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Landesfahne von Nidwalden
Objekt des Monats Juni 2016
Landesfahne von Nidwalden, NM 14192
Die quadratische Fahne aus locker gewobenem, rotem Seidentaffet, ist mit einem aufrechten, silbernen, von einem grünen Lorbeerkranz umrahmten Schlüssel Nidwaldens und der goldenen Inschrift Für Gott und Vaterland. Siegen oder Sterben. verziert. Abgesehen von einigen Rissen und Flecken besticht die Landesfahne aus der Sammlung des Nidwaldner Museums durch ihre leuchtenden Farben, ihre intakte Malerei sowie das gut erhaltene, kostbare Seidentuch. Von Interesse ist nicht zuletzt die Kühnheit ihres Wahlspruchs. Die Provenienz der Fahne wird in wenigen Zeilen im Schweizer Fahnenbuch von Albert Bruckner beschrieben: Landesfähnrich Joseph Maria Lussi ließ sie 1802 für sechs Louis d’Or in Bern herstellen. Die Fahne diente im Stecklikrieg (Sommer und Herbst 1802). Da die Kosten nicht vergütet wurden, blieb das Feldzeichen bis 1912 im Besitz der Familie Lussi und wurde erst danach vom Kanton Nidwalden erworben.[1]
Die Fahne, ein symbolisches Objekt
Eine Fahne trägt die Farben und Zeichen einer Person, eines Landes oder einer Gemeinschaft, die sich zu bestimmten Ideen und Ansichten bekennt. Als deren Symbol trägt sie dazu bei, das Einheits- und Zugehörigkeitsgefühl einer Gruppe zu verstärken und ersichtlich zu machen. Dieser vereinigende Prozess demonstriert zugleich aber auch, wer die Ideen und Wertvorstellungen ebendieser Gruppe nicht teilt. Betrachten wir ihre Anwendung im Mittelalter und in der Neuzeit wird dies noch deutlicher. Auf dem Schlachtfeld beispielsweise erlaubte es die Fahne, Feinde und Verbündete auseinanderzuhalten. Als Kennzeichen diente auch jeder Familie ihre eigene Fahne. Ein treffendes Beispiel dazu bieten die schottischen Clans und ihre Tartans. In beiden Fällen besitzt die Fahne die ambivalente Rolle eines Zeichens, das Menschen verbindet und zugleich trennt.[2]
Aufgrund ihrer großen kulturellen, symbolischen und politischen Bedeutung ist es üblich, die Fahne (im Gegensatz zur Flagge) als Einzelstück und meist aus kostbarem Material anzufertigen. Im militärischen Bereich war es Brauch, sie zu weihen und bei der Truppe einen Fahneneid zu leisten. Überdies galt die Pflicht, sie mit dem Leben zu verteidigen. Der Fahnenverlust im Kampf wurde dementsprechend als Zeichen für Niederlage und Schande, die Eroberung des gegnerischen Feldzeichens als Beweis des Sieges gedeutet. Das Fahnentragen galt gemeinhin als Ehre: Der Fähnrich, der ursprünglich nur diese Funktion ausübte, entwickelte sich zu einer bedeutenden Figur des Heeres. Das Amt nahm in der Folge an Prestige kontinuierlich zu. Alsbald erfüllte er zusätzliche militärische Funktionen wie die Aufsicht über das Wehrwesen oder den Einsitzt im Kriegsrat.
Anfangs des 19. Jahrhunderts übte der oben genannte Fähnrich Joseph Maria Lussi ebendiese Funktion aus und gab die Herstellung der Landesfahne in Auftrag.[3]
Die Landesfahne von Nidwalden und der Stecklikrieg
Die Landesfahne entstand während einer kritischen Zeit innerhalb der Schweizer Geschichte: 1798 wurde die Helvetische Republik ausgerufen. Das Staatsmodell der französischen Revolution wurde in die Schweiz exportiert und löste die alte Eidgenossenschaft ab. Diese auch als Helvetik bezeichnete Epoche dauerte bis 1803, als die Konterrevolutionäre, die für einen föderalistischen Staat kämpften, die Helvetische Republik auflösten. Nidwalden gehörte zur föderalistischen Partei. Augenscheinlich zielte der Kanton durch die Herstellung einer Fahne mit traditionellem Wappen darauf, seine Unabhängigkeit und Identität gegenüber dem französischen Modell hervorzuheben. Die Fahne weist durch ihre Farben und ihr Schlüsselsymbol eindeutig auf den Kanton Nidwalden hin. In diesem Zusammenhang wichtig ist der Wahlspruch Für Gott und Vaterland. Siegen oder Sterben. Dieser mag auf den Widerstand Nidwaldens gegen das französische Heer zur Zeit des Franzoseneinfalls (1798) hinweisen. Die Fahne lässt sich demnach als konkretes Symbol des Aufstandes lesen, indem sie auf das Opfer des Nidwaldner Volkes für die Freiheit verweist. Noch bedeutender scheint der Umstand, dass die Fahne ausdrücklich für den Stecklikrieg hergestellt wurde – ein im Spätsommer 1802 gegen die Helvetische Republik ausgebrochener, föderalistischer Aufstand, der im Herbst zu ihrer Kapitulation führte. Die Namensgebung stammt aus der dürftigen Bewaffnung der Aufständischen – Steckli steht für Holzknüppel. Im Krieg spielte somit die Landesfahne von Nidwalden eine politisch wichtige, identitätsstiftende und propagandistische Rolle.
