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María Isabel Rodríguez (90) amtet als Gesundheitsministerin von El Salvador. Das vom Schweizer Konzern Syngenta hergestellte Herbizid Paraquat hält sie für mörderisch und will es verbieten.
Im Schatzkästchen persönlicher Erinnerungen bewahrt sie ein Foto von sich an der Seite Fidel Castros auf. Der 1,90 Meter grosse kubanische Staats- und Parteichef legt der 1,57 Meter kleinen Frau mit der grossen Brille den linken Arm um die Schulter, in der Hand eine brennende Zigarre. Sie schmiegt sich eng an seine Galauniform. «Es ist das Foto von Fidels letzter Zigarre», sagt sie und kichert. An jenem Abend in Havanna, im Juli 1986, habe sie ihn davon überzeugt, dass es besser sei, die Finger vom Tabak zu lassen. Er hat das Rauchen tatsächlich aufgegeben.
Während Castro seit 2006 Politrentner ist, wurde die vier Jahre ältere María Isabel Rodríguez 2009 zur Gesundheitsministerin der linken Regierung El Salvadors berufen. Im November wird sie 91 und absolviert noch immer ein Arbeitspensum, das ihre um Jahrzehnte jüngere Sprecherin María Teresa Escalona stöhnen lässt. «Selbst auf die Cocktailempfänge am Abend geht sie noch.» Weil es die Höflichkeit gebietet, nimmt sie sich dort auch ein Glas Wein – und reicht es unauffällig an ihre Sprecherin weiter. María Isabel Rodríguez trinkt nicht. Rauchen tut sie erst recht nicht.
Rodríguez ist die erste Gesundheitsministerin in der 192-jährigen Geschichte ihres Landes. Doch das ist für sie nichts Besonderes. Sie war schon immer die erste Frau: 1949 die erste, die an der medizinischen Fakultät der Nationaluniversität von El Salvador promovierte; später die erste Dekanin dieser Fakultät; von 1999 bis 2007 die erste Universitätsrektorin. Ein Jahr noch, sagt sie. Dann ist die Regierungsperiode vorbei, und selbst wenn der Kandidat der jetzigen Regierungspartei FMLN gewählt werden sollte, wolle sie nicht noch einmal. Sie selbst ist parteilos.
Für dieses letzte Jahr hat sich Rodríguez etwas vorgenommen, das nicht leicht zu erreichen sein wird: Sie will die giftigsten Pestizide per Gesetz verbieten lassen. Allen voran Paraquat, das in El Salvador unter dem Markennamen Gramoxone verkauft wird. Hergestellt wird es vom Schweizer Agrochemiekonzern Syngenta. Rodríguez ist überzeugt, dass dieses giftigste aller Herbizide zusammen mit ein paar weniger giftigen Substanzen wie dem Entlaubungsmittel 2,4-D am Tod Tausender Bauern und Bäuerinnen mitschuldig ist (siehe WOZ Nr. 49/12). Und wenn diese Frau von etwas überzeugt ist, dann setzt sie sich dafür ein, voll und ganz. «Ich werde die Bauern mit meinen Krallen verteidigen», sagt sie und zeigt ihre Fingernägel. Die sind genauso knallrot angestrichen wie ihre Lippen, ein Markenzeichen der alten Dame.
María Isabel Rodríguez hat nie als niedergelassene Ärztin praktiziert, «das hat mich nicht interessiert». Sie war immer in Forschung und Lehre tätig, angetrieben von einer fast kindlichen Neugierde, einem eisernen Willen und tiefem sozialem Empfinden. Ihre Karriere wäre selbst für eine Frau aus der reichen Oligarchie El Salvadors ungewöhnlich gewesen. Sie aber war das einzige Kind einer alleinstehenden Mutter, die sich mit einem kleinen Tante-Emma-Laden durchs Leben schlug. Die Tochter musste von Anfang an für ihre Ziele kämpfen, und sie hat das stets gründlich und systematisch getan. Sie wusste: Den Armen wird nichts geschenkt. Armen Kindern nichts und auch nichts armen Ländern. Ihre Probleme müssen sie selber lösen.
Wellblech statt Palmenstroh
Schon als junge Wissenschaftlerin forschte Rodríguez über die Chagas-Krankheit, eine Parasitenkrankheit, die nur in Mittel- und Südamerika vorkommt, von Raubwanzen übertragen wird und in zehn Prozent aller Fälle tödlich verläuft. Oft treten die Symptome erst ein Jahrzehnt nach dem ansteckenden Insektenbiss auf, weshalb die Ursache lange unbekannt war. Es ist eine reine Armutskrankheit. Sie trifft jene, die in einfachen Hütten leben: Die Wanzen hausen in Palmblätterdächern und in Wänden, die aus einem Gemisch aus Lehm und Stroh gefertigt sind. Rodríguez hat den Verlauf dieser Krankheit jahrelang studiert. Sie wusste, dass sie nicht darauf hoffen konnte, dass sich ein Pharmakonzern aus den Industrienationen der Chagas-Krankheit annehmen würde. Bis heute gibt es keine Impfung. Aber in El Salvador ist sie so gut wie verschwunden. Mithilfe einer Aufklärungskampagne: Dächer aus Palmstroh wurden durch Wellblech ersetzt. Seither weiss Rodríguez: Sozialmedizin hilft oft mehr als die teuersten Geräte.
