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Jacob Berger / Fredi M. Murer / Christoph Schaub
27. März 2019
Bruno Ganz als sanfter Geschäftsmann in «Giulias Verschwinden» von Christoph Schaub.
Bruno Ganz hatte aufgrund seiner Theatererfahrung und seiner Beziehung zur Sprache eine ganz besondere Art zu arbeiten. Er hatte die Diktion und die Poesie der deutschen Sprache verinnerlicht – die Deutschen haben ihn übrigens als Deutschen gesehen. In dieser Sprache muss der Satz als Ganzes verstanden werden, denn das Verb kommt erst am Schluss. Bruno Ganz bot eine Schauspielleistung mit einem Anfang, einer Mitte und einem Ende. Ein solcher Künstler sollte in seiner Darstellung frei sein, man darf seinen Elan nicht brechen wollen. In «Un juif pour l'exemple» nahmen wir eine lange Mahlzeit auf, die wir in Dutzende von Einstellungen hätten aufteilen können. Doch als ich sah, wie Bruno spielte, verstand ich, dass ich das in einer Plansequenz filmen musste, damit er seine ganze Komplexität entfalten konnte, ohne im Spiel durch Schnitte und Gegenschüsse gestört zu werden. Und so haben wir das auch gemacht.
Der Regisseur passt sich also dem an, was ein Schauspieler geben kann. Mit Bruno Ganz habe ich gelernt, nicht allzu viel über den Sinn der Dinge zu reden, ihm musste man die Psychologie einer Figur nicht erklären. Er bestätigte und bestärkte mich in meiner Ansicht, dass man einen Schauspieler nie bitten sollte, sensibler, wütender oder beschwingter zu spielen. Es ist besser zu sagen, dass es kalt ist, die Zeit drängt oder dass etwas beschämend ist. Solche Hinweise erlauben ihm, sein Spiel ganz selbst kontrollieren zu können.
Für Bruno Ganz dürfte es schwierig gewesen sein, dass er so sehr die menschliche Güte verkörperte, er strahlte ja eine kindliche Unschuld aus, als Junger wie als alter Mann. Das Publikum sah in ihm diese Verkörperung, und damit zu leben ist schwierig; niemand hat darauf Lust, es ist schwer und unangenehm. Das machte ihn zu einem verschlossenen und letztlich auch ziemlich einsamen Mann. Jedenfalls mischte er sich nicht unter die anderen Schauspieler im Team. Zumindest nicht bei diesem Film.
▶ Originaltext: Französisch
Meine erste Begegnung mit Bruno Ganz liegt weit zurück in den späten 50er-Jahren, als ich als Kunstgewerbeschüler im Zürcher Schauspielhaus in der vordersten Balkon-Loge einen Linsen-Spot zu bedienen hatte. Während der Hilfsbeleuchter auf dem Balkon vis-à-vis stets einen blinden Passagier namens Bruno in seine Beleuchter-Loge schmuggelte. Wer hätte damals gedacht, dass dieser 17-jährige Oberrealschüler 60 Jahre später – post mortem – von der internationalen Presse als Jahrhundertschauspieler gefeiert würde.
Als ich Bruno 2006, in Zusammenhang mit seinem Zürcher Kunstpreis, daran erinnerte, brach es wie ein Quell aus ihm heraus: Es war diese wahnwitzige Zeit mit Ghiese, Steckel, Blech, Knuth, Blanc. Alle Premieren habe ich aus nächster Nähe gesehen, auch Dürrenmatts «Physiker» und Frischs «Andorra» mit Peter Brogle, bei dem ich mit glühendem Interesse immer verfolgte, was dieser auf der Bühne trieb. Und dann, nach der Vorstellung im «Pfauen», sah ich all diese Leute auf Augenhöhe, die vorher auf der Bühne so übermächtig waren. – Grossartig!
Weil inzwischen aus dem «Zürihegel» ein Berliner von Weltruf geworden war, dachte ich immer, Bruno sei eine Nummer zu gross für mich, oder ich für ihn eine zu klein. Also war es eines Tages er, der auf mich zukam. Darüber hoch erfreut, gestand ich auch meine Bedenken, dass das Schöne und Gute am grossen Theater, wo alles dreifach über die Rampe gehen müsse, stimmlich, mimisch und gestisch, auf der Kinoleinwand das Gegenteil bewirke. Was der Grund sei, weshalb meine Regieanweisungen sich meist auf die vier angelsächsischen vier Reizwörtchen «don’t act, just be» beschränken würden, was für einen Bühnenschauspieler von seinem Format de facto einem Berufsverbot gleichkäme.
Zu meinem Erstaunen gefiel Bruno meine simple Regie-Doktrin, und wir einigten uns auf einen Geheimcode. Wenn immer ich nach einer gedrehten Szene «sehr interessant» sagte, wusste er, dass im nächsten Take weniger mehr wäre. So ging aus unserer entspannten Zusammenarbeit die wundersame Figur des Grossvaters im Film «Vitus» hervor. Und weil Bruno Ganz ein sehr gewissenhafter Schauspieler war, suchte er in Zürichs Brockenhäusern selber nach dem richtigen Hut, von dem im Drehbuch zu lesen war, dass er mit den Jahren an Grossvaters Kopf gewachsen sei.
▶ Originaltext: Deutsch
Ich bin Bruno Ganz zweimal auf sehr unterschiedliche Weise begegnet: 1985 als staunender Stagaire bei «Der Pendler». Und 2009 als erstaunter Regisseur von «Giulias Verschwinden».
1985 sollte ich die Filmkassetten abfüllen, wollte aber möglichst nahe beim Set sein. Mein Augenmerk war auf Bruno – meinem Held aus «Der Amerikanische Freund». Er kam mir sehr alleine und unverbunden vor.
2009 spielte er in «Giulias Verschwinden» John – ein charmanter Geschäftsmann von Welt, aber eigentlich heimatlos. Er trifft auf Giulia und verbringt mit ihr einen wunderbaren Abend und ermöglich Giulia, ihren 50. Geburtstag zu schwänzen. Ich war erstaunt, wie charmant Bruno vor der Kamera war, gleichzeitig so unerbittlich und fordernd vor und nach dem Take – mit sich zuallererst. Das hat alle angesteckt. Es wurde sehr seriös und konzentriert gearbeitet – ein einzigartiges Resultat kam zustande. Nach Drehschluss wirkte Bruno in sich zurückgezogen, distanziert. Sprach ich ihn trotzdem an, war er offen und charmant. Er wirkte in diesem Moment ein wenig so wie ein Junge am Rand des Schulhofs, der sich nicht getraut mitzuspielen. Dann aber gebeten wird, auch mitzutun – ein erleichtertes Strahlen im Gesicht.
Fast 25 Jahre nach der ersten Begegnung war Bruno für mich immer noch ein Mensch, der einsam und unverbunden durch die Welt geht. Ich fühlte mich ihm aber als Schauspieler, auch als Mensch, trotzdem nahe, sogar vertraut, denn er war immer transparent und wahrhaftig.
▶ Originaltext: Deutsch
Martin Walder
27 März 2019