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«Der Schrei» ist heute nicht nur das bekannteste Motiv Edvard Munchs (1863-1944), sondern vielleicht auch das bekannteste Bildmotiv der europäischen Kunstgeschichte. Eine der ersten Zeichnungen wird von einem Prosagedicht des als Vertreter des Expressionismus und des Symbolismus geschätzten Künstlers begleitet:
«Ich ging die Strasse entlang mit zwei Freunden – Die Sonne ging unter. Der Himmel wurde blutig rot – Und ich fühlte einen Hauch von Wehmut – Ich stand still erschöpft bis zum Tod – über dem blauschwarzen Fjord und der Stadt lagen Blut und Feuerzungen. Meine Freunde gingen weiter – ich blieb zurück – zitternd vor Angst – Ich fühlte den grossen Schrei der Natur».
Krankheit, Angst und Tod sind wesentliche Seiten der künstlerischen Produktion von Edvard Munch, die oft in Beziehung zur Familiensituation während seiner Kindheit und Jugend gesetzt werden. Seine Mutter und zahlreiche Geschwister starben an Tuberkulose. Er selbst machte in jungem Alter eine schwere Lungenentzündung durch, weshalb ihn die Angst vor ernsthaften Erkältungen und Lungenbeschwerden ein Leben lang verfolgte.
Das Geschrei, 1895, Lithografie auf Velinpapier, 513 x 384 mm, Privatsammlung
Als Munch 1894 begann, sich mit Grafik zu beschäftigen, gehörte die Madonna zu den ersten Motiven, an denen er sich mit einer sehr vorsichtigen Kaltnadelradierung versuchte. Um das Bildfeld herum schuf er einen Rahmen mit Spermien und einem Embryo. Die von der Evolutionslehre und modernen Medizin inspirierten Gestaltungselemente um eine religiös bewertete Figur bewirkten, dass die «Madonna»-Lithografie als sehr kontrovers aufgefasst wurde. Einige Male wurde ihr Titel zu «Monna» verdreht, um den religiösen Bezug zu verwischen.
Madonna, 1895/1902, Lithografie auf Japanpapier, 830 x 575 mm, Privatsammlung
Gruppen von Mädchen oder jungen Frauen auf der Brücke wurden frühzeitig zu einem der beliebtesten Motive Munchs. Wie so häufig in Munchs Werk ist dieser Holzschnitt nicht als Skizze für ein nachfolgendes Werk entstanden, sondern folgt auf ein bereits vorher geschaffenes Gemälde. Abgesehen davon, dass es wie alle grafischen Versionen seitenverkehrt ist, sieht es diesem sehr ähnlich.
Mädchen auf der Brücke, 1918, Kombinationsdruck auf Velinpapier, 705 x 590 mm, Privatsammlung
Am Ende des 19. Jahrhunderts war die Auffassung, die Frau sei ein gefährliches Geschöpf, weit verbreitet. Munch bediente sich vieler symbolischer Verweise auf solche Frauengestalten. Meer der Liebe enthält ein starkes Element des Untergangs, während «Im männlichen Gehirn» eine mehr humoristische Annäherung zum Ausdruck bringt, indem die nackte Frauengestalt deutlich zeigt, worum die Gedanken des Mannes kreisen.
Männerkopf in Frauenhaar, 1896, Holzschnitt auf Japanpapier, 635 x 465 mm, Privatsammlung
Ein grosser Teil von Munchs Kunst beleuchtet die Probleme des Verhältnisses von Mann und Frau. Das erwachende Verliebtsein stellte er in all seiner Schönheit in Motiven wie «Anziehung» dar, wo zwei Menschen sich entzückt anstarren. Den Schwierigkeiten verlieh er u.a. in Motiven wie «Melancholie», «Asche» und «Eifersucht» Ausdruck, bis dann der schmerzliche Bruch in «Loslösung» offensichtlich wird.
Loslösung II, 1896, Lithografie auf Japanpapier, handkoloriert, 580 x 810 mm, Privatsammlung
Das Motiv mit dem Mann und der Frau, die dicht umschlungen dem dunklen Wald entgegengehen, hat Munch seltsamerweise nie in einem Gemälde wiedergegeben. Den Holzschnitt, der zu seinen grössten Formaten gehört, präsentiert das Kunsthaus in zwei Varianten. Eine frühe Version ist durchgehend in dunklen Farben gehalten, die eine Stimmung von mystischer Nacht und dunklem Wald vermitteln. Beim Anblick der neuen Version stellt der Betrachter fest, dass die Frau plötzlich bekleidet ist, und die hellen Farben vermitteln eher ein Tagesgefühl als eine nächtliche Stimmung.
Zum Walde II, 1915, Holzschnitt auf Velinpapier, 604 x 768 mm, Privatsammlung
Zu Munchs grafischem Werk gehören auffallend viele Porträts von Schriftstellern und Dichtern: das lithografische Porträt von Stéphane Mallarmé, von Knut Hamsun, Henrik Ibsen oder August Strindberg.
Henrik Ibsen im Café des Grand Hotel, 1902, Lithografie auf Japanpapier, 505 x 650 mm, Privatsammlung
Das Motiv des Kusses hat Munch in vielen Versionen und Medien aufgegriffen, von frühen Zeichnungen in den 1880er Jahren über Gemälde, Holzschnitte und die Radierung in den 1890er Jahren bis hin zu seinem letzten Holzschnitt, den er ein paar Monate vor seinem Tod Ende Januar 1944 anfertigte. Im Kunsthaus Zürich, welches übrigens die grösste Munch-Sammlung ausserhalb Norwegens besitzt, erwarten Sie in dieser Zeit insgesamt fünf Küsse.
