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Viel russische Kohle im Appenzellerland?
Weil in einem Rohstoff-Bericht von «Public Eye» Spuren nach Appenzell führten, habe ich Fährte aufgenommen. Einen russischen Oligarchen in einem «Hemetli» habe ich nicht gefunden, aber sonst allerhand Beunruhigendes und Verwickeltes. von Hans Fässler
«In Erwägung, es gibt zuviel Kohlen
Während es uns ohne Kohlen friert
Haben wir beschlossen, sie uns jetzt zu holen
In Erwägung, dass es uns dann warm sein wird.»
[Bertolt Brecht, Resolution der Kommunarden]
1998 gründete der Wladimir Putin nahestehende russische Oligarch Andrei Bokarev in Appenzell die Firma Krutrade AG, eine Handelsgesellschaft für den sibirischen Kohleproduzenten Kuzbassrazrezugol (abgekürzt KRU), der im Besitz der UGMK (Uralskaja Gorno-Metallurgitscheskaja Kompanija) war. Dieser Bergbauriese war der erste Rohstoff-Produzent, der mit seiner Innerrhoder Niederlassung an der Hauptgasse 41 (registriert 1998–2005) auf die Schweiz gesetzt hatte. 2005 wurde das Unternehmen liquidiert.
Bokarev ist einer jener 37 Oligarchen, welche Putin am 24. Februar 2022, am Tag des Angriffs auf die Ukraine, zu einem Geheimtreffen in den Kreml einlud. Die Liste von Bokarevs geschäftlichen Aktivitäten ist lang und die Verbindungen zur Schweiz (und Liechtenstein) reichen von Genf über Biel, Thun und Zürich (Credit Suisse) bis an die Hauptgasse 41 in Appenzell.
Wer und wo ist Тони Стадлер?
Taucht man ein in das Meer von Handelsregisterauszügen, Wirtschaftsauskunfteien und investigativen Rechercheportalen, so stösst man rasch auf den Wirtschaftsjuristen Anton Stadler, Meistersrüti bei Appenzell. Der gebürtige Urner studierte an der Universität Basel Jurisprudenz und gründete 1998 als Verwaltungsratsmitglied mit Einzelunterschrift die Krutrade AG, deren Firmenzweck wie folgt angegeben wurde: «Handel mit Waren aller Art, vor allem mit Kohle sowie deren Spedition und Transport, insbesondere auf dem Schienenweg; Erbringen von Dienstleistungen aller Art wie Beratungen, Vermittlungen, Marketing und Durchführung von Provisions-, Kommissions- und Transitgeschäften». Stadler wohnte damals in Rorschacherberg, und es scheint, dass er in seinem beruflichen Leben mehr Firmen gegründet oder verwaltet hat, als ich je Hemden besessen habe.
Bei meinen Recherchen stiess ich dann auf einen Bericht des «EU-Russia Civil Society Forum» von 2015 mit dem Titel «Russian Black Money in the EU: Indicators of Transborder Corruption». Darin wurden Stadler und die Krutrade AG in einem Geflecht von Aktivitäten der Akteure Kuzbassrazrezugol, russisches Eisenbahnministerium und InterRail Services AG (mit einem Sitz an der Winkelriedstrasse in St.Gallen, wo auch der «Russische Verband der Industriellen und Unternehmer» domiziliert ist) angesiedelt. Da aber nicht nur Papier geduldig ist, sondern auch die Bits und Bytes des Internets, und da der Bericht teilweise ziemlich abenteuerlich klingt, wollte ich Herrn Stadler einige Fragen stellen.
Meinen Brief leitete ich ein: «Wie viele Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, der Schweiz, bin ich beunruhigt darüber, wie russische Oligarchen aus dem Umfeld von Präsident und Diktator Waldimir Putin seit langem in der Schweiz ungehindert und intransparent ihren geschäftlichen Aktivitäten haben nachgehen können und immer noch nachgehen.»
