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Ich treffe Ma Jian in seinem Haus in einem Londoner Aussenquartier. Trostlos wirkt die Gegend mit den vielen identischen Häusern unter grauem Himmel. Nur schwer vorstellbar, dass sich ein Individualist wie Ma Jian an einem solchen Ort wohlfühlt.
Als ich ankomme, herrscht Hektik. Flora Drew ist nicht da, Ma Jians Ehefrau, Übersetzerin und Dolmetscherin. Stattdessen treffe ich zwei chinesische Freunde Ma Jians, ein Taxifahrer und ein Dichter, Exilanten wie er. Sie sollen das Interview dolmetschen, sprechen auch wunderbar Chinesisch. Aber kaum Englisch.
Vermeintliches Glück
Dann fangen wir an. Ich lege das Buch auf den Tisch und frage Ma Jian nach seinen Beweggründen. Er erzählt mir vom Schock, den er gehabt hatte, als Xi Jinping seine Idee des «Chinesischen Traums» verkündete und eine Vision formulierte, die eine gleichgeschaltete Gesellschaft vorsieht, ohne Reflektion und Vergangenheit, in der ein bisschen Wohlstand bezahlt wird mit allem, was eine zivilisierte Gesellschaft ausmacht: Freiheit, Demokratie, Individualität, selbstständiges Denken, Bildung, Wissen, Kultur. Das werde jetzt alles geopfert für die Vision eines vermeintlichen Glücks. Und das Volk läuft mit.
Ma Jian ist verzweifelt. Was soll ein verbotener Schriftsteller im Exil denn auch sonst sein als verzweifelt, so isoliert und einsam wie er ist?
Ma Jian spricht langsam. Erzählt mit auffallend schöner Stimme und intensivem Blick von China, von der Gehirnwäsche dort und der künstlichen Intelligenz, von den Menschenrechtsverletzungen und der Korruption und nicht zuletzt von Hongkong, wo angesichts chinesischer Weltherrschaftsfantasien nicht nur die eigene Freiheit verteidigt werde, sondern auch unsere.
Ein heisses Eisen
Anderthalb Stunden Material nehme ich mit an diesem Tag. Material, das lange niemand übersetzen will. Ich staune. Ist Ma Jian denn so ein heisses Eisen, dass sich niemand an eine Übersetzung wagt? Am Schluss hilft mir ein chinesischer Doktorand der Uni Zürich. Vermittelt von seiner Professorin Andrea Riemenschnitter.
Bei ihr sitze ich später im Büro. Ich möchte eine Einschätzung. Eine Gegenstimme. Ma Jian sei lange nicht in China gewesen, sagt die Professorin, da bekomme man halt nicht alles mit.
Ein wichtiger Schriftsteller
Natürlich sei er ein wichtiger chinesischer Schriftsteller, von den Emigranten sogar einer der wichtigsten. Aber nur schlecht sei er nicht, der «Chinesische Traum».
Wir einigen uns auf die Aussage, dass sich Xis Vision ans Volk wende. Die Intellektuellen hätten tatsächlich wenig zu lachen. Und das sei schon bedenklich angesichts des Umstandes, dass China kreative Leute so dringend brauche.
Im Zug nach Basel fallen mir die alten Diskussionen wieder ein. China, das Entwicklungsland. China, das Opfer. Die nötigen Anstrengungen. Der grosse Sprung nach vorne. Die Kulturrevolution. Alles wichtig, alles nötig für den Fortschritt. Die Toten? Schlimm, ja. Aber wo gehobelt wird, fallen Späne. Mir wird ein bisschen übel.
Welchen Platz einräumen?
Zuhause lege ich Ma Jians Buch auf den Tisch. Ich trete ans Büchergestell und suche einen Platz dafür. In dem Moment fällt mein Blick auf drei kleine Bändchen im obersten Regal, wo die ganz alten Sachen stehen.
Ich greife danach und halte drei Exemplare des roten Büchleins in der Hand. «Worte des Vorsitzenden Mao Zedong». Seit den späten 1970er-Jahren habe ich die. Ich nehme sie raus, stelle stattdessen Ma Jians Buch in die Lücke und gehe in den Keller. Dort lege ich die Bändchen in die grosse alte Kiste mit dem anderen Müll aus meiner Vergangenheit.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kontext, 10.2.2020, 9.00 Uhr