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In den Unterlagen des Staatsarchivs finden sich bisweilen überraschende Geschichten und Erlebnisse. Oftmals trifft man auf Unerwartetes aus vergangener Zeit, wie die nachfolgenden Zeilen zeigen.
Seit einiger Zeit erforschen Historikerinnen und Historiker die Verwicklung der Eidgenossenschaft sowie von Schweizer Unternehmen und Einzelpersonen in den Sklavenhandel. Hierbei stand und steht insbesondere die Untersuchung der heimischen Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel im Vordergrund, also der Versklavung breiter afrikanischer Bevölkerungsschichten durch die sich christlich nennenden Kolonialmächte unter Mithilfe von afrikanischen Sklavenhändlern. Die in Unfreiheit geratenen Opfer dieses unmenschlichen Systems wurden insbesondere an Plantagenbesitzer auf dem amerikanischen Kontinent verkauft und zu diesem Zweck auf Schiffen über den Atlantik transportiert.
Ein neulich bearbeitetes Dokument im Staatsarchiv vom 28. Mai 1800 zeigt eine vollkommen andere Seite der Sklaverei-Geschichte. Der Regierungsstatthalter des Kantons Säntis, dessen Territorium um 1800 den nördlichen Teil des heutigen Kantons St.Gallen sowie die beiden Appenzell umfasste, informierte mit diesem Schreiben, "[…] dass zwey Bürger aus hiesigem Kanton, der eine ein gewisser Johannes Rohner von Wolfhalden, der andere ein Johannes Frischknecht von Schwellbrunn, in Sclaverey gerathen und in Tunis als solche leben müssen […]".
Das Originaldokument im Staatsarchiv beleuchtet, dass die Sklaverei in der Vergangenheit in weiten Teilen der Welt Verbreitung gefunden hatte. Sie war seit der Antike ein geradezu "globales" Übel mit – je nach Kultur und Region – unterschiedlichen Ausprägungen. Mit der muslimischen Expansion nach Afrika, die auch zu einer Ausdehnung in die Gebiete des Westmittelmeerraums im heutigen Tunesien, Algerien und Marokko geführt hatte, waren beachtliche Teile der dort ansässigen Bevölkerung versklavt worden. Die Besiegten verrichteten über Jahrhunderte Zwangsarbeit insbesondere in Bergwerken, der Landwirtschaft, im Handwerk und in Haushalten. Von Tunesien und Algerien aus überfielen Piraten in der Neuzeit sowohl südeuropäische Küsten als auch Schiffe, und sie versklavten die Gefangenen. Im Zeitraum von etwa 1530 bis 1780 dürfte über eine Million Europäer von Nordafrikanern verschleppt und versklavt worden sein. Die Fachliteratur schätzt die Zahl der Sklaven in Tunis um das Jahr 1800 auf 1'500 Christen, unter ihnen auch Johannes Rohner aus Wolfhalden und Johannes Frischknecht aus Schwellbrunn. Primäres Ziel der maghrebinischen Piraten um 1800 war die Erpressung von Lösegeld für die versklavten Europäerinnen und Europäer, und so erstaunt es nicht, dass auch im Fall der beiden Einwohner aus dem Kanton Säntis finanzielle Forderungen eingegangen waren. Weil die Familien der beiden unglücklichen Appenzeller gemäss Schreiben aus St.Gallen "[…] in so dürftigen Umständen […]" lebten, baten die Behörden des Kantons Säntis die Geistlichen um das Erheben einer Kollekte, um das geforderte Lösegeld bezahlen zu können. Zu dieser bedauerlichen Geschichte passt wohl, dass der mythologische Freiheitsheld Tell, der den Briefkopf des Schreibens der Helvetischen Republik ziert, seinen Sohn Walter mit nachdenklichem Blick ansieht. Liberté und Egalité, die Parolen der französischen Revolution, welche den Briefkopf in deutscher Übersetzung ergänzen, muten mit Blick auf diese Geschichte – je nach Perspektive – einerseits wie ein Hohn und andererseits wie ein frommer Wunsch an.
Patric Schnitzer, Staatsarchiv
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