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Seit August 2018 werden im Rahmen der LBE 1. Laktation durch Züchterbefragungen Daten zum Temperament beim Melken erhoben. Knapp drei Jahre später können nun erstmals konventionelle Zuchtwerte für dieses Merkmal publiziert werden. Eine zuverlässige genomische Zuchtwertschätzung ist aktuell noch nicht möglich.
Die Abläufe im Stall werden in einem nicht unerheblichen Masse vom Verhalten einer Kuh beeinflusst. Nervöse, teilweise auch aggressive Tiere, erhöhen die Unfallgefahr für Mensch und Tier sowie den Zeitaufwand beim Melken. Mit weiterwachsenden Tierbeständen und einer zunehmenden Verbreitung von Automatischen Melkanlagen wird die «problemlose Kuh» in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Diese Kuh zeichnet sich nicht nur durch eine hohe Leistung, sondern auch durch positive Fitnesseigenschaften, ein umgängliches Verhalten und eine gute Anpassungsfähigkeit aus.
Mehrheit der Kühe zeigt ruhiges Verhalten
Bei jeder LBE einer erstlaktierenden Kuh wird der Tierhalter nach dem Melkverhalten bzw. dem Temperament der Kuh beim Melken befragt. Dabei kann er auf einer Skala von eins bis vier angeben, ob sich die Kuh beim Melken sehr nervös (=1), nervös (=2), ruhig (=3) oder sehr ruhig (=4) verhält. Mittlerweile liegen von knapp 75’000 Tieren Informationen zu diesem Merkmal vor. Die Abbildung 1 zeigt die Verteilung der Einschätzungen durch den Tierhalter. Daraus ist ersichtlich, dass rund 80 % der Kühe ein ruhiges oder sehr ruhiges Verhalten beim Melken zeigen. Nur in knapp 7 % der Fälle wird angegeben, dass die Kuh sehr nervös ist oder schlägt beim Melken.
Zuchtwertschätzung
Der Einfachheit halber wird in der Folge nur noch von Temperament und nicht mehr von Temperament beim Melken oder Melkverhalten gesprochen. Auch der entsprechende Zuchtwert wird mit Temperament (tem) bezeichnet. Das gewählte Modell für die Zuchtwertschätzung entspricht grösstenteils dem Modell, das für die Merkmale der LBE angewendet wird. Neben dem Betrieb wird der Experte innerhalb Halbjahr, die Saison innerhalb Jahr, das Kalbealter, das Aufstallungssystem sowie das Laktationsstadium berücksichtigt. Die geschätzte Erblichkeit liegt bei 13 %.
Die Zuchtwerte werden für die Publikation auf einen Mittelwert von 100 und eine genetische Standardabweichung von 12 eingestellt. Als Basispopulation werden die 6- bis 8-jährigen Kühe definiert. Hohe Zuchtwerte deuten auf ein ruhigeres Verhalten hin und sind in der Zucht vorzuziehen. Für das CH-Label bei Stieren müssen von mindestens 10 Töchtern aus mindestens 10 Betrieben Beobachtungen vorliegen. Bei den Kühen wird kein CH-Label vergeben. Vorläufig, das heisst bis zur Einführung einer genomischen ZWS für Temperament, werden nur die Zuchtwerte von Stieren mit dem CH-Label publiziert.
Zucht auf ruhigere Tiere funktioniert
Um zu überprüfen, ob die Töchter von Stieren mit hohen Zuchtwerten im Durchschnitt tatsächlich ein ruhigeres Verhalten zeigen, wurde folgendes gemacht: Von den 20% besten (top) und den 20% schlechtesten (bottom) Stieren nach Zuchtwert Temperament wurde das Verhalten der Töchter analysiert.
In der Abbildung 2 wird dieser Zusammenhang dargestellt. Wie diese Abbildung zeigt, ist der Anteil von Töchtern, die ein ruhiges oder sehr ruhiges Verhalten zeigen (Code 3 und 4), bei den Top-Stieren deutlich höher als bei den Bottom-Stieren (86% gegenüber 72%).
Entsprechend umgekehrt verhält es sich mit Töchtern, die ein nervöses oder sehr nervöses Verhalten zeigen (Code 1 und 2). Der Anteil dieser Kühe ist bei den Bottom-Stieren etwa doppelt so hoch wie bei den Top-Stieren (28% gegenüber 14%).
Erst am Anfang
Die konventionelle Zuchtwertschätzung für Temperament unter Nutzung der Daten aus der Befragung der Tierhalter ist ein erster Schritt in Richtung Zucht auf eine ausgeglichene und umgängliche Kuh. Bei diesem Schritt geht es in erster Linie darum, Stiere zu erkennen, deren Töchter gehäuft durch sehr nervöses oder aggressives Verhalten auffallen. Da aktuell eine zuverlässige genomische Zuchtwertschätzung noch nicht möglich ist, liegt diese Information nur für Stiere mit einer minimalen Anzahl Töchter mit LBE vor. Bei den immer stärker eingesetzten genomischen Jungstieren dagegen ist nicht bekannt, wie sie in Bezug auf das Temperament der Töchter vererben.
Daher ist es auf jeden Fall sinnvoll, auf eine baldige Einführung einer genomischen Zuchtwertschätzung hin zu arbeiten. Dank den rund 30’000 neuen Beobachtungen, die jährlich dazu kommen, arbeitet die Zeit glücklicherweise in die richtige Richtung. Zusätzlich hilfreich wäre es, wenn neben den CH-Zuchtwerten auch Interbull-Zuchtwerte zur Verfügung stehen würden. Damit könnte die Datenbasis für die genomische ZWS deutlich verbessert werden.
Neue Datenquellen nutzen
Eine weitere Schiene, um die Datenmenge und -qualität zu verbessern und damit die Sicherheit der Zuchtwerte zu erhöhen, ist die Berücksichtigung von Hilfsmerkmalen. Als Hilfsmerkmale könnten unter anderem Messdaten aus den automatischen Melksystemen (z.B. Lufteinbruch) genutzt werden. Auch im Zusammenhang mit den Abgangsmeldungen wäre es möglich, zusätzliche Informationen zum Verhalten der Tiere zu gewinnen. Durch eine Meldung «Abgang aufgrund Verhalten» könnten für Tiere, die sonst nicht erfasst werden, wertvolle Daten generiert werden.