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Verzuckerte Winterlandschaften – kein Zuckerschlecken für Steinböcke Brunft im Hochwinter
Früher wurden Steinböcke als wandelnde Apotheken gejagt und ausgerottet. Heute fällt diese Gefahr weg. Die meisten Steinböcke sterben nicht mehr, weil sie gejagt werden, sondern wegen der harten Winterbedingungen.
Krachend schlagen die zwei 100 Kilogramm schweren Brocken ihre Hörner aufeinander. Kilometerweit sind sie zu vernehmen. Doch es tönt schlimmer, als es ist. Zwar knallen sie ihre Köpfe pro Saison bis zu 100 Mal aufeinander, doch verletzen sich die Steinböcke dabei nur selten. Die dicke Hirnschale und die bis zur Basis hohlen Hörner mindern die Wirkung des Aufpralls und schützen vor Verletzungen. Manchmal drängen die Böcke auch mit überkreuzten Hörnern Stirn an Stirn oder mit eingehakten Hörnern gegeneinander. Mit solchen Duellen festigen die Steinböcke während des Sommers die Rangordnung im bis zu 50-köpfigen Rudel der Männchen.
Die Böcke leben fast das ganze Jahr hindurch getrennt von den Weibchen und den Jungtieren – ausser in der Brunft von November bis Anfang Januar, wenn schon Schnee liegt. In dieser Zeit verteilen sich die alten Böcke auf verschiedene Gruppen. Die Rudel bestehen dann aus einem älteren Bock, jüngeren Böcken, Geissen und Jungtieren. Dabei umwirbt der ranghöchste Bock die Geissen und wartet auf deren Eisprung. Weil die wichtigen Rangkämpfe bereits im Sommer stattgefunden haben, kann er das in relativer Ruhe tun. Darin unterscheiden sich Steinböcke beispielsweise von Hirschen, bei denen die Rangkämpfe im Herbst kurz vor der Paarung stattfinden und sehr viel Energie kosten. Weil die Rangkämpfe der Steinböcke im Sommer stattfinden, können sich die Männchen noch rechtzeitig ein Fettpolster anfressen. Die Paarung selbst, die auf einen Geburtstermin zwischen Ende Mai und Ende Juni ausgerichtet ist, findet dann mitten im Winter ziemlich energiesparend statt.
Mittlerweile leben dank Schutzmassnahmen wieder fast 16000 Steinböcke bei uns in der Schweiz und über 30000 Tiere im gesamten Alpenbogen. Die Tiere leben oberhalb der Baumgrenze in Matten- und Felsregionen bis auf etwa 3200 Meter. Auch im Winter steigen sie nicht tiefer, sondern halten sich vermehrt an süd- bis südwestexponierten Hängen auf, wo die Schneedecke dünner ist und sie tagsüber fast ununterbrochen auf der Suche nach Futter sind. Oder sie suchen vom Wind abgeblasene Grate und Steilhänge auf, wo auch im Hochwinter Gräser und Kräuter zu finden sind. Dabei wechseln sie ihre Standorte – anders als im Sommer – lediglich im Tagesverlauf. Eine Störung im Winter wirkt sich deshalb viel stärker aus, weil die Tiere aufgrund der raren Futterplätze und ihrer Abhängigkeit von den Wintereinständen kaum Ausweichmöglichkeiten haben.
Jedes Jahr sterben Hunderte in Lawinen, bezogen auf den Gesamtbestand ist dies aber nur ein Prozent der Tiere. Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sich Steinböcke vor allem in Steilhängen aufhalten. Wissenschafter vom Eidgenössischen Institut für Schnee- und Lawinenforschung ( SLF ) in Davos wollten es genauer wissen. Sie untersuchten den Einfluss der Schneeverhältnisse auf die Aktivität und Mobilität von Wild. Erste Ergebnisse zeigen, dass sich die Steinböcke nach Schneefällen in den ersten Tagen kaum von der Stelle bewegen und oft sogar auf die Futtersuche verzichten. Je mehr Zeit nach dem Schneefall vergangen ist, desto länger werden auch die Strecken, die sie zurücklegen. Das ist durchaus sinnvoll, nimmt doch die Tragfähigkeit des Schnees im Verlauf der Zeit zu und die Lawinengefahr ab. Das Überleben im Winter und das Fasten nach Schneefällen ist für Steinböcke trotz ihrem dichten Winterfell hart, sie zehren von einer Speckschicht, die sie im Sommer anlegen. Wintersportler können durch Vermeiden von Störungen selber etwas zu einem erleichterten Überwintern beitragen, indem sie bei der Tourenplanung Wildruhezonen respektieren und sich über die geltenden Regeln informieren. Informationen dazu gibt es in den Skitourenkarten oder in den SAC-Tourenführern.