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London Wall Place
Inkorporiertes Trennelement
Im Mittelalter dehnte sich das Siedlungsgebiet vor allem nach Westen aus, auch politisch erweiterte die City ihr Territorium, wodurch die Mauer ihre Bedeutung verlor. Während des Grossen Brands von 1666 wurde die Altstadt weitgehend vernichtet. Karten, welche die Katastrophe dokumentieren, zeigen: Die Mauer in der Nordwestecke der einstigen römischen Festung stoppte die Zerstörungen durch die Flammen. Trotzdem begann man beim Wiederaufbau mit der Entfernung dieser Befestigung, zumal im Englischen Bürgerkrieg von 1642 bis 1644 ein äusserer Befestigungsring gebaut worden war, der auch Gebiete südlich der Themse schützte. Die sieben alten Stadttore riss man zwischen 1760 und 1767 ab. Verbliebene Partien der Mauer verschwanden in der neuen Bausubstanz. Möglicherweise hatten die robusten Überbleibsel dieser jahrhundertelang unterhaltenen Struktur bei manchen Vorhaben einen statischen Nutzen.
Historische Karten zeigen, wie der Verlauf der Mauern von neuen Bebauungsstrukturen sukzessive unkenntlich gemacht wurde. Ganz aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden sind sie allerdings nie: Unter layersoflondon.org ist unter anderem eine Katasterkarte aus den 1890er-Jahren abrufbar. In ihr ist der Verlauf der Mauer eingepunktet, die Überbleibsel der vortretenden gerundeten Bastionen sind kenntlich gemacht. Im Bereich des London Wall Place folgt sie zuerst der nördlichen Fassadenflucht der Strasse London Wall und zieht sich anschliessend quer durch die dichte Bausubstanz, oft entlang der Parzellengrenzen. Schwach eingetragen ist auch der einstige Standort der St Alphage Church, die im frühen 11. Jahrhundert direkt an die Innenseite der Mauer gebaut wurde. Ebenso jener des Elsing-Spitals auf der gegenüberliegenden Seite von London Wall, zu dessen Anlage die zweite Kirche gleichen Namens aus dem 14. Jahrhundert gehörte. Diese Kirche wurde im Grossen Brand beschädigt, im 18. Jahrhundert erneuert und bei einem Luftangriff im Ersten Weltkrieg wieder in Mitleidenschaft gezogen.
Neubeginn
Mit dem Zweiten Weltkrieg wurde für die City of London eine völlig neue Seite aufgeschlagen. Die eben beschriebenen Orte sind in der Katasterkarte aus den 1940er-Jahren eine weisse Fläche, durch die sich das bisherige Strassennetz zieht. Die Umrisse der zweiten St Alphage Church sind als «Ruinen» eingetragen. Mit der grossflächigen Zerstörung der Bausubstanz traten unvermittelt wieder die Überreste der Stadtmauer ans Tageslicht. Die Neubebauung nach dem «Zweiten Grossen Feuer» ist, im Gegensatz zu den Rekonstruktionsplänen nach 1666, kein grosses Kapitel in der Städtebaugeschichte. Sie führte nicht zu einer kohärenten Gesamtordnung, aber zu einem markanten Massstabssprung bei der Grösse der meist frei- und doch eng beieinander stehenden Hochhäuser mit Sockelbauten und auch zu neuen Strassenführungen. So wurde London Wall als direkte Verbindung von Moorgate zum Aldersgate-Kreisel nach Westen abgeknickt. Die Strasse folgt somit nicht mehr der Mauer, die ihr den Namen gibt. Das markanteste Gebäude der Umgebung ist der Barbican Estate, eine brutalistische Grossüberbauung mit drei Wohnhochhäusern, Reihenhauszeilen, privaten Grünräumen mit Weiher und einem bekannten Kulturzentrum. Er entstand von 1965 bis 1976 im Bereich der Nordwestecke der Festungsmauer. Der Name Barbican ist vom lateinischen Wort Barbecana abgeleitet, das eine Bastion bezeichnet. Eine solche ist im Barbican Park noch zu sehen. Auch im Museum of London, das über den Bau im Zentrum des Aldersgate-Kreisels zugänglich ist, erhält man Zugang zu Mauerfragementen, die als Spuren der Vergangenheit wieder freigelegt wurden.
