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2007: «Ich schaue nicht auf das Alter»
Drei Tage vor dem Jahresende gibt Lara Gut als eine der grössten Schweizer Nachwuchshoffnungen im Riesenslalom von Lienz ihr Weltcup-Debüt. Mit der Startnummer 60 wird sie 43. und verpasst den zweiten Lauf. Zu direkt sei sie im unteren Teil gefahren, sagt sie. Dass sie die jüngste Fahrerin am Start war, interessiert die 16-Jährige nicht. «Ach, das bin ich fast in jedem Rennen auf jeder Stufe. Ich schaue nicht auf das Alter, sondern will einfach möglichst schnell die Piste runterfahren.» 14 Jahre später hat sie 300 Weltcuprennen absolviert, jedes fünfte davon beendete sie auf dem Podest (61).
2008: «Ich muss meinen eigenen Weg gehen»
Im Februar stürzt die 16-jährige Lara Gut in der Abfahrt von St. Moritz nach einem Verschneider über die Ziellinie – und wird noch Dritte! Sie lacht, strahlt und hat die Skifans sofort im Sack. Zwangsläufig werden Parallelen zu Michela Figini gezogen, ebenfalls Tessinerin und sehr jung erfolgreich. Vergleiche mag Gut aber schon damals nicht. «Eins ist klar: Ich bin Lara Gut und muss meinen eigenen Weg gehen.» Im Dezember desselben Jahres stellt sie einen Rekord auf, der nach wie vor gültig ist: Mit 17 Jahren 237 Tagen ist sie die jüngste Siegerin in einem Weltcup-Super-G.
2009: «Niemand erlaubte mir, Fehler zu machen»
Das Jahr beginnt mit zwei WM-Medaillen und endet nach einer Hüft-Luxation mit einer langen Reha-Phase. Dazwischen wäre Gut fast zurückgetreten. Der Rummel um sie hat sie überrumpelt – und überfordert. «Ich war 17, und niemand hat mir erlaubt, einen Fehler zu machen. Ich wollte nicht in einer Welt sein, in der jeder eine Meinung über mich haben, etwas von mir erwarten darf», erinnert sie sich ein paar Jahre später. Glücklich ist sie nur in den anderthalb Minuten während des Rennens auf den Ski – und beschliesst deswegen, doch weiterzufahren.
2012: «Ich verspreche, ich werde wieder schnell fahren»
Er bleibt eine Ausnahmeerscheinung in der Karriere-Statistik der Lara Gut: der Winter 2011/12, in dem sie kein einziges Mal aufs Podest fährt. Der Materialwechsel von Atomic zu Rossignol läuft nicht so reibungslos ab, wie gewünscht, zudem bestreitet sie im Streben nach dem Gesamt-Weltcup jedes Rennen, 32 Stück – eine grosse Belastung. In sechs Slaloms punktet sie kein einziges Mal. Das geht nicht spurlos an Gut vorbei, die bei all ihrer Erfahrung doch erst 20 Jahre alt ist. «Ich kann euch nur bitten, Geduld zu haben. Ich verspreche, dass ich wieder schnell fahren werde», sagt sie in St. Moritz – unter Tränen.
2014: «Man spürt plötzlich die Wichtigkeit»
Olympia ist noch nicht die grosse Liebe von Lara Gut. 2010 in Vancouver fehlt sie verletzt, 2018 in Pyeongchang wird sie Vierte oder scheidet aus. Zwar gewinnt sie 2014 Bronze in der Abfahrt von Sotschi. Aber nur eine Zehntelsekunde hinter den Siegerinnen – bitter! «Ich dachte, cool, ich habe eine Medaille. Aber kaum sah ich meinen Zeitrückstand, musste ich wieder weinen», sagt sie. Als ihr nämlich klar wird, dass es diesen Moment erst in vier Jahren wieder geben wird. Im Nachhinein schätzt sie die gewonnene Medaille. Für ihren Ausdruck der Enttäuschung vor Ort muss sie aber Kritik einstecken.
