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Sie sehen aus wie gute Menschen, auch wenn das heute niemand mehr so sagen würde. Links Gitarrist Alan Sparhawk, gross, mit rotblonden Locken, der immer irgendwie neben sich zu stehen scheint, neben den Schuhen, blinzelt und den Kopf schüttelt, als wache er gerade aus einem Traum auf. Rechts steht Mimi Parker am Schlagzeug, ernst und majestätisch, die langen rotbraunen Haare fallen ihr über die Schultern. Bassist Matt Livingston ist die Freundlichkeit in Person.
Auch wenn sie zu spielen anfangen, wirken sie immer noch sympathisch. Wenn Sparhawk Gott anbietet, für ihn zum Mörder zu werden, um seine Drecksarbeit zu erledigen. Wenn er davon singt, dass alle sterben werden, die Babys genauso wie die Soldaten, und wir, «all you pretty people», übrigens auch. Es ist die Wahrheit, die niemand infrage stellen kann, aber niemand hören will, schon gar nicht von einem, der zwei kleine Kinder hat und ein Gesicht wie ein geschlagener Engel.
Sie gehen mit offenen Augen genau dorthin, wo es am meisten wehtut. Und dort bleiben sie und schauen sich um, beschreiben, was sie sehen. Nach jedem Song bleibt es eine Sekunde still, fast ist hörbar, wie das Publikum Atem holt. Dann bricht es in Jubel aus.
Die erste Platte von Low, «I Could Live in Hope» (1994), hatte nichts von einem Erstling, nichts Unsicheres, Unentschiedenes. Sie war ein geschlossenes, klares Werk. Völlig reduzierte Musik, langsamer Bass, langsames Schlagzeug, eine seltsam entrückte Gitarre mit Echo, als wäre die Band in einem riesigen Raum. Dazu zwei eindrückliche Stimmen, Sparhawk und Parker, die zusammen sangen. Es ist eine Platte, die sich fast nur im Dunkeln hören lässt. In ihrem ersten Video zogen die drei ein Boot über ein vereistes Meer. Es sah nicht aus, als würden sie je irgendwo ankommen oder es auch nur hoffen.
Das Meer war in Wirklichkeit Lake Superior, der westlichste der Grossen Seen im Nordosten der USA. An seinem Ufer leben Low, in Duluth, Minnesota, einer Stadt von der Grösse Winterthurs. In einem Dorf ausserhalb von Duluth gingen Parker und Sparhawk schon zusammen zur Schule, Anfang der neunziger Jahre heirateten sie und gründeten Low mit dem Bassisten John Nichols, der bald von Zak Sally abgelöst wurde.
Schnell fanden sie Fans im In- und Ausland. Schnell waren sie auch festgelegt auf ihren anfänglichen Stil, und das Image von Langsamkeit und Ruhe ist bis heute geblieben, obwohl Low bald auch anderes ausprobierten. Am offensivsten auf der neuen Platte «Drums and Guns». Rau dröhnende Orgeln, Klaviere, Bass und elektronische Drumsounds stehen im Zentrum. Die Stücke sind reduziert bis auf die Knochen. Hatte Sparhawk nach all den Jahren genug von Gitarren? «Überhaupt nicht», sagt der Gitarrist. «Ich liebe die Gitarre. Gitarre spielen ist der Kampf meines Lebens. Vielleicht beginne ich sie genug zu verstehen, um sie manchmal nicht zu gebrauchen. Wenn sie immer da ist, verschwindet sie.»
Tatsächlich sind mehr Gitarren auf «Drums and Guns», als es auf den ers-ten Blick scheint. Nur begleiten sie die Songs nicht mit Akkorden, sondern dröhnen, knistern, surren wie Insektenschwärme, wiederholen sich in endlosen Loops, untermalen mit gezielter Brutalität die Gewalt in den Texten.
Jenseits der Tagespolitik
Gewalt und Krieg sind das Thema fast aller Songs von «Drums and Guns». Das sei nicht in erster Linie als Kommentar zum Irakkrieg gemeint, sagt Sparhawk. «Der Krieg dauert ja schon ein Jahrhundert. Er hat jetzt nur einen neuen Namen.» Jenseits der Tagespolitik gehe es um die grundlegenden Fragen: Wie kommen Menschen an den Punkt, an dem sie glauben, zu töten oder einen Krieg anzufangen sei gerechtfertigt?
Ein Songtext besteht oft nur aus wenigen Sätzen. Doch es dauere oft sehr lange, bis er mit einem Text zufrieden sei, sagt Alan Sparhawk. «Meistens habe ich ein Textfragment und eine Melodie im Kopf. Es ist wie ein Puzzle, du hast einige Teile und musst herausfinden, was der Rest ist. Und viel überarbeiten und wegkratzen. Ich versuche so direkt, genau und ehrlich zu sein wie möglich. Nur so kann ich das tun, ohne mich zu zerstören.»
