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Mythisches Land in der Mitte Asiens – die Republik Tuwa
Es gibt Regionen auf der Welt, die liegen so fern und abgeschieden vom Treiben der modernen Zivilisation, dass man sich dort fast wie auf einem anderen Stern fühlt. Zu diesen Gebieten gehört zweifelsohne die russische Republik Tuwa.
Einst galt Tibet im Westen als das Land, in dem das mythische Shangri-La – ein paradiesischer Ort der Weltabwesenheit – zu finden sei. Genauso gut liesse sich diese Fiktion auch auf Tuwa beziehen. Die kleine Republik im Süden Sibiriens hat mehr mit Tibet gemein, als man zunächst vermuten würde.
Im Land der Tuwiner
Wer Tuwa auf der Landkarte sucht, muss sich weit ins Innere Asiens begeben – dorthin, wo das Gebiet der Russischen Föderation an die Mongolei grenzt. Tuwa stellt de facto die nordwestliche Fortsetzung der Mongolei in das russische Gebiet hinein dar. Mit einer Fläche von gut 168’000 Quadratkilometern ist Tuwa rund viermal so gross wie die Schweiz und stellt doch nur einen kleinen
Fleck in der riesigen Landmasse Sibiriens dar. Lediglich etwas mehr als 300’000 Menschen leben in dem autonomen Teilstaat, davon ein Drittel in der Hauptstadt Kysyl. Daraus folgt zwangsläufig, dass der grosse Rest des Landes weitgehend menschenleer ist.
Rund vier Fünftel der Bevölkerung gehören dem Turk-Stamm der Tuwiner an, einem alten Volk mit eigener Sprache und Kultur. Die meisten übrigen Bewohner sind Russen, deren Zahl – durch Abwanderung bedingt – in den letzten Jahren allerdings immer geringer geworden ist.
Die Geschichte Tuwas ist verwirrend, von vielen Herren geprägt und vom wiederholten Streben nach Unabhängigkeit bestimmt. In der Antike war hier ein Zentrum der legendären Skythen, deren Reich einst von der Mongolei bis zum Schwarzen Meer reichte. Im Mittelalter gehörte Tuwa zum Machtbereich Dschingis Khans. Danach wechselten sich mongolische, uigurische und kirgisische Herrscher ab. Im 18. Jahrhundert erlangte das chinesische Kaiserreich die Oberhoheit.
Mit dessen Ende folgte Anfang des 20. Jahrhunderts ein russisches Protektorat. Zwischen 1921 und 1944 war Tuwa – unter enger Anlehnung an die Sowjetunion – formell unabhängig, danach Sowjetrepublik. Mit dem Zerfall der Sowjetunion erklärte Tuwa 1991 erneut seine Unabhängigkeit, trat aber bereits ein Jahr später der neuen Russischen Föderation bei. Russland bleibt damit erst einmal Tuwas Schicksal.
Am geografischen Mittelpunkt Asiens
Während die meisten anderen Turk-Völker im Laufe ihrer Geschichte den Islam angenommen haben, sind die Tuwiner bis heute ganz überwiegend dem Buddhismus treu geblieben – und zwar in der tibetischen Ausprägung des Vajrayana-Buddhismus oder Lamaismus. Das verbindet sie mit der benachbarten Mongolei und dem weiter entfernten Tibet. Der Dalai Lama geniesst vor diesem Hintergrund in Tuwa nach wie vor hohe Verehrung, sein Besuch im Jahr 1992 ist einer der Höhepunkte der jüngeren tuwinischen Geschichte.
Daneben hat hier traditionell der Schamanismus einen wichtigen Platz, dessen Einordnung schwerfällt. Je nach Standpunkt wird er mal mehr als Religionsform, transzendent-spirituelle Erfahrung, magisches Ritual oder Form der Heilung angesehen. In der kommunistischen Zeit wurde der Schamanimus in den Untergrund gedrängt, danach erlebte er eine neue Blüte.
Von der Hauptstadt Kysyl dürfte ausserhalb Tuwas nur wenig bekannt sein. Sie liegt am Zusammenfluss der beiden bedeutendsten Ströme des Landes, des Grossen und des Kleinen Jenissei. Im Bereich der kleinen Republik beginnt der Jenissei seinen weiten Lauf nach Norden, ehe er nach einigen Tausend Kilometern schliesslich ins Polarmeer mündet. Der Fluss mit seinem weitverzweigten System ist einer der längsten Ströme der Erde.
