Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03283.jsonl.gz/221

Das letzte Gespräch in der WoZ-Reihe zur achtziger Bewegung porträtiert Heinz Nigg, der die bisher erschienenen Interviews geführt hat. Heinz Nigg, 1949 in Zürich geboren, ist Ethnologe und Videoschaffender.
WoZ: Wie hast du deine Jugend erlebt?
Heinz Nigg: Ich wuchs in Zürich auf, in der Nähe des Hegibachplatzes. Das war damals eine sozial gemischte Gegend, es gab Arbeiter, Kleinbürger, Mittelstand. Meine Eltern – die Mutter aus einer grossen Bauernfamilie, der Vater Sohn eines Facharbeiters – sind nach dem Krieg auf der Suche nach Arbeit aus dem Bündnerland nach Zürich gezogen. Sie blieben aber eng mit ihrer Heimat verbunden. Mein Bruder und ich waren in den Ferien oft auf dem Bauernhof des Grossvaters. Meine Eltern unterstützten und förderten mich, so gut sie konnten. Meine Mutter ist ein offener und praktischer Mensch und behauptete sich gut in den für sie neuen städtischen Verhältnissen. Mein Vater arbeitete fast sein ganzes Leben als Vermieter bei einer Stiftung, die in der Stadt Zürich günstigen Wohnraum für Leute mit geringem bis mittlerem Einkommen anbietet. Am Mittagstisch beriet er sich oft mit meiner Mutter über Probleme und Sorgen seiner MieterInnen. So hatte ich früh eine Art ethnografischen Zugang zum Zürcher Alltag. Er war der Typ «alte Schule», Aktivdienstler, geradlinig, sein Wort hatte Geltung. Das hatte etwas Rigides, Striktes. Dagegen lehnte ich mich auf.
Gab es ein Schlüsselerlebnis, das dich politisiert hat?
Ich bin in der Jugendkultur der sechziger Jahre aufgewachsen – mit Rockmusik, Tanzfeten in Beatschuppen und tollen Klamotten. Ich besuchte eine mathematisch-naturwissenschaftliche Mittelschule und begann mich immer mehr für deutsche Literatur, Geschichte und Kunst zu interessieren. Ich war ein begeisterter Pleinair-Maler. Die Malerei war für mich eine Möglichkeit, dem geistigen Korsett meiner Schule zu entfliehen. Entscheidend für die Politisierung war mein Austauschjahr in den USA 1967/68. Dort bekam ich die Hippiebewegung in San Francisco und Chicago mit, verfolgte die Protestbewegung gegen den Krieg in Vietnam und die Bürgerrechtsbewegung der Afroamerikaner. Etwa zwei Wochen nach dem Globuskrawall kam ich ziemlich verändert nach Zürich zurück. Das äusserte sich etwa so, dass ich in der Schule auf eine Frage des Lehrers nicht mehr wie vorgeschrieben aufstand, die Antwort gab und mich wieder setzte, sondern einfach stehen blieb und zu diskutieren anfing. Ich machte in einer Arbeitsgruppe des Zürcher Manifests mit, lernte die Ethnologen und Psychoanalytiker Mario Erdheim, Fritz Morgenthaler und Paul Parin kennen und agitierte an der Schule. Als eine Wandzeitung verboten wurde, kam es zu einem bösen Krach mit dem Rektor – mein erster Zusammenstoss mit den Autoritäten. Der zweite grosse Clash erfolgte gut zehn Jahre später, nachdem ich als Lehrbeauftragter des Ethnologischen Seminars zusammen mit meinen StudentInnen den Videofilm zum Opernhauskrawall 1) gedreht hatte und dieser vom damaligen Erziehungsdirektor Alfred Gilgen verboten worden war. Herr Gilgen sass an einem langen Tisch, eine Schreibkraft zu seiner Rechten, auf der anderen Seite sassen Professor Löffler und ich. Der Erziehungsdirektor stauchte den Leiter des Ethnologischen Seminars wie einen Schulbuben zusammen und fragte am Ende, ob ich noch etwas zu sagen hätte. Ich stand auf und verliess den Raum. Mein Lehrauftrag wurde nicht verlängert. Erst seit den neunziger Jahren kann ich wieder an der Universität Zürich unterrichten.
