Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03559.jsonl.gz/702

Zuerst ein kurzer Exkurs in die Verhaltensbiologie:
Aus verhaltensbiologischer Sicht entsteht eine B e z i e h u n g zwischen Halter und Hund dann, wenn sich ein vorhersagbares Muster von Verhaltensweisen entwickelt, welches der Hund bei anderen Menschen nicht, oder kaum, zeigt bzw. ein Mensch nicht, oder kaum, bei anderen Hunden zeigt. Man spricht hier von einer sozialen Beziehung.
Aus verhaltensbiologischer Sicht hat eine B i n d u n g eher mit familientypischem Verhalten zu tun, z.B. soziale Paarbindung im Rudel, soziale Unterstützung und gegenseitiger Support in belastenden und Stress verursachenden Situationen. Selbstverständlich gehört auch die Eltern-Kind Bindung bei den Hunden und Wölfen dazu. Auch die Erweiterung der Familie, was z.B. in Wolfsrudeln zu sehen ist, wo Rudelmitglieder gewisse Funktionen in der eigenen oder in einer «anderen Familie» desselben Rudels übernehmen. Auch sieht man in den Rudeln, dass die zweite Stufe oft eine Verantwortung für die Ausbildung von jüngeren Mitgliedern übernimmt, z.B. Jagdverhalten.
Die Evolution des Haushundes hat dazu geführt, dass ein gut sozialisierter Haushund oft stärkere Tendenzen zeigt, sich dem Menschen, anstatt den Artgenossen zuzuwenden. Dies bedeutet, dass der Hund sowohl eine Beziehung führen wie auch eine Bindung zum Halter aufbauen kann. Die Voraussetzungen dafür müssen aber gegeben sein, was wiederum heisst, dass dies nicht automatisch geschieht.
Für den Hundehalter ist es deshalb wichtig zu erkennen, dass wenn die Grundlagen und das Umfeld, für jeden einzelnen Hund individuell, nicht vorhanden sind, auch die Voraussetzungen für die Sozialisierung, Erziehung und Ausbildung nicht ausreichend gegeben sind. Dies bedeutet wiederum, dass die Wahrscheinlichkeit eines unerwünschten Verhaltens sich erheblich erhöht.
Deshalb beginnt eine nachhaltige Sozialisierung, Erziehung und Ausbildung von Hunden mit der Ausbildung des «anderen Endes der Leine». Der Hundehalter muss erkennen und akzeptieren, dass er meistens der entscheidende Teil im Puzzle ist – es gibt nur sehr wenige echte «Problemhunde». Die Ursache für die meisten Verhaltensauffälligkeiten ist eine nicht ausreichende Hund-Halter Beziehung und Bindung.
Der Hundebesitzer muss in der Lage sein, seinem Hund ein Umfeld zu geben, in dem er wirklich ein Hund sein kann. Er muss sich geschützt und sicher fühlen, artgerechte Bewegung bekommen, artgerecht lernen, spielen und Erfahrungen sammeln können. Zudem benötigt er, nicht zuletzt um sich aufgehoben zu fühlen, klare und authentisch konsequent umgesetzte Leitplanken (mehr dazu im Kapitel 2.13).
Der Hundehalter muss lernen, seinen Hund vorausschauend, ruhig und souverän zu «lesen», coachen, begleiten und führen, damit der Hund zum Hundehalter Vertrauen aufbauen kann. Nur wenn der Hund Vertrauen entwickelt und sich sicher und aufgehoben fühlt, kommt er zu Ruhe und ist er in der Lage, sich zu konzentrieren und zu lernen. Dabei lernt und erfährt der Hund auch, dass der Hundehalter seine beschützende Verantwortung wahrnimmt, was wiederum die Voraussetzung für ein belastbares Grundgehorsam und Sozialverhalten ist. Der Hundehalter ist der Mentor, Coach und sinnbildlich der «Rudelführer» seines Hundes (s. Beispiel im Kapitel 2.8).
Die richtige Sozialisierung und Erziehung des Hundes dienen dazu, dass der Hund lernt, innerhalb welchen Rahmens er sich frei bewegen und entfalten kann. Durch die soziale Unterstützung des Hundehalters entsteht eine vertiefte Bindung und Vertrauen zwischen Halter und Hund, in welcher der Hund lernt, mit seinen Freiheiten verantwortungsbewusst umzugehen und der Hundehalter sich traut, ihm auch diese Freiheiten uneingeschränkt zu geben.
Ohne jetzt auf Details einzugehen ist es aber wichtig für den Hundehalter und Hundetrainer zu verstehen, dass hier Hormone im Spiel sind:
Oxytocin reduziert die Ausschüttung von Stresshormonen und Anzeichen von Stress, was wiederum die Fähigkeit zum sozialen Lernen (siehe unten) erhöht und eine zentrale Rolle beim Bindungsaufbau spielt.
Vasopressin ermöglicht dem Hund auch den Halter und/oder Beziehungspartner im Rudel zu erkennen, z.B. Geruch, Stimme, Bewegung, Aussehen. Vasopressin hat auch einen Einfluss auf die Bereitschaft einen Sozialpartner vehement zu verteidigen. Bei einer eher oberflächlichen Beziehung besteht tendenziell aber die Möglichkeit, dass der Hund die empfundene Schwäche «ausnutzt» und gegen den Hundehalter bzw. Sozialpartner aufmüpfiger agiert.
Dann kommen wir noch zum Hormon Dopamin, welches dem Hund in freudige Erwartungshaltung setzt, vorausgesetzt er empfindet diese bereits bekannte Situation als angenehm. Wenn das Dopaminsystem durch Oxytocin aktiviert wird freut sich der Hund auf das Zusammensein mit dem Halter und will mit ihm kooperieren und etwas unternehmen.
So wird wahrscheinlich klar, auch aus verhaltensbiologischer Sicht, was benötigt wird, damit ein Team, eine Einheit entsteht. Hund und Hundehalter bieten sich gegenseitig ihre Kooperation an und wollen miteinander arbeiten und lernen. Der Hund baut zu seinem Halter eine belastbare Beziehung und Bindung auf, nicht zu Spielzeugen, Leckerlis und anderen Hunden, welche richtigerweise sekundär werden.
Auch benötigt der Hund Rituale und Routinen, welche als Stützen im Alltag dienen und ihm eine Struktur geben. Unterschätzen Sie nicht die Wichtigkeit von artgerechter, emotionaler und körperlicher Nähe. Lernen Sie z.B. warum gewisse Hunde immer auf etwas Abstand von ihrem Halter bleiben, was das sogenannte «Kontaktliegen» in einem Rudel bedeutet und geben Sie Ihrem Hund, was er benötigt und in seiner eigenen «Sprache».
Insbesondere bei ängstlichen und unausgeglichenen Hunden ist ein strukturierter Alltag, Rituale und Routinen von sehr grosser Bedeutung. In der Natur ist Angst nicht nur ein Lernprozess, sondern auch ein Überlebensgarant. Nur vorsichtige Wölfe und Hunde leben lange. Das Alarmsystem triggert eine Reaktion auf einen Angstauslöser und hilft dem Hund zu entscheiden, wie mit der Situation umgehen – genau wie beim Menschen.
Der Hundehalter muss aber sicherstellen, dass die Auslöser von Angst beim Hund sich nicht durch Fehlverknüpfungen verselbstständigen und zu Angstaggression führen, sondern durch Lernprozesse und Desensibilisierung rechtzeitig abgewendet werden können. Deshalb ist das Umfeld, wie oben beschrieben, von sehr grosser Bedeutung – die Mehrheit der Verhaltensauffälligkeiten entstehen aus Angst oder Unsicherheit.
