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Russland steuert auf den Abgrund zu. Regierung und Wirtschaft haben seit der Wahl Putins zum Präsidenten im Jahr 2000 nichts Nachhaltiges geschaffen. Ein im Westen fast unbekannter Mann könnte dies ändern – wenn man ihn lässt.
Igor Schuwalow wirkt frostig. Demonstrativ zieht er seine Uhr vom Handgelenk und legt sie vor sich auf den Tisch: «Eine halbe Stunde!» Mit seinen eisblauen Augen nimmt er mich sofort ins Visier und verfolgt jede Bewegung, wie ein Jäger, der das Wild spiegelt.
Bilibino heisst der Ort im äussersten Nordosten Sibiriens, wo Stalins Zwangsarbeiter unter dem Dauerfrostboden nach Gold schürfen mussten. Heute steht dort ein Atomkraftwerk. «Aber ausserhalb von Bilibino gibt es nichts, nicht einmal Strassen, nur weite Tundra», erklärt Schuwalow.
Schuwalow ist ein bei uns fast unbekannter Mann aus Sibirien. In Russland ist er als Erster Vizepremier hingegen längst bekannt. Schuwalow stammt nicht aus dem St.Petersburger Putin-Zirkel wie der jetzige Ministerpräsident Dmitri Medwedew. Und Schuwalow ist kein Silowik, wie die Geheimdienstler und Offiziere in Russland genannt werden.
Ich habe Russlands «zweiten Mann» in der Regierung noch vor dem Ausbruch des Krieges in der Ost-Ukraine getroffen. Inzwischen dürfte Schuwalow nach Putin der zweitwichtigste Mann des Landes sein und Medwedew damit überholt haben. Denn dieser ist vermutlich nur noch im Amt, damit ihn Putin irgendwann als Sündenbock feuern kann.
Erst nach dem Wehrdienst bei den sowjetischen Streitkräften kam Igor Schuwalow nach Moskau und absolvierte ab 1988 ein Jura-Studium an der Lomonossow-Universität. Während um ihn herum die Sowjetunion implodierte, schloss Schuwalow mit Bestnoten ab und startete eine rasante Karriere im «neuen» Russland, die er als Rechtsberater im Aussenministerium begann.
1993 wechselte Schuwalow in eine Consulting-Agentur, 1995 in die Anwaltskanzlei des Kreml-Bankers Alexander Mamut. 1997 ging Schuwalow zurück in den Staatsdienst und wurde Abteilungsleiter in der Vermögensverwaltungsbehörde. 1998 ernannte ihn Ministerpräsident Wiktor Tschernomyrdin zum Vorsitzenden des Fonds für Staatseigentum.
Als 31-Jähriger privatisierte Schuwalow Staatsunternehmen – grundsätzlich eine gute Sache, die aber in Russland darin endete, dass «Filetstücke» wie wertvolle Liegenschaften und rentable Abteilungen an «Freunde» verteilt wurden. Übrig blieben meist eine ruinierte Firma und Arbeiter auf der Strasse.
«Wussten Sie, was Tschernomyrdin einmal gesagt hat?» fragt mich Igor Schuwalow unvermittelt, und sagt es gleich selbst: «Gewollt war das Beste, aber es kam wie immer.»
Im März 2000 wurde Wladimir Putin zum russischen Präsidenten gewählt. Seine Wahlkampagne wurde massgeblich von Alexander Mamut finanziert. Putin ernannte Igor Schuwalow zum stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung, die von Dmitri Medwedew geführt wurde.
Gemeinsam gründeten die damals unbekannten Schuwalow und Medwedew im Auftrag von Putin 2005 die «Nationalen Projekte». Dieses Jahrhundertwerk zur Förderung von Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Strassen- und Wohnungsbau erhielt ein gigantisches Budget von 200 Milliarden Dollar für 15 Jahre.
Seit der Zeit von Dmitri Medwedew als «Zwischen-Präsident» von 2008 bis 2012 ist Igor Schuwalow der Erste Vize-Ministerpräsident und führt alle relevanten Ministerien, um die «Nationalen Projekte» in die Praxis umzusetzen. Die Geldmittel dazu kommen aus dem Reservefonds, in den ein Teil der Einnahmen aus dem russischen Öl- und Gasexport fliessen.
