Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03457.jsonl.gz/1193

Die ersten Frauen mit E-Gitarren
“The Runaways” von Floria Sigismondi
Die Popindustrie der 60er und 70er Jahre brachte zahlreiche weibliche Stars hervor. Das Rockbusiness hingegen hielt sich störrisch als Männerdomäne. Dann jedoch kamen “The Runaways”, die erste “all-girl” Rockband, deren blutjunge Frontfrauen Joan Jett und Cherie Currie als Sensation gefeiert wurden. Das Band-Biopic “The Runaways” setzt dem kurzen Erfolg der Band ein Denkmal – mit zwei grossartigen Jungschauspielerinnen und einem klasse Soundtrack.
Von Lukas Hunziker.
Alles beginnt mit einem Tropfen Blut auf heissem Asphalt. Cherie Currie wird von ihrer ersten Periode überrascht, genauso wie sie wenig später vom plötzlichen Erfolg ihrer Stimme überrascht werden würde. Wir befinden uns im Jahr 1975, der Zeit von David Bowie und Glamrock. Die Frau, zu welcher der unkontrollierte Blutausfluss sie machen sollte, ist Cherie aber eigentlich schon lange. An einer Talentshow an ihrer Schule schminkt sie sich wie Bowie und singt Playback zu “Rebel”. Den Buhrufen ihrer Mitschüler und den Papierknäuel, die auf die Bühne fliegen, hat sie nur eines entgegenzusetzen. Zwei cool ausgestreckte Mittelfinger.
In “The Runaways” wird nicht nur Cherie Currie erwachsen. Auch Dakota Fanning, welcher wir uns als kleines, süsses Mädchen aus Filmen wie “War of the Worlds” erinnern, ist ebenfalls vom Kind zur Frau geworden. Der Tropfen Blut ist auch für den einstigen Kinderstar der Start in einen neuen Lebensabschnitt. Und “The Runaways” gibt Grund zur Annahme, dass sie in diesem mindestens ebenso erfolgreich sein wird.
Während Cherie auf der Bühne zu Bowies Stimme die Lippen bewegt, träumt eine andere junge Frau, die sich soeben eine Männerlederjacke gekauft hat, davon, selbst ein Rockstar zu werden. Dass das nicht einfach werden würde, gibt ihr schon ihr Gitarrenlehrer zu verstehen. Frauen spielten nun mal keine Elektrogitarre, so seine unerschütterliche Meinung. Joan sieht das anderes, und als sie an einer Party den erfolgreichen Produzenten Kim Fowley sieht, spricht sie ihn an und erzählt ihm von ihren Plänen, eine “all-girl” Rockband zu gründen. Der exzentrische Produzent ist von dieser Idee angetan und lässt sich bald von Joans Talent und Ausstrahlung überzeugen. Weitere Bandmitglieder sind bald gefunden. Was fehlt ist eine Leadsängerin.
Die Frage, mit welcher Fowley und Joan in einem Club an Cherie Currie herantreten, könnte direkter nicht sein: “We are choosing you to be a part of Rock’n’Roll History. Do you want to be in a band?”. Erst als die beiden Cherie zu einer Jamsession einladen, glaubt diese daran, dass die beiden es ernst meinen. Da Cherie für ihr Vorsingen jedoch ein ungeeignetes Lied eingeübt hat, wird kurzerhand der erste Hit der “Runaways” geschrieben, den Cherie gleich singen darf: “Cherry Bomb”. Als die bisher eher ruhige Cherie “Hello world, I’m your wild girl!” ins Mikrophon schreit ist klar: hier ist etwas Grösseres geboren als eine kurzlebige Lokalband.
Kurze und steile Karriere
Innerhalb eines Jahres schafften es die “Runaways” bei Mercury Records unter Vertrag zu kommen. Fowleys Erfahrung im Musikgeschäft machte aus den fünf jungen Frauen in kurzer Zeit Rockgören, wie sie Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte. Wie steil es mit dem Erfolg der Band aufwärts ging, merkten diese bei ihren Auftritten in Japan 1977, an welchen sie von Fans beinahe überrannt wurden. Die Welt schien den “Runaways” zu Füssen zu liegen, und Kritiker waren sich einig, die fünf waren mehr als ein Medienhype, sondern machten tatsächlich verdammt gute Musik.
