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Der alte Gletscherpass zwischen Wallis und Grindelwald
G. Studer ( Section Bern ).
Der alte Gletscherpass zwischen Wallis und Grindelwald Von Das Thal von Grindelwald wird vom Wallis durch die hohe, steile, gletscherbedeckte Wand des Vieschergrats geschieden, der an seinem westlichen Ende an die Gipfelmasse des Mönchs, an seinem östlichen an das Agassizhorn oder mittelst desselben an das Finsteraarhorn sich anlehnt, während er sich in seiner Mitte in den Viescherhörnern zu seiner höchsten Erhebung emporschwingt.
Auf der Grindelwalderseite fusset die Viescherwand in jenem Hochthale, das an der Strahlegg sich bildet und von dort stufenweise und eingeklemmt zwischen mächtigen Gebirgslehnen in das Thalbecken von Grindelwald hinabsteigt. Den blendend weissen Hochfirnen, welche die westlichen Hänge der Strahlegg bekleiden, entwächst der untere Grindelwaldgletscher, der das ganze Thal mit seiner Eismasse bedeckt, indem er, der Formation der Bodenfläche entsprechend, zwischen steilen Senkungen jene Eisebenen bildet, die unter den Namen Oberes und Unteres Eismeer bekannt sind, bis er, noch enger eingezwängt, in seinem äussersten Absturz den Thalgrund von Grindelwald erreicht, wo die weisse Lütschinen aus ihm hervorquillt und mit der schwarzen, die dem obern Gletscher entfliesst, sich vereinigt.
Auf der Walliserseite ziehen sich die Hochfirne, die den Vieschergrat bekleiden, theils als Jungfraufirn und Ewig Schneefeld nach dem Grossen Aletschgletscher hinunter, der das Thal ausfüllt, das eigentlich schon am Jungfraujoch beginnt und nach seiner Vereinigung mit dem aus Westen herkommenden Thal des Grossen Aletschfirns in sanftem Bogen nach Süden sich wendet, endlich im Blindtobel zur tiefen Kluft sich verengt und bei Naters in das Rhonethal ausmündet, wo auch die weiter oben dem Gletscher entströmende Massa in die Rhone sich ergiesst. Andere Hochfirne aber, welche die dem Wallis zugekehrte Seite der östlichen Partie des Vieschergrats panzern, fallen in das Becken, dessen Boden der Walliser Viescherfirn ausfüllt. Mit diesem vereinigt sich thalabwärts beim Rothhorn der von Nordosten herkommende Firnzweig, der jetzt den Namen Studerfirn, trägt und beide zusammen bilden sodann den Vieschergletscher, der das tiefe schmale Thal durchzieht, das sich bei Viesch, etwa eine Stunde unterhalb des jetzigen Gletscherauslaufs, in das Rhonethal öffnet. Als Scheidekamm zwischen dem Thalgebiet des Aletschgletschers und demjenigen des Vieschergletschers erhebt sich die gewaltige Kette der Grün- hörner und Walliser Viescherhörner, welche sich am Hintern Viescherhorn vom Vieschergrate ablöst.
Der Vieschergrat stellt somit eine mächtige Scheidewand dar. Seine Gipfel erheben sich im Grossen Viescherhorn auf 4049, im Hintern Viescherhorn auf 4020 und im Kleinen Viescherhorn auf 3905 Meter. Seine niedrigsten Stellen behaupten noch eine absolute Höhe von 3560, 3630 und 3642 Meter. Die Stelle des Thalgrundes, wo die beiden Lütschinen sich vereinigen, liegt ungefähr 966 Meter über Meer und der Höhenabstand zwischen diesem Punkte und dem Mönchjoch, welchen Namen jetzt die mit 3630 Meter bezeichnete Gratstelle führt, beträgt somit noch 2664 Meter. Die Höhe der eigentlichen Viescherwand aber, von ihrem unmittelbaren Fuss am untern Eismeer an gerechnet, kann im Minimum auf 1960 Meter angeschlagen werden. Da die horizontale Entfernung zwischen dem Thalgrund von Grindelwald und dem Kamm des Vieschergrats nur circa 11Ì2 Schweizerstunden beträgt, so kann man daraus die Steilheit der Gebirgsab dachung auf der Seite von Grindelwald ermessen.
Günstiger zeigen sich auf der Walliserseite die Höhenverhältnisse.Viesch liegt 1163 Meter über Meer; die Ebene des Jungfraufirns am Fusse des Mönchjochs misst 3000 Meter; der Höhenabstand zwischen Viesch und dem Mönchjoch beträgt daher nur 2467 Meter und derjenige zwischen der Ebene des Jungfraufirns und dem Mönchjoch erst nur circa 630 Meter.
Immerhin sehen wir im Vieschergrat eine Gebirgserhebung, die nirgeuds unter 3560 Meter herabsinkt, und über diesen rings von Gletschern umlagerten, hohen Kamm soll dennoch vor Zeiten ein offener, brauchbarer Pass aus dem Wallis nach Grindelwald geführt haben!
Ich werde in der folgenden Darstellung an der Hand der freilich etwas spärlichen und unsichern Anhaltspunkte aus Geschichte und Sage nachzuweisen versuchen, ob und wie weit jene längst verbreitete Erzählung von einem solchen Pass als wirkliche Thatsache begründet sei.
Die älteste Quelle, die mir zu diesem Behufe zu Gebote stand, findet sich in Professor Johann Georg Altmann's- « Versuch einer historischen und physischen Beschreibung der Helvetischen Eisbergen, Zürich 1751. » Bei der Schilderung des Viescherhorns, « das seinen Namen von dem dahinter gelegenen Dorfe Viesch habe », bemerkt der Verfasser: « es sei nach der allgemeinen Aussage ehemals über diesen Eisberg und zwar ( wie er es auf pag. 54 genauer bezeichnet ) zwischen dem Viescherhorn und dem Eiger ein Weg aus dem Grindelwald in das Wallisland offen gewesen, der aber seit der Zeit so stark mit Eis und Schnee bedecket worden, dass er nun ganz unbrauchbar sei. » Herr Altmann will diesem Vorgeben nicht widersprechen, « weil an verschiedenen Orten Wege über die Eisberge geh'n, und es gar wohl sein könne, dass an eben dem Orte das Eis und Schnee sich so vermehrt, dass der ehemalige Weg unbrauchbar gemacht worden. » Dass es sich aber hier um einen wegbaren, begangenen Pass und nicht etwa nur um vereinzelte Uebergänge kühner Bergleute auf pfadlosen Steigen handelt, unterliegt keinem Zweifel.
31 Jedenfalls müssen zur Zeit, wo nach der Sage ein solcher Pass existirte, die Gletscher eine andere Gestalt gehabt haben, als es seit Menschengedenken der Fall ist. Wir vernehmen denn auch von Altmann bezüglich ihres Ab- und Zunehm ens: « dass die alten Geschichten uns bezeugen, es hätten alle Eisberge in der Schweiz im Jahre 1540 mehr abgenommen, als in so vielen vorhergehenden, weil man in dem Sommer desselben Jahres eine so grosse Hitze und Trockne verspürt, dass nicht nur alle Gletscher völlig geschmolzen, sondern auch viele Eisberge von Schnee gänzlich entblösst worden, so dass bis zur Herbstzeit der blosse Fels auf denselben zu sehen war, in etwelchen folgenden Jahren aber seien die Gletscher wieder so stark angewachsen, dass das ehemalige Abnehmen nicht mehr verspürt worden. > Der nämliche Verfasser erwähnt auch der Geschichte dreier Männer, welche sich im Jahre 1712 aus Grindelwald über den Eisberg in 's Wallisland hinübergewagt, aber so grosse Schwierigkeiten angetroffen haben sollen, « dass allen übrigen die Lust vergangen sei, sich auf diesen Weg zu begeben. » Spätere Schriftsteller bestätigen diese Thatsache, lassen aber, was auch richtiger zu sein scheint, jene Männer ihren Uebergang in umgekehrter Kichtung ausführen.
Herr Altmann gedenkt ferner des ehemaligen, der h. Petronella zu Ehren erbauten Kirchlein's, verlegt dessen Stätte aber auf den mittlern Theil des Metten-borges, der sich bekanntlich zwischen den beiden Grindelwaldgletschern erhebt. Er beruft sich dabei auf Herrn Scheuchzer, der in seinen « Itineribus Alpinis » ( 1723, B. II, p. 287 ) daran erinnere, « dass ehemals oben an dem Berg ein Kirchlein zu Ehren dieser Heiligen sei erbaut worden, so nun aber ganz mit Schnee und Eis bedeckt sei. » In der Scheuchzerischen Karte vom Jahr 1712 steht wirklich noch der Name S. Petronell ( mit Kirchen-zeichen ) südöstlich von Grindelwald, am rechten Ufer der Lütschinen. Schon Thomas Schöpf in seiner « Chorographia ditionis Bernensis » ( Manuscript vom Jahr 1577 ) verzeigt die Stelle der Sancta Petronella am untersten Fusse des Mettenbergs, und ebendahin versetzt sie die « Abbildung des untern Grindelwaldgletschers » in « Herrlibergers Topographie der Eidgenossenschaft, Zürich 1754. * Auf einer Karte der Stadt und des Gebietes von Bern von Joseph Plepp aus dem Jahre 1630 befindet sich dagegen der Name S. Petronell mit dem Zeichen eines Kirchleins an seiner notorisch richtigen Stelle südlich von Grindelwald, am linken Ufer des Baches, der die weisse Lütschinen darstellt. Es liesse sich denken, dass auch am Fuss des Mettenberges eine ähnliche Kapelle gestanden haben könnte.
