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Es ist die letzte Szene im Film Man with No Name, bei dem ich eine Art von Déjà-vu erlebe. Der Mann ohne Namen steht auf dem staubigen Feld zwischen vertrockneten Gräsern und bückt sich, um etwas aufzulesen. Einen Moment lang sehe ich stattdessen die Ährenleserinnen (Des glaneuses, 1857) von Jean-Francois Millet. Es ist ein Gemälde, mit dem ich aufgewachsen bin, auch wenn ich das Original noch nie gesehen habe. (Es hängt im Musee d'Orsay in Paris.) Im Kunstgeschichtsstudium haben wir anhand von diesem Bild über Farb- und Figurenkomposition gesprochen. Meine Erinnerung daran geht aber weiter zurück. Es hing jahrelang als vergilbende Farbkopie im Esszimmer meiner Eltern.
Nie vorher hatte ich das Gefühl, eine Ahnung vom Alltag dieser Ährenleserinnen zu haben. Beim Mann ohne Namen ist das anders. Wang Bing begleitet ihn mit seiner Kamera durch die verschiedenen Jahreszeiten. Der Schnee schmilzt, der Mann ohne Namen bestellt den Acker und erntet Kürbisse. Dazwischen sieht man ihn beim Wasserholen, Kochen und Essen. Insgesamt fünf Mahlzeiten zeigt uns Wang Bing und es braucht tatsächlich so lange, bis ich begreife, dass dieser Mann immer alleine isst. Mehr noch als alles andere verstört mich diese Realisation, dass etwas, was gemeinhin viel mit Gemeinschaft und sozialem Austausch zu tun hat, hier nur alleine praktiziert wird. Dabei sind die anderen Menschen nie weit weg in diesem Film. Ein einziges Mal nur sieht man eine Frau auf einem klapprigen Velo im Hintergrund vorbeifahren. Immer wieder hört man aber Strassen- und Maschinengeräusche, oder ein Dröhnen, das auch von einem Flugzeug stammen könnte.
Ich frage mich, warum es dem Filmemacher gelungen ist, diesen Mann so unaufgeregt und gleichzeitig eindringlich zu portraitieren. Liegt es wirklich nur daran, dass das Filmmaterial in erster Instanz nur als Charakterstudie für seinen Film Crude Oil (2008) dienen sollte? Konnte er deshalb so ein entspanntes Grundvertrauen in sein Filmsubjekt entwicklen? Wang Bing hat es nicht eilig, eine Narration zu entwickeln. Stattdessen lässt er den Mann ohne Namen in aller Ruhe seinem Alltag und seiner Arbeit nachgehen. Man hat nie das Gefühl, dass hier für die Kamera performt wird. Der Film entwickelt einen langsamen Sog, ohne dass er einer Überhöhung oder Allegorisierung der Figur verfällt.
Was das wieder mit Jean-Francois Millet zu tun hat? Er habe nur das reelle Landleben porträtieren wollen, entgegnete der Maler auf den Vorwurf, seine Themenwahl sei politisch motiviert, als er das Bild Des glaneuses am Pariser Salon 1857 ausstellte. Neben Themenwahl war die haute société auch von der Grösse skandalisiert. Ein derart prominentes Ölbild (knapp einen Meter gross) wäre eher einem religiösen oder mythologischen Thema angemessen gewesen. Warum hatte Millet genau die Feldarbeiterinnen der niedrigsten Kategorie für sein grosses Porträt gewählt? In der Tat, diese Frage könnte man auch an Wang Bing stellen.