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Sassonia Felice
Wie unterschiedlich die Biographien begabter Menschen verlaufen können, lässt sich nicht nur an den tragischen Schicksalen gewisser Dichter oder Maler der Romantik studieren, sondern auch an den recht undramatischen Karrieren dreier Komponisten des deutschen Barock. Wenn auch die Mentalität des späten 19. Jahrhunderts Johann Sebastian Bach zum verkannten Genie stilisieren wollte, hält diese Sichtweise den Tatsachen nicht stand, war seine Lebensstellung als Leipziger Thomaskantor doch so prestigeträchtig, dass er zunächst mit Telemann und Graupner um diesen Posten konkurrieren musste. Was Bach jedoch nicht für den von ihm angestrebten Hofdienst in der Residenzstadt Dresden qualifizierte, war seine mangelnde gesellschaftliche Bildung. Der „Vollblut-Italiener“ Johann Adolf Hasse, der nicht nur bereits Triumphe im Süden gefeiert, sondern auch eine der berühmtesten italienischen Primadonnen seiner Epoche geehelicht hatte, entsprach daher viel eher den wählerischen Anforderungen des sächsischen Hofs. Im Gegensatz zu Johann David Heinichen hatte Bach nie Italien, im Gegensatz zu Telemann niemals Frankreich bereist, und daher die dortige Kultur und die dortigen Umgangsformen nie persönlich kennengelernt. Zwar hatte Bach Erfahrungen an Höfen sammeln können, doch sein musikalischer Stil entwickelte sich trotz aller Anlehnung an die gängigen Formen und Gattungen der romanischen Nationen zu einer völlig eigenständigen und eigensinnigen Gelehrsamkeit, die jeglicher modischer Gefallsucht und Berechnung auf repräsentative Wirkung tendenziell abhold war.
Genau diese Geisteshaltung spricht aus der Kantate „Ich bin vergnügt mit meinem Glücke“ (BWV 84), welche aus Bachs Leipziger Zeit stammt und am 9. Februar 1727 uraufgeführt wurde. Der wahrscheinlich von Picander verfasste Text bezieht sich auf das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg aus Matth. 20, 1–16, und weist darauf hin, dass man grösseres Glück erlangt, wenn man sich mit seinen Verhältnissen abfindet und zufrieden ist mit dem, was man hat, anstatt andere um ihre vermeintlich bessere Position zu beneiden. Bach hatte jedoch auch den Hofdienst in Weimar kennengelernt, es sich aber wegen seines aufbrausenden Temperaments mit seinen Dienstherren verdorben und wurde in Ungnade entlassen. Zu seinen Aufgaben als Konzertmeister gehörte die Komposition von Kirchenkantaten im Vierwochenturnus, die er später teilweise in Leipzig wiederaufführte. Der aus der Feder Lehms stammende Text der 1714 geschriebenen Solokantate „Mein Herze schwimmt im Blut“ (BWV 199) reflektiert das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner aus Lukas 18, 9–14, im Sinne lutherischer Innerlichkeit und dem Streben nach Demut. Die ausgedehnten Passagen des obligaten Soloinstruments im zweiten und sechsten Satz erinnern an einen weiteren wichtigen Aspekt von Bachs Weimarer Zeit.
Dort konnte er sich erstmals intensiv mit der Komposition von Instrumentalmusik beschäftigen und fand darin einen eifrigen Förderer in der Person des noch sehr jungen Herzogs Johann Ernst IV. von Sachsen-Weimar, der von seiner Kavalierstour die neuesten Drucke mit italienischen Konzerten aus dem Verlagszentrum Amsterdam mitbrachte. Bach transkribierte zahlreiche Solokonzerte von Vivaldi, Torelli, Marcello und anderen für Cembalo und Orgel, während Johann Ernst Violinkonzerte komponierte. Leider starb der Amateurkomponist bereits mit 19 Jahren in Frankfurt. Dort amtierte Georg Philipp Telemann gerade als Direktor der Kirchenmusik und edierte als letzte Ehrenbezeugung sechs Konzerte des Prinzen. Der weltgewandte und erfolgreiche Telemann verstand es eben, sich der Gunst bedeutender musikliebender Höfe zu versichern, weshalb noch heute der allergrösste Teil seines Oeuvres in den ehemaligen Hofbibliotheken zu Dresden und Darmstadt überliefert ist, wo er niemals angestellt war. Aus den Darmstädter Beständen stammen zwei Werke, die die Hauptgattungen der Instrumentalmusik der beiden Modell-Länder Italien und Frankreich repräsentieren.
