Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03514.jsonl.gz/2869

Als die SP die Abschaffung des Kapitalismus ins Parteiprogramm geschrieben hatte, wurde sie von Mitteparteien bis ins rechte Lager verhöhnt. Sogenannte Liberale dürfen dafür ungestraft Kapitalismus mit Marktwirtschaft gleichsetzen.
Jenen möchte ich in Erinnerung rufen, dass der Kapitalist vor allem Kapital scheffeln will. Das geschieht zum Beispiel, indem ein Unternehmen andere Firmen kauft und immer grösser und noch grösser wird und damit ein enormes Kapital anhäuft.
Der echte Marktwirtschafter hat an solchen Entwicklungen keine Freude. Er will Wettbewerb. Er will nicht, dass ein oder nur ein paar Unternehmen den Markt beherrschen. Denn nur im System der atomistischen Konkurrenz, in welchem eine Vielzahl von Anbietern und Nachfragern aufeinandertreffen, können marktgerechte und damit faire Preise entstehen.
Keine fairen Preise haben wir dagegen bei einem Oligopol, wo ein paar wenige Player den Kuchen aufteilen. Die Probe aufs Exempel liefert uns der Detailhandel in der Schweiz: Tausende von Tante-Emma-Läden sind Coop und Migros zum Opfer gefallen. Während Jahren behaupteten die beiden Detailhandelsriesen, sie stünden in einem harten Wettbewerb. Ihre Preise seien marktgerecht. Das sagten sie, bis Aldi und Lidl ihre Ankunft verkündeten, dann senkten Coop und Migros die Preise.
Es ist gar nicht so lange her, da hatten wir in der Schweiz fünf Grossbanken: Bankgesellschaft (SBG), Bankverein (SBV), Kreditanstalt (SKA), Volksbank und Bank Leu. Die beiden letztgenannten gingen in der Kreditanstalt auf, heute Credit Suisse. SBG und SBV fusionierten zur UBS. Der Kapitalist beklatschte diese Entwicklung; er wurde mit schönen Aktienkursgewinnen und üppigen Dividenden entschädigt. Der Marktwirtschafter hätte es lieber gesehen, wir hätten in der Schweiz ein griffiges Wettbewerbsgesetz, welches die Bildung von Oligopolen zu verhindern vermag. Hätten wir heute noch fünf Grossbanken und nicht nur zwei, so wäre keine zu gross, um nicht fallen gelassen zu werden. Der Schweiz ginge es deshalb nicht schlechter.
Erschienen in der BZ am 30. Oktober 2012