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Gesellschaften schaffen Regeln und Ordnungen, erklären sie für verbindlich und setzen sie gegenüber ihren Mitgliedern notfalls mit Zwang durch. Die Psychiatrie ist auf Unordnungen des Selbst spezialisiert, die als Geisteskrankheiten diagnostiziert und mit ärztlicher Hilfe geheilt werden sollen. Ein wichtiges Mittel dazu stellte die psychiatrische Anstalt dar, die im Zentrum dieses Buches steht. Hier, in einem abgegrenzten Bereich am Rande der Gesellschaft, sollten «unvernünftige» Menschen, die mit sich und den sozialen Anforderungen nicht mehr zurechtkamen, therapiert werden, damit sie sich wieder in die gesellschaftliche Ordnung einfügen konnten.
Die Studie untersucht, welche Rolle die Psychiatrie bei der Herstellung und Reproduktion verschiedener Ordnungsdimensionen einnahm und wie Ordnung und Zwang zusammenhängen. Sie befasst sich zunächst auf theoretisch-methodischer Ebene mit dem Thema «Zwang». Dabei wird von der These ausgegangen, dass Zwang in der Psychiatrie auf die Interaktion zwischen PatientInnen, Institutionen und Gesellschaft zurückzuführen ist und sich nicht in mechanischen Zwangsmitteln wie Bettgurten, Zwangsjacken und Deckelbädern erschöpft. Die AutorInnen zeigen, welche Therapien und Eingriffe in der Zürcher Psychiatrie zwischen 1870 und 1970 angewandt wurden, welche
PatientInnen davon betroffen waren und welche Motive und Ordnungsvorstellungen hinter diesen Massnahmen standen.
Am Beispiel der Entmündigung, der Sterilisation, der Arbeits- bzw. Beschäftigungstherapie und der Psychochirurgie wird danach untersucht, wie PatientInnen Ordnungszwängen unterworfen wurden, die sie im Idealfall befähigen sollten, sich wieder reibungslos in den Ordnungen der Gesellschaft zu bewegen. Dabei zeigt die Analyse von Diskurs und Praxis, wie Krankheitsdefinitionen, die Anstaltsordnung in psychiatrischen Institutionen und gesellschaftliche Normalisierungstendenzen ineinander griffen.