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«Wasser war Luxus»
Vergangene Woche erzählte Cécile Reiss auf Einladung der Bündnerinnenvereinigung Davos aus 30 Jahren als Hüttenwartin auf Grialetsch. Und warum es für sie kein Zurück gibt.
Vergangene Woche erzählte Cécile Reiss auf Einladung der Bündnerinnenvereinigung Davos aus 30 Jahren als Hüttenwartin auf Grialetsch. Und warum es für sie kein Zurück gibt.
Von Anfang an war es die Einfachheit des Lebens auf der Hütte, das Cécile anzog. Auch wenn ihre Familie jahrelang für die eigenen Bedürfnisse kaum mehr als einem Doppelbett zur Verfügung gehabt hätten, erzählte sie. Erst als ihre Kinder Seraina (geboren 1998) und Flurin (geboren 2002) grösser geworden seien, hätten sie für diese eine eigene Schlafstelle einrichten können. «Dafür mussten drei Schlafplätze für Gäste aufgegeben werden.» Auf dieses Leben eingelassen hatte sich Cécile 1994, als sie als Hüttengehilfin die erste Saison zusammen mit Hanspeter Reiss bewältigte. Dieser hatte sieben Jahre vorher das Regime in der 1928 gebauten und 1000 Höhenmeter über Davos liegenden Grialetsch-Hütte SAC übernommen. Gut in Erinnerung geblieben ist Cécile das erste Ankommen auf der Hütte. Vom Dürrboden aus mit dem Heli in drei Minuten zur Hütte geflogen, verbrachte sie den ersten Tag damit, das mittransportierte viele Material in jedem Winkel der Hütte zu verstauen. «Wir nutzten auch den Raum unter den Sitzbänken in der Gaststube.» Frischprodukte wiederum seien hoch zur Hütte getragen worden. Entweder von den Hütttenbetreibern selber oder den vielen Bekannten, die sie während der Saison besuchten. «Im dritten Sommer war klar, dass ich bei Hanspeter bleiben würde», stellte Cécile lakonisch fest und berichtete, wie sie bald darauf ihre Kinder im Bottich badete. Überhaupt war Wasser immer ein Thema. «Die vorhandene Quelle sprudelte jeweils nur bis etwa August, später mussten wir auf behandeltes Seewasser umsteigen.» Die vom Engadin oder Davos her hochsteigenden Viehherden daran zu hindern, sich zu mischen sowie sie am Zugang zum Trinkwassersee zu hindern, war bald eine der Aufgaben, die sich die Kinder auferlegt hatten. Obwohl sie viel mithelfen durften und mussten, beschrieben sowohl Seraina als auch Flurin, beide waren am Vortrag anwesend, ihre Kindheit als sehr glücklich. «Ein Gast wies mich einmal darauf hin, dass, was sie da täten, Kinderarbeit sei», berichtete hingegen Cécile. Ihre nächsten Nachbarn waren die zahlreichen Murmeltiere, die sich um und manchmal auch in der Hütte heimisch fühlten. «Als sie sich jedoch zu stark für den Kinderwagen interessierten, mussten wir das unterbinden.»
Kein Verständnis
Die vielfältigen Gäste waren eine weitere Attraktion im Leben als Hüttenwartin. Gestiegene Ansprüche und wenig Verständnis für die Gegebenheiten einer Hütte trübten allerdings zunehmend den Spass. Vorbei waren die Zeiten, in denen sich vor allem Bergsteiger und Militär auf der Hütte einfanden. «Die waren einfach froh um ein Schlafgelegenheit». Mit den Hüttenwanderern seien auch die Extrawünsche deutlich gestiegen. «Wenn jemand darauf bestand, vegan zu essen, sich am Abend dann aber einen Kaffee mit Rahm erlaubte, fühlte ich mich dann aber schon verar…», erzählte Cécile von den weniger schönen Momenten. Mit der Installation einer Internet-Verbindung habe sie zunehmend auch E-Mail-Anfragen beantworten müssen, berichtete sie weiter. Da sei sie dann auch nach Doppel- oder Familienzimmern gefragt worden, obwohl sie klar gemacht habe, dass sie nur Massenunterkünfte zur Verfügung stehen würden. Auch «No-shows» – Gäste, die zwar reservieren, aber nicht erscheinen – hätten deutlich zugenommen. «Ebenso die Ansprüche an eine Internet-Verbindung. Dabei war die Verbindung über die Satellitenschüssel am Haus ohnehin schon wacklig genug.» Die Leute hätten Erwartungen wie an ein Hotel, sagte Cécile rückblickend. Zum Beispiel hätten sie sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, wo denn der Strom herkommen soll, mit dem sie ihre zahlreichen technischen Gerätschaften laden wollten. «Wenn wir es dann wagten, eine Gebühr zu verlangen, hiess es, das sei eine Schweinerei.» Schuhe, an denen sich die Sohlen lösten, waren auf der Hütte ebenfalls ein Dauerthema. Sie hätten mit Bindfaden und Klebeband geholfen, so gut es eben möglich gewesen sei. Manchmal genügte das aber nicht. «Eine junge Frau meinte einmal, wir würden doch sicher jemanden im Tal kennen, der passende Schuhe für sie kaufen und zur Hütte bringen würde.» Auch dass die Duschen nur kaltes Wasser brachten, sei oft nicht verstanden worden. «Wasser an einem solchen Ort ist einfach Luxus», betonte Cécile nochmals.
Sehnsucht nach der Einfachheit
Trotz der strengen Arbeit und der Einfachheit des Daseins auf der Hütte, habe sie dieses Leben geliebt, sagte Cécile Reiss, die bis April 2021 die Grialetsch-Hütte ihr Zuhause nannte. Die renovierte Hütte nach dem neuesten Umbau habe sie sich nur einmal angeschaut und sich nicht wohlgefühlt. Sie habe die alte Hütte vermisst, gestand sie. «Es war wunderschön, so einfach zu leben.»