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Es heißt immer: Zu unserem Leidwesen, hat Bach uns nichts hinterlassen, was einem Lehrwerk gleichkommt. Ich sage, er hat uns sogar mehr hinterlassen. Im damaligen Auffassungssinn des Barock gab es mehrere Teilgebiete:
Die Grundvorstellungen und Grundbegriffe der barocken Kompositionslehre wurden aus der Rhetorik (Redekunst) entlehnt. Diese aus der Antike übernommene Disziplin war damals ordentliches und zentrales Lehrfach an Schulen und Universitäten. Seit etwa 1600 mit der Entstehung der Oper fasste man auch die Musik als rhetorische Kunst, als Klangrede auf und übertrug das Begriffs- und Vorstellungsrepertoire der Rhetorik auf sie. Der Komponist wird wie der Verfasser eines Textes, der Interpret wie ein Redner oder Rezitator betrachtet.
Inventio (im engeren Sinne), die Lehre von der Auffindung des Stoffs. Wie ein Redner zunächst das Thema und die zu ihm gehörenden Inhalte bzw. Argumente festlegt, so wird auch der Komponist von einer musikalischen Grundvorstellung ausgehen und - vor allem - das musikalische Grundmaterial, den Erfindungskern, das Thema erfinden - oder auch nur finden. (Der Originalitätsgedanke war damals noch nicht so ausgeprägt wie in späterer Zeit. Man fand gar nichts dabei, das Thema eines anderen zu übernehmen und nochmals zu bearbeiten). Im weiteren Sinne erstreckt sich die Inventio (als Oberbegriff) natürlich auch auf die folgenden Aspekte des Kompositionsvorgangs.
Elaboratio, die Lehre von der Ausarbeitung des Stoffs. Wie der Redner Möglichkeiten der sprachlichen Ausformulierung seiner Gedanken durchspielt, probiert der Komponist die im 'Thema' liegenden Entfaltungsmöglichkeiten aus. Dazu gehören Verfahren der motivisch-thematischen Arbeit (Sequenzierung, Umkehrung, Augmentation, Diminution, Abspaltung), Verfahren der Variation, die Erfindung von Kontrapunkten (Gegenstimmen), die vertikale und horizontale Kombination dieser Elemente u.a.
Dispositio, die Lehre von der Anordnung des Stoffes, der Gliederung und der formalen Anlage. Wie der Redner abklärt, in welcher Reihenfolge seine Gedanken am überzeugendsten wirken, wo er Überraschungen, Steigerungen und Höhepunkte am wirkungsvollsten setzt, fügt auch der Komponist
die möglichen Verarbeitungsformen des Grundmaterials so in ein Gesamtkonzept ein, dass der Gesamtablauf 'zwingend' erscheint und die Teile zeitlich und räumlich in einem proportional ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen. Auch wird er Steigerungen und Rückentwicklungen, Verdichtungen und Auflockerungen u. ä. so platzieren, dass sie sowohl Erfordernissen der kompositorischen Struktur als auch der Wirkung auf den Hörer gerecht werden.
Decoratio, die Lehre vom Schmuck. Wie der Redner seine Formulierungen ausfeilt, mit sprachlichen Figuren (Antithesen, Klangmalerei u. ä.) wirkungsvoll in Szene setzt, lockert der Komponist den streng durchgearbeiteten Gerüstsatz mit Verzierungen auf und macht ihn so ansprechender. Vor allem auch der Interpret wird eigene Verzierungen anbringen, damit das Ganze als etwas gerade Entstehendes, Lebendiges, unmittelbar Sprechendes wirkt. Das galt damals ganz besonders für "kantable" (gesangliche) Stücke wie z. B. ein Adagio.
Elocutio bzw. Pronuntiatio, die Lehre vom Vortrag. Wie der Redner geschickt Gebärden, Mimik und Möglichkeiten stimmlicher Variation einsetzt, um die von ihm oder einem anderen ausgedachte, ausgearbeitete, evtl. sogar schriftlich fixierte Rede eindrucksvoll vorzutragen, nutzt auch der musikalische Interpret die Möglichkeiten der Nuancierung in Agogik, Dynamik, Phrasierung und Artikulation. Zum Idealbild des "kantablen" Spiels gehörte neben der Verzierungspraxis auch eine solche am Sänger sich orientierende 'sprechende', d. h. klein phrasierende und artikulatorisch differenzierende Vortragsart.
