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Sie habe den schönsten Beruf der Welt, sagt Tennisspielerin Timea Bacsinszky (26). «Es ist der Hammer, ich bin topmotiviert.» Auch privat ist sie glücklich: Vor fast zwei Jahren hat sie mit ihrem Berner Freund Andreas (30) eine kleine Wohnung im Zentrum von Lausanne bezogen. Kürzlich war sie mit ihm fünf Tage lang in Budapest. Da ihre Eltern aus Ungarn stammen und sie fliessend Ungarisch spricht, war sie für ihren Freund die beste Stadtführerin. Zudem kannte sie Budapest bereits von Tennisturnieren.
Sportlich ist die Tennisspielerin in Bestform: Bereits 2014 siegte Bacsinszky gegen Marija Scharapowa, derzeit Nummer 4 der Weltrangliste. Im vergangenen Jahr zog sie erstmals in die Top Ten der Weltrangliste ein. Sie gewann 2015 zwei WTA-Turniere in Mexiko; am French Open in Paris stiess sie ins Halbfinale vor und in Wimbledon ins Viertelfinale. Rund 3,5 Millionen Franken Preisgeld hat sie in ihrer über zehnjährigen Tenniskarriere erspielt.
Eine E-Mail brachte den Ball ins Rollen
Die Erfolge der vergangenen zwei Jahre sind umso bemerkenswerter, als Timea Bacsinszky eigentlich mit dem Tennis abgeschlossen hatte. Am 21. Mai 2013 erhielt sie jedoch eine E-Mail: French-Open-Veranstalter fragten sie überraschend an, ob sie am Turnier teilnehmen wolle. Die junge Frau hatte gerade ein Praktikum im Fünfsternehotel Chalet Royalp in Villars-sur-Ollon VD begonnen, konnte dem Angebot dann aber nicht widerstehen.
Beim Karriereneustart geholfen haben ihr zwei Dinge: Einerseits blicke sie als «grundsätzlich positiver Mensch» gern vorwärts, andererseits war da ihr neuer Trainer, der Franzose Dimitri Zavialoff, der schon Stan Wawrinka in die Top Ten geführt hatte. Mit der Westschweizerin schaffte er das gleiche Kunststück innerhalb von zwei Jahren; als er Timea Bacsinszky übernahm, belegte sie noch Position 285 auf der Weltrangliste.
Ein Akt der Befreiung
Unter die Zeit, als sie noch von ihrem Vater trainiert wurde, hat die Tennisspielerin indes einen Schlussstrich gezogen: Igor Bacsinsky wollte sie zu einem Star heranzüchten und zwang sie schon im Alter von drei Jahren zum Tennisspielen. Sie hat ihre schwierige Kindheit deshalb auch schon als «Hölle» bezeichnet. Sie sei nur deshalb nicht den Drogen verfallen, weil sie stets die Hoffnung auf bessere Zeiten gehabt habe. «Über die Beziehung zu meinem Vater wurde schon so viel geredet und geschrieben. Ich möchte lieber über andere Themen sprechen. Er gehört nicht mehr in mein Leben.» Anders als ihre geschiedene Mutter Suzanne: Sie wohnt in Belmont-sur-Lausanne und zählt zu ihren engsten Bezugspersonen.
Ein erstes Comeback hatte Timea Bacsinsky bereits 2011, nach einer Fussverletzung. Schon damals sei die Zeit reif gewesen für eine neue «Timi», wie ihre Freunde sie nennen. Sie hat sich auf ihrem linken Unterarm eine Schwalbe stechen lassen – ein Symbol für Frühling, Aufbruch undFreiheit. Und auf ihrem rechten Fuss steht «dietro le nuvole c’è sempre un cielo blu»: Hinter den Wolken gibt es immer einen blauen Himmel. Dafür hat sie die italienische Sprache gewählt, «weil sie schöner klingt». Erlernt hat sie sie, als sie mit Doppelpartnerin Tathiana Garbin um die Welt reiste.
Überhaupt hat Timea Bacsinszky ein Faible für Sprachen: Neben Ungarisch und Italienisch spricht sie bereits seit dem Kindergarten Französisch, ausserdem Deutsch, weil ihr Onkel in Nürnberg lebt. Englisch und Spanisch hat sie auf ihren Turnierreisen gelernt. Und inzwischen kennt sie sich auch mit «Schwizerdütsch» aus, schliesslich spricht ihr Freund Berndeutsch.
