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Franz Wenzel - Die Jahre in Spanien (1996-1999)
Einleitung
Franz Wenzels Weg durch das ländliche Südfrankreich, nicht nur bis er in Spanien ankommt, sondern darüber hinaus bis er jenen ominösen Magier und Medizinmann Iokter Sandel trifft, bis er sich mit der Frühlingskönigin Anna de Leon in Toboso, welches ihm als unwirklicher Frühlingstraum in Erinnerung bleiben soll, verheiratet, seine Aufzeichnungen verfasst und schliesslich einsam stirbt, dieser Weg soll also im Folgenden aufgrund einer durchaus mangelhaften Faktenlage rekonstruiert werden. Es existieren, vor allem von der Reise nach Spanien, nur ein paar (lächerliche) Notizen, die jedenfalls nicht aus Wenzels Angestelltenzeit in Tengor stammen können. Die Sprache, aber auch die entfremdete Thematik der verstreuten Zeilen reden Zeugnis von einer unruhigen, wenngleich auch aufregenden Zeit.
Die Zeit nach Wenzels Reise, seine Jahre in Spanien, sind dann allerdings weit besser dokumentiert, da die Aufzeichnungen von seiner Frau Doña Anna Wenzel-de Leon nach seinem Tod fein säuberlich zusammengestellt und aufbewahrt worden sind. Zwar hat auch sie sich über Einzelheiten aus Wenzels Leben ausgeschwiegen, trotzdem ergeben die Fakten ein, wenn auch nach wie vor lückenhaftes, doch wesentlich besser fundiertes und deshalb weit weniger spekulatives Bild.
Es soll weiter gezeigt werden, wie sich der Weg des Franz Wenzel in Spanien verliert, so weit verliert, bis er schliesslich auf einem kleinen Friedhof an der steilen Atlantikküste Galiciens vor einem Grabstein endet, auf dem Don Francisco Wences zu lesen ist: ein Name und sonst nichts. Keine Jahreszahlen deuten auf ein gelebtes Leben hin, kein Epitaph gibt einem weitgehend im Dunkeln liegenden Leben nachträglichen Sinn. Wir stehen vor dem Grab, jetzt, Jahre später, der Blick schweift in die Ferne und wir stellen uns vor, was es für Wenzels Leben hätte bedeuten können, wenn man in den brüchigen Stein eingemeisselt hätte: «Von Erschöpfung und Verzweiflung gebeugt, einer Hellsichtigkeit müde, die ihm nicht mehr als noch eine Rückkehr und noch einen Sturz gebracht hatte.» [JC346] Wir stellen uns vor, wir hätten an Wenzels Grab seine alternde Witwe getroffen, alt wäre sie geworden, doch noch immer wäre sie schön gewesen, schöner noch, als wir uns Anna als Mädchen je hätten vorstellen können. Sie hätte uns, mit Tränen in den Augen, den Grabspruch im verwitterten Stein vorgelesen: «Erholung ist nur ein Euphemismus für Niederlage und der Traum nur eben eine Maske für ein Nichts, das aus jeder Pore des Lebens spricht.» [JC307] oder, zweistimmig: «Wer ist dieser Hurensohn, der von Lorbeeren spricht, die wir gewonnen hätten? Wir, wir hätten Lorbeeren gewonnen? Aber ist es denn möglich, dass wir solche Schurken sind?» [JC 4xx] Doch ich will nicht vorgreifen und deshalb bei der Chronologie bleiben.
