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Video-Buchtipp
Die Partie seines Lebens
An «Queen’s Gambit» erinnern Sie sich bestimmt: Die Netflix-Serie rund um die junge Schachspielerin Beth Harmon, gespielt von Anya Taylor-Joy, hat auf der ganzen Welt einen Schach-Boom ausgelöst. Die Serie basiert auf dem gleichnamigen Roman von Walter Tevis aus dem Jahr 1983. Diogenes hat das Buch deshalb 2021 neu aufgelegt. Jetzt bringt der Verlag auch den ersten Roman von Walter Tevis aus dem Jahr 1959 in einer neuen Übersetzung: «The Hustler» heisst der Roman, auf deutsch «Die Partie seines Lebens». Er dreht sich um den jungen, hochtalentierten Billard-Spieler Fast Eddie Felson, der in Billard-Salons schwächere Spieler abzockt, indem er sich selbst als Niete ausgibt und so viel Geld verdient. Eddie reist nach Chicago und fordert da den legendären Billardspieler Minnesota Fats heraus. Tatsächlich gewinnt er eine Reihe von Games gegen den dicken Profi. Doch dann dreht das Spiel und Eddie verliert alles. Das Buch erzählt, wie Eddie sich auffängt und mit Hilfe der Studentin Sarah und eines neuen Managers herausfindet, was das Problem ist: Es hat ihm nicht an Talent zum Spiel gefehlt, sondern an Charakter. Am Schluss des Buchs fordert er Minnesota Fats zu einem Revanche-Spiel heraus. In meinem 186. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, warum es sich gerade heute lohnt, dieses Buch über Billard und Abzocke zu lesen.
Das englische Wort «hustling» lässt sich gar nicht so einfach auf Deutsch übertragen. Im Roman wird es mit «zocken» übersetzt. Doch das ist eigentlich zu harmlos. Ein «Hustler» ist eher ein Bauernfänger, also ein Betrüger, der seine Opfer mit Tricks hereinlegt und deren Unkenntnis ausnutzt. So ein Bauernfänger ist der junge Eddie Felson. Walter Tevis beschreibt ihn im Roman als «gut aussehenden Kerl mit dunklem Haar»: Ein «attraktiver junger Mann, lässig gekleidet, freundlich, mit ernsten, leuchtenden Augen.» Eddie gefällt den Menschen. Walter Tevis schreibt: «Er schien schlau zu sein, machte aber einen grundanständigen Eindruck.» In der ersten Verfilmung des Romans aus dem Jahr 1961 wird Eddie vom jungen Paul Newman gespielt. Er hat darin eine ähnliche Ausstrahlung wie James Dean, diese eigentümliche Mischung aus Verletzlichkeit und Verwegenheit, aus Charisma und Charme.
Dieser Eddie Felson, genannt Fast Eddie, tingelt zusammen mit seinem Freund Charlie durchs Land und nimmt naive Billard-Spieler aus. Charlie ist das Gegenteil von Eddie: ein rundlicher, kleiner Mann mit lichtem Haar und einer ungerührten Mine. Die Masche von Eddie und Charlie funktioniert so, dass sich Eddie von Charlie schlagen lässt und sich anderen Spielern so als leichte Beute präsentiert. Charlie und Eddie brechen einen Streit vom Zaun, Charlie will nicht mehr gegen Eddie spielen. Ein anderer Spieler springt ein und nimmt die hohe Wette an, weil er sich einen sicheren Gewinn erhofft. Und schwupps packt Eddie seine Künste aus und kassiert das Geld. Tausende von Dollars hat Eddie mit dieser Abzocke schon verdient. Das Geld macht ihn aber nicht zufrieden. Er träumt davon, gegen einen der ganz grossen im Billard anzutreten. Gegen George Hegerman, bekannt als Minnesota Fats.
Obwohl Charlie dringend davon abrät, fahren die beiden nach Chicago. In der Bennington’s Billard Hall spielen sie eine Partie Pool und kommen mit einem der Zuschauer, einem grossen Mann mit einer Zigarre, ins Gespräch. Er fragt Eddie, ob er hergekommen sei, um gegen Minnesota Fats zu spielen und rät ihm: «Vergessen Sie’s. Fahren Sie nach Hause.» Minnesota Fats sei der Beste weit und breit, Eddie habe keine Chance. Doch der lässt sich nicht abwimmeln und fragt, wo er den legendären Spieler denn finde. Die Antwort: «Bleiben Sie einfach, wo Sie sind. Er kommt jeden Abend her, gegen acht.»
