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Kakao statt Koka – Resistenz im Cauca
Von Lisa Alvarado
Im Rahmen einer Serie zum Thema Menschenrechte im Kontext des Postkonflikts hat VerdadAbierta eine Reihe von Artikeln veröffentlicht, welche den Alltag und die Lebensrealität von Menschen auf dem Land zeigen. Eine dieser Geschichten [1] wird hier präsentiert. Es geht um Widerstand und Hoffnung, aber auch um Resignation und die komplexe Realität in abgelegenen Gebieten Kolumbiens.
„Eines Tages wird es hier keine Koka mehr geben, und was tun wir dann? Von was leben wir dann?“ Dies war die Antwort von Óscar Delgado auf die Frage, weshalb sie trotz aller Schwierigkeiten und Bedrohungen darauf bestehen, Kakao statt Koka anzupflanzen. Óscar, sowie seine Freunde Álvaro Araujo und Fabio Castro sind Mitglieder der Kakaovereinigung der Region Río Huisitó (AsoHuisitó Cacao Topé). Sie treffen sich jeden Sonntag auf dem Markt in Huisitó, Cauca, um den Kakao zu empfangen, zu wägen und den anderen Mitgliedern sowie Bauern der Region abzukaufen. „Die Bedrohung durch Ausrottung der Koka besteht hier schon lange, und wenn du dann nichts Legales hast, was bleibt dir? Nichts.“ meint auch Fabio, Präsident der Vereinigung.
Huisitó ist ein Dörfchen in der Gemeinde El Tambo im Departement Cauca, welches seit den 1980er Jahren, als die Koka die Subsistenzkulturen ersetzt hatte, immer wieder von gewaltsamen Ausrottungskampagnen heimgesucht wurde. Seit 1998 gibt es eine Strasse bis nach Huisitó, die allerdings bis heute ungeteert geblieben ist. Obwohl die Strasse den Transport von Marktprodukten überhaupt erst ermöglicht hat, ist es immer noch eine über dreistündige Reise von El Tambo aus.
„Bei uns markiert der Staat seine Präsenz mit Glyphosat“, witzelt Fabio und hat damit nicht Unrecht. Seit 2001 gibt es in Huisitó keinen elektrischen Strom mehr; erst vor zwei Jahren wurde ein Abwassersystem installiert – von den Dorfbewohnern finanziert. Ebenfalls fehlt eine Anlage um das Trinkwasser zu filtern und der Abfall wird von einer lokalen Familie gesammelt. Die territoriale Kontrolle wurde seit den 60er Jahren von Guerrillagruppen ausgeübt: zuerst durch die FARC, ab 2002 nach mehreren Kämpfen dann durch das ELN. Somit befindet sich Huisitó in einer der sogenannten roten Zonen Kolumbiens, was den Zugang für staatliche und internationale Institutionen erschwert.
Ende März 2010, während des letzten Amtsjahres von Alvaro Uribe, gab es dann wie erwartet eine manuelle Ausrottungsaktion der Kokapflanzen unter der Fahne des Plan Colombia, einem bilateralen Abkommen zwischen Kolumbien und der USA als Teil einer Anti-Drogen Strategie. Zwei Monate dauerte die Ausrottungsaktion, während der sich Unsicherheit und Angst unter den Bewohnern breit machten. Der Höhepunkt war der 15. Mai, als ein Polizist während einer Konfrontation mit dem ELN ums Leben kam und zwei weitere verletzt wurden.
In jeder ausgerissenen Kokapflanze sah Alvaro Araujo sein Kapital aus über zehn Jahren Arbeit verschwinden und zum Schluss blieb den meisten Dorfbewohner absolut nichts mehr übrig. „Wir wurden zerstört; es gab sogar solche unter uns, die wirklich auch physisch Hunger litten.“ Verschuldet und ohne andere Einkommensmöglichkeiten verliessen viele ihre Fincas und begannen in El Tambo oder Popayán ein neues Leben. Obwohl der Staat versicherte, dass die Ausrottungsaktionen von alternativen Entwicklungsprogrammen begleitet würden, kamen diese nie in Huisitó an.
