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Bots auf Twitter: Wie die Meinungsbildung im Netz programmiert ist
Im vergangenen Jahr stammte mehr als die Hälfte des Internet-Traffics von Bots. Sie sind effektive und billige Werkzeuge zur Meinungsmache. Können sie bald menschliche Meinungen unterdrücken?
von Adrian Lobe
Im Internet hat die Maschine den Menschen endgültig überflügelt. Laut dem Annual Imperva Incapsula Bot Traffic Report stammten im vergangenen Jahr 51,8 Prozent des Internet-Traffics von Bots, nur 48,2 Prozent von menschlichen Nutzern. Mehr als die Hälfte des Datenverkehrs ist automatisiert. Überall im Netz tummeln sich automatisierte Skripte: Chatbots, die auf Knopfdruck Nachrichten ansagen. Werbe-Bots, die die Zahl der Follower künstlich in die Höhe schrauben, oder Meinungsroboter, die Propaganda verbreiten.
Laut einer Studie der University of Southern California handelt es sich bei 48 Millionen der insgesamt 319 Millionen aktiven Twitter-Accounts um Bots. Allein unter Donald Trumps 27 Millionen Anhängern auf Twitter befindet sich rund ein Drittel Bots. Gut ein Fünftel des Twitter-Traffics bei der Präsidentschaftsdebatte zwischen Trump und Clinton war automatisiert. Die maschinelle Meinungsmache ist effektiver und billiger als die Arbeit in Klickfarmen, wo Tagelöhner für ein paar Dollar Follower-Zahlen hebeln. Ein Minimal-Bot kommt mit fünfzehn Zeilen Code aus, eine hochwertige Software, mit der sich 10.000 Twitter-Accounts steuern lassen, kostet rund fünfhundert Dollar. Einmal programmiert, kann damit eine ganze Armee ausgerüstet werden.
Ein komplexes Bot-Netzwerk
Wer die Trump-Bots programmiert hat, ist bis heute unklar. Eine Gruppe „patriotischer Programmierer“ hat nach Recherchen des Oxford-Professors Philip Howard, der das Computational Propaganda Project leitet, einen Teil der Pro-Trump-Bots aktiviert. Das FBI prüft, ob Russland mit Bots und Trollen Einfluss auf den amerikanischen Wahlkampf nahm. Beweise dafür hat das FBI bislang allerdings noch nicht vorgelegt, die Ermittlungen befinden sich im Anfangsstadium. Bekannt ist, dass Russlands Präsident Wladimir Putin eine Twitter-Armee beschäftigt, die den Kurznachrichtendienst Twitter systematisch mit propagandistischen Beiträgen bombardiert. Im Zuge des Ukraine-Konflikts wurde ein komplexes Bot-Netzwerk, bestehend aus 15.000 Twitter-Accounts, identifiziert, die im Durchschnitt 60.000 Meldungen pro Tag absetzen.
Die Maschinen manipulieren die öffentliche Meinung nicht nur, sie konstituieren die Meinungsbildung im Netz inzwischen und grenzen sie nach außen ab. Algorithmen filtern, was Eingang in das Nachrichtensystem findet und relevant ist. Und künstliche Intelligenzen sollen Falschnachrichten detektieren und Meldungen mit einer Art Gütesiegel zertifizieren. Damit ist der Maschinen-Kreislauf vollständig. Der Autor Matt Chessen warnte in einem Beitrag für das Portal „Medium“ davor, dass künstlich intelligente Bots menschliche Rede im Netz aktiv unterdrücken könnten. Chessen entwirft das Bild einer Zukunft, in der nur noch Maschinen miteinander kommunizieren. „Maschinell generierte Texte, Audio und Video werden die menschliche Kommunikation im Netz überwältigen. Eine computergenerierte Informations-Dystopie kommt auf uns zu und wird ernsthafte Implikationen für den zivilen Diskurs (…), die Demokratie und westliche Zivilisation haben.“ Das klingt alarmistisch, doch wenn man bedenkt, dass mehr als die Hälfte des Internet-Traffics automatisiert ist, ist man von einem solchen kybernetischen System nicht mehr weit entfernt.