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cash: Sony Kapoor, die Schweiz steht einmal mehr vor der Wahl einer zusätzlichen Isolierung. Was raten Sie den Schweizern?
Sony Kapoor: Ob es die Schweizer mögen oder nicht, sie haben sich bereits für eine weitere Öffnung des Landes entschieden. Aber Teil des Problems ist, dass dieser Prozess langsam vonstatten geht und es die Bürger noch nicht realisiert haben. Solange die Schweiz nicht bereit ist, auf einen substanziellen Teil ihres Wohlstands zu verzichten, ist sie auf einer Einbahnstrasse in Richtung weiterer Öffnung. Die Schweiz müsste zwar einen Teil ihrer Souveränität abgeben, hat aber dafür eine sehr zivilisierte und prosperierende Gesellschaft.
Es gibt also kein Zurück?
Nun, da wir an dieser Kreuzung zwischen weiterer Öffnung und Isolation stehen, ist ein Umkehren nicht mehr möglich. Die Diskussionen über die Begrenzung der Zuwanderung oder die Nationalbank widerspiegeln eine Unstimmigkeit und Unzufriedenheit, die im kompletten Widerspruch zu den nationalen und wirtschaftlichen Interessen der Schweiz stehen.
Aber verstehen Sie die zögerliche Haltung vieler Schweizer im aktuellen Umfeld der schwachen Euro-Zone?
Ich verstehe sie, aber ich bin damit nicht einverstanden. Für einen jungen Arbeitslosen in Spanien, jemanden in Griechenland oder einen Bewohner der Pariser Agglomeration sind diese Diskussionen unglaublich. Denn der Schweiz geht es vergleichsweise so gut. Wenn die Arbeitslosigkeit hier hoch wäre, hätte ich Verständnis für diese Rückwärtsgewandtheit. Aber in der aktuellen Situation nicht.
Was läuft Ihrer Meinung nach falsch in der Euro-Zone?
Ich befürchte, dass wir bald an einen Punkt gelangen, an dem die Politik nicht mehr in der Lage ist, die wirtschaftlichen Probleme zu lösen. Um das zu verhindern, braucht es von den wichtigsten Ländern in der Euro-Zone, von Deutschland und Frankreich, fast ein Wunder.
Woran denken Sie genau?
Es braucht eine kurzfristige Lockerung der Fiskalpolitik: starke Investitionen, ein Programm für Strukturreformen und eine Liberalisierung der Dienstleistungen. Zusätzlich braucht die Euro-Zone ein viel umfangreicheres QE-Programm der Zentralbank. Und Deutschland müsste einige seiner Restriktionen lockern. Das ganze sehe ich über einen Zeithorizont von fünf bis zehn Jahren. Tritt das nicht ein, sehe ich kaum einen Ausweg aus der aktuellen Abwärtsspirale.
Würden Sie neben der Währungs- auch eine Fiskalunion begrüssen?
Das ist ein Teil des Problems. Als der Euro geschaffen wurde, war einer der Hauptkritikpunkte die fehlende gemeinsame Fiskalpolitik. Das hat tatsächlich zu einer sehr instabilen Situation geführt. Niemand sagt, dass es eine komplette Fiskalunion braucht. Aber wir müssen uns in diese Richtung bewegen. Die Koordination von Politik, Fiskalpolitik, Strukturpolitik und Geldpolitik ist sehr wichtig.
Werden in zehn Jahren noch alle aktuellen Mitglieder der Euro-Zone mit von der Partie sein?
Darauf würde ich nicht wetten.
An welche Länder denken Sie?
Es gibt mehrere Möglichkeiten. Eine ist, dass eines der Peripherieländer die Zone unter hohne Einmalkosten verlässt. Eine andere ist, dass sich der Währungsraum in zwei Zonen aufteilt. In der einen Zone wären die nördlichen Länder, in der anderen die südlichen Länder um Frankreich, Spanien und Italien. Aber das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Euro-Zone intakt bleibt.
