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Das "Martinsklafter" und ein Karrgeleise im Berner Jura
La Toise de Saint-Martin et une route "romaine" dans le Jura bernois
Eine Kult-Nische und ein Stück "römische" Geleise-Strasse bei Frinvillier (Friedliswart), Gemeinde Péry (Büderich), Kanton Bern
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Felsnische an einer Felswand bei einer "Römerstrasse"
Sogenannte Toise de Saint-Martin
Frinvillier (Friedliswart), Gemeinde Péry (Büderich), BE
Koordinaten: 586000/224350
Aufnahme: Autor, 16.5.2004
Die Schlucht der Schüss (La Suze) von Rondchâtel
Das Jura-Flüßchen der Schüss (französisch: La Suze) entspringt zuhinterst im Sankt Immer-Tal (französisch: Vallon de Saint-Imier) und mündet in Biel in den Bielersee. Auf ihrem Weg muß das Gewässer zwei Klusen von Jura-Falten durchstoßen: Zuerst die Klus von Rondchâtel zwischen Péry und Frinvillier, dann die Taubenlochschlucht zwischen Frinvillier und Bözingen, einem nordöstlichen Vorort der Stadt Biel.
Die Taubenloch-Schlucht ist touristisch interessant und bekannt. Die Klus zwischen Frinvillier und Péry jedoch bietet dem historisch Interessierten mehr.
Gleich oberhalb des Fleckens Péry liegen auf einem länglichen bewaldeten Hügelzuges die Reste einer "mittelalterlichen" Burg mit einigen Mauerresten.
Mitten in der Klus, südlich der riesigen Zement-Fabrik, erhebt sich ein runder, bewaldeter und schwer zugänglicher Hügel. Auf diesem erkennt man die Reste einer gewaltigen rundlichen Wehranlage mit einem allseitigen Vorplateau. Die Burg trägt ihren Namen Rondchâtel zu Recht.
Am Ausgang der Schlucht gegen Frinvillier (deutsch: Friedlischwand oder Friedliswart) zwängen sich alte Strasse, neue Strasse, ehemalige Strasse und Jura-Fluß durch eine Klamm.
Genau dort - in einer abgeschnittenen Schlaufe oberhalb der ehemaligen Kantonsstrasse - liegt auf einem Felsplateau ein Stück freigelegter "Römerstrasse". Und gleich daneben an einer künstlich geglätteten Felswand findet sich eine Nische, die "Toise de Saint-Martin".
Eine gallorömische Kult-Nische und ein Stück "Römerstrasse"
Die erwähnte Nische ist eckig in die Felswand gehauen, 30 cm tief, 70 cm breit und mit einer Höhe von 85 cm - wobei der Scheitel spitz zuläuft (vgl. das Foto).
Interessant ist eine oberhalb der Nische waagrecht eingehauene Meßlatte von 110 cm Länge.
Daneben auf dem Felsplateau wurde ein etwa zehn Meter langes Stück römischer Strasse freigelegt. Es ist dies ein typischer Gleisweg oder Karrweg, wie er auch von anderen Stellen im Jura - etwa am Hauenstein oder bei Yverdon - bekannt ist (vgl. das Foto).
Karrgeleise neben der Kult-Nische; Frinvillier, BE
Die normale äußere Spurweite beträgt 110 cm, verbreitert sich aber gegen Süden auf 130 cm.
Aufnahme: Autor, 16.5.2004
Interessant ist bei diesem Stück Gleisweg die unterschiedliche Spurweite: Sie beträgt normal 110 cm, verbreitert sich aber auf 130 cm.
Man darf mit Bestimmtheit sagen, daß die normale Spurweite 110 cm beträgt. Denn die Meßlatte (la toise), die oberhalb der Nische eingehauen ist, zeigt genau dieses Maß an.
Es besteht also ein Zusammenhang zwischen diesen beiden archäologischen Zeugnissen.
Eine heidnische, dann eine christliche Kultnische
Es war in alten Zeiten üblich, daß an gefahrvollen Wegstellen Kapellen, Nischen und sonstige Kultobjekte errichtet wurden.
Die Nische von Frinvillier am Eingang zur Schlucht der Schüss bei Rondchâtel war nach alter Überlieferung dem heiligen Martin geweiht - ein Name, der sich erhalten hat.
Ebenfalls überliefert ist auch die deutsche Namensform Martinsklafter für Toise de Saint-Martin.
Das Martinsklafter war so berühmt, daß es auch in alten Chroniken erwähnt wurde.
In der Chronik des Peter von Molsheim über die Burgunderkriege etwa wird gesagt:
Das Fähnlein der Berner zog am Sankt Martinsklafter vorbei gegen Pruntrut (Peter von Molsheims Freiburger Chronik der Burgunderkriege, ed. Albert Büchi, Bern 1914, S. 34).
