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«So kann es sein dass ich mir von Zeit zu Zeit widerspreche, aber der Wahrheit, wie Demades sagte, widerspreche ich nie.»
Michel de Montaigne
An den Spieltischen des Grand Casino Mamounia herrschte wie immer reger Betrieb und ich hatte meine Begleiterin irgendwann verloren. Auf der Terrasse, von der aus man die Innenstadt Marrakeschs überblickte und in der Ferne das dunkle Glitzern des Mittelmeeres sehen konnte, war ich mit einem älteren Herrn ins Gespräch gekommen, der, offenbar einer inneren Neigung entsprechend weit ausholend, mir entlang einiger Whiskey Sours seine Lebensgeschichte erzählte, die ich im Folgenden wortgetreu wiedergebe.
a reason to live, a reason to die
Seine Kindheit sei auf den ersten Blick vielleicht das gewesen, was man für gewöhnlich als glücklich und wohlbehütet bezeichnen würde. Als Sohn eines brillanten Geschäftsmannes, der Windmühlen an spanische Exzentriker verkauft und damit ein Vermögen angehäuft habe, sei das Finanzielle nie ein Problem gewesen. Deutlich stünden ihm die langen Korridore der luxuriösen Pariser Wohnung vor dem inneren Auge, die endlosen Wendeltreppen zwischen den Stockwerken, die den Weg ins Schlafzimmer zu einer alpinistischen Aufgabe gestaltet hätten, und ebenso deutlich die Galerie der ehrbaren Ahnen der Familie, da geschönt, wo die reale Genealogie Ehrbarkeit allzu sehr vermissen liess. Wenn es aber ein Gefühl gäbe, das für ihn wie kein zweites für seine Kindheitstage bestimmend gewesen sei und dessen Abglanz bis heute auf seinen frühen Erinnerungen läge, so sei dies dasjenige einer tiefen Langeweile. In den ersten fünfzehn Jahren seines Daseins habe er vermutlich nicht ein einziges Mal seine Umgebung mit Interesse betrachtet, nicht für einen einzigen Bereich seines Lebens so etwas wie Faszination entwickelt. Die langen Korridore, die Ahnengalerie, die wohlhabenden Besucher seien ihm stets vorgekommen wie stille, belanglose Gegebenheiten, an seinem Auge vorbeiziehend wie Bewohner eines seltsamen Aquariums. Wenig verwunderlich sei es deshalb, dass seine Eltern weniger Sorge als vielmehr Begeisterung empfunden hätten, als der schweigsame Junge sich plötzlich tagelang in der Bibliothek des Hauses eingeschlossen habe, von all den darin vorhandenen Büchern kein anderes lesend als immer und immer wieder Montaignes Essais. Die Besorgnis sei erst später aufgekommen, als der Junge sich gegen den Willen seines Vaters, der in ihm einen rechtmässigen Nachfolger an der Spitze des Windmühlenimperiums gesehen habe, für ein Studium der Romanistik eingeschrieben habe. Der Vater habe seinen Widerspruch in sich begraben müssen, und der nunmehr zu einem jungen Mann herangewachsene Junge sei in die Welt der Sorbonne eingetaucht.
my name is nobody
Gleich im ersten Semester seien ihm dabei zweierlei Dinge klar geworden: seine Faszination für die weibliche Studentenschaft einerseits und die seiner Begeisterung entgegengesetzte grandiose Gleichgültigkeit andererseits. Nirgends sei dieses Verhältnis zu grösserer Intensität und Konsequenz gelangt als bei einer Kommilitonin namens Elena Garibaldi, deren kunstvolle Gestalt ihm wie das kunstvoll verschlüsselte Versprechen einer gewissen Unsterblichkeit erschienen sei und die ihn von Semester zu Semester durchwegs nicht eines einzigen Blickes gewürdigt habe. Zusätzlich habe sie an Aura gewonnen durch das um sie kursierende Gerücht, sie habe ihr Baccalauréat ausschliesslich wegen ihrer berückenden Schönheit erhalten und sei in eine Liebschaft mit dem vielversprechendsten jungen Literaten von Paris verwickelt. Kaum in weniger als dreissig Meter Distanz zu ihr getreten, sei er jedenfalls von einem tiefen Gefühl des Schwindels ergriffen, in einen inneren Taumel versetzt worden, und selbst der geringste weitere Annäherungsversuch sei unmöglich gewesen. Das Grau der Langeweile sei alsbald von einem Silber der Enttäuschung abgelöst worden, und wenn diesem ständigen Frustrationszustand ein Positives abzugewinnen sei, dann läge es wohl in der reichlichen Zeit, die ihm mangels Ablenkung für das Studium geblieben sei. In einer enormen akademischen Ersatzhandlung habe er sich so weiter in Montaigne vertieft und ausserdem ein Interesse an provenzalischer Trobadordichtung entwickelt, deren unverkrampfte Schilderungen sexuellen Hungers und Sättigung er mit einem Gefühl kameradschaftlich-voyeuristischer Wärme im Herzen studiert habe. So durch die frühe französische Literaturgeschichte stolpernd wie durch eine Galerie stellvertretend geniessender Ahnväter, deren ausschweifende Lebensführung dereinst vielleicht ein erotisches Almosen ihm abwerfe, habe er eine jener weltweit verbreiteten studentischen Daseinsformen geführt, deren Leitmotive die Stille und die Enttäuschung seien.