Oder warum 70% der Hunde auffälliges Verhalten zeigen und warum die Mehrheit der Hundeschulen bei 70% der Hundehalter nicht nachhaltig erfolgreich sind:
Wie oben beschrieben ist die B E Z I E H U N G und B I N D U N G zwischen Hund und Halter das Fundament. Genau wie in der zwischenmenschlichen Beziehung basiert diese auf Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Authentizität etc. Damit der Hund in der Lage ist, Zugehörigkeit zu empfinden, braucht er von seinem Halter auch ein hohes Mass an Ruhe, Souveränität, Authentizität, Belastbarkeit und Konsequenz. Wenn die Beziehung und Bindung nicht stimmen, wird der Hund auch nicht mit dem Halter kooperieren wollen, ausser möglicherweise über eine materielle Belohnung.
Unter S O Z I A L I S I E R U N G (soziales Lernen) versteht man den gesamten Lernprozess, welcher den Hund zu einem gesellschaftlich angepassten Wesen macht und umfasst auch die aktive Auseinandersetzung des Hundes mit den gesellschaftlichen Anforderungen. Die Sozialisierung hört nie auf, sondern findet während der gesamten Lebenszeit eines Hundes statt.
Die E R Z I E H U N G ist Bestandteil der Sozialisierung. Darunter bezeichnet man die pädagogische Einflussnahme auf die Entwicklung und das Verhalten des Hundes, d.h. der Lernprozess, der den Hund befähigt, ruhig und gelassen auf die Umgebung zu reagieren und somit ein harmonisierendes Sozialverhalten zu erlernen.
Unter A U S B I L D U N G (formales Lernen) versteht man die Vermittlung von Fähigkeiten und Fertigkeiten, z.B. «Sitz!», «Platz!», Apportieren etc. In diesem Kontext verwende ich auch den Ausdruck «Aufgabenausbildung», um keine Verwirrung zu stiften.
Graphisch können wir die drei Eckpfeiler der Philosophie wie folgt darstellen:
Der Hundehalter muss die eigene Kompetenz (Wissen, Können und Bereitschaft) aufbauen, damit er versteht, was der Hund benötigt, um sich aufgehoben, wohl und sicher zu fühlen. Nur so kann eine starke Bindung zwischen Hund und Halter entstehen.
Der Hundehalter muss lernen:
- Die Sprache der Hunde zu verstehen und in «Doggish» mit dem Hund zu kommunizieren
- Lernen, das eigene Verhalten zu reflektieren. Buck Buchanan sagte: «Dein Pferd ist ein Spiegel deiner Seele. Manchmal wird dir nicht gefallen, was du siehst, manchmal aber doch.» Auch der Hund ist ein Spiegelbild des Halters
- Die eigene Feinfühligkeit zu entwickeln, sehr aufmerksam zu beobachten und in der Arbeit mit dem noch nicht stabilen Hund, 100% konzentriert zu sein.
Der Hundehalter kann von seinem Hund nur das verlangen, was er selbst authentisch vorlebt, d.h. wenn er Vertrauen, Respekt, Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit, Belastbarkeit, Stabilität, Ruhe und Souveränität von seinem Hund erwartet, muss er dies auch vorleben. Je mehr Voraussetzungen der Hundehalter mitbringt, desto einfacher wird es für den Hund sich davon zu überzeugen, dass er beim richtigen Halter ist.
Der Hundehalter darf die Wichtigkeit von gemeinsamer Bewegung nicht unterschätzen. Lange Strecken «als Rudel» unterwegs zu sein fördert die Beziehung.
Nähe, Zuneigung, Spass, soziale Unterstützung ist ein wichtiger Bestandteil des Alltags bei den Wölfen und den frei lebenden Hunden. Die Zusammengehörigkeit ohne Erwartungshaltung bewusst zu erleben schafft Bindung.
Sozialisierung ist der Lernprozess, der den Hund befähigt, ruhig und gelassen auf die Umgebung zu reagieren. Erziehung wird definiert als die Einflussnahme des Hundehalters, welche den Hund mit den Erwartungen der Gesellschaft kompatibel macht.
Der Hundehalter muss seinen Hund fördern, damit der Hund lernt:
- Sich in der Gesellschaft unauffällig zu verhalten
- Sich an die Umwelt und Gesellschaft anzupassen
- Sich am Menschen zu orientieren
- Mit dem Menschen zu kooperieren
- Sich gegenüber anderen Tieren und Artgenossen korrekt zu verhalten.
Dann muss der Hundehalter ein korrektes Verhalten von seinem Hund einfordern, damit der Hund lernt:
- Den Halter als Mentor und Bezugsperson wahrzunehmen
- Vertrauen und Zugehörigkeit zum Halter zu entwickeln
- Regeln, Leitplanken und Grenzen zu akzeptieren
- Benimmregeln / Grundgehorsam vorzuzeigen.
In der heutigen Zeit sehe ich zunehmend, wie Hundehalter Ihre diesbezügliche Verantwortung vernachlässigen. Die Verantwortung für die Sozialisierung und Erziehung trägt der Hundehalter. Der Beziehungsaufbau kann man nicht delegieren, auch nicht zum Hund.
Aufbau von Fähigkeiten und Fertigkeiten, damit der Hund weitere Aufgaben übernehmen kann. Hierzu gehören zum Beispiel:
- Grundausbildung: Fuss, Sitz, Platz, Bleib, Hier, Arbeit ohne Leine etc.
- Weiterbildung: Apportieren, Fährtenarbeit, Flächensuche, Begleithund-Ausbildung, Agility etc.
- Spezialausbildung: Begleit-, Behinderten-, Therapie-, Dienst-, Lawinen-, Katastrophen-, Drogen-, Sprengstoffhund etc.
Oft sehe ich Hunde, die sich punkto Aufbau in der unteren linken roten Ecke (A1, B1, C1) befinden, z.B. Strassenhunde, die aus dem Ausland eingeführt wurden, oder Hunde, falsches, oder unausgewogenes Training bekamen.
Der erste Schritt ist immer nach oben, d.h. die Beziehung zwischen Hund und Halter aufbauen oder verbessern. Leicht zeitversetzt kann man anfangen das Sozialverhalten in einer sehr ruhigen Umgebung, mit möglichst wenig Störfaktoren und Ablenkung, zu prägen. Wenn ich merke, dass eine Beziehung entsteht und die Zeichen einer Bindung zum Halter vorhanden sind, kann ich beginnen, die ersten Elemente der Erziehung einzubauen (siehe Definitionen oben). Ein Schritt nach oben, ein Schritt nach rechts, ein Schritt nach oben, ein Schritt nach rechts etc.
Verzichten Sie in diesem Stadium auf Ausbildung und Konditionierung mit Leckerlis oder Spielzeuge. Sie wollen, dass der Hund zu Ihnen eine Beziehung und Bindung aufbaut. Loben Sie den Hund authentisch, für was er gut macht und zeigen Sie ihm, dass Sie sich darüber freuen. So freut er sich, er lernt in seiner eigenen Sprache, will sich am Halter orientieren und mit Ihnen kooperieren.
Gehen Sie mit Ihrem ausgewachsenen Hund täglich 5 – 10 km zusammen «im Rudel» laufen, anstatt vier Mal hektisch 15 Minuten. So entsteht Ruhe und Gelassenheit, beide können ihre Werkzeugkästen aufbauen und das Risiko von Missverständnissen und Konflikten reduzieren.
