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Gegründet von einem Flüchtling, exportiert Nestlé heute in die ganze Welt. Nestlé-Werbungen im ehemaligen Firmenmuseum «Nest». (Bild: Keystone)
Einen von drei Franken erwirtschaftet die Schweiz im Aussenhandel. Doch sie ist nicht nur eine Gewinnerin, sie ist auch historische Pionierin der Globalisierung.[1] Das vermeintliche Land der Hirten und Bauern hat seit dem Mittelalter innovativ und unternehmerisch neue Märkte erschlossen. Produkte wie Wolltuch, Käse, Wein, Uhren, aber auch Söldner, Finanzdienstleistungen oder Expertenwissen gehörten in den Jahrhunderten nach der Gründung der Eidgenossenschaft 1291 zu den Exportschlagern der Schweizer Aussenwirtschaft.
Offiziell kümmerte sich bis zur Gründung des Bundesstaats 1848 der sogenannte Vorort um den Abschluss von Handelsverträgen – das ist jener eidgenössische Ort, der in der Tagsatzung gerade im Rotationsprinzip den Vorsitz hielt. Doch abgesehen von gelegentlichen Verträgen mit europäischen Herrschern gab es während Jahrhunderten keine aktive Aussenwirtschaftspolitik der Schweiz. Meist mussten sich die Kaufleute oder kantonalen Handelskammern ad hoc selber um ihre Angelegenheiten kümmern. Insbesondere nach dem Ende der napoleonischen Kriege mit dem Wiener Kongress von 1815 haben eidgenössische Kaufleute zunehmend nach Amerika, Asien und ins Osmanische Reich expandiert und dort mit lokalen Behörden verhandelt und konsularische Aufgaben übernommen.
Söldner gegen Marktzugang
Der Wirtschaftsraum der heutigen Schweiz ist eigentlich aus der Not und Kargheit der mittelalterlichen Urschweiz geboren: Für den habsburgischen Steuereintreiber lohnte sich der mühselige Ritt zu ein paar armen Hirten nicht. Deshalb organisierten sich die Innerschweizer Orte zwangsläufig selber und waren als «reichsunmittelbares» Gebiet direkt dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und keinem «fremden Vogt» unterstellt. Anstatt zu einem Herzogtum zu gehören, mussten die Eidgenossen ihre Aussenwirtschaft selber in die Hand nehmen. In der Folge stiessen auch Städte zur reichsunmittelbaren Eidgenossenschaft. Dort organisierten sich derweil die Kaufleute in Handelskammern, die oft auch noch über die Bundesstaatsgründung hinaus bis Ende des 19. Jahrhunderts den globalen Handel und Investitionen der Kantone beaufsichtigten.
Die heutige Handelskammer St. Gallen-Appenzell etwa lässt sich bis auf die 1466 gegründete mittelalterliche Kaufleutegesellschaft Zum Notenstein zurückverfolgen. Die vormals katholischen St. Galler Kaufleute traten in der Reformation dem neuen Glauben bei – doch anstatt darüber Blut zu vergiessen, einigten sie sich mit dem katholischen Kloster St. Gallen auf eine Aufteilung der Stadt. Hier zeigt sich die Fähigkeit zu pragmatischen religiösen und politischen Lösungen zugunsten einer funktionierenden Wirtschaft: Sie ist eine gute Voraussetzung für eine nachhaltige Globalisierung.
Der wohl bedeutendste Schub für die Anfänge der Freihandelsnation Schweiz war das Abkommen mit dem König von Frankreich nach der verlorenen Schlacht von Marignano im Jahr 1515. Im sogenannten Ewigen Frieden erhielten die eidgenössischen Orte Zugang zum damals attraktivsten Wirtschaftsgrossraum: Frankreich. Über die nächsten Jahrhunderte durfte der französische König in der Eidgenossenschaft Söldner anwerben, im Gegenzug durften Schweizer Kaufleute in Frankreich ihre Waren und Dienstleistungen anbieten.
