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Nachdem seit Ende Dezember 2020 die Corona-Impfstoffe Comirnaty® (BNT162b2) und Covid-19 Vaccine Moderna® (mRNA-1273) zugelassen wurden, möchte der Medizinisch-wissenschaftliche Beirat der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft die wesentlichen Punkte zum Thema Corona-Impfung und MS zusammenfassen, um einheitliche Empfehlungen zu gewährleisten.
1. MS-Patienten sollten gegen Sars-COV2 geimpft werden. MS-Patienten mit einem erhöhten Risiko für einen schwereren Verlauf einer Covid-19 Erkrankung sollten rascher geimpft werden. Die Entscheidung sollte gemeinsam mit der behandelnden Neurologin, dem behandelnden Neurologen getroffen werden.
Die in der Schweiz zugelassenen mRNA-Impfstoffe Comirnaty® (BNT162b2) und Covid-19 Vaccine Moderna® (mRNA-1273) haben in Phase-III Studien mit insgesamt mehr als 70'000 Personen im Vergleich zu Plazebo das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, um 94% reduziert. Die Impfstoffe zeigten insgesamt ein gutes Sicherheitsprofil (typische Nebenwirkungen: Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen), einzig die Rate von allergischen Reaktionen liegt mit 1:100‘000 über der Rate von 1:1‘000‘000 bei anderen Impfungen. Bisher sind keine tödlichen Fälle allergischer Reaktionen bekannt, Hinweise auf mittel- bis längerfristige Nebenwirkungen des Impfstoffs haben sich bisher nicht ergeben (1. Impfung mit Comirnaty® (BNT162b2): Mai 2020; 1. Impfung mit Covid-19 Vaccine Moderna® (mRNA-1273): März 2020). Auch nachdem in der Zwischenzeit mehr als 70 Millionen Personen in den USA geimpft worden sind (Stand 28.02.2021), haben sich keine Hinweise auf zusätzliche Nebenwirkungen ergeben. Die in der Schweiz zugelassenen mRNA-Impfstoffe wurden in einer in Israel durchgeführten Studie von 555 Personen mit MS insgesamt gut vertragen. Es fanden sich keine Hinweise auf eine Unverträglichkeit bei unbehandelten oder mit Immuntherapien behandelten Personen mit MS. Es sind keine Meldungen über kritische Nebenwirkungen bei geimpften MS-Betroffenen in der Schweiz eingegangen.
Zusammenfassend überwiegt vor dem Hintergrund der aktuellen Covid-19-Fallzahlen nach Meinung des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der Nutzen der Impfung klar das Risiko bei Patienten mit einer Multiplen Sklerose. Die Empfehlung zur Impfung gilt auch für Personen mit durchgemachter Covid-19 Erkrankung, da das Ausmass protektiver (schützender) Immunität stark variiert.
Neben dem Alter und dem Grad der neurologischen Behinderung stellen das Vorliegen verschiedener Vorerkrankungen oder das Vorliegen einer Immundefizienz (Schwäche des Immunsystems infolge einer Erkrankung oder einer Therapie) die wichtigsten Risikofaktoren für einen schweren Verlauf einer Covid-19 Erkrankung dar. Gemäss der Eidgenössischen Kommission für Impffragen (EKIF) gehören unter anderem Personen mit einer durch Therapie erworbenen Immundefizienz zu den «Besonders gefährdeten Personen (BGP)» und somit in Bezug auf die Impfempfehlung zur «Priorität Gruppe 1: High Risk BGP», die ab Verfügbarkeit des Impfstoffs geimpft werden können.
Patienten nach autologer Stammzelltransplantation zählen nach unserer Auffassung zu dieser Gruppe. Demgegenüber zählen Patienten, die mit Interferon-beta Präparaten (Avonex®, Betaferon®, Rebif®, Plegridy®) sowie Glatirameracetat (Copaxone®, Glatiramyl®) behandelt werden, aufgrund der Therapie alleinig nicht zu dieser Risikogruppe.
Eine Vielzahl weiterer zur MS-Verlaufsbehandlung eingesetzten Medikamente verändern das Immunsystem mit verschiedenen Mechanismen. Allerdings belegen die bisherigen Erfahrungen nicht robust das Auftreten schwerer Covid-19-Verläufe oder eine erhöhte Infektanfälligkeit bei MS-Patienten unter Verlaufsbehandlung. Dennoch erfüllen sie aus Sicht des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats aber das Kriterium des Bundesamts für Gesundheit (BAG) für eine Impfpriorisierung. Trotz der generellen Empfehlung für eine Impfung gerade auch bei MS-Patienten sollte aber angesichts der derzeitig stark beschränkten Verfügbarkeit des Impfstoffes die individuelle Situation mit dem behandelnden Neurologen, der behandelnden Neurologin besprochen werden und die Priorisierung zur Impfung in erster Linie aufgrund der bekannten Risikofaktoren Alter, Begleiterkrankungen und Grad der neurologischen Behinderung getroffen werden.
