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Eine Künstlerin, die die Kunstszene des Perus der 1960er Jahre aufgewirbelt hat, stellt im Migros Museum aus – dem Ort in Zürich, der sich der Gegenwartskunst verschrieben hat. Wie geht das zusammen?
Es ist ein sonniges Wochenende, das den Start der neuen Ausstellung Aleatory Structures im Migros Museum markiert, die ganz der peruanischen Künstlerin Teresa Burga gewidmet ist.
Gleich im ersten Raum trifft man auf die Arbeit, die das “Titelbild” der Ausstellung ist und die das Plakat, Prospekte und Einladungen ziert. Untitled (1967), eine Installtion, die eine zweidimensionale Puppe auf gelber Matratze im blau-rot karierten Bett zeigt. Sie trägt einen Slip und Sonnenbrille, ihre Arme hängen zu beiden Seiten auf den Boden und ihre Brüste sind mit schwarzen Filzstift-Strichen behaart. Die ganze Nische ist gelb ausgemalt – eine fröhliche, poppige, catchy Installation. Der Rest des Raums wird von den bunten Klötzen dominiert, Prismas (1968), die ursprünglich von den Besuchern bewegt, gedreht und rearrangiert werden durften, nun aber nur noch zum Anschauen da sind.
Mit dem Ausstellungstitel im Hinterkopf wird schnell klar, dass die Pop-Art entlehnten Arbeiten sicher nicht nur ihre fröhliche Dimension haben. Ich musste das “aleatory” im Titel nachschlagen: das Wort hat zwei Bedeutungen, nämlich einerseits “dem Zufall geschuldet”, und ausserdem – präziser – einem tendenziell unglücklichen Zufall. Unterdrückte Frauenrolle, Machtstrukturen, Militärputsch 1968 – welche Glocke ringen die bunten Arbeiten denn?
Kontext ist King
Der Einleitungstext beschreibt Burga als “detailgenaue Protokollantin der gesellschaftlichen Verhältnisse ihrer Zeit”. In den 1960er Jahren, als sie anfing zu praktizieren, gerieten die Dinge in Peru in Bewegung. Der Beitrag von Jorge Villacorta in der Publikation zur Ausstellung gibt einen wichtigen Überblick der gesellschaftlichen und politischen Lage, in der Burga ihre frühen Werke schuf. Der Titel des Aufsatzes fasst es zusammen: “Die missliche Lage der bildenden Kunst im Lima der 1960er, 1970er Jahre”.
Kurz vor dem Militärputsch 1968 verlässt Burga das Land, um in den USA zu studieren. Ihre konzeptionellen Arbeiten aus den frühen 70ern, nach ihrer Rückkehr nach Peru, sind von den Themen und der Ästhetik des amerikanischen Kunstbetriebs geprägt. Dennoch lassen sich Werke wie 4 Mensajes, das die mediale Verbreitung von Information thematisiert, allzu gut im Kontext der politischen Restriktionen der “Revolutionsregierung” lesen.
Aleatory Structures zeigt Teresa Burgas Arbeiten ab Mitte der 1960er und folgt der Chronologie ihrer Entstehung. Auch wenn die Pop-Art-Arbeiten das erste sind, das einem als Besucher begegnet, richtig spannend wird es dann im zweiten Stock der Ausstellung.
Cultural Appropriation und der weibliche Körper
Die Art, wie die Arbeiten in der weiten Fläche des Ausstellungsraums angeordnet sind, steht in einem angenehmen Gegensatz zu der enormen Dichte an Informationen, die sich hinter jedem Projekt verbergen. Autorretrato. Estructura. Informe. 9.6.72 beispielsweise bedient sich medizinischer Untersuchungen, die Burga nutzt, um ihren Körper zu kartographieren. Ihr Selbstporträt, das stark an einen Mug Shot erinnert, Diagramme zu ihrer Herzleistung und Blutuntersuchungen transformieren die Künstlerin in einen Körper, der ausserhalb seiner sozialen Konstruktion eben doch nur ein System mit Leistung und Funktion ist. Unter all den Daten wummert Burgas Herzschlag aus der kleinen Musikbox in der Ecke des Raums, visualisiert durch ein rotes, pulsierendes Licht.
Der Schritt zum Frauenbild ist schnell gemacht. Perfil de la Mujer Peruana, ein Projekt aus den frühen 1980ern, untersucht auf ähnlich akribische Weise das weibliche Rollenbild in der Mittelklasseschicht des Landes. Mit wissenschaftlichen Methoden der sozioligischen Datenerhebung zeichnet sie das Bild der Frau nach und setzt sie in Arbeiten um, die für unser heutiges visuelles Verständnis sehr leicht lesbar sind. Eine Schaufensterpuppe mit eleganten, langgezogenen Gliedern steht da hinter einer Glasscheibe, auf der die statistische Realität ein abweichendes Bild zeigt.
Dekonstruktion der eigenen Körperlichkeit und Konstruktion einer gesellschaftlichen Rolle – Burgas Themen sind heute wieder brisant. Auch ihre Reflexion des gesellschaftlichen Ungleichgewichts in ihrem Heimatland, in dem sich die Kunst bereits in den 1970er Jahren an Motiven der indigenen Bevölkerung bedient, kitzelt Assoziationen an die kulturelle Aneignungs-Debatte wach, in der in letzter Zeit weltweit Fettnäppchen-Hopping betrieben wird.
Ja, es geht also zusammen, diese Kunst der inzwischen 84-jährigen Peruanerin im Gegenwarts-Kontext zu sehen. Besonders in den späteren Arbeiten lassen sich so viele Dimensionen lesen, dass man sich gerne in der Dichte verliert und genügend Zeit mitbringen sollte. In den letzten Jahren wurde ihrer Perspektive als Künstlerin neue Relevanz zugemessen, sie wurde vermehrt an Biennalen gezeigt und 2017 fand ihre erste Solo-Ausstellung in den USA im SculptureCenter in Queens statt. Ob das allein ihrer Kunstpraxis zu verdanken ist, oder das Pendel auf die glückliche Seite des Zufalls umschlägt, sei dahingestellt. Frauen in der Kunst sind gerade hoch im Kurs, insbesondere Stimmen aus Süd- und Latein-Amerika (siehe die aktuelle Ausstellung des Brooklyn Museums, die vorher im Hammer Museum in LA zu sehen war). Ein Augenzwinkern der Kuratorin? “Aleatory” kann schliesslich auch die glückliche Seite des Zufalls bedeuten…
Die Ausstellung ist ab heute und bis 12. August 2018 im Migros Museum zu sehen.
Erwachsene: CHF 12// Ermässigt: CHF 8 // Do 17–20 Uhr: Eintritt frei.
Titelbild: Teresa Burga, Autorretrato (Einladungskarte), 1972, Druck auf Karton (Lochkarte), 8.2 x 18.7 cm, Sammlung Migros Museum für Gegenwartskunst.