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Inhalt:
Zwei Borgwürfel streifen durchs All, als plötzlich ein Energiestrahl aufleuchtet und beide Schiffe vernichtet.
Die Voyager ist weiterhin Richtung Alphaquadrant unterwegs, als eine Langstreckensonde, die man vor zwei Monaten vorausgeschickt hatte, nicht mehr antwortet. Sie übermittelte jedoch kurz vor ihrem Verschwinden das Bild eines Borgschiffes. Die Voyager, so wird klar, hat das Gebiet der Borg erreicht. Es ist über tausend Sonnensysteme groß.
Die Crew findet einen Pfad, der von Borgaktivitäten frei ist. Dennoch will sich die Crew gut auf eine Begegnung mit den Borg vorbereiten. Der Doktor arbeitet an einem Assimilationsantikörper. Kes hat plötzlich telepathische Visionen von einem Berg verstümmelter Borgteile. Plötzlich trifft die Voyager auf fünfzehn Borgwürfel, die aber vor etwas zu fliehen scheinen und die die Voyager nicht angreifen. Janeway entschließt, den ursprünglichen Kurs beizubehalten.
Unterwegs findet die Voyager mehrere beschädigte Borgschiffe. In einem der Borgwracks steckt ein Bioschiff. Ein Außenteam beamt auf das Borgschiff, wo Harry von einem fremden Wesen angegriffen wird. Das Bioschiff eröffnet das Feuer. Die Voyager kann gerade noch entkommen. Kes hat von den Fremden eine telepathische Nachricht empfangen: Die Schwachen werden zugrunde gehen.
Die Viren der fremden Spezies, die sich in Kims Körper befinden, sind unglaublich widerstandsfähig und zersetzen seinen Körper. Der Doktor will die Borgnanosonden neu codieren, damit sie die gleichen elektromagnetischen Signale wie die fremden Zellen aussenden. So können sie die Zellen unbemerkt angreifen und besiegen.
B'Elanna findet in einem Borgdatenspeicher heraus, daß die Borg die Fremden als Spezies 8472 bezeichnen. Als die Voyager die Passage ohne Borgaktivität erreicht, erkennt man, daß diese von Bioschiffen der Spezies 8472 bevölkert ist. Janeway befiehlt den Rückzug, will aber die Heimreise nicht abbrechen. Im Da-Vinci-Holodeck-Programm kommt ihr die Idee, einen Pakt mit den Borg zu schließen.
Janeway glaubt, daß man den Borg erklären kann, wie die Nanosonden angepaßt werden können, um Spezies 8472 zu besiegen. Dafür sollen die Borg eine sichere Reise durch das Borggebiet garantieren. Chakotay hält Janeways Plan für einen schweren Fehler, doch Janeway läßt sich nicht umstimmen.
Die Voyager erreicht ein Borgschiff. Janeway wird hinübergebeamt und diktiert ihre Forderungen. Plötzlich tauchen mehrere Bioschiffe aus einer Quantensingularität auf und zerstören einen Borgplaneten.
Kritik:
"Scorpion" war die bis dahin beste Episode von "Star Trek - Voyager". Sie war spannend, hintergründig und stimmungsvoll. Nie wirkte der Deltaquadrant so gefährlich und unberechenbar wie in dieser Folge. Verstörende Horrorbilder wie Kes' Vision von einem Berg aus verstümmelten Borgleichen, die phantasievollen Kulissen im Inneren des Bioschiffes, die aufwendig gestaltete neue Alienrasse "Spezies 8472" und fesselnde Dialogszenen machten "Scorpion" zu einem durch und durch spannenden und atmosphärisch dichten Leckerbissen. Ein gewaltiger Zusatzbonus ist Janeways neues Leonardo da Vinci-Programm. Es verblüfft, daß bei dieser Fülle an visuellen Effekten noch genug Budget zur Verfügung stand, um derart aufwendige und einfallsreiche Kulissen zu errichten.
