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Beatrice Kübli
Das Ziel Nr. 10 der UNO-Agenda für nachhaltige Entwicklung sieht unter anderem vor, «dass das Einkommenswachstum für die ärmsten 40 Prozent der Bevölkerung nachhaltig erhöht wird.». An der SDG-Abendveranstaltung vom 12. November analyisierte der Soziologe Christian Suter die Entwicklung der Ungleichheiten in der Schweiz.
Datengrundlagen zu Ungleichheiten
Um Ungleichheiten zu messen, gibt es verschiedene Datengrundlagen: Steuerdaten, AHV-Daten oder bestehende Forschungsdaten wie beispielsweise zum Haushaltsbudget, zu den Lohnstrukturen oder zu den Lebensbedingungen. Meist erfolgt die Messung auf Basis des Haushaltseinkommens. Einbezogen werden also sowohl die Löhne wie auch andere Einkommensquellen wie beispielsweise Vermögenserträge und Renten. Ein Diskussionspunkt ist die Definition von «Haushalt». Bei einer klassischen Familie ist die Abgrenzung klar, aber wie verhält es sich mit Wohngemeinschaften und mit Eltern, die im Stöckli nebenan wohnen? Hier gehen die Meinungen auseinander.
Messung von Ungleichheiten
Gemessen werden Ungleichheiten meist mit dem Gini-Index oder auch Gini-Koeffizient. Beträgt er null, erzielen alle Menschen das gleiche Einkommen. Beträgt er eins, so verdient eine Person alles und die anderen nichts. Je näher der Index bei null ist, desto gerechter sind die Einkommen verteilt. Der Gini-Index wird aus der Lorenz-Kurve abgeleitet, welche das Einkommen anteilsmässig der Bevölkerung gegenüberstellt. Bei den meisten Schweizer Gemeinden liegt der Index zwischen 0.35 und 0.55. In den letzten Jahren ist der Gini-Index leicht gestiegen. Wie Christian Suter zu bedenken gab, bezieht sich der Index aber auf die gesamte Bevölkerung. Würde man nur die oberen Löhne berücksichtigen, würde die Verteilung stärker zu 1 tendieren, d.h. wenige verdienen sehr viel. Zudem sei es entscheidend, ob das Einkommen vor oder nach den Sozialtransfers berechnet werde. Obwohl der Gini-Index in der Schweiz einigermassen stabil sei, habe es die Schweiz noch nicht geschafft, Ungleichheiten zu reduzieren. Eine Möglichkeit hierzu wäre etwa, die Lohntransparenz zu erhöhen, empfahl Suter. Ein Lohnrechner könnte bei Lohndiskussionen helfen. Zudem müssten die Unternehmen in die Pflicht genommen werden.
Ländervergleich mit Tücken
Dennoch steht die Schweiz im internationalen Vergleich gut da. In anderen Ländern nimmt die Ungleichheit stärker zu. Allerdings ist der Ländervergleich nicht ohne Tücken. Zählt man jedes Land einfach, ist die Ungleichheit im Vergleich relativ gross. Gewichtet man die Länder nach Bevölkerungsanteil, präsentiert sich die Situation etwas stabiler. Berücksichtigt man nur die Einkommen und lässt die Ländergrenzen ausser acht, zeigen sich am wenigsten Unterschiede.
Erklärungsansätze für die Ungleichheiten
Wie kommt es zu Einkommensungleichheiten? Christian Suter zog als Erklärungsansatz die Kuznets-Kurve hinzu. Simon Smith Kuznets betrachtete die Ungleichheiten aus der Sicht von Sektoren. Sobald es einen Sektorwechsel gibt, eine Gesellschaft also beispielsweise von der Landwirtschaft als primären Sektor zur Industrie wechselt, kommt es vermehrt zu Ungleichheiten. Im neuen Sektor sind die Löhne zunächst höher. Sobald mehr Personen im neuen Sektor tätig sind, gleicht sich das Einkommen wieder an. Die empirische Basis dieser Theorie ist allerdings schwach. Der Ökonom Branko Milanovic führte das Konzept der Kuznets-Wellen ein, welches davon ausgeht, dass die Einkommens- und Vermögensverteilung entsprechend der Wirtschaftsentwicklung in Zyklen zu- und abnimmt. Für die Schweiz konnte Christian Suter einen solchen Effekt aber nicht bestätigen. Die Ungleichheiten halten sich stabil. Das liege auch an den Transferleistungen, erklärte Suter. «Heute wird sehr viel umverteilt. Das ist mit ein Grund, weshalb die Schweiz relativ stabil ist.». Aus soziologischer Sicht sei das SDG 10 problematisch. Besser wäre es, auf die Chancengleichheit zu fokussieren. Zwar bedeuten unterschiedliche Einkommen auch unterschiedliche Lebensbedingungen, aber ab wann sich das auf die Chancengleichheit auswirke, sei unklar, so Suter.