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«Pflanzen sind wie Genossen», sagt Maurice Maggi, «sie haben die Fähigkeit, den öffentlichen Raum zu verändern.» An einem Frühlingstag, mitten in der Corona-Pandemie, erzählt er, wie er vor fast 40 Jahren mit dem Urban Gardening anfing. Damals habe die Stadt Zürich ein Pflegekonzept gehabt, wonach rund um Bäume herum nichts wachsen durfte. Auch er habe dieses Konzept als Landschaftsgärtner hin und wieder umgesetzt. Bis er auf die Idee kam, Samen zu streuen statt Pflanzen auszureissen. Als ein Jahr später meterhohe Malven wuchsen, sei die Stadtverwaltung erst einmal verunsichert gewesen.
Maurice Maggi – in Zürich ist er bekannt wie ein bunter Hund. 1955 geboren, wanderte er gemeinsam mit seinen Eltern nach Rom aus, wo er die Schule besuchte, kehrte
1963 nach Zürich zurück und machte eine Lehre als Landschaftsgärtner. Als Kind der Achtzigerjahre wuchs er inmitten der Zürcher Jugendunruhen auf. Sein Kampf gilt bis heute dem Beton, dem Asphalt, dem Grau, dem erstickenden Geordneten der Stadt, der Trostlosigkeit. In einem Dokumentarfilm von Roland Achini, in dem Maurice als «floraler Anarchist» porträtiert wird, heisst es: «Nachts sät er Blumensamen an trostlosen Orten, woraus im Frühling und Frühsommer Blumen-Graffitis entstehen. Diese erhellen sowohl die grauen Asphaltgebiete als auch die Einwohner.» Maurice weiss viel über die Welt der Pflanzen und Kräuter. Er erklärt, dass Kräuter, die unter harten Bedingungen aufwachsen, oft Heilkräfte besitzen würden. «Wenn beispielsweise der Rosmarin in sehr sonniger und karger Umgebung aufwächst, bildet er mehr Öl, um sich zu schützen, und wird deshalb noch aromatischer und kräftiger.» Die verkehrsarme und flugzeuglose Zeit wegen der Corona-Pandemie bekomme der Flora und Fauna gut. Früher hätten die Vögel in den Städten nur frühmorgens gezwitschert, aber seitdem es in der Stadt ruhiger geworden sei, würden sie nun ganztags trällern. «Jetzt können sie den ganzen Tag miteinander schwatzen, es ist ja still und sie hören einander.
» Die Tragödie für viele Menschen möchte er nicht klein reden. Er versuche lediglich, der Krise auch etwas Positives abzugewinnen. «Die Menschen nehmen das Vogelgezwitscher wieder wahr und freuen sich darüber. Sie werden bestimmt dankbarer sein für die kleinen Wunder der Natur, wenn die Krise vorbei ist.»
Als Maurice anfing, Blumensamen zu streuen, hatte er vor allem die Bäume in den Wohnquartieren seiner Geschwister und Freunde im Visier. Später «markierte» er seinen Arbeitsweg, dann seinen immer grösser werdenden Bewegungsradius. Zuerst kamen die Malven – heute sein Markenzeichen –, die bis zu 2 m gross werden und von Ende Mai bis Oktober blühen. Mit der Zeit erweiterte er seine Palette: Bis zu 50 einheimische Blumen- und Kräuterarten sät er mittlerweile rund um Zürichs Bäume. Bis in die 1980er-Jahre habe «Grün Stadt Zürich» alle seine heimlich gesäten Blumen entfernt. Das hat sich inzwischen geändert, die Stadt lässt die Malven stehen und freut sich sogar darüber. Mehr noch: Vor ein paar Jahren hat ihm die Stadtpräsidentin einen Dankesbrief geschickt. Und Zürich Tourismus wie auch Schweiz Tourismus werben mit Maggis Blumen, wenn man im Ausland das Bild des urbanen, wilden Zürichs verkaufen will. Die Stadt unterstützt ihn allerdings nicht finanziell. «Ich kaufe die Samen selbst und manchmal bekomme ich sie von Leuten geschenkt.» Denn Maurices Arbeit stösst bei der Stadtbevölkerung auf viel Begeisterung. Auch Architekten und Städteplanerinnen klopfen immer wieder bei ihm an. Er wird für Vorträge eingeladen, nur seien viele der Veranstaltungen wegen der Pandemie abgesagt. Aber eines ist klar: Maurice Maggi versteht es, den öffentlichen Raum zu beleben. Ohne ihn würde Zürich ziemlich grau aussehen. Auf seinen Anstoss hin entstanden Oasen wie «Frau Gerolds Garten» bei der Hardbrücke oder der Merkurgarten in Hottingen.
