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Wo es Leute braucht, die unter körperlich anstrengenden Bedingungen arbeiten, sind Portugiesen stark vertreten: in der Bauwirtschaft, im Gastgewerbe, in der Reinigung und Landwirtschaft. Sie gehen ein höheres Risiko ein, im Beruf zu verunfallen als andere Staatsangehörige. Schweizer Arbeitgeber schätzen sie als emsige, diskrete Mitarbeitende.
Auf der Suche nach Arbeit verliess João Lopez seine Heimat Portugal 1989 und folgte seinem älteren Bruder ins Berner Oberland. Dort war er zuerst im Gastgewerbe und später in der Lebensmittelindustrie tätig. Seit 2002 arbeitet er in der Baubranche.
In dieser Zeit erlitt er zwei Berufsunfälle: Im harmloseren Fall fiel ihm ein Betonelement auf den Fuss und brach die grosse Zehe. Im gravierenderen Fall verletzte er sich beim Holzfräsen. Der Daumen war unter das Sägeblatt geraten, durchtrennte Haut, Sehnen und Knochen. Den Chirurgen gelang es aber, den Daumen zu retten. Heute kann Lopez wieder fast uneingeschränkt arbeiten. Schmerzen hat er nur noch bei Kälte.
Lopez ist einer von mehreren Tausend Portugiesen, die bei der Arbeit in der Schweiz einen Unfall erlitten. Portugiesen haben hierzulande ein deutlich höheres Risiko, im Beruf zu verunfallen, als andere Ausländer in der Schweiz.
Unter den ausländischen Nationen steht Portugal in der Berufsunfall-Statistikexterner Link mit rund 18'300 anerkannten Unfällen mit Abstand an der Spitze vor Italien mit knapp 14'800 und Deutschland mit 13'000. Dies, obwohl die portugiesische mit einem Anteil von 13% (268'000) hinter der italienischen (15,5%, 320'000) und der deutschen (14,9%, 306'000) lediglich die drittgrösste ausländische Bevölkerung ist in der Schweiz.
Sogenannte Handlangerjobs
Portugiesen sind nicht verletzungsanfälliger als andere Staatsangehörige. Ausschlaggebend für ein erhöhtes Unfallrisiko sind Faktoren wie das Alter, das Geschlecht, der Beschäftigungsgrad und vor allem die Gefährlichkeit des Berufs. Die portugiesischen Einwanderer sind überdurchschnittlich in Berufen tätig, in denen das Unfallrisiko hoch ist.
Im so genannten "erweiterten Bauhauptgewerbe", wo jährlich rund 28'500 Berufsunfälle passieren, gehen fast 20% zulasten der Portugiesen. Auch in dieser Statistik liegen die Italiener mit 8% auf Platz 2. Laut SUVA haben die Portugiesen die Italiener als Arbeitskräfte im Bauhauptgewerbe überholt.
"Portugiesen verrichten dort vorwiegend unqualifizierte Tätigkeiten, sogenannte Handlangerjobs, die mit höheren Risiken verbunden sind", sagt Isabel Bartalexterner Link. Das hat laut der Migrationsexpertin damit zu tun, dass "Schweizer Arbeitgeber in Portugal gezielt Leute holen, die bereit sind, unter diesen strengen Bedingungen zu arbeiten."
Auch die Lohnstatistik bestätigt Bartals Einschätzung. "In der tiefsten Lohnklasse (Hilfsarbeiter ohne spezielle Erfahrung) ist der Anteil der Portugiesen 44%, also ganz klar die grösste Gruppe", sagt Serge Gnos von der Gewerkschaft Unia. "Die Schweiz importiert fürs Baugewerbe niedrig qualifiziertes Personal, das hier offenbar nicht zur Verfügung steht, und findet dieses vor allem in Portugal", sagt der Gewerkschafter.
"Wenn wir in den Baracken mit den Leuten sprechen, stellen wir fest, dass sich viele Leute schon von zuhause her kennen. Die Firmen suchen bei der Rekrutierung im Umfeld jener Arbeitskräfte, mit denen sie gute Erfahrungen machten. Hinzu kommt, dass es einfacher ist, Gruppen zu führen, in welchen die gleiche Sprache gesprochen wird."