Schon etwas einlässlichere Berichte über den alten Pass zwischen Grindelwald und Wallis gibt uns Gottlieb Sigmund Grüner in seinem Werke: « Die Eisgebirge des Schweizerlandes. Bern 1760. » Er spricht ( Band I, pag. 83 und Bd. III, pag. 147 u. f. ) von einem offnen, brauchbaren und grossen Pass, welcher durch das vor Zeiten mit den schönsten Alpen bekleidete Bergthal des untern Grindelwaldgletschers nach dem Wallis geführt habe und dessen sich die kranken Grindelwaldner zu ihrem Gang nach dem Viescherbade im Wallis, die " Walliser aber zur Wallfahrt nach der h. Petronella in Grindelwald bedient haben sollen.
Es soll, nach Grüner, in der That einst zu Viesch ein warmes Schwefelbad existirt haben, das « jedoch schon vor einigen Jahrhunderten durch einen Bergfall bedeckt worden sei. » In Bezug auf die Kapelle der h. Petronella weist derselbe auf alte schriftliche Urkunden, welche beglaubigen, dass diese Heilige ehemals in Grindelwald ihren Sitz gehabt habe.Von der Kapelle selbst will er jedoch keine Spuren gefunden haben, obschon es damals geheissen, « beim Abnehmen des Gletschers solle man den Eingang der Kapelle unter dem Eise, oder vielmehr unter den Steinhaufen sehen können. » Ueber den Ort, wo sie gestanden, spricht sich Grüner nicht aus.
Dagegen bestätigt er, als « durch schriftliche Urkunden bewährte Thatsache, » die Angabe Altmann's, « dass im Jahr 1540 die Grindelwaldgletscher wegen der ausserordentlichen Hitze des Sommers gänzlich weggeschmolzen seien und man bis in den Herbst den nackten Felsen gesehen habe; dass sie aber wenige Jahre nachher sich wieder völlig ersetzt befunden hätten. » Ueber die hierauf folgenden Gletscherbewegungen gibt uns Grüner nur unsichere Berichte. Doch erwähnt er der Thatsache, dass zu Anfang des 18. Jahrhunderts, und zwar hauptsächlich im Jahr 1703, wiederum eine bedeutende Zunahme der Gletscher stattgefunden habe. Laut schriftlicher Urkunde sei damals ein schönes Stück der Pfarrei Grindelwald zuständiger Weide vom Eise bedeckt worden und seitdem vergletschert geblieben. Abbildungen aus jener Zeit nach zu urtheilen, sei es auch wahrscheinlich, dass diese Gletscher in den folgenden Jahren nicht nur die gleiche Grösse behalten, sondern bis gegen 1720 sich beständig noch weiter ausgedehnt hätten. Abwechselnd seien sodann Ab- und Zunahme einander gefolgt bis im Jahr 1750, wo der untere Gletscher wieder so sehr zurückgewichen sei, wie es nach dem Zeugniss der Anwohner seit ihrem Besinnen nicht der Fall gewesen.
Zum Beweise der einstigen Fruchtbarkeit des nun mit Eis bedeckten Thales weist Grüner darauf hin, « dass man auf der Gletscherebene unten am Kalli noch Stämme von Lärchbäumen aus dem Eise hervorragen sehe, die annoch ganz frisch aussehen und dennoch schon sehr lange daselbst stehn, indem man wisse, dass diese Gegend mindestens seit 60 Jahren mit Schnee bedeckt sei. » Ueber die Reise jener drei Wagehälse, von denen uns schon Altmann berichtet hat, findet sich bei Grüner wörtlich folgende Stelle: « Im Jahr 1712 während dem einheimischen Kriege wurden drei Grindelwalder in dem Wallislande, wo sie in Arbeit waren, als Geiseln behalten und konnten sonst nirgends entwischen, als über diese Ungeheuern Eisberge. Die Noth lehrte sie die Gefahr verachten, deren sie sich während dieser unerhörten Reise biossetzten. Sie kamen von der Wallisseite ohne besondere Beschwerde bis zu oberst auf die Berge, weil der Schnee auf der Mittagseite im Sommer meistens wegschmilzt. Die Seite gegen Grindelwald aber war pures Eis. Sie waren genöthigt, Tritte mit Beilen, einen nach dem andern, im Eise einzuhauen und, um nicht zu erfrieren, Tag und Nacht fortzuarbeiten. Nach vieler Mühseligkeit und Gefahr langten sie endlich halb todt in dem Grindelwald an und wurden von den Einwohnern der Obrigkeit als ein Wunder vorgestellt. » Während über die S. Petronellen-Kapelle sowohl Grüner als auch seine Vorgänger Scheuchzer und Altmann uns nur sehr dürftige Notizen geben, finden wir in Besson's Werk: « Manuel pour les Savans et les Curieux qui voyagent en Suisse, Bern 1786 », schon einige nähere Angaben, indem er auch der kleinen Glocke erwähnt, die in dieser Kapelle gehangen sein soll. Wir lesen nämlich im IL Band, pag. 51, Folgendes: « II y a plus, sur le côté du glacier, où l'on a fait une croix, il y avoit autrement une chapelle dédiée à Sainte Petronelle; des biens appartenans à cette église, et à des particuliers dont les titres existent encore à Grindelwald, étoient situés dans ce vallon. La cloche qui étoit dans cette chapelle, a été transportée dans la paroisse de Grindelwald, elle porte la date de 1440. La tradition commune du pays est que ce vallon parcourru actuellement par le glacier, dont le haut est une mer de glace inabordable, étoit une communication fréquentée de ce pays dans le haut Vallais etc. » Nicht unwichtige Ergänzungen zu allem Vorigen gibt uns Herr Professor J. R. Wyss im IL Bande seines Werkes: « Reise in das Berneroberland » ( Bern 1817 ), wo er im Abschnitt: « Die beiden Gletscher und die Eisgebirge von Grindelwald » der Sage erwähnt, nach welcher der Gletscher im Jahr 1561 den offnen Pass nach dem Wallis noch so wenig verhindert habe, dass damals eine Hochzeit und ferner 1578 eine Kindtaufe von jenseits daher nach Grindelwald gekommen sei. » Weiter ist in diesem Werke zu lesen, dass in den ältesten Traubüchern von Grindelwald vor 1595 sich mehrere Beispiele von reformirten Wallisern finden, die « aus dem Wallis kamen, um sich einsegnen zu lassen », so wie dass zu Grindelwald mehrere Geschlechter sich finden, welche ursprünglich im Wallis zu Hause seien.
Aus dem Lärchbaumwald, der vor Zeiten auf der Ebene am Fuss des Kalli gestanden haben soll, wo nun das Eis sich gelagert, macht der Verfasser einen « Arvenwald », von dem man noch oft Stämme bemerkt habe, « die der Gletscher mit sich herabgeschoben, oder Stöcke, die abgekappt an seinem Rande auf ihrer verdorrenden Wurzel gehalten hätten. » Ueber die Bewegung der Gletscher vernehmen wir von dem nämlichen Verfasser, dass um das Ende des 17. ( soll wohl heissen des 16. ) Jahrhunderts der untere Grindelwaldgletscher mit ganz ungeheurer Macht in 's Thal gedrungen sei, und zwar wenigstens eine Viertelstunde weiter, als zur Zeit, wo er denselben besucht, der Ausgang gewesen. Zu jener Zeit habe die Lütschine ihren Lauf verändert, vier Häuser und mehrere Scheunen hätten weggeräumt werden müssen, einige Schwellen habe man umsonst angefangen und eine Menge fruchtbaren Erdreichs sei zu Grunde gegangen. Damals, meint Wyss, sei vielleicht auch der Platz der Petronellenkapelle mit Eis überführt worden. Diesen, wieder vom Eise befreiten, Platz hat er am 30. Juni 1814 besichtigt und uns über seinen Besuch folgende Schilderung hinterlassen:
Die Kapelle der heiligen Petronella habe sich in der sogenannten Nellenbalm befunden, welche eine gute Stunde vom Dorfe Grindelwald entfernt, und am linkseitigen, bewachsenen und mit Trümmergestein überführten Thalbord des untern Grindelwaldgletschers gelegen sei. Diese Balm oder offene Höhle werde durch eine Ueberwölbung des untersten Felsens am Fusse des Eiger, oder genauer der Hörnlein, gebildet. Nicht mehr als 28 bis 30 Schritte tief, sei sie zugleich so weit geöffnet, dass sie vollkommen heiter liege bis hinten. Die Kapelle hätte 50 bis 60 Fuss hoch sein können, denn noch beträchtlicher habe ihm und seinen Begleitern die Decke der Grotte sich zu erheben geschienen.
Sichere Spuren der Kapelle fand Wyss keine mehr. Einiges Gestein an der Wand liess es zweifelhaft, ob man Mauerwerk oder wirkliches Gestein vor sich habe.
