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«Was für eine Art Mutter bist du eigentlich?», fragte mich kürzlich jemand. «Was?», fragte ich zurück. Ich habe mir noch nie überlegt, was für eine «Art Mutter» ich bin. «Also, ich hoffe, eine eingermassen annehmbare für meine Kinder...» «Nein, ich meine, ob du eher streng bist oder nicht. Oder so eine Helikoptermutter, so überbeschützend. Nimmst du das alles ganz locker oder findest du es sehr anstrengend?» Komische Fragen, irgendwie. Ich meine, wer gibt als Eltern schon zu, extrem streng oder total lasch zu sein den Kindern gegenüber? Wer empfindet sich selbst als Helikoptermutter oder -Vater? Und wer gibt schon zu, bei der Kindererziehung ganz schön unter Druck zu geraten?
Nun, wenn das im Rahmen einer Studie geschieht: erstaunlich viele. So ergab eine Umfrage der Zeitschrift «Eltern» kürzlich, dass 73 Prozent der Frauen und 56 Prozent der Männer die Ansprüche an sie als sehr hoch empfinden. Drei Viertel der rund tausend befragten Mütter sagen, dass sie öfter mit sich unzufrieden seien. Zwei Drittel der Väter glauben, dass sie ihrer Vaterrolle nicht gerecht werden. Die Rede ist von Zeitdruck im Alltag und hohen Leistungsanforderungen unserer Gesellschaft. Und: Ein Drittel der gut 700 befragten Kinder bemerkt den Stress der Eltern, «weil sie immer alles perfekt machen wollen.»
Die Reaktionen von irgendwelchen Ewiggestrigen auf die Studie kamen prompt: Der Grund für die offensichtliche Überforderung bei der Kindererziehung sind natürlich all die berufstätigen Rabenmütter, welche für ein bisschen egoistische Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen (und ihre Männer verunsichern). Womit sich mir zu der Frage, welche «Art» Mutter ich bin noch eine zusätzliche stellt: Wäre ich anders, wenn ich nicht arbeiten würde? Hat meine Art der Kindererziehung tatsächlich etwas damit zu tun, dass ich berufstätig bin?
Ja und nein. Ich bin nicht die strengste Mutter auf Erden. Meine Kinder dürfen ziemlich viel, aber ich erwarte von ihnen, dass sie mein Vertrauen in sie nicht missbrauchen. Zeiten und Abmachungen werden eingehalten, das ist für mich selbstverständlich. Und ich führe keine endlosen Diskussionen mit ihnen. Manche Dinge gelten einfach, ohne dass ich ihnen 24 verschiedene Begründungen dafür liefern muss. Ich bin keine Helikoptermutter. Ich bin der Meinung, dass Kinder gewisse Erfahrungen machen müssen, abgesehen davon, dass ich sie eh nicht vor allem schützen kann. Wenn mein Kind vom Klettergerüst fällt, fällts auch runter, wenn ich direkt daneben stehe. Allerdings erwische ich mich auch immer wieder mal bei gewissen Überreaktionen. Als meine Tochter kürzlich über Kopfweh klagte, wäre ich eigentlich am liebsten gleich mit ihr in die Notaufnahme gedüst. Weil sie sonst nie Kopfweh hat. Sie meinte aber, das fände sie dann doch etwas übertrieben, sie werde vielleicht einfach krank, wie gut die Hälfte ihrer Klassenkameraden auch. Sie hatte recht.
Ob ich manchmal überfordert bin? Ja. Ob ich grundsätzlich unter Druck stehe? Nein. Meine Überforderung hängt immer mit bestimmten Situationen zusammen. Manchmal weiss ich einfach nicht, wie ich konkret reagieren soll, wenn mein Sohn mit Schimpfwörtern um sich schmeisst oder meine Tochter provokativ ihr Essen seziert und das Gesicht verzieht. Aber ich glaube nicht, dass ich eine schlechte Mutter bin, weil mein Sohn das Wort «Arschloch» kennt und meine Tochter Gemüse für das Unnötigste auf Gottes Erde hält.
Stress macht sich jeder selbst. Deswegen denke ich auch nicht, dass ich mit meinen Kindern total anders wäre, wenn ich nicht berufstätig wäre. Im Gegenteil: Ich glaube sogar, ich wäre gestresster. Wenn ich mehr Zeit für endlose Diskussionen hätte, würde ich sie ja vielleicht führen (und mich dabei grauenhaft über mich selber aufregen, weil ich mich drauf eingelassen habe). Wenn ich Zeit hätte, mich über den Stundenplan aufzuregen oder den verschobenen Schulausflug oder darüber, dass man keine Bananen zum Znüni einpacken darf, würde ich es vielleicht tun. Und wenn ich meine ganze Energie in meine Projekte «Kinder» stecken würde, würde mir das Zeugnis meines Sohnes vielleicht schlaflose Nächte bereiten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht bin ich ja einfach so, wie ich bin: Manchmal etwas zu
nachsichtig, manchmal etwas zu panisch, manchmal ein bisschen überfordert.
Was für eine Art Mutter ich bin? Offensichtlich eine der wenigen 27 Prozent, die keine überhöhten Anforderungen an sich selbst stellt. Eine, die weiss, dass sie nicht perfekt ist. Und das nicht mal so schlimm findet.