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Formale Merkmale: Reimschema
Bei der Analyse eines Gedichts wird meist auch das Reimschema bestimmt, weil dieses die Struktur und die Stimmung des Gedichts prägt und daher für die Analyse relevant ist.
Endreim, Binnenreim und unreimer Reim
In vielen Gedichten enden einzelne Verse mit reimenden Wörtern und werden dadurch miteinander verbunden. Die Position des Reims in einem Vers bestimmt, ob man von einem End- oder einem Binnenreim spricht. Zwei Wörter reimen sich im weiteren Sinne, wenn sie ähnlich klingen und im engeren Sinne, wenn ein Gleichklang eines betonten Vokals und der ihm folgenden Laute besteht, wie zum Beispiel sehen – stehen. Beim folgenden Beispiel aus dem „Erlkönig“ von Goethe handelt es sich um einen Endreim:
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind; […]
Beim Binnenreim reimen sich zwei Wörter innerhalb desselben Verses, wie zum Beispiel:
Wenn die Meise leise weint […]
Als unreinen Reim, auch Assonanz genannt, bezeichnet man Laute, die den gleichen Klang aufweisen, besonders von Vokalen (a, e, i, o, u), wie z. B. bei heute und Freude.
Die regelmäßige Abfolge der Endreime in einer Strophe ergibt verschiedene Reimschemata: Paarreim (aabb), Kreuzreim (abab), umarmender oder umschließender Reim (abba). Was genau das bedeutet, erfährst du im nächsten Abschnitt.
Der Paarreim
Wenn sich die beiden aufeinanderfolgenden Verse reimen, spricht man von einem Paarreim. Der Paarreim folgt immer dem Schema (aabb), wie zum Beispiel in der Ballade „Belsazar“ von Heinrich Heine:
Die Mitternacht zog näher schon; (a)
In stummer Ruh lag Babylon. (a)
Nur oben in des Königs Schloß, (b)
Da flackerts, da lärmt des Königs Troß. (b)
Der Kreuzreim
Im Kreuzreim reimt sich ein Vers mit dem übernächsten Vers. Die Reime wechseln sich also ab und folgen dem Schema (abab), wie in dem Gedicht „Der Soldat“ von Joseph von Eichendorff:
Und wenn es einst dunkelt, (a)
Der Erd bin ich satt, (b)
Durchs Abendrot funkelt (a)
Eine prächtge Stadt: [...] (b)
Der umarmende Reim
Der umarmende Reim folgt dem Schema (abba), besteht also aus zwei Reimpaaren, wobei das eine das andere „umarmt“, wie in dem Gedicht „Er ist’s” von Eduard Mörike:
Frühling läßt sein blaues Band (a)
Wieder flattern durch die Lüfte; (b)
Süße, wohlbekannte Düfte (b)
Streifen ahnungsvoll das Land. (a)
Kadenzen
Die Kadenz bezeichnet in der Lyrik das Ende eines Gedichts. Diese kann betont oder unbetont sein, wobei erstere als männliche und letztere als weibliche Kadenz bezeichnet wird. In der ersten Strophe des Gedichts „Er ist’s” von Mörike weist der erste und der vierte Vers eine männliche Kadenz auf (Band – Land), der zweite und der dritte Vers eine weibliche Kadenz auf (Lüfte – Düfte). Somit wird auch das Reimschema des umarmenden Reimes rhythmisch unterstützt.
Und was ist mit dem Erlkönig? Siehe dir noch einmal den Anfang von Goethes Ballade „Der Erlkönig“ an. Kannst du das Reimschema und die Kadenzen bestimmen?
Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er faßt ihn sicher, er hält ihn warm.
Die erste Strophe der Ballade weist einen Paarreim auf. Außerdem enden alle vier Verse auf einer männlichen Kadenz. Schaue dir einfach eine Reihe von Gedichten an. Je mehr Gedichte du kennst, desto sicherer wirst du auch in der Bestimmung des Reimschemas und der Kadenzen.