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Dass ich bezüglich gewisser Geräusche empfindlicher bin als der Durschnitt der Menschheit, wusste ich bereits als Teenie. Mein damaliger Physiklehrer kritzelte seine Formeln auf solch ätzende Art und Weise auf die Wandtafel, dass sich bei den quietschenden Tönen, die das verursachte, beinahe meine Fussnägel krümmten. Meine Banknachbarin machte sich darüber lustig und erzählte überall, dass sich in diesen Situationen jeweils meine Wangen dunkelrot färbten und ich nervös mit den Füssen zu wippen begänne. Eine Reaktion, die sich, im positiven Fall, auch dann zeigte, wenn ich auf dem Pausenplatz meinen Schulschatz erblickte. Natürlich erfuhr auch mein Lehrer eines Tages von meiner Geräuschempfindlichkeit. Und er machte sich einen Spass daraus, indem er nicht mit der Kreide, sondern, um mich zu provozieren, mit seinen Fingernägeln über die Wandtafel kratzte! Da hatte er aber Pech. Denn das kratzte mich überhaupt nicht.
Es sind diese kleinen, fiesen Geräusche, die mich auch heute noch fast zur Weissglut treiben können. Also falls wir uns einmal treffen sollten, schlürfen Sie bitte nie in meiner Nähe hörbar Ihren Tee oder Ihren Kaffee. Schon mancher Flirt wurde übrigens dadurch schon im Anfangsstadium gekillt. Und essen Sie bitte nie geräuschvoll einen Apfel in meiner Nähe. Dieses Mini-Trauma entstand, als ich mit meiner älteren Schwester ein Zimmer teilen musste, und sie vor dem Einschlafen immer einen Apfel ass und dabei laut mantschte. Und weil sie wusste, dass mir dieses Geräusch fast körperlich wehtat – welcher Teenager teilt schon gerne das Zimmer mit seiner nervigen, kleinen Schwester –, gab sie sich Mühe, möglichst laut zu essen.
Wenn mich heute meine Freundin Adi besucht, wischt sie oft, kaum hat sie am Küchentisch Platz genommen, unwillkürlich mit der Handfläche über dessen Oberfläche. So, als würde sie imaginäre Brosamen zusammenwischen. Das fast nicht hörbare «Ssssssssss» dieser Bewegung reizt mich ebenfalls ziemlich. Natürlich nervt es mich auch, dass sie mir mit dieser unbewussten Geste das Gefühl gibt, der Tisch sei nicht sauber. Aber es ist das Geräusch, das mein Blut in Wallung bringt.
Zu meiner Ehrenrettung kann ich sagen, dass es durchaus auch Geräusche gibt, die meine Mitmenschen auf die Palme treiben, gegen die ich aber immun bin.
Kürzlich war ich mit einer lieben Freundin für ein Wochenende in den Bergen. Wir hatten im Hotel getrennte Zimmer, die durch eine Zwischentüre verbunden waren. Ich fand es eine schöne Idee, diese über Nacht offen zu lassen. So nach dem Motto: «Gute Nacht, John-Boy» aus der US-Fernseh-Serie «Die Waltons». Aber meine Freundin winkte ab, weil sie Angst hatte, ihr allfälliges Schnarchen würde mich stören.
Schnarchen? Dass ich nicht lache! Mit einem Mann und einem Hund, die beide nächtens ganze Wälder abzuholzen scheinen, bin ich mehr als geeicht. Was mir viel mehr Sorgen machte, war der Apfel, den meine Freundin auf dem Nachttisch liegen hatte. Denn wie schon erwähnt, höre ich ausgesprochen gut, auch auf eine gewisse Distanz. Zu ihrer Verwunderung war dieser Apfel allerdings plötzlich verschwunden, als es Zeit war, ins Bett zu gehen. Während sie genüsslich – und geräuschlos – die Banane genoss, die auf wundersame Weise den Weg auf ihren Nachttisch gefunden hatte, gratulierte ich mir im Stillen. Not macht eben erfinderisch.