2016: «Begann ich zu überlegen, war ich langsam»
Der Gesamtweltcup. Das grösste, das eine Skifahrerin gewinnen kann. Schon lange ist klar, dass Gut irgendwann um ihn fahren würde, doch sie merkt: Sobald sie an Punkte und Kugeln denkt, leidet die Leistung. Deshalb spricht sie konsequent nicht vom grossen Triumph, bis die Saison in St. Moritz zu Ende ist und das Resultat in Stein, respektive Kristall gemeisselt. Es ist nicht nur im Gesamtergebnis ihre bisher erfolgreichste: Die 1522 Punkte schwingen obenaus, die 13 Podeste der Saison und das Preisgeld (380 867 Franken) auch. Bloss Siege holte sie 2014 mehr (sieben statt sechs).
2017: «Ich hatte mich verloren»
Heim-WM in St. Moritz und Lara Gut in Bestform – alles ist angerichtet. Bis die Rega sie holt: Kreuzbandriss. Was wie eine Verletzung zu einem bitteren Zeitpunkt aussieht, interpretiert Gut im Nachhinein viel tiefer: Ihr Körper habe die Notbremse gezogen, weil sie dringend eine Pause brauchte. Und so ist dieser Unfall ein nachhaltiges Erlebnis: Sie kümmert sich um sich als Mensch, nicht als Athletin, um ihre Freunde, macht spontan, worauf sie Lust hat, nähert sich ihrem Vater wieder an, nachdem diese Beziehung unter der ständigen Kritik am Privatteam gelitten hatte. Ein Wendepunkt, definitiv.
2018: «Das war der Start in ein neues Leben»
Ein privates Highlight: Im Juli heiratet Lara Gut auf dem Monte Brè Fussball-Natispieler Valon Behrami. Die beiden sind noch kein Jahr zusammen, aber sie macht keinen Hehl daraus, wie verändernd diese Liebe ist. «Ich hatte zwar eine Familie, aber ich war allein. Jetzt habe ich jemanden an meiner Seite. Das ändert alles», sagt Gut-Behrami dem RSI. An der Spitze könne man sich einsam fühlen. Der Tessiner Valon hat in seiner Karriere Ähnliches erlebt; auch er ist ein Kämpfer, manchmal ein Aussenseiter, er versteht sie. Heute haben sie ein Haus in Udine und eine Wohnung in Genua am Meer.
2021: «Mein Leben ändert sich mit Gold nicht»
Fast in jedem dritten ihrer 28 WM-Rennen holt Gut-Behrami eine Medaille. Eine Wahnsinns-Statistik, doch auf Gold muss sie bis zu ihrer siebten WM warten. In Cortina d’Ampezzo ist es so weit – gleich doppelt, in Super-G und Riesen. Weil es für sie okay ist, falls es nicht so weit kommt: «Ich wusste zum ersten Mal, dass mein Leben sich nicht ändern würde, wenn ich nicht Gold gewinne.» Diese Lockerheit macht sie zur Schnellsten. Im Weltcup wird der Winter zum zweiterfolgreichsten ihrer Karriere. Eine Erleichterung, nachdem sie nach dem Kreuzbandriss skifahrerisch lange untendurch musste.
2022: «Ich hoffe, dass ich an letzte Saison anknüpfen kann»
Sie hat privat ihre Zufriedenheit gefunden und ihr schnelles Skifahren ist zurück. Klar, dass die Erwartungen hoch sind. Schafft Gut-Behrami im Februar in Peking den Olympiasieg, der ihr im Palmarès noch fehlt? Es ist anzunehmen, dass es ihre letzten Spiele sind. Beim Saisonauftakt in Sölden hat sie von einer gewissen Reise- müdigkeit gesprochen. Der Aufwand für ein paar Minuten Skifahren sei gross. «Es fällt mir je länger, desto schwerer.» Sie stellt aber auch klar, dass diese Minuten für sie immer noch Entschädigung genug sind, sie deshalb keine Rennen auslassen will.