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Buchtipp
Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon
Wie alle grossen Krisen zeigte die Corona-Pandemie von 2020 die Schwäche der Nationen auf, die sie angriff. Im Falle der USA bestand diese Schwäche in der ausserordentlichen Ungleichheit im Land. Einerseits die Ungleichheit zwischen den Regionen im Land, zwischen einzelnen Orten und Gemeinden, andererseits das riesige soziale Gefälle. Ein Prozent der Amerikaner besitzt mehr als die restlichen 99 Prozent zusammengenommen. Wenn über diese regionale Ungleichheit und die wirtschaftliche Konzentration geschrieben wird, betrachtet man beide Aspekte meist getrennt voneinander. Tatsächlich jedoch sind sie eng miteinander verknüpft. «Als ich über diese Verflechtung nachzudenken begann, wurde mir klar, dass sich eine solche Geschichte am besten anhand von Amazon erzählen lassen würde», schreibt Alec MacGillis. Dabei ging es ihm weniger um das Unternehmen als solches. «Es ging mir vielmehr darum, mir das Amerika genauer anzusehen, das im immer länger werdenden Schatten des Unternehmens steht.»
Amazon bietet laut MacGillis einen idealen Rahmen zum Verständnis der USA und ihrer Entwicklung, weil Amazon «exemplarisch für viele Unternehmen steht und uns ermöglicht, diese zu verstehen». Da ist zum einen die extreme Vermögensungleichheit – das unfassbar grosse Privatvermögen von Amazon-Gründer Jeff Bezos und die bescheidenen bis erbärmlichen Löhne der meisten seiner Angestellten. Da ist die Art der Arbeit, die die meisten von ihnen erledigen: harte körperliche Arbeit, die in den Lagerhäusern weit draussen am Rande der Stadt geleistet wird, oft mit unregelmässigen Arbeitszeiten und wechselnden Schichten. Da ist der immense Einfluss, den das Unternehmen auf die gewählte Regierung des Landes gewonnen hat, sowohl auf Bundesstaatsebene als auch in Washington D.C.. Da ist die Auflösung des bürgerlichen Zusammenhalts, zu dem das Unternehmen beigetragen hat, indem es den Einzelhandel genauso schwächt wie die Steuereinnahmen zahlloser Gemeinden.
MacGillis betont, dass Amazon bei weitem nicht die einzige treibende Kraft des regionalen Auseinanderdriftens sei. Andere Tech-Firmen tragen ähnlich viel dazu bei. So konzentriert sich ein Grossteil der landesweiten Werbeeinnahmen heute auf Google und Facebook und damit auf die Region San Francisco. Das entzieht dem Lokaljournalismus im ganzen Land die Existenzgrundlage. Amazon sei aber mehr als jedes andere Unternehmen das perfekte Brennglas, in dem sich die Unterschiede im Land zeigen. Das Buch ist deshalb nicht einfach eine Abrechnung mit Amazon, es ist eine Analyse des modernen Amerikas anhand von Amazon. Allerdings kommt das fast auf dasselbe heraus. Und das ist manchmal schwer zu ertragen.
Alec MacGillis: Ausgeliefert. Amerika im Griff von Amazon. S. Fischer, 448 Seiten, 37.90 Franken; ISBN 978-3-10-397456-0
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783103974560
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