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Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Westdeutschland
Die folgende Seite war auf einem anderen Papier geschrieben. Ich hatte den Eindruck, auch die Schrift sei etwas anders, irgendwie frischer, lockerer, offener. Hatte er sein Vorhaben, seine Zelte im Ruhrgebiet abzubrechen und nach Freiburg in den Schwarzwald zu ziehen, wahr gemacht?
„Es ist einige Zeit vergangen, seitdem ich die letzte Seite der Lebensbeichte geschrieben habe. Es ist viel geschehen, jedenfalls für mich waren es Monate der Veränderung, des Abschieds, des Neubeginns.
Mein derzeitiger Chef war alles andere als erfreut, als ich ihm eröffnete, dass ich kündigen und weg ziehen wolle, hatte er mir doch noch vor nicht allzu langer Zeit die Wohnung besorgt.
Ich liess mich aber nicht beirren. Ich hatte die Zusage aus Freiburg, unterschrieb den Vertrag und verbrachte die letzten Wochen vor dem Umzug damit, meine Möbel loszuwerden, mir ein Auto zu kaufen, mich um eine Unterkunft in Freiburg i. Br. zu bemühen und anderes mehr.
Greta hatte Wort gehalten. Sie konnte allerdings nicht viel mehr für mich tun als mir ein Zimmer zu besorgen, das nicht gerade ideal war. Es war in Untermiete in der Wohnung einer Familie mit einem Bad für alle und strengen Regeln, wann es von mir benutzt werden durfte. Es war mir nicht gestattet, Damenbesuch auf meinem Zimmer zu empfangen, und anderes mehr. Es war ein Kompromiss für eine Übergangszeit, bis ich etwas anderes gefunden hatte.
Dann kam der Umzugstag; ich packte meine Siebensachen in meinen Kombi. Der Platz darin reichte aus, mehr hatte ich nicht, mehr benötigte ich nicht.
Ich richtete mich in meinem Zimmer ein. Meine neue Arbeit lief gut an. Mein Chef war freundlich, oft nicht im Haus, und ich hatte es mit einer Kollegin zu tun, die etwa 10 Jahre älter war als ich und Christa Lehmann hiess. Ich merkte schnell, dass ich ihr sympathisch war. Es dauerte nur wenige Wochen, und sie brachte mir Lebensmittel mit oder teilte sie mit mir. Sie war unverheiratet und lebte allein, etwas ausserhalb von Freiburg auf einem kleinen Bauernhof, den sie von ihren Eltern geerbt hatte. Das Land ringsherum hatte sie verpachtet, und sie bewirtschaftete nur noch selbst ihren Gemüsegarten und hielt ein paar Hühner.
Nach etwa 4 Wochen lud sie mich ein. Sie hatte Geburtstag. Ich besorgte mir einen Strauss Blumen und eine Schachtel Pralinen und fuhr zu ihr aufs Land. Sie wohnte wirklich verlassen in einem von Efeu bewachsenen kleinen Haus. Die Hühner liefen auf einem umzäunten Stück Land umher. Ich klopfte, sie rief, dass ich eintreten sollte.
Sie hatte nur ein paar Gäste, eine Freundin aus ihrer Schulzeit, die mit ihrem Ehemann erschienen war, und 2 Nachbarinnen. Es gab selbstgebackenen Kuchen und Kaffee. Zuerst fühlte ich mich ein wenig fremd, vor allem, weil sie einen Dialekt sprachen, den ich noch nicht ganz verstand. Frau Lehmann zeigte uns ihr kleines Anwesen.
,Fühlen Sie sich manchmal nicht einsam?', fragte ich sie. Sie verneinte, sie liebe die Natur, und mit den Nachbarinnen verstehe sie sich prächtig, antwortete sie.
Ich schaute mich ein wenig um. Im Bücherregal stiess ich auf ein Buch, das ein gewisser Ernst Klee geschrieben hatte, mit dem Titel ‚Christa Lehmann – Das Geständnis der Giftmörderin’.
Ich zeigte darauf und fragte: ‚Eine Verwandte von Ihnen?’ Sie lachte. ‚Meinen Namen gibt es häufig, ich fand es lustig, dass sie auch meinen Vornamen hatte!’
,Wie hat sie denn die Leute umgebracht?’, Mein Interesse war geweckt.
,Schon einmal etwas von E 605 gehört?’, fragte sie zurück.
‚Rattengift, igitt!’, empörte ich mich, ‚wahrscheinlich nicht gerade schmerzlos!’
‚Aber wirksam!’, antwortete sie.
Das Thema wurde gewechselt. Die Anwesenden wollten wissen, wie es mich denn nach Freiburg verschlagen habe. Ich berichtete etwas von einem Urlaub im Schwarzwald und davon, dass ich mich spontan in die Stadt vernarrt hätte.
‚Und nicht in ein hübsches Mädchen?’, fragte man mich neckend.
