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Plötzlich Prinzessin
Prinz William, nach seinem Vater Charles der Thronfolger Nr. 2 am Hof von St. James, wagt sich auf den gleichen Weg wie seine Amtsbrüder auf dem Kontinent. Sein Vater hatte noch eine adlige Lady heiraten müssen, aber diese Ehe ging trotzdem so schief wie jene seiner Geschwister Anne und Andrew, die sich von ihren Bürgerlichen wieder scheiden liessen. Im Fall von Charles musste der Queen vor 30 Jahren sogar noch gemeldet werden, die Kandidatin sei virgo intacta, Jungfrau, eine unabdingbare Eigenschaft für eine künftige Königin von England. Diana schaffte es allerdings nur bis zur Königin der Herzen, sie starb mit 37 als «People’s Princess». Diese unnachahmliche Bezeichnung war Tony Blairs Entourage nach ihrem Unfalltod eingefallen. Wer Lust hat, kann dies nochmals im Kinofilm «The Queen» am Fernsehen miterleben, wohl zu Ehren des 85. Geburtstags der echten Queen. Für diese Rolle erhielt Helen Mirren zu Recht einen Oscar, und der Streifen zeigt, wie abgehoben und volksfern die älteren britischen Royals leben.
Kein einfaches Girl aus dem Volk
Kate Middleton, oder besser gesagt Catherine, wie sie künftig als Königliche Hoheit und Prinzessin offiziell heissen wird, ist zwar nicht von Adel, aber auch nicht aus einfachen Verhältnissen. Ihre Eltern verdienen seit vielen Jahren mit Party-Dekorationen Millionen; mit einer davon werden sie sich an den immensen Ausgaben der Königsfamilie für die Hochzeit – man spricht von 40 Millionen - laut der offiziellen Homepage officialroyalwedding2011.org für Kleider, Blumen, den Gottesdienst, Empfang und Dinner im Buckinghampalast und die Kutschen-Prozession beteiligen. (Den Rest zahlen direkt und indirekt die ohnehin arg gebeutelten britischen Steuerzahler.) Vor allem Mutter Carole, née Goldsmith (aber nicht verwandt mit dem 1997 verstorbenen Milliardär Sir James Goldsmith, sondern ehemalige Flight Attendant), achtete darauf, ihre Kinder in jene Schulen zu schicken, in denen für viel Geld der Upperclass-Schliff und das richtige gesellschaftliche Netzwerk auch für jene zu erwerben sind, die dies nicht von zu Hause mitbringen. Wer sich auf vergnügliche Art an der besseren Gesellschaft erlaben will, lese am besten das nagelneue Buch «Eine Klasse für sich» des Oscar-gekrönten Autors Sir Julian Fellowes.
Es heisst sogar, dass die Mutter ihre Kate dazu gedrängt habe, die schottische Universität St. Andrews für ihr Studium zu wählen, sobald publik wurde, dass der Erbe der britischen Krone dort Kunstgeschichte studieren wollte. Aber das Herz des Prinzen gewann Kate schliesslich ganz allein, dank einem durchsichtigen Kleid an einer Plausch-Modeschau. Ihren Gang über den Catwalk soll William mit «She’s hot!» kommentiert haben, und der Rest ist im wahrsten Sinn des Wortes Geschichte, denn Geschichte wird Kate Middleton aus West-Berkshire am 29. April 2011 schreiben. Sie zog als Studentin mit «Wills» in eine Dreier-WG, sie stand ihm bei, als er an seiner Studienrichtung zu zweifeln begann, und sie überzeugte ihn, auf Erdkunde umzusatteln, die ihn schon in der Elite-Schule Eton interessiert hatte. So machten die Gleichaltrigen 2005 gleichzeitig einen ordentlichen Abschluss in St. Andrews, in Anwesenheit der Königsfamilie, die aber nur für ihren Prinzen aufmarschierte. Schon damals hätte Kate ahnen können, was ihr bevorstand.
Viele junge Frauen fragen sich, weshalb in aller Welt die gut aussehende und gut ausgebildete, wohlhabende Kate Middleton in die «Firma» eintreten will, wie die Royals sich selber nennen. Das Leben im Goldfischglas hat sie bereits als Williams Freundin kennen gelernt. Künftig wird sie erst recht keinen Schritt mehr machen können, ohne Aufsehen zu erregen. Bisher hat sie ihre Sache gut gemacht. Vielleicht gelingt es ihr sogar, eine gewisse Normalität in das Leben ihres Mannes zu bringen, die ihm lange Zeit fehlte, auch wenn seine Mutter versuchte, sie ihren Söhnen hin und wieder zu vermitteln. Er war 15, als Diana, geschiedene Prinzessin von Wales, starb. Der Prinz of Wales soll sich anschliessend vorbildlich um die trauernden Halbwüchsigen gekümmert haben.