Die Reise nach Spanien (1996)
Wie gesagt wissen wir nicht viel über Wenzels Reise nach Spanien. Er muss in Frankreich verschiedentlich Halt gemacht haben, muss in verschiedenen Hotels und Gasthäusern abgestiegen sein. Wahrscheinlich hat er auch verschiedene Bordelle aufgesucht. Nach Aussage seiner Witwe, die eine Frankreichkarte Wenzels zur Hand gehabt haben will, hatte ihr Mann auf eben dieser Karte einen Zickzackkurs durch Frankreich markiert, der nebst seiner Route mit grünen Punkten die Hotelübernachtungen, mit roten Kreuzen die Bordellbesuche verzeichnete. Dass Wenzel diese Reise gebraucht hat, um im wahrsten Sinn des Wortes Abstand zu gewinnen, dass er auch an sich selbst, der alles aufgegeben hatte, zu zweifeln begann und schliesslich sogar, in einer vorher so nicht gekannten, depressiven Veranlagung, Spanien als einzigen Ausweg und damit als sein Ziel ins Auge fasste, zeigt uns folgende Notiz: «der rabe singt, die hure schreit, / dass die welt apeinanderkeit.» [FWN, B2415] Dass solche Notizen von einer tiefen Melancholie sprechen, liegt auf der Hand. Eine andere Eigenheit solch Wenzelscher Alltagsbewältigung liegt hingegen mehr im Verborgenen: Aufgrund eines Vergleichs verschiedenster Textstellen in den Notizen Franz Wenzels tritt ausnahmslos deutlich zutage, wie wenig Wenzel, gerade in dieser Phase seines Lebens, fähig war, Erlebnisse und Gedanken wirklich zu verarbeiten. Der Vergleich hat überaus deutlich gezeigt, dass Wenzel, wenn er rabe schreibt, auch rabe meint, dass er mit hure wirklichen Bezug auf eine hure, wahrscheinlich auf die am selben Nachmittag besuchte, nimmt. Dieser interpretatorische Kurzschluss erlaubt es uns im Folgenden, einige seiner Notizen gewissermassen für bare Münze zu nehmen, und sie in das lückenhafte Puzzle seiner Biografie einzupassen.
Bei allem detektivischen Scharfsinn wissen wir nicht mehr über Wenzels Reise und treffen ihn erst in Barcelona wieder an. Es ist Frühling, in den Pärken stehen die Blüten der Bäume wie ein unwirklicher Schmuck in den noch kahlen Ästen. Der Mann, der uns Franz Wenzel in Spanien zurückgibt, ist kein geringerer als Iokter Sandel, der mediokere Mediziner, der megalomanische Magier, der stets über die Einfalt seiner Haushälterin lachte, der sich stets einen Spass daraus machte, morgens den Barbier, mindestens verbal, in die Knie zu zwingen. Sandel nannte sich unter anderem einen Erfinder, der mit seinem, von ihm salopp präserwattierte Schwanztasche genannten, kondomartigen Penisüberzug durchschlagende Erfolge in der Empfängnisverhütung, nicht nur auf der iberischen Halbinsel, zu erzielen hoffte, und der zeitlebens an seinem grössten Projekt, einer universell einsetzbaren Maschine für seine medizinischen Dienste, arbeitete. Sandel war ein grosser Lebemann - sein Übername der Zitzenprinz legt Zeugnis ab davon - der sich selber auch gerne Dichter und Denker nannte. Welch ungewohnt hellsichtige Selbsteinschätzung ihn allerdings in die Arme der Paniberischen Eklektiker getrieben hat, muss im Dunkeln bleiben. Doch immerhin ist es auf der Gründungsveranstaltung der Paniberischen Zentrale für literarischen Eklektizismus, als Wenzel an der Seite von Iokter Sandel wieder auftaucht. Ihre Unterschriften in den Gründungsakten zeugen von ihrer Anwesenheit.
Die Weiterreise nach Toboso (1996/1997)
Jetzt wo wir Franz Wenzel also wieder gefunden haben, wollen wir schnell weiterschreiten und mit zwei drei Abschweifungen Toboso erreichen, wo wir ihn heiraten sehen werden.
So ruhelos wie Wenzel in Spanien angekommen war, so ruhelos hastete er nach ein paar Monaten, als der Sommer heiss über Spanien hereingebrochen war, weiter, liess Sandel zurück, dessen rhythmische Magien ihn noch lange verfolgten, liess verschiedene erfolglose Dichter zurück, die geglaubt hatten, in ihm einen Freund gefunden zu haben und liess auch das gebrochene Herz eines gewissen Mathias Gali zurück, eines jungen Journalisten mit lyrischen Ambitionen, den wir später tot an der balearischen Küste wiederfinden werden.
