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Sammlungen
Einführung
Ein Museum für Gläser und Teekannen?
Manchmal wird das Musée Ariana spöttisch als Museum für Gläser und Teekannen bezeichnet. Natürlich ist es viel mehr als das: ein Museum, das sich der Geschichte und Kunst der Keramik, des Glases und der Glasmalerei widmet. Seine Sammlungen umfassen Objekte aus 1200 Jahren vom 9. Jahrhundert bis in die Gegenwart aus der Schweiz, Europa, dem Nahen Osten und dem Fernen Osten.
Keramik und Glas sind beide eng mit den vier Elementen verbunden: Erde, Wasser, Feuer und Luft. Ihre Rohmaterialien sind die Erde oder der Sand unter unseren Füssen. Diese Rohmaterialien werden durch Wasser gefiltert oder weich gemacht und durch Feuer, das von der Luft genährt wird, unwiderruflich verwandelt.
Die enge Verbindung von Keramik und Glas mit der Natur erklärt, warum ihre Herstellung eine jahrhundertealte Kunst ist und warum sie auch heute noch eine grosse Anziehungskraft auf Künstlerinnen und Künstler und die Industrie ausüben. Sie verbinden uns mit der Natur. Sehen Sie, im Musée Ariana geht es um viel mehr als nur um alte Gläser und Teekannen!
Keramik
Die Geschichte einer Reise zwischen Orient und Okzident
Einer der grössten Umbrüche in der Geschichte der Keramik begann, als weisses Porzellan aus China erst in den Nahen Osten und dann nach Europa gelangte. Bis Anfang des 18. Jahrhunderts war die Porzellanherstellung von einem Schleier des Geheimnisses umgeben. Europäische Töpfer verwendeten andere Materialien und Techniken (Terrakotta mit Engobebemalung, Fayence oder Weichporzellan), um mit dem kostbaren «weissen Gold» zu konkurrieren oder es zu imitieren.
Porzellan traf erst nach einer langen, gefährlichen Schiffsreise in den europäischen Handelshäfen ein. Europäische Kaufleute, insbesondere die mächtige Niederländische Ostindienkompanie, charterten Handelsschiffe. Bis sie nach der langen Reise in den Fernen Osten wieder in ihre Heimathäfen einliefen, vergingen mindestens 18 Monate – wenn alles gut ging.
Die Motive, welche die Stücke zierten und durch die fernöstliche Malerei inspiriert waren, waren für die europäischen «Langnasen» nicht immer verständlich. Deswegen wurden die für Europa hergestellten Produkte so angepasst, dass sie der Vorliebe des Westens für schillernde und überladene Dekors Genüge taten. So traten Verständnis und gegenseitiger Respekt gegenüber den Gesetzen des Marktes manchmal in den Hintergrund.
Um ihren Absatz zu steigern, bestellten die Händler bei den chinesischen Porzellanherstellern bestimmte Formen und Dekors oder gingen sogar so weit, ihnen vermeintlich «orientalische» Motive vorzuschlagen.
Kobalt und Kaolin: Keramik in Blau und Weiss
Der Archetyp der chinesischen Keramik ist ein blaues Dekor, das sich von einem makellosen weissen Hintergrund abhebt. Diese Kombination ist in den Sammlungen des Musée Ariana am häufigsten zu finden.
Persische Frittenware, Delfter Fayencen, Meissener Porzellan oder feine englische Fayencen mit aufgedrucktem Dekor: Überall dominiert der orientalische Einfluss und Kobaltblau ist allgegenwärtig.
Die Vorliebe für Blau und Weiss besteht durch alle Epochen hindurch und an vielen Orten bis heute fort. Sie zeugt vom Reichtum und von der Vielfalt des Kulturaustauschs und der Handelsbeziehungen zwischen dem Fernen Osten, dem Nahen Osten und Europa. Viele zeitgenössische Kunstschaffende experimentieren noch heute mit Blau und Weiss und erfinden die Kombination immer wieder neu.
Kobaltoxid wurde erfolgreich zum Färben oder Dekorieren von Keramik und Glas eingesetzt. Wegen seiner Farbstärke muss es sparsam eingesetzt werden, aber seine Widerstandsfähigkeit gegen höchste Temperaturen im Ofen ist von unschätzbarem Vorteil. Das Ergebnis ist ein kräftiges Blau, Violett oder eine schwärzliche Farbe, die zuweilen verrät, wo das wertvolle Erz abgebaut wurde. Heute findet sich Kobalt eher in unseren Mobiltelefonen oder in den Batterien unserer Elektrofahrzeuge.
