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Der Autodidakt: OXERB
Als sich mein grosser Sohn mit Asperger Syndrom im zweiten Kindergartenjahr befand, startete er autodidaktisch mit Lesen und Schreiben. Sein erstes Wort, das er sogar an seiner Zimmertüre verewigte, war OXERB. Das bedeutete nichts – und gleichzeitig doch so viel. Für mich war OXERB ein Wort des Zufalls. Er las dieses selbst erfundene und geschriebene Wort immer wieder: OXERB OXERB OXERB … Von da an war es kein Zufall mehr. Er hatte die Entschlüsselung und Lenkung der Buchstaben entdeckt.
Lesevorgang: Oberflächenebene
Es ist bekannt, dass Kinder im Autismus-Spektrum ein Flair für visuelle Muster, wie zum Beispiel Buchstaben, haben. Nach dem Modell der erweiterten wahrnehmungsbezogenen Funktionsfähigkeit ist das eine grosse Begabung. Dadurch schneiden Menschen im Autismus-Spektrum zum Beispiel bei den Raven-Matritzen besser ab. Sie sind schneller und erzielen ein höheres Resultat als die Kontrollgruppe. Manchmal erstaunen Kinder im Autismus-Spektrum auch durch eine Hyperlexie – sie lesen deutlich früher, als es ihr Entwicklungsstand vermuten lässt.
Kinder im Autismus-Spektrum beherrschen sowohl die Strategie Wörter Buchstabe für Buchstabe lautierend zu erlesen, wie z.B. “M-o-n-d-k-a-l-b”, als auch Wörter bereits als ganze Einheiten zu erkennen, wie z.B “und”, “rot”, “Oma” etc. Auf der Oberflächenebene sind sie somit richtig gute Leser.
Lesevorgang: Tiefenverarbeitung
Während die Lesetechnik mit Bravour klappt, bereitet das Textverstehen oftmals Kopfzerbrechen. Wörter lesen und verstehen, das geht tip-top. Auch die Satzverarbeitung ist absolut störungsfrei. Aber das Textverstehen – schwierig. Ein Text besteht ja nicht einfach aus einzelnen Wörtern und Sätzen. Ein Text ist ein viel komplexeres Ganzes.
“Das Verstehen eines Textes beruht jedoch nicht nur auf einem korrekten Verstehen einzelner Wörter und Sätze, sondern erfordert Prozesse auf höherer Ebene, die das zusammenhängende Verstehen aller Textteile, das Ziehen von Inferenzen aus Weltwissen und bereits verstandenen Textteilen sowie die ständige Umgestaltung der entstandenen inneren Repräsentation der Textaussage beinhalten.” Kristin Snippe
Das Aktivieren von Weltwissen und gleichzeitig immer wieder schlussfolgern zu müssen, ist darum so herausfordernd, weil das Kind im Autismus-Spektrum dem Text nicht vertrauen kann. Da werden Verknüpfungen erwartet, die nicht geschrieben stehen.
Zwei einfache Beispiele, bei denen man schlussfolgern muss:
- Sophie war mit dem Kindergarten im Wald. Es regnete die ganze Zeit. Wieder zu Hause angekommen, rennt sie in der Waldmontour noch mit Wanderschuhen sogleich zu ihrer Mutter, weil sie von ihren Erlebnissen erzählen will.
Warum schimpft die Mutter? ………. (Sophie macht mit den erdig-matschigen Schuhen das Wohnzimmer dreckig.)
- Frau Binder kommt von der Arbeit nach Hause. Plötzlich sieht sie, dass starker Rauch aus ihrem Haus drängt. Schnell nimmt sie ihr Handy aus der Jackentasche.
Warum drängt starker Rauch aus ihrem Haus? ………. (Es brennt.)
Wem telefoniert Frau Binder? ………. (Der Feuerwehr.)
Die oftmals sehr exakten Leser halten sich aber akribisch genau an den Text und haben keine Toleranz für nicht klar Erwähntes, während neurotypische Menschen intuitiv Hypothesen über Situationen erstellen und mit dieser Ungenauigkeit problemlos umgehen können. Vereinfacht ausgedrückt geht es darum, dass nicht-autistische Kinder auf die Frage, ob sie eine Lieblingsfarbe haben, mit Blau oder Rot oder Grün antworten. Mein grosser Sohn würde darauf aber einfach mit “Ja” antworten. Er macht durch den situativen Kontext keine Kompromisse, wie es neurotypische Menschen tun, die erahnen, was diese Frage eigentlich soll. Das ist auf die Textebene hochgerechnet betreffend Gewissenhaftigkeit wirklich eine Krux. Zudem sind sozial-emotionale Hypothesen in Texten nach der Empathy Imbalance Hypothesis so schwierig zu erstellen, weil sich Kinder aus dem Autismus-Spektrum nur erschwert in eine Person hineinversetzen können und deren Gedanken und Absichten erahnen, wenn es sich nicht gerade um einfache Gefühle handelt wie Angst oder Freude – sondern um Eifersucht oder Scham.
Ebenfalls eine Herausforderung ist das Werten, was wichtige Informationen sind und was unwichtige. Nach der Monotropismus Hypothese wird vermutet, dass Kinder aus dem Autismus-Spektrum sich bei zu vielen Reizen auf einen für sie wichtigen Reiz konzentrieren, damit es nicht zu einer Überlastung der Wahrnehmung kommt. Diese Interessensfixierung kann Texte dadurch ganz anders wirken lassen, was zu einem erschwerten Textverständnis führt.
