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Flugpioniere als Namensgeber
Die Strassen und Plätze im neuen Stadtteil Glattpark (Opfikon) sind nach Flugpionieren benannt. Sie erinnern damit an jene Männer und Frauen, die zur Zeit des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert durch ihre Leistungen, ihren Mut und ihre Opfer die einzigartige Entwicklung des Luftverkehrs überhaupt ermöglichten. Die Namen der Strassen und Plätze bilden einen wesentlichen Teil der Identität des neuen Stadtteils und tragen zu seiner Bekanntheit bei.
Die Stadt Opfikon hat über die Hintergründe zu den Strassennamen in Glattpark (Opfikon) das Buch "Flugpioniere als Wegführer" herausgegeben. Dieses kann zum Preis von Fr. 20 beim Bauamt Opfikon bestellt werden: 044 829 82 92.
«Unter all den grossen Fortschritten der Menschheit, von der
Erfindung des Rades über den Buchdruck und die Segelschiffe bis hin
zum Computer, hat kaum einer die Welt so sehr verändert wie die Eroberung
der Lüfte.»
P. Almond, «Aviation»
«Die Pioniere der Luftfahrt hatten nichts als ihren gesunden
Menschenverstand und ihr Reaktionsvermögen, um sicher wieder auf
dem Boden zu landen. Ihre Flugzeuge, primitive Konstruktionen aus Holz,
Tuch und Draht, liessen sich nur schwer steuern und waren so anfällig,
dass schon ein mässiger Windstoss zum Absturz führte. Die vorn
oder hinten montierten Motoren, schwach und unzuverlässig, neigten
dazu, immer im entscheidenden Moment stehen zu bleiben. Gegen solche Widrigkeiten
setzten die Piloten ihr Vermögen, ihren Stolz, ihr Leben.»
C. Prendergast, «Pioniere der Luftfahrt»
Lilienthal 1894 vor dem Start auf seinem «Fliegeberg» in Berlin-Lichterfelde
Otto Lilienthal (1848-1896): Gewinnt grundlegende Erkenntnisse für
die gesamte Luftfahrt.
«Zweifellos haben andere Männer, lange vor Lilienthal, daran
gedacht, Versuche solcher Art anzustellen. Lilienthal aber dachte nicht
nur über die Flugfrage nach, sondern ging zur Tat über. Dadurch
hat er wahrscheinlich einen grösseren Beitrag zur Lösung dieses
Problems geleistet als alle seine Vorgänger. Er bewies anschaulich
die Ausführbarkeit praktischer Flugversuche, ohne die ein Fortschritt
auf diesem Gebiet unmöglich ist
» schreibt 1901 der Amerikaner
Orville Wright, dem zwei Jahre später der erste Motorflug gelingt.
Nach 25 Jahren experimentell-theoretischer Arbeiten veröffentlicht
Lilienthal 1889 das Buch «Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst».
1891 gelingen ihm die ersten wiederholfähigen sicheren Gleitflüge
der Geschichte, mit Ein- und Doppeldeckern (1895), insgesamt über
2000 Gleitflüge, bis 250 Meter weit. Seine Methode «vom Sprung
zum Flug» wurde in aller Welt übernommen und markiert den Beginn
des Zeitalters des Menschenflugs. Dabei benützt er ab 1894 einen
nach seinen Anweisungen aufgeschütteten 15 m hohen «Fliegeberg»
in Lichterfelde in der Nähe seiner Wohnung. Die Fotos Lilienthals
in seinem Gleiter sind die ersten von einem fliegenden Menschen.
Sein Monteur wird Augenzeuge des tödlichen Absturzes Lilienthals
am 9. August 1896, als ihm die Aussteuerung einer «Sonnenbö»
(thermische Ablösung) nicht gelingt: «Es war etwa 10 Minuten
nach drei Uhr nachmittags. Lilienthal lief nur wenige Schritte gegen den
Wind, ehe seine Tragflächen ihn empor trugen. Es lief alles normal.
Doch plötzlich schien es mir, als stünde der Apparat, der soeben
noch zu Tal schwebte, in der Luft still. Er war vielleicht zehn Meter
hoch über der Erde. Lilienthal begann mit den Beinen zu schlagen.
Damit versuchte er, den Tragflächen wieder mehr Neigung nach unten
zu geben. Unerklärlicherweise begann der Apparat jedoch in Sekundenschnelle
nach vorn zu stürzen und schlug hart auf. Lilienthal konnte sich
nicht mehr bewegen. Sein Rückgrat war gebrochen.»
Otto Lilienthal verwirklicht noch nicht den vollkommenen Flug, doch zeigt
er mit seinen wissenschaftlichen Erkenntnissen und praktischen Erfolgen
den Weg auf, wie das Fliegen möglich ist.
Empfang Lindberghs in New York
Charles Lindbergh (1902-1974): Fliegt als Erster nonstop über den
Atlantik von New York nach Paris.
1913 schreibt die «Daily Mail» einen Preis von 10000 Pfund
für die erste Non-Stop-Überquerung des Atlantiks aus. Am 14.
Juni starten Captain Brown und Leutnant Alcock von St. John's auf Neufundland
und landen am folgenden Tag bei Clifden auf Irland - die erste Non-Stop-Überquerung
des Atlantiks. Sie erhalten aus der Hand von Winston Churchill den Daily-Mail-Preis.
Charles Lindbergh ist seit 1920 Berufspilot auf Poststrecken. Er kauft
1923 sein erstes Flugzeug aus Armeebeständen, obschon er noch nie
allein geflogen ist.
