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Call for Papers / Wissenschaftliche Tagung der Schweizerischen Gesellschaft für die Erforschung des Achtzehnten Jahrhunderts:
“Politische Schweiz, gelehrte Schweiz, imaginierte Schweiz. Kohäsion und Disparität im Corpus helveticum des 18. Jahrhunderts”
Neuchâtel, 23.-25. November 2017
Fragestellung der Tagung und Einladung zur Einreichung von Referatskonzepten
Das Bewusstsein und das Gefühl von der Einheit der Schweiz waren schon lange vor der Inkraftsetzung der Bundesverfassung von 1848, als die politische Einigung verfassungsrechtlich zu einem Abschluss gelangte, klar ausgeprägt. Im 18. Jahrhundert artikulierte sich die Idee von der Schweiz als klar identifizierbarem nationalen Raum in zahlreichen gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen. Enzyklopädien, Bibliographien, Zeitschriften, topographische Beschreibungen sowie thematische Abhandlungen beschrieben die Schweiz in diesem Sinne. In Handel, Industrie und Gewerbe, in den Künsten oder im Erziehungswesen traten Bestrebungen in Erscheinung, die sich als wesensmässig schweizerisch verstanden. Literarische und gelehrte Diskurse stellten die Schweiz als ein Gebilde mit klaren Identitätsmerkmalen vor. Naturwissenschaften wie etwa die Geologie oder die Botanik machten die Schweiz zu ihrem Untersuchungsraum und experimentellen Laboratorium und definierten das Land damit als überzeugenden und sinnvollen Rahmen für wissenschaftliche Forschung. Während diese kulturellen, wissenschaftlichen und literarischen Bestrebungen die Einheit des Landes und die Zusammengehörigkeit seiner Glieder betonten, so vermittelte die politische, kulturelle und wirtschaftliche Verfassung des Corpus Helveticum im späten Ancien Régime alles andere als ein Bild der Einheitlichkeit und des nationalen Zusammenhalts: Uneinheitlichkeit und Gegensätze prägten die politischen Beziehungen zwischen den Gliedern des Corps helvétique, deren Bewohner unterschiedliche Sprachen sprachen. Das Verhältnis zwischen protestantischen und katholischen Landesgegenden war angespannt. Wirtschaft und Wohlstand der Bevölkerung waren regional sehr ungleich entwickelt. Es fehlten dem Land eine gemeinsame Währung oder eine gemeinsame militärische Verteidigungsorganisation. Die Tagsatzung – einzige gemeineidgenössische Einrichtung – verfügte nur über beschränkte Kompetenzen. Dies sind nur einige der hervorstechenden Merkmale, die die Historiker bei der Beschreibung der disparaten gesellschaftlichen und politischen Realität der Schweiz im 18. Jahrhundert hervorheben. Gleichzeitig hat die Geschichtsschreibung die Züge eines „Helvetismus“ bzw. eines „Mythos Schweiz“ herausgearbeitet, die als Ausdruck eines Identitätsbewusstseins und Nationalgefühls gedeutet werden dürfen und insofern auf Faktoren rückschliessen lassen, die dem Land trotz allem eine gewisse nationale Kohäsion verliehen.
Die wissenschaftliche Tagung will diese grundsätzliche Ambivalenz und das Spannungsverhältnis zwischen Einheit und Diversität, zwischen Kohäsion und Konkurrenz, zwischen dem Gefühl nationaler Zusammengehörigkeit des Corps helvétique und dem Beharren der Kantone auf ihren republikanischen Souveränitäten mit einem frischen, interdisziplinären Ansatz diskutieren. Es geht mithin um die Diskurse sowie die kulturellen, gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Praktiken, die im 18. Jahrhundert einerseits die Kohäsion und die vereinheitlichenden Bestrebungen stärkten und andererseits die Gegensätze und die Uneinheitlichkeit im Land untermauerten. Dies soll ohne Werbeabsichten, aber auch fern von der verklärenden mythischen Sicht und den schmeichelhaften Vorstellungen geschehen, die die ältere Geschichtsschreibung bisweilen kennzeichneten. Vielmehr will die Tagung auch auf Texte und Praktiken aufmerksam machen, die sich von den Schilderungen der Schweiz als eines glücklichen, einigen, solidarischen oder idyllischen Landes distanzierten, indem sie den konstruktivischen Charakter dieser Vorstellungen entlarvten oder den Finger auf den Kontrast zwischen den Imaginationen und der faktischen Wirklichkeit legten.
Für die Tagung sind Beiträge aus den verschiedensten Disziplinen – aus dem Bereich der Geschichte, der Kunst- und Technikgeschichte, der Literaturgeschichte, der politischen Ideengeschichte, der Geschichte der Naturwissenschaften, des Rechts, der Theologie etc. – erwünscht, wobei sich diese an folgenden Leitfragen orientieren sollten.
