Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03488.jsonl.gz/2710

Lust am Lesen?
Abonnieren Sie PUNKTmagazin zu attraktiven Konditionen
Im Schatten der unzähligen Skandale in der Finanzbranche hat sich eine Innovation etabliert, die auch immer mehr den Privatanlegern zugutekommt: das passive Anlegen. Doch leider ist die «Demokratisierung des Anlegens» immer noch nicht bei allen angekommen.
Warren Buffett kennt in der Finanzbranche jeder. Das Orakel von Omaha zählt zu den reichsten Männern der Welt und ist vermutlich der erfolgreichste Investor unserer Zeit. Das Vermögen des 86-Jährigen beträgt inzwischen etwa 65 Milliarden Dollar, seine Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway gehört zu den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt. Auch George Soros dürfte den meisten ein Begriff sein. Der clevere Spekulant platzierte im September 1992 eine Riesenwette gegen das Pfund – und gewann. Über Nacht wurde der damals 62-Jährige zum Milliardär und weltberühmt. Auch bei der Asienkrise in den 1990er-Jahren und der weltweiten Finanzkrise von 2008 hatte Soros den richtigen Riecher und profitierte von den Kursstürzen.
Der dritte in diesem Bunde, auch wenn in unseren Breitengraden weniger bekannt als Buffett und Soros, ist John C. Bogle. Der Buchautor wird in den USA als eine Art Volksheld gefeiert. Die Time zählt ihn zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt, das US-Wirtschaftsmagazin Forbes forderte 2015 sogar den Nobelpreis für den Mann aus New Jersey. Im November 2015 wurde Bogle von der National Academy of Social Sciences mit einer Goldmedaille geehrt: Die Akademie vergibt diese Medaillen seit 102 Jahren für «ausserordentliche Dienste an der Menschheit».
Jack, wie er überall genannt wird, gründete 1974 den Finanzdienstleister Vanguard Group. Sein Unternehmen war im Grunde die Antwort auf eine Frage: Was ist die bessere Form, um an den Märkten zu investieren? Zur Auswahl standen Einzeltitel, denen Analysten und Fondsmanager eine gute Zukunft voraussagten, und der Kauf eines Indexprodukts. Dieses tut nichts anderes, als einen bestimmten Wertpapiermarkt 1:1 abzubilden, und hat dementsprechend tiefe Verwaltungskosten. In der Fachsprache werden die beiden Ansätze schlicht «aktiv» und «passiv» genannt. Bogle entschied sich für letzteren.
Als erster emittierte Bogle einen passiven Indexfonds auf den amerikanischen Aktienmarkt. Mit diesem Produkt erhielten Privatanleger eine kosteneffiziente Möglichkeit, breit diversifiziert in US-Aktien zu investieren. Der clevere Schachzug löste eine Revolution aus – wenn auch erst viele Jahre später. Kritiker bezeichneten Bogles Ansatz damals als unamerikanisch, da die Nachbildung eines Börsenindex keinerlei Anstrengungen bedürfe. Und anfangs schien das Produkt tatsächlich zu floppen: Statt der erhofften 150 Millionen Vermögen konnte Vanguard nur gerade elf Millionen Dollar einsammeln. Schon bald wurde von «Bogle’s Folly» gesprochen, Bogles verrückter Idee.
Heute ist Vanguard mit über 3,5 Billionen Dollar einer der grössten Vermögensverwalter weltweit, wobei der grosse Erfolg primär auf Bogle’s Folly beruht: Entwicklung und Vertrieb von Indexfonds. Eines der erfolgreichsten Produkte ist der Vanguard 500 Indexfonds, der ein Vermögen von 260 Milliarden Dollar verwaltet. Insgesamt beträgt das in passive Produkte investierte Vermögen über 4,5 Billionen Dollar. Bogles Idee ist mehr als erwachsen geworden, steht aber immer noch für die gleichen Werte: Jeder Anleger soll eine faire Chance haben, von der allgemeinen Marktentwicklung zu profitieren.
