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Wir starteten mit Kunst von einem Schweizer Künstler, es folgten Joshua Trees und ein Sternenhimmel. Danach trafen wir auf Urzeitgestalten in Form von Metallskulpturen und beendeten die Etappe in Downtown San Diego.
Wir verliessen Las Vegas in Richtung Süden. Mit dieser Etappe beendeten wir den oberen Loop der zerquetschten Acht. Der grössere Teil lag damit noch vor uns.
Die Kunstinstallation "Seven Magic Mountains" des Schweizer Künstlers Ugo Rondinone besteht aus sieben Türmen mit bunten, übereinandergeschichteten Felsbrocken, die mehr als zehn Meter hoch sind. Die Ausstellung wurde vom Nevada Museum of Art und Art Production Fund produziert. Im Jahr 2016 wurde sie eröffnet und sollte ursprünglich zwei Jahre zu sehen sein. Aufgrund des unglaublichen Erfolgs von Seven Magic Mountains wird nach Wegen gesucht, sie noch weitere Jahre zu zeigen.
Ich las die Informationen zu Kunstwerk und seinem Künstler auf den beiden Tafeln, schaute mir das Werk von der Nähe aus an und amüsierte mich über die anderen Besucher. Einer kletterte auf einen der Felsbrocken, eine andere kritzelte etwas auf einen der Steine. Das hatten vor ihr schon unzählige andere getan, denn die unterste Reihe der sieben Säulen war komplett vollgeschrieben. War das auch Kunst oder doch eher Vandalismus? Immer wieder musste ich meinen Hut festhalten, wenn Böen versuchten, ihn davonzutragen. Eine kleine Windhose bildete sich.
Mit dem Besuch von Seven Magic Mountains verabschiedeten wir uns von Nevada. Reiner steuerte uns über die Genze zu Kalifornien und weiter ins Mojave (sprich: "Mohavi") National Preserve. Ein National Preserve ist ein Schutzgebiet, das vom National Park Service verwaltet wird. Im Gegensatz zu einem Nationalpark sind die Jagd und einige andere extraktive Nutzungen in einem Preserve erlaubt, ansonsten gibt es keinen Unterschied zwischen den beiden Verwaltungsprinzipien.
Bald schon konnten wir die Kelso Dunes ausmachen. Spätestens jetzt war klar, dass wir die Wüste erreicht hatten. Wir erlaubten uns einen kurzen Abstecher zu den Dünen, dann ging es weiter Richtung Süden. Hey, da ist ja Roy's Cafe! Wir mussten in Amboy auf der Route 66 sein. Einige Motorradfahrer standen auf dem grossen Parkplatz des berühmten Diners. Reiner wollte dort einkehren, doch ich erinnerte ihn daran, dass wir hier eh noch hinkommen würden, wenn wir in ein paar Wochen die Route 66 fahren würden.
Wir kamen zu einem Bahnübergang. Eben hatten wir noch einen dieser langen Züge gesehen, wie es sie nur in Amerika gab. Jeder andere wäre froh gewesen, dass die Schranken offen waren, aber wir stellten uns auf einen kleinen Platz daneben und warteten kurz, bis sie sich schlossen. Der Zug kam, der Lokführer hupte kräftig und ich filmte. Ganze acht Minuten dauerte es, bis sich Wagen um Wagen an uns vorbeigeschoben hatte.
Bevor wir in Twentynine Palms unser nächstes Nachtquartier bezogen, besuchten wir das Visitor Center. Neben dem üblichen Datumsstempel holte ich mir auch noch den Abdruck eines Joshua Trees und einer Wüstenschildkröte. Hoffentlich sahen wir so eine auch mal in echt.
Vorbei an einem rauchenden Smoker ging es zum Hotel, um einzuchecken. Ich musste Reiner nicht lange davon überzeugen, diesen Smoker auszutesten. Das dazugehörige Restaurant hiess "The Rib Co." und der Name war Programm. Ich hatte noch nie bessere Ribs gegessen. Dabei musste ich mir nicht mal die Finger schmutzig machen, denn die Knochen fielen schon fast beim puren Anblick blitzblank sauber aus dem saftigen Fleisch.
