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So hast du auf Weihnachten 2004 uns beide gezeichnet. Auf dieses Bild von dir bin ich sehr stolz!
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Brief an meinen Bruder Walter
Schlieren, 2. April 2000
Hoi Walter
Fast hätte ich diesen Brief begonnen mit ‚Hoi Wädi‘ und es ist mir nicht klar, warum ich dich mit ‚hoi‘ anspreche. Der ‚Wädi‘, der ist mir klar, so hiessest du Zeit Deiner Kinderzeit und etwas anderes wäre nicht denkbar gewesen, als dich so zu nennen.
Ich will es vorweg nehmen: Dein Start ins Leben war schwierig, und das Schwierige entsprang gewissermassen einem Irrtum und ärztlichem Fehlverhalten. Auf Rat der Kübliser-Hebamme Milli ging unsere Mutter für die Geburt ihres fünften Kindes nach Chur ins Frauenspital. Etwas Ruhe, etwas Ausspannen, das wäre die Idee gewesen, waren da zu Hause doch neben dem Wirts- und Pensionsbetrieb im Hirschen und allen anderen Aufgaben bereits vier Kinder im Alter zwischen neun und zweijährig. So fand sie sich im Frauenspital in einem Dreierzimmer und wartete auf die Wehen. Mit ihr im gleichen Zimmer lagen zwei Patientinnen mit gynäkologischen Problemen. Sie erzählte von jener Arztvisite, bei der ein Arzt zu ihrer Bettnachbarin sagte: „Morgen werden Sie drankommen.“ Im Scherz fragte Mutter den Arzt: „Und ich? Wann komme ich dran?“ Seine Antwort: „Auch morgen.“ Sie nahm dies als Scherz seinerseits, und als ihr die Schwester anderntags irgendwelche Pillen verabreichte, schluckte sie diese gehorsam, ohne zu wissen, was diese bewirken. Hormontabletten zur Geburtseinleitung waren neu auf dem Markt, und wie hätte sie, die bereits vier problemlose Geburten zu Hause erlebt hatte, vermuten können, die Ärzte wollten da irgendwie eingreifen?
Die Wehen begannen sehr rasch und sie bat, in den Gebärsaal gebracht zu werden. Eine Krankenschwester beruhigte und erklärte, nach Einnahme dieser Tabletten könne es sich keinesfalls um die richtigen Wehen handeln, das sei immer so. Auf ihre Bitte, in den Gebärsaal gebracht zu werden, ging niemand ein, so dass sie sich schliesslich selber auf den Weg machte. Beim Lift holte sie eine erzürnte Schwester ein und brachte sie zurück ins Zimmer. Mutter spürte, dass die Presswehen begonnen hatten. Nun waren es ihre Zimmerkolleginnen, welche der Schwester läuteten. Zwar wurde sie jetzt endlich in den Gebärsaal gebracht, da aber erneut liegen gelassen. Das Köpfchen war zur Hälfte draussen und die Geburt durfte endlich zu Ende gebracht werden. Jetzt warst du da, blau am ganzen Körperchen, was die Ärzte zunächst veranlasste, einen Herzfehler zu vermuten. Doch das kleine Herz war in Ordnung und man ging davon aus, du wärst ein gesundes normales Baby.
Das war am 21. März deines Geburtsjahres 1947. Ein Frühlingskind. Am dritten Tag nach deiner Geburt kam der Arzt zur Mutter ins Zimmer, sagte, es stimme etwas nicht, und ob sie noch andere Kinder habe? Du kamst auf die Kinderstation, und für sie folgten drei schlimme Tage. Ihre Angst, dich zu verlieren, war gross. Weder durfte sie dich in dieser Zeit sehen, noch wusste sie, was dir fehlte. Endlich brachten sie dich zu ihr zurück: „Kein Anlass zur Sorge, Frau J. Ihr Kind ist kerngesund.“
Ja, so hat es sich zugetragen, und wenn ich es dir jetzt erzählen würde, du könntest es doch nicht verstehen, wie du so manches nicht verstehen würdest, was ich dir in diesem Brief schreibe.
