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Auf einen Blick
- Im Rentenalter finden sich ausländische Personen mit Migrationserfahrung häufiger am unteren oder oberen Ende der Einkommensskala als in der Schweiz geborene Schweizerinnen und Schweizer.
- Diese unterschiedlichen finanziellen Situationen lassen sich unter anderem durch eine Selektion bei der Einwanderung und beim dauerhaften Verbleib in der Schweiz erklären.
- Pensionierte aus der EU/EFTA (mit Ausnahme von portugiesischen Staatsangehörigen) sind im Vergleich zu Drittstaatsangehörigen finanziell oft bessergestellt.
Ein massgebender Faktor für die Berechnung der AHV-Rente ist die Beitragsdauer. Sie entspricht dabei meist der Anzahl Jahre, die jemand nach dem 20. Lebensjahr bis zur Pensionierung (64/65 Jahre) in der Schweiz gelebt hat. Für Migrantinnen und Migranten heisst das: Je später man in die Schweiz einwandert, desto weniger Beitragsjahre kann man im Schweizer Altersvorsorgesystem vorweisen.
Bei der Erwerbsbevölkerung lag das durchschnittliche Einwanderungsalter zwischen 2011 und 2016 bei rund 35 Jahren. Die drei grössten Einwanderungsgruppen – italienische, portugiesische und deutsche Staatsangehörige – waren bei der Einwanderung im Durchschnitt 35,8 Jahre, 34,8 Jahre und 34,5 Jahre alt. Staatsangehörige aus anderen EU/EFTA-Staaten waren durchschnittlich 34,4 Jahre alt. Jünger waren Drittstaatsangehörige mit einem Durchschnittsalter von 32,1 Jahren.
Trotz möglicher zusätzlicher Altersrenten aus anderen Ländern können Lücken in der Schweizer Altersvorsorge, die durch eine späte Einwanderung entstehen, zu prekären wirtschaftlichen Verhältnissen führen. Aber nicht alle ausländischen Pensionierten mit Migrationserfahrung haben Mühe, im Alter finanziell über die Runden zu kommen. Die finanzielle Situation ist je nach Herkunft sehr unterschiedlich. Dies geht aus einer neuen Studie (Steiner und Wanner, erscheint demnächst) hervor, die sich auf den Datensatz «Wirtschaftliche Situation von Personen im Erwerbs- und Rentenalter (WiSiER)» stützt.
Unterschiede bei Migrationsbevölkerung grösser
Im Jahr 2015 belief sich das mediane Äquivalenzeinkommen der Gesamtbevölkerung in der Schweiz auf 63 470 Franken. Betrachtet man nur die Rentnerinnen und Rentner ergibt sich folgendes Bild: Am höchsten war das mediane Äquivalenzeinkommen bei eingewanderten deutschen Staatsangehörigen mit 71 930 Franken. Dahinter folgen Schweizerinnen und Schweizer (in der Schweiz geborene Personen mit Schweizer Staatsangehörigkeit) mit 71 330 Franken. Am anderen Ende der Skala finden sich Staatsangehörige aus Portugal und Drittstaaten mit 49 120 beziehungsweise 45 180 Franken (siehe Grafik). Mit Ausnahme von Schweizer und portugiesischen Staatsangehörigen gibt es jedoch eine relativ grosse Einkommensschere.
Diese Auswertung kann ergänzt werden durch eine Schätzung des Prozentsatzes der Personen, die sich an beiden Enden der Einkommensskala befinden: Personen mit (sehr) geringen finanziellen Mitteln befinden sich unter 60 Prozent des Medians des Äquivalenzeinkommens der Schweizer Bevölkerung – diejenigen mit umfangreichen Mitteln liegen über 180 Prozent des Medians.
