Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/228

«The ballad of Lucy Jordan» von Marianne Faithfull Songs und ihre Geschichten
Sie gehörte zu den It-Girls des Swinging London: Marianne Faithfull. Musikjournalist Urs Musfeld erzählt über das Leben und die Musik der britischen Sängerin und Schauspielerin.
Text: Urs Musfeld
Vor 53 Jahren prägte das Time Magazine den Begriff «London – The Swinging City»: ein Begriff, der Popgeschichte schrieb. Die Beatles und Rolling Stones, The Who und The Kinks brachten das Nachkriegs-Grossbritannien genauso durcheinander wie die geometrischen Kurzhaarfrisuren von Vidal Sassoon, Pop Art oder die Erfindung des Minirocks. Zu den weiblichen Stilikonen zählten die Models Twiggy, Veruschka, Anita Pallenberg und die Sängerin und Schauspielerin Marianne Faithfull.
Das Leben der heute 72-Jährigen ist eine Geschichte von Rock`n`Roll, Schicksalsschlägen, Rausch und Rebellion. Aber auch von Liebe und Leidenschaft für die Kunst. Als Kind eines britischen Armeeoffiziers und einer österreichischen Adligen träumte sie davon, eine Schauspielschule in Wien zu besuchen oder eines Tages in einer Oper von Mozart mitzusingen. Popsängerin wollte sie eigentlich nicht werden.
Ruhm und Erfolg kamen schnell. Ihre Karriere startete die damals 17-jährige Klosterschülerin 1964 mit dem grossen Hit «As tears go by», einer Komposition von Mick Jagger und Keith Richards, damals noch vorgetragen mit glasklarem, fast schon abwesend wirkendem Gesang. Mick und Marianne wurden zum glamourösen Vorzeigepaar der britischen Metropole. Es folgten ein weiterer Single-Hit («Come and stay with me») und fünf LPs.
1970 trennte sich Marianne Faithfull vom Frontmann der Rolling Stones. Langjährige, heftige Drogenabstürze mündeten bis in die Obdachlosigkeit und in einem Suizidversuch. Nach einem kurzen Lebenszeichen mit dem Album «Dreamin`My Dreams» (1976) erlebte sie 1979 mit «Broken English» ein überraschendes und prägendes Comeback: ein Selbstportrait einer Frau, die vom Leben gezeichnet ist, aber nicht gebrochen. Ein Album, das Marianne Faithfull – nach eigenen Angaben – das Leben rettete: «Da konnte ich zum ersten Mal ausdrücken, was ich wirklich dachte. Ich war ganz bei mir». Auch musikalisch ging sie neue Wege. Während die Vorgänger noch stark im Folk und Country lagen, klang «Broken English» vergleichsweise moderner, rockiger, angelehnt an New Wave und Disco-Pop. Geprägt wurde es aber hauptsächlich von der rauchigen, brüchigen und melancholisch angehauchten Stimme, die man nicht zuletzt dem exzessiven Lebensstil der Sängerin zuschrieb.
Glanzlicht (neben dem Titelstück) und konstanter Fixpunkt in ihrem Repertoire ist «The ballad of Lucy Jordan». Obwohl der Song im Original von der amerikanischen Band Dr. Hook & The Medicine Show (1974) stammt, gelingt Marianne Faithfull eine sehr persönliche und intime Interpretation. Erzählt wird die Geschichte einer Hausfrau aus gut situierten Verhältnissen, die mit 37 Jahren erkennt, dass ihr Leben in eine Sackgasse geraten ist, ihre Sehnsüchte und Hoffnungen auf der Strecke geblieben sind. Der Mann ist bei der Arbeit, die Kinder sind in der Schule. Sie kann wählen, ob sie jeden Tag damit verbringt, das Haus zu putzen oder die Blumen neu zu arrangieren oder nackt und schreiend durch die düsteren Strassen zu laufen. Aber niemals wird sie mit einem offen Sportwagen durch Paris fahren und den warmen Wind in ihren Haaren spüren. Am Ende steigt sie auf das Hausdach.
2007 erklärte Marianne Faithfull in einem Fernsehinterview, dass sie sich sofort mit dem Song identifizieren konnte, als sie ihn zum ersten Mal hörte. Weiter führte sie aus, dass manche Leute den Song falsch deuten und glauben, die Geschichte ende in einem Selbstmord. Tatsächlich steige Lucy Jordan auf das Dach, springe aber nicht, sondern werde von einem Pfleger an der Hand genommen, heruntergeführt, in einen weissen Krankenwagen gesetzt und in eine psychiatrische Klinik gefahren:
«On the rooftop where she climbed
When all laughter grew to loud
And she bowed and curtsied to the man
Who reached and offered her his hand
And he led her down to the long white car that waited past the crowd»
Geistig schon ganz in einer andern Welt durchlebt Lucy Jordan die Erfüllung ihres Traumes:
«At the age of thirty seven
She knew she’d found forever
As she rode along through Paris
With the warm wind in her hair»
(«Im Alter von 37 wusste sie:
Sie hatte die Ewigkeit gefunden
Während sie mit ihm durch Paris fuhr
Mit dem warmen Wind in ihren Haaren»)
Urs Musfeld alias MUSI
Urs Musfeld alias MUSI, Jahrgang 1952, war während 39 Jahren Musikredaktor bei Schweizer Radio SRF (DRS 2, DRS 3, DRS Virus und SRF 3) und dabei hauptsächlich für die Sendung «Sounds!» verantwortlich. Seine Neugier für Musik ausserhalb des Mainstreams ist auch nach Beendigung der Radio-Laufbahn nicht nur Beruf, sondern Berufung. Auf seiner Website «MUSI-C» gibt’s wöchentlich Musik entdecken ohne Scheuklappen zu entdecken: https://www.musi-c.ch/