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Erinnerungen an Yuko Maki
1919 - Deutschstunden für Yuko Maki 70 Jahre sind verflossen, seit sich unsere Wege zum erstenmal kreuzten. Es war im Herbst 1919, als an einem Sonntagabend eine rauhe Stimme meinen Namen rief. Wir sassen auf der Laube. Boss Adolf, der Hotelier zum Adler, hatte uns gesehen. Es sei ein Japaner in seinem Hause abgestiegen, und der möchte während des Winters Deutsch lernen. Ob ich bereit wäre, dem Herrn einige Stunden zu geben.
Ich äusserte Bedenken. An Arbeit fehle es mir nicht, mein Schulweg fresse mir den grössten Teil der Freizeit weg, und mit Privatunterricht verdiene man ohnehin nicht viel. Herr Boss liess sich jedoch nicht so ohne weiteres abweisen, im Gegenteil. Er drang immer energischer in mich und malte mir aus, was das für ein netter junger Herr sei, bis ich schliesslich einwilligte. Meine Bedenken blieben aber, besonders im Hinblick auf die Unterrichtsmethode. Herr Maki sprach Japanisch und Englisch und ich Deutsch und etwas Schulenglisch. Den grössten Teil von letzterem hatte ich während der Seminarzeit vergessen. Als Lehrmittel kam sicher nur ein Lehrbuch Englisch-Deutsch in Frage.
Ich fand meinen neuen Schüler im Eckzimmer des ersten Stockes im Gräfihaus, wie wir Einheimischen das Hotel Adler nannten. Damals waren die Japaner noch kleiner als heute, aber im Adler begegnete ich auch nach damaligen Begriffen einem wirklich klein gewachsenen Japaner. Ich erinnere mich bloss, dass Herr Maki die Schuhnummer 36 trug, während ich der 45 bedurfte. Körperlich waren wir zwei ganz verschiedene Exemplare des Homo Sapiens. Diesen Eindruck hatte wahrscheinlich Herr Maki auch, denn später schrieb er mir einmal auf einer Postkarte den herrlichen Satz: Grüssen Sie Fritz der Ochs von mir die Ziege. Ich wusste lange nichts anzufangen mit den rätselhaften Worten, bis mir Herr Saburo Matsukata auf die Spur verhalf. Herr Maki habe in seinem Buch unsere Zermatterseilschaft so beschrieben. Der mittelgrosse untersetzte Fritz Steuri glich dem Ochsen, Herr Maki in der Mitte einer Ziege und ich am Schluss einer Giraffe. Klar: Grüssen Sie Fritz der Ochs von mir die Ziege.
Wenn Herr Maki und ich körperlich einander so wenig glichen, zeigte es sich bald, dass wir seelisch bestens zu harmonieren schienen. Herr Maki war ein hervorragender Schüler und konnte sich sehr bald in deutscher Sprache verständlich machen. In der Pinte bestellte er nicht mehr eine Tasse Bier. Er verlangte einen Becher hell, wie es üblich war. Was wir alles für Lehrstoff durchgenommen haben, weiss ich nicht. Ich erinnere mich bloss, dass wir im Frühling 1920 Uhlands Ballade „Des Sängers Fluch“ miteinander lasen, was vielleicht nicht besonders für mein pädagogisches Geschick spricht, aber uns jungen Menschen doch irgendwie entsprach. Neben seinen Deutschstunden lernte Herr Maki fleissig skifahren. Sein Lehrer in diesem Fach war Emils Bruder Fritz Steuri. Ich sage Emils Bruder, weil Emil und ich in der Folge die Leibführer der Japaner wurden.
1920 - erste Bergfahrten mit Yuko Maki Es kam der Sommer 1920. Yuko Maki hatte sich unterdessen eine nach damaligen Begriffen erstklassige Bergsteigerausrüstung angeschafft. Bei Eduard Amacher liess er sich ein Paar Bergschuhe anmessen, natürlich Nagelschuhe. Vibramsohlen gab es noch nicht. Christian Schenk oder Alfred Bhend lieferten Eispickel und August Kissling nähte einen richtigen Führerrucksack. Pickel und Rucksäcke musste ich später kistenweise nach Japan schicken, denn Yuko Maki wurde, wenn nicht der Vater, so sicher der Reformator des japanischen Alpinismus.
