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Auf historischem Boden
Bis zum Sommer 2021 wird im Zentrum von Martigny, nur einen Steinwurf vom Place Centrale entfernt, unter dem Namen Cœur de Cité ein Gebäude-Ensemble mit 82 Wohneinheiten entstehen. Der städtische Kontext und die alpine Landschaft geben dem Projekt einen Rahmen – in der Nähe wie aus der Ferne. Ein Rückblick auf die Revitalisierung dieses ganz besonderen Ortes offenbart seine historischen Fundamente: alte Gewölbe einer Weinkellerei, die in Teilen erhalten bleiben.
Das Projekt Cœur de Cité befindet sich in einer ehemaligen Industrie- und Gewerbezone im Stadtzentrum von Martigny. Von 1874 bis 1981 war hier der Standort von Caves Orsat, einem bedeutenden Walliser Weinhaus, das seit seiner Gründung mehr als tausend Kleinwinzern einen genossenschaftlichen Rahmen bietet. Nachdem der Betrieb seine Anlagen in das Industriegebiet der Gemeinde verlegt hatte, wurde das gesamte Areal von der benachbarten Distillerie Morand aufgekauft. Diese tat sich Anfang 2000 mit dem angrenzenden Kloster Maison Hospitalière du Grand- St-Bernard und einem Hotelentwickler zusammen, um einen Quartierplan in Auftrag zu geben. Die Büros Urbaplan und GD Architectes begleiteten die Entwicklung bis zur Genehmigung durch den Staatsrat im Jahr 2015.
Die Planung sieht den Erhalt der hochverdichteten Struktur des Stadtzentrums vor, wobei das industrielle und landwirtschaftliche Erbe des Ortes respektiert werden sollen. Die definierten Baukörper sind daher recht gross und eng gesetzt. Um einen fliessenden Übergang zu den Häusern der Nachbarschaft sicherzustellen, wurden die Ränder des Areals durch kleinere Volumina gekennzeichnet und begrünt. Fussgängerwege durchqueren das Quartier und verbinden es mit der Stadt.
Das ursprüngliche Projekt für ein Hotel mit Thermalbädern unter Einbezug der historischen Keller auf dem gesamten Gelände musste schliesslich aufgegeben werden. In dieser Phase bekam die Halter AG das Angebot zum Erwerb des Areals und passte die Entwicklung an, um mit GD Architectes qualitativ hochwertigen Wohnraum zu erstellen. Eine Parzelle ging dennoch an den Initiator des ursprünglichen Projekts, QDS Leisure SA, der darauf mit dem preisgekrönten britisch-ghanaischen Architekten Sir David Adjaye das Spa-Hotel Lô Dzè realisiert. Beide Projekte kooperieren miteinander, etwa indem sie sich die Parkgarage sowie eine Passage durch das Atrium des Hotels in Richtung Place Centrale teilen.
Den Blick lenken
Wie die Stadt selbst ist auch das neue Quartier von den umliegenden Bergen, die eine ferne, aber präsente Landschaft bilden, eingeschlossen. Der benachbarte Obstgarten des Klosters Maison Hospitalière du Grand-St-Bernard und die Kirche Notre-Dame- de- la-Visitation mit ihrem steinernen Glockenturm aus dem 18. Jahrhundert schaffen Identität. Auch wenn die neue Entwicklung die Kontinuität zur Altstadt und eine entsprechende Dichte vorsieht, soll hier doch ein moderner und zeitgemässer Wohnort entstehen.
