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Das Alte Testament berichtet vom Kampf des jungen David gegen den Riesen Goliath, den der kleine David mit seiner Steinschleuder tötete. Goliaths Spiess war wie ein Weberbaum, und die eiserne Spitze allein wog fünf Kilo.
Heute würde David nicht mehr freiwillig zum Kampf antreten. Politik, Finanzaufsicht und selbst die Banken fordern im Wettbewerb „gleich lange Spiesse für alle“.
Muss aber der Kleine den gleich langen und schweren Spiess tragen wie der Grosse, so hat er schon verloren, bevor er überhaupt zum Kampf antritt. Er vermag die Last des gleich langen Spiesses gar nicht zu tragen.
Traditionell arbeiteten die kleinen Banken mindestens so wirtschaftlich wie die grossen. Der schlanke und bewegliche David konnte allfällige Skaleneffekte des schwerfälligen Goliaths leicht kompensieren.
Nur bei den Kosten der Regulierung stimmt dies schon einige Zeit nicht mehr, und zwar aufgrund der „gleich langen Spiesse“.
Eine 2004 am Institut für Banking und Finance der Universität Zürich durchgeführte Studie zeigte, dass die Kosten der Regulierung (Regulatory burden) bei kleinen Vermögensverwaltungsfirmen mehr als das Doppelte derjenigen der grösseren Institute ausmachten.
Noch schlimmer als den kleinen Vermögensverwaltungsbanken erging es den 1997 geschaffenen Effektenhändlern.
Die Regulierung dieser neuen Kategorie kleiner Finanzdienstleister entsprach und entspricht weitgehend derjenigen der grösseren Banken.
Eine Studie aus dem Jahr 2004 zeigte, dass die Last der „gleich langen Spiesse“ dazu geführt hatte, dass die kleineren Effektenhändler im Markt von Anfang an in ein Schattendasein gedrängt wurden.
Das Institut für Banking und Finance hat unter der Leitung von Professor Urs Birchler letztes Jahr eine neue Untersuchung über die Länge der Spiesse durchgeführt.
Während die kleineren Vermögensverwaltungsbanken bis 2007 gemessen an der Cost/Income ratio eher wirtschaftlicher arbeiteten als die grösseren, hat sich das Blatt seit dem Ausbruch der Finanzkrise gewendet.
David hat die Vorteile von „schlank und beweglich“ verloren.
Die Studie kommt zu folgenden Schlüssen:
- Der Anteil der Legal- und Compliance-Mitarbeiter an der Gesamtmitarbeiterzahl ist bei kleinen Banken deutlich höher als bei grösseren Instituten.
- Gemäss Einschätzung der Banken sind die Compliance-Kosten zwischen 2006 und 2010 überproportional angestiegen; kleine Banken schätzen den Anstieg der Kostenbelastung am höchsten ein.
- Regulierungen im Zusammenhang mit dem grenzüberschreitenden Geschäft haben massgeblich zum starken Kostenanstieg beigetragen.
- Die Geldwäschereiprävention stellt nach wie vor den Haupttreiber der Compliance-bezogenen Personalkosten dar; der Anteil der Kosten für Crossborder-Themen ist bei den kleineren Instituten überdurchschnittlich hoch.
- Neben den verstärkten internationalen Regulierungen stellen das hohe Tempo, mit dem neue Regulierungsvorhaben durchgesetzt werden, sowie die zunehmende Komplexität der einzelnen Vorschriften für die Banken die grössten Herausforderungen dar.
Diese Entwicklungen stellen ziemlich genau das Gegenteil dessen dar, was der Finanzplatz Schweiz in Zukunft braucht.
Die regulatorischen Hürden für kleinere Institute schaden gemäss der Studie von Birchler nicht nur den bestehenden Banken. „Sie erschweren auch den Eintritt neuer Konkurrenten und damit die Blutauffrischung im Bankgewerbe.“
„Solche Eintrittsschranken sind gleichsam das Gegenstück zu Austrittsschranken in Form staatlicher Existenzgarantien (TBTF) für grosse Banken: Gemeinsam verhindern sie die natürliche Fluktuation im Markt“, schrieb Birchler.
„Sie machen den Bankenmarkt zum stehenden Gewässer mit zwangsläufig abnehmender Qualität.“
Und was schlägt das Finanzdepartement (EFD) von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf angesichts dieser Situation vor?
Die Einführung eines unnötigen Finanzdienstleistungsgesetzes, FIDLEG genannt. Darin sollen gemäss EFD auf vielen Gebieten viele neue Vorschriften erlassen werden.
