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von Dr. Jana Nikitin
Stehen Sie auch manchmal beim Einkaufen vor dem Regal und überlegen sich, ob Sie das ökologisch hergestellte, aber teuere T-Shirt kaufen sollen? Fühlen Sie sich auch oft moralisch verpflichtet, sich für Produkte zu entscheiden, die Nachhaltigkeit, Fair Trade oder artgerechte Tierhaltung preisen? Fühlen Sie sich auch besser, wenn Sie Eier von «glücklichen» Hühnern kaufen? Die Haltung hinter solchem Konsumverhalten mag durchaus moralisch edel und gut sein. Aber ist dies auch umgekehrt der Fall? Aktiviert der Kauf von ökologischen Produkten auch moralisch hochstehende Prinzipien und Regeln? Dies scheint nicht der Fall zu sein – im Gegenteil scheint der Kauf ökologischer Produkte manchmal sogar die Moral zu senken, wie Forscher der Universität Toronto in ihren Studien gezeigt haben.
Die Forscher haben Studierende von einer Online-Shoppingliste Produkte auswählen lassen. Eine Gruppe Studierender hat von einer Reihe mehrheitlich ökologischer Produkte ihre Einkaufsliste zusammengestellt, die zweite Gruppe hat ihre Auswahl aus überwiegend konventionellen Produkten getroffen. In einer anschliessenden Aufgabe sollten die Teilnehmer eine kleine Summe Geld zwischen sich und einer anderen Person teilen. Die Gruppe, die aus ökologischen Produkten gewählt hat, hat dabei mehr Geld für sich behalten als die Gruppe mit den gewöhnlichen Produkten. Die Teilnehmenden, die aus ökologischen und damit moralisch einwandfreieren Produkten wählten, haben sich unmittelbar danach weniger sozial gezeigt als die Personen, bei deren Produktwahl keine moralischen Überlegungen eine Rolle spielten.
Schlimmer noch: In einer weiteren Studie zeigte sich, dass die Teilnehmenden der Gruppe mit der ökologischen Produktauswahl nicht nur weniger sozial handelten, sondern sogar eher geneigt waren, zu lügen und kleinere Geldbeträge zu stehlen. Sie gaben bei einer Aufgabe bewusst falsche Antworten, um mehr Geld zu erhalten. Als sie anschliessend aus einem Umschlag das Entschädigungsgeld nehmen sollten, haben sie mehr genommen als ihnen zustand.
Interessanterweise haben die Probanden dieses unmoralische Verhalten nur dann gezeigt, wenn sie aus den ökologischen Produkten gewählt haben, nicht aber, wenn sie diese Liste nur gesehen haben. Wenn sie nur das Design der Produkte beurteilen sollten, haben sie nachher sogar moralischer gehandelt als Teilnehmer, die konventionelle Produkte beurteilten.
Die Forscher erklären den paradoxen Befund damit, dass eine Begegnung mit ökologischen Produkten bei uns die Moral aktiviert und wir dann deshalb moralisch handeln. Wenn wir aber diese Produkte erwerben, erwerben wir mit ihnen zusammen eine Art «moralischen Kredit». Mit der Entscheidung für ein ökologisches Produkt haben wir unserer Moral Genüge getan und sind anschliessend weniger moralisch, als wenn wir keinen «moralischen Kredit» haben.
Das Fazit aus den Studien ist also eine gewisse Vorsicht, den Konsum von ökologischen Produkten allzu schnell mit der Moral im Menschen gleichzusetzen.
Quelle: Mazar, N. & Zhong, Ch.-B. (2010). Do green products make us better people? Psychological Science, 21, 494-498. doi: 10.1177/0956797610363538
Bitte beachten Sie, dass diese Studie nicht in unserem Labor durchgeführt wurde. Wenn Sie an einer Studie in unserem Labor teilnehmen möchten, finden Sie dazu hier weitere Informationen.