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Suzanne Baroï de Stoutz – Die “Unternehmerin des Jahres” ist Biologin, Erfinderin und Geschäftsfrau in einer Person
Suzanne Baroï de Stoutz – Die “Unternehmerin des Jahres” ist Biologin, Erfinderin und Geschäftsfrau in einer Person
Die 52-jährige Genferin erhielt Ende November in Zürich den diesjährigen Branco Weiss-Preis – ex aequo mit dem Weichkäsehersteller Stephan Baer. Sie habe “mit unternehmerischen Fähigkeiten und mit zukunftsweisendem Vorgehen neue Märkte erschlossen”, hiess es in der Laudatio. Die Firma Actimonde, der sie vorsteht und die mit 11 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa 2 Mio. Fr. erzielt, liefert schlüsselfertige Molkereien in fast zwei Dutzend Länder, vor allem nach Afrika. Mit dem 1987 entwickelten Agrolactor-Verfahren ermöglicht sie zudem die Produktion von Milch auf Sojabasis, was bei gleicher Anbaubasis im Vergleich zu intensiver Kuhhaltung den achtfachen Ertrag erbringt. Von Maja Wicki
In einem der Vororte der nigerianischen Hauptstadt Lagos, die mit ihrer ständig wachsenden Agglomeration eine Bevölkerung von etwa 11 Millionen zählt, steht die Sojamilch-Fabrik Farina. Im Sommer 1990 wurde sie offiziell eingeweiht, funktioniert aber schon seit Anfang des Jahres. Jeden Morgen schwärmen von hier zehn Dreiräder mit wärmeisolierten Behältern weg, in denen 2 dl-Säckchen mit frischer Sojamilch an verschiedene Depots in der Stadt gebracht werden, wo sich wiederum 150 mit Velos und Eiskistchen versehene Strassenverkäufer mit der süssen, proteinreichen Flüssigkeit eindecken. Wegen der enormen Nachfrage wurde die anfängliche Produktion von 77’000 Säckchen noch im Lauf des Sommers auf 150’000 gesteigert.
“Das Geschäft muss für alle stimmen”
Diese von Suzanne Baroï de Stoutz eingerichtete Agrolactor-Anlage schafft für mehr als 250 Menschen Arbeit und Verdienst: für die Fabrikations- und Verteilungsequipen einerseits und zusätzlich für 50 Bauern und deren Familien, die auf 80 Hektaren Land Soja anpflanzen. Die Schweizer Unternehmerin, die im April 1989 im Rahmen des Landwirtschaftsforums von Lagos den nigerianischen Verdienstpreis erhielt, zeigt sich stolz über das Resultat, wehrt sich jedoch dagegen, eine Dritt-Welt-Wohltäterin zu sein. “Das Ziel von Actimonde ist, dass das Geschäft für alle stimmt”, erklärt sie unumwunden..
1982 wurden Suzanne Baroï de Stoutz erstmals “Presse-Ehren” zuteil, wie sie mit einem Lächeln sagt, als sie für ihr Konzept, mit schnell und zuverlässig zusammenstellbaren modularen Systemen pasteurisierte Milch, Butter, Joghurt und Käse herzustellen, in Paris den Erfinderpreis des Jahres zugesprochen erhielt. Schon damals wurde sie von erstaunten Journalisten nach den Gründen ihres ungewöhnlichen Werdegangs und Erfolgs gefragt. Nicht anders als heute schrieb sie auch vor acht Jahren “Schuld und Verdienst” ihrem “diktatorialen” Vater zu; den täglichen Rückhalt aber verdanke sie ihrem Mann – einem Architekten und Designer – , ihrem Sohn und ihrem zuverlässigen Arbeitsteam.
Nach dem Willen und auf den Spuren des Vaters
Der Vater, William-Patrick de Stoutz, ein gebürtiger Genfer, hatte nicht nur ihre Erziehung mit seinem protestantischen Arbeits- und Lebensethos beherrscht “am Samstagabend durften wir wohl ins Kino gehen, aber am Sonntagmorgen weckte er uns wieder um sechs Uhr früh” – , sondern hatte im gleichen Gebiet, in dem sie nun tätig ist, selbst schon Erfindungsgeist und unternehmerischen Mut bewiesen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte er als Autodidakt ein eigenes Milch- Pasteurisierverfahren zu entwickeln begonnen und in der Folge in Thonon am französischen Ufer des Genfersees die Firma Actini-France aufgebaut.
“Als ich sechs Jahre alt war, bestimmte er, dass ich Ernährungswissenschaften studieren würde, so wie er auch die Laufbahn meiner vier Geschwister frühzeitig festlegte”, erklärt Suzanne Baroï de Stoutz, “Und so studierte ich nach meiner naturwissenschaftlichen Matura Biologie in Paris und diplomierte 1960 als Ingenieurin und Ernährungswissenschaftlerin”.
