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Macht es einen Unterschied, ob ein Buch am Tag oder in der Nacht gelesen wird? Nachts, im Dunkeln, nur im gerichteten Schein der Lampe, könnte es eher passieren, dass die Gedanken anfangen, das Weite zu suchen und davon zu galoppieren beginnen. Ein Wort ergibt das andere, und immer mehr entsteht im Kopf der in das Buch vertieften Person eine Sammlung von Lemmata, Stichworten, Termini, Ausdrücken, Verweisen, die sich zu einem Zusammenhang, einem Universalarchiv formieren. Bitte weiterlesen, dann wird deutlich, was hier gemeint ist.
Von Aurel Schmidt
Als ich zu vorgerückter Stunde nach Hause kam, war ich noch hellwach, sank in den Lesesessel und nahm das Buch zur Hand, in dem ich seit Wochen sporadisch lese, jeweils nur kleine Auszüge, die ich zu einer Vorstellung, die ich mir vom Inhalt mache, Teil um Teil zusammensetze. EineTraum-Methode, die dem common reader, dem interessierten Leser, erlaubt, durch einen imaginären Kontinent aus Worten, Seiten, Texten zu navigieren.
Haben Berge eine geologische Geschichte? Hier: Das Weisshorn
bei Zermatt, gesehen vom Oberrothorn aus (Symbolbild).
Foto Copyright Aurel Schmidt
Das Buch war von Robert Macfarlane: "Berge im Kopf" (2003, deutsch 2021). Der Autor ist ein britischer Schriftsteller, der auf vielen Exkursion in allen Teilen der Welt Geologie aus eigener Beobachtungen betrieben hat, Berge als existenzielles Thema begreift und dazu auch noch ein wunderbarer, nach vielen Seiten offener, poetischer Erzähler ist.
Auf den allerersten Seiten befasst er sich mit Maurice Herzogs Besteigung 1950 der Annapurna. Herzog hatte den richtigen Augenblick, um aufzubrechen, um ein Weniges verpasst, aber wollte sich von seinem Vorhaben unter keinen Umständen abbringen lassen. Der Gipfel wurde mit Müh und Not erreicht, aber der Abstieg endete in einer unvorstellbaren Leidensgeschichte. Unterwegs froren Herzog die Finger ab, er merkte es nicht, arbeitete sich durch eine feindliche Eiswüste vor, von einer Macht getrieben, die schwer zu erklären ist. Es war etwas wie ein Kommando, dem er erfolgen musste. Mehr noch: wie eine Obsession, wie ein Befehl ohne Absender.
Wer einmal auf seinem Weg einen bestimmten Punkt überschritten hat, muss sein Vorgehen zu Ende führen. Ein Zurück gibt es nicht. Schon auf kleineren Touren kann diese Erfahrung gemacht werden. Ist erst einmal die Marschiermaschine in Bewegung gekommen, stampft sie allein los und Du – Du hast keine Wahl. Nur auf eines kommt es jetzt an: Nicht aufgeben! Durchhalten! Genau genommen ist ein ekstatischer Moment erreicht (von gr. "ex-stasis", soviel wie den Boden unter den Füsse, die Stabilität verlieren). Erst beim Abstieg stellt sich das Bewusstsein langsam wieder ein. Geschafft! Und die Finger sind wahrscheinlich noch alle da.
Maurice Herzog hatte die seinen verloren. Der Arzt Dr. Oudot, der im Basislager auf ihn und Herzogs Begleiter Louis Lachenal wartete, behandelte beide, so gut er konnte, aber die Finger waren nicht mehr zu retten; Lachenal erging es nicht besser. Die Erschöpfung hatte sich beiden nachhaltig in die Körper eingeschrieben; beide mussten mit Schlitten und Bahren zu Tal gebracht werden; der Monsun hatte eingesetzt. Herzog musste später sein Buch "Annapurna" diktieren; es selbst zu schreiben war unmöglich geworden.
