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Ein Wunschtraum geht für den Amerikaner Gil (Owen Wilson) in Erfüllung, als er mit seiner Verlobten Inez (Rachel McAdams), ein Mädchen aus wohlhabendem Hause, seinen Urlaub in Paris verbringen kann. Seit seiner Jugend schwärmt Gil von der dortigen Künstlerszene der Zwanzigerjahre. Wenn er nur damals hätte leben können! Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein - das sind die Idole des erfolgreichen Hollywood-Drehbuchautoren, der sich sehnlichst wünscht, als ernst zu nehmender Schriftsteller zu reüssieren. Inez hat kein Verständnis für seine Schwärmerei. Eines Abends bricht Gil allein auf und verirrt sich bei seinem Streifzug durch die Straßen der Stadt der Liebe. Punkt Mitternacht geschieht Wundersames: Gil wird von einer Limousine aufgelesen, die ihn geradewegs in die Roaring Twenties transportiert, zu all den legendären Künstlern, die er immer schon bewundert hat! Mit einem Mal ist nichts mehr so, wie es vorher war...
Woody Allens «Midnight in Paris» zeigt vergnüglich die Vergangenheit als Klischee der Gegenwart
Joe Berlin, Woody Allens filmisches Alter Ego im Musical «Everyone Says I Love You» (1996), wusste, dass in Paris leben heisst, sich mit unglücklichen Liebesgeschichten herumzuschlagen. «Midnight in Paris» nun, Allens heiterster, versöhnlichster Film seit sehr langer Zeit, erzählt eine mögliche Vorgeschichte von Joes Liebe zu dieser Stadt, in deren von leisem Regen beruhigtem nächtlichem Dunkel sich der von Owen Wilson gespielte amerikanische Drehbuchautor und Möchtegernschriftsteller Gil und die junge Brocante-Verkäuferin Gabrielle (Léa Seydoux) zuletzt verlieren. Losgeworden ist Gil zuvor Inez (Rachel McAdams), seine Verlobte mit dem zackigen Kommandoton, samt deren erzamerikanischen Eltern (business-minded Kurt Fuller und Mimi Kennedy als wunderbar reaktionäres Paar).
Die Fitzgeralds, Hemingway & Co.
Mit einem «realen Paris» hat dieses Film-Paris selbstverständlich nichts zu tun, das wir zum Auftakt in einem halben Hundert farbgesättigter, anmutig belebter Postkartenbilder (Kamera: Darius Khondji) sehen, unterlegt mit Sidney Bechets in «Si tu vois ma mère» dahinschmelzender Klarinette. Es ist nie weit, jenes Paris spezifisch amerikanischer Sehnsüchte, wie Hollywood sie 1951 in Vincente Minnellis «An American in Paris» mit einem ewig tanzend-singenden Gene Kelly kulminieren liess (dem Allens Film zwar nicht in Bezug auf das Singen, wohl aber auf den Regen seine Reverenz erweist, der zu einer Art Leitmotiv wird).
Woody Allens künstlerisches und intellektuelles Format erweist sich daran, wie er eine erträumte Vergangenheit auf ebenso amüsante wie witzige Weise mit der Gegenwart interagieren lässt. Mit einer Gegenwart, die dem Drehbuchautor Gil nicht gefällt, was seine Verlobte nicht begreifen kann, zahlt ihm Hollywood doch gutes Geld. Lieber würde er in Paris leben – und am liebsten eben in jenem von ihm verklärten Paris der zwanziger Jahre, ein Teil jener famosen «lost generation» von Künstlern. Gedacht, geschehn. Auf einem Bummel hat er sich, ganz wie der Held im Märchen, verirrt und steht ratlos an der Rue de la Montagne-Ste-Geneviève, als Schlag Mitternacht ein Vintage-Peugeot mit Pleinair-Chauffeur vor ihm hält und eine feuchtfröhliche Gesellschaft auf dem Weg zu einer Party ihn zum Einsteigen nötigt.
