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die aus dem mittelalterlichen Minnegesang in Deutschland
[* 3] hervorgegangene Lyrik, welche im 14., 15. und 16. Jahrh.
und zwar fast ausschließlich in
den Kreisen des Handwerkerstands eifrig gepflegt wurde. Die immer höher
gesteigerte Künstlichkeit der Minnepoesie machte ein förmliches Erlernen ihrer formellen Regeln notwendig, und als die höfischen
und ritterlichen Kreise
[* 4] die Übung der Dichtkunst aufgaben und diese mehr und mehr in der bürgerlichen Sphäre heimisch wurde,
ward hier die handwerksmäßige Behandlung der Poesie, die regelrechte Verskünstelei, in noch bei weitem
höherm Maß herrschend als bei den letzten Vertretern der höfischen Minnedichtung.
Alle Meisterlieder wurden singend, jedoch ohne Musikbegleitung vorgetragen, daher die ältern Formen des Leichs und Spruchs
allmählich vor den sangbareren des Liedes schwanden. Die Übungen hießen das »Schulesingen«,
sie fanden auf dem Rathaus, an Sonntagen in der Kirche statt; drei große »Festschulen« wurden zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten
abgehalten, hierbei aber nur biblische Stoffe gewählt, während bei minder feierlichen Gelegenheiten auch Gegenstände weltlicher
Art, wohl auch in ehrbar scherzhafter Weise, hier und da in Dichterwettkämpfen, behandelt werden durften.
Den Vorsitz der Schule hatte das sogen. Gemerk, bestehend aus dem Büchsenmeister (Kassierer), Schlüsselmeister (Verwalter),
Werkmeister und Kronmeister.
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In den festlich geschmückten Kirchen oder Rathaussälen begann vor zahlreicher Zuhörerschaft das Schulesingen. Die Meister
bestiegen der Reihe nach den Singestuhl; den Singenden wurde von den drei Merkern scharf aufgepaßt, ob sie sich kein »Versingen«,
d. h. keinen Verstoß gegen die Regeln der Tabulatur, zu schulden kommen ließen. Solche Fehler konnten
begangen werden durch Abweichungen von der strengen Verslehre, durch sprachliche Inkorrektheiten (wobei die BibelübersetzungLuthers maßgebendes Vorbild war), durch Verstöße gegen die hergebrachte Sitte etc. Wer »versungen« hatte, mußte den Stuhl
verlassen, während derjenige, der »in der Kunst glatt« war, von dem Kronmeister gekrönt wurde, wobei der erste Preis, der
sogen. Davidsgewinner, in einem silbernen Gehänge mit einer Schaumünze, auf der König David, die Harfe spielend, abgebildet
war, der zweite Preis in einem Kranz von seidenen Blumen bestand.
Beide Auszeichnungen wurden jedoch nur für den einen Tag des Schulesingens verteilt. Zahllos waren die aus dreiteiligen Strophen
gebildeten Töne, die zum Teil nach ihren Erfindern, zum Teil aber auch mit frei gewählten, unglaublich
wundersamen und meist überaus lächerlichen Namen bezeichnet wurden. So gab es einen Marners Hofton, einen Hofton des Tannhäusers,
den roten TonPeterZwingers, den Blütenton Frauenlobs, den abgeschiedenen Ton Lienhard Nunnenbecks, eine HansSachsens Spruchweis
etc., daneben eine Gestreiftsafranblümleinweis, eine Fettdachsweis, Vielfraßweis,
Cliusposaunenweis, Offenehelmweis, geblümte Paradiesweis, Schwarztintenweis u. a. Es versteht
sich von selbst, daß der Meistergesang seiner ganzen Entstehung und Übung nach nicht dazu angethan war, wirkliche
Poesie ins Leben zu rufen.
Schon daß die Erfindung neuer Töne, und was damit zusammenhing, neuer Strophenformen eine Hauptsache bei der
Kunst des Meistersingens war, brachte Überkünstelung, mühseliges Reimezusammenschweißen, gänzliches Vorwalten formeller
Handwerksmäßigkeit mit sich. Durchgängig ist den Meisterliedern lehrhaft hausbackenes Wesen eigentümlich, Fabeln und Gleichnisse
bieten sich als beliebteste Stoffe. Um neue Verse zu bilden, häufte man Vers auf Vers zu abenteuerlicher Unförmlichkeit der
Strophengebäude; kurz, ein ästhetischer Gehalt ist im M. so gut wie gar nicht vorhanden.
Um so erfreulicher ist die kulturhistorische Seite dieser merkwürdigen Erscheinung der deutschen Geistesgeschichte. Ein Kind
des kräftig aufblühenden Städtewesens, trägt der Meistergesang in seinen Übungen und Erzeugnissen durchweg die
Merkmale ehrsam bürgerlicher Tüchtigkeit, Sittenstrenge und frommer Anhänglichkeit an das von den Vätern
Überlieferte. Mitten in einem sittlich versunkenen Zeitalter erhebt sich in ihm ein zwar poesieloses, künstlerisch dürftiges,
aber von wackerstem, treuherzig biederm Sinn erfülltes Streben nach edlem geistigen Thun. Es ist dabei charakteristisch, daß
die Pfleger des Meistersingens zumeist der neuen reformatorischen Kirchenlehre zugethan waren.
Das geistige Leben des Meistergesangs hat sogar das Reformationszeitalter nicht überdauert, wenn auch
einzelne Schulen ihre Thätigkeit still und treu bis tief ins 18. Jahrh. und später fortgesetzt
haben, wie denn z. B. in Ulm noch 1830 zwölf alte Singmeister vorhanden waren, von denen die vier zuletzt Übriggebliebenen
den alten Meistergesang feierlich beschlossen und ihr Inventar dem Ulmer Liederkranz vermacht haben. Unter den ältern
Meistersingern galten für besonders kunstfertig: Heinrich von Müglin, Muskatblüt, MichaelBehaim,
HansRosenplüt, HansFolz, HansSachs und Adam Puschmann.