Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03422.jsonl.gz/975

Zwischen Schtetl und Jerusalem: Samuel Josef Agnon (1888-1970)
Wenn etwas vom Charme des osteuropäischen Schtetl, dieser versunkenen jüdischen Lebenswelt zwischen karger Tradition und lebenslustigem Chassidismus, auf hinreissende Weise lebendig blieb, dann in den Romanen und Erzählungen von Samuel Josef Agnon, der am 17.Juli 1888 als Josef Czraczkes im galizischen Buczaz geboren wurde und am 17.Februar 1970 in Tel Aviv starb. Die Katastrophe der Juden-Vertreibung unter Kaiser Titus habe dazu geführt, dass er im Exil geboren wurde, aber er habe immer geträumt, in Jerusalem zur Welt gekommen zu sein, hat Agnon einmal gesagt. Und kurz darauf sprach er von jener Katastrophe, die den Untergang der Ostjuden bewirkt und zur Folge hatte, dass er ein hebräischer Autor in Jerusalem geworden sei und dennoch nie vergessen könne, dass er aus Galizien stamme und eigentlich zum Rabbi bestimmt gewesen sei... Agnon zog bereits 1907 nach Palästina, wo er mit dem Unterbruch seines Berlin-Aufenthalts (1913-1924) bis zuletzt lebte und zum Klassiker der hebräischen Literatur und zum Nobelpreisträger des Jahres 1966 wurde. Dennoch spielt bereits sein erster, 1912 erschienener Roman «Das Krumme wird gerade», die Geschichte des gottesfürchtigen Menasche Chajim und seiner Liebe zur lebenstüchtigen Kreindel, zur Gänze in der Welt des Schtetl. Die witzig-hintergründige «Bräutigamsuche» von 1929 evozierte das Ostjudentum in seiner Blütezeit, «Nur wie ein Gast zur Nacht» schilderte 1939 einen Besuch im verarmten Buczaz nach dem 1.Weltkrieg, und erst «Gestern, vorgestern» (1945) spielt unter den Pionieren in Palästina, wo sich der Protagonist Jizchak Kummer aber ebenso wenig wohlfühlt wie Agnon selbst in den ersten Jahren. Das Judentum war für Agnon schwere Last und höchstes Glück und Inspiration in einem, und wer das unmittelbar nachfühlen will, lese «Zwei Gelehrte» von 1951, wo die Deutung des Talmud zum Streitpunkt einer erregenden Freundschaft wird, oder «Eine einfache Geschichte» von 1935, wo die Liebe auf erschütternde Weise an den religiösen Traditionen und Gesetzen zerbricht.