Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03149.jsonl.gz/1784

Das man Goethes Aufruf nicht in Massen folgte, hing nicht zuletzt mit der verzwickten Verkehrssituation am Gotthard zusammen. «Der Berg und sein Wolkensteg», also die Schöllenen-Schlucht und die Teufelsbrücke, waren damals ein gefürchtetes Hindernis. Nochmals Goethe: «Das Maultier sucht im Nebel seinen Weg / In Höhlen wohnt der Drachen alte Brut / Es stürzt der Fels und über ihn die Flut!»
Entlang dieser kurzen, aber nicht ungefährlichen Route, die auf Italienisch Via delle genti («Völkerstrasse») genannt wird, entwickelte sich schon früh ein florierendes Gastgewerbe. Das 1237 erstmals erwähnte Hospiz auf dem Gotthard, der Dazio Grande in Rodi oder die Casa Stanga in Giornico, wo an der Fassade prächtige Wappen vom Aufenthalt der illustren Gäste zeugen, waren weit über die Landesgrenzen hinaus bekannte Anlaufstellen für Händler, Pilger und Reisende. Es dauerte jedoch bis 1855, ehe der deutsche Hotelpionier Alexander Béha in Lugano ein Hotel eröffnete, das mehr war als bloss eine Absteige für Transitreisende. Sein Hotel Palace am Seeufer war seinerzeit das einzige Luxushotel zwischen Luzern und Mailand. Dauerte die Reise zwischen diesen beiden Städten im Zeitalter der Postkutsche eine halbe Ewigkeit, so verkürzte sie sich ab 1882 dank der Gotthard-Bahn auf wenige Stunden. Die Eisenbahn öffnete dem Tourismus im Tessin die Pforten. Die Zahl der Hotels verzehnfachte sich zwischen 1880 und 1912.
Von der Belle Époque zum Mythos des Monte Verità
Während der Belle Époque gab sich der europäische Jet-Set in den komfortablen Hotels an den Seen die Klinke in die Hand. Noch heute weht im Grand Hotel Villa Castagnola oder im Hotel Splendide in Lugano ein Hauch des damaligen Zeitgeistes. Seinerzeit entstanden nicht nur prächtige Hotelbauten, sondern auch die ersten touristischen Attraktionen. So feiern die Bahnen auf die Aussichtsberge Monte San Salvatore und Monte Generoso im Jahr 2015 ihr 125-jähriges Jubiläum.
Begründet wurde in jener Zeit auch der Mythos des Monte Verità. Auf dem Hügel der Wahrheit oberhalb von Ascona suchten Utopisten, Naturapostel und früh gereifte Grüne nach Alternativen zu Kommunismus und Kapitalismus. Der Berg der Wahrheit sollte die Keimzelle für eine bessere Welt werden und zog zahlreiche Denker, Dichter und Künstler an. In der Besucherliste finden sich Namen wie Erich Mühsam, Hermann Hesse, Erich Maria Remarque, Rudolf Steiner, Hugo Ball, Richard Strauss, Arthur Segal, Paul Klee, Carl Gustav Jung, Max Weber, Billy Wilder oder Thomas Mann.
Hermann Hesse über seine Wahlheimat Tessin
Zum berühmtesten Wahltessiner avancierte Hermann Hesse, der sich als ein «abgebrannter, kleiner Literat» fühlte, als er sich 1919 in Montagnola oberhalb von Lugano niederliess. Im Tessin blühte er auf. Hier fand er die Inspiration, die in Werken wie «Der Steppenwolf», «Siddhartha» oder «das Glasperlenspiel» mündete – Werke, die ihm 1946 den Literatur-Nobelpreis einbrachten.
«Sie ist wunderbar schön, und vom Alpinen bis ganz zum Südlichen ist alles da», schwärmte Hesse von seiner Inspirationsquelle, der kontrastreichen Landschaft. Kurz vor seinem Tod 1962 beklagte er sich aber auch darüber, dass das «Märchentessin unserer guten Zeiten» verschwunden war: «Mit der Neuzeit und dem Aufschwung ist natürlich auch die Korruption gekommen, die Bauern um Montagnola haben ihr Land bis zu 35 und 40 Franken pro Meter hinauf taxiert, Spekulanten kaufen es und parzellieren und bauen ganze Siedlungen.» Hochkonjunktur herrschte auch im Tourismus. Nochmals Hesse: «Vor einigen Jahren war im Tessin noch Mittelalter, war hier noch Paradies. Jetzt ist das Tessin erobert von Berlin und Frankfurt, von Cook und Baedeker.»
