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Artikel - Rumantsch Grischun
Rumantsch Grischun
Das Rumantsch Grischun ist eine Standardsprache, welche ab 1982 von Heinrich Schmid auf Initiative und im Auftrag der Lia Rumantscha gestaltet wird. Sie beruht auf den drei Idiomen mit den meisten Sprechern – Sursilvan, Surmiran und Vallader – und berücksichtigt das Mehrheitsprinzip. Das heisst, man hat wo immer möglich jene Form gewählt, die der Mehrheit der drei genannten Schriftvarianten gemeinsam ist.
Das Rumantsch Grischun ist eine sogenannte Standard- oder Ausgleichssprache. Es beruht im Wesentlichen auf den drei bündnerromanischen Schriftidiomen Sursilvan, Surmiran und Vallader und wurde nach dem Mehrheitsprinzip geschaffen, d.h. man hat wo immer möglich jene Form gewählt, die der Mehrheit der drei genannten Schriftvarianten gemeinsam ist.
Dieser Grundsatz gilt sowohl für die Laut- und Formenlehre als auch für die Satzbildung und den Wortschatz. Dabei wurde auch auf Transparenz und Vereinfachung des sprachlichen Systems sowie auf die allgemeine Verständlichkeit des Rumantsch Grischun geachtet. Die sprachliche Substanz des Rumantsch Grischun besteht zu 99,99% aus den Idiomen und Dialekten.
Das Fehlen einer einheitlichen Schriftsprache wurde von dem Moment an empfunden, als die romanische Sprache über den engen regionalen Raum hinaus an Bedeutung gewann. Zwischen 1800 und 1960 wurden drei Versuche zur Schaffung einer überregionalen romanischen Schriftsprache gemacht (siehe Darms 1989, Decurtins 1993), die allesamt aus unterschiedlichen Gründen scheiterten.
Der alarmierende Rückgang des Romanischen, welcher durch die letzten Volkszählungen dieser Zeit bestätigt wurde (siehe Furer 1981), veranlasste die Lia Rumantscha, ein umfassendes, auf moderner Sprachplanung beruhendes Konzept zur Erhaltung und Förderung des Romanischen zu erarbeiten. Ein unabdingbarer Bestandteil dieses Konzepts war die Bereitstellung einer Standardsprache.
1982 legte der Zürcher Romanist Heinrich Schmid im Auftrag der Lia Rumantscha die «Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerromanischen Schriftsprache Rumantsch Grischun» vor. Es handelt sich um eine Sammlung von einzeln begründeten Regeln und Empfehlungen für den lautlichen Aufbau sowie für die Formen-, Satz- und Wortbildungslehre des Rumantsch Grischun. Auf dieser Grundlage erarbeitete die Sprachstelle der Lia Rumantscha 1985 im Rahmen eines wissenschaftlichen Nationalfonds-Projekts ein Wörterbuch mit einer integrierten Elementargrammatik des Rumantsch Grischun (Neuauflage 1989 bei Langenscheidt). Das Wörterbuch ist die Basis für das spätere Pledari Grond.
Geschichte des Pledari Grond
Auf Grund der «Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerromanischen Schriftsprache Rumantsch Grischun» und im Rahmen eines wissenschaftlichen Nationalfonds-Projekts erarbeitete die Sprachstelle der Lia Rumantscha 1985 ein Wörterbuch mit einer integrierten Elementargrammatik des Rumantsch Grischun (Neuauflage 1989 bei Langenscheidt).
1993 erschien die gesamte linguistische Datenbank der Lia Rumantscha unter dem Namen Pledari Grond (PG) in Buchform. Im 2001 wurde das Pledari Grond mit einem integrierten Verbenbuch (inkl. Suchprogramm) auf CD-ROM herausgegeben. Im Jahre 2005 wird ein erster Versuch gemacht, das Pledari Grond online zu stellen und ab 2006 existiert eine offizielle online-Version der Sprachdatenbank. Das Pledari Grond umfasst heute mehr als 222'000 Einträge und 3'862 Verben einschliesslich Konjugation. Es wird laufend gemeinsam mit den Nutzern ergänzt.