Da Vinci wird von Skakespeare-Darsteller John Rhys-Davies verkörpert. Man kennt ihn aus den Computerspielen "Wing Commander III+IV", den "Indiana Jones"-Filmen Teil 1 und Teil 3 und aus der SF-Serie "Sliders". In der vierten Staffel von "Star Trek - Voyager" ist er wiederholt als Da Vinci zu sehen. Die Kulissen von Janeways Da Vinci-Programm fanden zum letzten Mal in der Episode "The Omega Directive" (dt.: Die Omega-Direktive) Verwendung.
Erfreulicherweise wurde "Scorpion" genutzt, um einige neue Informationen über die Borg zu offenbaren. So wurde in dieser Episode genau erklärt, was im Kinofilm "First Contact" (dt.: Der erste Kontakt) nur kurz angedeutet worden war: Die Borg assimilieren ihre Opfer, indem sie ihnen mikroskopisch kleine Borg-Naniten in den Blutkreislauf injizieren.
Dem Autorenteam Brannon Braga und Joe Menosky gelang mit Hilfe von Anspielungen auf die von Seefahrern über Jahrhunderte gesuchte Nordwestpassage und durch den Vergleich des weltoffenen Forschers da Vinci mit der technisch weit überlegenen Janeway eine recht eindrucksvolle Metapher, die gut die abenteuerliche Situation der Voyager als ein einsames Schiff in einem gefährlichen Raumgebiet mit unberechenbaren Gefahren und viel weiter entwickelten Gegnern zeigt. Brannon Braga sieht "Star Trek - Voyager" in erster Linie als Abenteuerserie. Geschichten von Sindbad oder Odysseus werden dabei nur auf den Weltraum übertragen, wobei das All selbst zum Ozean wird, wo die Voyager immer wieder auf Händler, Piraten und fremdartige Völker trifft.
Sieht man sich die getrennten Arbeiten von Braga und Menosky an, so erkennt man, daß Brannon Braga sehr storyorientiert arbeitet, während Joe Menosky gerne Charaktervertiefung betreibt. Gerade deshalb ergänzen sich die beiden Stammautoren wohl auch so gut. Wahrscheinlich ist es Menosky zu verdanken, daß in "Scorpion" noch einmal sehr gründlich die Figur Janeway und ihre Beziehung zu Chakotay analysiert wurde. Besonders reizvoll ist dabei, daß sich die Positionen von Janeway und Chakotay leicht verdreht haben: Während Chakotay in den ersten zwei Staffeln noch hin und wieder versuchte, Janeway zu eher unkonventionellen Vorgehensweisen zu überreden, sieht er seine Aufgabe inzwischen darin, sie zu bremsen.
Regisseur Livingston setzte seinen ganzen Einfallsreichtum ein, um "Scorpion" auch zu einem optischen Höhepunkt zu machen. Bereits mit so rasanten Episoden wie "Future's End Part 1" (dt.: Vor dem Ende der Zukunft Teil 1) oder "Distant Origin" (dt.: Herkunft aus der Ferne) hatte Livingston sein großes Regietalent bewiesen und zugleich für einige eindrucksvolle Höhepunkte der dritten Staffel gesorgt.
David Livingston ist seit der TNG-Episode "The Mind's Eye" (dt.: Verräterische Signale) Stammregisseur bei Star Trek. Hin und wieder führte er auch bei DS9 Regie. Seine Episoden zeichnen sich fast alle durch einen sehr einfallsreichen Umgang mit der Optik aus. Obwohl er in Interviews erklärt hat, daß es ihn mehr reize, für DS9 Regie zu führen, ist er bei "Star Trek - Voyager" zum Stammregisseur aufgestiegen, wo er häufig für aufwendigere Episodenhighlights engagiert wird. Unterstützt von der stimmungsvollen Musik Jay Chattaways, der für "Scorpion" einen seiner bislang eindrucksvollsten Soundtracks ablieferte, inszeniert Livingston immer wieder TV-Unterhaltung auf Kinoniveau. Allein die Szenen im Bioschiff erzeugten eine intensive Horroratmosphäre, von der sich manche Kinofilme, die in den letzten Jahren erfolglos versucht hatten, Horror mit SF zu verbinden, eine Scheibe abschneiden können.
