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Seit den ersten Todesfällen aufgrund der Vogelgrippe ist die Gefahr für eine globale Grippe-Pandemie ins Zentrum einer intensiven öffentlichen Diskussion gerückt.
Es wurden Szenarien entworfen, umfangreiche Analysen des Versicherungsbestandes vorgenommen, Massnahmen zum Risikotransfer diskutiert und umgesetzt sowie Verwaltungsräte, Aufsichtsbehörden, Rating-Agenturen und Investoren über die möglichen Folgen einer globalen Pandemie orientiert.
Die zentrale Schwierigkeit einer globalen Pandemie besteht darin, realistische Szenarien für die Folgen einer Pandemie im 21. Jahrhundert aufzustellen. Sind diese einmal vorhanden, ist es im Wesentlichen eine Rechenaufgabe, um die finanziellen Folgen abzuschätzen.
Kernkompetenz der Assekuranz
Nun ist es eine der Kernkompetenzen der Assekuranz, für vielerlei Gefahren aufgrund historischer Daten das Risiko künftiger Gefahren zu errechnen. Dies ist die Aufgabe der Versicherungsmathematiker, die zu diesem Zweck eine Vielfalt von statistischen Methoden heranziehen.
Im Falle des globalen Pandemierisikos sind diese Methoden jedoch oft nicht zielführend. Erstens treten Pandemien relativ selten auf – im langfristigen Durchschnitt etwa alle 30 Jahre. Im 20. Jahrhundert waren es deren drei: Die in Bezug auf Ansteckungsgefahr und Sterblichkeitsrate wohl unübertroffene Spanische Grippe von 1918 sowie die etwas mildere Asiatische Grippe 1957 und die Hongkong-Grippe 1968.
Eine weitere Schwierigkeit ist, dass sich die einzelnen Pandemien sehr unterschiedlich auswirken, da sich die gesellschaftlichen
und medizinischen Rahmenbedingungen in der Zwischenzeit stark verändern können.
Dabei gibt es Faktoren, welche die Ausbreitung und Sterblichkeitsrate eines Virus begünstigen, und andere, die diesen entgegenwirken. Begünstigende Faktoren sind unter anderem der stark wachsende internationale Reiseverkehr, Regionen mit wachsender Bevölkerungsdichte sowie unzureichende Versorgung mit Impfstoffen oder Medikamenten.
Bessere Resistenz
Zu den entgegenwirkenden Faktoren gehören der medizinische und technische Fortschritt, die Existenz von globalen Pandemie-Frühwarnsystemen (zum Beispiel das WHO-Phasenmodell, siehe Kasten) sowie die verbesserten Umwelt- und Lebensbedingungen. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich heute Pandemien wesentlich besser kontrollieren und behandeln lassen.
Trotzdem: Durch eine globale Pandemie wären sämtliche Geschäftsfelder der Assekuranz betroffen. Aus diesem Grund müssen die Auswirkungen auch ganzheitlich angegangen werden.
Die Lebensversicherung ist durch die Sterblichkeitsrisiken wohl am direktesten und stärksten betroffen. Zur Etablierung eines «modernen Spanischen Grippeszenarios» müssen die Parameter sorgfältig ausgewählt werden. Übersterblichkeiten von etwa 2‰ können als realistisches Szenario eingeschätzt werden. Zum Vergleich: Die Spanische Grippe hat eine Übersterblichkeit von etwa 6‰ gezeitigt, was weltweit 20 bis 40 Mio Todesfällen entsprach.
Knackpunkt Betriebsunterbruch
In der Krankenversicherung gibt es ebenfalls eine Vielzahl kostentreibender Faktoren: Die Erkrankungsrate, die Anzahl und Länge der einzelnen Grippewellen, die Hospitalisierungsrate, die Spitalpflegetage sowie die Abwesenheitstage. Auch für diese Parameter ist die Schwankungsbreite der Schätzungen hoch.
