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Häufig hört man, früher seien alte Menschen in der Regel von ihren Kindern im Haushalt aufgenommen und versorgt worden – mit einem positiv gewerteten normativen Unterton. Aber entspricht das überhaupt den Tatsachen und den Bedürfnissen?
Ein zentrales Kennzeichen des west- und nordeuropäischen Familien- und Generationenmodells ist eine starke Betonung der Kernfamilie (Ehepaarbeziehung, Eltern-Kind-Beziehungen). Die horizontalen Verwandtschaftsbeziehungen sind gegenüber den vertikalen Generationenbeziehungen weniger bedeutsam und die Einbindung der Kernfamilie in umfassendere Clan- und Sippenstrukturen wurde früh aufgebrochen. Dementsprechend wurde es früh zur Norm, dass die einzelnen Familiengenerationen soweit als möglich selbständig haushalten. Mehrgenerationen-Haushaltungen waren deshalb außerhalb bäuerlicher Kreise selbst in der vorindustriellen Schweiz vergleichsweise selten. Ein gemeinsames Zusammenleben erwachsener Kinder und alter Eltern widerspiegelte in vorindustriellen Gesellschaften Westeuropas mehr eine wirtschaftliche Zwangsgemeinschaft, als dass sie idealisierten Bildern über das Leben alter Menschen im Schoss der Familie entsprochen hätte.
Wie häufig sind Mehrgenerationenhaushalte?
Mehrgenerationen-Haushalte waren somit auch in früheren Perioden in vielen Regionen der Schweiz relativ selten (wozu allerdings auch die geringe Lebenserwartung der älteren Menschen beitrug). In den letzten Jahrzehnten sank der Anteil von Mehrgenerationenhaushalten trotz gestiegener gemeinsamer Lebensspanne der Generationen weiter. Der Anteil von 80-jährigen und älteren Personen, die mit erwachsenen Kindern leben, liegt aktuell bei 6 % bis 7 %. Entsprechend der geringen Verbreitung intergenerationellem Zusammenwohnen ist auch die Häufigkeit von Dreigenerationenhaushaltungen in der Schweiz gering. So leben nur zwischen 2 % bis 3 % der Grosseltern mit Enkelkindern zusammen im gleichen Haushalt.
Intimität auf Abstand
Häufiger als ein gemeinsames intergenerationelles Haushalten im Alter ist intergenerationelles Wohnen im gleichen Haus, aber getrennten Haushalten. Familiale Generationenbeziehungen und intergenerationelle Unterstützungsleistungen zwischen Jung und Alt vollziehen sich gegenwärtig weitgehend multilokal. So haben erwachsene Kinder und ihre Eltern oft enge Beziehungen, aber jede Generation verfügt in der Regel über ihren eigenen privaten Haushalt. Diese Form von ‚Intimität auf Abstand‘ entspricht weitgehend den Wünschen und Bedürfnissen jüngerer wie älterer Familienmitglieder. Der Familien- und Generationensurvey 2018 bestätigt, dass zwar intergenerationelle Solidarität mehrheitlich unterstützt wird, dass aber nur eine Minderheit (28 %) der Befragten der Ansicht ist, dass erwachsene Kinder ihre Eltern bei sich aufnehmen sollten, wenn diese nicht mehr in der Lage sind, alleine zu leben.
Quellen
- Bundesamt für Statistik (2018). Erhebung zu Familien und Generationen 2018. Erste Ergebnisse, Neuchâtel.
- Höpflinger, François (2020). Bevölkerungswandel Schweiz. Soziodemografische und familiendemografische Entwicklungen im Langzeitvergleich, Stallikon: Käser Druck (Online-Version: via www.hoepflinger.com).
- Isengard, Bettina (2018). Nähe oder Distanz? Verbundenheit von Familiengenerationen in Europa, Leverkusen: Budrich Academic.