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Die Familie
Die ursprünglich als Mainzer Ministerialen und später als kurpfälzische Vasallen in Ingelheim wohnhafte niederadelige Familie erreicht im 17. Jahrhundert sozialen und wirtschaftlichen Aufschwung. Im Unterschied zu ihren Pfälzer Landesherren bleiben die Familienmitglieder katholisch und orientieren sich ausschliesslich nach Mainz. Mit einer geschickten Familienpolitik begründen sie ihren gesellschaftlichen Aufstieg, der 1680 mit dem Reichsfreiherrenstand und 1737 mit dem Reichsgrafenstand gekrönt wird.
Anselm Franz von Ingelheim wird am 12. November 1683 in Mainz geboren. Er ist erstes von 22 Kindern des kurmainzischen Hofrates und Reichsfreiherrn Franz Adolf Dietrich von Ingelheim, genannt von und zu Mespelbrunn,[1] und seiner Ehefrau Maria Ursula Kämmerer von Worms, Freiin von Dalberg.[2] Sein Onkel mütterlicherseits ist der Kurfürst von Mainz, Lothar Franz von Schönborn. Seine Grossmutter väterlicherseits ist Maria Ottilia Echter von Mespelbrunn, eine Nichte des grossen Würzburger Fürstbischofs Julius Echter und letzte Trägerin dieses Namens. Sein Vater, der 1698 Reichskammerpräsident in Wetzlar wird, erhält mit kaiserlicher Genehmigung die Fortführung des Namens und des Wappens der Echter von Mespelbrunn. Seither nennt sich die Familie «von Ingelheim genannt Echter von und zu Mespelbrunn». Zur Zeit der Geburt von Anselm Franz regiert in Mainz sein Grossonkel Anselm Franz von Ingelheim[3] als Kurfürst und Fürstbischof. Er ist Taufpate des neugeborenen Ingelheim, der den Vornamen des 49jährigen Mainzer Regenten erhält. Für die Verwechslungen des Kurfürsten von Mainz mit dem späteren Fürstbischof von Würzburg ist deshalb der Zusatz «genannt Echter von Mespelbrunn» hilfreich
13 seiner jüngeren Geschwister, vier Brüder und neun Schwestern, erreichen das reife Erwachsenenalter.[4] Sechs der Schwestern treten in adelige Damenstifte ein, zwei Brüder sind später in mainzischen Diensten anzutreffen und setzen den Familienstamm fort. Der zwei Jahre jüngere Bruder Rudolf Johann Friedrich stirbt mit 21 Jahren auf einer gemeinsamen Italienreise. Der 1690 geborene Anton Dietrich Carl schlägt ebenfalls die geistliche Laufbahn ein.[5]
Karriere in der Reichskirche
Der junge Ingelheim besucht die Schulen in Mainz und ist später auch an der von Jesuiten geleiteten Universität eingetragen. Offensichtlich wird der Erstgeborene angesichts des Beziehungsgeflechtes seiner Familie früh für die geistliche Laufbahn bestimmt, denn schon 1692, mit nur neun Jahren, ist er Kanoniker am adeligen Kollegiatstift St. Burkard in Würzburg. Ein Jahr später ist er Kanoniker des Domkapitels Bamberg und 1695 wird er in die Domkapitel Würzburg und Mainz aufgenommen. 1718 folgt noch die Aufnahme ins Domkapitel Trier. Weitere Präbenden erwirbt er am Stift St. Peter und St. Alexander in Aschaffenburg sowie an den Kollegiatstiften St. Alban und St. Viktor in Mainz. In St. Viktor wird er 1714 auch Propst. Einzelne Kanonikate, wie Bamberg und St. Burkard, gibt er bis 1696 zugunsten seines Bruders wieder zurück. Auch so erreicht er eine stattliche Zahl an Präbenden. Obwohl seit dem Konzil von Trient das Sammeln möglichst vieler Kanonikate mit den entsprechenden Präbenden (Pfründen) verpönt ist, schlägt kaum ein junger Adeliger die meist nepotistischen Angebote aus, denn für die Versorgungssicherheit und als Sprungbrett zur Karriere in der Reichskirche sind sie unerlässlich. 1699 setzt Ingelheim, inzwischen finanziell mit Präbenden abgesichert, seine Studien am päpstlichen Seminar in Fulda fort. Hier erhält er 1701 die niederen Weihen. 1703 geht er mit seinem Bruder Rudolf Johann Friedrich, der seit 1696 Kanoniker in St. Burkard ist, für drei Jahre nach Italien. Im November sind sie an der Universität Siena eingetragen. Für den Romaufenthalt ist ein Studium nicht dokumentiert. Auf der Heimreise aus Rom verstirbt der jüngere Bruder 1706 in Venedig. Nach der Rückkehr scheint sich Ingelheim auf eine Karriere in Würzburg zu konzentrieren. Er wird 1720 Kapitular des Domstifts und kann 1724 an der Wahl des Christoph von Hutten zum Fürstbischof teilnehmen. 1728 erhält er die Priesterweihe und auch die Würde des Domkantors. Während der kurzen Periode Hutten und der langen und glanzvollen Amtszeit des Nachfolgers Friedrich Carl von Schönborn bleibt Ingelheim im Hintergrund. Der zeitgenössische Chronist Gropp stellt mit etwas Erstaunen fest, dass Ingelheim «von so vielen Einkünfte von so vielen geistlichen Präbenden zu Überfluss versehen» sei und aus hochgräflichem Hause stamme, aber «ein einsames, stilles, mässiges und demütiges Leben» führe. Man sehe ihn selten bei Gesellschaften und Lustbarkeiten, die für seinesgleichen üblich seien, er habe nur wenige Diener und führe eher das Leben eines Mönches als das eines Domherrn. Aber schon in den Jahren vor seiner Wahl beschäftigt sich Ingelheim auch mit Alchemie, wie ein Briefverkehr mit dem später in Würzburg tätigen Alchemisten Oberst von Bournet zeigt.
