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| Gregor der Grosse († 604) - Vier Bücher Dialoge (Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum)

Drittes Buch
XXXV. Kapitel: Von Amantius, einem Priester der Provinz Tuscien
Gregorius. Wie wahrheitsliebend und heilig Floridus, Bischof der Kirche von Ferentino,1 ist, ist deiner Liebe nicht unbekannt. Er erzählte mir, es sei bei ihm ein Priester namens Amantius, ein Mann von hervorragender Einfalt. Dieser, behauptet er, besitze die Wunderkraft, nach der Art der Apostel durch Handauflegung gesund zu machen; wie heftig auch die Krankheit sein möge, sie verschwinde auf die Berührung durch ihn. Jener besitzt, erzählte er weiter, auch die Wunderkraft, daß er überall, wo er eine Schlange findet, und sei sie auch noch so wild, sie tötet, so wie er über sie das Kreuzzeichen macht. Durch die Kraft des Kreuzes, das der Mann Gottes mit dem Finger macht, bersten ihr die Eingeweide, und sie muß sterben. Wenn bisweilen eine Schlange sich in ein Loch flüchtet, so macht er [S. 173] das Kreuzzeichen über das Loch, und man kann die Schlange sofort tot herausziehen. Es lag mir sehr daran, diesen Wundermann selbst kennenzulernen; ich ließ ihn deshalb zu mir hereinkommen und wollte, daß er einige Tage im Siechenhause verweile; dort werde es sich bald zeigen, dachte ich, ob die Gabe zu heilen vorhanden sei. Es lag dort unter den andern Kranken auch ein Irrsinniger, den die Ärzte mit einem griechischen Wort als phrenetisch bezeichneten. Da derselbe einmal in der Nacht ein lautes Geschrei, wie es eben Wahnsinnige tun, ausstieß und durch sein Lärmen alle Kranken belästigte, so daß keiner schlafen konnte, wurde die Sache sehr schlimm; denn wegen der Krankheit des einen ging es allen anderen schlechter. Aber wie ich schon von dem hochwürdigsten Bischof Floridus, der sich damals zugleich mit dem genannten Priester dort aufhielt, und späterhin von dem Diener, der in jener Nacht die Kranken pflegte, ganz genau erfuhr, stand der ehrwürdige Priester von seinem Bette auf, ging leise zu dem Bette des Phrenetischen, legte ihm die Hände auf und betete. Sobald es ihm besser ging, nahm er ihn mit sich und führte ihn in die Kapelle im oberen Teile des Hauses. Dort oblag er ungestörter dem Gebete für ihn und führte ihn alsbald ganz gesund in sein Bett zurück, so daß er weiter kein Geschrei mehr machte und auch keinen von den Kranken durch irgendeinen Lärm mehr belästigte. Auch machte er die andern nicht mehr kränker, da er seinen Verstand wieder vollkommen erlangt hatte. Aus dieser einen Tatsache haben wir gelernt, alles zu glauben, was wir von ihm gehört haben.
Petrus. Es ist eine große Erbauung für das Leben, Männer zu sehen, die so wunderbare Dinge tun, und in diesen Mitbürgern das himmlische Jerusalem schon auf Erden zu schauen. [S. 174]
1: Moricca liest mit den ältesten und besten Handschriften Ferentinae statt Tiburtinae wie Migne.