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Pfarrkirche St. Peter und Paul
|Sarnen und Sachseln

Im Helvetischen Lexikon von 1759 beschreibt Hans Jacob Leu die Ortschaft Sarnen als Hauptflecken des Landes Obwalden, der am Ende des gleichnamigen Sees und mitten zwischen den Flüssen Sarneraa und Melchaa liege.[1] Die Pfarrkirche St. Peter und Paul sei aber eine Viertelstunde vom Flecken entfernt. Er erwähnt auch das neue Rathaus, das neue Schützenhaus auf dem Landenberg mit dem davorliegenden Landsgemeindeplatz und die beiden im 17. Jahrhundert gegründeten Klöster der Kapuziner und Benediktinerinnen.
Der Hauptort Obwaldens ist zu dieser Zeit ein ländlicher Marktflecken am Saumweg über den Brünigpass zu den Alpenpässen im Süden.[2] Entlang des Sarnersees erreicht man auf dem Landweg in einer knappen Wegstunde das Dorf Sachseln, von wo seit 1684 die grosse Pfarr- und Wallfahrtskirche über den See grüsst. Ihre dreischiffige Emporenhalle, die Grabkirche von Bruder Klaus, wird zum Ansporn für die Nachbarn in Sarnen, ihre Pfarrkirche entsprechend prächtig zu gestalten.
Die alte Kirche in Kirchhofen
Die Pfarrkirche St. Peter und Paul von Sarnen ist die alte Mutterkirche Obwaldens. Sie steht nicht im Dorf, sondern in einiger Entfernung in Hanglage über dem Talboden. Der Ort wird Kirchhofen genannt. Er ist ursprünglicher Besitz des Stiftes Beromünster, das zusammen mit dem elsässischen Murbach im Mittelalter Grundherr ist. Die Pfarrei entspricht dem heutigen Gemeindegebiet von Sarnen und umfasst auf 73 Quadratkilometer vier Dorfgemeinschaften. Dies wäre eine mögliche Erklärung für die Lage der Pfarrkirche ausserhalb des Dorfkerns.[3] Den Kirchgenossen der Grosspfarrei gelingt im 15. Jahrhundert die Ablösung von Beromünster und Murbach. Bei Beromünster bleibt nur noch das Präsentations- und Bestätigungsrecht für den Pfarrer.
Die Kirche des 12. Jahrhunderts wird nach einem Brand im 15. Jahrhundert wiederaufgebaut. Sie ist auf einem Dorfbild von 1737 dargestellt. Ihr romanischer Glockenturm trägt einen gotischen Spitzhelm. Seine unteren Geschosse werden 1739 in den Ostturm der neuen südlichen Doppelturmfront übernommen. Die alte Kirche ist demnach nach Osten orientiert.[4]
|Sarnen und Sachseln auf der Siegfriedkarte 1903/06. Bereits ist der Wildfluss Melchaa

in den See geleitet und seit 1888 ist auch
die Brünigbahn gebaut. Kirchhofen mit der
Kirche ist noch immer deutlich vom Ort
getrennt.
Quelle: Swisstopo (Blatt 378 (1906)
und 389 (1903) kombiniert).
|Der Flecken Sarnen als Holzschnitt in der Schweizerchronik von Johannes Stumpf 1548. Die Vogelschau aus Norden zeigt unten die Brücke über die Aa und den Weg nach Kirchhofen. Die Vorgängerkirche des 15. Jahrhhunderts und die Beinhauskapelle von 1501 sind unten rechts noch eingetragen. «Unter dem See hinab folget der herrliche Hauptfleck Sarnen als vornehmste Platz ob dem Wald» beginnt Stumpf den Beschrieb zum Bild. Bildquelle: Seite 294 im 7. Buch (Universitätsbibliothek Zürich)|
Neubauvorbereitungen 1723–1738
Die stolze neue Pfarrkirche von Sachseln dürfte Grund des Neubaubeschlusses der Sarner Kirchgenossen von 1723 sein. Sie beschliessen zur Finanzierung eine neue jährliche Vermögensteuer. Treibende Kraft für den Kirchenneubau wird Just Ignaz Imfeld.[5] Er ist «Bauherr» der Ehrenkommission zum Neubau. 1725, 1726 und 1734 hält sich Baumeister Joseph von Brüell in Sarnen auf.[6] Der in Luzern als städtischer Steinwerkmeister niedergelassene Vorarlberger ist regional bekannt, seit er in Küssnacht die Pfarrkirche und in Engelberg den Albinibau verwirklicht hat. Er baut bis 1733 auch die grosse Pfarrkirche von Schattdorf. In Sarnen wirkt er als Experte. Neubaubauplanungen sind noch nicht weit gediehen, als er im Frühjahr 1738 stirbt. Aus Einsiedeln, wo der Bruder des «Bauherrn» Abt ist, kommt jetzt Franz Singer nach Sarnen.