Wahl zum Fürstbischof von Würzburg
Am 29. August 1746 wird Anselm Franz von Ingelheim von Domkapitel einstimmig zum neuen Fürstbischof gewählt. Er ist bereits 63 Jahre alt und wird wahrscheinlich wegen seiner Genügsamkeit gewählt. Vielleicht wünscht man sich nach dem Glanz der Periode Schönborn einfach weniger finanzielle Belastungen.[6] Die ersten Massnahmen Ingelheims lassen aber schnell Befürchtungen aufkommen, denn er entlässt sofort einen Teil des zu Zeiten des Vorgängers gewachsenen Hofstaates, darunter auch den langjährigen Hofbaudirektor Balthasar Neumann. Eine halbjährige Krankheit[7] des neuen Fürstbischofs im ersten Regierungsjahr zwingt ihn zur Passivität. Erst ein Jahr später, am 27. August 1747, kann er deswegen die Bischofsweihe empfangen. Im Juni 1748 unternimmt der neue Fürstbischof die übliche Huldigungsreise im Hochstift.
Sein Wirken als Fürstbischof
Seine kurze Tätigkeit als regierender Fürstbischof wird unterschiedlich beurteilt. Er ist kein Mäzen der Künste wie sein Vorgänger und, so scheint es, auch allem Musischen abgeneigt. Er verschmäht «jagt, bauen und andere tumultuose sachen». Er spart überall am Hof, lässt die Jagdhunde schlachten, reduziert den Marstall von 270 auf 160 Pferde, hebt Hofmusik und Nachtafel auf. Die von Friedrich Carl von Schönborn soeben fertiggestellten Bischofsräume im Südblock der Residenz werden von ihm nicht bezogen.[8] Stattdessen zieht er in die wenigen Régence-Räume im stadtseitigen Teil des Nordblocks ein, die seither seinen Namen tragen. Der weitere Ausbau der Residenz, vor allem des Treppenhauses und der Säle, unterbleibt während seiner Regierung. Als Bauabt würde er keine Beachtung verdienen, wäre er nicht der eigentliche Bauherr der neuen Wallfahrtskirche auf dem Nikolausberg, dem «Käppele». Der Bau von Balthasar Neumann wird noch 1740 durch Friedrich Carl von Schönborn wegen mangelnden Finanzen zurückgewiesen, dann aber sofort nach dem Regierungsantritt durch Anselm Franz von Ingelheim energisch vorangetrieben. Gleichzeitig fördert er die Wallfahrtsbetreuung durch die Kapuziner. Grund für diese Förderung ist nicht das schöne Bauprojekt, sondern seine Marienverehrung und vor allem seine rigorose Haltung in der Förderung des Glaubens. Die meisten Verordnungen betreffen die Verbesserung des Gottesdienstes und die Heiligung der Sonn- und Feiertage. Eine tiefe, kindliche Frömmigkeit ist zwar für jeden Menschen des süddeutschen Barocks charakteristisch. Die Anordnungen des neuen Oberhirten zeugen aber von einem religiösen Eiferer. Er ist zudem ausgesprochen gutgläubig und vertraut selbst ausgesprochenen Kriminellen, die er in Hofdienste nimmt. Einem seiner Leibärzte und Laboranten, der unter falschem Titel und mit falschem Namen 1746–1748 durch einen ausgedehnten Ämterschacher zu Reichtum kommt, vertraut er voll.[9] Für das Desaster der Alchemie am Würzburger Hof ist er hauptverantwortlich. Klüger handelt er als Fürst und Landesvater. So kann er nebst dem Abschluss eines noch von seinem Vorgänger vorbereiteten Subsidienvertrags mit den Niederlanden einige Verbesserungen in der Landwirtschaft, der Rechtspflege und an der Universität durchführen. Er ordnet auch den jährlichen Druck eines Staatshandbuches an, das in der Folge bis 1802 jährlich erscheint.