Du warst 1980 nach einem zweijährigen Feldforschungsaufenthalt in England frisch zum Doktor der Ethnologie promoviert worden. Wie wurdest du vom teilnehmenden Beobachter zum Aktivisten der Jugendbewegung?
In der Nacht nach dem Opernhauskrawall wurde mir klar, dass wir mit den Videoaufnahmen heisses Material besassen. Als wir anderntags die Aufnahmen zu einem neunminütigen Film geschnitten hatten, mussten wir aufpassen, in wessen Hände der Film gelangte. Die Tagesschau bot tausend Franken, wir lehnten ab, denn unser Film zeigte den Krawall aus der Optik der jugendlichen DemonstrantInnen. Den Film als News-Material für einem Fernsehbeitrag zu verkaufen, hätte unsere Sicht natürlich verzerrt. Wir zeigten den Film erstmals zwei Tage später an der Pressekonferenz der Gruppierung «Rock als Revolte» 2), die zur Demo vor dem Opernhaus aufgerufen hatte. Wegen der Brutalität und Unverhältnismässigkeit des Polizeieinsatzes verursachte der Videofilm einen Riesenwirbel. Er wurde dann in vielen anderen Städten gezeigt und war wichtig für das Übergreifen der Revolte auf die ganze Schweiz und auf Deutschland. Sehr schnell wurde mir bewusst, dass nun nichts mehr war wie zuvor, auch für mich persönlich. Ich tauchte ab. Eine geregelte Existenz in der etablierten Gesellschaft schien mir weder möglich noch wünschenswert.
Was heisst «abtauchen»?
Zuerst gab es eine Solidaritätswelle aus dem In- und Ausland, weil die Freiheit von Lehre und Forschung bedroht war. Professoren von der Royal Academy of Anthropology in London, aber auch Professoren aus Deutschland und von anderen Schweizer Universitäten, SchriftstellerInnen und PsychoanalytikerInnen unterstützten das Ethnologische Seminar im Kampf gegen die Erziehungsdirektion. Mit einer Geldsammlung konnten wir sogar den Lehrauftrag eine Weile weiterfinanzieren. Nach der ersten Euphorie wurde spätestens nach der Beschlagnahmung der Originalvideobänder durch die Zürcher Staatsanwaltschaft deutlich, dass sich die Verhältnisse gegen mich gewendet hatten und dass ich mich neu orientieren musste. Ich setzte meine Arbeit als «Community Video Worker» fort und baute auf dem auf, was ich in England gelernt hatte: verschiedenen sozialen Gruppen den Zugang zum damals immer noch neuen Medium Video zu ermöglichen. Partizipatorische Videoarbeit gab den Leuten ein Sprachrohr für ihre Anliegen in die Hand, die in den Medien nur wenig Beachtung fanden. Ich realisierte Projekte mit Alten, Kindern, Jugendlichen, in Quartieren und in alternativen Kulturzentren. So genannte Politvideos, wie sie damals die Video-BewegungsaktivistInnen in Zürich, Bern und Basel machten, waren für mich, der auf die Zuwendungen von Stiftungen, den Kirchen und der Stadt Zürich angewiesen war, keine Option. Doch blieb ich weiterhin in regem Kontakt mit den Leuten, die ich durch die achtziger Bewegung kennen gelernt hatte. Mit grossem Interesse verfolgte ich die Eroberung und den Aufbau des Quartier- und Kulturzentrums Kanzlei. Da entstand mitten in der Stadt ein Treffpunkt, wo ich all meine jugendlichen Sehnsüchte verwirklicht fand: ein Ort mit Kaffeehaus- und Grossstadtatmosphäre wie im Roman «Berlin Alexanderplatz» von Alfred Döblin, ein Ort der urbanen Verdichtung, wo die Interessen, Werte und Neigungen verschiedenster sozialer Gruppen und Individuen sich kreuzten und in einem produktiven Wettstreit lagen. Die Zürcher Bewegung bot mir ein soziales Netz, ohne das ich damals als freier Kulturschaffender kaum über die Runden gekommen wäre.