Auch von wissenschaftlicher Seite erhalten passive Indexvehikel grosse Unterstützung. So beweisen Studien immer wieder, dass rund vier von fünf Managern mit aktivem Anlagestil im Durchschnitt keinen langfristigen Mehrwert generieren. Das Zünglein an der Waage spielen in der Regel die hohen Kosten der Anlagefonds: Oft erzielen die Anlagevehikel zwar eine Überrendite, aber halt nur vor Abzug der Kosten. Die lausige Kursentwicklung amerikanischer Anlagefonds wurde erst kürzlich wieder bestätigt: In einer Studie kam der Indexanbieter S&P zum Schluss, dass über 90 Prozent aller aktiven Fonds auf US-Aktien ihren Vergleichsindex im ersten Halbjahr 2016 nicht schlagen konnten. Auch über fünf Jahre betrachtet zeigt sich ein ähnliches Bild. «It is embarrassing», gab der Studienleiter gegenüber der FT Auskunft. Er hat Recht, es ist peinlich.
Den Vogel aber schiesst eine Studie von Dow Jones ab. Gemäss dieser haben 99 Prozent der in Europa verkauften Fonds auf US-Aktien den Markt in den letzten zehn Jahren nicht geschlagen. Dieses vernichtende Ergebnis ist umso tragischer, als das Versprechen einer Überrendite ja die Daseinsberechtigung aktiv verwalteter Anlagefonds ist. Dow Jones spricht von einem «alarmierenden Befund».
Doch was ist mit den 20 Prozent der aktiven Manager, die den Markt schlagen? Genau hier liegt das Problem: Wie bei Aktien ist die vergangene Performance keine Garantie für die zukünftige. «Suchen Sie nicht nach der Nadel im Heuhaufen, kaufen Sie einfach den Heuhaufen», rät Bogle in seinem «The Little Book of Common Sense Investing». Da es nicht möglich ist, die guten Manager von vornherein zu identifizieren, kaufen Anleger besser den ganzen Markt – den Heuhaufen.
Auch Buffett hat sich als Anhänger der effizienten Anlagevehikel geoutet. Bereits 2005 machte sich der Starinvestor im Manager Magazin für indexiertes Anlegen stark: «Wer kein aktiver Investor ist – und nur wenige sollten sich darin versuchen –, sollte sich an Indexfonds halten.» 2013 schrieb er im Jahresbericht der Berkshire Hathaway, dass er seiner Frau Astrid empfohlen habe, nach seinem Ableben den grössten Teil des Bargelds in kostengünstige Vanguard-Indexfonds zu investieren. Konkret empfahl er einen Fonds auf den S&P 500. Langfristig, so Buffett, würden dessen Erträge höher ausfallen als diejenigen alternativer Anlagevehikel mit aktiver Verwaltung. Bogle bedankte sich postwendend für diese Nachricht und verlieh Buffett den Titel «Vanguards zweitbester Verkäufer». Der beste ist selbstredend Bogle selber.
Eine Weiterentwicklung der Indexfonds kam 1993 in Form von Exchange Traded Funds (ETF) auf den Markt. Innert Kürze haben sich die börsengehandelten Indexfonds zu einem wahren Verkaufsschlager entwickelt: In den letzten 15 Jahren wuchs das Segment mit durchschnittlich 26 Prozent pro Jahr. Das Erfolgsgeheimnis der ETF und Indexfonds ist offensichtlich. Erstens überzeugen sie mit Transparenz: Der zugrundeliegende Index weist nicht nur ein klares Regelwerk auf, auch alle im Index enthaltenen Wertpapiere sind jederzeit abrufbar. Zweitens verfügen diese Vehikel über eine effiziente Kostenstruktur, da sowohl teure Analysen wie Fondsmanager entfallen. In der Praxis bedeutet das: Schweizer Anleger können heute für eine Verwaltungsgebühr von 0,05 Prozent in den ganzen US-Aktienmarkt investieren, der günstigste ETF auf den Schweizer Gesamtmarktindex SPI kostet auch nur 0,10 Prozent. Mit diesem Produkt ist der Anleger in über 200 an der Schweizer Börse gehandelte Aktien investiert. Und drittens überzeugen ETF mit ihrer hohen Liquidität: Genau wie Aktien können sie jederzeit gehandelt werden.