Alchemistische Irrwege
Sehr zurückhaltend beschreibt der Würzburger Chronist Ignatius Gropp 1754 die Verirrungen des Fürstbischofs, der mittels Alchemie lebensverlängernde Elixiere herstellen will. «Vor anderen Wissenschaften liebte Anselm Franz die Chemie oder Distillier-Kunst, und unterhielte mit grossen Unkosten verschiedene aus fremden Orthen herbei geloffene oder beruffene Laboranten, an deren Occupation Er ein besonderes Belieben getragen, die ihm aber einer Seits viel Unheyl zugezogen, anderen Seits einen grossen Theil von dem Lob und Glory seiner Regierung benommen, welche er sonsten würde gehabt haben, wenn er weniger dergleichen Leut hätte geliebt und geachtet». Tatsächlich lässt der nicht nur sehr gläubige, sondern auch gutgläubige Fürstbischof von Alchemisten Laboratorien einrichten, in denen er nebst medizinischen Wundermitteln zu seiner Lebensverlängerung vielleicht auch den Stein der Weisen zu finden hofft. Weil zur «Schwarzen Magie» auch die Goldgewinnung gehört, wird er deswegen später als geldgierig und gewinnsüchtig beschrieben. Aber ebenso wie in der Mitte des 18. Jahrhunderts in der Bevölkerung der Hexenglaube noch immer verbreitet ist, ist die Alchemie bei den Fürsten akzeptiert.[10] Anselm Franz von Ingelheim ist keine Ausnahme, auch nicht mit seinem Glauben an Versprechungen herbeigelaufener oder herbeigerufener Laboranten. Erstaunlich sind einzig die grossen Geldsummen, die der Fürstbischof für Literatur über Alchemie ausgibt. Man darf aber dem zeitgenössischen Chronisten Gropp trauen, der die Einrichtungen der Laboratorien dem vorrangigen Ziel des Fürstbischofs, aus dem «distillierte Chymische sehr hitzige Spirtitus, mit Stärckung deren Lebens∕∕Geistern, seiner Gesundheit zu steueren, und ein längeres Leben zu erlangen».
Mehr zu den Akteuren der Alchemie in Würzburg 1747–1749 im Einschub.
|Tod und Begräbnis

Am 9. Februar 1749 wird Anselm Franz von Ingelheim frühmorgens tot in seinem Bett gefunden. Er stirbt mit 66 Jahren und nach 29 Monaten Regierung. Sein Tod wird von den Ärzten als Schlaganfall beschrieben. Andere Versionen verbreiten sich sofort. Selbst der Zeitgenosse Ignatius Gropp glaubt, dass ein alchemistisches Destillat seinen Tod herbeigeführt hat.
Der verstorbene Fürstbischof wird mit dem üblichen Zeremoniell und einem grossen Leichenkondukt am 10. März zum Dom übergeführt und dort begraben. Die Beschreibung der Teilnehmenden auch dieser Fürstenbeerdigung kann als Who's Who des Hochstifts Würzburg gelesen werden.[11]
1775 stellt Johann Oktavian Salver «Es wäre zu wünschen, dass sein Hochgräfliches Haus sein Andenken durch ein Monument verewigen liess(e), weilen noch kein Epitaphium oder sonstiges Denkmal von diesem fürtreflichen Hause dahier errichtet ist».
Diesen Wunsch eines Monumentes erfüllen die Angehörigen des Fürstbischofs nicht, vielleicht will man den ungeliebten Fürstbischof auch einfach vergessen. Hingegen erhält er auf der Marienberg-Festung einen Grabstein. Er liegt in der frühmittelalterlichen Rotunde der Marienkirche. Hier liegen im Boden Grabplatten von 20 Fürstbischöfen, davon 14 der Barockzeit.[12] Die Platten zeigen in der Regel die plastisch herausgearbeitete Figur des stehenden Bischofs, der in der linken Hand den Krummstab und in der rechten Hand das Schwert hält. Darunter ist das jeweilige persönliche Wappen, in den Ecken die kleineren Wappenschilde der Vorfahren zu sehen.[13]
|Die Grabplatte des Fürstbischofs Anselm Franz von Ingelheim in der Marienkirche auf dem Marienberg. In den Ecken sind die Wappen der Vorfahren (Ingelheim, Dalberg, Echter und Schönborn) angebracht. Zu ihnen siehe die Anmerkung 13 nebenan. Zum Wappenschild zu seinen Füssen siehe die Erläuterung im Porträt.