Nicht ganz klar ist, wer die Borgteile auf einen Haufen gelegt hat. Der Gruseleffekt war daher zwar eindrucksvoll, aber leider ein wenig unsinnig. Der Haufen war ein kleines Modell, das in die spätere Aufnahme einkopiert wurde.
Ursprünglich war geplant, die dritte Staffel von "Star Trek - Voyager" mit dem Zweiteiler "Year of Hell" (dt.: Ein Jahr Hölle) zu beenden. "Year of Hell" sollte das "Höllenjahr" umfassen, das bereits in "Before and After" (dt.: Temporale Sprünge) angesprochen worden war. Nach dem Erfolg von "Unitiy" (dt.: Die Kooperative) entschlossen sich die Verantwortlichen jedoch im letzten Moment, "Year of Hell" zu verschieben und statt dessen mit einem actiongeladenen Borg-Cliffhanger die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die Serie zu lenken. Die Rechnung ging auf: "Scorpion" war sowohl künstlerisch als auch kommerziell ein großer Erfolg und führte die Serie aus dem Quotentief der letzten Wochen heraus. Der Entschluß der Autoren, "Year of Hell" zu verschieben, erwies sich daher als nicht sonderlich tragisch, zumal der "Year of Hell"-Zweiteiler, der innerhalb der vierten Staffel nachgeholt wurde, zwar eindrucksvoll war, die Qualität von "Scorpion" aber nicht erreichte.
Neben den vertrauten Borg bot "Scorpion" eine Besonderheit: Die neue Alienrasse "Spezies 8472" stammte vollständig aus dem Computer und war etwas, das man so noch nicht in "Star Trek" erleben durfte. Erst zweimal hatte es bislang in Star Trek ein außerirdisches Wesen gegeben, das ausschließlich mit dem Computer erzeugt wurde. In der TNG-Episode "Galaxy's Child" (dt.: Die Begegnung im Weltraum) saugte sich ein solches Wesen an der Außenhülle der Enterprise fest. Und auch das wurmartige Monster in "Basics Part 2" (dt.: Kampf ums Dasein Teil 2) war ausschließlich mit dem Computer generiert worden. Die Spezies 8472 hat wie die Borg einen "Slogan". Im Stil von "You will be assimilated" (dt.: Sie werden assimiliert werden) sagen sie: "The weak will perish!" (dt.: Die Schwachen werden zugrunde gehen!)
Dan Curry hatte die Verantwortlichen von "Star Trek - Voyager" überredet, ein neues Alien einzuführen, das vollständig computergeneriert ist. Was das Bioschiff angeht, so hatten die Produzenten offenbar Bedenken. Aus diesem Grund ließen sie wohl Tuvok die Bemerkung über organische Raumschiffe machen. Er meint, Bioschiffe seien der Föderation keineswegs unbekannt, da zum Beispiel die Breen eine organische Technologie verwenden. Ganz offensichtlich war das eine vorbeugende Verteidigung gegenüber Zuschauern, die angesichts der Bioschiffe Vergleiche mit der Serie "Babylon 5" anstellen würden, ungeachtet der Tatsache, daß es solche Schiffe in der SF-Literatur schon sehr lange gibt. Darauf zielte wohl auch Tuvoks betont unbeeindruckter Kommentar ab, und niemand in der Voyager-Crew machte aus den organischen Ufos eine große Sache.