Ähnlich systematisch geht sie das derzeit drängendste Gesundheitsproblem Mittelamerikas an: chronisches Nierenversagen. Sie forscht nicht mehr selbst an den Ursachen dieser meist tödlich verlaufenden Erkrankung. Aber sie hat in dem Nierenfacharzt Carlos Orantes einen Wissenschaftler gefunden, der genauso gründlich und zäh ist wie sie. Die Ministerin hat ihm ein kleines Forschungsinstitut einrichten lassen und ihm ein Team samt kubanischen Beratern zur Seite gestellt. Er liefert nun die wissenschaftlichen Grundlagen, sie ist für die politischen Konsequenzen zuständig.
Lange dachte man, Wassermangel wegen langer harter Arbeit bei glühender Hitze sei schuld am Nierenversagen. Orantes hat diese Theorie mit gross angelegten Reihenuntersuchungen widerlegt und Pestizide als wesentliche Ursache ausgemacht (vgl. «Das allgegenwärtige Gift»). Was wäre da einfacher als ein Verbot? Rodríguez hat drei Gifte auf ihrer Liste: Paraquat, 2,4-D und Glyphosat. Den Umweltminister und den Landwirtschaftsminister hat sie schon überzeugt. «Aber ich will, dass der Präsident das zu seiner eigenen Sache macht.» Dann sind die Chancen am grössten, dass der Einsatz der Pestizide verboten wird. Sie weiss, dass in diesem Fall die Agrokonzerne und die Importeure aufschreien werden. Aber vor der Chemiebranche fürchtet sich die Ministerin nicht, mit der hat sie sich schon einmal angelegt und gewonnen: Sie setzte als Teil einer Gesundheitsreform Preiskontrollen für Standardmedikamente durch.
Schwieriger als die Konzerne sind ihre KollegInnen, die ÄrztInnen. «Chronisches Nierenversagen ist inzwischen ein grosses Geschäft», weiss sie. Sogar der Vorsitzende der salvadorianischen Vereinigung der Nierenfachärzte habe eine – illegale – Klinik für DialysepatientInnen. «Die brauchen die Krankheit», sagt sie. «Die haben investiert und wollen, dass ihr Geschäft weiterläuft.» Und so würde dieser prominente Kollege öffentlich ihre Forschungsergebnisse anzweifeln. «Argumente hat er nicht.»
Ein Verbot reicht nicht
Immerhin hat Rodríguez inzwischen durchgesetzt, dass die Weltgesundheitsorganisation und die Panamerikanische Gesundheitsorganisation die Existenz dieser besonderen Spielart des Nierenversagens anerkannt haben. Die GesundheitsministerInnen der Region hat sie darauf verpflichtet, gemeinsame Anstrengungen zur Ursachenbekämpfung zu unternehmen.
Man müsse da einfach dranbleiben, zur Not den anderen auf die Nerven fallen und vorgeschobene falsche Argumente einfach überhören. Nicaragua etwa will nicht mitmachen. «Sie haben die Toten, aber den Täter wollen sie nicht kennen», sagt Rodríguez bitter. Das chronische Nierenversagen grassiert in Nicaragua vor allem auf den Zuckerrohrplantagen des reichsten und mächtigsten Unternehmers des Landes.
Die Ministerin lässt sich nicht frustrieren. Sie hat Erfahrung in der internationalen Diplomatie. 1972, als in El Salvador die linke Guerilla stärker wurde und der Bürgerkrieg sich langsam anbahnte, war sie Dekanin der medizinischen Fakultät. Die Nationaluniversität galt als Brutstätte der Revolutionäre. Sie wurde vom Militär besetzt und geplündert, Rodríguez floh nach Mexiko ins Exil. Dort interessierte sich die Panamerikanische Gesundheitsorganisation für die Wissenschaftlerin. Gut zwanzig Jahre lang hat sie für diese Behörde gearbeitet, war – wieder einmal als erste Frau – Abteilungsleiterin und Repräsentantin in verschiedenen Ländern des Kontinents. In rund einem Dutzend Staaten hat sie die Gesundheitsministerien bei der Ausarbeitung von Ausbildungsgängen für ÄrztInnen und medizinisches Personal beraten, unter anderem in Mexiko, Venezuela und der Dominikanischen Republik. Ihre Schwerpunkte waren immer dieselben: Forschung und Sozialmedizin.
In diese Zeit fällt auch ihre kurze Ehe. Natürlich musste es ein Arzt sein: Victor Arnoldo Sutter, damals der zweite Mann der Weltgesundheitsorganisation. Im Dezember 1969 heirateten sie. Rodríguez war 47 Jahre alt, Sutter zwanzig Jahre älter. Das Paar blieb kinderlos, Sutter starb 1974. Er war – wie sollte es anders sein – ein ausgewiesener Sozialmediziner.
