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Wer ein Buch zur Kirchengeschichte oder sonst ein Werk zur Geistesgeschichte liest, stösst bei der Behandlung des 16. und 17. Jahrhunderts auf den Begriff „Protestantische Orthodoxie“. Damit verbunden ist das Bild einer erstarrten, spekulativen, detailverliebten Theologie, die ganz im Gegensatz zur Frische der Reformation gestanden habe. Stimmt diese Einschätzung? Richard A. Muller ist spezialisiert auf diese Epoche. Er zählt fünf Richtungen der Interpretation jener Epoche auf:
- Prädestination war das zentrale Dogma der Epoche.
- Die Bundestheologie fungierte als Gegengift auf die rigide Lehre der Prädestination.
- Das System um die Prädestination ist eine Abweichung von Calvins ursprünglichen Gedanken.
- Die Prädestination als Zentrallehre überzeugt nicht, es werden andere Quellen zur Entwicklung der Reformierten Orthodoxie erschlossen.
- Die Verbindungen zur mittelalterlichen Theologie werden genau untersucht, die neoorthodoxe Interpretation der Reformierten Orthodoxie zurückgewiesen. (Auf dieser Position steht auch Muller).
Muller stellt folgende Prämissen für die Untersuchung der Epoche auf:
- Die Frage von Kontinuität und Diskontinuität zwischen Reformation/Orthodoxie muss im Rahmen des Wandels zwischen Mittelalter und 16./17. Jahrhundert gesehen werden.
- Scholastik und Aristotelianismus darf keinesfalls als statisches oder bloss mittelalterliches Phänomen gesehen werden.
- Beschreibungen von Scholastik müssen die Bedeutung des Begriffs treffen, die vor der Reformation und im 16./17. Jahrhundert zutraf.
- Scholastik und Rationalismus müssen klar voneinander abgegrenzt werden.
- Methode und Inhalte stehen zwar in Beziehung zueinander, müssen aber voneinander unterschieden werden.
- Kontinuität bzw. Diskontinuität in der exegetischen Tradition haben ein mindestens ebenso hohes Gewicht wie die Entwicklung der scholastischen Methodik.
- Einzelne Reformatoren dürfen nicht einfach zum Massstab für die ganze Reformation gemacht werden.
- Vorsicht vor Generalisierungen bezüglich Zusammenhänge zwischen Orthodoxie, Scholastik, Humanismus, Pietismus und Rationalismus.
- Theologische Interpretationsrahmen aus dem 19. und 20. Jahrhundert dürfen nicht einfach über die Epoche gelegt werden.
- Die Ansichten bezüglich Zentraldogma (pro und kontra) halten der Untersuchung nicht stand.
Die Aufsätze „Calvin and the Calvinists: Assessing Continuities and Discontinuities between the Reformation and Orthodoxy“, enthalten in Richard A. Muller, After Calvin, Oxford University Press: New York 2003. (62-102) sind keine einfache Kost, dem interessierten Leser aber empfohlen!