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Nicht nur in einer Hinsicht entspreche ich einem gängigen Klischee. Die gelegentliche Frage meiner Frau „Woran denkst du gerade?“ beantworte ich oft und gerne mit: „An nichts!“ Was natürlich kaum je stimmt. Dazu fragte mich meine Tochter einmal, weshalb Frauen eigentlich immer wissen wollten, was Männer dächten und fühlten? Ihr wäre nämlich aufgefallen, dass Männer - von einer Frau nach ihrem Innenleben befragt -, auffallend oft unter Druck gerieten. Ob Männer im Geschäftsleben denn nicht auch lernten, offen zu kommunizieren und die Dinge beim Namen zu nennen, inklusive die eigenen Gefühle, fragte sie mich rhetorisch.
Dazu habe ich in dem Fachartikel „Eheprobleme sind Lebensprobleme“ von einer Berufskollegin einige interessante Gedanken gefunden. So glaubt die Sozialwissenschaft zu wissen, weshalb ein Mann auf die eingangs erwähnte Frage bockig reagiert. Die primäre Bezugsperson für Jungen und Mädchen sei meistens eine Frau. Um zum Mann zu werden müsse sich der Junge im Laufe seiner Entwicklung von der Mutter abgrenzen. Um seine Mutter zurückweisen und sich am männlichen Ideal der Autonomie zu orientieren, müsse der Junge seine emotionalen Antennen einziehen. Die männliche Haltung heisse somit: Autonomie und Sachverstand sind wichtiger als Beziehung, auch wenn der Preis dafür die Abspaltung von Gefühlen ist.
Für Mädchen ginge die Identifikation mit der Mutter während der ganzen Entwicklung weiter. Also bedeute die weibliche Haltung: Die emotionalen Antennen weit ausfahren und spüren, was die harmonische Beziehung erhält. Dafür ist die Frau bereit, auf ihre Autonomie zu verzichten. Die Fachwelt behauptet weiter: Frauen verfügten über sogenannt „weiche“ psychologische Macht. Sie bänden Mann und Kinder an sich, belohnten oder bestraften durch Liebe oder Liebesentzug. Männer andererseits verfügten über „harte“ materielle Macht. Sie belohnten oder bestraften mit materiellen Gütern oder durch deren Entzug.
In einer Beziehung sind Männer wie Frauen gleichermassen herausgefordert, den stereotypen „Tanz als Paar“ zu erweitern. Was uns fehlt, finden wir im anderen. Erst im fortwährenden Tanz mit der Partnerin kann ich meine bisher wenig entwickelte „andere Hälfte“ vervollständigen. So gesehen bietet sich mir meine Frau geradezu als Lehrerin an. Doch wie verhält es sich mit der aktuellen Generation von Muttersöhnen? Das frage ich nicht etwa abwertend. Als Muttersohn bezeichne ich viel mehr Männer, die weitgehend ohne Vater aufgewachsen sind, mich eingeschlossen.
In einem weiblich dominierten Biotop aufgewachsene Männer verfügen - im Widerspruch zu der oben zitierten These -, durchaus auch über scharfe emotionale Antennen. Denn: Muttersöhne spüren in der Regel sehr gut, woher der Wind weht beziehungsweise wie es der Mutter gerade geht. Sie hören ihr emotionales, an Bindung orientiertes „Flüstern“. Damit haben sie sich oftmals lange, intensiv und existentiell beschäftigt. Und dafür müssen sie später vielleicht einmal hassen dürfen.
Als Erwachsene stehen Söhne vor der Lernaufgabe, sich von der Mutter abzugrenzen und sie gleichzeitig (wieder) zu lieben. Für viele bleibt das ein langwieriges, zähes Unterfangen. Wem das aber gelingt, der kann sich dafür entscheiden, seine Gefühle zu offenbaren; auch Frauen gegenüber, und manchmal gar frei von Stress.
Webseite Stefan Eigenmann
05-05-2010/abm