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Der junge, verwaiste Jean Froissard meldet sich 1883 freiwillig zur französische Armee, kann sich aber deren eisernen Disziplin nicht unterwerfen und wird deshalb nach Biribi (ein volkstümlicher Begriff für Nordafrika) strafversetzt, wo er körperlichen und seelischen Qualen durch die Offiziere ausgesetzt ist und schliesslich zusammen mit Leidensgenossen gegen die unmenschliche Behandlung rebelliert.
Dies umreisst in knappen Worten den Inhalt eines Antikriegsfilms aus dem Jahre 1971, der heutzutage völlig in der Versenkung verschwunden zu sein scheint, und mit ihm auch die Musik von Mikis Theodorakis. Die entstand immerhin zu einem nicht unbedeutenden Zeitpunkt in dessen Leben, war es doch die erste Filmmusik, die der für seine politischen Aktivitäten bekannte griechische Komponist nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schrieb. Theodorakis schloss sich nämlich, als sein Heimatland von 1967 bis 1970 einer Diktatur unterworfen wurde, der Untergrundbewegung an und rief öffentlich zum Widerstand, worauf er verhaftet und seine Musik von den Faschisten verboten wurde. Auf Drängen von gewichtigen Leuten aus den Bereichen Musik, Literatur und Politik durfte er 1970 nach Frankreich ins Exil ausreisen.
Da Theodorakis während seiner Gefangenschaft zweifellos ähnliche Torturen durchleiden musste wie Froissard in Biribi, wäre es naheliegend gewesen, dass er mit seiner Musik die Gelegenheit zur verbitterten Anklage gegen die Verletzung der Menschenrechte von Häftlingen genutzt hätte. Aber so ziemlich genau das Gegenteil ist der Fall, zeichnet sich dieser Score nebst einer gewissen Melancholie durch ruhige, sonnige, verspielte, ja teilweise gar optimistische Stimmungen aus.
Theodorakis verwendet nur ein kleines Ensemble, bestehend aus Holzbläsern, Gitarren und gelegentlich ein wenig Schlagzeug. Die Handvoll wiederkehrender Themen ist melodisch schlicht gehalten und bleibt problemlos im Gedächtnis haften, was aber nicht implizieren soll, die Musik sei oberflächlich. Denn zwischen den Zeilen (oder in diesem Fall Noten) ist Theodorakis wohl kaum so harmlos, wie es den Anschein macht. In Petite Musique Pour Un Général zumindest wird das Militär vielleicht nicht gerade ins Lächerliche gezogen, aber doch respektlos dargestellt.
Und dann ist da noch der Chansonnier Mouloudji, der sozusagen als griechischer Chor agiert und einigen Tracks seine Stimme verleiht. Leider reichen meine Französischkenntnisse nicht aus, um den Sinn der Texte von Maurice Vidalin zu erfassen, aber ich kann mir schon vorstellen, dass sie im besten Fall von Zynismus geprägt sind. Dieses kleine Manko meinerseits hält mich jedoch nicht davon ab, diese Musik zu geniessen, eignet sie sich doch sehr gut zur Entspannung.
Diese Rezension bezieht sich auf die vermutlich recht rare LP (bei Soundtrackcollector ist sie nicht einmal aufgelistet), aber der Score ist 1999 auch auf einer suspekt wirkenden CD ‒ gekoppelt mit Actas De Marusia, ein Theodorakis-Score von 1976 ‒ erschienen, allerdings um zwei Tracks gekürzt; bei denen handelt es sich zwar um Themen-Reprisen, bei denen es sich jedoch dank Stimmungs-Nuancen nicht bloss um leidige Wiederholungen handelt. Warum sie also weggelassen wurden, weiss der Geier, denn Platz hätte es noch reichlich gehabt auf dem Silberling.