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Die Frage, was die Wahrheit sei, hat die Menschen – und damit auch die Philosophen – schon immer beschäftigt. Die meisten werden wohl mit Aristoteles einig sein, dass etwas, das von der Welt sagt, sie sei so und so, wahr ist, wenn die Welt auch wirklich so und so ist. Es ist nun aber erstaunlich schwierig, genau zu sagen, worin und zwischen welchen Dingen diese Korrespondenz besteht.
Nehmen wir an, ich suche meinen gefährlichen Hund. Überall schaue ich nach ihm, und als ich um die Ecke biege, sehe ich ihn auch wirklich vor mir, gefährlich die Zähne fletschend. Automatisch denke ich: «Ach, da ist mein Hund.» Ich äussere den Satz zu meinem Begleiter. Ist es meine Überzeugung, mein Satz, mein mentaler Zustand, meine Äusserung, was in erster Linie wahr ist? Oder ist etwas Abstrakteres wahr, der Inhalt, der unpersönliche Gehalt des Satzes, den auch jemand anderes denken könnte (aber nicht in der Form «Da ist mein Hund»)? Kann ich dasselbe denken, wenn ich nicht auf den Standort des Hundes zeigen kann, mich morgen an dasselbe erinnern (vielleicht mit «An jenem Ort war mein Hund gestern»)? Könnte ich dasselbe mit einem Bild oder einem Trompetenstoss ausdrücken?
Korrespondenz und Anführungszeichen
Auch wenn wir die Frage der Wahrheitsträger beiseitelassen, bleiben viele Fragen offen: Worin besteht die Eigenschaft der Korrespondenz, worauf beruht sie, wie kommt sie zustande? Andere Theorien wurden vorgeschlagen, nach denen Wahrheit in Kohärenz oder in Konsens besteht: Eine Aussage sei wahr, wenn sie keine inneren Widersprüche aufweist oder wenn vernünftige und wohl informierte Experten sich einig sind, dass sie wahr sei. Ist aber wirklich die Widerspruchslosigkeit oder die Meinung der Experten der Grund, warum da mein Hund ist und der Satz mithin wahr ist? Zumindest Aristoteles war der Meinung, dass dies eher mit dem Hund zu tun habe: Mein Satz ist wahr, weil dies mein Hund ist – mögen die Experten sagen, was sie wollen. Der Hund ist der Grund und in einem gewissen Sinn die Erklärung dafür, dass der Satz wahr ist.
Diese Korrespondenz ist problematisch, weil sie zwei sehr verschiedene Dinge verbindet: die Welt auf der einen und eine Darstellung, einen Satz oder ein Bild auf der anderen Seite. Bei Sätzen schluckt die Wahrheit die Anführungszeichen: Sagen, dass «Da ist mein Hund» wahr ist, ist dasselbe wie sagen, dass da mein Hund ist. Ich sage nicht mehr oder weniger mit der Wahrheitszuschreibung als mit dem Satz selbst. Können wir deshalb auf Wahrheit verzichten? Nicht ganz, denn manchmal ist die Entsprechung indirekt: Ich kann vom Papst sagen, dass alles wahr ist, was er sagt, ohne zu wissen, was er sagt, gesagt hat oder sagen wird; ich kann von einem Satz sagen, dass er wahr ist, auch wenn ich ihn nicht verstehe.
