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Wer in seinem Theaterstück eine Pistole auftauchen lässt, hat dafür zu sorgen, dass sie im Verlauf der weiteren Handlung auch abgefeuert wird. Übertragen auf das Spektakelkino der Gegenwart könnte diese berühmte, von Anton Tschechow aufgestellte erzähltheoretische Forderung folgendermassen umformuliert werden: Wenn eine Figur in einem Fantasy-Action-Adventurefilm von Anfang an und bei jedem weiteren Auftritt einen überdimensionierten Hammer in der Hand hält – und erst Recht, wenn sich diese Figur im Laufe des Geschehens als intergalaktischer Superbösewicht entpuppt, die dann auch noch auf den klingenden Namen Ronan the Accuser hört –, dann sollte man als Freund effektbewusster Blockbuster davon ausgehen dürfen, dass dieser Hammer irgendwann, spätestens im Finale, zum Einsatz kommt und mindestens einen halben Planeten zertrümmert.
Das Marvel Cinematic Universe allerdings interessiert sich nicht für Tschechows Pistole. Hier gelten eigene Regeln. In Captain Marvel, dem neuen Beitrag zur derzeit weltweit erfolgreichsten Blockbusterserie, bleibt Ronans Waffe ungenutzt und überhaupt hält ihr Träger stets Sicherheitsabstand zum Geschehen. Weil er, steht zu vermuten, für zukünftige Aufgaben benötigt wird. In irgendeinem der vielen weiteren, eng ineinander verzahnten Filme, die die Marvel Studios derzeit vorbereiten, wird der Hammer vielleicht tatsächlich zum Einsatz kommen. Das nutzt freilich uns, die wir diese Woche nur Captain Marvel vorgesetzt bekommen, nicht viel.
Captain Marvel ist der erste Serienbeitrag mit weiblicher Hauptfigur. Bei immerhin zwanzig Vorgängerfilmen ist das ein ziemliches Armutszeugnis. Insbesondere darf man sich fragen, warum Marvel es bislang noch nicht auf die Reihe bekommen hat, einen Solofilm mit der in den Avengers-Filmen präsenten und populären Heldin Black Widow zu produzieren. Schliesslich ist deren Darstellerin Scarlett Johansson eine geborene Superheldenschauspielerin – tatsächlich ist sie so sehr dafür geboren, eine Superheldin zu spielen, dass sie fast schon jeden Film, in dem sie mitspielt, in einen Superheldenfilm verwandelt. Brie Larson hingegen, die stattdessen als erste Frau einen Film der Serie tragen darf, ist höchstens eine geborene Marvelschauspielerin; weil sie sich bruchlos einfügt in eine vorsortierte Welt, in der für überlebensgrosse Attraktionen von Anfang an kein Platz ist.
Der Einstieg immerhin ist einigermassen originell. Wo Superheld_innen für gewöhnlich erst langsam ihre aussergewöhnlichen Fähigkeiten kennen- und anschliessend zu beherrschen lernen, verfügt Carol Danvers alias Captain Marvel bereits zu Filmbeginn über Superkräfte: In ihren Armen scheint elektrische Spannung zu zirkulieren, die sich in gewaltigen Stromstössen über ihre Fäuste entlädt. Allerdings hat sie keine Ahnung, wie sie zu diesem Superpunch gekommen ist, und auch sonst sind alle Erinnerungen an Kindheit und Jugend verloren. Wenn diese Informationen im Folgenden mittels einer Reihe von Rückblenden – denen man nicht in jeder Hinsicht trauen darf – nachgeliefert werden, lernt Carol ihre eigene «Superhero Origin Story» also mit uns gemeinsam kennen.
Letztlich beschränkt sich die Originalität auf zwei, drei einigermassen überraschende Erzählmanöver. Der narrative Nebel lichtet sich schnell und was zum Vorschein kommt, ist ein alter Hut mit vage popfeministischem Designupdate: «Wenn Du hinfällst, Mädchen, steh wieder auf. Erst recht, wenn es Männer waren, die Dich zu Boden geworfen haben.» Auch die zunächst ebenfalls unübersichtliche Gemengelage in der Gegenwart wird bald auf allzu geläufige Weise entwirrt: Es sind halt wieder einmal zwei unterschiedliche Alienrassen hinter demselben magischen Artefakt her, und Carol gerät zwischen die Fronten. Unterstützung erhält sie unter anderem von einem der bekanntesten Gesichter des Marvel Cinematic Universe: Der von Samuel L. Jackson verkörperte Nick Fury wird nebenbei ebenfalls mit einer Origin Story (und einem digitalen Facelift) versehen. Jackson macht, was er immer macht, aber das schadet keineswegs. Im Gegenteil: Seine unaufgeregte Coolness hebt sich angenehm ab von dem angestrengten Gewitzel, das den Tonfall des Films ansonsten prägt.
Ein repräsentativer Witz: Haha, erinnert Ihr Euch noch, wie langsam Computer früher waren? Das verweist auf einen besonders anstrengenden Aspekt: Nachdem sich die Scharmützel – die zuvor wie immer in komplett austauschbaren CGI-Dekors ausgefochten wurden – auf die Erde, und zwar in die der Neunzigerjahre, verlagert haben, erhält der Film die Gelegenheit, ausgiebig in Nostalgie zu schwelgen. Oder besser: Er schwelgt in jener popkulturell durchstandardisierten Zeichenwüste, die Filme wie Captain Marvel mit Nostalgie verwechseln. Die Figuren klappern Videotheken und Internetcafes ab, in Letzteren macht man sich, siehe oben, über den Ladebalken beim Öffnen einer Sounddatei lustig, und zwischendurch gibt es eine Portion Greatest Hits: «Come as You Are», «Man on the Moon», «Waterfalls».
Einerseits: Stimmt, so war das damals. Andererseits: Selbst eine halbe Stunde unkonzentrierten Herumsurfens auf Youtube dürfte originellere Neunzigerjahreartefakte zutage fördern. Die fade Instantnostalgie (man vergleiche das nur einmal mit dem komplexen Nostalgiediskurs in Steven Spielbergs Ready Player One) fügt sich perfekt ein ins Marveluniversum, dessen Siegeszug keineswegs die Einlösung als vielmehr einen Verrat an den Versprechen des Blockbusterkinos darstellt. Die Marvelfilme appellieren nicht (wie Spielberg und seine Epigonen) an unsere Schaulust, sie wollen uns nicht mehr überwältigen, zum Staunen bringen. Statt dessen erziehen sie uns, überspitzt formuliert, zu Zwangsneurotikern: Film für Film wird unsere Bewunderung dafür eingefordert, wie geschmeidig im Marvel Cinematic Universe die erzählerischen Puzzleteile ineinander gleiten und wie sich damit die imaginäre Ganzheit der fiktionalen Welt wieder und wieder selbst bestätigt.
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