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Unter L. wird hier im Gegensatz zum hist.-polit. Landschaftsbegriff das Erscheinungsbild des gestalteten Geländes verstanden. L. entsteht durch die Überlagerung von unterschiedlich alten Schichten; diese entsprechen sozusagen Abdrücken, welche menschl. Gesellschaften im Boden hinterlassen haben. Insofern bildet die L. in gewisser Weise das Gedächtnis des Geländes. Die L. wird durch Betrachtung ihrer versch. Bestandteile wie Punkte, Linien, Muster, Formen und Ebenen gelesen, deren Gliederung, Verbindung und Überlagerung zu analysieren sind.
Statt den Anfängen der Besiedlung im Gebiet der Schweiz nachzuspüren, soll hier den ersten Zeugnissen des Zusammentreffens von Mensch und Umwelt nachgegangen werden. Seit dem Mesolithikum lässt sich ein ständiger menschl. Einfluss auf die attraktivsten Gebiete, insbesondere die Seeufer, nachweisen. Die in Seesedimenten gefundenen Getreidesamen und -pollen aus dem 6. Jt. v.Chr. belegen die Urbarmachung der fruchtbarsten Böden. Das übrige schweiz. Mittelland blieb mit Wald bedeckt, wobei bestimmte Baumarten vorherrschten: die Weisstanne, die sich infolge der klimat. Abkühlung vom Alpenraum her verbreitete, und die Buche, die von Nordwesteuropa her vordrang und in der Eisenzeit zur häufigsten Art wurde. Das milder werdende Klima begünstigte die allmähl. Besiedlung der Alpengebiete. Die noch sehr spärl. Bevölkerung konzentrierte sich zunächst an bevorzugten Stätten, u.a. entlang der Verkehrsachsen oder an natürlich geschützten Schlüsselstellen. Deshalb wirkte die L. bereits vor der röm. Eroberung durch befestigte Siedlungen strukturiert. Ab dem 1. Jh. v.Chr. wurde sie durch die Romanisierung stark geprägt. Mit der Schaffung von Zentralorten (coloniae, vici), die durch Strassen verbunden wurden, entstanden die Knoten und Achsen eines ersten Städtenetzes (Urbanisierung). Dazu kamen einzelne landwirtschaftl. Produktionseinheiten, die villae, die sich in das regelmässige, dem ländl. Raum durch die röm. Centuriation (Vermessung) auferlegte Raster einfügten.
Heute nimmt man an, dass sich im FrühMA die Siedlungsdichte verringerte und Kulturraum zeitweise aufgegeben wurde (Siedlung). Mit dem Schwinden der röm. Macht stieg der Druck des Menschen auf das Land erneut an, und im 7. Jh. war die Siedlungsdichte wieder fast gleich hoch wie im 2. Jh. n.Chr. Zugleich veränderte sich die Art der Landschaftsprägung völlig. Einerseits neigte die Landbevölkerung dazu, sich in Dörfern und Weilern zusammenzuschliessen, deren Netz sich über das röm. Raster legte und dieses ergänzte. Andererseits hatte auch der Aufschwung des Christentums eine tiefgreifende Wirkung auf die L., die über die sichtbare Veränderung infolge der allg. Verbreitung religiöser Bauten hinausging. Einige Städte prägten als Bischofssitze ihre Umgebung. Die Errichtung von Klöstern (Mönchtum) verlieh der Besiedlung ländl. Gegenden und dem Landesausbau auch in bis dahin brachliegenden Gebieten neuen Antrieb. Der Lehnsadel markierte das Landschaftsbild mit Steinburgen (Burgen und Schlösser), welche die Erschliessungsachsen säumten. Zwischen 1100 und 1350 entwickelten sich zahlreiche Städte, die aus bestehenden Ortschaften erwuchsen oder neu gegründet wurden (Städtegründung), wodurch sich das urbane Gewebe dauerhaft festigte. Diese Veränderungen trugen zur Entfaltung vielfältiger Lebensräume bei und führten zu einer Diversifizierung der L., die sich von der heutigen stark unterschied. Im ausgehenden MA bestand sie aus einer Abfolge kleiner Flächen, auf denen sich natürl. Vegetation, Wald, Kultur- oder Weideland und Überbauungen abwechselten. Dieses Flächenmosaik bildete die Grundlage eines wenig hierarch. Systems von Punkten (Machtzentren), das durch die Linien der Strassen und Wasserwege ergänzt wurde.
