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Kunst
Lampedusa Love Quartett
"Uno, due, tre, quattro, cinque, sei, sette, otto, nove, dieci, undici, dodici. Mezzanotte" singt mit einem tiefen Bass Falstaff in der gleichnamigen Verdi-Oper Falstaff in Akt III,2 und setzt diesen Countdown gekonnt für die grausame Mordszene am Swimming Pool ein. Zwei Variationen hat es zu dem Thema schon gegeben, einmal mit Alain Delon und Romy Schneider in "La Piscine" (1969) und später "Swimming Pool" (2003). "A Bigger Splash" (2016) ist eine Neuaufnahme des Themas mit einer interessanten Variation, die gekonnt das aktuelle Flüchtlingsthema in die Handlung des Films integriert. "Sie können nicht noch mehr beleidigt werden als sie schon sind", sagt der sympathische Kommissar, der den Mord untersucht, über das Schicksal der Flüchtlinge ("excommunitari") auf der Insel Lampedusa. Marianne versucht, den Mord-Verdacht auf die Flüchtlinge zu lenken. Tilda Swinton - als Rockmusikern gänzlich unvorstellbar - spielt die Rolle der Verstummten, Marianne Lane, beeindruckend authentisch. Ralph Fiennes stößt mit seiner Rolle als Impersonifikation des Bösen in der Person von Harry Hawkes bestechend ab.
Urlaub im Süden
In einem wunderschönen Haus an einem Swimmingpool verbringen Marianne Lane und ihr um vieles jüngere Freund Paul De Smedt ihren Urlaub. "Ich hasse dieses Geräusch", ist der erste gesprochene Satz des Films und bezieht sich auf das nervende Handyklingeln, das die beiden Urlauber aus ihrem dösenden Strandschläfchen reißt. Aber gleichzeitig werden sie von einem Flugzeug überflogen in dem der eigentliche Störenfried sitzt, der sie gerade angerufen hat. Der Ex-Freund von Marianne Lane reist mit seiner 22- oder doch 17-jährigeren Freundin Penelope an, um wieder mal richtig Party zu machen. Er lädt auch gleich andere Freunde in das Haus seiner Ex ein, um mit ihnen auf Kokain ein paar Platten der Rolling Stones durchzuhören. Als Musikproduzent war er bei Vodoo Lounge dabei, aber er entscheidet sich dann doch für das unterschätzte Album und den gleichnamigen Titelsong "Emotional Rescue" in dem es u. a. - quasi die Handlung vorwegnehmend- heißt: [i]"I’ll be your savior, steadfast and true / I’ll come to your emotional rescue"[/i].
Vinylliebhaber aufgepasst!
Sobald die Nadel auf das Vinyl fällt, hört er endlich auf zu reden und beginnt zu tanzen, aber es ist mehr ein Zucken, denn die Drogen verändern seine ohnehin aufgesetzte gute Stimmung zu einer Karikatur der guten Laune. "Sag ihm nicht, dass wir uns unterhalten können" flüstert Marianne Paul beschwörend zu, doch später wird sie ihren Pakt mit ihrem neuen Freund brechen und auch mit Harry flüstern, aber auch schlafen. Ihre Stimme ist vom Singen zerstört und sie braucht Ruhe, aber ihre Vergangenheit holt sie in der Person von Harry wieder ein. Marianne wehrt sich dagegen und will ein neues Leben, aber sie steht immer noch im Bann von Harrys aufdringlicher Persönlichkeit. Die Kamera kreist im Wohnzimmer und Mick Jagger singt [i]"Is there nothing I can say, nothing I can do to change your mind?"[/i], später sucht Paul ihr ein Kleid aus und schenkt ihr einen Cunnilingus. "Diese Invalidengeschichte steht dir gut. So kann er dich mal pflegen", sagt ihr Ex-Mann Harry sarkastisch und bezeichnet Paul als jungen Langeweiler. Karaoke wird von ihm gesungen, aber die Welt ist nicht bereit für seine Ehrlichkeit. Eine lange Wanderung bringt die beiden Jungen zusammen, während die Alten ihre vergangene Liebe beim Einkaufen von Ricotta beschwören.
Lampedusa Love
Die karge Landschaft Lampedusas kontrastiert das reiche Gefühlsleben des Quartetts, das - wie in so vielen anderen französischen Filmen - das "Trama" des Films konstruiert. Aber das "Drama" ist auch der Kontrast der Probleme der Reichen und jene der Armen dieser Welt, was zu einer beschämenden Parodie auf unsere Zivilisation wird. Während die einen um ihr Überleben kämpfen, verstricken sich die anderen in egoistischen Beziehungsproblemen. "Es war fantastisch, ich werde es niemals vergessen.", sagt Penelope am Ende und will in eine ungewisse Zukunft abreisen. Aber auch die andere Abschiedsgeschichte wird wohl Filmgeschichte schreiben, wenn bei strömendem Regen der Kommissar das Liebespaar noch einmal aufhält und nun auch dem Zuschauer der Atem stockt. Ein Abschied ähnlich wie in Casablanca, nur dass es hier einen Toten zu viel gibt.
Der bemerkenswerte Soundtrack von Verdis Falstaff bis Popol Vuhs Aguirre-Collage soll hier ebenfalls nicht unerwähnt bleiben. Wenn der Film insgesamt doch etwas unbedarft wirkt, ergibt er insgesamt doch eine prächtige - sogar politische - Message. Sehenswert!