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Wird heute über Achterbahnen gesprochen denkt jeder unwillkürlich an Bahnen mit mehrfachen Überschlägen (Inversions), den gefährlichsten Stürzen über Kopf, den furchterregendsten Schraubenziehern, den wildesten Drehungen um die Längsachse – und das alles möglichst oft und schnell hintereinander.
Begonnen hat alles in der Mitte des 19. Jahrhundert. Erste Erfahrungen mit herabrollenden Wagen auf eisenbahnähnlichen Schienen konnten in Europa seit ein paar Jahrzehnten gesammelt werden und vielleicht kam irgendjemand mal auf die Idee, anstelle der geraden Auslaufstrecke eine Spirale einzubauen.
Vielleicht ist auch ein zu jener Zeit sehr beliebtes Kinderspiel, das als Anregung gedient hat, dafür verantwortlich zu machen. Wahrscheinlich hatte der französische Erfinder Clavières die Idee einer Überkopffahrt schon 1833, er brauchte aber noch dreizehn Jahre, um sie zu „perfektionieren“. Fest steht nur, dass er im Jahre 1846 die „Chemin du Centrifuge“ im Frascati Garten in Paris eröffnete. Erstmals durften sich die Menschen der Illusion hingeben, sich der Erdanziehungskraft widersetzen und für einen kurzen Moment die Welt auf den Kopf stellen zu können.
Innerhalb kürzester Zeit entstanden in Le Havre, Bordeaux und Lyon baugleiche Anlagen, auch in Berlin unter dem Namen „Cenrifugal Eisenbahn“ oder auch „Kreisrutschbahn“ genannt. Von einer zehn Meter hohen Plattform wurden einsitzige Chaisen auf die 30 m lange Abfahrt geschickt, bevor sie den Looping von vier Metern Durchmessern durchfuhren und mittels einer aufwährtsführenden Auslaufstrecke abgebremst wurden.
Man machte zuerst Versuche mit rohen Eiern und mit Wasser gefüllten Gläsern, um zu demonstrieren, wie sicher eine Fahrt für die Menschen sei. Es ist jedoch leicht vorstellbar, wie die auftretenden Kräften, bedingt durch die immense Geschwindigkeit und den sehr kleinen Loopingdurchmesser, auf den menschlichen Körper gewirkt haben müssen.
Zeitgleich entstand in London eine ähnliche Bahn mit einem Looping von sogar nur zwei Metern Durchmesser; zum Vergleich: heute sind bis zu 20 m üblich. Es gab aber überhaupt keine Erfahrungswerte und scheinbar waren solch hohen Geschwindigkeiten notwendig, um die einfachen Chaisen auf den ruppigen Schienen überhaupt halten zu können. Verletzungen blieben nicht aus, meist traten sie an den Wirbelsäulen auf. Da sich die Klagen häuften, mussten alle Geschäfte dieser Art zwei Jahre später geschlossen werden, wohl auch weil der Andrang stark nachliess. 1865 gab es noch einmal einen Versuch in Paris, aber schon bei der ersten öffentlichen Fahrt entgleiste der Wagen. Die Polzei griff sofort ein und verbot jeglichen Weiterbetrieb. Es wurden allerdings maximal „nur“ 50km/h erreicht und nicht die auf den Plakaten angekündigten 150 Meilen pro Stunden. Übrigens: Bis zum heutigen Tage werden – bis auf wenige Ausnahmen – von Schaustellern wie von Herstellern falsche Angaben bezüglich der Höhe und Geschwindigkeit gemacht. Während meiner Recherche fand ich das krasseste Beispiel beim „Thriller“: es ist zwar die schnellste, transportable Achterbahn der Welt, aber die die angegebene Spitzengeschwindigkeit von 120 km/h ist masslos übertrieben, denn die wahre Maximalgeschwindigkeit liegt bei 86 km/h. Der „schwarze Peter“ ist aber nicht bei den Schaustellern zu suchen, sondern bei uns und allgemein in der Gesellschaft, die sich nur noch zu einer kostspieligen Fahrt überzeugen lässt, wenn man ihnen Superlative vorgaukelt.
Auf den ersten Schritt in Richtung Sicherheit begab sich der amerikanische Erfinder Lina Beecher. 1888, also wenige Jahre nach dem Bau der ersten Rutschbahnen in Amerika, begann er mit Tests seiner Looping-Idee. Um 1900 konnte er das Ergebnis im Sea Lion Park in Brooklyn, New York, unter dem Namen „Flip Flap“ präsentieren. Um eine grössere Menge an Fahrgästen befördern zu können, baute er eine Bahn mit geschlossener Streckenführung. Das Verhältnis von Loopinggrösse (7.6 m) zur Geschwindigkeit war sehr viel angenehmer als bei den europäischen Versuchen. Vor allem aber waren die zweisitzigen Chaisen gegen ein Herausspringen gesichert. Denn zusätzlich zu den Laufrädern (mittig angeordnet) fügte er seitliche „Stützräder“ hinzu, die unterhalb der Schiene verliefen. Die Idee der „Underfriction“ –Räder von John A. Miller wurde also schon um Jahre vorweggenommen.
Den „Flip-Flap“ – Coaster errichtete man in mehreren Städten der USA und trotzdem blieb der grosse Erfolg aus. Denn obwohl das Interesse für dieses neuartige Vergnügen scheinbar da war, ist der letzte Looping 1905 abgebaut worden, weil gesundheitliche Schäden nicht ausblieben. Das Problem war die kreisrunde Form des Loopings. Bei der Ein- und Ausfahrt stiegen die Belastungen so plötzlich an, dass auf den menschlichen Körper das 12fache des Eigengewichts (= 12g) gewirkt haben muss. Heutige Loopingbahnen haben maximale Gravitationskräfte von 6,5g.
Der Erfinder Edward Prescott und der Ingenieur E.A. Green taten den nächsten Schritt und konstruierten eine Bahn mit einem ovalen bzw. elliptischen Looping, die 1901 der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Der grosse Vorteil gegenüber einem kreisrunden Überschlag: die Kräfte bei der Einfahrt in den Looping wuchsen gleichmäßiger an und erreichten nicht so hohe g-Werte. Trotzdem war der „Loop The Loop“ im Luna Park Coney Island, New York, eine finanzielle Katastophe, da nur alle fünf Minuten ein Wagen mit vier Personen die Strecke befahren konnten. Auch in Europa wurden Anlagen mit ellipsoiden Loopings eröffnet. Keine der Bahnen muss wohl zur vollkommenen Zufriedenheit funktioniert haben, denn alle Anlagen wurden nach kurzer Zeit wieder abgerissen.