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Der Mount Kenya - Schnee und Eis am Äquator
Peter Hartmann, Trimmis
Schnee und Eis am Äquator, das war im ig. Jahrhundert noch unvorstellbar. Als der Missionar Dr. Krapf 184g in Europa von den Gletschern am Mount Kenya berichtete, stiess ihm das gleiche zu wie schon ein Jahr früher seinem Kollegen Rebmann, als dieser vom Schneekegel des Kilimanjaro erzählte. Beide wurden ausgelacht und die weissen Hauben mit hellem Kalkstein erklärt.
Erst knappe 40 Jahre später wurde Krapfs « Ehre » wiederhergestellt und bestätigt, was auf ein vor etwa 3 Millionen Jahren stattfindendes Ereignis zurückzuführen ist. Damals wurde Ostafrika von grossen tektonischen Störungen heimgesucht, die das berühmte Rift Valley entstehen liessen und die von vulkanischen Aktivitäten grossen Ausmasses begleitet waren. Neben den zahlreichen kleineren Vulkanen im Rift Valley selbst wurden zu dieser Zeit auch die Riesen Kilimanjaro, Mount Elgon und Mount Kenya geboren. Die ursprüngliche Höhe des letzteren muss rund 7000 Meter betragen und seine Form derjenigen des Kilimanjaro geglichen haben. Infolge vorwiegend glazialer Erosion wurde der Mount Kenya in der Zwischenzeit um gute i 800 Meter abgetragen und erhielt seine heutige Gestalt. 5200 Meter sind jedoch immer noch eine stolze Höhe, und die Besteigung der Zwillingsgipfel Batian ( 5199 m ) und Nelion ( 5188 m ) stellen eine hochalpine Angelegenheit dar.
Als erster Europäer wagte sich der österrei-chisch-ungarische Graf Teleki 1887 mit seiner Expedition an den Berg, wobei er bis in eine Höhe von 4200 Metern vorstiess. Das grossartige, westlich des Mount Kenya gelegene und mit prächtigen Senecienwäldern bestandene Teleki Valley erinnert noch heute an diese Tat. Bergsteigeri-scher Erfolg war dann aber erst Mackinder und seiner Expedition beschieden, als ihm 1899 zusammen mit zwei Bergführern aus dem Mont-Blanc-Gebiet die Erstbesteigung des Batian gelang, eine für die damalige Zeit enorme Leistung.
FLORA UND FAUNA AM MOUNT KENYA Der Mount Kenya steigt von seiner im heissen Savannaland fussenden Basis bis zu der von ewigem Schnee und Eis bedeckten Gipfelregion empor. Er trägt deshalb eine Anzahl gänzlich verschiedener Vegetationsgürtel, die einer grossen Zahl von Wildtieren Lebensraum bieten.
Ü ber der Savanna erstreckt sich zuerst ein Streifen kultivierten Landes, das man weitgehend dem Urwald abgerungen hat. Die hier ansässigen Volksstämme der Kikuyus, Merus und Embus ( alle Bantus ) leben von Ackerbau und Viehzucht, wobei deren Kulturen allerdings verschiedentlich von Elefanten oder Büffeln heimgesucht, oder Kühe und Schafe von Leoparden gerissen werden.
Auf das Kulturland folgt der tropische Regenwald, der bis in eine Höhe von 3000 Metern hinaufreicht. In dessen unterem, trockenerem Teil wachsen vor allem Nutzhölzer, während im mittleren die Urwaldriesen vorherrschen. Dann kommt ein Streifen mit undurchdringlichem Bambusgehölz. In seinem oberen Teil lichtet sich schliesslich der Baumbestand parkähnlich. Der ganze Wald ist reich an Wildtieren, die sich tagsüber jedoch meist verborgen halten und höchstens am frühen Morgen oder späten Abend in Erscheinung treten. Die bekanntesten unter ihnen sind der Elefant, der afrikanische Büffel, das schwarze Rhinozeros, der Leopard, verschiedene Antilo-pengattungen sowie Riesenwildschweine, Affen und viele Vogelarten.
Dem Regenwald folgt die Zone der Riesen-Heidekrautbüsche, von denen einzelne Prachtsexemplare eine Höhe von 9 Metern erreichen. Bei den Mount-Kenya-Besteigern ist dieser Abschnitt wegen der hier vorherrschenden Sümpfe, die sich nur während der Trockenzeit ohne grössere Probleme überwinden lassen, berüchtigt.
