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Ryna: Das Interview mit Ruxandra Zenide
Die rumänisch-schweizerische Co-Produktion Ryna war neben Fragile sicher die grösste Unbekannte bei der Nomination zum Schweizer Filmpreis 2006. Zumindest in der deutschen Schweiz. Der rumänisch gesprochene Film der in Genf lebenden Ruxandra Zenide konnte aber an Festivals in Bordeaux, Mannheim-Heidelberg und dem Cinéma Tout Ecran in Genf Preise einheimsen.
OutNow.CH traf die hochschwangere Regisseurin in Zürich und sprach mit ihr über feministische Filme, die Schwierigkeiten von Co-Produktionen und den Schweizer Film unter der Ägide von Nicolas Bideau.
OutNow.CH (ON): Du wurdest in Bukarest geboren. Wie bist du in die Schweiz gekommen?
Ruxandra Zenide (RZ): Ich kam 1989 in die Schweiz, gerade vor Ausbruch der Revolution in Bukarest. Eigentlich war mein Vater, der den Status eines politischen Flüchtlings hatte, bereits 1987 in der Schweiz mit meiner Familie. Ich flog nach Genf, damit die Familie wieder beisammen war. Dort habe ich dann Internationale Beziehungen studiert, bevor ich entschied, mich an der Prager Film Schule einzuschreiben.
ON: Ryna war nach ein paar Kurzfilmen dein erster Spielfilm. Hattest du die Idee zu Ryna schon lange mit dir herumgetragen?
RZ: Ich wollte einen Film im Donau Delta machen und rief meinen Drehbuchautor an. Ich sagte ihm, ich wolle eine realistische, soziale Geschichte, die den Zerfall des Kommunismus in Rumänien repräsentieren würde. Daraus entstand schliesslich Rynas Geschichte. Er schrieb den ersten Entwurf, welchen wir später noch verbesserten und schliesslich mit dem Filmen begannen.
ON: Viele Pressestimmen bezeichneten Ryna als einen feministischen Film. Würdest du ihnen beipflichten?
RZ: Nein. Ich denke nicht, dass der Film feministisch ist. Er behandelt Frauenthemata, und teils werden die Frauen im Film von Männern unterdrückt. Aber das alleine macht keinen feministischen Film daraus. Die Geschichte spielt in einer ganz bestimmten ländlichen Region, wo Frauen nicht so emanzipiert sind, wie diejenigen aus grossen Städten. Ich wollte diesen Unterschied realistisch portraitieren. Für mich ist es eine Story über ein starkes Mädchen, also ist dem Film eine feminine Sensibilität immanent. Trotzdem bin ich glücklich über die Emanzipation in den 60er und 70er Jahren. Doch ich finde, jetzt ist die Zeit gekommen, in der wir allesamt auf gleicher Höhe zusammenfinden können.
ON: Dein Film wurde an vielen Festivals vorgeführt und hat zahlreiche Preise gewonnen. Wie wichtig sind Festivals für unabhängige Filmemacher?
RZ: Sie sind sehr wichtig. Für mich war es wichtig, da auf diesem Weg sowohl das Publikum als auch die Leute der Filmindustrie meinen Film sehen konnten. Wir zeigten den Film in vielen verschiedenen Ländern mit unterschiedlichen Kulturen, und es war interessant die verschiedenen Reaktionen mitzuerleben. Natürlich gefiel mir das ständige Umherreisen sehr gut. Zudem war's für unsere Hauptdarstellerin eine gute Gelegenheit, Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu können.
ON: Was für Unterschiede hast du in so vielen verschiedenen Ländern bezüglich der Publikumsreaktionen erlebt?
RZ: Ich war nicht bei den Screenings in Rumänien anwesend, doch mir wurde gesagt, dass das Publikum den Film mochte. Ich war über die wirklich guten Reaktionen der Amerikaner in Los Angeles erstaunt, da diese Leute sozusagen im Herzen der Filmindustrie leben. Mein Film ist im Vergleich zu amerikanischen Werken ein kleiner. Das Publikum war von der Story sehr berührt. Mir hat dies gezeigt, dass die Geschichte etwas sehr Universelles beinhaltet. Natürlich ist Ryna ein Film für ein bestimmtes Publikum. Die Leute erwarteten also keinen Film à la Mission: Impossible, als sie ihre Tickets zu meinem Film kauften.
ON: Ryna war Dorothea Petres erster Film. Wo hast du sie kennengelernt und wie hast du sie auf diese körperlich herausfordernde Rolle vorbereitet?
