Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03466.jsonl.gz/2777

| Augustinus (354-430) - Ausgewählte Briefe (Erster Teil)

Zweites Buch.
Briefe von Augustins Erhebung zur Bischofswürde bis zu seiner Disputation mit den Donatisten und der Entdeckung der pelagianischen Irrlehre in Afrika (396—410).
XLIII. (Nr. 95.) An Paulinus und Therasia
1.
Daß unsere Brüder, die mit uns in innigster Verbindung stehen und nach denen ihr wie wir Verlangen, traget, wie auch sie nach euch, und die ihr zu grüßen pfleget, wie sie euch wieder grüßen, euch beständig sehen, dient beinahe weniger zur Erhöhung unseres Wohlbefindens als vielmehr zur Verminderung unseres Übelbefindens. Anstöße und Streitigkeiten, die sie zu Reisen über See zwingen, lieben wir nicht, hassen sie vielmehr und bemühen uns zwar nach Kräften, sie zu vermeiden; aber — ich weiß nicht, wie es kommt, glaube aber, daß es um meiner Sünden willen geschieht — sie wollen nicht ausgehen. Wenn dann jene Brüder zu uns kommen und uns besuchen, so geschieht, wie geschrieben steht: „Nach der Menge der Schmerzen in meinem Herzen haben deine Ermahnungen meine Seele erfreut“1. Was nun die Freude betrifft, mit der unser Bruder Possidius2 bei euch weilt, so werdet ihr erkennen, daß ich vollständig die Wahrheit gesagt habe, wenn ihr von ihm gehört habt, eine wie traurige Angelegenheit ihn zur Reise genötigt hat. Wenn indessen jemand von uns allein deshalb über das Meer segelte, um eurer Nähe sich zu erfreuen, was wäre gerechter als dieser Grund, was könnte man Geziemenderes finden? Allein dies würden die Bande nicht gestatten, die uns verpflichten, den Schwachheiten der Kranken unsere Dienste zu widmen und ihnen unsere leibliche Gegenwart nur dann zu entziehen, wenn ihre Krankheit einen gefährlichen Charakter annimmt und gebieterisch unsere Entfernung fordert. Ob sie uns hierbei mehr Leid oder Liebe antun, das weiß ich nicht; nur das weiß ich, daß derjenige „nicht nach unsern Sünden mit uns tut und uns nicht nach unsern Missetaten vergilt“3, der mit dem Schmerze so großen Trost verbindet und durch ein wunderbares Heilmittel bewirkt, daß wir zwar die Welt nicht lieben, aber auch nicht in der Welt verschmachten.
1: Ps. 93, 19 (Septuag.).
2: Possidius, Bischof von Kalama, hatte sich zum Kaiser begeben, um Hilfe gegen die Heiden zu suchen, die seine Kirche verwüstet hatten. Der geschäftsgewandte Paulinus von Nola stand solchen Hilfesuchenden aus Afrika mit Rat und Tat bei, besonders wenn sie ihm von Augustinus empfohlen waren.
3: Ps. 102, 10.