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Kinderbuchautor im Rollstuhl
Geschichten von «Opa Rolli» und von Franz-Joseph Huainigg
Zwei Männer: Einer lebt in Grossbritannien und ist Anfang 60; der andere lebt in Österreich und ist mittleren Alters. Dieser Blogbeitrag erzählt die Geschichten dieser beiden Männer im Rollstuhl und wie sie dazu kamen, Kinderbücher über das Thema Behinderung zu schreiben.
Schreiben, um seinem Enkel näher zu stehen
Mitte 50 ist für viele eine spannende Zeit, weil das Rentenalter näher rückt. Manche haben sogar das Glück, dass sie schon in Frührente gehen und sich einem neuen Lebensabschnitt widmen können. Der Brite Brian Abram ist einer von ihnen. Glück hatte er jedoch weniger. Für ihn begann der neue Lebensabschnitt so, wie man es niemandem wünschen würde: Seit einem Fahrradunfall im Jahr 2013 ist er von der Hüfte abwärts gelähmt.
Wie andere Querschnittgelähmte sah auch Brian sich vielen Herausforderungen gegenübergestellt. Ausserdem war er frischgebackener Grossvater des sechs Monate alten Charles. Schon während der Rehabilitation wusste Brian genau, was für ihn Priorität hatte: Er wollte seinem Enkel helfen zu verstehen, warum er nicht laufen konnte wie die anderen Grossväter. Deshalb begann er, in Form von Kindergeschichten über sein Leben im Rollstuhl zu schreiben, als Charles noch kaum lesen konnte!
Auf Anregung und mit Unterstützung von Familie und Freunden veröffentlichte Brian im November letzten Jahres sein erstes Buch mit dem Titel «Charlie’s Big Idea!» (DE: Charlies zündende Idee!). Hauptfiguren sind er selbst als «Grandad Wheels» (DE: Opa Rolli) und sein heute sechs Jahre alter Enkel Charles. Er plant bereits die Veröffentlichung von zwei weiteren Büchern in der aktuellen Reihe «The Adventures of Grandad Wheels» (DE: Die Abenteuer von Opa Rolli). Hauptfigur in einem der Bücher wird Hannah Cockroft MBE sein, die britische Rollstuhlrennfahrerin und fünffache Siegerin bei den Paralympics.
Es wurde festgestellt, dass in der aktuellen Kinderliteratur Kinder mit Behinderungen seltener vorkommen als während des viktorianischen Zeitalters im 19. Jahrhundert. Kinderbücher mit dem Hauptthema Behinderung zählen meist nicht zu den Bestsellern. Brian möchte dies ändern. Er wünscht sich mehr Kinderbücher zum Thema Behinderung, die Kinder gerne lesen, die realistisch und bereichernd sind.
Schreiben, um Fragen über Behinderungen zu beantworten
Wir sprechen oft über Dinge, die man nicht zu einem Rollstuhlfahrer sagen sollte. Kinder sind jedoch arglos und neugierig. Sie kümmern sich wenig um gesellschaftliche Konventionen und fragen, was ihnen in den Sinn kommt. Aus diesem Grund sind Kinderbücher über Behinderung und Sachbücher, in denen Behinderung kindgerecht erklärt wird, besonders nützlich.
Doch wie vielen Eltern ist es immer noch peinlich, wenn ihre Kinder Rollstuhlfahrern auf der Strasse arglose Fragen stellen, wie beispielsweise «Was ist denn mit dir passiert?» oder «Warum sitzt du in einem Rollstuhl?». Franz-Joseph Huainigg aus Österreich ist das schon oft passiert – nicht als verlegener Elternteil, sondern als derjenige, der die «peinlichen» Fragen gestellt bekam.
