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fortsetzung
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ZUSAMMENFASSUNG UND SCHLÜSSE
Religion als Staatsrecht
Wir haben versucht, neues Licht auf einige strategische Knoten der euro-mediterranen Religionsbildung zu werfen. Den Leitfaden bildet das Instrumentarium der Theokratien, mit theologisch zentralen Begriffen wie Schöpfung, Gott und den entsprechenden irdischen Verwaltern, wie Könige, Kaiser und Päpste, nicht zuletzt auch Dorfchefs, Gaufürsten und Pharaos, schliesslich auch natürlich ihre Siedlungen, Gaue, Länder, Reiche, Weltreiche mit dem Volk der 'Gläubigen', wenn man sie jetzt noch so nennen will. Vier Kulturen standen zur Diskussion. Wir zeigten, dass jeweils das, was wir Religion nennen, recht verschieden erscheint, zugleich aber - im anthropologischen Kreis - neue Zusammenhänge zeigt.
Im Alten Ägypten sahen wir physische Götter in zahlreichen Formen wie Schachfiguren Felder besetzen, Orte, Gaue, schliesslich das Reich. Aus diesem in den vordynastischen Dörfern entwickelten Schachspiel - bei dem die menschlichen Schachspieler, die Dorf- und Gaufürsten und die Könige des Reichs immer ganz nahe bei den Götter-Figuren standen, hat sich das ägyptische Reich über das Alte, das Mittlere zum Neuen entwickelt. Wir sind also mit unserem Interesse für Religion ganz unvermittelt in eine andere Disziplin, ins Staatsrecht geglitten und haben die Entwicklung eines kultisch legitimierten Gott/König-Herrschertums, oder 'Theokratie' wie wir es nannten, beschrieben. Wir haben dann auch darauf hingewiesen, dass dieser theokratische Verfassungstyp auch im Alten Orient weit verbreitet war und sich ähnlich aus Dörfern entwickelt hatte.
Im Alten Testament haben wir im Hinblick auf die Geschichte der hebräischen Staatsbildung ganz Ähnliches entdeckt. Das religiöse Element ist funktional. Es begründet eine Verfassung, die sich im späteren hebräisch-jüdisch israelitischen Reich konsolidiert. Mose hat das ägyptische Vorbild einer Hochkulturverfassung jener Zeit mit einem primitiven Hirtenkult verbunden, um seine eigene Verfassung unter damaligen Verhältnissen zu legitimieren. Das erste Buch wird Vorspann, der den 'primitiven' Verfassungsauftrag genealogisch und klassifikatorisch stützt. Immerhin vermag diese Disposition das hebräische Reich knapp 500 Jahre zu stützen und bleibt auch gut 500 weitere Jahre lebendig.
Im römischen Reich jedoch taucht es in der Untergangszeit an einer machtvollen Stelle wieder auf. Es wird gebraucht, um einer recht rezenten jüdisch-messianischen Überlieferung zeitliche Tiefe und damit verfassungsrechtliche Bedeutung zu geben. Wir beleuchteten dies unter dem Identitätsstreit, der in der Nicaenischen Synthese (325) mündete. Auf dieser Grundlage wurde das Christentum 391 Staatsreligion des römischen Reiches und blieb dies rund 80 Jahre lang bis zum Untergang des weströmischen Reiches.
Mit dem Zusammenbruch Westroms wurden im angehenden Mittelalter riesige Teile Europas von der imperialen Kontrolle Roms befreit. Sie wurden aber recht schnell wieder - militärisch, wie unter den Römern - von den Franken unter Kontrolle gebracht.
Germanische Elemente und die Erinnerung an Rom als einstiges Machtzentrum verhinderten vorerst einen äquivalenten neuen Zentralismus im fränkischen Reich. 'Rom' blieb auf Rom fixiert. Das Papsttum füllte - ohne massgebliches Territorium - das Machtvakuum aus. Es baute - im Unterschied zur weltlichen der Franken - zusehends eine pseudoterritorial-geistliche 'über-imperiale' Verfassung aus, die nicht nur - luxuriös - systemerhaltend war, sondern die fränkischen Territorien weitgehend - durch das Aufbrechen der fränkischen Kirche - unter die eigene Kontrolle brachte. Wir haben gesehen, dass der neuplatonisch bestimmte Ausgang des Universalienstreits eine wichtige Rolle spielte und dass der Investiturstreit und sein Erfolg weitgehend auf ersterem fusste. Der verfassungspolitische Aspekt wird auch hier sehr deutlich. Das christliche Element war das populäre Basiselement mit dem man vorerst missionierte. Dann - einmal territorial etabliert - wurde auf der höheren Ebene einer neuplatonisch absolutierten, altorientalischen Theokratie operiert. Die Kontrolle der Franken über ihr Reich liess sich so zugleich unterlaufen wie überschichten.
