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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Was ist denn eine „Kirchenburg“?, mag man sich fragen. Eine Kirche auf dem Gelände einer Burg oder eine Burg in der Kirche? Die erste Beschreibung weist zwar in die richtige Richtung, nur dass es keine Burg gibt, sondern die Kirche. Um die Kirche herum wurde eine gemauerte Befestigung, die teilweise Wohnungen, Ställe und weitere Räume beinhaltet, wie auch Wehrgänge und Massnahmen zur Verteidigung, errichtet. Oft stehen diese Kirchenburgen auch auf Hügeln und Erhöhungen. Bei dem Begriff wurde ich an das Kirchenlied „Ein feste Burg ist unser Gott“ erinnert, das allerdings aus dem 16. Jahrhundert und vermutlich von Martin Luther stammt. Hier in den Kirchenburgen ist quasi beides vertreten, die Kirche als Burg und nach dem christlichen Glauben Gott in der Kirche.
Das Rumänische Touristen-Amt in Berlin sandte uns eine Broschüre mit dem Titel „Willkommen in der Kirchenburgenlandschaft Siebenbürgens“. Darin werden einige der „über 160 sagenumwobenen Kirchenburgen“ abgebildet und beschrieben.
„Von der turbulenten Geschichte der Überfälle, sowie den harten Zeiten der Revolutionen, Aufstände und Seuchen, können heute nur noch Geschichtsbücher berichten – die einzig übrig gebliebenen Zeugen sind die festen Mauern der Kirchenburg, welche das Stadtbild prägt und sehr beeindruckend über dem Zentrum thront.“
In Siebenbürgen geschrieben und in Bukarest erschienen ist der zweisprachige Bildband „Hidden Treasures of Transsylvania – The Saxon Fortified Churches“ – „Verborgene Schätze in Siebenbürgen – Die Sächsischen Kirchenburgen“. In einer kurzen Einleitung wird die Bedeutung dieser Bauwerke beschrieben. „Transsylvanien“ heisst „Land hinter den Wäldern“, und genau dorthin hatte im 12. Jahrhundert der ungarische König Geza II. über 2500 Kolonisten eingeladen, sich niederzulassen, zu siedeln und die Entwicklung des fruchtbaren Landstrichs voran zu treiben. Der König gewährte in einer Bulle die Autonomie über den sogenannten „Königsboden“, und so konnten sich Siedlungen mit Deutschstämmigen festigen.
Es wird berichtet, dass 1395 der erste Türkeneinfall stattfand. Über ein Jahrhundert lang brandschatzten die Kriegerhorden unter dem Zeichen des Halbmonds die Ortschaften Transsylvaniens.
„ Als Reaktion darauf versuchen die Dorfgemeinden, Abwehrstrategien zu finden. Und die letzte Zuflucht der bedrängten Einwohner wird die Kirche sein, im realen wie im bildlichen Sinne – eine Vorwegnahme von Luthers Worten vom Glauben als feste Burg.“
Nach Papst Nikolaus II. traf die Eindringlinge der Bannstrahl der Exkommunikation. Die Kirche wurde als sicherer Ort angesehen. Im Laufe der Zeit wurden die Kirchenanlagen je nach Reichtum der Gemeinde immer weiter ausgebaut, Schiessscharten im Kirchturm, im hohen Kirchenchor eine Wehrfunktion, über dem Altar eine zusätzliche Verteidigungshöhe. Es wurden Wehrtürme errichtet, Gräben, Zwinger, Lagerräume für Lebensmittel, manchmal auch Wohnräume, ja sogar vereinzelt auch eine Schule. Die Burgmauern wurden mit „Pechnasen“ und Schiessscharten ausgestattet, durch die man die Angreifer bekämpfen konnte. Die Türme hatten aber auch noch eine andere Funktion, es waren Speisekammern voller Speck!
„Die geräucherten, meterlangen Speckschwarten hingen an riesigen Haken von den Balken und Wänden. Die Speckseiten selber trugen am unteren Ende, dort wo der Speck stückweise abgetrennt wurde, den Stempel des Besitzers.“
Sonntag war Specktag, der Turm wurde aufgeschlossen und die Besitzer holten sich eine neue Portion für die nächste Woche.
