Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03166.jsonl.gz/3275

Gabeldornlanguste
Panulirus penicillatus
© 1998 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Den bei weitem artenreichsten Stamm des Tierreichs - mit rund drei Vierteln aller Tierarten - bilden die Gliederfüsser (Arthropoda), zu denen die Insekten (Insecta), die Spinnentiere (Arachnida), die Krebstiere (Crustacea), die Tausendfüsser (Myriapoda) und ein paar weitere Tierklassen gehören.
Die Gliederfüsser sind zwar überaus vielgestaltig, doch haben sie eines gemeinsam: Sie verfügen über eine aus der hornartigen Substanz Chitin bestehende Körperhülle, welche im Verhältnis zu ihrem geringen Gewicht eine ausserordentlich grosse Festigkeit aufweist. Diese Chitinhülle dient einerseits als «Panzer», also als Schutz gegen mechanische Schadeinflüsse von aussen, und andererseits als «Aussenskelett», das heisst als Stütz- und Befestigungsstruktur für die weichen Körpergewebe innen drin.
Durch dieses Aussenskelett unterscheiden sich die Gliederfüsser markant von den Wirbeltieren, zu denen die Fische, die Amphibien, die Reptilien, die Vögel und die Säugetiere (und somit auch der Mensch) gehören. Sie verfügen nämlich über ein «Innenskelett»: ein durch Kalkeinlagerungen verfestigtes Knochengerüst im Körperinnern.
Die Entwicklung eines Aussenskeletts hat den Gliederfüssern im Lauf ihrer Stammesgeschichte einen enormen Erfolg im Wettstreit um ökologische Nischen verschafft: Gemessen an ihrer Artenzahl und Formenfülle übertreffen sie heute alle anderen Tiergruppen in jedem Lebensraum - im Wasser ebenso wie auf dem Land und in der Luft.
Einer von achttausend Zehnfusskrebsen
Von den verschiedenen Gliederfüssern bilden die Insekten mit nahezu einer Million Arten die bei weitem umfangreichste Klasse. An zweiter Stelle folgt die Klasse der Spinnentiere, also die Spinnen, Skorpione, Milben und ihre Verwandten, mit ungefähr 75 000 bisher bekannten Arten. Auf dem dritten Platz stehen sodann die Krebstiere mit rund 40 000 Arten.
Innerhalb der Klasse der Krebstiere bildet die Ordnung der Zehnfusskrebse (Decapoda) mit über 8000 Arten die grösste und gewiss auch die bekannteste Sippe: Ihr gehören unter anderem die Garnelen, die Langusten, die Hummer, die Flusskrebse, die Einsiedlerkrebse und die Krabben an. Ausserdem ist sie die ökonomisch wichtigste Krebstiersippe, denn rund um den Erdball herum werden Zehnfusskrebse vom Menschen in grossen Mengen für den Verzehr gefangen.
Mit einer Weltjahresfangmenge von über zwei Millionen Tonnen sind die Garnelen zwar die am häufigsten genutzten Krebstiere. Die begehrtesten und wertvollsten Speisekrebse sind jedoch die Hummer und Langusten, darunter der Amerikanische Hummer (Homarus americanus)
, der Kaiserhummer (Nephrops norvegicus)
, die Europäische Languste (Palinurus vulgaris)
, die Kap-Languste (Jasus lalandei)
und die Gabeldornlanguste (Panulirus penicillatus)
, von der hier die Rede sein soll.
Im tropischen Indopazifik zu Hause
Die Gabeldornlanguste ist eines von ungefähr 45 Mitgliedern der Langustenfamilie (Palinuridae), welche praktisch weltweit über die Meere und Ozeane der gemässigten, subtropischen und tropischen Klimazonen verbreitet sind.