Wenzel wandte sich, als hätte er es als Ziel vor Augen gehabt, von Barcelona aus auf dem direkten Weg nach Roncesvalles, vielleicht, wir wissen es nicht, weil dort der stämmige Bernardo del Carpio den bezauberten Roland umgebracht hatte, vielleicht, wer weiss, hat ihn der Zufall dahin geführt. Jedenfalls stieg er im Gasthaus Ruy Diaz ab und blieb vier fünf Wochen dort, verbrachte die meiste Zeit auf seinem Zimmer oder an einem kleinen Tisch vor dem Haus, den ihm der Patron stets freihielt. Er schrieb in Roncesvalles ein kleines blaues Heft voll, das ihm Diaz überlassen hatte. Er schrieb zuerst: «pas d'idée / pas d'identité.» Dann: «dit pas: pas d'idée / dit pas: pas d'identité.» [B2405] Aus diesen Zitaten sehen wir, dass Wenzel sich, fernab der Heimat, fernab auch von Barcelona, nun endlich zu beruhigen beginnt und langsam wieder zu sich selbst findet, eine wichtige Entwicklung, wenn wir bedenken, dass er in nur neun Monaten Doña Anna de Leon heiraten wird. Weiter begann Wenzel Aussagen einzelner, fiktiver oder realer, Personen in sein Heft zu notieren. Er schrieb: «was? es isst nicht sprache? ja, aber was isst es dann?» [B2402] Oder: «mein gott, wie dieser brello das alfabet beherrscht, glauben sie mir, der sagt diese 26 buchstaben in einem tempo, dass einem schwindlig wird.» [B2409] Immerhin hat sich jetzt sein unruhiger Geist soweit beruhigt, dass er auch wieder an anderes, als nur an die eigene Person und die eigenen Probleme denken kann. In Roncesvalles war es auch, wo er sich einige deutschsprachige Bücher besorgen konnte und sich dann tagelang in sein Zimmer zurückzog, um sie zu lesen. In der wahrhaftigen Angst seinem Gast könnte das Hirn ausgetrocknet sein und er könnte dadurch den Verstand verloren haben, klopfte der Wirt mehr als einmal, nachdem er Wenzel während Tagen nicht gesehen hatte, an seine Tür. Das Krankheitsbild eines austrocknenden Hirns ist gerade in dieser Gegend von Spanien noch immer Grund zu ernsthafter Besorgnis. Als aber Wenzel bei seiner Abreise kein Pferd verlangte und auch nie den Namen des Amadis von Gallia erwähnte, liess ihn der Wirt schliesslich beruhigt ziehen.
Nach einigen Irrfahrten, die Wenzel durch verschiedene Landesteile führten, kam er schliesslich in Saragossa an und machte dort für den Herbst Station. Er suchte sich ein angenehmes Gasthaus und hatte sich, noch bevor er sein Gepäck verstaut hatte, in die schöne Doña Casildea verliebt, die ihm einen angenehmen Hochsommer und einen angenehmeren Herbst bereitete, vor der er letzten Endes aber doch fliehen musste, eine ganze Meute aufgebrachter Spanier hinter sich, die ihn mit ihrem Geschrei ausdauernd und lautstark und durchaus rüpelhaft darauf aufmerksam machten, er hätte der überaus schönen Doña Casildea die Ehe versprochen und wenn er ein Mann sei, halte er sein Versprechen. Franz Wenzel kann von Glück sagen, dass er schneller auf den Beinen war, als die spanischen Verwanden der lieblichen Casildea. An jenem goldenen Oktobertage aber trug Franz Wenzel, ohne es zu wissen freilich, bereits die Gewissheit in seinem Herzen, dass in Toboso eine Bessere auf ihn warte. Wir werden sehen.
