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Die Realität in der neuen Heimat
Minderjährige, die mutterseelenallein in die Schweiz flüchten und sich hier ein besseres Leben erhoffen, stellen Gemeinden vor neue Herausforderungen. Erste Erfahrungen in Langnau BE zeigen: Gewohnte Betreuungsstrukturen in Asylunterkünften und das Klassengefüge in der Schule werden auf die Probe gestellt.
Die Zahl der Jugendlichen, die ohne Eltern nach Europa reisen, steigt (im Bild: Passau, Deutschland). Wie geht es für sie weiter?
«Jede Minute werden im Durchschnitt 25 bis 30 Menschen durch Gewaltereignisse aus ihrer Heimat vertrieben», sagte Peter Maurer, Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), am Politforum in seiner Heimatstadt Thun.
Heute ist eine solche Vertreibung in aller Regel eine langfristige. «Die Dauer der Vertreibung hat in den letzten zehn Jahren rapid zugenommen.» Genau genommen hat sie sich fast verdoppelt: von etwa 11 Jahren auf heute 19 bis 20 Jahre der Vertreibung. «Menschen, die heute durch Gewaltereignisse vertrieben werden, können höchstwahrscheinlich nicht in absehbarer Zeit in ihre Heimat zurückkehren», so Maurer.
Abschrecken oder integrieren?
In Anbetracht dieser Zeiträume liegt die Frage nahe, wie man mit dem Spannungsfeld zwischen Integration und Rückwanderung umgeht.
Gianni D'Amato, Professor für Migration und Staatsbürgerschaftsstudien an der Universität Neuenburg und Direktor des Schweizerischen Forums für Migrations- und Bevölkerungsstudien, ist überzeugt, dass Rückwanderungsquoten und die Auswirkungen von Integrationsmassnahmen häufig falsch eingeschätzt werden: «In politischen Debatten wird vielfach argumentiert, die Integration würde der Durchsetzung einer wirksamen Asylpolitik entgegenwirken.» Die Wirksamkeit und die Folgen würden allerdings nicht überprüft.
«Häufig wird angenommen, dass nur eine kleine Minderheit der Asylsuchenden längerfristig in der Schweiz bleibe.» Die heutigen Erkenntnisse zeichnen aber ein anderes Bild. Zudem könne nicht bewiesen werden, dass Integrationsmassnahmen die Rückkehrbereitschaft grundsätzlich unterlaufen oder gar Asylsuchende anziehen, so D'Amato.
«Massnahmen, um Flüchtlinge abzuschrecken, erschweren vielmehr die nachhaltige Integration in die Gesellschaft, in den Arbeitsmarkt und auch ins Bildungssystem», ergänzt er.
Unbegleitete Minderjährige bleiben
Bei diesen Debatten denkt man in der Regel als erstes an erwachsene Asylsuchende. Geht es hingegen um Minderjährige, verlagert sich die Diskussion. Die Anpassungsfähigkeit, ihre Perspektiven in der Schweiz, aber auch die Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr werden anders eingeschätzt.
Wer im Alter zwischen 10 und 18 Jahren in die Schweiz einreist, geht in aller Regel nicht wieder zurück in die Heimat – vor allem wenn keine Eltern dabei sind, die über eine Rückkehr entscheiden würden. Dies ist bei den unbegleiteten minderjährigen Asylsuchenden, kurz UMA, der Fall.
«Bei den UMA geht man davon aus, dass sie ihr Leben lang in der Schweiz bleiben», sagt Bernhard Antener, Gemeindepräsident (SP) von Langnau BE – der Gemeinde, die 2011 als erste Schweizer Gemeinde ein Zentrum für unbegleitete Minderjährige erhielt.
Starker Anstieg seit 2013
UMA machen in der Gesamtbetrachtung zwar nur 7,3 Prozent aller Asylsuchenden in der Schweiz aus. Doch ihre Zahl ist in den letzten Jahren stark angestiegen, mehr als durch die grösseren Flüchtlingsströme erklärt werden könnte: 2013 stellten 795 UMA ein Gesuch um Asyl, 2016 waren es 1997 Gesuche. Der Anteil der UMA unter sämtlichen Asylsuchenden stieg damit von 3,3 auf 7,3 Prozent.
