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Galtür liegt heute klar ennet der Schweizer Grenze – und gehört zu Österreich. Doch besiedelt wurde das Dorf vor etwas mehr als 1000 Jahren von der Schweiz aus, vor allem über den Futschöl- und den Vermuntpass. Zunächst nutzten die Engadiner die Weiden rund um Galtür nur im Sommer. Sie legten dabei nach und nach den Talboden von Galtür trocken. 1320 liess sich eine Gruppe Walser in der nun trockenen, fruchtbaren Ebene nieder. Von da an siedelten sich sowohl Engadiner wie Walser an. Doch es dauerte Jahrhunderte, bis die unterschiedlichen Kulturen ineinander verschmolzen. Das zeigte sich besonders am Umgang mit den Toten.
Bis zum Bau des Friedhofs im Jahr 1385 wurden wohl alle Toten in Ardez beerdigt. Danach aber fanden alle Walser ihre letzte Ruhe in Galtür. Die Engadiner, so lassen die Legenden vermuten, wollten aber ihre Toten weiterhin lieber in der Heimat Ardez bestatten. Was wiederum den Walsern nicht gefiel. Und das führte wohl zu einigen schauderhaften Erzählungen.
Literarischen Ruhm erlangte die Legende durch Ernest Hemingways Erzählung «Ein Gebirgsidyll». Die makabre Erzählung handelt von einem Bauern, der seine tote Frau für Monate im Schuppen aufbewahrt und Laternenpfahl verwendet, weil Eis und Schnee es nicht erlauben, die Leiche der Verstorbenen in das nächste Dorf zu bringen. Hemingway greift hier den in Galtür überlieferten und häufig mit schaurigen Details ausgeschmückten Mythos auf, dass Verstorbene in den Wintermonaten unbeerdigt blieben und erst im Frühling über die Pässe gebracht und bestattet wurden. Der Mythos spiegelt das komplizierte Verhältnis wider, das in Galtür zwischen den Ethnien bestand.
Während es für Engadiner vermutlich selbstverständlich war, ihre Angehörigen in die heimatlichen Familiengräber zu überführen, mochte dies den Walsern als Frevel erscheinen. So kling die romanische Version der Legende auch klar anders: Darin heisst es, dass die Leichen der im Winter Verstorbenen über die Fuorcla d'Urezzas zum «Plan de Preirs» (Priesterplatz) gebracht und dort im Rahmen eines Rituals im Schnee vergraben wurden, um im Frühjahr auf den Friedhof in Ardez überführt zu werden.
1565 wird dann Galtür kirchlich von Ardez losgesagt, und seither finden alle in Galtür Verstorbenen auch dort ihre letzte Ruhe.