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Die Kolumbianerin Doña Luz hat ihre Berufung als Kaffeebäuerin erst spät gefunden – nun will sie, dass mehr Frauen ihrem Beispiel folgen
NINA BELZ, SANTA BÁRBARA
Mit nur einem Schritt aus ihrem Schlafzimmer hat Luz Emilia Rojas Sánchez die ganze Schönheit der Natur vor Augen. Sattgrüne Hügel, aus denen einzelne Palmen ragen. Allerdings kommt es selten vor, dass Doña Luz, wie sie alle nennen, auf ihrer Veranda sitzt und innehält. «Ich bin der Kopf der Familie», sagt sie. Derzeit ist Erntezeit auf ihrer Kaffeefarm, die Tage beginnen früh und sind lang. Über mehrere Wochen sind die 48-Jährige, ihre beiden Söhne, ein Gehilfe und bisweilen einer ihrer Brüder in den steilen Hängen rund um das Haus unterwegs, um die roten Bohnen von den 5062 Kaffeesträuchern zu lesen. Am Tag schaffen sie etwa 300 kg. Anschliessend werden die Bohnen in der Anlage hinter dem Haus geschält und getrocknet. Einige Monate später landen sie als kolumbianischer Fair-Trade-Kaffee in den Tassen von Starbucks-Kunden in den USA. Die Arbeit ist anstrengend, aber Doña Luz beklagt sich nicht. Im Gegenteil, sie ist zufrieden. «Der Kaffeepreis ist im Moment sehr gut.»
Kolumbien ist nach Brasilien und Vietnam der drittgrösste Kaffeeproduzent der Welt – und der Anteil nimmt von Jahr zu Jahr zu. Dass die Erträge in Brasilien in jüngster Zeit zurückgingen, kam den Kolumbianern zugute. Der Gliedstaat Antioquia, wo Doña Luz‘ Farm steht, gehört zum Kernland der Kaffeezone, die sich von Südwesten nach Nordosten entlang des Berglands erstreckt. Das gemässigte Klima zwischen 1200 m und 1800 m ü. M. ist für Kaffeepflanzen ideal.
Es war in Doña Luz‘ Leben nicht vorgezeichnet, dass sie dereinst eine Kaffeefarm führen würde. Ihre Familie stammt zwar aus der Gegend, besitzt hier Land und Häuser, ist aber vorab im Minengeschäft tätig. Auch Doña Luz half im Familienbetrieb mit, kümmerte sich aber vorwiegend um ihre kranke Mutter. Als diese vor zehn Jahren starb, erinnerte sie sich daran, dass ihr Vater einst einen Kaffeestrauch gepflanzt und gesagt hatte, es sei immer gut, einen solchen zu haben. Doña Luz sah darin eine Möglichkeit zur Verbesserung ihrer Lebensumstände. Doch dafür genügten das Grundstück um das Haus herum und eine einzelne Pflanze nicht. Doña Luz war zudem nur bis zur 8. Klasse zur Schule gegangen und musste mit 39 Jahren erst einmal rechnen lernen.
In ihrem Umfeld wurde Doña Luz belächelt: Eine Frau, alleinerziehende Mutter zweier Söhne, will eine Kaffeefarm aufbauen? Sie liess sich nicht beirren. Unterstützung bekam sie von der Kaffeekooperative Antioquia, die 11 000 Produzenten des Gliedstaates umfasst. Doña Luz bekam hier nicht nur Wissen über Bodenschutz, Wasser und Anbaumethoden vermittelt; die Organisation war auch Tor zum Weltmarkt. Die Bäuerin verkauft ihre gesamte Ernte jeweils an die Kooperative. Diese liefert den Kaffee an die zwei grossen Händler im Land, die ihrerseits den Export organisieren.
Da die Kooperative Teil des Fair-Trade-Netzwerks ist, erhalten die Produzenten pro Pfund Kaffee einen Aufpreis von umgerechnet 20 Rp. Gleichzeitig werden Fair-Trade-Standards überprüft: keine Kinderarbeit, faire Löhne, Beachtung von Umweltschutzregeln. Fast der ganze Kaffee aus Antioquia wird exportiert, vor allem in die USA. Auch Nespresso ist ein Abnehmer. In jüngerer Zeit kamen Betreiber von kleineren Läden persönlich vorbei, um Kaffee zu kaufen. «Neulich war sogar ein Japaner da», erzählt Doña Luz.
Wie vielerorts in Kolumbien zieht sich auch durch Antioquia eine Blutspur des jahrzehntelangen Konflikts zwischen Regierung und Guerilla und der Gewalt der Paramilitärs. Man habe viel Trauriges erlebt, sagt die Kaffeebäuerin. Ein Teil ihrer Familie ist denn auch in die Stadt gezogen; Medellín liegt 40 km entfernt. Das wäre nichts für sie, meint Doña Luz. «Wenn du in der Stadt kein Geld hast, hast du auch nichts zu essen.» Hier habe sie immerhin einen Garten. Und was sie mit der Farm einnehme, reiche für sie und ihre Söhne, einen Angestellten – und den Hund. Und in einem guten Jahr kann sie ein paar Kaffeesträucher mehr pflanzen.
Doña Luz‘ Betrieb ist in vielerlei Hinsicht typisch für den Kaffeeanbau der Region. Ihr Land ist weniger als 2 ha gross, und der Betrieb ist in Familienhand. Und doch unterscheidet sich ihre Farm vom Durchschnitt – weil sie von einer Frau geführt wird. Kaffee sei eine Männerdomäne, sagt Doña Luz, und plötzlich spricht sie noch schneller, als sie es ohnehin schon tut: Im Rat der Kooperative seien von 85 Delegierten nur 6 Frauen, eine davon sei sie. Auch der fiktive Charakter, der für den kolumbianischen Kaffeebauern stehe – Juan Valdez -, sei ein Mann: «Warum gibt es keine Juanita Valdez?» Frauen könnten das auch, sie arbeiten ja auf den Farmen; nur traue man ihnen nichts zu. Doña Luz ist es ein Anliegen, dass mehr Frauen in der Delegiertenversammlung mitreden und wie sie, die nun die Weiterbildungsangebote der Organisation koordiniert, Verantwortung übernehmen. Dafür organisiert sie eigens Frauentreffen innerhalb der Kooperative.
So ist Doña Luz zu einer Vorzeigeunternehmerin der Kooperative geworden, deren Presseauftritte in lateinamerikanischen Medien schon bald einen Ordner füllen. Und sie sprüht vor Energie und Ideen. Mit dem jüngeren Sohn besucht sie einen Kurs, um die eigene Kaffeemarke weiterzuentwickeln. Jede Finca habe ein spezielles Rezept, wie sie der Bohne durch Art und Dauer der Fermentation besonderen Geschmack verleihe. Verraten könne sie das Geheimnis ihres «Café Doña Bárbara» natürlich nicht, sagt sie lachend. Dann eilt sie in die Küche. Sie muss Mittagessen kochen.