Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/2006

Die Novelle Gottfried Kellers «Kleider machen Leute» ist knapp 150 Jahre später so aktuell wie damals. Dies macht die Ausstellung «Frauen Macht Mode» im Textilmuseum St. Gallen deutlich.
«Kleider machen Leute»
In der Novelle «Kleider machen Leute» beschrieb Gottfried Keller 1874 die Geschichte eines Schneiders, der trotz Armut vornehme Kleider trug und wohl deshalb in einem fremden Dorf mit einem polnischen Grafen verwechselt wurde. Der Schneider verliebte sich in eine junge Frau, er blieb im Dorf, spielte die Rolle des vermeintlichen Grafen und war am Schluss der Geschichte ein angesehener, reicher Mann.
Vor dem ersten Ausstellungssaal steht das Motto in Grossbuchstaben: «Robes Politiques». Gesagt haben soll dies 1853 die französische Kaiserin Eugénie de Montijo.
Mode als Machtdemonstration
Mode sei dazu da, so Kaiserin Eugénie, die Machtposition zu unterstreichen. Es ist zwar nicht restlos geklärt, ob das imposante Ballkleid im Ausstellungssaal zu Eugénies Garderobe gehörte. Man geht aber davon aus, dass es ihr Ehemann Napoleon III. kaufte.
Die Kuratorin des Textilmuseums St. Gallen, Claudia Schmid, hat sich in die Modegeschichte eingearbeitet und die Kleidung von Schweizer Politikerinnen studiert. Diese stünden heute wie in der Vergangenheit immer im Fokus des öffentlichen Interesses.
Fünfzig textile Objekte verdeutlichen in der Ausstellung «Robes Politiques» das Spannungsfeld zwischen Weiblichkeit und Machtposition, Skandal und Idealisierung, Volksnähe und Repräsentation. Sie veranschaulichen den strategischen Einsatz von Kleidung und Accessoires im Laufe der Jahrhunderte in unterschiedlichen Ländern und Staatsformen.
Die Ausstellung im Textilmuseum in St. Gallen wirft den Blick auch ins Bundeshaus. Dort war von 1999 bis 2003 die CVP-Politikerin aus dem Appenzellerland Bundesrätin. In einem Video erzählt Ruth Metzler ihre Geschichte.
Vom Tag der Kandidatur an habe ich keinen Jupe und kein Kleidchen mehr getragen.
Im Hosenanzug kennt man auch Susanne Vincenz-Stauffacher, FDP-Nationalrätin aus St. Gallen. Ihre Kleidung löste bei einem Parteikollegen Kopfschütteln aus. Der Hosenanzug sei völlig deplatziert – wegen der Farbe Rot. Rot sei die Farbe der Sozialdemokraten.
Die Frauen hätten im Vergleich zu den Herren tatsächlich eine sehr vielseitige Garderobe, sagt die Textilhistorikerin Claudia Schmid. Damit hätten sie grossen Spielraum, um mittels Kleidung ein politisches Statement zu setzen.
«Robes Politiques» ist eine Ausstellung zu Frauen, Macht und Mode, zu sehen ab dem 19. März knapp ein Jahr lang ausschliesslich im Textilmuseum St. Gallen. Die Ausstellung ist Teil der Kooperation «50 Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht – Ausstellungen und mehr».