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Born by the Blues
Der englische Begriff «Gonzo» hat eine beeindruckende Karriere hingelegt. Manchem oder mancher vielleicht nur als der hakennasige Vogel der Fernsehreihe Muppet-Show bekannt – oder als Nachtklub in der Zürcher Langstrasse, als Rockband, Filmtitel oder als pornographische Spartenbezeichnung — umfasst der Begriff eine Bedeutung, die etwas wie einen alternativen, weil persönlicheren Zugang zu Phänomenen der Welt. Vor allem aber ist der Begriff bekannt als Bezeichnung für eine Art des Journalismus. Und sein Ursprung? Entgegen Aussagen, die sich im Internet zu Hauf finden lassen, könnte es ebenso gut sein, dass der Ausdruck «Gonzo» seine Ursprünge im Blues hat – genauer gesagt bei James Bookers gleichnamigem Titel aus dem Jahr 1960. Bluesnews.ch ist der Etymologie und Verwendung des Begriffs nachgegangen und wir sind der Meinung, dass dieses Etikett auf Bookers Instrumentalstück zurückgeht, das es bis auf Chartplatzierung 2 in den R&B Billboard-Charts brachte. Denn dort hörte es Hunter S. Thompson – wie Booker ein Konsument von Opioiden, und es scheint, als habe auf dieser Basis des Drogenkonsums der eine zum anderen gesprochen, zumindest wurde «Gonzo» vermittels Thompson zu einem weltweit verwendeten Begriff.
Der Hinweis, dass James Booker mit Gonzo eine weiter reichende pop-kulturelle Signifikanz haben könnte, erfolgte im kürzlich hier rezensierten Dokumentarfilm Bayou Maharajah: The life and music of New Orleans piano legend James Booker von Lily Kerber. Dort wird James Bookers Hitsingle Gonzo von 1960 erwähnt, und dass Hunter S. Thompson diesen Titel verehrte, und darüber mit ihm Kontakt aufgenommen haben soll. Hunter Thompson (1937–2005) war ein Schriftsteller und Journalist, der vor allem für seine Artikel in Rolling Stone Bekanntheit erlangte, und der seine Form des nicht neutralen, sondern meinungsbasierten Journalismus «Gonzo-Journalismus» nannte. Über Hunter S. Thompson (Bild rechts) gibt es den Film Fear and Loathing in Las Vegas mit Johnny Depp, in dessen Soundtrack Bookers Titel auch verwendet wird. Doch die normalerweise anzutreffende Erklärung für «Gonzo» lässt den Pianisten und seinen Hit unerwähnt. Beispielsweise wird dieser Besprechung der Grafik Novel Gonzo der NZZ wird Booker ebenfalls nicht erwähnt.
Laut verschiedener Quellen im Internet soll der Ausdruck auf Thompsons Kollegen Bill Cardoso zurückgehen. Demzufolge habe Cardoso eine Reportage Thompsons von 1970 zum Kentucky Derby mit den Worten kritisiert «this is pure Gonzo». Diese Quelle behauptet sogar, das Wort gehe auf den französischen Begriff «gonzeau» zurück, was so viel bedeute wie «leuchtender Pfad». Leider liess sich diese Bedeutung in keinem Französisch-Wörterbuch verifizieren, und von da an bestätigt das Internet in bekannter Weise bloss sich selbst. So zeitigt eine Suche nach «Gonzeau» als Ergebnis lediglich den Eintrag in Wikipedias Wörterbuch und den Eintrag «Gonzo», in dem dann all das beschrieben steht, was auch dieser Absatz beschreibt. Andere Hinweise auf die Etymologie vermuten den Ursprung im Italienischen gonzo = fool(ish), bzw. im Spanischen ganso, was sowohl eine Gans wie einen Narren bezeichnet. Das passt immerhin von der Bedeutung her.
