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Die Gottesfrage in der Gegenwart
Religionskritik
Das Reden von Gott wurde immer schon kritisiert. Anaximander (7.-6. Jh. v. Chr.) bestritt grundsätzlich die Wahrnehmbarkeit Gottes. Wenn Gott unveränderlich sei, könne er nicht stofflicher Art sein, da Stoffe sich ständig verändern. Xenophanes (6.-5. Jh. v. Chr.) war durch den kulturellen Austausch seiner Auslandreisen geprägt und beobachtete, dass die jeweiligen Gottesbilder stark kulturell geprägt sind: «Die Äthiopier behaupten, ihre Götter seien stumpfnasig und schwarz, die Thraker, blauäugig und blond.» Er kritisierte die anthropomorphe Götterrede, insbesondere den himmlischen Sittenzerfall in den Mythen Homers und Hesiods. Diesen Grundgedanken führte Epikur rund 250 Jahre später aus: Götter entstammten menschlichen Ideen und ihre Eigenschaften seien menschliche Projektionen. Davor hatte Demokrit (5.-4. Jh. v. Chr.) bereits ein materialistisches Weltbild etabliert, in dem Geister, Götter und Seelen keinen Platz mehr fanden. Damit konnten Plato und Aristoteles (5.-4. Jh. v. Chr.) wenig anfangen. Platos Ideenlehre und Aristoteles’ Begriff des «unbewegten Bewegers» lassen Raum für Metaphysik und religiöse Gottesbilder. Die materialistischen Weltbilder der Atomisten lehnten sie ab. Kritisch dagegen wandte sich Aristoteles gegen die Naturreligion, weil sie die Götter vermenschliche. Lukrez (1. Jh. v. Chr.) führte 28 Beweise gegen die Existenz von Göttern an und erklärte sie zu Produkten menschlicher Furcht. Den vielleicht schlagendsten Einwand hat der Kirchenvater und Apologet Laktanz überliefert – und ihn fälschlicherweise Epikur zugeschrieben: Gott ist entweder nicht allmächtig oder nicht wohlwollend, da sonst die Übel in der Welt nicht bestehen könnten.
Man kann diese Linien bis in die Moderne ausziehen: Götter als Projektionsfolien, Gott als leeres Wort, Gott als kulturell gewachsenes (Macht-)Instrument oder die Gottesidee als Halt für die Furchtsamen und Schwachen und die klassische Gottesidee, die an der grausamen Wirklichkeit der Welt zerbricht.
Gottesbeweise
Freilich hat man andererseits auch immer wieder versucht, die Existenz Gottes zu beweisen. Es gibt ontologische, teleologische, moralische, kosmologische, pragmatische oder axiologische Gottesbeweise. Keiner dieser Beweise vermag zu überzeugen, wer nicht eh schon daran glaubt. Diese «Beweise» sind Denkwege, um einzuholen, was Menschen glauben. Sie sind keine Glaubensgrundlage. Man beweist nicht, damit man glauben kann, sondern man führt den «Beweis», weil man glaubt. Die Gottesbeweise verraten uns aber, in welchen Wirkungs-, Handlungs- oder Erfahrungszusammenhängen Menschen mit Gott rechnen.
Der ontologische, der teleologische und der kosmologische Gottesbeweis suchen Gott als Grund und als Bestimmung der Welt. Der moralische und der pragmatische Gottesbeweis erwarten Hilfe für die konkrete Lebensführung und der axiologische Gottesbeweis bringt den Wunsch zum Ausdruck, dass menschliches Glücksstreben nicht auf irdisches Glück beschränkt sei.
Gegenwart
Bezeichnend für unsere Gegenwart sind nicht vor allem die Religionskritiker. Argumentativ hatte der Gottesglaube nie einen leichten Stand. Es waren trotzdem nie die Argumente der philosophischen Religionskritik, welche Menschen dazu brachten, ihren Glauben aufzugeben. Bemerkenswert ist die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen nicht an Gott glauben und im Gottesglauben sogar einen kindischen Wahn zu erkennen meinen.
