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Mein Nachbar, der Sektenführer
Der Glasmaler Johann von Brügge lebte ab 1544 im Spiesshof am Heuberg in Basel. Er war als grosszügig, angesehen und konnte sich aufgrund seines Vermögens ein sorgenloses Leben leisten. Bis er 1556 eines natürlichen Todes starb. In allen Ehren wurde Herr von Brügge zu Grabe begraben und Basel trauerte. Es ging dann eine ganz schöne Weile, doch die Wahrheit kam zu Tage: Johann von Brügge hatte ein Doppelleben geführt, hiess eigentlich David Joris und war ein gesuchter Sektenführer aus Belgien. Die «David-Joristen», ein besonders enthusiastischer Ableger der Täuferbewegung, machten sich mit allerlei Ketzerei einen Namen. Joris selbst musste die eine oder andere Auspeitschung auf dem Weg von Norddeutschland nach Basel hinnehmen, während er seine obskuren und mystizistischen Lehren von Polygamie und biblischem Buchstabenorakel verbreitete.
Sich selbst sah der Mann mit den zwei Gesichtern als Reinkarnation von König David und frönte einem Mystizismus, der nur einen Schluss zuliess: David Joris war ein Erzketzer, der Teufel an sich. Also grub man den Leichnahm drei Jahre nach seinem Tod aus und verbrannte ihn öffentlich. Das passte Joris, der sich doch in Basel selber nichts zu Schulden kommen liess, überhaupt nicht und er nahm Rache, indem sein Geist in Begleitung von zwei grossen schwarzen Doggen die Gegend des Spiesshofs am Heuberg heimzusuchen begann. Auch in Binningen, wo er immerhin das Holeeschloss erbaute, erschien sein Geist trotz Bannsprüchen immer wieder und schritt langsam sein Grundstück ab. Man sagt, der Spiesshof müsse noch heute gelegentlich mit Weihrauch ausgeräuchert werden, wenn das Knarren der Balken wiedermal zu laut werde. Gross stören dürfte dies niemand. Bis heute mag keiner im vornehmen Haus mehr nächtigen. Kein Scherz: Aus den Wohnräumen sind deshalb längst Büro geworden. Der Geist hat gewonnen und nachts Zeit um weiter zu spuken.
Höchstwerte auf der Schaurigkeitsskala: Der «weisse Tod» an der Hebelstrasse
Eine besonders schaurige Erscheinung soll bei Neumond an der Hebelstrasse zu sehen sein: Eine bleiche Gestalt starrt mit ihren hohlen Augen aus den Fensters des Markgräflerhofes und verkündet grosses Unheil. Man nennt sie den «weissen Tod» und soll noch heute aus einem düsteren Loch steigen. Berühmt ist sie deswegen, weil der Geist besonders furchterregend sei, mit hohlen, schwarzen Augen und einem Blick, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das nahe Blutspendezentrum wird daran wohl keine Freude haben.
Warum es dort geistert, ist unklar. Zwar wurde der Markgräflerhof 1807 von der Stadt erworben und ab 1842 vom Universitätsspital benutzt, was einen «weissen» Tod nahelegen würde, aber belegt ist so gut wie nichts ausser dem Starren und Unheilverkünden. Mit der Klinik hat es wohl wenig zu tun, im Markgräflerhof ist heute die Personalabteilung untergebracht. Ist der weisse Tod ein erboster Mitarbeiter von früher, ein verstorbener Arzt, dem Unrecht geschah? Und weshalb gibt es immer wieder Zeitgenossen, die Stein und Bein darauf schwören, die Erscheinung mit eigenen Augen gesehen zu haben?
Auch ein Geist kann eine Drama-Queen sein
Der «weisse Tod» hat am Claraplatz einen Gegenpart, nämlich «der Graue». Dieser Hausgeist aus dem 1951 abgerissenen Äbtischen Hof am Claraplatz war im Gegensatz zum namenlosen Spuk an der Hebelstrasse aber eine richtige Diva. Er tauchte immer mal wieder aus dem Nichts in den Schlafgemächern der Familie Schetty auf, am liebsten überraschte er die jungen Töchter des Seidenfärbers, liess sich aber ebenso rasch wieder verscheuchen. Ein markiger Bibelspruch reichte aus, um das in altfränkische Tracht gekleidete Gespenst loszuwerden. Dann aber liess der beleidigte Hausgeist seiner Wut freien Lauf und raubte mit lauten Kettenrasseln im Dachboden allen den Schlaf. Wer er war, ist wie beim «weissen Tod» auch beim «Grauen» nicht klar, seine Tracht lässt zumindest auf eine Spätbarocke Herkunft deuten. Seit dem Tod von Joseph Schetty soll der früher brave Basler selbst die Funktion des Hausgeistes übernommen haben.
Es wimmelt allerorten
Dies sind nur drei von vielen Geschichten, denn Basel ist an Geistern und Spukvolk nicht eben arm. Natürlich heisst das Totengässlein nicht umsonst so. Nachts soll dort gelegentlich eine Prozession von Skeletten zu beobachten sein.
Die früheren Hinrichtungsstätten und Friedhöfe der Stadt sind natürlich ein Garant für Geistergeschichten und alles, was mit dem Münster zu tun hat, endet irgendwann in einer solchen. Im Hof der Martinskirche steht nächtens der alte Torwächter, in der St. Johanns-Vorstadt soll aus einem Sodbrunnen Kindsgeschrei erklingen, irgendwo reitet ein Ritter umher und schwingt sein Schwert, ein kleiner Geisterhund erscheint und natürlich fehlt auch eine Geschichte von einer theatralischen Geisterdame im Umhang nicht.
Glücklicherweise sind die meisten Basler Erscheinungen harmlos, die richtig schweren Fälle von Poltergeistertum und rachsüchtigen Verbrechern bleiben uns erspart. Wenn Sie also beim nächtlichen Gang durch die Stadt eine verlorene Seele antreffen, grüssen Sie recht freundlich und reduzieren vielleicht Ihren Alkoholgenuss. Wenns daran nicht liegt, einfach vor Augen halten: Auch Geister waren doch bloss Menschen.