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Zum ersten Mal habe ich den ‘18. Brumaire’ von Marx gelesen, als ich schon einige Zeit in der politischen Widerstandsbewegung aktiv war. Ich war unmittelbar angezogen davon, wie es Marx gelang, in den Bewegungen der Tagespolitik die Klassenverhältnisse so zu benennen, dass die immer willkürlich und chaotisch scheinenden Bewegungen des politischen Alltags einen Sinn bekamen. Zudem beeindruckte mich Marxens Fähigkeit, das politische Verhalten von gesamten Klassen auf Begriffe zu bringen und das an den Ereignissen so festzumachen, dass diese erst richtig verständlich wurden. Spätere Texte aus dem Marxismus blieben vielfach stumpf, richtig im Benennen des Klassencharakters, aber so allgemein, dass aus diesem Benennen kein Verständnis der jeweiligen Situation entsprang. Erst viel später habe ich begriffen, dass es einen grossen Unterschied macht, ob man eine Theorie verwendet, um die aktuellen Ereignisse besser zu verstehen, oder ob man aktuelle Ereignisse verwendet, um eine Theorie zu illustrieren. Marx macht ersteres, und es gelingt ihm hervorragend, die Ereignisse verständlich zu machen. Ich habe mich beim Wiederlesen aber gefragt, inwieweit die dadurch gewonnenen theoretischen Einsichten verallgemeinerbar und heute noch aktuell sind.
In seinem Werk beantwortet Marx zunächst die Frage, wie es einer so jämmerlichen Figur wie Louis Bonaparte gelingen konnte, kurz vor dem Ende seiner Präsidentschaft in einem Putsch die Macht an sich zu reissen und ein neues Kaiserreich zu begründen. Marx zeichnet dazu die politische Entwicklung in Frankreich von 1848, als in der Februarrevolution der «Bürgerkönig» Louis Philippe verjagt wurde, bis zum Putsch von Louis Bonaparte 1852 nach. Brennpunkt ist dabei das Parlament, zuerst die Konstituante, die die neue Verfassung ausarbeitete, und danach die Nationalversammlung, das reguläre Parlament. Das Büchlein ist in sieben Kapitel unterteilt, die – mit Ausnahme des letzten Kapitels – einer chronologischen Abfolge entsprechen. Dazu teilt Marx den Ablauf der Ereignisse in Perioden auf, die mit den einzelnen Kapiteln korrespondieren. Da immer wieder andere politische Parteien mit unterschiedlichem Klassencharakter am Ruder sind, ergibt sich in jedem Kapitel auch Gelegenheit, allgemeine Feststellungen zu treffen. Viele dieser Feststellungen sind in den Grundstock der politischen Theorie des Marxismus eingegangen: der Wankelmut des Kleinbürgertums in seinem Versuch, die Widersprüche zwischen Kapitalisten und Arbeiter/innen zu versöhnen; die verschlungenen Wege der proletarischen Revolution, die sich fortwährend kritisiert und die alten Fehler verhöhnt; die Wiederkehr von Ereignissen als Komödie.
Der chronologische Charakter der Darstellung lässt leicht übersehen, dass die einzelnen Perioden sehr scharf charakterisiert werden und die Schilderung der Ereignisse dazu dient, die impliziten Thesen zu stützen. Es geht Marx darum, jeweils die „eigentümlich Physiognomie [einer] Periode“ zu erfassen. Die allgemeinen Charakteristiken (z.B. der Kampf der reaktionären Mächte gegen die «demokratischen Anliegen» einer Volkspartei) sind einfach zu sehen, deswegen aber auch banal. Um die eigentümliche Physiognomie zu sehen, braucht es starke Interpretationen, die sich nicht aus dem empirischen Material direkt ableiten lassen. Marx selber ist bewusst, dass es sich um Interpretationen handelt. Er nimmt im Text Einwürfe gegen seine Thesen in Gesprächsform auf und beantwortet sie. Es macht Reiz und Risiko dieses Büchleins aus, dass die grossen Schlussfolgerungen so einfach daherkommen und in enger Verbindung mit den Einzelereignissen stehen, aber alles andere als banal sind, so dass es nicht einfach ist, die eigenen Ereignisse ebenfalls so anzugehen.
Marx hatte allerdings das Glück, eine Zeit zu beobachten, in der die Herrschaft einer Klasse noch nicht gefestigt war, sondern erst errungen, verteidigt und installiert werden musste. Die methodische Regel, dass ein Phänomen am besten von seinen Rändern her verstanden werden kann, lässt sich hier anwenden. Wenn die Verhältnisse in Bewegung sind, offenbaren sie sich viel mehr, als wenn sie seit Jahrzehnten gefestigt und erstarrt sind, so dass sich kaum mehr unterscheiden lässt, was an einem Zustand Notwendigkeit und was historischer Zufall ist, da beides mit der Gravität der langen Dauer auftritt und sich nur schwer bewegen lässt.
