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Amphibienfahrzeuge erlebten während des Zweiten Weltkrieges eine Blütezeit – um danach leise wieder zu verschwinden. Seit einigen Jahren erleben sie eine Renaissance. Nicht nur beim Militär.
Nie ist der Mensch kreativer als in Krisenzeiten. Diese Weisheit gilt auch für die Entwicklung von Amphibienfahrzeugen, die im Zweiten Weltkrieg ihre bislang grösste Blüte erlebte. In Deutschland wurden von 1942 bis 1944 rund 14’000 «VW Typ 166 Schwimmwagen» mit Allradantrieb gebaut, die Alliierten hielten mit schwimmfähigen Ford-Geländewagen und dem DUKW (Dual Utility Kargo Waterborne) dagegen. Für die Landung in der Normandie wurden M4-Sherman-Panzer mit einer Schwimmschürze aus wasserabweisender Leinwand («DD-Tanks») und kettengetriebene LVTs (Landing Vehicle Tracked) auf Kiel gelegt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings flaute das Interesse des Militärs an Neuentwicklungen ab. Die schwimmfähigen Panzer, die im Pazifikkrieg sowie, umgerüstet, im Koreakrieg gute Dienste geleistet hatten, verschwanden in der Versenkung und die Amphibienfahrzeuge wurden «pensioniert».
Erst das Militär, dann die Zivilisten
Zivile Organisationen, allen voran der Katastrophen- und Zivilschutz, aber auch Feuerwehren, technische Hilfswerke (THW), Polizei-, Rettungs- und Sicherheitskräfte übernahmen das eine oder andere Vehikel. Denn der Nutzen von Amphibienfahrzeugen bei Hochwassereinsätzen in Küstenregionen sowie in von Seen geprägten und von Flüssen durchzogenen Landschaften ist unbestreitbar.
Privatpersonen blickten neidisch und mussten sich bis 1961 gedulden, ehe der Traum von der Schwimmfahrt mit dem eigenen Auto Realität werden durfte – mit dem vom ehemaligen SA-Sturmhauptführer Hans Trippel konstruierten Amphicar 770. Der schwimmfähige Kleinwagen mit offenem Dach, 38-PS-Vierzylindermotor und zwei Schrauben am Heck wurde rund 3’800 Mal verkauft – auch an die Hamburger Polizei, welche bei der Flutkatastrophe von 1962 mindestens zwei Fahrzeuge einsetzte.
Deutlich grösser und stärker war der von 1985 bis 1995 von der Rheinauer Maschinen- und Armaturenbau GmbH gebaute «RMA Amphi-Ranger 2800 SR». Das optisch an einen Jeep erinnernde Fahrzeug sollte eigentlich bei der Pipeline-Wartung eingesetzt werden, fand aber auch viele behördliche Abnehmer, beispielsweise die hessische Wasserschutzpolizei, welche von 1987 bis 2001 am Edersee einen Amphi-Ranger einsetzte.
Amphibien-Lkw für die Südrheinufer
Im Katastrophenschutz, etwa bei den THW-Schwimmbrückendiensten und beim Hochwasser-Alarm-Zug (HAZ) des THW-Landesverbands Rheinland-Pfalz, standen derweil noch immer die alten DUKW der US-Armee im Einsatz. Einer von ihnen beim THW Germersheim am Niederrhein, wo heute das vermutlich grösste Amphibienfahrzeug Westeuropas den Fuhrpark ziert: Ein 10,5 Meter langer, 2,55 Meter breiter und 3,80 Meter hoher Schwimm-Lkw mit 280-PS-5,8-Liter-Motor und Allradantrieb. Das blaue Rettungskrokodil basiert auf einer Lkw-Plattform von Iveco, ist an Land bis zu 90 km/h und auf dem Wasser 15 km/h schnell, wiegt rund 11 Tonnen, kann weitere 4 Tonnen zuladen und kostete 300’000 Euro. Diese steuerten gleich sechs Partner bei: das THW, der Landkreis Germersheim, der französische Zivilschutz Niederrhein (Protection Civil du Bas-Rhin), das Departement Strasbourg und – zu 60 Prozent – der Eurodistrikt «Pamina». Dieser kommunale deutsch-französische Zweckverband mit rund 1,7 Millionen Einwohnern und 50’000 Industrieunternehmen erstreckt sich über weite von Hochwassern bedrohte Gebiete entlang des Rheins – zwischen Elsass, Südpfalz und Schwarzwald. Genau dort wird das Fahrzeug nun von Einsatzkräften beider Staaten eingesetzt – überall da, wo für Mehrzweckboote, Pontons, schwimmende Arbeitsplattformen oder Lkws kein Durchkommen ist.
Neue Kampfkrokodile für US-Marines
Voll auf Attacke gebürstet und ganz in Camouflage gehüllt präsentiert sich das von Iveco Defence Vehicles und BAE Systems im Auftrag des US-Militärs entwickelte 8x8-«Amphibious Combat Vehicle», kurz ACS. Das 8,8 Meter lange, 3,1 Meter breite und 2,8 Meter hohe voll ozeantaugliche «Kampf-Krokodil» ist dank 700-PS-Sechszylinder an Land bis zu 105 km/h, im Wasser immerhin rund 10 km/h schnell. Im gepanzerten Inneren bietet es Platz für drei Besatzungsmitglieder sowie 13 Marines – oder für Lasten von bis zu 10 Tonnen. Das ACS ist im Rumpf von C-17-Maschinen Lufttransport-tauglich und trägt optional eine «Overhead»-Waffenstation bis hin zur 40-mm-Kanone.
Die Entwicklung des 28-Tonnen-Monsters startete 2009 mit einem Auftrag für 30 ACVs mit der Option auf eine Gesamtzahl von 204 Fahrzeugen. Die ersten 16 Prototypen wurden 2017 ausgeliefert. 2018, 2019 und im März 2020 stockte das US-Militär die Bestellung um weitere rund 100 Fahrzeuge auf – und gab die Entwicklung eines für Personentransporte optimierten «ACV-P» in Auftrag.
Schwimm-Quads für die Wüstenpolizei
Im Vergleich zum ACV echte Zwerge, dafür umso vielseitiger sind die Amphibienfahrzeuge von Gibbs Technologies Ltd aus Warwickshire. Die Briten zeigten 2003 am Genfer Automobilsalon mit dem «Aquada» ihr erstes Modell – ein mit Wasserjetantrieb ausgerüstetes Cabriolet auf Basis des Mazda MX-5. 2005 folgte der bei Polizeikorps und Rettungsdiensten in aller Welt eingesetzte «Humdinga», 2012 der Grosstransporter «Phibian». 2013 und 2014 folgten mit dem «Quadski» und dem «Quadski XL» supersportliche Quad/Jetski-Zwitter, die dank 140-PS-Motor mit bis zu 70 km/h übers Wasser pfeifen können. «Genau das Richtige für uns», sagte die Polizei in Dubai. Sie hat damit die Piloten der neuesten Gibbs-Modelle «Biski», «Triski» und «Terraquad» (zwei, drei, vier Räder) jederzeit unter Kontrolle – garantiert.
(Bilder: © Hersteller, Archiv, Wikipedia)