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12. Juni 2023 | Goldbergbau
Verfasser: Werner Lüthi, Burgdorf
Die älteste Goldmine der Schweiz liegt im Kanton Wallis, südlich von Gondo, im Zwischbergental, welches noch zum Monte Rosa-Massiv gehört. Vermutet wird, dass bereits die Römer in diesem Gebiet goldhaltige Erze abgebaut haben.
Die Goldvorkommen von Gondo sind Teil der hydrothermalen Goldlagerstätte des Monte Rosa-Gebietes. Die aus Gneisen bestehende Monte Rosa-Decke gehört zum Penninikum und tritt an der Grenze zwischen Italien und der Schweiz zu Tage. Neben den Goldvorkommen von Gondo sind auf italienischem Gebiet die Vorkommen im Val Anzasca, Val Antrona und Antigoriotal bekannt. In all diesen Vorkommen findet sich Gold in Verbindung mit Pyrit und nicht als Freigold. Weiter südlich, im Gebiet von Brusson (Aostatal), taucht die Monte Rosa-Decke nochmals auf. Diese Goldquarzgänge sind interessant, da dort auch Freigold vorkommt.
Die Goldgruben im Zwischbergental werden bereits um 1550 erwähnt; urkundlich ist die Goldgewinnung seit 1660 festgehalten. Kaspar Jodok von Stockalper kaufte damals das Grundstück, auf dem sich die alten Goldgruben befanden oder Gold vermutet wurde. Im Talgrund, «im Hof», erstellte er eine Erzmühle und eine Goldwäscherei. Anfänglich wurde das Erz durch freie Bergmannsarbeit gewonnen. Jeder Arbeiter, der Lust dazu hatte, konnte auf eigene Verantwortung in den Gruben goldhaltiges Erz herausschlagen und vor den Galerien (Stollen mit Mundloch) pochen. Das blinde Material wurde ausgeschieden, der Rest auf Erzschlitten zur Goldmühle ins Tal geschleppt, beim Hüttenmeister gewogen und danach an von Stockalper verkauft.
Nach dem Tod von Kaspar von Stockalper 1691 erteilte der Walliser Landrat 1728 Franz Christian Wegener, von Brig, und 1834 Josef Burgener, von Visp, neue Konzessionen. 1748 stieg die Familie von Stockalper dann wieder mit einer bedeutenden Erweiterung des Betriebes in das Unternehmen auf ihrem Grundstück ein. 1810 übertrugen sie die Konzession an die italienische Firma Maffiola & Pirazzi, behielten aber die Kontrolle über das Bergwerk. In den 1840er-Jahren kündete die Familie den Vertrag mit Maffiola wegen grösserer Meinungsverschiedenheiten. 1842 erneuerte sie die Konzession nicht mehr.
Mitte des 19. Jahrhunderts führte ein neues Gesetz im Wallis zum allgemeinen Niedergang der Bergwerke. Die Regierung beauftragte den Geologen Heinrich Gerlach, nach den Gründen des Rückgangs der Bergbautätigkeit zu forschen. Er kam zum Schluss, dass die neue, hohe Besteuerung dafür verantwortlich war. Gerlach schlug eine industriefreundlichere Konzessionsvergabe vor.
Im Jahre 1874 bewarb sich P. L. Barthe aus Paris mit seiner «Société anonyme des Mines d’Or de Gondo» um eine Konzession für das Goldbergwerk. Die Gesellschaft konstituierte sich am 16. Februar 1875. Das Aktienkapital wurde auf zwei Millionen Franken festgesetzt.
Die Konzession umfasste 100 Hektaren Abbaugebiet. 1881 ging die Konzession an Eduard Cropt, Bankier in Sitten, über. Nach dessen Tod führte die Goldminengesellschaft der Schweiz mit dem in Paris wohnhaften Briger Alcide Froment als Mandanten für einige Jahre die Arbeiten in den Goldgruben weiter. Ende 1890 wurde jedoch die Nachlassstundung eingeleitet und 1891 ging das Bergwerk an die neue Gesellschaft «Société des Mines d’Or d’Helvétie» über. Mit über 100 Mineuren erweiterte die Gesellschaft die bisherigen Stollen unter der Leitung von Alcide Froment, vorerst als Chefingenieur, später als Generaldirektor.
