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| Augustinus (354-430) - Vorträge über das Johannes-Evangelium (Tractatus in Iohannis Euangelium)

117. Vortrag
2.
Eine andere Lösung dieser Frage geht dahin, daß man hier nicht die sechste Stunde des Tages versteht, weil auch Johannes nicht sagt: Es war aber ungefähr die sechste Stunde des Tages, oder ungefähr die sechste Stunde, sondern sagt: „Es war aber die Zubereitung (der Rüsttag) des Osterfestes, ungefähr die sechste Stunde“1. Das griechische παρασκεύη [paraskeuē] heißt nämlich lateinisch praeparatio, allein des griechischen Wortes bedienen sich die Juden lieber bei dergleichen religiösen Übungen, auch diejenigen, welche mehr lateinisch als griechisch reden. Es war also die Zubereitung des Pascha. „Als unser Pascha (Osterlamm)“ aber, sagt der Apostel, „ist Christus geopfert worden“2. Wenn wir nun die Zubereitung dieses Osterlammes von der neunten Stunde der Nacht an berechnen (denn zu dieser Zeit scheinen die Hohenpriester die Opferung des Herrn ausgesprochen zu haben, da sie sagten: „Er ist des Todes schuldig“3, als er noch im Hause des Pilatus verhört wurde, weshalb man passend annimmt, von da habe die Zubereitung des wahren Osterlammes, dessen Schatten das Osterlamm der Juden war, d. h. der Hinopferung Christi begonnen, wo seine Hinopferung von den Priestern ausgesprochen wurde), so sind in der Tat von jener Stunde der Nacht an, welche nach aller Vermutung damals die neunte gewesen ist, bis zu der dritten Stunde des Tages, in welcher nach dem Zeugnisse des Markus Christus gekreuzigt wurde, sechs Stunden, drei Stunden der Nacht und drei Stunden des Tages. Daher ging es [S. 1120] bei dieser Zubereitung des Pascha, d. h. Zubereitung der Opferung Christi, welche mit der neunten Stunde der Nacht begann, schon in die sechste Stunde, d. h. nach Vollendung der fünften begann bereits die sechste ihren Lauf zu nehmen, als Pilatus den Richterstuhl bestieg. Denn es war noch die Vorbereitung, welche mit der neunten Stunde der Nacht begann, bis die in der Zubereitung begriffene Opferung Christi stattfand, was nach Markus in der dritten Stunde, nicht der Zubereitung, sondern des Tages, geschah, und eben diese Stunde ist die sechste, nicht des Tages, sondern der Zubereitung, wenn man nämlich die sechs Stunden von der neunten Stunde der Nacht bis zur dritten Stunde des Tages zusammenrechnet. ― Von diesen zwei Lösungen der schwierigen Frage mag jeder wählen, welche er will. Besser aber wird seine Wahl der zu beurteilen verstehen, welcher die ausführlichen Erörterungen „Über die Übereinstimmung der Evangelisten“ liest4. Wenn man noch andere Lösungen dieser Frage finden kann, so wird man noch ergiebiger die Festigkeit der evangelischen Wahrheit gegen die Angriffe der ungläubigen und gottlosen Afterweisheit verteidigen. Nunmehr laßt uns nach dieser kurzen Abschweifung zur Erzählung des Evangelisten Johannes zurückkehren.
1: Joh. 19, 14.
2: 1 Kor. 5, 7.
3: Matth. 26, 66.
4: De consensu Evangelistarum l. 3 c. 13 n. 40―50. Die erste der von Augustin angeführten zwei Erklärungen ist wahrscheinlicher. Vgl. dazu die Kommentare zu den Evangelien.