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Mit Änderungen beim Essverhalten könnten wir mehr als 70 Prozent der lebensmittelbedingten Emissionen reduzieren. Die Reduktion von Treibhausgasemissionen aus Lebensmitteln erfordert deshalb nicht nur technische Lösungen, sondern auch Veränderungen von kulturellen Normen in Küche und Esszimmer.
Text: , Universität Genf
Etwa ein Viertel der weltweiten Treibhausgasemissionen (THG) entfallen auf die Agrar- und Ernährungswirtschaft, Tendenz steigend (UNFAO).1, 2 Sie selber ist aber auch von den Auswirkungen des Klimawandels und dem Verlust der biologischen Vielfalt betroffen. Seit der grünen Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Menge benötigter Kalorien aus fossilen Brennstoffen in der Lebensmittelversorgungskette grösser als jene tatsächliche Kalorienmenge, die schliesslich auf unseren Tellern landet. Dies ist ein typisches Beispiel für die von Alfred Lotka in den 1950er-Jahren eingeführte Unterscheidung zwischen exosomatischem und endosomatischem Energiestoffwechsel.3 Ersterer bezieht sich auf die ausserhalb des menschlichen Körpers verbrauchte Energie, letzterer auf den Stoffwechsel innerhalb des, Körpers.
Die Energiekosten von Lebensmittelproduktionssystemen werden schon lange erforscht.4 Es wurden mehrere Wege analysiert, um den Trend zu übermässiger exosomatischer Energie und entsprechenden Emissionen umzukehren und den Lebensmittelkonsum mit den Klimazielen in Einklang zu bringen.5 Zu den wichtigsten Massnahmen gehören die Verringerung von Transportwegen und Lebensmittelabfällen sowie die Umstellung der Ernährung. An der Universität Genf untersuchen wir, wie sich die Essgewohnheiten entsprechend verändern lassen.
In Europa hat das hohe Pro-Kopf-Einkommen dazu geführt, dass die Ernährungsumstellung von einer kohlenhydrathaltigen auf eine emissionsintensivere zucker-, fett- und tierproteinreiche Ernährung schon vor Jahrzehnten stattfand. Die Verringerung des Fleisch- und Milchkonsums ist daher der wirksamste Weg zur Reduktion der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen und steht unter allen Einzelmassnahmen zur Eindämmung des Klimawandels an erster Stelle.6
So viel wie die Emissionen der Niederlande
Berechnungen für Europa schätzen die Zusammenhänge zwischen dem Kalorienverbrauch und der landwirtschaftlichen Produktion für verschiedene Übergangsszenarien.7 Das dazu verwendete Modell vergleicht im Wesentlichen die potenzielle Verringerung der Treibhausgasemissionen durch Änderungen der landwirtschaftlichen Produktion (in Richtung Agrarökologie) und durch Änderungen der Ernährung (in Richtung gesunde Ernährung nach Empfehlungen der WHO). Gemäss den Ergebnissen machen die Änderungen des Ernährungsverhaltens mehr als 70 Prozent der potenziellen Verringerung der lebensmittelbedingten Emissionen aus. Der Rest entfällt auf die Verringerung von Lebensmittelabfällen und auf veränderte landwirtschaftliche Produktion. Diese potenziellen Reduktionen sind jedoch nicht unabhängig voneinander. Eine weitere Intensivierung der Landwirtschaft zur Erzeugung von Futtermitteln anstatt von Lebensmitteln ohne Änderungen der Ernährungsgewohnheiten bringt nur marginale Vorteile für das Klima. Änderungen der Ernährungsgewohnheiten dagegen unterstützen agrarökologische Transformationen und verdoppeln das Emissionsminderungspotenzial. In absoluten Zahlen entspricht dies für Europa etwa 190 Millionen Tonnen CO2eq an Emissionseinsparungen pro Jahr, was den jährlichen Emissionen der Niederlande entspricht.
Weniger Fleisch, dafür höhere Emissionen andernorts?
Während die Umweltkosten von Fleisch und Milchprodukten hoch sind, belasten sie auch das Lebensmittelbudget der Haushalte verhältnismässig stark. In einer kürzlich durchgeführten Studie haben wir daher Konsum-Änderungen in verschiedenen Einkommensgruppen in Schweizer Städten untersucht.8 Ziel dieses Experiments war es, Energie- und Emissionsszenarien in nachvollziehbare Konsum-Änderungen in Haushalten bis 2035 zu übersetzen. Wir haben dazu Veränderungen im Lebensmittelkonsum zusammen mit anderen Verbrauchsbereichen wie Mobilität und Wohnen und den zugrunde liegenden technischen Veränderungen beim Energieverbrauch betrachtet.
Die Auswirkungen des Lebensmittelkonsums gehen oft über die aktuellen Energiewende- und Dekarbonisierungsszenarien hinaus. Dies erschwert die Quantifizierung der Veränderungen, die für die Erreichung der regionalen oder nationalen Emissionsreduktionsziele von Bedeutung sind. Die Ergebnisse zeigen: Haushalte mit mittlerem bis hohem Einkommen können durch die potenziellen (fossilen) Energieeinsparungen, die sich aus einer fleisch- und milcharmen Ernährung sowie der Verringerung von Lebensmittelabfällen ergeben, bis zu 5 Prozent des gesamten Energiebudgets eines Haushalts einsparen. Darin sind Wohnen und Mobilität, die beiden grössten Posten des Energieverbrauchs, berücksichtigt.
