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Kürzen heisst Kraft
«Stehen für dieselbe Sache zwei Wörter mit verschiedener Silbenzahl zur Verfügung, so darf man wetten, dass das kürzere Wort zugleich das eingängigere und das kraftvollere ist. Die Informationsdefizite sind natürlich Wissenslücken und stehen zu diesem im Silbenverhältnis 9:4; das Gefährdungspotential ist auf deutsch ein Risiko (7:3), und das Modewort ansonsten ist dreimal so lang wie das schlichte ‹sonst›, an dessen Stelle es getreten ist» (Schneider 2013, 40.).
Mehr Tipps gibt es im Schreibzentrum. Besuchen Sie eine Beratung: Montag bis Donnerstag, 12-14 Uhr, keine Anmeldung erforderlich.
Aus: Schneider, Wolf. 2013. Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergass. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Das Besondere statt des Allgemeinen
«Der Schreiber, der gelesen werden will, benennt das, was er meint, stets mit dem engsten Begriff. Meint er Henne, so schreibt er nicht ‹Huhn›; meint er Huhn, so schreibt er nicht ‹Geflügel› oder ‹Federvieh›; meint er Geflügel, so schreibt er nicht ‹Haustiere›; meint er Haustiere, so schreibt er nicht ‹Tiere›; meint er Tiere, so schreibt er nicht ‹Lebewesen›, denn das sind die Pflanzen auch. Findet aber der Schreiber das Wort ‹Geflügel› in seiner Vorlage nicht eingegrenzt, so sollte er recherchieren, ob es sich vielleicht nur um Hühner handelt; kann er das nicht, so wäre er gut beraten, wenn er auf den Text verzichtete oder sich wenigstens ein schlechtes Gewissen leistete, falls er ihn verwenden muss. Denn die engste Einheit benennen heisst: präzise schreiben, konkret schreiben, anschaulich schreiben – und etwas Besseres lässt sich über Sprache gar gar nicht sagen» (Schneider 2013, 46f.).
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Aus: Schneider, Wolf. 2013. Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergass. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Schlichte Wörter wählen
«Schlichte Wörter allein tun es freilich nicht; man muss auch etwas zu sagen haben – am besten etwas Kraftvolles und Überraschendes. Schopenhauer hat dies auf ne Formel gebracht, die vielleicht die wichtigste aller Stilregeln ist:
Man brauche gewöhnlich Worte und sage ungewöhnliche Dinge»
(Schneider 2013, 44f.).
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Aus: Schneider, Wolf. 2013. Deutsch fürs Leben. Was die Schule zu lehren vergass. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Plädoyer gegen das Deppenleerzeichen
«Ich will kein DHL Paket und keine ICE Fahrkarte, ich will ein DHL-Paket und eine ICE-Fahrkarte, denn ich werde ungern von Unternehmen beliefert oder befördert, die die Gesetze der Logik opfern, um einem Trend hinterherzudackeln, den irgendwer einmal in die Welt gesetzt hat, weil ihm die angelsächsische ungekoppelte Schreibweise irgendwie, äääh, weltläufiger vorkam. Das ist jedenfalls meine Vermutung zum Ursprung des Deppenleerzeichens. (…)
Auch nach den neuen Regeln ist das Auslassen von Bindestrichen in Komposita unzulässig. Das hat gute Gründe. Der Hinweis ‹Wir ändern Frauen, Herren Kinder Bekleidung› heisst beispielsweise etwas fundamental Anderes als ‹Wir ändern Frauen-, Herren-, Kinder-Bekleidung›» (Bittner 2017).
Den vollständigen Artikel finden Sie in der Kolumne von Jochen Bittner und Beratung im Schreibzentrum. Immer Montag bis Donnerstag, 12-14 Uhr, keine Anmeldung erforderlich.
Synonyme meistens suchen
«Dreimal machen, dreimal aber in drei Zeilen: Das mag kein Leser. Also sollte der Schreiber das zweite aber ersetzen durch doch, jedoch, dagegen, hingegen, dennoch, indessen, allerdings (und überlegen, ob das dritte nicht zu streichen wäre). (…) Klare Forderung also: die Härte der immergleichen Silben auf engem Raum vermeiden. Dazu eine Chance: Es freut den Leser, wenn er einen knochigen Menschen im Verlauf einer längeren Erzählung auch als untersetzt, klobig, grobschlächtig, ungeschlacht oder vierschrötig kennenlernt, unseren Wortschatz also mit Phantasie und Liebe ausgebeutet findet. Bis hierher herrscht Einigkeit unter Germanisten, Journalisten und Sprachfreunden aller Art. Doch nun kommen wir zu den Übertreibungen. In der Nachrichtensprache ist kein anderer Vorgang so häufig wie der, dass einer etwas gesagt hat. Wer auch dafür Synonyme sucht, betritt ein heisses Pflaster. Denn saubere Synonyme für sagen sind selten, statt dessen Dutzende von unsauberen im Umlauf. Pausenlos liest man, dass Politiker betonen, unterstreichen und bekräftigen – und die Begeisterung vieler Redakteure für diese Schein-Synonyme geht so weit, dass sie mit dem betonen anfangen, ehe der Politiker überhaupt etwas sagen konnte. Das dauernde unterstreichen ist erstens widersinnig (jede Rede enthält vor allem nichtunterstrichene Passagen) und zweitens ein Herausputzen des Redners, wie man es eigentlich sinem Pressesprecher überlassen sollte. (…) Geeignete Synonyme für sagen sind (…): mitteilen, ankündigen, fortfahren, ausführen, hinzufügen; ausserdem solche Verben, die entweder ein Objekt oder ein dass verlangen: bezeichnete als, bemängelte dass, widersprach ihm, kritisierte das Vorhaben, warnte vor einer solchen Entwicklung. Aus diesem bescheidenen Vorrat nehme der Schreiber, wenn der Politiker fünferlei gesagt hat, die Verben zwei und vier; beim ersten-, dritten- und fünftenmal kann man ihn getrost etwas sagen lassen» (Schneider 2013, 59f.).