Autorin/Autor: François Walter / EM
Im Vergleich zum spätma. Erscheinungsbild zeichnete sich die L. Ende des 18. Jh. durch Kontinuität und Gleichförmigkeit aus. Die Siedlungsverdichtung und der Ausbau der Dörfer trugen zur Herausbildung von einheitlicheren und umfangreicheren Landschaftseinheiten bei. Die grossen Agrarlandschaften erhielten ihre Gestalt in der Zeit vom 16. bis 18. Jh. (Agrarzonen). Deren Ausdehnung und Typologie werden von Historikern kontrovers diskutiert, eine Feinkartierung ist noch kaum möglich. Man ist sich jedoch darin einig, dass innerhalb der Gemarkungen bevorzugt Getreide angebaut wurde. Alle günstig gelegenen Gebiete im schweiz. Mittelland wurden im Dreizelgensystem (Zelgensysteme) genutzt und bildeten das weite Kornland mit seinen Dorfsiedlungen und in mehreren Zelgen zusammengefassten Feldstreifen. In höher gelegenen Regionen, am Alpenrand (Alpen) und im Jura, war eine extensivere Bewirtschaftung durch Feldgraswirtschaft üblich. Zwischen den Dörfern lagen Weiler und Einzelhöfe. Grosse, breit ausladende Parzellen dienten zeitweise dem Getreideanbau, doch nahmen sie im Verhältnis zu den Wiesen und Weiden eine eher geringe Fläche ein. In den trockenen inneralpinen Gebieten im Berner Oberland, im Wallis und in Graubünden betrieb man Ackerbau und Viehzucht in einem terrassenförmigen Gelände. Im Wallis entstand ein spektakuläres Landschaftsbild von den Weinbergen über der Rhone bis zu den Alpweiden in den seitl. Hochtälern. Diese Gebiete zeugen auch von einem hartnäckigen Bestreben, weit hinauf, manchmal bis auf 1200 m, Getreide anzubauen. In einigen Regionen am westl. Voralpenhang (Pays-d'Enhaut, Greyerzerland), in der Zentralschweiz (bis zum Appenzellerland) sowie in den an den Transitrouten liegenden Bündner und Tessiner Tälern wurde der Getreideanbau von der gewinnorientierten Viehzucht und der Herstellung grosser Käselaibe völlig verdrängt. Die Weidewirtschaft liess ein "grünes" Land entstehen, das die Reisenden faszinierte. Sie verklärten es zum glückl. Hirtenland mit demokrat. Ordnung.
Ein Grund für diese Spezialisierungen waren sicherlich die auf den nahen ausländ. Märkten (Poebene, Frankreich) gebotenen Möglichkeiten. Doch waren auch Klimaveränderungen von Bedeutung. Die Vollendung der Agrarlandschaften fiel in der longue durée mit der Kleinen Eiszeit zusammen, welche die Ausweitung des Weidelandes und den Anbau einiger Getreidearten begünstigte. Die Rodungstätigkeit verstärkte sich im Voralpengebiet, wodurch dieses in kühlen und feuchten Perioden (Ende des 16. und 17. Jh., 2. Hälfte des 18. Jh.) besonders anfällig wurde. Innovationen veränderten die strikte Fruchtfolge und die Farbe der Agrarlandschaften. Ab dem 17. Jh. wurden auf den Brachen Hülsenfrüchte, v.a. Ackerbohnen, angebaut, und im 18. Jh. verbreitete sich die Kartoffel. Die "Entdeckung" der Alpen im 18. Jh. und in der Romantik fiel in eine Zeit, in der die Gletscher ihre maximale Ausdehnung erreichten. Der Anblick der weit in den Talgrund vorgedrungenen Gletscherzungen schürte die Begeisterung für die Bergwelt. Allerdings bot sich die Alpenlandschaft mit ihren riesigen Weiden, spektakulären Gletschern, Wildbächen und Wasserfällen völlig anders dar als heute. Auf ihr gründete die Ästhetisierung der L., die von einem neuen Naturbewusstsein zeugte. Dieses Bild prägte die Haltung der westl. Gesellschaft gegenüber der Umwelt und die Wahrnehmung der Schweiz als Inbegriff der schönen Berglandschaft.
