Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03112.jsonl.gz/2402

Bernhard Russi, Sie reden in einem neuen Dokumentarfilm offen über die Schicksalsschläge in Ihrer Familie. Wieso?
Als ich merkte, dass es dem Macher dieses Films nicht darum ging, erneut meine sportlichen Erfolge abzuhandeln – die man ja alle schon längst kennt – hat das Projekt mein Interesse geweckt.
Wollten Sie im Alter Ihr Strahlemannimage korrigieren?
Ich habe kein Problem mit meinem Image. Es wurde mir verpasst, als ich 1970 die Bühne der Öffentlichkeit betrat. Die Medien sahen in mir einen freundlichen, unverdorbenen Typ. Daran hielten sie fest, und ich selber schraubte ein wenig an diesem Image. Korrigieren will ich es nicht. Aber ich möchte mit dem Film zeigen, dass auch Leute wie ich, von denen viele denken, sie hätten im Leben immer nur Glück gehabt, von dunklen Schatten eingeholt werden.
Ihre Schwester ist schwer behindert, einer Ihrer Brüder starb jung, der andere Bruder, so sagen Sie im Film, sei vom Weg abgekommen. Ihre erste Frau starb in einer Lawine. Wieso haben Sie nicht früher über diese Dinge gesprochen?
Man hat mich nie danach gefragt. Die Journalisten waren früher unsere Kumpels. Als ich 1975 zur Kitzbühel-Abfahrt antrat, lag mein Vater todkrank im Spital. Sein letzter Wunsch war, dass ich die Abfahrt gewinne – für ihn. Ich riskierte alles und stürzte. Die Medienleute wussten, dass ich grausam litt. Aber sie hätten nie nachgebohrt und darüber berichtet. Heute wären die Schlagzeilen riesig.
Mein Vater hat mir von Anfang an eingebläut: Komm wieder vom Podest runter!
Sie sagen im Film, Ihr Vater sei gestorben, als Sie ihn am meisten gebraucht hätten.
1975 war die Zeit zwischen den Olympischen Spielen. Nach den ersten grossen Erfolgen lief es zunehmend harzig. Ich fuhr zwar an der Spitze, Podestplätze waren aber rar. Ich hatte Trainer, Berater und Freunde, die meisten nah am Skizirkus. Mein Vater hatte das alles neutral von aussen betrachtet. Nach seinem Tod vermisste ich seine Sicht.
Ihr Vater, so scheint es, hat Sie geprägt.
Er hat mir von Anfang an eingebläut: Komm wieder vom Podest runter! Als ich in der 1. Klasse mein erstes Rennen gewann und damit angab, verpasste er mir gar eine Ohrfeige. Ich habe es ihm zu verdanken, dass ich trotz Höhenflügen auf dem Boden blieb.
Welcher Schicksalsschlag in Ihrer Familie war der schlimmste für Sie?
Als meine erste Frau Michèle (Michèle Rubli, ehemalige Skirennfahrerin; Anm. der Red.) 1996 in einer Lawine ums Leben kam. Das hat mir komplett den Boden unter den Füssen weggezogen. Wir waren zwar geschieden, hatten aber nach wie vor ein sehr enges, freundschaftliches Verhältnis. Ich erfuhr in St. Moritz mitten in der Nacht von ihrem Tod und wusste: Ich muss es noch vor Tagesanbruch unserem Sohn Ian sagen. Das war die schwerste Aufgabe, die ich in meinem Leben je zu bewältigen hatte.
Wie haben Sie es ihm gesagt?
Ich war morgens um 5 Uhr daheim und weckte ihn; wir weinten gemeinsam. Nach kurzer Zeit war es mein Sohn, damals 16, der mich tröstete. Es ist erstaunlich, wie pragmatisch Kinder das Leben sehen, wie philosophisch auch. Mein Sohn sagte, es sei schön, dass seine Mutter in ihrem Element, dem Schnee, gewesen sei, als sie starb. Und dass es das Leben vermutlich so wollte.
