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Der unsterbliche Tiger
von Cedric Weidmann
Viele, viele hundert Kilometer von hier entfernt, vielleicht tausende, ich kenne die Distanz nach Indien nicht genau, irgendwo in dieser Ferne und vor langer Zeit, gab es einen unsterblichen Tiger.
Er lebte in den unerschlossenen Wäldern des Ostens, von denen man sagte, sie wären trotz der herapprasselnden, glühenden Sonne eiskalt, da die dichten Wipfel ihrer Bäume eine undurchdringliche Decke über das Dickicht zögen. Inmitten dieses ausgedehnten, von seltenen Erzählungen überlieferten Schattens trieben sich, so viel wusste man bereits damals, verschiedene Rudel von Tigern umher. Die genaue Anzahl dieser Rudel, die Grösse ihrer Territorien, die Gründe für ihr ständiges Herumstreifen, geschweige denn die Beschaffenheit ihrer Rollenverteilungen waren selbst den Förstern und Tierschützern unbekannt. Sie entblössten in dieser Sache aber ihre wissenschaftliche Eitelkeit, denn ihr Unwissen gestanden sie öffentlich niemals ein. Stattdessen betonten sie in ihren Berichten die schwierige Situation der Tiger, denn bei der Verklärung einer bedrohten Art wurden paradoxerweise weniger Fragen gestellt und die Lücke ihres Wissens nicht aufgedeckt. Selbst untereinander zogen die Tierschützer diese Überzeugung später zu Rate, damit sie sich nicht mit ihrer eigenen Wirkungslosigkeit konfrontieren mussten, und immerhin war es für einen wahren Tierschützer nie ganz falsch, eine Rasse als bedroht zu betrachten.
In Wirklichkeit jedoch war es den Anwohnern der Wälder nicht ganz wohl bei diesen undurchsichtigen Betrachtungen. Selbst wenn sich die allgemein verbreitete Kunde des aussterbenden Tigers auch in den waldnahen Döfern zu setzen begann, so wussten immerhin die Dorfältesten noch von der Gefahr, die im Dunkeln hinter den gitterstabähnlichen Baumpfählen lauerte. Sie setzten alles daran, den Tigern zu huldigen, und, auch wenn man ihre vor Besorgnis zusammengezogene Stirn den neuen Gefahren – Arbeitslosigkeit, Feuerwaffen, Traditionsverlust – zuschrieb, so war sie alleine dem Geräusch von Tatzen zu verdanken, das manchmal flüsternd aus Richtung des Waldes wehte.
Angenommen, es hätte tatsächlich nur wenige Rudel von Tigern gegeben, wie war es dann möglich, dass sie an mehreren Orten, die Monatsreisen voneinander entfernt waren, aus dem Wald schossen und Haustiere zerfetzten? Wieso geschah das alles in einer einzigen Nacht? Hatten sie sich abgesprochen? Warum hatte kein einziger Mensch einen von diesen Tigern gesehen, die Spuren aber auf hunderte von ihnen hingewiesen? Und, um die Erstaunlichkeiten abzurunden, wie konnte es sein, dass die Waldtiger, von deren Ernährung man nichts wusste, in einer einzigen Nacht auf den Geschmack von Schweinen und Hunden gekommen waren?
Das waren die Fragen, die sich die Jungen stellten, und es bot sich beim verzweifelten Suchen nach Antworten der einfache Schluss, dass es immerhin mit der Bedrohung des Menschen zutun hätte, der sich um die Wälder der Tiger wie eine Klammer geschlossen haben muss, aus der sie sich hatten befreien müssen. Die Erfahrenen jedoch, unter ihnen die Dorfältesten, waren dieser Erklärungssuche vor ihrem Beginn schon müde, wussten aber im Stillen, dass es damit nicht getan sein würde. Bereits von früher war bekannt, dass die Tiger dieses besonderen Waldes ebenfalls besondere, verwirrende Eigenheiten aufwiesen. So war es, wenn man den verwaschenen Legenden glauben will, nicht unüblich, dass Menschenkinder von den Tigern entführt und aufgezogen wurden. Ebenfalls stimmte sie die Tatsache vorsichtig, dass sogar seit Jahrtausenden der überlieferten Tradition keine eindeutigen Kenntnisse über die Tiger vorhanden waren. Es war beinahe so, als hätten ihre Urgrossväter vor Scham die Lücke ihres Wissens mit Schweigen und dem Praktizieren von zusammenhangslosen Riten zugedeckt. Sie segneten, als sie sahen, dass die Jungen das Problem nicht in ihrer ganzen Weite zu verstehen suchten, die Unbegreiflichkeit des Waldes als eine höhere Fügung der Natur, als eine mystische Zusammenfügung der Unverständlichkeit der ganzen Welt und sie akzeptierten ihre Kenntnislosigkeit wie andere einmal aufgeben nach dem Geheimnis zu fragen und das Verwirrspiel des Zauberkünstlers still hinnehmen mit der Überzeugung, die Vergesslichkeit werde sich über die Neugierde hermachen.
