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Baba Yaga bedroht den Regisseur
Die Arrestierung des russischen Regisseurs Kirill Serebrennikov entfachte weltweite Empörung. Auf die systemkritischen Aspekte seiner Arbeit, darunter seine künstlerischen Stellungnahmen zu Homosexualität, sollte weiter verwiesen werden. Auch und gerade während das öffentliche Interesse abflacht.
Christine Fischer — Dass die Knusperhexe in Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel von einem Tenor gesungen wird, ist seit der Aufnahme mit Peter Schreier und der Dresdner Staatskappelle aus dem Jahr 1969 an sich kein Aufreger mehr. Aufhorchen lässt die Cross-gender-Besetzung in der Inszenierung der Oper Stuttgart, die im November 2017 Premiere hatte, aber dennoch.
Kirill Serebrennikov, der Regisseur der Produktion, wird im August 2017 in Moskau vor den Richter geführt. Wegen Fluchtgefahr wird Hausarrest verhängt. Die Anklage lautet auf Veruntreuung von staatlichen Fördergeldern.
Es ist schwierig, hinter die Kulissen der Vorgänge zu blicken. Vor seiner Ernennung zum Leiter des Moskauer Gogol-Zentrums, wurde Serebrennikov durchaus in Kreml-Nähe gehandelt. Wahrscheinlich ermöglichte ihm dies, 2012 das wichtige Theater zu übernehmen und seine staatlich unterstützte Avantgarde-Plattform «Siebtes Studio» zu integrieren. Um dieser Gelder geht es nun. Zumindest offiziell.
Die russischen Kulturfördergesetze sind in einem Ausmass undurchsichtig, dass es unmöglich sei, sich als Theaterleiter nicht angreifbar zu machen, so The Moscow Times (30.6.2017). Dass der eigentliche Grund von Serebrennikovs Verhaftung die unverhohlen systemkritischen Aspekte seiner international erfolgreichen Theater- und Filmarbeit, darunter ihre Bezüge zur Homosexualität sind, ist mehr oder minder offen gehandeltes Geheimnis. Man rechne ihn inzwischen in rechten Kreisen mehr einem «Gay-ropa» als seiner russischen Heimat zu (Moscow Times, 25.8.2017).
Die abgebrochenen Arbeiten zu einem Film über Piotr Iljitsch Tschaikowsky scheinen dies zu bestätigen: Die staatliche Förderung wurde entzogen, weil die «angebliche Homosexualität» des Komponisten nicht verschwiegen wurde. Auch dass Rudolf Nurejew offen homosexuell lebte, entspricht nicht der Lesart russischer Offizieller: Serebrennikovs Ballettproduktion am Bolschoi-Theater zum wohl berühmtesten russischen Tänzer wurde verordneterweise verschoben und schliesslich, nach der Arrestierung des Regisseurs, in einer Version uraufgeführt, die der Spiegel als «familienfreundliches Musical» (51/2017) bezeichnete.
Für die Stuttgarter Oper um Intendant Jossi Wiehler keine beneidenswerte Situation. Absagen kam angesichts der Umstände nicht in Frage – Inszenieren ohne Regisseur blieb ein Ding der Unmöglichkeit. So wagte man sich an einen Ersatzabend, der gleichzeitig das Fehlen erlebbar machen und ein Theatererlebnis bieten wollte.
Die vorläufige Stuttgarter Inszenierung verwendete Serebrennikovs in Ruanda gedrehten Film, der die Produktion prägen sollte, liess aber alles weitere, Bühne und Kostüme, im Rohzustand. Das Orchester sass vor der Leinwand auf der Bühne.
Am eindrucksvollsten blieb diese Inszenierung einer Leerstelle, als die archaische Handlung zeitgenössische Gesellschaftskritik vorgab: «Politik, soziale Regeln, Geschlechterbeziehungen – alles ändert sich. Jeder muss seinen Weg durch den Wald finden» wurde der fehlende Regisseur zitiert. Mit der Aussage Serebrennikovs «Die Hexe ist das System, die Ordnung», wurde die Knusperhexe zur Baba Yaga, Folklore-Kopftuch inbegriffen. Dazu, im eingesperrten Hänsel nun den Regisseur zu sehen, war es nur noch ein kleiner Schritt. Und dass Gretel das von der Stuttgarter Oper gedruckte Free-Kirill-T-Shirt trägt, nur folgerichtig: Sie ist es, die die Hexe im Ofen versenkt. Schwulenfeindlichkeit, die auf eigener Geschlechterinstabilität beruht, die Hänsel einsperrt und Gretel zur Hausarbeit verbannt – ein gekonnter künstlerischer Rückpass, der sich ohne viel Aufwand, nahezu von selbst aus den Umständen ergeben hatte. Was hätte uns bei Serebrennikov wohl alles erwartet? «To be continued» hiess es am Ende der Aufführung.
Die letzte Twitter-Meldung zu Serebrennikov, dessen Arrest inzwischen bis April 2018 verlängert wurde, war Ende Februar zu lesen: Der Regisseur durfte der Kremierung seiner kurz zuvor verstorbenen Mutter beiwohnen. Auf den grossen Rahmen hinter den erschütternden persönlichen Schicksalen verweist Alexei Malobrodsky, ein verhafteter Mitarbeiter des Regisseurs: «Der eigentliche Punkt sind weder ich noch Kirill ... Der eigentliche Punkt sind wir alle, der eigentliche Punkt ist unser aller Zukunft.» (Moscow Times, 30.6.2017)