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Dr. Urs Jundt, Allgemeinpraktiker in Arbon, war mehrere Jahre Mitglied der Kirchenvorsteherschaft der Evangelisch-Reformierten Landeskirche Arbon. Bereits in dieser Funktion war ihm der Lobpreis ein Anliegen, weswegen auf seine Initiative hin monatliche 'Lordmeetings' mit Lobpreis im freikirchlichen Stil abgehalten wurden. Seine Bemühungen um einen evangelikaleren Glaubensstil konnten sich aber nicht durchsetzen, was 1991? zu einer Loslösung von der Landeskirche führte. Herr und Frau Jundt und einige weitere Ehepaare - mit der Zeit ca. 30 Leute - trafen sich vorerst in Hauskreisen, in denen ausgehend von biblischen Stellen persönliche Probleme im Sinne einer Vergangenheitsbewältigung in gegenseitiger Beratung und Korrektur bearbeitet wurden. Man suchte zudem bei verschiedenen Gemeinden in Arbon eine Möglichkeit für sonntägliche Gottesdienste, schliesslich konnte man sich mit der stark überalterten Evangelisch-Methodistischen Kirche (EMK) auf eine Zusammenarbeit einigen: dreimal monatlich predigte der ansässige Methodistenprediger, einmal monatlich Dr. Urs Jundt. Dieser verstand es, der EMK zu einem erneuten Wachstum zu verhelfen. Im Verlaufe kam es aber zu Spannungen auf persönlicher Ebene zwischen den Leitern, sodass die Kooperation seitens der EMK aufgekündigt wurde. Im Jahre 1994 wurden an der Bahnhofstr. 61 Räumlichkeiten gemietet, die Gemeinde gab sich von nun an den Namen 'Christliche Gemeinde Maranatha'. Mit der von Heinrich Elia Benedikt geführten Neuoffenbarungsgemeinschaft 'Maranatha' in Immenstadt (D) bestehen trotz Namensverwandtschaft keinerlei Zusammenhänge.
Das Gemeindezentrum liegt gegenüber dem Arboner Bahnhof in einem alten Werkteillager der Firma Saurer, mit Blick auf den Bodensee. Durch ein Fabrikambiente, dessen Insignien - Stempeluhr und Hängeregistraturen - nicht entfernt wurden, führt ein durch Bastelarbeiten aufgeheiterter Treppenaufgang zu den Gemeinderäumen. Im ersten Stock befindet sich ein Raum für Kinder, im zweiten Büros und im dritten der Gemeindesaal, der knapp 100 Leute fasst. Er wird vorne von einer leicht erhobenen Bühne begrenzt, daneben ein Klavier zur Gesangsbegleitung, an der Rückseite des Raumes wurde eine kleine Bibliothek eingerichtet. Eine Verbundenheit mit Israel bildet sich in der Ikonographie des Gemeindesaals ab: Menora und Davidstern zieren das als Kanzel dienende Rednerpult. Beim Gottesdienstbeginn hat sich der Saal beinahe zur Gänze gefüllt.
Die Gemeinde wird angeführt von Dr. Urs Jundt als Gemeindeleiter und Michel Engelhardt und Franz Gangl als Ältesten. Dr. Urs Jundt benennt als ihn prägende geistliche Väter vor allem den den Chrischona-Gemeinden entstammenden, in der charismatischen Prophetie und Heilung aktiven, inzwischen verstorbenen Reinhard Dettwiler. Aber auch die früheren Leiter der christlichen Drogenstation 'Best Hope' und jetzigen Leiter des Missionswerkes 'Hope for the Nations' Hans-Peter und Anita Vogt hätten ihn beeinflusst. Michel Engelhardt führt in Arbon eine Blumenboutique, Franz Gangl ist beruflich Maurer und seit 1996(?) bei der Christlichen Gemeinde Maranatha aktiv. Zuvor hat er sich über mehrere Jahre im 'Best Hope' in Herisau engagiert. Frauen nehmen in der Christlichen Gemeinde Maranatha keine offiziellen Führungspositionen ein, dürften informell aber von nicht zu vernachlässigender Bedeutung sein. Insbesondere steht Frau Jundt erzieherisch 6 eigenen und 9 Pflegekindern und damit einem weiten Kontaktnetz vor. Es besteht zudem eine von einer Frau geführte Frauengruppe.
