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Die drei Sozialprinzipien
Dies gilt gerade für den Dialog mit Kirchenvertretern. Meines Erachtens müssten drei solcher Gräben auf der Tagesordnung stehen: Primat der Freiheit der Person contra Primat des versorgenden Sozialstaats, Privateigentum contra Gemeineigentum sowie Eigeninteresse und Konkurrenzdenken contra Nächstenliebe und Barmherzigkeit.
An und für sich ist die kirchlich-katholische Soziallehre im Hinblick auf die Marktwirtschaft gut aufgestellt: Sie kennt drei Sozialprinzipien, die von allen kirchlichen Flügeln akzeptiert werden: Personalitätsprinzip, Subsidiaritätsprinzip und Solidaritätsprinzip.
Das Personalitätsprinzip nimmt dabei die zentrale Rolle ein. Person sein heisst, ein Individuum sein, mit Vernunft und Freiheit begabt, und zugleich ein soziales Wesen sein. Diese anthropologische Sichtweise wendet sich gegen jeden Kollektivismus und Totalitarismus. Sie wendet sich auch gegen ein atomistisches Gesellschaftsverständnis, das nur Individuen mit ihren Eigeninteressen sieht, aber ohne gemeinschaftlichen Bezug. Im Personalitätsprinzip ist das Prinzip der Freiheit eingeschlossen.
Das Subsidiaritätsprinzip unterstützt das Personalitätsprinzip. Der Mensch lebt in Gemeinschaft, in einer arbeitsteiligen Gesellschaft mit einer vielgliedrigen und hierarchischen Organisation. Der Mensch droht darin unterzugehen. Das Subsidiaritätsprinzip beinhaltet die Aufforderung, den einzelnen Menschen und kleinere Organisationseinheiten innerhalb der Grossgebilde zu ihrem Recht kommen zu lassen.
Auch das Solidaritätsprinzip unterstützt das Personalitätsprinzip: Der Mensch ist auf Gemeinschaft, nicht auf das Kollektiv, ausgerichtet. Das Solidaritätsprinzip beinhaltet einerseits die individual- und tugendethische Haltung der Nächstenliebe, andererseits strukturethisch die wechselseitigen Beistandspflichten zwischen Individuum und Gemeinschaft.
Einigkeit in den Prinzipien heisst aber noch nicht Einigkeit in der Gewichtung und Anwendung. Der liberale Philosoph und Theologe Martin Rhonheimer bemängelt, dass das Prinzip der Freiheit bei den theologischen Ethikern im Verlauf der letzten 150 Jahre an Bedeutung verloren habe. Die einschneidende Veränderung vollzieht sich mit der vom Geist des Solidarismus geprägten Enzyklika «Quadragesimo anno» im Jahre 1931. Von da ab steht das Diktum der «Suche nach einem dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus» im Raum.
Konkurrenz, Kooperation, Fürsorge
Vielleicht der grösste Stolperstein im Verhältnis Kirche und Marktwirtschaft sind der Wettbewerb und das mit ihm verbundene Konkurrenzdenken. Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Mitleid, die Option für die Armen und Gescheiterten scheinen diesen für eine Marktwirtschaft konstitutiven Elementen unversöhnlich gegenüberzustehen. Kann es da eine Brücke zueinander geben? Vermutlich nur, wenn die Kirchenvertreter sich einerseits auf einen Dialog über die wirtschaftliche und auch kulturelle Bedeutung des Wettbewerbs einlassen, der ja Regeln und Schiedsrichter kennt, und sich andererseits in der Anthropologie von der allzu harmonischen Vorstellung des Ideals der Brüderlichkeit oder Geschwisterlichkeit lösen.
Es gibt Impulse für den Brückenbau: Der katholische Sozialethiker Wilhelm Korff hat schon Anfang der 1970er Jahre auf der Grundlage verhaltenswissenschaftlicher Befunde auf drei Handlungsantriebe im gesellschaftlichen Agieren des Menschen verwiesen: Selbstbehauptung, Bedürfniserfüllung, Fürsorge, die sich wechselseitig begrenzen. Der Münchner Sozialethiker Markus Vogt hat diese Trias etwas umformuliert: Konkurrenz, Kooperation, Fürsorge.
In einer stark arbeitsteiligen Wirtschaft geht es nicht nur um Konkurrenz, es geht auch um Kooperation, sonst könnten viele Produkte (zum Beispiel Flugzeugbau, Impfstoffe) nicht mehr entstehen. Und es braucht auch Fürsorge, freiwillige moralische Mehrleistungen der Individuen sind in einer Marktwirtschaft nicht obsolet geworden. Wir sehen auch, dass eine Rechtsordnung allein nicht reicht. Es braucht Bürger, die in diese Rechtsordnung einwilligen und sie nicht hintergehen.
Warum Marktwirtschaft? Nach der Legende hat der heilige Martin seinen Mantel geteilt, um die andere Hälfte des Mantels einem Armen zu geben. Die Marktwirtschaft gibt zwar keine Almosen, aber sie ist sozial: Sie produziert viele Mäntel, damit kein Mangel besteht.
Erschienen in der NZZ vom 8. Dezember 2021