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Tidjane Thiam, 52, hat eine Vergangenheit. Mit 32 wurde er Chef der Infrastrukturbehörde seines Heimatlandes Elfenbeinküste.
Das war 1994. Zwei Jahre später wurde der Bau und Betrieb eines Kraftwerks namens „Azito“ ausgeschrieben.
Es ging um eine Anlage mit 2 Gasturbinen von je 147 Megawatt Leistung. Gesamtkosten: 223 Millionen Dollar.
Das Rennen machte die schweiz-schwedische ABB. Der Industriemulti erhielt 1997 den Zuschlag vor namhaften Konkurrenten, insbesondere aus der früheren Kolonialmacht Frankreich.
ABB habe die Gegenspieler nur dank massiver Bestechung geschlagen, sagt heute eine ABB-Quelle. Ihr Angebot sei weit abgeschlagen auf einem hinteren Platz gelegen.
„Die Projektleiter prahlten, sie hätten die richtigen Personen gekauft“, sagt der Gesprächspartner. Die Rede ist vom damaligen Präsidenten des Landes und dessen Regierungschef.
Die ABB-Manager sind heute weiter im Geschäft. Sie gründeten nach ihrem Abgang bei der ABB Beratungsfirmen für Infrastrukturen in Entwicklungsländern.
Es gehe um einige Millionen Schmiergelder, meint die Quelle. „Die ABB-Leute sprachen von Konten in der Schweiz.“
Was Tidjane Thiam bei „Azito“ für eine Rolle spielte, ist offen. Der designierte CS-CEO liess entsprechende Fragen unbeantwortet.
Auch die Weltbank reagierte nicht auf Fragen. Die Behörde war entscheidend für die Finanzierung von „Azito“.
Laut der Quelle sei die Weltbank zunächst Hinweisen auf Korruption nachgegangen, habe dann aber ihre Ermittlungen nach ein paar Monaten eingestellt.
Die ABB hatte die Kosten für den Bau vorfinanziert. Nach Fertigstellung des Kraftwerkes brauchte es neue Kreditgeber.
Die International Finance Corporation (IFC), eine Unterorganisation der Weltbank, verkündete Anfang 1999 ein breites Konsortium von Investoren.
Die grosse Zahl von verschiedenen Geldgebern mit kleiner Kreditstückelung überrascht angesichts des überschaubaren Investitionsvolumens von nur gut 200 Millionen Dollar.
Andere Kraftwerke und Infrastrukturprojekte auf dem afrikanischen Kontinent aus der damaligen Zeit benötigten weit höhere finanzielle Mittel.
Die offensichtliche Schwierigkeit, genügend Investoren für den langfristigen Betrieb von „Azito“ zu finden, zeigt das Risiko, das ABB eingegangen ist.
Die Finanzierung mit eigenen Mitteln, so wie das ABB in Côte d’Ivoire mit „Azito“ getan hatte, gilt in der Branche als „No-go“. Man nehme solche Risiken nie aufs eigene Buch, meint die Quelle.
Tidjane Thiam war in jener Zeit Chef von BNETD, dem „Bureau National d’Etudes Techniques et de Développement“.
Das BNETD hatte zur Aufgabe „de réaliser des infrastructures“. Das Krafwerkprojekt „Azito“ gehörte zu den zentralen Infrastruktur-Vorhaben in der Zeit von Thiam als Chef des BNETD.
1999 übergab Thiam die Zügel des BNETD dem Generalsekretär seiner Infrastrukturbehörde, somit also einem Internen.
Der Grund war, dass der erst 36-Jährige Thiam damals zum Minister „de la planification, de la programmation et du développement“ der Elfenbeinküste berufen worden war.
Thiam akzeptierte den Job, obwohl das einst prosperierende Land an der westafrikanischen Küste unter seinem Präsidenten Henri Konan Bédié heruntergewirtschaftet war.
Mit Bédié, der 1993 Nachfolger des verstorbenen Félix Houphouët-Boigny geworden war, der die Elfenbeinküste seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 regiert hatte, stiegen Korruption, Repression und Fremdenhass.
Der Mix wurde zur Zeitbombe. Am Heiligabend von 1999 stürzte das Militär den in Ungnade gefallenen Präsidenten Bédié und installierte ein Übergangsregime.
Thiam sei damals heldenhaft zurückgekehrt, hiess es in Medienberichten, nachdem dieser vor 2 Wochen von CS-Präsident Urs Rohner auf den CEO-Schild gehoben worden war.
Er habe sich „verpflichtet gefühlt gegenüber seinen Mitarbeitenden“, gab ihn der Tages-Anzeiger in einem ausführlichen Portrait wider.
Deshalb sei er aus Amerika, wo er sich beim Militärcoup mit seiner Familie befunden habe, in die Heimat gegangen.
Das klingt nach Uneigennützigkeit und Zivilcourage. Die Frage stellt sich, ob Thiam die Bedingungen seiner Rückkehr nicht im Voraus mit den neuen Militärmachthabern abgesprochen hatte.
Jedenfalls war die Gefahr für Thiam offensichtlich begrenzt. Er wurde zwar bei seiner Einreise in Côte d’Ivoire verhaftet, musste dann aber nicht wie andere politische Häftlinge im Gefängnis schmoren, sondern durfte unter „Hausarrest“ in seinem eigenen Heim die Entwicklung abwarten.
Noch besser wurde Thiams Lage, als er von den Militärs später erneut eine Ministerstelle offeriert erhielt. Dies lehnte Thiam ab und kehrte stattdessen zurück zu McKinsey nach Paris.
Von dort ging es steil bergauf. 2009 übernahm Thiam als erster Schwarzer die operative Spitzenposition eines grossen englischen Konzerns.
Einen Rückschlag erlitt Thiam, als er respektive seine Prudential von der englischen Finanzaufsicht mit 30 Millionen Pfund gebüsst wurde.
Thiam habe beim Übernahmeversuch des asiatischen Teils der amerikanischen Grossversicherung AIG nicht mit offenen Karten gespielt.
Dies sei ein „serious error of judgement“ gewesen, sagte ein Verantwortlicher der FSA vor 2 Jahren, des Watchdogs der britischen Finanzindustrie. Die Prudential würde dafür nun „den Preis bezahlen“.
Die Strafe überlebte Thiam problemlos. Möglicherweise profitierte er damals vom Hype, der um seine Person gemacht wurde.
Zuvor war Thiam offenbar auf Stellensuche. Ausgerechnet als Chef der erwähnten Weltbank-Finanzierungsorganisation IFC war der hochgelobte CEO Mitte 2012 ein Thema.
Suchte Thiam seit längerem eine neue Aufgabe? Jedenfalls war er immer wieder im Gespräch, wenn es um VR-Sitze bei bekannten Multis ging, heisst es auf dem Finanzplatz.
Im VR seiner Prudential sitzt mit Kai Nargolwala ein Spitzenmann der Credit Suisse. Nargolwala, der bei der CS seit 2013 zum Verwaltungsrat gehört, könnte Thiam zu den Schweizern gelotst haben.
Das Netzwerk hätte dann seinen Dienst getan.