Nun musste aber Makis Ausrüstung erprobt werden. Am 19. Juli bestiegen wir zusammen die Jungfrau vom Joch aus. Das Wetter war rauh und wechselhaft. Vom Rottalsattel über den Grat blies einem der scharfe Wind unbarmherzig Eisnadeln ins Gesicht. Zuweilen aber verjagte er das Gewölk. Die herrliche Bergwelt erschien plötzlich und blauer Himmel lugte, wenn auch nur für kurze Zeit, durch die Wolken. „O schön! Wie in Theater!“ rief Herr Maki aus. Hier erkannte ich den wahren Bergsteiger. „Jung sein heisst, dass die Seele nichts verdriesst, dass sie die Welt von Fall zu Fall geniesst“, hat J.V. Widmann geschrieben. Diese Worte fielen mir bei Makis Ausruf ein.
Als erster Tourist schrieb Herr Maki mir ins Führerbuch: „Es ist sehr schwer, dass man als ein Fremder einen guten Führer finden kann, wenn man keine Bekanntschaft hat. Aber ich war so glücklich, hier Herrn Samuel Brawand kennen zu lernen. Er hat natürlich die nötige Körperstärke, den Geist und die Kunst, die ein Führer haben soll! Ueber dies hat er grosse Kenntnis der Berge. Dies machte mir sehr Freude. Ich liebe jetzt die Alpen so wie meine Heimat. Ich danke ihm viel mal. Wie die Alpen ewiglich im jungen Lichte zittern, so lange unsere Herzen jung bleiben, wird mein Herz vor Freude springen bei all diesen Erinnerungen an die Fahrten mit meinem Führer. Bis wir uns wieder sehen, werden wir sicherlich nicht in Ruhe bleiben, sondern uns weiter ausbilden als Berggänger, und unser Weg gehe fort und fort der Höhe zu!“
Im August erschien Herrn Makis älterer Bruder Tomo-o in Grindelwald. Er hatte sein Studium an der Oxford Universität abgeschlossen und war auf dem Motorrad durch Frankreich nach Grindelwald gelangt. Mit den beiden Herren traversierten wir das Finsteraarhorn nach der Strahlegghütte und das Grosse Schreckhorn mit Abstieg über den Andersengrat nach Gleckstein. Wenn ich sage wir, so will das heissen, die beiden Herren und die Führer Emil, Fritz, Gottfried Steuri und ich. Fritz und Gottfried waren Emils Brüder. Ja, ja, das waren noch Zeiten, als man pro Herr zwei Führer rechnete. Wie herrlich war es, sich mit seinen Kollegen beraten zu können und die Verantwortung miteinander zu teilen. Voraussetzung war allerdings, dass die beiden Führer harmonierten oder sich gar ergänzten, wie dies bei Emil und mir der Fall war. Emil war zehn Jahre älter als ich, also zehn Jahre erfahrener. Er war ein Draufgänger, ich eher der Besonnene. Als ich in der Promontoirhütte die Route über die Meije studierte, meinte Emil zu mir: „Schmeiss das Zeug weg, das ist doch egal, wo wir den Berg anpacken.“ Er war ein ausgezeichneter Pfadfinder, aber uneingestandenermassen war er doch froh, wenn ich die Route in groben Züge im Kopfe hatte. „Ich hatt' einen Kameraden, einen bessern findst du nit“.
Frühling und Herbst, wenn der Adler seine Pforten schloss, siedelte Herr Maki ins Hotel Bahnhof über. Im Winter 1920 auf 1921 besuchte er Rom und Paris, wenn ich mich recht erinnere.
1921 - in Zermatt und zurück nach Grindelwald Der Sommer 1921 liess sich schlecht an. Es schneite noch im Juli bis in den Wald herunter. Weil das Wetter Hochgebirgstouren verunmöglichte, entschloss sich Herr Maki zu einer Skitour auf das Faulhorn. Es gab damals noch keine Firstbahn, weshalb wir die Ski bis ins Bachläger tragen mussten, bevor wir die Felle anschnallen konnten. Ich vermute sehr, dass Herr Maki diese Tour wählte, um mir eine Freude zu machen. Meine Braut arbeitete nämlich in dieser Zeit da oben mit ihrer ältern Schwester zusammen. So war Herr Maki, immer liebenswürdig und freundlich, nie Herr, immer Kamerad. - Die sommerliche Skiabfahrt gestaltete sich leidlich, aber ohne böse Kratzer an den Laufflächen ging sie nicht vonstatten.
