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Gedanken
Privileg der Dummheit
Es ist ein Privileg, dumm zu sein. Man braucht nicht zu überlegen, wer man ist und auch nicht nachzudenken, ob das, was man sagt, wahr sei. Man darf im kantischen Sinne in einer selbstgewählten Unmündigkeit leben und sich treiben zu lassen. Die Kontrolle über den eigenen Mund ist nicht nötig, man liest und hört ja nur, was einem gefällt und erzählt weiter, was man gelesen und gehört hat. Das vielseitig genutzte Privileg der Dummheit, das oft durch voreiliges Wissen kaschiert wird, verschafft Selbstgewissheit und braucht sich nicht um Argumente zu bemühen, die auf Tatsachen beruhen.
Nichtwissen
Da der moderne Mensch immer mehr weiss, nimmt auch das Nichtwissen enorm zu. Das durch wissenschaftliche Forschungen unüberschaubar gewordene Wissen auf allen Gebieten hinterlässt gewaltige Räume des Nichtwissens, sodass allerhand Meinungen, die nicht auf Tatsachen abgestützt sind, auch Fake News, Verschwörungstheorien, Lügen und Behauptungen sich wohlfeil verbreiten lassen.
Trauerrede
Er starb im hohen Alter von 95 Jahren. Bis in die letzten Tage habe er Violine gespielt, drei Stunden am Tag und oft noch in der späten Nacht. Er habe Frauen geliebt, ein gutes Leben und einen gute Tag gehabt. Wer ihm diesen besorgt habe, da er nicht in die Kirche ging? Sie wundern sich, sagte der Pfarrer, und schmunzelte: Das tote Holz singe, wenn es Geige werde. Die Verwandten waren glücklich, dass da einer fast mit der Geige ins Grab stieg.
Robert Musil
Aus seinen Tagebuchnotizen: «Dichten ist keine Tätigkeit, sondern ein Zustand». Darum straft die Politik den Dichter. Der Politiker ist ein Aktivist. Heute hier etwas, morgen da, oft fünf Sachen hier und sieben dort, unaufhaltsam, ohne Ende, nicht absehbar. Was für ein Zustand aber ist das?
Sanduhr
In Gaston Bachelards «Poetik des Raumes» gibt es die schöne Stelle: «Die Zeit der Nacht? Die Zeit des gestirnten Himmels? Wo habe ich gelesen, dass ein Einsiedler, der ohne zu beten, dem Rinnen seiner Gebetssanduhr zusah, einen ohrenzerreisenden Lärm hörte? In der Sanduhr hörte er plötzlich die Katastrophe der Zeit. Das Ticktack unserer Uhren ist so grob, so mechanisch abgehackt, dass unser Ohr nicht mehr fein genug ist, um die fliessende Zeit zu hören». Ist es nicht so, dass wir vor lauter Lärm und Getriebe das Wichtigste des Lebens überhören und plötzlich am Rand unserer Zeit stehen und fragen: War das jetzt alles, dieses unser Leben?
Unzufriedenheit
Es kommt ein Gefühl auf, der Mensch blähe sich immer mehr auf und er sei gerade deshalb unzufrieden. Es werden in ihm schon in der Kindheit Erwartungen geweckt, die sich im Leben nicht erfüllen. Und wer ist schuld, wenn nicht eintrifft, was man er erwartet hat? Der Staat! Er sei für das gute Leben zuständig. Darum heisst ein tragendes Wort: «Wir fordern!», aber was fordert der Mensch von sich? Zufrieden ist, wer tut, was er kann, unzufrieden aber, wer erwartet, wozu er nicht fähig ist.