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Eine Auswertung der Redezeit in National- und Ständerat zeigt: Frauen treten weniger häufig ans Redepult als Männer. Am meisten spricht der Fraktionschef der Grünen, während die SVPler im Durchschnitt am schweigsamsten sind. Die wichtigsten sechs Antworten.
Die Rangliste im Nationalrat wird angeführt von Balthasar Glättli (Grüne/ZH). Dieser hat laut einer Auswertung des Beobachter zwischen November 2015 und Dezember 2018 – den ersten drei Jahren der laufenden Legislatur – insgesamt 10 Stunden und 45 Minuten am Rednerpult verbracht. Aufs Podest schaffen es auch Beat Flach (GLP/AG) und Karl Vogler (CSP/OW) die beide ebenfalls auf über 10 Stunden Redezeit kommen. Auf Rang vier folgt mit Lisa Mazzone (Grüne/GE) die erste Frau. Mazzone hat insgesamt 9:36 Stunden am Rednerpult verbracht.
Am anderen Ende der Tabelle befindet sich Barbara Keller-Inhelder (SVP/SG), die auf eine Gesamtredezeit von lediglich fünf Minuten kommt. Auf dem zweitletzten Platz befindet sich Christoph Eymann (LDP/BS) mit 19 Minuten, auf dem drittletzten Platz Bruno Walliser (SVP/ZH) mit 24 Minuten.
Im Ständerat führt Hannes Germann (SVP/SH) die Tabelle an mit einer Gesamtredezeit von 14:32 Stunden. Dahinter folgen Pirmin Bischof (CVP/SO) mit 14:31 Stunden und Martin Schmid (FDP/GR) mit 13:09 Stunden. Auf den letzten drei Plätzen liegen Anne Seydoux-Christe (CVP/JU) mit einer Redezeit von 3:58 Stunden, hauchdünn gefolgt von Hans Wicki (FDP/NW) mit 3:59 Stunden und Thomas Hefti (FDP/GL) mit exakt 4 Stunden.
«Verschiedene Faktoren tragen dazu bei, dass ich der Nationalrat mit der meisten Redezeit bin», sagt Balthasar Glättli gegenüber watson. Einerseits sei er häufig in seiner Rolle als Fraktionspräsident der Grünen am Rednerpult, wo er die Haltung seiner Fraktion zu einzelnen Geschäften darlege. Glättlis Parteikollegin Lisa Mazzone, die Nationalrätin mit der grössten Redezeit, tut dies als französischsprachige Sprecherin der Grünen ebenfalls häufig.
Ein weiterer Faktor für Glättlis Spitzenplatz sei die Tatsache, dass er in zwei Kommissionen (sicherheits- und staatspolitische Kommission) aktiv mitarbeite. In ersterer gemeinsam mit seiner französischsprachigen grünen Fraktionskollegin Lisa Mazzone, in zweiterer als einziger Grüner. Das führe dazu, dass er bei Geschäften aus diesen Fachbereichen die Position der Grünen auf Deutsch vertrete. «In grösseren Fraktionen verteilt sich diese Aufgabe auf mehrere Schultern», so Glättli zu watson. Und fügt mit einem Lachen hinzu: «Wer den Glättli weniger reden hören will, muss im Herbst mehr Grüne in den Nationalrat wählen.»
Ein dritter Faktor für seinen ersten Rang sind laut Glättli die Mehrheitsverhältnisse im Rat. Weil das linksgrüne Lager in den Kommissionen tendenziell gegen die bürgerliche Mehrheit unterliege, trete er zusätzlich auch noch überdurchschnittlich häufig ans Rednerpult, um bei einzelnen Abstimmungen die Position der Kommissionsminderheit zu erläutern.
Die im Nationalratssaal schweigsame SVP-Nationalrätin Barbara Keller-Inhelder erklärt ihren letzten Platz gegenüber dem «Beobachter» damit, dass das Reden im Plenum meist nichts bringe: «Wer wie abstimmt, ist bereits vor der Ratsdebatte festgelegt.» Viele Ratsmitglieder würden nur sprechen, damit sie 15 Sekunden in der «Tagesschau» vorkämen: «Das trägt nichts zu Lösungen bei», so Keller-Inhelders Kritik.
Gemäss der Auswertung des «Beobachter» reden Männer und Frauen im Nationalrat im Schnitt zwar fast genau gleich viel und fast gleich lang. Doch vergleicht man die Redezeit nach Geschlechtern in den einzelnen Fraktionen, so geben dort die Männer die «maximale Sprechzeit» vor, wie der «Beobachter» schreibt: Bei der SVP, der Partei mit der kürzesten durchschnittlichen Redezeit pro Fraktionsmitglied, reden die Männer im Schnitt 2:10 Stunden, die Frauen 1:49 Stunden. Dieses Muster zieht sich durch alle Parteien – mit Ausnahme der siebenköpfigen BDP-Fraktion, die mit Nationalrätin Rosmarie Quadranti die einzige weibliche Fraktionspräsidentin stellt. Sie kommt auf 4:58 Stunden am Rednerpult, während ihre sechs männlichen Kollegen im Schnitt nur 2:50 Stunden Redezeit haben.