Zurzeit befindet sich Timea Bacsinszky im Aufbautraining. Der Heilungsprozess nach einem Innenbandanriss am linken Knie, den sie sich im Oktober zugezogen hat, verläuft gut. Nach der Rehabilitation konnte sie im vergangenen Monat wieder erste Bälle schlagen. Und mit dem Australian Open in Melbourne steht ab 18. Januar ein erster Saisonhöhepunkt an.
Aktuell belegt sie Platz 11 der Weltrangliste. Sie setze sich für dieses Jahr jedoch kein sportliches Ziel, das habe sie in ihrer Karriere noch nie getan, sagt sie. Sie werde nicht noch härter trainieren, um sich in den Top Ten zu etablieren. Wichtiger sei es, konstanter zu werden. Timea Bacsinzky möchte ganz einfach jeden Tag das Beste geben – auf und neben dem Tennisplatz. «Schliesslich gibt es noch andere Dinge im Leben als Tennisspielen.» Ebenso Weltklasse wie ihr Schlag mit dem Rack soll etwa ihr Tiramisu sein, und auch beim Super-Nintendo-Spiel schneide sie nicht schlecht ab.
Möchte sie ihre Tenniskenntnisse einmal ihren eigenen Kindern weitergeben? «Sollte ich Kinder haben, werde ich ihnen die Freiheit lassen, den Sport zu wählen, der ihnen gefällt. Wenn sie keinen Sport treiben möchten, ist das zwar schade, aber dann machen sie einfach das, was sie wirklich lieben.» Ihr eigener Grundsatz soll auch für den potenziellen Nachwuchs gelten: «Ich lebe mein Leben für mich und nicht für die anderen.»
Timea Bacsinszky ist seit Kurzem in den sozialen Medien aktiv.
Instagram: @timea.official
Twitter: @TimeaOfficial
Facebook: TimeaOfficialPage
VATER-TOCHTER-BEZIEHUNGEN IM SPORT
«Papa ist der Boss»
Timea Bacsinszky ist nicht die einzige Sportlerin, deren Vater eine dominante Rolle spielt(e):
An der Karriere der Tennisspielerin Belinda Bencic (18) arbeitet Ivan Bencic schon seit Ende der 90er. Schon mit zwei Jahren hielt Belinda erstmals einen Tennisschläger in der Hand: Auf dem Garagenvorplatz zog ihr Vater jeweils ein Netz auf. Noch heute ist er ihr Coach.
Patty Schnyder (36) zählte zu den Schweizer Tennisassen. Ihr Vater Willy investierte nach eigenen Angaben im ersten Profijahr seiner Tochter über 100 000 Franken. Zum Bruch kam es 1999, als sie sich für Rainer Harnecker und dessen dubiose Methoden entschied. Ihr Vater engagierte den Privatdetektiv Rainer Hofmann, der Harneckers Machenschaften aufdecken und die Tochter zur Vernunft bringen sollte. Seit 2003 ist Hofmann Patty Schnyders Ehemann. Den Kontakt zu den Eltern hat sie abgebrochen.
Die «skurrilste Vater-Tochter- Beziehung im Tennis» nennt Tennisnet.com das Verhältnis zwischen Jelena Dokić (32) und Damir Dokić, einem Ex-Boxer. Jelena galt als neues Wunderkind. 2003 trennte sie sich vom Vater. Laut Medienberichten soll sie ihm eine Million Dollar gezahlt haben, um von ihm in Ruhe gelassen zu werden. Inzwischen haben sie sich versöhnt.
Der Vater der Skirennfahrerin Lara Gut (24), Pauli Gut, ist TeamManager und Haupttrainer zugleich. «Papa ist der Boss!», liess sich Lara schon vor Jahren im «Blick» zitieren. Lara Gut gehört offiziell zum Kader von Swiss-Ski; das Sommertraining bestreitet sie privat, betreut von einem durch Sponsoring finanzierten Trainerstab.
Autor: Reto E. Wild
Fotograf: François Wavre