Dann kamen Fragen wie «Wie kam es zur Ansiedlung der Firma Krutrade AG in Appenzell? Kennen Sie Herrn Andrei Bokarev? Haben Sie ihn in Appenzell, der Schweiz oder in Russland einmal oder mehrmals getroffen? War es Ihnen bewusst, was für eine Bedeutung diese Firma für die russische Rohstoffindustrie hatte und hat? War Ihnen oder ist Ihnen die Nähe von Herrn Bokarev zu Wladimir Putin bewusst? Warum ist Herr Bokarev im Jahre 2000 aus der AG ausgeschieden? Warum wurde die Firma 2005 liquidiert? Waren Sie oder sind Sie für weitere Firmen im Bereich des russischen Rohstoffhandels tätig?»
Natürlich war mir klar, dass das für einen verschwiegenen Wirtschaftsjuristen in Innerrhoden geradezu intime Fragen sind. Ich erwartete also eine kurze, abweisende Antwort in der Art: «Dazu kann und darf ich keine Auskünfte geben.» Oder: «Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich Herrn Bokarev weder kenne noch je getroffen habe.» Als nach längerer Zeit aber gar keine Antwort kam, versuchte ich es telefonisch und erfuhr von einem Mitarbeiter von Herrn Stadler, dieser sei gerade abwesend. Er komme aber in zwei Tagen wieder vorbei und werde sich allenfalls mit mir telefonisch oder per Mail in Verbindung setzen. Was er dann aber nicht tat.
Warum ist Frau Graf in Тойфен so ungehalten?
Inzwischen war ich darauf gestossen, dass bei den geschäftlichen Aktivitäten von Herrn Stadler öfters auch eine Frau Sandra Graf von der Firma «ardnas consulting» in Teufen beteiligt war. Also versuchte ich dort telefonisch darauf hinzuwirken, dass Herr Stadler meine Fragen wirklich bekommt. Eine freundliche Mitarbeiterin teilte mir mit, Herr Stadler weile jetzt im Ausland und werde vielleicht erst auf Weihnachten wieder zurückkehren. Aber nicht einmal das sei sicher.
Sie versprach mir, ihm meine Fragen zu übermitteln. Sie könne aber nicht garantieren, dass er sich darauf tatsächlich melden würde. Worauf ich mich direkt bei Frau Graf meldete und sie anfragte, ob sie sich erstens dafür einsetzen könne, dass Herr Stadler meine Fragen beantworte. Und ob sie mir zweitens seinen Jahrgang mitteilen könne, damit ich bei meinen Recherchen Verwechslungen mit anderen Personen gleichen Namens ausschliessen könne (Historiker Toni Stadler, Bildhauer Toni Stadler, Maler Anton von Stadler, Klarinettist Anton Stadler, CVP-Politiker Anton Stadler).
Die Antwort war: «Herr Stadler weist Ihre Anfrage entschieden zurück und bittet Sie, ihn in Zukunft nicht mehr damit zu belästigen. Auch bitte ich Sie, meine Mitarbeitenden nicht mehr mit Ihren Fragen zu Herrn Stadler aufzuhalten und deren Zeit zu verschwenden. Sie haben strikte Anweisung von mir, keinerlei Auskünfte an irgendwelche Medienvertreter zu geben.»
Da ich nicht in «Waiting for Godot»-Stimmung war und auch nicht warten wollte, bis der Weihnachtsmann bzw. Herr Stadler kommt, wandte ich mich an die Gemeinde Rorschacherberg. Ich bat dort um das Geburtsjahr von Herrn Stadler und erfuhr, dass er nach St.Gallen gezügelt sei. Die dortigen Bevölkerungsdienste waren dann so freundlich, mir sofort die erwünschte Auskunft zu erteilten.
Damit liess sich nun einigermassen fundiert vermuten, dass es sich bei dem im Jahresbericht 2006 der Öl- und Gasfelder-Firma Юшуралнефтегаз (Juzhuralneftegas JSC) erwähnten Direktor (Директор) und beim Verwaltungsratspräsidenten der Firma Orentrade AG (Handel mit Öl- und Gasprodukten), welche 2001–2012 im Кантон Аппенцелль Иннероден (AI) bestanden hatte, um den richtigen Anton Stadler mit Jahrgang 1950 handeln musste. Und mit dabei war bei Orentrade AG auch Sandra Graf aus Тeufen: als Mitglied des Verwaltungsrats.
