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In diesem kleinen Buch, das 136 Seiten umfasst und erstmals im Jahr 1948 erschienen ist, sind Gastvorlesungen abgedruckt, die Jaspers auf Einladung der Freiwilligen Akademischen Gesellschaft und der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel im Juli 1947 gehalten hat. Im Jahr 1948 übersiedelte er dann bekanntlich von Heidelberg nach Basel, wo er bis 1961 gelehrt hat und wo er 1969 gestorben ist. Der Stellenwert dieses Buchs im Gesamtkontext der Werke von Jaspers liegt vor allem darin, dass (a) viele wichtige Gedanken seiner gesamten Philosophie kurz vorgestellt und erörtert werden, und (b) die Konzeption des philosophischen Glaubens erstmals explizit und systematisch entwickelt wird. Diese Konzeption ist nicht bloss für Jaspersʼ Religionsphilosophie von zentraler Bedeutung, sondern Voraussetzung und Grundannahme seines gesamten Philosophierens. Dies hat Jaspers später dann in dem noch viel ausführlicheren Werk Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung, 1962, noch einmal deutlich gemacht. Der philosophische Glaube ist für Jaspers gleichsam die Sinnbasis der menschlichen Existenz. Man würde Jaspers missverstehen, wenn man den philosophischen Glauben bloss als eine kontemplative Einstellung angesichts von erlebten Krisen- und Grenzsituationen auffassen würde. Die Grundintention, die Jaspers mit diesem Glauben verbindet, wird nicht zuletzt in jenem von ihm mehrfach zitierten mittelalterlichen Spruch deutlich, mit dem er seine letzte Vorlesung an der Universität Basel im Sommersemester 1961 über „Chiffren der Transzendenz“ beendet hat: „Ich komme, ich weiß nicht woher,/ Ich bin, ich weiß nicht wer,/ Ich sterbʼ, ich weiß nicht wann,/ Ich gehʼ, ich weiß nicht wohin,/ Mich wundertʼs, daß ich fröhlich bin.“ Der philosophische Glaube ist für Jaspers kein passives Standhalten gegenüber negativen emotionalen Grundstimmungen wie Angst, Verzweiflung oder Sinnlosigkeitserfahrungen, die aus den vielfältigen Erlebnissen des Scheiterns bei der Erfüllung verschiedenster Lebensansprüche resultieren. Dieser Glaube stellt vielmehr eine höchst aktive Lebenseinstellung oder Lebenshaltung dar, er ist eine spezifische „philosophische Verhaltensweise“ (G. Knauss). Philosophischer Glaube ist zunächst einmal die Gewissheit, dass es die Transzendenz, das absolute Sein oder Gott gibt, ohne dass dieser Glaube aber irgendeine Sicherheit garantieren oder ein Wissen von der Transzendenz bzw. Gott vermitteln kann. Es ist ein Glaube an einen Gott, von dem man sich prinzipiell kein Bild machen kann und bei dem jeder Versuch, ihn inhaltlich zu denken oder direkt aus- oder anzusprechen, notwendig zum Scheitern verurteilt ist. „Jaspers hat die Transzendenz gelegentlich (in den Spätwerken häufiger) Gott genannt. Es ist dann aber ein verborgener Gott (deus absconditus), der sich nicht offenbart. Die Transzendenz hat absolut nichts von einem empirischen Wesen, bei dem man sich fragen könnte, ob es wirklich ist – in welchem Raum? in welcher Zeit? … Transzendenz ist das Sein, das absolut Umgreifende.“ (Jeanne Hersch). Der philosophische Glaube steht insofern im Gegensatz zum religiösen Offenbarungsglauben als er an keine Institution, keine Gesinnungsgemeinschaft, keinen Kultus, keine Interpretationsautorität in Bezug auf geoffenbarte religiöse Glaubenswahrheiten gebunden ist. Im Unterschied zum religiösen Glauben ist mit dem philosophischen Glauben auch niemals ein Absolutheits- und Ausschliesslichkeitsanspruch verbunden. Philosophischer Glaube ist bei Jaspers vor allem auch als Vertrauen in die grundsätzliche Möglichkeit des Aufschwungs in die eigentliche, existentielle Dimension menschlicher Selbstverwirklichung zu verstehen. „Der philosophische Glaube aber ist der Glaube des Menschen an seine Möglichkeit. In ihr atmet seine Freiheit.“ Menschsein verwirklicht sich nicht nur in den empirisch-rational erfassbaren Dimensionen des vitalen Daseins, der Verstandeswelt bzw. des „Bewußtseins überhaupt“, und des Vernunftgebrauchs, den Produktionen des menschlichen „Geistes“. Eigentliches Selbstsein ist nur in der transempirischen Dimension der Existenz verwirklichbar. In dieser Dimension liegt die Möglichkeit, das jeweils eigene, unvertretbare, individuelle Selbstsein in erfüllten Augenblicken des Lebens Wirklichkeit werden zu lassen.
