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Man soll die Feste feiern, wie sie fallen; und wenn Christina Neth, die Übersetzerin von Elizabeth Gaskells „Norden und Süden“ nicht nur so nett ist, sich an der Leserunde zu diesem Roman im Klassikerforum zu beteiligen, sondern auch bereitwillig einem Treffen an der diesjährigen Buchmesse in Leipzig zustimmt, musste ich natürlich die Gelegenheit am Schopf packen.
Nun bin ich kein Journalist und kann keine Interviews führen. Dennoch hatte ich ein paar Fragen an Christina Neth, die sie auch ausführlich beantwortet hat. Was mich vor allem interessierte: Warum ausgerechnet Gaskell? Warum nicht – z.B. – Anthony Trollope, von dem es ja auch noch sehr viel Unübersetztes gibt? Es wurde sofort klar, dass Christina Neth an Elizabeth Gaskell die subtile Ironie liebt, mit der die englische Autorin ihre Figuren gezeichnet hat. Die Übersetzerin kannte und schätzte schon lange Jane Austens Romane und die Ironie, die diese Autorin in ihre Texte einfliessen lässt. Obwohl wir nicht explizit darüber gesprochen haben, denke ich, dass Christina und ich uns darüber einig sind, dass Jane Austen mehr als simple Liebesromane geschrieben hat, sondern bei aller Ironie ein ernsthaftes Bild der englischen Gesellschaft ihrer Zeit gezeichnet hat – und der keineswegs komfortablen Situation der Frau darin. Und Ähnliches, auch weit über simple Ironie oder gar Karikatur Hinausgehendes hat auch Elizabeth Gaskell mit „Norden und Süden“ geleistet, vor allem in der Spannung, die Gaskell zwischen den beiden Frauengestalten Margaret und Fanny zu bilden wusste.
An diesem Punkt schwenkten dann meine Gedanken auf zwei Geleise gleichzeitig ein. Da war zum einen die Frage nach Gaskells Mentor und Förderer, Charles Dickens, und dessen Rolle bei der Entstehung des Romans. Der ist ja zuerst in einer von Dickens redigierten Zeitschrift in monatlichen Folgen erschienen. Das zwang Gaskell zu einer Schreibweise, die sie eigentlich gar nicht mochte, die durchzuhalten aber Dickens von ihr verlangte. Wir waren uns, glaube ich, darin einig (auch wenn ich stärkere Worte dafür fand als Christina Neth, die ihn zurückhaltender schilderte), dass Dickens als Mann mit ausgeprägten Macho-Allüren (meine Formulierung!) Gaskells Eigensinnigkeit gar nicht geschätzt haben muss. Elizabeth Gaskell konnte jedenfalls Dickens‘ Forderungen nach reisserischen Kapitel-Enden (Cliff Hanger, wie wir heute sagen) einigermassen entgegenhalten, hat jedoch für die eigenständige Veröffentlichung des Romans noch einiges hinzugefügt, z.B. genauere Charakterisierungen der Figuren oder auch die Zitate aus Gedichten, die im Roman nun die Kapitelanfänge zieren.
Das andere Geleise, das meine Gedanken verfolgten, war dann die Frage, warum denn dieser Roman bzw. diese Übersetzung keinen Verlag gefunden hat, sondern bei BoD erscheinen musste. Immerhin ist Gaskell auch im deutschen Sprachraum nicht ganz unbekannt, auch wenn ihr schriftstellerischer Ruhm vor allem auf der Biografie ihrer Freundin Charlotte Brontë beruht. Die Antwort war für mich einigermassen verblüffend, gab es doch offenbar Verlage, die „Norden und Süden“ als „zu wenig interessant“ einstuften. Ich gebe zu, dass ich erst 125 von rund 500 Seiten gelesen habe, aber „zu wenig interessant“ wäre mir dazu nicht eingefallen. Und, obwohl die Übersetzung nun bei BoD (Book on Demand) erschienen ist, war offenbar zumindest ein Buchgrosshändler hierzulande der Meinung, dass es sich lohne, das Buch an Lager zu nehmen, anders wäre es nämlich gar nicht möglich gewesen, dass ich das Buch in Leipzig bereits dabei hatte.
Schade, dass die Softcover-Ausgabe darunter leidet, dass die Preise von Books on Demand bis vor ein paar Monaten nicht gerade die tiefsten waren. Im Herbst passte der Verlag seine Preise nach unten an. Danach brachte Christina das Hardcover heraus, das nun für seine Qualität – Pappdeckel, Fadenheftung, Lesebändchen – im Preis durchaus im Rahmen des für deutsche Bücher Üblichen geraten ist. Als Vorteil des Self-Publishing sieht Christina übrigens auch die Tatsache, dass sie über jedes einzelne Wort allein entscheiden durfte und die Übersetzung dadurch auch „aus einem Guss“ ist.
Dann musste ich natürlich noch nach der Philosophie des Übersetzens fragen, der Christina Neth anhängt. Sie konnte das eigentlich recht kurz zusammenfassen: „So wortgetreu wie möglich, so frei wie nötig.“ Wir sind dann noch ein bisschen bei der Problematik des Übersetzens von Dialekt-Passagen hängen geblieben, gibt es doch in „Norden und Süden“ einige Dialog-Stellen, in denen die Figuren nordenglischen Dialekt benutzen. Christina Neth hat sich dagegen entschieden, hier einen deutschen Dialekt einzufügen, worin sie meine Zustimmung hat, denn: Welchen Dialekt hätte sie verwenden sollen? Der Dialekt hat im Englischen eine ganz andere soziale Gestalt und Funktion als im Deutschen. Hier ist die Situation wiederum im nord- und mitteldeutschen Raum eine ganz andere als im Süddeutschen, wo sowohl Christina Neth wie ich her stammen, und wo der Dialekt ganz und gar keine soziale Schichtung kennt. Hätte Christina die nordenglischen Arbeiter im Wiener Dialekt reden lassen sollen, wie es ähnlich Gustav Meyrink als Übersetzer von Dickens gemacht hat, und wofür er postum von Arno Schmidt eine empfindliche Rüge kassieren musste? Christina Neth hat beschlossen, diese Passagen einfach in salopper Umgangssprache wiederzugeben, was in den Passagen, die ich schon gelesen habe, durchaus überzeugend herüber kommt.
Wir haben noch über dieses und jenes gesprochen: Typografisches ebenso wie Notwendigkeit von Fussnoten (Aber: wie viele? Und: bei welchen Ausdrücken bzw. Namen?). Im Nu war eine Dreiviertelstunde herum, und ich hoffe, dass Christina Neth diese Zeit ebenso genossen hat wie ich. Jedenfalls war sie freundlich genug, mir mein Buch noch zu signieren. An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank dafür und für das Gespräch!
PS. Wir waren vom Forum her per Du und haben dies dann auch im Gespräch von Auge zu Auge beibehalten. Deshalb habe ich mir auch erlaubt, die Übersetzerin hier manchmal nur beim Vornamen zu nennen.