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Geschichte
Alte Nazis, jüdischer Ex-Präsident und neue Ressentiments
Am 27. Juli 1962 beschloss der DFB die Einführung einer Fußball-Bundesliga. Gründe dafür gab es gleich mehrere. Sie waren sportlicher, finanzieller und rechtlicher Natur. Im Monat zuvor war die Weltmeisterschaft in Chile zu Ende gegangen; die Deutschen hatten so schlecht abgeschnitten wie noch nie seit ihrer Nachkriegswiederaufnahme in den Weltfußballverband.
Leistungshemmend auf Vereine wie die Nationalelf wirkte sich auch der Amateurbetrieb aus. Fast alle Kicker gingen tagsüber einem Beruf nach und konnten erst anschließend trainieren. Handgelder für Vereinswechsel wurden heimlich bezahlt, offiziell blieben sie verboten. Um Rechtssicherheit in diese Grauzone zu bringen, wurde der Lizenzspieler eingeführt. Wie aber sollte die neue Liga aussehen? Und wer durfte in ihr spielen?
Bei der ersten Frage einigte man sich rasch auf einen Spielbetrieb mit 16 Mannschaften. Als Qualifikationsmaßstab wurden die Platzierungen der letzten Jahre in den Oberligen herangezogen. Ein Schlüssel aus sechs Süd-, fünf West-, drei Nord- und je einem Vertreter aus Südwest und Berlin spiegelte das Kräfteverhältnis in etwa wider. Doch auch hier gab es eine Ausnahme: Das Saarland, erst 1957 durch eine Volksabstimmung wieder zur Bundesrepublik gehörig, sollte ebenfalls einen Bundesligisten stellen dürfen. Der 1. FC Saarbrücken spielte zwar nicht schlecht; doch reichten die Qualitäten längst nicht an diejenigen des Vereins heran, der das Bauernopfer abgeben musste.
Ausgerechnet Bayern München wurde der Zugang zur Bundesliga verwehrt. In den ersten Jahren des bezahlten Fußballs in Deutschland hatten die heute so erfolgsverhöhnten Bayern daher den Status eines Underdog. Noch nicht mal mit dem Aufstieg ein Jahr später klappte es: Im letzten Qualifikationsspiel unterlag man ausgerechnet einem Vertreter aus dem rivalisierenden Bundesland. Mit Borussia Neunkirchen hatten sie an der Saar allerdings keinen zweiten Bundesligaclub, denn der 1. FC aus der Hauptstadt war inzwischen schon wieder abgestiegen. Mit dem Aufstieg der Bayern sollte es erst 1966 klappen.
Die Bayernfeindlichkeit mag Gründe gehabt haben: Zum einen saßen in den entscheidenden Gremien des DFB zu Beginn der 1960er Jahre noch jede Menge alter Nazis. Zum anderen hatte dem FC Bayern lange Jahre ein jüdischer Präsident vorgesessen. Jetzt ist eine Biografie über ihn erschienen. Sie heißt schlicht Kurt Landauer (Untertitel: Der Mann, der den FC Bayern erfand). Der Titelheld war von 1919 bis 1933 Präsident des FC Bayern und hatte einen großen Anteil an der ersten deutschen Meisterschaft der Münchner in der Saison 1931/32. Seine Position an der Spitze des damals vielleicht besten deutschen Vereins half Landauer wenig, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen.
Da er Jude war, durfte er im Dritten Reich keinem Fußballklub mehr vorsitzen, schon gar nicht einem so prominenten. Bei einer Kundgebung vor der Feldherrnhalle am 9. März 1933 sagten die neuen Gebieter in der bayerischen Hauptstadt dem Judentum den Kampf an. Zwei Wochen später wurde das Konzentrationslager Dachau eröffnet und am gleichen Tag Landauer seines Amtes beim FC Bayern enthoben. Dachau durfte der Ex-Präsident auch noch kennenlernen, am 10. November 1938, dem Folgetag der antijüdischen Pogrome. Nach wochenlanger Haft mit zahlreichen Demütigungen wurde Landauer fürs Erste wieder entlassen. Die Zeit des Atemholens nutzte der Freigänger, um sich in die Schweiz abzusetzen. Vier seiner Geschwister, die eine solche Gelegenheit nicht besaßen oder ergriffen, kamen in den Vernichtungslagern der Nazis um.
Einen Lichtblick gab es für Landauer noch während des Krieges: Am Ende eines Freundschaftsspiels des FC Bayern in Landauers Exilort Genf liefen die Spieler auf die Tribüne zu, um ihren dort sitzenden unvergessenen Patron zu begrüßen. Der freundschaftliche Akt führte daheim zu einer Abmahnung seitens der Münchner NSDAP-Leitung. Nach seiner Rückkehr aus der Schweiz wurde Landauer noch einmal an die Spitze des FC Bayern berufen. Vier Jahre später verlor er erneut sein Amt, diesmal nicht durch politische Willkür. Es waren die Vereinsmitglieder, die lieber einen Handballer an ihrer Spitze sahen und den Fußballer, aber nicht den Juden Landauer abwählten.
Nach seinem Tod im Januar 1962 geriet Landauer rasch in Vergessenheit. Kein Wunder: In einem offiziellen Nachruf in der Klubzeitung der Bayern wurden für sein vierzehnjähriges Verschwinden vom Präsidentenstuhl schlicht "politische Gründe" angeführt. Vom antijüdischer Diskriminierung geschuldeten Amtsverbot, von Drangsalierung, KZ-Haft und Exil war nicht die Rede. Inzwischen steht der FC Bayern zu seinem jüdischen Erbe. Um den Verein auf diesem Weg zu bestärken und auch Anhängern wie Gegnern eine lehrreiche Geschichtsstunde zu bereiten, ist die Biografie von Dirk Kämper gerade noch zur rechten Zeit erschienen. Das Verdienst gebührt einem Schweizer Verlag, orell füssli.