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Komplexer Ableismus
Ableismus hat viele Gesichter. Von den alltäglichen persönlichen Beschimpfungen und Angriffen aufgrund einer Behinderung über fehlende Barrierefreiheit im öffentlichen und privaten Sektor bis hin zum wohlwollenden Ableismus, der Menschen mit Behinderungen als hilfsbedürftig markiert. Laura Gehlhaar, deutsche Autorin und Beraterin, über ein vielfältiges und vielschichtiges System von Vorurteilen und Benachteiligungen gegenüber Menschen mit Behinderungen.
Wenn ich auf die Strasse gehe, dann bin ich vorbereitet. Darauf, dass ich angeschaut werde. Mal freundlich bis bewundernd, mal bemitleidend bis aggressiv. Darauf, dass ich angesprochen werde. Mal, weil mir fremde Menschen ungefragt Hilfe anbieten, mal, weil ich ihnen Auskunft über meine Gesundheit geben soll. Darauf, dass ich öffentliche Verkehrsmittel nicht benutzen kann. Darauf, dass ich mein anvisiertes Ziel nicht betreten kann. Darauf, dass ich dort nicht die Etage wechseln, geschweige denn die Toilette benutzen kann … Die Liste ist unvollständig. Sie ist nur ein beliebiges Beispiel für das Spektrum an Diskriminierung, dem ich täglich ausgesetzt bin. Nicht, weil ich in einem Rollstuhl sitze. Sondern weil ich in einer Gesellschaft in einem Rollstuhl sitze, in der das alles andere als normal ist. Und das führt zu vielfältigen Problemen, die sich meistens in einem einzigen Wort zusammenfassen lassen: Ableismus.
Ableismus ist das unvollständige Bild, das nicht behinderte von behinderten Menschen haben, und die weitreichenden Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
Perspektiven auf Behinderung
Der Begriff Ableismus entstand im Kontext des US-amerikanischen und britischen Behindertenrechtsaktivismus und tauchte schriftlich bereits 1981 in der feministischen Zeitschrift «Off Our Backs» auf. Die genaue Definition änderte sich im Laufe der Zeit immer wieder und wird stetig neu ausgehandelt. Damals wie heute benutzen Aktivist*innen den Begriff, um ein vielfältiges, vielschichtiges System von Vorurteilen und Benachteiligungen gegenüber Menschen mit Behinderungen zu beschreiben. Vielfältig, weil ableistische Diskriminierung nicht nur missgünstig, sondern auch wohlwollend gemeint sein kann. Vielschichtig, weil Menschen mit Behinderungen sie sowohl auf alltäglicher als auch auf struktureller Ebene erfahren.
Bei der Annäherung sind zunächst zwei Fragen hilfreich: Wer und was gilt innerhalb einer Gesellschaft als «normal» – und wer nicht? Welche unterschiedlichen Rechte und Privilegien spricht eine Gesellschaft ihren als «normal» beziehungsweise «nicht normal» markierten Mitgliedern zu?
Zwar unterscheidet sich der gesellschaftliche Blick auf Normalität und Behinderung je nach Zeit und Ort, doch meist wirkt er sich fatal auf Menschen mit Behinderungen aus. In den USA des 18. Jahrhunderts etwa prägten religiöse Ideen die Vorstellungen von ihnen. Sie galten als böse, von Dämonen besessen. Diese zeitgenössische Norm rechtfertigte ihre Ausgrenzung und Entrechtung.
Im Dritten Reich hingegen legitimierte man die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen mit rassistischen Motiven. Die angestrebte Schaffung des «Neuen Menschen» ermöglichte die Einteilung menschlichen Lebens in die Kategorien «wertvoll» und «minderwertig» – mit jeweils unterschiedlicher Daseinsberechtigung. Auf dieser Grundlage wurden im Rahmen der «Aktion T4» zwischen 1939 und 1945 in Europa etwa 200 000 bis 300 000 Menschen systematisch ermordet.
Auch heute noch bestimmt das gesellschaftliche Konzept, beziehungsweise Modell, von Behinderung die Sichtweise darauf – und damit auch das Handeln. Derzeit sind sowohl im behindertenpolitischen als auch im individuellen Kontext vor allem zwei Modelle relevant.
Behinderung im medizinischen Modell
Das «medizinische Modell» begreift die Behinderung eines Menschen als individuelles pathologisches Defizit. Dieser Sichtweise folgend, ist eine Behinderung in erster Linie ein Krankheitsbild, dessen Ursachen sich im Körper oder Gehirn der jeweiligen Person suchen und finden lassen.
Aus diesem Modell ergibt sich eine Behandlungslogik, die in Diagnostik und Therapiemassnahmen mündet – idealerweise mit dem Ziel der Korrektur der von der Norm abweichenden Merkmale.
Einerseits fasst der Begriff Behinderung viele Merkmale wie etwa Muskeldystrophie, Blindheit oder Autismus zusammen. Andererseits sind Diagnose und Behinderung deckungsgleich. Im Verständnis von Behinderung als «individuelles Defizit» bildet ein diagnostisch-medizinischer Komplex, bestehend unter anderem aus Ärzt*innen, Medikamenten und Geräten, den folgerichtigen Lösungsansatz: die Minderung individuellen Leids durch Heilung.
