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Erste Gesundheitsligen entstehen an der Wende zum 20. Jahrhundert. Sie setzen sich für die Bekämpfung von Krankheiten, die Betreuung von Patientinnen und Patienten und die Förderung von Forschung und Prävention ein.
Die Hygiene-Bewegung vereinte im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert verschiedene Bestrebungen für gesunde Lebensbedingungen und gesunde Lebensführung. An ihrem Ursprung standen einerseits sozialpolitische Klagen über hygienische Missstände, die sich in dicht besiedelten Arbeiterquartieren der europäischen Industriezentren manifestierten. Andererseits trugen auch wissenschaftliche Erkenntnisse zur Übertragbarkeit von Krankheiten wie Cholera oder Typhus dazu bei, dass sich Naturwissenschaftler, Mediziner und Politiker der Förderung von Hygiene widmeten und zunehmend gesellschaftliches Gehör fanden. Entsprechende Postulate wurden bald von gemeinnützigen Vereinen unterstützt – den Gesundheitsligen –, welche übertragbare Krankheiten und den Alkoholkonsum bekämpften sowie den Betroffenen halfen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts widmeten sie sich zudem der Förderung von präventiven Massnahmen gegen Sucht und Krankheiten. Die Gesundheitsligen arbeiteten mit lokalen, kantonalen und nationalen Behörden zusammen und erhielten teilweise staatliche Subventionen. Sie finanzieren sich hauptsächlich über Spendengelder.
Bekämpfung des Alkoholkonsums
Im 19. Jahrhundert setzten sich zahlreiche Initiativen für eine Mässigung des Alkoholkonsums ein. Seit den 1880er-Jahren entstanden Organisationen, die den Schnapskonsum der Arbeiterschichten mit der Verbreitung des Abstinenzgedankens verringern wollten. Als weniger grosses Problem wurde hingegen der bürgerliche Konsum von Wein angeschaut. Sie setzten dabei auf Informationskampagnen und auf gesetzliche Massnahmen wie die Beschränkung des Alkoholhandels mittels Besteuerung oder Verboten (Absinth-Verbot von 1908 bis 2005). Zu nennen sind etwa das Blaue Kreuz (1877), der Alkoholgegner-Bund (1890), die Guttempler (1892), die Katholische Abstinenten-Liga (1895), der Sozialistische Abstinentenbund (1900) und der Schweizerische Bund abstinenter Frauen (1902). Obwohl die Abstinenz-Bewegung im engeren Sinn nach dem Ersten Weltkrieg an Bedeutung verlor, blieben zahlreiche Anti-Alkohol-Organisationen weiterhin aktiv. Sie erweiterten in den 1970er-Jahren ihr Interventionsfeld auf Rauschgifte und legten den Fokus auf die Suchtprävention und die Beratung der Betroffenen.
Entstehung der ersten Gesundheitsligen
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übernahmen die Gesundheitsligen vorwiegend Aufgaben, die ausserhalb des Gesundheitssystems lagen. 1903 wurde die Zentralkommission gegen Tuberkulose gegründet, um regionale Tuberkuloseligen zu koordinieren und die Gründung weiterer Vereine und Heilstätten zu fördern. Nach dem Ersten Weltkrieg schlossen sich die Tuberkuloseligen zur Schweizerischen Vereinigung gegen die Tuberkulose und Lungenkrankheiten zusammen. 1907 wurde in Genf die Société de la lutte contre le cancer ins Leben gerufen und drei Jahre später mit der Schweizerischen Vereinigung gegen Krebsbekämpfung schweizweit vernetzt. Während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts befasste sich die von Ärzten dominierte Vereinigung vor allem mit der Förderung der Krebsforschung und dem wissenschaftlichen Austausch über Heilmethoden.
Entwicklung der Gesundheitsligen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert
Mit dem Ausbau des nationalen Gesundheitssystems positionierten sich die Gesundheitsligen als Vermittler zwischen Patienten, Spitälern und den sozialen Sicherungssystemen. Erfolge mit Prävention sowie neue Heilmethoden mit Antibiotika bewirkten ab den 1940er-Jahren einen starken Rückgang der Tuberkuloseerkrankungen. In der Folge wurden die meisten Sanatorien geschlossen. Die Tuberkuloseliga richtete ihre Tätigkeit deshalb zunehmend auf andere Lungenkrankheiten wie Asthma aus und änderte 1997 ihren Namen auf Lungenliga Schweiz. Seit den 1950er-Jahren erreichte auch die Krebsbekämpfung eine breitere Öffentlichkeit. In den Kantonen wurden Krebsligen gründet, welche die Betroffenen aufklärten und in juristischer, versicherungstechnischer und finanzieller Hinsicht unterstützten. Zunehmendes Gewicht erhielt auch die Krebsprävention und die Unterstützung der Angehörigen von Krebskranken. 1967 schlossen sich die kantonalen Ligen zur Schweizerischen Krebsliga zusammen.
Ebenfalls in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden in Genf, Basel und Zürich erste kantonale Rheumaligen, die 1958 gemeinsam die Schweizerische Rheumaliga gründeten. Sie widmeten sich der Forschungsförderung, Aufklärung, Prävention und Beratung von Betroffenen und Angehörigen. Ab den 1960er-Jahren erhielt die Rheumaliga Bundesbeiträge und führte nationale Spendenaktionen durch. Zudem entstanden in ihrem Umfeld Organisationen, mit denen sich Patienten bestimmter rheumatischer Krankheiten für ihre Anliegen einsetzten.
Im Jahr 1971 rief die Mehrheit der Gesundheitsligen den Dachverband „Schweizerische Gesundheitsligen-Konferenz“ (GELIKO) ins Leben, der sich in der Gesundheits- und Sozialpolitik für die Interessen von Menschen mit chronischen Krankheiten einsetzt. Die GELIKO befürwortete unter anderem die Revision des Krankenversicherungs-gesetzes von 1994 (Einführung des Krankenversicherungsobligatoriums) sowie die Vorlage für eine verstärkte Steuerung des Gesundheitswesens (Managed care), die 2012 an der Urne scheiterte.
Literatur / Bibliographie / Bibliografia / References: Kauz, Daniel (2010), Vom Tabu zum Thema? 100 Jahre Krebsbekämpfung in der Schweiz 1910–2010, Bern/Basel; Juri Auderset, Peter Moser (2016): Rausch und Ordnung. Eine illustrierte Geschichte der Alkoholfrage, der schweizerischen Alkoholpolitik und der Eidgenössischen Alkoholverwaltung 1887-2015, Bern; HLS / DHS / DSS: Hygiene, Abstinenzbewegung, Tuberkulose, Krebsliga Schweiz, Rheumaliga Schweiz.
(12/2016)