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Wenn Stufen den Weg zur Uni versperren
Im Kanton Zürich soll die UNO-Behindertenrechtskonvention umgesetzt werden. Auch die Uni will Barrieren abbauen.
Wenn eine Studentin die Dozentin nicht versteht, weil diese nur in gesprochener Sprache kommuniziert und ihr Mund hinter der Maske nicht sichtbar ist, oder wenn ein Student nicht an der Übungsstunde teilnehmen kann, weil diese in einem Altbau ohne Lift stattfindet: In solchen Fällen hat eine Person eine Behinderung. Doch was ist die Ursache für die Behinderung? Ist es das reduzierte Gehör der Studentin und der Rollstuhl des Studenten? Oder dass ein*e Gebärdensprach-Dolmetscher*in und ein Lift fehlen?
Vor fünfzig Jahren hätten die meisten Menschen die Ursache bei den Individuen gesucht: Behinderte Menschen seien behindert, weil sie nicht die gleichen physischen oder kognitiven Veranlagungen hätten wie die Durchschnittsbevölkerung, so die damalige Meinung. Diese Auffassung entspricht dem medizinischen Modell von Behinderung. Ein Gegenentwurf dazu ist das soziale Modell, das in den Siebzigern von US-amerikanischen Aktivist*innen und Sozialwissenschaftler*innen entwickelt und 1983 vom rollstuhlgängigen Soziologen Mike Oliver benannt wurde. Gemäss dem sozialen Modell ist ein Mensch behindert, weil die Gesellschaft ungenügend auf seine Bedürfnisse eingeht und so – absichtlich und unabsichtlich – Hindernisse schafft. Die Rolle der Gesellschaft hat auch die UNO-Behindertenrechtskonvention (BRK) anerkannt, welche die Schweiz 2014 ratifiziert hat.
Aus der BRK geht hervor, dass die Verantwortung für eine gute Lebensqualität nicht allein bei den behinderten Personen liegt. Stattdessen ist es die Aufgabe der Allgemeinheit, die geschaffenen Barrieren zu beseitigen und so für jeden Menschen die Grundrechte zu gewährleisten, zum Beispiel das Recht auf Bildung und Bewegungsfreiheit. Doch Menschen mit Behinderungen warten immer noch darauf, dass ihre Rechte eingehalten werden: Als erster Kanton der Schweiz hat Zürich erst diesen Sommer entsprechende Massnahmen beschlossen – acht Jahre nachdem die UNO-Konvention bundesweit in Kraft getreten war und 14 Jahre nachdem die ersten zwanzig Staaten der Konvention beigetreten waren.
Die meisten Behinderungen sind unsichtbar
Im März 2022 bewertete der UNO-BRK-Ausschuss die Umsetzung der BRK in der Schweiz. Die positiven Aspekte nahmen im Bericht eine Seite ein, während die Kritikpunkte und Empfehlungen 14 Seiten umfassten. Bemängelt wurde im Ausschuss-Bericht unter anderem, dass die Hochschulen für Studierende mit Behinderungen zu wenig zugänglich seien. Der Universität Zürich und der ETH steht also noch einiges an Arbeit bevor. Dabei reicht es nicht, hindernisfrei zu bauen und Webseiten zugänglich zu gestalten: «Die Bedürfnisse von behinderten Menschen sind nicht generalisierbar», sagt Laura Galli, Co-Präsidentin des VSUZH und Mitglied der VSUZH-Kommission «Studium und Behinderung». Denn Behinderungen können sehr unterschiedlich aussehen und nur ein Teil von ihnen ist von aussen erkennbar. «70 Prozent der Studierenden, die sich von der Fachstelle ‹Studium und Behinderung› beraten lassen, leben mit einer sogenannten unsichtbaren Behinderung», erklärt Benjamin Börner, Leiter der Fachstelle. «Dazu gehören unter anderem psychische und chronische Krankheiten, ADHS und Asperger-Autismus.»
