Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03454.jsonl.gz/1460

Der Unterschied zwischen wissenschaftlicher und künstlerischer Darstellung besteht nicht darin, dass der Wissenschafter andere Gegenstände behandeln würde als der Künstler, nicht darin, dass beispielshalber der Wissenschafter die Gegenstände theoretisch abstrakt, der Künstler, der Dichter aber sinnlich bildhaft darstellen würde. Auf jeden Fall muss man genau // angeben, was man unter dem einen und was man unter dem anderen versteht. –
02 Der Dichter kann die gleichen Gegenstände mit der gleichen Terminologie behandeln wie der Gelehrte. Er kann sich, wenn er es beherrscht und wenn er will, des Vokabulars jeder beliebigen Wissenschaft bedienen. Der Unterschied liegt darin, dass der Dichter auch den – scheinbar – wissenschaftlichen Gegenstand, die – scheinbar – wissenschaftliche Terminologie poetisch verwendet. D.h. er wird statt logisch zu denken, der ästhetischen Forderung seines formenden Geistes folgend assoziieren. // Sogar, wenn er eine Abhandlung – scheinbar eine Abhandlung – schreibt, hat sie die Bedeutung eines Bildes. Sie will nicht überzeugen, sondern faszinieren. Es wäre ein Gedicht denkbar, das ausschliesslich aus abstrakten Begriffen bestünde und dennoch ein reines Gedicht wäre – ein reineres als jene vielen Gedichte, die Philosopheme in Bilder eingewickelt mitteilen –: wenn es nämlich diese abstrakten Begriffe einem rein ästhetischen Zwang, einem künstlerischen Antrieb folgend, ordnen und vereinigen würde. – Das gleiche gilt vom Roman: man braucht da nichts zu // sehen, zu hören, zu schmecken, im üblichen Sinn. Es genügt, wenn der Roman unsere geistige Sinnlichkeit anspricht, unseren Sinn für Rhythmus, Proportion, Spannung, Lösung auf der höchsten Stufe. Es braucht da, äusserlich, gar nicht viel zu passieren. Die Bewegung der Empfindungen des einen Menschen für einen anderen innerhalb einer Viertelstunde ist ein ausreichender Stoff für einen Roman. Dass sowohl der, der ihn zu schreiben, wie auch der, der ihn zu lesen imstande wäre, noch nicht geboren ist – wahrscheinlich – ist doch wohl kein Einwand dagegen.