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| Tertullian († um 220) - Gegen Hermogenes. (Adversus Hermogenes)

32. Cap. Abschluss der Erörterung über den Schöpfungsbericht des Moses. Derselbe weiss von einer Materie, wie sie Hermogenes lehrt, nichts.
Das sei meine Antwort in betreff der hl. Schrift, insofern sie bloss die Hervorbringung der Gesamtkörper des Himmels und der Erde zu beweisen scheint. Sie wusste wohl,1 dass es noch Leute gebe, die von selber in den Gesamtkörpern auch die einzelnen Glieder finden würden, und deshalb hat sie sich compendiarisch ausgedrückt. Sie hat sich aber auch gegen die Stumpfsinnigen und Hinterlistigen vorgesehen, die das stillschweigende Verständnis unterdrücken und ein Wort verlangen, welches die [S. 90] Hervorbringung auch der Teile anzeige. Daher und um dieser Leute willen lehrt sie an andern Stellen die Erschaffung auch der einzelnen Teile. Da ist nun die Sophia, welche sagt: „Vor dem Abgrunde bin ich gezeugt”,2 damit Du glaubest, dass auch der Abgrund erzeugt sei, d. h. hervorgebracht, wie auch wir Söhne hervorbringen, nämlich durch Erzeugung. Es liegt kein Unterschied darin, ob der Abgrund erzeugt oder gemacht ist, in beiden Fällen wird ihm ein Anfang zugeschrieben, der ihm nicht würde zugeschrieben werden, wenn er zur Materie gehörte. Hinsichtlich der Finsternis aber sagt der Herr selbst durch den Mund des Isaias: „Ich habe das Licht und die Finsternis gemacht.”3 Vom Geiste sagt ähnlich Amos: „Er macht den Donner stark, bildet den Geist und kündigt den Menschen seinen Gesalbten an”,4 womit er die Erschaffung desjenigen Geistes verkündete, der zur Erschaffung der Erde bestimmt wurde, der über den Gewässern schwebte, der Abwäger, Anhaucher und Beseeler des Weltall ist. Aber es wird nicht, wie einige meinen, mit jenen Worten angedeutet, Gott selbst sei dieser Geist, da Gott ein Geist ist. Denn die Gewässer würden nicht imstande gewesen sein, Gott zu tragen, sondern es ist derjenige Geist gemeint, woraus auch die Winde bestehen, wie es bei Isaias heisst: „Der Odem ist von mir ausgegangen und jeglichen Hauch habe ich gemacht.”5 Ebenso sagt dieselbe Sophia in betreff der Gewässer: „Da er die Quellen feststellte, die unter dem Himmel sind, war ich bei ihm, sie mit ihm abwägend.”6
Wenn wir also beweisen, dass die genannten einzelnen Teile auch von Gott hervorgebracht seien, wenngleich sie in der Genesis nur namhaft gemacht werden ohne Erwähnung ihrer Hervorbringung, so wird uns die Gegenpartei vielleicht zur Antwort geben, sie sind allerdings geschaffen, aber aus der Materie, so dass in der Stelle bei Moses; „Finsternis war über dem Abgrunde und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern” von der Materie die Rede ist, während die übrigen Schriftstellen die Teile einzeln angeben, welche aus der Materie gemacht wurden. Sowie also die Erde aus der Erde entstanden ist, so der Abgrund aus dem Abgrund, die Finsternis aus der Finsternis, der Geist und die Gewässer aus dem Geiste und den Gewässern. Und, wie oben gesagt, die Materie konnte nicht formlos sein, wenn sie Teile hatte, so dass auch die andern aus ihr entstanden; es müsste denn sein, dass es nicht andere wären, sondern dieselben aus sich selbst. Es ist nämlich nicht möglich, dass sie verschieden waren, da sie mit demselben Namen benannt werden; denn sonst könnte das Wirken Gottes als ein müssiges erscheinen, wenn es Dinge schuf, die schon waren, da eine Erzeugung nur dann vorgelegen hätte, wenn Dinge [S. 91] erschaffen wurden, die noch nicht waren. Also, um zum Schluss zu kommen, entweder hat Moses die Materie gemeint, als er die Worte niederschrieb: „Finsternis war über dem Abgrunde und der Geist Gottes schwebte über den Gewässern”, — dann aber hätte, da an andern Stellen die Erschaffung dieser Teile durch Gott gelehrt wird, ebenfalls angegeben werden müssen, sie seien aus der früher von Moses besprochenen Materie gebildet worden, — oder, wenn Moses jene Teile und nicht die Materie gemeint hat, dann frage ich, wo steht denn etwas von der Materie?
1: Scit oder Scivit wird die richtige Lesart sein, nicht Sciat.
2: Sprichw. 8, 24.
3: Is. 45, 7.
4: Amos 4, 13.
5: Is. 57, 16.
6: Sprichw. 8, 28.