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Nachfolgende Geschichte hat mich schon vor vielen Jahren fasziniert. Gerade in Zeiten in welchen die Stressbewältigung für uns alle immer wichtiger wir, gewinnt sie an Relevanz. Ich erlaube mir deshalb, diese im Originaltext zu übernehmen. „Eine Landkarte der Zeit“ von Robert Levine, S. 207 – 208:
“Mitte der fünfziger Jahre dieses Jahrhunderts bemerkten zwei Herzspezialisten in San Francisco, Meyer Friedman und Ray Rosenman, dass die Herzpatienten in ihrem Wartezimmer angespannter wirkten, als andere Patienten. Genauer gesagt hatten Friedman und Rosenman diese Erkenntnis einem Polsterer zu verdanken, der sie auf die merkwürdige Tatsache hinwies, dass die Stühle in ihrem Wartezimmer lediglich vorn an den Kanten der Sitze abgewetzt waren. Einer spontanen Eingebung folgend leiteten sie ein Untersuchungsprogramm in die Wege, um die bis dahin nahezu unerforschte Frage zu prüfen ob seelischer Stress signifikant zur Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes beitragen könnte. Damals war die vorherrschende Meinung der Schulmedizin, die Behandlung von koronarer Herzerkrankungen sei eine rein mechanische Angelegenheit, „eine Arbeit für den Kemptner“, wie ein Herzchirurg einmal trocken sagte.
In einer ihrer ersten Untersuchungen prüften Friedman und Rosenman den Cholesteringehalt im Blut von Steuerbeamten von Januar bis Juni. Deren Essverhalten und das Pensum an Bewegung änderte sich in dieser Zeit nicht. Aber in den ersten beiden Aprilwochen, als der Abgabetermin für die Einkommensteuererklärung – der 15. April – und der damit verbundene Stress näherrückten, stieg ihr durchschnittlicher Cholesterinspiegel sprunghaft an, und die Neigung zu Blutgerinnseln nahm zu. Im Mai und Juni waren die Werte wieder auf ihren normalen Stand gesunken.
Friedman und Rosenman schlossen daraus, dass manche Menschen in einer selbsterzeugten Haltung chronischer innerer Spannung leben. Die stressgeplagten Patienten in ihrem Wartezimmer fühlen sich immer wie die Steuerbeamten Mitte April. Weitere Forschungsprojekte – vor allem die Western Collaborative Group Study, in der die Verteilung von Gesundheit und Krankheit bei 3500 Männern über einen Zeitraum von achteinhalb Jahren verfolgt wurde – haben diesen Schluss bestätigt. Genauer gesagt: Man hat festgestellt, dass Patienten mir koronaren Herzerkrankungen zu einem Verhalten neigen, dessen treibende Kräfte Gefühle von Zeitdruck, Feindseligkeit und Konkurrenzdenken sind. Bei Menschen mit diesem Verhaltensmuster vom sogenannten „Typ A“ ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Herzkrankheiten bekommen, siebenmal höher als bei Menschen vom „Typ B“ (sich „normal“ verhaltende Menschen), und die Gefahr eines Herzinfarkts ist doppelt so hoch.
Ein von Eile geprägtes Lebenstempo gehört zu den Elemente, die den Typ A definieren. Menschen vom Typ A gehen und essen meist schnell, sind stolz darauf, dass sie immer pünktlich sind und sich mehreren Aktivitäten gleichzeitig zuwenden können. Sie haben wenig Geduld mit der „Langsamkeit“ anderer und haben beispielsweise die Gewohnheit, Sätze für Sprecher zu vervollständigen, die ihnen zu lange brauchen, um sich zu artikulieren. Und natürlich arbeitet der Typ A auch länger als der Typ B.