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Der 1. und der 2. November sind in Bolivien spezielle Feiertage: Die Seele der Verstorbenen verbringen 24 Stunden mit ihren Liebsten auf der Erde, so der Brauch.
[Das ist quasi die Tonspur zum Blogeintrag – ein Audiorundgang auf dem Friedhof von La Paz am Tag von „Todos los Santos“:]
Dass Mexiko mit dem „Día de los muertos“ eine besondere Tradition hat, die Verstorbenen zu ehren und zu feiern, wusste ich. Dass hingegen auch Bolivien eine starke Tradition im Umgang mit Toten hat, war mir bis vor kurzem nicht bewusst. Der offizielle Feiertag „Todos los Santos“ ist am 2. November. Die Feierlichkeiten, bei denen andine und katholische Glaubenselemente verschmelzen, beginnen aber schon vorher.
Am 1. November um 12 Uhr mittags kommen die Verstorbenen zurück zu ihren Liebsten, so der Glaube. Sie werden mit sogenannten „mesas“ empfangen, eine Art Tafel oder Altar. Darauf befinden sich beispielsweise Blumen, Getränke und Gebäck: Zum einen sogenannte T’antawawas, das sind Brote in Menschenform (sie erinnern mich an Grittibänze). Dann gibt es Brote in Treppenform; diese sollen den Verstorbenen die Ankunft erleichtern. Traditionellerweise findet auch das Lieblingsgericht und/oder -getränk Platz auf der Tafel – das kann gut Reis und Poulet (einer der Lieblingsgerichte der meisten BolivianerInnen, so scheint mir) oder Coca-Cola sein. Auch ein Foto des oder der Verstorbenen darf nicht fehlen.
Auch Che Guevara und Hugo Chávez werden geehrt
Diese Tafeln werden am 1. November zu Hause errichtet und am 2. November auf den Friedhof gebracht. Nicht nur Familienangehörige errichten solche „mesas“, sondern auch öffentliche Institutionen. Das Kulturministerium beispielsweise gedachte mit einer reich gedeckten Tafel bolivianischen Persönlichkeiten wie Tupac Katari (indigener Freiheitskämpfer) oder Carlos Palenque (1997 Musiker, Fernsehmoderator und Politiker) und auch linken lateinamerikanischen Persönlichkeiten wie Che Guevara, Salvador Allende oder Hugo Chávez.
Grössere mediale Aufmerksamkeit als der Stand des Kulturministeriums (zumindest zu dem Zeitpunkt, als ich mich dort befand) erlangte ein Stand auf der Plaza San Francisco, der an die Menschen erinnert, die unter der Regierung von Evo Morales umgekommen sein sollen. „Todos los Santos“ wird also von verschiedenen Seiten politisch instrumentalisiert.
Mit Angehörigen, Musikgruppen und Polizei auf dem Friedhof
Am 2. November am Mittag werden die Verstorbenen wieder verabschiedet. Ich war zu diesem Zeitpunkt auf dem Cementerio General unterwegs, dem grössten öffentlichen Friedhof von La Paz – zusammen mit rund 35’000 anderen Personen (gemäss einer Nachrichtenagentur) und einem Grossaufgebot an Polizeikräften, die kontrollierten, dass die Besucherinnen und Besucher keine alkoholischen Getränke auf das Friedhofsgelände mitnahmen.
Bereits im Vorfeld hatten viele Bolivianerinnen und Bolivianer die Gräber ihrer Verstorbenen aufgefrischt und geschmückt. Nun versammelten sie sich vor den Gräbern, oft mit Musikgruppen, und gedachten ihrer Liebsten. Der Brauch besagt, dass auch Fremde an eine Tafel treten und für den Verstorbenen beten dürfen. Mir passierte das zufälligerweise an der Seilbahnstation; Angestelle von „Mi Teleférico“ hatten eine Tafel für einen verstorbenen Arbeitskollegen errichtet und eine Frau fragte mich, ob ich zusammen mit ihr für ihn beten möge – im Gegenzug erhielt ich dann eine riesige T’antawawa. Dieser offene Umgang mit Tod und Trauer berührte mich sehr. Und aufgrund der Musik fühlte ich mich zwischendurch mehr in Karnevals-Stimmung als auf einem Friedhof.
Mein erster Interviewpartner: Ein Zufallstreffer
Es war nicht das erste Mal gewesen, dass ich den Cementerio General besucht hatte. Für das Wochenmagazin Rascacielos vom 28. Oktober, das ganz im Zeichen von „Todos los Santos“ stand, hatte ich Jorge Vargas Hudson portraitiert. Der pensionierte Mathematik- und Physiklehrer ist Friedhofsmusiker; das heisst, er besucht mit Angehörigen das Grab eines Verstorbenen und spielt dessen Lieblingslieder. Dieses Hobby, wie er es nennt, erfülle ihn sehr, denn er könne damit sein Repertorium erweitern – er singt neben Spanisch auch auf Aymara und Quechua – und Menschen in einem sehr intimen Moment begleiten. Was er nicht sagt: Er kann damit seine möglicherweise magere Pension etwas aufbessern.
Und dazu noch eine Anekdote: Richard, der Mann meiner Arbeitskollegin, hatte mich zum Friedhof begleitet und war beim Interview dabei gewesen. Am Abend sahen wir uns im Kino „Muralla“ an – ein ziemlich düsterer Film über einen gescheiterten Fussballstar und Menschenhandel. Der Film spielt in La Paz, verschiedene Szenen wurden auf dem öffentlichen Friedhof gedreht – unter anderem auch eine Beerdigungsszene inklusive Musiker. „Das ist doch Jorge!“, ging mir durch den Kopf. Zugleich fand ich aber auch, dass alle Friedhofsmusiker ziemlich ähnlich aussehen. Kaum lief der Abspann über die Leinwand raunte mir Richard zu, im Film sei doch der Musiker vorgekommen, den ich am Nachmittag interviewt hatte. Wichtig zu erwähnen ist noch: Richard ist blind und hatte nur die Stimmen gehört. Dann musste also da doch etwas dran sein.
Ein Anruf – zum Glück hatte ich mir Jorges Nummer notiert – zeigte dann: Jorge hat tatsächlich im Film mitgespielt. Gesehen habe er ihn noch nicht, sagte er mir, aber er habe grosse Lust dazu.