Beim Wiederlesen des Büchleins frappiert die negative Charakterisierung der Staatsmaschinerie, die von Marx eigentlich nur als Parasit am Gesellschaftskörper wahrgenommen wird, der zudem dazu dient, den überflüssigen Sprösslingen der Bourgeoisie eine Anstellung zu garantieren. Marx setzt dagegen das Ideal der Selbsttätigkeit der Gesellschaftsglieder zur Befriedigung ihrer gemeinsamen Interessen, die ihnen eben nicht vom Staat entrissen und als allgemeine Interessen gegenübergestellt werden sollen – eine Staatsvorstellung, die nahe an dem ist, was heute als Anarchismus verstanden wird und etwa 20 Jahre später in der Pariser Commune eine von Marx enthusiastisch begrüsste Realisierung fand. Die Zentralisierung der Staatsgewalt wird auf die Notwendigkeit des Kampfes der Bourgeoisie gegen die feudale Ordnung zurückgeführt. Da der Staat aber auf der Masse der Bauernparzellen ruht, wird der Zusammenbruch des Staates aufgrund der ökonomischen Schwierigkeiten dieser Parzelle prognostiziert, ohne dass Marx die Möglichkeit erwägt, dass dieser Staat sich auch verändern kann bzw. ohne die Frage zu stellen, was nachfolgt, wenn der einzelne Parzellenbauer in Konkurs geht. Im Nachhinein gesehen ist Marxens Prognose des Zusammenbruches dieses Staates grandios falsch. Das spricht nicht dagegen, Prognosen zu wagen, soll aber davor warnen, Entwicklungen linear weiterzudenken. Marx konnte nicht sehen und hat auch die Möglichkeit nicht bedacht, dass der Staat der Bourgeoisie nicht nur eine Abwehr gegen den Feudalismus war, sondern die Möglichkeit bot, gewisse Klassen einzubinden, was Gramsci später als Hegemonie bezeichnen würde.
Marx selber hat seine Schrift als Beitrag zur Beseitigung oberflächlicher historischer Vergleiche gesehen, dadurch dass er den eigentümlichen Charakter der damaligen politischen Situation herausarbeitet. Das hat nicht verhindert, dass zwischen den beiden Weltkriegen in der Dritten Internationale intensiv darüber diskutiert wurde, ob sich Marxens Synthese, dass die Machtergreifung Bonapartes nichts anderes als dem Wunsch der Bourgeoisie entspricht, politisch nicht selber zu regieren, sondern regiert zu werden, um so die ökonomische Macht umso intensiver zu geniessen, auf die damalige Zeit der Machtergreifung der faschistischen Parteien in Deutschland und Italien übertragen liess. Das ist auch in den heutigen Zeiten (Trump) eine naheliegende, wenn auch irreführende Analogie. Denn auch wenn sich einige Züge der damaligen Zeit auf die heutige übertragen lassen, führt das zu einem oberflächlichen Vergleich, der dem entgegenläuft, was Marx anstrebte: die Eigentümlichkeit der aktuellen Periode zu verstehen. Ein solches Verständnis ist kein Luxus, sondern eine unverzichtbare Voraussetzung für gezieltes politisches Handeln.
Gewitzigt durch die Lektüre zahlreicher empirischer Studien quantitativer oder qualitativer Art fragt man sich allerdings, ob es heute noch möglich ist, nach Marxens Vorbild apodiktische Aussagen zu machen. Diese erscheinen als Spekulation, nicht im modernen Sinne einer haltlosen Behauptung, sondern im Sinne seines Lehrers Hegel, der unter Spekulation die vorurteilslose Betrachtung der Verhältnisse zwecks Begreifen ihres eigentümlichen Wesens verstand und mit diesem Verfahren zu Ergebnissen kam, die von Lenin als ‘genial erraten’ gelobt wurden. Wenn man politisch handeln will, braucht es dazu ein Verständnis der Situation, das nicht aus empirischen Studien zu gewinnen ist, weil diese nur Momentaufnahmen sind, die wenig bis nichts über die Gründe für die Entwicklung dazu, die generelle Verallgemeinerbarkeit über die gesamte Gesellschaft und über Spielräume für Veränderung aussagen. Doch das ist gerade das, was als Verständnishorizont für politisches Handeln benötigt wird. Dieses findet immer im Ungewissen statt, Gewissheit ist bestenfalls im Nachhinein möglich, ob eine Prognose sich bewahrheitet, das darauf gestützte Handeln erfolgreich ist. Der ‘18. Brumaire’ von Marx ist immer noch ein Ansporn, die aktuellen Verhältnisse nicht einfach zu denunzieren, sondern sie mithilfe von zugespitzten Thesen auch begreifen zu können, ohne die Vielfalt der Ereignisse auf die Einfalt einer Theorie zu reduzieren. Das scheint mir der grösste Verdienst dieses Werkes zu sein: Dass es nötig und möglich ist, die Bewegungen des politischen Alltags nicht auf ihren Klassencharakter zu reduzieren, sondern sie durch die Erkenntnis ihres Klassencharakters besser zu verstehen.