Am Nebentisch kämpfte ein sehr junges Pärchen mit einem Burger. Das heisst, er kämpfte und sie hielt das mit dem Handy fest. Sein Burger triefte und tropfte, seine Hände waren im Gegensatz zu meinen so dreckig, dass er das Glas zum Trinken mit den Handballen hochheben musste. Zu seinem Glück gab es Restrooms.
Obwohl wir schon sehr früh gegessen hatten, waren wir für das goldene Licht etwas zu spät im Joshua Tree National Park. Es reichte aber für ein paar tolle Aufnahmen zum Sonnenuntergang, bevor wir ins Hotel zurückkehrten, um im geräumigen, netten Zimmer die Nacht zu verbringen.
Das erste Mal auf dieser Tour war das Morgenessen im Hotelpreis miteingeschlossen. Als wir kurz nach halb sechs Uhr morgens den Frühstücksraum betraten, war er noch leer. Nur ein Mann sass bereits Zeitung lesend an einem der Tische. Ein Mitarbeiter begrüsste uns sehr freundlich und pries uns enthusiastisch die Speisen an. Er schaute, dass alles ordentlich und sauber blieb und räumte auch das gebrauchte Wegwerfgeschirr weg, obwohl wir das auch selbst hätten tun können.
Wer noch nie in den USA ein Hotelfrühstück geniessen durfte, wundert sich vielleicht, dass in den Rezensionen oft von "für amerikanische Verhältnisse gutes Frühstück" die Rede ist. Das liegt daran, dass ein Hotelfrühstück in der Regel alles andere, als ein kulinarischer Hochgenuss ist. Manchmal gibt es neben Kaffee einen abgepackten Muffin, vielleicht einen Bagel und wir hatten schon mal ein hartgekochtes Ei in Folie eingeschweisst bekommen, das war aber vor ein paar Jahren im Osten der USA. Hier gab es eben für amerikanische Verhältnisse ein gutes Frühstück mit Eiern, Würstchen, Gemüse, Biscuits und Gravy. Waffeln, und ich glaube auch Pancakes, konnten zubereitet werden, aber ich bin eher der herzhafte als der süsse Typ.
Die Sonne war bereits aufgegangen, als wir den Joshua Tree National Park erreichten. Die Eingangsstation war noch unbesetzt, aber wir waren ja eh im Besitz des Nationalparkpasses. Die Josua-Palmlilie (englisch: Joshua Tree) gab dem Park seinen Namen. Sie ist die grösste Art der Gattung Palmlilien, besser bekannt als Yucca. Der nördliche Teil des Parks war voll von diesen Pflanzen, die zu so früher Stunde in goldenes Licht getaucht waren.
Ein Fotograf mit einem Rucksack auf dem Rücken folgte unserem Beispiel, als wir das Auto an den Strassenrand stellten und die abgerundeten Felsen und die Pflanzenwelt filmisch festhielten. Es gab aber so viele Kakteen und Joshua Trees, dass wir uns nicht in die Quere kamen.
Dann kam ein historischer Augenblick: Reiner überliess mir das Steuer. Etwas unsicher setzte ich mich auf den Fahrersitz. Wie viele Jahre war das her seit dem letzten Mal? Konnte ich das überhaupt noch? Zu meiner Überraschung fühlte ich mich sofort wohl. Das Auto war nicht nur als Beifahrerin eine Freude zu fahren. Ich nahm gleich die Anfahrt zu Keys View in Angriff. Die Strasse gehörte mir allein, noch war kaum jemand unterwegs. Ein Pick-up besetzte einen der zahlreichen Parkplätze bei dem Aussichtspunkt. Ich parkierte und als ich die Tür öffnete, wehte mir ein heftiger Wind entgegen.
