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Treibhausgase reduzieren war gestern - Kalken der Ozeane lautet das Rezept für morgen. Damit könne die Erwärmung der Erdatmosphäre ganz ohne neue Techniken, Einsparungen und Konsumverzicht gestoppt werden. Mehr noch: Der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre liesse sich sogar auf vorindustrielles Niveau senken. «Cquestrate» verspricht diesen Zauber, ist bislang aber erst eine Idee. Doch der Ölkonzern Shell hat Forschungsgelder bereitgestellt, um ihre praktische Umsetzung zu testen.
Einmal mehr sollen die Ozeane das Kohlendioxid schlucken. Das tun sie sowieso schon. Zusammen mit der Biosphäre, der anderen grossen «CO2-Senke» der Erde, speichern die Meere die Hälfte des jährlich vom Menschen verursachten CO2. Jedenfalls zeitweise, dank eines Effekts namens physikalische CO2-Pumpe. Der hat mit den weltweiten Meeresströmungen zu tun: Warmes Wasser strömt an der Oberfläche in Richtung Nord- und Südpol und nimmt dabei CO2 aus der Luft auf, das sich im Wasser zu Kohlensäure löst. In der Nähe der Pole kühlt das Wasser ab, wird dadurch schwerer und sinkt auf den Meeresgrund, wo es wieder zurückströmt. Das mitgeführte, gelöste CO2 kann Jahrhunderte lang in den Tiefen verbleiben, bevor es wieder an die Oberfläche gelangt. Allerdings wird dieser Effekt immer schwächer: Die Aufnahmefähigkeit des Meerwassers für CO2 sinkt mit fortschreitendem CO2-Anstieg.
Die Pumpe wiederbeleben
Eine britische Studie schlug vor einigen Monaten Alarm. Messungen im Nordatlantik ergaben, dass die Leistungsfähigkeit der CO2-Pumpe im Zeitraum von 1995 bis 2005 um die Hälfte gesunken sei. Die Ozeane könnten also bald mit den von Menschen freigesetzten Emissionen gesättigt sein. Sie könnten nicht mehr als Senke dienen, und der Treibhauseffekt würde beschleunigt.
Hier setzt Tim Kruger, der Kopf hinter der Cquestrate-Idee, an: Er will die CO2-Pumpe der Weltmeere wieder auf Touren bringen. Die Ozeane verlieren ihre Fähigkeit zur zeitweisen CO2-Speicherung, weil sie immer saurer werden. Dem könne entgegengewirkt werden, indem man basischen Kalk in die Meere einbringt und damit deren Säuregehalt senkt.
Kalkstein wäre weltweit in ausreichender Menge vorhanden, schliesslich bestehen Gebirge wie der Jura oder die Alpen ganz oder teilweise aus Kalk. Dessen Abbau müsste allerdings gegenüber heute verzehnfacht werden. Dummerweise muss der Kalkstein (Kalziumkarbonat) zum Kalken der Meere zuerst zu Kalziumoxid (ungelöschtem Kalk) gebrannt werden. Dabei wird nicht nur Energie verbraucht, sondern der chemische Prozess selber setzt CO2 frei. Cquestrate hat allerdings berechnet, dass die gekalkten Gewässer doppelt so viel CO2 binden würden, wie bei der Gewinnung von ungelöschtem Kalk entsteht. «Eine theoretische Berechnung, die einigermassen hinkommen dürfte», bestätigt Klaus Lackner, Professor für Geophysik an der Columbia-Universität New York, im «Chemistry and Industry Magazine» und meint: «Man sollte es zumindest versuchen.»
Neu ist das Konzept, durch Kalkzugaben den pH-Wert saurer Gewässer zu erhöhen, nicht. In den achtziger Jahren versuchte man vor allem in Skandinavien, damit gegen den sauren Regen anzukämpfen, der viele Seen für Fische und andere Lebewesen unbewohnbar machte. Verursacher des sauren Regens waren damals vor allem Schwefeldioxidemissionen deutscher und britischer Kohlenkraftwerke. Teilweise werden Gewässer noch heute gekalkt - mit Erfolg, doch nicht ohne Nebenwirkungen: Viele Arten vertragen die unregelmässige massive Kalkzufuhr nicht und sind verschwunden.
Erfahrungen und Mahnungen
Anfang der neunziger Jahre hatten WissenschaftlerInnen sich bereits einmal mit der Idee beschäftigt, durch Kalken der Ozeane deren CO2-Aufnahme zu steigern. Doch kam man damals zum Ergebnis, dass mit Gewinnung, Produktion und Transport des Kalziumoxids mehr Klimagase freigesetzt würden, als sie das Meerwasser anschliessend zusätzlich aufnehmen könnte. Auch wegen der Kosten wurde das Konzept als uninteressant zu den Akten gelegt. Der Uno-Klimarat IPCC warnt in seinem letzten Bericht vor Versuchen, im grossen Stil in die Meere oder die Atmosphäre einzugreifen, um der Klimaerwärmung zu begegnen: Solches «Geo-Engineering» bleibe «hochspekulativ und mit unbekannten Risiken behaftet».
Weiterwursteln
Cquestrate fordert auf seiner Webseite zu Debatte und zu Kritik auf. Nina Jensen, Marinebiologin beim WWF Norwegen, begrüsst das grundsätzlich: Jeder Lösungsansatz sei es wert, geprüft zu werden. Doch diese Idee hält sie für ein «lebensgefährliches Experiment»: «Testet man so etwas in grossem Massstab ohne eingehende weitere Forschungen, sind die Konsequenzen nicht überschaubar. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass die Industrie und an ihrer Spitze Konzerne wie Shell auf solche Lösungen bauen. Da könnten sie dann einfach weiterwursteln wie bisher.»
Fröhliche Wissenschaft
Wer zutiefst davon überzeugt ist, Wissenschaft und technischer Fortschritt mehrten das Wohl der Menschheit, wird nicht akzeptieren, dass der technische Fortschritt für eine Schädigung der Umwelt verantwortlich sein soll, ohne gleichzeitig Lösungen hervorzubringen.
Freeman Dyson, 85-jähriger, eifrig publizierender Physiker und Mathematiker, hat in der «New York Review of Books» seine Lösung des Treibhausproblems skizziert. In zwanzig, spätestens aber in fünfzig Jahren werde es gentechnisch veränderte Bäume geben, die genug CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen können, um den vom Menschen verursachten CO2-Anstieg auszugleichen. Dazu müssten einzig auf der Kleinigkeit von einem Viertel der weltweiten Waldfläche die Bäume durch gentechnisch veränderte Artgenossen ersetzt werden, schätzt Dyson. Wo die Bäume den aufgenommenen Kohlenstoff hinpacken sollen, beantwortet er in seinem Aufsatz nicht, und Biosicherheit war noch nie ein Thema, über das sich Dyson allzu viele Sorgen gemacht hätte.
Dyson gehört zu jenen Akademikern (fast ausschliesslich Männer), die als «dritte Kultur» eine Brücke zwischen (literarisch gebildeten) Intellektuellen und (Natur-)WissenschaftlerInnen schlagen wollen. In Wirklichkeit ist ihr Projekt die feindliche Übernahme der gesamten intellektuellen Debatte durch die Naturwissenschaften. Auch Genetikpionier Craig Venter, der das Treibhausproblem mit einem synthetischen Bakterium aus seiner Bastelstube lösen will, gehört zum Umfeld dieser «dritten Kultur».
Ihren KritikerInnen halten die Fortschrittsoptimisten gerne entgegen, dass der technische Fortschritt doch oft (etwa in der Computertechnik) sämtliche Erwartungen übertroffen habe. Sie übersehen, dass es mindestens ebenso viele Gegenbeispiele gibt (etwa die Kernfusion), und dass der überraschende Fortschritt selten dort auftritt, wo man ihn bräuchte.
An Gentech-Bäumen, die CO2 aus der Atmosphäre aufnehmen sollen, arbeitet die Industrie tatsächlich. Dass Dysons Vision dereinst Realität wird, das sollte man dennoch nicht hoffen - braucht es aber auch nicht zu fürchten: Kaum eine andere Technik hat so viel versprochen wie die Biotechnik - und so wenig davon eingelöst.www.nybooks.com/articles/21494