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Multiple Sklerose (MS) ist eine sehr vielschichtige chronische Krankheit mit unterschiedlichen körperlichen und psychischen Auswirkungen. Die Behandlung von MS ist komplex und verändert sich mit deren Verlauf. Vor diesem Hintergrund empfehlen Richtlinien aus Grossbritannien, dass MS-Betroffene einmal jährlich von einem Arzt mit MS-Expertise (Neurologe) untersucht werden, um bestehende und neue symptomatische Therapiemöglichkeiten auszuloten.
Glücklicherweise müssen MS-Betroffene in der Schweiz für die meisten Kosten medizinischer Behandlungen nicht selber aufkommen: Die Grundversicherung übernimmt in der Regel Auslagen für Medikamente, Arztbesuche, Therapien und gewisse Hilfsmittel. Es war aber bislang unklar, ob das System so funktioniert, dass wirklich alle MS-Betroffenen den Zugang zur notwendigen medizinischen Versorgung erhalten.
Basierend auf Daten von 1'038 Teilnehmenden aus dem Schweizer MS Register hat eine neue Studie untersucht, ob und wie viele MS-Betroffene in keiner ärztlichen (und insbesondere neurologischen) Behandlung sind. Falls es Personen ohne Behandlung gibt, geschieht dies aus eigenem Entscheid? Oder sind allenfalls, wie in internationalen Studien gezeigt, mangelnde finanzielle Mittel, unüberwindbare Distanzen, eingeschränkte Mobilität, oder mangelndes Wissen ein Auslöser? Diese Fragen dienten als Leitfaden für die Auswertung.
Insgesamt zeichnen die Analysen ein gutes Bild der medizinischen Versorgung in der Schweiz ab. 89% aller Teilnehmenden gaben an, regelmässig einen Neurologen zu konsultieren, 5% sehen regelmässig einen Hausarzt und nur 6% gaben an, nicht regelmässig zu einem Arzt zu gehen. Die Beweggründe der 11% ohne neurologische Betreuung lassen sich jedoch durchaus nachvollziehbar erklären. In der Untergruppe mit Hausarztkonsultationen befanden sich überdurchschnittlich viele Betroffene mit einer fortgeschrittenen MS (primär-progrediente und sekundär-progrediente Verlaufsformen). Die progredienten Verlaufsformen waren auch in der Gruppe von Personen ohne regelmässige Arztbesuche häufiger vertreten. Zusätzlich waren in der letzten Gruppe auch vermehrt Personen zu finden, die ihre MS-Diagnose erst kürzlich erhalten haben.
Ein möglicher Grund dafür, dass Personen mit fortgeschrittener MS häufiger keinen Neurologen sehen, mag darin liegen, dass für diese Gruppen bisher nur begrenzte Therapiemöglichkeiten zur Verfügung standen. Ein Teil der Betroffenen mit kürzlicher Diagnosestellung verzichtet möglicherweise auf Arztbesuche, weil sie eine geringe Beeinträchtigung durch MS-bedingte Symptome auf ihre Lebensqualität verspüren. Was aus der Vogelperspektive beruhigend ist: Wohnort, Bildung, Erwerbs- und IV-Status, oder eingeschränkte Mobilität schienen keine relevanten Faktoren für den Verzicht auf den Arztbesuch zu sein. Im Einzelfall können diese Faktoren durchaus Hürden darstellen, was sich mit dieser Analyse jedoch nicht statistisch nachweisen liess.
Aus diesen Resultaten lässt sich konstatieren, dass der Zugang zur neurologischen Versorgung in der Schweiz insgesamt gut zu funktionieren scheint. Gerade weil immer häufiger neue Therapie-Optionen für MS verfügbar werden, gewinnt eine regelmässige neurologische Konsultation an Bedeutung. Die Studie schliesst sich deshalb den Empfehlungen aus Grossbritannien an, dass die regelmässige Untersuchung durch einen Neurologen für alle MS-Betroffenen wünschenswert wäre.