1920 wird ein Preis von 25000 Dollar für den ersten Non-Stop-Flug
zwischen Paris und New York in beliebiger Richtung ausgesetzt. Dank Unterstützung
einflussreicher Geschäftsleute aus St. Louis kann sich Lindbergh
ein eigens für diesen Zweck konstruiertes Flugzeug bestellen, die
Ryan «Spirit of St. Louis», mit 200 km/h Höchstgeschwindigkeit,
sozusagen ein fliegender Benzintank, ohne direkte Sicht nach vorne für
den Piloten.
Am 20. Mai 1927 fliegt Lindbergh von Long Island N.Y. über Neufundland
über den Atlantik und landet am folgenden Tag nach 6000 km und 331/2
Stunden Flug bei Dunkelheit in Paris Le Bourget. Er erfüllt damit
nicht nur die Bedingungen des Preisausschreibens, sondern ist auch der
Erste, der allein über den Atlantik geflogen ist.
«Manchmal flog ich zehn Fuss über dem Meer, manchmal befand
ich mich in zehntausend Fuss Höhe
» «
ich flog
während langer Stunden, ohne Wellen zu sehen. Offen gestanden, ich
habe mich sehr gelangweilt
» «
ich habe niemals
Schlaf gehabt
ich habe nur Wasser getrunken, aber ich gestehe es
Ihnen: bei der Ankunft hatte ich einen Teufelsdurst.» «
ich
habe nur meinen Pass. Leider hatte ich vergessen, mir die nötigen
Visa zu besorgen. Glücklicherweise nahm man es bei der Ankunft damit
nicht so genau».
«Übrigens hätte ich noch lange fliegen können
Wenn
ich Erfolg gehabt habe, verdanke ich das dem Konstrukteur meines Flugzeugs
und all denen, die mir geholfen haben. Es ist schade, dass ich nicht weitergeflogen
bin. Wirklich, ich versichere Sie, ich hatte noch genug Benzin, um noch
tausend Meilen weiter zu fliegen.»
(aus Interviews Lindberghs nach der Landung)
Lindberghs Start am 20. Mai 1927 vom Roosevelt Field in New York
Farman gewinnt den Archdeacon Cup für den ersten einen Kilometer
langen
Rundflug in Europa
Henry Farman (1874-1958): Motorflieger und Konstrukteur, Distanz- und
Höhenrekorde, entscheidende Verbesserungen im Flugzeugbau.
Farman ist britischer Abstammung und lebt in Paris.
«Die Tüftlerbegabung in Person.» (Gabriel Voisin)
1908 fliegt Farman als Erster auf einem von ihm entscheidend verbesserten
Voisin-Aeroplan eine geschlossene Schlaufe von einem Kilometer in Europa.
«Dieser Tag geht in die Geschichte ein als der Tag, an dem, vor
offiziellen Zeugen, die menschliche Intelligenz den Sieg davontrug über
das Problem, das Ikarus ins Verderben stürzte, über das Leonardo
da Vinci sich den Kopf zerbrach. Nie zuvor ist eine solche Leistung erbracht
worden.» (London Times)
Die «Grande Semaine d'Aviation de la Champagne», die Flugwoche
in Reims vom 22. bis zum 28. August 1909, wird von keiner ähnlichen
Veranstaltung mehr übertroffen. Nach dem Flug Blériots über
den Ärmelkanal kommt die feine Gesellschaft aus ganz Europa nach
Bétheny bei Reims um das bisher grösste Treffen der Luftfahrer
zu erleben. Am fünften Tag übernimmt Latham mit einem Flug von
150 km Länge die Führung im Streckenflug; der mit 50000 Francs
dotierte Grand Prix für den längsten Flug scheint ihm sicher.
Am letzten Tag des Wettbewerbs zieht Farman seinen Doppeldecker aus der
Halle. Das stoffbespannte Kastenleitwerk erinnert an «reihenweise
zum Trocknen aufgehängte Wäschestücke im Hinterhof einer
Waschfrau». Farman startet, zieht Runde um Runde um den Platz und
hat nach zwei Stunden den Rekord von Wilbur Wright eingestellt. Abends
landet er im Scheinwerferlicht und hat in 3 Stunden 4 Minuten 56 Sekunden
180 km zurückgelegt.
Henry, der 1909 mit seinem Bruder Maurice in Billancourt bei Paris eine
Flugzeugfabrik gründet, erringt weitere Geschwindigkeits- und Höhenrekorde.
1919 eröffnet die zweimotorige «Goliath» - ein umgebauter
Bomber - mit dem Flug von Paris nach London die erste internationale Luftverkehrslinie
der Welt. In den folgenden Jahren wird die «Goliath» bei zahlreichen
Gesellschaften eingesetzt und gilt als eines der zuverlässigsten
und komfortabelsten Passagierflugzeuge.
Chavez vor dem Start zu seinem Simplonflug am 23. September 1910
Geo Chavez (1887-1910): Peruaner, in Paris geboren. Fliegt als Erster
über die Alpen.
«Hübscher Mensch von herkulischem Körperbau, glänzender
Sportler, internationaler Fussballer und Autofahrer.»
1910 besucht Chavez die Flugschule von Farman in Frankreich. Französisches
Fliegerbrevet Nr. 23 am 15. Februar 1910. Anschliessend zahlreiche Pionierflüge,
Rekordleistungen und Preise.
