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Für lange Zeit ist die sich schliessende Waggontüre die letzte Erinnerung, die Gustav Ksinski an Deutschland hat. Nach den verheerenden Pogromen gegen Juden in Berlin, war Familie Ksinski auf der Flucht vor den Nazis. Der 13-jährige Gustav Ksinski flieht nach Palästina. Seinen Eltern gelingt wenig später die rettende Schiffspassage in die USA.
Rund drei Jahrzehnte vergehen, ehe Gustav Ksinskis Leben im Jahre 1964 dank eines gewissen Jean-Jaques Perry erneut eine nachhaltige Wendung erfährt. Zwischenzeitlich ist er seinen Eltern nach New York gefolgt, nennt sich fortan Gershon Kingsley und verdient sich als Pianist und Komponist seine ersten Sporen.
Mit Schlips, Anzug und Ondioline
Doch erst mit Perry, dem einstigen Medizinstudenten und Handelsreisenden in Sachen Ondioline – einem Vorläufer des Synthesizers – kommt der Erfolg. Mit Schlips und Anzug touren Perry und Kingsley in einer Mischung aus Kabarett und Konzert umjubelt durch amerikanische Fernsehanstalten.
Im Jahre 1966 dann erscheint ihr gemeinsames Werk, das heute als Inbegriff humoristischer Popmusik gilt. Mit «In Sound From Way Out!», das sich aus unzähligen, aneinandergeklebten Tonbandschnipsel zusammensetzt, nehmen die beiden die Technik des Samplings vorweg. Doch zur Legende wurde Kingsley mit dem von Bob Moog im Jahre 1964 konstruierten, ersten kommerziell erfolgreichen elektronischen Synthesizer, der die Popmusik revolutionieren sollte.
Vom Hitparadenhit «Popcorn», ...
1969 lernt Kingsley Moog kennen. Nach dem Segen seiner Frau ersteht Kingsley für heute umgerechnet 35‘000 Dollar einen der ersten, jener damals schrankwandhohen Exemplare. «Der Synthesizer ist ein Meilenstein in der Entwicklung des Musikinstruments», sagt Kingsley bei einer Vorführung dieser neuen Wunderkiste.
Der Rest ist Musikgeschichte. Gershon Kingsley improvisiert zu Beethoven und Mozart – und komponiert 1969 mit «Popcorn» das erste Stück elektronische Musik, das in der Version der Elektroband «Hot Butter» im Jahre 1972 zu einem Welthit gerät. In Norwegen, Deutschland und der Schweiz steht Popcorn wochenlang an der Spitze der Hitparade.
Vor 40 Jahren sorgt der damals bereits 53-Jährige damit für eine wahre Flut von «Popcorn»-Imitaten, darunter Stücke von James Last, Max Greger oder Klaus Wunderlich. Heute existieren Hunderte von Coverversionen und Remixe dieses Stückes, das sich weltweit millionenfach verkaufte.
... über Titelmelodien für TV-Shows, bis zur Oper.
Als Hommage an seine jüdischen Wurzeln erscheint 1969 zugleich sein Album «Shabbat For Today», das in der jüdischen Reformgemeinde «Rodeph Sholom» in Manhattan zur Uraufführung gelangt. Unterdessen schliesst Kingsley auch Frieden mit seinem Heimatland. Seine erste Tournee mit dem First Moog Quartett führt den bereits 55-Jährigen nach einem Auftritt in der New Yorker Carnegie Hall nach Köln und München, wo er mit den Orchestern des Westdeutschen Rundfunks und des Bayerischen Rundfunks auch in Deutschland Musikgeschichte schreibt.
Und auch danach lässt Deutschland ihn nicht los: In den 1970er-Jahren wird er Hof-Komponist am Düsseldorfer Kom(m)ödchen, bevor seine Titelmelodien ZDF-Produktionen wie «Die Pyramide», «Babbelgamm» oder «Merlin» prägen.
Seit Ende der 1990er-Jahre lebt der heute 91-Jährige in New York. Mit seiner 2009 im Neuen Schauspielhaus Bremen uraufgeführten Oper «Raoul» macht der Gerettete auch erstmals die Judenverfolgung zum Thema seiner Kunst – und damit auch ein Stückweit seine eigene Geschichte.