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| Augustinus (354-430) - Fünfzehn Bücher über die Dreieinigkeit (De Trinitate)

FÜNFTES BUCH. Die Argumente der Häretiker werden dargestellt und widerlegt. Da sie glauben, es gebe in Gott nur substanzielles Sein, nehmen sie an, daß Zeugen und Gezeugtwerden, Gezeugtsein und Ungezeugtsein sich auf die Substanz bezieht und demgemäß eine Substanzverschiedenheit im Gefolge hat. Augustinus weist demgegenüber nach, daß es in Gott außer dem substanziellen auch ein relatives Sein gibt. Da die Personen nur relativ voneinander verschieden sind, Personenunterschiede Relationen besagen, besteht trotz der Unterschiede zwischen den Personen Substanzeinheit.
11. Kapitel. Wie weit erstreckt sich das Gebiet des Relativen?
12. Die Aussagen jedoch, welche in eigentümlicher Weise je eine Person in der Dreieinigkeit betreffen, besagen keine absolute Wirklichkeit, sondern das Verhältnis der drei Personen zueinander oder ihr Verhältnis zur Schöpfung. So kann man die Dreieinigkeit den einen Gott nennen, groß, gut, ewig, allmächtig; ebenso kann man sie ihre Gottnatur, ihre Größe, ihre Güte, ihre Ewigkeit, ihre Allmacht nennen. Nicht aber kann man die Dreieinigkeit in gleicher Weise Vater nennen, es sei denn in übertragenem Sinne wegen ihrer Beziehung zu den Geschöpfen, die sie als Kinder annahm. Von dem Verständnis des Schriftwortes: "Höre Israel, der Herr, dein Gott, ist ein Gott",1 darf man nämlich nicht den Sohn oder den Heiligen Geist ausschließen. Diesen einen Herrn unseren Gott heißen wir mit Recht auch unseren Vater, da er uns durch seine Gnade wiedergebiert. Sohn jedoch kann die Dreieinigkeit in keiner Weise genannt werden. Heiliger Geist kann sie indes nach dem Schriftwort: "Gott ist Geist"2 in einem allgemeinen Sinne genannt werden, weil der Vater Geist ist und der Sohn Geist ist, weil der Vater heilig ist und der Sohn heilig ist. Weil daher der Vater, Sohn und Heilide Ge ist ein Gott sind, und Gott heilig ist und Gott Geist ist, kann die Dreieinigkeit auch Heiliger Geist genannt werden. Wenn wir jedoch unter dem Heiligen Geiste nicht die Dreieinigkeit, sondern eine Person in der Dreieinigkeit verstehen, wenn wir also den Ausdruck als Eigenname verwenden, dann ist er eine [S. 204] beziehentliche Bezeichnung, da der Heilige Geist eine Beziehung zu Vater und Sohn in sich schließt; der Heilige Geist ist ja der Geist des Vaters und Sohnes. Freilich wird die Beziehung in diesem Ausdruck nicht sichtbar, Sie wird jedoch in der Bezeichnung Geschenk Gottes3 sichtbar. Er ist nämlich das Geschenk des Vaters und Sohnes, da er "vom Vater ausgeht",4 wie der Herr sagt, und weil, wie der Apostel sagt, der, "welcher den Geist Christi nicht hat, nicht zu ihm gehört".5 Dieses Wort gilt zweifellos vom gleichen Heiligen Geiste. Wenn wir die Worte Geschenk eines Schenkers und Schenker eines Geschenkes verwenden, dann wird jedesmal die gegenseitige Beziehung sichtbar. Der Heilige Geist ist also eine gewisse unaussprechliche Gemeinschaft von Vater und Sohn. Vielleicht hat er seinen Namen daher, daß man auf Vater und Sohn die gleiche Bezeichnung anwenden kann. Er wird ja im eigentlichen Sinne genannt, was die beiden anderen in einem allgemeinen Sinne heißen, Geist ist ja auch der Vater, Geist ist der Sohn, heilig ist der Vater, heilig ist der Sohn. Um also einen Namen zu gebrauchen, der Vater und Sohn gemeinsam ist und daher den Heiligen Geist als die Gemeinschaft der beiden darzutun vermag, heißt das Geschenk der beiden Heiliger Geist. Die Dreieinigkeit ist also der eine alleinige Gott, gut, groß, ewig, allmächtig; sie ist sich selbst ihre Einheit, Gottnatur, Größe, Güte, Ewigkeit, Allmacht.
1: Deut. 6, 4.
2: Joh. 4, 24.
3: Apg. 8, 20.
4: Joh. 15, 26.
5: Röm. 8, 9.