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Das Elend mit dem Binde-Strich
«Eines der besonderen Merkmale der deutschen Sprache ist die Fähigkeit, durch Zusammensetzung von Wörtern neue Begriffe entstehen zu lassen. Aus Sport und Platz wird Sportplatz, aus Dampf und Schiff wird Dampfschiff, aus Auto und Bahn wird Autobahn. Das gilt nicht nur für zwei Wortteile, sondern für beliebig viele: Sportplatztribüne, Dampfschifffahrtsgesellschaft, Autobahnraststättenbetreiber. (…) Eine Wortkette aus mehr als 30 Buchstaben erweist sich für das lesende Auge bisweilen als Stolperstein und führt zu Irritationen. Ein sinnvoll gesetzter Bindestrich kann Abhilfe schaffen und den Lesefluss verbessern. So weit – so gut. (…)
Um es bildhaft auszudrücken: Wo ein Bindestrich steht, da holt das Auge gewissermassen Luft. Um bei längeren Wortketten nicht aus der Puste zu kommen oder um ein Element besonders zu betonen, ist das Luftholen eine sinnvolle Sache. Doch in einem Text, in dem Auto-Bombe, Polizei-Einsatz, Verkehrs-Chaos und Rettungs-Massnahmen gekoppelt stehen, fängt das Auge vom vielen Luftholen förmlich zu japsen an. Besonders hässlich ist es, Wörter auseinander zu reissen, die über ein sogenanntes Fugen-s verfügen. Denn dieses ‹s› erfüllt ja bereits die Funktion eines Bindezeichens: Botschaftsgebäude, Regierungskurs, Entwicklungshilfe, Kriegsmaschinerie und Zeitungsente sind Zusammensetzungen, mit denen das Auge spielend fertig wird. Botschafts-Gebäude, Regierungs-Kurs, Entwicklungs-Hilfe, Kriegs-Maschinerie und Zeitungs-Ente erwecken den Eindruck, die deutsche Sprache gehe am Stock. Texte werden nicht lesbarer, sondern verkommen graphisch zu einer trostlosen Strich-Landschaft» (Sick 2004, 71–75).
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Aus: Sick, Bastian. 2004. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Ein Wegweiser durch den Irrgarten der deutschen Sprache. Köln: Kiepenheuer & Witsch und Hamburg: Spiegel online.
Stutzen beim Imperfekt
«Das Imperfekt ist das Tempus der Erzählung, es verweilt in der Vergangenheit. ‹Dann lernte ich Englisch› ist korrekt als Bestandteil eines Lebenslaufs – falls ich auf jede Aussage darüber verzichten will, ob ich heute Englisch kann. ‹Englisch habe ich in Cambridge gelernt› bedeutet: Und nun kann ich es. Jede vergangene Handlung, die in die Gegenwart fortwirkt, verbietet das Imperfekt. Diese klare Vorschrift der Grammatik kommt, anders als beim Passiv und beim Plusquamperfekt, erfreulicherweise dem Sprachgefühl entgegen: In mündlicher Rede ist das Imperfekt ‹Dann ging ich ins Kino› fast unbekannt, ausser bei den Hilfszeitwörtern: Ich war, ich hatte, ich musste, konnte, sollte» (Schneider 2013, 58).
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Zwei von drei Adjektiven streichen
«Adjektive sind die am meisten überschätzte Wortgattung: oft falsch, oft hässlich, oft blosse Rauschgoldengel – und wenn all dies nicht, dann immer noch Weichmacher, eine Bedrohung für Klarheit und Kraft. Folglich sind sie die Lieblinge der Werbetexter (nicht sauber, sondern rein!) – und schon seit dem römischen Rhetor Quintilian für die meisten Stillehrer ein rotes Tuch» (Schneider 2013, 31).
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Aus: Schneider, Wolf. 2013. Deutsch fürs Leben: Was die Schule zu lehren vergass. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.
