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Kennen Sie The Planets von Gustav Holst und das Violinkonzert von Peter Tschaikowsky? Dann wird Ihnen dieser Score – auch wenn Sie ihn noch nie gehört haben sollten – an einigen Stellen sehr vertraut vorkommen. Nun werden Sie vielleicht sagen, dass Bill Conti eh oft keinen grossen Hehl aus seinen musikalischen Vorbildern macht, und da haben Sie bestimmt nicht unrecht. Aber in diesem Fall muss ihm zu Gute gehalten werden, dass er sich auf Geheiss der Produzenten so nahe an die als Temptrack dienenden klassischen Werke zu halten hatte, dass selbst ihm nicht mehr geheuer war. Deshalb kann nur spekuliert werden, wie stolz er auf den Oscar ist, den er dann ausgerechnet für diese Arbeit erhielt.
Conti hatte auch sonst keinen leichten Stand. Erstens musste er John Barry ersetzen (der wohl keine einzige Note zu Papier gebracht hatte), weshalb er relativ wenig Zeit zur Verfügung hatte, zweitens hatten er und Regisseur Philip Kaufman das Heu nicht auf der selben Bühne. Ungeachtet dessen schuf er eine mitreissende und trotz der Beinah-Plagiate thematisch attraktive Filmmusik, die ruhigen Gewissens zu seinen besten gezählt werden darf.
The Right Stuff handelt von der Pionierzeit der bemannten Raumfahrt, dem sogenannten «Space Race» zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion. Die zwischen 1959 und 1963 durchgeführten Mercury-Missionen brachten mit Astronauten wie John Glenn oder Alan Shepard die letzten wirklichen Nationalhelden der USA hervor, und dieser Fakt ist in Contis grossangelegter Partitur fast allgegenwärtig. «Bigger than Life» heisst die Devise bei all den feierlichen, heroischen und vorwärtstreibenden Klängen, und wie moderne Ritter werden die Raumfahrer von Fanfaren zu ihren zylinderförmigen Schlachtrössern begleitet.
Ein von Conti persönlich zusammengestelltes Album blieb unveröffentlicht, weil der Film an den Kinokassen unerwartet floppte, aber der Komponist spielte zwei Jahre später für Varése mit dem London Symphony Orchestra eine Suite ein, die das wesentliche thematische Material vorzüglich zusammenfasst. Für diese Club-CD kommt nun besagter Album-Mix doch noch zu Ehren; er stammt aber, da die Originalbänder nicht mehr zu existieren scheinen, aus Contis privater Sammlung. Bemerkenswert ist, dass die russische Komponente, die auf der Suite praktisch aussen vor blieb, hier in Cues wie Mach II, Russian Moon oder Yeager and the F104 in das musikalische Geschehen mit einbezogen wird, und das macht den Score fraglos noch attraktiver. Ob man dasselbe über die Elektronik sagen kann, wird jeder anders beurteilen. Einerseits versprüht sie den Charme der frühen 1980er-Jahre, anderseits wirkt sie, da sie nur in Mach I und The Right Stuff zum Einsatz kommt, in der ansonst orchestral gehaltenen Musik schon ein wenig deplatziert.
Deplatziert ist eindeutig auch das Medley aus bekannten texanischen Volksliedern; wenn schon Fremdmaterial, wäre mir das wunderbare, beinahe religiöse Thema aus Henry Mancinis The White Dawn, das während Glenns Flug zu hören ist, weitaus lieber gewesen (dessen Verwendung erklärt sich wohl deshalb, weil bei diesem Streifen auch Philip Kaufman Regie geführt hat). Ebenfalls nicht ins Gesamtgefüge des Scores passt der leidenschaftliche, leicht augenzwinkernde Tango, aber Conti versteht es hiermit immerhin, selbst eingeschworene Tanzmuffel die Beine zucken zu lassen.
Klanglich ist diese CD soweit in Ordnung, es gibt jedoch hier und da ein paar Bandstörungen, und darunter leidet mit Daybreak in Space leider gerade einer der stimmungsvollsten der bisher unveröffentlichten Tracks am meisten. Trotzdem gilt für diese 3000er-Edition eine klare Empfehlung, denn mit ihr dürfte vorläufig das das letzte Wort in Sachen The Right Stuff gesprochen worden sein. Aber Vorsicht, bei Varése ist diese feine Veröffentlichung mit Julie Kirgos wahrscheinlich bisher interessantesten Liner Notes bereits ausverkauft, und andernorts wird sie sich kaum viel länger halten.
THE RIGHT STUFF Bill Conti Varèse Sarabande Club VCL 0609 1095 37:32 Min. / 12 Tracks Limitiert auf 3000 Stk.