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In jeder Stadt ist es interessant, die Landschaft der Buchhandlungen zu erforschen. Sagen sie tatsächlich etwas über das kulturelle Leben der jeweiligen Stadt aus? Oder sind sie so stark mit dem globalen kulturellen Austausch verbunden und von der kulturellen Hegemonie der internationalen Machtzentren dominiert, dass sie nicht mehr wirklich lokale Gewohnheiten und Vorlieben widerspiegeln? Wie das bei den Kinos der Fall ist, die auf der ganzen Welt die gleichen Filme zeigen?
In Beirut gibt es, wie auch in anderen grossen Städten, die Buchhandelsketten, die so ziemlich alles aus Papier verkaufen: Zeitungen, Zeitschriften, Agenden, Kinderbücher, Romane, politische Bücher, Fotobücher, was auch immer. Sie sind die Buchhandlungen, die am ehesten die globalen Bestsellerlisten abbilden – mit dem Fokus auf amerikanischen und französischen Bestsellern und in der Regel mit einer guten Auswahl von dem, was interessant ist. Bei Bestellungen braucht es aber Geduld, da es rund vier Wochen dauert, bis ein bestelltes Buch eintrifft.
Dann gibt es diese Orte in den kleinen Seitenstrasssen. Einige Stufen hinunter in ein kaum beleuchtetes Tiefparterre in einem alten Gebäude führen in einen Raum, vollgestopft mit Büchern aus allen Zeitaltern, in allen Sprachen und Formaten, wobei Französisch überwiegt. Nachdem sich die Augen der Umgebung angepasst haben, entdecken sie in einer Ecke den Besitzer, der von der gleichen Staubschicht wie die Bücher bedeckt zu sein scheint und der perfekt in den gelblichen Hintergrund seiner Umgebung hineinpasst. Die Bücher sind nach seiner persönlichen Ordnung abgelegt und das Inventar befindet sich ausschliesslich in seinem Kopf. Sie suchen einen bestimmten Essay von Sartre? Vielleicht. Maupassant, Rimbaud, Balzac, Zola? Sicherlich. Zeitgenössische Literatur? Eher nicht.
Eine ähnliche Erfahrung macht man bei einem Besuch an einem Bücherstand im Souk Al Ahad, Beiruts Wochenend-Flohmarkt. In dieser summenden Geschäftsatmosphäre steht er fast wie ein Fremdkörper da. Sind Bücher denn wirklich Handelswaren? So wie Schuhe und Kleider? Gleichzeitig aber, dort, an diesem Ort, gegenüber von einem Antiquitätenhändler und neben den (gebrauchten) elektronischen Ersatzeilen, den kaputten Radios und dem gebrauchten Geschirr, fühlt er sich dann doch weniger fremd an. Die zum Verkauf stehenden Bücher haben für eine gewisse Zeit das Leben mit ihren Besitzern geteilt, haben einige Partikel der Existenz mit ihnen ausgetauscht und sicher einiges Nikotin. Jetzt sind sie in Wartestellung, bis sie für ein neues Umfeld beansprucht werden.
Meine Lieblingsbuchhandlung befindet sich in Hamra. Sie besteht aus einem Raum, und falls es irgendwo eine platonische Idee einer Buchhandlung gibt, dann kommt sie dieser Idee sicherlich sehr nahe. Wenn man von der lärmigen Strasse her eintritt, öffnet sich ein anderes Universum. Und die Gespräche mit dem Besitzer können einen quer durch Zeit, Raum und Sinn führen. Und man kommt vielleicht sogar als eine andere Person hinaus – für eine Minute oder für einen Tag.
Gisela Nauk
Liebe Gisela
Schon immer und bis heute ist eine utopische Regierung in Beirut an der Macht. Ich werde Dir jetzt nicht all ihre schönen Regierungsdepartements beschreiben, aber vom Finanzdepartement möchte ich Dir hier erzählen.
An der Spitze dieses Departements steht eine einzigartige Persönlichkeit. Sehr engagiert, sehr gebildet, voller Leidenschaft für seine Tätigkeit. Ein einfaches Motto liegt den Tätigkeiten des gesamten Departements zugrunde: "Solange ich deine Person darin sehe." Dieses Motto ist geheim, keiner der Unternehmer und Unternehmerinnen darf davon wissen. Diese Geheimhaltung ist natürlich notwendig, um Schauspiel und Manipulation durch die Geschäftstreibenden auszuschliessen. Aufgrund dieses Mottos wird nämlich die Höhe der Geschäftssteuern entschieden. Je leidenschaftlicher sich ein Inhaber oder eine Inhaberin eines Geschäftes für die Dinge zeigt, die er oder sie verkauft, desto weniger Steuern müssen gezahlt werden. Das führt, wenn auch nicht zu einem Wachstum von schönen kleinen Geschäften, so doch wenigstens zu deren Überleben angesichts der grossen Unternehmen.
Die Beziehung zwischen dem Finanzdepartement und den Geschäften ist sehr direkt. Unterlagen, Rechnungen und Umsatzzahlen sind nur der zweite Faktor nach den regelmässigen Besuchen in den Geschäften durch die Angestellten dieses Departments. Diese kommen in einen Laden und geben vor, etwas kaufen zu wollen. Sie fragen nach den ausgestellten Waren, um herauszufinden, ob die Ladenbesitzerinnen deren Geschichte kennen, wann und von wem sie hergestellt worden sind. Und sie erkundigen sich auch nach Empfehlungen und eigenen Vorlieben der Inhaber, um herauszufinden, wie verbunden diese mit den zum Verkauf angebotenen Dingen sind. Buchhandlungen erleben eine noch speziellere Behandlung: zusätzlich zu dem obenerwähnten Motto erhalten sie auch einen Mehrwertsteuer-Erlass. So kannst Du Dir nun also auch erklären, wieso wir die meisten unserer schönen Gespräche im "Little Bookshop" in Hamra führen konnten.
