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Jäger und Sammler führten oft ein hartes, minimalistisches Leben. Trotzdem werden sie meistens als ausgesprochen zufrieden und humorvoll beschrieben. In diesem Artikel verrate ich, was das Geheimnis ihrer Zufriedenheit ist und weshalb uns die Gegenwart alle Möglichkeiten bietet, es ihnen gleichzutun.
10 typische Merkmale von bekannten Jäger- und Sammler-Kulturen
Jäger und Sammler gab es während Jahrtausenden überall auf der Welt. Einige Kulturen existieren noch heute, deshalb wähle ich die Gegenwartsform.
Es gibt verschiedenste Jäger- und Sammler-Kulturen, grössere und kleinere, kriegerische und friedfertige, nomadische und sesshafte. Deren Kulturen unterscheiden sich erheblich. Trotzdem lassen sich Merkmale herauskristallisieren, die sich zumindest bei kleineren, lose organisierten nomadischen Gruppen von Jägern und Sammlern der jüngeren Geschichte recht zuverlässig finden. Dieser Artikel macht keine Aussage über Jäger- und Sammler-Kulturen der
Arbeit der Jäger und Sammler
Arbeiten lassen sich in zwei Formen unterscheiden. Wenn die Tätigkeit eher mühselig oder langweilig ist und wir ungern arbeiten, sprechen wir oft von Schuften oder Krampfen. Diese Art des Arbeitens ist besonders in der industrialisierten Gesellschaft weit verbreitet, Jäger und Sammler hingegen kennen sie nicht.
Bei der zweiten Art des Arbeitens tun wir einfach etwas Nützliches. Das kann durchaus gerne geschehen. Jäger und Sammler tun all diese Arbeiten freiwillig. Wenn sie etwa nicht mit auf die Jagd gehen wollen, nehmen sie eben nicht teil und erhalten vom erlegten Wild der anderen ein Stück. Was sie tun, tun die Jäger und Sammler meistens gerne, das hat folgende Gründe:
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Jäger und Sammler arbeiten eher wenig. Durchschnittlich verwenden sie rund 20 Stunden pro Woche für die Nahrungsbeschaffung sowie weitere zehn Stunden für Arbeiten im Camp. Somit kommen sie total auf vielleicht 30 Stunden wöchentlich. In westlichen Industrienationen sind es meist 40 Stunden oder mehr für die Lohnarbeit. Dazu kommen die Haushaltspflichten.
Jäger- und Sammler-Ethnie
Lebensraum
Arbeitsstunden pro Tag
Einige Beispiele von täglicher Arbeitsdauer bei Jäger- und Sammler-Kulturen [1]
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Die Arbeit ist vielseitig und herausfordernd. Die allermeiste Arbeit der Jäger und Sammler ist herausfordernd. Sie müssen mit voller Konzentration bei der Sache sein. Und die Arbeit birgt oft unvorhersehbare Momente. Stumpfe, repetitive Routinetätigkeiten gibt es kaum.
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Die meiste Arbeit wird in einem sozialen Kontext angepackt. Die Nahrungsbeschaffung erfolgt in der Regel in einer Gruppe, sei es die Jagd oder das Sammeln. Auch Arbeiten im Camp werden oft gemeinsam angepackt. Und selbst Tätigkeiten, die alleine erledigt werden, finden im sozialen Austausch mit anderen statt.
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Maximale Autonomie. Jäger und Sammler haben enorme Freiheiten. Sie können jederzeit ihre Gruppe verlassen, zu einer anderen dazustossen oder eine eigene Gruppe gründen. Niemand verfügt über die Macht, andere herumzukommandieren. Formelle Hierarchien gibt es keine. Einzig natürliche Hierarchien können sich punktuell bilden, etwa, dass ein erfahrener Jäger die Führung eines Jagdtrupps übernimmt. Die Teilnehmer eines solchen Trupps folgen dem erfahrenen Jäger aber freiwillig, weil sie deren Jagdfähigkeiten schätzen. Wer sich nicht dem Trupp anschliessen möchte, bleibt im Camp, begibt sich alleine auf die Jagd oder schliesst sich einem anderen Trupp an.