Helvetica: Hat die Schweizer Kultur eine Identität?
Mehrsprachigkeit, die Kunst des Kompromisses, Banken, Käse, Uhren, Berge und Schokolade sind Begriffe, die vielen Menschen als erstes in den Sinn kommen, wenn sie versuchen, die Konturen der Schweiz zu umreissen, dieses kleinen Landes im Herzen Europas.
Die Schweizer Geschichte war lange Zeit vom Mythos einer Nation aus Bäuerinnen und Bergbewohnern geprägt, die sich gegen einen gemeinsamen Feind vereinen, um ihre Unabhängigkeit zu wahren. Hinzu kommt die Wahrnehmung als reiches Land, das Gastfreundschaft und Zuflucht bietet und dessen Bürgerinnen und Bürger in Harmonie mit der Natur leben. Doch die Ansichten und Lebensweisen unterscheiden sich erheblich zwischen Stadt und Land, zwischen Deutschschweiz, Romandie und italienischer Schweiz sowie unter Einheimischen und Zugewanderten. Die Schweiz ist ein vielschichtiges Land, in dem zahlreiche Einflüsse aufeinandertreffen, in dem Seriosität gepflegt wird und hohe Massstäbe angelegt werden.
Die Schweizer Keramik und Glaskunst vom 14. Jahrhundert bis heute ist ein Spiegel dieser kontrastreichen und vielfältigen Swissness. Pfannen und Geschirr aus Winterthurer Fayence, Terrinen und Röstiplatten aus Terrakotta mit Engobebemalung aus dem Berner Umland, emaillierte Glasflaschen aus Flühli, Porzellan aus Nyon, Steingutteller aus Carouge und Figurengruppen aus Zürcher Porzellan: Die Bandbreite an Formen, Techniken, Dekors und Stilen ist erstaunlich und vielfach nicht hinlänglich bekannt.
Keramik und Glas: Produktion im Wandel der Zeiten
Die durch die industrielle Revolution im 19. Jahrhundert ausgelösten Veränderungen betrafen auch die Massenproduktion von Keramik und Glas. Rund um die Herkunft der Rohstoffe, die technologische Forschung, die Verbesserung der Öfen und Brennstoffe und die Vermarktung der Endprodukte wurden sämtliche Herstellungsschritte optimiert. Das Ziel war, sie zu rationalisieren, ohne dabei die Qualität aus den Augen zu verlieren.
Bis heute bewegt sich die industrielle Produktion von Keramik und Glas ständig im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen und künstlerischen Grundsätzen. Für die europäischen Manufakturen stellen insbesondere zwei Faktoren eine Bedrohung dar: die Konkurrenz aus dem Fernen Osten und der Wandel der Tischkultur. Der Übergang vom üppigen Sonntagsmahl, das auf feinstem Porzellangeschirr mitsamt Kristallgläsern serviert wird, zum Tablett mit Essen, das vor dem Fernseher verspeist wird, ist nicht ohne Folgen geblieben.
In der Schweiz veranschaulichen die Schicksale der Porzellanmanufaktur Langenthal (1906) und der Glashütte Saint-Prex (1911) die Auswirkungen der veränderten Tischgewohnheiten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Verlauf ihrer Geschichte schien unabwendbar: Langenthal wurde in die Tschechische Republik verlagert und Saint-Prex verzichtete auf die künstlerische Produktion und stellt nur noch industrielle Gläser und Flaschen her.
Zeitgenössisches Schaffen und die Auflösung der Grenzen von Kunst und Kunsthandwerk
Keramik wurde lange Zeit als Kunsthandwerk betrachtet, das hauptsächlich Gebrauchsware produzierte. Dies änderte sich im 20. Jahrhundert. Verschiedene Kunstströmungen in Europa und in den USA wollten der Keramik als eigenständige Kunst Geltung verschaffen. Kunsthandwerkliches Können wurde vorübergehend zugunsten der Ausdrucksfreiheit in den Hintergrund gedrängt. Auch Künstler wie Lucio Fontana oder Pablo Picasso, die nicht in erster Linie Keramiker waren, nutzten das unendliche Potenzial dieses Materials. Dabei vermischten sich die künstlerischen Disziplinen miteinander und ihre Grenzen lösten sich auf.
