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Von Jan Decker
Geht einer daher und bringt acht Leute um, Familie inbegriffen: Warum verübt ein bislang unauffälliger Biedermann eine solche Tat? Was sagen die zur «Erklärung» herangezogenen Pressestimmen über die Epoche der Bluttat aus, die 1920er-Jahre?
Fritz Angerstein war in den 20er-Jahren eine Figur, die im Mittelpunkt des medialen Interesses stand. Der Geschäftsführer der Kalkwerke van der Zypen, Mitte 30, brachte 1924 in der hessischen Kleinstadt Haiger acht Menschen um. Opfer der Bluttat, die sich über mehrere Stunden erstreckte, waren seine pflegebedürftige Ehefrau, deren Schwester und Mutter sowie Bedienstete der Kalkwerke und des Hauses, der repräsentativen, etwas abgelegenen Villa Angerstein. Zunächst gingen die Zeitungen vom Überfall einer Räuberbande aus, das Gerücht wurde von Fritz Angerstein selbst kolportiert. Dann wurde entdeckt, dass er Geld unterschlagen hatte. Und am Tatort fanden sich erhebliche Ungereimtheiten – so hatten die vermeintlichen Räuber etwa alle Wertsachen vor Ort gelassen.
Der Prozess gegen Fritz Angerstein gehörte zu den aufsehenerregendsten seiner Zeit. Darin wurde nicht nur über eine unerklärliche Tat befunden. In den Polizeiverhören gab Fritz Angerstein selbst an, er wisse nicht, was ihn überkommen habe. Er wurde auch zu einem Schaulaufen von Sachverständigen mit disparaten Erklärungsmodellen. In den Zeitungen wurden unterdessen kriminalistische, psychoanalytische und astrologische Deutungen angeboten, sie hielten das Interesse am Fall aufrecht. Zahlreiche Prozessbeobachter reisten nach Limburg, um über die Tat ohne Täter zu berichten, auch Siegfried Kracauer, renommierter Feuilletonist der Weimarer Republik und Sonderberichterstatter der «Frankfurter Zeitung».
Siegfried Kracauers Fazit der Bluttat, Tat ohne Täter, dient nun einem Buch als Titel, das den Kriminalfall dokumentiert. Artikel und Prozessberichte aus der «Frankfurter Zeitung» sind darin versammelt, Gutachten der vom Gericht bestellten Sachverständigen, Bilder vom Tatort, Briefe, die der inhaftierte Fritz Angerstein an seinen Bruder schrieb. Inmitten des umfangreichen Buches, das exemplarisch einen Kriminalfall der Weimarer Republik wieder zugänglich macht, steht Siegfried Kracauers Artikel mit seinen zentralen Fragen:
«Wer aber ist der Täter, der zu ihr gehört? Angerstein? Der kleine, subalterne Mann mit den bescheidenen Manieren, der verzagten Stimme und der dumpfen Phantasie?»
Diese Fragen machen den Mordfall Fritz Angerstein bis heute relevant. Handelte es sich um einen Verrückten? Ist seine Tat auch heute denkbar, als das plötzliche furchtbare Ausbrechen des Biedermanns aus seinem Käfig? Die scheinbar motivlose Tat bleibt ohne den scharfsichtigen Artikel Siegfried Kracauers ein Rätsel, zumal das Gericht Fritz Angerstein zum Tode verurteilte, und der Angeklagte in das Urteil einwilligte. Deshalb ist der Buchtitel folgerichtig gewählt, belegt die Fülle der übrigen Dokumente doch vielmehr die Ratlosigkeit, die der Mordfall Fritz Angerstein auslöste.
Herausragend ist allein die Linie des Sachverständigen und Psychoanalytikers Prof. Richard Herbertz, der die Tat des aufstrebenden Geschäftsführers Fritz Angerstein, für das Gericht durch Unterschlagung von Geld der Firma van der Zypen motiviert, als einen triebhaften Rückschlag deutete. In der aufopferungsvollen Ehe mit seiner pflegebedürftigen Frau hatte Fritz Angerstein die eigenen Triebbedürfnisse vernachlässigt, die ihn dann jäh und brutal übermannten. Ein Plädoyer für das Erforschen des eigenen Seelenlebens, wie es heute selbstverständlich ist. Es wurde vor Gericht und in der Presse belächelt. Auch deshalb ist es Siegfried Kracauer anzurechnen, die Herbertz-Linie in seinem Artikel zu vertreten. Und Siegfried Kracauer geht weiter, wenn er die Versachlichung der menschlichen Beziehungen mitverantwortlich macht, und so das eigentliche Urteil in diesem Fall ausspricht: «Nur in einer menschlichen Welt hat die Tat ihren Täter.»
Bernd Stiegler (Hrsg.)
Tat ohne Täter. Der Mordfall Fritz Angerstein
1. Aufl. 2013, 386 Seiten, 112 s/w Abb., Festeinband, EUR 39.90. CHF 51.90
ISBN: 978-3-86253-035-9
Jan Decker, geboren 1977 in Kassel. Studium am Deutschen Literaturinstitut Leipzig (DLL). Autor, Dramatiker, Essayist, Literaturwissenschaftler. Theaterstücke mit Uraufführungen am Staatstheater Nürnberg und dem Theater Vorpommern. Zahlreiche Hörspiele und Features, zuletzt Welspaprikas (SWR 2012) und Schifoan (SWR 2013). Hörspielstipendium des Deutschen Literaturfonds (2010), Stipendium im Schleswig-Holsteinischen Künstlerhaus Eckernförde (2011), Spreewald-Literatur-Stipendium (2012), Literaturpreis Prenzlauer Berg (2012). Mitglied im PEN Zentrum Deutschland. Daneben Dozententätigkeit, unter anderem seit 2013 an der Universität Osnabrück. Jüngste Veröffentlichung: «Eckermann». Mit Zeichnungen von Kay Voigtmann (2012).
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