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Die Blindenschrift von Louis Braille
Sechs Punkte, die neue Welten eröffneten
Die Blindenschrift ermöglicht es stark sehbehinderten und blinden Menschen zu lesen und zu schreiben. Das verdanken sie vor allem Louis Braille. Doch warum setzte sich vor allen die Brailleschrift weltweit durch?
Sie ermöglichte es, blinden Menschen zu lesen, sie ermöglichte es ihnen gar zu schreiben: die Brailleschrift.
Louis Braille verletzte sich 1812 im Alter von drei Jahren mit einer Ahle seines Vaters am Auge, wodurch sich eine Entzündung entwickelte, die zu seiner Erblindung führte. Trotz seiner Beeinträchtigung besuchte Braille zuerst die Dorfschule und erhielt später ein Stipendium für die erste Blindenschule der Welt, das Pariser Blindeninstitut. Dort erlernte er die Relief-Blindenschrift, die der Institutionsleiter Haüy entwickelt hatte. Später machte sich Braille mit der «Nachtschrift» von Charles Barbier vertraut. Diese wurde eigentlich für militärische Zwecke entwickelt. Braille fand beide Schriftsysteme zu komplex und begann sie zu vereinfachen.
Die bis 1825 bekannten Schriften für Blinde fand Louis Braille zu komplex und ungeeignet. Er entwickelte eine eigene – bestehend aus maximal sechs Punkten pro Buchstabe. Damit eröffnete er blinden und sehbehinderten Menschen neue Welten.
1825 stellte der damals erst 16-Jährige seine Brailleschrift der Öffentlichkeit vor. Sie war simpel und genial zugleich. Ein Buchstabe setzt sich aus maximal sechs Punkten zusammen, drei in die Höhe, zwei in der Breite. Dadurch lassen sich in 64 Punktekombinationen alle Buchstaben, Zahlen und Satzzeichen des Blindenschrift-Alphabets, auch Literaturbraille genannt, abbilden.
Obwohl die Schrift eine geniale Erfindung war, kostete es Louis Braille einige Überzeugungsarbeit, um sie zu etablieren. Letztlich erkrankte der Franzose an Tuberkulose und starb im Alter von nur 43 Jahren.
Es gibt viele Blindenschriften
Kurz vor seinem Tod sollte ihm aber noch der Durchbruch gelingen. So wurde 1850 die Brailleschrift offiziell in französischen Blindenschulen eingeführt – und später auch in Schulen anderer Länder. Inzwischen weiss man den Wert seiner Pionierarbeit zu schätzen. Die Erfindung der Blindenschrift eröffnete blinden und stark sehbehinderten Menschen den Zugang zu Bildung. Viele Werke der klassischen und modernen Literatur, Fachbücher und Zeitschriften werden mittlerweile auch in Braille herausgegeben.
Die Brailleschrift war bekanntlich nicht die erste ihrer Art und sollte es auch in Zukunft nicht bleiben. Heute unterscheidet man zwei Systeme:
- Zum einen gibt es die Reliefschrift. Dabei handelt es sich entweder um die herkömmlichen lateinischen Buchstaben oder um einfache grafische Muster, die auf eine Oberfläche so aufgedruckt werden, dass man sie ertasten und lesen kann. Unter anderem werden das Moonalphabet und die Stachelschrift zur Reliefschrift gezählt:
Die Moon-Schrift besteht aus Zeichen geometrischer Formen. Für Personen, die erst im Laufe ihres Lebens erblinden, ist sie besonders geeignet. Die Symbole lehnen sich an die Buchstaben des lateinischen Alphabets an und sind deshalb leicht zu lernen. Zum Schreiben eignet sie sich jedoch kaum.
Bei der Stachelschrift werden die lateinischen Buchstaben punktuell dargestellt – sie werden mit einem Stachel beziehungsweise Nadel ins Papier gedrückt. Ein schnelles Lesen und ein Nachschreiben von Hand sind für Blinde jedoch nur schwer möglich.
- Zum anderen gibt es die Punktschrift. Auch sie wird auf die Oberfläche so aufgedruckt, dass man sie erstasten und lesen kann. Die Brailleschrift ist die bekannteste von ihnen. Unter anderem zählt aber auch die New York Point zur Punktschrift. Diese Schrift ist zwar nur zwei Punkte hoch, jedoch durch die unterschiedliche Länge der Zeichen schwerer zu lesen als die Brailleschrift.
Von allen Blindenschriften vermochte sich jene von Louis Braille schliesslich durchzusetzen. Denn wie der Schweizerischer Blinden- und Sehbehindertenverband SBV festhält, ist die Brailleschrift die erfolgreichste und effektivste Blindenschrift der Welt.
Doch obwohl das so ist, können die meisten blinden Menschen laut dem Blinden- und Sehbehindertenverein Westfalen e.V. die Brailleschrift gar nicht lesen. Nur etwa zehn Prozent von ihnen würden diese Schrift überhaupt lernen. Warum?
Zweischneidiges Schwert
Um diese Frage beantworten zu können, müsse laut Susanne Gasser, Vorstandsmitglied vom Schweizerischen Blindenbund, unterschieden, wer überhaupt zur Gruppe der Blinden gehört. Schliesslich gebe es verschiedene Abstufungen der Sehbehinderung.
So würden zu den Sehbehinderten zum Beispiel auch jene zählen, die erst aufgrund des Alters sehbehindert wurden. Diese Gruppe von Sehbehinderten dazu zu motivieren, in ihrem hohen Alter noch die Blindenschrift zu erlernen, sei sehr schwierig.
Menschen, die aber von Geburt auf vollkommen blind sind, lernen die Schrift selbstverständlich. Das macht aber eben eher die Minderheit aller sehbehinderten Menschen aus,
so Susanne Gasser. Inwiefern Sehbehinderte die Schrift einsetzen, sei wiederum eine andere Frage. Denn wie Susanne Gasser erklärt, könne man heutzutage dank fortgeschrittener Technologie auch gut ohne Blindenschrift auskommen. Schliesslich gebe es viele Gerätschaften, die einem bei Bedarf das Geschriebene einfach vorlesen könnten.
Ab wann gilt man als blind?
Es gibt sehr viele Formen von Sehbehinderung. Eine Person ist sehbehindert, wenn sie eine Sehschärfe von unter 0,3 oder ein Gesichtsfeld von unter 10 Grad hat. Zum Lesen einer Zeitung braucht man eine Sehschärfe von 0,4 bis 0,5; zum Autofahren ist eine Sehschärfe von 0,6 nötig. Als blind wird gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO jemand mit einer Sehschärfe von unter 0,05 eingestuft.
Weitere Infos finden Sie auf der Seite des Schweizerischen Blinden- und Sehbehindertenverband.
Die Geräte seien demzufolge zum einen eine grosse Hilfe, zum anderen läuft man durch sie Gefahr, dass man das Lesen und Schreiben verlerne – eine Entwicklung, der es gegenzusteuern gelte.
Übrigens: Die 64 Zeichen des Blindenschrift-Alphabets sind nicht nur im Deutschen gültig. Auch andere Sprachen wie Englisch oder Arabisch können mit ihnen abgebildet werden. Darüber hinaus gibt es spezielle Punktschriften für Musiknoten, mathematische und chemische Formeln oder Strickmuster.
Florencia Figueroa