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Möchte man den Rhythmus eines Films mit der Atmung vergleichen, wäre jene von Öndög so langsam und gleichzeitig so tief, dass sie kaum einer menschlichen entsprechen würde. Das gilt nicht nur für die Abfolge seiner Bilder, die grösstenteils zwischen extremen und moderaten Totalen variieren, sondern auch für seinen Umgang mit Zeit. Der Film besteht aus kaum mehr als zehn längeren Sequenzen, in denen innerhalb unermesslicher Landschaften gleichzeitig alles und nichts passiert. Die thematischen Kontraste von Öndög sind so gross wie jener zwischen der endlosen mongolischen Steppe und dem tausendfarbigen Himmel, mit dem Horizont als messerscharfer Trennlinie. Dazwischen treffen Tradition auf Moderne, Himmel auf Erde, Feuer auf Kälte, Leben auf Tod. Das alles vermittelt der chinesische Regisseur Wang Quan’an mit einer poetisch-modernen Bildsprache, für die das aktuelle Weltkino kaum Vergleiche bietet. Es gibt Fahrten in die Landschaft hinein, aber ohne ein Näherkommen, horizontale Kameraschwenks, die vergeblich versuchen, das Geschehen zu erfassen, sowie Schnittfolgen, die sich mehr an den Himmelsrichtungen orientieren als an den Figuren. Öndög ist ein wundersames Rätsel von einem Film.
Am Anfang sehen wir diese Welt aus einem fahrenden Auto heraus. Eine Gruppe von Jägern, die wir nie zu Gesicht bekommen, unterhält sich im Off über die Unterschiede zwischen Wahrnehmung und Wirklichkeit. Die Realität sei nicht das, was die Augen sehen. Manchmal sehe ein Wolf wie ein Hund aus und manchmal ein Hund wie ein Wolf. Man müsse sich da auf die Instinkte verlassen, besonders während der Dämmerung, die alle Dinge mit einem Schleier der Unbestimmbarkeit überzieht. Da kommt das Auto abrupt zum Stehen. Eine unbekleidete Frauenleiche liegt, mitten im Nirgendwo. Sie bringt die Handlung von Öndög aber nicht zum Laufen, sondern eher zum Flackern. Eine Gruppe von Polizisten trifft am Ort des Geschehens ein und begutachtet die Frau, die offenbar Opfer eines Verbrechens wurde. Ein junger Polizist wird abkommandiert, über Nacht auf die Leiche aufzupassen und zu verhindern, dass sich die Wölfe über sie hermachen. Dabei soll ihn eine Hirtin unterstützen, die einzige Person im Umkreis von hundert Kilometern, die hier lebt. Die hat eigentlich kaum Zeit, hat mit ihren Schafen und Kühen schon genug zu tun. Sie kommt dann aber doch, um Wärme zu schaffen und den Polizisten vor dem Erfrieren zu bewahren. Zwischen ihrem Kamel, das sonderbare Laute von sich gibt, und dem Feuer kommen sich der Polizist und die Hirtin, deren Namen wir nie erfahren, näher. Ein reichlich belangloses Ereignis, das Wang mit einer seltsamen Zeitlupe als kleinen Einbruch des Mythologischen inszeniert, vor allem wenn die Hirtin noch während des Sex einen sich annähernden Wolf erschiesst.
Die Kontraste reiben sich in Öndög aneinander, ohne sich je ganz zu vermischen. Das Mythologische findet nur im Dunklen seinen Weg ins Bild hinein, während tagsüber die Dinge pragmatischer betrachtet werden. Die Krimihandlung zerfliesst im Beiläufigen: Ein Mann wird zwar verhaftet, aber Näheres erfährt man kaum. Der Film gehört jetzt ganz der namenlosen Hirtin. Alles zuvor scheint ein Vorwand gewesen zu sein, sich ihr anzunähern. Wir beobachten sie dabei, wie sie mithilfe ihres einzigen Nachbarn ein Schaf schlachtet, ein Kalb zur Welt bringen hilft, auf einen Schwangerschaftstest pinkelt und über Dinosauriereier philosophiert. Der Nachbar rät ihr immer wieder, sich endlich einen Mann zu nehmen und ein Kind zu bekommen. Er stünde da zur Verfügung. Sie will nichts davon wissen, ignoriert die Frage, nicht aber das Begehren. Über die neuen seltsamen Laute legt sich Musik, und das Bild wird schwarz. Tod und Leben, Leben und Tod. In der Abenddämmerung können einen die Augen täuschen.
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