Die für das Gemeindeleben zentralen Gottesdienste werden vom Leiter und den beiden Ältesten gemeinsam durchgeführt, wobei sie sich hinsichtlich der Gestaltung des Rahmens und der Predigt abwechseln. Auch die vier Hauskreise dienstags und donnerstags werden vom Leiter, den beiden Ältesten und einer Frau im Turnus geführt. Während der Woche finden zusätzlich statt: montags ein Früh- und ein Abendgebet, dienstag abends Gymnastik/Tanzen, mittwochs Kinderstunde, freitags Jugendgruppe, die nach den Namen der Gründer 'Shebo' genannt wird und samstags Jugi-Gruppe für jüngere Jugendliche(?). Einmal monatlich treffen sich die Frauen und Männer je getrennt. Familien mit Kindern treffen sich beinahe täglich.
Nach einem stetigen, wenn auch beschränkten Wachstum zählt die Christliche Gemeinde Maranatha heute ca. 80 Assoziierte, davon eine beträchtliche Anzahl Kinder und Jugendliche (ca. 50%) und eine überwiegende Anzahl Frauen (ca. 70%). Das Gemeindewachstum ist damit einerseits auf biologischen Nachwuchs, andererseits auf die Aufnahme von Pflegekindern (s.u.) und drittens auf Freundschaften unter den Jugendlichen zurückzuführen. Viertens rekrutiert sich eine gewisse Anzahl Gottesdienstteilnehmer aus ehemals alkohol- und anderweitig suchtkranken Menschen, denen Begleitung angeboten wird. Abgänge habe die Gemeinde nur wenige zu verzeichnen und diese vor allem im Zusammenhang mit Umzügen.
Die Gemeinde kennt keine Statuten, ist dementsprechend nicht als Verein eingetragen und auch keinem übergeordneten Verband unterstellt, es gibt keine offiziellen Mitglieder. Diese offizielle Strukturlosigkeit hat insofern System, als ein Hauptvorwurf von Dr. Jundt an die Landeskirche darin besteht, an ihrer Strukturiertheit zugrunde zu gehen.
Gottesdienstbesucher, die auf dem Papier noch Mitglied der Landeskirchen sind, leben diese Mitgliedschaft faktisch nicht mehr. Dr. Urs Jundt ist nach wie vor Mitglied der Landeskirche, obwohl diese ihm den Austritt nahe gelegt hat, weil sie seine Mitgliedschaft als werbewirksamen Missbrauch für eigene Zwecke empfindet.
Es werden von Zeit zu Zeit mit anderen freikirchlichen Arboner Gemeinden zusammen Evangelisationen - beispielsweise im Arboner Strandbad - durchgeführt, es gibt auch gegenseitige Besuche, eine engere Vernetzung wird aber nicht angestrebt. Die Christliche Gemeinde Maranatha ist nicht Mitglied der Arboner Allianz, die örtliche Evangelisch- Reformierte Landeskirche hat sich einer diesbezüglichen Aufnahme widersetzt. Dr. Urs Jundt nimmt aber an den charismatischen Leitertreffen, die der als Apostel tätige Daniel Moser initiiert hat, teil.