Wenzel schrieb am Tage nach seiner Ankunft in Saragossa: «Ich nenne sie unvergleichlich, denn sie findet keine sich ähnlich, sowohl was die Grösse des Körpers als ihren sehr hohen Stand wie ihre Schönheit betrifft.» [S581] Wie schnell Wenzel dieses flehentliche Bekenntnis widerrufen, beziehungsweise auf eine andere übertragen würde, das wusste er in jenem Sommer, als er in Saragossa ankam, noch nicht. Er verbrachte viel Zeit in den Gassen der Stadt und wanderte jeweils an Sonntagen durch die Tore der Stadt hinaus in die freie Natur, wo er seinen Gedanken befreit ihren Lauf liess und wo auch langsam der Wunsch gereift sei muss, weiterzuziehen und seine Doña Casildea, trotz ihrer wunderbaren Anlagen, zu verlassen. Mit den heraufziehenden Herbsttagen wurde Wenzel auch, wie wir seinen Notizen entnehmen können, von immer häufigeren und heftigeren Träumen heimgesucht. Kaum schloss er die Augen, so scheint es, gaukelte der Schlaf ihm immer neue und verwirrendere Traumbilder vor, mit denen er zuerst nicht viel anzufangen wusste, die ihm dann aber, in den letzten Oktobertagen, den Weg aus Saragossa wiesen und ihn in einer weiteren Irrfahrt zunächst gen Valladolid und schliesslich nach Toboso führten. Franz Wenzel schrieb: «Ich träumte, dass ich, bewaffnet mit einer langen Lanze und auf einem klapprigen Gaul sitzend, gegen die Spiegel anrannte, die mir einen gegen mich selber anstürmenden Reiter verhiessen, den aus dem Sattel zu heben ich meinem Pferd immer schärfer die Sporen gab. Ich wusste, dass ich gegen einen Spiegel anritt und war trotzdem nicht auf den ungehindert wuchtigen Zusammenprall gefasst, der mich aus dem Sattel warf. Ich überlegte noch, als ich schon wach im Bett lag, ob ich nun tot oder lebendig sei.» [vergl. S589] Wie Wenzel seine Träume deutete und wie sie die Übermacht über seine Liebe zu Doña Casildea gewinnen konnten, wissen wir nicht. Anfang Oktober jedoch begannen seine Pläne langsam Gestalt anzunehmen und er sprach ein erstes mal mit seiner Geliebten darüber. Diese wollte ihn selbstverständlich nicht ziehen lassen, sah aber bald ein, dass es keinen Sinn hatte, ihren irrenden Ritter, wie sie ihn nannte, zurückzubehalten, zumal er ihr versprochen hatte, eines Tages wieder nach Saragossa zurückzukehren. Es gehört zwar ins Reich der Spekulation, doch scheint es gewiss, dass Wenzel nie an dergleichen gedacht hatte. Im Gegenteil schrieb er, dass er sofort abreisen wolle, denn «der Boden brennt hier unter meinen Füssen, im Zögern liegt die Gefahr» [S432]. Drei Wochen nach dieser Notiz, und ohne Abschied von Doña Casildea zu nehmen, reiste er ab: nicht unbemerkt von der Verwandtschaft seiner Geliebten, die ihn zu noch überstürzterer Abreise drängte, als er sie geplant hatte. Wir haben davon gehört.
Wenzel traf Ende November in Valladolid ein, stieg ab im Gasthaus des Don Edoardo Malambruno und liess in den Wochen bis Weihnachten nichts von sich hören. Auch in seinen Notizen finden sich keine Eintragungen aus dieser Zeit. Gesichert ist einzig der Umstand, dass er entgegen seinen Gewohnheiten zu Weihnachten eine Messe besuchte und bereits nach Epifania weiterreiste. Er machte Station in Belerma de la Mancha, im Kaff Durandarte und traf Ende Januar in Toboso ein.
Obwohl nun seit dem Eintreffen Franz Wenzels in Toboso seine Geschichte aufgrund der Auskünfte seiner späteren Ehegattin Doña Anna de Leon, beinahe lückenlos bekannt ist, wollen wir uns an zwei drei Fixpunkten orientieren und die Geschichte zu einem Ende bringen, indem wir die Ausformulierung und die letzten Recherchen seinen Biografen überlassen.
