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Das japanische Kurzgedicht Tanka ist eine über 1’300 Jahre alte, reimlose Lyrik-Form mit 31 gewichteten Silben (Moren) im Rhythmus 5-7-5 (Oberstollen) und 7-7 (Unterstollen).
Unser Frühlings-Gedicht des Tages „Weil die Nachtigall“ stammt von der japanischen Lyrikerin und Nonne Nomuro Bôtô (Moton Nomura). Sie war eine Dichterin der späten königlichen Tokugawa-Ära und lebte von 1806 bis 1867, also gegen Ende der Edo-Periode. ♦
„Gedichte werden nie aussterben! Die jungen Leute heute glauben, das Digitale sei die Lösung. Aber jeder von diesen Schülern kann mindestens ein Dutzend Pop-Songs auswendig, auch den Text. Und was ist der Text eines Pop-Songs? Er ist, technisch gesprochen, ein Gedicht! Also, das wird nicht verschwinden.
Oder die alte Frau, die betet: „Vater unser…“. Was ist das anderes als ein Gedicht! Oder der Fussballer, der die Nationalhymne singt – was ist denn das? Das sind alles Gedichte!
Also, ich habe keine Angst, dass das Gedicht ausstirbt…“
Wenn man die neuen (eher kurzen) Gedichte in „Flügel zum Nichtfliegen“ des Basler Schriftstellers Roger Monnerat nacheinander liest – sagen wir jeden Abend ein paar, was durchaus möglich ist -, dann stellt sich nach und nach der Eindruck ein, hier beschreibe einer ein Leben. Vermutlich sein eigenes, denn er scheint ziemlich vertraut damit zu sein.
Zumeist sind es alltägliche Situationen, die Monnerat beschreibt. Das erste Gedicht beginnt tatsächlich mit dem Aufwachen am Morgen, und das einzig Unerwartete ist, dass die Erde stehen bleibt, während der Protagonist aufsteht, obwohl er ihr doch befohlen hat, sich weiterzudrehen – aber daraus folgt nichts.
Und so geht es weiter. Manchmal stutzt man, so beim Gedicht Nr. 3, wo Monnerat seinen Garten beschreibt und plötzlich fragt: „Wie sähe unser Brunnen / für die toten Kinder aus?“
Aber das gehört natürlich dazu, denn eine Lyrik, die man immer weiterlesen kann, ohne auch nur einmal den Kopf zu heben und zu blinzeln, ist zumindest in der Moderne nicht vorgesehen.
Mit der Kawasaki nach Italien
Abgehoben sind die Gedichte jedenfalls nicht. Tankstellen kommen vor, eine Kawasaki 550, mit der der Protagonist nach Italien fährt, auch von Sexualität ist die Rede. Zitat:
66
Monotone Stunden auf der Autobahn. Zigaretten angebrannt und hinübergereicht, im Radio Musik, die wegrauscht und wiederkehrt.
Später kleine Städte, die Namen gleich wieder vergessen, aber vom letzten Mal erinnert, ein Bistro, mit Spiegeln an den Wänden. Gegenüber ein Tabac und unter Platanen alte Männer auf Stühlen im langen steinernen Brunnentrog plantschen Kinder.
Petra Krause hat das gemocht. Werner Sauber, auf dem Weg hinunter ans Meer.
Eigentlich bräuchte es keine Zeilenbrüche. Es könnte auch der Anfang einer Reisebeschreibung sein. Nur die letzten beiden Zeilen irritieren, weil man nicht weiß, ob das eine Erinnerung an Menschen ist, die man nicht kennt, oder eine Metapher, die man nicht versteht.
Manchmal setzt Monnerat sich auch mit der Lyrik anderer Dichter auseinander. So zum Beispiel in Gedicht Nr. 75 mit William Carlos Williams berühmtem Poem So much depends on a red wheel barrow:
75
Ob viel von der mit Regenwasser gefüllten roten Stoßkarette unter weißen Hühnern abhängt, ist Ansichtssache
Gut gemacht scheint mir Cyrano de Bergeracs Nachtigall die, auf einem hohen Ast sitzend, sich tief unten im hellen Bach zwischen den Steinen gespiegelt sieht und glaubt, sie sei ertrunken.
Gewiss kann man über Williams‘ Gedicht diskutieren, weil es so kurz und scheinbar banal ist, aber ob man darüber wiederum ein Gedicht schreiben sollte, erscheint mir doch fragwürdig.
Andere Gedichte erzählen in kurzen Skizzen von Erfahrungen, die fast jeder kennt:
81
Wo ein Haus zwischen Birken steht Und Wäsche aufgespannt an der Leine hängt Werfe ich die Last ab und will bleiben.
Du stehst am Fenster und siehst mich mit Erstaunen.
Kennst du mich noch?
Gibt es einen anderen?
Hast du Kinder? Und wie viele?
Vor der Garage steht ein Motorrad. Fahrräder liegen im Gras.
Ich schultere meine Last und gehe.
Das Wiedersehen mit Menschen, die man einmal geliebt hat, ist ein bekanntes Thema in der Literatur. Monnerat hätte zweifellos mehr daraus machen können; Wenn man das Bild von der „Last“ abzieht, könnte das auch „nur“ eine Kurz- bzw. Kürzestgeschichte sein.
