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Sierra de Ronda
VON GEORGES DÄUBER, ROMANSHORN
« Der Weg, der, von Ronda ausgehend, Gaucin, San Roque und Algeciras verbindet, wurde vor dreissig Jahren häufig von Strassenräubern benützt und wird es heute noch von den Schmugglern. Wir hatten in Ronda einige kräftige Maultiere gemietet, da der Weg sich für Kutschen nicht eignet und einer der hügeligsten und beschwerlichsten ist von ganz Spanien; doch ist er auch einer der malerischsten. » Diese Beschreibung machte Baron Charles Davillier, als er die Gegend im Jahre 1862 in Begleitung des berühmten Zeichners Gustave Doré besuchte.
Fast 90 Jahre später las ich den Bericht, in dem es auch noch heisst:
« Es ist unmöglich, von einem Labyrinth aus Felsen und dichten Gebüschen zu träumen, das besser geschaffen wäre für Hinterhalte und Angriffe mit bewaffneter Hand. » Die Serrania de Ronda bildet den westlichen Teil des bätischen Gebirgssystems, das gut so gross ist wie die Schweiz und das sich in der Cumbre de Mulhacén ( Sierra Nevada ) bis auf 3481 Meter erhebt.
Ronda selbst, eine Stadt mit etwa 20000 Einwohnern, liegt 750 Meter über Meer und hat - so sagen die einen - berühmte Stierkämpfer, Wegelagerer und Schmuggler hervorgebracht. Andere zieht es der reinen Luft wegen dorthin. Alle aber denken, wenn der Name dieser Stadt fällt, zuerst an den Tajo, an jenen 160 Meter tiefen Abgrund, der die Stadt in zwei Teile spaltet und den drei Brücken überspannen.
An einem Tag vor Ostern, als in Ronda die Häuser mit den lustigen kleinen Erkern frisch getüncht und blendend weiss waren, kam ich aus Sevilla, meinem damaligen Wohnort, über 150 Kilometern teilweise recht holperige Strassen mit dem Kursauto hergefahren.
Mit einem kleinen andalusischen Rucksack beladen, machte ich mich gleich auf den Weg in die Sierra. Fehlte mir auch eine genaue Landkarte, so leiteten mich doch Tatendrang und Neugier in jene allgemeine Richtung, in der ich Gibraltar und das nahe Afrika vermutete.
Als ich auf dem schmalen und schlechten Fahrweg bergan wanderte, entlang dem ausgetrockneten Bache, vorbei an knorrigen Bäumen und an malerischen Felsen mit dürren Grasbüscheln, merkte ich, dass ich in ein ganz und gar « unmodernes » Gebirge geraten war, das nur ein Mensch mit einem guten Schuss Romantik im Blut und einem braven Reitpferd als Verkehrsmittel in vollen Zügen geniessen kann.
Was mir vor allem fehlte, war das Pferd. Der Weg zog sich in die Länge, und die Sonne brannte, als hätte sie die Gegend mit Persien oder dem Todestal in Kalifornien verwechselt, die zum Teil etwa auf dem gleichen Breitengrad liegen. Schattige Bäume gab es bald keine mehr. Die Hoffnung, von einer Anhöhe auf das kühle Mittelmeer hinabzublicken, hatte ich aufgegeben, und was die Aussicht auf Afrika anbelangte, so trieb mir schon der Gedanke daran den Schweiss aus den Poren.
Nach langer Zeit erreichte ich eine Brücke, die über das trockene Bachbett führt. Sie kam mir sehr gelegen, besonders wegen des tiefen Schattens unter dem Bogen, in dem ich mich alsogleich erschöpft niederliess.
Trockenes Brot, Rahmkäse und die Vorfreude auf ein Glas Rotwein am kühleren Abend stärkten mich in dieser grossen Einsamkeit, in der ich kein Zeichen menschlichen Lebens finden konnte. Fast ging ich so weit wie der schon genannte französische Baron, der es bedauerte, dass die « guten » alten Zeiten vorbei sind, in denen José Maria, genannt der Frühaufsteher ( weil er nach dem Sprichwort « Morgenstund' hat Gold im Mund » den begüterten Reisenden schon frühmorgens auflauerte ), hier wirkte oder ( bis 1852 ) die berittene Strassenräuberin Margareta Cisneros, die wenigstens 14 Morde zugegeben hat.
Neben Wegelagerern benützten auch Schmuggler das Gebirge für den Transport von Waren, die von Gibraltar aus unverzollt ihre spanischen Abnehmer finden sollten. Auch diese « Handwerker » hatten sich aus dem altmodischen Revier verzogen, um ihre Zigaretten und Nylons über bequemere Seitenpfade auf den schwarzen Markt zu bringen.
Schon rüstete ich mich zum Rückzug aus diesem von allen Abenteuern verlassenen Teil der Welt, als sich hinter einer Wegbiegung talaufwärts ein Geräusch erhob, vielstimmig und ganz unbekannter Art, fast wie ein aufziehender Föhnsturm und doch wieder anders.
Mein Standort im Bachbett war zur Beobachtung der Gegend ungeeignet. Das Geräusch schwoll allmählich an, und ich war im Begriffe, talwärts der Brücke neugierig die Böschung zu erklimmen, als ein Stein unter dem Bogen durchflog und im Bachbett aufschlug. Ich fand es daher ratsam, mich an das Widerlager anzuschmiegen, den natürlichen Verlauf des mir gänzlich unbekannten Ereignisses abzuwarten und dieses in keiner Art durch mein Eingreifen künstlich zu beeinflussen.
Weitere Projektile, Jurakalksteine mittlerer Grösse, flogen teils unter der Brücke, teils oben durch. Etliche kollerten über die Fahrbahn, und einzelne davon suchten den Sturz in die Tiefe durch einen Zwischenhalt auf meinem nur mit einer Baskenmütze vor Steinschlag geschützten Kopf zu mildern. Weil die Geschosse immer schärfer einschlugen, Schloss ich, dass die Schützen sich dem Ziele näherten.
Endlich hörte das Werfen auf. Ich stellte mich unter den Brückenbogen - und hörte, wie über mir mit Meckern und Grunzen eine Herde - vorn die Ziegen, hinten die Schweine - vorüberzog.
Eigentlich hätte ich mich nun gern mit den Hirten unterhalten und sie gefragt, wie weit es noch sei bis zu dem Ort, wo man Afrika sehe; doch schien es mir unschicklich, plötzlich, wie aus dem Boden gestampft, neben der Fahrbahn aufzutauchen und den Leuten « buenas tardes » zu wünschen.
Aus diesen und ähnlichen Prestigegründen liess ich sie denn ziehen. Es waren zwei grössere Knaben.
Und als es wieder ganz still war, sich weit und breit auch niemand mehr regte, nahm ich mein Säcklein auf und kehrte zurück in die Stadt der Stierkämpfer, Strassenräuber, Schmuggler und Steinwerfer, wo ich am kühlen Abend eine bescheidene Fonda ( Gasthaus ) fand. Hinter einem Teller Kichererbsen sitzend, erhob ich mein längst verdientes Glas Rotwein zum Wohle eines zufällig anwesenden Vertreters für Glaswaren und schätzte mich glücklich, doch noch ein Abenteuer erlebt zu haben, das dem Rufe der Sierra de Ronda alle Ehre macht.