Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03268.jsonl.gz/2338

Kommt ein Walliser Club nach 32 Jahren Abwesenheit in die National League zurück? - Neue Aussichten im Wallis dank Chris McSorley.
Im Jahr 1991 verabschiedete sich der aktuelle Swiss League Verein HC Sierre zum letzten Mal aus der obersten Spielklasse, wo er mit Unterbrüchen insgesamt 15 Saisons spielte, dabei einmal Vizemeister wurde (1978/79). Der zweite Vertreter aus der SL, der EHC Visp, war sogar noch erfolgreicher, mit einem NLA-Meistertitel 1971/72 und vier Vizemeistertiteln. Auch der HC Villars, derzeitiger Tabellenführer der 2. Liga, wurde 1963 und 64 zweimal Meister. Das Wallis kann also durchaus eine bewegte NLA-Geschichte vorweisen.
Das Projekt
In der Zwischenzeit wagt man im Rhonetal schon wieder ein wenig von der National League zu träumen. Genauer gesagt, in Sierre. Im Oktober 2021 unterzeichneten die Sierre-Valais Sport Gesellschaft, eine Schweizer Investoren-Gruppe unter dem Vorsitz von Chris McSorley, die Stadt Sierre und der HC Sierre eine Absichtserklärung zur Planung, Finanzierung und Konstruktion einer neuen Sportarena mit 7000 Sitzplätzen, einem zweiten Eisfeld, Restaurant, Club-Büros und Verkaufsbereichen im Condémines-Distrikt in Siders. Die Gesamtsumme dieses ambitionierten Bauprojekts wird mit 80 Millionen budgetiert.
In einer zweiten Absichtserklärung mit der HC Sierre AG formulierten die Investoren gleichzeitig den Ausbau ihres Engagements und die Unterstützung für den Club mit dem optimistischen Ziel, die Eröffnung der neuen, komfortablen Infrastruktur mit einem Spiel in der National League zu feiern. Ursprünglich sollte der Bau 2024 abgeschlossen sein, in der Zwischenzeit haben sich die Pläne aufgrund von Kosten- und Landnutzungsfragen für die Arena bereits verzögert und weder der Vertrag für das Stadion noch der Verpflichtungskredit konnten dem Stadtrat vorgelegt werden.
Absichtserklärung zur Planung, Finanzierung und Konstruktion einer neuen Sportarena mit 7000 Sitzplätzen (HC Sierre SA / hcsierre.ch)
Die Fragezeichen
Und hier stellen sich die ersten Fragen: kann ein solches Projekt über die eigene Fankultur in Siders, welche mit Enthusiasmus und Dynamik ihr Team anfeuert, hinausgetragen werden? Wird man auch ein überregionales Publikum ansprechen und genauso begeistern können, in einem Kanton, in dem eine überaus vielfältige Kultur mit ausgeprägt lokalen Eigenständig- und Befindlichkeiten überwiegt?
Denn lediglich 30 Kilometer talaufwärts spielt der EHC Visp in der modernen, 2019 erbauten Lonza-Arena vor über 2`600 Zuschauern im Schnitt. Und nur 45 Kilometer westwärts findet sich mit Martigny ein ebenfalls ambitionierter Club, der zwar zurzeit in der MyHockey-Leage spielt, aber auch schon mehrmals in der Nationalliga B vertreten war. Diese lokale Konkurrenz ist eine ebenso grosse Herausforderung wie allfällige Aufstiegsspiele gegen ein Playout-Team aus der NL.
Zu erwähnen sei noch, dass Siders, die Stadt mit der höchsten Sonnenbestrahlung der Schweiz (daher „La Cité du Soleil“ genannt) und aktuell 17`000 Einwohnern, in dieser Saison im Schnitt knapp 2300 Zuschauer ins Stadion lockte; weniger als in der halb so grossen Kleinstadt Visp.
Zudem ist der HC Sierre erst wieder seit der Saison 2019/20 in die Swiss League zurückgekehrt, nachdem man 2013 nach einem Konkurs in der dritten Liga einen Neustart begann. Die eben erst abgeschlossene Qualifikationsrunde beendete man auf dem letzten Playoff-Platz und muss im Viertelfinal somit gegen den Leader HC La Chaux-de-Fonds antreten. Auch wenn man sich jetzt grosse Hoffnungen für einen überregionalen Aufschwung macht, gilt es zu berücksichtigen, dass eine Absichtserklärung noch kein bindender Vertrag ist und auch die restliche Finanzierung noch nicht gesichert ist, denn der Investorenanteil beträgt 60 Millionen. Der Rest soll aus der öffentlichen Hand einfliessen: Die Stadt plant, sich mit 15 und der Kanton mit 5 Millionen zu beteiligen.
Darüber, wie man die 7000 Plätze bei den Hockeyspielen füllen will, haben sich die Verantwortlichen noch nicht geäussert, aber die Teilnahme an der höchsten Liga allein wird kaum ein ausverkauftes Stadion garantieren. Zum Vergleich, hier die Kapazitäten einiger aktuellen NL-Stadien: die Gottardo-Arena (Ambri), die Tissot-Arena (Biel), die SKB-Arena (Rapperswil), die Ilfishalle (Langnau) und das Eisstadion in Davos bieten alle weniger als 7000 Plätze.
Die Grabenhalle in Siders (HC Sierre SA / hcsierre.ch)
Die Risiken
Die Ambitionen sind daher unabdingbar mit der sportlichen Entwicklung der Mannschaft verknüpft. Nachdem sich die Verfahren schon jetzt verzögert haben, sei die Frage erlaubt, ob es finanziell zu stemmen ist, das Team schon jetzt Schritt für Schritt aufzurüsten, um für die Stadioneinweihung, wann immer das sein wird, NL-konkurrenzfähig zu sein? Damit in der baufälligen Grabenhalle bis zu diesem Zeitpunkt weiterhin Spiele durchgeführt werden können, muss sehr bald in Sicherheit und Technik investiert sowie die Vorschriften des Verbandes dringend angepasst werden. Das sind à fonds perdu-Einlagen, falls der Verein schon in wenigen Jahren in eine neue Halle umzieht.
Ein weiteres Risiko könnte allenfalls der Verlust der Aktienmehrheit von Stadion und Club sein. Zwar sprach man zu Beginn von einem Drittel des Aktienerwerbs, eine Zahl, die sich gemäss Angaben der Beteiligten und je nach Ausbau der Vorbereitungsarbeiten jedoch stufenweise steigern könnte. Und wie stark wird der Einfluss von Chris McSorley sein, der in Genf Ausserordentliches geleistet hat? Genf ist nicht das Wallis.
Als weitere Herausforderung stehen noch komplexe politisch-öffentliche Diskussionen betreffend der Rentabilität über eine noch festzulegende Immobilienkomponente innerhalb des Projekts bevor, welche zusätzliche Wohn- und Gewerbeflächen umfassen soll. Ein auf letztes Jahr terminierter Vorvertrag wurde bis heute noch nicht unterzeichnet.
Das sind Themen, die die Mannschaft des HC Sierre zurzeit nicht in erster Linie kümmert, denn in der Swiss League starten die Playoffs und mit dem HC La Chaux-de-Fonds steht ein schwieriger Widersacher gegenüber, der fast doppelt so viele Punkte gesammelt hat und über die gesamte Qualifikation nur 9 Spiele verloren hat. Trotzdem werden die leidenschaftlichen Fans in Siders auch in diesem Jahr die altehrwürdige Grabenhalle rocken und erzittern lassen, Zukunftsprojekte hin oder her. Und sie wird auch das noch überleben.