Die Orchestersuite in a-Moll (TWV 55:a4) gehört zur Gattung der sogenannten „Französischen Ouvertüre“, die als ex novo komponiertes Genre fast nur in Deutschland und Österreich gepflegt wurde, während ihre Vorbilder aus dem Nachbarland zunächst blosse Zusammenstellungen bereits bestehender Ouvertüren und Instrumentalsätze aus grösseren Bühnenwerken waren. Das Concerto für Flöte, Violine, Streicher und Basso continuo in e-Moll (TWV 55:e3) steht in der venezianischen Tradition à la Vivaldi und stellt die virtuos behandelten Solisten dem Orchester gegenüber. Telemann kannte Vivaldis Konzerte aus Drucken und Abschriften, hatte den Komponisten jedoch nie persönlich kennengelernt. Dieses Glück war Johann David Heinichen beschieden, der auch die vielleicht interessanteste Biographie der in diesem Programm vertretenen Komponisten aufzuweisen hat. Nach dem Besuch der Thomasschule, einem juristischen Studium und ersten Opernerfahrungen in Leipzig wurde er Hofkapellmeister des Herzogs von Sachsen-Zeitz. Von 1710 bis 1716 lebte Heinichen in Italien und konnte mit eigenen Opern in Venedig Triumphe feiern, so dass der sächsische Thronfolger während seiner Grand Tour auf ihn aufmerksam wurde und ihn für Dresden engagierte. Heinichen komponierte sein Concerto a 7 in G-Dur (Seibel 214/Hwv I:4) noch in Venedig und folgt darin bis hinein in formale und stilistische Details seinem Vorbild Vivaldi, den er ebenso wie Albinoni, Marcello und Lotti persönlich kannte. Bei solch einem Können und solch einer Ausbildung verwundert es nun nicht, dass der Hof in Elbflorenz einen Heinichen und einen Hasse für die höchsten musikalischen Ämter auswählte, während Bach und Telemann hingegen ihre Lebensstellung in den gutbürgerlichen Hanse-, Messe- und Handelsstädten Leipzig und Hamburg fanden.
Nicola Schneider
TROMBA TRIUMPHANS
Im Herbst 2016 präsentiert das Zürcher Barockorchester Musik des 17. Jahrhunderts aus Mähren. Kremsier (Kromerice) in Ostmähren war seit dem 13. Jahrhundert Sitz der Erzbischöfe von Olmütz. Es verfügt über eine intakte Altstadt und intakte Archive, die die Musikpflege am Hof der Erzbischöfe hervorragend dokumentieren. Nach Verwüstungen im Dreissigjährigen Krieg begann die Blütezeit unter dem Bischof Karl II. von Liechtenstein-Kastelkorn (1623–1695), der die Stadt nicht nur mit wichtigen Bauwerken schmückte, sondern auch mit zahlreichen bedeutenden Musikern in Kontakt stand. Pavel Josef Vejvanovsky war seit 1664 am Hof als Kapellmeister und Trompetenvirtuose über 32 Jahre beschäftigt. Er komponierte rund 130 Werke, in denen die Trompete selbstredend eine prominente Rolle einnimmt und technisch sehr versierte Spieler erfordert. Während Vejvanosky sich stilistisch von Schmelzer beeinflusst zeigte, war er nicht ohne Wirkung auf Ignaz Franz Biber, der für kurze Zeit am Kremsierer Hof arbeitete. Biber nutzte jedoch eine Studienreise nach Salzburg, um sich dorthin abzusetzen. Nach einer Aussöhnung mit dem mährischen Bischof übersandte er noch viele seiner Werke nach Kremsier. Die alte Verbundenheit zum Hof drückte sich nicht zuletzt in der Tatsache aus, dass dort viele Werke Bibers von Vejvanovsky kopiert wurden. Philipp Jakob Rittler war katholischer Priester, der zunächst am Jesuitenkolleg in Opava tätig war und seit 1675 für einige Jahre in Kremsier wirkte, bevor er ins nahegelegene Olmütz ging. Wenn er auch in späteren Jahre vorwiegend geistliche Musik komponierte, sind aus seiner früheren Zeit auch Instrumentalwerke vorhanden, in denen häufig virtuose Violinpassagen vorkommen. Dies lässt darauf schliessen, dass er das Instrument selbst beherrschte. Karl von Liechtenstein-Kastelkorn pflegte intensive Verbindungen mit Wien und ermöglichte dadurch seiner Hofmusik eine beachtliche Repertoirebereicherung. Johann Heinrich Schmelzer etwa versorgte ihn regelmässig mit der neuesten Hofmusik aus Wien. Der kaiserliche Hoforganist Alessandro Poglietti trat an den Bischof heran, weil er dessen Hilfe in Erbschaftsangelegenheiten bedurfte und bedankte sich dafür mit Kompositionen aus seiner Feder. Aufgrund dieser glücklichen Konstellationen gehört das Musikarchiv des Kremsierer Schlosses heute zu den grössten und wichtigsten Beständen mit Barockmusik in Mitteleuropa.
Nicola Schneider
Programmvorschau 2018
TRESOR
Unter dem Titel «Tresor» wird das Zürcher Barockorchester 2018 einen noch unbekannten Schatz heben:
In mehreren Schrankfächern der UBS Zürich liegt eine stetig wachsende Sammlung von Musikhandschriften. Dr. Nicola Schneider verfolgt seit 2008 ein riesiges Projekt: Die im Zweiten Weltkrieg zerbombte Bibliothek in Darmstadt soll wieder aufgebaut werden.
