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29.08.2022 // Allgemeine News
Zertifizierung – Was steckt dahinter?
von Lea Leibundgut
Die Normung, Zertifizierung und Akkreditierung gehören neben der Metrologie, Konformitätsbewertung sowie der Marktüberwachung zur Qualitätsinfrastruktur einer Volkswirtschaft. All diese Beteiligten helfen, das Vertrauen in die Qualität von Produkten und Dienstleistungen zu fördern. Viele Unternehmen stellen sich die Frage, ob sie eine «Zertifizierung» ihrer Managementsysteme, Prozesse, Produkte oder Dienstleistungen anstreben sollen.
Obwohl viele freiwillig sind, sind Zertifizierungen nach gewissen Normen eine Grundvoraussetzung, um als Dienstleister oder Lieferant im Markt berücksichtigt zu werden. Sei dies eine Zertifizierung nach der allgemeinen Norm «SN EN ISO 9001:2015 – Qualitätsmanagementsysteme» oder nach einer sektorspezifischen Norm, wie der «SN EN ISO/IEC 27001:2017 – Informationstechnik - Sicherheitsverfahren - Informationssicherheits-Managementsysteme».
Bei der Schweizerischen Normen-Vereinigung (SNV) gehen wöchentlich Anfragen ein, wie sich ein Unternehmen zertifizieren lassen kann und was eine Zertifizierung kostet. Zuerst muss festgehalten werden, dass nicht ein Unternehmen zertifiziert wird, sondern sein Managementsystem, sein Prozess, sein Produkt oder seine Dienstleistung. Die SNV selbst, genauso wie die internationale Normenorganisation ISO und die europäische Normenorganisation CEN bietet keine Konformitätsbewertungen und dazugehörige Zertifizierungen an. Die Normenorganisationen sind Dienstleistungsorganisationen, welche die Plattform zur Erarbeitung von Normen und normenähnlichen Dokumenten zur Verfügung stellen. Fachexpertinnen und -experten aus der Wirtschaft, Industrie, Hochschulen, Gesellschaft und Forschung erarbeiten den Inhalt der Normen. Die Normenorganisationen sorgen dafür, dass der Verhaltenscodex und die Prozesse rund um die Normenerarbeitung eingehalten werden. Die fertiggestellten Normen werden von den Normenorganisationen publiziert und können von den Unternehmen als Grundlage für eine Zertifizierung ihrer Managementsysteme, Prozesse, Produkte und Dienstleistungen verwendet werden.
Konformitätsbewertungsstelle als Zertifikats-Aussteller
Üblicherweise werden Zertifikate von einer unabhängigen, dritten Stelle, einer sogenannten «Konformitätsbewertungsstelle» ausgestellt. Der Erhalt eines Zertifikats ist der letzte Schritt nach einem erfolgreich durchlaufenen Konformitätsbewertungsverfahren. Ein Zertifikat ist die schriftliche Zusicherung, dass die normativen Anforderungen erfüllt wurden. Der Prozess bis und mit dem Erhalt des Zertifikats wird Konformitätsbewertung genannt. Die höchste Glaubwürdigkeit hat ein Zertifikat, das von einer akkreditierten Konformitätsbewertungsstelle ausgestellt wurde.
Eine Konformitätsbewertung muss jedoch nicht zwingend von einer dritten, unabhängigen Stelle durchgeführt, sondern kann auch von einem Unternehmen selbst übernommen werden. Man spricht dann von einer «Konformitätsbewertungstätigkeit durch eine erste Seite». Diese wird im Rahmen der Eigenverantwortung oft von Herstellern gemacht. Beispielsweise prüfen Hersteller ihre Produkte nach bezeichneten Normen, weil sie damit die Konformitätsvermutung für ihr Produkt in Anspruch nehmen können.
