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Das Verlangen von Herrschern und Regierungen, ihre Wirtschaft und deren Preismechanismus zu kontrollieren, ist nicht erst eine Erscheinung des modernen Wohlfahrtstaates. Erste uns vorliegende Interventionen in die Preisbildung gab es bereits vor rund 4000 Jahren mit dem Kodex von Hammurabi. Schon damals glaubten die Herrscher und Beamten, sie können per Dekret den Marktmechanismus überwinden und den für sie als gerecht empfundenen Preis für Güter und Arbeit fixieren, ohne wirtschaftliche Nebeneffekte erwarten zu müssen. Dieser Irrglaube hielt sich hartnäckig in der Geschichte, wie Beispiele im römischen Reich, im Mittelalter sowie in den vergangenen drei Jahrhunderten zeigen. Die Folgen der staatlichen Anmassung über den gerechten Preis waren stets die gleichen: Fehlallokation von knappen Ressourcen, Rückgang der Handelsaktivitäten in betroffenen Gebieten, gefolgt von noch grösserem Elend als vor Inkrafttreten der Preisfixierung. Daraufhin beschuldigten die Herrscher ihre Wirtschaftssubjekte, die mit ihrem Egoismus und ihrer kurzsichtigen Profitgier das Scheitern der wohlwollenden Interventionen zu verantworten hatten. Mit diesem Vorwand konnte man bestens die eigene Inkompetenz vertuschen und zusätzlich die Samen für den nächsten Markteingriff säen.
Bei der vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund lancierten Initiative über Mindestlöhne, über die das Schweizer Stimmvolk im kommenden November abstimmt, handelt es sich um ein weiteres Beispiel staatlicher Anmassung über den gerechten Preis (Preis der Arbeit). Die Nebeneffekte staatlicher Inventionen in den Preismechanismus sollten aus der 4000 jährigen Geschichte der Preisfixierung bekannt sein. Nichtdestotrotz behaupten die Befürworter der Initiative, dass Mindestlöhne keine negativen Auswirkungen auf das wirtschaftliche Geschehen hätten. Im Gegenteil, diese würden das Beschäftigungsniveau sogar steigern. Dabei berufen sich die Befürworter der Initiative auf eine von den Ökonomen David Card und Alan Krueger im Jahr 1994 veröffentlichte Studie, die jedoch wegen ihrer schlechten Datenbasis bereits mehrmals für fehlerhaft erklärt wurde (siehe Kommentar am Ende des Artikels).
Unterzieht man Interventionen in das Marktgeschehen, wie Mindestlöhne sie darstellen, einer logisch-deduktiven Analyse, wird klar, dass diese immer negative Effekte auf die Wirtschaft haben. Hätten Mindestlöhne keine negativen Folgen, wie von den Befürwortern propagiert wird, warum agieren diese derart knauserig und befürworten nur 22 Franken pro Stunde? Warum nicht 30, 50 oder 100 Franken pro Stunde? Den Geringverdienenden und anderen die man vorgibt zu schützen, wären mit 100 Franken bestimmt besser geholfen. Auch steigern Mindestlöhne angeblich das Beschäftigungsniveau – so die Befürworter. Daher lässt sich ableiten: Je höher der Mindestlohn, desto weniger Arbeitslose. Hundert Franken pro Stunde sollten daher zu einem besseren Beschäftigungsniveau (wenn nicht zur Vollbeschäftigung) führen als 22 Franken pro Stunde. Jeder Leser, auch der Wirtschaftslaie, wird jedoch unweigerlich zugeben müssen, dass ein Mindestlohn in dieser Höhe nicht durchsetzbar wäre und dieser die Wirtschaft zerstöre. Warum ist das so? Weil es sich bei Löhnen, dem Preis der Arbeit, um einen Produktionsfaktor handelt, dessen Höhe nicht willkürlich von Unternehmern – und erst recht nicht von produktionsfernen Beamten – fixiert werden kann, da dieser wie jeder andere Produktionsfaktor dem Gesetz von Angebot und Nachfrage unterliegt. Löhne orientieren sich an der Produktivität respektive dem Wert, welche die Arbeiter mit ihrer Leistung dem Gesamtprodukt zufügen. In der Ökonomie spricht man in diesem Zusammenhang vom sogenannten Grenzprodukt der Arbeit. In einem freien Markt orientiert sich der Preis der Arbeit an der Höhe des jeweiligen Grenzproduktes.
