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Nun, die Antworten sind da. Ausreden kann ich nun nicht mehr bringen: Ich muss den Podcast machen. Und vielleicht ein neues Cover kreieren, da ein Löwe mit prächtiger Mähne wohl nicht mehr passt.
Für meine Premiere, die mehr ein Test sein soll, beschäftige ich mich mit den Höhlenlöwen. Ich konnte nun per E-Mail ein Interview mit Martina Pacher führen. Pacher ist Mitarbeiterin des Naturmuseums St. Gallen und beschäftigt sich mit der Pleistozän-Fauna und paläolithischen Tierresten, insbesondere von Grossraubtieren wie Höhlenbären und Höhlenlöwen.
Hier das ungekürzte und weitgehend unbearbeitete Interview mit Pacher. Ich danke ihr herzlich für die interessanten Antworten, die mir sehr geholfen haben.
Frau Pacher, wie muss man sich die Schweizer Voralpen während der Zeit der Höhlenlöwen vorstellen? Wie sah die Landschaft zum Beispiel im Bereich des heutigen Thunersees aus?
Zum Thunersee kann ich leider wenig sagen, da kenne ich mich in der Quartärgeologie zu wenig aus. Generell kann man aber sagen, dass sich auch während des Eiszeitalters wärmere und kühlere Phasen abwechselten. Manche Gebiete waren unter Eis bedeckt und andere zugänglich bzw. für manche Arten bewohnbar. Nach dem Rückzug der Gletscher entstanden dann die heutigen Tallandschaften mit Seen und Mooren als Reste der Eiszeit.
Die Tierwelt war damals ganz anders. Wenn ich nun an meinem Standort Thun eine Zeitmaschine aktivieren und ins Pleistozän zurückreisen könnte, welchen Tieren würde ich begegnen? Und wie lange würde ich überleben?
Im Eiszeitalter lebten natürlich je nach Landschaft verschiedene Tiere. In den Alpen war die Tiergemeinschaft sicher anders als in den Ebenen weiter im Nordosten und wieder anders als weiter im Süden. Mammuts oder Hyänen wird man im Hochgebirge nicht finden.
Für den alpinen Raum sind neben Höhlenbär Raubtiere wie Höhlenlöwe, Wolf, auch der Höhlenpanther, und Vielfrass nachgewiesen. Es ist anzunehmen, dass auch andere Arten wie kleinere Raubtiere, Vögel usw. vorkamen, doch ist bislang wenig an Funden vorhanden, die sicher (d.h. durch radiometrische Datierung der Funde) in das Eiszeitalter fallen. Ähnlich verhält es sich mit den grösseren Huftieren wie Steinbock oder Hirsch: Auch hier sind bisherige Funde, die datiert wurden, zumeist nacheiszeitlich.
Was das Überleben angeht, weiss ich gar nicht, ob die Raubtiere die erste Gefahr sind, wahrscheinlich würde man je nach Jahreszeit zuerst erfrieren oder verhungern, da wir wohl kaum in der Lage sind, mit den Mitteln der Steinzeitjäger zu überleben.
Wie sah der alpine Höhlenlöwe aus? Wie lebte und was jagte er?
Der Höhlenlöwe sah heutigen Löwen sehr ähnlich. Vor allem in der Höhlenmalerei kommen auch Löwen oft vor, und da erkannt man eindeutig die Ähnlichkeit. Auffällig ist, dass keine Tiere mit Mähne dargestellt werden, obwohl das eine oder andere Bruchstück der Eiszeitkunst männliche Löwen zeigt. Daher nimmt man an, dass auch Männchen kaum oder nur eine kleine Mähne besassen. Diese ist möglicherweise in der Höhlenkunst der Schwäbischen Alb durch xxx-Zeichen an der hinteren Seite des Kopfes angedeutet.
Da oft Gruppen dargestellt werden, nimmt man an, dass auch Höhlenlöwen im Rudel lebten, mit ähnlicher Sozialstruktur wie heutige Löwen. An Funden sind natürlich meist nur Reste einzelner Tiere vorhanden, dies sind vor allem Tiere, die in Höhlen gestorben sind oder sonst an Stellen zu Tode gekommen sind, wo die Kadaver rasch eingebettet wurden und so erhalten blieben.
An Beutetieren können wir von einem ähnlichen Spektrum ausgehen wie von heutigen Löwen, vor allem wenn man annimmt, dass auch pleistozäne Löwen im Rudel gejagt haben. Im alpinen Raum sind das dann grössere Huftiere und wahrscheinlich Höhlenbären, hier wohl eher Jungtiere bzw. auch Tiere, die den Winter in den Höhlen nicht überlegt haben. Bissspuren, die eindeutig Löwen zugewiesen werden können, sind aber selten, da Raubkatzen im Gegensatz zu Wölfen und Hyänen Knochen wenig bis gar nicht «benagen», sie ziehen Fleischstücke aus dem Kadaver, und da bleiben selten Spuren an den Knochen.