Ein Militärbeamter, der die Ausrottungsaktion in Huisitó führte, hatte Alvaro empfohlen, wieder Koka anzupflanzen, sobald die Armee weg wäre. Schliesslich sei die Wahrscheinlichkeit gering, dass sie in weniger als zehn Jahren zurückkämen. Aber Alvaro hatte genug von der Koka und beschloss, endlich auf den Traum seiner Tochter zu hören. Diese hatte bereits zwei Jahre davor verkündet, dass sie eine Kakaofarm aufbauen möchte, wie in der Fernsehserie, die sich die Familie seinerzeit anschaute. Zusammen mit der Mutter und Schwester machten sie sich auf die Suche nach Nachbarn, die ihnen Kakaosamen verkaufen konnten und sie begannen, im kleinen Rahmen Kakaobäume zu züchten. „Dort unten hatten wir eine kleine Baumschule, und sie wuchsen, sehr schön! Diese Kakaobäume blühten schon nach einem Jahr, und bald gaben sie auch etwas Früchte.“ Doch Papa Alvaro fand, es sei eine Verschwendung, Boden zu geben für eine Pflanze, die so viel Zeit und Arbeit benötigte. Kurzerhand besprühte er 2009 die 500 Jungbäume, die die Frauen gesät hatten, und tötete sie allesamt. Seine Tochter liess sich aber nicht beirren und säte erneut fast genauso viele Kakaopflanzen, diesmal etwas weiter von ihrem Haus entfernt. „Als sie dann die Koka ausrotteten, da suchten alle wie verrückt nach Alternativen“, erinnert sich die Mutter lachend.
So kam es, dass sich einige Familien nach der Ausrottung an den Kakao erinnerten, von dem ihre Eltern und Grosseltern vor der Einführung der Koka lebten. Einige hatten immer noch ein paar produktive Kakaobäume auf ihren Fincas, Relikte aus einer vergangenen Zeit. So wurde die Frage nach einer Alternative zur Koka mit Kakao beantwortet.
Da sich niemand mehr daran erinnern konnte, wie man den Kakao am besten kultiviert und kommerzialisiert, fragten sie Jorge Giraldo, ein Agronom aus dem Cauca und ein alter Freund, um Rat. Mit seiner Hilfe wurde ein Besuch auf der Finca Tierradura in der Gemeinde Miranda organisiert, wo interessierte Huisiteños die neusten Techniken und Praktiken im Kakaoanbau kennenlernen konnten. Dort erhielten sie auch die ersten Samen für die eigene Produktion.
Während zu Beginn die grösste Unterstützung von Fedecacao, dem nationalen Kakaoverband, kam, wurde dann 2011 die lokale AsoHuisitó Cacao Topé gegründet. Für Dumael Flores, auch eines der Mitglieder, bedeutete die Gründung von AsoHuisitó nicht nur einen Rettungsring in der schwierigen ökonomischen Situation, sondern entwickelte sich auch zu einem Instrument, um den Gemeindezusammenhalt zurückzuholen. Für ein Kilogramm Kakao erhielt man umgerechnet zwar nur ca. 1.70 CHF. Ein Kilogramm Kokapaste hingegen kostete laut Duamel ca. 930 CHF. „Ich glaube, jemand der hier mit dem Kakao zu überleben versucht, ist mehr wert als jemand, der die 1000 Franken nimmt, sie in Bars und mit Frauen verschleudert und zum Schluss sogar ohne Nahrungsmittel nach Hause kommt. Das wenige Geld, das man mit dem Kakao verdient, wertschätzt man dafür auch.“ Auch für die Umwelt ist der Anbau von Kakao besser als Koka. Kakaobäume brauchen Schatten, weshalb keine Bäume für die Plantagen gefällt werden müssen. Zudem können auch Subsistenzpflanzen wie Maniok zwischen den Kakaobäumen angepflanzt werden.
