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Ich habe im Meinungsaustausch mit Freunden in Afrika schon oft mit dem Gedanken gespielt, die afrikanischen Länder könnten sich vom politischen System der Schweiz inspirieren lassen. Die Idee der Föderation und die in der Schweiz erprobten Formen der Basisdemokratie, bei der auch die kleinsten Gemeinschaften am Entscheidungsprozess mitbeteiligt sind, wären auch für afrikanische Verhältnisse attraktiv. Diese Form der Mitbeteiligung in der kleinen Gemeinschaft entspricht den traditionellen Vorstellungen der Afrikaner. In Abweichung von den gebräuchlichen akademischen Definitionen des Demokratiebegriffs besteht für mich das Wesen der Demokratie darin, dass sich alle unmittelbar am gesellschaftlichen Geschehen beteiligen. Für die konkrete Ausgestaltung dieser Beteiligung sind verschiedene Formen denkbar.
Die Globalisierung ist ein komplexer Vorgang, der sich aus unterschiedlichen Komponenten zusammensetzt, die unabhängig voneinander ablaufen. Einmal haben wir einen gesellschaftlichen und politischen Prozess der Vernetzung, den ich als «Globalisierung» bezeichne; daneben läuft aber noch ein anderer, wertebezogener Prozess, den ich «Mondialisierung» nenne. Bis heute haben die meisten Menschen in ihrer eigenen Provinz gelebt und jene Werte vertreten, die im jeweiligen Kontext historisch verankert waren. Heute werden wir aber weltweit mit Werten konfrontiert, die von den herkömmlichen Überlieferungen abweichen. Dieser Tatbestand führt zu einer allgemeinen Überforderung. Wer in dieser Situation behauptet, seine Werte seien die absolut verbindlichen, die alle anderen übernehmen müssten, zerstört jenen Frieden, der eine unabdingbare Voraussetzung des gesellschaftlichen Zusammenlebens ist. Die «Mondialisierung» verlangt von uns allen eine Bewusstseinsveränderung. Die eigenen Werte sollen dabei nicht relativiert werden, es geht vielmehr darum, ihre Begrenzung zu erkennen. Das bedeutet allerdings nicht, dass man die Werte des anderen übernehmen muss. Die Situation ist mit einem offenen Markt vergleichbar, der verschiedene Wahlmöglichkeiten offeriert und die engen Grenzen der Provinzialität sprengt.
Mondialisierung
Schon in naher Zukunft wird die Jugend eine Einstellung zur nationalen und kulturellen Identität entwickeln, die von den bisherigen Mustern der Einheitlichkeit abweicht. Jede Kultur lebt von ihrer Vielfalt. In der Schweiz gehört diese Erkenntnis schon seit langem zum historischen Erfahrungsschatz. «Mondialisierung» bedeutet, dass wir alle gezwungen sind, aus unserer Provinzialität herauszuwachsen. Ich sehe darin für die ganze Menschheit mehr Chancen als Gefahren.
Im Rahmen meiner Forschung zum Thema «Interkultureller Dialog» bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es ein wichtiges Anliegen der Gesellschaft sein sollte, eine Jugend heranzubilden, die interkulturell kompetent ist. Der Begriff des Weltbürgers ist keine neue Erfindung, er gehört zu jenen Gedanken der Aufklärung, die tief im bürgerlichen Bewusstsein verankert sind. Weltbürger – so pflegte mein Lehrer zu sagen – sind nicht jene, die auf Reisen immer in denselben Hotels logieren, ob sie nun in Paris oder New York seien, Weltbürger sind jene, die eine so starke persönliche Identität haben, dass sie sich in jeder Kultur zu Hause fühlen. Weltbürger sind selbstbewusste Individuen, die sich nicht ins Gefängnis einer bestimmten Kultur einsperren lassen.
