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Triggerpunkte oder tief verletzte Erwartungen sind neuerdings auch in der politischen Schweiz in aller Leute Munde. In Deutschland ist eben eine umfassende theoretisch inspirierte empirische Studie erschienen. Steffen Mau, einer der drei Autoren, hielt gestern an der Uni Basel einen Gastvortrag, der mich zu folgender Zusammenfassung mit kleinem Test führte.
Der Vortrag
“Konflikte werden hergestellt – sie werden entfacht, getriggert und angespitzt. Damit sind sie kein sozialer Faktor, der einfach nur gegeben ist. Dass wir die Gesellschaft konfliktreich erleben, hat damit zu tun, wie Meinungsverschiedenheiten aufbereitet und kommuniziert werden.”
So umschreibt das neue Buch “Triggerpunkte”, das die Berliner Soziologen Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser verfasst haben, dieses Jahr erschienen ist und seither auf der Spiegel-Bestenliste figuriert.
Steffen Mau hielt gestern an der Uni Basel einen Gastvortrag dazu und wurde noch etwas deutlicher: “Polarisierung wird politisch und medial erzeugt!”. Sie ist nicht als sozialstrukturelles Substrat vorhanden.
Was mir mein Rucksack sagt
Während meiner Ausbildung als (Nebenfach)Soziologe habe ich das Umgekehrt gelernt. Westliche Gesellschaften seien strukturell und kulturell gespalten, lehrten die beiden Cleavage-Theoretiker Seymour Lipset und Stein Rokkan Ende der 1960er Jahre. Konflikte wie Zentrum/Peripherie, Staat/Kirche, Stadt/Land und Arbeit/Kapital liessen sich historisch herleiten und hätten zu fundamentalen Spaltungen der Gesellschaften geführt. Ueberwunden worden seien sie durch typische Elitenkooperationen, die zu nationalen politischen Systemen führten. Im 20. Jahrhundert wurde der Gegensatz von Arbeit und Kapital dominant.
Seit einiger Zeit zweifelt man an der Vorherrschaft des Konfliktes zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Er wurde im 20. Jahrhundert sozialpartnerschaftlich geregelt. Vielmehr versucht die Sozialwissenschaft neue Konflikte als “postmaterialistisch” oder als “grün-alternativ-libertär” zu erfassen, oder als Gegensätze zwischen “some- und anywhere”, “Kosmopolitismus und Kommunitarismus” oder “Universalismus oder Partikularismus” zu beschreiben.
Die neue These
Mau vertritt dazu eine Gegenthese. In vielen Fragen seien heutige Gesellschaften gar nicht so stark gespalten wie wahrgenommen. Es herrsche ein Minimalkonsens bei der Bewältigung von Klassenkonflikten, in Inklusionsfragen, in der Geschlechterfrage oder in der Oekologiefrage. Zentrale Forderungen erreichten immer wieder Regelungen mit mehrheitlicher Zustimmung. Das entspricht dem gesellschaftlichen Konsens bei zentralen Herausforderungen. Allerdings fokussiere die Oeffentlichkeit, so Mau (und zahlreich andere KritikerInnen), meist nur auf die Ränder, die sich wechselseitig radikalisierten.
Um diese für die Gegenwartsgesellschaft differenziert genug erfassen zu können, schlagen die Berliner Soziologen deshalb eine neue Heuristik von “Arenen der Ungleichheit” vor: jene der Oben/Unten-, der Innen/Aussen-, der Wir/Sie- und der Heute/Morgen Ungleichheiten. Da gehe es um Klassen-, Nationen-, Gruppen und Generationenfragen. Typisch sei deshalb eine Nebeneinander von Verteilungs-, Grenz-, Identitäts- und Klimakonflikten. Politisiert werden so der Wohlfahrtsstaat, die Migrations-, die Anerkennungs- und Umweltpolitik. Zur Disposition stehen Ressourcenverteilungen, Inklusionsmassnahmen, Gleichstellungsprogramme und Nachhaltigkeit.
Ein Ersatz für die Analyse grundlegender Spaltungen ist das wohl nicht. Aber ein nützliches Instrument, um das medial vermittelte Bewusstsein von Spaltungen zu verstehen.
