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Es ist kein Geheimnis: New York wusste von der Affäre, die Lisa Halliday mit dem US-Literaturübervater Philip Roth in ihren Zwanzigern gehabt hatte. Ihr Debütroman wurde mit Spannung erwartet. Man versprach sich Schlüssellochblicke auf das Leben des notorischen Erotomanen und ständigen Nobelpreisanwärters, der diesen Frühling mit 85 Jahren gestorben ist. Und tatsächlich beginnt «Asymmetrie» mit der Begegnung der beiden auf einer Bank im Central Park. Das Mädchen im Roman heisst Alice. Sie blättert gelangweilt in einem Buch und spielt mit dem Gedanken, eines Tages selbst einmal zu schreiben, als «ein Mann mit zinngrauen Locken und einem Eishörnchen von Mister Softee drüben an der Ecke» sich neben sie setzt. Alice arbeitet als Lektoratsassistentin in einer renommierten Agentur und weiss sofort, wer er ist. Ezra Blazer heisst der Mann im Roman, und die Eckdaten machen klar, dass die Figur von Philip Roth inspiriert ist.
Aber ist das Buch bloss eine Sammlung pikanter Details, die die Klatschtrommel füttern? Nein. «Asymmetrie» ist ein kluger und frecher Seiltanz auf der Metaebene. Lisa Halliday, die heute 41 Jahre alt ist und mit Mann und Tochter in Mailand als Autorin und Übersetzerin lebt, verhandelt darin das Wesen von Literatur, Kreativität, Erinnerungsvermögen und Vorstellungskraft bis hin zu den Machtstrukturen zwischen Mann und Frau und zwischen den geopolitischen Kräften. «Ich gebe zu, dass es unwiderstehlich sein kann, sich zu überlegen, was in einem Roman wohl ‹real› und was ‹erfunden› ist», lässt sie Ezra Blazer im Roman einmal sagen. Die Autorin spielt mit dem Promiklatsch wie mit einem Köder.
Eishörnchen und Schokolade
Köder hat auch Ezra Blazer. Der 70-Jährige streckt dem 25-jährigen Mädchen «mit leicht zitternder Hand» ein Stück Schokolade zu, dann kauft er ihr ein Eishörnchen, später schenkt er ihr ein neues Portemonnaie und dann auch Geld, viel Geld. Grossartig ist die Szene, als er sie zum ersten Mal zu sich nach Hause ruft: «Die Aufzugtüren öffneten sich, und sie kam in einen Flur mit sechs weiteren grauen Türen. Sie wollte gerade an die erste Tür anklopfen, als sich eine andere einen Spalt breit öffnete und eine Hand herausgestreckt wurde, die ein Glas Wasser hielt.» Willkommen Alice im Wunderland, wo alles surreal überzeichnet scheint: von den Narben, die sich über den hinfälligen Körper des alten Mannes ziehen, über den angedeuteten Alterssex, wo sich die beiden gegenseitig «Kinderschänder» und «Grabschänder» zurufen, bis zu Blazers verschleckten Vorlieben für überteuerte Marmelade und Kaviar oder dem Song, den er anstimmt, wenn sie gehen soll: «The Party is over. It’s time to call it a d-a-a-a-a-y…».
Doch Blazer, der ungekrönte Gott der US-amerikanischen Literatur und wie Roth mit jüdischen Wurzeln, gibt Alice, die auf der untersten Sprosse ihrer literarischen Karriereleiter steht, auch Bücher zu lesen, von Mark Twain über F. Scott Fitzgerald bis Albert Camus («Es heisst Ca-MUU, Liebling. Er ist Franzose. CA-MUU.»), später auch Primo Levi oder Hannah Arendt. Bis sie aus dieser «éducation sentimentale» etwas ganz anderes macht als er. «Es kommt mir uninteressant vor, über mich selbst zu schreiben», entgegnet sie ihm, als er sie fragt: «Schreibst Du hierüber? Über uns?». Ja, das ist nicht mehr das junge Mädchen, das folgsame Antworten gab und sich dauernd entschuldigte. Zudem ist Blazer zunehmend von seinen chronischen Rückenschmerzen gezeichnet. Die anfängliche Asymmetrie der Beziehung hat sich in ihr Gegenteil verkehrt.