Zweite Generation
London Wall Place gehört bereits zur zweiten Generation der Nachkriegsbebauung der City. Sein Areal grenzt an die Nordseite der Strasse London Wall. Das Projekt ersetzt einen früheren Bürokomplex, der sich durch ein Wegnetz auf einem ausgedehnten Sockelbau auszeichnete. Dieses Wegnetz war über Brücken mit Nachbargrundstücken verbunden, unter anderem mit dem Barbican Estate.
Das Büro Make Architekts aus London konzipierte für die Investoren Brookfield Properties und Oxford Properties eine Anlage mit zwei Bürohochbauten. Den Sockelbau entfernte man und schuf auf zwei Ebenen eine grosse öffentliche Zone, was Grünräume öffnet und eine höhere Durchgängigkeit des Areals erlaubt. Die erklärte Absicht des Projekts besteht darin, sich auf die Geschichte des Standorts zu beziehen, von der Römerzeit bis hin zur Moderne der Nachkriegsjahre. Die Geometrie der Anlage orientiert sich am Verlauf der römischen Festungsmauer, auch die Materialisierung der Fassaden mit Keramik-elementen will sich auf die Kalksteine aus Kent in der frühen Befestigungsanlage beziehen. Die Grundrisse nehmen das orthogonale Raster der Festung auf – wie das auch der Barbican Estate tut. Entlang der schräg dazu verlaufenden Nachkriegsstrasse London Wall ist das östliche Grossvolumen folgerichtig abgestuft. Durch die Entfernung des Sockelbaus wurden die Mauer in der so genannten St Alphage Garden Section und der Turm der Ruine der zweiten St Alphage Church zu einem ausgedehnten Parkraum auf Strassenebene vereint. Sam Potter, leitender Architekt von Make, sagt dazu: «Die Schönheit dieses Projekts liegt in der Erkenntnis, dass es einfach die letzte Schicht in der Geschichte des Ortes ist, die nächste Spur, an die man sich erinnert. Wir haben zwar State-of-the-Art-Büros realisiert, es ist aber die Verbindung zum öffentlichen Raum, welche die Nutzerinnen und Nutzer angezogen hat. Es ging darum, einen soziale, humane und taktile Eigenschaften in die City zu bringen, der Erfolg der Architektur ergibt sich durch das Umfeld.»
Überlagerungen
Die Hälfte des Grundstücks von London Wall Place zählt zum öffentlichen Raum. Dieser ist auf Strassenebene gegliedert in verschiedene Grünzonen mit variierenden Niveaus. Der Mauerabschnitt und die Ruine des Turms der zweiten Kirche stellen auf eine entspannte, unaufdringliche Art einen Bezug zur Geschichte her. An einem schönen Tag bietet sich das alte Gemäuer geradezu an für ein Picknick in der Mittagspause. Den historischen Kontext erlebt man dabei nicht; diese historischen Stätten sind derart freigespielt, dass man sich von der historischen Dichte der Stadt keine Vorstellung machen kann.
Allerdings dachte auch niemand an Rekonstruktion. Beim Umgang mit diesen Resten wird die Sichtbarmachung von Spuren angestrebt, welche die Gestalt der City beinflussten. Nicht Nostalgie ist beim London Wall Place das Thema, sondern der Gewinn an Wissen. Dies macht es besondere begrüssenswert, dass das Wegnetz über dem Strassenniveau trotz der Entfernung des Sockels erhalten bleiben musste. Die Architekten schufen ein Netz aus eleganten, mit CorTen-Stahl verkleideten Passerellen. Die schweben über der Parkanlage und den baulichen Spuren der Vergangenheit und erlauben es, diese von oben aus einiger Distanz zu betrachten.
Bautafel
Bauherrschaft
Brookfield Properties, London
Oxford Properties
London
Architektur
Make Architects
London
Statik
WSP
London
Totalunternehmer
Multiplex
London
Nachhaltigkeit
BREEAM «Excellent»