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Therese Giehse
Es ist der 15. Oktober 1974. Der Zuschauerraum des Berliner Ensembles in Ostberlin ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Im 2. Rang steht das Publikum. Die riesige Bühne ist leer. In ihrer Mitte ein Tisch und ein Stuhl. Sonst nichts. Eine kleine, doch schon alte Frau kommt mit kurzen Schritten auf die Bühne, setzt sich und beginnt zu lesen. Texte von Brecht. Leise, aber mit klarer Stimme. Die Giehse. Im Zuschauerraum ist auch nicht das kleinste Rascheln oder Räuspern zu hören. Nach fast zwei Stunden steht die Giehse auf, verbeugt sich, nimmt knapp die Ovationen des Publikums entgegen und geht… Es ist ihr letzter Auftritt auf dieser Bühne, mit deren Gründer Bertolt Brecht sie eng befreundet war. Kurze Zeit danach stirbt die 73 jährige Therese Giehse nach einer Augenoperation.
Beerdigt wird sie auf dem Friedhof Fluntern.
Drei Städte sind es, mit denen die grosse Schauspielerin besonders verbunden war: Ihre Geburtsstadt München, Berlin und Zürich.
Zu Zürich hatte Therese Giehse eine ganz besondere Beziehung. Zuerst während ihrer Emigrationszeit von 1933 bis 1945. Was wäre die «Pfeffermühle» ohne die Giehse gewesen und was das Schauspielhaus? Unzählige Rollen verkörperte sie auf der Pfauenbühne. Sie war die «Mutter Courage» in der Uraufführung von Brechts Stück 1944. In jener Zeit wohnte Therese Giehse in Fluntern. In der Pension von Fräulein Wachs in der Plattenstrasse 33. Heute befindet sich dort die Steinerschule. Nach dem 2. Weltkrieg spielte die Giehse wieder in München und in Berlin.
Zürich blieb sie aber immer treu.
Zu Friedrich Dürrenmatt entwickelte sich eine freundschaftliche Beziehung. Da war es fast selbstverständlich, dass Therese Giehse die Claire Zachanassian in der Uraufführung «Der Besuch der alten Dame» 1956 am Schauspielhaus spielte.
Im Juli 1961 besuchte sie Dürrenmatt in dessen Haus in Neuchâtel. Der gab ihr sein neuestes Stück zu lesen. «Die Physiker». Giehses Kommentar: «Die beste Rolle ist der Zahnd, der Irrenarzt.» Dürrenmatt hörte genau zu und aus dem Herrn Dr. Zahnd wurde die Frau Dr. Mathilde Zahnd. Natürlich spielte sie die Giehse in der Uraufführung 1962 am Schauspielhaus. Noch heute werden die Darstellerinnen dieser Rolle an der Leistung der Giehse gemessen.
Den Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze
Im Juni 2010 wurde Peter Stein der Preis der Zürcher Festwochen verliehen. In seiner Dankesrede erwähnte Peter Stein auch seine Arbeit an der Berliner Schaubühne. Therese Giese, die den jungen Peter Stein sehr mochte, hatte damals versprochen, ihn beim Start der Schaubühne zu unterstützen. Sie übernahm 1971 die Titelrolle von Gorkis «Mutter». Und zwar zu einer Gage, die sie an ihre Zeit am Schauspielhaus zwischen 1933 und 1945 erinnert haben dürfte. Die Aufführung wurde dank ihrer Leistung ein sensationeller Erfolg. Die Schaubühne war auf einen Schlag in der europäischen Theaterszene etabliert.
Das zu erwähnen, vergass Peter Stein in seiner Rede 2010.
«Der Mimin flicht die Nachwelt keine Kränze?» Nicht ganz. Wer auf dem Friedhof Fluntern die letzte Ruhestätte der Therese Giehse besucht, wird auf dem schlichten Grabmal immer wieder Steine finden – nach jüdischem Brauch zur Erinnerung und zum Gedenken.
Martin Kreutzberg