Das Lügnerparadox
Im Titusbrief wird dem Kreter Epimenides ein Paradox zugeschrieben, das zur Entwicklung der modernen Mathematik und des Computers entscheidend beigetragen hat: Ein Lügner sagt, er lüge. Lügt er? Er beschreibt die Welt richtig, also lügt er nicht, sondern hat recht – er hat recht zu sagen, er lüge – also lügt er. Wenn er aber lügt, ist die Welt so beschaffen, wie er sie beschreibt, also hat er recht und lügt nicht. Wenn er lügt, dann lügt er nicht; wenn er nicht lügt, dann lügt er – wir haben einen Widerspruch und ein Problem. Zumindest für die Mathematik wurde dieses Problem vom polnischen Logiker Alfred Tarski dadurch gelöst, dass er Sätze wie «Dieser Satz ist falsch» aus der formalen Sprache verbannt hat. In unserer eigenen Sprache lässt sich der Satz allerdings bilden, und es ist bis heute nicht klar, wie wir damit umgehen sollen. Denn ich kann ganz einfach behaupten und fragen, ob dies wahr ist: Der letzte Satz dieses Abschnittes ist falsch.
Wahrheit ist vielleicht nur eine Ausprägung eines allgemeineren Phänomens, der Richtigkeit. Wir sagen, dass eine Wahrnehmung wahrheitsgetreu, ein Gefühl angebracht oder eine Bemerkung treffend sei. Wenn ich keiner Illusion unterliege, sehe ich den Hund so, wie er ist; wenn er wirklich gefährlich ist, ist meine Angst angebracht, und meine Bemerkung ist treffend, wenn jemand nach dem Besitzer fragt. Können wir deshalb Wahrheit als Richtigkeit verstehen, als Wert, auf den unsere Äusserungen abzielen, als innere Norm, der sie genügen müssen? Vielleicht liegt hierin eine interessante Unterscheidung zwischen Dummheit und Torheit («bêtise», «folly»): Der Tor ist nicht wie der Dumme von geringer Intelligenz, sondern jemand, der sich um die Wahrheit seiner Aussagen foutiert, der nicht respektiert, dass Aussagen immer auf Wahrheit abzielen. Aber auch wenn die Wahrheit das Ziel und die Richtschnur unseres Fragens ist, erreichen wir sie selten und irren uns oft.
Viele haben sich deshalb gefragt, ob Wahrheit etwas Relatives ist: Kann ich wirklich mehr behaupten, als ein Satz wahr für mich ist? Diesem Relativismus liegt jedoch eine Verwechslung zugrunde: Auch wer Wahrheit beansprucht, kann sich belehren lassen, andere Meinungen tolerieren und sich selbst nicht sicher sein. Wahrheit und Unfehlbarkeit sind zwei ganz verschiedene Dinge, und unfehlbar bin ich auch dann nicht, wenn ich recht habe. Ganz im Gegensatz setzt echte Toleranz die Absolutheit der Wahrheit voraus: Nur wenn wir uns beide wirklich widersprechen, das heisst beide Wahrheit beanspruchen, obwohl nur einer recht haben kann, ist die Akzeptierung der anderen Meinung ein Eingeständnis, die Wahrheit nicht gepachtet zu haben.
Wahrmachen
In letzter Zeit wurde versucht, die Korrespondenzbeziehung zwischen dem Satz und dem Hund als Wahrmachen zu verstehen: Der Hund macht den Satz wahr, dass er existiert. Der Hund allein macht es aber noch nicht wahr, dass er gefährlich ist. Muss seine Gefährlichkeit Teil des Wahrmachers sein, oder sind es die Eigenschaften seines Charakters und seiner Zähne, die ihn gefährlich machen? Brauchen wir neben dem Hund und seinen Eigenschaften auch Tatsachen als Wahrmacher? Was aber macht es wahr, dass alle Hunde Tiere sind oder dass es keine Einhörner gibt? Müssen wir negative und allgemeine Tatsachen als Wahrmacher akzeptieren, Dinge, die auf mysteriöse Weise ausschliessen, dass es nicht tierische Hunde oder Einhörner gibt? Aber auch der einfachste Fall wirft Fragen auf: In welcher Art erklärt der Hund die Wahrheit des Satzes? Noch immer gibt es keine allgemeine Theorie des Wahrmachens, nur erste Ansätze. Wir verstehen immer noch nicht ganz, wie der Hund den Satz wahr macht.