beyond the law
Und vielleicht wäre sein Leben solcherart verlaufen bis zu seinem ebenso unauffälligen Ende. Aber zufällig sei ihm eines Tages eine Zeitschrift in die Hände gefallen, in der eine Erzählung ebenjenes Autors abgedruckt gewesen sei, der sich Gerüchten zufolge in einer Liaison mit Elena Garibaldi gefalle. Die Erzählung sei ein wirres Machwerk gewesen über einen Maler, der durch irgendeine bis zuletzt unklar bleibende Schwäche unfähig sei, ein Porträt seiner Geliebten fertigzustellen und das Ganze mit fragwürdigen Schubertanalogien entschuldige. Darüber hinaus sei nicht eindeutig gewesen, wie viel der Erzählung einfach bei einem anderen Schriftsteller abgeschrieben sei und ob der Maler nun real existierte oder nicht; kurz, es handelte sich um eine Aneinanderreihung bösartiger Täuschungen und Verwirrungen, gänzlich entfernt der literarischen Ideale von sonnenheller Ehrlichkeit und genauester Selbstbetrachtung, wie er sie sich von den Trobadoren und von Montaigne gewohnt gewesen sei. Und da sei es ihm auf einmal offensichtlich geworden, dass zwischen ihm und Elena Garibaldi nichts stand als die Mauer seiner Ehrlichkeit. So habe er sich entschlossen, seiner akademischen Betätigung etwas Fantasie angedeihen zu lassen. Zu diesem Zeitpunkt habe er sich gerade mit Entwürfen für seine Doktorarbeit herumgeschlagen, und da habe es sich angeboten, eine Dissertation zu verfassen über den ungeheuren Einfluss eines bis anhin völlig unbekannten Trobadordichters auf die Philosophie Montaignes, mit dessen Schriften dieser anlässlich seiner Rückreise aus Italien im Jahr 1581 in Kontakt gekommen sein könnte. Montaignes Opus habe nämlich zu diesem Zeitpunkt erwiesenermassen schon lange niemand mehr vollständig gelesen und also niemand mehr den Überblick über alle Passagen des editionshistorisch komplizierten Werks gehabt. Schliesslich aus den unübersichtlich verstreuten Quellen provenzalischer Trobadordichter einen zusätzlichen Autor zu destillieren, sei ein Leichtes gewesen; tatsächlich hätten die in diesem Feld tätigen Wissenschaftler aufgrund der Magerkeit ihres Forschungsfeldes dankbar und ohne kritische Nachfragen jeden Strohhalm ergriffen, der Stoff für weitere Publikationen versprach.