Sobald Sie in der Lage sind, mit Ihrem Hund in einer ruhigen Umgebung, z.B. im Wald, anderthalb Stunden entspannt laufen zu gehen, können Sie die Umweltreize steigern und z.B. in eine ländliche Umgebung, mit etwas Verkehr, Lärm, Gerüche, Menschen und Artgenossen, laufen gehen. Wenn Ihr Hund auch in dieser Umgebung Gelassenheit und Anschluss zeigt, gehen Sie mit ihm in die Stadt und bauen Sie die Belastbarkeit weiter auf. Zeigt Ihr Hund Unsicherheiten bei einem der zwei Letztgenannten, gehen Sie eine Stufe zurück. Fühlen Sie sich noch etwas unsicher, steigern Sie die Belastung nicht, sondern arbeiten weiter auf dem bisherigen Niveau. Warum? Weil der Hund ihre Unsicherheit spürt und diese übernimmt. Die Vorstufe richtig aufzubauen ist immer die Voraussetzung für die nachfolgende Stufe.
Nutzen Sie die Gelegenheiten, die natürlich entstehen, um Ausbildung zu integrieren. Wenn er von sich aus Sitz macht, sagen sie «Sitz!» und loben Sie ihn, sobald er sitzt, «fein Sitz!». So fängt er an, das Wort Sitz mit seiner Handlung zu verknüpfen und die Ausbildung geht schnell vorwärts.
Die grüne Ecke, oben rechts, bedeutet Beziehung 3, Sozialisierung/Erziehung 3 und Ausbildung 1, was für die meisten Familienhunde mehr als ausreichend ist. Hund und Halter sind zufrieden! Auch die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Hund fängt an, neue Dimensionen anzunehmen. Insofern es gewünscht wird, kann jetzt die gemeinsame Reise auf der Ausbildungsachse, in die dritte Dimension, anfangen.
Wenn ich meinem Hund z.B. «Leinenführigkeit» beibringen möchte, geht das um ein Mehrfaches einfacher, schneller und nachhaltiger, wenn mein Hund sich bei mir wohl und aufgehoben fühlt – dann will er sich bei mir aufhalten, zeigt Anschluss und ist aufmerksam. Auch für «Rückruf» gilt genau dasselbe – wenn mein Hund sich gerne bei mir aufhält, muss ich den Rückruf nicht sonderlich ausbilden oder trainieren, sondern er kommt freudig, sobald ich ihn rufe.
Eine gute und belastbare Beziehung und Bindung zwischen Hundehalter und Hund ist eine Voraussetzung für die erfolgreiche Erziehung und Ausbildung. Erkennt der Hundehalter nicht, dass die Beziehung und Bindung nicht ausreichend ist, greift er oft zu Leckerlis oder Zwang, was nicht zielführend ist!
Deshalb bin ich auch kein Befürworter davon, dass man einem unsicheren Hund, der zu seinem Halter zu wenig Anschluss zeigt, mit Leckerlis oder Spielzeuge probiert davon zu überzeugen. Dann zeigt der Hund möglicherweise «eine Art Leinenführigkeit», aber nur so lange er etwas Materielles bekommt. Danach ist er wieder weg und zwar dorthin, wo er sich wohler, sicherer und aufgehobener fühlt.
Genau das Gleiche ist der Fall, wenn der Aussenreiz (Reh, Hase, Fahrrad, anderer Hund etc.) stärker wird als der Wunsch etwas Materielles zu bekommen. Oft erlebe ich Hunde, die ausserhalb ihrer gewohnten Umgebung gar nicht auf Leckerlis, oder Spielzeuge ansprechen, weil sie sich z.B. zu unsicher fühlen, oder Angst haben. Oder, sie holen sich schnell ein Leckerli und hauen wieder ab. Hunde sind Opportunisten …
Gleichzeitig sehe ich aber auch das Gegenteil. Vor ein paar Jahren hatte ich eine Begegnung mit einem extremen Spielzeug Junkie – ohne ihre Beisswurst ging nichts und ihre volle Konzentration galt der Beisswurst. Seine Halterin war für die Hündin inexistent und wurde höchstens als «die Person mit der Beisswurst» wahrgenommen. Wie war es so weit gekommen?
Die Beagle-Hündin wurde schon als sehr jung auf ihre Rolle als Spürhund im Gepäckraum am Flughafen vorbereitet und ausgebildet. Der grösste Teil ihrer Jugend bestand darin, mit der Nase zu arbeiten und für Erfolge, mit der Beisswurst belohnt zu werden. Obwohl die Hündin sehr gut arbeitete, kam die Halterin zu mir, weil sie im Privatleben mit dem entstandenen Suchtverhalten ihrer Hündin überfordert war. Als die Halterin verstand, was hier passiert war und wie die Dynamik mit den drei Eckpfeilern ABC funktioniert, war ihr alles klar und sie wusste, was sie zu tun hatte.
Deshalb ist es wichtig, das Wort Bindung im Sinne «Vertrauen/Bindung zum Menschen» zu verstehen und nicht im Sinne von «Bindung zum Materiellen», d.h. Leckerlis, Spielzeuge etc. Bestimmt haben Leckerlis einen Stellenwert in der Ausbildung von Hunden, aber aus meiner Sicht erst dann, wenn es um die Perfektionierung von einem bereits ausgebildeten Lernschritt geht.
Ich hoffe, ich habe nachvollziehbar erklärt, warum 70% der Hunde auf dem Spaziergang Verhaltensauffälligkeiten zeigen und warum viele Hundehalter und Hundetrainer ihre Kompetenz unbedingt verbessern müssen.
Die international bekannte Ethologin am Institut für Haustierkunde der Universität Kiel, Dr. Dorit Urd Feddersen-Petersen schrieb mir: «Man löst Probleme und Konflikte nicht mit Leckereien. Es sind soziale Konflikte, die der Mensch mit dem Hund regeln muss. Statt Salami, Bindung und Vertrauen, den abgesteckten Rahmen, in dem sich der Hund frei verhalten kann, und der ihm soziale Sicherheit bietet.»
perfekt «Sitz!, Platz!, Bleib!» ausführt, aber zugleich z.B. respektlos mit Menschen oder Artgenossen umgeht?
Unabhängig davon, ob ein Hund problematisches Verhalten zeigt, oder nicht, eine vertrauens- und respektvolle Beziehung ist die Voraussetzung für eine gute Sozialisierung & Erziehung, was wiederum die Voraussetzung für eine belastbare Ausbildung ist. Das heisst, unglückliche Hunde, Probleme oder Verhaltensauffälligkeiten entstehen dann, wenn Hundehalter und Hundetrainer die wichtigen Abhängigkeiten nicht ausreichend berücksichtigen.
- Ein Hund, der die ruhige und gelassene Freiablage nicht schafft, weil er immer noch unsicher ist, braucht meistens eine Kombination von Beziehung, Bindung, Sozialisierung und Erziehung. Ausbildung wäre hier nicht zielführend und eher als Manipulation oder Bestechung zu betrachten.
- Bei einem Hund der sich immer wieder von der Sitz-/Bleib-Position löst, geht es nicht primär um Aufgabenausbildung, sondern zuerst bei sich selbst zu prüfen, was die mögliche Ursache ist. Sehr oft hat es damit zu tun, dass der Hundehalter gelernt hat, den Hund zu loben, wenn möglich sogar mit Leckerlis, wenn er zu ihm kommt. Der Hund versteht aber nicht, dass er sowohl für das Bleiben, wie auch für das Kommen belohnt wird – das ist menschliches Denken – sondern nur für das Kommen. So hat er zunehmend gelernt, sich aus dem Sitz zu lösen. Deshalb ruft man einen Hund, der sich im Aufbau befindet, niemals ab, sondern geht ihn dort abholen, wo man ihn platziert hat. So lernt er, dass Sitz tatsächlich Sitz bedeutet, dass er abgeholt wird und sich keine Sorgen machen muss, dass man ihn dort vergisst. Als der Hundehalter zum Hund zurückkommt, bleibt der Hund in Position Sitz und wird dafür ruhig gelobt, «fein Sitz». Also, hier muss zuerst das Wissen/Können beim Hundehalter aufgebaut werden, damit die Beziehung gestärkt wird.