- Mit der Vorstellung nicht bekannter Quellen oder noch wenig benutzter Quellentypen sollen Sichtweisen, Beschreibungen oder Vorstellungen der Schweiz präsentiert werden, die bislang nicht oder zu wenig bekannt waren. Zu denken ist dabei etwa an private und persönliche Quellen wie etwa Selbstzeugnisse (Ego-Dokumente) oder Korrespondenzen, an literarische Kuriositäten wie Scherze, Pamphlete, Parodien, Imitationen etc., an Erzählungen, Romane oder Gedichtsammlungen, die die politischen oder gesellschaftlichen Verhältnisse im schweizerischen Raum zum Thema machten. Zu denken ist auch an historische und wissenschaftlich-gelehrte Abhandlungen – wie etwa Darstellungen der Schweizer Geschichte, der Naturgeschichte der Alpen, spezifisch schweizerische Enzyklopädien und Bibliographien u.a.m. –, die auf ihre Bedeutung für die Stiftung der Vorstellung der Schweiz als einer zusammengehörigen Einheit befragt werden sollen. Auch Periodika kommen für eine derartige Betrachtung in Frage.
- Es interessieren Analysen von Praktiken, die auf die Stiftung eines Gefühls der Einheit und die Begründung spezifischer Vorstellungen von nationaler Zusammengehörigkeit abzielten. Die Untersuchung des Austauschs von Ideen und Büchern oder der Blick auf persönliche Netzwerke vermag zu erhellen, wie die Schweiz sich in die europäische Gelehrtenrepublik einfügte und wie sich das Land als Raum einer spezifischen Gelehrten- und Wissenschaftskultur konstituierte, der in der Wahrnehmung zeitgenössischer Beobachter als Akteur, Vermittler und Förderer eines spezifischen Wissens in Europa galt. Auch weitere Praktiken lassen sich in diesem Sinne untersuchen, seien diese künstlerischer, kommerzieller, pädagogischer, militärischer, politischer oder anderer Natur. Auch der Charakter der Beziehungen innerhalb des schweizerischen Raumes – jene zwischen Städten und ländlichem Raum, zwischen grossen und kleinen Städten, zwischen den Orten i.e.S. und deren Zugewandten Orten – soll Beachtung finden. So können insbesondere die politischen, diplomatischen, geistigen oder wirtschaftlichen Beziehungen betrachtet werden, die die verschiedenen Teile des Corps helvétique miteinander verbanden.
- Da die staatsrechtlich-politische Einheit des Corps helvétique bis zur Gründung der Helvetischen Republik ausserhalb des Horizonts des Denkbaren und Machbaren lag, will die Tagung den Themen, Bildern und Vorstellungen Beachtung schenken, die gleichwohl ein Gefühl der Zusammengehörigkeit stifteten, Ungleiches miteinander verbanden und einem Raum Gestalt verliehen, der in einem nationalen Sinn als Einheit vorgestellt werden konnte. In dieser Beziehung lassen sich exemplarisch Elie Bertrands Studie der keltischen Grundlagen der alten Sprachen der Schweiz, die zeitgenössischen historischen Studien zum Volk der Helvetier, die legendenhaften Fiktionen in den Romanen von Isabelle de Montolieu, der Ruf der Schweiz als einem Paradies für Sammler, die Vorstellung der Schweiz als ideale ländliche Gemeinschaft, wie sie von Hirzel oder Rousseau geprägt wurde, oder auch die Wahrnehmung der Alpenlandschaft als eines neuen Arkadien anführen.
Um dem interdisziplinären Ansatz der Tagung bestmöglich gerecht zu werden, sind gemeinsame Beiträge von Vertretern unterschiedlicher Fachrichtungen besonders willkommen. In diesem Sinne liessen sich Themen wie beispielsweise die Fremden Dienste, das Landleben, die Praxis gelehrter Geselligkeit u.a.m. gemeinsam aus der Sicht eines Historikers und einer Literaturhistorikerin erörtern. Das wissenschaftliche Tagungskomitee lädt die Referierenden – ob sie einzeln oder als Tandem vortragen werden – ein, sich nicht auf die Präsentation von Fallstudien zu beschränken, sondern ihr Thema konsequent und systematisch auf die übergeordnete Fragestellung der Tagung auszurichten.
Untersuchungszeitraum ist das Ancien Régime des 18. Jahrhunderts, doch sind auch Beiträge zum Zeitraum zwischen 1798 und 1848 möglich, sofern sie Themen und Aspekte behandeln, die in einer starken Traditionslinie zum 18. Jahrhundert stehen.
Für Einzelreferate sind 25 Minuten, für Gemeinschaftsreferate 40 Minuten vorgesehen. Konzepte für Tagungsbeiträge können auf Deutsch und Französisch (max. 300 Wörter) bis zum 15. November 2016 bei Claire Jaquier (<email-pii>) oder André Holenstein (<email-pii>) eingereicht werden. Das wissenschaftliche Tagungskomitee wird dazu bis zum Anfang Januar 2017 Stellung beziehen.
Wissenschaftliches Tagungskomitee: Rossella Baldi, Simona Boscani Leoni, Claire Gantet, André Holenstein, Claire Jaquier, Béla Kapossy, François Rosset, Timothée Léchot, Nathalie Vuillemin.
Kontaktadresse: Claire Jaquier, Institut de littérature française, Faculté des lettres et sciences humaines, Espace Louis-Agassiz 1, Schweiz – 2000 Neuchâtel.