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Wie überall auf der Welt sind auch in Ägypten Hochzeiten der Anlass für ein grosses Fest. Schicke Hochzeiten in teuren Hotels sieht man hierzulande auch ab und zu am Fernsehen. Meine eigenen Erfahrungen habe ich aber mit Feiern der unteren und mittleren ägyptischen Bevölkerungsschicht gemacht. Ich war einerseits zu Gast bei Hochzeiten in der Umgebung von Assuan, andererseits in einem Hotel in Kairo.
Dies ist keine wissenschaftlich genaue Abhandlung über ägyptische Hochzeitsrituale (bei denen ich auch nicht von Anfang bis Ende dabei war) und der Ablauf kann auch je nach Region, finanziellen Mitteln und westlichem Einfluss verschieden sein.
Trotzdem ein paar allgemeine Hintergrundinformationen: Die ägyptische Hochzeitsprozession heisst Zeffa. Während ihr wird das Brautpaar abends zur Festgemeinde geführt, angeleitet von einer Musikkapelle. Für diese Prozession wird ein ganz spezieller, eher langsam gespielter Rhythmus gebraucht: Dum tata tak tak dum tak tak. An diesem Rhythmus kann man schon von weitem hören, wo eine Hochzeit stattfindet. Nach der Prozession nimmt das Brautpaar auf dem typischen ägyptischen Hochzeitsthron (Kosha) Platz, den es für den Rest des Abends nur noch selten verlässt.
In einem Papyrus-Laden lernten wird Adel kennen, einen jungen Kopten. Er lud uns ein zu einer Hochzeit in seinem Dorf ausserhalb von Assuan. Dort fanden wir uns in einem Innenhof voller Menschen wieder. Wie es sich gehört, stellte ich mich zu den Frauen, während mein Freund zwischendurch im Getümmel der Männer verschwand. Es war ein ziemliches Gedränge und Durcheinander und für uns nicht ganz einfach zu erkennen, an welchem Zeitpunkt der Feier wir uns befanden.
An einer Wand war der Kosha aufgebaut worden, auf dem Braut und Bräutigam Platz genommen hatten. Im Gegensatz zu den eher traditionell gekleideten Gästen war das Paar westlich herausgeputzt, die Braut trug ein Glitzerkleid mit so breiten Schultern, dass sie in "Denver Clan" mitspielen hätte können und ihr Haar war weit aufgetürmt.
Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, dass jemand
an meinen Haaren zupfte. Ich drehte mich um und merkte, dass
es die Ägypterinnen um mich herum waren. In diesem Dorf,
wo sich nie Touristen hinverirrten, waren meine glatten,
dunkelblonden Haare eine Kuriosität, die befühlt
werden mussten!
Überhaupt kamen wir uns bald vor wie Tiere im Zoo. Jaja, nicht wir waren gekommen, um die Ägypter anzuschauen - eher waren wir eingeladen worden, um als exotische Attraktion der Feier zusätzlichen Glanz zu verleihen. Wir mussten für unzählige Fotos posieren und hunderte Hände schütteln.
Dann hatte jemand eine Trommel aufgetrieben und begann, darauf zu spielen. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich Tänzerin bin, so wurde ich natürlich aufgefordert, etwas zu zeigen. Wie ich da so mit nackten Füssen auf gestampftem Erdboden im Hof eines kleinen Dorfes tanzte, kam bei mir ein richtiges "Zurück zu den Wurzeln"-Gefühl auf.
Anschliessend wurden wir ins Haus gebeten, wo man sich an einen grossen Tisch setzte, um zu Essen. Zum Glück hatten wir schon im Hotel zu Abend gegessen, denn Hammelfleisch ist nun mal nicht nach meinem Geschmack. Ich glaube, ich hab dann behauptet, Vegetarierin zu sein und hielt mich an die Bohnen.
Bei einem nächsten Besuch im Papyrus-Laden erzählte uns Adel, dass man unsere Anwesenheit an einer weiteren Hochzeit wünsche. Natürlich sagten wir zu.
Dieses Mal mussten wir erst bei ihm zu Hause warten, bis die Brautleute ankamen. Der Ablauf war ganz ähnlich wie beim ersten Mal.
Wer sich nun übrigens romantische Vorstellungen macht, wie toll es wäre, an einer Hochzeit mit wunderbaren, einheimischen Musikern als Tänzerin vor andächtig staunendem Publikum zu glänzen, den muss ich etwas enttäuschen. Ich wurde zwar dieses Mal auf ein Podest gestellt, damit man mich besser sehen konnte. Aber die beiden Tablaspieler waren alles andere als Profis und fielen manchmal aus dem Takt. Ausserdem sahen mir nur vielleicht die Hälfte der Leute zu - ich war einfach ein Teil des allgemeinen Tohuwabohu.
Und natürlich mussten wir dann wieder für Fotos mit dem Brautpaar und diversen Familienmitgliedern hinstehen.
Kaum war ich im Hotel angekommen und hatte mich darüber gefreut, dass es an einer ruhigen Strasse lag, ging vor dem Gebäude ein grosses Gehupe los. Dann hörte ich die Trommeln den Zeffa-Rhythmus spielen. Sofort packte ich meine Fotokamera und sauste in die Hotelhalle runter, wo die Hochzeitsgesellschaft schon angekommen war.
