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Alain, 15 Jahre alt, erinnert sich an das krachende Geräusch, das die Wände seines Hauses erschütterte, als eine verheerende Explosion im August 2020 grosse Teile der Stadt Beirut zerstörte. In einem Inferno aus Flammen, Schreien und Verzweiflung, schaffte es seine Familie sich in Sicherheit zu bringen. Während Alain ein Gefühl überfiel, von seinem Körper losgelöst zu sein.
Alain und seine Familie lebten in einem Viertel, das von der Explosion verwüstet worden war. Sie kamen körperlich relativ unbeschadet davon, aber in den nächsten Monaten wurde Alain von der Angst verfolgt, dass sich die Katastrophe wiederholen könnte. Jedes Mal, wenn er versuchte zu schlafen, hallte das Geräusch der Explosion in seinem Kopf nach, und er spürte, wie sich die Angst in seinem Magen immer mehr zusammenzog.
Je mehr sich Alain zurückzog, desto mehr Sorgen machte sich seine Mutter. Dann hörte sie von "Music for Social Change", einem Programm, das Right To Play schon vor der Explosion durchführte und dann angepasste, um betroffenen Kindern psychosoziale Unterstützung bieten zu können. Seine Mutter ermutigte Alain beim Programm teilzunehmen. Sie wusste, dass er daran interessiert war, die Darbukkah, eine kleine kelchförmige Trommel, zu erlernen. Sie erhoffte sich, dass das Programm ihm einen Anker bieten könnte, etwas, auf das er sich konzentrieren und das ihm helfen könnte, sein Trauma zu verarbeiten.
MIT DER KRAFT DER MUSIK ÄNGSTE ÜBERWINDEN
Im Rahmen von "Music for Social Change" leiten die Coaches die Kinder durch erlebnisorientierte Musikaktivitäten, die ihnen helfen sollen, Traumata zu verarbeiten und ihre Gefühle durch Gesang auszudrücken. Anfangs zog sich Alain zurück und sprach nur selten. Er interessierte sich für das, was geschah, aber manchmal verlor er die Beherrschung und wurde aggressiv gegenüber seinen Mitschülern. Elias, einer der Betreuer war besorgt über Alains Verhalten. Er wusste, dass hinter Alains Ausbrüchen etwas steckte, dem er auf den Grund gehen wollte.
"Wenn Alain an den Sitzungen teilnahm, hatte ich das Gefühl, dass er nicht verstand, was ich sagte. Dann wurde er plötzlich aggressiv mir oder den anderen gegenüber."
Elias begann mehr Zeit mit Alain zu verbringen, gab ihm Tipps für seine Darbukkah-Technik und zeigte ihm spielerische Übungen, mit denen er seine Fähigkeiten trainieren konnte. Er begann auch, die Quelle von Alains Wut und Frustration zu ergründen: Mit der Zeit erkannte er, dass Alain Schwierigkeiten hatte, die Anweisungen in seiner Zweitsprache Arabisch zu verstehen, und dass es ihm schwer fiel, um Hilfe bei der Übersetzung zu bitten, weil es ihm peinlich war und er sich hilflos fühlte. Sofort begannen Elias und die anderen Betreuer, die Anweisungen langsamer zu geben und sich bei Alain zu erkundigen, bevor sie weitermachten.
"WENN ICH AN DEN AKTIVITÄTEN TEILNEHME, FÜHLE ICH MICH GLÜCKLICH UND VOLLER ENERGIE. SIE GEBEN MIR HOFFNUNG." - ALAIN, 15
Mit der zusätzlichen Unterstützung eines Freundes, der bei der Übersetzung der Anweisungen half, begann sich Alain zu öffnen. Er beteiligte sich mehr, arbeitete mit seinen Freunden als Team zusammen und stellte Fragen, wenn er etwas nicht verstand. Er begann sogar, sich mit technischen Fragen zur Musik zu beschäftigen, als er lernte, die Darbukkah zu spielen.
"Ich liebe es, dass wir Musik machen und dass ich auch die technischen Aspekte der Musik lerne. Wenn ich an den Aktivitäten teilnehme, fühle ich mich glücklich und energiegeladen. Sie geben mir Hoffnung."
