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Vergebens warten wir auf Schnee im Flachland. Obwohl dieser in den Schweizer Städten zuhauf anzutreffen ist.
Der Cocastrauch, aus der Kokain extrahiert wird, wurde bekanntlich bereits von den Azteken kultiviert. Das Kauen von Cocablättern ist bis heute in Südamerika weit verbreitet und hat einen ähnlichen, aber signifikant weniger starken Effekt, als der Konsum von aufbereitetem Kokain.
Die Azteken verstanden den Cocastrauch als Geschenk der Götter, wie sich aus einem aztekischen Mythos ableiten lässt: So soll eine Frau von unwiderstehlicher Schönheit gelebt haben, die ihre Unwiderstehlichkeit einsetzte und alle Männer zu ihren Gunsten um den Finger wickelte. Ihr Name war Kuka und ihr Ruf eilte ihr bis hin zu den aztekischen Gottheiten voraus.
Diese waren nicht erfreut über das selbstgefällige und manipulative Verhalten von Kuka und beauftragten die Menschen damit, Kuka zu töten, sie in zwei Hälften zu teilen und zu begraben. Ausgeführt wie beordert, wuchs eine eigenartige Pflanze auf ihrem Grab, die sogenannte Kukapflanze, die wir heute als Cocastrauch kennen.
Der Cocastrauch – und somit auch das daraus gewonnene Kokain – hat seinen Keim aus mythologischer Sicht also in der Person einer unwiderstehlichen, übermächtigen und unantastbaren Kuka. Keine unpassende Allegorie auf Kokainkonsumenten ...
Etwas mehr als 100 Jahre nachdem Cocasträucher um 1750 zum ersten Mal nach Europa importiert wurden, gelang erstmals die chemische Isolierung der aktiven Komponenten (Alkaloid) des Cocastrauches. Dieses Alkaloid ist das, was wir heute Kokain nennen.
Kaum war das Kokain «erfunden», hatte die Schweiz auch schon ihre Finger drin. Wider Erwarten aber nicht in Zürich, sondern in Kreuzlingen, wo der angesehene Psychiater Roger Binswanger 1879 im Sanatorium Bellevue versuchte, Morphinabhängigkeit mit Kokain zu behandeln.
Zur gleichen Zeit wurde die schmerzstillende Wirkung des Kokains untersucht. So gelang dem US-amerikanischen Chirurgen William Stewart Halsted 1885 erstmals eine lokale Anästhesie mittels Kokain, was ihn zum Begründer der Lokalanästhesie machte.
Die Erfolgsgeschichte Halsteds hat allerdings einen tragischen Beigeschmack. Um das Anästhetikum vor der Anwendung zu testen, injizierten er und seine Medizinerkollegen sich selbst regelmässig Kokain, was ihn und seine Kollegen unweigerlich abhängig machte. Nur er und sein Kollege Dr. Robert Hall überlebten die Sucht.
Kokain wurde anfangs generell als unbedenklich eingestuft – nicht nur in der Medizin. So vertrieb das Pharmaunternehmen Parke-Davis Kokain kommerziell, mit dem Versprechen, dass die Kokain-Produkte in jedweder Hinsicht vorteilhaft sind.
So kam es, dass auch Coca Cola, vom Unternehmen ursprünglich als Allheilmittel angepriesen, Kokain enthalten haben soll; von 8.45 mg/Glas ist die Rede (zum Vergleich: beim Schnupfen von Kokain geht man von einer ungefähren Menge von 20-30 mg aus). Dies wird von Coca Cola jedoch bis heute bestritten.
Es ist jedoch bekannt, dass Coca Cola seit 1902 auf das Alkaloid Kokain in der Produktion ihres Getränks verzichtet. Es wird vermutet, dass nicht-alkaloide Cocablätter weiterhin eine Aromakomponente in der Rezeptur sind, was das Unternehmen allerdings ebenfalls bestreitet.
Wenn jemand von Kokain (oder Powder, Coci, Nose Candy, Schnee, Dust, Blow, Yayo, etc. pp.) spricht, denken die meisten von uns an das ikonische «weisse Pulver».
