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"Beseitige Schmutz, beseitige Flecken" - Alltagshandlungen zu Dharma machen
Pabongka Rinpoche
Wir drucken im Folgenden die Geschichte des Chudapanthaka, erzählt von Pabongka Rinpoche in seinem Werk "Befreiung in unseren Händen". Chudapanthaka beseitigte Hindernisse für die Dharma-Praxis, indem er lange Zeit den Tempel fegte. Mit freundlicher Genehmigung des Diamant Verlages, der den ersten Band des großen Werkes im Jahr 1999 herausbrachte. Der zweite Band erschien im März 2002.
Guru Suvarnadvipi säuberte - seiner Biografie zufolge - sein Zimmer stets eigenhändig. Diese Übung geht auf ein Sutra zurück, in dem es heißt: "Die Bodhisattvas sitzen mit übereinander geschlagenen Beinen in einer sauberen Umgebung." Warum soll man sein Zimmer sauber halten? Wenn euer Guru oder ein hoher Beamter euch besuchen käme, würdet ihr euer Zimmer gründlich auskehren, oder etwa nicht? Genauso müsst ihr aus Hochachtung für euren Guru, die Buddhas und die Bodhisattvas euer Zimmer säubern, wenn ihr sie im Laufe der Meditation einladet.
Es ist ganz und gar nicht förderlich, aus den gleichen Beweggründen aufzuräumen wie beispielsweise die Laien der Putzkolonne des Potala oder der Klöster Sera und Drepung. Diese Leute arbeiten um ihres eigenen Wohlergehens willen oder um andere zu beeindrucken. Ihr aber solltet es aus Hochachtung für das Verdienstfeld tun, welches ihr im Zuge der Vorbereitung auf eine bestimmte Lamrim-Meditation in euer Zimmer einladet, um zum Wohle aller Wesen die Buddhaschaft zu erlangen. So zu denken ist ausgesprochen hilfreich.
In einem Sutra werden fünf positive Auswirkungen erwähnt: Wir selbst und andere erwerben einen freudigen und klaren Geist; es erfreut die Götter; man sammelt das Karma an, schön zu werden; und man wird in himmlischen Bereichen wiedergeboren, wenn man diesen Körper verlässt. Mein verehrter Guru erzählte mir, dass die positiv eingestellten Götter immer wieder den menschlichen Bereich besuchen und die Menschen beschützen, die aufrecht Dharma praktizieren. Wenn ihr euer Zimmer aber nicht richtig säubert, ist das nicht sehr einladend für sie; sie bieten euch in diesem Fall keinen Schutz, weil sie Unsauberes meiden. Zudem erfreut ein sauberes Zimmer auch euren Guru, die Buddhas usw.
Ihr sammelt Karma an, schön zu werden. Damit ist nicht gemeint, dass man sich eine schöne Gestalt erwirbt - der Satz bezieht sich auf ethisches Verhalten. Ethisches Verhalten lässt nicht einen unansehnlichen Körper attraktiver werden, doch in den Augen der Buddhas und der Bodhisattvas ist er ausgesprochen schön. Wenn es heißt, wir würden in himmlischen Bereichen wiedergeboren, sind damit vor allem die Reinen Länder der Buddhas gemeint.
Karmische Hindernisse überwinden Arya Chudapanthaka erlangte den Stand eines Arhat, indem er einen Raum säuberte. [...]
Als Junge versuchte Chudapanthaka, lesen zu lernen. Doch wenn er sich beispielsweise das Wort siddham merken wollte, hatte er jedes Mal, sobald er die Silbe sid lesen konnte, das dham wieder vergessen. Wenn er das dham gelernt hatte, konnte er sich schon nicht mehr an das sid erinnern. Der Name Chudapanthaka stand für "dumm", "Dümmster der Dummen", "gering", "Geringster der Geringen."
