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Sibylle Ehrismann, Zürcher Oberländer (16.01.2007)
Das Opernhaus Zürich bringt - nach der quicklebendigen Inszenierung am Theater Basel - ebenfalls eine szenische Version von Händels «Semele» auf die Bühne. Cecilia Bartoli debütiert als Semele.
Georg Friedrich Händel hat mit seiner «Semele» experimentiert. Er bediente sich des heiter-tragischen Opern- librettos von William Congreve über die Geliebte des Zeus. Er schrieb aber keine Oper, sondern ein Oratorium, ohne dabei seine Opernleidenschaft zu unterdrücken. Das Opernhaus Zürich bringt das Barockwerk unter der musikalischen Gesamtleitung von William Christie zur Aufführung. Die Inszenierung, welche bereits an anderen Häusern gespielte wurde, stammt von Robert Carsen. Cecilia Bartoli gibt ihr Rollendebüt als «Semele» und singt dabei erstmals in Englisch.
Händels «Semele» ist in mehrerer Hinsicht ein erstaunliches Werk. Da werden nicht einfach Da-capo-Arien aneinandergereiht. Die Solistinnen und Solisten singen vielmehr - je nach Befindlichkeit - auch Arien ohne Da-capo und grosse Accompagnato-Rezitative. Dazu kommt ein Orchester, das - weil das Stück als Oratorium gedacht war - sehr bildhaft schildert, farbenreich und psychologisch raffiniert die barocken «Affekte» ausmalt.
Koordinationsschwierigkeiten
Das hauseigene Orchester «La Scintilla» auf historischen Instrumenten wirkte am Premiereabend vom Sonntag ziemlich nervös. Vor allem im ersten Teil gab es Koordinationsschwierigkeiten allein schon im Orchester, und die zugegebenermassen heikel zu spielenden Horn-Einsätze gingen gänzlich daneben. Als dann noch der stark agierende Chor dazukam, wackelte es erneut bedenklich. War da zu wenig geprobt worden? Nach der Pause wirkte dann alles konzentrierter und präsenter.
In seinen Opern hat Händel nie Chöre verwendet. Und im Vergleich zu seinen grossen Oratorien spielt der Chor in «Semele» doch eine eher randständige Rolle. Vielschichtig und schön sind die Chorsätze aber allemal. In der Zürcher Inszenierung wird der Chor aufwändig der jeweiligen Szene angepasst und muss zeitweise auch stark agieren. Umso erstaunlicher ist, wie agil und homogen das von Jürg Hämmerli und Ernst Raffelsberger vorbereitete Ensemble nach den Anfangsschwierigkeiten zu singen vermochte.
Die Geschichte: Semele steht kurz vor ihrer Vermählung mit Athamas, als sie von Jupiter im letzten Moment mit Blitz und Donner entführt wird. In einem abgelegenen Schloss geniesst sie alle erdenklichen sinnlichen Freuden. Wann immer Jupiter will, steht sie ihm zur Verfügung. Doch schnell wird Semele der Genüsse und der Geschenke überdrüssig, sie sehnt sich nach Unsterblichkeit. Die eifersüchtige Zeus-Gattin Juno nutzt diese Gier Semeles schamlos aus. Sie gaukelt ihr ein «unsterbliches Spiegelbild» vor. Als Semele von Jupiter ein Erscheinen in göttlicher Gestalt erzwingt, verbrennt sie an seinen Blitzen.
Ästhetische Bilder
So menschlich allzumenschlich Händel seine Götter auch zeichnet, die Regie von Robert Carsen setzt ganz auf glanzvolle ästhetische Bilder (Ausstattung Patrick Kinmonth). Da ist der lange rote Teppich mit den übergrossen Thronsesseln für Jupiter und Juno oder dann das überdimensionierte Bett, in welchem sich Semele fast ununterbrochen ausruht oder wälzt. Und dann der grossartige Sternen-Nachthimmel, dieses Gefühl von Weite und Macht, von Unendlichkeit. Die erleuchtete Erdkugel, die der Chor in diesem Bild wie in einem Ballspiel sorgfältig weiterreicht, ist herrlich anzusehen.
In diesen starken Bildern verblassen die Figuren, sie werden von Carsen zu stereotyp gezeichnet. Cecilia Bartoli hat, wie alle wissen, ein südländisch feuriges Temperament. Ihre «Semele» wirkt jedoch zu mädchenhaft brav. Als sie dann in ihrer Grössenwahn-Arie temperamentvoll ausbricht und Jupiter zum Schwur zwingt, kommt das wie aus heiterem Himmel. Auch wenn diese Rollenzeichnung zu klischiert wirkt, musikalisch legt Händel Semele alle Fazet-ten in die Stimme. Bartoli meistert die schwierigen Koloraturen mit Charme und Bravour. Grandios gelingt ihr die «Spiegel»-Arie, in welcher sie sich gottähnlich wähnt. Was Bartoli hier an gestalterischer und technischer Raffinesse an den Tag legt, ist einfach umwerfend. Und ihr Englisch klingt perfekt.
In dieser eher statischen und ziemlich braven Inszenierung wirkt dann der kecke Auftritt der eifersüchtigen Juno mit ihrer Botenträgerin Iris umso befreiender. Juno wird von Carsen mit allen nur erdenklichen Stereotypen der eifersüchtigen Mächtigen versehen; er macht aus ihr eine regelrechte Slapstick-Figur. Birgit Remmert singt die Partie, in welcher sie ebenfalls debütiert, mit überzeugendem dramatischem Schalk. Auch kann sie ihre Körpergrösse machtbetonend einsetzen. Herrlich auch Isabel Rey als Botin Iris - gewitzt, körperlich sehr wendig und stimmlich agil.
Unterschiedliche Bühnenpräsenz
Liliana Nikiteanu, sehr vielseitig, aber ohne ausgesprochene Barockstimme, vermag in ihrem Debüt als Semele-Schwester Ino von der Stimmführung her nicht zu überzeugen. Ihr Timbre ist weich und dunkel, doch fokussiert sie ihre Stimme nicht «barock» und phrasiert zu wenig prägnant. Dennoch verleiht sie der Ino einen echten Schmelz. Eine recht blasse Figur gibt hingegen Charles Workman als Jupiter und göttlicher Liebhaber. So klar und anschmiegsam seine Tenorstimme auch ist, er wirkt wie ein kleiner Junge ohne Bühnenpräsenz. Sehr schön der weiche helle Spieltenor von Thomas Michael Allen als Athamus, während Anton Scharinger den Schlafgott Somnus mit einem deftig herbem Touch versieht.