Struktur gab dem Prinzen nach dem Studium und einem Reisejahr die militärische Laufbahn. Erst die Militärakademie Sandhurst, wie sein Bruder Harry, eine Ausbildung bis zum Leutnant der «Blues and Royals» der Household Cavalry, und die Ausbildung und Anstellung als Co-Pilot in einer Helikopter-Such- und Rettungseinheit der Royal Air Force (RAF) im walisischen Anglesey, einfach als «William Wales», tüchtig bei der Arbeit, populär bei den Einheimischen und den Kameraden. Das ist etwas ganz anderes als die ziemlich ridikülen militärischen Ehren-Kommandos, die William schon als Youngster übertragen wurden. Einige ehemalige Kameraden werden in den prächtigen Eskorten der Household-Cavalry für die Königin und das Brautpaar auf der Kutschenfahrt von der Westminster Abbey bis zum Buckinghampalast mitreiten. Eine Musikformation der Royal Air Force, sieben Trompeter und ein Trommler, entbieten dem Brautpaar, sobald es als Mann und Frau das Heiratsregister unterzeichnet hat, in der Westminster Abbey ein eigens komponiertes Stück mit dem Titel «Valiant And Brave», dem Motto der 22. RAF-Schwadron in Nord-Wales, in der William dient.
Krönungs-Kirche
Nicht nur aus Sparsamkeit haben William und Kate die Westminster-Abtei ausgewählt, um ihre Trauung während der Wirtschaftkrise möglichst klein zu halten. Keine 2000 Gäste finden Platz; beinahe doppelt so viele fasst die St. Pauls-Kathedrale, in der Williams Eltern vor 30 Jahren getraut wurden. Aber die Westminster-Abtei war Schauplatz einer jeden britischen Königskrönung seit Wilhelm dem Eroberer 1066. Hier heiratete im November 1947 auch die spätere Queen, die seit bald 60 Jahren dem schrumpfenden Commonwealth vorsteht, fleissig und getreu dem deutschen Motto ihres nur von Monarchen verliehenen Hosenbandordens «Ich dien’». Der 62jährige Prinz Charles ist jetzt Rekordhalter unter den Thronfolgern Englands. Länger als er wartete bisher noch keiner auf den Thron, und seine Mutter scheint fit und nicht gewillt, das Zepter vorzeitig abzugeben.
Niemand sollte sich von den kritischen Berichten im Vorfeld der königlichen Hochzeit von London allzu sehr täuschen lassen: Die Briten lieben mehrheitlich Pomp and Circumstance, ihre manchmal skurrilen Traditionen und ihr Königshaus. Spannung, aber auch Anteilnahme aus der Bevölkerung steigen, während der Countdown läuft. Das Rätsel um das Brautkleid von Kate, pardon, Catherine Middleton ist ein weit besser gehütetes Staatsgeheimnis als die Pläne der britischen Atom-Unterseeboote, die aus Versehen im Internet auftauchten. Sie wählt wohl keinen Alptraum aus Rüschen und Puffärmeln wie ihre Schwiegermutter, die später selber sagte, sie habe ausgesehen wie ein Méringue. Benchmark ist allerdings das Brautkleid der schwedischen Kronprinzessin Victoria im vergangenen Jahr. Diese umwerfend elegante Schlichtheit wird schwer zu überbieten sein. Man darf auch darauf wetten, ob die ehemalige Kate sich dazu herablassen wird, zum Schleier ein Diadem aus dem königlichen Fundus zu tragen. Diana schlug es aus und zog eine Tiara aus dem eigenen Familienschmuck vor. Das gibt es bei den Middletons nicht, höchstens im Sortiment ihrer «Party Pieces». Also bleibt für Kate ein Diadem als Leihgabe oder Geschenk der Königsfamilie, wie Dianas Verlobungsring - oder ein Blumenkranz. Es ist auch noch nicht bekannt, ob Catherine Middleton ihrem Prinzen im Eheversprechen Gehorsam geloben wird oder nicht. Die Vermutung: Eher nicht.
