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| Tertullian († um 220) - Über die Seele. (De anima)

6. Cap. Dass sie eine solche besitze, dafür sprechen die Beobachtungen des Arztes Soranus und andere Gründe.
Hiergegen erheben die Platoniker mehr aus Spitzfindigkeit als mit Grund Schwierigkeiten. Ein jeder Körper, sagen sie, ist notwendigerweise entweder belebt oder unbelebt. Und dann wird er, wenn unbelebt, von aussen her, wenn belebt, von innen her in Bewegung gesetzt. Die Seele aber dürfte wohl nicht von aussen bewegt werden, als welche nicht unbeseelt ist, und auch nicht von innen, weil sie es vielmehr selber ist, die den Körper bewegt. Daher werde sie wohl kein Körper sein, da sie nicht nach der herkömmlichen Art der Körper von irgend einer Stelle aus in Bewegung gesetzt wird.
Hierbei dürften wir uns nun zunächst über das Unzutreffende der Definition zu wundern haben, die sich auf etwas beruft, was auf die Seele nicht passt. Es geht nämlich nicht an, dass man sagt, die Seele sei entweder etwas Belebtes oder etwas Unbelebtes, da sie es gerade ist, welche den Körper zu einem Belebten macht durch ihre Anwesenheit, und zu einem Leblosen durch ihre Abwesenheit von ihm. Sie kann also nicht ihre eigene Wirkung selber sein und etwas Belebtes oder Lebloses genannt werden. Denn Seele wird sie genannt in Hinsicht auf ihre Substanz. Wenn das, was die Seele ist, sich nun die Benennung Belebtes oder Unbelebtes nicht gefallen lässt, wie kann man sich da auf die Form der belebten und unbelebten Körper berufen?
Sodann, wenn es das Kennzeichen eines Körpers ist, von aussen her durch etwas bewegt zu werden, und wir nun zeigen, dass auch die Seele von anderen Faktoren bewegt wird, z. B. wenn sie weissagt, wenn sie raset, d. h. also von aussen, da ja das Bewegende ein anderes [S. 295] ist, so werde ich nach der vorgetragenen Analogie mit vollem Recht das, was von einem andern von aussen her bewegt wird, für einen Körper ansehen. Ist es nun eine Eigenschaft des Körpers, von einem andern bewegt zu werden, um wie viel mehr noch ist es eine solche, selbst einen andern Körper zu bewegen! Die Seele aber setzt den Körper in Bewegung, und ihre desfallsigen Bemühungen treten äusserlich zutage. Von ihr nämlich kommt es her, wenn die Füsse zum Gehen, die Hände zum Erfassen, die Augen zum Sehen, die Zunge zum Sprechen angetrieben werden, indem sie unter der Oberfläche automatenartig die Bewegung bewirkt. Woher hat die unkörperliche Seele die Kraft dazu? Wie kann ein wesenloses Ding materielle Dinge fortbewegen?
Aber wie kommt es, dass beim Menschen die körperlichen und geistigen Sinnesthätigkeiten getrennt erscheinen? Man sagt, die Sinne des Körpers, z. B. Gesicht und Gefühl, melden uns die Eigenschaften der körperlichen Dinge, wie der Erde oder des Feuers, die nicht körperlichen dagegen passen für das Intellektuelle, wie Güte und Bosheit. Daher stehe es fest, dass die Seele unkörperlich sei, weil ihre Eigenschaften nicht mit den körperlichen Sinnen, sondern mit den intellektuellen erfasst würden. Das soll gelten, so lange bis ich dieser Auffassung Platz zu greifen verwehre. Aber siehe da, ich zeige, dass auch Unkörperliches unter die körperlichen Sinneswahrnehmungen falle, der Ton unter das Gehör, die Farbe unter das Gesicht, der Duft unter den Geruch; nach der Analogie davon tritt die Seele auch mit dem Körper in Verbindung. Daher kann man nicht sagen, dass diese Dinge, weil sie mit Körperlichem in Verbindung treten, mit den körperlichen Sinnen aufgefasst würden. Wenn es also feststeht, dass unkörperliche Dinge von den körperlichen erfasst werden, warum sollte nicht auch die Seele, welche unkörperlich ist, durch Körperliches angezeigt werden? Die Annahme ist ganz gewiss abgewiesen.
