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Ein rotes Autowrack schwebt aus der zweiten Koje des «Schlachthauses» hinauf in die Weite der Halle. An den Stahlträgern unter der Decke setzt sich der Kran in Bewegung. Das Wrack schwebt durch den Raum nach hinten zur Presse. Zentimetergenau setzt es auf eine Fläche auf, die von massiven Metallwänden umgeben ist, jene an den Schmalseiten sind grobe Klötze und gleichen kleinen Panzersperren, die nun ganz langsam nach innen zu kippen beginnen – fast sanft, aber mit der Kraft von dreihundert Tonnen. Müde knackend und splitternd versinkt das Wrack. Kurz darauf hebt der Kran einen kaum vierzig Zentimeter hohen Schrottquader aus der Presse und dirigiert ihn hinüber auf den Quaderberg. Auf das, was hier liegt, wartet nur noch der Shredder. Dessen Hammermühle wird die Quader zu faustgrossen Schrottstücken zerschlagen, es wird etwas wiederverwertbares Metall anfallen, der Rest – brennbar und weitgehend pulverisiert – ist «Resh» (ein Kunstwort für «Reststoffe aus dem Shredder»).
Abbrücheler: Die Branche und ihr Image
Später Vormittag. Um diese Zeit ist das Café «Knautschzone» im ersten Stock des Gewerbehauses an der Bielstrasse 32 in Münchenbuchsee leer. Hugo Capelli bestellt Kaffee und beginnt bereitwillig mit dem, was ein linke Zeitung sowieso wissen will: «Der Umweltschutz ist hier ein wichtiger Aspekt, denn früher sagte man von uns gewöhnlich, ‘Abbrücheler’ und ‘Hudilumper’ gehörten allesamt zu einer minderwertigen Gesellschaft.»
Früher, das war in den fünfziger Jahren. Damals begann sich der Altwarenhändler Karl Rupp im Nachbardorf Schüpfen auf das Geschäft mit gebrauchten Autoteilen zu spezialisieren. Ein weitsichtiger Entscheid: Das Geschäft wuchs von Jahr zu Jahr, Rupp gründete eine AG, zog nach Münchenbuchsee, baute sein Geschäft zwischen das Bahngeleise und die Hauptstrasse Richtung Biel, ergänzte später mit einem Anbau nach dem anderen, bis das verwinkelte Stückwerk dem Wachstum der Autogesellschaft endgültig nicht mehr zu genügen vermochte. Da stampfte der Pionier auf der anderen Seite der Strasse auf 33000 Quadratmetern einen neuen Betrieb aus dem Boden: das Verwaltungsgebäude, das «Schlachthaus», mehrere riesige Hochregallager und ein Schauhaus für Unfallautos.
Capelli arbeitete 28 Jahren unter Rupp, zuerst als Automechaniker, schliesslich als Betriebsleiter. 2002 übernahm er die Firma zusammen mit seiner Frau Helene, die heute die Verkaufsabteilung leitet. Inklusive Aushilfen arbeiten hier 29 Personen. «Eigenruhm stinkt», sagt er, «aber heute sind wir weitherum einer der grössten Autoverwerter.»
Hugo Capelli rührt Zucker in den Espresso: «Wer in unseren Branchenverband Vasso will, darf kein einziges Auto auf nicht befestigtem Boden abstellen. Unser ganzes Areal ist betoniert und vom kantonalen Gewässerschutzamt abgenommen worden. Hier geht kein Tropfen Öl ins Grundwasser.» Zwar gebe es noch «wilde» Autoentsorger, aber mit der eidgenössischen Verordnung über den Verkehr mit Abfällen (VeVA), die seit dem 1. Januar 2006 in Kraft ist, werde es für die «Wilden» schwieriger. Seither müssen Betriebe eigentlich schliessen, die die entsprechenden Bewilligungen nicht vorweisen können.
Autos, die hierher kommen, werden als Erstes «trockengelegt»: Das Benzin wird abgepumpt und im Betrieb weiterverwendet; das Altöl in einem grossen Tank gesammelt und später zur Verbrennung weggeführt; daneben werden die Batterien und die alten Pneus ausgebaut und an Spezialfirmen zum Recycling weitergegeben. Capellis Betrieb aber macht sein Geld hauptsächlich mit dem Ausbau und Weiterverkauf von Occasionsersatzteilen.
