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MEHLTAU
Cristiana Alicata, 2015
Auf dem Tischchen im Wohnungseingang, dort wo ein langer Korridor beginnt, lag eine Kugelpatrone. Das verblasste und opake Metall war ganz dunkelgrau, dem Blei ähnlich. Sie lag an der Stelle, wo man die Taschen leerte, und das nicht zufällig. Mein Grossvater hatte meiner Mutter gesagt, sie solle sie dort liegen lassen, am Eingang in die Wohnung, so wie es üblich ist, eine Rose am Rand einer Reihe von Reben zu halten, eine Rose, die den Mehltau erwartet.
«So erinnern wir uns jedes Mal, wenn wir heim kommen.» Ich weiss nicht, an was mein Grossvater sich erinnern sollte. Vielleicht an den Arm, den er verloren hatte. Einige Tage bevor ein Milchwagen ihn überfahren hatte – man hatte den rechten Arm nicht gefunden, obwohl die Suche einige Tage dauerte –, wünschte Corrado Cusimano, mein Grossvater, von seiner Frau während der Nacht umarmt zu werden.
Die Ehefrau, die Mutter meines Vaters, für uns alle Nonna Roma – auch so im Meldeamt vermerkt, weil der Vater ein Garibaldiner war und bei der Einnahme von Rom dabei war – behauptete, sie hätte nur aus diesem Grunde überlebt. Sie überlebte ihn lange, um ihn eng an sich zu halten, wenn der Arm, der nicht da war, kratzen sollte.
Die Kugelpatrone blieb dort zusammen mit den Schlüsseln, den Stromrechnungen, einer kleinen Taschenlampe für den Fall, dass die Sicherung ausfiel, und einem Häufchen Münzen. Ich hatte sie während Jahren vergessen, oder besser gesagt ich ignorierte sie, obwohl ich sie jeden Tag sah, beim Eintreten und Ausgehen. Sie war immer dort, wenn ich die Hausschwelle überschritt. Sie war seit meiner Geburt immer da, wir waren wie Geschwister.
«Alles o.k.?»
Meine Schwester schaut mich aus der Türe des Zimmers an, das einmal ihr Schlafzimmer war. Es ist nicht mehr ihres seit vielen Jahren und jetzt, wo die Wohnung uns gehört und niemand mehr da ist, möchte sie die Wände nieder- und den Korridor aufreissen. Sie verabscheut, wie viele ihrer Gleichaltrigen, die Eigenständigkeit der Zimmer, die saubere Trennung zwischen den Räumen, und ich frage mich, warum unsere Grosseltern Zimmer und Räume hatten, die entlang des Korridors verteilt waren, wir aber die Wände niederreissen wollen. Ich frage mich, ob es damit zusammenhängt, dass wir nicht mehr an Ruhe oder an etwas Einsamkeit gewöhnt sind. Oder vielleicht kann man solche Räume leichter heizen. Ganz einfach.
«Ja, ja, es geht mir gut», antworte ich und kehre den Rücken zur Tür, gehe zu ihr, verliere aber leicht das Gleichgewicht, wie es mir seit einiger Zeit geschieht. Ich muss mich untersuchen lassen, ich gehe wie ein Kind, das ohne Stützräder Radfahren lernt.
Übersetzung: Luigi Bier & Astrid Schmidlin
Vom Schauspieler ENZO GIRALDO auf Italienisch gelesen