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Freilich kalauert der Titel dieses Artikels jenen einer Erzählung des großen österreichischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Peter Handke: ‹Die Angst des Tormanns beim Elfmeter›. Zumindest die Absicht des Kalauers geht jedoch über die mäßige Lustigkeit des Wortspiels hinaus, denn zwischen der wirklichen oder vermeintlichen Angst des Tormanns und jener des Übersetzers gibt es durchaus Analogien — gerade auch was den Elfmeter angeht.
Eine erste Parallele liegt darin, dass sich wohl die meisten Leserinnen und Leser bei beiden Titeln fragen werden: «Wovor sollte der denn Angst haben?» — Die Verletzungsgefahr für den Torhüter ist beim Strafstoß deutlich geringer als in einer Spielsituation, in der sich hitzige Stürmer und rüde Verteidiger im Strafraum rangeln und nicht selten mit ihren mit Stollen bestückten Schuhen vor seinem Gesicht auf den Ball treten. Auch die Angst vor dem Versagen wäre gerade beim Elfmeter gänzlich unberechtigt. Laut einer Angabe der FIFA ist in 80% der Strafstöße der Schütze erfolgreich; in 10% der Fälle verfehlt er das Tor und nur in 10% der getretenen Elfmeter gelingt es dem Torhüter, den Ball abzuwehren. — Die Angaben der FIFA sind viel detaillierter, als ich sie hier wiedergebe: Offenbar gibt es geringfügige Unterschiede zwischen den eigentlichen Strafstößen während der regulären Spielzeit und dem Elfmeterschießen, und in Abhängigkeit des Wettbewerbs, Spielverlaufs und der Spielminute, in der ein Strafstoß verhängt wird. Für unseren Zweck ist meine Simplifizierung aber völlig ausreichend. Es ändert sich nichts an der Tatsache, dass in jeder Spielsituation und in jedem Wettbewerb die Chancen, einen Strafstoß abzuwehren, gering sind. Folglich lastet der psychologische Druck — von Angst zu reden schiene mir ohnehin übertrieben — auf dem Schützen und nicht auf dem Torwart.
Ähnlich steht es um den Übersetzer: Er steht zwar jeweils vor einer gewichtigen Herausforderung, aber zugleich ist er eigentlich immer am längeren Hebel. Wer die Dienste des Übersetzers in Anspruch nimmt, ist fast immer in sehr viel stärkerem Maße von seiner Leistung abhängig als dieser von der miserablen Bezahlung. Dass die Arbeit einer Übersetzerin und eines Übersetzers so schlecht bezahlt ist, verschiebt paradoxerweise sogar das Machtgefälle zu ihren beziehungsweise seinen Gunsten. Eine Institution, die sich an eine Übersetzerin oder an einen Übersetzer wendet, weiß in der Regel sehr genau, dass diese Person über Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen muss, die ihr die Möglichkeit eröffnen, weit lukrativeren Tätigkeiten nachzugehen. Wer also übersetzt, tut es folglich meistens entweder schlecht oder aus Idealismus. So wird in der Praxis jeder angenommene Übersetzungsauftrag zur Gefälligkeit, die der Auftraggeber mehrheitlich auch durchaus zu schätzen weiß. Bekommt man einen Übersetzungsauftrag von einem Gericht oder von einer Botschaft, wird man vereidigt und bekommt für den Fall, dass dem Auftraggeber aus einer fehlerhaften Übersetzung ein Schaden erwächst, jede erdenkliche Sanktion angedroht. Doch es ist mir kein Fall bekannt, in dem es auch tatsächlich zu einer Bestrafung einer Übersetzerin oder eines Übersetzers gekommen wäre. Erstens wäre es nichts Leichtes für den Auftraggeber — der in der Regel nicht beider Sprachen mächtig ist, denn sonst bräuchte er die Übersetzung nicht —, den Fehler, der zu einer folgenschweren Kommunikationspanne geführt hat, auch tatsächlich als vermeidbar zu beurteilen und anzuprangern, zweitens würde er sich selbst dem Vorwurf aussetzen, durch das nicht adäquate Honorar die entsprechende Qualität der Leistung verantworten zu müssen.
