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Ein Gefangener schliesst Freundschaft mit einem ihm unbekannten Insekt, das er eines Tages im Hof vor seiner Zelle entdeckt.
Ich war allein in einer Zelle ohne Handy, ohne Radio und auch ohne Zeitung. Hier sollte ich die nächsten fünf Monate eingesperrt bleiben. Ich hätte mir gewünscht, wenigstens ein Buch zu haben. Es wäre auch schön gewesen, mit dem Wärter über irgendetwas reden zu können. In der Zelle war es immer totenstill. Die Wände waren weiss.
Zu jeder Gefängniszelle gehörte ein kleiner Hof, fünf auf sieben Schritte. Die Mauern rundherum waren so hoch. Um den Himmel zu sehen, musstest du den Kopf in den Nacken legen. Mit Glück sahst du manchmal die Sonne. Drei Stunden am Tag durfte ich nach draussen. Und ich besass ein Schreibheft und einen Stift, da ich für alles einen Antrag schreiben musste.
Ich weiss nicht mehr, nach wie vielen Tagen ich in meinem Hof am Boden ein seltsames Insekt entdeckte. So ein Insekt hatte ich noch nie gesehen. Es war grün, schlank, mit überlangen Beinen, das vordere Paar in die Höhe gereckt. Als würde es beten.
Eines der mittleren Beine hing kraftlos herunter. Das Tier musste sich am scharfen Stacheldraht verletzt haben. Ich hob das Insekt vorsichtig auf und wollte es dazu bringen, in die Freiheit zu fliegen. Doch es blieb auf meiner Hand. Mit Hilfe eines Besenstils setzte ich es auf das Dach meiner Zelle. Es kam wieder zurück zu mir. Da nahm ich es in meine Zelle.
Mit Hilfe eines Zahnstochers fixierte ich sein lahmes Bein. Vielleicht musste seine Wunde zuerst heilen, bevor es weiterziehen konnte.
Während der kommenden Zeit pflegte ich meinen Zellengast, so gut ich konnte. Im Deckel einer PET-Flasche reichte ich ihm Wasser. Aus einer Teeschachtel baute ich ihm ein Haus. Ich hatte keine Ahnung, was dieses Tier frisst. Daher habe ich alles angeboten, was ich zur Verfügung hatte: Gurkenschalen, Brotkrümel, Käse und sogar ein bisschen Wurst. Doch ich sah es nie fressen.
Nach einer Woche schien das Bein dennoch geheilt. Ich entfernte den Zahnstocher und wollte das Insekt – bei meinem nächsten Hofgang – in die Freiheit entlassen. Doch es blieb.
Unterdessen hatten wir uns aneinander gewöhnt, vielleicht sogar angefreundet. Ab und zu sprach ich zu ihm. Ich entschied mich, dem Tier einen Namen zu geben. Da ich selbst Hasan heisse, nannte ich es Hüseyin, nach dem berühmten Brüderpaar. Tatsächlich wusste ich nicht, ob das Insekt männlich oder weiblich war, ich kannte ja diese Art überhaupt nicht. Doch es war für mich wie ein kleiner Bruder geworden.
Ich wollte unbedingt mehr erfahren. Wer war Hüseyin? Woher kam er? Ich riss eine Seite aus meinem Heft und fertigte eine Skizze von ihm an. «Was für ein Insekt ist das?», schrieb ich dazu. Und es sei grün. Ganz grün – und sehe so aus, als würde es beten. Ich faltete den Zettel zusammen. Mit zwei abgeschnittenen PET-Flaschenböden, die ich ineinanderschob, formte ich ein Gefäss für meine Nachricht. Als ich das nächste Mal draussen im Hof war, warf ich meinen Brief darin über die Mauer. Nun blieb mir nichts übrig als zu warten. Der Gefangene im nächsten Hof würde meine Nachricht finden und mir antworten. Oder den Brief weiterschicken. Meine Frage würde von Zellenhof zu Zellenhof wandern und vielleicht wusste irgendjemand in diesem grossen Gefängnis Bescheid.
Ich wartete zwei Monate. Fast glaubte ich nicht mehr an die Rückkehr meiner Flaschenpost. Als sie endlich wieder in meinem Hof landete, war ich sehr aufgeregt. Rasch nahm ich die Hülle ab und entfaltete meine abgegriffene Skizze. «Das ist eine Gottesanbeterin!», stand neben dem Bild. Ich war sehr zufrieden mit dieser Antwort.
Hüseyin und ich lebten weiterhin zusammen in meiner Zelle. Drei Stunden Hofgang jeden Tag. Es schien ihm gut zu gehen, obwohl ich nie dahinterkam, was er frass.
Dann, eines Tages, gab es eine Zellenrazzia. Die Wärter kamen herein und durchsuchten alles. Sie fanden auch meinen Bruder. «Was ist das für ein scheussliches Insekt!?», sagte einer von ihnen und trat mit seinem Stiefel drauf. «Das war mein Hüseyin», war alles, was ich sagen konnte.