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Kapitel 2: Schlechte Nachrichten
»Stewart-Haus, Southbridge. Hallo?«, sagte Glenna automatisch, obschon sie nicht an der Rezeption saß, sondern den Anruf auf ihrem Mobiltelefon entgegengenommen hatte.
»Frau Glenna Alexander?«
»Ja. Wie kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie und runzelte die Stirn.
Sie versuchte, die Stimme zuzuordnen, glaubte aber nicht, dass sie sie kannte.
»Frau Alexander. Hier sprich Doktor Boyle. Ich befürchte, ich habe schlechte Nachrichten.«
Glennas Schultern verspannten sich sofort.
»Oh«, sagte sie bloß, weil sie nicht wusste, wie man standesgemäß auf so eine Ankündigung reagieren sollte.
»Es ist Frau Dorothy Stewart. Sie ist vor gut einer Stunde verstorben. Mein herzliches Beileid.«
Glenna blinzelte.
Hatte sie das gerade richtig verstanden? Sie wiederholte die Worte des Arztes in ihrem Kopf, aber ihre Bedeutung drang nur träge zu ihr vor.
Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, aber irgendwann fragte der Mann am anderen Ende der Leitung:
»Frau Alexander, sind Sie noch da?«
Sie legte die Hand auf ihre Brust und räusperte sich.
»Ja, natürlich. Verzeihen Sie.«
»Nicht nötig, Frau Alexander. Frau Stewart ist friedlich entschwunden. Eine Spaziergängerin hat sie auf einer Bank am Ufer gefunden. Sie sagte, dass sie oft dort gewesen sei, um die Enten zu füttern.«
Ein dicker Pfropfen wuchs in Glennas Hals und es fiel ihr schwer, zu atmen.
Natürlich war Dorothy am Shannon River gesessen. Sie hatten sich ja erst gerade verabschiedet und sich über die jungen Schwäne unterhalten.
Glenna blickte auf die Uhr an der Wand. Das war inzwischen bereits drei Stunden her. Glenna war nicht einmal aufgefallen, wie lange sie in Erinnerungen geschwelgt hatte und dass Dorothy noch gar nicht zurück und in ihrem Bett war für ihr Mittagsnickerchen.
»Danke«, krächzte sie in den Telefonhörer und räusperte sich abermals. »Danke für die Nachricht.«
»Frau Alexander, wie es scheint, hat Frau Stewart keine nahestehenden, lebende Verwandten mehr und sie stehen hier bei uns als Kontaktperson eingetragen. Ich befürchte, ich muss sie herbitten, um mit uns einige Dokumente durchzugehen.«
Glenna nickte, schallte sich dann aber eine dumme Kuh, da der Doktor das natürlich nicht sehen konnte.
»In Ordnung, Doktor Boyle. Ich komme sofort.«
Sie legte das Telefon vor sich auf die Küchenablage und beobachtete, wie das grüne Hörersymbol rot wurde, als der Doktor die Verbindung beendete. Erst, als die Luft ihre Augen austrocknete und das Bild vor ihr zu verschwimmen begann, blinzelte sie und atmete scharf Luft ein.
Sie legte die freie Hand auf ihre Brust.
»Oh, oh«, flüsterte sie.
›Bonnie, wer war das? Was ist passiert?‹, fragte Jamie alarmiert.
Er saß die meiste Zeit über unentdeckt auf ihrem Rücken, weshalb er nur am Ansatz mitkriegte, was um sie herum geschah. Aber er spürte immer sofort, wenn eine starke Gemütsregung in ihr vorging.
Sie wollte ihm antworten, fand die Worte dazu aber nicht.
Dorothy war tot.
Der Klumpen in ihrem Hals wuchs und ein unmenschliches Geräusch drang aus ihrer Kehle, so dass sie die Hand vor den Mund schlug, um es zu ersticken.
Tot.
Sie hatte gewusst, dass dieser Tag kommen würde, aber trotzdem überrumpelte er sie heftiger als angenommen.
›Bonnie, sprich mit mir.‹
Sie benetzte ihre trockenen Lippen und schmeckte salzige Tränen.
»Es ist Dorothy«, sagte sie stockend. »Sie ist gestorben.«
›Oh, Bonnie.‹
Glenna starrte weiterhin auf das Telefon, als erwarte sie, dass ein Anruf reinkam, der ein Missverständnis aufdeckte.
Aber er kam nicht.
Sie schluckte schwer und es schmerzte ihr in der Kehle.
»Meine Tochter ist tot, Jamie.«
Der warme Fleck wanderte von ihrem Rücken hoch und legte sich wie ein wärmendes Kissen um ihren Nacken.
›Es tut mir sehr leid.‹
Glenna nickte und schaffte es, sich von dem Telefon zu lösen. Sie setzte sich an den kleinen Einpersonentisch, faltete die Hände vor ihrem Mund und blickte nach draußen.
All diejenigen, die in einen frühen Mittag gingen, wanderten bereits durch die Straßen und niemand von ihnen war sich bewusst, dass heute Morgen das Lebenslicht von Dorothy Stewart ausgegangen war.
›Was nun?‹, fragte Jamie sanft.
Glenna räusperte das Kratzen in ihrem Hals weg und legte die Hände auf den Tisch.
»Der Arzt will, dass ich vorbeikomme, damit ich mich um den Papierkram kümmere.«
›Du? Warum? Niemand weiß, dass ihr verwandt seid.‹
»Nein, aber ich bin das Einzige, das sie noch hat. Hatte.«
Edward war vor dreißig Jahren gestorben und die beiden hatten keine Kinder gehabt.
Glenna hatte sich nie erkundigt, weshalb, hatte sich aber ab und zu gefragt, ob es an ihren Genen lag, dass weder sie selbst noch ihre biologische Tochter sich zum Muttersein berufen gefühlt hatten.
Plötzlich kam ihr ein Gedanke und das Herz sackte ihr in den Magen. Sie warf einen Blick auf den Kalender, der an der Wand hing.
»Samhain ist in sieben Tagen.«
›Das ist weit genug weg, Bonnie. Ihre Seele hat unsere Welt bis dahin längst verlassen.‹
Glenna nickte und hoffte, dass er recht hatte.
Samhain, das keltische Totenfest war die Zeit, in der sich alle möglichen Wesen der Anderswelt in die Welt der Menschen verirrten und ihren Schabernack trieben. Neben den üblichen Kobolden und Feenvolk gab es darunter auch den einen oder anderen Seelensammler.
Ausgerechnet um diese Zeit herum zu sterben erhöhte die Chancen, einem dieser Elenden in die Hände zu fallen. Aber Glenna würde nicht zulassen, dass dies mit Dorothys Seele geschah.
Sie erhob sich träge und machte einen kurzen Abstecher ins Badezimmer, um zu überprüfen, dass ihre Schminke nicht verschmiert war. Dann machte sie sich auf den Weg zu Doktor Boyles Praxis.
Interessante Lektüre und Infos zum Kapitel:
Vorschau auf das Kapitel „Bonnie Bahookie“ von nächster Woche: