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Essay
Glückliches, kapitalistisches Paradies
Aus den USA erreicht uns dieser hoch interessante Artikel über die Schweiz. Der Ökonomwendet sich gegen die Verklärung Skandinaviens als Sehnsuchtsort sozialer Gerechtigkeit. Der Bankier lobt die Schweiz als soziales Erfolgsmodell und «erstaunlicher Inkubator» weltweiter Unternehmen.
Wie viele fortschrittliche Intellektuelle orientiert sich auch Bernie Sanders mit seiner Vision eines Wirtschaftsparadieses nicht an sozialistischen Diktaturen wie Venezuela, sondern an ihren entfernten Cousins in Skandinavien, die ebenso gesund und demokratisch sind wie die Vereinigten Staaten, aber eine gerechtere Vermögensverteilung aufweisen und mit einem bezahlbaren Gesundheitssystem sowie mit kostenloser Schulbildung für alle punkten können.
Es gibt jedoch ein Land, das viel reicher ist und genauso gerecht wie Schweden, Dänemark und Norwegen, von dem aber niemand redet.
Diese europäische Nation ist eine der zwanzig grössten Volkswirtschaften der Welt; deutlich grösser als eine der drei skandinavischen Länder. Sie bietet ebenso umfassende Sozialleistungen, hat aber niedrigere Steuern, einen schlankeren Staat sowie eine offenere und stabilere Wirtschaft. Ein konstantes Wachstum hat sie zuletzt zur zweitreichsten Nation der Welt gemacht, hinter Luxemburg, mit einem Durchschnittseinkommen von 84 000 Dollar, also 20 000 Dollar mehr als der skandinavische Durchschnitt. Nun ist Geld nicht alles, aber auch in Sachen Zufriedenheit gehört diese Nation zu den Top Ten der Welt.
Zu Unrecht dubioser Ruf
Diese weniger sozialistische, dafür aber erfolgreichere Utopie ist die Schweiz. Dieses Land hat in den letzten Jahrzehnten punkto Einkommen seinen Vorsprung gegenüber Skandinavien ausbauen können, punkto Gleichheit aber aufgeholt. Reichtum und Einkommen sind annähernd gleich verteilt wie in Skandinavien, wobei etwa 70 Prozent der Vermögen auf die Mittelschicht entfallen. Der grosse Unterschied: Die typische Schweizer Familie besitzt ein Vermögen von etwa 540 000 Dollar, doppelt so viel wie eine vergleichbare Familie in Skandinavien.
Um 2010, kurz nach der Einführung von «Obamacare», genoss die Schweiz tatsächlich eine Viertelstunde mediale Aufmerksamkeit – freilich nur wegen ihres Gesundheitssystems, das alle Bürger dazu verpflichtet, sich bei privaten Anbietern versichern zu lassen, wobei Bedürftige unterstützt werden. Bewunderer weisen darauf hin, dass das Schweizer Modell für jedermann attraktiv sei: Für Linke wegen der umfassenden Versicherung, für Konservative wegen der privaten Anbieter und der freien Wahl.
Doch die meisten Intellektuellen ignorieren die Schweiz als Modell, vielleicht weil deren überzogener Ruf als dubioses kleines Steuerparadies, wo sich Nazigold und andere zwielichtige Vermögen hinter dem strengen Bankgeheimnis verstecken, bei ihnen auf wenig Gegenliebe stösst. 2015 erklärte sich das Land unter Druck bereit, mit ausländischen Steuerbehörden zusammenzuarbeiten, was der Wirtschaft aber keineswegs geschadet hat. Die Schweiz war immer mehr als nur verschwiegene Banken.
In der urkapitalistischen Schweiz werden niedrigere Steuern für Einkommen, Verbraucher und Unternehmen erhoben als in den skandinavischen Ländern. 2018 lag der Spitzensteuersatz (mit 36 Prozent der niedrigste in Westeuropa) deutlich unter dem skandinavischen Durchschnitt von 52 Prozent. Die Staatsausgaben belaufen sich auf ein Drittel des Bruttoinlandprodukts (BIP) – in Skandinavien auf die Hälfte. Und die Schweiz steht für einen offeneren Handel: Der Anteil des Aussenhandels ist etwa doppelt so gross wie in irgendeinem der skandinavischen Länder.
In allen Industrien überragend
Ein schlanker Staat und offene Grenzen haben die Alpenrepublik zu einem erstaunlichen Inkubator von weltweit konkurrenzfähigen Unternehmen gemacht. Ein Land, das Vermögen schaffen will, muss qualitativ hochwertige Dinge produzieren, und so rangiert die Schweiz in einem vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) erstellten Ranking hinsichtlich der Komplexität der exportierten Produkte gleich hinter Japan und deutlich vor den skandinavischen Ländern, die im Durchschnitt auf Platz 15 landen.
Die Schweizer sind in fast allen wichtigen Industrien (abgesehen vom Erdöl) überragend, nicht zuletzt in speziellen Bereichen wie etwa Biotechnologie und Maschinenbau. Dreizehn der hundert führenden europäischen Unternehmen sind in der Schweiz angesiedelt, mehr als doppelt so viele wie in den drei skandinavischen Ländern zusammen. Und die meisten Schweizer Spitzenunternehmen sind grösser als ihre skandinavischen Pendants. Nestlé mit einem Börsenwert von 320 Milliarden Dollar ist fünfzehnmal grösser als sein wichtigster skandinavischer Konkurrent.
