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Kurz vor Redaktionsschluss hat Michail Schischkin für «Venushaar» den Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt erhalten. Der Roman, in dessen Zentrum Schicksale von Asylsuchenden stehen, fusst auch auf den Erfahrungen des russisch-schweizerischen Autors in der Schweiz.
Seit 1995 lebt Michail Schischkin – ein in Russland gefeierter Autor, dessen Werke in vierzehn Sprachen übersetzt sind – in der Schweiz. Zehn Jahre lang arbeitete er hier als Dolmetscher für die Einwanderungsbehörde. Diese Arbeit habe bei ihm Brandwunden hinterlassen, äusserte er vor einiger Zeit. «Brandwunden?» Die Nachfrage erreicht den Autor in Moskau und löst Emotionen aus: «Was würden Sie empfinden, wenn Sie täglich im Büro haarsträubende Geschichten übersetzen müssten? Wenn eine Mutter ihr Kind mit abgeschnittenen Fingern als Beweis der Verfolgung vorweist? Ist das etwa nicht herzzerreissend? Im normalen Leben kann man solcher Realität ausweichen, zum Beispiel auf einen anderen Sender umschalten. Aber bei der Befragung eines Gesuchstellers muss man als Dolmetscher alles in sich hineinnehmen. Du kannst das nicht ‹löschen› wie eine alte Datei. Das alles wird zu einem Teil von dir. Und das kann wehtun.»
Vom Militärdienst verschont
Diese «Brandwunden» sind der Ausgangspunkt von Michail Schischkins aktuellem Roman «Venushaar», für den er in seiner russischen Heimat gleich zwei Preise erhielt und in englischen Zeitungen auf eine Stufe mit Dostojewski und Nabokov gestellt wurde. Das gewaltige Opus setzt mit dem Frage-Antwort-Spiel in einem Empfangszentrum ein, wie es sich zwischen den Beamten und den mit «GS» abgestempelten Gesuchstellern abspielt. Es deutet einige der grausamen Geschichten an, die von den GS erzählt und von den Beamten angezweifelt werden. Dann aber verlagert sich das Geschehen, die Fluchtgeschichten stammen plötzlich aus der Antike oder aus osteuropäischen Mythen. Sie mischen sich mit drastischen und erschütternden Schilderungen aus dem sowjetisch-afghanischen Krieg und dem Tschetschenienkrieg – nicht nur aus der Perspektive der Opfer, sondern auch aus dem brutalen Alltag der Soldaten.
Diese Erfahrungen blieben dem 1961 geborenen Autor erspart, «weil ich als junger Mann das Glück hatte, dass wir an der Pädagogischen Hochschule in Moskau, wo ich Germanistik und Anglistik studierte, eine Ausbildung als Militär-Dolmetscher machen konnten. Das hat mich vor dem Militärdienst und damit vor Afghanistan gerettet.» Aber Schischkin hatte Freunde, die ihm von ihrer Zeit im Militär erzählten. Ihre Geschichten fliessen ebenso in «Venushaar» ein wie die der Asylsuchenden in der Schweiz. Für den «Dolmetsch», wie Schischkin sein Alter Ego im Roman nennt, sind diese Geschichten «echt», unabhängig davon, ob sie nun genau der Person passiert sind, die sie erzählt.
Die Wahrheit der Geschichten liegt in ihrer Glaubwürdigkeit. Diese entscheidet auch über das Schicksal der Asylsuchenden, wie der Beamte Peter – auch Petrus, der Paradiesverteidiger genannt – zugibt. Seine Aufgabe ist es, möglichst viele der «GS» abzuweisen. Schischkin hat während seiner Zeit als Dolmetscher begriffen, dass in Wirklichkeit die Quote entscheidet: «Nicht die wahren oder unwahren Schicksale, sondern die statistische Quote: Soundso viele Gesuche werden jährlich bewilligt. Bei jedem Gesuch kann man irgendwelche Ungereimtheiten finden, das genügt für den negativen Entscheid. Die erzählten Geschichten können stimmen oder nicht, aber die Quote stimmt immer.»
Die Glaubwürdigkeit einer Geschichte ist aber auch ein literarisches Kriterium, und darum ist das Erzählen selbst ein wichtiges Thema des breit angelegten Romans. Dank der Anmerkungen des Übersetzers Andreas Tretner erfahren auch slawistisch nicht vorgebildete LeserInnen, aus welch reichem Fundus sich der Autor bediente, und wie sehr es im Text von Anspielungen, Zitaten und skurrilen Details wimmelt. Wie das «Venushaar», ein Farngewächs, das durch alte Mauern spriesst und Ruinen überwuchert, so lässt auch Schischkin die Erzählungen von Gewalt und Flucht durch Orte und Zeiten wachsen. Dazwischen ist das Tagebuch einer russischen Sängerin eingestreut, die traumwandlerisch durch das Jahrhundert taumelt und – ob Revolution oder Krieg – meist nur an ihre Auftritte und Liebhaber denkt.
Als weiterer Handlungsstrang wird die traurige Liebe des «Dolmetsch» zu einer Frau erzählt, die er Isolde nennt, da ihre Liebe einem verstorbenen Tristan gilt. Er selbst, ihr lebendiger Begleiter in den Museen Roms, fühlt sich plötzlich wie eine der Statuen, die bloss Kopien verschollener griechischen Originale sind. Eine bittere Liebesgeschichte, deren Ende absehbar ist: Bei einem Abendessen spaltet sich die Tischrunde. Die einen – mit ihnen Isolde – verschwinden auf die Terrasse, während die anderen die Gräuelvideos aus Tschetschenien sehen wollen, die dem «Dolmetsch» zugespielt wurden. Dass er mit Folterszenen den gemütlichen Abend zerstört, verzeiht ihm Isolde nicht.
Zwei Wirklichkeiten
Michail Schischkin ist nicht als Flüchtling, sondern wegen einer Liebe in die Schweiz gezogen. Erlebte er hier das Gespaltensein einer Person, die in zwei Wirklichkeiten zugleich lebt: in der friedlichen der Schweiz sowie in einer anderen, kriegsgebeutelten Welt? So einfach sieht der Autor das nicht: «Wir alle leben zugleich in mehreren Wirklichkeiten. Vier Schweizer nehmen sich täglich das Leben in ihrer ‹friedlichen› Wirklichkeit. Das ist die Statistik. Sowohl Russland mit seinen schrecklichen Geschichten, als auch die friedliche Schweiz gehören zu den fünf Ländern mit der höchsten Suizidrate. In diesem kalten Kosmos können wir nur überleben, weil die Menschen diese Erde mit ihrer Menschlichkeit umhüllen und erwärmen. Darüber wollte ich in meinem ‹Venushaar› schreiben.»