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Mandarinente
Aix galericulata
© 1987 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Die Mandarinente (Aix galericulata) gehört zur Familie der Entenvögel (Anatidae), die sich aus insgesamt 149 Arten von Enten, Gänsen, Schwänen und Sägern zusammensetzt. Wie alle ihre Verwandten ist die Mandarinente vorzüglich an das Leben am und auf dem Wasser angepasst. So umschliesst ihr ständig gut eingefettetes, wasserabstossendes Gefieder ein Luftpolster, dank dem sie wie eine Boje auf dem Wasser treibt und ihr Körper selbst nach stundenlangem Aufenthalt im Wasser stets trocken bleibt. Zwischen ihren Zehen befinden sich Schwimmhäute, so dass die gespreizten Füsse eine wirkungsvolle Ruderfläche abgeben. Ihr Körper ist abgeflacht und darum auch bei Wind und Wellengang nur schwer aus dem Gleichgewicht zu bringen. Und schliesslich besitzt sie den typischen, am Rand mit Hornlamellen versehenen Entenschnabel, mit dem sich Nahrungsteilchen aus dem Wasser sieben lassen: Bei der Nahrungssuche auf dem Wasser wird der Schnabel fortwährend ein wenig geöffnet und wieder geschlossen. Dabei zieht die Zunge das Wasser durch die Schnabelspitze ein und quetscht es dann bei geschlossenem Schnabel zwischen den Lamellen wieder hinaus, wobei kleine Futterteilchen zurückgehalten werden. Man nennt diese «schnatternde» Nahrungsaufnahme «Seihen».
Innerhalb der Familie der Entenvögel gehört die Mandarinente zur Gattungsgruppe der Glanzenten (Cairinini). Das Kennzeichen der Glanzenten sind - neben ihren metallisch glänzenden Gefiederpartien - ihre spitzen Krallen, die es ihnen ermöglichen, sich auf Ästen festzuhalten. Mühelos vermögen sie selbst auf bleistiftdünnen Zweigen zu sitzen, was für Enten eher ungewöhnlich ist. Mit dieser Fähigkeit verbunden ist die Angewohnheit der Glanzenten, mehrere Meter über dem Boden in Baumhöhlen zu nisten, wo das Gelege vor Nesträubern wesentlich sicherer ist als am Boden. Charakteristisch ist schliesslich auch der merkwürdige Gang der Glanzenten: Er wirkt fast hinkend, da die Vögel nur bei jedem zweiten Schritt mit dem Kopf nicken.
Die schönste Ente der Welt
Die männliche Mandarinente gilt als eine der schönsten Enten der Welt - für manche Liebhaber sogar als die schönste überhaupt. Tatsächlich sind Färbung und Musterung des Mandarinerpels dermassen vielfältig, dass man mehrere Seiten füllen müsste, wollte man sämtliche Einzelheiten festhalten. Erwähnenswert sind vor allem der in verschiedenen Farben metallisch glänzende Scheitel, der leuchtend orangefarbene «Backenbart», die schwarzviolett schillernde Brust, die schwarzweisse Bänderung auf der Flanke, der hellrote Schnabel mit der weissen Spitze und nicht zuletzt die hellorangen, verlängerten Innenfahnen der Schulterfedern, die wie Segel über dem Rücken aufgerichtet werden. Diesem ungemein vielfältigen, von Schwarz und Orange geprägten Gefieder verdankt die Mandarinente übrigens ihren Namen: Es erinnert nämlich an die reich verzierte traditionelle Kleidung der hohen chinesischen Staatsbeamten, der Mandarine.
Im Gegensatz zu den farbenprächtigen Männchen tragen die weiblichen Mandarinenten ein ziemlich schlichtes Federkleid, in welchem stumpfe Braun- und Grautöne vorherrschen. Diese bemerkenswerte Verschiedenheit im Aussehen der beiden Geschlechter ist Ausdruck der Aufgabenverteilung zwischen Männchen und Weibchen: Die Männchen sind «zuständig» für die Partnerfindung sowie die Verteidigung des Nestplatzes und tragen darum ein möglichst auffälliges und eindrucksvolles Gefieder zur Schau. Den Weibchen hingegen fällt die Aufgabe des Brutgeschäfts zu, für welches ein möglichst unauffälliges, tarnendes Kleid am sinnvollsten ist.
