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Jesus schaute sich um und sah, dass sie ihm folgten. »Was wollt ihr?«, fragte er sie.Johannes 1:38
In seinem Dienst stellte Jesus immer wieder essentielle Fragen. Hier ist es die Frage „Was willst Du?“, die er später auch Kranken und Blinden stellte. Sie ist absolut grundlegend und wohl nicht umsonst die erste Frage, die Jesus laut den Evangelien in seinem Dienst stellt.
Was willst Du?
Ich habe mir diese Frage in letzter Zeit sehr häufig gestellt.
Natürlich gibt es auf diese Frage Tausende von oberflächlichen Antworten, wie „das neueste iPhone“, aber auch sehr existenzielle, wie „zwei Mahlzeiten am Tag“.
So wird die Antwort auf diese Frage anders ausfallen, je nachdem, wie unsere Situation und unsere Weltanschauung es erlauben oder fordern.
Schauen wir uns meine Situation einmal an. Übrigens mache ich das nicht als Nabelschau oder aus narzisstischen Gründen. Ich möchte durch Offenheit dazu anregen, dass Du dasselbe für Dich machst. Ich bin hier nicht wichtig.
Wie ich schon ein paar mal beschrieben habe, hat sich mein Leben so vor 5 Jahren ziemlich geändert. Zuerst wurde ich von sensorischer Unterfunktion geheilt. Ich konnte wieder schmecken und riechen, mein Tastsinn wurde besser, die Barriere zwischen meiner Aussenerfahrung und meinem Innenleben wurde dünner.
Das führte auch dazu, dass ich Emotionen und Gefühle direkter in Echtzeit wahrnahm. Bis dahin war da oft eine Verzögerung und ich erlebte Gefühle erst, wenn ich Zeit und Einsamkeit zur Verfügung hatte, um sie zu verarbeiten. Es führte auch zu temporären sensorischen Reizüberflutungen, einer Überforderung ob all der Eindrücke.
Zu der Zeit kamen diese existenziellen Fragen auf: Wer bist Du? Was willst Du?
Kurz darauf wurde bei mir Krebs diagnostiziert und ich hatte eine Operation, Bestrahlung, und immer wieder bildgebende Untersuchungen. Die Krebsmarker blieben hoch, auch wenn nichts mehr sichtbar war. Meine Endlichkeit wurde mir vor Augen geführt, und das verstärkte die Dringlichkeit dieser Fragen.
Ich begann mich über verschiedene Werkzeuge besser kennen zu lernen. Dazu gehört in erster Linie das Lesen der Bibel und das Gebet, und zusätzlich Persönlichkeitstests wie CliftonStrengths und das Enneagramm und Spiral Dynamics, welches mir verdeutlichte, mit welcher Brille ich die Welt betrachte.
Mir wurde klar, dass ich über mehr als dreissig Jahre hauptsächlich die Frage zu beantworten suchte: Was wollt Ihr von mir?
Dass dies mindestens suboptimal ist, war mir eigentlich klar. Manche nennen es Menschenfurcht, und Anfangs war dies sicher ein grosses Problem für mich. Allerdings veränderte sich die Motivation immer mehr zu einem ganz anderen Aspekt, der meiner Persönlichkeit wesentlich mehr entspricht als Menschenfurcht: das Bedürfnis, meinen Anteil am Gesamtbild zu leisten.
Und gerade dabei ist ja die Frage „Was willst Du?“ unablässig.
Ich könnte die Frage umformulieren: „Was will Jesus von mir?“. Das wäre doch wesentlich treffender für einen Christen, oder nicht?
Warum hat dann Jesus die beiden Jünger des Johannes und die Kranken und Blinden gefragt, was sie wollten? Wenn sein Wunsch das eigentliche Ziel war, dann hätte er es ja wohl gewusst.
Natürlich weiss Jesus, was er für uns will. Er weiss auch, wann wir dazu bereit sind. Aber wissen wir es?
Es geht nicht einmal so sehr um das Wissen – da würde es ja genügen, wenn er es uns sagen würde und wir es gehorsam annehmen. Es geht viel mehr um den Prozess.
Lasst mich noch etwas klarstellen: alle Werkzeuge, die ich hier nenne, sind nicht mehr als das – Werkzeuge, Hilfsmittel. Alle Modelle sind falsch, aber manche sind nützlich, hat der englische Statistiker George Box gesagt.