Zwei Drittel dieses Ergebnisses sind auf einen geringeren Fleisch-und Milchkonsum zurückzuführen, ein Drittel auf weniger Lebensmittelabfälle. Dies mag gering erscheinen, doch eine Erklärung liegt im Budget der Haushalte selbst. Wir gingen davon aus, dass die finanziellen Einsparungen durch die Verringerung des Fleisch-und Milchkonsums entsprechend den typischen Konsumanteilen umverteilt wurden. Der Rebound-Effekt durch weniger Fleisch und Milchprodukte ist nicht zu vernachlässigen. Denn die Umstellung der Ernährung kann auch zur Folge haben, dass das eingesparte Geld für energieintensive Waren und Dienstleistungen aufgewendet wird.9
Wohlbefinden und gemeinsames Essen
Das eigentliche Ziel unseres Experiments bestand darin herauszufinden, wie sich solche Veränderungen in der Ernährung möglicherweise auf das Wohlbefinden auswirken. Dazu zählen wir zum Beispiel die Teilhabe an der Gesellschaft, die Zeit, die wir mit Familie und Freunden verbringen. Ein weiterer wichtiger Teil des Wohlbefindens aus dem Lebensmittelkonsum betrifft das Essen im Restaurant. Betrachtet man nur den Energieverbrauch, so machen die mit dem konkreten Menu in einem Restaurant verbundenen Umwelt-Auswirkungen nur einen kleinen Teil des gesamten Anteils des Restaurants aus. Hin- und Rückfahrt kommen hinzu, Heizung oder Kühlung laufen auch ohne unseren Besuch. Der Energieverbrauch verringert sich nur geringfügig, wenn man weniger oft auswärts isst. Gemeinschaftsküchen in Schulen, Universitäten und Unternehmen können dagegen durch die Zubereitung von weniger Fleisch und Milchprodukten grössere Auswirkungen erzielen.
Die Substitution fossiler Brennstoffe in der Landwirtschaft und die Verringerung der Treibhausgasemissionen aus Lebensmitteln bleiben jedoch eine Herausforderung. In den politischen Stossrichtungen und Strategien in Europa und in der Schweiz sind landwirtschaftliche Emissionen oft Teil der unvermeidbaren «Rest»-Emissionen im Jahr 2050. Zum Erreichen von netto Null müssen sie kompensiert oder aus der Atmosphäre entfernt werden. Essen hängt derweil mit unserem kulturellen Verständnis, mit Traditionen und Know-how bei der Zubereitung von Mahlzeiten zusammen. Deshalb erfordert eine emissionsärmere Ernährung einen Wandle der Normen, Erwartungen und Bestrebungen.
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Vincent Moreau forscht im Bereich ökologische Ökonomie an der Universität Genf und an der ETH Lausanne.
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Referenzen
[1] FAO (2022) Greenhouse gas emissions from agrifood systems. Global, regional and country trends, 2000-2020. FAOSTAT Analytical Brief Series No. 50. Rome, FAO.
[2] FAO (2022) Greenhouse gas emissions from agrifood systems. Global, regional and country trends, 2000-2020. FAOSTAT Analytical Brief Series No. 50. Rome, FAO.
[3] Lotka AJ (1956) Elements of Mathematical Biology, Dover Publications, New York.
[4] Arizpe N, Giampietro M, Ramos-Martin J (2011) Food Security and Fossil Energy Dependence: An International Comparison of the Use of Fossil Energy in Agriculture (1991-2003). Crit. Rev. Plant Sci. 30, 45–63.
[5] Springmann M, Clark M, Mason-D’Croz D, Wiebe K, Bodirsky, BL, Lassaletta L, de Vries W, Vermeulen SJ, Herrero M, Carlson KM, Jonell M, Troell M, DeClerck F, Gordon LJ, Zurayk R, Scarborough P, Rayner M, Loken B, Fanzo J, Godfray HCJ, Tilman D, Rockström J, Willett W (2018) Options for keeping the food system within environmental limits. Nature 562, 519–525. doi.org/10.1038/s41586-018-0594-0
[6] Ivanova D, Barrett J, Wiedenhofer D, Macura B, Callaghan M, Creutzig F (2020) Quantifying the potential for climate change mitigation of consumption options. Environ. Res. Lett. 15, 093001. doi.org/10.1088/1748-9326/ab8589
[7] Costa L, Moreau V, Thurm B, Yu W, Clora F, Baudry G, Warmuth H, Hezel B, Seydewitz T, Ranković A, Kelly G, Kropp JP (2021) The decarbonisation of Europe powered by lifestyle changes. Environ. Res. Lett. 16, 044057. doi.org/10.1088/1748-9326/abe890
[8] Sahakian M, Moynat O, Senn W, Moreau V (2023) How social practices inform the future as method: Describing personas in an energy transition while engaging with teleoaffectivities. Futures 148, 103133. doi.org/10.1016/j.futures.2023.103133
[9] Grabs J (2015) The rebound effects of switching to vegetarianism. A microeconomic analysis of Swedish consumption behavior. Ecol. Econ. 116, 270–279. doi.org/10.1016/j.ecolecon.2015.04.030