Schon von hier bot sich ein toller Blick auf das Coachella Valley, aber ich wollte mehr. Ein gepflasterter Weg führte hoch zum Aussichtspunkt. Auf einer Bank sass eine Gestalt in eine Jacke eingemummelt, die Kapuze hochgezogen und mit von mir abgewandtem Blick Richtung Tal. Als ich an der Bank vorbeikam, drehte sich der Mann um und meinte zu mir: "It's a little breezy". In der Tat! Der starke Wind beim Parkplatz war nichts gegen das, was mich hier oben fast weggefegt hätte.
Der Panoramablick auf einer Höhe von 1580 Metern war einmal mehr grandios. Links konnte ich die glänzende Oberfläche des Salton Seas ausmachen, auf der rechten Seite lagen die Santa Rosa Mountains. Diese bilden zusammen mit dem 3292 Meter hohen San Jacinto Peak hinter Palm Springs die Höhepunkte des Peninsular Ranges. Weiter rechts war der schneebedeckte Gipfel des 3505 Meter hohen San Gorgonio Mountain zu sehen. Die südwestliche Seite des Kamms fällt fast eine Meile in das Coachella Valley ab. Die berüchtigte San-Andreas-Verwerfung, die sich 700 Meilen vom Golf von Kalifornien bis zur Mendocino-Küste nördlich von San Francisco erstreckt, verläuft durch das Tal und ist unten zu sehen.
Als ich vom Aussichtspunkt zurückkam sass Reiner bereits wieder auf der Fahrerseite. Das war's wohl mit meiner Fahrerkarriere. Wir fuhren ins Hotel zurück, um Wäsche zu waschen und die Rechnungen zu erledigen. Auch das musste leider sein.
Für den Abend holten wir uns Salate in einem Supermarkt und eroberten den Park von Westen her. Diesmal war der Eingang besetzt. Als wir den Nationalparkpass und einen Ausweis mit Lichtbild zeigten, sah ich im hinteren Auto eine grosse Katze auf dem Armaturenbrett sitzen. Das Licht war wieder herrlich. Wir fuhren mit vielen Zwischenstopps bis zum Skull Rock, der wohl bekanntesten Felsformation des Parks. Menschen kletterten auf den Steinen herum. Aber nicht nur Menschen, sondern auch die Katze von vorhin wurde gezwungen, an der Leine einen der Felsen zu erklimmen.
Beim Hidden Valley, wo eine 1.6 Kilometer lange Schleife ein kleines Tal umrundet, hielten wir für unser Picknick bei Sonnenuntergang. Mehrere der Picknicktische waren ebenfalls besetzt. Der Fotograf mit Rucksack, den wir heute Morgen getroffen hatten, marschierte an uns vorbei und verschwand in den Felsen.
Wir montierten die Kameras auf die Stative. Ich suchte eine Position, aus der ich sowohl einen Joshua Tree wie auch eine Felsformation im Vordergrund haben würde und hoffte auf möglichst viele Sterne am kommenden Nachthimmel. Als es eindunkelte und die ersten Sterne sichtbar wurden, stellte ich fest, dass ich meine GoPro in die falsche Richtung ausgerichtet hatte. Im Dunkeln die Perspektive zu wechseln war ein Schuss ins Blaue. Mal sehen, ob das Timelapse trotzdem etwas werden würde. Wie schon im Death Valley waren wir auch hier froh um unsere Jacken. Ohne die wärmende Sonne war es ganz schön kalt hier.
Die Rückfahrt in der Dunkelheit zog sich in die Länge und ich war froh, endlich todmüde ins Bett fallen zu können.
Wir erschienen etwas später als gestern zum Frühstück. Das Gepäck hatten wir bereits im Kofferraum verstaut. Wieder sass der Mann Zeitung lesend auf seinem Platz, aber im Gegensatz zu gestern waren heute bereits ein paar Leute mehr anwesend. Einer davon war der Fotograf, den wir bei den Kakteen und im Hidden Valley gesehen hatten. Der Mitarbeitende zeigte uns, wo alles stand, und pries wieder das gute Essen an. Er hatte uns offensichtlich nicht mehr erkannt. Gut so, dann hatten wir wenigstens keinen schlechten Eindruck hinterlassen.
