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Der Lebensstil der Menschen hat sich in Richtung eines körperlich inaktiven Lebensstils verschoben: Das Mobilitäts- und Aktivitätsverhalten des Menschen hat sich mit der Zeit verändert. Mit dem Beginn dieses Jahrhunderts ist der Grossteil der körperlichen Aktivitäten aus der Arbeit, der Fortbewegung und dem Alltag der Menschen verschwunden. Moderne Arbeitsplätze werden heutzutage von Menschen besetzt, deren Aktivität sich darauf beschränkt, im Laufe des Tages mehrere Stunden zu sitzen. Um sich dem hektischen Tempo urbaner Gesellschaften anzupassen, tendieren Menschen zur Nutzung motorisierter Beförderungsmittel. Der Lebensstil der Menschen hat sich in Richtung eines körperlich inaktiven Lebensstils verschoben. Für die meisten älteren Menschen, deren Anteil an der Bevölkerung stetig zunimmt, ist dieser Übergang zu einem sitzenden Lebensstil aufgrund des Alterungsprozesses unvermeidbar. Dies führt zu einem allmählichen Verlust der funktionellen Fähigkeiten. Durch den Einfluss der Urbanisierung, der Digitalisierung sowie sich verändernder Fortbewegungsmuster, wie oben beschrieben, sind jedoch auch jüngere Erwachsene gegen diese Verschiebung nicht immun. Ein von körperlicher Inaktivität geprägter Lebensstil bleibt nicht ohne Folgen. Denn er kann enorme Kosten für die Gesundheitssysteme und die Gesellschaft nach sich ziehen. Wussten Sie zum Beispiel, dass körperliche Inaktivität bei den Risikofaktoren der weltweiten Sterblichkeit an vierter Stelle steht? Demzufolge werden jedes Jahr 3,2 Millionen Todesfälle durch körperliche Inaktivität verursacht.
Wie lässt sich das Risiko eines körperlich inaktiven Lebensstils verringern?Um die weltweite körperliche Inaktivität in allen Altersgruppen bis 2030 um 15% zu reduzieren, hat die Weltgesundheitsorganisation vier strategische Ziele vorgestellt: die Schaffung einer aktiven Gesellschaft, die Schaffung aktiver Menschen, die Schaffung einer aktiven Umgebung und die Schaffung eines aktiven Systems. Zur Erreichung dieser Ziele werden mehrere multidimensionale politische Massnahmen empfohlen. So besteht eine der notwendigen Massnahmen zur Schaffung einer aktiven Gesellschaft zum Beispiel darin, das Wissen der Menschen über die Vorteile körperlicher Aktivität und die Nachteile eines sitzenden Lebensstils zu erweitern. Hierfür ist es zunächst notwendig, das Aktivitäts- und Mobilitätsverhalten der Gesellschaft im täglichen Leben zu untersuchen und damit eine Richtschnur für ihre tägliche körperliche Aktivität zu erstellen.
Die Schaffung einer aktiven Umgebung kann zudem die Geschwindigkeit des Verfalls und die funktionellen Fähigkeiten älterer Menschen beeinflussen. So kann beispielsweise die Förderung barrierefreier Gebäude, gut instand gehaltener Trottoirs und der Strassenanbindung die funktionelle Mobilität älterer Menschen und ihre Unabhängigkeit verbessern sowie die Mobilität jüngerer Menschen mit Mobilitätseinschränkungen fördern und so zur Verbesserung ihrer psychischen, physischen und sozialen Gesundheit beitragen. Demnach ist es notwendig, Umgebungsfaktoren und altersgerechte Merkmale zu untersuchen, die zu einem aktiven Altern anregen können und die Mobilität von Menschen aller Altersgruppen und Fähigkeiten erleichtern.