Zu den vorzüglichsten Beweisführungen gehört auch, dass man glaubt, jeder Körper ernähre sich durch Körperliches, die Seele aber, als ein Unkörperliches, durch Geistiges, nämlich durch das Streben nach Weisheit. Aber auch dies ist keine haltbare Stellung, da ein in der methodischen Heilkunde so unterrichteter Gewährsmann wie Soranus, die Antwort gibt, die Seele ernähre sich ebenfalls durch körperliche Dinge, ja, sie werde, wenn sie auszugehen droht, durch Speise meistens gehalten. Natürlich, wenn letztere gänzlich fehlt, so verlässt die Seele den Körper. So hat denn auch Soranus, der über die Seele am ausführlichsten — in vier Büchern — geschrieben hat und in allen philosophischen Lehren bewandert ist, der Seele eine körperliche Substanz vindiziert, aber sie dabei freilich um die Unsterblichkeit gebracht. Denn nicht alle sind zum Glauben berufen, wie die Christen.
[S. 296] Wie Soranus einerseits zeigt, dass sich die Seele von körperlichen Dingen ernährt, so müsste der Philosoph andererseits ähnlich den Beweis liefern, dass sie von Unkörperlichem lebe. Es hat aber noch niemals jemand einer Seele, wenn sie zu scheiden im Begriffe stand, den Honigseim Platonischer Beredsamkeit eingegeben und noch keine hat dann die Brocken der Subtilitäten des Aristoteles verschluckt. Was sollen vollends die Seelen so vieler ungebildeten Menschen und Barbaren anfangen, welche das Brot der Weisheit nicht besitzen und doch in ungeschulter Klugheit stark sind, die ohne Akademien, ohne attische Säulenhallen und Sokratische Kerker, mit Einem Wort, ungespeist und ungetränkt von aller Philosophie, dennoch leben? Denn der Substanz der Seele selber hilft ja das Genährtsein durch Studien nichts, sondern nur ihrem Verhalten, da sie die Seele nicht fetter machen, sondern sie nur zieren.
Zum guten Glück behaupten die Stoiker, auch die Künste seien körperlich. Also ist die Seele selbst dann auch körperlich, wenn sie mit den Künsten genährt worden ist. Bei ihrem hohen Fluge pflegt die Philosophie häufig nicht auf den Weg zu sehen. So kam es, dass Thales in den Brunnen fiel. Sie pflegt auch wohl, indem sie ihre eigenen Meinungen nicht versteht, an das Dasein einer Krankheit zu denken. Daher griff Chrysipp zum Niesswurz. Etwas der Art, vermute ich, ist ihm zugestossen, als er leugnete, dass zwei Körper in einem sein können, wobei er Augen und Sinn gar nicht auf die Schwangern richtete, welche doch jeden Tag nicht einen, sondern sogar zwei und drei Körper im Bereich ihres einzigen Uterus tragen. Ist doch im Civilrechte von einer Griechin die Rede, welche eine Fünfheit von Söhnen zur Welt gebracht hat, zugleich Mutter von allen, mehrfache Gebärerin bei einem einzigen Fötus, vielfältige Kindbetterin bei einem einzigen Uterus, welche, von so vielen Körpern, ich möchte fast sagen, von einem ganzen Volke umringt, selber der sechste Körper war. Die ganze Schöpfung bezeugt es, dass Körper, die aus Körpern hervorgehen sollen, sich bereits an derselben Stelle befinden, von wo sie hervorgehen sollen. Was aus einem andern entsteht, muss notwendig das Zweitfolgende sein. Nichts aber entsteht aus einem andern, als wenn es erzeugt wird. Dann sind es zwei.