Tatsächlich bemerkt Eddie gegen Abend einen extrem dicken Mann mit schwarzen Locken, der am Nachbartisch lehnt und sein Spiel beobachtet.
«Eddie nahm die Kreide und begann, seine Pomeranze zu kreiden, langsam, bedächtig, ohne den Mann aus den Augen zu lassen. Es konnte niemand anderes sein, nicht mit all dem Fett, diesem autoritären Blick und diesen listigen kleinen Augen.
Er trug ein Seidenhemd mit offenem Kragen, hellgrün, das sich über seinem ausladenden Bauch spannte. Sein Gesicht war wie Teig, wie das Gesicht des Vollmondes auf einem Werbekalender. Aufgedunsen wie das eines Eskimos, mit klarem, rosa Teint und kleinen, eng anliegenden Ohren.
Das lockige Haar war sorgfältig geschnitten und glänzte.
Die Hände hatte er über einer kleinen, mit Edelsteinen besetzten Gürtelschnalle auf dem großen Bauch gefaltet. An vier seiner Finger funkelten Ringe, und die Nägel waren sorgfältig manikürt und poliert.
Etwa alle zehn Sekunden zuckte sein Kopf krampfhaft und drückte das Kinn nach unten gegen das linke Schlüsselbein. Die Zuckung kam jedes Mal völlig unvermittelt, und dabei verzog sich die betroffene Gesichtsseite zu einer Grimasse. Davon abgesehen zeigte er keinerlei Regung.
Der Mann erwiderte seinen Blick. ‹Sie haben ein paar gute Stöße drauf.› Seine Stimme war sehr tief und tonlos.
Irgendwie war Eddie nicht nach Grinsen zumute.
‹Danke›, sagte er. (S. 41)
Eddie und Fats spielen gegeneinander. Zunächst hat Fats die Oberhand. Eddie hat noch nie gegen einen so guten Spieler gespielt. Fats lässt ihm keine Chance. Doch dann beginnt Eddie zu gewinnen. Wie im Rausch spielt er Partie um Partie. Über Stunden stehen sich der dicke Fats und der schmale Eddie gegenüber und ringen am Billard-Tisch miteinander. Rund um sie hat sich eine grosse Zuschauermenge gebildet. Es wird Nacht und wieder Morgen, immer noch sind die beiden dran. Charlie drängt Eddie, aufzuhören. Er habe zehntausend Dollar gewonnen und sein Ziel erreicht. Doch Eddie will erst aufhören, wenn Minnesota Fats aufgegeben hat. Und der steht immer noch dick und gelassen am Tisch. Also spielt er weiter. Und dann dreht sich das Spiel. Eddie verliert alles, was er gewonnen hat und alle seine bisherigen Einkünfte dazu. Nach 40 Stunden ist er bankrott und sinkt erschöpft zu Boden.
Eddie trennt sich von Charlie. In einer Kaffeebar lernt er die Studentin Sarah kennen und bändelt mit ihr an. Sie ist Alkoholikerin und erwartet nicht viel vom Leben, aber sie eröffnet Eddie eine neue Welt. Sarah studiert Volkswirtschaft, das Studium will sie mit einem Diplom abschliessen.
«Er war nicht sicher, was ein Diplom war, aber es klang ziemlich beeindruckend. Die junge Frau war ganz offensichtlich eine Intellektuelle, aber das machte ihm nichts aus. Er mochte intelligente Menschen, und er bewunderte Leute, die Bücher lasen. Er selbst hatte auch schon ein paar gelesen. ‹Sie sehen nicht wie eine Studentin aus›, sagte er.
‹Danke. Studentinnen sehen nie so aus, als wären sie welche. Wir sind alle emanzipiert. Richtig emanzipiert.› (S. 84)
Eddie zieht bei Sarah ein. Als er sich vom strapaziösen Spiel gegen Minnesota Fats erholt hat, beginnt er wieder, Billard zu spielen und andere abzuzocken. Dabei übertreibt er es. In einer Hinterhof-Spelunke wird von einigen dunklen Gestalten als Zocker entlarvt. Die Gauner nehmen ihm nicht nur den Gewinn ab, sie verprügeln ihn und brechen ihm beide Daumen. Jetzt ist Eddie wirklich am Boden.
Sarah pflegt ihn und will ihn davon abhalten, weiter zu spielen. Eddie hätte die Chance, zu ihr eine echte Beziehung aufzubauen. Aber er kehrt zum Billard zurück. Er lässt sich von Bert Gordon managen. Bert hat ihm nach dem Spiel gegen Fats auf den Kopf zugesagt, warum er, Eddie, verloren hat.