Es ist keine Selbstzerstörung, auch nicht Selbstquälerei, eher ein schonungsloser Umgang mit sich selbst, zu sehen, was übrig bleibt, wenn alles Überflüssige wegfällt. «Ich brauche die Vergangenheit nicht, ich brauche dein Lächeln nicht, ich brauche meine Augen nicht», sang Sparhawk vor Jahren in «No Need». Der eigene, beschädigte Körper ist immer wieder Thema, sowohl in Sparhawks als auch in Parkers Texten. «Ich fiel von der Treppe, ich wünschte, ich wäre tot», singt Parker in «Embrace», im gleichen Song geht es darum, «deinen Schädel zu zerquetschen mit meiner wärmenden Umarmung». Da ist sie wieder, die Gewalt, und sie ist nicht einmal beabsichtigt. Schlechtes tun, ohne es zu wollen, ist ein häufiges Motiv in Low-Songs. «Meine Hand tötet und tötet / Das muss aufhören» und «Alles, was ich tun kann, ist kämpfen / Sogar wenn ich weiss, dass du Recht hast», heisst es auf «Drums and Guns». Wir sind alle schuldig, sagen Low. Wo haben wir eine Wahl?
«The Great Destroyer» (2005), die vorletzte Platte, war seltsam. Einerseits klingt sie konventioneller als jedes andere Low-Album, mit einigen richtigen Popsongs. Diese Musik kommt nicht aus der Nacht. Doch etwas stimmt nicht, etwas ist verschoben. Das Licht ist zu hell, und dahinter wartet Schrecken. Das bestätigt sich beim Blick auf die Texte. «Ich werde ins Meer hineingehen und meine Erinnerungen ersticken», singt Sparhawk zu einer optimistischen Melodie. «Muss ich am Leben bleiben, nur um unsere Westen weiss zu halten?»
Nach einer chaotischen Tournee im Frühling 2005 ging gar nichts mehr. Low sagten ihre Sommertournee ab, Sparhawk ging einige Zeit in eine Klinik, im Herbst 2005 verliess Bassist Zak Sally nach mehr als zehn Jahren die Band. «Die letzten Jahre waren sehr seltsam», sagt Sparhawk heute. «Wenn du wirklich krank wirst, zerstört es dein Gehirn und deine Wahrnehmung. Nichts Magisches oder Kreatives kommt aus dieser Erfahrung.» Doch ein Zweifel bleibt: «Ich glaube immer noch, dass einige Orte, wo mein Hirn hinging ... ich bin nicht sicher, ob sie falsch oder unwahr waren. Wir werden sehen. Wir werden herausfinden, wer hier wirklich verrückt ist. Vielleicht hatte ich ja Recht ...»
Lässt sich das Innere heilen, wenn die Aussenwelt kaputt ist? Um diese Frage kreist «Dragonfly», eines der stärksten Stücke der neuen Platte: «Wir nahmen unsere Pillen / Es veränderte die Welt / Aber als wir begriffen, dass wir Libellen sind / Wussten wir, dass wir versuchen mussten, einen Weg zu finden, mehr Pillen zu bekommen.» Die Libelle mit ihren tausendteiligen Augen wird zur Metapher dafür, dass Betäubung mit Medikamenten zwecklos ist. Mit tausend Augen sieht man trotzdem, was auf der Welt passiert: «Warum versuchten wir es überhaupt / So etwas wie Pillen für Libellen gibt es nicht.»
Heilungsversuche
Sparhawk hat Wege aus der Krise gefunden. «Dub Reggae ist gut zum Gesundwerden. Und Bewegung. Ich renne jetzt viel, das hilft wirklich sehr. Bewegung und gesundes Essen» - früher sei er ein «typical American bad food eater» gewesen. Er hat sein erstes Soloalbum aufgenommen, eine erstaunliche, rein instrumentale Improvisation zwischen orchestralem Dröhnen und totaler Stille. Die Kinder werden grösser und spielen am liebsten im Übungsraum, Sohn Cyrus haut auf dem Schlagzeug herum, und Tochter Hollis «sagt allen, was sie tun müssen. Vielleicht wird sie einmal Produzentin.»
Doch die Arbeit mit der Musik führt weiterhin an dunkle Orte, und manchmal, sagt Sparhawk, gehe er dort auch verloren. «Gegen Ende einer Tour, wenn ich jede Nacht diese Songs singe, meinen Kopf in diesen Zustand bringe, merke ich es. Wenn ich nach innen schaue, gelange ich ziemlich schnell über den Punkt hinaus, den ich gesucht habe. Es gibt da so etwas wie ein 'Hintertür-Ego', das mir Dinge erzählt. Aber immer, wenn ich aus etwas Dunklem und Verwirrendem herauskomme, fühle ich, dass ich ein bisschen gewachsen bin.»
Warum ist das alles auszuhalten? Weil es so schön ist. So wie die Welt heute aussieht, könnten wir fast denken, das Schöne könne gar nicht wahr sein, sei zwangsläufig Verdrängung und Schein. Low zeigen, dass das nicht stimmt. Der zweistimmige Gesang von Parker und Sparhawk ist so schön, dass er manchmal kaum zu ertragen ist. Was Low machen, ist Psychotherapie oder Religion oder beides.
«Ich habe den Eindruck, dass eure Musik viel mit Heilen zu tun hat.» - «Das klingt gut. Das ist wahrscheinlich überhaupt das Einzige, was wir hoffen können zu tun: zu heilen versuchen.»
Low: «Drums and Guns» (2007). Sub Pop / Irascible.
Alan Sparhawk: «Solo Guitar» (2006). www.silbermedia.com
Low: «The Great Destroyer» (2005). Sub Pop / Phonag.