Ein letztes Mal fuhren wir in den Nationalpark beziehungsweise durch ihn hindurch. Nach etwa zwanzig Kilometern hielten wir beim Cholla Cactus Garden und ich lief den rund vierhundert Meter langen Nature Trail vorbei an unzähligen Teddy Bear Chollas. Diese Kaktusart wächst im Nordwesten Mexikos und in Kalifornien, Arizona sowie in Nevada. Aufgrund seiner grossen Masse an sehr beeindruckenden Stacheln, die die Stängel vollständig bedecken, hat der Cholla Cactus ein weiches Aussehen, weshalb er den Spitznamen "Teddybär" trägt. Spätestens, wenn man mit diesem Teddy in Berührung kommt, merkt man, dass es sich nicht um ein Kuscheltier handelt, denn die Stacheln haben es wirklich in sich.
Nach Verlassen des Parks veränderte sich die Vegetation. Orangenplantagen begleiteten uns und wurden etwas später durch Ölpalmen abgelöst. Wir kamen an den Salton Sea, der mit einer Fläche von fast 1000 Quadratkilometern der grösste See Kaliforniens ist. Er war als künstliches Gewässer durch einen Unfall entstanden, bei dem 1905 ein Damm des Colorado Rivers gebrochen war und dieser zwei Jahre lang fast sein gesamtes Wasser in die Salton-Senke geleitet hatte. In den 1950er und 1960er Jahren war das Gebiet zu einem Urlaubsziel geworden. Hotels und Ferienhäuser waren aus dem Boden gestampft worden.
Der See war geschrumpft und die Kontamination durch landwirtschaftliche Abwässer hatte den Ausbruch und die Ausbreitung von Krankheiten gefördert. Es war zu einem massiven Aussterben der Vogelpopulationen gekommen. Der Salzgehalt war so stark angestiegen, dass es zu grossem Fischsterben gekommen war, der Tourismus war drastisch reduziert worden. Als das Seebett freigelegt geworden war, hatten Winde Wolken aus giftigem Staub in die umliegenden Gemeinden geschickt. Kleinere Staubmengen waren bis in die Gegend von Los Angeles gelangt. Manchmal hatten die Menschen dort den Gestank aus dem See riechen können.
Verrottete Häuser zeigten ein tristes Bild. Der See roch nicht gut, aber stank nicht so stark, wie befürchtet. Ich konnte auch keine toten Fische ausmachen, bloss eine zurückgelassene Jeans und eine Unterhose lagen herrenlos mit anderem Unrat herum.
Wir fuhren den Ostrand des Sees entlang und bogen in Niland links zum Salvation Mountain ab. Ein Motorradfahrer winkte mir in die Kamera, bevor wir parkierten, um den bunten Hang genauer unter die Lupe zu nehmen. Inzwischen hatten wir knackige 97 Grad Fahrenheit, was immerhin 36 Grad Celsius entspricht.
Der "Berg der Erlösung" ist eine visionäre Umgebung, die von Leonard Knight in der Nähe der Hausbesetzer- und Kunstkommune Slab City geschaffen worden war. Das Kunstwerk besteht aus Lehmziegeln, ausrangierten Reifen und Fenstern, Autoteilen und Tausenden von Litern Farbe. Es umfasst zahlreiche Wandgemälde und Bereiche, die mit christlichen Sprüchen und Bibelversen bemalt sind. Knight selbst war im Jahr 2011 80-jährig wegen Demenz in eine Langzeitpflegeeinrichtung in El Cajon gebracht worden, wo er 2014 verstorben war.
Wegen der rauen Wüstenumgebung muss das Projekt ständig gewartet werden. Viele Besucher spendeten Farbe und eine Gruppe von Freiwilligen arbeitete daran, die Stätte zu schützen und zu pflegen, bis 2011 eine öffentliche Wohltätigkeitsorganisation gegründet wurde, um das Projekt zu unterstützen.
