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Bevor ich über die US-Amerikaner und Koreaner auf die Koreanerinnen zu sprechen komme, die bei starkem Sonnenschein tatsächlich Schirmchen mit sich führen oder Schirmhütchen tragen – wie Gegenstücke zu den Bräunungsreflektoren westlicher Frauen, weil sie ja auch das Gegenteil bewirken sollen, fange ich einmal mit den Deutschen an. Als es in Europa noch keine festen Wechselkurse gab (also deutlich vor dem Euro-Bargeld) standen die Industriearbeitsplätze in Deutschland unter permanentem Druck einer besonderen Produktivitätssteigerung, weil die europäische Konkurrenz nach Gutdünken ihre Landeswährung gegenüber der D-Mark abwerten konnte. Die Findigkeit der Ingenieure richtete daher ein starkes Augenmerk auf Effizienz durch Produktionstechnik. Fertigungsstrassen für Automobile «Made in Germany» sind noch heute mindestens so gefragt wie die Fahrzeuge selbst, von denen hier erstaunlich viele und die meisten davon in Edelausführungen unterwegs sind (gefühlt nur «M», «AMG» und «RS»). So waren «die Lohnstückkosten nie das Problem» (Oskar La Fontaine).
Wie wird man eigentlich findig – oder fündig – in Belangen der Produktionstechnik? Ein «Grad Student», den ich in South Carolina kennen gelernt hatte, verriet mir mal eine Weisheit von seinem Vater, der Leiter einer kleinen Produktionseinheit gewesen sein muss: «You know what to do with a really tedious work process? Would you give it to the most diligent, serious worker? No! Give it to the laziest guy in the whole company! Not too long, and he will have found a way to cut this process down». Das erinnert an den genialen Albert Einstein: «Make it as simple as possible – but not simpler!» Dafür, dass sie so viele kleine und grosse Einsteins in ihren Reihen haben, muss man die Amerikaner einfach lieben. Genauso wie für die poetische Eindringlichkeit mancher Liedtexte ihrer Singer-Songwriter, die sich kunstvoll jedem einfachen Reimschema entziehen.
Unlängst habe ihm einer, sagte mir der äusserst sympathische junge Koreaner (etwa mein Alter 😉), den ich einmal im «Guest House» und ein anderes Mal im «Faculty Dining Room» antraf, zu Hause im US-Bundesstaat Washington, wo er nun seit einiger Zeit als Professor an der dortigen State University lehrt und mit seiner Frau lebt, dazu geraten, sich bei neuen Bekanntschaften auf Englisch doch als «Chain Key» vorzustellen, wenn er sichergehen wollte, dass sein Gegenüber seinen Namen nicht früher oder später verhunzt. Da war sie doch wieder, diese Felddiensttauglichkeit amerikanischer Didaktik, mit der man tatsächlich den Aufbaukurs in Phonetik im nächstgelegenen Eisenwarenge¬schäft abhalten könnte – der Verkäufer als Dozent, und die Studenten seine Kunden. Ein Lehrstück. Jedenfalls musste ich «Chain Key» umgehend beichten, dass ich seiner Frau neulich im Hauseingang womöglich insofern etwas zu nahe getreten sei, als mir aus lauter Anschlusshandlungsunfähigkeit keine bessere Floskel eingefallen war als «How do you like it over here?», denn die beiden waren ja im Unterschied zu mir an der INHA-Universität sozusagen auf «Heimaturlaub». Es müsste mich mal in Winterthur auf der Marktgasse ein Brasilianer fragen, was ich eigentlich so von den Lebensumständen der Nordschweiz halte. Es war mir, so stellte sich heraus, peinlicher als ihm, dass ich seine Frau irgendwie dazu veranlasst hatte, mir anzuvertrauen: «Not so much as at home in Washington. It’s kind of dirty here and, you know, Koreans are always busy». Dabei klang ihr «busy» mehr wie ein «bitchy» – «fleissig, sehr fleissig» hätte ich gesagt, aber «zickig» oder «kratzbürstig»? niemals! –, nur kennt das Koreanische eben kein stimmhaftes «S». «Ja», meinte er, «damit hat sie doch recht. Der ganze Müll und Dreck hier an jeder Strassenecke!»
