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Am Dienstag, dem 9. Dezember 1980, muss es gewesen sein, um die Mittagszeit. Ich stehe in der Warteschlange im Selbstbedienungsrestaurant der Migros Zähringer, schiebe mein Tablett von Zeit zu Zeit um eine Tablettlänge vorwärts und warte darauf, das Bäretatze-Menü bezahlen zu können, 4.60 Franken plus Getränk. Vor mir in der Schlange der Binkert, hinter mir der Kocher, wir rannten fast jeden Mittag ins Migros-Restaurant und nahmen fast immer das Bäretatze-Menü. Ich stehe also an der Kasse, aus einem Deckenlautsprecher erklingt — es gab nichts anderes — Radio Beromünster, und in den Nachrichten wird vermeldet, in New York sei Stunden zuvor John Lennon erschossen worden. Machten Neuigkeiten damals schon so rasch die Runde? Diese wohl schon. John Lennon tot!
Wo waren Sie, als Elvis starb?
«Wo waren Sie, als John Lennon starb?» Ich werde es nie vergessen, vorausgesetzt, man versteht darunter den Moment, da man erfuhr, dass Lennon gestorben war. Ein Schlaglicht auf die eigene Biografie in einem Augenblick der Zeitgeschichte. Eigentlich albern, es sich zu merken. Es gäbe, zumal fürs eigene Leben, wichtigere Begebenheiten. Aber man bringt es nicht aus dem Kopf. Ich weiss, wo ich war, als Freddie Mercury starb. Kurt Cobain. Lucio Dalla. Und Lady D. Meine Frau und ich, noch kinderlos, tankten an einem Sonntagmorgen irgendwo in Tennessee, und neben der Zapfsäule hing die Schlagzeile aus, wonach die britische Prinzessin verunfallt war. Ich sage noch zu meiner Liebsten: «In den europäischen Zeitungen hat es nicht für die Sonntagausgabe gereicht, hier schon — dank der Zeitverschiebung», steige wieder in den gemieteten Ford Mustang und verbinde Dianas Tod fortan mit einer Texaco-Tankstelle in Tennessee.
Unsere Kinder werden sich an den Schultag erinnern, als Michael Jackson starb. Daran, auf welcher Snowboardpiste wir von Whitney Houstons Tod erfuhren. Bin Laden? Wir sind mit dem Schwiegerätti in Rom, die Kinder knipsen spätabends in einem Hotelzimmer am Campo de’ Fiori den Fernseher an, er rauscht und gibt das Bild nur in Schwarz-Weiss wieder, der italienische Kommentar klingt aufgeregt, und Anna Luna ruft ins Badezimmer: «Du, Vati, ich glaube, sie haben diesen Dings … den Terroristen!» Amy Winehouse? Wir kommen gerade durchnässt von einer Velotour zurück, eine Zeitung ruft an, ob ich über Amy Winehouse’ Tod schreiben würde, Hans sagt noch: «Vati, es sind doch Ferien!», ich antworte: «Aber weisst du, die Winehouse, das ist gross!» und starte meinen Laptop auf. Warum ich all dies so ausführlich erzähle? Vermutlich, um von der Frage abzulenken: Wo waren Sie, als Elvis Presley starb? Für einen Menschen meiner Generation gehört eine schmissige Antwort darauf zum guten Ton. Für mich, den Elvis-Verehrer, ohnehin. Ich könnte flunkern und mir für den 16. August 1977 eine hübsche Geschichte zurechtlegen. Bänzli Friedli ist mit seinem roten Velo Richtung Ryser-Bauernhof unterwegs, als ihm sein Freund Michel zuruft … Die Wahrheit ist: Ich weiss es nicht mehr. Hat mich vermutlich damals nicht gross gekümmert, ich erfasste Elvis’ Bedeutung erst 20 Jahre später.
Was ich aber noch weiss: Die «Bäretatze» im Migros-Restaurant war nichts anderes als ein Hamburger, dazu gabs Pommes frites. Soll noch jemand sagen, wir Schüler hätten uns damals gesünder ernährt.
Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.
Die
Hausmann-Hörkolumne
, gelesen von Bänz Friedli (MP3)
Autor: Bänz Friedli
Fotograf: Bänz Friedli