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Sex am Bildschirm oder zwischen zwei Buchseiten sei aufregender als zwischen Bettlaken, sagte der amerikanische Künstler Andy Warhol. An welche erotischen Szenen er dachte, entzieht sich unserer Kenntnis. Sicher ist, dass viele Autoren sich schwertun mit der Beschreibung des Aktes und seines Vorspiels. Viele versuchen es gar nicht erst; bei ihnen ist beim keuschen Kuss Schluss. Andere wagen sich nur im Schutzanzug ins Feuchtgebiet: Ihre Sexszenen lösen eher Fremdschämen oder Lachanfälle aus als lüsternes Erröten.
Den missratenen erotischen Begegnungen nimmt sich seit 1993 das britische Magazin «Literary Review» an. Es verleiht jährlich einen Preis für die peinlichste literarische Sexszene.
An skurrilen Beschreibungen fehlt es nicht:
- «Hände fanden Fleisch, Fleisch, Fleisch. Er fühlte das unwahrscheinliche Gewicht ihrer Wimper mit seiner eigenen. Er küsste den leichten, rosigen Abdruck ihrer Strumpfhose, der um ihren Bauch verlief wie der Äquator um die Erde», schrieb der Australier Richard Flanagan, immerhin Träger des renommierten Booker-Preises. Die Szene trug ihm eine Nominierung für den Bad Sex Award 2015 ein.
- Der erste Preisträger, dessen Reissverschluss klemmte, war der Brite Melvyn Bragg. Seine «endlos langen Sexpassagen, mit denen er den Leser immer wieder peinlich berührt zusammenzucken lässt», stellten der Jury die Haare zu Berge. Bragg war kein hilfloses Opfer: Er war zum Zeitpunkt der Preisvergabe Präsident der Nationalen Akademie für kreatives Schreiben.
- Auch den Briten Philip Hook ereilte die Schmach für die erotischen Passagen seiner Romanfigur Yasmin, die «Laute von sich gab irgendwo zwischen einem gestrandeten Seehund und einer Polizeisirene», während ihr Partner Ambrose «in sie stiess wie eine Nähmaschine». Hook nahm den Preis mit Humor. Er versprach an der Preisverleihung, sein «Wissen durch tiefergehende Recherchen zu ergänzen».
- 1996 dekorierte man den Briten David Huggins mit dem Bad Sex Award für den Satz «Liz quietschte wie nasses Gummi».
- Der Autor Paul Theroux, ein Amerikaner, beschreibt den Orgasmus einer seiner Figuren wie folgt: «Nicht etwa Saft, sondern ein dämonischer Aal dreschte in seinen Lenden und schwamm gelenkig seinen Schwanz hoch. Eine Kreatur, ganz aus lebendigem Schleim, die gegen die Steifheit anfocht, während sie hochkam, sich an der Spitze ausdehnte und in ihren Mund spritzte.»
- Das reichte zwar den meisten Lesern, aber nicht für den Award 2005, für den er mit literarischen Schwergewichten wie Salman Rushdie, Tom Wolfe und Gabriel García Márquez nominiert war. Die Ehrung ging an Giles Coren für den 138 Wörter langen Satz, der darin gipfelte, dass ein steifes Glied «herumsprang wie eine Duschbrause in einer leeren Badewanne».
- Die Britin Wendy Perriam war drei Mal nominiert. Beim letzten Mal überzeugte sie mit ihrem «in Nadelstreifen gewandeten Genital».
- Und sollte der Roman «Brazil» des Amerikaners John Updike je verfilmt werden, müsste man ein Trickfilmstudio verpflichten:
«Er fühlte, wie seine Cashewnuss zu einer Banane wurde und dann zu einer geriffelten Yamswurzel, platzend vor Gewicht.»
Passage aus «Brazil» von John Updike
Updike – ansonsten ein Stilist von Weltrang – hatte sich wohl in den Feuchtgebieten verirrt. Gewonnen hat er den Preis nie. Immerhin sprach man ihm 2008 die Auszeichnung für sein Lebenswerk zu.
- «Sie bewegte ihre Hüften und fickte mir weiter mein Hirn aus dem Kopf», schreibt der Brite Ethan Hawke in «Ash Wednesday». Während des Akts treten Adolf Hitler und US-Präsident Franklin Delano Roosevelt gedanklich ins Schlafzimmer. Besonders lustbringend ist das nicht.
- Dann doch lieber Will Selfs Liebe zu Vögeln: «Sie waren wie zwei Flamingos; jeder versuchte, mit grossen Leckbewegungen ihrer muskulösen Zungen die Nahrung aus dem andern zu filtern», schrieb der Brite über zwei Männer im Bett.
- Misslungene Szenen liest man weltweit: «Schamhaar, so nass wie Regenwald» in «1984» des Japaners Haruki Murakami. Oder: «Als seine Hand ihre Brustwarze berührte, legte sich ein Schalter um und sie war wie erleuchtet. Er berührte ihren Bauch, und seine Hand schien durch sie hindurch zu brennen» des Nigerianers Ben Okri.
In den Fünfzigerjahren brauchte es vielleicht noch Mut, Sinnlichkeit und Sexualität zwischen zwei Deckel zu pressen. Heute heisst Mut in der Literatur möglicherweise, Sexszenen wegzulassen.
Autor: Andrea Haefely
Illustration: Thilo Rothacker