Einkauf: Der Zufall bietet mit
Stefan Brechbühler sitzt am PC und sieht die E-Mail-Angebote des Tages durch. Laufend bieten ihm Garagisten kaputte Autos zum Kauf an; zudem betreiben Versicherungen Internetportale, auf denen Unfallwagen ersteigert werden können. Je nachdem, ob die Firma Ersatzteile der angebotenen Automarke dringend benötigt, fällt Brechbühlers Angebot höher oder niedriger aus. Per Mausklick hat er jederzeit den Überblick über den Lagerbestand jedes einzelnen Ersatzteils jeder beliebigen Marke. Allerdings spielt bei dieser Arbeit nicht nur der tatsächliche Bedarf der Firma, sondern auch der Zufall mit: «Ich offeriere pro Tag im Durchschnitt gut dreissig Mal, aber nur in fünf bis zehn Prozent der Fälle bekommen wir das Auto tatsächlich», sagt er.
In den letzten Jahren ist die Konkurrenz bei den Versteigerungen härter geworden. Sie treibt die Preise in die Höhe. Immer mehr Fahrzeuge werden ins Ausland verkauft, wo sie bei tieferen Löhnen billig revidiert werden können. Die Standorte der Wagen, die ersteigert werden, liegen immer weiter auseinander. Für Raritäten fährt der firmeneigene Chauffeur, der permanent unterwegs ist, um ersteigerte Wagen einzusammeln, unterdessen fast in der ganzen Schweiz herum. Zusätzlich schwierig gemacht hat den Einkauf der viel zu milde letzte Winter. Es gab kaum Schnee und kein Eis, demzufolge weniger Unfälle und also weniger Unfallwagen: Auch das verteuerte den Einkauf.
Neben Brechbühler arbeitet im Einkaufsbüro als Buchhalterin Alexandra Capelli, die Tochter des Firmenchefs. Am Bildschirm demonstriert sie, wie die Lagerhaltung der Autos auf dem Firmengelände funktioniert: Jedes von ihnen hat eine Laufnummer, jedes daraus ausgebaute Ersatzteil hat die gleiche Laufnummer. Auf dem Bildschirm ersichtlich ist jederzeit, wie teuer ein bestimmtes Auto gekauft wurde und wie viel die bisher verkauften Ersatzteile dieses Autos wieder eingebracht haben.
Lager: Ordnung von Airbag bis Zylinderkopf
Auf dem weiten Vorplatz vor dem Schlachthaus stehen die Neuerwerbungen: ein dunkelblauer Volkswagen Vento mit keilförmig demolierter Front; ein silbergrauer Hyundai Coupé, auf der Fahrerseite grossflächig zerdeppert; ein roter Peugeot 205, Jahrgang 1990, ohne Kratzer, aber mit 259000 Kilometern auf dem Zähler; ein Ford Transit, weiss, mit völlig ausgebranntem Cockpit. Auf dem Markt des Autoverwertungsgeschäfts werden die Ruinen kurz vor dem Shredder noch einmal zur Ware; stumme Zeugen von unbekannten Geschichten, viele mit schlaff herunterhängenden Airbag-Säcken. Wer mit dem Schrecken davonkam, fährt längst einen anderen Wagen; die Verletzten, die man aus ihnen barg, werden die Spitäler verlassen haben; und auch von den Toten weiss man nichts. Blutspuren sind keine zu sehen.
Als erstes erhält hier jeder dieser Wagen den Kleber mit Laufnummer, Marke, Jahrgang, Kilometerzahl, Art des Unfalls und einen Strichcode. Anhand der «Demontageliste» bauen die Automechaniker und ihre Hilfskräfte im «Schlachthaus» danach die nötigsten Ersatzteile aus und versehen sie mit dem gleichen Kleber wie das Auto, damit ihre Herkunft später jederzeit rekonstruiert werden kann. Danach werden die Teile auf dem Areal verteilt: in das richtige Regal auf dem richtigen Zwischenboden im richtigen Hochregallager: Airbags, Anlasser und Auspuffe; Benzinpumpen, Blinker und Bremszangen; Federbeine, Frontbleche und Felgen; Zündspulen, Zentraleinspritzungen und Zylinderköpfe.
