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Herr Iskandaryan, Sie sind in Moskau geboren und aufgewachsen, seit 2002 wohnen Sie hier in Armenien und kommentieren das politische Geschehen des Landes. Warum sind Sie vom vergleichsweise reichen Russland ins politisch und wirtschaftlich gebeutelte Armenien gezogen?
Weil es schön ist! Das Klima ist herrlich, die Leute sind nett. (lacht) Sie können sich nicht vorstellen, wie es hier vor 20 Jahren ausgesehen hat – es gab weder eine richtige Stromversorgung noch Heizungen, die Strassen waren schlecht bis inexistent. Heute können Sie durch ein herausgeputztes Jerewan spazieren, in dem Sie schöne Restaurants und Cafés finden. Das Stadtzentrum hat schon fast mediterranen Charakter mit all dem Kaffee und Cognac. Wobei man natürlich nicht vergessen darf, dass sich 90 Prozent der Bevölkerung diese Annehmlichkeiten nicht leisten können.
Sie deuten an, dass in den letzten Jahrzehnten grosse Veränderungen vor sich gegangen sind. Gehen wir darauf genauer ein: Mit dem Ende der Sowjetunion brachen Armeniens Wirtschaft und Infrastruktur zusammen, 1992 begann ein militärischer Konflikt mit Aserbaidschan, der 1994 in einen Waffenstillstand mündete, aber bis heute nicht gelöst ist. Seit der Unabhängigkeit Armeniens ist gut ein Vierteljahrhundert vergangen. Was ist in dieser Zeit mit dem Land passiert, wo steht Armenien in seinem postsowjetischen Transformationsprozess?
Das ist eine ganze Menge, lassen Sie mich deshalb mit dem Grundlegendsten beginnen. Wenn ich das Land beschreiben würde, wie wenn ich vom Mond aus auf es blickte, würde ich sagen: Meine Eltern lebten im antiken Babylon. Oder dem alten Ägypten. Denn Stalins Regime kam diesen Reichen in vielem nahe: Sklaverei, rund ein Drittel der Bevölkerung in Lagern, Deportationen usw. So war das hier vor nur 60 Jahren. Ich selbst bin 1959 geboren, also gerade mal 6 Jahre nach Stalins Tod, und wuchs nicht im antiken Babylon, sondern in einer Art Frankreich des 17. Jahrhunderts auf, in der Zeit des Absolutismus eines Ludwig XIV. Aber: als Spross des absolutistischen Zeitalters erinnere ich mich doch auch noch an die ersten demokratischen Wahlen in diesem Land – und ich bin nicht Tutanchamun (lacht). Das war 1990.
Armenien ist also in nur einer Generation vom Altertum in die Moderne katapultiert worden. Hat sich das Tempo der staatlichen Entwicklung seit jenen ersten demokratischen Wahlen gehalten?
So schnell ging es nicht weiter, nein. Das kann aber nicht erstaunen, wenn man sich vor Augen hält, dass es in den letzten 1000 Jahren auf diesem Gebiet einen armenischen Staat nicht gegeben hat. Bevor es unter Sowjetherrschaft kam, war Armenien Teil des russischen Zarenreichs, davor des osmanischen Reichs, des persischen Reichs, des Safawidenreichs. Als eigenständige Einheit hat Armenien seit dem 11. Jahrhundert nicht mehr existiert. Und in all der Zeit hat es keine Demokratie erlebt – nie! Seit gerade einmal 25 Jahren versuchen wir hier zu etablieren, was sich in Europa in den 800 Jahren seit der Magna Carta gefestigt hat: eine Kultur der demokratischen Wahlen und politischen Parteien. Damit diese Kultur Wurzeln schlägt, muss aber zunächst eine entsprechende politische Identität wachsen, und die ist noch immer stark von unserem jahrhundertealten Misstrauen geprägt: Der Staat, das ist hier das Andere – St. Petersburg, Konstantinopel, Isfahan.
Und was wäre demgegenüber das Eigene? Oder anders gefragt: Womit identifizieren sich die heutigen Armenier?
Mit all der Kultur, die sie auch unter Fremdherrschaft gepflegt haben! Fragen Sie die Armenier nach ihrer Sprache, heisst es sofort: «unsere»; nach der Geschichte: «unsere»; nach dem Christentum: «Wir waren die ersten»; nach der Kultur: «unsere» – nach dem Staat: «ihrer». Die Unterscheidung in «wir» und «sie», das ist sehr typisch für die armenische Sichtweise.
Die Scheu, sich mit einem Staat zu identifizieren, teilen die Armenier mit Bewohnern anderer postsowjetischer Länder. Worin unterscheidet sich Armeniens Weg von jenem,…