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Trinken als Bewältigungsstrategie… aber warum konsumiert man Alkohol?
Die Gründe, dass jemand trinkt, sind vielschichtig und hängen von jedem Einzelnen ab (individuelle Eigenschaften, Persönlichkeitsmerkmale oder genetische Veranlagung), von der konsumierten Substanz (Preis, erzeugte Wirkung) und vom Umfeld (Druck von Kollegen, Stellenwert in der Gesellschaft, familiäre und berufliche Situation).
Die Gründe für die Alkoholkonsumation kann man in zwei Kategorien einteilen: bezüglich der Valenz (positiv oder negativ) und der Quelle (innerlich oder äusserlich), der erwarteten Auswirkungen.
Bei den Gründen für die positive Wirkung, das heisst das Verstärken neutraler oder positiver Zustände, unterscheidet man die Motive der Verstärkung (ich trinke Alkohol, weil ich das Gefühl liebe, das er mir verschafft, oder weil ich Spass daran habe) und die soziale Komponente (es ist so angenehmer, wenn ich mit andern zusammen bin oder beim Festen).
Die Motive negativer Valenz weisen auf Gründe, die mit individuellen Aengsten verbunden sind, hin.
Es kann sich einerseits um sogenannte Motive zur «Bewältigung» handeln: der Betroffene trinkt um mit negativen Gefühlen und Emotionen besser umgehen zu können, um diese abzumildern (ich trinke weil es mir hilft, wenn ich nervös oder deprimiert bin, oder um meine Probleme zu vergessen).
Zudem kann es sich um Gründe der Solidarität, des Zusammengehörigkeitsgefühls handeln: diese stehen in Zusammenhang mit dem äusseren Umfeld und zielen darauf hin, negative Gefühle der Zurückweisung (ich trinke um nicht dem Spott der Trinker ausgesetzt zu sein, um mich nicht ausgeschlossen zu fühlen, oder ich habe Angst, von den andern nicht geschätzt zu werden) meistern zu können.
Bei den Motiven der «Bewältigung» trinkt der Einzelne um mit einer als stressig empfundenen Situation umgehen zu können und schliesslich um innere, negative Emotionen, wie Angst oder Traurigkeit, zu meistern.
Trinken um die emotionalen Spannungen zu mildern
Alkohol zu konsumieren aus Gründen zur Bewältigung hat einen sofortigen positiven Effekt auf die inneren Spannungen und den Stress: sie gehen zurück. Diese Wirkung ist jedoch von kurzer Dauer, lässt schnell nach und verschleiert die Probleme in den Augen des Konsumenten: er wird danach wieder mit den gleichen Problemen konfrontiert werden, ohne angemessene Strategien diese zu lösen, erarbeitet oder gefunden zu haben.
Dieses Verhalten ist auf lange Sicht gefährlich, denn die Folgen des Alkoholkonsums sind eine Steigerung der emotionalen Spannungen :
Erneut Alkohol zu trinken als Motiv der Bewältigung ist oft mit dem stetigen Anstieg des Konsums über die Jahre hin bis zur Abhängigkeit, verbunden.
Bei dieser Verhaltensweise trinkt der Betroffene Alkohol alleine und oft in grossen Mengen. Diese schädliche Konsumation zieht zahlreiche Probleme nach sich: gesundheitliche Probleme oder unverantwortliches Verhalten (Trinken am Arbeitsplatz, finanzielle Probleme), Aggressionen (Streitereien in der Nachbarschaft oder mit der Polizei) und gefährliches Verhalten, wie Fahren in angetrunkenem oder betrunkenem Zustand.
Der Alkohol als Bewältigungsstrategie bei den Jungen
Der Griff zum Alkohol als Bewältigungsstrategie ist vor allem bei den Jungen sehr problematisch. Jedoch wird dieses Motiv bei den Jugendlichen kaum erwähnt (weit hinter den Motiven der Verstärkung und den sozialen Motiven). Es zeigt sich aber, dass jene, für die der Alkohol als Hilfe/Tröster dient, die höchste Konsumationsrate und die damit verbundenen Probleme, aufweisen.
Eines dieser Probleme – und ein schwerwiegendes – ist jenes, des suizidalen Verhaltens. Viele Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren haben suizidale Gedanken oder sogar Selbstmordversuche in Verbindung mit Trinkphasen im festlichen Rahmen hinter sich: es besteht ein starker Zusammenhang zwischen den suizidalen Gedanken und dem Wunsch des Betreffenden, Alkohol zu sich zu nehmen um die inneren Spannungen auf diese drastische Art zu mindern. Diese Tatsache bedeutet keinen kausalen Zusammenhang zwischen der Alkoholisierung aufgrund von Bewältigungsstrategien und suizidalen Gedanken (diese zwei Phänomene können zwar von gemeinsamen Ursachen herrühren), lässt aber vermuten, dass der Einfluss auf die suizidalen Stimmungen der Jugendlichen ihren Alkoholkonsum reduzieren könnte.
Der Alkoholkonsum zwecks Bewältigung hängt von der Persönlichkeit ab und stellt sich nach und nach in der Pubertät ein. Dieser scheint sich bei den Mädchen früher (zwischen 13 und 15 Jahren) abzuzeichnen als bei den Knaben (zwischen 18 und 19 Jahren). Aber nach dem Alter von 23 Jahren sind es eher die Männer als die Frauen, die für solche Gründe zum Alkohol greifen. Schliesslich zeigen Studien, dass, wer jung anfängt zu trinken, das Risiko eingeht, im Erwachsenenalter abhängig zu werden.
Trinken als Bewältigungsstrategie und die Persönlichkeit
Die Emotionen im Griff zu haben dank des Alkohols, ist ein stark von der Persönlichkeit abhängiges Verhalten.
So haben die Forscher verschiedene Charakterzüge entdeckt, die solche Verhaltensweisen fördern oder eben nicht.
Die extrovertierten Persönlichkeiten sind grundsätzlich geschützt gegenüber der Konsumation als Bewältigungszweck. In der Tat befähigt sie ihr optimistischer Charakter, verbunden mit ihrer Begeisterungsfähigkeit und ihrer offenen Art gegenüber der Umwelt/Mitmenschen, aktiv nach Lösungen ihrer Emotionssteuerung zu suchen. Zudem sind sie gegenüber Stress weniger anfällig als die andern. Die extrovertieren Menschen sind daher die mit dem geringsten täglichen Alkoholkonsum. Trotzdem sind einige von ihnen – jene, die vorzugsweise bei andern eine Lösung ihrer Stressbewältigung suchen – gefährdet, ein Risikoverhalten zu zeigen, wie jenes des exzessiven Alkoholtrinkens (Gewohnheitseffekt).
Die Menschen mit neurotischer Persönlichkeitsstruktur sind prädestiniert, leicht Alkohol zur Bewältigung zu trinken. Sie haben einen instabilen Charakter, entwickeln schnell negative Gefühle wie Niedergeschlagenheit und Wut, und erleben häufig Momente deprimierter Stimmung. Sie können unangenehm sein und haben oft ein mangelndes Selbstwertgefühl.
Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen
Seit zwanzig Jahren anerkennen die Wissenschaftler einen Persönlichkeitszug, den sie «Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen» nennen. Dieser charakterisiert Menschen mit physischen Symptomen der Angst, wie feuchte, schwitzige Hände oder Herzrasen. Solche Menschen deuten diese Zeichen als Bedrohung und glauben, sie machen eine Herzkrise durch, wenn ihr Herzrhythmus sich aufgrund von Stress beschleunigt. Diese spezielle Empfindlichkeit führt zu verstärkter Angst.
Da die Betroffenen ein erhöhtes Risiko haben Angststörungen zu entwickeln (wiederkehrende Panikattacken zum Beispiel), lassen Studien vermuten, dass sie auch eine Risikogruppe gegenüber dem Alkoholkonsum darstellen. Diese Menschen sind sehr anfällig für Angstzustände und konsumieren daher mehr Alkohol als Leute, die hier wenig oder nicht betroffen sind; sie trinken daher beim Auftreten der Angstsymptome. So sehen Menschen, mit grosser Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen eher, dass ihre Angstsymptome durch den Alkoholkonsum zurückgehen, als andere: ihr emotioneller Stress wird gemildert, sie entspannen sich dank der Wirkung des Alkohols auf das Nervensystem. Wenn es einen Zusammenhang gibt zwischen der Alkoholkonsumation und der Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen, äussert sich dieser nicht direkt und es ist anzunehmen, dass diese Menschen mehr trinken als solche, die diese Empfindlichkeit nicht haben.
