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Seit zwei Jahrzehnten beobachtet man in den westlichen Ländern ein Phänomen, das mit dem Begriff «Polarisierung der Arbeitsmärkte» umrissen werden kann. Während die Nachfrage nach hohen und teilweise auch tiefen Qualifikationen zunimmt, reduziert sich die Nachfrage nach mittleren Qualifikationen. Dies hat die ökonomische Basis des Mittelstands ausgedünnt.
In der Schweiz waren 1991 noch fast 700‘000 Arbeitnehmer als kaufmännische Angestellte tätig, diese Zahl sank bis 2009 auf 450‘000. Gleichzeitig verdoppelten sich die Erwerbstätigen in akademisch ausgerichteten Berufen von 400‘000 auf 800‘000. Auch bei den Führungskräften trat eine Verdopplung ein. Ein Blick über die Landesgrenzen zeigt ein ähnliches Bild: Noch 1993 wurden in der EU 46% aller Arbeitsstunden in mittleren Qualifikationen geleistet. 2006 betrug dieser Anteil noch 36%, während der Anteil der Arbeitsstunden in hoch qualifizierten Jobs im gleichen Zeitraum von 32% auf 38% anstieg.
Der wichtigste Treiber hinter dieser Entwicklung liegt in den technologischen Veränderungen, genauer gesagt: im kompetenzbasierten technischen Fortschritt. Dieser bewirkt, dass die Nachfrage nach Routinearbeiten relativ zu Jobs, die Abstraktionsvermögen und Kreativität erfordern, zurückgeht. Die wichtigsten Auslöser sind der Siegeszug digitaler Informations- und Kommunikationstechnologien und die weltweite Vernetzung via Internet.
Auch die Nachfrage nach tief qualifizierten Arbeitskräften war von diesen Veränderungen betroffen, allerdings nicht in der erwarteten Weise. Der Anteil der Stunden, die in Stellen mit geringer Qualifikation geleistet wurden, wuchs in der Schweiz nämlich ebenfalls. Zwar war diese Zunahme nicht so stark wie am anderen Ende des Spektrums, aber die verbreitete Sorge, dass Geringqualifizierte nicht mehr gebraucht würden, erweist sich als unbegründet. Erklärt wird dies damit, dass das zunehmende Heer der Gutverdienenden mehr Basisdienste und -güter nachfragt, für die tiefe Qualifikationen ausreichen. Das Spektrum reicht von den persönlichen Dienstleistungen über den Verkauf bis zum Baugewerbe. Die Kombination von kompetenzbasiertem technischem Fortschritt und steigender Nachfrage nach Basisdiensten führt zur Polarisierung der Arbeitsmärkte in hohe und tiefe Anforderungen.
Besonders eindrücklich ist diese Tendenz in Deutschland, Grossbritannien und Schweden zu beobachten (siehe Abbildung). Doch auch in Belgien, Spanien und Griechenland sind die Anteile der geleisteten Stunden in Jobs mit hohen und tiefen Qualifikationsanforderungen zulasten der mittleren Qualifikationen gestiegen.
Führt die Entwicklung aber auch zu einer entsprechenden «Polarisierung der Löhne» und damit zu einer zunehmenden Lohnungleichheit? Als offenes und hoch globalisiertes Land war die Schweiz vom technologischen Wandel ebenfalls stark betroffen. Es gelang ihr allerdings bis Anfang der 2000er-Jahre besser als anderen Ländern, das Arbeitskräfteangebot an die neuen Verhältnisse anzupassen. Die in der Berufslehre ausgebildeten Kompetenzen entsprachen den neuen Anforderungen offenbar besser als die Qualifikationen amerikanischer High-School-Abgänger. Die Lohnverteilung geriet dadurch weniger in Schräglage. Allerdings zeigen Untersuchungen von Avenir Suisse, dass die Polarisierung seit dem Jahr 2000 auch auf dem Schweizer Arbeitsmarkt deutliche Spuren hinterlässt.
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