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Oliver Schneider, DrehPunktKultur (16.01.2007)
Cecilia Bartoli sang am Sonntag (14.1) bei der Premiere von Händels „Semele“ erstmalig in englischer Sprache und verlieh der aufgefrischten Produktion aus Aix-en-Provence stimmlichen und darstellerischen Glanz.
Keine Opera seria, aber auch kein Oratorium. Was ist das Werk dann? „Semele“ ist eine englische Oper über die tödliche Liebe Semeles, der Tochter des Kadmus, des sagenhaften Gründers Thebens, zu Jupiter. Von seiner eifersüchtigen Ehefrau Juno wurde sie überredet, von Jupiter zu fordern, ihr in seiner göttlichen Gestalt zu erscheinen, was freilich kein sterbliches Wesen überlebt. Wegen seines Versprechens, ihr jeden Wunsch zu erfüllen, musste Jupiter (der ihr diesen Wunsch ausreden wollte) sich in seiner unverhüllten Göttlichkeit zeigen, Semele verbrannte durch seine Blitze.
extdichter William Congreve hat die tragische Geschichte zu einem amüsanten Libretto umgearbeitet, die mythologischen Figuren mit königlichen Persönlichkeiten identifiziert und so eine Satire auf Persönlichkeiten der zeitgenössischen englischen Monarchie und der Aristokratie verfasst.
Regisseur Robert Carsen wiederum hatte bei seiner Inszenierung, die erstmals 1996 in Aix-en-Provence und dann unter anderem in London und in Köln gezeigt worden ist, nicht mehr William III. oder George II. vor Augen – wer weiß auch schon Genaueres über deren Intimleben –, sondern die Royals heute mit ihren aus der Regenbogenpresse bekannten Skandalen. Juno wurde kurzerhand zur Queen Elizabeth umfunktioniert. Sie erscheint in königlichem Gewand und mit Krone, im dritten Akt aber auch mit dem obligaten Kopftuch, um die Frisur gegen den Wind auf der Insel zu schützen, Gummistiefeln und der unvermeidlichen Handtasche. Patrick Kinmonth hat einen schwarzen Einheitsraum geschaffen, in dem nur durch wenige Versatzstücke wie zwei Thronsessel, einen roten Teppich oder ein Doppelbett der jeweilige Schauplatz angedeutet wird. Und wer ist Semele? Sie ist eine verwöhnte, eitle junge Frau, die nicht genug von Glück und Reichtum bekommen kann.
Der kanadische Regisseur hat das scheinbar mythologische Werk Händels gelungen aktualisiert, über grosse Strecken mit feinem Humor ganz im Sinne von Librettist Congreve angereichert und sein Konzept glaubhaft umgesetzt. Dazu steht ihm nicht nur Cecilia Bartoli, die ihren ganzen Charme und ihr elektrisierendes Temperament in die Rolle einbringt, als Singschauspielerin zur Verfügung. Birgit Remmert als Juno, Isabel Rey als Iris und Anton Scharinger als Somnus tragen dank ihres komischen Talents ihren Teil dazu bei, dass der Abend trotz einiger Längen des Werks wie im Flug vergeht.
Anders als bei Congreve und Händel endet der Abend in Zürich. Statt dass Jupiter nach Semeles Tod reumütig zu seiner Frau zurückkehrt, sucht er sich beim Fest im Schloss gleich das nächste Opfer aus. Ganz wie in der Mythologie, aber vielleicht auch wie in der Wirklichkeit?
Auf der Bühne macht die Bartoli sich rar, doch nach Zürich, wo sie auch lebt, kehrt sie immer wieder zurück. Darüber konnten sich ihre Schweizer Fans am Sonntag freuen, denn sie versprühte ein Feuerwerk akrobatischer Gesangskunst und begeisterte das Publikum. Scheinbar mühelos bewältigte sie die Koloraturen, berührte aber genauso in den vielen lyrischen Momenten. An diesem Abend war sie eine Klasse für sich.
Uneinheitlich präsentierte sich hingegen der Rest des Ensembles. Birgit Remmert stattete die Juno mit makelloser Stimme aus, Isabel Rey war in der kleinen Rolle der Iris fast eine Luxusbesetzung, Anton Scharinger ein beweglicher und verlässlicher Somnus. Charles Workman als Jupiter liess es leider zuweilen an der nötigen Beweglichkeit fehlen, konnte aber mit seinen beseelten Piani punkten. Für die übrigen Partien hätte man sich Sänger mit mehr Erfahrung im Barockrepertoire gewünscht.
Wie schon 1996 stand William Christie am Pult des hauseigenen, hervorragend disponierten Barockorchesters „La Scintilla“. Er brachte Händels bildhafte, reiche Musik mit lichtem Klangbild, feinen dynamischen Abstufungen und nie übertriebenem, ebenso fein dosiertem Elan zum Leuchten und bot Sängern und Chor (Einstudierung: Jürg Hämmerli und Ernst Raffelsberger) alle Gelegenheit zur Entfaltung.