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Mit Fünf oder Sechs lernte ich das Radfahren. Das Rad war klein, rot und solid, verfügte über einen Gang, sowie einen putzigen Rivellakleber über der Klingel. Die Glocke selbst machte halb krächzend, halb orgelnd Ding-Dong, so dass es einen sofort aufrüttelte.
Am Tag, als ich erstmals ohne Stützrad fahren sollte, stellte mein Vater das Occasion-Velo mit dem abgenagten Griffel an die rostbraune, rau geschürfte Mauer vor dem Haus, wo ein etwa zwanzig Meter langer, gerader Steinflur bis zum Garten führt und dort über ein paar Steinstufen die steile Hügelstrasse hinauf.
So sah ich also das Velo da lehnen, krempelte den dünnen Stoff meiner, mehrmals genähten Bastelhose zurück, setzte mich auf den Sattel und trat ganz leicht und vorsichtig in die Pedale. Es ging so solala. Auf alle Fälle musste ich mich mit der Hand an der Hausmauer abstützen und zerschürfte mir dabei, sobald ich glaubte, das Gleichgewicht zu verlieren – Ruckruck – die Haut. Auch stellte ich etwas Merkwürdiges fest: Wenn ich in die Pedale links rückwärts trat, bremste das Velo, ebenso, wenn ich mit der rechten Pedale gleichzeitig fleissig vorwärts trat. Alles in allem war das – gleichzeitig in die Pedale rüchwärts, links, treten, rechts aber in die Pedale vorwärts treten – keine erfolgreiche Übung, da mein Rad dabei heftig schlenkerte und ich mir immer mehr blutige Schürfungen zuzog, während ich vor allem eins versuchte: nicht vom Rad zu fallen!
So verging einige Zeit und ich war schon nahe daran, gedanklich wieder zu den mir geliebten Stützrädern zurückzukehren, als ich schloss, dass man nicht Radfahren kann und sich dabei mit dem Arm auch noch an einer fiesen Mauer festhalten, mit anderen Worten: nicht Gas geben und zugleich auf die Bremse treten!
Liess von der Wand ab, packte mit beiden Händen die plastifizierten Lenkgriffe, und fuhr (im übertragenen Sinne) los.
Hievte mein grosses liebgewonnenes Fahrrad bereits ein paar Tage später am Ende des Steinflurs über die vier Treppenstufen …! Schubste es die steile Hügelstrasse hoch …! Machte mich, zuoberst, beim letzten Haus des Hügels, bereit für meine erste Abfahrt ! Fühlte mich Sausen …!
Zuerst ging es mir übrigens etwas zu langsam, dann aber – ich näherte mich schon unserem Haus und sah dort, die Hände in die Hüfte ihrer Schürze gestemmt, meine Mutter stehen und mir erwartungsvoll entgegensehen – auf einmal zu schnell! Nun war ich einerseits stolz über meine Geschwindigkeit, musste diese aber unbedingt und sofort wieder drosseln! Trampelte wie wild in die Pedale, trat heftig rück-, trat verzweifelt vorwärts-! Ding-Dong! Ding-Dong … !
Der Aufprall war hart. (Die Kniehaut hängte in Lappen, die Hose in Fetzen). Neben mir aber lag unbekümmert, unversehrt mein Rad!
Später habe ich auch das Skifahren mit dem komplizierten Ineinanderstellen der Stöcke oder das Schwimmen gelernt, im gewölbten Hallenbad mit dem gewölbten Pilzdach und den gurgelnden gelben Glubschaugen, mit dem Geschmack von sauren Katzenzungen und federweichen, schaumigen Mushrooms auf den Lippen.
