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AH Tobias Meyer v/o Vox hat nach Praktika in einer Zürcher Wirtschaftskanzlei, beim Schaffhauser Erbschaftsamt und am Kantonsgericht Schaffhausen die Schaffhauser Anwaltsprüfung abgelegt und bestanden. Nun widmet er sich wieder seiner Dissertation zum Thema “Kapitalschutz ohne Nennkapitalsystem”.
Schaffhauser Nachrichten, Schaffhausen
Max Baumann
In den letzten drei Jahren hat die Stadtbibliothek die «Schaffhauser Arbeiterzeitung» von 1918 bis 1997, das «Echo vom Rheinfall» (1901-1921), die «Schaffhauser Volkszeitung» (1921-1923), die «Schaffhauser Tagwacht» (1924-1933) und die «Rote Arbeiter Zeitung» (1930-1932) auf Mikrofilm fotografieren lassen. Initiant des Unternehmens war das Schweizerische Sozialarchiv in Zürich, das sich zurzeit mit, der Geschichte aller linken Presseorgane in der Schweiz befasst.
Die Gesamtkosten für die Herstellung des so genannten Masterfilms beliefen sich auf 107 000 Franken, daran beteiligen sich mit Anteilen von je rund 20 000 Franken der Bund, das Schaffhauser Staatsarchiv, das Schweizerische Sozialarchiv, die Landesbibliothek und die Stadtbibliothek Schaffhausen. Die AZ Verlags AG hat 4000 Franken beigesteuert. In diesen Zahlen nicht inbegriffen ist die Herstellung der Gebrauchskopien, welche von den Bezügern direkt bezahlt werden. Die Kosten für die Kopien des Staatsarchivs und der Stadtbibliothek werden vom Kantonalen Amt für Militär und Zivilschutz übernommen. Diese Gebrauchskopien stehen dem Publikum ab sofort zur Verfügung. Beide Institutionen besitzen als leistungsfähiges Spezialgerät einen Readerprinter.
Gefährdete Originale
An der Vorstellung des abgeschlossenen Projekts im Stadtarchiv schilderte Stadtbibliothekar René Specht die Gefährdung der in schweren Bänden gebundenen Originale der alten Zeitungen durch das regelmässige Blättern in den aus billigem Papier fabrizierten Seiten und vor allem durch das Kopieren. Vom Mikrofilm dagegen können beliebig oft Rückvergrösserungen auf Papier hergestellt werden, ohne die Originale zu beschädigen. Verfilmt werden die Zeitungen im Bürgerspital Basel, das über eine Spezialabteilung Mikrografie und über ausgewiesene Fachkräfte verfügt. Zudem sind in geschützten Werkstätten rund 20 Behinderte mit dieser Arbeit beschäftigt.
62 Zeitungstitel erfasst
Anita Ulrich, Vorsteherin des Schweizerischen Sozialarchivs, befasste sich an der Projektpräsentation mit der Schaffhauser Arbeiterbewegung, die stets berühmte Redaktoren und Agitatoren hervorgebracht habe. Oft hätten sich die heftigen Schaffhauser Konflikte auch gesamtschweizerisch niedergeschlagen. Marie-Christine Doffey, Direktorin der Schweizerischen Landesbibliothek, wies darauf hin, dass natürlich nicht nur die Linkszeitungen, sondern möglichst viele Schweizer Presseorgane verfilmt würden.
Zurzeit sei das «Intelligenzblatt» der Stadt Bern mit den Jahrgängen 1834-1865 an der Reihe. Bisher sind nach den Richtlinien des Bundesgesetzes über den Kulturgüterschutz auf 4000 Laufmetern Filmmaterial 62 Titel erfasst worden. Staatsarchivar Roland E. Hofer lobte die speditive Schaffhauser Projektarbeit, Bernhard Ott, Verlagsleiter der «Schaffhauser AZ», erklärte, bei der «Arbeiterzeitung» sei schon immer nicht nur das Papier, sondern auch die Existenz des Blattes gefährdet gewesen, und Stadtpräsident Marcel Wenger vermisste die pointierte politische Meinung in der heutigen «globalisierten Agenturpresse». Stadtarchivar Peter Scheck blieb es vorbehalten, den mit grosser Geschwindigkeit und verblüffender Präzision arbeitenden Readerprinter vorzuführen.
Ab Mikrofilm druckt der Stadtarchivar Peter Scheck am Readerprinter (im Hintergrund) die Seite einer «Arbeiterzeitung» aus dem Jahr 1919 aus.
Bild: Max Baumann
Schaffhauser Nachrichten, Sonderpublikation
Jules Wetter
Locker kommt er zum Treffen in einem Schaffhauser Gartenrestaurant. Zwar, wie es sich für einen Schweizer Banker und nun Bankenaufseher gehört, im klassischen Outfit, den dunklen Blazer aber lässig über der breiten Schulter getragen. «Ich bin seit jeher Frontmann. Deshalb bitte ich meine Gesprächspartner in der Regel nicht zu mir in mein Büro nach Bern oder Zürich. Ich gehe zu ihnen und kann mir so einen guten Eindruck über Personen und über deren Umfeld verschaffen. Das hat sich in meiner beruflichen Arbeit immer wieder bewährt.» Ja, Eugen Haltiner geht auf einen zu. Er findet sofort den Draht zum Menschen, ist ein hochinteressanter, anfänglich zurückhaltender, dann zugänglicher, oft jovialer Gesprächspartner.
Jugendjahre im Dorf
Eugen Haltiner, geboren 1948, ist in einfachen Verhältnissen im Herblinger Kronenacker und in der Jägerstrasse aufgewachsen. «An den Velo Schopper und den Coiffeursalon Ruh erinnere ich mich gut. Wir waren damals Nachbarn. Und zu Fuss bin ich ins Dorf in den Kindergarten gelaufen. Zur ‹Schwöschter Elise›, der legendären Kinderschultante.» Die ersten Schuljahre durchlief Haltiner im rosa Schulhaus am Trüllenbuck, ab der dritten Klasse besuchte er dann das neu erbaute Kreuzgutschulhaus. Nachher ging es – wie für die gescheiteren Herblinger Buben damals üblich – ins Gega, in die Knabenrealschule. Im damaligen Klassenlehrer und nachmaligen Schulinspektor Robert Pfund von Hallau erkennen wir eine schulische Parallele. Nach der Kantonsschule mit unbeschwerten und präenden Jahren in der Scaphusia und dem Abschluss mit der B-Matura schrieb sich Eugen Haltiner an der Universität Genf zum Wirtschaftsstudium ein. Warum denn Genf? «Es war so», sagt Haltiner lachend: «Meine Französischnoten waren bedenklich schwach, deshalb habe ich den Stier gleich bei den Hörnern gepackt und bin in Genf ins kalte, welsche Wasser gesprungen. Es war ein spontaner Entscheid, zusammen mit meinem Freund und Schulkollegen Roger Ballmer, der mit seiner Familie heute in Herblingen wohnt. Wir erlebten eine grossartige Zeit.» Entschlusskraft war damals schon eines seiner Merkmale. 1979 promovierte Eugen Haltiner berufsbegleitend zum Docteur es sciences economiques et sociales.
Als Frontmann in Job und Militär
Haltiner begann 1973 seine berufliche Karriere bei der Schweizerischen Bankgesellschaft in Zürich im Rechnungswesen. Nach einem mehrjährigen Aufenthalt in New York konnte er eine der Traditionsfilialen der SBG, den Zürcher Römerhof, als Leiter übernehmen. Ein erster Vertrauensbeweis vor dem Sprung zum Filialdirektor der Winterthurer SBG. Von 1993 bis 1998 wurde dem Herblinger als Mitglied der Geschäftsleitung Schweiz der SBG die Verantwortung für den Geschäftsbereich Retailprodukte und Privatkunden übertragen. Die Fusion der SBG mit dem Schweizerischen Bankverein zur UBS war auch für Haltiner ein beruflicher Einschnitt. Dieses Zusammengehen hat er von Beginn weg an vorderster Front unterstützt und war als Projektleiter für die erfolgreiche Zusammenführung der beiden Banken in der Schweiz verantwortlich. «Eine anspruchsvolle und interessante Führungsaufgabe, die mir Freude bereitet hat.» Haltiner blickt zufrieden auf diese Zeit zurück. 1998 wurde er Mitglied des Group Managing Board der UBS. Ab 2002 stand er dem Bereich Business Banking vor, welcher als stabiler Ertragspfeiler des UBS-Konzerns das schweizerische Privat- und Firmenkundengeschäft umfasst. Seine Bankkarriere schloss er im Januar 2006 als Vice Chairman dieses Geschäftsbereichs, zuständig für Grosskunden, ab. «Ein guter Abschluss», bestätigt Haltiner, «denn ich war immer mehr Frontmann als Verwalter.»
