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Er war ja nicht nur der Kapitän. Er war zugleich das einzige überlebende Besatzungsmitglied jenes Schiffs, das da im ewigen Eis festgefroren stillstand. Seit geraumer Zeit. In der Südpolar-Zone. Wo kaum mal jemand vorbeikommt.
Hoffnung auf Tauwetter meldete sich zwar manchmal in seinem tiefen Inneren.
Gleichzeitig wusste er jedoch, dass diese Hoffnung vergeblich war.
Es blieben ihm immerhin tausende von Konservendosen mit Nahrungsmitteln, Medikamentenpackungen, Gas- und Rumflaschen, die allesamt im Bauch seiner Seebraut, so der Name des einst stolzen Schiffes, lagerten.
Auch der Tabak- und der Haschischvorrat würden noch für einige Jahre ausreichen.
Gegen die Kälte wappnete er sich mit Seelöwen-Felldecken, gegen die Langeweile halfen ihm sein chromatisches Akkordeon, seine Gesamtausgabe der Werke von Johann Nepomuk Nestroy und seine handsignierte Erstausgabe von „Magick Without Tears“ , das einst der liebe gute Frater Perdurabo geschrieben hatte, den die Welt auch als Τὸ Μεγα Θηρίον kannte.
Manchmal kletterte er mittels einer langen Leiter aufs Eis hinaus. Schlug ein Loch in die blanke Oberfläche. Und zog zwei oder drei grosse Fische raus. Das waren Freudentage. Er genoss es, die quicklebendigen Fische an seiner Angelleine zappeln zu sehen.
Er genoss es zudem, sie zu töten und zu kochen. Wenn er sie dann ass, spürte er allerdings seine Einsamkeit. Und das war leider keine Einsamkeit, die einfach weg-gegessen werden konnte. Wohl führte er Selbstgespräche. Aber die Antworten, die er sich dabei gab, waren irgendwie voraussehbar.
Dafür musste er sich nie über diese Antworten ärgern. Denn sie waren ihm gemäss.
Im Winter spürte er seine Einsamkeit am stärksten. Dann war es nämlich dunkel. 24 ganze Stunden am Tag. Und die Südpolar-Stürme tobten draussen, während er sich im tiefsten Bauch der Seebraut verkroch. Unter einem Berg von Seelöwen-Felldecken.
Dann las er seine Bücher.
Er las bei Nestroy: „Die Phönizier haben das Geld erfunden – aber warum so wenig?“
Da musste er schallend herauslachen: Was nützt mir Geld? Hier draussen auf dem Eis.
Eine Leidensgenossin wäre mir lieber…
Dann las er bei Frater Perdurabo: „ Apart from any theoretical speculation, my Sammasiti and analytical work has never led to so much as a hint of the existence of the Guardian Angel. He is not to be found by any exploration of oneself. It is true that the process of analysis leads finally to the realization of oneself as no more than a point of view indistinguishable in itself from any other point of view; but the Holy Guardian Angel is in precisely the same position.“
Da musste er wieder laut lachen. Denn eins war sicher. Wenn es ihm selber jemals gelingen würde, Kontakt zu seinem Holy Guardian Angel aufzunehmen, täte er dieses Geschöpf aus den okkulten Sphären nur um eins bitten: Sex. Und zwar in allen nur denkbaren Positionen.
Und hier draussen – in der eisigen Einsamkeit – würden ihnen wohl noch diverse undenkbare Stellungen einfallen. Eine beträchtliche Erweiterung des Kama Sutra, dachte er, und schmunzelte. Im Schein jener Gasflamme, die im Schiffsbauch sein einziges Licht war.
Doch bald schon war seine Fröhlichkeit verflogen. Eine seltsam fiebrige Fröhlichkeit war es gewesen. Das Lächeln verschwand von den Lippen unseres einsamen Seebären. Die Buchstaben verschwammen vor seinen Augen.
Ein starkes Unbehagen überkam ihn…
Wie zum Hohn kamen ihm plötzlich die Pointen von Penälerwitzen aus seiner Schulzeit in den Sinn. Nur die Pointen. Wortwörtlich. Die Witze an sich hatte er vergessen. „Eieieieiei, Sittenpolizei!“, raunte die Stimme in seinem Kopf, und „Jetzt steckt er!“ und „Ein Liliputaner, der im Nachttopf Schlittschuh fährt!“ und “Auch die besten Freunde müssen einmal auseinander gehen!” Absurderweise musste er deswegen weinen.
Süsse Vergangenheit. Goldene Vergangenheit. Unter Menschen.
Selbst der schlimmste Streit mit seiner verhassten, verstorbenen (naja, er hatte da ein klein wenig nachgeholfen) Gattin wäre ihm nun lieber gewesen – als diese Einsamkeit. Selbst ein fadengerader Faustschlag in seine Fresse hätte ihm besser gefallen – als diese Einsamkeit. Mit seinem grössten Feind zusammen hätte er lieber die Tage und Wochen verbracht – als so ganz und gar alleine. Umgeben vom ewigen Eis.
Er wusste, dass er sich jetzt zusammenreissen müsste. Er wollte nicht in jenes tiefe Seelenloch hinunterfallen, in dem die Selbstmordgedanken herumschleichen, giftigen Lindwürmern gleich. Nein, durch seine eigene Hand würde er nicht sterben. Die Umstände sollten ihm den Garaus machen. Von aussen!
Er würde nicht zerbrechen…
Also nahm er sein chromatisches Akkordeon zur Hand. Ein Produkt der Marke Pirat. Und stimmte jenes Lied an. Jenes gute Lied. Mit dem Text vom grossen Bert Brecht: Die Ballade von der Hannah Cash. Manchmal pflegte er allerdings Laura statt Hannah zu singen, denn Laura hatte jene eine geheissen, wegen der er sein armes Herz einst höchstselbst in Stücke zerbrochen, was ihn auf die hohe See hinaus getrieben hatte.
So sang er aus voller Brust:
„Und sie kam eines Nachts in die Seemannsbar/Mit den Augen der schwarzen Seen/Da traf sie Jack Kent mit dem Maulwurfshaar/Den Messer-Jack aus der Seemannsbar/Und der liess sie mit sich gehn…“
Dazu dudelte er auf seinem Akkordeon. Bis er derart müde war, dass er mit dem Instrument in seinen Armen einschlief. Sein Geist wanderte hinfort. In die Welt der Träume. Doch die Einsamkeit blieb.
So wie der Wintersturm, der dort draussen tobte.
In der Südpolar-Zone.
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