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|Internet-Streetworking,
ein psychosoziales Kurzzeit-Interventionsinstrument

Was
ist Internet-Streetworking?
Mein Name
ist Samuel Althof.
Vor etwa
vier Jahren haben meine MitarbeiterInnen und ich das Projekt Internet-Streetworking
entwickelt. Wir arbeiten mit jugendlichen Internet-Usern, die sich im
Internet extremistisch und/oder gewaltbereit äussern oder gegen
entsprechendes geltendes Recht verstossen.
Ich stelle
Ihnen dieses Projekt kurz vor.
Das Internet-Streetworking ist ein aufsuchendes psychosoziales Kurzzeit-Interventionsinstrument.
Unser Vorgehen ist eklektisch unter Anwendung von Mitteln des Psychodramas,
der Gestalt- und der Gesprächstherapie.
Meine
MitarbeiterInnen und ich suchen das Internet täglich nach extremistischen,
fremdenfeindlichen und gewaltbereiten Aussagen von Internet-Usern in
Internet-Seiten und Foren ab.
Als erster
Anhaltspunkt für einen möglichen Beginn einer Internet-Streetworking-Intervention
erstellen wir ein Profil des Autors oder der Autorin einer rechtsextremen
Internetseite, respektive Forumauftritts. Wir versuchen die postulierten
Inhalte der Aussagen zu verstehen und den/die Autor/-in personell zu
identifizieren.
Was heisst
„den Inhalt der Aussagen zu verstehen“?
Der Verfasser einer Internetseite "spricht" mit Text, mit
Bildern, mit Animationen und Musik, mit Gestaltung und mit seinem technischem
Know-How.
Er hinterlässt damit Botschaften betreffs seiner Selbstdefinition
als Rechtsextremer, dem auf seiner Internetseite dargestelltem Weltbild
und damit auch wichtige Hinweise auf mögliche Selbst-Unsicherheiten.
Das bedeutet:
Wir schauen, ob es sich beim Autor um einen symptomatischen oder um
einen programmatischen Rechtsextremen handelt.
Ein symptomatischer Rechtsextremer sucht mit provokativen, pervertierten
Mitteln z.B. nach Aufmerksamkeit, Abgrenzung, narzisstischer Kompensation
aber – und das ist wichtig – auch nach Dialog!
Ein programmatischer Rechtsextremer ist in seiner Ideologie gefestigt
und kein Klient innerhalb dieses akdh-Interventionsprojekts.
Was sind
die Kriterien der Beobachtung?
Alle Äusserungen seines Internetauftritts, seine Kontakte und Inhalte
die er austauscht, wenn nötig und möglich sein persönliches
Umfeld, eine mögliche psychische Erkrankung und wir schätzen
eine mögliche Selbst- oder Fremdgefährdung ein.
Stellen wir also eine Symptomatik fest, die ich hier kurz als „pervertierte
Kontaktaufnahme mittels rechtsextremer Provokation“ umschreibe,
gibt es verschiedene Möglichkeiten der Intervention.
Grundsätzlich
suchen wir nach einer geeigneten Form der Kommunikation:
• Wir nehmen mit dem sich anonym wähnenden Autor mit einem
Pseudonym Kontakt auf, um weitere Kriterien für die Erstellung
des Autorenprofils zu erhalten.
• Anonyme Kommunikation setzen wir jedoch auch als autonomes Mittel
der Verständigung ein: Diese Form kann zu sehr deutlichen und wichtigen
Auseinandersetzungen führen. Dazu später etwas detaillierter.
• Als Interventionsmöglichkeit kann indessen – je nach
Situation – durchaus auch adäquat sein zusätzlich mit
strafrechtlichen Massnahmen gegen die Autorenschaft vorzugehen oder
solche anzukünden.
• Es kommt auch vor, dass jemand aus dem Umfeld eines Rechtsextremen
auf uns zukommt und uns auf ihn aufmerksam macht. Dann haben wir die
Möglichkeit zusätzlich, über Zweit- und Drittpersonen
mit ihm zu kommunizieren.
Der erste
Schritt: Die anonyme Kontaktaufnahme
Wenn wir den Autor identifiziert haben und unsere Abklärungen zeigen,
dass eine Internet-Streetworking-Intervention möglich und sinnvoll
ist, informieren wir bei Minderjährigen immer die Eltern. In einem
ersten Schritt geschieht dies aus Sicherheitsgründen in der Regel
anonym.
Wenn eine
erste Intervention bei einem Jugendlichen schwerwiegende Konflikte auslöst,
steht ihm eine Telefonnummer zur Verfügung, über die er rund
um die Uhr (!) den Internet-Streetworker erreichen kann. Wir geben je
nach Fall auch nicht identifizierbare Nummern.
Z i e
l dieses ersten Schrittes ist es, mit dem Autor in einen Dialog zu treten
und ihn kritisch mit seinen Inhalten zu konfrontieren. Schwerpunkt sind
in dieser Phase Fragen über Ursachen und Motive, die ihn zu den
rechtsextremen Standpunkten führten. Wir versuchen bei ihm Sensibilität
für andere Standpunkte zu wecken und so etwas wie eine kleine Plattform
des Vertrauens zu entwickeln.
Ein wichtiger Faktor in dieser Art der Begegnung ist, dass wir vom Internet-Streetworking-Team
wissen wer unser Klient ist, er aber nicht weiss, wer der Internet-Streetworker
ist. An diesem „Geheimnis“ zeigt der Betroffene meist sehr
grosses Interesse.