Lernen der Jäger und Sammler
Kinder und Jugendliche lernen ebenfalls gerne. Ihr Lernprozess lässt sich durch folgende Eigenschaften beschreiben:
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Erwachsene vertrauen dem
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Viel Zeit zum Spielen. Kinder können den ganzen Tag spielen. Sie werden nicht formal belehrt. Erwachsene mischen sich selten in die Spiele ein. Sie gehen davon aus, dass Kinder sich von selbst nützlich machen, sobald sie bereit sind dazu.
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Spielen mitten in der Gemeinschaft. Kinder spielen direkt in der Gemeinschaft, mitten unter den Erwachsenen. So bekommen sie mit, was Erwachsene sprechen, welche Geschichten sie erzählen, welche Zeremonien sie pflegen und welche Tätigkeiten sie verrichten. Kinder ahmen die Erwachsenen spielerisch nach. Dieses Nachahmungsspiel wird immer mehr zu nützlicher Tätigkeit, so dass der Übergang vom kindlichen Spiel zur Arbeit der Erwachsenen fliessend ist.
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Altersdurchmischtes Lernen. Gruppen dieser lose organisierten Jäger und Sammler sind meist sehr klein. Deshalb gibt es selten viele Kinder im gleichen Alter. Die Spielgefährten der Kinder sind deshalb typischerweise jünger oder älter. Beim altersdurchmischtes Spielen inspirieren und unterstützen die Älteren oft die Jüngeren. Wettkampf wie bei altershomogenen Gruppen findet sich kaum.
Jäger und Sammler vertrauen dem inneren Kompass ihrer Kinder.
Leben der Jäger und Sammler
Das Leben der Jäger und Sammler wird stark bestimmt durch die 8 Merkmale des Arbeitens und Lernens. Zusätzlich sticht ein weiteres Merkmal ins Auge:
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Menschen in Jäger- und Sammlervölkern werden oft als humorvoll beschrieben. Gemeinsames Lachen durch Witze oder Necken stärkt die Bindung untereinander und somit das Gemeinschaftsgefühl. Humor wird teilweise auch eingesetzt, um Gruppenmitglieder auf eine leicht annehmbare Art zu rügen oder ihnen einen Spiegel vorzuhalten, um den Frieden in der Gemeinschaft zu wahren.
Was ist all diesen Merkmalen gemein? Die Antwort auf diese Frage führt uns zum zentralsten Merkmal überhaupt:
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Jäger und Sammler leben ausgesprochen spielerisch. Wie komme ich auf diese Idee? Sie stammt, wie die meisten der obigen Ausführungen, von Peter Gray, einem US-amerikanischen Evolutionspsychologen, der sich intensiv mit dem Spielcharakter von Jäger und Sammlern beschäftigt hat. [2]
Schauen wir das Spiel und vor allem das gemeinsame Spiel genauer an.
Soziales Spiel der Kinder
Stelle dir ein Fussballspiel von Kindern vor, das nicht durch Erwachsene beeinflusst ist, also nicht auf Leistungserbringung ausgelegt ist. Kinder unterschiedlichen Alters haben sich zusammengefunden und zwei Teams gebildet. Folgende Merkmale prägen ein solches Spiel vielfach:
Eigenschaften des sozialen Spiels sind somit: Freiwillige Teilnahme, Autonomie, Gleichheit, Teilen, einvernehmliche Entscheidungsfindung und Spass.
In der folgenden Tabelle wird die Parallele des Spielens mit dem Lernen und Arbeiten der Jäger und Sammler deutlich:
Spielen
Lernen der Jäger und Sammler
Arbeiten der Jäger und Sammler
Unsere Gesellschaft kehrt zum spielerischen Lernen, Arbeiten und Leben der Jäger und Sammler zurück
Jäger und Sammler unterscheiden nicht zwischen Spielen, Lernen und Arbeiten. Spielen ist Lernen, Spielen ist Arbeiten, Arbeiten ist Lernen. Meine Behauptung:
Jäger und Sammler unterscheiden nicht zwischen Spielen, Lernen und Arbeiten.
Beispiele des spielerischen Lernens in der digital geprägten Gesellschaft
Hier einige konkrete Beispiele, die meiner Meinung nach den Trend zum spielerischen Lernen verdeutlichen.