Die Dorfältesten wussten zwar, dass sie richtig lagen, denn sie hatten eine eigene, hochkonzentrierte Form der Eitelkeit, aber sie wussten nicht, dass selbst die Tiger ihnen hätten recht geben können.
Unter den Rudeln selbst nämlich herrschte eine gewisse Verständnislosigkeit, denn so unterschieden sie sich in ihrer Formung, dass sie nie wussten, wann ein Rudel wo auftauchen würde und welche Ziele dieselben verfolgten. In gewissen Rudeln war die Verwirrung gerade darüber am grössten, dass völlige Unstimmigkeit über die eigenen Regeln, Ziele und Vorhaben innerhalb des Rudels bestanden. Man konnte sagen, das Auftauchen eines Tigers aus dem Dunkeln stiftete unter den Tigern unangenehme Verwirrung, denn er bot für sie keinen Aufschluss über das, was sich im Dunkeln befand. Doch die Tiger der eigenen Reihen bewegten sich so strukturlos und zufällig, dass selbst ihr Verhalten den anderen keine Rückschlüsse auf ihre individuellen Absichten bot und es kam manch einem Tiger so vor, als bewegte er sich in einem fremden Rudel, als schliche das Böse, das auch Tiger dem Unbekannten eher als dem Bekannten zuzuschreiben geneigt waren, um einen her. Gleichzeitig war es ihnen allen klar, dass sie ohne die Hilfe ihres Rudels nicht überleben würden, und sie stoben weiterhin zusammen aus, eine Willkür befürchtend, die unberechenbar aus einem ihrer Mitstreiter herausbrechen könnte.
Sie alle wussten um keine Eindeutigkeit und um keine Bestimmbarkeit bescheid, es schien, als wäre alles in diesem Wald, sie selbst sogar, das Schreiten ihrer eigenen Tatzen, das Brüllen ihres Leibes, das Knurren ihres Magens, als wäre das alles eine zufällige Fügung, von denen sie sich im Nachhinein als Urheber behaupteten. Die Natur war das oberste Gesetz, doch es schien nach keinen verfolgbaren Abläufen gerichtet zu sein, sondern wandelbar und unkontrolliert. Nach den Jahrtausenden des Herumstreifens der Tiger war es ihnen zweifelhaft, dass es tatsächlich so etwas wie eine Chronologie zwischen Ursache und Wirkung gab, sie sahen in dem allen ein und dasselbe, während sie die Wirkung als eine kausale Folge gänzlich aufgaben – denn sie wussten ja nicht, was im nächsten Moment innerhalb ihres Rudels geschehen würde -, schlossen sie auch die Existenz einer Ursache aus, da alles, was sich ihnen als Ursache bot, in Tat und Wahrheit nur eine künstliche und weiterhin zufällige Begebenheit war, über die und deren Eigenschaften als Kausalität zu entscheiden sie sich im Nachhinein berufen fühlten.
Das Land um den Wald und der Wald selbst schraubten sich vor Unwissen in ein unbekanntes Zentrum. Alle Naturgesetzte waren von einer Unregelmässigkeit abhängig, um die sich die Menschen und die Tiger wie eine Spirale drehten, mit dem unbestimmbaren Gefühl, dass inmitten dieser Spirale, im Zentrum, die Regel für die Unregelmässigkeit zu finden sei, von der Hoffnung zehrend, dass der wahre Grund für das Verhalten der Tiger zwar nicht von Menschen oder Tigern erkannt werden konnte, dass er aber immerhin in einer Art von höheren Natur verankert wäre. Diese Verankerung glaubten sie – wenigstens die Dorfältesten und die schlauen Tiger -, einem zarten Bauchgefühl folgend, im Zentrum des Waldes zu finden. Denn wenigstens in der Mitte müsste ein Urprinzip stehen. Dieses Hoffnungsschimmers harrten sie willensstark.
