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Ihren besonderen Reiz verdankt die Kirche den Wandmalereien, die in jenen Zeiten entstanden sind, als die christliche Lehre der Gemeinde noch im Bild vor Augen geführt werden musste, weil die Kunst des Lesens nur den Gebildeten vorbehalten war. Die Namen der Maler sind nicht überliefert.
Mit der Reformation verschwanden sämtliche Wandbilder unter einer weissen Tünche. 1886 kam der linke Teil des Jüngsten Gerichts an der Westwand wieder zum Vorschein; 1952 legte Hans A. Fischer auch die übrigen Bilder im Schiff frei und restaurierte, was in einem gut erkennbaren Zusammenhang noch erhalten war. Alles übrige wurde wieder zugedeckt.
Feiertagschristus und Christophorus
Im Schiff, an der licken Chorschulter beim nördlichen Eingang, früher 15. Jahrhundert. – Originellstes Wandbild der Kirche ist der im untern Teil leider beschädigte Feiertagschristus, ein Mahnbild zur Sonntagsheiligung. In dekorativer Verteilung über die ganze Bildfläche zeit es ein nimmermüdes Völkchen arbeitender Landleute und Handwerker: links den Schumacher mit einem Stiefel in der Hand und den Schneider mit der Schere, einen Bauern mit seinem Knecht beim Pflügen, eine Spinnerin mit Spinnrocken und Handspindel, eine weitere Frau, deren Beschäftigung nicht mehr erkennbar ist, und nur noch die Köpfe zweier Männer, von welchen der eine vielleicht einen Dreschflegel trug. Rechts oben bearbeitet der Zimmermann einen Balken, und ein Bursche trägt kühn sein Schwert voran; des weitern wird Brot gebachen, die Sense gewetzt und der Gertel geprüft; eine Bäuerin hält sich mit dem Rechen bereit, und ein Bub schleppt einen Sack auf der Schulter. Mitten in diesem geschäftigen Treiben steht gross Christus, nur mit dem Lendentuch bekleidet. Von seinen Wundmalen führen rote Linien – Blutfäden – zu den ihm zugewendeten Werkzeugen, denn sobald diese an einem Sonntag benützt werden, fügen sie ihm neue Qualen zu. Damit äussert sich das Gebot zur Sonntagsheiligung nicht streng gebieterischem Tohn, sondern in einer deutlich gefühlsbetonten Weise als Ausdruck volkstümlicher, mystisch gefärbter Frömmigkeit: Man möge doch dem Heiland, der für die Menschen so viel gelitten habe, nicht durch Sonntagsarbeit noch mehr Scherzen bereiten. Das Thema ist denn auch – wie Wildhaber nachgewiesen hat – nur im Bereich der schlichten Malerei, nicht aber in der „hohen “ Kunst vertreten. Alle bekannten Beispiele gehören dem späteren 14. oder dem 15. Jahrkundert an und beschränken sich zur Hauptsache auf England, Süddeutschland, die deutsche Schweiz, Graubünden, Südtireol und Slowenien.
Manch einem ist, wie hier in Reutigen, der heilige Chistophorus beigesellt, der als Beschützer vor plötzlichem Tod zu den am meisten gerufenen Nothelfern gehörte. Vielleicht erhoffte man sich in diesem Zusammenhang seinen Schutz vor schweren Unfällen bei der Verricht des Tagewerks, womit die Malerei in ihrem Bezug auf das Arbeiten zwei Funktionen erfüllen würde: eine mahnende und eine beschützende. Beim grossen Christophorus sind die Proportionen und die Gewanddrapierung derart missglückt, dass der kräftige Riese einen etwas unbeholfenen Eindruck erweckt. Die kleinen „Sonntagsarbeiter“ aber hat er Maler erfrischend lebhaft und anschaulich gestaltet, wenn auch ohne grosse Differenzierung der Köpfe und Gewänder. Ende der 1950er Jahre ist in der Kirche von Oberwil im Simmental ein Wandbild gleichen Inhalts zum Vorschein gekommen, das von derselben Hand stammen dürfte.
