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Absturzrisiko
1. Was bedeutet Absturzrisiko?
Risiko ist definiert als das Produkt (Multiplikation) aus der Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses und den Konsequenzen von demselben Ereignis. Als "Ereignis" ist hier die Rede vom Absturz eines Skifahrers.
Nun ist es weder möglich die genaue Wahrscheinlichkeit, noch die genauen Konsequenzen eines Absturzes zu berechnen, aber wir können Stellvertreter (Proxies) für diese beiden Grössen suchen und finden.
- Wahrscheinlichkeit eines Absturzes: Je höher die Neigung, desto wahrscheinlicher ein Absturz. Die Neigung an einem Punkt im Gelände dient uns hier als Stellvertreter für die Absturzwahrscheinlichkeit. Ob der Zusammenhang linear ist, wissen wir nicht. Es handelt sich also um eine Vereinfachung.
- Konsequenzen eines Absturzes: Wir können gedanklich von jedem Punkt im Gelände (z.B. alle 10 m) einen Gegenstand von 70 kg abgleiten lassen und die Geschwindigkeiten bzw. die Beschleunigungen während des Falles aufzeichnen. Hohe Geschwindigkeiten und hohe Beschleunigungen führen mutmasslich zu gravierenderen Konsequenzen (Verletzungen). Skitourenguru hat während der Entwicklung von Avalanche Terrain Hazard (ATH) am SLF ein entsprechendes physikalisches Absturzmodell entwickelt. Dabei wurden fünf Variablen berechnet. Während der anschliessenden Datenanalyse von Skitourenguru hat sich wiederkehrend gezeigt, dass die maximal erreichte Absturzgeschwindigkeit die höchste Güte von diesen fünf Variablen aufweist. Wir verwenden deshalb die maximale Geschwindigkeit während des Absturzes als Stellvertreter für die Konsequenzen eines Absturzes. Auch das ist eine Vereinfachung.
Wenn wir diese beiden Grössen (Neigung und maximale Absturzgeschwindigkeit) multiplizieren erhalten wir einen Hinweis auf das Absturzrisiko das wir flächig für die ganze Schweiz auf einer Karte visualisieren können. Die Multiplikation führt zu folgenden Effekten:
- Je grösser die Neigung, desto grösser das Absturzrisiko, denn die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes steigt an.
- Je grösser die maximale Absturzgeschwindigkeit, desto grösser das Absturzrisiko, denn der Absturz ist mutmasslich mit gravierenderen Konsequenzen verbunden.
- Wenn einer der beiden Faktoren klein ist, ist auch das Absturzrisiko klein.
- Wenn beide Faktoren gross sind, dann wir das Absturzrisiko sehr gross.
Das Absturzrisiko auf Skitouren ist relevant: Während dem von 2010-2019 im Durchschnitt 14.7 Skitourengänger pro Jahr durch Lawinen zu Tode kamen, sind es 4.7 Skitourengänger, die tödlich abgestürzt sind. Bei den nicht-tödlichen Unfällen schlagen die Abstürze mit 142.4 Unfällen zu buche, die Lawinen hingegen "nur" mit 56.5 Unfällen pro Jahr. Dem Thama "Absturz" gebührt deshalb dieselbe Aufmerksamkeit, wie dem Thema "Lawinen". Zahlen gemäss Bergnotfallstatistiken des Schweizer Alpenclubs (SAC) sowie Kommunikation mit Ueli Mosimann.
2. Eine Karte für das Absturzrisiko
Die folgende Karte visualisiert das Absturzrisiko mit Hilfe eines Farbverlaufes.
Farblegende
|Absturzrisiko||Werte||Interpretation|

Tief
|0..600 °m/s||In diesem Bereich gibt es ein tiefes (bzw. oft sogar kein) Absturzrisiko.|

Mittel
|600..1100 °m/s||

In diesem Bereich gibt es ein mittleres Absturzrisiko.