Aufenthalt und Heirat in Toboso (1997/1998)
Wie bereits früher erwähnt, lernte Wenzel seine zukünftige Braut, mit der ihn keineswegs eine sogenannte Liebe-auf-den-ersten-Blick, jene im Augenblick feurig entzündete Leidenschaft, wie sie ihn mit Doña Casildea verbunden hatte, verband, im Zusammenhang mit der Selbsthilfevereinigung alleinstehender Junggesellen in Spanien kennen. Der Zusammenhang ist denkbar einfach: Doña Anna war und ist die Tochter des Ehrenvorsitzenden der CELES, Don Gabriel Ponce de Leon. An gesellschaftlichen Anlässen trafen sich die späteren Eheleute und kamen sich langsam näher. Don Francisco Wences, wie ihn Doña Anna mit verfälschendem Zungenschlag lieblich nannte, verliebte sich vollends, und gewissermassen auf Gedeih und Verderben, als Doña Anna Ende März auf der Jahresversammlung der CELES von anwesenden zweihundertvierundzwanzig Junggesellen einstimmig (!) zur Frühlingskönigin gewählt wurde. Mit einem duftichten Blumenkranz geschmückt, in einem leichten, blumigen Frühlingskleid, erschien Doña Anna dem verliebten Wenzel wie eine Fee.
In den ersten Tagen des jungen Glücks begann Franz Wenzel, beflügelt von der wachsenden Liebe, mit seinen Aufzeichnungen, jenen Heften, die Doña Anna nach seinem Tod so vorbildlich geordnet hat, und die uns einen einigermassen erhellenden Blick auf sein Leben und vor allem auf sein nie ruhendes Denken ermöglichen. Wie bereits verschiedentlich bemerkt, verbrachte das Paar ihre Flitterwochen auf dem gut Cannyamel an der balearischen Küste, wo, wie ebenfalls früher angedeutet, der Journalist Mathias Gali aus Barcelona ums Leben kam. Inwieweit dieser Tod im Zusammenhang mit dem Aufenthalt des Ehepaars Wenzel-de Leon am selben Ort steht, ist nie geklärt worden. Spekulationen gehen allerdings deutlich in folgende Richtung: Franz Wenzel hatte den jungen Journalisten in Barcelona bei den Eklektikern kennengelernt und sich sofort mit ihm befreundet. Offenbar hatte Gali diese Freundschaft aber missverstanden und in Wenzel nicht nur einen Weggefährten gesehen, sondern den erträumten Geliebten. Mit Wenzel hatte Gali dieses Thema (laut seinen Freunden) freilich nicht berührt. Als nun Wenzel verheiratet war, Gali muss über eine Agenturmeldung davon erfahren haben (Mitglied der CELES heiratet Tochter des Ehrenvorsitzenden!), versuchte Gali Wenzel ausfindig zu machen und muss ihn schliesslich in Cannyamel gefunden haben. Augenzeugen berichteten später, die beiden Männer hätten sich wiederholt auf den Klippen getroffen. Doña Anna ihrerseits versicherte glaubhaft, von diesen Zusammentreffen nichts gewusst zu haben. Die Freunde Galis sind offenbar bis heute davon überzeugt, dass Wenzel Gali im Streit über die Klippen hinuntergestossen haben muss, da dem Jungvermählten die Liebe eines Mannes zuviel geworden sei und er seine Ehe bedroht gesehen habe, falls Doña Anna von Gali erfahren hätte. Eine gewisse leidenschaftliche Aufdringlichkeit gestehen sogar Galis Freunde dem Toten zu. Wenzel selber vertrat stets die Ansicht, das Mathias Gali sich selber über die Klippen hinuntergestürzt habe: Selbstmord aus Gründen unerwiderter Liebe also. Ausserdem schien die Tatsache, dass sich der Tod eine ganze Woche nach der Abreise des Ehepaars zutrug, stets Wenzels Unschuld zu bestätigen, obwohl die Polizei seine Rückkehr nach Cannyamel zur Ermordung des aufdringlichen Journalisten genaustens recherchiert und für möglich befunden hatte. Wieso allerdings Mathias Gali eine Woche noch am Ort der nachmaligen Tat hätte verbringen sollen, wenn er doch, wie seine Freunde zu Protokoll gaben, nur wegen Wenzel überhaupt dahin gereist war, bleibt weiterhin unklar. Aufgrund mangelnder Beweislage konnte die Justiz Wenzel in diesem Fall also nichts anhaben.
