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Davos verdankt seine Architektur und seine Wirtschaft der Tuberkulose.
Andreas Schwander
Fotos: zVg Kirchner Museum Davos, Luzia Schär / zVg Dokumentationsbibliothek Davos / zVg schatzalp.ch, Björn Schneider Auch das Hotel Schatzalp wurde als Sanatorium gebaut – mit dem obligatorischen Davoser Flachdach.
Am Anfang war ein Revoluzzer. Alexander Spengler war Student in Mannheim und demokratischer Revolutionär in der gescheiterten deutschen Revolution von 1848. Er rettete sich über den Rhein und studierte in Zürich Medizin. 1853 fand er, 26-jährig, eine Stelle als Landschaftsarzt in Davos. Die verstreute, abgelegene Walsergemeinde, deren Namen auf Rätoromanisch «Hinten» bedeutet, war hocherfreut. Die Stelle war lange unbesetzt gewesen, und die Gemeinde führte sogar eine spezielle Steuer ein, um Spengler anständig bezahlen zu können. Dem jungen Revolutionär gefiel es, und er machte eine erstaunliche Beobachtung: Es gab hier keine Tuberkulose. Spengler glaubte, den Grund dafür in der kalten, trockenen Luft gefunden zu haben, und begann, mit Tuberkulosetherapien zu experimentieren. 1865 kamen die ersten deutschen Winter- Kurgäste. Untergebracht wurden sie erst im Hotel Strela, dem ersten Davoser Haus dessen Räume alle heizbar waren. Der aus St.Petersburg zurückgekehrte Zuckerbäcker Tobias Branger hatte es nach russischem Vorbild gebaut. Auch Spenglers grosse Liebe, Elisabeth Ambühl, hatte Verbindungen nach Russland. Ihr Vater war da ebenfalls als Zuckerbäcker zu Geld gekommen. 1867 tat er sich mit dem niederländischen Bankier und Unternehmer Jan Willem Holsboer zusammen, dessen junge Frau in Davos unter Spenglers Händen an Tuberkulose gestorben war. Holsboer baute mit Spengler ein Sanatorium und trieb den Bau der Landquart–Davos-Bahn voran, der heutigen RhB. 1889 fuhren die ersten Züge. Auch die Prominenz kam, etwa 1881 der Schriftsteller Robert Louis Stevenson, sieben Stunden mit dem Schlitten von Landquart her. Zwei Winter später verliess er Davos mit dem Manuskript seines berühmtesten Romans, «Die Schatzinsel».
Sport und Prominenz Tuberkulose traf alle, und Europa kam zur Kur nach Davos – Künstler, Architekten, Unternehmer, Schriftsteller. Sherlock- Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle kam genauso wie der russische Komponist Peter Tschaikowsky. Er fürchtete, in eine Art alpine Wüste zu geraten. Verwundert stellte er fest, dass es hier jede Menge guter Hotels gab, elektrisches Licht und sogar Zigarren – und dass der Winter in Davos ganz und gar russisch war. Alexander Spengler konnte expandieren und baute mitten in Davos ein eigenes Sanatorium – komplett mit Kirche für die Diakonissinnen und die vielen Beerdigungen. Es ist heute ein Hotel und gehört zur «Hard Rock»-Kette. Die Kirche ist stilvolles Eventlokal für Jazzkonzerte und Seminare, und über dem Frühstücksbuffet prangen die ersten beiden Zeilen von Stings «An Englishman in New York»: «I don’t drink coffee, I take tea, my dear.» Während des World Economic Forum (WEF) sass Sting tatsächlich einmal hier im Café und sagte zum erstaunten Personal: «Das stimmt nicht. Bringen Sie mir bitte einen Cappuccino.» Zur Tuberkulosezeit figurierte auf den öffentlichen Gästelisten ähnlich viel Prominenz wie heute während des WEF. Nur blieben die Leute viel länger. Die Patienten wurden zu stundenlangen Liegekuren verdonnert, während deren sie auf sogenannten «Davoser Stühlen» in der Sonne lagen und die kalte, trockene Luft atmeten. Könner schlugen sich mit zwei schnellen Bewegungen in grosse Wolldecken ein, wie es Thomas Mann in seinem Roman «Der Zauberberg» beschreibt. Die Patienten sollten sich aber auch bewegen und viel essen, um wieder zu Kräften zu kommen. Deshalb sind die ehemaligen Sanatorien noch heute umgeben von Wanderwegnetzen mit minimaler Steigung und teilweise absurd vielen Serpentinen und Bänklein – um die Kranken nicht zu überanstrengen.
Das Davoserdach Ganz Davos richtete sich auf die Kranken und ihre Familien aus. Dazu gehörten Restaurants und Sporteinrichtungen wie Bobbahn, Eisbahn und der erste Bügel-Skilift der Welt. Die neuen Sanatorien hatten grosse, südwärts ausgerichtete Balkone, dazu die allgegenwärtigen Flachdächer, die verhindern, dass Schnee auf die Kurgäste fällt. Das flache Davoserdach verhindert aber auch, dass Schnee einseitig abschmilzt. Bei Häusern mit Satteldächern führt das zu tonnenschweren asymmetrischen Belastungen und Rissen in den Wänden, durch welche die teure Heizenergie entweicht. Zudem werden Davoserdächer nie undicht, und der belüftete Dachstuhl hält im Winter warm und im Sommer kühl.
Die grosse Zeit der Sanatorien endete abrupt mit der Entdeckung der Antibiotika. Liegekur auf der Terrasse der Villa Pravenda, Davos, um 1900. Von mehr als 30 Sanatorien gibt’s nur noch zwei, die anderen wurden zu Hotels oder abgerissen oder stehen leer. Der tötelnde Sanatoriumsmief ist den Häusern nicht so leicht auszutreiben. Nur das Hotel Schatzalp zelebriert seine Sanatoriumsvergangenheit. Mit und dank der Krankheit ist mitten in den Alpen eine funktionale Stadt entstanden – mit vielen medizinischen und wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen. Albert Einstein war Mitorganisator der «Davoser Hochschulkurse», des Anfangs des Kongresswesens. Der deutsche Expressionist Ernst Ludwig Kirchner blieb wie viele andere Patienten ein Leben lang in Davos, malte die Bergwelt in abstrahierenden Farben und doch in höchster Präzision. Die Häuser auf seinen Bildern sind exakt am richtigen Ort, der Davoser Kirchturm hat immer seine charakteristische Drehung. Das alles macht Davos zu einer vielschichtigen Kulturwelt. Sie profitiert noch immer von einem geflohenen deutschen Revoluzzer.
Vier Davoser Museen unter der Leitung des Kirchner Museums zeigen gemeinsam bis zum 30. Oktober 2022 die Davoser Welt der Sanatorien: Mythos Davos, Europa auf Kur. davos.ch/mythos
Liegekur auf der Terrasse der Villa Pravenda, Davos, um 1900.