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Zum Eindämmen von Epidemien wird schnell zu aussergewöhnlichen Massnahmen gegriffen, etwa die Einstellung von Flugverbindungen eines Landes oder die Schliessung von Grenzen. Doch diese Strategie ist nicht immer die wirksamste. Sie könnte gemäss einer Schweizer Studie sogar negative Folgen für die Gesellschaft haben.
"Es ist ein radikales Vorgehen nötig, um die Ausbreitung von Ebola ein für allemal zu unterbinden." Mit diesen Worten verteidigte der Chef der Task-Force Anti-Ebola in Sierra Leone, Ibrahim Ben Kargbo, im September 2014 den Entscheid, wonach die Einwohner seines Landes vier Tage lang ihre Häuser nicht verlassen durften. Die Massnahme war mit gewisser Skepsis aufgenommen worden. Und die Frage war aufgekommen, ob eine solche Verordnung nicht sogar einen Verstoss gegen die Menschenrechte darstellt.
Inzwischen sind zusätzliche Fragen aufgetaucht – auch in Bezug auf die Effizienz dieser Massnahme. Zumindest bezweifelt Emanuele Massaroexterner Link von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Lausanne (EPFL), dass die Strategie einer häuslichen Isolation im Falle einer Epidemie tatsächlich zum gewünschten Erfolg führt. Das ist zumindest das Ergebnis einer vor Kurzem publizierten Studieexterner Link.
Genauer gesagt kommt Massaro zum Schluss, dass die mehrtätige Isolation nicht ausschliesslich zu einem positiven Ergebnis führt. Gegenüber swissinfo.ch erklärt Massaro: "Wenn man allein die Möglichkeit einer Ansteckung und Übertragung des Virus im Auge hat, ist diese eingeschränkte Bewegungsfreiheit sicherlich die beste Lösung. Wenn man jedoch die wirtschaftlichen und sozialen Folgen einer solchen Massnahme betrachtet, ergibt sich ein anderes Bild."
Gleichzeitiges Erkranken von Vorteil
Massaro ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für die Erforschung von Mensch-Umwelt-Beziehungen in urbanen Räumen an der ETH Lausanne (HERUSexterner Link). Und in dieser Funktion hat er seine These erarbeitet. Zu diesem Zweck hat er das Auftreten und die Verbreitung einer Epidemie in den USA simuliert. Mit einem mathematischen Modell hat er nicht nur die Ortsbewegungen der Menschen (von der Bahn bis zum Flugzeug) erfasst, sondern auch das spontane Verhalten im Falle einer Epidemie. Beispielsweise werden öffentliche Plätze vermieden.
Ein erstes Ergebnis bestätigt die Befunde von früheren Studien: Die Schliessung der Grenzen verzögert einzig das Erreichen des epidemiologischen Höchststandes einer Epidemie um einige Wochen, reduziert aber nicht in substantieller Weise die Anzahl infizierter Personen.
Die zweite Erkenntnis zeigt auf, und dies ist wirklich neu, dass eine eingeschränkte Mobilität negative Folgen für die Resilienz (Widerstandsfähigkeit) einer Gesellschaft hat. Gemeint ist damit die Schwierigkeit, sich auf die Veränderungen einzustellen und zu einer normalen Funktionsweise der Gesellschaft (in vor-epidemiologischen Stadium) zurückzufinden. "Das Verbot, zur Arbeit zu gehen, hat sozioökonomische Folgen. Dienstleistungen und Infrastrukturen können unter Umständen nicht mehr erbracht werden oder sind unterbrochen", hält Massaro fest.
Doch wäre es nicht schlimmer, wenn eine infizierte Person zur Arbeit geht und dort möglicherweise viele Kollegen ansteckt? Massaro antwortet: "Das kommt drauf an: Für die Widerstandskraft der Gesellschaft ist es besser, wenn alle sofort und gemeinsam erkranken, statt eines langwierigen Prozesses, in dem immer einige Menschen über einen längeren Zeitraum erkranken."
Wirtschaftskrisen und soziale Konflikte
Der Wissenschaftler der ETH Lausanne ist überzeugt, dass man die Herangehensweise an Epidemien überdenken muss. "Die meisten Studien zu diesem Phänomen in der rechnergestützten Epidemiologie fokussierten auf Prognosen zur Zahl der Ansteckungen. Und sie analysieren die erfolgversprechendsten Strategien, um die Epidemie einzudämmen – beispielsweise die Reduzierung von Kontakten oder die Verbreitung von Katastrophenmeldungen", erklärt Massaro. Er habe einen anderen Ansatz gewählt: "Wir schauen, welche Folgen eine anhaltende Einschränkung von Mobilität und Dienstleistungen haben kann, speziell im Sinne von wirtschaftliche Krisen und sozialen Konflikten."
Ein ethisches Dilemma
Die Schlussfolgerungen des Wissenschaftlers basieren auf mathematischen Modellen, das heisst auf theoretisch erarbeiteten Situationen. Als nächster Schritt wird eine Anwendung dieser Modelle auf frühere Epidemien ins Auge gefasst.
Gleichwohl lässt sich jetzt schon festhalten, dass die Behörden und Entscheidungsträger im Fall einer kommenden Epidemie in ein grosses Dilemma geraten werden: Ist es besser, den Kontakt zwischen Personen einzuschränken, um die direkte Ansteckungsgefahr zu mindern, oder den Kontakt zuzulassen, damit sich mehr Menschen unmittelbar anstecken, aber das Funktionieren eines Dorfes, einer Stadt oder eines ganzen Landes gewährleistet ist?
Ärzte ohne Grenzen gegen Reiseverbote
Die Nichtregierungsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) mit Sitz in Genf interveniert häufig im Falle von Epidemien. Doch von einem Reiseverbot hält MSF nichts. "Unser Ziel ist es, so schnell wie möglich möglichst vielen Patienten zu helfen. MSF lehnt daher ein Reiseverbot für von Seuchen betroffenen Gebieten ab. Denn diese verschärfen die Isolierung von Gemeinschaften. Während einer Epidemie wie Ebola riskieren nur Personen, die in engem Kontakt mit Kranken stehen, selbst angesteckt zu werden", sagt MSF-Ärztin Ester Sterk, Expertin für Tropenkrankheiten und Epidemien.Infobox Ende
Übertragung aus dem Italienischen: Gerhard Lob