Wahrscheinlich ist es dies, das mich stört: Monnerats Gedichte scheinen mir zu wenig verdichtet, zu nah an der Prosa zu sein. Mehr oder weniger sind es plane Alltäglichkeiten, ausgehend von einer Beobachtung oder einem Gedanken – und oft steht am Ende die Moral von der Geschicht‘.
Man kann sich damit zufriedengeben. Für mein Empfinden ist es ein bisschen zu wenig. ♦
Der deutsche Satiriker Wolfgang J. Reus hat sich schon Mitte der 1980er Jahre insbesondere durch seine humorvoll-maliziöse Kurzprosa im legendären Schweizer „Nebelspalter“ sowie in grossen Zeitungen wie der „Frankfurter Rundschau“, der „Süddeutschen Zeitung“ und der „Sächsischen Zeitung“ u.v.a. einen Namen geschaffen. 1992 legte er im ehemaligen SCRIPTUM Verlag, eingeladen von dessen damaligem Herausgeber Walter Eigenmann, unter dem Titel „So was und wie“ erstmals eine grössere Auswahl auch seines lyrischen Schaffens vor.
Den Gedichten von Wolfgang Reus eignet dabei in hohem Masse, was schon seine satirischen Arbeiten bekanntgemacht hatte: Sprachliche Raffinesse, formales Kalkül, geschliffener Wortwitz – und eine dichterisch ganz originale Sichtweise voller Engagement, ja teils Emotionalität, doch immer ohne alle Larmoyanz.
Tragischerweise fand dieser Dichter, Satiriker und Menschenfreund einen viel zu frühen Tod. Sein Gedichtband „So was und wie“ sollte seine erste und zugleich letzte eigene Buchpublikation gewesen sein.
Aufgrund eines grösseren Restbestandes können wir hier exklusiv diesen (im regulären Buchhandel vergriffenen) Lyrik-Band zu einem stark reduzierten Vorzugspreis nochmals anbieten!
Wolfgang Reus: So was und wie – Gedichte, Scriptum Verlag 1992, 56 Seiten SFR 8.- (inkl. Versand) ♦ Euro 10.- (inkl. Versand) ♦ Nur gegen Vorkasse
Gedichte schreiben ist kein großes Risiko. Niemand muss wissen, dass man so etwas tut. Man muss sie ja niemandem zeigen. Das Unglück ist nur: Gedichte kommen meist aus dem überquellenden Herzen. Sie werden nicht geschrieben, damit sie in der Schublade vergilben, sondern damit jemand sie liest, der so ähnlich fühlt. Also zeigt man sie den Menschen, die man liebt: der Freundin oder dem Freund, und jenen, von denen man annimmt, dass sie einen verstehen. Die werden schon nicht allzu kritisch mit ihnen umgehen.
Und irgendwann kommt vielleicht auch der Zeitpunkt, wo man beschließt, die eigenen Produkte seien so gut, dass man sie einer größeren Öffentlichkeit präsentieren will. Dann kann man nicht mehr unbedingt mit dem Wohlwollen der Leser rechnen; dann wird es womöglich auch Kritik geben.
Dieser Tatsache ist sich der Autor des neuen Lyrik-Bändchens „Dolor de Desiderio“ bewusst; Jasha Gnirs schreibt in seinem Vorwort: „Es mag sein, dass dieses künstlerische Werk wenig Beachtung finden und in irgendeiner Schublade landen wird, ohne gelesen und ohne gehört zu werden. So mag es sein, dass dieses Werk der Schreibtischschublade unnötigerweise Platz wegnimmt.“
Kein schöner Gedanke, aber immerhin ist Autor Gnirs der Ironie fähig. Allerdings stellt er dann auch noch den Anspruch, seine Gedichte seien Kunst – und spätestens da wird es ernst.
Gesucht: Originalität
Nun will ich nicht gleich das ganz große Geschütz auffahren und behaupten, ein Kunstwerk müsse völlig neu und überraschend sein und etwas ausdrücken, was so noch nie gedacht oder dargestellt worden ist. Gemessen an diesem Anspruch gibt es wohl nicht viel Kunst, denn vermutlich ist alles schon einmal gedacht worden, und die Möglichkeiten neu zu malen oder zu schreiben sind begrenzt. Dennoch: ein bisschen Originalität wird man schon fordern dürfen…
Aber die Gedichte von Jasha Gnirs sind nicht originell. Je mehr von ihnen man liest, desto weniger passen sie in dieses Jahrhundert. Eher hat man das Gefühl, ein nicht besonders erfolgreicher Dichter aus der Romantik des frühen 19. Jahrhunderts habe sich zu uns verirrt und biete nun seine Sachen aus dem Bauchladen dar.
Man erkennt ihn schon an seiner altmodischen Kleidung. Alle Gedichte sind gereimt. Das ist zwar neuerdings wieder möglich, aber dann sollte der Inhalt umso überraschender sein.
Und sie handeln von einem Thema, über das schon unzählige Dichter geschrieben haben. Vielleicht wollte der Autor das ein wenig verschleiern, indem er den auf den ersten Blick etwas rätselhaften Titel „Dolor de Desiderio“ („Schmerz der Sehnsucht“) wählte.
Herzblut ohne Distanz
Sicher: Es geht um die Wunden, die das Leben uns zufügt. Darüber kann man schreiben. Nur braucht es dafür nicht nur viel Herzblut, sondern auch einiges an Distanz, wenn man nicht allzu persönlich werden will. Dafür fehlt Gnirs aber offensichtlich der Mut. Er will geliebt werden. Und so entstehen Gedichte wie das folgende (Zitat):
Das zweite Blühen
Komm, du Leser und begib dich leise
Mit mir auf eine lange Reise
In die weiten Weiten des Himmelreichs.
