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Unterscheidung nenne ich die Operation, mit welcher ich als Beobachter Inhomogenität erzeuge, indem ich etwas bezeichne. Ich kann beispielsweise eine Menge Kugeln als homogen oder inhomogen wahrnehmen, je nachdem, ob ich Farben unterscheide oder nicht. Ich kann von den Kugeln sprechen oder von den roten und den anderen Kugeln. Ob ich eine bestimmte Unterscheidung mache oder nicht, hängt also nicht von Unterschieden ab, die vor oder unabhängig von meinem Unterscheiden bestehen. Vielmehr kann ich Unterschiede nur wahrnehmen, indem ich Unterscheidungen mache. Um zu erkennen, dass die Kugeln verschiedene Farben haben, muss ich verschiedenen Farben unterscheiden.
Ich unterscheide unterscheiden und trennen. Ich unterscheide etwa die beiden Pole eines Magneten, aber trennen kann ich sie nicht. Unterscheiden heisst in diesem engeren Sinn also immer auch zusammenhalten. G. Spencer-Brown schreibt: "Unterscheidung ist perfekte Be-Inhaltung" (Gesetze:1). Unterscheiden bedeutet immer auch einen Raum zu kreiieren, in welchem die Unterscheidung vorgenommen wird.
Wenn ich mein Beobachten beobachte, beobachte ich, wozu ich welche Unterscheidungen verwende, was ich durch eine bestimmte Unterscheidung gewinne, und was ich gewinne, wenn ich sie aufhebe.
Damit ich irgendetwas beschreiben kann, muss ich Unterscheidungen machen. Jede Bezeichnung impliziert eine Unterscheidung. Beobachten kann ich Unterscheidungen nur als Implikation von Bezeichnungen. Ich kann Unterschiede in meiner Um-Welt für wahr nehmen und empatisch kann ich das jedem Beobachter zugestehen. Aber ich kann das Unterscheiden nicht beobachten, sondern nur die Benennung. S. Ceccato hat das Unterscheiden rezeptiv als Aufmerksamkeit in den Beobachter projiziert. Ich will die Zusamenhänge an einem seiner Beispiele anschaulich machen:

Ich konstruiere mit einem Bleistift eine (gedehnten Kreis-)Figur auf ein Papier. Umgangssprachlich würde ich von zeichnen sprechen. Die Figur repräsentiert Unterscheidungen, die ich mache. Ich kann meine Aufmerksamkeit auf die Kreislinie richten und beispielsweise ein Kettenglied sehen. Dabei benenne ich das, was schwarz ist (marked space). Das, was weiss ist, beachte ich nicht, es ist der Nicht-Gegestand (unmarked space), also die andere Seite der Unterscheidung. Ich kann meine Aufmerksamkeit auch auf den unmarked space richten. Dann beobachte ich den Hintergrund des Gegenstandes. Dabei benenne ich diese Seite der Unterscheidung als "Hintergrund", und beachte das Kettenglied nicht.
Ich kann mit einer anderen Unterscheidung eine Tischplatte von oben sehen, indem ich alles, was innerhalb der gezeichneten Linie als Vordergrund auffasse und benenne. Ich kann auch ein Fenster sehen, idem ich alles, was ausserhalb der Linie ist als Vordergrund auffasse. In diesen Fällen beachte ich die Kreislinie nur als Grenze der Unterscheidung. Meine Aufmerksamkeit geht nicht auf die Linie, sondern jeweils auf eine Seite der Linie. In all diesen Fällen mache ich als Beobachter eine bildliche Aussage, also eine Abbildung. Ich projiziere diese Abbildungen in meinen rezeptiven Wahrnehmungsbereich, wo ich mein Verhalten als wahrnehmen erlebe.
Unterscheiden ist eine mentale Operation, die dazu führt, dass ich Inhomogenität wahrnehme.
Jedes Kalkül beruht auf Unterscheidungen, inbesondere die Logik und Computertechnologie. G. Spencer Brown sagt: "Draw a distinction" (and you can have everything). Und andere Konstruktivisten sagen: "Alles, was ich habe oder wahrnehme, beruht auf meinen Unterscheidungen". Jede Erleuchtung ist die Aufhebung eine Unterscheidung.
