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Onaniegegner als Berufung?
Tissot? Das ist doch diese Uhrenmarke. Dagegen ist fast vergessen, dass einer der grossen Schweizer Wissenschaftspioniere diesen Namen trug. Samuel Auguste Tissot hiess er und lebte von 1728 bis 1797 in Lausanne. Er galt damals als einer der besten Mediziner und Universalgelehrten, der mit den Geistesgrössen seiner Zeit wie Albrecht von Haller, Jean-Jacques Rousseau oder Voltaire in Kontakt stand. Als dann 1777 der österreichische Kaiser Joseph II. durch die Schweiz reiste, besuchte dieser weder den Philosophiestar Voltaire noch die noblen Genfer Patrizier, sondern eben: Samuel Auguste Tissot.
Denn eine Visite beim Lausanner Arzt war für den habsburgischen Monarchen viel attraktiver als alles andere, weil beide an der Impfung gegen die Pocken interessiert waren. Doch dem Kaiser gefielen die Umgangsformen von Tissot nicht, «dessen Bücher mir angenehmer zu lesen als er zu hören scheinet», wie Joseph II. in sein Tagebuch notiert. Was aber die beiden ebenso verbunden haben dürfte, war – etwas überraschend – ihre Distanz zum höfischen Leben. Tissot geisselte die dekadente Lebensweise von «vornehmen und reichen Personen an Höfen und in Städten». Trotz vieler Ärzte in der Nähe der Monarchen finde man an den Höfen den «allerhöchsten Grad der Krankheiten». Er kritisierte das faule Leben, das viele Fleisch, die Süssigkeiten, Kaffee, Tee und Alkohol. Zudem missfielen ihm die königlichen Kleidungen: Die vielen Bänder schnürten die Körper ein und behinderten den «Umlauf des Geblüts».
Fernab der Orgien und Reifröcke
Dazu muss man sich vergegenwärtigen: Wir befinden uns in der Zeit der Puderperücken und Reifröcke, der Bälle und Orgien in Frankreichs Königsschlössern. Kaiser Joseph II. war dieses höfische Getue ebenso zuwider wie seinem Lausanner Gastgeber. Tissot wusste, wovon er sprach: Er war eine Art internationaler Promi-Arzt. Er heilte den König von Polen, erhielt eine Audienz beim Papst und stand mit Napoleon Bonaparte in Kontakt. Er hätte für den Kurfürsten von Hannover arbeiten können, für den Herzog von Modena oder an der Universität von Padua; doch er blieb Lausanne treu.
Dieser bemerkenswerte Tissot hatte als Armenarzt angefangen und sich zu einem der führenden Mediziner Europas entwickelt. Nicht zuletzt dank populärwissenschaftlichen Werken wie die «Anleitung für den geringen Mann in Städten und auf dem Lande in Absicht auf seine Gesundheit». Sein Werk ist faszinierend umfangreich: Die gesammelten Manuskripte sind in rund 100 Bänden von je 200 bis 300 Seiten zusammengefasst.
Im Schatten seines Onanie-Werks
Doch egal, wie viel Gescheites er erdacht und aufgeschrieben hat: Zum Verhängnis wurde ihm eine fatale Fehleinschätzung bezüglich der Onanie. Die «Selbstbefleckung», wie er sie nannte, erzeuge gemäss seiner Einschätzung zahlreiche Krankheiten. Diesen Befund stützte er mit heute sehr abenteuerlich anmutenden Argumentationen. Dazu ein Zitat aus Tissots Werk «Versuch von denen Krankheiten, welche aus der Selbstbefleckung entstehen»: «Eine allzubeträchtliche Menge Saamens (…) stürzt in sehr verdriessliche Krankheiten; die aber noch weit ärger sind, wenn eben dieselbe Menge durch widernatürliche Mittel ist ausgeleeret worden.» Onanie ist für ihn widernatürlich. Tissots Buch «L’Onanisme» war zwar ein unglaublicher Erfolg, es wurde in 17 Sprachen übersetzt und brachte 63 Neuauflagen hervor. Doch letztlich schadete das Werk Tissots Reputation, weil er jahrzehntelang bloss der Onaniegegner blieb. Alle seine anderen Forschungen, die Bestand hatten, wurden davon überdeckt.
Erst 2007, also 210 Jahre nach seinem Ableben, ergab sich ein anderer Akzent. Seit damals verleiht die Schweizer Epilepsie-Liga für besondere Verdienste die Tissot-Medaille. Diese erinnert an Tissots Forschungen im Bereich der Epileptologie – und hat nichts mit Uhren oder Onanie zu tun.