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Für viele Menschen ist liegt der kälteste Punkt in der Arktis am Nordpol im Winter, da dieser dann ja am entferntesten von der Sonne sei. Tatsächlich aber liegt der kälteste Punkt mitten auf dem Festland, da dort trockenes, kaltes Kontinentalklima herrscht. Bis gestern teilten sich die beiden russischen Orte Werchojansk und Oimjakon in der Republik Sacha den offiziellen Kälterekord. Forscher haben aber nun einen neuen Rekordhalter entdeckt und bestätigt: die Klinck-Station mitten auf dem grönländischen Eisschild.
Die gemessene Temperatur, die von einer automatischen Wetterstation am 22. Dezember 1991 auf 3’105 Metern über Meer aufgenommen wurde, betrug -69.6° C, wie die Forschungsgruppe in ihrer Arbeit schreibt. Damit lag die Temperatur 0.8°C unter dem bisherigen Rekord von -67.8°C, die 1892 in Werchojansk und 1933 in Oimjakon gemessen worden waren. Der Rekord ist von der WMO, der World Meteorological Organization in Genf offiziell anerkannt worden. «Im Zeitalter des Klimawandels liegt der Fokus oft auf neuen Hitzerekorden,» erklärt der WMO-Generalsekretär Professor Petteri Taalas. «Dieser neue anerkannte Rekord ist eine wichtige Erinnerung an die massiven Gegensätze, die auf diesem Planeten herrschen.» Zum Vergleich: die tiefste gemessene Temperatur in der Schweiz wurde am 12. Januar 1987 in La Brévine mit -42.5°C notiert, in Deutschland am 12. Februar 1929 in Wolznach in Bayern mit -37.8°C und in Österreich am Hohen Sonnblick in Salzburg mit -37.4°C.
Die Messstation, die diesen Tiefstwert aufgenommen hatte, war Teil eines Messnetzwerkes, welches zu Beginn der 1990er Jahre von der Universität Wisconsin in Grönland während zwei Jahren betrieben worden war. Erst 1994 wurden die Stationen wieder zurückgeholt, neu getestet und danach in der Antarktis verwendet. Doch erst ein Klimahistoriker kam den damals gemessenen Daten wieder auf die Spur und informierte die WMO über die Möglichkeit eines neuen Rekords. Um die Daten zu verifizieren, mussten die damals am Projekt teilnehmenden Forscher wieder aufgespürt und von ihnen analysiert werden. Vor allem, ob die Messungen und Kalibrierungen der Messsonden damals richtig durchgeführt worden waren, musste bestimmt werden.
«In Grönland mussten alle Orte mit Schneemobilen erreicht werden. Daher mussten alle Stationen so verpackt werden, dass sie eine Überfahrt auf sehr hartem Schnee überstehen würden.»Dr. Gerhard Weidner, Universität von Wisconsin
Danach wurden die Daten von der WMO gecheckt und gleichzeitig in der renommierten Fachzeitschrift der Royal Meteorological Society in ihrer vierteljährlichen Ausgabe veröffentlicht. Dr. Georg Weidner, der die Stationen damals entwickelt hatte und heute der Erstautor der Studie ist, meint zu den technischen Aspekten: «In Grönland mussten alle Orte mit Schneemobilen erreicht werden. Daher mussten alle Stationen so verpackt werden, dass sie eine Überfahrt auf sehr hartem Schnee überstehen würden. Jahrelange Erfahrung aus der Antarktis half uns dabei, die Automatischen Wetterstationen sicher und bequem auf den Schlitten festzumachen.»
Die Tatsache, dass auch nach 30 Jahren die Daten und die Bedingungen, die am Tage der Messung bestanden, rekonstruiert und analysiert werden konnten, zeigen, wie genau und sauber gearbeitet und aufgenommen worden war. Ein Vergleich der Daten mit heute und früher ist jedoch nur möglich, weil die Messbedingungen standardisiert worden sind, auch schon 1892 und 1933, als die bisherigen Rekordhalter gemessen worden waren. «Es ist ein Beweis für das Engagement von Klimaforschern und Wetterhistorikern, dass wir jetzt in der Lage sind, viele dieser älteren Aufzeichnungen zu untersuchen und ein besseres globales Verständnis nicht nur aktueller, sondern auch historischer Klimaextreme zu gewährleisten», erklärt der WMO-Generalsekretär. Der Kälterekord kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Grönland seit jenem 22. Dezember immer wärmer geworden ist und der Eisschild enorm an Eismassen verloren hat. Die mittlerweile dichteren Messnetzwerke und besseren Satellitenmessungen bestätigen diesen Trend.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal
Link zur Studie: Weidner et al (2020) Q J R Met Soc 1-9WMO evaluation of northern hemispheric coldest temperature: −69.6 °C at Klinck, Greenland, 22 December 1991, https://doi.org/10.1002/qj.3901