[7] Der aus dem Lechtal stammende Baumeister hat mit zwei Neubauten das Vertrauen des Abtes und seines Bruders gewonnen und wird schon im Juni 1738 für Risse zur neuen Kirche bezahlt. Noch im November des gleichen Jahres schliesst der Rat mit ihm den Akkord von 6000 Gulden für einen Neubau auf alten Fundamenten. Im April 1739 wird mit dem Abbruch begonnen. «Als man aber wider jedes Verhofften sowohl das Fundament, als auch die Mauern bey den Abschlyssen so schlecht gefunden, dass sich Herr Singer auf altes Fundament den neuwen Bau aufzustellen sich gar nicht getraute, hat man bey zahlreicher Mayen Gemeind, den 1. Mai, die vorige Meinung dahin abgeändert und … Hand ein grössere Kirchen aufzubauen beschlossen, dann auch solche obgedachten Herr Singer um eine Summa 7000 Gulden verakkordiert». Diese zeitgenössische Zuweisung der Kirchenneubau-Erweiterung an schlechte Baufundamente ist derart durchsichtig, dass offensichtlich die Mehrheit der Kirchenräte die neue Planung des gewieften Politikers und Baufuchses Imfeld mitträgt. Schon am 4. Mai erfolgt durch den gesamten Kirchenrat das Ausmessen der Fundamente gemäss der neuen Planung. Dass die Kirche dabei nicht nur vergrössert, sondern auch nach Norden abgedreht ist, wird gar nicht erst erwähnt. Damit ist ihre Fassade dem See zugewandt, wie dies bei der gegenüberliegenden Kirche Sachseln seit 1684 der Fall ist.
Der Neubau 1739–1742
Grundsteinlegung ist am 15. Mai 1739. Nach neuen Plänen, sicher auf Vorgaben des Bauherrn und Liebhaberarchitekten Imfeld basierend, baut Singer eine dreischiffige Freipfeilerhalle mit weitem Mittelschiff, das sich im Chor fortsetzt. Die nach Süden gerichtete Fassade ist zweitürmig. Der alte Turm wird übernommen, durch die nicht vollständige 90-Grad-Abdrehung des Neubaus aus der alten Achse entsteht so eine Zweiturmfassade mit übereck gestellten Türmen. Im September 1740 kann Aufrichte gefeiert werden, im Oktober ist das Dach gedeckt. Nach der Fertigstellung der Gewölbe folgen 1741 der Gewölbestuck und die Deckenfresken. Als Stuckateur wird Joseph Rauch vorgeschlagen, vielleicht der gleiche, der 1749 in Luzern die Jesuitenkirche stuckiert.[8] Gleichzeitig mit den Stuckaturen malt Joseph Hafner aus Türkheim 16 Gewölbefresken und 36 Zwickelbilder.[9] 1742 folgen Hochaltar, Kreuzaltar und Kanzel. Es sind Stuckmarmorarbeiten des Wessobrunners Hans Georg Ludwig,[10] der mit Matthias Willenratha[11] zusammenarbeitet. Die vier Seitenaltäre sind ebenfalls Stuckmarmorarbeiten, erstellt bis 1743 durch Hans Georg Ludwig und Franz Moosbrugger.[12] Die Figuralplastiken an Kanzel und Hochaltar sind Werke des einheimischen Bildhauers Franz Ignaz Schmid[13] und seines Gesellen Ferdinand Rösch[14] Das Hochaltarblatt wird von Carl Anton Schmid aus Sarnen gestiftet und gemalt.[15] Die Blätter der vier Seitenaltäre malen Franz Benedikt Kraus aus Donaueschingen[16] und Joseph Remigius Budmiger aus Kriens.[17]
Am 4. und 5. August 1742 kann der Konstanzer Weihbischof Franz Karl Joseph Graf Fugger die Kirche einweihen.
Noch ist ihre Turmfassade unvollendet. Der alte Ostturm erhält einen neuen Helm mit Laterne, hingegen ist der Westturm nur bis zur Höhe des Kirchenschiffs gebaut.
Ergänzungen und Fertigstellungen
1747 baut ein französischer Orgelbauer[18] die Emporenorgel, die schon 1846 einem Neubau weichen muss. Über diese barocke Orgel ist nichts bekannt.
1753 werden als letzte Ergänzung der Barockzeit die beiden Kredenzaltäre im Chor erstellt. Sie sind eine Stiftung des Malers Carl Anton Schmid.
1784 folgt ein Neubau der Obergeschosse des Ostturms. Die Brüder Franz Joseph und Vit Rey[19] bauen Turmobergeschosse und Turmhelm entsprechend der Planung von 1739. Noch immer fehlt für ein ganzes Jahrhundert das westliche Pendant. 1881 wird auch der Westturm vollendet.