RZ: Sie war Studentin an der Filmschule in Bukarest. Ich habe mir Fotos von allen Mädchen jener Schule angesehen. Dabei ist sie mir besonders aufgefallen. Sie hatte auf dem Bild sehr kurze Haare. Ihr Gesicht und ihre Haltung stimmten genau mit dem überein, was ich suchte. Daraufhin habe ich sie zum Casting eingeladen. Ich habe mir weitere Mädchen angesehen, da der Produzent um eine zweite Auswahl gebeten hatte. Doch von dem Moment an, als ich sie sah war mir sofort klar, dass sie die Richtige war. Sie war sehr feminin. Sie hatte sich stark geschminkt, trug Stöckelschuhe und kurze Röcke, und ich versuchte ihr männlichere Züge zu verleihen. Schon bald entdeckte ich, dass Dorothea Petre der Figur Ryna sehr ähnlich war. Auch sie hatte sowas wie einen Komplex, weil sie von Natur aus ziemlich maskulin wirkte. Sie versuchte es mit all den Kleidern und ihrem Auftreten zu überdecken. Als ich dies erkannt hatte und ihr voll vertraute, wurde es ganz leicht. Natürlich habe ich sie vorbereitet und sie in eine Garage geschickt, um dort zu arbeiten und solche Sachen. Trotzdem lastete alles andere auf ihren Schultern, egal wie viel wir sie auf ihre Rolle vorbereiteten. Und als wir uns jeweils die Aufnahmen des Tages ansahen, waren wir jedes Mal über ihr Charisma erstaunt.
ON: Während des Films ist mir aufgefallen, dass du nur Originalgeräusche verwendet hast. Warum hast du dich gegen einen Score entschieden?
RZ: Wir hatten einen Komponisten für den Film beauftragt. Er sollte Musik komponieren, die die Charaktere und die Gefühle widerspiegelte. Doch wir kamen überein, dass die Musik dem Film nichts neues beizusteuern vermochte. Also entschieden wir, die Emotionen roher erscheinen zu lassen - ohne Musik.
ON: Wie funktionierte die rumänisch-schweizerische Zusammenarbeit genau?
RZ: Wir hatten Co-Produzenten sowohl aus der Schweiz wie auch aus Rumänien. Ferner war die Filmcrew ebenfalls eine Mischung. Die Post-Produktions Einheit zum Beispiel war mehrheitlich schweizerisch, wie die Make-Up Artisten und Kostümdesigner. Die Schweizer kamen nach Rumänien und ich denke, sie fühlten sich dort wohl. Es gab zwar wegen kulturellen Unterschieden ein paar Probleme, aber die Schweizer schätzten die Erfahrung.
ON: Betrachtest du Ryna als Schweizer Film?
RZ: Das kann ich nicht sagen. Es wird Rumänisch gesprochen und auf eine Art geht es im Film um Rumänien. Doch ohne schweizerischen Input hätte Ryna so nicht produziert werden können. Verschieden Rumänen haben mir gesagt, dass sie den Film deshalb mochten, weil es sich dabei nicht um einen typischen rumänischen Film handle. Trotzdem kann ich wirklich keine Zuteilung - zum Schweizer oder zum Rumänischen Film - vornehmen.
ON: Während der letzten paar Jahre wurden Schweizer Filme, vor allem Komödien, immer beliebter. Hilft dieser Trend auch kleinen Werken?
RZ: Auf jeden Fall. Wenn der Schweizer Film an Popularität gewinnt, wenn darüber gesprochen wird, hilft dies auch kleineren Projekten. Nicolas Bideau kann dem Parlament erklären, dass der Schweizer Film in Bewegung ist. Dass ein neuer Wind zu wehen begonnen hat und mehr Geld benötigt wird. In jedem Land gibt es kleinere Produktionen und grosse, kommerzielle Filme, die zukünftige Projekte erst möglich machen.
ON: Wie sieht es bei dir bezüglich zukünftiger Projekte aus?
RZ: Ich werde einen Film namens The Childhood of Ichard produzieren. Daneben arbeite ich an einem Film, der in Genf gedreht werden wird.
ON: Wenn du unseren Lesern irgendeinen rumänischen Film empfehlen würdest, welcher wäre das?
RZ: Einer der berühmtesten Filme ist sicher Padurea spînzuratilor von Liviu Ciulei, der in Cannes 1965 den Preis für die beste Regie bekam. Etwas neuer ist Moartea domnului Lazarescu - "The Death of Mr. Lazarescu". Ich habe ihn noch nicht gesehen, aber den sollte man auch in der Schweiz verleihen.
ON: Vielen herzlichen Dank.
RZ: Ich danke euch.