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Mark Smith, in unseren Breitengraden Markus Schmied oder Schmid, ist ein Dutzendname für ein Dutzendleben. Der Typ aus Manchester, der so heisst, mit Mittelinitial E (für Edward), entstammt einer nordenglischen Dutzendfamilie aus der Unterschicht, der Vater Klempner, der Grossvater auch, der Urgrossvater Drucker bei der «Manchester Evening News». In seinem Dutzendleben lebt er mit 48 Jahren, Hemden von der Stange, vom Suff verzogener Fresse und manchem ramponierten Organ noch immer im schäbigen Stadtteil Prestwich, nur ein paar Strassenzüge von seinem Elternhaus entfernt. Die Pubs sind die gleichen, in denen schon Vater und Grossvater verhockten - so sie nicht irgendwelchen «Sanierungen» Platz machen mussten. «Ich habe Manchester geliebt, mit all seiner schönen viktorianischen Architektur», sagt der Typ, «bevor es 1996 ‹bombardiert› wurde. Doch was sie jetzt tun, ist obszön. Bald sieht es aus wie ein schlechtes Rotterdam oder so, wie es inzwischen überall auf der Welt aussieht. Der Punkt ist, die wollen das Arbeiterviertel nicht im Zentrum. Sie haben es in London gemacht, jetzt machen sie es hier.» Und bald flucht er über «angebliche Sozialisten» wie Blair und Cook, die im Schwung antiamerikanischer Demos in den Siebzigern «das verdammte College verwüsteten», das er trotz Geldmangels endlich besuchen konnte. «Und jetzt sagen uns die Profiheuchler, Amerika sei unser Freund. Middle-class Fuckers sind sie, waren es schon immer, werden es immer sein.» Was im Übrigen auch für die meisten englischen Musiker gelte: «Miese Mittelklasse-Geschäftsleute. Wenn Coldplay meine Kinder wären, würde ich ihnen sagen: Besorgt euch einen anständigen Beruf. Macht was Nützliches. Seid Wissenschaftler.»
Der kleine Unterschied
Nun sondert der Typ solche Sachen nicht nur in seiner Stammkneipe ab, wo er angeblich der Jüngste ist und lebenslänglich anschreiben kann, sondern in Hochglanz-Herrenmagazinen, renommierten Tageszeitungen oder in den staatlichen Radio- oder Fernsehsendern. In den Musikzeitschriften gehört er seit Jahrzehnten zu den meistzitierten Persönlichkeiten. Der Mann ist eine nationale Institution.
Der kleine Unterschied: Mark E. Smith hat nach ersten Jobs in einer Fleischfabrik und bei der Zollbehörde nicht den Weg seiner Vorfahren eingeschlagen, sondern auf Texte und Musik gesetzt und als 18-Jähriger eine Band gegründet, die sich nach einem seiner damaligen Lieblingsromane nannte: «The Fall» von Albert Camus. Seither erarbeitet er gemäss einem Lebensmotto, das seinen Pubkumpanen gut ansteht («Wenn dein Glas leer ist, füll es wieder»), jedes Jahr eine neue Platte - der Job eines begnadeten Klempners, und keine Leitung tropft.
Der erste lange TV-Dokumentarfilm über The Fall, von BBC Four als «einzigartige englische Rock-’n’-Roll-Geschichte» vergangenen Januar ausgestrahlt, lässt seinen Protagonisten gleich zu Beginn die Vorteile des Dutzendnamens erklären: «Ich war zwei Jahre lang der Klassenbeste in Englisch und alle andern Smiths erhielten Gratulationen ausser ich. Ich mag das. Es ist ganz gut, ein Smith zu sein. Du kannst mit Mord davonkommen, verstehst du?» Das erste Filmbild ist der notorische Salford-Van-Hire-Mietwagen Smiths, geparkt vor dem BBC-Studio Maida Vale. Nach dem programmatischen Intro des Fall-Songs «Totale’s Turns» - «We are Northern white crap that talks back» (Wir sind der weisse Abschaum aus dem Norden, der widerspricht) - folgen Einblendungen: 29 Jahre. 25 Studioalben. 22 Livealben. 24 Peel-Sessions. 49 Mitglieder. Nur eine Konstante ... Worauf diese Konstante das Gebäude betritt: «Wie gehts? Okay?» Es folgt der Filmtitel «The Fall: The Wonderful and Frightening World of Mark E. Smith» und - John Peel im Studio, der die ZuschauerInnen warnt: «Im Verlauf der nächsten 55 Minuten könnten Sie einige grobe Ausdrücke hören oder Anschauungen kennen lernen, die Sie ungebührlich finden. Wenn Sie Angst haben, dass dies möglich sein könnte, sollten Sie jetzt ganz klar etwas anderes hören.» Und schon befinden sich die, die nun (erst recht) dranbleiben, in der Peel-Session vom August 2004. «Wie regelmässige Hörer wissen, gibt es in der englischen Sprache wenige schönere Wörter als: heute Abend, eine neue Session von The Fall ...» Nun liest Peel eine E-Mail eines Hörers, den nach einer «beschissenen Woche die Aussicht auf eine weitere machtvolle Fall-Session» rettet. Im Studio muss der Tontechniker einen ungeduldig wütenden Sänger beruhigen - der Gitarrist wolle doch nur stimmen. «Das braucht er nicht, der soll jetzt verdammt noch mal spielen», faucht Smith. Der Techniker: «Er ist halt Traditionalist.»
