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| Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

11. Buch
31. Der siebente Tag kündet Fülle und Ruhe.
In dem siebenten Tage, d. h. in der siebenten Wiederholung desselben Tages — eine Zahl, die auch wieder, jedoch in anderer Hinsicht vollkommen ist — wird das Ruhen Gottes dem Verständnis nahegelegt, und hier ist auch zuerst die Rede von Heiligung1 . So wollte also Gott diesen Tag nicht in irgendwelchen Werken heiligen, sondern in seiner Ruhe, die keinen Abend hat; sie ist ja auch kein Geschöpf, so daß sie ihrerseits ebenfalls, je nachdem sie im Worte Gottes oder aber in sich selbst erkannt wird, eine Art verschiedenes Wissen, eine Art taghelles und eine Art dämmeriges, bewirkte. Über die Vollkommenheit der Siebenzahl nun ließe sich allerlei sagen; aber dies Buch ist ohnehin schon lang geworden und ich fürchte, es möchte den Anschein gewinnen, als würde ich die Gelegenheit benutzen, um mein bißchen Wissen nicht so sehr zum Nutzen als zur Spielerei hervorzukehren. Ich muß daher auf Mäßigung und Ernst Bedacht nehmen, damit man nicht, wenn ich mich über die Zahl ausführlich ergehe, urteile, ich hätte Maß und Gewicht hintangesetzt. Es möge also genügen, zu erinnern, daß die erste ganz ungerade Zahl die Zahl drei ist, die erste ganz gerade Zahl vier; und aus diesen beiden besteht die Zahl sieben. Deshalb wird sie oft für eine Gesamtheit gesetzt, wie in der Stelle: „Siebenmal wird der Gerechte fallen und sich wieder erheben“2 , d. h. so oft immer er fällt, er wird nicht zugrunde gehen, was übrigens nicht von Sünden, sondern von Trübsalen, die zur Demut führen, verstanden sein will; oder: „Siebenmal des Tages werde ich Dich preisen“3 , was an einer andern Stelle also umschrieben ist: „Immerdar sei sein Lob in meinem Munde“4 ; und viele derartige Stellen finden sich in der Hl. Schrift, in denen die Siebenzahl, wie gesagt, regelmäßig für irgendeine Gesamtheit gesetzt ist. Deshalb wird auch mit dieser Zahl häufig der Heilige Geist bezeichnet, von dem der Herr sagt: „Er wird euch alle Wahrheit lehren“5 : Und in der Siebenzahl auch Gottes Ruhe, durch die man in Gott ruht6 . In der Gesamtheit nämlich, d.h. in der allseitigen Vollendung findet sich die Ruhe; im Teil dagegen Mühsal. Darum mühen wir uns ab, solange wir „nur im Stückwerk erkennen; wenn aber das Vollkommene erscheint, dann wird das Stückwerk aufhören“7 . Daher kommt es, daß wir uns auch durch die Hl. Schrift mit Mühsal durcharbeiten müssen. Die heiligen Engel dagegen, deren Scharen uns beizugesellen unsere Sehnsucht ist auf dieser äußerst mühseligen Pilgerschaft, sind im Genusse wie eines ewigen Seins, so eines mühelosen Erkennens und eines beseligenden Ruhens. Denn ohne Beschwerde leihen sie uns ihre Hilfe, weil sie sich in ihren rein geistigen und freien Bewegungen nicht abmühen.
1: Gen. 2, 3
2: Spr. 24, 16.
3: Ps. 118, 164.
4: Ebd. 33, 2.
5: Joh. 16, 13.
6: Vgl. XI 8 am Anfang.
7: 1 Kor. 13, 9 f.