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Leben mit einem tauben
Hund

Von Amber Marie Westwood
Es ist nicht leicht, wenn man mit der Tatsache konfrontiert wird, dass man mit einem tauben Hund leben muss, aber ich hätte nie gedacht, dass meine Liebe zu Siren so tief und erfüllend sein würde. Ich würde aber niemanden wünschen, plötzlich und unerwartet mit einem tauben Hund da zu stehen. Es gibt jedoch nichts Schöneres als die Bindung zu einem tauben Hund, wenn du einmal den Kontakt gefunden hast. Ich würde diese Herausforderung mit einem anderen Hund sofort wieder nehmen … nun, vielleicht erst wenn sie auf der anderen Seite der Pubertät ist!
Foto: Amber Marie Westwood
Ich sah Siren zum ersten Mal am 6. August 2022. Nachdem ich mich in die Rasse in Gestalt meines ersten Rüden Pixel verliebt hatte, konnte ich es kaum erwarten, noch einen Cardigan Corgi in meinem Haus zu haben. Ich fuhr über acht Stunden, um sie endlich abzuholen, und war ganz aufgeregt unsere Reise zusammen zu beginnen. Unsere Fahrt nach Hause durch die wilden walisischen Berge in Snowdonia gaben mir keinen Anlass zur Sorge. Sie schlief sogar tief die meiste Zeit.
Zu Hause jedoch verbrachten wir eine laute - und ich meine laute - erste Nacht. Der Welpe jaulte in ohrenbetäubendem Aufbegehren, bis wir ihre Hundebox genau richtig eingerichtet hatten. Während den nächsten Tagen war sie nicht gerade so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Sie war pingelig, fern, in ihrer eigenen Welt, schwierig zu beschäftigen, zu stimulieren oder ihre Aufmerksamkeit zu kriegen. Nach einer Woche hatte sie gelernt Sitz, Steh, Platz und Pfötchen geben - aber auf ihren Namen reagierte sie immer noch nicht. Ich war ratlos. Es war deutlich, dass sie schlau war, Futtermotiviert und lernte schnell ... aber sie reagierte nie, wenn ich ihren Namen rief oder mit einem Spielzeug in ihre Richtung quiekte. Ich schlug es hin und suchte nach einer vernünftigen Erklärung für ihr Benehmen wie Über- oder Unterstimulation, dass sie eine Hündin ist, ihre Persönlichkeit und sogar Autismus.
Ich bemerkte ein paar andere Merkwürdigkeiten. Wenn Siren schlief, war es als sei sie tot. Nichts, und ich meine nichts konnte sie wecken ausser vielleicht einem Erdbeben. Es war unheimlich und beängstigend, besonders wenn sie endlich aufwachte und völlig verängstigt um sich schaute. Nach einer Woche bei mir, hatte sie meinen Mann weder gehört noch bemerkt, wenn er die Treppe runterkam, bis sie sich schliesslich umdrehte und ihn sah. An jenem Morgen, als Klatschen, Rufen und Pfeifen absolut keine Reaktion auslöste, nahm ich sie schliesslich mit zum Tierarzt in der Annahme, dass sie völlig taub war oder sonst etwas nicht stimmte.
Der Tierarzt nahm einen schweren Glasdeckel und schleuderte ihn scheppernd durch den widerhallenden Raum, während ich und mein hörender Hund Pixel in einer Ecke zusammenzuckten. Siren hingegen reagierte überhaupt nicht. Ich wurde nach Hause geschickt mit der Bestätigung, dass sie leider beidseitig taub war und mit dem Mantra "es wird schon gehen".
Sobald ich nach Hause kam, begann ich, zwischen sporadischen Weinkrämpfen, meine Art der Kommunikation zu ändern. Ich klopfte, winkte, gestikulierte, stampfte, ich übertrieb meine Mimik und wurde auf eine erstaunliche Weise belohnt. Siren blühte richtig auf. Es war, wie wenn ihr bisheriges Leben in schwarz und weiss war, und endlich seine farbigen Seiten zeigte. Ich konnte sprechen! Der Grund warum sie Sitz, Platz und andere Tricks gelernt hatte, war dass ich neben den Worten immer auch ein Handzeichen gebrauchte. Sie hatte einfach die verbale Version nicht gehört!
