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Kummer und Leid - bester Lehrer, bester Freund.
26.05.2017
Natürlich kennen wir alle diesen Ausspruch: Was wir säen, werden wir ernten. Auch der Begriff "Karma" ist vielen Menschen bekannt, der allerdings korrekt "Karman" lautet. Der Begriff kommt ursprünglich aus dem Sanskrit, ist ein Hauptwort und entstammt der Wurzel "kri", was soviel bedeutet wie: "tun", "machen". Buchstäblich bedeutet also Karman "tuend", "machend", Handlung. Im Deutschen lässt sich die Bedeutung am besten mit "Folge" oder "Wirkung" wiedergeben.
Karman ist also demnach die Lehre von den universalen Folgen und Wirkungen, die uns aus jedwedem Denken und Handeln erwachsen; gutes Denken, gutes Handeln, bewirkt gute Folgen, böses Denken, böses Handeln, bewirkt böse Folgen. Ein universales, unausweichliches Gesetz mit Belohnung oder Strafe - und es gibt kein Entrinnen ...
*Ganz normale, alltägliche Erfahrungen bedürfen keiner weiteren Erklärung. Wenn wir beispielsweise mit unserer Hand einen elektrischen Draht berühren oder die Hand in eine Flamme halten, wird das Feuer nicht daran gehindert, dass wir uns verbrennen, nur weil wir so dumm waren dies zu tun. Auch der elektrische Strom wird nicht davon absehen, uns eine Verbrennung zuzufügen oder uns gar zu töten, weil wir die Gesetze der Elektrizität nicht kannten und den Draht berührten.
Glücklicherweise enthält Karman aber auch eine andere, eine schöne Seite. Und danach kann man mit Fug und Recht sagen, dass unser bester Lehrer, der größte Freund, den wir Menschen haben, Kummer und Leid ist. Auf den ersten Blick mag diese Aussage ja eher schrecklich und irrwitzig erscheinen, doch wollen wir sie einmal analysieren:
Was lehrt ein Kind vorsichtig, klug, aufmerksam und nachdenklich zu werden, um Gefahren rechtzeitig zu bemerken und diese zu vermeiden? Es ist die Erfahrung: der Schmerz des verbrannten Fingers, der gestoßene Zeh, das Fallen vom Ast des Baumes oder Ähnliches. Was rührt das Herz eines Menschen, um das Leid Anderer verstehen und mit ihnen fühlen zu können? Es sind Sympathie und Mitgefühl. Wenn wir selbst leiden, wachsen wir. Nichts erweicht unser Herz so sehr wie eigenes Leiden und - seltsames und schönes Paradoxon - es stärkt auch unseren Charakter und gibt uns Kraft. Menschen, die nie gelitten haben, sind meist ohne Gefühl für Andere, sie können nicht wirklich menschlich empfinden.
Welche Menschen haben innere Größe errungen? Jene, die nie gelitten haben, die nicht wissen, was leiden heißt? Oder jene, die durch Leiden Stärke erlangt haben, innere Kraft, die wissen was Leiden bedeutet, und die aufgrund der Erinnerung an eigenes Leid niemals Anderen Leid zufügen werden? Ihr Herz hat zu erwachen begonnen. Ihr Bewusstsein wurde wieder einmal für diese einfachen kosmischen Wahrheiten aufgerüttelt.
Hieraus können wir sofort ersehen, wie wundervoll das Universum aufgebaut ist. Und obgleich wir in vielen Dingen noch unwissend sind und uns oft die edelsten Gefühle fehlen, die Menschen möglich sind - Selbstlosigkeit, Mitleid, Liebe und Mitgefühl für Andere -, so lernen wir doch durch unser eigenes Leiden und durch Unwissenheit, wie wir es besser machen können. Mit jedem Schritt des Lernens wachsen wir und nehmen an innerer Stärke zu. Nach einer langen Periode dieser sehr langsamen, heilsamen und schmerzvollen evolutionären Reise gelangen wir schließlich an einen Punkt, an dem wir sagen: So kann es nicht mehr weitergehen, ich habe genug gelitten. Von jetzt an will ich mich selbst an die Hand nehmen und mein Leben durch selbstgeleitete Evolution bestimmen. Ich werde meinen eigenen Weg wählen. Nichts soll meinen Willen nach dieser oder jener Seite hin ablenken. Es hat ein Ziel, und dieses Ziel hat kosmische Ausmaße. Ich will nicht mehr der Sklave auferlegter Umstände sein. Von nun an bestimme ich meinen Weg, ich wähle mein Schicksal selbst, denn ich habe die alles beherrschenden Gesetzmäßigkeiten erkannt.*
So liegt der eigentliche, ursprüngliche Grund für menschliches Leiden einfach darin, dass wir unsere Verantwortung, das Gefühl für Andere oft verloren haben. Verloren haben wir zudem das elementare Wissen, dass nämlich alles Sein, alles Leben, alle Wesenheiten, aus der gleichen ursprünglichen Quelle stammen und dass das gesamte Universum - dessen Kinder wir sind - miteinander verwoben und verbunden ist. Jeder Gedanke von uns, jede Tat, wirkt sich früher oder später im gesamten Universum auf Alle und Alles aus. So erkannt, ernten nicht nur wir die Folgen unserer eigenen Gedanken und Taten, sondern alle anderen Lebewesen im Universum gleich mit. Was für eine Verantwortung!
(* s. G. v. Purucker/ Spirituelles Erwachen, Point Loma 1971)