Sein Bruder gab Chuda dann die Ordination und versuchte, ihn zu fördern; er gab jedoch nach drei Monaten auf und warf ihn aus dem Jetavana-Hein, in dem die Mönche lebten. Der Buddha, unser Lehrer, ging voller Mitgefühl zu ihm. "Panthaka, warum weinst du?" fragte er. "Mein Abt hat mich beschimpft", war die Antwort. Darauf sprach der Buddha: "Es gibt Lobes-worte von Narren und Schmähungen von Gelehrten. Es ist besser, von einem Gelehrten geschmäht zu werden, als Lob von einem ungebildeten Kind zu erhalten." [...] Der Buddha gab Chudapanthaka folgende Worte zum Auswendiglernen:
"Beseitige Schmutz, beseitige Flecken." Als sich auch dies für zu schwierig erwies, dachte der Buddha: "Ich werde ihn von seinem schlechten Karma reinigen." "Panathaka, kannst Du die Sandalen der Mönche putzen?", fragte der Buddha. Er antwortete: "Ja, Verehrungswürdiger, das kann ich." "Dann putze die Sandalen der Mönche", wies ihn der Buddha an. "Und ihr Mönche müsst ihn das tun lassen, damit er sein Karma bereinigen kann. Ihr müsst die Worte rezitieren, auf dass er sie schließlich auch erlernt." Nachdem Chudapanthaka gelernt hatte, die beiden Sätze zu rezitieren, sagte der Buddha: "Nun brauchst du ihre Sandalen nicht mehr zu putzen, aber sage weiter die beiden Sätze auf, während du den Tempel kehrst." Als man Chuda die Aufgabe übertragen hatte, den Tempel zu fegen, entwickelte er große Ausdauer bei dieser Beschäf-tigung. Der Buddha bewirkte, dass die linke Seite sofort wieder schmutzig war, sobald er die rechte Seite des Tempels gekehrt hatte, und sobald die linke sauber war, die rechte wieder der Reinigung bedurfte. Chudapanthaka ließ in seinem Eifer nicht nach, und so wurden sein Karma und seine Geistestrübungen schließlich geläutert. Da kam ihm der Gedanke: "Als der Lehrer sagte: 'Beseitige Schmutz, beseitige Flecken', meinte er da inneren oder äußeren Schmutz?" Nun kamen ihm drei Verse in den Sinn, die er noch zuvor gehört hatte:
"Schmutz bedeutet Anhaftung, nicht Schmutzpartikel; Schmutz ist ein anderes Wort für Anhaftung, nicht für Dreck. Weise beseitigen diese Art von Schmutz und folgen gewissenhaft den Lehren des Sugata. - Schmutz bedeutet Feindseligkeit, nicht Schmutzpartikel; Schmutz ist ein anderes Wort für Feindseligkeit, nicht für Dreck. Weise beseitigen diese Art von Schmutz und folgen gewissenhaft den Lehren des Sugata. - Schmutz bedeutet Unwissenheit, nicht Schmutzpartikel; Schmutz ist ein anderes Wort für Unwissenheit, nicht für Dreck. Weise beseitigen diese Art von Schmutz und folgen gewissenhaft den Lehren des Sugata."
Er versuchte, diese Verse von Grund auf zu verstehen und erlangte durch seine Meditation den Stand eines Achats.
Wagnis Gemeinschaft - buddhistische Lebensformen im Westen
von Birgit Stratmann
Wie leben wir als Buddhisten im Westen? Als Mönch oder Nonne, als Laienschülerinnen oder Laienschüler, allein oder in der Gemeinschaft, zusammen mit Buddhisten oder in anderen Lebensgemeinschaften? So viele Menschen, so viele Antworten hört man auf diese Frage. Und vermutlich gibt es eine nicht geringe Zahl von Buddhisten hierzulande, die noch auf der Suche nach der geeigneten Lebensform sind. Dies zeigen auch buddhistische Projekte im Westen, die etwas Neues wagten, das es in den traditionellen buddhistischen Ländern in dieser Form nicht gab. Sie bildeten spirituelle Gemeinschaften, in denen Ordinierte - Mönche und Nonnen - und Laien beiderlei Geschlechts gemeinsam leben.
"Es ist einfach für mich, allein in den Wäldern der starke Asket zu sein. Viel schwieriger ist das Zusammensein mit anderen, zu lernen, wie ich mit anderen zusammen bin." Dies sagte der berühmte thailändische Meister Ajahn Chan (1918-1992), der die Tradition der Waldklöster wiederbelebte. Sein Ziel war es, den Mönchen in der geschützten Atmosphäre ruhiger, abgelegener Wälder ein einfaches Leben in der spirituellen Gemeinschaft zu ermöglichen, das ihnen Kraft für Studium, Meditation und Verwirklichung des Buddha- Dharma spendete. Ajahn Chan gründete über 100 Waldklöster, einige davon auch in Europa. Eines der bekanntesten in unseren Breitengraden ist die Gemeinschaft Amaravati, in den Wäldern in der Nähe von London gelegen. 1984 gegründet, entwickelte sich das Waldkloster unter der spirituellen Leitung von Ajahn Sumedho, dem engsten westlichen Mönchsschüler von Ajahn Chan, zu einem spirituellen Zentrum, in dem sich im Laufe der Jahre nicht nur Mönche, sondern auch Nonnen und Laien ansiedelten. Die Mitglieder der Gemeinschaft folgen streng der thailändischen Tradition, was für die Mönche und Nonnen zum Beispiel den täglichen Almosengang einschließt. Anders als in Thailand wurde Amaravati jedoch zu einem Zentrum für buddhistische Praktizierende, in dem auch Laien zu Hause sind, die die fünf Laienregeln angenommen haben und im reinen Lebenswandel leben. Darüber hinaus gibt es Laien, die außerhalb wohnen und zu Kursen und Klausuren kommen.
Angesichts der neuen Entwicklungen wurde in Amaravati wiederholt die Frage diskutiert, wie ein ruhiges, abgeschlos-senes Leben für die monastische Gemeinschaft mit den Bedürfnissen der Laienschar nach buddhistischen Unterwei-sungen und Meditationsanleitung in Einklang zu bringen ist. Auch die Frage, wie die Arbeiten und Verantwortlichkeiten zwischen Ordinierten und Laien aufgeteilt werden, beschäftigte die Gemeinschaft von Zeit zu Zeit. Heute haben in Amaravati ansässige Laien wichtige Aufgaben (Büro, Bibliothek, Garten) übernommen, und dadurch sind nach Aussagen eines Mönchs "die spirituellen Bande zwischen der Laien- und Ordensgemeinschaft gestärkt worden".
Auch in der tibetischen Tradition im Westen gibt es Ansätze, gemischte Gemeinschaften von Ordinierten und Laien zu bilden. Ein Beispiel ist "Holy Island", eine kleine Insel vor der Westküste Schottlands, Ableger des Kagyü- Zentrums Samye Ling auf dem Festland. Der Mönch Lama Yeshe Losal, der 12 Jahre in Klausur verbracht hat, ist spiritueller Leiter von Samye Ling und Mit-Initiator des 1994 gestarteten Insel- Projekts. Die Bewohner von Holy Island wollten nicht nur ein spirituelles Leben in der Gemeinschaft und an einem förderlichen Ort führen, der schon im 13. Jahrhun-dert Christen als Kloster diente. Sie haben sich auch zum Ziel gesetzt, die noch unberührte Natur des Eilands durch umweltfreundliche Energie- und Wasserversorgung, ökologischen Anbau von Nahrungsmitteln, das Anpflanzen von Bäumen zu schützen. Auch wollten sie zum Frieden in der Welt beitragen, indem sie sich im Geiste des Dalai Lama um "die innere Abrüstung" bemühen. Dabei wird dem Austausch mit anderen Religionen eine wichtige Bedeutung beigemessen. Ein interreligiöses Zentrum ist am Nordende von Holy Island im Entstehen, das Gruppen aller Glaubensrichtungen für ihre Praxis nutzen können.
Holy Island ist zum Zufluchtsort für westliche Mönche, Nonnen und Laien und zum Dharma-Zentrum für alle geworden. Lama Yeshe, der auch in England einige Zentren gründete, holte ein paar junge Menschen, die ein spirituelles Interesse hatten, aus den rauesten Gegenden der Großstädte nach Holy Island. Er bot ihnen an, eine Zeit zu bleiben und zu arbeiten, mit der Auflage, die fünf Regeln eines buddhistischen Laien-Praktizierenden einzuhalten. Einige, die vorher Drogen genommen hatten, wurden "Mönche auf Zeit" und entschlossen sich zunächst für ein Jahr zu einem Leben im Zölibat. Zwei Frauen, die früher Models waren, wurden "Nonnen auf Zeit". Nach einem Jahr können sich die Anwärter entscheiden, ob sie die Probezeit auf weitere drei Jahre verlängern oder ins weltliche Leben zurückkehren. Und natürlich gibt es die Möglichkeit, das Gelübde der vollen Ordination für das ganze Leben zu nehmen. Die Fluk-tuation in Holy Island ist groß. Leute kommen und gehen, leben und arbeiten eine gewisse Zeit mit, was dem Motto des Hauptzentrums Samye Ling entspricht: "Keiner ist unersetzbar." Der Tagesablauf ist nicht reglementiert, und es gibt kein festes Programm. Jeder kann dort, sofern er seinen Arbeiten nachkommt, sein Leben frei gestalten.