Die Website des Pledari Grond wird 2015 auch eine Plattform für verschiedene idiomatische Wörterbücher. Das erste idiomatische Wörterbuch auf der interaktiven Plattform ist in Surmiran. Ziel ist es im Verlauf der Zeit Online-Wörterbücher für jedes Idiom zur Verfügung zu stellen.
Der Entscheid über die Verwendung von Rumantsch Grischun anstelle eines der Idiome obliegt den einzelnen Organisationen, Institutionen, Behörden und Privaten.
Bund
Der Bund hat seine seit 1986 ausgeübte Praxis (Verwendung von Rumantsch Grischun für «Drucksachen mit besonderer Verbindung zum romanischen Sprachgebiet») auf der Grundlage des Beschlusses des Kantons Graubünden vom 2.7.1996 offiziell umgesetzt und verwendet seither Rumantsch Grischun definitiv als Amtssprache für den amtlichen Verkehr mit romanischen Institutionen und Personen. Infolge der gesetzlichen Aufwertung des Romanischen (Art. 70 der Bundesverfassung) formuliert das Bundesgericht im Jahre 1999 zum ersten Mal einen Entschluss in romanischer Sprache und zwar in Rumantsch Grischun.
Kanton Graubünden
Der Kanton Graubünden erklärt am 2. Juli 1996 das Rumantsch Grischun als Amtssprache des Kantons Graubünden (gemäss Empfehlungen einer Arbeitsgruppe), das Bündner Rechtsbuch nur in Rumantsch Grischun zu führen und Schulversuche mit Rumantsch Grischun zu erlauben (z.B. Gemeinden an der Sprachgrenze), welche Auskunft über das zukünftige Vorgehen geben könnten.
Der Kanton Graubünden verwendet Rumantsch Grischun seit 1997 (Regierungsbeschluss vom 2.7.1996) für amtliche Texte wie Mitteilungen im kantonalen Amtsblatt, Pressemitteilungen, Formulare, Beschlüsse usw.
Am 10.6.2001 hat das Bündner Stimmvolk die Revision von Art. 23 des Gesetzes über die Ausübung der politischen Rechte gutgeheissen, womit die beiden Idiome Sursilvan und Ladin explizit durch das Rumantsch Grischun ersetzt worden sind. Rumantsch Grischun gilt seither als kantonale romanische Amtssprache und wird nunmehr auch als Schriftform für die kantonalen Abstimmungsunterlagen sowie für das Bündner Rechtsbuch verwendet. Das Sprachengesetz des Kantons Graubünden (seit 2008 in Kraft) anerkennt in Art. 3 Abs. 5 das Rumantsch Grischun als romanische Standardsprache der Kantonsbehörden und der Kantonsgerichte. Romanischsprachige können sich in den Idiomen oder in Rumantsch Grischun an den Kanton wenden.
Lia Rumantscha und angegliederte Sprach- und Kulturvereine
Die Lia Rumantscha verwendet das Rumantsch Grischun für offizielle und administrative Texte sowie für andere Texte verschiedenster Art, die sich an die ganze Rumantschia richten. Ihre angegliederten überregionalen Sprach- und Kulturvereine haben sich seit einiger Zeit dieser Praxis teilweise angeschlossen.
Regionen, Gemeinden und Private
Den politischen Behörden, Verwaltungen, kirchlichen Institutionen, kulturellen Vereinen und Privaten in den romanischsprachigen Gemeinden steht es frei, das Rumantsch Grischun bzw. das jeweilige angestammte Schriftidiom für den eigenen Bereich sowie für den überregionalen Schriftverkehr zu verwenden. In der Praxis werden hier nach wie vor die Idiome gebraucht.
Kirchen
In den romanischsprachigen Regionen werden die Predigten und Messen in Deutsch oder im jeweiligen regionalen Idiom gehalten.
Medien
Die Tageszeitung «La Quotidiana» verwendet Rumantsch Grischun für Beiträge, die sich an die gesamte Rumantschia richten. Das Jugendmagazin Punts (letzte Ausgabe Ende 2011) publizierte Texte in Rumantsch Grischun und in den Idiomen. Radiotelevisiun Svizra Rumantscha (RTR) setzt Rumantsch Grischun für ihre amtlichen schriftlichen Mitteilungen, für die redaktionellen Inhalte auf der Website und für die Untertitel der visuellen Beiträge ein. Ausserdem werden alle Nachrichten in Rumantsch Grischun gelesen.