Nichtsdestotrotz wurde "Scorpion" von vielen Fans und Star Trek-Kritikern immer wieder mit "Babylon 5" verglichen. Manche warfen den Autoren vor, "Scorpion" sei ein Versuch, "Babylon 5" nachzumachen und den Stil der Serie an "Babylon 5" anzupassen. Andere vermuteten eher eine witzige Anspielung, wobei sich manche Fans in ihrer Theorie bestätigt sahen, weil Janeway in einer Szene mit Da Vinci "Schatten" an der Wand studierte.
Ob man nun derlei Anmerkungen für berechtigt oder für völlig absurd hält, der Umstand, daß die Bioschiffe ausgerechnet von der Effektefirma "Foundation Imaging" erstellt wurden, erwies sich als problematisch.
Computergenerierte Effekte hatten in "Star Trek" schon immer eine große Rolle gespielt, man denke nur an die berühmte "Genesis"-Szene in "Star Trek 2 - Der Zorn des Khan" oder das klingonische Blut in "Star Trek 6 - Das unentdeckte Land". Inzwischen haben Computerbilder die Verwendung von klassischen Modellaufnahmen so gut wie vollständig verdrängt. "Deep Space Nine" dürfte inzwischen die einzige SF-Serie sein, in der Modellaufnahmen noch immer eine gewisse Rolle spielen.
Ron Thornton, Begründer der Effektefirma "Foundation Imaging", hatte J. Michael Straczynski zu Beginn der 90er Jahre überredet, die Spezialeffekte der neuen SF-Serie "Babylon 5" ausschließlich mit dem Computer zu erstellen. Damals war eine solche Vorstellung relativ neu, doch Thornton konnte demonstrieren, daß sich inzwischen die Kosten für die optischen Effekte bei Verwendung eines Computers auf ein Drittel des sonst üblichen Budgets senken ließen. Damit überzeugte er auch Straczynski, diese Technik bei der Serie "Babylon 5" einzusetzen.
Für seine (damals bahnbrechenden) Arbeiten an dem "Babylon 5"-Pilotfilm "The Gathering" wurde Thornton dann auch mit einem Emmy ausgezeichnet. In den darauffolgenden Jahren war "Foundation Imaging" fast vollständig mit der Arbeit für die optischen Effekte von "Babylon 5" beschäftigt. Für andere Serien wurden nur hin und wieder vereinzelte Arbeiten angefertigt. Ein solcher Auftrag war zum Beipiel das "Wurmmonster", das "Foundation Imaging" für die Voyager-Episode "Basics Part 2" (dt.: Kampf ums Dasein Teil 2) erstellte.
Als Douglas Netter, Produzent von "Babylon 5", die Firma "Netter Digitals" gründete und mit einigen abgeworbenen Mitarbeitern von "Foundation Imaging" selbst für die Effekte der Serie sorgte, mußte sich Ron Thornton nach neuen Betätigungsfeldern für seine Firma umsehen. "Nachdem Babylon 5 unseren Vertrag nicht verlängerte", meint Ron Thornton in "Starlog - Voyager-Magazin (Nr. 16, S. 35), "wandte ich mich erneut an [die Voyager-Produzenten] und bettelte regelrecht um Arbeit. Wir waren in einer so schrecklichen Lage; ich mußte jeden vorübergehend entlassen - und ich hatte nie gedacht, daß ich das jemals würde tun müssen - aber bei VOYAGER war man wirklich wunderbar, und sie fingen an, mit Aufträgen zu kommen."
Seit "Foundation Imaging" neben zwei anderen Effektefirmen für "Star Trek - Voyager" arbeitet, hat sich der "Babylon 5"-Look hin und wieder bei "Star Trek - Voyager" eingeschlichen, leider nicht immer zum Vorteil der Optik. Die computergenerierten Bioschiffe und die Szenen mit Spezies 8472 wurden von "Foundation Imaging" innerhalb von sechs Wochen fertiggestellt. Dank des höheren Budgets von "Star Trek - Voyager" und dank der ständig fortschreitenden Computertechnik waren die Graphiken so detailliert, daß man die Herkunft aus dem Computer längst nicht so deutlich bemerkte wie bei "Babylon 5". Dennoch lassen sich Ähnlichkeiten im Stil und Design nicht leugnen.
