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Ein großartiges, anregendes Werk, spannend wie ein Thriller!
- Bewertet: Einband: gebundene Ausgabe
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„Der Dreißigjährige Krieg“ ist Herfried Münklers zweite großartige und überaus lesenswerte Darstellung eines deutschen Kriegstraumas (nach „Der Große Krieg“, 2013). Wiederum ist es Münklers Stärke, dass er eine politikwissenschaftliche und keine historiografische Schrift vorgelegt hat. Sein „Ziel ist es, die analytische Beschre... „Der Dreißigjährige Krieg“ ist Herfried Münklers zweite großartige und überaus lesenswerte Darstellung eines deutschen Kriegstraumas (nach „Der Große Krieg“, 2013). Wiederum ist es Münklers Stärke, dass er eine politikwissenschaftliche und keine historiografische Schrift vorgelegt hat. Sein „Ziel ist es, die analytische Beschreibung des Krieges als ‚fernen Spiegel‘ für die Klärung gegenwärtiger und zukünftiger Herausforderungen nutzen zu können […].“ (S. 820) Denn: "der Dreißigjährige Krieg [sei] sehr viel stärker als die Kriege des 18. bis 20. Jahrhunderts zum Analysemodell für die religiös grundierten und konfessionellen Kriege unserer Gegenwart geeignet […]." (S. 120) Zu der rund 840 Seiten langen historisch-deskriptiven Erzählung der Kriegsursachen und des Kriegsverlaufs gesellt sich immer auch der Blick des Politischen: An welcher Stelle hätten die ‚Akteure‘, die politischen und militärischen Eliten, anders entscheiden können, und welche Folgen hätte das möglicherweise gehabt? Dabei verliert sich Münkler niemals im Spekulativen, sondern bleibt immer nüchtern in der politischen Realität. +++ Der Berliner Politikprofessor Münkler folgt im Großen und Ganzen der etablierten Chronologie und Zeiteinteilung dieser „europäischen Katastrophe“: Der Prozessionskonflikt von Donauwörth und der durch den ‚Bruderkrieg im Hause Habsburg‘ beförderte (zweite) Prager Fenstersturz bilden den Auftakt. Es folgen der böhmisch-pfälzische Krieg, der niedersächsisch-dänische Krieg, ein „italienisch-polnisches Zwischenspiel“, der schwedische Krieg, der französisch-schwedische Krieg („ein Krieg, der nicht enden will“), um dann mit dem langen Weg zu den Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück zu enden. Das Werk schließt mit einem kongenialen Kapitel zu den historischen Lehren des Dreißigjährigen Kriegs. Mehr als 100 Seiten Fußnoten und Literaturapparat sowie ein Register runden das Buch ab. Dazu zahlreiche zeitgenössische Porträts und Stiche. +++ Münkler deutet den Dreißigjährigen Krieg und den Westfälischen Frieden als Scheide zwischen dem alten und dem neuen Europa: davor ein hierarchisch geordnetes, christliches Europa, unbestritten dominiert vom römischen Kaiser (deutscher Nation), danach eine Vielzahl moderner (und gewissermaßen säkularer) Nationalstaaten, die nach politischem Gleichgewicht streben. Unausgesprochen vollzieht sich somit mit dem Dreißigjährigen Krieg – nach Wissenschaft und Kultur – nun auch auf politischer Ebene der Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Dabei überlagern sich laut Münkler verschiedene Kriegstypen: Der Dreißigjährige Krieg trägt sowohl dynastische als auch konfessionelle Züge. Die Schwäche der unmittelbar beteiligten deutschen Konfliktparteien lässt ausländische Bündnispartner mit ganz eigenen Programmen auf den Plan treten. So verwirren sich immer mehr unterschiedliche Kriegsinteressen und –ziele ineinander. Das oftmals fehlende rationale Kalkül der Kriegsführung hätte zur Überschuldung der Kriegsparteien und damit zur systematischen oder unsystematischen Ausbeutung der fremden und eigenen Bevölkerung geführt. Ein Trauma eben. +++ Ein eigenes Buch wert wäre das abschließende Kapitel („Der Dreißigjährige Krieg als Analysefolie gegenwärtiger und zukünftiger Kriege“): Hier stellt Münkler einige interessante Vergleiche zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und gegenwärtigen Konflikten an. „Wie im Dreißigjährigen Krieg ist mit der Wiederkehr des ‚kleinen Kriegs‘ [des Marodeurswesen] die Gewalt gegen die Bevölkerung beziehungsweise die Auflösung des Unterschieds zwischen regulären Truppen, Söldnerheeren und Marodeuren zurückgekommen." (S. 818) „Neben der Kriegführung durch nichtstaatliche Akteure […] und dem Auftreten von Kriegsunternehmern, den Warlords, für die der Krieg eher ein Geschäftsmodell als ein politisches Vorhaben […] ist, sind als weitere Strukturähnlichkeiten die Verflechtung der Kriegstypen und die Überlappung von Kriegsformen zu nennen, wie sie sich vor allem im Nahen und Mittleren Osten, aber auch in Afrika beobachten lassen.“ (S. 820) „In den gegenwärtigen Kriegen des Vorderen Orients und der Sahelzone verbinden sich religiöse beziehungsweise konfessionelle Konflikte mit solchen, die sich um die Machtverteilung im Innern eines Staates drehen, und dabei ist nur schwer zu erkennen, welche Konfliktebene der kriegsauslosende Faktor war und welche anschließend die Situation verschärft hat.“ (S. 829) Leider kann auch Münkler nicht aufzeigen, an welcher Stelle in welchem Konflikt anderes Handeln andere, bessere Ergebnisse gebracht hätte. +++ Wie auch im „Großen Krieg“ sind die größten Schwächen des Buches, dass sich Münkler ohne lange Ausschweifungen mitten ins Geschehen wirft. Auf eine einführende Darstellung der agierenden Nationen vor Beginn des Krieges verzichtet er. Auch ist mir die Diskussion der Errungenschaften des Westfälischen Friedens zu eilig und nicht tiefgründig genug – laut Münkler ja immerhin eine Epochenwende. Auch fehlt eine Zusammenfassung und Analyse der Folgen des Krieges für Deutschland und Europa. Ein Kapitel zum Thema „bellum creator mundi“, also der kriegsbedingten Erfindungen, hätte ich für aufschlussreich gehalten. Dafür hätte man auf den Einschub zur Verarbeitung des Krieges in der deutschen Literatur verzichten können. Wie auch schon im „Großen Krieg“ mangelt es dem Buch an Übersichtskarten. Hier muss der Leser Geschichtsatlanten zu Hilfe nehmen. +++ Jedoch: Trotz der Schwächen ein großartiges, anregendes Werk, spannend wie ein Thriller. Man wünscht sich, Münkler legte noch viele weitere solche Darstellungen vor!