Dagegen glaubt der gelehrte Verfasser von dem alten vorbeigehenden Wege bemerkt zu haben, wie derselbe sich allmälig am Rande des Gletschers emporgezogen und nun da sich vjerlor, wo zwischen dem Eise und dem Felsen kein Raum mehr übrig blieb.
Die ( noch vorhandene ) kleine metallene Glocke, die nach allgemeiner Sage aus dem Thürmchen jener Kapelle herrühren soll, beschreibt Wyss auf folgende Weise: « Dieselbe sei 68 Pfund schwer und trage in Mönchs-schrift die Worte: 0 S. Petronela, ora pro nobis, mit der Jahrzahl 1044. Das n in dem Namen der Heiligen sei durch einen Gussfehler unleserlich, alles Andere hingegen sehr wohl ausgedrückt. » Sodann theilt er uns mit: « Man erzähle sich, dass zu Viesch im Wallis noch eine Glocke vorhanden sei, welche gleich derjenigen, die gegenwärtig in Grindelwald gezeigt werde, vor Alters zur Kapelle der heiligen Petronella gehört habe. Um die Zeit der Reformation sei sie von den Wallisern weggeschafft worden, und dass dieses über die Pässe der Grimsel oder Gemmi sich hätte thun lassen, davon werde schwerlich sich ein Mensch bereden. » In seinem Buche « Naturhistorische Alpenreise » ( Solothurn 1830 ) beschäftigt Herr Professor Hugi sich gleichfalls mit dem alten Gletscherpass zwischen Wallis und Grindelwald. Nach seiner Meinung soll dieser Pass während sechs Jahrhunderten üblich gewesen sein. Indem er auch der Kapelle der h. Petronella erwähnt, die noch 1570 am Grindelwaldgletscher bestanden habe, » bemerkt er, dass am Vieschergletscher ob Titerten eine gleiche Kapelle sich befunden, die wie jene, jedoch später, vom Gletscher zerstört worden sei. Diese Kapelle habe ein Glöcklein besessen mit gleicher Jahrzahl und Inschrift wie dasjenige von Grindelwald. Dasselbe sei nach deren Zerstörung lange in einer Kapelle zwischen Brüggen und Viesch aufbewahrt worden, später aber nach Viesch gekommen und dem Vernehmen nach dort eingeschmolzen worden. In der Nähe beider Stellen, wo einst jene Kapellen gestanden, erzählt Hugi weiter, wolle man Merkmale eines alten Weges wahrgenommen haben, und daraus zieht er den Schluss, es seien die beiden Kapellen als die Anfangs-und Endpunkte des Passes zn betrachten.
Schon Herr Pfarrer Bridel erwähnt in seinem Werke « Essai statistique sur le Canton de Vallais » ( Zürich 1820, pag. 92 ), nahe bei Viesch sei ein kleines Frauenkloster gewesen und von den letzten Hütten ( hameaux ) des Viescherthales sei der Fussweg abgegangen, der, jetzt ungangbar, über den Aletschgletscher und die Abstürze des Mt. St. Antoine nach der Kirche von Grindelwald geführt habe. » Mit der letztern Angabe, die Richtung des Weges betreffend, ist Herr Professor Hugi nicht einverstanden. Er hält dafür, der Uebergang des alten Passes möchte mehr östlich, näher am Finsteraarhorn, und zwar da zu suchen sein, wo man beim Zäsenberg den Vieschergrat übersteigen und direct hinab auf den Vieschergletscher gelangen könne.
Einen Beweis für die Richtigkeit seiner Vermuthung, sowie für die Existenz des Passes selbst, glaubt er in der geschichtlichen Thatsache zu finden, dass Berchthold V. von Zähringen, als er bei seinem Kriegszuge in 's Wallis 1211 in Ulrichen geschlagen worden und der Weg über die Grimsel ihm gesperrt war, durch grosse Wildeneien sich zurückgezogen und bei Grindelwald zuerst wieder das bewohnte Land betreten habe. Wir werden später auf die Unhaltbarkeit dieses Beweises zurückkommen.
Venetz, in seiner Schrift: « Mémoire sur les Variations de la température dans les Alpes de la Suisse » ( Denkschriften der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft vom Jahr 1833 ), gedenkt ebenfalls des alten Gletscherpasses zwischen Wallis und Grindelwald und erzählt, dass zu der Zeit, wo das Wallis zu Frankreich gehörte ( 1810—1814 ), Schmuggler zu verschie- denen Malen, selbst mit Hülfe von Stricken, versucht hätten, auf jenem alten Wege durchzudringen, jedoch ohne Erfolg.
Eine die verschiedenen Aussagen und Andeutungen über Existenz und Richtung des alten Gletscherweges erweiternde Mittheilung bringt uns Professor Desor in seinem Buche: « Excursions et séjours dans les Glaciers » etc., Neuchâtel et Paris 1844. Als nämlich Prof. Agassiz und seine Gefährten von Moru nach dem Aletschgletscher emporstiegen und dessen Bord verfolgten, trafen sie hin und wieder mitten in dem Chaos von Felsen, Trümmergestein und Alpenrosensträuchern Spuren eines mit trockenen Steinen gemauerten Weges an, der schon lange nicht mehr begangen zu sein schien und sich bei Vertiefungen des Terrains unter dem Gletscher verlor. Ihr Führer versicherte sie, « dass nach den Traditionen des Landes diess der Weg gewesen sei, den früher die Einwohner von Naters und der benachbarten Dörfer eingeschlagen hätten, um den Passweg zu gewinnen, der von Viesch über die Gletscher nach Grindelwald geführt hatte und den die Protestanten des Oberwallis zu nehmen gezwungen waren, wenn sie zur Zeit der Reformation, vom Bischof von Sitten verfolgt, über das Gebirge gingen, um ihren reformirten Cultus im Berner Oberlande auszuüben. » Jahn spricht in seinem Werke: « Der Kanton Bern, deutschen Theils » etc., Bern und Zürich 1850, pag. 324, die Wahrscheinlichkeit aus, dass die Kapelle der h. Petronella erst 1600 dem damals stark vorrückenden Gletscher habe weichen müssen. Auch nimmt er die vermeintliche Jahrzahl 1044 für die aufgefundene Glocke zwar an, bemerkt aber doch, dass die Sancta Petronella, die als eine Heilige der Gebirgsgegenden, besonders der Alpenpässe, verehrt worden und hie und da, z.B. an der Furka und im Tyrol, noch jetzt verehrt werde, dem mittelalterlichen Katholicismus angehöre, hier aber an die Stelle einer heidnischen Berggottheit getreten zu sein scheine, zu deren Verehrung die Grotte gedient haben mochte. Anders liesse sich das hohe Alterthum der Kapelle nicht erklären, da fast 100 Jahre später erst das Kloster Interlaken gestiftet worden sei, von welchem man am ersten die Begründung von Kirchen und Kapellen in diesen abgelegenen Thälern erwartet hätte.
Ferner haben wir von einem bewährten Gewährsmann, dem vormaligen Pfarrer von Grindelwald Herrn Gerwer, jetzt Pfarrer in Thun, einige Angaben bezüglich des alten Passes zwischen Wallis und Grindelwald zu registriren, welche derselbe in der Einleitung zu dem schönen Werke: « Das Hochgebirge von Grindelwald », Coblenz 1865, niedergelegt hat. Er erwähnt der ziemlich verbreiteten Sage, dass die St. Petronellenkapelle am untern Grindelwaldgletscher und eine ähnliche in Viesch im Wallis die Anfangs- und Endpunkte eines früher vielfach begangenen Passes über den Grat der Viescherhörner ( früher auch Walcherhörner genannt ) gewesen seien », sowie des nicht weniger verbreiteten Geredes: « dass mehrmals, so z.B. im Jahr 1578, eine Kindstaufe, i. e. ein im reformirten Grindelwald zu taufendes Kind, aus dem Wallis über diesen hohen Pass gebracht worden sei. » Herr Gerwer hat die Pfarrbücher jener Zeit durchsucht, aber nichts gefunden, als: « 1576 den 10. Juni han ich iy Kind taufft, eines Joders auf Sengg von Wallis uss Sauss. » Dazu bemerkt er, wenn der Täufling sein irdisches Dasein mit einer Clubtour über den Vieschergrat begonnen hätte, so wäre wohl im Taufrodel eine weitere Notiz gestanden, was nicht der Fall sei.
Er nimmt übrigens an, ein Walliserbürger, zur reformirten Kirche übergetreten, desshalb aus dem strengkatholischen Wallis vertrieben, könne sehr gut « auf Sengg » im Lütschenthal gewohnt haben.
Verschiedene Gründe haben denn auch Herrn Gerwer bestimmt, der Meinung von einem begangenen Passe nach dem Wallis entgegenzutreten, und zwar namentlich der Umstand, dass das letzte Viertel des 16. Jahrhunderts gerade den untern Gletscher in dem Masse habe anwachsen sehen, dass er ungefähr um das Jahr 1575 die Kapelle der Nellenbalm zerstört habe.