Im August entschloss sich Herr Maki, nach Zermatt zu gehen. Leider lag Emil nach einer schweren Blinddarmoperation im Spital zu Interlaken. Als Ersatz für ihn kam sein Vetter Fritz Steuri am Endweg mit uns, womit die im erwähnten Kartengruss geschilderte Dreierseilschaft beisammen war.
Herr Maki wünschte in Zermatt in einem kleinen Hotel zu logieren, damit er mit uns Führern zusammen essen konnte. Wir fanden Unterschlupf in der Pension Alpina bei Familie Aufdenblatten. Unser erstes Unternehmen galt der Monte Rosa. Aber schlechtes Wetter hielt uns in der Bétempshütte fest. Als es auch am Sonntag nicht besser wurde, entschloss sich Herr Maki, mit uns auf den Gornergrat hinüber zum Mittagessen zu gehen. Auf den obersten Stufen der Freitreppe zum Hotel zupfte mich der Concierge am Aermel und sagte, zur Führerstube gehe es hinten herum. Ich antwortete ihm, das solle er nur ruhig gesorgt sein lassen, wir gehen mit dem Herrn. Als wir uns im noblen Speisesaal setzten, wollte Herr Maki wissen, was der Concièrge zu mir gesagt habe. Er amüsierte sich köstlich über unsere Hotelgepflogenheiten. Wieder in Zermatt meldete man Herrn Maki die Ankunft eines vornehmen Freundes aus Japan. Es handelte sich um den Sohn eines Generals aus dem russisch-japanischen Krieg, der sich mit seiner Frau auf einer Europareise befand. Seine Landsleute müsse er unbedingt auf den Gornergrat begleiten, meinte Herr Maki. Er habe im Hotel dort oben Zimmer für uns alle bestellt. Es sei doch am einfachsten, wenn Fritz und ich auch mitkommen. Ja, wirklich, so einfach war das. Aber es kam mir in meiner ganzen Führerlaufbahn nie mehr vor, dass ich auf Kosten des Touristen im Taglohn eine Spritztour mit Uebernachten in einem erstklassigen Berghotel geniessen durfte. Sowas konnte nur Herr Maki erfinden.
Als wir uns auf dem Grat dem Hotel näherten, stand die Dienerschaft auf der Freitreppe Spalier, und keiner zupfte mich am Aermel. „Was hat er ihnen wohl am Sonntag Trinkgeld gegeben“, sagte ich zu Fritz.
Auf die Monte Rosa hatte Fritz Steuri geführt. Auf das Matterhorn durfte ich trotz meiner Jugend vorausgehen. An Einzelheiten erinnere ich mich kaum, es sei denn, dass die Köchin im Hotel Belvédère die Pfeife rauchte, oder dass ich mich dem obersten fixen Seil vollkommen anvertraute und dann feststellen musste, dass es an seinem obern Ende bis auf Fingerdicke durchgescheuert war. Ein anderes Mal ergreifst du dich dann mit der einen Hand am Fels, dachte ich. Doch, doch, da kommt mir noch in den Sinn, dass mir bei der Rückkehr nach Zermatt sterbensübel war und ich dem köstlichen Nachtessen in einem der ersten Restaurants des Kurortes nichts abzugewinnen vermochte. Es reut mich heute noch.
Nun aber war es Zeit, nach Grindelwald zurückzukehren. Wir wählten den Weg über das Aletschhorn nach dem Jungfraujoch. Auf die Belalp fuhr damals noch keine Bahn, weshalb der Anmarsch von Brig her sich lang und mühsam gestaltete. Aber das bereitete uns weder Verdruss noch Kummer. Hingegen waren wir schon ein bisschen enttäuscht, als wir die Oberaletschhütte gestossen voll vorfanden. Nur mit Müh und Not gelang es, Herrn Maki ein winziges Plätzchen auf einer Pritsche zu erkämpfen. Fritz und ich verbrachten die Nacht auf zwei Langbänken. Leider wimmelte es in jener Nacht in der Oberaletschhütte nicht nur von Menschen, sondern auch von lästigen kleinen Tierchen, die in mächtigen Sätzen von Biss zu Biss eilten. Nein, nein, die Zeit der Flöhe war noch nicht vorbei. Wir hatten den Berg längst überschritten, als wir uns am Fuss der Haslerrippe eine Mittagsrast gestatteten. Herr Maki kratzte sich bald hier bald dort, was uns zu verschmitztem Lachen reizte. „Zi zind zehr fleissig“, meinte er, was wir nur lebhaft bestätigen konnten.