Am 19. Juli 1910 beschliesst das Komitee für die Mailänder
Flugwoche einen Preis von 70000 Lire für einen «Wettflug mit
Flugmaschinen über die Alpen bis Mailand.» Als geeignete Route
wird der Simplonpass gewählt, Brig ist damit Ausgangspunkt des «Rennens».
Auf dem Brigerberg, 200 m über der Talsohle, richtet die Stadt ein
Flugfeld ein.
Am 23. August 1910 trifft Chavez in Brig ein und erkundet zu Fuss und
im Automobil die Bergwelt, die er bezwingen will. Auch sein Konkurrent
Weymann unternimmt mit seinem Farman-Doppeldecker Erkundungsflüge:
«Es ist ein tolles Unterfangen, und nur ein Mensch, dem nichts am
Leben liegt, kann dabei den Tod als Siegespreis gewinnen.»
Nach vielen Startverschiebungen wegen Bettag und Wetter startet Chavez
am 23. September 1910 am Mittag auf seinem 50-PS-Blériot-Eindecker
zum Flug.
Am Simplon steht das Volk auf den Strassen und Glocken melden den Flug.
Ganz Domodossola ist zum Empfang zusammen geströmt. «Kleine
Schreie flammen auf! Will Chavez seine letzte Bravour zeigen? Das ist
kein Gleitflug mehr. Er stürzt! Zu steil! Brüsk reissen die
Hände das Steuer an. Die Maschine bäumt sich empor. Die Erde
fällt zurück. Der Horizont dreht sich wie eine Scheibe. Das
Flugzeug, zu stark aufgerissen, dreht ein Looping. Da schlagen die Flügel
über seinem Kopf zusammen. Ein fürchterliches Krachen unterbricht
das Sausen in der Luft. Dann wird alles schwarz
» (NZZ 24.9.1910)
Am 28. September 1910 stirbt Chavez. «Er wäre sehr wahrscheinlich
auch ohne den Sturz und die dadurch verursachten Verletzungen gestorben,
weil sein ganzer Organismus durch den titanischen Kampf verbraucht war.»
Helikopter der Brüder Dufaux, 1904
Armand (1882-1941) und Henri (1879-1980) Dufaux: Wegbereiter des Motorfluges
in der Schweiz.
Die Brüder Dufaux kennen die Arbeiten von Otto Lilienthal und verfolgen
genau die Taten der Gebrüder Wright. Grundlegend für ihre erfolgreichen
Flugapparate sind die Erfahrungen im Bau von leichten Motoren für
die von ihnen hergestellten Motorräder Motosacoche. Sie konstruieren
ein 17,5 kg schweres Helikoptermodell mit zwei gegenläufigen Rotoren,
das 1905 in Paris die weltweit ersten Helikopterflüge mit Nutzlast
ausführt. Der Vorführung wohnen zahlreiche Persönlichkeiten
der Luftfahrt bei, darunter Louis Blériot, der von Dufaux einen
Motor kaufen möchte und Alberto Santos-Dumont, der sich aufgrund
dieser Versuche dem «Fliegen schwerer als Luft» zuwendet.
1909 bauen die Brüder Dufaux in ihrer Flugzeugwerkstätte in
Genf den Apparat Nr. 3, den ersten flugfähigen Rumpfdoppeldecker
der Welt. Im folgenden Jahr entsteht der Apparat Nr. 4, mit dem Armand
Dufaux am 27. August 1910 den Genfersee überfliegt. 56 Minuten dauert
der 66 km lange Flug von Villeneuve nach Genf, der zugleich der bisher
längste Flug über Wasser ist, doppelt so lang wie Blériots
Kanalflug.
«Da krachte um 6 Uhr 41 Minuten ein Kanonenschuss zum Zeichen,
dass die Ziellinie überflogen und die erste Traversierung des Genfersees
eine Tatsache geworden sei. Noch musste der Landungsplatz bei Corsier
erreicht werden, was eine Wendung von 240 Grad bedeutete. Dazu musste
sie der Flieger noch in der ungewohnten Art, entgegen der Rotationsbewegung
des Motors, nach links, ausführen. Dabei gingen weitere zwei Meter
Höhe verloren. Lieber Motor, nur noch ein paar Minuten!»
Ein Dufaux-Doppelsitzer nimmt mit Pilot und Beobachter 1911 an Manövern
teil, das erste im Dienste der Schweizer Armee verwendete Flugzeug. 1911
geben die Dufaux die Flugzeugfabrikation auf. Armand betreibt in Paris
eine Werkstatt für Flugzeugteile und konstruiert Jagdflugzeuge, Henri
widmet sich der Malerei und unternimmt ausgedehnte Reisen in der ganzen
Welt.
Die Brüder Dufaux haben den Motorflug in der Schweiz vom Stadium
des Experimentierens und der Theorie in die Praxis überführt
und der Aviatik wertvolle Impulse verliehen.
Blériot startet am 25. Juli 1909 zu seinem Flug über den Ärmelkanal
Louis Blériot (1872-1936): Fliegt als Erster über den Ärmelkanal.
Louis Blériot ist ein impulsiver, kräftiger Mann, eine unverwechselbare
Erscheinung mit grosser Nase und riesigem Schnauz und als Ingenieur ein
wohlhabender Hersteller von Automobilzubehör. Kurz nach der Jahrhundertwende
beginnt er mit der Fliegerei. Vor dem Kanalflug hat er sein ganzes Vermögen
und die Mitgift seiner Frau, insgesamt 780000 Francs, darin investiert
und steht vor dem Bankrott.
