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Weinbau im Tessin
Geschichte
Ticino, der südlichste Kanton in der Schweiz, hat nur wenige Ähnlichkeiten mit den übrigen Landschaften und Regionen des Landes. Lange Zeit gehörte das Tessin zum Herzogtum von Mailand und vorübergehend vollständig zu Italien. Erst im 15. Jahrhundert wurde ein Teil dieses im Süden gelegenen Landstrichs von der Schweizerischen Eidgenossenschaft vereinnahmt. Das Leventinatal und Bellinzona wurden zuerst erobert, später kamen noch Locarno, Lugano und im 16. Jahrhundert das Maggiatal hinzu. Obwohl die Gegend damit der schweizerischen Oberhoheit unterstand, erfolgten keinerlei Anstrengungen, das Tessin vor dem Erlangen des Status als freier Kanton im Jahr 1803 in die Eidgenossenschaft zu integrieren. Bis heute spricht die Bevölkerung im Tessin Italienisch und hält seine Bindungen zur italienischen Kultur aufrecht.
Die Römer brachten die Weinrebe in das Tessin und hinterliessen bedeutende Zivilbauten (Städte, Brücken, Alpenpässe) und auch die Namen zahlreicher Dörfer wie Sonvico und Vico-Morcote bezeugen das römische Erbe.
Nach den Verwüstungen durch die Reblaus und den Mehltau gegen Ende des 19. Jahrhunderts wanderten viele Winzer nach Amerika aus. In der Ortschaft Asti im Sonoma-County, Kalifornien gibt es heute noch eine „Italian Swiss Colony“. Sie wurde im Jahr 1881 unter anderen durch Andrea Sbarboro gegründet. Sbarboro war offensichtglich ein Banker, der sich in der Weinbranche profilierte. Sie bewirtschafteten zu Beginn 1’500 acres Rebland. Ihre Weine „Tipo Chianti“ und „California Sauternes Dry“ waren zwei der begehrtesten Weine vor der Prohibition in Kalifornien. An der 1265 Battery and Greenwich Sts in San Francisco wurde ein „Warehouse“ zur besseren Vermarktung der Italian Swiss-Wine erstellt. Wenn wir richtig informiert sind, wurde das Weingut der Italian Swiss Colony zuerst von Beringer-Blass und dann von Constellation Brands übernommen.
Vor der Einführung des Merlot und anderer Sorten kultivierten die Tessiner Winzer vor allem Wein in Mischformen, insbesondere den „Isabella“. Diese Mischformen verursachten bei den Konsumenten oft Krankheiten.
1902 richtete der Kanton Tessin einen Wanderlehrstuhl für Landwirtschaft ein. Dem italienischen Agronomen und Pharmakologen Alderige Fantuzzi oblag es, den Weinanbau und die Herstellung zu verbessern. Er begann mit der Analyse des Tessiner Rebsortenspektrums.
Er testete Sorten wie Merlot, Pinot Noir, Cabernet, Barbera und Nebbiolo. Im Rahmen dieser Tests trafen in den Jahren 1904/1905 die ersten aus Bordeaux importierten Merlotstöcke im Tessin ein. Fantuzzi war 1906 überzeugt, die Sorte gefunden zu haben, die den Tessiner Rebbau aus seiner schweren Krise zu führen versprach. Er sollte Recht behalten.
Weinberge
Das Tessin besitzt nach dem Wallis, dem Waadt und Genf die viertgrösste Weinbaufläche der Schweiz. Praktisch alle Terrassenhänge werden mechanisch bearbeitet.
Das Tessiner Rebbaugebiet erstreckt sich auf einer Gesamtfläche von 1200 Hektaren und besteht aus zwei grossen Regionen, dem Sopraceneri im Norden (640 Ha) und dem Sottoceneri im Süden (560 Ha). Das Mesolcinatal (50 Ha) befindet sich im Graubünden, wird aber aufgrund seiner geografischen Lage zum Tessiner Rebbaugebiet gezählt.