Nein, meine Liebe, ich scherze natürlich ... Diese Erzählung ist eine utopische Lüge, die nirgends auf der Welt je wahr werden wird. Ich wollte lediglich ausführen, wie glücklich wir über diese kleinen, persönlichen Buchhandlungen sein können. Und dass wir interessante Gespräche dort haben können, weil die Leidenschaft für Bücher der Antrieb hinter deren Existenz ist und nicht das Geld. Was wiederum nur von Personen gemacht werden kann, die genügend Bücher im Laufe ihres Lebens verdaut haben, um dafür bereit zu sein, diesen Kampf ums Überleben einer kleinen Qualitätsbuchhandlung in Konkurrenz zu den grossen Ketten zu führen!
Herzlich grüsst,
Diana Halabi
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Lieber Mensch
Höchstwahrscheinlich weisst du, wie ich mit Zwischenfällen kooperiere. Selbst wenn diese selten sind.
Ich bin unglaublich präsent, auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wäre ich nicht hier. Ich kann mich zwar zwischen intensivem Grün und Durchsichtigkeit bewegen, aber ich fülle immer den Raum ... Einen physischen Raum, den du mit deinen Augen siehst, oder vielleicht auch einen Raum, den du hinter deinen Augen siehst. Wenn du mir einen Körper geben willst, dann kann ich eine Tür sein, ich kann aber auch ein Sofa sein, ich kann sogar sein oder ihr Lieblingsgericht sein. Ich halte dich, ihn, sie, und alle lebendig ... Aber unter extremen Bedingungen der Auflösung oder der Intensität kann ich tödlich sein.
Es gibt kein Handbuch dafür, wie man mich verwenden soll. Und es wird ein solches auch nie geben. Aber bei den 17'000 Fällen, um die ich mich im Libanon gekümmert habe, kann ich Dir sagen: mit einer Mischung aus etwas wie Logik und irrationalem Gefühl, sich an mich zu klammern ... Auf jeden Fall habe ich es geschafft, mehrere Male ausgestellt und einer Öffentlichkeit gezeigt zu werden.
Jetzt aber möchte ich zu den Augen des Zuschauers und der Zuschauerin wechseln! Ich bin sicher, Du fragst dich, wie die Mütter der Vermissten aus dem Bürgerkrieg sich immer noch an mich klammern können, selbst 28 Jahre nach dem Ende des Krieges. Ach, übrigens, ich bin es, die "Hoffnung", die spricht.
Lass mich Dir etwas erklären! Ich und die Resignation arbeiten gegeneinander. Und so kann es manchmal vorkommen, dass ich verblasse und ganz durchscheinend werde. Aber glücklicherweise kommt dann eine der vermissten Personen zu ihrer Familie zurück und beginnt ihnen von Menschen zu erzählen, von denen sie gehört hat, mit denen sie gesprochen hat oder über die sie etwas erfahren hat, in all den Jahren im Gefängnis. Und weisst du was? Dann komme ich wieder zurück, in voller Grösse und Macht, in die Häuser der restlichen 16'999 Familien.
Ich arbeite Hand in Hand mit dem Warten.
Hast du je schon einmal jemanden warten gesehen ohne Hoffnung?
Hast du je schon einmal jemanden auf etwas hoffen gesehen, ohne dass er darauf gewartet hätte?
In einer Grammatikstunde würdest du lernen, dass "Hoffen" bedeutet, auf etwas zu warten, das vielleicht wirklich passieren wird. Im Gegensatz zu "Wünschen", das üblicherweise verwendet wird, wenn die Möglichkeit, das zu bekommen, was man will, ausgeschlossen ist.
Im Libanon gibt es immer noch Hoffnung, dass eines Tages diese Familien von der psychischen Last des Wartens befreit werden ... dass sie zumindest eine klarere Sicht haben, die ihnen erlaubt zu wissen, auf welchem Grund sie stehen. Wunsch oder Hoffnung?
In Freundschaft,
Hoffnung
Diana Halabi
Der 30. August ist der Internationale Tag der Opfer des Verschwindenlassens. Für einige Länder hat dieser Tag einen speziellen Nachhall, und der Libanon ist eines dieser Länder. Am Morgen demonstrierten Angehörige von Menschen, die während des Bürgerkrieges verschwunden sind, im Stadtzentrum. Und am Abend eröffnete die Galerie "Art on 56th" eine kleine Kunstausstellung.
Diana Halabi, 1990 in Saida, im Süden des Libanon geboren, studierte Innenarchitektur an der Lebanese University of Beirut und arbeitet seit 2012 als Künstlerin. Seit kurzem entwickelt sie ihre multidisziplinäre Praxis und hat damit begonnen, mit Text, Ton und Video zu arbeiten. Mehr über ihre Arbeiten hier.
Gisela Nauk ist Politökonomin und lebt und arbeitet in Beirut.
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© Gisela Nauk
© Gisela Nauk
Buchzeichen von "The Little Bookshop", © Diana Halabi
Aus der Ausstellung Absence/Presence, Galerie Art on 56th – Künstler Julian Bonnin, 30. August 2018 © Julian Bonnin
Aus der Ausstellung Absence/Presence, Galerie Art on 56th – Künstler Hussein Nasrdeen, 30. August 2018 © Hussein Nasrdeen
Eine Installation von Zena al Khalil, Beit Beirut, September, 2017 © Zena al Khalil
Ausstellungsplakat, Absence/Presence