Im Trekweb äußerte sich Adam "Mojo" Lebowitz, einer der Hauptanimatoren von "Foundation Imaging", folgendermaßen zu den Vorwürfen, in "Scorpion" seien zu viele Elemente aus "Babylon 5" wiederverwendet worden: "Es bemerkte zu keinem Zeitpunkt, als wir an "Scorpion" arbeiteten, irgend jemand von uns die Ähnlichkeiten zu ‚Babylon 5'. Die einzige Ähnlichkeit, die ich zugebe, ist die grundlegende Form der Vorlonenschiffe und die der Bioschiffe, aber meiner Meinung hört es da auch schon auf. Sie sind beide organisch und richten sich beide nach einer horizontalen Linie aus. Die Details und Farbmuster sind völlig anders, und wenn man sie nebeneinander legt, kann man sie unmöglich verwechseln. Im Leben werde ich nicht begreifen, wie jemand eine Ähnlichkeit zwischen den Schattenkreaturen und der Spezies 8742 sehen kann. Ron [Thornton] und ich raufen uns deswegen die Haare! Ich meine, die Schatten sehen überhaupt nicht menschlich aus, sie sind spinnenartig, geduckt und schwarz. Spezies 8472 ist vier Meter groß, menschenähnlich, hat drei Beine und ist rosa und bläulich! Abgesehen davon, daß sie beide CGI sind, sehe ich wirklich... Ich kann nicht abstreiten, daß es nicht hin und wieder ein paar Gemeinsamkeiten bei der Optik und der Atmosphäre der FX gibt, immerhin haben wie ja beides entworfen (und ich wünschte wirklich, Straczynski würde denen die Anerkennung geben, denen sie auch gebührt, wenn er von seinen Pionierleistungen in Sachen visueller FX spricht). Alle von uns haben eine Idealvorstellung davon, wie wir die FX wollen, und das war auch die Basis an unserer Arbeit für ‚Babylon 5'. Diese Ideale und der hohe Standard sind die gleichen geblieben und haben sich nun auf ‚Star Trek - Voyager' verlagert. Wenn das ein paar Ähnlichkeiten nach sich zieht, bekenne ich mich schuldig. Solange es nur gut aussieht." (www.trekweb.com)
Nun ist es sicher nachvollziehbar, daß jede Effektefirma ihren gleichen Stil verfolgt und daß das einen gewissen Wiedererkennungseffekt nach sich zieht (man denke nur an die Ähnlichkeiten zwischen "Star Wars" und "Kampfstern Galactica"). Wenn allerdings in einer Szene, in der neun Bioschiffe die Quantensingularität verlassen, der Eindruck entsteht, es würde die gleiche (wenn auch verbesserte) Programmroutine verwendet wie beim Flug der Vorlonen durchs Hyperraumtor, dann muß man sich doch fragen, ob es wirklich eine so gute Idee von den Voyager-Produzenten war, eine Effektefirma zu engagieren, die sich derart auf einen einzigen Stil konzentriert.
In der vierten Staffel blieben die Effekte weiterhin eindrucksvoll, stilistische Ähnlichkeiten zu den Effekten von "Babylon 5" waren nur noch vereinzelt zu entdecken, so daß man davon ausgehen kann, daß sich die Verantwortlichen von "Foundation Imaging" die Kritik, die im Zusammenhang mit "Scorpion" geäußert wurde, doch zu Herzen genommen haben und nun tatsächlich versuchen, das Ergebnis auch wie Star Trek und nicht wie "Babylon 5" aussehen zu lassen.