Parallel zum beruflichen Aufstieg verlief Haltiners militärische Karriere, die im Schaffhauser Füsilier-Bataillon 61 bis zum Hauptmann der Kompanie II/61 führte. Zwei weitere, heute ebenfalls sehr erfolgreiche Banker waren damals Kommandanten von «Aanesächzger»-Kompanien: Hans Felix Vögeli, heute CEO der Zürcher Kantonalbank, und Urs Oberholzer, Präsident des Bankrates der gleichnamigen Bank. Eugen Haltiners militärische Karriere führte über das Kommando des Zürcher Füsilier-Bataillons 66 bis in den Generalstab, wo er als Oberst im Stab des vormaligen Feldarmeekorps 4 diente. Als Mitglied der ausserparlamentarischen Rüstungskommission des VBS ist er noch heute der Armee verbunden. Nebst Beruf und Militär ist sein drittes Standbein die Familie. Denn, «was auf drei Beinen steht, ist stabil», sagt Haltiner. Seit über dreissig Jahren mit der Schaffhauserin Jacqueline Benesch verheiratet, erlebt er kaum einen Tag ohne telefonischen Kontakt mit Kathrin und Christoph, den in Zürich und Oxford (UK) studierenden Kindern.
Hohe Ansprüche an den neuen EBK-Präsidenten
Im August 2005 wählte der Bundesrat Eugen Haltiner zum Präsidenten der Eidgenössischen Bankenkommission (EBK). Er war der Wunschkandidat von Finanzminister Hans-Rudolf Merz. Die beiden Finanzfachleute kennen sich schon seit Jahrzehnten. Als eigentlicher Garant für die Glaubwürdigkeit des Finanzplatzes Schweiz hat Haltiner die höchst anspruchsvolle Aufgabe im Februar 2006 angetreten. «Ich habe mich gut vorbereitet, das Einarbeiten aber braucht Zeit, denn die Tätigkeit ist sehr vielfältig.» Er ist mit seiner langen Berufspraxis und seinem Naturell wohl der richtige Vermittler zwischen den freiheitsliebenden Banken und der EBK als Aufsichtsorgan. Als ehemaliger Grossbanker muss er auch das Vertrauen der kleineren und mittleren Banken gewinnen sowie seine Unabhängigkeit vom ehemaligen Arbeitgeber UBS und jene gegenüber Bundesrat Merz unter Beweis stellen. «Das bereitet mir keine Sorge, schliesslich habe ich meine berufliche Karriere beendet. Bin somit und fühle mich unabhängig, auch gegenüber meinem früheren Arbeitgeber. Mein neues Mandat macht mir Freude, bin ich doch zumindest im heimischen Finanzsektor gut vernetzt. International ist das persönliche Beziehungsnetz noch auszubauen. Auch habe ich in der Bankenkommission ein gut funktionierendes, äusserst kompetentes Gremium vorgefunden und kann glücklicherweise im operativen Bereich auf den seit vielen Jahren im Amt stehenden Direktor, den Berner Daniel Zuberbühler, zählen.» Seine Zuversicht ist überzeugend und auch notwendig, denn es warten einige heikle Aufgaben auf den Chef. So will er Zeichen setzen und zum Beispiel Insiderdelikte konsequenter bekämpfen. Eine spezielle Arbeitsgruppe befasst sich mit dieser für die Ethik des Schweizer Finanzplatzes wichtigen Thematik. Haltiners grösste Herausforderung wird jedoch die Schaffung der integrierten Finanzmarktaufsicht FINMA sein, der Zusammenführung von Banken – und Versicherungsaufsicht und der Kontrollstelle für die Bekämpfung der Geldwäscherei zu einer einzigen Behörde. Noch braucht der vom Bundesrat verabschiedete Gesetzesentwurf aber die Zustimmung des Parlamentes. Damit wird nachvollzogen, was in vielen europäischen Ländern als Schutzfunktion für Kunden und Anleger im Dreieck Kunde-Finanzintermediär-Aufsicht bereits Realität ist. «Diese Zusammenführung der verschiedenen Kulturen wird im Rahmen eines Projektes sorgfältig vollzogen werden. Ziel ist es, die Stärken der heutigen drei Einheiten in die neue Organisation einzubringen.» Der neue Präsident ist gut vorbereitet und kennt die Knacknüsse. Die Finma wird die rund 170 Mitarbeiter der EBK, die 100 Mitarbeiter des Bundesamtes für Privatversicherungen und die 25 Mitarbeiter der Kontrollstelle für Geldwäscherei umfassen. Weitere Herausforderungen sind die Einführung der neuen Eigenmittelvorschriften, bekannt unter BASEL II, und das neue Bundesgesetz über die kollektiven Kapitalanlagen (KAG), das per 1. Januar 2007 in Kraft treten soll.
«Von meinen vielfältigen Kontakten, auch zu den ausländischen Aufsichtsbehörden, weiss ich, dass der Finanzplatz Schweiz dank Leistung und Wettbewerbsfähigkeit eine hohe Wertschätzung geniesst. Eine kompetente und starke Aufsicht kann helfen, diese Reputation zu wahren oder, besser noch, weiter auszubauen, denn die Konkurrenz etwa in London oder in Singapur schläft nicht.» Frontmann Eugen gen Haltiner weiss nicht nur, was er als neuer Chef will, er geht auch ohne Umschweife und mit Elan die einer Lösung harrenden Aufgaben an.
**Eugen Haltiners Führungsgrundsätze**
Leadership ist für mich nicht an Titel oder hierarchische Stufen gebunden. Es ist die Fähigkeit, Gewohntes immer wieder zu hinterfragen, Grenzen zu sprengen und damit neue Einsichten und Erfahrungen zu vermitteln.
Führen durch Leadership heisst deshalb: Herausfordern, Inspirieren, Befähigen, Wege aufzeigen, Unterstützen und ermutigen.
Kommunikation ist der Weg dazu. Offenheit, Wertschätzung, aufmerksames Zuhören und echter Dialog sind notwendige Voraussetzungen. Das damit zu erreichende Resultat ist nicht ein verordnetes Gehorchen, sondern ein bewusstes, auch beherztes Engagment.
**Die Eidgenössische Bankenkommission (EBK)**
Staatliche Aufsicht über Grossbanken, Banken/Effektenhändler, Anlagefonds, Pfandbriefwesen, Börsen/Märkte/Bankengesetzliche Prüfgesellschaften.
Kommission: Präsident, Vizepräsident und 5 weitere Mitglieder
Sekretariat: 170 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Jahresbudget: 25 Millionen Franken
Aufgaben und Kompetenzen:
– Durchsetzung der Finanzmarktgesetze zum Schutz der Gläubiger und Anleger sowie zum Schutz der Funktionsfähigkeit der Finanzmärkte und Verhinderung der Geldwäscherei
– Bewilligungen zum Geschäftsbetrieb und laufende Überwachung von Banken, Effektenhändlern und Börsen, sowie von Fondsleitungen, Vertretern ausländischer Anlagefonds und Vertriebsträgern kollektiver Kapitalanlagen
– Sanktionierung bei Verstössen
– Sanierungsverfahren und Bankenkonkurse
– Verfügungsinstanz betreffend Offenlegung von Beteiligungen und öffentlichen Kaufangeboten bei börsenkotierten Gesellschaften
Mischung zwischen souveränem Banker und angriffigem Troupier: Der Herblinger Eugen Haltiner, Präsident der Eidgenössischen Bankenkommission.
