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| Gregor v. Nazianz († 390) - Reden

XX. Rede
11.
Hörst du von Erzeugung, dann grüble nicht! Hörst du vom Ausgang des Geistes aus dem Vater, dann forsche nicht nach dem Wie! Wenn du gleichwohl über die Erzeugung des Sohnes und den Ausgang des Geistes nachgrübelst, dann forsche ich über die Einigung deiner Seele und deines Körpers. Wie ist es möglich, daß du Staub bist und Ebenbild Gottes? Was ist das, was dich bewegt, was ist das, was bewegt wird? Wie kommt es, daß das gleiche sowohl bewegt als auch bewegt wird? Wie ist es möglich, daß die Sinne im Körper bleiben und doch das Ferne herbeiziehen? Wie ist es zu erklären, daß der Verstand in dir bleibt und doch im Verstande eines anderen Gedanken erzeugt? Wie hat das Wort die Möglichkeit, [S. 413] Gedanken zu vermitteln? Noch nicht spreche ich von dem, was noch größer ist. Wie ist das Himmelsgewölbe zu erklären? Wie die Bewegung der Sterne, ihre Ordnung, ihre Regelmäßigkeit, ihr Sichvereinen und Sichentfernen? Welches sind die Grenzen des Meeres? Woher kommt das Wehen der Winde, der Wechsel der Jahreszeiten? Woher die Regengüsse? Wenn du, o Mensch, von diesen Erscheinungen nichts verstehst, - verstehen wirst du sie wohl dereinst, wenn du die Vollkommenheit erlangt hast; denn „ich werde”, wie es heißt1, „die Himmel, die Werke deiner Finger schauen”, so daß der Schluß erlaubt ist: das, was wir jetzt sehen, ist nicht die Wahrheit, sondern sind Bilder der Wahrheit -, wenn du dich jetzt nicht kennst und nicht weißt, wer du bist, obwohl du über solche Fragen disputierst, wenn du das, wovon deine Sinne Zeugnis geben, nicht erfassen kannst, wie kannst du glauben, genau zu wissen, wer Gott ist, und wie groß er ist! Solcher Glaube ist große Torheit.
1: Ps 8,4