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Christina Antonia vom Brocke
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Graubünden ist der einzige Kanton der Schweiz mit drei Kantonssprachen: Deutsch, Italienisch und Romanisch. Je nach Region werden die Schülerinnen und Schüler in einer oder mehrerer dieser Sprachen unterrichtet (vgl. Abb. 1).
Abb. 1: Darstellung der Schulsprachen in Graubünden (vgl. Gregori et al., 2011)
Hinzu kommen Fremdsprachen, die dem Lehrplan nach zu erwerben sind. Darüber hinaus bringen manche Lernende sogar, bedingt durch ihren Migrationshintergrund, noch weitere Spracheinflüsse mit.
Mehrsprachigkeit als Belastung?
Ist diese Sprachenvielfalt eine zu hohe Belastung für Schülerinnen und Schüler? Oft wird diskutiert, dass sie überfordert seien und möglicherweise die Vielsprachigkeit zu Lasten der Leistung in einzelnen Sprachen gehe. So wird in einem jüngeren NZZ Artikel „Gezerre um die Fremdsprachen“ eine Gruppe von Deutsch-Bündner Lehrern und Wirtschaftsleuten zitiert, die ausführen, „die Vielfalt sei in der Primarschule zu gross: Etliche Volksschüler fühlten sich mit dem gleichzeitigen Unterricht einer Landessprache und Englisch überfordert – was sich negativ auf die muttersprachliche Kompetenz auswirke. Dies könnte später nachteilige Folgen im Berufsleben zeigen.“ (Jankovsky, 2016).
Studie zur Mehrsprachigkeit der PH Graubünden
In einer aktuellen Studie der Pädagogischen Hochschule Graubünden in Chur (vgl. vom Brocke, 2017) wurde die Mehrsprachigkeit in der dritten, sechsten und achten Klasse an Schulen im Oberengadin in Bezug auf die Deutschkompetenz der Schülerinnen und Schüler untersucht. Im Einzelnen wurden die Deutschkompetenzen an zweisprachigen Schulen mit jenen an einsprachigen Schulen in Deutsch und Romanisch verglichen. Ausserdem wurde ein Bild über den sprachlichen Hintergrund der Schülerinnen und Schüler erhoben.
Als zweisprachige Schulen wurden Schulen in den Gemeinden Samedan, Pontresina, Celerina und Bever untersucht. Als einsprachige Schulen wurden eine Schule in Flims und zwei Schulen in Davos für Deutsch sowie die Schulen Sedrun, Trun, Rabius, Mustér, Sumvitg und Sent für Romanisch betrachtet. Zur Kompetenzmessung wurden der C-Test (vgl. Baur, Goggin & Wrede-Jackes, 2013) und die Profilanalyse (vgl. Griesshaber, 2008) verwendet. Mithilfe dieser Daten sollte ein aktuelles Sprachenbild einer Region in Graubünden entworfen werden. Eine Aufnahme über den sprachlichen Hintergrund wurde auf Basis des Home Languages Survey (vgl. Broeder & Extra, 1999) durchgeführt.
Ebenbürtige Sprachkompetenzen Deutsch
Die Studienergebnisse widerlegen die Befürchtung, dass sich Mehrsprachigkeit im Kanton Graubünden pauschal negativ auf die Sprachentwicklung in Deutsch auswirke (vgl. Abb. 2).
Abb. 2: Sprachkompetenz Deutsch an ein- und zweisprachigen Primarschulen der 3. Klasse
Im Durchschnitt über alle Schülerinnen und Schüler hinweg kann festgestellt werden, dass Kinder an zweisprachigen Schulen ihren Altersgenossen an deutschsprachigen Schulen in ihrer Deutschkompetenz nicht nachstehen. Die Daten der Profilanalyse zeigen sogar eine im Durchschnitt leicht höhere Sprachkompetenz Deutsch der Schülerinnen und Schüler zweisprachiger Primarschulen. Anzumerken ist auch (was aus Abb. 2 nicht ersichtlich ist), dass die Schülerinnen und Schüler der romanischsprachigen Schulen ihre Sprachkompetenz in Deutsch (als Fremdsprache) über die Klassen 3, 6 und 8 relativ gesehen ihren sprachlichen Rückstand ausbessern.
