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Das bombenwerfende Stinktier
Am 16. März 1944 schlittert die Stadt Zug knapp an einer Katastrophe vorbei. Einem 22-jährigen Piloten gelingt es, seinen Bomber auf dem Zugersee notzuwassern. Zuvor war die bombenwerfende amerikanische Maschine bei ihrem Einsatz in Deutschland von deutschen Jagdflugzeugen getroffen und schwer beschädigt worden.
Der damals fünfjährige Zuger Oskar Rickenbacher hörte das Brummen des Bombenflugzeugs, das über sein Haus flog. Er habe Angst gehabt und sei in Deckung gegangen, erzählt er Journal21.ch. Dann erfuhr er von der Notwasserung. Wie kein anderer sammelte er anschliessend jahrelang Informationen und Fotos über das Ereignis. Er war auch dabei, als die Maschine aus dem See gehoben wurde. Hier sein Bericht.
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Knapp an der Katastrophe vorbei
Am 16. März 1944 musste der US-Army-Air-Force-Bomber B-17G „Fliegende Festung/Flying Fortress“ mit dem Nicknamen „Lonesome Polecat“ (Einsames Stinktier) auf dem Zugersee notlanden. 1952 wurde die Maschine gehoben und 1972 in St. Moritz verschrottet
Es tobte der 2. Weltkrieg. 220 US-Army-Air-Force Bomber der 3. US-Air-Division, 8th US Luftflotte, mit Spitzname „Mighty Eight“, starteten am frühen Morgen des 16. März 1944 von verschiedenen Flugplätzen in Grossbritannien aus Richtung Deutschland. Die Flotte bestand aus Boeing B-17-Bombenflugzeugen und Consolitated B-24 sowie vielen Begleit-Jagdflugzeugen, wie P-51 Mustang, P-47 Tunderbolt.
Auch die 1. und 2. US-Air-Division flogen von Grossbritannien aus Einsätze, ebenso die 9th, 12th und 15th US-Luftflotte, die in Italien und Nordafrika stationiert waren.
Total waren an diesem Tag über 1’800 Flugzeuge der US-Army-Air-Force über Deutschland im Einsatz. Ziel der 3. US-Air-Division mit dem Zugerseebomber war die Bombardierung und Zerstörung der Messerschmitt-Flugzeugwerke und des Flugplatzes bei Augsburg.
Die „Fliegende Festung“ hatte eine Spannweite von 32 Metern, eine Länge von 23 Metern, eine Höhe von 5,85 Metern. Die Tragflügelfläche betrug 142 Quadratmeter. Es waren 12’731 B-17 gebaut worden. Der Stückpreis betrug ca. 250’000 US-Dollar, das entspricht heute einem Preis von ca. 3,5 Millionen US-Dollar. Die Besatzung bestand aus zehn Mann: Pilot, Co-Pilot, Bombenschütze, Navigator, Bordingenieur, Funker und vier Schützen. Das maximale Startgewicht betrug 30 Tonnen. 13 bewegliche Browning-Maschinengewehre Kaliber 12,77 mm waren zum Selbstschutz eingebaut. Total befanden sich 7’485 Patronen an Bord. Bis zu 5’800 Kilogramm Bomben konnten mitgeführt werden.
Das „Einsame Stinktier“ war um 6.30 Uhr in Great Ashfield, bei Cambridge, gestartet. Östlich von Stuttgart bei Schwäbisch Gmünd wurden die amerikanischen Bomber von Deutschen Messerschmitt Mf-109-Jagdflugzeugen angegriffen. Dabei wurde das „Stinktier“ an zwei Motoren und am Bug getroffen und schwer beschädigt. Der untere Kugelturmschütze S/Sgt Charles W. Page wurde schwer verletzt. Der Bombenschütze T/Sgt Carl J. Larsen erlitt leichte Verletzungen.
Flug des US-Army-Air-Force Bombers „Lonesome Polecat“ Richtung Schweiz
Der Pilot musste aus dem Bomberverband ausscheren und entschied sich, Richtung Schweiz und dann weiter nach Spanien zu fliegen. Notfallmässig wurden die Bomben und weiteres Material über Deutschland abgeworfen. An der Schweizer Grenze wurde die Maschine von Schweizer Mf-109-Jagdflugzeugen abgefangen. Sie versuchten, die Maschine zum Flugplatz Dübendorf zu lotsen. Der Pilot, 1st Lt. Robert W. (Bob) Meyer, wollte aber Spanien erreichen. Er flog nun Richtung Südwesten.
Als er aber die stark verschneiten Berner Alpen vor sich sah, entschied er sich im Raume Brünig, Kanton Obwalden, umzudrehen. So flog er über den Urnersee, über Goldau und Zug Richtung Baar. Begleitet wurde er von Schweizer Jagdflugzeugen vom Typ Morane D-3801, die wie Bienen um den Bomber kreisten.
Über Baar gab der Pilot den Absprungbefehl. Die neun Besatzungsmitglieder sprangen zum ersten Mal in ihrem Leben mit dem Fallschirm ab. Der Navigator 2nd Lt. Robert A. Williams verletzte sich dabei tödlich; sein Fallschirm öffnete sich nicht rechtzeitig.