Foto: NearEMPTiness 2014 in Wikipedia.
Pius Bieri 2018
|Literatur:

Gropp, Ignatius: Wirtzburgische Chronick, deren letzteren Zeiten, Anderer Theil. Wirtzburg 1754.
|Fries, Lorenz: Geschichte, Namen, Geschlecht, Leben, Thaten u. Absterben der Bischöfe von Würzburg u. Herzoge von Franken, auch was während der Regierung jedes Einzelnen Merkwürdiges sich ereignet hat, bearbeitet nach Gropp und anderen Quellen. Zweiter Band der Würzburger Chronik 1849.|
|Sedlmaier, Richard und Pfister, Rudolf: Die fürstbischöfliche Residenz zu Würzburg. München 1923.|
|Brater, Else: Alchimie in Würzburg in den Jahren 1746-1749, in: Sudhoffs Archiv für Geschichte der Medizin, Bd. 24, Heft 3/4 (1. Oktober 1931), Seiten 329-370. Leipzig 1931.|

Wendehorst, Alfred: Die Benediktinerabtei und das adelige Säkularkanonikerstift St. Burkard in Würzburg. In: Germania Sacra, Neue Folge 40. Berlin und New York 2001.
Anmerkungen:
[1] Franz Adolf Dietrich von Ingelheim von und zu Mespelbrunn (1659–1742), Reichskammerpräsident 1698–1703 und wieder, nach seiner Erhebung in den Reichsgrafenstand, ab 1711. 1730–1742 ist er Reichskammerrichter.
[2] Maria Ursula Kämmerer von Worms, Freiin von Dalberg (1668–1730). Ihre Mutter ist Maria Clara von Schönborn, deren Mutter ist Maria Ursula von Greiffenclau zu Vollrads. Ihr Bruder ist Lothar Franz von Schönborn, Kurfürst und Fürstbischof von Mainz und Fürstbischof von Bamberg. Ihre Neffen sind die drei Schönborn-Fürstbischöfe Johann Philipp Franz (Würzburg), Friedrich Carl (Würzburg und Bamberg) und Damian Hugo (Speyer und Konstanz).
[3] Anselm Franz von Ingelheim (1634–1695) ist von 1679 bis 1695 Kurfürst und Fürstbischof von Mainz und damit auch Reichserzkanzler. Er ist in fünfter Generation mit seinem neuen Namensvetter verwandt. Gemeinsamer Stammvater ist Marsilius I. von Ingelheim († 1585). Nachfolger als Kurfürst von Mainz wird Lothar Franz von Schönborn (1655–1729). Die Verwandtschaft zu den Schönborns siehe oben.
[4] Siehe zu den Geschwistern die Wikipedia-Seite «Franz Adolf Dietrich von Ingelheim» (https://de.wikipedia.org/wiki/Franz_Adolf_Dietrich_von_Ingelheim). Ältere Quellen sprechen von 23 Kindern.
[5] Siehe die Wikipedia-Seite «Anton Dietrich Carl von Ingelheim» (https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Dietrich_Carl_von_Ingelheim).
[6] Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn tritt seine Regierung 1729 bei einem Schuldenstand von 685 000 Gulden an. Er kann die Schulden trotz des Residenzneubaus einigermassen konsolidieren, muss aber nach grossen Militärauslagen wegen seiner Neutralitätsanstrengungen in den Kriegen Österreichs (Schlesische Kriege 1740–1745 und im Österreichischer Erbfolgekrieg 1740–1748) noch 1746 beim Domkapitel eine Anleihe von 200 000 Gulden beantragen. Das Domkapitel bewilligt nur die Hälfte. Diese Finanzsituation ist sicher Hauptgrund für die Wahl eines wenig zu Ausgaben geneigten Nachfolgers und nicht dessen Frömmigkeit.
[7] Vom Januar bis Juli 1747 ist Ingelheim meist bettlägerig und kann praktisch keine Regierungstätigkeit ausüben.
[8] Die Rokokoräume im Südblock werden schon 1806 durch den Grossherzog Ferdinand von der Toskana im Stil des französischen Empire umgebaut.
[9] Der unter dem Namen Doctor Werding in Würzburg operierende Betrüger nutzt vor allem die krankheitsbedingte Absenz 1747 des Fürstbischofs für den Aufbau einer unglaublichen Korruption in Würzburg. Jeder auch kleine Dienst muss erkauft werden. Man darf aber annehmen, dass der Fürstbischof davon weiss und die Korruption toleriert.
Gehe zum Einschub «Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheim und seine Alchemie-Tätigkeit».