In Betreff dieser Gletscherbewegung beruft sich Herr Pfarrer Gerwer auf eine alte handschriftliche Chronik, welche wohl auch Wyss benutzt hat, und die wörtlich sage: « Im 1600 Jahr ist der ynder ( obere ) Gletscher bei der undren Bärgelbrügg in den Bärgel-bach getrolet und hat man müssen 2 Häuser und 5 Scheuren abräumen, die Platz hat der Gletscher auch ein genommen. Der under Gletscher ist Bangen bis an Burgbiel unter den Schopf und ein Handwurf weit vom Schissellauinengraben und die Lütschinen verlor den rechten Lauf und war vom Gletscher verschwellt, das sie durch den Aellauinenboden auslief. Die ganze Gemeind wollt helfen schwellen, aber es half nichts, man muss die Kälter ( Gehälter ) abräumen, 4 Häuser und viel andere Kälter; da nahm das Wasser überhand und trug den ganzen Boden wäg und verwüstet es. Im 1602 Jahr fing der Gletscher an zu Schweinen und hinder sich zu ruken. » Herr Gerwer zieht aus diesen Angaben den Schluss, es hätten'die Gletscher von 1600—1602 die grösste Ausdehnung in der historischen Zeit gehabt, und hält dafür, es sei ein Ding der Unmöglichkeit, dass nur 24 Jahre vor dieser Zeit ein Taufkind hätte über den Vieschergrat gebracht werden können. Ueber die aufgefundene Glocke bemerkt er ungefähr das Nämliche, was uns Herr Professor Wyss berichtet, und nimmt ebenfalls an, die vier Zeichen, welche auf dem untern Kranz derselben in weiten Abständen und gleich-massiger Vertheilung angebracht sind, bedeuten die Jahrzahl 1044.
Endlich sei es mir noch vergönnt, die verdienstliche Arbeit über « Grüner » zu benutzen, welche Herr J. J. Binder in Zürich, Redaktor der « Neuen Alpenpost », in diesem Blatte niedergelegt hat und in der er den alten Gletscherpass von Grindelwald ebenfalls bespricht* ). Um Aufschluss über einige Punkte zu erhalten, hatte sich Herr Binder an das Pfarramt Grindelwald gewendet, und der damalige Pfarrer, Herr Bay, entsprach zuvorkommend seinem Wunsche. Da der Inhalt des betreifenden BriefesNeue Alpenpost, Bd. V, Nr. 12. ( Ein Pionnier alpiner Forschung. ) vom 22. Januar 1877 für die vorliegende Frage von nicht geringem Interesse ist, so erlaube ich mir, denselben hier wörtlich aufzunehmen. Er lautet also:
« Die Kirchenbücher aus der Zeit des 16. Jahrhunderts sind hier nicht ganz complet, doch fehlt nicht gerade sehr Namhaftes; zudem ist die darin vorkommende Schrift oft so alterthümlich und unleserlich, dass man oft in Unsicherheit ist. Nichtsdestoweniger kann ich Ihnen melden, dass aus dem Zeitabschnitt von 1557-1595 sich circa 15 Taufen und 12 kirchliche Trauungen eingeschrieben finden mit der Bemerkung: « aus Wallis », d.h. so, dass bei Taufen entweder der Vater oder die Mutter, und bei Trauungen entweder der Bräutigam oder die Braut, oder mitunter wohl auch Beide so bezeichnet werden; darunter kommen Geschlechtsnamen vor, die jetzt noch hier eingebürgert sind, wie Michel, Brabant ( Brawand ), Burgener, andere dagegen, wie Joder, am Herd, Hoffer, welche hier nicht vorkommen. Ausser den genannten finden sich noch bei zehn Einschreibungen, wo es heisst, entweder von Ormund ( Ormond ) oder Oesch ( ich denke Château-d'Oex ) oder Lötsch. » « Ferner kann ich Ihnen mittheilen, dass allerdings hier in der Leute Mund als Sage fortlebt, der Gletscherpass nach Viesch, d.h. über den Vieschergrat, neben den Viescherhörnern vorbei, sei in alten Zeiten gangbar gewesen, ja sogar mit Maulthieren begangen worden, während jetzt dies eine Tour für die Führer erster Klasse ist, mit Seil und Eisbeil, schwieriger als eine Besteigung der Jungfrau. Fragt man nach dem Wander-zweck, so lassen einerseits die Zeugnisse der Kirchqn- bûcher darauf schliessen, dass protestantisch Gesinnte aus dem Wallis, des Gottesdienstes wegen, hieher gekommen seien, aber auch das Umgekehrte soll, wie ich von einem alten Manne hier vernommen habe, vorgekommen sein, nämlich dass Grindelwaldner nach Viesch in die Messe gegangen seien, denn im Grindelwaldthal war harter Widerstand gegen die Reformation. » Ich habe im Vorgehenden eine Reihe von Daten, die sich auf die Sage von dem alten Gletscherpass zwischen Wallis und Grindelwald beziehen, soweit sie mir zugänglich waren, zusammengestellt und schreite zur nähern Prüfung ihres Werthes und ihres Ergebnisses. Allerdings legt eine solche Prüfung keine vollgültigen Beweise für die Existenz jenes Passes an den Tag, weil manche, die Frage zu entscheiden geeignete Vorgänge und Thatsachen nur auf unsicherer Tradition beruhen und der Verstand sich dagegen sträubt, anzunehmen, es habe einst ein gebrauchter Pass über jenen hohen, übergletscherten Grenzkamm geführt, den auch jetzt, trotz der in Mode gekommenen Bergsteigerei und der Vertrautheit mit den Gefahren des Hochgebirges, nur geübte Bergsteiger mit allem Apparat von Eispickeln und Gletscherseilen und in Begleit kundiger Führer zu überschreiten wagen. Dennoch können so viele glaubwürdige und thatsächlich erwiesene Momente hervorgehoben werden, die für die einstige Existenz eines solchen Passes sprechen, dass wenigstens bei mir dieselbe als zweifellos erscheint.
Da der Stand und die Veränderungen der Gletscher in dieser Sache eine grosse Rolle spielen, so erlaube ich mir den nachfolgenden Erörterungen eine Uebersicht voranzustellen, welche die notorisch bekannten, hauptsächlichen Gletscherbewegungen in den letzten Jahrhunderten zusammenfasst, besonders insoweit sie sich auf die Grindelwaldgletscher beziehen und wozu ich, in Verbindung mit andern Quellen, zunächst die Darstellung von Kasthofer in seinem Buche: « Bemerkungen auf einer Alpenreise, Aarau 1822 », benutze. 1540 fand eine grössere Abnahme der Gletscher statt, als in vielen vorhergehenden Jahren. Die Grindelwaldgletscher, soweit sie sich zwischen den nördlichen Abhängen des Wetterhorns, des Mettenbergs und des Eigers in das bewohnte Thal ergossen, sollen ganz weggeschmolzen und bis in den Herbst die nakten Felsen sichtbar gewesen sein.
1575—1600 erfolgte ein Wiederan wach sen der Gletscher. 1600-1602 sollen die Grindelwaldgletscher ihre grösste Ausdehnung in der historischen Zeit gehabt haben.
1602 Beginn des Zurückgehens der Gletscher. 1620 soll der untere Gletscher noch unweit der ältesten Gandecke gewesen sein.
1661—1686 wurde eine bedeutende Abnahme der Gletscher wahrgenommen. Im Anfang des 18. Jahrhunderts, besonders 1703 war das Vorrücken wieder beträchtlich bis 1720, wo neuerdings Abnahme eintrat. 1743 erfolgte wiederum Vorrücken bis 32 1748 und 1749, wo der untere Gletscher wieder so weit zurückgewichen sei, wie seit Menschen-besinnen nie.