Bei zugewanderten Personen ist die Wahrscheinlichkeit, im Alter mit (sehr) geringen finanziellen Mitteln auskommen zu müssen, höher als bei Schweizer Staatsangehörigen (siehe Tabelle). Das trifft auf fast ein Fünftel der EU/EFTA- und ein Viertel der deutschen Staatsangehörigen zu. Bei Schweizer Staatsangehörigen sind weniger als ein Sechstel betroffen. Die anderen analysierten Migrationsgruppen müssen noch häufiger mit (sehr) geringen finanziellen Mitteln auskommen, insbesondere bei den Drittstaatsangehörigen beläuft sich dieser Anteil auf 42 Prozent.
Gleichzeitig verfügen Pensionierte mit Migrationserfahrung (mit Ausnahme portugiesischer Staatsangehöriger) häufiger über umfangreiche finanzielle Mittel als Pensionierte mit Schweizer Staatsangehörigkeit: Während dieser Anteil bei Schweizerinnen und Schweizern 15,2 Prozent beträgt, sind es bei italienischen Pensionierten 28,7 Prozent, bei deutschen Pensionierten 32,8 Prozent und bei Pensionierten aus anderen EU/EFTA-Ländern 39,1 Prozent.
Die Ergebnisse zeigen, wie heterogen die zugewanderte Bevölkerung in der Schweiz ist, wobei eingewanderte portugiesische Staatsangehörige im Ruhestand eine Sonderstellung einnehmen. Was sind die Gründe für diese Heterogenität?
Faktor Bildungsniveau
Grundsätzlich lässt sich sagen: Die Zuwanderung in die Schweiz ist dual geprägt, da sowohl hochqualifizierte Personen als auch gering Qualifizierte einwandern.
Charakteristisch für die internationale Migration in die Schweiz ist seit einigen Jahren die Zuwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte (Wanner und Steiner 2018). Diese Bevölkerungsgruppe ist wirtschaftlich relativ gut situiert und im Allgemeinen wenig von Prekarität betroffen (Wanner und Gerber 2022).
Die Wahrscheinlichkeit, mit einem tertiären Bildungsniveau über umfangreiche finanzielle Mittel zu verfügen, ist bei deutschen, aber auch bei italienischen und anderen EU/EFTA-Staatsangehörigen sogar höher als bei Schweizerinnen und Schweizern. Mit anderen Worten: Der Zugang zu einem hohen Einkommen im Erwerbsalter ist bei Personen aus der EU/EFTA – mit Ausnahme von portugiesischen Staatsangehörigen – häufiger als bei Schweizerinnen und Schweizern.
Gleichzeitig ist aber auch die Nachfrage nach gering qualifizierten Arbeitskräften hoch. Angesichts der Besonderheiten des Schweizer Arbeitsmarkts und des immer höheren Bildungsniveaus von in der Schweiz geborenen Personen ist es wahrscheinlich, dass sich die dual geprägte Migration fortsetzen wird. Mit Blick auf diesen Trend ist bei der Integration und Armutsbekämpfung ein besonderes Augenmerk auf in die Schweiz eingewanderte Personen im Tieflohnsegment zu legen. Ungeachtet ihrer Herkunft sehen sich diese Personen mit Hindernissen konfrontiert, die eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt erschweren (fehlende Sprachkenntnisse, fehlende Anerkennung von Abschlüssen usw.).
Genügend finanzielle Mittel für ein Leben in der Schweiz
Während zum Zeitpunkt der Einreise in die Schweiz das Bildungsniveau eine wesentliche Rolle spielt, ist beim Erreichen des Rentenalters entscheidend, ob man über ein ausreichendes Einkommen verfügt, um weiterhin hierzulande leben zu können: Zum einen müssen Personen, die nach der Pensionierung in die Schweiz einwandern, für eine Aufenthaltsbewilligung genügend finanzielle Mittel nachweisen. Eine Niederlassung im Rentenalter mit geringem Einkommen ist demnach nicht möglich.
Zum anderen können sich Eingewanderte, die sich keine ausreichende Altersvorsorge aufgebaut haben, aufgrund der hohen Lebenskosten in der Schweiz dazu entschliessen, die Schweiz zu verlassen, um im Ausland die Kaufkraft ihres Einkommens zu verbessern.