In einem Rechenschaftsbericht stellte Froment fest, dass in wenigen Jahren der Simplontunnel gebaut werde sollte und Gondo dann in die Nähe einer internationalen Bahnverbindung zu liegen komme. Gondo werde den ersten Platz unter den Goldminen Europas einnehmen. Den europäischen Investoren müsse man zeigen, dass es jetzt nicht mehr nötig sei, nach Kalifornien oder nach Transvaal zu gehen, um nach dem kostbaren Gold zu suchen.
Froment liess die Wege zu den Minen ausbauen, Bergarbeiterbaracken erstellen und die Goldmühlen erweitern. Weiter erstellte er eine neue Luftseilbahn ins Minengelände und baute am Grossen Wasser ein Elektrizitätswerk mit 300 PS Leistung.
Sechs Tonnen Erz wurden pro Tag gefördert. Pro Tonne betrug der Goldgehalt 40 Gramm.
Allerdings musste dazu bis zur 15-fachen Menge Gestein für das Aufschliessen gesprengt und gefördert werden.
Auf dem Höhepunkt des Goldrausches übernahm am 6. März 1894 die neue Gesellschaft «Société des Mines d’Or de Gondo» alle Liegenschaften und das Abbaugebiet. Der neue Präsident war Saly Silz aus Berlin. Hauptaktionär war ein gewisser Herr Mai in London.
Die Anlagen wurden ausgebaut. Eine zweite Luftseilbahn wurde erstellt und ferner eine weitere Anlage mit 14 mexikanischen Goldmühlen.
Das Direktionsgebäude war mit grossem Luxus ausgestattet. Halbe Zimmerwände waren mit prächtigen Empire-Spiegeln verkleidet. Vom Dorf Gondo aus entstand eine Fahrstrasse für 2- und 3-Spänner-Kutschen. Die Gebäude hatten vorwiegend einen repräsentativen Charakter.
Die Arbeiter hausten in armseligen Steinhütten in der Nähe der Eingänge zu den Galerien. Ihre Betten bestanden aus Buchenlaub auf Massenlagern. Drei Arbeiter teilten sich eine Wolldecke. Für die Lebensmittel und das Kochen mussten sie selber sorgen. Als Lohn erhielten Mineure, Schmiede und Maurer Fr. 4.-- in 12 Stunden, Handlanger Fr. 1.20 – 1.80 in acht Stunden. Der Lohn entsprach etwa jener Zeit. Strassenarbeiter erhielten damals vom Staat Fr. 2.— bis 2.50 pro Tag.
In der Zeit vom 1. März 1894 bis August 1896 trieben 500 Mineure, Schmiede, Handlanger, Maschinisten, Angestellte und Beamte zehn Stollen auf einer Länge von 606 Metern voran und verarbeiteten dabei 5191 Tonnen Erz. Zwischen 1893 und 1897 wurden 73 Goldvreneli und einige Goldmedaillen aus Gondo-Gold geprägt. Plötzlich begann aber der Goldgehalt um mehr als die Hälfte zu sinken. Anstatt den Betrieb nun zu reduzieren und neue Gebiete zu erforschen, warteten die verantwortlichen Herren auf ein Goldwunder und betrieben eine Verschwendung ohne jeden Geschäftssinn und jede Verantwortung. So kam es am 17. Mai 1897 zum erneuten Konkurs. Der ganze Betrieb stand sofort still. Die Herren verschwanden schneller, als sie einst gekommen waren. Nach jahrelangen Streitigkeiten verwahrlosten die Anlagen und zerfielen. Das Altmetall der einst so stolzen Mine wurde in den Jahren 1924 – 1925 an italienische Unternehmer verkauft. Die Grundstücke und die restlichen Gebäude und Ruinen kauften Michael Tscherrig von Zwischbergen und Alfons Jordan von Gondo.