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Der Amerikaner Richard Prince ist ein Superstar der Pop-Art. Auch wenn er sich angeblich nichts daraus macht. Zur Eröffnung seiner grossen Ausstellung kam er nach Bregenz.
Autos. Frauen. Frauen mit Waffen. Frauen mit den Waffen einer Frau. Heavy-Metal-Fans. Schmale Streifen von TV-Programmen, aufgeklebt auf eine riesige weisse Fläche. Ganz klein kann man da entziffern: «Homeland», «Masters of Sex», «Twilight», «On the Road». Auf einer andern weissen Fläche nichts als die Reproduktion eines leeren Checks, der einmal Timothy Leary gehört hat, dem Hippie-Guru. Auf einer Autotür ein Miniporträt von Jim Morrison.
Eine riesige türkisfarbene Welle mit dem Titel «Ulysses». Die keine Welle ist, sondern ein aufgeschlagenes Buch in der Farbe der Erstausgabe von James Joyce’s «Ulysses». Eine sich öffnende orange Blüte, geformt aus einem aufgeschnittenen Riesenpneu. Überhaupt Autos, auf jeden Stockwerk des Kunsthaus Bregenz, alles starkmotorige Muscle Cars, drei auseinander montierte Mustangs, ein Buick Grand National, der mit Frauenfolien bezogen ist, und ein Chevrolet El Camino, auch er pornographisch aufgehübscht.
Und dann kommt der Mann, der sich eine riesige Autowerkstatt als Atelier gebaut hat, in den Catskill Mountains, nördlich von New York, dort, wo sich die Landschaft auflöst in satte grüne Hügelwellen und wo sich ein paar einsame Bauernhöfe und Villen verbergen und die kleinen Orte vor allem aus malerischen Antiquitätenläden für die Superreichen bestehen. Dorthin hat sich der menschenscheue Richard Prince zurückgezogen, und dass er jetzt vor uns sitzt in Bregenz, das grenze, so sagt der Museumsdirektor Yilmaz Dziewior, an ein Wunder, das sei quasi ein kunsthistorischer Moment.
Richard Prince, der im August 65 wird, der sich seinen Geburtstag mit Andy Warhol teilt und ein Ex von Cindy Sherman und eine der grossen Kultfiguren des Kunstbetriebs ist, macht ein feindseliges Gesicht und sagt Dinge wie: «Ich würde jetzt gern was Tiefsinniges sagen über meine Kunst, etwa, sie ist das letzte Werk, das Gott unvollendet auf Erden zurück gelassen hat, aber sie ist einfach nur cooler Shit.»
Oder: «Kunst erlaubt mir zu funktionieren, mein Atelier ist wie eine Irrenanstalt, ein Ort, an dem ich keine Verantwortung trage.» Oder: «Das Wichtigste an einem Museum sind die Böden. Und ich liebe die Böden in Bregenz. Und das Licht.» Da haben wir ja Glück gehabt, denn das Museum stammt vom Schweizer Architekten Peter Zumthor. Der übrigens nicht der einzige Schweizer ist, den Richard Prince mag, er verehrt auch den Zürcher Künstler Urs Fischer.
Jetzt mustert er die Riesenschar der deutschen und österreichischen Pressemenschen, die TV-Kameras, die Fotografen vor ihm und markiert den Überdrüssigen: «Bregenz ist für mich Off-Off-Off-Broadway, ich erwarte nicht, dass irgendwer kommt, aber ich interessiere mich sowieso nicht für Popularität, auch nicht für Pop-Art oder Heavy Metal, aber ich denke, es ist etwas, wofür ich mich interessieren sollte. Ich bin kein Beatnik, ich bin kein Hippie, ich bin kein Punk, aber ich interessiere mich dafür. Weil sie alle eine Geschichte erzählen. Und jeder grosse Künstler muss Geschichten erzählen.»
Richard Prince ist ein Spürhund des Viralen. Und nichts entfaltet soviel Viralität wie das Banale. Und im Universum des Richard Prince verschmilzt das Virale mit dem Virilen. In den 80er-Jahren waren es die Cowboys der Malboro-Werbung, die er ohne Schriftzug kopierte. Später waren es die «Girlfriends», Freundinnen von Bikern, die er aus Biker-Magazinen abfotografierte, vergrösserte und reproduzierte. Einige davon hat er jetzt wiederverwendet, als Klebefolie für den Buick.
Dass er sich um seine Popularität schert, stimmt natürlich nicht, zumindest das Geld, dass diese abwirft, liebt er. Richard Prince verdient mit seinen Kopien, seinen Collagen und Skulpturen die alle aus Versatzstücken ganz banaler amerikanischer Träume von Selbstverwirklichung, Freiheit und Freizeit bestehen, sehr viele Millionen. Seine beiden Häuser in New York kosteten 25 Millionen Dollar. Was natürlich Peanuts sind für einen Prinzen.
Allein mit einer «Nurse» verdient es bis zu 8,5 Milionen Dollar. Seine «Nurses», lauter kranke Schwester, sind wie so vieles im Oeuvre von Richard Prince «Appropriation Art», also Angeeignetes, in diesem Fall gestohlene, abgemalte und bearbeite Cover von Kioskromanen. 2001 malte er seine erste Nurse, sie dürfte – abgesehen von einem legendären Doppelselbstporträt mit Cindy Sherman – einer seiner raren Versuche einer ernsthaften Frauendarstellung gewesen sein.