for a few dollars more
«[…] Unter den provenzalischen Dichtern des 13. Jahrhunderts ist für den Anspruch der folgenden Arbeit insbesondere Raimont Alba Guilhen dou Vydal zu nennen, der nicht nur der aus Frankreichs nördlicheren Gegenden importierten Gattung des Descorts, des ‹zerrissenen, zerstückelten Liedes›, neue Impulse verliehen, sondern auch einen unüberschätzbaren Einfluss auf Montaignes spätes Denken gehabt hat. Dank unablässiger und exakter Forschungstätigkeit ist es mir heute möglich, denselben im Folgenden zu skizzieren. […] In diesem Gedicht entwirft der an den Autoren der griechischen Klassik geschulte Vydal anhand Herodots Erzählung von Iason und dem goldenen Vlies eine positive Konzeption der Lüge, wie Montaigne sie in Chap. IX Des Menteurs wieder aufnimmt: ‹So ward auch dem Sohn Aisons die Wirklichkeit grau und eng / er träumte sich ein Abenteuer / und hell strahlte das Licht seines Geistes um ihn. / Denn was ist die Lüge anderes / als wenn das Boot des schlafenden Traums / vom Steuermann des wachen Geistes / gelenkt wird. / So ist denn oftmals in unserem Geist / ein Aufblühen nach Verschiebung / und wie durch Pforten / betreten wir die Erfindung. / Da sind kleinere und grössere Pforten / und länger oder kürzer / behalten sie uns / in der Halle des Scheins [provenzalisch plur., semblantz]. / Wir, die wir der Pforten kundig sind / sind Zeit und Raum enthoben / und hell strahlt das Licht / des Erzählers um uns› (meine Übersetzung, in der das kunstvolle Reimschema leider nicht beibehalten werden konnte). Nach dieser Darstellung der Lüge als bewusster Form des Traums und Voraussetzung der Erzählung folgen lange und detaillierte Beschreibungen der sexuellen Ausschweifungen mit Damen aller Stände, die sich Vydal durch beispiellose Beschönigungen seiner Rolle im fünften Kreuzzug ermöglicht hat. […] Abschliessend darf also noch einmal festgestellt sein: Montaigne ohne Vydal wäre gänzlich undenkbar. Ja, Montaigne ist gleichsam Vydal, in neue (schwächere?) Gestalt gefasst für unsere Neuzeit.»
any gun can play
Der Applaus nach erfolgreicher Verteidigung der These habe kaum enden wollen. Auf Abdrucke in verschiedenen Publikationen seien Einladungen an Symposien und Tagungen, an Vortragsreihen und Festreden gefolgt und schliesslich habe ein Ruf an die Universität Nizza den Würden die Krone aufgesetzt. Die Université Sophia-Antipolis habe sich wie keine Zweite erfreut gezeigt über die Forschungen, die einen aus der Gegend stammenden Dichter als Haupteinfluss des bedeutendsten französischen Philosophen der Renaissance identifizierten. Seine Antrittsvorlesung sei von der regionalen wie nationalen Presse dokumentiert worden. Aber all diese Ehren seien in seiner Erinnerung weitgehend verblasst zugunsten deren an die neu gewonnenen Aufmerksamkeiten der Damenwelt. Elena Garibaldi habe ihren zweitklassigen Dichterling verlassen, und während seiner Zeit in Nizza habe er mit ihr auf Einladung des berühmten niederländischen Kunstmalers Han van Meegeren in dessen luxuriöser Villa gewohnt. Partys hätten hier an der Tages- und Nachtordnung gestanden. Bei einem ausführlichen Gelage zur Feier des Dienstagabends sei das Ereignis eingetreten, das seiner genussvollen Zeit als Experte für Montaigne und seine provenzalischen Ahnväter ein für alle Mal ein Ende gesetzt habe. Gerade einen mit kleineren Fasanen gefüllten Fasanen verspeisend, habe er den verhängnisvollen Fehler gemacht, den Blick hoch zur gegenüberliegenden Wand zu heben. Und dort habe in goldflammenden Lettern ein Zitat Montaignes geprangt, das derselbe in der letzten noch von ihm veranlassten Ausgabe als Ergänzung zu Des Menteurs angefügt hatte: «En vérité, le mentir est un maudit vice.» Den restlichen Abend habe er furchtsam in seinem Zimmer verbracht. Und auf diesen ersten Schock seien weitere gefolgt, zu den ungünstigsten Zeitpunkten: Wenn er etwa eine Spiegelfläche von Kokain gereinigt habe, sei hinter seinem Spiegelbild plötzlich dieses Zitat erschienen. Als er sich anderntags mit einem berühmten Fotomodell auf einer Universitätstoilette unterhalten und sich dabei ganz den durch die Enge der Kabine ergebenden anatomischen Herausforderungen gewidmet habe, seien die bereits verhassten Buchstaben des Zitats auf einmal durch das Weiss der Fliesen gedrungen, und plötzlich ergriff ihn die heftige Furcht, ein geisterhafter Kopf Montaignes einschliesslich Halskrause könne jeden Augenblick aus der Wand schlüpfen, ihn vorwurfsvoll anblickend. An eine Fortsetzung des Kopulationsakts ebenso wie der Arbeit an der Sophia-Antipolis sei von da an nicht mehr zu denken gewesen.
