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Im beschaulichen Leukerbad, wo wir Urs Mannhart Anfang Juli trafen, war die Welt noch in Ordnung und das Ambiente einzig vom gewaltigen Lärm gestört, den eine Baustelle verursachte. Als wir Urs mit Blick auf unseren Schwerpunkt zur literarischen Reportage zwischen Käseschnitten und Racletteomeletten nach seinen Recherche- und Handwerkstechniken befragten, kam er schon nach wenigen Sätzen auf sein Reportervorbild Thomas Brunnsteiner zu sprechen – und führte die Verbindungen zwischen seinem Roman und Brunnsteiners Arbeiten derart freimütig aus, dass sich jede weitere Frage scheinbar erübrigte.
Zurück im trüben Zürcher Sommer blieb uns Wochen später der Frühstücksgipfel im Hals stecken, als wir, gemütlich in der Samstags-NZZ blätternd, von Plagiatsvorwürfen lasen: Thomas Brunnsteiner, so wurde bekanntgemacht, habe nichts von Urs Mannharts Anleihen gewusst und überlege sich, rechtliche Schritte gegen den Autor einzuleiten. Wir baten unseren Gesprächspartner um eine Stellungnahme zu der Affäre und drucken seine Erklärung hier ab:
Für meinen Roman «Bergsteigen im Flachland», der sich ans Dokumentarische anlehnt, habe ich sehr viel recherchiert. Ich habe, um nur einige wenige Quellen zu nennen, auf der Homepage des Haager Kriegsverbrechertribunals für das ehemalige Jugoslawien gelesen, welche Verbrechen auf dem Balkan begangen worden sind. Dank Wolfgang Petritsch und seinem Buch «Kosovo/Kosova» habe ich gelernt, wie sich Slobodan Miloševi´c in Rambouillet verhalten hat, dank Staatsanwältin Carla Del Ponte habe ich gelernt, mit welchen Problemen das Kriegsverbrechertribunal kämpfte. Unter anderem dank der im Buch «Exterritorium» versammelten Aufzeichnungen Lázló Végels habe ich gelernt, wie es sich angefühlt haben muss, während der NATO-Bombardierungen im Frühjahr 1999 in Serbien zu leben.
Die so entstandene Textstruktur lässt sich wohl am besten mit einem Teppich veranschaulichen: einige der verwobenen Fäden habe ich nicht selber hergestellt, sondern Quellentexten entnommen. Einige Fäden kommen gar nie zum Vorschein, andere hingegen tauchen kurz an der Teppichoberfläche auf und verschwinden wieder im Subtext.
Zu diesen nicht fiktionalen Elementen gehören unter anderem einige Zitate, Paraphrasierungen und Motive aus Reportagen von Thomas Brunnsteiner. Eigentlich sollte mein Buch deshalb eine Hommage an seine Reportagen werden, und ich habe den Einfluss Brunnsteiners nicht nur an meiner Buchvernissage in Bern, sondern auch in Interviews mit Radiostationen und Zeitschriften erwähnt – lange bevor Plagiatsvorwürfe gegen mich laut wurden. Aber das Vorwort, in dem ich das klar machte, ist während zahlreichen Überarbeitungen verlorengegangen; das Brunnsteiner-Motto auf der ersten und sein Name im Dank auf der letzten Seite stellen freilich keinen würdigen Ersatz dar.
Das heisst: ich hätte Thomas Brunnsteiner unbedingt fragen müssen, ob er einverstanden wäre, wenn ich mich für einige Passagen meines Romans auf seine Reportagen stütze. Das habe ich lange aus Schüchternheit und Unsicherheit nicht getan, und schliesslich bin ich in den sieben Jahren derart in meiner Textarbeit versunken und stand in den letzten sechs Schreibmonaten, als es galt, den auf knapp 900 Seiten angewachsenen Roman abermals zu überarbeiten, derart unter Druck, dass ich es versäumte, mich bei Brunnsteiner zu melden – weswegen ich mir heute grosse Vorwürfe mache.
So ist aus jener Hommage für Brunnsteiner, als die ich jene Passagen immer verstanden habe, ein Plagiatsvorwurf geworden – und die Medien haben es verstanden, daraus einen kleinen Skandal zu fabrizieren. Ich habe mich bei Brunnsteiner, der verständlicherweise wütend war, in aller Form entschuldigt. Der Verlag ist mit ihm im Gespräch. Mir ist wichtig, dass Thomas Brunnsteiner jene Würdigung zukommt, die ich ihm mit meinem Schreiben habe zukommen lassen wollen.
Urs Mannhart, August 2014