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Die anhand von Knochenfunden festgestellten Grössenzunahmen versch. Haustiere in röm. Zeit lassen vermuten, dass bereits auf den Gutshöfen in der Schweiz Einkreuzungen grösserer Tiere aus anderen Teilen des röm. Reichs stattfanden. Im MA und in der frühen Neuzeit mag zwar die züchter. Bearbeitung der Tiere gering gewesen sein, trotzdem war die Haltung eines Zuchtstiers oder Ebers kostspielig bei stets knappen Futtermitteln und musste genossenschaftlich geregelt werden. Entspechend den Haltungsformen, der Fütterung (Weiden, Wiesen) und dem Verwendungszweck (Ernährung, Viehwirtschaft und Milchwirtschaft) entwickelten sich die Nutztiere unterschiedlich. Langfristig entstanden beim Hausrind, Pferd (Säumerei) sowie beim Klein- und Schmalvieh (Schaf, Schwein, Ziege, Geflügel) durch angewendete Selektion und von den Umwelt- sowie Klimaeinflüssen geprägte sog. Schläge, angepasst an die jeweiligen Gegebenheiten, meist genügsam und widerstandsfähig, die sich im Körperbau sowie in der Grösse und Farbe voneinander unterschieden.
Die am Ende des 18. Jh. durch ökonom. Gesellschaften eingeleiteten Massnahmen zur systemat. Förderung der Rindviehzucht waren primär auf die Verbesserung der Zuchtstiere ausgerichtet (Agrarrevolution). Diese Bestrebungen setzten die im letzten Viertel des 19. Jh. entstandenen Viehzuchtgenossenschaften auf lokaler und Viehzuchtverbände auf schweiz. Ebene fort. Zur laufenden Abstammungskontrolle führten sie die sog. Herdebücher oder Zuchtregister ein. Um die Jahrhundertwende wurden auch gesamtschweizerisch tätige Zuchtverbände für Schweine, Schafe und Ziegen gegründet.
Stand bei den Schweinen die Verbesserung der Fruchtbarkeit und die Steigerung des Fleischertrags im Zentrum der Züchtungsbestrebungen, so wurde bei den Pferden in der 2. Hälfte des 19. Jh. versucht, die Zugkraft zu verbessern, um die nun industriell hergestellten, immer grösseren Landmaschinen betreiben zu können. Beim Rindvieh zielte die Zucht bis in die 1950er Jahre auf Gesundheit, Leistung und eine zweckmässige Form. Angestrebt wurden Tiere, die als Raufutterverzehrer gleichzeitig Milch lieferten, Fleisch produzierten und sich als Zugtiere eigneten. Für die Gewichtung der drei Nutzungsformen postulierten die Viehzuchtverbände konkrete Verhältniszahlen. Beim Simmentaler Fleckvieh, das auch in den Ackerbaugebieten des Mittellands stark verbreitet war, wurde ein Milch-Fleisch-Zug-Verhältnis von 55:25:20 angestrebt, beim Braunvieh ein solches von 60:30:10.
Gezielt gezüchtet wurde beim Rindvieh bis in die Mitte des 20. Jh. in sog. Reinzucht innerhalb der Rassen. Wissenschafter und Praktiker befürchteten, dass Kreuzungen zwischen unterschiedl. Rassen gemäss der Mendel'schen Vererbungslehre von der zweiten Tochtergeneration an zu einer Aufspaltung der erwünschten Eigenschaften führen und damit die von Bund und Kantonen angestrebte Qualitätszucht gefährden würden. Deshalb wurde die Schweiz in vier Gebiete aufgeteilt, in denen nur die Zucht innerhalb der dort jeweils anerkannten Rasse (Simmentaler Fleckvieh, Eringervieh, Braunvieh und Freiburger Schwarzfleckvieh) gefördert wurde. Die Kreuzungszüchtung mit ausländ. Rassen war verboten.
Um die beim Freiburger Schwarzfleckvieh als Folge der Reinzucht innerhalb einer relativ kleinen Population auftretenden Erbfehler zu beheben, erlaubten die Behörden in den 1950er und 60er Jahren erstmals die Paarungen von Freiburger Schwarzfleckkühen mit Stieren der milchbetonten Holstein-Friesen-Rasse. Die mit diesen Einkreuzungen erzielten Fortschritte in der Milchleistung hatten zur Folge, dass die auf eine Mehrfachnutzung ausgerichtete Freiburger Schwarzfleckviehrasse innerhalb von 15 Jahren vollständig durch die v.a. milchproduzierende Holsteinrasse ersetzt wurde. Weil der Import von Montbéliard-Vieh und -Samen den Viehzüchtern verboten blieb, importierten v.a. Bauern im Waadtländer Jura diese illegal aus Frankreich, was zum sog. "Guerre des vaches" von 1964-67 führte. Beim Braun- und Simmentaler Fleckvieh, bei denen die Einkreuzungen versuchsweise ab 1967 erfolgten, konnte mit der Gründung separater Zuchtorganisationen verhindert werden, dass die Tiere der Ursprungsrasse ganz verdrängt wurden.
Entscheidend für den raschen Rückgang der Mehrfachnutzungsrassen waren die Veränderungen der Zuchtziele ab den 1960er Jahren. Mit dem Aufkommen der auch bei Feldarbeiten einsetzbaren Verbrennungsmotoren wurde die Zugleistung des Rindviehs überflüssig. In einem ersten Schritt setzte sich die Zucht auf Milch- und Fleischleistung durch (Zweinutzungstiere). Danach wurden immer mehr auf Milch oder Fleisch spezialisierte Rassen gezüchtet. So ersetzten am Ende des 20. Jh. auf die Milch- oder Fleischproduktion spezialisierte Rassen die im 19. Jh. geschaffenen Mehrfachnutzungsrassen. Eine wichtige Rolle in dieser Spezialisierung spielte die künstl. Besamung. Schon seit den 1930er Jahren praktiziert, setzte sich diese in der Schweiz in den 1960er und 70er Jahren parallel zur Veränderung der Zuchtziele durch.
Seit den 1980er Jahren ist eine erneute Beschleunigung in der T. zu beobachten. Mittels der neuen Reproduktionstechnologie des Embryotransfers kann die Anzahl der Nachkommen wertvoller weibl. Tiere erhöht werden; die genom. Selektion ermöglicht es zudem, die Zuchtwerte von Elterntieren direkt, ohne langjährige Leistungskontrolle über die Nachzucht zu bestimmen.
Archive
– Bestände des Schweiz. Fleckviehzuchtverbands und von Swissgenetics, Zollikofen, sowie des Schweiz. Braunviehzuchtverbands, Zug
Literatur
– H. Lörtscher, «Die Schweiz. Rinderzucht», in Schr. der Schweiz. Vereinigung für T. 36, 1967, 29-43
– G. Nicolas-Obadia, Atlas statistique agricole vaudois: 1806 à 1965, 1974
– C. Quartier, Paysans aujourd'hui en Suisse, 1978, 34-39
– E. Benoit, Histoire de la guerre des vaches, 1986
– SPM 5, 165-169
– P. Moser, «Vom "schönen" Stier zur "eleganten" Kuh», in Ere et fierté: 50 ans de Swissgenetics, 2010, 12-15
Autorin/Autor: Peter Moser