Auch für Buddhisten, die sich länger zur Meditation zurückziehen möchten, bietet Holy Island Möglichkeiten. Auf dem Südende der Insel gibt es ein ruhiges, abgeschlossenes Klausurareal mit Unterkünften für Männer und Frauen. Insgesamt 108 einfache Hütten, in den Hang hineingebaut mit Grasdächern und einer Glasfront, sollen hier in den nächsten Jahren entstehen. Sie sind vor allem für längere Klausuren (ab drei Monate) gedacht.
Die Idee von Holy Island hat viele in Großbritannien fasziniert: Tausende trugen durch Spenden zum Aufbau bei, viele Menschen haben es mit ihrer Arbeit unterstützt.
Ein anderes Projekt ist Gampo Abbey im Norden Kanadas, hoch über dem Meer gelegen. Gampo Abbey ist eine klösterliche Gemeinschaft der Kagyü- Schule, das 1984 von Chögyam Trungpa als Ableger von Shambala Inter-national gegründet wurde. Heute leben dort fünf Mönche und Nonnen, acht Novizen auf Probe (ein halbes bis ein Jahr) und 12 Laien (im reinen Lebenswandel und unter Einhaltung der fünf Regeln des Laiengelübdes). Alle wohnen im gleichen Gebäude, und es gibt getrennte Flügel für Frauen und Männer. Die Ordinierten bilden den Kern der Gemeinschaft. Unter den Laien ist die Fluktuation groß. Sie leben dort meistens nur eine gewisse Zeit und gehen dann wieder woanders hin. Ihnen obliegen Aufgaben in Küche, Haus und Hof, und natürlich nehmen sie auch am spirituellen Leben teil.
Pema Chödrön, hierzulande vielen durch ihre Bücher ein Begriff, unterrichtet in Gampo Abbey. Wie die Nonne in einem Aufsatz erläutert, stehen in Gampo Abbey Studieren, Meditieren und Arbeiten im Mittelpunkt des Lebens. Grundlegende Kenntnisse des Buddhismus werden in 3 Jahren vermittelt. Die Abende sind für Unterricht und Studienprogramme reserviert. Die Meditationspraxis richtet sich hauptsächlich auf die Übung von Geistiger Ruhe und Besonderer Einsicht. Im Tagesablauf sind drei Stunden täglich Meditation integriert. Trungpa riet seinen Schülern darüber hinaus, jedes Jahr eine einmonatige Klausur durchzuführen, in der man zehn Stunden täglich sitzt. Was den dritten Pfeiler, die Arbeit betrifft, so sind alle Mitglieder angehalten, sich an jeder Arbeit zu beteiligen, die in der Gemeinschaft getan werden muß. Dies gilt auch für diejenigen, die zu Kursen nach Gampo Abbey kommen oder an den jedes Jahr angebotenen Meditationsklausuren teilnehmen. Die Gemeinschaft finanziert sich hauptsächlich über Spenden und die Einnahmen aus den Kursen. Wer dort als Laie leben möchte, muß sich verpflichten, mindestens ein halbes Jahr in Gampo Abbey zu leben, und zahlt als Minimum 5 Dollar pro Tag.
Eines ist den spirituellen Zentren gemeinsam: Das Leben in der Gemeinschaft mit all seinen Sonnen- und Schatten-seiten ist Teil ihrer spirituellen Praxis.
Buddhistische Konfliktlösung
Buddhisten sind friedlich und tolerant, sie streiten nicht und führen keine Kriege. So zumindest ist heute ihr Ruf und das bringt ihnen viel Sympathie ein. Die Realität sieht leider ein wenig anders aus und wenn sie unvermittelt zutage tritt, ist die Enttäuschung groß. Man wähnt sich irregeführt, wo man eher einem selbstgemachten Wunschbild erlegen ist.