10. September 1921 - Erstbegehung des Mittellegigrates
Als wir nach Grindelwald zurückkamen, fragte mich Herr Maki, ob es denn nicht noch etwas Neues in den Alpen gebe, eine Route, die noch nicht erstiegen sei. Das gab es damals noch, und für uns Grindelwalder stand als wichtigstes Problem die Besteigung des Eigers über den Mittellegigrat zu Buch. Im Abstieg war dieser Grat längst begangen worden, aber bisher waren zahlreiche Aufstiegsversuche bedeutender Alpinisten fehlgeschlagen. Noch in diesem Sommer waren die beiden bekannten Deutschen Pfann und Horoschowski am steilen Aufschwung hinter dem Hick gescheitert.
Nie fehlte mir Emil wie damals. Mit seinem Bruder Adolf hatte er seinerzeit die Besteigung des Berges über den Mittellegigrat versucht. Aber jetzt war er krank und konnte nicht helfen. Und doch musste ein Mann her, der die Struktur und die Schwierigkeiten des Grates kannte, wenn wir auf ein Gelingen des Unternehmens zählen wollten. Versuche waren genügend gemacht worden. Wir aber wollten gewinnen. Und dafür konnte am besten Fritz Amatter helfen, hatte er doch den zweiten Abstieg über den Grat hinter sich.
Das Unternehmen gelang. Am 10. September 1921 abends sieben Uhr standen wir vier auf dem Gipfel des Eigers. Fritz Amatter und Fritz Steuri hatten einander im Ueberwinden der zahlreichen Schwierigkeiten unterstützt, und ich hatte Herrn Maki nachgeführt. Er hatte sich wiederum als hervorragender Bergsteiger erwiesen.
Wenn ich mich an unsern triumphalen Einzug am Sonntag, den 11. September in Grindelwald erinnere, kommt mir die Fotografie in den Sinn, auf welcher Herr Maki auf den Schultern zweier Engländer getragen wird. Sein Gesicht zeigt deutlich, wie peinlich ihm die wohlgemeinte Ehrung war. Dem bescheidenen Manne widerstrebte es, öffentlich gefeiert zu werden. Dabei stieg er in unsrer Achtung viel höher, als ihn die begeisterten Engländer zu heben vermochten.
Noch ein Detail muss ich hier anfügen, das den Charakter Herrn Makis hervorhebt. Beim Anstieg zu unserm Freilager auf dem Grat entfiel mir die etwa drei Meter lange Stange, welche wir als Kletterhilfe mitführten. Ich schämte mich meiner Unachtsamkeit, denn, wäre mir die Stange den Berg hinuntergehüpft, wäre das einer Schwächung der Erfolgschancen gleichgekommen. Der kleine Vorfall aber sah in den Augen Herrn Makis ganz anders aus. In meinem Führerbuch stehen folgende Sätze: „When we were climbing on the Mittellegigrat from the side of Kallifirn, he lost the woodenpole which was most important instrument for this climb. At this moment , he threw himself after the pole and got it back. Not thinking of a bit after his own safety! I couldn't keep from the tears came down.“ Ich kann mir sehr wohl einen Bergsteiger vorstellen, der über eine solche Unachtsamkeit seines Führers geflucht hätte.
1924 - die Mittellegihütte wird eingeweiht
Herr Maki entlöhnte uns fürstlich und spendete dem Führerverein zehntausend Franken zum Bau einer Hütte auf der Mittellegi. Im Herbst 1924 weihten wir sie ein. Makis Bild über dem Esstisch hat seither unzählige Bergsteiger und Bergsteigerinnen begrüsst, die sich zur einzigartigen Fahrt über den Grat ausruhten. Der Bau einer zweiten Schlafstätte ist unterdessen nötig geworden. Bei einem köstlichen Mahle feierte Herr Maki mit uns drei Führern und unsern Frauen im Hotel Adler die gelungene Erstbesteigung. Kurz danach kehrte er in sein fernes Heimatland zurück.
