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«Ihre Kündigung kommt mir gerade recht. Ihre Kollegin macht nämlich sowieso den besseren Cappuccino als Sie.» Das war der denkwürdige Kommentar einer früheren Chefin von mir, der ich nach zwölfmonatigem Vorzimmer-Irrsinn im Stil von «Der Teufel trägt Prada» die Kündigung in die Hand drückte, um mich auf die Suche nach einem Chef zu machen, der mehr an den fachlichen Kompetenzen einer Assistentin interessiert sein würde und weniger daran, ob sie ein Herzchen-Muster in den Milchschaum zaubern kann. Dazu muss gesagt werden, dass sich diese Episode zutrug, als Assistentinnen noch als Sekretärinnen bezeichnet wurden und es ganz selbstverständlich war, dass sie Kaffee zu servieren hatten. Ausserdem gab es eine Latte nur am Gartenzaun und kein Mensch kannte George Clooney.
Inzwischen sind nicht nur die Ansprüche an einen guten Kaffee weit fortgeschritten, sondern auch die Emanzipation der Sekretärin. Wo früher alle jubelten, als aus dem top-modernen Kaffee-Automaten ein «Schümli-Kaffee» rauskam, soll eine anständige Kaffeemaschine heutzutage neben regulärem Kaffee auch Cappuccino, Latte Macchiato, Espresso, Ristretto, Tee oder Chai Latte produzieren, und zwar ohne dass auch nur ein Manager dafür vor Freude in die Hände klatschen würde. Seit Nespresso ist das der Standard und wer simplen Filterkaffee verlangt, ist ein Loser.
Während die Vielfalt des Koffeingebräus stetig anstieg, ist die Bereitschaft der Assistentinnen genauso konstant gesunken, dieses ihren Chefs auch zu servieren. Die emanzipierte Assistentin hat viele Aufgaben, aber offiziell ist sie nicht zuständig für das leibliche Wohl ihres Vorgesetzten. Soll eine Assistentin also dem Chef Kaffee servieren oder nicht?
Hier ist gesunder Menschenverstand gefragt. Eine Tugend, die besonders in Chefetagen oft Mangelware ist, weil man gerne vor lauter Latte(n), den Zaun nicht mehr sieht. Im Allgemeinen gilt das Prinzip der Freiwilligkeit. Ab und zu aus freien Stücken einen Cappuccino bringen, ist dem Arbeitsklima bestimmt nicht abträglich. Und wenn der Chef vor Erschöpfung vom Stuhl zu kippen droht, dann wäre der Akt des Kaffeebringens mit akuter Nothilfe gleichzusetzen. Diese Art der Mildtätigkeit steht sogar einer modernen Assistentin gut und zieht keinerlei Gesichtsverlust nach sich.
Richtig schwierig wird es, wenn die Generation Melitta-Filter auf den Kapselkaffee-Jahrgang trifft. Der Chef will regelmässig seinen Café au Lait serviert bekommen? Aber bitte, wir sind doch nicht im Mittelalter! «Ich kann Ihren iPad wieder flott machen, aber um Ihren Kaffee müssen Sie sich schon selbst kümmern! Es sei denn, Sie laden George Clooney ein, damit er mir zeigt, wie aus einer Kapsel eine Latte wird.»
Schlagfertigkeit, Witz und ein entwaffnendes Lächeln entschärfen – damals wie heute –jede noch so groteske Chef-Assistentin-Situation und beim Humor sowie beim Kaffee gilt übrigens das gleiche Prinzip: Schwarz ist er am besten.