Restaurierung 1883 und Zurückrestaurierung 1966–1970
1845–1888 ist Franz Joseph Dillier Pfarrer in Sarnen. Er ist treibende Kraft für die Fertigstellung des Westturms und auch vieler Veränderungen. Alle Altarblätter lässt er durch bekannte Maler der damals beliebten Nazarenerschule ersetzen, 1862 das Hochaltarbild, 1870 die Hauptblätter der vier Seitenaltäre. Die Massnahmen werden auch von ihm finanziert. 1883 erreicht er zudem eine dem Zeitgeschmack geschuldete Umwandlung des Innenraums. Die Deckenfresken werden im Nazarenerstil übermalt, die barocke Klarheit verschwindet auch in den Stuckflächen. Eine ähnliche Umwandlung des Innenraums der Stiftskirche Engelberg scheint Vorbild zu sein. Der für die dortigen Eingriffe zuständige Grosskellner Pater Karl Anderhalden überwacht auch in Sarnen «mit scharfem Kennerblick» die Arbeiten. Von diesen gutgemeinten, aber in einem falschen Barockverständnis vorgenommenen Eingriffen ist heute nichts mehr zu sehen. Ausgelöst durch Erdbebenschäden erhält der Innenraum bis 1970 wieder die barocke Frische. Die damalige Restaurierung hat vor allem die Wiederherstellung der barocken Deckenfresken und der originalen Stuckfassungen zum Ziel.[20] Aus der Restaurierung 1870 ist heute nur noch das Hauptblatt des Anna-Altars an Ort verblieben.[21]
Architektur
Typologie
Werden die massiven Gewölbe eines mehrschiffigen Langhauses auf gleicher Höhe von freigestellten Pfeilern getragen, und überspannt ein Dachstuhl mit durchgehenden Zerrbalken alle Schiffe, spricht man von einer Freipfeilerhalle.[22] St. Peter und Paul in Sarnen entspricht diesen Kriterien. Der in der Gotik weitverbreitete Typus wird für Neubauten im Barock sehr selten angewendet. Barockisierungen gotischer Freipfeilerhallen sind verbreiteter. Die gotische Vorgängerkirche in Sarnen ist wahrscheinlich keine Freipfeilerhalle. Deshalb könnte die Emporenhalle von Sachseln mit ihrer ähnlichen Tektonik, eher aber die 1708–1710 gebaute Pfarrkirche von Küssnacht,[23] den Bau einer Freipfeilerhalle in Sarnen beeinflusst haben.
Für weitere Erläuterungen zum Architekturtypus siehe den Exkurs «Die barocke Freipfeilerhalle und ihre Herkunft».
Das architektonische Gerüst
Der Innenraum
Zwei Freipfeilerpaare tragen die Stichkappen-Tonnengewölbe des dreischiffigen und dreijochigen Langhauses. Sie sind im Mittelschiff als Längstonnen und in den Seitenschiffen als Quertonnen ausgebildet. Das dritte Joch ist leicht querschiffartig erweitert. Vielleicht wirkt hier das ausgeprägte Querhaus von Sachseln nach. Diese querhausartige Erweiterung ist später in allen grossen Innerschweizer Saalkirchen des Singer-Purtschert-Schemas zu finden.
Der Chor, als Fortsetzung des Mittelschiffs in gleicher Höhe weitergeführt, ist von symmetrischen seitlichen Anbauten flankiert, die sich im Obergeschoss als Logen zum Chor öffnen. Sie dienen der Musikbegleitung. In der westlichen Loge steht eine Chororgel der Renaissance, die aus der Vorgängerkirche übernommen ist.
Die südliche Eingangs-Vorhalle ist in den Baukörper eingeschrieben. Darüber, seitlich begrenzt durch die Türme, liegt eine zweigeschossige Empore.
Der Innenraum von Sarnen ist dreissig Jahre später Vorbild für den Neubau der Pfarrkirche Schwyz, der letzten Freipfeilerhalle des Barocks.