Bei all den Debatten um die aufregenden visuellen Effekten sollte man einen ganz anderen Höhepunkt der Episode nicht übersehen: Der heftige Streit zwischen Janeway und Chakotay, bei dem Kate Mulgrew und Robert Beltran zur absoluten Höchstform aufliefen. Die Stimmung der Szene wurde dank einer dynamischen Kameratechnik noch verstärkt. Die Kamera näherte sich während des Gesprächs immer dichter den Figuren, so daß auch formal der Streit immer intimer wurde.
Es herrscht die eigenwillige Ansicht unter den Autoren, daß sich die Figuren in Star Trek nicht streiten dürfen, weil dies nicht in Roddenberrys Sinn gewesen sei. Roddenberry wollte aber nur keine unzivilisierten Zornausbrüche oder andauernde Konflikte, da sich vernünftige Leute nicht lange mit Streitereien aufhalten, sondern gleich zur Problemlösung übergehen. Doch der Streit ist kein Merkmal des unzivilisierten Menschen, im Gegenteil: Eine gewisse Streitkultur kann etwas sehr Fortschrittliches sein. Der Konflikt zwischen Janeway und Chakotay war in dieser Hinsicht schlicht vorbildlich. Janeway und Chakotay streiten sich auf einer sehr intelligenten und kultivierten Ebene, ohne dabei emotionslos zu wirken. Dabei kam nur ein Element leider ein wenig zu kurz. Chakotay meint zu Janeway: "We'd be helping the Borg assimilate yet another species just to get ourselves back home. It's wrong." (dt.: Wir würden den Borg ermöglichen, eine weitere Spezies zu assimilieren, nur damit wir wieder nach Hause kommen! Das ist falsch!) Ein berechtigter Einwand, der leider nicht weiter vertieft wurde. Erst in späteren Episoden sollte sich herausstellen, wie sehr Chakotay mit dieser Befürchtung ins Schwarze getroffen hatte. In "Hope and Fear" (dt.: In Furcht und Hoffnung) will sich Arturis an der Voyager rächen, weil er die Crew dafür verantwortlich macht, daß die Borg nicht ausgerottet wurden. In der Episode "In the Flesh" (fünfte Staffel) stellt sich sogar heraus, daß die Spezies 8472 keineswegs so bösartig sind, wie Kes aufgrund ihrer telepathischen Verbindung geglaubt hatte.
"Scorpion" sieht sich in der Tradition der TNG-Episode "Best of Both Worlds" (dt.: In den Händen der Borg), und viele Elemente aus der TNG-Folge wurden witzig in ihr Gegenteil verkehrt. Wie die Enterprise bei Wolf 359 trifft auch die Voyager auf eine zerstörte Flotte, nur daß es diesmal Borgschiffe sind. Und Janeway wird wie Picard auf das Borgschiff gebeamt, nur daß sie dort gleich Forderungen stellt.
"Scorpion" erwies sich als richtungsweisend für die nächsten Staffeln, in denen sich "Star Trek - Voyager" immer mehr zur lebhaften Abenteuerserie mit Tiefgang entwickeln sollte. Die Autoren scheuten sich nicht länger, Humor und Action zu wichtigen Elementen der Serie zu machen, ohne dabei in Banalität oder seichte Unterhaltung abzudriften. Den Neuerungen von "Scorpion" sollten weitere folgen, darunter vor allem die Ex-Borg "Seven of Nine", die der Serie eine ganz neue Eigendynamik verlieh. So verkörperte "Scorpion" einen eindrucksvollen Wendepunkt der Serie.
Rückblick
Die dritten Staffeln der bisherigen "Star Trek"-Spin Offs markierten den Zeitpunkt, von dem an die Serien ihren eigenen Stil entwickelten und sämtliche Startschwierigkeiten weit hinter sich ließen. Die Erwartungen für die dritte Staffel von "Star Trek - Voyager" waren daher entsprechend, zumal Produzentin Jeri Taylor immer wieder betont hatte, die dritte Staffel würde endlich die spannenden Abenteuer ergründen, die der unberechenbare Deltaquadrant für die Voyager-Crew bereithält.