In den Sozialen Medien schlagen mir regelmässig, wenn ich über Gott schreibe oder spreche, Kommentare entgegen, deren höhnischer Gestus die Verfasser*in wohl mehr erfreut, als ich für die dahinterliegende Denkanstrengung angemessen fände. «Hä, ihr redet immer noch von Gott?! Meint ihr das Spaghetti-Monster oder eher Vishnu?» Oder:
«Früher brauchten Menschen Gott. Zum Beispiel im Mittelalter. Wer ihn jetzt noch braucht, soll dahin zurück. Ah ja, geht nicht! Ihr seid ja schon dort…»
Ich finde das nicht schlimm. Ab und zu muss ich mitlachen. Manchmal denke ich mir einfach, dass viele von ihnen vor ein paar hundert Jahren gewiss überzeugte Protestanten oder Katholiken gewesen wären: Hätte sie auch nichts gekostet, genau wie die Religionshäme heutzutage. Aber das ist unfair. Denn nicht selten sind die heftigsten Spötter*innen ent-täuschte ehemalige Anhänger*innen einer Religionsgemeinschaft.
Viel zahlreicher sind ohnehin diejenigen, die sich für Gott gar nicht mehr interessieren. Sie kämpfen nicht gegen Gottesideen, sondern höchstens gegen religiöse Institutionen, die ihre Grundwerte verletzen. Vielleicht gibt es irgendein höheres Wesen. Aber daran glauben, darauf setzen, dass es das eigene Leben positiv beeinflusst? Eher nicht. Besser das eigene Selbstvertrauen stärken, sein Leben in die Hand nehmen, es frei und selbstbestimmt führen. Die meisten Menschen glauben nicht, dass es keinen Gott gibt. Die meisten Menschen glauben nicht an Gott.
Aber wie ist es dazu gekommen? Was hat sich verändert? Weshalb ist es heute – in unseren westlichen Wohlstandsgesellschaften – normal, nicht an Gott zu glauben?
Naturwissenschaft vs. Gott?
Wir verdanken den Naturwissenschaften viel. Sie haben Menschen auf den Mond gebracht, schützen unsere Wohnungen vor Blitzeinschlägen, statten uns mit Smartphones aus und helfen uns gegen körperliche und seelische Krankheiten. Durch sie verstehen wir unseren Platz im Sonnensystem besser, staunen über die Grösse der uns umgebenden Galaxie und entwickeln Visionen nächster Evolutionsstufen der Menschheit.
All dies und noch viel mehr leisten sie innerhalb eines methodischen Atheismus: Gott wird ausgeklammert. Naturgesetze, Experimente, Statistiken und Modelle operieren ohne Gottesidee.
Gott wird nicht ausgeklammert oder gar bekämpft, sondern ist schlicht nicht Teil der Erklärung.
Auch wenn einzelne Forscherinnen, Astronauten oder Ingenieurinnen durchaus an einen Gott glauben, kommt er in ihrer Arbeit nicht vor.
Weil wissenschaftliche Modelle aber so gut funktionieren und sich ständig an unsere Erfahrung anpassen, haben sie unser Weltbild entscheidend geprägt: Die Evolutionstheorie, die Urknalltheorie, die Relativitätstheorie und die Quantenphysik haben unser Denken über die Welt und uns selbst verändert. Und keiner dieser Bausteine «braucht» einen Gott.
Im Gegenteil: Es entstand eine Erzählung, in der menschliche Neugier und die daraus folgende wissenschaftliche Arbeit den irrationalen Gottesglauben beseitigt und den Menschen über die Welt und sich selbst aufklärt. Auf grosse Fragen, zum Beispiel nach unserem «Woher», antworten wir nicht mit Mythen, sondern mit Modellen. Die Welt ist in einem Urknall entstanden und das Leben entwickelt sich als Evolution.
Daran ist nichts falsch. Diese Modelle liefern gute Antworten auf unsere Fragen. Wer würde schon die Fortschritte der modernen Wissenschaften gegen einen überkommenen Gott eintauschen wollen? Der Fehler besteht darin, Wissenschaft und Glaube als Alternativen zu verstehen.