In der Mitte des Waldes lebte der unsterbliche Tiger.
Es gab einige Eigenheiten, die den unsterblichen Tiger auszeichneten, wovon seine Unsterblichkeit natürlich die interessanteste war. Den unsterblichen Tiger hatte nie ein Mensch gesehen, so glaubten die Menschen, und auch die Tiger sagten sich, dass sie ihn nie zu Gesicht bekommen hätten. Nicht, dass sie den unsterblichen Tiger mit Sicherheit erkannten hätten, sie wussten nicht einmal, ob er sich äusserlich von sterblichen abhob, aber die Tatsache, dass ihn niemand gesehen hatte, stand ausser Frage. Das lag mitunter an der Vorstellung, dass die Entfernung des unsterblichen Tigers ihn unsterblicher machte, als er ohnehin war, denn, wenn man ihn nie sehen konnte, so war er auch – und das war ein unbewusster Effekt – sicher. Alles, was man sehen konnte, zeigte eine gewisse Blösse und eine Schwäche, und die Tiger und Menschen waren deshalb froh, dass sie den unsterblichen Tiger nie sahen. Hätte nur irgendwas, sein Auftauchen beispielsweise, die Unantastbarkeit des unsterblichen Tigers in Frage gestellt, so hätte es auch seine Unsterblichkeit in Frage gestellt und das durfte auf keinen Fall geschehen, gerade deshalb, weil er die Regelhaftigkeit all ihrer Naturgesetze auf sich vereinigte und angeblich die letzte Konstante der Welt auf sich trug.
Niemand wusste eigentlich – um den Gedanken hiermit weiterzuziehen – warum der Tiger unsterblich sein sollte. Immerhin wäre die Welt verloren gewesen, wenn er plötzlich gestorben wäre und es war eine unverhohlene Vereinfachung, ihn deshalb unsterblich werden zu lassen. Im Grunde konnte man sagen: Der unsterbliche Tiger wurde nur unsterblich gedacht. Man könnte, nach diesen Erkenntnissen voreilig schliessend, auch behaupten: Der unsterbliche Tiger wurde nur zum Tiger gedacht, es gab ihn gar nicht!
Interessanterweise gab es den unsterblichen Tiger jedoch trotzdem.
Von seiner Position als Zentrum der Spirale wusste er genausowenig wie von seiner Unsterblichkeit. In gewissem Sinne war er mit einer ausserordentlich ergiebigen Form von Naivität bestraft, die ihn innerhalb der riesigen Schattenfelder in der Mitte der Wälder wie ein kleines Kind durch das Dickicht tollen liess. Zum Vorwurf konnte man es ihm nicht wenden, denn er hatte sein ganzes Leben lang keinen Menschen und selbst keine anderen Tiger gesehen, es war, wie es sich die Aussenwelt erhoffte. Er war abgeschnitten und sicher, doch weder spürte der Tiger einen Drang nach Sicherheit – er kannte die Gefahren der Welt noch nicht einmal – noch war wirklich klar, in welchem Verhältnis Unsterblichkeit und Sicherheit miteinander verkehrten. Der unsterbliche Tiger fühlte sich also unsterblich, denn er fürchtete keine Gefahr, wusste auch nicht, was Gefahr sei und selbst wenn er es gewusst hätte, was hätte es einem Unsterblichen ausgemacht? Oder: Welche Gefahr hätte er fürchten können? Oder anders: Was spielte es für eine Rolle, ob er unsterblich war oder nicht? Wäre er sterblich gewesen, so hätte das keinen Unterschied für niemanden gemacht, denn niemand kannte ihn und er selbst fürchtete keinen Tod. Wenn er unsterblich gewesen wäre, so wäre das ebenfalls niemandem aufgefallen.
Und ebendiese Irrelevanz war das traurige Schicksal des unsterblichen Tigers.