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Während die Bezeichnung P. im Deutschen für beide Konfessionen gebräuchlich ist, sind mit dem franz. pasteur meistens ref. Geistliche gemeint. Im Italienischen wird der P. als pastore riformato bezeichnet. Ab der Reformation nannten sich die P. Prediger oder Prädikant, da es ihre Hauptaufgabe war, das Evangelium zu predigen. Von der zentralen Funktion der Predigt zeugt auch die im deutschsprachigen Raum für die ordinierten P. verwendete Bezeichnung Diener an Gottes Wort (verbi divini minister). Der P. steht normalerweise einer Kirchgemeinde vor und ist als Einziger befugt, die Sakramente (Taufe, Abendmahl) zu spenden. Üblicherweise gelten nur Abgänger einer theol. Fakultät, die in einer ref. Kirche ordiniert wurden, als P. Der Titel ist aber weder geschützt noch auf die ref. Konfession beschränkt: Auch evang. Gemeindeleiter, die an Bibelschulen studiert haben, nennen sich P., und Papst Johannes Paul II. bezeichnete seine Besuche in Übersee als Pastoralreisen.
Autorin/Autor: Gilbert Marion / MD
Über die Zusammensetzung der Pfarrerschaft nach der Reformation ist wenig bekannt. Die ersten P. waren meist abtrünnige Mönche oder ehem. Priester, aber auch gebildete Laien oder Erleuchtete. Allgemein litt die ref. Schweiz in den ersten Jahrzehnten nach der Reformation an einem Pfarrermangel. Genf, Neuenburg und die Waadt rekrutierten ihre ersten P. deshalb unter den hugenott. Exil-Predigern (Protestantische Glaubensflüchtlinge), während die Deutschschweizer Orte gelegentlich P. aus Süddeutschland und der Pfalz wählten. Die Bündner Täler nahmen ital. Prediger auf. Nach der Durchsetzung der Reformationsmandate wurden die P. von der weltl. Obrigkeit ernannt. Die städt. Kirchgemeinden erhielten als erste einen P.
Lateinkenntnisse zählten zu den grundlegenden Anforderungen, die ein Anwärter auf das Pfarramt zu erfüllen hatte. Alle P. hatten deshalb mindestens die Lateinschule einer kleineren Stadt besucht; ausnahmsweise waren die Anwärter von Privatlehrern ausgebildet worden. Danach studierten sie an einer Akademie, Höheren Schule (Zürich, Bern, Genf, Lausanne) oder an der Univ. Basel, wo sie v.a. Griechisch und Hebräisch lernten. Auch im Ausland, z.B. in Saumur oder Leiden, war die Ausbildung möglich. Nach Abschluss des Theologiestudiums mit etwa 22-24 Jahren erlangten sie den Titel eines Expektanten (Anwärters auf eine Pfarrstelle), der sie zur Exegese von Bibelstellen berechtigte. Normalerweise erhielten sie die Ordination in ihrem Heimatland durch Handauflegung. Die Wartezeit auf eine eigene Pfründe konnte für die frisch Ordinierten indes noch lange dauern. Sie mussten sich vorerst mit kirchl. Hilfsdiensten begnügen als Vikar oder Helfer (Verweser) eines älteren oder kranken Amtskollegen. Einige zogen als Feldprediger in fremde Dienste oder unterrichteten als Privatlehrer bei einer wohlhabenden, meist nord- oder osteurop. Familie. Wer mehr Glück hatte, behauptete sich als Diakon (Pfarrhelfer einer städt. Kirchgemeinde) oder leitete die Lateinschule einer Kleinstadt.
Meist erst mit über 30 Jahren erhielt der Expektant eine eigene Pfarrpfründe auf dem Land, wo er oft einen Hof bewirtschaftete. Die Verwaltung einer Pfründe verlangte vom P. also auch ein gewisses ökonom. Verständnis. Im Kt. Zürich betrug die längste Wartezeit zwischen Ordination und Antritt einer Pfarrstelle im Zeitraum 1770-75 17 Jahre. Die Versetzung in eine Kleinstadt galt als Beförderung. Die herausragendsten P. wurden auf eine Lebensstelle an die Akademie berufen oder wirkten als Hauptpfarrer oder Antistes grösserer Städte. Kleine, gut dotierte Landpfarreien waren bei älteren Pfarrherren beliebt, weil sie sich dort dank der höheren Einkünfte von einem Vikar vertreten lassen konnten, falls ihr Gesundheitszustand die Ausübung des Amts nicht mehr zuliess. 1766 entstand im Aargau eine Frühform der Pensionskasse für P.; allgemein setzten sich Renten aber erst gegen Ende des 19. Jh. durch. Witwen und Waisen hingegen profitierten schon seit der Anfangszeit von einer Art Sozialversicherung, einer Fortsetzung der Besoldung während dreier Monate, die der Nachfolger den Hinterbliebenen des verstorbenen P.s entrichtete.
