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Der Wiki-Weg des Lernens
“Der Wiki-Weg des Lernens” beschreibt in Theorie und Praxis, wie Lernprozesse mit digitalen Kollaborationswerkzeugen gestaltet und begleitet werden können. Mitautor Michele Notari ist Professer für Unterrichtstechnologien an der Pädagogischen Hochschule Bern.
"Sowohl beim Erstellen als auch beim Lesen von Wikitexten kann der Serendipity-Effekt auftreten: Nutzende stossen durch Hyperlinks auf ursprünglich nicht gesuchte Inhalte und Themen, die aber hilfreich zur Lösung des ursprünglichen Problems sein können."
Michele Notari, Professor of educational Technologies PH Bern
Herr Notari, weshalb haben Sie nach der obligatorischen Schulzeit (k)eine Berufslehre absolviert?
Ich war damals im Ungewissen, ob ich eine Berufslehre oder eine weiterführende Schule besuchen soll. Aus diesem Grunde habe ich mich für Lehrstellen umgesehen und habe mich gleichzeitig auch für den Uebertritt in zwei Mittelschulen beworben. Ich war in der glücklichen Lage aussuchen zu können und habe mich für eine Mittelschule entschieden. Ich musste damals Prüfungen ablegen für einen Uebertritt. Wahrscheinlich hat mir bei meinem Entscheid geholfen, dass ich die Prüfungen in beide weiterführende Mittelschulen bestanden habe.
"Der Wiki-Weg des Lernens - Gestalten und Begleiten von Lernprozessen mit digitalen Kollaborationswerkzeugen" so heisst der Titel Ihres Buches, das Sie mit Beat Döbeli Honegger herausgaben. Bitte sagen Sie kurz, was ein Wiki ist und was kollaborative Werkzeuge in diesem Zusammenhang sind?
‚Ein Wiki ist ein Webservice mit Versionskontrolle im Internet, bei dem alle ohne zusätzliche Werkzeuge und ohne HTML-Kenntnisse Webseiten erstellen, verändern und als Hypertext verknüpfen können und auf Wunsch über inhaltliche Veränderungen informiert werden.‘
Wichtig scheint mir bei der Definition die Tatsache, dass ‚alle‘ und damit sind alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer Lerngemeinschaft (z.B. Schulklasse) in der Lage sind, einen zuvor erstellten Inhalt einzusehen und diesen zu verändern. Weiter können die Inhalte auf verschiedenen Seiten erstellt, verändert und verlinkt werden. Diese Eigenschaften von Wikis ermöglichen eine einfache Zusammenarbeit von verschiedenen Personen (Lernenden). Zudem bieten Wikis folgende Funktionalitäten, die die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Personen erleichtern:
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Volltextsuche
Alle Seiten eines Wikis können im Volltext durchsucht werden.
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Ref-By-Funktion
Zu jeder Wiki-Seite ist abrufbar, welche anderen Seiten des Wikis auf sie zeigen.
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Liste der letzten Änderungen
Ein Wiki-Server liefert eine Auflistung der zuletzt hinzugefügten oder geänderten Seiten. Diese Informationen sind auch als RSS-Feed oder via periodisch versandte E-Mails verfügbar.
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Versionskontrolle
Ein Wiki-Server protokolliert jede Änderung einer Wiki-Seite und liefert Vergleiche zwischen einzelnen Versionen oder gleich die komplette Entstehungsgeschichte einer Seite.
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Benutzer-Verwaltung
Manche Wiki-Server erfordern eine Registration bzw. Anmeldung und protokollieren, wer welche Seiten erstellt oder verändert hat.
Wkipedia ist allen Lernenden ein Begriff. Welchen didaktischen Wert sehen Sie mit Wikis im Schulunterricht?
Wikipedia ist eine Informationsressource, welche von der Schule nicht mehr wegzudenken ist. Die Informationssuche und Weiterverarbeitung von Wikipedia – Informationen in und aus Wikipedia hat mit dem ‚Wiki-Weg des Lernens‘ nicht allzu viel gemeinsam. Im Buch sind Konzepte und Rezepte zu finden, welche beschreiben, wie gelernt werden kann, indem man gemeinsam einen Wiki- (wie zum Beispiel Wiki-pedia) Artikel formuliert, korrigiert, anpasst und diskutiert. Bloss verwendet man nicht das Wiki, mit dem Wikipedia erstellt wurde, sondern im Normalfall ein eigenes Wiki. Wikipedia im Unterricht lässt sich gut bei der Recherche und kritischen Auseinandersetzung mit Wikipedia Artikeln einsetzen. Andere Wikis (welche von den Lernenden selber erstellt werden) helfen mit, gemeinsame Inhalte zu verfassen, zu vergleichen und unmittelbar auszutauschen. Wikis als digitale Werkzeuge zur Unterstützung von Partner- und Gruppenarbeiten bieten folgende Potenziale:
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Sprachlich
Schreiben zwei oder mehr Schülerinnen und Schüler zusammen einen Inhalt, so werden sie darüber diskutieren und Sprachprobleme gemeinsam lösen.
