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Pierina (4) liebt es, mit ihrer Mama zu Hause zu sein, zu spielen, kochen, zeichnen oder eigene Fantasiewelten zu erschaffen. Fort geht sie nicht so gern, andere Kinder sind ihr zu unberechenbar und schnell zu ruppig. «Sind wir mal länger unterwegs, will sie bald heim oder sagt, sie sei müde und müsse ins Bett», erzählt ihre Mutter Sandra. «Pierina und ich verstehen uns blind und sind fröhlich zusammen.»
Leo (8) spielt gern mit anderen Kindern und findet schnell Freunde, ist aber sehr vorsichtig und denkt viel, in unbekannten Situationen noch mehr. «Er wäre wohl gerne ein Draufgänger, getraut sich aber nicht», sagt Mutter Mara. «Dann redet er, das ist seine Strategie.» Klettert sein Freund den Baum hoch, bleibt Leo unten und ruft lauthals: «Wir sind Piraten! Wir sind unbezwingbar!» Abends kann er lange nicht schlafen. Seine Eltern müssen warten mit dem Aufräumen der Küche und ganz leise durch die Wohnung trippeln.
Pierina und Leo sind verschieden, haben aber eins gemeinsam: Beide sind hochsensibel. Das bedeutet, dass sie Sinneseindrücke stärker wahrnehmen als andere und dadurch schneller überreizt sind. Der Begriff Hochsensibilität wurde Anfang der 1990er-Jahre von der amerikanischen Psychologin Elaine Aron geprägt. Sie stellte fest, dass manche Menschen offenbar feinfühliger reagieren und sich schlechter schützen können vor den vielfältigen Reizen aus der Umwelt. Die Verarbeitung der zahlreichen Informationen beansprucht diese Menschen stark, weshalb sie sich öfter zurückziehen müssen.
Jedes fünfte Kind betroffen
Elaine Aron entwickelte einen differenzierten Fragenbogen, in dem sich die Bandbreite der möglichen Erscheinungsformen abbildet, und widmete fortan ihre Forschung dem Phänomen. Im Laufe der Jahre stellte sie fest, dass etwa 20 Prozent aller Elaine Aron entwickelte einen differenzierten Fragenbogen, in dem sich die Bandbreite der möglichen Erscheinungsformen abbildet, und widmete fortan ihre Forschung dem Phänomen. Im Laufe der Jahre stellte sie fest, dass etwa 20 Prozent aller Menschen in die von ihr definierte Kategorie der Hochsensibilität fallen. Über das Persönlichkeitsmerkmal wird heute auf vielen Kanälen diskutiert, die Forschung steckt aber noch in den Kinderschuhen und bisher gibt es keine eindeutige oder allgemein anerkannte neurowissenschaftliche Definition davon. Allerdings haben sich vor Aron schon andere Psychiater oder Psychologen mit dem Erleben von erhöhter Sensitivität auseinandergesetzt, etwa Carl Gustav Jung oder Alice Miller.
Also alter Wein in neuen Schläuchen? Manche Kinder sind schüchtern und zurückhaltend, das war schon immer so. Auch unter den Erwachsenen gibt es solche, die introvertiert, nervös oder besonders empfindlich sind. Elaine Aron aber geht es darum, das Verständnis zu fördern, wieso diese Menschen genau so sind wie sie sind, sodass wir unsere Vorurteile oder den Wunsch, das eigene Kind ändern zu wollen, abbauen können. «Lange Zeit fragte ich mich, was mache ich falsch, dass Pierina so ein Mamihöck ist?», erinnert sich Sandra. Als ihre Tochter zwei war, wurde sie auf Elaine Arons Buch «Das hochsensible Kind» aufmerksam. «Die Lektüre hat mir sehr geholfen, Pierina zu akzeptieren, wie sie ist.» Früher habe es sie gestresst, dass das Kind so anhänglich war; es verletzte sie, wenn man ihr vorwarf, eine Glucke zu sein. «Heute fällt es mir einfacher zu vertrauen, dass Pierina ihren Weg gehen wird. Mittlerweile ist sie auch schon viel offener und erträgt mehr.»
Das Gefühl, anders zu sein
Es geht um einen veränderten Blick auf Verhaltensweisen, die in unserer leistungsorientierten und schnelllebigen Gesellschaft wenig Prestige geniessen. Ein charakteristisches Merkmal von Hochsensibilität ist die Neigung, innezuhalten und eine Situation umfassend wahrzunehmen, bevor man handelt oder eine Entscheidung trifft. «Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass man Angst vor der neuen Erfahrung oder vor Fremden hat», schreibt Aron in ihrem Buch. «Schüchternheit beinhaltet die Neigung, von anderen negativ beurteilt und zurückgewiesen zu werden.» Bei Kindern unter sechs Jahren sei sie jedoch selten anzutreffen. Häufiger komme es vor, dass Kinder, die wiederholt die Erfahrung machen, dass ihnen nicht genug Zeit gelassen wird in neuen Situationen, in Zukunft in solchen Momenten ängstlich oder schüchtern reagieren.
Hochsensible Menschen leben mit dem Gefühl, anders zu sein – irgendwie nicht richtig; ihre Eigenarten und Bedürfnisse machen sie zu Aussenseitern. Hochsensibilität ist aber weder eine Verhaltensstörung noch eine Krankheit. «Sie zieht sich jedoch wie ein roter Faden durch das ganze Leben hindurch», sagt Brigitte Küster Schorr, Buchautorin und Leiterin des Instituts für Hochsensibilität in Altstätten SG. Weg geht die erhöhte Empfindlichkeit nicht. «Aber man kann einen Weg finden, damit umzugehen.»
Nicht in Watte packen
Weist das eigene Kind Wesenszüge der Hochsensibilität auf, ruft dies bei vielen Eltern unangenehme Gefühle hervor, von Unverständnis bis Ablehnung. Schätzungsweise die Hälfte der Eltern mit einem hochsensiblen Kind zeigt selber ähnliche Wesenszüge. Auch die Zwillingsforschung lässt erkennen, dass es eine signifikante familiäre Häufung der Hochsensibilität gibt.
Wenn Kinder einem den Spiegel vorhalten, ist das aber nicht immer angenehm. «Als Leos Ängstlichkeit zu einem Hindernis im Alltag wurde, suchte ich eine Psychologin auf», erzählt Mara. «Sie stellte mir viele Fragen zu Leos Verhalten, und je länger sie fragte, desto bewusster wurde mir: Sie redet auch von mir!» Mara sagt, sie hätte sich gewünscht, dass Leo eher nach dem Vater komme: robuster, weniger schnell überreizt und unbeschwerter. Der Vater hatte denn auch mehr Mühe mit Leos Empfindlichkeit. Seit den Gesprächen mit der Psychologin versteht aber auch er seinen Sohn besser. «Und mich ebenso», freut sich Mara.