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Golem anno 35
Professor G., der Röntgenologe, drehte sich aufatmend um und sagte zu seiner Assistentin: »Bitte, meine Liebe, reichen Sie mir doch die Zigaretten herüber.« Er zündete sich eine an. »So weit wären wir fertig mit dem Kerl. Die objektiven Voraussetzungen des Lebens sind da. Chemisch wenigstens. Die Zusammensetzung der Materie entspricht genau der der lebenden Zellen. Fehlt nur noch das Leben selbst …«
»Warum haben Sie eigentlich den Haufen Materie wie einen Menschen geformt?« fragte die Assistentin.
Der Professor blieb eine Weile stumm, dann sagte er heiser: »Ach – eigentlich unbewußt. Spielerei. Atavistische Erinnerungen.«
Die Assistentin lächelte. Sie wußte, es war mehr. Sie glaubte an die Genialität ihres Lehrers.
»Schalten Sie den Strom ein«, befahl der Professor übertrieben ruhig.
Sie spürte, er wollte, daß seine Ruhe sich auf sie übertrage. Trotzdem zitterten ihre Hände, als sie den Haupthebel nach unten drückte, als der Strom knisternd durch die Transformatoren fuhr und durch die gläserne Isolierschale, unter der der menschenähnliche Kloß gehäufter Chemikalien lag, ein dünnes bläuliches Strahlen zu sehen war.
Von irgendwoher schlug es elf Uhr. »Gehen Sie jetzt«, sagte Professor G. »Sie haben fünfzehn Stunden Arbeit hinter sich. Sie werden jetzt zwei Stunden schlafen, dann kommen Sie, mich abzulösen.« Er erwartete, daß sie sich fügen werde. Wortlos drehte er an einem Regulator. Das Licht unter dem Glase wurde rötlich. »Also, in zwei Stunden!«
Die Assistentin ging ins Nebenzimmer und warf sich aufs Sofa. Plötzlich spürte sie die Müdigkeit, die sich den ganzen spannenden Tag nicht bemerkbar gemacht hatte, wie ein schweres Gewicht auf ihrem Gehirn. Doch konnte sie nicht schlafen. Nebenan geschah vielleicht das Wunder! Dann zogen ihr allerhand Gedanken durch den Kopf. Der junge Schriftsteller Landau, der sie liebte und noch weniger Geld hatte als sie, weshalb sie so vernünftig war, ihm nein zu sagen. Der Professor, der seinem Lebenserfolg entgegenwartete – vielleicht fiel auch für sie etwas ab. Und dann … Nein, sie konnte nicht schlafen. Sie zählte die Minuten. Die Viertelstunden. Punkt eins öffnete sie die Tür zum Laboratorium.
Das Licht unter dem Glas war jetzt von grünlich-gelber Farbe, der Kloß schien dunkelrot zu glühen. Die Funken, die von Pol zu Pol sprangen, gaben ein ziehendes, sirrendes Geräusch von sich.
Der Professor sah gespannt auf sein Werk. »Noch nichts«, konstatierte er. »Wir haben jetzt achttausend Volt.«
Die Assistentin prüfte die Luft. Ein leichter Ätherdunst war zu spüren. »Was ist das?« fragte sie.
»Die Luft verändert sich bekanntlich ein wenig bei derart starken elektrischen Energien«, dozierte der Professor milde. »Nichts Beunruhigendes. Sie müssen aufpassen, daß die Farbe der Materie nicht noch heller wird. Dann beginnt der Verbrennungsprozeß. Sollte sich die Farbe also zu verändern anfangen, gehen Sie sofort mit dem Strom herunter. Im übrigen rufen Sie mich – Sie wissen schon, wann …«
Die Assistentin nickte. Das Wunder!
Sie saß im Stuhl und wartete. Der Ätherdunst war angenehm. Wie ein milder Rausch. Sie fühlte sich froh und leicht, zum Schweben leicht. Eben wollte sie, nur auf ein paar Sekunden, die Augen schließen, da rührte sich der Kloß. Plötzlich waren Augen da, kleine, stumpfe Augen. Hände, die nach irgend etwas tasteten. Ganz leicht hoben sie den gläsernen Sarg – das Lebewesen richtete sich auf, mit einer Handbewegung schob es die einhüllenden Strahlen beiseite, der