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Werk, Bauen + Wohnen 03/2008
Messerscharf im Gewerbepark
Auch Bülach boomt, und in den letzten zehn Jahren wurde unter anderem das Areal an der Feldstrasse entwickelt, das noch bis zum Jahr 2000 eine grüne Wiese war. Undend Architekten bauten eines der ersten Gebäude in diesem Gebiet, eine Lagerhalle. Dabei wollten sie sich nicht jenem mechanistischen Raster, mit dem die ganze Ebene parzelliert wurde, unterordnen und suchten einen tieferen Grund für die Stellung ihres Hauses, die sie in der Stellung eines römischen Gutshofes (dessen Ruinen noch existent sind) sowie einer historischen Wegkreuzung fanden. Danach richten sich nun die Lagerhalle und das zweite, viel grössere Büro- und Gewerbegebäude. Da Gewerbegebieten ihre ökonomischen und raumplanerischen Randbedingungen sehr stark anzusehen sind, fällt eine derartig räumlich motivierte Tat auf. Denn egal ob der Aufhänger für diese Drehung so offensichtlich ist: Der architektonischen Beliebigkeit des Areals wird zumindest ein Gedanke an tiefere Schichten der Landschaft entgegengestellt.
Der Baukörper mit seinen extremen Seitenverhältnissen – 110 m lang, 21.5 m hoch, 10 m tief – wirkt fast wie eine Wand, die auf der einen Seite schwarz und der anderen Seite weiss ist, was die Wahrnehmung der Zweidimensionalität unterstreicht. Beide langen Fassaden sind von vertikalen, in unregelmässigen Abständen gesetzten Fensterbändern bestimmt. Als Vorläufer für die Fenster der sich in Planung befindenden Wohnsiedlung an der Rautistrasse in Zürich entwickelt, liegt das x-fach multiplizierte, immergleiche Fenster blattdünn auf der Fassade. Das jeweils oberste, halbierte Fenster wird elegant als Brüstungselement des begehbaren Daches umgedeutet, womit jeder Anflug von Körperhaftigkeit vermieden wird. Die durch die vertikalen Fensterbänder ohne sichtbare Geschossunterteilung massstabslos scheinende Eingangsfassade wirkt wegen der unscheinbaren oberen und seitlichen Abschlüsse so abstrahiert, dass sie problemlos um 90, 180 oder 270 ° gedreht auch Sinn machen würde. Bei der schwarzen Werkhofseite dagegen schwankt die Wahrnehmung zwischen der erwähnten Flächigkeit der Fassade und Körperhaftigkeit des Volumens: Ein geschwungenes Vordach sowie ein Annex zur Strasse ergänzen hier das Haupthaus. Der fast planen Hülle folgt Innen ein nur neun Meter tiefer Baukörper, der ohne Korridore auskommt und als „Nullbünder“ bezeichnet werden müsste: Die Erschliessung der drei vertikal unterteilten Gebäudeabschnitte erfolgt punktuell über drei schrägen Schächte mit Kaskadentreppen. Diese zeichnen sich als skulpturale Gebilde in den dadurch unterschiedlich eingeteilten Innenräumen ab. Der offene Grundriss ist hier nicht nur Programm, sondern durch die Treppen und die diagonal gestellten Mittelstützen schlicht vorgegeben.
Bei diesem Gebäude ist auf den ersten Blick nichts so, wie es im Schweizer Lehrbuch vermittelt würde, und die Architekten haben sich eindeutig nicht dem Mies’schen „less is more“ verschrieben, sondern halten es vielmehr mit Venturis Umwidmung „less is a bore“. Bringt das etwas ausser Scherereien? Es bringt, das wird nach zwei Jahren Benutzung und dem endgültigen Einzug der gemischten Käufer- und Mieterschaft (Fitnessstudio, Behindertenwerkstatt, Baufirma, Coiffeursalon, Ingenieurbüro und sogar Wohnungen für Saisonniers.) klar, tatsächlich Schwierigkeiten. Beispielsweise fanden die Nutzer die Treppenhauseingänge – als schlichte Türen zuunterst in die Fensterbänder eingesetzt – zu wenig sichtbar und haben die Fassade an jenen Stellen mit grossformatiger blauer Typografie beschriftet. Die Betreiber des Fitnessklubs waren mit der Führung der schrägen Treppenschächte nicht einverstanden und haben in ihrem Abschnitt die Treppe nicht wie geplant bis zuoberst gebaut, sondern eine Aussentreppe vorgezogen. Die Leitung der Behindertenwerkstatt meinte, einen Windfang vor dem Eingang zu brauchen. Dabei haben die Nutzer leider meist nicht Undend für ihren Ausbau beauftragt. Ehrlicherweise muss man hinzufügen, dass über die meisten Neubauten nicht erst nach zwei Jahren, sondern direkt nach der Fertigstellung geschrieben wird, sodass solche Eingriffe noch nicht stattgefunden haben.
Also doch lieber Bekanntes durch erfindungsreiche Details individualisieren und das Bewährte gut machen? In diesem Projekt ist die Lust, Neuland zu betreten und dabei auch Risiken in Kauf zu nehmen, entscheidender als die Perfektion des Ganzen. Die verschiedenen Wagnisse bringen unterschiedliche Vor- und Nachteile. Die Schrägstellung im Raster des auf dem Reissbrett entworfenen Gewerbegebietes ist für die Innenräume, die durch diese Drehung von einer Aussicht mit erweiterter Perspektive profitieren, ein Gewinn. Durch die extreme Gebäudegeometrie bleibt viel Platz für zukünftige Nutzungen auf dem Grundstück, und die Lage hart an der Strasse sowie die Ausdrehung machen das kraftvolle Volumen bestimmend für das ganze Areal. Die superflache Fassade ist beeindruckend detailliert und macht das Gebäude sehr einprägsam. Die weisse Seite ist jedoch stringenter als die schwarze; Dachabschluss oder Ecklösungen bleiben im Gegensatz zur schwarzen Fassade vollends unsichtbar. Als Schlüsselelemente färben die Fenster mit ihrem zahlreichen Vorkommen sprichwörtlich auf das ganze Haus ab und geben ihm eine spielerische Note: Aussen ockergelbe, mit leuchtorangen Anschlagswinkeln hinterlegte Metallrahmen und -flügel, innen schwarze Holzflügel mit schwefelgelben Rahmen. Wo zwei Fensterbänder nahe nebeneinander liegen, werden beim einen Band die Elemente von unten nach oben um Faustbreite zueinander verschoben, was eine Irritation der Wahrnehmung erzeugt und gleichzeitig definitiv eher „nice-to-have“ als zwingend wirkt. Die vermutlich am wenigsten auffällige, aber gewagteste Erfindung an diesem Gebäude ist die Typologie der Treppen als Korridore, die den innenräumlichen Mehrwert der zweiseitig belichteten Räume und spannende räumliche Konstellationen mit den Treppenkörpern erzeugt – zugegebenermassen entsteht dabei auch schwierig möblierbarer Raum. Trotz der anspruchsvollen Nutzer- und Bauherrenmischung mit derart niedrigen räumlichen Ansprüchen konnte auf diese Weise mehr als die Fassade zum architektonischen Thema gemacht werden. Angesichts der Durchschnittlichkeit des realgebauten Schweizer Mittellandes scheint damit die Gratwanderung zwischen High-End-Architektur und dekorierter farbiger Blechhülle durchaus ein Gewinn zu sein.
Text © Barbara Wiskemann