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3. Rundgang
Flanieren an der Limmat – Geschichte einer Stadt am Fluss
Hirschenplatz – Rosengasse – Limmatquai – Rathaus – Rathausbrücke –
Rüden – Helmhaus – Schifflände – Münsterbrücke – Münsterhof – Storchengasse – Wühre – Weinplatz – Rathausbrücke – Rathaus – Marktgasse – Hirschenplatz
Der Limmatquai als repräsentativer Flussquai wurde erst im 19. Jahrhundert gebaut. Die Häuser der rechtsufrigen Altstadt standen ursprünglich direkt am Wasser. Ein schmaler Flussweg, teilweise im Schutz von Arkaden geführt, erschloss lediglich Teile der Altstadt von der Limmatseite her. In den Jahren 1823 bis 1825 entstand das erste Teilstück des Limmatquais zwischen Rosengasse und Rathausbrücke. Doch erst nach weiteren Aufschüttungen in den nachfolgenden Jahrzehnten entstand in mehreren Etappen eine durchgehende Verbindung zwischen Bellevue und Central. Zahlreiche Häuser am Limmatquai wurden damals umgebaut und verschönert oder durch Neubauten ersetzt. Besondere Beachtung auf dem Weg zur Rathausbrücke verdienen zwei bedeutende Bauzeugen aus den 1860er Jahren: das Haus der Museumsgesellschaft (1866–67, Limmatquai 62), welches anstelle des Schlachthauses erstellt wurde, und das Gesellschaftshaus «zum Schneggen» (1864–66, Limmatquai 64–66).
Bis zum Bau grosszügiger Quaianlagen am See in den Jahren 1882 bis 1887 war Zürich eine Stadt am Fluss. Das Stadtzentrum befand sich bei der Rathausbrücke, auch Gemüsebrücke genannt. Diese Brücke ist ein eigentlicher Platz über der Limmat. Bis zur Eröffnung der Münsterbrücke im Jahre 1838 war sie die einzige befahrbare Brücke und damit die Hauptverkehrsachse zwischen den Stadtteilen links und rechts der Limmat. Bis weit ins 20. Jahrhundert fand hier auch der Gemüse- und Früchtemarkt statt. Überhaupt war die Umgebung dieses Verkehrsknotenpunktes vom Markttreiben beherrscht. Unter den Bögen zwischen Rathaus und Rüdenplatz wurde der Fischmarkt abgehalten. Und flussabwärts – direkt an die Hauptwache (1825, Limmatquai 61) angebaut – stand die wohlproportionierte Fleischhalle, die 1962 zum Bedauern vieler Architekturfreunde der Verbreiterung des Limmatquais zum Opfer fiel.
Im Zentrum der alten Stadt stand seit dem Mittelalter das Rathaus (Limmatquai 55). Das gegenwärtige Gebäude wurde in den Jahren 1694 bis 1698 erstellt und ist dem Barock verpflichtet, auch wenn die Gliederung der Fassaden noch im Geiste der Spätrenaissance erfolgte. Die zahlreichen Büsten hervorragender Persönlichkeiten aus Antike und Schweizer Geschichte über den Fenstern des Erdgeschosses, aber auch die schönen Fruchtgehänge lohnen einen Blick. Im Rathaus tagen die Parlamente von Stadt und Kanton Zürich. Interessierte Bürgerinnen und Bürger können den Ratsverhandlungen auf der Tribüne beiwohnen. Auch den Gästen der Stadt ist der Zutritt nicht verwehrt. Der Kantonsrat tagt jeweils am Montag, der Gemeinderat am Mittwoch.
Traditionsreiche Zunfthäuser
In der unmittelbaren Umgebung des Rathauses liessen sich seit dem Mittelalter auch die Zünfte nieder, was die stattliche Zahl von Zunfthäusern erklärt. Dem Rathaus gleich gegenüber gelegen – zwischen Rathausbrücke und Münsterbrücke – befinden sich das Zunfthaus «zur Zimmerleuten» (Limmatquai 40), das Gesellschaftshaus «zum Rüden» (Limmatquai 42) und das Zunfthaus «zur Saffran» (Limmatquai 54). Im Haus «zur Haue» (Limmatquai 52) hat sich die Zunft zum Kämbel eingerichtet. Alle diese Bauten aus der Zeit zürcherischer Zunftherrlichkeit verdienten eine Würdigung ihrer Besonderheiten. Herausgegriffen sei hier mit Blick auf das gleichnamige Wandbild jedoch nur das Gesellschaftshaus «zum Rüden» (Limmatquai 42). Im ersten Obergeschoss hat sich eine markante spätgotische Fenstergruppe erhalten. Letztere lässt erahnen, was sich dahinter verbirgt, nämlich ein sehenswerter, für Zürich einmaliger spätgotischer Saal mit Segmentbogendecke und einfachen ornamentierten Längsbalken. Das zweite Obergeschoss ragt als Fachwerkkonstruktion über die tieferliegenden Geschosse hinaus.