Nach einigen Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit am Institut für Lebensmittelhygiene in Paris, wurde sie dort stellvertretende Generalsekretärin der Gewerkschaft der Nahrungsmittelproduzenten, bis der Vater sie mit der Leitung der Vertretung von Actini-France in Paris beauftragte. Acht Jahre später übernahm sie die gesamte Verkaufsleitung der Familienfirma in Thonon, wieder auf Geheiss des Vaters. Als 1973/74 mit der ersten Erdölkrise der europäische und amerikanische Markt zusammenbrach, musste Actini-France, deren Produktion zu über 70 % im Ausland abgesetzt wurde, sich nach neuen Absatzländern umsehen. In Guinea-Bissau und in Venezuela fand die de Stoutz’sche Milchkonservierungstechnik Zuspruch, bald auch in arabischen Ländern.
Firmenchefin nach eigenem Konzept
1977 gründete Suzanne Baroï de Stoutz in Genf die Firma Actimonde, ihr eigenes Unternehmen – was sie sich seit ihrer Rückkehr aus Paris gewünscht hatte, wie sie sagt. Im gleichen Jahr wurde sie am Genfer “Salon des Inventions” mit dem Preis der Stadt Genf und der Goldmedaille für das von ihrem Vater erfundene und von ihr weiterentwickelte Actinisationsverfahren der Milch ausgezeichnet. (Bei diesem Verfahren wird die Milch durch Infrarot-Bestrahlung pasteurisiert und durch Ultra-violett-Bestrahlung mit Vitamin D3 angereichert). 1979, 1982 und 1988 wurden ihr an den Erfinder-Salons von Genf und Paris weitere Silber- und Goldmedaillen überreicht: Zuerst für das von ihr erfundene Verteilungsfahrzeug für Flüssignahrung, einer Art mobiler Molkerei, das zuerst in Libyen eingesetzt wurde, dann für ihr Modular-Konzept, das heisst für das von ihr realisierte containermässige Verpackungssystem für die vorfabrizierten Molkereien, das am Bestimmungsort als Fabrikations”gebäude” gebraucht werden kann. Schliesslich wurde sie auch in Genf für ihr Agrolactor-Projekt – die schnelle und preisgünstige Produktion von Sojamilch – ausgezeichnet.
Robuste statt komplizierte Technologie
Seit Beginn ihrer selbständigen Tätigkeit bemüht sich Suzanne Baroi de Stoutz um kostengünstiges und robustes Material, das allen Klimabelastungen – der Hitze in Afrika und der Kälte in Sibirien – sowie einer rudimentären Unterhaltstechnik standhält. Nicht komplizierte Elektronik, sondern stabile Mechanik zeichnet die Produkte von Actimonde aus. Damit wird die Genfer Firmenchefin den Bedürfnissen und Anforderungen ihrer Auftraggeber so gerecht wie möglich.
Trotz ihres Einsatzes laufen nicht alle Geschäfte immer rund. Zum Beispiel war eine Molkerei in Auftrag gegeben, die zwei Saheldörfer mit haltbaren Milchprodukten hätte versorgen sollen. Die Afrikanische Entwicklungsbank hatte die Finanzierung zugesagt, doch zog sie ihre Zusage schliesslich wieder zurück, weil Niger seine bei dieser Bank anstehenden Schulden nicht bezahlen konnte. Die Verhandlungen mit Banken seien generell viel harziger als diejenigen mit lokalen Behörden und Geschäftsleuten, gesteht Suzanne Baroï de Stoutz. Auch in arabischen und afrikanischen Ländern habe sie als Frau keine Probleme, als Verhandlungspartnerin akzeptiert und respektiert zu werden.
Aufmerksamkeit als Erfolgsrezept
Behördenärger hatte die unerschrockene Unternehmerin eigentlich nur in ihrer Heimatstadt. 1988 wurde sie von der Genfer Einwohnerkontrolle aufgefordert, ihre langjährigen französischen Mitarbeiter zu entlassen und an deren Stelle Schweizer oder Schweizerinnen einzustellen. Statt der Aufforderung nachzukommen, gründete sie kurz entschlossen eine Actimonde-Filiale jenseits der Grenze. Erfinderischer Geist und Aufmerksamkeit nicht nur für die technischen, sondern auch für die menschlichen Zusammenhänge ist eine Art Erfolgsrezept der Genfer Unternehmerin, die sich nicht zu gut ist, zum Beispiel allein wegen der Nachfrage eines Bäckers aus Mali nach einer Yoghurtfabrikationsanlage, das Fluzeug nach Bamako zu besteigen. Dass die schwedischen und dänischen Branchen-Konkurrenten, lauter Grosskonzerne, weder ein vergleichbares Interesse noch eine vergleichbare Dienstleistung aufbringen können, liegt auf der Hand, und daher schaut Suzanne Baroï de Stoutz optimistisch in die Zukunft.