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Frühe Basler Grammophon-Kultur
Basel ist bekanntlich eine Musikstadt. Gemeint ist damit die Dichte und hohe Qualität des öffentlichen Konzertlebens; und selbstverständlich schwingt dabei mit, dass es sich um Live-Darbietungen handelt. In den 1920er-Jahren gab es aber eine Phase, in der mit den neu produzierten Grammophonen auch “Konserven-Musik” öffentlich wurde.
Musikalisches Spektakel
Oskar Stählin, seit 1925 Vertreter der “Columbia”, betrieb am Marktplatz eine angesehene Filiale und veranstaltete kostenlose “Vorführungskonzerte” von bis zu zweieinhalb Stunden. Zunächst in Sälen grösserer Basler Hotels und im Stadtcasino, dann mit immer grösserem Radius auch im Garten der Kunsthalle, im Frauenspital, in verschiedenen Cinema-Sälen, bis zur Dorfkirche von Riehen. Anfänglich vor allem zur Vorweihnachtszeit, dann auch unter dem Jahr.
Der grosse Basler Konzertsaal war bei den Grammophonkonzerten mindestens so gefüllt wie bei “richtigen” Konzerten. Oder wie die National-Zeitung vom 20. Dezember 1928 berichtete: “Das zahlreich erschienene Publikum war so befriedigt, dass es sich lauten Beifallklatschens nicht enthalten konnte”. In der National-Zeitung vom 13. Dezember 1929 scherzte Oskar Stählin gar, dass man bei anhaltendem Publikumserfolg wohl bald auf die St. Jakob-Wiese ziehen müsse. Von Zeit zu Zeit verband Stählin seine Konzerte mit Wohltätigkeitskollekten, beispielsweise für die Taubstummenanstalt oder für Hauspflegevereine.
Wir können uns heute überhaupt nicht mehr vorstellen, welche Faszination davon ausging, gewissermassen “naturecht” Musik zu hören, ohne deren Produzenten zu sehen – heute eine Selbstverständlichkeit.
Raumüberwindende Musikverbreitung
1930 veranstaltete Stählin zusammen mit dem lokalen Radiostudio einen Auftritt in der Mustermesse. Was dort aus den Lautsprechern kam, sei von einer dichtgedrängten Besucherzahl mit Begeisterung aufgenommen worden.
Hans Zickendraht, Physikprofessor an der Universität Basel und Radiopionier, führte in einem Vortrag aus, dass es “jetzt weniger um Erfindungen als um Vervollkommnung von Bestehendem” gehe. Musikalische Virtuosität und Radio- und Grammotechnik hätten gemeinsam, dass sie “nach immer höherer Stufe strebten” (National-Zeitung und Basler Nachrichten vom 6. Oktober 1930).
Stählin präsentierte an dieser Schau einen als “Meisterwerk” bezeichneten Radio-Grammophonschrank. Mit ihm liess er immer wieder Carl Maria von Webers “Aufforderung zum Tanz” Op. 65 ertönen. Die Technik setzte die Massstäbe und bestimmte die Form: Das Spiel musste so gestaltet sein, dass es auf zwei Seiten Platz hatte. Gegebenenfalls waren Kürzungen nötig.
“Columbia” kam einmal auch von London nach Basel, um Aufnahmen mit der Basler Orchestergesellschaft zu machen. Diese stand unter der Leitung des als genial bezeichneten Dirigenten Felix Weingartner. Die Presse reagierte entzückt über die raumüberwindende Art der Musikverbreitung. Durch die schwarzen Platten würden die Künstler einen enormen Aktionsradius erlangen – bald werde man das Basler Orchester “unter allen Breitengraden” mit seiner faszinierenden Interpretation klassischer Werke hören können.
Erinnerungen im Lederkoffer
Der Siegeszug der Grammotechnik nahm seinen Lauf. Für ihren Basler Promotor aber nahm das Geschäft infolge der grossen Wirtschaftskrise ein schleichendes Ende. Nach dem Börsenkrach vom “Schwarzen Freitag” 1929 verabschiedeten sich die “Roaring Twenties”. Die Kaufkraft, insbesondere für Luxuswaren, ging zurück, die Kunden blieben aus, und das aufkommende Radio drängte das Grammo-Geschäft nach und nach beiseite.
Das Ende von Stählins Geschäft am Marktplatz kam wahrscheinlich mit den Schwierigkeiten der Schweizerischen Volksbanken 1935 und der Abwertung des Schweizer Frankens 1936. Stählin hatte als Geschäftsinhaber fatale Verträge mit seinem Lieferanten “Columbia” abgeschlossen und wurde in dessen Konkurs mitgerissen. Er musste nochmals von vorne anfangen – als Vertreter im Kohle- und Heizölgeschäft
Im Familiennachlass sind in einem schönen Lederkoffer aus der Pionierzeit einige Schallplatten erhalten geblieben. Unter diesen Relikten findet sich etwa Verdis “Nabucco”, gesungen von den Coristi del Teatro della Scala, oder Tino Rossis Tango “Après toi, je n’aurai plus d’amour”.
Quellen
Abbildungen
Abb. 1: Staatsarchiv Basel-Stadt, Privatarchiv Georg Kreis, Pa 116 A 1 (4) Teil 2_3.
Abb. 2 (Titelbild und Slider): Schaufenster: Staatsarchiv Basel-Stadt, Privatarchiv Georg Kreis, Pa 116 A 1 (4) Teil 2_4.
Abb. 3 (Slider): Innenaufnahme Grammophon-Geschäft: Staatsarchiv Basel-Stadt, Privatarchiv Georg Kreis, Pa 116 A 1 (4) Teil 2_5.
Abb. 4 (Slider): Programm Vorführungs-Konzert: Staatsarchiv Basel-Stadt, Privatarchiv Georg Kreis, Pa 116 A 1 (4) Teil 2_1.
Abb. 5: Niklaus Stoecklin, Hausfront National-Zeitung, 1942, Privatbesitz.
Autor*in
Georg Kreis ist emeritierter Professor für Geschichte der Universität Basel und hat stets internationale, nationale und lokale Geschichte miteinander zu verbinden versucht. So war es für ihn eine Selbstverständlichkeit in seiner Zeit als Leiter des Europainstituts mit Blick auf das bevorstehende Bundesbeitritt-Jubiläum von 2001 zusammen mit Beat von Wartburg unter dem Titel “Basel – Geschichte einer städtischen Gesellschaft” eine provisorische Basler Geschichte herauszugeben. Er ist Mitglied des Vereins Basler Geschichte.