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Die Schmetterlinge sind wie Schneegestöber. Ihr Wohnhaus, so winzig wie eine Zirkusarena, ist mit tropischen Pflanzen, künstlichem Wasserquell und roten Felsen angereichert. Es herrscht eine Temperatur von fünfunddreißig Grad Celsius.
Die Schmetterlinge sind allgegenwärtig. Wenn man den schmalen, von Pflanzen eingefassten Wanderwegen entlang geht, legen die Schmetterlinge eine Strecke mit einem zurück. In zitronengelbem, himmelblauem, chilliroten Zickzack. Sie umgarnen einen. Streifen Schulter und Haar. Lassen sich auf der äußersten Spitze eines Blattes nieder und schaukeln, Vorder- und Hinterflügel aneinander reibend. Wie dünn ihre Flügel sind, manchmal durchsichtig, mit Schuppen bedeckt. Pigmente, welche bei der Lichtbrechung leuchten. Berührt man die Flügel eines Schmetterlings, werden diese dünner, bekommen Löcher, brechen. Ein Schmetterling mit einem Loch in den Flügeln weist vielleicht darauf hin, dass es eine Sphäre gibt, in der die Bestätigung des Lebendigen nicht durch Hautkontakt eintritt. Menschen verwahrlosen, wenn man sie nicht berührt, nach Schmetterlingen greift man, wenn man ihren Tod will. Tage und Wochen sind verstrichen, während denen sich das Insekt, verschlungen in einen Kokon, wie ein Saft selbst zersetzt und neu gebildet hat. Ohne Umschweife lässt sich ein Schmetterling auf einer gärenden Banane, ein anderer auf einem alten Käse, ein dritter auf dem Handrücken einer jungen Rollstuhlgängerin nieder. Das Gesicht der Rollstuhlgängerin hat etwas Maskenhaftes, ja, sogar etwas Schmetterlingartiges, scheint es wie aus brüchigem Gips. Die Rollstuhlgängerin kann ihr Gesicht nicht vorbeugen. Hals und Kiefer werden von einer Art Schraubstock gegen den Stuhlrücken zurück gedrängt. Aus den unteren Augenwinkeln heraus schaut sie auf ihren Handrücken, wo eben ein Schmetterling landet. Andacht hält.
Seitlich an den Rollstuhl heran drängt sich jetzt Lillie. Lillie gräbt ihre Fäustchen selbstvergessen in den Stoff des Wollüberhangs, welcher die Beine der Frau im Rollstuhl bedeckt. Mit den Augen knapp über die Lehne des Rollstuhls hinaus reichend, fixiert sie das Gesicht der Erwachsenen, zuerst. Dann den Schmetterling auf ihrem Handrücken. Nun schnellt ihr kleiner Zeigefinger hervor, betupft den Schmetterling, vielleicht auch nur in einem Scheintupfer, und zieht ihn schnell wieder zurück. Wie Rumpelstilzchen, das um ein Feuer tanzt, hüpft Lillie dann davon, zerrt sich das von der tropischen Hitze feucht gewordene Unterleibchen über den Kopf, hält störrisch inne, streckt stolz ihr Birnenbäuchlein vor und streichelt sich mit den Fingern verwegen über die Brustwarzen. Dann tollt sie weiter, verschwindet in einem unterirdischen Durchgang und taucht in eine tropisch sanguinische Nacht. Wir sind im Nocturama, dem Zelt der Wildtiere.