Die offene Anklage der Verhältnisse in jenem Land, in dem die beiden ihre früheren Jahre verbracht haben mussten, schien mir später mehr ein Gefühl zu überdecken, wie es der episodenweise schwer drogenabhängige (etwa Opioide?) Johnny Cash in seinem «…what have I become, my sweetest friend?…» anklingen lässt. Was ist nur aus mir, uns oder dem Unseren geworden? Die koreanische Nationalhymne singt unter anderem davon, dass sie dieses Land in seiner Schönheit kommenden Generationen weiterreichen wollen, bis dass ihr heiligster und höchster Berg (der auf der nordkoreanisch-chinesischen Grenze liegt) ins Meer gewaschen sei. Und nun: «Wie konnte uns das nur passieren? Die Dinge sind doch gar nicht so, wie wir das immer gewollt hätten. So ist es kein Land mehr, in dem wir gut und gerne leben würden». Weiterreichen? Na, wenn’s einer so noch haben will, wohlan! Eine solche Abrechnung mit der früheren Heimat muss selbst einen Gast betroffen machen.
Aber die USA sauberer und weniger «busy»? Dort, wo ich während knapp zwei Jahren, wenn ich nicht Acht gab, mit meinem Mountainbike auf dem Heimweg den immer gleichen Kadaver eines Opossums überfuhr, bis der, kurz vor meiner Abreise 2001 papierdünn geworden, weggeweht wurde? Dort, wo Schulklassen und Burschenschaften Highway-Abschnitte «adoptieren» müssen, damit überhaupt jemand die Segnungen der Fast-Food-Industrie aus den Böschungen fischt? Kleinstädtisches Leben in den eher nördlichen Bundesstaaten muss so etwas Properes und Nachbarschaftlich-Entspanntes haben, wie wir es auch noch kennen und wie es unter den immer zahlreicheren riesigen Wohntürmen in Incheon bald gar keinen Platz mehr haben zu haben scheint.
Sittlichkeit, und die wird bei Konfuzius sehr grossgeschrieben, gebietet Abstand zum Unreinen. Solan¬ge der Abstand mit Vermeidung erreicht werden kann, spielen den Koreanern ihre bis ins Sterile reichende Pingeligkeit und ihre Emsigkeit in die Hände. Atemmasken allerorten. Schilder mit «…take all your trashes (sic!) with you…» noch auf 1’600 m ü. M. Und es wirkt: Achtlos weggeworfenen Müll am Strassenrand, auf Wanderwegen oder in Bussen und Bahnen müsste man detektivisch suchen gehen. Dabei gibt es kaum Mülleimer im öffentlichen Raum, und so ein Wegeputzfahrzeug wie bei uns habe ich hier noch keines gesehen. Auch wo das nett Hergerichtete, das Aufgeräumte, schön Drapierte nur durch millionenfache Handgriffe erreicht werden kann, finden sich immer Heerscharen von Arbeitskräften, meist Frauen der älteren Generation, die unermüdlich Unkraut jäten, Gemüse auf gleiche Länge schneiden und entfitzeln, um es dann auf Knie- oder Knöchelhöhe im offenen Verkauf feilzubieten. Obst im Supermarkt? Etwas für Snobs, möchte man meinen. All diese Formschalen, Pölsterchen und mit Monster-Klarsichtfolie bespannten Panzerkoffer. Alles, was schlechter als makellos aussieht, gilt als minderwertig. Auf diese Makellosigkeit achten sie auch bei ihren Gesichtern und Händen, was ihnen diesbezüglich eine fast porzellanartige Anmutung verleiht. Bei einigen Koreanerinnen erlebt man, wenn sie in einem öffentlichen Transportmittel platznehmen, dass sie ihre Puder- und Schminkedöschen aufklappen und – ich übertreibe nicht – eine ganze Fahrt mit nichts anderem verbringen als dem Sich-noch-schöner-Machen und sehen dabei am Anfang wie am Ende aus wie aus dem Ei gepellt. Und das (Sich Schminken) ist nicht etwa verpönt oder ein Zeichen ungehörigen Benehmens. Kombiniert mit allem anderen ergibt sich so ein ausgeklügelt wirkendes, kulturell gefestigtes System gestaffelt aufsteigender Reinlichkeit, die auf dem Boden und bei den Schuhen, die man sich im Eingangsbereich der Wohnungen auszieht, bevor man seine Füsse auf den um einen Absatz erhöhten Wohnbereich setzt, beginnt und sich über Hausschuhe, Küchenschürze, Wegwerfhandschuhe und Kopfhaube bis in die Fingerspitzen fortsetzt, so dass Lebensmittel auch nach ihrer Zubereitung so gut wie keimfrei sind. So manches wird kalt oder lau gegessen. Magenverstimmung? Unbekannt. Das koreanische Essen liegt und trägt auch kaum auf.
Von Prof. Dr. Markus Weber Sutter, Institut für Energiesysteme und Fluid-Engineering (IEFE)