Lebten auch andere Grosskatzen in den Schweizer Alpen?
In den Schweizer Alpen lebten der Höhlenlöwe und auch der Höhlenpanther (Nachweise stammen etwa aus der Drachenloch- und der Wildkirchli-Höhle), Funde der kleineren Höhlenpanther sind jedoch generell sehr selten in den Alpen. Luchs und Wildkatze dürften dann Arten sein, die erst nach der Eiszeit im alpinen Raum vordrangen, aber auch da weiss man wenig, weil es eben relativ wenig Funde gibt.
Gab es Begegnungen zwischen Menschen und Höhlenlöwen in der Schweiz oder waren diese Tiere bereits ausgestorben, als die ersten Menschen das Gebiet besiedelten?
Menschen und Löwen sind sich sicher begegnet (siehe Darstellung in der Eiszeitkunst), und es gibt auch einzelne Beispiele von Löwenzähnen, die als Anhänger verwendet wurden (aus Frankreich, Deutschland).
Im Alpenraum kann man nur vermuten, dass Mensch und Löwe in der gleichen Gegend lebten. Inwieweit hier Jagd oder Konflikte stattfanden, lässt sich aber schwer sagen. Man kann davon ausgehen, dass Löwen wohl eher gefürchtet wurden und nicht zur Jagdbeute zählten.
Den Löwen bringt man heute stark mit dem afrikanischen Kontinent in Verbindung. Weiss man, wie lange es Löwen in Mitteleuropa gab? Waren das nur Höhlenlöwen oder auch moderne Löwen?
In Mitteleuropa gab es nur Höhlenlöwen, keine modernen Löwen. Sie sind erst nach dem letzten Vereisungshöhepunkt ausgestorben, also etwa vor 15’000 Jahren. Als Gründe kann wohl die veränderte Landschaft und das Verschwinden der eiszeitlichen Grossfauna angenommen werden. Mit einer Lücke von einigen Tausend Jahren sind dann zumindest im Balkan und Griechenland sowie der Türkei wieder Löwen nachgewiesen, diese sind jedoch moderne Löwen und keine Nachfahren der Höhlenlöwen.
Der Klimawandel lässt die Gletscher schmelzen. Erwarten sie in den nächsten Jahren vermehrt Knochenfunde aus der Urzeit in den Alpen? Wo würde man am ehesten auf solche stossen?
Nein, das erwarte ich eigentlich nicht, da Kadaver, die im Freien liegen auch im Alpenraum von Aasfressern gefressen werden und auch relativ rasch zersetzt werden. Auch sind im Alpenraum viele Bereiche immer wieder von Gletschern überprägt worden und da bleiben eben Reste nicht erhalten. Erhaltung wäre nur unter besonderen Bedingungen möglich und in Höhlen, die geschützte Bereiche darstellen, aber hier haben wir eben nur einen kleinen Teil des Artenspektrums erhalten – jene Höhlenbären, die den Winter nicht überlebten, Tiere, die Höhlen aktiv aufsuchten und dort zu Tode kamen und manchmal Beutereste von Tier oder Mensch.
Werden heutzutage eigentlich noch neue, grössere (Urzeit-)Arten entdeckt? Besteht die Möglichkeit, dass man zum Beispiel in den Alpen noch auf Knochen von Tieren stösst, die bislang gänzlich unbekannt waren?
Ich denke nicht, dass hier noch eine grössere Art verborgen ist, die man bislang nicht kannte. Aber Funde von bekannten Arten sind immer wieder zu erwarten – die verdanken wir vor allem der Höhlenforschung.
Was fasziniert Sie an der Arbeit mit ausgestorbenen Arten? Gibt es einen roten Faden, eine Kernfrage, die Sie seit Ihren Anfängen in der Paläozoologie besonders interessiert?
Mich fasziniert daran, dass man vermeintlich schon sehr viel über die Tierwelt des Eiszeitalters weiss und dann doch immer wieder auf neue Ansätze und Fragen stösst. Auch das Bild vom Eiszeitalter hat sich grundlegend gewandelt.
Besonders interessant finde ich, dass auch der eiszeitliche Lebensraum sehr vielfältig war und wir nicht von einer lebensfeindlichen Eiswüste ausgehen können. Vielmehr haben verschiedene Arten zu verschiedenen Zeitpunkten in einer Region gelebt, wobei durch Klimaänderungen manche Arten verschwanden und andere wieder vorkamen. Diese Dynamik und die Gründe dafür finde ich besonders interessant. Letztendlich auch die Frage, inwieweit der Mensch schon damals in dieses Ökosystem eingegriffen hat.
Bild: Wikimedia Commons