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«Chinesische Chronik» – Rita BALDEGGER
Das neue Gesicht Chinas
Yuan Jing will Präsident von China werden und aus seiner Heimatstadt Chongqing ein zweites Hongkong machen.
Yuan Jing liebt drei Dinge: seine Familie, seine Heimatstadt Chongqing und China. Und er hat ein Sendungsbewusstsein, das so lang und so breit ist wie der Yangzi, der an Chongqing vorbeifliesst. Yuan Jing will der Welt zeigen, was er liebt.
Als Physikdoktorand an der Pekinger Elite-Universität Qinghua trägt Yuan Jing Jeans und Turnschuhe. Zum zweistündigen Flug nach Chongqing erscheint der 26jährige in Anzug und Krawatte. Höflich nimmt er seiner ausländischen Begleiterin den Koffer ab, den er mit der einen Hand zieht, während er sich mit der anderen ein Handy ans Ohr drückt.
Yuan Jing redet gerne und mit der Eindringlichkeit eines Missionars. Am liebsten spricht er von seiner Verlobten, die vor drei Jahren zum MBA-Studium in die Staaten gegangen ist und heute bei ABB an der Westküste arbeitet. Vor fünf Jahren lud ihn Zhang Ying zu einer Bootsfahrt auf dem Yangzi ein. Als Yuan Jing vergeblich gegen die Strudel des mächtigen Stromes anruderte, gestand ihm Zhang Ying, dass sie nicht schwimmen konnte. Verzweifelt sprang er ins Wasser und versuchte, das Boot an Land zu stossen. Ein Schiff schleppte sie schliesslich ans Ufer. Dort sank Yuan Jing erschöpft nieder und sagte zu Zhang Ying: « Wir haben zusammen überlebt, aber wir wären auch zusammen gestorben. » So begann alles.
Yuan Jing fliegt im Juni zum Nach-Doktorats-Studium in die USA. « Für meine Verlobte habe ich so fleissig gearbeitet, für meine Eltern und erst am Schluss für mich selbst », sagt er mit wohl dosierter Dramatik. Wenn ihn seine Verlobte am Flughafen abholt, will er auf die Knie fallen, ihr einen Ring entgegenstrecken und um ihre Hand anhalten: « Ich liebe sie so sehr! »
Der Wissenschafter Yuan Jing ist vor einem Jahr auch zu einem Geschäftsmann geworden. Ein Glaswarenfabrikant aus Chongqing investierte, und Yuan Jing erledigte den Rest. Er entwickelte ein Videotelephon, das bald in Massenproduktion geht. « Heute », sagt Yuan Jing, « hat mir mein Partner einen Bonus von 242’000 US-Dollar ausbezahlt. »(Das jährliche Durchschnittseinkommen in China betrug 1998 rund 900 USD.) Sein Ego scheint den Flugzeugsitz zu sprengen. « Und ich sage zu meiner Verlobten: ‘Geh einkaufen, geniesse das Leben! Ich komme nicht dazu!' »
Trotz Yuan Jings Erfolg sorgt sich seine Verlobte um ihn. Denn er hat keine Zeit, sich vor der Ehe so richtig auszutoben. Und nachher würde sie ihm einen Fehltritt nicht mehr verzeihen. Zwischen Yuan Jings Mandelaugen (bei ihm ist dieses Klischee ein Muss) erscheint eine steile Falte: « Es ist so zeitaufwendig, Frauen kennenzulernen, und zu Prostituierten gehe ich nicht! » Er seufzt: « Was soll ich tun? Ich habe einfach keine Zeit, schlecht zu sein! » Der Hongkonger Slapstick-Film erlöst ihn von seiner Grübelei. Aus dem seriösen jungen Mann, der selten lacht, wird plötzlich ein kleiner Junge, der seine Augen nicht von den Küchenchefs, deren Wettkochen in Gongfu-Kämpfe ausarten, lösen kann.
Anders als Peking, Shanghai oder Kunming hat Chongqing, seit 1997 eine regierungsunmittelbare Stadt, keinen neuen Flughafen. Yuan Jing ist dies etwas peinlich. Seine Stimmung hellt sich aber auf, als er eine kleine Dame im schwarzen Kleid und mit weisser Perlenkette entdeckt: seine zukünftige Schwiegermutter, die ihn wie einen Sohn behandelt. Auf dem Parkplatz wartet die Familienlimousine mit den üblichen verdunkelten Scheiben.