Frau Graf war, wie sich nun herausstellte, schon einmal schriftlich sehr ungehalten gewesen, als sie im April 2020 als Verwaltungsratsmitglied der Firma MIR Trade AG gegen einen Online-Artikel des Portals «EU Today» protestiert hatte. Sie hatte die darin enthaltenen Angaben als «fake news» zurückgewiesen und damit gedroht, «EU Today» für etwaige Verluste der Firma MIR Trade AG durch den bei Banken erlittenen Image-Schaden haftbar zu machen.
Was also weiss man über die Firma MIR Trade AG und was kann man schreiben, ohne für allfällige Imageschäden haftbar gemacht zu werden?
MIR Trade AG, im Jahr 2000 mit Büros in Moskau und Istanbul gegründet, ist der kommerzielle Arm von SDS («Sibirskiy Delovoy Soyuz»), dem drittgrössten Kohle-Exporteur Russlands. Gegründet wurde SDS von Milliardär Michael Fedyaev, der wegen Ermittlungen zu einer Bergwerksexplosion von Dezember 2021 bis Ende Juli 2022 im Gefängnis sass.
Der schweizerische Ableger ist ebenso im Jahr 2000 durch eine Namensänderung aus der Firma Altai Trans AG (Hauptgasse 41, Appenzell, Toni Stadler) entstanden. Sandra Graf kam 2001 dazu, und der Zweck der Firma erschien 2006 als «Handel mit Waren aller Art, vornehmlich mit Kohle, sowie deren Spedition und Transport, insbesondere auf dem Schienenweg».
2011 wurde das Aktienkapital von 100’000.- auf 300’000.- Franken erhöht. 2012 schieden Stadler und Graf aus der Firma aus, und der Firmensitz wurde von Appenzell nach Herisau an die Bahnhofstrasse 6 verlegt, wo auch der «Russische Verband der Unternehmer und Industriellen» registriert ist, nebst vielen weiteren interessanten Firmen. Darunter sind SBU-Nitrotrade AG (deren Verwaltungsrätin Aikaterini Makourin Verbindungen zu MIR Trade AG zu haben scheint), die Rohstoffhandelsfirma EurAsia Center AG (Kohle, Öl, Dünger, Eisenerz, Getreide, mit CEO Peter Cott und Chief Financial Officer Aikaterini Makourin) sowie die SVT Sojuzvneshtrans Holding AG (mit Anton Stadler als einzigem Verwaltungsrat).
2016 kam Sandra Graf wieder zur MIR Trade AG, und 2019 wurde der Firmensitz an die Alte Haslenstrasse 5 nach Teufen (Альте Хасленштрассе 5, 9053 Тойфен) verlegt. Das Management besteht heute, nach dem Ausscheiden eines russischen Staatsangehörigen, aus zwei Verwaltungsrätinnen: der Österreicherin Vanessa Pauschin und Sandra Doris Graf (welche auf der Website der «ardnas consulting» mit ihren Russischkenntnissen wirbt).
Man würde so vieles gerne wissen: Ist am online greifbaren Bericht einer «Organisation for Economic Co-operation and Development» von 2007, welcher Krutrade AG Austria, MIR Trade AG und Glencore (heute ein grosser Kriegsprofiteur) in Beziehung setzt, etwas dran oder ist das ein Fake?
Hat die Kaproben Handels AG (Капробен Ханделс Аг) in Zug etwas mit dem «coal king» Ruslan Rostovtsev und mit dem Schmuggel von Kohle aus dem Donbass zu tun? Reicht der «KGB-Mafia-Kapitalismus» (Robert Misik) nicht nur bis nach Österreich, sondern auch in die Schweiz?
Sind die derart kursierenden Gerüchte der Ausdruck von einem «Blame Game» zwischen russischen und ukrainischen Oligarchen?
