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Die Spuren der Schweizer Emigration nach Italien im 19. Jahrhundert führen auch zu einem protestantischen Friedhof in Florenz. Hier finden sich die sterblichen Überreste vieler Schweizer. Eine Ordensschwester wacht heute über den Friedhof.
Der protestantische Friedhof Porta a' Pinti befindet sich mitten in einem Strassengewirr von Florenz an der Piazza Donatello.
Dieser Friedhof ist in Florenz als "Friedhof der Engländer" bekannt, aber in Wirklichkeit handelt es sich um den Friedhof der Schweizer, denn er wurde von der Reformierten Schweizer Gemeinde gegründet.
Es handelt sich um eine Insel des Friedens, die in einen lebendigen und kosmopolitischen Stadtteil Florenz' aus dem 19. Jahrhundert eingebettet ist und von hohen Zypressen gesäumt wird.
Zwischen 1827 und 1878 fanden hier die sterblichen Überreste von 1409 Personen 16 unterschiedlicher Nationalitäten ihre letzte Ruhe, darunter 760 Engländer und 433 Schweizer – Unternehmer genauso wie Kulturschaffende.
Zu den bekanntesten Persönlichkeiten, die hier begraben sind, zählen die Dichterin Elizabeth Barrett Browning, der Schriftsteller Walter Savage Landor und der Bildhauer Hiram Powers.
Dazu kommen etliche Schweizer: Der Verleger Jean Pierre Vieusseux, der Historiker Jacques Augustin Galiffe, der Maler Jean Charles Müller oder auch Anna Maria Böcklin, Tochter des berühmten Malers. Auf den Grabsteinen finden sich auch die Namen bekannter helvetischer Unternehmer: Du Fresne, Fent, Kubli, Gilli, Gonin, Pult, Wital.
Als Folge der Stadterweiterung von Florenz im Jahr 1877 wurde der Friedhof geschlossen. Bis heute repräsentiert er ein wichtiges Stück Zeitgeschichte.
Ein Traum für Schwester Julia
Bei unserem Besuch treffen wir zuerst geschlossene Tore an. Doch dann öffnet eine Nonne. Sie trägt eine blaue Kutte und einen weissen Schleier. Sie ist die Friedhofswärterin. Sie gewährt uns Eingang. Und mit einigen Englisch gefärbten Worten gibt sie kurze Hinweise zum Besuch des Friedhofs.
Ein breiter Weg führt zum höchsten Punkt. Dort steht eine Marmorsäule, auf der sich ein Kreuz erhebt. Es handelt sich um ein Geschenk Kaiser Friedrichs des Grossen von Preussen aus dem Jahr 1858.
Rechts der Säule sollten sich die Schweizer Gräber befinden. Der Weg weist gefährliche Löcher auf, es herrscht Unordnung. Wir schiessen einige Fotos, dann geht es zurück.
Die Enttäuschung ist gross. Aber auf dem Rückweg treffen wir nochmals auf die Nonne, die sich um den Friedhof kümmert. Und nach einigen Fragen erzählt sie plötzlich ununterbrochen – wie ein reissender Strom.
Sie heisst Julia Bolton Holloway. Sie ist eine protestantische Eremitin, die für die Schweizer Reformierte Gemeinde in Florenz arbeitet. "Ich bin eine Freelancerin. Ich habe meinen Schwur vor Gott geleistet", lächelt Schwester Julia.
Seit 2000 ist sie als Wärterin des Friedhofs Porta a' Pinti tätig. "Dieser Ort ist ein Traum von aussergewöhnlicher Schönheit. Es ist wie ein Völkerbund."
Eremitin und Literaturliebhaberin
Geboren wurde Schwester Julia 1937 in London. Sie ist Mutter von drei Kindern und lehrte an Universitäten in den USA: Vor ihrer Pensionierung trat sie in einen anglikanischen Orden ein. Dort bleibt sie vier Jahre.
Weitere vier Jahre verbringt sie als Eremitin in einem ungeheizten Zimmer in Florenz. Schliesslich findet sie Unterschlupf bei der Schweizer Reformierten Gemeinde in Florenz.
"In den 1980er-Jahren befand sich der Friedhof in einem katastrophalen Zustand. Um das Unkraut zu bekämpfen, hatte man 30 Jahre lang Unkrautvernichtungsmittel eingesetzt", erzählt sie und zeigt einige Fotos. "An Stelle des Unkrauts gibt es nun Blumen. Im Frühjahr ist dieser Ort ein Feuerwerk an Farben und Gerüchen", sagt Julia Bolton Holloway.
Auch viele Gräber und Grabsteine wurden gereinigt und repariert. Allmählich erstrahlen sie in neuem Glanz. "1996 hat man den Friedhof für die Bestattung des verstorbenen russischen Choreografen und Balletttänzers Eugen Poljakov wieder eröffnet", erzählt Schwester Julia.
Sie kam an diesen Ort aus Berufung, aber auch als Liebhaberin der Literatur und besonders der Gedichte der hier begrabenen Elizabeth Barrett Browning. Und heute ist Schwester Julia die Seele des Friedhofs.
Der Friedhof der Schweizer
Der protestantische Friedhof von Florenz, auch "Friedhof der Engländer" (cimitero degli inglesi) genannt, ist Eigentum der Reformierten Kirche Schweiz.
Die Bezeichnung "Friedhof der Engländer" reicht ins 19. Jahrhundert zurück. Für einen Florentiner war ein Protestant damals gleichbedeutend mit Engländer. De facto wurden dort viele Engländer bestattet.
Die Zypressen dieses Friedhofs sollen den Basler Maler Arnold Böcklin zu seinem berühmten Bild "Toteninsel" inspiriert haben.
1827 hatte die schweizerische Evangelisch-Reformierte Kirche für 15'214 Lire 8000 Quadratmeter Land vor dem heute nicht mehr bestehenden Stadttor Porta a' Pinti ausserhalb der mittelalterlichen Florentiner Stadtmauer erworben. Es war damals der einzige Protestantische Friedhof der Region, der allen Nicht-Katholiken von Florenz und Umgebung offen stand.
1865 trat ein neues Gesundheitsgesetz in Kraft, das einen Mindestabstand von 100 Metern zwischen Friedhöfen und bewohnten Häusern vorschrieb. Der protestantische Friedhof erfüllte diese Bedingung nicht und wurde schliesslich 1877 definitiv geschlossen. Die Protestanten und nichtkatholische Gruppen benutzen seither den Cimitero degli Allori bei Galluzo.
Die heutige ovale Form erhielt der Friedhof im Jahr 1865, als Florenz kurzzeitig Hauptstadt Italiens war. Die mittelalterlichen Stadtmauern wurden abgerissen und stattdessen die Ringstrassen angelegt. Der Friedhof befindet sich seitdem auf einer Verkehrsinsel der Piazzale Donatello.
1996 wurde der Friedhof für die Bestattung des berühmten russischen Choreografen Eugen Paljakov wieder eröffnet. Heute wird der Friedhof gelegentlich für Begräbnisse genutzt.
Am Eingang befindet sich eine kleine Bibliothek mit Materialien zur Geschichte des Friedhofs und zu den auf dem Friedhof bestatteten Personen.
Seit dem Jahr 2000 amtet eine Ordensschwester, Julia Bolton Holloway, als Friedhofswärterin.Infobox Ende
(Übertragen aus dem Italienischen: Gerhard Lob), swissinfo.ch