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Bild des Monats September 2010: Das Bild der «Heiden» in einer Handschrift des 15. Jahrhunderts.
Eine Federzeichnung aus den «Alemannischen Vitaspatrum»
Die kolorierte Federzeichnung stammt aus einer süddeutschen Handschrift (Cod. Pal. germ. 90, fol. 100r; um 1477) der Alemannischen Vitaspatrum, einer volkssprachlichen Legendensammlung. Sie illustriert die Vita des heiligen Apollonius, der im heidnischen Rom des 2. Jahrhunderts als Christ einen Märtyrertod erlitten haben soll. Die Abbildung zeigt eine Prozession der Heiden: Fünf durch die Kopfbedeckung (Gebetsschal) herausgehobene Männer führen den Zug an, einer von ihnen trägt ein Buch, andere halten drei Statuen antiker Götter (Jupiter, Venus, Mars); ihnen folgen weitere Männer mit Turbanen (Merkmal der Mohammedaner) und Spitzhüten (Merkmal der Juden). In der rubrizierten Überschrift heisst es: Wie haiden tragn ire aptgötter umb das vellt und bitten umb regen und andre geprestenn (Wie die Heiden ihre Abgötter im Freien herumtragen und um Regen und für andere Bedürfnisse bitten).
Bei der Darstellung des Heidenvolkes greift der anonyme Illustrator auf mediale Formen der christlichen Heilsvermittlung wie sakrale Objekte (Buch, Bildwerke), Insignien (lange Kutten) und performative Handlungen (Prozession; Gebet) zurück und überlagert diese mit Charakteristika verschiedener nichtchristlicher Religionen. Gerade aufgrund der ‹wilden› Anhäufung von Elementen diverser Kulte wird das religiöse Unverständnis der Heiden ausgestellt.
Ins Bild gesetzt wird auch der durch das Trinitätsdogma angeregte Vorwurf, das Christentum besitze drei Götter - ein gängiges Argument in Religionsdisputationen. Dieser Vorwurf wird hier jedoch den Heiden angelastet: Sie beten statt des dreieinigen Gottes drei Götzen an.
Fragen nach der mittelalterlichen Auseinandersetzung mit dem religiös Anderen und ihrer medialen Inszenierung, insbesondere der rhetorisch-argumentativen Abgrenzung gegenüber nicht-christlicher Glaubensgemeinschaften sind Aspekte, welche im Dissertationsprojekt zu volkssprachlichen Religionsgesprächen im Mittelalter untersucht werden sollen.