Sicher, die Lehre und Praxis des Buddhas kennt keinerlei Rechtfertigung von Gewalt und Krieg. Streit, Kampf, Heldentum, Patriotismus haben hier nichts Rühmliches. Gefühle von Aversion, Hass, Neid, Groll, Wut, Feindschaft gelten als schwere Hindernisse für die Buddhaschaft. Und tatsächlich hat der Buddhismus im Großen und Ganzen eine friedlichere und freundlichere Geschichte als viele andere Religionen. Missionskriege nach außen und Inquisition nach innen waren ihm fremd. Doch alltäglicher Streit, wie auch größere Konflikte, sogar Kriege gab und gibt es auch unter Buddhisten, in und zwischen buddhistischen Ländern genauso wie überall auf der Welt.
In unserer heutigen, globalisierten Welt haben wir den schmerzlichen Eindruck, dass Aggressivität und Hass, Gewalt-bereitschaft und Brutalität zunehmen. Beginnend bei unseren Kindern und Jugendlichen über das soziale Klima in der Gesellschaft bis hin zur globalen Politik.
Konfliktvermittlung, Streitschlichtung, Friedensarbeit tut not. Und weit mehr, als wir gemeinhin wissen, findet sie auch statt. Sie wächst sogar, nicht weniger als die Konflikte. Bloß macht dies kaum Schlagzeilen. Selbst unter Buddhisten nicht, denn der Begriff, der sich seit einiger Zeit dafür verbreitet – Mediation – ist auch vielen von ihnen kaum bekannt und wird zunächst fast immer mit Meditation verwechselt. Das betrifft auch ein Buch über Buddhistische Mediation, von dem ich behaupten möchte, es gehört zu den wichtigsten buddhistischen Büchern, die in den letzten zehn Jahren in Deutschland erschienen sind.
Mediation oder Konfliktvermittlung ist in den letzten Jahren eine weltweite Bewegung geworden. Großen Anteil an ihrem Entstehen haben die amerikanischen Quäker, eine im 17. Jahrhundert in England entstandene spirituell-pazifistische Bewegung, vornehmlich verbreitet in den USA. Die „Gesellschaft der Freunde“ pflegt schon lange die aktive Versöhnungsarbeit. Ein Name wurde in den letzten Jahren besonders bekannt: Marshall Rosenberg, eine charismatische Persönlichkeit. Er steht für das Stichwort „gewaltfreie Kommunikation“ und bietet überall auf der Welt Ausbildungskurse an.
Doch müssen wir als Buddhisten Methoden der Gewaltfreiheit, Konfliktlösung und Verständigung außerhalb suchen? Bietet der Dharma dafür keine Grundlagen und Mittel an? Wer die frühbuddhistischen Texte des Pali-Kanon kennt, der weiß, dass der Buddha vor 2500 Jahren nicht nur die Meditation lehrte, sondern auch die Mediation; sie war ein wesentlicher Teil seiner persönlichen Praxis während seiner 45-jährigen Lehrtätigkeit. Denn auch die Zeiten Buddhas waren nicht friedlich und selbst in seiner Schülerschaft, seiner Sangha liefen die Dinge nicht frei von Streit und Problemen. Buddha hat uns nicht nur einen Weg für den individuellen inneren Frieden gezeigt, sondern auch für den Frieden in der Gemeinschaft. Mehrfach hat er selbst zu seinen Lebzeiten als Mediator und Friedensstifter zwischen verfeindeten Parteien gewirkt. Zweimal konnte er durch sein direktes Eingreifen drohende Kriege verhindern, und etliche Male hat er wirkungsvoll Konflikte unter seiner Jüngerschaft geschlichtet.
Der Buddha als Streitschlichter
Ende der 80er Jahre wurde in Thailand das „International Network of Engaged Buddhists“ gegründet. Ganz oben auf der Liste seiner Aufgaben und Ziele stand, geistig und praktisch zur Friedensarbeit, zur Überwindung von Streit, Gewalt und Feindschaft in und unter buddhistischen Gemeinschaften, Völkern und Ländern beizutragen. Zum Beispiel bei der Überwindung des Hass- und Gewaltpotenzials, das aus dem Vietnamkrieg oder der Terrorherrschaft der Roten Khmer resultierte. Das Netzwerk führte in verschiedenen Ländern Workshops und Trainingskurse für Mönche, Nonnen und Laien in gewaltfreier Kommunikation und Konfliktlösung durch. Erfahrene westliche Mediatoren stellten sich dafür zur Verfügung. Einer von diesen ist John McConnell aus England. Ehemals Quäker hat er sich etliche Jahre in Sri Lanka und Südostasien in der Konfliktvermittlung betätigt. Ihm war schnell klar, dass seine Arbeit dort am besten mit der Hilfe des Dharma gelingen würde.
