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Der grosse Skeptiker
Basler Zeitung, 26. Mai 2006
Der Schriftsteller und Nobelpreisträger John Coetzee veredelt die Solothurner Literaturtage
Dass John Coetzee in Solothurn aus seinem Werk liest, ist in mehrfacher Hinsicht ausserordentlich: Zum einen ist es seine erste Lesung in der Schweiz, zum anderen lebt der südafrikanische Nobelpreisträger des Jahres 2003 in Australien, und fliegt eigens für diese Lesung von Adelaide aus um die halbe Welt. Auch wenn man um seine Zurückhaltung weiss, was Auftritte und Interviews anbelangt – er zeigt sich kaum in der Öffentlichkeit –, ist sein Kommen ein Ereignis: nicht mal der Fischer Verlag, der seine Werke auf Deutsch herausbringt, wusste davon.
John Coetzee, 1940 in Kapstadt geboren, burischer Herkunft, Schriftsteller, Literaturprofessor, Kritiker und Übersetzer, gehört zu den meist gerühmten Autoren der Welt: neben dem Nobelpreis hat er das Kunststück fertiggebracht, zweimal den Booker-Preis zu gewinnen, den wichtigsten Literaturpreis Grossbritanniens. Dabei sind ihm Ruhm und Rummel suspekt – nichts wünscht er sich weniger, als dass seine Person statt sein Werk im Mittelpunkt steht.
Dieses Werk ist umfangreich, vielschichtig und facettenreich: In seinem Roman «Schande» aus dem Jahre 1999 etwa fällt der Literaturprofessor Lurie wegen einer Affäre mit einer Studentin in Ungnade, zieht sich auf die entlegene Farm seiner Tochter zurück und erlebt dort einen Alptraum der Gewalt, ehe er in einer armseligen Tierklinik mit dem Umbringen ausgesetzter Hunde sein Auskommen findet. Ein faszinierendes, kompromissloses Werk über das Südafrika nach der Apartheid. Ein Roman voller Bilder, die man nicht vergessen wird – den brennenden Lurie nicht, der von einer Bande mit Benzin übergossen und angezündet wird, auch nicht den jungen Hund im Tierheim, der Musik liebt und dann doch sterben muss. Ein Roman, der in seiner ausgeklügelten, geometrischen Anlage zwingt, über Gerechtigkeit, Schuld und die Bürde der Geschichte neu nachzudenken. Nachzudenken aber auch über das, was Liebe ist oder sein könnte, und über das, was der Tod bedeutet. Existenzielle Themen, wie überhaupt existenzielle Themen das Werk von Coetzee grundieren.
Eine irritierende Fortsetzung von «Schande» mit den Mitteln der essayistischen Erzählung bilden die acht Lehrstücke «Elizabeth Costello» (2003). Auch hier wird abgründige Kulturkritik geübt. Nach der Lektüre eines Romans über die Hinrichtung der Hitler-Attentäter glaubt Costello, selbst Autorin, nicht mehr daran, dass Geschichtenerzählen an und für sich etwas Gutes sei. Sie fürchtet, dass man sich als Autor oder auch als Leser zum Komplizen des Bösen machen kann. Wenn sie wählen könnte, ob sie eine Geschichte erzählen oder Gutes tun möchte, dann würde sie lieber Gutes tun. Sie stellt in Frage, ob gewisse Dinge erzählt werden sollen, oder ob man als Schriftsteller oder Leser Schaden nimmt, wenn man davon schreibt oder liest. Das sind provokante Thesen, und das immer auch die Gegenpositionen zur Sprache kommen, nimmt ihnen nichts von ihrer Brisanz.
Über das Schreiben denkt Coetzee auch in seinem jüngsten Werk «Zeitlupe» (2005) nach. Eigentlich geht es darin um Paul Rayment, der bei einem Verkehrsunfall ein Bein verliert und sich in einem Leben mit einem versehrten Körper einzurichten hat. Eine Beinprothese lehnt er ab, und er muss lernen, die Pflege anderer anzunehmen. Da taucht unvermittelt Elizabeth Costello wieder auf, und der Roman wird zu einem Roman über den Roman, zu einem listigen Kabinettstück über das Erzählen.
Immer wieder kreist Coetzees Werk um Versehrte, Verstümmelte, Kranke. Die Integrität des Leibes ist eines seiner grossen Themen. «Erhebt uns der Verkehr mit dem Schönen, macht er bessere Menschen aus uns, oder werden wir besser, wenn wir die Kranken, die Verstümmelten, die Abstossenden umarmen?» fragt die Costello den behinderten Paul Rayment. Antworten liefert das Werk des grossen Skeptikers Coetzee keine, dafür jede Menge Fragen, über die nachzudenken sich lohnt. Auch wenn die Lektüre seiner Bücher nicht immer angenehm ist, oft aufwühlt, ja bisweilen sogar körperliche Schmerzen verursacht: wie er Fragen von Ethik und Ästhetik auf immer neue Weisen angeht, gehört zum Anregendsten und Spannendsten, was die Gegenwartsliteratur zu bieten hat.
Solothurner Literaturtage, Lesung von John Coetzee: Samstag, 27.Mai, 20.30 Uhr, Konzerthalle, Solothurn.