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„In foramine petrae“. Michelangelos wörtliche Auslegung der Vulgata und die Hörner seines Moses in San Pietro in Vincoli
Abstract
Mit der facies cornuta, dem „gehörnten Gesicht“ (Ex 34, 29–35) seines Moses stellte Michelangelo eine Formulierung der Vulgata im Marmor wortgetreu dar. Er gab seiner Mose-Skulptur Hörner, obwohl (a) kanonische Kommentare zur Vulgata letztere – im Rückgriff auf die Hebräische Bibel und Raschi – längst als hornartige Lichtphänomene gedeutet hatten und obwohl (b) in Florenz und Rom vor Michelangelo nicht Hörner, sondern Strahlenbündel als Auszeichnung auf Bildern Mose verbreitet waren. In der Bildtradition Nord- und Zentraleuropas als Attribute bildlicher Darstellungen Mose gängig geworden, hatten sich die Hörner in Mittelitalien als ikonographische Konvention nämlich nicht durchgesetzt.
Michelangelo setzte auch in anderen Merkmalen der Statue seine intensive Lektüre (einer italienischen Version) der Vulgata um. Einen von Paulus polemisch postulierten Gegensatz zwischen den „steinernen Tafeln“ Mose und dem geisterfüllten Herz und Leib der Christen (2 Kor, 3) übersetzte er in Stein, indem er – erstmals – eine Abwendung Mose von seinen Gesetzestafeln darstellte: als heftige Wendung des Kopfes, als Öffnung der Figur auf eine Vision. Er stellte einen konvertierten, christlichen Mose dar.
Sein wohl 1513–1515 skulptierter Moses war u.a. als Pendant zu einem Hl. Paulus konzipiert. 1544 erfolgte die Aufstellung jedoch als Solitär: im Zentrum des Grabmals für Papst Julius II. in der römischen Kirche San Pietro in Vincoli. Indem Michelangelo seine Statue hier in eine tiefe Nische einstellte, nahm er einen Vers der Vulgata wörtlich: Nach Ex 33, 22 sagte Gott zu Mose, er werde ihn in foramine petrae, also „in eine Felsöffnung“ stellen (Biblia Vulgata, S. 383) bzw. setzen (ponere). Durch die Analogie des Wortes petra (Fels) und des Namens Petrus bezog sich die Aufstellung der Skulptur in einer tiefen Nische auf einen Vers der Vulgata, auf den Aufstellungsort und auf ein Christuswort (Mt 16, 18).