Der Kuss IV, 1902, Holzschnitt auf Japanpapier, 525 x 590 mm, Privatsammlung
Die Strandlinie von Åsgårdstrand bildet den Hintergrund von vielen von Munchs bekanntesten Motiven. Runde Steine, Baumwurzeln und Kiefernstämme verleihen der Sommernacht eine etwas mystische und schicksalshafte Stimmung. Die Konstellation von junger und alter Frau brachte Munch wahrscheinlich zum ersten Mal beim Programmplakat für Peer Gynt zum Einsatz.
Eine hell gekleidete Frau von hinten: Diese Frauengestalt taucht in einer Reihe von Munchs Bildern auf. Am schönsten ist sie in dem zarten Mezzotinto von 1896, wo sie als leuchtende Gestalt am Ufer steht und aufs Meer hinausschaut. Insgesamt sind zwölf Exemplare dieses Mezzotintos bekannt, alle sind Farbdrucke und weisen grosse Unterschiede zueinander auf.
Ein Gemälde von 1891 mit diesem Motiv ging 1901 auf einem Seetransport verloren, doch hatte Munch es da schon wieder als Radierung und Holzschnitt verarbeitet. Er experimentierte auch mit dem Einsatz diverser Schablonen, um eine noch grössere Variation zu erreichen, und malte auch direkt auf mehrere Blätter.
Frauen am Meeresufer, 1898, Holzschnitt auf Simili-Japanpapier, handkoloriert, 476 x 635 mm, Privatsammlung
Sein Leben lang hat Munch sich selbst als Modell benutzt. Sein erstes grafisches Selbstbildnis, eine Lithografie von 1895, zeigt einen selbstbewussten jungen Künstler und wird häufig in Verbindung gebracht mit Félix Vallottons zeitgenössischen Holzschnitt-Porträts. Munch scheute sich nicht davor, sich als kranken oder einsamen Mann darzustellen. Auf Hektografien zeigt er sich in verschiedenen Alltagssituationen und gehörte zu den ersten Künstlern, die sich dieser Form der Vervielfältigung von Zeichnungen bedienten.
Selbstporträt, 1895, Lithografie auf Velinpapier, 609 x 463 mm, Privatsammlung
Obwohl Munch im Grossen und Ganzen ein mit sich selbst beschäftigter Künstler war, interessierte ihn dennoch, was um ihn herum geschah. Während des Ersten Weltkriegs hatte Munch im neutralen Norwegen seinen Wohnsitz, isoliert von Mitteleuropa. Ironisch kommentierte er den Krieg in der Lithografie «Neutralien» – zeigte neutrale Länder, die die Früchte ernteten, während der Rest Europas unterging.
Neutralien, 1915, Lithografie auf Velinpapier, 895 x 619 mm, Privatsammlung
Im Winter 1902 mietete Munch ein standesgemässes Atelier in Berlin, fest entschlossen, sich ein stabiles Standbein in der Berliner Kunstwelt zu verschaffen. Er engagierte ein professionelles Modell mit langem, offenem rotem Haar.
Er stellt die rothaarige Frau sowohl als Gemälde als auch als Lithografie dar. In diesem Fall ist das Gemälde allerdings weniger bekannt als die Lithografie! Nachdem Munch das Motiv zuerst auf die eine Seite des Lithosteins gezeichnet und eine Anzahl einfarbiger Exemplare gedruckt hatte, übertrug er Teile des Motivs auf die Rückseite des Steins. Für die Farbdrucke druckte er die Vorderseite des Steins in Rot und die Rückseite in Gelb, während die grünen Augen direkt auf den Stein aufgetragen gewesen sein sollen. Nachdem der Stein am Anfang des Ersten Weltkriegs aus Deutschland nach Norwegen gekommen war, zeichnete er neue Striche auf den Bauch und schuf so einen neuen Zustand der Lithografie.
Dies ist nur ein überraschendes Beispiel von Produktions(um)wegen, die in der Ausstellung mit ihren annähernd 150 Kunstwerken nachvollzogen werden können.
Weib mit rotem Haar und grünen Augen. Die Sünde, 1902, Lithografie auf Japanpapier, 830 x 575 mm, Privatsammlung
Zu den Motiven der 15 Gemälde aus den Beständen des Kunsthauses zählen Mitglieder hanseatischer Kaufmannsfamilien, Landschaften bei Chemnitz oder der Hafen von Lübeck. Seinem «Apfelbaum» von 1921 liegt eine Komposition zugrunde, die auf das Thema Adam und Eva zurückgeht. Dieser kostbare Teil der Ausstellung wird nach Ende der temporären Präsentation wieder in den Sammlungsräumen des Kunsthauses gezeigt. Wer sie aber im Kontext mit den wunderbaren, oft auch experimentellen Drucken gesehen hat, wird immer den «ganzen» Munch vor Augen haben – auch wenn die lichtempfindlichen Arbeiten auf Papier für lange Zeit wieder in privaten Archiven verschwinden.
Apfelbaum, 1921, Öl auf Leinwand, 100 x 130,5 cm, Kunsthaus Zürich, Schenkung Alfred Rütschi