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Umstrittene Grenzbeziehungen: Die Alp über den Felsen
Der Grenzverlauf zwischen dem Val d’Uina und Südtirol geht auf einen Schiedsspruch von 1588 zurück
Die Alp Sursass liegt an einer grenzüberschreitenden Wander- und Mountainbikeroute, die mit der Uinaschlucht ein spektakuläres Highlight aufweist. Ende 16. Jahrhundert liessen die Gemeinde Sent und das im oberen Vinschgau (heute Italien) gelegene Kloster Marienberg die Eigentumsverhältnisse südlich der Schlucht klären.
Der Felsenweg durch die Schlucht im hinteren Val d’Uina, einem Seitental des Unterengadins, gehört zu den Attraktionen, welche die südöstliche Grenzregion der Schweiz sportlichen Gästen zu bieten hat. Der hoch über dem Bach in die Steinwand gehauene Pfad ist das Ergebnis der touristischen Aufbruchstimmung Ende 19. / Anfang 20. Jahrhundert.
Die Pforzheimer Sektion des Deutschen Alpenvereins (DAV) hatte am Schlinigpass, einem Übergang vom damals österreichischen Südtirol ins Engadin, eine Hütte gebaut. Am 20. August 1901 fand die Einweihung des Berghauses statt, auf Schweizer Seite fehlte aber noch ein einfacher Zugang. Bis dahin liess sich die Schlucht im hinteren Uinatal nur über eine halsbrecherische Route überwinden.
Der neue Weg bringt viele Gäste
Schwierig war nicht nur das Terrain, sondern auch die Finanzierung. Schliesslich bezahlte der Kanton Graubünden 19 000 Franken, während die Sektion Pforzheim die restlichen 13 500 Franken übernahm. Die Gemeinde Sent verpflichtete sich zur Wartung und Erhaltung des Weges. Im Sommer 1910 konnte der durch Tunnel und offene Galerien führende Weg eröffnet werden, und die neue Verbindung schlug sich in den Besucherzahlen nieder. 1911 und 1913 seien so viele gekommen, dass man an eine Vergrösserung der Hütte gedacht habe, heisst es in einem Bericht zum 100-Jahre-Jubiläum des Uinafelssteiges.
Der Erste Weltkrieg bereitete diesen und anderen Plänen für den Ausbau der touristischen Infrastruktur wie etwa die Verlängerung von Bahnlinien über die Landesgrenzen hinweg ein jähes Ende. Nach dem Krieg stand die Pforzheimerhütte nicht mehr in Österreich, sondern in Italien und war für die deutschen Bergfreunde verloren. Nichts geändert hatte sich jedoch an der Grenze zur Schweiz. Diese verläuft (von Schweizer Seite aus gesehen) etwas vor der Passhöhe quer über den fast flachen Abschluss des Uinatals.
Klostergründung mit Folgen
Das zwischen der heutigen Landesgrenze und dem oberen Ende der Uinaschlucht gelegene Gebiet, die Alp Sursass (= über den Felsen), stand im Mittelalter im Zentrum von Konflikten um Besitzverhältnisse. Diese Geschichte beginnt gegen Ende des 11. Jahrhunderts mit einer Klostergründung im Unterengadin. Gründer waren die Herren von Tarasp, die das Stift in Scuol mit zahlreichen Schenkungen ausstatteten. 1139 wandelte Freiherr Ulrich IV. die Propstei in eine Abtei um, setzte einen Abt ein und berief Benediktiner aus dem bayerischen Stift Ottobeuren.
Bereits 1146 siedelte der Abt mit den meisten Mönchen nach St. Stephan bei Burgeis im oberen Vinschgau um, 1149 gab der Papst die Erlaubnis zur erneuten Verlegung des Stiftes zum nahegelegenen heutigen Standort Marienberg. Durch den Besitz von Land und Leuten blieb das Kloster aber im Unterengadin noch lange präsent. Es war dabei allerdings auf das loyale Engagement seiner Dienstleute und Klostermeier angewiesen.
Mehrere Konfliktlinien
Marienberger Klosterleute waren im 15. Jahrhundert an der Erschliessung der Val d’Uina beteiligt, sie taten dies jedoch im Auftrag der Gemeinde Sent, die den Siedlern Land verlieh. Zuvor war geklärt worden, wer die Kontrolle über die als südliche Begrenzung dieses Gebiets genannte Alp Sursass ausüben sollte. Ein Schiedsspruch im Jahr 1472 hält fest, dass die Gemeinde Sent Besitzerin der Alp sei, die Nutzung aber «auf ewig» dem Kloster Marienberg zustehe, dieses aber Sent zinspflichtig sei.
Sent begab sich damit auf Konfliktkurs mit dem tirolischen Landesherrn, der das Rodungsrecht als allein ihm zustehend betrachtete. Eigenmächtiges Handeln lokaler Siedlungsgemeinschaften war in diesem Herrschaftskonzept nicht vorgesehen. Und weil die eigentlich für ewig geltende Regelung betreffend Alp Sursass bald schon löchrig wurde, zeichnete sich eine weitere Konfliktlinie ab.
Der Ausbruch eines Konflikts sei seit der Mitte des 16. Jahrhunderts absehbar gewesen, doch die Parteien hätten noch einmal politische Weisheit bewiesen und die Sache vor ein Schiedsgericht gebracht, hält der Historiker Florian Hitz fest (Alp, Pass, March: Territorialpolitik zwischen Gemeinde Sent und Kloster Marienberg; Bündner Monatsblatt, 2002). Der Hintergrund war hochpolitisch: Hinter Sent stand der gegen die habsburgische Bedrohung gerichtete Gotteshausbund, hinter Marienberg der Tiroler Landesherr aus dem Hause Habsburg.
«Der Interessengegensatz auf der Schafalp Sursass hatte ganz offensichtlich das Potenzial zur zwischenstaatlichen Grenzaffäre», schreibt Hitz. Der Schiedsspruch vom 22. Dezember 1588 regelt zwei Punkte: zum einen die Feststellung und Fixierung des Grenzverlaufs beim Schlinigpass, zum anderen die Übernahme von Kultgegenständen aus der seit 1576 reformierten Kirche von Sent.
Pachtvertrag mit Mals
Die Senter nutzten die schwer zugängliche Alp über den Felsen der Uinaschlucht weiterhin nicht selbst. Pächter war nun aber nicht mehr das Kloster Marienberg, sondern die Gemeinde Mals. Dies stiess den Marienbergern sauer auf. Der Abt liess den Malsern den Weg durchs Schlinigtal sperren, bis jene sich bereit erklärten, für den Durchgang zu zahlen. 2008 feierten die Malser und die Senter auf der Alp Sursass das 400-Jahre-Jubiläum des nach wie vor geltenden Pachtvertrags.
Sommer für Sommer kommt Malser Vieh auf die Alpweide jenseits des Schlinigpasses. Der grenzüberschreitende Alpsommer ist geregelt im bilateralen Abkommen der EU mit der Schweiz über den Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen.
Tipps
• Organisiert durch die Schlucht
Die Alp Sursass ist zu Fuss oder mit dem Mountainbike von der Schweizer Seite ab Sur En erreichbar. Dabei gilt es knapp 1200 Höhenmeter zu überwinden. Der Weg in der Schlucht ist so breit, dass Kreuzen problemlos möglich ist. Biker müssen das Rad schieben. Die Tourismusorganisation im Unterengadin bietet jeden Donnerstag geführte Wanderungen an, die nach einer Busfahrt ab Scuol oder Sent auf der Südtiroler Seite am Watles beginnen.
• Kloster Marienberg
Seit ihrer Gründung vor rund 900 Jahren hat die Benediktinerabtei Marienberg eine wechselvolle Geschichte erlebt. So drohte Ende des 16. Jahrhunderts die Auflösung. Eine grosse Wende und neue Blüte setzte mit Abt Matthias Lang aus Weingarten (D) am Anfang des 17. Jahrhunderts ein. Das 2007 eröffnete Museum «Ora et labora» gibt einen Einblick in den Alltag hinter den Klostermauern. Nach der Coronapause ist es nun wieder geöffnet, bis 15.7. von 11.30-17.00 Uhr, ab 16.7. von 10-17 Uhr (Sonn- und Feiertage geschlossen).
• Alte und neue Pforzheimerhütte
Die von der Sektion Pforzheim des Deutschen Alpenvereins gebaute Hütte unweit des Schlinigpasses steht heute noch. Nach dem Ersten Weltkrieg diente das Haus zunächst als Posten italienischer Grenzwächter und Zöllner. Heute steht die Hütte unter Denkmalschutz als «Hochalpines Gebäude der Europäischen Geschichte». Der Verein Cunfin aus Mals hat das Gebäude restauriert und ein Museum eingerichtet. Die Pforzheimer Bergfreunde haben in den Stubaier Alpen eine neue Hütte erbaut.
Regula Vogt-Kohler