Ein Gang durch das Buch – Permanente Veränderung der Erdoberfläche – Gestein als materialisierte Zeit verstanden – Wenn die Eiskappen an den Polen schmelzen – Warnungen der Glaziologen
Was Macfarlane in seinem Buch weiter unternimmt, ist der Versuch zu erklären, was Geologie mit Zeit zu tun hat. Was ich dagegen versuche, ist einen Durchlauf durch das Buch vorzunehmen, da und dort vom Weg abzuweichen und meine eigenen Überlegungen zu notieren.
Wer sich mit Geologie befasst wie Macfarlane, fängt an, die Welt in einem anderen Licht, einer anderen Dimension zu sehen. Stein ist materialisierte Zeit. Gewöhnlich glauben wir, dass Berge etwas seit jeher Unveränderliches sind und die Gestalt der Erdkruste, auf der wir leben, ein für alle Mal feststeht, so, wie sie ist. Das ist ein grosser Irrtum. Die sieben Kontinentalplatten fliessen wie Flosse auf flüssigem Gestein. Das sind Vorgänge, die nicht von Auge zu sehen sind, sondern sich nur gelegentlich bemerkbar machen, wenn die Platten beim Driften zusammenstossen. Dann bebt die Erde. Aber die Verschiebung der Kontinentalplatten erfolgt ohne Zuschauer.
Die Erdoberfläche ist in ständiger Veränderung, aber in winzigen episodischen Schritten: zum Beispiel bei Erdbeben und Überschwemmungen; Eis, Regen, Kälte, Hitze können den Stein brechen; ein Felsstück löst sich und stürzt den Abhang hinunter; ein Murgang verschüttet eine Strasse oder Bahnlinie; Gletscher haben Täler geformt. Aber es bedurfte Millionen von Jahren dazu. Im ostafrikanischen Grabenbruch (Riftvalley) öffnen sich neben den bereits erkennbaren Spuren im Gelände deutlich immer neue Spalten in der Erde, vertiefen sich und können im Verlauf von Hunderttausenden von Jahren dazu führen, dass ein Teil Ostafrikas vom afrikanischen Kontinent abbricht,und einen neuen sechsten Kontinent bildet.
Von den Dinosauriern ist nichts übriggeblieben ausser ein paar Knochenabdrücken, von denen es den Paläontologen mit bewundernswerter plastischer Intelligenz gelingt, den Körperbau zu rekonstruieren. Die Fauna, die den Erdball in grauen Vorzeiten bevölkerte, hat sich in fossile Energie verwandelt. Alles was besteht, ist im Fluss, manchmal massiv. Florida oder die Skyscraper auf Manhattan werden nicht ewig bestehen. Die Gletscher an den Polen, zum Beispiel der Thwaites-Gletscher in der Antarktis, schmelzen in Rekordgeschwindigkeit, der Wasserspiegel der Meere wird steigen und weltweit grosse Teile der Küstenlandschaften und des Festlandes überschwemmen: ein Szenario, vor dem die Glaziologen warnen – leider ohne gehört zu werden.
Kurzer Halt. Das war eine grosse Abschweifung, und Mitternacht längst vorüber. Ich sass jetzt mitten drin fest: im Buch, im Kopf, in fernen Gegenden und Zeiten, rege, gespannt, und musste einen neuen Einstieg in das Buch finden.
Thomas Burnet und der Beginn der Geologie – Willkürliche Vorstellungen – Von Burnet zu Johann Jacob Scheuchzer – Wissenschaft nicht hinter dem Ofen –Albrecht von Haller und sein Lehrgedicht "Die Alpen" – Schweizer Alpenbegeisterung im 18. Jh.
Macfarlane stellt im weiteren Verlauf seines Buches, über das ich hier eine kleine Rhapsodie verfassen will, die Überlegung an, ob es eine Genese von Bergen und Gebirgen gibt. Gibt es. Manches ist dazu anzumerken.
Er beruft sich dabei auf den britischen Theologen Thomas Burnet (1635-1715), der auf diese Frage in seiner "Telluris Theoria Sacra" "(lat. 1680, englisch "The Sacred Theory of the Earth", 1684) eingegangen ist. Ihm war aufgefallen, dass gewisse Beobachtungen, die er als "naturalist" anstellte, der Schöpfungsgeschichte widersprachen (mit dem Ausdruck naturalist wurden Menschen bezeichnet, die Naturstudien betrieben).
