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Jede Gesellschaft steht vor der schwierigen Aufgabe, ihre nicht länger arbeitenden Senioren zu unterstützen. In früheren Zeiten lebten Ruheständler bei ihren erwachsenen Kindern, kümmerten sich um deren Nachwuchs und halfen im Haus. Doch diese Tage sind weitgehend vorbei. Ruheständler und ihre erwachsenen Kinder ziehen gleichermassen ein Leben in Unabhängigkeit vor.
In einer rationalen Wirtschaftswelt würden Menschen während ihrer Erwerbsjahre genug ansparen, um eine Pension zu erwerben, die ihnen nach dem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben einen angenehmen Lebensstandard finanziert. Doch die meisten Menschen tun das nicht – sei es aus Kurzsichtigkeit oder aufgrund der durch staatliche Sozialversicherungsprogramme geschaffenen Anreize.
Die europäischen Regierungen unterhalten daher seit Otto von Bismarck umlagefinanzierte Rentensysteme, und die US-Regierungen tun dies seit Franklin Roosevelt. In jüngerer Zeit hat auch Japan ein derartiges System eingeführt.
Lebenserwartung steigt
Doch ein System, das bei niedrigeren Rentenbeiträgen der Erwerbstätigen einen behaglichen Lebensstandard der Rentner gewährleistet, funktioniert nur, wenn die Zahl der Rentner im Vergleich zu derjenigen der Beitragszahler gering ist. Dies traf auf die Programme früherer Jahre zu, doch wurde es schwieriger, das Leistungsniveau aufrechtzuerhalten, als mehr Arbeitnehmer das Rentenalter erreichten und anschliessend als Rentner länger lebten, was das Verhältnis der Rentner zur beitragszahlenden Bevölkerung erhöhte.
Die Lebenserwartung in den USA etwa hat sich seit 1940, als dort das Sozialversicherungsprogramm aufgelegt wurde, von 63 auf 78 Jahre erhöht (2017). Im Jahr 1960 standen einem Rentner fünf Arbeitnehmer gegenüber; heute sind es drei. Die Versicherungsmathematiker der Social Security Administration prognostizieren, dass die Zahl der Arbeitnehmer pro Rentner bis 2030 auf zwei sinken wird. Dies bedeutet, dass der Beitragssatz, der erforderlich ist, um die gegenwärtige Leistungsstruktur aufrechtzuerhalten, von heute 12 auf 18% im Jahr 2030 steigen müsste. Andere wichtige Länder stehen vor einem ähnlichen Problem.
Wenn es politisch nicht möglich ist, den Beitragssatz anzuheben, um künftigen Rentnern die aktuelle Leistungsstruktur zu bieten, gibt es nur zwei Möglichkeiten, einen kompletten Systemzusammenbruch zu vermeiden. Eine Option besteht darin, den künftigen Anstieg der Rentenleistungen zu verlangsamen, sodass sie ohne eine wesentliche Beitragserhöhung finanzierbar sind. Die andere besteht darin, von einem reinen Umlagesystem auf ein Mischsystem umzustellen, das Festleistungen durch Renditen aus Finanzanlagen ergänzt.
Umlage plus Anlage
Ein US-Beispiel zeigt, wie eine Verlangsamung des Anstiegs der Rentenleistungen auf politisch akzeptable Weise funktionieren könnte. 1983 wurde das Alter, in dem man Anspruch auf die vollen Rentenleistungen aus der Sozialversicherung erhält, von 65 auf 67 erhöht. Diese faktische Leistungskürzung war politisch möglich, weil die Änderung nur mit erheblicher Verzögerung wirksam wurde und allmählich über mehrere Jahrzehnte hinweg eingeführt wurde. Zudem besteht bereits ab einem Alter von 62 ein Anspruch auf Rentenleistungen, die dann allerdings versicherungsmathematische Anpassungen enthalten.
Seit Verabschiedung dieser Änderung hat sich die Lebenserwartung für Personen im Alter von Mitte 60 etwa drei Jahre erhöht. Damit setzt sich ein Muster fort, bei dem die Lebenserwartung von jemandem dieses Alters um ein Jahr pro Jahrzehnt zunimmt. Einige Ökonomen, darunter auch ich, treten nun dafür ein, das Alter, in dem die Rente ohne Abschläge in voller Höhe ausgezahlt wird, um weitere drei Jahre auf 70 anzuheben und anschliessend an die (unverändert bleibende) Lebenserwartung der Empfänger zu knüpfen.
Ziehen wir nun die zweite Option in Betracht: die Kombination eines Umlagesystems mit Finanzanlagen. Die von privaten Unternehmen betriebenen Rentensysteme erreichen ihre Leistungen bei geringeren Kosten, indem sie in Aktien- und Anleihenportfolios investieren. Bei einer typischen US-Privatrente sind 60% des Vermögens in Aktien und die verbleibenden 40% in Anleihen hoher Qualität angelegt, was langfristig eine reale (inflationsbereinigte) Kapitalverzinsung von etwa 5,5% gewährleistet. Im Gegensatz dazu erbringen die für ein umlagefinanziertes System erhobenen Beiträge (ohne Anlagen in Finanzwerte) aufgrund des Anstiegs der Reallöhne und der Zahl der Beitragszahler eine Rendite von etwa 2%.
Stabilität und Rendite
Es wäre möglich, bestehende umlagefinanzierte Systeme allmählich durch ein ausschliesslich anlagebasiertes System zu ersetzen, das das gleiche voraussichtliche Leistungsniveau bei viel niedrigerem Beitragssatz erbringt. Leider wären die durch diesen Beitragssatz erzielten Leistungen einem beträchtlichen Risiko ausgesetzt, dass die Leistungen deutlich unter dem erwarteten Niveau liegen.
Von mir selbst und anderen durchgeführte Untersuchungen zeigen, dass ein Mischsystem, das das bestehende Umlagesystem um eine kleine anlagebasierte Komponente ergänzt, ein höheres voraussichtliches Leistungsniveau erreichen kann, und dies bei einem nur geringen Risiko von Leistungsverschlechterungen.
Die aktuelle Struktur der Rentensysteme in den meisten entwickelten Ländern lässt sich nicht aufrechterhalten, ohne das Leistungsniveau deutlich zu senken oder deutlich höhere Beiträge einzuführen. Eine Umstellung auf ein Mischsystem, das die Stabilität umlagegestützter Leistungen mit der höheren Rendite marktgestützter Kapitalanlagen verbindet, würde es diesen Ländern ermöglichen, diese Entscheidung komplett zu vermeiden.
Copyright: Project Syndicate.