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In der Filmkapitale
Michael Guggenheimer
So gemütliche und ruhige Leseplätze einer Bibliothek findet man selten wie in Locarno. Ein schattiger Innenhof, ein lauschiger Gartenhang mit Sitzplätzen unter Bäumen, eine Raumfolge mit kleinen und grösseren Lesesälen mit schönen Stuckaturen: Wenn auf der Piazza Grande in den Sommermonaten ein dichtes Menschengedränge herrscht, die Sitzplätze der Cafés und Restaurants unter den Arkaden und auf der Piazza belegt sind, dann bildet die Filiale der Tessiner Kantonsbibliothek im Palazzo Morettini an der Via Capuccini, der Strasse zwischen dem Teatro Paravento und der Chiesa San Antonio, eine Oase der Ruhe inmitten des touristischen Treibens.
Das spätbarocke Gebäude, das der aus Frankreich zurückgekehrte Tessiner Pietro Morettini unweit der Piazza Grande erbaut hat, diente von 1946 bis 1976 als Kloster des Carmeliterinnenordens, heute beherbergt es im Erdgeschoss eine grosszügig bestückte allgemeine Freihandbibliothek für Freunde der Belletristik. Die Tessiner Kantonsbibliothek mit ihren beiden grösseren Domizilen in Lugano und Bellinzona sowie mit einem weiteren Haus in Mendrisio weist im Palazzo Morettini im Erdgeschoss eine Emeroteca, einen schmucken Zeitschriftensaal mit einem grossen, kreisförmigen Lesetisch, daneben die Fonoteca, einen Raum voller Musik CD’s, und mit der Videoteca einen weiteren Raum mit DVD’s. Und weil im Tessin nicht wenige Zucchini, so nennt man hier die Deutschschweizer, weilen, bietet die Bibliothek auch Bücher in Deutsch an. Dass diese Bücher ihre Leser finden, wird deutlich, wenn man sieht, wie abgegriffen nicht wenige dieser Bücher sind.
Die wahren Schätze der Bibliothek zeigen sich erst im zweiten Stockwerk. Hier befindet sich eine Studienbibliothek, wie man sie in einer Stadt mit knapp 16 000 Einwohnern nicht erwartet. Studenten und Dozenten der Pädagogischen Hochschule arbeiten hier in mehreren Räumen. Ein Saal ist den Enzyklopädien in italienischer, englischer, spanischer, französischer und deutscher Sprache vorbehalten. Pierre Larousses Grand Dictionnaire Universel aus dem Jahr 1875 steht etwas verstaubt und ungebraucht in einem Büchergestell, nebenan die 64 Bände der spanischen Universalenzyklpädie mit ihren 34 Ergänzungsbänden und die letztmals im Jahr 2009 überarbeitete Encyclopedia Britannica, die ihr Dasein neben den Computern fristet, auf denen Wikipedia als Konkurrenz konsultiert werden kann. Ein Raum, der einzig der Philosophie gewidmet ist, ein Raum mit Büchern zur Musikgeschichte, Musiktheorie und den diversen Jazzrichtungen, ein weiterer mit Werken zum Kanton Tessin, ein Zwischenraum mit der Bezeichnung Geografia mit vielen Reiseführern sowie ein weiterer Raum, in dem man daran erinnert wird, dass in Locarno jedes Jahr während zehn Tagen ein internationales Filmfestival stattfindet.
Auch grössere Städte in der Schweiz oder die beiden anderen Kapitalen des Films in der Schweiz, Solothurn und Nyon, kennen keine vergleichbar grosse Bestände an Filmliteratur wie die Biblioteca cantonale di Locarno. „Cinema – Opere di Consultazione“ sowie „Cinema – Materie“ lauten die Aufschriften der Büchergestelle. Erstaunlich die Zahl der Referenzwerke in diesem Gebäude, in dessen Innenhof jedes Jahr im August während des Festival Internazionale del Film Pressekonferenzen der Filmgesellschaften, Gespräche mit Regisseuren und Schauspielern, Diskussionsveranstaltungen zur Lage des Films stattfinden. Medienschaffende sind dann im zweiten Stockwerk an den Computerarbeitsplätzen anzutreffen, die die Bände der US-amerikanischen Filmzeitschrift Variety, die gebundenen Bände der legendären Cahiers du Cinéma der Jahre 1951 bis 1964, der alten Revue du Cinéma und alle die anderen Filmlexika konsultieren. 5 Bände Histoire du Cinéma, 7 Bände der Storia del Cinema mondiale, 10 Bände der Storia del Cinema italiano, die beiden Bände der Histoire du cinéma suisse, 3 Bände der Geschichte des belgischen Films, vier rote Bände Chinese Cinema neben 3 Bänden in schwarz von Le cinéma chinois, 10 Bände Lexikon des internationalen Films und 15 Bände Deutsche Tonfilme 1919 bis 1945. Ein wahres Paradies für jeden, der sich für den Film interessiert.