Wir lassen es bei dieser Zusammenstellung bewenden. Wie die Gletscher vor der Mitte des 16. Jahrhunderts ausgesehen haben, darüber fehlen sichere Nachrichten. Es kann nur vermuthet werden, dass sie, wenn man die vorhistorische Zeit ausser Acht lässt, nicht die spätere Ausdehnung besassen. Aber die Thatsache kann wohl als constatirt angesehen werden, dass im Jahr 1540 die beiden Grindelwaldgletscher gegenüber ihrem spätem Stande einen ausserordentlich niedrigen Stand zeigten, wie er nachher nie mehr zurückkehrte — dass sie aber gegen das Ende jenes Jahrhunderts wieder gewaltig anwuchsen und 1600 — 1602 ihre höchste Mächtigkeit erreichten. Im Laufe dieser Periode mag die Petronellenkapelle zerstört, jener Wald am Fuss des Kalli vom Eise bedeckt und mögen sowohl auf der Grindelwalderseite als auf derjenigen von Wallis bis dahin noch fruchtbare, längs den Gletscherrändern gelegene und bis weit in die Hochthäler hinaufreichende Alpweiden und bewachsene Berghalden übergletschert oder durch die Moräne verwüstet worden sein. Wer sich nun das Aussehen der Hochgebirge vor der Mitte des 16. Jahrhunderts vorstellen will, der muss allerdings die Phantasie zu Hülfe nehmen. Doch dürfte das Bild nicht so sehr gegen die Wahrheit verstossen, wenn man kühn annimmt, dass die gegenwärtig fast in ihrer ganzen Ausdehnung vergletscherten Hochthäler damals noch weit hinauf fruchtbaren Boden und mit Yieh bezogene Alpen besassen; dass daher die Wegstrecke über das eigentliche Gletschergebiet zwischen Grindelwald und Wallis kürzer war als jetzt, weil die Weiden und Alphütten diesseits und jenseits des Kammes einander näher lagen, dass selbst die Abhänge des Vieschergrats damals vielleicht noch manche « abere » Stelle zeigten, die das Begehen desselben erleichterten und jetzt mit Eis bedeckt sind, und dass der zerklüftete Grindelwald-Vieschergletscher, der das abschreckende Bollwerk auf der Grindelwaldseite bildet, zu jener Zeit vielleicht nur aus einem Hochfirn bestand, der die Erklimmung oder den Abstieg ohne Schwierigkeit gestattete. Es wird zwar behauptet, dass bei hohem Stande der Hochfirne und Gletscher deren Ueberschreitung leichter sei, als bei niedrigem Stande, da dieser ihre grössere Zerklüftung und Zerrissenheit bedinge. Allein es darf eine solche Behauptung nicht so allgemein als richtig angenommen werden. Derartige Erscheinungen sind eng mit der localen Bodenbeschaffenheit verbunden. Dieselbe kann derart sein, dass das Zurückweichen des Eises und der niedere Stand der Gletscher und Hochfirne gerade das Gegentheil bewirken, indem durch das Blosslegen des natürlichen Bodens oder durch das Wegschmelzen steiler Gletscherwände, die durch das Anwachsen des Gletschers entstanden sind, und der Begehung oft unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen, die Ueberschreitung besser ermöglicht wird. Es kann daher der niedere Stand der Gletscher im 16. Jahrhundert ( und wohl auch früher ) die Zugänglichkeit der Gletscherreviere zwischen Wallis und Grindelwald begünstigt haben, und wenn man den damaligen Zustand des Gebirges dem jetzigen Zustande der Vergletscherung entgegenhält, wird man sich schon besser mit dem Gedanken befreunden können, dass vor Zeiten eine offene Verbindung zwischen dem Wallis und Grindelwald möglich gewesen sei.
Aber abgesehen von der Wahrscheinlichkeit der frühern, günstigem Beschaffenheit und Zugänglichkeit des Hochgebirges, sprechen für die Existenz eines solchen Passes folgende nicht zu bezweifelnde Thatsachen: Das Dasein der beiden Petronellenkapellen bei Grindelwald und Viesch an den Ausgängen des untern Grindelwald- und des Vieschergletschers; das Auffinden von Spuren eines gemauerten Weges bei der Kapelle am untern Grindelwaldgletscher, hinter Viesch und am Aletschgletscher; die Uebereinstimmung einer sowohl in Grindelwald als im Wallis vorkommenden allgemeinen Sage von einem alten Gletscherpass zwischen Viesch und Grindelwald * ), und endlich das Vorkommen von Geschlechtern in Grindelwald, die aus dem Wallis stammen.
In Bezug auf diesen letztern Punkt bestätigen, wie wir schon aus den Citaten von Herrn Pfarrer Bay an Herrn Binder in Zürich ersehen, die Kirchenbücher von Grindelwald, dass in der Periode von 1557 bis 1595 eine Anzahl Taufen und Trauungen daselbst vorgenommen worden sind, welche Angehörige « aus dem Kanton Wallis » betrafen. Auffallend ist dabei der Unterschied in der Bezeichnung der Herkunft, der zwischen denen von « Lötsch », die doch auch Walliser sind, und den übrigen Wallisern gemacht wird. Nun besteht aber nicht nur eine alte Sage, dass vor Zeiten ein Pass zwischen dem Lötschthal und Lauterbrunnen üblich gewesen, sondern es sind auch urkundliche Nachrichten vorhanden, dass im Mittelalter ein Bergdorf in der Ammerten hinter Lauterbrunnen existirt habe, dessen Bevölkerung, wie diejenige der übrigen mittelalterlichen Ortschaften des Lauterbrunnenthals, aus « Lötschern » ( d.h. Leuten aus dem Lötschthal ) bestanden sei.Von diesen sog. Lötschern mögen nun gar wohl einzelne Familien bis nach Grindelwald vorgedrungen sein und daselbst sich niedergelassen haben. Aber woher sind die andern Leute « aus Wallis » dahin gekommen? Mit grosser Wahrscheinlichkeit darf man annehmen, es seien der Reformation zugethane Bewohner des obern Wallis gewesen, welche die Gegend von Brieg bis Viesch und vielleicht noch weiter thalaufwärts bewohnten und, um sich den religiösen Verfolgungen zu entziehen, auf dem kürzesten Wege sich über den bekannten Gletscherpass nach Grindelwald geflüchtet haben, das zu jener Zeit bereits gezwungen worden war, sich unter die neue Kirchenordnung zu beugen.
Die Existenz eines alten Passes zwischen dem Wallis und Grindelwald wird ferner auch desshalb um so glaubAlb. Jahn, Chronik des Kantons Bern, 1857, S. 80.
würdiger, weil wir theils aus Traditionen, theils als durch Urkunden historisch verbürgt, wissen, dass vor langen Zeiten noch andere Pässe im schweizerischen Alpengebiet offen gewesen sind, welche den Verkehr zwischen den anliegenden Thälern über hohe Gebirgs-joche vermittelten und die nun durch Vergletscherung unbrauchbar geworden und zum Theil ganz verschollen sind. Ich erinnere an den Col de Fenêtre im Bagnesthal, der im Jahr 1476 noch von einer Armee passirt worden sein soll; an den Augstkumpass, über den ein gepflasterter Weg aus dem Turtmannthal in 's Nikolaithal geführt hatte; an den Handelsverkehr, der notorisch einst zwischen Evolena und dem Piémont über den Col de Colon stattgefunden; an den Lötschenberg, über welchen s. Z. ein reitbarer Weg aus dem Lötschthal nach Gastern geführt hatte, dessen Spuren Schreiber dieses 1835 noch gesehen und theilweise verfolgt hat; an die gepflasterten Saumwege, die von Saas über den Monte Moro nach Macugnaga und über ein anderes Joch nach Antrona geführt hatten, in Bezug auf welch'letztern Uebergang Belege beweisen, dass er schon im Jahr 1440 ein alter Pass gewesen ist; endlich an den einstigen Uebergang über den Col d' Hérens zwischen Zermatt und Evolena, der, 3480 m hoch, nur 150 m niedriger ist als die Stelle des Vieschergrats beim Mönchjoch und in Bezug auf welchen konstatirt ist, dass am 20. April 1816 die Gemeinde Praborgne ( Zermatt ) sich beim Kapitel von Sitten von einer Verpflichtung losgekauft hat, die von einer jährlichen Prozession herrührte, welche jene Gemeinde bis nach Sitten gemacht, indem sie die Thäler von Zmutt und Hérens durchzog und zu dem Ende jenes hohe Gebirgsjoch übersteigen musste. Es geht auch die Sage, dass die Gemeinde Praborgne in alter Zeit nach Evolena kirchgenössig gewesen sei und es sollen sich in Evolena Familien befinden, welche ursprünglich in Zermatt zu Hause waren und auch umgekehrt.* ) Erwägt man alles Angebrachte, so darf es auch erlaubt sein, als wirkliche Thatsache anzunehmen, dass vor Zeiten der Uebergang über den Vieschergrat von den Grindelwaldnern theils, wie Grüner sagt, zum Besuche des Heilbades in Viesch, theils um sich im Wallis Arbeit und Verdienst zu verschaffen, von den im Wallis wohnenden reformirten Grindelwaldnern aber zu Cultuszwecken und von den Wallisern selbst zu Wallfahrten nach der h. Petronella und später bei den religiösen Zwistigkeiten und Verfolgungen zur Flucht aus ihrer Heimat benutzt worden ist. Denn — mag auch die Angabe, dass kranke Grindelwaldner über die Gletscher gestiegen sind, um im Viescherbade Heilung zu suchen, sehr abenteuerlich klingen, so bedenke man nur, wie vor dem Jahre 1741 der Weg über die Gemmi ausgesehen hat, der dennoch von Kranken begangen wurde, um sich nach dem Leuker-bade zu begeben. Und wenn, wie man sagt, vor Zeiten, wo Grindelwald noch katholisch war, Walliser über diesen Pass nach der S. Petronellen-Kapelle wallfahrteten, um der Heiligen ihre Gebete vorzutragen, und später, als Grindelwald die Reformation angenommen hatte, im Wallis wohnende Grindelwaldner sich über den Gletscherpass nach Grindelwald begaben, um dort den reformirten Gottesdienst zu besuchen, so darf man nicht vergessen, dass namentlich unter den Alpenbewohnern der Eifer, ihrer Kirche zu dienen, so gross war, dass sie vor keinen Schwierigkeiten zurückschreckten, um ihrem Gewissen ein Genüge zu thun. Wir haben noch aus späterer Zeit ein Beispiel an jenen vier katholischen Bergknappen, welche im Juli 1783 es wagten, von Lauterbrunnen aus, wo sie in den Erzgruben arbeiteten, über die für ungangbar gehaltenen Gletscher nach dem Lötschthal hinüber-zudringen, um in Kippel die Messe anzuhören und am zweiten Tag auf dem gleichen Wege wieder zurückzukehren.
Dass sodann zur Zeit der Reformation ( 1523 bis 1610 ) im Wallis wohnende reformirte Berner und reformirt gesinnte Walliser sich dieses Passes bedient haben, um den drohenden Verfolgungen zu entgehen, ist ebenso erklärlich.
