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Mediziner schulden keinen Erfolg, sie schulden ein sorgfältiges medizinisches Handeln: Dies bringt mit sich, dass nicht jeder Diagnosefehler vorwerfbar ist und eine Haftung auslöst. Die Abgrenzung ist mitunter sehr schwierig und bedarf eines fundierten medico-legalen Wissens, medizinische Kontakte und noch mehr Erfahrung des involvierten Anwaltes.
Einen solchen tragischen Fall hatte das OLG Koblenz zu entscheiden. Folgender Sachverhalt lag dem Entscheid zugrunde:
Die Klägerin hatte wegen erheblicher Kopfschmerzen den vertragsärztlich organisierten Notfalldienst in Anspruch genommen. Dieser wurde von der als Allgemeinmedizinerin tätigen Beklagten als Bereitschaftsdienst wahrgenommen. Bei der Untersuchung gab die Klägerin unstreitig Kopfschmerzen rechtsseitig in Auge und Hinterkopf ausstrahlend an und bezeichnete diese als deutlich über ihre üblichen Migräneschmerzen hinausgehend. Die Beklagte führte diverse Testungen durch, u.a. kontrollierte sie die Pupillenreaktion und führte neurologische Tests in Form eines Steh-, Tret- und Menigismustests durch. Die Beklagte schloss diagnostisch auf Migräne-Kopfschmerzen und führte bei der Klägerin eine Schmerzmittelinfusion durch. Die Klägerin erhielt ein Rezept für weitere Schmerzmittel. So wurde die Klägerin entlassen. Nachdem sich die Klägerin dann noch zweimal im Abstand von drei Tagen bei ihrer Hausärztin vorgestellt hatte, wurden neun Tage nach der strittigen Behandlung im Universitätsklinikum sechs Aneurysmen mit einer Aneurysmablutung in den Subarachnoidalraum festgestellt.
Die Deutung der von der Beklagten erhobenen Befunde als Migräneerscheinung erachtete sowohl das Landesgericht als auch das Oberlandesgericht Koblenz als vertretbar. Dies gestützt auf die Beratung eines Sachverständigen, weil sämtliche durchgeführten neurologischen Tests, d. h. der Pupillenreaktionstest, der Stehtest bzw. Romberg-Versuch, der Unterberger-Test und auch der Meningismustest keine Krankheitsanzeichen, resp. Auffälligkeiten ergaben.
Gestützt auf die einschlägige Rechtsprechung qualifizierte das Gericht einen Diagnoseirrtum, da die Fehlinterpretation von Befunden nur mit Zurückhaltung als behandlungsfehlerhaft zu werten sei. Wenn die Befunde in der gegebenen Situation in vertretbarer Weise gedeutet wurden, liegt keine vorwerfbare Fehldiagnose vor.
Dies zugrunde gelegt, habe die Beklagte eine in der gegebenen Situation vertretbare Diagnose gestellt und hieran anknüpfend eine folgerichtige Entscheidung hinsichtlich der Behandlung und Entlassung der Klägerin unter Hinweis auf ein Wiedervorstellungserfordernis bei Nichtanschlagen der Therapie getroffen. Die Klägerin konnte nicht mit ihrer Forderung durchdringen, dass weitere Befunde zu erheben gewesen wären, da ein Diagnosefehler nicht dadurch zu einem Befunderhebungsfehler wird, dass bei objektiv zutreffender Diagnose noch weitere Befunde zu erheben gewesen wären (unter Hinweis auf BGH, NJW 2011, NJW Jahr 2011 Seite 1672).
Dem Grundsatz nach ist diesem Entscheid zuzustimmen: Es muss immer zwischen einer Fehldiagnose und einem Diagnosefehler unterschieden werden, sowohl bezüglich Qualifikation als auch bezüglich der Rechtsfolge. Ein Arzt kann die Erhebung eines zutreffenden Befundes nicht garantieren (vgl. KLAUS ULSENHEIMER, Arztstrafrecht in der Praxis, 3. Aufl., Heidelberg 2003, N. 41). Eine unrichtige Diagnose ist noch kein Behandlungsfehler (siehe dazu auch OLG Hamm, Urteil v. 7.9.20132, 26 U 88/12).
Der Arzt hat für die Feststellung und Beurteilung der gesundheitlichen Störung in jedem Fall fachgerecht vorgehen und muss die erforderlichen Mittel und Erkenntnisquellen nutzen. Dies ist bei mehrdeutigen Krankheitsbilder zuweilen schwierig und gibt immer wieder Anlass für Haftungsabklärungen.