Die Männchen besitzen ihr Prachtgefieder nur während der «Verlobungs»-, Paarungs- und Brutzeit. Gegen Herbst, bevor sie ihre Reise ins Winterquartier antreten, mausern sie sich und sehen dann bis zur nächsten Verlobungszeit den Weibchen sehr ähnlich. Der rotweisse Schnabel ist aber auch im Ruhekleid untrügliches «Wahrzeichen» der Männchen.
Auf beiden Seiten des Erdballs zu Hause
Die Heimat der Mandarinente sind die nördlich von Japan gelegenen, zur Sowjetunion gehörenden Kurilen-lnseln sowie die Insel Sachalin, ferner Japan, Nord- und Südkorea und die nordöstlichen Provinzen Chinas. Hier verbringen die Vögel das Sommerhalbjahr und ziehen ihre Jungen auf. Die Winterquartiere befinden sich weiter südlich auf der zu Japan gehörenden Ryukyu-lnselkette, auf Taiwan und in den südöstlichen Provinzen Chinas. Einige Mandarinenten bleiben den Winter über allerdings auch in Japan und auf der Korea-Halbinsel in Regionen mit verhältnismässig mildem Klima.
Längst sind diese ostasiatischen Mandarinenten nicht mehr die einzigen wildlebenden Vertreter ihrer Art. Seit langem leben auch auf der entgegengesetzten Seite des Erdballs - in Grossbritannien und in den Vereinigten Staaten von Amerika - Mandarinenten in freier Wildbahn. Es handelt sich um Populationen, die von gefangengehaltenen Vögeln abstammen. Mandarinenten wurden in der westlichen Welt schon früh von Wasservogel-Liebhabern gehalten und gezüchtet. Von Zeit zu Zeit vermochten wohl einige dieser Tiere zu entweichen, fanden ihnen zusagende Lebensbedingungen und konnten so - fern von ihrer Heimat - neue Brutpopulationen bilden. Da die Winter in England und Nordamerika weniger streng sind als in Ostasien, haben die «westlichen» Mandarinenten interessanterweise ihren Zuginstinkt verloren und sich zu Standvögeln entwickelt, die das ganze Jahr über am selben Ort leben.
Vorwiegend in der Dämmerung rege
Die Mandarinente bewohnt Flüsse, Bäche, Seen und Weiher jeglicher Art und Grösse. Sie ist ein eher scheuer Vogel und hält sich vorzugsweise an Uferstrecken mit dichtem Pflanzenwuchs auf. Schon bei der geringsten Beunruhigung «verschwindet» sie unauffällig unter der Deckung bietenden Vegetation. Bei direkter Bedrohung vermag sie aber auch mit Leichtigkeit sowohl vom Land wie vom Wasser abzuheben und sich mit raschem Flügelschlag und grosser Wendigkeit in Sicherheit zu bringen.
Den Tag über ruht die Mandarinente gewöhnlich an einem schattigen Ort in Ufernähe. Auf Nahrungssuche geht sie vorwiegend in der Morgen- und in der Abenddämmerung. Dabei erweist sich die hübsche Ente als überhaupt nicht wählerisch; sie nimmt so ziemlich alles, was ihr bei der Nahrungssuche an Essbarem «über den Weg läuft»: Von Sämereien, Nüssen, Eicheln und Getreidekörnern über Würzelchen, Schösslinge und Wasserpflanzen bis hin zu Insekten, Würmern und Fischlaich. Die Zusammensetzung ihrer Kost richtet sich nach dem aktuellen Nahrungsangebot und ist darum starken jahreszeitlichen Schwankungen unterworfen.