Sondierungen 1994 führten zu einer genauen Vermessung der Römerstrasse und der Nische. - Und eine bereits 1918 in der Nähe gefundene Inschrift erlaubte es, den Ursprung der des Martinsklafters auf die gallorömische Zeit zurückzuführen. Ein 50 cm langer Block trägt die Inschrift:
MARTI
M(ARCVS) MACCIVS SABINVS
EX VISSV
(Diese Inschrift) ist dem Mars geweiht von Marcus Maccius Sabinus auf Grund einer Erscheinung.
Das ist nicht besonders gutes Latein - aber genau deswegen scheint die Inschrift echt zu sein, also tatsächlich aus einer "gallorömischen" Zeit. - Nur müssen wir diese gemäß einer neuen Chronologie auf der Zeitschiene weit nach vorne schieben. Ich schlage das beginnende "18. Jahrhundert" vor.
Bei der Felsnische von Frinvillier haben wir also den seltenen Fall vor uns, daß wir heidnische und christliche Verehrung gleichermaßen belegen können: Die Heiden beteten zu Mars, die (alten) Christen zum heiligen Martin. - Man beachte dabei die Namensähnlichkeit zwischen Mars und Martin.
Die Felsnische und besonders der Gleisweg müssen im Zusammenhang mit der Römerstrasse gesehen werden, die den Jura in nördlicher Richtung querte. 15 km weiter befindet sich der bekannte Felstorbogen der Pierre Pertuis. - Dieser "römische" Straßendurchbruch hat eine phantastische Nebenbedeutung.
Wozu dienten die Gleis-Wege?
Ebenso muß man sich Überlegungen zu dem kleinen Stück freigelegter "Römerstrasse" machen.
Man kann sie Karrgeleise, Fahrgeleise, Fahrstrassen, Felsenstrassen oder Geleise-Wege nennen. Immer handelt es sich um Fahrrinnen im Fels mit einer festen Spurweite.
Daß die "Römer" solche Wege angelegt hätten, hilft uns nicht weiter.
Was sollen solche Fels-Gleise für einen Sinn gehabt haben? - Das Rumpeln und die Abnützung der Wagen muß infernalisch gewesen sein. - Man zweifelt, ob das wirklich Karrwege gewesen sind.
Die Fahrstrasse beim Martinsklafter bei Frinvillier fällt durch unterschiedliche Spurweiten auf. - Wenn irgend etwas einen Wagen zum Entgleisen bringt, so sind es unterschiedliche Schienenbreiten (vgl. den Plan).
Plan des Felsengeleises beim Martinsklafter (Toise de Saint-Martin), Frinvillier, BE
aus: Christophe Gerber: La route romaine transjurane de Pierre Pertuis; Berne 1997, p. 19
Das Rätsel der vorgeschichtlichen Gleiswege ist kaum zu lösen.
Der einzige Autor, welcher sich mit solchen in den Fels gehauenen Fahrwegen befaßt hat, ist Uwe Topper. In seinem Buch Das Erbe der Giganten (Olten 1977) widmet er diesen Phänomenen in Spanien ein eigenes Kapitel. - Doch Gleisstrassen gibt es im ganzen westlichen Mittelmeer.
Und die nähere Untersuchung dieser Wege brachte für Topper interessante Einzelheiten zu Tage:
Zum Beispiel gab es im Laufe der Vorgeschichte mehrere Entstehungszeiten. Jede jüngere Epoche verschmälerte die Spurweite: von 180 cm über 140 cm bis zu den "Römern" mit 110 cm.
Die älteren Gleisstrassen verraten ihr höheres Alter dadurch, daß sie Spuren erdgeschichtlicher Katastrophen aufweisen. So gibt es Wege, die durch Hebungen und Senkungen der Erde zerrissen wurden. - Oder Gleiswege, welche schnurgerade ins Meer führen.
Zur Illustration soll hier zum Schluß der Plan einer Geleisestrasse in Termest im oberen Duero-Gebiet wiedergegeben werden.
Geleisestrasse in Termest (Spanien)
aus: Uwe Topper: Das Erbe der Giganten; Olten 1977, S. 203
Man lese dazu den ausführlichen Artikel von Uwe Topper von 1997. - Die Darlegungen des Autors sind grundlegend.
EFODON e.V. - Unerklärliche Felsengleise (U. Topper)
Ein sehr guter Forschungsansatz aus der Schweiz
Von auswärts habe ich den Hinweis auf eine Studie über die Karrwege in der Schweiz und im benachbarten Ausland gefunden. Sie stammt von dem Geografen Guy Schneider, welcher im Rahmen eines Nationalfonds-Projektes diese Zeugnisse untersuchte:
www.viastoria.ch
Der Forscher konnte dabei verschiedene Dinge klären.
Zum ersten ist sicher, daß diese Karrgeleise künstlich angelegt wurden - also nicht durch häufige Benützung natürlich eingetieft wurden.
Dann hat Schneider häufig verschiedene Trassen mit bis zu vier verschiedenen Spurweiten festgestellt.
Endlich ergab sich bei diesen Karrwegen eine Benützung über mehrere Jahrhunderte - bis ins 18. Jahrhundert. - Die "Römer" waren also nicht die einzigen Konstrukteure und Benützer solcher Verkehrswege.