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Fürchterlicher Kitsch
Unter der Rubrik «Bemerkungen zu Tagesfragen», Januar Heft 1946, Der Kreis, ist folgendes zu lesen:
Der Grüne Heinrich stösst in seinem Dezember Heft eine offene Türe ein, wenn er das in Minusio bei Locarno bestehende «Sanctuarium Artis Elisarion» in einem reich und anschaulich bebilderter Aufsatz als das kritisiert, als was es von allen kundigen Leuten schon längst betrachtet worden ist, nämlich als einen fürchterlichen Kitsch. Elisarion, ein baltischer Baron, der später in der Schweiz eingebürgert wurde, war ein gar nicht unbegabter Lyriker, begnügte sich aber leider mit der Ausübung dieser Kunst nicht, sondern ging in seinen Jugendjahren daran, eine neue Religion zu stiften, den «Klarismus», womit er sein einen so geringen Erfolg hatte, dass er sich auf ein anderes Gebiet verlegte, unglücklicherweise auf die Malerei. Dass die im «Sanctuarium» vereinigte Sammlung seiner Werke von schweizerischen staatlichen Stellen, von der Tessiner Regierung sowohl wie von der Eigenossenschaft, subventioniert worden ist, das hat schon längst viele Leute verwundert und es schadet gewiss nichts, dass «Der Grüne Heinrich» einmal auf diese seltsame Geschichte hinweist. Dass dabei auch einige frühere und jetzige Mitglieder des Bundesrats in eine Bedeutung gerückt werden, die man als blamabel oder doch alle mindestens als komisch empfinden muss, mag manchen Schweizer bedauerlicher bedauerlich vorkommen, schadet aber schliesslich ebenso wenig. Bedauerlich ist nur, dass der «G. H.» es nicht über sich gebracht hat, einige schreckliche nachliegende Anspielungen auf gewisse Zusammenhänge der Kunst Elisarions mit Sexualproblemen in eine nicht eben zartfühlende Form zu kleiden. Was das Blatt aus dem Roman «Schloss Gripsholm», der noch vor der Hitlerei in Deutschland erschien, darüber abdruckt, das können auch wir amüsiert zur Kenntnis nehmen. Wir können wirklich nichts dafür wenn «homoerotische» Gedichte geschrieben werden, die ebenso schlecht sind wie die traurigste Sentimentalkitsch «normalsexueller» Art; wir fühlen uns aber auch in keiner Weise verantwortlich, wenn ein Dilettant schauerliche Bilder malt, deren sachlicher Inhalt dem der erwähnten Gedichte entspricht. Dass infolge eines allerdings überraschenden Unverständnisses offizieller Stellen solche Bilder durch bundesredliche Elogen ausgezeichnet und sogar durch staatliche Subventionen gefördert wurden, das geht uns glücklicherweise nichts an. Die «Gattung», wie es im Schloss Gripsholm heisst, steht ganz sicher nicht hinter dieser staatlichen Kunstpolitik, mit der sich nun, da der «Grüne Heinrich» seinen Aufsatz allen schweizerischen Künstler zugeschickt hat, auch deren Organisationen etwas näher befassen dürften. Wenn dabei das «Sanctuarium» mehr oder weniger geräuschvoll oder geräuschlos verschwinden sollte, so geht das uns trotz der vielen Jünglinge, die dort auf hunderten von Quadratmetern Bildfläche verherrlicht werden, wirklich gar nichts an. --yz
Diese negative Beurteilung des Rundbildes Klarwelt der Seligen aus schwuler Sicht, zeigt, die liebliche und heitere Darstellung eines homoerotischen Paradieses, passte in den Nachkriegsjahren nicht in das damalige aktuelle Kunstverständnis. Nach der Pop-Art und ihren Nachfolgern, sieht man das heute wieder anders. Heute schätzt man das malerischen Werk von Elisarion wieder, es ist ein erstes Zeugnis der homoerotischen Thematik in der bildenden Kunst seit der Antike.
Das literarische Werk von Elisarion ist vor allem bekannt durch die Lieblingminne und Freundesliebe in der Weltliteratur. 1951 erschien im Der Kreis eine gekürzte und redigierte Version der Einleitung zu dieser Anthologie.