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Seit dem Zweiten Weltkrieg unterstützt der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen / Flüchtlingshilfen (VSJF) jüdische Geflüchtete in der Schweiz. Das Archiv des VSJF befindet sich seit 1997 im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich (AfZ). Nach einem kurzen Abriss der Geschichte des VSJF wird der Bestand im AfZ vorgestellt. Abschliessend werden zwei miteinander verbundene Flüchtlingsschicksale vertieft angeschaut.
Die Geschichte des VSJF
Der VSIA, also der Verband Schweizerischer Israelitischer Armenpflegen, wurde in den 1920er Jahren als Dachverband der verschiedenen lokalen Armenfürsorgen im Sinne einer Zentralisierung gegründet. Der Verband kümmerte sich in der Zwischenkriegszeit in erster Linie um Mittellose, Durchreisende und Lungenkranke in Davos.
Ab 1933 wurde der VSIA zentrale Anlaufstelle für jüdische Flüchtlinge. 1943 wurde der VSIA umstrukturiert und umbenannt in Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen/Flüchtlingshilfen, den VSJF. Zwischen 1933 und 1945 betreute der Verband insgesamt ca. 23’000 Flüchtlinge, darunter (ab 1944/45) auch KZ-Überlebende aus Bergen-Belsen und Theresienstadt sowie Kinder und Jugendliche aus Buchenwald.[1]
Auch nach dem Zweiten Weltkrieg betreute der Verband hauptsächlich jüdische Geflüchtete, so beispielsweise in Zusammenhang mit vor dem Kommunismus Geflüchteten, oder heute Geflüchtete aus der Ukraine. Zur Hilfstätigkeit des VSJF berichtete 2022 das Schweizer Fernsehen:[2] So sind (Stand Mai 2022) etwa 300 ukrainische Jüdinnen und Juden in die Schweiz geflüchtet; die Solidarität innerhalb der schweizerisch-jüdischen Gemeinden sei gross.
Bei der Betreuung der Ukraine-Flüchtlinge durch den VSJF habe auf beiden Seiten ein Umdenken stattfinden müssen. Mit der Zeit habe sich die Situation der Geflüchteten verändert. Gabrielle Rosenstein, Präsidentin des VSJF, äussert sich dazu: «Auf die erste Phase, in der das Trauma der Flucht, der Schock und die Hoffnung auf ein baldiges Ende des Krieges im Vordergrund standen, folgt nun eine zweite Phase, in der sich die Menschen darauf einstellen müssten, zumindest vorläufig in der Schweiz zu bleiben. Die Wohnsituation, die oft knapp bemessenen Ressourcen und der neue Alltag müssten akzeptiert werden.»[3]
Diese Worte beschreiben auch sehr treffend die Situation der jüdischen Geflüchteten während des Zweiten Weltkriegs. Auf zwei von ihnen werden wir nach einigen Informationen zum VSJF-Archiv eingehen.
Der Bestand des VSJF im Archiv für Zeitgeschichte
Das Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich übernahm das Archiv der VSJF-Zentralstelle Zürich im Jahr 1997. Der Bestand umfasst über 200 Laufmeter Archivgut. Die Besonderheit dieses Bestandes sind die über 12’000 Personendossiers mit Angaben zu rund 20’000 Flüchtlingen. Diese Dossiers enthalten Informationen zu den vom VSJF betreuten Flüchtlingen, ihren Angehörigen und ihrer Flucht- bzw. Verfolgungsgeschichten. das AfZ hat eine Datenbank erstellt, die nach über 100 verschiedenen Kategorien durchsuchbar ist. Dies ermöglicht eine erleichterte Recherche, beispielsweise bei Anfragen zu Familienforschung, aber auch komplexe Abfragen, die vor allem für Forschende wichtig sind.
Aktuell arbeiten der VSJF und das AfZ in einem zweijährigen Kooperationsprojekt vertieft zusammen. Das VSJF-Memorial-Projekt bezweckt die Sicherung von Nachlässen von Überlebenden des Holocaust in der Schweiz, um diese im AfZ der Forschung und der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.
Die Lebensgeschichte von Erwin C. und seiner Schwester Rosmarie
Das VSJF-Flüchtlingsdossier von Erwin ist im Archiv für Zeitgeschichte zu finden und hat eine Laufzeit von 1943 bis 1965. Es umfasst knapp 500 Seiten. Daraus lassen sich die Lebensgeschichten von ihm und seiner Schwester rekonstruieren.[4]
Erwin wurde 1928 in Berlin geboren. Er hatte drei Schwestern. Sein Vater war Bankdirektor, seine Mutter verstarb bereits 1937. Ein Jahr später, im Oktober 1938, wurde Erwin in ein Waisenhaus in Berlin gegeben, wo er bis zum Sommer 1939 blieb, um dann – kurz vor Kriegsbeginn – gemeinsam mit seiner Schwester Rosemarie (Jahrgang 1925) nach Frankreich geschickt zu werden. In Frankreich wurden die beiden Kinder in verschiedenen Kinderheimen untergebracht.
Mit der Besetzung Frankreichs durch Nazi-Deutschland wurde es für die Geschwister dort zu gefährlich. Es ist nicht ganz klar, mit wessen Hilfe sie die Flucht in die Schweiz schafften, aber aus den Unterlagen geht hervor, dass Erwin und Rosmarie im September 1943 mit weiteren Kindern und Jugendlichen über die Schweizer Grenze kamen. Erwin war zu diesem Zeitpunkt 15 Jahre alt.