Bild: Eric Bührer.
Schaffhauser Nachrichten, Beilage
Interview: Urs Leu
*SN: Der Historische Verein des Kantons Schaffhausen wurde im Jahre 1856 gegründet. Welche Aufgaben nimmt der Verein in der heutigen Zeit wahr?*
Roland E. Hofer: Der Historische Verein hat drei Kernaufgaben, die er teilweise schon seit der Gründung ausübt. Dies sind die Vortragstätigkeit, die Herausgabe von Publikationen sowie die Organisation von Exkursionen. Neben diesen drei Kernaufgaben lanciert der Verein immer wieder auch Sonderprojekte wie die Herausgabe der dreibändigen Kantonsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts oder jetzt aus Anlass des Jubiläums die Erschliessung der Archive von Pressefotografen.
*Die Themen der Vorträge reichen vom «Schaffhauser Handelshaus Ammann» bis zur «Öffnung des Eisernen Vorhanges».*
Bei den bekannten Vorträgen im Winterhalbjahr bemüht sich der Vorstand, ausgewiesene Fachleute zu primär regionalen historischen Themen zu finden. Zudem bieten die Vorträge jungen Historikerinnen und Historikern die Möglichkeit, Einblick in ihr Forschungsgebiet zu geben. Abgerundet werden diese regionalgeschichtlichen Vorträge von weiter gefassten Themen mit Aktualitätsbezug.
*Schon früh publizierte der Verein sein erstes Jahrbuch.*
An Publikationen gibt der Historische Verein seit 1863 in unregelmässigen Abständen und seit 1936 jährlich die Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte heraus. Seit 1973 heisst die Publikation Schaffhauser Beiträge zur Geschichte. Mittlerweile ist Band 80 erschienen. Allein mit dieser Publikationsreihe hat der Historische Verein wesentliche Beiträge zur Erforschung der regionalen Geschichte geleistet. Es ist das einzige Publikationsorgan, in dem auf wissenschaftlichem Niveau Forschungsergebnisse zur Regionalgeschichte publiziert werden können. Das ist gerade für einen Kanton ohne Universität wichtig. Die Beiträge haben eine sehr dankbare und regelmässige Leserschaft.
*Sehr beliebt scheinen die mehrtägigen Exkursionen zu sein.*
Der Historische Verein beziehungsweise eine Arbeitsgruppe organisiert einerseits die berühmten mehrtägigen Exkursionen sowie andererseits seit einiger Zeit auch Tagesexkursionen. Die grossen Exkursionen müssen mehrfach geführt werden. Dabei wird die Schweiz oder das angrenzende Ausland unter fachkundiger kunsthistorischer Führung bereist. Die Tagesexkursionen führen je nach Angebot – zum Beispiel interessante Ausstellungen – zu näher liegenden Zielen.
*Anfänglich trug der Verein den Namen historisch-antiquarischer Verein. Weshalb?*
Das antiquarisch im Vereinsnamen bedeutete, dass man sich mit dem Sammeln von historischen Dokumenten und Objekten befasste. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts trennte sich der Verein dann von seinen Sammlungen und schenkte die Dokumente und Akten dem Staatsarchiv; es waren dies 36 Laufmeter Urkunden und Akten. Die musealen Gegenstände wurden dem Museum zu Allerheiligen geschenkt. Sie bilden einen ganz wichtigen Bereich der historischen Abteilung des Museums zu Allerheiligen.
Damit änderte sich aber auch die Ausrichtung der Tätigkeit des Historischen Vereins vom Sammeln zur Erforschung und Vermittlung.
*Braucht es in unserer globalisierten und zukunftsgerichteten Welt überhaupt einen historischen Verein?*
Der Verein hat heute rund sechshundert Mitglieder. Vorträge und Exkursionen sind sehr gut besucht. Das Interesse an regionalgeschichtlichen Themen ist nach wie vor ungebrochen. Das zeigt meines Erachtens, dass der Verein auch in der heutigen Zeit mit seinem Angebot einem Bedürfnis entspricht. Vielleicht sogar je länger, je mehr. In einer globalisierten Welt schätzen die Menschen Angebote zur Geschichte der Region eher wieder vermehrt. Auch ist unser Verein weder angegraut noch angejahrt: Der Verein hat immer wieder neue Projekte gestartet, wie zum Beispiel den Schaffhauser Historikertag, der nun zum zweiten Mal durchgeführt wird. Auch erarbeitet eine Arbeitsgruppe aufgrund der dreibändigen Kantonsgeschichte nun Unterlagen für den Schulunterricht. Der Verein erschliesst sich also auch neue Betätigungsfelder. Dies alles zeigt, dass der Verein dynamisch ist: Der Historische Verein verwaltetet nicht nur das Erbe.
*Der Historische Verein des Kantons Schaffhausen hat rund 600 Mitglieder. Wie hat sich die Mitgliederzahl entwickelt?*
In den letzten zehn Jahren ist die Mitgliederzahl des Vereins leicht gestiegen. Und damit ist er einer der grösseren seiner Art in der Schweiz. Wir hatten keinen so dramatischen Einbruch bei der Mitgliederzahl wie andere Historische Vereine. Wir sind auch dankbar für die Treue der Mitglieder. Wir haben übrigens nicht nur Mitglieder aus dem Kanton Schaffhausen, sondern auch aus den angrenzenden Gebieten. Sogar ein Japaner, der in Konstanz studierte, jetzt aber in Tokio wohnt, gehört dem Verein immer noch an.
*Warum gehört ausgerechnet der Historische Verein des Kantons Schaffhausen zu den grösseren in der Schweiz?*
Wer sich im Kanton Schaffhausen für historische und kulturhistorische Themen interessiert, findet früher oder später den Weg in unseren Verein. Vielleicht ist es aber auch die Identität mit dem Kanton, der eine eigenständige Geschichte hat, die bei uns ein spezielles «Schaffhauser Wir-Gefühl» erzeugt. Allerdings sind solche Dinge schwer messbar.
*Und wie ist die Altersstruktur unter den Mitgliedern?*
Wie bei anderen kulturellen Vereinen gehören auch bei uns viele Mitglieder der mittleren oder älteren Alterskategorie an. Es ist eine Entwicklung wie in anderen Vereinen: Die Kraft der Vereine, Mitglieder zu finden und zu binden, ist nicht mehr so stark wie zur Zeit der Gründung vieler Vereine im 19. Jahrhundert oder noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Damals hatten Vereine noch einen ganz anderen, auch gesellschaftlichen Stellenwert.
*Macht der Verein spezielle Mitgliederwerbung?*
Wir erarbeiten jetzt wieder einen Mitgliederprospekt sowie ein Konzept, wie die Mitgliederwerbung forciert werden kann. Auch der Historikertag ist ein Versuch, junge Leute an den Verein heranzuführen.
*Wie steht es mit der Besetzung derÄmter im Vorstand?*
Bis jetzt haben wir immer Glück gehabt mit der Suche nach neuen Vorstandsmitgliedern. Derzeit ist lediglich ein Posten vorübergehend vakant. Wir können zudem immer auch auf die Mithilfe von ehemaligen Vorstandsmitgliedern und von Vereinsmitgliedern zählen, zum Beispiel bei der Organisation der Exkursionen.
*In Schaffhausen gibt es auch einen Museumsverein. Offenbar wurde auch schon über eine Fusion gesprochen.*
Vor einigen Jahren kam es meines Wissens zu Sondierungsgesprächen, weil es gewisse Überschneidungen gibt. Doch beide Vereine haben eine eigene Geschichte, ein eigenes Profil und ein eigenes Selbstverständnis, so dass derzeit keine solchen Bestrebungen laufen.
*Wie finanziert sich der Historische Verein?*
Wir finanzieren uns fast ausschliesslich über die Mitgliederbeiträge. Damit werden vor allem die Vorträge und die Herausgabe der «Schaffhauser Beiträge» finanziert. Für die Beiträge gibt es allenfalls Druckkostenzuschüsse, zum Beispiel vom Kanton oder beim letzten Band vom Organisationskomitee «Freilichtspiele 2005 – Wilchinger Handel». Projekte wie etwa die Erschliessung der Pressefotoarchive werden gesondert durch Spenden und Sponsoren finanziert, wobei der Vorstand hier auch einen Beitrag aus der Vereinskasse bewilligt hat. Der Verein ist aber nicht wirklich vermögend, am Schluss bleibt jeweils nicht viel übrig.
