Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03438.jsonl.gz/2101

Eigenkapital aus heisser Luft
Wie sich die Credit Suisse 2008 selber «rettete» und deswegen möglicherweise wirklich gerettet werden muss.
Dass die Banken gar nicht so gut dastehen, wie die erhöhten Eigenmittel glauben machen, zeigt eine wissenschaftliche Arbeit von Richard Werner, Professor an der Universität Southhampton und Direktor des «Centre for Banking, Finance and Sustainable Development». Darin erklärt er den Trick, mit dem die Credit Suisse 2008 ihre Eigenmittel erhöhte und eine Staatsrettung umging. Sie gab einem Konsortium aus Katar einen Kredit über zehn Mrd. Franken, die sie den Kreditnehmern aus dem Nichts ins Konto schreiben konnte. Mit diesen «Credit Suisse-Franken» beteiligten sich die Katarer an der Kapitalerhöhung der Credit Suisse und die veränderten Eigenmittelforderungen waren erfüllt. Hätten die Katarer den grossen Kredit nicht aufgenommen und Aktien gekauft, wäre die Bank zum Sanierungsfall geworden und die Credit Suisse-Papiere in ihrem Portfolio hätten einen massiven Wertverlust erlitten. So aber konnte die Credit Suisse den Schein der Lebensfähigkeit erhalten.
Der Trick der Credit Suisse ist in England verboten. Firmen dürfen dem Publikum kein Geld für den Erwerb eigener Anteile leihen. Richard Werner hält das Verfehlen der Credit Suisse aber für schwerwiegender, weil sie den Katarern nicht einfach bloss bestehendes Geld geliehen, sondern dieses «aus dem Nichts geschaffen» habe. Die Praxis ist mit Recht verboten, denn es wird damit kein echtes Eigenkapital geschaffen, sondern nur eine Forderung darauf, die aber im Ernstfall u.U. nicht zu erfüllen ist; aber genau dafür braucht es Eigenkapital.
Hat die Eidg. Bankenkommission, die Vorläuferin der FINMA, den Trick der Credit Suisse sanktioniert? Auf Anfrage erklärte die FINMA dazu: «2008 gab es in der Schweiz keine rechtliche Grundlage für eine Intervention der EBK in einem solchen Fall.» Immerhin hat die EBK die Kapitalerhöhung der Credit Suisse kontrolliert. Der entsprechende Abschnitt aus dem Jahresbericht der EBK für 2008 ist aber nicht gerade informativ:
«Ziel der Credit Suisse war es, die neuen Anforderungen frühzeitig erfüllen zu können. Zu diesem Zweck erhöhte sie ihr Kernkapital dank ausländischer Investoren um rund 10 Milliarden CHF.» Das klingt nach viel Geld aus dem Golf, aber eigentlich kam es aus Zürich bzw. aus dem Nichts. Denn wenn eine Bank einen Kredit verleiht, kann sie dem Kreditnehmer das Geld einfach ins Konto schreiben und braucht dazu in der Schweiz bloss eine Mindestreserve von 2,5 Prozent. Auch das «Financial Stability Forum» im Schoss der Bank für Int. Zahlungsausgleich BIZ, das sich später zum mächtigen «Financial Stability Board» entwickelte, war informiert und schwieg, obwohl dies gemäss Richard Werner in der akuten Phase der Finanzkrise «ziemlich gängige Praxis» war.
Dies war eine «Verzweiflungstat», zwar «rechtens, aber sehr unelegant» sagt Hans Geiger, selber zehn Jahre Generaldirektor der Kreditanstalt und em. Professor am Institut für Bankwesen der Universität Zürich auf Anfrage. Das muss auch den Beteiligten bewusst gewesen sein. Art. 20. der später erlassenen Eigenmittelverordnung (ERV) vom 1. Juni 2012 schreibt denn auch vor, dass Eigenmittel «vollständig einbezahlt oder betriebsintern generiert sein» müssen. Sie dürfen «nicht durch Kreditgewährung der Bank an Dritte direkt oder indirekt finanziert werden».
Um die Natur des Geschäfts besser zu verstehen, hilft es dem Geld zu folgen. Wenn die Kapitalerhöhung der Credit Suisse tatsächlich ein gutes Geschäft zu werden versprach, war es aus Sicht der Katarer sinnvoll, dafür einen Kredit aufzunehmen und einen Zins dafür zu bezahlen. Das ist jedoch nicht sicher. In einem vergleichbaren Fall mit ähnlichem Volumen und ebenfalls katarischen Investoren bezahlte die Barclays Bank diesen nämlich eine Gebühr von 322 Mio. Pfund. In einem solchen Fall handeln die Investoren nach Einschätzung von Richard Werner lediglich als Strohmänner. Die Credit Suisse wollte (oder konnte) die Frage nach einer Entschädigung zugunsten der Katarer vor Redaktionsschluss nicht beantworten. Unbeantwortet blieb auch die Frage, ob die Katarer den Kredit in der Zwischenzeit zurückbezahlt haben.
Interessant ist aber, dass die Katarer, der grösste CS-Aktionär, 2011 einen substantiellen Teil ihres Aktienkapitals zum Nachteil der Credit Suisse in Wandelanleihen (Coocos) tauschen konnten. Diese werden im Fall einer Schieflage in Aktienkapital umgewandelt und werden wegen des damit verbundenen Risikos grosszügig verzinst. Im Fall der Credit Suisse und Katar sind es 2,5 Mrd. zu 9 Prozent und 3,4 Mrd. zu 9,5 Prozent – und das in Zeiten von Nullzinsen Solche Wandelanleihen sind das ideale Instrument für Grossinvestoren, die nicht an die Zukunft des Unternehmens glauben, ihre Papiere nicht mehr loswerden können und dafür aber noch grosszügig Zinsen einstreichen. Nach Angaben von Lukas Hässig von insideparadeplatz.ch fliessen dafür 500 Mio. Franken jährlich an den Golf. Viel Geld für etwas, das mit einem Kredit aus dem Nichts begonnen hat. Und vermutlich auch dort enden wird.
von: