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Inspiriert von ihrer eigenen Jugend, erzählt Greta Gerwig in ihrem mehrfach oscarnominierten Solo-Regiedebüt «Lady Bird» eine ebenso witzige wie berührende Coming-of-Age-Geschichte.
Schon der Epigraph lässt erahnen, mit welch gemischten Gefühlen Greta Gerwig – spätestens seit ihrer Hauptrolle in Noah Baumbachs New-York-Tragikomödie «Frances Ha» (2012) international bekannt – auf ihre Teenagerzeit zurückblickt: «Anybody who talks about California hedonism», verkündet das Geleitzitat der Autorin Joan Didion, «has never spent a Christmas in Sacramento». Und schon in der ersten Szene von «Lady Bird» wird klar: Sacramento ist Mittelmass. Staatshauptstadt Kaliforniens, aber provinziell. Kein Kaff, aber eben auch keine Kulturmetropole wie San Francisco oder Los Angeles. Eine familienfreundliche Stadt, in der sich eine freigeistige 17-Jährige wie Christine «Lady Bird» McPherson (Saoirse Ronan) keine Zukunft vorstellen kann. Und das sagt Lady Bird ihrer Mutter Marion (die grossartige Laurie Metcalf) unverblümt ins Gesicht.
Wer den Trailer gesehen hat, weiss, was als Nächstes passiert: Mutter und Tochter beginnen zu streiten; Lady Bird stürzt sich aus dem fahrenden Auto. Konsequenzen hat das – wie so vieles, was in Sacramento passiert – kaum: In der nächsten Szene finden wir Lady Bird mit eingegipstem Arm in der Schule vor. Ihr verzweifelter Akt der Rebellion wird nie mehr erwähnt. So porträtiert Gerwig das letzte Schuljahr ihrer Protagonistin: als eine Reihe kleiner und grösserer Dramen, von denen viele ohne sichtbare Konsequenzen bleiben – doch welche alle zur Formung der Person beitragen, die Lady Bird, oder eben Christine, am Ende des Films geworden ist.
Man spürt den Einfluss von François Truffauts Klassiker «Les quatre cents coups» (1959) in den manchmal herzerwärmenden, oft traurigen Alltäglichkeiten, die Gerwig hier ins Zentrum rückt: der Wunsch, cool und beliebt zu sein, selbst wenn man damit seine besten Freunde vor den Kopf stösst; die Erkenntnis, dass niemand so cool und selbstsicher ist, wie er oder sie vorgibt; der Kommunikationsgraben zwischen Lady Bird und ihrer überarbeiteten Mutter und ihrem gutherzigen Vater (wunderbar: Tracy Letts).
Indessen erinnert das soziale Setting – das Vorstadtleben der unteren US-Mittelschicht kurz nach 9/11 – an Richard Linklaters Mammutprojekt «Boyhood» (2014), während sich Noah Baumbachs Einfluss auf Gerwigs kreative Entwicklung insofern bemerkbar macht, als «Lady Bird» mehr wie eine Sammlung herausragender Momente als wie ein durch und durch stringenter Film wirkt.
Doch das hat zweifellos Methode – letzte Schuljahre folgen selten einer geregelten Dramaturgie – und lenkt auch nicht von der Tatsache ab, wie scharfsinnig und einfühlsam Gerwigs Figuren- und Milieuzeichnung ist. Ohne das Ganze überladen wirken zu lassen, schafft sie es, Saoirse Ronans Titelfigur in eine grosse Gruppe von Charakteren zu integrieren, welche alle ihre eigenen Konflikte zu lösen haben: von Lady Birds Eltern über ihre beste Freundin (Beanie Feldstein) und ihren ersten Freund (Lucas Hedges) bis hin zum Theaterlehrer (Stephen McKinley Henderson) an ihrer katholischen Privatschule.
Zwar wird Greta Gerwig in ihrer hoffentlich noch langen Karriere Grösseres vollbringen als «Lady Bird». Doch diese aufrichtige, ungemein menschliche und zutiefst persönliche Tragikomödie ist mehr als nur ein wichtiger Schritt in diesem Prozess: Sie ist zusammen mit Jordan Peeles «Get Out» (2017) und Julia Ducournaus «Grave» (2016) eines der vielversprechendsten Regiedebüts der letzten Jahre.
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Kinostart Deutschschweiz: 19.4.2018
Filmfakten: «Lady Bird» / Regie: Greta Gerwig / Mit: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Beanie Feldstein, Tracy Letts, Lucas Hedges, Timothée Chalamet / USA / 93 Minuten
Bild- und Trailerquelle: Universal Pictures Switzerland