Er malte sie weiss auf weiss, «wie ein Gespenst» und schrieb daneben alles, was ihm Angst machte: «Krebs. Schusswunden. Diabetes. Nierensteine. Gaumenspalte. Schuppen. Schlechter Atem. Gebrochener Arm. Karies. Mord. Vergewaltigung. Autobombe. Taub, stumm und blind», berichtet er in seinem Blog mit dem Titel «Birdtalk», den er gelegentlich in Haiku-grossen Stücken vertwittert. Er ist sich sicher, dass Social Media die neue Psychoanalyse sind. Reden über sich selbst. Nach der Beschriftung seiner weissen Nurse war er so deprimiert wie nie zuvor. Und malte fortan bunte Krankenschwestern ohne Kommentar. Er hat sich entschieden, keine von ihnen nach Bregenz mitzunehmen. Vielleich passten sie nicht zu den Böden.
Dafür zeigt er in Bregenz einiges zum ersten Mal, etwa die Joyce-Welle. Richard Prince ist ein Büchernarr, noch viel lieber als in den Catskills an Autos zu schrauben, geht er zu Versteigerungen seltener Erstausgaben, er sitzt da zusammen mit zwanzig anderen, genauso bleichen, genauso dünnen älteren Herrschaften in einem Raum und versucht zum Beispiel, möglichst viele Sondereditionen von Jack Kerouacs «On the Road» zu ergattern. «Ich sammle Bücher, weil sie so gut isolieren. Schallschutz. Sie bilden eine Barriere zwischen mir und dem Rest der Welt.»
Vor den Auktionen seiner eigenen Werke, sei er unerträglich, lässt er seine Frau im Blog ausrichten. «Du hast Glück, dass ich dir nicht den Kopf mit einem deiner Hämmer zertrümmere», zitiert er sie. Wenn er wieder sozialverträglich ist, schauen sie am liebsten zusammen «House of Cards». Auch seine 16-jährige Tochter mach ihm das Leben nicht allzu einfach, sie findet alle amerikanische Kunst ausser Georgia O’Keefe wahnsinnig uninteressant, besonders die des Vaters. Als Prince so alt war wie sie wusste er schon, dass er Künstler werden wollte, sein grosses Vorbild war Jackson Pollock, weil der «ziemlich asozial» war, «eine Art Einsiedler, jemand, der nicht mit andern zusammen arbeitet».
Zuvor hatte Prince eine Kindheit in Panama verbracht, der Vater arbeitete «für die Regierung», die Mutter stand in Supermärkten und Kantinen und verteilte Essproben in Papierbechern, Marshmallow, Mayonnaise, Popsicles, Margarine, Schlagsahne, Fruit Loops. Er selbst sei infiziert gewesen vom typischen Vorstadt-«Fifties Shit»: Tarzan, Zorro, Astronauten, Autos und Little Richard. Eine durch und durch amerikanische Populär-Prägung also. Mit 20 dann die drei glücklichsten Tage seines Lebens in Woodstock. Auch in Bregenz sind zwei Woodstock-Hommagen zu sehen, zwei meterlange Bänder aus Blumen und alten Plakaten, so hübsch, friedfertig und geschlechtsneutral wie nur Weniges.
Zu den Dingen, die Richard Prince besonders mag, gehören auch Witze, und die wiederum sind in Bregenz eher auf der Seite alkoholisierter Männerrunden. Sie hängen schwarz auf weiss an den Wänden und beginnen alle mit «My wife». Zum Beispiel: «Meine Frau. Ich sag euch: Meine Frau redet gern beim Sex. Letzte Nacht rief sie mich aus einem Hotel an.» Aber weil Richard Prince ein Aneignungskünstler ist, stammen diese Witze alle nicht von ihm, sondern von dem Komiker Rodney Dangerfield (1921-2004), dessen Archiv er gerade gekauft hat.
Womit er für einmal auf der sicheren Seite ist. Kaum ein Künstler hat so viele Prozesse wegen Verletzung des Urheberrechts auszufechten, wie Richard Prince. Er lebt seinen leisen Drang nach Anarchie eben in der Aneignung von Fremdmaterial aus – man könnte auch sagen, im Plagiat. Muss man ihn dafür verurteilen? Sicher nicht. Denn was dabei entsteht, ist eine Spurensicherung der gigantomanischen amerikanischen Träume quer durch ein halbes Jahrhundert.
Es handelt sich nicht um die Träume, die abgesichert sind in Büchern, Bibliotheken und Museen – die «Ulysses»-Welle ist da eine einsame Ausnahme. Es ist ein Archiv jener Träume einer massiven Masse, die sich über Werbeplakate, Kioskromane, Fanzines, Zeitgeist, Triebe, Begierden und der unwiderstehlichen Vermählung von Musik, Mädchen und Motoren vermitteln. Also alles, was Quentin Tarantino auch toll findet.
Man kann dies banal nennen. Oder «Pulp», um in der Sprache von Prince und Tarantino zu bleiben. Also Schund. Aber dann heisst Pulp ja auch Mark und Fruchtfleisch, und das Mark findet sich wiederum in Wörtern wie Marke, Markt und Vermarktung. Und so sehen wir bei Richard Prince, wie Marken zum Mark einer Kultur werden, und wie sich so ein amerikanischer Alltag glücklich auflöst in eine Fahrt im Mustang mit einem Mädchen und ein paar Marlboros. Zum Beispiel. Aber vor allem sehen wir coolen Shit.
Die Ausstellung von Richard Prince im Kunsthaus Bregenz läuft bis zum 5. Oktober.