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Der Heulclub: Lasst die Tränen fliessen!
Weinen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern eine gute Möglichkeit, Gefühle auszudrücken
Wenn man beliebige Leute fragt, welche Clubs sie kennen, werden sie Fussball-, Yoga-, Tanzclubs usw. nennen. Ich bezweifle, dass jemand einen «Heulclub» nennt, weil wohl keiner denken würde, dass es so etwas gibt.
Doch das tut es. 2013 gründete der Geschäftsmann Hiroki Terai den ersten Heulclub in der japanischen Hauptstadt Tokio. Vier Jahre später eröffnete Lachtherapeut Kamlesh Masalawala ebenfalls einen «Healthy Crying Club» in Surat in Indien.
Heulclubs sind Orte, an denen Menschen durch Weinen ihre Gefühle wie etwa Traurigkeit, Wut, Verzweiflung, Schmerz und auch Freude ausdrücken. Aber warum in aller Welt braucht es Heulclubs?
Vorurteile rund ums Weinen
Weinen ist eine komplexe physiologische Reaktion auf einen emotionalen Reiz. Dabei werden immer Tränen vergossen, manchmal geht es aber auch mit Schluchzen einher, d. h. Atmung und Gesichtsausdruck verändern sich. Normalerweise weinen Menschen, wenn sie traurig, ängstlich, gestresst, schmerzerfüllt oder glücklich sind.
In unserer modernen Welt wird Weinen in der Öffentlichkeit häufig mit Kindern in Verbindung gebracht, die Aufmerksamkeit benötigen. In einigen Gesellschaften gibt es geschlechtsspezifische Vorurteile in Bezug aufs Weinen: Es ist in Ordnung, wenn Frauen in der Öffentlichkeit weinen – bei Männern dagegen wird es als Zeichen von Schwäche und «mangelnder Männlichkeit» angesehen.
Daher halten viele Erwachsene ihre Tränen zurück und weinen nur alleine in geschlossenen Räumen, um nicht verurteilt oder als schwach angesehen zu werden. Um diese Vorurteile zu ändern und den Menschen zu ermöglichen, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen, wurden Heulclubs in Japan und Indien gegründet.
Von Scheidungszeremonien zum ersten Heulclub
Der erste Heulclub wurde in Tokio gegründet, um Menschen einen völlig wertungsfreien Ort zu bieten, an dem sie ihren Gefühlen und Tränen freien Lauf lassen können, um sich hinterher glücklicher zu fühlen. Menschen, die den Heulclub besuchen, nehmen am sogenannten rui-katsu (wörtlich «Tränenaktivität») teil, um Stress abzubauen. Rührselige Filme und traurige Lieder dienen dazu, die Menschen zum Weinen zu bringen. So sahen die Teilnehmer zum Beispiel eine Dokumentation über die Folgen des grossen Erdbebens 2011 in Ostjapan, bei der es um Menschen ging, die schwer verletzt wurden oder ihr Zuhause verloren hatten.
Geschäftsmann Hiroki Terai kam auf die Idee, Heulsitzungen anzubieten, nachdem er seit 2009 erfolgreich inoffizielle Scheidungszeremonien organisiert hatte. Terai sagte: «Man sollte eine Ehe positiv beenden und nach vorne blicken, indem man sich vor seinen Lieben das Versprechen gibt, neu anzufangen.» Am Ende der Zeremonie werden die Eheringe zerschlagen, als Symbol dafür, dass die Beziehung rechtlich wie auch emotional vorbei ist. Das frisch geschiedene Paar gibt sich die Hand und dann feiern beide mit Familie und Freunden den Beginn ihres neuen Lebens. Laut Terai haben «nach diesen Zeremonien Männer oft vor Erleichterung geweint». Aus diesem Grund entschloss er sich, einen Club zu gründen, bei dem es allein ums Weinen geht.
