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Generation L
Der amerikanische Albtraum
Ich schätze mich glücklich, in der Schweiz geboren worden zu sein. Das war nicht immer so. Als Kind und vor allem als Teenager wünschte ich mir nichts sehnlicher, als in den USA zu leben, eine amerikanische High School zu besuchen, nachmittags mit meinen Freunden in Malls abzuhängen und mich von Fastfood und Milkshakes in Jumbobechern zu ernähren.
Ich wollte zu den Cheerleadern gehören, den Captain des Footballteams zum Freund haben, zur Königin des Abschlussballs gewählt werden und auch sonst das vermeintlich typische Leben eines amerikanischen Jugendlichen führen, wie ich es aus Filmen wie „Eine wie keine“, „10 Dinge, die ich an dir hasse“ und „Clueless“ kannte.
Da meine Familie nicht viel von einem Umzug nach Übersee hielt, meldete ich mich für ein Austauschjahr in den USA an. Mit sechzehn Jahren flog ich dann das erste Mal ins Land meiner Träume, genauer gesagt nach North Dakota, ein Staat im Mittleren Westen, wo meine Gastfamilie wohnte.
Hier lernte ich das echte Amerika kennen, fernab von Hollywoodklischees. Das Kaff, das ich ein Jahr lang mein Zuhause nannte, war arm und ländlich. Seine Highlights bestanden aus einem riesigen Walmart, sieben Fastfood Lokalen, einem einzigen richtigen Restaurant und einem Kino, das alle zwei Monate einen neuen Film vorführte. Die grösste Stadt des Staates, Fargo, lag drei Autostunden entfernt.
Entsprechend langweilig gestaltete sich die Freizeit. Wobei ich zu den einzigen gehörte, die überhaupt über freie Zeit verfügte. Meine Klassenkameraden jobbten nämlich nach der Schule als Verkäufer im Walmart oder in einer der Fastfood Lokalen. Auch manche ihrer Eltern konnten nach Feierabend nicht ausspannen, weil sie neben dem Haupterwerb Nebenjobs ausführen mussten, um mit dem mageren US-Mindestlohn überhaupt über die Runden zu kommen.
Das einzige, wofür man sich, neben fettigem Essen, wirklich Zeit nahm und zwar ausnahmslos, war die Kirche. Hier traf man sich dreimal die Woche zum mehrstündigen Gottesdienst mit anschliessendem, logisch, Essen. Auch für uns junge wurde gesorgt. Während die Erwachsenen ihre Bible Study abhielten, hockten wir in der Youth Group und diskutierten. Zum Beispiel darüber, wer schon einmal darüber nachgedacht hat, Selbstmord zu begehen. Alle, ausser mir und einer deutschen Austauschschülerin, hoben die Hand.
Im Verlaufe des Jahres brachten sich dann auch zwei Schüler meiner High School um. Ein weiterer starb bei einem Autounfall, weil er betrunken gefahren war. Mehrere Schülerinnen wurden schwanger, einige von ihnen bereits zum zweiten Mal. In der Mittagspause konsumierte man auf dem Parkplatz Crystal Meth.
Die Footballplayer kämpften mehr gegen das Übergewicht als gegen ihre Gegner, die Cheerleader Truppe wurde aus Sparmassnahmen gestrichen, die nächste Mall lag drei Stunden entfernt und was die ständige Konsumation von Fastfood ausrichtete, sah ich ja an meinen teilweise besorgniserregend übergewichtigen Mitschülern.
Dennoch belächelten viele mich als Schweizerin, die ihrer Meinung nach in einem Drittweltland ohne Zugang zu Technologie aufgewachsen war. Sprachen sie über ihr eigenes Land – ein Land, das seine Einwohner verarmen und verkümmern lässt –, schwang Stolz in ihrer Stimme.
Das Jahr in North Dakota gehört zu meinen lehrreichsten Jahren. Nicht nur habe ich meine Sprachkenntnisse verbessert, Einblick in eine fremde Kultur erhalten und viel über mich selbst herausgefunden, ich habe vor allem die Schweiz als Heimat schätzen gelernt. Das Traumland USA hingegen ist für mich zum Albtraum geworden.