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Die Meere sind überfischt, viele Sorten sterben aus. Wer ist schuld: schwimmende Fabriken? Zu grosse Fangflotten aufgrund von Subventionen? «Die Japaner»? Unterwegs mit andalusischen Thunfischern.
Von Marc Lustenberger
Mit Holzrudern versuchen die Männer, den Kahn auszurichten. Doch die Strömung ist stark, das Meer aufgewühlt. Die grünen Boote tauchen in die Wellentäler und aus ihnen empor. Der Kapitän flucht. Vergeblich versucht er, eine der rosa Bojen der Netze zu fassen. Ein Ruder fällt ins Wasser. «Moro, Moro», beschimpfen die Männer den Schuldigen. Sie gebrauchen das Schimpfwort für Marokkaner. Ihre Nerven sind angespannt. Es ist der Tag, an dem sich entscheidet, was sie in den nächsten Monaten verdienen.
Die Fahrt zum Ende des zwei Kilometer langen Netzlabyrinthes dauerte kaum eine halbe Stunde. In Sichtweite der marokkanischen Küste haben die Fischer der südandalusischen Stadt Barbate ihre Almadraba ausgelegt, eine überdimensionierte Reuse, in der sich die Thunfische verfangen. Die laichbereiten Fische haben nur ein Ziel: durch die Meerenge von Gibraltar ins warme Mittelmeer zu gelangen. Während ihrer Wanderung ändern sie nie die Richtung und bilden so eine leichte Beute.
Es ist zehn Uhr. Das Meer hat sich beruhigt, der Himmel hat aufgeklart. Die Fischer liegen auf dem Boden des Kahns und kauen an ihren Broten. Ein Motorboot legt an: Kapitän Don Vicente mit weisser Mütze auf dem Kopf gibt Anweisungen. Die Männer erheben sich und ziehen an den Schnüren im Wasser. Ein Taucher schwimmt ans Schiff heran und meldet, dass sich 120 Tiere in der Endkammer befinden. Langsam schliesst sich das Netz um die Thunfische, die in der Tiefe einen Ausweg suchen.
Eine Hafenbar, 7 Uhr 30 morgens. Bevor die Männer die Boote besteigen, stehen sie am Tresen, schlürfen Milchkaffee, rauchen schwarzen Tabak, starren in den Fernseher. Die Morgennachrichten berichten von den angekündigten Blockaden andalusischer Häfen. Die spanischen Fischer drohen, Lastwagen mit marokkanischen Fischen den Zugang aufs spanische Festland zu versperren. José Torrejón nickt: «Wir müssen uns wehren, sonst hat hier bald niemand mehr Arbeit.»
Dutzende von Fischern hielten während Wochen das Gemeindehaus von Barbate besetzt. Einige Tage zuvor waren die Verhandlungen der EU mit Marokko über eine Erneuerung des Ende 1999 ausgelaufenen Fischereiabkommens endgültig gescheitert. Dies trifft die Spanier hart. Mehr als 400 Boote fischten in marokkanischen Gewässern. Alleine im Dorf Barbate sind nun 700 Männer auf 36 Schiffen ohne Arbeit.
José Torrejón drückt seine Zigarette aus und macht sich auf den Weg zu den Booten draussen am Pier, zusammen mit sechzig Kollegen in blauen Jacken, Gummistiefeln und mit schwankendem Gang. Heute sei ein guter Tag, der Wind stimme, treibe den Thun an die Küste. Ausserdem ist Sonntag, das bringt eine Sonderprämie. Während zweier Monate im Frühling, wenn die Thunfische wandern, sind die Männer von Barbate jeden Tag auf dem Meer. Einige bleiben sogar während der Nacht, bewachen die Almadraba - aus Angst, Tierschützer könnten die Netze aufschlitzen.