Grindelwald wurde infolge der Kirchenverbesserung von 1528 reformirt und die anfängliche Renitenz des Oberlandes gegen die neue Ordnung der Dinge von der Regierung mit Gewalt niedergedrückt. Im Oberwallis hatten bereits um das Jahr 1530 angesehene Familien die protestantische Confession angenommen. Es entstanden aber religiöse Streitigkeiten und Verfolgungen, bis im Jahr 1603 durch Stimmenmehrheit beschlossen wurde, bei der römischen Kirche zu bleiben. Den Reformirten wurde geboten, abzuschwören oder das Land zu verlassen, wobei ihnen gestattet war, ihr Vermögen mitzunehmen. Zu dieser Zeit scheint nun allerdings der alte Pass nach Grindelwald nicht mehr offen gewesen zu sein, aber jetzt hatten die Reformirten freien Abzug und brauchten nicht mehr heimlich zu entfliehen, wozu sie vorher beim Beginn der religiösen Verfolgungen genöthigt waren, wenn sie sich denselben entziehen wollten. Es kann daher kaum bezweifelt werden, dass solche Verfolgte den kürzesten Weg über die Gletscher nach dem reformirten Grindelwald ausgesucht haben, so lange der Pass praktikabel war.
Ob nun unter jenen, im Wallis wohnhaften, reformirten Grindel waldnern, von denen es heisst, sie hätten sich über die Gletscher nach Grindelwald begehen, um dort ihren Cultus zu pflegen, in der That auch solche gewesen sind, welche ihre Kinder zur Taufe dahin gebracht haben, oder ob eine derartige Tradition in das Reich der Fabel gehört, lassen wir dahin gestellt. Es wird von einer Kindtaufe berichtet, die noch im Jahr 1578 aus dem Wallis über die Gletscher nach Grindelwald gekommen sei. Es wäre dies zu einer Zeit geschehen, wo das gewaltige Anwachsen der Gletscher schon begonnen hatte; dieser Umstand schlösse indess die Möglichkeit nicht aus, dass zu jener Zeit der Pass nicht noch gebraucht werden konnte. Und wenn auch Herr Pfarrer Gerwer es überhaupt schon für undenkbar hält, dass ein Täufling sein Leben mit einer Clubtour über den Vieschergrat begonnen haben könnte, so darf man dagegen bemerken, dass es keineswegs so unglaublich erschiene, wenn eine währschafte, berggewohnte Bäuerin ihr Wickelkind in eine Hütte gesteckt und damit den Weg über die Gletscher nach Grindelwald unter die Füsse genommen hätte. Es kann aber auch gar wohl sein, dass die Sage von diesem Taufgang durchaus unbegründet ist und vielleicht auf einer Verwechslung beruht mit einer in Grindelwald vorgenommenen Taufe des Kindes eines dort ansässigen Wallisers.
Angenommen also, es habe vor Zeiten zwischen Wallis und Grindelwald wirklich ein offener, gebrauchter Pass existirt, der, so lange er wegbar geblieben, bei mancherlei Anlässen und zwar nach beiden Richtungen nicht selten begangen worden ist, so darf doch darunter keine Verkehrsstrasse, wohl auch kein Maulthierweg, sondern nach hierseitiger Meinung ein möglichst durchgehender, sichtbar erstellter Fussteig verstanden werden.
Wir gelangen nun aber zur Prüfung und Beantwortung der weiteren Frage: Welche Richtung hat dieser Pass genommen, und auf welchem Punkte hat derselbe den Vieschergrat überschritten? Wir besitzen darüber ziemlich bestimmte Andeutungen. Schon Altmann sagt, der Pass sei zwischen dem Viescherhorn und dem Eiger hindurchgegangen. Bridel gibt uns noch genauere Auskunft, wenn er bemerkt: von den letzten Hütten ( hameaux ) des Vieschergletschers sei der Fussweg abgegangen, der, jetzt ungangbar, über den Aletschgletscher und die Abstürze ( précipices ) des Mont S. Antoine nach der Kirche von Grindelwald geführt. habe.
Was diesen Mont S. Antoine oder S. Antonierberg betrifft, so erwähnt schon Rebmann in seinem « Neuw lustig Gastmal und Gespräch etc., » Bern 1606, der « guten Wiesen und guten Brunnen » des Antonier-berges. Dieser Name steht auch auf der Karte von Scheuchzer von 1712 hinten im Thale des « Kelch-bachs », welches Thal unzweifelhaft identisch ist mit dem Thal der Massa, in das der Aletschgletscher ausmündet. Die Karte von Grüner, die seinem Werke « Die Eisgebirge der Schweiz » beigefügt ist, bezeichnet mit dem Namen Antonierberg ebenfalls einen Berg zwischen dem Viescherhorn und der Bellalp. Noch auf Walser's Karte vom Wallis vom Jahr 1768 erscheint dieser Name ungefähr da, wo der Aletschgletscher durch die östlichen Ausläufer des Aletschhorns begrenzt wird. Diese Karte ist aber, wie die vorerwähnten, sehr mangelhaft und undeutlich und es können auch gar wohl, was mir richtiger zu sein scheint, unter dem Namen Antonierberg die begrasten Hänge verstanden werden, welche am westlichen Fuss der Walliser Viescherhörner, oberhalb der Märjelenalp, den Ostrand des Aletschgletschers begrenzen, oder die jetzige Märjelenalp selbst. Auf Jüngern Karten, und zwar schon auf dem Meyer'schen Atlas, ist der Name Antonierberg nicht mehr zu finden.
Ging aber der Passweg über den Aletschgletscher oder diesem entlang hinauf, so musste das jetzige Mönchjoch die Stelle sein, wo er den Vieschergrat überschritt und wo der Abstieg nach Grindelwald begann.
Allerdings wäre die Linie zwischen Viesch und Grindelwald kürzer gewesen, wenn man über den Vieschergletscher und Firn hinauf bis auf den Grat und jenseits desselben in der Richtung des Zäsen- berges nach dem untern Grindelwaldgletscher hinab- gestiegen wäre. In diesem Fall hätte man den Kamm beim Kleinen Viescherhorn überschreiten müssen, was auch Professor Hugi vermuthet hat. Allein nicht nur finden sich keine Andeutungen oder irgendwelche Spuren, dass der alte Pass in dieser Richtung über das Gebirge gegangen sei, sondern es würde diese Annahme geradezu den vorhandenen Angaben und Merkmalen widersprechen. Und darf man von der jetzigen Bodenbeschaffenheit auf die frühere schliessen, so wäre schon damals die Begehung des Vieschergletschers, seiner engen und steilen Einfassung und der stellenweise stark gebrochenen Oberfläche wegen, sowie die Besteigung des Vieschergrates und besonders der Abstieg nach dem Grindelwaldgletscher weit schwieriger und gefährlicher gewesen als der Weg über das Mönchjoch, das zudem von der vermeintlichen Uebergangsstelle bei den Viescherhörnern an Höhe um mehr als 200 m übertroffen wird. Und wenn Herr Prof. Hugi ( pag. 107 seiner Alpenreise ) sich ausspricht, dass, wenn man, um von Grindelwald nach Viesch vorzudringen, den Weg über den Aletschgletscher genommen hätte, man auf diesem Wege den Vieschergletscher und die dortige Kapelle nie hätte erreichen können, so ist diese Behauptung eine durchaus irrige, indem sich von der Alp Märjelen am Aletschgletscher leicht nach Titerten am Vieschergletscher und nach Viesch hinuntersteigen lässt.
Es ist auch darauf aufmerksam zu machen, dass, wenn der Pass über den Vieschergletscher geführt haben würde, die Erstellung eines Verbindungsweges von Naters nach dem Aletschgletscher hinauf, keinen Sinn gehabt hätte.
Herr Prof. Hugi glaubt, zur Begründung seiner Meinung über die Richtung des alten Gletscherpasses sich auf den Rückzug Herzog Berchtholds V. berufen zu können, auf welchem derselbe nach seiner Niederlage bei Ulrichen bei Grindelwald das bewohnte Land zuerst wieder betreten habe. Dass damals ein Kriegshaufen von Ulrichen her über die hohen, unwegsamen Gebirge und Gletscher direct nach Grindelwald hätte vordringen können, ist ganz undenkbar, wenn man sich nur einen Augenblick die Gestaltung des Gebirges und die Entfernung zwischen Ulrichen und Grindelwald vorstellt. Kaum dass ein solches Wagstück einzelnen kühnen Männern gelungen wäre. Um den alten Passweg zwischen Wallis und Grindelwald aufzusuchen, der übrigens damals kaum existirte, hätte jener Kriegshaufen zuerst Viesch erreichen müssen, wovon er aber durch die Walliser abgeschnitten war, oder er hätte sich die Strahlegg oder den Lauteraarsattel zum Uebergang aufsuchen müssen, was eben so undenkbar ist. Freilich heisst es, die Grimsel sei dem Herzog Berchthold gesperrt gewesen, aber doch wohl nur von der Wallisseite her, und wenn er sich daher wirklich genöthigt sah, sich mit seinem Kriegsvolk in 's Gebirge zu schlagen, so brauchte er nur das ihm zunächst liegende Ober-aarthal zu erreichen, um die Grimsel zu umgehen und durch das Haslethal nach Grindelwald vorzudringen.