Seit den 1980er-Jahren bezieht das Musée Ariana deutlich Stellung und unterstützt das umfassende Feld des zeitgenössischen Schaffens in der Keramik und Glaskunst. So baut das Museum enge Beziehungen zu Kunstschaffenden, Schulen, Galerien sowie Sammlerinnen und Sammlern auf, organisiert Ausstellungen, gibt Publikationen heraus und erweitert regelmässig seine Sammlungsbestände in diesem Bereich.
Im 21. Jahrhundert zeichnet sich die Schweizer Keramikszene durch eine vielfältige Dynamik aus und die Tradition der Keramik und Glaskunst wird durch drei Ausbildungszentren in Genf, Vevey und Bern/Biel aufrechterhalten: eine grosse Leistung für ein kleines Land wie die Schweiz!
Glas und Glasmalerei, ein Hauch von Virtuosität
Glas hat etwas Magisches, genau wie eine Seifenblase: Aus einer im Schmelztiegel erhitzten Mischung von Sand, Soda und Kalk entsteht ein zähflüssiges, weissglühendes Material, das geblasen oder geformt wird. Das Ergebnis dieses Herstellungsprozesses sind glatte, widerstandsfähige, transparente oder farbige Gefässe, Skulpturen oder Platten, die das Licht einfangen.
Die Entwicklung der Glaskunst in Europa von der Renaissance bis heute zeichnet sich durch eine schier unendliche Vielfalt von Techniken und durch virtuoses Können aus: Davon zeugen das bunte Bleiglas in Kirchenfenstern, die gravierten, filigranen Glasprodukte der Insel Murano, das vielfarbig emaillierte Glas aus Flühli im Kanton Luzern, das von den Meistern des Jugendstils aus mehreren übereinander liegenden Schichten hergestellte farbige Glas und die zeitgenössische Glaskunst, die alle diese Techniken neu interpretiert.
Glas ist fester Bestandteil unseres Alltags – auf dem Tisch, in Gebäuden oder als Skulptur.
Raubkunst
Die Problematik der während des Dritten Reichs (1933–1945) von den Nationalsozialisten geraubten Kunst betrifft viele Museen. Das Musée Ariana stellt Nachforschungen an, um Stücke zu identifizieren und zu dokumentieren, die in die Kategorie der Raubkunst fallen.
Mit finanzieller Unterstützung der Schweizerischen Eidgenossenschaft brachte das Musée Ariana durch folgende Massnahmen mehr Transparenz in die historische Herkunft seiner Sammlungen:
- Studium der Provenienz seiner Sammlungen
- Verbesserung des Abnahmeprozesses bei einer Neuanschaffung
Die Geschichte historischer Objekte aus dem Bereich der angewandten Kunst lässt sich häufig nur schwer nachvollziehen. Viele dieser Stücke, wie beispielsweise Figuren aus Meissener Porzellan, wurden in mehrfacher Ausfertigung hergestellt. Sie können nur anhand des Dekors formell identifiziert werden, was ohne Fotografien nicht möglich ist. Darüber hinaus sind Keramik und Glas nur am Rande vom Thema Raubkunst betroffen, denn dabei geht es hauptsächlich um Werke der bildenden Kunst.
Die von den Nationalsozialisten geraubte Kunst ist in unserem Museum zudem nicht die einzige Problematik im Zusammenhang mit der Herkunft der Sammlungen. Insbesondere bei Objekten, die aus Ausgrabungen von Orten stammen, an denen Keramik und Glas hergestellt oder gebraucht wurden, muss sorgfältig geprüft werden, ob der Besitzanspruch rechtmässig ist. Deshalb unterziehen wir alle Objekte vor dem Ankauf und der Aufnahme in unsere Sammlungen einem strengen Prüfungsverfahren.
Wir veröffentlichen hier die Ergebnisse dieser Studie, die aus einem Gesamtbericht mit seinen fünf Anlagen sowie sechs ergänzenden Studien zu Objekten besteht, deren Provenienz zwischen 1933 und 1945 Lücken aufwies.
(In französischer Sprache)