Befreundet sind Herr und Frau Jundt mit dem Leiter des Evangelisationszentrums 'Posaune der Rettung Israels' in Tel-Aviv, Jakob Damkani, einem messianisch bekehrten Juden. Damkanis Anliegen ist einerseits die Verkündigung von 'Jeshua' als den verheissenen jüdischen Messias, andererseits die Rückbindung der Kirche an ihre jüdischen Wurzeln. Primäres Ziel der Strassen- und Grossevangelisationen sind Juden in Israel, es bestehen aber auch internationale Beziehungen, vor allem zu den USA. Die Endzeiterwartung wird durch den Hinweis auf das Schicksal des Staates Israel betont.
Israel ist auch zentrales Anliegen des im In- und Ausland tätigen Messianischen Dienstes 'Hope for the Nations', dessen Zeitschrift 'Hope News' in der Bücherecke der Christlichen Gemeinde Maranatha ebenfalls aufliegt und zu deren Leiter Hans-Peter und Anita Vogt enge Beziehungen bestehen. Hope for the Nations wurde 1994 gegründet und ist der Gemeinde Kaleb in Herisau affiliert.
Verbindungen bestehen zudem zum Werk 'Aktionskommitee für verfolgte Christen'.
Die Christliche Gemeinde Maranatha ist eine charismatisch orientierte Gemeinde, in der man nach der Bekehrung die Geistestaufe erwartet, die sich aber nicht obligat im Zungengebet äussern muss, womit eine Differenz zu einer klar pfingstlichen Position gegeben ist. Eine genauere Positionierung der charismatischen Position möchte und kann der Gemeindeleiter nicht angeben. Zungenrede geschehe nicht im öffentlichen Rahmen, sondern eher als persönliche Erbauung. Auf Worteingaben wird wert gelegt, sie müssen aber dem Leiter oder einem Ältesten zur Prüfung vorgelegt werden. Charismen sind also insgesamt nicht schwergewichtig vorhanden, im Vordergrund steht die Predigt.
In der mir bekannten Predigt eines Ältesten war die Hauptbotschaft diejenige des je persönlichen: "Du bist gemeint". Diese wurde mit anschaulichen Bezügen und Gesten verdeutlicht, theologisch anspruchsvollere Reflexionen waren nicht vorhanden. Der Bezug zum grundgelegten biblischen Text, einem Satzteil, dessen Kontext nicht erläutert wurde, war locker, der Tonfall väterlich wohlwollend. Der Hauptteil des Gottesdienstes besteht aus Lobpreisgesang und spontanem Gebet des Leiters oder eines Ältesten.
In der Christlichen Gemeinde Maranatha wird auf einen geheiligten Lebenswandel viel Wert gelegt. Die Moral ist dementsprechend konservativ: neben der Vermeidung von Alkohol, Rauchen, Discobesuch, härterer Musik, vorehelicher Sexualität und Abtreibung wird auch die Kremation abgelehnt und dem Fernseher mit Skepsis begegnet. Pazifistische oder ökologische Anliegen stehen nicht im Zentrum. Junge Frauen geben sich adrett weiblich. Diesbezügliches Vorbild scheint Frau Jundt zu sein. Es besteht ein Engagement für die Aktion 'Ja zum Leben', die sich gegen Abtreibungen einsetzt. Homosexualität wurde für die Gemeinde noch zu keinem grösseren Problem, wird aber als Irrweg betrachtet.
Der Name der Gemeinde legt eine akzentuierte Endzeiterwartung nahe, die sich aber nicht in Spekulationen bezüglich möglichen Daten äussert. Wie bereits den Kontakten zu messianischen Juden zu entnehmen, liegt der Gemeinde die Bereitung Israels zur Vorbereitung der Wiederkunft Christi sehr am Herzen.
