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Kuba in den 1970er-Jahren als „Salsa-Zentrum“ bezeichnen zu wollen wäre falsch. Salsa wurde außerhalb Kubas entwickelt und wird bis in die Gegenwart zum weitaus größten Teil außerhalb Kubas gemacht. Trotz der Blockadepolitik der USA gelangte die Salsa über Puerto Rico relativ schnell nach Kuba – El Gran Combo war auch in Kuba bekannt. Dennoch waren Musiker in Kuba auf sich selbst gestellt. Es war bis in die 80er-Jahre hinein so gut wie unmöglich, ein Reise-Visum zu bekommen, ein Austausch mit dem Ausland fand nicht statt.
Von Musik-Gruppen im Ausland erwirtschaftete Gewinne wurden einfach wegbesteuert und der kubanische Rundfunk, das Fernsehen und die Musikverlage verstaatlicht und streng zentralisiert. Das änderte sich erst Anfang der 90er-Jahre, als mit dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes und der Auflösung der Sowjetunion auch die Wirtschaftshilfe für Kuba wegfiel. Dies zwang die kubanische Regierung zu einer Liberalisierung des Musikmarktes, zur Anerkennung des US-Dollars als Zahlungsmittel (1993–2004) und zur Förderung des Tourismus.
Kubanische Musiker genießen seit 1993 bedingte Reisefreiheit, dürfen ihre Musik zum Teil selbst vermarkten und sogar bei einem ausländischen Plattenlabel unter Vertrag stehen.
Die kubanische Regierung hatte zur Salsa immer ein angespanntes Verhältnis: Salsa galt als Erfindung des „Klassenfeinds“ in den USA. Nach offizieller Lesart bestand Salsa aus Rhythmen, die in Kuba immer schon gespielt wurden, aber von den imperialistischen US-Musikverlagen neu etikettiert wurden, um ihren wahren kubanischen Ursprung unkenntlich zu machen. Der Begriff „Salsa“ wurde daher in Kuba mehr als 20 Jahre lang nicht verwendet, stattdessen sprach man nur von „música bailable“ (span.: Tanzmusik).
Als die Einflüsse der Salsa in den späten 70er-Jahren auch in Kuba immer größer wurden, vereinigte die EGREM (=das staatliche Plattenlabel Kubas) kubanische Musiker zu der Gruppe „Las Estrellas de Areíto“, die zum Gegenstück der Fania All-Stars entworfen wurde. Sie sollten nicht nur
traditionelle kubanische Musik spielen, sondern auch kubanische Salsa. Da eine Unterscheidung im Rhythmus nicht machbar war, suchte man diese in der Besetzung (Querflöte, Streichinstrumente) und in den Texten zu bewerkstelligen, in denen nun vermehrt kubanische Orte und kubanische Rhythmen (son, guaguancó, guaracha, etc.) besungen wurden. Bevorzugt wurden Potpourris gespielt, in denen die Salsa in andere kubanische Rhythmen eingebunden wurde.
Als in den 90er-Jahren die Salsa international immer populärer wurde, kubanische Musik spätestens seit 1997 mit Buena Vista Social Club zunehmend nachgefragt wurde und selbst kubanische Musiker die Bezeichnung „salsa cubana“ immer häufiger verwendeten, begann
das EGREM-Komitee verstärkt kubanische Musiker unter dem Label „Timba“ zu vermarkten. Die Bezeichnung „Timba“ sollte der kubanischen Salsa eine eigene Identität verschaffen, was von vielen kubanischen Musikern durchaus begrüßt wurde. In der Gegenwart ist es jedoch sehr umstritten, ob die Timba wirklich eine eigene kubanische Unterkategorie oder auch nur eine Weiterentwicklung der Salsa darstellt.
Der große Übervater kubanischer Salsa-Musik ist Juan Formell mit seiner Gruppe Los Van Van (1969). Ihm gelang, was nur wenigen kubanischen Musikern in den 70er-Jahren möglich war: er durfte Kuba verlassen und mit seiner Gruppe nach Peru reisen. Von dort brachte er den Surfrock und den Reggae mit. Im Anschluss scheute er sich nicht, E-Gitarre, E-Bass und Drum Set in seine Gruppe mit aufzunehmen (ein Synthesizer war in Kuba zu dieser Zeit unerschwinglich). Die neuen Rock- und Reggae-Klänge vermischt mit der traditionellen kubanischen Charanga-Musik nannte er Songo.
Die große Zeit für Juan Formell y Los Van Van kam aber erst in den 90er-Jahren. Zusammen mit der kubanischen Gruppe Irakere mischten sie Jazz-Elemente in ihre Arrangements und nannten die Musik fortan ebenfalls „Timba“. Die Musik schlug international wie eine Bombe ein (Te pone la cabeza mala [1997], Aqui llegó Van Van, Temba Tumba, Timba [1998]) und traf die Salsa-Szene der Welt an einem sensiblen Punkt.
Von den USA und Puerto Rico ausgehend befand sich die „salsa romántica“ auf ihrem Höhenflug. Doch die neue kubanische Musik zeigte einen deutlich anderen Weg: Salsa ist nicht nur sanft und romantisch, sondern auch schnell und lebendig. Passend zur „Timba-Musik“ gab es auch einen eigenen Tanz-Stil gegen Hüftsteifheit: Despelote. Seit der Jahrtausendwende widmet sich Juan Formell dem Aufbau einer „Cuban All Star“-Musiker-Truppe in besonderer Zusammenarbeit mit der Gruppe NG La Banda. Deren Ex-Sänger Issac Delgado hat mittlerweile eine erfolgreiche Solokarriere gestartet und
sogar einen Vertrag bei einem US-Label, seit 2006 lebt er mit seiner Familie in Florida.
Gleichwie Juan Formell y Los Van Van profitierten mehrere kubanische Salsa-Gruppen in den 90er-Jahren von der neuen Freiheit. Bekanntes Beispiel ist der Pianist Manolo Simonet, der 1993 seine Gruppe Manolito y su Trabuco gründete. Neben der typischen Posaunen- und Trompeten-Sektion nahm er auch die klassischen Charanga-Instrumente Flöte, Violine und Cello mit in seine Band auf. Der größte Erfolg der Gruppe war 1998 Marcando la distancia.
Weitere neue kubanische Salsa-Gruppen sind Bamboleo (1995), Orlando Valle, genannt „Maraca“ (1995), Ex-Flötist von Irakere, die Formation Charanga Habanera (1996) oder Azúcar negra (1997). Auf ein begeistertes Echo stieß in Kuba im Jahr 2000 der Gewinn des Grammys in der Kategorie der besten Salsa-Darbietung, welchen Los Van Van mit ihrem Album „Llegó Van Van“ gewannen. Unter der Bush-Regierung haben sich die Beziehungen zwischen Kuba und den USA wieder verschlechtert; seit 2004 hat kein kubanischer Musiker mehr ein Einreisevisum für die USA erhalten.