Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03397.jsonl.gz/1929

Zürich, den 12. September 1872.
Hochverehrter Herr und Freund!
Gemäß dem mir mit gefälliger Zuschrift vom 9./10. dss. Mon. mitgetheilten neuen Entwurfe zu einer von dem Bundespräsidenten dem Italienischen Gesandten auszustellenden Erklärung soll nun bei Anstellungen für die Durchbohrung des Gotthard den dépositaires des expériences du Mont Cenis unter übrigens gleichen Bedinungen das Vorzugsrecht vor andern Bewerbern zugeführt werden und diese Zusicherung soll sich ebenso wohl auf Ingenieure als auf Arbeiter beziehen.
Ich habe Ihnen bereits telegraphisch zur Kenntniß gebracht, daß ich die Ausstellung einer Erklärung auch in der neuen Fassung für bedenklich halte. Sie wünschen eine schriftliche Auseinandersetzung der Gründe, welche mich zu dieser Anschauungsweise bestimmen, zu erhalten. Ich beeile mich, Ihrer Aufforderung anmit Folge zu leisten. Vor allem muß ich unter Bezugnahme auf meine Zuschrift vom 3. dss Mots. es neuerdings aussprechen, daß, wenn die Ausführung des Tunnels «en entreprise» Statt hiermit, wie dieß ja in Folge des Abschlusses des Vertrages mit Favre der Fall sein wird, der Erklärung des Bundesrathes an die Italienische Regierung vom 26. Mai 1871 dadurch, daß den dépositaires das Recht gewahrt ist, zur Hälfte in den Favre'schen Vertrag einzutreten, ein volles Genüge gethan wurde. Es | folgt dieß vorab aus dem klaren Wortlaute der fraglichen Erklärung des Bundesrathes. Es ergibt sich aber auch mit Nothwendigkeit aus der Natur der Dinge. Wenn nämlich Favre durch den mit ihm abgeschlossenen Vertrag lediglich verpflichtet ist, den Tunnel in 8 Jahren auszuführen, wenn ihm aber mit Bezug auf die Art und Weise, wie er diese Verpflichtung erfüllen will, gänzlich freie Hand gelassen wird, so ist den dépositaires des expériences du Mont Cenis dadurch, aber auch nur dadurch, daß sie sich dem Unternehmer beigesellen und somit in den Favre'schen Vertrag eintreten, die Möglichkeit eröffnet, ihre «expériences» für den Bau des Gotthard tunnels zu verwerthen. Machen Sie von dem Rechte des Eintrittes in den Favre'schen Vertrag keinen Gebrauch, so ist auch kein Raum mehr für sie vorhanden, ihre «expériences» zur Geltung zu bringen. Favre, der in diesem Falle der einzige Unternehmer des Tunnelbaues ist, hat das vertragliche Recht, den Tunnel so auszuführen, wie, er es für gut findet, und was die Gesellschaft anbetrifft, so hat sie bei der Ausübung ihrer Aufsichtsbefugniß selbstverständlich dieses vertragliche Recht Favre's zu respectiren. Wie kann also, wenn die «dépositaires» nicht in den Favre'schen Vertrag eintreten, noch von einer Thätigkeit derselben in ihrer Eigenschaft als «dépositaires des expériences du Mont Cenis » die Rede sein?!
Aus den hier angeführten Gründen halte ich fortwährend dafür, daß, nachdem die Ausführung des Gotthardtunnels auf dem Wege der entreprise erfolgen soll, durch das den dépositaires des | expériences du Mont Cenis vorbehaltene Recht, sich zur Hälfte an dieser entreprise zu betheiligen, den Verpflichtungen ein erschöpfendes Genüge geleistet worden ist, welche die Schweiz Italien gegenüber eingegangen hat, und daß somit weitere Einräumungen an die mehrerwähnten dépositaires nicht etwa als die Erfüllung einer 1 Obliegenheit der Schweiz, sondern lediglich als freiwiliges Zugeständniß derselben betrachtet werden können.