Der Guerillagärtner ist auch ein begnadeter Koch. Früher arbeitete er in Edelrestaurants in Zürich und New York, heute unter anderem beim Bachsermärt. Für Maurice haben Kochen und Gärtnern viel Gemeinsames: «Bei beiden Berufen braucht es Kreativität und Fingerspitzengefühl. Man benötigt einen Sinn für Farben, Gerüche und Geschmäcker. Und beide Berufe sind altes Handwerk.» Er hat schon einige Kochbücher geschrieben, darunter «Essbare Stadt» (Rezepte daraus sind auf Seite 90 zu finden). Zu jeder Jahreszeit zieht er los und sammelt Pflanzen und Kräuter am Stadtrand und vor der Haustür, die er zum Kochen verwendet. Kaum einer versteht es so gut, mit Blumen, Pflanzen und Kräutern kreative und unkonventionelle Kulinarik zu betreiben. «Zurzeit blüht der Löwenzahn, mit dem man wunderbare Salate zubereiten kann.» Jetzt, während der Corona-Pandemie, beobachtet er, dass viele Leute wieder vermehrt zum Kochen kommen und auch die zahlreichen kulinarischen Möglichkeiten in der Region nutzen. Die Pandemie habe dazu geführt, dass man wieder autonomer sein wolle, wenn die Globalisierung zurückgefahren werde. «Einheimische Wildpflanzen haben plötzlich wieder die Exotik einer Mango», so Maurice. Man entdeckt neu, was schon immer vor der Haustür lag. «In der Krise erfahren alte traditionelle Werte eine Renaissance.» Jemand habe ihn unlängst nach dem Namen einer Blume gefragt. «Nie hat er dieses Blümchen beachtet, und jetzt nimmt er es plötzlich wahr und möchte wissen, wie es heisst.» Der Wildkräuterkoch bemerkt, dass auch in der Küche ein Trend hin zum Simplen stattfindet. «In Zeiten des Übermasses bekommen einfache Dinge eben eine ganz neue Bedeutung. » Der Schweizer Starkoch Daniel Humm in New York bereite mit banalem Lagergemüse seine Gerichte zu – «und dem wird die Bude eingerannt», erzählt Maurice. Die Wissenschaft kalkuliert, dass viele Probleme gelöst wären, wenn der Mensch sein Leben in Fussdistanz abhalten würde. Isst er selber denn nie eine Avocado? «Doch, ich bin ein Allesesser.» Es komme auf das Mass an. «Am Ende zählt immer die Gesamtbilanz im Leben. Wenn jemand vegan isst, aber ständig in der Welt herumfliegt, macht das keinen Unterschied.» Maurice Maggi hofft, dass die Pandemie die Leute zum Umdenken bewegt. Weg vom Konsum, hin zur Natur. Auch das In ter net- Shopping habe man irgendwann satt. Dann setze man sich wieder mit der eigenen Region aus einander. «Einige Leute, die jetzt wegen der Pandemie mehr Zeit zu Hause verbringen, merken plötzlich, wie schön ein Pärklein in ihrem Quartier wäre. Dieses neue Bewusstsein finde ich spannend.»