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Am 1. Mai 1932 wurde Fidus Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei NSDAP mit der Mitgliedsnummer 1.109.839 in der Ortsgruppe Woltersdorf, Gau Brandenburg 46.
Im Frühjahr des Jahrs darauf reiste Fidus in die Schweiz und hielt zwischen dem 6. und 30. März an verschiedenen Orten Lichtbildervorträge und machte einen Abstecher ins Tessin.1
Fidus im Nebelspalter
Fidus war zu Beginn der 1930er Jahre kein Unbekannter in der Schweiz. Ebensowenig wie der Schweizerische Lichtbund, der einen Teil der Lichtbildervorträge organisierte. Davon zeugt ein Beitrag in der Satire-Zeitschift Nebelspalter, der Ende 1931 unter dem Titel „Nacktheit ist sittlich“ erschienen ist.2 Mit Bezug auf den Titel einer Broschüre der Vereinigung wird darauf hingewiesen, dass beim Freispruch der Vereinigung 1926 argumentiert wurde, dass Nacktheit an sich weder mit Unsittlichkeit noch mit Sittlichkeit etwas zu tun habe. In der Folge wird ausgeführt:
Es ist mindestens eine eben so grosse Torheit, die Nacktheit als sittlich zu loben, als sie als unsittlich zu verdammen. Das führt dann zu jenem Extrem der Nacktkultürlermentalität, die jeden, der nicht nackt herumläuft, als ein komplexes Schwein abtut.
Diese betonte Nacktkultur ist keine Befreiung von falscher Wertung, sondern lediglich Umwertung in eine neue Absurdität.
Sowohl der Mucker, der vor einem nackten Bild in eine Ekstase des Entsetzens fällt, als auch der Fidusmensch, der in der Nacktheit sein Sittlichkeitsideal vergöttert … beide sind nicht frei … beide sind sogar im selben Spitel krank … beide leiden an der Wertung der Nacktheit.
Bei aller Anerkennung für die gesunden Bestrebungen des Lichtbundes bleibt zu wiederholen:
Nacktheit hat an sich weder mit Unsittlichkeit noch mit Sittlichkeit etwas zu tun! Jede Wertung ist Unsinn und wenn der Fidusmensch mit dem Mucker nicht in dasselbe Panoptikum gestellt werden will, so wird er sich künftig mit einer ganz prosaischen Nacktheit ohne jede Sittlichkeitsglorie abfinden müssen.
Vorträge
Massgeblich an der Organisation der Votragsreise beteiligt war Kari Nöthiger, der mit Fidus befreundet war.3
Kari Nöthiger selbst veranstaltete zwei Lichtbilder-Vorträge von Fidus im Volkshaus Zürich, am 11. März über das Thema „Kunst im Dienste des aufsteigenden Lebens“ und am 14. März über „Schaffende Kunst oder Richtungstaumel“. Bereits am 6. März veranstaltete der Naturheilverein Zürich in der Aula des Hirschengraben-Schulhauses in Zürich einen Vortragsabend.
Es folgten Vorträge über das Thema „Kunst im Dienste des aufsteigenden Lebens“ am 16. März im Kirchgemeindehaus in Winterthur, am 18. März in der Aula der Mädchenschule in Schaffhausen, am 20. März im grossen Hörsaal des Bernoullianums in Basel, am 23. März in der Logengasse-Turnhalle in Biel, am 28. März im Grossratsaal in Bern und am 30. März ebenfalls im Grossratssaal in Bern über „Schaffende Kunst oder Richtungstaumel“.
