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Alice Torrent
Alice Torrent
Die sichtbar Gewordene
Joghurts existieren in allen möglichen Geschmacksrichtungen und Sorten. Es gibt welche mit Akiv-Bifidus, Vollrahm, Schaf- Kuh- oder Ziegenmilch und noch viele mehr. Wenn man über den Prozess der Kreation in der Musik sprechen will, ist es aber eher ungewöhnlich, dass man auf Joghurts zu sprechen kommt. Und doch benutzt Alice Torrent diesen Vergleich. Die Sängerin, Songschreiberin und Komponistin sagt, zu Beginn seien ihre Texte wie Naturjoghurt ohne besondere Eigenschaften. Am Anfang würden ihre gesungenen Worte nicht viel aussagen. Erst wenn sie mit Tönen, Rhythmen und Klängen einhergingen, würden sie zu etwas Eigenständigem. Erst dann gewinne der Text an Intensität und Sensibilität. Um bei ihrem Sprachbild zu bleiben: Aus einem Naturjoghurt wird eine Spezialität.
Obwohl Alice Torrent nicht fliessend Englisch spricht, hat sie diese Sprache für ihre Songs gewählt. «Ich liebe den Klang des Englischen. Dieser Klang der Sprache unterstützt den Sound genauso wie eine Gitarre oder ein Schlagzeug.» Alice Torrent ist eine glückliche Optimistin, auch wenn uns ihr erstes Album „Phantom Limb“, das sie vor drei Jahren aufgenommen hat, in eine melancholische Stimmung versetzt. Melancholie ist dasVergnügen, traurig zu sein, sagte Victor Hugo. Und Alice Torrent ergänzt: «Ich verwandle die Traurigkeit in Melancholie. Ich habe Mühe, über die schwierigen Momente meines Lebens zu sprechen, deshalb singe ich.»
Alice Torrent begann zu singen, bevor sie sprechen konnte. Sie erfindet Melodien ohne sich zu viele Gedanken darüber zu machen, was die darüberliegenden Worte aussagen werden. Sie lässt sich vom Hören lenken. Als Autodidaktin lernte sie Klavier spielen, um die Musik als Ausdrucksmittel zu nutzen. Die Musik und das Klavier sind längst ihre Vertrauten geworden, denen sie Freud und Leid anvertraut. Als sie noch ein Kind war, sang ihr ihre Mutter vor dem Einschlafen gerne Lieder von Leonard Cohen vor und brachte ihr bei, die zweite Stimme dazu zu singen. Später traf man Alice Torrent eher im Übungsraum als im Ausgang an. Sie verbrachte ihre ganze Freizeit mit Musizieren. Trotzdem gab sie zu der Zeit keine Konzerte und veröffentlichte keine CD. Vielleicht fehlte ihr der Mut, vielleicht war ihr Anspruch auf Perfektion einfach zu gross. Man konnte fast meinen, sie hätte den Trunk „Trink mich“ von Alice im Wunderland zu sich genommen und sei darum für die Welt unsichtbar geworden.
Das Leben ging weiter. Mit einem Handelsdiplom in der Tasche engagierte sich die Musikerin aus Martinach zuerst im Tourismus und dann im Familienunternehmen. Ihrer Schüchternheit bewusst, hielt sie trotzdem hartnäckig an ihrem Traum, ein Album aufzunehmen und Konzerte zu geben, fest. Und nach Jahren des Zögerns, machte sie den Schritt aus dem Übungslokal hinaus auf die Bühne. Der Gitarrist Dominique Dupraz begleitete sie sowohl bei den Auftritten als auch im Studio bei den Aufnahmen zu „Phantom Limb“. Der Erfolg stellte sich sofort ein. Es war wie bei Alice im Wunderland, als sie den Kuchen mit der Aufschrift „Iss mich“ verspeiste. Sie wurde sichtbar. „Ich fühle mich sehr geschmeichelt, wenn mich Journalisten befragen. Das erste Mal habe ich auf der Bühne gezittert, aber der Auftritt fühlte sich dennoch grossartig an. Die Möglichkeit, Leute zu berühren besteht dann, wann du ehrlich und nahe bei dir selber bist.“
Heute steht sie regelmässig auf der Bühne. Sie wurde eingeladen vor Emiliana Torrini, die sie sehr bewundert, im Docks in Lausanne zu spielen. „Das war ein unglaubliches Erlebnis.“ Sie spielte inzwischen auch im Chat Noir in Genf, im Papiersaal in Zürich, im Bikini test in La Chaux de Fonds und weiteren bekannten Konzertsälen. Inspirierend findet sie Tori Amos, Sophie Hunger, PJ Harvey, Anna Aaron, Evelinn Trouble, Ani Difranco und Radiohead. „Sie überraschen mich jedes Mal und man merkt, dass sie lieben, was sie tun.“ Und so träumt die blonde Sängerin davon, jeden Morgen aufzustehen, einen Kaffee zu trinken, sich dann ans Klavier zu setzen und sich ganz der Musik hinzugeben.
www.alicetorrent.ch
Phantom Limb
Photos : Nadia Tarra
Veröffentlicht Juni 2017