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Die Entdeckung der Farbe
Kein Licht kann ohne Farbe existieren, so die Erkenntnis unseres Autors beim Besuch einer zunächst grauen Architekturikone in der Nähe von Lyon.
Ich hatte von dieser Kreatur schon viel gehört. Gewaltig, erhaben, erschreckend. Unbedingt musste ich sie sehen.
Es hatte den ganzen Tag geregnet, als ich am späten Nachmittag den Ort erreichte und vor einem hohen Eingangsportal stand. Auf der anderen Seite der Mauer war es plötzlich ganz still. Ich ging entlang des schlängelnden Pfades und erblickte sie in der Ferne. Gigantisch und grau lag sie an einem abfallenden Hang. Sie schien dem Regen gegenüber gleichgültig; das Wasser floss wildbachartig auf ihrer harten Haut. Aus der Distanz beobachtete ich sie lange, ohne mich anzunähern. Die Sicht auf diese kalte Masse merkwürdiger Volumen, diesem System von unbegreiflichem Gewirre, liessen mich zweifeln. Aber sie warteten sicher schon auf mich.
Ein heftiger Knall ertönte, als sich das schwere rote Tor hinter mir schloss. Der Ton dröhnte wie ein Frösteln durch diese rohen Massen: Dem Wächter wurde bewusst, dass ich angekommen war. Er zeigte mir meine Zelle, einen dunklen schmalen Raum mit rauen Oberflächen. Erst später sollte ich das Abendessen bekommen. Darauf wartend, sass ich vor einer Wand.
Die Wand hatte etwas Seltsames, etwas Schönes. Einen schwachen Lichtschein. Einen farbigen Fleck. Etwas Grünliches. Diese harte Wand war eigentlich ein wunderbares Glitzern, das von einer grünen Fläche ein wenig abseits ausstrahlte. Ich folgte den Lichtteilchen durch den Raum und glitt aus der Zelle. Ich ging an einer unendlich langen Öffnung entlang, in der ich eine Sammlung fremder, sorgfältig behüteter Objekte sah.
Da entdeckte ich eine Reihe von gelben Linien, die meiner Bewegung folgten. Weiter fand ich blaue und grüne Flächen, immer mit ihren Millionen Reflexionen. Und wenn die Farben fehlten, dann würde das Grün der Bäume und das Blau des Himmels das Farbenspektrum ergänzen. In einem dunklen Raum, grösser als alle anderen, leuchteten die Farben. Die Farben der drei leichten Kreise über meinem Kopf waren so reich, dass ich sie nicht benennen konnte. Ich verstand: Kein Licht kann ohne Farbe existieren. Was ich für Grau gehalten hatte, waren tatsächlich unzählige Farbtöne.
Adrien Meuwly ist Redaktor der Zeitschrift trans. trans ist das Fachmagazin des Architekturdepartements der ETH Zürich und wird seit 1997 von einer unabhängigen, studentischen Redaktion geführt.