[10] Viele Fürsten der Barockzeit sind Förderer der Alchemie. Schon der Mainzer Kurfürst und Fürstbischof Johann Philipp von Schönborn glaubt, wie fast alle Fürsten dieser Zeit, an die Alchemie und fördert Versuche. Bekannt ist Friedrich August I. von Sachsen, der Johann Friedrich Böttger nach Dresden holt, um Gold herzustellen. Böttger hat Glück, denn er findet das «Weisse Gold», wie das Porzellan genannt wird, und auch die entsprechende Glasur. Schlimmer endet Don Domenico Manuel Gaetano, den König Friedrich I. von Preussen für Herstellung von Gold engagiert, ihn dann aber nach Misserfolgen hinrichten lässt. Selbst sein Sohn Friedrich der Grosse zahlt 1751 einer Frau von Pfuel aus Sachsen 10 000 Taler für alchemistische Versuche. Und der Kurfürst und Fürstbischof von Trier, Johann Philipp von Walderdorff, stellt noch 1761 einen Alchemisten ein, der ihm mit Kupfer Silber herstellen soll. Nach grossen Geldausgaben für dieses Experiment wird der Mann verhaftet, kann aber durch Bestechung der Wächter fliehen. Siehe dazu «Die Alchemie» von Hermann Kopp
[11] In Gropp, Ignatius: Wirtzburgische Chronick…von den Jahr 1652 bis 1750, Wirtzburg 1754.
[12] Die Grabplatten liegen zentral in der Rotunde. Sie sind bereits mehrfach überarbeitet und neu verlegt worden. 1865/66 werden zudem sieben Platten völlig neu gestaltet, die Platte Ingelheim ist aber echt. Die Platten markieren ursprünglich den Begräbnisort der Eingeweide der Fürstbischöfe. Das makabre Ritual der getrennten Beerdigung von Leib, Herz und Eingeweiden ist eine Memorialtradition.
Siehe dazu den Wikipedia-Beitrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Getrennte_Bestattung).
[13] Bei Anselm Franz von Ingelheim betreffen die vier Eckwappen folgende Vorfahren:
Oben links das ältere Wappen Ingelheim (in Schwarz ein von Rot und Gold in zwei Reihen geschachtetes Kreuz).
Oben rechts das quadrierte Wappen Dalberg (in Feld 1 und 4 unter einem mit drei Spitzen abgeteilten goldenen Schildhaupt auf blauem Grund 6 silberne Lilien gestellt, in Feld 2 und 3 auf goldenem Grund ein schwarzes Ankerkreuz). Es ist das Wappen der Mutter.
Unten links das Wappen der Echter von Mespelbrunn, das die Ingelheim später als ihr Wappen führen (in Blau ein silberner Schrägbalken, belegt mit drei blauen Ringen). Es ist das Wappen der Grossmutter väterlicherseits.
Unten rechts das Stammwappen Schönborn (in Rot auf drei silbernen Spitzen schreitender, goldener, blau gekrönter Löwe), das Wappen der Grossmutter mütterlicherseits.
Porträt des Fürstbischofs Franz Anselm von Ingelheim
|Anselm Franz von Ingelheim (1683–1749)|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|12. November 1683||Mainz||Kurfürstentum Mainz|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Fürstbischof von Würzburg||1746–1749|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|9. Februar 1749||Würzburg||Fürstbistum Würzburg|
|Kurzbiografie|
|Anselm Franz von Ingelheim regiert als Fürstbischof von Würzburg nur 29 Monate. Er ist einer der umstrittensten Regenten auf dem Bischofsthron. Als zurückgezogener und frommer Kanoniker gewählt, entpuppt er sich sofort nach Regierungsantritt 1746 als Alchemist auf dem Fürstenthron. Auf der Suche nach einem lebensverlängernden Elixier umgibt er sich mit äusserst fragwürdigen Gestalten der alchemistischen Szene und kann oder will sie nicht kontrollieren. So kommt es, dass in seiner Regierungszeit Korruption und Simonie mit verheerenden finanziellen Folgen wüten. Im Gegensatz dazu spart er am Hof und im Bauwesen. Sein einziger positiver Beitrag im kulturellen Bereich ist der Neubau des «Käppele» am Nikolausberg.|