Auch hinsichtlich der Art und Weise des Nahrungserwerbs ist die Mandarinente wenig spezialisiert: Im Wasser schwimmt sie eifrig seihend umher oder «gründelt» mit untergetauchtem Vorderkörper; an Land spaziert sie «weidend» umher, pickt nach Nahrungsdingen im Gebüsch oder hascht beflissen nach Kleintieren.
Die Jungen sind vom ersten Tag an selbständig
In Ostasien erscheinen die Mandarinenten-Paare zwischen März und Mai - von ihren Winterquartieren her kommend - in den Brutgebieten. Dort machen sie sich sogleich auf die Suche nach einem geeigneten Nistplatz. Als solche kommen Höhlen und Nischen in Bäumen, vermodernden Baumstrünken oder am Boden liegenden Baumstämmen in Frage, die sich in Gewässernähe befinden. Bei der Wahl des Nistplatzes ist vor allem das Weibchen aktiv. Die Verteidigung des Platzes gegenüber rivalisierenden Artgenossen obliegt dann hauptsächlich dem Männchen. Oftmals verwenden Mandarinenten-Paare über Jahre hinweg immer wieder denselben Nistplatz.
Das Weibchen polstert den Nistplatz mit Gras und Daunenfedern sorgfältig aus. Dann legt es neun bis zwölf weisse, manchmal auch gelbliche Eier hinein. Das Bebrüten der Eier wird zur Hauptsache vom Weibchen ausgeführt: Es verbringt jeweils die ganze Nacht und rund achtzig Prozent des Tages auf den Eiern. Das Männchen hält derweil in der Nähe des Nests Wache und löst das Weibchen vorübergehend ab, wenn dieses auf Nahrungssuche geht.
Nach einer Brutzeit von 28 bis 30 Tagen schlüpfen die Küken. Sie sind oberseits braun, unterseits beigefarben und weisen einen dunklen Augenstreifen sowie einen weissen Fleck hinter dem Ohr auf. Sie gehören zu den am besten entwickelten Nestflüchtern in der Vogelwelt: Schon bald nach dem Schlüpfen verlassen sie das Nest, wobei ihnen die scharfen Krallen an ihren Zehen sehr dienlich sind. Wenige Stunden nach dem Schlüpfen vermögen sie bereits zu schwimmen, und sie ernähren sich vom ersten Tag an selbständig. Das Elternpaar hat lediglich die Aufgabe, seine Jungen vor Feinden zu schützen.
Sechs Wochen nach dem Schlüpfen lösen sich die Jungen bereits von ihren Eltern. Sie schliessen sich dann mit anderen Mandarinenten zu grossen Schwärmen von manchmal bis zu hundert Tieren zusammen. Zwischen August und September ziehen diese Schwärme nach Süden und weichen so dem strengen Winter in ihrer Heimat aus.
Mandarinenten als Hochzeitsgeschenk
Die Mandarinente hat wie die meisten Wasservögel ein wohlschmeckendes Fleisch und wird darum in Ostasien von alters her gern vom Menschen gejagt und verspeist. Neben diesem eher «weltlichen» Verhältnis zwischen Mensch und Mandarinente gab es während Jahrhunderten durchaus auch gefühlsbetonte Beziehungen. So wurde beispielsweise noch bis in die jüngste Zeit hinein bei traditionellen chinesischen Hochzeiten dem Brautpaar ein zahmes Mandarinentenpaar geschenkt. Es sollte die eheliche Treue symbolisieren, die bei dieser Vogelart besonders ausgeprägt ist. Männchen und Weibchen gehen nämlich oftmals eine so starke Partnerbindung ein, dass sich verwitwete Vögel bis zu ihrem Tod nicht mehr verpaaren. Darüberhinaus wurde die Mandarinente ihres prachtvollen Gefieders wegen von den chinesischen Malern gern auf ihren Gemälden dargestellt.
