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Diese Geschichte ereignete sich vor sehr, sehr langer Zeit, als Neuenburg eine ganz kleine Stadt war, wo sich die Häuser um das Schloss scharten wie die Kücken um die Henne.
An den Abhängen des Chaumont erhob sich ein schöner Marmorpalast mit gestuften Terassen, die bis zum See hinunter reichten. Springbrunnen, schöne Statuen schmückten den Garten. Im Palast lebte eine entzückende kleine Fee, die kein grösseres Vergnügen kannte, als mit einem geflügelten Wagen von Tauben gezogen durchs Land zu reisen.
Sie hatte an einer goldenen Kette eine kleine silberne Pfeife um ihren Hals hängen; wenn sie zu verreisen wünschte, trat sie durch eine Fenstertüre auf einen grossen Balkon, pfiff und sogleich erschienen die Tauben den geflügelten Wagen ziehend vor ihr.
Meist reiste sie unsichtbar, aber wenn sie sich sichtbar machte, verfolgten die Winzer, die ihre Reben entlaubten, die kleinen Hirten, die ihre grossen Kühe hüteten, die Bauern, die Erntearbeiter und die Getreidemäher hingerissen den Weg dieses geflügelten Wagens, bewunderten die Fee Muriel, die ein hellgrünes, grossartiges Kleid trug, mit ihren langen, blonden Haaren, die auf ihre Schultern fielen, und ihr goldenes Haarband, das mit einer Perle geschmückt war und auf ihrem Kopf glänzte.
Sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, des Nachts zahlreichen Familien einen Besuch zu erstatten und hatte immer ihren Zauberstab in der Hand, der mit einem grossen Diamanten endete.
Sie näherte sich, unsichtbar, den Schlafenden, legte ihren Zauberstab under ihren Kopf; Wenn der Diamant seine Farbe nicht änderte oder trübe wurde, wusste sie, dass diese Personen unglücklich waren; also hauchte sie vorsichtig über sie und liess deren Sorgen verschwinden; wenn der Diamant aufleuchtete, wusste sie, dass sie glücklich waren und sie erhöhte deren Glück.
Wenn diejenigen, die durch die Fee Muriel besucht wurden, erwachten, fragten sie sich sich: "Warum nur bin ich so glücklich und zufrieden heute Morgen? Ich habe Lust zu singen, zu tanzen und dabei war ich gestern so traurig." Sie wussen nicht, dass ihr Glück vom Besuch der Fee Muriel stammte.
Aber eines Nachts waren alle Personen, die sie besuchte, traurig. Sie hatte Gutes getan und alle ihre Sorgen verjagt. Aber der Stern des Diamanten leuchtete nicht mehr, keines falls. Woher kam diese unvermittelte und verbreitete Traurigkeit? Die gute Fee verstand nichts mehr. Nach Hause zurückgekehrt dachte sie lange nach und entschied, zu Madame Cécile de Perregaux hinaufzusteigen, die in einem schönen Haus in der Gegend, wo heute die rue de la Montaine-André ist, wohnte.
Madame de Perregaux hatte die Fee Muriel noch nie gesehen, ihr könnt euch die Verblüffung denken und die Freude, als sie das Taubengespann ankommen sah.
Da sie gerade einen Teig für einen Kuchen für ihre Kinder zubereitete, beeilte sie sich, die Hände zu waschen und kam so schnell als möglich. Zuerst servierte sie Marmelade und dann fragte sie nach dem Grund des Besuchs.
"Ich möchte wissen", sagte ihr die Fee, "warum die Neuenburger seit einiger Zeit so traurig sind."
"Es ist mir ein Leichtes zu antworten", sagte Madame de Perregaux. "Seit zwei Wochen hat sich ein grosser geflügelter Drachen in den Höhlen, die sich am Fusse des Rocher de l'Ermitage befinden, eingenistet. Es ist kein böser Drache, beileibe nicht! Er frisst keine kleinen Kinder, er jagt keine Männer, er ernährt sich von den Gräsern, die er im Val-de-Ruz weidet. Man könnte sich gut an seine Anwesenheit gewöhnen, wenn seinem Mund nicht ein dicker Rauch entströmen würde, der sich in Nebel verwandelt und das ganze Land verdunkelt. Darum sind die Neuenburger so traurig, sie haben seit einigen Tagen die Sonne nicht gesehen, sie glauben letztendlich, in einem tiefen Loch zu leben."
"Das geht so nicht", sagte die Fee Muriel, "die Neuenburger müssen wieder glücklich sein" und dachte einen Moment lang nach.
"Bereiten Sie mir bitte schnell zwei oder drei Kessel kochendes Wasser vor, ich komme gleich zurück."
Madame de Perregaux machte schnell, wie ihr geheissen und ein paar Minuten später hielt der geflügelte Wagen von neuem vor ihrem Haus.
Die Fee Muriel holte zu Hause schnell einen Kübel, in welchen sie das kochende Wasser schüttete. Danach stieg sie so schnell als möglich dem Zickzack-Weg folgend zum Gipfel des Roche de l'Ermitage. Zuoberst angekommen, schob sie Kopf ganz vorsichtig über die Felsen hervor. Der Drache war unterhalb. Er war riesig. Sein Körper war mit grünen und gelben Schuppen bedeckt, seine Flügel lagen gefaltet neben ihm, er schlief und aus seinem Mund entströmten dicke Rauchspiralen, die gegen die Stadt absanken.
Und was machte die Fee Muriel? Sie nahm den Kübel fest in beide Hände und schüttete mit Schwung das Wasser auf den Rücken des Drachen.
Ihr hättet den Satz sehen müssen, den der Dache gemacht hatte, annähernd sechs Meter in die Luft, dabei einen einen spitzen Schrei ausstossend, zwei oder drei Purzelbäume in der Luft schlagend, dann verschand er in der Richtung der Jungfrau.
Während langer Zeit war es verboten, über den Drachen zu sprechen, aber eines Tages traf ein Brief, versandt durch den "Bovet de Chine", ein, der besagte, dass der Drache in einem Zug bis nach China geflogen sei.
Aber die Chinesen liebten die Drachen sehr; leider hatte dieser den Mangel, Rauch auszuatmen, nicht abgelegt. Aber sie nahmen ihn gleichwohl liebevoll auf, brachten einen Breiumschlag auf seinem Rücken auf, um seine Verbrennungen zu heilen, und da er auf seinem weiten Weg Zahnschmerzen bekommen hatte, als er durch die Luft flog und die kalte Luft durch seinen Mund strömte, banden sie ihm ein grosses Halstuch um den Kopf und nichts war lustiger anzuschauen, als in den Strassen von Peking einen riesigen Drachen mit einem Halstuch um den Kopf umhergehen zu sehen.
Die Chinesen liebten den Drachen aus Neuenburg so sehr, dass sie ihn auf ihren Briefmarken verewigten und es ist dieser, der jeder Markensammler auf jeder Seite sieht, die China gewidmet ist.
Unglücklicherweise ist ein bisschen Rauch, den er über dem Land von Neuenbrug ausgeatmet hat, weiterhin vorhanden und daher bedeckt jeden Herbst eine dicke Nebeldecke die Stadt und die Umgebung.
Quelle: "Contes neuchâtelois", G. Méautis, Neuchâtel, 1955, übersetzt durch Webmaster
Den Hinweis auf diese hübsche Geschichte verdanke ich einem Artikel im "Steini" vom Juni 2003, der Jugendzeitschrift der Pro Natura
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