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LESEPROBE 2

Nachdem sein Smartphone ihn um halb sechs geweckt hatte, ging er auf seine morgendliche Joggingrunde. Er liebte es, so früh unterwegs zu sein. Vor dem Sonnenaufgang allein seine Runde zu drehen war eine andere Art Einsamkeit als die am Abend in der kleinen Wohnung. Wie immer rannte er von der Oberstadt Richtung südwestlicher Stadtrand am Bahnhof Steinhof und später am Friedhof vorbei und dann dem Spazierweg durch die Felder entlang. In der Morgendämmerung erkannte er bereits die Jurakette vor sich. Beim Bauernhof im Meienmoos drehte er ab und machte kehrt, wieder der Stadt entgegen. Burgdorf: Da lag es vor ihm mit seinem schlanken Kirchturm und seinem stattlichen Schloss, zu gross für ein Dorf, zu klein für eine Stadt, ein Provinznest einerseits, das darum kämpfte, nicht in die Bedeutungslosigkeit zu versinken, ein traditionelles Kleinstädtlein andererseits mit stolzer Zähringervergangenheit und einigen durchaus illustren Gross- und Kleinbetrieben, verkehrstechnisch optimal gelegen am Tor zum Emmental und bloss einen Katzensprung von Bern entfernt. Wyss lebte gerne hier, obwohl ihm die Vertrautheit mit den Dorfleuten manchmal bedrohlich vorkam: Man kannte ihn und seinen Unfall; dann war er jeweils froh, in die vermeintliche Anonymität eines Stadtmenschen abtauchen zu können.
Nachdem er zurückgekehrt war und sich frisch gemacht hatte, fuhr er mit dem Fahrrad zur Polizeiwache in der Neumatt. Früher, als sich der Polizeiposten noch in der Nähe des Bahnhofs befand, war sein Arbeitsweg wesentlich kürzer gewesen, aber er mochte die neue Situation ganz gut: Die Burgdorfer Wache galt als die modernste des Kantons, wenn nicht der Schweiz. Dies begann bei den Stehpulten, die Wyss sehr zu schätzen lernte, als er nach seiner langen, verletzungsbedingten Pause die Arbeit langsam wieder aufnahm, und hörte bei der Nespressomaschine im Pausenraum auf, die in angenehmem Kontrast stand zu den Kaffeeautomaten in einigen der gängigen Krimiserien, die bloss eine schwer zu definierende Brühe in Plastikbechern ausspuckten.