- Ein Hund, der Aggression gegen Artgenossen zeigt, weil er sich beim Halter nicht aufgehoben und sicher fühlt, braucht primär eine bessere Hund-Halter Beziehung, nicht Ablenkung, Ausbildung und Konditionierung.
- Damit ein Hund zu einem zuverlässigen und belastbaren Hund wird, muss die Beziehung und Bindung zum Halter aufgebaut werden und der Sozialisierung und Erziehung viel Aufmerksamkeit geschenkt werden, damit der Hund die notwendige Stabilität und soziale Sicherheit bekommt und zwar bevor er ausgebildet wird.
Wenn «Verhaltensauffälligkeit» das einzige Werkzeug im Werkzeugkasten eines Hundes ist, wird er auf herausfordernde Situationen mit «Verhaltensauffälligkeit» reagieren, weil er nicht weiss, dass er andere Möglichkeiten hat.
Die Erweiterung des Werkzeugkastens besteht mehrheitlich aus Lernprozessen und Entwicklung, d.h. primär Beziehung, Sozialisierung und Erziehung. Ausbildung ist hier sekundär. Von «Quick-Fix» Lösungen und materieller Manipulation rate ich bekanntlich bestimmt ab.
Lernen Sie über Hunde und Wölfe, über ihre Sprache, Körpersprache und Signale. Lernen Sie, warum Ihr Hund die Position der Rute, der Ohren oder des Kopfes ändert und was das bedeutet.
Besorgen Sie gute Literatur und Filme über das Wesen und Verhalten von Wölfen und Hunde und verzichten Sie auf «Tricks & Tipps»-Literatur und Ratschläge. Eine Korrekturbrille mag für den Einen perfekt, aber für den Anderen unbrauchbar sein.
Verinnerlichen Sie den Unterschied zwischen Sozialverhalten und die Fähigkeit «Sitz!, Platz!, Bleib!, Komm!» Kommandos auszuführen – und erkennen Sie deshalb auch die unterschiedlichen Anforderungen im Training.
Es gibt nichts, was eine artgerechte Haltung und Ausbildung Ihres Hundes ersetzen kann. Jeder Hund ist individuell und doch im Wesen ähnlich. Ziehen Sie kompetente Hundetrainer und -Experten rechtzeitig dazu, wenn Sie nicht sicher sind.
Beobachten – lernen, beobachten – lernen, beobachten – lernen!
Eine der wichtigsten Aufgaben eines Hundehalters ist es, den Hund richtig zu lesen und ihm Unterstützung im Verhalten zu geben. Bei weitem die grösste Ursache für das «Fehlverhalten» des noch instabilen Hundes ist, dass der Hundehalter nicht rechtzeitig erkennt, dass seine Führung und soziale Unterstützung verlangt wird.
Viele Hundehalter schauen zwar ihren Hund ununterbrochen an, aber sehen nicht, oder nehmen nicht wahr, was der Hund mit seiner Körpersprache und Körperspannung kommuniziert. «Wie aus dem Nichts rastet der Hund plötzlich aus, greift an, oder fängt hysterisch an zu bellen. Wenn ich dann probiere einzugreifen, wird es nur noch schlimmer» etc. erzählt man mir und zeigt mit dem Finger auf den Hund.
Tatsache ist aber, dass dabei drei Finger auf den Hundehalter zeigen.
Kein Hund explodiert von «null auf hundert» im gleichen Bruchteil einer Sekunde. Schaut man den Vorfall in einem Film in stark verlangsamter Geschwindigkeit an, sieht man, dass zuerst etwas passiert ist (Reiz), was zu erhöhter Aufmerksamkeit des Hundes führte. Darauf folgte die körperliche Anspannung, meistens gefolgt von einer eindeutigen Körpersprache, Starre, Fixation etc. Dann wählte der Hund sein Verhalten für die Situation und reagierte.
Der Prozess kann länger dauern, je nachdem wie weit entfernt sich «der Reiz» befindet, oder wie intensiv dieser ist. Bei einem Reiz/Hund auf 50 Meter Distanz ist es meistens noch nicht schlimm. Die kritische Grenze wird aber bei den meisten innerhalb eines Radius von ca. 6 Metern erreicht.
Was hier tatsächlich aber passierte ist, dass der Hund seinem Halter zuerst Signale gab, «eine potentielle Konfrontation kommt auf uns zu», aber der Hundehalter reagiert nicht darauf bzw. zeigte seinem Hund nicht, dass er die Situation verstanden hatte.
Der Hund musste weiterhin selbst probieren mit der Situation klar zu kommen. Der Druck nahm zu, die Signale vom Hund wurden zunehmend eindeutiger, aber der Halter reagierte weiterhin nicht darauf. Dann wurde die 6m Grenze erreicht und die Eskalation war perfekt. Der Hund befand sich im roten Bereich und reagierte nicht mehr auf die Signale des Hundehalters. Wie oft haben wir schon so etwas gesehen?
Jetzt drehen wir den Film wieder zurück und fangen nochmals von vorne an, aber dieses Mal machen wir es richtig:
- Der Hundehalter hört lachende Stimmen auf grossem Abstand und denkt vorausschauend «Es ist ja möglich, dass diese Menschen einen Hund haben»
- Deshalb leint er seinen Hund an, bewegt sich auf die Seite des Waldweges und führt seinen Hund auf der abgewandten Seite von der möglichen Konfrontation, d.h. er kommuniziert rechtzeitig mit seinem Hund «ich habe was gemerkt» und zeigt dabei, dass er seine Führungsverantwortung wahrnimmt
- Der Hundehalter schaut auch auf seine Körperhaltung und stellt sicher, dass diese gerade und «souverän» ist
- Der Hundehalter erhöht das Tempo, damit sein Hund wirklich geführt wird
- Wenn die Parteien sich näher kommen, nimmt er seinen Hund etwas mehr hinter sich, aber behält Tempo und Körperhaltung bei. So zeigt er seinem Hund, dass er ihn beschützt und dazwischen steht. Nicht so, wie die meisten Hundehalter, die sich hinter ihrem Hund verstecken nach dem Motto «Keine Angst Fido, ich beschütze Dich von hinten …»
- Der Hundehalter merkt aber, dass die entgegenkommende Partei den Hund an einer Flexleine haben und dieser immer noch unkontrolliert kreuz und quer unterwegs ist. Deshalb bittet er auf Abstand freundlich darum, dass die andere Partei ihren Hund auf die andere Seite führen, weil sein Hund noch unsicher ist
- Die andere Partei sichert ihren Hund und die zwei Hunde kreuzen sich auf maximalem Abstand von einander
- Während den 6m vor, während und nach der Begegnung schaut der Hundehalter immer darauf, dass er sich zwischen seinem Hund und der potentiellen Konfrontation befindet, d.h. davor befindet sich sein Hund leicht hinter ihm, bei der Begegnung ist er neben ihm und danach kann er sich einen halben Meter vor ihm befinden.
Bestimmt wird die erste Begegnung nicht zu 100% perfekt klappen, aber Übung macht den Meister – nicht nur auf dem Tennisplatz.
Ein Hund kann zwar Verhalten vortäuschen, aber nicht Körperspannung und -Haltung. Deshalb ist es so wichtig, dass der Hundehalter lernt, die Körperspannung des Hundes zu sehen und darauf einzugehen. Eine veränderte Körperspannung oder Körperhaltung ist für den Hundehalter ein Signal, die Führungsverantwortung wahrzunehmen.
Schritt für Schritt wird der Hund lernen, dass er tatsächlich beschützt wird und sich so zunehmend entspannen. Je entspannter, desto aufnahmebereiter wird er sein, das neue Verhalten zu lernen.