Es war in der Zeit, in der ich, wie nebenbei, auch das Pfeifen lernte, und mir, nachdem ich endlich den letzten Buchstaben des ABC’s verinnerlicht hatte, in der winzigen, nach Staub und Bodenwichse duftenden, Schulbibliothek meine ersten zwei Goldtrophäen respektive Bücher entlieh: Das eine hiess: ‚Hörbe mit dem grossen Hut’ und war in Grossschrift verfasst, das andere: „Wie ein Baby auf die Welt kommt“. Dieses Buch zeigte in aufregendem Comicstil das Heranwachsen eines Embryos im Bauch einer Mutter. Insgesamt achtmal habe ich mir dieses Buch ausgeliehen, bis mir meine Mutter einmal klipp und klar sagte, es werde keine weiteren Babys geben in unserem Haus. Womit mein heimlicher Wunsch auf ein kleines Geschwisterchen, dem ich, als bisher Kleinste, den warmen Schoppen, den stillenden Nuckel, die farbige Rassel geben konnte, zerplatzte!
Lernen ist wie Unebenheiten einer Strasse flicken oder ausgehauene Bretterteile einer schmalen Hängebrücke richten. Indem wir etwas Hinzu erfahren zu unserem Wissen, wird das Bild, das wir uns von der Welt machen, harmonischer und flüssiger, aber fühlen wir uns auch freier?
Das Überwinden des Zehnerübergangs in der ersten Klasse, mit dem Setzkasten, oder das Aufzählen der Sieben Bundesräte in der vierten, hat bei mir nicht zu einem Gefühl dazu gewonnener Freiheit geführt. Auch nicht das monotone, stundenlange Stenografieren ab Tonband, später in der Handelsschule. Immerhin konnte ich damals, als es darum ging, eine möglichst emsige Biene in einem kaufmännischen Büro zu werden, ein zwiespältiges: ‚Ich hasse dich, XY, doch du riechst so gut!’ oder andere zwischenmenschliche Beichten, die man besser verschlüsselt hält, geheim halten, in einem nur für mich oder die backfischartige Stenografielehrerin entzifferbaren Kürzelbrei.
Später habe ich, mit Ausnahme der schneidigen Vorhand im Tischtennis – aber halt! Das war ja noch in meiner Jugendzeit! – dem gedankenlosen Hinmalen vulgärer Schmollmünder und Stupsnasen auf Notizblätter beim Telefonieren, dem Abspeichern eines Worddokuments auf eine Floppydisk sowie der Erkenntnis, dass es immer von Vorteil ist, sich im Leben nicht zu überschätzen, (siehe Velo!), nichts allzu Gravierendes mehr gelernt.
Ich weiss zum Beispiel nicht, wie man einen Drachen steigen lässt bei Wind.
Das Mich-Bewegen-Können durch Paris anhand einer Stadtkarte mit Ausgangspunkt Rue de Temple, drittes Arrondissement, Marais, und der Ankunft, auf der anderen Seite, Insel St.Louis, jenseits der Seine, viertes Arrondissement, wenn mich nicht alles täuscht, ist mir nicht gelungen.
Gerade versuche ich – Novum! – weil ich Lust auf Brot habe, einen ungeformten Teig, den ich erst mehrmals klopfte, in drei Zöpfe zu legen …
Dann gibt es auch Dinge, die habe ich nie gelernt, und die sich weniger durch Praxis als durch Weisswasich lernen lassen: Das Träumen mit offenen Augen, das Hoffen auf bessere Tage, das Einschlafen in den Armen eines Menschen.
Das Daliegen in einem Körper, der kaputt geht, ohne diesen Prozess aufhalten zu können mit den mir ureigenen Kräften, dem Willen oder sonst irgendwelchen Talenten …
Werde ich wohl nicht… lernen.
Nie werde ich die Angst vor dem Tod überwinden.
Da liege ich respektive gleite ich mit Schwimmhäuten an den Armen, einer sich, aus dem ABC speisenden Geschichte und Stöckesalat im Kopf, einer Hose in Fetzen, einem Mushroom, gross und weich, wie eine Wolke im Mund, dem halb erwartungsvollen, halb sorgenvollen, leicht vorwurfsvollen Blick meiner Mutter, die mit den lauwarmen Spaghetti auf mich wartet, auf meinem kleinen, roten, soliden Velo, pfeifend dahin.
(13.9.2017)