Was tat eigentlich die Olgoil AG seit ihrer Gründung 1998 durch Toni Stadler in Appenzell? Warum wurde sie 2003 zur Rosenberg Properties AG (Handel mit Waren aller Art, vor allem mit Ölprodukten sowie deren Spedition und Transport, insbesondere auf dem Schienenweg, ohne Anton Stadler) und zügelte nach St.Gallen?
Was war der Schwerpunkt des Geschäfts der Kristy AG mit Sitz in St.Gallen (gegründet von Anton Stadler und Sandra Graf mit dem Zweck «Grosshandel ohne ausgeprägten Schwerpunkt», 1998–2014)?
Man würde noch mehr gerne wissen: Ist es ein Zufall, dass Russlands Hauptproduzent von Kohle, der fünftgrösste Kohleversorger der Welt, die im Mittelpunkt der Sanktionsdebatte stehende Firma Suek (Сиби́рская у́гольная энергети́ческая компа́ния), bis 2020 einen Sitz in St.Gallen hatte?
Und was ist mit Alexander Smuzikov, russischer Grosswildjäger, Grossinvestor, Grosssammler von russischer Kunst und Hemetli-Besitzer im Rehetobel? Seine 2019 in St.Gallen gegründete Firma «Global Trade AG» hatte den Zweck «weltweiter Handel mit landwirtschaftlichen Erzeugnissen sowie Rohstoffen aller Art», und laut Reuters wollte er zusammen mit Alexander Kaplan und ihrer britischen Firma «Balkan Petroleum» das (nord)mazedonische Erdölhandelsunternehmen Makpetrol übernehmen. Warum liefen sie dabei aber bei den Behörden auf?
Gab oder gibt es vielleicht ein Ostschweizer «coal business cluster» oder ein «energy commodities trading cluster» und müssen wir uns deswegen allenfalls Sorgen machen?
Ist die Leichtgläubigkeit, welche bei Transoil, dem dubiosen «Scheinunternehmen» (SRF), das heute als Terraoil im Kanton Zug (Zug und Steinhausen) domiziliert ist, im Spiel war, nicht nur eine Eigenheit der St.Galler Wirtschaftsförderung, sondern der ganzen Region?
Gibt es hier gar eine «Willkommenskultur für Rohstofffirmen» (SP-Fraktion im St.Galler Kantonsrat)?
So viele Fragen eines lesenden Arbeiters im Unruhestand! Wie immer, wenn ich nicht mehr drauskomme und wie immer, wenn ich so viele und so schwierige Fragen habe, wende ich mich vertrauensvoll an die Behörden und die Politiker.
Was meint Schuhhändler Zuberbühler zum Kohlehandel?
Um es vorwegzunehmen: Der Ausserrhoder SVP-Nationalrat David «dä Zubi» Zuberbühler, der seine Kohle mit Schuhen verdient und eigentlich in Bern seit 2015 auch die Interessen seines Heimatkantons vertreten sollte, wollte sich nicht auf das Thema einlassen. Dies obwohl er auf seiner Webseite bezüglich der Politik beklagt: «Viel zu oft stehen Eigennutz und versteckte Interessen im Vordergrund.»
Seine Antwort war kurz und vielsagend: «Sehr geehrter Herr Fässler! Als seriöser Bürger und Politiker verlasse ich mich nicht auf herangetragene Mitteilungen. Ich gebe prinzipiell nur Stellungnahmen ab, wenn ich sämtliche Hintergründe genauestens kenne. Dies trifft bei Ihren Ausführungen nicht zu.» Das freut sicher die «versteckten Interessen»!
