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Laien
Der mystische Leib braucht alle seine Glieder
Unter dem Antrieb der modernen soziokulturellen Bedingungen hat man mit verstärkter Aufmerksamkeit über ein ekklesiologische Prinzip [betreffend der Tätigkeit der Laien] nachgedacht, das zuvor ein wenig im Schatten geblieben war: Die Vielfalt der Dienste in der Kirche ist ein lebendiges Erfordernis des mystischen Leibes, der alle seine Glieder braucht, um sich zu entwickeln, und den Beitrag aller den verschiedenen Begabungen jedes einzelnen entsprechend verlangt. Jedes Glied "trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und wird in Liebe aufgebaut" (Eph 4,16). Es ist ein "Selbstaufbauen", das vom Haupt des Leibes, Christus, abhängt, aber die Mitarbeit jedes Gliedes erfordert. Es besteht also in der Kirche eine Verschiedenheit des Dienstes, aber eine Einheit der Sendung. Die Verschiedenheit schadet der Einheit nicht, sondern bereichert sie. […] Ein Seelsorger kann sich nicht einbilden, alles in der ihm anvertrauten Gemeinde zu tun. Er muss soweit als möglich die Tätigkeit der Laien mit aufrichtiger Hochschätzung für ihre Sachkenntnis und ihre Bereitschaft aufwerten. Wenn wahr ist, dass ein Laie den Hirten in den Ämtern, welche durch das Sakrament des Ordo verliehene Vollmachten erfordern, nicht ersetzen kann, dann ist auch wahr, dass der Hirt die Laien in den Bereichen, wo sie sachkundiger sind als er, nicht vertreten kann.
Generalaudienz, 2. März 1994
Auch Träger von Charismen
Infolge des Pauluswortes wurden die Charismen oft als ausserordentliche Gaben betrachtet, die besonders kennzeichnend für das anfängliche Leben der Kirche sind. Das II. Vatikanische Konzil wollte die Charismen in ihrer Eigenschaft als Gaben hervorheben, die zum ordentlichen Leben der Kirche gehören und nicht unbedingt ausserordentlicher oder wunderbarer Natur sind. […] Ausserdem ist zu beachten, dass viele Charismen als vorrangige oder hauptsächliche Zielsetzung nicht die persönliche Heiligung des Empfängers, sondern den Dienst an den anderen und das Wohl der Kirche haben. […] Solche Charismen sind Frucht der freien Wahl des Heiligen Geistes, dessen Eigenschaft als erstes und wesentliches Geschenk im Bereich des dreifaltigen Lebens sie mitteilen. Der eine und dreieinige Gott bekundet in besonderer Weise in den Gaben seine unumschränkte Macht, die weder einer vorhergegangenen Regel oder besonderen Ordnung noch einem ein für allemal festgelegten Muster unterworfen ist: Nach dem hl. Paulus verteilt er jedem seine Gaben, "wie er will" (1Kor 12,11). […] Aufgrund dieser höchsten Freiheit und Unentgeltlichkeit werden die Charismen auch den Laien zugeteilt, wie es die Geschichte der Kirche beweist.
Generalaudienz, 9. März 1994
Neuevangelisierung
Die Neuevangelisierung strebt die Bildung von reifen kirchlichen Gemeinschaften an, bestehend aus überzeugten und bewussten Christen, die im Glauben und in der Liebe gefestigt sind. Sie können von innen her die Völker beleben, auch dort, wo Christus, der Erlöser des Menschen, unbekannt oder vergessen oder die Verbindung zu ihm im Denken und Leben schwach ist.
Generalaudienz, 16. März 1994
Förderung der Person
Es ist vorallem zu bedenken, dass die Laien berufen sind, zu der heute besonders notwendigen und dringenden Förderung der Person beizutragen. Es geht darum, den zentralen Wert des Menschen zu retten und oft wiederaufzurichten, der, gerade weil Person, nie als "benutzbares Objekt, als Werkzeug, als ein Ding" (Christifideles Laici), Nr. 37) behandelt werden darf.
Hinsichtlich der personalen Würde sind alle Menschen untereinander gleich: Keine Diskriminierung ist erlaubt, sei sie rassisch, geschlechtlich, wirtschaftlich, sozial, kulturell, politisch oder geographisch begründet. Es ist eine Pflicht der Solidarität, die Unterschiede, die aus den Orts- und Zeitumständen erwachsen, unter denen jeder geboren wird und lebt, durch tatkräftige menschliche und christliche Unterstützung in konkreten Formen von Gerechtigkeit und Liebe auszugleichen.