Bald danach besuchte ich einen Workshop, wo Hundetrainer Demo-Hunde brauchten, um zu lernen, wie man zu einem tauben Hund spricht. An jenem Wochenende wurde meine kleine Volontärin, die 18 Wochen alte Siren, von verschiedenen Trainern geführt, die noch nie einen tauben Hund getroffen und trainiert hatten, und schon gar nicht einen Cardigan. Ich lernte viel an jenem Wochenende. Ich traf Ezra, die taube amerikanische Bulldogge unseres Trainers, und ich sah Potential für ein erfolgreiches Leben mit Siren, das ich vorher in einer Schublade versenkt hatte, um es nie wieder hervor zu holen.
Ich erkannte schnell die Vorteile eines tauben Hundes. Feuerwerk und Silvester waren ein Klacks. Sie wird nie auf den Postboten oder die Türglocke reagieren. Ich kann Worte wie Gassi, Essen und Draussen nennen, ohne sie zur erregen. Ich brauche sie nicht mit Strassenbau, Elektrogeräten, den Staubsauger oder schreiende Kinder bekannt zu machen, um sie daran zu gewöhnen. Und sie wird auch nie am Zaun "Alarm" bellen.
Das Beste an der Sache ist jedoch etwas, das ich nicht richtig erklären kann. Die einzige Person, die flüssig "Siren" spricht, bin ich. Es ist allerdings ein zweischneidiges Schwert. Es bedeutet, dass die meisten Menschen gar nicht versuchen, mit ihr zu kommunizieren, selbst wenn ich es ihnen zeige. Es ist nicht angeboren oder intuitiv. Es bedeutet, dass wenn ich endlich jemandem traue, sie für ein Wochenende zu übernehmen, ein illustriertes Handbuch in der Grösse der Gelben Seiten aushändigen muss.
Es gibt aber auch positive Seiten. Wir verbessern unsere Sprache jeden Tag. Sie betrachtet unsere Hände genau, um zu sehen, ob sie etwas erkennt. Wir gebrauchen nicht einfach BSL (British Sign Language - Zeichensprache), wir erfinden Mimik, Zeichen, Tänze, Bewegungen und Berührungen, welche die intimsten und privatesten Bedeutungen für sie haben. Wir sind die wichtigsten Personen in ihrem Leben, nicht nur weil wir ihre Familie sind, sondern weil wir die einzigen Personen sind, die fliessend Siren sprechen. Dies schafft die unglaublichste Bindung. Zusammen mit der Tatsache, dass ich Applied Languages (angewandte Sprache) an der Universität studiere, ist es ein Traum, der wahr wurde. Wir haben unsere eigene Geheimsprache, die sonst niemand spricht
Nachdem ich herausgefunden habe, dass Siren bedeutend mehr als einfache Zeichen verstehen kann, haben wir jede Gelegenheit ergriffen, um zu lernen. Wir fahren zwei Stunden jede Woche, um an ihrer bevorzugten Trick Training Klasse mitzumachen. Sie versteht bereits "Paff!", "überrolle dich", "winke", "verneige dich", "geh rückwärts", "sprich" und "flüstere" … bald wird sie einen Basketball durch einen Reifen werfen, auf einem Skateboard fahren und meine Butterbrote zubereiten. Naja, Letzteres vielleicht doch nicht!
Über die Monate habe ich gelernt, dass nicht alles durch Handsignale erlernt werden muss; man kann alles non-verbal machen. Wir bohren unseren Fuss in die Erde, um sie zum Pipi machen zu ermuntern, wir streicheln ihr rechtes Ohr, um ihr mitzuteilen, dass sie beim Tauziehen loslassen soll, ich tätschle sie auf die Flanke, wenn sie von der Leine gelassen wird oder das Halsband abgezogen wird, um ihr zu bedeuten, dass sie frei ist, und sogar einfache visuelle Zeichen, wie wenn ich mich niederknie, was bedeutet, dass wir jetzt trainieren wollen. Sie versteht Verhaltensweisen zehnmal schneller als mein hörender Hund. Das bedeutet, dass das Training viel schneller geht, wenn wir eine Methode gefunden haben und sie konstant wiederholen können. Und ohne die Ablenkung und Verwirrung durch Worte, ist meine Aufmerksamkeit teuer. Sie weiss sie zu schätzen, denn sobald ich mich hinknie und Augenkontakt mit ihr aufnehme, ist ihr klar, dass es Zeit ist für sie zu brillieren.
Sie versteht Zusammenhänge und hat sich unserem Leben ausgezeichnet angepasst. Sie hat ihre eigenen Angewohnheiten, welche uns manchmal verwirren, bis sie Sinn machen. Sie schläft und hält sich an ganz bestimmten Orten im Haus auf, und versucht mit Hilfe der Vibrationen durch Wände und Böden, zu merken, ob ich mich bewege. Aus dem gleichen Grund zieht sie harte Böden weichem Teppich vor und Beton sumpfigem Dreck. Sie achtet auf Schatten und merkt Änderungen im Luftdruck und Temperatur und weiss so, wenn Türen geöffnet und geschlossen werden. Sie kann sogar Pixels Bellen durch den Boden erkennen. Sie verlässt sich sehr auf Zeichen von ihm, wenn sie sich bewegen muss oder etwas passiert und kommt ihm sogar manchmal zuvor.
Wir haben auch bemerkt, dass sie einen sicheren Platz bevorzugt, entweder ihre Hundebox, einen offenen Schrank, einen Tisch oder ein Versteck. Sie will sich in Sicherheit fühlen, wenn sie an etwas kaut oder schläft, und will lieber unter oder an etwas gelehnt dösen als im Freien. Völlig von der Welt ausgeschlossen zu sein, wenn sie schläft, muss für sie die gefährlichste Zeit sein und sie ist schnell verängstigt. Dies resultierte schnell im Zeichen "sicher", um ihr zu zeigen, dass sich, seit sie erwachte, nichts geändert hat und dass sie in Sicherheit weiter schlafen kann.
Ich muss mich immer wieder selbst daran erinnern, dass sie in erster Linie ein Cardigan ist. Sie hat alle die normalen Eigenschaften der Rasse, aber kombiniert mit dem Umstand, dass sie taub ist. Sie treibt mich und meine Knöchel immer noch und auch die "vielleicht in einer Minute" Einstellung, sie bellt immer noch an nichts, jedes und alles - nur nicht wegen des Geräuschs. Sie ist durch ihre Taubheit nicht eingeschränkt, sie braucht nur eine andere Führung. Zusammen als Team können wir alles machen, was ein hörender Hund kann, es muss einfach zuerst übersetzt werden. Ich liebe sie immer noch über alles und ich möchte sie nicht anders, inklusive die dummen Ohren.
Wie geht es jetzt weiter? Wir arbeiten aktiv daran, das Whitehead Gen zu identifizieren, welches wir als den Schuldigen für ihre Taubheit vermuten. Wir hoffen, eines Tages Eltern auf das Allel testen zu können und zu erkennen, wenn ein potentieller Gehörverlust im Wurf zu erwarten ist. Und im März wird Siren an der Discover Dogs Section der Crufts teilnehmen, um allen zu zeigen, was für eine erstaunliche Rasse sie ist und dass Taubheit definitiv keine Lebensstrafe oder Begrenzung bedeutet. Kommt vorbei und sagt hallo - und wenn ihr wollt - wedelt eure Hände mit gespreizten Fingern vor ihr, denn so sagen wir hallo!