Die Gabeldornlanguste kommt in der tropischen Zone (zwischen dem 25. nördlichen und dem 25. südlichen Breitengrad) des Indischen und des Pazifischen Ozeans vor - von der ostafrikanischen Küste und dem Roten Meer quer durch den Indischen Ozean und den Indomalaiischen Archipel bis zu den Südinseln Japans im Norden und der Nordküste Australiens im Süden und von da quer durch den Pazifik, also über die gesamte Inselwelt Melanesiens, Mikronesiens und Polynesiens (einschliesslich Hawaii), bis zur Westküste Mexikos.
Hinsichtlich ihrer Grösse und Gestalt ist die Gabeldornlanguste ein typisches Mitglied ihrer Familie. Die Körperlänge bemisst sich bei den erwachsenen Tieren im allgemeinen auf rund 30 Zentimeter, kann aber in Ausnahmefällen bis zu 40 Zentimeter betragen, wobei die Männchen im Durchschnitt deutlich grösser sind als die Weibchen. Die Färbung des Panzers ist innerhalb des weiten Artverbreitungsgebiets keineswegs einheitlich, sondern kann von gelblich über olivfarben und rotbraun bis blauschwarz sein. Stets ist der Panzer aber mit weissen Tupfen übersät, und stets weisen die Schreitbeine auffällige weisse Längsstreifen auf.
Die beiden ersten Antennen sind bei der Gabeldornlanguste wie bei allen Langusten verhält-nismässig schlank und verzweigen sich zu einem Paar dünner, elastischer Fühler, während das zweite Antennenpaar recht dick und starr und zudem deutlich länger ist als der Körper. Wie alle Langusten besitzt die Gabeldornlanguste im übrigen keine Scheren, wie dies bei den Hummern der Fall ist, dafür aber dornenartige Fortsätze auf dem Panzer im Kopfbereich, die der Abwehr dienen. Die Anzahl und Form dieser Dornen sind für die Arterkennung der verschiedenen Langustenarten sehr wichtig.
Ein Leben in der Brandungszone
Die Gabeldornlanguste hält sich im Regelfall in oberflächennahem, lediglich ein bis vier Meter tiefem Wasser auf. Sie bevorzugt Gebiete mit felsigem, zerklüftetem Untergrund, wo sie in Spalten, Nischen und Höhlen Unterschlupf findet. Ausserdem bevorzugt sie Gebiete mit klarem Wasser, fern von Flussmündungen. Aufgrund dieser Lebensraumansprüche findet man die Gabeldornlanguste vor allem in Küstengewässern vor trockenen, fliessgewässerlosen Festländern sowie rund um kleine, fliessgewässerlose Koralleninseln. Überraschenderweise hält sie sich dort vornehmlich in der Brandungszone auf, wo überaus starke Strömungskräfte herrschen.
Die Gabeldornlanguste führt ein Leben als Einzelgängerin und ist hauptsächlich nachts unterwegs, während sie sich tagsüber in einer Nische im Fels oder im Korallengeröll versteckt hält. Sie bewegt sich immer im selben Streifgebiet umher, und stets kehrt sie nach ihren nächtlichen Streifzügen wieder in eines von mehreren Verstecken innerhalb ihres Reviers zurück, was von einer sehr guten Orientierungsfähigkeit zeugt.
Über die Ernährungsgewohnheiten der Gabeldornlanguste in freier Wildbahn liegen zwar keine Beobachtungen vor, doch ist anzunehmen, dass sie wie fast alle Langusten eine Allesesserin ist, die sich von pflanzlichen wie tierlichen, lebenden wie toten Stoffen ernährt. Auf ihrem Speiseplan dürften somit unter anderem Algen, festsitzende und langsam kriechende Kleintiere wie Schnecken und Würmer sowie Reste toter Fische und anderer Tiere stehen.
