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1903 geht beim Bundesrat die erste Petition zur Einführung des Zivildienstes als Ersatz für die Wehrpflicht ein. Ein frischer Wind im Namen der Glaubens- und Gewissensfreiheit sowie der pazifistischen Bestrebungen eines Teils der christlichen Ethik. Ein frischer Wind – mutig oder manchmal rücksichtslos – der unvermindert anhält, während Kriegsdienstverweigerung kriminalisiert und hart bestraft wird.
Erst zwei Weltkriege, einen kalten Krieg und viele Verurteilungen später nimmt das Schweizer Volk am 2. Juni 1991 die „Barras“-Reform an, die das Gefängnis durch gemeinnützige Arbeit ersetzt. Es folgt eine Volksinitiative, die von 82,5% der Bevölkerung angenommen wird: Das verfassungsmäßige System der Dienstpflicht wird reformiert. Der Zivildienst wird auf den Tag genau vor 25 Jahren, am 1. Oktober 1996, als Alternative zur Wehrpflicht für Kriegsdienstverweigerer eingeführt.
Der Zivildienst in seiner heutigen Form erfreut sich immer größerer Beliebtheit. 2006, anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Einrichtung, ist Doris Leuthard voll des Lobes: Der Zivildienst sei „ein wichtiges Instrument, um einige Lücken im sozialen und ökologischen Gefüge unseres Landes zu schließen“; ein „Gegenmodell“ zum „Individualismus und Hedonismus“ der Zeit; „der Zivildienst ist ein sinnvoller Schritt“, ein Bekenntnis zu „aktiver Solidarität, Gemeinschaftssinn […]“.
Unter Aufsicht der Militärs
Formal gesehen ist der Zivildienst jedoch nur ein Ersatzdienst, den manche Leute manchmal ironisch als Beschäftigungstherapie bezeichnen. Tatsächlich ist die Organisation des Zivildienstes der des Militärdienstes völlig untergeordnet. Er hat keine verfassungsmäßige Autonomie, um seine eigenen ehrgeizigen Ziele von öffentlichem Interesse optimal zu verfolgen: Stärkung des sozialen Zusammenhalts, Aufbau von Friedensstrukturen und Verringerung des Gewaltpotenzials, Sicherung und Schutz der natürlichen Umwelt und Förderung einer nachhaltigen Entwicklung, Erhaltung des kulturellen Erbes und Unterstützung der schulischen Bildung und Ausbildung (vgl. Art. 3a KSA).
Auch die Anzahl des Personals, das für den Zivildienst benötigt wird, hängt von der Anzahl des militärischen Personals ab. Nach dem derzeitigen System muss man als wehrdiensttauglich eingestuft werden und somit der Armee beitreten. Dann muss man ein Verfahren zur Verweigerung aus Gewissensgründen einleiten, um den Dienst zu verlassen und für die 1,5-fache Dauer des Wehrdienstes in die Reihen des Zivildienstes einzutreten (Tatbeweis). Für Männer, die als untauglich gelten, ist dieses Verfahren diskriminierend, für Frauen kafkaesk.
Der Zivildienst muss unabhängig werden
Um die Mängel des derzeitigen Systems zu beheben, will unser Verein eine eidgenössische Volksinitiative für die Einführung eines Service Citoyen in der Schweiz lancieren. In diesem Zusammenhang leistet jeder einmal im Leben einen Milizdienst zum Wohle der Gemeinschaft und der Umwelt. Ob militärisch oder zivil, jedes Engagement wird als gleichwertig angesehen (was angesichts der neuen Gefahren, denen wir gegenüberstehen, nur logisch ist).
Im Grundsatz funktioniert das so: Der Weg zum Zivildienst steht ab dem Zeitpunkt der Rekrutierung offen, ohne dass er an die Kriterien (des Gewissens oder der Eignung) des Militärdienstes gebunden ist. Dadurch wird die derzeitige unnötige und diskriminierende Bürokratie (vor allem gegenüber untauglichen Menschen, Frauen und Ausländern) vermieden. Der Zivildienst befreit sich so von seiner Vormundschaft kann seine eigenen Ziele autonom verfolgen.
Ein neuer Handlungsspielraum
Über die Dienstpflicht hinaus kann sich dann das Bundesamt für Zivildienst (ZIVI) als Kompetenzzentrum für soziales und ökologisches Engagement auf Bundesebene positionieren und neue Möglichkeiten eröffnen (z. B. Freiwilligendienste anbieten, die berufliche Wiedereingliederung unterstützen usw.). Angesichts der Herausforderungen, vor denen wir in Bezug auf Demografie, Klima und Verlust der biologischen Vielfalt stehen, liegt das größte Potenzial für den Zivildienst in den Bereichen Ökologie und Pflege. Heute werden nur 9,4% der Zivildiensttage im Bereich Umwelt- und Naturschutz geleistet, 3,7% in der Landwirtschaft (siehe Grafik unten).
Im Gegensatz zur (Bundes-)Armee und zum (kantonalen) Zivilschutz ermöglicht der Zivildienst ein dezentrales Handeln auf individueller und lokaler Ebene (Subsidiaritätsprinzip). Ob bei der Renaturierung von Flächen, der Agrarökologie (weniger Mechanisierung und Pestizide), der Risikominderung (sozial, logistisch, infrastrukturell usw.), der Bewältigung der Folgen (Hitzewellen und Wasserstress, Einwanderung usw.) oder der Zusammenarbeit bei der internationalen Entwicklung und humanitären Hilfe. Das eröffnet mit ein wenig politischem Willen andere Möglichkeiten, mit Krisen umzugehen – zum Beispiel mit Gesundheitskrisen.
Den Zivildienst im Rahmen eines Service Citoyen für alle zu stärken, bedeutet, den Wert allen Engagements anzuerkennen und jedem und jeder Einzelnen von uns die Fähigkeit zu geben, angesichts der Gefahren unserer Zeit handlungsfähig und widerstandsfähig zu sein.
Für die Zukunft nur das Beste
„Die Zeiten ändern sich und wir ändern uns mit ihnen“, zitierte Doris Leuthard in ihrer Rede 2006. Dieses lateinische Sprichwort gilt auch im Jahr 2021 und wird auch morgen noch gelten. Am Freitag, den 1. Oktober 2021, feierte der Zivildienst sein 25-jähriges Bestehen. Obwohl er erwachsen geworden ist und sich bewährt hat, steht er weiterhin unter der erdrückenden Vormundschaft seines Vaters, der Armee.
Es ist an der Zeit, ihm zu erlauben, autonom zu werden und sein volles Potenzial zum Wohle der Gemeinschaft und der Umwelt zu entwickeln. Zu diesem Zweck ist eine Reform der Dienstpflicht verfassungsrechtlich notwendig. Ein „Service Citoyen“-Modell wird die beste unmittelbare Zukunft für den Zivildienst sein und neue Möglichkeiten eröffnen. Das wünschen wir uns denn auch für den Zivildienst für die nächsten 25 Jahre!
Dieser Artikel wurde im französischen Original publiziert von Heidi.news am 1. Oktober 2021 (Originaltitel: 25 ans de service civil: son avenir passera par le service citoyen). Übersetzung nor/mir