Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03303.jsonl.gz/1641

| Chrysostomus († 407) - Briefe an Olympias und Papst Innocentius

An OlympiasEinleitung
1.
Die heilige Diakonissin Olympias, an welche die folgenden siebenzehn Briefe gerichtet sind, wird uns als eine in jeder Beziehung hervorragende Persönlichkeit geschildert. Die war aus edlem Geschlecht, Enkelin des Ablavius, Obersten der kaiserlichen Leibwache unter Constantin dem Großen. Nachdem sie schon in früher Kindheit ihre noch heidnischen Eltern verloren, hatte sie das Glück, daß die fromme Theodosia, Schwester des heiligen Amphilochus, sich ihrer mütterlich annahm. Als Erbin unermeßlicher Reichthümer, als vielbewunderte Schönheit, und zugleich geschmückt mit den herrlichsten Vorzügen des Herzens und des Geistes, ward sie schon in zarter Jugend von Männern zur Ehe begehrt. Etwa 16 Jahre alt (um 384), heirathete sie den jungen Nebridius, Präfekt von Konstantinopel. Nur kurze Zeit dauerte dieser glückliche Bund; ihr Gemahl starb schon nach 20 Monaten. Kaiser Theodosius maßte sich das Recht an, über Herz und Hand der jungen Wittwe zu verfügen; er verlangte, sie solle sich mit seinem verwandten und Günstling Elpidius vermählen. Olympias weigerte sich entschieden. Sie hatte schon beschlossen, im Wittwenstande zu verharren und ein gottseliges Leben zu führen. „Wenn Gott mich für den Ehestand bestimmt hätte,“ schrieb sie an den Kaiser, „so würde er [S. 462] den Mann, den ich liebte, nicht von dieser Erde abberufen haben. Weil er wußte, daß ich für die Ehe nicht geeignet bin, darum hat er mir das süße Joch der Enthaltsamkeit aufgelegt.“ Theodosius zürnte, und um sie gefügiger zu machen, belegte er ihr Vermögen mit Beschlag und gab es dem Stadtpräfekten in Verwaltung, bis sie das dreissigste Jahr erreicht haben würde. Olympias dankte ihm dafür. Der Präfekt schränkte ihre Freiheit sehr ein, daß sie nicht einmal die Kirchen besuchen konnte. Doch erhielt sie ihr Vermögen vor der bestimmten Frist, als sie nämlich 23 Jahre alt war, wieder zurück.
Für sich selbst brauchte sie davon nicht mehr als die geringste Magd. Sie vereinigte einige gottgeweihte Jungfrauen zu einer Art klösterlicher Genossenschaft, und führte mit diesen ein Leben der strengsten Entsagung. Dadurch war sie in Stand gesetzt, vermöge ihres großen Reichthums eine ganz unglaubliche Wohlthätigkeit zu entfalten. Ihre Sorge für Hilfsbedürftige jeder Art, für Kranke, Arme, Fremde und Sklaven insbesondere, wie auch ihre Freigebigkeit für kirchliche Zwecke reichte weit über die Stadt hinaus und erstreckte sich, wie Chrysostomus in seinem zweiten Briefe sagt, „bis an die Grenzen der Erde.“ Ausser ihrer feurigen und rastlosen Nächstenliebe rühmt er an derselben Stelle ihre tief ernste Frömmigkeit, ihre harten Abthödtungen, ihre starkmüthige Geduld, ihre Demuth und Bescheidenheit. Er ist so unerschöpflich in ihrem Lobe, daß er ganz offenbar von ihrer Heiligkeit einen sehr hohen Begriff hatte. Diese Heiligkeit verdiente um so mehr Bewunderung, weil Olympias von ihren heidnischen Eltern sehr weichlich war erzogen worden.