Bachs Inventionen sind, wie ihr Name sagt, Musterstücke der barocken Kompositionslehre. Bach schuf sie nicht für den großen Auftritt, sondern als äußerst verdichtete, das Wesen musikalischer Komposition und Interpretation exemplarisch repräsentierende Anschauungs- und Übungsbeispiele für seine Schüler. Auf der Titelseite des Autographs der Inventionen und Sinfonien steht:
Aufrichtige Anleitung womit denen Liebhabern des Clavieres besonders aber denen Lehrbegierigen eine deutliche Art gezeiget wird, nicht alleine
1.) mit zwei Stimmen rein spielen zu lernen; sondern auch bey weiteren Progreßen:
2.) mit dereyen obligaten Partien richtig und wohl zu verfahren, anbey auch zugleich gute Inventiones nicht alleine zu bekommen; sondern auch selbige wohl durchzuführen, am allermeisten aber eine cantabele Art im Spielen zu erlangen, und darneben einen starcken Vorschmack von der Composition zu überkommen.
verfertiget
von
Johann Sebastian Bach
Hochfürstlich Anhalt-Cöthenischen Cappelmeister.
Anno Christi 1723. etc.
Bach hat hiermit nicht nur eine Kontrapunktlehre hinterlassen, sondern er war sich bewusst, dass es gar kein Sinn hatte wohlfeil über Kontrapunkt, Generalbass, Intervalllehre oder Harmonielehre zu reden, und sich an Einzelaspekten dieser Disziplinen aufzuhalten. Er stellt in extra dafür komponierten Stücken alle Elemente der Komposition in ihrer Ganzheit dar. So wie ein Mediziner ganzheitliche Anschauungsweise pflegt, bietet Bach ganzheitliche Musiklehre in all ihren Aspekten an. Darin zeigt er alle Tricks und Kniffe, was man aus musikalischem Grundmaterial herausholen kann. Diese Werke sind nur 2-3 stimmig und fast jeder Anfänger kann sie spielen. Vielleicht ist das der Grund, warum diese Stücke eher geringschätzig behandelt werden, als Anfängerstücke. Dabei schreibt uns Bach sehr genau, was es sei: Lehrstücke für Komposition!
Darin erreicht er eine Dichte von Strukturen, wie sie keiner vor ihm und nach ihm erreicht hat. Seine Inventionen sind rational und emotional bis ins Letzte durchgearbeitet und durchdacht. Er zeigt mit einfachsten Mitteln, was seiner Meinung nach in der Musik Gewicht hat, sogar in Hinsicht, was einen guten Vortrag ausmacht, was die Gesamteinschätzung eines Werks ausmacht in all den Disziplinen: Wie erfolgt die Auffindung des Stoffs, mit welchen Mitteln kann der Stoff ausgearbeitet werden, wie legt man eine Gliederung als formale Anlage zurecht, welche Wirkungen sind in einem guten Vortrag wichtig und wie dekoriert man und wie schmückt man aus. Bach ist sich jeder Klausel und deren Wirkung bewusst. Bei seinem damaligen Zeitgenossen, Händel, wird man vergebens suchen, nach der Klarheit dieses Materials. Andererseits, gerade wegen des zielführenden Gebrauchs von Mathematik, Strukturen und Gestaltverarbeitung, hat Bach den Ruf von Nähmaschinenmusik erhalten. In der Zeit nach dem Barock wurde Bach natürlich gern als Lehr- und Übungsmaterial verwendet. Wenn ein Klavierschüler übt, soll er sauber und gleichmäßig spielen. Das war aber nicht unbedingt die Auffassung von Bach selbst. Es ist überliefert, dass seine Vortragskunst vortrefflich, wie der eines Geschichtenerzählers, gewirkt hat und er genau wusste, wie er seine Zuhörer fesseln konnte. Denkt man an seine expressiven Stücke, wie Tokkata in D-Moll, ist jegliches zufriedene Dahinvegetieren in Nähmaschinenmanier vorbei.
Wer möchte, kann sich im Anhang die strukturelle und harmonische Analyse der Invention 1 ansehen.
Lenken wir das Ohr auf die größere Ebene der Wahrnehmung, auf längere Zusammenhänge, sehen wir die formale Gliederung des Stücks. Diese ist:
1. Vorstellung des Themas
2. Sequenz
3. Neue Darstellung (Perspektive der Tonart) des Themas
4. Aktionshöhepunkt (Parallelführung)
5. Nochmal Neue Darstellung (Perspektive der Tonart) des Themas
6. Verdichtung zum Schluss
7. Schluss
Das alles kann man mit einer Dramaturgie vergleichen oder mit einer heutigen Storyboard Vorlage bezeichnen, da läuft ein Film ab:
13:00 Uhr Bahnhof Hamburg (die Frisur hält):
Guten Tag ich bin Herr Soundso … schönes Wetter heute … ich bin Physiker und komme gerade von einem Kongress … im Zug habe ich irgendwo meine Papiere verloren und muss darum zum Fundbüro … ich muss die Unterlagen dringend wieder haben … wie komme ich dahin … ach da vorne … nett von Ihnen … danke schön!
