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Wenn der philosophische Diskurs ins digitale Zeitalter der Blogger eintritt, ändern sich die überlieferten Formationen von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Die Schrift wird wieder dialogisch und fluide. Philosophie entstand als mündliche Geselligkeitskultur in der griechischen Antike. Ihre ältesten schriftlichen Formen sind poetisiert. Erst seit Aristoteles gibt es akademische Prosa mit dem Gebot sachlicher Eindeutigkeit und heute noch geläufigen argumentativen Standards. Platons Lehrdialoge waren pädagogische Werbungsschriften für die Akademie. Adressaten waren Jünglinge in Orientierungskrisen beim Übergang in die bürgerliche Selbständigkeit. Der Symposion-Dialog kann als Hohelied, Urszene und Mythos der Versprechungen betrachtet werden, die heute noch die Jugend in die Philosophischen Fakultäten locken. Er thematisiert Platons verführerischen Konnex von philosophischem Eros und diskursiver Gemeinschaftsbildung.
Das platonische Gespräch braucht wenigstens drei Akteure und scheitert irgendwo jenseits der urchristlichen Jüngerschar. Seine Transposition in größere Klassenstärken ist deshalb auch höchst fragwürdig. Die Grundform besteht aus drei Rollen: dem fragenden Sokrates, antwortenden Dialogpartner und stillem Publikum. Das Publikum betrachtet das Dialoggeschehen nicht entspannt mit interesselosem Wohlgefallen am zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Es erlebt vielmehr Tragödien und Farcen der Inquisition und Inkriminierung des Gemeinverstandes. Wer mag sich heute einem Sokrates freiwillig stellen? Schon Nietzsche betonte, dass Sokrates dem griechischen Wettstreit, Agon, eine neue Bühne gab. Im philosophischen Diskurs werden Schwerter zu analytischen Seziermessern umgeschmiedet. Die Zeugen sichern dabei den zivilen Ablauf und verhindern Abbruch und Flucht. Die Höllenfahrt der Selbsterkenntnis braucht einen kommoden Rahmen. Zarathustra meinte zum Freunde: „Ich und Mich sind immer zu eifrig im Gespräche: wie wäre es auszuhalten, wenn es nicht einen Freund gäbe? Immer ist für den Einsiedler der Freund der Dritte: der Dritte ist der Kork, der verhindert, dass das Gespräch der Zweie in die Tiefe sinkt.“ Die sokratische Form der Gemeinschaftsbildung ist ihrerseits keineswegs harmlos: Sokrates’ legendäre Ironie wäre heute im Klassenzimmer verpönt und justiziabel; Sokrates würde zwar vielleicht nicht mehr als homophiler Kinderschänder verurteilt, gewiss aber in seinen Strategien der Bloßstellung und Demütigung abgelehnt.
Diese diskursive Agonalität ist heute im akademischen Konkurrenzbetrieb leider überall noch zu spüren. Reine Freundschaft findet sich da durchaus selten. Der agonale Fachbetrieb zielt auf das strategische Überleben in den knappen Ressourcen der Institution und gewährt über das schmale Beamtengehalt hinaus noch spezifische Prämien des Lehrbetriebs und der medialen Publizität. Der Universitätscampus ist schon als Lokalität für ein philosophisches Symposion oft denkbar ungeeignet. Anders als bei Platon wird im Fachbetrieb zwischen den Lehrveranstaltungen und der nachfolgenden Kneipe strikt getrennt. Beim Bier wird auch anders geredet als im Hörsaal. Manche akademischen Lehrer unterscheiden allerdings nicht rollenkonform zwischen Kunst und Leben, sondern treten als Berufsrevolutionäre, Sektenführer oder Bettkantenphilosophen auf. Solche Grenzüberschreitungen in Richtung auf Politik, Religion oder andere Ego-Tripps werden im Fachbetrieb meist tabuisiert: Die alte platonische Trennung zwischen den Sophisten und den Philosophen immunisiert den philosophischen Diskurs heute noch gegen eine offene Thematisierung seiner institutionellen Voraussetzungen und metaphilosophischen Ziele.
Jeder Beruf bringt spezifische Pathologien mit sich. Strategischen Missbrauch asymmetrischer Beziehungen und sozialer Rollen gibt es überall: Eine kuriose akademische Pathologie findet sich aber gerade unter Philosophen: Sie bestreiten ihren Kollegen im Namen der Philosophie mitunter schlicht die Zugehörigkeit zum Fach. Im Namen der Wahrheit exkludieren sie die Kollegen aus dem Betrieb. Statt aktueller Beispiele oder eigener Erfahrungen sei dafür nur ein Brief des Freiburger Privatdozenten Martin Heidegger an seinen späteren Habilitanden und Kritiker Karl Löwith zitiert; Heidegger schrieb ihm im Februar 1923: „Husserl war nie nur eine Sekunde seines Lebens Philosoph.“ Solche Urteile finden sich in anderen Disziplinen vergleichsweise seltener. Die heikle Spannung von starken Geltungsansprüchen und elastischen Methodenstandards führt zu diskriminierenden Praktiken, die das platonische Versprechen des philosophischen Eros torpedieren. Die Diskrepanz zwischen dem platonischen Hohelied und dem universitären Fachbetrieb führt zu mancherlei Enttäuschungen und hohen Studienabbrecherquoten. Wer im Hazard des Qualifizierungsbetriebs überlebt, mag seine initialen Erwartungen und Träume dennoch annähernd realisiert finden. Philosophische Orientierungsarbeit ist in Schulen und für die Lehrerbildung auch wirklich sinnvoll. Platons Konnex von Liebe und Gemeinschaft sollte aber nicht allzu kurzschlüssig ausgelegt werden.
Über den Autor
Beitrag von Prof. Dr. Reinhard Mehring, Dissertation in Politikwissenschaft (Universität Freiburg), Habilitation am Institut für Philosophie der HU-Berlin, seit 2007 Prof. für Politikwissenschaft an der PH-Heidelberg
Publikationen zuletzt u.a.:
Kriegstechniker des Begriffs. Biographische Studien zu Carl Schmitt, Tübingen 2014;
Heideggers ‚große Politik’. Die semantische Revolution der Gesamtausgabe, Tübingen 2016;
Carl Schmitt: Denker im Widerstreit. Werk, Wirkung, Aktualität, Freiburg 2017