Der Chauffeur fährt auf einer neuen Autobahn in die Stadt – ein Geschenk der Pekinger Zentralregierung, die heftig in den Ausbau der Infrastruktur investiert. In den nächsten fünf Jahren sind 3,6 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Chongqing mit rund 30 Millionen Einwohnern ist der Ausgangspunkt für die Entwicklung von Chinas Westen, eine vor einem Jahr formulierte Wirtschaftsoffensive Pekings. Als sich der Wagen auf einer neuen Brücke dem Stadtzentrum nähert, spiegeln sich die Lichter der Hochhäuser im Yangzi. « Wie Hongkong! » jubelt Yuan Jing.
Chongqing ist auf Hügeln gebaut und an Gewässern gelegen. Der Yangzi ist gelb und voller Schiffe, die Waren und Menschen über Tausende von Kilometern zum Meer führen. Der Fluss Jialing ist blau und voller Fische, und dort, wo er mit dem Yangzi in einer Farbensymphonie zusammenfliesst, hat die Stadtregierung vor kurzem eine Aussichtsterrasse in Form eines Schiffes gebaut. Chongqing ist arm an historischen Stätten, und die wenigen erinnern an die vierziger Jahre, als China von Japan besetzt und die Stadt der Sitz der Guomindang-Regierung unter Chiang Kai-shek war.
Ganz in der Nähe der Aussichtsterrasse, am Ufer des Jialing, ankert ein mehrstöckiges, festlich beleuchtetes Schiffsrestaurant, das über schwankende Planken zu erreichen ist. Der Besuch im Schiffsrestaurant ist Initiation für die Nichteingeweihten und Ritual der Heimkehr für Yuan Jing. Er wählt die Fische aus, die in schwimmenden Körben an der Aussenwand des ausgemusterten Passagierschiffes auf ihre Bestimmung warten.
Die Fische kommen in grossen Platten und scharfer Sauce auf den Tisch. Die Sauce ist die Aufnahmeprüfung für Chongqing: Wer wird vor ihrem Höllenfeuer kapitulieren? Yuan Jing wischt sich den Schweiss von der Stirn – er lebt in Peking sehr frugal. Er isst kein Fleisch, trinkt keinen Alkohol und raucht nicht. Und dreimal in der Woche geht er zum Schattenboxen. Die Herzbeschwerden, die ihm sein Doppelleben als Forscher und Geschäftsmann einbrachte, hat er überwunden.
Die Askese erhält ihm seine Gesundheit und seine Unabhängigkeit: « So kann mich niemand in Versuchung führen, weder mit Wein noch mit Zigaretten. » Er denkt bereits jetzt an eine Laufbahn als Politiker. In der Mittelschule, der besten von Chongqing, schrieb er in einem Aufsatz, dass er Präsident von China werden wolle. (Der grosse Pragmatiker Deng Xiaoping stammt auch aus der Gegend.) Yuan Jing ist nicht in der Kommunistischen Partei. Er möchte erst Mitglied werden, wenn er das Gefühl hat, der Partei würdig zu sein.
Zuerst, sagt er, müsse er sich einen Namen als Wissenschafter machen. Das Wort « Nobelpreis » fällt. Mehrere amerikanische Elite-Universitäten haben ihm ein Stipendium angeboten, und ABB hat erfolglos versucht, ihn mit einem Preis während des Grundstudiums in seiner Heimatstadt in das Unternehmen zu locken. ABB betreibt in Chongqing ein Joint Venture für Transformatoren und ist am Drei-Schluchten-Staudamm im Yangzi beteiligt, einem für Mensch und Natur risikoreichen Unterfangen.
Für Yuan Jing kann die Wissenschaft nur eine Zwischenstufe sein. In seinen Augen sind Wissenschafter ein Werkzeug der Politiker, und sich von anderen bestimmen zu lassen ist seine Sache nicht. Als er davon spricht, als Politiker « China mächtig zu machen und allen Chinesen ein gutes Leben zu verschaffen », zieht sich sein linker Mundwinkel leicht nach oben, und auf seinem Gesicht breitet sich der Ausdruck von einem, den man sich nicht zum Feind wünscht.