Strategischer Punkt: der ewig brennende Dornbusch
Komprimiert man diese Zusammenfassung weiter, so liesse sich sagen: Wir haben gleichsam den strukturgeschichtlich-kritischen Punkt der ganzen abendländischen Weltsicht, ja ihrer höchsten ontologischen Werte entdeckt. Es ist der 'ewig brennende Dornbusch' im Alten Testament. An ihm hängt, mit den Entwicklungen, die wir beschrieben, nicht nur die hebräische Geschichte von ihren Anfängen bis ins Heute, sondern auch jene der ganzen euro-westlichen, christlichen Welt und ihre metaphysisch begründeten Werte.
Die Frage nach dieser Textstelle des 'ewig brennenden Dornbuschs' ist wohl die fruchtbarste, zugleich aber auch die furchtbarste Frage, die man sich in der kuIturwissenschaftlich modernen Dimension stellen kann. Die Frage stellt die geschriebene Geschichte als einen gigantisch-möglichen Trickster der menschlichen Gesellschaft dar. Wäre es wirklich denkbar, dass sich eine einzige Textstelle der Weltgeschichte derart enorme Ausmasse an Spekulation und Missverständnissen auf die Schultern ladet?
Nimmt man unsere Hypothese an, ergeben sich in etwa die folgenden Einsichten:
- SowohI die jüdische, wie die christliche Geschichte zeigen beide in ihren höchsten Werten eine ungeheuerlich paradoxe Verneinung der Gegenwart. Mit grossem Aufwand bindet der moderne Mensch seine höchsten Werte an 'Ursprünge', 'Weltschöpfungs'-Strukturen, die er, wie wir zeigten, völlig misinterpretiert! Sie sind nicht makrokosmischer Natur. Sie stammen letztlich aus vordynastischen Agrardörfern des Vorderen Orients und des Alten Ägypten, im weiteren Sinne aus dem vorgeschichtlichen Siedlungswesen.
- Der kirchliche Anspruch auf historische Geltung kann nur durch eine rigide Isolierung der Texte von ihren anthropologischen Voraussetzungen aufrecht erhalten werden.
- Dass sich diese Strukturen immer im Höchstwertkern entsprechender Gesellschaften hielten, ermöglichte ihre mit Macht betriebene Kontinuität.
- Die sozialen Energien, die diesen Strukturen heute noch auf der populären Ebene zufliesst, lassen Sich nur so erklären, dass sie siedlungsgeschichtlich bedingte Identitäts- und Konstanzbedürfnisse abdecken, die von den zivilisatorischen Entwicklungen negiert und aufgelöst werden. Es bilden sich Prozesse, die immer der jeweiligen Gegenwart entgegenwirken, indem sie - oft völlig gegen die etablierten Erkenntnisweisen einer Zeit - ein Gleichgewicht zu bilden versuchen.
- Wissenschaft als analytische hat in diesem polar konservierten Bereich von Himmel und Erde - mit dem Primat des ersteren - keine Chance. Das paradoxe Paradigma wird aufs Vehementeste verteidigt. Unten, weil es Sicherheit und Identität vermittelt, oben, weil es soziale Kontrolle stützt.
- Anders gesagt: die dargestellte Strukturkontinuität stellt auch Kräfte frei, indem fundamentale Lebensfragen, die eigentlich individuell reflektiert und gelöst werden müssten, kollektiv doktrinär beantwortet werden.
- Andersrum ergeben sich aus dieser supra-staatlichen Kontinuität auch ungeheure Probleme. Wir haben im Mittelalter die Auseinandersetzungen zwischen weltlichen Staaten und geistlicher Macht angedeutet. Wir zeigten den politisch ambivalenten Charakter der römischen Kirche von ihren Anfängen an, der Nicaenischen Synthese. Solange solche scholastischen Konstruktionen in der modernen Wissenschaft Geltung beanspruchen dürfen, solange wird die orientalische Theokratie Roms moderne Demokratien politisch durchdringen, um in entscheidenden Fragen Macht auszuüben.
- Eines der kläglichsten Kapitel der europäisch-abendländischen Geschichte zeigt sich in der Bekehrungsgeschichte. Man hat über Jahrhunderte in aller Welt topologisch gebundene Kulte, resp. lokale Territorialverfassungen ausgerottet, sie durch ein historistisch abgehobenes, abstraktes 'höheres' System ersetzt. Die traditionellen Populationen wurden so völlig entwurzelt. Nun zeigt sich aber im vorliegenden Ansatz, dass das ins Hohe Spekulierte kultisch die genau gleichen 'primitiven' Wurzeln zeigt ('Ewig brennender Dornbusch'). Eine grössere Blamage europäischer Superioritäts-Komplexe könnte man sich wohl kaum ausdenken!