- Oft sehe ich Hundehalter, die bei einer Begegnung mit ihrem unsicheren Hund anhalten und stehen bleiben. Oft drehen sie sich sogar auf ihren Hund zu und damit den Rücken zur vermeintlichen Gefahr, anstatt dem Hund zu zeigen, dass er die Gefahr sieht und den Hund beschützt. Wesentlich besser ist aber in Bewegung zu bleiben – auch Wölfe und Hunde bauen Stress über Bewegung ab. Deshalb halte ich nicht bei einer Begegnung an, ausser ich kann mit meinem Hund mehr als 6m Abstand einhalten.
- Den Hund in Sitz oder Platz zu befehlen ist kontraproduktiv und hat mit der Kernproblematik Angst und Unsicherheit nichts zu tun. Ein Hund der Sitz oder Platz machen muss, aber nicht von sich aus anbietet, fühlt sich dafür noch zu unsicher.
- Bestimmt muss ich nicht darauf eingehen, warum Leckerlis in dieser Situation kontraproduktiv sind. Es ist auch völlig unwichtig, ob der Hund sitzt oder steht – wichtig ist die Körperspannung bzw. die Entspannung.
Der Hundehalter analysiert danach, was gut, was weniger gut gelaufen ist und was er bei der nächsten Begegnung besser machen muss. Der Hundehalter spielt den eigenen Film in langsamer Geschwindigkeit wieder ab und schaut jedes Detail an.
Ab jetzt nimmt der Hundehalter auch jede potentielle Hundebegegnung als Chance positiv wahr und wird dabei feststellen, dass er nach ca. 7-9 erfolgreichen Begegnungen gelernt hat, wie er seinen Hund führen muss.
Als Resultat fühlt sich der Hund sicher und aufgehoben, was er wiederum mit einer entspannten Körperhaltung und unauffälligem Verhalten zeigt.
Hund und Hundehalter sind zufrieden!
Eine immer wiederkehrende Frage, welche ich gerne aus meiner Sicht und Erfahrung beleuchte.
Ein A B B R U C H S I G N A L verwendet man, um ein Verhalten oder eine Tätigkeit abzubrechen. Mein Hund hat am Boden etwas was fürchterlich stinkt gefunden und ich will, dass er das sein lässt, weil wir zu Bekannten auf Besuch gehen. Hier kann man z.B. «Schht» verwenden.
Meine Erfahrung ist, dass ein Abbruchsignal neutral und nicht-emotional sein sollte, d.h. mein Hund sollte lediglich das was er gerade vor hat, abbrechen. Deshalb empfehle ich lieber «Schht» als «Nein» oder «Lass das» etc.
Das Wort K O R R E K T U R ist ein unglücklich gewähltes Wort, da es meistens mit Gewalt, Prügel und psychologischem Druck in Verbindung gebracht wird. Dem ist aber nicht so!
Eine Korrektur hat mit Gewalt nichts zu tun, sondern ist Bestandteil der Erziehung (siehe Definition oben). Eine Korrektur verwende ich ausschliesslich dann, wenn der Hund etwas richtig gelernt hat und weiss, was er tun sollte, aber sich nicht daranhält, z.B. mein Hund ist im Umgang mit einem anderen Hund zu grob, oder «begrüsst» eine Person allzu stürmisch.
Hat mein Hund das erwünschte Verhalten nicht gelernt, verwende ich Abbruchsignal, da er eine Korrektur nicht verstehen würde.
Korrekturen mache ich mit einem wohldosierten, tiefen und emotional kontrollierten «NEIN!» und möglicherweise einen Schubs zum Zeigen, dass dieses Verhalten gar nicht in Frage kommt. Je nach Stärke der benötigten Korrektur zeige ich auch mittels Körpersprache, dass dieses Verhalten nicht akzeptabel ist. Warum gebe ich bei etwas stärkeren Korrekturen unter Umständen einen Schubs? Weil der Hund sich dann oft in seiner eigenen Welt/Kopfkino/Rausch befindet und ich ihm, mit dem Überraschungseffekt, so helfen kann, wieder ins Hier und Jetzt zu kommen. Beim Schubs handelt es sich um einen 200-300 Gramm Schubs in die Seite, nicht um einen Schlag.
Wie weiss ich, wie stark eine Korrektur sein muss? Meine Erfahrung zeigt hier, dass eine Korrektur, welche schwächer ist, als die Kraft/Energie, welche von meinem Hund für das unerwünschte Verhalten eingesetzt wird, nicht ausreichend ist. Genau so, wie eine zu starke Korrektur nicht verstanden und verarbeitet werden kann und deshalb eher zu Unsicherheit und Meideverhalten führt.
Deshalb erachte ich es als sehr wichtig, dass die Kraft der Korrektur (Stimme, Körperhaltung und Schubs) genau auf die Intensität des Fehlverhaltens zu kalibrieren und konsequent eine Stufe stärker zu korrigieren ist, als das Fehlverhalten war. Bildlich gesprochen, wenn mein Hund mit einer Stärke 6 einen anderen Hund grob behandelt, korrigiere ich mit Stärke 7. Stärke 3 ist zu wenig und Stärke 9 ist zu viel.
Eine Korrektur muss unmittelbar passieren, innerhalb einer Sekunde, ansonsten verbindet mein Hund die Korrektur nicht mit seinem Verhalten. Korrekturen, welche der Hund nicht versteht, führen zu Konflikten in der Beziehung mit dem Halter und zu Unsicherheiten beim Hund. Mit einer richtigen Korrektur lernt mein Hund sein eigenes Verhalten einzuschätzen und ich übernehme meine Verantwortung als Mentor und Coach.
Wichtig zu verstehen und unterscheiden ist, dass eine Korrektur dem Hier und Jetzt gilt und keine Verurteilung oder Wertung des Hundes ist. Sobald der Hund sich entspannt und das erwünschte Verhalten zeigt, zeige ich meine Zufriedenheit. Wenn ich 100% sicher bin, dass keine Restspannung vorhanden ist, lobe ich ihn ruhig und authentisch. Warum erst zu diesem Zeitpunkt? Weil ich ihn unter keinen Umständen für seine An- oder Restspannung loben möchte, welche beim Hund zu Fehlverknüpfungen führen könnte.
Diese Art und Weise mit Korrekturen umzugehen hat sich wirklich bewährt und erfordert Feinfühligkeit beim Hundehalter.
Eine weitere, immer wiederkehrende Fragestellung, ist das Thema «Belohnung und Bestrafung», welches mit Abbruchsignalen und Korrekturen eng verwandt ist. Genau wie bei den Korrekturen, hat Bestrafung nichts mit Gewalt, Prügel und destruktivem Druck zu tun.
In der Lerntheorie, welche für mich als Vorgabe dient, werden die Begriffe wie folgt definiert:
Eine B E L O H N U N G wird verwendet, wenn man möchte, dass ein Verhalten zunimmt. Hier trennt man zwischen positiver (+) und negativer (-) Belohnung:
Positive Belohnung (+): Etwas Angenehmes wird hinzugefügt
Negative Belohnung (-): Etwas Unangenehmes wird entfernt, oder bleibt aus
Eine B E S T R A F U N G wird verwendet, wenn man möchte, dass ein Verhalten abnimmt. Hier unterscheidet man zwischen positiver (+) und negativer (-) Bestrafung
Positive Bestrafung (+): Etwas Unangenehmes wird hinzugefügt
Negative Bestrafung (-): Etwas Angenehmes wird entfernt
Der aufmerksame Leser erkennt sofort, dass die heutige Hundeausbildung mehrheitlich auf «positive Belohnung» basiert, was nicht nur veraltetes Denken ist und das Verhalten eines Hundes auf Reiz-Reaktion, sog. Behaviorismus, reduziert. Inzwischen ist man in der Psychologie viel weiter. Der Behaviorismus wurde in der Wissenschaft vom sog. Kognitivismus abgelöst, welches die Komplexität des Hundewesens umfassender berücksichtigt.