Die kritisch zu stellende Frage in diesem Kontext ist aber doch, wie schlüssig es scheint, dass Bill Cardoso einen äusserst obskuren französischen Begriff mit einer widersinnigen Bedeutung wählt, diesen nur phonetisch nachbildet, um damit Thompsons Journalismus zu charakterisieren. Auch die Erklärung, dass dies ein Ausdruck aus Boston sei, wovon Cardoso gebürtig war, ist schwer zu erhärten (Dieses Online-Wörterbuch kennt das Stichwort nicht, drei weitere oder die Wikipedia ebenfalls nicht), aber es sei der Einwand gestattet, dass Boston kein typischer Einwanderungsort für französischstämmige Neuankömmlinge in der «Neuen Welt» war.
Mir scheint es weitaus schlüssiger, anzunehmen, dass Thompson den nachweislich 10 Jahre zuvor erfolgreichen Hit Gonzo gehört hatte, den er z.B. mit einem Lebensgefühl assoziiert hat. So gibt es die Aussage, nach der Thompson diesen Titel als eine Art «Mottolied» verwendete, als er in San Francisco für sein Buch zu den Hell’s Angels recherchierte (er wohnte in der Hippie-Hochburg Haight-Ashbury). Ein Titel, der so wichtig war, wird er sicherlich auch mit Cardoso thematisiert haben, der zu seinen Vertrauten zählte. Es könnte auch sein, dass zwischen diesen beiden eine Charakterisierung wie «etwas ist gonzo» als ideolektische Bezeichnung verwendet wurde. Mit der öffentlichen Verwendung für Thompsons Beitrag zum Derby wurde der Begriff dann einem breiteren Publikum bekannt. Hierfür spricht, dass «gonzo» genau so geschrieben wird, wie in Bookers Songtitel, und die Tatsache, dass der «leuchtende Pfand» nun wirklich semantisch nicht passt, denn das englische Wort bezeichnet einen Narren, einen Trottel. Hier passte eher die spanische oder italienisch Etymologie.
Der fragliche Titel, ein hauptsächlich auf Orgel und Flöten bauendes Instrumentalstück ist (), hat wenig gemein mit James Bookers sonst eingespielter Musik. Weder gibt es hier den New Orleans-Rhythmus, noch die filigrane Fingerarbeit, sondern Gonzo ist ein antreibender, früh-psychedelischer Song. Bill Cardoso war ein arrivierter Weisser Journalist (Herausgeber des Boston Globe), deshalb wird ihm die Erschaffung des Begriffs «Gonzo» zugeschrieben, während James Booker als Schwarzer, drogenabhängiger und schwuler Künstler aus New Orleans bei der Zuteilung dieser Ehre übergangen wird. Das scheint für einen Slang-Begriff der frühen 1970er Jahre nicht undenkbar.
Es wird sich nicht durchgehend klären lassen, weil Booker und Thompson tot sind und keine Auskünfte mehr geben können. Immerhin ergab eine Suche im Oxford English Dictionary, der obersten Instanz zu Fragen der englischen Sprache, dass der Begriff «gonzo» in der Tat erst in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt wurde. Als frühesten Beleg gibt das OED ein Textzitat von Hunter S. Thompson, und dieser schreibt in der Tat Cardoso die Ehre zu, den Begriff geprägt zu haben: In R. Pollacks Buch Stop Presses von 1975 heisst es: «I ask Hunter to explain... Just what is Gonzo Journalism?.. ‘Gonzo all started with Bill Cardosa,..after I wrote the Kentucky Derby piece for Scanlan's..the first time I realized you could write different. And..I got this note from Cardosa saying, ‘That was pure Gonzojournalism!’.. Some Boston word for weird, bizarre.’»
Die Anzahl der Äusserungen im Internet spricht für die Cardoso-These, aber mehrere Aspekte haben eine höhere Plausibilität in Bezug auf die Booker-These, und hier kommt hinzu: die Kraft der Musik.