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Fumoir: Max Frisch aus der Türkei
Die Immigration eines Buchs.
An dieser Stelle erzähle ich für einmal nicht die Geschichte immigrierter Menschen, sondern die eines immigrierten Buchs. Als man mir kürzlich ein Buch einscannte und ich es innert Sekunden über den Ozean gemailt bekam, erinnerte ich mich an die Geschichte eines Buchs, das ein Jahr brauchte, bis es in der Schweiz angekommen war.
Das Buch hiess «Isvicre öyküleri» («Schweizer Erzählungen»). Es erschien Ende der achtziger Jahre in Istanbul und enthielt Erzählungen von Schweizer LiteratInnen, die ins Türkische übersetzt worden waren. Die AutorInnenliste war lang; von Max Frisch bis Gertrud Leutenegger, von Franz Hohler bis Hugo Loetscher. Meine Schwester, die gerade ein Studium angefangen hatte, sah das Buch in der Hand ihrer zierlichen Literaturprofessorin. Sie liess sich das Buch schenken und erzählte mir einen Monat später am Telefon mit grossem Enthusiasmus von ihrem Fund.
Sie wollte mir das Buch unbedingt schicken, aber wie? Damals wurden in der Türkei Bücher als viel gefährlicher denn Stichwaffen eingestuft. Die junge Studentin wagte es nicht, den Band auf die Post zu bringen. So wartete sie drei Monate, bis im Sommer ein weit entfernt verwandter Cousin aus dem österreichischen Vorarlberg im Opel Manta ihr Dorf besuchte.
Der Cousin, der genügend Beispiele dafür kannte, dass man in diesem Land wegen Büchern im Gefängnis landen konnte, hatte Angst, das Buch im Handschuhfach zu verstauen. Er hatte eine bessere Idee, wie er das Buch aus der Türkei schmuggeln würde. Er sollte nämlich viele Gebetsteppiche für die türkische Moschee in Bludenz, die frisch in einer ehemaligen Nagelfabrik eingerichtet worden war, mitnehmen. Der Grenzbeamte würde niemals auf die Idee kommen, dass in der Packung der Gebetsteppiche verbotene Ware versteckt wäre. Und falls doch, würde er ihm sagen, dass das Buch, das in ein Tuch eingewickelt war, ein Koran sei; ein Muslim darf ja bekanntlich ohne rituelle Waschung das heilige Buch nicht anfassen.
Das Buch kam – ohne Verhaftungen zu verursachen – in Vorarlberg an. Der Verwandte fühlte sich leicht wie eine Feder, als er es aus der Packung herausnahm. Natürlich hatte er die Nummer meines Telefons nicht, ich hatte nämlich keines. Ich wartete jeden Tag freudig auf den Pöstler, der mir alles andere als ein Buch brachte. Eines Tages suchte ich die Telefonnummer der Moschee in Bludenz heraus. Bis ich den Cousin am Apparat hatte, vergingen vier Sonntage. Er erzählte mir, dass er das Buch einem Mann mitgegeben habe, der in die Schweiz, nach Sursee, an eine Hochzeit gefahren sei. Erst drei Wochen später sagte er mir den Namen des frisch verheirateten Manns.
Der Surseer Türke war nicht wenig erstaunt, als ich ihn eines Abends anrief und mein Buch verlangte. Er berichtete, dass das Buch unter den Hochzeitsgeschenken gewesen sei, eingewickelt in ein meerblaues Hemd. Man habe vor Erstaunen fast die Zunge verschluckt, weil dem Hochzeitspaar ein Buch geschenkt worden sei, da ja alle anderen entweder Geld oder Gold geschenkt hätten. Er habe aber das Buch einer Frau geschenkt, die sich «mit solchen Dingen beschäftigt». Gefreut habe sie sich riesig. Er werde ihr meine Adresse mitteilen.
Bis ich die Post mit dem Buch «Schweizer Erzählungen» aus dem bernischen Muri erhielt, vergingen wiederum fünf lange Wochen. Und mir wurde bewusst, dass ein ganzes Jahr vergangen war, bis mich das Buch aus der Türkei gefunden hatte. In dieser Zeit hatte ich genügend Deutsch gelernt, um die Erzählungen in der Originalsprache lesen zu können – allerdings nur mithilfe eines Wörterbuchs, das ich «meinen Koran» nannte.
Yusuf Yesilöz ist Schriftsteller und Dokumentarfilmer in Winterthur. Sein jüngstes Buch, «Kebab zum Bankgeheimnis», eine Sammlung seiner Kolumnen, ist im Zürcher Limmat Verlag erschienen.