Auch geben die bisher verfügbaren Daten keine Grundlage für ein angepasstes Impfschema, wie zum Beispiel einer zusätzlichen, 3. Impfdosis.
Nachdem ein höherer Behinderungsgrad (z.B. eine signifikante Geheinschränkung, eingeschränkte Lungenfunktion bei Rollstuhlpflichtigkeit, u.a.) sowie chronische Verläufe bei Personen mit MS ein erhöhtes Risiko für schwerere Verläufe von Covid-19 darstellen, gilt für diese Personen die Empfehlung zu einer möglichst raschen Impfung, auch wenn sie nicht immunsuppressiv behandelt werden.
2. Im Allgemeinen sollte die bestehende Immuntherapie der MS fortgeführt werden. In besonderen Fällen sollte Rücksprache mit einem in der Behandlung der MS erfahrenen Zentrum gehalten werden.
Generell ist keine Unterbrechung der verlaufsmodifizierenden Immuntherapie vorgesehen. Die Wirksamkeit des Impfstoffs bei Personen mit MS und unter Immuntherapien wurde bislang nicht systematisch untersucht und ist Gegenstand laufender Studien. Vor dem Hintergrund, dass sich unter Immuntherapien bei den meisten geimpften Personen generell Impfantworten nachweisen lassen – auch wenn diese reduziert sein können – wird die Corona-Impfung allen mit oben genannten Medikamenten behandelten Personen mit MS empfohlen. Bei bestimmten Therapien (z.B. immundepletierende Medikamente wie Alemtuzumab, Rituximab, Ocrelizumab) sollte mit der behandelnden Neurologin, dem behandelnden Neurologen der Zeitpunkt der Therapie besprochen werden. Es liegen derzeit keine ausreichenden Daten zur unterschiedlichen Wirksamkeit der Impfung bei MS-Betroffenen unter verschiedenen Immuntherapien vor. Daher ergibt sich aktuell nicht die Notwendigkeit, von einer etablierten und wirksamen Immuntherapie aufgrund der Impfung auf eine andere Immuntherapie zu wechseln, zumal auch eine solche Therapieumstellung Risiken, z.B. von Krankheitsaktivität bergen kann.
3. Die allgemeinen Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen sollten unabhängig von der Impfung fortgeführt werden
Aktuell sind bisher nur wenige Personen in der Schweiz geimpft. Die Corona-Impfung bietet bei Personen ohne Vorerkrankungen einen grossen, aber keinen absoluten Schutz, an Covid-19 zu erkranken. Unklar ist bisher auch, ob Personen mit Impfschutz trotzdem andere Personen anstecken können. Sicher ist jedoch, dass die Impfung schwere Verläufe der Infektion verhindert, sollte es trotz Impfung zu einer Covid-19 Infektion kommen. Vor diesem Hintergrund ergibt sich durch eine Impfung aktuell keine Änderung der Empfehlungen des Verhaltens wie zum Beispiel das Einhalten von Distanzregeln, regelmässige Händedesinfektion und das Tragen von Masken im öffentlichen Verkehr und in Geschäften sowie das Arbeiten im Homeoffice. Die anhaltende Wichtigkeit dieser Massnahmen soll an dieser Stelle betont werden zum eigenen Schutz wie auch zum Schutz anderer Personen, unabhängig vom eigenen Impfstatus.
Disclaimer: Diese Stellungnahme basiert auf den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen sowie auf dem medizinischen Konsens des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats der Schweiz. MS-Gesellschaft und der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft am Tag der Publikation. Sie enthält keine verbindliche Handlungsanweisung seitens des Medizinisch-wissenschaftlichen Beirats, der MS-Gesellschaft oder der Schweizerischen Neurologischen Gesellschaft. Die Stellungnahme wird regelmässig der Entwicklung angepasst, z.B. bei Zulassung neuer Impfstoffe oder Vorliegen neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse, und gilt längstens bis zur Publikation einer nächsten Version. Bei Unsicherheiten sollten Sie sich von Ihrem behandelnden Neurologen, Ihrer behandelnden Neurologin weiterführend beraten lassen.