Leider lieferte auch die dritte Staffel allzu oft nicht viel mehr als solide und größtenteils routiniert geschriebene Star Trek-Kost. Das Verlassen gewohnter Gleise, das Entwickeln ungewöhnlicher Plots und das Vordringen in wirklich neue Bereiche des Star Trek-Universums erfolgte nur höchst zurückhaltend.
Dennoch kann man die dritte Staffel von "Star Trek - Voyager" kaum als mißraten ansehen. Neben der gewohnt hohen Qualität in Sachen Inszenierung und Darstellerleistungen gab es einige überfällige Schönheitsoperationen, die der Serie guttaten und die zeigten, daß die Voyager-Autoren zumindest aus den Fehler der Vergangenheit gelernt hatten.
So hatte die Voyager nach "Basics Part 2" (dt.: Kampf ums Dasein Teil 2) endlich das Gebiet der Kazon verlassen. Die Vidiianer kamen überhaupt nicht mehr vor, lediglich in "Coda" (dt.: Der Wille) hatten sie einen sehr kurzen Auftritt, stellten sich dort aber bald als Halluzination heraus. Auch hatte man nicht länger das Gefühl, daß die Voyager im Kreis fliegt. Neelix verlor allmählich sein Wissen über den Quadranten, was in einer Episode sogar recht geschickt dramatisiert wurde. So drang das Schiff endlich in wirklich unbekannte Gebiete vor.
Um die frische Brise zu spüren, die von der dritten Staffel hin und wieder ausging, mußte man sich auf die kleinen Verbesserungen konzentrieren: Es gab neue Beziehungen zwischen Charakteren, neue Aliens und neue Frisuren... Die Partnerschaft zwischen Kes und Neelix wurde abrupt beendet, dafür entwickelte sich zwischen Tom Paris und B'Elanna Torres eine weitaus weniger unschuldige Haßliebe, die für ungleich mehr Witz sorgte und die die beiden bislang etwas vernachlässigten Figuren besser ins Zentrum verlagerte.
Das Storyniveau hatte sich ebenfalls gesteigert. Da gelang es wirklich nur noch eingefleischten Star Trek-Kritikern, mit verräterischer Beharrlichkeit die positiven Elemente von Episoden wie "Remember" (dt.: Das Erinnern) oder "Unity" (dt.: Die Kooperative) zu ignorieren und mit der immer gleichen Kritik an Alienmasken und teilweise wirklich kleinlichen (wenn nicht gar falschen) "Nitpick"-Argumenten aufzuwarten. In Wahrheit aber gab es im dritten Jahr von "Star Trek - Voyager" nur noch wenige wirklich krasse Reinfälle, selbst mittelmäßige Episoden wie "Favorite Son" (dt.: Die neue Identität) hatten in der Regel zumindest einen gewissen Unterhaltungswert, während langweilige Folgen wie "Darkling" (dt.: Charakterelemente) oder "Rise" (dt.: Asteroiden) die eine oder andere originelle Idee beinhalteten. Das alles zeigte, daß sich die Autoren von "Star Trek - Voyager" tatsächlich um neue Einfälle bemühten und öfter als je zuvor zu wirklichen Höhepunkten der Serie verarbeiteten.
Mit den Borg als künftige "Dauergegner", mit der rebellischen Ex-Borg "Seven of Nine" und mit vielen neuen Abenteuern geht "Star Trek - Voyager" bald in die sechste Staffel. Ein Ende ist nicht in Sicht, an eine Heimkehr ist nach wie vor trotz vieler Gerüchte nicht zu denken, und an die Schwierigkeiten der ersten drei Seasons erinnert heute ohnehin so gut wie nichts mehr.