Empirische Befunde für Deutschland
In seinem Basler Vortrag trug Mau zunächst die Ergebnisse vor, welche eine gross angelegte empirische Studie zur Gegenwartsgesellschaft Deutschlands ergab. Die Oben-Unten-Ungleichheit differenziert zwischen Arbeitgeber und Kleinunternehmern einerseits, kulturellen Experten (z.B. LehrerInnen) und Dienstleistungsarbeitern (z. B. VerkäuferInnen) andererseits. Bei den drei anderen Arenen bilden die Produktions- und Dienstleisungsarbeiter (Maurer resp. Verkäuferinnen) gemeinsam mit dem Kleinunternehmern den einen Pol, die kulturellen und technischen Experten (z.B. ArchitketInnen) den anderen.
Auch politisch gesehen wird eine Zweiteilung der vier Konfliktmuster nahegelegt. In der Oben-Unten-Arena stehen sich Wählende der FDP und der Grünen gegenüber, bei den drei anderen jeweils die der AfD und der Grünen. Die politische Polarisierung erscheint dabei akzentuierter als die gesellschaftliche. Entscheidend sind aber nicht alle Parteien, sondern die Grünen, die AfD und die FDP.
Was Triggerpunkte sind
Um die Entstehung dieser Polarisierungen zu verstehen, führte Mau (endlich) seine Triggerpunkte ein: Das sind verletzte Erwartungen der Gleichheit, der Normalität, der Identität oder Autonomie. Entzündet werden sie meist durch medial ausgetragenen Kontroversen zur Aktualität, die hochemotional geführt werden und so unversöhnliche Pole sichtbar machen.
Dank der Aufmerksamkeitsökonomie der Medien erreichen sie einen ausgesprochen hohen Stellenwert, der das Konflikthafte der Gegenwartsgesellschaft überschätzen lässt. Denn bei weitem nicht allen Gesellschaftsgruppen werden so adäquat erfasst, weil sie vor allem den breiten Gesellschaftlichen Konsens in zahlreich ausgeblendeten Fragen teilen, die durch Triggerpunkte nur beschränkt beeinflusst werden.
Der kleine Test
Selber bin ich mit der Liste der Triggermomente aus dem zurückliegenden Wahlbarometer nach Basel gereist, welche das Wahlbarometer im Herbst 2023 aufzeigte. Sie wurden verwendet, um den Auslöser von Parteiwechseln zu bestimmen. An oberster Stelle steht die “wokeness oder Gender-Debatte”, gleichauf mit der Polarisierungskritik. Es folgen die Reaktionen auf die Klimakleber und den Prämienschock bei den Krankenkassen.
Mau würde wohl sagen: typische Identitätsfragen (wokeness), Nachhaltigkeitsfragen (Klimakleber) und Verteilungsfragen (Prämienschock). Und über allem die geradezu symbolisch die Polarisierungsthematik. Sie haben den Wechsel zur SVP (wokeness), oder Mitte (Polarisierung) ausgelöst resp. den beiden grünen Parteien (Klimakleber) geschadet. Sie erklären bis zum einen Drittel der Wählenden-Gewinne bei SVP und Mitte und bis zu einem Viertel der -Verluste der beiden grünen Parteien.
Bingo! Die Heuristik hilft auch hier für die Gegenwartsdiagnose, selbst wenn sie nicht alles erklärt. Denn bei der SP waren die Triggerpunkte 2023 weder für die Zu- noch Abwanderung entscheidend. Vielmehr profilierte die Kaufkraftverluste mindestens die Zuwanderung.
Mein Fazit
Was mir auch bleibt: Die neue Heuristik hilft, die etwas allgemeinen gehalten “kulturellen Konflikte” in der Wahl- resp. Gesellschaftsanalyse zu differenzieren. Denn die Berliner Soziologen unterscheiden da treffend Grenzkonflikte (zwischen Innen- und Aussen), Identitätskonflikte (zwischen Wir und Sie) und Nachhaltigkeitskonflikte zwischen Heute und Morgen. Mau präzisierte im Basler Vortrag, allenfalls entsteht bei Letzteren sogar ein neuer Klassenkonflikt zwischen den Generationen.
Triggerpunkte helfen dabei, die medial wichtigen Momente zu sortieren, allenfalls Wählenden-Bewegungen zu bestimmen, aber nicht, die Grundstrukturen etwa des Parteiensystems zu analysieren. Die werden durch parteispezifische Einstellungen und Interessen bestimmt, die an den Rändern unter dem Eindruck von Wahlkämpfen ausfransen.
Danke, der Vortrag hat meine Gedanken sortiert. Ich werde das Buch trotz gut 500 Seiten gespannt lesen!
Claude Longchamp