Auskunftsfreudiger waren die übrigen Bundesparlamentarier. Zu Krutrade AG konnte Ständerat Daniel Fässler (Die Mitte AI) nichts sagen, zu MIR Trade AG Ständerat Andrea Caroni (FDP AR) auch nicht. Thomas Rechsteiner, Nationalrat Die Mitte, Appenzell Innerhoden, meinte immerhin, vor 24 Jahren hätte es keinen Grund gegeben, «einer russischen Handelsgesellschaft die Zulassung zu verweigern», aber heute sei die Welt mit dem Aggressionskrieg Russlands eine andere. Extraprofite aus aktuell gestiegenen Rohstoffpreisen (v.a. Kohle) wollen alle drei steuerlich nicht abschöpfen, ganz im Gegensatz etwa zum aktuellen Beschluss der deutschen Ampelregierung.
Fässler und Caroni möchten ihren jeweiligen Kantonsregierungen beim Umgang mit Firmen, die ein Reputationsrisiko bzw. ein Risiko für internationale diplomatische Verwicklungen bergen, nicht dreinreden. Eine spezifisch für den Rohstoffhandel, «das gefährlichste Geschäft der Schweiz» (Public Eye), zuständige Aufsichtsbehörde fordern weder Daniel Fässler noch Thomas Rechsteiner. Andrea Caroni will sich auf die Schnelle nicht festlegen, rät aber «aus liberaler Warte» zur Zurückhaltung.
Bei den grossen Parteien ist das Bild wie zu erwarten: Sowohl FDP AR als auch SVP AR nehmen an, dass es bei der Ansiedlung der MIR Trade AG mit rechten Dingen zugegangen sei. «Windfall-Profite» wollen beide nicht abschöpfen, und die Notwendigkeit einer speziellen Aufsichtsbehörde über Rohstoffhändler erscheint ihnen nicht gegeben. Die Mitte AI verzichtete auf eine Stellungnahme.
Demgegenüber stehen die Positionen von SP AI und SP AR: Die beiden sozialdemokratischen Kantonalparteien finden die Ansiedlung von Unternehmen wie Krutrade AG bzw. MIR Trade AG stossend, möchten Extraprofite mit einer Sondersteuer belegen und fordern spezielle Aufsichtsorgane und -vorschriften für Rohstofffirmen.
Die Innerrhoder Standeskommission teilte auf meine Anfrage mit, sie wisse nicht, warum die Krutrade AG das Domizil Appenzell gewählt habe. Die Firma sei nach den gesetzlichen Vorschriften von Bund und Kanton besteuert worden, Pauschalbesteuerung bei juristischen Personen sei ausgeschlossen. Andrei Bokarev habe nie im Kanton Appenzell I.Rh. Wohnsitz gehabt. Ob sich die Standeskommission einmal mit ihm getroffen habe, könne nicht gesagt werden, weil über Treffen zwischen Behördenmitgliedern und Privatpersonen «keine Korrespondenz mit Dritten» geführt werde.
Der Frage, ob sie Kenntnis von weiteren russischen Firmen in Appenzell I.Rh. habe, wich die Standeskommission aus. Und schliesslich wies sie darauf hin, dass die Überprüfung von ansiedlungswilligen Firmen bezüglich Reputationsrisiken oder potenziellen internationalen Verwicklungen «gesetzlich nicht vorgeschrieben und wohl auch nicht praktikabel» sei.
Dass solche gesetzlichen Grundlagen nicht geschaffen werden, dafür sorgten am 9. Juni 2022 zuverlässig SVP-Nationalrat Zuberbühler und Mitte-Nationalrat Thomas Rechsteiner, indem sie zur Motion der Grünen «Rohstoffhandel stärker in die Pflicht nehmen mit einer unabhängigen Rohstoffmarktaufsicht. Korruption und Geldwäscherei reduzieren» Nein stimmten.
Ich wette ein Saiten-Abo, dass Schuhhändler Zuberbühler und Finanz- und Versicherungsfachmann Rechsteiner auch die am 16. März eingereichte SP-Motion «Volle Transparenz beim Rohstoffhandel. Die Fehler vermeiden, die uns im Bankensektor teuer zu stehen gekommen sind» ablehnen werden.
