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Im Sommer 1920 begingen mehrere Zürcher Studierende Suizid. Aus persönlichen oder gesellschaftlichen Gründen?
Insgesamt fünf Suizide an Uni und ETH erschütterten im Juni 1920 Zürich. Infolgedessen wurden innerhlab kurzer Zeit drei Artikel in der «Neuen Zürcher Zeitung» veröffentlicht. Ebenfalls erhalten sind die Briefwechsel der damaligen Rektoren, einem Zürcher Pfarrer und dem Redaktor der Studizeitung «Junge Schweiz». Während scheinbar alle etwas zu den Zürcher Studierendenselbstmorden zu sagen hatten, war man sich bezüglich vieler Aspekte uneinig.
«Schlimme Zeit»
Der erste in der «NZZ» erschienene Artikel stammt von einem anonymen Studenten. «In allerjüngster Zeit haben sechs Studenten freiwillig den Tod gefunden. Nur wenige wissen darum; ruhig geht das Semester weiter, als ob nichts geschehen wäre», schrieb er. Als mögliche Ursache sah der Autor die «schlimme Zeit» sowie «psychische Störungen» und «niederdrückende» ökonomische Verhältnisse. Doch schon hier beginnt die Uneinigkeit: In einem späteren Brief schrieb Uni-Rektor Fueter von fünf, nicht sechs Suiziden. Das Jahrbuch der Stadt Zürich verzeichnete im Juni 1920 ebenfalls bloss fünf Selbstmorde.
Kurz darauf erschien ein Bericht Ludwig Köhlers, damals Mitglied der Theologischen Fakultät. Auch er schilderte die «materielle Bedrängnis» der Mehrheit der Schweizer Studierenden, allerdings sei es durchaus erfreulich, wenn dadurch «durchschnittlich begabte» ihr Studium abbrechen würden. Erschreckender sei, wenn «hochbegabte Studierende» aus finanzieller Not «die Liebhaber älterer Weiber» würden. Zudem seien viele schlicht und einfach einsam. Wie im ersten Artikel rief auch Köhler die Zürcher Bevölkerung zur Aufnahme von Studis in ihr Zuhause auf.
«Proletarisierung» geistiger Berufe?
Im Juli meldetete sich zudem eine «Bürgersfrau», die die verächtliche Haltung der jungen Leute der «Bourgeoisie» gegenüber scharf kritisierte. Ferner gäbe es durchaus «recht sonderbare und wenig erfreuliche Naturen» unter den Studenten und Studentinnen. Bürgerfamilien könnten den Studierenden nur ein «kleines Pflaster», nicht aber die Lösung für ihre Einsamkeit und finanzielle Notlage bieten. Eine mögliche Lösung sei eine «Beschränkung der Zahl der Neuaufnahmen» an die Uni, um der «Proletarisierung der geistigen Berufe» aufgrund einer «Überfüllung der geistigen Arbeiter» vorzubeugen.
Totgeschweigen als Lösung
Somit bleiben die Selbstmorde bis heute rätselhaft. Ein Brief des damaligen ETH-Rektors, Walter Wyssling, an Rudolf Fueter gibt nur wenig mehr Aufschluss. Die drei ETH-Studenten hätten «ein geradezu vorbildliches Familienleben genossen» und «im Studium gute Erfolge» gehabt. Die Erklärung der Vereinsamung und finanziellen Not wird hier somit kaum zugetroffen haben. Weiter wollte Wyssling «von einer Publikation absehen», wohl um negative Schlagzeilen zu vermeiden. In einem Briefwechsel mit Pfarrer Keller ist ebenfalls von «rein psychopathischen Gründen» die Rede. Im letzten Schreiben hatte Paul Dübi, Redaktor der «Jungen Schweiz», für einen Bericht um Informationen zu den Suiziden gebeten. Doch auch hier blockte Rektor Fueter ab. «Aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen» sei eine Thematisierung in der Presse «absolut ausgeschlossen». Viele Fragen bleiben dadurch ungeklärt, insbesondere, was die jungen Menschen in den Selbstmord getrieben hatte. Die tragischen Ereignisse von 1920 bleiben also ein Rätsel. ◊