Komm du nur und scheu dich nicht
Siehst du nicht das kleine Licht
Das am Ende dieses Weges weilt?
Ich sehe es, ich fühle es.
Mir wird ganz warm um meine Brust!
Auf einmal spür ich heiße Lust!
Ich habe es schon lang gewusst,
Dass dies nicht das Ende ist.
Denn endet wo ein langes Leben
Endet wo ein ewig‘ Streben
So beginnt nun hier das neue Fühlen.
Das liebe Lachen, das zweite Blühen.
Und so weiter.
Es mag Menschen geben, die sich nicht an der altertümelnden Sprache und den verbrauchten Bildern („heiße Lust“, „ewig‘ Streben“ etc.) stören. Ich gehöre nicht dazu.
Ich glaube, ich weiß, wo das Büchlein seinen Platz finden wird. ♦
Jasha Gnirs: Dolor de Desiderio – Gedichte, 62 Seiten, Rediroma Verlag, ISBN 978-3-96103-620-2
Jahrgang 1963; geboren, aufgewachsen und wohnhaft in Burgdorf/Emmental; verheiratet, Vater zweier Söhne; 1982 bis 1988 Theologiestudium in Bern, dann Wechsel in den Journalismus; von 1996 bis 2012 Redaktor bei der „Berner Zeitung“; heute Redaktionsleiter Bern der Monatszeitung „reformiert“; Autor von Romanen, Erzählungen, Lyrik und Theaterstücken.
Nachdem ich „Baustellen des Himmels“, den aktuellen Gedichtband von Harald Grill, entdeckt hatte, war mir die Assoziation zu Jan Wagners „Probebohrung“ sofort präsent. Zwei unterschiedliche Lyriker, was Alter, Sprache und Themen betrifft, zeichnen ein offensichtlich motivähnliches Bild. Der eine 2001 als Debütant, der andere 2017 nach über 60 Jahren, in denen er „einfach“ (in des Wortes doppelter Bedeutung) gelebt hat, indem er mit dem Rucksack ohne Hotelbuchungen auf beiden Beinen auf Landerkundung gegangen ist und in Rundfunkreportagen und Einzelveröffentlichungen seine Wegpoesie zum Ausdruck brachte: „einfach gehen“, „auf freier strecke“ und so weiter waren seine Titel. Ich wollte dahintersteigen, wie poetisch fühlende Autoren das Thema bearbeitet haben.
Ich denke bei Himmel an: Glauben, Gottes Ort, Horizont, Erde und Himmel, Religion, Kirche. Bei Religion an Erklärungsexperimente für die Bindung des Menschen zu seinem Urheber, seinem Ursprung, seiner Herkunft, zu der er naturgemäß in einer Art genetischem Bezug stehen wird. An die Beziehung und das Verhältnis der Spannung zwischen dem Allmächtigen und den Sterblichen.
Baustellen sind für mich vorrangig etwas Vorhandenes, das repariert oder korrigiert wird. (Selbstverständlich sind Baustellen auch dort, wo ganz neu gebaut wird. Aber das geschieht in der Regel auf vorhandenem Grund.) Die Pläne werden von Individualisten gefertigt, die daran Anstoß nehmen, nicht vom ursprünglichen Verursacher oder Schöpfer. Lücken sind zu schließen, Löcher zu füllen, abzudichten, Mauern, Halterungen neu zu errichten.
Unter Dichtung verstehe ich vorrangig eine Beschreibung des Umfassenden im Alltäglichen, Kleinteiligen, das mich umgibt. So gesehen sind beide menschlichen Urbedürfnisse verschwistert.
Ich hoffe bei meinem Vergleich eine Erkenntnis über die Versuche zu finden, wie man sprachlich der transzendenten Dimension menschlichen Seins näher kommen könnte. Wie ist es bei den beiden genannten Schriftstellern der Fall?
Bei Harald Grill scheint der religiöse Hintergrund ohne Umschweife offen sichtlich in Wort und Bild durch.
Beim Lyrikdebüt Jan Wagners ging es dagegen in erster Linie um sprachliche Bilder als Impulsmetaphern zum Weiterdenken. Offenbar spricht er von sich selbst, doch seine Bilder des „Lyrischen Stilllebens“ (siehe „nature morte“: ein Fisch auf Zeitungspapier) zeigen auch für uns Wiedererkennbares. Das weckt Lust zum Vergleichen, regt an zum Mitdenken.
Ich beschränke mich bei dieser Betrachtung auf sein titelgebendes, drittes Kapitel des Bandes „Probebohrung im Himmel“.
100 Gedichte über den Himmel
Zwischenzeitlich bin ich auf eine aktuelle Publikation mit dem Titel „Der Himmel von morgen“ gestoßen. Sie ist in gewisser Weise die Summe zu meinem Motto. In der von Anton G. Leitner herausgegebenen Anthologie wird das Thema in circa 100 Gedichten behandelt. Sie gewährt einen Blick in die diesbezügliche zeitgemäße Lyrik.
Darin überwiegt profanes, laienhaftes, literarisches Sprechen. Der Mensch wird als wertoffenes, anthropologisch schöpferisches Wesen aufgefasst, das sowohl sein inneres wie sein äußeres Erleben und Erleiden darstellen und mitteilen möchte. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass auch das Wort „Schöpfung“ eher vermieden wird, um sich nicht womöglich als Kreationist abstempeln oder festlegen zu lassen.
