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Über dem Eingang des Apollo-Tempels in Delphi steht der Satz: «Erkenne dich selbst». In der französischen Sprache gibt es das Je (Ich) und das Moi (Selbst). Der Philosoph Descartes leitet vom Ich, das denkt, den Beweis ab, dass der Mensch existiert. Cogito ergo sum. Ich denke, also bin ich. Wie aber ist es, wenn sich das Ich mit seinem Selbst, das Je mit dem Moi, auseinandersetzt? Im Selbst nämlich schlummert alles, was den Menschen ausmacht: Die unbewussten Triebe, Wünsche, Gefühle, die Tugenden, Fähigkeiten und Möglichkeiten. Für ein wesentliches Leben ist es deshalb entscheidend, sich selbst zu erkennen. Wer nur Ich denkt und ich sagt, weiss nicht, wer er im Grunde seines Lebens ist. Er aber wird dennoch nicht dispensiert, über sein Selbst, seinen Selbstwert und seine Selbstachtung nachzudenken und diese notfalls zu verteidigen.
Sigmund Freud hat besonders auf das Unbewusste im Menschen aufmerksam gemacht, das im Selbst verborgen ist und sich im täglichen Leben oft einmischt. Verborgene Gefühle und Wünsche steuern den Menschen. Das Erkenne-dich-selbst am griechischen Tempel meint, der Mensch solle sich seiner verborgenen Antriebe bewusst werden. Ohne diese Erkenntnis lebt er fremdbestimmt und merkt es nicht. In der Selbsterkenntnis hat er die Chance, Freiheit zu gewinnen und seine Unmündigkeit zu besiegen.
In den letzten Jahren scheint sich das Ich gross aufzuspielen und sich mit seiner Besserwisserei zu manifestieren. Der extreme Prototyp dieser Ich-Befangenheit ist der amerikanische Präsident. Ich bin der Auserwählte. Ich bin der Grösste. «Ich alleine schaffe Ruhe und Ordnung. Mein Gegner ist ein Sklave der Linken», tönt es im Wahlkampf. Diese Selbstvergessenheit ist brandgefährlich, denn sie verleugnet sehr oft die Tatsachenwahrheit. Das Ich twittert und macht mit seinen unreflektierten Spontanäusserungen andere klein. Wie bescheiden klingt dagegen das Wir im Merkel`schen Wort: «Wir schaffen das!» Der Amerikaner würde sagen: «Ich schaffe das!»
Es stellt sich die Frage, warum diese Ich-Betonung heute grösser scheint als in früheren Jahren. Dies hängt mit dem Wandel der Subjektivität zusammen. Als der Mensch noch keinen Zweifel an einem Schöpfergott hatte, ihn in verschiedenen Konfessionen verehrte und anbetete, fühlte er sich abhängig, aber geborgen im göttlichen Plan. Er lebte, um dereinst in den Himmel zu kommen. Die Philosophen begannen sich zu fragen, ob Gott nicht eine bessere Welt hätte schaffen müssen. Sie klärten schliesslich die Menschen auf, dass es keinen Beweis für die Existenz Gottes gibt. Wenn es ihn geben würde, hätte er Verantwortung für die Welt übernommen. Aber, so meinten viele, er habe sich zurückgezogen und den Menschen sich selbst überlassen. Das Subjekt des Menschen kann sich nicht mehr im Glauben aufgehoben fühlen. Das Ego emanzipiert sich und stellt sich an die Spitze des menschlichen Lebens. Das Zauberwort heisst «Selbstverwirklichung». Dennoch bleibt die Frage nach dem Sinn des Lebens offen. Nach dem Philosophen Hermann Lübbe gibt es im Leben nur Sinn, wenn man ihn sich selber gibt. Das Subjekt ist demnach sich selbst ausgeliefert, sodass die Sinngebung zur wichtigsten Aufgabe in der Biographie des Menschen wird. Schon Immanuel Kant, der grosse Philosoph der Aufklärungszeit, stellt fest, dass es auf die grossen Fragen des Lebens: Wer bin ich? Was soll ich tun? Was kann ich hoffen?, keine endgültigen Antworten gibt. Der Mensch ist gezwungen, Antworten zu suchen.
Damit sind wir wieder beim Tempel des Apoll mit seinem Appell: «Erkenne dich selbst». Wisse also, dass dies die wichtigste Lebensaufgabe ist! Wer sich dem nachdenkenden Erkennen verschliesst, bleibt an seinem nackten Ich hängen und ist zugleich der Gefahr ausgesetzt, fremdbestimmt zu werden. Er folgt Ideen und Zielen, die andere vorgeben und ist nicht selbst autonom und auch nicht authentisch. Er ist als verführbarer Mensch leicht versucht, Menschen mit einem aufgeplusterten Ich zu folgen. Diese Nachfolge führt in die Selbstvergessenheit. Und eben davor warnt das uralte griechische Wort und appelliert an den Menschen, er möge selber denken und sich durch das eigene Denken selbst bestimmen.