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Ab Mittwoch findet in Aspen der Ski-Weltcup-Final statt. Die Stadt in den Bergen von Colorado war einst ein Hippie-Nest, heute ist es das teuerste Pflaster der USA. Präsident Trump ist unbeliebt, weil man sich wegen der Klimaerwärmung um den Schnee sorgt.
Die Luft ist dünn hier oben, und das nicht nur, weil Aspen auf 2400 Metern über dem Meeresspiegel liegt. An einem klaren Wintermorgen im Skigebiet «Aspen Mountain» biegt Zach Lentz auf seinen breiten Ski in einen Steilhang ein. Hinter ihm glitzern die Gipfel in der Sonne, die Piste ist gesäumt von lichten Fichtenwäldern.
Lentz macht spielerisch ein paar Schwünge auf dem Hang, auf dem in Kürze das Ski-Weltcup-Finale stattfinden wird, als sein Handy klingelt. Er stoppt.
Eigentlich ist Lentz Immobilienmakler, heute aber ist er Skigebiets-Guide, ein paar Mal im Winter macht er das, dafür bekommt er das Saison-Ticket von den Bergbahnen, im Wert von 2000 Dollar. Und jetzt telefoniert er, am Rande der Piste stehend, für seinen dritten Job. Er kümmert sich um Gäste einer Ferienanlage, betreut sie wie eine Art Concierge im Luxushotel. «Ich bekomme dafür ein festes Gehalt», sagt Lentz, nachdem er das Gespräch beendet hat. «Das hilft mir sehr, denn in der Immobilien-Branche bin ich komplett von Provisionen abhängig, mal passiert viel, mal wenig.»
Aspen hat 6500 Einwohner, aber in der Hochsaison steigt die Zahl der Menschen im Tal auf über 30'000. Dann landet oder startet alle sechs Minuten ein Flugzeug auf dem Flughafen – Linienmaschinen, aber vor allem Privatjets, zum Beispiel von Schauspielern wie Jack Nicholson und Kevin Costner, oder des Oligarchen Roman Abramowitsch. Sie haben, wie viele Celebrities, Häuser in Aspen. Die günstigsten Eigenheime kosten 5 Millionen Dollar, Aspen hat die höchsten Immobilienpreise der USA.
Zach Lentz wohnt zur Miete, 2000 Dollar im Monat für ein Zimmer mit Kochnische, er hat einen siebenjährigen Sohn mit seiner Ex-Frau. Seine drei Jobs braucht er, um in Aspen über die Runden zu kommen. So geht es vielen. «Man opfert viel und man arbeitet viel, um hier oben sein zu können», sagt Zach Lentz. «Aber es lohnt sich.»
Was macht das Leben so besonders ins Aspen? Für Europäer zuerst: Das Skifahren inmitten der Bäume – auf über 3000 Metern kurvt man durch Wälder. Und man fühlt sich dabei zuweilen weitab der Zivilisation, obwohl man auf einer präparierten Piste ist – weil das Terrain so weitläufig und oft kein Mensch zu sehen ist. Aspen ist zu weit entfernt von der nächsten Grossstadt Denver, um Tagesskitouristen in nennenswerter Zahl anzulocken.
Und dann der Schnee. Weil die Luft sehr trocken ist – Colorado liegt weit weg von der Küste –, ist auch der Schnee pulvrig, das legendäre Champagne Powder sorgt nicht nur direkt nach Niederschlägen für Begeisterung. Auch wenn der Tiefschnee längst zerfahren ist, ist es abseits der Pisten noch weich und einfach zu fahren.
Apropos, abseits der Pisten – während in Europa davor gewarnt wird, sich dort zu bewegen, ist es in nordamerikanischen Skigebieten ausdrücklich erlaubt, solange man sich innerhalb der Skigebietsgrenze bewegt. Das bedeutet auch, dass man dort vor Lawinen geschützt ist.