Im christlichen Verständnis wäre Reden von und mit Gott ein Schritt mehr, nämlich die in Gedanken und Worten geäußerte Bejahung mit allen Fasern des personalen Existierens dem Transzendentalen anvertrauen zu können, weil es ihm zugewandt erfahren wird. Verstärkt würde dieses bekennende Gefühl durch die Teilhabe an der Gemeinschaft der Gläubigen und die Anerkennung der verheißenen Zuwendung des Schöpfers.
Ich stelle die drei Bücher einzeln vor und fasse dann zusammen.
II. Harald Grill: „baustellen des himmels“
Der Titel „Baustellen des Himmels“ verheißt ein selten bedichtetes Thema. Die Gedichte selbst beinhalten diesen Titel kein einziges Mal expressis verbis, wie das ansonsten gegenwärtig gängige Praxis der Verlage zu sein scheint. Aber der Himmel wölbt sich über jedes Gedicht und spricht den Leser aus nahezu jedem an. Das nenne ich eine gekonnte Themengestaltung. Jedes einzelne beschränkt sich mehr oder weniger auf ein reales Bild, das Harald Grill gelungen metaphorisch nach vielen Seiten durchleuchtet und feinsinnig formuliert. Und zwar in einer prägnanten und präzisen Sprache, direkt und gefühlt immer aus dem Herzen des Menschen gesehen. Gedichte sind nach seiner Anschauung angelehnt an Träume. Das kennen wir von seinen Dialektgedichten, aber auch hier in der Hochsprache führt seine spartanische Knappheit, lenkt sein dezentes Andeuten, das sanfte Antippen zu neuen, tieferen Denktipps und Gefühlsschichten.
Aussagen, die thematisch nach meinem Verständnis am deutlichsten themenrelevant sind:
Bereits das erste „Besuch im Kloster“: Dreieinigkeit vermenschlicht: Die Göttlichkeit muss vor den Fußgängern am Zebrastreifen, den das Licht in den Kreuzgang des Klosters wirft, anhalten. Neben dieser frappierenden Metapher fällt die sinnige Folgerung auf: Gott Vater, Sohn und Geist sind offenbar in einer Limousine unterwegs, also auf den Straßen dieser Erde. Aber eben auch nicht barfuß in Sandalen.In „Schick mir ein Foto“ wird der Himmel als eine „andere Art von Hölle“ bezeichnet.
Respektvoll strahlender Glanz
Harald Grill wurde 1951 geboren, wuchs in Regensburg auf und lebt seit 1978 in Wald im Landkreis Cham in der Oberpfalz. Er war Pädagogischer Assistent und ist seit 1988 freier Schriftsteller und Mitglied des deutschen PEN-Zentrums. 2000/ 2001 unternahm er zwei Spaziergänge, einmal vom Nordkap her und danach von Syrakus zu Fuß nach Regensburg, für das Projekt „Zweimal heimgehen“. Von Juli bis November 2015 reiste er durch Rumänien und Bulgarien bis Odessa. Grill hat Prosa, Gedichte, Kinderbücher und Nachdichtungen publiziert und arbeitet fürs Theater, Radio und Fernsehen. Mit verschiedenen Kulturpreisen und Stipendien wurde er ausgezeichnet. Eine ausführliche Bibliographie ist u. a. auf Harald Grills Homepage zu finden.
Eine Botschaft ohne Biss vermittelten „Barockkirche(n)“, weil sie in Goldpapier eingewickelte Pralinen bleiben. Auch das lese ich als amüsante kritische Anmerkung zum halbherzigen Verhalten kirchlicher Gepflogenheiten und gleichzeitig als nostalgische Erinnerung süßerer Zeiten.
Schließlich noch „Vor dem Einschlafen“: Es gibt am „Rand der Steilküste meiner Welt“ ein Spanntuch zwischen Himmel und Erde. Die Ähnlichkeit zum Springtuch, das Retter in höchster Not ausbreiten, ist vorhanden. Jedoch das Tuch bei Grill ist bereits gespannt, aufgehalten von unsichtbaren Händen.
Harald Grill verleiht seinen lyrischen Bildern einen respektvoll strahlenden Glanz, indem er Gott in die Welt der Menschen integriert und ihm dadurch Menschlichkeit attestiert. Das gibt den Gedichten langen Nachhall und intensive Nachhaltigkeit.
III. Jan Wagner: „Probebohrung im Himmel“
Wagners Gedichte formulieren knapp, aber poetisch flüchtige Augenblicke in einer Melange aus wohlüberlegter Sachlichkeit und Erkenntnisfunken einer im Alltäglichen transzendent aufblitzenden emotionalen Magie. In dem betreffenden mit der ungenauen Ortsangabe titulierten Gedicht „Hamburg – Berlin“ kommt für mich dieses Dahinter-Sehen und darin Erkennen-Können am deutlichsten zutage. Er sieht zwei Windräder und sieht auch, dass sie „eine probebohrung im himmel vor“(-nehmen). Und: „gott hielt den atem an“ – und ich hielt ebenso inne, um zu staunen und nachzudenken. Probebohrungen werden gewöhnlich in den Boden gerichtet, um nach Wasser für Brunnen oder Öl- und Gasquellen zu erforschen. Auch Bohrungen zum Erdkern hin werden unternommen. Jedenfalls kann nur dort ein Loch erstellt werden, wo eine feste Grundlage zum Durchbohren vorhanden ist. (Das „tiefste (zugängliche) Loch“ auf der Erde wurde bei einem kontinentalen Tiefbohrprojekt [KTB] in Bayern bei Windischeschenbach nördlich von Weiden in der Oberpfalz als Kontaktzone zweier großer Kontinentalschollen erbohrt).