Es bleibt daher unzweifelhaft, dass der alte Gletscherpass zwischen Wallis und Grindelwald seine Richtung über den Aletschgletscher und das Mönchjoch genommen hatte.Von der alten Kapelle auf Titerten hinter Viesch stieg man, dem Vieschergletscher den Rücken kehrend, nach dem Hochthälchen der Alp Märjelen empor, schritt oberhalb des Märjelen- oder Aletschsees hinüber in das vom Aletschgletscher bedeckte Thal und durch dieses entweder über den Gletscher selbst oder seinem Ostrande entlang über Weid- und Geröllhänge aufwärts bis zu den Hochfirnen, die man vielleicht zwischen dem jetzigen Trugberg und den Viescherhörnern über das Ewig Schneefeld, wahrscheinlicher aber auf dem leichtern Anstieg längs der Westseite des Trugbergs erklomm, um sodann ( im letzteren Fall zuerst das vordere oder obere Mönchjoch passirend ) die Uebergangsstelle am Vieschergrat, das jetzige Mönchjoch, zu gewinnen.
Dieser Anstieg war unstreitig der naturgemässeste und derjenige, der die wenigsten Schwierigkeiten darbot. Von der Kapelle am Viesohergletscher konnte man leicht über die zahme Bergstufe der Stockalp, die hier das Thal des Aletschgletschers vom Viescherthal trennt und über welche auch heutzutage ein guter Alpweg führt, nach der Märjelenalp und zum Aletschsee gelangen. Hier mündete wahrscheinlich der Weg von Naters her in denjenigen von Viesch. Was den Marsch durch das Aletschthal betrifft, so ist zu vermuthen, dass sich damals die Alpen und Schafweiden am Fusse der Walliser Viescherhörner längs dem Ostrande des Aletschgletschers weiter thaleinwärts erstreckten und zugänglicher waren, als es in unserer Zeit der Fall ist. Davon zeugen noch die Alpennamen Vorder- und Hinter-Rinderturren und Ausser- und Inner-Schönbühl. Es war vielleicht möglich, bis an den Fuss des Faulbergs oder des Grünhorns vorzudringen, ohne den Gletscher betreten zu müssen; aber auch das Ueberschreiten des Gletscherrückens selbst hätte bei seiner schwachen Neigung geringe Mühe verursacht. Von der Stelle des heutigen Jungfraufirns an, da wo derselbe gegen das obere Mönchjoch steiler ansteigt, waren nur noch circa 600 Meter zu bewältigen und zwar bis zur Uebergangsstelle am Vieschergrat ohne Gefahr und ohne Hindernisse. Darf man doch wohl voraussetzen, dass damals das Ueberschreiten jener Hochfirne, welche ohne Zweifel eine geringere Ausdehnung hatten als jetzt, nicht schwieriger war als in gegenwärtiger Zeit und die Bahn durch das Begehen des Passes sich gleichsam vorgezeichnet fand.
Mühsamer und anstrengender muss, der Steilheit des Terrains wegen, der Abstieg nach Grindelwald gewesen sein. Doch ist es wahrscheinlich, dass damals die Eisbekleidung durch den Grindelwald-Vieschergletscher nicht so mächtig war wie jetzt, dass vielmehr Feisund Geröllhänge reichlicher zu Tage traten und dass mit der Nachhülfe einer Wegbahn die Eigerhöhle, die, nebst den Alphütten, wohl auch als Herberge gedient haben mochte, und das Kalli nicht unschwer zu erreichen waren, von dessen Fuss sodann der Weg dem Westrande des untern Grindelwaldgletschers entlang zur St. Petronellen-Kapelle führte.
Es bleibt uns noch die Untersuchung und Beantwortung der Frage über den Zeitpunkt der Erstellung des Passes und die Dauer seiner Begehung übrig. Hierüber fehlt uns jede sichere Angabe und wir müssen das Feld der Vermuthungen und Combinationen betreten. Eine Wahrscheinlichkeit liegt darin, dass seine Erstellung mit der Zeit des Baues der St. Petronellen-Kapelle am Grindelwaldgletscher zusammenfallen dürfte. Aber auch über diesen Zeitpunkt fehlen die Nachrichten, doch könnte hier das Alter der aufgefundenen Glocke einen Anhaltspunkt geben. Ob diese Glocke vor der Zerstörung der Kapelle von dort weggenommen worden war oder ob sie, wie die Sage geht, später aus dem Eise hervorgegraben wurde, ist nicht ermittelt. Wenn die bisher verbreitete Meinung richtig wäre, dass die vier am untern Kranz der Glocke in weiten, gleich-massigen Abständen angebrachten Zeichen eine Jahrzahl und zwar die Jahrzahl 1044 bedeuten, so möchte das annähernd auch der Zeitpunkt sein, wo der Pass eröffnet wurde, und dann hätte die Meinung des Herrn Professor Hugi, welcher annimmt, es sei dieser Pass während sechs Jahrhunderten üblich gewesen, einige Berechtigung.
Allein die moderne archäologische Anschauung verwirft nicht nur das vermeintliche hohe Alter der Glocke, sondern bestreitet geradezu, dass die vier Zeichen am untern Eand derselben eine Jahrzahl bedeuten.
Schon Herr Notar Howald, der sich nach dem Beispiele seines verstorbenen Vaters mit archäologischen Studien abgibt, spricht sich in einer brieflichen Mittheilung, die ich ihm bestens verdanke, über die fragliche Glocke dahin aus: Dieselbe sei ein Probirstück aller möglichen Lettern, Interpunktationen u. s. w., also ohne besondere Sorgfalt und Kunst hergestellt. Auch sei sie nicht ohne Gussfehler, was besonders an der Inschrift am obern Kranz störend wirke. Die Lettern seien gothische in nicht sehr entwickelter Formenschönheit und nicht römische. Da die Lettern der sog. Jahrzahl in denjenigen der Aufschrift mit ganz geringen Modifikationen wiederkehren, so könnten dieselben auch leicht die Initialen eines Spruchs, einer Beschwörungsformel oder dgl. sein. Aber nicht nur die Inschrift, sondern auch die mit Schwellungen versehene Form der Glocke lasse dieselbe nicht vor dem 15. Jahrhundert entstehen.* ) Der erste Glockengiesser, der in bernischen Urkunden vorkomme, sei 1427 Jörg Diebold von Ribenwyl; es walte jedoch kein Zweifel, dass schon früher die Klöster ihre Glockengiessereien hatten, wie denn in der Regel die Dominikanerglöcklein den gleichen Ton besässen. Dieselben seien an einer Centralstelle gegossen und in die Welt versandt worden. Ein Aehnliches möge bei den Augustinern der Fall gewesen sein, und das Kloster Interlaken, das die Collatur von Grindelwald gehabt, die Glocken in das hohe Alpenthal geliefert haben. Es sei indess merkwürdig, dass in dem genauen Inventar, welches die Regierung kurz vor der Reformation über das Vermögen und die Patronat-rechte des Klosters Interlaken habe aufnehmen lassen, der St. Petronella-Kapelle auch mit keinem Wort Erwähnung geschehe, wohl aber der 400 Schafe, die den geistlichen Herren auf den Grindelwaldner-Alpen angehörten.
So weit Herr Howald. Aber noch schärfer und verVorstehend befindet sich eine Abbildung der fraglichen Glocke und ihrer Inschriften nach einer von Herrn Pfarrer Strasser aufgenommenen genauen Zeichnung, die er gütigst zur Verfügung gestellt hat.
nichtender lauten andere Stimmen. Kompetente Sachkundige ( ich darf mich auf die Herren Fr. Bürki und Kunstmaler Bühler in Bern berufen ) erklären auf 's Bestimmteste, indem sie auf den unbegreiflichen Irrthum hinweisen, der selbst Männer von Einsicht und Gelehrsamkeit verleitet habe, in jenen vier Zeichen am untern Band der Glocke eine Jahrzahl zu erblicken, die vermeintliche Jahrzahl finde sich auf der Glocke eben nicht. Jener Irrthum, der sich mit grosser Zähigkeit bis auf die neueste Zeit erhalten und der sich nur dadurch erklären lässt, dass die erwähnten Zeichen, wenn man sie zusammenstellt, eine gewisse Aehnlichkeit mit arabischen Zahlen nicht verkennen lassen, sei eben aus der willkürlichen Gruppirung dreier gothischer Minuskeln 1, t, t und einer ovalen Verzierung dazwischen, die möglicherweise auch ein D sein könnte, entsprungen. Diese Minuskeln habe man als Zahlen betrachtet und je nach der Gruppirung 1044 oder 1440 herausgelesen, indem man das 1 für die Ziffer 1, die runde Verzierung für eine Null und die beiden t für 4 angesehen. Immerhin datire die Glocke jedenfalls aus dem 15. und vielleicht noch aus dem Ende des 14. Jahrhunderts und sei mithin als eine der ältesten Glocken des Bernerlandes zu betrachten.
Die Gründe für diese Annahme und für die Verwerfung jeglicher Jahrzahl auf dem St. Petronella-Glöcklein, die von beiden Seiten hervorgehoben worden sind, erscheinen so einleuchtend, dass kaum mehr ein Zweifel dagegen aufkommen wird.