|PDF (nur Text)||Biografie||Porträt||Bildlegende|
|Anselm Franz von Ingelheim (1683–1749), vom 19. August 1746 bis zum 9. Februar 1749 gewählter Fürstbischof von Würzburg, ist wegen seiner kurzen Regierung nur in wenigen zeitgenössischen Porträts überliefert.|
|Der Nürnberger Stecher Johann Wilhelm Windter veröffentlicht 1747 ein Porträt. Der neugewählte Fürstbischof ist in einem mit Rocaillen belegten Ovalrahmen als Halbfigur dargestellt. Leicht nach links abgedreht, blickt er zum Betrachter. Der 64-Jährige wirkt jünger und gesünder, als er im zweiten Jahr der Regierung ist. Seine Gesichtszüge sind keineswegs die eines verbissenen Zeloten. Eher ist ihm der gutgläubige Alchemist anzusehen. Er trägt eine natürlich wirkende Abbé- oder Stutzperücke und ist mit Beffchen und Brustkreuz als Prälat ausgezeichnet. Über die Schultern hat er einen Umhang geworfen. Links im Bild ist ein Herzogshut zu sehen, das Zeichen der fränkischen Herzogswürde. Das Porträtoval ruht auf einer konkav geformten Brüstung. Auf ihr liegen links der Fürstenhut mit Schwert und rechts die Mitra mit Krummstab. Schwert, Fürstenhut und Krummstab wiederholen sich nochmals als Helmzier des grossen Wappenschildes in der konkaven Einbuchtung. Der Schild ist eine Rokoko–Kartusche mit dem Wappen des Fürstbischof. Das Wappen ist quadriert und enthält in Feld 1 den Fränksichen Rechen und in Feld 4 das Würzburger Rennfähnlein des Hochstifts. Feld 2 und 3 enthält das Wappen der Echter von Mespelbrunn. Der Herzschild, dieser mit Freiherrenkrone, enthält das Stammwappen Ingelheim.|
|Kupferstich, 164 mm B x 272 mm H, bezeichnet «J. W. Windter Effig. sculps. 1747. Norib». Bildquelle: {{CC-BY-SA-3.0}} by Bibliothek Wolfenbüttel.|
Fürstbischof Anselm Franz von Ingelheim
Der 1746 als Fürstbischof gewählte Anselm Franz von Ingelheim wird wegen seiner sittsamen Lebenshaltung als der «Fromme Ingelheim» genannt. Mit seinem Regierungsantritt endet auf einen Schlag das vornehme Hofleben mit offener Tafel, Jagd, Musik und anderen barocken Vergnügungen. Ingelheim ist allen Musen abhold. Er denkt nie daran, seine Einkünfte in künstlerisches Schaffen umzusetzen. Sein einziges Interesse ausserhalb von Gottesdienst und Marienwallfahrt gilt der Alchemie. Bei der Förderung der «Schwarzen Kunst» vergisst er alle seine am Hof eingeführten Sparmassnahmen und wird zum Komplizen von dubiosen Gestalten, die er teilweise in seinen Hof integriert.
Mit seinem Glauben an die Alchemie ist er allerdings in guter Gesellschaft. Kaum ein europäischer Fürst, der nicht an Alchemie glaubt und viele, die an ihren Höfen Alchemisten beschäftigen. Aber im Unterschied zu August dem Starken von Sachsen oder den beiden Königen von Preussen, Friedrich I. und Friedrich II. ist für Ingelheim die Alchemie keine Nebensache, mit der man im besten Fall den Stein der Weisen finden kann. Ihm ist, im Gegensatz zu den erwähnten Herrschern und auch im Gegensatz zu vielen seiner Laboranten, die Herstellung von Gold nicht Hauptziel. Er ist offenbar schon vor seinem Regierungsantritt gesundheitlich schwer angeschlagen, hat vielleicht Krebs,[2] und glaubt mit der Alchemie lebensverlängernde Elixiere herstellen zu können. Schon vor Regierungsantritt beschäftigt er sich mit Alchemie. Er handelt damit ähnlich wie heutige Kranke, die eher einem Naturheiler als einem approbierten Arzt vertrauen. Und je geheimnisvoller die Heilmethode der selbsternannten Heilkünstler ist, um so mehr haben sie Zulauf.
