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Brief: Dank eines ehemaligen Bewohners
1911 feierte das Waisenhaus in St.Gallen sein hundertjähriges Bestehen. Bevor es 1811 zum Bau eines Waisenhauses kam, war den Waisen während Jahrhunderten keine eigene Institution zur Verfügung gestanden. Seit der Gründung des Heiliggeistspitals im Jahre 1228 fanden «kint, die nieman hant» dort zusammen mit Kranken und Alten Aufnahme. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde im ehemaligen Kloster St. Leonhard ein «Zucht- und Waisenhaus» eingerichtet. Während die Zuchthausinsassen in der einen Hälfte des Hauses lebten, hielten sich die Waisenkinder nur zur Arbeit in der andern Hälfte des Gebäudes auf und wohnten weiterhin im Spital.
Im frühen 19. Jahrhundert wurde vermehrt Kritik an der Führung der Waisenkinder durch den «Waisenvater» laut: Ihnen würde nur eine ungenügende Reinlichkeitspflege zuteil, die Schlafsäle seien überfüllt und lägen in nächster Nähe zu den Schweineställen. Zudem sei das Zusammenleben mit den andern Spitalinsassen für die Kinder eine schlechte Lösung.
So wies die Bürgergemeinde den Waisen eine geräumigere eigene Institution zu. Der Zeitpunkt und die Lage des Neubaus am Stadtrand beim Rosenberg ist für St.Gallen typisch: Durch den Niedergang der Leinwandindustrie wurde eine Bleiche (grosse Fläche, auf der Leinwand zum Bleichen ausgelegt wurde) nach der andern überflüssig, so dass diese Böden für Überbauungen genützt werden konnten.
Im Juli 1811 konnte der 103’000 Franken teure Bau eröffnet werden, der 1911 sein 100-jähriges Jubiläum feierte.
Beachte die Gross- und Kleinschreibung. Transkribiere die Satzzeichen mit.
An den hochverehrten Verwaltungsrath
der Bürgergemeinde St. Gallen!
Endesunterzeichneter erhielt kurz vor
seiner Abreise nach Palermo die Ein-
ladungskarte auf die hundertjährige
Jubiläumsfeier des städtischen Waisen-
hauses und thut es ihm herzlich leid,
daß es ihm nicht vergönt ist, persönlich
daran theilnehmen zu können.
Der St.Galler Bürger David Theophil Zollikofer dankt in einem Brief aus Palermo dem Verwaltungsrat (Bürgerrat) der Ortsbürgergemeinde St.Gallen für die Einladung zur Hundertjahr-Feier des St.Galler Waisenhauses, an der er jedoch nicht teilnehmen könne.
Erklärungen
Endesunterzeichneter = der am Schluss (des Briefes) Unterzeichnende
Im geistigen
«Fühlen» und «Schauen» bin ich aber doch mit
ganzer Seele dabei, und drängt es mich
meinen Gefühlen der Dankbarkeit und der
Verehrung gegenüber der so hochherzigen und
wohlthätigen Waisenhausbehörden und des
dirigirenden Verwaltungsrathes der Stadt Sant-
Gallen den warm entpfundenen Aus-
druck zu verleihen.
Eingeladen wurde David Theophil Zollikofer als ehemaliger Zögling: Er war im Alter von drei Jahren ins Waisenhaus gekommen, wo er während 16 Jahren wohnte. Im unteren Teil des Briefes schildert er seine positiven Erinnerungen an die Zeit, die er im Waisenhaus verbracht hatte, und dankt den Waisenhausbehörden und dem Verwaltungsrat der Stadt (Bürgerrat) für die Möglichkeit, 16 Lebensjahre in ihrer Institution verbracht haben zu können.
Erklärungen
Verwaltungsrath = Bürgerrat der Ortsbürgergemeinde St.Gallen