Die Fall-typische Session - «Business wie immer, Chaos, aber gutes Chaos» - sollte Peels letzte mit der Band sein, die er über alles liebte und die er mit Abstand am meisten ins Studio einlud (die zweitmeisten Peel-Sessions, 21, hatte Kevin Coyne, ebenfalls ein Fall für sich). Die Sendung zum 65. Geburtstag am 31. August, für die er den Song «Job Search» reservierte, erlebte er noch, zwei Monate später war der einflussreichste Radio-DJ der Welt tot. Doch Peel ging als höchst zufriedener Mensch von dieser Welt. Seine einzige Sorge: «Wenn ich morgen tot umfalle, habe ich nichts zu beklagen - ausser dass es nächstes Jahr wieder ein neues Fall-Album geben wird.»
Auf Band gehauen
Das Album ist nun da, und Peel hat zu seinem Glück jeden Ton davon noch gehört. Es ist sein Fall-Vermächtnis - eine braunkartonierte Box mit sechs CDs, hoch energetisches Konzentrat jener Band, die wie keine zweite Peels Musik personifizierte. Er könne nicht sagen, ob The Fall je eine schlechte Platte gemacht hätten, meinte Peel. Das gilt auch für die 24 Peel-Sessions mit ihren 96 Songs; da geht es vom ersten Song «Futures and Pasts» an ans Eingemachte, es ist die ultimative «Rebellious Jukebox» der hartgesottensten Langzeitband aller Zeiten, mit den Embryos, Rohfassungen und Versionen von späteren Studioaufnahmen, aber auch verschollenen Bühnenfavoriten wie «Australians in Europe», Kuriositäten wie «Hark the Herald Angels Sing» (mit Engelsgesang) sowie bezeichnenden Covers von The Sonics («Strychnine»), The Monks («I Hate You» alias «Black Monk Theme»), Captain Beefheart («Beatle Bones ’n’ Smokin’ Stones») und The Saints («This Perfect Day»). Bestenfalls - und das heisst meistens - töne das, schwärmte ein amerikanischer Kritiker, wie wenn es «ein paar Minuten vor Ankunft der Polizei» auf Band gehauen worden wäre. Erstaunlich, auch für Fans der ersten Stunde, wie kohärent dieses Werk ist, wie kompromisslos und gradlinig und wie Entwicklungen in der Produktion, obwohl raffiniert mitgenommen, die Eigenart nie behelligten. Kein Song ist nicht The Fall, vom Sprechblasenpunk und Urban Rockabilly der Frühphase bis zum Northern Disco und Psychedelic Techno der späteren Jahre. Die Legionen von Bands, die sich auf The Fall berufen, können sich hier noch einmal die Ohren blutig hören und das Fürchten lernen - von Pavement bis Tocotronic und neuerdings sowieso jede zweite aus der Franz-Ferdinand-Bloc-Party-LCD-Soundsystem-Generation. «Hätte ich einen Anwalt», sagte Smith unlängst, «würde ich jede Band verklagen, die The Fall namentlich erwähnt.» Kein Wunder, verhalten sich die Epigonen wie Hasen vor der Schlange. Bei Sonic Youth ging die Verehrung so weit, dass sie ihre Peel-Session mit drei Fall-Covers und einem Kinks-Cover bestritten, das schon The Fall gespielt hatten.
Die Box ist der einsame Höhepunkt einer Schwemme von (Wieder-) Veröffentlichungen, die das Loblied auf The Fall singen und die demnächst auch John Peel ereilen wird. Bleibt zu hoffen, dass Peels bester Mann nach dem Tod seines Fürsprechers nicht zum Waisen im Äther wird. Den selbstzerstörerischen Lebenswandel, der 1998 auf einer Bühne in New York in einer Schlägerei und Auflösung der «alten Band» gipfelte, mag er mithilfe neuer Kräfte und seiner dritten Frau (Keyboarderin Elena Poulou) gedrosselt haben, das Wettrennen mit dem Teufel - Gene Vincents «Race with the Devil» ist sein Lebenssong - hält an. Die Chancen stehen gut, dass einer, der «Punk war vor Punk», auch den Teufel uralt aussehen lässt. Sein Urgrossvater, der Drucker, sei verdammte 99 geworden, grinst Smith, «dabei arbeitete er immer durch die Nacht bis morgens um sieben, kam nach Hause, lag zehn Minuten nieder, ass ein Käsesandwich und ging dann ins Pub.» Und natürlich hat der tote Peel, wie vorausgesagt, etwas zu beklagen: Mitte Juni wurde das neue Album «Fall Heads Roll» fertig gestellt, im September sollen die Köpfe öffentlich rollen. 2006 feiert die Band, die im Mai 1978 von Peels legendärem Produzenten John Walters mit der Bemerkung ins Studio geladen wurde, sie seien «noch schlechter als Siouxsie and the Banshees», ihren 30. Geburtstag.
The Fall: The Complete Peel Sessions. Sanctuary, zirka 100 Franken. Webseite, ungemein reichhaltig und aktuell: www.visi.com/fall