Die Rolle der DigitalisierungDa das Verhalten von Individuen im tatsächlichen Lebensumfeld nur im geringen Mass kontrolliert werden kann, stellt uns die Messung des täglichen Mobilitäts- und Aktivitätsverhaltens von Menschen vor grosse Herausforderungen. Die Digitalisierung kann einen enormen Beitrag zu einer erleichterten Messung menschlicher Mobilität im Alltag leisten. Sie kann zuverlässige Informationen zu Bewegungsmustern von Individuen auf verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen liefern. Informationen dieser Art können über Methoden des modernen ambulanten Assessments (AA) erfasst werden, die eine Bewertung des Verhaltens von Menschen in ihrem Alltag ermöglichen. Die beiden häufigsten AA-Methoden gehören zu den weiten Kategorien Selbsteinschätzung und sensorbasierte Methoden. Im Gegensatz zur Methode der Selbsteinschätzung, die zu den traditionellen Methoden zählt, die typischerweise in der Erfassung von Daten anhand von Fragebögen bestehen, können sensorbasierte Methoden objektive und reproduzierbare Messungen erlauben, die weniger anfällig für gedächtnisbedingte Voreingenommenheiten sind. Die zweite und neuere Kategorie des AA profitiert von sich rasch entwickelnden mobilen und tragbaren Technologien, die ein breites Spektrum von Sensoren zur objektiven Mobilitätsmessung bieten. Wegen ihrer erschwinglichen Preise, ihrer Verfügbarkeit, der einfachen Handhabung, des geringen Gewichts und der geringen Grösse erleichtern tragbare Sensoren die langfristige Überwachung körperlicher Aktivität. Beschleunigungsmesser und GPS sind die häufigsten Sensoren dieser Art.
Der Beschleunigungsmesser ist ein praktisches Instrument zur Messung menschlichen Bewegungsverhaltens auf Mikroebene, wie zum Beispiel Veränderungen der Gestik, Sturzerkennung, Schrittzählung, Ganganalyse, Erkennung verschiedener Aktivitätsarten wie Gehen, Fahrradfahren oder Sitzen. Bewegungsdaten, die mithilfe eines Beschleunigungsmessers gewonnen wurden, liefern jedoch keine Informationen darüber, wo diese Aktivitäten stattfanden. Der wichtigste Sensor zur Lieferung von Standortdaten ist der GPS-Sensor. Durch die Analyse von GPS-Daten können wir etwas über die Makroebene menschlicher Bewegungen erfahren (Reiseverhalten, räumliche Erreichbarkeit etc.). Durch die gemeinsame Nutzung von GPS und Beschleunigungssensoren können verschiedene Aspekte von Bewegungsinformationen zur Bewertung des Mobilitäts- und Aktivitätsverhaltens von Menschen im Alltag gewonnen werden, und dieses Wissen lässt sich mit kontextuellen und räumlichen Daten aus dem Geografischen Informationssystem (GIS) verknüpfen.
Menschliches Verhalten misst sich nicht allein anhand individueller Faktoren. Merkmale der geografischen Umgebung können ebenfalls einen Einfluss auf die körperliche Aktivität und die Mobilität von Menschen haben. GIS kann verschiedene räumliche Ebenen von Umgebungsvariablen liefern, die mit dem Verhalten von Menschen in Zusammenhang stehen. Beispiele für diese Variablen sind Barrierefreiheit (von öffentlichen Einrichtungen wie dem öffentlichen Personenverkehr, von Freizeiteinrichtungen und Orten sozialer Interaktion, wie zum Beispiel Cafés und Restaurants), Erreichbarkeit zu Fuss und urbane Infrastruktur (Merkmale des Strassennetzes, Verkehr). Darüber hinaus helfen Fortschritte bei GIS dabei, Faktoren, die die Bewegung von Menschen erleichtern oder behindern, zu modellieren, zu messen und abzubilden, und sie können eine Richtschnur für Massnahmen in den Bereichen Aktivität und Mobilität sein.
Die Entwicklung und die Prüfung digitaler Technologien tragen daher zum Aufbau und zur Verbesserung von Systemen zur Überwachung des Bewegungsverhaltens von Menschen sowie des Systems zur Überwachung von Umgebungsfaktoren, die dieses Verhalten beeinflussen, bei. Sie liefern damit hilfreiche Erkenntnisse zu politischen Massnahmen, die im Hinblick auf eine Erhöhung der Mobilität sowie der körperlichen Aktivität und zur Reduzierung des Sitzens getroffen werden könnenÜber die Autorin: Hoda Allahbakhshi ist Postdoktorandin an der Digital Society Initiative (DSI), Universität Zürich, und aktives Mitglied des Bereichs GIS des Geografischen Instituts der Universität Zürich. Ihr Projekt "SISAL: Situation-Aware Individualized Spatial Accessibility Analytics" an der DSI zielt darauf ab, Grundlagen für die Erstellung individualisierter, situationsbewusster räumlicher Erreichbarkeitsprofile zu schaffen. Hierzu werden frei zugängliche geographische Informationen sowie digitale Sensor-Trackingdaten verwendet, die mittels GIS- und KI-Analysetools analysiert werden.
Quelle: Weltgesundheitsorganisation, 2010, Global recommendations on physical activity for health (Globale Empfehlungen für gesundheitsfördernde körperliche Aktivität).
Zu dieser Kolumne:
Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.