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Wie bin ich auf dieses Buch gekommen?
Oft genug tauchte in den Fussnoten neuerer Bücher das opus magnum von Charles Taylor auf. Die 2012 erschienene deutsche Übersetzung wurde von den Medien ausführlich aufgegriffen. Ich nehme den Ausdruck „Säkularismus“ genügend oft in den Mund, dass er einer näheren Untersuchung würdig ist. Fast erschrak ich, als ich den Bestellungsvorgang für das 1300-seitige Buch abgeschlossen hatte. Wann sollte ich es lesen? Von anderen grossen Werken her weiss ich, dass das Unterteilen in Etappen die hilfreichste Strategie zur Bewältigung darstellt. Ich nahm mir zunächst 100 Seiten zum Schnuppern vor, um dann 300 zu lesen. Unvergesslich bleibt ein Abend im Grünen, wo ich bei einem grossen Feuer den gedanklichen Einstieg fand.
Wer schreibt?
Charles Taylor (* 1931) ist kanadischer Religionsphilosoph. Das Werk basiert auf den 1999 gehaltenen Gifford Lectures, die er in den folgenden Jahren erweiterte. Gemäss eigener Aussage fehlten ihm zum Zeitpunkt der Vorlesungen noch Zeit und Voraussetzungen zum gesamten Werk. Ein tröstliches, weil realistisches Zugeständnis. Der Schwerpunkt des seit Jahrzehnten lehrenden Forschers liegt auf der Moralphilosophie.
Was ist die Absicht des Autors?
„Ich möchte eine Geschichte erzählen: die Geschichte dessen, was man normalerweise die ‚Säkularisierung‘ des neuzeitlichen Abendlands nennt.“ (9) Erzählend und tastend (18) arbeitet sich Taylor in einer „Reihe ineinander verschränkter Essays“ (9) vor.
Das einleitende Kapitel
Wenn Taylor von Säkularismus spricht, meint er den Wandlungsprozess „dass man sich von einer Gesellschaft entfernt, in der der Glaube an Gott unangefochten ist, ja ausser Frage stellt, und man zu einer Gesellschaft übergeht, in der dieser Glaube eine von mehreren Optionen neben anderen darstellt, und zwar häufig nicht die bequemste Option.“ (14) „Der Wandel, den ich bestimmen und nachvollziehen möchte, ist ein Wandel, der von einer Gesellschaft, in der es praktisch unmöglich war, nicht an Gott zu glauben, zu einer Gesellschaft führt, in der dieser Glaube auch für besonders religiöse Menschen nur eine menschliche Möglichkeit neben anderen ist.“ (15)
Wichtig ist der Beobachterstandpunkt: „Wir alle begreifen unser Leben und/oder den Raum, in dem wir unser Leben führen, als etwas, das eine bestimmte moralisch-spirituelle Tätigkeit aufweist. … An diesem Ort … ist das Leben voller, reicher, tiefer, lohnender, bewundernswerter und in höherem Masse als das, was es sein sollte.“ (18) Der Begriff der „Fülle“ beschreibt den „angestrebten“ Zustand (20, Fn 8). Die meisten Menschen leben jedoch in einem mittleren Zustand, „in dem man eine Möglichkeit gefunden hat, den Formen der Verneinung, des Ausgestossenseins und der Leere zu entkommen, ohne jedoch die Fülle erreicht zu haben.“ (21) Gläubige Menschen hingegen erhalten die Kraft oder Fülle „nicht ohne weiteres im gegenwärtigen Zustand“, sondern müssen „dafür geöffnet, verwandelt und aus einem Selbst befreit werden“ (24).
Schon aus diesen kurzen Auszügen des einleitenden Kapitels wird deutlich, dass wir es hier nicht mit einem knapp gehaltenen, von messerscharfen Definitionen bestimmten Werk zu tun haben. Im Bild gesprochen begeben wir uns auf eine breite Strasse, dessen schlängelnder Verlauf sich im Horizont verliert. Der Leser muss diesem Verlauf folgen, um das nächste Wegstück in den Blick bekommen zu können.
Zitate zum heutigen (säkularisierten) Standort
Die postmoderne Einstellung: „Sie bestreiten, attackieren oder verhöhnen die Ansprüche der unabhängigen Vernunft, ohne jedoch eine äussere Quelle zu nennen, aus der Kraft zu empfangen wäre. … Es geht ihnen darum, die Unheilbarkeit des Bruchs, des Fehlens eines Zentrums und die immerwährende Abwesenheit der Fülle herauszustreichen.“ (27)
„Unter den jetzigen Lebensverhältnissen ist die Einsicht unausweichlich, dass es eine Vielzahl verschiedenartiger Deutung gib, eine Vielzahl von Anschauungen, über die intelligente, einigermassen illusionslose Menschen guten Willens verschiedener Meinung sein können und tatsächlich verschiedener Meinung sind.“ (28)
„Teil der Geschichte unserer Zivilisation ist, dass wir solche Formen der unmittelbaren Gewissheit grossenteils verschlissen haben.“ (30)
„Wir haben nämlich eine Welt verlassen, in der ausser Frage stand, dass der Ort der Fülle ausserhalb oder ‚jenseits‘ des menschlichen Lebens liegt, und ein konfliktreiches Zeitalter betreten, in dem dieser Deutung von anderen Deutungen widersprochen wird, die diesen Ort … ‚ins Innere‘ des menschlichen Lebens verlagern.“ (36)
„Unter ‚Humanismus‘ verstehe ich … eine Einstellung, die weder letzte Ziele, die über das menschliche Gedeihen hinausgehen, noch Loyalität gegenüber irgendeiner Instanz jenseits dieses Gedeihens akzeptiert. Diese Beschreibung trifft auf keine frühere Gesellschaft zu.“ (41)
Was ist zwischen 1500 und 2000 geschehen? „Der ausschlaggebende Unterschied, der zwischen den beiden genannten Daten zu erkennen ist, ist ein Wandel in der Auffassung dessen, was in meiner Terminologie ‚Fülle‘ heisst: ein Wandel von einer Situation, in der unsere höchsten spirituellen und moralischen Bestrebungen unvermeidlich auf Gott verweisen und, wie man sagen könnte, ohne Gott keinen Sinn haben, hin zu einer Situation, in der es möglich ist, diese Bestrebungen mit einer Unmenge verschiedener Quelle in Verbindung zu bringen, und in der sie oft auf Quellen bezogen werden, die die Existenz Gottes bestreiten.“ (52)
Was hat mich irritiert?
Für einen Theologen, der darin trainiert ist, eine biblische Weltsicht zu artikulieren, ist der rein beschreibende Stil der gewaltigen religiösen Veränderung ungewohnt. Ist Taylor ein neutraler Aussenstehender? Keinesfalls. Er nimmt nur schon durch seine Definitionen, seinen gewählten Weg und die Bewertung der Ereignisse einen normierenden Einfluss ein.
Zwischenbilanz
Von inhaltlichen Umfang und auch von der Breite des Gedankengangs bin ich weiter beeindruckt. Die Übersetzung liest sich sehr flüssig. Der klare, zierliche Schriftsatz zieht einen Vielleser wie mich an. Wie gesagt muss der Leser die Musse aufbringen, den mäandrierenden Gedankengängen zu folgen.