Hat diese Haltung Ihnen geholfen, die Schicksalsschläge zu verarbeiten?
Das Reflektieren über das Leben hat mir geholfen, ja. Es gibt Menschen, die müssen viel Schlimmeres verarbeiten, als ich es musste: Krieg, Mord, den Verlust der ganzen Familie. Doch der Mensch hat diese unglaubliche Fähigkeit, aus dem tiefsten Tal wieder herauszufinden. Man muss darauf vorbereitet sein, dass es einmal nicht so läuft, wie man es gerne hätte. Doch irgendwann scheint wieder die Sonne.
Ich bin dankbar dafür, dass mir das Leben so viele Möglichkeiten bereithielt.
War das auch bei Ihnen der Fall?
Vergeht Zeit, vergeht auch der Schmerz. Ich bin jemand, der dankbar ist dafür, dass mir das Leben so viele Möglichkeiten bereithielt. Ich habe aber auch viel dafür getan, die Chancen zu packen.
Inwiefern?
Ich habe früh kapiert: Das Leben besteht aus Glück. Und das Glück kommt bei jedem vorbei. Es gibt Leute, die behaupten, sie hätten immer nur Pech. Diesen Leuten sage ich: Ihr steht nicht auf dem richtigen Niveau, um das Glück zu packen.
Auf dem richtigen Niveau?
Das Glück, so meine Erfahrung, kommt immer auf einer gewissen Höhe vorbei. Ich muss meine Eigenschaften und mein Können also durch Training und Fleiss auf dieses Niveau bringen, damit ich das Glück an dem Tag, an dem es vorbeifliegt, auch packen kann. Wenn ich nicht bereit bin, wenn das Glück kommt, kann ich noch so lange in die Höhe springen und rufen: Glück, hier bin ich! Es wird nichts nützen.
Ist das die Glücksreligion?
Ich weiss nicht. Es ist einfach meine Philosophie.
Glauben Sie an Gott?
Wenn ich Gott nicht klar definieren muss, dann ja. Ich wurde streng katholisch erzogen, war erfolgreicher Messdiener und Kirchenchorknabe. Mit 13 war ich überzeugt, dass ich Pfarrer werde. Aber dann habe ich weiter überlegt, was und wo der Himmel ist. Da bin ich ins Zweifeln gekommen.
Vielleicht sind Bergler tatsächlich etwas weniger kritisch. Man verzeiht und lässt anderen ihren Raum.
Ist man als Bergler dem Himmel näher?
Ich bin gutmütig, auch wenn ich mit etwas nicht einverstanden bin. Ich kritisiere niemanden, bevor ich ihm nicht eine zweite Chance gegeben habe. Vielleicht sind Bergler tatsächlich etwas weniger kritisch. Man verzeiht, kann Dinge stehen lassen und lässt anderen ihren Raum.
2009 hat ihr Strahlemann-Image Kratzer bekommen: Sie haben Sie die Trennung von ihrer zweiten Frau, Mari Bergström, bekannt gegeben. Wie kam es dazu?
Das Gefährliche ist, wenn man alles, was man hat, als selbstverständlich hinnimmt. Ich war immer viel unterwegs und dachte stets, dass die Familie daheim auf mich warte. Das war offensichtlich nicht der Fall. Mari sagte mir einst: Uns geht es gut, wenn du nicht da bist. Du musst gar nicht meinen.
Hat Sie das verletzt?
Es ist ja wunderbar, wenn einen die Öffentlichkeit beklatscht. Aber seien wir ehrlich: Der Applaus ist wenig wert, wenn die eigene Familie nicht mitklatschen mag. Am Tag, an dem ich meine Koffer packte und aus dem gemeinsamen Heim auszog, wusste ich, dass das alles totaler Seich ist. Die Familie ist mir das Wichtigste im Leben. Wieso soll ich sie aufs Spiel setzen, nur weil ich nicht damit klarkomme, dass ich bei meiner Frau nicht immer der Held bin?