Blériot baut zahlreiche Flugzeugtypen, von denen die Mehrheit
erfolglos ist. Die zierliche «Blériot XI» aber wird
zur Legende: sie hat eine Spannweite von lediglich 7,8 m, einen luftgekühlten
25-PS-Anzani-Motor, ein Gesamtgewicht von 300 kg und eine Maximalgeschwindigkeit
von 75 km/h. Mit diesem Eindecker überfliegt er am 25. Juli 1909
als erster den Ärmelkanal und gewinnt damit den von der Londoner
«Daily Mail» ausgesetzten Preis von 1000 Pfund.
«
Ich bin allein. Zehn Minuten lang habe ich die Orientierung
verloren. Es ist eine seltsame Lage, allein zu sein, ohne Führung,
ohne Kompass, in der Luft mitten über dem Kanal.»
Am 19. Juli war sein Konkurrent, Hubert Latham, mit seiner «Antoinette
IV», die über eine viermal grössere Flügelfläche
verfügt, beim gleichen Versuch im Meer gelandet.
Der Kanalflug Blériots verändert das Nationalbewusstsein
Englands:
«
trotz unserer Flotte ist England
keine unzugängliche
Insel mehr.»
«
es besteht die vollkommen vernünftige Sorge, dass
eine Invasion Grossbritanniens nunmehr durch die Luft erfolgen kann
»
Die Überquerung des Kanals macht Blériot zu einem der bekanntesten
Pioniere aus der Anfangszeit des Motorfluges.
Der Gleiter 3 der Gebrüder Wright, 1903
Wilbur (1867-1912) und Orville (1871-1948) Wright:
1903 erster gesteuerter Motorflug der Welt.
1900 bauen die Brüder ihren ersten Gleiter, mit dem sie bemannte
und unbemannte Flüge unternehmen. Es folgen Gleiter 2 und vor allem
der Gleiter 3, der die Grundlagen zum ersten Motorflugzeug der Welt bildet,
das 1903 gebaut wird.
Der 17. Dezember 1903 ist wohl das berühmteste Datum der Geschichte
der Luftfahrt: erster gesteuerter Flug mit einem Flugzeug, der «Flyer
I», 12 Sekunden, 36 Meter. Gestartet wird auf einem Katapult, Orville
ist am Steuer, nachdem die Brüder durch Münzenwurf gelost und
Wilbur gewonnen hatte, auf seinem ersten Flug aber im Sand stecken blieb.
«Dieser Flug dauerte nur 12 Sekunden, war jedoch der erste in der
Geschichte der Menschheit, bei dem eine Maschine aus eigener Kraft einen
Menschen im freien Fluge in die Luft trug und, ohne zu verlangsamen, sich
über dem Erdboden bewegte und endlich an einem Punkt landete, der
ebenso hoch lag wie der Startplatz
»
1904 wird die «Flyer II» vollendet, die 105 Flüge, der
längste über 4,4 km, ausführt. Es folgt die berühmte
«Flyer III», sie ist voll steuerbar, kann in Kurven gehen
und wenden, hat aber keine genügende Eigenstabilität und muss
dauernd mit Steuerausschlägen unter Kontrolle gehalten werden. Ihr
längster Flug beträgt 39 km und dauert 38 Minuten.
1907 wird die «Flyer» nach Europa gebracht, wo sie zuerst
kaum beachtet, dann aber weltberühmt wird durch zahlreiche erfolgreiche
Flüge in der Nähe von Le Mans. Die «Flyer» bricht
alle inoffiziellen Rekorde und beweist, dass sie steigen, kurven und wenden
sowie Kreise und Achterfiguren fliegen kann. Das Flugzeug ist der ganzen
europäischen Konkurrenz weit voraus.
Das erste Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ist in der Aviatik unbestritten
das Jahrzehnt der Brüder Wright. Mehr noch als in den USA beachtete
man in Europa die Fortschritte mit grosser Bewunderung.

Hamilton im Seenot-Rettungs-Anzug, mit der unvermeidlichen Zigarette
im Mundwinkel

Charles Keeny Hamilton (1885-1914): Legendärer Show- und Stuntpilot,
überlebt 63 Abstürze.
Hamilton steht für die tollkühnen Männer und Frauen,
die in der Pionierzeit der Luftfahrt als Piloten Kopf und Kragen
riskieren und so nicht nur die Zuschauermassen an den Flugveranstaltungen
faszinieren, sondern auch den Konstrukteuren und Erfindern wertvolle
Aufschlüsse über die Weiterentwicklung der Flugmaschinen
liefern.
Er wird 28 Jahre alt - älter als viele andere Flieger, die
in dieser Epoche tödlich verunfallten. «Sie starben uns
so schnell weg, dass ich die Einsätze aller anderen zu übernehmen
begann», erinnert sich ein junger Pilot, der 1910 dem Team
von Curtiss beigetreten war.
Hamiltons Karriere beginnt mit einem Sprung aus einem Fenster,
für den er statt eines Fallschirms einen Regenschirm benützt.
Als Ballonpilot tritt er an Volksfesten auf, steuert später
auch Luftschiffe, bis er von den Leistungen Blériots so fasziniert
ist, dass er beschliesst, bei Glenn Curtiss fliegen zu lernen. Dieser
setzt ihn schon nach einem Monat auf die Liste seiner Kunstflug-Mannschaft.

