Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03260.jsonl.gz/340

Die Schweizer lieben die Sprache ihrer Bergler. Unglaubliche 92 Prozent befürworteten in einer nationalen Volksabstimmung 1938 die Anerkennung des Rätoromanischen als vierte Landessprache. Trotzdem ist die Sprache aus dem Kanton Graubünden gefährdet.
Rätoromanisch entstand zur Zeit der alten Römer aus der Vermischung von Volkslatein mit keltischen und rätischen Sprachen im Schweizer Bergkanton Graubünden. Es wird heute nur noch von etwa 0,5 Prozent der Schweizer Bevölkerung gesprochen und gilt laut Atlas der gefährdeten Sprachen der UNESCOexterner Link als gefährdete Sprache.
Fehlende Basisdemokratie rächt sich in der Schweiz
Seit Jahren tobt ein Streit darüber, welches Rätoromanisch im öffentlichen Leben verwendet oder an den Schulen unterrichtet werden soll: Eines der fünf Idiome oder die Kunstsprache "Rumantsch Grischun"? Bund und Kanton verwenden die Kunstsprache. Auch die romanische Dachorganisation (Lia Rumantschaexterner Link) setzt sich für das Rumantsch Grischun ein. Sie stützte den Kanton, als dieser 2003 aus Spargründen beschloss, Lehrmittel nur noch auf Rumantsch Grischun herauszugeben. Die Dachorganisation gilt aber als demokratisch schwach legitimiert. Und in der Schweiz rächt sich das schnell: Die romanischsprachige Bevölkerung ist wenig überzeugt vom Rumantsch Grischun und wehrte sich mit Initiativen und Gerichtsverfahrenexterner Link. Es wurde der Verein "Pro Idiomsexterner Link" gegründet, der die Gegenbewegung anführt. Inzwischen wird an einigen Schulen wieder ein Idiom unterrichtet.Infobox Ende
Der erste Grund, warum Rätoromanisch bedroht ist, liegt in der Zerstückelung der Sprache: Wegen der Abgeschiedenheit der Täler entwickelten sich über die Jahrhunderte zahlreiche rätoromanische Dialekte und fünf (!) verschiedene Schriftsprachen (Idiomeexterner Link). Dies erschwert den Erhalt der Sprache. Deshalb wurde 1982 künstlich eine gemeinsame Schriftsprache entwickelt, das "Rumantsch Grischun". Diese Kunstsprache soll das Überleben des Rätoromanischen sichern, ist aber hoch umstritten (siehe Box).
Ein weiterer Grund ist geographischer Natur: Rätoromanisch wird in besonders alpinen Gebieten gesprochen, in denen es wenige Berufsmöglichkeiten gibt. Die Folge: Junge Menschen wandern in die Deutsch- oder Westschweiz ab. Dort assimilieren sie sich.
Umgekehrt müssen zuziehende Deutschschweizer kein Rätoromanisch lernen, um sich in den romanischsprachigen Dörfern zu integrieren: "Jeder Rätoromane ist gleichzeitig auch ein Deutschschweizer", erklärt der Rätoromane Corsin Bisazexterner Link, der als Jurist am Zentrum für Demokratie Aarau zum Thema "Rätoromanische Sprache und direkte Demokratieexterner Link" geforscht hat. Die meisten Rätoromanen sind perfekt zweisprachig.
Von Bauern- zu Jugendsprache
Hat Rätoromanisch unter diesen Umständen überhaupt eine Zukunft oder wird die Sprache aussterben? Bisaz will sich nicht mit einer Prognose auf die Äste hinauswagen. Nur so viel sagt er: "Vor 100 Jahren sagte man auch, die Sprache sterbe aus, und heute gibt es sie noch immer!"
Nicht nur das, sondern das Image der Sprache hat sich auch verbessert. Rätoromanisch galt lange als Bauernsprache. "Vor 20 Jahren schämte man sich, Rätoromanisch zu sprechen", erzählt Bisaz. "Heute ist das anders: Es gibt sogar eine rätoromanische Hip-Hop-Bandexterner Link!"
Auch die Musikerin Bibi Vaplanexterner Link singt ausschliesslich auf Rätoromanisch.
Rätoromanisch mit Volksabstimmungen retten?