Es brauchte eine gewisse Zeit, bis die Umwelt, bis der Vater, ja und selbst bis der Dorfarzt unserer Mutter glaubte, dass ‚etwas nicht stimme‘. Nach drei Monaten schautest du sie noch immer nicht an, lächeltest noch immer nicht. Dafür schieltest du. Endlich war auch der Vater überzeugt, dass Mama recht hatte, doch der Arzt meinte, schielen allein genüge nicht zur Sorge, und könne irgendwann operiert werden. Mit beträchtlicher Verspätung kam dann doch ein Lächeln, begannst du zu krabbeln und kriechen, und im Dorf war inzwischen bekannt, dass mit dem Walterli etwas nicht stimme. Eines Tages zuckte dein ganzer kleine Körper, der Doktor wurde gerufen, und jetzt war zumindest klar: Du hattest einen epileptischen Anfall. Die Abklärungsmühle begann zu laufen, Epilepsieklinik zunächst (die damals noch ‚Anstalt für Epileptische‘ hiess), dann Kantonsspital Zürich, wo Professor Krähenbühl zunächst meinte, dich operieren zu können. Dann machte man eine Lumbalpunktion, was zur Folge hatte, dass du über Jahre hinweg zu schreien begannst, wenn du irgendwo eine weisse Schürze sahst. Dann der Aufenthalt im Spital Davos, wo Dein Schielen behandelt wurde, und so weiter.
Mit Hilfe von Schokolade, die dir zuerst zum Mund geführt wurde, um dich ‚gluschtig‘ zu machen, hatten Mutter und unser Evi dir endlich das Greifen beibringen können. Alles, was ich dir bis jetzt erzählte, ist mir berichtet worden. All das hatte sich bereits zugetragen, als ich zweieinhalb Jahre später zur Welt kam. Das alles geschah also vor meiner Zeit, und ich will nun dort weiterfahren, wo ich beginne, dich zu erinnern und wahrzunehmen.
Erinnerungsausschnitte, Flashs, die mir zum Teil noch klar und präsent sind, als wären sie eben geschehen. Wie wir im Schöpfli oben stehen und zur grossen Öffnung auf die Steinbrocken hinunter schauen. Du, etwa sechsjährig, unsere Schwester, altersmässig zwischen uns beiden, und ich. Dann plötzlich ein Aufprall und dein Wimmern. Wir beiden Jüngeren, wie wir die Treppe hinunter rennen. Dann gibt es eine Erinnerungslücke, und ich sehe dich erst wieder auf dem Sofa liegen, ein vom Schmerz verzerrtes Gesicht, und Vater neben dir. Er hatte für dich ein Stück Holz so zugefräst, dass du darauf beissen konntest, was die Schmerzen lindern sollte.
Ein anderes Mal spielten wir vor dem Haus. Plötzlich ranntest du weg auf die Strasse. Hier erinnere ich das Quitschen von Autobremsen, Aufregung, Mutter, die aus dem Haus her gerannt kommt, dich auf die Arme nimmt und ins Haus trägt. Auch hier weiss ich nicht mehr, was weiter geschah. Noch war mir deine grössere Gefährdung nicht bewusst, doch nahm ich zumindest wahr, dass du verletzlicher warst als wir beiden Kleinen.
