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Tilo Hartman
Dem Hostile-Media-Effekt zufolge empfinden Rezipienten, die eine bestimmte Meinung zu einem konflikthaltigem Thema haben, die mediale Berichterstattung zu diesem Thema als tendenziell entgegengesetzt zu ihren eigenen Ansichten (Vallone, Ross & Lepper, 1985). So empfanden zum Beispiel in einer Studie von Vallone et al. (1985) pro-arabische amerikanische Studenten die Fernsehberichterstattung über das „Beirut-Massaker“ als anti-arabisch, während pro-israelisch eingestellte Studenten dieselbe Berichterstattung als anti-israelisch empfanden – und das, obwohl die Berichterstattung „objektiv“ betrachtet sehr ausgewogen war. Dieser Hostile-Media-Effekt wurde im Rahmen verschiedener Studien und Berichterstattungen bestätigt. Weitaus weniger bekannt ist jedoch bislang, welche Faktoren die Intensität des Hostile-Media Effekts beeinflussen. Der vorliegende Beitrag knüpft an jene Forschungslücke an.
Der Beitrag lehnt sich dabei an neuere Arbeiten an, die den Hostile-Media-Effekt als ein psychologisches Zwischengruppenphänomen im Rahmen der sozialen Identitätstheorie interpretieren (z. B. Matheson & Dursun, 2001). Dieser Perspektive nach werden Rezipienten, die sehr in einen Konflikt involviert sind, an ihre Gruppenzugehörigkeit erinnert, wenn der Konflikt in einem Medienbeitrag behandelt wird. In der Folge setzen motivationale Prozesse ein: die Rezipienten wollen ihre Eigengruppe in einem möglichst guten Licht sehen. Ausgewogene Medienbeiträge beinhalten jedoch stets auch Argumente, die gegen die Eigengruppe sprechen. Diese bedrohen also den positiven Stand der Eigengruppe. In der Folge stehen die Rezipienten dem Bericht feindselig gegenüber und tendieren dazu, diesen als verzerrte Darstellung abzuwerten.
Der vorliegende Beitrag prüft auf dieser Logik aufbauend die Hypothese, dass die Intensität des Hostile-Media-Effekts auch davon abhängt, welchen Status eine Rezipient seiner Eigengruppe in der Gesellschaft zuschreibt. Rezipienten, die ihrer Eigengruppe einen niedrigen Status in der Gesellschaft zuschreiben (und deren positiver Stand somit bereits „bedroht“ ist) dürften intensivere Hostile-Media-Effekte aufweisen als Rezipienten, die ihrer Eigengruppe einen hohen Status zuschreiben (und welche somit einen „Buffer“ besitzen, der die Bedrohung durch einen Artikel abfedern mag).
Diese Hypothese wurde in einem 2 (Eigengruppe: Pro vs. Contra Abtreibung) x 2 (Eigengruppen-Status: hoch vs. niedrig) Experiment mit 206 Probanden im Rahmen der Kontroverse um Abtreibungen untersucht. Der Eigengruppen-Status wurde im Experiment erfolgreich manipuliert. Die Probanden bekamen einen ausgewogenen Zeitungsbericht über die Abtreibungsdebatte vorgelegt und wurden dann nach der wahrgenommenen Tendenz des Artikels befragt. Die Ergebnisse einer Varianzanalyse zeigen, dass Vertreter beider Lager den Zeitungstext als in die gegnerische Richtung verzerrt wahrnahmen. Einem Moderationseffekt entsprechend war dieses jedoch insbesondere bei Rezipienten der Fall, die infolge der experimentellen Manipulation ihrer Eigengruppe einen niedrigen Status unterstellten. Damit bestätigen die Ergebnisse die Hypothese und erweitern somit das Wissen um Faktoren, die den Hostile-Media-Effekt beeinflussen.