In diesem Sinne: das Enneagramm hat mir verdeutlicht, dass wir schon sehr bald nach unserer Geburt eine Überlebensstrategie adoptieren, welche uns erlaubt, von unserer Umgebung das zu erhalten, was wir brauchen: Liebe, Wärme, Anerkennung, Zeit, Fürsorge. Welche Überlebensstrategie wir dazu wählen, hängt von unserer Persönlichkeit und unserer Umgebung ab.
Erst als Erwachsene dient uns diese Überlebensstrategie immer weniger. Unsere Weltanschauung hat sich verändert, genau so wie unsere Umgebung und unsere Ansprechpartner. Aber auch unsere Bedürfnisse sind nun schwerpunktmässig andere.
Mir ist es nicht so wichtig, dazuzugehören. Das macht mich viel weniger anfällig für Menschenfurcht als andere. Mir ist es wichtig, meine Begabungen, meine Erkenntnis, meinen Anteil an der Menschheit zu teilen und jeden davon profitieren zu lassen.
Ich habe einen Wert, der mich schon seit frühen Jahren begleitet: wenn jemand etwas weiss, dann soll er es teilen. Ansonsten muss das Selbe ständig wieder entdeckt und durchlebt werden.
Daher habe ich, auf eine ganz verquere Art, die Frage von „Was will ich“ zu „Was wollt Ihr von mir“ geändert. Ich habe gemerkt, dass mein Gegenüber normalerweise überflutet und überfordert ist von der Menge an Gedanken, Wissen, Fragen und Zusammenhängen, die ich liefere. Daher wollte ich wissen, was andere wollten. Es war oft enttäuschend banal.
Ich möchte bereitstellen. Mein ganzes Berufsleben wollte ich meine analytischen Fähigkeiten bereitstellen, um die Probleme meiner Kunden mit Informatik zu lösen.
Mein ganzes Christenleben unterdrückte ich den Wunsch, meine Gaben anderen Christen zur Verfügung zu stellen. Weil niemand sie wollte.
War es arrogant von mir, dass ich Software schreiben wollte, die die Probleme lösten, die der Kunde hatte, und nicht die Probleme, die der Kunde zu haben glaubte?
Mehrere Male in meiner Karriere kamen Kunden nach Jahren auf mich zurück und erzählten mir, wie sehr ihnen meine Software geholfen hätte, oder wie sie jetzt mit den Problemen kämpften, die ich bei ihrer pragmatischen Lösung vorausgesehen hätte.
Ist es arrogant von mir, wenn ich nicht predige, was die Menschen verlangen, sondern was ich mit Gottes Hilfe als zukunftsweisend und hilfreich erachte?
Ich möchte auf keinen Fall die Weisheit dieser Welt über die Weisheit der Bibel oder Gottes stellen, noch meinen Verstand.
Ich möchte mit dem Denken Christi, welches uns Paulus zuspricht, anderen helfen, und ich erwarte nicht weniger von ihnen – auf ihrem Gebiet. Der Eine hilft praktisch, der Andere finanziell, der Dritte mit seinen künstlerischen Gaben. Und so viel mehr, in einer Vielfalt, wie nur Gott sie schaffen konnte.
Warum also fragt uns Jesus: Was willst Du? Damit wir unter all dem Angehäuften unserer Überlebensstrategie entdecken, wofür er uns geschaffen hat.
Meine Suche ist noch nicht abgeschlossen. Johannes der Täufer hatte seine Antwort gefunden: der Wegbereiter zu sein für den Messias. So konnte er seine Jünger loslassen, als sie zum Messias gingen, und selber akzeptieren, dass sein Dienst getan war. Er musste abnehmen, damit der Messias zunehmen konnte.
Wir aber nehmen die Aussage des Johannes und wollen abnehmen, bevor wir uns überhaupt Gedanken darüber machen, wofür wir auf Erden sind.
Hast Du das Ziel erreicht, das erlangt, was Du willst? Dann kannst Du abnehmen zu Gunsten dessen, der ab jetzt übernimmt. Und dann ist jetzt vielleicht die Zeit, noch einmal zu fragen: Was will ich?