Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03625.jsonl.gz/181

Das Leben, heisst es, schreibe die besten Geschichten. Zum Beispiel diese hier: Auf einem Roadtrip durch den Westen der USA, irgendwo auf einer staubigen Wüstenstrasse, tönt es plötzlich aus Milena Mosers (53) Autoradio: «Wo ist zu Hause, Mama?» Johnny Cashs holpriges Deutsch bringt die Schweizer Schriftstellerin («Die Putzfraueninsel») zum Lachen. Die Frage der Country-Legende aber, die findet sie gut: «Wo ist zu Hause, Mama?»
Milena Moser war gerade zum zweiten Mal ausgewandert, hatte sich in Santa Fe im US-Bundesstaat New Mexico ein kleines Häuschen gekauft, als sie sich unverhofft in einen neuen Mann verliebte. «Wo ist zu Hause, Milena?», fragt sie sich nun. In der Casita in Santa Fe? Oder doch in den Armen dieses Mannes? Freiheit oder Liebe? «Vielleicht find ich dich, find ich mein Zuhaus, hinter blauen Bergen», singt Johnny Cash in seinem seltsamen Lied weiter. Und Milena Moser weiss jetzt wenigstens, wie ihr nächstes Buch heissen soll: «Hinter diesen blauen Bergen».
Eine Woche vor Erscheinen dieses Buchs sitzt Milena Moser im XO Café, einem kleinen Lokal im Noe-Valley-Quartier in San Francisco, und sagt: «Du kannst nicht kontrollieren, wie dein Leben verläuft.» Eine Lektion, die sie schon beim Schreiben ihres letzten Buchs («Das Glück sieht immer anders aus») gelernt hat.
Sich neu verlieben, lautete der Plan
Nachdem ihre Ehe gescheitert war, machte sie sich im Jahr 2013 auf eine Reise quer durch Nordamerika, um glückliche Paare nach deren Geheimrezepten für die ewige Liebe zu befragen. Am Ende, so der Plan, wollte auch sie sich wieder verlieben.
Und genau das tat sie dann auch. Nur war es kein Mann, der ihr Herz eroberte, sondern ein hübsches Adobe-Häuschen in der Künstlerstadt Santa Fe, das zufällig zum Verkauf ausgeschrieben war. «Man muss wach sein und bereit, auf die Welle aufzuspringen, wenn diese unerwartet kommt», sagt Milena Moser. 2015, als auch der jüngere Sohn seine Schulzeit beendet hatte, räumte sie Atelier und Wohnung in Aarau und wanderte in die Vereinigten Staaten aus.
Milena Moser suchte eine neue Liebe – und fand ein neues Zuhause in Santa Fe.
Von diesem neuen Lebensabschnitt handelt «Hinter diesen blauen Bergen». Vom Glück, an einem fremden Ort ein neues Leben anzufangen, aber auch von den Schwierigkeiten. Milena Moser lässt den Leser auf 256 Seiten an ihrem Alltag teilhaben – und sie tut das auf ihre gewohnt temporeiche, witzige und oft schonungslos offene Art. «Ich habe nichts anderes zu geben als mich selbst», heisst es in einem Kapitel. Sie ärgert sich über die bürokratischen Hürden, die sie auf dem Weg zu einem neuen Führerschein bezwingen muss, ohne den in den USA gar nichts läuft.
«Ich trage das Paradies in mir»
Und sie freut sich über das Glück der neu gewonnenen Freiheit auf dem Rücken eines Pferdes. Am Ende findet die Autorin eine Antwort auf die zentrale Frage des Buchs, wo denn nun ihre Heimat sei: «Ich muss das Paradies nicht mehr suchen, ich trage es in mir.»
Und die Schweiz? Milena Moser nippt an ihrem Kaffee, fährt sich mit der Hand durch die wilden Locken: «Zu anstrengend!» Seit ihrer Kindheit habe sie das Gefühl gehabt, stets den Atem anhalten zu müssen. «Ich überlegte mir ständig: Mache ich es richtig?» Dieses Gefühl habe sie in den USA nicht mehr. Hier könne jeder so leben, wie es ihm gefalle. «Heimat ist da, wo man sich selber sein kann.»