|Die Doppelturmfassade

Die südliche Doppelturmfassade ist auf Fernwirkung ausgelegt. Einmalig ist die Diagonalstellung der Türme. Der Ostturm ist von der Vorgängerkirche übernommen. Ob die konkave Stellung der Türme das Ergebnis eines gewollten Achsbezuges der neuen Fassade zu derjenigen von Sachseln,[24] oder ob ihre Diagonalstellung durch Caspar Moosbrugger inspiriert ist,[25] muss unerheblich bleiben. Die Doppelturmfront von Sarnen ist auf jeden Fall die Erste der derartigen Fassaden im barocken süddeutsch-schweizerischen Raum, lange vor der Stiftskirche von Waldsee und der (unvollendeten) Fassade von Wiblingen.[26] Die Turm-Obergeschosse mit den laternenbekrönten Zwiebelhauben werden, entsprechend der barocken Planung, erst im 19. Jahrhundert vollständig fertig gebaut. Die zurückliegende, flache und dreiachsige Frontfassade zeigt klassische Schlichtheit. Die Dreiteilung wird im Erdgeschoss mit der offenen Arkaden-Vorhalle, darüber mit den Rundbogenfenster der Empore betont. Über dem Gesims, das auf gleicher Höhe den ganzen Baukörper umfasst, liegt ein Voluten-Frontispiz. Trotz ihrer schlichten Gestaltung und trotz ihrer recht gedungenen Türme ist die Doppelturmfassade von Sarnen von eindrücklicher Wirkung.
|Die Südfassade, wie sie sich dem Ankommenden zeigt. Foto: Bieri 2021.|
|Die Längsfassaden

Die Thermenfenster, dreigeteilte Halbrundöffnungen, sind ein italiensicher Import der palladianischen Renaissance. Der Weg zu ihrer Verwendung in Sarnen und in vielen späteren Kirchen der Singer-Purtschert-Schule kann zurückverfolgt werden.[27]
Franz Singer wendet die Thermenfenster in Sarnen nach dem Vorbild Einsiedeln an, indem er die Quertonne jedes Joches mit einem Thermenfenster füllt. Im Innern liegen sie über dem durchgehenden Gebälk, aussen bilden sie zusammen mit je zwei darunterliegenden Rundbogenfenster eine Gruppierung innerhalb der Jochfelder.
|Die Ostfassade mit den typischen Thermenfenstern.. Der Ostturm ist in den Untergeschossen noch romansich. Er wird für die neue, nun nach Norden gedrehte Kirche übernommen. Foto:Bieri 2021.|
Stuckaturen und Fresken
Die Stuckaturen und Fresken von 1740 respektieren die Gewölbetektonik. Die Gurtbögen sind farblich hervorgehoben. Die dadurch klar abgegrenzten Jochfelder des Mittelschiffs werden durch Bildgruppen betont. Grosse Mittelbilder, begleitet von je zwei Stichkappenbilder und vier Zwickelbilder, bilden diese noch stark hochbarock wirkende Jochbetonung. In den Quertonnen der schmäleren Seitenschiffe wiederholt sich die Anordnung, nur dass hier die Stichkappenbilder wegfallen und die Zwickelbilder als Camaïeu-Fresken gemalt sind.
Zu den Bildthemen der Gewölbefresken des Allgäuer Malers Joseph Anton Hafner siehe die Erläuterungen im Grundriss.
In strenger Symmetrie rahmen meisterliche Stuckaturen der ausklingenden Bandelwerkzeit die Bilder und beleben die Gewölbeflächen. Noch ist ihnen das beginnende Rokoko wenig anzumerken. Das Werk des Stuckateurs Joseph Rauch, der 1775 in Sarnen stirbt, ist eine grosse Bereicherung des Kirchenraumes und gilt als eine der besten Régencestuckaturen der Innerschweiz.
|Fresken von Joesph Anton Hafner und Stuckaturen von Joseph Rauch 1741

Für die Beschreibung der Deckenbilder siehe die Legende im Grundriss!
Fotos: Bieri 2021
|Joch 1||Joch2|
|Joch 3||Chor|
Ausstattung
Die Altäre
In der vorangegangenen Baugeschichte ist das Schicksal der im 19. Jahrhundert entfernten und teilweise wieder eingesetzten Altarblätter beschrieben. Unberührt von diesen Verirrungen des Zeitgeistes sind die Altarretabel geblieben. Alle 1742 und 1743 gebauten Altäre sind Säulenretabel in Stuckmarmor, über deren verkröpftem Gebälk ein Oberstück in Form einer Ädikula-Wiederholung des Retabels angebracht ist.
Das mächtige und ausgewogene Retabel des Hochaltars hat drei Säulenpaare, das mittlere öffnet sich zum Raum. In seinem Gebälk ist der rot-weisse Schild des damaligen Landeswappens angebracht.
