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| Hieronymus († 420) - Briefe

II.a. Aszetische Briefe: Über die kirchlichen Stände und ihre Aszese
22. An Eustochium
35.
Nachdem wir diese verderbliche Kaste erledigt haben, noch ein Wort über die sogenannten Cönobiten, die zu mehreren gemeinschaftlich leben. Ihr oberstes Gesetz besteht darin, daß sie Vorgesetzten untergeben sind, deren Willen sie in allen Dingen ausführen. Sie sind in Gruppen von zehn und hundert eingeteilt, so daß der zehnte der Vorgesetzte der anderen neun ist. Der Hundertste aber ist wieder der Obere der zehn Vorgesetzten. [S. 107] Die Mönche wohnen für sich getrennt, aber in Zellen, die miteinander in Verbindung stehen. Bis zur neunten Stunde 1 gibt es keinen Verkehr; keiner besucht den anderen, außer den genannten Dekanen, wenn sie etwa einen Bruder, der innere Schwierigkeiten hat, durch ihren Zuspruch trösten wollen. Nach der neunten Stunde kommen alle zum gemeinsamen Psalmengesang und zur Schriftlesung zusammen. Sind die Gebete zu Ende, lassen sich alle nieder. Dann tritt der, den sie Vater nennen, in ihre Mitte und hält eine Ansprache. Während er redet, herrscht eine solche Stille, daß keiner es wagt, seinen Nachbarn anzublicken oder sich zu räuspern. Die Hörer spenden dem Redenden nur durch ihre Tränen Beifall. Lautlos rollen sie über ihre Wangen, kein Schluchzen verrät den inneren Schmerz. Beginnt er aber vom Reiche Christi, von der zukünftigen Seligkeit und der kommenden Herrlichkeit zu sprechen, dann kannst Du ab und zu einen unterdrückten Seufzer hören und sehen, wie alle mit zum Himmel erhobenen Augen in ihrem Inneren beten: „Wer gibt mir Flügel wie der Taube, damit ich entfliegen und zur Ruhe kommen kann?“ 2 Dann löst sich die Versammlung auf, und jede Dekurie begibt sich mit ihrem Oberen zu Tische, dessen Bedienung die einzelnen, wöchentlich abwechselnd, übernehmen. Beim Essen hört man kein Geräusch, keiner spricht dabei. Man nährt sich von Brot, Gemüsen und Kräutern, die mit Salz und Öl gewürzt werden. Wein erhalten nur die Greise. Diese erhalten auch wie die Knaben oft schon vorher eine Mahlzeit, damit das ermüdete Alter der einen gekräftigt wird, das beginnende der anderen nicht zusammenbricht. Dann stehen sie gemeinschaftlich auf, sprechen das Tischgebet und kehren in ihre Zellen zurück. 3 Dort unterhält sich der einzelne Gruppenführer bis zum Abend mit seinen Leuten und sagt: „Habt ihr [S. 108] den oder jenen beobachtet? Welch große Gnade ist ihm nicht zuteil geworden! Wie übt er das Stillschweigen! Wie bescheiden ist sein Auftreten!“ Ist einer krank, dann trösten sie ihn. Zeigt einer großen Eifer im Dienste Gottes, dann muntern sie ihn auf zur Beharrlichkeit. Abgesehen von den gemeinsamen Gebetsübungen, verweilt jeder Mönch während der Nacht wachend in seiner Zelle. Die Vorsteher machen nun die Runde an den Zellen, legen das Ohr an und prüfen genau, was der Insasse der Zelle tut. Finden sie einen, der lässig ist, so schelten sie ihn nicht. Sie stellen sich unwissend und besuchen ihn dann öfter, fangen an zu beten und locken ihn mehr dazu, als sie ihn zwingen, mitzutun. Das tägliche Arbeitspensum ist genau festgelegt. Man gibt es dem Dekan ab, der es weiter dem Ökonom aushändigt. Dieser wiederum legt jeden Monat dem gemeinsamen Vater unter Furcht und Zittern Rechenschaft ab. Auch kostet er die Speisen, sobald sie fertig sind. Da keiner sagen darf; „Ich habe keinen Rock, keinen Mantel, keine Binsenmatte“, regelt der Ökonom alles, so daß keiner etwas zu verlangen braucht und keinem etwas abgeht. Wird ein Mönch krank, so bringt man ihn in ein größeres Gemach. Dort nehmen sich seiner die älteren Mitbrüder so warm an, daß er weder die Bequemlichkeiten der Stadt noch die zärtliche Fürsorge einer Mutter vermißt. Der Sonntag wird nur für Gebet und Lesung freigehalten. Dem Gebete widmen die Mönche auch die übrige Zeit, wenn sie ihre Verrichtungen erledigt haben. Jeden Tag lernen sie etwas aus der Hl. Schrift auswendig. Das Fasten bleibt sich das ganze Jahr über gleich, abgesehen von der Fastenzeit, in der allein eine strengere Lebensweise gestattet ist. Von Pfingsten an finden die Mahlzeiten nicht des Abends, sondern mittags statt, um sich der kirchlichen Überlieferung anzupassen, ohne den Magen mit doppelter Mahlzeit zu überladen. Solches berichten auch Philo, 4 der >s 109> Nachahmer der platonischen Dialoge, und Josephus, 5 der griechische Livius, im zweiten Buche seiner Geschichte des jüdischen Krieges von den Essenern. 6
1: 3 Uhr nachmittags.
2: Ps. 54, 7.
3: „ad praesepia“. Die Zellen scheinen in ihrer primitiven Form an Ställe erinnert zu haben.
4: Pilo, …… ndvxa oxovöatov slvat IXev&eoov 12.
5: Flavius Josephus, De bello judaico II 8, 2 ff.
6: Die Essener (Essäer) waren eine aszetisch eingestellte jüdische Sekte, die die Tieropfer verwarf und sich daher vom Opferdienst in Jerusalem fernhielt.