Auch eine sogenannte «zweite Seite» kann eine Konformitätsbewertung durchführen. Dabei handelt es sich beispielsweise um Einkäufer, welche ihre Lieferanten auditieren. Diese haben ein Interesse am Objekt, das der Konformitätsbewertung unterworfen wird, wie beispielsweise ein Lebensmittel-Detailhändler, der die Produktionsstätte seines Yoghurt-Herstellers prüft.
Sind Zertifizierungen marktrelevant?
In manchen Branchen geht es kaum ohne Zertifizierung nach internationalen Normen. Gerade die bekannten ISO-Managementsystem-Normen helfen Unternehmen, ihren Anspruchsgruppen aufzuzeigen, dass sie ihre Prozesse auf Qualitäts- und ESG-Kriterien (Environmental, Social und Governance) geprüft und ein Steuerungs-, Kontroll- und Verbesserungssystem implementiert haben. Wichtig ist, dass die oberste Leitung eines Unternehmens hinter der Implementierung des Managementsystems und dessen Zertifizierung steht.
Was zeichnet eine Konformitätsbewertungsstelle aus und wer prüft die Kompetenz einer Konformitätsbewertungsstelle?
Geht es um die Kompetenz einer Konformitätsbewertungsstelle kommt die Akkreditierung ins Spiel. Die Akkreditierung ist die Bestätigung durch eine «dritte Seite», die offiziell darlegt, dass eine Konformitätsbewertungsstelle die Kompetenz besitzt, bestimmte Konformitätsbewertungsaufgaben durchzuführen. Diese bescheinigen Produkten und Dienstleistungen die Konformität mit Gesetzen, technischen Vorschriften und Normen.
In Artikel 2 der Schweizerischen Akkreditierungs‑ und Bezeichnungsverordnung (AkkBV) ist der Zweck der Akkreditierung wie folgt festgeschrieben: Mit der Akkreditierung wird formell die Kompetenz einer Stelle anerkannt, nach international massgebenden Anforderungen bestimmte Prüfungen oder Konformitätsbewertungen durchzuführen. Die Verordnung listet auch die international massgebenden Anforderungen an Konformitätsbewertungsstellen auf. Dabei handelt es sich um die Anforderungen der Normenreihe ISO/IEC 17000. Eine bekannte Norm dieser Reihe ist die «SN EN ISO/IEC 17025 – Allgemeine Anforderungen an die Kompetenz von Prüf- und Kalibrierlaboratorien».
In der Schweiz ist die Schweizerische Akkreditierungsstelle SAS für die Akkreditierung von Konformitätsbewertungsstellen zuständig. Sie führt eine Datenbank mit von ihr akkreditieren Konformitätsbewertungsstellen. Die SAS hat gemäss AkkBV die Anforderungen der Norm «SN EN ISO/IEC 17011 – Konformitätsbewertung – Allgemeine Anforderungen an Akkreditierungsstellen, die Konformitätsbewertungsstellen akkreditieren» zu erfüllen: Es gilt zu beachten, dass eine nicht akkreditierte Zertifizierungsstelle durchaus in der Lage sein kann, Konformitätsbewertungen anzubieten. Viele Konformitätsbewertungsstellen entscheiden sich jedoch für eine Akkreditierung, um eine unabhängige Bestätigung ihrer Kompetenz vorzulegen.
Gegenseitige Anerkennung der Konformität
Durch das Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Union über die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen (MRA) wurde festgelegt, dass Konformitätsbewertungen, für die im MRA aufgeführten Produktesektoren, gegenseitig anerkannt werden. So soll vermieden werden, dass beim Import und Export eine zweifache Konformitätsbewertung gemacht werden muss. Wo Schweizer- und EU-Recht als gleichwertig anerkannt sind, kann die Konformitätsbewertung für ein in den EU-Binnenmarkt zu exportierendes Produkt durch eine anerkannte Schweizer Konformitätsbewertungsstelle nach den technischen Vorschriften der Schweiz durchgeführt werden. Das hat den Vorteil, dass beispielsweise ein Schweizer Maschinenhersteller die Konformitätsbewertung für seine Maschine in der Schweiz durchführen lassen kann und die Konformitätsbescheinigung auch von der EU akzeptiert wird.