Bert sagt: «‹Es war das erste Mal seit zehn Jahren, dass jemand Fats am Haken hatte. Und zwar richtig.›
Dieser Gedanke besänftigte Eddie. Er gefiel ihm. Vielleicht hatte er am Ende doch so etwas wie einen Sieg errungen. ‹Ist das wahr?›
‹Es ist wahr.› Bert machte jetzt einen entspannteren Eindruck. Er hatte sich einen weiteren Whiskey bestellt und nahm einen Schluck. ‹Sie hatten ihn am Haken, und dann haben Sie den Kopf verloren.›
‹Ich war betrunken.›
Bert sah ihn ungläubig an und lachte – besser gesagt, er kicherte leise in sich hinein. ‹Genau. Sie waren betrunken. Eine bessere Entschuldigung gibt es nicht. Verlieren ist ganz einfach, wenn man eine gute Entschuldigung hat.›» (S. 105)
Bert sagt Eddie also, dass er nicht verloren hat, weil er schlechter gespielt hat als Minnesota Fats, vermutlich ist Eddie sogar der bessere Spieler. Er hat gegen Fats verloren, weil er vor sich selbst eine Entschuldigung dafür gefunden hat. Er hat verloren, weil er weniger Charakter hat. Bert bietet Eddie an, sein Manager zu werden. Dafür will er 75 Prozent der Einkünfte, Eddie sollen also nur 25 Prozent bleiben. Zunächst lehnt Eddie ab. Er will alleine versuchen, wieder auf die Beine zu kommen. Doch das funktioniert nicht. Eddie kehrt zu Bert zurück und lässt sich von ihm managen. Eddie gewinnt wieder. Doch damit kehrt er Sarah den Rücken und liefert sich der Gier von Bert aus. Am Ende kommt es zum Rematch gegen Minnesota Fats und Eddie muss sich entscheiden, wem er seine Treue schenkt: Sarah oder Bert.
«Die Partie seines Lebens» ist, so gesehen, ein klassischer Coming-of-Age-Roman: Es geht um einen jugendlichen Helden, der im Laufe der Geschichte eine persönliche Entwicklung durchmacht. Die Geschichte kreist also um die Selbstfindung, um das Entwickeln einer persönlichen Identität. Eddie scheitert zunächst an der grossen Aufgabe. Dann sieht er sich mit zwei Figuren konfrontiert, die für unterschiedliche Seiten seiner Persönlichkeit stehen. Da ist auf der einen Seite der erfahrene Manager Bert. Er steht für das Spiel, die Gier, Härte und das Gewinnen. Er ist die Mephistopheles-Figur, die Eddie in Versuchung bringt, ihm aber auch viel bewusst macht und wesentlich zu seiner Entwicklung beiträgt. Auf der anderen Seite steht die Studentin Sarah. Sie steht zwar für das Verlieren, aber auch für Intellekt, Bildung, Gefühl und Verletzlichkeit. Sie ist die Gretchen-Figur. Eddie steht zwischen Bert und Sarah. Von beiden lernt er, es kommt aber der Punkt, da Eddie sich zwischen Sarah und Bert entscheiden muss.
Spannend ist das, weil Eddie sich einer Welt bewegt, die zumindest mir nicht zugänglich ist. Walter Tevis hat diese Welt aber gut gekannt: Das Billard-Spiel, die Saloons und Bars, die Abzocke – und den Alkohol. Er schafft es, den Sog, der vom Spielen und Gewinnen ausgeht, präzise und glaubwürdig zu schildern. Das gilt nicht nur für Eddie, sondern auch für seinen Manager Bert. Obwohl Walter Tevis den Roman schon Ende der 50er-Jahre geschrieben hat, könnten die Sätze von Bert aus einem Management-Seminar der Gegenwart stammen. Der Roman über Spielsucht und Abzocke öffnet uns also die Augen für den heutigen Casinokapitalismus und zeigt, dass Erfolg sehr hohe Kosten haben kann. Das ist ebenso faszinierend wie erschreckend. Und ganz abgesehen davon ist die Geschichte rund um Fast Eddie Felson spannend und präzise erzählt.
Walter Tevis: Die Partie seines Lebens. Diogenes, 256 Seiten, 32 Franken; ISBN 978-3-257-07268-6
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783257072686
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Basel, 10. Januar 2024, Matthias Zehnder
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