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Die Gemeinnützige Bau- und Wohnbenossenschaft (GBWG) Freistatt wurde 1922 gegründet und ist die älteste Wohnbaugenossenschaft in der Stadt Thun. Bis 1944 wurden zwei zusammenhängende Siedlungsteile erstellt, die heute 111 Wohnungen umfassen. Die Siedlung entspricht architektonisch und städtebaulich dem Typus der Gartenstadt.
Wohnungsnot und Gründung der GBWG Freistatt
Mit der wachsenden Industrie wuchs auch die Bevölkerung an den Industriestandorten wie Thun. Während des Ersten Weltkriegs (1914–1918) und in den Jahren danach wurden jedoch schweizweit kaum Wohnungen für die ärmere Bevölkerung erstellt. Daraus resultierte nach dem Ersten Weltkrieg eine Wohnungsnot in der Schweiz. Die Stadt Thun übernahm damals mehrere Gasthäuser und Hotels, um von Obdachlosigkeit bedrohte Arbeiterfamilien und Einzelpersonen unterzubringen. Familien mit vier oder mehr Kindern hausten oft in einem Zimmer und teilten sich die Betten: Es brauchte nachhaltige Lösungen gegen die Wohnungsnot.
1922 gründete die Arbeiterunion Thun (später SP Thun) die «Gemeinnützige Bau- und Wohngenossenschaft Freistatt», die damals erste Wohnbaugenossenschaft in Thun. Auch der Gemeinderat (Exekutive) und der Stadtrat (Legislative) der Stadt Thun unterstützen das Projekt: Mit günstigem Bauland, Subventionen und dem Knowhow des Stadtbauamtes.
Die prägende Figur in der GBWG Freistatt war der damalige Präsident Otto Loder, ein ehemaliges Verdingkind, der 1919 für die Arbeiterunion in den Gemeinderat gewählt worden war und zugleich erster Trinkerfürsorger im Amt Thun war.
Eine 1922/23 erstellte Siedlung im Lerchenfeld wurde gleich nach der Fertigstellung von der Stadt Thun der GBWG Freistatt zum Selbstkostenpreis abgekauft: Durch den Neubau des Bahnhofs musste die damalige Notunterkunft im Hotel Kreuz abgerissen werden und die Stadt brauchte für diese Menschen dringend Wohnraum.
Genossenschaftsleben zwischen Krise und Aufbruch
Zwischen 1923 und 1932 erstellte die Freistatt dann die erste Siedlung am Stadtrand, entlang der Pestalozzistrasse. Dieser heute als Siedlung 1 bezeichnete Teil des Freistatt-Quartiers bestand aus Doppelzweifamilienhäusern und Mehrfamilienhäusern mit Gärten zur Selbstversorgung. Die meisten Wohnungen hatten zwei Zimmer, eine Wohnküche und ein Bad. Die Wohnungen galten damals als fortschrittlich und dienten als Wohnraum für Familien mit mehreren Kindern. Die Gärten dienten zur Selbstversorgung.
In der neu gegründeten Freistatt wohnten Handwerker sowie Arbeiterinnen und Arbeiter, welche in der Industrie der Region Thun tätig waren. Viele lebten in der Freistatt erstmals in einer richtigen Wohnung. Entsprechend zeugen die Dokumente der ersten Jahre vom Prozess, eine gemeinsame Wohn- und Genossenschaftskultur zu entwicklen. Hierzu hatte man auch einen Gemeinschaftssall gebaut, in dem bescheidene Weihnachtsfeiern oder Vorträge über Kindererziehung sowie die Generalversammlung abgehalten wurden.
Ab 1930 brachte die Weltwirtschaftskrise auch in Thun bittere Not. Arbeitslosen Genossenschaftern wurde solidarisch die Miete reduziert, da der Arbeitslosenbeitrag nicht für die Miete gereicht hätte und zu einem Auszug geführt hätte. Auch erkrankten oder verunfallten Genossenschafterinnen und Genossenschaftern überreichte man nützliche Geschenke - eine Genesung war bei vielen Krankheiten damals noch keine Selbstverständlichkeit.
Erweiterung der Freistatt und die Bundespolitik
Der anhaltende Mangel an Wohnungen führte noch während dem Zweiten Weltkrieg 1943/44 zum Bau einer zweiten Siedlung im Anschluss an die bestehenden Häuser. Damals entstanden bereits Dreizimmerwohnungen für die Arbeiterfamilien. Prägend war hier der Vorarbeiter Karl Aegerter, der damalige Präsident der Freistatt, der wiederum mit Unterstützung der Stadt Thun, die Freistatt erweitern konnte.
Die Entwicklung der GBWG Freistatt spiegelt mit ihren zwei Siedlungsteilen auch die Bundespolitik: Die Gründung des Baufonds des Bundes (heute Fonds de roulement), aufgrund der akuten Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg, diente als Anlass für die Arbeiterunion, die Freistatt zu gründen und die Siedlung 1 zu bauen: Erst mit dem Baufonds des Bundes war es realistisch geworden, dass die mittellose Arbeiterschaft auch durch Eigeninitiative zu Wohnraum kommen konnte. Mitten im Zweiten Weltkrieg zeichnete sich wiederum eine ähnliche Situation ab, weshalb der Bund die finanziellen Mittel für die Wohnraumförderung massiv erhöhte. In diesem Kontext entstand die Siedlung 2.
In den Nachkriegsjahren stieg der Wohlstand in der Arbeiterschaft über mehrere Jahrzehnte. Diese schlug sich auch in baulichen Massnahmen nieder, wie der Installation von TV-Antennen und dem Bau von Garagen und Parkplätzen für die Autos, die man sich nun leisten konnte.
