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Direktionen
Zum Begriff der PrimärdirektionJohannes Müller aus Königsberg/Franken, der sich Regiomontanus, "der Königsberger" nannte, definierte die Direktionen folgendermassen:[1]
Dies ist eine kurze und präzise Definition, die vielleicht aber doch einiger Erläuterungen bedarf. Mit der Sphäre ist natürlich die Himmelskugel gemeint, mit der Drehung ihre tägliche Bewegung um die eigene Achse, die Polachse. Der
Dirigere non est aliud quam movere speram donec locus secundus traducitur ad situm primi.
Dirigieren ist nichts anderes als die Sphäre zu drehen, bis der zweite Ort in die Lage des ersten überführt wird.
locus secundus, der in die Lage des ersten gebracht wird, wird üblicherweise als Promissor bezeichnet, der "Versprecher" also; er ist ein Planet oder eine Aspektstelle des Radixhoroskops. Der Ort, in dessen Lage er überführt wird, ist dagegen der Signifikator oder "Bedeuter", ein Planet oder eine Achse im Horoskop, jedoch niemals eine Aspektstelle. Der Winkel, um den die Sphäre gedreht wird, bis der Promissor die Lage des Signifikators erreicht, heisst Direktionsbogen. Er wird nach einem Direktionsschlüssel, traditionell steht 1° für 1 Jahr (Ptolemäusschlüssel), in Zeit umgerechnet.
Die grösste Schwierigkeit bei dieser Definition liegt in dem Begriff der "Lage" des Signifikators, in den der Promissor also durch die Erddrehung überführt werden soll. Denn jeder Planet oder Aspektpunkt bewegt sich auf seinem eigenen Deklinations-Parallelkreis, daher werden sich zwei Punkte verschiedener Deklination niemals treffen. Was heisst aber dann "der Promissor erreicht die Lage des Signifikators"?
Wenn wir in der Tetrabiblos des Ptolemäus nachschauen, finden wir folgende Antwort auf diese Frage: [2]
Um dies besser zu verstehen, betrachten wir einige Beispiele: Wenn der Signifikator die Himmelsmitte ist, wird der Promissor die Lage der Himmelsmitte sicher erreichen, wenn er selbst den Meridian passiert – das ist unmittelbar einleuchtend. In diesem Fall wird also der Drehwinkel, bis der Promissor den Signifikator erreicht, nichts anderes sein als die Differenz der Rektaszension des MC von seiner eigenen Rektaszension. Wenn der Signifikator der Aszendent ist, wird man die Sphäre so drehen müssen, dass der Promissor den Geburtshorizont erreicht, also aufgeht. Den entsprechenden Drehwinkel erhält man durch Subtraktion der schrägen Aufsteigungen (OA) des Promissors vom Aszendenten. Wenn nun ein Signifikator in irgendeiner Zwischenstellung zwischen Aufgang und Kulmination ist? Nehmen wir einmal an, ein Signifikator habe auf seinem Tagesweg gerade die Hälfte der Zeit zurückgelegt, die er vom Aufgang bis zur Kulmination braucht. Dann wird der Promissor die "ähnliche Lage" des Signifikators erreichen, wenn auch er die Hälfte der Zeit zwischen Aufgang und Kulmination zurückgelegt hat. Die Punkte, die dasselbe Verhältnis Meridiandistanz (MD) zu Halbbogen (HB) realisieren, sind nach Ptolemäus in gleicher Lage zueinander (an seinen Beispielen, die er im zitierten Kapitel rechnet, kann man klar sehen, dass er den Begriff der Lage des Signifikators genau auf diese Weise auffasst). Da die so definierten mundanen Positionskurven transversal zu allen Deklinations-Parallelkreisen von Punkten verlaufen, die überhaupt auf- und untergehen, sind Direktionen auf diese Weise für alle möglichen Promissoren und Signifikatoren definiert (die Gestirne der zirkumpolaren Region sind also auf diese Weise nicht führbar, da sie ja auch nicht auf- und untergehen und somit die tägliche Bewegung durch den Häuserkreis nicht mitmachen).
Ähnlich nämlich und von gleicher Lage ist [ein Punkt einem anderen],
wenn er ähnlich und in derselben Richtung gelegen ist in Bezug auf Horizont und Meridian.
Genauere Ausführungen zu den Direktionen enthält mein Buch zum Thema.[3]
Sinn und Unsinn von ListenDie astrologischen Klassiker lasen wichtige Lebensereignisse häufig aus einer einzigen Primärdirektion ab. Dies zeigt (neben einer enormen Hochschätzung dieser Prognosemethode) dass die Kunst nicht darin bestehen kann, Direktionen zu berechnen – es gibt Hunderte davon in einem Leben – sondern aus der Betrachtung des Radixhoroskops den entscheidenden Angelpunkt zu ermitteln, der beispielsweise einen Lebensumschwung ankündigt: Was sind die entscheidenden Konstellationen im Horoskop? Ist es ein bestimmtes Kreuz, T-Quadrat oder Dreieck, dem beispielsweise durch Eckfelderstellung eine bevorzugte Bedeutung vor den anderen Faktoren des Horoskops zukommt? Erst wenn dies erkannt ist, ist die Frage sinnvoll, zu welchen Zeiten im Leben diese entscheidenden Muster durch Direktionen oder aktuelle Konstellationen in Resonanz versetzt werden.
Lange Listen von Transiten oder Direktionen erschweren diesen Blick auf das Wesentliche: sie behandeln alle Direktionen gleich – ganz gleich, ob sie aus Sicht des Radixhoroskops von Bedeutung sind oder nicht. Sie überfluten den Betrachter mit unwesentlicher Information. Die Fokussierung auf das Wesentliche - und es mag in dem Zeitraum von zwanzig Jahren villeicht nur eine Direktion geben, die von essentieller Bedeutung ist - wird durch solche Listen eher verhindert.
Die Erstellung solcher Listen mag in den Zeiten einen Sinn gehabt haben, als der Astrologe noch jede einzelne Direktion von Hand errechnete. Wenn man dieses Geschäft einen ganzen Abend treibt, vielleicht bis tief in die Nacht hinein, Jahr für Jahr des Nativen vorausschauend, Direktion für Direktion mit Hilfe von Tabellenwerken und immer den gleichen elementaren mathematischen Operationen zu berechnen, dabei immer das Radixhoroskop vor Augen, so mag das als eine Art Katalysator für Intuitionen funktioniert haben: Indem der gewöhnliche Verstand über Stunden mit den Zahlenkolonnen einer Tabelle, mit Interpolieren, Addieren und Subtrahieren besetzt wird, kann sich irgendwann der "Blitz der Intuition" einstellen und schlagartig tiefe Einblicke in das Radixhoroskop, in Charakter und Schicksal des Geborenen, gewähren.
Fussnoten[1] Regiomontanus, Tabulae directionum profectionumque, Nürnberg 1490, Problem 25.
[2] Ptolemäus, Tetrabiblos. Ins Englische übersetzt und kommentiert von Robbins, Cambridge 1953, Kapitel III.10, Über die Lebensdauer, Seite 291,
[3] Plantiko, Rüdiger. Primärdirektion - eine Darstellung ihrer Technik. Chiron Verlag, Mössingen 1996.