Gewöhnlich gibt’s bei Schreibratgebern nicht viel zu lachen. Bei Constantin Seibts Deadline ist das anders. Obwohl es auch ums Schreiben geht, um Kolumnen ganz genau, lacht es sich ständig. Vielleicht weil’s nicht ums wissenschaftliche Schreiben geht oder weil Seibt es einfach kann, das Schreiben. Jedenfalls ist sein Ratgeber ein seltener Genuss in der Schreibberatungslandschaft und das nicht nur sprachlich. Nur, ist Genuss auch für wissenschaftliches Schreiben statthaft oder verdirbt Populärwissenschaftliches den akademischen Charakter? Vielleicht beantwortet sich diese polemische Frage am besten mit Augustinus, dem Kirchenvater, der gesagt haben soll: «Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen.» Schreiben als Tanz, lassen wir das mal als Bild so stehen.
Bleibt die Gretchenfragen, was Seibt ausser sprachlichem Tanz noch liefert. Für die Schreibberatung nicht wirklich Neues, dafür aber Altes neu geschrieben. Das ist dann auch Seibts Credo: «Die guten Geschichten sind so gut wie nie völlig neue Geschichten: sie sind nur neu erzählt.» Die Welt muss nicht neu erfunden, nur nach neuen Pfaden im alten Dickicht gesucht werden. Das entlastet und stimmt versöhnlich. Trotzdem, wie soll das gehen? Ganz einfach: Fragen stellen. Fragen nach dem Warum und dem Wie-genau und zwar so, dass nicht die Antworten die Fragen gebären, sondern aus Neugier Fragen werden. Dieser Gedanke ist zwar auch nicht wirklich neu, dafür aber nicht weniger bestechend, wie auch der folgende aus der seibtischen Rhetorikkiste: «Die Schwierigkeit ist nur, auf abgegrastem Feld die richtigen Fragen zu finden.» Wer sich schon in der Kunst der Fragestellung wissenschaftlicher Arbeit versucht hat, weiss: Das hat was. Noch plakativer kommt Seibts Empfehlung daher, die eigene Inkompetenz nicht zu überspielen, «denn dadurch verpassen Sie die eigene Verblüffung, die besten Fragen und die gute Story.»
Zum Glück lässt Seibt Ratsuchende mit diesen hochtrabenden Empfehlungen – so viel Neugier und Ehrlichkeit – nicht im Regen stehen, sondern spannt mit pragmatischen Schreibtipps einen Schirm. So empfiehlt er, im Zweifelsfall halbgute Ideen zu verwenden. Es geht also auch ohne Originalität, das beruhigt. Oder noch einfacher: Schreibende holen sich originelle Gedanken bei andern, in Form von Zitaten. Zitate, die für Seibt Senf an der Bratwurst sind. Hier mache ich einen Punkt. Nur so viel sei verraten: Senf gibt’s noch einigen in seinem Buch und auch Pfeffer, wenn’s zum Beispiel um Ratteninseln und Schwanzbeisser geht.
Constantin Seibt
Deadline.
Zürich: Kein und Aber Pocket, 2014. 320 Seiten.
Alle paar Wochen – so fühlt es sich an – erscheint ein neuer Ratgeber zum wissenschaftlichen Schreiben im Studium. Die durchwegs gut gemeinten Handreichungen beschäftigen sich mit der Vorbereitung und Strukturierung schriftlicher Arbeiten, der Literaturrecherche, dem Ausformulieren des Textes und der gewissenhaften Überarbeitung und Schlussredaktion. Angereichert wird das Ganze mit allerlei Tipps zur Zeitplanung, für die Layout-Gestaltung, das Zitieren oder den kreativen Umgang mit Schreibblockaden. Weil beim Verfassen einer grösseren Arbeit einiges an Anforderungen und Ansprüchen zusammenkommt, fühlen sich nicht alle Studierende dem wissenschaftlichen Schreiben gewachsen. Da tut Hilfe not.
Philipp Mayer fügt den zahlreichen Leitfäden und Handreichungen kein weiteres Manual hinzu. Vielmehr fasst er das Wichtigste noch einmal zusammen und reiht seine 300 Tipps wie Kalendersprüche auf. Die kurzweiligen Merkpunkte und Gebote bringen vieles auf den Punkt, was es für Novizen wie Schreiberfahrene zu beherzigen und immer wieder zu üben gilt. Jedes der elf Kapitel schliesst zudem mit Lektüre-Empfehlungen zur weiteren Vertiefung.
Die Anregungen sind zwar thematisch gruppiert, aber ein Schlagwortregister wäre für den schnellen Zugriff dennoch von Nutzen. Ausserdem handelt es sich bei manch einem Tipp um eine Plattitüde, die im Schreiballtag nicht ohne Weiteres umzusetzen ist. «Lassen Sie Ihre Texte wachsen so wie Perlen wachsen», heisst es da fast poetisch. «Ergänzen Sie bei jeder Sitzung eine weitere Schicht.» – Schön und gut, aber wie das funktioniert, lässt sich nur durch kontinuierliche Praxis und Geduld entdecken.
Philipp Mayer
300 Tipps fürs wissenschaftliche Schreiben.
UTB 4311. Paderborn: Schöningh, 2015. 138 Seiten.