Leben Jesu und Jüngstes Gericht bei der Kanzel
In der Südostecke des Schiffs, spätes 14. Jahrhundert. – Die Bilder gefallen wegen ihres schlicht-spontanen, kinderbuchhaften Charakters. Gestaltet mit den einfachsten künstlerischen Mitteln, erheben sie keinen Anspruch auf gekonnten Szenenaufbau: Gleichmässig verteilen sich die Figuren über die Bildfläche; als Boden genügt ein schmaler, mit Gräsern besetzter Streifen. Bildtiefe wird nicht angestrebt; den leeren Hintergrund füllen Sterne oder Punktrosetten. Im Jüngsten Gericht sind Gesichter und Gebärden ohne Variation formelhaft wiedergegeben. Mehr innere Ausstrahlung ist den Bildern aus dem Leben Jesu, vor allem den Passionsszenen, eigen. Leider wurden diese durch den barocken Fenstereinbau stark beschädigt. Da aber die meisten Maler des Mittelalters ihre Bilder nicht nach eigenen Vorstellungen gestalteten, sondern bei ihrer Arbeit weitverbreitete Vorbilder benützten, ist in vielen Fällen aus einem kleinen, unscheinbaren Fragment die ganze Szene in ihren Hauptzügen rekonstruierbar.
Abendmahl
Die lange Tafel zieht sich über die ganze Breite des Bildes und ist mit einem weissen Tuch bedeckt, das in dekorativer Drapierung bis zum Boden fällt. Damit konnte der Maler zeichnerische Schwierigkeiten (Perspektive) umgehen. Christus sitzt hiner dem Tisch inmitten seiner Jünger. Johannes ist ihm an die Brust gesunken, und je wei weitere Apostel zu seinen Seiten – für alle war dem Maler der Platz zu knapp – verwerfen die Hönde, weil sie eben vom bevorstehenden Verrat erfahren haben. Judas ist bereits aus der Gruppe ausgeschieden. Er erscheint einsam vorne links, nur noch zur Hälfte erhalten.Christus am Ölberg (Fragment)
Ein dem untern Rand entlanggeführter, geflochtener Weidenzaun und zwei Bäume deuten den Garten Gethsemane an. Links die drei schlafenden Jünger, rechts der nahezu unbeschädigte, in seiner Schlichtheit eindrückliche Kopf des betenden Christus. Zu ergänazen ist rechts ein Felsen, von dessen Anhöhe aus ein Engel oder die Hand Gottes den Kelch – Symbol der Passion – darreicht (Matthäus 26, 39). Als nächstes Bild hat man sich die Gefangennahme vorzustellen.
Geisselung
Der Maler hat die Säule mit dem gefesslten Christus so kräftig in die Mittelachse des Bildfeldes eingespannt, dass sich der obere und untere Rahmenstreifen durchzubiegen scheinen. Die fast tänzerisch anmutende Bewegung Jesu will als ein Sich-Strecken unter dem Schmerz der Hiebe verstanden werden. Die beiden zum Schlag ausholenden Knechte wirken harmlos. Der eine hält eine dreiteilige Peitsche mit Bleikugeln, der andere eine Rute in der Hand.
Dornenkrönung (Fragment)
In der Bildmitte war sitzend Christus dargestellt, dem zwei Burschen mit langen Stangen die Dornenkrone aufs Haupt drückte. Davon ist nur noch ein Teil der linken Figur zu sehen. Daneben Reste von Malereien aus dem 15. Jahrhundert.Kreuztragung (Fragment)
Von der Szene sind am Bildrand nur die Nägel noch zu erkennen, die ein Kriegsknecht in erhobener Hand dem Zug vorantrug.Christus am Kreuz
Dem gekreuzigten Jesus in der Bildmitte sind als Trauernde Maria, gestützt von Magdalena, und Johannes beigesellt.
Beweinung
Maria weint um den toten Sohn auf ihrem Schoss. Magdalena ist klagend in die Knie gesunken. Noch steht rechts die Leiter am Kreuz, die Joseph von Arimathia und Nikodemus benutzten, um Christus zu lösen. Ordentlich haben sie zuletzt die drei Nägel in der linkgen Querblaken gesteckt. Rechts folgten wohl die Grablegung oder der Gang Christi in die Vorhölle sowie die Auferstehung.