*Der Verein wird ja verbürgtermassen 150 Jahre alt. Der wievielte Präsident sind Sie?*
(lacht) Der 24., doch habe ich dies erst kürzlich durch die Recherchen von Bernhard Ott erfahren. Der Historische Verein hat keine eigentliche Vereinschronik. Offenbar haben die Vorstände immer andere Prioritäten gesetzt und das nicht für vordringlich angesehen. Andere Themen wurden für wichtiger gehalten als eine Selbstbespiegelung. Eine Vereinschronik zu erstellen war auch bei den Vorbereitungen des 150-Jahr-Jubiläums nie ein Thema.
*Welche Projekte möchten Sie in Ihrer Präsidialzeit noch verwirklichen?*
Das laufende Projekt Pressefotografie wird uns noch einige Jahre beschäftigen und wird damit über meine Präsidialzeit hinausgehen, die ja statutengemäss auf vier Jahre beschränkt ist. Es scheint mir somit verfrüht, schon jetzt über weitere Projekte nachzudenken. Wir wollen Projekte immer sauber vorbereiten, durchführen und auch zu Ende bringen. Man kann die Kräfte auch nicht zu sehr aufteilen. Und schliesslich ist es überhaupt eine Frage der Personalressourcen. Schon die Herausgabe der Schaffhauser Beiträge ist eine grosse Aufgabe, die zur «normalen» Vereinsarbeit gehört.
*Als Historiker und als Präsident des Vereins hat man aber sicher einen Wunsch oder eine Idee, was noch angepackt werden könnte oder müsste.*
Wenn man die drei Bände der Kantonsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts betrachtet, kann man sich fragen, ob man die vorangehenden Jahrhunderte nicht auch angehen sollte. Es ist doch immerhin fast 35 Jahre her, seit die «Geschichte der Stadt und Landschaft Schaffhausen» von Karl Schib durch den Historischen Verein herausgegeben wurde.
*Und was wünschen Sie dem Verein für die Zukunft?*
Ich hoffe, dass er weiterhin so treue und interessierte Mitglieder hat. Ebenso, dass es gelingen wird, auch in Zukunft motivierte Mitglieder für den Vorstand zu finden, die den Verein weiterentwickeln. Vereine leben vom Engagement ihrer Mitglieder.
Roland E. Hofer im Lesesaal des Staatsarchivs. In den Händen hält er das Original der Chronik des Schaffhauser Jerusalempilgers Hans Stockar (1490-1556), die zu den vom Historischen Verein gesammelten und dem Staatsarchiv geschenkten Dokumente gehört.
Bild: Bruno + Eric Bührer.
Schaffhauser Nachrichten, Region
Martin Schweizer
Schon im 11. Jahrhundert archivierten die Mönche im Kloster Allerheiligen und die Nellenburger in ihrem Hausarchiv wichtige Dokumente. Zum Glück, denn sie erhellen den Nachfahren die Vergangenheit. Das älteste Zeugnis im Stadtarchiv stammt immerhin aus dem Jahr 1045 und ist zugleich die Urkunde mit der Ersterwähnung von Schaffhausen; König Heinrich III. verlieh damals dem Grafen Erberhardt von Nellenburg das Münzrecht für die Stadt, womit in der Geschichte erstmals der Name «Scafhusun» auftaucht.
Quelle für städtisches Leben
Auch sonst ist die Städtgeschichte durch Dokumente, Karten, Pläne, Stiche und Fotografien reich dotiert und dokumentiert. Namentlich Steuer- und Rechnungsbücher der Stadt, die bis ins Jahr 1392 reichen, sind hervorragend geeignet für die Erforschung des städtischen Lebens im Mittelalter und in der Neuzeit.
Seit 1540 werden in Kirchenbüchern auch Geburten und Eheschliessungen dokumentiert – wichtige Quellen zur Familiengeschichte für Archive und Lokalhistoriker. Peter Scheck, der als Nachfolger von Hans Ulrich Wipf das Archiv seit zehn Jahren leitet, versucht zudem zielstrebig, Teile der Bestände über eine Datenbank und das Internet einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Scheck: «Es gibt noch viel zu erforschen.»
Erstmals professionell
Professionell geführt wird das Stadtarchiv erst seit der Wahl von Reallehrer Ernst Steinemann zum halbamtlichen Archivar im Jahre 1956. Darum das Jubiläum. Steinemann war überaus emsig, vereinigte die damals an verschiedenen Orten verstreuten Archivalien im Parterre des «Grossen Hauses» am Fronwagplatz 24 und trat erst mit 82 Jahren von seinem Amt zurück.
Interessant ist aber auch die Vorgeschichte. Mit der Trennung der kantonalen und städtischen Verwaltung auf Grund der neuen Kantonsverfassung von 1831 wurde als gewissermassen freischaffender Registrator und Archivar erstmals Bernard Freuler (1796-1858) gewählt. Nun meint man ja, nur wir Nachgeborenen müssten beruflich flexibel und mobil sein, aber man täusche sich nicht: Freuler war schon im 19. Jahrhundert ein Multitalent, wurde als Jüngling zunächst Hutmacher, dann Geselle, betrieb einige Zeit in der Stadt die Wirtschaft zum «Bären», bevor er nach Wien ging und dort Malerei studierte. Als Landschaftsmaler machte er kaum Furore, Bilder von ihm sind heute nicht mehr auffindbar. Das hinderte ihn freilich nicht daran, als Zeichnungslehrer am hiesigen Gymnasium zu unterrichten, ehe er als Suppleant des Stadtgerichts amtete, nachher Mitglied des Grossen und des Kleinen Stadtrates wurde und schliesslich auch im Kantonsgericht sass.
Pikant: Als Vizepräsident dieses Gerichts sprach sich der umtriebige Mann für das letzte in Schaffhausen vollzogene Todesurteil aus; der Exekution durch das Schwert hat Freuler, der später auch Mitglied im Kirchenrat und im Obergericht wurde, als Zeuge beigewohnt.
Geistlichkeit bockt
Das erste offizielle Archiv der Stadt sollte in der ehemaligen Sakristei der St.-Johann-Kirche eingerichtet werden. Jetzt müsste man meinen, dass das für Registrator Freuler, Besitzer auch des Hauses zum Hardereck am Münsterplatz gehörte und Erbauer des Gutes Rammersbühl; kein Problem war. Aber weit gefehlt, die Geistlichkeit wollte die Sakristei nicht räumen und verweigerte die Übergabe des Schlüssel an den Stadtrat. Peter Scheck über diesen Affront: «Erst nach einer Intervention der Kantonsregierung konnte die Angelegenheit geregelt werden!»
Auch im Weinkeller
Die Sakristei diente in der Folge der Stadt volle 125 Jahre lang als . Archiv; dazu kamen im Laufe der Zeit : noch Nebenräume, beispielsweise ein Weinkeller unter dem Stadthaus, der sich allerdings als nicht sehr nützlich erwies. Betreut wurden diese Archive über Jahre hinweg ohnehin mangelhaft, überhaupt nicht oder zeitweise allenfalls nebenamtlich.
Grosse Leistungen
Nach Bernhard Freuler wurde Anno 1866 Gefängnisaufseher und Lokalhistoriker Hans Wilhelm Harder vom Stadtrat mit der Archivierung beauftragt. Jahrzehnte später, 1913 und ebenfalls im Nebenamt, wurde Carl August Bächtold (1838-1921) Archivar, der nebenbei auch als Stadtbibliothekar fungierte.
Über den historisch interessierten und versierten Theologen und Verfasser wegweisender Beiträge sprechen die Schaffhauser Historiker noch heute mit grosser Hochachtung. Denn der in Merishausen geborene und später während 43 Jahren an der Steigkirche tätige Seelsorger hat unter anderem die berühmte Rüeger-Chronik, ein Standardwerk der Schaffhauser Geschichte, bearbeitet und kommentiert.
