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Am Donnerstag, den 9. März stelle ich in der Kirche wie gewohnt zur Mittagszeit meine drei Klangschalen auf den Altar in der Seitenkapelle und lege meine Kristall-Lyra daneben. Ein junger – meiner Einschätzung nach – serbischer Gastarbeiter betritt die Kirche, kommt zu mir und fragt mich so gut er kann auf Französisch, wo man hier Kerzen für verstorbene Angehörige anzünden könne. Sein Grossvater sei gestern gestorben. Ich deute auf das Metallgestell bei der Madonna von Fatima, wo bereits einige Kerzen in kleinen roten Plastikbechern brennen, und zeige ihm, wie er mit einer kleinen «Hilfskerze» die von ihm ausgewählte anzünden kann. Während er dies tut und betet, spiele ich auf meiner Kristall-Lyra Klänge für seinen Grossvater. Die Trauer des Enkels scheint umso grösser zu sein, weil er jetzt in der Schweiz sein muss und nicht bei seiner Familie im entfernten Land sein kann. Doch das Kerzenlicht, die Madonna und meine Klänge trösten und beruhigen ihn. Nach einer Weile verabschiedet sich der Mann mit einem herzlichen «Merci beaucoup» und verlässt zufrieden die Kirche.
Bald danach kommt eine etwa 60-jährige Frau zur Madonna, zündet eine Kerze an und setzt sich in meiner Nähe hin, um zu beten und um meinen Klängen zu lauschen. Als ich «Sanctus» singe, beginnt sie zu weinen. Immer wieder wird sie von weiteren Schüben Trauer erfasst und viele Tränen fliessen. Da ich den Eindruck habe, dass ihr meine Klänge guttun, fahre ich noch etwa eine halbe Stunde lang fort bis zum «Andate in pacem» und «Amen». Danach kommt sie zu mir und bedankt sich. Gerade jetzt werde in Lausanne eine ihr sehr nahestehende Freundin beerdigt. Mit dieser Freundin sei sie öfters in Leukerbad gewesen, auch hier in der Kirche. Es täte ihr leid, dass sie jetzt nicht bei der Trauerfeier dabei sein könne, denn sie sei zurzeit hier in einer Kur und könne ihr Therapieprogramm nicht unterbrechen. Umso dankbarer sei sie für meine Klänge und Gesänge, die für sie genau zur richtigen Zeit kamen. Sie bedankt sich herzlich bei mir, auch ich danke ihr dafür, dass sie mir ihre Geschichte anvertraut hat.
Heute waren diese Begegnungen für mich besonders berührend: Zwei Verstorbene und zwei Trauernde konnte ich mit meinen Klängen begleiten. Am Freitag, den 10. März ist es wieder so weit: Die Klangmeditation «Dona nobis pacem», für die ich fast jeden Tag um die Mittagszeit übe, findet offiziell um 17 Uhr statt. Um 13 Uhr mache ich eine Generalprobe. Meine Stimme hat heute eine gute Tagesform. Ein Westschweizer aus dem Kanton Fribourg unterbricht mich und will unbedingt wissen, welche Technik ich anwende, denn die «Sonorité» sei «magnifique». Suchend schaut er in meine grossen Kristallklangschalen, um das Geheimnis dieser Klänge zu ergründen. Zu seiner Enttäuschung gelingt ihm dies jedoch nicht, denn er muss feststellen, dass die Schalen leer sind. Ob er mich mit seinem Handy filmen dürfe, fragt er. Ich erlaube es ihm nicht, informiere ihn aber darüber, dass ich Anfang April ein Video mit einer Aufnahme in der Kirche auf meinen Youtube-Kanal poste und dass ich heute und jeden 2. Freitag des Monats eine offizielle Klangmeditation anbiete. Da meint er, dass er dann mal mit seiner Frau kommen werde.
Immerhin hatte mich dieser Herr um Erlaubnis gefragt, ob er mich filmen dürfe. Vor ein paar Tagen hatte sich eine junge Dame in das grosse Kirchenschiff auf eine Bank mit dem Rücken zu mir gesetzt. Ich wollte meine Klänge gerade aufnehmen, doch schalte ich das Aufnahmegerät normalerweise ab, sobald jemand die Kirche betritt und es mit der für Aufnahmen nötigen Stille vorbei ist. Denn das Zuschlagen der Türe, Gespräche und sonstige Geräusche der Besuchenden verursachen störende Nebengeräusche auf der Tonspur. Nun bemerke ich, dass diese Frau sehr ruhig dasitzt und denke, ich riskiere es und schalte ein. In der Kirche ist es still, mehrere Stücke kann ich ungestört aufnehmen. Nach «andate in pacem» sehe ich erst, dass die Frau ihr Handy eingeschaltet hatte. Sie hatte also nicht gebetet, sondern meine Klänge ungefragt aufgenommen und war selbst daran interessiert, diese ohne störende Nebengeräusche auf ihr Handy zu bringen. Mit einer Dankesgeste verlässt sie schnell die Kirche, ohne eine Kerze zu spenden.
Seitdem ich meine Klänge und Gesänge in der Kirche üben darf, d.h. seit September 2022, ist es mehrmals passiert, dass Besucherinnen diese aufgenommen haben, ohne mich zu fragen. Dies will mir sagen, dass meine Klänge den Leuten gefallen und sie diese für sich haben möchten. Das stört mich nicht, aber wenigstens könnten sie etwas für die Kirchenrenovation oder zumindest bei der heiligen Maria von Fatima eine Kerze spenden.
Heute waren diese Begegnungen für mich besonders berührend: Zwei Verstorbene und zwei Trauernde konnte ich im richtigen Moment mit meinen Klängen begleiten.
Foto: Leukerbadner Marienkirche
und Text: Petra Dobrovolny