Dann ein haarscharfes Bild: Du kniest vor einem Taburett, vor dir liegt eine Schiefertafel und in der Hand hältst du einen Griffel. Mutter kniet neben dir, der Vater steht hinter euch beiden, und ich schaue aus kurzer Entfernung zu. Papa sagt zu Mama: „Er wird nicht in dieser Schule bleiben können.“ Du konntest vorgegebene Striche nicht nachzeichnen, etwas was ich, mittlerweile vierjährig, bereits konnte, und genau in diesem Moment verstand ich ein für allemal: Walterli ist anders. Er ist mein grosser kleiner Bruder. Er ist zwar grösser als ich, aber es gibt Dinge, bei denen quasi ich ‚grösser‘ bin. In diesem Moment nahm ich deine Schutzbedürftigkeit wahr, und ein Gefühl der Verantwortung erwachte in mir. Aus dieser Erkenntnis heraus verhielt ich mich in der Folge oft anders, als ich es bei den andern Geschwistern tat. Auch dazu erinnere ich mich an eine Begebenheit:
Evi gab uns drei Jüngsten das Abendessen. Wenn wir früher assen, war am Tisch auch für mich genügend Platz, und ich sass nicht im gewohnten Kindersitzli. Evi hatte Kakao gekocht und gab uns Brot, das wir zu Bröckli brechen konnten. Nun hatte ich die Rinde etwas weniger gern als das weiche Innere. So machte ich zwei Häuflein, eines mit Rinde und eines mit den weichen Bröcklein. Selbstverständlich ass ich zuerst die Rinde und sparte mir das 'Bessere' auf. Du warst schneller beim Essen, und noch während ich bei meinen Rindenbröckli war, warst du bereit für eine zweite Portion. Evi sah meine zubereiteten Bröckli, sagte: „Aha, da hat es ja noch!“, tat sie in deine Tasse und goss Kakao darüber. Ich sah meine weichen Bröckli in deinem Mund verschwinden, aber ich sagte nichts, denn ich wusste, dass ich irgendwie 'grösser' war als du, ja dass du ein ‚Armer‘ warst, wie die Leute im Dorf sagten, und dass du einen Einwand meinerseits nicht verstehen würdest.
Als wir von Graubünden ins Zürcher Oberland zogen, warst du sieben ein halb, und auch hier habe ich, mittlerweile fünfjährig, eine Reihe deutlicher Bilder. Evi, wie sie dir mit einer Schnur um ein Stück Holz das Binden der Schnürsenkel beibringt. Mit einer Engelsgeduld übte sie mit dir jeden Tag. Viele Wochen dauerte es, bis du -klobig zwar, aber dennoch- binden konntest. Als Belohnung bekamst du eine Mundharmonika.
Dann sehe ich dich auf der grossen Terrasse mit deinem Dreiradvelo, du warst übrigens der einzige von uns, der ein solches besass, wie du hin und her fährst, gehen oder laut reden durfte man ja nicht, weil sonst der Vermieter, der alte Brunner, schimpfte über die lauten 'Gofen‘.
Dann kam für dich eine ganz schwierige Zeit, die ich nur am Rande mitbekam, von der Mutter aber oft erzählte. Du musstest in die ‚Anstalt für Epileptische‘ und solltest quasi für immer dort bleiben. Jedesmal wenn sie dich besuchte, klammertest du dich an sie und weintest herzzerreissend. Dein Heimweh war so stark, dass du nicht mehr assest, und nach drei Monaten warst du so mager, dass Mutter es nicht länger aushielt und dich -gegen den Willen der Ärzte- nach Hause holte.
In dieser Zeit wurde im nachbarlichen Städtchen Rapperswil eine der allerersten Heilpädagogischen Schulen eröffnet, und da wurdest du jetzt ‚eingeschult‘. Zusammen mit zwei-drei andern Kindern gingst du jeden Tag mit dem Zug nach Rapperswil, zuerst in Begleitung, später gingt ihr als Gruppe allein. Das war ein grosser Fortschritt für dich. Lesen und Schreiben lernen war nicht möglich. Mit grosser Mühe lerntest du deinen Vornamen mit Grossbuchstaben schreiben, das machst du zuweilen noch heute, unbeholfen zwar, aber du bist immer stolz, wenn du etwas ‚unterschreiben‘ darfst, wie du sagst.
Einmal, wir drei Jüngsten waren zusammen in der Sonntagsschule, schriest du plötzlich laut auf, fielst zu Boden, zucktest am ganzen Körper und rolltest die Augen, dass nur noch das Weisse sichtbar war. Schaum kam aus deinem Mund, und wir waren alle unglaublich erschrocken. Unsere Schwester begann zu weinen. Obwohl ich nicht zum ersten Mal miterlebte, dass du einen Anfall hattest, war ich zunächst starr vor Schreck. Der Sonntagsschullehrer beugte sich über dich. Dann rannte ich los, rannte so schnell ich konnte, ahnend, dass ich jetzt irgendwie handeln musste. Ausser Atem kam ich zu Hause an, riss die Tür auf und schrie in die Wohnung hinein: „Der Wädi ist umgefallen, er schäumt!“ Wenig später wurdest du von zwei Männern heim getragen und in der Stube auf das Sofa gelegt. Du warst noch immer ohne Bewusstsein, hattest eingenässt. Evi und Mutter legten Dich trocken. Dann schliefst du den ganzen Sonntag tief und fest.