Ihr grösster Trumpf aber bleibt die hohe Diversifikation, die sie ermöglichen. Die Finanzmarkttheorie mag teils widersprüchlich sein, hier ist sie es nicht: Wer alles auf eine Karte setzt, wird früher oder später verlieren. Mit dem Kauf mehrerer Titel via Indexfonds kann dieses Risiko ausgeschlossen werden, ohne auf Ertrag verzichten zu müssen. Der Grund: Unterschiedliche Segmente wie Aktien, Obligationen, Rohstoffe oder Immobilien bewegen sich selten im Gleichschritt. Verliert eine Anlageklasse überdurchschnittlich, kann sie oft von anderen kompensiert werden.
Die tiefen Gebühren standen auch im Zentrum, als John Bogle das passive Anlegen vor 40 Jahren erfand: «Beim Geldanlegen bekommt man, wofür man nicht bezahlt. Die Gebühren zählen. Intelligente Anleger werden darum Indexfonds mit tiefen Kosten nutzen, um ein diversifiziertes Portfolio mit Aktien und Obligationen aufzubauen, und diesem treu bleiben.» Dank Bogles Erfindung können Privatanleger heute zu fast denselben Konditionen investieren wie die grossen Pensionskassen und andere Profianleger. Bogle hat das Investieren an der Börse gewissermassen demokratisiert. Auch in der Schweiz waren Indexfonds lange vor allem institutionellen Anlegern vorbehalten. Doch langsam aber sicher öffnen die Anbieter, darunter BlackRock, Credit Suisse und die Zürcher Kantonalbank, ihre Produktpalette auch für Privatanleger.
Und natürlich stehen auch bei ihren Produkten die tiefen Kosten und die hohe Transparenz im Zentrum. In einem Finanzsystem, das die Zinsen praktisch abgeschafft hat – Grossinvestoren bezahlen sogar Minuszinsen –, sind die Kosten in der Vermögensverwaltung relevanter denn je. Ein einfaches Rechenbeispiel zeigt den langfristigen Effekt: Wer 100 000 Franken für zehn Jahre in den Schweizer Aktienmarkt investiert und dabei auf passive statt aktive Produkte setzt, spart nur schon bei den Gebühren satte 15 000 Franken. «Lage, Lage, Lage» heisst der Leitspruch bei Immobilien. Bei der Vermögensanlage, so hat uns Bogle gelehrt, gilt: «Kosten, Kosten, Kosten».
Passives Investieren kommt auch bei den grossen Vorsorgeeinrichtungen immer stärker in Mode. Aus gutem Grund: Das tiefe Zinsumfeld liefert ihnen nur noch eine bescheidene Rendite, und viele Pensionskassen stehen vor grossen strukturellen Problemen. Bei einigen sind sogar gross angelegte Sanierungsmassnahmen nötig. Sie müssen darum so schnell wie möglich ihre Kostenbasis senken – und die grössten Einsparungen sind nun halt mal bei den Verwaltungsgebühren möglich.
Von der Idee, dass AHV und Berufsvorsorge einen komfortablen Lebensabend ermöglichen, werden sich die meisten verabschieden müssen. Ohne zusätzliche private Vorsorge dürfte es bei vielen eng werden. Und gerade bei solch langfristigen Anlagen gilt, was John C. Bogle schon vor 40 Jahren herausfand: Im Zentrum der Überlegungen stehen die Kosten.