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Im Jahr 1932 beschrieb der Schriftsteller Aldous Huxley in «Schöne neue Welt» das Kindermachen so: Ein geschulter Fertilisator bringt Eizellen und Spermien in einer «temperierten Nährbouillon» zusammen. «Eine nach der anderen wurden die befruchteten Eizellen aus ihren Reagenzröhrchen in die grösseren Ballonflaschen transferiert; der Bauchfellnährboden wurde rasch angeritzt, die Morula eingeführt, die Salzlösung eingefüllt … und schon war die Flasche vorübergezogen.» Dann kommen die Brutgefässe in ein Regal, nach 38 Wochen wird das Kind «dekantiert».
Bis Kinder aus Brütern schlüpfen, wird es zwar noch lange dauern. Aber Mann und Frau braucht man bald nicht mehr unbedingt, um Nachwuchs zu zeugen. Wenn die Forschung voranschreitet wie in den letzten Jahren, können Männer mit Männern Nachwuchs zeugen, Frauen mit Frauen, zur Not geht es auch ganz allein.
Als Huxley sein Buch schrieb, konnte er die heutigen Möglichkeiten nicht einmal erahnen. Der genetische Code war noch nicht entschlüsselt, es gab keine geklonten Lebewesen, die Gentechnik wurde mehr als vierzig Jahre später erfunden, und das erste Kind, das in einem Reagenzglas gezeugt worden war, kam erst am 25. Juli 1978 auf die Welt, fünfzehn Jahre nach Huxleys Tod.
Louise Brown ist der erste Mensch, der per In-vitro-Fertilisation (IVF) gezeugt wurde. Der erste Mensch, dessen Eltern keinen Geschlechtsverkehr haben mussten, um einen Nachfahren zu bekommen, der ihre eigenen Erbanlagen in sich trägt. Ende der 1970er Jahre war das eine Sensation und ein Schock. Die Geburt wurde von ein Kamerateam begleitet, wochenlang war die kleine Louise in den Schlagzeilen, ihre Zeugung wurde mit alchimistischen Experimenten verglichen, mit der Erschaffung eines Homunculus, ein Erzbischof entdeckte darin das Werk des Teufels.
Heute leben nach Schätzung der Europäischen Gesellschaft für menschliche Reproduktion und Embryologie weltweit sechseinhalb Millionen Menschen, die so wie Louise Brown gezeugt wurden: in einem Labor, in dem ein Embryologe Eizellen und Spermien miteinander verschmolzen hat.
Diese Zahl wird dramatisch zunehmen, prophezeit der Jurist und Bioethiker Henry Greely von der kalifornischen Stanford University. Den Grund dafür sieht er in besseren technologischen Möglichkeiten. Er erwartet, dass Menschen, die eine gute Krankenversicherung haben, in den nächsten zwanzig bis vierzig Jahren den Sex zum Zweck der Fortpflanzung grösstenteils einstellen werden. «Anstatt im Bett werden Kinder in der Klinik gezeugt», schreibt Greely in seinem Buch «The End of Sex».
Als Motor hinter dieser Entwicklung sieht Greely den Wunsch der zukünftigen Eltern, gesunden Nachwuchs zu bekommen. Deshalb der Umweg über das Labor, wo die Embryonen nur wenige Tage nach dem Verschmelzen von Spermium und Eizelle auf Erbleiden untersucht werden können. Aus Hunderten Embryonen suchen die Eltern einen oder zwei aus, die Eigenschaften tragen, die sie sich bei ihren Kindern wünschen. Nur diese werden dann in die Gebärmutter gespült und ausgetragen. «Und das Verfahren wird sicher sein, legal und kostenlos», glaubt Greely.
Damit es so kommt, müssen laut Greely im wesentlichen nur zwei Voraussetzungen erfüllt sein: Die genetische Analyse muss sich deutlich verbessern, sie muss schneller werden und noch billiger. Und es braucht einen unbeschränkten Vorrat von Eizellen. Beides scheint heute bereits in greifbarer Nähe zu sein.
Es dauerte gut ein Jahrzehnt, bis 2001 erstmals alle drei Milliarden Erbgutbausteine eines menschlichen Genoms entziffert waren. Das Projekt verschlang 2,7 Milliarden Dollar. Heute braucht man für ein solches Vorhaben einen Tag und 1000 Dollar. Es zeichnet sich ab, dass sich die Analyse weiter beschleunigen lässt und dass der Preis schon bald auf unter 100 Dollar sinken wird.
Aus der Stammzellforschung kommt die Lösung für das zweite Problem. 2012 fanden japanische Zellbiologen einen Weg, Eizellen in unbeschränkten Mengen herzustellen. Sie verwandeln dazu normales Gewebe durch einen bio- chemischen Prozess in diese besonderen Geschlechtszellen. Heute müssen sich Frauen noch wochenlang Hormone spritzen, die bewirken, dass mehr als eine Eizelle pro Monat heranreift. Die Ei-Ernte saugt dann ein Reproduktionsmediziner mit einer langen Nadel aus den Eierstöcken ab. Mit etwas Glück schauen etwa ein Dutzend Eizellen für die In-vitro-Befruchtung heraus.