Dieser Sonntag sitzt mir bis heute in den Knochen, bis heute schaffe ich es nicht, ohne Angst mit dir an einen öffentlichen Anlass zu gehen. Später, als wir dann in der Stadt Zürich wohnten, musste ich mehr als einmal zusammen mit unserem Schwager nach Wallisellen kommen, wo du in der sogenannten ‚Basler Webstube‘ an einem Webstuhl arbeitetest. Mehr als einmal mussten wir dich in Mutters Caravan betten und heimfahren, manchmal schliefst Du schon tief wenn wir ankamen, manchmal zucktest du noch. Und wenn ich mit dir mit dem Bus vom Helvetiaplatz zum Limmatplatz zu unserer älteren Schwester fuhr, bliebst du manchmal vor der offenen Bustür stehen, lalltest die immer gleichen Silben, kaum Worte, verdrehtest die Augen, Momente wo mich der Schock von damals einholte und ich -selber noch Schülerin- neben dir stand und insbrünstig betete: „Lieber Gott, mach, dass er nicht umfällt!“ Die Leute starrten uns an, und bis du dann wieder bei dir warst, war der Bus weg und wir warteten auf den nächsten.
Ja, diese Epi-Anfälle, ein Schreck, den ich vielleicht ein Leben lang nie loswerde. Als ich dich später als Jugendliche einmal zur Untersuchung in die Epi begleiten musste, lagen Prospekte zum Mitnehmen auf. Ich nahm eines und las: „Epilepsie – die Geissel der Menschheit.“ Es war dieser kurze Titel, der machte, dass ich mich zum allerersten Mal auf eine Art verstanden fühlte. Es gab offenbar Menschen, die wussten, was das für eine unglaubliche Angstqual war, und diese Leute hatten diesen Titel erfunden, damit ich mit dieser Angst vor deinen Anfällen nicht mehr allein wäre.
Jetzt habe ich etwas vorgeholt und will nochmals zurück in die Zeit im Zürcher Oberland. Wiewohl da ein Stück in deinem Gehirn unter dem Sauerstoffmangel kaputt gegangen war, so gab es einen ganz wichtigen anderen Teil, der völlig intakt blieb, und das ist dein Musikgehör. Du weisst, Mutter und Evi haben viel mit uns gesungen. Du hast früh immer die zweite Stimme gesungen und die Leute damit zum Staunen gebracht. Wie der Wädi singen kann! Und auf dem Klavier hast du mit zwei Fingern zweistimmig Lieder gespielt, Terzen, „Im Aargau sind zwei Liebi“, oder „Annaliese, oh Annaliese, warum bist du böse auf mich?“. Dann bekamst du zu Weihnachten eine Handharmonika, begriffst schnell, wo welche Töne zusammen klingen, und auf dieser spielst du bis heute immer wieder gerne.
Eine Krise war für dich die Zeit, als dich einige Kinder ärgerten, indem sie dich mit verschiedenen Vornamen riefen: „Fritzli“ oder „Hansli“. Dann wurdest du fuchsteufelswild und sagtest: „So heiss i nid!“ Und je mehr du dich ärgertest, desto lustvoller war es für die Kinder, dich mit falschem Namen zu rufen.
Samstags hattest du, im Gegensatz zu uns, schulfrei. Dann nahmst du deine Lunchtasche und gingst, Samstag für Samstag, in die Kiesgrube, um Schätze zu sammeln. Silberpapier, ja vor allem Silberpapier, aus dem du Kugeln formtest, ein Hobby, das du begannst, lange bevor es jemandem in den Sinn gekommen wäre, an ‚Entsorgung‘ zu denken. Silberkugeln hast du heute ein paar hundert Stück und sammelst noch immer. Auch Steine und andere Köstlichkeiten brachtest du heim. Der Samstag und die Kiesgrube, das war deines. Und auch da fielst du einmal hinunter ins Tanner Tobel, und wieder brachten dich Männer heim, legten dich aufs Sofa, wo du schliefst, und wenn du erwachtest, warst Du verwirrt.