Kysyl ist ein eigenwilliges Gemisch unterschiedlicher Stile und nicht unbedingt eine Augenweide. Sozialistische Platte, postmoderne Repräsentativ-Architektur und russische Holz-Datschen bilden eine recht ungeordnete Zusammenballung. Dazwischen finden sich russisch-orthodoxe Kirchtürme und buddhistische Tempel-Architektur. Wahrzeichen der Hauptstadt ist der „Mittelpunkt Asiens“, der sich an dieser Stelle nach Berechnung eines britischen Geografen befinden soll. Der Ort wird durch einen steinernen Obelisken markiert.
Das Gold der Skythen
Wer sich für die Geschichte des Landes interessiert, sollte das Nationalmuseum besuchen. Hier ist einer der grössten Schätze Tuwas zu sehen – das Gold eines skythischen Herrschers, das im Jahr 2001 nahe des Städtchens Turan von einem deutsch-russischen Archäologenteam gefunden wurde. Die als Grabbeigaben für einen Fürsten gedachten Stücke haben 2500 Jahre unversehrt überstanden. Es handelt sich um rund 6000 kunstvolle Einzelstücke von höchstem künstlerischem Niveau. Nach seiner Entdeckung trat der Schatz eine Tournee um die Welt an und wurde in weltbekannten Museen ausgestellt, ehe er seinen endgültigen Platz im Nationalmuseum von Kysyl fand. Er zeigt, dass die Skythen mehr waren als ein primitives Nomaden- und Reitervolk aus den Steppen Innerasiens. Die Hochebene von Arschan – auch das „Sibirische Tal der Könige“ oder „Tal der Zaren“ genannt – bietet noch viele unerforschte Grabstätten.
Wüste, Steppen und Hochgebirge
Abseits der Hauptstadt ist Tuwa vor allem ursprüngliches Naturerlebnis. Es gibt nur wenige feste Siedlungen, die allenfalls Kleinstadtumfang erreichen. Viele Tuwiner leben noch immer nomadenhaft und bewohnen Jurten. Die Gegensätzlichkeit innerhalb des kleinen Landes ist beeindruckend. Tuwa ist ein Land der Berge, Seen, Wälder und Steppen. Das Kernland bildet das sogenannte Tuwinische Becken, eine steppenartige, manchmal sogar an Wüsten erinnernde Hochebene – die nördlichste Wüstenregion Asiens. Hier hat durchaus das Kamel seinen berechtigten Platz.
Das Becken wird an seinen Rändern von Hochgebirgen umrahmt – im Norden vom westlichen Sajan-Gebirge, im Süden vom Tannu-Ola-Gebirge und im Westen von den Ausläufern des russischen Altai-Gebirges. Die höchsten Gipfel erreichen fast 4000 Meter. Im Bereich des Hochgebirges ist häufig schon subpolare Vegetation zu finden – eine Umgebung, in der sich Rentiere und Yaks wohlfühlen.
Im Nordosten hat Tuwa mit der Todscha-Senke auch eine sehr schöne Seenregion zu bieten. Hier liegen Hunderte grösserer und kleinerer Seen inmitten einer praktisch unberührten Landschaft. Wälder aus Kiefern, Lärchen, Fichten und Birken – typische Taiga-Bäume – umrahmen die Gewässer. Und kein Mensch kommt hier der Natur in die Quere.
Tuwas vielfältige Landschaften sind von herber Schönheit. Wer sich in ihnen bewegt, muss mit grossen Klimaunterschieden rechnen. Das gilt nicht nur wegen der Bandbreite der Höhenlagen. Das Klima ist in Tuwa ausgeprägt kontinental mit ausgesprochen kalten Wintern und warmen Sommern. Der Reisende sollte sich also entsprechend darauf einstellen.
Pauschalangebote gibt es ohnehin nicht. Einige Spezialreise-Anbieter offerieren Expeditionen und Touren. Der Tourismus steckt in der zentralasiatischen Republik ansonsten noch in den Kinderschuhen. Tuwa ist etwas für Abenteurer und Individualreisende, die wenig Wert auf Komfort und die Annehmlichkeiten der Zivilisation legen. Wer sich jedoch auf diese fremde und ursprüngliche Welt einlässt, wird garantiert einzigartige Eindrücke mit nach Hause nehmen.
Oberstes Bild: © Eugene Dokuchits, Wikimedia, CC