Schule
Gemäss Art. 18 des Sprachengesetzes des Kantons Graubünden regeln die Gemeinden selber, welche Schulsprache für den Unterricht in der Volksschule verwendet wird. Sie müssen dies jedoch in Zusammenarbeit mit der zuständigen kantonalen Behörde machen (hier finden sich weitere Informationen in diesem Zusammenhang).
Anfänge
Seit 1999 ermöglicht der Kanton Graubünden deutschen und romanischen Gemeinden, die sich für Deutsch als Unterrichtssprache entschlossen haben, Rumantsch Grischun als Zweitsprache in der Primarschule zu unterrichten.
In der Stadtschule Chur werden seit 2000/01 zweisprachige romanisch-deutsche Schulklassen geführt. Als Unterrichtssprache gelangt Rumantsch Grischun zur Anwendung.
Gemäss Art. 3 der Verordnung über das Gymnasium im Kanton Graubünden (in Kraft seit August 1999) ist die zweite Landessprache für Schüler und Schülerinnen in der Regel eine Kantonssprache. Als romanische Schriftsprache gelangt Rumantsch Grischun zur Anwendung.
Im Dezember 1996 beschloss die Regierung Graubündens, Unterrichtsmaterialien in Rumantsch Grischun für die zweisprachige Maturität (seit 1999/2000 mit passiven und aktiven Kenntnissen in Rumantsch Grischun) zur Verfügung zu stellen. Im selben Jahr beauftragte die Regierung das Erziehungs-, Kultur und Umweltschutzdepartement, Vorschläge für die Einführung von Rumantsch Grischun auf den verschiedenen Schulstufen zu erarbeiten. Eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Ruedi Haltiner stellte im Jahre 1999 die Vorschläge des sogenannten Konzepts Haltiner vor. Gemäss diesem Konzept sollen die Schüler der Unterstufe im Idiom unterrichtet werden, erst in der Mittel- und Oberstufe soll schrittweise Rumantsch Grischun hinzukommen. Die Idiome bilden weiterhin die sprachliche Grundlage. Das Rumantsch Grischun wird nur passiv vermittelt. An den Mittel- und Berufsschulen soll Rumantsch Grischun an Bedeutung gewinnen.
Vollständige Version des Konzepts Haltiner (PDF).
Mit Schreiben vom 28. April 1998 beantragten der Schulrat und der Gemeindevorstand Vaz/Obervaz (romanische Gemeinde mit deutscher Grundschule) beim Erziehungsdepartement einen Schulversuch mit Rumantsch Grischun als Zweitsprache in den Primar- und Kindergartenklassen. Mit Beschluss vom 10. Juli 1998 gab die Regierung dem Schulversuch Vaz/Obervaz grünes Licht.
Im Oktober 2002 fasste die Delegiertenversammlung der Lia Rumantscha den Beschluss, die Förderung und Verbreitung von Rumantsch Grischun als überregionale Schriftsprache voranzutreiben und diese mittel- und langfristig auch als Schulsprache einzuführen.
Im Frühling 2003 lädt die Lia Rumantscha die Schulbehörden der Val Müstair, der Gemeinden Donat (Sutselva) und Trin (Surselva) ein, dem Erziehungsdepartement ihr Interesse an einem Schulversuch mit Rumantsch Grischun anzumelden. Die «Corporaziun regiunala Val Müstair» (Lehrerschaft, Schulrat und Gemeindepräsidenten der Val Müstair) folgt der Einladung: Am 8. Oktober 2003 beantragt sie einen Schulversuch in Rumantsch Grischun und beauftragt die Lia Rumantscha, ein entsprechendes Konzept zu erarbeiten. Aufgrund des heftigen Widerstands aus Kreisen der Lehrerschaft und Politik bittet das Erziehunsgdepartement die Münstertaler in einem Schreiben vom 12. Dezember 2003, mit der Einführung von Rumantsch Grischun in ihren Schulen bis Ende der Planungs- und Vorbereitungsphase (2007) zuzuwarten. Bereits im Oktober 2002 hatte sich die sutselvische Gemeinde Zillis (Schamsertal) als erste romanische Gemeinde überhaupt für die Einführung von Rumantsch Grischun auf der Volksschuloberstufe ausgesprochen.