Einmal jährlich wird eine Erwachsenentaufe durchgeführt, an der ich freundlicherweise teilnehmen durfte. Dem eigentlichen Taufakt ging ein ausgedehnteres Gottesdienstprogramm von 2.5 h Dauer vor. Darin legten die Täuflinge, dieses Jahr alles junge Frauen bzw. Mädchen, Zeugnis für ihre Taufmotivation ab. Die Zeugnisse beschrieben die Absicht, mit der Taufe die Hingabe des eigenen Lebens an Jesus Christus zu verdeutlichen. Bei allen lag eine Bekehrung, bei einigen eine ganze Anzahl von Bekehrungen, zurück, die aber meist nur zu einem lauwarmen Glaubensleben geführt hätten. Für die Zeit vor bzw. zwischen den Bekehrungen berichteten die Täuflinge von unmoralischem Lebenswandel im oben geschilderten Sinne oder emotionalen Problemen. An den Gottesdienst anschliessend erfolgte die Taufe im privaten Schwimmbassin einer befreundeten Familie. Die Täuflinge, die weisse Kleidung und darunter einen Badeanzug trugen, wurden nach Gebeten durch die beiden Ältesten ganz untergetaucht und empfingen anschliessend vom Leiter einen Taufspruch. Dazu sang ein Chor Anbetungslieder. Anschliessend wurde das Bassin dem wilden Wasserspiel der Kinder frei gegeben. Später sollten die Täuflinge ein Papier mit wichtigen Ermahnungen erhalten.
Ein diakonischer Schwerpunkt der Gemeinde liegt in der Betreuung von Pflegekindern. Die Familie Jundt erzieht selbst 9 Pflegekinder, weitere werden anderen Familien der Gemeinde zugewiesen. Es bestehen Kontakte zu lokalen und anderweitigen Sozial- und Fürsorgeämtern, die von sich aus um Überweisungen nachfragen. Die Pflege eines guten weiteren Kontakts zu möglichst beiden biologischen Eltern wird angestrebt, eine der Christlichen Gemeinde Maranatha entsprechende glaubensgemässe Erziehung steht aber im Zentrum, was zu Reibungen führen kann. Die betreffenden Ämter wissen um die religiöse Ausrichtung der Erziehung, laut Herrn Jundt würde diese als Vertrauensbonus aufgefasst.
Von Jugendlichen der Gemeinde, die an einer christlich verbindlichen Gemeinschaft interessiert waren, wurde eine WG gegründet, die prinzipiell selbsttragend sein soll, aber die Möglichkeit hat, ein bis zwei auf Betreuung angewiesene Jugendliche aufzunehmen.
Montags besteht jeweils die Möglichkeit, beim Leiter oder einem Ältesten um Seelsorge nachzufragen. Die Gemeinde kümmert sich insbesondere auch um Leute von der Strasse, d.h. alkoholabhängige oder anderweitig süchtige Menschen. Für Fälle, bei denen die Verantwortlichen an ihre Grenzen stossen, bestehen Kontakte zu externen Psychologen und Psychiatern, wobei laut Herrn Jundt darauf geachtet werde, dass eine externe Therapie den christlichen Glauben nicht madig mache. Christlich-therapeutische Institutionen haben deshalb erste Priorität, es werden das Schnäggehuus in Hosenruck und die Mettlenegg bei Bern genannt. Verbindungen bestehen auch zur IGNIS, der Akademie für christliche Psychologie. Dem Vorbild Reinhard Dettwilers folgend wird der Befreiungsdienst angewandt.
Die Finanzierung der Gemeindeangelegenheiten geschieht laut dem Leiter über die Kollekte, es besteht keine feste Ordnung hinsichtlich des Zehnten, der aber implizit nahe gelegt wird. Die Grösse der Kollekte ermögliche sogar noch die Unterstützung von Hilfsbedürftigen im Ausland. Der Leiter und die beiden Ältesten sind zu 100% erwerbstätig und dadurch selbstversorgend, erhalten also für ihre Gemeindetätigkeit keinen Lohn. Das ärztliche Einkommen des Leiters fliesse vor allem in die Finanzierung der Grossfamilie, für die von behördlicher Seite her keine Unterstützungszahlungen einfliessen würden. Die WG sei finanziell selbsttragend.
