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Ist Arbeitsmigration, etwa von Asien auf die arabische Halbinsel, ein unverantwortliches Risiko oder auch eine Chance auf Entwicklung? Sollen Entwicklungsorganisationen auch jenen zur Seite stehen, die sich zur Ausreise entschlossen haben? Und wie ist das möglich? Migrationsexperte Pascal Fendrich zu einem kontrovers diskutierten Thema.
Angenommen, ein junger Mann aus Nepal oder Sri Lanka, ein Freund von Ihnen, denkt darüber nach, als Bauarbeiter auf die arabische Halbinsel zu gehen. Was würden Sie ihm raten?
Fendrich: Ich würde ihn fragen, ob er bei den offiziellen Stellen registriert ist und alle nötigen Informationen hat. Ob er weiss, wie viel er da verdient und wie viel ihm von seinem Lohn effektiv bleibt. Wie er mit seiner Familie in Kontakt bleibt und wie er das gesparte Geld nach Nepal schickt. Ich würde ihn auch auf die Gefahren hinweisen. Mitunter ein Zwölfstundentag bei 45 Grad Hitze. Schlechte Unterkünfte. Fühlst du dich stark genug, das auszuhalten? Das würde ich ihn fragen.
Würden Sie ihm von der Reise abraten?
Der junge Mann – es könnte genauso gut eine junge Frau sein, immer mehr Frauen migrieren selbständig, global machen sie schon fast 50 Prozent aus – muss wissen, was er im Zielland realistisch erwarten kann. Er soll den Migrationsentscheid bewusst fällen können und die Möglichkeit haben, sich vorzubereiten. Aber ich werde ihm nicht sagen, dass er nicht gehen soll, dazu bin ich nicht in der Position. Denn wenn alles gut geht, kann er von dem Arbeitseinsatz tatsächlich ein paar Tausend Dollar nach Hause bringen. Das ist viel Geld.
Und wenn es nicht gut geht?
Wenn im Zielland ein Unfall passiert und jemand nicht versichert ist oder wenn ein Arbeitgeber nicht zahlt, kann der Betroffene seine Schulden an die Arbeits- und Reisevermittler nicht abarbeiten. Dann verschuldet sich die Familie erneut, um noch jemanden zu schicken. Sie gerät in eine teuflische Schuldenspirale. Und es werden sich immer Haie finden, die Hilfe versprechen, allerdings nur gegen Vorauszahlung.
Helvetas realisiert in Nepal und Sri Lanka im Auftrag der DEZA Beratungsprogramme für Migranten und Migrantinnen. Wie erreichen Sie die Leute, und was wird kommuniziert?
Mit Informationskampagnen, vor allem über Radio, erreichen wir ein breites Publikum. Wir klären darüber auf, wie die Realität aussieht, und wo man Rat findet. Etwa in unseren Informationszentren. Dort erfahren die Leute, wie Arbeitmigration sicherer wird. Wir informieren sie über juristische Aspekte, vorbereitende Ausbildungen und die Verhältnisse im Zielland. Besonders wichtig ist, dass sie alle Dokumente korrekt ausfüllen. Registrierte Migrantinnen und Migranten sind besser geschützt und können später ohne Probleme in die Heimat zurückkehren. In die Zentren kommen meist junge Menschen, die ihren Migrationsentscheid bereits gefällt haben. Sie wollen gehen, davon lassen sie sich nicht mehr abhalten. Sie sehen darin eine Chance, sich und ihre Familien voranzubringen.
So wie die italienischen Gastarbeiter, die in den Sechzigerjahren in die Schweiz kamen? Oder die afrikanischen Migranten in Frankreich und Italien?
Migration war in allen Epochen eine menschliche Realität. Heute ist jeder siebte Mensch auf der Welt Migrant oder Migrantin. Dazu gehören Kriegsflüchtlinge ebenso wie Arbeitsmigranten. Die allermeisten sind in ihrem eigenen Land unterwegs. Nur 250 Millionen überqueren eine Landesgrenze, fast 90 Prozent davon dürften Arbeitsmigranten sein. Als Entwicklungsorganisation müssen wir die Migration als Fakt anerkennen, sonst sind wir blind. Das heisst nicht, dass wir die Migration fördern, aber wir lehnen sie auch nicht ab.
Was bedeuten die Geldüberweisungen aus der Migration für die Familien?
Zuerst müssen die Familien die Migrationsschulden zurückzahlen. Dann kaufen sie oft Land. Oder sie bauen ein Haus. Sie decken damit die Ausgaben für die Schule ihrer Kinder. Sie gehen zum Arzt, kaufen Medikamente. Und selbstverständlich kaufen Migranten und ihre Familien auch Statussymbole. Eine Uhr. Ein Smartphone. Einige investieren auch in kleine Unternehmen wie eine Garküche, einen Laden, oder sie kaufen sich Werkzeuge und arbeiten als Handwerker.
Ist Migration in der Entwicklungszusammenarbeit also ein Thema?
Sie ist es mehr und mehr. Migration ist eine valable Strategie gegen Armut und für ein besseres Leben. Sie kann zur Verbesserung der Situation der Familie und auch zur Entwicklung einer Region oder des Landes beitragen. Einerseits mit dem Geld, das dadurch ins Land kommt. Aber auch dank der beruflichen Fähigkeiten und der Lebenserfahrung, die Migranten heimbringen.
Sie fordern also, dass Entwicklungsorganisationen Migration zu einem Schwerpunktthema machen?
Traditionellerweise sorgen Entwicklungsorganisationen etwa durch Ausbildung oder Marktzugang dafür, dass Menschen in ihrem Dorf, ihrer Region ein Auskommen finden. Das gilt auch für Helvetas. Doch wir dürfen nicht nur diejenigen unterstützen, die dableiben, sondern müssen auch jene beraten, die gehen wollen oder zurückkommen. Wir müssen in unseren Projekten systematisch und genauer hinschauen, ob und wie sich Migration auf die Gesellschaft auswirkt. Das ist bisher zu wenig geschehen. Wir müssen lernen, Migration als Chance zu sehen. Das gilt übrigens auch für das überalterte Europa, das dringend junge Arbeitskräfte braucht. Aber das ist ein anderes Thema, das in Europa sehr emotional abgehandelt wird.
Sind die jungen Leute fröhlich oder traurig, wenn sie gehen?
Das frage ich mich auch. Ich weiss es nicht. Wenn ich eines unserer Ausbildungszentren besuche, sehe ich vor allem die ungeheuren Erwartungen der jungen Leute. Ich bin beeindruckt von ihrer Courage. Wir müssen keine derart schwerwiegenden Entscheide treffen.
Sprechen Sie mit den jungen Leuten?
Ja, am Flughafen etwa spreche ich manchmal junge Leute an. Wohin geht ihr? Für wie lange? Habt ihr keine Angst? Ich habe doch meinen Cousin dabei, geben sie zur Antwort. Den ehemaligen Schulkollegen. Seid ihr für Arbeit und für die fremde Welt vorbereitet, frage ich weiter, und ich merke, dass sie oft fast nichts wissen. Nichts. Und das erschreckt mich.
Pascal Fendrich ist Berater für Migration und Entwicklung bei Helvetas. Seine persönliche Migrationsroute führte ihn nach Studien in Genf, Tübingen und Brügge beruflich in den Kosovo und nach Westafrika.
Schauen Sie sich zum Thema Migration auch die Reportage „Hoffen auf ein besseres Leben“ an.