Im Groben und Ganzen ist das Lehrfach des Barock der Rhetorik nicht anderes, als die filmische Unterhaltung von heute. Was die Leute wollen, ist nette Unterhaltung - Entertainment. Genau das passiert in der Musik Bachs.
Danke für Euer Interesse
Klaus Schaaff
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Ein sehr komplexes Thema. Zur Vertiefung habe ich noch einmal bei Hubert Wißkirchen: Arbeitsbuch für den Musikunterricht in der Oberstufe, Bd. 2 nachgeschaut. Was kaum zu erwarten war, aber er stimmt mit dir überein.
nett ausgedrückt von Dir, aber Wißkirchen stimmt nicht mit mir überein, sondern ich habe Wißkirchen zitiert, und ich hätte die Quelle nennen sollen. Wißkirchen hat eine sehr eloquente Begriffsbestimmung der Rhetorik in der Musik des Barocks geliefert, die ich genauso übernommen habe. Wißkirchen lehnt sich an Johann Mattheson (Rethorik und Affektenlehre) an, und der Hamburger Mattheson war ein Zeitgenosse Bachs. Wißkirchen bringt es aber genau auf den Punkt.
Ich ging davon aus, Bach kannte die Rhetorik und deren Bedeutung in der Musik. Da sie allgemeines Lehrfach an allen Universitäten war, hat er mit hoher Wahrscheinlichkeit die Regeln einer guten musikalischen Rede verinnerlicht und diese noch weiter verfeinert.
Wichtig war mir, der weitläufig unterschätzten Bedeutung der Inventionen Bachs, eine andere Perspektive anzubieten. In den Inventionen kann man genau beobachten, wie Bach kompositorisch gearbeitet hat. In all seinen Werken findet sich diese Arbeitsweise wieder, und die Inventionen sind eine Quintessenz davon. Die Formbezeichnung Invention ist ein selten bezeichneter Name im Barock und Bach nimmt darauf Bezug.
Wie man sehen kann, beschreibt die rhetorische Kunst der Klangrede Stil- und epochenübergreifend Regeln, die heute noch genauso Gültigkeit besitzen, wie bei Bach. Für mich ist das ein sehr wichtiger Punkt, Bach zu begreifen und Musik überhaupt. Daraus folgere ich, diese Wesensart, äußerst strukturiert zu arbeiten, Bachs Vorliebe für Zahlenmystik, Bachsiegel u. a. sind ein Teil von Bachs Persönlichkeit, aber noch nicht alles.
meine Beschreibung von struktureller Ordnung bei Bach ist ein Aspekt, den ich in den letzten Jahren versucht habe genauer zu verstehen. Wißkirchen ist ein Autor, der als einer von wenigen endlich mal das Wort Strukturen und deren Bedeutung verwendet hat.
Ganz grob mal ein Entwurf (nicht von Wißkirchen) davon ist: Aus neurobiologischer Sicht stehen am Anfang einer Interaktion von Musik und Hirn, Rezeptoren und Sinnesorgane, die Schallwellen in geeigneter Weise umsetzen und dem Hirn zuführen, wo diese verarbeitet werden. Die ankommenden Information werden in sinnvolle Strukturen zerlegt, so wie das Sehen eines Sternbilds (großer Wagen, Orion) eine Figur abbildet, obwohl die Sterne am Himmel statistisch gesehen, relativ wahllos verteilt sind. Das Hirn sucht also nach Strukturen mit Methoden von Gestaltgesetzen und Gestaltbildung in all den Informationen, die ankommen. Strukturbildung durch Nichtlinearisierung, Kontur-, Umriss- und Kantenverfahren, ja sogar die Heisenbergsche Unschärferelation in der Musik wird verwendet. Hat eine Information keine sinnvolle erkennbare Struktur, empfinden wir im Fluss der Informationen eine Strukturverletzung, eine Störung oder im Fall von Musik, ein falscher Ton. Es werden auch Informationen ausgefiltert zum Schutz vor Überlastung, oder das Hirn bildet Strukturen, wo gar keine waren.
Das alles sollte einen Bachhörer jetzt aber nicht verwirren. In ähnlicher Weise liegen in der Architektur von Gebäuden statische Berechnungen zu Grunde, die ein Bewunderer des Eifelturms nicht unbedingt so wahrnehmen muss.