In der Helvetik waren Fahnen auf symbolischer und politischer Ebene von entscheidender Bedeutung. Die Revolutionäre, welche die Helvetische Republik unterstützten, bemühten sich, die helvetische Trikolore Grün-Rot-Gelb auf Wilhelm Tell zurückzuführen. Der Schweizer Held wurde schon 1798 als Symbol der Helvetischen Republik bestimmt. Die Verbindung zwischen dem Freiheitshelden Tell und der Helvetik-Fahne wird besonders deutlich am Beispiel der Nidwaldner Älplerfahne, die im Rahmen der aktuellen Dauerausstellung des Nidwaldner Museums im Salzmagazin präsentiert wird.[4] Sie zeigt Tell, der nach dem Apfelschuss Walter empfängt, und trägt die goldenen Inschriften Freiheit und Gleichheit (NM 3449).[5] Mit einer solchen hochsymbolischen Verbindung versuchte die neue Regierung, ihre Herrschaft zu legitimieren und gleichzeitig ein Gemeinschaftsgefühl unter der Bevölkerung zu schaffen. In der konservativen Zentralschweiz scheiterten jedoch diese Bemühungen, da die Konterrevolutionäre jeglichen Bezug der Helvetik-Fahne zu Tell ablehnten. Deswegen wurde die Trikolore abwertend als „frankische [F]ahne“ und dessen Farbenkombination als „Papagey-Farb[en]“ bezeichnet.[6]
Durch die Augen eines Zeitgenossen
Von der großen Bedeutung und Rolle der Fahnen zur Zeit der Helvetik berichtet der Zeitgenosse Karl Ludwig Stettler, der sich als Hauptmann und als Gegner der helvetischen Regierung am Stecklikrieg beteiligte. So beschreibt er in seinen Briefen den Einmarsch der siegreichen föderalistischen Truppen in die Stadt Bern im September 1802 wie folgt:
Als nun das Thorgewölbe vom alten Bernermarsch ertönte, und die schwarz und rothen Fahnen wieder in der befreyten Vaterstatt wehten, da ergriff uns Alle ein unbeschreibliches Gefühl von Freude und Rührung, so dass uns die Thränen in die Augen traten. Wir zogen mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel die Spithalgass hinunter auf den Platz, wo unter einer unzählbaren Menge jubelnden Volks die Oberländer und Aargauer bereits aufgestellt waren, und uns lauten fröhlichen Wilkomm entgegenrieffen; das war ein herrlicher, herzhebender Anblick. – Vielleicht die schönste Stunde meines Lebens.[7]
Die Landesfahne von Nidwalden wird vom 12. Juni bis zum 16. Oktober 2016 im Rahmen der Ausstellung aut vincere aut mori von Christian Philipp Müller im Winkelriedhaus zu sehen sein.
Autorin: Martina Albertini, 2016
Literaturangaben
- Bruckner, Albert: Schweizer Fahnenbuch, St. Gallen, Zollikofer, 1942.
- Deschwanden, Carl von: Urkundliches Verzeichnis der Landammänner, Vorgesetzen und Amtsleute des Unterwalden nid dem Wald, in: Geschichtsfreund. Mitteilungen des Historischen Vereins der Fünf Orte Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug 27 (1872), S. 1–88.
- Godel, Eric: Die Zentralschweiz in der Helvetik (1798-1803). Kriegserfahrungen und Religion im Spannungsfeld von Nation und Region, Münster, Aschendorff, 2009.
- Hylland Eriksen, Thomas/Jenkins, Richard (Hg.): Flag, Nation and Symbolism in Europe and America, Abingdon, Routledge, 2007.
- Mäder, Peter M.: ‚Fahnen‘, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 02.10.2006, URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D12810.php (Stand: 03.05.2016).
- Montmollin, Benoît de: ‚Fähnrich‘, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 28.11.2005, URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D24636.php (Stand: 03.05.2016).
- Stüssi-Lauterburg, Jürg: Föderalismus und Freiheit. Der Aufstand von 1802. Ein in der Schweiz geschriebenes Kapitel Weltgeschichte, Brugg, Effingerhof, 1994.
- Ebd.: ‚Stecklikrieg‘, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), 20.02.2012,
URL: http://www.hls-dhs-dss.ch/textes/d/D41551.php (Stand: 03.05.2016).
[1] Bruckner, Schweizer Fahnenbuch, S. 91.
[2] Hylland Eriksen/Jenkins, Flag, Nation and Symbolism, S. 2 ff.; S. 5 ff.
[3] Deschwanden, von, Urkundliches Verzeichnis der Landammänner, S. 688.
[6] Die Äusserungen stammen vom Geschichtsschreiber Joseph Thomas Fassbind aus Schwyz und vom Zellner Pfarrer Theoring Keller (Godel, Die Zentralschweiz in der Helvetik, S. 241–2, und Anm. 1304–6).
[7] Zitiert in: Stüssi-Lauterburg, Föderalismus und Freiheit, S. 182–3. Kursivschrift im Original.