Das Projekt «Rumantsch Grischun in der Schule»
Im Sommer 2003 beschliesst der Grosse Rat Graubündens im Rahmen eines Sparpaketes, romanische Lehrmittel ab 2005 nur noch in Rumantsch Grischun herzustellen. Die Regierung hat diesen Auftrag an das Erziehungs-, Kultur- und Umweltschutzdepartement weitergeleitet, was zu heftigen Protesten seitens der Lehrerschaft sowie der regionalen Politik und Kultur (Gemeinde- und Schulräte, Grossräte, Sprach- und Kulturvereine, Regionalverbände) führte.
Mit verschiedenen Vorstössen wird von der Regierung Graubündens ein klares Konzept zur Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule gefordert. Am 22. November 2003 setzt die Regierung eine Arbeitsgruppe ein, welche ein solches Konzept zur schrittweisen Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule erarbeiten soll. Die Idiome sollen weiterhin eine wichtige Rolle spielen: als Literatursprachen, als Sprachen der traditionellen Kultur, als gesprochene Sprachen, als Sprachen für die regionale Identifikation.
Im März 2004 wird die Einführung von Rumantsch Grischun als Schulsprache auch von der Jungen CVP Surselva bekämpft: Mit einer Petition verlangt sie, dass die Gemeinden Graubündens, die eine romanische Grundschule haben, über die Frage, ob Rumantsch Grischun bis spätestens im Jahre 2010 Schulsprache werden soll, abstimmen können (Konsultativabstimmung).
Im Oberengadin (La Punt Chamues-ch, Sils und Samedan) und in der Surselva (Sumvitg) werden entsprechende Initiativen angenommen, welche anstatt Rumantsch Grischun jeweils das regionale Idiom als Unterrichtssprache neben dem Hochdeutschen verlangen. Nach Bundesgesetz entbehren aber solche Konsultativabstimmungen jeder rechtlichen Grundlage.
Gemäss einer Petition, die von praktisch allen Gemeinden des Engadins, von Valchava in der Val Müstair und von der regionalen Sprachvereinigung «Uniun dals Grischs» unterzeichnet wird, soll die Regierung flexible Lösungen suchen, die auf die sehr unterschiedlichen Situationen des Romanischen Rücksicht nehmen und sicherstellen, dass Rumantsch Grischun in der Schule nicht zum Nachteil des Romanischen eingeführt wird.
Im Juni 2004 hat die Lia Rumantscha ihrerseits eine Stellungnahme zum Thema Rumantsch Grischun in der Schule abgegeben. Darin fordert sie eine «möglichst rasche, aber gut vorbereitete» integrale Einführung von Rumantsch Grischun in den Schulen, verlangt aber gleichzeitig vom Kanton Professionalität und Sensibilität in der Konzeptphase sowie den Einbezug aller beteiligten Interessensgruppen wie die Lehrerschaft, die Schulbehörden, die Eltern sowie die Sprach- und Kulturvereine. Dem Projekt müsse zudem die nötige Zeit zugestanden werden, die es erlaube, weitere Standardisierungsmassnahmen vorzunehmen, die Bevölkerung mit dem Rumantsch Grischun vertraut zu machen, gute Lehrmittel zu erarbeiten und die Lehrerinnen und Lehrer in Rumantsch Grischun auszubilden. Der definitiven integralen Einführung von Rumantsch Grischun in den Primarschulen sollen regionale und kommunale Pilotprojekte vorangehen, die professionell begleitet und wissenschaftlich ausgewertet werden. Die Rolle der Idiome und des Rumantsch Grischun soll klar abgegrenzt werden. Auch soll den soziolinguistischen Unterschieden in den Regionen Rechnung getragen werden.