Die Zürcher Zunfthäuser sind heute nicht zuletzt als gute Restaurants mit gehobener Küche bekannt und somit zugänglich. Festfreude herrscht in den vornehmen Häusern nicht nur am Sechseläuten, dem Zürcher Frühlingsfest, sondern vor allem auch dann, wenn in den prachtvollen historischen Sälen zu einer Hochzeit oder zu einem Bankett geladen wird.
Zusammen mit den übrigen stattlichen Häusern bilden die genannten Zunfthäuser eine eindrückliche Kulisse auf dem rechten Ufer der Limmat, eine Kulisse, deren Reiz durch die Arkaden noch malerisch unterstrichen wird. Bis zum Bau des Limmatquais herrschte unter diesen Bögen reger Verkehr. Heute sind die Arkaden ausschliesslich den Fussgängern reserviert. Über der Häuserzeile zwischen Rathaus und Helmhaus erheben sich die beiden unverkennbaren Türme des Grossmünsters. Für die einen widerspiegelt sich hier am Limmatquai die traditionsreiche Stadt, die ihre Geschichte und ihre Baudenkmäler pflegt, für die andern bedeutet der Anblick dieses beliebten Foto- und Postkartenmotivs ganz einfach Heimatgefühl.
Helmhaus und Wasserkirche
Die Baugruppe Helmhaus und Wasserkirche stand ursprünglich auf einer Insel. Der Legende nach wurden auf dieser Insel die Zürcher Stadtheiligen Felix und Regula sowie ihr treuer Diener Exuperantius von den Römern enthauptet.
Beim Helmhaus am Limmatquai handelt es sich um ein den Limmatraum prägendes Gebäude, welches an die Wasserkirche angebaut ist. Es bestand im Mittelalter lediglich aus einer mit einem mächtigen Dach versehenen und von allen Seiten freien und offenen Vorhalle. Im 16. Jahrhundert wurde anstelle dieser Halle ein neues, nunmehr mit mehreren Dachböden versehenes Gebäude erbaut. 1791 beschloss der Rat von Zürich, anstelle der bisherigen Holzkonstruktion einen steinernen Bau zu errichten. Drei Jahre später war das klassizistische, noch heute in seiner nüchternen und dennoch eleganten Erscheinung erhaltene Helmhaus vollendet. In der Halle des Helmhauses wurde bis ins 19. Jahrhundert jeweils am Freitag der Garn-, Flachs- und Leinwandmarkt abgehalten. 1940/41 wurde das Helmhaus einer umfassenden Renovation unterzogen, welche ihm das insbesondere für Kunstausstellungen ideale, weil neutrale Raumgefühl vermitteln.
Die heutige Wasserkirche wurde 1479–84 erbaut und gilt als das stilistisch einheitlichste Werk der Spätgotik in Zürich. Die elegante Kirche mit Polygonalchor wird von eindrücklichen Strebepfeilern umklammert. Die Wasserkirche wurde vom 17. Jahrhundert bis zum Bau der Zentralbibliothek (vgl. S. 14) von der 1629 gegründeten Stadtbibliothek genutzt. Zu diesem Zwecke waren barocke Galerien in das Kirchenschiff eingebaut worden. Diese Einbauten – wären sie noch vorhanden – würden heute eine Sehenswürdigkeit darstellen. Mächtig und dennoch von vielen unbeachtet steht bei der Wasserkirche das Denkmal des Zürcher Reformators Huldrych Zwingli (1484–1531). Limmataufwärts erreicht man den Schiffländeplatz.
Bis zur Quaiaufschüttung in den 1830er Jahren befand sich hier ein Hafenbecken. Zwischen dem Schiffländeplatz und dem weiter südlich gelegenen Hechtplatz prägt das Haus «zum Raben» (Limmatquai 40) die spannende städtebauliche Situation.