Noli me tangere
Vor der Erscheinung des auferstandenen Christus in Magdalena niedergesunken. Eine Stechschaufel oder -gabel kennzeichnet Jesus als Gärtner. Seine Rechte trägt die Siegesfahne, von welcher über seinem Haupt nur noch ein wehender Zipfel zu erkennen ist.
Das gleichzeitig geschaffene Jüngste Gericht an der rechten Chorwand zeigt in der Mitte des Bildfeldes den auferstandenen Christus im Glorienschein mit zwei Richtschwertern, die ihm aus dem Munde gehen; rechts Johannes den Täufer als Fürbitter, umgeben von Auferstehenden; oben posaunenblasende Engel und unten rechts den Höllenschlund, ein grünes Ungeheuer mit weit aufgesperrtem Maul. Dort stecken der Verdammten schon so viele, dass ein schwarzer Teufel sich rücklings in die Menge drücken muss, um für die nachrückenden Sünder Platz zu schaffen. Vorsorglich hat er die Kiefer des Höllenrachens mit einem langen Stab verstellt, damti sie nicht vorzeitig zuklappen. Vom Siedekessel, in dem ein Teufelchen mit der Gabel herumstockert, ist nur noch die Aufhängevorrichtung zu erkennen. Das übrige Höllentreiben und die ganze linke Seite des Bildes mit der Paradiespforte, den Seligen und der fürbittenden Maria ist durch den Kanzeleinbau zerstört worden.
Zweites Viertel des 15. Jahrhunderts. – Was sich hier gross und eindrücklich über die ganze Wand erstreckt, setzt sich aus den gleichen Elementen zusammen wie das eben beschriebene Weltengericht, immer noch flächig-dekorativ, aber nicht mehr kleinteilig und puppenhaft, sondern geschlossener im Aufbau, etwas dramatischer und differenzierter im Ausdruck: Während Petrus links den Seligen das Paradiesestor öffnet, auf dessen Zinnen Engelchen zum Empfang musizieren, jagen rechts individuell gestaltete Teufelchen die Verdammten. Höllenrachen und Siedekessel sind auch hier bereits überfüllt. Weitere Sünder schmachten unter dem Kessel in der Glut, die mit einem Blasebalg unterhalten wird. Umgeben vom teuflischen Treifen, kniet gross und ruhig Johannes der Täufer als Fürbitter, den Blick zu Christus erhoben, der , flankiert von posaunenblasenden Engeln und umgeben von einem Wolkenband, in der Röte des Feuerhimmels heruntergefahren ist. Zu Füssen der fürbittenden Gottesmutter Maria steigen die Auferweckten als kleine Figürchen mit heftigen Gebärden aus der Erde auf. Zwischen Maria und Petrus schliesslich ist der Erzengel Michael zu erkennen, der nach altem Volksglauben als Vorrichter die Seelen wägt und das Ergebnis dem Obersten Weltenrichter meldet. Bei den zahlreichen, weit über Europa verbreiteten Darstellungen ist das Wägesystem nicht immer dasselbe. Im Reutiger Bild kann die linke, schwerere Waagschale kaum mehr erkannt werden. Wahrscheinlich hat hier ein gottgefälliges Seelchen gesessen, dessen gute Taten, die es mit sich trägt, die bösen in der rechten Waagschale überwiegen. Listige Teufel versuchen aber, die Schale des Bösen zusätzlich zu belasten, um die Seele für die Hölle zu gewinnen. Gegen sie erhebt Michael sein Schwert. Das Gerichtsbild gehört zu einer umfangreichen Neubemalung des Schiffs, der die Malereien von 1420 – 1425 in der Kirche Erlenbach Pate gestanden haben. Leider konnten die Zyklen über die Erschaffung der Erde und die Jugend Christi an der Südwand sowie die Passionsgeschichte an der Nordwand nicht mehr restauriert werden. Sichtbar geblieben ist lediglich ein bescheidenes Fragment mit der rot gekleideten Gestalt Gottvaters aus der Schöpfungsgeschichte.
Weiterführender Text zu den Wandbildern in der Kirche Reutigen siehe unter:
Aus „Berner Zeitschrift für die Geschichte und Heimatkunde“ (1954) Verlag Paul Haupt, Bern, geschrieben von B. Schmid