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Luchs
Die Rückkehr des Luchses ins Wallis bleibt undurchschaubar. Doch was tut's! Seine Gegenwart verleiht den Wäldern eine urtümliche Atmosphäre. Natürlich bleibt in den meisten Fällen das Erlebnis, ihm zu begegnen, auf das Entdecken seiner Spuren im Schnee, auf das Auffinden von Resten seiner Beute oder auf ein langes Warten im Mondschein einer eiskalten Nacht beschränkt. Aber seine Gegenwart nährt Träume und Sagen, denn dieses Raubtier hinterlässt Spuren wie eine grosse Katze: 7 cm im Durchmesser, sogar 10 cm im Schnee, weil die behaarten Pfoten wenig einsinken. Der normale Schritt ist 70 cm lang, kann aber auch 130-150 cm betragen. Eindrücke beidseits einer Böschung zeugen von einem gewaltigen Sprung, 2 m hoch, fast senkrecht, ohne Anlauf.
Weil der Luchs kaum je zu sehen ist, empfindet man die Aufregung eines Zusammentreffens umso stärker. Wenn ich auch die Dutzende von Rehen, denen ich auf meinen Wanderungen begegnete, vergesse, die Erinnerung an "meinen" Luchs wird nie vergehen. Es war im Dezember 1982, als einer der Adler von Evolène ein erstaunliches Spiel vorführte: mit ausgebreiteten Flügeln Hess er sich fallschirmartig zwischen die Bäume des Waldes von Daillec fallen, tauchte einige Meter weiter wieder auf und verschwand erneut. Nach mehreren solchen Übungen scheuchte er ein Birkhuhn auf, das überstürzt flüchtete. Ich dachte, der Adler habe eine neue Fangmethode entwickelt und gab dem Birkhuhn keinerlei Chance. Doch der König der Lüfte setzte sein Theater fort, am Birkhuhn anscheinend nicht interessiert. Ich glaubte nie verstehen zu können, was sich da abspielte, als der Adler am Anfang eines Lawinenzuges erschien: dort querte ein Luchs, ruhigen Schrittes, ohne sich um die Angriffe des Adlers zu kümmern das Gelände. Das Ganze dauerte nur einen kurzen Moment; die Raubkatze verschwand wieder im Wald, doch ihr Konkurrent in den Lüften zeigte den Standort immer an.
Ein Luchs verzehrt 50 bis 60 Gems-Äquivalente jährlich, also ungefähr ein Stück pro Woche. Um ein solches aufzufressen, kehrt er regelmässig zu seiner Beute zurück und entreisst ihr jedesmal 1 bis 3 kg. Wenn immer möglich, versteckt er die Beute unter einem Busch, unter Ästen oder einem Felsvorsprung, weil sonst Adler, Kolkrabe und Fuchs sich bald bedienen würden. In den ersten Zeiten der Rekolonisation einer Region, wenn verwirrte, leicht zu schlagende Beutetiere reichlich vorhanden sind, kann es geschehen, dass der Luchs zuschlägt, bevor sein erstes Opfer gefressen ist. Das ist vor allem dann der Fall, wenn das Opfer in der Nähe eines vielbegangenen Weges gefallen ist. Eine Luchsbeute erkennt man an folgenden Zeichen: kleinen Beutetieren bricht er das Genick, grösseren beisst er die Kehle durch oder erwürgt sie. Fehlt jedoch der Kopf, war in der Regel ein Fuchs der Täter. Der Luchs zeigt deutliche Vorliebe für Keulen, die er zuerst verzehrt. Eingeweide hingegen verachtet er völlig und überlässt sie dem Kolkraben. Hat man Zweifel, kann man die Haut des Beutestückes abziehen: der Luchs hinterlässt tiefe Krallenspuren im Fleisch, was ein Hund niemals tut.
Nach Haller und Breitenmoser, die Luchse mit Hilfe von Funkpeilung während fast 10 Jahren beobachteten, muss man die Häufigkeit der Beutetiere in der Schweiz in der Reihenfolge Gemsen — Rehe - Schafe sehen. Diese beiden Forscher haben berechnet, dass im Berner Oberland der Luchs kaum mehr als 6 bis 10% der in seinem Lebensraum vorhandenen Beutetiere schlägt. Das kann niemals eine Tierart auslöschen. Aber die Pflanzenfresser werden vorsichtiger und scheuer, schwieriger zu beobachten und zu jagen. Rudel verschieben sich so, dass die Winterfütterung an der Krippe unmöglich wird. Das Reh kann somit nicht mehr in hochgelegenen Tälern überwintern.
Dieser Luchs wurde gefangen, eingeschläfert und in Fesseln gelegt. Die Biologen haben ihn gemessen, gewogen, ihm einen Zahn gezogen, um das Alter zu bestimmen, und ein Halsband aus Plastik mit einem Radiosender umgelegt. Es handelt sich um das Männchen aus dem Turtmanntal, das 1986 eingefangen wurde.
Als wahrer Opportunist jagt der Luchs die sich lohnendste Beute, schont grosse Tiere wie Hirsche und kleine wie Murmeltiere, Hasen, Birkhühner und die seltenen Arten. Grosse und kleine Tiere verlangen allzu anstrengende Jagdbemühungen; und würde er seltene verfolgen, müsste der Luchs Hungers sterben. Deshalb stürzt er sich auf die häufigsten Arten: Gemsen im Wallis, Rehe im Jura.
Als der Adler 1955 geschützt wurde, befürchteten viele Jäger, dass die Murmeltiere verschwinden würden; deshalb bejagten sie den Adler und nahmen seine Horste aus. Irrtum! Als wieder Biber ausgesetzt wurden, glaubten gewisse Naturschützer, die alten Weiden würden verschwinden. Nochmals Irrtum! Mit der Zeit gelangte man zur Einsicht, dass diese Befürchtungen auf Irrtümern, Legenden und übereilten Beobachtungen beruhten.Mit der Wiedereinsetzung früher vorhanden gewesener Arten stellt sich ein neues Gleichgewicht ein, das unsere Umgebung um grössere Vielfalt bereichert, und das ist gut so.
Im Jahr 1980 beherbergte der Eidgenössische Jagdbannbezirk Turtmanntal mehr als 800 Gemsen und 40 bis 50 Rehe auf 35 km2. Ab 1985 fingen zwei mit Radiosendern ausgerüstete Luchse den Grossteil ihrer Beute innerhalb des Bannbezirkes auf einem kleinen Sektor von ungefähr 10 km2, indem sie die Unerfahrenheit der im Wald überwinternden Huftiere ausnützten. In der Folge lernten die auf die halbe Anzahl zurückgegangenen Gemsen sich zu verteilen und sich oberhalb der Wälder aufzuhalten. Die Luchse mussten ihre Gänge und ihren Aktionsradius erweitern. Das Weibchen zog nach Osten bis oberhalb Visp, das Männchen nach Westen bis ins Eifischtal. Die Distanz zwischen zwei Orten aufeinanderfolgender Fänge erweiterte sich von 300 m auf mehr als 3700 m! Wie üblich lebte das Männchen auf einem weit grösseren Gebiet als das Weibchen. Im April, nachdem er dem Weibchen des Tunmanntals gehuldigt hatte, ging er für zwei Wochen bei seiner nächsten Nachbarin im Réchy-Tal zu Besuch. Auf dem Rückweg tötete er einen Schmalhirschen bei Fang.
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