Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03613.jsonl.gz/2038

Zunftlokal
Das Zunftleben spielte sich seit 1896 in den verschiedensten Wirtschaften der ehemaligen Gemeinde Riesbach ab. Immer wieder musste eine neue Bleibe gesucht werden, bis schliesslich im Frühling 1984 ein langgehegter Wunsch in Erfüllung ging: Die Liegenschaften an den Unteren und Oberen Zäunen mit der Wirtschaft „Zum Grünen Glas“ konnten erworben und der Zunft als Zunfthaus und ständiges Heim zur Verfügung gestellt werden. Die Liegenschaften gehören der Genossenschaft Zunfthaus Riesbach, an welcher jeder Zünfter beteiligt ist. So konnte die Zunft nach langer Odyssee am 3. April 1987 im eigenen Haus ihr hundertjähriges Bestehen feiern.
Das Restaurant und Zunfthaus „Zum Grünen Glas“ ist in den Liegenschaften Untere Zäune 15 und Obere Zäune 16 in der Altstadt von Zürich beheimatet. Die beiden Liegenschaften sind erstmals 1310 urkundlich erfasst und hiessen damals „Schwarze Leiter“ und „Blauer Stern“. Erst 1684 wird der Name „Grünes Glas“ erwähnt.
Ab 1845 ist eine Wirtschaft „Zum Grünen Glas“ in der Liegenschaft Untere Zäune 15 nachweisbar. Der erste Wirt hiess Johann Gottfried Ludwig und war in Deutschland als Revoluzzer bekannt. Er liess hinter dem Haus an der Oberen Zäune einen Fechtsaal bauen und unterrichtete die Studenten der nahen Universität in dieser Kunst. Einer der Studenten, ein gewisser Wilhelm C. Röntgen, soll aber in erster Linie an einer der Töchter Ludwigs, nämlich an Anna Bertha, interessiert gewesen sein. Diese hatte - so sagt es die Legende - sogar dem bekannten Morgenmuffel Gottfried Keller jeweils ein Lächeln entlocken können. Röntgen und Anna Bertha heirateten 1872 in Utrecht, Holland. Röntgen sollte am Ende des 19. Jahrhunderts mit den nach ihm benannten Strahlen Weltruhm erlangen und 1901 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet werden.
In der zweiten Hälfte des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war das Restaurant „Zum Grünen Glas“ ein beliebter Treffpunkt für Schauspieler, Gelehrte, Richter, Dichter, Künstler und Intellektuelle aller Art. Die Lage in unmittelbarer Nähe von Universität, Konservatorium, Zürcher Obergericht, Kunst- und Schauspielhaus, verschiedenen kleinen Theatern und Bühnen, Gymnasien und Kantonsschulen war - und ist - sicher ein Grund für dessen Beliebtheit.
1954 wurde die ganze Häuserzeile an der Unteren Zäune abgebrochen. 1955 bis 1957 entstanden die heutigen Bauten. 1977 kaufte die Zunft Riesbach beide Liegenschaften, die heute zum „Grünen Glas“ gehören. 1983 wurde die Liegenschaft Obere Zäune 16 mit dem Zunftsaal, der Zunftmeisterstube, dem schönen Altstadtgarten sowie dem ganzen Untergeschoss mit Küche, Kühl- und Lagerräumen renoviert und erweitert. 1992 wurde das Restaurant in eine französische Brasserie umgestaltet. Seither hat sich der „Grüne Scherben“, wie er früher im Volksmund hiess, wieder zu einer vitalen Gaststätte und einem echten Quartiertreff entwickelt.