Dies in Verbindung mit Tabakkonsum scheint gefährlich zu sein: Studien lassen in der Tat vermuten, dass Raucher mit hoher Empfindlichkeit gegenüber Angstzuständen zweimal mehr Alkohol konsumierten, als Nichtraucher. Dieser Frage sollte weiter nachgegangen werden um herauszufinden, ob dieser Sachverhalt verallgemeinert werden kann.
Die soziale Angst/Sozialphobie
Die soziale Phobie kann als Angst von Personen, die in einer sozialen Situation sind, d.h. sich im Austausch mit andern befinden, bezeichnet werden. Diese Angst gilt als die am stärksten verbreitete Angst in der Bevölkerung mit einer Häufigkeit von 5 % bis 12 %. Diese Menschen haben ein erhöhtes Risiko Alkoholprobleme zu entwickeln.
Für Menschen, die unter einer Sozialphobie leiden bedeutet das Trinken, das Gefühl der Bedrohung, das sie in Anwesenheit anderer empfinden, zu dämpfen. Diesem Verhalten begegnen wir vor allem bei Menschen, die sich ‘bewertet’ fühlen (zu ihren Ungunsten, während einer Diskussion zum Beispiel). Aber auch gegenüber anderen, die ihre Wut ausdrücken und mit denen sie im Konflikt stehen könnten. Die Erleichterung, die der Konsum von Alkohol den Betroffenen bringt, ist zwar moderat, er genügt ihnen aber, diese sozial schwierigen Situationen auszuhalten. Da die Wirkung des Alkohols als Angstlöser nur von kurzer Dauer ist, wird erneut getrunken, damit dieses positive Gefühl andauert.
Frauen und Männer verhalten sich im Fall von Sozialphobie unterschiedlich. Erstere greifen schneller auf den Alkohol zurück um angsterfüllte Situationen zu meistern, die zweiten ziehen es eher vor, solche Situation zu meiden. Die Frauen, die unter dieser Sozialphobie leiden, stellen hiermit eine risikoreiche Bevölkerungsschicht gegenüber dem Alkohol dar.
Die Depression
Die depressiven Menschen sind besonders verletzlich gegenüber dem Alkohol, wenn sie diesen zum Zweck der Bewältigung ihres depressiven Zustandes trinken.
Die depressiven Menschen sind fast doppelt so zahlreich gegenüber den Nicht-Depressiven, was den Alkoholkonsum als Bewältigungsstrategie anbelangt (54 % resp. 37 %).
Zudem steht der Grad der Depression in direkter Verbindung mit der Trinkmenge: je mehr die Betroffenen deprimiert sind, desto mehr trinken sie täglich um ihr inneres Befinden zu bewältigen.
Die Depressiven erleben Stresszustände (negative Ereignisse wie den Arbeitsplatzverlust, Lohnkürzung, den Verlust eines Angehörigen) stärker ausgeprägt als die ‘Normalbevölkerung’. Das Fehlen von wirksamer, familiärer Unterstützung stellt sich als direkten Grund eines erhöhten Alkoholkonsums zur Bewältigung heraus: der Alkohol wirkt wie ein Hilfsmittel gegen ihre Traurigkeit.
Der Griff zur Flasche um die depressiven Stimmungen zu meistern, bestimmt die Zukunft dieser Menschen: sie steigern ihre Dosis nach und nach, so dass sie immer mehr in problematische Situationen, die mit dem Alkoholabusus verbunden sind, gelangen (beeinträchtigte Gesundheit, Gewalt, verschiedene andere Störungen…).
Das Unwohlsein, die Angst und Depressionen sowie Alkoholprobleme treten sehr oft gemeinsam auf.
Das Phänomen ist aber reversibel. Um dieses Uebel auszumerzen und es vollumfänglich anstatt getrennt zu behandeln, erzielen Psychotherapien verbunden mit Gesprächen, welche die Ursachen des Alkoholkonsums jedes einzelnen aufdecken und das Aufzeigen entsprechender Verhaltensweisen, ermutigende Resultate.
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