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aus dem Kunstmuseum Hamburg
Zuletzt schwoll die Flut der fremden Völker immer mehr an. Es gesellten sich nun zu den Kas neue reisige Völker, nämlich die Arier. Um rund 1200 vor Christi kam eine neue Sturmflut, die sich über die Gestade des ganzen Mittelmeeres ergoß.
Auch Ägypten wurde von der Flut überschwemmt. Mit äußerster Anstrengung gelang es jedoch noch einmal dem Pharaonen Mernephta, Deiche gegen die verheerende Flut aufzurichten, und die „Barbaren des Nordens“ zurückzuschlagen.
Die Arier treten um 1400 in die Hallen der Geschichte ein. Sie erscheinen zuerst im Herzen von Kleinasien. Dort sind bei Bogasköi Ruinen erhalten, deren Inschriften von indischen Göttern aus damaliger Zeit Kunde bringen. Die Arier kamen vom Westen; vielleicht aus Frankreich. Ihre Hauptvölker waren die Italer, die Kelten, die Griechen, die Perser oder Iranier und die Hindu. Außerdem wären Illyrier, Thraker, Armenier, Skythen oder Saken und eine Anzahl von kleineren Stämmen in der Nähe des Pamir zu erwähnen. In der Folgezeit sind dann noch nördlichere Arier aufgetaucht, nämlich die Germanen und Slaven. Man darf sich nun nicht etwa vorstellen, daß die Horden, die seit der zweiten Hälfte des zweiten Jahrtausends zum Vorschein kommen, nur reinrassige Staaten begründet hätten. Im Gegenteil! Sie bedeuteten offenbar nur eine kleine Minderheit, die Herrenkaste. Sie hatten sich mit den Überwundenen, deren Zahl vielleicht zehn-bis zwanzigmal größer war, auseinanderzusetzen. Bei den Skythen und Indern muß die Kopfzahl der unterworfenen Völker sogar um mehr als das zwanzigfache die Zahl der Sieger, der eindringenden Eroberer, übertroffen haben; denn die Masse der Skythen wird von einem so guten Beobachter, wie dem Arzte Hippokrates, als mongolisch geschildert, und Indien bietet heute noch überwiegend Dravidazüge.
Zugleich mit den Indogermanen treten die Chinesen auf die Bühne.
Bis in unsere Tage hat man geglaubt, daß die Anfänge der Chinesen weit früher seien als die arischen. Das war einfach ein Schwindel. Das mindeste, was wir annehmen können, ist doch, daß unsere Kultur mit den Griechen beginnt, aber richtiger ist es zu sagen, daß sie schon mit Sumir und den Pyramiden anhebt. Jedoch gleichviel: Die Chinesen sind nicht älter als die Griechen, und haben ganz gewiß keine einzige Tatsache aus ihrer Geschichte aufzuweisen, die vor 1200 zurückginge. Das erste, wirklich echte Datum der chinesischen Geschichte ist das Jahr 842 vor Christi. Alles frühere ist höchstens Wahrscheinlichkeit, nur Vermutung und nur zu oft Nebel und Hirngespinst. Wir können daher über die Anfänge Ostasiens nur mit Vorbehalt sprechen, denn sie sind in tiefstes Dunkel gehüllt. Das älteste Gebiet, in dem die Chinesen auftauchen, scheint das Hoangho-Knie zu sein. Von hier aus ergossen sich die „Die Schwarzhaarigen“ oder wie sie sich auch gerne selbst nennen „Die hundert Familien“ nach Osten und Süden. Demgemäß ist selbst Schantung, die Heimat des Konfuzius, die heilige Provinz der Ostasiaten, lediglich Kolonialland gewesen. Und vor der See haben alle rechten Chinesen noch heutigen Tages einen unausgesprochenen Abscheu. Alles, was an der See liegt und was mit der See zusammenhängt, gehört zur Barbarei; das Richtige, das Menschenwürdige ist das Binnenland.