Ein schier unbegrenzter Vorrat an Eizellen lässt sich durch die biochemische Reprogrammierung etwa von Hautzellen des Körpers anlegen. Dass dies prinzipiell funktioniert, zeigte das japanische Forscherteam zunächst bei Mäusen. Sie verwendeten Gewebeproben der Labortiere, um daraus Stammzellen herzustellen, die in ihren Eigenschaften solchen Zellen ähneln, die man auch aus Embryonen gewinnen kann – verwandelbar in praktisch jeden Zelltyp des Körpers. Sie programmierten diese Universalzellen so um, dass sie sich in Eizellen verwandelten, die sich mit Mäusespermien befruchten liessen und gesunde Nachkommen hervorbrachten.
Inzwischen beherrschen viele Forschergruppen die Tricks, um Körperzellen in Eizellen oder Spermien zu verwandeln. Das funktioniert auch bereits mit menschlichem Gewebe, aber noch nicht sicher genug, um kinderlosen Paaren auf diesem Weg zu helfen. Sobald das klappt, wird die Technik aber natürlich nicht nur Paaren zur Verfügung stehen, bei denen der Mann keine Samen- oder die Frau keine Eizellen produzieren kann, sondern auch gleichgeschlechtlichen Paaren.
Sogar ein Elternteil allein kann ein eigenes Kind bekommen – durch in vitro hergestellte Zellen, die zum eigenen Geschlecht komplementär sind. Kinder mit mehr als zwei biologischen Eltern sind ebenfalls möglich: Zwei geben ihre Zellen, um einen Embryo zu erzeugen, dessen Stammzellen in Keimzellen verwandelt werden, die das Geschlecht des dritten Elternteils komplementieren.
Männer tragen in ihren Erbanlagen als Mitgift ihrer Mutter alle notwendigen Informationen, um Eizellen zu bilden. Man könnte also einem der Partner Hautzellen entnehmen, sie zu Eizellen umprogrammieren, mit Spermien des anderen Partners befruchten und den Embryo von einer Leihmutter austragen lassen. Lesbische Paare haben das Problem der Leihmutterschaft zwar nicht, doch fehlen Frauen jene Gene, die zur Bildung von Spermien notwendig sind.
Um die Eizelle der einen Frau mit einem Pseudospermium der anderen zu befruchten, braucht es noch einige Umwege oder einen Eingriff, mit dem die notwendigen Gene ins Erbgut von Zellen der zweiten Frau eingebaut werden. Sollten die beiden Frauen unbedingt einen Sohn haben wollen, würde ein noch aufwendigerer Eingriff nötig. Man müsste versuchen, ein ganzes Y-Chromosom, das die männlichen Erbanlagen trägt, von einer Zelle eines Mannes in eine Zelle einer der beiden zukünftigen Mütter zu transplantieren.
Solche genchirurgischen Eingriffe erscheinen heute zwar wissenschaftlich plausibel und technisch irgendwann auch machbar, aber vom klinischen Alltag sind sie noch mindestens genauso weit entfernt wie eine künstliche Gebärmutter, mit der auch schwule Paare ohne Hilfe einer Frau ein eigenes Kind zur Welt bringen könnten.
Doch Greely ist sich sicher, dass es so kommen wird. Vor allem weil er davon ausgeht, dass Genanalyse und Stammzellforschung grosse Fortschritte machen werden – unabhängig davon, wie sie in der Reproduktionsmedizin genutzt werden. Die «einfache Präimplantationsdiagnostik», die Greely vorschwebt, wird demnach ein Nebenprodukt sein. Die Entwicklung wird ohnehin stattfinden, sie wird von der Grundlagenforschung zur Heilung von Krankheiten angetrieben.
Zusätzlich wirken auch die Kräfte der Marktwirtschaft: Tausende kinderlose Paare sind eine interessante Klientel für die Pharma- und Biotechindustrie und all die Unternehmen, die schon heute vom Kinderwunsch des Menschen profitieren, etwa durch den Verkauf von Hormonen, die Frauen zur Vorbereitung einer künstlichen Befruchtung spritzen und schlucken müssen.
Dass viele Menschen diese Entwicklung verurteilen werden, ist abzusehen. Doch der Kinderwunsch wird sich als stärker erweisen als die Vorbehalte. Schon die Eltern des ersten IVF-Kindes, Louise Brown, liessen sich durch die öffentliche Ablehnung nicht abhalten. Und selbst wenn ein Land die neuen Verfahren tatsächlich verbieten sollte: Es gibt für Reproduktionsmedizin keine Grenzen. Bereits heute zieht es Paare mit Kinderwunsch in fremde Länder, wenn dort Methoden erlaubt sind, die in ihrer Heimat verboten sind.
Die Missbrauchsmöglichkeiten dieser neuen Art des Kinderkriegens sind nicht abzuschätzen. Inzest ist denkbar, Kinder könnten als Zellspender verwendet werden, was die Frage der Elternschaft auf neue Weise stellt. Man könnte aus gestohlenen Zellen Menschen machen. Es könnte ein Schwarzmarkt für Gewebeproben von Prominenten entstehen. Die Präimplantationsdiagnostik könnte man nutzen, um nicht nur schwere Krankheiten zu verhindern, sondern auch schiefe Nasen, grosse Füsse oder andere unerwünschte Merkmale.
Wahrscheinlich ist es deshalb gut, dass es diese Möglichkeiten erst in Jahren oder Jahrzehnten geben wird. Genug Zeit, um sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass es neue Familienkonstellationen gibt. Und Zeit, um die nötige Reife zu entwickeln, damit nicht alles gemacht wird, was gemacht werden kann. Damit die neuen Menschenkinder eines Tages freundlicher begrüsst werden als Louise Brown im Jahr 1978.
Hanno Charisius ist freier Journalist; er lebt in München.