Viele Besucher, darunter eine grössere Gruppe Harley-Fahrer, sassen unter einer schattenspendenden Zeltplane, lasen die unzähligen Bibelsprüche, liefen auf dem bunten Hang herum und lugten in die ebenfalls farbig ausgestalteten Räume.
Wir verliessen diese verrückte Installation und kurz bevor die CA-78 links Richtung Westen abbog, hiess es Anhalten. Wir hatten unsere erste Border Control vor uns. Die Kontrolle war kurz und schmerzlos. US-Amerikaner? Nein, aus der Schweiz. Okay, weiterfahren. Noch ein paar Meilen, dann bezogen wir in Borrego Springs die siebte Unterkunft dieser Reise. Beim Check-in wurde uns mitgeteilt, dass es für zwei Nächte kein Housekeeping gäbe. Wir erhielten Gutscheine für ein Getränk an der Bar und ein Cookie zur Begrüssung.
Die Hotelanlage war wie eine Westernstadt aufgebaut. Die Fassaden waren mit Saloon, Hotel, Wäscherei und General Store beschriftet. Die zweistöckigen Gebäude waren um einen eingezäunten Pool herum angeordnet. Wir bekamen ein Zimmer mit Balkon im zweiten Stock mit Pool- und Bergblick.
Unweit von der Hotel- und RV-Anlage entfernt befand sich das Visitor Center zum Anza-Borrego Desert State Park. Es bestand aus Stein und war so geschickt in die Landschaft eingebettet, dass es kaum zu sehen war. Die Ausstellung und der Film waren sehr interessant und informativ. Ich fragte einen Ranger nach einer Map und wollte von ihm wissen, welche der Parkstrassen wir mit unserem Jeep mit Zweiradantrieb befahren konnten. Etwas ratlos sah er mich an. Wir waren wohl die einzigen ohne einen "Vierlivier", wie wir Schweizer einen Vierradantrieb nennen. Er zeigte uns zwei machbare Strecken, auf allen anderen sei tiefer Sand, was für uns ein NoGo darstellte. Okay, die werden wir morgen in Angriff nehmen. Vorher wollte ich aber noch eine Tageskarte für morgen kaufen, denn der Nationalparkpass war in State Parks nicht gültig. Dafür musste ich an den Automaten. Noch bevor ich schauen konnte, ob so ein Ticket für den nächsten Tag erworben werden konnte, kam ein Besucher und drückte mir ein aktuelles Ticket in die Hand. Er bräuchte es nicht mehr. Wir zwar auch nicht, denn für heute hatten wir Feierabend, aber bevor ich etwas erwidern konnte, war er auch schon wieder weg.
Den Abend verbrachten wir im hoteleigenen Restaurant. Wir bestellten an der Theke Burger - etwas anderes wurde hier nicht angeboten - und holten an der nebenan liegenden, netten Bar Wein für mich und Bier für Reiner. In einer Ecke feierte einer seinen vierzigsten Geburtstag. Ein etwa zwölfjähriger Junge - wir wussten nicht, ob es der Sohn des Geburtstagskindes war - trug Cowboystiefel und sah unheimlich süss aus. Musiker richteten sich für ein Konzert ein. Nach und nach wurde ein Tisch nach dem anderen besetzt. Am Nebentisch sass ein Mann und als er sich an der Bar ein Bier holen ging, wurde sein Platz okkupiert, was er bei seiner Rückkehr mit einem langen Gesicht zur Kenntnis nahm. Wir boten ihm einen Stuhl an unserem Tisch an und schon bald sass er, seine Frau mit Hündchen und ein mit ihnen befreundetes Paar bei uns.