Die letzte Reise (1999)
Das Ende von Wenzels Leben ist nun schnell zusammengetragen. Knappe zwei Jahre lebten Franz Wenzel und seine Doña Anna glücklich in Toboso, bis Wenzel eines Tages seine Lust auf Veränderung äusserte und ankündigte, er werde eine Reise machen. Doña Anna lehnte sich gegen diesen Plan keineswegs auf, doch beschloss sie für sich, als die selbständige Frau die sie war, nicht mit Wenzel mitzufahren. So reiste Wenzel kurz nach seinem 39. Geburtstag ab. Er sollte nicht wieder zurückkehren.
Von jedem Ort aus, wo er Station machte, schrieb er lange Briefe an Doña Anna und versicherte sie seiner Liebe. Er hinterliess ihr jedoch nie eine Adresse, an die sie hätte zurückschreiben können, und wenn sie versuchte ihn in den entsprechenden Hotels und Gasthäusern, deren Briefpapier er gelegentlich benützt hatte, telefonisch zu erreichen, war er immer, ohne eine neue Adresse zu hinterlassen, bereits abgereist. Seine Briefe an seine Doña Anna zeichnen, wie einst die gepunktete Landkarte Frankreichs, das Bild seiner Irrfahrten bis nach Galicien, wo Franz Wenzel noch vor seinem 40. Geburtstag den Tod fand. Wie er an der galicischen Küste, angesichts der unendlichen Weite des Meeres zu Tode kam, kann niemand sagen.
Franz Wenzel war eines Morgens einfach tot und seine Geschichte war aus.
Seine Witwe traf ein, sogar Iokter Sandel kam zum Begräbnis, doch konnte niemand zur Aufklärung seines Todes beitragen. Die letzten Notizen aus seinen Aufzeichnungen sind die folgenden: «Dunkel ist das O / freundlicher das A.» [B2442], «Die versprochenen Paradiese.» [B2442], und sein allerletzter, fast geschwätziger Eintrag: «Sein Leben lang hatte er, ein Greis mit neununddreissig, versucht, einen ernsthaften, einen wichtigen Roman zu schreiben und war trotz vielfacher, entbehrungsreicher Anstrengungen immer wieder gescheitert. Jetzt, als er sich aufgegeben hatte, platzte der Roman als bittere Satire plötzlich unfassbar aus ihm heraus. Seine Bösartigkeit machte nicht halt vor den vielen Schauplätzen, die er in einer lauten Sprache, samt den sie bevölkernden Statisten grotesk überzeichnete, sie machte auch nicht halt vor seiner Angebeteten, eigentlich seiner geliebten Braut, die er als das lächerlichste Frauenzimmer der gesamten Literaturgeschichte darstellte und schliesslich auch nicht vor ihm selber, einem unbeschreiblich lachhaften Einfaltspinsel.»
Soviel also zu Franz Wenzels Leben. Über weite Strecken liegt seine Biografie nach wie vor im Dunkeln. Vieles kann, nicht ohne Spekulation, aus seinen Notizen noch ans Tageslicht gebracht werden. Das meiste wird jedoch immer geheimnisvoll hinter dem dunklen Schleier verborgen bleiben. Ob dann das wenige an Texten das uns Franz Wenzel hinterlassen hat an die Stelle der Realität einer Biografie treten kann, bleibt zur Beurteilung den Leserinnen und Lesern überlassen.
Doch bleibt zu bedenken, dass, nur weil die Fiktion es zuliesse lückenlos zu erzählen, die Realität längst nicht den gleichen Ansprüchen genügen muss (und kann). Im Gegenteil lassen uns die Lücken einer Erzählung - und gehe es darin auch um das wirkliche Leben einer wirklichen Person - Raum für eigene Erzählungen, welche wir mit unserer eigenen Biografie prägen und die wir damit letztlich zu unserer eigenen Erzählung machen.
Die Jahre in Tengor (1986-1995)
Die Jahre in Spanien (1996-1999)
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