Dass jemand mit ADHS auf andere Hindernisse stösst als eine Studentin mit einer Mobilitätsbehinderung scheint offensichtlich. Doch auch Menschen mit scheinbar gleichen Behinderungen können verschiedene Anliegen haben: «Als schwerhörige Person kann ich zum Beispiel mündliche Prüfungen ablegen – für andere hörbehinderte Studierende geht das hingegen nicht», erzählt Galli. Wie viele andere Studierende mit einer Behinderung ist sich Galli gewohnt, die Dozierenden individuell auf ihre Bedürfnisse aufmerksam zu machen. «Bis jetzt sind die meisten sehr gut darauf eingegangen», meint sie. Doch das mache die benötigte Infrastruktur an der Uni nicht weniger wichtig: «In grossen Hörsälen sind Mikrofone, die mit meinem Hörgerät verbunden sind, beispielsweise eine grosse Hilfe.»
Forum UZH soll barrierefrei werden
Es gibt allerdings auch Massnahmen, die einem Grossteil der Studierenden mit Behinderung entgegenkommen: In einer noch unveröffentlichten Studie der Uni Zürich gab eine deutliche Mehrheit der Studierenden mit einer Behinderung an, dass ihnen das Studium während des Lockdowns leichter gefallen sei als vorher. Börner vermutet, dass die Podcasts Barrieren abgebaut haben, weil sie ort- und zeitunabhängig sind. Und auch Galli meint: «Die Coronazeit hat bei vielen den Wunsch nach digitaler Lehre geweckt.»
Um das Bewusstsein bei den Dozierenden zu fördern, setzt die ETH unter anderem auf Lehrvideos und regelmässig stattfindende, fakultative Kurse. Diese gehören zu 14 selbst auferlegten Massnahmen, mit denen die Hochschule hindernisfrei werden möchte. Auch die Fachstelle «Studium und Behinderung» an der Uni will aufklären: «Unsere Aufgabe ist es, Uni-Angehörige zu beraten», so Börner. Die Fachstelle informiert die Studierenden über Hilfeleistungen und einen möglichen Nachteilsausgleich, für den sie eine Empfehlung bei der betreffenden Fakultät einreichen können. Den Dozierenden steht die Fachstelle bei Nachfrage zur Verfügung und bietet Kurse und Merkblätter an. Doch was ist, wenn Dozierende sich nicht darum bemühen, barrierefrei zu lehren? «Die Fachstelle hat keinerlei Weisungsbefugnis», erklärt Börner. «Wir können und wollen niemanden zu einer Weiterbildung oder einer bestimmten Lehrmethode zwingen.»
In einigen Bereichen scheint der freiwillige Ansatz bisher zu klappen: Bei der Planung des Forum UZH hat die Universität die Bauberatung des Vereins «Behindertenkonferenz Kanton Zürich» in Anspruch genommen. Geschäftsleiterin Martina Schweizer zeigt sich zufrieden mit der Zusammenarbeit: «Die Rückmeldung der Bauberatung wurde aufmerksam aufgenommen und in den Plänen umgesetzt.» Und auch die VSUZH-Kommission für «Studium und Behinderung» konnte sich einbringen. «Wir haben beispielsweise für zugängliche WCs und Gelände plädiert», meint Kommissions-Mitglied Laura Galli. Sowohl Galli wie auch Schweizer sind gespannt auf das Ergebnis.
Mehr Studierende holen sich Unterstützung
Doch reichen die Massnahmen der Hochschulen und des Kantons, um die BRK zu erfüllen und Studierenden gerecht zu werden? Den kantonalen Massnahmen steht Schweizer kritisch gegenüber: «Sie sind wichtig und richtig, aber es fehlen die konkret messbaren Ziele und es muss auch überprüft werden, ob diese erreicht wurden.»
Galli sieht die Entwicklung an der Uni optimistisch. Sie wünscht sich aber mehr Ressourcen für die Fachstelle: «Manche Studierende müssen sehr lange auf eine studentische Assistenz oder einen Nachteilsausgleich-Bescheid warten.» Dass die Fachstelle sehr viel zu tun hat, könnte auch daran liegen, dass immer mehr Studierende Beratung suchen. «2022 hat die Fachstelle bereits mehr als doppelt so viele Studierende unterstützt wie 2013», berichtet Fachstellenleiter Börner. Diese Zunahme deutet darauf hin, dass Studierende mit Behinderungen ihre Rechte kennen und zunehmend einfordern.