In diesem Zusammenhang möchte ich gerne die Publikation «Hunde erfolgreich erziehen ohne Bestrafung – und die Erde ist eine Scheibe» von Dr. Iris Mackensen-Friedrichs empfehlen, deren Meinung und Erfahrungen ich teile. Die Publikation können Sie hier lesen.
Das Thema «Ignorieren», welches sowohl mit Abbruchsignalen und Korrekturen wie aber auch mit Belohnung und Bestrafung eng verwandt ist, ist eine weitere Fragestellung, welche ich oft höre.
Aus meiner Sicht und Erfahrung gilt folgendes:
- Wenn ein Hund z.B. auf die Hinterbeine aufsteht und die dreckigen Vorderpfoten auf das helle Hosenbein abstützt, hat kein Hundehalter Freude. Es reicht meistens, dass man sich demonstrativ wegdreht und dem Hund dabei keine Aufmerksamkeit (Augenkontakt, Stimme, Berührung) schenkt bis zum Zeitpunkt wo seine Absicht nicht mehr vorhanden ist. D.h. man wartet ab, bis der Hund sich wieder entspannt und lobt ihn für die Entspannung – nicht vorher
- Bis der Hund gelernt hat, dass sein Verhalten wirklich nicht geschätzt wird, braucht es Wiederholungen. Bei der dritten Wiederholung kann man zusätzlich ein Abbruchsignal «Schht» einbauen und die Energie (nicht Emotionen) verstärken. Bei einem hartnäckigen Hund würde ich ab ca. der fünften Wiederholung eine leichte Korrektur einbauen, weil er dann eigentlich gelernt haben sollte, dass dieses Verhalten nicht akzeptabel ist
- Ein Hund für längere Zeit als im Moment zu ignorieren halte ich für kontraproduktiv. Wir dürfen hier die Beziehung, Bindung und Einfluss der Hormone, wie im Kapitel 2.1 oben erwähnt, nicht vergessen. Im Wolfsrudel führt unter anderem das Ignorieren und eine konsequente Futterreduktion dazu, dass der Betroffene sich nicht willkommen und aufgehoben fühlt, was dazu führen kann, dass er das Rudel verlässt
- Deshalb erachte ich Hundehalter der «alten Schule», die den eigenen Hund während längerer Zeit, Stunden – Tagen – Wochen, als Strafe oder erzieherische Massnahme ignorieren, nicht nur als inkompetent, sondern auch als tierschutzrelevant.
Leitplanken sind aus meiner Sicht ein sehr wichtiges Thema für den Hundehalter und Hundetrainer zu verstehen. Generell sage ich immer zu den Hundehaltern, dass alles was wir dem Hund (und uns selbst zum Thema Hund) beibringen, sowohl für den Hund wie auch für den Halter von Vorteil sein sollte. Hat es nur für einen der beiden einen Vorteil, lassen wir es lieber sein.
Wir verwenden Leitplanken einerseits, um dem Hund klare Grenzen aufzuzeigen, damit wir uns auf den Hund verlassen können. Andererseits aber, geben die Leitplanken dem Hund klare Orientierung und er lernt, dass er sich innerhalb den (virtuellen) Leitplanken frei bewegen kann, was wiederum zu einer entspannten Beziehung führt.
Für einen noch nicht stabilen Hund hilft es deshalb, wenn man am Anfang die virtuellen Leitplanken enger setzt und mit zunehmender Beziehung und Bindung diese in kleinen Schritten vergrössert. Wichtig dabei ist es aber konsequent zu bleiben, damit der Hund klar versteht, was ich von ihm will und er diese Hilfestellung als positiv erlebt. Um auf das obige Beispiel mit den hellen Hosen zurückzukommen: Der unerfahrene Hund kennt den Unterschied zwischen hellen und dunklen Hosen nicht, deshalb gilt auch hier 100% konsequent zu sein und bei den definierten Leitplanken zu bleiben. Dies gilt insbesondere bei einem unsicheren Hund – Leitplanken geben ihm eine wichtige Struktur.
Beispiel: Ein unsicherer Hund hat gelernt, dass er sich bei jeder Hundebegegnung in die Leine wirft und den anderen Hund anbellt unter dem Motto «Angriff ist die beste Verteidigung». Vorausschauend erkennt man die potentielle Situation bevor er seine Absicht mit Körperspannung signalisiert und zeigt ihm, dass er sich auf der abgewandten Seite aufzuhalten hat und führt ihn ruhig, souverän und konsequent an der «Gefahr» vorbei.
Der Halter hat mit seiner Intervention damit vorgelebt, dass:
- Er die Situation unter Kontrolle hat und überlässt die Regelung dieser nicht den Hunden
- Er seine Führungsrolle konsequent wahrnimmt und für Sicherheit sorgt, d.h. die Aufgabe seines Hundes ist es, neben ihm zu laufen
- Der eigene Hund zunehmend lernen kann, dass ein anderer Hund nicht per se eine Bedrohung darstellt
- Das neue Verhalten der beiden für beide wesentlich angenehmer ist.
E s t r i f f t a l s o z u . . .
… dass man im Bereich der Ausbildung (C) die Konditionierung mit Leckerlis, Spielzeuge, Clicker etc. gezielt einsetzen kann – so werden z.B. auch Delfine ausgebildet, um Kunststücke vorzeigen zu können.
E s t r i f f t a b e r n i c h t z u . . .
… dass die Methoden in der Ausbildung (C) als Ersatz für den zielführenden Beziehungs-, Bindungs-, Sozialisierungs- und Erziehungsaufbau der Hunde eingesetzt werden können – auch nicht unter dem Vorwand «neuer Forschungserkenntnisse im Lernverhalten des Hundes» und wie man es heutzutage mehrheitlich in den Hundeschulen sieht. Es handelt sich hier um völlig unterschiedliche Ebenen!
Oder etwas plakativ ausgedrückt – auch beim Menschen kann man soziale Konflikte und Verhaltensauffälligkeiten leider nicht mit Gummibärchen lösen.
Bitte lesen Sie folgende 20 Punkte aufmerksam und verknüpfen sie diese mit den obenerwähnten Eckpfeilern, sie sind fundamental für die solide Entwicklung eines Hundes:
- Hunde sind Rudeltiere, genau wie ihre Vorfahren, die Wölfe. Die meisten Hunde würden in der Natur oft nicht alleine überleben, deshalb bilden sie ein Rudel. Es ist Teil der DNA eines Hundes zu kooperieren – sie wollen kooperieren.
Deshalb muss der Hundehalter seinem Hund zwingend ein Umfeld/Rudel geben, in welchem der Hund sich artgerecht aufgehoben und beschützt fühlt. Nur so kann der Hund seine kooperative Fähigkeit entfalten.
- Ein Rudel ist eine Sozial- und hierarchische Struktur, in welcher jedes Mitglied definierte Aufgaben und Verantwortungen hat.
Der Hundehalter muss seinem Hund Aufgaben und Verantwortungen geben – und sein Hund muss verstehen, welche diese sind. Versteht oder bekommt er diese nicht, sind seine Grundbedürfnisse nicht gedeckt und er wird höchstwahrscheinlich mit unerwünschtem Verhalten reagieren.
- Ein Rudel bildet die Struktur, um erfolgreich Nahrung jagen, sich gegenseitig beschützen und vermehren zu können.