Yuan Jings Eltern sind Intellektuelle, der Vater Physikprofessor und die Mutter Ärztin, aber zwei Generationen früher waren seine Vorfahren Krieger. Nach dem Ende des Kaiserreiches 1912 und vor dem Aufstieg der Guomindang in den dreissiger Jahren führten sie in der Provinz Sichuan, die Chongqing umschliesst, Armeen in den Krieg. Ein entfernter Verwandter, General Yuan Shikai, trug massgeblich zum Niedergang des Kaiserreiches bei.
Yuan Shikai wurde der erste Präsident Chinas, löste aber bald das Parlament auf und ernannte sich 1915 zum Kaiser. Ein halbes Jahr später entthronte ihn der Tod.
Yuan Jing hat den militärischen Cocktail von Strenge, Disziplin und Durchhaltewillen in seiner Kindheit gelernt: Wie seine zwei älteren Brüder schickten ihn seine Eltern mit neun Jahren in eine Dorfschule aufs Land. Yuan Jing schlief auf Strohmatten, die auf zusammengeschobenen Klassenbänken lagen und wusch sich am Dorfbrunnen. « Meine Eltern haben mich nicht zum Bleiben gezwungen », sagt er, « aber ich wollte nicht aufgeben. » Erst für den Besuch der Mittelschule kam Yuan Jing wieder nach Chongqing zurück.
Weil seine Eltern vor ein paar Jahren nach Chengdu, der Provinzhaupstadt von Sichuan, gezogen sind, wohnt Yuan Jing in Chongqing bei seinen zukünftigen Schwiegereltern in einer hundertfünfzig Quadratmeter grossen Neubauwohnung an bester Lage. Der Grossvater der Braut war bereits unter der Guomindang ein bekannter Bankier, zwei Tanten sind heute – unter den Kommunisten – Bankdirektorinnen, und der Vater ist Direktor der drittgrössten Securities-Firma in China.
Der Weg von der Wohnung zum Befreiungsdenkmal in der Stadtmitte führt durch eine neu angelegte Fussgängerzone samt moderner Metallskulpturen vor den Tempeln des Konsums. Die Einkaufspassage würde sich nicht von der Zürcher Bahnhofsstrasse unterscheiden, wenn zwischen den Schickimicki-Bauten nicht halbverfallene Häuser mit russgeschwärzten Fassaden stünden – Zeugen eines anderen Chongqing. Die Stadt ist ein traditionelles Zentrum der Schwerindustrie, und die Staatsbetriebe im Stahl-, Fahrzeug- oder Maschinensektor haben ihre Angestellten in Scharen nach Hause geschickt. Offiziell gibt es 20 Prozent Freigestellte und 12 Prozent Arbeitslose. Betroffene nennen das Doppelte.
Oft ohne staatliche Unterstützung fahren sie Taxis oder führen einen kleinen Kiosk. Daneben scheint es in Chongqing nur noch zwei Arten von Geschäften zu geben: Restaurants und Friseursalons. Der einsame Sex-Shop in Hafennähe ist eine angenehme Überraschung. An ihm schleppen sich Lastenträger mit Bambusstangen auf den Schultern und Plastikschuhen an den Füssen vorbei; sie und die gelben Taxis prägen das Stadtbild. Privatautos wie der Honda von Yuan Jings Schwiegereltern in spe sind selten.
Yuan Jing wiegelt ab: « Die meisten Arbeitslosen sind zwischen 40 und 55, und die Lastenträger sind einfach Bauern, die in der Stadt ihr Glück suchen. » Nach einer kurzen Pause fügt er an: « Ohne Opfer gibt es keinen Fortschritt; das ist unvermeidlich! » Was er von sich verlangt, erwartet er auch von den Bewohnern seiner Heimatstadt: dass sie ihr Leben einer Vision unterordnen.
Unbeirrt glaubt er an Chongqings Zukunft und an seine: « Wenn meine Braut und ich heiraten, verbinden sich zwei grosse Familien: Die eine ist im Finanzgeschäft erfolgreich und die andere in der Wissenschaft. » Mit dieser Hausmacht im Rücken wird er sich an die Erfüllung seines Traumes machen, Präsident von China zu werden: « Nichts kann mich von meinem Ziel abhalten. »