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Video-Buchtipp
Wir sehen uns im August
Gabriel García Márquez gilt als einer der bedeutendsten Autoren des 20. Jahrhunderts. Er ist bekannt für seinen magischen Realismus, also die Kombination des Alltäglichen mit fantastischen Elementen. Er war ein Meister darin, das Wunderbare im Normalen zu zeigen. Vor zehn Jahren ist Gabriel García Márquez gestorben. Jetzt haben seine Söhne eine Erzählung aus dem Nachlass ihres Vaters veröffentlicht. Haben sie eine letzte, wunderbare Entdeckung gemacht? Die Geschichte dreht sich um eine Frau, die jedes Jahr auf eine Karibikinsel fährt, um dort Gladiolen auf das Grab ihrer Mutter zu legen – und eine Nacht mit einem fremden Mann zu verbringen. Als Gabriel García Márquez die Erzählung schrieb, litt er bereits unter Demenz. Er konnte den Text nicht vollenden und verfügte, der Text solle vernichtet werden. Seine Söhne haben sich über den Willen ihres Vaters hinweggesetzt. Haben sie ein Meisterwerk gerettet, wie einst Max Brod die Texte von Kafka? Oder entblössen sie den Meistererzähler auf dem Totenbett? In meinem 197. Buchtipp sage ich Ihnen diese Woche, wann ich Ihnen empfehle, das letzte Buch von Gabo zu lesen.
Ana Magdalena Bach ist sechsundvierzig Jahre alt und seit siebenundzwanzig Jahren glücklich verheiratet mit einem Mann, den sie liebt und der sie liebt. Ihr Vater war Klavierlehrer und vierzig Jahre lang Direktor des Konservatoriums der Provinz. Das erklärt ihren Namen: Anna Magdalena Bach hiess die zweite Frau von Johann Sebastian Bach; ihr hat er sein «Klavierbüchlein» gewidmet. Ihr Mann, ebenfalls Sohn von Musikern und selbst Dirigent, ist der Nachfolger ihres Vaters als Direktor der Musikschule. Die beiden haben zwei Kinder, der Sohn ist erster Cellist im Nationalen Symphonieorchester, die Tochter spielt nach Gehör alle Instrumente, die ihr in die Finger geraten, und pflegt eine fröhliche Liebschaft mit einem hervorragenden Jazztrompeter. Alles gut also?
Das bürgerliche Idyll erhält rasch Risse. Jedes Jahr nimmt Ana Magdalena Bach die Fähre zur Insel, auf der ihre Mutter begraben ist. Der Friedhof ist wunderschön ausserhalb des Dorfes gelegen. Ana Magdalena sagt, es sei der einzige einsame Platz, an dem sich ihre Mutter nicht einsam fühlte. Jedes Jahr im August kehrt sie mit einem Strauss Gladiolen auf die Insel zurück, legt den Strauss aufs Grab und reinigt den Grabstein. Das Buch beginnt mit einem solchen Grabbesuch. Doch diesmal verläuft der Besuch anders. Nach dem Essen im Hotel, als sie alleine an einem Tisch im Speisesaal sitzt, spielt der Pianist «Clair de Lune» von Debussy in einer wagemutigen Bolero-Bearbeitung und eine junge Sängerin singt voller Hingabe dazu. Ergriffen bestellt Ana Magdalena Bach einen Gin mit Eis und Soda, das einzige alkoholische Getränk, das sie gut verträgt, und beginnt, mit einem fremden Mann zu flirten. Sie nimmt ihn mit aufs Zimmer. Im Mondlicht schlafen die beiden miteinander.
Auf der Rückfahrt merkt Ana Magdalena, dass sie nie mehr dieselbe sein wird. Die Touristenhorden auf dem Schiff, die ihr bisher völlig gleichgültig waren, sind ihr plötzlich abscheulich. Ihr Haus kommt ihr fremd vor, sie hat das Gefühl, überall anzuecken. Die Gewohnheiten des Alltags mit ihrem Mann, die vor dem Besuch am Grab ihrer Mutter tröstlich und beruhigend waren, sind ihr jetzt fremd, stören und sind einengend. Ein Jahr später kehrt Ana Magdalena wieder auf die Insel zurück, legt wieder einen Strauss ans Grab ihrer Mutter und holt sich wieder einen Mann ins Bett. Das wiederholt sich – bis es zu einer wirklich überraschenden Wendung kommt.
