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Brunos Tramnotizen – N°19
Der Mann im dunklen Anzug war die Ruhe selbst, sass alleine auf einer Zweierbank, lächelte glückselig vor sich hin, seine Augen hielt er halb geschlossen, seine Hände ruhten auf einem in Leder gefassten Kistchen. Seit er am Bellevue in den 4er zugestiegen war, hob er schon zum dritten Mal den Deckel mit der Linken leicht an, drehte den Kopf schräg nach unten, schaute durch die schmale Öffnung hinein, schloss den Deckel wieder mit einem leisen Seufzer, der Mann schien einfach nur glücklich zu sein. Als der 4er aus unerfindlichen Gründen an der Kreuzstrasse länger als gewöhnlich hielt, nahm der Mann den Deckel ganz ab, beugte sich vor, wanderte mit seinen Fingern über rund ein Dutzend Spielzeugautos, die er sorgsam zwischen Seidenpapier gelegt hat. Er schaute zu mir, strahlte er übers ganze Gesicht, meinte, ich solle mich doch zu ihm setzen, er wolle mir etwas zeigen. Er atmete tief durch, stellte sich als Fabian vor, erzählte, er komme soeben aus Paris, habe dort etliche Adressen abgeklappert, auf der Suche nach originalen Dinky Toys aus den Serien zwischen 1950 und Anfang der 1970er Jahre. Zuhause habe er über 700 Modellautos, im Massstab 1:43 der Originalgrösse, aus den alten Serien, die im Zink-Spritzguss-Verfahren hergestellt wurden. Seine Sammlung habe einen Wert einer kleinen Eigentumswohnung. Er nahm einen rotgelben Lastwagen mit einer aufgemalten Ketchup-Flasche aus seinem Kistchen, stellte ihn auf die flache Hand, meinte schön sei er, ein 923 Big Bedford Heinz Van von 1958, den habe er einem Sammler für 1800 Euro abgekauft. Er legte ihn zurück, nahm den Triumph Herald von 1963 heraus, der 1600 Euro kostete. Fabian fabulierte ununterbrochen, zeigte das Oldsmobile in Zweiton-Lackierung, den Lincoln, den MG Midget, und als er fertig war, wusste ich, dass alle die Spielzeugautos zusammen rund 20'000 Franken teuer sind. Fabians Augen glänzten, er war aufgeregt wie ein kleines Kind, fragte, ob ich einmal seine Sammlung bei ihm zuhause sehen wolle. An der Fröhlichstrasse stieg er aus, glückselig lächelnd, das Kistchen mit beiden Händen vor sich hertragend. Ich dachte an früher und daran, dass ich immer alles verschenkte, was ich hatte, auch meine Spielzeugautos und die französischen Erstausgaben von Tim und Struppi, die mir mein Grossvater überliess. Was wäre wohl, wenn ich das alles noch hätte, Sammler geworden wäre? Wäre ich dann auch ein Fabian?
28. Juni 2015