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Man hat in Schweden jeden Herbst dasselbe Problem mit den Elchen. Die Elche sind sturzhagelvoll. Sie sind dermassen betrunken, dass sie herumtorkeln und randalieren.
An die nötigen Promille kommen sie, indem sie sich mit gärendem Obst vollstopfen. Im Magen produziert dies den ersehnten Alkohol. Die Elche sind keine Zufallstrinker. Jeden Herbst wissen sie ganz genau, wo sie zu ihren Räuschen kommen.
Auch Vögel wie die Seidenschwänze wissen exakt, wo die überreifen Beeren wachsen, die in ihrem Magen zu Alkohol fermentieren. Manchmal krachen sie im Suff dann in Fensterscheiben. Egal, im nächsten Jahr kommt der Schwarm wieder und zecht an gleicher Stelle.
Die Natur weiss um die Gefahren des Alkoholkonsums. Vögel haben im Vergleich der Lebewesen die grössten Lebern, womit sie den Alkohol schnell wieder abbauen können. Ihr Rausch ist kurz.
Evolution hätte den Gebrauch von Alkohol eliminieren müssen
Der Homo sapiens hingegen hat eine eher kleine Leber. Er kann deshalb stundenlang betrunken sein.
Es ist darum in der Evolutionstheorie ein interessantes Thema, welche Rolle der Alkohol in der Menschheitsgeschichte spielt. Die Evolution hätte den Gebrauch von Alkohol eigentlich eliminieren müssen, etwa durch eine körperliche Unverträglichkeit. Wer dauernd herumtorkelt, ist zur Weiterentwicklung der Spezies nicht geeignet.
Die Evolution, mit ihrem Überleben des Stärkeren, hätte aus der Menschheit eine Horde von Antialkoholikern machen müssen.
Es ist umgekehrt. Erst der Alkohol ermöglichte unsere heutige Zivilisation.
Die Sesshaftigkeit und der Alkohol
Die Zivilisation begann, als die Menschheit sesshaft wurde. Das ist 10'000 Jahre her. Sesshaftigkeit bedeutete, dass erstmals feste Bezugspunkte wie Felder, Ställe und Häuser entstehen konnten. Die Nomaden zuvor kannten solch fixe Strukturen nicht. Und warum wurden die früheren Nomaden sesshaft? Weil sie sich in Ruhe einen hinter die Binde giessen wollten.
Erst mit der Sesshaftigkeit begann in grösserem Stil die Alkoholproduktion aus Korn und Reis. Ausgrabungen aus Mesopotamien, Ägypten und China zeigen Amphoren zur Lagerung der alkoholischen Getränke. Die Drinks waren dadurch das ganze Jahr über griffbereit. Für Nomaden war das unmöglich.
Wunsch nach Rausch führt zur gehobenen Kultur
Der amerikanische Archäologe Patrick McGovern hat seine ganze Forschung dem Zusammenhang von Alkohol und Zivilisation gewidmet. Er ist überzeugt, dass erst der Wunsch nach dem jederzeit verfügbaren Rausch zur Sesshaftigkeit und damit zu gehobener Kultur führte. Man liess sich nieder, weil nur der stationäre Ackerbau auch dessen stationäre Vergärung ermöglichte. «Ohne Alkohol kein moderner Mensch», sagt McGovern.
Ein Unterschied zwischen Mensch und Tier ist die Zeitschiene. Tiere haben keine Langfriststrategie. Die Elche besaufen sich, wenn die Äpfel faulen. Die Vögel besaufen sich, wenn die Beeren gären. Den Rest des Jahres leben sie abstinent.
Menschen planen langfristig. Sie wollen jederzeit ins Glas blicken können. Das nennt man Intelligenz. Ein Prost auf die Zivilisation.