Die Retabel der vier Seitenaltäre sind wie siamesische Zwillinge zu Doppelaltären mit einer gemeinsamen Mittelsäule zusammengefasst. Die querhausartige Erweiterung des dritten Jochs hat sich damit in Sarnen für Doppelaltäre als zu knapp erwiesen. Mit ihrer recht bunten Marmorierung wirken die Retabel volkstümlich, aber auch wild. Ihr schönster Schmuck befindet sich in der Gebälkmitte über den Altarblättern. Es sind die Wappenkartuschen der vier Stifter, ein Werk des Bildhauers Ferdinand Rösch, der hier mit einer spätbarocken heraldischen Meisterleistung sein Können zeigt. Von links nach rechts sind es die Wappenschilde des Fürstabtes Gerold Haimb von Muri,[28] des St. Galler Fürstabtes Cölestin Gugger von Staudach,[29] des Einsiedler Fürstabtes Nikolaus Imfeld[30] und des Priors Karl Fanger von Ittingen.[31]
Die jüngeren, 1753 erstellten Kredenzaltäre im Chor sind marmorierte Holzretabel.
Ihre Altarblätter[32] sind original erhalten. Sie können geöffnet werde und legen links eine prunkvoll bekleidete Maria mit Kind und einen Katakombenheiligen, rechts den «Heiligen Leib» eines Katakombenheiligen frei.
Kanzel
Die Kanzel von 1742 wird als Stuckmarmorarbeit bezeichnet. Sie ist derart elegant ausgefallen, dass Robert Durrer (1899) ihre Fertigstellung erst 1770 annimmt.
Chor- und Emporenorgel
Das Werk der Chororgel (I/P/6) in der westlichen (linken) Chorloge wird 1731 in das Gehäuse einer schon vor 1600 bestehenden Chororgel eingebaut. Diese Orgel erhält 1742 eine neue Aufstellung in der Loge und ist restauriert erhalten.
Disposition und Form der barocken Emporenorgel von 1747 sind unbekannt. Die Orgel weicht 1846 einem Neubau von Werk und Gehäuse. Die Orgelbauer Kiene aus Langenargen bauen diese neue Orgel noch in barocker Tradition.[33] Der heutige Prospekt und auch das Werk (III/P/34) entsprechen wieder der Kiene-Orgel.
Pius Bieri 2020
|Literatur

Durrer, Robert: Die Kunstdenkmäler des Kantons Unterwalden. Zürich 1899 (Nachdruck Basel 1971).
|Wirz, Zita: Die Deckenbilder in der Pfarrkirche Sarnen, in: Unsere Kunstdenkmäler Band 19, Heft 4. Bern 1968.|
|Wirz, Zita: Die Wappenkartuschen in der Pfarrkirche Sarnen, in: Schweizer Archiv für Heraldik, Band 91, Liestal 1977.|
|Horat, Heinz: Die Baumeister Singer im schweizerischen Baubetrieb des 18. Jahrhunderts. Luzern/Stuttgart 1980.|
|Zemp, Ivo: Die Pfarrkirche St. Peter und Paul in Sarnen. Kunstführer. Bern 2006.|
|Imhof, Eugen: Siedlungsentwicklung von Sarnen. Sarnen 2019.|
Anmerkungen:
[1] Vergleiche den Plan von Sarnen um 1850 im Beitrag zur Siedlungsentwicklung des Architekten Eugen Imhof. Die Melchaa, ein Wildfluss, mündet nach Sarnen in die Sarner Aa. Sie ist wegen dauernder Überschwemmungen gefürchtet und wird 1878 in den Sarnersee geleitet. Zum Beitrag von Eugen Imhof.
[2] Von Luzern wird meist der Seeweg bis zur Stad (Landungsplatz) bei Alpnach genutzt. Ab hier beginnt der Saumweg. Sarnen wird in eineinhalb Stunden erreicht. Der Weg führt über zwei Brücken durch den Marktort. Für den weiteren Gütertransport kann ab Sarnen wieder der Seeweg über den Sarnersee genutzt werden. Die zollfreie Route führt entlang des Südufers durch Sachseln. Der Weg über den Brünigpass dient vor allem dem einheimischen Vieh- und Käsetransport in den Süden.
[3] Erklärt wird die Lage durch die Gründung als fränkische Eigenkirche im 8. Jahrhundert, zu einer Zeit, als der Flecken Sarnen noch nicht existiert. Ein keltischer Sonnenwendplatz könnte hier schon vorher bestanden haben. Der Marktflecken Sarnen entwickelt sich erst im Hochmittelalter in der vor Hochwasser ungeschützten Ebene am Fusse der Burg Landenberg. Die Pfarrkirche verbleibt an der geschützten Lage in Kirchhofen, weil der Standort wegen der zentralen Lage für die weiteren Dorfgemeinschaften der Pfarrei nicht verhandelbar ist
[4] So stellt sie auch Johannes Stumpf auf Seite 294 seines «siebend Buoch» der Chronik von 1548 dar. Die nach Norden orientierte Kirche von 1739/42 hat nicht die alte Orientierung, weil der heutige Südfassaden-Ostturm der alte romanische Kirchturm ist. Er steht vorher südlich des Chors, nach 1739 aber an der Südfassade. Auch die seit 1684 südorientierte Pfarrkirche Sachseln ist vorher ostorientiert. Bei beiden Kirchenneubauten liegt das neue Langhaus deshalb nicht an alter Stelle.