Im Rudel des Hundehalters ist der Hundehalter dafür verantwortlich, Nahrung zu jagen bzw. im Schrank zu finden. Er gibt seinem Hund auch den benötigten Schutz vor anderen Rudeln und Gefahren. Deshalb muss er seinem Hund andere Aufgaben geben, damit der Hund sich als Teil seines «Rudels» fühlt.
- Ein Rudel ist keine Demokratie; Hunde und Wölfe benötigen eine Hierarchie mit klaren Regeln.
Der Hundehalter muss die Regeln für sein Rudel definieren, welche genau beschreiben, was erlaubt ist und was nicht. Er muss seinem Hund diese zuerst beibringen und dann mit 100% Konsequenz authentisch einfordern, d.h. Erziehung.
- Ein Rudelführer in einem Wolfs- oder Hunderudel erreicht seine Position, weil er kontinuierlich mentale, emotionale und physische Stärke zeigt, d.h. der Hund kann zu seinem Halter Vertrauen und Bindung aufbauen.
Ein Rudelführer ist immer souverän, ruhig und durchsetzungsfähig. Wölfe und Hunde haben kein Vertrauen und verlassen sich nicht auf einen unruhigen, nervösen und instabilen «Rudelführer».
- Nervöse und unruhige Energie vom Rudelführer ist der Anfang einer Abwärtsspirale.
Hier befindet sich oft eine der Ursachen einer schwächeren Beziehung zwischen Hund und Halter. Hunde gereizt zurechtweisen, anschreien, oder gar schlagen, ist für den Hund nicht nur ein Zeichen von Schwäche anstatt von Stärke, sondern für ihn auch schwer verständlich, wenn er dafür bestraft wurde, dass er in einer schwierigen Situation probierte alles richtig zu machen.
- «Rudelführer», Mentor und Coach für Ihren Hund zu sein, ist eine 24h / 7 Tage pro Woche Aufgabe, insbesondere bis eine starke Beziehung entstanden und die Erziehung belastbar ist.
Sobald ein unsicherer Hund das Gefühl hat, die souveräne Führung fehlt, bedeutet dies – in den Augen des Hundes – dass der Hundehalter Führungsschwäche zeigt und somit, dass die Sicherheit des Rudels gefährdet ist.
- Ein Hund, der gesamtheitlich gesehen, nicht richtig verstanden und entsprechend geführt wird, zeigt oft unerwünschtes Verhalten. Wenn er sich nicht aufgehoben und beschützt fühlt, reagiert er oft mit nervösem und unerwünschtem Verhalten. Die typische Reaktion des Hundehalters ist Nervosität und Unsicherheit, der Hund wird «korrigiert», was für den Hund nur eine Bestätigung ist, dass die Führungsqualitäten des Halters nicht ausreichend sind. Oft wird aus diesem typischen Ablauf ein Teufelskreis.
Die «Führungsschwächen» des Hundehalters versetzt den Hund in eine schwierige Konfliktsituation bezüglich Vertrauens zum Hundehalter, da 95% der Hunde nicht als Rudelführer geeignet sind.
- Stellen Sie sich kurz vor: Ein unsicherer Terrier geht mit seinem grossen Hundehalter auf einen Spaziergang. Der Hund zieht an der Leine und zieht seinen Halter mit, was nicht selten zu sehen ist. Der Hundehalter ist mit seinem Smartphone beschäftigt und findet es nicht weiter schlimm, oder ist sich dessen nicht bewusst – deshalb hat man vielleicht auch einen kleineren Hund gewählt. Plötzlich sieht der kleine Terrier einen grossen Rhodesian Ridgeback. Ohne Leine, mit erhobenem Kopf und Rute läuft der Ridgeback selbstsicher und zielgenau auf sie zu. Wie geht der Terrier mit der Situation um, wie geht es ihm dabei und wie reagiert er?
Der kleine Terrier muss jetzt nicht nur schauen, dass er die bevorstehende Konfrontation übersteht, er muss auch seinen Hundehalter beschützen, da er seinem Hund keine Zeichen gibt, dass er die Situation unter Kontrolle hat.
- Plötzlich wacht der Hundehalter doch auf, erkennt die potenzielle Gefahr und wird nervös – und die Leine ist die Antenne zwischen Hundehalter und Hund.
Der Hund benötigt 100% Führung. Bekommt er nur 70%, muss er die fehlenden 30% selbst ausgleichen.
- Wölfe und Hunde haben vier mögliche Verhalten, mit welchem sie potenzielle Konfliktsituationen begegnen können: Nicht nur (1) angreifen oder (2) flüchten, sondern auch (3) ausweichen und (4) ignorieren. Für den kleinen Terrier bedeutet dies, falls die Situation eskalieren sollte, dass er nicht flüchten oder ausweichen kann, weil er an der Leine «gefangen» ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein instabiler Hund eine derartige Situation ignorieren kann, ist höchst unwahrscheinlich. Was bleibt übrig?
Wer trägt die Verantwortung für das unerwünschte Verhalten des kleinen Terriers, der Hund oder der Hundehalter?
- Während Ihr Hund sich in der Grundausbildung befindet und Sozialkompetenz aufbaut, belohnen Sie Ihren Hund mit ruhigem und authentischem Lob. Verzichten Sie aber auf Futter und Spielzeuge als Hilfsmittel, um den Hund zu Leistungen zu motivieren.
Das Wichtigste ist, dass der Hund eine starke Beziehung, Vertrauen und Respekt zu Ihnen aufbaut und nicht zu den Hilfsmitteln.
- Die Sozialkompetenz eines Hundes kann nicht mit Futter gestärkt werden!
Hundehalter und Hund müssen lernen, wie mit Begegnungen und potenziellen Konfrontationen umzugehen. Dies sind Lernprozesse, sowohl für den Hundehalter wie auch für den Hund. Mit Ablenkung und Futter lernen weder Hundehalter noch Hund etwas, sondern können bestenfalls nur die Symptome reduzieren.
- Hunde denken und fühlen nicht wie Menschen.
Deshalb ist es auch respektlos vom Menschen, sie wie Menschen zu behandeln und interpretieren. Ich behandle meinen Hund artgerecht, ansonsten hat er keine Chance zu verstehen, was ich wirklich meine – er will mich verstehen und mit mir kooperieren, wenn er sich als Bestandteil meines «Rudels» fühlt.
- Ich zeige nicht mit dem Finger auf meinen Hund, wenn er nicht das macht, was ich von ihm erwarte – drei Finger zeigen dabei immer auf mich.
Die meisten Hunde-Verhalten sind ein Spiegelbild davon, was ich vorlebe.
- Viele Hundehalter machen den Fehler, dass sie ihrem Hund zu viel Aufmerksamkeit geben. Augenkontakt, Sprache und Berührung sollte gezielt eingesetzt werden, da diese in der Hundesprache eine grosse Bedeutung haben.
Der Hund muss nicht immer und für alles was er macht gelobt werden. Man kann ihn ruhig für Lob etwas mehr arbeiten lassen, genau so wie sie im Rudel arbeiten und sich konzentrieren müssen. Ich habe noch nie Rudelführer im Wolfsrudel gesehen, die sich immer wieder umdrehen und sich beim Rudel mit Leckerlis dafür bedanken, dass sie kooperieren. Zu viel Lob schwächt die Wirkung des Lobs, nicht nur beim Hund.
- Wenn der Hundehalter seinem Hund immer Aufmerksamkeit (Augenkontakt, Sprache und Berührung) gibt, muss der Hund dem Hundehalter keine Aufmerksamkeit geben. Oft sehe ich z.B., dass Hunde, die wenig Anschluss zeigen, immer wieder von ihren Haltern gerufen werden, ohne jedoch, dass der Hund kommt. Der Hund nimmt den Abruf nicht ernst, aber findet es gut, dass der Halter sich immer wieder meldet und sagt, wo er ist.