Wie geht es weiter? Diese Strukturen, die wir erkennen, lösen weitere Dinge aus. Das Intervall einer kleinen Sexte kann Furcht, Rettung, Bedauern, Hoffnung, Schmerz, Tröstung, Demut und Heilung auslösen, je nach dem, in welchem Zusammenhang diese kleine Sexte steht.
Nach der Wahrnehmung einer Struktur, folgt also eine Zuordnung eines emotionalen Standpunkts. An dieser Stelle von Untersuchungen bin ich zur Zeit angelangt und möchte jeden einladen von seinen persönlichen Erfahrungen zu berichten. Meine rational analytische Betrachtungsweise reicht mir da oft selbst nicht.
Grüße
Klaus Schaaff
PS.: Das Auge ist der Beweis für die Existenz der Sonne, das Gehirn ist der Beweis für die Ordnung im Universum.
27 Aug 2015 14:38 - 27 Aug 2015 14:40#405 von Christof Rimle
Hallo Klaus
gerne liefere ich Dir einen Beitrag zum Thema "emotionaler Standpunkt". Eine meiner Lieblingsfugen ist aus dem WTC II die Fuge Es-Dur BWV 876. Entsprechend oft spiele ich diese auf meinem Klavier. Eines Tages fragte mich meine Frau, warum ich die Stelle im drittletzten Takt nicht endlich einmal richtig üben würde. Der Akkord (siehe Screenshot)
töne in ihren Ohren völlig falsch und hässlich.
Ich finde, dieser Akkord ist ein typischer Bach-Akkord. Was die Ohren meiner Frau beleidigte, löst in mir wohlige Schauer aus. Unter anderem wegen solchen nicht alltäglichen Akkorden liebe ich Bachs Musik so sehr! Meine Frage an Dich: wie erklärst Du Dir, dass die Wahrnehmung hier so unterschiedlich sein kann? Und warum funktioniert bei der Filmmusik, was bei Bach nicht funktioniert? jeder Kino-Liebhaber interpretiert die Gefühle welche durch die Filmmusik angeregt werden, vermutlich gleich: Angst, Harmonie, Spannung, Liebe, Unbehagen, ...
Grüsse
Christof
Anhang:
Letzte Änderung: 27 Aug 2015 14:40 von Christof Rimle.
Ich musste mir BWV 876 erst mal in Cubase laden. Deshalb hat das etwas gedauert.
Ganz einfach, die letzten vier Takte transponiert nach C-Dur ergeben halbtaktig:
| C7 D-7 | G7 D7/F# | G4 - 3 | C |
Heutige harmonische Modelle würden Zwischendominanten zur Dominante mit Vorhalt und Tonika sagen. Diese fast Modulation ist sehr eng gerückt, wodurch das Ohr etwas länger braucht zu begreifen. Da nicht alle Töne meiner Harmonisierung im Satz vorliegen, könnte man auch Eb°/D für D- setzen. Die harmonische Deutung schwimmt leicht, was von Bach beabsichtigt ist, indem er das F# in den Bass setzt. Bach setzt an der Stelle einen typischen kleinen Akzent, um es interessanter zu gestalten. Die Aufmerksamkeit wird noch einmal gefordert. Bei Bach gibt es massenweise solche schönen Stellen.
Diese orthdoxe harmonische Deutung ist zwar gültig, war aber zu Bachs Zeiten nicht bekannt als formale Benennung, so wie es auch kein Dur und Moll semantisch gab, siehe Ut Re Mi für Dur und Re Mi Fa für Moll. Wie das Ohr aber Dur und Moll hört mit allen Feinheiten, schon.
Auch die leider reduzierte Stufentheorie nach Rameau kann einen Bach nicht vollständig erklären und ebenso wenig der Generalbass, was nur eine Notationsvorschrift ist. Heute würde ich das, was Bach gemacht hat, unter Skalenharmonik laufen lassen. Wenn Dich das speziell interessiert, kann ich Dir dazu Material zukommen lassen. Ich denke für das Forum hier, wäre das zu anspruchsvoll. Skalenharmonik heißt grob, die Entstehung von Harmonien wird im Barock hauptsächlich durch die Horizontale (melodische Linien) herbeigeführt, während in der Klassik die Vertikale die Harmonien verursacht.
Das mit deiner Frau finde ich lustig. Mach doch mal den Tritonusauflösungstest mit ihr:
H-C --- H-Bb
F-E --- F-F#
Das sind zwei weit entfernte Tonräume erst C-Dur dann F#-Dur. Das Ohr braucht Zeit, um sich von der Richtigkeit der Auflösungen zu überzeugen, so auch in Deinem Beispiel. Beide Tonräume werden vollständig durch die Halbtöne der Skalen definiert.