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Lange 77 Jahre musste Grossbritannien bei den Männern auf den nächsten Wimbledon-Sieg warten. Bis Andy Murray 2013 das Königreich erlöste. Jetzt warten die Briten seit 40 Jahren noch auf die nächste Frau. Johanna Konta könnte ihre Retterin sein.
Ganz Grossbritannien ist spätestens seit den Damen-Viertelfinals definitiv im Tennisfieber. Johanna Konta (WTA 7) bezwang in einem aufwühlenden Match nach 2:38 Stunden Simona Halep (WTA 2) 6:7 (2:7), 7:6 (7:5), 6:4. Erstmals nach 39 Jahren steht damit wieder eine Britin in Wimbledon im Halbfinal. Die 72-jährige Virginia Wade, welche 1978 in der Runde der letzten vier scheiterte, war in der Royal Box live mit dabei und sie sagte danach: «Es hat mich überrascht, dass es so lange dauerte.»
Tatsächlich lag das Damentennis in Grossbritannien lange im Dornröschenschlaf. Wade ist seit Wimbledon 1977 die letzte Grand-Slam-Siegerin von der Insel. Beim French Open wartet man seit 1976 (Sue Barker), in Australien seit 1972 (Wade) und beim US Open gar seit 1968 (ebenfalls Wade) auf den nächsten Major-Titel. Die Aufregung erreicht noch nicht ganz die Ausmasse von Fred Perry, der 1936 als letzter Brite Wimbledon gewann, bis Andy Murray 2013 triumphierte. Aber die Euphorie ist spürbar.
Im Viertelfinal zwischen Konta und Halep war das Publikum zwar von Anfang an auf der Seite der Einheimischen, aber erst im Tiebreak des zweiten Satzes erreichte die Stimmung fast Davis-Cup-Ausmasse. Konta wurde nach vorne gepeitscht und jeder Punkt frenetisch gefeiert. (Unglücklicher) Höhepunkt waren zwei Zwischenrufe während den Ballwechseln. Der zweite beim Matchball.
Als nächste Gegnerin wartet jetzt mit Venus Williams die fünffache Siegerin in Wimbledon. Trotzdem ist ganz Grossbritannien überzeugt, dass Konta den Titel holen kann. Die Gründe dafür werden in verschiedenen Medien gleich gelistet:
Dass Konta einen so raketenhaften Aufstieg hinlegen würde, konnte 2014 noch niemand ahnen. Damals erreichte sie erstmals die Top 100. 2015 war sie in den Top 50, 2016 in den Top 10. 2017 gewann sie mit Sydney und Miami ihre WTA-Turniere zwei und drei – und der erste Major-Titel ist nur noch zwei Siege entfernt. Gewinnt sie Wimbledon, hüpft sie im WTA-Race an die erste Stelle.
Doch wer ist Johanna Konta überhaupt? 1991 kam sie im australischen Sydney zur Welt. Als Tochter ungarischer Eltern besass sie die beiden Staatszugehörigkeiten. Mit neun Jahren fand sie zum Tennis, arbeitete danach verbissen an ihrem Spiel und träumte von grossen Erfolgen. «Ich hatte nicht viele Freunde. Vermutlich, weil ich immer besser als sie sein wollte», gestand sie einst. Und auch ihre Eltern forderte sie mit ihrem Lernwillen. Manchmal habe sie ihren Vater morgens um fünf Uhr aus dem Bett geholt, um trainieren zu können.
Mit 12 Jahren wurde Konta von Pete McCraw an einem Turnier entdeckt. Sie war in Australien damals nur die Nummer 388 ihrer Altersklasse, aber McCraw sah, was er selten sah. «Sie wärmte sich lange vor den Spielen auf, war besessen von Details und war mit vollem Herzblut dabei», erklärte er einmal. Mit 14 Jahren durfte Konta für 15 Monate nach Barcelona ins Training.
Während dieser Zeit entschieden ihre Eltern, nach Europa zu ziehen, um ihre Tochter besser fördern zu können. Sie landeten 2006 in Eastbourne in Südengland. 2012 wurde Konta eingebürgert und sofort entschied sie sich auch, für ihre neue Heimat zu spielen.
Als Britin erhielt sie 2012 und 2013 eine Wildcard für Wimbledon. Sie schied aber jeweils in der Startrunde aus. Genauso wie 2014 und 2015. Im letzten Jahre feierte die Rechtshänderin ihren ersten Sieg auf dem heiligen Rasen, ehe sie in Runde 2 ausschied.
Eine gute Geschichte gibt es aus dem gleichen Jahr vom Australian Open zu berichten. Als Konta erstmals in die Schlagzeilen rückte und die Australier sie für sich wollten, antwortete sie: «Es ist schön, dass ihr euch für meine Wurzeln interessiert. Aber Ich bin sehr glücklich, dass ich Grossbritannien repräsentieren darf. Dort machte ich die entscheidenden Schritte. Meine Heimat ist Grossbritannien. Dort ist mein Herz.»
Die Briten werden sie für diese Aussage lieben. Nicht so wie bei Andy Murray, der noch immer gerne unterstreicht, dass er in erster Linie Schotte sei. Die letzte britische Siegerin Virginia Wade sagte nach dem Viertelfinal auf jeden Fall schon mal: «Es ist schön, dass ich noch immer die letzte britische Wimbledon-Siegerin bin, aber es wäre noch schöner, wenn wir viele britische Siegerinnen hätten.»