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Anwendung chemischer Reinigungsmittel kommt innige Mischung derselben mit dem Abwasser und die Reihenfolge, in der die Zuschläge beigemengt werden, hauptsächlich in Betracht. Nach der Mischung kommen die in Behältern entweder zum Stillstand, oder sie werden so langsam fortbewegt, daß sich die Niederschläge ungehindert absetzen können. Vereinzelt werden die gereinigten Wässer nach dem Abziehen von den Niederschlägen auf Wiesen oder Äcker geleitet, um sie noch weiter zu reinigen.
Ein wunder Punkt aller chemischen Reinigungsverfahren ist die große Menge der Niederschläge, deren Lagerung, Behandlung und Fortschaffung große Schwierigkeiten bereitet, 1 cbm Abwässer liefert etwa 0,75-1,5 kg Schlamm, welcher zu 30 Proz. und mehr von den Zuschlägen herrührt, also auch verminderten Düngerwert besitzt. Wenn dieser Schlamm nicht rasch Abnahme findet, so können ernste Unzuträglichkeiten, mindestens große Belästigungen für die Gesundheit der benachbarten Bewohnerschaft entstehen.
Die Klärbeckenanlage in Frankfurt [* 2] a. M. für 18,000 cbm Abwässer pro Tag besitzt vier gemauerte überwölbte Becken, welche die in sechs Stunden durchlaufen. Die Wässer gelangen aus den Zuleitungskanälen nacheinander in mehrere Kammern, in denen durch Netze die gröbern Schwebestoffe aufgefangen und die Zuschläge (schwefelsaure Thonerde und Kalk) nacheinander gegeben werden. Vor den Becken liegt eine sogen. Galerie, in welcher schwere Stoffe sich absetzen, und aus welcher die Wässer, in flacher Schicht über Wehrrücken fallend, mit Wechselbetrieb in die Klärbecken gelangen. In derselben Weise fallen die geklärten in eine Galerie vor dem untern Ende der Becken und fließen von hier aus in den Main ab. Der flüssigere Schlamm fließt aus den Becken in einen tief liegenden Kanal [* 3] und wird aus diesem durch eine Schlammpumpe gehoben.
Die festern Teile müssen ausgekarrt werden. Der Zufluß der Zuschlagflüssigkeiten wird durch Kaliberhähne geregelt. Nach dem Verfahren von Müller-Nahnsen (Ottensen, Halle, [* 4] Dortmund) [* 5] fallen die Abwässer, nachdem die Zuschläge (Kalk, lösliche Kieselsäure, schwefelsaure Thonerde) beigemischt sind, durch ein zentrales Rohr, welches in einer Scheibe mit durchlochter Unterseite endigt, in einen Brunnen [* 6] von 5-10 m Tiefe und steigen in diesem so langsam auf (ein paar Millimeter pro Sekunde), daß die Niederschläge zu Boden sinken können.
Schräg gestellte Tafeln leisten dem Aufsteigen von Schwebestoffen Widerstand und befördern mithin das Absetzen. Wenn nötig, passieren die Abwässer noch einen zweiten Brunnen und gelangen dann in den Fluß. Durch eine Pumpe [* 7] werden die Niederschläge aus dem Brunnen entfernt, ohne den Betrieb zu stören. Die Regelung der Zuschlagsmengen, entsprechend den Abwässermengen, erfolgt durch einen selbstthätig wirkenden Apparat. Prinzipiell stimmt mit diesem Verfahren dasjenige von Rückner-Rothe (Essen, [* 8] Braunschweig) [* 9] überein, nur werden hier die Abwässer durch Luftverdünnung in einen Heberkessel gesaugt, der mit seinem untern Rand in den Brunnen eintaucht. In die obere Wölbung des Heberkessels mündet ein Rohr, welches zu einer Luftpumpe [* 10] führt.
Ein aus Latten hergestellter kegelförmiger Körper hängt im Brunnen unter dem Kessel und bedeckt sich bald mit niederfallenden Schlammteilen, so daß er aufsteigende Schwebestoffe am weitern Steigen hindert. Die Anwendung des Kessels gestattet, an Tiefe der Brunnen zu sparen, und ermöglicht eine sehr genaue Regelung der Wassergeschwindigkeit, entsprechend dem Verunreinigungszustand der Abwässer. Der Zufluß der Zuschläge (dieselben wie beim Müller-Nahnsenschen Verfahren) erfolgt auch hier durch einen selbstthätig wirkenden Apparat.
Die Anlage in Wiesbaden [* 11] ist eine Kombination der Frankfurter mit der Rückner-Rotheschen, insofern die Abwässer zunächst die hintereinander liegenden Brunnen mit aufsteigender Bewegung passieren und dann zum weitern Absetzen der Schwebestoffe in größere Becken gelangen. Als Zuschlag wird nur Kalkmilch benutzt. Die Kosten der Reinigung der Abwässer nach dem Verfahren von Müller-Nahnsen und Rückner-Rothe betragen etwa 1 Mk. pro Kopf und Jahr.
Vgl. König, Die Verunreinigung der Gewässer (Berl, 1887);
Gerson, Die Verunreinigung der Wasserläufe durch Abflußwässer aus Städten und Fabriken und ihre Reinigung (das. 1889);
Heinzerling, Die Beseitigung der Abfallwässer (Halle 1885);
Fadejeff, Die Unschädlichmachung der städtischen Kloakenauswürfe (deutsch von Menzel, Leipz. 1886).