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Dokumentarfilme (interessante).
Wenn ich mit Leuten zusammen bin, die mich nicht kennen, kommt es vor, dass ich gefragt werde, was ich beruflich mache. «Filme», antworte ich. Und weil ich nicht abweisend und einsilbig sein will, füge ich hinzu «Dokumentarfilme». Und weil ich nicht möchte, dass man sich falsche Vorstellungen macht, sage ich «nicht über Tiere, nicht über fremde Länder – über das Leben hier».
Mein letzter Film «Gute Tage» lief in Zürich während zehn Wochen im Kino. Danach auch in Bern und Basel. In kleineren Städten in einer Reihe von Einzel-Veranstaltungen. Die Anwesenden sagen, sie hätten den Film leider verpasst, aber er werde ja sicher am Fernsehen gezeigt. Damit sei wohl nicht zu rechnen, sage ich, meine Filme seien nicht so, wie es sich der zuständige Fernseh-Redaktor wünscht.
Aber, sagen die Leute, sie würden doch am Fernsehen immer wieder interessante Dokumentarfilme sehen. Es fällt mir schwer, das so stehen zu lassen, da ich viele dieser Filme nicht besonders mag – weil ich nicht mag, wenn Filmbilder einen Kommentar illustrieren – wenn jemand die Zuschauer belehren will – wenn mich jemand bei der Hand zu nehmen sucht, um mich durch den Film zu führen. Da gibt es bei mir einen Automatismus – ein Reflex schaltet spätestens nach drei Minuten den Fernseh-Apparat aus.
Ich ärgere mich, wenn Fernsehzuschauer so behandelt werden, aber ich ärgere mich auch, dass sich das Publikum so behandeln lässt.
Konditionierung des Publikums und der Macher.
Von den Fernseh-Mitarbeitern wird erwartet, dass ihre Beiträge so beschaffen sind, dass sie das Publikum abholen (wie man im Fernsehen zu sagen pflegt) – ein Publikum, das seit Jahrzehnten entsprechend konditioniert wurde.
Ein Freund hielt die Ansprüche nicht mehr aus, die beim Fernsehen an ihn, an seine Beiträge gestellt wurden. Er verfasste ein Exposé zu einem Film, dessen Thematik ihm wichtig war und den er nach seinen eigenen Vorstellungen gestalten wollte. Um den Film zu produzieren, wandte er sich an das Filmkollektiv, doch die Finanzierung des Projekts erwies sich als schwieriger, als er es sich vorgestellt hatte (wie das für uns im Filmkollektiv normal war). Nach drei Monaten gab er auf, war ihm klar, dass er nicht auf den sicheren Lohn und den gewohnten Lebensstil verzichten konnte; er würde halt weiterhin die Beiträge machen, wie sie von ihm erwartet werden.
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Ein Journalist diskutiert mit einer Cutterin, wie der Schnitt zwischen zwei Szenen gesetzt werden soll. Die Beiden bringen keine gestalterischen Argumente vor; die Auseinandersetzung dreht sich ausschliesslich um den Kopf des Zuschauers, wie wird er hinblicken, wie wird er hinhören, was soll er dabei empfinden?
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Ich erinnere mich an die alten Zeiten, als die Fernsehabende noch nicht starr gegliedert waren, als noch ein Zusammenhang bestand zwischen unterschiedlich komplexen Themen und der Form und Dauer ihrer Darstellung. Seit Jahrzehnten werden nun, neben den Sportübertragungen und den Spielfilmen, vor allem 52-Minuten-Beiträge gezeigt (52 Min. + Werbung + Programm-Vorschau), damit zur vollen Stunde der nächste Beitrag programmiert werden kann.
Man muss sich das vorstellen: Ein Fernseh-Autor, dem zu jedem Thema eine 52-Minuten-Form einfallen muss.
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Von Dokumentarfilmen, die ausserhalb der Anstalt realisiert wurden, werden dem Publikum radikal gekürzte Versionen zugemutet (auch um Mitternacht), ohne dass die Zuschauer erfahren, dass dies nur eine Kurz-Version ist. Wer nur diese vereinfachenden Fassungen der Filme zu sehen bekommt, wird annehmen, das einheimische Filmschaffen sei zu keinem differenzierten Blick auf unser Land fähig (Prokrustes lässt grüssen).
