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Beim mehrmaligen Anhören der Nikomachischen Ethik sind besonders die Kapitel 8 und 9 zur Freundschaft eine wahre Fundgrube. Der katholische Philosoph Joseph Koterski, dessen Vorlesungen zum Werk von Aristoteles sowie zum Naturgesetz ich schätze und wieder wiederholt angehört habe, fasst die drei Formen der Freundschaft zusammen (S. 37f):
Eine Freundschaft des Vergnügens (pleasure) ist eine Freundschaft, die darauf beruht, dass bestimmte Menschen einfach die Gesellschaft des anderen genießen, wobei beide Parteien wirklich ihr eigenes Vergnügen suchen.
1. Da das von beiden Seiten angestrebte Gut das Vergnügen und der Freude ist, neigen Beziehungen dieser Art dazu, zu verblassen und abzubrechen; wenn nämlich das, was Freude bereitet hat, aufhört, Freude zu verursachen.
2. Freundschaften junger Menschen sind oft von dieser Art, und diese Art von Beziehung kann unter Menschen mit lasterhaftem Charakter ebenso leicht bestehen wie unter tugendhaften Menschen.
Eine Freundschaft der Nützlichkeit beruht auf dem gegenseitigen Vorteil, den die Parteien in Bezug auf den anderen haben.
1. Die Freundlichkeit, die diese Art von Beziehung kennzeichnet, beruht weitgehend auf dem Nutzen, der sich aus der gegenseitigen Freundlichkeit ergibt, zum Beispiel am Arbeitsplatz.
2. Auch hier gibt es wenig, was die Beziehung aufrecht erhält, wenn die gegenseitige Nützlichkeit aufhört.
3. Menschen in Führungspositionen tun gut daran zu erkennen, ob eine freundliche Person in der einen oder anderen dieser Beziehungen steht.
Eine Freundschaft der Vortrefflichkeit (auch Charakterfreundschaft genannt) hängt davon ab, dass tugendhafte Menschen sich gegenseitig Gutes wünschen.
1. Auch wenn solche Beziehungen in der Regel angenehm oder nützlich sind, sind diese Faktoren nebensächlich, denn diese Menschen wünschen ihren Freunden um ihrer willen Gutes.
2. Eine solche Freundschaft entsteht aus dem Charakter; daher müssen die beteiligten Personen bereits tugendhaft sein oder zumindest einer von ihnen, und der andere von einem echten Tugendpotential geprägt sein, das der erste herauszuarbeiten versucht.
3. Während die Zahl der Freundschaften, die dem Vergnügen oder dem Nutzen dienen beträchtlich sein mag, ist hingegen die Zahl der Freundschaften der Vortrefflichkeit wahrscheinlich gering, weil selten. Solche Beziehungen erfordern viel Zeit und Vertrautheit.
Hier sind 10 Zitate aus Kapitel 8:
Vom Wert der Freundschaft: (Die Freundschaft ist) fürs Leben das Notwendigste. Ohne Freundschaft möchte niemand leben, hätte er auch alle anderen Güter. (8,1)
Freundschaft in der Jugend und im Alter: Den Jünglingen erwächst aus der Freundschaft Bewahrung vor Fehltritten, den Greisen die wünschenswerte Pflege und Ersatz für das, was ihre Schwäche selbst nicht mehr vermag, dem starken Manne Förderung zu jeder guten Tat. (8,1)
Der Nutzen der Freundschaft für ein Staatsgefüge: Freundschaft ist es auch, die die Staaten erhält und den Gesetzgebern mehr am Herzen liegt als die Gerechtigkeit. Denn die Eintracht ist offenbar mit ihr verwandt, und auf diese ist das Hauptaugenmerk der Staatslenker gerichtet. (8,1)
Die Gastfreundschaft zählt Aristoteles zu den Freundschaften der Nützlichkeit. (8,3) Meine Ergänzung: Wiedergeborene Menschen können andere um ihrer selbst willen einladen.
Sicherheit vor Verleumdung/Kränkung: Auch gegen Verleumdung ist nur die Freundschaft der Guten gefeit. Denn man glaubt einem nicht leicht in betreff eines Mannes, den man selbst in langer Zeit bewährt gefunden hat. In dieser Freundschaft herrscht auch das Vertrauen und stete Enthaltung von Kränkungen sowie alles andere, was zur wahren Freundschaft erfordert wird. (8,5)
Entstehung von Freundschaften und Lebensalter: Unter mürrischen Personen aber und ältlichen Leuten werden Freundschaften um so seltener geschlossen, je launenhafter sie sind, und je weniger ihnen der Umgang mit anderen Freude macht. Denn freundliches Wesen und Geselligkeit scheinen der Freundschaft vorzugsweise eigen zu sein und ihre Entstehung zu bewirken. (8,7)
Wenige Charakterfreundschaften: Freund im Sinne der vollkommenen Freundschaft kann man nicht mit vielen sein, so wenig man gleichzeitig in viele verliebt sein kann. Denn solche Freundschaft hat etwas vom Übermaße an sich, und das Übermaß der Neigung ist seiner Natur nach auf einen gerichtet. Auch geschieht es nicht leicht, dass viele gleichzeitig dem nämlichen in hohem Grade gefallen, und auch das trifft sich wohl nicht leicht, dass viele tugendhaft sind. Auch muß man vom Charakter des anderen in langem Umgang Erfahrung getan haben, was sehr schwer ist. (8,7)
Freundschaften der Überlegenheit mit unterschiedlichen Beiträgen beider Seiten: So leisten denn hier beide Teile einander nicht das Gleiche, und man darf das auch nicht verlangen; wenn vielmehr die Kinder den Eltern erweisen was den Erzeugern gebührt, und die Eltern ihren Söhnen was denen, die sie erzeugt haben, zukommt, dann wird die Freundschaft unter solchen beständig und von rechter Art sein. In allen diesen auf einer Überlegenheit beruhenden Freundschaften muß die Liebe eine verhältnismäßige sein, muß der Bessere, Nützlichere und sonst Überlegene mehr geliebt werden als lieben. (8,8)
Freundschaften und unterschiedlicher Besitz-/Wissensstand: Unter Personen von entgegengesetzten Verhältnissen und Eigenschaften scheint besonders die auf dem Nutzen beruhende Freundschaft vorzukommen, wie die Freundschaft zwischen dem Reichen und dem Armen, dem Unwissenden und dem Unterrichteten. Denn jeder begehrt nach dem, was ihm mangelt, und gibt dafür anderes als Gegengabe. (8,10)
Freundschaften Eltern/Kinder und Geschwister: Die Eltern lieben nun ihre Kinder gleichsam als sich selbst – denn die von ihnen abstammen, sind durch die Trennung so zu sagen ihr anderes Selbst –, und die Kinder ihre Eltern, als von ihnen geboren; die Geschwister lieben sich unter einander, weil sie von denselben Eltern geboren sind. … Zu ihrer Freundschaft hilft auch viel, dass sie zusammen aufwachsen und gleichaltrig sind; denn »gleich und gleich« heißt es, und gleiche Sitten machen treue Gefährten, daher auch die brüderliche Freundschaft der unter Jugendgenossen ähnlich ist. (8,14)
Weiterlesen: C. S. Lewis zu Männerfreundschaften