Klima
Die Tessiner Weinberge profitieren vom nahen Mittelmeerklima und unterscheiden sich deshalb von den anderen Schweizer Rebbaugebieten, die ihrerseits von den Alpen beeinflusst werden. Das Klima im Tessin zeichnet sich aus durch eine lange Sonnenscheindauer, regenreiche Frühlinge und die Gefahr von Hagelschauern. Die Jahresdurchschnittstemperatur im Tessin beträgt ca.12°C.
Bodenbeschaffenheit
Die Tessiner Rebfläche wird durch den Monte Ceneri in zwei unterschiedliche Gebiete geteilt. Der Boden im Norden (Sopraceneri) ist aufgrund der Nähe zu den Alpen granithaltig. Er enthält fast keinen Kalk, ist sandhaltig, sauer, leicht und durchlässig. Im Süden hingegen (Sottoceneri) sind die Böden vorwiegend kalkhaltig und bestehen aus alkalischer und tonhaltiger Erde.
Rebsorten
Im Kanton Tessin wird vorwiegend Rotwein angebaut. Rund 98% der Tessiner Weinproduktion stammt von Rotweingewächsen. 88% des im Tessin produzierten Rotweins wird aus Merlot hergestellt, der ursprünglich aus dem Bordelais stammt. Weitere Rotweinsorten sind der Pinot noir, der auf einer Höhe bis zu 500 m angebaut wird, und der aus dem Sopraceneri stammende Bondola, der als typischer Tessiner Wein unter der Bezeichnung Nostrano bekannt ist.
Einige Rebsorten werden für die Produktion von Tafeltrauben oder die Herstellung des berühmten Grappa verwendet.
Der Anbau von Weissweinsorten macht nur etwa 2% der Produktion aus und wird geheimgehalten. Die häufigsten Rebsorten sind Chasselas, Sémillon und Sauvignon, die oft gemeinsam zu Mischweinen verarbeitet werden. Da auch die Tessiner Weinbauern Abwechslung lieben, bauen einige von ihnen auf sehr kleinen Gebieten Kerner und Chardonnay an.100 Jahre MerlotNach der Vernichtung vieler Rebflächen durch Reblaus und Mehltau wurde aus dem Bordeaux die rote Sorte Merlot eingeführt, die heute weit über ca. 80% der Fläche in der Südschweiz belegt. Die Rebsorte der Merlot Trauben ist weltweit bekannt. Im Tessin ist sie das Symbol der Tessiner Weinkultur und kann mit der ausländischen Konkurrenz gut mithalten. Der Rebstock entwickelt gute Widerstandskräfte gegen Krankheiten und ist eigentlich nur gegen Peronospora anfällig. Die auf traditionelle Art gekelterten Trauben ergeben einen rubinroten, ausgewogenen Wein mit einem guten Körper und einer eleganten Note nach Efeu.
Die ersten Kelterungs-Versuche im Tessin gehen vermutlich in die Jahre 1904–1905 zurück. 1906 wurden offiziell die ersten Analysen vorgenommen. Die Merlot-Traube hat sich inzwischen an das lokale Terroir im Tessin anpassen können. Zum typischen Tessiner Wein wurde der Merlot aber erst in den 1950er-Jahren, und seinen grössten Aufschwung erlebte er in den 80er-Jahren. Heute stehen im Tessin und im Misox insgesamt ca. 3,6 Mio Merlot-Rebstöcke.
Rund 3,3% belegen Amerikaner-Reben (hier nennt man sie Americano) wie Isabella, Clinton und Noah, die vor allem für Tafeltrauben, Traubensaft und für die Herstellung von Grappa verwendet werden. Nur mehr in geringen Mengen wird auch Wein daraus gekeltert.
Im Sopraceneri kultivieren Lorenzo Ostini und Corrado Bettoni drei Hektaren, auf denen nicht die übliche Merlottraube wächst, sondern hauptsächlich die Bondola – die einzige autochthone Rebsorte, die im nördlichen Tessin immer noch angebaut wird. In der ganzen Südschweiz sind ca. 14 ha mit der Bondola bestockt.
