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Weshalb die Pubertät immer früher beginnt
Mit den körperlichen Veränderungen von Jugendlichen beginnen auch psychische Wandlungen. Heute setzt die Pubertät immer früher ein. Wissenschaftler versuchen, das Phänomen zu erklären. Doch vielen Eltern macht die frühere Pubertät sorgen.
Heute bewirken viele Faktoren, dass die Pubertät bei Teenagern früher beginnt. Foto: Lite Productions, Thinkstock
Das Alter, in dem Mädchen die Pubertät erreichen, ist in den letzten 150 Jahren gesunken. Im 19. Jahrhundert bekamen Mädchen ihre Periode zum ersten Mal mit circa 16,5 Jahren, heute setzt die Blutung oft bereits im Alter von elf Jahren ein. Einer US-amerikanischen Studie des Cincinnati Children's Hospital zufolge entwickeln bereits etwa 15 Prozent der weissen Mädchen und etwa 23 Prozent der afroamerikanischen Mädchen im Alter von sieben Jahren Brüste.
Auch Jungen kommen immer früher in die Pubertät. Sie setzt heute zwischen sechs Monaten und zwei Jahren eher ein als noch vor wenigen Jahrzehnten. Mehr als 4‘000 Jungen hatten an der Untersuchung der Studie des US-Instituts Pediatric Research in Office Settings (PROS) teilgenommen, in deren Rahmen Jungen auf erste Anzeichen der Pubertät untersucht wurden. Demnach beginnen die Hoden bereits um den zehnten Geburtstag herum, sich zu vergrößern.
Ernährung hat Einfluss auf frühe Pubertät
Die Frage, warum die Pubertät immer früher einsetzt, konnten Wissenschaftler bislang nicht vollkommen klären. Deutlich zeichnet sich allerdings ein Einfluss der Ernährung ab. Die verbesserte Grundversorgung der Kinder mit Nahrung gilt als eine Ursache für die frühe Pubertät. Wer bedenkt, dass in Industriestaaten wie der Schweiz Nahrung in der Regel keine Mangelware mehr ist, kann diese Theorie gut nachvollziehen. In der Regel tritt die Periode dann ein, wenn ein Mädchen circa 40 Kilogramm wiegt.
Doch nicht nur bessere Ernährung, sondern auch zu viel Ernährung sorgt für einen Frühstart der Pubertät. Die Wahrscheinlichkeit, schon im Alter von neun Jahren Brüste zu entwickeln, ist für übergewichtige Mädchen deutlich höher als für normalgewichtige Kinder, so eine Studie der US-amerikanischen Hormonspezialisten Joyce Lee von der University of Michigan. Schon Übergewicht im Kleinkind-Alter bedingt frühe Pubertät. Eine Befragung des Robert-Koch-Instituts ergab in Deutschland, dass stark übergewichtige Mädchen ihre erste Blutung bereits im Alter von durchschnittlich 10,4 Jahren bekamen.
Frühe Pubertät durch soziale Probleme und Umweltgifte
Mädchen, die ohne leiblichen Vater aufwachsen, kommen früher in die Pubertät, besagt eine weitere Theorie, die von einer Studie der University of California in Berkeley bestätigt wird. Die Untersuchung der Universität von Arizona ergab darüber hinaus, dass Mädchen früher in die Pubertät kommen, wenn sie bei der Trennung ihrer Eltern zwischen drei und acht Jahre alt waren und ihre Väter als sozial auffällig galten, zum Beispiel abhängig von Drogen waren oder Gewalt ausübten. Möglicherweise beginnen Mädchen, die weniger Rückhalt in der Familie haben, eher nach einem verlässlichen Lebenspartner zu suchen. Der Körper stellt sich darauf ein.
Darüber hinaus stehen Umweltgifte in Verdacht, früh die Pubertät auszulösen. So haben einige Chemikalien Einfluss auf die Sexualhormone von Mädchen. Längst ist erwiesen, dass Bisphenol A, ein Grundstoff zur Herstellung des harten, durchsichtigen Kunststoffes Polycarbonat, die gleiche Wirkung im Körper des Menschen wie das weibliche Geschlechtshormon Östrogen hat.
So können Eltern mit früher Pubertät umgehen
Frühe Pubertät bedeutet zwangsläufig eine kürzere Kindheit und damit eine kürzere Phase, Geborgenheit und Sicherheit zu tanken und sich im Schutz des Spiels ausprobieren zu dürfen. Je eher die Kindheit endet, umso weniger reif ist das Kind für den nächsten Entwicklungsschritt, den die Pubertät mit sich bringt: sich vom Elternhaus zu lösen. «Für Eltern bedeutet das frühere Pubertieren, dass nur noch das erste Lebensjahrzehnt eines Kindes elterngeprägt ist», so der Bielefelder Jugendforscher Klaus Hurrelmann. «Eltern müssen sich sputen, eine gute Beziehung zu den Kindern aufzubauen, denn schon nach einem Jahrzehnt erfolgt deren soziale und psychische Ablösung verbunden mit den typischen Verspannungen, Irritationen, Überempfindlichkeiten und Verständigungsproblemen», darauf wies er beim einem Vortrag in Zürich der Dr. Margit Egnér Stiftung hin.
Kinder in früher Pubertät brauchen Beistand
Wie können Sie Kindern, die sich immer früher frei strampeln wollen, zur Seite stehen? Was tun, wenn Kinder schon im Alter von elf Jahren Eltern doof und die Schule verachtungswürdig finden und darüber hinaus ersten Liebeskummer verdauen müssen? Kinder in der Pubertät brauchen weiterhin ihre Eltern. Eltern, die sich Auseinandersetzungen mit Mut, Ehrlichkeit und Liebe stellen. Eltern, an denen sich Kinder reiben können. Eltern, die ausstrahlen: «Auf mich kannst Du Dich verlassen.» Ein wohlwollender Blick ist sicher nicht immer leicht, doch hilfreich. «Mehr als alles andere brauchen pubertierende Kinder die Gewissheit, dass ihre Eltern sie okay finden – so wie sie sind», so der Däne Jesper Juul, einer der bekanntesten Familientherapeuten Europas in einem Interview mit dem Beobachter. «Eltern sollen in erster Linie dafür sorgen, dass sie den Kontakt zu ihrem Kind nicht verlieren.»
Mut macht eine weitere US-Studie Eltern: Pubertierende lehnen ihre Eltern gar nicht so stark ab, wie Erwachsene oft meinen. Obwohl sie immer unabhängiger von ihren Familien werden, pflegen sie weiterhin enge Beziehungen zu ihren Müttern und Vätern, so Susan McHale in einer Mitteilung der US-Gesellschaft zur Erforschung der Kinderentwicklung. Ihrer Langzeitstudie zufolge werden sie dadurch sozialer und selbstbewusster.
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