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Inhaltlich
Gemeinsames Verfassen von Texten fördert nicht nur den Austausch zu sprachlichen, sondern auch zu inhaltlichen Aspekten.
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Medienpädagogisch
Neben allgemeiner Teamfähigkeit und Sozialkompetenz wird die zukünftig wichtiger werdende Kompetenz der gemeinsamen Textproduktion geübt. Diesbezüglich wird auch die Übernahme von Verantwortung und Selbstständigkeit der Lernenden gefördert.
Das Verändern und Anpassen von bestehenden Texten (wie zum Beispiel Inhalte und Texte, die von Mitschülerinnen und Mitschüler im Wiki vorgängig erstellt wurden, bietet die folgenden Potentiale:
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Inhaltlich
Die Überarbeitung von eigenen oder fremden Texten fördert die thematische Auseinandersetzung. Inhalte werden wiederholt und vertieft aufgegriffen. Werden bestimmte Inhalte mit einem gewissen zeitlichen Abstand wieder aufgegriffen, unterstützen Wikis die Idee des Spiralcurriculums von Jerome Bruner.
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Sprachlich
Die Überarbeitung von Texten erhöht deren sprachliche Qualität
Wikis sind zudem Hypertext-Systeme, welche es auf einfache Art ermöglichen, unterschiedliche Inhalte bzw. Texte untereinander zu verknüpfen (verlinken). Mit Wikis lassen sich Inhalte somit nicht nur linear, sondern auch netzwerkartig präsentieren, was wiederum folgendes Potential für Lernprozesse birgt:
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Werden Lernende aufgefordert, sinnvolle Verknüpfungen zu setzen, so ist dies eine weitere Möglichkeit zur aktiven Auseinandersetzung mit eigenen oder fremden Texten. Es ist noch ungeklärt, ob Hypertext allein bereits lernförderlich ist. Unter anderem Schulmeister weist jedoch darauf hin, dass auch bei Hypertexten das Erstellen lernförderlicher sei als das reine Konsumieren.
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Hypertextdokumente eignen sich besonders für bestimmte Textsorten wie Nachschlagewerke, Argumentationsbäume oder Entscheidungsgeschichten.
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Hypertexte können eine multiperspektivische Betrachtung und Herangehensweise fördern.
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Sowohl beim Erstellen als auch beim Lesen von Wikitexten kann der Serendipity-Effekt auftreten: Nutzende stossen durch Hyperlinks auf ursprünglich nicht gesuchte Inhalte und Themen, die aber hilfreich zur Lösung des ursprünglichen Problems sein können.
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Lernende erleben durch ihre Eigenaktivität Vor- und Nachteile von Hypertexten.
Was ist für die Lehrperson und die Lernenden wichtig beim Einsatz von kollaborativen Lernwerkzeugen?
Die Frage der Infrastruktur ist einfach beantwortet. Im Idealfall hat jede Lernende und jeder lernende braucht ein Gerät mit einem aktuellen Browser und einen Internetzugang. Gemäss JAMES Studie Schweiz (2012) haben 95% der Jugendlichen zwischen 12 und 19 jährigen ein Handy und gemäss Comparis sind in der Schweiz knapp 70% aller Handys Smartphones, welche die Möglichkeit besitzen zumindest über WLAN ins Internet zu kommen (Tendenzen jeweils konstant oder steigend). Ergänzt man diese repräsentativen Statistiken mit der Infrastruktur, die bereits in den Schulen vorhanden ist, kann man davon ausgehen, dass wir uns in der Schweiz nicht allzu weit vom oben beschriebenen Idealfall befinden.
Will man nun in der Schule mit web-basierten Werkzeugen zusammenarbeiten müssen alle einen solchen Zugang haben. Allerdings muss dieser Zugang nicht in jedem Fall für alle gleichzeitig vorhanden sein. Es gibt durchaus didaktische Modelle, bei denen die Lernenden zu unterschiedlichen Zeiten zusammenarbeiten. Bei solchen Settings übernimmt die Technologie die Aufgabe der Ueberbrückung von zeitlichen Distanzen und selbstverständlich der Erleichterung der Zusammenarbeit. Die Lehrperson muss sich wohl fühlen beim Einsatz aller Werkzeuge; dies beginnt mit der Wandtafel und endet beim Aufsetzen von IT basierten Lernszenarien. Die Lehrperson sollte genügend Möglichkeiten haben, diese Werkzeuge und didaktischen Szenarien zu testen und anzupassen, dazu rate ich, anderen Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Umfeld aber auch mit der erweiterten und mittlerweile gut vernetzten Lehrercommunity in Verbindung zu setzen und von deren Erfahrungen zu profitieren.
