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von Dr. Martin Tomasik
Es ist schon länger bekannt, dass Farben einen Einfluss auf die Psyche haben können. So wirkt sich die Farbe rot negativ auf die Bearbeitung von anspruchsvollen kognitiven Aufgaben aus, lässt Gesichter attraktiver und gesünder erscheinen und reduziert das Hungergefühl. Was wir sehen beeinflusst also was wir fühlen. Doch wie ist es anders herum? Beeinflusst was wir fühlen auch was wir sehen? Haben also psychische Zustände auch einen Einfluss auf die Farbwahrnehmung?
Hinweise dafür gibt es lediglich aus sprachlichen Metaphern. Menschen, die traurig sind, berichten, dass die Welt um sie herum „grau“ und „dunkel“ erscheint. Ist an diesen Berichten etwas Wahres dran oder sind das lediglich sprachliche Bilder ohne Bezug zur Realität. Dieser Frage sind Christopher Thorstenson und seine Kollegen von der Universität Rochester nachgegangen und haben dazu zwei, verblüffend einfache, aber sehr eindrückliche Experimente durchgeführt. Im ersten Experimente sahen die Studienteilnehmer zunächst entweder einen traurigen oder einen lustigen Filmausschnitt. Daraufhin sollten sie einschätzen, welche Farbe sie auf dem Bildschirm sehen. Bei dieser Einschätzungsaufgabe gab es 48 Durchgänge, bei denen der ganze Bildschirm rot, gelb, grün oder blau eingefärbt wurde. Schwierig war die Aufgabe deswegen, weil die Farben mit einer sehr geringen Sättigung dargestellt wurden und dabei auf den ersten Blick tatsächlich als grau erschienen.
Es stellte sich heraus, dass die Studienteilnehmer, welche den traurigen Filmausschnitt gesehen hatten, tatsächlich schlechter bei der Einschätzung der Farben waren als die Studienteilnehmer, welche den lustigen Filmausschnitt gesehen hatten. Das galt allerdings nur für die Farben blau und gelb, nicht jedoch für die Farben rot und grün. Interessanterweise liegen blau und gelb so wie auch rot und grün im Farbkreis jeweils genau gegenüber. Also kann man sagen, dass nur die blau-gelbe Farbachse betroffen war, nicht jedoch die rot-grüne.
Die Tatsache, dass nur eine Farbachse betroffen war, macht die Ergebnisse umso interessanter. Man kann nämlich daraus schliessen, dass die Studienteilnehmer, welche den traurigen Filmausschnitt angeschaut haben, nicht einfach nur insgesamt weniger aufmerksam oder motiviert waren, eine Farbeinschätzung vorzunehmen. Wäre das der Fall gewesen, dann wären die Einschätzungen auf beiden Farbachsen betroffen. Ausserdem liefern die Ergebnisse einen Hinweis darauf, wie diese „Fehlsichtigkeit“ zustand kommen könnte. In früherer Forschung hat man nämlich einen Mangel des Botenstoffs Dopamin mit Fehleinschätzungen auf der blau-gelben Farbachse in Zusammenhang gebracht, während die rot-grüne Achse nicht betroffen war. Dieser Botenstoff aber ist bei trauriger Stimmung tatsächlich reduziert.
Eine Frage liess das erste Experiment noch offen: Liess der traurige Filmausschnitt die Welt grauer erscheinen oder der lustige Filmausschnitt die Welt bunter. Um diese Frage zu beantworten, haben die Forscher im zweiten Experiment die Wirkung eines traurigen mit der Wirkung eines neutralen Filmausschnitts miteinander vergleichen. Ansonsten war der Versuchsaufbau gleich wie im ersten Experiment. Und auch das Ergebnis war gleich. Wieder war die Farbwahrnehmung der Studienteilnehmer, welche die traurigen Filmausschnitte gesehen haben, auf der blau-gelben Farbachse eingeschränkt. Daraus kann man schlussfolgern, dass der traurige Filmausschnitt die Welt grauer erscheinen liess und nicht der lustige die Welt bunter.
Quelle:
Thorstenson, C. A., Pazda, A. D., & Elliot, A. J. (in Druck). Sadness impairs color perception. Psychological Science.
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.
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