Er begriff, dass Berge ein Gegenstand des Wissens waren – oder sein können. Was die Menschen damals dachten, forschten, schrieben, musste mit der Bibel kompatibel sein, was bei den erworbenen Einsichten zu diversen Verrenkungen führte, einmal abgesehen davon, dass das Faktenwissen zu der Zeit kümmerlich war.
Was Burnet vorgearbeitet hatte, wurde von Johann Jacob Scheuchzer (1672-1733) fast zeitgleich aufgenommen. Er war um 1700 der grösste Naturgelehrte der Schweiz, aber umwälzende Erkenntnisse waren auch von ihm kaum zu erwarten. Etwas jedoch hatte er mit grosser Klarheit begriffen: dass niemand Wissenschaft betreiben konnte, der bleich hinter dem heimischen Ofen sass und alte Texte von Aristoteles, den Atomisten und anderen antiken Autoren kompilierte. Es war erforderlich, hinauszugehen und selbst an Ort und Stelle mit den eigenen Augen die Natur zu studieren. Für ihn war das die Motivation gewesen, jedes Jahr eine grössere Wanderung durch die Schweiz zu unternehmen – für die damalige Zeit etwas Unglaubliches. Was ihm unterwegs auffiel, hielt er in seinen Werken fest. So ist die Naturwissenschaft aus dem Zusammenspiel von A. direkter Anschauung und B. gedruckter narrativer Form hervorgegangen.
Zur selben Zeit, aber später geboren, lebte in Bern der Arzt, Botaniker, Dichter und Universalgelehrte Albrecht von Haller (1708-1777). Im Geist Scheuchzers beschloss er, ebenfalls selbst auf Reisen durch die Schweiz Natureindrücke zu sammeln. 1728 führte ihn der Weg über den Gemmi-Pass und am Ende der Exkursion nach Zürich, wo er bei Scheuchzer einen Besuch machte: ein schönes Beispiel für den Wissenstransfer zur damaligen Zeit.
Haller gewann unterwegs den Eindruck, dass die Alpen nicht nur schön, sondern für die Alpwirtschaft auch nützlich sind. Auch das hatte bis dahin niemand so angenommen. Besonders angetan hatte Haller das einfache, unverdorbene Leben der Menschen in den Alpen. In seinem Lehrgedicht "Die Alpen" fasste er seine Beobachtungen in schwärmerischen Versen zusammen und setzte damit eine Alpenbegeisterung in Gang, die in der Schweiz während des 18. Jahrhunderts anhielt. So lange, bis G.F.W. Hegel ihr 1796 ein abruptes Ende setzte. Er hatte das Haslital bereist, Massen formlosen Gesteins gesehen, Blasen an den Füssen bekommen, was nicht mit Herzogs Annapurna-Erlebnis vergleichbar ist, aber ihm Gelegenheit gab, sich einen Begriff vom "ewig wirkungslosen Rasen" und vom "Müssen" der Natur zu machen und dem Weltgeist als rettende Idee entschlossen entgegen zu sehen. Ende der Aufregung. Lieblichere Gegenden waren von nun an gefragt: Hügel, Felder, tiefer Horizont, Gärten, vielleicht unterwegs ein Wegkreuz...
Berge als ästhetisches Phänomen – S. T. Coleridge besteigt den Scafell – Macfarlane ist ein glänzender Erzähler, der als Wanderer weiss, worüber er schreibt – Aufruf zum Leben im Freien
Zwischenhalt. Neuorientierung. Aufbruch in tiefer Nacht zu einer neuen Runde durch das Buch. Macfarlane kommt in seinem Werk, das in diverse überblickbare thematische Einheiten gegliedert ist, neben vielen anderen Themen auch auf den englischen Kunsthistoriker John Ruskin zu sprechen. Die vier Bände von dessen Werk "Modern Painters" eröffnen eine völlig neue Perspektive: Berge rücken zu einem ästhetischen Phänomen auf. Von ihnen sagte der englische Kunsthistoriker, sie stellten für ihn "Anfang und das Ende aller Naturlandschaften" dar. Soll heissen: Sie bildeten für ihn den kritischen Masstab, um die Schönheit einer Landschaft zu sondieren.
