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23. November 2021 – Im Zolliker Jahrheft 2021 erzählt Adrian Michael die Geschichte von Anna Locher, der ersten Zolliker Kindergärtnerin – mit berührenden Fotos, die teils fröhliche, aber auch von Armut gezeichnete Kindergesichter zeigen.
1848 wurde im Dorf für Kinder vom vierten Lebensjahr an eine Kleinkinderschule eingerichtet, die mit der Handarbeitsschule verbunden war und von einer Arbeitslehrerin geführt wurde. Ziel der Schule war «das Bewahren der Kleinen vor den Gefahren der Landstrasse und auch vor mancherlei Unarten».
Als 1898 die damalige Lehrerin Frau Suter zurücktrat, beschlossen Schulpflege und Gemeinderat, einen Kindergarten mit «natürlichem Unterricht» nach dem Konzept des deutschen Pädagogen Friedrich Fröbel (1782–1852) einzurichten.
Fröbel, ein Schüler Pestalozzis, erkannte die Bedeutung der frühen Kindheit und förderte diese durch die Schaffung eines Systems von Liedern, Beschäftigungen und Spielen. Die Kinder sollten in Kontakt mit der Natur vielseitig angeregt und beim Bemühen unterstützt werden, die Welt zu erfahren und zu begreifen. Durch ihn wurde «Kindergarten» weltweit zu einem pädagogischen Begriff.
Abenteuerliche Fahrt
Da in St. Gallen seit 1873 Kindergärtnerinnen nach Fröbels Grundsätzen ausgebildet wurden, reiste im April 1899 nach einer abenteuerlichen Fahrt die zwanzigjährige Anna Locher aus der Ostschweiz nach Zollikon. Weil sie vor dem Hauptbahnhof Mitleid mit den Pferden des Rösslitrams hatte, ging sie zu Fuss weiter. Sie hielt sich, wie ihr erklärt worden war, nach links – und landete in Witikon, bevor sie Zollikon doch noch erreichte.
Im Tanzsaal des ehemaligen Restaurants «Schönegg» an der Ecke Alte Landstrasse/Zollikerstrasse begann sie mit einem damals beachtlichen Jahresgehalt von 900 Franken ihre Tätigkeit. Als Unterkunft wurde ihr vom Schulpräsidenten ein Zimmer bei der Familie Maurer im Gstad zugewiesen; später wohnte sie in einem Nebengebäude von Spinners Hof an der Rainstrasse. Nach ein paar Jahren zog Anna Locher mit ihrem Kindergarten ins Schulhaus «Chirchhof», in dem sie fortan unterrichtete.
Bis 1943 blieb Anna Locher die einzige Kindergärtnerin im Dorf. In diesen 44 Jahren betreute «Tante Locher», wie sie schon bald liebevoll genannt wurde, in Klassen von manchmal sechzig und mehr Kindern insgesamt gegen 1400 Kindergärtnerinnen und Kindergärtner. Name, Vorname und Geburtsdatum aller Kinder hielt sie klassenweise säuberlich in einer Tabelle fest. Für die Kinder aus dem Zollikerberg war der Weg ins Dorf zu weit; dort wurde erst 1926 ein Kindergarten eingerichtet.
Moderne Heilpädagogin
Über Anna Locher schrieb der damalige Präsident der Zolliker Museumskommission Richard Humm 1981: «Auf einzigartige Weise wusste die junge Kindergärtnerin bei ihren Schülern die Konzentration, ihre Selbstständigkeit, ihr Wissen und ihre intellektuellen Fähigkeiten und handwerklichen Fertigkeiten zu wecken und zu fördern. Schon bald hatte sie erkannt, dass die Begabung eines Kindes nicht weitgehend als erblich veranlagte und damit festgelegte Grösse verstanden werden darf, sondern dass das natürliche Heranreifen eines jeden Kindes ein Entwicklungsprozess von besonderer Plastizität darstellt, welcher auch von der sozialen und kulturellen Umwelt abhängig ist.»
Obwohl durchdrungen von den Ideen Fröbels folgte Anna Locher nie starr einer Methode, sondern suchte stets nach neuen Wegen und Lösungen. So führte sie die Kinder weg von vorfabrizierten Spielsachen und Geräten und bastelte diese mit ihnen selbst oder entwarf sie in ihrer Freizeit. Da sie selber nicht in der Lage war, sie herzustellen, liess sie diese auf eigene Kosten vom Zolliker Universalhandwerker Karl Mangold im Oberdorf anfertigen.
In ihrem Schulzimmer stand schon früh eine Nähmaschine, und im Garten konnten sich die Kleinen an einem Bock im Umgang mit der Säge üben. Auf dem Schulhausplatz, am Waldrand oberhalb des Friedhofs, im Wald beim «Chüelen Grund» oder auf dem Grundstück des Kunstmalers Fritz Boscovits an der Oberdorfstrasse legte sie mit den Kindern Gärten an, die von ihnen bepflanzt und gepflegt wurden.
Mit dem SeIl über die Strasse
Früh erkannte sie die Bedeutung des Singens, Spielens und Dramatisierens für die seelische Entwicklung der Kinder: Neben zahlreichen Liedern studierte sie mit den Klassen Theaterstücke und Weihnachtsspiele ein, für die sie die Kostüme mit den Kindern zusammen selber herstellte. Auf Lehrausgängen durchstreifte Anna Locher mit ihren Schützlingen den Wald oder beobachtete Handwerker bei ihren Tätigkeiten.
