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Quelle: Jahrbuch der Stadt Wädenswil 1998 von Prof. Dr. Albert Hauser
1898: Ein Dorf befindet sich im Auf- und Umbruch, Zukunftsfreude unbegrenzter Optimismus dominieren. «Ein neues Zeitalter ist angebrochen», meinte ein Einsender in den bei Stutz erscheinenden «Nachrichten vom Zürichsee». «Es ist», so schreibt er, «das goldene Zeitalter für Billig-Magazine, für französische und deutsche Waren, für Ausverkäufe, für Reklame, Plakate und anderen Schwindel. […] Es gibt viele Leute, die meinen, sie seien gebildete, feine Leute, weil sie französische und deutsche Sachen kennen und kaufen, aber geringschätzig über die Leistungen unseres einheimischen Gewerbes urteilen».
Wie der Zeitgeist die einst einfachen ländlich-bäuerlichen Lebensverhältnisse umgestaltet hat, ist am Wandel des Dorfbildes abzulesen. Es entstanden Bauten wie das ehemalige Postgebäude (1896) und wenig später das Warenhaus «Zum Merkur». Beide Gebäude befinden sich an der Seestrasse. Nicht alles was neu gebaut wurde war «schön» und hatte Bestand. Quantität ging vor Qualität: Zwischen 1890 und 1910 entstanden nicht weniger als 293 Bauten mit 705 Haushaltungen.
Heinrich Kühne, der Gründer des Malergeschäfts, mit Sohn Heinrich.
Angesichts der sich mehrenden Aufträge erholte sich das Gewerbe, das bis dahin ohne sprichwörtlich goldenen Boden dahingeserbelt hatte, einigermassen. Und die Arbeiter hatten mehr Geld in ihrer Lohntüte; sie verdienten aber immer noch sehr wenig. Um 1898 verdiente ein Malergeselle im Durchschnitt 23 Rappen pro Stunde. Ein Pfund Brot kostete damals 25 Rappen. Um es kaufen zu können, musste er 1 Stunde und 5 Minuten arbeiten. Ein Pfund Rindfleisch kostete 70 Rappen. Der Arbeitsaufwand dafür betrug mehr als 3 Stunden. Ein Pfund Butter hatte den stolzen Preis von 1 Franken 30 Rappen. Der Arbeitsaufwand dafür war entsprechend gross, nämlich 5 Stunden 39 Minuten. Ein Malermeister verdiente Ende des 19. Jahrhunderts durchschnittlich 60 Rappen pro Stunde. Der Arbeitsaufwand betrug folglich 25 Minuten für ein Pfund Brot und 1 Stunde 10 Minuten für ein Pfund Rindfleisch. Für 1 Pfund Butter arbeitete er zwei Stunden und 10 Minuten. Heute muss ein angestellter Maler bei einem angenommenen Stundenlohn von 28 Franken für ein Pfund Brot nach 5 Minuten arbeiten. Für ein Pfund Rindfleisch beträgt der Arbeitsaufwand 26 Minuten und für 1 Pfund Butter gerade noch 17 Minuten. Fazit: Ein Angestellter kann sich heute mehr leisten als ein Meister vor hundert Jahren. Dem Malermeister von 1898 ging es zwar deutlich besser als seinen Gesellen, nach heutigen Massstäben war er aber sehr schlecht honoriert.
Heinrich Kühne Senior eröffnete 1898 im Haus Luftstrasse 27 ein eigenes Malergeschäft.
Heinrich Kühne Junior übernahm im Jahre 1918 das Geschäft des Vaters.
Dessen war sich Heinrich Kühne, als er im Herbst 1898 an der Luftstrasse 27 in Wädenswil ein eigenes Geschäft eröffnete kaum bewusst. Vom Schicksal war er nicht verwöhnt. Die schlechten Lebensbedingungen hatten ihn einst gezwungen, seinen Wohnort Innsbruck zu verlassen und in der Schweiz Arbeit zu suchen. Doch er war tüchtig und fleissig, deshalb stellte ihn sein Arbeitgeber, der Wädenswiler Malermeister Hans Römer, als Vorarbeiter an. Trotz kleinem Lohn hatte Heinrich Kühne soviel Geld auf das «Sparheftli» beiseite tun können, dass er den Schritt zum selbständigen Unternehmer wagen konnte. Aber der Anfang war beschwerlich: Malergesellen anzustellen rentierte nicht. Glücklicherweise hatte er eine sehr arbeitsame Frau, der er keinen Lohn bezahlen musste. Sie laugte alte Möbel ab und entrostete Gartenzäune, um sie neu anzustreichen. In dieser Zeit ging Heinrich Kühne seinen Kunden nach. Darunter waren zum Glück einige bedeutende wie die Brauerei Wädenswil. Zum geschäftlichen Erfolg gesellte sich familiäres Glück: Im Jahr 1901 wurde Heinrich Kühne Junior geboren. Sein Vater förderte ihn, wo er konnte. Nach der Primar- und Sekundarschule durfte er – damals sicher keine Selbstverständlichkeit – die Kunstgewerbeschule in Zürich besuchen, wo er als begabter Zeichner bald auffiel. Als 17-jähriger verlor er seinen Vater. Dieser hatte die Fahrt auf einem holprigen Fuhrwerk ins Zürcher Kantonsspital nach einer langen Krankheit nicht überlebt. Der junge Mann übernahm 1918 das elterliche Geschäft, von dem mehr Passiven als Aktiven vorhanden waren, hatte doch der Erste Weltkrieg seine deutlichen Spuren hinterlassen. Nach einigen Jahren konnte Kühne dank grossem Engagement einige Malergesellen und zwei Lehrbuben anstellen, und im Jahre 1934 reichten seine Mittel soweit, dass er an der Buckstrasse eine grössere Werkstatt mieten konnte. Er verfeinerte kontinuierlich seine Maltechnik, so dass er für die damals hoch geschätzten Holzimitationen weit herum bekannt wurde. Die Kostbarkeiten hatten aber ihren Preis. So musste ein Kunde laut Malermeistertarif von 1920 für einen «zweiplätzigen Waschtisch mit imitierter Marmor-, Strich- oder Holzplatte» nicht weniger als 10 Franken und 50 Rappen bezahlen. Für eine «Chiffonnière in einem Ton» bezahlte man 20 Franken.