Das französische Königshaus war es denn auch, das mit seiner brutalen Verfolgung der Protestanten zum Innovationsbooster für die Eidgenossenschaft wurde. Vor allem der Sonnenkönig Ludwig XIV. trieb Tausende von protestantischen Flüchtlingen – sogenannte Hugenotten – in das Gebiet der Schweiz. Und mit den Flüchtlingsfamilien zugleich Kapital, Innovation und Netzwerke. Die Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch etwa geht auf vier hugenottische Familien zurück, die sich alle als Verfolgte in Genf niederliessen. Viele hugenottische Familien hatten Verwandte in den Niederlanden, Grossbritannien und den Vereinigten Staaten und setzten damit Genf, Zürich und Basel auf die Landkarte des Welthandels.
Drehscheibe für Textilschmuggel
Eine Konstante im Aufstieg der Schweiz zur Handelsnation waren die Textilindustrie und der Handel mit Textilprodukten sowie die schnelle Innovationsfähigkeit und Anpassungen an neue Märkte. Die starke Ausrichtung der eidgenössischen Kaufleute auf überseeische Märkte lässt sich auf die Kontinentalsperre Napoleons zu Beginn des 19. Jahrhunderts zurückführen. Kein Produkt und kein Fuss eines Engländers sollte damals den europäischen Kontinent berühren. Damit traf Napoleon auch den Textilhandel der eidgenössischen Kaufleute ins Mark, weil diese die Baumwolle und die Zwischenprodukte aus England bezogen.
Die eidgenössischen Kaufleute widersetzten sich jedoch den napoleonischen Anordnungen. Die Schweiz wurde zur Drehscheibe für geschmuggelte Baumwollfäden und Garne aus England. Der französische Gesandte monierte 1810 bei der Tagsatzung: «Dieser Schmuggel wird in der Schweiz mit mehr Aktivität als irgendwo sonst betrieben.» Hunderte von eidgenössischen Kaufleuten zogen im 19. Jahrhundert nach Brasilien, Mexiko oder in die USA, aber auch nach Asien und Russland sowie ins Osmanische Reich. Vor allem ehemalige Kolonien, wie die erst gerade unabhängig gewordenen lateinamerikanischen Länder, sowie die seit 1776 unabhängigen Vereinigten Staaten wurden zu wichtigen Standorten für Schweizer Unternehmen.
Wohlhabend war die Eidgenossenschaft im 19. Jahrhundert noch keineswegs (siehe Abbildung 1), aber die Grundlagen für den heutigen Wohlstand legten die Kantone in dieser Zeit. Sich zu einem Bundesstaat zusammenzuraufen, schafften die eidgenössischen Orte zwar bis 1848 nicht, doch sie erkannten den Wert der Bildung. Viele Kantone führten mit den neuen Verfassungen von 1830 die allgemeine Schulpflicht ein.
Abb. 1: Bruttoinlandprodukt pro Kopf im Ländervergleich (1820 bis 2000)
Anmerkung: Internationale Dollar oder Geary-Khamis-Dollar sind eine von der Weltbank berechnete Vergleichswährung, welche die Kaufkraft in den verschiedenen Ländern mitberücksichtigt. Quelle: Maddison (2003) / Die Volkswirtschaft
Flüchtling gründet Weltkonzern
Diese Bildung für alle in Kombination mit innovativer neuer Industrie und Dienstleistungen sowie die Gelegenheit, mit Handel die ganze Welt zu erschliessen, ermöglichten sozialen Aufstieg und damit sozialen Wandel. Ein Beispiel dafür ist der Glarner Bauernsohn Peter Jenny, der eine Handelsfirma für Textilien und Tabak auf den Philippinen gründete und nach seiner Rückkehr von 1859 bis 1866 für den Kanton Glarus im Nationalrat sass. Den sozialen Aufstieg schaffte auch Heinrich Nestle. Er war als politischer Flüchtling von Frankfurt in die Schweiz gekommen und blieb als Apothekergeselle in Vevey hängen. Dort entwickelte er ein Kindermehl als Ersatz für Muttermilch, das den Grundstein für den späteren Weltkonzern legte.