Zu den bisher von der Finma beaufsichtigten 618 Unternehmen sollen „mehrere Tausend noch nicht beaufsichtigte Finanzdienstleister“ der Aufsicht unterstellt werden. Dazu gehören insbesondere die schlanken und beweglichen externen Vermögensverwalter.
Welches sind die Konsequenzen?
Die Spiesse werden noch länger und schwerer, und die Pflicht zum Herumschleppen der schweren Dinger wird massiv erweitert.
Das EFD sagt dazu: „Durch die neuen Vorschriften soll […] die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes gefördert werden.“
Das Gegenteil ist richtig.
Hätte David den gleich langen Spiess wie Goliath tragen müssen, hätte er sich dem Kampf bestimmt nicht gestellt – und wäre niemals König geworden.
Kommentare
Brandaktuell: Fidleg und der Fall Frick.
http://www.handelszeitung.ch/politik/der-mann-den-fricks-lobby-ausbootete-469017
Die Forderung nach gleichlangen Spiessen macht Sinn für die Kriegsführung zwischen Heeren: Zumindest für dasjenige, das den kürzeren Spiess zu haben glaubt.
Wirksame Waffen wurden seit jeher reguliert: Gestern der Spiess, heute die Massenvernichtungswaffen. Es gilt, ein Gleichgewicht des Schreckens herzustellen oder auch Kollateralschäden zu begrenzen.
Der kleine Mann, der für seine Kriegsführung Massenvernichtungsmittel beansprucht, muss sich einer entsprechenden Schutzmacht unterstellen. Andernfalls, so dieser mit Massenvernichtungsmittel unreguliert umgehen möchte, gerät er unweigerlich in die Nähe der Waffenschieber und Terroristen.
Die Steinschleuder ist die Waffe des kleinen Mannes. Sie gehört zu den am wenigsten regulierten Waffen – noch heute. Höchste Geschicklichkeit ist gefragt. Im Kampf ‚Klein gegen Gross‘ zählt Grips mehr als rohe Kraft.
Die SRO’s können die professionelle Regulierung der „Davids“ nicht sicherstellen – über kurz oder lang muss die Finma hier eingreifen und adäquate Compliance Standards sicher stellen. Dies wird eine Konsolidierung in Form von Zusammenschlüssen von Kleinstfirmen zur Folge haben und die Schweiz ist hier klar im Rückstand und vermutlich der einzige Finanzplatz, wo trotz der fortschreitenden Konsolidierung das Volumen an unabhängigen Vermögensverwaltern immer noch Jahr für Jahr zunimmt.
Aus Sicht Economies of scale stimme ich der Argumentation von Herrn Geiger zu; aber nur aus dieser Sicht.
Anderseits soll nicht ausgeblendet werden, dass vor allem kleine Privatbanken und Vermögensverwalter zur Einfädelung undurchsichtiger Geschäfte und auch zum Aufsetzen sog. „Einstiegsgeschäfte“ (neutral: financial engineering) im Focus besonderer Kunden sind. Kommt hinzu, dass es für die EVV leichter ist, Geschäftsmodelle in der Grauzone einzufädeln, da nach der bisherigen Rechtsprechung schwergewichtig die dem Bankengesetz unterstehende Depotbank für die Sorgfaltsprüfung zuständig ist und entsprechend sanktioniert wird. Es ist scheinheilig und naiv zugleich anzunehmen, dass helvetische Standesvereinbarungen oder sog. freiwillige Agreements das Problem lösen. Leider wurde diese „Regulierungslücke“ in einem Ausmass ausgenützt, dass der Druck zur Regulierung immer grösser wurde. Dies haben jene zu verantworten, die dieses liberale System dauernd missbraucht haben.
Daher: Verhältnismässigkeit ja, aber ohne einzelne Bankengruppen und Finanzintermediäre gänzlich auszuklammern. Die Marktchancen bleiben dadurch für kleine Banken und Vermögensverwalter mit offenen Geschäftsmodellen (überdurchschnittliche Performance und Kundenfocus) nach wie vor intakt.
Sehr geehrter Observatore
Sie machen es sich da einwenig zu einfach mit den EVV. Wer hat dem Finanzplatz die grossen Probleme eingebrockt? Meistens die direkt der Finma unterstellten Firmen wie die Grossbanken mit ihren schlauen US Geschäften oder der Veögensverwalter ASE, welcher vom Verband der Schweiz. Vermögensverwalter nicht aufgenommen wurde. Die EVV müssen sich von einer auf Geldwäscherei anerkannten Revisionsgesellschaft regelmässig überprüfen lassen.
