Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03577.jsonl.gz/2971

Behinderung - Versuch einer Definition
Kaum ein Wort kann die Gemüter so erhitzen wie "Behinderung" oder "behindert". Was genau verbirgt sich hinter diesem Begriff? MyHandicap wagt den Versuch einer Definitionssammlung.
„Sind wir nicht alle mehr oder weniger behindert?“, diesen Satz hat Sendrine im Forum gepostet. Die Antwort lautet: Ja, sind wir! Nein, sind wir nicht! Also was jetzt? Was ist das überhaupt: Behinderung? Wem wird sie zugeschrieben?
Behinderung - Was ist das?
Schenken wir Wikipedia Glauben, dann verhält es sich mit der Definition von Behinderung so:
„Behinderung bezeichnet eine dauerhafte und gravierende Beeinträchtigung der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Teilhabe beziehungsweise Teilnahme einer Person, verursacht durch das Zusammenspiel ungünstiger Umweltfaktoren (Barrieren) und solcher Eigenschaften der behinderten Person, die die Überwindung der Barrieren erschweren oder unmöglich machen. Behindernd wirken in der Umwelt des behinderten Menschen sowohl Alltagsgegenstände und Einrichtungen (physikalische Faktoren) als auch die Einstellung anderer Menschen (soziale Faktoren).“
Sind wir damit schlauer geworden? Ein bisschen vielleicht.
Behinderung laut Sozialgesetzbuch
Versuchen wir es gleich noch einmal. Diesmal mit der Definition von Behinderung nach §2 Absatz 1 Sozialgesetzbuch IX: „Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweicht und daher ihre Teilhabe am Leben der Gesellschaft beeinträchtigt ist.”
Diese Definition scheint relativ nachvollziehbar. Um von einer Behinderung sprechen zu können, bedarf es demnach einer Erschwerung der unmittelbaren Lebensverrichtung oder der Teilhabe am Leben der Gesellschaft.
Behinderung wird demnach von Normvorstellungen und Relativierungsfaktoren der Gesellschaft festgelegt. Wie diese Normen auszusehen haben und was in einer Gesellschaft als behindert gilt, hängt von unausgesprochenen und gesetzlich festgelegten Norm- und Wertevorstellungen ab.
Dabei sorgt der Begriff Behinderung auf der einen Seite für Schutz, Förderung und Hilfe, auf der anderen Seite aber steht die Stigmatisierung, Diskriminierung und Etikettierung.
WHO - drei Ursachen für Behinderung
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert für das Zustandekommen einer Behinderung drei Ursachen: Schaden, funktionale und soziale Beeinträchtigung.
Aufgrund einer Erkrankung, angeborenen Schädigung oder eines Unfalls als Ursache entsteht ein dauerhafter gesundheitlicher Schaden. Der Schaden führt zu einer funktionalen Beeinträchtigung der Fähigkeiten und Aktivitäten des Betroffenen. Die soziale Beeinträchtigung ist Folge des Schadens und äussert sich in persönlichen, familiären und gesellschaftlichen Konsequenzen.
Behinderung in der Pädagogik
In der Pädagogik gelten laut der Empfehlung der Bildungskommission des Deutschen Bildungsrates alle Kinder, Jugendliche und Erwachsene als behindert
"…die in ihrem Lernen, im sozialen Verhalten, in der sprachlichen Kommunikation oder in den psychomotorischen Fähigkeiten soweit beeinträchtigt sind, dass ihre Teilnahme am Leben in der Gesellschaft wesentlich erschwert ist. Deshalb bedürfen sie besonderer pädagogischer Förderung. Behinderungen können ihren Ausgang nehmen von Beeinträchtigungen des Sehens, des Hörens, der Sprache, der Stütz- und Bewegungsfunktionen, der Intelligenz, der Emotionalität, des äusseren Erscheinungsbildes sowie von bestimmten chronischen Krankheiten.“
Behinderungsarten oft schwer trennbar
Bei Mehrfachbehinderungen, also Behinderungen, die sich aus mehreren Behinderungsarten zusammensetzen, wird es richtig komplex. Als Behinderungsarten gelten: geistige Behinderung, seelische Behinderung, Hörschädigung (Gehörlosigkeit + Schwerhörigkeit), Körperbehinderung, Lernbehinderung, Sehschädigung, Sprachbehinderung und Verhaltensstörung.
Das liest sich in der Theorie einfach nachvollzieh- und trennbar. Eine eindeutige Abgrenzung speziell zwischen körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen ist in der Praxis jedoch kaum möglich.
Behinderung ist Definitionssache
Letztendlich wird jeder Mensch „Behinderung“ ein bisschen anders definieren. Wie genau hängt von dem jeweiligen persönlichen Menschenbild ab.
„Behindert ist, wer behindert wird“, heisst ein Slogan der Caritas Österreich. Durchaus wahr. Vielleicht aber noch wahrer ist es, diesen Slogan ein bisschen umzuwandeln: „Behindert ist, wer sich behindert fühlt“ – denn das kann beides sein, das Gefühl sich selbst behindert zu fühlen oder durch die Gesellschaft behindert zu werden. Wie auch immer man es dreht, der Begriff Behinderung wird letztendlich immer subjektiv bleiben. Und das ist vielleicht auch gut so.
Text: MHA - 08/2011
Bilder: pixelio.de