Draussen haben sich die acht Boote zu einem dichten Ring zusammengeschlossen. José Torrejón zieht an einer Zigarette. Noch ist es nicht so weit. «Erst müssen sich Ebbe und Flut die Waage halten. Dann ist die Meeresströmung schwach, und wir können die Thunfische an die Oberfläche ziehen.» Die Fischerei mit der Almadraba hat im Mittelmeer Tradition. Bereits die Römer und Phönizier erbeuteten so die wandernden Thunfische. 1541 sollen sich 140 000 in den Maschen von Barbate verfangen haben. Die ganze Region lebte vom roten Fleisch, das getrocknet als Mojama ins Landesinnere verkauft wurde. Bis heute fischen mehrere Atlantikdörfer in Südspanien und Marokko mit Almadrabas. Doch immer weniger Fische landen in den Netzen.
Juan Circia steht vorne im Bug und gibt Anweisungen. Seine Kollegen ziehen. Langsam taucht das Netz aus der Tiefe auf. Der grauhaarige Circia erinnert sich an bessere Zeiten: «Früher schwammen in einer Saison 30 000 Fische in unsere Almadraba, heute sind es gerade noch 3000.» In den staatlichen Konservenfabriken in Barbate fanden Hunderte von Männern und Frauen Arbeit. Heute ist die Fabrik geschlossen. Schuld an den abnehmenden Erträgen seien die grossen Fischfabriken im Atlantik, die mit Helikoptern den Schwärmen nachspürten, und die Marokkaner, die mit Schleppnetzen den Meeresboden verwüsteten, meint Circia. Er ist in Ölzeug gekleidet; seine Augen leuchten, wenn er von der Arbeit erzählt: «Eine Almadraba ist eine alte Tradition. Wir fischen biologisch, beuten das Meere nicht aus.»
Tatsächlich sind die Netze relativ klein. Der Fang erfolgt unmittelbar vor der Küste, das spart Treibstoff. In den Netzen verfangen sich keine Delfine. Die Maschen in den Vorkammern sind so gross, dass Jungtiere durchschlüpfen können. Der Beifang wird mitgefischt und nicht tot ins Meer zurückgeworfen.
«Aber jetzt an die Arbeit!» Juan Circia und seine Kollegen haben keine Zeit mehr für Erklärungen. Die sechzig Männer ziehen mit vereinten Kräften, schreien rhythmisch, ihre Gesichter laufen rot an. Am Himmel kreisen Möwen. Das Netz hängt wie ein praller Korb zwischen den Booten. Die Männer ziehen weiter. Plötzlich durchschneiden Fischflossen die Oberfläche, Wasser spritzt, das Meer scheint zu explodieren. Die grün glänzenden Körper der Tunfische schiessen in alle Richtungen, gegeneinander, in die Netze, streben nach Freiheit.
Der bis zu 300 Kilogramm schwere atlantische Thun zieht mit bis zu achtzig Kilometern pro Stunde durch das Meer. Doch jetzt sind die Tiere eingekesselt und ermüden schnell. Das Wasser schäumt, verfärbt sich rot. Im Nachbarschiff jubelt die Besatzung, während sie den ersten Thunfisch an Bord hieven. Die Männer dreschen mit Enterhaken auf die Fische ein, zerren sie mit vereinten Kräften aus dem Meer. Drei Männer waten darin, werfen sich zwischen die Fischkörper und schieben sie zu ihren Booten. Für jeden Thun erhalten die Mannschaften eine Prämie.
Nach Angaben der Welternährungsorganisation (FAO) hängt die Existenz von mehr als 200 Millionen Menschen weltweit direkt von der Fischerei ab. Die Zukunft sieht düster aus. In 35 Prozent aller Fischgründe sinken die Erträge, in 25 Prozent stagnieren sie, und nur in 40 Prozent werden sie noch als entwicklungsfähig betrachtet.
