entlang eines schmalen Sandküstenstreifens im Norden der Insel, wo die Polynesier gesiedelt hatten. Die Pflanzendecke im Inselinnern scheint kaum beeinträchtigt worden zu sein.
Grosse Gefahr drohte der Insel Anfang der achtziger Jahre unseres Jahrhunderts. Damals bot ein amerikanischer Millionär namens Smiley Ratcliff der neuseeländischen Regierung an, den Bau eines Landestreifens auf Pitcairn zu finanzieren, wenn ihm dafür erlaubt würde, sich auf Henderson niederzulassen. Glücklicherweise wurde dieses Angebot, das eine Katastrophe für die Natur auf Henderson bedeutet hätte, 1983 definitiv ausgeschlagen - und fünf Jahre später, 1988, wurde Henderson dann in die UNESCO-Liste des «Weltnaturerbes» aufgenommen. Damit wurde der grosse Wert der Insel als das weltweit besterhaltene angehobene Atoll für die gesamte Menschheit unterstrichen und zur Erhaltung dieses Einods in seinem heutigen Zustand aufgerufen. Erfreulicherweise stehen die Chancen diesbezüglich recht gut, denn von seiten der neuseeländischen Naturschutzbehörde werden erhebliche Anstrengungen unternommen, um Henderson möglichst intakt für die Nachwelt zu bewahren.
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