Hierauf gelangt man endlich in die Alpinzone mit ihrer exotischen Pflanzenwelt. Besonders zwei Exemplare tun es uns an. Die Riesensenecien, die gleich mächtigen Kandelabern unseren Weg säumen, und die Lobelia telekii, deren Blütenstand von silbrig behaarten Fäden völlig umhüllt ist, was besonders bei Gegenlicht einen märchenhaften Eindruck hinterlässt. Neben diesen zwei markantesten Pflanzengestalten gefällt vor allem die Lobelia kenensis, deren Blätter auch mitten in der Trockenzeit noch ständig vom Reif gewonnenes Wasser zurückhalten. Bezüglich der alpinen Tierwelt wirkt das Mount Kenya Rock Hyrax auf uns am vertrautesten, da es in mancher Hinsicht dem Murmeltier gleicht. Gelegentlich gelangen aber auch Tiere des Regenwaldes, besonders wenn sie von einer Seite des Berges auf die andere wechseln, bis in diese Höhen. So wurden schon Elefanten-und Büffelskelette auf 4900 Meter gefunden.
Den Abschluss der Alpinzone bilden die verschiedenen Gletscher der Gipfelregion sowie der 400 Meter hohe Gipfelaufbau selbst, der mineralogisch aus Nephelinsyenit mit angelagerten Phonoliten besteht.
BESTEIGUNG DES MOUNT KENYA Unter einer Ersteigung des Mount Kenya versteht man üblicherweise den Aufstieg zum dritthöchsten Gipfel, dem Point Lenana ( 4985 ), der sich ohne Kletterausrüstung durchführen lässt. Ausgangspunkt bildet im allgemeinen die an der Westflanke des Berges auf fast 2000 Meter Höhe und zugleich an der Hauptstrasse von Nairobi nach Nanyuki gelegene Naro Maru Riverlodge.
.'55 Von da an geht 's per Landrover annähernd weitere 1000 Meter durch den Regenwald hinauf. Nun erst beginnt der anstrengende Anstieg durch die Moorlandschaft der Riesenheidekraut-Zone bis ins Teleki Valley. Hier übernachtet man mit Vorteil im Mackinders Camp ( 4150 m ). Am zweiten Tag sind die allmählich steiler werdenden Geröllhalden und Felsrippen bis zur Top Hut ( 4800 m ), der höchstgelegenen Hütte Afrikas, zu überwinden. Nun ist 's bloss noch ein « Katzensprung » bis zum Point Lenana. Wer jetzt noch über genügend « Luft » verfügt, kann ihn am selben Tag in einer knappen Stunde erreichen. Andernfalls wartet man eben bis zum nächsten Morgen, um anschliessend sofort wieder zur Waldgrenze hinunter zu gelangen.
Die Besteigung der beiden Hauptgipfel Batian und Nelion ist dagegen nur geübten Alpinisten zu empfehlen. Die Normalroute führt durch die 400 Meter hohe Südostwand und wird mit dem Schwierigkeitsgrad IV- bewertet. Die Kletterzeit von der Top Hut bis zum Batian und zurück beträgt rund 7 Stunden, was infolge der Höhe einer anstrengenden Tagestour entspricht. Dafür ist die Aussicht schlechthin überwältigend: im Norden und Osten die vom ariden Klima geprägten Landstriche Kenias, das sich trocken und staubig bis hin nach Somalia und Äthiopien erstreckt, im Westen das Aberdare-Gebirge mit seinen dampfenden Wäldern und im Süden Kikuyuland, Nairobi und die Maasaisteppen. Bei glasklarem Wetter lässt sich - mit viel Glück - sogar die Schneekuppe des Kilimanjaro, gute 300 km entfernt, erkennen. Für das Tagebuch bleibt schliesslich die Notiz, dass man auf dem höchsten Punkt der Erde über dem Äquator stand...
Literatur zum Mount Kenya:
« Guide Book to Mount Kenya and Kilimanjaro », third edition, 1971; The Mountain Club of Kenya, P.O. Box 45741, Nairobi.
« Bergsafari am Kilimanjaro -Mount Kenya -Ruwenzori », von Katschner/Senft, 1974; Leopold Stocker Verlag.
102 Mount Kenya: Abschätzender Blick hinauf in den Mak-kinders-Kamin, die Schlüsselstelle der Normalroute auf den Nelion und Batian.