Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03589.jsonl.gz/903

Cosimo Sandre
Unzulässige WC-Spülventile
Sanitärfachpersonen erkundigen sich vermehrt beim SVGW über die Zulässigkeit von WC-Spülventilen, die in Schweizer Baumärkten angeboten werden. Gemäss Richtlinie W3 sind Spülventile nur für Urinoiranlagen zugelassen, und es müssen WC-Anlagen mit Spülkästen ausgestattet sein. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass WC-Spülventile überhaupt nicht zulässig sind.
Je nach Zeitepoche haben die Menschen unterschiedliche Massnahmen getroffen, um das kleine und grosse Geschäft zu verrichten und insbesondere zu entsorgen. Interessant dabei ist, dass es die Toiletten mit Wasserspülung nicht erst seit Beginn des Industriezeitalters gibt. Archäologische Ausgrabungen in Mohenjo-Daro im heutigen Pakistan zeigen, dass bereits 4000 bis 3000 v. Chr. Städte mit Wohn- und Badeanlagen errichtet wurden. Die Bäder und Toiletten lagen meist an der Aussenwand der Gebäude und waren mit einem gemauerten Entwässerungssystem verbunden (vgl. Abb.2).
Toiletten mit Wasserspülung …
… sind auch aus anderen Kulturen bekannt wie bei den Sumerern, Assyrern und Babyloniern oder bei den alten Ägyptern.
Lange vor den Griechen und Römern blühte auf der heutigen Insel Kreta von 3000 bis 1450 v. Chr die minoische Kultur. Ausgrabungen in der Palastanlage in Knossos brachten ebenfalls eine Toilette mit Wasserspülung und Abwasserkanäle zu Tage.
Bei den Römern erlangte die Badekultur einen Höhepunkt. Öffentliche Toilettenhäuser verfügten über mehrere nebeneinander angeordneten Sitz-Toiletten (vgl. Abb.3), unter denen ein Abwasserkanal mit ständig fliessendem Wasser angelegt war.
Im Mittelalter …
… trat die Badekultur in den Hintergrund. In den Städten wurde das kleine und grosse Geschäft in (Nacht)Töpfen verrichtet und der Inhalt schlimmstenfalls aus dem Fenster auf die Strasse gekippt. In Burgen und Klöstern gab es Erker mit Plumpsklos, die an den Aussenfassaden eingelassen waren (vgl. Abb.4).
Neuzeit
Im Jahr 1596 erfand Sir John Harington das erste Wasserklosett der Neuzeit. Seine Erfindung geriet aber in Vergessenheit. Erst 1775 wurde die Idee durch den schottischen Uhrmacher Alexander Cumming wieder aufgenommen und das Patent für ein «Water-Closet» angemeldet (vgl. Abb. 5).
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden in den Schweizer Städten die ersten Wasserversorgungen gebaut. Einige Jahre später entstanden in der Schweiz auch die ersten Kanalisationssysteme.
Spülkasten
Spülkästen werden in der Schweiz seit Anfang der 1900-er Jahre installiert. Zu Beginn bestanden die Spülkäste von der Firma Geberit aus Holz, die innen mit Blei ausgeschlagen waren (vgl. Abb. 1). Im Jahr 1952 kamen die ersten Spülkäste aus Kunststoff auf den Markt.
Geberit Holzspülkasten von 1905.
Das kleine und grosse Geschäft im Wandel der Zeit: Entwässerungskanal Mohenjo-Daro.
Beispiel Öffentliche Sitz-Toiletten im alten Rom.
Beispiel eines Erkers …
… mit Plumpsklo.
SVGW-Leitsätze W3-Ausgabe 1960
Gemäss den SVGW-Leitsätzen Ausgabe 1960 durften die WC-Anlagen mit Spülkasten oder mit Spülventilen ausgestattet sein. Für die Rohrweitenbestimmung musste ein Schwimmerventil 3/8’’, das mit einer Düse von 3 mm ausgestattet war, mit einer ½-Einheit belastet werden. Eine Einheit entsprach damals 10 l/min, sodass eine ½-Einheit in etwa vergleichbar ist mit einem heutigen 1 LU-Wert (6 l/min).
Bei Verwendung eines WC-Spülventils wurde hingegen ein Mindestanschluss 3/4’’ gefordert. Für die Rohrweitenbestimmung musste ein WC-Spülventil 3/4’’ mit 6 Einheiten belastet werden, was seinerzeit 60 l/min entsprach.
SVGW-Leitsätze W3-Ausgabe 1976
Anlässlich der Revision von 1976 wurden die WC-Spülventile aus den Leitsätzen gestrichen und nur noch die Schwimmerventile 3/8’’ mit Spülkasten erlaubt.
Vorteil WC-Spülkasten
Der grosse Vorteil bei einem WC-Spülkasten besteht darin, dass das Schwimmerventil bei dem zur Verfügung stehenden Fliessdruck mit einem mittleren Durchfluss von rund 0,1 l/s (6 l/min) den Spülkasten langsam über einen Zeitraum von rund 60 Sekunden füllt. Durch den geringen Durchfluss resultiert unter Berücksichtigung der Gleichzeitigkeit ein geringer Spitzendurchfluss in der Gebäude-Trinkwasserinstallation. Die Gruppen-Wasserzähler, die Keller- und Steigleitungen sowie der Hauptwasserzähler und die Hausanschlussleitung können mit kleineren Rohrweiten ausgeführt werden.
Das Spülen der in der WC-Schüssel sich befindenden Feststoffe erfolgt, in Abhängigkeit vom Verkalkungsgrad der WC-Schüssel, in rund 3 Sekunden. Bei einem Spülkasten mit einem Volumen von 6 Litern entspricht dies einer Spülleistung von 2 l/s (120 l/min). Das Auslösen des Spülvorgangs bewirkt durch das schnelle Entleeren des Spülkastens eine Stoss-Spülung, welche die Feststoffe wegschwemmt. Durch das Absenken des Schwimmkörpers öffnet das Schwimmerventil, das langsam den Spülkasten wieder nachfüllt. Mit einem Durchfluss von 0,1 l/s (6 l/min) ist die Belastung der Gebäude-Trinkwasserinstallation sehr gering.
Nachteil WC-Spülventil
Entsprechend dem zur Verfügung stehenden Fliessdruck weisen aktuelle WC-Spülventile 3/4’’ einen mittleren Durchfluss von rund 1 l/s (60 l/min). Die kurzzeitige Spülleistung ist dabei 2-mal geringer als bei einer Stoss-Spülung mit Spülkasten. Zudem ist beim Auslösen des Spülvorgans die Belastung der Trinkwasserinstallation mit 1 l/s sehr hoch. Würden in einem Gebäude alle WC-Anlagen mit WC-Spülventilen ausgestattet werden, dann müssten, selbst unter Berücksichtigung der Gleichzeitigkeit, viel grössere Gruppen-Wasserzähler, grössere Rohrweiten in den Keller- und Steigleitungen sowie viel grössere Hauptwasserzähler und eine viel grössere Hausanschlussleitung geplant und installiert werden.
Nicht nur wegen des grösseren Spitzendurchflusses, sondern auch wegen des grösseren Wasserverbrauches sind WC-Spülventile in Schweizer Trinkwasserinstallationen nicht zulässig.
Weitere Informationen:
www.svgw.ch