Allgemeiner pädagogischer Trend: Von der Fremd- zur Selbstbestimmung
Das Verständnis von Lernen und Lehren hat sich in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Um 1950 gingen Pädagog*innen noch davon aus, dass Informationen von einem Kopf auf einen anderen übertragen werden können. Entsprechend wurde stark mit Belohnung und Bestrafung gearbeitet. Die Fremdbestimmung stand im Vordergrund.
Mittlerweile ist bekannt, dass das Übertragen von Informationen, die Wissensvermittlung, so leicht nicht funktioniert.
Freilernen
Neben dem allgemeinen Trend, der den Alltag im Klassenzimmer zunehmend verändert, gibt es immer mehr Eltern, die ihre Kinder gar nicht zur Schule schicken, oder aber in Schulen, die nicht auf einen Lehrplan abstützen (z.B. die
Diese Formen des Lernens werden oft als Freilernen bezeichnet. Sie lassen die Parallelen zum spielerischen Lernen der Jäger und Sammler sehr deutlich erscheinen.
Beispiele des spielerischen Arbeitens in der digital geprägten Gesellschaft
Das Arbeiten in der zunehmend digital geprägten Gesellschaft nähert sich ebenfalls immer mehr dem Arbeiten der Jäger und Sammler an.
Allgemeine Trends: Arbeit 4.0 & New Work
In der industriellen Fertigung herrschten Routinetätigkeiten vor. Solche repetitive Tätigkeiten waren selten herausfordernd, sondern meistens recht eintönig. Arbeitnehmende bezeichneten ihren Job oft als Schuften. Im Unterschied zur Arbeit der Jäger und Sammler bereiteten solche Jobs selten Spass. Ohne Lohn würden sehr viele Arbeitnehmende die entsprechenden Tätigkeiten nicht verrichten.
Diese Routinetätigkeiten werden zunehmend von Algorithmen übernommen. Neu entstehende Jobs sind meistens herausfordernder und spannender.
Weiter gibt es eine Verlagerung weg von industrieller Produktionsarbeit hin zu Dienstleistungsangeboten.
Diese allgemeinen Trends krempeln die Organisationsform vieler Unternehmen um. Die Transformation wird unter Stichworten wie "Arbeit 4.0" oder "New Work" beschrieben.
Arbeit 4.0 nutzt digitale Möglichkeiten etwa, um Arbeitseinsätze flexibler zu gestalten. Mitarbeitende können vermehrt ausserhalb der Unternehmensräumlichkeiten arbeiten und auch die Arbeitszeit wird flexibler gehandhabt. Somit entstehen neue Freiheiten für Mitarbeitende.
Der Begriff New Work geht auf den Philosophen Frithjof Bergmann zurück. Bergmann will mit dem New-Work-Ansatz der Fremdbestimmung bei der Lohnarbeit entgegenwirken. Im Vordergrund steht nicht mehr das Geldverdienen, sondern was Menschen "wirklich, wirklich gerne tun". Mittlerweile wird der Begriff allerdings recht verwässert verwendet. Trotzdem geht der Trend eher weg von der Fremd- und hin zur Selbstbestimmung.
Holokratie
Digitale Nomaden & ortsunabhängige Online-Unternehmer
Genauso wie ändernde pädagogische Trends in Schulen lediglich ein bestehendes System sanft umgestalten, so sind auch Arbeit 4.0 sowie die üblichen verwässerten New Work-Ansätze und Holokratie meist eher leichte Umgestaltungen des Alten.
Aber ähnlich wie mit Freilernen ein Ansatz entstanden ist, der dem spielerischen Lernen der Jäger und Sammler sehr nahe kommt, kommen einige Menschen dem spielerischen Arbeiten sehr nahe: Ortsunabhängige Online-Unternehmer*innen, die teilweise nomadisch leben.
Digitale Nomadinnen und Nomaden werden Menschen bezeichnet, die meist selbständig erwerbend ortsunabhängig ihren Lebensunterhalt verdienen. Sie nutzen die digitale Technologie stark für ihre Arbeit. Dank des Internets können sie von überall arbeiten, wo eine stabile Internetverbindung vorhanden ist. Gerne arbeiten sie in Coworking-Spaces, Cafés oder einer temporären Wohnung.
