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Wann ist es okay, beim Schreiben eine KI zu verwenden? Diese Frage hat neulich (ein mir nicht näher bekannter Mann mit dem klingenden Namen) James Presbitero der Jüngere auf «Medium» aufgeworfen.
Seine Argumentation fusst auf einem Modell, das er die «drei Ebenen der Argumentation» nennt und mit einem Planeten-Querschnitt illustriert. Im «Kern» geht es um Texte, die von unserer Persönlichkeit durchdrungen sein sollen, wenn wir es pathetisch ausdrücken wollen. Der «Mantel» umfasst «branded creations»; man könnte wohl von Auftragsarbeiten sprechen. Die sollen zwar als Eigenleistung erkennbar sein, aber sie haben nicht den Anspruch, einmalig zu sein. Die «Kruste» umfasst Texte, in denen sich der Autor nicht gross einbringen muss oder will und die keinen erkennbaren «Sound» benötigen. Beispiele sind E-Mails, Briefe, Berichte und solche Dinge.
Wenn ich die Haltung von James Presbitero des Jüngeren hier plakativ zusammenfassen darf, dann vertritt er diese Positionen:
- Im «Kern» kommt die KI keinesfalls infrage.
- Bei «Mantel»-Texten darf KI grosszügig benutzt werden; man solle aber darauf achten, dass das Endresultat geschmackvoll bleibt.
- Die «Krusten»-Texte delegieren wir ganz an die KI. Wir sollten uns aber unserer Verantwortung als Absender bewusst sein, falls der Chatbot einen Blödsinn von sich gibt.
Beschert uns die Planeten-Analogie einen Erkenntnisgewinn oder ist es vor allem Storytelling-Klimbim, der dem Blogpost einen wissenschaftlich-tiefgründigen Anstrich geben soll? Ich neige zu der zweiten Interpretation.
Der falsche Ansatzpunkt
Beim Nachdenken über diese Kern-Mantel-Krusten-Angelegenheit bin ich zur Erkenntnis gelangt, dass die Textsorte der falsche Ansatzpunkt ist. Bei dieser Entscheidung geht es um die Empfängerin oder den Empfänger unserer Botschaft und um unsere Beziehung zu ihr oder ihm. Zur Beantwortung der Frage, wann KI legitim ist, muss der Adressat ins Zentrum gestellt werden.
Bei persönlichen Beziehungen kommt für mich KI nicht infrage, selbst wenn es sich nur um banale Alltagskommunikation wie «Wollen wir uns wieder einmal zum Brunch treffen?» handelt.
Den Leserinnen und Lesern, die sich extra auf mein Blog bemühen oder sogar ein Abo bezahlen, um meine Texte zu lesen, würde ich KI auf keinen Fall zumuten – nicht einmal in einem Halbsatz. Für mich versteht es sich von selbst, dass jeder Buchstabe selbst ausgedacht und selbst getippt sein muss, wenn jemand sich die Mühe macht, sich aus freien Stücken mit einem meiner Texte zu beschäftigen. Denn für mich begründet die Lektüre eines meiner Artikel eine solche persönliche Beziehung zu meinen Leserinnen und Lesern; ob wir uns jemals getroffen haben oder nicht, ist nicht entscheidend.
Die eigenen Worte finden
Auch geschäftliche E-Mails von einer KI schreiben zu lassen, ist kein guter Stil. Selbst wenn es nur um eine administrative Angelegenheit geht, würden wir, wenn wir im direkten zwischenmenschlichen Kontakt nicht einfach einen vorgestanzten Textbaustein herunterrasseln, sondern uns die Mühe machen müssen, unsere eigenen Worte für unser Anliegen zu finden. Bei ganz banalen Dingen halte ich es für vertretbar, sich von der KI eine Rohfassung liefern zu lassen. Es versteht sich aber von selbst, dass wir die umschreiben und ihr einen individuellen Touch verleihen.
Ja, der Eindruck ist richtig, dass ich der Überzeugung bin, dass KI-Texte nur in sehr wenigen Situationen zulässig sind. Je technisierter unsere Umwelt wird und je mehr wir unsere Kommunikation indirekt, über Apps, soziale Medien und Avatare und Vision-Pro-Personas abhalten, desto wichtiger ist es, die zwischenmenschlichen Gepflogenheiten aufrechtzuerhalten. Dazu gehört, dass wir auch ein Mail an die Hausverwaltung oder unseren Versicherungsagenten von Hand tippen – sonst kommt uns das Gespür für unsereins irgendwann noch komplett abhanden.
Eine Ausnahme toleriere ich
Apropos soziale Medien: Sich von Chatbots gegen die Schwurbler und Verschwörungstheoretiker assistieren zu lassen, halte ich nicht nur für legitim, sondern für sinnvoll. Die Taktik dieser Leute ist es, uns mit so viel Bullshit zuzuschütten, dass wir erschöpft aufgeben, weil es unmöglich ist, alles zu widerlegen. Dann ChatGPT für jeden Punkt ein schlagendes Gegenargument hervorholen zu lassen, ist ein Akt der Selbstverteidigung und damit jederzeit gerechtfertigt.
Beitragsbild: Füsse hoch für alle Schreiberlinge? (Dall-e 3)