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Das Alter der Einschulung unserer Kinder wurde in den verschiedenen Staaten sehr unterschiedlich bestimmt. Unser nördliches Nachbarland Deutschland setzte lange auf 7 Jahre, in Frankreich werden die Kinder durch die «école matérnité» bereits mit 3 Jahren erfasst. Die Diskussion um das richtige Alter ist vermutlich so alt wie die Schule selbst. Die Befürworter der frühen Einschulung begründen ihre Position mit der Erwartung, dass Kinder aus sozial benachteiligten Schichten von einer frühen Einschulung profitierten. Damit werde – so der Diktus – ein wesentlicher Beitrag zur Chancengleichheit geleistet. Ausserdem entwickelten sich die Kinder – das sollen Ergebnisse der Hirnforschung zeigen – je jünger desto besser.
In der Schweiz schulte vor HarmoS nur der Kanton Tessin seine Kinder früher ein. Dort begann die Primarschule bereits mit 6 Jahren und auch den zweijährigen Kindergarten führte dieser Kanton schon lange vorher ein.
Geht es nach den Ergebnissen der umstrittenen PISA- und TIMMS-Studien, so darf der Bildungseffekt der früheren Einschulung bezweifelt werden.
Geht es nach den Ergebnissen der umstrittenen PISA- und TIMMS-Studien, so darf der Bildungseffekt der früheren Einschulung bezweifelt werden. Der Kanton Tessin schliesst bei den regelmässigen PISA-Erhebungen im interkantonalen Vergleich regelmässig sehr schlecht ab und La Grande République ist mittlerweile in den TIMMs-Studien auf den 35. Platz (noch hinter Albanien) abgerutscht. Ausserdem produziert wohl kaum ein Bildungssystem so viel Ungleichheit wie dasjenige von Frankreich.
Früh liegt im Trend
Trotz dieser Befunde ist der Trend europaweit eindeutig. Die Schüler sollen früher eingeschult werden. Früh scheint ein Zauberwort der allgemeinen Schuldebatte zu sein, wie auch die Einführung von Frühfranzösisch oder Frühenglisch belegt.
Mit der Annahme von HarmoS wurde interkantonal der 31. Juli ein einheitlicher Stichtag festgelegt. Alle Kinder, die bis dahin das vierte Altersjahr erreicht haben, müssen obligatorisch den Kindergarten besuchen, ihre Schullaufbahn beginnt.
Die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm stellte dazu richtigerweise fest: «Der Stichtag hat nichts mit der Entwicklung eines Kindes zu tun. Jedes Kind wächst und entwickelt sich in seinem eigenen Tempo, zwischen drei und fünf Jahren sind die Unterschiede enorm und können bei gleichaltrigen Volksschulkindern bis zu einem Jahr betragen.»
Deswegen gab es vor HarmoS in den meisten Kantonen pragmatische Lösungen für Kinder, welche als noch nicht schulreif erachtet wurden.
Skeptische Lehrkräfte
Viele Lehrkräfte sahen diese Vorverlegung des Schuleintritts und auch die Umwandlung des Kindergartens in eine schulische Institution skeptisch. Vor allem die Oberstufenlehrer fragten sich natürlich, was denn während der 8. und 9. Klasse geschieht, wenn die Kinder bis zu einem Jahr jünger sein und zudem noch eine länger strukturierte Schulzeit hinter sich haben würden.
Besonders drastisch wurde mir dies bewusst, als mich einer meiner Schüler in der 8. Klasse fragte, ob es normal sei, dass er mit 13 Jahren schon Bewerbungen schreiben müsse.
Besonders drastisch wurde mir dies bewusst, als mich einer meiner Schüler in der 8. Klasse fragte, ob es normal sei, dass er mit 13 Jahren schon Bewerbungen schreiben müsse. Für eine richtige Berufslaufbahn sind viele Schüler in der 8. Klasse zu jung und einfach nicht reif genug. Ich spreche hier bewusst von Schülern, weil es sich bei diesen «unreifen» Lernenden vor allem um Knaben handelt.
Fünf Jahre vor der HarmoS-Vereinbarung wurde uns von der bernischen Erziehungsdirektion ein Schreiben zugestellt, wonach es zu viele Jugendliche gebe, die ein 10. Schuljahr besuchen wollten. Wir wurden aufgefordert, vermehrt Anstrengungen zur Optimierung des Berufswahlunterrichts zu machen. Natürlich wurde diese Massnahme auch von Stellenschaffungen (Case-Management-Stellen) begleitet.
Ein typisches Merkmal moderner Reformpolitik, welche die langfristigen Konsequenzen zu wenig bedenkt und kaum auf die Praktiker hört.
Eigene Zielsetzung torpediert
Mit der Vorverlegung des Schuleintritts torpedierten die Behörden wieder einmal die eigenen Zielsetzungen. Denn nun steigen die Zahlen derjenigen SchülerInnen wieder, die sich für ein 10. Schuljahr entschliessen. Ein typisches Merkmal moderner Reformpolitik, welche die langfristigen Konsequenzen zu wenig bedenkt und kaum auf die Praktiker hört.
Mit der nun neusten Verfügung des Bundesamts für Berufsbildung, wonach es den Lehrbetrieben erlaubt sein soll, bereits Mitte der 8. Klasse Lehrlinge zu rekrutieren, wird der Unsinn der ganzen Reform noch offensichtlicher. Abgesehen davon, handelt es sich um einen offensichtlichen Diskriminierungsakt. Die fündigen Lehrbetriebe sichern sich die talentierten, reifen und von zu Hause unterstützten Jugendlichen. Wenn die anderen soweit sind, sind die attraktiven Lehrstellen bereits vergeben.
Ein pikantes Detail zum Schluss: Im Bieler Stadtrat wurde vor 6 Jahren das Polizeireglement diskutiert. Ich beantragte damals, den Passus, wonach unter 16-Jährige sich nach 22.00 Uhr nicht ohne Begleitung durch Erwachsene alleine auf der Strasse aufhalten dürften, zu streichen. Das wurde von der Ratslinken zuerst abgelehnt. Das Beispiel meines Ex-Schülers, eines 15-jährigen Kochlehrlings, der um 23.00 Uhr seinen Arbeitsplatz verlässt, um mit seinem Moped nach Hause zu fahren, belehrte sie eines Besseren.
Vielleicht müsste man auch die Artikel, welche die Kinderarbeit regeln, noch einmal überdenken.
Alain Pichard