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Der erste (und bei weitem umfangreichste) Teil ist dem analytischen Ansatz in der Wissenschaftstheorie gewidmet. Der Autor orientiert sich in den meisten Belangen am Standardwerk von Wolfgang Stegmüller “Probleme und Resultate der Wissenschaftstheorie und Analytischen Philosophie”, das aber mit mehreren tausend Seiten und zahlreichen Einzelbänden für viele eine zu große Herausforderung darstellt (obwohl auch dieses Werk Stegmüllers höchstes Lob verdient in Bezug auf Anschaulichkeit und Verständlichkeit). Nachdem die Sprache als das Werkzeug zur Analyse wissenschaftlich-philosophischer Arbeit vorgestellt wird (nebst der verschiedenen Formalisierungsversuche), wird vor allem auf das Hempel-Oppenheim-Schema Bezug genommen und die Gleichsetzung “Erklärung – Voraussage” behandelt. Über den physikalistischen Ansatz des Wiener Kreises wird anschließend die vorgebliche Voraussetzungslosigkeit von Wissenschaft thematisiert bzw. die teilweise Rehabilitierung metaphysischer Ansätze, ohne die Wissenschaft nicht auskommt. Der diesbezügliche Streit ist meist eine Auseinandersetzung über die Bedeutung solcher Annahmen: Sind diese Rahmenvorstellungen bloßer Mythos (wie Popper in einem ähnlich lautenden Artikel nachzuweisen sucht) oder aber konstituieren sie die wissenschaftliche Arbeit? Und kann die die Wissenschaft leitende Wahrheitsidee auch begrifflich in einer Weise fixiert werden, die über eine bloße “Annäherung” an die Wahrheit hinausgeht oder muss man sich im Sinne des Operationalismus mit einer pragmatischen Auffassung von Wahrheit zufrieden geben?
Daran anschließend wird die von Kuhn aufgeworfene (und mit dem “Rahmen” von Wissenschaft eng verbundene) Problematik der historischen Gebundenheit von wissenschaftlicher Arbeit erörtert: Sind Paradigmen tatsächlich wie von Kuhn behauptet inkommensurabel oder aber kann von einem Fortschritt der Wissenschaft gesprochen werden? Allerdings ist selbst bei Zurückweisung des Paradigmenansatzes der Fortschrittsbegriff selbst höchst problematisch: Worin besteht ein solcher Fortschritt und wie kann dieser behauptet werden, wenn selbst die Voraussetzungen (Lakatos’ “harter Kern”) in Frage gestellt werden können? Sodass man, um diesen Fortschrittsbegriff fassen zu können, gezwungen ist, eine Metaposition einzunehmehen, von der aus erst eine solche Beurteilung möglich wird (wobei Metapositionen aufgrund ihrer eigenen Vorläufigkeit Meta-Metapositionen (ad infinitum) zur Folge haben und insofern auch keine endgültige Lösung bieten).
Diese gesamte Thematik wird von Poser sehr übersichtlich, weitgehend neutral (auch wenn ich etwa in Bezug auf die Rahmendiskussion den Ausführungen nicht immer zu folgen bereit bin) und verständlich dargelegt, wobei – wie eingangs erwähnt – das Nachvollziehen der dargestellen Gedankengänge nicht ganz ohne Vorkenntnisse möglich sein dürfte.
Aber der Autor beschränkt sich nicht auf die Wissenschaftstheorie analytischer Herkunft, sondern untersucht in eigenen Kapiteln den hermeneutischen und dialektischen Ansatz. Ganz unabhängig davon, wie man diese Ansätze beurteilt, ist Poser hier etwas ganz Außergewöhnliches gelungen: Nie zuvor habe ich eine klarere Darstellung dieser Denkweisen gefunden. Diese beiden Abschnitte bieten eine völlig polemikfreie, konzise und klare Analyse der dialektischen bzw. hermeneutischen Vorgehensweise, versuchen deren teilweise noch vorhandene(?) Aktualität in den analytischen Ansatz zu integrieren und sind wahrlich beispielhaft in ihrer Verständlichkeit. Auch hier ist es wieder die Neutralität und Unbefangenheit, die beeindruckt, das Bemühen, Denkern wie Dilthey und Schleiermacher, Hegel und seinen Nachfolgern der Frankfurter Schule, Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, sodass selbst Karl-Otto Apels idealer Kommunikationsgemeinschaft oder Habermasens herrschaftsfreier Dialog zumindest in ihrer Genese verständlich und nachvollziehbar werden.
Der letzte Teil ist der Evolution als Deutungsschema gewidmet, wobei die Evolutionäre Erkenntnistheorie hier nur kurz gestreift wird. Poser geht es vielmehr um die Darstellung der Möglichkeiten des evolutionären Ansatzes, der über das rigide H-O-Schema hinausweist und eine weitgehend offene Zukunft zu ermöglichen scheint. (Tatsächlich glaube ich nicht, dass die evolutionäre Herangehensweise einen konsequenten Determinismus aus dem Feld schlagen kann: Man kommt – ähnlich wie bei der Willensfreiheit – bestenfalls zur Erkenntnis, dass die Zukunft nicht vorhersehbar ist – nicht aber zu einem Freisein von determinierenden Aspekten.) Nichtsdestotrotz ist dieser Ansatz äußerst fruchtbar und in soziologischen, biologischen Bereichen als auch bei Problemen der Selbstorganisation erfolgreich, wenn man denn auf den Gewissheitsanspruch verzichtet.
Abschließend weist Poser auf einen häufig vergessenen, eigentlich aber seit Hume längst bekannten Umstand hin: Dass wir es sind, die über die Ziele von Wissenschaft bestimmen, dass aber die Wissenschaft selbst nie Werte setzen kann. Dies mag einer der Gründe für die allenthalben sich verbreitende Wissenschaftsfeindlichkeit sein: Nämlich der völlig falsche und fehlgeleitete Anspruch, dass Wissenschaft aus sich selbst Werte generieren könne. Wissenschaft kann immer nur Mittel zum Zweck sein, die Zwecke aber setzen wir als Gemeinschaft oder Individuum*. Wissenschaft hat so dienende Funktion, wobei deren Kontrolle selbstverständlich ist. Aber immer sind wir es, die letztendlich entscheiden aufgrund von Werten, die wir als richtig (oder falsch) erachten.
Das Buch bietet eine wirklich gelungene Zusammenfassung über die verschiedenen wissenschaftstheoretischen Strömungen und sollte in keiner philosophischen Bibliothek fehlen. Völlig unabhängig davon, ob man immer die Meinung des Autors teilt.
*) Atomkraftwerke sind etwa solche Mittel, die die Wissenschaft zur Verfügung stellt: Sie dienen unseren Wünschen nach Bereitstellung möglichst großer Energiemengen. Wenn wir als Gesellschaft bereit sind, die Risiken auf uns zu nehmen, ist das unsere Entscheidung, sie ist von den von uns gesetzten Zwecken (eine bestimmte Lebensweise) abhängig. Wenn die Zweck-Mittel-Relation nicht mehr zu stimmen scheint, kann die gleiche Gesellschaft den Verzicht beschließen. Immer aber ist es unsere Entscheidung (nebst den damit verbundenen Konsequenzen, die ja schon vor vielen Jahren in der Weise formuliert wurden, dass keiner “zu Fuß zurück zur Natur wolle”), die über den Mitteleinsatz entscheidet (entsprechend unseren eigenen Wünschen und Vorstellungen).
Hans Poser: Wissenschaftstheorie. Eine philosophische Einführung. Stuttgart: Reclam 2006.