Von Carl August Bächtold, einem gemäss Überlieferung höchst bescheidenen und zurückhaltenden Mann, gibt es ein schönes Ölgemälde von Hans Sturzenegger. In Anerkennung seiner kulturhistorischen Leistungen wurde dem einstigen Stadtarchivar von der philosophischen Fakultät der Universität Zürich ausserdem die Würde eines Ehrendoktors verliehen.
**Anno 1402: Erster Nachweis einer Hexenverbrennung in Mitteleuropa**
Wie wichtig ein Dokument letztlich für die Geschichtsschreibung ist, kann auch ein Archivar nicht immer auf Anhieb erkennen. Die Bedeutung erschliesst sich für Historiker oft erst später. Gesammelt und aufbewahrt wird deshalb zunächst alles – oder fast alles. Bei manchen Schriftstücken, vorab von Behörden, ist der Sinn der Archivierung allerdings von Anfang an ersichtlich.
So konnte das Stadtarchiv unlängst auf Grund von Stadtrechnungen einen bereits im Jahre 1402 stattgefundenen Hexenprozess belegen. Dabei handelt sich um den ersten Nachweis einer Hexenverbrennung in Mitteleuropa überhaupt. Stadtarchivar Peter Scheck: «Bisher galt Luzern als der Ort, wo im deutschsprachigen Raum erstmals Anno 1419 über eine ‹Hexerey› verhandelt wurde. Der beschuldigte Mann wurde damals freigesprochen.» In den Schaffhauser Stadtrechnungen der Jahre 1402/03 finden sich nun aber sogar Hinweise auf Ausgaben für die Strafverfolgung und Hinrichtung einer oder mehrerer Hexen. Der Informationsgehalt ist zwar relativ dürftig, man erfährt nichts über das Geschlecht der Person oder über die Anzahl der allenfalls verurteilten Personen. Immerhin weiss man, dass die durch städtische Amtsleute verhafteten «Deliquenten» aus Beringen stammten und von dort nach Schaffhausen überführt wurden. Die Knechte, «welche die hägsen von Beringen brachten», erhielten dafür zehn Schilling für Wein. Die «Hexen» wurden im Rathaus festgesetzt, wo sie vermutlich auch ihre erzwungenen Geständnisse ablegten. Stadtarchivar Peter Scheck: Der Eintrag für «Holtz zuo dem Hegsen Brand» beweist, dass «das Verhör wie auch der Gerichtsprozess für den oder die Beschuldigten offensichtlich negativ ausfiel».
Hexenverfolgungen gab es in allen Kulturkreisen. Das düstere Kapitel des Hexenwahns wurde in der Schweiz und in Europa aber erst mit der Hinrichtung von Anna Göldi im Juni 1782 abgeschlossen. (-zer)
**Die Stationen: Archivierung in einem historischen Haus**
Dokumente werden in der Stadt Schaffhausen seit Jahrhunderten gesammelt und geortet. Doch erst mit der Wahl von Ernst Steinemann (1888-1972) als halbamtlicher Stadtarchivar im Jahre 1956 und dem Bezug neuer Räume zwei Jahre später im Parterre des «Grossen Hauses» wird das Stadtarchiv wirklich professionell geführt.
Neu im Vollamt
Als Stadtarchivar im Vollamt arbeitete ab 1970 dann allerdings erst Hans Ulrich Wipf, der 1996 von Peter Scheck abgelöst wurde. In die Zeit dieser beiden initiativen Archivare fallen unter anderem die räumlichen Erweiterungen des Archivs, der Einbau eines modernen Lesesaals und eines Raumes für den Kulturgüterschutz mit einem Fassungsvermögen von über 500 Laufmetern. Dort, im Keller, werden die wertvollsten Unterlagen aufbewahrt, mittelalterliche Urkunden, Ratsprotokolle, Grund- und Rechnungsbücher, historische Nachlässe.
Auf einer Länge von 2,5 Kilometern
Mit der Einführung der elektronischen Datenverarbeitung machte das Archiv in den letzten Jahren erneut einen grossen Schritt – das Stadtarchiv zählt heute in der Schweiz zu den Pionieren der Präsentation von Archivbeständen im Internet.
Zurzeit verfügt das Archiv, das in einer Woche die Bevölkerung zu einem Tag der offenen Tür einlädt, über zwölf Räume und sechs moderne Compactusanlagen, die seinerzeit die alten Schubladenschränke ersetzten. Die Kapazität der Regale beträgt 2,5 Kilometer, davon sind rund 90 Prozent belegt.
Im Besitz der Stadt
Das «Grosse Haus» mit der unverwechselbaren Passage zwischen dem Fronwagplatz und der Krummgasse war im Mittelalter im Besitz verschiedener adeliger Familien. Zeitweilig gehörte das Haus auch Bürgermeister Ulrich Trüllerey, der die Schaffhauser bei der Schlacht von Grandson anführte. 1685 wurde das Gebäude unter dem damaligen Eigentümer Hans Conrad Peyer im Hof umgebaut. Die Errichtung des öffentlichen Durchgangs und die Umgestaltung des Erdgeschosses in Geschäftsräume (wie der Klopstock und später der Glarner) erfolgten erst im Jahre 1895.
1921 kaufte die Stadt die Liegenschaft – eine aus der Sicht des jetzt 50-jährigen Stadtarchivs zweifellos vorausschauende Massnahme. (-zer)
Blick in den Lesesaalmit Archivar Peter Scheck, Studentin Sereina Deghimenzi (links) und Lehrtochter Johanna.
Bild: B. + E. Bührer.
Schaffhauser Nachrichten, Region
Julia Guran und Walter Joos
*SN: Herr Hofer, seit dem 1. Juli ist das neue Kulturgesetz in Kraft. Heisst das, der Kanton redet der Stadt und den Gemeinden bei der Kulturpolitik drein?*
Roland E. Hofer: Wir wollen und können den Gemeinden keine Vorschriften machen. Die Gemeinden sind unabhängig in ihren Entscheiden, wen sie fördern. Im Gesetz heisst es auch klar, «die Kulturförderung obliegt den Gemeinden». In den Gemeinden gibt es viele kulturelle Initiativen; der Kanton hilft mit, sie zu verwirklichen.
*In welchen Fällen unterstützt der Kanton die Gemeinden?*
Der Kanton hilft mit, einzelne Vorhaben und Projekte, die in Gemeinden entstehen, umzusetzen. Der Kanton hat eigene Mittel und unterstützt zum Beispiel bereits heute das Weinbaumuseum in Hallau, das Trottentheater in Neuhausen oder das Theater 88 in Rammen, um nur einige wenige zu nennen.
*Kann der Kanton bestimmen, welche Kulturangebote gefördert werden?*
Wir wollen das, was entsteht, mittragen, aber nicht selbst Akteure werden. Was gefördert wird, hängt von den Initiativen der Kulturschaffendenn ab. Kanton und Stadt Schaffhausen handeln mit Kulturschaffenden Leistungsvereinbarungen aus, die Kriterien wie Zielgruppen, Aufführungszahl pro Jahr oder Publikumsreichweite beinhalten. Einfluss auf den Inhalt der kulturellen Veranstaltungen können und wollen wir nicht nehmen. Dafür sind die Kulturschaffenden verantwortlich.
*Warum enthält das Gesetz keine konkreten Aussagen zur Ausgestaltung der Kulturpolitik?*
Wir ziehen es vor, situativ adäquat reagieren zu können, anstatt in einem Gesetz festzulegen, was genau gefördert werden soll, und uns so selbst ein Korsett anzulegen. Das würde in der Praxis ohnehin schwierig, denn immer mehr Kulturschaffende sind spartenübergreifend tätig. Mit Spartenkriterien hinkte man der Realität hinterher.