Ein weiterer wichtiger Punkt sind die Personalpronomen. Interpretiert man Personalpronomen falsch, kann ein völlig anderer Bezug entstehen. Du, wir, deiner, unser, dir, uns etc. kann bei Kindern aus dem Autismus-Spektrum schnell mal zu falschen Verknüpfungen innerhalb des Textes führen.
Zwei einfache Beispiele zum Thema Personalpronomen interpretieren:
- Die Kinder spielen auf dem Spielplatz vor dem Haus. Sandro findet seinen Ball nicht mehr. Sandro geht zu seinem Freund Adrian. Er weiss auch nicht, wo sich der Ball versteckt.
Wer weiss auch nicht, wo sich der Ball versteckt? ………. (Adrian)
- Es ist Sporttag und die 5. Klasse spielt Fussball. Herr Müllhaupt ist Schiedsrichter. Herr Müllhaupt zeigt Valentin die gelbe Karte. Er zieht die Karte aus der Hosentasche.
Wer zieht die Karte aus der Hosentasche? ………. (Herr Müllhaupt)
Life Hacks zum Thema “Lesen”
Kristin Snippe erwähnt in ihrem Buch “Autismus. Wege in die Sprache” einige gute Life Hacks, damit Kindern aus dem Autismus-Spektrum das Lesen von Texten einfacher fällt. Einige davon möchte ich hier in meinen Worten, Ergänzungen und nach meiner Auswahl erwähnen.
- Laut lesen. Kinder aus dem Autismus-Spektrum sind mit einem zusätzlichen auditiven Input oftmals aufmerksamer.
- Texte werden in der Schule oft leise gelesen. Wichtige Passagen sollen in der Klasse laut gelesen werden.
- Der Computer hilft autistischen Kindern beim Lesen. Die Helligkeit kann angepasst werden, Lernschritte selber kontrolliert, oftmals motiviert der Computer und steigert dadurch die Aufmerksamkeit etc. (Die Programme sorgfältig nach den Bedürfnissen des Kindes aussuchen.)
- Bilderbücher eignen sich durch die visuellen Schlüsselreize gut zum Lesen. Zusammen mit einem Frageskript sichern sie das Lesesinnverständnis des Kindes ab.
- Das Thema, über das gelesen werden soll, voraktivieren mit bereits vorhandenem Wissen. So kann Neues leichter verstanden und integriert werden.
- Bei Personalpronomen – immer überprüfen, auf was sie sich beziehen.
“Lehrer, Eltern und Therapeuten können autistische Menschen beim Textverstehen unterstützen, indem sie sie stets nach den Referenzen der gelesenen Personalpronomen schauen lassen (Connor & Klein 2014). Das Überprüfen der Personalpronomen müsse auf Dauer zu einer automatisierten, unabhängigen Strategie des autistischen Lesers werden (…).” Kristin Snippe
- Lückensätze zum Text helfen, indem Rückschlüsse auf den Text gezogen werden müssen.
- Eine visuelle Übersicht – z.B. ein Mind Map – ist hilfreicher als eine Zusammenfassung. Das empfahl uns der schulische Heilpädagoge unseres älteren Sohnes. Mit Erfolg.
- Immer wieder eine Pause machen. Das eigene Verstehen muss gesichert werden.
- Antworten zu Fragen im Text finden.
- Ludlow et al. 2006 empfehlen vom Kind selbst gewählte Farbfolien über den Text gelegt. Bei 79% steigert sich so nämlich die Lesegeschwindigkeit.
- Soll durch einen Text Wissen vermittelt werden, dann möglichst klare und explizite Fakten ohne Beigemüse.
- Da Texte in der Schule von Jahr zu Jahr komplexer werden, sollte gerade bei älteren Kindern aus dem Autismus-Spektrum beobachtet werden, wie sie mit dem Lesesinnverständnis umgehen und allenfalls auch reagiert – mit Unterstützung.
Fazit
Mein beiden Söhne mögen keine Belletristik – sie interessieren sich für Sachbücher. (Das ist natürlich nicht bei allen Kindern aus dem Autismus-Spektrum so. Gewisse wollen gerade mehr über die Menschen erfahren und bevorzugen diese darum.) Ich vermute bei meinen Kindern, dass die gewählten Themen über das Periodensystem und die Elemente bei meinem älteren Sohn, die Müllabfuhr, Feuerwehr oder Eisenbahn bei meinem jüngeren, durch das Fehlen von sozio-emotionalen Inhalten und mit Fokus auf wesentliche Fakten, die Lust am Lesen aufrecht erhält.
“Lesen heisst auf Wolken liegen oder wie ein Vogel fliegen. Such dir aus, was dir gefällt! Schau von oben in die Welt.” Christa Zeuch
Mein grosser Sohn wollte dieses Lied in der Schule nicht mitsingen, denn dann wäre Lesen ja total gefährlich… 😉 . Lesen ist in der Tat gefährlich, aber nicht wegen der Wolke und dem unweigerlichen Runterfallen, wie er fand. Scientia est potentia.
Literaturliste
Snippe, K. (2013). Autismus. Wege in die Sprache. Idstein: Schulz Kirchner Verlag.
Theunissen, G. (2004). Menschen im Autismus-Spektrum. Verstehen, annehmen, unterstützen. Stuttgart: Kohlhammer.
www.büchertürme.de/lesen-heisst-auf-wolken-liegen/