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Buchstäblich aus dem Nichts – ohne Infrastruktur, ohne Geschäftserfahrung, ohne Kundenbasis – sollte das erste grosse Sozialwerk der Schweiz entstehen. Man schrieb das Jahr 1912. In der Schweiz herrschte Aufbruchstimmung, auch in Luzern, der Aufbau verlief nach Plan. Doch dann versank Europa in den Wirren des Ersten Weltkriegs. Und die Eröffnung der Schweizerischen Versicherungsanstalt zögerte sich hinaus.
Vergessen waren die hitzigen Auseinandersetzungen des Abstimmungskampfes, vergessen die Querelen um die Besetzung des Verwaltungsrates. Jetzt war eine gewisse Feierlichkeit angesagt und man wählte einen besonderen Rahmen:
Als sich der Verwaltungsrat der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt am 2. Oktober 1912 zu seiner ersten Sitzung traf, geschah dies im Grossratssaal in Luzern, im ehrwürdigen Ritterschen Palast, einem Prunkbau aus dem 16. Jahrhundert.
Den Vorsitz der konstituierenden Sitzung hatte Edmund Schulthess, der erst Mitte Juli in den Bundesrat gewählt worden war – als Nachfolger von Adolf Deucher, der sich als Bundesrat seit 1887 für die Schaffung einer Unfallversicherung eingesetzt hatte und dem es nicht vergönnt war, die Krönung seines politischen Erfolges zu erleben. Deucher war am 10. Juli 1912 im Amt verstorben.
In seiner Eröffnungsrede verkündete Schulthess:
«Mit heute installiert sich an den Ufern des Vierwaldstättersees die erste Bundesanstalt, ein Wahrzeichen der Solidarität der Eidgenossen.» Und er hoffte auf das Geschick des Verwaltungsrates, «um uns eines Tages – wir hoffen recht bald – zu melden, die Anstalt sei bereit, die Geschäfte aufzunehmen.»
In seiner zweiten Sitzung, bereits einen Tag später, konstituierte sich der Verwaltungsrat. Paul Usteri, der als Vorsitzender der ständerätlichen Kommission das Gesetz wesentlich geprägt hatte, wurde als Verwaltungsratspräsident gewählt.
Sein Jahreslohn wurde auf 15 000 Franken festgelegt, was immer noch «ein sehr grosses Opfer» sei, denn er gab seinen Posten als Direktor der Lebens-versicherungs- und Rentenanstalt in Zürich ab. Zunächst befand sich die Unfallversicherungsanstalt noch nicht «an den Ufern des Vierwaldstättersees». Usteri erledigte die Geschäfte von seinem Büro in Zürich aus. Für die neue Versicherungsanstalt ging es in einem ersten Schritt darum, Personal und Geschäftsräume in Luzern zu beschaffen.
Die ersten Stellenausschreibungen erfolgten bereits im Oktober 1912, und stolz vermeldete das Verwaltungsratsprotokoll vom 28. November 1912, dass man einen Sekretär des Verwaltungsrates eingestellt habe und: «Als Bureaufräulein ist engagiert worden Frl. Berta Bucher von Gross-Dietwil (Luzern).»
Im Januar 1913 wurde auch der erste Direktor der Unfallversicherung, Alfred Tzaut aus Lausanne, gewählt. Der ehemalige Gegner der des Versicherungsgesetzes und bisherige Präsident der Assurance Mutuelle Vaudoise Lausanne wurde einstimmig gewählt. Er nahm seine Arbeit am 1. April 1913 auf.
Damals befand sich die Versicherungsanstalt noch immer nicht in Luzern. Erst einen Monat später zog sie in das Zunfthaus zu Schneidern an der Reuss ein. Dieses hatte der Stadtrat von Luzern offeriert, nachdem Pläne gescheitert waren, die Verwaltung in Räumen der SBB oder der Post unterzubringen. Ohne Stellenausschreibung wurde in der Zwischenzeit auch der erste Statistiker, Paul Nabholz aus Zürich, angestellt. Dies war eine Schlüsselposition, konnte die Anstalt doch auf keine konkreten Grundlagen und Erfahrungswerte für die Berechnung von Prämien und Risiken zurückgreifen.
An ihrem neuen Standort in Luzern, wo nun auch die Planung eines Hauptgebäudes begann, machte man sich Gedanken über den Namen der Anstalt. Laut Verwaltungsratsprotokoll vom 26. Juni 1913
«erschien es dienlich, für den täglichen Gebrauch die lange Firma der Anstalt durch eine kürzere charakteristische Bezeichnung, gewissermassen als eine Art Rufnamen zu ersetzen. Als solcher wird von der Kommission ‹Unfall Luzern› vorgeschlagen.»
In der Öffentlichkeit blieb der Vorschlag ohne Widerhall. In den folgenden Jahren blieb «die lange Firma» gebräuchlich: «Schweizerische Unfallversicherungsanstalt Luzern», «Unfallversicherungsanstalt» oder einfach «Anstalt». Schon bald wurden auch die Abkürzungen «Suva» oder «Suval», verwendet, allerdings nicht in den offiziellen Dokumenten. Erst mit der Revision des Unfallversicherungsgesetzes von 1981 verschwand die «Unfallversicherungsanstalt» und wurde durch «Suva» ersetzt – in allen Landessprachen, weil es «eine längst eingebürgerte Kurzbezeichnung» sei, wie der Bundesrat in seiner Botschaft vom 18. August 1976 schrieb.
Die grosse Herausforderung der jungen Anstalt bestand aber darin, die Unternehmen zu erreichen, die mit dem neuen Gesetz unter die Versicherungspflicht fielen. Es gab keine Verzeichnisse oder Meldestellen.