Auf verkehrsreichen Strassen führte sie die Kinder an einem langen Seil, in das Querhölzer eingeknüpft waren – ein System, dem man auch heute noch begegnet. Anna Locher fand stets auch Zeit, unsichere oder ängstliche Kinder nach Hause zu begleiten und bei Schwierigkeiten mit den Eltern zu sprechen.
Zahlreich waren in Anna Lochers Kindergarten die Übungsmöglichkeiten für eine umfassende Förderung der kindlichen Fähigkeiten und ihrer Erziehung zu Selbständigkeit und persönlicher Sicherheit. Gut vorbereitet konnten so die Kleinen jeweils in die 1. Klasse übertreten.
Eine begabte Fotografin
Anna Locher war nicht nur eine begnadete Kindergärtnerin, sie war auch eine begabte Fotografin und galt zumindest in den Anfangsjahren als die einzige Frau im Dorf, die einen Fotoapparat besass. Seit den ersten Jahren ihres Wirkens hielt sie immer wieder Augenblicke aus ihrem Berufsleben mit der Kamera fest; mehrere hundert Aufnahmen sind erhalten geblieben. Heute werden sie im Ortsmuseum Zollikon aufbewahrt.
Die Bilder zeigen einerseits Szenen aus dem Kindergartenalltag, anderseits sind sie aber auch wichtige Dokumente zur Geschichte des Dorfes. Sie belegen den Wandel von Frisuren und Kleidung, bilden verschwundene Dorfpartien ab und ermöglichen Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand von kleinen Kindern aus mehreren Jahrzehnten.
Verhärmte, traurige Kindergesichter
Beim Betrachten der Kinderfotografien fällt auf, dass viele Gesichter verhärmt, ernst, traurig und verängstigt wirken, oft auch älter, als sie wirklich sind – nichts von strahlender Lebensfreude und unbeschwertem Kinderleben. Dass sich hinter ihnen tragische Schicksale, schwierige soziale Verhältnisse, Armut und Kinderängste verbergen, kann man sich vorstellen.
Umso wichtiger war deshalb die selbstlose Arbeit Anna Lochers, die ihr Möglichstes tat, solchen Kindern im Kindergarten durch ihre menschliche Wärme ein paar unbeschwerte Stunden zu ermöglichen.
Ein erfülltes Leben
Schon als Mädchen soll die kleine Anna Locher gesagt haben, sie wünsche sich keinen Ehemann, dafür viele Kinder. Nun, ihr Wunsch ging in Erfüllung: Geheiratet hat Anna Locher nie, dafür begleitete sie als weitherum geschätzte Lehrerin viele hundert Kinder auf ihrem Weg in die Schulzeit.
Neben ihrer Tätigkeit als Kindergärtnerin war Anna Locher, gesegnet mit nahezu unerschöpflicher Energie, auch in der Kirchgemeinde tätig und pflegte ihre Mutter, die sie schon bald zu sich nach Zollikon genommen hatte.
Anna Locher unterrichtete, bis sie 1943 das Pensionsalter erreichte. Am 17. Dezember 1956 verliess sie Zollikon schweren Herzens und zog in ein Altersheim ihrer Vaterstadt St. Gallen in die Nähe ihrer Schwester Emilie. Dort verstarb sie am 7. April 1968 im Alter von 89 Jahren. Die Urne wurde zehn Tage später auf dem Friedhof Zollikon beigesetzt.
Verdiente Würdigung
Im Februar 2020 beschloss der Gemeinderat, den namenlosen Weg von der Rosengartenstrasse entlang des neuen Kindergarten- und Musikschulgebäudes zur Rüterwiesstrasse «Anna-Locher-Weg» zu benennen. Auch wenn der Weg mit Anna Locher nicht viel zu tun hat: Verdient hat sie die Würdigung mit Sicherheit.
Die grösste Würdigung ist jedoch wohl die Hochachtung, mit der auch noch Jahrzehnte später Ehemalige von den Jahren sprachen, die sie bei «Tante Locher» verbrachten. Viele von ihnen durften ihr um 1965 anlässlich eines Treffens im Restaurant Rosengarten noch einmal begegnen.
Hermann Spinner, Schüler in Anna Lochers letzter Klasse, erinnert sich: Tante Locher gehörte zur Familie. Sie wohnte bei meiner Grossmutter auf demselben Grundstück. Wir waren mit Tante Locher liebevoll verbunden. Für die Schulzeit war sie eine Art Ersatzmutter. Diese Geborgenheit fand mit ihrer Pensionierung ein jähes Ende. Wir bekamen eine neue Kindergärtnerin und wurden umprogrammiert. Die Neue hiess nun Fräulein statt Tante, und man musste sie siezen. Für uns Kinder war die warme Geborgenheit des Kindergartens vorbei. Es zog ein kalter Wind durch die Schulstube, die bald zum Klassenzimmer mutierte. Anstelle der Ersatzmutter trat eine Lehrerin, anstelle von emotioneller Verbundenheit traten Kompetenz und Pflichterfüllung.»
Das Zolliker Jahrheft 2021 wird am Weihnachtsmarkt verkauft. Hier geht es zum Inhaltsverzeichnis und hier zur Online-Bestellung. Quellen dieses Artikels: Richard Humm: Anna Locher (1879–1968), Schrift zur Sonderausstellung, Winter 1981/82. «Zolliker Bote» vom 14. Dezember 1956, 7. April 1968 und 17. Dezember 1981.