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Deutungen der Quantenmechanik als Heuristik
Spricht man davon, dass Quantenphänomene widersprüchliche Eigenschaften hätten oder sich indeterministisch "verhielten" ( Byrne: Verhalten von Elektronen), gilt dies nur für den Bereich des Subatomaren. Die mysteriösen Quanteneffekte, welche der klassischen Physik widersprechen und von der Esoterik gerne aufgenommen werden, lassen sich zudem grundsätzlich nicht beobachten. Im Moment einer "Beobachtung", also einer Messung, "verschwindet" das Mysteriöse, gilt für Quantenphänomene beispielsweise wieder die klassische Logik (Vaas: Der Widerspruch des Messproblems).
Die mysteriösen Quantenphänomene können nicht direkt beobachtet werden - es wurde noch nie etwas beobachtet, das beispielsweise der klassischen Logik widerspricht und einen Widerspruch enthält. Auf die mysteriösen Quantenphänomene kann nur geschlossen werden: aufgrund vorgenommener Messungen und mathematischer Formalismen scheint sich das Beobachtete allerdings nur erklären zu lassen, wenn im Bereich der Quantenphänomene andere Gesetze vorherrschen als im "klassischen" Bereich. Welche Gesetze dafür angenommen werden sollen hängt davon ab, wie man Messungen und mathematische Formalismen deutet.
Während die mathematischen Formalismen der Quantenmechanik kaum je in Frage gestellt werden und wohl auch nicht sinnvoll in Frage gestellt werden können, werden die Ergebnisse auf ganz unterschiedliche Art und Weise gedeutet. Diese Deutungen geben der Quantenphysik eine Bedeutung, versuchen aufzuzeigen, was "wirklich", "in Realität" im Bereich der Quantenphänomene geschieht (Honderich: Quantentheorie: Formalismus oder Deutung).
Allerdings gibt es bis heute keine Deutung, die wirklich überzeugen kann und die ohne problematische Annahmen auskommt. Keine der bekannten Deutungen scheint die Realität im Bereich der Quantenphänomene korrekt wiederzugeben, sondern es scheint sich dabei um reine Heuristiken zu handeln, also um Versuche trotz mangelnder Kenntnisse ein Phänomen (vorübergehend) zu erklären. Als Heuristik waren auch viele esoterische Theorien lange Zeit von grosser Bedeutung - die meisten esoterischen Theorien konnten dann aber durch empirische Forschung und das Aufzeigen von Widersprüchen aus wissenschaftlicher Sicht überwunden werden, wie es womöglich dereinst auch für manche Deutungen der Quantenphysik geschehen wird. So schreibt beispielsweise der bekannte Quantenphysiker Anton Zeilinger in der Zeitschrift Nature, dass es gut sein könne, dass die Quantentheorie in der Zukunft durch eine neue Theorie abgelöst werde. Eine solche Theorie wäre aber vermutlich noch radikaler als alles, was man heute kenne (Morsch: Quantentheorie nicht endgültig).
Die Kopenhagener Deutung
Die bekannteste Deutung der Quantenmechanik ist die Kopenhagener Deutung. Sie wird von Esoterikern, Theologen und Philosophen besonders gerne verwendet (z.B. Knapp: Kopenhagener Deutung und Philosophie), da sie in vielen Bereichen der klassischen Physik diametral widerspricht (schönes Zitat dazu), sie wird aber gemäss Rüdiger Vaas heute kaum noch von jemandem aktiv verteidigt (Vaas: kaum jemand verteidigt noch die Kopenhagener Deutung).