Der Fernsehauftritt in Japan ist denn auch der Höhepunkt des Films. Die von Kirsten Steward und Dakota Fanning gesungene Version von “Dead End Justice” ist so gut in Szene gesetzt, dass man die Szene immer wieder anschauen könnte. Cherie und Joan sind dort, wo sie hinwollten. Dann jedoch holt Cherie ihr Privatleben ein. Ihr Vater ist krank, ihre Schwester mit seiner Pflege und ihrem Job überfordert. Der Hype um Cherie, die zum Gesicht der Band geworden ist, führt zu Neid und Streit. Das Stardasein hat Cherie eingeholt.
Dass “The Runaways” nicht nur den Aufstieg der Band, sondern auch ihr Ende zeigt, ist einem von Beginn weg klar. Band-Biopics folgen einfach gestrickten Mustern: erst geht es rauf, dann runter, und dann je nach dem wieder rauf. Der Plot des Films mag nicht besonders überraschend sein. Muss er aber auch nicht. Denn alles andere stimmt bei “The Runaways”. Nun ja, zumindest fast alles. Da Dakota Fanning bei den Dreharbeiten nicht älter war als Cherie Currie bei ihrem Eintritt in die Band, war bei Sexszenen Vorsicht geboten; die 15-Jährige allzu erotisch in Szenen zu setzen, wäre wohl heikel geworden. Dass Dakota Fanning ihren ersten Leinwandkuss mit Kirsten Steward hatte, ist Amerika schon fast Skandal genug.
Traumbesetzung Steward-Fanning
Während die Sexszenen aber ganz unrockig harmlos sind, bringt der Film Körperausscheidungen auf die Leinwand, die sonst in Hollywood klar tabu sind. Cherie darf wie schon erwähnt auf die Strasse menstruieren, Joan im Stehen auf Gitarren pinkeln und Hundekacke wird auch schon mal in die Hand genommen und in der Gegend rumgeworfen. Nicht, dass “The Runaways” mit mehr nackter Haut ein besserer Film geworden wäre, aber Cheries überharmloses Nümmerchen steht doch in relativ komischem Kontrast zum Rest des Films.
“The Runaways” mag kein besonders überraschendes Biopic sein, aber dennoch ein absolut sehenswertes. Besonders bemerkenswert ist, wie verdammt gut Fanning und Steward die Songs der Band singen und performen. Die beiden jungen Schauspielerinnen brillieren von Anfang bis Ende und lassen einen über die wenigen schwachen Stellen leicht hinwegsehen. Auch wer nicht in den Siebzigern aufgewachsen ist, bekommt Sehnsucht nach dem rebellischen Rockjahrzehnt – und wird sich vielleicht wie unser Rezensent noch vor Ende des Abspanns den Soundtrack und das Mercury Doppelalbum der Band bestellen.
Ausstattung
Das Bonusmaterial der DVD ist kurz, aber sehenswert. Im “Making of” kommen Cast und Crew ausführlich zu Wort, und auch Cherie Currie, die während der Dreharbeiten mit Dakota Fanning zusammengearbeitet hat, darf mitreden. Interviewszenen mit Joan Jett, die ebenfalls am Set war und von Kirsten Steward als eine der coolsten Frauen, die sie je getroffen hat, beschrieben wird, fehlen hingegen.
Seit dem 22. Oktober 2010 im Handel.
Originaltitel: The Runaways (USA 2010)
Regie: Floria Sigismondi
Darsteller: Dakota Fanning, Joan Jett, Michael Shannon
Genre: Biopic
Dauer: 102 Minuten
Bildformat: 2,35:1
Sprache: Englisch, Deutsch
Untertitel: Deutsch, Englisch
Audio: Dolby Digital 5.1
Bonusmaterial: Audiokommentar von Kirsten Steward, Dakota Fanning und Joan Jett, Making of, Featurette, Trailer
Vertrieb: Praesens Film
Im Netz
Trailer