Tychius
Vier Wochen nach Regierungsantritt, am 19. September 1746, stellt Ingelheim den böhmischen Bader Gottfried Tichy, der sich Tychius nennt, als Kammerdiener ein. Tychius siedelt mit seiner Familie von Eltville im Rheingau nach Würzburg über. Der Fürstbischof stellt Tychius nicht als Alchemist, sondern als einer seiner Leibärzte ein. Offenbar ist Tychius aber in Alchemie bewandert. Der Fürstbischof richtet ihm ein Laboratorium im Erdgeschoss eines Ökonomiegebäudes, der «Alten Kammer» ein, die gegenüber der Residenz liegt. Während seiner Bettlägerigkeit im ersten Halbjahr 1747 sorgt der Fürstbischof für eine Fortbildung von Tychius. Er sorgt für den Aufenthalt mehrerer auswärtigen Alchemisten. Darunter befindet sich auch ein Benediktinerpater, «welcher sonderliche praeservativ-mittel conta varia infirmitates» kennen will, vielleicht ein Jünger des Paracelsus. Tychius wird spätestens zu dieser Zeit wichtigster Vertrauter des Fürstbischofs, der ihn im April 1747 zum Hofkammerrat ernennt.[3] Tychius ist auch Bibliothekar des Fürstbischofs, speziell mit der Anschaffung von Literatur und Geheimschriften zur Alchemie beauftragt. Dazu unternimmt er ausgedehnte Reisen. Er selbst führt eine grössere Bibliothek medizinischer und alchemistischer Schriften. Auch die Schriften des Paracelsus sind darunter, von denen er alle erwerben will. Im August 1748 brennt das Gebäude der «Alten Kammer» wegen einer Explosion im Laboratorium vollständig ab. Die Bevölkerung beginnt aufzumurren. Tychius bleibt, obwohl Hauptschuldiger, als Leibarzt des Fürstbischofs vorläufig unbehelligt. Das fürstbischöfliche Laboratorium wird anschliessend aus Sicherheitsgründen in der Lohmühle bei der Sommerresidenz Veitshöchheim eingerichtet. Erst nach dem Tod des Fürstbischofs wird Tychius der Prozess gemacht. Er kommt verglichen mit dem Schicksal anderer Alchemisten mit einer grösseren Geldstrafe und Landesverweis relativ glimpflich davon, erhebt aber trotzdem Klage beim Reichsgerichtshof.[4]
Oberst Pierre Ferdinand de Bournet
Im Gegensatz zu Tychius, der noch als Mediziner in die Alchemie gefunden hat, ist Bournet der klassische alchemistische Heilsversprecher, zwar gebildet, aber vor allem dem Stein der Weisen nachjagend. Er ist ehemaliger Infanterie-Oberst des Markgrafen Friedrich von Brandenburg-Bayreuth und wirklicher Generaldirektor der Bergwerke des Landgrafen zu Hessen-Darmstadt.[5] Er bezeichnet sich als Baron, seine Herkunft ist unklar. Bournet ist schon vor dem Regierungsantritt des Fürstbischofs mit ihm in Kontakt. Er ist während eineinhalb Jahren aktiver Laborant in Würzburg und Veitshöchheim, «um sich in der Chemie zu delektieren und Medicamente zu machen». Er wird 1749 in Veitshöchheim verhaftet, nach mehrwöchiger Haft aber freigelassen. Gegen seine Inhaftierung klagt er später vor dem Reichshofrat in Wien.
«Dr. Johann von Werding»
So schreibt sich der Mann, der mit Korruption und Simonie vom September 1746 bis zum Mai 1748 nicht nur ein ansehnliches Vermögen erwirbt, sondern auch das Ansehen des mitverantwortlichen Fürstbischofs dauerhaft beschädigt. Vor seiner Einstellung lebt er in Frankfurt, ist aber offenbar in den 1730er-Jahren unter dem Namen Hochhauser in der Reichsvizekanzlei in Wien tätig. Hier wird er wegen Verrats zum Tode verurteilt, dann aber durch den damaligen Reichsvizekanzler Friedrich Carl von Schönborn zu lebenslangem Kerker begnadigt, aus dem er fliehen kann. Der Fürstbischof vertraut auch diesem Betrüger blind, obwohl Nachforschungen in Frankfurt ergeben hätten, dass dort kein Doctor Werding bekannt ist. Während der halbjährigen Krankheit des Fürstbischofs etabliert Werding ein System der Simonie und Korruption. Nicht nur geistliche Ämter, sondern auch kleinste Dienste müssen erkauft werden. Mit Sicherheit ist der Fürstbischof über die Praxis des Doctor Werding informiert, vielleicht ist er sogar beteiligt. Ingelheim lässt sich erst durch Vorhaltungen seiner beiden Brüder zur Trennung von Werding bewegen. Dieser, offenbar informiert, kann sich Ende April 1748 rechtzeitig absetzen.
Weitere Günstlinge
Mit Tychius, Bournet und Werding sind die einflussreichsten der vielen Höflinge genannt, denen Fürstbischof Ingelheim volles Vertrauen in der Suche nach lebensverlängernden Elixieren oder gar dem Stein der Weisen schenkt. Zu den alchemistisch Eingeweihten des Fürstbischofs zählen auch Adelige wie der Graf von Sickingen[6] oder ein «Graf Viscott». Dieser verkauft dem Fürstbischof die begehrte «Magia Doctoris Fausti». Ein weiterer Hofangestellter zur Verfertigung des Steins der Weisen ist Andreas Matzberger, ein Miniaturmaler und Kabinettsverwalter. Er scheint keinen Erfolg zu haben und muss im September 1748 Würzburg verlassen.