DURCH MUSIK RÄUME SCHAFFEN, IN DENEN KINDER SICH ENTFALTEN KÖNNEN
Im Libanon kann das Erlernen von Musik ein teurer Luxus sein. Das Programm "Music for Social Change" zielt darauf ab, Musik auch insbesondere Kindern aus sozial schwachen Verhältnissen zugänglich zu machen.
Wie Alain sind viele Kinder, die an dem Programm teilnehmen, aus ihrem Heimatland geflohen und leben als Flüchtlinge oder sind staatenlos und haben keinen staatlichen Ausweis. Andere haben die Schule abgebrochen und arbeiten, um zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Wieder andere leben auf der Strasse und haben kaum Zugang zu jeglicher Art von Hilfe. Die wöchentlichen Sitzungen des Programms, die in einem örtlichen Gemeindezentrum stattfinden, bieten mehr als 500 Jugendlichen einen sicheren Ort, an dem sie psychosoziale Begleitung erhalten und durch musikalische Aktivitäten wichtige Lebenskompetenzen entwickeln können.
In den Sitzungen leiten von Right To Play geschulte Moderatoren die Jugendlichen durch Spiele, die speziell entwickelt wurden, um ihnen musiktechnische Fähigkeiten wie Takt, Rhythmus, Harmonie und Melodie sowie Fähigkeiten wie Teamarbeit, Problemlösung und Kommunikation zu vermitteln.
Die Jugendlichen durchlaufen eine Reihe von Lektionen, in denen sie ihrem Alter entsprechende musikalische und lebenspraktische Fähigkeiten erwerben. Sobald sie diesen Lehrplan absolviert haben, werden die Jugendlichen zu Leitern. Sie arbeiten in Gruppen, um ein soziales Problem oder ein Kinderschutzproblem zu identifizieren, das sie angehen wollen. Gemeinsam schreiben, komponieren und singen sie Lieder über Themen wie Kinderheirat, Rassismus, Zugang zu Bildung, Abfall, Umweltverschmutzung, Gleichstellung der Geschlechter, fehlende sichere Orte oder die Rückkehr in ihre Heimatländer. Das Programm schafft Raum und Gelegenheit für Jugendliche, sich auszudrücken und zu sehen, wie sie in ihren Gemeinschaften Veränderungen bewirken können.
"ICH BIN STOLZ DARAUF, DASS ICH MITMACHEN, MEINE MEINUNG SAGEN UND MIT MEINEN FREUNDEN MUSIK MACHEN KANN." - ALAIN, 15
ANDEREN HELFEN, IHRE STIMME ZU FINDEN
Mit den Fortschritten, die Alain in den Lektionen machte, wuchs sein Selbstvertrauen. Er begann, mehr Verantwortung im Programm zu übernehmen und organisierte freiwillig anstehende Sitzungen. Auch führte er mit seinen Mitschülern Gespräche darüber, welche Themen sie mit ihrer Musik ansprechen möchten. Gemeinsam beschlossen sie, sich auf das Thema Gerechtigkeit zu konzentrieren. Der Song, den sie verfasst haben und der oben im Video zu sehen ist, verlangt nach einer eingehenden Klärung der Ursachen für die Explosion in Beirut und fordert die Machthaber dazu auf, die Wahrheit zum Vorschein zu bringen und die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Seine Mutter freut sich über die Zuversicht, die nun in den Augen ihres Sohnes leuchtet. "Nach der Explosion war Alain sehr isoliert. Aber seit er an den Sitzungen teilnimmt, hat sich sein Verhalten geändert. Er hört aufmerksamer zu und drückt sich positiv aus."
Alain kann das auch spüren. Er fühlt sich stark, zugehörig und fähig, Verantwortung zu übernehmen. Die Sitzungen boten ihm den dringend benötigten Raum, um sich Luft zu machen, sein Trauma zu verarbeiten und hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken. "Ich bin stolz darauf, dass ich mitmachen, meine Meinung sagen und mit meinen Freunden Musik machen kann."