Etwa in Victor Mario Zaballas Garten. Milena Mosers Freund wohnt nur zwei Häuserblocks vom XO Café entfernt, in einem dieser viktorianischen Holzhäuser, die das Strassenbild von San Francisco prägen. Um in den Garten zu gelangen, muss man zuerst das Atelier des mexikanischen Künstlers durchqueren, vorbei an unzähligen Musikinstrumenten, an aufgetürmtem Holz, das Victor für eine seiner nächsten monumentalen Installationen benötigt, an einem Schrank, der bis oben mit Spielzeugrobotern gefüllt ist.
Ein Refugium im verwunschenen Garten
Ein kreatives Chaos im besten Sinn. Aber keine Umgebung, in der Milena Moser schreiben kann. Um sich bei Victor wohlzufühlen, brauchte sie einen Ort, der nur ihr gehört. Also baute sie sich ein himmelblaues Häuschen in den verwunschenen Garten im Hof, wo sie nun, wann immer sie in San Francisco weilt, an ihren Geschichten feilt. Auf dem Boden liegt ein Meditationskissen, über der Tür hängen tibetische Gebetsflaggen.
Im himmelblauen Gartenhaus in San Francisco arbeitet Milena Moser an ihrem nächsten Roman.
Auf den Regalen in der kleinen Laube türmen sich derzeit Bücher über die Wüstenstadt Los Alamos, wo Männer in weissen Kitteln in den 1940er-Jahren am Bau der Atombombe tüftelten. Ihr nächster Roman beginnt in dem dortigen experimentellen Bubeninternat, das 1940 den Wissenschaftlern weichen musste. Frühestens im Herbst 2018 werde sie damit fertig sein, sagt Milena Moser. Über den Inhalt könne sie noch nicht viel sagen. «Einen Roman zu schreiben hat etwas Magisches. Ich weiss nie, was auf der nächsten Seite passiert, und lasse mich einfach in die Geschichte fallen.»
Als sich Victor fürs Foto in den Garten gesellt, streiten die beiden im Scherz darüber, wer denn nun die bessere Schokolade mache, die Schweizer oder die Mexikaner. «Wir haben sie erfunden!», sagt Victor. «Aber wir hatten die Idee mit der Milch», sagt Milena. Und dann einigt man sich wie immer in dieser delikaten Sache: dass nämlich erst die Verbindung von beidem so richtig glücklich mache.
Milena Moser ist zufrieden. In ihrem letzten Buch verarbeitete sie eine Lebenskrise, ihr neues handelt vom Glück. Vom Glück, das sie hinter blauen Bergen gefunden hat. Doch wo befinden sich diese blauen Berge? «Mein Zuhause ist überall und nirgends.» Vielleicht sind es die Gebirgszüge von Santa Fe, die im Abendlicht wie blaue Kartonschablonen wirken. Vielleicht sind es die sanften Hügel von San Francisco, die frühmorgens in den intensivsten Farben erstrahlen. Freiheit oder Liebe: Milena Moser will sich nicht entscheiden.
Die Schweizer Erfolgsautorin auf dem Sofa in ihrer Casita: «Einen Roman zu schreiben hat etwas Magisches», sagt Milena Moser.
Im letzten Kapitel von «Hinter diesen blauen Bergen» beschreibt sie einen Reitausflug, während dessen plötzlich ein Gewitter aufzieht. Als Kind hatte Milena einen Unfall und getraute sich danach lange Zeit nicht mehr zu reiten. Vor einem Jahr hat sie wieder damit angefangen. «Ich habe keine Angst zu stolpern, hinzufallen, mich aufzuschürfen. Ich weiss, dass ich immer wieder aufstehen und weitergehen kann.»
«Hinter diesen blauen Bergen», Milena Moser, Verlag Nagel & Kimche 2017, gibts bei bei Ex Libris.
Autor: Peter Aeschlimann
Fotograf: David Butow