Unterscheidungen sind Vorausetzungen von Entscheidungen. Argumentationen beruhen auf Unter- und Entscheidungen (vgl dazu die Mutter, die etwas für ihr Kind oder für sich selbst tut.)[ ]
Eine Unterscheidung bewirkt, dass der Fluss der Erfahrungen in zwei Flüsse getrennt wird. "Den Strom des Erlebens durch Unterscheidungen aufteilen" und so Ordnungen machen (über Grenzen des Begreifens:22)
Maturana 1987:46
Dirk Baecker hat einmal die (zeichentheoretisch motivierte) Unterscheidungsunterscheidung difference/distinction ins Spiel gebracht (also: was Bestimmtes von was Bestimmten unterschieden, im Unterschied zu was Bestimmten schlicht von allem anderen unterschieden), ich weiss nicht, ob sich das so (expliziert) bei Luhmann schon gefunden hat. in diese Richtung geht auch Nassehi mit der Unterscheidung von unbestimmter und bestimmter Negation in "Offenheit und Geschlossenheit".
"'Narren fühlen nicht', sagt ein hebräisches Sprichwort. Einer, der nicht fühlt, kann Unterschiede nicht empfinden, wird also auch zwischen einem Tun und einem anderen nicht unterscheiden können. Ohne Unterscheidungsvermögen, kein Lernen - und gewiss keine Erweiterung des Lernvermögens. Das ist nicht ganz so einfach wie es klingt, denn unsere Sinnesorgane sind so beschaffen, dass sie desto besser unterscheiden, je kleiner, schwächer der Reiz ist, der auf sie trifft.
Wenn ich einen schweren Koffer trage, so werde ich es nicht merken, wenn sich auf ihn eine Fliege setzt. Halt ich dagegen eine Feder oder einen Strohalm in der Hand, so wird es einen spürbarern Unterschied machen, wenn sich eine Fliege daraufsetzt (oder davon wegfliegt)"" (Feldenkrais, 1968 , 97f).
"Alles, was die Empfindlichkeit des Unterscheidungsvermögens verringert, wird die Reaktionszeit erhöhen, d.h. die Reaktion auf Reize hinauszögern und verlangsamen"" (ebd. 120).
"Der grosse Kassyapa wanderte einst umher, um Almosen unter den Armen zu sammeln. Yuima begegnete ihm und sprach: 'Du brauchst nicht mit Absicht den Reichen aus dem Wege zu gehen. Wenn du gehst, um Almosen zu bitten, so muss dein Sinn von jeder Unterscheidung befreit, dein Herz von unparteiischer Liebe erfüllt sein. Almosen zur Nahrung musst du empfangen, als ob du überhaupt nichts empfingest. Am Gedanken haften, dass man etwas empfange, heisst schon Unterscheidung. Erhebe dich "über die Vorstellung von Ich und Nicht-Ich, von Gut und Böse, von Gewinn und Verlust, so wirst du erst fähig sein, allen Buddhas und Bodhisattvas Opfer darzubringen mit der Schale voll Reis, die du von deinem Spender empfängst. Solange du diesen Zustand der Vergeistigung nicht erreicht hast, bist du nur ein unnützer Verbraucher der Nahrung, die du von den Armen zu sammeln trachtest in der Meinung, du gebest ihnen so eine Gelegenheit, Gutes zu tun"" (Suzuki, 1941, 249).
""Unterscheiden ist besser als mechanisches Wiederholen"" (Feldenkrais, 1968, 219).
Heidegger findet den Unter-Schied im Schmerz, der die (Tür-)Schwelle versteinert, bei der Erläuterung von Gerog Trakls Vers 'Schmerz versteinerte die Schwelle' im Gedicht 'Ein Winterabend'. "Die Schwelle ist der Grundbalken, der das Tor im ganzen trägt. Er hält die Mitte, in der die Zwei, das Draussen und das Drinnen, einander druchgehen, aus. Die Schwelle trägt das Zwischen. (...) Der Schmerz ist die Fuge des Risses. Sie ist die Schwelle. Sie trägt das Zwischen aus, die Mitte der zwei in sie Geschiedenen. Der Schmerz fügt den Riss des Unter-Schiedes. Der Schmerz ist der Unter-Schied selber. (...) Der Vers ruft den Schied des Zwischen, die versammelnde Mitte, in deren Innigkeit die Gebärde der Dinge und die Gunst der Welt einander durchmessen"" (Heidegger, 1985, 23ff).