Die Indogermanen traten nicht überall gleich als Herren auf. Gelegentlich waren sie die Bundesgenossen oder gar nur die Söldner anderer Völker. In Italien wurden sie sogar von einem Kasstamm, von den Etruskern, lange Zeit unterjocht und blieben in dienendem Zustande einige Jahrhunderte hindurch. Zuletzt aber sind überall die Arier herrschend geworden. Infolgedessen haben sie den Besiegten überall ihre eigene Sprache, die Sprache der Sieger aufgezwungen. Dagegen erlitten sie starke Beeinflussung durch die Unterworfenen in Leibesart und geistiger Bildung. In der Himalajahalbinsel wurden die Arier durch die Dravida dravidisiert. In Iran wurden sie durch die Elamer, Verwandte der heutigen südkaukasischen Stämme, elamisiert. Die Hellenen wurden durch die Pelasger — einen nordbalkanischen Stamm, von dem man gewöhnlich den Namen für alle Urstämme der Balkanhalbinsel entlehnt hat — pelasgisiert; endlich unterlagen die Italer der weitgehenden Einwirkung der Veneter, Ligurer, Sikuler, Casci und Etrusker. Allerorten wurden mithin die Arier durch die vor-arische Schicht ganz erheblich umgestaltet. Kein Wunder, wenn wir infolgedessen heute einen so großen Abstand zwischen Südeuropäern und Mittel- und Nordeuropäern spüren und nicht minder gewaltigen Abstand zwischen den Ost- und Westariern beobachten. Zwar werden die einzelnen Zweige des großen indogermanischen Baumes schon vorher einigermaßen gesondert und eigenartig gewesen sein; jedoch durch die Mischung mit den verschiedensten fremden Völkern wurde die schon vorhandene Eigenart noch weiter gesteigert und wurde die Kluft zwischen den einzelnen Gruppen der großen ausgedehnten indogermanischen Familie schärfer und ausgesprochener.
Ehedem haben unsere Gelehrten geglaubt, daß die Griechen ihre Bildung ganz selbständig zuwege gebracht hätten. Gewissermaßen eine Urzeugung! Wir wissen jetzt ganz bestimmt, daß auch die griechische Bildung nicht ohne Vorläuferinnen gewesen ist. Es wiederholte sich hier nur, was schon zu mehreren Malen früher in der Weltgeschichte Platz gegriffen hatte, nämlich, daß die Sieger von den Besiegten lernen. Die Babylonier hatten die Schrift von Sumir aufgenommen, und die Kasstämme waren von der mesopotamischen und ägyptischen Kultur vollkommen überwältigt worden. Auch die Griechen, auch die übrigen Indogermanen haben sich der Kraft der älteren Bildung beugen müssen. Vor allem haben sämtliche Arier ihre Alphabete von den Semiten bekommen. Es ist sicher, daß viele Gottheiten der Hindu solchen der Dravida entstammen. Der Verdacht ist begründet, daß die Griechen ihre meisten Götter von den Kas entlehnt haben. Und es ist möglich, daß auch Perser und Slaven nicht nur zu den einheimischen Göttern beteten.
Nicht minder ist auf allen Gebieten der bildenden Kunst das Muster des vorarischen Orients entweder maßgebend oder zum mindesten anregend gewesen. Es bedeutet nur ein Glied in dieser großen Kette, daß auch die staatlichen Einrichtungen vielfach den vorarischen Staaten nachgeahmt oder mittelbar entnommen wurden. Der persische König der Könige setzte in seinem Hofstaate und in der Verwaltung der Provinzen, in dem Postwesen und in der Regelung von Handel und Wandel lediglich das fort, was die großen Könige der Assyrer, Babylonier und Ägypter schon seit Jahrhunderten getan hatten. Eigene Herrschaften der Arier erhoben sich, wie berührt, seit 1400. Die erste ist die der Charri im oberen Euphratgebiete; dieTräger dieser Herrschaft waren Hindu. Es folgten die Hellenen. Sie beteiligten sich an den Wikingerzügen nach Ägypten und sie fochten auf eigene Faust an den Gestaden des nordöstlichen Mittelmeeres. Der Kampf der Hellenen gegen die Kasvölker Kleinasiens ist später als trojanischer Krieg von den Dichtern verherrlicht worden.
Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.
aus dem Kunstmuseum Hamburg