Von den Befürwortern der Mindestlohninitiative wird jedoch argumentiert, dass der Marktmechanismus nicht selbständig für eine gerechte Verteilung der Löhne sorgen kann. Aus diesem Grund braucht es staatliche Interventionen, um als moderner Robin Hood zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern Gerechtigkeit herzustellen. Auch diese Argumentation hält einer Analyse nicht stand.
Gehen wir davon aus, dass Unternehmer A seine Mitarbeiter „ausbeutet“ und nur fünf Franken pro Stunde bezahlt, obwohl diese eine Produktivität von 20 Franken pro Stunde aufweisen. Er erwirtschaftet somit einen Gewinn von 15 Franken pro Personenstunde. Kann sich diese Situation am Markt behaupten? Nein! Der gewinnorientierte Unternehmer A wird versuchen, die Produktion zu erweitern und zusätzliche Arbeitskräfte nachfragen, um seinen Gewinn zu vervielfachen. Bestehende Konkurrenten werden ebenfalls versuchen mit diesen billigen Mitarbeitern die Produktion zu erweitern, um ähnliche Gewinne pro Mitarbeiterstunde zu erwirtschaften. Gleiches gilt für neue Unternehmer, die ebenso ihre Gewinnchance wittern und folglich in den Markt drängen. Um die verstärkte Nachfrage zu befriedigen und erfolgreich Mitarbeiter anzuwerben, müssen sich die Unternehmer im Wettbewerbsumfeld gegenseitig überbieten. Das heisst, um erfolgreich zu sein, muss Unternehmer B beispielsweise sechs Franken pro Stunde bieten. Unternehmer C acht, Unternehmer D neun, usw. Der Preis der Arbeit wird zwangsläufig in die Höhe getrieben. Die Tatsache, dass Arbeitskräfte stets auf der Suche nach einer besseren Entlohnung sind, wird diesen Trend zusätzlich verstärken. Dazu kommt noch ein weiterer Faktor, der häufig vergessen wird: Die verstärkte Kapitalnachfrage der erwähnten Unternehmer für den Ausbau ihrer Produktionsanlagen führt zu steigenden Kapitalkosten. Kapital wird im Vergleich zu Arbeit teurer. Kapitalintensive Unternehmungen werden vermehrt Kapital mit Arbeit substituieren, was einer zusätzlichen Nachfrage nach Arbeit entspricht und weiteren Aufwärtsdruck auf den Preis der Arbeit ausübt. Die Marktkräfte werden somit letzten Endes dafür sorgen, dass sich der Lohn in der Nähe der Produktivität einpendeln wird.
Wenn Mindestlöhne von der Regierung über der Produktivität festgesetzt werden, was immer der Fall ist, da der Markt von alleine für eine Entlohnung in der Höhe der Produktivität sorgt, erleiden die Unternehmer Verluste. Dem Zahlenbeispiel oben folgend werden Arbeiter mit einer Produktivität von 20 Franken pro Stunde dem Unternehmer Verluste bescheren, muss dieser doch den Arbeitern 22 Franken pro Stunde bezahlen. Unternehmer werden sich fortan für Arbeiter mit einer Produktivität über 22 Franken interessieren. Geringqualifizierten, Schwachen, körperlich Behinderten und sonstigen Arbeitern mit einer niedrigen Produktivität werden mit dem Gesetzesakt ihrer Wettbewerbsfähigkeit beraubt, da sie ihre Leistung nicht unter 22 Franken pro Stunde anbieten dürfen. Sie werden in die Arbeitslosigkeit oder Schwarzarbeit getrieben. Zusätzlich sinken die Kapitalkosten relativ zur Arbeit, da diese künstlich verteuert wurde. Arbeit wird mit Kapital substituiert, was zu weiteren Entlassungen oder Einstellungsstopps führt.
Mindestlöhne schützen nicht die Arbeiter, sondern bestrafen diese. Die Regierung kann per Dekret den Preis der Arbeit erhöhen, nicht aber die Produktivität, die für den Lohn massgebend ist. Die Behauptung, Mindestlöhne würden die Produktivität steigern, ist ebenso falsch. Träfe dies zu, müssten höhere Löhne nicht mit staatlicher Gewalt den gewinnorientierten Unternehmern aufgezwungen werden, da diese von sich aus ein Interesse an einer höheren Produktivität haben. Die Produktivität kann nur mittels Investitionen in verbesserte Technologien erhöht werden, was ein uneingeschränktes Funktionieren der Marktwirtschaft voraussetzt. Die Lösung ist somit nicht mehr, sondern weniger Staat! Sollte die Initiative dennoch angenommen werden, kennen wir bereits heute die Schuldigen für die fehlerhafte Ressourcenallokation: Die egoistischen Marktakteure, getrieben von ihrer kurzsichtigen Profitgier – genau wie vor 4000 Jahren.
