Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03193.jsonl.gz/1818

„Die neuere Arbeitsmarktforschung hat gezeigt, dass verschiedene Faktoren den Arbeitgebern helfen können, sich derart von Mitbewerbern auf dem Arbeitsmarkt zu differenzieren, dass sie auch in Arbeitsmärkten mit vielen Arbeitgebern in eine monopsonähnliche Situation gelangen können (Monopson = Marktform, bei der nur ein Nachfrager, z. B. ein Arbeitgeber, vielen Anbietern, z. B. Arbeitnehmer, gegenübersteht).
Die offenkundigste Möglichkeit, sich eine einzigartige Stellung als Arbeitgeber zu schaffen, ist die geografische Differenzierung. Stellenwechsel zwischen zwei räumlich weit auseinander liegenden Arbeitgebern sind für Arbeitnehmende mit mehr oder weniger grossen Mobilitätskosten verbunden. Im Rahmen dieser Kosten hat ein Arbeitgeber die Möglichkeit, einen Lohn unterhalb den Marktlohn zu drücken, ohne dass der betreffende Arbeitnehmer deswegen den Arbeitgeber wechseln würde, weil der Lohngewinn des Stellenwechsels die damit verbundenen Mobilitätskosten nicht decken würde. Diese Mobilitätskosten definieren sogenannte regionale Arbeitsmärkte, innerhalb derer alle Arbeitgeber im Wettbewerb um Arbeitskräfte stehen, während die Konkurrenz zwischen Arbeitgebern in verschiedenen regionalen Arbeitsmärkten durch diese Kosten eingeschränkt ist.
Die Differenzierung eines Arbeitgebers geschieht zusätzlich zur Geografie auch noch auf der Ebene der Branche: geografisch, weil die zeitliche Distanz zu einem anderen Arbeitgeber physische Mobilitätskosten verursacht und branchenmässig, weil angenommen wird, dass ein nicht unerheblicher Teil der Kompetenzen der Arbeitnehmenden branchenbezogenes Wissen ist, welches sie verlieren würden, wenn sie die Branche wechseln würden. Arbeitgeberwechsel in eine andere Branche innerhalb eines regionalen Arbeitsmarktes sind deshalb auch mit Mobilitätskosten verbunden. Monopsonmacht für Arbeitgeber kann auf der Basis dieser Definition auch entstehen, wenn es in einem regionalen Arbeitsmarkt zwar sehr viele Arbeitgeber gibt, aber nur wenige aus derselben Branche stammen. Eine gleiche Situation ergibt sich, wenn in der Schweiz sehr viele Arbeitgeber einer bestimmten Branche existieren, diese aber dezentral über die Schweiz verteilt sind. Monopsonmacht ist deshalb nicht nur auf Regionen mit geringer ökonomischer Aktivität oder auf Sektoren mit sehr wenigen Betrieben beschränkt. Dadurch erhält die ökonomische Relevanz von Monopsonie eine ganz neue Bedeutung.
Fazit
Regionale Differenzierungen in der Branchenstruktur und Mobilitätshemmnisse auf der Seite der Arbeitnehmenden führen dazu, dass es durchaus etliche Arbeitgeber gibt, die Löhne bezahlen können, die unterhalb eines Marktlohnes liegen, der bei vollkommener Konkurrenz unter Arbeitgebern bezahlt werden müsste.“ (Mühlemann/Wolter: Vollkommener Wettbewerb auf dem Schweizer Arbeitsmarkt?, Die Volkswirtschaft 3-2011, Seite 47-48)
P.S.
Informelle Lohnabsprachen von grossen Arbeitgebern („Frühstückskartelle“) innerhalb eines regionalen Arbeitsmarktes dürften auf das Lohnniveau einen grösseren Einfluss haben als die oben dargestellten Differenzierungen.