Dies ist eine wichtige Konfiguration für das Gelingen der Intervention:
Dem Jugendlichen wird in Aussicht gestellt, dass dieses „Geheimnis“
später und nur in einer persönlichen Begegnung gelüftet
wird! Damit schaffen wir dem Klienten eine Option, sich aus der Cyberwelt
zu lösen hin in die Tagesrealität und damit auf sich selbst
zu zu bewegen.
Der zweite
Schritt: Die Begegnung
Mit dem persönlichen Treffen macht der Jugendliche einen wichtigen
Schritt.
• Er kommt aus der Anonymität heraus. Es geschieht aber mehr:
• Das Treffen findet mit dem Internet-Streetworker statt, also
mit einer Person aus der Aktion Kinder des Holocaust, akdh. Dies wiederum
bedeutet, dass er sich mit einer jüdischen oder einer für
ihn als jüdisch erscheinenden Person trifft.
Damit schreitet er über seine eigenen rechtsextremen Wertvorstellungen
hinaus. In diesem Moment passiert nichts anderes als Normalität.
Der innere Ausnahmezustand wird beendet, die Normalität beginnt.
Genau darin liegt ein Teil der Wirksamkeit unserer Arbeit: im Praktizieren
von Normalität mittels einem Dialog über Alltagsthemen.
Allerdings: Wir sprechen nicht über Politik. Die Begegnung soll
in einem Feld möglichst frei von Ideologie stattfinden; oder anders
gesagt an einem Ort, in welchem der Klient nicht durch seine Symptomatik
belastet ist. Wir begegnen uns einfach als Menschen. Und diese Begegnung
hat Wirkung.
Wichtig
für die Begegnungen:
• Ich begegne einem symptomatischen Rechtsextremen niemals ideologisch,
denn damit würde ich ihn in die Defensive drängen. Ich gäbe
ihm damit die Möglichkeit sein Symptom neu aufzubauen, indem ich
dieses als wichtig werte.
Ich habe das Interesse, ihm da zu begegnen, wo er als Mensch steht,
wo er dann plötzlich z.B. von seinem abwesenden Vater zu erzählen
beginnt, von seiner Mutter, die einen neuen Partner hat, – eben
von seinen echten Problemen, die ihn in seinem täglichen Leben
beschäftigen.
Und hier beginnt wesentlichste Teil der Arbeit mit dem Jugendlichen.
•
Unsere Begegnungen mit den Betroffenen selbst sind immer wertneutral
der Person gegenüber. Auch wenn jemand schlimme Sachen sagt, gehen
wir grundsätzlich von der Integrität der Person aus.
Z i e l e des zweiten Schrittes:
• Das Problem des symptomatischen Rechtsextremismus im Internet
muss grundsätzlich in die Realität rückübersetzt
werden. Der Konflikt muss auf dem Boden der Realität verstanden,
analysiert und durchgearbeitet werden. Das ist es, was wir letztlich
machen. Darum suchen wir zu unseren Klienten immer die persönliche
Begegnung. Beinahe alle Klienten, die von uns im Internet-Streetworking?
angegangen wurden, kennen wir persönlich.
- Dies zeigt die Grenzen des anonymen Dialogs im Internet auf: Die Intervention
wird nämlich dort sinnlos, wo sie auf der Schwelle von der Cyberwelt
zur Alltagsrealität hängen bleibt und das im Internet postulierte
Symptom, nicht in der Alltagsrealität bearbeitet werden kann.
Entscheidend:
Wenn es also nicht gelingt, den Kontakt zu der Person hinter der Provokation
herzustellen, war die Prävention nicht erfolgreich. Die reale zwischenmenschliche
Begegnung ist das Zentrale im Internet-Streetworking?. Das Internet
dient eigentlich nur als Vehikel auf diesem Weg.
Was werten wir als einen Erfolg?
Wir werten es als einen Erfolg, wenn der Jugendliche auf die Anwendung
provokativer Mittel als Kontaktaufnahme verzichtet: also wenn wir einen
Rückgang oder Verschwinden des Symptoms „pervertierte Kontaktaufnahme
mittels rechtsextremer Provokation“ feststellen.
Ein weiterführender Erfolg ist aus unserer Sicht dort gegeben,
wo es gelingt, dass jemand sich kritisch mit sich selbst auseinandersetzen
lernt, also Distanz zu seiner Symptomatik zu entwickeln beginnt.
Es gibt
in unserer Arbeit auch Rückfälle und Misserfolge: Das gehört
genauso zur unserer Arbeit.
Wir streben
grundsätzlich immer eine Zusammenarbeit mit den Beratungsstellen
vor Ort an.
Zusammenarbeit
mit Internetprovidern
Im Laufe der Zeit hat sich eine gut funktionierende Zusammenarbeit mit
verschiedenen Internet-Providern in der Schweiz wie auch im Aussland
entwickelt, die wenn nötig schnell zur Löschung von Hass-Seiten
führt.
Die Ergebnisse
unserer Arbeit stellen wir der Forschung zur Verfügung.
Links:
Internet-Streetworking
Meldeseite:
http://homepage.swissonline.ch/flexscan/
Internet-Streetworking
Fallbeispiele:
http://www.trafo.de.vu/
Aktion
Kinder des Holocaust
http://www.akdh.ch
©
Internet-Streetworking ist eine beim Eidgenössischen Institut für
Geistiges Eigentum registrierte E-Trademark Nr. 50111/2003 -- 509488