Das nach oben, in die Luft, in unfesten Stoff gerichtete Bohren im Gedicht von Jan Wagner ist für den ersten Eindruck ein Stochern im Nebel – oder menschliches Bemühen, in die Nähe des „Himmels“ zu gelangen. Dabei ist es nicht entscheidend, ob das zu ökologischen Zwecken oder aus sonstigen Gründen geschieht. Beim zweiten Gedanken erschließt sich eine völlig neue Dimension, die unsichtbare Bohrkerne zutage fördern könnte – wenn man sich auf sie einlässt.
Während einer Zugfahrt an der Strecke zwischen Hamburg und Berlin hat der Autor diese Beobachtung gemacht. Windräder als Zeichen für Besinnung auf natürliche Energiegewinnung, Reduktion der Ausbeutung, negativ: zu überdimensioniert, nicht landschaftsgemäß etc. Es muss gearbeitet werden, ökologisch. Das ist eine doppelte Baustelle.
Firmament und Himmel gehören zur Erde
Jan Wagner wurde geboren 1971 in Hamburg und lebt seit 1995 in Berlin. Er ist Lyriker, Übersetzer englischsprachiger Lyrik sowie Essayist. Mit dem Gedichtband „Probebohrung im Himmel“ debütierte er 2001. Für seine Gedichte, die für Auswahlbände, Zeitschriften und Anthologien in über dreißig Sprachen übersetzt wurden, erhielt er unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse (2015) und den Georg-Büchner-Preis (2017). Er ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz, der Freien Akademie der Künste in Hamburg sowie des P.E.N.-Zentrums Deutschland.
Hier ist eine der beiden Stellen auf circa 70 Seiten, an der Jan Wagner das Wort „Gott“ gebraucht. Man kann die Windräder also durchaus religiös deuten. Weswegen auch immer der Schöpfer die Luft anhalten mag. Aus Furcht vor dem Eingreifen der Menschen ins All? Aus Staunen über den Einfallsreichtum menschlichen Geistes?
Spätestens beim darauf folgenden Gedicht „Quedlinburger Capriccios“ wird die Denkweise logisch legitimiert. Bei Starkregen in der Quedlinburger Gegend sieht er Tauben auf dem First des Quedlinburger Doms, eine Verknüpfung zum Himmel erscheint im doppelten Grau. Firmament und Himmel gehören zur Erde und zum Menschen, sie bewegen einander und sollten zusammengehalten werden als „Nieten“ für „… schieferdach und himmel …“
Das gelingt meines Erachtens nur einem, der das Staunen über die allumfassende Dimension des Überirdischen im Weltlichen nicht verlernt, sondern neu beziehungsweise anders entdeckt hat. Indirekt, durch die Wörter, ist Wagners Dichtung eine Verneigung vor den Naturgewalten, die wissen, dass Menschen sie nie fassen werden. Diese Macht bleibt indifferent, sie wird keiner Ursache und keinem Verursacher zugeordnet. Doch jene scheint stärker als die der Kreatur.
Eine sanfte Kritik am Bestehenden kommt im Gedicht „Im Norden“ auf: Die Kirchen blicken dort „… trotzig in den himmel,/wartend darauf, daß gott als erster blinzelt“.
IV. Anton G. Leitner: „Der Himmel von morgen“
Die Auswahl der 100 Gedichte in „Der Himmel von morgen“ und das Thema tragen unzweifelhaft die Handschrift des Herausgebers Anton. G. Leitner, der auch die Lyrikzeitschrift „Das Gedicht“ initiiert hat. Daraus hat er (vorwiegend aus dem Band 25 „Religion im Gedicht“) thematisch passende Gedichte gesammelt und gibt mit seinem eigenen Beitrag „Der Tod“ die Richtung vor. In seinen Lyriktexten schreibt er im Allgemeinen so, als seien Wörter Assoziationswogen und Denkwellen, die er in einem bewegenden Rhythmus schaukeln und überschwappen lässt. Formal finden sich nur drei gereimte und metrische Gedichte. Ansonsten herrschen lockerer Rhythmus und freie denkerische wie gestalterische Vielfalt vor.
Die Anthologie ist als Querschnitt zeitgemäßer Lyrik zum Thema „Gott und die Welt“ anzusehen. Darin zeigt sich ein Aquarellbild hinter entfernendem Schleier, eine Generation des Übergangs in hoffender teils enttäuschter Erwartungshaltung. Sowohl die Hoffenden als auch der Erhoffte seien erschöpft. Immerhin sind das Aussagen und nicht allein Vermutungen oder Revolte gegen Bestehendes. Eine theologische Sammlung oder solche Ambitionen hegt die Sammlung nicht. Es geht um Bekenntnisse von 90 zeitgenössischen Lyriker/innen.