Die Europäische Kommission hat bereits vor einiger Zeit mitgeteilt, dass sie u. a. das MRA nicht mehr aktualisieren werden, solange keine Fortschritte beim institutionellen Abkommen erzielt werden. Das bedeutet, sobald eine der 20 EU-Richtlinien aktualisiert wird, die dem MRA-Abkommen unterliegen, fällt sie aus dem MRA-Abkommen.
ISO-Normenkomitee für Konformitätsbewertungsnormen
Das Fachkomitee für Konformitätsbewertungsnormen ist das ISO-Normenkomitee «ISO/CASCO». Das ISO/CASCO verwaltet, revidiert und erweitert die ISO 17000er-Serie. Organisationen mit Fachwissen im Themenbereich Konformitätsbewertung können mit ihren Expertinnen und Experten an der Normungsarbeit des ISO/CASCO teilnehmen. In der Schweiz ist das nationale Normenkomitee «INB/NK 195 conformity assessment» die Kompetenzstelle für alle Themen aus dem ISO/CASCO.
Ihr Mitwirken ist gefragt!
Möchten Sie bei der internationalen Entwicklung von Normen mitwirken? Durch die Teilnahme im nationalen Normenkomitee «INB/NK 195 conformity assessment» und dem Fachgremium «EUROLAB-CH» bleiben Sie stets auf dem Laufenden und erfahren, in welche Richtung sich Normen rund um die Konformitätsbewertung entwickeln. Als Komitee-Mitglied treffen Sie andere nationale Branchenexpertinnen und -experten und können neue Normenentwürfe mit diesen diskutieren. Zudem haben Sie die Möglichkeit, internationale Kontakte zu knüpfen.
Weiterführende Informationen:
Schweizerische Akkreditierungsstelle SAS | Von der SAS akkreditierte Konformitätsbewertungsstellen
European Union | Grundlegende Fakten zum Rahmen der Beziehungen zwischen der EU und der Schweiz | Factsheet | Mai 2021
European Commission | Accreditation of conformity assessment bodies
European Commission | Nando (New Approach Notified and Designated Organisations) Information System
Fedlex | Abkommen zwischen der Schweizerischen Eidgenossenschaft und der Europäischen Gemeinschaft über die gegenseitige Anerkennung von Konformitätsbewertungen
Fedlex | Verordnung über das schweizerische Akkreditierungssystem und die Bezeichnung von Prüf-, Konformitätsbewertungs-, Anmelde- und Zulassungsstellen
Fedlex | Verordnung über die Notifikation technischer Vorschriften und Normen sowie die Aufgaben der Schweizerischen Normen-Vereinigung
Business Benefits | Nutzen von Normen, Zertifizierung, Testen, Inspektion und Akkreditierung
Amtsblatt der Europäischen Union | VERORDNUNG (EG) Nr. 765/2008 DES EUROPÄISCHEN PARLAMENTS UND DES RATES vom 9. Juli 2008 über die Vorschriften für die Akkreditierung und Marktüberwachung im Zusammenhang mit der Vermarktung von Produkten und zur Aufhebung der Verordnung (EWG) Nr. 339/93 des Rates
SNV-Newsmitteilung | CE-Kennzeichnung – der Reisepass für Produkte in Europa vom 25.01.2021
SNV-Newsmitteilung | Normen – die unsichtbaren Helfer vom 28.02.2022
SN EN ISO/IEC 17000 Konformitätsbewertung – Begriffe und allgemeine Grundlagen
Ihre Ansprechpartnerin für weitere Informationen:
Lea Leibundgut, <email-pii>, Tel: +41 52 224 54 21
Ihre Ansprechpartnerin für eine SNV-Mitgliedschaft:
Birgit Kupferschmid, <email-pii>, Tel: +41 52 224 54 18