Die Bondola ist eine alte, einheimische rote Rebsorte aus dem Schweizer Kanton Tessin (italienische Schweiz). Sie wird als Verschnittpartner für den traditionellen Nostrano verwendet, einem tanninhaltigen, herben Rotwein, der einen typischen Erdgeschmack aufweist. Wird der Nostrano (der „Unsrige“) aussserhalb des Kantons verkauft, bezeichnet man ihn oft mit „Colli del Ticino“.
Die Tessiner Weinbaukultur erlebt eine beeindruckende Renaissance
Hobbywinzer aus der deutschen Schweiz und einige umsichtige Tessiner Weinbauern waren dafür verantwortlich, dass zwischen 1970 und 1980 der Weinbausektor im Tessin stark verbessert wurde. Entscheidend dabei war das Kriterium Qualität mit beschränkter Anbaumenge, der Selektion von Klonen, sowie innovative Weinbaumethoden und Weinbautechniken.
Christian Zündel beispielsweise kam 1976 als Geologe nach Beride im Hinterland von Lugano. Seit dem Jahrgang 1985 produziert er dort Weine, oft bis zu 15’000 Flaschen jährlich, die inzwischen Referenzcharakter haben: den Merlot „Terraferma“, den „Orizzonte“ – ein Merlot mit einer Prise Cabernet Sauvignon und den Chardonnay „Velabona“. Eine Vorgabe war und ist für Zündel immer noch, einen Merlot zu machen wie ein guter Burgunder. Er meint dazu: “ Wein ist ein sinnliches Getränk, ein mystisches Getränk. Es geht darum, die richtigen Komponenten zu harmonisieren.“
Daniel Huber zählt wie Adriano Kaufmann und Christian Zündel zu den profilierten Merlot-Pionieren. Berühmt geworden ist er mit seinem „Montagna Magica“, einem fast reinsortigen Merlot.
Adriano Kaufmanns „Pio della Rocca“ ist eine meisterhafte Assemblage aus Merlot und rund 15 Prozent Cabernet Sauvignon. Sein Sauvignon Blanc ist absolute Weltklasse.
Auch der Romand Eric Klausener gehört zur starken Fraktion der Tessiner Selbstkelterer. Sein maskuliner Merlot Gran Risavier aus 50 jährigen Rebstöcken bei Travano / Lugano zählt regelmässig zu den grossen Weinen des Tessins.
Es mag der Eindruck entstehen, dass nur Jung-Winzer aus der deutschen und französischen Schweiz erfolgreich sind. Dem ist nicht so!
Die besten Tessiner Winzer (nach Auffassung anerkannter Fachleute und
vieler Degustationen meinerseits):
Tenimento Dell’Ör – Agriloro, Arzo
Tenuta Bally & von Teufenstein, Breganzona
Guido Brivio, Mendrisiotto
Chiodi, Ascona
Angelo Delea, Losone
Gialdi, Mendrisio
Kopp von der Crone, Castel S. Pietro
Cantina Monti (Sergio und Ivo Monti), Cademario
Vini Rovio Ronco (Gianfranco Chiesa), Rovio
Vini Visini, Pedrinate
Tamborini, Lamone
Lorenzo Trapletti, Coldrerio
Vinattieri Ticinesi – Zanini, Ligornetto
Christian Zündel, Beride
Werner Stucky, Riva
Adriano Kaufmann, Beride
Eric und Fabienne Klausener, Purasca
Daniel Huber, Monteggio
Carlevaro Vinicola, Bellinzona
Azienda Mondó (Giorgio Rossi), Sementina
Enrico Trapletti, Coldrerio
Tenuta San Giorgio (Mike und Bettina Rudolph), Cassina d’Agno
Castello Luigi (Luigi Zanini), Besazio