Die genauen Inhalte der Vorträge und die Auswahl der gezeigten Bilder sind nicht bekannt. Auch die Vorankündigung des Lichtbildervortrags am 18. März in Schaffhausen im Schaffhauser Intelligenzblatt ist wenig konkret, bis auf den letzten Satz:
Der berühmte Meister der Mal- und Darstellungskunst spricht nächsten Samstag in der Aula der Mächenschule über seine kulturellen Bestrebungen und wird dies durch selbstkolorierte Lichtbilder veranschaulichen. Seine großen Erfolge in Zürich und Winterthur lassen auch in Schaffhausen einen vollbesetzten Abend erwarten. Fidus ist in der Kunst seine eigenen Wege gegangen. Seine Bilder sind Gesichte; sie sehen im Vergänglichen das Gleichnis und spannen ihre Kraft zwischen die beiden Pole der Natur- und Geistverbundenheit. Die Kunst hat da nicht den äußeren Schein der Natur aufzudrücken, sondern sie vermittelt Gedanken und schafft Sinnbilder von jenem unaussprechlich Wesentlichen, Edlen, Schönen und Hinreißenden, das hinter den Dingen verborgen liegt. Unermüdlich schafft Fidus für das hohe Ziel: gesundes, aufrechtes, aufstrebendes Volk.4
Im Bund werden die zwei Vorträge in Bern mit jeweils etwa 80 selbstkolorierten Bildern, wie zu erfahren ist, wie folgt angekündigt:
Hugo Höppener. zu Lübeck 1808 geboren, der den Künstlernamen Fidus führt, hat nie einer Künstlerschule angehört, sondern ist, getreu seiner eigenen Art und einer Lebensausfassung, die mehr ist als bloßes Künstlertum, viel angefeindet seit Jahrzehnten seinen Weg gegangen und hat eben dadurch einen Freundeskreis gewonnen, der ihn liebt und verehrt. Es sind die Menschen, die in mancherlei Reformbestrebungen eine schönere Kultur zu verwirklichen suchen. Diesen seinen Freunden ist Fidus in seiner Persönlichkeit und in seiner Kunst ein Wegweiser zu einem gesunden, reineren und kraftvolleren Leben, als es unsere heutige kranke und krankmachende Zivilisation sein kann. Fidus ist der Gestalter aller Sehnsucht nach einer lichteren Welt.5
Launisch berichtet die Zeitung dann vom Vortrag „Kunst im Dienste des aufsteigenden Lebens“ vor einem „nicht sehr zahlreiches Publikum“.6 Fidus habe „Zurück zur Natur“, „Licht, Luft. Sonne“ und ähnliche Forderungen schon vor Jahrzehnten vertreten, als sie noch keineswegs allgemein anerkannt gewesen seien, heute heisse es freilich offene Türen einrennen, wenn man sich für dergleichen einsetze. Und stellt weiter fest:
Die Lichtbilder nach Zeichnungen und Bildern des Redners ließen erkennen, daß Fidus auch in philosophischer und religiöser Hinsicht reformatorische Absichten hegt. So zeigte er unter anderm Entwürfe zu phantastischen Tempelbauten, in denen eine edlere Menschheit sich zu neuer Kultgemeinschaft zusammenfinden sollte. Wie dieses „höhere Leben“ zu verwirklichen wäre und worin es eigentlich zu bestehen hätte, ist uns freilich weder aus den Bildern noch dem Text des Redners recht klar geworden.7
Und er schliesst:
Wir für unsern Teil schätzen den Künstler Fidus am meisten dort, wo er. unbeschwert von außerkünstlerischen Tendenzen, schöne iunge Körper in freier Bewegung darstellt. Am Donnerstag wird er über „Schaffende Kunst und Richtungstaumel“ sprechen.8
Derselbe Autor schreibt enttäuscht vom zweiten Vortrag:
Der zweite Vortrag von Fidus am Donnerstagabend im Großratssaal hat uns insofern ein wenig enttäuscht, als Fidus mit keinem Wort das angekündigte Thema „Schaffende Kunst oder Richtungtaumel“ berührte, sondern sich darauf beschränkte, unter diesem neuen, aber gänzlich unzutreffenden Titel seinen am letzten Dienstag gehaltenen Vortrag in wenig veränderter Form, wenn auch an Hand zum Teil neuer Lichtbilder, zu wiederholen. Anstatt der Entwürfe zu zukünftigen Tempelbauten zeigte er dieses Mal solche zu riesigen, akustisch vollkommenen Konzert- und Theaterräumen, in denen eine glücklichere Menschheit sich zu Festen für Augen und Ohren zusammenfinden sollte.9
Und wieder schliesst er:
Die figürlichen Bilder, vor allem eine Reihe von Federzeichnungen aus früher Zeit, bewiesen aufs neue das große zeichnerische Können des Eigenbrötlers Fidus: künstlerisch wirkt er immer da am stärksten, wo er darauf verzichtet, durch feine Gestalten tiefsinnige religiöse oder philosophische Gedanken ausdrücken zu wollen. (Ebda.))