Autorin/Autor: François Walter / EM
Im 19. Jh. zeigte sich mit der Industrialisierung, wie empfindlich das Gleichgewicht der Ökosysteme ist. Bereits die Protoindustrialisierung hatte die Siedlungsformen auf dem Land, wo Seide und Baumwolle zu Hause verarbeitet wurden, verändert. Die Mechanisierung der Spinnerei in der 1. Hälfte des 19. Jh. brachte nur geringfügige Eingriffe in die L. mit sich. In den Tälern des Zürcher Oberlandes beispielsweise reihten sich die für den Antrieb der Spindeln eingesetzten Wasserräder entlang den Flüssen und Bächen aneinander, wodurch eine erste Industrielandschaft entstand. Ein neuer Wirtschaftsraum mit Schwerpunkten auf einzelnen Industrieorten löste im 19. Jh. den ziemlich homogenen Protoindustrieraum ab. Der Aufschwung der Maschinenindustrie in der 2. Hälfte des 19. Jh. trug zur Umgestaltung der L. bei. Dieser Produktionszweig beanspruchte ausgedehnte Flächen, v.a. in Winterthur (20 ha) und am Rand von grossen Städten wie Zürich und Basel. Um die neuen Aktivitäten bildeten sich auch richtige Industriestädte, z.B. Arbon, Rorschach, Biel, Olten und Renens (VD). Die Eisenbahnen mit ihren Rangiereinrichtungen, Dämmen und Gräben fügten der Landschaftsstruktur neue Verbindungslinien und Knoten hinzu.
Die Entstehung von Industrielandschaften und komplexen Stadtlandschaften ist somit typisch für den Zeitraum 1850-1910, allerdings waren die beiden Phänomene nicht zwangsläufig verknüpft. Das starke städt. Wachstum 1890-1910 hing zwar mit der Industrialisierung zusammen, doch beruhte es v.a. auf interaktiven Prozessen, bei denen die Stadt die Industrie anzog und mit ihren tertiären Funktionen neue Arbeitsplätze schuf. Zu den damaligen Stadtlandschaften gehörte auch die Suburbanisierung mit den Siedlungserweiterungen in der Peripherie und der Bildung von Agglomerationen.
Neu waren auch die zunehmenden bewussten Eingriffe in die L., die zusammen mit spontanen Organisationsentwicklungen neue Strukturen hervorbrachten. Die grossen Flusskorrektionen hatten einschneidende Auswirkungen auf das ökolog. Gleichgewicht in den betroffenen Tälern. Die bedeutendste war die 1868-91 durchgeführte Juragewässerkorrektion (Gewässerkorrektionen), in die ein umfangreiches, über 100 km langes Gebiet vom Kt. Waadt bis zum Zusammenfluss von Emme und Aare einbezogen wurde. Güterzusammenlegungen, Flussverbauungen, die in den 1920er bis 40er Jahren realisierten ersten Stauseeprojekte in den Alpen (Stauwerke) sowie die Errichtung von Stromleitungen sind Zeichen von zunehmend aggressive Eingriffen in die Naturlandschaft. Umgekehrt gab es erste Versuche, diesen Umwälzungen entgegenzuwirken, indem einzelne Bereiche der Naturlandschaft konserviert wurden. Die Schaffung von Naturschutzgebieten und v.a. auch des Schweiz. Nationalparks (1914) ist als eine Art Musealisierung der L. zu verstehen.