Ziel ist es, der Bibliothek in ein paar Jahren ein Äquivalent zu den verloren gegangenen Handschriften anzubieten. Seit 2011 wird er dabei von Dr. Agnes Genewein unterstützt. Das Zürcher Barockorchester hat ein Programm mit Werken aus Norditalien im ausgehenden 18. Jahrhundert zusammengestellt. Virtuose Concerti und dramatische Sinfonien, die noch nie im Druck erschienen sind, werden zu hören sein. Es erwartet Sie ein italienisches Feuerwerk in Grossbesetzung mit noch gänzlich unbekanntem Konzertrepertoire. Am Konzert werden Einblicke in die kostbaren Handschriften gegeben und Nicola Schneider wird die aufgeführten Werke kommentieren.
ANIMALI – VON ALLERLEY THIEREN
Werke von Heinrich Ignaz Franz Biber, Carlo Farina, Alessandro Poglietti,
Johann Heinrich Schmelzer, Johann Jacob Walther u.a.
José Saramagos Roman über die historische Begebenheit der Überführung des indischen Elefanten Salomon von Lissabon nach Wien entstand nach 2008. Der Elefant Salomon, im Besitz des portugiesischen Königs Joao III., wurde als Geschenk für Erzherzog Maximilian in einer langen und gefährlichen Route über Spanien, Italien und die Alpen via Innsbruck nach Wien gebracht. Zentrale menschliche Figur im Roman ist sein Betreuer, der Mahut Subhro, der als einziger das Tier einerseits führen aber auch verstehen kann.
Die ausgewählte Musik, vorwiegend aus dem 17. Jahrhundert, vollzieht einerseits geografische Stationen der Reise nach, zeigt aber auch die anhaltende Faszination des Menschen gegenüber dem Tier. Nicht nur in zahlreichen Darstellungen, auch in Menagerien und dokumentierten Reisen gefangener Wildtiere – ein spätes Beispiel ist Clara, das Nashorn aus dem 18. Jahrhundert – sehen wir die stete Auseinandersetzung des Menschen mit dem Tier. In der Musik des 17. und auch noch des 18. Jahrhundert finden wir zahlreiche Beispiele von Tierstimmen-Imitationen, die von konkreten Versuchen, dem Original möglichst nahe zu kommen, bis zu eher assoziativ–atmosphärischen Kompositionen reichen.
Johann Heinrich Schmelzer, am Wiener Kaiserhof tätig, beschreibt in seinem suitenartig angelegten Stück La Pastorella eine Reise durch verschiedene Nationalstile. Seine Serenata con altre Arie reiht sich in die Tradition der Suite mit teilweise programmatischen Elementen ein. Imitationen von Tierstimmen, die besondere Spieltechniken erfordern, gehören im 17. Jahrhundert zum beliebten Repertoire von virtuosen Geigern. In der Sonata representativa für Violine und Basso Continuo imitiert der vorwiegend in Salzburg tätige Geiger Heinrich Ignaz Franz Biber verschiedene Tierstimmen und kombiniert sie humorvoll mit Abschnitten, die von einem Praeludio bis zu Tanzsätzen reichen. Ein sinniges Wortspiel nimmt auch die Kriegsknechte, die «Musketiere», in die Reihen der Tiere auf und ermöglicht Biber damit die beliebte Nachahmung von Kriegsmusik.
Carlo Farina, aufgewachsen in Mantua, weilte vier Jahre in Dresden und amtierte als Konzertmeister unter Johann Georg I. von Sachsen. In diese Zeit fällt die Herausgabe von fünf Spielbüchern. Aus dieser reichhaltigen Sammlung, in der Farina – selber ein hochvirtuoser Geiger – ebenfalls Tierstimmen und Nationalstile imitiert, werden eine Pavane, ein langsamer Schreittanz, und das berühmte Capriccio stravagante gespielt.
Die umgekehrte Reise, von Deutschland nach Italien, unternahm Johann Jacob Walther. Nach gründlicher Ausbildung in Florenz wurde er zum «Vater der deutschen Violinschule». Aus seinem Hortus Chelicus von 1688 stammt das Scherzo d’augelli con il cucu.
Der am Wiener Hof wirkende Alessandro Poglietti setzte seine Canzon und Capriccio über das Henner und Hahnengeschrey überraschend für das Cembalo, doch merkt der Hörer schon bei den ersten Takten, wie geschickt hier die klangliche Bandbreite des Instruments ausgereizt wird, um spezielle Effekte zu erzielen.
Salomon musste auf seiner strapaziösen Reise nach Wien auch eine Strecke per Schiff auf dem Meer fahren. Antonio Vivaldi imitiert in seinem Streicherkonzert La Conca ein primitives Naturinstrument, die «Conca», eine Art Riesenmuschel. Mit diesem einfachen Instrument wurden Seefahrer vor Stürmen gewarnt. Salomon reiste glücklicherweise ohne Sturm übers Meer, die ganze Entourage kam wohlbehalten in Genua an, um von dort aus die schier unvorstellbare Überquerung der Alpen – noch dazu mit Wintereinbruch – in Angriff zu nehmen.
Renate Steinmann und Nicola Schneider