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Den Horizont ausweiten« Zurück
Mit Prognosen sollte man vorsichtig sein. Trotzdem: Man müsste mit Taubheit geschlagen sein, um in den letzten Jahren nicht bemerkt zu haben, dass mit Domenic Landolf ein Saxofonist auf der schweizerischen Jazzszene aufgetaucht ist, der dass Zeug dazu hat, zu einem Meister seines Fachs zu werden.
(Von Tom Gsteiger)
Das hat nicht zuletzt mit Landolfs prononciert selbstkritischer Haltung zu tun: Es ist dies nicht die einzige Eigenschaft, die er mit seinem ehemaligen Lehrer Andy Scherrer gemeinsam hat. Der 1969 geborene Landolf ist nicht schnell mit sich zufrieden, die stetige Ausweitung seines künstlerischen Horizonts ist ihm ein wichtiges Anliegen. Dazu gehört auch die Perfektionierung der technischen Fähigkeiten, denn ohne adäquate Technik lassen sich gewisse Ideen nicht realisieren. Landolf sagt: "Man sollte dass üben, was man nicht kann. Ich kenne viele Leute, die nur das üben, was sie eigentlich bereits können."
Zurzeit sieht die Lage für Landolf, der seit 1995 in Basel wohnt, recht rosig aus. Er leitet ein eigenes Quartett und spielt in sieben weiteren Bands ? vom Trio bis zur ausgewachsenen Big Band. Mit seiner eigenen Gruppe hat er letztes Jahr das Debutalbum "Levitation" (JHM Records) vorgelegt, dem die Kritik "eine fast schon unheimliche Reife" attestierte. Weitere CDs hat Landolf mit den Septetten des Trompeters Matthias Spillmann und der Pianistin Eliane Cueni, mit der Pianistin Regula Haener und ihrem "Dear Little Orchestra" sowie dem "Dietrich-Haider-Orchestra" aufgenommen.
Zur eigenen Band gehörte anfänglich der Pianist Robi Lakatos, der durch den klassisch ausgebildeten Jean-Paul Brodbeck ersetzt wurde. Vervollständigt wird Landolfs Truppe durch die wohl gefragteste Rhythmusgruppe der Newcomer-Generation: Fabian Gisler (Kontrabass) und Dominic Egli (Schlagzeug). Landolf hat sich bewusst für die "klassische" Quartettbesetzung entschieden. Sein wichtigstes Vorbild im kompositorischen Bereich ist der Saxofonist Wayne Shorter, mit ihm teilt er ein Gespür für starke, magische Stimmungen, die auf ungewöhnlichen harmonischen Verbindungen basieren. Landolfs Stücke brauchen also "chords", um ihren ganzen Klangfarbenreichtum entfalten zu können.
Als Saxofonist hat Landolf sein Vokabular in den letzten Jahren Schritt für Schritt erweitert, wobei es ihm in erster Linie darum ging, offener und freier zu werden. Dabei hat er sich in exemplarischer Weise von Klischees und Floskeln emanzipiert, sein Spiel ist gleichzeitig lyrischer und abstrakter geworden. Diese beeindruckende Entwicklung ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Um heutzutage aus dem im Laufe der Jazzgeschichte angehäuftem Wissen eine in sich stimmige Summe ziehen zu können, braucht es Zeit und Erfahrung. Dabei darf man weder zu engstirnig noch zu enzyklopädistisch vorgehen, sonst läuft man Gefahr, entweder zum langweiligen Epigonen oder zum beliebigen Eklektizisten zu werden. Landolf ist keins von beidem, er ist ein traditionsbewusster Modernist.
Der amerikanische Jazzkritiker Bob Blumenthal hat anlässlich eines Albums des Saxofonisten Mark Turner festgestellt, dass durch dessen Schaffen viel von der Musik, die sich dieser einverleibt habe, durchschimmere, ohne dass dadurch ein Manko an Eigenständigkeit entstünde. Gleiches gilt für Landolf.