*Mit dem Gesetz will man die gegenwärtige Kulturpolitik nicht ändern. Wozu dient es dann?*
Wir wollen im Gesetz das fassen, was gängige Praxis ist. Zudem soll die Aufgabenteilung zwischen Kanton und Gemeinden klar geregelt werden. Dies muss auf gesetzlicher Stufe geschehen. Die Bundesverfassung enthält einen Kulturartikel, der die Kompetenz den Kantonen überträgt, die kulturellen Angelegenheiten gesetzlich zu regeln. Ein Kulturgesetz bedeutet, den Verfassungsartikel in der Kantonsverfassung in einem Gesetz umzusetzen. Der Kulturbereich ist einer der wenigen Bereiche, in denen der Kanton ohne Bundesvorschriften legiferierend tätig sein kann. Das vorliegende Gesetz bedeutet eine grundsätzliche Verbesserung der Ausgangslage. Das Gesetz ist ein Bekenntnis zur Kultur. Das ist nicht nichts, gerade auch für einen kleinen Kanton.
*Es gibt aber doch eine Verschiebung in der Geldverteilungspolitik. Die Mittel kommen nicht mehr nur aus dem Lotteriefonds, sondern können auch im Rahmen des Staatsvoranschlages bewilligt werden. Wann kommt welches Budget zum Zug?*
Dies ist in dieser Form tatsächlich eine Neuerung im Gesetz. Der Lotteriefonds generiert jährlich zwischen 2 und 2,6 Millionen Franken, mit denen im Kanton mehrheitlich kulturelle Anliegen unterstützt werden. Solange die Mittel reichen, wird weiterhin der Lotteriefonds die Mittel zur Kulturförderung und -pflege beisteuern. Da die Einnahmen aus dem Lotto von Jahr zu Jahr variieren, kann neu auf das ordentliche Budget zurückgegriffen werden. Die Regierung hat wie bisher die Kompetenz, über die Verteilung der aus dem Lotteriefonds stammenden Mittel abschliessend zu entscheiden. Im Staatsvoranschlag enthaltene Beiträge müssen hingegen vom Kantonsrat genehmigt werden.
*Ermöglicht das Gesetz auch, kulturell mehr zu machen? Wie werden dann allfällige Mehrkosten gedeckt?*
Wenn es sich um Vorhaben mit nationaler oder internationaler Ausstrahlung handelt, ist dies denkbar. Aber das muss im Einzelfall entschieden werden.
*Rückt mit dem neuen Gesetz die Möglichkeit, die Bodenseeregion zum Unesco-Weltkulturerbe erklären zu lassen, in grössere Nähe?*
Die Regierungskonferenz der Internationalen Bodensee-Konferenz (IBK) hat entschieden, das Projekt nicht weiterzuverfolgen, sondern zuerst das bestehende Bodensee-Leitbild weiterzuentwickeln. Das Unesco-Label ist keineswegs unumstritten. So besteht zum Beispiel die Befürchtung, die Unesco könnte auf Details am Ort Einfluss nehmen.
*Könnte man dank dem Gesetz auch auf andere Mittel als nur die des Staates zurückgreifen? Wäre etwa ein Joint Venture mit der Windler-Stiftung denkbar?*
Das Gesetz sieht die Zusammenarbeit mit Privaten ausdrücklich vor. Dies hängt aber letztlich von den konkreten Projekten ab. Darüber entscheiden müsste die Regierung.
*Bietet das neue Gesetz eine Handhabe für eine interkantonale Zusammenarbeit? Für das Klostergut Paradies, das ein wenig unterverkauft erscheint, würde sich eine solche Zusammenarbeit doch anbieten.*
Die kulturelle Zusammenarbeit ist tatsächlich im Gesetz verankert. Kultur hält sich ja auch nicht an Kantonsgrenzen. Die Konferenz der Kantonalen Kulturbeauftragten koordiniert Aktivitäten auf nationaler Ebene. Doch letztlich ist es wieder eine politische Entscheidung, ob und in welchem Rahmen Institutionen jenseits der Kantonsgrenzen unterstützt werden sollen.
*Können Kulturgüter wie das Museum zu Allerheiligen oder die Altstadt von Stein am Rhein dank des neuen Gesetzes besser vermarktet werden?*
Das Gesetz hat darauf keinen direkten Einfluss. Ich hoffe aber, dass die kulturellen Initiativen Aussenwirkung entfalten und dass man dadurch auf den kulturellen Reichtum des Kantons mehr als bisher aufmerksam wird.
*Wie definiert man Kultur überhaupt?*
(lacht) Das ist eine philosophische Frage! Alles, was der Mensch nicht zum unmittelbaren Überleben braucht, wäre ein sehr weiter denkbarer Ansatz. Kultur fängt dort an, wo der Mensch Zeit und Freiraum hat, sich mit seinen Lebensumständen kritisch gestaltend auseinanderzusetzen. Im engeren Sinn macht Kultur die intensive Beschäftigung mit der gegenwärtigen Lebenswelt aus und dient der kritischen Reflexion, wovon wir alle profitieren können.
**Kultur: Heute bestehende rechtliche Grundlagen**
Verfassung Kanton und Gemeinden fördern das aktuelle kulturelle Schaffen und die Pflege des Brauchtums; erhalten und pflegen Kulturgüter, Denkmäler und schützenswerte Ortsbilder; erleichtern den Zugang zum kulturellen Leben; fördern die kulturellen Beziehungen zwischen verschiedenen Volksgruppen, unter den Kantonen und mit dem Ausland; unterstützen kulturelle Einrichtungen. Kulturgesetz Kanton und Gemeinden fördern im Rahmen ihrer Zuständigkeit das kulturelle Leben und Schaffen in seiner Vielfalt sowie die Kulturvermittlung. Sie pflegen das kulturelle Erbe. Kanton und Gemeinden sorgen für Rahmenbedingungen, welche der Entfaltung des kulturellen Lebens dienen und welche den Zugang zu kulturellen Aktivitäten ermöglichen. Kanton und Gemeinden achten bei der Erfüllung ihrer Aufgaben die Freiheit und die Unabhängigkeit des kulturellen Schaffens. Kanton und Gemeinden können mit Leistungsvereinbarungen kulturelle Aufgaben öffentlichen oder privaten Institutionen übertragen.
Roland E. Hofer, Kulturbeauftragter des Kantons Schaffhausen, hat das seit Juli gültige Kulturgesetz ausgearbeitet.
Bild: Julia Guran
Schaffhauser Nachrichten, Region
Philipp Landmark
150 Jahre Historischer Verein Schaffhausen: Darüber könnte ein Historiker bestimmt einiges recherchieren. Doch dieses Thema bleibt wohl eines der wenigen, das der Historische Verein nicht beackert. Dabei hat sich in dieser Zeitspanne einiges getan, wie Staatsarchivar Roland E. Hofer als Vereinspräsident an einer Medienorientierung anlässlich des Jubiläums skizzierte.
Bei seiner Gründung setzte der Historisch-antiquarische Verein zum Ziel, Akten und Objekte zu erhalten, die Private veräusserten und die der Staat mangels Finanzen nicht erwerben konnte. Erst 1941 wurden die gesammelten Archivalien dem Staatsarchiv übereignet. Zahlreiche Objekte bildeten zudem den Grundstock der Sammlung des Museums zu Allerheiligen.
Regionale Geschichtsforschung
Seit 1863 werden die Schaffhauser Beiträge zur Geschichte publiziert. Bücher, die einmal etwa eine Sammlung von Biografien, ein anderes Mal eine umfassende Darstellung eines einzelnen Themas beinhalten können. Im Laufe der Zeit wurden so wesentliche Beiträge zur Erforschung der regionalen Geschichte geleistet. «Das ist wichtig für den Kanton, der keine Universität, kein historisches Seminar am Ort hat», betonte Roland E. Hofer gestern. Und fügte an, dass die Druckvorbereitungen für den 80. Band laufen, er soll diesen Frühling erscheinen. Der Historische Verein der jüngeren Zeit hat offenbar die Kraft, gelegentlich ein Riesenprojekt zu stemmen,. In den Jahren 2001 und 2002 erschien die umfangreiche, dreibändige Schaffhauser Kantonsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, und nun, im Jubiläumsjahr, macht sich der Historische Verein daran, den Aufbau des Schaffhauser Pressefotografie-Archivs zu ermöglichen.