Er lernte die Lehre des Buddhas kennen und entdeckte, dass sie für dieses Anliegen nicht nur sehr nützlich, sondern geradezu prädestiniert ist, dass sie noch weit tiefere, geistige und methodische Ansätze liefert, als sie die bisherige Mediation kennt. Heute ist McConnell Buddhist und arbeitet auf der Grundlage der Lehren des Theravada. Das erwähnte Buch ist Mitte der 90er Jahre aus seiner Arbeit und der des Netzwerks hervorgegangen.
Für McConnell besteht der grundlegende Ausgangspunkt buddhistischer Konfliktlösung auf dem Verstehen des „Abhängigen Entstehens“ (paticca samuppada) aller Konflikte, ja aller geistigen Phänomene. Die Essenz der gesamten Lehre des Buddhas ist in dieser Lehre enthalten. Sie hat zwei Bedeutungsebenen, die eine ist die Lehre von paticca samuppada im Sinne des allgemeinen, umfassenden, wechselseitigen Bedingtsein aller Erscheinungen (auch idapaccayata genannt). Die andere Ebene ist die Lehre von paticca samuppada im engeren Sinne als Kreislauf der Zwölf Glieder des Abhängigen Entstehens (auch maha-nidana genannt).
Die erste Verständnisebene weist darauf hin, dass es keine einseitig Schuldigen, Recht habenden, die Wahrheit Vertretenden bei einem Konflikt gibt, sondern dass „die Tatsachen“ ein äußerst komplexes Geflecht von Wahr-nehmungen, Interpretationen, Projektionen, Aktionen und Reaktionen darstellen, an dem immer mindestens zwei, meistens mehrere, ja die gesamte Mitwelt (der Kontext) beteiligt sind. Einseitigkeit und Parteilichkeit führen darum zu keiner Lösung, sondern zur Eskalation und Verhärtung. Mediation beruht – wie das Wort sagt – darauf, einen Weg oder eine Position der Mitte einzunehmen, das heißt: sich mit keiner Seite zu identifizieren, aber für beide Seiten offen zu sein, beiden Seiten die Möglichkeit zu geben, ihre Sichtweise darzustellen und die der anderen kennen und verstehen zu lernen.
Die zweite Verständnisebene von paticca samuppada zeigt uns, dass die Zwölf Glieder ständig in uns aktiv sind und das, was wir für die Wirklichkeit halten, prägen. Die Wirklichkeit wird, angefangen durch die Unwissenheit, in uns geschaffen und vom Geiste ausgehend über die Gefühle ins Körperliche hinein manifest. Dies betrifft ebenso unser Ich-Bild, die Vorstellung, die wir von uns selbst haben, wie unser Weltbild, die Vorstellungen die wir über andere und die Dinge haben. Auf die gleiche Weise, über denselben Bedingungskreislauf entstehen auch unsere Streitigkeiten und Konflikte.
Der Befreiungsweg des Buddhas besteht darin, den ständigen Prozess des eigenen Erzeugens unserer Wirklichkeit mit Achtsamkeit und Einsicht zu durchschauen. Dabei müssen wir einerseits sehen, wie und woraus er entsteht, was unsere wirklichen Motive und was unsere Täuschungen und Anhaftungen sind, und andererseits erkennen, dass er und alles letztendlich leer ist und damit offen für Lösungen.
Konfliktlösung und Mediation ist möglich, wo Einsicht und Mitgefühl erscheinen, sowohl beim Mediator wie bei den Konfliktparteien. Und eben dazu dient die buddhistische Meditation. Je mehr wir in der Meditation uns selbst kennen und auch akzeptieren lernen, erlangen wir Verständnis und Mitgefühl für den anderen, werden wir fähig für Ausgleich. In beiden, der Meditation und Mediation, geht es um Achtsamkeit für das, was ist und geschieht, um Nichtanhaften an Sichtweisen, Wünschen, Dingen und Personen, um das Loslassen von Ich und das Zulassen von Offenheit. Meditation und Mediation schaffen Räume, die Verständnis und Gemeinsamkeit möglich machen. Wir sollten sie als Einheit erkennen und praktizieren.