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Der Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften geht in diesem Jahr an drei Armutsforscher von renommierten US-Universitäten. Ausgezeichnet werden Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer.
Die Preisträger und -trägerin
Esther Duflo (46) ist gebürtige Französin, lebt aber seit mehr als 20 Jahren in den USA. Sie lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ihr Schwerpunkt liegt auf mikroökonomischen Themen in Entwicklungsländern, darunter das Verhalten von Haushalten, Bildungspolitik, Zugang zu Finanzdienstleistungen, Gesundheitspolitik und die Bewertung wirtschaftspolitischer Massnahmen. Sie ist die jüngste Wirtschaftsnobelpreisträgerin.
Abhijit Banerjee (58) wurde in Indien geboren und promovierte an der Harvard Universität. Auch er ist wie seine Frau Esther Duflo am MIT tätig. Er gründete zusammen mit ihr 2003 das Poverty Action Lab, welches er leitet.
Michael Kremer (54) war Lehrer in Kenia, Geschäftsführer einer Nichtregierungsorganisation und schliesslich Professor am MIT und in Harvard. Seine Forschungsgebiete sind Bildung und Gesundheit in Entwicklungsländer sowie Immigration und Globalisierung.
In ihrer Begründung würdigt die Königlich-Schwedische Akademie der Wissenschaften die drei Forschenden mit deren wissenschaftlichem Beitrag zur Bekämpfung der globalen Armut. Doch worin besteht dieser Beitrag?
«Experimentelle Ökonomie»
Für Wirtschaftsprofessorin und Entwicklungsökonomin Dina Pomeranz (Universität Zürich) ist der Fall klar. Das, was die drei Forschenden Anfang der 1990er Jahre mit ihrem neuen Ansatz der Armutsforschung entwickelten, gehöre heute zum unangefochtenen Standard. Sie betreiben «experimentelle Ökonomie».
Die Idee hinter dieser Art von Entwicklungsökonomie sei es, verlässliche wissenschaftliche Angaben darüber zu erhalten, welche Methoden in der Bekämpfung globaler Armut tatsächlich wirken.
Dabei gingen die Nobelpreisträger ähnlich wie in medizinischen Studien vor. Es gebe zwei zufällig zusammengestellte Untersuchungsgruppen. Bei einer Gruppe werde ein Entwicklungsprojekt durchgeführt, die andere Gruppe diene als Kontrolle. So könne man empirisch in Feldversuchen tatsächlich herausfinden, welche armutsbekämpfenden Massnahmen wie wirken.
Kleine Projekte, grosse Wirkung
Denn die Verringerung der globalen Armut, so Pomeranz, sei eine der wichtigsten wirtschaftlichen Fragen unserer Zeit. Eine entscheidende Haltung der drei Forschenden sei es, dass es kein einzelnes Zaubermittel zur Armutsbekämpfung in Entwicklungsländern gebe. Stattdessen brauche es ganz konkrete Interventionen in ganz konkreten Fällen, deren Wirkung man ganz klar belegen könne. Deswegen würden die drei Preisträger auch sehr breit forschen.
So habe etwa Michael Kremer in Kenia zeigen können, dass eine präventive Behandlung mit Entwurmungsmittel das Einkommen der betroffenen Personen langfristig um 20 Prozent erhöhe. Dies, weil zum Beispiel behandelte Mädchen öfters nach der Primar- auf eine weiterführende Schule wechselten, als die nicht-behandelte Kontrollgruppe. Einzelne Gesundheitsmassnahmen könnten daher ein ausgezeichnetes Kosten-Nutzen-Verhältnis haben.
Nah dran, statt im Elfenbeinturm
Es sei eine entscheidende Charakteristik der von den drei Forschenden begründeten Methode, dass ihre Forschung oft vor Ort stattfinde, statt im Versuchslabor. Dadurch würden erstens Fragestellungen entwickelt, die die betroffenen Personen auch wirklich beschäftigten. Und zweitens würden durch die Feldexperimente auch tatsächlich wissenschaftlich fundierte Antworten gefunden, die der Realität entsprechen würden.
Dina Pomeranz, die mit allen drei Ökonomen bereits zusammenarbeiten durfte, freut sich sehr über die Auszeichnung. Diese zeige, dass sich die Volkswirtschaftslehre vermehrt um Fragen der sozialen Ungleichheit und globaler Armut kümmere. Zudem erhalte der Fachbereich nach Angus Deaton, dem Preisträger von 2015, bereits zum zweiten Mal innert fünf Jahren eine der höchsten Auszeichnungen.
Der «unechte» Nobelpreis
Der Wirtschaftsnobelpreis ist der einzige der Nobelpreise, der nicht auf das Testament von Dynamit-Erfinder Alfred Nobel zurückgeht. Er wird vielmehr seit Ende der 1960er-Jahre von der schwedischen Zentralbank gestiftet und gilt somit streng genommen nicht als klassischer Nobelpreis.
Seit der ersten Verleihung des Wirtschaftspreises im Jahr 1969 wurden bei bislang 50 Vergaben insgesamt 81 Preisträger geehrt. Unter den Preisträgern war bis heute nur eine Frau, die US-Professorin Elinor Ostrom.