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Ästhetik von Innen
Scharouns Raumauffassung - Raum ist nur durch den Menschen, der ihn erlebt und erfüllt-, führt uns zur Raumtheorie des deutschen Kunsthistorikers August Schmarsow. Scharoun hat sich unseres Wissen nach nie direkt auf Schmarsows Theorie bezogen, aber es lohnt diese zu betrachten, da beide - der Architekt mit seinen Bauten und der Theoretiker mit seinen Texten - das gleiche in den Mittelpunkt stellten – den Raum und den Menschen.
Schmarsow betonte schon 1893 die Bedeutung des bewegenden Subjektes für die Architektur und vermisste in vielen Bauten „den warmen Anteil des inneren Menschen“ (S.3) Mit seinem Text, „Das Wesen der architektonischen Schöpfung“ (Antrittsvorlesung 8. Nov 1893), Karl Hiersemann Verlag, Leipzig, 1894) war er einer der ersten, der die Bedeutung des Raumes für die Architektur herausstellte: „Raumgefühl und Raumphantasie drängen zur Raumgestaltung und suchen ihre Befriedigung in einer Kunst; wir nennen sie Architektur und können sie deutsch kurzweg als Raumgestalterin bezeichnen.“ (S.11)
Schmarsows Interesse am architektonischen Raum ist verbunden mit den seit Ende des 19. Jahrhunderts in den Mittelpunkt rückenden Fragen der Wirkung und Wahrnehmung von Kunst und Architektur, beeinflusst durch die wissenschaftliche Psychologie (Heinrich Wölfflin, Alois Riegl).
Sein Text ist eine Kritik einer Ästhetik von aussen, die einen Höhepunkt in der Stilsuche des Historismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts erreichte. Die Architektur verlor sich in Diskursen über Dekoration und Fassadenbekleidungen.
Schmarsow versucht die Aufmerksamkeit vom Äusseren zum Inneren zu lenken. Dies geschieht auf zwei Ebenen. Einerseits wird wie schon oben erwähnt die Bedeutung des Menschen betont, es kommt zu einer Verschiebung des Interesses an der gebauten Materie, die autonom als Objekt betrachtet wird, zu einer Materie die dem Menschen dient und erst durch ihn zum Leben erweckt wird. „Jede Gestaltung des Raumes ist zunächst Umschliessung eines Subjektes (…)“ (S.15). Und dieses Subjekt belebt den Raum, indem es sich in ihm bewegt. Damit freie Bewegung stattfinden kann, unterstreicht Schmarsow die Bedeutung der Tiefenausdehnung. Sie ist für ihn „die wichtigste Ausdehnung für das eigentliche Raumgebilde, vielmehr die Richtung unserer freien Bewegung, also nach vorwärts, und zugleich unseres Blickes, durch Ort und Stellung unserer Augen bestimmt (…)“ (S.16)
Andererseits versucht Schmarsow eine neue Ästhetik zu etablieren: „Es gälte (…) vielmehr eine Ästhetik von Innen zu versuchen, und mit der Architektur, die solange durch eine Ästhetik von Aussen veräusserlicht worden, den Anfang zu machen zu einem Gang von Innen her.“ (S.3)
Diese innere Ästhetik konzentriert sich auf die Bildung von Räumen, die den Menschen dienen, sein Leben zu entfalten. Dabei werden Material und Konstruktionsfragen zweitrangig: „(…) sie sind samt und sonders Raumgebilde, - und zwar gleichgültig aus welchem Material, von welcher Dauer und Konstruktion, oder welcher Durchbildung der tragenden und getragenen Teile. «Wesentlich ist nur die Raumabschliessung»“ (p.10)
Zurückkommend auf Scharoun fragen wir uns: Wie fördert Scharoun Bewegung und wie behandelt er die Raumabschliessungen?
Um Bewegungsabläufe zu thematisieren verwendet Scharoun zwei Grundmuster räumlicher Organisation.
Das erste bedient sich einer Vielzahl von Treppen, Galerien und Podesten um einen Raum zu schaffen, in dem sich der Mensch frei in allen Richtungen bewegen kann und somit alle drei Dimensionen erschlossen sind (z.B. Berliner Philharmonie).
Das zweite ist das dem Städtebau entlehnte Prinzip einer inneren Strasse oder Promenade (z.B. das Geschwister Scholl Gymnasium). An diesem inneren Weg sind Sitzmöglichkeiten, Treppen, Podeste, ein Brunnen, Wegabzweigungen angelagert, die das Bewegen durch das Gebäude inszenieren und zum Erlebnis werden lassen.
Scharoun behandelt die raumbegrenzenden Elemente untektonisch, sie übernehmen keine statisch konstruktiven Aufgaben. Dadurch verlieren sie an Bedeutung. Die oft weiss gelassenen Wände helfen, die Wände noch mehr zu entstofflichen. Die materiellen Bauglieder treten in den Hintergrund, um die immaterielle Leere zu zelebrieren.
Scharoun und Schmarsow erinnern, uns nicht in unendlichen Formfragen zu verlieren, sondern immer zum Wesentlichen zurückzukehren, zum durch den Menschen belebten Raum.
„Die starre reine Form allein wäre bei aller ausgesprochenen Vorliebe für Gesetzmässigkeit und Regel dem Menschen auf die Dauer als seine tägliche Umschliessung ein unerträglicher Zwang. Sie muss sich durchdringen mit Leben von seinem Leben, wenn sie vollauf befriedigen und beglücken soll.“ (Schmarsow, S.20)
Literatur: „Das Wesen der architektonischen Schöpfung“ (Antrittsvorlesung 8. Nov 1893), Karl Hiersemann Verlag, Leipzig, 1894)
vorgestellt von Jana & Laurent Vuilleumier