Die herzlichen Begrüssungen erzeugen bereits zu Beginn des Gottesdienstes eine familiäre Stimmung: jeder scheint jeden zu kennen, die vielen Jungen und Kinder halten ihre Lebendigkeit nicht zurück. Wir Besucher werden zwar immer wieder etwas skeptisch betrachtet, unsere Teilnahme an Gottesdienst und Taufe ist aber kein Problem, wir werden von der Leitung freundlich empfangen, mit Literatur beschenkt und uns wird auch im an die Taufe anschliessenden Gespräch viel Zeit eingeräumt. Die Christliche Gemeinde Maranatha hat es also nicht nötig, das kritische Gespräch zu fliehen und die Läden nach aussen dicht zu machen. Es gibt keine Personenkontrolle, man fällt aber als Aussenstehender auf und wird deshalb ohne Anmeldung vermutlich persönlich angesprochen. Die Gemeinschaft ist zu klein, um als Besucher unerkannt in der Masse verschwinden zu können.
Die Predigt scheint zu einem guten Teil spontan, in gruppeneigener Diktion 'in Offenheit auf die Stimme des Geistes' durchgeführt zu werden. Repetitiv steht das auf dem Gemeindefaltblatt abgedruckte Schema im Zentrum: die Sündhaftigkeit der Welt und Christi Erlösungstat. Es herrscht ein pragmatischer, einfacher Gestus mit einem übergewichtigen Zug zur Produktion anheimelnder Gefühle. Theologisch würde der Gemeinde eine fundiertere Selbstreflexion nicht schaden. Das betrifft auch die Selbstsituierung in der religiösen Landschaft, wozu ja gerade Arbon reichliche Kontaktmöglichkeiten bietet. Der Blick nach aussen könnte also noch um einiges stärker ausfallen.
Die Zeugnisse der Täuflinge überraschen durch einen erstaunlich sorglosen Umgang mit geistlichem Vokabular. Locker kann sich da Bekehrung an Abfall und erneute Bekehrung reihen, ohne dass eine tiefere Zerknirschung spürbar wird. Es entsteht nicht nur der Eindruck einer erfreulichen Ehrlichkeit, sondern auch derjenige, die berichteten Inhalte seien zu einem guten Teil angelernt und erst ansatzweise mit eigenem Erleben gefüllt worden. Die Täuflinge sind unter jenem Alter, das man als erwachsen auffassen darf. Bei einigen Berichten wird deutlich, dass die Bekehrungen und die nun erwartete Taufe einen Versuch zur Regulierung eigener schwieriger Gefühle darstellten: Versuche, Depressivität, Agressivität oder schlicht unerlaubte Autonomiebestrebungen in den Griff zu bekommen. Darin wird ein therapeutisches Element deutlich: mit der geforderten moralischen Heiligung wünschen sich die Täuflinge auch - oder vor allem? - ein psychisches Heilwerden.
Die Taufe kann aber auch soziologisch als Massnahme aufgefasst werden, Distanzierung ausprobierende Adoleszente im Gemeindeverband zu behalten. Auffällig ist denn auch die geschlechtliche Einseitigkeit: polar zur männlichen Führungstrias setzen sich während den Anbetungsliedern vornehmlich Frauen unter 20 in Szene. Die in geringerer Anzahl anwesende männliche Jugend verhält sich zurückhaltend. Man darf vermuten, dass diese jungen Frauen es noch eine Weile geniessen, 'Töchter idealer Väter' zu bleiben, währenddem für die männliche Jungmannschaft der Betrieb etwas langweilig ist.
