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Wie reagieren Affen auf Ungleichheit? Dieser Frage ging die Biopsychologin Sarah Brosnan in einem Experiment nach. Viele Forscher vor ihr hatten Primaten darauf trainiert, sich mit der Erfüllung einfacher Aufgaben Essen zu verdienen. Brosnan wollte wissen, was passieren würde, wenn sie einige Versuchsobjekte besser bezahlen würde als andere. In ihren Experimenten gab Brosnan Kapuzineraffen Kieselsteine. Die Affen lernten schnell, dass sie, wenn sie die Steine zurückgaben, ein Stück Gurke als Belohnung erhielten. Einigen der Tiere gab sie jedoch eine bessere Belohnung: eine süsse Traube. Als sie sahen, dass ihre Kollegen eine höhere Bezahlung für die gleiche Arbeit bekamen, schmollten einige Affen und weigerten sich, ihre Gurke zu essen. Andere brachen in Zorn aus und schmissen das Gemüse in Richtung der Forscherin.
Das Experiment wies darauf hin, dass Affen einen angeborenen Sinn für Fairness haben. Dadurch ermutigt, weitete Brosnan ihre Forschung auf Schimpansen und menschliche Kinder aus. Ihre Forschung zeigte, dass alle Primaten in irgendeiner Form moralische Werte haben.
Drei Wertesysteme
Doch woher kommen diese Werte? Viele Biologen und Psychologen vertreten die Ansicht, dass menschliche Werte Anpassungen seien, die sich entwickelt hätten und die die Chancen ihrer Träger erhöhten, ihre Gene weiterzugeben. Dies würde erklären, warum praktisch alle Menschen einen Sinn für richtig und falsch haben.
Dies erklärt allerdings nicht, warum wir Menschen so uneinig darüber sind, was konkret als richtig oder falsch betrachtet werden soll. Beispielsweise wird ein Ethnologe, der die Hadza im Norden Tansanias untersucht, feststellen, dass die Angehörigen dieses Volkes es für gut und richtig halten, dass sowohl Männer als auch Frauen um Sexualpartner buhlen. Reist er nur 100 Kilometer weiter und fragt die Nyamwezi, wird er die einhellige Meinung hören, dass dieses Verhalten alles andere als gut und richtig sei. Wie kann es solche Differenzen zwischen den Werten unterschiedlicher Kulturen geben, wenn sich diese Werte biologisch entwickelt haben? Haben die Ethnologen etwas übersehen? Oder die Primatologen?
Beide haben auf ihre Art recht. Bloss waren die Wissenschafter zu nahe an ihrem Forschungsobjekt und sahen vor lauter Bäumen den Wald nicht. Wir müssen uns wegbewegen von den Detailaspekten der Hadza und Nyamwezi oder anderer Kulturen – so weit weg, bis wir den ganzen Planeten über die gesamten 15 000 Jahre seit dem Ende der letzten Eiszeit sehen können. Dann verschmilzt das Chaos der Details zu drei grossen Wertesystemen, und die übergreifende Erklärung hinter diesen Systemen vereint nicht nur Philosophie mit Primatologie, sondern gibt uns auch Hinweise darauf, was uns im 21. Jahrhundert erwartet.
Alle sind Häuptlinge
Das erste der drei Systeme nenne ich «Wildbeuterwerte», weil es eng verknüpft ist mit den Gesellschaften, die sich vorwiegend durch Jagen und Sammeln versorgen. Über Hunderttausende von Jahren lebten alle Menschen der Welt auf diese Weise, heute ist es kaum einer in einer Million. Das ist ein Problem für die Forschung: Archäologen können keine Moral ausgraben; daher müssen sie das Wertesystem der Wildbeuter von den wenigen heutigen Beispielen ableiten. Immerhin: Wo sich prähistorische und moderne Wildbeuter vergleichen lassen, überwiegen die Ähnlichkeiten die Differenzen. Es scheint, dass sich viele Aspekte des Wildbeuterlebens seit der Eiszeit kaum verändert haben.
Jede Wildbeutergruppe ist besonders, aber praktisch alle sind sich darüber einig, dass eine faire Welt eine ist, in der alle mehr oder weniger gleichbehandelt werden. Niemand sollte reicher oder mächtiger sein als andere, und Frauen und Männer sollten mehr oder weniger die gleiche Freiheit haben, das zu tun, was sie als das Beste erachten. Wer gegen diese Werte verstösst, wird durch Spott, Ächtung oder sogar Gewalt in die Schranken verwiesen. Ein Angehöriger der !Kung in der Kalahari-Wüste antwortete dem Ethnologen Richard Lee auf die Frage nach Anführern: «Natürlich haben wir Häuptlinge! Wir sind sogar…