Im Ständerat hingegen kommen die Frauen auf eine um durchschnittlich 20 Prozent geringere Redezeit als die Männer. Die Thurgauer CVP-Ständerätin Brigitte Häberli-Koller, die als einzige von derzeit sechs Ständerätinnen im Herbst zur Wiederwahl antritt, erklärt diesen Unterschied gegenüber dem «Beobachter» wie folgt: «Weil es so wenige Frauen im Ständerat gibt, stehen sie unter besonderer Beobachtung der Öffentlichkeit», so Häberli-Kollers Vermutung. Die Frauen würden sich deshalb umso besser vorbereiten.
Politologin Marlène Gerber von der Universität Bern hat sich in einem im September erscheinenden Sammelband mit der Gleichberechtigung in der parlamentarischen Debatte befasst. Nach ihren Erkenntnissen nehmen die Wortmeldungen von Frauen ab, wenn in einer Fraktion nur sehr wenige Frauen sitzen, wie der «Beobachter» schreibt. Eine kritische Masse sei notwendig: «Sobald die Frauen aber knapp 20 Prozent der Fraktion ausmachen, gibt es keine ungleiche Beteiligung mehr im Ratsbetrieb», so Gerber, welche den Rednerinnenanteil im Parlament von 2005 bis 2018 wissenschaftlich analysiert hat. Auch wenn ihre männlichen Parteikollegen die gleichen politischen Positionen vertreten würden wie die Frauen im Parlament, sei es wichtig, dass diese selber ans Rednerpult treten: «Oft werden diejenigen Personengruppen als besonders einflussreich wahrgenommen, die die Debatten dominieren. Sieht man keine Frauen am Rednerpult, entsteht der Eindruck, Frauen hätten nichts zu sagen», erklärt Gerber.
Die folgende Grafik vergleicht den Sitzanteil der Parteien im Nationalrat (pink) mit dem Anteil an der gesamten Redezeit (blau). Zu sehen ist, dass die SVP als grösste Fraktion (32 Prozent der Nationalratssitze) lediglich 22,9 Prozent der Redezeit in Anspruch nimmt. Diese Diskrepanz ist teilweise mit den parlamentarischen Regeln erklärbar: Bei Geschäften erhalten die Fraktionen unabhängig von ihrer Grösse gleich viel Zeit zur Stellungnahme. Während der Anteil der Redezeit von FDP, CVP und BDP in etwa ihrem Sitzanteil entspricht, liegt jener von Grünen und Grünliberalen deutlich, jener der SP leicht über ihrem Sitzanteil. Dies ist – wie oben von Balthasar Glättli erwähnt – teilweise mit den politischen Mehrheitsverhältnissen im Rat erklärbar: Grüne, SP und GLP befinden sich in den vorbereitenden Kommissionen überdurchschnittlich oft in der Minderheit. Dementsprechend erhalten die 74 Nationalräte der drei Parteien überdurchschnittlich oft die Möglichkeit, im Plenum die Position der Kommissionsminderheit zu vertreten. Die Position der Kommissionsmehrheit hingegen vertritt überdurchschnittlich oft eines der 162 Ratsmitglieder von SVP, FDP, CVP und BDP. Das senkt den Anteil der Rednerzeit ihrer Parteien im Vergleich zur Ratslinken.
Der «Beobachter» hat gemeinsam mit Oleg Lavrovsky vom Verein OpenData die Videoaufzeichnungen aller Voten im National- und Ständerat ausgewertet. Berücksichtigt wurde wie erwähnt der Zeitraum zwischen November 2015 und Dezember 2018 – die ersten drei Jahre der aktuellen Legislaturperiode. Die Videoaufzeichnungen stellen die Parlamentsdienste öffentlich zur Verfügung.
Im Nationalrat wurde die Redezeit von 175 Ratsmitgliedern (56 Frauen und 119 Männer) berücksichtigt. Sie kommen zusammen auf eine Redezeit von insgesamt 552 Stunden oder 23 Tagen. Weggelassen wurden jene Ratsmitglieder, die in dieser Zeit entweder zurückgetreten oder nachgerutscht sind oder als Präsidenten oder Vizepräsidenten des Rats von Amtes wegen überdurchschnittlich viel Redezeit in Anspruch genommen haben.
Im Ständerat wurden die Reden von 39 Ratsmitgliedern berücksichtigt (5 Frauen und 34 Männer). Sie redeten zusammen insgesamt 315 Stunden oder rund 13 Tage. Weggelassen wurden auch hier die insgesamt sieben Präsidenten und Vizepräsidenten dieser Periode. Rücktritte oder Neumitglieder verzeichnete der Ständerat in diesem Zeitraum keine.