Autorin/Autor: Gilbert Marion / MD
Seit Beginn der Reformation waren die P. bemüht, sich zusammenzuschliessen, um ihre persönl. sowie die kirchl. Interessen wahrzunehmen und die ref. Kirchenlehre zu vereinheitlichen. Ihre Versammlungen nannten sich Kapitel, Kolloquien, Synoden, Konvente oder Pfarrerzünfte (Compagnie des pasteurs in Genf). In grösseren Stadtorten wie Bern bildete das Kolloquium die kleinste, sechs bis zehn P. aus benachbarten Kirchgemeinden umfassende Einheit. Beraten wurden v.a. Finanzfragen (Erbschaften, Unterhalt der Pfarrhäuser und -güter, Einziehen der Abgaben). Ein Kapitel, in dem der Landvogt oder andere Repräsentanten der weltl. Gewalt als Beobachter Einsitz hatten, umfasste drei bis vier Kolloquien. Es trat gewöhnlich jeden Frühling zusammen, um Arbeit und Lehre der P. zu bewerten und die Kirchenzucht zu besprechen (Pfarrkapitel oder -konvent). Ausserordentl. Sitzungen wurden abgehalten, um eine vakante Stelle zu besetzen (Examinatorenkonvent). Die Versammlung bestimmte für die freie Stelle einen Kandidaten, der danach der Obrigkeit vorgeschlagen wurde; nur selten entschied sich diese gegen den Vorschlag des Konvents. Die rät. Kirchen entsandten ihre P. regelmässig auf eine Synode der Drei Bünde. Im Kt. Bern hingegen wurde die Praxis, die Kapitel in einer Generalsynode zu versammeln, Ende des 17. Jh. aufgegeben, was auf eine Unterordnung der Kirche unter die weltl. Macht in den ref. Orten hinweist. Im 18. Jh. war die Kontrolle der P. durch die weltl. Obrigkeit am umfassendsten. Die P. verloren die ihnen von Calvin zugeschriebene Rolle des Propheten, welcher die Aufgabe hatte, sich dem Herrscher zu widersetzen, sofern dieser vom Weg des Evangeliums abwich. Die P. bemühten sich stets, Beschlüsse einstimmig zu fassen. Die franz. Bezeichnung corps für ihre Vereinigungen widerspiegelt dieses Bestreben. In der frühen Neuzeit und bis Mitte des 19. Jh. verfügten die P. zwar über eine beträchtliche moral. Autorität, waren aber den polit. Entscheidungsträgern stets untergeordnet. Lange Zeit wirkten sie als verlängerter Arm der Herrschaft, indem sie obrigkeitl. Mandate von der Kanzel verlasen, im Sittengericht sassen und der Obrigkeit als Informanten dienten.
Autorin/Autor: Gilbert Marion / MD
Vom ausgehenden 16. Jh. an sicherten die Ausbildungsstätten den einheim. Nachwuchs und die Zahl fremder P. sank. Wegen des Dreissigjährigen Kriegs gelangten im 17. Jh. einige pfälz. P. nach Schaffhausen und erwarben dort das Bürgerrecht. Die Hugenotten-Verfolgungen zwangen erneut franz. P. zur Auswanderung, doch blieb die Mehrheit nur vorübergehend. Sie waren meist zwei bis drei Jahre als Vikar tätig und nur wenige liessen sich im 18. Jh. definitiv nieder, nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die Gem. vom 17. bis ins 19. Jh. gegenüber Zuzügern immer mehr abschlossen und die Einbürgerungskritierien verschärften. Erst seit der Berufungskrise der 1960er Jahre wurden wieder mehr Schweizer Kirchgemeinden von ausländ. P.n geleitet, die aus Nachbarländern und sogar von anderen Kontinenten stammten.
Studien zur sozialen Herkunft der P. im 18. Jh. zeigen, dass in Zürich 41% der P. Pfarrerssöhne (47% im Broyetal) und 17% Söhne hoher Beamter waren. 27% stammten aus einer Handwerker- und 4% aus einer Händlerfamilie. 6% der P. waren Söhne niederer Beamte, während in 5% der Fälle der Vater als Lehrer oder in einem medizin. Beruf tätig war. Dank der relativen Aufgeschlossenheit der Akad. Lausanne kamen im Broyetal ca. 15% der P. aus wohlhabenden Bauernfamilien, es waren also weit mehr P. bäuerl. Herkunft als in anderen Kantonen, die ebenfalls über eine Akademie verfügten. In den ref. ländlichen Kt. Glarus und Appenzell Ausserrhoden, in Graubünden sowie im Toggenburg war der Anteil der aus Bauernfamilien stammenden P. höher. In Zürich gab es regelrechte Pfarrdynastien, noch häufiger als im Pfarramt übernahmen jedoch in Handwerk (78%) und Handel (64%) die Söhne den väterl. Beruf. Auf der Berner und Zürcher Landschaft mussten die P. Bürger der Hauptstadt sein, in der Waadt nicht.
Im Broyetal heirateten die P. erst mit durchschnittlich 34 Jahren, nachdem sie ihre lange Ausbildung abgeschlossen hatten und die Zeit der Vikariate ohne geregeltes Einkommen nach der Ordination vorüber war. Ihre Lebenserwartung lag mit 65 Jahren überdurchschnittlich hoch. Noch im 17. Jh. starben die P. früher, laut einigen Studien auch als Folge von Krankheiten, mit denen sie sich bei der unumgängl. Seelsorge der Schwerkranken ansteckten (Pest). Wider gängige Meinung waren Pfarrfamilien nicht kinderreicher als andere. Sie hatten fünf bis acht Kinder.
Die P. waren vom Militärdienst befreit. Sie erhielten Bürgerprivilegien und ihre Kinder seit der Reformation das Bürgerrecht ihrer Geburtsgemeinde. Obwohl die Einkünfte je nach Kirchgemeinde stark variierten, verfügten die P. allgemein über ein ausreichendes Einkommen, mit dem sie bis zu zwei weibl. Hausangestellte, seltener einen Bediensteten entlöhnen konnten. Die sehr reichen P., die Investitionen oder Darlehen tätigten, verdankten ihr Vermögen weniger ihrem Beruf als einer Erbschaft oder profitablen Heirat.
Die Reformatoren waren beim Aufbau der christl. Gemeinschaft bestrebt, dass jeder Christ Zugang zur Hl. Schrift erhielt. Den P.n kam demnach als Leiter der Kirchgemeinde und bei der Beaufsichtigung des Unterrichtswesens in der Stadt wie auf dem Land eine herausragende Rolle zu. Im 19. Jh. präsidierte der P. als Dorfgelehrter die Schulkommission. Anfang des 21. Jh. ist er in einzelnen Kantonen noch in dieser Institution präsent. Ab 1798 übernahmen P. gelegentlich polit. Ämter in der Legislative. Auch begrüsste nach 1848 ein Grossteil der P. die Öffnung der kirchl. Institutionen gegenüber Laien, deren Einfluss seither stetig zugenommen hat.
Autorin/Autor: Gilbert Marion / MD
Im ausgehenden 20. Jh. verloren Pastoraltätigkeit und -amt an Prestige. Der Einfluss der Humanwissenschaften auf das Theologiestudium bewirkte, dass sich die P. stärker der Seelsorge zuwandten. Die meisten P. tun sich schwer mit dem traditionellen Berufsbild des 19. Jh., dem Nüchternheit und Strenge anhaftet, und weigern sich, die teils anerkannte, teils verschrieene moral. Autorität zu sein. Der tiefgreifende Wandel des Selbstverständnisses der P. wird an äusseren Kennzeichen sichtbar. Die P. kleiden sich im Alltag so, dass sich ihr Beruf daran nicht ablesen lässt, sie verzichten auf den schwarzen Talar im Gottesdienst oder auf die Wohnung im Pfarrhaus. Auch das Engagement der Pfarrfrauen für die Kirchgemeinde (Sonntagsschule, Nähkränzchen, Kirchenchor) lässt nach, da sie oft einer eigenen Tätigkeit ausserhalb der Kirche nachgehen.
Das Gefühl wirkl. Berufung wird seltener, und viele P. geben ihr Amt einige Jahre nach der Ordination auf. Der 1837 gegr. Schweizerische Pfarrverein zählte 2008 2'780 Mitglieder. In den Kt. Genf und Neuenburg, wo Kirche und Staat getrennt sind, wird die Finanzierung der Pfarrstellen problematisch. Pastorale Spezialaufgaben, z.B. die Gassenseelsorge, sind seit der 2. Hälfte des 20. Jh. z.T. auf Kosten der herkömml. Pfarrstellen zunehmend ausgebaut worden. Die Zulassung der Frauen zum Pfarramt setzte sich nur langsam durch. Was 1918 in Zürich und 1935 in der Freikirche des Kt. Waadt noch aussergewöhnlich war, ist mittlerweile so häufig, dass Frauen in gewissen Kantonen rund einen Viertel der P. ausmachen. Seit 2000 haben die kirchl. Institutionen mehrerer Kantone (u.a. Bern) auch erklärte Homosexuelle zum Pfarramt zugelassen, was von den Gläubigen aber kaum akzeptiert wird. In der Schweizer Literatur (Jeremias Gotthelf, Edouard Rod, in neuerer Zeit Yves Velan und Jacques Chessex) erscheint der P. als eine für die traditionelle Gesellschaft wichtige Persönlichkeit. In der Realität des 21. Jh. jedoch hat der P. seine neue Rolle noch nicht gefunden.
Autorin/Autor: Gilbert Marion / MD
Autorin/Autor: Gilbert Marion / MD