Hamilton fliegt jede Maschine in jeder Situation, ist äusserst
nervenstark und besitzt einen untrüglichen Sinn für Spektakel.
Eines davon wird ihm im letzten Augenblick verboten: für 10000
Dollar war er bereit, durch den New Yorker Broadway zu fliegen.
Hamilton fliegt oft in einem Seenotrettungsanzug, um die Folgen
seiner Abstürze zu mildern. Er überlebt 63 Abstürze.
Angeblich enthält sein Körper viele Ersatzteile, wie zwei
Rippen aus Silber und Metallplatten im Schädel und im Schienbein.
«Von dem ursprünglichen Hamilton ist wenig übriggeblieben.»
Hamilton stirbt, wie er es selbst vorausgesagt hat, 1914 im Bett.

Voisin-Flugzeugwerk in Paris-Billancourt. Gemälde 1908
Gabriel (1880-1973) und Charles (1882-1912) Voisin: Erste erfolgreiche Flugzeugkonstrukteure
Frankreichs.
Vom ersten Flugzeug der Voisins ist recht wenig bekannt. Mit 25 PS untermotorisiert
und schwer zu beherrschen, ist der beste Flug der Voisin-Delagrange ein
Hüpfer von 60 m. Mit dem stärkeren Antoinette-Motor reicht es
für 500 m, aber mit einem Absturz bei der Landung.
«Man konnte sie nur mit Gewalt durch die Luft steuern, und wenn
sie nach einer Seite abkippte, musste man das Ruder umlegen, um sie wieder
in Normallage zu zwingen. Es war ein ziemlich riskantes Manöver.»
«Die Voisin-Maschinen waren wegen ihrer grösseren Flugstabilität
beliebter als die Flyer von Wright, doch sie hatten keine
Möglichkeit, Rollbewegungen abzufangen und konnten nur bei völliger
Windstille fliegen.»
Der Doppeldecker «Zugvogel» aus dem Jahr 1909, Motor 60 PS,
Geschwindigkeit 55 km/h, leistet unbeabsichtigt einen grossen Beitrag
zur Entwicklung des Flugzeugs. Er war von Henry Farman bestellt, wurde
von den Voisins aber nach England verkauft.
Farman gründet darauf eine eigene Flugzeugfabrik, in der er den
«Zugvogel» weiterentwickelt und zum ersten richtig steuerbaren
Flugzeug macht.
1907 eröffnen die Brüder Voisin in Paris-Billancourt eine der
ersten kommerziellen Flugzeugfabriken der Welt. Ab 1911 bauen sie auch
Wasserflugzeuge, deren erster Flug Gabriel Voisin auf der Seine gelingt.
1912 stirbt Charles bei einem Autounfall.
Im Ersten Weltkrieg werden Aufklärungs- und Bomberflugzeuge gebaut.
Unter der Leitung von Gabriel baut das Werk nach dem Krieg eine Reihe
von legendären Automobiltypen, deren Ästhetik und Funktionalität
unter anderen auch den berühmten Architekten Le Corbusier faszinieren.
Amelia Earhart flog 1932 als erste Frau allein über den Atlantik
Amelia Earhart (1897-1937): Erste weltberühmte Fliegerin. Erstflüge
und Rekorde.
«Courage is the price that life exacts for granting peace with
yourself.»
Amelia Earhart wird am 24. Juli 1897 geboren; ihr Vater ist Alkoholiker
und oft arbeitslos, die Familie hat oft keinen festen Wohnsitz. Sie wird
Krankenschwester. Als sie sich aber für einen Dollar einen kurzen
Flug leisten kann, lässt sie die Fliegerei nicht mehr los. Nach zehn
Flugstunden und verschiedenen Abstürzen macht sie 1921 ihren ersten
Soloflug. Im folgenden Jahr kann sie ihr erstes Flugzeug kaufen.
Am 17./18. Juni 1928 wird sie als Passagier die erste Frau, die den Nordatlantik
überfliegt, was ihr eine grosse Publizität verschafft.
Am 20.-23. Mai 1932 überquert Amelia den Nordatlantik im Alleinflug
in einer neuen Rekordzeit von 131/2 Stunden. Sie wird weltberühmt
und erhält die Harmon-Trophäe, die höchste Auszeichnung
für weibliche Piloten, aus den Händen von Präsident Hoover.
Im Januar 1935 unternimmt sie den ersten Soloflug über den Pazifik,
von Honolulu nach Kalifornien. 1936 erhält sie 50000 Dollars zum
Erwerb einer zweimotorigen Lockheed «Electra». Sie plant einen
Rundflug um die Erde, nicht der erste, aber der längste bisher.
Am 1. Juni 1937 startet sie in Miami und erreicht nach Zwischenlandungen
am 29. Juni Lae auf Neu Guinea. Vor ihr liegen noch 7000 Meilen über
den Pazifik. Am 2. Juli 1937 startet sie von Lae mit Ziel Howland Island,
eine winzige Insel 2556 Meilen entfernt, zum Auftanken. Unterwegs fällt
die Navigationsanlage aus. Anstatt umzukehren, setzt Amelia Earhart den
Flug fort, und die Radiokontakte gehen verloren. Zahllose Schiffe und
Flugzeuge beteiligen sich an der Suche, aber Amelia und ihr Navigator
bleiben für immer verschollen. Man nimmt an, Amelia sei irrtümlich
einen Kurs auf 100 Meilen nordwestlich Howland geflogen und dass ihr Flugzeug
aus Treibstoffmangel ins Meer stürzte.