Auch jetzt, in ihrem Kampf gegen die Pestizide, setzt die Ministerin mehr auf Sozialmedizin denn auf Gesetze. «Ein Verbot allein wird nicht reichen», sagt sie. «Unsere Grenzen sind porös, das Gift wird immer illegal ins Land kommen.» Ohne Aufklärung sei alles vergebens. Auch dafür hat sie mit ihrer Gesundheitsreform die nötigen Strukturen geschaffen: mobile Teams, die regelmässig auch abgelegene ländliche Gebiete besuchen, die vorher kaum ein Arzt betreten hat. Nicht nur Allgemeinmediziner gehören dazu, sondern auch Fachärztinnen und Gesundheitspromotoren. Deren Aufgabe ist vor allem die vorbeugende Beratung. Aufklärung über Pestizide gehört neuerdings mit zum Programm. In den Gegenden, wo die Krankheit am meisten grassiert, wissen die Leute schon Bescheid. «Sie kennen die Ursache», sagt die Ministerin. «Die führt keiner mehr hinters Licht.»
Paraquat
Das allgegenwärtige Gift
Seit vier Jahren erforscht der Arzt Carlos Orantes die lange als mysteriös geltende Krankheit des chronischen Nierenversagens, der in Mittelamerika im vergangenen Jahrzehnt mindestens 25 000 Menschen zum Opfer gefallen sind. Orantes hat 5000 Menschen in El Salvador untersucht, in der heissen Küstenebene genauso wie im kühlen hohen Bergland.
Sechzig PatientInnen hat er von Kopf bis Fuss von 22 verschiedenen SpezialistInnen untersuchen lassen, inklusive einer Biopsie der Nieren. Orantes weiss, wo die Krankheit angreift und wie sie sich entwickelt. Und er hat die bislang verbreitete Erklärung für das Auftreten der Krankheit widerlegt: «Dehydrierung aufgrund von körperlicher Arbeit in grosser Hitze ist nicht ursächlich für das chronische Nierenversagen», sagt er. Sie könne lediglich den Verlauf der schon bestehenden Krankheit beschleunigen.
Der wahren Ursache des Massensterbens kam Carlos Orantes durch Ausschluss aller anderen möglichen Faktoren auf die Spur. Am Ende seiner Untersuchungen blieben nur noch Pestizide übrig, allen voran das weltweit giftigste: das vom Schweizer Konzern Syngenta unter dem Markennamen Gramoxone hergestellte und vertriebene Paraquat.
Rückstände davon hat Carlos Orantes überall in ländlichen Gebieten gefunden, in Bodenproben genauso wie im Wasser. Und die Bauern und Bäuerinnen erzählten ihm, wie sorglos sie Paraquat einsetzten – ohne die nötige Schutzkleidung. Die bislang in elf Dörfern vorgenommene Studie soll nun auf das ganze Land ausgedehnt werden.
Toni Keppeler
Nachtrag vom 12. September 2013: Syngentas giftigstes Herbizid verboten
Weit über 20 000 Menschen mussten in Zentralamerika sterben, bis etwas geschah: Letzte Woche verbot das Parlament von El Salvador 53 Pestizide. Sie sollen in den kommenden beiden Jahren durch Produkte ersetzt werden, «die ungefährlich sind für Mensch und Natur». An erster Stelle der verbotenen Substanzen steht Paraquat, das derzeit weltweit bei weitem giftigste Herbizid, das in El Salvador vom Schweizer Konzern Syngenta unter dem Markennamen Gramoxone vertrieben wird. Reihenuntersuchungen des Gesundheitsministeriums hatten ergeben, dass Paraquat zusammen mit anderen Pestiziden ursächlich ist für das in ländlichen Gebieten massenhaft auftretende und oft tödlich endende chronische Nierenversagen. In der Schweiz ist Paraquat seit 1989 verboten.
Das von Gesundheitsministerin María Isabel Rodríguez ausgearbeitete Gesetz stösst auf heftigen Widerstand der Agrarlobby. Das Paraquat-Verbot führe die Landwirtschaft «direkt in den Bankrott», sagte Jaime Auerbach, der Vorsitzende der Vereinigung der Zuckerrohrproduzenten. Andere Agrarverbände malten den Verlust von über 300 000 Arbeitsplätzen an die Wand. Die Lebensmittelproduktion El Salvadors werde um bis zu achtzig Prozent zurückgehen. Die Rechtspartei Arena, die sich traditionell für die Interessen der Agroindustrie starkmacht und gegen das Verbot gestimmt hatte, sprach von einem «infamen Attentat auf die Landwirtschaft». Mit dem Geschrei soll Präsident Mauricio Funes dazu gedrängt werden, das Gesetz ans Parlament zurückzuschicken.
In den Nachbarländern ist Paraquat weiterhin zugelassen. Das Gesundheitsministerium will mit einer Aufklärungskampagne die Landbevölkerung davon abhalten, die Gifte in Zukunft als Schmuggelware zu kaufen.
Toni Keppeler
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