Das ist die kurze Zusammenfassung der letzten Geschichte, die Gabriel García Márquez geschrieben hat. Oder besser: Es ist die Zusammenfassung der Geschichte, die er noch schreiben wollte. Gabriel García Márquez litt unter Demenz. Seine Söhne schreiben im Vorwort der Erzählung, dass der Gedächtnisverlust ihn sehr hart getroffen habe. Er habe ihn daran gehindert, mit der gewohnten Sorgfalt und Stringenz zu schreiben. Er habe ihnen gesagt: «Die Erinnerung ist zugleich mein Rohstoff und mein Werkzeug. Ohne sie ist alles dahin.» Nach langem hin und her mit seinem Lektor entschied Marquez: «Dieses Buch taugt nichts. Es muss vernichtet werden.» Zehn Jahre nach seinem Tod sind seine Söhne zu einem anderen Urteil gekommen. Im Vorwort schreiben sie:
Da wir das Buch nun sehr viel besser fanden als erinnerlich, kamen wir auf einen neuen Gedanken: Ebendie eingeschränkten Fähigkeiten, die unserem Vater nicht erlaubten, das Buch zu einem Ende zu bringen, hinderten ihn auch daran zu erfassen, wie gut es ungeachtet seiner kleinen Mängel war. Es war ein Akt des Verrats, als wir beschlossen, über alle anderen Erwägungen die Freude seiner Leser zu stellen. Wenn es ihnen gefällt, wird Gabo uns womöglich verzeihen. (Seite 9)
Seine Söhne haben ihn verraten, so wie Max Brod seinen Freund Franz Kafka verraten und dessen Romane publiziert hat. Max Brod sind wir heute dankbar dafür. Hätte Max Brod den letzten Willen seines Freundes befolgt, hätten wir heute weder «Das Schloss», noch «Der Prozess» oder «Amerika», ganz zu schweigen von den Erzählungen, den Tagebüchern und den Briefen. Wir sind Max Brod deshalb heute dankbar dafür, dass er die Manuskripte seines Freundes gerettet hat. Und was sagen wir zum Verrat der Söhne von Gabriel García Márquez? An einigen Stellen im Buch blitzt die Magie von Gabriel García Márquez auf. Zum Beispiel in den Beschreibungen zu Beginn der Erzählung:
Das Taxi wartete unter den Bananenstauden am Eingang auf sie. Ohne Anweisungen abzuwarten, startete es und fuhr die Palmenallee bis zu einer Lichtung zwischen den Hotels, wo im Freien der lokale Markt stattfand, und hielt vor einem Blumenstand. Eine massige Schwarze, die auf einer Strandliege dämmerte, schreckte auf, erkannte die Frau auf dem Rücksitz des Wagens und übergab unter Gelächter und Geplapper den Gladiolenstrauss, den sie für sie bestellt hatte. Ein paar Straßen weiter bog das Taxi in einen kaum befahrbaren Weg, der über einen Felskamm mit spitzen Steinen führte. Durch die vor Hitze kristallisierte Luft sah man aufs offene karibische Meer, sah die Ausflugsyachten, aufgereiht am Touristenkai, die Vier-Uhr-Fähre, die zur Stadt zurückkehrte. Auf dem Gipfel des Hügels lag der armselige Friedhof. Ohne Mühe stieß sie das rostige Tor auf und betrat mit ihrem Blumenstrauss den Pfad, der durch die in Unkraut ertrunkenen Grabhügel führte. (Seite 14f.)
Das ist gut geschrieben und übrigens auch gut übersetzt. Doch es sind Perlen in einem morschen Strunk: Andere Stellen im Buch sacken ab. Die Beschreibungen der Liebesnächte sind repetitiv und voller Klischees. Die erzählerische Klammer ist spannend, die Durchführung dazwischen hakt und harzt. Nein, die Söhne haben kein letztes Meisterwerk vor dem Müllschlucker gerettet, sondern das letzte Aufbäumen eines sterbenden Geistes. Passend ist es höchstens deshalb, weil Gabriel García Márquez selbst immer sagte, dass Kafkas Erzählung «Die Verwandlung» ihm sein erzählerisches Universum eröffnet habe. Es ist eine absurde Volte des Schicksals, dass wir das letzte Werk von Márquez nur dank eines kafkaesken Verrats in den Händen halten. Die Frage ist: Sollen Sie es trotzdem lesen?
Für einmal gebe ich Ihnen eine Ampel-Empfehlung. Wenn Sie bisher noch nie ein Buch von Gabriel García Márquez, lassen Sie die Finger davon. Lesen Sie lieber «Hundert Jahre Einsamkeit». In diesem Roman erzählt Márquez die Geschichte der Familie Buendía und des von ihr gegründeten Dorfes Macondo. Es ist abgeschnitten von der Welt und erscheint zunächst wie das Paradies. Doch im Dorf scheinen sich alle Träume und Alpträume der Menschen noch einmal zu wiederholen.
Wenn Sie schon einige Werke von Gabriel García Márquez gelesen haben, gebe ich Ihnen ein oranges Licht: Lesen Sie das Buch, wenn es sie interessiert, aber lassen Sie sich von seiner letzten Erzählung nicht vom Bild abbringen, das sie vorher von Gabriel García Márquez hatten.
Grünes Licht gib es von mir nur, wenn Sie sich für den Menschen Gabriel García Márquez interessieren. Das Buch enthält ein Vorwort seiner Söhne und ein Nachwort seines Lektors. Zusammen mit der Erzählung geben die Texte Einblick in das Sterben eines Genies. Das ist nicht immer schön, aber auch das Sterben gehört zum Leben.
Gabriel García Márquez: Wir sehen uns im August. Kiepenheuer & Witsch, 144 Seiten, 32.90 Franken; ISBN 978-3-462-00642-1
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783462006421
Weitere Buchtipps gibt es hier: https://www.matthiaszehnder.ch/video-buchtipp/
Basel, 27. März 2024, Matthias Zehnder
Eine Übersicht über alle bisher erschienen Buchtipps finden Sie hier:
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