Es gab noch einen besonderen Raum in der Kirchenburg, das Zimmer gegen Ehescheidungen. Ledigsein bedeutete, ein unvollendeter Mensch zu sein, und der Geschiedene hinterliess etwas Unvollendetes. Über Jahrhunderte hinweg wurden Ehepaare, die sich trennen wollten, durch die Gemeindeoberen in einen kleinen Raum gesperrt, in dem sich ein einziges Bett, etwas Brot und eine Kanne Wasser befand. Das Paar hatte Zeit, sich innerhalb von 2 Wochen wieder zusammenzufinden. Angeblich war es innert 300 Jahren nur ein einziges Ehepaar, das nach dieser Zeit dennoch die Trennung beantragte. In Birthälm und in Tartlau kann man diesen Raum noch besichtigen.
Wir haben viele Kirchenburgen gesehen, einige waren wegen Renovierung geschlossen, bei anderen hätte man einen Bediensteten in einer nahe gelegenen Wohnung rufen müssen, der dann aufschliessen und Erläuterungen abgeben würde, bei anderen konnte man umherlaufen und alles besichtigen.
Am meisten beeindruckt hat uns die Kirchenburg von Prejmer/Tartlau. Der Deutsche Ritterorden hatte um 1218 mit ihrem Bau begonnen; nach dem Mongoleneinfall 1218 erfolgte dann der massive Ausbau. Der Mauerring wird von 4 Türmen flankiert, 12 bis 14 m hoch. Der Mauerring selbst ist an der Basis bis 5 m dick. Im Süden bildet ein 32 m langer Gang mit mehreren Fallgittern den Eingang in die Burg. Im 16. Jahrhundert wurde er durch eine hufeisenförmige Vorburg verstärkt, deren 14 m hohe Aussenmauern mit Blendarkaden, Schiessscharten und Pechnasen versehen wurden. Man konnte durch einen engen dunklen Gang direkt hinter der Aussenmauer die Angreifer beobachten und, wenn erforderlich, abwehren. Man hatte sich auf längere Belagerungszeiten eingestellt, an die Innenseite der Burgmauer sind in bis zu 4 Reihen über 270 Kammern wie Waben neben- und übereinander gebaut. Dort konnte das Hab und Gut der Bewohner des Ortes untergebracht und auch gewohnt werden. Es gab eine Bäckerei, sogar eine Schule und anderes.
Die Kirchen selbst sind meist gotisch, mit Altären aus dem 15. Jahrhundert und Fresken an den Wänden. Manche Kirchenburgen haben auch Museen eingerichtet, in dem man die Kleidung der früheren Bewohner und die Einrichtung der Wohnungen besichtigen kann, manchmal auch ein Klassenzimmer, Landwirtschafts- und Handwerkszeuge und weitere Utensilien.
Dass man nicht zimperlich mit den Angreifern umgegangen ist, erzählt eine alte Legende. Während eines türkischen Angriffes wurden 2 Frauen von einem Türken beim Brotbacken überrascht. Sie nahmen wenig Notiz von ihm, was den Eindringling störte, der darauf das Brot auf den Misthaufen warf. Wütend sollen die Frauen dann den Mann ergriffen und in den Backofen geschoben haben. (Ob die Legende sich an Hänsel und Gretel angelehnt hat?)
Birthälm / Biertan ist als mächtige Burganlage über die Jahrhunderte hinweg mit 3 Ringmauern, zwei Zwingern und etlichen Wehrtürmen ausgestattet worden, weil sie fast 300 Jahre lang der Sitz des Bischofs der evangelischen Kirche Siebenbürgens war. Die Siebenbürger bekannten sich nämlich ab dem 17. Jahrhundert zum lutherischen Glauben.
7 der über 150 existierenden Kirchenburgen wurden auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO eingetragen. Es gibt mehrere Organisationen, die sich der Erhaltung dieser Kulturdenkmäler als Aufgabe gestellt haben. Die Kirchenburgen sind ein Erbe deutschstämmiger Siedler, die sich ihr Deutschtum bewahrt haben. In den Dörfern rings um diese Bauten trifft man noch den einen oder anderen Deutschstämmigen, aber die meisten haben ihre Heimat verlassen und sind in die grossen Städte oder nach Deutschland gezogen. Es gibt keine Privilegien mehr für sie, ihre Zeit ist vorbei.
Quellen:
„Kirchenburgen in Siebenbürgen (Weltkulturerbe)“ bei Wikipedia.
Dragomir, Mihai (Coord.) et.al., Hidden treasures of Transsylvania: the saxon fortified, Bucharest, 2011.
Baedeker Reiseführer Rumänien, Verlag Baedeker, Ostfildern, 2009.
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