[5] Justus Ignaz Imfeld (1691–1765) bekleidet wichtigste Landesämter in Obwalden und ist auch Offizier in fremden Diensten. Zur Zeit der Kirchenneubau-Vorbereitung ist er Landschreiber, 1734 auch Hauptmann in kaiserlichen Diensten, wirbt aber noch während des Dreissigjährigen Krieges Truppen für die französische Seite. Siehe dazu https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/021188/2008-01-22/. Er ist daneben Liebhaberarchitekt und eifriger Bauherr in Obwalden. 1746 beruft er Jakob Singer zum Bau des neuen Gymnasiums von Sarnen. Beim Schützenhaus auf dem Landenberg, dass Johann Anton Singer 1752 baut, ist er nicht nur Geldgeber, sondern auch Entwurfsverfasser.

[6] Joseph von Brüell (1682–1738). Vorarlberger Baumeister aus Bregenz, nach anderen Quellen aus der Herrschaft Blumenegg, ist seit 1704 in der Innerschweiz tätig. 1708–1710 baut er nach Plänen von Kapuzinerpater Marquard Imfeld aus Sarnen die Freipfeiler-Hallenkirche von Küssnacht (heute zerstört). 1718–1720 ist er Baumeister des Albinibaus im Kloster Engelberg. 1730–1732 ist er planender und ausführender Baumeister der vorbildlichen Saalkirche von Schattdorf.
|ImPlan rechts ist die Freipfeilerhalle von Küssnacht am Rigi vor ihrer Zerstörung drgestellt.

Planquelle: KdS Schwyz II 1930.
[8] Es handelt sich um Joseph Rauch, der 1775 in Sarnen stirbt und auch für den Neubau des Schützenhauses und des Grundacherhauses von Just Ignaz Imfeld beigezogen wird. Imfeld ist Pate zweier Kinder des Stuckateurs. Ob der gleiche Stuckateur 1748 die Sakristei und 1749 die Gewölbe der Jesuitenkirche stuckiert? Ein Joseph Rauch arbeitet hier zusammen mit Jakob Heilratt. Von diesen beiden sind weder Lebensdaten noch Herkunft erforscht. Der Name Rauch deutet auf Wessobrunner Herkunft hin. Der im Wessobrunner Lexikon (Schnell/Schedler 1988) aufgeführte Wessobrunner Joseph Rauch kann aber weder mit dem Luzerner noch dem Sarner Stuckateur identisch sein.
[9] Joseph Hafner (1709–1756) aus Türkheim im Unterallgäu. Er malt in Sarnen drei grosse und elf kleinere Bilder für 130 Gulden. Zusammen mit Franz Singer geht er 1743 nach Weissenau, wo er mit den Deckenfresken des Chors und dem Wandfresko am Triumphbogen sein Hauptwerk für 361 Gulden malt. Die bescheidenen Akkordsummen zeigen, dass er nicht zur ersten Reihe der Freskanten zählt.
[10] Hans Georg Ludwig (um 1703–1770) aus Wessobrunn-Gaispoint. Er stirbt 1770 in Zizers GR. Die Akkordsummen betragen 375 Gulden für die Kanzel und 1125 Gulden für den Hochaltar, für den Kreuzaltar und für Gewände.
[11] Matthias Willenrath. Weder Herkunft noch Lebensdaten sind bekannt.
[12] Franz Moosbrugger (1703–1764) aus Au im Bregenzerwald. Die Akkordsumme beträgt 1000 Gulden. Die Seitenaltäre sind erst im Oktober 1743 fertig. Sie werden durch die Äbte von Muri, St. Gallen und Einsiedeln und dem Propst von Ittingen gestiftet.
[13] Franz Ignaz Schmid (Lebensdaten nach HLS: 1696–1794) aus Sarnen. Er wohnt mit seinem Bruder Carl Anton im Grosshaus Hofmatt.
[14] Ferdinand Rösch oder Resch, dessen Lebensdaten unbekannt sind, ist 1742–1789 in der Innerschweiz tätig. Er soll (gemäss Felder, in: Barockplastik der Schweiz, 1988) aus dem bei Ravensburg liegenden «Weissenburg» stammen. Vermutlich ist damit die Reichsabtei Weissenau gemeint. Die meisten Bildhauerarbeiten, auch das Chorgestühl und das Ratsherrengestühl unter der Westempore, sind Werke von Ferdinand Rösch.
