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Heute, am 12. Januar 2011, gab das Eidgenössische Departement des Inneren unter Leitung von Didier Burkhalter bekannt, dass die fünf «komplementärmedizinischen» Verfahren zwischen 2012 und 2017 provisorisch wieder in die Krankenkassen-Grundversicherung aufgenommen werden sollen.
Die offizielle Begründung für diesen Entscheid ist Realsatire.
Ein Blick zurück: Die ELGK hatte Anfang Dezember 2010 empfohlen, die fünf interessierenden Heilverfahren (Anthroposophie, Homöopathie, Neuraltherapie, «traditionelle» chinesische Medizin, Phytotherapie) nicht in die Grundversicherung aufzunehmen. Die jetzt beschlossene provisorische Aufnahme wird wie folgt begründet:
Im Zeitraum von 2012 bis Ende 2017 gelten Wirksamkeit, Zweckmässigkeit und Wirtschaftlichkeit dieser fünf komplementärmedizinischen Methoden somit als teilweise umstritten (im Sinne des Bundesgesetzes und der Verordnung über die Krankenversicherung). Das EDI wird unverzüglich sämtliche geeigneten Massnahmen treffen, um die umstrittenen Aspekte zu beseitigen und Klarheit in diesem Dossier zu schaffen.
Also: Die Wirksamkeit dieser fünf Heilverfahren sei nicht bewiesen («teilweise umstritten») - darum werden sie in die Grundversicherung genommen, bis geklärt ist, ob eine Wirksamkeit gegeben ist.
Da stockt mir der Atem.
Scheinbar sind wir in einem Paralleluniversum gelandet, in welchem die Wirksamkeit von «Komplementärmedizin» nur bestätigt, aber nicht widerlegt werden kann - wenn wissenschaftliche Untersuchungen in erdrückender Klarheit zeigen, dass «Komplementärmedizin» bestenfalls eine Placebo-Wirkung hat, ansonsten aber Humbug ist («rationale» Phytotherapie, also in Wissenschaft gründende Pflanzenheilkunde, bildet eine wichtige Ausnahme), sind die Ergebnisse nur «umstritten».
Carte blanche für Pseudowissenschaft
Dieser Entscheid, das das Unfassbare, verinnerlicht das pseudowissenschaftliche Argument zu «Komplementärmedizin». Die Prämisse ist, dass «Komplementärmedizin» wirkt, und diese Prämisse ist nicht falsifizierbar. Alle theoretische wie empirische Beweise, welche gegen deren Wirksamkeit sprechen, werden ignoriert.
Das wirklich Absurde, ja das zutiefst Gefährliche an diesem Entscheid findet sich aber ein paar Zeilen weiter:
• Das EDI wird in Zusammenarbeit mit den betroffenen Kreisen alle notwendigen Anstrengungen zur Konkretisierung des Verfassungsartikels in weiteren Bereichen fortführen. Dies betrifft insbesondere:
o das Medizinalberufegesetz. Mit der Teilrevision des Gesetzes soll die Komplementärmedizin in die Ausbildungsziele der Studiengänge für Humanmedizin, Pharmazie, Zahnmedizin, Chiropraktik sowie Veterinärmedizin integriert werden.
Richtig gelesen: «Komplementärmedizin» soll in die Medizinalberufe «integriert» werden. Eingangs wird erklärt, dass ungeklärt sei, ob Komplementärmedizin wirke («umstritten» im Sinne von «es gibt keine wissenschaftliche Argumente dafür, aber egal») - und trotzdem soll «Komplementärmedizin» Teil wissenschaftlicher Ausbildung werden. Das entspricht einem direkten, politisch verordneten Auftrag, Pseudowissenschaft zu unterrichten.
Damit wird Wissenschaft pervertiert: Nicht mehr soll sich in der Wissenschaft das bessere Argument durchsetzen, sondern das politisch oktroyierte.
Weiter heisst es dazu:
o Förderung der Forschung. Die Komplementärmedizin hat Zugang zu Forschungsmitteln, soweit die entsprechenden Beitragsgesuche den Erfordernissen der Forschung − beispielsweise des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) – genügen.
o Schaffung von Instituten / Lehrstühlen für Komplementärmedizin. Die Schaffung von Hochschulinstituten oder von Lehrstühlen liegt in der Kompetenz der Kantone. Der Bund kann diese jedoch unterstützen, beispielsweise durch Gewährung von projektbezogenen Zuschüssen.
Es wird gar nicht erst versucht, die hier zu propagierende «Komplementärmedizin» als Wissenschaft zu tarnen: Weil sich derartige Pseudowissenschaft im regulären wissenschaftlichen Diskurs nicht behaupten kann, werden dafür Ausnahmeregelungen getroffen, damit auch solche «Forschung» betrieben wird, welche dem Glaubenssystem der «Komplementärmedizin» entspricht und endlich «beweist», dass «Komplementärmedizin» wirkt (die Ergebnisse solcher Anstrengungen, wie z.B. an der «KIKOM», haben mit Wissenschaft wenig gemein).
Wie weiter?
Der abschliessende Punkt der Medienmitteilung deutet an, dass der Verlauf dieser provisorischen Entscheidung für «Komplementärmedizin» und gegen Wissenschaft bereits vordefiniert ist:
Das EDI wird eine Begleitgruppe einsetzen, die für die Begleitung des gesamten Vorhabens verantwortlich ist und die insbesondere Vertreter und Vertreterinnen der Komplementärmedizin umfassen wird. Zu diesem Zweck wird das Departement ein Schreiben an die Gesuchsteller und an den Dachverband richten, um seine Grundsatzentscheide zu präzisieren und sie zu einem ersten Treffen in naher Zukunft einzuladen.
Nicht kritisch prüfende Wissenschaflterinnen und Wissenschaftler, sondern Vertreterinnen und Vertreter der «Komplementärmedizin» sollen die Begleitgruppe bilden. Vertreterinnen und Vertreter der Pseudowissenschaften sollen also bei der Ausweidung der Medizin eine tragende Rolle spielen, sollen mithelfen, Wissenschaft auf ein vor-aufklärerisches Niveau zu reduzieren.
Die einzige offene Frage: Wann kommt die Forderung nach Astrologie im Astronomie-Studium? Wann die Forderung nach Kreationismus im Biologie-Studium? Wann die Forderung nach Parapyschologie im Psychologiestudium?