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Die Rückkehr aus dem Palast verlief einfacher, als Tavoran gedacht hatte. Dalin hatte tatsächlich noch auf ihn gewartet und ihn mit einem vielsagenden Blick bedacht. Er hatte es jedoch unterlassen, den Jungen zur Rede zu stellen und ihn zu fragen, ob Saleja mit ihrer Aussage, dass auch sie ihre Quellen habe, wohl ihn gemeint hatte. Tavoran wollte so schnell wie möglich den Palast verlassen, bevor der Drang, den Dolch zu benutzen, ihn in weitere Schwierigkeiten brachte.
Er schlich durch die geheimen Gänge und durch die Küche zurück in die Vorratskammer, wo Dalin bereits die Falltür geöffnet hatte und Tavoran mit einem vielsagenden Grinsen bedachte. Wahrscheinlich hatte der Junge die Geschehnisse in Salejas Gemach genau beobachtet, denn es hätte Tavoran gewundert, wenn er ihm nicht durch die Gänge gefolgt wäre.
Tavoran drückte ihm die versprochene zweite Münze in die ausgestreckte Hand, dann nickte er ihm zu und kletterte die eisernen Streben in den Stollen hinab. Er sah zu, wie der Junge die Falltür über ihm mit einem dumpfen Klang zufallen ließ, und hörte, wie er den Riegel vorschob. Feiner Staub rieselte auf ihn herab, als Dalin einen schweren Gegenstand über die Klappe schob. Das Geräusch hatte etwas Endgültiges, etwas Abschließendes.
Danach herrschte Stille. Tavoran hielt einen Augenblick inne und atmete tief durch. Der Dolch unter seinem Wams sendete Wellen von Wärme durch den ganzen Körper, und er fühlte sich auf eine eigentümliche Art und Weise mit ihm verbunden. Die Vorstellung, den Dolch am nächsten Tag Yihun zu übergeben, erfüllte ihn mit Wehmut, und am liebsten würde er den Dolch nicht wieder hergeben. Dieser Gegenstand gehörte zu ihm, passte zu ihm und vervollständigte ihn. Aber er musste sich von ihm trennen, wenn er Lyndia wiedersehen wollte.
Der Weg zurück in seine Unterkunft verlief ohne weitere Zwischenfälle, auch wenn er sich zurückhalten musste, dem schnarchenden Wachmann in der Fischerhütte nicht den Dolch in das kräftige, warme Herz zu stoßen.
Seit dem Tod von Lyndia hatte er keinen Mord mehr begangen, und jetzt, da er eine passende Waffe zur Hand hatte, spürte er mehr denn je das Verlangen danach. Er hatte nie Probleme damit gehabt, jemandem das Leben zu nehmen, denn meistens hatten seine Opfer ihr Schicksal in irgend einer Art und Weise verdient. Auch wenn Tavoran wusste, dass das hauptsächlich seine Ansicht und lediglich eine Ausrede oder Entschuldigung für seine Taten war, so konnte er sie so mit seinem Gewissen vereinbaren.
Auf eine Art vermisste er das Gefühl der Macht, über das Leben eines anderen bestimmen zu können. Und er vermisste das Gefühl der Genugtuung, wenn sein Opfer erkannte, dass es verloren hatte, und dessen Blick sich brach.
Aber bei Lyndia hatte nicht er über Leben und Tod entscheiden können, jemand anders hatte das für ihn getan. Damals war ihm das erste Mal wirklich bewusst geworden, dass es so viel einfacher war, ein Leben zu nehmen, als eines zu retten. Wie bei allen Dingen war es so viel einfacher, etwas zu zerstören, als es zu retten.
Tavoran wählte den Rückweg zu seiner Unterkunft so, dass er die Straßen und Gassen umging, auf denen möglicherweise noch Leute unterwegs sein konnten, auch wenn er nicht damit rechnete, um diese Zeit jemandem zu begegnen. Außerdem ging man sich normalerweise um diese Uhrzeit aus dem Weg, außer man führte etwas im Schilde, aber dafür war Tavoran gewappnet.
Er erreichte seine Unterkunft noch vor Sonnenaufgang. Als er die Tür aufschloss und eintrat, wirkte das Sternenpulver noch immer, und so hielt er es nicht für nötig, eine Lampe zu entzünden. Er ließ die Tür ins Schloss fallen und schob den Riegel vor, dann lehnte er sich mit einem schweren Seufzer mit dem Rücken gegen das raue Holz und ließ sich langsam zu Boden sinken.
Der Dolch verwirrte ihn. Der Einstieg in den Palast war nichts Besonderes gewesen, nichts, das er nicht schon Dutzende Male getan hätte. Und dennoch fühlte es sich jetzt an, als wäre ihm eine große Last von den Schultern gefallen, seit er die Tür hinter sich geschlossen hatte. Es kam ihm beinahe so vor, als wäre der Dolch zufrieden, dass er nun mit ihm alleine war.
Beinahe zögerlich griff Tavoran unter sein Wams und holte das Artefakt hervor. Langsam drehte er die Waffe in den Händen, die sich erstaunlich leicht und auf eine eigentümliche Weise beinahe lebendig anfühlte, und betrachtete sie von allen Seiten. Die Scheide aus gehärtetem Leder war mit verschlungenen Linien und seltsamen Mustern und an den Rändern mit aufwändigen Stickereien verziert. So, wie die Fäden im schwachen Licht glänzten, glaubte Tavoran, dass es sich dabei um schwarze Spinnenseide handelte. Diese Seide war sehr selten und schwer zu gewinnen, aber noch schwieriger war es, sie richtig zu verarbeiten. Sie wurde oft für magische Artefakte verwendet oder in Gewänder eingearbeitet, weil sie angeblich magische Energie bündeln und leiten soll. Dass sie in dieser Menge für eine Dolchscheide verwendet worden war, bestätigte, dass es sich einerseits um ein ungemein wertvolles, aber auch um ein sehr mächtiges magisches Artefakt handeln musste.
Der Griff des Dolches war aus Horn geschnitzt und im Vergleich zur Dolchscheide auffällig schlicht gehalten, dafür lag er sehr gut in der Hand. Tavoran schloss daraus, dass es sich dabei tatsächlich um eine Waffe für den regelmäßigen Gebrauch und nicht nur um ein Schmuckstück handeln musste.
Er zog die Waffe langsam aus der Scheide und betrachtete die Klinge aus schwarzem Obsidian, auf deren Oberfläche feinste Linien eingeritzt worden waren. Sie begannen direkt unterhalb des Griffes, verästelten sich über die gesamte Klinge und wirkten, als wäre er mit zarten Adern überzogen.
Mit dem Daumen prüfte er die Schärfe der Klinge und war überrascht, wie leicht sie in sein Fleisch schnitt. Nachdenklich verrieb er das Blut zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete es. Er wusste, wie scharf Obsidianklingen sein konnten, aber diese hier übertraf alles. Entweder war sie kürzlich ersetzt worden, oder aber die Magie in ihr drin bewahrte die Klinge davor, sich abzunutzen. Anders konnte er sich nicht erklären, weshalb dieses angeblich mehrere hundert Jahre alte Artefakt eine solch scharfe Klinge besaß.
Mit einem Ruck schob er den Dolch in die Scheide zurück und leckte sich das Blut von den Fingern. Dann erhob er sich, und legte sich, angezogen wie er war, auf seine Bettstatt. Auch wenn er nicht unbedingt müde war, er wollte zumindest ein paar Stunden Schlaf bekommen, bevor er sich mit Yihun traf. Für das, was kommen sollte, wollte er vorbereitet sein.
Lange Zeit starrte er in der Dunkelheit an die Decke und bemerkte, wie das Sternenpulver langsam seine Wirkung verlor. Seine Augen begannen zu kratzen und es blieb ihm nichts anderes übrig, als sie geschlossen zu halten, um die Nachwirkungen des Pulvers auszuhalten. Aus Angst, der Dolch könnte ihm in der Nacht auf irgend eine Art und Weise abhandenkommen, hielt er ihn mit beiden Händen fest umklammert und wartete, bis der Schlaf ihn übermannte.
»Endlich bist du da, Tavoran«, erklang eine sanfte Stimme aus der Dunkelheit. Er öffnete die Augen und erkannte ein schummriges Zimmer, jedoch nicht das seine. Er sass mit dem Rücken an die Wand gelehnt auf einer Bettstatt, in seinen Armen lag eine Frau mit leicht gelockten rötlichen Haaren.
Lyndia wandte den Kopf und blickte aus graugrünen Augen zu ihm hoch, feine Sommersprossen zierten ihre Wangen, Strähnen ihres Haares kitzelten auf seiner Brust. Ihre Finger strichen beinahe gedankenverloren über seine Arme und hielten dann inne, als sie weitersprach.
»Ich habe dich vermisst.«
Tavoran wollte antworten, brachte aber kein Wort über die Lippen. Er spürte, wie sein Mund sich bewegte, aber seine Stimme gehorchte ihm nicht. Er wollte ihr sagen, wie sehr auch er sie vermisst hatte, wie sehr er darunter litt, sie verloren zu haben. Er wollte sich entschuldigen, sie um Verzeihung bitten und ihr versprechen, alles wieder gutzumachen. Aber er schwieg.
Lyndias Blick fixierte den seinen und er erkannte Trauer und Vorwurf darin.
»Als du gegangen bist, hast du etwas vergessen«, sagte Lyndia schließlich und wandte den Blick ab. Sie nahm seine Hand und führte sie an ihre Brust, aber anstatt die weiche, warme Haut zu spüren, ertastete er einen kalten, harten Gegenstand.
Einen Dolch.
Der Dolch mit einem schlichten Griff aus Horn steckte bis zum Anschlag in ihrer Brust, der Stoff ihres Hemdes war dunkel verfärbt.
»Töte mich, Tavoran. Ich will, dass du es tust und niemand anderes.«
Tavoran sog überrascht die Luft ein, als sie mit erstaunlicher Kraft seine Hand packte und ihn zwang, den Dolch zu umfassen. Er wollte seine Hand lösen, aber je mehr er sich abmühte, desto fester schlossen sich seine Finger um den warmen, schlichten Griff. Mit Entsetzen musste er mitansehen, wie er gegen seinen Willen den Dolch durch Lyndias Brust zog und Fleisch und Knochen zerschnitt, als wäre es Pergament. Er wandte den Blick ab und wollte schreien, aber noch immer brachte er keinen Laut über die Lippen.
»Du hättest sie retten können, Tavoran.«
Die Stimme von Kerys drang in seine Gedanken. Er riss die Augen auf und in seinen Armen lag nicht mehr Lyndia, sondern Kerys. Ihre dunklen zu langen Zöpfen geflochtenen Haare waren mit Blut verklebt, die von der Wüstensonne gebräunte Haut fahl und grau und die bernsteinfarbenen Augen blickten starr und tot an ihm vorbei.
In seinen blutbesudelten Händen hielt er den Dolch der Seelen, von dessen makelloser Klinge zähes, schwarzes Blut troff, das sich mit jenem auf Kerys’ Brust vermengte.
Und jetzt endlich konnte er schreien.
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