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Reisebericht von Nobi Baur ( Foto: diverse Teilnehmer)
Nach mehrjährigen Gleitschirm- Flugtrekkings in Chile wechselte der Anbieter High Adventure das Fluggebiet innerhalb Südamerika. Unter der Leitung von Urs Haari bereisten wir Argentinien im Oktober 2010.
Nach der Ankunft in Buenos Aires besteigen 10 Piloten und unser Betreuer Urs einen VAN sowie zwei Offroader. Empfangen werden wir von RUBIO, unserem Scout, ein echter Indio des Stammes MAPUCHE sowie ABELARDO ( kauft und verkauft alles, was mit Flugsport zu tun hat ). Die nächsten 25 Tage ( und 4´000 Km ) werden wir zusammen verbringen, übernachten in Cabanas und Pensionen. Wir befinden uns auf dem 35.Längengrad der südlichen Halbkugel, etwa wie Kapstadt und Sydney. In Buenos Aires, an der Ostküste gelegen, sind wir an der breitesten Stelle Argentiniens mit ca. 1´400 Km. Im Westen verläuft die gesamte Landesgrenze entlang der Anden und zu Chile, wo es eine Vielzahl sehr hoher Berge und Vulkane mit über 6.000 m Höhe gibt. Westlich und südlich von Buenos Aires erstreckt sich die Pampa, eine grasbewachsene Ebene mit Weideflächen für Rinder und mit grossen Weizenfeldern. Es ist Frühling und die Temperaturen bewegen sich zwischen T+25°C und N+10°C. Die Landessprache ist spanisch, aber auch mit italienisch kommt man gut zu Recht, denn 36% der Einwanderungsgruppen waren Italiener, 29% wanderten aus Spanien ein. So kam es auch, dass die Städteplanung, die Architektur und die Namensgebung viel Gemeinsames von Europa hat.( z.B. Madrid, Cordoba, Merlo, Mendoza, Rioja.usw.)
MADRID
Nach einigen Stunden Fahrzeit in südlicher Richtung durch die Pampa erreichen wir Madrid.
Hier wird auf der Landstrasse gestartet. Die Winden sind auf Fahrzeugen montiert und die Helfer halten Ausschau, dass die Piste zum Start frei ist. Zudem erweckt die Aktion bei den Verkehrsteilnehmern derart Interesse, dass sie ohnehin am Strassenrand die Show betrachten wollen. Der heftige Wind ist nicht jedermanns Sache und trübt leider den Spass, so dass wir bald die nächste Tagesreise in Richtung Nordwesten antreten.
MERLO
Unterwegs überrascht uns eine Regenfront. In Merlot räumen Schneepflüge die Schlammmassen von den Strassen. Am Tag darauf klart es auf und „der Startplatz ist das Ziel“. Uns erwartet eine gepflegte Anlage, welche natürlich nur mit dem entsprechenden Obolus betreten werden darf ( PRIVATGELÄNDE !) Der Panoramablick stockt den Atem – einfach grandios. Doch- wo sind die Landeplätze ? Diese, in der Ferne sichtbar, scheinen unerreichbar zu sein. An die neue Situation müssen wir uns in Argentinien gewöhnen !
Der flache Fuss der Berge ist ausschliesslich mit meterhohem Gestrüpp bewachsen, bestückt mit zentimeterlangen, stahlharten Dornen. Uns wird erklärt, dass eine „self-made- Bergung“ praktisch ausgeschlossen ist und eine Rettung mehrere Stunden dauert.
Helikopter werden nur bei Todesgefahr durch Notärzte aufgeboten. Nicht selten begegnen wir Piloten, die Macheten im Packsack haben, diese allerdings auch zum Säubern eines provisorischen Startplatzes benutzen. Dann sind aber auch Lederhandschuhe ratsam, weil unter den Steinen gefährliche Spinnen hausen. Dann folgt ein Hinweis: Wer nicht unmittelbar am Starthang Höhe gewinnt, fliegt auf die Ebene hinaus, um den Landeplatz sicher zu erreichen. Auch deshalb, und dies muss erst einmal in die Köpfe, weil die „Pfüpfe“ auf der Ebene abgehen! Tatsächlich sind permanent mehrere Dust Devils zu beobachten. Der nächste Hinweis: Wir starten oft in der Leethermik – das Talwindsystem bläst zu stark. Aha, Brustgurt enger schnallen !
Übrigens wäre auch noch zu beachten: Windstärke und Bergkamm im Auge behalten, weil sich im Lee der Berge meist eine unzugängliche Weite, übersäht von Kaktus und Felsen verbirgt. Letzte Frage: Wer will auf Strecke ? Empfehlung: Bleibt in der Nähe der Highways, sowohl wegen der Landemöglichkeit als auch wegen dem Rücktransport.( Funkcheck, Koordinaten im GPS eingeben ). Nie werde ich das Gefühl vergessen, so alleine in der Luft gelassen zu sein mit all den wichtigen Hinweisen, Ratschlägen und Entscheiden. Die Eindrücke sitzen tief und es dauert lange am Landeplatz, bis mir der Ballast völlig vom Herzen fällt !
AMBIL
Wir ziehen weiter nordöstlich in Richtung Anden.