Hier bot sich mir das Schauspiel, das ich in dieser Woche noch zwei weitere Male bestaunen konnte - das Hotel hatte offensichtlich einen Vertrag mit der Musikergruppe, deshalb war der Ablauf immer der gleiche:
Nachdem Eintreffen der Hochzeitsgesellschaft kam das Brautpaar zur Musik des ägyptischen "Hochzeitsmarsches" durch die Tür, rsp. die Treppe vom ersten Stock herunter und stellte sich in die Mitte. Jetzt tanzten die ersten Leute um sie herum - und nachdem man mein begeistertes Mitklatschen bemerkt hatte, wurde ich ziemlich bald auch in die Mitte bugsiert, um mitzutanzen.
Dann war die Reihe am Tanura-Tänzer, der sich schier
endlos drehte und einige Tricks mit seinem weiten Rock zeigte.
Am Schluss seiner Vorführung wickelte er während des Drehens den Turban von seinem Kopf ab, machte ein kleines Paket daraus und legte dieses wie ein Baby in die Arme des Bräutigams.
Anschliessend wurde das Paar auf Stühle platziert. Erst wurde Weihrauch um sie herum getragen, dann umkreisten sie sich nacheinander gegenseitig mit dem Rauchgefäss.
Nach mehr Musik und Tanz zog die Prozession dann ins Restaurant des Hotels ein und der Name Allahs wurde gesungen.
Bei all dem war die Videokamera immer zuvorderst dran. Zum Teil setzten sich Leute schon früher ins Restaurant und beobachteten die Geschehnisse in der Hotelhalle auf dem Bildschirm - so bekamen sie mehr mit, als wenn sie in der Menge gestanden hätten...
Während das Brautpaar auf dem Kosha Platz nahm, wurde arabische Popmusik gespielt. Dann reichten sich Braut und Bräutigam gegenseitig ein Glas Saft und tranken anschliessend aus einem Glas. Jetzt durfte der Mann seine neue Gattin küssen.
Nach dem Brauttanz ging die Party dann richtig los, zu Popmusik
wurde fleissig getanzt. Interessanterweise taten sich hier
vor allem die jungen Männer hervor und schwangen ihre
Hüften sehr beeindruckend. Es war ein regelrechter Wettbewerb
darum, wer der bessere Tänzer sei.
Die Mädchen und Frauen standen eher am Rand und schauten zu. Nur ein paar ganz Verwegene trauten sich, mitzutanzen. Wahrscheinlich konnten sie sich vor der versammelten Verwandtschaft nicht so richtig gehen lassen.
Allerdings wurde auch im Rest des Raumes an allen Ecken getanzt. Besonders die Kinder wurden angespornt, mitzumachen.
Ich wurde ziemlich bald von ein paar jüngeren Mädchen in Beschlag genommen, die mich mal hierhin mal dorthin zerrten, um mir etwas oder jemanden zu zeigen. Das Ganze in Zeichensprache, da mein Arabisch sich auf 15 Wörter beschränkt. Nur zwischendurch sass ich mal neben einem Gast, der mir nähere Erklärungen auf Englisch gab.
Wenn ich bis jetzt das Essen noch nicht erwähnt habe, hat das seinen Grund. Für mindestens eine Stunde nach Einzug in den Restaurantsaal sassen wir auf dem Trockenen. Dann erst wurden Teller mit Sandwiches und Kuchenstücken auf den Tischen verteilt, von denen man sich von Hand bediente. Dazu wurden süsse Getränke wie 7 Up und Cola gereicht und Hahnenwasser.
Frisch gestärkt feierten wir alle weiter. Die Älteren sassen und redeten, die Jungen tanzten.
Gegen Mitternacht gingen die meisten Gäste nach Hause, um ca. 1 Uhr morgens wurde die Feier mit einem erneuten Singen der Name Allah's (ab Band) beendet.
Ein Tänzerin war übrigens bei keiner dieser Hochzeiten dabei. Wohl aus Kostengründen, vielleicht aber auch, um die konservativeren Gäste nicht zu verärgern.
Es ist relativ einfach, in Ägypten zu einer Hochzeit eingeladen zu werden. Wer in einem Hotel wohnt, das für Hochzeiten beliebt ist, braucht nur auf die Trommeln zu hören, sich zur Hochzeitsgesellschaft zu stellen und begeistert mitzuklatschen. Wenn man dann noch ein freundliches Gesicht macht, wird man gerne in die Feierlichkeiten einbezogen. Eine andere Möglichkeit ist es, sich mit Einheimischen anzufreunden und sie höflich zu fragen, ob man bei einer Hochzeit zusehen dürfte. Es heiratet eigentlich immer gerade jemand in der Bekanntschaft...
Ich selbst wurde nach der Hochzeit vom Hotelmanager zu den andern Hochzeiten eingeladen (eine davon die seines Sohnes).
Bitte beachten: Auch die Ägypter schätzen es, wenn man sich für eine Hochzeit schick anzieht. Ein eher konservativer Kleidungsstil ist immer richtig. Man kann ruhig zur guten Stimmung beitragen, ohne sich aber zu sehr vorzudrängen. Schliesslich ist man an einem Fest bei fremden Leuten.
Einen weiteren Bericht über eine ägyptische Hochzeit findet Ihr bei Shira.