Freilich: Im «Schlachthaus» wird zumeist nicht alles Brauchbare ausgebaut. Aufwand und Ertrag stehen in dieser Branche in labilem Verhältnis. Niemand ausser dem allwissenden Markt weiss, ob sich die investierte Arbeit auszahlen wird, denn auch Profis mit grosser Erfahrung sehen einem ausgebauten Scheibenwischenmotor nicht an, ob er als Occasionsware nachgefragt oder dereinst als Altmetall entsorgt werden wird. Darum wird nur das erfahrungsgemäss Verkäuflichste demontiert. Versprechen Jahrgang und Marke des halbausgeweideten Autos, dass für weitere Teile eine Nachfrage bestehen könnte, geht es nicht in die Presse, sondern in eines der riesigen überdachten und begehbaren Hochregallager im hinteren Teil des Areals. Dort warten in endlosen Reihen mehr als zweitausend von ihnen als Ersatzteillager. Anhand des elektronischen Demontageplans weiss der Computer auf Knopfdruck zuverlässig, welche Teile aus welchem Blechkadaver noch ausgebaut werden können.
Hugo Capelli ist ein eher verschlossener Mann, Handwerker und Konstrukteur so sehr wie Firmenchef. Wenn er durch seinen Betrieb führt, ahnt man seinen Stolz über die von erfahrenen Praktikern ersonnenen Ordnungssysteme. Zum Beispiel in der imposanten Motorenhalle, in der auf endlos langen, siebenstöckigen Regalen zweieinhalbtausend Automotoren liegen. Oder die an einer Aussenwand in Reih und Glied aufgehängten Federbeine, alle mit Laufnummer und Strichcode versehen; die gedärmeartig verschlungenen Auspuffe und Katalysatoren, sauber gereiht nach Automarken; oder die eng nebeneinander auf Regale geschoben Autotüren – Renault, Volvo, Opel, Saab, hinten links, vorne rechts. Oder der Paternoster, der die toten Räume der Halle nutzend zwei Dutzend grosse blaue Kästen im Kreis fahren lässt – jeder gefüllt mit Kleinstersatzteilen, geordnet nach Automarken.
Verkauf: Auspufftopf für den Toyota Corolla 97
Im Verkaufsbüro laufen drei Telefone heiss, an den Apparaten neben Helene Capelli zwei weitere Telefonistinnen. Anfragen von Bastlern und Liebhabern so gut wie von Garagen und Karosseriegeschäften, alle auf der Suche nach dem ganz bestimmten Occasionsersatzteil. In der Luft Wortfetzen: Markennamen, Jahrgänge, Preise, mehrsprachig. «Fast vierzig Prozent der Anfragen kommen hier aus dem Welschland, auch weil man dort weiss, dass wir hier im Verkauf Französisch sprechen», sagt Capelli.
Auf der einen Seite hat das Verkaufsbüro einen Schalter, an dem sich jetzt, am frühen Nachmittag, Laufkundschaft drängt. Im Vorraum dahinter in dunkelgrünen Overalls Angestellte, hin- und hereilend. In kurzen Wortwechseln erfragen sie routiniert die präzisen Angaben des gewünschten Ersatzteils, dann rufen sie über das umgehängte Funkgerät einen Kollegen im Lager: «Cvetko! Toyota Corolla 97, ein hinterer Auspufftopf, hast du einen?» Den Preis macht die Erfahrung. Helene Capelli eilt vom Verkaufsschalter her mit einem Metallstück auf einen ergrauten Arbeiter zu: «200 Franken? Ist das nicht ein bisschen viel?» – «Doch, machen Sie 150.» Im Vergleich zum Neuwert kosten die Ersatzteile hier – je nach Jahrgang und Zustand – höchstens noch die Hälfte, gewöhnlich weniger.
In diesem Vorraum endet Hugo Capellis Führung durch den Betrieb, nicht ohne dass er seinen Sohn Marco entschuldigt hätte, der als «Platzchef» ebenfalls hier arbeitet und zurzeit im Militärdienst ist. Schliesslich weist er mit der Hand noch auf ein grosses Poster an der Wand: Zuerst staunt man ein bisschen, weil es kein Auto, sondern einen Barrenturner in perfekter Schwebestütz zeigt. Erst der zweite Blick fällt auf dessen Namen: Capelli. Diesen Namen hat man doch auch schon gehört: Claudio Capelli, einer der besten Kunstturner des Landes. «Mein anderer Sohn» sagt der Vater im dunkelgrünen Overall. Kein Zweifel, jetzt ist er wirklich stolz.