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Wie fing es mit deiner Sportkarriere an?
Hausi Brand: Ganz merkwürdig. Ein Kollege nahm mich mit an ein Bergrennen. Er sagte: «Du bist so dünn, das ist etwas für dich!» So organisierte ich mir ein Rennrad, fuhr den Berg rauf und gewann. Ich war 21. Das war das erste Mal überhaupt, dass ich «richtig» Fahrrad fuhr (lacht).
Wie ging es weiter?
Ich fuhr mein nächstes Rennen – und wurde Zweiter. Da sagte mir mein Kollege, jetzt müsse ich trainieren, ich solle mit ihm Runden fahren. Wir fuhren also über den Col du Pillon VD (12km, 1546m Höhe), den Col des Mosses VD (45km, 1445m Höhe), all die wichtigen Pässe. Aber aus Freude, nicht aus Ehrgeiz. Erst mit 23 Jahren löste ich eine Lizenz. Ich ging das erste Mal an einen Start bei den Amateuren und wurde gleich komplett abgehängt.
Was kamen da bei dir für Gefühle auf?
Es war hart. Vor allem für meinen Ehrgeiz war es eine totale Ernüchterung. Danach trainierte ich viel. Mehr als alle anderen. Wenn die anderen vier Stunden fuhren, radelte ich sechs. Machten die andern 150km, waren es bei mir 200. Ich fing mit 23 Jahren viel zu spät an. Meine Muskulatur war weniger ausgeprägt als bei den andern. Und die Grundkondition fehlte mir. Ab diesem Tiefpunkt begann ich, meinen Körper systematisch aufzubauen.
Was geht in einem vor, wenn man 150km abfährt?
Du bist die ganze Zeit allein mit dir und deinen Gedanken. Da studierst du acht bis neun Stunden. Über das Leben, über die Eltern, wie hart diese es hatten. Mein Vater starb früh, als ich 30 war. Das Leben hatte ihn stark geprägt.
Wie war das für dich, als dein Vater starb?
Ich war in meinem Radsport drin. Aber für meinen jüngeren Bruder war es einschneidend. Es war schon in seiner Jugend klar, dass er nach dem Tod meines Vaters den Hof übernehmen wird. Papa sagte zu mir: «Du bist zu schwach.» So musste mein Bruder die entsprechenden Ausbildungen machen, da gab es kein Wenn und Aber. Er wollte Koch werden. Aber das ging nicht.
Da hattest du die freiere Entscheidung.
Ja, ich hatte es besser, Dank meiner schmächtigen Statur. Obwohl ich als Bub damit haderte, verhalf sie mir später zu einem freieren Leben.
Wie war das für dich, dass dein jüngerer Bruder stärker war und sozusagen «über dich hinauswuchs»?
Ich war eingeschüchtert. Gab es mal ein Gerangel, hatte ich keine Chance. Allerdings war ich dank meiner Schmächtigkeit der Erste der Familie, der sich seinen Job selber aussuchen durfte. Ich entschied mich für Automechaniker.
Warum wolltest du Automechaniker werden?
Ein Auto empfand ich als Symbol der Freiheit. Ich durfte zwar als Bauernkind schon mit 14 Jahren Traktor fahren. Da aber mein Bruder der Stärkere war, übernahm er das stets und ich musste hinten den Rechen nachziehen.
Wie empfindest du deine Kindheit rückblickend?
Das ist ein wunder Punkt, welchen ich mit dem Sport überwinden konnte. Meine Kindheit war nicht schön. Ich konnte selten einfach Kind sein, sondern musste schon früh mit anpacken. Wir wurden während den Ferien auf andere Bauernhöfe geschickt, um zu arbeiten und zu helfen, die Familie durchzubringen. Das war hart, vor allem für mich als feingliedrigen Jungen. Musste ich Heuballen schleppen, sah man nur noch zwei staksige Beinchen unten hervorschauen.
Hast du deinen Eltern oder dem Leben verziehen, dass du eine harte Kindheit erleben musstest?
Wie soll ich das sagen? Erst vor 15, 20 Jahren konnte ich das. Als ich für mich merkte, dass wir es im Vergleich zu meinem Vater gut hatten, und heute sogar sehr gut, auch dank der strengen Erziehung. Da ich selber sehr hart mit mir war, kam ich viel weiter und wurde zäher als andere, welche nie kämpfen mussten. Bei uns hiess es: «Du musst!».
Wir haben gespurt, sonst gab es Schläge. Nicht, dass ich diese Art der Erziehung verteidigen möchte, doch ich kann die Situation heute differenzierter sehen. Das war für mich wichtig in der Verarbeitung. Auf dem Rad gab es so viele Momente, die ich nur wegen meines Willens und einer gewissen Härte mir selber gegenüber überhaupt durchstand. Die Lebensschule, die ich absolvierte durch meine Erziehung und den Sport, sehe ich heute als Fundament für meine Widerstandskraft.
Auch im Radsport warst du einer strengen Struktur unterworfen.
Ja. Ich war im gleichen Team wie Alex Zülle (CH), Jan Ullrich (DE), Fernando Escartín (ESP). Die oberste Liga. Ich war ihr Wasserträger.
Was macht ein Wasserträger genau?
Du gibst den Leadern die Trinkflasche, du radelst mit ihnen mit, fährst zurück zum Mannschaftsauto, holst Verpflegung, Kleider, was auch immer.
Du warst als Wasserträger im Einsatz während deiner Zeit als Profi?
Ja. Aber diese Funktion ist wichtig. Kein Einziger, auch kein Jan Ullrich oder kein Lance Armstrong (USA), hätte ohne Helfer je gewinnen können. Man muss sich auf die Etappen konzentrieren, geht in die Attacke, kann nicht selber nach hinten das Trinken holen und danach wieder an die Spitze zurück. Du brauchst das Team.
«Du musst irgendwann abschliessen und weitergehen.» - Hanskurt «Hausi» Brand
Wie fühlt es sich an als Profi, wenn du dich so unterordnen musst?
Ich wollte mich nie in der Rolle des Leaders sehen. Diese Verantwortung ist riesig. Du startest mit einem 35-Millionen-Team an einem Rennen und musst den Sieg einfahren, da hängt alles dran. Da musst du sehr ehrlich mit dir sein und wissen, ob du diese Leistung bringen kannst. Ob du – mental und körperlich – so stark bist, eine Tour de France oder ein anderes hoch dotiertes Rennen zu gewinnen.
Der Druck, auch von den Sponsoren, ist so hoch, dass ich dies nie suchte. Und trotzdem musste ich diese Rolle plötzlich ausfüllen, als ich Europameister wurde. Ich war der Stärkste während der ganzen Saison, hatte fast alle Stehrennen gewonnen, und dann bestimmte der Radsportverband, dass die Schweiz an die Europameisterschaften geht. Mit mir als Leader, die andern mussten also für mich fahren. Ich ging an den Start. Und ich wusste, dass ich gewinnen muss, sonst wären meine drei Teamkollegen für nichts gefahren. Die waren alle auch gut, aber mussten sich bei diesem Rennen mir unterordnen. Dieser Druck ist enorm.
Aber du hast gewonnen.
Ja, aber von dieser Stunde fuhr ich während 58 Minuten mit einem Puls von über 206 herum, voll am Limit. Ich brauche zwar den Druck, auch heute in meinem Leben. Aber wenn sich andere für mich opfern, ihr eigenes Potential wegen mir nicht ausschöpfen dürfen, und ich bringe die Leistung nicht, dann krieg ich mit mir selbst ein Problem.