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| Basilius von Cäsarea († 379) - Homilien über das Hexaemeron (Homiliae in Hexaemeron)

Sechste Homilie
5.
Freilich einige gehen über alles Maß hinaus, vergewaltigen dies Wort zur Fürsprache für die Sterndeuterei und behaupten, unser Leben hänge von der Bewegung der Himmelskörper ab, und so deuteten auch die Chaldäer aus den Sternen unsere Lebensschicksale. Das einfach lautende Wort der Schrift: „Sie sollen zu Zeichen sein”, verstehen sie nicht von den Luftveränderungen, auch nicht vom Wechsel der Jahreszeiten, sondern von den Lebensschicksalen - gerade wie es ihnen beliebt. Was sagen sie denn? Daß das Zusammentreffen der Planeten mit den Sternen des Tierkreises in eben dieser Konstellation die entsprechenden Geburten verursache, daß aber eine andere Konstellation ein entgegengesetztes Lebenslos schaffe.
Der Deutlichkeit halber dürfte es nicht unnütz sein, etwas weiter auszuholen. Ich will nichts Eigenes von mir vorbringen, sondern zu ihrer Widerlegung mich ihrer eigenen Worte bedienen, um den schon darin Befangenen [S. 97] ein Heilmittel gegen das Gift zu reichen, den übrigen ein Schutzmittel gegen ähnliche Verirrung.
Die Erfinder dieser Sterndeuterei1 sahen wohl ein, daß bei einem großen Zeitmaß ihnen viele Konstellationen entgehen würden. Deshalb nahmen sie ein möglichst kleines Zeitmaß an, als ob in einem minimalen und kürzesten Zeitteil oder, wie der Apostel sagt, „in einem Zeitpunkt, in einem Augenblick2” der Unterschied zweier Geburten riesengroß wäre. So werde, sagen sie, der in diesem Augenblick Geborene ein Beherrscher der Städte, ein überaus reicher und mächtiger Fürst von Völkern sein, der in einem andern Augenblicke Geborene aber (irgend) ein Bettler und Landstreicher, der sein tägliches Brot von Tür zu Tür erbetteln müsse. Deshalb teilten sie den sogenannten Tierkreis in zwölf Teile, und weil die Sonne in dreißig Tagen den zwölften Teil der sogenannten unbeweglichen Kugel durchläuft, teilten sie jeden dieser zwölf Teile wieder in dreißig Teile, und jeden dieser Teile teilten sie wiederum in sechzig, und jeden dieser sechzig Teile noch einmal in sechzig. - Wenden wir uns nun zu den Geburten und sehen nach, ob sie diese Genauigkeit der Zeiteinteilung werden einhalten können. Sobald das Kind geboren ist, sieht die Hebamme nach, ob es ein Knabe oder ein Mädchen ist. Dann wartet sie auf das Schreien des Kindes, dies Lebenszeichen des Neugeborenen. Wieviele Sechzigstel sind wohl in dieser Zeit vorübergegangen? Alsdann zeigt sie dem Chaldäer die Geburt an. Wieviele kleinste Zeitteile müssen wir als verflossen rechnen, bis die Hebamme die Anzeige gemacht hat, zumal wenn der, welcher die Stunde notiert, außerhalb des Frauengemaches sich befindet? Denn wer das Horoskop stellen will, muß genau die Stunde notieren, ob bei Tag oder bei Nacht. Welche Unzahl von Sechzigstel vergeht wieder in dieser Zeit! Man muß ja finden, nicht nur im wievielten Zwölftel der Geburtsstern steht, sondern auch in welchem Teile des Zwölftels, und in welchem der [S. 97] Sechzigstel, in die wir vorhin jeden Teil wieder teilten, oder, um sicher zu gehen, in welchem Sechzigstel des Sechzigstels. Und diese präzise, unbegreifliche Erforschung der Zeit muß nach ihnen bei jedem Planeten angestellt werden, um zu finden, welche Stellung sie in der Geburtsstunde des Kindes zu den Fixsternen, und welche sie zu einander hatten. Wenn es also unmöglich ist, die Stunde genau zu finden und bei der geringsten Abweichung die ganze Berechnung fehlschlägt, dann trifft unser Spott sowohl die, die sich mit dieser vermeintlichen Kunst befassen, wie die, welche solche Leute anstaunen, als könnten diese ihr künftiges Schicksal wissen.
1: γενεϑλιαλογία = das Feststellen der Nativität, d.h. des Standes der Planeten im Augenblick der Geburt eines Menschen
2: 1 Kor 15,52