Heute wimmelt das Tal schier das ganze Jahr von japanischen Gästen. Das war damals anders. Japaner sah man äusserst selten auf unsern Strassen. Deshalb zog Herr Maki die besondere Aufmerksamkeit der Einheimischen auf sich. Weil er sich immerhin fast zwei Jahre bei uns aufhielt, kannte ihn fast jedes Kind. Man vermisste daher den freundlichen Mann, als er nicht mehr auf Weg und Steg erschien.
1926 - zweiter Aufenthalt von Yuko Maki in Zermatt und Grindelwald
Im Juli 1926 kam Herr Maki zum zweiten Mal nach Grindelwald. Er hatte die Reise des damaligen Kronprinzen von Japan vorzubereiten. Emil Steuri und ich durften ihn zusammen mit seinem Freund Saburo Matsukata im Juli nach Zermatt begleiten.
Herr Maki war ein leidenschaftlicher Pfeifenraucher. Im Zug von Visp nach Zermatt fiel ihm plötzlich auf, dass ich nicht wie früher an meiner Pfeife sog. Er fragte, was denn mit mir los sei. Ich habe schon vor einem Jahr das Rauchen aufgegeben, erklärte ich ihm, worauf er verwundert ausrief, einen Bergführer ohne Tabakpfeife könne er sich nicht vorstellen. Kaum in Zermatt angekommen, zog er mich in den erstbesten Tabakladen, kaufte eine Pfeife, einen Tabakbeutel und eine Büchse Dunhill. So, nun werde geraucht, erklärte Herr Maki. Und es wurde. Man muss natürlich wissen, dass in Herrn Makis Seilschaft eine, was das Rauchen betraf, absolute Gemeinwirtschaft gepflegt wurde. Es gab nur eine Tabakbüchse, aus der alle drei ihre Beutel füllten, die Büchse des Herrn Yuko Maki. Und, wenn die Büchse leer war, hatte ich für eine neue zu sorgen. Ich war überhaupt so etwas wie ein Quartiermeister geworden.
Neben Tabak hatte ich auch für Proviant und Fahrkarten zu sorgen. Ich schrieb all meine Ausgaben getreulich in meinen Taschenkalender, aber Herr Maki schaute nie nach, und es nahm ihn auch nicht wunder, ob ich richtig zusammengezählt habe. Gottlob habe ich sein unbedingtes Vertrauen nie missbraucht.
Ich habe vorhin von drei Rauchern gesprochen. Wir waren doch vier, seit Herr Matsukata zu uns gestossen war. Gewiss, aber der war konsequenter Nichtraucher. Hei, war das ein Bergsteigen mit den zwei ausgezeichneten Gängern. Rothorn und Obergabelhorn kamen zuerst dran. Damals übernachtete man noch im Trift-Hotel. Die Hütte am Eseltschuggen gab es noch nicht. Im Sommer vorher hatte ich das Obergabelhorn mit einem Deutschen überschritten und dafür 23 Stunden gebraucht. Mit den Herren Maki und Matsukata zeigte die Uhr genau auf Mittag, als wir in Arben den Schönbühlhüttenweg erreichten, also den ganzen Berg hinter uns hatten.
A propos Schönbühlhütte. Sie war nach Rothorn und Obergabelhorn unser nächstes Ziel, wollten wir doch dem Matterhorn über den Zmuttgrat zu Leibe rücken. Der Hüttenweg ist lang. Das wusste Herr Maki, und als wir die beiden Herren vor dem Hotel abholten, stand ein Maultier bereit, dem wir unsere Säcke aufladen durften. Sowas ist mir nie wieder vorgekommen. Ledig aller Last genossen wir den Anmarsch zu einer der schönsten Bergtouren, die es gibt: Matterhorn über Zmutt-Italienisch.
Auf dem Rückweg nach Grindelwald überschritten wir das Bietschhorn über den Ostsporn mit Abstieg über den herrlichen Westgrat.
August 1926 - Mit Kronprinz Chichibu in den Berner- und Walliseralpen
Im August kam seine kaiserliche Hohheit Kronprinz Chichibu in Grindelwald an. Herr Maki organisierte die Expedition des hohen Gastes bis ins kleinste Detail. Als Führer bestimmte er dem Alter nach Fritz Amatter (1873), Heinrich Fuhrer (1875), Fritz Steuri (1879), Emil Steuri (1888) und Samuel Brawand (1898). Genau so wurden sie auch in den beiden Seilschaften eingesetzt. Das Protokoll erlaubte es nämlich nicht, dass sich der Kronprinz allein mit zwei Führern zusammenband. Da musste unbedingt noch ein japanischer Bergsteiger am gleichen Seil mitklettern. Aus diesem Grunde entstand die Fünferseilschaft Amatter-Prinz-Fuhrer-Maki-Steuri Fritz. Emil und ich bildeten dann mit dem hervorragenden Berggänger Watanabe Hatiro eine zweite Seilschaft.
