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Herzspezialist Thierry Carrel war zwar noch ein Kind, als seine Grosseltern starben. Aber es ist ihm einiges in Erinnerung geblieben. Etwa dieser eine Satz, den der Grossvater zu ihm gesagt hat: «Ich hoffe, dass diese Hände mal etwas Gescheites machen werden.»
Gerne erinnere ich mich an meine Grosseltern: Der Vater meines Vaters war Unternehmer, hatte eine kleine Wasserfabrik in Genf, wo er Siphonwasser, sogenanntes «Sprudelwasser», herstellte. Später war er Vertreter für Getränke. Er fuhr durch die Kantone Genf und Waadt, um seine Produkte zu verkaufen und auszuliefern, zuerst mit Pferden, dann mit einem Auto, was damals ein absoluter Luxus war. Er soll sehr tüchtig und erfolgreich gewesen sein. Meine Grossmutter stammte aus Gersau. Meinen Grossvater lernte sie kennen, als sie fürs «französische Jahr» nach Genf kam. Nach der Heirat eröffneten die beiden verschiedene Restaurants. Das passte gut, da Grossmutter die damalige Hotelfachschule in Luzern absolviert hatte. Sie führten bis kurz vor der Pensionierung verschiedene Betriebe, vorwiegend in der Region Genf und in Nyon. Mein Grossvater legte grossen Wert auf Stil bei seiner Kleidung. Er sah immer sehr gut aus, mit Krawatte, weissem Hemd und Anzug.
Ferien am Vierwaldstättersee
Als ich geboren wurde, wohnten meine Eltern und die Grosseltern in Fribourg. Als ich noch ein Kleinkind war, also vor Beginn des Kindergartens, kam mein Grossvater jeden Dienstag zu uns und holte mich ab. Wir gingen in die Stadt, auf den Spielplatz und nicht selten auf den Viehmarkt, der damals ziemlich im Stadtzentrum stattfand.
Vor dem Mittagessen bei uns zu Hause erzählte mir Grossvater jeweils eine Geschichte aus einem Buch. Ich weiss noch genau, dass ich dann auf seinem Schoss sitzen durfte. Einmal nahm er meine Hände in seine und sagte: «Ich hoffe, dass diese Hände mal etwas Gescheites machen werden». Dieser Satz ist mir in prägender Erinnerung geblieben.
Leider ist mein Grossvater schon früh verstorben. Meine Grossmutter verbrachte darum den Sommer wieder in Gersau bei ihren Verwandten, wo wir sie besuchten. Wir unternahmen Ausflüge auf dem Schiff und in die Berge und besuchten Verwandte. Die Feiern am 1. August waren schön: Mir gefielen die
Alphornbläser und Fahnenschwinger. Es gab auch Konzerte und Theatervorstellungen im Kurpark. Diese waren ziemlich altmodisch, aber herzig; diese nostalgische Zeit vermisse ich heute ein wenig. Ein Erlebnis war für mich weiter nachhaltig: Wir waren auf einer Schifffahrt auf dem Vierwaldstättersee, als ein sehr heftiges Gewitter mit Hagel aufzog. Die Hagelkörner flogen in die Pfeife des Dampfschiffes «Stadt Luzern», sodass der Kapitän vor der Ankunft an der jeweiligen Schiffländestation nicht mehr «hupen» konnte. Ich sehe heute noch ganz genau vor mir, wie die Hagelkörner aus der Pfeife herausgespickt wurden.
Musikalisches Vermächtnis
Ich bedaure, dass ich meine Grosseltern mütterlicherseits nicht kennenlernte. Meine Grossmutter starb schon bei der Geburt meiner Mutter. Ihr Vater starb, als sie 12-jährig war. Er war Automechaniker und führte reiche Familien vom Elsass an die Côte d’Azur, um sein Gehalt aufzubessern.
Ich weiss auch noch, wie die Grosseltern väterlicherseits gebrechlich wurden. Beim Grossvater war ich sogar am Sterbebett. Er bestellte uns zu sich nach Hause, war geschwächt und bettlägerig. Er spielte ein Stück Musik, packte dann seine Trompete ins Etui und übergab mir sein Instrument mit dem Satz: er hoffe, dass ich dieses Instrument einmal spielen oder zumindest seine Leidenschaft für die Musik weitertragen würde.
Ich bin stolz, dass ich heute im gleichen Blasorchester spiele, in dem er zu Beginn der 50er-Jahre in Fribourg mitmachte. Aus einer einfachen Fanfare ist es heute zu einem der besten Blasorchester in der Höchstklasse geworden. Nach dem Tod der Grosseltern kam der Pfarrer nach Hause und wir beteten am Sarg alle zusammen den Rosenkranz. Vor der Beerdigung auf dem Friedhof folgte ein langer Gottesdienst in der Kirche, der lateinisch gesungen wurde. Der Tod meiner Grosseltern relativierte meine Überzeugung, dass ihnen nie etwas passieren würde, weil sie zwar alt, aber lebenserfahren waren.
Mehr Zeit haben
Ich möchte es auch gerne erleben, Grossvater zu sein. Mit grösster Wahrscheinlichkeit werde ich dann aus dem beruflichen Leben ausgeschieden sein. Ich werde mir viel Zeit für diese wunderbare Aufgabe reservieren. Als meine Tochter zur Welt kam und während ihrer ersten Lebensjahre hatte ich im Vergleich zur heutigen Generation der jüngeren Mediziner leider fast keine Zeit für sie. Ich arbeitete durchschnittlich 90 bis 100 Stunden pro Woche – anders war es damals nicht möglich. Wenn ich zu Hause ankam, war ich oft komplett erschöpft. Ich habe trotzdem Schönes mit meiner Tochter erlebt, aber auch einiges verpasst. Ich freue mich darum, wenn es so weit sein wird, die Fortschritte meiner Enkelkinder zu verfolgen. Und wenn ich ihnen einen Hauch meiner Lebensphilosophie weitergeben kann, umso schöner. •
Thierry Carrel (59) ist ein führender Schweizer Herzchirurg. Seit 1999 ist
er Direktor der Klinik für Herz- und Gefässchirurgie am Inselspital in Bern.
In den vergangenen 30 Jahren führte er rund 12 000 Eingriffe als Operateur, Lehrer oder Assistent durch.