In den Augenblicken der Existenzverwirklichung erlebt man sich in seiner Freiheit als von der Transzendenz her geschenkt. Als Glaube an die prinzipielle Möglichkeit, den Aufschwung zur Existenz bzw. zum eigentlichen Selbstsein erleben zu können, ist der philosophische Glaube zugleich auch das Vertrauen darauf, bei der Konfrontation mit Grenzsituationen (Tod, Leiden, Kampf, Schuld) nicht in resignative Verzweiflung und nihilistische Selbstaufgabe zu verfallen. Er ist die Sinnbasis, aus der der Mensch trotz tiefster Erschütterung durch das Erleben der Grenzsituation die Zuversicht zum Weiterleben und zum Bewältigen der Grenzsituation schöpft. Der philosophische Glaube ist bei Jaspers nicht zuletzt das Vertrauen in die Möglichkeit der zwischenmenschlichen Kommunikation. Er ist ein „Wagnis radikaler Offenheit“ und „grenzenlose Kommunikationsbereitschaft“. Der philosophische Glaube hat die Aufgabe, stets neue Impulse für Bemühungen um das Verstehen von anderen Menschen zu geben und dieses Bemühen niemals erlahmen zu lassen. Dies gilt auch in Bezug auf die von Jaspers wegen ihrer Absolutheitsansprüche kritisierten Offenbarungsreligionsen. Es gilt mit deren Verfechtern stets von neuem darüber nachzudenken, ob es nicht Gemeinsamkeiten, etwa in der Verteidigung und Rechtfertigung von Grundwerten und Menschenrechten, zwischen der Position des philosophischen Glaubens und der Position der jeweiligen Offenbarungsreligion gibt. In diesem Sinne meint Jaspers einmal: „Dieser philosophische Glaube, in vielen Gestalten auftretend, wird nicht Autorität, nicht Dogma, bleibt angewiesen auf Kommunikation unter Menschen, die notwendig miteinander reden, aber nicht notwendig miteinander beten müssen.“ (Der philosophische Glaube angesichts der Offenbarung. München 1962, 110).
Interpretiert man den philosophischen Glauben bei Jaspers aus dem Kontext jenes liberalen Ethos der Humanität, das als weltanschauliche Basisannahme seinem gesamten Philosophieren zugrunde liegt, dann ist für diesen Glauben das unablässige Streben nach Offenheit und nach einer undogmatischen Pluralität charakteristisch. Aus der Grundeinstellung des philosophischen Glaubens werden unterschiedliche und gegensätzliche Standpunkte, Persönlichkeiten, Religionen, Kulturen usw. ernst genommen, sie werden nicht im Vorhinein ausgegrenzt, sondern als gleichrangige Kommunikationspartner akzeptiert. Dass die vertrauensvolle Offenheit und undogmatische Pluralität, die der philosophische Glaube nahelegt, aber auch nicht opportunistische Beliebigkeit und grenzenlose Toleranz (etwa gegen radikale intolerante Standpunkte) impliziert, hat Jaspers durch seine engagierte Kritik am Totalitarismus und an den Absolutheits- und Totalitätsansprüchen in Religionen, im Wissenschaftsaberglauben und in politischen Ideologien (etwa dem Marxismus) oft genug deutlich gemacht.
Karl Jaspers, Der philosophische Glaube. 7. Auflage. München: R. Piper & Co. Verlag 1981.