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In seinem neuen Erzählband lässt der Schriftsteller einmal mehr das Irritierende im Vertrauten aufscheinen.
Eine Lehrerin reisst sich am Geländer das Futter des neuen Mantels auf und findet darin eine Rechnung von 1938. Bei einer Frauenärztin steht plötzlich ein Pferd in der Tiefgarage. In der Waschmaschine einer Kleinfamilie tauchen Kleider auf, die nie jemand gesehen hat … Viele Geschichten in Franz Hohlers neuem Erzählband «Die Torte» beginnen mit einem unerwarteten und seltsamen Fund. Wenn die FinderInnen der Sache nachgehen, kommt ihr Alltag durcheinander. Die Irritation, die den fest gefügten Alltag aufbricht, ist ein Lieblingsthema Hohlers, das schon in «Die Rückeroberung» (1984) anzutreffen ist.
Gerade in der Schilderung des globalisierten, aber immer noch unverkennbar schweizerischen Alltags ist der Autor grossartig. Da ist etwa der verwitwete Schadenexperte der Armee, der zwischen zwei Aufträgen nur einen kurzen Spaziergang machen will. Die Armee ist nicht mehr, was sie einmal war, und die vermeintlich sichere Karrieremöglichkeit hat sich als Sackgasse erwiesen. Er macht auf dem Weg nach Andermatt zufällig auf dem Oberalppass Halt; ein bisschen Bewegung, denkt er, kann nur gut tun. Aber es kommt anders: «Er wusste nicht, wann er das letzte Mal zu spät zu einem Termin gekommen war, das musste Jahre her sein. Vielleicht, dachte er sich, war ich zu pünktlich, zu zuverlässig, vielleicht habe ich wieder einmal eine Verspätung zu gut, die ich jetzt einziehe wie Überstunden. Vielleicht, dachte er, vielleicht machen sie sich Sorgen um mich, wenn ich nicht rechtzeitig da bin. Um ihn, das merkte er plötzlich, um ihn machte sich niemand Sorgen. Seine jüngere Schwester etwa, die mit ihrem Mann ein Pflegeheim am Thunersee leitete? Manchmal verging ein halbes Jahr, bis sie wieder etwas voneinander hörten. Seine Tochter in Kanada? Er war es, der jeweils telefonierte, nicht sie. Vielleicht sollte er sie so lang nicht mehr anrufen, bis sie sich meldete, einfach um zu sehen, ob sie ihn vermisste. Ja, so wollte er es machen, wenn er wieder zu Hause war. Aber er war noch nicht zu Hause, er war auf einem Berghügel im Kanton Graubünden, den er nur schnell hatte besteigen wollen, und er hatte im Schnee und Nebel die Orientierung verloren.»
Überkonstruiert
Der alternde Militärbeamte findet sein Glück doch noch, wenn auch auf ziemlich makabre Weise. Hohler hat spürbar Freude daran, seinen LeserInnen Streiche zu spielen: Als die Frauenärztin das Tiefgaragenpferd besteigt, reitet sie tatsächlich in eine andere Zeit, in der sie eine wichtige Aufgabe zu erfüllen hat – aber die Folgen sind ganz und gar nicht erhaben oder weltverändernd. Etwas gar konstruiert wirkt «Der Betrug», die Geschichte eines Mannes, der sich von einem jugoslawischen Verkäufer verfolgt fühlt.
Plausibel ist hingegen die zweitletzte Erzählung des Buches, «Der Brief». Auch hier geht es wieder um einen Fund, wenn auch um einen ganz banalen: Ein evangelischer Pfarrer gräbt auf dem Bahnhof Uster eine alte Velonummer aus dem Schotter. Die Folgen – der Pfarrer wird in einen Kriminalfall verwickelt und stolpert über seine Vergangenheit – wirken in ihrer ganzen Absurdität so realistisch, als hätte einem eine Bekannte die Geschichte erzählt. Genauso gelungen ist auch die Titelgeschichte. In seinen stärksten Erzählungen sind Hohlers ProtagonistInnen so präsent, als wohnten sie gleich nebenan und benützten die gleiche Waschküche.