Auf den ersten Blick könnte man meinen, die direkte Demokratie sei der beste Freund des Rätoromanischen: Bereits 1938 anerkannte die Stimmbevölkerung in einer nationalen Abstimmung mit 91,6% Ja-Stimmen Rätoromanisch als vierte Landessprache – selten war ein Verdikt an den Urnen so eindeutig. In romanischen Dörfern läuteten an diesem Tag die Kirchenglocken.
In einer weiteren nationalen Volksabstimmung von 1996 wurde Rätoromanisch mit einer 76-Prozent-Mehrheit als Teilamtssprache des Bundes anerkannt. Das heisst: Rätoromanisch sprechende Bürger und Bürgerinnen können mit den Bundesbehörden auf Rätoromanisch korrespondieren, und bestimmte Regierungstexte (wie beispielsweise das Abstimmungsbüchlein) werden auf Rumantsch Grischun publiziert. Vor 1996 war der Kontakt mit den Schweizer Behörden bloss auf Französisch, Deutsch und Italienisch möglich.
Die Resultate der nationalen und kantonalen Volksabstimmungen zeigen, dass die Schweizer Bevölkerung dem Rätoromanischen ziemlich wohl gesinnt ist. Und zwar im Allgemeinen auch dort, wo gar kein Rätoromanisch gesprochen wird.
In zentralistischen Ländern ohne direkte Demokratie, wie beispielsweise Frankreich, sind lokale Minderheitssprachen stark verdrängt worden. Ist die direkte Demokratie also der Rettungsanker für Rätoromanisch? Corsin Bisazexterner Link vom Zentrum für Demokratie Aarau winkt ab: "Eine Sprache kann man nicht mit Instrumenten retten, auch nicht mit der direkten Demokratie." Aber man könne mit der direkten Demokratie Grundfragen klären, beispielsweise die Frage zur umstrittenen Kunstsprache Rumantsch Grischun (siehe Box).
Rätoromanisch lernen
In der Schweiz bieten zahlreiche Sprachschulen Kurse für Rätoromanisch als Fremdsprache an. Es gibt ein elektronisches Wörterbuchexterner Link der fünf Idiome und Rumantsch Grischun. Auf www.romontsch.chexterner Link finden Sie Lernprogramme, Apps und Hörproben. An den Universitäten Freiburgexterner Link, Genfexterner Link und Zürichexterner Link kann Rätoromanisch studiert werden.Infobox Ende
Abstimmen sollen nur die Betroffenen
Laut Bisaz kann die direkte Demokratie im Falle von Rätoromanisch sogar nachteilig sein, weil die Rumantschia (die Rätoromanisch sprechende Bevölkerung) im Kanton Graubünden in der Minderheit sei. "Die Deutschschweizer im Kanton Graubünden sind eher für die Kunstsprache Rumantsch Grischun, während die Rätoromanen selbst tendenziell ihre Idiome bewahren wollen." Da stelle sich die Frage, ob ein kantonaler Volksentscheid überhaupt legitim sei.
Am besten fände es Bisaz, wenn die ganze Rumantschia in der Schweiz über die Frage abstimmen würde, zum Beispiel mittels elektronischer Abstimmung. Es sei immer schon eine Stärke der Schweiz gewesen, die Direktbetroffenen entscheiden zu lassen. Dass nicht der Wohnsitz für die Stimmberechtigung entscheidend ist, sondern die Sprachzugehörigkeit, wäre in der Schweiz jedoch ein Novum. "Staatrechtlich ist mein Vorschlag utopisch", gibt Bisaz denn auch zu.
So unterschiedlich sind die rätoromanischen Idiome
Deutsch: Der Fuchs war wieder einmal ausgehungert.
Rumantsch Grischun: La vulp era puspè ina giada fomentada.
Sursilvan: L’uolp era puspei inagada fomentada.
Sutsilvan: La vualp eara puspe egn’eada fumantada.
Surmiran: La golp era puspe eneda famantada.
Puter: La vuolp d’eira darcho üna vouta famanteda.
Vallader: La vuolp d’eira darcheu üna jada fomantada.
Dieser Text ist Teil einer Mini-Serie über Rätoromanisch in der direkten Demokratie.