Die fünfköpfige Band begann zu spielen. Erstaunlich, was für coole Musik die alten Herren zustande brachten. Sie spielten soliden Rock und etwas Country. Einiges davon erkannte ich als Klassiker. Einer der Musiker war etwas jünger, das war auch der Einzige, der im Stehen Gitarre spielte und sang. Einer, der furchtbar zitterte, stand zwischendurch von seinem Stuhl auf. Seine kurzen Schritte deuteten auf eine Parkinson-Erkrankung hin. Derjenige, der an einer Trommel sass, ging am Rollator und auch der Mundharmonika-Spieler, der zudem noch Gitarre spielte und sang, war nicht gut zu Fuss. Der Schlagzeuger konnte zwar noch ordentlich laufen, war aber sonst ein bisschen verwirrt.
Unsere Tischnachbarn waren offensichtlich Einheimische wie auch die Bandmitglieder, die in den Pausen an unseren Tisch kamen, um sich zusammen zu unterhalten. Nach diesem langen Tag hatten wir nun eine Mütze Schlaf verdient, bevor es morgen wieder auf die Piste ging.
Nach dem Frühstück in einem Café im Ort erkundeten wir Galleta Meadows. Das ist ein in Privatbesitz befindliches Wüstengrundstück, das aus vielen einzelnen Grundstücken besteht und über 130 grosse Metallskulpturen aufweist. Die Skulpturen wurden von dem südkalifornischen Künstler Ricardo Breceda im Auftrag von dem inzwischen verstorbenen Dennis Avery, dem Eigentümer von Galleta Meadows, geschaffen.
Er bezeichnete die Kunstwerke als "Sky Art". Diese überlebensgrossen Kreationen erstrecken sich über mehr als sechs Quadratkilometer unbebautes Wüstenland und laden die Öffentlichkeit ein, Kunst im Freien zu entdecken und zu geniessen, umgeben von der reichen und vielfältigen Wüstenumgebung von Borrego Springs.
Einige dieser riesigen Metallskulpturen befanden sich in der Nähe der Borrego Springs Road angeordnet und waren sehr gut erreichbar. Für andere mussten wir die Strasse verlassen und den Weg über holprige Pisten suchen.
Die Figuren haben verschiedene Themen. Das grösste Thema scheint prähistorische Tiere zu sein. Es gibt viele Dinosaurier zu bewundern. Andere Themen haben eine Verbindung zur Wüste, in der sie sich befinden, darunter Skorpione und Dickhornschafe. Eine besondere Augenweide war ein über hundert Meter langer Drache, der die Illusion vermittelte, er würde sich in und über den Wüstensand schlängeln. Reiner postete auf Facebook einen Jeep, der scheinbar auf einen Haufen Steine aufgefahren war, und tat so, als wären die beiden Insassen wir zwei.
Der Ort Borrego Springs mit Galleta Meadows war eine Insel mitten im Anza-Borrego State Park, die nicht zum Parksystem dazugehört. Für Erkundungen ausserhalb des Orts und fernab der Durchgangsstrassen holten wir einen Tagespass.
Auf der gestern im Visitor Center erhaltenen Broschüre waren nördlich des Dorfs Blumenfelder eingezeichnet. Leider fanden wir aber auch hier nur Ödland vor, keine einzige Blüte weit und breit. Die Strasse noch etwas weiter in den Norden konnten wir entgegen der Aussage des Rangers nicht befahren. Der tiefe Sand war uns ein zu grosses Risiko. Wir fuhren zu "The Slot", dem zweiten Tipp des Rangers. Die Landschaft war sehr schön, ein paar Ocotillos blühten aber der Abstieg in den Slotcanyon war uns zu steil. Schade, denn auf Bildern sah die Schlucht spektakulär aus.
Für die Rückfahrt wählten wir den Weg über den Yaqui Pass mit einer Höhe von 1750 Fuss (533 Meter) durch die Santa Rosa Mountains. Die Strasse gehört zum Anza-Borrego Desert State Park. Sie wand sich mit einer Steigung von vier bis zehn Prozent den Felswänden entlang und bot traumhafte Aussichten.
Statt uns an den Pool zu legen, der sich in der prallen Sonne befand, setzten wir uns gemütlich auf unseren schattigen Balkon und genossen den warmen Nachmittag. Zum Abendessen gab es mexikanisch. Die Margaritas waren gross und sehr gut, das Essen in Ordnung, aber nichts, worüber man in Freudentänze ausbrechen würde.
