Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03486.jsonl.gz/2038

Der Wald am Bürgenberg, unterhalb des Felsenweges, ist ein Naturwald-Reservat (Abb. 1). Dieses Schutzgebiet wird nicht bewirtschaftet. Alt- und Totholz werden der natürlichen Zersetzung überlassen. Das Totholz bietet einer Vielzahl von Lebewesen eine Lebensgrundlage, einen Lebensraum.
Der Felsenweg führt durch ein Naturwald-Reservat. Als Naturwald werden Wälder bezeichnet, die ausschliesslich aus einer rein natürlichen Vegetationsfolge hervorgegangen sind. Der Mensch hat die Natur in diesen Wäldern mehrheitlich sich selber überlassen. Es lassen sich aber noch Merkmale früherer menschlicher Eingriffe erkennen. Diese Eingriffe werden am Bürgenberg besonders an den flachen, seenahen Rodungsflächen bei Kehrsiten ersichtlich. Auf diesen Flächen wurden die Bäume gefällt, um Ackerland für Landwirtschaft und Bauland für Häuser zu erhalten (Abb. 2).
Das Gebiet des Bürgenbergs ist für den Kanton Luzern einzigartig und wird abseits des Felsenweges nicht bewirtschaftet. Dies liegt insbesondere auch an dessen unzugänglichen Steillage, welche besonders in früheren Zeiten eine Nutzung des Waldes zur Gewinnung von Bau- und Brennholz nahezu unmöglich machte. Im Jahre 2007 wurde zwischen dem Staat Luzern und der Eigentümerin (Korporationsgemeinde Luzern) ein Vertrag zur Sicherung des Bürgenbergs als Waldreservat abgeschlossen. Die Laufzeit beträgt 50 Jahre. Die Korporationsgemeinde Luzern verpflichtet sich, die waldbaulichen Eingriffe auf ein Minimum zu reduzieren.
Welchen Lebewesen bietet das Totholz im Bürgenbergwald eine Lebensgrundlage?
Rechts und links des Felsenweges findet sich eine grosse Menge an Totholz (Abb. 3 & 4).
Rund ein Fünftel der gesamten Waldfauna (Tierwelt des Waldes) sowie mehr als 2500 höhere Pilzarten hängen in direkter oder indirekter Weise von diesem Totholz ab. Hinzu kommt eine Vielzahl an Pflanzen, Flechten, Bakterien, Schleimpilzen und Algen.
Geringe Unterschiede in Faktoren wie der Holzbeschaffenheit oder dem Zersetzungsgrad des Holzes schaffen zahlreiche Kleinlebensräume (Abb. 3).
Abb. 3: Gebrochener Totholz-Stamm bildet natürliche Höhlung.
In diesen Lebensräumen, wie in der wassergefüllten Höhlung in einem vermodernden Stamm oder im ausgetrockneten Ast auf dem Waldboden, sind die verschiedensten Tier- und Pflanzengemeinschaften zu finden. Ein etwas genauerer Blick auf das Totholz am Bürgenberg lässt Spuren von verschiedenen Lebewesen erkennen (Abb. 4). Eine grosse Gruppe von Räubern und Parasiten wie Schlupfwespen, räuberische Käfer, Fadenwürmer oder rindenabsuchende Vögel bewohnt diese Lebensräume. Ein genauer Blick lohnt sich!
Abb. 4: Totholz
Was macht die Schlupfwespe so besonders?
Die Schlupfwespen bilden in Mitteleuropa die artenreichste Familie der Hautflügler. Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn lokalisiert das Weibchen die Larven von Holzwespen oder Bockkäfern tief im Holz von abgestorbenen Baumstämmen. Die Schlupfwespe bohrt mit ihrem Legestachel ein bis zu 3 cm tiefes Loch in das Holz, um die Larve zu erreichen (Abb. 5). Um den idealen Bohrwinkel zu erreichen, muss die Schlupfwespe ihr Hinterteil stark krümmen.
Abb. 5: Eiablage der Schlupfwespe
Aus diesem Grund sind die Hinterbeine der Schlupfespe länger als die Vorderbeine.
Mit einer Giftinjektion betäubt die Schlupfwespe die Larve bevor sie ein Ei in sie hinein legt. Bis zu einer Stunde kann diese Art der Eiablage dauern. Die später aus dem Ei schlüpfende Schlupfwespenlarve ernährt sich von ihrem Wirt, der Holzwespen- oder Bockkäferlarve.
Welche Funktionen erfüllt der Bürgenbergwald?
Das eidgenössische Waldgesetz (1991) kennt die Gleichwertigkeit der drei Waldfunktionen „Nutzung“, „Schutz“ und „Wohlfahrt“. Der Bürgenbergwald lässt sich der Funktion “Wohlfahrt“ zuordnen. Zu erkennen ist dies besonders gut an dem vielen Alt- und Totholz, welches der natürlichen Zersetzung überlassen wird. Kleinräumig übernimmt der Bürgenbergwald jedoch auch Schutzfunktionen (Abb. 6).
