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Aus dem Französischen von Daniel Oesch
Juni 1968: Dominique, fünfzehnjähriger Ausreißer, landet nach Tagen des ziellosen Herumstreichens durch die Straßen von Paris im Victor Hugo, einem zwielichtigen Bistro im Quartier La Villette. Die Wirtsleute, Andrée und Roger David, sie eine in die Jahre gekommene ehemalige Hure, er Zuhälter und Hehler, stellen den Jungen als «Mädchen für alles» ein. Eine ungewöhnliche Laufbahn beginnt. Andrée und ihre Freundinnen Marie und Danielle, die auf dem Strich im Bois de Boulogne arbeiten, sind bezaubert von dem jungen Mann mit den schönen Augen und den langen Wimpern und teilen sich ihn in stiller Komplizenschaft als Liebhaber. Durch die sinisteren Gesellen, die das Bistro frequentieren, kommt er in Kontakt mit dem Milieu, das für ihn eine Art Offenbarung ist, und er beschließt, in der Welt der Ganoven Karriere zu machen. Mit neunzehn Jahren meldet er sich freiwillig zum Wehrdienst bei den Fallschirmjägern und verpflichtet sich im Anschluss an die Ausbildung für einen Einsatz im Tschad, wo er seine beiden späteren Komplizen, den Chinesen und Damien, kennenlernt. Zurück in Paris, machen die drei Kumpane während eines Jahres das Umland von Paris mit ihren Raubzügen unsicher, ohne sich der verhängnisvollen Konsequenzen bewusst zu sein.
TEXTAUSZUG
Die Masche der drei Jungs war ziemlich einfach. Es brauchte nicht viel Köpfchen und kaum Material. Eine ausführliche Planung oder irgendwelche besonderen Fähigkeiten waren nicht nötig. Es war Dominique, der die beiden anderen geködert hatte, das Ding zu drehen. Er hatte ihnen alles so einfach und einleuchtend auseinandergesetzt, dass die zwei einschlugen, als wäre es die natürlichste Sache der Welt. Zwei, drei Mal im Monat bestellte der Chinese eine Karre bei einem Autodieb in der südlichen Vorstadt. Er holte sie dort ab und fuhr dann zu den beiden anderen. Er kam immer zu spät, denn er liebte es, mit dem gestohlenen Schlitten eine kleine Spritztour zu unternehmen. Nachdem er endlich angerollt war, fuhren die drei Kumpane los ins Umland, in die Provinz, wo Damien eine Bank, ein Postamt oder einen Supermarkt ausbaldowert hatte. Mit den Waffen aus der Fallschirmjägertasche im Anschlag gingen Dominique und Damien rein. Letzterer hielt die Kunden in Schach, während Dominique die Angestellten aufforderte, Geldschränke und Kas- sen aufzuschließen. Nachdem sie die Kohle eingesackt hatten, machten sie sich aus dem Staub und fuhren zurück nach Paris. Das Ganze war ein Kinderspiel. Dominique war begeistert.
Das französische Original erschien 2013 unter dem Titel ÉCHAPPEMENT LIBRE bei BSN Press, Lausanne
Oktober 2015, 208 Seiten, ISBN 978-3-9523550-8-4, CHF 28 / €
Erhältlich auf Bestellung im Buchhandel und bei:
Buchhandlung Klio, Zürich
Librairie de L’Autre Livre, 13 rue de l’école polytechnique, Paris 5e
NZZ 20.Januar 2016