Auszug: Gerald Jetzek: ironisiert im „Ökonomischen Konzil“, dass er zu wissen glaube, warum „Glauben wichtiger ist als Denken“. Judith-Katja Raab ist mit dem „Ketzerischen Credo“ vertreten, Georg Langenhorst mit „Thomaszweifel“. Lutz Rathenow will mit dem „Schöpfer“ reden. Tanja Dückers wird sinnlich beim „Kuscheln mit Gott“.
Wenn so der „Himmel von morgen“ aussehen soll, dann ist nur ein Nebelvorhang zu sehen, wohingegen der barocke Himmel auf Erden fröhlich und strahlend gestaltet worden ist. Der Anthologie-Titel ist dem zweiten Vers des Gedichtes „Bauplan, blassorange“ von Sabine Minkwitz entlehnt. Auch hier taucht die „Baustelle Himmel“ auf.
Ich will aber nicht spekulieren, wie das gedeutet werden könnte. Einige Kernaussagen aus der Anthologie sollen für sich selbst sprechen.
Moderne Lyrik des Unbeschreiblichen
Anton G. Leitner wurde 1961 in München geboren. Der examinierte Jurist ediert seit 1993 die Jahresschrift „Das Gedicht“. Seit 1984 außerdem mehr als 40 Anthologien vor allem für die Verlage dtv, Hanser, Goldmann, Reclam, Sankt Michaelsbund. Neben herausgeberischen Tätigkeiten veröffentlichte Anton G. Leitner bislang elf eigene Gedichtbände, drei Hörbücher, zahlreiche Essays, Kritiken, Kurzgeschichten, eine Erzählung und ein Kinderbuch. Er ist Mitglied der Münchner Turmschreiber und der Valentin-Karlstadt-Gesellschaft. Vielfach wurde er ausgezeichnet, neben anderen 2016 mit dem „Tassilo-Kulturpreis“ der Süddeutschen Zeitung.
„Der Himmel von morgen“ ist in vier Abschnitte untergliedert.
I. Über Gott schweigen eingedenk der Leiden und des Unlogischen:
logisch; Kopfgespinst; erschöpft vom Hoffen; Gott sei nicht zu ändern, also schweigen. Kutsch hegt „Einsicht“; ökonomisches Konzil; ketzerisches, kapitalistisches Credo; Thomas-Zweifel; Der Alpha-bete.
II. Die erinnerte Oma-Frömmigkeit mit den einzigen drei gereimten Gedichten entsprechend der vergehenden Generation:
ein Tauflied etwa (gereimt) und tierische Gebete, ebenso das Lob der Beichte (gereimt), Wasserläufer, tierisches Arche-Gebet, Karpfen-Weihnachtsgebet (gereimt) sowie Kommunionerinnerungen.
III. Glaubenseintopf mit Religions-Allerlei (allerdings ohne Rezept):
Als Gebet sei das Wort Gott allen gegönnt. Die Götter sind darauf bedacht, sich nicht zu nahe zu kommen. „Ein Fünfter“ [= theologische Botschaft:] Gott will Neues erfahren – „in mir“ (Grengel). Suche nach der Perle des Himmelreiches. Bekreuzigung der Fußballgötter. Erschöpft vom Erschaffen (teils gereimter Rap) und „Der Erlöser schweigt“.
IV. Am Ende wird alles gut:
Sinnieren; saumselig meditieren. „Wer Sterne zählt, verzweifelt“. „Selig, denn sie glauben nicht.“ Jonas Walfischbauch als Heimat (Jan Wagner). Finnisches Nordlicht scheint ins Gesicht. Nachklang des Kreuzes; Papiergeläut; Psalm über „luft gott luft“; die Gnade des Loslassens. Der Tod: sich mit dem „Nichts in blinder Erwartung“ anfreunden (A. G. Leitner). „Bauplan, blassorange“. Nach der Erschöpfung sei dem Herrn eine Pause gegönnt, um neu zupacken zu können.
Zusammengefasst: Die Mehrzahl dieser ausgewählten modernen Lyriker windet sich um das Unbeschreibliche, indem sie ihre religiöse Anamnese sprechen lassen. Eine direkte Ansprache Gottes, wie in der Form des Gebets, ist nicht zu finden, es sei denn in retrospektivem Blickwinkel. Man erwartet Gottes Handeln ohne eigenes Zutun. Das mag der gängigen Denkweise der gegenwärtigen Generation entsprechen.
V. Zusammenschau
Um dem Grundtenor auf die Schliche zu kommen, habe ich unter anderem zwei themenrelevante Begriffe konkordanzmäßig in Augenschein genommen. Die ausgewählten Termini „Schöpfung, Schöpfer, Himmel“ sind keinesfalls repräsentativ zu verstehen und sie eignen sich nicht zuallererst als poetische Wortwahl. Ich benutze sie lediglich als Zufallsproben, als Testkriterien, zumal ohnehin keiner der betrachteten oder zitierten Lyriker den Anspruch der Christlichkeit reklamiert oder unter dem Aspekt veröffentlicht hat. Meine Recherchen erheben ebenso wenig wissenschaftlichen Anspruch. Sie sind die Sichtweisen durch die Linsen eines der Lyrik zugeneigten Lesers. Was findet sich bei der Suche nach relevanten Aussagen? Es sind drei Nennungen von „Schöpfung“ in der Anthologie von Leitner, bei Grill keine einzige, bei Wagner eine. Der Begriff „Schöpfer“ ist in der Anthologie zweimal erwähnt. Weiterhin ist folgende Häufigkeit festzustellen: In den etwa 40 Seiten von Harald Grills „baustellen des himmels“ kommt der Himmel sechs- und Gott viermal vor. Bei Jan Wagners „Probebohrung im Himmel“ taucht auf den circa 70 Seiten Gott dreimal auf, der Himmel 18-mal. In Leitners circa 110-seitiger Anthologie „Der Himmel von morgen“ ist der Himmel etwa 16-mal und Gott gut 30-mal zu zählen. Dabei ist zu beachten, dass in den wenigsten Fällen Himmel als das paradiesische Jenseits gemeint ist, sondern meistens als Firmament oder als Ausruf gebraucht wird. Im Ergebnis ist das ein eher sparsamer Umgang mit den Zielbegriffen.