Zikaden klimpern. Sterne leuchten vom Himmelszelt. Ein in der Dunkelheit kaum erkennbares Wesen, hievt seinen schwabbeligen Körper nach unten hängend über unsere Köpfe. Schwingt sich dann von einem Ast zum andern. Ein Ozelot sitzt in der Krone eines Baums und leckt sich mit dicker, scharlachroter Zunge sein mit schwarzen Zwiebelringen gepunktetes, honiggelbes Fell. Der künstliche Mond fällt darauf und lässt es erleuchten wie Glanzpapier. Monsun ist es, der, von einem Rohr ausgehaucht, die Palmenblätter zur Seite wedelt. Er trägt den erstickend betörende Körperduft der Raubkatze über die ganze Halle: Paprika, Curry, Moschus, blumiges Geschlecht. In einem dunklen Wasserbecken auf einem schmalen Felsvorsprung sitzt ein höchst witzig anzusehendes Fröschchen südamerikanischer Abstammung, ein sogenannter Pfeilfrosch. Dieses Amphibchen ist so winzig wie der Diamant auf einem Ring, und blendet den Betrachter in grellen Farben. Ein Fisch namens Gabelbart bringt Lillie mit seinem grimmigen, von zwei Gabeln nach unten gezogenen Maul und den riesigen Glubschaugen zum Glucksen. Erschöpft schleppt er sich ans Fensterglas seines Beckens, sperrt sein mit stumpfen Zähnen übersätes Maul auf und dreht ab wie ein schwerfälliger Kahn. Zurück bleibt eine Blase. Lillie meint, der Gabelbart habe gefurzt.
In einem Aquarium sind Wände und Boden mit hellroten Mangrovenquallen bevölkert. Ihre Arme erinnern an die beißenden Leuchtfäden künstlicher Weihnachtsbäume. Einige von ihnen vollführen einen verführerischen Bauchtanz. Tanzen sie nur oder sind sie auch am Leben? Wie sieht diese sternenklare, moschusduft-überzogene Nacht aus, aus dem Innern der Termiten? Wie unterscheidet sich der Weltblick der in ihrer Haut erstarrten Echsen von der Schmucklanguste? Wie ein Bürofräulein stakst sie über ein Korallenmoos, schiebt mit ihren Catwalk-Beinen ein paar ordinäre Fischchen zur Seite. Lillie bekundet den Wunsch, diese Fischchen heimzunehmen, bei sich aufzubewahren in einem Marmeladeglas im Garten. Ich winke ab. Gehen wir also durch den geheimnisvollen Tunnel, in dem Fledermäuse baumeln einbeinig, mit dem Kopf nach unten von der Decke. Weiße Nachteulen spähen von den Bäumen herab wie Großmütter im Nachthemd. Über ein Ufergebüsch ins Wasser kugelt ein betrunkener sibirischer Biber. Auch im Refugium der Nachtaffen werden wir mit Lebendigkeit konfrontiert: Ein Affe streckt frech eine Kiwi vor sich in die Luft, ein anderer reibt sein Geschlecht.
Und dann die Schlange: Zuerst erkennen wir nur ihre schattenhaft verzerrten Umrisse auf dem Grund des Pools. Sie hat ihren langen, hellgrünen Körper etliche Male um einen Baumstrunk gewickelt und wiegt, von einem kahlen Mond beleuchtet, unter Wasser geheimnisvoll auf und ab. Am Rand des Ufers klebt ihr Kopf lethargisch, wie ein aufgekrempelter Handschuh. Es ist nicht klar, ob es das Vorderteil einer Blindschleiche ist oder ihr Ende, das sich sukzessive in den Rachen der Schlange hinein frisst. Schlange und Blindschleiche sind wie die Teile einer Kette ineinander verhakt.
Lillie hat sich bäuchlings auf den Fußboden gelegt. Presst ihr Gesicht an die Scheibe, die anläuft vom innigen Hauch ihres Atems. Es folgen Speichel und Fingerspuren, alles verschmiert. Und plötzlich presst Lillie auch noch ihre Lippen gegen das Glas und verpasst ihm einen innigen Kuss. Die Blindenschleiche ist in der Schlange verschwunden. „Ab!“ Entfährt es Lillie kugelnd. Dann schnellt sie herum, zerrt sich das Leibchen bis zum Hals hoch und stürmt den ganzen Weg, den wir gekommen sind, wie ein verrückt gewordener Zwerg zurück.
Die Fledermäuse hängen zum Gruß wie Papierfetzen von den Decken. Die Eule streift das Kind mit einem blau unterlaufenen Nachtblick. Die Mangroven tanzen mit ihren Weihnachtsfäden, die Languste entwirrt ihre Beine wie glitzernde Nadeln. Blubbernd dreht der Gabelbart seine Runde und winkt zum Abschied mit einem Furz. Das Gewöhnliche vermehrt sich, das Schöne bleibt einzig, beurteilt der Pfeilgiftfrosch vom Felsen aus kritisch die Lage.