Eine festgelegte Fortpflanzungszeit scheint es bei der Gabeldornlanguste nicht zu geben, wie dies ja bei tropenlebenden Tieren oft nicht der Fall ist. Bei der Paarung überführt das Männchen seinen Samen in spezielle Samentaschen des Weibchens. Das Weibchen laicht in der Folge - je nach Alter und Körpergrösse - mehrere Dutzend bis mehrere hundert hellorange gefärbte, befruchtete Eier ab. Diese überlässt es jedoch nicht dem freien Wasser und damit ihrem Schicksal, sondern betreibt Brutpflege: Es heftet die Eier an seine flossenartigen, mit Borstensäumen versehenen Hinterleibsbeine. Dort bleiben sie gut behütet bis zum Schlüpfen der Jungen, was je nach Wassertemperatur zwischen drei und fünf Wochen dauert.
Durch regelmässige Bewegungen der Hinterleibsbeine und des Schwanzfächers sorgt das Weibchen dafür, dass das Gelege ständig mit frischem Wasser umspült wird und so die in den Eiern heranreifenden Keimlinge mit genügend Sauerstoff versorgt werden. Sobald die Jungen aus den Eiern schlüpfen, lösen sie sich vom Muttertier und machen sich selbständig.
Durchsichtige Langustenkinder
Wie bei allen Krebstieren erfolgt die Jugendentwicklung der Gabeldornlanguste über eine Folge larvaler Stadien, in deren Verlauf sich die endgültige Körperform erst allmählich ausbildet. In der Tat weist die erste Larvenform, welche aus dem Ei schlüpft, überhaupt keine Ähnlichkeit mit den erwachsenen Tieren auf, sondern erinnert an eine flache Spinne und ist völlig transparent. Die frühen Larvenstadien der Gabeldornlanguste leben auch nicht als Bodentiere wie die erwachsenen Individuen, sondern schweben frei im oberflächennahen Wasser. Dort ernähren sie sich räuberisch von einem breiten Spektrum kleingewachsener tierlicher Organismen, welche ebenfalls freischwebend («plank-tonisch») in den oberen Wasserschichten leben. Sie wachsen langsam heran und häuten sich mehrfach. Allmählich ändert sich dabei ihre Gestalt: Der Körper wird länglich, die Gliedmassen werden länger, und es bilden sich am Kopf Antennen und Stielaugen.
Neun Monate bis ein Jahr dauert das larvale Leben der Gabeldornlanguste. In dieser Zeit häutet sie sich bis zu vierzehn Mal und erreicht schliesslich eine Körperlänge von etwa vier Zentimetern. Dabei wird sie von den Meeresströmungen oft Tausende von Kilometern weit von ihrem Schlupfort weg getragen. Das Larvenstadium ist also gleichzeitig ein «Verbreitungsstadium».
Eines schönen Tages erfährt die Larve schliesslich eine plötzliche Umformung: Anlässlich ihrer zweitletzten larvalen Häutung erhält sie unvermittelt die exakte Form der erwachsenen Tiere. Allerdings ist sie weiterhin durchsichtig. In diesem «Übergangsstadium» lässt sich die junge Gabeldornlanguste nicht mehr von den Wogen treiben, sondern schwimmt aktiv umher und sucht nach einem geeigneten Ort, um sich für den Rest des Lebens dort niederzulassen. Hat sie einen ihr zusagenden Ort gefunden, zieht sie sich in einen Unterschlupf zurück, häutet sich ein letztes Mal und kommt schliesslich auch bezüglich ihrer Färbung als «Miniaturausgabe» einer erwachsenen Gabeldornlanguste hervor.
Wie die «Kindheit» verläuft auch die weitere Jugendentwicklung der Gabeldornlanguste recht langsam: Die Geschlechtsreife erreicht sie erst im Alter von vier bis fünf Jahren. Dafür ist ihre Lebensdauer unter natürlichen Verhältnissen mit fünfzehn und mehr Jahren recht hoch.
Raubbau nein, nachhaltige Nutzung ja
Nur die wenigsten Larven der Gabeldornlanguste überleben ihre monatelange Reise über das offene Meer. Die grosse Mehrzahl von ihnen fällt anderen räuberischen Meeresbewohnern zum Opfer. Dies ist für die Art als Ganzes nicht weiter schlimm, denn dank der hohen Zahl von Jungen, die jedes Weibchen im Laufe seines Lebens erzeugt, ist stets dafür gesorgt, dass so viele Larven mit dem Leben davonkommen, wie es für die Arterhaltung braucht.
