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Das Interieur ist schon früh, insbesondere aber seit der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts und dem französischen 18. Jahrhundert, ein wichtiges Thema in der Kunst gewesen. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts und vor allem gegen die Jahrhundertwende gewinnt es zunehmend an Gewicht. Bei den Nabis erfreut es sich mit seinen intimen Alltagsszenen ausserordentlicher Beliebtheit, weshalb man sie auch oft als "Intimisten" bezeichnet.
Bonnard, Vuillard und Vallotton laden das von der Tradition überkommene Thema jedoch mit neuer Bedeutung auf. In unserer Ausstellung, die bis 16. Januar 2000 gezeigt wird, möchten wir seinen verschiedenen Facetten im einzelnen nachgehen: das Interieur als Heim, das Interieur als Arbeitsort, als Bühne, als Refugium, als Ort von Familien- und Freundschaftsritualen, als Ort der Intimität und als Stillleben.
Der private Lebensbereich bildete im 19. Jahrhundert einen Gegenpol zum öffentlichen Leben. Im geschützten Raum der eigenen Wohnung schottete man sich gegen die als bedrohlich empfundene und erfahrene Aussenwelt ab. Das moderne Grossstadtleben hatte sich in der Dritten Republik in ungestümer Weise entwickelt. Paris wurde andererseits immer wieder von Streiks, anarchistischem Terror und gewaltsamen Demonstrationen erschüttert, die viele Bürger und Politiker in Angst und Schrecken versetzten. Die Familie und das Heim übernahmen demgegenüber die Funktion eines Schutz- und Zufluchtsortes.
Das moderne Interieur sah man in den neunziger Jahren in Wechselbeziehung zu der Stimmung des darin lebenden Menschen. Es wurde mit den neuen psychologischen Erkenntnissen über das Innere des menschlichen Organismus als einem empfindlichen Nervenmechanismus in Verbindung gebracht. Dr. Jean-Martin Charcot, der berühmte Arzt an der Pariser Salpêtrière, und seine Kollegen schrieben die Bildung von Neurosen der ständigen Ueberreizung durch die Grossstadt und die zunehmend urbanisierte Gesellschaft zu.
Das Interieur der Nabis ist im Zusammenhang mit diesen tiefgreifenden Umwälzungen der Lebensumstände zu sehen. Ihnen ging es nicht mehr um die selbstbewusste Inszenierung des bürgerlichen Individuums. Mit dem Rückzug auf die private Sphäre sind ihre Menschen in der Abgeschlossenheit der Räume auf das innere Leben konzentriert. Ihr Beisammensein in dem schützenden Innenraum, in dem sie das Gefühl von Geborgenheit suchen, offenbart ihre Unsicherheit gegenüber der Aussenwelt.
In der geheimnishaften Atmosphäre der Zimmer werden Situationen evoziert, die dem Seelenzustand ihrer Bewohner nachspüren. Ein bewegungsloses Sein und eine meditative Selbstversunkenheit sowie das Eingebettetsein in ihre Umgebung bringen die Harmonie mit ihrer Umwelt zum Ausdruck. Die Entpersönlichung und das Verschmelzen von Mensch und Umraum in einem vielfältig ineinander verwobenen Farbgeflecht lassen die inneren Beziehungen, die seelischen Schwingungen und die geistigen Spannungen in den Vordergrund treten. In den durch die Erinnerung verdichteten Räumen werden die Rituale des Alltags zu einem dem Alltäglichen enthobenen Traum vom "irdischen Paradies" verklärt. Damit schaffen sich Bonnard und Vuillard im Interieur - ähnlich wie in der arkadischen Landschaft - eine Gegenwelt zu der bedrohlichen Realität des modernen Lebens.
Ursula Perucchi-Petri
Die Villa wird ab Herbst 2018 umfassend renoviert und erweitert, weshalb bis zur Wiedereröffnung 2022 keine Ausstellungen gezeigt werden können. Die Werke der → Hahnloser/Jaeggli Stiftung sind vorübergehend im Kunstmuseum Bern zu sehen.
Der Trägerverein Flora organisiert Veranstaltungen, begleitet die Renovationsphase und wird die Aktivitäten der Villa Flora vor und nach der Wiedereröffnung ideell und finanziell tatkräftig unterstützen. Helfen Sie mit, werden Sie Mitglied.