[15] Carl Anton Schmid (1697–1756) aus Sarnen, Leutnant, Bruder von Bildhauer Franz Ignaz Schmid. 1744 stiftet und liefert er das Altarblatt mit der Himmelfahrt Mariä. Dieses wird 1862 entfernt und durch eine Kreuzigung des Stanser Malers Heinrich Keyser ersetzt. Auch dieses Blatt fällt 1975 dem wieder veränderten Zeitgeschmack zum Opfer. Seither enthält der Hochaltar eine Kreuzigungsdarstellung eines unbekannten Malers, deren Herkunft mit der Lombardei angegeben wird und die aus dem 17. Jahrhundert stammen soll. Am Hochaltar ist heute nur das Auszugsbild (Bruder Klaus) noch von Carl Anton Schmid.
[16] Franz Benedikt Kraus oder Krauss ist Maler im fürstenbergischen Donaueschingen. Seine Lebensdaten und seine weiteren Werke sind nicht erforscht. Mit dem in Einsiedeln tätigen Franz Anton Kraus (1705–1752) aus Söflingen bei Ulm scheint er nicht verwandt zu sein. Seine Altarblätter müssen 1870 Arbeiten von Heinrich Keyser und Melchior Paul Deschwanden weichen. Heute sind wieder zwei seiner Hauptblätter im Marien- und Jakob-Altar eingesetzt. Auch zwei seiner Auszugsblätter sind wieder vorhanden.
[17] Von Joseph Remigi Budmiger, einem Barockmaler aus dem bei Sarnen gelegenen Kriens, sind keine Lebensdaten erforscht. Zudem ist aus der Literatur nicht ersichtlich, ob die ihm zugeschriebenen Blätter des Joseph-Altars und das Auszugsbild am Marienaltar bereits 1742 oder erst 1965/70 angebracht werden.
[18] Der Orgelbauer Christophe Joseph Pallez (1690–1763) ist 1745–1756 in der Schweiz tätig. Ist er vielleicht identisch mit Christophe Ballet aus Ambert in der Auvergne, einem Orgelbauer in Lyon?
[19] Franz Joseph Rey (1732–1806) und Vitus Rey stammen aus einer Baumeisterfamilie von Muri.
[20] Unzweifelhaft gelingt den Restauratoren 1965/70 die Wiederherstellung der barocken Stuckfassungen. Ob dies auch für die Hauptfresken gilt, ist fraglich. Ein Vergleich mit den Fresken Hafners im Chorgewölbe von Weissenau (1743), die noch im Originalzustand sind (sein gleichzeitiges Triumphbogenfresko ist hingegen durch eine Restaurierung beschädigt), zeigen eine deutlich leuchtendere Farbpalette mit transparenten Blautönen, die man in Sarnen vermisst.
[21] Das Altarblatt der Hl. Familie ist ein Werk von Melchior Paul Deschwanden (1811–1881) und Heinrich Keyser (1813–1900), beide aus Stans.
[22] Der wesentliche Unterschied der Emporenhalle (Sachseln) zur Freipfeilerhalle (Sarnen) ist ihre fehlende Freistellung der Pfeiler und die Richtungsbetonung durch die Emporen. Mit der Wandpfeilerhalle oder der Wandpfeiler-Emporenhalle, dem meistverwendeten Bautypus des Barocks, hat die Freipfeilerhalle keine Gemeinsamkeiten. Mehr dazu siehe im Exkurs «Die barocke Freipfeilerhalle und ihre Herkunft».
[23] St. Peter und Paul in Küssnacht am Rigi, gebaut 1708–1710. Die Freipfeilerhalle des Liebhaberarchitekten P. Marquard Imfeld und des Vorarlberger Baumeisters Joseph von Brüell wird 1963 zerstört. Obwohl keine Entwürfe für Sarnen bekannt sind, darf der Einfluss des mehrfach in Sarnen anwesenden Baumeister von Brüell auf die Planung von Franz Singer nicht unterschätzt werden. Siehe den Plan der Pfarrkirche Küssnacht in Anmerkung 6.
[24] Mit einer vollständigen Abdrehung der Kirche um 90 Grad hätte der Achsbezug der Fassade von Sarnen zur Fassade von Sachseln nicht mehr funktioniert.
[25] Caspar Moosbrugger plant 1705/1706 die Fassade der Stiftkirche Einsiedeln mit übereck gestellten Türmen. Ob allerdings diese frühe und dann verworfene Planung durch Franz Singer 1737 während seines Aufenthaltes in Einsiedeln eingesehen werden kann, darf bezweifelt werden.
[26] Die erste derartige Doppelturmfront im süddeutschen Raum ist die Stiftskirche von Waldsee (1765). In Wiblingen bleibt die 1772 begonnene Doppelturmfront unvollendet. Mehr solcher Doppelturmfassaden sind aus Österreich und Böhmen bekannt. Meist sind sie als geschwungene Fassade von Zentralbauten gestaltet (Wien, Peterskirche ab 1703; Stadl-Paura, Dreifaltigkeitskirche ab 1713; Prag, St. Johann am Felsen ab 1729).