Auf der Finca von Dumael findet man 3.5 ha Kakaobäume und etwa 1 ha Kokapflanzen. Dies ist repräsentativ für die meisten Fincas in Huisitó. Dies mag auf den ersten Blick kontraproduktiv erscheinen, ist doch ein Ziel der AsoHuisitó, mithilfe des Kakaos die Kokapflanzungen abzuschaffen. Dumaels Antwort auf diese Widersprüchlichkeit zeigt eine gewisse Resignation. „Hier ist es sehr schwierig, legal zu arbeiten. Die staatliche Unterstützung fehlt komplett. Dazu kommt, dass es in dieser abgelegenen Region schwierig ist, Hilfsarbeiter zu finden. Die, die bis hierher kommen, verlangen Tagesansätze, die für die Koka gelten. Während ein Tageslohn für Kakaopflücker normalerweise höchstens 12 Franken beträgt, verdienen Kokapflücker bis zu 40 Franken pro Tag. Die werden für 12 Franken keine Machete schwingen. Deshalb wurde hier auch die Nahrungsmittelproduktion aufgegeben. Mit dem Verkauf von Koka kann man sich alles kaufen. Früher exportierten wir von hier Käse und Mais. Heute essen wir Bananen aus Ecuador; in einer Zone wo Bananenstauden wunderbar gedeihen würden.“
Die Aussagen von Dumael bestätigen die Untersuchungen, die Luis Alfredo Londoño von der Universidad del Cauca realisiert hat. „Die Kulturpflanze, die ökonomisch die Kokapflanze ersetzt, gibt es nicht. Der viel zu hohe Preis für die Kokapflanze kommt von ihrem illegalen Charakter, und kein legales Produkt erreicht einen so hohen ökonomischen Wert.“ Für ihn besteht deshalb auch ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Aufkommen dieser Pflanzungen und der Krise im Agrarsektor. „Wir befinden uns unbestreitbar im Rückgang. Wir müssen das Thema der illegalen Pflanzungen als Land, als Gesellschaft, als Staat, als Wissenschaft in all seinen Dimensionen verstehen. Es wird stigmatisiert und verteufelt, aber niemand unternimmt etwas. Wir sind soweit, dass nicht einmal mehr die Wissenschaft das Thema aufgreifen will, weil es aus den Sphären der politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Diskussion entflohen ist und stattdessen Eingang gefunden hat in einem Terrain der Illegalität und des Konflikts, indem es als Thema der öffentlichen Ordnung behandelt wird.“
In Huisitó eine Kakaovereinigung aufzubauen ist nicht nur bewundernswert wegen der Absenz des Staates. Huisitó befindet sich auch geographisch gesehen an einem strategischen Ort für den illegalen Drogenhandel. Das Tal des Huisitó Flusses ist eines der wenigen, die in Ost-West Richtung verlaufen und dann in das Tal des Micay Flusses einmünden. Somit bilden diese Täler wichtige Verbindungsrouten zwischen dem Osten Kolumbiens und der Westküste, von wo Drogen per Schiff nach Norden geschmuggelt werden. Momentan wird diese Route vom ELN kontrolliert, was das Wachstum und die Entwicklung der AsoHuisitó, sowie des Dörfchens im Gesamten behindert. Beispielsweise ist es für die Bewohner schwierig, ihre Ländereien zu legalisieren, was wiederum Auswirkungen darauf hat, wer Kredite für produktive Projekte von der Agrarbank erhält. Die Gemeine El Tambo, wo Huisitó dazugehört, ist auch Teil eines PDET (Entwicklungsprogramm mit territorialem Fokus). Allerdings waren zum Zeitpunkt, als der Artikel geschrieben wurde, keine näheren Infos bekannt über den gegenwärtigen Stand der Umsetzung. Ein weiteres Programm, das die Regierung im Rahmen des Friedensabkommens umsetzen muss, ist der Integrale Nationale Substitutionsplan (PNIS), um Alternativen für den Anbau von Pflanzen für die Drogenproduktion zu schaffen. Dieser Plan wurde zwar in der Gemeindehauptstadt El Tambo vorgestellt, und auch Repräsentanten aus Huisitó nahmen daran teil. Allerdings befindet sich das Projekt momentan im Stillstand, da die nötigen Ressourcen fehlen. Viele der teilnehmenden Bauern haben erst zwei oder drei der halbjährlichen Zahlungen erhalten. Jorge Giraldo meint dazu: „Es geht nicht nur darum, auszurotten, sondern auch Alternativen zu schaffen. Wenn der Staat eine kohärente Politik der Produktion, Transformation und Kommerzialisierung von Produkten wie dem Kakao führen würde, zusammen mit einer Strategie, wie man den Wiederanbau von Koka verhindern könnte, wäre es möglich, aus dem Teufelskreis auszubrechen.“
Unterdessen versuchen viele Menschen auf dem Land, die Sache selber in die Hand zu nehmen. So auch die AsoHuisitó-Mitglieder. Mithilfe von internationaler Unterstützung und teilweise auch etwas staatlichen Ressourcen halten sie sich über Wasser. Was momentan noch fehlt, sind Ressourcen um Maschinen zu kaufen. Damit möchten die Mitglieder der Vereinigung selber Schokolade herstellen. Ein Pilotprojekt gab es bereits, und die Huisiteños werden ihren Traum weiter verfolgen.