Der wichtigste Grund, warum Aspen so beliebt ist, liegt in seiner Geschichte begründet. Ende des 19. Jahrhunderts wurde hier Silber geschürft. Was aus der ersten Boomzeit blieb, waren die Gebäude, die heute den städtischen Reiz von Aspen ausmachen. Das Wheeler Opera House, etliche Häuser im viktorianischen Stil und das Hotel Jerome, ein dreistöckiges Backsteingebäude, in dessen Erdgeschoss die berühmt berüchtigte J-Bar ist, in der John Wayne und Gary Cooper einst zusammen tranken.
Sie ist am frühen Abend schon gut gefüllt, durch Schaufensterscheiben scheint oranges Abendlicht auf die Bar, altes Holz mit Jugendstilverzierungen, Original aus dem 19. Jahrhundert erhalten. Davor lederbezogene Hocker, auf einem sitzt Melissa, 27, schlank, sportlich. Sie arbeitet bei einer PR-Agentur in Aspen. «Mein Vater wollte nicht, dass ich hier her ziehe.» Sie lacht. «Als er jung war, hatte die Stadt noch den Ruf, komplett drogenverseucht zu sein.» Es waren die späten 60er- und 70er-Jahre, die Zeit, als Hunter S. Thompson sich hier niederliess.
Der Erfinder des Gonzo-Journalismus, der Alkohol- und Drogenkonsum zu einer Kunstform erhob und darüber schrieb, hatte sein Büro in der J-Bar. Der weisshaarige Barmann schnaubt. «Das war eine Hippiestadt hier, da gingen die Tabletts mit dem Kokain rund.» Hunter S. Thompson trat 1970 zur Sheriff-Wahl in Pitkin County an. In Aspen selbst bekam er die Mehrheit der Stimmen, nicht aber im County.
Heute findet sich das Wahlplakat in einem kleinen Wäldchen im Skigebiet Aspen Snowmass, gepinnt an einen Fichtenstamm, laminiert. Motiv: Geballte Faust, die einen Kaktus umklammert vor dem Hintergund des Sheriff-Sterns. Ein Sonnenstrahl scheint durch die Äste, lässt die Schneekristalle glitzern, bricht sich im Glas einer leeren Whiskeyflasche, die an einer Schnur gebunden vom Baum baumelt. An den Stämmen rundherum hängen dutzende Artikel von und über Hunter S. Thompson und noch mehr Fotos von ihm.
«Viele kommen her, um in Erinnerung an Thompson einen Joint zu rauchen oder einen zu trinken.» Zach Lentz grinst. Die Hunter-S.-Thompson-Gedenkort ist nur einer von hunderten Schreinen in den Skigebieten um Aspen. Die bekanntesten sind die von Elvis, Jimi Hendrix, Grateful Dead, alle liebevoll dekoriert. Dort spürt man noch den Geist der Hippie-Zeit.
Auch heute ist Aspen, wie ganz Colorado, demokratisch geprägt. Mit dem Präsidenten Trump können die meisten nichts anfangen. «Ich kenne nicht einen Menschen, der zugibt, ihn gewählt zu haben», sagt Zach Lentz. «Wir als Skidestination haben grosse Angst vor dem Klimawandel. Ich hoffe, dass er nichts davon umsetzt, was er in Sachen Umweltpolitik angekündigt hat.» Als Trump während des Wahlkampfes nach Aspen kam, rief Bürgermeister Steve Skadron ihn auf, den Klimawandel als reale Gefahr anzuerkennen.
Talabfahrt mit Zach Lentz, weit unter ihm sieht man die rechteckig angelegten Strassen von Aspen, heute Abend will er zu einem Konzert einer lokalen Band im «Belly's Up», einem 250-Zuschauer-Club, in dem aber regelmässig auch Bands wie ZZ Top oder Phoenix spielen, die in grösseren Städten riesige Hallen füllen.
«Wir leben hier schon in einer Blase ohne Armut, ohne Terror.» Zach schüttelt den Kopf. «Das ist nicht das wirkliche Leben – aber ich liebe es.» Er grinst breit. «Yihaa!», ruft er, stösst sich mit den Stöcken ab und verschwindet zwischen den Bäumen.