Der Hund soll aufgrund einer starken Bindung lernen, dem Hundehalter Aufmerksamkeit und Anschluss zu geben, nicht umgekehrt. Deshalb darf der Hundehalter nicht seine eigenen Kommunikationsbedürfnisse mit den Bedürfnissen seines Hundes verwechseln.
- Die Beziehung zum Hund sollte auf gegenseitigem Respekt, Vertrauen und Liebe aufgebaut sein. Der Hundehalter muss sich das verdienen bevor der Hund dazu bereit ist – Respekt einfordern geht auch bei Hunden nicht. Viele Hunde sind instabil bevor sie es aufbauen können. Dass ein Hund «Tricks» oder gewisse «Aufgaben» ausführt, z.B. Sitz und Platz, bedeutet nicht, dass die Beziehung auf Respekt, Vertrauen und Liebe aufgebaut ist.
Es bedeutet in den meisten Fällen lediglich, dass dem Hund beigebracht wurde, etwas auszuführen.
- Als Hundehalter und Hundetrainer darf man niemals «Sozialverhalten» mit der «Fähigkeit Aufgaben auszuführen» verwechseln. In der Ausbildung von Hundehalter und Hund gibt es keine «Schnellbleichen», der Hund kann vom Hundehalter nur lernen, was der Hundehalter in der Lage ist zu vermitteln.
Je mehr Sie Ihrem Hund beibringen für Leckerlis und Spielzeuge zu arbeiten, desto mehr lernt er auch nur für Leckerlis und Spielzeuge zu arbeiten. Für den Hund werden Sie schnell weniger interessant als die Leckerlis und Spielzeuge.
- Nur wenn der Hund sich mit seinem Rudelführer wohl und gut aufgehoben fühlt, ist er auch bereit mit seinem Halter zu kooperieren. Fühlt der Hund sich aufgehoben, ist es auch für den Hund einfacher mit möglichen Konfliktsituationen umzugehen.
Der Hundehalter ist immer wach und vorausschauend, er sorgt für die Sicherheit des eigenen kleinen Rudels. So lernt der Hund, dass der Halter konsequent die Verantwortung übernimmt und der Hund kann sich auf ihn verlassen. Die Ruhe im Rudel wird bewahrt und der Hund kann mit zunehmender Sicherheit mehr Aufgaben übernehmen.
Das Verhalten der Caniden ist komplexer als Menschen oft wahrhaben wollen. Professionelle Kynologen und Hundetrainer haben schon lange erkannt, dass es keine Patentrezepte gibt, um Verhaltensauffälligkeiten zu neutralisieren. Zudem ist das Verhalten des Menschen am anderen Ende der Leine meist die Ursache für das Verhalten des Hundes – der Hund zeigt lediglich die Reaktion darauf. Wichtig erscheint mir deshalb auch, zwischen «störendem Verhalten» und «Verhaltensauffälligkeit» zu unterscheiden.
Deshalb muss nicht primär der Hund trainiert werden, sondern der Mensch. Damit es aber für den Hundetrainer einfacher wird, einen Hundehalter auszubilden, beobachtet ein kompetenter Hundetrainer das Verhalten eines Hundes und schaut, ob, wie und warum das Verhalten des Hundes eine plausible Reaktion auf das Verhalten des Hundehalters ist.
Genau so wie die erwähnten Gummibärchen das Fehlverhalten des Hundehalters nicht korrigieren können, sind Leckerlis keine omnipotente Medizin für die 70% der Hunde, die störendes Verhalten auf dem Spaziergang zeigen. Beide müssen durch Lernprozesse gehen.
Das erfordert Wissen, Können und Erfahrung von einem Hundetrainer und die ständige Bereitschaft, sich zum Thema Mensch und Hund weiterzubilden. Ein Hundetrainer lernt nie aus, ein Hundehalter auch nicht.
Die untenstehende Aufführung ist nicht abschliessend, sondern dient lediglich als Beispiel dafür, was jeder Hundetrainer, wie auch ein Hundehalter, verstehen müssen:
ERSCHEINUNG
Gemüt
Temperament
Energieniveau und -Typus
Selbstsicherheit
Unsicherheit(en)
Zufriedenheit
AUSDRUCKSVERHALTEN
Körperspannung
Körpersprache
Mimik
Kommunikation
Signale
Konzentration
SOZIALVERHALTEN
Hund – Mensch
Hund – Hund
Hund – Tier
UMWELTVERHALTEN
Geräusche
Bewegte Reize
Stille Reize
KOOPERATIONSVERHALTEN
Bindung
Motivation für Bindung
Vertrauen Hund – Halter – Hund
Gehorsam
Kooperationsbereitschaft
Leinenverhalten
Abrufverhalten
Aufmerksamkeitsverhalten
Beute- und Jagdverhalten
Unterschiede bei räumlichen Distanzen Hund/Halter
SPIELVERHALTEN
Sozialfokus
Objektfokus
LERNVERHALTEN
Lernpräferenzen
Habituation (Gewöhnung)
Sensitivierung (Sensibilisierung)
Sozialisierung (Interaktion)
Klassische Konditionierung (Pawlow)
Operante Konditionierung (Skinner)
Instrumentelle Konditionierung («trial and error» oder Versuch und Irrtum)
Einsicht
Nachahmung
Geschmacksvermeidungslernen
Furchtkonditionierung
Unterscheidungslernen
RESSOURCENVERHALTEN
Futter / Nahrung
Territorium / Revier / Schlafplatz
Mensch
Sozialkontakt
Beute / Spielzeug
AGONISTISCHES VERHALTEN
Rivalität / Wettbewerb
Konkurrenz
Imponierverhalten
Drohverhalten
Submissionsverhalten
Territorialverhalten
Revierverhalten
Rangordnungsverhalten
AGGRESSIONSVERHALTEN
Objekt der Aggression
Angst-/Furchtbedingt
Unsicherheitsbedingt
Frustrationsbedingt
Ressourcenbedingt
Schmerzbedingt, auch medizinisch
Hormonell bedingt
Mensch / Sozialkontakt
Wenn wir uns zusätzlich vorstellen, dass jedes einzelne Kriterium auf eine Skala kategorisiert werden kann, z.B. von 1 bis 5 (von unauffällig bis stark auffällig), sprechen wir von einer sehr grossen Anzahl Verhaltenstypologien eines Hundes.
Hundetrainer müssen diese Komplexität und Verknüpfungen erkennen, eine Anamnese richtig erstellen können und wissen, wie damit umgehen.
Auch müssen sie rechtzeitig erkennen, wenn sie das notwendige Wissen und Können nicht haben und einen Spezialisten dazu ziehen. Problematisch wird es dann, wenn man nicht weiss, dass man nicht weiss.
In der heutigen Zeit kommt in der Politik in der Schweiz immer wieder zu Sprache, eine obligatorische Leinenpflicht einzuführen, was ich zum Teil sehr gut verstehen kann. Allerdings würde man die Hunde für das mangelnde Wissen, Können und Einstellung der Hundehalter bestrafen, was weder korrekt noch artgerecht wäre.
Richard David Precht sagt zurecht: «Es gibt zwei Kategorien von Tieren. Die eine glaubt, dass es zwei Kategorien von Tieren gibt, und die andere hat darunter zu leiden».
Die Hundehalter und Hundetrainer müssen erkennen, dass von ihnen mehr verlangt wird. Die Zielsetzung muss sein, dass sogar Nicht-Hundehalter sich über die zufriedenen und folgsamen Hunde freuen und nicht die Ausstellung eines Nachweises. Davon sind wir aber weit entfernt – ich bin sicher, die Hunde und Hundehalter würden sich aber auch darüber freuen.