Ausgerichtet wird die Party von den Fitzgeralds, und trotz der Kostümierung um ihn herum ist unser naiver Held doch sehr überrascht, dass Zelda (Alison Pill), die Gastgeberin, «denselben Namen wie» trägt. Den Ehrengast, «Cocteau», haben wir allerdings nicht zu Gesicht bekommen, dafür die Bekanntschaft mit Ernest (Corey Stoll) gemacht. Er hält nicht nur wunderbare Hemingway-Plattitüden bereit, sondern wird sich auch väterlich um die Selbstverwirklichung Gils als Schriftsteller kümmern (nicht unähnlich dem wirklichen «Papa» Hemingway, von dem der Drehbuchautor Peter Viertel erzählt, der ihn von der «Hurerei für Hollywood» fernhalten wollte). Er ist es, der Gils Manuskript seiner Freundin Gert (Kathy Bates) zur wohlwollend-kritischen Lektüre anempfiehlt, die gerade Picasso zu Besuch hat und entsprechend unter dessen von ihr gemaltem Porträt sitzt. Immerhin wird Gertrude Stein hier von einer Frau verkörpert und nicht von einem Mann wie in Tage Danielssons schrägem «Picassos äventyr» von 1978 (wo die bedauernswerte Freundin jeweils mit «Alice, be talkless!» zur Ordnung gerufen wurde).
Relativitätstheorie
Die Galerie berühmter Zeitgenossen wird lang und länger, das Who's who ist ganz amüsant, ebenso die Frage nach den prominenten Abwesenden. Das Spiel bleibt dank der Eleganz der Inszenierung geistreich, auch wenn die Auftretenden – Maler, Schriftsteller, Fotografen, Filmer, Musiker – ausschliesslich über ihre allerberühmtesten Attribute vermittelt werden und so gleichsam als die Klischees ihrer selbst figurieren. Dennoch würde es allmählich leerlaufen, operierte das Drehbuch nicht mit zwei Kunstgriffen. Der eine besteht darin, dass Gil zu seiner Bestürzung feststellen muss, dass Adriana (Marion Cotillard), seine wunderschöne «Muse» (und davor und daneben auch diejenige Modiglianis, Picassos und Hemingways), die ihn endlich ernsthaft seiner Beziehung zu Inez ins Auge blicken lässt, anstatt im aufregenden jazz age viel lieber in der Belle Epoque leben würde. Zu denken geben muss ihm auch, dass sie beim Stichwort Valium verständnislos reagiert. Sachte wird er so in sein Jahrhundert zurückgeführt.
Bezaubernd an «Midnight in Paris» ist aber die Schwerelosigkeit, mit der hier zwischen den Zeitaltern verkehrt wird. Auch wenn Gil seine neuen Freunde Salvador den Maler, Luis den Filmer und Man den Fotografen daran erinnern muss, dass es für sie als Surrealisten im Unterschied zu ihm natürlich nichts Besonderes sei, wenn da einer aus einer andern Epoche kommt . . . Raffiniert wird die Versuchsanlage, wenn das Gestern dem Heute zu Hilfe eilt wie in der Szene, da Gil vor einem Bild Picassos endlich den an der Sorbonne dozierenden unerträglichen Bescheidwisser, Alleskönner und Konkurrenten Paul (Michael Sheen) schachmatt setzen kann – schliesslich hat man die biografischen Hintergründe aus erster Hand. Und gewissermassen in die Relativitätstheorie heben wir ab, wenn Gil sich von der charmanten Museumsangestellten (Carla Bruni) die Passage aus dem Buch seiner Angebeteten aus einem andern Jahrhundert übersetzen lässt, in der sie von den Ohrringen erzählt, die ihr ein Verehrer seinerzeit geschenkt habe, und er sich unverzüglich daranmacht, diesen Schmuck zu beschaffen, was beinah schief ausgehen wird.
So fühlen wir denn mit Gil Pender aus Pasadena, wenn er fassungslos im Bett liegt, mit offenen Augen und offenem Mund sein Schicksal in «Wild Wicked Wonderful Paris» bedenkend (wie seinerzeit, 1952, die Affiche zu John Hustons Toulouse-Lautrec-Vehikel «Moulin Rouge» lautete). Mit einem Einspielergebnis von bald einmal 50 Millionen Dollar verbucht «Paris» nach drei Monaten rund ein Zehntel der Kinoeinnahmen sämtlicher Filme Allens in den USA. Damit ist es seine im Heimmarkt bei weitem erfolgreichste Produktion, erfolgreicher als die gleichauf liegenden «Barcelona» und «London» («Match Point») zusammen – weit vor «New York» mit «Hannah and Her Sisters», «Manhattan» und «Annie Hall», den bisherigen Spitzenreitern, deren Melancholie hier fehlt.