Die Anlage setzt sich aus fünf Volumen zusammen: ein langer, vierstöckiger Gebäuderiegel, der den Platz der ehemaligen Industriehalle einnimmt, zwei gegenüberliegende, gleichhohe Bauten und zwei kleine, zweigeschossige Häuser mit Lofts und Duplexwohnungen. Insgesamt werden 82 Wohnungen, von Studios bis zu 5,5-Zimmer-Einheiten, als Eigentumswohnungen verkauft. Nur ein Gebäude mit 16 Wohnungen, das von der Pensionskasse des Kantons Wallis erworben wurde, ist zur Vermietung bestimmt
Um die Wucht des Riegels, der dem Obstgarten zugewandt ist und das südliche Ende des Quartiers bildet, abzuschwächen, gaben die Architekten dem Volumen mit quer gesetzten Dächern einen vertikalen Rhythmus. Die daraus resultierende Abfolge von sich wiederholenden Giebeln durchbricht seine Silhouette und erweckt den Eindruck einer Aneinanderreihung von Häusern. Die Wohnungen liegen entweder quer oder orientieren sich beidseitig und verteilen sich um drei Treppenhäuser, die durch Oberlichter erhellt werden. Im obersten Stockwerk ist die Erschliessung an der Form der Dachlandschaft ablesbar: Jedes Treppenhaus endet auf Höhe der Traufen. Die unter dem First liegenden Wohnungen profitieren von überhohen Räumen und grosszügigen Volumen. An den Fassaden zeigen sich versetzte Ebenen, die den Rhythmus des Dachs aufgreifen und die Balkone integrieren.
Im Inneren des Areals wird die Länge des Riegels erneut aufgenommen und auf zwei Gebäude mit schrägen, skulpturalen Fensterausschnitten verteilt. Die zentrale Lage des Treppenhauses ermöglicht hier eine Erschliessung von drei bis vier Wohnungen pro Etage, die so ein Maximum an Fassadenfläche und mindestens zwei Ausrichtungen geniessen. Die Volumen werden von grossen Loggien ausgehöhlt, die Ausblicke in die Umgebung bieten und als Sichtschutz gegen aussen dienen. Durch sie kommt Licht ins Innere, gleichzeitig wird die Privatsphäre der Bewohner bewahrt. Zudem erweitern die Loggien die Wohnzimmer, oder aber sie grenzen Wohn- und Essbereich voneinander ab.
Komplexe Mischung
Je nach Form und Grundriss verfügen die Gebäude über verschiedene Wohnungstypen, die durch die Trennung von Tages- und Nachtbereich strukturiert sind. Die Flure werden mit zweckmässigen und nützlichen Stauräumen ausgestattet. Manche Einheiten bieten halb offene Multifunktionszimmer, die sich mit dem Wohnzimmer verbinden lassen, Elternsuiten mit Ankleide und Bad oder Lofts ohne Wände. Die Duplexwohnungen haben eigene Eingänge und wirken wie kleine Einfamilienhäuser.
Ob Balkon, Loggia oder Garten, jede Wohneinheit profitiert von einem eigenen grosszügigen Aussenbereich. Das Land rund um die Gebäude ist vollständig privat; man bewegt sich nur an der Peripherie des Areals, auf gewaschenen Betonwegen, deren Mineralität die Urbanität der Siedlung unterstreicht. Die Landschaftsarchitekten planen eine dichte, kontemplative Bepflanzung, die von einer Bisse – eine für das Wallis typische, ländliche Wasserleite – durchzogen ist. Mit dem Garten im Herzen der Überbauung erhalten die Bewohnerinnen und Bewohner eine einzigartige, fast geheime Oase mitten in der Stadt ganz für sich allein
Die nahe zusammenliegenden und doch autonomen Gebäude sind schliesslich alle über eine gemeinsame Parkgarage miteinander verbunden. Sie erstreckt sich über zwei Ebenen, von denen eine ein öffentliches Parkhaus ist. Der beeindruckende unterirdische Bereich reicht bis unter das benachbarte Kloster Maison Hospitalière du Grand-St-Bernard und offenbart die historischen Fundamente des Ortes. Im dritten Untergeschoss wurde die freigelegte Struktur der alten Weinkeller teilweise erhalten und als Untermauerung übernommen, damit das Kloster nicht beschädigt wird. Imposante Pfeiler und eine fast bis zum untersten Niveau herabreichende Wand mussten während der vier Monate andauernden Abbrucharbeiten stabilisiert werden, was insbesondere auch wegen der Heterogenität der Gebäude eine konstruktive Herausforderung war. Die in die Höhe ragenden Fragmente standen am Boden der Baugrube, in einem ohnehin schon enormen Loch mitten in der Stadt.
