Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03270.jsonl.gz/968

Das Buch Kohelet, das in unserer Bibel zwischen den salomonischen Sprüchen und dem Hohelied eingeordnet wurde, ist in mehrfacher Hinsicht ein bemerkenswertes Buch. Es dürfte im dritten Jahrhundert vor Christus niedergeschrieben worden sein. Der Verfasser ist nicht bekannt, möglicherweise war es ein Prediger oder Versammlungsleiter, so wie es der Titel des Buches andeutet: Kohelet heisst verdeutscht Versammler, Prediger. In der Einleitung dieser aussergewöhnlichen Schrift bezeichnet sich der Autor selbst als König und Sohn Davids. Im weiteren Verlauf nennt er sich aber auch Prediger und Philosoph. Wenn auch die Identität des Verfassers im Dunkeln bleibt, so eines doch gewiss: wenn wir Kohelet lesen, begegnen wir einem sehr feinsinnigen und hochgebildeten Weisen, der während vielen Jahren über das Leben nachgedacht hat, um nun in konzentrierter Form über seine tiefgründigen Erfahrungen und Erkenntnisse zu berichten.
Wenn wir versuchen, uns auf die Spuren des Predigers zu begeben, lliegt eine Zeitreise vor uns, die nach Judäa der hellenischen Zeit führt – irgendwo zwischen 300 und 200 vor Christus, in einer judäischen Stadt. Zu dieser Zeit war es üblich, dass sich ältere, lebenserfahrene Männer an den Toren der Stadt aufhielten, um Kontakte zu pflegen und den Vorübergehenden mit Rat und Tat beizustehen. So kamen sie in Berührung mit den unterschiedlichsten Anliegen der Menschen ihrer Zeit, sie kannten deren Sorgen und Nöte, halfen ihnen mit Rat und Tat und bereicherten dadurch ihren eigenen Erfahrungsschatz. Auch Kohelet könnte so ein Lehrer und Ratgeber gewesen sein. Wer seine Schrift liest, lernt ihn als Denker kennen, der seine Umwelt genau beobachtet und dann scharfsinnig und klug seine Schlüsse daraus zieht: «Ich habe darüber nachgedacht und erkannt…» ist eine Wendung, mit welcher mehrere Absätze der Schrift eingeleitet werden.
Auch hier wurde gepredigt: der Jordan Fluss (Quelle: Wikipedia)
Was hat der Prediger erkannt? Auf den ersten Blick wirken die Erkenntnisse ernüchternd: all unser Streben und Mühen ist letzten Endes sinnlos, löst sich auf in Nichts, ist wie ein Windhauch. Insgesamt 38 Mal ist dieser Begriff im Kohelet zu finden: «Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch» (1, 2). Vieles von dem, was uns gross und wichtig erscheint, erkennt der Prediger als nichtig, sei es Ruhm und Ehre, sei es Erwerb und Arbeit, sei es Besitz und Reichtum; ja selbst die Bildung wird verworfen. Denn was hat der Weise dem Unwissenden voraus? Beide werden dasselbe Ende haben! Das klingt sehr pessimistisch. Und das wäre es in der Tat, wenn uns Kohelet nicht etwas mitgäbe, das uns über diesen Pessimismus trägt. «Esst, trinkt und geniesst das Leben, solange ihr jung und bei Kräften seid.» So lautet der Rat des Predigers – grob formuliert. Doch ist dieser Rat nicht zu oberflächlich geraten? Nein, denn unser Leben geniessen können wir nur mit Gottes Segen. Freude, Zufriedenheit und Glück sind Geschenke Gottes. Dies ist eine Kernaussage des Predigers und damit sind wir gehalten, uns Gott anzuvertrauen, ihn zu lieben und seine Gebote zu achten:
«Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott liebhaben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all Deiner Kraft.» (Dt. 6.4)
Einige der Maximen des Predigers sind im Folgenden zusammengefasst:
- Alles hat seine Zeit (3).
- Zwei sind auf jeden Fall besser dran als einer allein (4,9)
- Lerne zuzuhören und Gott zu gehorchen, das ist besser als die Tieropfer (4,5)
- Je mehr Worte Du machst, desto mehr Unsinn redest Du (5,2)
- Ruhig Blut bringt weiter als ein heisser Kopf (7,8)
- Wissen und Erfahrung helfen einem Menschen mehr als, als zehn Herrscher einer Stadt ihm helfen können (7,19)
- Darum iss Dein Brot und trinke Deinen Wein und sei fröhlich dabei. So hat es Gott für die Menschen vorgesehen, und so gefällt es ihm. Nimm das Leben als ein Fest: Trag immer frisch gewaschene Kleider und sprenge duftendes Öl auf Dein Haar. Geniesse jeden Tag mit der Frau, die Du liebst (9,7)
Erste Seite des Kohelet im Codex Sinaiticus
Bei alldem ist das Buch Kohelet keine systematische Weisheitslehre. Unser Prediger will nicht durch einen philosophisch ausgereiften Vortrag überzeugen, oder mit rhetorischem Können glänzen. Die Schrift ist eine lose Sammlung aus Aphorismen, Betrachtungen und autobiographischen Aussagen. Der Prediger vermittelt uns kein Schulwissen für den Hörsaal. Er will uns Weisheiten mit auf den Weg geben, die während den Jahren eines langen Lebens gewachsen und gereift sind. Und so ist es wichtig, dass wir dieses Wissen nicht in ein Schulbuch schreiben, um es dann zu vergessen oder bei Gelegenheit wieder hervorzuholen. Wir sollen es auf unseren Lebensweg mitnehmen, sollen uns jeden Tag darin üben, diese Weisheit selbst zu sein.
Ein wichtiger historischer Aspekt soll zum Schluss erwähnt werden. Wer das Ende des Buches sorgfältig liest, wird feststellen, dass es zwei Epiloge hat. Im ersten Epilog wird noch einmal auf die Bedeutung der Weisheiten eingegangen: der Verfasser bezeugt, dass er selbst viele bekannte Sprüche auf ihre Wahrheit prüfte und selbst neue niederschrieb. Dann empfiehlt er sie dem Leser mit dem Hinweis, das Studieren nicht zu weit zu treiben. Daran schliesst sich ein zweites Schlusswort an, das möglicherweise später dazu kam, als das Buch im ersten Jahrhundert in den Kanon aufgenommen wurde. Gott fürchten und seine Gebote halten, dies ist die Summe aller Lehren.