Abstecher ins Tessin
Möglicherweise besuchte Fidus im Tessin das Ferienheim von Albina und Hilde Neugeboren in Locarno-Monti und hielt dort einen oder sogar mehrere Vorträge. Kari Nöthiger hatte Fidus in einem Brief Mitte Februar mitgeteilt:
Nach diesen vorträgen ist noch die fahrt zu frau neugeborn in locarno monti vorgesehen, wo du weitere vorträge mehr in kleinerem rahmen zum grossen teil in künstler- und reformkreisen halten könntest. getrud prellwitz war ebenfalls dort und es hat ihr sehr gut gefallen.10
Gleichzeitig hatte ihm Karl Buess mitgeteilt:
Nach diesem Tournèe wirst Du in Locarno ebenfalls zu einem Vortrag erwartet und bist – mit Fam. – von Frau Neugeborn aufs herzlichste zu Gast geladen. Wie sie schreibt würde sie sich freuen Euch 8-10 Tage bei ihr beherbergen zu dürfen. Doch da bist Du ganz frei dies anzunehmen oder nicht, wenns Dich wirklich so rasch nach Hause drängt.“ Auf einem Blatt betitelt mit „Schweizer Vorträge“ notierte sich Fidus denn auch: „Locarno: Fr. A. Neugeboren, L.-Monti“ und „Ascona: Familie Stelter.
Die Pension Neugeboren in Minusio wurde von Albina Neugeboren und, wie anzunehmen ist, zum Teil ihrer Tochter Hilde Neugeboren geführt. Sie kann als ein Ableger des Monte Verità oder eine Art Gegenentwurf dazu verstanden werden. Zu den Gästen des Hauses Neugeboren gehörten etwa Arthur Gräser (bis 1916), Hermann Hesse (Sommer und September 1916 sowie im Frühling 1918), Klabund (Anfang 1917), Ernst Bloch (Fühjahr und Sommer 1917), Jakob Flach, Reinhard Goering, Wladimir Iljitsch Lenin, Gustav Gamper, Walter Schaedelin, der Zoologe Karl Soffel, Johannes Nohl, der Komponist Othmar Schoeck und der Graphiker Johann Robert Schürch. Hilde Neugeboren war, was Fidus geschätzt haben dürfte, in der Schweizer Wandervogel-Bewegung aktiv.11
Bruno Stelter gehörte zu den frühen Bewohnern und Mitarbeitern des Monte Verità. Ida Hofmann zählt ihn in ihrer Schrift Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung zählt ihn zur Gruppe der „ehrlichen Idealisten (kurzsichtige Kritik nennt sie ‚Schwärmer‘), deren Wunsch und Wille der Zeit und den Möglichkeiten, an die wir gebunden, vorauseilen und welche dann enttäuuscht innehalten müssen“: „Einer von ihnen, Bruno Stelters [sic!], zog im Sommer 1902, wie schon erwähnt, voll Illusionen mit Frau und Kindern nach der Insel Samoa – nach kaum Jahresfrist sehen wir ihn wieder – er sucht bei uns Beschäftigung für Tagelohn und kauft schliesslich mit dem Rest seiner Habe in Orselina oberhalb Locarno ein Grundstück, eröffnet einen kleinen Brothandel und schwärmt, idealisiert weiter.“12
Dass sich Fidus im Tessin aufgehalten hat, ist zudem durch einen undatierten Brief von Heinrich Hotz, Präsident des Naturheilvereins Zürich, an Fidus belegt. In diesem wünscht er Fidus „sehr angenehme Ferientage in unserem schönen Schweizer-Süden“.
