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Ein Experiment am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie führte zu einem erstaunlichen Ergebnis. Einige Versuchspersonen liessen sich für mehrere Wochen einzeln in fensterlose Zimmer sperren.
Bei künstlicher Beleuchtung durften sie kochen, essen, arbeiten, Fitnessgeräte sowie Musikinstrumente benutzen, nicht aber telefonieren, Radio hören oder fernsehen. Die Kontaktpflege mit den Angehörigen war nur per Brief möglich.
Intensivere Erfahrungen
Mit dem Versuch wollten die Forscher mehr über die Funktionsweise der inneren Uhr herausfinden. Verschiedene Testpersonen waren im Voraus skeptisch, ob sie die Wochen mit sich alleine überhaupt aushalten würden.
Ihre Befürchtungen erwiesen sich als unbegründet; nach Abschluss des Experiments wollten vier Fünftel der Teilnehmenden gerne wieder kommen.
Sie berichteten, dass sie mit der Zeit Musik, Literatur und auch ihre Träume viel intensiver erlebt hatten. Eine massive Reduktion der Sinnesreize führt nicht, wie man annehmen könnte, zur Empfindung von Eintönigkeit und Langeweile, sondern zu intensiverer Wahrnehmung.
Überflutete Sinnesorgane
Bis zum Beginn der Industrialisierung, war das Läuten der Kirchenglocken das lauteste Geräusch, das ein Durchschnittsmensch kannte.
Seither gehört eine mehr oder minder ausgeprägte Lärmkulisse zum Alltag: Das Kreischen von Tramrädern, Auto- und Bahnverkehr, Flugzeuge, Presslufthämmer, Musik in Einkaufszentren.
Die meisten Menschen haben sich an die Dauergeräusche gewöhnt. Doch diese führen zu einem Verlust. Wissenschaftler sprechen vom so genannten Schlaraffenland-Effekt. Gemeint ist damit eine Abstumpfung der Sinnesempfindungen durch ein Überangebot an Reizen.
Abgestumpfte Wahrnehmung
Um nicht ständig über dem Leistungslimit funktionieren zu müssen, schützt sich das Gehirn selber und akzeptiert mit der Zeit nur noch Reize von einer gewissen Intensität.
Beim Durchschnitt der Bevölkerung hat innerhalb der letzten Jahre das Differenzierungsvermögen von Klängen von 300'000 auf 180'000 nachgelassen. Vor rund drei Jahrzehnten wurde Lärm ab 100 Dezibel als quälend empfunden, heute liegt die Schmerzgrenze bei 120 Dezibel.
Süsseres Süss
Ausser dem Differenzierungsvermögen von Klängen, hat auch das Geschmacksempfinden nachgelassen. Kaum verwunderlich, nach jahrelangem Einsatz von Geschmacksverstärkern und anderen Hilfsstoffen in der Lebensmittelindustrie gehen die Originalaromen vieler Speisen allmählich vergessen.
Als Folge des Schlaraffenland-Effekts, muss für viele Menschen heute Süsses deutlich süsser, Saures saurer und Bitteres bitterer sein, um vom Gehirn entsprechend wahrgenommen zu werden.
Genuss braucht Zeit
Das Überangebot an Eindrücken führt zur inneren Verarmung; nicht das Spektakel, die Nuancen sind es, die Sinnesempfindungen erst zum unverwechselbaren Erlebnis werden lassen. Diese Tatsache kann jeder Weinkenner, jede Feinschmeckerin und jeder Liebhaber von Klavierkonzerten bestätigen.
Weniger ist mehr
«Geniesse das Mass, damit du länger geniessen kannst», rät Horst W. Opaschowski. Der Hamburger Zukunftswissenschaftler rät, nur eine Sache zu einer Zeit zu tun.
Wer mit voller Aufmerksamkeit einen Apfel oder ein Stück Brot langsam isst, wird ungeahnte Geschmacksnuancen entdecken. «Wer das Gute bewusst kostet, braucht weniger und hat mehr», schreibt Andreas Urweider in «Frühstücke», einem Band mit Betrachtungen zum Tagesbeginn.
Dass die Einschränkungen der Pandemie nicht nur negative Auswirkungen haben, hat auch Dr. phil. Urs Braun, leitender Psychologe an der Psychiatrie St. Gallen Nord (PSGN) in Wil, im ersten Montagsreferat dieses Jahr festgehalten. Mehr dazu im Bericht «Psychische Gesundheit».