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Machen wir eine Zeitreise in das 19. Jahrhundert, zu jenem Zeitalter, dass sich durch exponentiell, aufkommende, wissenschaftliche Erkenntnisse, anmaßte, die Welt zu einem zergliederten Ort der Rationalität zu gestalten und den Menschen von seinem einstigen, mystischen Wesen grundlegend zu entkleiden. Aus diesem Umfeld heraus, hat sich der uns vorliegende,... Machen wir eine Zeitreise in das 19. Jahrhundert, zu jenem Zeitalter, dass sich durch exponentiell, aufkommende, wissenschaftliche Erkenntnisse, anmaßte, die Welt zu einem zergliederten Ort der Rationalität zu gestalten und den Menschen von seinem einstigen, mystischen Wesen grundlegend zu entkleiden. Aus diesem Umfeld heraus, hat sich der uns vorliegende, namenlose Protagonist dazu entschlossen, dem Fortschrittswahn zu entsagen und aus einem daraus folgenden, reaktionären Standpunkt, Aufzeichnungen über sich und den Menschen anzustellen. Betrachtungen, die durch eine lange Entsagung von der Außenwelt, genügend Explosivität angehäuft haben, um nach draußen zu zerbersten und dabei alle menschlichen Sichtweisen umzuwerfen. Dieser Verkünder, der sich an ein imaginäres Publikum richtet und sich dabei keiner Selbstreflexion zu schade ist, erweckt den Eindruck eines Misanthropen, der von Verachtung und Hass über seine Mitmenschen, besessen zu sein scheint. Dabei findet er an seinem narzisstischen und argwöhnischen Verhalten, welches aus Minderwertigkeitsgefühlen und Ablehnungen anderer ihm gegenüber, herrührt, einen gewissen Selbstgenuss, den er nie müde wird zu preisen. Er führt sein Leiden darauf zurück, dass er sich mit einer überdosierten Portion an Erkenntnisfähigkeit ausgestattet sieht, die seinen Willen zu Handeln mit einer Trägheit infiziert und es folglich zu einer Lähmung der eigenen Umsetzungskraft kommt. Persönliche Gründe, die als Fundamente dienen, um auf ihnen Entschlüsse für etwaige Handlungen zu treffen, entpuppen sich für jemanden, wie unseren überdurchschnittlich geistreichen Erzähler, als Abgründe, die auf den nächst folgenden Grund verweisen und damit in einen infiniten Regress münden. Es ist dieses Fehlen einer Basis, die den Ausgangspunkt für das Ausüben einer Handlung darstellt, wodurch es schließlich zu jener Umsetzungsohnmacht kommt, die unseren Erzähler befallen hat. Demgegenüber sieht er den stumpfsinnigen, gewöhnlichen Menschen, der bei sich die ersten gefundenen Gründe, als ausschlaggebend auffasst, im Vorteil, da dieser beruhigt zu Handeln vermag. Doch es ist nicht nur seine mangelnde Handlungsunfähigkeit die ihn beschäftigt, sondern auch seine Wesenslosigkeit. Als klassifizierungsloses Etwas, sieht er sich von jedweder positiven Bestimmung entbunden, sodass er sich als transparentes Irgendwas, wie ein herumtreibender Geist fühlt . Der weitere Fortgang der " Aufzeichnungen ", zeichnet sich durch eine Antipathie gegen die Wissenschaft und ihren Idealen der Kalkulation und Rationalität aus. Die Folgen einer so berechneten Welt, in der sich alles als Rechenaufgabe bekundet, wo alles den Charakter eines " Zweimalzwei " animmt, führt zu einer determinierten Welt, in der sich die Motive menschlicher Handlungen, nach einer Tabelle ablesen lassen, so der Ich-Erzähler. Die menschliche Lebenskraft verbraucht sich allerdings nicht nur durch die Vernunft, sondern zu einem viel größeren Teil, aus den Leidenschaften, die das eigentliche Leben, mit all seinen spontanen Launen und freien Willensentschlüssen ausmachen. Die Berechnungen der Wissenschaft würden die Entscheidungen nur ihrer Zufälligkeit berauben und sie vorhersagbar machen lassen und somit gerade den eigentlichen Genuss bei der Handlungsfreiheit zu stören. Dem Menschen geht es in erster Linie nicht um die Erreichung, aller als vorteilhaft ausgelegten Ziele, wie Wohlleben, Reichtum und Freiheit, was er natürlich bestrebt ist zu glauben, sondern um den vorteilhaftesten Vorteil, wie es der Erzähler darlegt, der sich allein in der Macht des persönlichen Schöpfertums auszeichnet. Die Rede ist vom Willen