Haben Sie gleich wieder kehrt gemacht?
Mari sagte, diese Trennung ziehen wir jetzt durch. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass die Frauen in meinem Leben konsequenter waren als ich und Stärke bewiesen haben, während ich wankelmütig war. Wir haben uns beim Wiederannähern Zeit gelassen. Heute sind wir wieder glücklich zusammen.
Der Österreicher Franz Klammer hat mir das Leben so richtig schwer gemacht.
Sie haben vor knapp 40 Jahren Ihren Rücktritt als Profirennfahrer bekannt gegeben. Über was staunen Sie eigentlich am meisten beim heutigen Skisport?
Über die Konsequenz eines Marcel Hirscher zum Beispiel. Ich habe selten erlebt, wie jemand zu jedem Zeitpunkt bereit ist, alles zu geben. Hirscher überlässt nichts dem Zufall. Ich war da anders und sagte mir, bis hierher habe ich die Kontrolle, alles andere muss ich dem Lauf der Dinge überlassen.
Hätten Sie jemand wie Hirscher gerne als Gegner gehabt?
An Gegnern hat es mir nie gefehlt. Ich hatte den ärgsten, den man sich überhaupt denken konnte: den Österreicher Franz Klammer. Der Klammer hat mir das Leben so richtig schwer gemacht.
Wenn man Bilder von früher anschaut, fällt auf: Sie und Ihre Mitfahrer waren im Vergleich zu den heutigen Rennfahrern fast schon schmächtig. Hätten Sie mit den heutigen mithalten können?
Wenn wir so trainiert hätten wie das die aktuellen Rennfahrer tun, wären wir genauso Muskelmaschinen gewesen. Doch zu meiner Zeit galt die Devise: Nur nicht zu viele Muskeln, sonst geht das Gleitvermögen verloren und das Gefühl für den Ski. Heute weiss man: Mit mehr Kraft kann man mehr bewirken. Als aktiver Rennfahrer war ich 76 Kilo schwer. So schwer bin ich übrigens auch heute noch. Wäre ich heute Profifahrer, brächte ich zehn Kilo mehr auf die Waage.
Hatten Sie eigentlich manchmal Angst oben am Start?
Ja, solche Momente gab es. Aber als Rennfahrer wandelt man diese relativ schnell in Fatalismus um.
Man müsste meinen, im Alter liessen die Kräfte rapide nach, aber so ist es nicht.
Von was träumen Sie?
Dass ich endlich einen 360er schaffe, einen Sprung, bei dem ich mich um die eigene Achse drehe. Ich habe mich nie getraut, diesen Sprung zu machen. Im Traum kann ich ihn, und ich fliege und fliege – ein super Gefühl.
Und wenn Sie nicht schlafen?
Ich möchte Landschaften sehen, die ich noch nicht kenne. Patagonien oder den Südpol etwa. Expeditionen dorthin finden im Dezember statt. Vielleicht kommt die Gelegenheit mal. Das hiesse aber, dass ich weg bin, wenn ich gewöhnlich von Skirennen zu Skirennen reise und kommentiere.
Seit bald 40 Jahren sind Sie Co-Kommentator im Schweizer Fernsehen. Wie lange wollen Sie das noch machen?
Ich bin nun 68, aber was heisst das schon? Man müsste meinen, im Alter liessen die Kräfte rapide nach. So ist es nicht. Wichtig finde ich, dass man auch im Alter etwas von sich fordert und sein Limit sucht. Ich höre auf, wenn ich spüre, dass es Zeit ist, mit etwas Neuem anzufangen. Möglich, dass dieser Zeitpunkt bald kommt. Ich plane nicht langfristig, sondern von Jahr zu Jahr.
Bilder: Dan Cermak