Das scholastische Trauma Europas
Einen nahezu ebenbürtigen strategischen Knoten bildet die Scholastik für Europa. Die Auseinandersetzung des Mittelalters zwischen geistlicher und weltlicher Macht hat sich Europa sehr viel tiefer und nachhaltiger eingeprägt als alles andere. Es ist nicht die griechische Philosophie, die Europa kennzeichnet. Sie wurde erst spät entdeckt und erhielt erst durch die Verknüpfung mit dem Mittelalter ihre dramatische Bedeutung. Europa ist durch und durch geprägt von der Scholastik. Bis heute ist dieser mittelalterliche Territorialkampf auf höchster Ebene das Trauma Europas geblieben. Es hat eine absolut gespaltene Weltsicht erzeugt, die an das Krankheitsbild der Schizophrenie grenzt. Renaissance, Humanismus, weltlicher Absolutismus, die weltlichen Entdeckungen der Himmelsmechanik und der vielen Kulturen der Erde, allen haftet etwas Revolutionäres an, bis hinein in unsere modernsten Technologien, die sich gleichsam untereinander verschworen haben, auf sich selbst gestellt die tiefsten Geheimnisse der 'Schöpfung' zu erklären und - zunehmend - auch zu manipulieren.
Zum andern wurden aber die theokratischen Werte in die Wissenschaften übernommen. All die heroischen Halbgötter, die Entdecker, Erfinder, Künstler, Schriftsteller usw., die Eroberer und Herrscher, die gottgleichen Genies, die die europäische Geschichte zieren. Sie fallen indirekt alle noch - wie die fränkischen Könige - auf die römische Kaiserkrone herein. Geisteswissenschaften, wie auch die Naturwissenschaften und Technologie riskieren aus dieser progressiven Verblendung die Sicht auf die menschlichen Realitäten zu verlieren.
Auch in den einzelnen Disziplinen herrscht weitgehend noch das scholastische Trauma.
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Die Ethnologie projiziert die europäische Weltsicht - disziplinär zerhackt und endlos differenzierend - auf die Mikrokosmen traditioneller Gesellschaften, resp. der sog. 'dritten' Welt.
- Auch die gestelzten Hochkulturfächer der Asienkunde, projizieren unablässig ihre Eurozentrismen auf die fremden Kulturen. Diese gleichen sich an, europäisieren sich rasant, weil sie an das euro-westliche Geistesgefüge glauben.
- Ob sich der idealistische 'Realismus' der Theologie nach dem Gesagten wissenschaftlich noch vertreten lässt, bleibe dahingestellt.
- Auch die Kunsttheorie blieb weitgehend an einer platonisch deduzierten Ästhetik hängen und am postmedievalen Mythos des profanisierten Weltenschöpfers, ein verheerendes Fossil, das die Bedeutung der Kunst als wichtige Erkenntnisleistung verdeckt und das sich besonders in der Architektur und im Städtebau mit völlig unhaltbaren 'Theorien' katastrophal auswirkt. Die pseudotheologisch gestützte, somit beliebige Ästhetik trägt in der Kunst auf der engsten Masche des Kunst-Künstlerschemas allerbeliebigste Richtungen.
- Schliesslich - und wohl am schlimmsten - klebt auch die Geschichtswissenschaft, samt Archäologie und Vorgeschichte, am scholastischen Historismus, der mit Buchstaben die Welt erklärte. Vor allem die verkrampften Historismen der archäologischen Methode blockieren die systematische Theorienbildung einer globalen Anthropologie.
- Auch die hochgeschätzte europäische Philosophie dürfte einen Grossteil ihres von der scholastischen Theologie geborgten Instrumentariums verlieren. Hegel etwa wird obsolet, und zahlreiche andere. Die Vorsokratiker werden zum Übergangsfeld zwischen der Harmonik vorderorientalischer Theokratien und der attischen Analytik. Diese verliert - als blosses Entwicklungsphänomen - ihre absolute Geltung. Platon hat bloss eine der relationalen Grundkategorien, das Ideelle, absolut postuliert, dadurch den kulturgeschichtlich gegebenen human-empirischen Zusammenhang negiert, das Postulat wird absolut abstrakt, damit - vor dem Hintergrund der faktischen Geschichte - zur Spekulation. Mit Platon bereitet sich eines der grössten traumatischen Ereignisse der Weltgeschichte vor. Er verliert entsprechend wohl seine erhabene Stellung.
- Dafür dürften neue Sichten auf asiatisches und allgemein traditionelles Denken frei werden. Vielleicht ist asiatische Polarität das bessere Mittel, die Welt zu ordnen, als die westliche Analytik. Anders gesagt, Philosophie kann nur anthropologisch fundiert sinnvoll weiter bestehen. Erst wenn sie Aussagen erbringt, die auch für die sog. 'Dritte Welt' Geltung haben, wird sie vom Menschen sprechen dürfen. Alles andere bleibt intra-kulturelles Gefasel.
Zum folgenden Teil
Anmerkungen 1
Anmerkungen 2
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