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Man kennt Alfred Russel Wallace, so man ihn überhaupt noch kennt, als den Mann, der parallel zu Charles Darwin die Evolutionstheorie entwickelt hat, ihm aber den Vortritt liess / lassen musste. Das stimmt auch; es gibt aber Unterschiede der beiden Evolutionstheorien, die sich im vorliegenden Buch schön manifestieren.
Wallace betrachtete die Evolution nicht nur als Konkurrenzkampf der Individuen der gleichen Gattung um zu überleben, wie Darwin, für ihn stellte Evolution auch einen Korrekturmechanismus dar, in der die Umwelt Abweichungen korrigiert, bevor sie offensichtlich werden. Auf seiner Forschungsreise in den malaiischen Archipel untersucht er dann auch immer wieder diese Zusammenhänge. Dies ermöglichte es ihm – quasi nebenbei – eine Grenzlinie nachzuweisen, wo die Verbreitung australischer Arten auf der malaiischen Inselwelt gegen Osten aufhörte. Bei seinem Aufenthalt auf Lombok notierte er:
Ich sah hier zum ersten Male viele australische Formen, welche auf den Inseln weiter westlich ganz fehlen. Kleine weiße Kakadus kamen in Menge vor und ihr lautes Geschrei, ihre auffällige weiße Farbe und ihre hübschen gelben Helme machten sie zu einem in die Augen springenden Charakteristicum der Landschaft. Dies ist der westlichste Punkt der Erde, an dem Vögel aus dieser Familie gefunden werden. Einige kleine Honigsauger der Familie Ptilotis und die sonderbaren Hügelaufthürmer (Megapodius Gouldii) findet der nach Osten reisende Naturforscher auch hier zuerst. […] Auf der Insel Lombok, die durch eine Meeresenge von weniger als zwanzig Meilen Breite von Bali getrennt ist, erwartete ich natürlich einige dieser Vögel [von Bali] wieder zu treffen; aber während eines dreimonatigen Aufenthaltes daselbst sah ich niemals einen derselben, sondern fand eine total verschiedene Reihe von Arten, von denen die meisten nicht nur auf Java äußerst unbekannt waren, sondern auch auf Borneo, Sumatra und der Halbinsel Malaka.
Wallace hielt sich in einem von Holland kolonialisierten Teil des Archipels auf, wo er offenbar trotz der Tatsache, dass er englischer Nationalität war, ungehindert reisen konnte – ganz andere Erfahrungen also machend, als der Franzose Bougainville ein halbes Jahrhundert vor ihm. Wallace konnte nicht umhin, darauf hinzuweisen, um wie viel besser die holländische Verwaltung sei als die vorhergehende – sei es einheimische oder portugiesische. Dass der weisse Mann den farbigen Völkern den Weg in die Kultur zu zeigen habe, stand für ihn ausser Frage. Aber, obwohl seinem Reisebericht sogar ein Glossar angehängt war mit den wichtigsten Wörtern von über 30 Sprachen jener Region, und obwohl Wallace sich auch Gedanken machte über die Verbreitung der menschlichen Rassen in jener Gegend: sein Hauptaugenmerk lag auf Paradiesvögeln und Insekten. Er entdeckte an die 1’000 bisher unbekannte Arten.
Dabei ist sein Vorgehen aus heutiger Sicht unvorstellbar. Mehr Jäger als Forscher, schiessen er und seine englischen und einheimischen Mitarbeiter so ungefähr alles, was ihnen vor die Flinte kommt, vor allem aber Vögel. Diese werden ausgebalgt und haltbar gemacht, anschliessend bei Gelegenheit nach England verschifft. (Wallace muss, das sagt er in seinem Bericht aber nicht, eine ziemliche Summe mit dem Verkauf seiner Vogelbälger erzielt haben – die er aber nach seiner Rückkehr umgehend verspekulierte.) Wenn wir heute lesen, dass er z.B. an einer Quelle 12 Exemplare eines seltenen Schmetterlings sieht, und davon die Hälfte einfängt für seine Sammlung, stehen uns die Haare zu Berge. Ein ander Mal sammelt er an einem einzigen Ort 200 Schmetterlinge. Überhaupt geht es Wallace noch keineswegs um den Schutz der Arten oder die genaue Beschreibung von Biotopen. Wiesen empfindet er als Forscher für unnütz, weil dort kaum Insekten und Vögel zu finden seien. Es geht ihm um die Menge und um die Seltenheit seiner Jagdergebnisse.
Der malaiische Archipel verfolgt Wallace‘ Reisen nicht chronologisch, sondern geografisch. Wallace hat in den acht Jahren seines Aufenthalts verschiedene Inseln verschiedene Male besucht, fasst aber für sein Buch die jeweiligen Besuche zusammen. Und er verheimlicht keineswegs seine Schwierigkeiten: Regen, der durchs Dach seiner jeweiligen Behausung dringt und nicht nur sein Bett durchnässt, sondern auch seine Präparate; Ameisen oder Fliegen, die in seine Präparate Eier legen; Krankheiten – eigene und welche seiner Diener; unzuverlässige Matrosen der Boote, mit denen er von einer Insel zur nächsten übersetzt; passiver Widerstand der indigenen Verwaltungsorgane etc.
Wallace beginnt seinen Bericht mit der Erzählung von seinen verschiedenen Jagden auf den Orang-Utan, und endet ihn mit einem Exkurs zum Paradiesvogel. In Anbetracht dessen, dass wir wissen, welches Schicksal die Orang-Utans in den folgenden 150 Jahren erwartete, drehen einem Wallace‘ Jagdszenen das Herz im Leibe um. Hier hat die Biologie seit seiner Zeit wirklich einen Fortschritt gemacht, indem nicht mehr das Ausstellen von (toten oder lebendigen) Exemplaren im Zentrum ihrer Tätigkeit steht, sondern die Erforschung der Interaktionen, der Biotope.
Aber, obwohl Wallace durchaus noch der ‚alte‘ Jäger-Forscher war, haben seine Forschungsresultate implizit diese Entwicklung hin zum Beobachter-Forscher voran getrieben. Alles in allem also eine empfehlenswerte Lektüre, auch wenn Ausgabe der edition erdmann im Marix-Verlag, die mir vorliegt, einmal mehr mangelhaft ist. Ungenügende bibliografische Angaben über den verwendeten Originaltext und eine OCR-Engine, die immer mal wieder einfach Wörter zusammenklebt, die nicht zusammen gehören, ärgern doch empfindlich.