Naturwissenschaften informieren uns über die Welt. Ihre Modelle prägen unser Weltbild.
Mehr noch: Ihre Methoden haben unser Vertrauen verdient, weil sie funktionieren.
Man mag nun von Seiten der Religion monieren, dass die Naturwissenschaften ihren Geltungsbereich sprengen würden und zur Ideologie würden. Und sicherlich gibt es das auch. Aber in Wirklichkeit ist dies eher Ausdruck einer ohnmächtigen Religion, die – auch jenseits des Wissbaren, Machbaren und Messbaren – nicht mehr zu weltbildproduktiven Entwürfen in der Lage ist.
Theodizee konkret
Wie es einen guten Gott geben kann, angesichts des Leids in der Welt, haben sich Menschen schon immer gefragt. Ich glaube nicht, dass Gott daran zerbricht, dass es Leid gibt. Viel eher brauchen wir Menschen Götter angesichts des Leids und weil wir uns fürchten. Unsere Grosseltern haben als Kinder gelernt, dass Gott den 2. Weltkrieg nicht verhindert hat und sie haben als Erwachsene verstanden, dass der Glaube an Gott nicht geholfen hat, auf der richtigen Seite zu stehen.
Sie haben durch Psychologie, Medizin, Computertechnik und Biotechnologien an einem ungeheuren gesellschaftlichen Aufschwung teilgehabt. Medizin hilft gegen Krankheit, Psychologie gegen Angst, Technologie gegen Hunger und mühselige Arbeit. Das Leben ist – in westlichen Wohlstandsgesellschaften – kein Jammertal, sondern ein Spielplatz, auf dem wir uns selbstverwirklichen können. Ab und zu fällt einer von der Schaukel und bricht sich den Knöchel. Das ist Schicksal. Gott brauchen wir dazu nicht.
Dem Leid begegnen wir nicht hadernd. Wir lenken uns ab und richten unseren Blick auf das, was Freude macht. Irgendwann werden wir krank und sterben. Aber bis dahin gibt es so viel zu erleben, aufzubauen und einzukaufen.
Offenbarung und Autorität
Aus dem 20. Jahrhundert, das von politischen Systemkämpfen, zwei Weltkriegen und dem Zusammenbruch verschiedener Ideologien geprägt wurde, bleibt vor allem eine tiefe Skepsis gegen allzu selbstsichere, allzu umfassende Erklärungen zurück. Die Institutionen sind für die Menschen der Gegenwart keine Orientierungsmassstäbe mehr, sondern Dienstleister innerhalb einer individuellen Lebensführung.
Wir lassen uns gerne von Menschen und ihren Geschichten inspirieren. Aber wir sind allergisch gegen Belehrungen, dogmatische Lehrgebäude und umfassende Welterklärungen. Wir leben nicht vom täglichen Brot, sondern von einem überreichen Buffet an inspirierenden Sinnangeboten. Und es ist wirklich wie am Buffet: Es muss gar nicht alles zusammenpassen. Ich muss nur Lust haben drauf.
Offenbarungen und Überlieferungen sind nicht länger als religiöse Traditionen vermittelbar, sondern überdauern nur bruchstückhaft in authentischen Erzählungen einzelner Menschen.
Gott ist dabei nicht eliminiert worden. Aber er ist nicht mehr das, worauf unsere Stories hinauslaufen. Nicht das, was unserer Geschichte Sinn gibt. Sondern «nur» das, was in unseren Erzählungen manchmal – und oft unausgesprochen – durchschimmert.
Wenn es eine grosse Story gibt, an die wir glauben, dann am ehesten die: In der Aufklärung haben sich Menschen von ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit befreit. Sie haben begriffen, dass das Leben und die Welt in ihren eigenen Händen liegen. Seitdem sind sie zu Schöpfern geworden: Sie erschaffen die nächste Stufe der Evolution – die künstliche Intelligenz –, deren Vorfahren wir sein werden.