Um konkret mit der Arbeit mit einem Wiki in der Schule muss die Lehrkraft folgende Fragen beantworten: Welchen Mehrwert erhoffe ich mir durch die Möglichkeiten des Wikis für die Zusammenarbeit in meinem Unterricht? Welches Wiki verwende ich für meinen Unterricht, soll das Wiki im Internet sichtbar sein, welchen Anteil am Wiki erstellen die Schülerinnen und Schüler selber, wie kann ich die Schülerinnen und Schüler dazu bringen, die Arbeit von anderen Klassenkameradinnen und Kameraden anzuschauen und zu verbessern, welche Personen sollen noch auf das Wiki zugreifen können (Eltern, Fachpersonen), wie lange möchte ich das Wiki in meinem Unterricht verwenden, sind die technischen Voraussetzungen für einen solchen Unterricht in meinem Schulhaus gegeben?
Weitere Hilfestellungen zu diesen Fragen werden in mehreren Kapiteln im Buch ‚Der Wiki-Weg des Lernens‘ gegeben.
Zur typischen Situation in einer Berufsschule: Die Lehrperson sieht die Lernenden einer Klasse wöchentlich einmal für maximal einen halben Tag. Wie würden Sie da das Konzept Wiki einsetzen?
Eine der wichtigen Funktion von Medien die Überbrückung von geografischen-, zeitlichen- und anderen Distanzen. Wikis wie auch andere IT-basierte (Kollaborations-) Werkzeuge können dazu beitragen, dass an Lerninhalten und Konzepten während der Präsenzveranstaltung und auch in den Zeiten zwischen den Lektionen gearbeitet und ausgetauscht wird. Es würde den Rahmen dieses Interviews sprengen, wenn ich Ihnen didaktische Tipps und Anweisungen formulieren würde. Im Buch ‚Der Wiki-Weg des Lernens‘ sind einige solche Anwendungsmöglichkeiten beschrieben, welche von Lehrpersonen bereits umgesetzt und getestet wurden.
Welches sind aus Ihrer Sicht die grössten Herausforderungen für das Schweizerische System der Berufsbildung?
Eine berufliche Grund(aus)bildung macht heute eigentlich jede berufstätige Person, sowohl der Schreiner, der eine Lehre absolviert als auch die Juristin, die ein Jahr am Gericht ein Praktikum macht. In 50 Jahren wird der prozentuale Anteil der Personen, die diesen Weg gehen sicherlich gleich hoch sein.
Ich bin mir bewusst, dass eine ‚berufliche Grundausbildung‘ nicht synonym mit dem ‚Begriff der Berufsbildung‘ ist; die gestellte Frage zielt eher auf den prozentualen Anteil der Jugendlichen, die nach Abschluss der obligatorischen Schulzeit von 9 Jahren eine Berufslehre absolvieren. Auch dieser Anteil wird meiner Meinung nach in 36 Jahren wahrscheinlich weiterhin hoch sein. Allerdings stellt sich die Frage, wie lange die obligatorische Schulpflicht sein wird und wie diese gestaltet werden wird. Die Automatisierung von Prozessen und Dienstleistungen wird in der nächsten Zeit eher zu- als abnehmen. So gesehen werden viele heute von Menschen ausgeführte berufliche Tätigkeiten verschwinden. Ich gehe davon aus, dass die Tätigkeiten, welche die Menschen in 36 Jahren ausüben komplexer und weniger repetitiv sind. Das bedeutet, dass ein grosser Teil der Menschen ‚besser‘ und wahrscheinlich länger ausgebildet werden muss. Ich bin mir nicht sicher, ob eine stärkere Spezialisierung der post-obligatorischen Schulzeit besser auf eine erhöhte Komplexität der menschlichen Tätigkeiten vorbereitet. Prognosen gehen weiter davon aus, dass in der Zukunft von einer Person im Berufsumfeld eine noch stärkere Flexibilität abverlangt wird. Ich spreche nicht nur von der örtlichen Flexibilität, sondern von der Kompetenz, sich rasch an neue, stark variierende Arbeiten und Arbeits-Bedingungen anpassen zu können. Ein erfolgreiches ‚System der Berufsbildung‘ muss diesen Prognosen und Trends gerecht werden.
21.10.2014
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Kontakt
Literatur
Der Wiki-Weg des Lernens Gestalten und Begleiten von Lernprozessen mit digitalen Kollaborationswerkzeugen von Michele Notari, Beat Döbeli Honegger; hep-Verlag, ISBN 978-3-0355-0023-3, CHF 35.-
Der 'Wiki-Weg des Lernens' ist als Buch käuflich und auch im Internet als pdf oder online einsehbar.
Download
Interview als pdf (PDF, 323.54 KB)