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Lange Zeit lebten die Menschen im indischen Himalaja vom Handel mit Tibet – bis das benachbarte Hochland besetzt wurde. Ein faszinierendes Buch beschreibt und zeigt, was war. Und was sich verändert hat.
Seit meinen Reisen durch Tibet in den Jahren 1993 und 1994 habe ich keinen Fuss mehr auf das Dach der Welt gesetzt. Die chinesische Präsenz war bereits damals nicht zu übersehen. Viele tibetische Klöster, die während der Kulturrevolution zerstört worden waren, wurden zwar wieder aufgebaut, doch hauptsächlich der TouristInnen wegen. Statt auf NomadInnen stiess man zunehmend auf chinesische Militärkonvois.
Mittlerweile gilt vielen jungen TibeterInnen China als modernes Vorbild. Ausbildungen in der eigenen Sprache gibt es praktisch keine mehr. Viele Kinder von ExiltibeterInnen, die in Indien oder in Nepal aufgewachsen sind und zum ersten Mal nach Tibet kommen, reden Hindi, Nepali, Englisch, aber selten Tibetisch.
Wer sich für die tibetische Kultur, die Bevölkerung, ihre Religionen und ihre Geschichte interessiert, findet dies eher ausserhalb von Tibet. Zum Beispiel im Westhimalaja auf indischem Staatsgebiet, etwa in den Regionen Kinnaur, Spiti, Lahaul, Zanskar oder Ladakh.
Peter van Ham, Autor, Fotograf und Ausstellungskurator, hat zwischen 1987 und 1998 all diese Gebiete bereist und erforscht. Zehn Jahre nach seinem letzten Aufenthalt in «Buddhas Bergwüste» ist er nach Nordwestindien zurückgekehrt – dieses Mal nach Ladakh, Zanskar und in die Region von Dah-Hanu. Daraus entstand der Bildband «Indiens Tibet – Tibets Indien» und eine Ausstellung mit dem gleichen Namen. Das Geleitwort zum Buch schrieb der Dalai-Lama. Das Vorwort stammt vom französischen Forscher und Anthropologen Michel Peissel.
Demut vor der Umwelt
Das Buch ist grossartig und besticht durch seine klaren Beschreibungen und fantastischen Aufnahmen. Besonders interessant ist beispielsweise das Kapitel «Letzte Zuflucht der Arier», da es ein praktisch unbekanntes Gebiet und ein ebenso unbekanntes Volk vorstellt. In der erst jüngst für TouristInnen geöffneten Region Dah-Hanu im Westen Ladakhs leben rund 2000 Menschen, die Minaro aus der Gruppe der Darden, die wahrscheinlich die ursprüngliche Bevölkerung in diesem Teil des Himalaja waren.
Sie unterscheiden sich nicht nur äusserlich von den sie umgebenden tibetischen Volksgruppen, sondern auch in ihrer Sprache und ihrer, in weiten Teilen noch gelebten animistischen Kultur. Wie in vielen anderen Gegenden der Welt, wo animistisch geprägte Bevölkerungen mit Demut versuchen, das Gleichgewicht zwischen allen Lebens- und Naturformen beizubehalten, gibt es auch im Tal von Dah-Hanu kaum Umweltschäden. Peter van Ham beschreibt dieses Tal als eine sogar für den Himalaja extrem enge Schlucht, durch die sich der Indus windet.
Diese Unzugänglichkeit der Bergregionen hat es den Volksgruppen des indischen Himalaja ermöglicht, ihre Kultur länger zu erhalten als viele andere Naturvölker. Es ist jedoch absehbar, dass die starke Migration aus den Tiefebenen dieses überbevölkerten Subkontinents zu einem Identitätsverlust der lokalen Volksgruppen führen wird. Daher, schreibt Michel Peissel, sei es besonders wichtig, diese Region mit all ihren natürlichen und kulturellen Eigenheiten einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen, damit man «ihrer Erhaltung mehr beistehen kann». Genau dies ist Peter van Ham grandios gelungen.
Vielmännerei in der Hochwüste
Die Erforschung des Westhimalaja durch die Europäer begann 1624 mit einer Reise des Jesuitenpaters Antonio de Andrade (1580-1634). 1626 errichteten er und seine Glaubensbrüder in Tsaparang die erste Kirche, doch 1630 werden sie über die ladakhische Hauptstadt Leh ausgewiesen. 1715 starteten die Jesuiten von Leh aus einen erneuten Versuch, Tibet zu missionieren. Dreissig Jahre danach jedoch musste die Missionsstation in Lhasa aufgrund von politischen Veränderungen und Intrigen wieder aufgegeben werden.
Im Gefolge der indischen Unabhängigkeit 1947, dem Einmarsch der Roten Armee in Tibet 1950 und den indisch-pakistanischen Grenzkriegen schottete Indien den Westhimalaja rigoros gegen AusländerInnen ab. Erst 1974 wurde Ladakh als Erste der Hochregionen vorsichtig für den Tourismus geöffnet. Trotzdem gelang es Forschern in den Jahren dazwischen immer wieder, einzelne Regionen zu besuchen.
Es gibt mehrere Zugänge zum Westhimalaja: Srinagar in Kaschmir, Manali im Kullu-Tal oder Shimla in den gleichnamigen Bergen (beide im indischen Bundesstaat Himachal Pradesh). Alle diese Orte und die sie umgebenden Gebiete vor den hohen Pässen des Himalaja galten unter jenen, die dort lebten, als das «Ende der bewohnbaren Welt». Als allzu lebensfeindlich empfand man die dahinter befindlichen Hochwüsten.
Doch es gab auch weiter oben ein Leben. In Kinnaur zum Beispiel, der ersten Westhimalajaregion mit einem starken buddhistischen Erbe, haben die Menschen eine eigene Religion, sprechen einen westtibetischen Dialekt und pflegen einen sorgsamen Umgang mit dem Land. Dort haben sich bis heute Überreste der Polyandrie erhalten, der Ehe einer Frau mit mehreren Männern. Die «Vielmännerei» – in Kinnaur waren die Ehemänner in der Regel Brüder – hatte den Zweck, eine Überbevölkerung und eine Zersplitterung der ohnehin kleinen Ackerbauflächen zu verhindern; der Familienverbund sorgte für eine gemeinschaftliche Besitzverteilung. Die Männer teilten sich die Aufgaben und gingen meist ausser Haus verschiedenen Arbeiten nach; sie beackerten die Felder, hüteten die Herden, zogen als Händler umher und trafen nur selten aufeinander. Die vielen unverheiratet gebliebenen Frauen lebten in Klöstern oder bei ihren Eltern.
Inzwischen geht die einst komplette Selbstversorgung der Kinnauris ihrem Ende entgegen, die Männer finden zunehmend Arbeit in Verwaltungen und beim Strassenbau, also direkt vor der Haustür. Indien drängt in die Berge – nicht immer zum Nachteil der dort lebenden Menschen: Sie erhalten jetzt auch eine Ausbildung. Aber was verlieren die Gemeinschaften? Die exakten und anschaulichen Schilderungen dieser Prozesse, die detaillierten Beschreibungen aller Kulturformen bis hin zur Architektur und die historischen Analysen kennzeichnen dieses Standardwerk.