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Vortrag von Jo Lang zum Thema Nahrungsmittel-Spekulation
Zug ist hinter Genf der zweitgrösste Lebensmittel-Handels-Platz der Schweiz. Ich werde drei Beispiele vorstellen: eines, von dem man meint, genug zu wissen, eines, das völlig unbekannt ist und zum Schluss etwas, das viele überraschen dürfte.
Glencore – zweitgrösster Agrar-Trader Europas
Das erste Beispiel heisst Glencore: Über die Metall-Tätigkeiten dieses Konzerns weiss man recht viel. Was aber zu häufig untergeht, sind ihre Geschäfte mit Nahrungsmitteln und Agrotreibstoffen. Glencore ist Europas zweitgrösster Händler von Agrar-Rohstoffen. Die Weltmarktanteile bei Gerste und Rapsöl sind ein Viertel, bei Sonnenblumenöl ein Fünftel, bei Weizen und Sojaöl ein Zehntel. Glencore ist der weltweit wichtigste Exporteur von russischem Getreide. (Darauf komme ich noch zu sprechen.)
Zusätzlich besitzt sie Ölpressanlagen und Getreidemühlen, produziert in eigenen Raffinerien Agrartreibstoffe und verfügt über eigene Häfen zum Verschiffen der Produkte. Weiter besitzt sie 300‘000 Hektaren Land, hauptsächlich in Russland, Australien und Südamerika. Dieser Umfang entspricht der gesamten Ackerbaufläche der Schweiz.
Wie im Geschäft mit Mineralien, sogenannten Hard Commodities, ist die Glencore auch im Geschäft mit Nahrungsmitteln und Biotreibstoffen, sogenannten Soft Commodities, vertikal integriert. Dies bedeutet, dass der Konzern über Ernte, Transport, Lagerung, Verschiffung, Verarbeitung und Verkauf die ganze Kette kontrolliert. Das verleiht ihm eine riesige Marktmacht und erleichtert Preismanipulationen. Dazu zwei Beispiele, eines aus dem EVB-Buch „Rohstoff. Das gefährlichste Geschäft der Schweiz“ und eines aus dem Multi-Watch-Buch „Milliarden mit Rohstoffen“.
Manipulation und Spekulation mit russischem Weizen
„Als Russland aufgrund einer verheerenden Trockenheit massive Ausfälle bei seiner Weizenernte befürchtete, erliess die Regierung im Sommer 2010 ein Exportverbot. Daraufhin schnellten die globalen Weizenpreise innerhalb von zwei Tagen um 15 Prozent in die Höhe – eine Katastrophe für hunderte Millionen Menschen, deren Einkommen schon zuvor nicht reichte, um sich und ihre Familien zu ernähren. Laut der angelsächsischen Wirtschaftspresse hatten die Chefs der russischen Glencore-Tochter International Grain die zuständigen Kreml-Herren zu diesem Exportverbot gedrängt. Entsprechende Hinweise eines ihrer Mitarbeiter dementierte die Konzernzentrale in Baar zwar umgehend. Was damals schon wenig überzeugend klang, wurde durch die jüngsten Informationen der Banken, die Glencors Börsengang vorbereiteten, nun völlig unglaubwürdig. Demnach soll der Rohstoffgigant just im Frühsommer 2010 auf steigende Weizenpreise spekuliert haben. (…) Die Profite der Agrarsparte haben sich letztes Jahr (also 2010 jl) mehr als verdoppelt. Die Zeche bezahlt hat die hungernde Bevölkerung im globalen Süden. Ägypten als weltgrösster Importeur von Weizen etwa hat Anfang Juli 2010 noch 184 Dollar pro Tonne bezahlt. Einen Monat später, nach dem russischen Exportverbot, waren es über 100 Dollar mehr.“
Übrigens wurde im Juli 2012 die holländische Tochterfirma Glencore Grain Rotterdam wegen Bestechung eines Funktionärs der EU-Generaldirektion Landwirtschaft und ländliche Entwicklung zu einer Busse verurteilt. Der Glencore-Informant war für die Festlegung der wöchentlichen offiziellen An- und Verkaufspreise für Getreide zuständig gewesen. In den Medien hat der Gerichtsentscheid nur wenig Echo gefunden.
Übrigens ist der Volksaufstand in Ägypten vom Frühjahr 2011 eine Folge der erwähnten Weizen- und damit Brotpreiserhöhungen.
