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Text von Peter Bucher anlässlich des Jazz in Sarnen, Mai 23
Vom Namen der Flüsse
Das Wasser der Sarneraa, das da draussen vorbeifliesst, ist bis zur die Nordsee etwa 1200 Km unterwegs und braucht dafür rund 4 Wochen. Auf ihrer Reise nach Rotterdam gesellen sich allerlei Flüsse dazu und lassen unsere Sarneraa gewaltig anwachsen. Aus den durchschnittlich 7000 Litern pro Sekunde – gemessen beim Rathaus - werden 2.3 Millionen Liter pro Sekunde in Rotterdam. Dabei wechselt die Sarneraa ständig ihren Namen. Woher kommt das? Woher stammen die Namen der Flüsse und Seen.
Die meisten Seen tragen den Namen eines Ortes oder einer Stadt an ihrem Ufer. Einen namensge-benden Einfluss haben Orte am Ausfluss des Sees, denn es sind auch die Orte, welche den See regulieren können. Manchmal geben sie ihrem abfließenden Wasser einen anderen Namen mit auf den Weg, als wie der Zufluss heisst. Während die Rhone bei Villeneuve in den Genfersee fliesst, und diesen bei Genf wieder als Rhone verlässt, wird aus der «Lindt» in Rapperswil die «Limmat» in Zürich. Weder Genf noch Zürich hätten es aber gewagt, dem Fluss ihren eigenen Ortsnamen mit auf den Weg zu geben. Flüsse tragen weniger die Namen von Orten. Es sind dann eher noch die Täler und Landschaften, die mit dem Flussnamen ihre Verwandtschaft zeigen. Die Situation, die wir hier in Sarnen kennen, ist eine sehr seltene Ausnahme: Sarnen liegt am Ausfluss des Sarnersees. Der ausfliessende Fluss und das gesamte Tal heissen ebenfalls Sarneraa beziehungsweise Sarneraatal. Ich kennen kein anderes Beispiel, wo eine Ortsame den Namen «seiner» Gewässer und Täler derart prägt.
Aber wie geht es weiter? Was passiert, wenn Flüsse zusammenkommen, gewissermassen heiraten und gemeinsam weiter fliessen. Gibt es so etwas wie ein eheliches Namensrecht der Flussläufe. Ich begann herumzufragen: Ein Kanufahrer, der einst von Sarnen nach Rotterdam gepaddelt ist, erklärte mir, es werde jeweils der Name des längeren oder mächtigeren Flusses weitergeführt. Welche Namen trägt nun die Sarneraa auf ihrer Reise nach Rotterdam?
Als erstes fliesst sie gemeinsam mit ihren zwei Schwestern, der Engelbergeraa und der Muota in den Vierwaldstättersee. Bei der Muota(a) wird das zweite «a» wie beim typischen Muotataler «Juiz» abgerissen oder verschluckt. Der Vierwaldstättersee würde normalerweise nach seinem Ausflussort «Luzernersee» heissen, wie Luzerner gerne ihren Touristen auf Englisch erklären. Der gültige Name Vierwaldstättersee zeigt eine gewisse Zurückhaltung der angrenzenden Talschaften gegenüber jeglichen Machtansprüchen. Wie dem auch sei, interessant ist jetzt die Namenslage der Zu- und Abflüsse. Die drei Aa-Wasser aus dem Sarneraa-, Engelbergeraa- und Muotatal verlassen den See als Reuss. Ich weiss nicht, wie es die Urner angeteigt haben, die Luzerner davon zu überzeugen, dass es ihre Reuss sein muss, die das Wasser der Zentralschweiz nach Norden tragen soll. Und dies obwohl die jährliche durchschnittliche Wassermenge der drei Aa-Wasser diejenige der Reuss um rund einen Viertel deutlich übertrifft
Nun, die 3 Aa-Schwestern müssen nur kurze Zeit entgegen ihrer Bedeutung als Reuss durch die Lande fliessen. Schon bald werden sie von der grossen Aa, der Aare, zur gemeinsamen Reise eingeladen. Die Aare erweist mit den ersten beiden Buchstaben der «Aa» die Referenz und trägt auch die ersten beiden Buchstaben der Reuss im Namen mit. Eine raffinierte Namensgebung, denn so werden die Aa-Schwestern ernst genommen und auch die Wasser der Reuss fühlen sich mit der Aare schnell verbunden. Fast gleichzeitig nimmt die mächtige Aare auch noch die Limmatbuben mit ins Boot und die ganze Hochzeitsgesellschaft fährt nach Klingnau, wo an der Grenze der Bräutigam wartet: der Rhein. Dieser brüstet sich mit seinem kurz davor inszenierten Rheinfall-Spektakel. Die Sarneraa wirft sich ihm begeistert um den Hals und lässt ihre beiden Schwestern und die Reuss mit den Limmatbuben am Ufer stehen.
Dabei merkt sie erst gar nicht, dass der stolze Rhein ganz selbstverständlich der gemeinsamen Verbindung alleinig seinen männlichen Namen widmete. Damit ging der angestammte Name «Sarneraa» wieder gänzlich unter. Und dies, obwohl die Aare mitsamt den Innerschweizer und Zürcher Wassern eine wesentlich grössere Mitgift an Wassermenge mitbringt als der selbstbewusste vielleicht sogar etwas selbstverliebte Rhein.
Die Sarneraa störte das vorerst wenig. Ihr war es wichtiger, mit ihrem Angebeteten die grosse gemeinsame Reise in die Nordsee anzugehen. In Basel wurde eine scharfe Rechtskurve übers Knie geschlagen und anschliessend zeigte ihr der Rhein die vielen eindrucksvolle Städte, Schlösser, Orte und fruchtbaren Landschaften, die schon seit Jahrhunderten von Dichtern und Komponisten in und mit seinem Namen gehuldigt wurden.
Erschöpft von der langen Reise, muss der Rhein kurz vor Rotterdam das Kommando aufgeben. Er bittet seine geliebte Sarneraa, für den letzten Teil der Reise, das Steuer zu übernehmen. So kommt es, dass die anfänglich unscheinbare, aber mutige kleine Sarneraa auf einer riesigen Wasserwelle den schwierigen Weg durchs Wattenmeer finden muss. Die Holländer sind darüber so glücklich, dass die Aa, selber erfahren in Hochwasserfragen, diese Aufgabe bravourös meistert und Holland in der Regel vor grösserem Unheil bewahrt. Zum Dank schenken sie ihr einen Namen, der sie auch stolz an ihre alte Heimat Obwalden erinnerte: Die Aa beziehungsweise der Rhein fliesst nämlich in Rotterdam unter dem Namen WAAL in die Nordsee.
Und wenn Pastarazzi dereinst in Rotterdam eine Filiale eröffnen wird, so wird diese «Ob de Waal» heisse und der hier aageteiggeti Teig kann dort uisgwalllt wärde, auf holländisch heisst das dann «ausge-WAAL-t werden».
Peter Bucher
anlässlich JAZZ IN SARNEN
Aateiggi, Sarnen
24. Mai 2023
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