Am 14. Juni 2004 haben sich 180 romanischsprachige Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Bildung in einem offenen Brief an die Regierung Graubündens gegen eine integrale Einführung des Rumantsch Grischun in der Schule ab dem Jahre 2010 ausgesprochen. Die Regierung wird darin aufgefordert, auf eine aktive Einführung des Rumantsch Grischun als Schulsprache, welche eine falsche Entwicklung in der Sprachpolitik sei und sowohl den Idiomen als auch dem Rumantsch Grischun mehr schade als nütze, zu verzichten.
In einer Sitzung vom 20. Juni 2004 hat sich auch die romanische Gruppe des Bündner Grossen Rates für eine pragmatische Lösung in der Frage Rumantsch Grischun in der Schule im Sinne der Stellungnahme der Lia Rumantscha ausgesprochen.
Umfragen zum Thema «Rumantsch Grischun in der Schule» spalten die romanische Lehrerschaft: Während die Lehrerinnen und Lehrer im Oberengadin eine integrale Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule ablehnen, sind die mittelbündnerischen Lehrpersonen mehrheitlich dafür, Rumantsch Grischun schreibend und lesend in der Schule einzuführen. Auch in der Surselva hat sich die romanische Lehrerschaft laut einer Umfrage der regionalen Lehrerkonferenz («Conferenza generala romontscha dalla Surselva») mehrheitlich für die Einführung von Rumantsch Grischun in der Schule ausgesprochen. 21% sprachen sich für eine Vereinheitlichung des Romanischen durch das Rumantsch Grischun aus, 23% für die parallele Einführung der Einheitssprache neben dem Idiom, 47% für die Vermittlung passiver Rumantsch Grischun-Kenntnisse; nur gerade 7,8% lehnten Rumantsch Grischun als Schulsprache ab. Ein Grossteil war der Meinung, eine überregionale romanische Identität sei notwendig.
Der Fahrplan der Regierung sah wie folgt aus: 2004 erste Planungsarbeiten, 2005 Detailkonzept, Kader- und Lehrerausbildung usw., 2007 Einführung von Rumantsch Grischun in den ersten Primarklassen in Pionierregionen, 2010 Beginn der Alphabetisierung in Rumantsch Grischun in allen ersten Klassen. Im Schuljahr 2007/2008 beginnen 23 Pioniergemeinden Rumantsch Grischun in den ersten Primarklassen zu unterrichten. Es sind dies Lantsch/Lenz, Brienz, Tiefencastel, Alvaschein, Mon, Stierva, Salouf, Cunter, Riom-Parsonz, Savognin, Tinizong-Rona, Mulegns, Sur, Marmorera, Falera, Laax, Trin und die Gemeinden Müstair, Sta. Maria, Valchava, Fuldera, Tschierv und Lü (seit 2009 unter dem Namen Val Müstair fusioniert). Ab Schuljahr 2008/2009 führen elf weitere Gemeinden Rumantsch Grischun als Alphabetisierungssprache ein: Ilanz, Schnaus, Flond, Schluein, Pitasch, Riein, Sevgein, Castrisch, Surcuolm, Luven und Duvin. Ein Jahr später kommen Sagogn, Rueun, Siat, Pigniu/Panix, Waltensburg/Vuorz und Andiast hinzu.
Anfangs 2011 wird der Verein Pro Idioms mit einer Sektion im Engadin und einer in der Surselva gegründet. Ziel der Pro Idioms ist es, die Idiome in der Schule mit idiomatischen Lehrmitteln zu fördern. Als Gegenreaktion veröffentlichen Befürworter des Rumantsch Grischun im April des gleichen Jahres das Manifest Pro Rumantsch um zu beweisen, dass die Einführung von Rumantsch Grischun in den Schulen auch unterstützt wird.
Die Situation droht zu eskalieren. Die folgenden Gemeinden, welche sich am Projekt Rumantsch Grischun in der Schule beteiligten, entschliessen sich, das Idiom wieder einzuführen: Castrisch, Duvin, Rueun, Sevgein, Siat, Riein (seit 2014 unter dem Namen Ilanz/Glion fusioniert), Falera, Waltensburg/Vuorz, Andiast, Sagogn, Schluein, Laax und Val Müstair.
