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«Als ich in mein Zimmer hinaufkam und das auf den See gehende Fester öffnete, wurde ich im ersten Augenblick von der Schönheit dieses Wassers, dieser Berge und dieses Himmels buchstäblich geblendet und erschüttert.» So beschreibt Leo N. Tolstoi seine Ankunft im Hotel Schweizerhof am 7. Juli 1857. Von der Schönheit der Stadt überwältigt, vom unmenschlichen Verhalten der Gäste erzürnt, verarbeitet Tolstoi die Erlebnisse unverzüglich in seinem sozialkritischen Reisebericht «Luzern». Was war vorgefallen?
Der russische Schriftsteller Lew Nikolajewitsch Graf Tolstoi, kurz Leo Tolstoi, weilte in Luzern, als das Reisen noch der europäischen Oberschicht vorbehalten war. Noch bevor Deutsche und Amerikaner zur grössten Touristengruppe in Luzern aufstiegen, dominierten Engländer das Strassenbild Luzerns in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Die Anfänge des touristischen Luzerns
Bevor die Tourismusbranche zum wichtigsten Wirtschaftszweig in Luzern wurde, prägte der Transitverkehr die Wirtschaft in der Stadt. Luzern war einerseits das Zentrum eines Agrarkantons und deshalb Marktplatz für die umliegenden ländlichen Gebiete. Andererseits lebte man in Luzern davon, Drehscheibe und Umschlagplatz von Transport und Handel über den Gotthardpass zu sein. Erstes Anzeichen für die zeitnahen Veränderungen war die Dampfschifffahrt. Seit der Jungfernfahrt der «Stadt Luzern» am 24. September 1837 war diese sowohl für den Waren- als auch den Personentransport ausgelegt.
Was die wohlhabenden Touristen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert nach Luzern zog, war nicht die Stadt, sondern die nahen Alpen. Im Zuge der Romantisierung verloren die Angehörigen der Oberklasse, besonders jene aus England, die Furcht vor der Schweizer Bergwelt, allen voran vor dem Pilatus. Bis 1830 hatte sich die Rigi bereits längst als Reiseziel für die Alpentouristen etabliert. Luzern hingegen gewann erst im zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts als Etappenort zum Reiseziel an Bedeutung.
Städtebauliche Entwicklung Luzerns
Anders als vermutet, hatten die Anfänge des Tourismus in Luzern keine direkten Auswirkungen auf die Stadtentwicklung in Luzern. Als Reaktion auf die neue wirtschaftliche Situation, die die Luzerner Hotelpioniere schon früh erkannten, wurden die bestehenden Hotelanlagen zunächst nur erneuert. Die frühen Touristen nutzten bei ihrem Aufenthalt also eine Infrastruktur, die auf Händler, fahrende Gesellen, Beamte und Pilger auf der Durchreise ausgerichtet war. Erst als die bestehenden Gasthäuser der zunehmenden Zahl der Touristen nicht mehr gewachsen waren, begann eine neue Ära der Stadtentwicklung.
So schossen ab den 1830er-Jahren auf dem rechten Seeufer, wo ehemals sumpfiges Gelände war, neue architektonische Meisterbauten aus dem Boden. Allen voran das Hotel Schweizerhof, welches im Jahr 1845 eröffnet wurde und das Wachstum der Stadt weiter vorantrieb. Dieser Prozess wurde auch als «Umbau der Stadt zur Attraktion» bezeichnet. An Attraktionen hat es Luzern zu Leo Tolstois Aufenthalts-Zeit definitiv nicht gemangelt.
Luzern zur Zeit von Leo Tolstoi
Auf seiner ersten Auslandreise traf Leo Tolstoi von Paris her kommend über die Schweizer Städte Genf, Lausanne und Bern Anfang Juli in Luzern ein.
Am Abend seiner Ankunft wandelt der fiktive Fürst Nechljudow aus Tolstois «Luzern», der Hauptfigur des späten Romans «Auferstehung», durch die Gassen der Altstadt. Dorthin verirrte sich sonst niemand von den gehobenen Touristen. Mitte des 19. Jahrhunderts diente die Altstadt mit ihren Türmen und Zinnen höchstens noch als malerischer Hintergrund auf den aufkommenden Postkarten.
Die ausländischen Gäste, vorwiegend Engländer, flanierten stattdessen lieber an der neuangelegten Promenade am Quai und genossen den malerischen Blick auf den See und die Alpen. Ab 1856 dank der neuartigen Gasbeleuchtung auch nachts. Gleichzeitig wurde der Schweizerhofquai zur Bühne des gesellschaftlichen Auftritts, besonders der internationalen Gäste. Genau mit diesen Gästen rechnet Tolstoi in seiner Novelle ab.
Von englischen Snobs und unfreundlichem Hotelpersonal
Als Erstes mokiert er sich über die steife Haltung der englischen Gäste im Hotel Schweizerhof. Die Engländer würden die strengen Anstandsregeln nicht aus Stolz einhalten, sondern aus «dem Mangel eines Bedürfnisses, sich einander zu nähern». In einer Tischgesellschaft in Paris ginge es hingegen ziemlich rege zu und her. «Wir gaben uns dort zwar etwas kokett, nicht sehr klug und würdevoll, aber immerhin menschlich.»
Menschlichkeit fehle den Engländern gänzlich, wie ein zweiter Vorfall zeigt, der den Zorn des Russen erregt: Dem Strassenmusiker, der vor dem Hotel Schweizerhof auftritt, schenken zwar viele englische Gäste ihre Aufmerksamkeit und erfreuen sich ob des schönen Gesangs, doch Geld spenden wollen sie hingegen nicht. Der Geiz der Gäste schlägt nach dem Ende der künstlerischen Darbietung in grausamen Hohn und Spott über den Strassenmusiker um. Dies veranlasst die Hauptfigur in «Luzern», dem niedergeschlagenen Sänger zu folgen und ihn zum Umtrunk im «besten Hotel der Stadt», dem Hotel Schweizerhof, einzuladen.
Dort kriegt auch das Hotelpersonal sein Fett weg. Tolstois Figur und der Schweizer Sänger werden zuerst von den Kellnern gar nicht beachtet und schliesslich in einen Nebensaal abgeschoben, der «die Schwemme für gewöhnliches Volk» war. Der aristokratische Tolstoi und der arme Sänger finden sich also im Saal für den Pöbel wieder. Aus Trotz wird der beste Champagner bestellt und nach einem hitzigen Argument mit dem Portier werden die beiden dennoch in den Hauptsaal gelassen. Dies sehr zum Schrecken zweier englischer Gäste, die den Saal unverzüglich verlassen.
Aufgelöste soziale Hierarchien?
Am Ende der Erzählung holt der Autor zu einem Rundumschlag auf das liberale und «zivilisierte» Europa aus. Die touristischen Anfänge Luzern waren also eine Zeit strikter sozialer Hierarchien, die in Tolstois Erzählung über den Strassenmusiker besonders schmerzlich sichtbar wurden.
Obwohl diese hierarchischen Barrieren im Hotel Schweizerhof heute weitgehend abgebaut wurden, werden Strassenmusiker und Bettler in Luzern weiter milde belächelt und der Münzregen bleibt nach wie vor aus. Seit Leo Tolstois Aufenthalt vor 162 Jahren hat sich vieles, aber noch weit nicht alles in Luzern verändert.