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24.06.2019 Odessa
Am Morgen laufe ich an der Brodsky-Synagoge, der Pushkin-Statue, und den Ueberresten der altgriechischen Siedlung (deren Glasdach gerade gereinigt wird) zur potemkinschen Treppe und hinunter in den Hafen. Ich laufe auf dem Pier des „Morske Voksal“ bis ganz nach vorne, wo sich das Hochhaus des Hotels Odessa als seit langer Zeit geschlossen entpuppt. Die kleine Kirche am Ende der Anlage ist ebenfalls geschlossen. Es erstaunt, wie einfach ich in die zollfreie Zone komme, wobei ich am Schluss wieder hinausschleichen muss, um nicht durch das Zollgate zu müssen. Ueber die potemkinsche Treppe gelange ich wieder nach oben und laufe zum Museum „Secrets of the Underground Odessa“. Der englische Name ist nicht Programm. Es gibt keine englische Führung, ausser ich würde einen auch für schweizerische Verhältnisse enormen Betrag bezahlen. Auch so ist die Führung nicht billig und eigentlich wäre eine Reservation nötig gewesen; ich schliesse mich einer russischen Gruppe an. Von den Ausführungen verstehe ich wenig. Mit Helmen und Taschenlampen ausgerüstet, gelangen wir über eine Wendeltreppe zirka 50 Meter unter den Boden, wo die rund 200 Jahre alten Gänge ursprünglich zum Abbau von Sandstein angelegt wurden. Später dienten sie Outlaws, Dieben und Schmugglern als Versteck. Im zweiten Weltkrieg verbargen sich hier Partisanen, die zwei Jahre lang der deutschen Belagerung, die alle Eingänge verschlossen hatte, standhielt. Der Kommandant erschoss nach und nach alle seiner Kämpfer wegen irgendwelcher Vergehen und wurde am Schluss von den Deutschen getötet. Schliesslich dienten sie im kalten Krieg als Atombunker. Uebrig geblieben sind die Gänge, teilweise mit knöcheltiefem Wasser am Boden, Wandzeichnungen der gelangweilten Bewohner und einiges an Abfall, das uns heute Aufschluss über das Leben hier unten gibt. Gemäss einer Legende versteckte ein jüdischer Juwelier ein 2.5 kg schweres Modell der Titanic ganz aus Gold hier unten vor den Deutschen. Am Schluss der Führung gelangen wir am Ende des Partisanenraums zu einer Art Gaststätte, wo wir zu Tee, Guetsli und Schnaps eingeladen werden (den Schnaps lasse ich natürlich aus). Nach der Führung laufe ich noch zum Mykhaylivsʹkyy Maydan, wo sich eine moderne Kloster- und Kirchenanlage befindet. Lange plaudere ich mit der Verkäuferin für religiöse Artikel, teils mit Hilfe des Google Translators. Ich laufe weiter zum Holocaust-Denkmal und schaue kurz in der Sviato Uspenskyi Kathedralnyi Sobor hinein. Auch an einer Moschee komme ich vorbei. Durch einen schönen, grünen, namenlosen Park gelange ich zur Lanzheron-Beach, wo die Leute baden. Weiter nördlich komme ich zum Denkmal für den unbekannten Seemann mit einem Obelisken und einer ewigen Flamme. Von hier aus hat man einen schönen Blick auf den Hafen. Ein enorm lautes Hämmern stammt von einer Ramme, die auf einem Ponton steht und Pfähle im Hafenbecken einrammt. Von der Quarantäne-Arkade hat man nochmals einen schönen Ausblick auf den Hafen. Ueber die Kotzebu-Brücke gelange ich zurück ins Stadtzentrum. Dimitri hat mir ein E-Mail mit seiner Telefonnummer geschickt. Ich rufe an, er ruft zurück, erst beim vierten Mal klappt es. Wir verabreden uns beim Hostel. Mit dem Marschrutka fahren wir zurück zur Wohnung, in der er mit seiner über 80-jährigen Mutter lebt. Das Gebäude gibt von aussen nicht viel her, doch die Wohnung ist gemütlich eingerichtet. Die Mutter offeriert mir selbstgemachte ukrainische Mlynzi, die wunderbar schmecken und nur wenig Zucker enthalten. Wir machen noch ein paar Fotos, dann muss ich zurück, da ich heute viele E-Mails erwarte.