Kommentar zur Studie von David Card und Alan Krueger über die Mindestlohnerhöhung
Die Ökonomen David Card und Alan Krueger haben die Auswirkungen einer Mindestlohnerhöhung im Bundestaat New Jersey von $4.25 auf $5.05 und im benachbarten Pennsylvania, wo der Mindestlohn nicht erhöht wurde, analysiert. In ihrer Analyse folgerten die beiden Ökonomen, dass die Erhöhung des Mindestlohnes von rund 20% keinerlei Auswirkungen auf die Beschäftigung in New Jersey hatte. Im Gegenteil, in Fastfood-Restaurants in New Jersey wurden mehr Arbeitskräfte eingestellt als in der Vergleichsregion Pennsylvania.
Das Employment Policies Institute (EPI) analysierte kurz nach Veröffentlichung der Studie deren Resultate und veröffentlichte ihre Befunde unter dem Titel The Crippling Flaws in the New Jersey Fast Food Study. Das EPI erhebt dabei besonders schwere Vorwürfe gegen die Art und Weise, wie die Datenerhebung der Studie durchgeführt wurde. Um die Auswirkungen der Mindestlohnerhöhung in den Fastfood-Restaurants zu analysieren, haben die beiden Ökonomen Telefoninterviews anfangs 1992 (vor Inkrafttreten der Mindestlohnerhöhung) und im November 1992 (wenige Monate nach Inkrafttreten der Mindestlohnerhöhung) mit den Managern und/oder deren Stellvertretern durchgeführt. Die Fragen orientierten sich hauptsächlich an den Arbeitnehmerleistungen und verschiedenen Produktpreisen. Nur eine (!) von 24 Fragen zielte auf die Auswirkungen der Mindestlohnerhöhung ab. Diese lautete wie folgt: Wie viele Vollzeit- und Teilzeitarbeiter sind in ihrem Restaurant, Manager und Stellvertreter ausgenommen, angestellt? Der Zeitraum (Mitarbeiter der aktuellen Schicht, des aktuellen Tages, oder doch eher der aktuellen Woche, vielleicht auch das Total aller Mitarbeiter – inklusive ferien- und krankheitsbedingten Abwesenden) wurde dabei nicht definiert. Das EPI analysierte weiter, dass aufgrund der hohen Mitarbeiterfluktuation im Fastfood-Bereich die Wahrscheinlichkeit sehr hoch sei, dass bei der zweiten Datenerhebung nicht mit dem gleichen Manager wie in der ersten Erhebung gesprochen wurde. Daher lässt sich daraus schliessen, dass der nicht definierte Zeitraum der Frage unterschiedlich interpretiert wurde, was zu unterschiedlichen Antworten führte. Da Manager in Fastfood-Restaurants nicht in eigenen Büros arbeiten, sondern im Tagesgeschäft (Küche und Kasse) mithelfen, kann zusätzlich davon ausgegangen werden, dass diese in der Hektik des Alltagsgeschäfts keine verlässlichen Angaben per Telefon machen konnten. Das EPI folgerte deshalb zu Recht, dass die Datenbasis der Studie derart schlecht sei, dass keine verlässlichen Schlussfolgerungen gezogen werden können.
Die Befunde des EPI wurden später unabhängig von David Neumark, Michigan State University, und William Wascher, Board of Governors of the Federal Reserve System, im Auftrag des National Bureau of Economic Research analysiert und bestätigt. Zusätzlich haben die beiden Herren die Auswirkungen der Mindestlohnerhöhung anhand Lohndaten, die verlässlicher als Telefoninterviews sind, untersucht. Der Befund: Das Beschäftigungsniveau ging um 4.6 Prozent zurück. Ihre Befunde veröffentlichten sie unter dem Titel The Effect of New Jersey’s Minimum Wage Increase on Fast-Food Employment: A Re-Evaluation Using Payroll Records, Working Paper No. 5224.