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Zeiten von Krieg und totalitärer Macht sind auch Zeiten der verschlüsselten Botschaften. Eine höfische Kultur breitet sich aus, in der alle nur noch rätseln, was die Mächtigen wohl im Schilde führen. Und was ihnen vielleicht entgeht. Seit Monaten versuche ich zu verstehen, ob es Zufall war, dass gleich zwei Neujahrsgrüsse aus China das Bild eines Tigers zeigten, der an einer Rose schnüffelt. Nach dem ostasiatischen Mondkalender befinden wir uns im Jahr des Tigers. Eine Bekannte setzte unter das Bild des Raubtiers eine Gedichtzeile: 心有猛虎，细嗅蔷薇, was in etwa heisst: «Im Herzen wittert der wilde Tiger den feinen Duft der Rose.» Die Zeilen stammen von Yu Guangzhong, der 2017 im Alter von 89 Jahren gestorben ist. Nach der kommunistischen Revolution war er 1950 mit seinen Eltern den unterlegenen Truppen der Kuomintang nach Taiwan gefolgt. Später studierte, übersetzte und lehrte er Lyrik in Taiwan und Hongkong.
Obwohl er aus seiner Feindschaft zum Kommunismus keinen Hehl machte, waren seine Gedichte auf dem chinesischen Festland beliebt. Das berühmteste Gedicht, «Heimweh», wurde von offiziellen Kreisen als Ausdruck der Sehnsucht Taiwans gelesen, sich mit dem Mutterland zu vereinen. «Wie kommt so eine Lesart zustande?», frage ich Alice Grünfelder, Autorin des Buchs «Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten Land» (siehe WOZ Nr. 24/2022 ). Sie weist darauf hin, dass die Wiedervereinigung mit der Volksrepublik China für die Kuomintang während deren vierzig Jahre andauernder Militärherrschaft immer Ziel gewesen sei. Man bereitete sich in Taiwan darauf vor, die kommunistische Regierung zu stürzen, und hoffte dabei auf US-amerikanische Unterstützung. In einem kargen, sehr persönlichen Heimwehgedicht konnte man also, wenn man wollte, die Sehnsucht nach einem erfolgreichen Angriffskrieg von hüben oder von drüben lesen.
Noch etwas komplizierter wird die Sache, wenn ich einer Spur folge, die mir das chinesische Internet legt. Auf einer Frage-und-Antwort-Seite erklärt ein Literaturliebhaber, dass die bekannte Gedichtzeile vom Tiger zwar von Yu Guangzhong, aber aus dessen Übersetzung eines Gedichts von Siegfried Sassoon stamme. Im Original steht: «In me the cave-man clasps the seer, / And garlanded Apollo goes / Chanting to Abraham’s deaf ear. / In me the tiger sniffs the rose.» Was ich wie folgt ins Deutsche übersetze: «Der Höhlenmensch umarmt in mir den Augur, / Um Apollo weh’n die Girlanden lose. / Er singt in Abrahams taubes Ohr. / In mir beschnüffelt der Tiger die Rose.»
Nun ist der englische Dichter Siegfried Sassoon vor allem dafür bekannt, dass er als Offizier im Ersten Weltkrieg mit einem Brief an seinen Vorgesetzten, den die Zeitung «The Times» abdruckte, die standrechtliche Erschiessung riskierte. Er warf der Militärführung vor, den Krieg unnötig zu verlängern und Tausende von jungen Männern sinnlos in den Schützengräben sterben zu lassen. Mit dem Leben kam er davon, weil man ihn für psychisch krank erklärte.
Alice Grünfelder geht im Kapitel «Frieden» ihres Buchs davon aus, dass es sowohl auf Taiwan wie auch in Festlandchina Leute gibt, die keinen Krieg wollen. Das ist Futter für eine Hoffnung, die mich jedes Mal befällt, wenn mir ein chinesisches Bild vom rosenverliebten Tiger unter die Augen kommt.
Annette Hug ist Autorin in Zürich und würde wahnsinnig gern den neuen Film «Benediction» von Terence Davies sehen, der das Leben von Siegfried Sassoon erzählt. Er läuft in Spanien, wurde in Irland gezeigt, hat in der Schweiz aber noch nicht einmal einen Verleiher. Was tun?