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Moses Mendelssohn hielt diesen Text für wichtig genug, dass er noch eine Anzeige / Rezension fürs englische Original verfasste – nicht allerdings ohne darauf hinzuweisen, dass er sich auf die Übersetzung durch einen Freund freue. Dieser Freund war niemand Geringeres als Lessing. Aber auch Herder plante zeitweise, Burkes ästhetische Schrift zu übersetzen. Die beiden, Lessing und Herder, setzten sich dann zusammen, mit dem Resultat, dass die Übersetzung Christian Garve übergeben wurde.
Ich habe Burkes Werk in einer Ausgabe des Aufbau-Verlags Berlin von 1956 gelesen (also DDR), herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Friedrich Bassenge. Bassenge hat das kleine Büchlein (keine 250 Seiten) auch bevorwortet. Dieses Vorwort ist erfrischend unideologisch gehalten. Wohl geht Bassenge – nonchalant und nebenbei – auch auf eine (positive!) Rezeption dieser Schrift durch Marx und Lenin ein. Aber daneben liefert er interessante und wichtige zeit- wie philosophischgeschichtliche Informationen über die Aufnahme des Textes in Deutschland. Von Kant bis Schlegel wurde Burke rezipiert und mehr oder weniger erfolgreich ins eigene ästhetische Denken integriert. Bassenge hält das Werk aber auch unabhängig von der zeitgenössischen deutschen Rezeption für äusserst gelungen, weil
Burkes „Untersuchung“ wirklich ein genialer Wurf aus einem Guß ist, originell, kühn und in sich geschlossen: durchaus das Bedeutendste, was die englische Ästhetik des 18. Jahrhunderts geleistet hat.
Was aber macht, dass das Werk so disparate Denker wie die deutschen (vorkritischen!) Spätaufklärer, die deutschen Klassiker, die deutschen Romantiker, aber auch noch Marx und Lenin zu interessieren, ja faszinieren vermochte? Der Schlüssel liegt wohl in der Tatsache, dass der ursprünglich stark von John Locke beeinflusste Sensualist Burke sich mit seiner Ästhetik in gänzlich neue Gebiete vorgewagt hatte. Er sagt explizit der systematisierenden, von einem Ideal ausgehenden bzw. auf ein Ideal zusteuernden Ästhetik ab und untersucht sozusagen die Psychologie des Schönen und Erhabenen. Wann empfindet der Mensch etwas als schön oder als erhaben? Dieser schon fast empirisch zu nennende Ansatz weist durchaus materialistische Züge auf und kann sowohl Aufklärern (die Licht in den Dschungel der Tatsachen zu bringen wünschten) wie Klassikern und Romantikern (die das Schöne als Auffassung und Aufnahme des Schönen fassten) wie Marxisten-Leninisten als Ansatzpunkt dienen.
Burke nämlich geht – Wittgenstein vorausnehmend – vom Gebrauch des Wortes „schön“ bzw. „erhaben“ im Alltag aus. Wir nennen, so Burke, nicht „schön“, was perfekt ist, perfekte Proportionen ausweist. Was wir „schön“ nennen, weicht immer in grösserem oder kleinerem Ausmasse von der Perfektion ab. (Burke bringt Beispiele, die man ihm heute um die Ohren schlagen würde, indem er sie vom schönen Geschlecht nimmt, das eine körperliche Unperfektion (Lispeln, Stolpern) auch mal simuliert, um schön zu scheinen. Dass er hier vieles ausblendet, das so ein Verhalten auch generiert und rein gar nichts mit Ästhetik zu tun hat, war ihm wohl nicht bewusst.) Erst, wenn wir bewusst oder unbewusst so eine Abweichung konstantieren, werden wir etwas als „schön“ bezeichnen. Das „Erhabene“ aber ist etwas ungeheuer Grosses, das uns durch seine reine Grösse schon Schrecken einflösst: ein Bergmassiv ebenso wie ein Herrscher.
Burke schrieb dieses Werk als junger Mann: Man munkelt, er hätte schon mit 19 damit angefangen. Wer ihn nur als Autor seiner erzkonservativen Altersschrift Reflections on the Revolution in France kennt, wird ob seiner ästhetischen Schrift einigermassen erstaunt sein. Bassenge formuliert die Diskrepanz, die der Leser feststellt, folgendermassen:
Hier muß man doch so etwas wie eine Entwicklung im Leben Burkes feststellen – allerdings eine Entwicklung nach abwärts: der junge Student hatte das Zeug zu einem systematischen Denker; der Gutsbesitzer von Beaconsfield hatte es nicht mehr.
Dem ist nichts hinzuzufügen.