Generalaudienz, 13. April 1994
In der Politik
Die Laien sind berufen, sich im politischen Leben den Fähigkeiten und den Zeit- und Ortsbedingungen entsprechend zu engagieren, um das Gemeinwohl in all seinen Erfordernissen zu fördern und besonders die Gerechtigkeit zugunsten der Bürger in ihrer Eigenschaft als Personen anzuwenden. [...] Es ist klar, dass bei dieser Aufgabe, die allen Gliedern der irdischen Stadt gestellt ist, die christlichen Laien gerufen sind, das gute Beispiel eines ehrenhaften politischen Verhaltens zu geben, das keine persönliche Vorteile sucht noch vorgibt, Gruppen- oder Parteiinteressen mit unerlaubten Mitteln auf Wegen zu dienen, die tatsächlich zum Zusammenbruch auch der edelsten und heiligsten Ideale führen.
Generalaudienz, 13. April 1994
Soziale Entwicklung
Den Laien obliegt es auch, sich in der wirtschaftlich-sozialen Entwicklung einzusetzen. Es ist ein Erfordernis der Achtung der Person, der Gerechtigkeit, der Solidarität und Nächstenliebe. Ihre Sache ist es, mit allen Menschen guten Willens zusammenzuarbeiten, um Wege zu finden, damit die allgemeine Bestimmung der Güter sichergestellt werde, welches soziale System auch herrschen man. Weiter steht es ihnen zu, die Rechte der Arbeitnehmer zu schützen, angemessene Lösungen für die äusserst scheren Probleme der wachsenden Arbeitslosigkeit zu suchen und für die Überwindung aller Formen von Ungerechtigkeit zu kämpfen. Als christliche Laien sind sie in der Welt Ausdruck der Kirche, die die eigene Soziallehre verwirklicht. Sie sollen sich jedoch ihrer persönlichen Freiheit und Verantwortung in diskutierbaren Fragen bewusst sein, wobei die von ihnen gefundenen Lösungen, immer von den Werten des Evangeliums inspiriert, nicht als die für die Christen einzig möglichen dargestellt werden dürfen. Auch die Achtung vor den legitimen Meinungen und Entscheidungen, die sich von den eigenen unterscheiden, ist ein Erfordernis der Nächstenliebe.
Generalaudienz, 13. April 1994
Kultur
Die christlichen Laien haben zum Schluss die Aufgabe, zur Entwicklung der menschlichen Kultur mit all ihren Werten beizutragen. Anwesend in den verschiedenen Bereichen der Wissenschaft, des künstlerischen Schaffens, des philosophischen Denkens, der geschichtlichen Forschung usw., bringen sie die notwendige, aus ihrem Glauben erwachsende Inspiration ein. Und weil die kulturelle Entwicklung immer mehr zum Einsatz der Massenmedien führt, der für die Formung der Mentalität und der Sitten so wichtige Instrumente, sollen die Laien hinsichtlich ihres Engagements in Presse, Film, Rundfunk, Fernsehen und Bühnenkunst ein lebendiges Verantwortungsbewusstsein haben, indem sie ihre Arbeit durch das Licht des Auftrages erhellen, das Evangelium in der ganzen Welt zu verkünden: Er ist besonders aktuell in der Welt von heute, in der es dingend ist, die von Jesus Christus für alle eröffneten Heilswege aufzuzeigen.
Generalaudienz, 13. April 1994
Heiligung durch die ihm anvertrauten Aufgaben
Der Laie wird heilig, indem er das Reich Gottes auf eigene Weise sucht. Er ist berufen, seine Heiligung nicht ausserhalb der ihm anvertrauten irdischen Aufgaben zu wirken, sondern vielmehr dadurch, dass er die eigenen Pflichten mit einem tiefen religiösen Sinn durchdringt und sozusagen Tag für Tag, Augenblick für Augenblick die Gegenwart des Geistes Gottes aufspürt, der, wie er das Weltall erfüllt, so auch seine Seele leitet. Der Laie ist berufen, sich selbst zu heiligen, indem er auf dieses innere Wirken des Geistes antwortet und das bleibt, was er ist, ein Mensch unter Menschen.
Angelus, 4. Oktober 1987