Unterwegs streifen wir das kleine Vorgebirge von AMBIL. Nur wenige, aber steile Höhenmeter muss unser 4×4 überwinden, dann sichten wir den komfortablen Startplatz. Die folgende Szene wird sich fortan wiederholen und mich mit Rubio ewig geistig verbinden: Mit zusammen getragenem Gehölze und abgerolltem WC- Papier umsäumt er den Startplatz mit „Spionen“. Die wehenden Fahnen gleichen einer tibetanischen Gebetsstätte. Und „Siddhartha Gautama“ hat mich erhört und lässt mich lange in der Luft und sicher zu Boden gleiten!
Gleichentags ziehen wir weiter und erreichen Rioja.
RIOJA
Hier, in der Heimat von RUBIO, werden wir die nächsten 10 Tage verweilen, in verschiedene Fluggebiete reisen, aber auch Besichtigungen unternehmen.( Villa Mazán, Catamarca, Sanagasta Guaco, Hualca – eine Art Mini Machupichu. Am Campeonato La Rioja, dem Jahresevent der Argentinier, belegt Urs mit seinem NOVA- Mentor2 S den 1. Platz in seiner Kategorie und den 3. Platz in der Gesamtrangliste. Andy Hediger belegt mit seinem Advance- Proto den 2. Platz – alle Achtung!
RUTA DEL VUELO
Nun neigen wir uns dem Höhepunkt zu. Das Trekking „RUTA DEL VUELO“ ist eine Spezialität von RUBIO und führt auf Startplätze bis auf über 5´000 MüM. In FAMATINA sind wir mittlerweile auf 1672 MüM, wo wir nächtigen werden. An der CUESTA DE MIRANDA fliegen wir uns ein. Natürlich werden uns die Bedingungen nicht einfach gemacht und alles in MERLO Beigebrachte muss 100%ig umgesetzt werden. Jede Missachtung kann gravierende Folgen haben und ein argentinischer Freund muss leider diese bittere Erfahrung machen. Mehr als 8 Stunden dauert die Bergung von Hand und weitere 6 Stunden die holprige Fahrt ins Spital.
LA MEJICANA
Dann laufen die Vorbereitungen für den Flug vom LA MEJICANA. Abend trinken wir Mate- Tee und legen die Blätter in die Backen- Taschen. ( Ratschlag der Indios, wegen der Höhendifferenz !) Ohne eine Minute Schlaf ist um 4 Uhr Abfahrt in stockdunkler Nacht.
RUBIS Offroader startet nicht und muss überbrückt werden. Sobald die Beleuchtung eingeschaltet wird, stirbt der Motor wieder ab. Also – ohne Licht aber in dichtem Abstand folgen wir dem zusätzlich dem als Vorfahrer engagierten Scout auf einem alten Minenpfad durch Bachbetten und Geröllhalden. Als wir nach 3 Stunden am Silber- Gold und Kupferminen- Bergwerk ankommen hängen die GS- Packsäcke, resp. was davon noch übrig war, nur noch an den Gummistropps. Der Wind hat sie vom Dachträger geblasen. Wir befinden uns auf über 4´000 MüM. Ein Weiterkommen ist wegen der Schneereste in den Schattenreliefs nicht möglich und aufgrund des Starkwindes ohnehin sinnlos. Bei klirrender Kälte erkunden wir die karge Umgebung. Wir begegnen Guanakos und im alten Minenstollen erschreckt uns ein menschliches Skelett. Ich zittere vor Kälte, mir ist Ko……- übel. Ich bin froh, dass mir der Entscheid zum Fliegen auf diese Weise abgenommen wird. Der ruppige Rücktransport bei Tageslicht entschädigt uns; wir ergötzen uns an der unglaublich wilden Natur, den abwechslungsreichen Gesteinsfarben und dem stets im Hintergrund erscheinenden Schneegebirge, aus dem ein von der Erde völlig gelb gefärbter Fluss in seinen eigenen Canyon dahinzieht.
RESUME´
Das GS- Trekking in den nördlichen Anden Argentiniens ist nichts für „Warmduscher und Weicheier!“ Genussflieger sind fehl am Platz. Sogar der erfahrene Pilot ist ständig gefordert. Kulturell und kulinarisch gibt es wenig zu entdecken, weil auch die Geschichte
Argentiniens erst richtig durch die spanische Kolonisierung im 16.Jahrhundert begann.
Abends trinkt man literweise eiskalten FERNANDO, ein Gemisch aus Cola und Fernet-Branca, am Grill schmoren riesige Fleischfetzen, Paare in Kleidung der 20-er Jahre tanzen erotisch einen Tango und eine Folkloregruppe führt spanische Tänze vor, alles natürlich nach den Klängen handgemachter Musik. Auf der Rückreise nach Buenos Aires werden wir von Andy Hediger und seiner Familie auf seinem Flugplatz in La Cumbre empfangen; sein eigenhändig Aufgebautes beeindruckt uns alle schwer. Der Veranstalter URS und sein argentinisches Team haben ihren Job professionell gemeistert – alle 10 Piloten erreichen am Ende heil und unfallfrei die bereits schneebedeckte Heimat.
Persönliche Statistik:
16 Gleitschirmflüge in 21 Tagen *
19,5 Stunden Gesamtflugzeit *
1h15min pro Flug *
Kosten CHF 3,75 / Flugminute *
( Schnitt aller Flugferien 2,20 – 11,00 CHF/Min.)
* the best Pilot
Kosten tot. CHF 4´500,00