Die Christliche Gemeinde Maranatha steuert damit auf eine für freikirchliche Gemeinden typische Problemlage zu, deren Bewusstsein und Reflexion in diesem Falle allerdings fraglich sein dürfte: dem Verschwinden der Adoleszentengeneration und sei es nur durch 'wegzügeln'. Kinder und Jugendliche und junge Eltern finden ihren Platz, nicht aber das Alter dazwischen. Für eine Gemeinde, vor allem wenn sie sich so schwergewichtig aus Jungen zusammensetzt, mag das problematisch sein, für die Einzelnen ist der Abgang aber sicher das einzig richtige, müsste doch das Verbleiben und Heiraten innerhalb eines intim-familiären Gemeindeverbandes emotional geradezu als 'inzestuös' gewertet werden. Dies trifft für die Christliche Gemeinde Maranatha in noch einmal akzentuierterem Sinne zu, gruppiert sie sich doch im wesentlichen um die Grossfamilie Jundt und kann in diesem Sinne tatsächlich als erweiterte Grossfamilie betrachtet werden.
Das karitative Engagement der Familie Jundt und anderer Gemeindeglieder ist eindrücklich. Sehr viel Lebensenergie und Geld wird da für die Erziehung und Anleitung von Menschen aus schwierigen Verhältnissen und mit schwieriger Geschichte aufgebracht. Die glaubensmässige und moralische Ausrichtung ist überzeugt, macht also nicht den Eindruck, Verhältnissen von emotionalem oder finanziellem Missbrauch ein legitimierendes Mäntelchen umzulegen wie in anderen Gemeinschaften. Dafür spricht auch, dass sich durch die Biographie des Leiterehepaars ein roter Faden durchzieht, eine konstante Ausrichtung auf eine charismatische Frömmigkeit, gepaart mit fürsorglichen Berufstätigkeiten.
Deutlich wird aber an der Christlichen Gemeinde Maranatha auch, dass Altruismus sich immer mit eigennützigen Motiven paart. Ein Geber erwirkt eine asymmetrische Beziehung, die eine Hierarchie und eine gewisse Abhängigkeit automatisch mit einschliesst. Das enge Weltbild und die konservative Moral fixiert diese Abhängigkeit. Die Gemeinde bietet eine warmherzige Gemeinschaft an, sie bindet aber auch eng ein. Distanznahme ist vielleicht tatsächlich nurmehr durch 'wegzügeln' möglich. So ist gut verständlich, dass Eltern, die ihre Kinder bei der Christlichen Gemeinde Maranatha in Pflege haben, den Eindruck erhalten können, ihr Kind verloren zu haben.
Erstaunlich ist deshalb auch die Verbindung zu kommunalen Ämtern. Kennen die Verantwortlichen die Theologie und Struktur der Christlichen Gemeinde Maranatha wirklich genau? Sind sie ihr allenfalls nahestehend? Die Nähe einer dem Laizismus und der Religionsfreiheit verpflichteten Behörde zu einer Gemeinschaft mit einer akzentuiert nicht-liberalen Theologie erscheint problematisch.
Das organisatorische, aber auch nur schon das beruflich-bildungsmässige Hierarchieverhältnis zwischen Leiter und Ältesten scheint nicht im Sinne demokratischer Verhältnisse nivelliert zu sein, was nicht zuletzt an den jeweiligen Charakteren liegt. Dr. Urs Jundt macht unzweifelhaft den Eindruck des pragmatischen Führers, die Stärken Michel Engelhardts liegen eher im seelsorgerlichen Bereich und Franz Gangl scheint seiner Ausbildung in charismatischer Theologie wegen die Rolle des Theologen übernommen zu haben. Dafür hat der Leiter seines Arztberufes wegen ja auch wenig Zeit. Konnte im landeskirchlichen und methodistischen Rahmen letztlich kein modus vivendi durchgehalten werden, spricht es sicher für Urs Jundt, dass in der Christlichen Gemeinde Maranatha in den Hauskreisen und im Gottesdienst Führungsfunktionen im Sinne eines Turnus delegiert werden. Es bleibt aber abzuwarten, wie sich diese Verteilung weiterentwickelt, könnte sich die Rolle des für Theologie Zuständigen doch auch als Drehtürposition herausstellen. Franz Gangl trägt jedenfalls bereits Gedanken an Auslandseinsätze mit sich.
