Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03161.jsonl.gz/645

Herr Keim, wie kann man den Afghanistan-Konflikt kindgerecht erklären?
Aus UNICEF-Perspektive ist das Grundprinzip der Partizipation von Kindern, also das Mitreden, Mitgestalten und Mitbestimmen, zentral. Kinder haben ein Recht auf Information. Und sie haben das Bedürfnis, Gehörtes einordnen zu können. Eine Lehrperson, die die aktuelle Lage in Afghanistan in ihrer Klasse besprechen möchte, kann etwa zuerst bei den Kindern abholen, was sie bereits selber aus den Medien über die Situation in Afghanistan wissen. Danach können sie besprechen, was ihre Gedanken dazu sind, was sie irritiert, was ihnen Angst macht. Davon ausgehend können entsprechende Informationen kindgerecht aufbereitet und mit den Kindern im Dialog besprochen werden. Das bedeutet, den Kontext mit sorgfältig ausgewählten Beispielen und Bildern zu erklären und eine angepasste Sprache und Wortwahl zu verwenden. Bestenfalls kann die Lehrperson auch ein Bezug zur eigenen Lebenswelt und zum Alltag der Kinder herstellen, etwa indem zuerst allgemein über Kinderrechte informiert und in der Folge die Unterschiede zum Leben als Kind in Afghanistan dargestellt werden.
«Die Taliban haben UNICEF und andere UNO-Organisationen gebeten, ihre wichtige Arbeit weiterzuführen»Jürg Keim, UNICEF
Wie sind Kinder in Afghanistan von den jüngsten Entwicklungen im Familien- und Schulalltag betroffen?
Wir befinden uns in Afghanistan in einer Übergangsphase und niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, was als nächstes passieren wird. Klar ist hingegen, dass UNICEF in Afghanistan bleibt und dass die Taliban UNICEF und andere UNO-Organisationen gebeten haben, ihre wichtige Arbeit weiterzuführen. Diese Arbeit beinhaltet auch die Bildung von Mädchen und Buben. Aktuell stellt UNICEF fest, dass im Westen des Landes, in Herat, die Grund- und Sekundarschulen geöffnet wurden. Und im Distrikt Maruf im Süden Afghanistans 1500 Kinder zur Schule gingen, darunter auch 500 Mädchen. Für den Augenblick sind das ermutigende Zeichen. Hierzu kann angefügt werden, dass UNICEEF bereits vergangenen Dezember mit den Taliban einen Arbeitsplan entwickelt hat, wie die Schulen und insbesondere die Bildung von Mädchen in den Gemeinden künftig funktionieren sollen. Dieser Plan wurde von den Taliban unterzeichnet. Wir sind optimistisch, dass Bildung von Mädchen auch unter der Herrschaft der Taliban möglich sein wird, und wir setzen alles daran, dass dies auch umgesetzt wird.
Welches sind die grössten Probleme, mit denen sich Familien in Afghanistan aktuell konfrontiert sehen?
Die humanitäre Situation in Afghanistan ist sehr ernst: Die Hälfte der Bevölkerung – über 18 Millionen Menschen, darunter fast 10 Millionen Kinder – benötigt humanitäre Hilfe. Davon sind rund eine Million Kinder schwer akut mangelernährt. Schwer akut bedeutet, dass diese Kinder lebensbedrohlich unternährt sind und dringend medizinisch versorgt werden müssen. Dies ist eine erschreckend hohe Zahl. Ein Fokus der Arbeit von UNICEF in Afghanistan liegt somit klar in der Ernährung von Kindern.
«UNICEF versucht zurzeit, in Kabul für die bedürftigen Kinder und Mütter sogenannte Kinderschutzräume einzurichten»Jürg Keim, UNICEF
Wie reagiert UNICEF auf die jüngsten Entwicklungen im Land und in der Hauptstadt Kabul?
Aktuell verfolgt UNICEF insbesondere auch die Situation in Kabul mit Sorge. Es befinden sich über 200 000 Binnenflüchtlinge in und um Kabul, es kommt immer wieder zu Panikausbrüchen innerhalb der Bevölkerung. UNICEF versucht zurzeit, in Kabul für die bedürftigen Kinder und Mütter sogenannte Kinderschutzräume einzurichten. Das sind Orte, wo Kinder und Mütter psychosoziale Unterstützung erhalten, Familien zusammengeführt werden können und Kinder ihre Traumata durch pädagogische Betreuung bewältigen können.
Wie können Familien von hier aus helfen?
Gerne können Sie die Kinder und Familien in Afghanistan mit einer Spende unterstützen.
Wohin fliesst das Geld?
Zusammen mit anderen Partnerorganisationen setzt sich UNICEF Afghanistan mit rund 380 Mitarbeitenden – darunter 28 Internationale – täglich für die Familien und insbesondere die Kinder ein. Und sie brauchen Hilfe dringender denn je. UNICEF setzt ihre Arbeit fort, die sie vor 65 Jahren begonnen hat. Wir sind gekommen, um zu bleiben, und wir bleiben, um zu helfen. Trotz der aktuell gefährlichen Situation soll sich daran nichts ändern. UNICEF versorgt unterernährte Kinder mit gebrauchsfertiger therapeutischer Nahrung oder impft Babys und Kleinkinder, um sie vor gefährlichen Krankheiten, wie Kinderlähmung, zu schützen. Wir verteilen Hygienesets oder transportieren Wasser. Ausserdem richten wir kinderfreundliche Räume, Ernährungszentren und Impfstellen in Lagern von Binnenflüchtlingen ein. Und schon bald steht der äusserst harte Winter vor der Tür. Wir bereiten uns deshalb schon jetzt darauf vor.