Hoch
|1100..2000 °m/s||

In diesem Bereich gibt es ein hohes Absturzrisiko.

Sehr hoch
|2000..4000 °m/s||

In diesem Bereich gibt es ein sehr hohes Absturzrisiko.
Man beachte, dass hier dieselben Farben, wie bei den Lawinenrisikokarten von Skitourenguru zur Anwendung kommen. Letztendlich wird in beiden Fällen das Risiko visualisiert, die Karten beziehen sich jedoch auf ein anderes Ereignis (Absturz versus Lawinenauslösung).
3. Chancen und Grenzen dieser Karte
Wie nutze ich die Karte?
Ich möchte den Ruchstock besteigen und deshalb besser verstehen, inwieweit das Gelände steil und exponiert ist: Ich kann nun die Farbwerte an den Schlüsselstellen der entsprechenden Route mit den Farbwerten von mir bekannten Schlüsselstellen vergleichen. Dadurch erhalte ich ein Eindruck, was ich in etwa am Ruchstock zu erwarten habe. Letztendlich geht es bei dieser Karte also um einen Vergleich zwischen unterschiedlichen Punkten im Gelände und nicht um die absolute Grösse des Absturzrisikos.
Was sind die Grenzen der Karte?
Das reale Absturzrisiko hängt von einer Reihe weiterer Faktoren ab. Die Karte kann deshalb nur die ungefähre Grössenordnung des Absturzrisikos anzeigen. Hinter der Berechnung des Absturzrisikos steht ein komplexes Modell, das auf einer Reihe von Annahmen basiert. Diese Annahmen können im Einzelfall auch falsch sein. Ein realer Absturz eines Wintersportlers ist ein facettenreiches Ereignis bei dem nicht nur dem Verhalten der Person, sondern auch dem Zufall eine wichtige Rolle zukommen.
4. Der Zusammenhang zwischen dem Schwierigkeitsgrad und dem Absturzrisiko
Der SAC-Schwierigkeitsgrad einer Skitour hängt gemäss Definition von drei Hauptkriterien ab: Steilheit, Ausgesetztheit und Platzverhältnisse. Es fällt auf, dass die ersten zwei Kriterien mit den bei der Berechnung des Absturzrisikos verwendeten Kriterien weitgehend übereinstimmen. Ganz offensichtlich empfinden wir eine Route dann als schwierig, wenn sie steil und ausgesetzt ist, wenn sie also ein hohes Absturzrisiko aufweist. Der Schwierigkeitsgrad einer Skitour bezieht sich also nicht primär auf die Komplexität der erforderlichen Bewegungsmuster, sondern vor allem auf das Absturzrisiko. Es stellt sich damit durchaus die Frage, ob wir den Begriff "Schwierigkeit" korrekt verwenden, denn der Begriff verweist eher auf den Bedeutungskomplex von "Hindernisse", "Widerstände" oder "Komplikationen".
Seit 2019 entwickelt Skitourenguru gemeinsam mit der Statistikfirma SAS ein Modell, das in der Lage ist den SAC-Schwierigkeitsgrad automatisch aus einem Geländemodell abzuschätzen. Das entsprechende Modell wird aus einem Trainingsdatensatz von 1700 durch Experten bewertete Routen abgeleitet. Bei der Modellierung von Schwierigkeitsgraden zeigt sich, dass v.a. die Steilheit und die maximal erreichte Absturzgeschwindigkeit gute Prädiktoren für den Schwierigkeitsgrad darstellen. Die modellierte Korridorweite wird de facto von den Experten kaum berücksichtigt. Dasselbe gilt für andere Kriterien, wie die Geländekurvatur oder Walddichte. Der Schwierigkeitsgrad und das Absturzrisiko sind also auch aus dem Blickwinkel "Data-Science" eng miteinander verknüpft.
Aus den genannten Gründen kann diese Karte auch als Hinweis auf die Schwierigkeit einer Route gelesen werden.