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Körper, Tempo und Musik
Aufgrund des baldigen erscheinens von Nik Bärtsch's Buch "Listening: Music, Movement, Mind" möchte ich etwas über meine Erfahrungen mit dem Schnittbereich von Musik und historischem Fechten berichten. Da diese Schnittfläche doch recht gross ist, sobald man die sozialen, psychologischen, philosophischen und geschichtlichen Kontexte beachtet, möchte ich auf die Gemeinsamkeit fokussieren, die sich durch einen Bewegungsapparat und die Bewegungen selbst entstehen.
Ein grosses Problem entsteht, wenn man Bewegungen beschreiben möchte. Es lässt sich durch eine einfache Frage veranschaulichen: Wann fängt eine Bewegung an und wann endet sie?
Auf den ersten Blick mag diese Frage einfach zu lösen sein. Nehmen wir das Beispiel des aufstehens: Wenn ich noch im Sitzen bin fängt die Bewegung des Aufstehens an (sie beginnt oft mit dem Vorbeugen des Oberkörpers), und hört auf sobald ich stehe. Soweit so gut.
Wenn man aber eine Bewegung nimmt, die länger anhält, wie das gehen oder das Kreisen der Arme, wird das ganze etwas komplizierter. Wann hört ein Schritt auf und wann fängt der nächste an? Wenn ich die Arme kreise: Ist es eine Bewegung, bis ich anhalte, ist jeder Kreis eine Bewegung oder sind gar Teile des Kreises als eine Bewegung zu verstehen?
Auf diese Fragen gibt es verschiedene Antworten, die richtig sind. Man kann das Gehen, sowie das Kreisen der Arme als eine Bewegung verstehen oder sie anhand von gewissen Merkmalen aufteilen. So kann ich das Kreisen der Arme z.B. daran unterteilen, wenn sich die Arme wieder in der gleichen Position sind als schon zuvor. Welche Position nun gewählt wird, ist aber letztendlich willkürlich. Ebenso kann man das Gehen in einzelne Segmente (Schrittpaare, einzelne Schritte) unterteilen. Wie man dies auch immer handhaben möchte, ist vom Betrachter abhängig. Man setzt jedoch meist damit an, eine Einheit fest zu legen, z.B. eine Bewegung von A nach B. Im Fechten, wie auch in der Musik wird da mit Einheiten gearbeitet, welche die Zeit als Referenz nehmen. Bewegungen finden in der Zeit statt, auch wenn sie in der Geschwindigkeit sehr variieren können. Ich kann also dieselbe Bewegung langsam oder schnell vollbringen, es ist jedoch von der Geometrie (oder Tonhöhe) her betrachtet dieselbe Bewegung. Bewegung besteht also aus Veränderung von Ort und Zeit.
Wenn wir uns bewegen, gibt es in den meisten Fällen eine Taktung. Das bedeutet, dass wir uns in einem zeitlichen Rahmen einordnen lassen, der durch zeitlich gleichförmige Segmente kontextualisiert werden kann. Rein physisch betrachtet findet sich der lebendige Mensch von gewissen Takten umschrieben. Wir atmen alle ein und aus, manchmal langsamer, manchmal schneller, aber regelmässig getaktet. Wir haben alle einen Herzschlag. Unsere Gelenke, Knochen und Muskeln haben einen limitierten Bewegungsumfang. Insbesondere schreiben uns die Kombination von Gelenken und Knochen vor, dass unsere Bewegungen sich durch Kreisteile beschreiben lassen (Knochen verkürzen sich nicht spontan, sondern beschreiben einen Radius, ausgehend von einem Gelenk). Wenn wir nun Singen, ein Instrument spielen oder fechten, finden wir uns in einem, aber meist in mehreren Taktungen (Atem, Schritt, Streckung & Beugung, etc.). Und in der Musik, wie auch im Fechten, orientiert man sich an der Taktung des Gegenübers. In der Musik meist mit dem Ziel sich aneinander anzupassen um gewisse Klang-und Taktharmonien zu erstellen. Im Fechten nutzt man die Taktung des Gegenübers meist um Taktungen "auszunutzen", indem man die Taktung des Gegenübers unterbricht oder sie dahin führt wo man sie haben möchte. Diesbezüglich scheiden sich Fechten und Musik auf interessanter Weise. In der Musik ist man im Tempo des Gegenübers, wenn man sich im gleichen Takt so verhält, eine Synchronisierung entsteht. Im Fechten ist man im Tempo des Gegenübers, wenn man sich so verhält, dass eine Synchronisierung dann entsteht, wenn das Gegenüber es nicht haben möchte. Bei Musik, wie auch Fechten findet eine Synchronisierung statt. Was die zwei aber unterscheidet ist, dass die Synchronisierung in der Musik als erfreulich aufgefasst wird (jetzt mal Musikstile wie Free Jazz ausgeklammert). Im Gegensatz dazu wird es beim Fechten eher als Nachteil aufgefasst, wenn man in Tempo ins Gesicht gestochen wird.
Als letztes möchte ich noch auf die psychologische Rolle zu Sprechen kommen, die Taktung haben kann. Taktung ist, wie bereits beschrieben, ein Konzept, welches uns Orientierung ermöglicht. Die psychische Orientierung anhand von Taktungen ist jedoch eine, die selbst Dinge einordnen lässt, die ausserhalb oder zwischen die Taktung fällt. Wenn wir über ein Ereignis wissen, dass es ausserhalb unserer gewohnten Harmoniern und Takte fällt, können wir entsprechend gelassener damit umgehen und uns auch damit abfinden, dass solche "störenden" Dinge nunmal zum Leben gehören. Was ich damit meine, ist in diesem Video wunderschön erklärt: