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Die Ursachen der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung sind nicht vollständig bekannt und die Entstehung wird von vielen Faktoren beeinflusst. Bei den drei Kernsymptomen handelt es sich um extreme Ausprägungen von Verhaltensmerkmalen, die jede Person zeigen kann. Es wird davon ausgegangen, dass es sich bei ADHS um eine genetisch mitbedingte neuronale Entwicklungsstörung handelt.
Geschichte der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung
Die drei Hauptsymptome Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Hyperaktivität wurden 1775 erstmals als gemeinsam auftretende Verhaltensweisen festgehalten. Im Verlauf der Zeit hat sich die Definition mehrmals geändert. 1980 konnten erstmals durch bildgebende Verfahren strukturelle Veränderungen im Gehirn betroffener Personen festgestellt werden. Weiter hat sich durch Zwillingsstudien herausgestellt, dass ADHS eine erbliche Komponente besitzt.
Genetische Ursachen
Heute weiss man, dass ADHS gehäuft in Familien auftritt. Ist bereits ein Elternteil, Geschwister oder Kind einer Person an ADHS erkrankt, so ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person selbst auch an ADHS erkrankt 2-8 Mal so hoch. Es hat sich gezeigt, dass diese Erblichkeit vor allem auf genetischen Faktoren basiert. Es wird vermutet, dass nicht nur ein Gen dafür verantwortlich ist, sondern dass es sich um ein Zusammenspiel mehrerer Gene handelt.
Umweltrisiken für eine ADHS
Umweltrisiken können nicht eindeutig ausgemacht werden, da so viele Faktoren an der Entstehung beteiligt sind. Möglicherweise könnte das Rauchverhalten in der Schwangerschaft einen Einfluss auf die Entstehung von ADHS des Kindes haben. Dabei ist aber nicht klar, ob die Schadstoffe dem Fötus direkt schaden, oder der Fötus indirekt, zum Beispiel durch Fehl- oder Mangelversorgung, geschädigt wird. Weiter haben Tabakabhängigkeit und ADHS gemeinsame genetische Faktoren und ähnliche Umweltrisiken. Dasselbe Problem stellt sich bei der Untersuchung von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft. Diskutiert werden auch diverse andere Toxine sowie Ernährungsfaktoren. Ausserdem könnten auch eine frühzeitige Geburt sowie ein geringes Geburtsgewicht mit der Entstehung von ADHS zusammenhängen.
Nach der Geburt spielen vor allem die Deprivation und Vernachlässigung eines Kindes eine Rolle zur Entstehung von ADHS. Dieser Zusammenhang lässt sich bis ins Erwachsenenalter nachweisen. Dabei ist der unaufmerksame Subtyp besonders vertreten. Je länger eine Deprivation dauert, desto stärker wird der Zusammenhang zu ADHS.
Es wird auch diskutiert, inwiefern psychische Erkrankungen der Eltern oder ein negativer Erziehungsstil an der Entstehung von ADHS beteiligt sind. Dabei stellt sich jedoch die Frage, ob das Verhalten der Eltern eine Reaktion auf die genetische Ausprägung des Kindes, also auf beginnende ADHS, ist. Es ist nicht klar, in welche Richtung der Zusammenhang geht. Dennoch hat sich gezeigt, dass positives Erziehungsverhalten einen Schutz vor der Entstehung von ADHS darstellt.
Zuletzt könnte auch der sozioökonomische Status ein Risikofaktor sein. Tatsächlich hängt ein geringes Familieneinkommen in der frühen Kindheit mit einer höheren Wahrscheinlichkeit, ADHS zu entwickeln, zusammen. Doch auch hier ist es schwierig, das Einkommen von anderen Faktoren, wie Mangelernährung, Erziehungsverhalten und Substanzexposition zu trennen.
Insgesamt sind kausale Einflüsse von Umweltrisiken auf ADHS vorsichtig zu betrachten und schwierig zu bestätigen.
Gen-Umwelt-Interaktionen
Es wird davon ausgegangen, dass im Rahmen der Entstehung einer ADHS Gene und die Umwelt der betroffenen Person miteinander interagieren. So kann sich die Umwelt auf die Übersetzung gewisser Gene auswirken, während gewisse genetische Faktoren das Risiko bestimmter Umwelteinflüsse erhöhen.
Besonderheiten des Gehirns bei einer ADHS
Untersuchungen haben gezeigt, dass bei Kindern, die an ADHS erkrankt sind, bestimmte Gehirnareale ein kleineres Volumen haben und in vorderen Abschnitten die Hirnrinde schmaler als bei gleichaltrigen gesunden Kindern ist. Der Hirnreifungsverlauf scheint verändert zu sein. Ausserdem wurde entdeckt, dass gewisse Hirnregionen übermässig aktiv sind und veränderte Aktivierungsmuster zeigen. Die Ursächlichkeit dieser Befunde ist jedoch nicht geklärt. Nur aufgrund von diesen Untersuchungen würde sich noch keine ADHS feststellen lassen. Weiter ist auch hier unklar, ob es sich dabei um eine Ursache oder Folge einer ADHS handelt.
Neuropsychologische Befunde
Es hat sich gezeigt, dass betroffene Personen über weniger gute Kontrollmechanismen verfügen und die sogenannte Inhibitionskontrolle beeinträchtigt ist. Darunter ist zu verstehen, dass jemand über die Fähigkeit verfügt, impulsive Handlungen zu kontrollieren. Einige Phasen der Informationsverarbeitung zeigen Störungen auf, wie auch Lernprozesse. Ausserdem zeigen die betroffenen Personen veränderte motivationale Prozesse. Auch hier sind die Befunde nicht eindeutig mit ADHS in Verbindung zu bringen. Dieselben Beeinträchtigungen können sich teilweise auch bei anderen Störungen finden.
Temperamentsmerkmale
Temperamentsmerkmale können das Risiko, an ADHS zu erkranken, erhöhen oder bereits ein Vorläufersymptom darstellen. Erhöhte Aktivität im Säuglings- und Kleinkindalter kann auf den frühen Beginn einer ADHS hinweisen. Auch Regulationsstörungen im Säuglings- und Kleinkindalter werden mit der Entstehung von ADHS in Verbindung gebracht. Dazu gehören exzessives Weinen, Schlafstörungen, Fütterprobleme und eine hohe negative Emotionalität. Die willentliche Kontrolle ist weniger stark ausgeprägt bei betroffenen Personen.
Insgesamt hat sich gezeigt, dass ausser der hohen genetischen Belastung bisher keine eindeutigen Ursachen festgestellt werden können. Es gibt verschiedene Befunde und Argumente, die diese Hypothesen bestätigen oder z.T. auch in Frage stellen. Letztendlich ist von einer multifaktoriellen Entstehung auszugehen, d.h. das Zusammenwirken verschiedener Faktoren beeinflusst Beginn und Ausprägung dieser Erkrankung.