Bedeutung der sprachlichen Verwurzelung
Werden die Daten eingehender hinsichtlich des sprachlichen Hintergrunds der Schülerinnen und Schüler analysiert, zeigt sich noch ein interessantes Ergebnis. Die Wirkung der Mehrsprachigkeit auf die Deutschsprachigkeit hängt offensichtlich davon ab, welchem sprachlichen Einfluss die Kinder im ausserschulischen Bereich ausgesetzt sind.
Die Daten zeigen, dass es vor allem romanischsprachige, deutschsprachige und zweisprachige Kinder sowie Kinder mit mehrsprachigem Hintergrund („andere Kombination“) an der zweisprachigen Schule noch bessere Deutschkompetenzen erzielen als gleichaltrige Kinder an deutschsprachigen Schulen. Hier scheint das mehrsprachige Umfeld inspirierend zu wirken, ein Gefühl für Sprachen zu fördern und ggf. auch Kinder (und Eltern) mit sprachlicher Neigung anzuziehen. Für „anderssprachige“ Kinder, die nur wenig oder keinen ausserschulischen Kontakt mit Deutsch haben, ergeben sich aber andere Ergebnisse. Insbesondere über die Zeit zeigen die Daten ein deutliches „Abrutschen“ in der Sprachkompetenz Deutsch – relativ zu den Kindern an einsprachigen Schulen. Ursächlich kann in der Tat ein Überforderungseffekt sein, wenn die Schülerinnen und Schüler im ausserschulischen Bereich nur begrenzten Zugang zum Deutschen haben. Insbesondere vor dem Hintergrund der überdurchschnittlich positiven Sprachentwicklung anderer Schüler an der zweisprachigen Schule sollten Massnahmen ergriffen werden, um die Anschlussfähigkeit von Schülerinnen und Schülern zu gewährleisten, die im Elternhaus wenig bis kein Deutsch sprechen.
Zwar wurden die Kompetenzen in der Erstsprache der Kinder nicht genauer untersucht, doch wird in der Sprachforschung in diesem Zusammenhang auch hervorgehoben, dass zumindest die Verwurzelung in einer (Erst-)Sprache eine wichtige Voraussetzung für Kinder ist, um auch erfolgreich mehrere weitere Sprachen zu lernen (vgl. Cummins, 2000; Cathomas & Carigiet, 2008; Nodari & de Rosa, 2006). Die positiven Effekte einer mehrsprachigen Ausbildung sind also in Abhängigkeit von dem sprachlichen Profil zu sehen, mit welchem die Schülerinnen und Schüler von zu Hause aus ausgestattet sind.
Sprachenverteilung an verschiedenen Schultypen
Wenn der sprachliche Hintergrund der Schülerinnen und Schüler von so grosser Bedeutung ist, ist es interessant, diesen weiter zu untersuchen. Diesbezüglich zeigt die Studie, dass die Familiensprachen der Kinder im Oberengadin durchaus nicht homogen sind. Mehrsprachigkeit wird je nach Familie mit unterschiedlichen Sprachen gelebt. Die verschiedenen Schultypen scheinen dabei individuell bestimmte Sprachprofile von Kindern verschiedener Herkunft anzuziehen. Abb. 3 gibt einen Überblick.
