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Das Erdmännchen und die undankbare Hebamme
In früheren Zeiten haben auf der Rigi nicht nur feuerspeiende Drachen gehaust. Auch Erdmännchen hatten eine Vorliebe für die sogenannte Königen der Berge. Tief im Innern des Rigimassivs hatten sie ihre Wohnungen, die nur durch geheime Gänge erreichbar waren, von Menschen aber nie betreten wurden. Diese Gänge mündeten, für das Menschen Auge unsichtbar, in Schluchten oder in überhängenden Felsen, den sogenannten Balmen.
Die Erdmännchen halten den Bauern beim Heuen, trugen Mist auf das Feld und hüteten sogar kleine Kinder. Für ihre Lieblingsspeise, das „Zirbelimues“, einen mit süssen Pflaumen vermischten Brei, waren sie zu allen Dienstleistungen bereit. Nur bei Föhnwetter war nichts mit ihnen anzufangen. Weil ihnen der Föhn – wie sie behaupteten – die Knochen austrocknete, verkrochen sie sich in die Heustöcke und kamen erst wieder zum Vorschein, wenn das Wetter umschlug. Leider sind diese zwergenhaften Wesen durch böse Menschen vertrieben worden, die mit ihnen Schabernack trieben und sie ausnutzten. Erhalten geblieben sind wenigstens die vielen Geschichten über die hilfreichen, manchmal auch recht eigenwilligen Leutchen.
Ein solches Erdmännchen wohnte einst im Inneren der Groubisbalm. Diese Höhle findet man oberhalb von Vitznau in der mächtigen Felswand des Rigidossen. Bei einem benachbarten jungen Bauernehepaar ging das Männchen ein und aus und es legte auf dem bescheidenen Gütlein Hand an, wenn es gebraucht wurde. Eines Tages eilte es nach Vitznau herunter, um dort die Hebamme zu holen, da die junge Bäuerin vor ihrer ersten Geburt stand. Dank dem Können der tüchtigen Hebamme verlief alles gut.
Als Lohn für ihre Hilfe überreichte das Erdmännchen der Hebamme einen Sack Kohle und schärfte ihr ein, die Kohle ins Feuer zu legen. Die Frau war enttäuscht, dass sie statt baren Geldes nur gerade diese schäbige Naturalgabe erhielt. Und weil sie keine grosse Lust verspürte, den schweren Sack nach Hause zu tragen, leerte sie ihn vor den Augen des Erdmännchens aus. Dieses sagte zu ihr in seinem eigenartigen Dialekt: „Wie meh dass zatterist, we minder hatterist!“, was soviel heißt wie: „Je mehr du verlierst, desto weniger hast du!“ Aus Neugierde steckte die Hebamme ein Stücklein Kohle zu sich. Als sie es zu Hause ins Feuer legte, wurde daraus echtes Gold. Unverzüglich eilte sie zurück, fand aber keine Spur mehr von den verschmähten Kohlen.