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Buch des Monats Mai 2009
Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt erschliesst 60 deutschsprachige Gedichte. Die meisten Interpretationen wurden über 20 Jahre hinweg für die Frankfurter Anthologie geschrieben, eine wöchentliche Reihe in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dem verdanken die einzelnen Deutungen ihre Kürze von nicht mehr als zwei Seiten. Was macht dieses Buch zu einem Buch des Monats der Bibelpastoralen Arbeitsstelle?
1. die überraschende Häufigkeit mit der von Matt biblische Bezüge in den einzelnen Gedichten entdeckt und würdigt. Liebesgedichte führt er auf das Hohelied Salomos zurück «mit dem alle Liebeslyrik beginnt und über das sie nie hinauskommt» (S. 16 und 136). Goethes Philine ist «ein tollkühner Kommentar zu einer Stelle aus der Bergpredigt, Matthäus 6,25-34 (38). Die Metaphern in Regina Ullmanns «Alles ist sein...» stammen aus dem Buch Jona. Der brennende Dornbusch aus Ex 3 taucht in den «Brüder Grimm» von Günter Eich (152) und in Friederike Mayröckers «an eine Mohnblume mitten in der Stadt» (189) auf. Christine Levant hat ein «Weihnachtsgedicht der finstersten Art» (180) geschrieben, dessen Deutung von Matt mit dem Titel versieht: Die Krippe am Eismeer. Es gibt unter den 60 Gedichtdeutungen mehr solche mit biblischem Bezug als ohne und dass ohne dass der biblische Bezug in irgendeiner Weise als Auswahlkriterium thematisiert wird. Offensichtliche bewahrheitet sich der Grundsatz: Gedichte verstehen ohne Bibelkenntnisse ist unmöglich.
2. In der Auslegung von Ernst Jandls Lautgedicht im Wiener Dialekt, «waunsas wissen woiz sai greiz», einem Gedicht über die Kreuzigung, scheibt von Matt: «Die Passion Christi, von tausend Bildern zugedeckt, ein Stereotyp unter Stereotypen, verstaubt, abgelagert auf dem Dachboden der europäischen Kultur, in den Museen ein ewiges Déja-vu ..., hier bricht sie als furchtbare Wirklichkeit durch den dadaistischen Vorhang.» Von Matt erkennt die Leistung dieses Gedichtes darin: «Es macht uns etwas längst Bekanntes zum ersten Mal bewusst» (195). Diese Leistung wiederum erbringt von Matt für uns an der Bibel Interessierte, indem er nicht nur biblische Bezüge in den Gedichen aufdeckt, sondern ins Wort bringt, wie die biblischen Motive, ihre Haltungen zum Leben, ihr Glauben, in den Gedichten aufgenommen, interpretiert, weitergeführt, kritisiert, in neue Kontexte gebracht uvm. werden. Scheinbar längst Bekanntes wird dadurch neu («zum ersten Mal») bewusst.
3. Im Vorwort reflektiert von Matt über sein eigenes Tun. Was er hier schreibt, eignet sich meiner Meinung nach bestens zum Leitbild für Menschen, die sich in der Bibelpastoral betätigen. Von Matt vergleicht sich selbst mit einem Matchmaker, einem der alten Heiratsvermittler. Sein Tun beim Deuten der Gedichte ist ein zweifaches Werben, «ein Werben um das Gedicht, um die Sinnzuammenhänge im Wörterleuchten, und zugleich ein Werben um den Leser für das Gedicht» (12). Er will das Zusammenfinden von Leser und Gedicht ermöglichen und dazu sind ihm viele Mittel recht. Er arbeitet «mit Tricks gegebenenfalls, mit Schmeicheleien, faustdicken Lobreden, diskreten Hinweisen auf versteckte Reize, mit schnellem Schimpfen zwischendurch und hartnäckigem Aufdecken des Scharfsinns im Text» (ebd.). Seine anschliessenden Reflexionen über den Zusammenhang von Gedicht und Gesicht, beides begrenzte Flächen mit unendlich sprechendem Inhalt, zu deren Wesen auch gehört, dass sie erschrecken können, die beide ihre Wahrheiten verstecken, deren Vorhandensein aber energisch anmelden (12f.) ,sind aufs Engste verbunden mit biblischer Theologie und Sprache. Von Matt formuliert als Ziel seines Tuns etwas, was ich mir und allen, die die biblischen Texte und Traditionen heute erschliessen helfen wollen von Herzen wünsche: «die Gewinnung talentierter Leser» (14).
4. Die Kürze der Deutungen, die die Frankfurter Anthologie vorgibt, ist für von Matt ein reizvolles Spiel, das er souverän und lustvoll spielt. In dieser Kürze und Dichte Bibeltexte auszulegen, ist eine grosse, reizvolle und produktive Herausforderung.
Peter Zürn
Peter von Matt, Wörterleuchten. Kleine Deutungen deutscher Gedichte, Hanser Verlag München 2009, 224 Seiten gebunden, ISBN 978-3-446-23298-3, Euro 17,90 CHF 32,90