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Eine Bildungsgeschichte der Wirtschaft im 20. Jahrhundert
Unternehmen sind in der Regel nicht in erster Linie Bildungsanbieter und -abnehmer, sondern sie produzieren und vertreiben Güter, gewähren Kredite oder bieten verschiedene Dienstleistungen an. Dennoch werden in der Arbeitswelt ständig Sozialisationserwartungen und Qualifikationsabsichten formuliert. Das Habilitationsprojekt widmet sich deshalb der Frage, wie in der schweizerischen Privatwirtschaft im Laufe des 20. Jahrhunderts ein verstärktes Engagement im Bildungsbereich legitimiert worden ist. Im Zentrum der Untersuchung steht die Rechtfertigung von Investitionen in die Ausbildung von Lehrlingen, die Weiterbildung der Belegschaft oder die Schulung des Führungspersonals.
Im Zentrum der Untersuchung stehen praxisbezogene Reflexionen über inner- und ausserbetriebliche Qualifizierungsmassnahmen. Anhand der bisher erfolgten Analysen lässt sich eine Heuristik der verschiedenen Begründungen für ein verstärktes Engagement im Bildungsbereich entwerfen: Unternehmen wurden erstens dort tätig, wo technische bzw. organisatorische Neuerungen qualifiziertes Personal notwendig machten. Zweitens reagierten sie mit einer Bildungsoffensive, wenn die gute Konjunkturlage den Arbeitsmarkt ausgetrocknet hatte. Drittens wurden dort Massnahmen ergriffen, wo es in Zeiten von Arbeitskämpfen oder im Wettbewerb mit anderen Unternehmen galt, die Loyalität bzw. Bindung der eigenen Belegschaft zu sichern. Viertens reagierten die Unternehmen in der Schweiz auf die öffentliche Erwartung, ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung nachzukommen und die nachfolgende Generation hinreichend zu qualifizieren. Das Engagement eines Unternehmens im Bildungsbereich wurde dann Teil ihrer öffentlichen, später auch werbewirksamen Selbstdarstellung. Zuletzt scheinen Bildungsanstrengungen unternehmensintern immer dann attraktive Instrumente dargestellt zu haben, wenn Entscheidungen notwendig, aber Zukunftsszenarien ungewiss gewesen sind. Wo sich das Marktgeschehen in kurzer Zeit stark veränderte oder die Konkurrenz schwer einzuschätzen war, galten Qualifizierungsmassnahmen als eine Möglichkeit, der neuen Situation aktiv zu begegnen, ohne das genaue Ziel bereits zu kennen.