Wie entwickelt sich die Euro-Zone? Wie Japan oder wie Italien?
Viele Beobachter vergleichen die Euro-Zone mit Japan. Aber wenn wir in ein japanisches Szenario kommen, müssen wir und glücklich schätzen. Die Zahlen der vergangenen Jahre zeigen, dass sich Japan nicht so schlecht entwickelt hat. Die Staatsverschuldung ist zwar hoch, Japan hat aber auch viele inländische Ersparnisse. Italien hingegen hat aus wirtschaftlicher Perspektive 15 verlorene Jahre hinter sich. Die Euro-Zone als Ganzes kommt aber auch seit sieben Jahren nicht vom Fleck. Ich befürchte, dass es mit der Euro-Zone noch schlimmer kommt. Im schlimmsten Fall steuern wir auf zwei verlorene Jahrzehnte zu, in denen die politische Polarisierung in den Ländern zunimmt, das Vertrauen zwischen den Ländern abnimmt, die Arbeitslosigkeit nicht bekämpft wird und die Menschen immer ablehnender gegenüber Einwanderung werden. Hinzu könnte noch der Austritt von Grossbritannien kommen. Wir müssen also auf ein japanisches Szenario hoffen.
Welcher Akteur kann der Euro-Zone am meisten helfen? Die EZB?
In den nächsten Monaten ist es die EZB. Vor allem dann, wenn sie sich entscheidet, Anlagen im Wert von mindestens 2,5 Billionen Euro zu kaufen. Das ist der wichtigste Punkt für die mittelfristige wirtschaftliche Zukunft der Euro-Zone. Aber das ist nur effizient, wenn gleichzeitig die Fiskalpolitik gelockert wird. Sonst ziehen Fiskal- und Geldpolitik in unterschiedliche Richtungen.
Wird das viele Geld der Zentralbanken die Aktienbörsen auch in Zukunft ansteigen lassen?
Noch nie gab es im Finanzsystem so viele langfristige Ersparnisse wie Staatsfonds, Zentralbankrücklagen oder Pensionskassenfonds. Aber diese Gelder wurden auch selten so schlecht genutzt wie im Moment. Wann hat die Wall Street das letzte Mal Geld in die reale Wirtschaft investiert? Wann hat Deutschland das letzte Mal sein billiges Geld in die Infrastruktur gesteckt? Dieser Kanal zwischen Finanzmarkt und realer Wirtschaft funktioniert nicht. Und solange das so ist, sehen wir suboptimales Wachstum und eine Aufblähung der Aktienmärkte sowie der Immobilienpreise. Das billige Geld hat dazu geführt, dass die Preise gewisser Anlagen nichts mehr mit der ökonomischen Realität zu tun haben. Die Divergenz zwischen den Arbeitslosenzahlen und den Wachstumsraten auf der einen und den Anleihe- oder Aktienpreisen auf der anderen Seite sind unhaltbar.
Wie kann dieser Kanal repariert werden?
Die Lockerung der Fiskalpolitik ist ein wichtiger Punkt. In Ländern wie Italien, Spanien oder Deutschland sind die Investitionen so stark gefallen, dass sie von den Abschreibungen übertroffen werden. Das ist auch ein Problem des privaten Sektors, das von der politischen Unsicherheit und von Regierungsschwierigkeiten herrührt. Die Regierungen sollten Investitionen in die reale Wirtschaft deutlich hochschrauben, insbesondere in die Infrastruktur. Das würde die Wirtschaft beleben und die Abwärtsspirale stoppen.
Der Inder Sony Kapoor (40) studierte an der London School of Economics (LSE), an der University of Delhi und am Indian Institute of Technology. 2008 gründete er in London den internationalen Think Tank Re-Define. Als Experte und Berater ist er für europäische Regierungen, Entwicklungsländer und Institutionen wie die Uno, die EU oder die Weltbank in den Bereichen Wirtschaftsstrategie und Finanzpolitik tätig.
Das Interview mit Sony Kapoor fand am Rande des 27. internationalen Europa Forum Luzern statt.