Die Exponierung in der Schadenversicherung ist dagegen eher von untergeordneter Bedeutung, kann jedoch – je nach Portfolio – eine Rolle spielen. Betroffen sind beispielsweise die Seuchenversicherung (Agrarversicherung) oder auch Allgefahrendeckungen, besonders bei Deckungserweiterungen in der Betriebsunterbruch-Versicherung. In der Haftpflichtversicherung ist der Nachweis eines Fehlverhaltens eines Versicherten, das zu einer Infektion führt, wohl schwer zu erbringen, da in einem Pandemiefall die Erkrankungsraten über 30% liegen.
Schutz am Kapitalmarkt kaufen
Es ist des Weiteren damit zu rechnen, dass eine globale Pandemie Auswirkungen auf die Finanzmärkte haben wird. Die Preise von Aktien und anderen risikobehafteten Anlagen werden wohl am sensibelsten reagieren. Durch Umschichtungen von riskanten Anlagen in festverzinsliche Instrumente können die Zinsen unter Druck kommen. Die Preise für Optionen werden steigen. Diese Effekte können aber nach einer ersten Panik teilweise korrigieren. Die Möglichkeiten zur Absicherung der genannten Risiken sind dabei vielfältig. Sterblichkeitsrisiken können durch Rückversicherung oder zunehmend auch durch Verbriefung von Risiken am Kapitalmarkt abgesichert werden. Die Exponierung in der Schadenversicherung kann durch Ausschlüsse und Spezialdeckungen gesteuert werden.
Und der Kapitalmarkt bietet eine nahezu unendliche Palette von Instrumenten zur Absicherung von Finanzrisiken. Alle diese Techniken werden von der Assekuranz genutzt.
Ein Geschäft mit Risiken
Nichtsdestotrotz ist und bleibt die Versicherung ein Geschäft mit Risiken. Es geht nicht darum, die Risiken zu minimieren oder sogar gänzlich abzusichern. Sondern vielmehr darum, das Risiko-Ertrags-Profil zu optimieren, unter Berücksichtigung der individuellen Risikokapazität und Risikotoleranz eines jeden Versicherers.
Gerade das Pandemie-Szenario mit seiner hohen Komplexität stellt in dieser Hinsicht eine Herausforderung für die Geschäftsleitungen der Versicherer dar. Aufgrund der enormen Verbesserungen im Risikomanagement, die nicht zuletzt durch die Finanzmarktkrise der Jahre 2001 und 2002 ausgelöst wurden, dürfen wir zuversichtlich sein, dass die Assekuranz inzwischen für ein Pandemie-Szenario gut gerüstet ist.
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Joachim Oechslin, Stellvertretender CRO, AXA-Gruppe, Winterthur.
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Krankheiten sind auf dem Sprung
Pandemie
Die letzte flächenübergreifende Ausbreitung einer Infektionskrankheit unter Menschen hat mit der «Hongkong-Grippe» im Jahre 1968 stattgefunden. Damals waren rund 700000 Todesfälle zu beklagen. Ebenfalls von Asien ausgegangen ist 2003 das Schwere Akute Atemwegssyndrom (Sars), das schliesslich auch in Kanada Opfer forderte, aber sich nicht weiter ausbreitete. Für erhöhte Nervosität sorgt seit Jahren die Vogelgrippe. Hier besteht die Gefahr, dass das für die Krankheit verantwortliche H5N1-Virus auch unter Menschen übertragen werden könnte. Seit Ende 2003 starben gemäss WHO 195 Personen an einer Vogelgrippe-Infektion. Derzeit sorgt ein weiterer Ausbruch bei Vögeln in Bayern für Schlagzeilen.
Tamiflu
Der von Roche vertriebene Infektionshemmer könnte an Wirkung verlieren, wie neue Studien zeigen: H5N1-Stämme in Indonesien haben sich gegen das Mittel deutlich resistenter erwiesen als noch vor einem Jahr.
WHO-Phasenmodell Um die Einsatzbereitschaft gegenüber einer global um sich greifenden Krankheit zu organisieren, hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein Eskalationsmodell ausgearbeitet. Dieses kennt sechs Phasen. Ab Phase 3 wird Alarm ausgelöst – der Erreger greift auf den Menschen über. Als höchste Gefahrenstufe gilt Phase 6: Festgestellt wird die weitflächige Übertragung unter Menschen.