Umgekehrt wird Menschen mit Behinderungen die Verantwortung übertragen, sich diesem Komplex zu beugen und aktiv an der Lösung ihres «individuellen Defizits» mitzuarbeiten.
Der nicht nicht erfüllbare Anpassungsdruck an eine gesellschaftliche Norm rechtfertigt die stereotype Abwertung von Menschen mit Behinderungen.
Ich möchte an dieser Stelle nicht den medizinischen Fortschritt und den Verdienst der Medizin um menschliches Leben und Lebensqualität untergraben.
Mein Argument lautet: Für das Verständnis und die Konzeptualisierung von Behinderung bietet das medizinische Modell nur eine eingeschränkte Perspektive. Denn der nicht erfüllte – besser gesagt nicht erfüllbare – Anpassungsdruck an eine gesellschaftliche Norm rechtfertigt die stereotype Abwertung von Menschen mit Behinderungen. Gleichzeitig verdeckt diese verengte Perspektive den Blick auf die alltägliche und systematische Diskriminierung, die Sie und ich erfahren. Stichwort Ableismus.
Behinderung im sozialen Modell
Diesem blinden Fleck trägt das «soziale Modell» Rechnung, dessen Ursprünge in nordamerikanischen Behindertenbewegungen liegen. Anders als das medizinische perspektiviert das soziale Modell Behinderung als soziales Phänomen. Menschen, die nicht einer vorgestellten Norm entsprechen, werden an der gesellschaftlichen Teilhabe behindert. Für sie bestehen physische, psychische und politische Barrieren. Demzufolge sind sie nicht nur behindert, zusätzlich werden sie behindert. Zusätzlich zu körperlichen beziehungsweise Lernbehinderungen erfahren diese Menschen Behinderungen im Zugang zu Gesellschaft, Gebäuden, Bildung, Beruf, Wohlstand etc. – Behinderungen, die sich nicht einfach aus persönlichen Merkmalen ergeben. Diese Behinderungen sind Konsequenzen einer Umgebung, deren Ausgestaltung auf einem Normverständnis beruht, das der gesellschaftlichen Vielfalt nicht gerecht wird.
Ob aus sexistischen, rassistischen oder wie in diesem Kontext ableistischen Motiven, die systematisch verwehrte gesellschaftliche Teilhabe bedeutet immer Diskriminierung. Ein Beispiel aus meinem Alltag: Eine Freundin lädt mich zu ihrem Geburtstag ein. Die Party findet in ihrer Wohnung im dritten Stock statt. Aus medizinischer Sicht kann ich nicht kommen, weil meine Beine für die vielen Treppenstufen zu schwach sind, weil ich behindert bin. Aus sozialer Sicht hingegen muss ich absagen, weil es in ihrem Haus keinen Aufzug gibt, weil ich behindert werde.
So erweitert das soziale Modell die Perspektive in zweifacher Hinsicht: Erstens wird Behinderung auf sozial-gesellschaftlicher statt auf individuell-medizinischer Ebene problematisiert. Zweitens ermöglicht es, dass behinderte Menschen sich unabhängig von ihrer individuellen Behinderung als einer Minderheit zugehörig begreifen. Dieses Gefühl von «Belonging» (von to belong = gehören/dazugehören) begünstigt den Austausch geteilter Diskriminierungserfahrungen und macht den eingangs beschriebenen, vielfältigen und vielschichtigen Ableismus innerhalb einer Gesellschaft sichtbar.
Ableismus – Formen und Auswege
Mindestens so komplex wie Ableismus ist dessen Abbau beziehungsweise Beseitigung. Die Adaption des sozialen Modells ist dabei hilfreich, wenn auch nur der erste Schritt. Auf die flächendeckende Sichtbarmachung des Problems muss der breite Wille zur Problemlösung folgen. Sie umfasst den Kampf gegen persönliche Beschimpfungen und Angriffe aufgrund körperlicher und/oder Lernbehinderungen (Alltagsableismus) genauso wie gegen strukturellen Ableismus in Form mangelnder Barrierefreiheit im öffentlichen und privaten Sektor sowie auf dem gesamten Bildungs- und Karriereweg. Aggressiver Ableismus, der feindselig auf Behinderungsformen reagiert, ist ebenso abwertend wie wohlwollender Ableismus. Indem er Menschen mit Behinderungen infantilisiert und als hilfsbedürftig markiert, nimmt er ihnen den Raum, ihre Bedürfnisse und Ansprüche selbst zu äussern. Ähnliches gilt für den medizinischen Ableismus, der behinderten Patient*innen ihre Autonomie und Entscheidung über medizinische Massnahmen abspricht. Nicht zuletzt sind es auch Menschen mit Behinderungen, die sich selbst diskriminieren, sich für ihre Behinderung schämen und ableistisches Handeln als gerechtfertigt empfinden. Der Erfolg versprechendste Ansatz zum Abbau von Vorurteilen und Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen ist bereits in der Problembeschreibung enthalten:
Je grösser das gesellschaftliche Verständnis davon, wer und was normal ist, desto kleiner der Raum für Ableismus.
Glücklicherweise ist jede Gesellschaft heterogen und divers zusammengesetzt. Ihre Herausforderung besteht darin, aus diesem nicht umkehrbaren Umstand einen Auftrag an sich selbst abzuleiten: die Gleichwertigkeit und damit gleichwertige Teilhabe- und Zugangschancen all ihrer Mitglieder.