Abb. 3: Sprachlicher Hintergrund der Schülerinnen und Schüler nach Schultyp
Die Auswertung zeigt, dass vor allem Kinder an zweisprachigen Schulen auch in ihrem familiären Umfeld Mehrsprachigkeit erleben. Von den angewendeten Sprachen her gesehen, scheinen sie im Kanton verwurzelt zu sein, da diese Sprachen hauptsächlich Deutsch, Romanisch und Italienisch sind oder eine Kombination anderer Sprachen mit den Kantonssprachen aufweisen. Insgesamt wachsen fast 50% der Kinder bilingual, weitere von ihnen sogar mehrsprachig auf. Der Anteil der Kinder, deren Eltern keine der beiden Schulsprachen sprechen, ist mit 15 (also ca. 10%) relativ gering. In den romanischsprachigen Schulen fällt auf, dass die Mehrheit der Kinder einsprachig Romanisch aufwächst. Deutsch sprechen etwa 22% bilingual zu Hause, aber nur ca. 6% Prozent der Kinder spricht zu Hause ausschliesslich Deutsch. Etwa 3% Prozent sprechen zu Hause eine nichtkantonale Sprache. Deutsch ist demnach für fast zwei Drittel der Schülerinnen und Schüler an den romanischsprachigen Schulen eine Fremdsprache. In den deutschsprachigen Schulen ist das Bild etwas anders: Mehr als die Hälfte der Schülerinnen und Schüler sind von zu Hause aus einsprachig deutschsprachig und ca. 6% der Schülerinnen und Schüler wachsen zweisprachig deutsch-romanisch auf. Insgesamt verfügt etwa ein Fünftel (22%) der Schülerschaft über ein zweisprachiges Umfeld, was zwar im internationalen Vergleich durchaus hoch, gegenüber der Schülerschaft an den zweisprachigen Schulen aber eher gering ist. Ein weiteres Fünftel (16%) wächst ausschliesslich mit einer anderen nicht-kantonalen Sprache auf. Diese 16% stellen eine vergleichsweise höhere Quote dar als an den zweisprachigen Schulen.
Als Kanton mit drei Kantonssprachen ist Mehrsprachigkeit ein oft mit Graubünden in Verbindung gebrachtes Thema. Die aktuellen Studienergebnisse zeigen zudem, dass Mehrsprachigkeit in Graubünden auch über die Kantonssprachen hinausgeht, und sie zeigen auch, wie aktiv diese Mehrsprachigkeit im Alltag gelebt wird. So ergab sich an der zweisprachigen Schule in Samedan in der achten Klasse zum Zeitpunkt der Datenerhebung folgendes Bild: Von 25 Schülerinnen und Schülern gaben acht an, zu Hause drei Sprachen zu sprechen und vier gaben an, sogar mit den Freunden drei oder mehr Sprachen zu sprechen. Als Sprachen, die die Familienmitglieder mit anderen verwendeten, wurde insgesamt 22 Mal angegeben, weitere Sprachen nebst Deutsch zu verwenden und 13 Schülerinnen und Schüler gaben an, dass ihre Familienmitglieder drei oder mehr Sprachen mit anderen sprächen. Es gibt wohl wenige Regionen in Europa, in denen Mehrsprachigkeit so allgegenwärtig und so facettenreich ist.