Auf dem Boden der Freiwilligkeit stehend würde die Schweiz zweifelsohne nicht wohl deren thun, wenn sie sich, und wäre es auch um noch so lästigen Zudringlichkeiten zu entgehen, Zugeständnisse abnöthigen ließe, welche in der Folgezeit zu beständigen Reibungen Veranlaßung geben müßten. Glaubt daher die Schweiz Italien gegenüber weiter gehen zu sollen als wozu sie rechtlich verpflichtet ist, so hat sie gewiß hinwieder alle Veranlaßung, jeden Schritt ernstlich zu überlegen, den sie auf dieser abschüssigen Bahn zu thun sich anschickt.
Ist nun auch der neueste Entwurf zu der von dem Schweizerischen Bundespräsidium der Italienischen Gesandtschaft abzugebenden Erklärung unzweifelhaft demjenigen vorzuziehen, welche Sie mir mit Ihrem verehrlichen Schreiben vom 6. dss. Mts. mitzutheilen die Güte hatten, so hege ich gleichwohl auch gegen diesen neuesten Entwurf entschiedene Bedenken.
Gemäß demselben wäre bei der Anstellung der Ingenieure und Arbeiter für den Bau des Gotthardtunnels dem Personale des Mont Cenis, welches sich im Besitze der dort gemachten Erfahrungen befindet, | unter gleichen Bedingungen der Vorzug einzuräumen.
Es müssen hier die Anstellungen, die Herr Favre, und diejenigen, welche die Gesellschaft zu machen hat, auseinander gehalten werden.
Die erstern anlangend unterscheidet sich der Wortlaut des neuesten Entwurfes zu der Schweizerischer Seits Italien abzugebenden Erklärung nicht wesentlich von der Fassung der Zusicherung Favre's, welche ich Ihnen mit meinem Schreiben vom 6. abhin in Abschrift zu übermitteln die Ehre hatte. Immerhin dürfte es jedoch angezeigt sein, sich mit Bezug auf die Anstellungen, welche von Favre auszugehen haben, in der dem Italienischen Gesandten einzuhändigenden Erklärung ganz genau an die Redaction der Favre'schen Zusicherung zu halten, da ja die Schweiz Italien nicht mehr versprechen kann, als Favre uns zugesagt hat und wir hinwieder, hierauf gestützt, dem Bundesrathe zusichern.
Was sodann die auf den Bau des grossen Tunnels bezüglichen Anstellungen, welche von der Gesellschaft auszugehen haben, anbetrifft, so ist vor allem hervorzuheben, daß, da die Gesellschaft den Tunnelbau nicht in Regie ausführt, sondern einem Unternehmer übertragen hat, hier bloß die Anstellung von Ingenieuren und nicht auch diejenige von Arbeitern in Frage kommen kann. Hinsichtlich dieser Ingenieure nun aber eine Erklärung abzugeben, wie sie in dem neusten Entwurfe enthalten ist, halte ich für gänzlich unthunlich. Selbstverständlich würde nämlich uns einer solchen Erklärung der Schluß gezogen, als wären die Ingenieure, | deren die Gotthardbahngesellschaft für die zunächst in Angriff zu nehmenden Bauten und also vor allem auch für die Ausführung des großen Tunnels bedarf, noch nicht ernannt. Dem ist aber durchaus nicht so. Im April dss. J. wurden die von der Gesellschaft zu besetzenden Ingenieurstellen zu freier Bewerbung ausgeschrieben. Es erfolgten etwa 1200 Anmeldungen und unter diesen viele von Italienern. Wem die dépositaires des expériences du Mont Cenis sich nicht veranlaßt gesehen haben, ihre Dienste anzubieten, so ist das jedenfalls nicht unsere, sondern lediglich ihre Schuld. Die Ingenieure, deren die Gesellschaft zur Zeit bedarf, wurden auf Grund der eingegangenen Anmeldungen ernannt. Unter den Gewählten befindet sich auch eine Reihe von Italienern, deren Namen und Anstellungsbedingungen ich Ihnen letzthin mitgetheilt habe. Gegenwärtig sind keine oder so viel als keine Lücken mehr in unserm Ingenieurpersonale auszufüllen. Wären aber auch noch solche Lücken vorhanden, so könnte ich gleichwohl nicht dazu Hand bieten, daß Italien eine soallgemeine Zusicherung, wie die in dem neusten