Zum Abschluss des Tages gönnten wir uns in der Hotelbar einen Schlummertrunk. Ein seltsames Paar betrat die Bar. Sie setzten sich mit ihren Getränken an einen der Tische in unserer Nähe. Er hatte lange Haare bis unter den Po und war sehr bullig. Ihre Haare waren gekraust. Sie trug kurze Hosen und schwarze Socken oder Stiefel bis zu den Knien. Beide trugen eine Maske. Er stand auf und kam mit zwei Burgern und einer Tüte Pommes frites zurück. Bevor sie zu essen begannen, desinfizierten sie sich gründlich die Hände, dann zogen sie die Maske herunter und mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. Sie hatte einen Bart und war offensichtlich ein Er. Nach dem Essen setzten sie sich sofort wieder die Masken auf und desinfizierten sich nochmals die Hände. Obwohl sie in ihren Handlungen sehr vertraut miteinander wirkten, redeten sie kein Wort zusammen. Der langhaarige Typ schaute die ganze Zeit über in den Fernseher, der andere in sein Handy.
In der Nacht schlief ich schlecht und kam zum Schluss: Alkohol ist schlecht.
Um halb sieben Uhr fuhren wir nochmals zu Galleta Meadows, um die Metallskulpturen im Morgenlicht zu fotografieren. Es hatte bereits fast 30 Grad Celsius. Sand in der Luft liess das Licht fahl erscheinen. Wir packten die Kameras erst gar nicht aus. Stattdessen gingen wir ins selbe Café wie gestern frühstücken. Der Typ, der während des Live-Konzerts neben uns gesessen war, holte sich "das Übliche" zum Mitnehmen, was meine Vermutung bestätigte, dass er ein Einheimischer sein musste.
Zum Auschecken ging ich zum Hotel Office. Ich stiess die Tür auf und stand vor einer leeren Rezeption. Eine Stimme fragte mich aus dem dunklen Hintergrund, wie ich hier reingekommen sei. Durch die Tür. Die sollte doch zu sein! Aber ich bin kein Geist. Das sehe sie, meinte sie lachend.
Die Weiterfahrt brachte uns durch die Berge und dann wurde es immer grüner. Was für eine Wohltat für die Augen. Rund eineinhalb Stunden später waren wir am Meer. Um genauer zu sein, zahlten wir fünfzehn Dollar für das Parkieren auf dem Parkplatz gleich neben dem Kassenhäuschen im Torrey Pines State Reserve.
Kaum zu glauben, dass die wilde Küste innerhalb der Stadtgrenze von San Diego liegt. Umso schöner zu erfahren, dass die Menschen 3.75 Quadratkilometer Land so belassen hatten, wie es war, noch bevor die Stadt entwickelt worden war. Kilometerlange unberührte Strände und eine Lagune, die lebenswichtig für die Migration der Seevögel ist, sowie seltene Torrey-Kiefern finden sich in dem Naturschutzgebiet. Um das Reserve zu bewahren, gibt es zahlreiche Verbote. Ausser Wasser darf oberhalb des Strandes nichts gegessen oder getrunken werden, Hunde sind verboten, Müll muss mitgenommen werden, denn es gibt keine Mülleimer auf den Wegen oder am Strand, Rauchen ist ebenfalls verboten und Drohnen sind nirgendwo im Reservat oder am Strand erlaubt. Die Tafel mit den Verboten war riesig.
Schnurstracks ging ich zum Strand, Reiner folgte mir. Blöd, das Handtuch war im Koffer. Sollte ich trotzdem Schuhe und Socken ausziehen und meine Zehen ins Wasser strecken? Ich war hin- und hergerissen, entschied mich dann aber dagegen. Wir schlenderten am Strand entlang und schauten den Möwen und Kampfjets zu, die aufs Meer hinaus oder vom Meer zurückflogen. Eine kühle Brise wehte uns um die Nasen, ich fröstelte und die Ansicht von Frauen im Bikini verstärkte meine Hühnerhaut noch. Im Wasser war niemand ausser zwei Mädchen, die quietschend durchs offensichtlich kalte Nass spazierten.