Von seinen Mitarbeitern wird Igor Schuwalow geachtet, aber auch gefürchtet. Er ist korrekt bis in die Bügelfalten und verlangt auch seinen Mitarbeitern calvinistischen Arbeitsethos ab:
Auch mit seinem Credo für die Privatwirtschaft steht Schuwalow quer in der russischen Politlandschaft: «Ich sage es tausend Mal, der Schutz des Eigentums ist die wichtigste Aufgabe des Staates!» Der Einfluss des Staates solle drastisch beschränkt werden, an der Spitze der Staatskonzerne sollen qualifizierte Manager stehen und nicht Apparatschiks.
Trotzdem unterstützte Schuwalow die Verstaatlichung des russischen Erdölkonzern Yukos. Und gemäss «Financial Times» verdient seine Frau Olga Schuwalowa jährlich 20 Millionen Dollar, hundert Mal mehr als ihr Mann. Das Geld soll aus Millionendeals mit Oligarchen wie Abramowitsch, Kerimow und Usmanow kommen, aber auch aus Insidergeschäften.
2004 investierte Olga Schuwalowa Berichten zufolge 17 Millionen Dollar in Aktien der staatlichen Gazprom – genau zu dem Zeitpunkt, als die russische Regierung plante, den Handel mit Gazprom-Aktien zu liberalisieren.
Der erste Vize-Ministerpräsident sagt dazu kein Wort und die Stimmung in seinem Büro wird noch frostiger. Dann betont Igor Schuwalow, dass er als einer der wenigen russischen Beamten das Einkommen und den Immobilienbesitz seiner Familie offenlegt. 2010 habe seine Familie der Steuererklärung zufolge 13,4 Millionen Dollar verdient. Sie besitzt Immobilien in Russland, Österreich, Grossbritannien und Dubai.
Igor Schuwalows fachliche Kompetenz ist dagegen unbestritten. Und mit dem Reservefonds, der heute «nur» noch 88 Milliarden Dollar aus den russischen Erdöl- und Erdgas-Einnahmen enthält, hatte Schuwalow seit 2008 die finanziellen Ressourcen, die Nationalen Projekte in die Tat umzusetzen. Zum Beispiel für den Bau von Nationalstrassen.
Denn ausserhalb der Metropolen ist Russlands Strassennetz auf dem Niveau eines Entwicklungslandes. Das weiss keiner besser, als Igor Schuwalow, der neun Zeitzonen von Moskau entfernt im sibirischen Bilibino aufgewachsen ist. Einem Landkreis, der vier Mal so gross ist wie die Schweiz – aber praktisch über kein Strassennetz verfügt.
Seit 2008 baut Schuwalow mit jährlich 15 Milliarden Dollar das russische Nationalstrassennetz aus. Zu den grössten Herausforderungen dieser Aufgabe gehört, dass mit den Milliarden tatsächlich Strassen gebaut – und nicht die Bankkonten von Bauherren und Beamten gefüllt werden.
Schuwalow muss einen gigantischen «Sumpf» der Korruption und Bürokratie trockenlegen. So wurden in einer ersten Phase der Nationalen Projekte billige türkische und osteuropäische Baufirmen beauftragt. Deren Gleichung lautete, je billiger die Bauqualität, desto grösser der «Gewinn» für die Beamten und die Baufirmen.
Doch die Gleichung liess eine Variable ausser Acht: Dass sich gute Bauqualität langfristig auszahlt.
«Die Qualität dieser neuen Nationalstrassen war damals so schlecht, dass die Bauarbeiter am Ende der Strasse gleich wieder vorne mit den Reparaturarbeiten beginnen konnten», ereifert sich sogar Igor Schuwalow – zum ersten Mal in unserem Gespräch.
Und dann – exakt eine halbe Stunde nach Gesprächsbeginn – bringt es Schuwalow auf den Punkt: «Russland hat zwei Probleme, Dummköpfe und Strassen!»
Das Zitat des Schriftstellers Gogol tönt in Russisch noch schöner, weil sich Duraki (Dummköpfe) und Dorogi (Strassen) reimen. Sein Assistent im Hintergrund zuckt allerdings zusammen. Und als Schuwalow zum Abschied sogar lächelnd für ein Foto posiert, versteht der Assistent die Welt nicht mehr.
Monate später. Russland führt mittlerweile einen Krieg in der Ost-Ukraine, der Rubel stürzt ins Bodenlose und die westlichen Sanktionen treffen die russische Wirtschaft ins Herz. Ein russischer Journalist bestätigt mir, dass dafür wohl Dmitri Medwedew als Sündenbock herhalten müsse. «Aber das wird Wladimir Putin langfristig auch nicht helfen, die Tage des Präsidenten sind gezählt.»