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Deutschland, vermutlich Nürnberg, um 1870/75
Kreidelithographie, koloriert; Karton
H. 3 cm, B. 26,5 cm, T. 20,2 cm (Schachtel)
H. 36,8 cm, B. 47,5 cm (Spielplan)
Inv. 1940.65.
Reisen in unbekannte Länder: Der Gedanke war für Kinder schon immer faszinierend, und Reisespiele gehören daher zu den Konstanten bei den Gesellschaftsspielen.
Neben dem spannungsreichen Erlebnis werden auf spielerische Art verschiedenste Informationen vermittelt.
Der geografische Erkenntnisgewinn bei diesem Spiel «Über Land und Meer» ist jedoch bescheiden; während andere Reisespiele mit dem gleichen oder ähnlichen Titel eine Weltkarte als Grundlage des Spielplans haben, ist es hier die schematisierte, seit Jahrhunderten bekannte Form des spiralförmigen Spielverlaufs. Auch sind die besuchten Orte zwar in nachvollziehbarer Folge (Hamburg, London, New York, Japan, Kalkutta, Suezkanal, Kairo, Budapest, Wien, Berlin) aneinandergereiht, doch wird auf die exakte geografische Beziehung zueinander keinerlei Wert gelegt.
Über das Fortkommen entscheidet keine geschickt gewählte Reiseroute, sondern das reine Würfelglück. Kartonscheiben mit Darstellungen von Dampfschiffen und Eisenbahnwagen dienen, damit den damals aktuellen Reisemethoden entsprechend, als Spielfiguren. Da die Reise in Hamburg beginnt und schliesslich in Berlin endet, steht die Entstehung des Spiels in Deutschland ausser Frage. Vermutlich lässt sich die Herkunft trotz fehlender Herstellerangabe noch konkretisieren: Da in Feld 64 Nürnberg besucht und dessen Spielzeugproduktion in der Spielbeschreibung ausdrücklich genannt wird, ist die Entstehung dort anzunehmen.
Die Weite des Meeres und die Grösse der Städte werden durch die Vogelschauansicht betont, und das Exotische der besuchten Gegenden zeigt sich in tropischer Vegetation und fremdartigen Bauwerken. Auch mögliche Gefahren des Reisens werden mit einem Eisenbahnunglück in Feld 61 und einem Indianerüberfall in Bild 18 thematisiert, was aber wohl eher dem kindlichen Abenteuerbedürfnis als der Realität entsprach.
Es ist noch anzumerken, dass Georges Passavant (1862–1952), aus dessen Besitz dieses Spiel in das Museum gelangte, 1888/89 wirklich eine «Reise um die Welt» unternahm.
Ein Grund dafür war, dass er das Grab seines älteren Bruders Carl (1854–1887) besuchen wollte, der kurz zuvor auf Hawaii gestorben war. Die beiden Brüder besassen, da sie aus einer vermögenden Basler Bankiersfamilie stammten, die nötigen finanziellen Möglichkeiten für ausgedehnte Fernreisen. An der grossen Begeisterung für das Fremde mögen neben der damals sehr beliebten Lektüre von Abenteuerromanen und Reiseerzählungen auch Spiele dieser Art ihren Anteil gehabt haben.