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„Du musst immer fragen“
Jeder aufgeweckte, dem Baby-Alter entsprungene Mensch kommt unweigerlich in die Frage-Phase. Dies ist meistens im Alter von 3 Jahren der Fall. Dann wird gefragt, was das Zeug hält. Und die Erwachsenen rufen in ihren entferntesten Gehirnwindungen eine Antwort ab. Wurde eine zufriedenstellende Antwort gegeben und während man auf eine Ruhepause des Fragers wartet, folgt unweigerlich ein „Warum“ oder „Wieso“. Kommt ein Erwachsener an die Grenze seines Wissens oder hat er einfach keine Lust mehr, dem Kleinen oder der Kleinen zu antworten, dann wird wohl ein „Weiss ich nicht!“ über seine Lippen kommen. Es wird gehofft, dass keine weitere Frage mehr folgen und der Kleine weiss, dass das Frage-Antwort-Spiel jetzt beendet ist.
Mein Enkel lässt sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen und stellt die nächste Frage. Und so geht es eine Viertelstunde, manchmal sogar länger. Oft so lange, bis der Opa sich fusselig geredet hat und sich nach einem kühlen Schluck sehnt, um seinen trockenen Mund zu befeuchten. - Unser wissbegieriger Enkel stellt an anderen Tagen oft dieselben Fragen, um die Grosseltern oder Eltern zu überprüfen, ob sie auch dieselben Antworten geben.
Dazu fällt mir ein treffender Witz ein:
Ein Vater sagt zu seinem Sohn: „Wenn Du nicht fragst, dann bleibst Du dumm!“ Diesen Ausspruch merkte sich sein Sohn, und er begann mit den Fragen: „Warum fliegt der Vogel?“
Antwort des Vaters: „Weiss ich nicht!“ Der Kleine liess sich nicht aus der Ruhe bringen und fragte weiter: „Warum fährt das Auto?“ Dem Vater war die Fragerei zu dumm und er meinte: „Weiss ich nicht!“ Da antwortete sein Sohn: „Siehst Du, Vater, du musst immer fragen, sonst bleibst du dumm!“
Lesen erweitert den Horizont
Viele Erwachsene nehmen sich die Dummheit anderer zu Herzen und beginnen mit dem Lesen. Denn immer wieder hört man, Lesen erweitere den Horizont. Nun weiss ich endlich, warum etliche Politiker und Manager nicht gerade vor Intelligenz strotzen: Sie kommen ja nicht zum Lesen. Sie sehen ihre Hauptaufgabe darin, unsinnige Projekte in Angriff zu nehmen, die Meinungen anderer zu negieren und das Volk mit Unwahrheiten zu „bombardieren“. Aber zum Glück gibt es auch lesefreudige, intelligente Politiker. Diese haben es jedoch schwer, sich Gehör zu verschaffen. Oft werden sie abserviert.
Auch für unsere Kinder wird das Lesen infolge der Ablenkungen durch Fernsehen, Computerspiele und andere Dinge immer mehr zurückgedrängt. Laut Pisa-Studie haben die heutigen Kinder erhebliche Leseschwächen. Einen Lichtblick gibt es jedoch. Nach Publikation der Harry-Potter-Bücher von Joanne K. Rowling kam heraus, dass viele Kinder doch mit Freude lesen. Oft ist es jedoch so, dass die Schüler oder Schülerinnen nicht unbedingt zugeben, dass ihre grösste Freude das Lesen ist. Vielmehr erwecken sie Bewunderung, wenn sie äussern, dieses oder jenes Computerspiel wäre das tollste Spiel aller Zeiten.
Nichtleser oder Wenigleser können sich mit folgendem Spruch trösten.
- Wer viel liest, weiss viel.
- Wer viel weiss, vergisst viel.
- Wer viel vergisst, weiss wenig.
- Warum überhaupt erst lesen?
(Verfasser unbekannt; mitgeteilt von Jürgen Wolf )
Fazit
Wie Walter Hess treffend in seinem 8. Rundbrief schreibt, kann Wissen (auch falsches Wissen) als Macht missbraucht werden. Dieser Machtmissbrauch ist zu verurteilen. Aber lassen wir uns nicht aus der Ruhe bringen, fördern wir uneingeschränkt das Wissen unserer Kinder. Beantworten wir auch unbequeme Fragen und weisen sie rechtzeitig – dem Alter entsprechend – auf Lügen und Verdrehtheiten, die so manche Menschen und Institutionen von sich geben, hin.
P.S.: Ein herrliches Bild ist in der Tat das in jenem Rundbrief abgebildete, interessierte Knäblein, das gerne wissen möchte, was so unter einem Frauenrock ist: Eine natürliche Art der Horizonterweiterung.
Heinz Scholz

Lesen als Zeitverschwendung
Aus meiner Sammlung über Lehrer, Schüler und Schulen eine Episode aus Basel, die zeigt, dass Lesen in früheren Zeiten als Zeitverschwendung galt. Zu jener Zeit gab es aber auch Lehrer, die kaum schreiben oder lesen konnten. Viele Eltern waren der Ansicht, Mädchen müssten Hausarbeiten verrichten und die Buben auf dem Feld arbeiten. Es genüge, wenn die Sprösslinge das Kreuz machten und das Vaterunser beten könnten. Schliesslich wüssten die Eltern auch nicht mehr. Zum Glück hat sich dieser traurige Zustand später geändert.
In Basel gab es seit 1838 die allgemeine Schulpflicht. Vorher galt das Lesen- und Schreibenlernen als Zeitverschwendung. Nur wer Gelehrter oder Geistlicher werden wollte, musste Lesen und Schreiben erlernen. Zu jener Zeit gab es sogar Könige und Grafen, die kein Wort lesen oder schreiben konnten. Sie hatten ihre Vorleser oder Hofschreiber. Die angehenden Geistlichen erwarben ihre Kenntnisse in einer Stifts- oder Klosterschule. Hauptfächer in einer solchen Stiftsschule waren Latein und Singen. Die geplagten Schüler mussten viele lateinische Kirchenlieder und ein dickes Buch mit lateinischen Versen auswendig lernen. Ferner mussten sie Bücher mit schwer verständlichen Erklärungen über die Kunst des Redens und Disputierens studieren. In solchen Schulen sassen ganz junge und alte Schüler nebeneinander. Auch wurden so genannte fahrende Schüler, Scholaren, aufgenommen.
Das Schülerleben war nicht einfach. Sie wurden streng erzogen. Nur einmal im Jahr, am St.-Niklaus-Tag, durften sie fröhlich und ausgelassen sein. Sie bekamen einen Wecken aus feinem Mehl und zogen durch die Stadt und machten lauter Spässe. „Die Leute standen am Strassenrand, lachten über die Spässe der Knaben und gaben ihnen kleine Geschenke“, wird berichtet. Bevor der Winter Einzug hielt, kauften reiche Bürger der Stadt den armen Schülern Schuhe und Tuch für ein warmes Kleid.
Heinz Scholz
(Quelle: „Heimatgeschichtliches Lesebuch von Basel“ von Fritz Meier, 1955)