Sie klagen nicht
Laut Migrationsexpertin Bartal - sie ist portugiesisch-schweizerische Doppelbürgerin - ist es in der portugiesischen Diaspora kein dominierendes Thema, dass Portugiesen bei der Arbeit in der Schweiz deutlich mehr als alle anderen Staatsangehörigen ihr Leben oder ihre Gesundheit aufs Spiel setzen. Weder bei den Gewerkschaften noch beim Baumeisterverband sind von dieser Seite jemals offizielle Klagen oder Forderungen nach mehr Sicherheit am Arbeitsplatz eingegangen.
"Im Gespräch mit meinen Landsleuten ist zwar oft von konkreten Unfällen die Rede: Der eine hat eine Schulterverletzung, der andere Rückenschmerzen, dem dritten ist auf der Baustelle etwas auf den Kopf gefallen. Aber wenn man die Hintergründe für die hohe Unfallquote zur Sprache bringt, empfinden sie es als Vorwurf."
Übrigens: In der Statistik für Freizeitunfälle belegen Portugiesen einen der untersten Plätze. Der Grund: Wer einen gefährlichen Beruf ausübt, neigt dazu, in der Freizeit weniger Risiken einzugehen, wie die Daten der Schweizerischen Unfallversicherung SUVA zeigen.
"Neue Form des 'Saisonnierstatuts'"
Auffällig sind die Portugiesen auch in der Arbeitslosenstatistik. In den Sommermonaten liegt ihre Quote deutlich unter dem Durchschnitt der ausländischen Bevölkerung. In den Wintermonaten (Ende Januar-Anfang Februar) erreicht diese hingegen regelmässig einen Spitzenwert von über 10%.
Dieser statistische Befund hat ebenfalls damit zu tun, dass Portugiesen als Hilfskräfte in Branchen mit einer saisonal stark schwankenden Beschäftigung tätig sind. Manche ihrer Arbeitgeber kündigen ihnen Ende Jahr die Stelle und stellen sie im Frühling wieder ein. Während der Dauer der Arbeitslosigkeit kehren viele Portugiesen in die Heimat zurück, wo sie – völlig legal – Arbeitslosengeld aus der Schweiz erhalten.
Diese Praxis beruht auf einer Vereinbarungexterner Link im Rahmen des Freizügigkeitsabkommens zwischen der EU und der Schweiz. Dabei werden die Arbeitslosengelder von der zuständigen Behörde im Heimatland entrichtet und der Schweiz in Rechnung gestellt. Es gilt umgekehrt auch für Schweizer Bürger, die Anspruch auf Erwerbslosengelder eines EU Staates haben.
Der Gewerkschafter Serge Gnos bezeichnet die Vereinbarung als neue Form des sogenannten Saisonnier-Statutsexterner Link, das die Vergabe von Kurzaufenthalts-Bewilligungen regelte. Es ermöglichte Schweizer Unternehmen, ausländische Arbeitskräfte während ein paar Monaten (einer Saison) in der Schweiz zu beschäftigen. 2002 wurde es abgeschafft, nachdem die politische Linke und NGOs kritisierten, dass das Statut rechtlose Arbeitskräfte schaffe.
Auch die Migrationsexpertin findet nicht nur Gefallen an der Vereinbarung über Kurzaufenthalter: "Anders als beim Saisonnier-Statut dürfen die Betroffenen nun wenigstens die Familie mitnehmen. Aber man muss sich fragen, was mit der Schulbildung der Kinder geschieht, wenn diese in der Schweizer Klasse drei Monate lang fehlen."
Dass die Betroffenen selber nichts dagegen unternehmen, erklärt Bartal damit, dass für die Portugiesen die Schweiz hauptsächlich Arbeitsort aber nicht Lebenszentrum sei: "Abgesehen von einem wirtschaftlichen, gibt es für sie keinen Grund, Portugal zu verlassen. In ihrer Heimat lässt sich gut leben, es ist ein schönes Land, es gibt keinen Krieg, kaum Korruption, wenig Kriminalität. Das einzige Problem ist, dass viele in dem Land keine Arbeit finden. Deshalb kommen sie hierher, aber nicht, um sich hier zu integrieren, sondern weil sie eine Arbeit brauchen."
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