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Die amerikanische Musik ist zutiefst von Religion durchdrungen. Bekannt ist der Siegeszug des Gospel, den die schwarzen Communities mit ihrem Durst nach Freiheit genährt haben. Hier haben aber auch Blues und Jazz einen Teil ihrer Wurzeln. Andere Musiktraditionen gehen auf ein europäisches und protestantisches Erbe zurück, dessen Grundlage Kirchenlieder und Psalmen der frühen Reformation sind. Aus ihnen allen schöpfen die hier vorgestellten Werke ihre Inspiration. Zu hören sind Adaptationen von je rund zwei Minuten.
Selbstverständlich dabei sind die grossen Klassiker wie Amazing Grace oder Go down Moses. Einer der ersten US-amerikanischen Komponisten überhaupt, James Lyon (1735-1794) ist mit seinem Choral The Lord Descended (Psalm 18) vertreten. Auf der Liste auch Johnny Cash und Joan Baez, letztere mit einer Komposition von Bob Dylan, in der er die Ungerechtigkeiten der Geschichte anklagt, With God on Their Side. Auch aktuelle christliche Musik kommt zu Gehör, mit einem der jüngeren Hits: What a Beautiful Name.
The Lord Descended (James Lyon) – 1548
In den Gründungsjahren der Vereinigten Staaten war das Singen von Kirchenliedern, Chorälen und Psalmen die häufigste Art, Musik zu machen. Dabei orientierte man sich noch am protestantischen europäischen Repertoire und dem Chorgesang. Es war der Kongregationalist James Lyon (1735-1794), der einen Choral aus dem Jahr 1548 zu Psalm 18 neu in Noten setzte, unter anderem mit diesem Vers: «Er neigte den Himmel und fuhr herab, und Dunkel war unter seinen Füssen.» Lyon ist einer der ersten US-amerikanischen Komponisten.
Amazing Grace (John Newton) – 1773
Amazing Grace ist der wohl berühmteste amerikanische Choral. Die Worte dazu schrieb 1779 ein Sklavenhändler, der nach einem Schiffbruch, den er auf wundersame Weise überlebte, dem Sklavenhandel abschwor. Wie der Titel andeutet, beschreibt der Autor die Überraschung der Gnade Gottes, der ihn gerettet hat, trotz seines sündigen Verhaltens, ganz gratis (in gratis steckt das lateinische gratia = Gnade). Die Melodie beruht auf einer späteren Volksweise. Aretha Franklin sang eine fantastische Interpretation und machte das Lied zu einem der beliebtesten Songs des 20. Jahrhunderts.
Simple Gifts, (Shaker Dance Song 19. Jh.) – 1848
Dieses Lied kommt aus der Gemeinde der Shaker, einem Ableger der Quäker, von denen sie die meisten Merkmale übernehmen: Strenge Gleichberechtigung von Mann und Frau, Gewaltfreiheit und das Zittern im Gebet. Die Shaker drücken ihren Überschwang im Geiste durch Tanzen aus. Einige der Worte von Simple Gifts deuten darauf hin. Das Lied ist so berühmt, dass es bei der Amtseinführung der Präsidenten Reagan, Clinton und Obama gesungen wurde.
Joshua Fit The Battle of Jericho (Mahalia Jackson) – 1865
Der berühmte Negro spiritual wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von schwarzen Sklaven komponiert. Die Geschichte vom Sieg Joshuas und der von ihm geführten Hebräer über die Mauern von Jericho, die unter dem Schall der Trompeten einstürzen, verweist auf die Zerstörung der Mauern der Sklaverei. Grosse Interpreten haben den Song unsterblich gemacht, darunter die unnachahmliche Mahalia Jackson. In den von Afroamerikanern komponierten Spirituals vermengen sich afrikanische und europäische Musiktraditionen.
How Can I Keep From Singing (Robert Lowry) – 1868
Lange wurde die Herkunft dieses Liedes, das Teil des amerikanischen Repertoires ist, den Quäkern zugeschrieben. Bis ein Historiker nachwies, dass zur Zeit seiner Entstehung im Gottesdienst der Quäker gar nicht gesungen wurde. Ohnehin sind diese eher für ihre langen Phasen des gemeinsamen Schweigens bekannt. Wie verbreitet die Melodie ist, zeigt sich daran, dass das Lied immer wieder auch mit nichtreligiösen Texten gesungen wurde, in denen oft das Wort Christus durch Wahrheit ersetzt wurde.
Go Down Moses (Paul Robeson) – 1958
Go down Moses ist wohl der bekannteste unter den Negro Spirituals, diesen von Sklaven komponierten Gesängen, die ihnen die Last ihres Schicksals leichter machen sollten. Er nimmt Bezug auf die Geschichte im Zweiten Buch Mose, wo Moses Pharao auffordert, sein Volk gehen zu lassen. Interpretiert haben das Lied Generationen afroamerikanischer Sklaven, um ihre Freiheit einzufordern. «Go down Moses» wurde sogar zum Passwort für Sklaven auf der Flucht vom Süden in den Norden.
It was Jesus (Johnny Cash) – 1959
Johnny Cash (1932-2003) ist einer der bedeutendsten US-Countrysänger und Songwriter. In seiner Jugend war der Enkel eines Wanderpredigers sehr gläubig und bibelfest. Im Laufe einer immens erfolgreichen Karriere (mehr als 90 Millionen verkaufte Tonträger) kam es zu einer Reihe von Exzessen, denen er auch mit einer Rückkehr in den Schoss der Kirche zu entkommen versuchte. 1959 komponierte er «It was Jesus», sechs dichte, wirkungsvolle Strophen, in denen er das ganze Schicksal Jesu beschreibt.
With God on Our Side (Joan Baez) – 1963
In diesem Song kritisiert Bob Dylan die Gewalt, die im Namen Gottes ausgeübt wird. Massaker an Indianern, Naziverbrechen, Kalter Krieg – erst 1980 nahm der Literaturnobelpreisträger auch den Vietnamkrieg in seinen Katalog der «Heiligen Kriege» auf. Mit diesem Duett hatten Joan Baez und Bob Dylan 1963 ihr künstlerisches und persönliches Coming Out. Als Paar waren sie nicht lange zusammen, aber beide sangen weiter für Frieden und Gerechtigkeit.
What a Beautiful Name (Hillsong Worship) – 2015
Seit dem Ende des 20. Jahrhunderts feiert christlicher Rock wachsende Erfolge. Vor allem die angelsächsischen evangelikalen Kirchen haben sich das Genre angeeignet, um neue Generationen von Gläubigen anzusprechen. Dabei ist eine echte Internationale der christlichen Musik entstanden, wie dieser Song zeigt. What a Beautiful Name stammt von der Australischen Gruppe Hillson Worship und wurde in den U.S.A. mit zwei der begehrten Dove Awards der Gospel Music Association ausgezeichnet.