Schaffhausen im Vergleich
Am 150. Geburtstag am 22. September lädt der Historische Verein zu einem Festanlass in die Rathauslaube. «Das Veranstaltungsprogramm wird keine Selbstbespiegelung sein», versicherte Roland E. Hofer gestern. Vielmehr werden verschiedene Referenten die Entwicklung Schaffhausens von der Völkerwanderung bis ins 20. Jahrhundert im Vergleich zu anderen Gegenden darstellen.
**Stichwort: Historischer Verein**
Der Historisch-antiquarische Verein Schaffhausen wurde am 22. Septmeber 1856 gegründet.
1863 erschien der erste Band der Schaffhauser Beiträge zur vaterländischen Geschichte. Seit 1936 erscheinen diese Bände jährlich.
1973 wurde «vaterländisch» gestrichen, ab dieser Zeit verzichtete auch der Historische Verein auf den Zusatz «antiquarisch».
Zum 150-Jahr-Jubiläum lanciert der Historische Verein ein Projekt zur Sicherung der Archive der Schaffhauser Pressefotografen.
Schaffhauser Nachrichten, Region
(pla)
Bei der Erarbeitung der Kantonsgeschichte hat Projektleiter Markus Späth erlebt, wie wichtig der Zugang zu historischem Bildmaterial ist. Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts ist dank der Privatarchive der Pressefotografen gut dokumentiert – «doch was passiert mit all den Schätzen, wenn ein Fotograf sein Metier aufgibt?», fragte sich Späth, der nun auch das Jubiläumsprojekt des Historischen Vereins leitet: den Aufbau des Schaffhauser Pressefotografie-Archives. «Wir möchten zur Sicherung der Bestände beitragen», umriss Späth das Projekt, das auf eine Idee von Vorstandsmitglied Bernhard Ott zurückgeht.
Mit Kosten von einer halben Million lion Franken – weitestgehend für Personalkosten – ist das Projekt ein dicker Brocken. Bisher stehen 60 000 Franken aus einer privaten Donation, zweckgebunden zur Erschliessung des Archivs von Bruno und Eric Bührer, und die Eigenleistung des Historischen Vereins von 50 000 Franken fest, Stadt und Kanton dürften etwa 200 000 bis 300 000 Franken beisteuern, sodass bis zu 150 000 Franken durch Sponsoren abgedeckt werden müssen – die zu finden Späth zuversichtlich ist. Nicht gerechnet sind die Kosten des Stadtarchivs, das als Partner das Schaffhauser Pressefotografie-Archiv beherbergen und führen wird.
Die hohen Personalkosten entstehen, weil die riesige Menge an Bildmaterial kompetent und pingelig genau erschlossen werden muss, damit sie Dritten zugänglich gemacht werden kann. Eine Arbeit, die sich über mehrere Jahre erstrecken wird. Für diese Aufgabe konnten der frühere Stadtarchivar Hans Ulrich Wipf und seine. Frau Kathrin Wipf gewonnen werden, die sich eine 100-Prozent-Stelle teilen.
Konkret geplant ist die Erschliessung folgender Fotografen-Archive: Bruno und Eric Bührer (1957 bis heute: 53 000 Filme); Max und Sonja Baumann (1967 bis heute: 11000 Filme).
Bruno und Eric Bührer wurden gerade 70 Jahre alt, Max Baumann feiert heute seinen 75. Geburtstag. Sowohl Max und Sonja Baumann als auch die Bührer-Zwillinge bleiben noch einige Zeit als Fotografen tätig.
Erschlossen werden sollen auch die Archive folgender Fotografen: Rolf Baumann, Selwyn Hoffmann, Peter Hunziker, Eberhard Lukas, Peter Pfister, Reto Schlatter, René Uhlmann.
Insgesamt ist die Archivierung von rund 80 000 Filmen geplant, was, wie Hans Ulrich Wipf überschlug, etwa zwei Millionen Fotos entspricht. Archiviert werden in der Regel Blattkopien der Filme, auf denen die Nummer der Negative zu sehen ist. Die Blattkopien werden von einem Schnellscanner, der diesen Namen verdient, digitalisiert, dann werden die Aufnahmen verschlagwortet. Dazu hat Stadtarchivar Peter Scheck raffinierte Softwareverknüpfungen gestrickt: Das gesamte Pressefotografie-Archiv lässt sich im Internet durchforsten, wird man fündig, kann man beim Stadtarchiv ein entsprechendes Bild bestellen – was nach Ansätzen der Pro Litteris in Rechnung gestellt wird. Diese Software wird denjenigen Fotografen, die ihr Archiv auf absehbare Zeit noch behalten, bereits zur Verfügung gestellt, damit ab jetzt Bilder bereits nach den später benötigten Kriterien abgelegt werden können.
Stadtarchivar Peter Scheck erläutert das innovative Archivierungssystem für die Bilder der Schaffhauser Pressefotografen.
Bild: René Uhlmann
Text
Schaffhauser Nachrichten, Region
Felix Schwank.
Wir nannten ihn in der Scaphusia Profit. In der Zeit davor war er Pödi, weil ihm das welsche Wörtlein «petit» etwas quer auf der Zunge lag. Berserker hätte man ihm auch sagen können. Er verfügte über Bärenkräfte, und wenn sein Temperament mit diesen durchging, war seine Nähe zu meiden. Profit? Ich frotzelte einmal in der Bierzeitung: «Paradox ist, wenn Profit alle Bierstängel isst, die er bezahlt!» Da war auch Neid im Spiel, denn Geld für Bierstängel besass ich nie. Auch nicht für Zigaretten. Darum waren wir um jene froh, die Profits Vater beim Hasenstall abgelegt hatte. Und Vater Schmidhauser schien es zu schätzen, wenn wir uns aus dem gelben Päcklein bedienten. Parisienne rund! Das war hinter dem Haus zum «Sonneck», dem «Löwen» gegenüber, in Rheinau. Das Haus ist abgebrochen, aber die Gastlichkeit des schmidhauserschen Hauses ist unvergessen. Da herrschte Mutter Schmidhauser. Sie war die Güte selbst, mit einem sachten Zittern im Gesicht. Mit einer Geruchskorrektur im Bereiche Hasenstall hatten die dort deponierten Zigaretten nichts zu tun. Frau Schmidhauser gehörte zu den ersten Kämpferinnen gegen das Passivrauchen. Stubenrein war bei ihr wörtlich zu nehmen. Profits Vater fügte sich lächelnd, gab seiner Frau aber gelegentlich doch eins ans Bein: «Es bräuchte einen Lastwagen für den Ersatz dessen, was diese Frau in der Schürze aus dem Haus trägt.» Die Mutter hat ihren Peter verwöhnt und mich dazu, wenn ich ins Haus kam. Profit hat zu Hause profitiert. Es gab dort, in der Kriegszeit, Dinge zu essen, die es damals eigentlich gar nicht gab. Ohne Mahlzeiten-Coupons notabene!
In der Elementarschule war Profit, neben 16 Mädchen, der einzige Knabe. So wie ich mich erinnere, haben ihn die Mädchen immer wohl gemocht. Er war nicht nur ein kräftiger, er war auch ein hübscher Bursche. Real- und Kantonsschule besuchte Profit in Schaffhausen. Den Mittagstisch hatte er beim Vergolder Uhlmann. Die Mutter von Straff, der damals Hauptmann im Generalstab und noch nicht Korpskommandant war, hat die Verwöhnung von Profit weitergeführt. An der Kanti gehörte er zu jenen, die in irgendeinem Trimester das Klassenbuch von Lehrer zu Lehrer tragen mussten. Das galt als Auszeichnung. Auch einen Geigenkasten schleppte der Freund zuweilen mit. Matura problemlos. Probleme gab es gelegentlich nach der Kneipe. Das Einschlagen von Fensterscheiben konnte damals eine ganze Stadt in Unruhe versetzen. Als ich Profit darauf aufmerksam machte, Handschuhe seien in der Scaphusia nicht als Handschutz, sondern als Commentgegenstand gedacht, liess er es mit blosser Faust, und blutig, splittern. Den Schulweg bewältigte er täglich mit dem Velo. Bei Regen in Klepper-Gummizeug gehüllt. Nicht die zehn zu bewältigenden Kilometer, nicht gelegentliche Zecherstürze in einen Acker machten Probleme, aber die Grenzer. Die Deutschen, für gewöhnlich waren sie harmlos, einem Spruch durchaus zugetan. Aber als Profit den SS-Mann neben «seinem» Grenzer zu wenig beachtete, geschah es. Die Schulmappe wurde durchsucht. Nicht Band und Mütze in der Mappe interessierten. Aber das gelbe Heftli mit der Französischlektüre: «Le siège de Paris». SS-Mann: «Was heisst das?» Profit, so wie er war: «Der Sieg von Paris.» Hätte er korrekt mit Belagerung übersetzt, wäre nichts passiert. Aber Sieg, das war für den chronischen Siegheil-Brüller zu viel. Es wurde herumtelefoniert, und es wurde Mittag, bis Profit, mit Verdacht, entlassen wurde.
