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Die Schweizer Sportkultur pflegt wie keine andere die «ehrenvolle Niederlage». Es ist das Erbe von «Marignano». Deshalb haben wir bis heute nur einen globalen Sporthelden: Roger Federer.
Immer dann, wenn unsere Mannschaften vor dem ganz grossen Triumph stehen, erleiden wir die «ehrenvolle» Niederlage. Im Fussball, im Eishockey. Die Geschichten über «ehrenvolle Niederlagen» füllen Bibliotheken. Sie beginnen mit dem verlorenen Fussball-Olympiafinal (0:3 gegen Uruguay) 1924 in Paris (das Turnier galt damals als inoffizielle WM) und enden mit dem gestrigen Ausscheiden gegen Polen.
Dazwischen liegen unzählige sportliche Dramen, ehrenvolles Scheitern in EM- und WM-Qualifikationen und an Titelturnieren. Manchmal überaus spektakulär (wie das 5:7 im WM-Viertelfinal von 1954 nach einer 3:0-Führung gegen Österreich), manchmal mit viel Pech (wie beim Ausscheiden gegen Argentinien bei der WM 2014) – doch am Ende steht stets die Niederlage. Selbst die Generation, die bei den Junioren U17-WM-Titel geholt hat, kann diese Kultur der «ehrenvollen Niederlagen» nicht verändern: Wir haben im Fussball bis heute, anders als beispielsweise Belgien, Polen, Uruguay, Mexiko, Kamerun, Nigeria, Kanada oder Dänemark, im Fussball nie ein Titelturnier (WM, EM, Olympia) gewonnen.
Wir haben auch im Eishockey nur bei einem ein einzigen Titelturnier triumphiert: 1926 die EM in Davos. Geprägt ist auch die Hockeygeschichte von grossen, ehrenvollen Niederlagen: vom 2:4 im entscheidenden Spiel der WM 1935 in Davos bis zur Finalniederlage (1:5) gegen Schweden 2013. Markus Somm liefert uns in seinem Buch «Marignano – die Geschichte einer Niederlage» Erkenntnisse für den Sport. «Marignano» – das Wort steht für die bitterste, aber eben auch ehrenvollste Niederlage der Eidgenossenschaft. So vernichtend die Niederlage war, so legendär der ehrenvolle, geordnete Rückzug, das Verlassen des Schlachtfeldes mit erhobenem Haupte.
«Marignano» 1515 war das Ende der schweizerischen Grossmachtpolitik. Kaum hatte der Traum von einer eidgenössischen Grossmacht Konturen angenommen, war er schon vorbei. Und so oft erleben wir das gleiche im Sport: Kaum hat der Traum vom ganz grossen Triumph Konturen angenommen, ist er schon vorbei. Wie soeben in Saint-Etienne gegen Polen. In den 1980er Jahren prägte die Fachzeitung «Sport» im Schweizer Fussball sogar der Begriff «eine Niederlage, die uns weiterbringt». Schöner kann das «Marignano-Syndrom» nicht in einem Satz zusammengefasst werden.
Hinter diesem ehrenvollen Scheitern steckt die erfolgreichste Sportnation der Welt, die vielfältigste nationale Sportkultur überhaupt. Kein anderes Land macht aus seinem sportlichen Potenzial so viel wie die Schweiz. Dieser Kleinstaat qualifiziert sich regelmässig für die grossen Titelturniere im Fussball, spielt im Eishockey auf Augenhöhe mit den Titanen und fordert in den Olympischen Sportarten die Besten der Welt heraus. Schweizer haben sogar die grossen Profiligen Amerikas (NHL, NBA) erobert.
Und obwohl es im eigenen Land keine Rennstrecken gibt, gibt es internationale erfolgreiche Motorsportler auf zwei und vier Rädern – soeben haben die Schweizer bei einem der prestigeträchtigsten Rennen der Welt (24 Stunden von Le Mans) das grosse Drama geschrieben. Eine Konzentration (fast) aller Energien in einen Sport, beispielsweise in den Fussball wie es so typisch ist für Deutschland, gibt es bei uns nicht. Diese Mobilisation aller Kräfte für ein einziges übergeordnetes Ziel ist dem eidgenössischen Wesen fremd und verschreckt uns eher. Die Schweiz hat keine Sportart, die alle und alles dominiert. Wenn für ein Land gilt, dass die Bäume nicht in den Himmel wachsen, dann für uns. Wir schauen schon dafür, dass sie rechtzeitig auf eine verträgliche Grösse zurechtgestutzt werden. Dafür sorgt schon unsere tief verwurzelte föderalistische Kultur.
So ist der grosse, finale Triumph wahrscheinlich nie machbar. Aber fast alle unsere Niederlagen sind, quer durch alle Sportarten, ehrenvoll und Schweizer Sporthelden verlassen erhobenen Hauptes die Arenen der Welt – wie einst die Eidgenossen in Marignano. Das ist ein Grund, stolz auf unseren Sport zu sein. Und selbst nach dem Scheitern gegen Polen kein Grund, um mit dem Sportschicksal zu hadern.
Bis heute hat nur ein einziger eidgenössischer Sportler das «Marignano-Syndrom» überwunden und feiert die grossen, finalen Triumphe. Bis heute hat nur ein einziger Schweizer Sportler die Welt erobert und ist ein König der Sportwelt geworden: Roger Federer. Bis heute der einzige Schweizer Sportler von globalem Format. Er ist die Ausnahme, die die «Marignano-Regel» bestätigt.