Die Nordsee und das Mittelmeer können nicht mehr hergeben. In der Ostsee wurden Kabeljaue und Heringe bereits weitgehend ausgeräumt. Der Blauflossentunfisch etwa gehört bereits zu den gefährdeten Spezies. Die EU, in der Spanien die grösste Flotte stellt, liegt an dritter Stelle des weltweiten Fischfangs. Trotzdem deckt sie nur die Hälfte ihres Bedarfs, 52 Prozent der in Europa konsumierten Meerestiere werden importiert.
Für den World Wide Fund for Nature (WWF) ist die Fischerei ein typischer Fall von Marktversagen. Die europäischen Steuerzahler finanzieren die Erhaltung der viel zu grossen Fischereiflotten und damit die Überfischung der Meere. Jedes Kilo Fisch, das angelandet werde, sei bereits zu zwanzig Prozent vom Steuerzahler finanziert, schreibt die Organisation.
Die Netze sind wieder ausgelegt. Ruhig schaukeln die Boote auf dem Wasser. Am Boden liegen die toten Thunfische. Eine Blutlache schwappt hin und her. Matt hängen die Männer in den Holzbänken. Zwei rauchen einen Joint. Andere fischen mit einer Handangel. «117 Stück», meldet José Torrejón. Das ist kein Grund zur Euphorie. Jedes Jahr landen ein paar weniger im Netz.
Als die Fischer von Barbate vor Jahren damit begannen, in marokkanischen Gewässern zu arbeiten, wollte niemand mehr im Dorf Thunfisch fangen. Ihr Geld investierten die Fischer in immer leistungsfähigere Schiffe. Sie liegen jetzt nutzlos im Hafen. Für die lange Fahrt nach Mauretanien sind sie zu klein, für die Fischerei vor der eigenen Küste zu gross. Juan Circia erzählt, es habe früher in Barbate mehr als zehn Konservenfabriken gegeben; jetzt seien bis auf zwei alle geschlossen: «Den Thunfisch verkaufen wir nun direkt an die Japaner.»
Im Hafen an einem Nebenpier liegt vertäut die «Reina Christina». Das Schiff fährt unter panamaischer Flagge. Rotes Wasser schiesst aus einer Luke. Darunter warten die Männer von Barbate. Ein Kran hievt pralle Thun-fischleiber aus ihrem Holzboot, befördert sie an Deck. Dort stehen der japanische Kapitän und Don Vicente, Chef der Almadraba. Die Fische werden gewogen. Ihren Glanz haben sie bereits verloren.
Dann geht es schnell. Eine Motorsäge heult auf. Einer der koreanischen Arbeiter macht ein paar gekonnte Schnitte - schon liegen zwei grosse Fleischfetzen auf dem Deck. Sie werden an eine Schnur gebunden und ins Schiffsinnere geworfen. Drei Monate später werden sie auf dem Fischmarkt in Tokio versteigert, wo der rote Thun als Delikatesse gilt. Das von Arbeitslosigkeit gebeutelte Barbate begnügt sich mit dem Abfall. Für das berühmte Mojama, die geräucherten Filets, importiert die lokale Fabrik Tunfisch aus den Philippinen und anderen Ländern.
Salvador Barrios steht an der Reling und beobachtet, wie sich ein Thunfisch in ein industrielles Produkt verwandelt. Er arbeitet als Taucher, untersucht die Schiffe im Hafen nach Schäden. Kapitän Noguchi schlurft in Badeschlappen über das Deck und drückt ihm ein Bündel Geldscheine in die Hand. Der Japaner ist das ganze Jahr mit seinem Schiff unterwegs und kauft auf allen Meeren der Welt Thunfisch ein. Für den Rückgang der Fänge fühlt sich der Kapitän nicht verantwortlich: «Die schwimmenden Fischfabriken im Atlantik beuten die Meere aus», meint er und geht davon.
Salvador Barrios verzieht das Gesicht. «Schuld sind immer die anderen. Aber in zehn Jahren fährt Noguchi nicht mehr hierher. Dann wird es sich nicht mehr lohnen, in Barbate eine Almadraba auszulegen.»
Weltwoche, 14.6.2001
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