In Afrika gibt es eine kulturelle Tradition, dass junge Menschen aus ihrem engeren Umfeld heraustreten müssen, um sich mit anderen Kulturen und Gesellschaftsformen vertraut zu machen und um zu lernen, damit umzugehen. Heimkehrer werden dann umringt und intensiv befragt, und wehe, wenn man sie dabei ertappt, dass sie etwas Schlechtes über die Fremden und über ihre Erlebnisse berichten. Das bedeutete nämlich, dass der Heimkehrer zu wenig bereit ist, etwas zu lernen oder dass er zögert, das Gelernte an die Zuhausegebliebenen weiterzugeben. Solche vorbildlichen traditionellen Verhaltensweisen sollten auch ausserhalb Afrikas praktiziert werden. Alles was von aussen kommt, ist grundsätzlich positiv zu bewerten, auch das Negative, denn auch daraus lässt sich etwas lernen.
Interkulturelles Lernen braucht viel Mut, man muss fest in sich selbst ruhen, und man braucht dazu sehr viel Zeit. Interkulturelles Lernen ist oft auch schmerzhaft, weil es zunächst Selbstverständliches in Frage stellt. Dazu gibt es ein afrikanisches Sprichwort: «So schwierig das Lernen auch immer sein mag, am schwierigsten ist es, etwas zu lernen, was man eigentlich schon gelernt hat.»
Wenn man heute von Afrika spricht, darf man nicht vergessen, dass wir es mit einem sehr grossen Kontinent zu tun haben, der eine Vielfalt von Kulturen umfasst. Die Kolonialzeit als jener Zeitausschnitt, der als Bestandteil der Weltgeschichte wahrgenommen wird, war für Afrika nur eine kurze Episode. Mein Land, Guinea, war nur während fünfzig Jahren eine Kolonie. Trotzdem hat die Kolonialherrschaft den Kontinent intensiv geprägt. Was auffällt, ist die Art und Weise, wie Afrika politisch aufgeteilt wurde. Aufgrund von Herrschaftsinteressen hat man Völker ganz unterschiedlicher Kulturen in einer Kolonie zusammengelegt, man hat künstliche Grenzen gezogen. Diese Grenzen haben die Kolonialherrschaft überdauert, und es wir heute versucht, mit diesem Erbe fertig zu werden.
Verpasste und offene Chancen
Neben der Hypothek problematischer Grenzziehungen gibt es in Afrika ein Phänomen, das zunehmend Spannungen verursacht. Die Afrikaner leben in zwei Welten, in zwei Kulturen, die durch einen sehr tiefen Graben getrennt sind. Auf der einen Seite gibt es das, was man den «modernen Sektor» nennt, staatliche Institutionen, die nach mehr oder weniger zweckmässigen, traditionell-europäischen Mustern aufgebaut sind. Ich zögere, von «Staat» zu sprechen, weil lediglich die Formen und allenfalls noch die Begriffe vergleichbar sind und die Inhalte stark divergieren. Auf der anderen Seite haben wir vielleicht 80 Prozent der Bevölkerung, die in einem ganz anderen kulturellen Umfeld leben. Die beiden Ebenen können letztlich nicht miteinander verbunden werden. Das äussere Erscheinungsbild täuscht. Wenn ein Afrikaner einen Anzug trägt, französisch spricht und ein westliches Auto fährt oder einen Computer bedient, heisst das noch lange nicht, dass er zwangsläufig ein moderner Mensch geworden ist. Ich habe hier persönlich starke Zweifel, denn ich kenne viele Afrikaner, die das europäische System nachäffen, aber nicht wirklich modern sind.
Ich glaube nicht, dass die herkömmliche Politik beim Zusammenfügen der erwähnten zwei Sphären sehr hilfreich sein wird. Die staatlichen Strukturen haben in Afrika mittlerweile alle schlechten Eigenschaften der modernen Struktur mit den schlechten Eigenschaften der traditionellen Struktur vereinigt. Damit wurde – mindestens bis heute – die Chance verpasst, die darin besteht, die jeweiligen Vorzüge zu kombinieren.