Der Verlust von Amelia Earhart und Navigator Fred Noonan bleibt eines
der grossen Mysterien der Fliegerei.
«Die Fliegerei erlaubte ihr, die Geschichte der Frau neu zu schreiben
und Zutritt zu Bereichen zu gewinnen, die als Männersache galten.
Earhart ist Symbolfigur für den gesellschaftlichen und technologischen
Fortschritt in einer Zeit, als Fortschritt die einzige Hoffnung war, die
Amerika der von der Wirtschaftskrise entmutigten Bevölkerung bieten
konnte. Earhart zeigte den Amerikanern, dass auch sie scheinbar unüberwindliche
Hindernisse überwinden können.»
Santos Dumont auf seinem Luftschiff Nr. 6
Alberto Santos-Dumont (1873-1932): Brasilianer in Paris, Luftschiff- und
Motorflugpionier.
Santos-Dumont kommt 1891 im Alter von 18 Jahren als reicher Teilhaber
einer Kaffeeplantage nach Paris, eine kleine, zartgliedrige Erscheinung,
1,5 m gross und 40 kg schwer.
Er baut 1898 das erste benzinmotorgetriebene Luftschiff und fliegt damit
am 19. Oktober 1901 mit von St.-Cloud nach Paris, um den Eiffelturm und
zurück. Er gewinnt damit den von Henri Deutsch de la Meurthe gestifteten
Preis von
100000 Francs. Dieser gesteuerte Flug eines Luftfahrzeuges fand ein überwältigendes
Zuschauerinteresse und eine grosse Resonanz in der Presse.
Eine Bruchlandung im Ballon bei Nizza beschreibt er so: «Ich wurde
durch kleine Bäume und zurückweichende Sträucher geschleift,
mein Gesicht voller Schnitte und Quetschungen, meine Kleider vom Rücken
gefetzt, im Schmerz und Aufregung, das Schlimmste befürchtend, und
doch konnte ich nichts tun, um mich zu retten. Gerade als ich mich verloren
gab, wickelte sich das Schleppseil um einen Baum und sass fest. Ich wurde
aus dem Korb geschleudert, stürzte hinunter und verlor das Bewusstsein.
Als ich wieder zu mir kam, musste ich eine ganze Strecke laufen, bis ich
einigen Bauern begegnete. Sie halfen mir, zurück nach Nizza zu kommen,
wo ich mich zu Bett legte und vom Arzt zusammennähen liess.»
Santos-Dumont ist als Motorflieger ebenso bedeutend: Am 23. Oktober 1906
gelingt ihm auf seiner «14bis», einem monströsen Gebilde
mit kastenförmigen Tragflächen und einem Korb für den stehenden
Piloten der erste bestätigte Motorflug in Europa, mit einer Dauer
von sieben Sekunden und einer Distanz von 60 Metern. Am 12. November führt
er einen Flug von 22o Metern in 22 Sekunden aus. Endlich ist ein Europäer
abgehoben und richtig geflogen. In London ruft Lord Northcliffe ins Telefon:
«Lasst Euch von mir sagen, dass von einem ruhigen Schlaf hinter
den hölzernen Mauern des alten England mit dem Kanal als unserem
Wehrgraben keine Rede mehr sein wird. Wenn es zum Krieg kommt, werden
die fliegenden Streitwagen des Feindes auf britischem Boden niedergehen.»
1909 baut Santos-Dumont das berühmte Leichtflugzeug «Demoiselle».
Prof. A. Piccard und Ingenieur P. Kipfer durch das Mannloch der Ballonkapsel
aufgenommen
Auguste Piccard (1884-1962): Schweizer Wissenschafts- und Ballonpionier.
Zur Erschliessung der Stratosphäre und zur Messung der kosmischen
Strahlen unternimmt Piccard am 27. Mai 1931 zusammen mit Ingenieur Paul
Kipfer die erste Ballonfahrt in die Stratosphäre und erreicht eine
Höhe von 15781 m.
«5.00 Uhr: Alles ideal schön, sehr geringe Drift, Gegend
des Lech. Starker Luftverlust
wir haben mit Erfolg flüssigen
O2 verschüttet, um besseren Druck in der Kabine zu haben. Wir waren
in 25 Minuten auf 15 km Höhe. Es schneit im Inneren der Kabine!
10.10 Uhr: man kann Ventilleine nicht ziehen, Rad dreht ohne Wirkung
wir sind Gefangene der Luft. Verurteilt zu warten bis 2 oder 3 oder
4 Uhr. 10.25 Uhr: +39° C. Oberkörper ganz entkleidet, Hitze
so erträglich. Hoffentlich sinken wir bald.
10.40 Uhr: wir haben Druck verloren. Ohr! Oben in der Kabine scheusslich
heiss.
14.09 Uhr: Da wir noch eine frische Kalipatrone haben, so werden wir
vor Sonnenuntergang nicht ersticken.
14.50 Uhr: Wir halten uns möglichst ruhig, um O2 zu sparen.
16.30 Uhr: Wir sind seit 12 Stunden in der Stratosphäre und können
nicht herunter!
18.08 Uhr: Unbegreiflich, dass der Ballon nicht sinkt. Wir können
nichts machen als warten.
18.35 Uhr: Wenn wir nur nicht an das Meer kommen.
19.13 Uhr: Ballon hat deutliche Falten.
19.34 Uhr: Ich vermindere den Sauerstoffverbrauch auf 1,4 l/Min. Durst.
Wir trinken vom Kondensationswasser an der Kabinenwand.