Mineralische Noten und Kontraste
Während das Ensemble durch die differenzierte Arbeit an den gebauten Volumen in den Kontext eingebettet ist, wird seine Materialität auch im Hinblick auf die alpine Umgebung des Ortes gestaltet. Wegen der Lage am Fusse der Berge bestanden die Architekten darauf, rohe oder wenig bearbeitete Werkstoffe einzusetzen, die an die felsige Natur erinnern. Wie in der Altstadt sind alle Dächer mit Ziegeln gedeckt. Der gewaschene Zementputz, der sich durch eine sehr feine Zusammensetzung auszeichnet und die Laibung der Fenster dezent unterstreicht, ist eine Spezialität des lokalen Maurerhandwerks. Im Kontrast dazu wurden alle Metallarbeiten bronzefarben lackiert, was der Fassade eine gewisse Wertigkeit und Raffinesse verleiht.
Auch im Inneren der Häuser zeigt sich die mineralische Note. Die Böden der Verkehrsflächen werden mit Terrazzo aus Rhone-Kies belegt, die Wände in Sichtbeton ausgeführt. Bei den Eingängen entschieden sich die Architekten für das Spiel mit Kontrasten: Zum rauen Putz wählten sie Türen aus Eiche. Weitere Holzdetails in den Wohnungen spielen auf die alpine Chalet-Architektur an.
Am Rand des Quartiers nehmen sich die zwei kleineren Gebäude gegenüber den Nachbarbauten formal zurück. Neben ihrer geringeren Grösse kommt ein Drahtgeflechtsystem zur Begrünung der Fassade zum Einsatz. So werden dereinst blühende Wände die vorhandene Vegetation ergänzen und den Garten abschliessen.
Dank der Arbeit an Volumen, Höhen und Ausrichtungen gelingt es GD Architectes, Komfort und Privatsphäre für die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner des neuen Quartiers Cœur de Cité zu generieren, ohne dabei die Integration in die Stadt und den Bezug zur Landschaft zu vernachlässigen. Sowohl in der Architektur wie auch beim Weinbau ist es manchmal nötig, die richtige Mischung zu finden, um den Wert einer Lage zu unterstreichen.
www.coeurdecite.ch
Fotografien der alten Gewölbe
Im Jahr 2018, vor dem Aushub der Baugrube, wurde der englische Fotograf Rob Ball beauftragt, die alten Gewölbe und Weinkeller von Cave Orsat ein letztes Mal festzuhalten. Seine Schwarz-Weiss-Aufnahmen, die nur vom Blitzlicht der Kamera erhellt werden, offenbaren die geheimnisvolle und verlassene Atmosphäre dieser unterirdischen Welt. Eine Ausstellung der Fotografien auf dem Place Centrale in Martigny würdigte den Ort, der heute verschwunden ist, und machte ihn für eine grössere Öffentlichkeit zugänglich. Auf dem letzten Bild der Serie ist der Bereich der Keller zu sehen, der zu Teilen erhalten wurde.
GD Architectes
GD Architectes
Das 1995 von Laurent Geninasca und Bernard Delefortrie gegründete Neuenburger Architekturbüro Geninasca Delefortrie wurde 2012 mit dem Beitritt von Philippe von Bergen zu GD Architectes. Die drei Partner kommen aus unterschiedlichen Bereichen und bringen eine Vielfalt an Know-how und Fähigkeiten mit. Ihre Architektur sieht sich dem Kontext, dem Ort und der Geschichte eines Projektes verpflichtet – Eckpunkte, die das Büro mit Feingefühl und Intuition in einen Dialog bringt. GD Architectes ist Mitglied der Berufsverbände SIA und FAS und engagiert sich auch bei öffentlichen Aufträgen und in der Lehre. Beispielhaft für ihre Arbeit sind Projekte wie die Fussgängerbrücke über die Areuse oder das Stadion Maladière, die beide mit der Distinction Romande d’Architecture, aber auch mit internationalen Preisen ausgezeichnet wurden. Damit nimmt GD einen wichtigen Platz in der Architekturlandschaft der Westschweiz ein.