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Die Signalfarben schwarz und gelb, Grafik im Stil der sechziger Jahre mit geometrischen Figuren, konzentrische Kreise und Punkte blinken auf. Aussenaufnahmen einer heftig bewegten Kamera: In einem Park ein nackter Mann, auf dessen Körpermitte sich die Kamera richtet. Er tanzt, nein, er kämpft einen Karatekampf gegen einen imaginären Gegner, gegen die Kamera, gegen die Zuschauer. Die Kamera weicht zurück, behält den Mann aber unerbittlich im Sucher. Der Mann rückt sofort nach, der Bildausschnitt bleibt der gleiche. Die Bäume, Büsche und die Wiese, unscharf im Hintergrund, wanken, zittern, verwischen in Schatten, die Aufnahmen sind in Slow-Motion. Dazwischengeschnitten: Zwei Händepaare, von oben gefilmt, bilden Zeichen, bewegen und formen Händefiguren. Die Tonspur: der Beatles-Song „Sexy Sadie“. Drei verschiedene Versionen wechseln sich ab, ergänzen sich, Teile werden wiederholt.
Die Tonspur verstummt. Auf schwarzem Grund erscheint gelb, in kindlicher Handschrift, Wort für Wort der Songtext, digital aufgezeichnet. Der Songtext: „Sexy Sadie was hast du gemacht? Du hast aus allen Narren gemacht. Du hast die Regeln gebrochen, du hast es niedergelegt, damit alle es sehen können. Die Welt hat auf eine Liebende gewartet und Sexy Sadie ist gekommen, alle anzuturnen. Die Welt hat genau auf dich gewartet, Sexy Sadie, wie konntest du das wissen? Du wirst deinen Teil bekommen, wie gross du auch sein magst. Wir gaben ihr alles, was wir besassen, nur um an ihrem Tisch zu sitzen, nur ein Lachen von ihr erhellt alles. Sexy Sadie ist die Grösste von allen.“
Sexy Sad 1 von Pipilotti ist Teil einer Serie visualisierter Beatles-Songs aus dem White Album. I’m not the girl who misses much, Pipilottis letztjährige Produktion, basierte auf dem Song „Happiness is a Warm Gun“.
Das White Album der Beatles hat viele Menschen bis zur völligen Verwirrung fasziniert. Für die Manson-Family, eine Hippie- Kommune, die in Kalifornien 1968 mit Ritualmorden weltweit für Schlagzeilen sorgte (Sharon Täte war das prominenteste Opfer), waren diese Songs auf Vinyl gepresste Prophezeiungen. Titel und Songtexte wurden zu Teilen ihres Sprachcodes. An Tatorten hinterliessen sie Hinweise auf die Songs „Heiter Skelter“ und „Piggies“. Susan Atkins, eine von Mansons engsten Anhängerinnen und Mittäterin nannte sich Sadie. (Vgl. Ed Sanders: The Family. Reinbek 1972)
Das White Album, erschienen 1968 und das einzige Doppelalbum der Beatles, war und ist deren umstrittenstes Werk. Die unterschiedlichsten Songs, die zum Teil wie Probeaufnahmen tönen, wurden in scheinbar beliebiger Reihenfolge zusammengetragen. Die Platte ist möglicherweise geprägt von den damals aufkommenden Zwistigkeiten zwischen John Lennon und Paul McCartney. Obwohl es sich bei „Sexy Sadie“ offiziell um einen Lennon/ McCartney-Song handelt, schreibt ihn Pipilotti John Ono Lennon zu und verweist damit auf Lennons Beziehung zur japanischen Multi- Media-Künstlerin Yoko Ono.
All diese Überlegungen zum Song, zu den Beatles, zu Yoko Ono, für die aus Lennons Sicht der Text gemeint sein könnte, und zu Susan Atkins, die ihn für sich in Anspruch genommen hat, drängen sich deshalb auf, weil Sexy Sad I von der Musik zusammengehalten wird. Eine Musik, die viele von uns in den letzten zwanzig Jahren immer wieder gehört haben. Was übrigens die Bildsprache des Videos betrifft: Der nackt im Park tanzende langhaarige Mann hat bei mir sofort die Assoziation Hippie geweckt.
Sexy Sad I löst intensive Emotionen aus und trägt damit zur Auseinandersetzung mit der Musik der Beatles bei, die immer noch zum Nachhaltigsten gehört, was weisser Rock und Pop zu bieten haben. Bob Dylan hat gesagt, dass wer über Rock’n Roll schreiben will, schon etwas zu dessen Geschichte beitragen müsse. Ich habe hier aufgezeichnet, was durch mein Historikerhirn geschossen ist.