Alleine diese potenziell nomadische Lebens- und Arbeitsweise von ortsunabhängigen Unternehmer*innen erinnert an jene der ebenfalls nomadischen Jäger und Sammler. Aber auch die potenzielle Selbstbestimmung ist vergleichbar.
Weiter streben viele ortsunabhängie Unternehmer*innen nach einem passiven Einkommen. Dabei nutzen sie die Möglichkeiten der digitalen Automatisierung, um Arbeit und investierte Zeit zu entkoppeln. Beispielsweise ein Buch oder ein Online-Kurs kann einmal erstellt und dann über längere Zeit verkauft werden, ohne dass noch ein zeitlicher Aufwand notwendig ist. Digitale Unternehmer*innen, die teilweise passives Einkommen erzielen, können so ähnlich wie Jäger und Sammler die Arbeitszeit reduzieren.
Eine letzte Parallele ist der vielfach minimalistische Lebensstil vieler digitalen Nomaden. So können digitale Nomaden ihre Ausgaben senken, was wiederum die notwendige Arbeitszeit minimiert.
Spielen
Freilernen
Ortsunabhängiger Lebensstil
Spielerisch zu mehr Zufriedenheit
Nur weil Jäger und Sammler spielerisch unterwegs waren, bedeutet das nicht, dass auch wir uns nach ihrem Vorbild organisieren sollten. Es gibt aber einen Grund:
Wer also nach einem glücklichen Leben strebt, kann sich durchaus an der Lebensweise der Jäger und Sammler orientieren. Die Gegebenheiten dazu sind dank der digitalen Transformation viel besser als noch zu Zeiten der Industrialisierung.
Allerdings lassen sich die gesellschaftlichen Elemente der Jäger und Sammler nicht eins zu eins übernehmen, da sich die Rahmenbedingungen geändert haben. Ich sehe zwei Hauptunterschiede: Wir leben nicht mehr in losen lokalen Verbänden sondern in losen ortsunabhängigen Netzwerken und Communitys und das Leben ist deutlich komplexer geworden.
Das muss für das Lernen berücksichtigt werden
Für das Lernen bedeutet das, dass unsere Kinder im Gegensatz zu jenen der Jäger und Sammler in ihrem Umfeld nicht zwangsläufig mit allem Wesentlichen ihrer Kultur in Berührung kommen. Es kann sich anbieten, wenn Erwachsene Kindern bewusst vielfältige Inspirationsgelegenheiten bieten und die Interessen der Kinder gezielt durch entsprechende Ressourcen füttern.
Die Vernetzung mit anderen Kindern unterschiedlichen Alters hingegen ist gut möglich, entweder in schulischen Institutionen, in lose organisierten lokalen Freilernertreffen oder über digitale Netzwerke.
Das muss für das Arbeiten berücksichtigt werden
Beim Arbeiten ist bei ortsunbhängigen Unternehmer*innen der soziale Kontakt nicht zwingend gegeben. Um diesen herzustellen, suchen besonders digitale Nomaden gerne Coworking Spaces auf. Das sind Räumlichkeiten mit Infrastruktur, die zum gemeinsamen digitalen Arbeiten genutzt werden können.
Zusätzlich haben sich Online-Communitys wie der
Fazit
Unsere Vorstellung des Lernens und Arbeitens dürfte sich mit der digitalen Transformation radikal verändern. Unser Leben dürfte deutlich stärker spielerischen Charakter haben. Somit können wir uns an erprobten Lebenskonzepten und Glaubenssätzen der Jäger und Sammler orientieren und so ein zufriedeneres, erfüllteres, glücklicheres Leben auf einem technologisch hohen Niveau führen.
Was denkst du über den Zusammenhang der Jäger und Sammler mit der sich entwickelnden digital geprägten Gesellschaft? Siehst du gar weitere Parallelen? Ich freue mich über deinen Kommentar.
Quellen
[2] Gray, Peter. (2009). Play as a foundation for hunter-gatherer social existence. American Journal of Play. 1. 476-522.