Allein oder mit Angehörigen?
Wie der Name vermuten lässt, fallen Minderjährige, die ohne Eltern in die Schweiz einreisen und Asyl beantragen, in die Kategorie der UMA. Auch wenn das Kind von nahestehenden Angehörigen begleitet wird, ist das Staatssekretariat für Migration (SEM) zurückhaltend in der Annahme einer Begleitung.
Nach der Praxis des SEM werden solche Kinder in der Regel nur dann als begleitet behandelt, wenn die Verwandten im Herkunftsland im gleichen Haushalt lebten sowie für das Kind aufkamen und verantwortlich waren.
Die restriktive Praxis ist insofern sinnvoll, als dass eine Anerkennung als begleitete Minderjährige mit erheblichen Konsequenzen verbunden ist. Wird ein Kind als begleitet eingestuft, wird es in das Asyldossier der Begleitperson einbezogen. Damit ist sein eigenes Schicksal an das der Begleitperson gebunden und ganz von der Beurteilung deren Asylantrags abhängig. Wird der Erwachsene abgewiesen, so auch das Kind.
Erhöhtes Schutzbedürfnis
Die internationale Kinderrechtskonvention wie auch nationale Bestimmungen sprechen UMA einen besonderen Schutzstatus zu. Das Kindeswohl muss stets im Vordergrund stehen. Im Kanton Bern leben rund zwei Drittel der UMA heute in Zentren wie dem Bäregg in Langnau. Dort bleiben sie in der Regel, bis sie volljährig sind. Die jüngeren Kinder, die 10- bis 13-Jährigen, versucht man in Pflegefamilien unterzubringen, erklärt Antener.
Fokus auf Ausbildung
Die ausserordentliche Lebenssituation der UMA – abgesehen von ihren Erlebnissen auf der Flucht und den fehlenden Bezugspersonen sind sie meist mitten im ohnehin eher schwierigen Jugendalter – erfordert eine besondere Betreuung, anders als bei erwachsenen Asylsuchenden.
Auf ihre Ausbildung muss ein besonderes Augenmerk gelegt werden. Das kann die betreuenden Institutionen sowie die Gemeinden, in denen die UMA untergebracht werden, vor besondere Herausforderungen stellen. Davon kann der Langnauer Gemeindepräsident ein Liedchen singen.
Mit weitmaschiger Betreuung begonnen
Das Zentrum Bäregg in Langnau hat 50 Plätze für Kinder und Jugendliche im Alter von 14 bis 18 Jahren. Als die ersten UMA vor 6 Jahren einzogen, war noch vieles unklar. Die Struktur sei anfangs an die der Erwachsenenzentren angelehnt worden, erinnert sich Antener. «Die Betreuung war weitmaschig, die Kinder hatten eine hohe Eigenverantwortung.» Sie mussten morgens selbständig aufstehen und pünktlich zur Schule gehen oder abends selber einkaufen und kochen.
«Learning by doing»
Nicht nur einmal landete das Langnauer UMA-Zentrum in den Schlagzeilen – etwa wegen Schlägereien oder schwangeren Mädchen. Jahr für Jahr mussten die Gemeinde, die Schule und die Zentrumsverantwortlichen dazu lernen, was es bedeutet, UMA zu beherbergen, wie man ihren Bedürfnissen gerecht wird und wie die Schulstrukturen entsprechend angepasst werden müssen.
Antener nennt es auch ein «Versuchslabor», wobei er betont, dass die Gemeinde stets vom Kanton unterstützt worden sei. So hätten sie die Herausforderungen «einigermassen» gemeistert.
Antener relativiert die negativen Schlagzeilen aber auch: Jugendliche zwischen 14 und 16 seien ohnehin schon in einem schwierigen Alter, auch bei Schweizer Familien. «Das sind Kinder mit unterschiedlichsten Nationalitäten. Wenn 50 Jugendliche in einer Unterkunft leben, gibt es halt ab und zu Spannungen.» Das könne man kaum verhindern, denn auch in einer homogeneren Gruppe wäre das nicht anders. Insgesamt sei seit der Eröffnung aber nichts Dramatisches passiert. (...)