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Wieland hatte die Angewohnheit, als Herausgeber des Teutschen Merkur zu den Artikeln seiner Beiträger noch eigene Anmerkungen hinzuzufügen. Darin ergänzte oder korrigierte er die Ansichten seiner Leute, was wohl auch nicht immer einfach für diese war.
Band III der von Reemtsma und andern zusammengestellten Schriften zur deutschen Sprache und Literatur fängt mit einem Kapitel solcher Schriften an. Wielands Ergänzungen sind dabei von völlig unterschiedlicher Art: Da er ergänzt er zwei Gedichte von Hans Sachs um eine kurze Biografie des Meistersingers; dort lobt er ein ansonsten unbedeutendes Gedicht der Karschin (wie er überhaupt Schriftstellerinnen im Grossen und Ganzen übermässig höflich behandelt und lieber zweimal lobt als einmal zu tadeln); weiter lobt er Bertuch für den Plan, eine Werkausgabe von Hans Sachs zu veranstalten (ein zu früh erteiltes Lob, die Werkausgabe kam nie zu Stande). Besonders, wenn es um Schweizer Autoren geht, kann sich Wieland offenbar kaum eines zusätzlichen Kommentars enthalten – in der vorliegenden Ausgabe trifft es dann vor allem Beiträge des Freundes Merck (der ja durch seine Waadtländer Frau selber Verbindungen in die Schweiz hatte und offenbar für solche Artikel prädestiniert war): eine grössere Eloge Hallers (die Wieland allerdings explizit keine solche nennt!) wird 1778 dessen Nachruf des kürzlich verstorbenen Schweizer Gelehrten und Schriftstellers beigefügt; eine leise Kritik Mercks an Bodmers Homer-Übersetzung wird ebenso leise zurückgewiesen und um eine weitere Eloge Bodmers ergänzt, in der Wieland Bodmer nach dem Tode Voltaires zum Ältervater aller Dichter in Europa erklärt. Bürger wird dafür kritisiert, dass er in der im Teutschen Merkur eingerückten Anzeige seines Göttinger Musenalmanachs von 1779 damit angibt, nicht so entsezlich [sic!] viel Schofelzeug bringen zu wollen. Voß‘ Übersetzung der Odyssee wird im Teutschen Merkur angekündigt – Wieland kann sich nicht entheben, auf die Übersetzung seines alten Freundes Bodmer hinzuweisen. Mercks Rückblick auf das literarische Jahr 1779 wird um weitere Fakten ergänzt: Bürger, Jung-Stilling und Hippel haben zum Beispiel auch in diesem Jahr veröffentlicht und sind offenbar von Merck übergangen worden. Es folgen weitere, heute unbekannte Autoren, zu denen Wieland Nachsätze hinzufügt. Literaturgeschichtlich interessant ist es, dass Novalis 1791 eines seiner ersten Gedichte im Teutschen Merkur platzieren und gleich noch ein Lob von Wieland (mein unvermuthetes Wohlgefallen) einheimsen konnte. Selbst Herders Sohn Gottfried wird bei Wieland publiziert und lobend erwähnt – das schmälert das Lob Novalis‘ allerdings wieder. Daniel Jenisch‘ Epos über Friedrich II., Borussias, wird vor allem in Bezug auf das (nicht immer sauber eingehaltene) Versmass leise aber definitiv kritisiert – Klopstock gelobt, ebenso wie der mittlerweile bereits verstorbene Alxinger.
Alles in allem fällt auf, dass Wielands grosser spiritus rector in poeticis ganz eindeutig (der ja von ihm selber übersetzte!) Horaz ist, denn er immer wieder mit dessen Aussagen zur Produktion schriftstellerischer Ergüsse zitiert.
Es folgt eine Abteilung mit Wielands Vorworten zu fremden Werken. Die zweite Auflage von Klopstocks Der Tod Adams (1757) wird noch in völlig empfindsamem Stil bevorwortet. Sophie von la Roches Fräulein von Sternheim erhält natürlich ein Wieland’sches Vorwort, auch diverse Almanache und Kalender für Damen (darunter der Historische Calender für Damen für das Jahr 1792 von Schiller) oder Musäus‘ Volksmährchen.
Es folgt ein Abschnitt zu englischen Autoren, bzw. deren Übersetzungen: Shakespeare und Sterne, wo Wieland keinen Zweifel daran hegt, dass diese Autoren übersetzt gehören und allenfalls nur das eine oder andere an den existierenden Übersetzungen zu bemängeln hat. Dann aber folgt eine der grossen literarischen Fehden, die Wieland vom Zaun gerissen hat: Friedrich Nicolai lässt (u.a. auch im Teutschen Merkur) eine Anzeige einrücken betr. Subskription einer Übersetzung von Thomas Amorys The Life of John Buncle, Esq. Nicolai lobt dabei den Engländer über alle Massen. Wieland lässt sich berücken und unterschreibt die Subskription. Wie aber ist er enttäuscht, als er das Machwerk in Händen hält! John Buncle, die Hauptfigur, entpuppt sich als weder komisch noch sittenrein, sondern als aufgeblasener Tunichtgut, dessen einziges Ziel im Leben darin besteht, reich zu heiraten, und das möglichst oft. All die ihm von Nicolai im Vorfeld der Veröffentlichung angedichteten Tugenden fehlen vollständig. Wieland nimmt böse Rache. Er rezensiert den John Buncle in extenso und macht den Scheinheiligen dem Publikum so richtig madig. Damit allerdings verdirbt es Wieland sich mit Nicolai, und eine literarische Fehde grösseren Stils bricht aus zwischen den beiden. Das Buch kennt heute keiner mehr; Wielands Exekution desselben sollte man aber gelesen haben.
Zum Abschluss folgen zwei Kapitel von kleinen Schriften Wielands, die dieser mehr oder weniger pro domo verfasst hat. Zum einen, den Schluss der dreibändigen Ausgabe bildend, Wielands Werbung für seine Sämmtlichen Werke bei Göschen. Zum andern, auch, aber nicht nur pro domo, Wielands Expektorationen gegen die Nachdrucker. Das Thema ist heute wieder aktueller denn je: Mit den technischen Möglichkeiten des Internet sind Kopien künstlerischer Werke leichter herzustellen und zu verbreiten als noch zur Zeit Wielands. (Der Unterschied ist höchstens, dass zu Wielands Zeiten hinter den Raubkopien ein namentlich bekannter Verleger stand, und hinter diesem oft der Heimatstaat desselben. Gerade Österreich zum Beispiel war im deutschen Sprachraum berüchtigt für seine staatlich unterstützte Nachdruckerei.) Wieland kann den Nachdruckern nur entgegenhalten, dass sie mit ihrer Tätigkeit, anders, als sie vorgeben, den Autor keineswegs unterstützen, da ihm Einnahmen ihrer Raubkopien entgehen. Ein wirklich probates Mittel gegen die Raubdrucke gab es zu Wielands Lebzeiten nicht.
Namens- und Werkregister runden den dritten Band ab, und so endet ein durch die Vielfalt an Autoren und Themen äusserst interessant gestalteter Einblick in die Autorenwerkstatt eines der Grossen der Weimarer Klassik. Ich habe ihn sehr genossen und bedaure nur, dass es keine meinem Geldbeutel zugängliche Gesamtausgabe der Werke Wielands gibt, die auch diesen essayistisch-kritischen Part seines Werkes vollumänglich liefern würde.