Vorstellbar ist, dass Fidus damals das Santuario Elisarion von Elisàr von Kupffer in Minusio besuchte. Jedenfalls wird Fidus in der Ausgabe 1927-1937 der Broschüre des Santuario zitiert: „Schon das erste Schauen hier hat mich frohgemacht.“13
Gastmahl mit Fidus
Nach seiner Rückkehr aus dem Tessin fand eine weitere Veranstaltung mit Fidus in Zürich statt. Für den Freitag, 7. April, luden die Vegetarier des Naturheilvereins zu einem „Gastmahl mit FIDUS“ ins Volkshaus am Limmatplatz.14 Ob der Abend tatsächlich durchgeführt wurde, ist nicht bekannt. )) Angekündigt wurde ein Vortrag von Fidus mit dem Thema „Theosophie und vegetarische Lebensreform“, daran anschliessend „gemütliche Aussprache – Feststimmung!“15
Letzte Änderung: 19. Dezember 2020.
- Flugblatt mit Ankündigung der Vorträge in der Berlinischen Galerie. [↩]
- Nebelspalter, 57. Jahrg., 4. Dezember 1931, Nr. 49, S. 6-7. Online: Online. [↩]
- Kari Nöthiger, eigentl. Karl Eugen Nöthiger, 5. Juni 1909 bis 30. Oktober 2005, galt später als „Monsieur le coué suisse“. In den 1930er Jahren war er Mitglied der Zürcher Gruppe Lichtwärts. In Thalwil führte er den Verlag Vita Nova. [↩]
- Schaffhauser Intelligenzblatt, 72. Jahrg., 16. März 1933, Nr. 63. [↩]
- Der Bund, 84. Jahrg., 25. März 1933, Nr. 142, S. 3. Online [↩]
- rs., „Vortrag von Fidus“, in: Der Bund, 84. Jahrg., 29. März 1933, Nr. 149, S. 3. Online [↩]
- Ebda. [↩]
- Ebda. [↩]
- Der Bund, 84. Jahrg., 1. April 1933, Nr. 154, S. 3. Online [↩]
- Brief vom 16. Februar 1933 in der Berlinischen Galerie. [↩]
- Das Haus Neugeboren wurde nach dem Tod von Albina Neugeboren am 25. April 1940 zuerst von Clara Bertschinger, danach von D’Alessandro-Hirzel geführt. Vgl. zu Clara Bertschinger die Anzeige in der Schweizerischen Lehrerinnen-Zeitung, 44. Jahrg., 20. September 1940, Nr. 44. S. 392. Online: Schweizerischen Lehrerinnen-Zeitung. [↩]
- Ida Hofmann, Monte Verità. Wahrheit ohne Dichtung, Lorch 1906, S. 61. Online) Seit 1926 war Bruno Stelter Besitzer der Pension Stelter-Wagner, die zuvor Enrico Wagner gehörte. Vgl. dazu Schweizerisches Handelsamtsblatt, 44. Jahrg., 6. Dezember 1926, Nr. 285, S. 2124. Online) Er starb am 1. August 1939 im Alter von 69 Jahren. Vgl. dazu Todesanzeige in Gazzetta Ticinese, 139. Jahrg., 3. August 1939, Nr. 177, und Schweizerisches Handelsamtsblatt, 8. Januar 1943, 61. Jahrg., Nr. 5, S. 69. Online. [↩]
- Die Kunsthistorikerin Antje von Graevenitz bemerkt in einer Fussnote zu ihrem Beitrag „Hütten und Tempel: Zur Mission der Selbstbestimmung“ für das Katalogbuch der Szeemann-Ausstellung „Monte Verità. Berg der Wahrheit“, dass Fidus zusammen mit seiner Frau Elsbet und Gertrud Prellwitz Anfang der 1930er Jahre das Santuario d’Arte Elisarion in Minusio bei Locarno besucht habe, wie Einträge ins Gästebuch belegen würden. Da das betreffende Gästebuch verschwunden ist, kann der Eintrag nicht überprüft werden. [↩]
- Anzeige in: Mitteilungen des Naturheil-Verein Zürich, 2. Jahrg., April 1933, Nr. 4, S. 2. [↩]
- Mitteilungen des Naturheil-Verein Zürich, 2. Jahrg., März 1933, Nr. 3, S. 13. [↩]