Lebensraumverlust lässt die Bestände schrumpfen
In Ostasien machen der Mandarinente heute die krassen Veränderungen ihres natürlichen Lebensraums sehr zu schaffen. In allen Bereichen ihres Verbreitungsgebiets werden Wasserläufe begradigt, Feuchtgebiete trockengelegt und Wälder und Dickichte gerodet, um neues Kulturland für die stark anwachsende menschliche Bevölkerung zu gewinnen. Der scheuen Mandarinente wird dadurch auf breiter Front die Lebensgrundlage entzogen.
Tragischerweise besitzen Mandarinenten eine sehr starke Bindung an ihre traditionellen Brutplätze. Jedes Jahr kehren die Tiere bei ihrer Ankunft aus den Winterquartieren genau an die Stelle zurück, an der sie im vorangegangenen Jahr ihre Jungen aufgezogen haben beziehungsweise an der sie zur Welt gekommen sind. Ist in der Zwischenzeit ihr Brutgebiet zerstört worden, so verbringen sie den Sommer trotzdem an diesem Ort und machen keine Anstalten, nach einem neuen Nistplatz Ausschau zu halten.
Die Bestände der Mandarinente sind darum in den letzten Jahrzehnten ständig zurückgegangen. In Japan gab es 1985 nur noch schätzungsweise 8000 bis 9000 der schmucken Vögel. In China umfasste die Brutpopulation 1983 sogar höchstens noch 500 Vögel. Über die Bestände in der Sowjetunion und auf der Korea-Halbinsel ist nichts näheres bekannt, doch dürften auch sie stark gelitten haben. Da ist es nur ein schwacher Trost, dass heute in England rund 2400 Mandarinenten in freier Wildbahn leben.
Der Internationale Rat für Vogelschutz (ICBP) beabsichtigt, die Mandarinente auf die Rote Liste der bedrohten Vogelarten zu setzen. Damit soll deutlich gemacht werden, dass eine genaue Abklärung der Situation dieser Entenart in ihrer Heimat und die Erarbeitung eines realistischen Schutzkonzepts dringend notwendig sind.
Eine wesentliche Schutzmassnahme dürfte zweifellos die Ausweisung von Schutzgebieten sein. Zwar besitzen China, Südkorea, Japan und die Sowjetunion bereits ein paar grossflächige Reservate, in denen die Mandarinente nebst vielen anderen Tier- und Pflanzenarten ein gesichertes Zuhause gefunden hat. Es müssen aber dringend weitere Schutzgebiete geschaffen werden. Im Rahmen des UNESCO-Programms «Man and Biosphere» sowie der Ramsar-Konvention, eines internationalen Abkommens zum Schutz der Feuchtgebiete, könnte den fernöstlichen Regierungen fachliche und finanzielle Hilfe gewährt werden bei ihren Bemühungen, Naturlandschaften von herausragender Bedeutung zu erkennen und unter Schutz zu stellen.
Man darf allerdings nicht vergessen, dass es mit dem Schutz der Brutgebiete der Mandarinente allein noch nicht getan ist. Wie bei allen Zugvögeln ist es unabdingbar, dass die Tiere auch entlang ihrer Zugrouten und in ihren Winterquartieren Schutz finden. Verträge, die den Schutz gemeinsamer Zugvogelarten zum Inhalt haben, existieren bislang nur zwischen China und Australien, Japan und Australien sowie der Sowjetunion und Indien. Es ist unbedingt erforderlich, dass baldmöglichst zwischen sämtlichen Ländern des Fernen Ostens derartige Verträge abgeschlossen werden. Vorbild hierfür könnte die Bonner Konvention sein, welche unter anderem die Zugvogelrouten zwischen Europa und Afrika schützt. Es ist angeregt worden, der Bonner Konvention anlässlich der im Sommer 1988 stattfindenden Konferenz zum Thema «Internationaler Zugvogelschutz» globale Gültigkeit zu verschaffen. Sollte dies tatsächlich glücken, so sähe nicht zuletzt die Zukunft der Mandarinente ein gutes Stück besser aus.
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