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Neben der verworrenen Lage in der Ukraine sind zurzeit auch in Schottland, Katalonien oder Venezien Diskussionen über eine Abspaltung vom Zentralstaat im Gang. Auch in Korsika oder in Flandern (Belgien) sind Sezessionstendenzen seit Jahren ein Thema. Zwar ist jeder einzelne Fall sehr unterschiedlich gelagert. Gemeinsam ist ihnen aber, dass sie seit Jahren oder Jahrzehnten latent sind und auf einem ethnischen, religiösen oder sprachlichen Sonderbewusstsein einer Region gründen.
Separatistische Tendenzen nehmen zu
«Die separatistischen Strömungen nehmen in der Tat zu», sagt Josef Janning von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations in Berlin. Er macht vor allem zwei Faktoren für die aktuellen Sezessions-Diskussionen verantwortlich: Eine latente, «lange angestaute Unzufriedenheit mit der politischen Umgebung» sowie die Globalisierung.
Verstärkt werden die aktuellen Strömungen sodann von der Finanz- und Wirtschaftskrise der letzten Jahre: «Eine tiefe Wirtschaftskrise kann ein Beschleuniger für solche Bewegungen sein», so der Experte für internationale Beziehungen. Die Zuversicht der Menschen, dass ihre Kinder es dereinst besser haben werden, sei durch die Krise erschüttert. «In diesem Moment ist die Bindungskraft des Nationalstaates nicht mehr so stark», begründet Janning den Effekt.
Besonders geglückte Fälle von Sezessionen in der europäischen Geschichte seien die Abspaltung der Republik Irland vom Vereinten Königreich oder etwa Norwegen, das sich von der schwedischen und zuvor dänischen Dominanz habe lösen können, so Janning. Grundsätzlich seien jene Abspaltungen am erfolgreichsten, die durch eine politische Aushandlung erfolgt seien und wo anschliessend eine wirtschaftliche und soziale Entwicklung habe stattfinden können.
Aufkündigung der Solidarität
Eine Sezession bedeute immer auch ein Rückzug aus der Solidarität mit dem grossräumigeren Gebiet. «Wenn sich in Italien der Norden vom Süden lösen würde, würde die Zukunft des Südens dadurch nicht besser – im Gegenteil», so Janning. Andererseits würden sich die sezessionswilligen Gebiete meist ausdrücklich zur EU bekennen und so aus ihrer Sicht Solidarität im grösseren Verbund ja durchaus wahrnehmen.
Janning geht davon aus, dass sich die bisherigen Sezessions-Tendenzen in Europa eher verstärken werden und möglicherweise auch andere Teile der betroffenen Länder erfassen könnten. «Es kann sehr gut sein, dass Italien erst am Anfang einer umfassenden Föderalisierung steht», sagt er. Nicht einmal für Deutschland mag der Experte für internationale Beziehungen verstärkt föderalistische Tendenzen ausschliessen.
Föderalismus und direkte Demokratie schützen die Schweiz
Was heisst das für die Schweiz? «Die Schweiz ist ein eigenartiges Gebilde», sagt Janning. Sie sei stark geprägt vom Föderalismus und der direkten Demokratie. Dadurch sei ihr «ein gutes Stück der Spitze möglicher separatistischer Bewegung» genommen.
Und: «Die Tatsache, dass die Welt um die Schweiz herum sich zusammenschliesst, trägt dazu bei, dass die Schweiz ihre eigenen Zentrifugalkräfte im Zaum hält.»
Josef Janning
Josef Janning arbeitet bei der Denkfrabrik European Council on Foreign Relations in Berlin als Experte für Internationale Beziehungen. Er war u.a. während zwölf Jahren stv. Direktor des Zentrums für angewandte Politikforschung an der Universität München und hatte Lehraufträge an den Unis von Mainz, Jerusalem oder Peking.