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Heute ist der Internationale UNO-Tag zur Überwindung der Armut. Die Entwicklungsökonomin Dina Pomeranz erklärt, warum sich extreme Armut in den letzten Jahrzehnten stark verringert hat.
Dina Pomeranz
Entwicklungsökonomin
Dina Pomeranz ist Wirtschaftsprofessorin und Entwicklungsökonomin an der Universität Zürich. Zuvor war Pomeranz Assistenzprofessorin an der Harvard Business School und Postdoktorandin am Poverty Action Lab des MIT.
SRF: Die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Stimmt das?
Dina Pomeranz: Das stimmt so nicht. Es trifft weder auf die Schweiz zu, dass hier die Armen ärmer würden, noch steigt die globale Armut weltweit. Was stimmt an diesem Satz ist: Die Reichen werden immer reicher.
Aber weltweit hat sich die extreme Armut in den letzten Jahrzehnten extrem verringert.
Woran liegt das?
Es kommen viele Sachen zusammen: Globalisierung, technischer Fortschritt, Bildung in armen Ländern und so weiter.
Was heisst extreme Armut?
Es gibt eine internationale Definition: Ein Mensch gilt als extrem arm, wenn er weniger als zwei Franken pro Tag zur Verfügung hat. Das kann man mit Armut in der Schweiz nicht vergleichen.
Aber was vielen Leuten nicht bewusst ist: Auch hier waren vor 200 Jahren fast alle Leute so arm. Damals waren 90 Prozent der ganzen Menschheit so arm, dass sie weniger als zwei Franken pro Tag hatten. Heute haben 90 Prozent der Leute mehr als das, nur noch zehn Prozent der Weltbevölkerung hat weniger zur Verfügung.
Wenn wir die letzten 20 Jahre anschauen: In welchen Weltregionen konnten die Leute am meisten an Wohlstand zulegen?
Alle Weltregionen haben sich verbessert. In Subsahara-Afrika etwa hat die Armutsrate seit 1990 um 20 Prozent abgenommen.
Die Welt ist kein Nullsummenspiel, wo der eine gewinnt und der andere verliert.
Gibt es Länder, die kaum vom Fleck kamen?
Ja, vor allem Kriegsgebiete, etwa die Demokratische Republik Kongo oder Syrien. Ebenfalls Venezuela, wo die Wirtschaft durch den Zusammenbruch des politischen Systems am Boden liegt. Und wenn die Leute sowieso schon arm sind, kann es katastrophal werden.
Sind wir in den hochentwickelten Ländern ein Stück weit schuld an der Armut in den armen Ländern?
Es ist sicher nicht so, dass sie arm sind, weil wir reich sind. Die Welt ist kein Nullsummenspiel, wo der eine gewinnt und der andere verliert. Auf der anderen Seite müssen wir uns bewusst sein, dass die reichen Staaten viel Einfluss haben. Und wir müssen schauen, dass die globalen Spielregeln fair sind.
Etwa in Sachen Handel. Wenn afrikanische Bauern Früchte und Gemüse anbauen und hier verkaufen möchten, schadet es ihnen, wenn wir die Grenzen schliessen, sobald die Beeren in der Schweiz reif sind.
Es hilft nicht, keine Produkte mehr aus Bangladesch zu kaufen.
Dann gibt es einen Konflikt zwischen Nachhaltigkeit und Umweltschutz, weil wir nachhaltig, also lokal konsumieren wollen und zugleich entwicklungspolitische Anliegen haben.
Bei gewissen Themen kann es einen Konflikt geben, es ist aber nicht allgemein so. Beim Thema Klima ist es genau umgekehrt. Der Klimawandel trifft die armen Länder enorm. Wenn wir uns für Klimaschutz einsetzen, nützt das auch den Leuten in den armen Ländern sehr.
Was können wir tun? Bringt es etwas, wenn ich nichts mehr kaufe, was aus Bangladesch kommt?
Einerseits versuche ich persönlich Fairtrade-Produkte vorzuziehen. Aber es hilft nicht, keine Kleider mehr aus Bangladesch zu kaufen. Dass Bangladesch seine Textilien weltweit verkaufen kann, hat Land und Leuten sehr geholfen, aus der extremen Armut herauszukommen. Aber die Arbeitsbedingungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen müssen fair sein.
Das Gespräch führte Susanne Schmugge.
Statistik zur Entwicklung der Welt
Extreme Armut, Bildung, Demokratie, Grundausbildung und Alphabetisierungsrate: Diese Grafik, Link öffnet in einem neuen Fenster zeigt die Entwicklung der Bereiche in den letzten 200 Jahren.