Von der Ausserrhoder Regierung war schliesslich zu erfahren, das Amt für Wirtschaft und Arbeit habe die Sitzverlegung der MIR Trade AG nach Ausserrhoden «begleitet», und der Standortentscheid sei «aufgrund verschiedener Standortfaktoren zu Gunsten des Kantons Appenzell Ausserrhoden» ausgefallen. Die Firma sei nach den ordentlichen kantonalen Bemessungsgrundlagen besteuert worden, und der Regierung sei bewusst gewesen, «welche Tätigkeiten die MIR Trade AG ausübt». Spezielle Abklärungen bezüglich Reputationsrisiken würden bei der Ansiedlung einer Firma nicht getroffen.
Wer ermittelt weiter?
Das russische Wort мир bedeutet auf Deutsch sowohl «Frieden» als auch «Welt». In MIR Trade AG dürfe eher die letztere Bedeutung drinstecken: die Welt des Kohlehandels und der internationalen Finanzströme.
Sollte sich herausstellen, dass die beiden ungehaltenen und abweisenden Geschäftsleute im Umfeld von Krutrade AG und MIR Trade AG in Teufen und Appenzell bzw. Rorschacherberg bzw. St.Gallen nur ihre Ruhe und nach Gesetz und Ordnung ihren soliden Geschäften nachgehen wollten oder wollen, auf dass in der Welt (мир) überall Frieden (мир) herrsche und alle genug Kohle zum Heizen und die beiden selbst genug Kohle für einen anständigen Lebensunterhalt hätten, so soll es mir recht sein und will ich nichts gesagt haben.
Sollte es aber nicht so einfach bzw. nicht so unproblematisch bzw. nachgerade heikel sein mit all den Firmengründungen, Firmenkonstrukten, Aktienkapitalerhöhungen, Namens- und Domiziländerungen sowie den Beziehungen nach Russland und seinen Kohle-, Gas- und Ölförderregionen und deren Industriellen und Unternehmern, so hat, wie ich meine, die Öffentlichkeit im Zeitalter der Transparenz und in Zeiten des Krieges ein Recht zu erfahren, was und wer dahinter und darunter und darüber steckt.
Und wenn die Behörden und die Politiker keine Auskunft geben wollen oder können oder müssen, dann sollte hier irgend jemand Geeigneter als ich weiter (vor)ermitteln. Ungefähres Anforderungsprofil: abgeschlossenes Universitätsstudium oder gleichwertige Kenntnisse in Ökonomie mit Schwerpunkten Rohstoffhandel, Unternehmensfinanzierung sowie «Banking and Finance», gute Russischkenntnisse in Wort und Schrift, mehrjährige Erfahrung in Internet-Recherchen, geistige und nervliche Belastbarkeit, solide Verankerung in der Friedens- sowie Anti-AKW- und Anti-Atomwaffen-Bewegung, gesundes Misstrauen gegenüber Oligarch:innen und Rohstoffgrosshändler:innen aller Länder, grosse investigative Energie und ausreichend Empathie für das Appenzellerland sowie für russländische Menschen und deren grossartige Kulturen.
Schlussbemerkung mit einer Vorbemerkung
Die letzten Informationen für diese Recherche kamen am 31. August 2022 von der Ausserrhoder Regierung. Diese beantwortete aber nicht nur die ihr gestellten Fragen (wie oben zusammengefasst), sondern begann ihre Stellungnahme mit einer überraschenden Vorbemerkung: «Vorab teilen wir Ihnen mit, dass die MIR Trade AG, mit Sitz in Teufen AR, gemäss Art. 12 der Verordnung über Massnahmen im Zusammenhang mit der Situation in der Ukraine von nationalen Sanktionen betroffen ist. Für den Vollzug und die Kontrolle ist das SECO (Staatssekretariat für Wirtschaft) zuständig. Das kantonale Amt für Wirtschaft und Arbeit steht in Kontakt mit dem Unternehmen und mit den verantwortlichen Personen.»
Wo im Appenzellerland Rauch ist, da ist also auch Feuer. Beziehungsweise: Wo kein Rauch ist, da glüht wohl russische Kohle. Und da gibt es auch sicher einige heisse Kartoffeln, die nun wohl weitergereicht werden.