Wer denn Heinrich Fuhrer sei, fragst du? Herr Maki traf ihn in Kanada, wo er als Bergführer tätig war. Fuhrer stammte aus Meiringen und betrieb in Gstaad ein Sportgeschäft. Mit Fuhrer und Hans Kohler bestieg Herr Maki den Mount Alberta zum erstenmal.
Zu Beginn der Expedition ordnete Herr Maki zwei Trainingstouren an, welche ich als Führer begleiten durfte. Die erste führte von der Wengernalp über den Tschuggen nach Männlichen und die zweite über Röti und Simeli nach dem Faulhorn.
Dann aber ging es richtig los. Gewiss war die Fünferseilschaft etwas schwerfällig, aber Hauptsache war, dass sowohl die Reise durch die Berner- wie auch diejenige durch die Walliseralpen ohne den geringsten Unfall ablief. Leider konnte ich im Wallis nicht mehr mittun, weil ich in den Militärdienst einrücken musste. In Josef Knubel aus St. Niklaus hatte Herr Maki jedoch einen trefflichen Ersatzmann gefunden. Als Beispiel, wie Herr Maki als Bindeglied und Leiter der ganzen Hochgebirgsreise fungierte, sei hier nur erwähnt, dass er den Prinzen fragte, wie wir ihn anreden sollten. Kaiserliche Hoheit wollte nicht so recht über unsere Republikanerlippen. Wir staunten aber über die Grosszügigkeit des kaiserlichen Bergsteigers, als uns Herr Maki seine Antwort übermittelte: Wir sollen einfach Herr Prinz zum Thronanwärter von Japan sagen.
Zum Abschluss des denkwürdigen Sommers 1926 bestiegen im September Emil und ich mit den Herren Maki, Matsukata und Watanabe den Mönch über den Nollen. Auf dem Jungfraujoch trafen wir die beiden Töchter Gsteiger vom Hotel Bahnhof und starteten zu einer unvergesslichen Abschlusstour über das Finsteraarhorn nach der Grimsel.
Bald darauf kehrte Herr Maki nach Japan zurück. Sicher dachte damals keiner von uns, dass wir uns erst einundreissig Jahre später wiedersehen würden, geschweige denn an die Umstände oder die Art und Weise, wie dies geschah. Der Kontakt blieb über die ganze Zeit bestehen. Man schrieb einander mindestens zu jedem neuen Jahr und hörte durch Bergsteiger, die mit Herrn Makis Ratschlägen zu mir kamen, voneinander. Und deren waren etliche.
Japanische Alpinisten auf den Spuren von Yuko Maki
Schon 1923 kam Herr Bekku, 1925 Herr Matsukata und nach 1926 riss die Reihe nicht ab. So folgten die Bergsteiger Uramatsu, Kokubu, Yamasaki, Kakiage, Isono, Ida, Foujishima und die Brüder Ichiro und Jiro Taguchi. Kleinere Ausflüge, meist auf Ski, machte ich zudem mit dem jüngsten Bruder Makis und den Herren Ohno, Ijuin und Kishi, sowie Matsumoto, der mit von der Partie war, als wir etwas östlich des Wetterhorngipfels durch die Nordflanke direkt auf den Gutzgletscher abstiegen. Es würde den Umfang dieses Berichtes sprengen, wollte ich auch nur summarisch auf die herrlichen Fahrten eingehen, die ich mit diesen Herren machen durfte.
Den Höhepunkt erreichte meine Führerlaufbahn wohl in den Jahren 1927 und 1928, als Emil und ich die Herren Matsukata und Uramatsu führten. Aus unseren Touren seien nur Meije, Grépon, erste Überschreitung der Eiger-Hörnli und die Erstbegehung des Wetterhorn-Westgrates erwähnt. Waren das Bergfahrten!
1957 - Mit dem Swissair-Erstflug nach Japan
Mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges schloss ich meine Führerlaufbahn ab und wandte mich mehr und mehr der Politik zu. Ich wurde in die kantonalbernische Regierung gewählt, und als Bau- und Verkehrsdirektor vertrat ich den Kanton im Verwaltungsrat der Swissair. So kam es dazu, dass ich im Frühjahr 1957 am Erstflug unserer nationalen Fluggesellschaft nach Japan teilnehmen durfte.
Ich schrieb an Herrn Maki und teilte ihm mit, dass ich mich herzlich freue, nach Japan zu kommen und noch mehr, ihn und seine Bergkameraden wiederzusehen. Wir würden vom 5. bis 10. April in seiner Heimat zubringen.
Die Antwort kam postwendend. Es komme natürlich nicht in Frage, dass ich nur so wenige Tage in Japan verweile. Ich müsse länger bleiben. Er lade mich ein zu einem längern Aufenthalt in seiner Heimat. Um die Kosten habe ich mich nicht zu kümmern.
Am 1. April 1957 startete unsere grosse Reisegesellschaft mit einer DC 6B in Genf. Wir flogen über Beirut nach Karachi, wo wir am 2. April zu Mittag speisten und uns mit Geschenken beim Regierungsoberhaupt meldeten. Weitere Stationen solcher Art waren Bombay, Bangkok und Manila. Endlich, am 5. April nachmittags landeten wir auf dem Flughafen Haneda in Tokio.
Es kribbelt mir in allen Fingern, die mannigfachen Eindrücke und Erlebnisse, welche mir auf dieser wundervollen Reise begegneten, zu schildern, aber das gehört nicht zum Thema.
Da stand unsere Reisegesellschaft also im Flughafen Tokios in langer Reihe bereit zur Zollabfertigung. An der Spitze Swissair-Verwaltungsratspräsident Heberlein, der Vertreter des Bundesrates, Minister de Rahm, die Vertreter der Flugplatzkantone Zürich, Genf, Basel und Bern, die weiteren Mitglieder des Verwaltungsrates, die Direktoren der Swissair und eine grosse Zahl von Journalisten. Plötzlich erschien ein Uniformierter des Flugplatzes und rief mit lauter Stimme: „Is there a Mr. Brawand?“ Ja, es seien sogar zwei dieses Namens da, welchen er meine, fragte ich den Herrn.
Er meine Samuel Brawand, erwiderte er, worauf er sich mir näherte und vorstellte: „I am Matsukata.“
Ja, er sei ohne Zweifel Matsukata, entgegenete ich, denn er lache genau wie sein Vater. Der junge Japaner nahm mir den Koffer aus der Hand und bat mich, ihm zu folgen. Er führte mich hinaus in die grosse Halle, wo mich eine ganze Gruppe wohlbekannter Gesichter empfing. Unter der Führung von Herrn Maki standen da die Herren Matsukata, Bekku, Prof. Yamasaki und Foujishima. Es war mir schon ein bisschen peinlich, plötzlich zum Mittelpunkt des Empfangs geworden zu sein, denn es galt doch die Reise unserer Fluggesellschaft und nicht dem ehemaligen Itramenschulmeister.
Als Gast von Yuko Maki in Japan
Nach einem Ausflug unserer Reisegesellschaft nach Nikko holte mich am Abend des folgenden Tages Herr Matsukata zu einem Empfang im Japanischen Alpenclub ab. Dazu waren sämtliche Japaner, mit denen ich irgendwie in Beziehung gekommen war, erschienen, selbst Prinzessin Chichibu, nicht aber ihr Gemahl, der leider schon lange nicht mehr lebte. Aus demselben Grunde fehlte Herr Ida. Aber sonst waren all meine guten Freunde erschienen, selbst, wie schon erwähnt, Professor Yamasaki hatte die lange Reise von Sapporo nach Tokio nicht gescheut. Ich war nahe dabei, Makis Worte in meinem Führerbuch zu zitieren: „I couldn't keep from the tears came down.“
Natürlich musste ich eine Rede halten, welche Herr Jiro Taguchi abschnittweise übersetzte und selbstverständlich sangen wir das Grindelwaldlied, nicht schön, aber sehr laut. Im Gruppenbild erhielt ich den Ehrenplatz zur Rechten der Prinzessin, ihr zur Linken sass Herr Yuko Maki.
Die Prinzessin erschien ebenfalls an einem Empfang auf der Schweizer Botschaft und lud mich zu einem Mittagessen in ihr Palais ein. Mit uns speisten Herr Maki, Herr und Frau Matsukata, das Ehepaar Matsumoto und die Herren Watanabe Vater und Sohn, welch letzterer eben von einer Südpolexpedition zurückgekehrt war.
