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Jacqueline Badran (55), Nationalrätin und Unternehmerin
«Ich war nicht besonders gut in Französisch. Im Unterricht am Gymnasium haben wir sehr viel von Camus gelesen, den ich sehr mochte. Und ich wollte in der Stunde auch immer etwas sagen. Weil ich aber eben nicht gut Französisch sprach, begann ich immer mit ‹Je trouve que ...›, den Rest spulte ich hastig auf Deutsch ab. Die anderen mussten dann für mich übersetzen – zum Ärger meines Lehrers Christian Tauber.
An der mündlichen Maturprüfung sass ich mit Herrn Tauber und einer Expertin im Raum. Ich hatte dafür drei Bücher vorbereiten müssen, auch eins von Camus. Doch dazu befragten sie mich nicht, sondern zu Molière, dessen Buch ich nur überflogen hatte. Ich dachte: Hey, nein, warum befragt ihr mich denn nicht zu Camus? Also begann ich wieder mit ‹Je trouve que ...›. Da brachen Herr Tauber und ich in schallendes Gelächter aus. Die Expertin war verdutzt und lachte irgendwann mit. So sassen wir zu dritt lachend etwa fünf Minuten lang da.
An der Abschlussfeier – ich bekam eine Note 2 in der Französischprüfung – gab mir Herr Tauber einen Zettel mit der Adresse der Migros-Klubschule, wo man Französischkurse belegen konnte. ‹Sie werden es noch bereuen, Frau Badran›, sagte er damals. 31 Jahre nach der Matur befand ich mich als frischgebackene Nationalrätin im Bundeshaus, mitten im Röstigraben, und wünschte mir, ich hätte Herrn Taubers Rat befolgt. An diesem Tag schrieb ich ihm einen Brief: ‹Cher Monsieur Tauber, je trouve que, vous aviez eu raison› – Sie hatten Recht.»
Christian Tauber (75), Pensionär, ehemaliger Französischlehrer von Jacqueline Badran
«An diese Geschichte erinnere ich mich nur vage, ich hatte mehrere hundert Schüler. Allerdings habe ich Jacqueline nie vergessen. Sie hat einen starken Charakter und setzte sich meist durch. Das hat mir gefallen.»
Herbert Bolliger (63), Migros-Chef
«Ich war kein besonders guter Schüler, die Matur war für mich Mittel zum Zweck. Über den Handballmatch am Samstagabend wusste ich jedenfalls besser Bescheid als über Geometrieaufgaben. Das war mein Horrorfach: darstellende Geometrie! Eindimensional, zweidimensional, dreidimensional. Irgendwann wurde es n-dimensional, da war bei mir Schluss. Und ich fragte mich auch, wofür ich das später im Leben gebrauchen konnte.
Wir sassen im obersten Stock in der Kanti, mit Sicht auf die Stadt, und die Lehrerin, Frau Braun, stand in einer Seelenruhe vorne und zeichnete mit Kreide und Zirkel Formen an die Tafel. Damals war eine Frau, die Mathematik unterrichtet, sehr aussergewöhnlich.
Wenn sie mit ihrem österreichischen Dialekt von ‹Coooosinus› und ‹Siiinus› sprach, mussten wir Schüler schmunzeln. Aber wir gingen gern zu ihr in den Unterricht, hatten viel Respekt vor ihr. Sie hatte immer eine Mordsgeduld und konnte gut erklären. So gut, dass ich später meine Tochter zu ihr schickte, als sie mit Algebra Probleme hatte. An Frau Braun lag es jedenfalls nicht, dass ich nicht gut war in Geometrie.»
Ilse Braun (79), Mathematiklehrerin von Herbert Bolliger
«Mir war nicht bewusst, dass darstellende Geometrie für Herbert so unangenehm war. Heute gibt es das Fach gar nicht mehr – leider. Mir hat es Spass gemacht. Ich hoffte, meine Schüler dafür begeistern zu können, wie man einen Kegel mit einer Ebene schneidet. Über die Brauchbarkeit der Mathematik im späteren Leben rätseln viele Schüler. Aber logisches Denken und ein wenig räumliches Vorstellungsvermögen haben noch nie geschadet.
Herbert war, abgesehen von seiner ‹Länge›, ein sehr angenehmer und unauffälliger Schüler. Er trat weder positiv (durch Teilnahme am Unterricht und durch häufiges Aufzeigen) noch negativ (durch Schwätzen oder schlechte Noten) in Erscheinung.
Der Ausblick vom DG-Zimmer auf die Altstadt von Baden ist wirklich schön, er lenkte auch mich hin und wieder ab. Das Schmunzeln über mein burgenländisches ‹Hochdeutsch› wurde nur noch übertroffen, wenn ich ein paar Sätze auf ‹Schwiizerdütsch› sagte. Die volle Aufmerksamkeit meiner Schüler war dann gesichert.»
Nils Althaus (35), Liedermacher, Kabarettist und Schauspieler
«Wir hatten mal einen Turnlehrer, Herrn Strüby, der war eine Art Kreuzung zwischen Pfarrer Sieber und Drill-Sergeant Hartman. Mit sanfter Geste, weicher Stimme und viel Geduld brach er einem häppchenweise den Willen. Und kurz vor dem Aufprall schoss einem immer die Frage durch den Kopf, wie es dazu hatte kommen können, dass man in einen Überschlag übers Sprungpferd eingewilligt hatte.
