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Bei einem Autorentreffen auf der Petersinsel schickte ich mich an, aus einer laufenden Arbeit vorzulesen, als ein deutschsprachiger Autor, der älteste und berühmteste unter uns, aufstand und ostentativ den Raum verliess. Nicht weil er kein Französisch konnte oder weil er von Paris nur die Gare de lʼEst gesehen hatte, sondern weil ein Deutschschweizer Autor nichts von einem französischsprachigen Autor lernen könne, wie er mir später erklärte. Es seien zwei völlig verschiedene Berufe, etwa so wie Elektriker und Flachmaler (sinngemäss – an die genauen Beispiele erinnere ich mich leider nicht mehr). Die Kränkung blieb. Und doch teile ich seine Ansicht – obwohl ich in Basel geboren bin, Deutsche Literatur studiert habe und Hermann Burger im Original lese.
Mein Gegenüber entzog sich, auf brutale Art und Weise wohlmeinend, der Konfrontation mit einem wesentlichen, ja unüberwindbaren Unterschied, nämlich dem der Sprache. Wenn Sie Schweizer Zahnärzte oder Banker aus allen Landesteilen zusammenbringen, werden sie sich verstehen: Das Fachenglisch macht Simultanübersetzungen so gut wie unnötig. Dass es unter Schriftstellern zu mehr Missverständnissen und grösserer Verlegenheit kommt, beruht grösstenteils auf der Tatsache, dass das Vokabular der Schriftsteller ein anderes ist als das der Zahnmedizin. Mein berühmter Kollege zeigte keine Verachtung für die französische Schweiz: Seine Erklärung hätte einen Streit zwischen einem Autor aus Travemünde und einem aus Neuilly-sur-Seine im Nu beigelegt.
Zwischen Franzosen und Deutschen ist die Sache jedoch ungleich einfacher. Sie können ohne schlechtes Gewissen ins Englische wechseln, wenn sie gemeinsam auf einem Podium sitzen. In dieser Hinsicht sind sich eine Tagung von Schweizer Zahnärzten und ein internationaler Schriftstellerkongress durchaus ähnlich. Aber mein Gegenüber und ich teilten den gleichen Pass – und hier sind wir bei der Schweizer Frage. Sicher, dieses Land ist ein kulturelles Mosaik, aber die verschiedenen Kulturen teilen eben auch viele Gemeinsamkeiten: Da ist der Sprachunterricht in der Schule, die Fülle von Übersetzungen in beide Richtungen, die gemeinsame Geschichte, der geteilte Wirtschaftsraum, das Militär, die Landeskirchen. Wir benutzen die gleichen Bankomaten, die gleichen Supermärkte. All dies ermöglicht es einem Lausanner, einen Roman von Max Frisch als Eingeweihter lesen zu können (ebenso ein Zürcher einen Roman von Jacques Chessex): Er wird weit besser als ein Pariser die Anspielungen auf die Armee-WKs verstehen und kann sich sogar unter Hugo Loetschers Waschküchenschlüssel etwas vorstellen. Und doch lesen nur wenige Menschen regelmässig in einer anderen Landessprache, zumal die französische Kultur auf internationaler Ebene keinen vorherrschenden Einfluss mehr ausübt. Die wechselseitigen Übersetzungen, so viel ist klar, sind notwendig.
Völlig verschieden sind auch die deutsch- und französischsprachigen Verlagslandschaften: Es ist ungleich wahr-scheinlicher, dass ein Deutschschweizer Schriftsteller in Berlin gelesen wird als ein Lausanner in Frankreich. Selbst wenn er allen Mut zusammennimmt, in einen Zug nach Paris, Gare de Lyon steigt und sich persönlich bei den Verlagen andient, wird der Romand mit grosser Wahrscheinlichkeit kaum mehr als einen herablassenden Blick auf seine Produktion ernten – Ramuz und Co. ging es nicht anders. Ernst zu nehmendes Französisch ist eben nur das Français de Paris. Und erscheint der Autor bei einem Schweizer Verlag, wird er seine Bücher in…