Vererdlichung des Jenseits
Die Autoren verwenden die gängigen Wörter als geläufige Bilder und sind im Übrigen bemüht das Jenseits zu vererdlichen, wobei sie es nicht nach den Maßstäben des Menschenauges ausmalen wollen, um es göttlich sein oder werden zu lassen, wie etwa die barocken Baumeister in ihren ausgeschmückten Gotteshäusern. Jene holten den Himmel wesentlich bildkräftiger in die Welt der Menschen hinein. Dadurch wird eine Vielfalt individueller Vorstellungen erreicht, die Toleranz und Demokratie suggerieren. Die einheitliche Linie zur orientierenden Auseinandersetzung fehlt. Allenfalls ein Trend zu lockeren Denkweisen und Gottes Einbeziehung als „Macher“ ist zu erkennen.
Gelegentlich ringen einige Autoren nach zeitgemäßen Synonymen. Ihre Baustellen sind aber offensichtlich noch lange nicht so weit fortgeschritten, geschweige denn fertiggestellt, dass die Einweihung eines neuen verbindlichen Sprachgebäudes von Gott im Himmel verkündet werden könnte.
Lyrisches Reden von Gott und Himmel in den genannten zeitgemäßen Gedichten ist mit der Metapher „Baustellenmodus“ lyrisch treffend beschrieben. (Die Bereiche Esoterik und Meditation etc. wurden hier bewusst nicht berücksichtigt). Der Tenor in den berücksichtigten Gedichten sind irdische Poems, nicht himmlische oder religiöse Psalmodien. ♦
Die Lyrik in „Antiphonia“ von Jörg Schieke ist kein Lied zur Laute gezupfter, melodischer Reimlaute, sie ist eher das Trommelfell einer Pauke, auf der sämtliche Wohllaute und Disharmonien geschlagen werden.
Das Lyrische Ich übernimmt in diesen Gegenlauten eine gegenwartsnahe, mehrnationale Exempelfamilie mit programmatischen Vornamen – etwa Heinrich (respektive Heiner), oder auch Thorben. Als Allerstes dachte ich an Doktor Heinrich im „Faust“. Doch dann musste ich lesen: „… hat noch in keinem/weiblichen Wesen seine Erkennungsmelodie/hinterlassen….“ Solche Charaktereigenschaften taugen nicht für diese Adelung. Außerdem wird er bereits in einer der nächsten ungereimten Strophen zum „Fettwanst Heiner“ degradiert.
Im zweiten Kapitel ist er der Erfinder von „Das Antiphon“ und wird zu einer der Hauptfiguren. Das wiederum weckte in mir für einen kurzen Moment den Vergleich mit dem Stimm-Instrument des Oskar in der „Blechtrommel“ von Günter Grass oder an „Schlafes Bruder“ von Robert Schneider. Andere Vornamen sind Jaqui, das „Ri-Ra-Rasse-Weib“, das sich als „Randaliererin“ entpuppt, oder Haka, ein türkischer Vorname persischer Herkunft. Ansonsten wimmelt es von Mam, Mom, Mum und Dad etc. Eine offensichtlich multinationale Familie ist hier im Entstehen.
Gegensätzlichkeit als Unruhe der Lebensuhr
Das buchstarke Prosagedicht „Antiphonia“ in sieben Abteilungen/Kapiteln beginnt mit der Geburt, und zwar so, dass ein Paar „aus Liebe drei Kinder veröffentlicht“. Apropos „veröffentlicht“: ein anreizender Einstieg, der aufhorchen lässt und den Leser sofort mitnimmt. Nicht geplant oder gedacht oder gezeugt oder geboren oder in die Welt gesetzt – etwas bereits Vorhandenes wird in die Öffentlichkeit als fertig, erwachsen, reif entlassen, somit zu einer öffentlichen Person. Wird der weitere Verlauf eine Fabel, eine Familiensaga, ein Märchen gebären? Jedenfalls erkennen sich die Personen im Laufe der Entfaltung alle irgendwie und irgendwann wieder. Selbstredend gehören ein Hund und weitere Klischee- respektive Mode-Accessoires der Neuzeit zu diesem Verbund, der sich – Achtung Anti… ! – selbst infrage stellt, widerspricht, aber durch seine dynamische Gegensätzlichkeit als Unruhe die Lebensuhr am Ticken hält. Die ungewohnten Wortkombinationen und -spiele fallen ins Auge, erwecken aber gleichzeitig eine mitdenkende Spannung, die die Kreativität des Autors sehr schnell und mit Leichtigkeit auf den Leser überspringen lässt.