Zurück zum Vergleich der Ängste des Torhüters und des Übersetzers: Der Torhüter weiß, dass man allenfalls darauf hofft, dass er einen Penalty abwehrt, aber dass die Erwartungen sehr gering sind, dass ihm dies auch tatsächlich gelingt, und dass man ihm kaum etwas vorwerfen wird, wenn er, mithin die Mannschaft, einen Treffer hinnehmen muss. Allerdings kann sich der Torhüter auch nicht jeden Fehler erlauben! Bei einem sehr schwach getretenen Strafstoß, den er in tapsiger Weise aus den Händen fallen und ins Tor rollen lässt, müsste er unweigerlich mit Pfiffen und Buhrufen rechnen. — So wird auch der Übersetzer mit Nachsicht behandelt und meistens überhaupt nicht wahrgenommen. Man erfreut sich oder ärgert sich über eine Aussage, wertet dabei üblicherweise die Urheberin oder den Urheber des Gedankens und nicht die Übersetzung. Nur wenn die Übersetzung einen wirklich peinlichen Fehler begeht, kann es zur viralen Anprangerung und Verhöhnung im Netz kommen — so etwa als das schweizerische Detailhandlungsunternehmen Migros das Produkt ‹Schweizer Bratbutter› auf Italienisch statt ‹Burro svizzero per arrostire› ‹Burro per arrostire svizzeri› nannte, was ‹Butter, um Schweizer zu braten› bedeutet.
Der Torhüter, auch wenn er auf den Ausgang des Strafstoßes wenig Einfluss hat, trainiert, bereitet sich vor, konzentriert sich, tut alles, um seine zehnprozentige Chance auf elf, zwölf oder fünfzehn Prozent zu erhöhen. So konzentriert sich auch der Übersetzer und denkt daran, dass die Übersetzung von ‹elf Meter› ‹twelve Yards› ist und von ‹Elfmeter› ‹Penalty kick›, dass ‹Capital Penalty› nicht ein ‹kapitaler Penalty› ist, sondern die ‹Todesstrafe›…
Den Übersetzer begleitet jedoch stets eine Sorge — auch hier wäre es übertrieben, von Angst zu reden —, die über die Vermeidung von trivialen Fehlern hinausgeht: Es ist die grundsätzliche Frage nach der Möglichkeit der Übersetzung überhaupt. Eines der zahllosen Bücher von Umberto Eco, welche die Probleme der Übersetzung untersuchen, heißt ‹Dire quasi la stessa cosa› (Fast dasselbe sagen). Damit unterstreicht Eco die unabänderliche Tatsache, dass jede Übersetzung — auch des trivialsten Satzes! — stets eine bloße Annäherung ist. Die stete Bemühung, einen möglichst hohen Grad der Annäherung zu erreichen, ist dem Berufsethos des Übersetzers, ungeachtet dessen, dass die vollkommenen Deckungsgleichheit nie erreicht werden kann, ein Gebot, das schwerer wiegt als die Nachsicht, auf die er bei seiner Arbeit mehrheitlich zählen kann.
Ein eindrückliches Beispiel für die Folgen der Unmöglichkeit, gewisse Botschaften zu übersetzen, kann man folgendem Bericht Henry Kissingers entnehmen: Als Nationaler Sicherheitsberater war Kissinger 1971 beim chinesischen Außenminister Zhou Enlai. In einem informalen Gespräch fragte der Deutsch-Amerikaner den Chinesen, wie er über die Französische Revolution denke. Nach einer kurzen Denkpause schüttelte Zhou Enlai den Kopf und sagte, es sei noch viel zu früh, um deren Bedeutung und die Auswirkungen auf die Weltpolitik abzuschätzen. Kissinger war einigermaßen erstaunt über die Antwort, denn er wusste zwar, dass im chinesischen Denken die Zeiträume mit andern Maßstäben gewertet werden, doch 1789 schien ihm zeitlich weit genug entfernt, um selbst für einen Chinesen nicht als unvollendete Gegenwart betrachtet zu werden. — Wie Kissinger später durch seine Berater erfuhr, handelte es sich um ein Missverständnis, das auf Übersetzungsproblem zurückging, obwohl es keinen eigentlichen Übersetzungsfehler gegeben hatte. Die Französische Revolution ist zwar eine französische Revolution, aber mit Großbuchstaben im Adjektiv werden die Revolten der Pastoureaux und der Jacquerie ausgeschlossen. Die Französische Revolution ist nicht irgendeine französische Revolution, sondern ein ganz bestimmtes historisches Ereignis. Auf Chinesisch gibt es den Ausdruck nicht. Eigentlich gibt es nicht einmal den Ausdruck ‹Revolution›. Man muss mit einem Ausdruck für ‹Aufstand, Unruhe, Revolte› Vorlieb nehmen. So übersetzte die untadelige Übersetzerin ‹French Revolution› mit ‹Unruhen in Frankreich›. Da es das Jahr 1971 war, dachte Zhou Enlai, Kissinger rede von den Achtundsechziger Unruhen.