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Obskuradio: Dreamies
Von Ralph Hofbauer | 10. Mai 2013 | 0 Kommentare
Mit „Dreamies“ ist Bill Holt ein einzigartiger Wurf gelungen. Seine Klangcollage ist auch 40 Jahre nach ihrem Erscheinen eine abenteuerliche Hörerfahrung.
Man kann sich Bill Holt in seinen frühen 20ern wie eine Figur aus Mad Men vorstellen. Im Anzug Geschäfte machend, kettenrauchend, Martini trinkend. Holt führte ein gutbürgerliches Leben in Philadelphia. Er war Verkäufer für 3M, hatte eine Frau, zwei Kinder und ein Haus. Die gesellschaftlichen Veränderungen der späten 60er-Jahre stellten seine Karriere jedoch infrage. Nach zehn Jahren im Anzug hatte Holt genug. Er schrieb das Stück “Sunday Morning Song” und war von diesem so überzeugt, dass er seinen Job kündigte, um ein Album aufzunehmen.
Das Resultat seiner Arbeit im Homestudio taufte er auf den Namen „Dreamies“. Obwohl das 1974 veröffentlichte Album nur zwei Songs umfasst, bietet es eine Spieldauer von 52 Minuten. Der von Holt in Eigenregie vertriebene Tonträger stiess auf keine grosse Resonanz, was neben der unkonventionellen Musik wohl auch daran lag, dass sein Schöpfer keine Konzerte gab. In einem ausführlichen Interview von 2010 sagte Holt, er habe einfach nur dieses Album machen wollen. Dass sich die Platte mehr schlecht als recht verkaufte, sei ihm damals eigentlich egal gewesen.
Die Folge der bescheidenen Verkaufszahlen war, dass Holt sich einen neuen Job suchen musste und der Musik den Rücken kehrte. 30 Jahre und ein Reissue später setzte das Magazin Mojo „Dreamies“ auf die Liste der 50 Most Out There Albums Of All Time. Was Bill Holt in minutiöser Bastelarbeit mit Gitarre, Moog, Drum-Machine, 4-Spur-Recorder, Cutter und Klebeband zusammenfügte, sucht bis heute seinesgleichen. „Dreamies“ ist ein zeitloses Sample-Kunstwerk, das die Grenzen des Popsongformats auslotet.
Die Titel der beiden Stücke „Program 10“ und „Program 11“ erinnern nicht zufällig an „Revolution #9“ von den Beatles, dessen Cut-up-Ästhetik sich Holt zum Ausgangspunkt nimmt. Holt hat mediale Mitschnitte und Found Sounds, die für ihn eine persönliche Bedeutung haben, mit seinen Songs verwoben. „Program 10“ eröffnet John F. Kennedy mit einem Versprecher, der ihm einen Tag vor seiner Ermordung rausgerutscht ist, es folgen Bruchstücke eines Boxkampfübertragung, Gesprächsmitschnitte, Songfetzen der Beatles und unzählige Geräusche, von Grillenzirpen bis hin zu springendem Glas. Die beiden Songs im Song, „Sunday Morning Song“ und „The User“, kommen und gehen derweil, flüchtig wie Träume eben sind.
Dreamies – Program 10 (excerpt)
2006 hat Bill Holt mit „Program Number 12“ ein zweites Album veröffentlicht. Gegenwärtig publiziert er auf dreamies.com regelmässig satirische Polit-Videos.
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