Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03333.jsonl.gz/3340

Eine normale Schwangerschaft dauert durchschnittlich 40 Wochen. Kommt ein Kind vor der 37 vollendeten Schwangerschaftswoche zur Welt, gilt es als «Frühchen». Die Zahl der Frühgeburten hat in den vergangenen Jahrzehnten in den meisten Ländern zugenommen. Die Gründe hierfür liegen in dem höheren Alter der Mütter sowie der steigenden Zahl der Mehrlingsschwangerschaften.
Zwar sind im Umgang mit Frühgeburten grosse Fortschritte erzielt worden. So überleben heute Frühgeborene, die nach nur 24 Wochen geboren werden. Aus zahlreichen Studien weiss man aber, dass Frühchen häufiger motorische und kognitive Probleme, Beeinträchtigungen beim Sehen und Hören sowie Verhaltensauffälligkeiten aufweisen als termingeborene Kinder. Wie sich eine Frühgeburt auf den späteren schulischen Erfolg auswirkt, ist bisher jedoch nicht ausführlich untersucht worden.
Dieser Frage sind Wissenschafter der University of Florida jetzt in einer grossen Studie nachgegangen. Sie haben über 1,3 Millionen Kinder untersucht, die zwischen 1992 und 2002 nach 23 bis 41 Schwangerschaftswochen im Gliedstaat Florida geboren worden waren und zwischen 1995 und 2012 in die öffentliche Schule in Florida eintraten.
Die Forscher verglichen die Geburtsdaten mit dem Schuleintrittsalter und konnten so einen Zusammenhang zwischen einer Frühgeburt und der Schulreife herstellen. Zudem untersuchten sie die Mathematik- und Leseleistungen, welche die Kinder in der dritten bis achten Klasse in verschiedenen standardisierten Tests erzielten.
Termingerecht eingeschult
Die Resultate zeichnen ein weit erfreulicheres Bild, als erwartet worden war. Zwar ging eine Frühgeburt insgesamt mit niedrigeren Schulleistungen einher - je kürzer die Schwangerschaft, desto geringer die Leistungen. So erzielte jedes dritte Kind, das nach nur 23 oder 24 Schwangerschaftswochen geboren worden war, unterdurchschnittliche Werte auf den standardisierten Tests, bei den termingeborenen Kindern waren es deren 6 Prozent.
Dennoch wurden zwei Drittel dieser Kinder termingerecht eingeschult (in den USA ist dies mit 4 Jahren in den Kindergarten). Zwei Prozent von ihnen erreichten später auf den standardisierten Tests gar einen Begabtenstatus. Bei den termingeborenen Kindern waren es 10 Prozent.
«Die Studie ist eine positive Nachricht. Sie zeigt, dass auch fragile Frühchen im Alter von
4 oder 5 Jahren ihren Weg gefunden haben.»
«Unsere Ergebnisse zeigen, dass es einigen Kindern und ihren Familien in Florida gelungen ist, die durch eine Frühestgeburt bedingten Probleme zu bewältigen und Leistungen innerhalb der erwarteten Schulnormen zu erbringen», schreiben die Autoren der Studie. Die Auswirkungen einer extremen Frühgeburt seien keineswegs gleichförmig. Vielmehr gebe es eine grosse Streubreite in Bezug auf Art und Schwere von Behinderungen.
Je länger die Schwangerschaft zudem andauerte, umso weniger unterschieden sich die Schulleistungen der Frühchen von denen der Termingeborenen. Ab etwa 30 Schwangerschaftswochen liessen sich kaum mehr Unterschiede feststellen. «Die Studie ist eine positive Nachricht an die Öffentlichkeit», sagt Giancarlo Natalucci, Leitender Arzt an der Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich. «Sie zeigt, dass auch ganz fragile Frühchen im Alter von 4 oder 5 Jahren ihren Weg gefunden haben.»
Ältere Kinder gehen verloren
Ähnliche Daten für die Schweiz gibt es nicht. Denn anders als in den USA, wo alle Kinder mit Eintritt in den Kindergarten einen Fragebogen zur Schulreife («school readiness») ausfüllen müssen, werden hierzulande keine solchen Daten erhoben. «Wir haben einen guten Überblick über die Gruppe der ganz Kleinen», sagt Natalucci. «Dennoch verlieren wir leider immer noch sehr viele der Frühgeborenen aus den Augen.»
Seit dem Jahr 2000 existiert in der Schweiz ein Nachsorgeprogramm, das vorsieht, mindestens alle Kinder, die vor 28 Schwangerschaftswochen geboren werden, im Minimum im Alter von 2 Jahren und 5 Jahren bezüglich der motorischen und kognitiven Entwicklung zu untersuchen. Während im Alter von 2 Jahren die meisten Eltern mit ihren Kindern erscheinen, sind es im Alter von 5 Jahren lediglich noch knapp 70 Prozent.
Natalucci sieht die Studie als Teil eines Paradigmenwechsels. Bis vor kurzem habe man sich vor allem auf die negativen Auswirkungen einer Frühgeburt fokussiert. «Das hat den Eltern aber letztlich nicht geholfen», sagt er. Viel wichtiger sei es, sich auf die Stärken der Kinder zu konzentrieren und diese zu fördern. Dies ist auch das Ziel der US-Forscher. Sie wollen als Nächstes herausfinden, warum es einigen Kindern gelungen ist, die Widrigkeiten einer Frühgeburt zu überwinden und schulisch zu reüssieren.