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1.2 Konfuzianismus
Das Menschenbild, das dem Konfuzianismus zugrunde liegt ist, dass der Mensch grundsätzlich ein gutes Wesen ist. Jeder Mensch wird jedoch nicht als Individuum sondern als Teil einer Familie und einer Gemeinschaft betrachtet. Das Leben eines Menschen wurde von den Vorfahren vererbt und wird der nächsten Generation weitergegeben. Diese Grundannahme ist die Basis des ostasiatischen Familismus. Heutige chinesische Führungskonzepte sind weitgehend von diesem Menschenbild beeinflusst.
Die Lehre von Konfuzius hat ihrerseits das Führungsverständnis der Chinesen von Moralität und Harmonie geprägt. Sie bejaht zwar eine klare soziale Hierarchie, die Führungskräfte verdienen aber ihren Status hauptsächlich durch ihre moralischen Eigenschaften.
Das ethische System des Konfuzianismus basiert auf dem Werte-Dreieck ren-yi-li (Wohlwollen – Rechtschaffenheit – Höflichkeit). Dieses System fordert jeden auf, Vorgesetzten mit Respekt zu begegnen als Basis einer prozeduralen Gerechtigkeit. Es schreibt vor, dass die Entscheidungsmacht dem Individuum zukommt, welches bei interagierenden Parteien die höhere Position innehat. Die Notwendigkeit einer stark ausgeprägten Hierarchie wird also betont, wobei jedem Vorgesetzten von Untergebenen Gehorsam geschuldet wird. Die Hierarchie ist hier im breiten Sinn zu verstehen, wobei sie nicht nur durch Position, sondern auch durch Alter und Geschlecht definiert wird. Vom Entscheidungsträger wird wiederum erwartet, dass er Ressourcen basierend auf dem rendao- Prinzip hat, wobei er Vertraute bevorzugt behandeln soll. Dieses Prinzip, das als „Weg der Humanität“ übersetzt werden kann, beinhaltet folgende Regeln:
∞ Familien-Mitglieder werden bevorzugt nach der „Bedarfsregel“ behandelt
∞ Bekannte innerhalb des Guanxi (Beziehungsnetzwerk) sind nach dem renqing (affektive)-Regel zu behandeln.
Hier können wir die unterschiedlichen Auffassungen von Ethik im Westen und in Ostasien beobachten. Während im Westen die Begünstigung von Freunden und Familie gegenüber anderen Leuten als Korruption gilt, gehört sie in China zum guten Verhalten.
Alexander Thomas, der Psychologe und Autor der „Kulturstandards“, verwendet einen Praxisfall, der die obenerwähnten, divergierenden Werte zwischen Chinesen und Deutschen deutlich macht. Der deutsche Vertreter eines deutschen Unternehmens in China und seine Frau sind mit einem Chinesischen Ehepaar befreundet. Die Chinesin, die dem Deutschen einmal als Dolmetscherin eine kleine Hilfe geleistet hatte, bittet eines Tages den Vertreter, ihrem Sohn eine Arbeitsstelle im Deutschen Unternehmen zu vermitteln. Als der Deutsche dies nicht tut, weil ein Annehmen des Begehrens seiner Auffassung nach an Korruption grenzen würde, brechen die Chinesen ihre Beziehung zum deutschen Ehepaar ab (Thomas, 2008, Pos. 1387).
Das Abbrechen der Kontakte durch die Chinesen kann man basierend auf der obenerwähnten Philosophie wie folgt erklären: Während die Deutschen sich aufgrund der Erwartung der Chinesin missbraucht fühlen, interpretiert das chinesische Paar die ablehnende Haltung des
deutschen Vertreters als ein Verstoss gegen die chinesischen Freundschaftsregeln (renqing). Um so mehr, weil die Deutschen gegenüber den Chinesen als reich und mächtig gelten, und das renqing-Prinzip möglichst weitgehende gegenseitige Gefälligkeiten innerhalb des Beziehungsnetzwerkes (Guanxi) empfiehlt.
Der Konfuzianismus setzt unterschiedliche Massstäbe für das „gemeine Volk“ und für Gelehrte. Für gewöhnliche Leute genügt es, wenn sie nach dem Ren-Yi-Li ein ethisches System leben. Ihr soziales System orientiert sich nach der Familie (Familismus), ihr Verhalten soll von Höflichkeit (Li) gesteuert sein und der Entscheidungsträger ist das Familienoberhaupt. Der Wille, lebenslang zu Lernen ist eine in den chinesischen Philosophien gepriesene Haltung. Von Gelehrten wird es aber mehr erwartet als vom gewöhnlichen Volk. Gelehrte sollen die Prinzipien des Rendao anwenden, d.h. ihr Wissen einem möglichst breiten Kreis innerhalb der Gesellschaft weitergeben. Somit orientieren sie sich nach dem Wert des Kollektivismus (Chao-Chuan Chen & Yeh-Ting Lee, 2008, Pos.1576).
1.3 Legalismus
Der Legalismus basiert eher auf Gesetzen als auf moralischen Werten. Ihm unterliegt die Grundannahme, dass Menschenverhalten primär durch eine unbarmherzige Verfolgung des Eigennutzes gesteuert ist, nicht durch moralische Werte. Dieser Standpunkt entspricht demjenigen vom Soziologen Max Weber, dem Vater der deutschen Soziologie (Chao-Chuan & Yeh-Ting, Pos. 1704).
Die Leadership-Theorie von Hanfei, einem Philosophen und Begründer des Legalismus, der im 3. Jahrhundert vor Christus lebte, beruht auf drei Säulen:
∞ Shih (Macht),
∞ Fa (Gesetz) und
∞ Shu (Kunst der Manipulation, die für die Steuerung der Untergebenen zur Anwendung kommt).
Die Interaktionen von Führungskräften und Untergebenen kommt im chinesischen Legalismus wie folgt zum Ausdruck:
„Der Vorgesetzte drückt nie böswilligen Ärger aus und der Untergebene hat keine versteckte Unzufriedenheit im Sinn“ so dass „Vorgesetzter und Untergebener miteinander reibungslos interagieren können“. Das ist ein zentraler Aspekt vom
Legalismus (Chao-Chuan Chen & Yeh-Ting, Pos. 1452).
Hanfei’s Konzept deckt nicht nur moderne Leadership Aspekte wie das Prinzip nach dem Untergebene geeignete Lösungswege vorschlagen müssen, um Ziele zu erreichen, sondern setzt ein Fundament für Projekt- und Konflikt-Management. Dieses Prinzip wurde angewandt, wenn der Staat mit komplexen Problemen konfrontiert war, die jenseits der täglichen Routine- Aufgaben auftauchten. Hanfei hat für diesen Fall folgenden Shu vorgesehen. Dabei stehen vereinbarte oder angeordnete Ziele des Untergebenen im Mittelpunkt. Der Kommunikation wird in diesem Prozess ein grosser Wert beigemessen. Als Utilitarist war Hanfei davon überzeugt, dass die erste Aufgabe eines Leaders zu prüfen sei, mit welcher Effektivität Handlungen des Beauftragten dazu helfen würden, die definierten Ziele zu erreichen. Bei der Leistungsbeurteilung kontrolliert also der Vorgesetzte die Kongruenz der Worte und der Taten seines Untergebenen und hinterfragt kritisch die Effektivität seiner Handlungen (Chao-Chuan Chen & Yeh-Ting Lee, Pos. 1502).