Aus dem Alter der Glocke darf man wohl auch auf den Zeitpunkt des Baues der Kapelle schliessen 51G. Studer.
und mit diesem könnte die Erstellung des Passes in Verbindung gestanden sein, nicht ohne dass auch die Möglichkeit zugegeben wird, es habe derselbe schon vor dem Bau der Kapelle im Gebrauch sein können, und es ist eine rein willkürliche, doch vielleicht nicht ganz unbegründete Annahme, wenn man mindestens den Anfang des 15. Jahrhunderts als den Zeitpunkt seines Beginns bezeichnet.
Um die Zeit, wo durch den anwachsenden Gletscher die Kapelle am untern Grindelwaldgletscher und, wie man sagt, später auch diejenige am Vieschergletscher zerstört wurde, muss aus gleicher Ursache allmälig auch der Pass über den Vieschergrat unbrauchbar geworden sein. Professor Wyss und Pfarrer Gerwer versetzen das Verschwinden der St. Petronella-Kapelle in Grindelwald, vielleicht zu früh, in das Jahr 1575. Aber wenn auch diese Annahme richtig wäre, so hatte doch das damalige ausserordentliche Anwachsen der Gletscher erst von 1600—1602 seinen Höhepunkt erreicht, und es ist bereits angedeutet worden, dass es wohl möglich sei, dass der Pass noch bis gegen das Ende des 16. Jahrhunderts habe begangen werden können. Es mag daher einigermassen gerechtfertigt erscheinen, wenn man seiner Existenz eine Dauer von mindestens zwei Jahrhunderten einräumt.
Vom Anfang des 17. Jahrhunderts an scheint hingegen der alte Gletscherweg zwischen Wallis und Grindelwald völlig unbrauchbar geworden und in Vergessenheit gerathen zu sein, bis im Jahr 1712 jene drei Wagehälse, deren schon Prof. Altmann erwähnt, aus dem Wallis sich flüchtend, denselben wieder auf- suchten, aber nur unter unsäglichen Gefahren und Beschwerden Grindelwald erreichten. Wirkte doch die Kunde von ihren Erlebnissen so abschreckend, dass wiederum mehr als ein Jahrhundert verstrich, ohne dass man von Jemand weiss, der diesen Uebergang gemacht hätte.
Es war im Jahr 1828, als Kaspar Rohrdorf, Präparator am Museum in Bern, in der Absicht, die Grindelwalder Gletscher zu bereisen und die Besteigung der Jungfrau zu versuchen, mit einer Anzahl Grindelwaldner, die theils als Steiger, theils als Träger von ihm angestellt waren, in die Gletscherregion eindrang. Wegen schlechten Wetters campirten sie mehrere Tage in dem Hüttchen auf der Stieregg. Am 26. August machte sich die Gesellschaft 10 Mann stark auf den Weg nach dem Kallischafberg und stieg hinauf nach der grossen Höhle am Eiger, welche die Führer bei einer Recognoscirung entdeckt hatten. Hier wurde die Nacht zugebracht und am folgenden Tage über den obern Grindelwald-Vieschergletscher emporgestiegen und mit Hülfe einer Leiter und einiger ins Eis gehackter Tritte die Höhe des Vieschergrats beim jetzigen Mönchjoch erreicht. Jenseits wurde am Rande des Trugbergs bei einer Quelle bivouakirt, um am andern Morgen die Jungfrau anzugreifen. Unkenntniss der Gegend, Furcht und Unschlüssigkeit der Führer, wie Rohrdorf in seiner Schrift: Reise über die Grindelwald-Vieschergletscher etc., Bern 1828, berichtet, vereitelte die beabsichtigte Besteigung. Die Gesellschaft kehrte auf dem gleichen Wege nach Grindelwald zurück. Rohrdorf wollte später den Versuch erneuern, vernahm aber, dass seine Führer ihm zuvorgekommen waren und 14 Tage nach jener Expedition, ohne ihn, die Jungfrau bestiegen hatten. Ihr erstes Bivouac hatten sie wieder in der Eigerhöhle bezogen, das zweite am Grünhorn, das dritte am Abend ihrer Besteigung an der nämlichen Stelle, wo sie mit Rohrdorf bivouakirt hatten und erst am vierten Tage wurde nach Ueberschreitung des Mönchjochs Grindelwald wieder erreicht.
So hatte man zwar nicht den längst zerstörten Passweg, aber doch dessen Richtung und die Stelle des Uebergangs über den Vieschergrat wieder aufgefunden; aber es verging noch manches Jahr, bevor das Mönchjoch der vielbegangene Zielpunkt von Touristen und Alpenclubisten wurde.
Im Jahr 1845 brachte der Schreiber dieser Blätter mit vier Grindelwaldnern die Nacht in der Eigerhöhle zu, in der Absicht, am folgenden Tage den Mönch zu besteigen. Am frühen Morgen wurde aufgebrochen, aber bei der Erklimmung des steilen Gletschers versperrte ihnen ein 10 Fuss breiter Bergschrund und eine denselben wenigstens bei 60 Fuss hoch überragende Eiswand den Weg. Die mitgeschleppte Leiter war unzulänglich und sämmtliche Führer erklärten die Unmöglichkeit des Fortkommens. Dazu machte rasch einfallendes schlechtes Wetter den Versuch, einen andern Durchgang aufzufinden, unthunlich und man musste sich zum Rückwege entschliessen.
Elf Jahre später scheinen die Gletscherverhältnisse sich wieder günstiger gestaltet zu haben. 1856 wählte der Engländer Hyper t Chapmann bei seiner Jungfrau-Besteigung die Eigerhöhle als Nachtquartier und über- schritt am folgenden Tage das Mönchjoch ohne Schwierigkeit. Im gleichen Jahre wurde das Mönchjoch am 31. Juli von Herrn Dr. Porges bei seiner Jungfrau-Besteigung überschritten und neun Tage später wählten die Engländer Anderson und Williams die Eigerhöhle zum Nachtquartier, erstiegen am 11. August die Jungfrau und kehrten am nämlichen Tage über das Mönchjoch nach Grindelwald zurück. Von dieser Zeit an war dieser Uebergang den Bergsteigern erschlossen. Der Entstehung der Alpenvereine ist es zuzuschreiben, dass von ihren Mitgliedern das ganze Gletschergebiet zwischen Wallis und Grindelwald erforscht worden ist. Seine höchsten Gipfel wurden erstiegen, nicht nur das Mönchjoch oft zum Uebergang benutzt, sondern der Vieschergrat auch in derjenigen Richtung bereist, welche Prof. Hugi für den alten Gletscherpass vindicirt hatte. Zu diesem Zweck bezog im Jahr 1863 eine Gesellschaft Engländer ein Bivouac in der Felshöhle am Kastenstein. Am andern Morgen wurde der Gletscher passirt und der Anstieg nach dem Vieschergrat unternommen, aber erst nach einer langen, mühseligen Arbeit die Einsattlung zwischen den beiden Gipfelpunkten des Kleinen Viescherhorns in einer Höhe von 3800 m erreicht. Von da konnten die Reisenden allerdings bequem nach dem Vieschergletscher hinuntersteigen und ihren Marsch bis zum Hotel Eggischhorn vollenden. Herr L. Stephen, der über diese Tour im Alpine Journal Bericht erstattet hat, schildert den gemachten Uebergang als einen der beschwerlichsten, und indem er den Marsch von Grindelwald über das Mönchjoch nach dem Hotel Eggischhorn auf 16 Stunden berechnet, schlägt er denjenigen über das Viescherjoch, wie der neue Pass getauft wurde, auf 20 Stunden an.Im Jahr 1870 wurde am sog. Bergli unterhalb des Mönchjochs ( Grindelwalderseite ) eine Clubhütte errichtet, welche nicht nur den Uebergang wesentlich erleichtert, sondern auch als Ausgangspunkt für ver-schiedenehübsche Gletschertouren und Gipfelbesteigungen benutzt werden kann und gewiss schon von den Pilgern, die den alten Gletscherpass begangen, mit Freuden begrüsst worden wäre.
Die Schlussfolgerungen dieser kleinen, ganz anspruchlosen Studie gehen nun dahin, dass nach hierseitiger Ueberzeugung die Sage von einem alten Gletscherpass zwischen Wallis und Grindelwald begründet sei und dass wirklich vor Zeiten ein offener, bei mancherlei Anlässen sowohl von Wallis her als von Grindelwald aus begangener Pass für Fussgänger existirt hat, als dessen Ausgangspunkte die damals bestandenen Kapellen am Vieschergletscher und am untern Grindelwaldgletscher anzusehen sind, und dass man auf diesem von Viesch aus durch das Thal des Aletschgletschers und über das jetzige Mönchjoch nach Grindelwald oder umgekehrt von da nach Viesch oder Naters in 's Oberwallis hat gelangen können, bis derselbe durch das bedeutende Anwachsen der Gletscher gegen das Ende des 16. Jahrhunderts, nachdem er vielleicht zwei Jahrhunderte oder mehr gedauert, zerstört und gänzlich unbrauchbar geworden ist.
* ) G. Studer. Vebei- Eis und Schnee, Bd. I, pag. 176.