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In unserer Reihe «Terra X - rätselhafte Kulturen» betrachten wir heute die Petrischale des Freiheitsgedankens, in der aber auch bisweilen Käse heissgemacht wird: die Schweiz.
Die Schweiz liegt auf dem nach ihr benannten Gelände im Alpenraum und ist deshalb nicht gross, aber stark geknautscht. In diesem Zustand nimmt sie eine Fläche von annähernd 41?285 km2 ein, würde man das Staatsgebiet jedoch bügeln, wäre die Schweiz etwa so gross wie Obervolta und läge dann auch dort. Glück gehabt! Es kommt sehr viel Gutes aus der Schweiz.
Zum Beispiel der Rhein. Ja, der deutscheste aller Flüsse, der Rhein entspringt der Schweiz. Erstes Indiz für das Deutschsein des Rheins ist, dass er, wie alle Deutsche, nicht so einfach in der Schweiz bleiben durfte. Deshalb fliesst der Rhein raus. Und nur deshalb ist er ein Fluss. Hätte er bleiben dürfen, gäbe es keine Notwendigkeit zu fliessen und er wäre nur einer unter zahlreichen anderen Schweizer Seen geblieben. Auch kann man den Rhein nicht direkt als gradlinig bezeichnen, und er hat nicht selten Probleme mit Schiffen. Sehr männlich und sehr deutsch.
Die Schweiz ist eines der ganz wenigen Länder, das seine Küsten ausschliesslich im Landesinneren hat, was deren Sicherung erheblich vereinfacht, da so niemand unerlaubt über den Wasserweg einwandern kann, es sei denn von unten. Auch bleiben die Ausgaben für die Kriegsmarine übersichtlich und die letzte Sturmflut datiert aus dem Mesozoikum und richtete keinerlei Sachschäden an, weil es noch keine Sachen gab.
Eine der wesentlichsten Schweizer Erfindungen ist die Nummerierung von Konten. Damit begann man hierzulande schon, als die Konten in Deutschland noch Vornamen hatten und man in Italien sein Geld noch im Munde mit sich herumtrug. Die Schweiz ist aber auch auf diesen Erfindergeist angewiesen, da sich als Bodenschätze bislang nur ausgedehnte Lagerstätten von Sand, Schlamm, Dreck und Steinen haben nachweisen lassen, und auch die nur in abbautechnisch schwierigen Hanglagen, so dass man die Steine da lässt, wo sie liegen, was sich uns dann wieder als Gebirge darstellt.
Albert Einstein dachte sich ja als Angestellter des Patentamtes in Bern die Relativitätstheorie aus, was ein bezeichnendes Licht auf das mit hektisch sicher nicht korrekt bezeichnete Erfinderklima in jener Stadt wirft. Nun gilt aber auch gerade Bern selbst unter den nicht gerade als hibbelig oder fahrig empfundenen Schweizern als ausgesprochen entschleunigt, ja als einer der wenigen Orte weltweit, in dem der Unterschied zwischen Wachen und Schlafen nicht mit der gleichen Trennschärfe festgemacht werden kann, wie im übrigen Alpenraum. Deshalb eignet sich auch kein anderer Ort besser, über die Relativität von Raum und Zeit nachzudenken und das Exotische am Zustand der Beschleunigung herauszuarbeiten.
Nur dem Besucher fällt es schwer, ein stringentes Gespräch zu bestreiten, wenn man ständig das Gefühl hat, der Gesprächspartner schläft, befinde sich in Trance oder die Begrüssung «Hallo» wäre schon zu viel Text für den Anfang gewesen.
Neben Konten und Schweizern gibt es in der Schweiz auch noch jede Menge Gras und Kühe, zwei Elemente des Schweizer Periodensystems, die, wenn sie zusammengebracht werden, als Reaktionsprodukte Methan und Milch generieren. Das eine lässt die Gletscher abschmelzen, aus dem anderen macht man Käse oder durch minimale Veränderungen in der Rezeptur, Schokolade. Beiden gemein ist, dass sie, werden sie erhitzt, schmelzen, und man kann dann Sachen reinhalten. Das tut der Schweizer sehr gerne und nennt das dann, wenn alles geschmolzen ist, Fondue, und wenns nur angeschmolzen ist, Raclette.
Die Unterschiede zwischen dem Deutschen und dem Schweizer fallen deutlich weniger ins Gewicht, als es dem Schweizer lieb ist. Richtig deutlich wird das vor allem in der Sprache, womit nicht die Sprechtechnik gemeint ist. Der Deutsche spricht ausschliesslich über den Mundraum oder die rotzverblockte Nasenhöhle, während der Schweizer alle zur Verfügung stehenden Hohlräume des gesamten von der Kalotte bis zum unteren Ende des Bronchialastes als Resonanzraum nutzt. Der Schweizer arbeitet beim Sprechen deutlich mehr als der Deutsche, was die etwas verminderte Sprechgeschwindigkeit erklärt.
Aber auch das beiden Völkern zu Gebote stehende Vokabularium weist klein aber signifikante Unterschiede auf. So steht an den Glastüren in Deutschland «Drücken» neben dem Knauf, in der Schweiz jedoch «Stossen». Selten fanden die Charaktereigenschaften beider Völker plakativeren Niederschlag in ihrem sprachlichen Inventar: das vorsichtige, fremdelnde, sanft abweisende des Wortes «Stossen» auf der einen und das fordernde, einnehmende, keinen Widerspruch duldende «Drücken» auf der anderen Seite, welches durch das Voranstellen des maskulinen, persönlichen Fürwortes «er» erst sein wahres Gesicht zeigt.
Diese begriffliche Trennschärfe zwischen «Drücken» und «Stossen» ist sicherlich auch ein Grund dafür, dass die Schweiz in internationalen Wettbewerben der Gewichtheber nie sonderlich auffiel, da man die Unterschiede zwischen Drücken, Stossen und Reissen nicht sieht, sondern all das unter dem Begriff «Wuchten» versammelt. Wuchten aber ist, wie Schwingen, noch nicht olympisch, aber sehr schweizerisch.
Die Schweizer können alles, was wir Deutschen nicht können, etwa Kaffee kochen. Ihre kleinen Münzen heissen Rappen und nicht «Ssent» und ihre Altstädte sind richtige Altstädte. Also älter als 60 Jahre. Und sie machen keinen Hehl daraus, dass sie glücklich sind, da wo sie sind und nicht woanders hinwollen und müssen. Sie halten sich aus vielem raus, vermutlich weil sie sonst so gerne was reinhalten, andererseits haben sie auch viele nicht reingelassen, deren letzte Chance sie waren und das darf man hier nicht rauslassen. Aber mit das Wichtigste, was wir der Schweiz verdanken, ist die Antwort auf die Frage: «Wer hats erfunden?» und dass man was in was reinhalten kann, wenn mans vorher heissmacht und dass man zum Sprechen den ganzen Kopf benutzen kann und nicht nur die Nebenhöhle. Das ist mehr, als die meisten anderen vorzuweisen haben.
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Der deutsche Kabarettist Jochen Malmsheimer ist Gewinner des Schweizer Kabarett-Preises «Cornichon», der am 29. April im Rahmen der Oltner Kabaretttage überreicht wird. Alle Tourdaten: www.jochenmalmsheimer.de