Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03183.jsonl.gz/2167

Der Esquire-Journalist Lloyd Vogel (Matthew Rhys) freut sich nicht über seinen neuen Auftrag. Im nächsten Heft geht es um nationale Helden und er soll einen kurzen Artikel zu Fred Rogers (Tom Hanks) schreiben, den liebevollen Star der Kindersendung Mister Rogers’ Neighborhood. Widerwillig reist Vogel für ein Treffen nach Pittsburgh. Zumindest möchte er hinter die freundliche Fassade der TV-Legende blicken und sie als Schauspiel entlarven. Doch das Gespräch gerät für Vogel zum tiefgreifenden Erlebnis. Ähnlich wie die Kinder vor dem Fernseher berührt Rogers den zynischen Journalisten und bringt ihn dazu, über seine familiären Probleme zu sprechen. Am Ende wird der kurze Artikel zur Titelgeschichte der Ausgabe, in der es nicht mehr primär um den Fernsehstar geht, sondern um Vogels Bewunderung für Mr. Rogers.
Marielle Hellers Film basiert auf dem Artikel «Can You Say… Hero?». So kunstvoll wie die Vorlage des Journalisten Tom Junod zwischen Episoden aus Fred Rogers Fernsehkarriere und den Interviews wechselt, verbindet auch die Regisseurin Momente aus der Kindersendung und Vogels Leben. Zu Beginn ist die Leinwand noch im Fernsehformat 4:3 und wir sehen Tom Hanks in einer Folge von Mister Rogers’ Neighborhood. Mit sanfter Stimme und durchdringendem Blick richtet sich Mr. Rogers direkt an sein junges Publikum und spricht über Vergebung. Ein neuer Freund verspüre grossen Ärger und müsse nun lernen, zu verzeihen. Daraufhin zeigt er ein Foto von Lloyd Vogel.
Ständig wechselt der Film zwischen der Fernsehsendung und Vogels Begegnungen mit Rogers. Dabei vermischen sich die Ebenen bis Vogel schlussendlich davon träumt, als Gast in der Sendung zu sein. Die starke Präsenz der Sendung, markiert durch das wechselnde Filmformat und die aufwendigen Settings, macht deutlich, dass es Heller vor allem um die Fernsehfigur des Mr. Rogers geht. Mit dem Journalisten nähern wir uns Mister Rogers’ Neighborhood, die von 1968 bis 2001 im amerikanischen Fernsehen lief, und was die Sendung für Generationen in den USA bedeutete. Über das Privatleben der TV-Legende erfahren wir wenig bis gar nichts.
Zwischen Fred Rogers und Mr. Rogers scheint es im Film (und im echten Leben?) keinen Unterschied zu geben. Dabei rücken seine kindergerechten Botschaften umso mehr ins Zentrum. Wie ernsthaft es Heller damit ist, zeigt eine eindrückliche Sequenz in der Mitte des Films. Die Protagonisten sitzen in einem Restaurant – beide auf Wunsch von Rogers (tatsächlich) für eine Minute schweigend –, um an die Menschen zu denken, von denen sie geliebt werden. In starren Einstellungen werden abwechselnd ihre Gesichter gezeigt, während die Umgebungsgeräusche allmählich verstummen. Am Ende fährt die Kamera auf Rogers Gesicht zu und für einen kurzen Moment – so scheint es – blickt er direkt das Publikum im Kinosaal an.
Das alles könnte schnell kitschig sein oder zum einfachen Feel-Good-Movie verkommen, tut es aber nicht. Das liegt an Mr. Rogers, dessen Aussagen so simpel wie aufrichtig sind und an den beiden Schauspielern. Rhys hat den undankbaren Part und bewältigt die Aufgabe mit Bravour. Das Ereignis des Films ist aber Hanks. Als legitimer Nachfolger von Hollywoodlegende James Stewart gehandelt und in den USA ohnehin als «Mr. Nice Guy» bekannt, ist er prädestiniert für die Rolle der liebenswürdigen TV-Legende. In der Stimme und den wiederholt prominent ins Bild gerückten Augen manifestiert sich die Faszination, die von der Figur Mr. Rogers ausgeht. Bereits mit Can You Ever Forgive Me? (Oscarnominierungen für Melissa McCarthy und Richard E. Grant) hat Heller bewiesen, dass sie Schauspieler_innen richtig einsetzen kann. Dieses Mal hat es für Hanks zur ersten Oscarnominierung seit 19 Jahren gereicht.
Aufgrund der eleganten und darum zurückhaltenden Inszenierung, die sich vorsichtig ihren Figuren annähert, werden Hellers Filme vielleicht etwas unterschätzt und lediglich als gutes Erzählkino gewürdigt. Dabei haben ihre Filme einen subtilen Gegenwartsbezug. Can You Ever Forgive Me? ist gleichzeitig das feinfühlige Portrait der erfolgslosen Autorin und späteren Fälscherin Lee Israel (Melissa McCarthy), selbstreflexive Biografie und eine zeitgemässe Reflexion über Autorschaft. Das selbe trifft auf A Beautiful Day in the Neighborhood zu: Ähnlich wie in Hellers anderem Film (und wie übrigens in Jim Carreys neuer Serie Kidding, deren Protagonist von Fred Rogers inspiriert ist) scheinen Mr. Rogers Botschaften etwas aus der Zeit gefallen und dadurch, als Korrektiv, umso aktueller und relevanter.
Gefällt dir Filmbulletin? Unser Onlineauftritt ist bis jetzt kostenlos für alle verfügbar. Das ist nicht selbstverständlich. Deine Spende hilft uns, egal ob gross oder klein!