Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03168.jsonl.gz/2369

Mit Anthony de Jasay ist ein grosser Freiheitsdenker und Freiheitsfreund im Januar dieses Jahres gestorben – aber sein Werk wird bleiben. In den letzten Jahren war es stiller geworden um den aus Ungarn stammenden Privatgelehrten, der zusammen mit seiner Frau in der Normandie lebte. Gelegentlich trat er noch als Referent an Veranstaltungen auf, wo er – am Ende fast erblindet – ohne Manuskript originell und druckreif vortrug. Sein wichtigstes Buch «The State» (Oxford, 1985) ist auf Englisch vollständig online zugänglich und auf Deutsch als «Der Staat» seit 2018 in einer Übersetzung von Hardy Bouillon greifbar. Es analysiert den Konflikt zwischen Gesellschaft und Staat und erklärt die damit verknüpften Enttäuschungen und Frustrationen. Insgesamt ist es eine Aufforderung zur schonungslosen Staatskritik und zur Suche nach Alternativen zum etatistischen Totalitarismus einerseits und zur Anarchie anderseits, ohne «Dritte Wege» und ohne «faule Kompromisse». Es geht dem Autor weder darum, das letzte Wort zu diesem Thema zu haben, noch darum, die grösstmögliche Zustimmung zu provozieren. In seinem Gastland Frankreich blieb er damit ein Aussenseiter: Er haderte mit der vorherrschenden geometrisch-systematischen Denkweise, die überall nach Symmetrien sucht, also Zentralität und Gleichheit anstrebt.
Eine grosse Zahl seiner wissenschaftlichen Essays und Zeitungsartikel sind in den USA erschienen, in der Schweiz publizierte er in der «NZZ» und auch im «Schweizer Monat», die wichtigsten Texte wurden in Sammelbänden nachgedruckt, z.B. «Against Politics» (Routledge, 1997) und «Justice and Its Surroundings» (Indianapolis, 2002). De Jasays Belesenheit und seine Gabe, das klassische wissenschaftliche Erbe grosser Freiheitsdenker zu rezipieren, zu kritisieren und mit neuen Erkenntnissen und eigenen originellen Gedanken zu kombinieren, wird sein Markenzeichen bleiben. Vor allem seine Einwände gegen F.A. von Hayek, dem er als Staatsskeptiker zu viele Konzessionen an den wohlfahrtsstaatlichen Status quo vorgeworfen hat, zeigen, wie untauglich das Links-rechts-Schema ist, wenn es um eine grundsätzliche Kritik am staatlichen Zwang geht. Viel kennzeichnender für eine politische Grundhaltung wäre eine Unterscheidung zwischen Staatsgläubigen und Staatsskeptikern.
«Anthony de Jasay war nicht nur ein scharfer Denker,
sondern auch eine liebenswürdige Persönlichkeit.»
Anthony de Jasay war nicht nur ein scharfer Denker, sondern auch eine liebenswürdige Persönlichkeit, die alle ihre Freunde und Bekannten stets tief beeindruckt hat. Er war sich seiner bisher in akademischen Kreisen zu wenig anerkannten Bedeutung durchaus bewusst, aber er diskutierte seine von vielen als provokativ empfundenen Erkenntnisse mit Geduld und mit Einfühlungsvermögen und verteidigte sie erfolgreich gegen Kritik, die er stets als Bereicherung empfand. Er konnte in Diskussionen gut zuhören und fand stets den entscheidenden Moment, um mit einer Frage vom Unwesentlichen wieder auf das Wesentliche überzuleiten. Gegen die verbreitete Tendenz, Standpunkte durch die Wir-Form zu verallgemeinern, kämpfte er jeweils mit der Grundfrage: «But who is we?» Den Einwand, seine an der Spieltheorie und an der Kommunikationstheorie anknüpfenden Überlegungen seien nicht immer leicht verständlich, konterte er mit dem Hinweis, er schreibe doch, im Gegensatz zu vielen andern Theoretikern, Satz für Satz klar, allgemeinverständlich und nachvollziehbar.
De Jasay gehört zu den konsequenten zeitgenössischen Staatsskeptikern, aber seine Skepsis ist rational argumentierend und frei von blindem Staatshass. Die Voraussage, dass er in fernerer Zukunft von einem kreativ-dissidenten Aussenseiter zu einem Klassiker der Staatskritik avancieren wird, sei hier gewagt. Sein Werk bleibt aktuell, auch wenn der Autor nicht mehr unter uns weilt und offen und bereitwillig darüber diskutieren kann. Der Mensch und Freund Anthony de Jasay wird allen, die ihm begegnen durften, schmerzlich fehlen.