Der Ruf der Leichtgläubigkeit des Fürstbischofs von Würzburg zieht 1748 auch allerhand Taschenspieler und Komödianten an den Hof, die von sich behaupten, den magischen «Kunstspiegel» zu haben, in dem alles Verborgene zu sehen sei, oder die gegen Geld sonstige Zauberrezepte verkaufen. Allerdings ist die Unterscheidung zwischen Gaunerei und ernsthaften Angeboten von gläubigen Alchemisten nicht einfach zu ziehen.
Die Ausgaben
Über die wahren Ausgaben für die Alchemie in Würzburg von Mitte 1746 bis Ende 1748 sind bisher nur grobe Zahlen bekannt. Grösster Anteil am Geldabfluss aus Würzburg haben sicher die Korruption und der Ämterschacher der fürstbischöflichen «Laboranten». 300 000 Gulden werden genannt.[7]
Auch beim Ankauf von geheimen Büchern wird unglaublich viel Geld ausgeben. So sind dem Fürstbischof Schriften über Geheimwissen zur Schatzgräberei 6000 Gulden wert. Weitere Käufe von Geheimschriften in gleicher Grössenordnung sind überliefert.
Die Deckung der Tätigkeit seiner Höflinge ist nicht das grösste Vergehen Ingelheims. Es ist das Missverhältnis seiner Knauserigkeit für die wichtigen Hofausgaben im Vergleich zu den ungeheuren Kosten seines Alchemiewahns. Im Vergleich dazu sind die 1747–1748 getätigten Ausgaben für den Residenzneubau von 3988 Gulden lächerlich klein. Und für den Neubau des Käppele und des Kreuzwegaufgangs werden in 50 Jahren, 1747–1792, knapp 60 000 Gulden aufgewendet, der kleinste Teil davon in der Ingelheim-Periode.
Nach dem Ableben Ingelheims vermerkt der Hoffourier Johann Christoph Spielberger in seinem Tagebuch, «wenn er bedenke, wie viele Laboranten, Quacksalber, falsche Medici und Medizinstümper sich eingefunden hatten, dem Fürsten das Leben zu verlängern, so verwundere er sich noch immer, wie ein Herr von so guter Einsicht wie der gewesene Kapitular Ingelheim, sich derart schändlich betrügen lassen konnte».[8]
Pius Bieri 2018
Anmerkungen
[1] Die Ereignisse um die Vorgänge in Würzburg und Veitshöchheim werden in der neueren Literatur meist ohne Berücksichtigung der Zeitumstände beurteilt. Else Brater in «Alchimie in Würzburg» (siehe Literatur) macht hier eine Ausnahme. Rudolf Meier schildert unter dem Titel «Der Bischof und der Alchemist» in: «Im Alten Reich: Geschichten aus der Zeit der Würzburger Fürstbischöfe» (Dettelbach 2008) interessante Aspekte auch zur Krankheit des Fürstbischofs.
[2] Die offizielle Todesursache ist ein Schlaganfall (siehe Biografie), aber das Sektionsprotokoll weist eher auf eine Krebserkrankung (Magenkrebs?).
[3] Ein weiterer Leibarzt, Dr. Philipp Köppner, verreist schon beim Ausbruch der Krankheit des Fürstbischofs im Winter 1746/47. Obwohl er nur ein halbes Jahr in Ingelheims Diensten ist, wird auch ihm später Ämterschacher vorgeworfen und 1749 des Landes verwiesen.
[4] Reichshofrat 21. März 1752: Thygi, c. den Hrn. Bischof zu Würzburg citat. pto. nullitat. et damnor.
[5] So die Titel in Bader 1932. Interessant ist, das viele Alchemisten auch Berater, oder wie Bournet sogar Direktoren im Bergbau sind. Auch ein Gottfried (Geofroi) Tichy ist 1769 als Bergbau-Rat (Conseiller des Mines) im Kurpfälzischen Almanach eingetragen und dürfte unser Tychius sein.
[6] Carl Anton Johann Damian von Sickingen (1702–1786). 1773 erhält er die Reichsgrafenwürde. Die Familie Sickingen ist von der Alchemie besessen. Sein Sohn Karl Heinrich ist als Wissenschaftler bekannt und wird mit seinen Versuchen über das Platin berühmt. Ob die Legende stimmt, dass er und sein Bruder Friedrich Wilhelm den Vater wegen seiner Geldverschwendung bei der Goldmacherei im hohen Alter einsperren? Jedenfalls soll Schiller den Stoff in «Die Räuber» verwendet haben.
[7] Quelle: Sedlmaier/Pfister 1923. Der Autor bezeichnet den Fürstbischof als eigentlichen Täter.
[8] Gesamttext in Sedlmaier/Pfister 1923, Seite 218. Hier in neuem Deutsch geschrieben.