Sein Vater und seine zwei anderen Schwestern, Marianne mit Jahrgang 1931 und Hanna mit Jahrgang 1923 wurden 1942 aus Deutschland in den Osten deportiert und wahrscheinlich 1943 in Auschwitz ermordet.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten entwickelte sich Erwin, der nun Vollwaise war, in der Schweiz positiv: Er schloss eine Mechanikerlehre ab und trat seine erste richtige Arbeitsstelle an. Parallel dazu suchte der VSJF für ihn und Rosmarie eine Weiterwanderungsmöglichkeit, wie es von der Schweizer Regierung nach dem Zweiten Weltkrieg gefordert wurde.
Dann aber wurde Erwin straffällig. Im Kanton Zürich wurde er wegen Diebstahls eines Portemonnaies festgenommen. Durch seine Vorbestrafung war nun klar, dass er in der Schweiz keine Niederlassungserlaubnis mehr erhalten würde. Der VSJF beantragte für ihn ein Visum für Israel, und Erwin verliess 1953 die Schweiz, die ihm ein Zuhause geworden war.
Rosmarie hatte in der Zwischenzeit einen Schweizer geheiratet und erhielt dadurch die Schweizer Staatsbürgerschaft.
Auch wenn die Prognosen für Erwin positiv aussahen, verlief sein Leben weiter dramatisch. Auf einen Gefängnisaufenthalt folgten ein Überfall in Paris und ein Suizidversuch in Berlin. Der VSJF, der mit Erwin C. in Kontakt blieb, äusserte sich gegenüber einem Anwalt, der Rosmarie F. in Wiedergutmachungsangelegenheiten vertrat, verständnisvoll: «Es handelt sich bei [Erwin] um einen Menschen, der durch die schweren Erlebnisse in der Nazi-Zeit seelisch schwer geschädigt worden ist, denn er stand schon als kleines Kind allein da und wurde von einer Stelle zur andern geschoben.»[6]
Nur wenige Jahre später verstarb Erwin C. unerwartet bei einem Unfall.
Rosmarie F. hatte den Kontakt zu ihrem Bruder längst abgebrochen. Sie baute sich mit ihrem Mann ihr Leben in der Schweiz auf, hatte Kinder und lud den VSJF zur Bar Mitzwa ihres Sohnes Werner F. ein. Der VSJF schenkte ihm eine Kamera, er bedankte sich mit einer Karte und einem selbstgemalten Bild.
Durch das VSJF-Dossier zu Erwin C. lassen sich also zwei Biografien – durchaus mit Lücken und einigen Fragezeichen – über mehrere Jahrzehnte, vom Zweiten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre, rekonstruieren. Wir erhalten so Einblick in die Lebensgeschichten eines Geschwisterpaars, die sich in völlig unterschiedliche Richtungen entwickelt haben, aber auch in die Arbeit des Verbands Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen über mehrere Jahrzehnte.
Die Arbeit einer seriösen Historikerin würde nun in einem nächsten Schritt beinhalten, durch den Abgleich mit weiteren Quellen aus anderen Archiven sowie durch weitere Recherchen in Zeitungen usw. diese Lücken, soweit möglich, zu füllen. Grundsätzlich wird es aber immer kleinere oder grössere Lücken geben, die offen bleiben müssen.
Weiterführende Informationen:
- Gerson, Daniel und Hoerschelmann, Claudia: Der Verband Schweizerischer Jüdischer Fürsorgen/Flüchtlingshilfen (VSJF), in: Schweizerischer Israelitischer Gemeindebund: Jüdische Lebenswelt Schweiz, Zürich 2004, S. 56-71.
- Geschichte des VSJF auf der Website des VSJF: https://vsjf.ch/de/der-vjsf/geschichte/
- Häne, Barbara: «Ein Hilfswerk, das gewaltige Ausmasse angenommen hatte», Otto H. Heim und die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz 1935-1955, Zürich 2023.
- srf: Jüdische Solidarität. Juden in der Schweiz und in der Ukraine verbindet die Geschichte. 29.05.2022. Online unter: https://www.srf.ch/news/schweiz/juedische-solidaritaet-juden-in-der-schweiz-und-in-der-ukraine-verbindet-die-geschichte
[1] Vgl.: Bestandesgeschichte des VSJF, online unter: https://onlinearchives.ethz.ch/md/ac7f71b14cef4c9c9998aff7438b1974 [zuletzt eingesehen: 22.08.2023].
[2] srf: Jüdische Solidarität. Juden in der Schweiz und in der Ukraine verbindet die Geschichte. 29.05.2022. Online unter: https://www.srf.ch/news/schweiz/juedische-solidaritaet-juden-in-der-schweiz-und-in-der-ukraine-verbindet-die-geschichte
[3] Ebd.
[4] Vgl.: AfZ IB VSJF-Archiv / C.200.
[5] Vgl.: AfZ IB VSJF-Archiv / C.200.
[6] Brief vom VSJF an Dr. Simonsohn vom 19. September 1958, in: AfZ IB VSJF-Archiv / C.200, S. 479.