Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03484.jsonl.gz/2701

Von links nach rachts: Spezereiladen, Rathaus, Arzthaus und Selinerhaus um 1910.
Rathausplatz
Der Rathausplatz wird umrahmt vom Selinerhaus im Süden sowie dem ehemaligen Rathaus und dem Spezereiladen an der Ostseite. Im Norden steht das alte Schulhaus. Hinter dem Selinerhaus befand sich damals das Arzthaus.
Hier wurde am 2. Mai 1847 ein dramatisches Stück Schweizer Geschichte geschrieben. Zu dieser Zeit ist das Land politisch gespalten. Die Liberalen beabsichtigen, aus dem losen Staatenbund der Eidgenossenschaft einen Bundesstaat zu machen. Die Konservativen wehren sich, indem sie sich zu einem Sonderbund zusammenschliessen. Die Liberalen möchten in der Folge die Auflösung des Sonderbundes erzwingen. Dafür braucht es ein Ständemehr.
Im konfessionell gemischten Kanton St. Gallen sind Liberale und Konservative gleich stark vertreten, wobei in der Abstimmung das Gasterland das Zünglein an der Waage spielt. Obwohl die Region als konservative Hochburg gilt, werden an der Landsgemeinde vom 2. Mai auf diesem Platz überraschenderweise ausschliesslich liberale Kandidaten gewählt. Damit kommen die Liberalen auf eine Standesstimme mehr. Der Sonderbund wird für illegal erklärt, und die Liberalen gewinnen den darauf folgenden Sonderbundskrieg. Der Weg für die moderne Eidgenossenschaft ist frei.
Um die schicksalshafte Landsgemeinde ranken sich bis heute zahlreiche Legenden und Gerüchte. So soll die Schänner Kirchenuhr den Uhren von Amden und Weesen um eine Dreiviertelstunde vorgestellt worden sein, sodass die Stimmbürger aus diesen Gemeinden zu spät zur Versammlung erschienen. Zudem seien auf dem Rathausplatz zahlreiche Personen ohne Stimmrecht festgestellt worden. Und Oberst Dominik Gmür soll offenbar nicht davor zurückgeschreckt sein, konservative Wahlberechtigte am Einlegen in die Urne zu hindern. Was davon wirklich stimmt und welchen Einfluss diese Ränkespiele auf das Wahlergebnis hatten, wird nie festgestellt. Was jedoch sicher ist: Die turbulente Landsgemeinde von 1847 war ein wichtiges Glied in der Entstehung der modernen Schweiz. Im Innern des Rathauses erinnert heute eine Gedenktafel an den historischen Moment.
Das Rathaus
Es wird angenommen, dass das Rathaus nach dem Tod des letzten Toggenburger Grafen im Jahr 1436 gebaut wurde: zu einer Zeit, in der sich das Gasterland gewisse Freiheiten herausnehmen durfte, uach nach dem Übergang an Schwyz und Glarus. Das Rathaus war zugleich das Amtshaus des Bezirks Gaster. Das ganz aus Holz gebaute Rathaus brannte am Karfreitag 1493 vollständig nieder und wurde in der Folge neu aufgebaut. Beim Dorfbrand 1610 brannte es erneut vollständig aus. 1613 wurde es mit sogenannten Standesscheiben ausgestattet, die Kantonswappen wurden auf Glas gemalt. 1785 wurde das Rathaus renoviert, und es erhielt sein heutiges Aussehen. Am 6. März 1809 wurde das Rathaus an Dominik Gmür (Vater von Oberst Gmür) für 500 Gulden verkauft. Im Rathaus wurde unter anderem die Wirtschaft zum Löwen geführt sowie ab 1865 eine Bäckerei und ab 1903 eine Metzgerei. 1937 wurde das Rathaus renoviert und das Erdgeschoss vollständig verändert.
Das Selinerhaus
Auch das Selinerhaus brannte beim Dorfbrand im Jahr 1610 vollständig nieder und wurde danach wieder aufgebaut. Im Jahr 1800 wurde es umgestaltet. 1905 brannte der Dachstock und es verlor den zum Rathausplatz hin gerichteten Giebel. Eindrücklich ist das grosse Portal im Louis-XVI-Stil. Das Selinerhaus ist dreigeschossig. Im Untergeschoss ist unter anderem das Wappen des Seliner-Geschlechts zu finden. Die beiden weiteren Geschosse wurden zu Wohnraum ausgebaut. Von der ehemals herrschaftlichen Ausstattung ist heute nichts mehr erhalten.
Das alte Schulhaus
Beim Dorfbrand vom l. Oktober 1824 wurde das ganze Unterdorf mit der Münstergasse (Fuchswinkel) ein Raub der Flammen. Nebst der Galluskapelle wurde auch die angrenzende Kaplanei mit der integrierten Schule zerstört. Durch den Brand wurden 32 Haushaltungen mit 163 Personen obdachlos, wobei gerade die Ärmsten ihres Obdaches beraubt wurden.
Nach eingehender Prüfung der Baukommission wurde die Brandstätte an der Gallusgasse aufgegeben und am Rathausplatz 1825 das sogenannte alte Schulhaus erbaut. In Zusammenarbeit zwischen Kirch- und Ortsgemeinde wurden im untersten Stock die Schule und eine Lehrerwohnung eingerichtet. Im mittleren und obersten Stockwerk wurden die Pfrundwohnungen untergebracht. Durch die Anstellung eines Oberlehrers wurde rasch mehr Schulraum benötigt. 1838 konnte die Schule die frei gewordene Pfundwohnung im mittleren Stockwerk für 2631 Gulden übernehmen.
Mit dem Bau des Schulhauses Oberdorf im Jahr 1872 wurde nur noch eine Realklasse im alten Schulhaus geführt. 1955 wurde das Sekundarschulhaus Chastli eingeweiht. Damit konnten im untersten und mittleren Stock Lehrerwohnungen eingerichtet werden, und im obersten Stock der Kirchgemeinde wurde der Sakristan mit seiner Familie untergebracht. 1979 übernahm die Politische Gemeinde das ganze Gebäude und baute es 2010 zu einem Geschäftshaus um.