Die zwei beim Luftkampf über Deutschland Verletzten landeten sicher und wurden ins Spital/Asyl Baar überführt. Hier wurden sie von Dr. Karl Stutz (1894–1980) und den Menzinger Schwestern gepflegt. Die sechs weiteren Besatzungsmitglieder landeten sicher im Raume Baar.
Vom dritten Obergeschoss des Restaurants Gotthard, das nebem dem Bahnhof Baar lag, schoss ein Baarer mit seinem Karabiner auf die landenden Fallschirmspringer, zum Glück ohne zu treffen. Er glaubte, es seien Angehörige der Deutschen Wehrmacht.
Notlandung des US-Army-Air-Force Bombers „Lonesome Polecat“ auf dem Zugersee
Der 22-jährige Pilot Robert W. Meyer blieb an Bord und steuerte die Maschine zurück auf den Zugersee, wo er mit einer grossartigen Leistung und viel Geschick notwasserte. Durch diese Landung auf dem Wasser, und nicht in überbautem Gebiet des Zugerlandes, verhinderte er eine Katastrophe.
Er stieg aus dem Cockpit, kletterte auf den Flügel sprang von dort aus ins kalte Wasser. Bald darauf wurde er durch die Gebrüder Norbert und Werner Henggeler in ihr Ruderboot aufgenommen. In der Unteraltstadt Zug, neben dem Wöschhüsli, unterhalb des ehemaligen Restaurant Taube, wurde er an Land gebracht. Viele Zuschauer verfolgten das Geschehen.
Der Bomber versank kurz vor 13.00 Uhr vor dem Theater Casino Zug, ca. 500 Meter vom Ostufer und ca. 1000 Meter vom Nordufer entfernt.
Die Besatzungsmitglieder wurden zuerst nach Dübendorf gebracht und dann in Hotels in Davos, Wengen und Adelboden interniert. Der tödlich verunglückte 2nd Lt. Robert L. Williams wurde am 20. März 1944 bei der Protestantischen Kirche in Baar mit militärischen Ehren beerdigt.
Nach dem Krieg wurde Robert Williams auf dem Washington Park Cemetry Indianapolis (Indiana) beerdigt.
Bergung des US-Army-Air-Force Bombers „Lonesome Polecat“ nach acht Jahren
1952, nach zwei Monaten intensiver Arbeit, wurde der viermotorige Bomber aus 45 Metern Tiefe gehoben.
Am 25. August 1952 wurde das Wrack auf einen Kiesplatz hinter dem jetzigen Bootshafen Zug gebracht.
Initiator und Organisator der Bergung der Maschine war Martin Schaffner (1923–1965), ein Garagist und Tankstellenbetreiber in Suhr (AG).
Martin Schaffner wurde Spezialist für die Bergung von Flugzeugen, Schiffen und Autos aus Seen in der Schweiz und im Ausland. Dafür bekam er den Übernahmen „Bomber Schaffner“. Er wollte wohl die Maschine neben seiner Tankstelle in Suhr als Attraktion aufstellen. In den USA gab es solche Beispiele.
Doch dann ging der Bomber auf Tournee.
In zahlreichen Orten konnte das „Stinktier“ bewundert werden, so in Zug, Cham, Basel, Biel-Bözingen, Lausanne, Bern-Bümpliz, Suhr und ab 1966 in St. Gallen-Winkeln. Zuletzt wurde die Maschine in St. Moritz ausgestellt. Um sie aus der Nähe inspizieren zu können, mussten die Erwachsenen einen Eintritt von Fr. 1.10 entrichten; Kinder bezahlten die Hälfte. Für diesen Preis erhielten die Besucher noch eine Broschüre mit Informationen zum Bomber und zu seiner Bergung.
Schliesslich wurde der „Lonesome Polecat“ 1972 in St. Moritz-Bad, dem letzten Ausstellungsort, neben dem Hotel Sonne verschrottet. Private Sammler erwarben Teile der Maschine, so Maschinengewehre, Propeller und anderes. Im „Crash Air War & Resistance Museum 40-45“ im niederländischen Aalsmeerderdijk befinden sich Motoren und weitere Teile des Wracks, so ein Blech mit der Aufschrift „Lonesome Polecat“.
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Ich habe den Überflug des Bombers 1944 als Fünfjähriger erlebt, hatte Angst, dass nun bald Bomben fallen. Radio Beromünster meldete ja immer über Bombardierungen in den Kriegsgebieten, aber auch in der Schweiz. Ich versteckte mich aus diesem Grunde unter einer Aussentreppe unseres Wohnhauses an der Industriestrasse in Zug. 1952 habe ich die Hebung des Bombers verfolgt und ihn mehrmals am Kiesplatz in Zug bewundert. Zum letzten Mal sah ich die „Fliegende Festung“ 1972 während meiner Ferien in St. Moritz-Bad. Kurz darauf wurde die „Lonesome “ leider verschrottet.
Oskar Rickenbacher.
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