Machen wir den Sprung in die Gegenwart. Die dreizehn in der WoZ publizierten Interviews von dir sind Teil eines grösseren Projektes, die Jugendbewegung der achtziger Jahre aufzuarbeiten. Was hat dich dazu motiviert?
Im Laufe der Jahre wurde ich zum Archivar des Videomaterials der Jugendunruhen in Basel, Bern, Zürich und der übrigen Schweiz. Ab und zu führte ich Ausschnitte aus dem Material vor, etwa an der Viper in Luzern, in der Roten Fabrik und im Xenix in Zürich sowie in der Reithalle Bern. Vor allem jüngere Leute sassen wie gebannt vor der Leinwand, weil sie die Revolten der achtziger Jahre nur vom Hören her kannten. Im Auftrag von «Memoriav» 3) begann ich mit Stöff Burkhard und Mathias Gallati die Tapes systematisch zu sammeln: Polit- und Actiontapes, aber auch Kunst- und Musiktapes aus dem Umfeld der Bewegung. Das Bundesarchiv in Bern und das Schweizerische Sozialarchiv in Zürich beherbergen nun mehr als hundert Tapes. Sie sind der Öffentlichkeit zugänglich. Es war nur logisch, aus Anlass des Gedenkjahrs «20 Jahre Bewegung» ein Oral-History-Projekt zu initiieren und Beteiligte zu Wort kommen zu lassen. Mich interessiert vor allem die Frage, wie sich die damaligen Ereignisse auf ihr weiteres Leben ausgewirkt haben und wo sie heute stehen. Es geht mir auch um die Bereitstellung von weiteren Materialien – Chronologie der Ereignisse, Medienberichterstattung über die achtziger Bewegung, Fachartikel – sowohl auf dem Internet als auch in Buchform, um Jüngeren einen attraktiven Zugang zur Aufarbeitung der Geschichte der urbanen Revolten der achtziger Jahre zu ermöglichen. Diese Geschichte ist unentbehrlich für das Verständnis vom sozialen und kulturellen Wandel der Schweiz der letzten zwanzig Jahre.
In den Interviews hast du dich zwangsläufig auch mit deiner eigenen Geschichte konfrontiert. Wie bist du damit umgegangen – persönlich und als Wissenschafter?
Die Klärung des eigenen Standpunkts ist für diese Art von biografischer Sozialforschung ein Muss. Seit Jahren führe ich beispielsweise Tagebuch und mache Notizen zu meinen laufenden Arbeiten. Die introspektive Beschäftigung macht mich wiederum neugierig auf die Lebensgeschichten von anderen. Ich bin ein leidenschaftlicher Zuhörer.
Wollen die Leute überhaupt über ihre Vergangenheit nachdenken? Ich hatte den Eindruck, dass nach zwei, drei Wochen starker Medienpräsenz das Thema der achtziger Jugendbewegung abgehakt war.
Meine Interview-PartnerInnen waren äusserst offen und bereit, sich über die damaligen Ereignisse zu äussern und sich gleichsam auf eine eigene Sozioanalyse einzulassen. Sich öffentlich über persönliche Aspekte des eigenen politischen Engagements zu äussern und sich nicht einfach nur über Gott und die Welt auszulassen, braucht Mut 4). Dass sich die Berichterstattung auf den Gedenkmonat Mai konzentrierte, entspricht den Gesetzmässigkeiten des Medienbusiness. Mich hat ausserordentlich gefreut, dass doch viele Medienschaffende zum Schluss gekommen sind, dass die Erfahrungen mit der achtziger Bewegung ein Gewinn ist für unsere Gesellschaft. Vor allem das heutige offenere Kulturklima wird als Produkt der wilden achtziger Jahre gesehen. Das ist für mich ein Ansporn, die Erinnerungen an die achtziger Bewegung lebendig zu halten. In einem Jahr erscheint das Buch «Wir wollen alles, und zwar subito!» im Limmat-Verlag (mittlerweile vergriffen, Anm. d. Red.).