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1985 Festschrift, Bern im 1. Weltkrieg - Kriegsgefangenenpost
100 Jahre Philatelisten-Verein Bern 1885 - 1985 (Festschrift, Original: Seiten 59-62)
Bern - im 1. Weltkrieg
Drehscheibe der Kriegsgefangenenpost der ganzen Welt
von Georges Schild
Es durfte heute nur noch wenigen Spezialisten geläufig sein, dass Bern im 1. Weltkrieg eine enorm wichtige Rolle im Brief- und Geldverkehr der Kriegsgefangenen in aller Welt spielte. Bereits kurz nach Ausbruch dieses Krieges am 1. August 1914 gelangte nämlich die Deutsche Reichspostverwaltung am 17. des gleichen Monats an die Schweizerische Oberpostdirektion mit der Anfrage, ob sie bereit wäre, sich der Korrespondenz der in deutsche Kriegsgefangenschaft geratenen Franzosen anzunehmen. Die Oberpostdirektion sagte sofort zu und bot ihrerseits ihre Dienste dem französischen Postministerium an, welches ohne Zögern annahm. Auch die österreichische, die ungarische sowie die italienische Postverwaltung erklärten sich mit der Vermittlung ihrer Kriegsgefangenenpost durch die Schweiz sofort einverstanden.
Im Laufe des Krieges kamen dann noch Grossbritannien, Bulgarien, die Türkei und die USA hinzu und tauschten ihre Kriegsgefangenenpost über die Schweiz aus.
Als Auswechslungsbüro für die Briefpost (wozu auch Pakete bis zu einem Gewicht von 1 kg gehörten) wurde das Postamt Bern-Transit bestimmt, während die Paketpost zunächst in Basel und Genf, später nur noch in Basel ausgetauscht wurde.
Die Kriegsgefangenenpost nahm sehr rasch einen so grossen Umfang an, dass die Räumlichkeiten des Postamtes Bern-Transit am Bollwerk nicht mehr ausreichten. Man suchte nach einer Lösung und fand sie, indem man die Kriegsgefanenenpost ganz einfach der Etappenfeldpost in Bern übertrug, welche ihren Standort in der Aula des Städtischen Gymnasiums an der Hodlerstrasse aufgeschlagen hatte. Diese Übertragung geschah jedoch ohne Wissen sowohl des Oberpostdirektors, noch des Feldpostdirektors, welch letzterer alles andere als erfreut war uber den unerwarteten Zuwachs seiner Dienste. Im Dezember 1914 mussten nämlich bereits 20 Personen allein zur Bewältigung dieser Aufgabe eingesetzt werden. Als dann Ende Dezember 1914 die Etappenfeldpost 4 in eine Sammelfeldpost 23 umgewandelt wurde, ging die Verarbeitung der Kriegsgefangenenpost wieder an die Zivilpost über, und zwar in den gleichen Räumen wie vorher, nämlich in der Aula an der Hodlerstrasse. Den Transport von und nach dem Bahnhof behielt die Feldpost jedoch bei, da die zivile Sammelpost nicht über die nötigen Transportmittel verfügte.
Die Arbeit im Auswechslungsbüro < Bern - Transit Kriegsgefangenenpost> war sehr aufwendig, da die Post sowohl aus Deutschland als auch aus Frankreich zunächst unausgeschieden eintraf und hier nach Lager, Strecken, Städten und Provinzen sortiert werden musste. Später gingen dann zuerst die deutschen Sammelstellen in Frankfurt a.M. und München dazu Über, wenigstens die Post an die deutschen Kriegsgefangenen in Frankreich nach Lagern geordnet nach Bern zu senden, welchem Verfahren sich im Laufe des Jahres 1915 auch die französische Sammelstelle in Besancon/Pontarlier für die Post der Franzosen in deutschen Lagern anschloss.
Auch wenn dadurch die Arbeit der Sammelstelle Bern-Transit fühlbar erleichtert wurde, so musste immer noch die gesamte Post von den Kriegsgefangenen an ihre Angehörigen nach Destinationen sortiert werden.
Während der Zeit ihres Bestehens fertigte <Bern-Transit Kriegsgefangenenpost> fast 550000000 Briefe, Postkarten und Pakete ab und trug das ihre dazu bei, dass die Verbindung zwischen den Kriegsgefangenen und ihren Angehörigen auch während dieser schweren Zeit in den Lagern aufrechterhalten blieb.
Weil die Schuldirektion in Bern die Turnhalle wieder benötigte, wurde die Kriegsgefangenenpoststelle anfangs Februar 1919 nach Basel 2 verlegt.
Von der Existenz der Postaustauschstelle Bern-Transit zeugen diverse Stempel, Leitvermerke und andere postalische Belege, von welchen hier einige als Beispiel wiedergegeben sind.
Zensurstempel aus Lagern in Deutschland mit Zusatz <via BERN-TRANSIT) (das F.a. im Stempel bedeutet <Frist abgelaufen>. Aus angeblichen Sicherheitsgründen hielt man die Post der Kriegsgefangenen 10 Tage im Lager zurück, bevor sie der Post übergeben wurde).
Datumstempel der Auswechslungsstelle BERN-TRANSIT Kriegsgefangenenpost. Mit diesem Stempel wurden später sehr viele philatelistischen Andenken fabriziert, wie z.B. Pro Juventute-Kehrdrucke etc.
Briefbundzettel der Schweiz. Postverwaltung für Bern-Transit. Die Briefe wurden in den Gefangenenlagern zensuriert.
Aber nicht nur im Briefverkehr nahm Bern eine wohl einmalige Stellung ein. Auch der postalische Geldverkehr der Kriegsgefangenen ging über Bern. Hier war die Oberpostkontrolle zuständig, die noch weit mehr Personal für diesen Dienst einsetzen musste als die Postverwaltung für den Briefpostverkehr: bis zu 200 Angestellte waren damit beschäftigt, die aus dem Ausland eingehenden Mandate für Kriegsgefangene umzurechnen und neu zu schreiben.
Da die Oberpostkontrolle in Bern bald einmal vollkommen überlastet war, wurde ein Teil dieser Arbeit an eine Basler Poststelle, das Mandattransitbureau, übertragen, welches rund 113 der Mandate behandelte. An beiden Umleitstellen zusammen wurden während des Krieges insgesamt rund 10265000 Mandate im Gesamtbetrag von 152300000 Fr. umgeschrieben und weiterbefördert.
Dass Bern neben diesen beiden offiziellen Diensten für die Kriegsgefangenen noch eine ganze Reihe weiterer offizieller, halboffizieller sowie privater Institutionen beherbergte, welche sich nicht nur der Gefangenen, sondern auch der vom Kriege betroffenen Zivilisten annahmen, sei hier nur am Rande erwähnt. Es wurde den Rahmen dieser Abhandlung sprengen.
Französisches Mandatsformular an der Oberpostkontrolle in Bern. Rückseitig war der Adressat angegeben.
Der überwiesene Betrag musste in der Empfangslandwährung umgerechnet und der Empfänger sowie der ursprüngliche Aufgeber eingetragen werden. Ein sehr kompliziertes Verfahren.