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Sollen wir den Menschen raten, niederzuknien und zu jammern: «Oh, was sind wir für schreckliche Sünder!»? Nein, lasst uns sie an ihre göttliche Natur erinnern. Ich will euch eine Geschichte erzählen.
Eine Löwin geriet auf der Suche nach Beute an eine Schafherde. Während sie ein Schaf riss, warf sie ein Junges und starb. Der junge Löwe wuchs in der Herde auf, frass Gras und blökte wie ein Schaf. Er wusste nicht, dass er ein Löwe war.
Eines Tages kam ein anderer Löwe in die Nähe der Herde und war erstaunt, einen grossen Löwen zu sehen, der Gras frass und wie ein Schaf blökte. Die Herde floh und mit ihr das Löwenschaf. Der Löwe wartete auf eine Gelegenheit, fand das Löwenschaf schlafend, weckte es auf und sagte: «Du bist ein Löwe.» «Nein», antwortete es und blökte wie ein Schaf. Aber der fremde Löwe schleppte es an einen See und forderte es auf, im Wasser sein Spiegelbild zu betrachten und es mit ihm zu vergleichen. Da sah das Löwenschaf, dass es genauso aussah wie der Löwe. Der Löwe begann zu brüllen und forderte das Löwenschaf auf, auch zu brüllen. Es probierte seine Stimme und brüllte bald so gewaltig wie der andere Löwe. Er war kein Schaf mehr.
Das ist es. Die Gewohnheit macht uns zu Löwen im Schafspelz. Wir sind durch unsere Umgebung in Schwäche hineinhypnotisiert, und der Vedanta ist die Enthypnotisierung.
Wenn das Zimmer dunkel ist, spaziert ihr dann herum und schreit: «Es ist dunkel, dunkel, dunkel!»? Nein, die einzige Möglichkeit, es hell zu machen, ist, ein Licht anzuzünden; dann verschwindet die Dunkelheit. Die einzige Möglichkeit, Licht über uns zu erkennen, ist, dass wir das spirituelle Licht in uns anzünden. Dann wird die Dunkelheit von Sünde und Unreinheit verschwinden. Denkt an euer höheres Selbst und nicht an euer niederes.
Aus: SWAMI VIVEKANANDA, «VEDANTA – Der Ozean der Weisheit»
Foto von Amar Yashlaha auf Unsplash