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1926 -1927
Gründung der Wohngenossenschaft Gundeldingen
und Bau der 27 Häuser
Wir Heutigen haben die neueste Rezession erlebt, das unerwartete plötzliche Ende eines langen wirtschaftlichen Aufschwungs.
Die Krise der Zwanzigerjahre hatte verschiedene Ursachen: die lange Dauer der Grenzbesetzung von 1914-1918, die Verknappung von Lebensmitteln und Brennmaterialien, die enorme Teuerung, die zahlreichen Todesfälle als Folge der Grippe-Epidemie, die Arbeitslosigkeit. Wohl gab es viele schöne Häuser und Wohnungen, aber sie waren sehr teuer, fast unerschwinglich. Die Hausbesitzer standen im Ruf, mit ihrer Monopol- und Machtstellung die Mieter auszubeuten und enormen Nutzen aus ihren Häusern zu ziehen. Der aufkommende Sozialismus unterstützte den Ruf nach Selbsthilfeorganisationen. Der Profit sollte in den Häusern bleiben und billige Mietzinsen ermöglichen. Idealismus vereint mit grossem praktischen Geschäftssinn sollte zu Pionierleistungen führen. So entstanden die Wohngenossenschaften. Einige Pioniere fanden sich zusammen und gründeten die Wohngenossenschaft Gundeldingen.
Nach langen schwierigen Vorarbeiten fand im Restaurant zur Post am
25. Mai die Gründungsversammlung statt.
235 Personen bekundeten durch Ihre Anwesenheit ihr Interesse an einer billigen Wohnung. Aber noch gab es nichts Konkretes. Nichts war da ausser Ideen, Plänen, viel gutem Willen und sehr vielen Problemen und Schwierigkeiten - die wahrhaftig alle überwunden wurden!
Am 10. August 1926 erfolgte der erste Spatenstich auf dem 9397.50m2 umfassenden Areal. Möglichst viele Wohnungen sollten einen Ausblick auf die Gundeldingerstrasse haben, auf den hübschen Bauernhof, die grünen Wiesen, die weidenden Schafe im Herbst. Zudem grenzt die Gundeldingerstrasse im Süden an die 4. Bauzone. Ihre spätere Überbauung würde also nur niedrige Häuser zulassen. Es wurde ein grosser Wohnhof, später Mätteli genannt, geplant, mit Rasen und schattenspendenden Linden, mit Sitzbänken, einem Brunnen aus Osogna-Granit und einer vom Kunstkredit finanzierten Brunnenplastik. Das preisgekrönte Sujet stammte von Bildhauer Max Wilde, Basel.
Am 1. Juli 1927 sind die ersten Wohnungen der ersten Bauetappe termingemäss fertig und am 1. Oktober diejenigen der zweiten. Die Mieter ziehen ein. Der "reibungslose" Einzug wird von der Droschkenanstalt Keller durchgeführt, welche sich in einem Schreiben für das Zutrauen bedankt. Die Wohngenossenschaft Gundeldingen zählt 157 Mitglieder, 133 Wohnungen und einen ACV-Laden.
Am 13. Oktober 1927 werden zehn grossblättrige holländische Linden gepflanzt.
1951 - 25 Jahr Feier
71 Kinder unter 16 Jahren erhielten ein Osterpaket. Gern erinnert man sich des munteren Schnabulierens auf dem Rasen des Mättelis, unter den frischgrünen Linden beim plätschernden Brunnen. Die Erwachsenen als Zaungäste und ringsum an den Fenstern freuten sich mit.
Am 20. Mai 1951 erlebten 192 Mieter die schöne fröhliche und wohlorganisierte Jubiläumsfahrt ins Blaue. 500 km raffiniert ausgeklügelter Bahnfahrt hielten die Gemüter ständig in Spannung: wohin gehts wohl weiter? Die ganz Schlauen hatten Landkarten mitgenommen, und konnten jeweils alle Möglichkeiten überblicken und verkünden. Die Fahrt gefiel ungemein, besonders die Mittagsrast in Vevey und die Dampferfahrt Vevey-Ouchy. Reisen waren vor 25 Jahren noch nicht so allgemein und selbstverständlich wie heute. Die Jubiläumsfahrt wurde daher als festlicher und aussergewöhnlicher Anlass dankbar begrüsst.
Lob der Genossenschaft
Ein Jahr in der Genossenschaft, wieviel Freud und Leid ist das! Hochzeiten werden gefeiert. Mit freudig erregter Anteilnahme verfolgen die Nachbarn die Ankunft der Gäste, den Aufbruch der Hochzeitgesellschaft. Kinder werden geboren und die Genossenschaftsfamilie freut sich mit. Der Vorstand schickt einen Blumenstock und einen Geschenkgutschein. Feiert eine Familie ihr 25-jähriges Wohnjubiläum, dann stellen sich der Präsident und der Kassier mit einem prächtigen Geschenkkorb ein.
Auch Krankheit und Sterben gehören zum Leben. Ist der Tod eingekehrt, dann zeigt sich die Verbundenheit in der Genossenschaft besonders stark. Ein Kranz wird aufs Grab gelegt, eine Schleife mit goldenen Lettern ziert ihn, zwei Herren des Vorstandes nehmen an der Beerdigung teil Das ist eine schöne und keineswegs selbstverständliche Geste.
Das grosse Ereignis im "Vereinsjahr" ist die Generalversammlung im ersten Halbjahr Sie wird jeweils von 100-125 Leuten besucht, von denen 65 bis 100 stimmberechtigt sind, denn jede Wohnung hat eine Stimme, unabhängig von der Anzahl der Bewohner. Jede Generalversammlung ist vom Präsidenten aufs Sorgfältigste vorbereitet und "läuft", dass es eine wahre Freude ist. Sind wohl die Menschen friedfertiger geworden, seit es ihnen finanziell besser geht? Seit 1960 gab es jedenfalls an keiner Generalversammlung mehr Debatten mit peinlichen persönlichen Beschimpfungen. Wie anders war das in den frühesten Jahren! Nach spätestens zwei Stunden ist die längste Traktandenliste erledigt, alle Abstimmungen sind unter Dach, man kann zum offerierten Imbiss übergehen. Dieser bestand früher aus einem "guten Doppelschüblig und Salat" heute "zeitgemäss" aus einem ganzen Menu samt Kaffee und Dessert.
Basel im Jahre 1976