Sprachpluralismus als Standortvorteil
Dieser Sprachpluralismus im privaten Umfeld der Schülerinnen und Schüler Graubündens stellt aus Sicht der Sprachwissenschaft ein grosses Potenzial dar. Wenn gewährleistet wird, dass eine Verwurzelung zumindest in einer Sprache besteht, kann die Mehrsprachigkeit insgesamt sehr positive Effekte freisetzen (vgl. Cummins, 2000; Cathomas & Carigiet, 2008; Nodari & de Rosa, 2006). Zu denken ist z.B. daran, dass Schülerinnen und Schüler verschiedene Sprachen mit in den Unterricht hineinbringen und diese ihren Mitschülerinnen und Mitschülern z.B. über Lieder und Spiele näherbringen. Dies entspräche auch etwa dem Unterrichtsansatz ELBE, der die Sprachbegegnung in den Mittelpunkt rückt (vgl. Nordwestschweizerische Erziehungsdirektion, 2008). Krumm und Reich (2013) schlagen sogar mit ihrem Curriculum der Mehrsprachigkeit ein umfassendes Konzept vor, mit welchem Mehrsprachigkeitsdidaktik direkt in den Unterricht transferiert werden kann. Mehrsprachigkeit sollte nicht als Gefährdung, sondern als Chance verstanden werden. Gerade mit Blick auf eine zunehmend internationale und vernetzte Welt können Kinder so hervorragend auf berufliches und privates Handeln im Dialog mit verschiedenen Kulturen und Sprachen vorbereitet werden. Nicht „nachteilige Folgen im Berufsleben“, wie im eingangs erwähnten Zitat befürchtet, sondern geradezu sehr positive Folgen für das Berufsleben dürften sich den hier dargestellten Ergebnissen nach einstellen. Voraussetzung ist es aber, dass eine gezielte sprachliche Förderung derjenigen erfolgt, die im häuslichen Umfeld wohlmöglich eine eher geringe sprachliche Verwurzelung erfahren (vgl. Nodari & de Rosa, 2006). Für alle anderen Kinder scheint Mehrsprachigkeit ein inspirierendes Umfeld zu bieten, das selbst in der Muttersprache zu höherer Sprachkompetenz führen kann, als dies in einem monolingualen Umfeld der Fall wäre. Besonders positiv ist aber sicher auch die sprachliche Sensitivität und Agilität, die heute im globalen Dialog so wichtig gebraucht wird.
Literatur
Baur, R.S., Goggin, M. & Wrede-Jackes, J. (2013). Der C-Test: Einsatzmöglichkeiten im Bereich DaZ. ProDaZ – Deutsch als Zweitsprache in allen Fächern. Online unter https://www. uni-due.de/imperia/md/content/prodaz/c_ test_einsatzmoeglichkeiten_daz.pdf (Stand 28.02.2017).
Broeder, P. & Extra, G. (1999). Language, Ethnicity & Education. Case Studies of Immigrant Minority Groups and Immigrant Minority Languages, 1-21.
Cathomas, R. & Carigiet, W. (2008). Topchance Mehrsprachigkeit: Zwei- und mehrsprachige Erziehung in Familie und Schule. Bern: Schulverlag Plus.
Cummins, J. (2000). Language, Power and Pedagogy. Bilingual Children in the Crossfire. Bristol: Multilingual Matters.
Gregori G.P., Gross M., Todisco V. & Trezzini M. (2011). Schule und Mehrsprachigkeit im Kanton Graubünden. Bündner Monatsblatt - Zeitschrift für Bündner Geschichte, Landeskunde und Baukultur, 1 /2011, 3–34.
Griesshaber, W. (2008). Zweitspracherwerbs-prozesse als Grundlage der Zweitsprachen-förderung. In: B. Ahrenholz (Hrsg.), Deutsch als Zweitsprache. Voraussetzungen und Konzepte von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Freiburg: Filibach, S. 31–48.
Jankovsky, P. (2016). Streit punkto Sprachunterricht in Graubünden. Gezerre um die Fremdsprachen. NZZ, 11.05.2016, https://www.nzz.ch/schweiz/streit-punkto-sprachunterricht-in-graubuenden-gezerre-um-die-fremdsprachen-ld.82026, (30.03.2017).
Krumm, H.J. & Reich, H.H. (2013). Sprachbildung und Mehrsprachigkeit.
Ein Curriculum zur Wahrnehmung und Bewältigung sprachlicher Vielfalt im Unterricht. Münster: Waxmann.
Nodari, C. & de Rosa, R. (2006). Mehrsprachige Kinder. Bern: Haupt.
Nordwestschweizerische Erziehungsdirektion [Hrsg.] (2008). ELBE – Ein Film über die Begegnung mit Sprachen. Bern: Schulverlag Plus.
vom Brocke, C. (2017). Erhebung der Deutschkompetenzen an den zweisprachigen Schulen in Bever, Celerina, Pontresina und Samedan. Unveröffentlichte Studie. Die Studie kann auf Anfrage zur Verfügung gestellt werden.