Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03599.jsonl.gz/1227

Die Genferin Yvette Z’Graggen, vor einhundert Jahren geboren, führte ein emanzipiertes, unabhängiges Leben, als den Frauen von Gesetzes wegen noch kaum Rechte zugestanden wurden. Ihr kleines Buch «Kurz vor dem Regen» erinnert an diese aussergewöhnliche Schriftstellerin.
In ihrer Jugend war Yvette Z’Graggen nicht vom Glück begünstigt. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, wurde sie gerade erwachsen, was damals bedeutete, dass sie notgedrungen in der Schweiz zu bleiben hatte. Ihre Eltern – ihr Vater stammte aus dem Kanton Glarus, ihre Mutter aus einer ursprünglich ungarischen Familie – hatten ihr zwar zugestanden, die Matura abzulegen, nun sollte sie aber eine kurze Bürolehre absolvieren, damit sie, wie die Eltern meinten, anschliessend schnell heiraten konnte.
Sie hatten ihre Pläne ohne die eigenwillige Tochter gemacht. Zwar schloss Yvette ihre Ausbildung als Sekretärin ab, in allen anderen Lebensbereichen liess sie sich jedoch nicht beeinflussen. Anschliessend fand sie eine Anstellung beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz in Genf. Das entsprach der jungen Frau, die nichts sehnlicher wünschte, als ihren Horizont zu erweitern. Es entstanden dadurch Kontakte ins Ausland, wenn auch betrübliche, denn es herrschte überall Kriegselend. Im Auftrag ihrer Dienststelle besuchte sie das in Trümmern liegende Europa.
Yvette Z’Graggen, ca. 1985
Damals – sie war inzwischen 26 Jahre alt – beeindruckten sie diese Erfahrungen stark. Viel später in einem Interview bemerkte sie mit einem Lächeln: „Eine gesegnete und sehr prägende Zeit . . . “. Auch ihre Romane wurden davon inspiriert. Mit dem Schreiben hatte sie schon als junges Mädchen begonnen, aus der Lust am Formulieren und am Erfinden von Geschichten sowie dem Bedürfnis, dadurch den Spannungen in ihrem Elternhaus mindestens gedanklich zu entfliehen.
Kurz vor dem Regen ist ihr letztes Buch, im Original 2011 ein Jahr vor ihrem Tod erschienen, nun auch in deutscher Übersetzung erhältlich. Die Autorin greift in der gleichnamigen Hauptgeschichte auf ihre Erfahrungen aus ihrer Jugend zurück, ohne dass wir diese Erzählung allzu autobiografisch verstehen sollten. – Es gehört zum Werkzeug dieser starken Frau, dass sie eigenes Erleben als Bausteine für ihre Texte benutzt. Als Lesende erkennen wir, welche Freiheiten sich Yvette Z’Graggen in den 1940 /50er Jahren nahm, wie sie sich gegen konservativ-bürgerliche Widerstände durchsetzte.
Die Autorin setzt den September 2009 als Beginn ihres kurzen Romans. Angeregt vom Gedenken an den siebzigsten Jahrestag des Kriegsbeginns, fragt sich die Ich-Erzählerin, wie ihr Leben verlaufen wäre, hätte sie nicht, damals achtzehn Jahre alt, im Sommer 1938 die aufkeimende Liebesgeschichte mit einem jungen Deutschen abgebrochen. Z’Graggen entwickelt zwei Handlungsstränge: Der erste, kurze, endet damit, dass sich die junge Frau dem angehenden deutschen Offizier nicht hingibt, womit die Begegnung der beiden abrupt beendet ist. Anschliessend entwickelt die Autorin eine zweite Geschichte, in der die Heldin – man muss die junge Frau so nennen – Stärke, Durchsetzungskraft und Willen zu absoluter Freiheit entfaltet und so zu einer der markantesten Figuren in Z’Graggens Schreiben wird, denn sie setzt sich über alle Regeln der bürgerlichen Moral ihrer Familie hinweg.
Im zweiten Teil des Buches verabschiedet sich Yvette Z’Graggen von den Heldinnen ihrer früheren Bücher. Es war ihr zum Zeitpunkt des Schreibens (2010/11) wohl bewusst, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Zwar tappt man als Lesende ein wenig im Ungewissen, wenn man die anderen Werke, auf sich die Autorin bezieht, nicht kennt, doch was sie aussagen will, ist klar und verständlich: Die Frauengestalten «widerspiegeln jede auf ihre Art die Entwicklung der Frauen über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg. Sie haben versucht, die Unwissenheit, die Verlogenheit, die Vorurteile zu bekämpfen, die in ihrer Kindheit noch herrschten. Sie haben auch begriffen, dass die innere Freiheit wesentlich ist, und sie haben sich gegen alles zur Wehr gesetzt, was sie gefangen hielt.» – Damit drückt Yvette Z’Graggen ihre eigene innerste Überzeugung aus, nach der sie gelebt hat.
Yvette Z’Graggen 1946 vor einem Jeep
Lange Jahre arbeitete Yvette Z’Graggen als Radiomoderatorin und Journalistin, sie übersetzte Max Frisch und Alice Schwarzenbach ins Französische. Als eine der ersten Frauen in der Schweiz setzte sie sich ans Steuer ihres eigenen Autos; sie reiste viel, ebenso gern unternahm sie mit ihrem Fahrrad Ausflüge übers Land. Sie liess sich auch in ihren Liebesbeziehungen nicht eingrenzen. Einige Jahre lang war sie verheiratet und bekam eine Tochter aus dieser Ehe. Dann fühlte sie sich durch ihren Ehemann belastet und liess sich scheiden.
In ihrem Berufsleben kam es Yvette Z’Graggen nicht darauf an, Karriere zu machen. Sie plante ihre Projekte, soweit das möglich war, ohne Vorsätze, sie traf Intellektuelle, welche ihre Zeit prägten, und nahm auf, was ihrem Talent und ihrer Kommunikationsfreude entsprach. Was sie immer bedauerte, war, dass sie nicht an der Universität hatte studieren können.
Nach einem ersten frühen Roman nahm sie das Schreiben erst einige Jahre später wieder auf; sie suchte die Wurzeln ihrer eigenen Familie in Deutschland und Österreich und beschrieb diese Welt der Kriegs- und Nachkriegsjahre. Diese Werke gehören zu ihren erfolgreichsten Werken, die in der Schweiz und in Deutschland sogar zur Schullektüre wurden. Das wundert nicht, denn Yvette Z’Graggen beschreibt in klaren Worten, was die Menschen jener Zeit bewegte. Sie besass die Gabe, Vernunft und Gefühle in ihrem Schreiben zusammenzubringen. Gern bediente sie sich Fotografien als Ausgangspunkt. Sie starb 2012 nach langer Krankheit.
Für Kurz vor dem Regen wurde Yvette Z’Graggen – neben vielen Preisen in früheren Jahren – 2012 postum der Prix Edouard Rod verliehen.
2017 / 18 entstand ein Film: »Yvette Z’Graggen, une femme au volant de sa vie«.
Yvette Z’Graggen, Kurz vor dem Regen. Aus dem Französischen von Yla M. von Dach. Lenos Verlag 2020. ISBN 978 3 85787 500 7
Im Lenos Verlag sind zahlreiche Bücher von Yvette Z’Graggen in deutscher Übersetzung erhältlich.
Fotos: mit freundlicher Genehmigung des Lenos Verlags