Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03199.jsonl.gz/2849

«Und es geschah am Abend, da kamen Wachteln herauf und bedeckten das Lager.» (2. Mose 16,13 a)
Die Wachtel (Coturnix coturnix) ist ein kleiner Hühnervogel, der ganz im Verborgenen lebt. Obwohl sie in Mitteleuropa heimisch und weit verbreitet ist, wird sie selten in freier Wildbahn angetroffen. Das liegt zum einen daran, dass sie, wie ihr Name schon sagt, sehr wachsam ist: «Die Wachtel wacht die ganze Nacht» und jede Begegnung mit Menschen vermeidet. Zum anderen ist sie gewöhnlich nur in den späten Abend- bzw. frühen Morgenstunden aktiv und verbringt den Tag in ihrem Versteck.
dak:ty:lus
Wenn man sie auch nicht sieht, so hört man sie jedoch von Weitem. Der Lockruf des Hahns, der weidmännisch «Wachtelschlag» genannt wird, ist etwa einen halben Kilometer weit zu hören. Es ist nicht verwunderlich, dass ein Vogel, den man nie sieht, aber immerzu hört, nach seinem Ruf benannt wird. Kurioserweise wird diese besondere Tonfolge überall ganz unterschiedlich wahrgenommen und «verstanden». Aus einem Wikipedia-Eintrag, der leider nur in wenigen Sprachen vorliegt, geht hervor, dass der Engländer wet-my-lips (weet-my-feet, quick-me-dick) hört, während der Franzose paye-tes-dettes – Bezahle die Schulden! – versteht (und ein schlechtes Gewissen bekommt). Spanier haben offensichtlich nicht so viel Fantasie und erkennen nur ein pal-pa-la. Ob die Niederländer mit kwik-me-dit und die Luxemburger mit bek-de-rek etwas Bestimmtes heraushören, hat sich dem Autor bisher nicht erschlossen, aber auf der anderen Seite der Grenze interpretierte man früher Bück-den-Rück und Flick-de-Bücks als «Motivationsruf» für säumige Knechte und Mägde. In alten deutschen Vogelbüchern wird die Wachtel pick-per-wick genannt. Selbst ihr wissenschaftlicher Name co-tur-nix ist mit ziemlicher Sicherheit eine lautmalerische Beschreibung. So unterschiedlich die verwendeten Vokale und Konsonanten auch sind, das typische, kurzsilbige Stakkato eines Daktylusrhythmus haben alle gemeinsam.
turbo:küken
Der Wachtelhahn paart sich mit jeder Henne, die seinem Lockruf folgt. Das anschliessende Nisten und Brüten ist reine Frauensache, wobei ein einziges Gelege bis zu zwölf Eier enthält und drei Wochen bebrütet wird. Zum Glück der armen Mutter muss sie die Jungen nicht auch noch durchfüttern: Es sind Nestflüchter, die nach wenigen Stunden bereits umherlaufen und sich selbst versorgen. Mit drei Wochen sind sie voll flugfähig und nach nur zehn Wochen können sie sich ihrerseits wieder paaren. Damit sind sie die frühreifsten Vögel! Da die Weibchen gelegentlich sogar zweimal hintereinander brüten, kann man sich leicht ausrechnen, wie die Wachtelpopulation in einem günstigen Sommer geradezu explodiert.
wachteln:spachteln
Zum Überwintern ziehen die Wachteln von Europa bis tief nach Afrika hinunter und folgen dabei über weite Strecken dem Verlauf des Nil. Sie müssen nicht den Umweg über die Levante nehmen, sondern können das offene Mittelmeer überfliegen. Bei den riesigen Schwärmen, die zweimal das Lager der Israeliten bedeckten (2. Mose 16; 4. Mose 11) handelte es sich vermutlich um Tiere, die sich auf dem Zug befanden. Möglicherweise gebrauchte Gott in beiden Fällen natürliche Gegebenheiten, um sein Volk zu versorgen und zu strafen.
Jedenfalls gibt es Berichte darüber, dass Wachtelschwärme, die auch nachts fliegen und nach den Sternen navigieren, durch unerwartete Lichterscheinungen irritiert werden und sicherheitshalber landen. Eine grosse Anzahl von Lagerfeuern oder die hell leuch-tende Feuersäule in der Mitte des Lagers könnten den gleichen Effekt gehabt haben. Wobei es immer noch Gott ist, der den Ablauf steuert: «Sie forderten, und er liess Wachteln kommen» (Psalm 105,40). Bis heute sind sie geschätzte Speisevögel und auch die Eier erfreuen sich grosser Beliebtheit.
wachtel:finale
Beim zweiten Mal kam es zu Vergiftungserscheinungen und viele Israeliten starben beim Verzehr der Wachteln. In der Medizin wird die Vergiftung durch Wachtelfleisch nach dem lateinischen Namen des Vogels als «Coturnismus» bezeichnet. Da es sich um ein begehrtes und von Feinschmeckern von jeher hochgeschätztes Jagdwild handelt, ist dieses Phänomen seit Jahrtausenden bekannt und gibt Rätsel auf.
Verschiedene pflanzliche Wirkstoffe standen schon im Verdacht, sich in den Tieren auf toxische Konzentration anzureichern, aber bisher liess sich keine dieser Vermutungen erhärten.
Lesen Sie den ganzen Artikel in ethos 06/2019.