Abb. 6: Regionale (Kehrsiten) Funktion des Waldes als biologisches Schutzsystem
Nutzwald
Der Wirtschaftswald wird, regelmässig bewirtschaftet. Das Holz wird zur Nutzung entnommen, sei es zur Verwendung als Bauholz oder Brennholz. Im Gegensatz zum Bürgenbergwald wirken solche Wälder sehr stark „aufgeräumt“.
Schutzwald
Ein Schutzwald schützt Menschen und Sachwerte, wie z. B. Wohnhäuser, vor Naturgefahren und ist somit ein wichtiges Element der Gefahrenabwehr.
Als biologisches Schutzsystem bietet der Wald selbst Schutz (Abb. 6) oder ergänzt z.B. Lawinenverbauungen wirkungsvoll. Die kontinuierliche Pflege solcher Schutzwälder ist daher von zentraler Bedeutung. Der Bürgenbergwald übernimmt diese Funktion für die See nahen Rodungsgebiete (Abb. 2).
Wohlfahrt
Der Wald bietet, Lebensraum für Tiere, Pflanzen und Menschen. Der Bürgenbergwald bildet einen Raum, welcher die Bedürfnisse von Menschen (Spazieren, Wandern, Erholung), und die Bedürfnisse von Tieren und Pflanzen, miteinander in Einklang bringt.
Warum weisen einige Stämme von Bäumen im Bürgenbergwald in Bodennähe eine Krümmung auf?
Verschiedene Faktoren beeinflussen die Entstehung von Pflanzenbewuchs. Sie werden auch als Standortfaktoren bezeichnet. Im Wesentlichen sind diese das Klima, die Geländeform, die Gesteinsunterlage, der Boden und die übrigen Lebewesen.
Am Bürgenberg werden vor allem die Faktoren Geländeform und die Gesteinsunterlage ersichtlich. Mit seiner steil, Richtung Norden, abfallenden Hanglage stellt der Bürgenberg eine besondere Herausforderung für den Pflanzenbewuchs dar. In besonders steilen Abschnitten lässt sich eine Hangbewegung an einzelnen Bäumen ablesen (Abb. 7).
Abb. 7: Auswirkung der Hangbewegung auf die Bäume
Bäume, welche durch ein Abrutschen des Hanges aus ihrer Vertikalstellung gedrängt wurden (Abb. 8.1) und durch ein langjähriges Wachstum wieder in die Normallage (von der Erdschwerkraft bestimmt) zurückgekehrt sind (Abb. 8.3 & 8.4), weisen in Bodennähe eine typische Krümmung auf (Abb. 7).
Abb. 8: Jungpflanzen werden durch die Hangbewegung aus ihrer Vertikalstellung gedrängt.
Wie kann an einer Steillage, wie dem Bürgenberg, Pflanzenbewuchs entstehen?
Damit sich an einem Standort Pflanzenbewuchs ansiedeln kann, muss der Faktor Boden entsprechen ausgeprägt sein.
Gestein verwittert unter der Wechselwirkung von Frost und Wärme und weiteren physikalischen Einflüssen. Als erstes siedeln sich Flechten auf dem Felsen an, welche durch die Ausscheidung von chemischen Substanzen das Gestein zersetzen. Bei ausreichender Feuchtigkeit breiten sich Moose aus (Abb. 9). Diese dringen mit ihren Rhizoiden (wurzelähnliche Haftorgane) bis zu einer Tiefe von 20 cm in die Kapillaren des Steingefüges ein. Mechanisch erweitern die Rhizoiden die Kapillaren(Abb. 10). Abgestorbene Rhizoiden dienen als kleine Gänge für eindringendes Wasser (Abb. 11).
Abb. 9: Moos siedelt sich auf dem Gestein an.
Abb. 10: Rhizoide dringen in das Kapillarsystem des Gesteins ein.
Abb. 11: Wasser dringt in das erweiterte Kapillarsystem ein.
Durch Frost wird das Gestein angegriffen und es brechen immer wieder kleine Partikel aus dem Gestein heraus (Abb. 12). Das herausgebrochene Gestein wird durch denselben Vorgang zunehmend verkleinert und sammelt sich schliesslich, an den Standorten dieser Flechten und Moose, zusammen mit abgestorbenen Pflanzenteilen als Humus an. In diesem Humus können Samen und Keimlinge von Blütenpflanzen Fuss fassen. Ist dieser Boden mächtig genug, wird er schliesslich von Wald oder anderen standorttypischen Pflanzengesellschaften bedeckt.
Abb. 12: Frostsprengung – Partikel des Gesteins werden herausgebrochen.