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Ich war vor einigen Jahren mit meiner Tochter und ihrer Kollegin im Bus unterwegs. Bei einer Haltestelle stieg eine ältere Frau ein. Kaum war sie drin, hat sie die Kinder angeschnauzt, wie respektlos sie seien, ihr nicht gleich einen Platz anzubieten. Heutige Jugend halt. Zuerst waren wir perplex, ich habe die Mädchen angeschaut und sie haben dann den Platz freigemacht. Zuhause gab es dann aber einiges zu diskutieren. Meine Tochter war im Gespräch vertieft und hat die Frau nicht bemerkt. Die Kollegin schon. Diese fand aber, dass die Dame ja noch gut zu Fuss war.
Wie viele andere Begriffe aus Führung und Erziehung hat auch das Wort «Respekt» verschiedene, zum Teil konträre Bedeutungen. Wie ist der Begriff in Ihrem Kopf abgespeichert? Was bedeutet respektvoll? Wann ist jemand für Sie respektlos?
Ist ein Mitarbeitender respektlos, wenn er sich nicht an die Anordnungen des Vorgesetzten hält. Oder ist der Vorgesetzte respektlos, wenn er diesen anschliessend zusammenstaucht?
Damit dies besser unterscheiden werden kann, stelle ich Ihnen zwei Formen von Führung vor:
Im ersten Weg «Führen/Erziehen über Gehorsam» fordert die Führungsperson von Mitarbeitenden oder Schüler*innen Gehorsam ein. Das Wort «kein Respekt» wird hier als Synonym für «gehorcht nicht» gebraucht. Wenn Menschen Widerspruch geben, stellt man sie abwertend als respektlos hin. Respektlos würde dann auch heissen, dass sie «keine Angst» haben. Dass die Manipulation nicht wirkt. Was dann zur Folge hat, dass «respektlos» die Macht ausgespielt wird und man allenfalls Schein-Kooperation erhält. Dieses System scheint mir nicht geeignet, andere Menschen zu respektvollen Verhalten zu erziehen.
Im zweiten Weg «Führen/Erziehen über Beziehung» lebt die Führungsperson Respekt vor, indem sie die eigenen Grenzen und auch die Grenzen des Gegenübers respektiert. Sie bleibt auch in schwierigen Situationen respektvoll und empathisch gegenüber anderen Menschen und kann somit in Beziehung bleiben. Sie hält Widerstand aus und bleibt dran. So erhält sie Einfluss, ohne dass sie ihre Macht ausspielen muss. In einem solchen Umfeld kooperieren Menschen gerne. Dieses System scheint mir geeignet, anderen Menschen selber respektvolles Verhalten zu lernen.
Ich lade Sie ein, in nächster Zeit sich und andere beim Verwenden des Respekt-Begriffes zu beobachten …
Der erste Weg ist in unserer Gesellschaft und in unseren eigenen Zellen ziemlich präsent. Der zweite Weg ist eigentlich das, was uns Menschen als Beziehungstiere am besten tut. Hinter diesem Weg stehe ich zu 100 Prozent.
Lernen Sie im Führungstraining «Vom Gehorsam zur Verantwortung» immer mehr den zweiten Weg zu gehen. Und sich von der eigenen autoritären Prägung zu lösen. Denn: Beziehungskompetenz ist lernbar.