Häufiger geschieht es gemäss Dr. Urs Jundt, dass Gottesdienstbesucher ihn als Arzt konsultierten als umgekehrt seine Patienten Gemeindeglieder werden. Seine Frömmigkeit wird aber auch in seiner Praxis klar ersichtlich. Eine Vermischung der Rollen bleibt insofern problematisch, als sich bei Dr. Urs Jundt eine intime Kenntnis der ihm Anvertrauten kumuliert. Das enge moralische Weltbild kann hier einerseits im Sinne eines verinnerlichten Kontrollorgans als Schutz vor Missbrauch dienen. Es kann aber auch umgekehrt als Legitimation für ein manipulatives Anleiten dienen, die Grenze dazwischen ist eine dünne und unscharfe.
Die Gemeinde und die diesbezügliche Leiterrolle mag funktionell zudem abdecken, was die rein ärztliche Behandlung nicht abzudecken vermag: den emotional-geistlichen Bereich. In begrüssenwerter Selbstbescheidung werden therapeutisch anspruchsvollere Fälle an christlich-therapeutische Fachleute weiterverwiesen. Der Versuch von IGNIS beispielsweise, psychologisches Wissen und gelebte Frömmigkeit zu verbinden, ist denn auch unterstützenswert. Die Chancen und Möglichkeiten einer christlichen Therapie sind gleichwohl umstritten, akzentuiert noch beim Heilungsdienst. Insbesondere das Verhältnis von moralischem und glaubensmässigem Gleichklang und Autonomie ist ein schwieriges. Fraglich bleibt, wann die Bedingungen gegeben sind, dass ein Gemeindeglied der Christlichen Gemeinde Maranatha mit psychischen Problemen weiterverwiesen wird. Bereits die Taufe erweckte ja den Eindruck, stellenweise therapeutische Funktion zu übernehmen. Besonders in der Begleitung von Suchtkranken wäre eine psychologisch geschulte Fachperson unabdingbar.
Die Präferenz Dr. Jundts für eine offizielle Strukturlosigkeit ist einseitig und heimtückisch, denn informell weist die Christliche Gemeinde Maranatha wie beschrieben sehr wohl eine Struktur auf. Man darf sich fragen, ob dahinter nicht eine persönliche Mühe damit steht, sich anzupassen und festzulegen. Auffällig ist der Mangel eines der Christlichen Gemeinde Maranatha übergeordneten menschlichen Kontrollorgans. Besonders Herr Jundt braucht sich ein gutes Stück weit nicht in die Karten blicken zu lassen. Brisant ist dieser Zug auch insofern, als er von einem starken Autonomiebedürfnis zeugt, Autonomiebezeugungen ansonsten in der Gemeinde aber eher skeptisch begegnet werden dürfte.
Die Leiterposition erscheint also insgesamt als die unerschütterlichste, was ja auch dadurch gegeben ist, dass der Leiter gleichzeitig mit seiner Frau jener Familie vorsteht, die am meisten zum Nachwuchs beiträgt. Herr Dr. Urs Jundt vereinigt ein gutes Stück weit in seiner Person die angestammten Führerrollen des Erziehers, des Arztes und des Seelsorgers, etwas weniger des Lehrers. Die Christliche Gemeinde Maranatha darf deshalb nicht nur als erweiterte Grossfamilie, sondern auch als typische Personalgemeinde aufgefasst werden, gruppiert um ein dynamisch-charismatisches Leiterehepaar, das es versteht, eigene zeitliche oder ausbildungsbedingte Engpässe personell auszufüllen und via eine prosperierende eigene Kinderschar eine aktive Jugendmannschaft zu organisieren.
Adresse der Christlichen Gemeinde Maranatha: Bahnhofstr. 61, 9320 Arbon
Franz Schlenk, 1998
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