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Argentinien gehört definitiv zu den günstigsten Reiseländern in ganz Südamerika, aber nur, wenn man sein Geld weder auf einer Bank wechselt noch am Bankomat bezieht. Dies haben wir dem Dollar Blue (blauer Dollar) Wechselkurs zu verdanken. Für uns macht er das Leben günstig, für Argentinier teuer und Auslandreisen sind für sie nur schwer finanzierbar.
Um das Prinzip des Dollar Blue zu verstehen, muss man ein wenig zurück in die Geschichte Argentiniens. Argentinien ist ein Land, das wie die meisten südamerikanischen Länder von Krisen und Instabilität geprägt ist. Dementsprechend instabil war seit jeher auch die Landeswährung, der argentinische Peso. Schon seit der Militärdiktatur in den 1970er Jahren, spielten die Politiker mit den Devisenmärkten, damit der Markt besser kontrollierbar war. Um den Kurs stabil zu halten wurde er 1991 für 10 Jahre an den US Dollar gekoppelt. Im Jahr 2001 brach das Finanzsystem zusammen und der 1:1 Kurs zum Dollar konnte nicht mehr aufrecht gehalten werden. Innert einem halben Jahr verlor der Peso extrem an Wert und mit ihm, alle Bankkonten der Bevölkerung. Der Drang Dollar zu kaufen wuchs stets, da auf die eigene Währung nicht mehr Verlass war. Durch die extrem hohe Staatsverschuldung des Landes, versuchte die Regierung anfangs des 21. Jahrhunderts die landeseigene Wirtschaft zu stärken und schränkte den Dollarkauf ein. Ab dem Jahr 2012 war es für Argentinier nicht mehr möglich legal Dollar zu kaufen. Da die Währung weiterhin stark an Wert verlor, war die Nachfrage nach Dollar aber weiterhin sehr hoch. So entstand ein grosser Schwarzmarkt auf dem der Dollar Blue bis heute zu hohen Preisen verkauft wird.
Die argentinische Bevölkerung hat gelernt mit dieser Instabilität umzugehen. Sparen, so wie wir das kennen, ist hier nicht möglich. Zu gross ist die Inflation. Allein im letzten Jahr gab es hier 50% Inflation. Als ich 2006/7 im Austauschjahr war, war 1 Franken 2.5 Pesos wert, heute sind es zum offiziellen Kurs 110 Pesos. Die Preise im Supermarkt können von Tag zu Tag ändern und man hat keine Übersicht mehr, was wie viel kostet. Deshalb werden hohe Preise, wie zum Beispiel für ein Motorrad oft in Dollar angegeben. Wenn man ein wenig Geld angespart hat, muss es am besten in Materiellem angelegt, oder in Dollar umgetauscht werden. Da Argentinier aber nur sehr wenige Dollar pro Monat legal beziehen können und dies auch nur zu horrenden Preisen (da hohe Steuern darauf erhoben werden) lohnt sich dies meist nicht und die meisten wechseln ihre Pesos auf dem 'illegalen' Markt in Dollar Blue. Dieser Markt ist zwar grundsätzlich illegal, aber den aktuellen Wechselkurs bringen sie täglich in den Nachrichten. Auch um mit der Kreditkarte etwas bezahlen zu können, oder im Ausland an Fremdwährungen zu kommen, bezahlen Argentinier horrende Steuern. Einige Jahre war es sogar unmöglich an Fremdwährungen im Ausland zu kommen. Wenn sie im Ausland an Bargeld herankommen wollten, mussten sie ins Casino gehen, dort mit der Kreditkarte Chips kaufen und diese in Bargeld zurücktauschen. Ansonsten gab es keine Möglichkeit für Bargeld. Dies hat sich zum Glück wieder etwas verbessert, sodass reisen grundsätzlich wieder möglich ist. Durch die hohen Steuern auf Fremdwährungen, bezahlen die Argentinier aber im Ausland eigentlich immer den doppelten Preis.