Einige Wandervögel nutzen die Wanderwege, die sich entlang der Klippen schlängelten. Auch wir spazierten etwas an Kakteen und den namensgebenden Torrey Pines vorbei und genossen den herrlichen Ausblick auf den Pazifischen Ozean.
Wir hatten Montag und das war genau der Tag, an dem der San Diego California Temple geschlossen war. Deshalb war der Parkplatz leer. Ausser einem Gärtner und zwei Mädchen, die auf Stühlen sitzend zeichneten, war keine Menschenseele zu sehen. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (HLT-Kirche) in der Nähe der Gemeinde La Jolla in San Diego hob sich blütenweiss vom stahlblauen Himmel ab. Noch nie hatte ich ein so reines Weiss gesehen und auch die Form der Türme war sehr surreal. Alles war unglaublich sauber, kein Krümelchen lag auf dem Boden, kein Pflänzchen war verdorrt und kein Fleckchen zierte die Fassade der Mormonen-Kirche. Nur ins Innere konnten wir leider nicht, was nicht nur am Montag lag, sondern auch weil der Zugang nur für Members der "Church of Jesus Christ of Latter-Day Saints" erlaubt war und wir nicht vorhatten, zu konvertieren.
Auf dem Weg zum Hotel kamen wir am Old Town San Diego State Historic Park vorbei. Da das Parkieren so teuer war, verschoben wir den Besuch auf später und bezogen erst mal das Hotel in der Nähe des Hafens. Beim Einchecken wurden wir darüber informiert, dass es Housekeeping nur auf Anfrage gäbe und wir das Frühstück an der Rezeption abholen könnten, dafür ständen drei Optionen zur Verfügung.
Das Zimmer war gut. Vom Balkon aus sahen wir auf den Pool im Innenhof. Der Balkon war gross genug, dass eine Person stehen konnte. Für eine zweite Person oder gar einen Stuhl reichte der Platz nicht aus.
Wir hatten das Auto neben der Rezeption hingestellt und mussten es jetzt noch ins obere Geschoss des Parkhauses bringen. Von dort sah man auf die lila blühenden Jacaranda Bäume, die in diesem Quartier alle Strassen säumten. Wir gingen im Treppenhaus nach unten und mich traf fast der Schlag. Ein beissender Uringeruch stach mir in die Nase. Ich hielt die Luft an und war froh, endlich ins Freie fliehen zu können. Nie wieder würde ich dieses Treppenhaus betreten.
Wir schlenderten zum Hafen, wo alte Schiffe in Museen umgewandelt worden waren. Uns plagte aber ein Hüngerchen, weshalb wir uns in eins der Restaurants setzen. Ich bestellte Ceviche mit Oktopus, Muscheln, Crevetten und Nachos. Das sei bloss ein Appetizer, aber ich könne das auch als Hauptspeise haben. Das wollte ich und es war eine gute Wahl, genau das richtige an einem sonnigen Tag am Pazifik.
Beim Rückweg versuchte ich herauszufinden, wie wir zu einer Tageskarte für den Öffentlichen Verkehr kämen. Als ich den Ticketautomaten studierte, bemerkte ich auf einmal, dass hinter mir zwei Personen warteten. Ich machte ihnen Platz und verschob das Thema auf morgen.
Wir setzten uns noch etwas an den Pool und Reiner fand heraus, dass es eine App für die Tickets gab. Das war ja perfekt! Wir installierten die "Pronto San Diego" und luden gleich je zwölf Dollar drauf. Das war der Preis für zwei Tagespässe. In San Diego funktionierte das so, dass bei jeder Fahrt der Fahrpreis vom Guthaben abgezogen wurde, bis der Maximalbetrag einer Tages- beziehungsweise einer Monatskarte erreicht war.
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