Sprachlich gelungene Lyrik
Nie zuvor habe ich so viele Man- und Allgemeinplatz-Sätze, Aphorismen und Kalendersprüche in einem als Gedicht bezeichneten Werk gefunden. Jörg Schieke setzt sie in einen Zusammenhang, in dem sie ironisch oder satirisch, aber nicht wie Kalauer klingen. Denn ihnen folgen sogleich Verse wie beispielsweise „Der Mond wollte Hakan ein Geheimnis anvertrauen“.
Sprachlich gekonnt, ach was, ich will euphorisch sein: gelungen. Mich begeistern einfach Wendungen wie „Kredit für eine Reise nach Kreta di Mallorca“ oder „Die Wimper in … Schlaf eingepackt“. Nicht weniger: „… aus dem Mac/gebrochene Apfeltaste…“ Jedes Wort ist zu betonen, so wichtig ist es an seinen Ort gesetzt. Schieke schmettert pausenlos ein immenses Sammelsurium an aktuellen Keywords auf das Blick- und Hörfeld. Ich wurde von seinen Schmettersätzen und derartigen Wortsequenzen getroffen und spielte das Match bis zum Ende mit.
„Antiphonia“ kommt mir vor wie die Kindheitswiege, die durch die Zeitenläufe schaukelt, gelegentlich aneckt, um dadurch neuen Drive zu bekommen oder wieder in die Balance gestoßen zu werden, bis sie erneut gegen einen Irrwitz stößt, der sie in leicht geänderten Nuancen mit neuem Schwung und Gegenschwung wiegen lässt. Hinzu kommt eine unglaublich vielseitige Themenladung. Man kann dieses Gedichtepos im Flug durchstreifen, aber erfassen wird man es nach mehrmaligem Lesen und Studieren nicht so schnell, zumindest nicht in seiner Komplexität. Es bleibt ein langwährender klingender Tonsatz, komponiert aus dem Gegenwartswortschatz in der Art von Call-and-response-Gesängen. Das Geheimnis um das „Antiphon“ wird erst auf Seite 62 gelüftet.
Die Alltagswelt imaginiert
Bemüht, möglichst viele Bedeutungsschichten zu fassen, ohne sich besserwisserisch auf eine festzulegen, lässt Schieke dem freien Geist Spielraum, seine Erkenntnis gesellschafts-, weltpolitisch oder menschheitsgeschichtlich zu gewichten. Mir kommt die Forderung Karl Krolows an den Lyriker in den Sinn. Er solle ein „heiterer Zauberer sein, dem eine ganze Welt der Imagination zur Verfügung steht“. Heiter sind Schiekes Verse nicht überwiegend, aber sie imaginieren die Alltagswelt sowie deren Über- oder Hinterwelt und versetzen den Leser, nachdem sie ihn kurz vom Spielfeld gehoben haben, wieder zurück und hinein, allerdings ein, zwei Schritte weiter als zuvor.
Ab dem dritten Abschnitt, nach der Entfaltung der Familienverhältnisse dieser multinationalen und vielcharakterlichen Familie, geht es um Gold, Geld und hochgesteuerte Produktionsprozesse. Kuriose Wortschöpfungen (etwa „Raufasergaleeren“) zeichnen die Geschichte einer total verrückten Familie alias Gesellschaft aus, die nicht erkennen will, dass sie unter „… Zu viel Erinnerung//bei zu wenig Vergangenheit …“ leidet.
Durchkomponierte Prosa-Lyrik
Nach dem Lesen deutet sich das photofreie Cover als prägnante Inhaltsangabe. Drei mal drei Scheiben mit vier Wortringen aus Versen liegen an- und teils übereinander und umschließen Autorennamen und Titel sowie Untertitel. Die mittlere Schriftfarbe in zartem Wachsgrün, die beiden lappenden in gesetzter Druckerschwärze. Die Scheiben reiben sich, rotieren und revoltieren. Das Titelwort steht kopf, will auf die Füße gestellt werden. Es könnten aber auch Schallwellen aus Wörtern sein, die sich im Buchstabenmeer konzentrisch ausbreiten wie möglicherweise der Stein der Weisen. Einprägsamer ist die „Antiphonia“ graphisch wohl nicht umzusetzen. Wenn das nicht der endgültige Beweis für eine bis zur letzten Note durchkomponierte Prosalyrik ist, die der Leipziger Poetenladen-Verlag geoutet hat… Wer übrigens einen Auszug von „Antiphonia“ auch klanglich wahrnehmen möchte, findet einen rund dreiminütigen Stream bei Lyrikline.org.
FAZIT: „Antiphonia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wortschöpferischer Sprachgewandtheit die gegenwärtige Gesellschaft und lebensprägenden Gepflogenheiten abbildet. Wer Gedicht weiterhin als melodische Textform versteht, muss seine Typisierung weglegen, um in den Vollgenuss der neuartigen lyrischen Gestaltung zu kommen.
„Antiphonia“ von Jörg Schieke ist ein Prosa-Gedicht-Stück, das in wortschöpferischer Sprachgewandtheit die gegenwärtige Gesellschaft und lebensprägenden Gepflogenheiten abbildet. Wer Gedicht weiterhin als melodische Textform versteht, muss seine Typisierung weglegen, um in den Vollgenuss der neuartigen lyrischen Gestaltung zu kommen. ♦
Geboren 1949 in Bayern; Theologe; war Korrektor für Verlage und Tageszeitungen; Veröffentlichungen von Gedichten, Glossen, Kurzprosa und Rezensionen in Zeitungen und Zeitschriften; lebt und arbeitet in Pressath/D