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Anhang 9.5
Spezial-Report Thomas Noll:
Semiotics@EncycloSpace
Die vorliegende Schilderung nimmt vor allem auf den Artikel "Katastrophen und Computer" von Peter Bogh Andersen (1994a) Bezug. Der dort vorgestellte Ansatz läßt sich sehr gut in das Paradigma experimenteller Geisteswissenschaft einordnen. Die Katastrophentheorie wurde schon seit den frühen 80er Jahren in die Semiotik eingebracht (Wildgen 1982, 1985, Thom 1983, Petitot und Thom 1983, Petitot 1989, Brandt 1989a, 1989b, 1990). Allerdings sorgte das relativ abstrakte Niveau der vorgeschlagenen Anwendungen für Kritik bzw. rief Unverständnis hervor. Der von Andersen vorgeschlagene Ansatz bietet nun zwei wesentlich neue Möglichkeiten an:
(1) eine experimentelle Anordnung für die Untersuchungen zur Katastrophentheorie innerhalb der Semiotik, in der auch das komplexe Zusammenspiel mehrerer elementarer Katastrophen studiert werden kann
(2) einen Vorschlag, wie sich interaktive hypermediale Systeme verhalten sollen.
Während der erste Punkt vor allem für die "innersemiotische" Diskussion relevant ist, bietet der zweite Punkt einen interessanten und vielversprechenden Vorschlag zum Design hypermedialer Werkzeuge. Bemerkenswert ist hierbei auch die eingegangene Verbindung semiotischer Begrifflichkeit (Hjelmslev, Greimas) mit den Strukturen der objektorientierten Programmierung. Im folgenden Zitat wird die generelle Struktur von Edda beschrieben:
Ein Edda-Produkt besteht aus einer oder mehreren Szenen. Eine Szene ist in zwei Hauptobjekte gegliedert, die Substanz und die Form.
Substanz:
Im weitesten Sinne besteht die Substanz aus allen seh- und hörbaren Eigenschaften des Systems (Farbe, Aussehen, Schrift, räumliche Anordnung, Größe, Sprache, Musik, Ton, Animation, Videoclips, usw.). Diese Eigenschaften gehören zu Akteuren. Ein Akteur kann jedes Bildschirmobjekt sein: ein Bedienungselement, ein Hintergrund, ein Fenster, eine Person, ein Text -- einfach jedes Objekt. Akteure werden in Akteurgruppen zusammengefaßt. Ein Akteur kann Element mehrerer Gruppen sein. Eine Akteur-Gruppe bildet einen "interaktiven Satz". Er besteht aus einer Eigenschaft und einer kleinen Gruppe von Akteuren. Die Akteur-Gruppe dient der ständigen Kontrolle der Akteurseigenschaften. Jede Akteur-Gruppe verfügt über zwei Grundoperationen (Methoden): Abstrahiere und Manifestieren. Die erste liefert als Ergebnis die Eigenschaften der Akteurgruppe, die zweite legt die Ausprägungen der Eigenschaften fest. Wenn zum Beispiel die Eigenschaft aus dem Abstand zwischen den Akteuren besteht, könnte Abstrahiere Zahlen liefern, die den Abstand zwischen ihnen angeben, während Manifestiere neue Abstandszahlen als Eingabe erhält und die Akteure auf dem Bildschirm den Zahlen entsprechend bewegt...
Form:
Die Formkomponente, die die Änderung der Substanz kontrolliert, besteht aus Katastrophen. Der grundlegende Baustein ist eine elementare Katastrophe, ...[d.h.] eine Schar von Gleichungen, gegeben durch eine parametrisierte Potentialfunktion. Wenn man die Parameter oder externen Variablen variiert, kann das Potential qualitativ verändert werden...
Innerhalb der Akteurgruppen werden die Bildschirmeigenschaften der Akteure durch die Gradienten dieser Potentialfunktion beeinflußt. Das System erlaubt dem Verfasser oder dem Benutzer, diese Eigenschaften zu verändern, manchmal auf eine kontinuierliche, fließende Weise, machmal mit einem "katastrophalen" Sprung. Die Formkomponente von Edda besteht aus komplexen Katastrophen, die wiederum 1. eine oder mehrere elementare Katastrophen und 2. eine Menge von Aktanten 1, ..., n in einer ein- oder zweidimensionalen Topologie enthalten... (siehe Bild 47).
Der Begriff der Aktanten wird im Sinne von Greimas (1966) verwendet: Sie sind abstrakte Rollen in einer Erzählung, wie Subjekt, Objekt, Antagonist oder Helfer. Aktanten manifestieren sich in Akteuren. Ein Aktant kann sich in mehreren Akteuren manifestieren..., derselbe Akteur kann aber auch eine Manifestation verschiedener Akteure sein (Andersen 1994: 32 ff.).
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