Private Praxis und öffentliche Sprachlosigkeit
Gott ist kein öffentliches Thema. Und über seinen Glauben spricht man nicht öffentlich. Öffentlich ist das, was religiöse Institutionen tun oder lassen. Wer über seinen Glauben spricht, riskiert als missionarisch zu gelten. Und von den Kirchen, Religionsgemeinschaften und Sekten machen oft nicht deren Sternstunden die dicksten Schlagzeilen.
In einer Welt, die nicht mehr mit Gott rechnet, hängt seine Plausibilität von der Lebensführung und den Stories einzelner Glaubensvertreter*innen ab. Aber wiederum: Medial vermittelbar sind dabei eher die schwierigen Fälle. Gott hat keine gute Presse.
Das ist ein kleiner Teufelskreis: Wer öffentlich über Gott spricht, gerät in das Zwielicht moralisierender, korrupter, besserwisserischer, fanatischer und dogmatistischer Religionsvertreter. Und weil wir dann öffentlich lieber schweigen, ist Gott eine zwielichtige Figur, die sich irgendwelche Spinner ausdenken.
Aber gibt es einen Gott ausserhalb dieses Teufelskreises oder ist er nur ein Phantasma, das man getrost sich selbst überlassen kann?
Gott ist eine Demo
Ich glaube, dass ein Gott ist. Aber nicht wie jemand, den wir sonst in der Welt antreffen. Auch nicht wie etwas, das wir analysieren können. Gott ist nicht ein Lebewesen oder ein Ding. Gott ist eher wie eine Demo (1).
Wenn keiner hingeht, findet sie nicht statt. Wenn niemand betet, hören wir ihn nicht. Es gibt dann zwar Demos und Götter als Begriffe. Als Begriffe bezeichnen sie etwas. Wenn aber niemand demonstriert und niemand betet, bezeichnen sie etwas, das nicht stattfindet. Eine Demo lebt natürlich nicht nur von der Versammlung. Ihr Innerstes ist der Versammlungsgrund, der Anlass. Die Demo ereignet sich, weil Menschen ein Anliegen haben, für das sie öffentlich einstehen wollen. Gott ist nicht das Gebet oder die Verkündigung. Gott ist der Grund, weshalb wir über die Welt als Schöpfung und den Menschen als Geschöpf sprechen. Er ist der Grund, weshalb wir nach einem Grund suchen und ihm menschliche, weltliche und uns vertraute Züge andichten. Dort wird Gott erfahrbar.
«Einen Gott den es gibt, gibt es nicht.», hat Bonhoeffer richtig gesagt. Aber ein Gott, zu dem wir nicht beten, als ob es ihn gäbe und von ihm erzählen, als ob er da wäre, ist nicht Teil unserer Welt. Es gibt ihn dann auch nicht. Jedenfalls nicht für uns.
Ein beliebtes Gebet aus dem 14. Jahrhundert behauptet, dass Christus keine Hände habe, nur unsere Hände, um seine Arbeit zu tun. Er habe keine Lippen, nur unsere Lippen, um von ihm zu erzählen. Wenn diese Idee stimmt, dann haben wir Gott nicht getötet, sondern ihn sterben lassen. Er ist kein Opfer der Aufklärung. Wir haben ihn schlicht vergessen, während wir damit beschäftigt waren, die Welt zu begreifen. Er ist verwahrlost und in die Hände vielerlei Quacksalber gefallen. Das hat ihn reaktionär und fundamentalistisch oder langweilig und bedeutungslos werden lassen.
Aber fehlt er uns? Denn wenn er uns irgendwie noch fehlt, existiert er wie eine Demo. Man könnte in ihm für ihn kämpfen. Er hätte dann nämlich noch die Kraft, uns um dieses Fehlen zu versammeln. Von dort aus könnte ein Elan kommen, der Gott neu zur Sprache bringt, uns Menschsein anders denken lässt, der uns zusammenrücken und Gott in unserer Hoffnung beherbergen lässt. Es wäre ein Versuch wert.
Wenn dich das Thema interessiert und du mit anderen darüber nachdenken willst, wie wir heute glauben und von Gott reden können, empfehle ich dir herzlich die Digitale Kirchentagung.
1) Ich habe diesen Gedanken aus einer Predigt von Prof. Dr. Notger Slenczka.