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Bei der 'Abnahme' eines Films, der vom Fernsehen mitproduziert wurde, fordert der zuständige Redaktor, dass die Bilder von Personen am Anfang ihrer Aussage untertitelt werden – Name, eine herausgestellte Qualifikation, ein akademischer Titel. Dadurch bekommt die Aussage ein entsprechendes Gewicht und für die Zuschauer ist eine thematische Spur gelegt.
Auch die Orte von Filmaufnahmen müssen untertitelt werden, damit sich das Publikum orientieren kann, wo man zur Zeit im Film ist. Das empfinde ich oft als ärgerlich, weil das Bild dadurch seine emotionale Wirkung nicht entfalten kann, weil es zu einer simplen Illustration der einkopierten Schrift 'Salzburg' verkommt.
Der Redaktor beharrt auf all den einkopierten Untertiteln, weil man ja nicht erwarten könne, dass die Zuschauer während der ganzen 52 Minuten vor dem TV-Gerät ausharren. Er rechnet mit irgendwelchen Abwesenheiten der Zuschauer (räumlich, geistig), vertraut darum nicht darauf, dass sie eine Beziehung zum Ganzen des Films finden können, geht davon aus, dass ihnen durch informative Untertitelungen und Kommentar-Texte immer wieder Orientierungshilfen geboten werden müssen.
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Im sog. Freien Filmschaffen verlässt man sich auf die Aufmerksamkeit der Zuschauer, darauf dass sie während des Films all seine Elemente wahrnehmen und so eine Beziehung zum Ganzen des Films bekommen. Doch man geht auch nicht davon aus, dass sie dieses Ganze auf eine Aussage reduzieren werden – vielleicht ahnen sie, dass die einzelnen Elemente immer mehr sind als das sog. Ganze. Ein solchermassen waches Publikum wird auch nach dem Film mit den einzelnen Szenen beschäftigt sein, vielleicht auch noch am nächsten Tag.
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Im Freien Filmschaffen wird es weitgehend als Qualität betrachtet, wenn die Zuschauer/die Zuhörer noch etwas zu leisten haben,
während der Fernsehapparat interessante Fertigprodukte zu liefern verspricht.
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Fernseh-Beiträge sollen vom Publikum nicht als etwas Hergestelltes wahrgenommen werden, sollen durch den Eindruck von ungebrochener zeitlicher Kontinuität als ein Stück Wirklichkeit erscheinen. Ist in einer Einstellung eine Kürzung nicht zu vermeiden, wird ein sogenannter Zwischenschnitt eingefügt.
In jeder Tagesschau ist zu sehen, wie zur Kürzung der Aufnahme einer sprechenden Person ein Zwischenschnitt auf deren Hände eingefügt ist (oder sonst ein einfältiges Bild, das vom Publikum in selbstverständlich gewordener Gewohnheit hingenommen wird).
Beim Fernsehen weiss jeder Kameramann, dass er von jedem Dreh irgendwelche Aufnahmen für solche Verlegenheitsschnitte heimbringen muss.
Prinzipiell soll die Arbeit am Produkt nicht sichtbar sein – kein Schnitt, der sich als Schnitt zeigt – alles darauf angelegt, als wäre das Fernsehgerät ein Fenster zu einem interessanten Geschehen draussen in der Welt – damit auch, als hätte niemand die Verantwortung für den Beitrag.
'Kunst'.
Dokumentarfilmer sprechen kaum von ihrer Kunst, doch wenn nicht der kommerzielle Erfolg zum Massstab dieses Schaffens werden soll, muss wohl doch von einem Kunst-Anspruch die Rede sein.
Filme, die sich dem Publikum schlicht zeigen,
die das Publikum nicht zu überwältigen suchen,
die dem Publikum vertrauen,
die Ansprüche an das Publikum stellen.
Ich arbeite an meinen Filmen ohne mir Gedanken um mögliche Zuschauer zu machen. Doch ich freue mich über Leute, die keine Erwartungen nach sogenannten Aussagen haben, die einfach aufmerksam sind und offen bleiben für alles, was sie im Film sehen und hören. Dann freue ich mich, doch nicht allein auf einem andern Planeten zu leben.