Autorin/Autor: François Walter / EM
Durch die seit 1950 immer rascher voranschreitende Bodennutzung sowie die wachsenden industriellen und tertiären Tätigkeiten verwandelt sich die Schweiz allmählich in eine einzige grosse Stadt, ein Stadtland mit allgemein verbreiteten Lebensweisen. Bereits 1932 sprach der Architekt Armin Meili von der "Grossstadt Schweiz". Um die Kernstädte bilden sich neben herkömml. suburbanen Räumen auch periurbane, welche die Agglomerationen erweitern. Auf den dazwischen liegenden Flächen kommt es zur sog. Rurbanisierung (Zusammensetzung aus "rural" und "urban"), der Entstehung einer Art von Dorfarchipelen, die sich bis zu den höchsten Alpentälern erstrecken. Diese bewahren traditionelle Siedlungsformen, manchmal mit einem folklorist. Einschlag, der den Anforderungen der Tourismus- und Freizeitwirtschaft der Städter Rechnung trägt. Die neue L. der Postmoderne präsentiert sich als netzartiges Gebilde, das teilweise in der Verkehrsinfrastruktur sichtbar wird, und weist eine strenge Rasterung auf. Ihrer Gestaltung liegt das Bestreben zugrunde, den Boden optimal zu nutzen.
Nach dem 2. Weltkrieg wirkte in der Schweiz die Orts- und Landesplanung darauf hin, die Landschaftsstrukturen nach den Erfordernissen der Urbanisierung rationell einzuteilen (Raumplanung). Dies führte ab Mitte des 20. Jh. zu einer fortwährenden Schrumpfung der landwirtschaftl. Nutzfläche, die durch Überbauungen und die Verkehrsinfrastruktur aufgezehrt wurde, insbesondere auch durch die gewaltigen Schneisen, welche der Bau der Anfang der 1960er Jahre geplanten, insgesamt 1800 km langen Nationalstrassen mit sich brachte. Trotz der Zersiedelung der herkömml. Agrarlandschaften behaupteten sich an deren Rändern ständig wachsende Waldflächen. Das Ökosystem der Berge wurde durch den Bau tourist. Anlagen schwer beeinträchtigt. In den topografisch geeignetsten Gebieten entwickelte sich infolge der zunehmenden Verdichtung eine L., in der landwirtschaftl., industrielle und wohnl. Funktionen ineinandergreifen, ohne dass sich wie früher eine echte Typologie oder homogene Grossstrukturen erkennen lassen. Das Stadtland ist ein zunehmend undifferenzierter Raum.
In den 1950er und 60er Jahren erkannten Medien und Öffentlichkeit allmählich die schädl. Auswirkungen des menschl. Handelns auf die natürl. Ressourcen. Ihre Bewertung der L. änderte sich und machte einem ökolog. Denken und Umweltbewusstsein Platz, das sich immer mehr verbreitete und sich im Bundesinventar der L.en und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung (ab 1963) sowie im Bundesgesetz über den Natur- und Heimatschutz (1966) niederschlug. In den 1980er und 90er Jahren verdrängte diese Wahrnehmung die rein technokrat. Auffassung der Raumordnung. Das Umweltschutzgesetz (1983), die Zunahme einschlägiger Forschungsarbeiten (Nationales Forschungsprogramm L.en und Lebensräume der Alpen, NFP 48, ab 2000) und das an der Expo.02 angeregte Nachdenken über Raum und Umwelt (SwissScape) veranschaulichen diesen Wandel. Das neue Interesse steht im Einklang mit den Anliegen der westl. Welt, die sich jüngst zur Ideologie der "nachhaltigen Entwicklung" bekehrt hat und Prozessen wie Klimaerwärmung und Rückgang der Artenvielfalt, für die der Mensch weitgehend verantwortlich ist, die er aber nicht im Griff hat, grosse Bedeutung zumisst. Das Umdenken beeinflusst auch die Gestaltung der Schweizer L.en.
Autorin/Autor: François Walter / EM
Autorin/Autor: François Walter / EM