Die Münsterbrücke
Die Münsterbrücke wurde in den Jahren 1836 bis 1838 von Alois Negrelli (1799–1858) anstelle einer hölzernen, der sogenannten Oberen Brücke erbaut. Der aus Österreich stammende Bauingenieur, seines Zeichens Ritter von Moldelbe, gehörte zu den europäischen Eisenbahnpionieren, realisierte er doch unter anderem die erste schweizerische Eisenbahn (vgl. S. 9). Negrelli war später an der Planung des Suezkanals beteiligt, der weitgehend nach seinen Ideen gebaut wurde. Die Münsterbrücke mit ihren vier eleganten Bogenöffnungen, gusseisernen Geländern und ebensolchen Kandelabern verdient als zweifelsohne schönste Brücke Zürichs einen respektvollen Blick. Fast zeitgleich mit dem Bau der neuen Brücke entstand 1839 die Grossmünsterterrasse mit ihrem gotisierenden Brüstungsmasswerk und den darunterliegenden «Verkaufsbuden», auch sie ein Werk Negrellis.
Beim westlichen Brückenkopf der Münsterbrücke erinnert ein Reiterdenkmal des Bildhauers Hermann Haller (1880–1950) an den Zürcher Bürgermeister Hans Waldmann (1434–1489). Waldmanns Werdegang hat die Zürcher immer wieder fasziniert. Der spätere Zunftmeister und Feldherr war als Halbwaise in die Limmatstadt gekommen, wo er zuerst als Schneider, später als Gerber und zuletzt als Eisenhändler tätig war. 1473 wurde er Zunftmeister der «Kämbel». Seine militärische Karriere fand im Burgunderkrieg einen Höhepunkt. Als Anführer der Zürcher trug er in der Schlacht bei Murten im Jahre 1476 wesentlich zum Sieg der Eidgenossen bei und wurde zum Ritter geschlagen. Ein Jahr später – in der Schlacht bei Nancy – führte Waldmann die eidgenössischen Söldner an. Seit Murten bezog Waldmann von verschiedenen Fürsten jährliche Pensionen, die ihn zu einem der reichsten Männer im Lande werden liessen. Sein Ziel war es, Zürich zur schönsten Stadt der Eidgenossenschaft zu machen. Unter Einsatz von eigenen Mitteln liess er die Wasserkirche errichten und Grossmünster und Fraumünster verschönern. Waldmanns Machtpolitik und seine harten Massnahmen zur Durchsetzung seiner Mandate führte zuerst zum Aufstand der Landbevölkerung und später auch der Bürgerschaft der Stadt Zürich. Am 1. April 1489 wurde Waldmann abgesetzt und fünf Tage danach unter dem Vorwand, ein österreichisches Heer sei zu seiner Befreiung im Anmarsch, in aller Eile öffentlich enthauptet. Die Ereignisse, die als «Waldmannhandel» in die Schweizer Geschichte eingegangen sind, fanden mit diesem Akt ein blutiges Ende.
Über den Münsterhof (vgl. S. 51) gelangt man in die Storchengasse mit ihren ausgesuchten Ladengeschäften. Besondere Beachtung verdienen die Schaufenster am Haus «zum Thor» an der Storchengasse 13. Diese neuromanische Schaufensterfront – unter der Leitung der Denkmalpflege der Stadt Zürich hervorragend restauriert – stammt aus dem Jahr 1865. Denn um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Marktstände im Freien zunehmend durch Verkaufsläden abgelöst. Zu diesem Zweck wurden die Erdgeschosse der oft mittelalterlichen Häuser mit grossflächigen Schaufenstern versehen.
Am Weinplatz
Von der Storchengasse aus führen mehrere schmale Gassen an die Wühre und damit an die Limmat. Vom Verkehr unbehelligte Strassencafés an der Wühre und am Weinplatz laden zum Verweilen ein und geben gleichzeitig den Blick auf die eingangs dieses Rundgangs beschriebene Häuserzeile zwischen Rathaus und Münsterbrücke frei.
Das Haus «zum (roten) Schwert» am Weinplatz 10 diente von 1406 bis 1918 als Gasthaus. Unter der Leitung der Familie Ott entwickelte sich das Gasthaus nach 1612 zur berühmtesten Herberge Zürichs. Die glänzendste Zeit fiel in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Nicht nur gekrönte Häupter und ranghohe Offiziere aus ganz Europa, sondern auch Dichter und Musiker liessen sich hier nieder. Eine diskrete Gedenktafel links der Türe nennt einige Namen, darunter Victor Hugo, Alexandre Dumas, Wolfgang Amadeus Mozart, Franz Liszt, Johannes Brahms.
Herzog Karl August von Weimar, der 1779 zusammen mit Goethe (vgl. S. 39) im «Schwert» abstieg, zeigte sich von der Lage und Qualität des Gasthofes angetan: «Wohnen in einem allerschönsten Wirtshause, das an der Brücke steht, die die Stadt zusammenhängt, eine liebliche Aussicht auf den Fluss, See und Gebirge, trefflich zu essen, gute Betten, und also alles, was sonst in verzauberten Schlössern, um Ritter zu erquicken, herbeigewinkt wird.»