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Der französische Botschafter, den ich als Doyen zuerst zu besuchen hatte, und dem mich die Herren Ador und Secretan besonders empfohlen hatten, empfing mich äusserst liebenswürdig und sprach mir hauptsächlich von seinen persönlichen Beziehungen zur Schweiz und der Sympathie und dem vollen Verständnis, welches man in Frankreich habe für die Stellung und Haltung der Schweiz in dem gegenwärtigen Konflikt. Ich habe darauf natürlich mit der Erklärung des Dankes geantwortet für die freundliche Gesinnung, die uns Frankreich auch durch die Tat erwiesen habe.
Über die allgemeine politische und wirtschaftliche Lage hat sich Herr Barrère gar nicht ausgesprochen.
Fürst von Bülow begann auch seinerseits mit der Versicherung, dass Deutschland die Haltung der Schweiz und seiner Bevölkerung sehr wohl verstehe und niemals anderes wünschen werde als die Wahrung der strikten Neutralität, ganz so wie dies bisher mit viel Geschick gemacht worden sei. Alsdann erklärte er sich bereit, mir nach Möglichkeit Auskunft zu geben über alles, was mich interessieren könne, und fügte von sich aus bei, dass nach den neuesten Berichten, die er erhalten habe, die militärische Lage der Deutschen im Westen und Osten «gut» sei. Im Westen rechne der Generalstab mit Bestimmtheit darauf, «in absehbarer Zeit bei Verdun und in den Argonnen entschieden vorwärts zu kommen», und auch im Osten stehe ein «entschiedener Fortschritt in naher Aussicht». Auf meine Frage, ob wirklich Deutschland den wirtschaftlichen Folgen dieses Krieges auf die Dauer gewachsen sein könne, antwortete der Fürst in sehr zuversichtlicher Weise, indem er mir einige Mitteilungen machte, hinsichtlich deren er mir unbedingte Verschwiegenheit auferlegte.
Über die Haltung Italiens sprach er sich sehr reserviert aus und ich hatte den Eindruck, dass er mit der Möglichkeit einer späteren Intervention rechnet. Er sagte mir ungefähr Folgendes: Die ruhigen und vernünftigen Elemente in Italien wollen den Krieg sicher nicht, und es ist zu hoffen, dass diese Richtung die Oberhand behalten werde. Anderseits ist mit der weit verbreiteten Aversion gegen Österreich - wir Deutsche sind dabei nicht im Spiele - zu rechnen und mit dem Chauvinismus, welcher nun einmal einen Erfolg haben will. Wenn Österreich sich entschliessen kann, eine Grenzbereinigung gegen Italien hin, also eine wenigstens teilweise Abtretung des Trentino zuzugestehen, wird ein aktives Eingreifen Italiens um so eher vermieden werden können, als ja die Konzession betreffend die Besetzung von Valona bereits gemacht ist. Ob Österreich zu dieser Konzession bereit sein wird, kann ich zur Zeit noch nicht sagen.
Ich stellte dann die Frage, ob ein Eingreifen Italiens gegen Österreich unbedingt auch den Konflikt mit Deutschland herbeiführen würde, und erhielt darauf die Antwort: «Wir werden Österreich unter allen Umständen die Treue bewahren.»
Da wiederholt gesagt worden war, dass der König unbedingt nichts von einer Intervention wissen wollte, frug ich den Fürsten, ob dem so sei. Er antwortete mir, dass seines Wissens der König gewiss den Frieden wünsche, dass er aber kaum seinen Wunsch entgegen der öffentlichen Meinung durchsetzen, sondern im Sinne dieser öffentlichen Meinung und seiner Regierung handeln würde. B. ersuchte mich, diese seine Ansichtsäusserung vertraulich zu behandeln, und ich gebe sie daher in diesem Sinne weiter.
Über das Eingreifen Rumäniens sprach er sich eher zuversichtlich aus auf Grund von Berichten, die er gerade am Tage unserer Unterredung aus Bukarest erhalten hatte. Der gegenwärtige Ministerpräsident Bratianu sei gegen eine kriegerische Intervention und es habe den Anschein, als gewinnen die besonnenen Elemente mehr und mehr die Oberhand.
Er zitierte mir den Ausspruch eines rumänischen Diplomaten, der gesagt haben soll: Auch ein gezähmter Tiger wird auf die Dauer der Versuchung nicht widerstehen können, ein Lamm zu vertilgen, das sich in seinem Käfig befindet. In der Rolle des Lammes werde sich Rumänien befinden, wenn es sich jetzt mit Russland verbinden würde.
Die Ansichten des Fürsten Bülow finden ihre Bestätigung in Mitteilungen, die uns-von anderer Seite gemacht worden sind. Demnach soll Italien - diese Mitteilung ist Herren Lardy gestern durch den hiesigen türkischen Botschafter gemacht worden - in Bukarest erklärt haben, dass es vorderhand nicht willens sei, aktiv einzuschreiten, und es soll gleichzeitig dafür Sorge getragen haben, dass diese Eröffnung in Wien und Berlin bekannt werde. Die Folge dieser Stellungnahme Italiens ist natürlich eine vorläufige Isolierung Rumäniens bei seinem allfälligen Vorgehen in Transsylvanien und daraus ergibt sich für Rumänien eine um so grössere Gefahr, als die starken Truppenansammlungen längs seiner Grenze Tatsache sein sollen. Unter diesen Umständen dürfte Rumänien nur dann in Bälde eingreifen, wenn die Russen in Transsylvanien Fortschritte machen und festen Fuss fassen sollten. In diesem Falle müsste nämlich Rumänien intervenieren, um zu vermeiden, dass seine «Freunde» die Russen Gebietsteile okkupieren, auf welche die Rumänen reflektieren, und welche die Russen nach allgemeiner Ansicht und eigener Erklärung nicht mehr herausgeben würden, wenn sie dieselben einmal besitzen und wenn sie nicht dazu gezwungen werden.
Es ist also mit grösster Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass nun auch Rumänien für solange eine abwartende Haltung beobachten wird, als man nicht weiss, wie die Entscheidung der Kämpfe Österreichs gegen Russland in Transsylvanien fallen wird.
Bei diesem Anlasse möchte ich noch mitteilen, dass zur Zeit wichtige Unterhandlungen zwischen Österreich und Italien schweben sollen wegen der Lieferung von grossen Partien Holz an Italien. Auch zwischen Deutschland und Italien soll unterhandelt werden über den Austausch von Waren. Das alles lässt wohl nicht auf eine unmittelbare Gefahr kriegerischer Verwicklungen schliessen.
Um diesen Bericht vollständig zu machen, muss ich beifügen, dass in hiesigen Privatkreisen eine weniger zuversichtliche Stimmung herrscht hinsichtlich der dauernden Aufrechterhaltung des Friedens. Diese Stimmung soll beruhen auf Mitteilungen, welche das Ministerium Angehörigen des Parlamentes gemacht hat.
Sie ersehen aus allem Vorstehenden, dass eben niemand etwas Sicheres weiss, vielleicht nicht einmal die Regierung!
- 1
- Rapport politique (Copie): E 2200 Rom 4,1. B.↩
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