Umgekehrt bezahlen Ausländer in Argentinien immer den halben Preis, falls sie mit Bargeld bezahlen, das sie nicht von der Bank haben. Bargeldbezug in der Bank oder Zahlungen mit der Kreditkarte werden für Ausländer im offiziellen Wechselkurs abgerechnet (Stand 29.03.2022 1US$=110.8Pesos). Wenn man Dollar auf der Strasse wechselt, bekommt man den Dollar Blue Kurs (Stand 29.03.2022 1US$=200 Pesos). Der etwas legalere und einfachere Weg an Bargeld zu kommen, ohne dass man in Besitz von Dollar sein muss, ist der Bezug via Western Union. Im Moment kann man sich zum Dollar Blue Kurs Geld senden lassen. So bekommt man für jeden Dollar, Franken oder Euro doppelt so viele Pesos als auf der Bank. Dementsprechend ist Argentinien für Ausländer im Moment äussert günstig. Aber auch dieser Kurs wird sich wieder verändern und somit werden sich die Preise für Ausländer auch wieder verändern.
Auch wenn man die Preise für allerlei Produkte anschaut, ist dieser spezielle Währungskurs zu erkennen. Für ausländische Produkte werden hohe Steuern erhoben. So kosten die meisten ausländischen Produkte mindestens doppelt so viel (wenn man mit dem offiziellen Kurs rechnet) als an einem anderen Ort der Welt. Auf gewisse Produkte werden so viele Steuern erhoben, dass sie kaum noch zu bezahlen sind. So kostet ein Satz Motorradreifen der Marke Heidenau in Argentinien 1200US$, in Europa bezahlt man dafür keine 300US$. Andere Produkte findet man dann aber doch wieder zu ganz normalen Preisen, wie zum Beispiel Motorenöl von europäischen Marken. Für uns kosten diese Produkte dann halb so viel in Europa. Als Faustregel kann man sagen, alles was in Argentinien hergestellt werden kann, bekommt man zu anständigen Preisen und alles was aus dem Ausland kommt, kostet mindestens das Doppelte wie im Ausland.
Durch unseren Bezug zu Argentinien kannten wir das Thema mit dem Dollar blue und wussten, dass einige Produkte hier extrem teuer sind. Deshalb haben wir uns vorher genau informiert, was wir brauchen werden und wie viel es kostet und uns dann entschieden, dass wir neue Reifen von Chile mitnehmen werden. Dort bekamen wir sie nämlich zu den normalen europäischen Preisen. Motorenöl und Ölfilter kaufen wir hier zum halben Preis wie in Europa, den Kettensatz und die Zündkerzen kosteten uns mit dem Dollar Blue etwa gleich viel wie in Europa. Andere, Motorrad spezifische Ersatzteile sind so gut wie unmöglich zu bekommen und falls doch kosten sie ein halbes Vermögen. Da grosse Motorräder wie unsere hier als absolutes Luxusgut gehandelt werden, erstaunt uns auch der Preis der Ersatzteile nicht. Ein Beispiel: wenn man sich hier eine neue Kawasaki Versys kauft (Neupreis Europa 10'000US$), wird sie hier für 20'000US$ gehandelt. Wenn man Argentinier ist und für einen Dollar doppelt so viel bezahlt wie wir, kostet sie dann 4'000'000 Pesos (also eigentlich 40'000US$!). Sozusagen bezahlt ein Argentinier vier mal so viel wie wir für das selbe Motorrad, verdient aber wahrscheinlich etwa 4 mal weniger. Sprich unsere Motorräder sind hier absoluter Luxus!
Für uns ist dieser Kurs im Moment sehr entgegenkommend. Für die Argentinier tut es mir Leid und ich finde es nicht fair, dass ein Ausländer nur halb so viel bezahlt für die täglich notwendigen Dinge. Der Dollar Blue ist im Moment auf einem Höchststand verglichen mit dem offiziellen Kurs. Wie lange sich dieser so noch halten wird, steht in den Sternen. Für uns war es Glück und wir genossen es sehr, uns auch mal etwas kleines leisten zu können.