Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03347.jsonl.gz/1248

Am Anfang mussten der Opa und die Mutter den kleinen Alfred noch auf den Arm nehmen, um ihm die Krippenlandschaft im Mittelfach des Küchenkastens zeigen und erklären zu können. Später konnte der Kleine sich schon selbst einen Hocker holen, um auf Krippenhöhe zu kommen. Längst hatte er Feuer gefangen, und im Jahr darauf war das Krippenbauen bereits seine Sache! Der Mittelteil des Küchenschranks reichte nun nicht mehr. Man brauchte schließlich noch Platz für diverse Hirtenszenen, für den Zug der Heiligen Drei Könige, für die immer üppiger werdenden Schafherden etc. Und so musste die Mutter unter leichtem Seufzen alles wegräumen, was im Küchenschrank nicht unbedingt gebraucht wurde, um Platz zu machen für weitere „Krippenbilder“.
Und als der frischgebackene Student Alfred nach München kam, wo die Familie inzwischen ein Haus hatte, da war es die große Schwester, die sich in ihrem Zimmer aufs Nötigste beschränken musste, um einer jährlich wachsenden Krippenlandschaft Platz zu machen. Alle Freunde wurden zum Krippenbauen herbeibeordert, auf dreieinhalb auf drei Meter wurden „Felsen“ (den Untergrund bildeten 16 alte Autoreifen) aufgetürmt, in den Wäldern der Umgebung wurde nach Moos gefahndet, und der Kommilitone W., der bis dahin nur durch geschliffene hyperintellektuelle Statements aufgefallen war, kniete auf dem Boden, um eine Schafherde über eine Brücke über einem selbstverständlich „echten Wasser“ stimmig zu platzieren. Und Kommilitone T., der eigentlich viel lieber Handwerker geworden wäre, war glücklich über den Auftrag, mit kleinen Steinen und echtem Mörtel ein Haus für eine Hirtenfamilie zu bauen.
Auch das Zimmer der Schwester war bald zu beengt für die immer weiterwachsende Zahl an Figuren (die vom Ellmann Opa stammende Krippe hatte nun bereits über 800 Figuren) und zunehmend auch die Krippen aus aller Welt, die ebenfalls die ursprüngliche Anzahl der Krippen beider Grosseltern, des Ellmann und Hartl Opas erweitert hatten. Also wurde die Wohnzimmer-Schrankwand ausgeräumt, damit in jedem Fach eine neue Krippenszene entstehen konnte, es wurden wieder Küchenregale genutzt, sämtliche Flächen, die in Küche und Esszimmer nicht unbedingt für die Küchenarbeit gebraucht wurden, die Treppe, die einfach ideal war, um da einen echten kleinen Wasserfall zu inszenieren, sämtliche mögliche Fenstersimse und Schränkchen, deren Oberflächen man abräumen konnte. Nicht genug – auch an den Wänden wurden Bretter angebracht, die Krippenszenen zeigten. Spätestens zur beginnenden Weihnachtszeit lebte man dann direkt mitten in einer Krippenlandschaft und war Teil von ihr.
Die Eltern jammerten zwar ein wenig, aber wirklich nur ein wenig (wenn zum Beispiel noch Monate nach der Krippensaison der Sand, der zum Bauen der Landschaften verwendet wurde, von einem Küchenregal auf den Herd rieselte), aber sie fügten sich dann auch willig ein ins „Krippenspiel“ und hielten für die immer zahlreicher werdenden Besucher aus der Nachbarschaft und auch von weither Punsch nach altem Hausrezept und Tee bereit.
Den inzwischen berufstätigen Alfred führte der Weg im Jahr 1998 in die Schweiz, wo er bei seinem damaligen Arbeitgeber Josef Amrein und seiner Frau Monika auf eine ebenfalls krippenbegeisterte Familie stieß. Ja, und wenn Begeisterung auf Begeisterung trifft, dann gibt es kein Halten mehr. Zunächst wurden die Krippenlandschaften in den jeweiligen Wohnungen gemeinsam aufgebaut und bestaunt, dann war klar: So etwas geht auch größer! Und Herr Amrein, der als Leiter einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung über Räume und PR-Möglichkeiten verfügte, stellte schnell die Weichen für eine „richtige Krippenausstellung“, die dann in drei aufeinanderfolgenden Jahren von Tausenden von Krippenfreunden besucht wurde.
Das Abbauen und Verstauen aller Figuren und allen Zubehörs tat jedes Mal weh … Es wäre doch schön, die Krippen ganzjährig zeigen zu können, die Sammlung noch auszuweiten (was sind schon 1000 Krippen?!), ein Begleitprogramm für die Besucher zu entwickeln, anderen zu motivieren, die zu Hause eine eigene Krippe aufbauen wollten. Und der verrückte Gedanke und Wunsch nach einem „richtigen Museum“ wurde immer stärker. Da war es nur folgerichtig, einfach einmal nach einem geeigneten Haus zu suchen. Das „richtige Haus“ stand dann in Stein am Rhein, und so kam es, dass die Krippengeschichte, die in einem alten Küchenschrank begonnen hatte, die Gestalt eines Museums annahm, das nun im Herbst 2021 sein zehnjähriges Jubiläum feiern kann.
Gabriele Hartl
Wie alles begann – Fernsehbeitrag zur Eröffnung der KrippenWelt aus dem Jahr 2011