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Die Internierung der französischen Bourbaki-Armee in der Schweiz
Am 1. Februar 1871 wurde die französische Ostarmee, die unter dem Kommando von General Charles-Denis Bourbaki stand, in der Schweiz interniert. Dieses Ereignis war nicht nur ein Meilenstein in der Geschichte der schweizerischen Neutralitätspolitik, sondern auch ein wichtiger Schritt in der Entwicklung der Rotkreuzbewegung. Denn der Deutsch-Französische Krieg von 1870 bis 1871 löste auf internationaler Ebene eine grosse Solidaritätswelle aus, an der sich auch das Schweizerische Rote Kreuz beteiligte. Dieses war erst vier Jahre zuvor unter der Bezeichnung Hülfsverein für schweizerische Wehrmänner und deren Familien gegründet worden. Zusammen mit elf weiteren Rotkreuzgesellschaften von neutralen oder nicht am Konflikt beteiligten Staaten überzeugte der Hülfsverein die Öffentlichkeit von seinem Nutzen.
Erster Einsatz des SRK ausserhalb der Landesgrenzen
Das Schweizerische Rote Kreuz verfolgte die Ziele gemäss seinem Auftrag: «Zweck des Vereins ist sowohl Mitwirkung zum Sanitätsdienste des schweizerischen Heeres, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, als Fürsorge für die Familien der einberufenen Wehrmänner im Kriegsfalle.» Doch der Hülfsverein beschränkte seine Tätigkeit nicht auf die Schweiz, sondern bot seiner französischen und seiner deutschen Schwestergesellschaft Hilfe an und entsandte Sanitätspersonal und material auf die Schlachtfelder: Schweizer Ärzte, Sanitäter und Ordensschwestern kümmerten sich um die verwundeten Soldaten in den Lazaretten und Feldspitälern der beiden kriegführenden Armeen. Gleichzeitig organisierten die kantonalen Delegierten öffentliche Sammelaktionen. Die Bar- und Sachspenden wurden an die verwundeten Soldaten beider Konfliktparteien, an die Schweizer Kolonie in Paris sowie an Zivilpersonen verteilt, die aus der Stadt Strassburg evakuiert worden waren. In diesem Rahmen fanden einige Tausend Menschen aus dem benachbarten Elsass Zuflucht in der Schweiz.
Die Internierung der Bourbaki-Armee in der Schweiz war die bedeutendste Episode im Rahmen des humanitären Engagements unseres Landes während des Deutsch-Französischen Kriegs. In diesem Konflikt wendete sich das Blatt schon bald gegen Frankreich. Die militärischen Niederlagen der französischen Armee beschleunigten den Zusammenbruch des Zweiten Kaiserreichs. Am 2. September 1870 kapitulierte Kaiser Napoleon III. in Sedan. Nachdem Paris während über vier Monaten belagert worden war, ergab sich die französische Hauptstadt am 28. Januar 1871 den Preussen. In Versailles wurde ein Waffenstillstand unterzeichnet, der zur Einstellung der Kampfhandlungen an allen Fronten führte. Davon ausgenommen war einzig die französische Ostarmee.
Diese in aller Eile aufgestellte Provinzarmee hatte den Auftrag, eine letzte Gegenoffensive durch die Franche-Comté zu starten. Sie sollte die ostfranzösische Stadt Belfort befreien und den Krieg nach Deutschland tragen. Als die Ostarmee in der Nähe von Héricourt von den Deutschen geschlagen und am Jurafuss in die Zange genommen wurde, zog sie sich nach Besançon und Pontarlier zurück. Den desorganisierten, erschöpften, vom Nachschub abgeschnittenen Truppen machte die Januarkälte schwer zu schaffen. Schliesslich blieb nichts anderes übrig, als um die Internierung in der Schweiz zu ersuchen.
Aufnahme von über 87'000 französischen Soldaten
Am 1. Februar 1871 unterzeichneten der Oberbefehlshaber der Schweizer Armee, der Aargauer General Hans Herzog, und der französische General Justin Clinchant als Stellvertreter von General Bourbaki in Les Verrières eine Internierungsvereinbarung. Gemäss diesem Abkommen wurden die französischen Soldaten in der Schweiz aufgenommen, nachdem sie ihre Waffen abgegeben hatten. Die unmittelbar betroffenen Neuenburger und Waadtländer Sektionen des Schweizerischen Roten Kreuzes leisteten Nothilfe für die 87'847 Soldaten, die im Jura an den Grenzübergängen Les Verrières, Vallorbe und Jougne in die Schweiz strömten.
Von den zahlreichen Kranken und Verwundeten wurden rund 5000 Mann unverzüglich in verschiedene Spitäler gebracht. Die übrigen französischen Wehrmänner wurden in 188 Orten in allen Landesteilen – mit Ausnahme des Tessins – interniert und dort von den zuständigen kantonalen Sektionen betreut. Während sechs Wochen sorgte die Schweizer Bevölkerung für die nötige Pflege und Unterstützung: warme Mahlzeiten, Einrichtung von Lazaretten, Unterbringung in öffentlichen Einrichtungen, Verteilung von Lebensmitteln, Kleidern, Brennholz usw.
Die Geburtsstunde der «humanitären Schweiz»
Die Internierung der französischen Soldaten war auch ein ergiebiges Thema für das nationale Gedächtnis: Künstler und Schriftsteller setzten sich damit auseinander und stellten den erbärmlichen Zustand der völlig erschöpften Soldaten dar, um die sich die hilfsbereite Schweizer Bevölkerung kümmerte. Der Neuenburger Maler Auguste Bachelin und sein Berner Kollege Albert Anker, die beide eine Ausbildung im Pariser Atelier von Charles Gleyre durchlaufen hatten, hielten Szenen mit Bourbaki-Soldaten in der Schweiz auf der Leinwand fest. Dieses rege kulturelle Schaffen fand seinen Höhepunkt im berühmten Bourbaki-Panorama in Luzern, das vom Genfer Maler Edouard Castres angefertigt wurde. Als freiwilliger Sanitäter beim Französischen Roten Kreuz hatte Castres den katastrophalen Rückzug der französischen Ostarmee und den Übertritt der Soldaten in die Schweiz bei Les Verrières mit eigenen Augen erlebt. Das Bourbaki-Panorama ist ein bewegendes Zeugnis des Leids, das durch diesen Krieg verursacht wurde. Es würdigt den ersten Grosseinsatz in der Geschichte des Schweizerischen Roten Kreuzes und preist das Ideal einer neutralen und humanitären Schweiz.