Dürre und Hunger sind „gutes Umfeld“
Das zweite Beispiel unter dem Titel „Profite mit dem Hunger“: „Im Sommer 2012 litten die USA unter der schlimmsten Dürre seit den 1930er Jahren: 45 Prozent des Maisanbaus und 35 Prozent der Sojaernte wurden durch die Hitze zerstört, der Preis auf dem Weltmarkt schnellte in die Höhe. Chris Mahoney, bei Glencore zuständig für den Handel mit Agrarprodukten, erklärte gegenüber dem britischen Guardian unverblümt, die Dürre sei gut für Glencore, weil sie eine Gelegenheit biete, viel mehr Geld zu machen. Zitat Mahoney:„Mit Blick auf die Jahresbilanz ist das Umfeld gut. Hohe Preise, Preisschwankungen, Verschiebungen, Knappheit, viele Gelegenheiten der Arbitrage“ (zur Ausnutzung der Preisunterschiede). Glencore kann so die Dürre zu seinen Gunsten ausnutzen.“
Glencore profitierte ein weiteres Mal von den Hungersnöten. 2011, nachdem die Getreidepreise in die Höhe geschnellt waren, gab das Welternährungsprogramm der UNO 109 Millionen US-Dollar für Lebensmittelnothilfe aus. Allein im Juli 2011 kassierte Glencore davon 22,5 Millionen US-Dollar für Weizenlieferungen für Äthiopien. In der zweiten Jahreshälfte war Glencore mit 78 Millionen Dollar der wichtigste Weizenverkäufer an die UNO.
Übrigens verdoppelte Glencore im gleichen Jahr 2011 seine Profite aus Agrarprodukten auf 8,8 Milliarden US-Dollar.
All dem beizufügen bleibt: Die Ausweitung der Ethanol- und Zuckerrohrproduktion zwecks Biotreibstoffen und der Sojamonokultur für Viehfutter sind nicht nur ökologisch, sondern auch sozial sehr fragwürdig. Wegen den Landnahmen und Landvertreibungen gibt es viele Konflikte, beispielsweise in Brasilien, Argentinien, Paraguay mit Bauerngemeinschaften und indigenen Bevölkerungen.
Multigrain AG
Ich komme nun zum zweiten wenig bekannten Beispiel: die Multigrain AG an der Baarerstrasse 78 co Dr. Martin Neese. (Martin Neese war 1993 – 2000 Stellvertretender Staatsanwalt des Kantons Zug und hat sich damals dagegen gewehrt, dass nach dem hauptamtlichen auch der nebenamtliche Staatsanwalt wegen den bösen Linken nicht mehr gleichzeitig in privaten Verwaltungsräten sitzen durfte.)
Die Getreidehandelsfirma Multigrain gehört dem führenden japanischen Handelskonzern Mitsui & Co. Dieser erwarb die Zuger Multigrain aus zwei brasilianischen Gründen. Die Multigrain SA Brasil verarbeitet Soja, Baumwolle, Mais und Weizen. Eine andere Tochter der Zuger Multigrain, die Xingu SA, besitzt in Brasilien 100‘000 Hektar Land, also ein Drittel der Schweizer Ackerfläche. Gepflanzt wird hier neben Soja, Baumwolle und Mais auch Zuckerrohr zur Ethanolproduktion. Hinter der Strategie des japanischen Konzerns steckt auch das staatliche Interesse, für das landarme Japan sich im grossen Land Brasilien Landreserven zu beschaffen.
Es wäre interessant, mal auszurechnen, über wieviel Ackerland Schweizer Multis ausserhalb der Schweiz verfügen. Es dürfte das Mehrfache des Ackerlandes sein, das es in der Schweiz selber noch gibt.
Grösster Kaffee-Handelsplatz der Welt
Ich schliesse nun mit dem dritten Beispiel: Zug ist der grösste Kaffee-Handelsplatz der Welt. Haben mindestens die Kaffee-Süchtigen unter euch das gewusst? Drei Viertel des weltweiten Handels mit Rohkaffee, das entspricht etwa 100 Millionen Säcken à 60 Kilogramm, also etwa 6 Mio Tonnen, werden über die Schweiz abgewickelt. Effektiv importiert die Schweiz 1,8 Mio Säcke, also 110‘000 Tonnen, und exportiert einen Drittel davon wieder. Damit ist der Kaffee das wichtigste Nahrungs-Exportgut der Schweiz – noch vor Schokolade oder Käse. Trotzdem macht diese physische Menge nur 6 Prozent des Handelsvolumens der Schweizer Kaffeekonzerne aus.
Von den 10 grössten haben 3 in Zug ihren Geschäfts- und Steuersitz: Die allergrösste heisst Bernhard Rothfos Intercafé AG und ist an der Bahnhofstrasse 22. Ihre gehandelte Menge beträgt etwa 750‘000 Tonnen pro Jahr. Dann folgt die traditionelle Winterthurer Volcafé und dann kommt auf Platz 3 schon wieder eine Zugerin: Die Taloca GMBH, die an der Chollerstrasse 4 beheimatet ist und zur amerikanischen Kraft Foods gehört. Ihre gehandelte Menge beträgt 660‘000 Tonnen pro Jahr. Vor einem Jahr aufgelöst wurde die Decotrading AG, die an der Baarerstrasse 12 ihre Geschäfte betrieb. Sie