Krieg und Chaos
Und dann kippt der Roman. Im zweiten Teil ist eine ganz andere Geschichte zu lesen. Es geht um einen irakisch-amerikanischen Doktoranden der Wirtschaftswissenschaften. Dieser ist auf einem Flug unterwegs nach Bagdad, um seinen verschwundenen Bruder zu suchen. Zuvor wurde bereits sein Onkel entführt und trotz Lösegeldzahlungen ermordet. Doch Amar Ala Jaafari wird am Londoner Flughafen Heathrow von Grenzschutzbeamten festgehalten ohne konkreten Grund, vermutlich wegen seines Aussehens, seines Namens, seiner Religion und seines Reiseziels. Während der Wartezeit denkt er über sein Leben nach und über seine zunehmende Zerrissenheit zwischen den beiden Kulturen. Es ist das Jahr 2008, der amerikanische Einmarsch in den Irak von 2003 hat stattgefunden, die Bevölkerung ist vom Wirtschaftsembargo zermürbt, auf den Sturz von Saddam Hussein folgte das Chaos.
Dieser Teil des Romans ist stilistisch ganz anders gehalten als die spritzig-frechen Dialoge im ersten Teil. Amaar erzählt selbst aus der Innenperspektive, es sind lange, melancholische, nachdenkliche Sätze. Und voilà: Hier, in Amaar – davon zeugen auch die wiederkehrenden Referenzen aus Alice’s Leseschulung im ersten Teil – führt Alice vor, was ihre Schöpferin Lisa Halliday sie im ersten Teil noch hatte anzweifeln lassen: «Alice begann ziemlich ernsthaft darüber nachzudenken, ob ein ehemaliges Chormädchen aus Massachusetts wohl in der Lage wäre, sich in die Gedankenwelt eines männlichen Muslims hineinzuversetzen», schrieb Halliday in Teil eins.
Alice Dodge alias Lisa Halliday meistert diese Herausforderung bravourös. Halliday selbst war nie im Irak, sie hat ihr Wissen recherchiert und sich von einem irakisch-amerikanischen Bekannten inspirieren lassen. Ihr Text überwindet gleich mehrere Grenzen: geschlechtliche, religiös-kulturelle und geografische. Ist es nicht das, was Literatur tun sollte: Hinter das selbstverliebte Spiegelkabinett treten und die Zahl der blinden Flecken reduzieren?
Sex und Weltgeschichte
Das Buch hat noch einen dritten Teil, eine Coda. Hier kommt wieder Ezra Blazer zu Wort, in einem fiktiven Interview aus dem Jahr 2011, also rund zehn Jahre nach seiner Affäre mit Alice. Es ist ein Persönlichkeitsinterview, das sich nur schon vom Genre her um ihn selbst dreht. Geschickt streut die Autorin jedoch ein paar Schlüsselsätze zu ihrem Buch ein. So sagt Blazer etwa: «Manchmal muss man seine Figuren einfach nebeneinanderher leben lassen. Wenn sich ihre Wege kreuzen und sie voneinander lernen können, schön. Wenn nicht, tja, dann ist das auch interessant.» Oder: «Eine junge Freundin von mir hat einen ganz erstaunlichen Roman geschrieben. Eine Art verschleiertes Porträt einer Person, die entschlossen ist, über die Grenzen ihrer Herkunft, ihrer Privilegiertheit und ihrer Naivität hinauszugehen.»
Nun, genau das tut Ezra Blazer nicht. In dem Interview baggert der mittlerweile 78-Jährige ganz unverhohlen die Moderatorin an. «Are you the game?», fragt er, wie zuvor bei Alice – bist du dabei?, nimmst du die Herausforderung an? – Sex oder Weltgeschichte? Eine Frage, die sich auch die New Yorker Literaturszene stellen dürfte.