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Adventszeit
von Cedric Weidmann
Der Song heisst Dead Can.
Auch in der Adventszeit ist er immer mit dem Rucksack unterwegs. Wenn er durchs Dunkel nach Hause geht, immer die Feuchtigkeit seines Atems im Gesicht und an der Holztür ruckelt, um den Hausschlüssel drehen zu können. Wenn er an einem Kinderwagen die Schuhe vom Schnee freiklopft und die Treppe in Angriff nimmt, während er sich mit einer Hand den Schal vom Hals zerrt und mit der anderen den Schlüssel vor sich hinhält. Wenn er die Kopfhörer von den Ohren zieht, die Wohnung betritt, in der Hitze keuchend Jacke, Pulli und Hose abstreift und nur mit der Unterhose ins Bett seines finsteren Zimmers fallen will, dann wirft er den schweren Rucksack, diesen Rucksack, der das Gewicht von nassem Schnee aufgenommen zu haben schien, in die Ecke seines Zimmers.
Und er würde ein Geräusch hören können, das der Himmelauffalter dabei macht. Tief in seinem Rucksack steckt der und scheint ein eigenes Leben zu führen. Bis auf das Aufjaulen beim Sturz auf den Zimmerboden ist er still. Er nimmt fast keinen Platz im Rucksack ein, den man noch locker befüllen kann.
Er schläft die ganze Nacht in Unterhose und steht am nächsten Morgen mit schwindligem Kopf im Türrahmen, um nicht umzufallen. Es ist Adventszeit, er erledigt Einkäufe. Abends trifft er sie unter der Weihnachtsbeleuchtung, sie wollen Glühwein trinken. Ihre dicke Winterjacke ist geöffnet, darunter beweget sich ihre Brust zu den lachenden Lippen, er, ein bisschen angetrunken, steigt durch die Feuchtigkeit ihres Atems, küsst sie. Sie schlingt sich um ihn, sie ruckeln an der Holztür, um den Hausschlüssel drehen zu können, sie ziehen sich die Schals von den Hälsen, sie streifen, als sie die Wohnung betreten, keuchend Jacke, Pulli, Hose ab, der Rucksack landet in der Ecke und das Aufjaulen verschwindet unter Seufzern im Finstern.
Nur zwei Wochen später zeigt er ihr den Himmelauffalter, er greift per Zufall nach ihm im Rucksack und zieht ihn hervor. Er faltet über ihnen den glitzernd umwölkten Himmel auf, der sich von Kopf bis Fuss über sie spannen liess. Er scheut sich nicht, darüber zu sprechen, wenn er den Himmelauffalter auspackt, er packt ihn ja auch mehr aus Zufall aus, erst, wenn er vergessen hat, dass er den noch in seinem Rucksack hat. Er spricht von den anderen Frauen, denen er den Himmel schon aufgefaltet hat und wie er es immer anders gemacht hat, manchmal unsicherer, manchmal sicherer, er sei immer nervös davor, aber wenn er erst einmal aufgefaltet sei, könne man ihn auf sich wirken lassen. Danach sei alles anders. Und besser. Nicht unbedingt für beide, und nicht für beide gleich schnell. Aber meistens besser.
Auch danach trifft er sie manchmal, sie arbeiten ja im gleichen Büro. Sie sprechen noch miteinander, auch wenn der Himmel zwischen ihnen aufgefaltet worden ist, aber sie bleiben kurz angebunden und verabschieden sich immer erleichtert. Sie haben sich nicht mehr viel zu sagen.
Er hat den Himmelausfalter nicht immer selber aus dem Rucksack genommen. Einmal, er war schwer verliebt, fand ihn das Mädchen im Rucksack, als sie nach einem Stift suchte und er einkaufen war. Sie probierte den Ausfalter selbstständig aus. Er merkte es erst, als er in die Wohnung zurückkam, ihre Jacke und Schuhe weg, der Himmel aufgefaltet.
Jedes Auffalten ist jedenfalls ein wichtiger Schritt für ihn gewesen und hat ihn geprägt. Wenn er auch nicht sagen kann, ob er sich wirklich immer freut oder ängstigt, bevor er es tut, so wächst er doch mit den Himmeln und sie wachsen vielleicht auch mit ihm. Sicher überfordert er seine Freundinnen nicht mehr so damit wie früher, er ist behutsamer. Und mehr als früher kann er das Spektakel geniessen, den das Auffalten bietet. Er verspürt schon eine milde Verständigkeit, wenn er seine Finger, die im Rucksack wühlen, den Himmelauffalter berühren.
Wie es andere per SMS machen können, will ihm nicht in den Kopf. Er hält es für eine Stillosigkeit. Er hat seine Himmel immer vor Ort auffalten lassen.