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| Tertullian († um 220)

Über das Gebet
(De oratione)
1. Kap. Die Gebetsweise des Christentums entspricht dem Wesen seines Stifters und dem Charakter des Evangeliums.
[S. 248] Als Gottes Geist und Gottes Wort und Gedanke Gottes hat er, das Wort des Gedankens und der Gedanke des Wortes und Geistes1, - und beides ist ja Jesus Christus, unser Herr - uns, den Jüngern des neuen Bundes, auch eine neue Gebetsform vorgeschrieben. Er mußte nämlich auch in dieser Hinsicht den neuen Wein in neuen Schläuchen verwahren und einen neuen Flicken auf das neue Kleid setzen. Im übrigen aber ist das Frühere entweder gänzlich abgeschafft worden, wie die Beschneidung, oder ergänzt, wie das sonstige Gesetz, oder erfüllt, wie die Weissagung, oder zur Vollendung gebracht, wie der Glaube selbst. Alles hat die neue Gnade Gottes aus dem fleischlichen Stande zum geistigen erneuert durch Hinzufügung des Evangeliums, welches das gesamte frühere Altertum abschließt, in welchem sich unser Herr Jesus Christus als der Geist Gottes und als das Wort Gottes und als die Vernunft Gottes bewährte, als der Geist Gottes dadurch, daß er stark war; als das Wort Gottes dadurch, daß er lehrte; als die Vernunft Gottes dadurch, daß er kam. So besteht denn auch die von Christus angeordnete Art zu beten aus drei Dingen: aus dem Worte, weil es ausgesprochen wird, aus dem Geiste, wodurch es so viel Kraft hat, und aus dem Gedanken, womit es gelehrt wird.
[S. 249] Wohl hatte auch Johannes seine Schüler beten gelehrt; aber alles Tun des Johannes arbeitete nur Christo vor, bis daß mit dessen Wachstume - nach der Weissagung eben desselben Johannes2 "mußte er abnehmen, jener aber wachsen", - das ganze Werk des Vorläufers und Dieners mit dem Geiste selbst auf den Herrn überging. Mit welchen Worten Johannes sie beten lehrte, ist darum nicht aufbewahrt, weil sich das Irdische vor dem Himmlischen zurückgezogen hat. Wer von der Erde ist, heißt es, redet Irdisches, und wer vom Himmel ist, der sagt, was er gesehen hat3. Und was von dem, was Christi, des Herrn ist, wäre nicht himmlisch? So auch die Anweisung zum Gebet.
Laßt uns also, ihr Gesegneten, seine himmlische Weisheit betrachten, erstlich auf Grund des Gebotes, im geheimen zu beten. Damit fordert er vom Menschen den Glauben daran, daß Auge und Ohr des allmächtigen Gottes auch im geheimen und verborgenen zugegen sei, und damit wünscht er auch jene Eingezogenheit des Glaubens, kraft deren man ihm allein seine Huldigung darbringt, obwohl man glaubt, daß er überall sieht und hört. Auf den Glauben und die Bescheidenheit im Glauben bezieht sich auch die folgende Weisheitsäußerung in der Vorschrift, wir sollen nicht glauben, uns mit einem Wortschwall dem nahen zu müssen, der, wie wir gewiß wissen, für die Seinigen im voraus sorgt. Und doch ist auch - was den dritten Grad der Weisheit bildet - selbst diese Kürze auf einen Vorrat von tiefen und nützlichen Auslegungen basiert und greift dem Inhalt nach um so weiter, je knapper die Worte sind. Denn sie umfaßt nicht bloß das dem Gebete wesentlich Eigene, d. i. Verehrung gegen Gott und Bitten seitens des Menschen, sondern fast das ganze Wort Gottes, den ganzen Inhalt der Sittenlehre, so daß in dem Gebete wirklich ein kurzer Inbegriff des ganzen Evangeliums enthalten ist.
1: Wenn Tertullian den Sohn Gottes hier und sonst auch Spiritus Dei nennt, so tut er es nur, um dessen Wesenheit zu beschreiben, ohne ihn mit der dritten Person, welche diesen Namen eigentlich trägt, identifizieren zu wollen. Ferner faltet Tertullian das Wort Logos in seinen beiden Bedeutungen auseinander; es bedeutet nämlich griechisch sowohl Wort als Gedanke. Daher nennt er den Logos sermo, Wort, und ratio, Gedanke, intellectus oder νοῦς Gottes. Vgl. dazu Adv. Hermog. C. 18 u. 45. Apol. C. 17 u. 23 De carne Chr. 19.
2: Joh. 3,30.
3: Joh. 3,31.