Der «Healthy Crying Club» in Indien
Der «Healthy Crying Club» in der indischen Stadt Surat wurde auf der Volksweisheit gegründet, dass «Ärzte ein Baby erst dann für gesund erklären, wenn es weint». Der erste Schrei eines Babys ist das sicherste Zeichen dafür, dass es ihm gut geht und es atmen kann. In der Tat empfiehlt die Forschung Säuglinge, die bei der Geburt nicht schreien, immer auf Atemstillstand hin zu überwachen.
Clubgründer Kamlesh Masalawala glaubt, dass Menschen körperlich, geistig und seelisch viel gesünder wären, wenn sie weinen und ihren emotionalen Ballast abwerfen würden. In einem Interview sagte er:
«Wenn wir älter werden, bauen wir einen Schutzschild um uns auf, der uns daran hindert, uns offen und ehrlich auszudrücken. Aus demselben Grund sind Kinder im Vergleich zu Erwachsenen emotional und körperlich gesünder, denn sie können einfach nach Lust und Laune weinen.»
Weint, wenn es Euch gut oder schlecht geht
Der bekannte amerikanische Schriftsteller Lemony Snicket schrieb übers Weinen:
«Wenn man nicht gerade sehr, sehr viel Glück hatte, weiss man, dass es einem nach einer ordentlichen, ausgiebigen Runde Heulen oft besser geht, auch wenn die Umstände sich kein bisschen geändert haben.»
Die Tränen, die wir vergiessen, unterscheidet man in drei verschiedene Arten, nämlich basale Tränen, Reflextränen und emotionale (oder psychische) Tränen. Basale Tränen werden ständig produziert, um das Auge feucht zu halten und vor Schmutz zu schützen. Reflextränen werden vergossen, wenn unser Auge z. B. durch Rauch, Staub, Tränengas oder Zwiebeldämpfe gereizt wird. Emotionale Tränen werden durch Emotionen wie Traurigkeit, Glück oder andere leidenschaftliche Gefühle ausgelöst.
Von diesen drei Tränenarten enthalten die emotionalen Tränen bei Weitem die höchste Konzentration an Stresshormonen. Dies legt die Vermutung nahe, dass man diese Tränen nicht zurückhalten sollte, da das Weinen und Vergiessen von emotionalen Tränen zum Abbau von emotionalem Stress beitragen könnte.
Wie wir wissen, weinen Menschen nicht nur, wenn sie traurig, niedergeschlagen oder gestresst sind, sondern auch, wenn sie glücklich sind – die sogenannten Freudentränen. Menschen weinen zum Beispiel Freudentränen, wenn sie im Lotto gewonnen haben oder ihre Lieben nach langer Zeit wiedersehen. Der Grund für diese scheinbar paradoxe Reaktion ist laut Forschern der Universität Yale folgender: Emotionales Weinen kann nach stark positiven Situationen das emotionale Gleichgewicht wiederherstellen. Dies ist wichtig, denn ein normaler Gefühlszustand steht in Zusammenhang mit guten Beziehungen, Kooperation mit Menschen, mentaler und physischer Gesundheit.
Es gibt viele Gründe zu weinen
In der Tat ist Weinen in vielerlei Hinsicht hilfreich. Es kann beruhigend sein, eine Art Emotionsregulation. Weinen ist ausserdem eine Kommunikationsform, die nicht nur von Kindern eingesetzt wird, um die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erregen, sondern auch von Erwachsenen, um ihre Hilflosigkeit deutlich auszudrücken. Weinen bringt Menschen auch näher zusammen. Beispielsweise wenn Paare sich nach einer Auseinandersetzung umarmen und emotional weinen. Schliesslich vergessen wir auch nicht, dass weinen das ist, was wir auf dieser Erde als erstes tun.
Zusammengefasst: Weinen ist kein Zeichen von Schwäche. Oder um es mit William Shakespeare zu sagen: «Weinen heisst, den Kummer weniger zu machen». Vergiesst emotionale Tränen, wann immer Ihr wollt, haltet sie nicht zurück! Es ist eine gute Möglichkeit für uns Menschen, unsere Emotionen auszudrücken.
Habt Ihr ein Problem damit, in der Öffentlichkeit zu weinen? Was haltet Ihr von Heulclubs?
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