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Wer Schweizer Politik hört, denkt heute an Demokratie, Gewaltenteilung, Volksabstimmungen und sorgsam austarierte Interessen. Fast vergessen ist hingegen, dass die Schweiz im 20. Jahrhundert während Jahrzehnten mit Notrecht regiert wurde, das seinen Ursprung im Ersten Weltkrieg hatte. Denn dieser Krieg fand nicht nur in den Schützengräben und auf den Weltmeeren statt, er erfasste auch die Amtsstuben und Regierungsgebäude. Über Jahre mussten Armeen unterhalten, Wirtschaften auf die Produktion von Rüstungsgütern umgestellt und Engpässe bei der Versorgung bewältigt werden. Die Schweiz bildete hierbei keine Ausnahme. Im August 1914 stattete das Parlament den Bundesrat in einem bislang beispiellosen Akt mit legislativen Kompetenzen aus. Es legte so den Grundstein für das sogenannte Vollmachtenregime, um das sich dieses Buch dreht. Neben den Parlamentariern und dem Volk machten nun Beamte die Gesetze, Militärgerichte dehnten ihre Befugnisse in die Zivilgesellschaft aus und staatliche Institutionen begannen in Wirtschaft und Alltag einzugreifen. Dieses Buch geht den Entscheidungen, Akteuren und Konflikten des Vollmachtenregimes nach. Es stellt die Frage, wie sich die politische Schweiz unter dem Einfluss des Grossen Krieges veränderte.
«Oliver Schneider hat in seiner Dissertation Die Schweiz im Ausnahmezustand erstmals dieses Vollmachtenregime des Ersten Weltkriegs untersucht und die historischen Entwicklungen etappenweise nachgezeichnet. [...] Einige Aspekte des Vollmachtenregimes wurden zwar bei der historischen Erforschung einzelner Themen wie etwa dem Aussenhandel schon früh erläutert, bislang gab es aber keine Arbeit, die sich der Ausgestaltung, der staatsrechtlichen und politischen Problematik, der zeitlichen und qualitativen Entwicklung der Vollmachten, der Wirkungen des Regimes auf das gesellschaftliche und politische Leben sowie der Bewältigung der nicht selten hektischen Notrechtsdekretierungen widmet. [...] Der Autor legt eine aufwändig recherchierte Arbeit vor. Es gelingt ihm, das Dickicht der Notverordnungen zu durchforsten, zu systematisieren und über die Eidgenössischen Departemente und die Zeit hinweg zu analysieren. Er entwickelt daraus die Darstellung eines hochkomplexen Regierungshandelns zwischen Überforderung und Machtanspruch, das sowohl den schweizerischen Staat unabhängig als auch die gesellschaftlichen Verhältnisse stabil zu halten versuchte.»
«Der Historiker Oliver Schneider leuchtet dieses an sich bekannte staatspolitisch bedeutende Kapitel der Schweizer Geschichte nun nochmals neu aus. Erstmals werden die zwischen 1914 und 1919 in Kraft gesetzten Noterlasse in ihrer Gesamtheit analysiert: ein Geflecht von 1612 Verordnungen aus rund 30 Politikfeldern.
Schneider beschreibt akribisch, wie nachhaltig sich die Regulierungsmacht allmählich auf die Bundesebene verlagerte und wie wirtschaftliche Interessenverbände und die Armeeführung die ‹Kriegspolitik› der überforderten Behörden mitprägten. [...] Wichtig sind auch Schneiders Ausführungen zu den Folgen des Vollmachtenregimes: Denn einen Teil der Geister, die man gerufen hatte, wurde man lange nicht mehr los.»
«Die Studie, der die Bedeutung eines Schlüsselwerks zukommt, relativiert das Idealbild der direkten Demokratie der Schweiz und zeigt, dass auch vor und nach dem ‹Ausnahmezustand› der Kriegsjahre mit dringlichen Bundesbeschlüssen regiert wurde.»
Diese Publikationsreihe umfasst sechs Dissertationen zur Geschichte der Schweiz im Ersten Weltkrieg. Die Arbeiten verbindet ihre transnationale Perspektive, welche auf die vielfältigen Austausch- und Interaktionsprozesse zwischen der Schweiz und den kriegführenden Ländern fokussiert. Obwohl die Folgen des Ersten Weltkriegs für die weitere Entwicklung des Landes ausgesprochen wichtig waren, stand seine Erforschung lange im Schatten des Zweiten Weltkriegs und machte erst nach der Öffnung zahlreicher Archive seit den 1970er-Jahren Fortschritte. Hundert Jahre nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs findet dieser Zeitraum nun auch in der Schweiz die ihm gebührende Aufmerksamkeit.