Franz-Joseph ist seit seinem siebten Lebensmonat gelähmt. Wenn er in seinem Rollstuhl unterwegs ist, kommen oft Kinder zu ihm und möchten wissen, was passiert ist. Oft werden die Kinder schnell von ihren Eltern ermahnt, nicht weiter zu fragen, weil es unhöflich sei. Franz-Joseph ist da anderer Meinung und erklärt in diesem Video, warum:
Franz-Joseph meint, Kinder sollten dazu ermutigt werden, alle Fragen zu stellen, die ihnen durch den Kopf gehen. Deshalb wurde er Kinderbuchautor. Kürzlich las ich sein Buch «Gemeinsam sind wir große Klasse». Es ist eine Zusammenstellung seiner vier Kinderbücher über Behinderung: «Meine Füße sind der Rollstuhl», zwei Bücher über stumme und blinde Menschen und eines über Kinder mit und ohne Behinderungen, die gemeinsam in der Schule lernen. Seine Bücher wurden in viele Sprachen übersetzt, darunter auch Spanisch, Chinesisch und Koreanisch.
Die Geschichte eines kleinen Mädchens im Rollstuhl
«Meine Füsse sind der Rollstuhl» wurde 1991 veröffentlicht. Es ist eine Geschichte über Margit, ein kleines Mädchen im Rollstuhl, und ihren ersten Ausflug alleine zum Supermarkt. Ich finde, dass zwei Handlungsstränge der Geschichte besonders zum Nachdenken anregen.
Der erste: Margit rollt an einer Bank vorbei, auf der ein älteres Paar sitzt. Der alte Mann fragt Margit mitleidig: «Was ist denn dir passiert?», gefolgt von einem lauten Seufzer der alten Dame: «So jung und schon so arm!».
Margit kann nicht verstehen, warum das ältere Paar und einige andere Fremde auf der Strasse ihr so viel Mitleid entgegenbringen. Sie hatte sich so über ihren ersten Ausflug alleine zum Einkaufen gefreut, doch das ist jetzt verflogen. Verärgert ruft sie dem älteren Paar zu: «Ich bin nicht anders als die anderen Kinder.».
Der zweite Handlungsstrang erzählt von Margit, als sie beim Supermarkt ankommt. Sie rollt auf der Rampe in den Supermarkt und weiter zum Kühlregal, wo die Milch steht. Gerade als sie nach der Milch greifen möchte, eilt ihr ein freundlicher Supermarktmitarbeiter zur Hilfe und reicht ihr die Milch. Anstatt Dankbarkeit zu empfinden, ist Margit verärgert, weil sie nicht um Hilfe gebeten hatte.
Später hilft der Mitarbeiter Margit wieder ungefragt, als sie in der Obstabteilung gerade nach einer Tüte Äpfel greift. Sie ärgert sich so sehr, dass sie ruft: «Ich möchte meine Äpfel selbst nehmen wie alle anderen auch!». Der Mitarbeiter kann das überhaupt nicht verstehen.
Diese beiden Situationen zeigen sehr gut einige Missverständnisse und Spannungen zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen auf. Leider assoziieren viele Leute Behinderung immer noch mit Elend und Mitleid. Das übersteigerte Mitgefühl wird für Menschen mit Behinderung zu einer Herausforderung: Sie müssen für ihre Unabhängigkeit und Gleichstellung kämpfen.
Franz-Josephs wichtige Botschaft
Neben Kinderbüchern hat Franz-Joseph auch andere Publikationen über sich selbst und Behinderungen veröffentlicht, zum Beispiel sein 2016 erschienenes Buch «Mit Mut zum Glück: Das Leben wagen».
Nach 15 Jahren als Abgeordneter im Österreichischen Nationalrat begann Franz-Joseph seine Arbeit für die Abteilung Humanitarian Broadcasting des Österreichischen Rundfunks ORF im Januar 2019. Er hat einen YouTube-Kanal mit Videos, die Einblicke in seinen Alltag, seine Ansichten und seine Arbeit für Behindertenrechte geben. Das Video unten zeigt seine humorvolle Seite – ausserdem verkündet er eine kurze, aber klare Botschaft:
« We have to give people with disability a voice. Nothing about us without us. » (DE: Wir müssen Menschen mit Behinderungen eine Stimme geben. Nichts über uns ohne uns.)
Habt Ihr weitere Kinderbücher und Autoren zum Thema Behinderung, die Ihr empfehlen könnt? Teilt sie mit uns!