Zudem herrscht viel weniger Vetternwirtschaft bei den EVV wie unter den Banken und ihren Headhuntern.
Freundliche Grüsse
@Chraledan
Sehr geehrter Chraledan
ob die „anerkannten Revisionsgesellschaften“, die Sie so ehrfurchtsvoll erwähnen, über das Know How der internationalen „financial engineers“ verfügen bezweifle ich. In der Regel erstrecken sich die Prüfungen der hiesigen Revisionsgesellschaften auf formelle, nicht jedoch auf materielle, Aspekte; d.h. sie überprüfen nicht Geschäftsmodelle, sondern einfach ob die vorgezeigten Belege mit den Eintragungen in den „Büchern“ übereinstimmen: Honny soit qui mal y pense…
Freundliche Grüsse
Osservatore
Gratuliere zu dieser fundierten Argumentation. Es ist leider so, dass immer mehr Details reguliert werden, anstatt über Grundsätzliches nachzudenken und dann die Strategie festzulegen. Der Fluch sind die Politiker, die von den schlauen Managern natürlich manipuliert werden, denn die wollen das Volk immerzu retten,d.h. versklaven. Wir sind mit Freihandel reich geworden (sogar die Reisläuferei im Mittelalter basierte darauf) und sollten endlich wieder den Mut zur Freiheit haben. Leider „beschützen“ uns die Politiker vor der Freiheit, denn sonst sind sie ja überflüssig (siehe EU Moloch).
Im Wesentlichen braucht es wenig neue Regeln, viel, viel wichtiger wäre, wenn die Justiz die bestehenden Regeln (Geldwäschereigesetz, Art 102 Strafgesetzbuch „Verantwortlichkeit des Unternehmens etc) durchsetzen würde und fehlbare Organisationen und Manager hart bestraft. Zudem würde sicher helfen, die Komplexität der bestehenden Regeln zu reduzieren d.h. z.B. Basel III. In der Einfachtheit liegt die Lösung und der harten Bestrafung fehlbarer Organisationen/Personen. Aber eben z.B. eine Hausdurchsung bei grösseren Banken in der Schweiz ist nicht opportun. Es werden immer wieder Gründe von den Staatsanwaltschaften gefunden, nicht gegen den Missbrauch vorzugehen! Das ist die Realität, welche die Finanzplatzmisere grössenteils verursachten!
Fakt. Ganz klar. Einerseits Fluch, andererseits Herausforderung (und endlich wohl auch Motivator), um sich Gedanken darüber zu machen, wie man sich weiter verbessern kann.
Verbessern bedeutet in meinem Beispiel: Effizienter werden. Sinnvoll optimieren. Prozesse dort verändern, wo es Sinn macht und die Qualität sogar noch steigert, diese nicht verschlechtert.
Gegen den Margendruck kann nichts getan werden. Gegen die steigenden Fixkosten (speziell in Anbetracht der überbordenden Regulatorien) schon. Dort ansetzen, Effizienz steigern, Qualität sichern und steigern, neue Zeit ‚freischaufeln‘. Dies erlaubt eine bessere Beziehung und Betreuung bestehender und mehr Zeit für die Akquisition neuer Kunden.
Schlussendlich sichert nur das die Selbständigkeit für EVVs und kleine Banken: Qualität, Konsistenz, Regulatorische Sicherheit, Effizienz. Der Markt bietet solche Möglichkeiten.
Wo haben Sie denn das her mit der Marge? Ich glaube das waere wohl das erste an dem zu arbeiten waere. Ohne Marge bringen tiefe Kosten auch nix mehr. Race to the bottom?!
Margendruck im Sinne von: Kostenniveaus, welche von Kunden je länger je weniger gezahlt werden wollen. Weil deshalb beim Druck von oben nicht viel bis nichts getan werden kann, ausser man arbeitet gratis, muss unten angesetzt werden.
Herr Geiger hat den Nagel mit seinem Kommentar auf den Kopf getroffen!
Leider sind es die kleinen Banken und Verwalter, die mit den Neuen regulatorische Gegebenheiten zu kämpfen haben und in ihrem Businessmodell existenziell bedroht werden.
Für die Grossbanken schwindet die Konkurrenz. Die Grossbanken hätten ihre Konkurrenz nicht besser bekämpfen können.
Was jetzt passiert kann nicht gut für den Kunden und die Schweiz sein, nur für die Grossbanken.