Im Oktober 1913 erschienen Inserate im Schweizerischen Handelsamtsblatt und in den grösseren Tageszeitungen mit der «Mitteilung an die Inhaber industrieller und gewerblicher Betriebe», ihre Unternehmen für die obligatorische Unfallversicherung anzumelden. Gleichzeitig wurden Flugblätter an die Gemeindebehörden verteilt, die bei den lokalen Betrieben vorstellig werden sollten.
Innerhalb der ersten drei Monate meldeten sich 18 699 Unternehmen an. Darunter befanden sich auch 3224, die nicht der Versicherungspflicht unterstanden, 824 waren «zweifelhaft». Das war eine Menge, die für die damals 17 Angestellten der Versicherungsanstalt kaum zu verarbeiten war. Dennoch wollte das Direktorium mehr. Man durchforstete «Adressbücher und ähnliche Quellen», um Betriebe ausfindig zu machen, «welche allenfalls unter das Gesetz fallen könnten, sich aber bei der Anstalt noch nicht angemeldet haben». Bald gingen bei den Kreisagenturen monatlich 3000 bis 4000 Anmeldungen ein.
Bis im Mai 1914 waren die wichtigen Weichen gestellt. Mit Daniele Pometta, dem bekannten Simplontunnel-Arzt aus Brig, der auch dem Verwaltungsrat angehörte, war der erste Oberarzt engagiert worden.
Ebenso waren die Grundlagen für die Dezentralisierung, d.h. die Einteilung des Agenturnetzes (inklusive der Kreise und Bezirke), geschaffen.
Und im April 1914 hatten auch die Detailberatungen zum Kernstück der operativen Tätigkeit begonnen – zur Einteilung der Unternehmen in Gefahrenklassen, ohne die es nicht möglich war, die Prämien festzulegen.
Doch dann, im Sommer 1914, kam der grosse Einschnitt. Mit dem Ausbruch des Esten Weltkrieges wurde auch die Versicherungsanstalt in ihren Aufbauarbeiten gebremst. «Wie jede Einrichtung des Landes», resümierte Paul Usteri in einem Zwischenbericht am 27. Januar 1915,
«hat der europäische Krieg auch die Anstalt in Mitleidenschaft gezogen, als von einem Tag auf den andern das Vaterland die Mehrzahl der wenigen Männer, die am Aufbau der technischen Organisation der Anstalt arbeiteten, zu den Waffen rief, sie während langer Monate unter den Waffen behielt und zum Teil nach wenigen Wochen Urlaub neuerdings in den Dienst aufbot.»
Man beschränkte die Arbeiten auf die Tätigkeiten in der Rechtsabteilung und der Klassifikation. Und auch dies war nur mit «provisorischem Hilfspersonal» möglich. An eine Betriebseröffnung auf den 1. Januar 1916 war nicht mehr zu denken.
Immerhin gelang es, den Zeitplan für den Neubau des Hauptgebäudes einzuhalten; am 3. Dezember 1915 zog die Verwaltung auf der Fluhmatt in Luzern ein. Die operative Tätgkeit dreht sich während des ganzen Jahres aber um die Festlegung der Gefahrenklassen. Wie heikel das Thema war, zeigt die Tatsache, dass eine Sonderkommission eingesetzt wurde, die sich darum kümmerte, «möglichst wenig Konflikte über die Unterstellung zwischen der Anstalt und den Betriebsinhabern» zu verursachen.
Absicherung suchte man auch bei Experten von privaten Gesellschaften. Sachverständige der «Zürich» und der «Winterthur», die auf Unfallversicherungen spezialisiert waren, «stimmten dem vorgeschlagenen Klassifikationssystem zu, fanden aber die Prämien zu hoch», wie der Verwaltungsrat am 25. Januar 1915 feststellte. Ein Jahr später lagen die ersten Entwürfe für die provisorischen Prämientarife vor. Wie sich zeigen sollte, entwickelten sie sich zu einem Dauerbrenner. Bis in die Dreissigerjahre waren die Prämientarife immer wieder Zielscheibe der massiven Kritik vor allem von Unternehmern und Arbeitgeberverbänden.
1916 zeichnete sich ab, dass eine Betriebsaufnahme weiterhin nicht bevorstand. Die Arbeiten der Anstalt konzentrierten sich auf die eigene Organisation. Den ersten Personalreglementen im Juni 1916 folgte die Schaffung einer Fürsorgeeinrichtung im Februar 1917. Im Juli 1917 erhielt die Anstalt ihre eigenen Statuten, im September 1917 wurden die endgültigen Anstellungsbedingungen für das Personal verabschiedet. Die wöchentliche Arbeitszeit betrug 47 Stunden, der Samstagnachmittag war frei.
Mittlerweile, das heisst ab Februar 1917, standen auch die ersten Entscheide über die Einreihung der Unternehmen in die Gefahrenklassen bevor. 23 424 Betriebe hatten ihre Unterstellungsverfügung bis am 10. April 1917 erhalten. Gegen die Entscheide gingen 937 Rekurse ein, 223 erklärte das Bundesamt für Sozialversicherung für begründet, 186 waren noch hängig. Bis am 24. November 1917 waren 29 510 Verfügungen zugestellt; von 1210 Rekursen wurden 157 gutgeheissen und 243 waren noch hängig.
Am 1. April 1918 nahm die Anstalt ihren Betrieb auf – mit über 30 000 versicherungspflichtigen und in Gefahrenklassen eingeteilten Betrieben.
Titelbild: Ausschnitt aus der Eröffnungszeitschrift der Suva «Echo von der Fluhmatt»
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