Studium als Agronom und Militärdienst bis zum Grad des Leutnants schienen ineinander zu gehen. 1951 hat Profit Claire Sulzer in Meiringen geheiratet. Im Sommer war er in der Forschung tätig, folgte da der Spur seines Grossvaters, der sich als Saatzüchter unter anderem mit dem Burghofweizen einen Namen gemacht hatte. Grosse Ähre, standfester Halm. Im Winter war er Wanderlehrer an landwirtschaftlichen Schulen. Als er Verwalter des Regensdorfer Gutsbetriebes wurde, erinnere ich mich an einen Gang über Flur und Feld. Einer von uns trat in ein Entengelege. Mein Schreck war grösser als seiner: Nur das Nest nicht berühren, die Ente kommt wieder. Mein Freund hatte ein unzimperliches Verhältnis zur Natur. Sie war die Gebende, der man Sorge trug, ohne sie zu hätscheln.
Vier Kinder waren zur Welt gekommen, als sich unsere Familien, 1960, auf der Domaine des Barges bei Vouvry trafen. Er verwaltete das Ciba-Gut mit 200 Hektaren und war da ganz in seinem Element. Vielleicht seine glücklichste Zeit, die nach der Verschmelzung von Ciba und Geigy zu Ende ging. Die Familie zog 1968 nach Meiringen, wo er das Baugeschäft seines Schwiegervaters übernahm. Das ging nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Es gab einen Riss in die Familie. Auf den Scaphusia-Wanderungen erzählte er mir dies und jenes. Er trug nun einen mächtigen Bart, wirkte aber in vielem resigniert. In den Steigungen stockte unser Gespräch. In den Ferien zog es ihn nach Rheinau, ins Dorf, das sein Dorf war. Noch ging ein Lächeln über sein Gesicht, wenn ich ihm bei Rundgängen sagte, da habe er mir seinerzeit einen ehemaligen Mörder, dort einen Brandstifter vorgestellt. Er hatte so seine Art, mit diesen Leuten zu reden. Dann zog Peter ins Altersheim. Seine Schwester sprach mir von Alzheimer. Mit dem Neujahrgruss vor einem Jahr verband er den Wunsch, mich zu sehen. Ich dachte an eine Sommerreise. Da kamen die hohen Wasser. Ich wollte auch den Schein einer Gaffertour vermeiden. Schrieb ihm zu Weihnachten. Aber zwischen Weihnacht und Neujahr ging sein Leben zu Ende. Unterwegs zum Bahnhof, unterwegs zur Tochter Regula brach er zusammen – war sofort tot. Das Altersheim liess die Angehörigen wissen, sie hätten Peter Schmidhauser gern gehabt. Er sei liebenswürdig und hilfsbereit gewesen. Mit diesem tröstlichen Gedanken nehme ich Abschied von einem Freund.
Schaffhauser Nachrichten, Stadt Schaffhausen
Robin Blanck
Woher kommt die alte Bezeichnung BrühlmannAreal für den heutigen AdlerParkplatz? Und wie sah das Schwabentor vor, während und nach dem verheerenden Dachstockbrand von 1932 aus? Wie sieht der Engeweiher ohne Wasser, dafür mit zweihundert Arbeitern darin aus? Auf all diese Fragen gibt das Stadtarchiv Schaffhausen Auskunft. Aber nicht nur in den Räumlichkeiten am Fronwagplatz 24, sondern seit einiger Zeit auch online und dazu im Bild. Rund 150 000 Bilder und Darstellungen schlummerten lange in den Archivschränken, inzwischen sind rund 10 000 davon auch per Internet verfügbar. «Seit 1997 war eine Datenbank mit unseren Beständen über das Internet abrufbar, aber dieses Angebot war recht trocken», erinnert sich Stadtarchivar Peter Scheck. Damals waren sämtliche Fotoaufnahmen in 300 Ordnern säuberlich aufgereiht. Mit der Weiterentwicklung auf dem Elektroniksektor wurde die Digitalisierung und damit das Internet auch für Archive immer wichtiger. Den Schritt vom analogen Fotoalbum zur digitalen Bildergalerie, die von der ganzen Welt aus benutzt werden kann, vollzog schliesslich Peter Scheck. «Wir verfügten bereits über so viele Daten, dass es an der Zeit war, sie in dieser Form zugänglich zu machen», erläutert Scheck, der sich selbst bestens mit dem Computer auskennt und deshalb die entsprechende Software selbst programmiert hat. Das Resultat kann sich im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen. Via Internet erhält der interessierte Benutzer auf der Archivhomepage des Stadtarchivs Schaffhausen freien Zugang zu einer Vielzahl alter Aufnahmen, die schlaglichtartig die Geschichte und die bauliche Entwicklung der Stadt dokumentieren. Klickt man sich die gewünschte Aufnahme heraus, wird sie vergrössert und mit weiteren Informationen auf dem Bildschrim angezeigt. Meist erfährt man dann auch, wer anno dazumals auf den Auslöser gedrückt hat. Oft begegnet man dabei bekannten Schaffhauser Fotografen.
Per Mail Abzüge bestellen
Daten im Umfang von 200 bis 300 Kilobyte weist die Bildschirmdarstellung auf, entsprechend hoch ist die Qualität. «Aber natürlich nicht zu vergleichen mit dem Original», sagt Peter Scheck, «das Onlineangebot ist noch immer eine Hilfskonstruktion zur Recherche. » Wem das allerdings nicht reicht, der kann via EMail eine Kopie des Bildes bestellen, ebenso ist es möglich, die Daten gleich digitalisiert zu bekommen. Rund 100 mal im Jahr werden solche «Abzüge» bestellt, und zwar aus der ganzen Welt: User aus den USA oder etwa China schauen ebenso vorbei, wie Einheimische, die nachschauen wollen, wie ihre aktuelle Wohnadresse aussah, bevor dort überhaupt ein Haus stand.
Zum Stöbern für jedermann
Nicht nur Historiker und Genealogen fühlen sich durch die Homepage angesprochen, das umfassende Angebot hält auch für Laien eine ganze Schatztruhe voller Trouvaillen bereit. Geordnet ist der Bestand einerseits thematisch nach Bereichen wie Schifffahrt, Verkehr, Friedhöfen und anderem, ausserdem nach Strassennamen. Aber natürlich kann man auch direkt nach einem bestimmten Wort oder Begriff suchen. Stichwort eingeben, Enter drücken, und schon spuckt die Maschine die Treffer aus. Und nicht nur das: Wenn im Stadtarchiv weitere Akten zu einem Thema oder einer Person existieren, werden diese ebenso angezeigt.
«Die Zugriffszahlen geben uns Recht», stellt Scheck fest, denn mittlerweile verzeichnet die Homepage täglich bis zu 1500 Besucher, die in den Datenbanken herumsurfen. Laufend werden weitere Bestände von Aushilfen gescannt oder mit der Digitalkamera fotografiert. Geplant ist ausserdem, das Fotoarchiv weiterzuführen: Zurzeit stehe man mit zeitgenössischen Fotografen in Verhandlungen, sodass wenn alles klappt auch künftige Generationen unser Schaffhausen des frühen 21. Jahrhundertes werden bestaunen können.
Stadtarchivar Peter Scheck demonstriert die von ihm entwickelte Online-Datenbank.
Bild: Eric Bührer