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Was können wir von dem Bibelverständnis der Christen des Reformationszeitalters lernen? Um Antworten auf diese Frage zu geben, fanden sich am 6. und 7. Juni 2014 fünfzehn Wissenschaftler aus der Schweiz, Deutschland, Belgien, Schottland und den USA zusammen.
Sven Grosse, STH Basel, legte in seinem Eröffnungsvortrag dar, dass die reformatorische Bibelauslegung auf Voraussetzungen beruht, welche von Anfang an von den christlichen Auslegern anerkannt waren: die Schrift ist nicht irgendeine Zusammenschichtung ganz verschiedenartiger Stücke, die gar nicht zusammen gehören, sondern sie ist eine Einheit. Sie ist eine Einheit, weil Jesus Christus ihre Mitte ist. Das Eigentümliche der Auslegung Luthers besteht darin, dass die Schrift Gottes eindeutiges Trostwort für den angefochtenen Menschen ist.
Ulrike Treusch, CVJM-Hochschule Kassel und STH Basel, zeigte in der Auslegung der Erzählung von Marta und Maria aus Lk 10,38-42 einen Unterschied zur der mittelalterlichen Auslegung auf: die Auslegung der mittelalterlichen Mönche setzte Marta für das tätige weltliche Leben, Maria für das beschauliche mönchische Leben. Luther hingegen sagt, dass hier zwei Seiten in ein und derselben menschlichen Person angesprochen werden: Maria steht für das Hören auf Gottes Wort und den Glauben, Maria auf die tätige Liebe, die aus dem Glauben hervorgeht.
Stefan Felber, Theologisches Seminar St. Chrischona, machte in seinem Vortrag am Beispiel von 1. Mose 3,15 deutlich, welches Niveau die traditionelle Auslegung, wie sie auch Luther vorträgt, gegenüber dem modernen Verständnis dieser Stelle hat: weil die verschiedenen Teile der Bibel eine Einheit bilden und sich gegenseitig kommentieren, ergibt sich, dass mit dem «Nachkommen der Frau» der Mensch Jesus Christus gemeint ist, der, nicht der Sünde unterworfen, imstande ist, die Sünde und den Teufel zu überwinden. Diese Stelle ist die erste Gestalt des Evangeliums!
Jason Lane, Milwaukee, USA und Universität Hamburg, und Sarah Stützinger, Universität Hamburg, zeigten, dass Luther trotz der kritischen Worte, die er in den Vorreden von 1523 für den Jakobus- und den Hebräerbrief fand, in seinem Verständnis der Anfechtung (Jakobusbrief – 1. Mose 22) und in seinem Verständnis des Sühnetodes Christi (Hebräerbrief) sehr stark auf diese beiden Briefe zurückgriff. Es besteht also, recht betrachtet, keine Berechtigung, sich für Sachkritik an der Bibel auf Luther zu berufen.
Lutz Danneberg, Humboldt-Universität, Berlin, sprach über Melanchthons Verständnis von 2. Tim 2,15: «der das Wort der Wahrheit recht austeilt» wird von ihm gedeutet: «der es recht teilt», d.h. unterscheidet – in Gesetz und Evangelium. Andreas Beck, Absolvent der STH Basel und jetzt an der Evangelisch-Theologische Fakultät in Löwen, Belgien, zeigte, wie Martin Bucer seine Lehre von der Vorherbestimmung aus der Exegese des Römerbriefs entwickelt. Luca Baschera, Universität Zürich, verglich die Auslegungen Luthers und Bullingers von Gal 2,11-14: Hat sich Petrus nur falsch verhalten oder sich auch in der Lehre geirrt?
Andreas Mühling, Universität Trier, wies nach, dass alle Schriften Heinrich Bullingers (mit dessen Worten sich die STH Basel in ihrem Leitbild zur Heiligen Schrift bekennt) als Trostschriften, die sich aus der Schrift speisen, angesehen werden können. Mark Elliott, University of St Andrews, Schottland, sprach darüber, wie Cajetan und Estius, zwei katholische Theologen des 16. Jahrhunderts, Calvin in seiner Auslegung relativ nahe kommen.
Christoph Strohm, Universität Heidelberg, wies darauf hin, dass der größte Teil reformierter Theologen im 16. Jahrhundert, angefangen mit Calvin, zunächst Jura studiert hat. Welche Auswirkung, fragte er, hat ihre Vorbildung heute auf die Studenten der Theologie? Christine Christ-von Wedel, Basel, brachte Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Art zur Sprache, wie Erasmus von Rotterdam und Martin Luther die Bibel auslegen. Stephen Burnett, Lincoln, Nebraska, USA, zeigte, wie positiv Sebastian Münster, Professor für hebräische Sprache in Basel, auf die jüdische Bibelauslegung einging. Stephen Buckwalter, ein amerikanischer Mennonit, der in Heidelberg forscht, verglich das Bibelverständnis des Täuferführers Pilgram Marpeck in Straßburg mit dem Bucers: es zeigt sich, dass dieser Täufer, im Unterschied zu Bucer, einen tiefen Schnitt zwischen Altem und Neuem Testament setzt.
Hans Christian Schmidbaur, Universität Lugano, sprach zum Schluss über den Augustinertheologen Girolamo Seripando, der auf dem Konzil von Trient vergeblich für eine Lehre von der Rechtfertigung warb, die der reformatorischen Lehre näher ist. «Oh, wenn doch die Art des Paulus, das Evangelium zu verkünden, in der Kirche bewahrt worden wäre!», waren Seripandos letzten Worte.
Das kann man auch heute nur unterstreichen. In einer Zeit, in der Modeströmungen in der Exegese, gerade in der Paulus-Deutung, auch evangelikale Kreise zu einem großen Teil irritieren, war es erfrischend und bestärkend, sich in die reformatorische Bibelauslegung zu vertiefen: Die Einheit der Bibel in Christus, das Kreuz Christi zur Rechtfertigung und Vergebung der Sünde sind ihre zentralen Botschaften.