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Avenue B, Hyde Park
Die Leute in der Gegend vom North Loop wirken freakig, sind tagsüber in ihren Häusern vor dem TV oder in den Gärten am Rauchen oder Scrabble spielen oder basteln an irgend einem Gerät herum. Sie haben eigentlich keinen Beruf und arbeiten auch nur sporadisch. Als was weiss ich nicht. Dies und Das. Damian, 24, wohnt hier auf dem North Loop zwischen Chesterfield und Avenue F. Seine zwei Mitbewohner bezahlen nie Miete und er hat sie auch schon eine Weile nicht mehr gesehen, wie er merkt, während wir reden.
Eastside, Mill und 9th Street.
Skip ist in diesem Haus aufgewachsen, nun lebt seine Mutter noch hier. Er wohnt ein paar Strassen weiter. Das ganze Quartier sollte aufgewertet werden, viele dieser kleinen alten Häuser werden abgerissen. Aber solange die Mutter noch lebt, soll hier nichts verändert werden. Was danach ist, weiss er nicht. Skip arbeitet beim Gericht.
Katharine, 26, wohnt seit einem Jahr mit ihrem Verlobten in diesem Haus, an der Ecke Franklin und Chesterfield. Sie sind herumgefahren und haben es so gefunden. Vorher lebte sie in San Marcos und hat an der Texas State University studiert. Sie ist Forensik-Fachfrau bei der Polizei. Sie war soeben im Begriff zu gehen aber noch schnell für mich posieren ist kein Problem. Es ist ihr gleichgültig, ob ich ihr das Bild maile oder nicht.
Franklin, zwischen Chesterfield und Guadeluppe.
Ehren war im Vorgarten am arbeiten, als ich ihn fragte, ob ich ihn fotografieren durfte. Er ist der Director of Data Serivces bei Causeway Interactive und wohnt hier seit etwa 9 Monaten. Eigentlich interessierte mich das gegenüberliegende Haus. Es ist alt, einfach und klein und der Garten wild. Es sah etwas verlassen aus, Ehren meinte aber, dass da jemand wohne.
Franklin, zwischen Chesterfield und Guadeluppe.
Drei Häuser weiter von Ehren wohnt seit eineinhalb Jahren Tom. Er ist Musiker, spielt unter anderem bei den Hex Dispensers. Er ist nicht Texaner, inzwischen aber ziemlich anklimatisiert. Es fällt ihm einfach, gesprächiger und freundlicher zu sein.
Franklin, nähe North Loop.
Dieses Haus interessierte mich sehr. Der Weg, der erst in der Hälfte zum Haus beginnt und das Auto. Es ist alles so alt und kaputt, ich kann nur an früher denken. Der Bewohner dieses Hauses schien zwischen 35 und 40 zu sein, Musiker. Er war bereit zu posieren. Als ich etwas zurück ging, um das ganze Haus aufs Bild zu bekommen, wollte er nicht mehr mit drauf sein.
Zenia, nähe Hyde Park.
Hier hätte ich gerne eine alte Frau vor dem Haus posieren gesehen. Leider war niemand zu Hause.
Franklin, zwischen Chesterfield und Guadeluppe.
Die linke Türe hat kein Glas. Wenn es nicht wegen des Fernsehgeräuschs wäre, würde man glauben, dass hier niemand mehr lebte. Zwischen Stühlen, Kartons, Sofas, Kissen, Kleidern und Chaos schaut ein Mann fern. Ich klopfte zwei mal, er reagierte nicht. Ich rief ihn, was ich eigentlich sehr unhöflich fand, denn durch die fehlende Türe stand ich schon beinahe drinnen. Aber vermutlich war ich schon von der enormen Freundlichkeit, Aufgeschlossenheit, Offenheit, Redseeligkeit und Unkompliziertheit der Texaner angetan, dass ich meine schweizerische Zurückhaltung über Bord warf - denn ich wollte unbedingt ein Bild von diesem Haus, mit jemandem darauf. Nach einer Weile drehte er sich um und ich erklärte ihm mein Anliegen. Er schien nicht begeistert, verstand nicht, was das soll. Trotzdem ging er seine Tante und seinen Onkel, die auch hier leben, fragen, ob sie aufs Bild wollten. Sie wollten nicht. Dann setzte er sich wieder vor den Fernseher. Ich fragte ihn, ob er dazu bereit sei (inzwischen war ich bereit, um das Bild zu kämpfen). Nach einer Pause zuckte er mit den Schultern und meinte, er wisse zwar nicht warum, aber klar, kein Problem. Ich war so froh, dass er zustimmte, dass ich ihn nicht noch weiter mit Fragen belästigen wollte. Ich weiss nur, dass das Haus schon seinem Grossvater gehört hatte und seine Tante und Onkel seit 6 - 7 Jahren hier leben.