Auch nach der Aufnahme einer sesshaften Lebensweise muss sich die Gabeldornlanguste allerdings zeitlebens vor einer Vielzahl von Fressfeinden in acht nehmen. Zackenbarsche, Papageifische, Muränen, Ammenhaie und andere Raubfische sowie grosse Kraken und Sepien vermögen nachweislich erwachsene Langusten zu erbeuten. Um diesen Feinden möglichst aus dem Weg zu gehen, kommt die Gabeldornlanguste erst nachts aus ihrem sicheren Unterschlupf hervor. Und mit der Vermeidung von Feinden erklärt sich auch, warum sie sich vorzugsweise in der küstennahen, strömungsstarken Brandungszone aufhält, denn dort ist den genannten Raubfischen der Beutefang kaum möglich.
Solange der Mensch nicht allgegenwärtig war, ging die «Feindvermeidungsstrategie» der Gabeldornlanguste gewiss auf. Doch ausgerechnet im unmittelbaren Küstenbereich ist sie heute diesem ärgsten ihrer Feinde am stärksten ausgesetzt: Selbst von Kindern kann sie zu Fuss und nur mit Kescher oder Speer und Lampe ausgerüstet des nachts leicht erbeutet werden. In der Tat dürfte die Gabeldornlanguste weltweit die am häufigsten gefangene und verspeiste Languste sein.
Aufgrund der überaus weiten, den gesamten Indopazifik umfassenden Verbreitung der Gabeldornlanguste sowie der aussergewöhnlichen Fähigkeit ihrer Larven, sich auszubreiten und Neuland zu besiedeln, ist es zwar sehr unwahrscheinlich, dass die Art jemals vom Menschen vollständig ausgerottet werden wird. Vielerorts wird der Raubbau jedoch so massiv betrieben, dass ihre Bestände in erschreckendem Mass zurückgegangen sind und erwachsene, fortpflanzungsfähige Individuen so gut wie nicht mehr vorkommen.
Für die Einwohner von Inselstaaten wie Kiribati, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, kann dies unangenehme Folgen haben. Für sie sind Langusten, Hummer, Krabben und andere «Meeresfrüchte» keineswegs Luxusesswaren, sondern von alters her wichtige Eiweissquellen, da eine Eiweissproduktion an Land wegen der nährstoffarmen korallinen Böden ihrer Heimatinseln kaum möglich ist. Für ihre ausgewogene Ernährung sind sie darum stark auf die Erzeugnisse des umliegenden Meers angewiesen.
Es ist also entscheidend, dass die Langusten und all die anderen essbaren Meereslebewesen schonend genutzt werden - nach dem «Prinzip der Nachhaltigkeit», welches besagt, dass der Natur nicht mehr entnommen werden darf als nachwächst. Mittels wissenschaftlich abgesicherter Fangquoten gilt es sicherzustellen, dass die Tierbestände durch die Nutzung seitens des Menschen nicht geschwächt werden, damit eine optimale ökonomische Wertschöpfung auf lange Sicht gewährleistet ist. Nur auf diese Weise lässt sich erreichen, dass sich auch die Kinder und Kindeskinder der heutigen Menschengeneration in den Küstengewässern ausreichend mit Nahrung eindecken können.
Von den Naturschutzorganisationen werden solche auf dem Prinzip der Nachhaltigkeit basierenden Nutzungskonzepte nach Möglichkeit gefördert, denn sie bieten einen vorzüglichen Schutz für die betroffenen Tierarten. Werden einzigartige Tiere wie die Gabeldornlanguste von einer breiten Öffentlichkeit als wertvolles «Kapital» betrachtet, dessen «Zinsen» sich bei weiser, vorausschauender Verwaltung über Generationen hinweg reichlich abschöpfen lassen, so ist ihr Fortbestand auf unserem Planeten vorerst gesichert.
ZurHauptseite