20.48 Uhr: Gerettet vor Ersticken.
20.52 Uhr: Mannloch offen. Nach Öffnen der Mannlöcher sank
der Ballon rasch gegen Hochgebirge. Zwei oder drei Sack voll geworfen,
setzte sanft auf ohne Wind, so dass ich vorzog, nicht zu reissen. Dann
steigt er wieder und setzte hart auf. Dabei liess ich Kipfer reissen,
mehrere Sprünge und glückliche Landung. Etwa um 21 Uhr, also
nach 17-stündiger Fahrt.»
(Auguste Piccard «Auf 16000 m Höhe», Zürich 1933,
Auszüge aus dem Bordbuch des «F.N.R.S.» über den
ersten Aufstieg in die Stratosphäre von Augsburg nach dem Gurglgletscher.)
Am 18. August 1932 steigt Piccard mit dem belgischen Physiker Max Cosyns
zum zweiten Mal auf, diesmal von Dübendorf aus. Mit 16940 m Höhe
erzielt er einen neuen, von der Fédération Aéronautique
in Paris offiziell anerkannten Weltrekord. In den vierziger Jahren beginnt
Auguste Piccard mit der Konstruktion von Tauchgeräten; sein Sohn
Jacques erreicht mit dem Bathyskaph «Trieste» am 23. Januar
1960 mit 10916 m die grösste Meerestiefe. Dessen Sohn Bertrand, der
Enkel von Auguste, führt die Ballontradition weiter und umrundet
1999 als Erster, begleitet von Brian Jones, die Erde im Ballon.
Jungfernflug der LZ 3 auf dem Bodensee, 1906
Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917): Luftschiffpionier und Begründer
der kommerziellen zivilen Luftfahrt.
1895 erhält Zeppelin sein erstes Patent für «ein lenkbares
Luftfahrzeug mit mehreren hintereinander angeordneten Tragkörpern».
Sein erstes starres Luftschiff LZ führt am 2. Juli 1900 die Jungfernfahrt
von Manzell am Bodensee aus.
1905 fährt das Luftschiff LZ 2 mit zwei Motoren von je 85 PS. 1906
erreicht es eine Höhe von 457 m und eine Geschwindigkeit von 53 km/h.
Ein Motor fällt aus, bei der Landung wird es zerstört.
Graf Zeppelin gibt nicht auf: die Jungfernfahrt der LZ 3 ist ein grosser
Erfolg, das Luftschiff legt in zwei Stunden 97 km zurück und kehrt
sicher an seinen Ausgangspunkt zurück.
Am 5. August 1908 wird LZ 4 bei Echterdingen von einer Bö erfasst
und zerstört. Der Graf hat jetzt alles verloren. Eine breite Öffentlichkeit
nimmt aber Anteil an der Katastrophe und sammelt 6,1 Mio. Goldmark. Die
Luftschiffbau Zeppelin GmbH in Friedrichshafen wird gegründet, 1909
die Deutsche Luftschifffahrt-Aktiengesellschaft.
Grosse deutsche Städte bewerben sich um Anschluss an die Zeppelin-Linie.
Im Juni 1910 unternimmt die LZ 7 sechs Linienfahrten mit zahlenden Passagieren,
wird aber auf der siebenten Fahrt bei schlechtem Wetter durch Bodenberührung
zerstört. LZ 8 wird beim Transport aus der Halle vom Blitz getroffen
und brennt aus. Dieser Unfall führt zur Errichtung eines ersten Wetterprognosedienstes.
LZ 10 «Schwaben» erreicht eine Geschwindigkeit vom 75 km/h
und kann 24 Passagiere mitführen. Ein Jahr nach der ersten Fahrt
entkommt LZ 10 einem schweren Sturm. Es gelingt, die Passagiere aussteigen
zu lassen, bevor das Luftschiff gegen eine Halle geschleudert wird und
ausbrennt.
LZ 13 «Hansa» und LZ 17 «Sachsen» ergänzen
die Flotte. Auf 1784 Fahrten werden bis 1913 27773 Passagiere befördert
und 273600 km zurückgelegt, ohne irgendwelche Schäden für
Passagiere.
Das berühmteste aller Luftschiffe, die
LZ 127 «Graf Zeppelin», führt zwischen 1928 und 1940
570 Fahrten aus und überquert dabei 114 Mal den Atlantik.
Ferdinand Graf von Zeppelin hat die kommerzielle Luftfahrt begründet.
Seine Luftschiffe gehören zu den Wegbereitern des Weltluftverkehrs.
Aufstieg Spelterinis im Ausland. Spelterini steht salutierend auf dem
Korbrand
Eduard Spelterini (1852-1931): Bedeutendster Schweizer Ballonpionier.
Spelterini wird am 2. Juni 1852 als Eduard Schweizer in Bazenheid SG
geboren. Nach Schulabschluss will er Berufssänger werden. In Paris
gerät er an einen Ballonaufstieg, bei dem der Mitfahrer wegen des
schlechten Wetters ausgestiegen ist. Der Sänger steigt rasch entschlossen
ein und beginnt damit seine Laufbahn als Ballonfahrer.
«
Überall fand der etwas untersetzte stämmige Fremdling
mit den stolzen träumerischen Augen, dem kraftvollen Gesichtsausdruck
treue Freunde und wohlwollende Gönner. Er durfte sich dabei auf zwei
zuverlässige Helfer stützen: sein blindes Selbstvertrauen und
sein ausserordentliches Können.»