Der Monsun haucht leiser. Die Zikaden klimpern gedrängter. Der Biber zupft an seinem Schnäuzchen. Der Nachtaffe reibt sein Geschlecht. Das Ozelot – sein Duft! Senf, Gewürznelken, Oleander – es schleicht wie eine Grazie auf üppigen, schön geformten, teewarmen Tatzen daher, dreht nur kaltschnäuzig seinen Kopf.
Im herein flutenden Licht, die rätselhafte Metamorphose der Puppen, zwinkern sie, König Priamus, Blauer Morpho, Schwarzer Tiger, Mormon, Baumnymphe, (was für eine Namensgebung!), und der exzentrische Osterluzeifalter setzt sich partout auf Lillies rot glänzenden Nasenspitz …
Lillie Glacé mit Schokolade gewollt. Lillie Glacé. Lillie auch. Natürlich! Unter dem Termitenbaum kauerten ein paar Eis schleckende Kinder. Lillie ist der Anblick ihrer rollenden Augen in selbstzufriedenen Gesichtern nicht entgangen. Aber Lillie mag kein Eis. Eis ist kalt. Es zerläuft, und wenn man nicht aufpasst, ist da nur noch der Stengel. Zudem, soviel ist klar, ist das Verspeisen von Eis etwas für kleine Kinder. Nicht kleine Kinder. Nicht. Kalt. Lillie Glacé. Der kleine Körper schnellt herum. Leere Luft wird geschluckt. Husten. Röcheln. Schluchzen. Die Welt bricht zusammen wie ein Kartenhaus. Die Türen werden gesprengt, und das innere Drama stürzt wie eine Wasserwelle aus allen Poren, mit solcher Heftigkeit, dass sich die Wangen verfärben, auflösen, die Fäustchen sich ballen. Gelbe Schleimsäcke kriechen von Lillies Nase langsam über die purpurnen Lippen ins Mundinnere. Chom Gotti, chom! So grausam kannst du doch nicht sein? Kannst mir meinen Seelenwunsch doch nicht einfach abschlagen?
Nein, kann ich nicht. Aber es ist bald Mittag, und deine Beine haben dich weit getragen, deine Händchen, die wie Blumen wachsen, Steine gepflückt. Am Sonnenlicht gerieben hat dein pudriges Vanille-Köpfchen, das ich liebe, seine vielen kitzekleinen Fragen. Jetzt kommt die Zeit, müde zu sein, heim zu kehren und ein wenig zu schlafen.
Im gleichmässig daher rollenden Kinderwagen ist es soweit. Der Zug rattert an dem schlafenden Mädchen vorbei. Er zieht eine Schneise durch die Landschaft. Das Blau des Himmels ist etwas trüber oder schmieriger geworden, als wir losgezogen sind. Runkeln liegen auf dem Acker. Feldrandblumen. Ein Schmetterling im freien Fall.
Das ist vielleicht die Idee des Schöpfers: In einem Wesen durch feine Zeichnung eine Erinnerung an ein anderes wach zu rufen. Denn ein Blatt am Wegrand hat die geäderten Flügel eines Schmetterlings, ein Schmetterling übernimmt die Tarnfarbe der Schlange, und die Musterung auf dem Rücken der Schlange ist manchmal eins mit den Zwiebelringen auf dem Fell des Ozelots. Hat nicht Blaise Pascal gesagt:
Alle Dinge also halten sich untereinander, durch ein natürliches und unmerkliches Band, welches die verschiedensten und entferntesten verknüpft; daher halte ich es für unmöglich, die Teile zu erkennen, ohne das Ganze zu erkennen, und ebenso, das Ganze zu erkennen, ohne die Teile im Einzelnen zu erkennen. Gestirne, Himmel, Erde, Elemente, Kohl, Lauch, Tiere, Insekten, Kälber, Schlangen … die Ewigkeit der Dinge aber in ihr selbst oder in Gott muss weiterhin unsere kurze Dauer in Staunen versetzen. Die feste und beständige Unbeweglichkeit der Natur, verglichen mit der fortgesetzten Veränderung, die sich in uns abspielt, muss die nämliche Wirkung haben.
(Spaziergang mit Lilly 2003, dedicated to my Niece Malou)