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Es reizte mich schon seit meiner Kindheit ein ausgewogenes Leben zu entdecken. Als ich mit 26 Jahren die Bibel anfing zu lesen, faszinierte sie mich augenblicklich. Sie war so geheimnisvoll und gleichzeitig so praktisch in ihren Anweisungen.
Den Anfang dazu setzte bei mir Salomon, der weise König Israels, in den Weisheitsbüchern - vom Buch der Sprüche bis zum Lied der Lieder (Hohelied). Er schrieb und sammelte den grössten Teil der Texte. Salomon beobachtete intensiv die Natur und das gesellschaftliche Leben. Durch seine tiefe Gottesbeziehung und seine Ehrlichkeit mit seinem eigenen Innenleben erkannte er wie kein anderer seiner Zeit Freud und Leid des Menschen. Salomon hatte alles was ein Mensch begehren kann. Dadurch kam er aber auch an alle Grenzen des Menschseins. Freude und Leid, Geburt und Tod, finden und verlieren, weinen und lachen, lieben und hassen...im Buch des Predigers (Ekklesiastes, Kapitel 3,1-11) finden sich die berühmten Gegensätze im Leben der Menschen. In Vers 11 endet die Aufzählung damit, dass Gott die "Ewigkeit" (eigentlich die "Äonen") in der Menschen Herz gelegt hat, damit der Mensch in seinen gegensätzlichen Begrenzungen nicht Gottes unerforschbare Weite vergisst. In aller Erkenntnis von Salomon hatte Gott stets seinen Platz. Gott in allen Lebensbereichen mit einzubeziehen - das ist der Höhepunkt seiner Erkenntnis (Kapitel 12,13-14).
Meine ersten biblischen Erfahrungen zu einem ausgewogenen Leben verdanke ich, wie gesagt, dem Studium des Predigerbuches und den Sprüchen Salomons. Die Sprüche las ich in periodischen Abständen gemäss des Kalenders: Das hiess also am ersten Tag des Monats Kapitel eins, am zweiten Tag Kapitel zwei...bis Kapitel 31. Bei dem Buch des Predigers kamen die 12 Leseabschnitte als monatliche "Zugabe" hinzu. Ich bemerkte nach einigen Jahren eine Art "innenwohnende" Weisheit in mir. Sie zeigte sich mit "automatischen" Reaktionen im alltäglichen Leben. Zwei Beispiele:
"Setze deinen Fuss selten in das Haus deines Nächsten, damit er deiner nicht überdrüssig werde..." (Sprüche 25,17). Ich lernte selbst bei sehr guten Beziehungen Zurückhaltung zu üben und sah, dass sich dadurch Freundschaften nicht "abnutzten" und sich sogar vertieften.
Das nächste Beispiel war schwierig zu verstehen:
"Antworte dem Toren nicht nach seiner Narrheit, damit nicht auch du ihm gleich werdest" und "Antworte dem Toren nach seiner Narrheit, damit er nicht weise sei in seinen Augen" (Sprüche 26,4-5). Die Worte "Tor" und "Narrheit" "modernisierte" ich für mich und achtete gut darauf, wie ich im alltäglichen Unsinn vieler Gespräche die für mein Gegenüber passenden Antworten fände.
Eine ausgewogene Lehre
Wenn man lange genug mit Salomon unterwegs ist, stösst man bald auf Jesus Christus, der von sich sagt:
"...hier ist einer, der weiser ist als Salomon!" (Matthäus 12,42). Der Apostel Paulus schrieb an die Korinther, dass Jesus uns nicht nur Weisheit lehrte, sondern "uns zur Weisheit wurde" (1.Korinther 1,30). Mit anderen Worten:
Wir lernen mehr von Jesus wenn wir seine Worte nicht nur zu Herzen nehmen, sondern ihn im Glauben in das Herz aufnehmen. Dann wird die Weisheit in einer personifizierten Weise "innewohnend". In meiner langen freikirchlich-theologischen und praxisorientierten Ausbildung stiess ich auf wenig Ausgewogenes. Das "Entweder-oder-denken" dominierte. Die Weisheit, die bereits Salomon wie ein Person sprechen liess, sagt von sich (Sprüche 8,20): "Ich wandle mitten auf den Pfaden des Rechts". Jesus will uns als "der Weg" (Johannes 14,6) nicht links oder rechts durch unser Leben führen, sondern auf dem "schmalen Weg", der MITTEN durch die Welt geht (siehe "Der Weg der Mitte - eine Bildbetrachtung und -korrektur"). Jesus selbst ist der schmale Weg.
Ein Gesetz des Ausgleichs
Wer kennt nicht die Aussage: "Auge um Auge, Zahn um Zahn"? Es ist die kürzeste Zusammenfassung des Alten Testaments im Sinne der ausgleichenden Gerechtigkeit. Leider wurde sie oft auf den Begriff "Rache" reduziert.
Ein Sich-versündigen an Gott oder an Leben, Ehre, Leib und Gut des Mitmenschen fand im Gesetz eine angepasste Bestrafung, Zurechtbringung oder Wiedergutmachung. "Zwei Augen für ein Auge, zwei Zähne für einen Zahn" ist keine ausgleichende Gerechtigkeitssuche sondern eine Steigerung, in der das Mass nicht gewahrt wird und zu immer mehr Schaden und immer mehr Vergeltung führt. Das gleiche Prinzip gilt auch für den zeitlichen Aspekt. Selbst in diesem könnte keine Sünde so gross sein, dass aus einer zeitlichen Verfehlung eine "ewige" Strafe würde. Da auch die sogenannte "Ewigkeit" eine Zeitspanne ist, die von Zeitalter zu Zeitalter geht (von Äon zu Äon), erhält sogar die schwerste Verfehlung - die wider den Heiligen Geist - keine "ewige Verurteilung", sondern kann laut der Aussage in Matthäus 12,32 ab dem übernächsten Äon vergeben werden.
