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Modehaus J. A. Heese, Berlin, um 1890/93
Brocatelle (Seide), Seidensamt; Chiffon; Leinenspitze
L. 145 cm (vorn), 168 cm (hinten), Taillenweite 60 cm
Inv. 1999.125.
Martha Fininger-Merian (1870–1959), die Trägerin dieses Kleides, war als Tochter des Kaufmanns und Bankiers Alfred Merian-Thurneysen in Basel aufgewachsen.
1891 hatte sie Dr. iur. Leonhard Fininger (1861–1947) geheiratet, der seit 1886 an der Schweizer Botschaft in Berlin tätig war, wo er bis zum Legationsrat aufstieg. Das Paar hatte sich bei einem seiner Heimataufenthalte in Basel kennengelernt und schon bald geheiratet. Und so zog die junge Frau, die ihre Jugend durch den frühen Tod der Mutter und die depressive Erkrankung des Vaters «in Eingezogenheit und Stille verbracht hatte», mit nach Berlin. Es war, wie es in ihren Lebenserinnerungen heisst, «eine gewaltige Veränderung, die mich in eine ganz fremde, grosse Welt versetzte. […] Sie brachte viel Interessantes, dem ich mit Freude, zwar manchmal auch mit Unsicherheit und Ängstlichkeit gegenüberstand. […] Und doch möchte ich die drei Jahre, die ich in Berlin verlebte, nicht missen; sie haben mir viel Anregung gebracht, meinen Gesichtskreis bedeutend erweitert und mir manch wertvolle Bekanntschaft geschenkt.
» 1894 gab Leonhard Fininger seine Stellung in Berlin auf, da er seinem Schwiegervater «versprochen hatte, ihm die Tochter wieder einmal zurückzubringen. Und so siedelten wir nach Basel über, obschon uns Berlin im Laufe der Jahre recht zur Heimat geworden war und ich nicht ganz ohne Bedauern schied.» In der Engelgasse 50 liessen sie sich vom Architekten Fritz Stehlin ein prachtvolles Wohnhaus errichten, das mit seinem Namen «Potsdamerhof» an ihre Berliner Jahre erinnerte. Die für Basler Verhältnisse ungemein prachtvolle Villa wurde im Volksmund bald als «Klein-Sanssouci» oder auch «Protzdamerhof» bezeichnet.
Dazu mag die Grösse, aber auch die Grundrissgestaltung beigetragen haben, die in Lustschlössern des 18. Jahrhunderts ihre Vorbilder fi ndet. In Anspruch und Disposition des Hauses spiegelte sich wider, wie die Prachtentfaltung im wilhelminischen Berlin den Geschmack und die Vorstellungen des jungen Paares, wohl vor allem des Gatten, beeinfl usst hatten. Auch die Kleidung von Martha Fininger-Merian hatte in der Hauptstadt des Deutschen Kaiserreiches, ihren gesellschaftlichen Verpfl ichtungen angemessen, einen anderen Charakter gehabt: Davon zeugt das aus dem Berliner Modehaus J. A. Heese stammende, elegante, winterliche Abendkleid mit kleiner Schleppe. Im Nachruf 1959 wird sie von den Verwandten als Muster von Basler Schlichtheit und Sparsamkeit gepriesen. Ihre Kleider aus den Jahren in der Fremde und das Basler Wohnhaus sprechen jedoch eine andere, dem kaiserzeitlichen Berlin entsprechende Sprache.