Ich frage mich eben, was wir von dir gelernt haben, was du unserer Familie gegeben hast. Sicher hast du uns gelehrt, kein einengendes Norm-Denken zu entwickeln. Sicher hast du uns Toleranz gegenüber ‚Anderem‘ beigebracht. Sicher hast du mit deinem Schalk und deinem kindlichen Denken etwas sehr liebevolles. Sicher hast du alle zum Lachen gebracht, wenn du an der Beerdigung von unserem Nani sagtest, in den Himmel wollest du dann einmal nicht. Wegen dem Herunterfallen. Und gelacht haben wir auch, als du im Bad standest, ein Tuch vor den Augen, und sagtest, unsere Schwägerin könne ruhig hereinkommen und eine Windel für den Kleinen holen, du habest ein Tuch vorne, und sie sehe deshalb nichts. Das alles und vieles mehr hat uns erfreut, gelehrt und zum Lachen gebracht. Aber ich will auch nichts beschönigen: Dein Schicksal als Schwester mitzutragen war oft sehr schwer, und das ist bis heute so. Ich weiss nicht, weshalb ich, noch als Kind, dir jeden Abend deine Essenstöpfchen für den andern Tag, fürs Mittagessen in der Webstube füllte, weshalb ich das Wohnheim für dich aussuchte, dir den Weg von Zürich nach Urdorf mühsamst beibrachte, auch heute mich für Dein Wohlbefinden verantwortlich fühle.
Ich habe das nicht gesucht, nehme bloss meine Verantwortung als Schwester wahr, und ich will es nochmals sagen: Ich trug zuweilen schwer daran. Eine Aufgabe ist mir da zugefallen, die mich begleitet, seit ich vierjährig bin, und die ich mit grosser Wahrscheinlichkeit ein Leben lang behalten werde. Kommt dazu, dass mich deine Hilflosigkeit bis heute zutiefst rührt.
Als unser Vater starb, schautest du ihn an, wie er so dalag. Keine Regung habe ich in dir gesehen. Ich weiss nicht, ob du verstehst, was Sterben heisst. Was Endlichkeit ist. Und als die Mutter gehen musste, warst du der, welcher am Grab meine Hand zum Troste nahm. Mit deiner warmen Hand hast du meine gehalten, und da wusste ich, dass du manchmal auch mein grosser Bruder bist.
Früher hat unsere Mutter oft zu uns Geschwistern gesagt: „Wenn ich einmal nicht mehr bin, schaut zum Walter, schaut, dass er nie in ein Heim muss.“ Dann sah sie einen Film über zwei Brüder, von denen der eine behindert war. Sie nahm die Belastung wahr, die der Gesunde trug. Anderntags rief sie mich an und sagte: „Ich möchte euch von diesem Versprechen entbinden.“ Das war gut. Was sonst zu tragen ist, will ich versuchen zu tun. Ich kann nicht anders. Bist halt doch mein lieber Wädi. Mein grosser kleiner Bruder.
Tschau, lieber Wädi, tschau, und bis zum nächsten Mal
Deine kleine grosse Schwester
Erica
Ich trage keine Last - ich trage meinen Bruder
Das folgende Gedicht bekam ich von einer Kurskollegin - sein Inhalt begleitet mich seit 35 Jahren!
Auf steiler Strasse
traf ich jüngst ein Mädchen,
den kleinen Bruder auf dem Rücken tragend.
„Ei,“ sagt ich, „Kind,
da trägst Du eine schwere Last!“
Drauf sieht verwundert mich
das Mädchen an und spricht:
„Mein Herr, ich trage keine Last, ich trage meinen Bruder.“
Ich stand betroffen. Tief hat sich das Wort
des tapferen Kindes mir ins Herz gegraben.
Und immer, wenn die Not der Menschen mich bedrückt
und mir wie eine schwere Last den Mut will rauben,
so mahnt des Mädchens Antwort mich
und tröstet:
„Du trägst ja keine Last, du trägst doch deinen Bruder.“
(Aus "L'arc en ciel" - Verfasser unbekannt)