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Haare sind wichtig
Diana Ross wird 70, meine Damen und Herren. Die Welt wird alt. «Ich bin kalt und gemein gewesen», hat Diana Ross schon vor 35 Jahren in einem Interview zu Barbara Walters gesagt und damit eines der hartnäckigsten Stereotype über ihren Charakter wiederholt. Die Königin des Soul gilt manchen, gar nicht wenigen, als Scheusal in Pailletten. Offenbar kann sich die Welt nicht vorstellen, wie man es anders aus den Elendsvierteln Detroits ohne Schulabschluss bis zu einem Anwesen in Beverly Hills bringt. Als ob sonst jeder in Beverly Hills einen Schulabschluss hätte!
Fest steht: Miss Ross hat es geschafft. Vom Ghetto erstmal auf den Sekretariatsposten bei Berry Gordy, Chef des Plattenlabels «Motown», der nebenbei auch noch der Vater ihrer ersten Tochter wurde, mit der Diana schwanger war, als sie einen anderen heiratete. Dann kamen die «Supremes», eine der besten Damengesangsformationen aller Zeiten, und aus den «Supremes» wurde bald «Diana Ross and the Supremes». Darauf folgten eine Solokarriere als Sängerin und Schauspielerin (mit Oscar-Nominierung), weitere vier Kinder und ein zweiter Ehemann. Auf dem Cover ihrer ersten Solo-LP «Diana Ross» sah sie aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt: elfengleich, ätherisch, androgyn – aber auch ein bisschen seltsam, mit riesigen Füssen und anorexisch wirkenden Ärmchen.
Diana Ross ist ein lyrischer Sopran, und mit dieser Stimmlage wird im Rollenfach der Oper traditionellerweise die sympathische Heldin besetzt. Sie hat Jugend in der Stimme, und mit heiserem Schmelz und leicht anrüchiger Unschuld sang sie die Hymnen einer Dekade, die eine Epoche war, nämlich die Epoche von Hedonismus, Emanzipation und Reagonomics, so ungefähr von Mitte der Siebziger bis Mitte der Achtziger. Die Stücke hiessen dementsprechend: «The Boss», «I’m coming out“ oder «Muscles». Schon in der zweiten Hälfte der Achtzigerjahre hatte Diana Ross Probleme, Platten zu verkaufen, und eine Supremes-Reunion-Tour im Jahre 2000 endete vorzeitig vor halbleeren Häusern. Doch Diana behielt das Mikrophon in der Hand. Ende 2006 erschien ihr Studioalbum «I Love You», und, siehe da, es wurde ihr erstes Top-40-Album in den USA seit 1984. Im Jahre 2007 erhielt sie für ihr Lebenswerk den Kennedy-Preis, und im Dezember 2008 trat sie zur Feier des Friedensnobelpreises an Martti Ahtisaari auf. Wissen Sie noch, wer das war? Nun, an Diana Ross jedenfalls kann sich jeder erinnern. Immer mit gewaltigen Roben, Haaren und Nägeln. «Hair has always been important», sagt Miss Ross.
Diana Ross ist ein Instinktwesen. Ihr Instinkt ist die Grundlage ihrer Ausdauer, und manchmal bringt er sie in Schwierigkeiten. So begehen wir heuer nicht nur den 70. Geburtstag der grossen Künstlerin, sondern auch das 15-Jahres-Jubiläum eines anderen Bildes: wie die feengleiche Diana Ross am Flughafen London-Heathrow von der Polizei aus der startbereiten Concorde geholt und für fünf Stunden festgesetzt wird. Sie hatte eine Sicherheitsbeamtin gehauen. Frau Ross erklärte, ihre schlagkräftige Reaktion bei der Kontrolle sei die Folge eines «natürlichen Instinktes», sich bei Demütigungen zu wehren. Der Flughafenarrest war nicht ihr einziger Aufenthalt in Gewahrsam. 2003 wurde sie von einem Richter in Tucson, Arizona, zu zwei Tagen Haft verurteilt wegen extremer Trunkenheit am Steuer. Ihre Anwälte schafften es nicht, die Veröffentlichung eines Polizeivideos zu unterdrücken, dass eine taumelnde und hinfallende Königin des Soul zeigte. Ein kleiner Vorgeschmack auf das Zeitalter ununterdrückbarer Bilder, in dem wir heute leben: «Make-up free Diana Ross picks up groceries dressed down in leggings and Ugg boots», plärrte die «Daily Mail» letzten Monat, begleitet von der entsprechenden Bilderserie.
Das alles perlt ab an Diana Ross. Sie ist, was sie immer war: die fleischgewordene Determination; sie verkörpert den Willen und auch die Einsamkeit, die als Qualitäten der Stars alter Schule gelten, die Ambition noch mit Talent verbinden. Sie weiss, dass der Weg von Beverly Hills zurück ins Ghetto genauso rasant verlaufen kann wie in die andere Richtung. Dann springt ihr Instinkt an, das, was sie auf der Bühne bleiben lässt, zum Beispiel bei jenem legendären Auftritt in New Yorks Central Park bei sturzflutartigem Regen am 21. Juli 1983. Gott öffnete die Schleusen des Himmels, Diana aber stand auf der Bühne im orangefarbenen Glitzer Cat Suit und schrie ihm entgegen: «Ain’t No Mountain High Enough» – in vielerlei Hinsicht die Nummer ihres Lebens. Dann zog sie sich die Jacke des Bühnenmanagers über, rief «The Show will not stop!» und sang allein in der Sintflut «Endless Love». Nun, nicht ganz allein. Umgeben von Abertausenden von Menschen. Die skandierten: «We want Diana!» Wir wollen sie immer noch. Diana bleibt auf der Bühne. Happy Birthday!
Diana Ross bei der Grammy-Verleihung 2012. (Bild: Keystone/Mark J. Terrill)