[27] Palladio steht mit seinen Kirchenbauten am Ursprung. Der Durchbruch im süddeutschen Raum kommt mit Johann Jakob Herkomer, der das Thermenfenster 1685 in Sameister verwendet. Antonio Riva folgt 1691 in Vilshofen. Caspar Moosbrugger verwendet es 1694 in der Abteikirche Muri. Herkomer oder Moosbrugger dürften das Motiv für die seitliche Hauptbelichtung 1713 nach Weingarten gebracht haben. Moosbrugger, der es schon 1701 für die Einsiedler Westfassade vorschlägt, übernimmt die Ausführung der Thermenfenster-Reihe von Weingarten 1717 in Einsiedeln. Er verwendet es hier nicht nur im Quertonnenbereich als obere Seitenbelichtung, sondern legt es auch in das Erdgeschoss. Von Einsiedeln gelangt das Motiv nach Sarnen.
Mehr zum Thermenfenster siehe im Glossar dieser Webseite, Buchstabe T.
[28] Anna-Altar. Schild Abtei Muri, Fürstabt Gerold Haimb (reg. 1723–1751). Schild quadriert. Feld 1: In Gold der rote Habsburger Löwe; Feld 2: In Blau ein goldener Sporn (Haimb); Feld 3: In Rot ein weisser Balken (Österreich); Feld 4: In Gold ein silberner steigender Löwe (Wappen Thienger, Mutter des Abtes). Im Herzschild das Wappen der Abtei Muri, in Rot eine silberne Mauer mit drei Zinnen. Getragen wird der Schild von zwei Putti.
[29] Joseph-Altar. Schild Abtei St. Gallen, Fürstabt Cölestin Gugger von Staudach (reg. 1740–1767). Schild quadriert. Feld 1: In Gold der aufrechte schwarze Bär (Stift); Feld 2: In Blau ein weisses schreitendes Lamm mit Fahne (Neu Sankt Johann); Feld 3: Das quadrierte Wappen Gugger von Staudach (Kuckuck, Rosenstaude); Feld 4: In Gold der schwarze Hund von Toggenburg. Getragen wird der Schild von zwei Löwen.
[30] Rosenkranz-Altar: Schild Abtei Einsiedeln, Fürstabt Nikolaus Imfeld (reg. 1734–1773). Schild quadriert. Feld 1 und 4: In Gold die zwei fliegenden Einsiedler Raben; Feld 2 und 3: In Rot silbernes Antoniuskreuz, beseitet von zwei goldenen Lilien und pfahlweise begleitet von zwei goldenen Sternen. Getragen wird der Schild von zwei Löwen.
[31] Jakobus-Altar: Schild Kartause Ittingen, Prior Karl Fanger (aus Sarnen, reg. 1736–1760). Schild gespalten. Rechts in Blau der goldene hl. Laurentius mit schwarzem Rost (Kartause Ittingen); Links geteilt, oben das Wappen Fanger, in Blau ein goldenes Antoniuskreuz mit Halbmond, unten in Rot ein goldener Kessel (Herren von Ittingen). Anstelle der bei den Abteien üblichen Oberwappen mit Helme, Mitra, Stab und Schwert sind über dem Schild Ittingen zwei hübsche Frauenköpfe zu sehen. Getragen wird der Schild von zwei Putti.
[32] Links: Die Muttergottes über den hll. Aloisius und Stanislaus. Rechts: Der hl. Sebastian mit Filippo Neri und Felix von Cantalice.
[33] Franz Anton Kiene (1777–1847) und sein Sohn Johann Nepomuk Kiene (1812–1902) aus Langenargen sind Orgelbauer, welche noch die barocke Orgelbautechnik mit Schleifläden und mechanischer Traktur weiterführen. Die Orgel von Kiene (III/P/34) wird schon 1911 von Friedrich Goll in Luzern, nun als pneumatische Orgel, neu gebaut. Der Orgelprospekt von Kiene bleibt wenig abgeändert bestehen. Ein erneuter Neubau 1972 (Späth Rapperswil, III/P/34) ist der Kiene-Orgel von 1846 nachempfunden.
|Ort, Land (heute)||Herrschaft (18. Jh.)|
|Sarnen,

Kt. Obwalden (CH)
|Kirchgenossenschaft

Sarnen, Land Obwalden
|Bistum (18. Jh.)||Baubeginn|
|Konstanz||1739|
|Bauherr und Bauträger|
|Justus Ignaz Imfeld (Landschreiber und Landsäckelmeister des Landes Obwalden 1727–1745), Bauherr der Ehrenkomission zum Kirchenneubau.|