Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03408.jsonl.gz/63

Das ver-rückte Haus zur langen Weile
Die Philosophie, so wie der Philosoph Deleuze sie darlegt, ist von Anfang an mit dem Idiotismus verknüpft. Jeder Philosoph, der ein neues Idiom, eine neue Sprache, ein neues Denken hervorbringt, wird notwendig ein Idiot gewesen sein. Allein der Verrückte hat Zugang zum ganz Anderen. Sokrates, der nur weiss, dass er nicht weiss oder Descartes, der alles in Zweifel zieht „cogito ergo sum“, Heidegger, der das Denken denkt, ist das nicht ver-rückt?
Heute scheint der Typus des Aussenseiters, des Narren oder des Verrückten aus der Gesellschaft so gut wie verschwunden zu sein. Die digitale Totalvernetzung und Totalkommunikation erhöht den Konformitätszwang erheblich. Die Kommunikation erreicht dort ihre maximale Geschwindigkeit, wo das Gleiche auf das Gleiche reagiert. Die Widerständigkeit und Widerspenstigkeit der Andersartigkeit oder Fremdheit stört die glatte Kommunikation des Einvernehmlichen, der Gleichartigkeit, der Vereinheitlichung. Die Gewalt des Konsenses unterdrückt die Veränderung.
Angesichts des Konformitätszwangs stellt der Idiotismus eine Praxis der Freiheit dar. Der Narr ist seinem Wesen nach der Unverbundene, der Nichtvernetzte, der Nichtinformierte. Er bewohnt das Unvordenkliche und somit das Unsinnige.
Der Idiot kommuniziert mit dem Nicht-Kommunizierbaren, so hüllt er sich ins Schweigen. Der Idiotismus errichtet Freiräume des Schweigens, der Stille und der Einsamkeit, in denen es möglich ist, etwas zu sagen, das wirklich verdient, gesagt zu werden. Deleuze: „Die Schwierigkeit ist heute nicht mehr, dass wir unsere Meinung nicht frei äussern können, sondern Freiräume der Einsamkeit und des Schweigens zu schaffen, in denen wir etwas zu sagen finden“.