Überalterung und Sanierung (1981-1995)
Die Bewohnerschaft blieb seit den 1950er Jahren sehr stabil, viele Genossenschafterinnen und Genossenschafter lebten fast ihr ganzes Leben in der Freistatt und viele hatten bereits ihre Kindheit hier verbracht. Dies führte bis in die 1980er Jahren aber auch zu einer Überalterung der Genossenschaft.
Zudem stand eine Sanierung oder ein Abriss der ersten Siedlung aus den 1920er Jahren an – beide Optionen wurden damals evaluiert. Um die Wohnungen wieder an Familien vermieten zu können und der Überalterung entgegenzuwirken, brauchte die Freistatt vor allem grössere Wohnungen. Zwischen 1990 und 1995 wurden die Häuser der ersten Siedlung deshalb umfassend renoviert und neue Grundrisse angefertigt, nun auch mit 4-Zimmer-Wohnungen, welche den heutigen Bedürfnissen von Familien entsprechen. Auf damals vorgeschlagene Maximalvarianten mit 5- und 6-Zimmer-Wohnungen hat die Freistatt verzichtet.
Finanzielle Probleme und Neuorientierung (1995-2013)
Die hohen Investitionskosten für die Sanierung der Siedlung aus den 1920er Jahren trafen in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre mit einer Phase hoher Hypothekarzinsen zusammen. Dies verunmöglichte der GBWG Freistatt den notwendigen Schuldenabbau und führte dazu, dass anfangs des 21. Jahrhunderts geplante Investitionen in die zweite Siedlung, die noch nicht saniert worden war, nur teilweise getätigt werden konnten.
In Zusammenarbeit mit der Stadt Thun wurde daraufhin von der GBWG Freistatt 2013 der Entscheid gefällt, den zweiten, noch nicht sanierten Siedlungsteil durch Ersatzneubauten zu ersetzen und dabei das Areal auch verdichtet zu bebauen. Der geplante Abriss von rund der Hälfte der Gartenstadt Freistatt führte zu politischem Widerstand und einer Verzögerung des Erneuerungsprozesses. Auch politisch war lange umstritten wie hoch der Anteil an gemeinnützigen Wohnbauträgern auf dem im städtischen Baurecht abgegebenen Areal sein sollte. In die Planung des Areals wurden neben den Bauten der GBWG Freistatt auch die angrenzenden städtischen Sozialwohnungen, sowie die nahe Poststelle einbezogen.
Von der Alten zur Neuen Freistatt
Im Frühling 2021 stellten sich der Gemeinderat und der Stadtrat von Thun klar hinter eine Variante, bei der das gesamte Areal, inklusive des Areals der städtischen Sozialwohnungen und der Post, von der Pensionskasse der Stadt Thun und der GBWG Freistatt bebaut werden. Das Areal ist bereits 2019 als Zone mit Planungspflicht klassiert worden. Daraus folgt, dass die neue Siedlung der beiden Bauträger nach dem Standard der 2000-Watt-Gesellschaft gebaut werden muss und auch ein kleines Gewerbezentrum zur Belebung des umliegenden städtischen Quartiers entstehen wird. Im Verlauf des Jahres 2022 fand der Wettbewerb für diese Neue Freistatt statt und im Verlauf des Jahres 2023 wurde das Siegerprojekt "Aronia" zu einem Richtprojekt weiter bearbeitet. Frühestens ab 2025 wird mit dem Abriss, bzw. mit dem Neubau begonnen werden und ab 2027 können voraussichtlich die ersten Bewohnerinnen und Bewohner in Wohnungen der Neuen Freistatt einziehen.
Genossenschaftsleben gestern und heute
Im Jahre 2022 feierten wir unser 100 jähriges Jubiläum. Zu diesem Anlass fanden mehrere Veranstaltungen statt. Zudem haben wir unsere Geschichte aufgearbeitet und in einer Ausstellung im Quartier präsentiert.
Die Ausstellung zeigte vor allem den sozial-, wirtschafts- und kulturgeschichtlichen Kontext der Gründung der Freistatt – nicht nur eine Buachronologie. Beleuchtet wurde die Gründung der Freistatt in der grossen Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg (z.B. der Dampfschiffheizer mit 10 Kindern in der städtischen Notunterkunft), die Krisen und Konflikte in der damals neuen Wohngenossenschaft (Tierhaltung im Keller) aber auch die Solidarität (Mietzinsreduktion für Arbeitslose in der Weltwirtschaftkrise) und das Gemeinschaftsleben.
Dabei gibt es auch Anekdoten, die zum Schmunzeln anregen, wenn die Genossenschaft 1932 einen «Genossenschaftsstaubsauger» für alle anschafft oder wenn bei einer Diskussion um einen Bausparvertrag 1933 am Schluss nur über Hitler und die Gefahr einer Diktatur in der Schweiz diskutiert wurde – die damaligen Wortprotokolle sind sehr aufschlussreich.
Eine Zusammenfassung unserer Geschichte finden Sie hier oder auch auf unserem Wikipedia-Artikel. Spannend ist auch die Geschichte der zentralen Gründerfigur, Otto Loder, die wir ebenfalls aufgearbeitet und auf Wikipedia gestellt haben.
Auch heute erlebt die Freistatt seit einigen Jahren eine Intensivierung des Genossenschaftslebens, welche von zahlreichen Bewohnerinnen und Bewohnern tatkräftig mitgeprägt und mitgetragen wird.