Während im zweiten Stockwerk Studenten während mehreren Tagen an der Arbeit sind, suchen sich im Erdgeschoss Kinder, Jugendliche und lesefreudige Erwachsene Kinder-und Jugendbücher, Romane, Erzählungen, DVD’s und CD’s aus, die sie leihweise mit nach Hause nehmen. An warmen Tagen sind die Glastüren zum Innenhof geöffnet, wo man sich an runden Tischen setzen und lesen kann. Immer wieder finden im Palazzo Morettini auch kleine Buchausstellungen statt. Im Winter 2014/2015 die Ausstellung Sesso e Sessualità – Espozione libri saggista e romanzi erotici. In zwei Kästen liegen Bücher zum Themenbereich Sexualität zur Konsultation bereit. Darunter die Storia del preservativo, die Storia della violenza sessuale, oder das Buch Sex – erotismi nell’arte da Courbet a Youporn und die Storia de impotenza. Gleich nebenan liegen Aufklärungsbücher für Kinder und Jugendliche auf.
Biblioteca cantonale di Locarno
Palazzo Morettini
Via Capuccini 12
6600 Locarno
T: 091 759 75 80
www.sbt.ti.ch/bclo
Im Palazzo
Heinz Egger
2. Stock, Studienbibliothek. Drei junge Männer sitzen an einem rechteckigen Tisch, an dem auch sechs Platz fänden. Der erste, hat ein dickes Buch vor sich. Er sitzt einem Fenster gegenüber und hält den Arm über seinem Buch, während er liest, wohl um die Seiten offen zu halten. Immer wieder hält er mit Bleistift etwas in seinem Notizbuch fest. Er schreibt in Blöcken diagonal auf der Seite.
Der Mann zu seiner Linken ist umgeben von vielen Blättern, auf denen farbig markierte Stellen leuchten. Er ist tief über seine Arbeit gebeugt, schreibt energisch und schnell von Hand, hebt sein unrasiertes Gesicht, sucht etwas und schreibt eifrig weiter, greift hin und wieder zu einem der Leuchtstifte. Er scheint unter Druck zu arbeiten.
Ihnen gegenüber sitzt einer am Laptop. Er hat sich die Ohren mit Watte verstopft. Er geht eine grosse Bildersammlung durch. Mit krummem Rücken starrt er in den Bildschirm. Immer wieder bläst er die Atemluft geräuschvoll aus. Es tönt wie verzweifelt, die Geräusche eines in der Flut Ertrinkenden. Das Klicken der Maustasten ist das einzige sonst Hörbare im Raum.
Dicke Bände mit Namen wie Cicero, Catullo oder Cesare umgeben die drei. Die Werke zur Antike und zu den grossen Religionen sind hier versammelt.
Der Raum davor, der etwa ein Drittel des Arbeitsraumes mit den drei Studenten misst, ist ganz der Filosofia gewidmet. Ein schmaler, länglicher Stehtisch nimmt die Mitte ein.
In der grossen Halle gibt es eine Informationstheke und Türen führen zu den weiteren Räumen der Präsenzbibliothek mit Geschichte, Theater, Film und Literaturgeschichte. Hier stehen auch die Lexika, Wörterbücher und Enzyklopädien. Eine ganze Wand füllt die spanische Enciclopedia universal illustrada: 64 Bände, 32 Ergänzungsbände von 1959 bis 2000 und ein Index. Alle sind dick und schwarz. Auf dem Rücken leuchtet die Goldprägung.
An einer anderen Wand reiht sich Lederrücken an Lederrücken, abgegriffen: der Dictionnaire universel du XIXième siècle gedruckt 1875. Darin ist auf der Rückseite des Blattes mit dem Schmutztitel, auf dem sich gespiegelt die ganze Titelseite abgedruckt hat, ein wunderbarer Satz zum Urheberrecht gedruckt: Tout exemplaire non revêtu de ma griffe sera réputé contrefait et poursuivi suivant toute la rigueur des lois. Darunter die Unterschrift von Pierre Larousse.
Auch in diesem Raum arbeiten zwei junge Leute an einem grossen, runden Konferenztisch mit Loch in der Mitte.
Ein noch grösserer solcher Tisch findet sich im Parterre, im Zeitschriftensaal, wo Ausgaben in verschiedenen Sprachen zu zahlreichen Themen aufliegen. Auffällig ist da, dass die Philosophie zwei Regale belegt!
Ein lichtdurchfluteter Gang verbindet die beiden Teile der Freihandbibliothek: Auf der einen Seite liegt der Zeitschriftensaal und die italienische, deutsche, englische und französische Belletristik, auf der anderen die Informationstheke und die Mediathek mit Filmen und Musik.
Wenn man in der kleinen deutschsprachigen Buchauswahl nichts findet, was einen anmacht, dann lohnt sich ein Blick in das sehr grosse Angebot an Audio-CDs. Man fühlt sich in diesem Raum fast wie in einer Musikabteilung eines Musikalienhändlers. Alle Stile, gekennzeichnet mit Farbcodes, sind vertreten, alles ist sauber beschriftet. Warum nicht für den Ferienaufenthalt im Locarnese Mitglied der Bibliothek werden und wieder einmal nach Herzenslust seine Lieblingsinterpreten hören?
Die Bibliothek liegt in wunderschönen Räumen. Das Haus war ein Palazzo. Palazzo Morettini heisst es in der Anschrift. Manche Decken sind bemalt oder als Kreuzgewölbe gestaltet. Und im ersten Stock versteckt sich hinter einer unscheinbaren grauen Tür das Herzstück: ein Mehrzwecksaal, dessen Decke und Wände ganz bemalt sind – etwas dunkel und schwer, aber sehr reich. In einer Wand gähnt der grosse Schlund eines offenen Kamins. Vor den Fenstern schaukeln die Blätter hoher Bäume im Wind.