Mehrere Tage begleitete mich Herr Maki auf einer Reise durch Japan. Es ist nicht möglich, die tausend neuen Eindrücke, die sich mir in jenen Tagen boten, zu schildern. Da wäre über die gewaltige Aussicht auf Rocco bei Kobe, oder vom Uebernachten in den beiden japanischen Inns zu berichten, wie ich es in Kioto und besonders in Futami erlebte. Ich erinnere mich, wie wir im wunderbaren Holztempel zu Nara mit einem buddhistischen Priester an der riesigen Buddhastatue herumkletterten, um Kopien der schönen Verzierungen mitzunehmen, wie wir auf Pearl Island den Taucherinnen zuschauten und das tiefblaue Meer bewunderten. Es sei bloss erwähnt, dass wir mit den Erstbesteigern des Manaslu - Herr Maki war Leiter der erfolgreichen japanischen Manasluexpedition 1955 - im New Osaka Hotel einen gemütlichen Abend verbrachten und mit Ingenieur Bekku das damals neue Kraftwerk Sakuma besuchten. Das sind nur ganz wenige der Erinnerungen an die herrlichen Tage, die ich damals mit Herrn Maki erlebte, sie leben alle fort in meinem Geist, und mein allzeit liebenswürdiger Begleiter bleibt unvergessen.
Nach der Reise mit Herrn Maki wurde ich von verschiedenen Bekannten zu Streifzügen durch und um Tokio abgeholt. So half mir Frau Taguchi beim Einkauf von Seide, der ehemalige Landwirtschaftsminister Ishiguro führte mich durch den Ise-Shrine. Das Tüpfchen auf das i war ein herrlicher Ausflug an Ostern ins Landhaus des Industriellen Joshida. Herr und Frau Foujishima begleiteten mich dorthin. Die Mahlzeit am chinesischen Drehtisch und den Osternachmittag unter Gesang von Schweizerliedern, die von der Tochter des Hauses trefflich auf dem Klavier begleitet wurden, werde ich nie vergessen. Am 27. April flog ich nach der Schweiz zurück. Mindestens zwanzig Personen verabschiedeten mich auf dem Flugplatz.
Ich weiss nicht, wie viel später, aber ich meine doch, dass kurz darauf in London das 100jährige Bestehen des Alpine Club gefeiert wurde. Die Herren Maki und Matsukata waren Mitglieder dieses berühmten Alpinistenvereins. Auf einen Wink Herrn Matsukatas konnte ich mich bei dieser Gelegenheit ganz bescheiden revanchieren für die fürstliche Aufnahme, welche mir in Japan zuteil geworden war. Selbstverständlich machten die beiden Herren einen Abstecher nach Bern, wo ich damals zu Hause war, und ebenso selbstverständlich fuhren wir zusammen nach Grindelwald, wo wir so manche schöne Erinnerung aufzufrischen hatten.
1988 - Ehrenmitglied des japanischen Alpenclubs, Abschied von Yuko Maki
Seither sind wieder dreissig Jahre vergangen. Wir haben uns nie mehr getroffen, und trotzdem riss der Kontakt mit Herrn Maki, aber auch mit den andern japanischen Freunden, nie ab. Im Dezember 1988 wurde ich zu meiner Freude gar zum Ehrenmitglied des Japanischen Alpenclubs ernannt, und letztes Jahr noch brachte mir meine Enkelin Grüsse von Herrn Maki, den sie in seinem Heim hatte besuchen dürfen. Anfangs Mai dieses Jahres telegrafierte mir Herr Taguchi, Herr Maki sei gestorben. Mit ihm ist von den vieren, die am 10. September 1921 abends sieben Uhr
auf dem Gipfel des Eigers standen, der dritte ins Grab gesunken. Ich werde der letzte sein.
Dem gütigen Geschick bin ich aus tiefster Seele dankbar, dass es mich mit Yuko Maki, diesem bedeutenden Alpinisten und trefflichen Menschen zusammengeführt hat. Ohne unsere Begegnung wäre mein Leben ganz anders verlaufen.
Grindelwald, im Juli 1989 Samuel Brawand
Impressum
Redaktion: Margrit Brawand und Walter Dürig
3818 Grindelwald, im Oktober 1998