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| Tertullian († um 220) - Die fünf Bücher gegen Marcion. (Adversus Marcionem)

Erstes Buch
16. Cap. Man kann die geschaffene Welt nicht derart teilen, dass das Sichtbare dem Demiurgen, das Unsichtbare dem guten Gott angehört.
Da also eine andere Welt nirgends zum Vorschein kommt, ebensowenig wie der dazu gehörige Gott, so ergibt sich für die Gegner die Notwendigkeit, die beiden bekannten Arten von Dingen, die sichtbaren und die unsichtbaren, an die beiden Götter als Urheber zu verteilen, wobei sie die unsichtbaren für ihren Gott in Anspruch nehmen. Aber nur ein häretischer Kopf kann es sich beikommen lassen, dass die unsichtbaren Dinge dem angehören sollten, der keine sichtbaren vorausgeschickt hat, und nicht vielmehr dem, der die sichtbaren hervorgebracht und damit die Erwartung unsichtbarer erweckt hat. Denn es ist viel vernünftiger, bei einer geringen Zahl von Belegen zu glauben, als wenn gar keine da sind. Wir werden noch sehen, wem als Urheber der Apostel die unsichtbaren Dinge zuschreibt, wenn wir ihn durchforschen werden. Denn für jetzt suchen wir nur der allgemeinen Ansicht Glauben zu verschaffen, so wie den angerufenen Schriftstellen, welche auf die begründeten Beweisführungen folgen sollen, und behaupten, dass die Verschiedenheit der Dinge, der sichtbaren und unsichtbaren, ebenso auf den Demiurgen zurückzuführen sei, wie sein ganzes Schaffen auf Gegensätzen beruht, auf den Gegensätzen des Körperlichen und Unkörperlichen, des Beseelten und Unbeseelten, des [S. 149] Stummen und des mit Stimme Begabten, des Beweglichen und Unbeweglichen, des Zeugungsfähigen und Unfruchtbaren, des Trockenen und Feuchten, des Warmen und Kalten. So ist auch das Wesen des Menschen auf Gegensätze basirt, sowohl in Ansehung des Körpers als hinsichtlich des Geistes. Einige Glieder sind stark, andere schwach, einige ehrbar, andere nicht, einige paarweise, andere nicht, einige gleich, andere verschieden. Ebenso herrscht auch im Geiste bald Freude, bald Besorgnis, bald Hass, bald Liebe, bald Zorn, bald Milde. Wenn sich das nun so verhält und die ganze vorhandene Schöpfung auf Gegensätze gegründet ist, so erheischt schon darum das Vorhandensein von sichtbaren Dingen die Existenz von unsichtbaren, und sie müssen demselben Urheber zugeschrieben werden wie ihre Gegensätze, die dann nur auf eine gewisse Vielseitigkeit des Schöpfers selbst hinweisen, der befiehlt, was er verboten hat, und verbietet, was er befohlen hat, der schlägt und heilt. Warum sollte er in dieser Hinsicht allein einseitig und Schöpfer nur der sichtbaren Dinge sein dürfen? während man doch gerade so gut von ihm glauben muss, dass er die sichtbaren und die unsichtbaren Dinge geschaffen habe, wie das Leben und den Tod, das Unglück und den Frieden. Wenn sodann die unsichtbaren Dinge erhabener sind als die sichtbaren, die ihrerseits auch schon so gross sind, so stimmt es fürwahr ganz gut zusammen, dass dem, welchem das Grosse gehört, auch das noch Grössere ebenfalls zugehöre, weil schon das Grosse, geschweige denn das noch Grössere keinem angehören kann, der nicht einmal Mittelmässiges aufzuweisen hat.