Botschafter vertritt die Schweiz
Catherine Middleton bricht ohnehin mit einigen Überlieferungen. Sie fährt nicht in einer königlichen Kutsche, sondern in einem ältlichen Rolls-Royce ihres Schwiegervaters zur Kirche, begleitet von ihrem Vater Michael. Sie starten als letzte im noblen Goring Hotel in Belgravia, das sich die Middletons als Stützpunkt fü die Feierlichkeiten auserkoren haben. Auch Mutter Carole und Bruder James beginnen hier den Weg zur Feier. Prinz William und Prinz Harry, der Trauzeuge, wählten einen Bentley aus dem königlichen Fuhrpark. Auch Prinz Charles und Camilla beginnen den Weg in Clarence House, dem offiziellen Wohnsitz der vier.
Das Timing der Hochzeitsgäste ist minutiös geplant. Gewöhnliche Geladene, darunter viele Mitarbeitende von Hilfswerken, müssen sich bereits zwischen 8.15 und 9.45 Uhr in der Abtei einfinden. Um 9.50 Uhr treffen Gouverneure und Premierminister aus dem Commonwealth sowie Diplomaten ein, etwas später 40 Angehörige ausländischer Königshäuser, aber keine anderen Staatsoberhäupter. Die Schweiz wird vertreten durch Anton Thalmann, Botschafter in London, früher Botschafter in Kanada, der damals im Nebenamt auch Uno-Verhandlungen über Kleinwaffen führte. Verhandlungen liegen den Thalmanns im Blut: Schon sein Vater Ernesto übernahm zahlreiche heikle Uno-Missionen. Als der Sohn vor einigen Jahren in Bern Vizestaatsskeretär des EDA war, sass er im gleichen Büro, in dem sich früher sein Vater um die internationalen Organisationen gekümmert hatte. Botschafter Thalmann hat dem Blick bekannt gegeben, dass er aus eigener Tasche einen «bescheidenen Beitrag an den Wohltätigkeits-Hochzeitsfonds leisten werde, den das königliche Brautpaar sehr professionell einrichten liess, um statt pompöser Geschenke lieber Geld für Charities ihrer Wahl zu bekommen.
Um 11 Uhr Ortszeit (bei uns ist es eine Stunde später) beginnt die Trauung. Eine Stunde später ist sie schon zu Ende, und aus Kate wurde Prinzessin Catherine. Um 12.15 Uhr fahren fünf königliche Kutschen von Westminster Abbey zum Buckingham Palace, geleitet von berittenen Eskorten. Prinz Williams Hochzeit gilt als Sicherheitsrisiko Nr. 1, es gilt höchste Alarmstufe bei sämtlichen Sicherheitsdiensten in Uniform und in Zivil.
Ein historischer «Fly Past»
650 Gäste dürfen sich nach der Trauung am Empfang der Queen im Buckingham-Palast an Canapés erlaben. Um 13.25 betreten das Brautpaar, die Queen und die wichtigsten Verwandten den Balkon, um sich den seit Diana obligaten öffentlichen Kuss zu applizieren. Fünf Minuten später, auf die Sekunde pünktlich wie immer bei Luftwaffen, überfliegen hintereinander zwei Formationen der Royal Air Force das Gelände: Einige moderne Flugzeuge in Box-Formation. Aber zuerst fliegt der «Battle of Britain Memorial Flight» herbei; Prinz William ist ihr Schutzherr: Ein Lancaster-Bomber, eine der berühmten Spitfire und eine Hurricane werden daran erinnern, dass einst solche Flugzeuge und die jungen Männer mehrer Nationen, die sie flogen, sich im Bombenhagel auf London den Flugzeugen von Nazi-Deutschland entgegenstellten und 1940 den Luftkrieg um England gewannen. Am Abend lädt Prinz Charles 300 Gäste im Buckingham Palace zu Dinner und Tanz.
Auch die Flitterwochen sind ein gut gehütetes Staatsgeheimnis. Nur eines ist sicher: Das Brautpaar wird nicht wie Williams Eltern mit der im Unterhalt sündhaft teuren königlichen Jacht verreisen. Und nachher haben die Neuvermählten anscheinend im Sinn, in Williams einsamem Cottage mit Meerblick am Ende eines Fahrwegs in Anglesey das Leben eines Garnison-Ehepaars zu führen: Er geht arbeiten, sie kocht das Abendessen. Oder so ähnlich. Dieses königliche Paar hat wohl eine reellere Chance, zusammenzubleiben als Williams Eltern: Die beiden kennen sich seit bald zehn Jahren. Sie haben sich bereits getrennt und wieder zueinander gefunden. Sie haben ähnliche Interessen und gemeinsame, gleichaltrige Freunde. Und dennoch erwartet sie ein Lebensweg, den Thomas Mann 1909 im Roman «Königliche Hoheit» samt dessen hübscher Verfilmung perfekt formulierte: «Hoheit und Liebe – ein strenges Glück.»