Die in Afrika existierende Kluft lässt sich an folgendem Beispiel zeigen: Anlässlichlich einer Forschungsreise nach Moçambique habe ich mich mit einem traditionellen Chef unterhalten. Ich fragte ihn, ob er in der Lage wäre, die Region Weyra zu regieren. Er bejahte dies. Als ich ihm entgegnete, er sei doch Analphabet und habe keine Kultur, lachte er mich aus und sagte: «Ich bin nicht wirklich Analphabet, der wahre Analphabet ist der Präsident, der, wenn er zu seinem Volk spricht, einen Dolmetscher braucht; und das, was der an Erziehung hat, nennen wir nicht Erziehung. Er ist ein Gauner, ein Lügner, es ist kein Verlass auf ihn.» Das hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Neben der kulturellen Kluft gibt es also auch die sprachliche Kluft, da ja der Staatspräsident die Muttersprache seiner Bevölkerung meist nicht beherrscht. Die ganzen politischen und juristischen Diskussionen werden in Französisch oder Englisch geführt, womit 80 Prozent der Bevölkerung zwangsläufig ausgeschlossen bleiben. Wie kann unter solchen Verhältnissen ein demokratisches Bewusstsein entstehen? Soweit ich das als Soziologe beurteilen kann, ist diese kulturell-sprachliche Kluft eines der grössten Probleme, das Afrika zu lösen hat. Damit hängen nämlich die Voraussetzungen einer modernen wirtschaftlichen Entwicklung zusammen: Ohne Legitimität, ohne Rechtsstaatlichkeit, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit gibt es keine Investitionen, das weiss jeder Unternehmer.
Reflexionsgruppe und «Rat der Weisen»
Ich habe die Absicht, zur Analyse und zur Lösung der hier nur skizzierten Probleme eine aus Afrikanern und Europäern zusammengesetzte Reflexionsgruppe zu gründen. Afrika ist einer der reichsten Kontinente der Welt, und es ist im Interesse aller, wenn seine Reichtümer erschlossen und unternehmerisch verwertet werden können. Um zu wirklich vernünftigen und tragfähigen Lösungen zu gelangen, bedarf es einer umfassenden Strukturreform. Dabei steht die Frage nach der Übertragbarkeit und der Adaptationsfähigkeit von Systemen im Zentrum. Afrikaner sind nicht weniger intelligent als andere Weltbewohner, und die heutige Lage dieses Kontinents ist nicht einfach naturgegeben. Ich bin überzeugt, dass die Lernprozesse, die erforderlich sind, stattfinden können. Dafür müssen die Rahmenbedingungen beachtet und die Lernenden dort abgeholt werden, wo sie sich tatsächlich befinden. Dies gilt sowohl in Hinblick auf die finanziellen wie auch die strukturellen und mentalen Voraussetzungen.
Der nach europäischen Vorstellungen konzipierte moderne Staat ist nach meiner Einschätzung in Afrika gescheitert. Das stelle ich jenseits aller ideologischen Gesichtspunkte einfach fest. Die Gründe für dieses Scheitern sind vielfältig. Sie haben mit der Geschichte zu tun, mit den Gegebenheiten der afrikanischen Kulturen und mit den Methoden, die bei der Gründung unabhängiger Staaten zur Anwendung kamen. Eine grundlegende Veränderung ist nur möglich, wenn die Bereitschaft für eine Neugestaltung der Beziehungen zwischen Europa und Afrika wächst. Die Meinung, ein afrikanischer Staat sei funktionsfähig, wenn er einfach die Französische Verfassung wörtlich übernehme, war naiv. Auch in Europa würde so etwas nicht funktionieren. Es ist ein Akt der intellektuellen Redlichkeit, dies anzuerkennen und die Konsequenzen daraus zu ziehen.
Vor etwa 15 Jahren habe ich die Idee eines globalen «Rats der Weisen» lanciert, der über den Strukturen der Uno stehen würde, die als vorwiegend politische Institution eben doch ein Forum der Interessenvertretung und der Interessenwahrung bleibt. Der Weisenrat müsste aus Persönlichkeiten zusammengesetzt sein, die keine partikularen und nationalen Interessen vertreten, sondern transnational und überlokal denken. Die Autorität eines solchen Gremiums müsste auf der Qualität seiner Analysen und Vorschläge beruhen. Man hat mich wegen dieses Vorschlags einen Träumer genannt. Ich bin aber nach wie vor von diesem Projekt überzeugt, und ich hoffe, dass es einmal realisiert werden kann.