Grosse multinationale Konzerne sind zwar in den Agglomerationen angesiedelt, aber insgesamt ist die Schweizer Wirtschaft ebenso dezentralisiert wie das politische System. Als ich kürzlich von Zürich nach Genf fuhr, stellte ich beeindruckt fest, dass viele weltberühmte Exportprodukte auch aus ländlichen Gemeinden kommen – Offiziersmesser, Uhren, Bernhardinerwelpen, Käse und Schokolade. Kleine Unternehmen sind die Stützen der Wirtschaft, auf sie entfallen zwei Drittel der Arbeitsplätze. Nur jeder siebte Schweizer arbeitet für den Staat, etwa halb so viele Personen wie in Skandinavien.
Keine andere Währung hat gegenüber den Handelspartnern so rasch an Wert zugelegt wie der Franken, und normalerweise müsste ein starker Franken Schweizer Exporte verteuern und damit schwächen. Doch im Gegenteil: Während die Ausfuhren der meisten reichen Länder (inklusive Skandinavien) in den letzten zehn Jahren zurückgegangen sind, können Schweizer Exporte weiter zulegen. Das Renommee der Ingenieure und Chocolatiers ist so gross, dass die Verbraucher gern bereit sind, mehr für Schweizer Produkte bezahlen.
Dass die Welt gewillt ist, sich Schweizer Produkte und Dienstleistungen etwas mehr kosten zu lassen, verhindert Kapitalflucht und stabilisiert die Wirtschaft. Die Schweiz hat seit den 1970ern keine hausgemachte Finanzkrise mehr erlebt. Die skandinavischen Länder wurden in den 1990ern von Krisen getroffen und mussten wegen der globalen Finanzkrise 2008 eine stärkere Rezession verzeichnen als die Schweiz.
Wenn es überhaupt ein Problem gibt, dann wäre es die Tatsache, dass die Schweiz, um den Anstieg des Frankens zu bremsen, die Zinsen vor ihren europäischen Partnern auf ein Rekordtief senkte und damit einen Kreditboom auslöste, der die Verschuldung der privaten Haushalte, der Unternehmen und des Staates auf riskante 250 Prozent des BIP hat ansteigen lassen. Kein Paradies ist vollkommen.
Trotz all ihrer lokalen Reize ist die Schweiz extrem weltoffen. Die Schweizer sind ein Mix aus Deutsch-, Französisch- und Italienischsprechenden, die oft beeindruckend polyglott sind. Der Ausländeranteil steigt seit über hundert Jahren und liegt derzeit bei 25 Prozent, 40 Prozent kommen aus Nicht-EU-Ländern.
Mehr Einwanderer als Skandinavien
Gewiss, der europaweite Aufstieg von einwanderungskritischen Parteien ist auch in der Schweiz zu beobachten. In der Frage, wer aufgenommen wird, sind die Schweizer seit je wählerisch. Berufliche Qualifikationen zählen mehr als familiäre Bindungen oder humanitäre Erwägungen. Aber auch Australien und Kanada suchen Einwanderer vor allem danach aus, ob sie offene Stellen besetzen können, und gelten weltweit als Modelle, wie reiche Länder die wirtschaftlichen Folgen der Alterung abfedern können.
Die Schweiz hat seit den 1950ern mehr Einwanderer aufgenommen als die skandinavischen Länder. Zwischen 2015 und 2020 werden es mehr als 250 000 Immigranten sein, die Bevölkerung wird um 3 Prozent wachsen. Diese Einwanderungsquote ist fast doppelt so hoch wie der skandinavische Durchschnitt und eine der höchsten unter grossen Industrieländern. Einwanderer haben in der Schweiz sehr viel eher einen Arbeitsplatz als anderswo, weil sie meist einen Beschäftigungsnachweis vorlegen müssen, bevor sie ins Land gelassen werden.
Der Schweizer Arbeitsmarkt profitiert überdies von einem streng leistungsorientierten Schulsystem, in dem Schüler schon früh entsprechend ihren Fähigkeiten gesiebt werden. Die Studiengebühren an den erstklassigen Universitäten betragen im Durchschnitt nur tausend Dollar jährlich, weshalb Absolventen hier deutlich geringer verschuldet sind als ihre Altersgenossen in Skandinavien.
Unternehmerfreundlich und sozial
Unbeirrbare Propagandisten des skandinavischen Sozialismus übersehen gern den Kurswechsel in Ländern wie Schweden, wo massive Staatsausgaben zu den Finanzkrisen der 1990er führten. Als Reaktion wurde der Spitzensteuersatz von knapp 90 Prozent auf 50 Prozent gesenkt. Die Staatsausgaben gingen von fast 70 Prozent auf 50 Prozent des BIP zurück. In dem Masse, wie die grösste skandinavische Volkswirtschaft den Staat verschlankte, den Unternehmen mehr Freiheiten liess und fast schon wie eine nordische Schweiz daherkam, konnte sich die Wirtschaft wieder erholen.
Die eigentliche Lehre des Schweizer Erfolgs lautet also, dass die von vielen Politikern geforderte Richtungsentscheidung – für privates Unternehmertum respektive für den Sozialstaat – falsch ist. Ein pragmatisches Land kann, wenn es für ausgewogene Verhältnisse sorgt, ein unternehmerfreundliches Umfeld schaffen und gleichzeitig soziale Gerechtigkeit haben. Die Schweizer sind die reichste Nation der Welt geworden, weil sie genau das hinbekommen haben. Ihr Erfolg ist so offensichtlich, dass er gern übersehen wird.
Aus dem Amerikanischen von Matthias Fienbork
Ruchir Sharma ist Chief Global Strategist bei Morgan Stanley Investment Management
c Ruchir Sharma, The New York Times Company, 2019