texas, adios
So sei er denn zurück nach Paris gereist, um seinem Vater den Entschluss mitzuteilen: er wolle per sofort eine betriebswirtschaftliche Karriere beginnen, und zwar möglichst ausserhalb der Grenzen Europas, um der fortschreitenden Globalisierung auch zureichend zu entsprechen. Der unter zahlreichen Samtdecken auf seinem Sterbediwan liegende Alte habe gerade noch Gelegenheit gehabt, die Hand seines heimgekehrten Sohnes stolz zu ergreifen und ihm eine Adresskarte in die Hand zu drücken, bevor sich der Lebensatem des Vaters endgültig in die schwer parfümierte Luft des Gemachs verabschiedet habe.
how the west was won
G., ein Geschäftsmann
B., ein Bewerber
Szene: Ein Hochhausbüro in New York. G. sitzt hinter einem schweren Eichentisch. Dahinter hohe Fenster, man übersieht Manhattan.
G.: Ihre Referenzen sind ganz wunderbar… ich kannte ja Ihren Vater, wie sie wissen… Sie haben einen Doktorgrad in Romanistik?
B.: Ja.
G.: Worüber haben Sie geschrieben? Die Interessen meiner Angestellten – auch der zukünftigen – sind auch meine Interessen, müssen Sie wissen.
B.: Der Titel lautete «Montaigne Surmontaigné: L’Influence de Raimont Alba Guilhen dou Vydal sur les Essais.»
G.: Montaigne! Das ist einer meiner Favoriten… ich habe alles von ihm gelesen. Wissen Sie, was ich an ihm besonders mag? Seine Ehrlichkeit.
B.: …
G.: Ja, das habe ich erst bei ihm so richtig gelernt. So diese Ehrlichkeit zu sich selber. Ich habe jetzt auch angefangen mich selber zu studieren und habe zu einem ganz neuen Bewusstsein von mir selbst gefunden. In diesem Gebäude, wo Sie und ich jetzt sitzen, hab ich mir ganz oben ein Schreibzimmer eingerichtet. Montaigne hat ja auch in einem Turm geschrieben, da passt das.
B.: …
G.: Ich war immer schon geneigt zur Philosophie… wichtiger Ausgleich. Hab mich auch mal mit dem Kommunismus auseinandergesetzt, auch wenn Sie mir das jetzt vielleicht nicht glauben werden. Sogar ausprobiert hab ich‘s. Vor ein paar Jahren hab ich auf einer Segelyacht im Pazifischen Ozean eine Kommune gegründet im echt bolschewistischen Sinne; alles gehörte allen – ausser die Yacht, die gehörte mir – und man erging sich unbekleidet in neidlosem Treiben. Ein Sturm hat der Sache dann leider ein Ende gemacht, über lange Zeit kann der Kommunismus tatsächlich nicht funktionieren… da muss man ehrlich sein zu sich über seine eigenen Projekte. Hab ich auch von Montaigne gelernt.
B.: …
G.: Wollen Sie was lesen aus meinen Sachen? Bin bei Kapitel 409, habe aber bei 108 angefangen, Montaigne ist ja bis 107 gekommen. Ich hab eines, Kapitel 311, «Über Stuhlgang», das hab ich meinem Arzt mitgebracht, der hat gemeint, wenn alle Patienten so wären wie ich, wäre sein Beruf ein einfacherer, ich hab gesagt, nichts zu danken, ich hab das von Montaigne… oder Kapitel 378, «Über Papierkörbe»… wo wollen Sie denn so plötzlich hin?
B. zügig ab.
seven dollars on the red
Der Ekel sei die grösste und die Flucht nichts als notwendig, die Auswahl Marokkos hingegen eher zufällig gewesen. Er kenne in der Stadt niemand, fühle sich aber hier im Casino beim Rascheln der Karten, über dem Rot und Schwarz der Teppiche, in den sich weitenden Pupillen und in den schwindelerregend verteilten Spiegelflächen, an fallender Seide und hauchenden Lippen, zwischen feuchten Fingerspitzen und steifen Kragen und unter den Parfums und den Gewölben beinahe zuhause. Das üppige Erbe seines Vaters ermögliche ihm, wenn es das Glück wolle, auf unabsehbare Zeit eine Fortführung dieses Daseins. Und längst habe seine Handmuskulatur das elegante Ergreifen und Wiederablegen der Jetons verinnerlicht, seinem Auge sei das flinke Hinwegblicken über die Zahlen zur Natur geworden und die über den klaren Linien des Spielfeldes glitzernd sich drehende Roulette erfülle ihn mit der schwindelnden Ahnung einer höheren Ehrlichkeit.
Sebastien Fanzun