Entwurfe enthaltene, ertheilt werde. Ich müßte verlangen, daß uns die Personen bezeichnet werden, deren Anstellung Italien anregt, und daß wir dann auf Grundlage genauer über diese Personen eingezogener Erkundigungen unter thunlichster Berücksichtigung der Wünsche Italiens, jedoch immerhin in voller Freiheit, unsere Entschliessungen fassen. Es genügt in meinen Augen nicht, daß ein Ingenieur, der angestellt werden soll, dépositaire | des expériences du Mont Cenis sei: er muss uns auch hinsichtlich seiner Redlichkeit sowie hinsichtlich der Aufrichtigkeit seiner Gesinnungen gegenüber der Gesellschaft, in deren Dienst er treten will, alle erforderlichen Garantien geben. Es ist bekannt, welche Unterschleife bei dem Baue des Mont Cenis-Tunnel Statt gefunden haben. Dépositaires von solcher expériences wünschen wir nicht unter unser Ingenieurpersonal aufzunehmen! Bei dem Abhängigkeitsverhältnisse, in welchem sich die meisten oder alle dépositaires des expériences du Mt. Cenis aus dem einen oder dem andern Grunde Grattoni gegenüber befinden dürften und bei der Stellung, welche der letztere in Folge der neusten Wendung der Dinge unserer Gesellschaft und Favre gegenüber einnimmt, ist überdieß zu befürchten, daß dépositaires, welche Kraft einer Zusicherung, wie die in dem jüngsten Entwurfe in Aussicht genommene, angestellt werden müßten, der Bauleitung und Favre unter der Hand entgegen wirken könnten, um wo möglich herbeizuführen, was, wie Melegari Ihnen sagte, Grattoni als in sicherer Aussicht stehend verkündet, daß wir nämlich nach einiger Zeit trotz des Vertrages mit Favre «den Hut in der Hand» ihn werden bitten müssen, den Tunnel bauen zu wollen, den wir ohne ihn auszuführen nicht im Stande seien.
Soll ich nach diesen Auseinandersetzungen meine Ansicht über das in Sachen weiter zu beobachtende Verfahren aussprechen, so thue ich es in nachfolgender Weise: Wenn überhaupt eine | Erklärung Italien gegenüber abgegeben werden soll, so würde ich in erster Linie vorschlagen, lediglich die Zusicherung Favre's, wie sie lautet, der Italienischen Regierung zur Kenntniß zu bringen und die Gewähr für die Erfüllung derselben zu übernehmen. Sollten Sie dieß nicht für genügend halten, so würde ich in zweiter Linie beantragen, mit der in erster Linie vorgeschlagenen Eröffnung noch die weitere Mittheilung zu verbinden, es sei zwar das von der Gesellschaft für die Beaufsichtigung des Baues des großen Tunnels zu bestellende technische Personal zum weitaus größten Theile bereits ernannt; gleichwohl dürfte noch die eine oder andere Anstellung zu erfolgen haben und wenn die Italienische Regierung hiefür bestimmte Personen in Vorschlag zu bringen wünschen sollte, so sei sie ersucht, es mit Beförderung zu thun.
Wünschen Sie über diese Angelgenheit, der ich die höchste Wichtigkeit beilege, noch mündliche Rücksprache mit mir zu pflegen, so stelle ich mich auf künftigen Sonntag Vormittag in Bern zu Ihrer Verfügung. Falls Sie von diesem Anerbieten Gebrauch zu machen sich entschließen würden, so erbitte ich mir umgehende telegrafische Benachrichtigung.
Schließlich erlaube ich mir noch zu Ihrer Kenntniß zu bringen, daß Maraini mich wiederholt und diesen Augenblick neuerdings auf telegrafischem Wege von Mailand aus ersuchte, der Protection, welche das Italienische Ministerium Grattoni angedeihen | lasse, keine zu große Bedeutung beizumessen, und ebenso glaube ich Ihnen noch mittheilen zu sollen, daß Weishaupt mir letzthin bei'm Abschiede mit besonderm Nachdrucke erklärte, Deutschland werde uns, wenn etwa Italien wegen des Tunnelbaues ungebührliche Zumuthungen machen sollte, mit Entschiedenheit zur Seite stehen.
Mit freundschaftlichem Gruße
Ihr 2