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Das jüngste Exemplar der 6mR-Flotte wurde von Rolf Vrolijk entworfen
und von der Bootswerft Wilke am Thunersee gebaut. Vor Kurzem wurde
es in Versoix eingewassert, wo es für die WM in Sanxenxo diesen
Sommer fit gemacht wird.
Text ) Vincent Gillioz
«Das letzte Mal wurde in der Schweiz 1986
ein Sechser gebaut», hält der vierfache Klassenweltmeister und versierte 6mR-Kenner Philippe Durr fest. «Das war in meiner Werft in Versoix. Ich habe zwei Boote hergestellt, eines für den Baron Edmond de Rothschild, das andere, die Beep Beep, für mich.» Jetzt, 36 Jahre später, ist bei Wilke eine neue Einheit vom Stapel gegangen. Um die Verbindung zwischen der brandneuen Vrolijk-Jacht und den Sechsern aus den 1980er-Jahren besser zu verstehen, drängt sich ein Blick in die Vergangenheit auf.
Unglaubliche Geschichte
1984 fiel die nach Plänen von Pellet Peterson für Edmond de Rotschild gebaute Gitana Junior I beim Rücktransport von der WM 1984 in Helsinki vom Lastwagen und wurde schwer beschädigt. Philippe Durr kaufte das Wrack, reparierte es über den Winter und fuhr damit 1985 zur WM in Cannes, die er prompt vor Tom Blackaller (USA) und Thomas Lundqvist (SWE) gewann. Nach dem Sieg verkaufte er das Boot. «So konnte ich meiner Mutter das Geld zurückzahlen, das sie mir für den Kauf geliehen hatte. Mit dem Restbetrag wollte ich mein eigenes Boot bauen, um damit im amerikanischen Oyster Bay meinen Titel zu verteidigen.» Als der Baron den voranschreitenden Bau sah, bat er Durr, ihm aus der gleichen Form ebenfalls ein Exemplar anzufertigen. Anfang 1987 verliessen die Gitana Junior III (in der Zwischenzeit war eine Nummer II nach einem Design von Howlett entstanden) und die Beep Beep die Werft in Versoix. «Wir wollten ein komplett schweizerisches Boot bauen. Jean Grobéty hatte die Pläne gezeichnet, Christian Favre den Mast hergestellt und Daniel Stampfli von Sobstad die Segel entworfen und geschnitten.» Die Boote wurden für die WM in die USA verschifft, hatten dort aber nicht den erhofften Erfolg. Die Beep Beep wurde 7. «Sie war eine Leichtwindjacht und hatte bei den vorherrschenden Starkwindbedingungen mit ihrem geringen Gewicht und dem Flügelkiel keine Chance», erklärt Durr.
Sich aufrappeln und weitermachen
Philippe Durr liess sich nicht entmutigen. Beherzt baute er die Beep Beep zu einer Rennmaschine um. Er verlängerte das Ruderblatt, versah den Kiel mit anderen Flügeln und verbesserte sie im Lauf der Tests zusehends. Das Ganze glich einem vorsichtigen Herantasten: «Wir haben es zunächst mit einem ziemlich dicken Kiel versucht. Auch die Flügel waren eher dick, so Durr. «Alles war aus Blei. Wir wollten damit den Schwerpunkt nach unten verlagern. Am Wind funktionierte das gut, aber vor dem Wind kamen wir nicht in Fahrt. Also haben wir die Profile verfeinert und Flossen aus Bronze verwendet.» Durch die ständigen Optimierungen wurde die Beep Beep immer schneller und erfolgreicher. Ende der 1990er-Jahre wurde sie verkauft und gewann – mit Philippe Durr an Bord – an der Schweizermeisterschaft 1999 alle sechs Läufe bei unterschiedlichsten Bedingungen. Ganz offensichtlich hatten die Verbesserungen gefruchtet.
Inzwischen war die 1985 nach Cannes verkaufte Gitana Junior I in den Besitz von Bernard Haisly übergegangen und in Fléau umbenannt worden. Sie profitierte von den vielen mit der Beep Beep gewonnenen Er kenntnissen und wurde unter der Pflege von Gérald Béchard schon bald zum ausgereiftesten Boot der Flotte. Gesegelt von einer erfahrenen Crew, zu der auch der Segelmacher Nicolas Berthoud gehörte, sicherte sich die Fléau 1999 an der WM in Hanko (FIN) und 2007 in Cowes Gold. Danach wurde sie vom Franzosen Yann Marilley erworben und gewann 2011 in Helsinki mit Jean-Marc Monnard am Steuer einen weiteren WM-Titel. Ein dritter folgte 2015 mit Steuermann Philippe Durr in La Trinité-sur-Mer. Es sollte nicht der letzte bleiben. Philippe Durr freute sich so über den erneuten Erfolg, dass er Marilley zusammen mit seinem Freund das Boot abkaufte und damit an der WM 2017 in Vancouver (CAN) und 2019 in Hanko (FIN) erneut zum Sieg fuhr.
Lauter Koryphäen
Diese ereignisreiche Geschichte erklärt, warum die Gitana Junior I (so ihr erster Name) mit Philippe Durr an den 6mR-Regatten heute zu den Topfavoriten zählt. «Kein Boot ist so vielseitig», beteuert der Regatteur. Als die Bootswerft Wilke mit dem Bau einer neuen Sechser-Jacht beauftragt wurde, zog sie Philippe Durr als Berater hinzu. Der erzählt:
«Die Projektleiter kauften die Pläne der Junior als Arbeitsgrundlage. Für das Design arbeiteten
sie mit Rolf Vrolijk, dem Chef des Designteams von Alinghi während der AC-Kampagne 2003,
zusammen.» 80 Pläne hat das Ingenieurbüro erstellt. Sie zeigen, wie schwierig es ist, ein
Boot zu entwerfen, dass schneller ist als das von Pellet Peterson gezeichnete Exemplar, das
38 Jahre zuvor vom Lastwagen gefallen war. Er bringe sein Wissen und seine Erfahrung ein, so Durr weiter. Die endgültige Entscheidung liege aber beim Eigner und seinem Team, über das derzeit noch nichts bekannt ist. «Ich sage ihnen, was sie nicht tun sollten, zwinge ihnen aber nichts auf.»
Die richtige Portion Dynamik
Das Projekt ist bezeichnend für die derzeitige Dynamik bei den modernen 6mR. Seit einigen Jahren befinden sie sich wieder stark im Aufwind. In jüngster Zeit wurden gleich mehrere Einheiten gebaut. Ermutigt durch den neuen Schwung hat Pierre-Alexandre Nuoffer mithilfe von Philippe Durr die «6mJI Challenge Lémanique» ins Leben gerufen. Rund 30 Sechser, darunter viele moderne Exemplare, nehmen an der Regattatour teil.
Das komme auch der neuen 6-Meter-Jachtzugute, sagt Philippe Durr. «Sie soll vor dem Start der internationalen Meisterschaften fit sein. «Wir werden diesen Frühling intensiv an ihr arbeiten. Da in Versoix eine ansehnliche Flotte stationiert ist, profitieren wir von besten Bedingungen für Weiterentwicklungen und Speed-Tests.» Wie schon 2021 werden die 6mR vor den Grossevents bereits um die 50 Starts hinter sich haben.
Die WM findet vom 10. bis 18. Juni in Galizien statt. Rund 40 Boote aus 13 Ländern sind gemeldet. Anschliessend reist die Flotte zur Eu ropameisterschaft nach Cascais.