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schaffen könne. Ich bin sogar der Anschauung, daß Höheres geleistet wurde und wird. Dies hindert aber gar nicht, den Leistungen der griechischen Meister volle Bewunderung zu zollen. Die innige Verbindung, in welcher die Bildnerei mit der Baukunst stand, zeigt sich auch darin, daß vielfach die Bildhauer auch als Baumeister auftraten. Wir begegnen dieser Erscheinung, daß große Künstler sich nicht einseitig auf ein Kunstgebiet beschränken, sondern mehrere beherrschen, auch im Mittelalter, sowie in der neuesten Zeit.
Die Bildnerei des ersten Zeitraums. Wie die Anfänge der eigentlich griechischen Baukunst in Dunkel gehüllt sind und die ältesten dorischen Tempel schon eine fertige Entwicklung erkennen lassen, so ist dies auch bei der Bildnerei der Fall. Zwischen den Bildwerken der mykenischen Zeit und jenen des 7. Jahrhunderts v. Chr. fehlt ein erkennbarer Zusammenhang, die Zwischenstufen der Entwicklung sind uns unbekannt. Aus dem genannten Jahrhundert stammen die ältesten Ueberreste und diese lassen bereits eine ziemlich hohe Fertigkeit erkennen.
Entwicklung. Sie weisen auch darauf hin, daß die Bildhauerkunst von der Holzbildnerei ihren Ausgang nahm, denn die ganzen Formen der Steinbilder lassen deutlich ersehen, daß aus Holz geschnitzte Vorbilder nachgeahmt wurden. Daß auch für die Bildnerei die Religion den Anstoß zur Entwicklung gab, ist gewissermaßen selbstverständlich. Die älteste Zeit kannte allerdings keine Götterbilder; im Heiligtum des Tempels stand nur der «Thron» für die unsichtbare Gottheit, vor dem man die Opfergaben niederlegte.
Es waren auch nicht Götterbilder, welche zuerst in den Tempeln auftraten, sondern vielmehr Standbilder von Menschen, - vielleicht zunächst Bildnisse von Verstorbenen -, die als Weihegeschenke gestiftet wurden. Der Gläubige brachte sein oder seines verstorbenen Angehörigen Ebenbild im Tempel unter, wohl in der Anschauung, dadurch der Gottheit näher gerückt zu werden. Erst später stellte man auch die Gottheit in einem Bilde dar, und in der Zelle des Tempels wurde der Thron durch das Standbild ersetzt. Das geschah aber, nachdem die Kunst bereits vorgeschritten war.
In das 6. Jahrhundert fielen einige wichtige Erfindungen - das Löten des Eisens, der Erzguß in Hohlform - oder vielleicht richtiger gesagt, wurden diese Fertigkeiten auf griechischem
^[Abb.: Fig. 102. Diskoswerfer des Myron.
Marmornachbildung. Rom, Palazzo Lanzellotti.] ¶
Boden eingebürgert, nachdem man sie im Osten kennen gelernt hatte. Diese wurden auch für die Bildnerei unmittelbar fruchtbar, wichtiger ist aber wohl, daß in dieser Zeit überhaupt alle Handfertigkeiten nachdrücklich ausgebildet und so bessere Vorbedingungen für die wirkliche Kunstübung geschaffen wurden, die sich nun rasch entfaltete.
Aelteste Stätten. Kleinasien und die Inseln sind auch die ältesten Stätten der Bildnerei; es mag hier bemerkt werden, daß auf der Insel Delos das alte Hauptheiligtum für den ganzen jonischen Stamm sich befand. Auf den Inseln Delos, Samos, Chios, Naxos - diese wird vielfach als die erste Hauptstätte der Steinbildnerei angesehen - fand man in der That die frühesten Standbilder als Weihegeschenke. Dann erscheint Milet, diese reichste kleinasiatische Stadt, als eine Pflegestätte der Bildnerei; die «heilige» Straße, die vom Hafen zum Apolloheiligtum führte, war mit Standbildern geschmückt, die jedenfalls auch als Weihegeschenke im obenerwähnten Sinne aufzufassen sind. In Sicilien und Unteritalien entwickelt sich gleichfalls die Bildnerei, und zwar ziemlich selbständig, so daß man von einer eigenen «Schule» sprechen kann.
Eigenart der Werke des ersten Zeitraums. Was nun die Werke dieser ältesten Zeit (7. und 6. Jahrhundert v. Chr.) anbelangt, so kommen neben freien Standbildern hauptsächlich die Flachbildwerke in Betracht, welche zum Schmuck der Giebelflächen und Metopen dienten. Bei diesen sind die Figuren sehr voll heraus gearbeitet, so daß sie nahezu wie Freifiguren erscheinen; sie treten aber nie aus der Plattenfläche heraus, sondern sind nur stark eingetieft. (Die Füße sind daher auch dann in der Seitenstellung, wenn der Oberkörper nach vorn gewendet ist.)
Die scharfe Beobachtungsgabe, welche die Griechen auszeichnet, giebt sich schon hier in manchen Einzelheiten - z. B. die Anordnung der Haare entsprechend der Bewegung - kund, freilich auch noch eine gewisse Unbeholfenheit im Ausdruck der Bewegungen; so wird das Laufen durch eine dem Knieen ähnliche Stellung gekennzeichnet. Die Gestalten haben etwas Gedrungenes, Massiges, dem Antlitz fehlt die Beseelung, es zeigt noch leblose Erstarrung.
Das Verhältnis der einzelnen Körperteile zu einander ist richtig aufgefaßt, die Formen sind allerdings noch nicht durchgebildet, das hauptsächlich Bezeichnende wird oft zu stark betont. Dies gilt auch von den Tiergestalten, die Gesamterscheinung ist stets gut gekennzeichnet und in den Einzelheiten wird ersichtlich Naturtreue angestrebt.
Als eine besondere Eigenheit, welche auch in der Folgezeit beibehalten wird, erscheint die gleiche Kopfhöhe aller Figuren (Isokephalismus), richtiger gesagt, die Köpfe reichen sämtlich bis zu einer geraden Linie, welche genau parallel der Randlinie der Fläche ist.
^[Abb.: Fig. 103. Marsyas des Myron.
Marmornachbildung, die Arme falsch ergänzt. Rom, Lateran.] ¶