Die Untrennbarkeit zwischen einer sozialen, freiheitlichen Politik im Innern und dem Freihandel mit der ganzen Welt zeigt sich auch im sogenannten Bowring-Report von 1836. Der britische Unterhausabgeordnete Sir John Bowring bereiste damals die Schweizer Kantone und verfasste danach einen Bericht zuhanden des englischen Königs. Das britische Parlament debattierte seinerzeit gerade die Abschaffung der Getreidezölle und die Vor- und Nachteile des Freihandels. Daher untersuchte Bowring, wie die eidgenössischen Orte den Freihandel praktizierten.
Der Bowring-Report gibt Einblick in die Schweiz der 1830er-Jahre, als in der Ost- und der Westschweiz rasant hoch industrialisierte Cluster entstanden. Während beispielsweise die Innerschweizer Kantone und das Wallis noch ländlich geprägt waren, produzierten Arbeiterinnen und Arbeiter in Appenzell, Glarus oder Neuenburg bereits Textilien für den Weltmarkt.
Handelsnation mit Agrarprotektionismus
Mit der Gründung des Bundesstaats 1848 und der Eröffnung des Suez-Kanals 1869 drängten Schweizer Unternehmen während der sogenannten ersten Globalisierung immer stärker auf den Weltmarkt. Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914, als diese erste Globalisierungswelle ein abruptes Ende fand, wies die Schweiz bedeutend mehr multinationale Firmen auf als vergleichbare europäische Länder wie Belgien oder die Niederlande (siehe Abbildung 2). Zudem hatte die Schweiz ein starkes Wirtschaftswachstum hingelegt und zog nun mit führenden Handelsnationen wie Grossbritannien und den Niederlanden mit. Nach dem Ersten Weltkrieg, von dem die Schweiz verschont blieb, war sie das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen Europas (siehe Abbildung 1).
Abb. 2: Anzahl multinationale Konzerne nach Land (1870 bis 1914)
Anmerkung: Für die Jahre 1870 und 1880 fehlen teilweise die Werte für Dänemark, Schweden und die Niederlande. Quelle: Schröter (1993) / Die Volkswirtschaft
Gebremst wurde diese hyperglobalisierte Schweiz durch ihre Selbstwahrnehmung als Land der Hirten und Bauern.[2] Denn der Agrarschutz stand der tiefen Integration der Schweizer Unternehmen in den Weltmarkt zunehmend im Wege. Ein Beispiel ist das «General Agreement on Tariffs and Trade» (Gatt) – der Vorläufer der Welthandelsorganisation (WTO). Ausgerechnet die hochgelobte Freihandelsnation Schweiz konnte 1947 das Abkommen nicht ratifizieren – aufgrund ihres Agrarprotektionismus. Sie trat dem Gatt erst 1966 bei.
- Siehe Franc (2021).
- Siehe Franc (2018).
Bibliographie
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Franc, Andrea (2018). Agricultural Protectionism on the Neoliberal Agenda? The Approach of the Director of the Swiss Business Federation to Agriculture. Rural History 29.1 (2018): 81–98.
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Franc, Andrea (2021). Im Austausch mit der Welt. Schweizer Unternehmen im 19. und 20. Jahrhundert, Zürich: hier und jetzt Verlag.
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Maddison, Angus (2003). The World Economy. Historical Statistics. Development Centre Studies, OECD Publishing, Paris.
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Schröter, Harm (1993). Aufstieg der Kleinen. Multinationale Unternehmen aus fünf kleinen Staaten vor 1914, Berlin: Duncker & Humblot.
Zitiervorschlag: Andrea Franc (2022). Vom Schmugglerparadies zur Handelsnation. Die Volkswirtschaft, 09. März.