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1946 Musikfestwochen Ascona.
Aus dem „Ferien-Journal“ Nr. 28/5, vom 10. August 1957, Die Musikwochen von Ascona, von Aline Valangin: „Neben den berühmten Musikfesten und Festwochen von Salzburg, Luzern, Florenz, Venedig, Wien, Besançon, Zürich, um nur einige der Veranstaltungen zu nennen, die jedes Jahr von Mai bis Oktober Musikliebhaber und Feriengäste, auch nur Neugierige anziehen, steht Ascona mit seinen Musikwochen, die heuer zum elften Mal stattfinden, in guter Nachbarschaft. – Die Anfänge dieser Musikwochen waren äusserst bescheiden. Es ist dem Pianisten, Alexander Chasen, zu verdanken, dass überhaupt Konzerte in Ascona organisiert wurden. – Sie fanden teils in der Taverna statt, die damals wie heute ein Tanzlokal war, teils im Saal des Collegio Papio. Manchmal wurde auch im Hotel Tamaro musiziert. Immer gab es gute Musik zu hören, viel Bach, von jungen Künstlern mit Begeisterung dargeboten. Wenn diese Konzerte zu Beginn fast ausschliesslich Sache der deutschsprachigen Angesiedelten waren, so horchten die Häupter der Gemeinde und der Kulturgesellschaft von Ascona doch auf, nahmen Interesse an den Veranstaltungen und schalteten sich dann ein, um nach und nach den Konzerten das Gepräge eines richtigen Festivals zu geben. Die Konzertabende wurden auf eine bestimmte Zeit im Jahr, im Spätsommer und Herbst, verlegt; es kamen Abschlüsse mit namhaften Künstlern zustande; das Monte Ceneri-Radio-Orchester kam in Schwung und machte riesige Fortschritte, sodass es bald mit fremden Orchestern, die verpflichtet wurden, konkurrieren konnte. Auch Chorensembles aus Deutschland und Italien, grosse Dirigenten, ja sogar den weltberühmten Tanzstar und Choreograph Serge Lifar, waren hier zu bewundern. Die Musikwochen von Ascona, Dank dem nie erlahmenden Eifer des Hauptinitiators, Anwalt Leone Ressiga-Vacchini, beraten vom hier ansässigen Komponisten Wladimir Vogel, sind heute weit herum ein Begriff geworden und ziehen nebst guter Gesellschaft, viele Musikliebhaber an. Gewiss, fast überall, wo Musikfeste abgehalten werden, sind die Scheunen, in denen gleich nach dem Krieg die Tradition der sommerlichen Festspiele wieder aufgenommen wurde, verschwunden und die Veranstaltungen finden wieder in würdigem Rahmen statt: in eleganten Konzert- oder Theatersälen, hier und dort auch „en plein air“, in alten romantischen Bauten oder vor einer grossartigen Kirchenfassade. Nur Ascona muss immer noch vorlieb nehmen mit dem Turnsaal der Gemeindeschule, der, seinem Zweck entsprechend, stimmungslos, zu niedrig und daher wenig festlich sich bietet. – Fast ist es eine Zumutung für grosse Interpreten und Orchester, hier zu spielen und manch einer wird es ja auch ablehnen. Wie diesem Übel abzuhelfen wäre? Nun, wenn man sich z.B. mit Locarno verständigen könnte und gemeinsam einen Konzert oder Kongresssaal erstellen würde, der beiden Orten zur Zier gereichen und den Musikwochen von Ascona den Glanz verleihen könnte, den sie verdienen. Aber eine solche Zusammenarbeit scheint, aus Gründen des hier blühenden Lokalpatriotismus, unmöglich. Kurzum, man muss sich mit der Turnhalle begnügen! Dass trotzdem Jahr für Jahr eine Reihe interessanter und erstklassiger Darbietungen realisiert werden, ist um so verdienstvoller. Die ersten Künstler, die besten fremden Orchester mit ihren Dirigenten haben hier konzertiert; sie durften fürwahr mit dem Erfolg zufrieden sein, denn das Publikum ist umso dankbarer für Konzerte, je weniger selbstverständlich es ist, dass sie in Ascona stattfinden. Mit jeder Saison wächst das Interesse an der Musik auch bei den Einheimischen, die bis vor kurzem ausser Handharmonika und Blechmusik wenig von Tonkunst wussten, da ja keine Musikschule im Kanton für Bildung sorgt, kaum irgendwo Hausmusik gemacht wird und die Reise nach Mailand zu Konzerten oder Opernaufführungen nur für wenige in Frage kommt. Die Fremden, die um die Zeit der Musiktage in Ascona zur Kur oder zum Vergnügen weilen, wissen die Konzerte als willkommene Abwechslung zu schätzen. So unvermutet, und ohne eine lange Reise nach hier und dort unternehmen zu müssen, ein selten zu hörendes Orchester oder ein besonderes Werk, einen der grössten heutigen Interpreten kennen zu lernen, ist ihnen ein Geschenk. So ist der Turnsaal denn jedes Mal voll gestopft, und die Freude, der Enthusiasmus des Publikums beweisen, wie erwünscht die Darbietungen sind.
