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Bern den 5 August 1854
Mein lieber Freund!
Gerne will ich dir den Hergang der bewußten Wahlen melden, jedoch nur für dich u vertraute Freunde u nicht für Zeitungen. Man discutirte vorher, jedoch nicht über die Persönlichkeiten, sondern über die Requisite, welche man verlangen müße. Dieses wurde veranlaßt durch eine Bemerkung Ochsenbeins, daß man einen Militair wählen sollte. Ich bestritt diese Ansicht aus verschiednen Motiven, die du leicht denken kannst. – Beim Scrutinium schrieb man nun fünf Mann auf Einen Zettel. Sogleich erhielten 4 die Mehrheit, nämlich Kern, Escher, Tourte u Studer od. um richtiger zu sprechen, die drei ersten hatten alle Stimmen, der letztre eine weniger, nämlich die Meinige. Hierüber unten Mehreres. Das fünfte Mitglied veranlaste viele Abstimmungen; man mußte mehrmals abstimmen, welche Einzelne aus der Wahl fallen. Fast alle Namen, die du kennst, hatten einzelne Stimmen; am nächsten kamen Blumer, Guscetti u Bourgeois (letztrer vermuthlich als Militair). Endlich kam Dr Steiger heraus. – Nun wurden die drei Suppleanten auf einen Zettel geschrieben. Das erforderte ebenfalls viele Scrutinien, doch kam Blumer bald heraus, die übrigen succeßive nebst einer Menge der übrigen bekannten Namen. Hierauf Wahl des Präsidenten. Im ersten Scrutinium Kern einstimmig. Wenn du berüksichtigst, daß du jedenfalls die Wahl nicht angenommen hättest, was der Bundesrath wußte, u daß Studer u Steiger höchst wahrscheinlich auch nicht angenommen hätten, so wirst du begreifen, daß Kern einstimmig ge| wählt wurde. Endlich Wahl der Vice Präsidenten ebenfalls einstimmig im ersten Scrutinium. -
Ich bemerkte dir, daß mir die Sache nicht ganz gefalle. Dieses bezieht sich besonders auf drei Punkte:
1. Daß Blumer nicht gewählt wurde; ich stimmte ihm beharrlich u bezweckte dadurch wenigstens, daß er zuerst Suppleant wurde. Mir scheint, daß man Anstand nahm, alle mit Ausnahme v. Tourte aus der Ostschweiz zu wählen.
2. Die Wahl Studers liegt mir auch nicht ganz recht. Seine Wißenschaftlichkeit ist zwar anerkannt u auch gegen seine Persönlichkeit läßt sich nichts erhebliches einwenden. Allein ich besorge, er ist zu specifisch stadtbernerisch; er soll sich auch entschieden gegen höhere Eidgenößische Lehranstalten ausgesprochen haben; darum besorge ich, es werde ihm das Gedeihen der Anstalt in dem fatalen Zürich nicht sonderlich am Herzen liegen. Ich sprach darüber vorher mit Stämpfli; er theilte diese Besorgniß; war aber nicht im Fall, mit entschiedner Überzeugung einen andern Berner vorzuschlagen. Er nannte mir zwar den Prof. Ries, der sich aufs Erziehungswesen gut verstehe u namentlich die Hebung der Mittelschulen anstrebe. Allein ich erfuhr nachher, daß er sich eben so rabiat, wie alle Berner Profeßoren, gegen die s.g. Centralisation höherer Unterrichtsanstalten ausgesprochen habe. Daher konnte ich keinem Berner stimmen. Der Bundesrath scheint aber nicht den Muth gehabt zu haben, diesen Kanton zu übergehen
3. Humbert ist ein rechter Mann; allein er gehörte der Commission an, welche im Ständerath den bekannten Nachtrags Credit wegvotiren | wollte. Entweder ist er daher der Anstalt feindlich gestimmt, od. er hat gar keinen Begriff von einer solchen. Daher liegt mir auch diese Wahl nicht recht. –
Dieß meine Bemerkungen! Möge nun die Anstalt gedeihen! Was Rüttimann betrifft, so nützt alle Discussion darüber nichts; ich war überzeugt, daß der Bundesrath nicht einen Zürcher zum Präsidenten wählen würde. Sonst wäre ich natürlich jeder Zeit bereit, ihm eine angenehme Stellung zu verschaffen; allein ich kann es natürlich ohne die andern Mitglieder nicht. Übrigens waren dann allerdings noch andre Bedenken vorhanden, worüber ich dir schon schrieb.
Sobald alle AnnahmsErklärungen eingekommen sind, wird man es dem Hrn Kern anzeigen u dann steht der Thätigkeit des Schulraths nichts mehr im Wege.
Meine besten Grüße an Euch alle u gut Wetter auf den Rigi! –
Dein
F