Der heutige Inhaber des 100jährigen Malergeschäfts, Rainer Kühne (links) und Sohn André, der das Familienunternehmen einst weiterführen wird.
Seit 1964 ist die Liegenschaft Schlossbergstrasse 9 der Geschäftssitz.
Doch dann kam der Zweite Weltkrieg mit all seinen Folgen. Zum Glück erholte sich die Wirtschaft allen pessimistischen Prognosen zum Trotz nach 1945 verhältnismässig schnell. Als Rainer Kühne nach der Malerlehre und Ausbildung an Abendkursen an der Kunstgewerbeschule Zürich das väterliche Geschäft übernahm, hatte er es verglichen mit seinem Vater ein wenig einfacher. Doch auch ihm fielen die Trauben nicht in den Mund. Harte Arbeit und Sparsamkeit waren die Devise. Die Kunden wurden, weil der Vater kein Auto anschaffen wollte, zu Fuss oder mit dem Fahrrad aufgesucht. Vater Kühne ging selber mit gutem Beispiel voran: Er pedalte auf seinem Fahrrad mit den Farbkübeln auf dem Gepäckträger während Wochen zur Arbeit ins Kraftwerk Waldhalde an der Sihl. Ferien gab es für Rainer Kühne keine. Nach zehn Jahren erhielt er drei Tage «Urlaub» für seine Hochzeitsreise ins Tessin. Samstagarbeit war selbstverständlich, und man war froh, wenigstens am Sonntag nicht mehr in die Werkstatt gehen zu müssen. Gemäss seinen Vorfahren und seinen Vorbildern getreu, konnte Rainer Kühne um 1964 das Meisterdiplom erwerben. Zur gleichen Zeit kaufte er die Liegenschaft an der Schlossbergstrasse 9. Die Firma Kühne und Sohn, wie sie sich von da an offiziell nannte, beschäftigte acht bis zehn Maler. Dank guten Ergebnissen konnten moderne Spritz und Reinigungsmaschinen gekauft werden. Leider erlebte Vater Heinrich Kühne das 75-jährige Jubiläum nicht mehr. Er starb am 5. Juni 1973 im Alter von 71 Jahren in seinem Geburtshaus an der Luftstrasse 27. Nach seinem Tode baute Rainer Kühne sein Geschäft mit grosser Umsicht und Tatkraft weiter aus, sodass im Jubiläumsjahr 1998 nicht weniger als zwölf bestens ausgewiesene Mitarbeiter und drei Lehrlinge in diesem Betrieb tätig sind. Stolz war Rainer Kühne auch, als ihm schwierige und anspruchsvolle Aufgaben wie die Renovation der Kirche Wädenswil und Hütten übertragen wurden. Ohne grosse Investitionen ging es aber nicht. Die neue Spritzkabine erbrachte zwar grosse Leistungen, gleichzeitig hatte sie den strengen Anforderungen der Umweltnormen zu entsprechen und war deshalb sehr teuer. Die Zukunft des traditionsreichen Betriebes scheint heute gesichert. Neben seinem Sohn André, der das Geschäft übernehmen wird, arbeitet auch der Schwiegersohn Robertino Speranza an vorderster Front mit. Das Familienunternehmen Kühne mutet wie ein Modell an: Ein Gewerbebetrieb aus kleinen und schwierigen Anfängen kommend, überwindet dank Einsatz, Wagemut und unternehmerischem sowie innovativem Denken alle Schwierigkeiten und Hemmnisse. Es geht offenbar auch ohne Grossbetrieb oder Fusion. Der Erfolg wird nicht mit quantitativen, sondern qualitativen Massstäben gemessen. Grösse kann sich auch in einem kleinen Betrieb, einem Familienunternehmen, einem Malergeschäft manifestieren.