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Das Projekt “Theorie der Prosa” unter der Leitung von Prof. Dr. Ralf Simon wird vom Schweizerischen Nationalfonds (SNF) für eine Laufzeit von April 2017 bis März 2021 finanziert.
Während Beiträge zur Dichtungstheorie (Poetik) Bibliotheken füllen, existiert für die Prosa noch keine Theorie. In dem Projekt wird die erstmals gestellte Frage nach der Theorie der Prosa mit grundlegenden Überlegungen zur poetischen Selbstreferenz (im Gegensatz zur Form) verbunden.
»Was Prosa eigentlich sei, hat noch niemand gesagt.« Ausgehend von einer bis heute gültigen Feststellung Friedrich Schlegels (KFSA 16, 134) soll dieses Forschungsprojekt eine Theorie der Prosa erarbeiten. Exemplarische Studien zu ausgewählten deutschsprachigen Autoren (insbes. Fischart, Jean Paul, Raabe, Arno Schmidt) bilden dabei das Zentrum; es sollen jedoch auch relevante Texte anderer europäischer Philologien in den Blick genommen werden. Eine Monographie (Simon) geht auf der Basis umfangreich vorliegender Vorarbeiten die Theorie der Prosa direkt an, die drei Teilprojekte widmen sich wesentlichen Komplexen der Prosa: der menippeischen Satire als zentralem Textmodell (Dell’Anno), der Übersetzung als Produktionprinzip vielsprachiger Prosatexturen (Trösch) und der Digression als genuinem Textprinzip (Imboden).
Eine Theorie der Prosa steht vor dem Problem, den für die Literaturwissenschaft zentralen Begriff der Form nicht in Anschlag bringen zu können. Er wird im Projekt durch das Konzept der Poetizität, verstanden als sprachliche Selbstreferenz (Roman Jakobson) ersetzt. Dies zieht die These nach sich, dass Form und Selbstreferenz genuin unterschiedliche Prinzipien sind und dass folglich eine Grundlegung der Literaturwissenschaft neu anzugehen ist: Statt der Lyrik bilden dafür die fortgeschrittenen, nichtnarrativen Prosatexturen das Paradigma.
Das Projekt versucht eine Theorie der Prosa zu formulieren, sie in Pilotstudien exegetisch einzulösen und unternimmt dabei zugleich eine Ausformulierung der verschiedenen Typen von poetischer Selbstreferenz. Eine solche Theorie liegt in der Literaturwissenschaft bislang nicht vor. Immer noch ist Jakobsons Diktum, Literaturwissenschaft könne sich im Kern nur durch eine ›Theorie der Poetizität‹ begründen, uneingelöst. Der in diesem Projekt eingeschlagene unkonventionelle Weg führt über die engen Selbstreferenzen der die Form überschreitenden Prosatexturen zurück auf diese Fragestellung, die letztlich diejenige nach dem disziplinären Selbstverständnis der Literaturwissenschaft ist.