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1861 entschied die Eidgenossenschaft, die Bewaffnung der Schweizer Armee zu vereinheitlichen und die Munition sowie weiteres Material in einem Bundesbetrieb herzustellen, um die Produkte qualitativ zu verbessern. 1861/62 entstanden die Gebäude für zwei neue Betriebe in Thun: die Munitionsfabrik und die Konstruktionswerkstätte. Das Areal auf der Thuner Allmend war von der Stadt baulich abgetrennt, über die Jahrzehnte errichtete die Armee zwischen Aare und Allmendstrasse zahlreiche Produktions- und Verwaltungsgebäude. Die Munitionsfabrik stellte die Geschosse für die Gewehre und die Artillerie sowie Handgranaten her und entwickelte die Produkte gemeinsam mit den anderen Rüstungsbetrieben des Bundes weiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Munition für Panzer, Panzerabwehr und Luftwaffe hinzu. 1895 beschäftigte das Unternehmen bereits 850 Arbeiter. Während der Weltkriege stieg deren Zahl nochmals stark an. 1918, am Ende des Ersten Weltkriegs, hatte die Fabrik einen Bestand von 1850 Arbeitern, im Jahr darauf waren es noch 400. Im Zweiten Weltkrieg arbeiteten bis zu 2450 Personen in der Munitionsfabrik, doch bereits ab 1944 erfolgte ein Abbau auf rund 1300 Beschäftigte. Bis um 1990 waren jeweils über 1000 Personen in der Munitionsfabrik tätig. Sie war über Jahrzehnte die grösste Arbeitgeberin in der Region Thun. Wichtigster Kunde war immer die Armee, dabei vergab die Fabrik zahlreiche Aufträge an Zulieferfirmen in der Region.18
Montage von Gasmasken in der Eidgenössischen Munitionsfabrik auf dem heutigen Ruag-Areal, um 1940. Die Beschäftigten verbanden Gesichtsmaske und Filterbüchse mit einem langen Schlauch. Diese Ausrüstung sollte die Atemwege und die Augen der Soldaten im Krieg vor Giftgas schützen.
Die Eidgenössische Reparaturwerkstätte hatte bei ihrer Gründung die Aufgabe, die Geschütze für die Armee herzustellen und zu reparieren. Sie wurde 1874 in Eidgenössische Konstruktionswerkstätte umbenannt und begann weiteres Material zu produzieren wie beispielsweise Transportwagen, Sanitäts- und Munitionskisten, Räder, Sättel und anderes Lederzeug. In der Zwischenkriegszeit entwickelte eine Abteilung eigene Flugzeuge. Nach 1945 wurden Beschaffung, Bau und Unterhalt von Panzern zu einer neuen Aufgabe. Zudem bestand eine Abteilung für Forschung und Entwicklung. 1914 zählte die Konstruktionswerkstätte 500 Arbeiter, 1918 waren es 1250, nach dem Kriegsende sank die Zahl wieder. Das Maximum an Beschäftigten erreichte die Firma im Kriegsjahr 1942 mit rund 1600 Personen; 1990 waren es noch knapp 1000 Mitarbeitende.19
Ein weiterer Betrieb der Armee in Thun war das Zeughaus. Es lagerte und pflegte das Material, das die Truppen bei ihren Einsätzen benötigten. Mit dem Neubau der Kaserne in den 1860er-Jahren erhielt auch das Zeughaus 1861/62 zwei neue Gebäude auf der Allmend. Zuvor war es im alten Bällizkornhaus untergebracht. 1857 stellte die Armee erstmals einen Zeughausverwalter an. Neben einigen Verwaltungsangestellten beschäftigte das Zeughaus vor allem Handwerker und Hilfskräfte. 1895 zählte der Betrieb 40 Arbeiter; während der Weltkriege waren auch hier jeweils etwa doppelt so viele Personen angestellt wie zuvor. Das Personal bestand wie in den anderen Militärbetrieben zum grössten Teil aus Männern.20
Rotationsdruckmaschine in der Blechwarenfabrik Hoffmann, um 1940. Die Firma Hoffmann stellte seit 1890 Karton- und Blechverpackungen her. Dank Aufträgen für die Armee florierte der Betrieb.
Um 1900 begann Hoffmann, Bleche farbig zu bedrucken und daraus Büchsen für Lebensmittelverpackungen zu formen. Im Zweiten Weltkrieg beschäftigte die Industrie viele Frauen, während die Männer Militärdienst leisten mussten.
Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 reorganisierte der Bund seine Rüstungsbetriebe und führte sie 1998 in der Ruag-Holding zusammen. Diese richtete sich stärker auf einen internationalen und auch zivilen Markt aus und machte nur noch einen Teil ihres Umsatzes mit Bestellungen der Schweizer Armee. Die Munitionsfabrik wurde in die Ruag Ammotec, die Konstruktionswerkstätte in die Ruag Defense überführt. Mit diesen Veränderungen bauten die Rüstungsbetriebe die Zahl ihrer Arbeitsplätze in Thun von rund 2000 im Jahr 1990 auf 900 im Jahr 2015 ab.21
Die Militärbetriebe gaben den Impuls für weitere Industrieunternehmen, die sich Ende des 19. Jahrhunderts in Thun ansiedelten. Die Munitionsfabrik suchte ein Produkt, um Patronen einfach in die Armeegewehre laden zu können. Der in Österreich geborene Zürcher Unternehmer Eduard Johann Hoffmann (1843–1931) entwickelte dafür die beste Lösung und erhielt 1890 den Auftrag, die Ladehilfe herzustellen. Er erwarb im Aarefeld eine Fabrikliegenschaft und baute sie um. 1897 entschied sich die Armee, die Patronenladeschachteln selber zu fabrizieren, worauf Hoffmann seinen Betrieb neu ausrichtete. Er stellte nun Karton- und Blechverpackungen her, die er bedruckte und erfolgreich an Industrieunternehmen verkaufte. Die Firma beschäftigte 1895 rund 60, 1910 ge- gen 100 und um 1940 über 500 Personen. 1915 stiegen die beiden Söhne des Gründers in die Firma ein und führten sie nach dem Ausscheiden ihres Vaters 1927 weiter. 1963 zog das Unternehmen in ein neues Betriebsgebäude im Gwatt, wohin es bis 1988 die ganze Produktion verlagerte. 1998 fusionierte Hoffmann mit der bereits 1934 als Tochterfirma übernommenen Neopac in Oberdiessbach und hiess fortan Hoffmann Neopac AG. Die Firma beschäftigt 2018 in Thun noch rund 200 Personen, ist international ausgerichtet und stellt Tuben sowie Dosen für die Lebensmittel- und Pharmaindustrie her.22
Eduard Johann Hoffmann auf einer Fotografie von Jean Moeglé, 1901. Hoffmann kaufte 1890 ein Fabrikgebäude im Aarefeld und gründete eine Blechwaren- und Verpackungsfirma,
die schnell zu einer der grössten Arbeitgeberinnen Thuns heranwuchs. Er engagierte sich auch als Mäzen und in Thuner Vereinen.
Der deutsche Unternehmer Gustav Selve (1842–1909) belieferte seit 1870 Schweizer Firmen mit seinen Metallprodukten. 1895 gründete er die Schweizerischen Metallwerke Selve in Thun, um hier für die benachbarte Munitionsfabrik Metallteile herzustellen. Ab 1898 produzierte er zudem Telefondrähte. Die Selve schmolz in der Giesserei Rohmetall ein und brachte dieses mit Walzen, Pressen, Drahtzug und Stanzen in die gewünschte Form. Sie beschäftigte 1905 bereits 200 Arbeiter, 1915 waren es rund 1000, da die Kriegsproduktion auf Hochtouren lief. Nach dem Tod des Gründers 1909 übernahmen dessen Witwe Maria (1853– 1929) und sein Sohn Walther (1876–1948) sowie später dessen Frau Else (1888–1971) die Fabrik und bauten sie weiter aus zu einem Betrieb, der Buntmetalle als Halbfertigprodukte im In- und Ausland verkaufte. Während des Zweiten Weltkriegs arbeiteten bis zu 1400 Personen bei der Selve, ab 1946 waren es immer mehr Gastarbeiter. Da das Firmengelände zwischen Aare und Bahnlinie keine Expansionsmöglichkeiten bot, kaufte die Selve 1950 Industrieland in Uetendorf und errichtete dort ein Walzwerk und weitere Betriebsräume. Ab 1960 rationalisierte die Firma den Betrieb, um mit weniger Personal zu produzieren. In der Wirtschaftskrise der 1970er-Jahre geriet sie in Schwierigkeiten. 1977 wurde die Selve in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. 1979 übernahm der umstrittene Financier Werner K. Rey (geboren 1943) die Aktienmehrheit. Er fusionierte den Betrieb 1986 mit den Metallwerken in Reconvillier und Dornach zum Konzern Swissmetal. 1991 beschloss die Leitung, den Standort Thun zu schliessen. Bis 1993 verlor die Stadt damit 430 Industriearbeitsplätze.23
Stangenzughalle der Selve in Uetendorf, um 1970. Die Arbeiter, welche die Maschinen überwachten, waren grosser Hitze ausgesetzt. Die Schweizerischen Metallwerke Selve schmolzen unterschiedliche Metalle und Legierungen und walzten diese zu Blechen oder zogen sie zu Stangen und Drähten. Aus Blechen wurden Schlüsselrohlinge und andere Halbfertigprodukte gestanzt. Die Stangen wurden ganz oder in Teile geschnitten verkauft.
Im November und Dezember 1905 fand in der Selve der grösste Streik statt, den es – abgesehen vom Landesstreik 1918 – in Thun je gab. Die Arbeiter des Walzwerkes und weiterer Abteilungen forderten von der Firma höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Rund 250 Personen beteiligten sich. Am 26. November gab es eine Streikversammlung im Hotel Emmenthal; im Anschluss daran zogen gegen 1000 Arbeiter und Zugewandte in einem Demonstrationszug durch die Stadt. Beide Seiten nutzten die Tageszeitungen, um ihre Sicht der Dinge zu vertreten. Obwohl Gemeindepräsident Emil Lohner (1865–1959) vermittelte, trat die Direktion vorerst nicht auf die Forderungen der Streikenden ein. Erst Ende Dezember kam es zu einer Einigung: Die Selve gewährte eine Lohnerhöhung und versprach eine Betriebskrankenkasse einzuführen, ein Arbeiterausschuss regelte die Arbeitszeiten neu, die deutsche Werksleitung wurde entlassen und durch Einheimische ersetzt. Im Jahr darauf diskutierte der Grosse Rat des Kantons Bern über dieses Ereignis, da der Regierungsrat an Weihnachten 1905 mit einer Verordnung Streikbrecher in der Selve geschützt hatte.24 Im Juli 1936 kam es zu einem weiteren Streik in der Selve, mit dem sich die Arbeiter gegen Lohnsenkungen wehrten. Der Arbeitskampf führte über Thun hinaus zu Schlagzeilen in der Presse und zu Diskussionen im Grossen Rat. Am Ende einigten sich die 600 Streikenden nach drei Tagen mit der Firmenleitung auf einen Kompromiss.25
Zeitungsinserat der Firma Selve von 1953.
Die Grafik zeigt zwei Giesser bei der Arbeit und den Stolz, den das Unternehmen auf seine industrielle Tradition hatte.