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Es ist mittlerweile eine unbestrittene Tatsache, dass der grönländische Eisschild, die zweitgrösste Eismasse der Welt, langsam aber sicher wegschmilzt. Dabei wird das Eis gleich von zwei Seiten durch die Erwärmung angegriffen. Besonders von der Meerseite aus, wo wärmeres Tiefenwasser bis an deren Kanten gelangt und die Gletscher, die den Ausfluss des Eisschildes bilden, von unten abschmelzen. Eine Projektgruppe möchte nun eine Idee umsetzen, die diesen Vorgang reduzieren soll und ruft Interessenvertreter aus unterschiedlichen Branchen auf, sich an der Umsetzung zu beteiligen.
Der «Eiserne Vorhang», der den Osten Europas von den westlichen Staaten über Jahrzehnte getrennt hatte, sollte verhindern, dass westliche Ideen und Wertvorstellungen hinübergelangen und den kommunistischen Osten unterspülen und aushöhlen würden. Eine ähnliche Idee hat nun Professor John Moore vom Arctic Center der Universität Lappland: Ein Vorhang soll den grönländischen (und später auch der antarktischen) Eisschild an seinen verwundbarsten Stellen, nämlich an den Gletscherkanten, vor dem Abschmelzen durch warmes Tiefenwasser schützen. Um diese Idee Realität werden zu lassen, wurden am Rande des Arctic Circle Treffens in Reykjavik ein Seminar durchgeführt, wo sich verschiedene Interessengruppen über die Idee informieren und einen ersten Austausch unternehmen konnten. Das Ziel ist es, Wissenschaftler, Ingenieure, Wirtschaftsexperten, Politiker und besonders auch Inuitvertreter an einen Tisch zu bekommen und das Projekt auf die nächste Stufe, sprich die Bildung eines Beratungsausschusses, zu bringen.
Ins Meer fliessende Gletscher haben das Problem, dass sie nicht nur von oben durch warme Luftmassen und Sonneneinstrahlung schmelzen, sondern auch von unten her, wenn sie auf dem Wasser treiben. Denn durch die Klimaerwärmung gelangt mittlerweile wärmeres Wasser in der Tiefe mit den Meeresströmungen in die Fjorde der Gletscher. Dies wärmeren Wassermassen vermischen sich nicht mit dem darüberliegenden leicht weniger salzhaltigen Oberflächenwasser, welches kälter wäre und auch noch mit vielen Nährstoffen vom Gletscher versetzt ist. Das wärmere Tiefenwasser fliesst bis unter den Gletscher und schmilzt das Eis langsam von unten her ab. Dadurch wird die Kante des Gletschers instabil, Eis bricht ab und treibt als Eisberg aus dem Fjord. Je mehr warmes Wasser unter den Gletscher gerät, desto schneller zieht dieser sich zurück. Da sich in den vergangenen Jahrzehnten durch den Klimawandel die Meere immer stärker erwärmt haben, ist diese Wärme auch in die Tiefe gelangt und treibt nun das Abschmelzen der Gletscher weltweit auch dort an.
Umgesetzt werden soll die Idee fürs Erste am Sermeq Kujalleq, den die meisten auch als Jakobshavn -Gletscher nahe Ilulissat, kennen. Aus diesem Gletscher fliesst der grösste Teil des grönländischen Eisschildes zurzeit ab und er gehört zu den am schnellsten sich zurückziehenden Gletscher der Insel. Eine Besonderheit am Meeresboden wird der Idee des Vorhanges helfen. Denn am Eingangsbereich zwischen dem Ilulissat-Eisfjord, an dessen Ende der Gletscher liegt, und der davorliegenden grossen Diskobucht, befindet sich eine Schwelle am Meeresboden, die wie eine Barriere das am Boden entlang fliessen, leicht wärmere Tiefenwasser aus dem Atlantik davon abhält, sich gänzlich in das dahinterliegende, tiefere Becken des Fjords zu ergiessen. Auf dieser Schwelle soll nun nach der Idee von Moore ein Vorhang verankert werden, der für das warme Wasser die Schwelle weiter erhöht und so für eine weitere Reduktion des warmen Wassers sorgen soll. Damit soll das weitere Abschmelzen des Gletschers und der Eisverlust des Eisschildes verringert werden, ist John Moore überzeugt.
Gleichzeitig soll aber der Wasseraustausch und auch das Hinausdriften von Eisbergen aus dem Fjord möglich sein. Denn das Wasser vom Gletscher ist reich an Nährstoffen und macht die Diskobucht zu einer fischreichen Region. Daher wollen Moore und sein Kollegin Ilona Mettiäinen auch eine breite Koalition von verschiedenen Interessenvertretern im geplanten Projekt. Mettiläinen hat im Vorfeld viele Gespräche mit lokalen Fischern und Verbänden geführt, um dort Unterstützung und deren Wissen um die Gegebenheiten mit im Projekt zu haben. «Im Grunde steht das Projekt für Nachhaltigkeit und lokale Akzeptanz des Schutzes des Eisschildes», sagt Ilona Mettiläinen.
Moore’s Vorschlag ist einer von mehreren Ideen, bei denen Geo-Engineering helfen sollen, die Auswirkungen des Klimawandels auf die Arktis zu reduzieren oder sogar ganz zu stoppen. Solche Vorschläge werden schon seit einigen Jahren immer wieder diskutiert und meistens scheitern sie an den Kosten, an den Machbarkeiten oder an zuvor noch unbekannten Faktoren und Einflüssen. Moore selber hatte in einem Beitrag in der Fachzeitschrift Nature gemeinsam mit Kollegen vorgeschlagen, einen Wall aus Sand und Sedimenten vor demselben Gletscher zu errichten, um das warme Wasser zurückzubehalten. Rund 0.1 Kubikkilometer Sand und Geröll plus Beton zur Stabilisierung wären notwendig gewesen gemäss dem Artikel. Die neue Idee trifft bei Experten für Geo-Engineering durch aus offene Ohren, wie beispielsweise bei Aker Solutions, welche am Seminar teilgenommen hatte. «Dies ist eine grossartige Gelegenheit, unsere klügsten Köpfe in enger Zusammenarbeit mit führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet herauszufordern», erklärt Aker-Vizepräsidentin Marianne Hagen. Und John Moore ist überzeugt, dass das Projekt einerseits Grönland helfen kann, im Bereich Bewältigung des globalen Meeresspiegelanstiegs eine Vorreiterrolle einzunehmen. Andererseits könnte es auch mithelfen, das Problem in der Antarktis zu lösen, wenn es in Grönland funktioniert. Ein Vorhang also, der für einmal durch Trennung trotzdem verbindet.
Dr. Michael Wenger, PolarJournal