Am schlimmsten fand ich die Waldläufe. Dort anzukommen, wo man angefangen hatte, schien mir vernünftig, den Umweg fand ich masslos übertrieben. Ich wollte nur Fussball und Basketball spielen. Alles, was mit höher, schneller und weiter zu tun hatte, empfand ich in den mildesten Fällen als irrelevant und in den gröbsten als gesundheitsgefährdend.
Gewinnen im Spiel war für mich auch so eine unverständliche Priorität. Die meisten Tore hatten mit koordinierter Willensleistung gar nichts zu tun, sondern waren eher eine Verkettung unglücklicher Umstände im Elfmeterraum. Immer, wenn einer schrie, lag der Schuss deutlich näher auf Kreuzbandriss als auf Tor. Darüber zu jubeln, schien mir in etwa so adäquat, wie sich selber zu beglückwünschen, dass man nicht vom Grippevirus angesteckt worden war. Für mich bestand der Lohn eines Fussballspiels immer in schönen, aber nutzlosen Dribblings und gezielt gekrümmten Schüssen ans Lattenkreuz.
Die knifflige Aufgabe, die sich mir stellte, war also, irgendeine Krankheit zu finden, mit der man keine Waldläufe mehr machen, aber immer noch Fussball spielen konnte. Nach aufwendiger Recherche fand ich im Pschyrembel ‹Anstrengungsasthma› und teilte Herrn Strüby die Diagnose mit. Ich widerstand für einmal sogar seiner Überredungskunst und durfte in der Halle Bälle kicken, während die anderen im Wald rannten.
Als aber nach dem Waldlauf alle zusammen noch eine Partie Fussball spielen sollten, nahm Herr Strüby mich zur Seite und sagte freundlich: ‹Nils, wahrscheinlich wird es mit deinem Anstrengungsasthma besser, wenn du dich nicht zu sehr verausgabst und im Tor bleibst.› Beim nächsten Turnen hatte sich mein Asthma dann unerwartet rasch und deutlich gebessert.»
Ruedi Strüby (69), Pensionär, ehemaliger Sportlehrer von Nils Althaus
«Diese Geschichte trifft in der Tat zu. Nils war der Jüngste in seiner Klasse und auch eher klein. Er zeigte immer vollen Einsatz im Spiel und Geräteturnen und war darin auch sehr gut. Aber wenn es um die Läufe ging, die ich des Öfteren plante, zeigte er schon einen gewissen Widerstand. Aber das gehört auch dazu.»
Claudio Tamo (52), Schulleiter und ehemaliger Lehrer von Roberto Rodriguez
«Robi hat eine Hörbehinderung und musste darum seit der ersten Klasse ein Hörgerät tragen. Wir Lehrpersonen steckten uns jeweils ein kleines Mikrofon an, damit er uns im Unterricht gut verstand. Einmal erhielt ich einen Anruf und musste darum den Raum wechseln. Als ich zurück in die Klasse kam, sah ich, wie Robi mich angrinste. Ich hatte vergessen, das Mikrofon auszuschalten, und so hatte er alles mithören können und es natürlich sofort seinen Kollegen erzählt.»
Roberto Rodriguez (27), Profifussballer
«Leider weiss ich nicht mehr, worum es in diesem Telefonat genau ging. Aber ja, das ist genau so passiert. Herr Tamo ging ins Lehrerzimmer und ich konnte alles mithören. Damals war ich halt noch jung, und in dem Alter findet man das wahnsinnig lustig. Ich erzählte sofort alles meinen Kollegen. Damals war die Technologie der Hörgeräte noch nicht so gut, darum benutzten die Lehrer ein Mikrofon, damit ich alles gut verstand. Heute ist das anders.»
Zoe Scarlett (32), Burlesque-Künstlerin
«Ich schrieb in der dritten Klasse bei Sandra die Geschichte vom glücklichen Klavier. Es ging um ein Klavier, das von einem Mädchen und einem Vögelchen gespielt wurde – allerdings weniger vom Mädchen als vom Vögelchen. Das gefiel dem Klavier. Als das Vögelchen fortziehen musste, war das Klavier traurig.
Die Geschichte ist autobiografisch, denn ich wollte nie Klavier üben. Hausaufgaben allgemein waren nicht mein Ding. In der Schule mochte ich Sprachen, Handwerken und Schwimmen. Ich war immer schon eine Arielle, heute stimmt auch die Haarfarbe.
Bei Sandra ging ich sehr gern zur Schule. Sie trug immer dicke Klunker und roten Lippenstift, das imponierte mir. Als Mädchen fand ich Schmuck toll. Wenn ich wieder mal übertrieben hatte, sagte meine Mutter: ‹So kannst du nicht in die Schule, du siehst aus wie ein Christbaum.› Heute sind Sandra und ich Freundinnen, nicht mehr Lehrerin und Schülerin.»
Sandra Wick (50),
Primarlehrerin und ehemalige Lehrerin von Zoe Scarlett
«Wir hatten schon zu Schulzeiten keine Berührungsängste. Zoe war eine sehr aufgeweckte Schülerin. Sie begriff die Dinge schnell und hatte sprachlich ein gutes Flair, das sieht man an der Klaviergeschichte, da gab es fast keine Fehler. Und sie hatte auch ein
gutes Mundwerk, spielte bereits in der Schule Theater und machte bei Ballettaufführungen mit.
Zoe war immer da und packte an. Sie tröstete und half. Sie brachte Leben und Freude in
die Klasse. Und natürlich war sie ein grosses ‹Luusmeitli›. Aber im guten Sinn: So läuft etwas in der Klasse, das ist auch für mich als Lehrerin schön.»
Fotos: Gabi Vogt