Das Tessin im Tourismus-Boom der 70er
Hoch im Kurs stand das Tessin bei Besuchern aus dem Norden. Im Zuge des Wirtschaftswunders konnten sich immer breitere Schichten der Bevölkerung ein eigenes Auto leisten. Der Gotthard war immer noch der kürzeste Weg über die Alpen, und die oberitalienischen Seen eines der beliebtesten Urlaubsziele. An Pfingsten habe sich erneut «die ganze Eidgenossenschaft auf die Beine, d.h. auf die Räder» gemacht, stellte das Urner Wochenblatt 1963 fest. «Es wird nicht lange dauern, bis man auch gleich einige Quadratmeter Wiesland mitführt,´damit man im überfüllten Süden noch irgendwo sein Zelt aufstellen kann.»
Nicht nur die Schweizer zog es in Massen in die Sonnenstube, sondern auch die Deutschen - Opel benannte in den 1970er Jahren ein Fahrzeugmodell nach Ascona, und das Rustico im Tessin avancierte 1972 durch das ironische Plakat «Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!» sogar zum Wahlkampfthema. Sowohl was die Zahl der Hotelbetten als auch der Logiernächte betrifft, vermeldete der Südkanton damals ständig neue Rekordwerte.
Mehr Strassen, weniger Urlauber - vom Niedergang des Tourismus bis zur Renaissance
Es setzte ein schleichender Niedergang ein, der viele Gründe hat. Dank dem 1980 eröffneten Gotthard-Strassentunnel wurde das Tessin auf einmal auch für einen Tagesausflug interessant. Durch den Ausbau des Autobahnnetzes in ganz Europa rückten nun auch die italienischen Mittelmeerstrände in die deutschen Urlaubskataloge. Nicht von ungefähr entstand der Mythos in den 1980er Jahren. Abgelöst wurde er in den 1990er Jahren von der Insel Mallorca, die dank Billigflügen zum beliebtesten Urlaubsziel der Deutschen avancierte. Das Tessin hingegen geriet aus der Mode. Ascona, einst als «das seltsamste Dorf der Welt» (ein Buchtitel aus den 1950er Jahren) verehrt, wurde nun als «Altersheim» verspottet. Viele Herbergen in bester Lage wurden in Wohnungen oder Büros umgewandelt, andere wichen uniformen Wohnblocks oder warten geduldig auf bessere Zeiten.
Das Grand Hotel Locarno ist mittlerweile jedoch die Ausnahme und keineswegs mehr das Sinnbild für den Zustand der Tessiner Tourismusbranche. Denn diese erlebt eine Renaissance – im wahrsten Sinne des Wortes. In der jüngeren Vergangenheit wurden Hunderte von Millionen Franken investiert, um das touristische Angebot zu erneuern. In Lugano entsteht hinter den Mauern des ausgebrannten Hotel Palace ein neues Kunst- und Kulturzentrum. Das LAC – das Kürzel steht für Lugano Arte e Cultura – ist die grösste Investition, welche die Stadt Lugano je getätigt hat, und soll den Business- und Kulturtourismus ankurbeln. Die Eröffnung ist für 2015 vorgesehen.
Bereits eröffnet sind andere Vorzeigeprojekte: Aus dem seit 1969 geschlossenen Sanatorium in Agra wurde das vornehme Resort Collina d’Oro, und das Kurhaus Cademario erstrahlt nach umfangreichen Renovationsarbeiten wieder in neuem Glanz - pünktlich zum 100-Jahr-Jubiliäum im kommenden Jahr. Weitere Neueröffnungen der letzten Monate sind der Accor-Komplex in Lugano-Paradiso, das Albergo Caffè Carcani in Ascona, das Boutique-Hotel Giardino Lago in Minusio oder La Rinascente in Locarno. Mit dem Lido von Locarno und dem Splash & Spa Tamaro in Rivera verfügt das Tessin überdies seit diesem Sommer über zwei topmoderne Wasserparks mit Wellness-Bereich.
Natur bleibt Trumpf: Und ewig lockt der Süden.
Den grössten Trumpf des Tessins stellt aber nach wie vor die kontrastreiche Landschaft dar, die von den Palmen und dem subtropischen Klima auf den Brissago-Inseln bis zu den Gletschern in den Alpen reicht. Zwei Nationalpark-Projekte – im Locarnese und rund um den Adula, dem mit 3.402 Metern höchsten Gipfel im Tessin – sollen dafür sorgen, dass es auch in den strukturschwachen, unter Abwanderung leidenden Randgebieten eine (touristische) Zukunft gibt. Bis Ende 2016, wenn der Gotthard-Basistunnel die Reisedistanz zwischen Zürich und dem Tessiner Kantonshauptort Bellinzona auf zwei Stunden reduziert, sollten diese beiden Projekte realisiert sein.
Die Aufbruchsstimmung in der Tourismusbranche und die Millioneninvestitionen lassen sich generell mit dem Kürzel NEAT erklären. Die Neue Eisenbahnalpentransversale sorgt in der Tat für eine Revolution: Der Weg durch die Alpen wird erstmals hindernisfrei. «Kennst Du das Land, wo die Zitronen blühn? Dahin! Dahin!»
Titelbild: Cardada - Lake Maggiore and Valleys
(Bildquelle: Ticino Turismo)