In diesem Jahr ist das Programm der Konzerte wiederum vielseitig und reich. Arthur Rubinstein beginnt mit einem Klavierabend: Beethoven, Brahms, Chopin und De Falla. Er gehört zu den wenigen noch lebenden Pianisten der alten Schule aus der Heroenzeit des Klavierspiels, an Busoni erinnernd durch die phänomenale Kunst des Anschlags, der vom dröhnenden Fortissimo zum süssesten Pianissimo reicht, in allen Arten von Legato und Staccato gleich klangvoll und vornehm. Selten verfügt ein Pianist über solche Mittel zu vollendeter Interpretation.
Ganz intim wird das zweite Konzert, das in der Casa Serodine am Kirchenplatz, also in ungemein stimmungsvollem Rahmen, stattfindet. Ilse Linack-Muthmann, Cembalo, und Hans-Heinz Schneeberger, Violine, bieten Werke von Bach in jener authentischen Ausführung, die der Altmeister verlangt.
Mit grosser Spannung wird das dritte Konzert erwartet, denn es vereint im Triospiel niemand geringeres als Yehudi Menuhin, Violine, Gaspar Cassadò, Violoncello, und Louis Qentner, Klavier in Werken von Mozart, Schubert und Brahms. Man darf sich im voraus auf den seltenen Genuss freuen, solche Instrumentalisten im Ensemble, jeder mit seiner Vollkommenheit zur reinsten Qualität des Spiels beitragend und den Zusammenklang solch edler, wertvoller Instrumente, zu vernehmen. Louis Kentner wird danach einen eigenen Klavierabend mit Bach, Chopin, Seriabine, Kodaly und Liszt geben. Dass einmal der grosse Russe Seriabine zu Gehör gebracht wird, ist eine besondere Gabe. Von weit herum werden die Hörer herbeiströmen zum Chorkonzert in der Chiesa San Francesco zu Locarno. Der Münchner Philharmonische Chor und das Orchester der RSI führen die Mathäus-Passion von Bach auf, ein Werk, das hier selten gehört wird. Die alte Kirche ist mit Fresken ausgemalt und geschmackvoll beleuchtet, dazu akustisch vorzüglich, so dass dieses Konzert wohl für viele der Höhepunkt der Musiksaison sein wird. Bald danach kommen die Dresdener Philharmoniker mit Beethoven, Tschaikowsky und Brahms, allen Freunden bester Orchestermusik zum Genuss. Wohingegen auch die Jazzfreunde nicht leer ausgehen sollen: Sidney Bechet und seine Solisten geben einen Abend, der sicher zu den gelungenen gehören wird. Auch Nathan Milstein, der Grossmeister der Geigenkunst, soll nicht fehlen. Er spielt an einem eigenen Abend: Bach, Mozart, Beethoven, danach Paganini in prickelnder Eleganz, und Strawinsky. Den Schluss der Musikwochen bildet ein Orchesterkonzert des Royal Philharmonic Orchestra aus London, mit Sir Thomas Beecham, ein Ereignis, das sich kein Musikfreund entgehen lassen kann. Die Programme sind, dem Wunsch des grossen Publikums angepasst, auf die Klassiker eingestellt. Immerhin werden einige seltenere Komponisten aufgeführt, wie Delius, De Falla, Kodaly, Seriabine und natürlich Strawinsky, so dass auch Verwöhntere auf ihre Kosten kommen werden. Die einzelnen Konzerte werden im Wochenprogramm angekündigt.