Dabei ist Kokain als Alkaloid in diversen Formen gängig. Das weisse Pulver ist eigentlich Kokainhydrochlorid. Es entsteht in Reaktion mit Salzsäure und ist wasserlöslich, was die Aufnahme über Schleimhäute ermöglicht. Das Schnupfen von Kokain hat drastische Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit. Neben akuter Herzinfarktgefahr und chronischen psychischen Leiden, kann auch die Nasenscheidewand durchtrennt werden.
Das Produkt wird oft mit Milchzucker gestreckt, der mittlere Reinheitsgehalt von Kokain im Umlauf beträgt ungefähr 75 Prozent. Ebenfalls finden sich oft weitere pharmakologisch wirksame Substanzen, wie Lidocain oder Levamisol im Kokain, die den verminderten Reinheitsgehalt vertuschen sollen. Diese Verunreinigungen stellen punkto Dosierung einen nicht zu unterschätzenden Risikofaktor dar.
Des Weiteren gibt es Kokainsulfat: eine Paste, die eigentlich ein Zwischenprodukt der Herstellung von Kokainhydrochlorid ist. Diese kann mit Tabak vermischt oder mit Calciumoxid behandelt als sogenanntes Oxi geraucht werden. Beides sind günstigere Alternativen und punkto Suchtpotential als gefährlicher einzustufen.
Kocht man Kokainhydrochlorid mit Natriumhydrogencarbonat auf, so erhält man Crack. Erhitzt man Crack auf 96 Grad, verdampft die Base und kann geraucht werden. Crack gilt gemeinhin als eine der gefährlichsten und zerstörerischsten Drogen überhaupt. Kaum eine andere Droge weist ein höheres psychisches Abhängigkeitspotential auf.
Kokain in Pulverform kann über die Nasenschleimhaut schneller aufgenommen werden, als dies bei der Mundschleimhaut der Fall ist. Ansonsten unterscheiden sich die Aufnahmeformen nicht wirklich punkto Auswirkung.
Aufgrund der Reizung der Schleimhäute besteht beim nasalen Konsum aber die Ansteckungsgefahr von Infektionskrankheiten, wie zum Beispiel Hepatitis C. Die Wirkung hält bei einer durchschnittlichen Dosis zirka 30-45 Minuten lang.
Wird Kokain in Form von Base oder Crack geraucht, tritt der Kick beinahe unmittelbar ein und hält lediglich 5-10 Minuten an. Es werden kleinere Mengen Kokain benötigt, was es billiger macht, ist jedoch höchst gefährlich. Die Lunge wird stark angegriffen und die Dosierung ist schwer abzuschätzen. Zudem besteht auch bei Erstkonsumenten die Gefahr der episodischen Gier (das unmittelbare, starke Verlangen nach mehr).
Die intravenöse Aufnahme von Kokain birgt letztlich das grösste Abhängigkeitspotential mit sich. Ein extremes Gesundheitsrisiko besteht zudem vor allem dann, wenn das Kokain mit anderen pharmazeutischen Stoffen gestreckt ist, was zu einer Lähmung des Nervensystems führen kann.
Der deutsche Journalist Norman Ohler ist die Arzt-Akten des Dritten Reichs durchgegangen und hat festgestellt: Drogen waren fester Bestandteil der Alltagskultur. Folglich heisst sein 2017 erschienenes Buch «Der totale Rausch». Auch der Führer himself, selbst Dauergast bei Leibarzt Theodor Morell, war vor allem gegen Ende des Krieges meistens zugedröhnt.
Aber auch andere grosse Figuren der Geschichte waren süchtig nach Kokain (obwohl die Substanz zu der Zeit noch nicht illegal war). So ist zum Beispiel von Sigmund Freud bekannt, dass er die Auswirkungen von Kokain sehr zu schätzen wusste. Auch der Erfinder der Glühbirne, Thomas Edison, konsumierte regelmässig Kokain – und zwar in Form von «Vin Mariani», einem Wein, der mit Kokain versetzt ist.
Kokain gilt gemeinhin als Reichendroge. Und die Schweiz im internationalen Vergleich als reiches Land. Demnach überrascht es nicht zwingend, dass Kokain in der Schweiz eine durchaus geläufige Droge ist. Schaut man in die Statistik, überrascht es dennoch, wie stark die Schweiz vertreten ist.
Nicht weniger als fünf Schweizer Städte sind in der europäischen Top Ten vertreten. Koks-Mekka Zürich ist dabei nur knapp vor St. Gallen. Mehr gekokst wird lediglich in der Touristenhochburg Barcelona.