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Mit der Zerstörung von Aleppo hat Ramis Familie alles verloren. Nach der Flucht vor den Bomben ist ihr neues Zuhause eine Bauruine bei Damaskus. Damit die Familie überlebt, arbeitet der 10-jährige Rami. Tag und Nacht.
Ramis Tag beginnt früh morgens. Für einen Supermarkt liefert er Einkäufe aus. Zum Teil wohnen die Kunden in den Hochhäusern von Jaramana, einem Vorort von Dasmaskus. Ohne Lift, viele Stockwerke hoch, schleppt Rami die schweren Tüten. Abends geht die Arbeit weiter. Der 10-Jährige sammelt auf der Strasse und in Hinterhöfen Plastiktüten ein, die ihm der Ladenbesitzer für sehr wenig Geld wieder abkauft. Auch wenn Ramis Arbeit nicht viel einbringt: für seine Familie bedeutet der Verdienst das Überleben.
„Mein Vater hat keine geregelte Arbeit“, erzählt Rami von seiner Familie. „Er sucht jeden Tag und arbeitet mal hier mal da.“ Mit diesem unsicheren Einkommen könne der Vater die Familie nicht alleine durchbringen. Und seine Mutter müsse sich um die kleineren Geschwister kümmern. „Die Verantwortung mitzuverdienen, überlastet mich“, gesteht Rami. Er beneidet die Kinder, die zur Schule gehen können: „Gerne wäre ich auch eines von ihnen.“
Eine Flucht ist teuer
Früher lebte Ramis Familie bei Aleppo. Schon vor dem Krieg waren sie arm, aber die fallenden Bomben zerstörten das Wenige, das sie besassen. „Das kleine Häuschen, das wir bewohnten, ist zu einer traurigen Erinnerung geworden“, schildert Ramis Vater. „Jedes Mal, wenn wir von früher sprechen, füllen Tränen die Augen meiner Kinder und rollen über ihre eingefallenen Wangen.“ Der Krieg habe ihre Kindheit gestohlen.
Ramis Eltern haben keine Wahl. Sie müssen aus Aleppo fliehen. In Jaramana bei Damaskus finden sie ein unfertiges Haus zur Miete. Die nackten Ziegelwände isolieren sie notdürftig mit Verpackungskartons. Vertreibung und Flucht, selbst wenn die Menschen in solch desolaten Unterkünften stranden, muss teuer erkauft werden. Mieten und Lebenskosten sind in vor den Kriegshandlungen relativ sicheren Gebieten extrem hoch. Durch Inflation verlieren die wenigen Ersparnisse ihren Wert.
Zusehends verschlimmern sich die Lebensumstände von Ramis Familie. Ohne festes Einkommen kann der Vater seine Kinder kaum mehr ernähren. „Als ich mich entschloss, Rami zur Arbeit zu schicken, weinte meine Frau die ganze Nacht“, drückt der Vater seine Hilflosigkeit aus. Er weiss um die Gefahren in Kriegszeiten für Kinder auf der Strasse: Entführung, Missbrauch, Unfälle. „Doch was sollte ich sonst tun?“
Auf der Strasse entdeckt
Für Strassenkinder und Kinder, die arbeiten müssen, unterhält SOS-Kinderdorf in Syrien sogenannte Drop-in-Zentren. „Bei uns werden Kinder mit dem Notwendigsten versorgt, was ihnen fehlt: warmes Essen, sanitäre Einrichtungen, einen geschützten Ort um Auszuruhen und zu Spielen. Und in Nachhilfeunterricht holen sie verpassten Schulstoff nach“, erklärt Mohammed, der Leiter des Drop-in-Zentrums in Jaramana. „Mit psychologischem und materiellem Beistand bereiten wir die Kinder für den Wiedereintritt in die Schule vor und befreien die Eltern von der erdrückenden Last, ihre Kinder arbeiten zu lassen.“
Regelmässig besuchen Mohammed und die Mitarbeitenden von SOS-Kinderdorf die Quartiere von Damaskus und kommen mit den Kindern und Familien in Kontakt. So auch mit Rami. „Sein Zustand war wegen der ungesunden Wohn- und Arbeitsumstände schlecht“, fasst der Leiter den ersten Besuch von Rami im Zentrum zusammen. „Auch war er traumatisiert und sein soziales Verhalten gestört. Er hatte offensichtlich Angst vor seiner Umgebung.“ Und der Junge sei nicht fähig gewesen, wegen den erlittenen dauerhaften Entbehrungen seine Bedürfnisse auszudrücken. „Aber er ist bemerkenswert klug und singt leidenschaftlich gerne“, stellt Mohammed fest, als er zufälligerweise hört, wie Rami eine Melodie summt. „Dieses Talent fördern wir. Singen hilft ihm, seine Erlebnisse zu verarbeiten.“
Rami mag das Essen im Drop-in-Zentrum. Auch die Kleider, die sie ihm geben: „Der Unterricht ist toll und lässt mich meinen traurigen Alltag vergessen.“ So erlebt Rami seine Aufenthalte. Der Gesundheitszustand des Jungen verbessert sich, und sein Interesse am Unterricht ist offensichtlich. An Unterhaltungsaktivitäten singt er mit seinen neuen Freunden Lieder.
Mohammeds Plan, wie Ramis Familie ihre Schwierigkeiten bewältigen kann, zeigt Wirkung. Die psychosoziale Unterstützung und der Nachhilfeunterricht bereiten Rami und seine Geschwister auf die Einschulung vor. Und die Eltern erhalten finanzielle Beihilfe, um ihre wichtigsten Bedürfnisse zu decken, damit der Junge nicht mehr arbeiten muss. „Ich spüre, dass SOS mein Freund geworden ist“, sagt Rami. Er lächelt.
Projekt gegen Kinderarbeit in Syrien
2016 hat SOS-Kinderdorf in Syrien ein neues Projekt gegen Kinderarbeit gestartet: Damit erreichen wir Kinder in der Region Damaskus, die unter 18 Jahre alt sind und die Schule verlassen haben, um ihre Familien finanziell zu unterstützen. Diese Kinder erhalten eine Grundversorgung, Bildungskurse, psychosoziale Unterstützung sowie den geschützten Rahmen für spielerische Aktivitäten mit der Familie. Jedes der Kinder soll mit der erforderlichen Ausrüstung wie Schuluniform, Schreibmaterial, Schultransport, medizinischer Behandlung, Kleidung und Registrierung wieder ins Schulsystem eingegliedert werden.
Herausforderungen
Viele Schulen in Syrien sind zerstört. Der Mangel führt dazu, dass die noch geöffneten Schulen ausgelastet sind. Es ist schwierig, für eine so grosse Anzahl Kinder genügend Plätze zu finden.
Qualitätssicherung
Um einen konsequenten Schutz der Kinder zu gewährleisten, unterzeichnen die Eltern eine Vereinbarung. Im Gegenzug erhalten sie von SOS-Kinderdorf einen Anteil der Miete sowie Essensgutscheine.
Ziel
Bereits haben 130 Kinder vom Antikinderarbeits-Programm profitiert. Geplant ist, dass SOS-Kinderdorf 500 Kinder damit erreicht.