Gleichheit im Sinne des Ausgleichs
Aufgezwungene Gleichheit oder besser: Gleichmacherei, brachte noch nie einen ausgewogenen Zustand in der Gesellschaft. Der Kommunismus und auch der daraus hervorkommende Sozialismus scheiterten in der Praxis und leben nur noch ideologisch weiter. Selbst die sich im Frühstadium der Christenheit sozial auswirkende Naherwartung des kommenden Gottesreiches scheiterte (siehe Apostelgeschichte Kapitel 2,42-47). Die Gemeinschaft verarmte nach einigen Jahren (Apostelgeschichte 12,25). Diese Problematik führte jedoch zu einer uns durch den Apostel Paulus überlieferten Lehre des Ausgleichs im Sinne des Neuen Testamentes.
Im 2.Brief an die Korinther (8,13-14) schrieb er zur Thematik des Teilens der zeitlichen Güter, dass ein Ausgleich zwischen arm und reich im Sinne Gottes sei. Aber wie? Paulus stellt Mangel und Überfluss gegenüber. So wie es den einen heute gut geht und andere heute Mangel leiden, so kann es morgen umgekehrt sein. In diesem Textabschnit geht es um Materielles ( PERISSEUMA, der Überfluss und HYSTEREMA, der Mangel) und um Geistiges (ANESIS, die Ruhe und THLIPSIS, die Trübsal). Meines Verständnisses nach geht es jedoch nicht darum, dass beide Seiten durch das Gleiche abwechselnd durchmüssen, sondern dass in dem jeweiligen Zustand durch Teilen ein Ausgleich (ISOTHES, Gleichheit) zur Mitte hin gefunden würde! Mir schwebt das Bild einer Waage vor Augen: Überfluss und Mangel, Ruhe und Trübsal sollten ausgeglichen schwer in den Waagschalen pendeln. Das Teilen erleichtert nicht nur die Not des einen, sondern fördert die Lebenskraft und besonders die Liebe beider Seiten. Mangel und Trübsal gehören mit Überfluss und Ruhe zur Ausreifung der Liebe.
Die Liebe "auf dem Prüfstand"
Das Thema des Ausgleichs baut Paulus auf der Agape-Liebe auf, siehe 2.Korinther 8,8. Er will mit dem Geben und Nehmen ihre "rechte Art" der Liebe prüfen. Diese "rechte Art" ist Luthers Übersetzung des griechischen Wortes GNESIOS. Das wiederum stammt von GINOMAI ab, ein Verb des Werdens, des Entstehens. Unsere deutschen Lehnworte "Gene, Genetik" kommen aus der gleichen Wurzel. Die Art der Liebe, die Paulus bei den Korinthern prüft, hat etwas mit der Herkunft ihrer Agape-Liebe zu tun: ist sie aus "echter Geburt" mit ihrer echten Wiedergeburt durch Jesus Christus entstanden? Oder ist ihre Agape aus eigenen Wurzeln gewachsen? Viele Christen bezeichnen die Agape als "göttliche" Liebe. Das stimmt. Jedoch kann sie nicht "nur" göttlich, sondern auch sehr "menschlich" aufwachsen (siehe "Die vier Arten der Liebe im Neuen Testament"). Menschlich geförderte Liebe ist gut. Aber Paulus sucht bei den Korinthern die aus dem göttlichen Geist geborene Liebe.
Die verkannte Weisheit
Paulus und Salomon. Zwei der weisesten Menschen, die je lebten. Aber auch zwei der verkanntesten Lehrer. Dem einen wird Trostlosigkeit und Lebensverachtung durch seine Aussagen im Buch des Predigers angehängt und dem anderen zu strenge Lehren aus einer scheinbar intoleranten Haltung.
Ich lese die Schriften anders. Salomon lobt die Lebensfreude. Beispiele: Prediger 2,24 / 3,12-13 / 3,22 / 5,18-20...Natürlich schreibt er auch 7,3 - denn Lachen kann sich ins Gegenteil kehren. Aber selbst dies "verbessert das Herz"! In Kapitel 12 beschreibt er in treffenden Symbolen das beschwerliche Älterwerden und kehrt zu seinem Grundgedanken zurück: Nichtigkeit der Nichtigkeiten (1,2). Das irdische Leben endet in Nichtigkeit, Schall und Rauch...nur die Furcht Gottes bleibt als "roter Lebensfaden", denn Gott wird alles im Gericht beurteilen.
Vieles an Weisheit verbindet den Apostel Paulus mit Salomon. Im Philipperbrief 4,12 kann man dies an einem Satz gut erkennen. Er schreibt - wie Salomon - in Gegensätzen: "ich kann niedrig sein und hoch sein...satt sein und hungern, übrig haben und Mangel leiden." Und im Vers danach gibt er seine Quelle dazu preis, durch die er seine Lebensmitte findet: "ich kann alles durch den, der mich dazu ermächtigt". Sein "Vorteil" zu Salomon war seine enge Christus-Verbindung, die ja erst ca. 1‘000 Jahre nach Salomon möglich wurde durch das Erlösungswerk. Paulus war zudem empfindsam für die Nöte anderer Menschen obwohl er oft als zu hart empfunden wurde. Ein gutes Beispiel dafür war sein Verhalten bei den Thessalonichern ("war ich nicht Mutter und Vater für euch?"), siehe Kapitel 2,7-11.
Die echte Weisheit Gottes zeigt sich in der Mitte aller Lebensbereiche. Und diese Mitte für ein ausgewogenes Leben ist die Liebesverbindung mit Gott, mit Jesus Christus, unserem Herrn.