Ich errötete leicht, sagte aber nichts. Und die Damen drangen auch nicht weiter mit Fragen auf mich ein.
Es war spät geworden, und nach und nach verabschiedeten sich die Gäste. Auch ich wollte los, aber sie hielt mich fest. ‚Ich wollte noch etwas Geschäftliches mit Ihnen besprechen’, sagte sie.
Wir waren allein. Ich wusste nicht, was sie im Schilde führte. War sie von unserem Chef beauftragt worden, mich auszuquetschen, oder wollte sie von Kollegin zu Kollege mit mir sprechen?
‚Sollen wir uns nicht duzen? Ich bin die Ältere von uns, ich darf Dir das Du anbieten!’
‚Warum nicht!’, antwortete ich.
‚Darauf müssen wir einen trinken. Und ein Kuss darf auch nicht fehlen!’
Wir stiessen mit einem Glas Badischen Weins an, und ich küsste sie vorsichtig auf die Wange. ‚Na, na, ich beiss’ nicht, nicht so schüchtern', sagte sie und gab mir ein hörbaren Schmatz zurück.
‚Wie gefällt es Dir denn in der Firma?’, fragte sie. Ich war mir nicht sicher, wollte sie mich aushorchen oder nicht? Ich beschloss, nur allgemein zu antworten. ‚Gut’ sagte ich. ‚Die Arbeit macht Spass, die Kunden sind nett, die Kolleginnen auch’. Ich grinste.
‚Ich habe auch nichts anderes erwartet’, gab sie zurück.
Die Flasche Wein ging zur Neige; sie öffnete eine weitere.
‚So lasse ich Dich aber nicht mehr fahren!’, sagte sie bestimmt. Was sie noch sonst so sagte, hörte ich nicht mehr. Mir waren die Augen zugefallen.
Der Hahn krähte. Ich wachte auf und wusste zuerst nicht, wo ich war. Ich lag auf der Couch. Mein Hemd und meine Hose hingen sorgfältig aufgehängt auf der Stuhllehne.
„Na, gut geschlafen“, tönte es aus der Küche. ‚Gerade richtig, der Kaffee ist fertig!’
Sie erschien mit einem Bademantel bekleidet. Ihre dunklen Haare, sonst immer hinter dem Kopf zu einem Zopf gebunden, fielen ihr wellig locker über die Schultern. So sah sie verführerisch aus.
‚Es tut mir Leid’, stammelte ich. ‚Das war nicht meine Absicht!’
‚Du brauchst dich nicht zu entschuldigen, weil Du eingeschlafen bist. Nur dass das mitten in unserer kleinen Unterhaltung geschehen ist, das nehme ich Dir etwas übel!’
‚Ich glaube, es lag am Wein, ich bin kein Alkohol gewöhnt’, entschuldigte ich mich.
‚Papperlapapp’, sagte sie. ‚Du weisst ja, wo das Bad ist, ein Handtuch gibt es da auch!’
Als ich aus dem Bad kam, war sie bereits angezogen.
Wir frühstückten. Sie machte Rührei.
‚Ich wette, so frische Eier hast Du noch nie bekommen!’, sagte sie.
Ich stimmte ihr zu. Das Landleben hat seine Vorzüge!
Wir sprachen über mein Zimmer mit mir als Untermieter. ‚Keine gute Sache auf Dauer’, meinte sie. ‚Willst Du nicht hier einziehen? Ich habe Platz genug!’
‚Und die Nachbarn?’, fragte ich vorsichtig.
‚Kein Problem, die würden das verstehen’, meinte sie.
‚Ich überleg’s mir!’, sagte ich schnell.
‚Aber nicht zu lange, sonst erhöhe ich die Miete!’, meinte sie, ein wenig schmollend, aber wohl eher schmunzelnd.
Es war Samstag, wir einigten uns auf Montag, dann würde ich ihr meine Entscheidung mitteilen.
Damit endete das Blatt, auf der Rückseite entdeckte ich noch ein Gedicht von Josef Freiherr von Eichendorff mit dem Titel ‚Mittagsruh’:
Über Berge, Fluss und Talen,
Stiller Lust und tiefen Qualen
Webet heimlich, schillert, Strahlen!
In der dunkelblauen Schwüle,
Und die ewigen Gefühle,
Was dir selber unbewusst,
treten heimlich, gross und leise
Aus der Wirrung fester Gleise,
Aus der unbewachten Brust
In die stillen, weiten Kreise.“
Was wollte der Autor der „Lebensbeichte“ damit zum Ausdruck bringen? Seine Zweifel, ob er das Angebot annehmen soll, das Hin und Her der Gefühle, hatte er Bedenken?
Fortsetzung folgt
Hinweis auf die bisherigen Kapitel der „Lebensbeichte“
25.09.2014: Lebensbeichte – Fortsetzungsroman aus Nachlässen (14)
16.10.2014: Lebensbeichte – Fortsetzungsroman aus Nachlässen (15)