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Jack Preger ist ein Mann mit einem aussergewöhnlichen Lebenslauf. Der Dokumentarfilm «Doctor Jack» über ihn und sein Werk erhielt den Publikumspreis der Solothurner Filmtage 2017.
Als walisischer Landwirt entschliesst er sich mit 35 Jahren aufgrund einer Offenbarung, Arzt zu werden. Nach Abschluss seiner Ausbildung in Wirtschaftswissenschaft und Politik pflegt er nach dem Bürgerkrieg in Bangladesch mehrere Jahre Kranke in den Flüchtlingslagern, bevor er einige Zeit an der Seite von Mutter Teresa arbeitet. Danach entscheidet er sich, in die Elendsviertel von Kalkutta zu ziehen, um dort die Ärmsten medizinisch zu versorgen. Und er gründet eine Bewegung, die mittlerweile weltweit bekannt ist: die Strassenmedizin. Mit dem Film «Doctor Jack» folgt der Schweizer Regisseur Benoit Lange den Spuren des Arztes Jack Preger und sucht nach Antworten auf zentrale Fragen seines Lebens und Werkes.
Alles begann in Wales, am Ort einer Eingebung. Jack Preger arbeitete dort mit seinem Traktor auf dem Feld, als ihm, wie er sagt, der Heilige Geist erschienen sei. Er gab ihm die Erleuchtung, er solle Arzt werden. Das war der Anfang eines äusserst bewegten Lebens. Er emanzipierte sich von der Religion als jüdisch-orthodoxer Jugendlicher, wurde Arzt und kam schliesslich an die Spitze der Hilfsorganisation, die er aus dem Nichts erschaffen hatte und die sich bis heute in Kalkutta weiterentwickelt. Diskret stellt der Film Fragen wie: Warum hat Jack diese Aufgabe gewählt? Wie weit kann sich ein Mensch engagieren? Wie entwickelt sich ein solches Werk?
«Doctor Jack» taucht in den Alltag eines aussergewöhnlichen Mannes ein, der noch heute, mit 87 Jahren, jeden Morgen aufsteht, um Menschenleben zu retten. Die Kamera begleitet ihn ins Zentrum seines Wirkens, die ambulanten Kliniken seiner Non-Profit-Organisation. Wir begegnen «einem wirklich guten Menschen», wie ihn ein ehemaliger Patient titelt. Dabei erleben wir Dr. Jack während intimer Momente seines Alltags und spüren etwas von seiner «Vision einer besseren Welt». Zum ersten Mal erzählt er öffentlich, was ihn bewegt, was ihn hoffnungsvoll, was ihn traurig stimmt. Der Film erzählt weiter von seiner Leidenschaft, seinem Kampf gegen das himmelschreiende Unrecht und von den Projekten, die er noch realisieren möchte. «So wie die Dinge standen, hatte ich keine andere Wahl. Manchmal wählt das Leben für uns,» meint er bescheiden. Der Dokumentarfilm wurde, obwohl Jack sich lange dagegen gewehrt hatte, sein filmisches Vermächtnis.
Zwei der 500 000 behandelten Patienten der Strassenmedizin von Kalkutta.
Anmerkungen des Regisseurs Benoit Lange
«Die Zeit, die ich mit Jack Preger verbringen durfte, hat zu einem Vertrauensverhältnis geführt, das mir erlaubte, tief in seine Welt einzutauchen. Mit diesem Film wollte ich etwas zurücktreten und die Faszination hinterfragen, die er auf mich ausübt. Zu diesem Zweck habe ich mich mit Menschen umgeben, die mir neue Blickwinkel eröffneten. Meinen Kameramann habe ich wegen seines ausserordentlichen Feingefühls und seiner Professionalität ausgewählt. Die Recherchen, die wir 2013 in Kalkutta gemeinsam betrieben, haben uns eine Menge von Einsichten vermittelt. Sie haben uns mehr gebracht, als wir suchten.
Für den Arzt ist sein Zimmer in Kalkutta sein einziges Refugium, in das er sich zurückziehen kann, ein geheimer, privater Raum. Ich war einer der wenigen, denen er dort Zutritt gewährte, doch noch nie zuvor war jemand mit einer Kamera bei ihm zu Besuch. Es war von grosser Bedeutung, dass Jack im Vorfeld ein Vertrauensverhältnis auch mit meinem Mitarbeiter aufbauen konnte. Dies ist uns gelungen, und wir konnten bei ihm zu Hause aus nächster Nähe drehen. Zum ersten Mal in seinem Leben hat er akzeptiert, der Mittelpunkt eines Filmes zu sein. Ich hatte das grosse Glück, das Testament dieser vom Lauf der Welt geplagten Seele zu verfilmen.»
Mit Sister Cyril streitet Jack besonders gern.
Das adäquate Porträt eines «Amateurs» der Nächstenliebe
Realisiert wurde der Dokumentarfilm von einigen in der deutschen Schweiz wenig bekannten Filmschaffenden: dem Regisseur und Drehbuchautor Benoit Lange und dem Co-Regisseur Pierre-Antoine Hiroz, dem Drehbuchautor Claude Muret und dem Kameramann Camille Cottagnoud. Seine inhaltliche und formale Gestaltung zeichnet sich durch eine unspektakuläre, heterogene Vielfalt aus: nicht chronologisch und gradlinig, sondern assoziativ und emotional. Das erlaubt eine rhythmische und langsame Annäherung an den sympathischen, doch gelegentlich sturen Menschen und Arzt Jack Preger. Genau die richtige Form! Denn auch Jack lebt sein Leben nicht geradlinig, sondern in Windungen. Er ist ein Mensch mit Widersprüchen, in Offenheit und Verschwiegenheit. In diesem Sinn entsprechen Aufbau, Rhythmus und Dramaturgie exakt der schillernden und dennoch hintergründigen Persönlichkeit des Abgebildeten.
Jack Preger passt in kein Konzept. Weder philosophische noch religiöse Gründe für sein Tun sind eindeutig auszumachen. Er lebt sein Leben und geht seinen Weg! Woher die Kraft für sein Handeln kommt, bleibt im Film und wohl auch in seinem Leben offen. Der von ihm zitierte Satz von Mutter Teresa, «Besser, auch nur eine Kerze anzünden als im Dunkeln sitzen zu bleiben», erklärt einen Teil seiner Haltung. So will ich denn Doctor Jack Preger, wie ihn der Film zeigt, einen «Amateur der Nächstenliebe» nennen, wissend, dass dieser Titel missverstanden werden kann. Doch der ursprüngliche Sinn des Wortes «Amateur» bedeutet Liebender und Liebhaber, meint also einen Menschen, der liebend lebt und liebend arbeitet – wie Dr. Preger. Vielleicht ist Jack ja auch ein Bruder des Sisyphos der griechischen Mythologie: verurteilt, seinen Felsblock einen steilen und hohen Berg hinaufzurollen, dessen Gipfel er nie erreicht, denn der Felsblock entgleitet ihm stets im letzten Moment und rollt zurück ins Tal, weil es, wie Jack einmal antönt, «keine Lösung gibt».
Mit 87 noch täglich auf dem Weg zu seinen Kranken auf den Strassen.
Titelbild: Jack Preger, zu Hause in einem ehemaligen Bordell
Regie: Benoit Lange; Produktion: 2016, Länge: 83 min, Verleih: LookNow