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Mich überkamen die schlimmsten Gedanken, als mir klar wurde, wo ich war. Noch vor ein paar Tagen hatte ich ein normales Leben geführt. Doch in den nächsten 48 Stunden wurde mein Leben auf den Kopf gestellt. Ich hatte keine Wahl. Alles war so schnell passiert. Ich musste alles, was ich liebte, zurücklassen.
Ich fand mich in einem Zimmer wieder. In einem grossen und luxuriös eingerichteten Zimmer. Ich wusste nicht, wo ich mich befand, aber es mir war klar, dass diese Person sehr reich sein musste. «Nein, das ist sie nicht, das kann sie nicht sein. Wir waren unvorsichtig» hörte ich jemanden rufen, der auf mein Zimmer zukam. «Was sagen wir jetzt dem Prinzen, er hat uns schon tausendmal gewarnt, nichts zu vermasseln», rief ein anderer. Prinz? Ein echter Prinz? Ich spürte, wie die beiden nun vor meiner Zimmertür standen. «Wir können doch nichts dafür, dass sie Céline ähnlichsieht» sagte der kleinwüchsige Mann, welcher mit einem Ruck die Tür aufriss. «Nun bringen wir unsere Arbeit hinter uns», sagte der andere, etwas grimmig dreinblickende Mann und sah mich argwöhnisch an. «Sven, schau mal, die sieht aus, als würde sie uns jeden Moment über den Hals fallen», bemerkte der grimmige Mann lachend. Meinten Sie, ich könnte ihre Sprache nicht verstehen?
Französisch. Ich verstand die Sprache. Das war von Vorteil. Es bedeutete, dass ich noch in Frankreich sein musste. Doch nach meinem Wissen, gibt es hier keinen Prinzen. Vielleicht nennen sie den gewissen Mann nur so, weil er so reich ist.
Sven und Forjan begleiteten mich einen Gang hinunter, der zu einer grösseren Halle und weiter zu einem Zimmer führte. Ich nahm an, dass ich hinter dieser Tür den Prinzen treffen würde. Ich bereitete mich innerlich darauf vor, wie ich am besten mit ihm sprechen sollte. Lieber den Sturm in mir loslassen oder eher ruhig auf ihn zugehen? Doch zu meiner Überraschung nahmen wir einen anderen Gang, der nicht zu diesem Zimmer führte. Dieser Gang war etwas schmaler und dunkler.
Wir blieben kurz vor einer Tür stehen, als eine Frau sie öffnete und mich ins Zimmer begleitete. Ich traf auf drei Frauen, die mich für den Abend fertig machen sollten. Die beiden Wächter warteten vor der Tür, damit ich keine Flucht ergreifen konnte. Aber wohin sollte ich gehen? Ich wusste selbst nicht, wo ich war.
Egal, wie ich hierhergekommen war und weshalb sie mich hierherbrachten, ich werde nicht das geben, was sie von mir erwarten. Ich beobachtete, wie die Frauen sorgfältig ein passendes Kleid für mich aussuchten und die dazugehörigen Schmücke auslegten. «Du musst sehr aufgeregt sein», sagte die Jüngste unter ihnen. Die anderen warfen ihr einen ärgerlichen Blick zu. Durfte denn niemand mit mir sprechen?
«Darf ich fragen, was mich heute Abend erwartet?», fragte ich. Alle drei hielten inne und schauten mich unsicher an. «Wissen Sie das wirklich nicht?», wollte eine weitere Frau wissen. Nein, deshalb frage ich ja, liess ich mir unausgesprochen auf der Zunge liegen.
«Oh, das ist so romantisch, sicher wollte der Prinz Euch damit überraschen», sagte die junge Sara aufgeregt. Ich fand es eher beunruhigend. Ich möchte nicht, dass der Abend so verläuft, wie Sara es beschrieben hat. Aber ich hatte auch etwas in meiner Hand und werde den Prinzen damit überraschen.
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor, bis ich mich im Spiegel betrachten konnte. Fassungslos stand ich da. Noch nie in meinem Leben hatte ich so perfekt ausgesehen. Nicht alle meine Haare waren hochgesteckt, ein paar meiner Naturlocken hingen frei an beiden Seiten meiner Schläfe herunter und der Rest lag hinten offen. Das Kleid. Es war mitternachtsblau und verlief der Länge nach in anderen Blautönen. Es war schlicht. Das gefiel mir. Der Schmuck trug die Komplementärfarbe zum Blau. Das Gelb-Orange sorgte für Abwechslung. Es passte alles so gut zusammen.
Auch wenn ich gerade woanders sein möchte, genoss ich diesen Moment. Wann würde ich wieder so aussehen? In Wirklichkeit bin ich doch nur ein einfaches Mädchen, das nicht so wichtig war.
«Gefällt es dir?», unterbrach Sara meine Gedanken. Ich schaute sie an. Am liebsten hätte ich sie umarmt. «Ja, vielen Dank für eure Mühe», sagte ich stattdessen ausdruckslos. Sara wollte noch etwas sagen, aber in diesem Moment ging die Tür auf und Forjan kam herein. «Seid ihr endlich…», rief er den Frauen zu, sah mich aber mit grossen Augen an. Ich konnte sehen, dass ihm mein neues Aussehen gefiel. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, trat er zur Seite und gab mir ein Zeichen, nach draußen zu gehen.
Im Schloss gab es viele Gänge. Ja, es war wirklich ein Schloss. Ich konnte es von aussen betrachten, wenn auch nur für kurze Zeit, als wir an der Südseite an einem großen Garten vorbei zu einem etwas kleineren Gebäude gingen. «Hinter diesem Tor befindet sich ein Saal. Es ist ein grosser Ballsaal. Benimm dich und vergiss nicht, wer du bist!» beendete Forjan den Satz mit einem drohenden Blick. «Hast du uns verstanden, Céline?!» warnte auch Sven.
Céline, mein neuer Name. Nein, eigentlich nicht. Er ist mein zweiter Vorname.
Es gab nur einen, der mich bei diesem Namen nannte; Jaxon, mein bester Freund. Er bleibt schon lange verschwunden.
Hinter dieser Tür werde ich viele neugierige Gesichter sehen. Alle warteten auf Céline. Aber wer war sie? Ich jedenfalls nicht. Sven und Forjan stiessen das schwere Metalltor auf. Ich trat hinein und blickte nach unten. Es waren viele Menschen da. Doch meine Augen suchten nur nach einem. Er stand mit dem Rücken zu mir gerichtet in der Mitte des Saals.
Ich trat ins Licht und ging die Treppe hinunter. Meine Schuhe klackerten laut in der Stille. Als ich nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, begann die Musik zu spielen. Die Menschenmenge machte einen grossen Bogen um uns. Bevor er sich umdrehen konnte, ging ich dicht an ihn heran.
«Ich werde ehrlich zu dir sein. Mein Name ist Adeline und ich habe keine Ahnung, warum ich hier bin. Deine Céline bin ich nicht». «Ich bin auch nicht dein Prinz» erwiderte er. «Was?» Er drehte sich um. «Jetzt bist du es, die sich überrascht zeigt».
«Jaxon?»