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Stellen Sie sich vor durch einen Wald zu gehen – den Duft von nassem Moos, das Knacken der Äste. Dazu hören Sie auch das Zwitschern der Vögel, das Rauschen der Blätter und Nadeln. Ein Wald ist viel mehr, als er von aussen erscheint. Unter der Erde befindet sich eine andere Welt, mit vielen organischen Verbindungen.
Die versteckten Wurzeln und Pilznetzwerke unter der Erde sind das Fundament des Waldes. Über diese Verbindungen von Wurzeln und Pilzen können Bäume Nachrichten versenden oder Nährstoffe untereinander austauschen. Mit dem Internet vergleichbar sind Bäume miteinander verbunden, nicht nur Individuen der gleichen Art, sondern auch artübergreifend wie zum Beispiel Birken und Tannen. Wenn die Birke im Winter alle ihre Blätter verliert, bekommt sie Unterstützung von der Tanne, Nährstoffe werden über die Wurzeln und Pilznetzwerke weitergeleitet.
Warnung an den Nachbarn
Ein Wald ist ein Ökosystem, ein kooperatives System. Bäume konkurrieren nicht nur um Sonnenlicht, sondern unterstützen sich je nach Umweltbedingungen auch gegenseitig. Durch wechselseitige Konversation verstärken sie die Widerstandskraft der ganzen Gemeinschaft; nicht nur Nährstoffe, sondern auch Verteidigungssignale werden von alten grossen Bäumen an ihre Keimlinge weitergeben. Wenn eine Pflanze durch das Überstülpen eines Plastiksackes zu Forschungszwecken kein Kohlenstoffdioxid mehr bekommt, werden chemische Botenstoffe ausgesendet über das Pilznetzwerk zu benachbarten Pflanzen – dies könnte als Hilfeschrei interpretiert werden. Zum Beispiel, wenn die wilde Tobacco-Pflanze von Fressfeinden angegriffen wird, warnt sie benachbarte Pflanzen mit flüchtigen chemischen Verbindungen.
Können Bäume wirklich sprechen?
Wenn man den Begriff «Kommunikation» für den Austausch zwischen Bäumen benutzt, sollte man jedoch vorsichtig sein. Häufig werden esoterische Ansätze mit wissenschaftlichen Fakten vermischt. Es gibt Signale zwischen Bäume, aber nicht im menschlichen Sinne, sondern basierend auf chemischen Botenstoffen. Die Kommunikation passiert nicht mittels einer Sprache, wie wir sie kennen. Nach landläufiger Meinung können Bäume nicht sprechen. Oder doch? Bäume können Geräusche im Ultraschallbereich erzeugen. Mit geeigneter Technik lassen sich diese Ultraschall-Signale in den hörbaren Bereich transponieren. Mit ein wenig Fantasie hört man dann eine Art Knacken und Flüstern. Ursache dieser Geräusche ist die sogenannte Kavitation. Daneben werden auch eine Vielzahl anderer Ultraschall-Signale gemessen, deren Bedeutung und Herkunft noch unbekannt sind.
Je durstiger, desto lauter
Der Ökophysiologe Roman Zweifel von der eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landwirtschaft WSL untersucht Bäume und Ihre Interaktionen mit den umgebenden Faktoren, wie Wetterbedingungen, langjährige Klimaentwicklungen, Bodeneigenschaften, Verfügbarkeit von Wasser und Trockenheit. Die gemessenen Ultraschallsignale können hauptsächlich im Zusammenhang mit zu wenig Wasser für die Pflanze interpretiert werden. Je durstiger die Pflanze, umso lauter die Signale, die gemessen werden.
Baummusik
Diese akustischen Fingerabdrücke interessieren nicht nur Biologen, sondern auch Klangkünstler wie Marcus Maeder, einen Soundkünstler an der Zürcher Hochschule der Künste. Zusammen verwandeln nun ein Biologe und ein Klangkünstler wissenschaftliche Daten in ein musikalisches Meisterwerk. So werden die Forschungsergebnisse mit einer Klanginstallation einem breiten Publikum zugänglich. Dieses Ergebnis beindruckte auch den französischen Präsidenten François Hollande so sehr, dass er Zweifel und Maeder an die Weltklimakonferenz in Paris eingeladen hat, wo die Installation den Klima-PolitikerInnen aus der ganzen Welt vorgeführt wurde.
Respekt gegenüber dem Ökosystem
Bäume und Pflanzen sind nicht nur Rohstoff- und Nahrungslieferanten für den Menschen. Sie sind auch empfindsame Lebewesen, die auf ihre Umwelt reagieren und mit uns die Erde bevölkern. Wir sollten bei unseren Eingriffen in die Natur immer gut überlegen, ob wir nicht mehr Schaden als Nutzen am Ökosystem Wald anrichten. Durch massive Störungen – beispielsweise der Wasserkreisläufe – schwächen wir unsere Wälder und zerstören Lebensraum. Wenn der Wald geschwächt wird, wird er anfällig für Infektionen und Ungeziefer. Ganzheitliche und nachhaltige Methoden sind gefragt, wofür Forschung auf diesem Gebiet nötig ist. Wir müssen den Wald erst mal in seiner vollen Pracht kennen und verstehen lernen, damit wir ihm auch die nötigen Grundlagen lassen oder geben können. Nur so können wir den Klimawandel bekämpfen.
Der Schwerpunkt im Frühling17 «Baum» dreht sich nicht nur um den Baum an sich. Wir thematisieren die Arbeit mit Holz, den Wald als Lebensraum, die Ökologie, den familiären Stammbaum und auch über ganz persönliche Beziehungen zu Bäumen. Auf die Äste, fertig, los!