zur Selbstbestimmung, dem Gefühl nach eigenem Gutdünken zu agieren und dabei niemandes Willen zu unterstehen. Es geht darum sich selber zu spüren und wenn es sein muss auch entgegen jeder Vernunft zu Handeln, wenn es denn der Selbstgewissheit dient. Die Erreichung eines Zieles, stellt daher eigentlich den Startpunkt eines neuen zu erstrebenden Zieles dar, so dass man die Worte " der Weg ist das Ziel " mit anderen Augen zu sehen beginnt. Den zweiten Teil der Aufzeichnungen " Bei nassem Schnee ", der rückblickende Ausschnitte aus seinem Leben wiedergibt, könnte man als den kläglichen Versuch ansehen, das eigene Selbst mal wieder zu spüren und wenn dies auch nur durch völlig groteske Erfahrungen möglich ist. Auch wenn sich der Erzähler durch ein unsympathisches Verhalten auszeichnet, dass sich nur auf seine Eigenliebe und seine Selbstüberschätzung beruft, können wir uns in diesen Bösewicht hineinversetzen und manche seiner Gedanken, die uns vielleicht selber schon einmal gekommen sind, nachvollziehen. So tüftelt er an Plänen, einen höherstehenden Offizier auf der Straße zu rammen, mischt sich in einem Treffen seiner ehemaligen Mitschüler ein, die er eigentlich noch nie leiden konnte und schließlich verteilt er eine Moralpredigt an eine Prostituierte, bei der er sich künstlich zu ereifern scheint. Alle drei Erlebnisse, stellen den verzweifelten Versuch dar, mittels der Interaktion mit anderen Menschen, sich seines eigenen Wertes zu vergewissern. Doch seine verzweifelten Versuche in den Augen anderer Menschen etwas zu gelten, rufen keine Bestätigungen hervor, stattdessen wird er nur mit Verachtung, Hass und Ablehnung konfrontiert. Es erscheint nur zu verständlich, dass sich Friedrich Nietzsche in diesem Werk wiedergefunden und es als große Meisterleistung gepriesen hat. Man könnte sich sogar vorstellen, dass es sich bei jenem anonymen Erzähler problemlos um Herr Nietzsche persönlich handeln könnte, spricht doch auch er in seinen Werken häufig zu einem imaginären Publikum und sieht sich des Öfteren von niemandem Verstanden. Die " Aufzeichnungen ", stellen ein Meisterwerk, des frühen Existentialismus dar, welches ebenfalls große Parallelen zu Sartres Protagonisten, Antoine Roquentin aus seinem Roman " Der Ekel " , aufweist, der sich auch der Einsamkeit und seinen Gedanken verschrieben hat. Wer sich in Büchern gerne verliert, erleuchteter hervorgehen möchte und keine Angst vor solch gewaltigen Erkenntnissen hat, der wird es genießen.
Die Geschichte um den aus dem Kellerloch Aufzeichnenden ist nicht spannend wie ein Krimi, sonst hätten die Aufzeichnungen auch gleich in Romanform gehalten werden können. Darum geht es hier auch nicht. Es geht um Reflexion, Kritik, Selbstfindung durch Intertextualität, Dialog und Paradoxien. 2 mal 2 ist 4. Trifft dies... Die Geschichte um den aus dem Kellerloch Aufzeichnenden ist nicht spannend wie ein Krimi, sonst hätten die Aufzeichnungen auch gleich in Romanform gehalten werden können. Darum geht es hier auch nicht. Es geht um Reflexion, Kritik, Selbstfindung durch Intertextualität, Dialog und Paradoxien. 2 mal 2 ist 4. Trifft dies auch für die Moral zu? Und wenn ja, wo sieht sich das Individuum, der Einzelne und sein angeblicher Wille? Teilweise ins Groteske verzerrt, möchte man über sein Verhalten lachen, wenn es um die "Kollegen" geht, oder die "ehrbare Dirne" (Sarte hat dies noch einmal aufgegriffen), obgleich es hier um einen ernsthaften Bezug geht: Gut und Böse und die alles beherrschende Vernunft! Wo sieht man sich selbst? Das Buch hat autobiographische Züge und beinhaltet die großen Themen der damaligen Zeit. Die Psychologie ist einwandfrei. Dostojewskij hat sich damit auf meinen Olymp der besten Autoren katapultiert. Auch sehr klar und einfach geschrieben. Den Ekel, den der Protagonist empfindet, erkannte ich vormals schon in Sartres "Der Ekel". Nietzsche selbst fand in D. einen Vetrauten. Ich selbst lese alle drei Autoren immer wieder gern, aber auch kritisch. Und dieses hier war einfach ganz große Klasse! Unbedingt lesen, sehr empfehlenswert!