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Die unter dem Vorzeichen des Fortschritts durchgeführte Oberrheinkorrektion hat zu einem nachhaltigen Wandel geführt. Der Verbesserung der Schifffahrt, der Steigerung der Produktivität in der Landwirtschaft und dem Siedlungswachstum steht ein fast vollständiger Verlust der arten- und strukturreichen Auenlandlandschaft gegenüber. Die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen sind noch heute spürbar.
Der Oberrhein vor der Korrektion
Bevor der Mensch ab 1820 die Landschaft und den Strom am Oberrhein stark verändert hat, war der Rhein ein Wildstrom und beanspruchte, je nach Wasserstand, die Aue in ihrer ganzen Breite von drei bis vier Kilometer. Die Flussaue war bei Niederwasser ein Mosaik von verschiedenen Flussarmen des Rheins, Sand- und Kiesinseln und Auenwäldern in verschiedenen Entwicklungsstadien. In der frühsommerlichen Hochwasserzeit war die ganze Aue überflutet. Die Hochwasser veränderten die Landschaft in der Aue immer von neuem: Bestehende Inseln wurden weggeschwemmt, andernorts entstanden neue Trockenlebensräume durch abgelagertes Geschiebe, und die Flussarme schufen sich ein neues Bett. Es kam sogar regelmässig vor, dass der Hauptstrom sein Bett verlegte. Für die Anwohner war dies eine gefährliche Zeit. Obwohl die Siedlungen wegen der Hochwassergefahr am Rande der Aue gebaut worden waren, sind manchmal ganze Ortsteile in den Wassermassen verschwunden. Die Aue war dazu noch grossflächig versumpft, und die Bewohner litten bis ins 19. Jh. unter Malaria.
Hochwasserschutz
Es gab immer wieder Bestrebungen, den wilden Rhein zu zähmen und ihn in ein geregeltes Bett zu zwingen. Diese blieben aber lokal begrenzt. Erst der Ingenieur Johann Gottfried Tulla jedoch plante und realisierte ab 1809 die Korrektion des gesamten Oberrheins von Basel bis Bingen. Sie dauerte von 1817 bis 1870. Das Flussbett des Rheins wurde begradigt und eingeengt. Im Verlauf der Arbeiten wurde die Rheinstrecke zwischen Basel und Worms von 353 auf 272 Kilometer verkürzt. Als Folge davon erhöhte sich, wie von Tulla geplant, das Gefälle. Die Fliessgeschwindigkeit nahm zu und bewirkte eine grössere Erosion. Der Rhein tiefte sich ein und der Hochwasserschutz wurde verbessert.
Landgewinnung und Gesundheitsvorsorge
Durch die Trockenlegung der Auenlandschaft wurde neues Kulturland gewonnen und die Malaria bekämpft. Angesichts immer wiederkehrender Hungersnöte war dies eine wichtige Errungenschaft. Ein weiteres Ziel der Korrektion war die definitive Fixierung der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, die durch den Verlauf des Rheins gebildet wurde. Denn es gab Ortschaften, die einmal links und einmal rechts des Hauptgerinnes lagen und somit abwechselnd zu Frankreich oder Deutschland gehörten. Die Arbeiten der Korrektion dauerten sehr lange. Dafür war nicht nur die fehlende Mechanisierung der Bauarbeiten verantwortlich. Bauern und Fischer entlang des Flusses befürchteten den Verlust von Ackerland oder Fischweiden als Folge Korrektion und wehrten sich dagegen. Die Arbeiten mussten daher zum Teil mit Waffengewalt durchgesetzt werden.
Versteppung der früheren Aue
Die Rheinkorrektion hat die Landschaft am Oberrhein massiv verändert. Durch das Absenken des Grundwasserspiegels fielen die Auen mit ihren Feuchtgebieten und Nasslebensräumen trocken. Aus landwirtschaftlich genutzten Flächen ausserhalb der Auen sind Halbtrocken- und Trockenrasen entstanden. Die Zahl der Wanderfische im Rhein nahm dagegen ab. In den begradigten Abschnitten beklagten die Fischer den Rückgang der Lachs- und Störbestände. Viele Fischerfamilien konnten sich anfänglich trotz der rückgängigen Fänge noch über Wasser halten, mussten aber bald schon ihren Beruf aufgeben.
Rheinseitenkanal und Staustufen
Die Verbesserung der Schifffahrt auf dem Rhein war ebenfalls ein Resultat von Tullas Korrektion. Aufgrund anstehender Felsriegel wie den Isteiner Schwellen war sie aber bei geringer Wasserführung im Winterhalbjahr riskant oder zeitweise verunmöglicht. Erst der von Frankreich ab den 1920er-Jahren errichtete Rheinseitenkanal zwischen Basel und Breisach, der Grand Canal d’Alsace, ermöglichte eine ganzjährige Schifffahrt bis Basel. Er war mit einer Wasserkraftnutzung in grossem Stil auch eine Fortsetzung des nach 1890 begonnenen Umbaus des Hochrheins. Lange Zeit floss nur gerade 2 % des Wassers durch den von Tulla korrigierten Altrhein, der zeitweilig zu einem Rinnsal verkam. Seit der Neukonzessionierung des Kraftwerks Kembs Ende 2010 sind es immerhin zwischen 4 und 15 % der den natürlichen Abflussverhältnissen entsprechenden Schwankungen. Verbunden mit der steigenden Gewässerbelastung hat der Bau des Rheinseitenkanals den endgültigen Niedergang der Fischerei besiegelt. Der Lachs stand im Oberrhein vor verschlossenen Schleusentoren.
DK