1891 begann Spelterini mit seinen Schweizer Ballonfahrten. Am 16. Juli
startete die «Urania» zum ersten Mal in Zürich beim «Pfauen».
«Die Luftschifffahrt des Hauptmanns Spelterini zog gestern eine
ungeheure Volksmenge an. Nicht nur die städtische Bevölkerung
hatte sich in grosser Zahl mit regem Interesse für das seltene Schauspiel
eingefunden, auch aus der Umgegend strömten dichte Scharen von Schaulustigen
herbei.» Zahlreiche weitere Fahrten, auch mit prominenten Passagieren
wie Prof. A. Heim und Graf Zeppelin, machten Spelterini zur einer der
populärsten Gestalten seiner Zeit, vor allem auch bei der Jugend.
Gegen Ende 1893 verlässt Spelterini die Schweiz, Spuren führen
nach Russland und Belgien. Er fängt an, aus dem Ballonkorb zu fotografieren
und wird damit auch zum Pionier der Luftaufnahme.
Im speziell dazu gebauten Ballon «Wega» startet Spelterini
am 1. Oktober 1898 in Sitten zum Alpenflug, u.a. mit Prof. Arnold Heim
als Passagier. «Die Passagiere stiegen ein. Die Stille auf dem von
einer grossen Menschenmenge erfüllten Platz wurde beklemmend. Die
Zuschauer waren gerührt, viele weinten. Die letzten Taue wurden losgebunden
und die Männer an die Gondel gestellt. Fehlt nichts mehr -
habt ihr alles? Attention - lâchez tout! Und schon
schwebte die gewaltige goldbraune Kugel ruhig empor.»
Über die Gipfel der Diablerets führt der bahnbrechende Flug
in den französischen Jura, wo sie um 16.30 Uhr bei Rivière
landen. Es folgen weitere sechs bedeutende Alpenfahrten mit den Ballons
«Sirius», «Stella» und «Jupiter».
Spelterini, der nach 1904 in zahlreichen Ländern Fahrten unternimmt,
ist in seiner 43-jährigen Tätigkeit als Pilot mit insgesamt
1237 Passagieren 570 Mal aufgestiegen. Er gilt als einer der grossen Pioniere
der Ballonfahrt und der Luftfotografie Europas.
Das lenkbare Luftschiff Pauli nach einem alten Stich
Samuel Johannes Pauli (1766-1806): Schweizerischer Erfinder und Luftschiffbauer.
Geboren in Bern. Pauli ist eine nachgewiesene, aber legendenumwobene
Persönlichkeit, gedanklich seiner Zeit weit voraus. Formulierte die
wesentlichen Grundsätze des Luftschiffbaus. Man darf ihn als ersten
schweizerischen Luftschiffer bezeichnen. Er erkannte, dass runde Körper
für die Bewegung in irgendeiner Flüssigkeit (also auch durch
die Luft) nicht geeignet sind.»
Nur die Form eines Fisches oder Vogelrumpfes komme dazu in Betracht.
Pauli erkennt auch die Notwendigkeit der Versteifung der Hülle. Die
Vorwärtsbewegung soll durch Schlagflügel erreicht werden. Eine
Schwanzflosse dient der Seitwärtsbewegung und der Stabilisierung
der Horizontallage. Zur Vertikalsteuerung ist ein in der Längsachse
verschiebbares Fass vorgesehen, das auch als Ballastbehälter dient.
Man vergleiche dazu «LZ 1» des Grafen Zeppelin!
Als die Franzosen am 5. Mai 1798 Bern stürmen, kommandiert Pauli
die Batterie ob dem Schänzli. Aus dieser turbulenten Zeit stammt
der Entwurf eines Vertrags, den Pauli mit drei prominenten Bernern abschliesst,
in welchem er sich verpflichtet, «
eine Maschine zu verfertigen,
die mit Hilfe mechanischer Werke und inflamabler Luft nach jeder beliebigen
Richtung und Höhe fliegen wird (stürmische Witterung ausgenommen).»
und «Die Herren Pauli und Steinauer verpflichten sich in gemelter
Maschine (nach vorher gemachten Proben) von Bern nach London zu fahren.»
Der Vertrag wird nie erfüllt.
Pauli geht nach Paris, wo er einen Mitarbeiter und Finanzmann und die
Protektion des Marschalls Ney findet. Er baut ein Luftschiff, das auf
seiner Probefahrt am 22. September 1804 eine «gewisse Lenkbarkeit»
beweist. «Herr Pauli, ein geborener Schweizer und geschickter Mechanikus,
hat einen Luftballon gebaut, den er, vermittelst einer ganz einfachen
Mechanik, wie er will, dirigiert. Er steigt mit demselben auf und ab,
lässt ihn eine Diagonallinie durchlaufen, kehrt und wendet ihn, wie
er will, und macht auch ohne den geringsten Wind in einer Stunde etliche
Meilen mit ihm.»
Pauli geht nach England und erhält am 25. April 1815 ein königliches
Patent für ein Luftschiff und das alleinige Recht für den vorgesehenen
Verkehrsdienst.
Zwei Jahre lang baut Pauli an seinem neuen Luftschiff «Dolphin»,
das fast vollendet ist, als er 1806 stirbt. Es kommt nie zu einer Probefahrt;
vielleicht wird ihm damit eine bittere Enttäuschung erspart.