Eine strategisch-politische Gruppe, welche die Lia Rumantscha einberuft und moderiert und welche aus Vertretern der Pro Idioms und der Pro Rumantsch besteht, reicht der Bündner Regierung einen Kompromissvorschlag ein.
Der Grosse Rat beschliesst, die Einführung des Rumantsch Grischun als Alphabetisierungssprache in den Schulen zu stoppen und hebt – zugunsten des Kompromisses – nach acht Jahren seinen Entscheid auf, die Lehrmittel nur noch in Rumantsch Grischun herauszugeben. Der erwähnte Kompromiss ist der sogenannte «Koexistenzmodell». Dieser sieht vor, dass die Schulen, welche im Idiom alphabetisieren auch das Rumantsch Grischun auf rezeptive Weise (lesen und verstehen) vermitteln und dass Schulen, welche in Rumantsch Grischun alphabetisieren auch das Idiom auf rezeptive Art vermitteln. Dieses Modell soll später im Schulgesetz und im Lehrplan 21 verankert werden, welcher für den Kindergarten bis zur 2. Klasse der Sekundarstufe I auf das Schuljahr 2018/19 und für die 3. Klasse der Sekundarstufe I auf das Schuljahr 2019/20 in Kraft gesetzt. Der Lehrplan 21 hält sich an das Prinzip, dass die Gemeinde entscheidet, welche Alphabetisierungssprache unterrichtet wird. Gemäss Regierungsbeschluss gibt es in idiomatischen Schulen keine elementaren Anforderungen was das Rumantsch Grischun angeht. Auf der Sekundarstufe I bekommen auch die Schülerinnen und Schüler dieser Schulen die Möglichkeit, Texte in Rumantsch Grischun und in den anderen Idiomen zu hören und zu lesen.
Zur Ermittlung der Akzeptanz des Rumantsch Grischun wurde eine auf wissenschaftlicher Grundlage beruhende Meinungsumfrage bei der romanischen Bevölkerung in Graubünden durchgeführt. Eine von der Regierung des Kantons Graubünden eingesetzte Arbeitsgruppe sollte die entsprechenden Grundlagen ausarbeiten und allfällige Alternativen zum Rumantsch Grischun prüfen. 1994 wurde der Auftrag für die Durchführung der Umfrage an das Cultur Prospectiv-Institut in Zürich vergeben. Für die Untersuchung wurden 1115 Personen romanischer Sprache im Alter zwischen 18 und 80 Jahren befragt.
Die wichtigsten Resultate des Schlussberichts waren:
- Eine deutliche Mehrheit sprach sich für eine einheitliche Schriftsprache aus.
- Rumantsch Grischun fand zwar keine Mehrheit, hatte jedoch klare Präferenz unter sämtlichen möglichen Varianten.
- Rumantsch Grischun sollte lediglich als Ergänzung zu den Idiomen und – im Unterschied z.B. zum Hochdeutschen – nur als Schriftsprache verwendet werden.
Das sprachliche Konzept des Rumantsch Grischun hat sich in der Praxis bewährt. Der Übersetzungsdienst der Lia Rumantscha erhält seit Jahren zahlreiche Übersetzungsaufträge seitens öffentlicher und privater Unternehmen. Inserate, Gebrauchsanleitungen, Prospekte, Formulare, Tafelinschriften, Produktbeschreibungen und Werbetexte werden tagtäglich übersetzt.
Heute scheint das Rumantsch Grischun als plakative Sprache und als Sprache, um sich an ein überregionales Publikum zu wenden, akzeptiert zu sein.
Darms, G., Sprachnormierung und Standardsprache, en: Holtus, G. et al., Lexikon der Romanistischen Linguistik, 3, 1989, 827 – 853
Decurtins, A., Die Bestrebungen zur schriftsprachlichen Vereinheitlichung der bündnerromanischen Idiome, en: Romanica Raetica 8, 1993, 341 – 363
Furer, J.-J., Le romanche en péril? Uffizi federal da statistica, Berna 1996
La Quotidiana, Udir e leger rg sin stgalim superiur, 27 da november 2015
Schmid, H., Richtlinien für die Gestaltung einer gesamtbündnerromanischen Schriftsprache Rumantsch Grischun, 1982