Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03178.jsonl.gz/908

Aus einer eben bewerteten Bachelorarbeit in Systematischer Theologie zitiere ich die Antwort auf Paul Tillichs Kritik der orthodox-protestantischen Offenbarungslehre:
Entgegen der Darstellung Tillichs besteht die biblische Offenbarung zwar aus propositionalen Wahrheiten, sie ist aber weit mehr als die Summe dieser Wahrheiten. Die Bibel setzt sich zusammen aus Schriften unterschiedlicher Gattungen – von erzählter (und theologisch gedeuteter) Geschichte des Volkes Gottes, über Weisheitsliteratur bis hin zu den Lehrtexten der neutestamentlichen Briefe. In all diesen Büchern offenbart sich Gott zwar durchgehend durch Worte, aber mit einer großen Bandbreite an Variationen…
Die biblische Offenbarung ist nicht „aus einer fremden Welt in die menschliche Situation hineingefallen“. Gott inspirierte sein Wort, indem er die Persönlichkeiten der Schreiber berücksichtigte (Paulus schreibt beispielsweise stilistisch gesehen anders als Johannes). Gott offenbarte sein Wort bzw. sich selbst, indem er Sitten und Bräuche der damaligen Kultur berücksichtigte (bspw. der Bundeschluss mit Abraham mit der Spaltung der Tierkörper in 1Mos 15). Er offenbarte sich, indem er sich selbst mit Attributen beschreibt oder benennt, die den Menschen aus ihrer Lebenswelt bekannt sind (z.B Hirte, Vater, Licht etc.). Gott spricht in die konkrete Lebenssituation von Menschen hinein (z.B die Zivilgesetzgebung des Pentateuch regelt das Zusammenleben für Menschen im Nahen Osten des 2. Jahrtausends vor Christus und Jesu Gleichnisse greifen Alltagssituationen der Menschen um die Zeitenwende auf). Dabei ist Gott der Lebenswelt der Menschen niemals unterworfen, er lenkt sie sogar aktiv durch seine Vorsehung, aber er spricht immer wieder in diese hinein und berücksichtigt diese.
Auch Tillichs Postulat, dass eine supranaturalistische Sicht der Bibel bedeute, dass die Bibel „Fragen, die der Mensch niemals gestellt hat“ beantworte, ist eine Karikatur orthodoxer Theologie. Gerade um Antworten auf die – um es in Tillichs Sprache zu sagen – existentiellen Fragen des Lebens zu geben, hat Gott dem Menschen sein Wort gegeben. In diesem Wort verwendet er gleich die ersten Kapitel, um einige dieser Fragen zu beantworten (z.B.: Woher kommen wir Menschen? Zu welchem Zweck sind wir auf der Erde? Warum ist die Welt so kaputt, wie wir sie erleben? Etc.).
Dabei ist die Heilige Schrift viel mehr als ein Buch, das uns Antworten auf die großen Fragen gibt. Im Kern stellt sie uns in Beziehung zu dem dreieinigen Gott, der die Antwort auf alle existentiellen Fragen des Lebens ist. Aber in dieser Bundesbeziehung gibt sie uns immer wieder konkrete Antworten.