Nicht so hoch wie die Alpen in der Schweiz sind die Berge in England. Im weiteren Verlauf seiner Studie wendet Macfarlane sich der Besteigung des Scafell im Lake District durch Samuel Taylor Coleridge im Jahr 1801 zu. Der Berg ist nur 973 Meter hoch, aber äusserst schwierig und extrem gefährlich. Coleridge, einer der Grossen unter den Dichtern der englischen Romantik, war etwas unbekümmert aufgestiegen. Beim Abstieg sass er auf einmal auf einem Felsband fest, wusste nicht weiter, geriet in Trance, aber konnte sich durch das Genie seiner logischen Denkfähigkeit schliesslich retten. In Wirklichkeit war ihm nur Riesenglück beschieden. Er entdeckte einen nahen Kamin, durch den er den Abstieg glücklich fortsetzen konnte. Das war sein ekstatischer Moment gewesen, aber nichts im Vergleich zu Herzogs Abstieg von der Annapurna.
Die Exkursion ist in einem langen Brief Coleridges an seine Geliebte Sara Hutchinson überliefert, einem grandiosen,exzentrischen, halluzinierenden literarischen Dokument seiner Selbstvergewisserung. Am besten, man verfolgt die Tour auf Youtube. Die kritische Stelle heisst Fat Man's Peril wegen eines engen Couloirs im zerklüfteten Gelände. Coleridge ist im deutschen Sprachraum kaum bekannt. Um so besser, dass Florian Bissig im vergangenen Herbst zwei Bücher über ihn, eine Biographie und die Übersetzung einiger Gedichte, bei Dörlemann veröffentlicht hat. Sie sollen einen ersten Schritt zu einer breiteren Bekanntheit dieser ausserordentlichen Persönlichkeit leisten.
Macfarlanes Buch kann an jeder beliebigen Stelle aufgeschlagen werden, jedes Mal ist man sofort hineingezogen in das Beschriebene. Zu tun hat das damit, dass Macfarlane viel weiss, ein grossartiger Erzähler ist, aber daneben auch ein grosser Wanderer ist, ein "hiker", der weiss, wovon er spricht, wenn er schreibt. Alle übrigen Teilnehmer aus dem Buch, die in diesem Beitrag vorkommen, haben selbst ebenfalls grössere und sehr grosse Touren unternommen: Herzog, Scheuchzer, Haller, Coleridge, Ruskin. Sie haben sich hinaus begeben, ins Freie, in die Natur, und den Platz hinter dem Ofen beziehungsweise heute vor dem Display des Computers oder Handys verlassen, wo nur die Diskurs-Schlaufen die Userschaft hindert, den Kopf aufzumachen.Wer nicht alles aufbietet, um soviel Lebenszeit wie möglich draussen zu verbringen, im Freien, in Wald und Gebirge, bei Sonne, Regen, Sturm und Schnee, wo Fuss- und Bergwege hin- und entlangführen, der verpasst etwas Essentielles: das eigene Leben. Es tut gut, so ausgiebig wie möglich draussen zu sein,outdoor, "weil Land und Wandern lebensnotwendig sind, um sich und die Welt zu begreifen": so Macfarlane in einem seiner früheren Bücher den "Alten Wegen".
Das Ende unseres nächtlichen Spaziergangs mit Robert Macfarlane durch Bücher und Bergwelten, die sich als kleines universales Archiv herausgestellt haben, ist gekommen. Unterdessen ist es auch zwei Uhr morgens geworden. Schluss für heute. Gute Nacht. Doch verlassen wird das Thema uns nicht, solange es so viele profunde und mitreissende Geschichten über Berge zu erzählen gibt wie in Macfarlanes Buch.
7. März 2023