Avenue C, Hyde Park.
Das Haus und der Garten wirken angenehm sich selbst überlassen. Die Fenster reichen bis zum Boden. Morgens könnte man sich direkt vom Bett aus in die Fenster setzen, die Beine raus baumeln lassen und einen Kaffee trinken.
Am Anfang dachte ich, dass ich nur die Häuser fotografieren werde, die ganz genau der Idealvorstellung meines eigenen kleinen Heims entsprechen. Doch die Vorstellung schafft es einfach nicht in die Realität. Immer ist da etwas, das stört. Die Farbe, ein Glockenspiel auf der Veranda, Plastikstühle statt Holzschaukel, Ornamente an den Türen, ein modernes Auto in der Einfahrt, zu alt oder zu neu, zu gross oder zu klein. So entschied ich mich, grosszügiger zu fotografieren. Die Grösse und Form, die Farbe, das Alter des Hauses wurden wichtiger. Dann wiederum erschlug mich die Masse der Häuser, die plötzlich in meine Auswahl passten. Eine endlose Geschichte, die mir als solche doch zu wenig hergibt. Es geht mir ja nicht um das Dokumentieren der alten Quartiere Austins, vielmehr bin ich mit dokumentarischen Mitteln auf den Spuren meiner eigenen Fantasievorstellung und Sehnsucht nach einer bestimmten Art von Leben. Der Ausgangspunkt ist ein persönliches Anliegen. Die Suche nach der Art von Behausung, die mir heimelig scheint und in der ich mir vorstellen könnte, mich geborgen und wohl zu fühlen. Das Heim, das eigene Reich und die damit verbundene Vorstellung, wie und was man darin lebt. Das eigene Lebensszenario steckt mit darin.
Austin wirkt herunter gekommen. Es ist einfach, verwahrlost wirkende Gegenden, Strassenzüge, Quartiere anzutreffen. Egal wohin ich mich drehe, überall ist etwas kaputt, Häuser sind verlassen, Schriftzüge verblasst. Vieles wirkt improvisiert. Vor und hinter den Häusern liegt Abfall, alte Möbel, Maschinenteile und undefinierbarer Junk herum. Die Häuser sehen aus, als würden sie gleich in sich zusammen krachen. Die Leute, die darin wohnen, sind meistens eher jung, haben oft keinen regulären Job, leben von der Hand in den Mund. Viele sind Musiker und schlagen sich mit Hilfsjobs durch. Viele sind von einem anderen Teil Texas’ nach Austin gekommen. Der Stadt wegen. Die Atmosphäre hier. Das Besondere. Einst war es pure Romantik, die meinen Blick auf diese Szenerien richten liess. Ich sog diese Bilder auf, sie fütterten meine Träume und Sehnsüchte nach einem Leben in der Fremde, der Weite - Hollywood der 50er Jahre, die Romantik der Armut, der Mythos des Zufriedenseins in der Bescheidenheit.
Erstaunlich finde ich immer wieder, wie sehr die Bilder, die ich in meinem Kopf habe, mit dem, was ich hier antreffe, übereinstimmen. Allerdings nur so lange, wie ich mit der Sehnsuchtsbrille durch die Strassen gehe. Sobald ich Kontakt mit den Leuten hier aufnehme, die in diesem von mir erträumten Setting leben, weicht die Romantik. Denn es handelt sich um Leute, die sich gar nicht so sehr von mir unterscheiden. Ihr Alltag ist bestimmt vom Arbeiten oder Warten. Fernsehschauen, Freunde treffen, Bier trinken, Job suchen, sich freuen, ärgern, essen, schlafen, rauchen, singen und spielen. Manchmal hängen sie ihren Träumen nach. Oder sie öffnen die knarrende Fliegengittertür, treten barfuss oder in Cowboystiefeln auf die etwas erhöhte Veranda, um in der Wärme der Nacht, begleitet von Grillengezirpe einen tiefen Zug aus der selbst gedrehten Zigarette zu nehmen. Und während ich mir in Gedanken diese Szene einpräge und ausmale, sie mit Ton untermale, den Wind auf die Haut zaubere, die Strasse vor dem Haus mit einer Wüste besetze, an Kleidung und Frisur arbeite und so zu einer Ikone weiterer Sehnsuchtszüge gelange, ist der tatsächliche Akt schon längst vorbei.