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«Schlaflos in Seattle» – der extrem kitschige Liebesfilm mit Tom Hanks war bis vor kurzem das Einzige, was mir in den Sinn kam, wenn ich an die Metropole im äussersten Nordwesten der USA dachte. In den drei Tagen in Seattle habe ich dann erfahren, dass die Stadt die Band «Nirvana» sowie die weltbekannten Grosskonzerne Amazon, Microsoft und Starbucks hervorgebracht hat. Doch mittlerweile ist das auch schon wieder kalter Kaffee für mich. Wenn mich jetzt jemand nach Seattle fragt, habe ich viel – wie soll ich sagen? – Unterhaltsameres zu erzählen:
Ich stehe an einer Autobahneinfahrt mitten in Downtown Seattle. Ein Karton in meiner Hand verrät den vorbeifahrenden Autos mein Tagesziel: Olympia, die Hauptstadt des Bundestaats Washington rund 100 Kilometer südlich von hier.
Nach etwa 15 Minuten, in denen die Autos beinahe im Sekundentakt an mir vorbeifahren, ertönt die Hupe eines Lieferwagens, der auf der anderen Strassenseite steht. Als ich herüberschaue, winkt mich der Fahrer zu sich heran. Ich packe meinen Rucksack, laufe über die Strasse und öffne die Türe auf der Beifahrerseite.
«Hallo, wie geht es dir?», fragt mich ein junger Afroamerikaner mit grossen, freundlichen Augen. «Mir geht es gut, aber es würde mir noch besser gehen, wenn mich jemand mitnehmen würde nach Olypmia», antworte ich grinsend. «Du kannst mit mir bis nach Tacoma kommen. Das liegt auf halber Strecke nach Olympia. Allerdings muss ich zuerst noch auf eine Lieferung warten. Sie sollte in etwa 20 Minuten ankommen. Du kannst hier mit mir warten.»
Ich zögere und weiss nicht, ob ich das Angebot annehmen soll. Nicht, dass mir der junge Mann irgendwie suspekt wäre. Aber ich habe auf Hitchwiki, einem Onlineportal für Autostöppler, gelesen, dass es in Downtown Seattle einfacher sei, eine Mitfahrgelegenheit zu finden, als in Tacoma. Denn der Vorort hat eine höhere Kriminalitätsrate und deshalb einen schlechten Ruf.
Ich entscheide mich für einen Kompromiss und sage: «Vielen Dank, ich komme gerne mit dir mit. Aber wäre es für dich in Ordnung, wenn ich weiterhin stöpple, bis deine Lieferung ankommt? Vielleicht nimmt mich in der Zwischenzeit ja jemand mit bis direkt nach Olympia.» «Klar, kein Problem», sagt mein Gegenüber. «Cool, danke!», erwidere ich. Dann reiche ich ihm die Hand: «Ich bin übrigens Tom.» «Patrick», stellt er sich ebenfalls vor.
Ich gehe zurück zu meinem Autostopp-Plätzchen. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, weil ich die Einladung nicht vorbehaltlos angenommen habe. Als Tramper gehört es sich eigentlich nicht, Extrawünsche anzubringen. Während ich den Daumen in den Wind halte, schaue ich deshalb immer wieder hinüber zu Patrick und lächle ihn freundlich an – ich will nicht, dass er mich für einen Rosinenpicker hält.
Patrick erwidert meine Blicke jeweils mit einem scheuen, aufmunternden Lächeln, das ich als «viel Glück» interpretiere. Doch es hilft wenig, erneut fahren hunderte Autos an mir vorbei – scheinbar ohne auch nur in Betracht zu ziehen, mich mitzunehmen. So denke ich mir: «Ach, vergiss es. Es soll nicht sein. Patrick ist dein heutiges Autostopp-Schicksal. Es ist gemütlicher, bei ihm im Auto zu warten.» Ohne meinen Fahrer in spe nochmals anzuschauen, laufe ich deshalb zurück zu seinem Lieferwagen.
Dort öffne ich die Beifahrertür – und traue meinen Augen nicht: Patrick sitzt mit halb heruntergelassener Hose hinter dem Steuer und masturbiert! Mitten in Downtown Seattle! Um drei Uhr Nachmittags! Während hunderte Autos direkt neben seinem Lieferwagen vorbeifahren! Ganz zu schweigen von den vereinzelten Fussgängern, die auf dem Trottoir vorbeilaufen!
Ich bin schockiert. Und sprachlos. Patrick nicht: «Oh, shit! Sorry!», bringt er noch hervor, während er schnell seine Hose heraufzieht. Er hat mich nicht kommen sehen. Während er hastig beginnt, an seinem Gürtel rumzuwerken, habe ich die Türe bereits wieder geschlossen und renne mit meinem Rucksack zurück auf die andere Strassenseite.
In meinem Kopf herrscht Tohuwabohu: Was war das denn? Hat er bereits masturbiert, als wir über die Strasse hinweg Blickkontakt hatten? Hat er mich gar als Wichsvorlage benutzt? Wäre ich in Gefahr gewesen, wenn ich mit ihm mitgefahren wäre? Hat er auch schon an sich rumgespielt, bevor er angeboten hat, mich mitzunehmen – und mir dann seine Hand gereicht?
Alles ekelhafte Vorstellungen. Ich überlege mir kurz, ob ich meinen Autostopp-Platz wechseln soll. Doch ich entscheide mich dagegen. Wenn jemand weg muss, dann er.
Doch Patrick bleibt in seinem Lieferwagen sitzen, als ob nichts gewesen wäre. Als ich aus den Augenwinkeln mal kurz herüberschiele, winkt er mich zu sich. Ich schüttle den Kopf und winke ab. Dann schaue ich minutenlang geradeaus. Als ich irgendwann wieder einen kurzen Blick riskiere, kann ich es fast nicht glauben: Er tut es schon wieder! Aber zumindest erkenne ich nun: Er blickt auf sein Smartphone und nicht zu mir.
Ein paar Minuten später hält ein Auto. John ist ein toller Typ, fährt mich direkt nach Olympia und lässt mich gar auf seiner Ranch übernachten. Als ich am Abend in meinem Schlafsack liege und das Erlebte Revue passieren lasse, muss ich grinsen: «Hemmungslos in Seattle» – da ist mir die Schnulze mit Tom Hanks doch deutlich lieber.