Dass portugiesische Pensionierte finanziell weniger gut gestellt sind, kann damit zusammenhängen, dass einige von ihnen trotz eines geringen Einkommens im Ruhestand aufgrund familiärer Bindungen in der Schweiz bleiben, beispielsweise weil ihre Kinder in der Schweiz leben. Es ist nicht auszuschliessen, dass diese Personen einen transnationalen Lebensstil führen, indem sie einen Teil des Jahres in der Schweiz und den anderen in ihrem Heimatland verbringen.
Arbeiten nach der Pensionierung: Zwischen Notwendigkeit und Wunsch
Betrachtet man die verschiedenen Einkommensquellen, wird deutlich, dass das Erwerbseinkommen nach der Pensionierung bei Eingewanderten eine wichtigere Rolle spielt als bei Schweizer Staatsangehörigen, die in grösserem Umfang auf ihre Altersvorsorge zurückgreifen (insbesondere auf die erste und zweite Säule). So macht das Erwerbseinkommen bei deutschen und Drittstaatsangehörigen einen Anteil von über 20 Prozent des Gesamteinkommens im Ruhestand aus, während sich dieser Anteil bei Staatsangehörigen anderer EU/EFTA-Länder und portugiesischen Staatsangehörigen auf 15 Prozent und bei Schweizer und italienischen Staatsangehörigen auf 7 Prozent beläuft.
Dieses Ergebnis stimmt mit den Schlussfolgerungen von Braun-Dubler et al. (2022) überein, wonach die Wahrscheinlichkeit einer Erwerbstätigkeit nach der Pensionierung bei gut situierten Personen höher ist. Denn die Erwerbstätigkeit kann sowohl die Folge als auch der Grund für die gute finanzielle Situation sein. Allerdings ist die Ausübung einer Erwerbstätigkeit nach der Pensionierung auch umso wahrscheinlicher, je mehr Beitragsjahre fehlen. Eine Situation, die vor allem zugewanderte Personen betrifft.
Existenzbedarf sichern
Reichen die Renten und anderen Einkünfte nicht aus, um den Lebensunterhalt zu bestreiten, kommen die Ergänzungsleistungen zur AHV zum Tragen. Im Rentenalter spielen Ergänzungsleistungen vor allem bei portugiesischen Staatsangehörigen eine wichtige Rolle (sie machen 29 Prozent des Gesamteinkommens dieser Gruppe aus, obwohl Vorsicht geboten ist, da diese Zahl auf nur 102 Fällen beruht) und in geringerem Masse auch bei Drittstaatsangehörigen (9 %). Bei den anderen untersuchten Gruppen ist der Anteil der Ergänzungsleistungen am jeweiligen Gesamteinkommen deutlich tiefer (2 % oder weniger).
Anzumerken ist: Die Zunahme der internationalen Mobilität und die teilweise erst spätere Immigration in die Schweiz könnten die Vorsorgesysteme mit der Zeit unter Druck setzen. Die hier dargestellte Situation bezieht sich auf das Jahr 2015 und könnte sich in den kommenden Jahren verändern, da immer mehr Migrantinnen und Migranten das Pensionsalter erreichen.
Literaturverzeichnis
Braun-Dubler, Nils; Frei, Vera; Kaderli, Tabea; Roth, Florian (2022). Wer geht wann in Rente? Ausgestaltung und Determinanten des Rentenübergangs. Hauptbericht. Studie im Auftrag des BSV. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 5/22.
Steiner, Ilka; Wanner, Philippe (erscheint demnächst). Etude de cas: situation économique de la population allemande en Suisse. In: Wanner, Philippe and Rosita Fibbi (éds.). Paysage migratoire au XXIe siècle en Suisse – Entre mobilités et migrations. Zürich und Genf: Seismo.
Wanner, Philippe; Gerber, Roxane (2022). Die wirtschaftliche Situation der Bevölkerung im Erwerbs- und im Rentenalter. Studie im Auftrag des BSV. Beiträge zur Sozialen Sicherheit. Forschungsbericht Nr. 4/22.
Wanner, Philippe; Steiner, Ilka (2018). Une augmentation spectaculaire de la migration hautement qualifiée en Suisse. Social Change.