Bei solchen Fällen reicht eine google Suche der herrschenden Leitlinien bei weitem nicht. Der Rechtsanwalt muss wissen, was Leitlinien sind, wie sie zustande gekommen sind und wofür sie gemacht wurden. Wir wissen, wie Leitlinien zu interpretieren sind und wo sie bei der Beurteilung allfälliger mangelhafter Befundung eingesetzt werden können. Fast immer ist eine interdiszplinäre Triage unter Beizug eines medizinischen Experten nötig.
Mehrdeutige Krankheitsbilder muss der Arzt also durch die ihm zur Verfügung stehenden Mittel aufklären. Der Arzt handelt unsorgfältig, wenn sich sein Vorgehen nicht nach den durch die medizinische Wissenschaft aufgestellten und generell anerkannten Regeln richtet und dem jeweiligen Stand der Wissenschaft nicht entspricht (BGE 57 II 196 E. 3 S. 202 f. mit Hinweisen; BGE 130 IV 7, 13).
Aus der Rechtsprechung Schweiz:
In BGE 57 II 196 E. 3 S. 205 hat das Bundesgericht festgehalten, dass einem Arzt die Unrichtigkeit der von ihm gestellten Diagnose für sich allein noch nicht zum Vorwurf gereicht, es hingegen eine Sorgfaltspflichtverletzung darstellt, wenn „er die Diagnose vollendet, bevor er alle gebotenen Untersuchungsmethoden angewandt hat“.
In BGE 130 IV 7 E. 3.3 S. 12 wurde ausgeführt, der Arzt verletze seine Pflichten nur dort, wo er eine Diagnose stelle bzw. eine Therapie oder ein sonstiges Vorgehen wähle, das nach dem allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht mehr als vertretbar erscheine und daher den objektivierten Anforderungen der ärztlichen Kunst nicht genüge. Im vorliegenden Fall ist daher umso eher von einer Sorgfaltspflichtverletzung des Kreisarztes Dr. med. W.________ auszugehen, weil eine solche in BGE 130 IV 7 E. 4.2 f. S. 13 ff. bejaht wurde, obwohl in jenem Fall im Unterschied zur hier gegebenen Konstellation das Verhalten eines jungen Assistenzarztes auf der Notfallstation eines Landspitals mitten in der Nacht und nicht dasjenige eines erfahrenen traumatologischen Spezialisten in seiner Praxis zu einer normalen Tagesarbeitszeit zu beurteilen war; besagter Assistenzarzt seit 20 Stunden ununterbrochen Dienst geleistet hatte sowie unter grösstem Zeitdruck stand, weil er einen bewusstlosen, alkoholisierten Patienten zu beurteilen bzw. zu behandeln hatte und mit dem jederzeitigen Eintreffen weiterer Notfälle rechnen musste; dem besagten Assistenzarzt als Sorgfaltspflichtsverletzung angelastet wurde, dass er für die Anamnese auf die Falschangaben des in die Klinik mitgereisten Freundes des stark alkoholisierten Patienten statt auf das Notfallprotokoll der Rettungssanitäter abstellte. Hätte Dr. med. W.________ vorgängig seiner klinischen Untersuchung der Beschwerdeführerin die vom Hausarzt Dr. med. H.________ erstellten Röntgenbilder beachtet oder selber solche angefertigt, hätte er objektive und damit verlässlichere Informationen gehabt als sie die subjektiven Verdachtsbefunde und die Fehldiagnose des Hausarztes darstellten vgl. E. 7.5.4 hievor.
Bezüglich der Diagnose wie in der Bestimmung therapeutischer oder anderer Massnahmen steht dem Arzt nach dem objektiven Wissenstand oftmals ein Entscheidungsspielraum zu. Der Arzt verletzt seine Pflichten nur dort, wo er eine Diagnose stellt bzw. eine Therapie oder ein sonstiges Vorgehen wählt, das nach dem allgemeinen fachlichen Wissensstand nicht mehr als vertretbar erscheint und daher den objektivierten Anforderungen der ärztlichen Kunst nicht genügt (BGE 134 IV 175 E. 3.2; 130 IV 7 E. 3.3, je mit Hinweisen; vgl. auch 130 I 337 E. 5.3; 133 III 121 E. 3.1; 115 Ib 175 E. 2b).
Wird eine vorwerfbare Fehldiagnose vermutet, mutiert der Rechtsanwalt zum „Sherlock Holmes“. Es sind die Sprechstunden- und/oder Verlaufsberichte, die vorgenommenen klinischen, radiologischen und allfällige labortechnischen Testungen, die der Arzt oder das Spital veranlasst hat, sehr genau unter die Lupe zu nehmen und dahingehend zu überprüfen, ob der Arzt oder das Spital geklagte Symptome/Beschwerden in einer Zusammenschau mit den Testresultaten oder Bildern differential- und ausschlussdiagnostisch nach herrschendem Wissen, wozu auch Leitlinien gehören, interpretiert haben.