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In der aktuellen Kunstgeschichte spricht man lieber über «Funktionen» als über «Baugattungen». Für Wädenswil macht es Sinn, beide Begriffe zu verwenden. Einerseits war es hier – wie in der sparsamen und pragmatischen Schweiz insgesamt – oft so, dass man in einem Gebäude verschiedene Funktionen vereinte und so Mischgattungen entstanden. Und andererseits wurden und werden Bauten – wie bei der Stadtbibliothek ersichtlich - gerne umgenutzt. So wurden in Wädenswil ein Landvogteischloss zu einer Forschungsanstalt, eine Fabrik zu einem Gemeinde- respektive Stadthaus, eine zweite zu einem Einkaufszentrum und eine dritte zu einer Schule umfunktioniert.
Auf dem offiziellen Stadtplan von Wädenswil findet sich neben einem Strassenverzeichnis auch ein Standortverzeichnis von «wichtigen Einrichtungen». Damit sind Dienstleistungsbauten (Post etc.), Freizeit- und Sportanlagen, Gesundheits- und Altersbauten, «kirchliche Bauten», «Museen, Theater, Kinos etc.», «Schulanlagen» und dergleichen gemeint. Die Bauten und Anlagen werden also nach ihren Nutzungen und Funktionen gruppiert. Wenn das die Architekturgeschichte macht, verwendet sie einen Begriff, den wir alle von der Zoologie und der Biologie kennen: Sie spricht von Bau-Gattungen.
In der vorrevolutionär-ständischen Zeit benutzte man die Einteilung der Architektur in Gattungen, um eine Hierarchie vom Edlen und Hohen bis «hinunter» zum Gewöhnlichen und Niedrigen zu konstruieren: von Schlössern und Kirchen bis «hinab» zu Nutzbauten.
Als sich die Kunsttheorie im 19. Jahrhundert als Wissenschaft etablierte, wollte sie von solchen Wertungen loskommen und achtete deshalb weniger auf die Aufgaben und Funktionen, als auf die die formalen Eigenschaften von Gebäuden. So trat die Stilgeschichte ihren Triumphzug an.
In den 1870er Jahren plädierte der berühmte Basler Kunsthistoriker Jacob Burckhardt (1818-1897) zwar für eine «Kunstgeschichte nach Aufgaben», aber er fand zunächst höchstens bei den Verfassern von Architekturhandbüchern und von Kunsttopographien Gehör. Und wenn Baugattungen behandelt wurden, dann nur «hochstehende».
Das änderte sich in den 1970er Jahren. Nun entstanden zahlreiche Studien über Baugattungen, vor Allem über solche, die erst im 19. Jahrhundert entstanden waren, wie die Passage, das Panorama oder den Bahnhof. Eine zu füllende Schublade!
Wie erhellend eine Architekturgeschichte nach Gattungen ist, zeigt ein Büchlein, das die Direktion der öffentlichen Bauten des Kantons Zürich 1993 herausgegeben hat und an dem auch «unser» Peter Ziegler mitgearbeitet hat: «Siedlungs- und Baudenkmäler im Kanton Zürich. Ein kulturgeschichtlicher Wegweiser».
Wir haben deshalb auch in unserer Infothek eine Rubrik «Baugattungen» eingerichtet. Wer in der Rubrik «Bauinventar» durch Wädenswil streift und dabei auf das Gebäude der Stadtbibliothek an der Schönenbergstrasse 21 trifft, erfährt, dass dieses ehemals ein Feuerwehrgebäude war und dass sich das aktuelle Feuerwehrgebäude an der Seestrasse 156-162 befindet. In der Infothek-Abteilung «Baugattungen» können Nutzerinnen und Nutzer dann erfahren, wo in der Gemeinde weitere Feuerwehrgebäude zu finden sind und wie sich das Feuerwehrwesen in Wädenswil entwickelt hat.
Im Kasten "nach Baugattungen" befindet sich ein Verzeichnis der wichtigsten Baugattungen. In roter Farbe/GROSSBUCHSTABEN ist angegeben, welche bereits bearbeitet sind. Das sind erst eine Hand voll. Für mehr reichte die Zeit nicht. Es war uns aber wichtig, einen Anfang zu machen und ein Muster zu liefern – in der Hoffnung, dass Andere die Arbeit weiterführen.
Ein dringendes Desiderat wäre es etwa, den Überblick über Schul- und Kindergartenbauten, den Peter Ziegler in seiner Ortsgeschichte von 1970/88 gegeben hat, auszubauen. Es würde so deutlich, auf welch unterschiedliche Weise die Aufgabe der Unterrichtsarchitektur je nach vorherrschenden Bildungs- und Architekturidealen und je nach Ausdifferenzierung von Schultypen gelöst wurde. [aha]