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2.1 Zur geschichtlichen
Entwicklung
des enzyklopädischen Denkens
Die "Encyclopédie ou dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers" stellt einen Höhepunkt klassischer Enzyklopädik dar. Das Werk wurde unter der Leitung des Literaten und Philosophen Denis Diderot und der wissenschaftlichen Begleitung vor allem durch den Mathematiker Jean Le Rond D'Alembert konzipiert und redigiert.
Es umfasst 35 Bände, davon 17 Textbände (1751-1765), 11 Tafelbände (1751-1772), 4 Text-Supplemente, 1 Bild-Supplement sowie 2 Registerbände und wurde 1780 vollendet. Schon ein Jahr nach der Publikation des ersten Bandes wurde das Werk von König Louis XV auf Betreiben kirchlicher Kreise kurzfristig verboten, weil man fürchtete, die Encyclopédie würde Autorität zerstören und Unglauben schüren. Es ist bemerkenswert, dass das Auftreten neuer Medien immer daran zu erkennen ist, dass Autoritäten um Sitte, Glauben und Disziplin fürchten. Dieses Phänomen war schon bei Johannes Gutenbergs Erfindung des Buchdrucks in den frühen 1450er Jahren zu beobachten [108] und wiederholt sich jetzt bekanntlich mit der Einführung des Internets, dem zunehmend Verteilungsbarrieren in Form von Informationsfilter und -kennzeichnungen aufgebürdet werden.
In der Diskussion der Prinzipien und Struktur, welche der Encyclopédie zugrunde liegen, orientieren wir uns an der exzellenten semiotischen Studie von Sylvain Auroux [9]. Danach ist Diderots Encyclopédie charakterisiert durch drei Attribute, denen wir mutatis mutandis schon im Barock bei Ramus ( 2.1.1) begegnet waren: Kosmos, System, Diskurs. Auroux legt diese Trias so aus:
Bild 4 visualisiert die enzyklopädischen Attribute des Siècle des lumières. Der Kreis symbolisiert als geschlossene Linie Vollständigkeit, seine Gestalt Einheit, und die lineare Kreislinie steht für den Diskurs. Vollständigkeit bedeutet, dass der ganze Erdkreis, dass alle Tatsachen unseres Kosmos ("tous les faits") eingefangen sind. Dies ist die Charakteristik eines Dictionnaires, einer schlichten Liste dessen, was der Fall ist.
Und Einheit bedeutet hier, dass die Fakten -- über den schlichten Zweck eines Dictionnaires hinaus -- in einem philosophischen Ideensystem (" grammaire de discours synthétique") organisiert sind, welches sie als Instanzen eines Begriffsnetzes verbindet und auf solche Weise unser Verständnis der im Dictionnaire gesammelten "Daten" ausdrückt.
Wissen geht insoweit über Information hinaus, als es aus einem komplexen Verweissystem zwischen Informationseinheiten als Bestandteilen und Elementen aufgebaut ist. Dieses in der Encyclopédie inhärente Verständnis von Wissen, das sich letztlich aus Verweisen, oder in moderner Programmiersprache: Pointern (Zeigern), aufbaut, findet sich schon in der barocken Enzyklopädik bei Tomaso Campanella [18] : "...omnes propositiones per singulares tanquam ad digitum exponuntur." Oder, mit Schmidt-Biggemanns Kommentar [158] : "Das Zeigen mit dem Finger war die sicherste aller Gewissheiten." Eine Perspektive, die nach der Analyse Umberto Ecos in [31], p.262, auch in John Wilkins' Entwurf einer artifiziellen philosophischen Sprache eingenommen wird.
Schliesslich fügt das Attribut des Diskurses dem zu einem philosophischen System verdichteten Dictionnaire eine für die Darstellung und Benutzbarkeit wesentliche Bereicherung zu. Dieselbe schliesst zunächst in den textuell konzipierten traditionellen Enzyklopädien die alphabetische Ordnung ein, wie sie (lokal) auf der Kreislinie symbolisiert wird. Das Orientierungsparadigma, die enzyklopädische Ordnung ("ordre encyclopédique"), muss aber über den rein syntaktischen, gegen jede Semantik unempfindlichen Alphabetismus hinausgehen, dies ist eine Forderung aus der Tradition der universellen Topik. In der Encyclopédie wird der Forderung Nachachtung verschafft durch die quasi-geographische Gesamtorganisation des Stoffes, wie sie D'Alembert in der Einführung zur Encyclopédie [7] beschrieben hat, siehe Bild 5. Er definiert drei grundlegende Bereiche wissenschaftlicher Aktivität und von Umgang mit Wissen: Mémoire, raison, imagination. D'Alembert stellt diese Bereiche, zusammen mit ihren Verzweigungen zu Spezialbereichen, im tableau figuré dar und folgt damit dem Wissenschaftssystem von Francis Bacon in [10].
Bild 5. 'Geographie' des Wissens: Eine globale Ansicht im "tableau figuré", dann lokale Ansichten auf den 'regionalen Karten' der enzyklopädischen Artikel und den als 'Städte des Wissens' erscheinenden Stichwörtern. Diese Lokalitäten sind durch Verweis-'Strassen' untereinander verbunden.
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