Dass sich die Kopenhagener Deutung so weit verbreitet hat, scheint weniger daran gelegen zu haben, dass sie besonders überzeugend ist, als daran, dass sie weltanschaulichen Ansprüchen genügt. So schien sich mit der Quantenmechanik plötzlich eine Hintertür aufzutun, mit der die deterministische klassische Physik durch eine indeterministische "neue Physik" ersetzt werden konnte, schienen sich Vorstellungen des Deutschen Idealismus zu bewahrheiten, dass die Welt nicht unabhängig vom Menschen existiert. Letztere Vorstellung ist inzwischen in den Hintergrund getreten, wenn sie auch vom bereits zitierten Anton Zeilinger vertreten worden ist und womöglich heute noch vertreten wird (Zeilinger: Welt nicht ohne unsere Beobachtung). Sie entspricht in vielerlei Hinsicht esoterischen Vorstellungen, die den Menschen gerne ausserhalb der Natur sehen oder zumindest als die Natur beherrschend.
Indeterminismus als Prämisse
Die Vorstellung des Indeterminismus ist allerdings weiterhin sehr weit verbreitet. Dass ein solcher Indeterminismus nicht physikalisch, sondern weltanschaulich begründet ist, lässt sich gut an einem Zitat von Valerio Scarani zeigen:
"Manche Leute sagen, durch die Quantenphysik sei der Zufall an die Stelle des Determinismus getreten. Diese Behauptung ist "vernünftig", aber sie hält nicht lange stand. Nehmen wir an, Sie seien ein strikter Verfechter des Determinismus (was für mich nicht gilt) und davon überzeugt, dass alle Details der Geschichte des Universums bereits in Stein gehauen seien und nun einfach nach und nach abliefen. Insbesondere war dann auch vorherbestimmt, dass sie sich "entscheiden", eine Quantenmessung vorzunehmen, deren Resultat ebenfalls schon feststeht. Wie bereits erwähnt wurde, wird durch diese Sicht der Dinge das Bell'sche Theorem gegenstandslos - die fertige Weltgeschichte wäre dann eine riesige nichtlokale verborgene Variable, die alles erklärt. Und das ist noch die geringste Unbequemlichkeit; der Verlust jeglicher Form menschlicher Freiheit ist eine viel dramatischere Konsequenz. ... Akzeptieren Sie "Indeterminismus" für den Menschen, dann müssen Sie auch der Natur eine Art "Indeterminismus" zugestehen." Scarani 2007, S. 108.
Spannend an diesem Zitat ist die Selbstverständlichkeit mit der Herr Scarani den Indeterminismus voraussetzt. Denn die klassische Physik war strikt deterministisch und schloss damit menschliche Freiheit aus. Aus physikalischer Sicht müsste demnach eine deterministische Deutung vorgezogen werden, da sonst ein Dualismus aus Determinismus und Indeterminismus entstünde. Für viele Physiker schien die Verlockung aber zu gross, dass mit der Quantenphysik "endlich" der Determinismus der klassischen Physik überwunden werden konnte, weshalb sie die indeterministische Deutungsmöglichkeit wie die jene der Kopenhagener Deutung dankbar annahmen. Dass die Quantenmechanik aber nicht indeterministisch sein kann zeigt die einfache Tatsache, dass sie nicht willkürlich, sondern extrem regelmässig ist (»Determinismus oder Indeterminismus).
"Gehirnwäsche"
Dass sich die Kopenhagener Deutung durchsetzen konnte basiert nicht auf einer physikalischen Notwendigkeit, sondern auf einem historischen Zufall, wie John Gribbin eindrücklich auf Seite 218 seines Buchs "Schrödingers Kätzchen und die Suche nach der Wirklichkeit" (1998) beschreibt:
"Ich habe Ihnen gezeigt, wohin die Kopenhagener Deutung Sie führt, wenn Sie ihr folgen. Und hoffentlich konnte ich Sie davon überzeugen, daß sie keine vollkommen befriedigende Erklärung der Quantenrealität anzubieten hat. Wie ich schon sagte, verdankt sie ihren Erfolg weitgehend dem historischen Zufall, daß sie die erste vollständig ausgearbeitete Interpretation war und von einer starken Persönlichkeit verfochten wurde. Bereits 1976 bemerkte der Nobelpreisträger für Physik Murray Gell-Mann: "Niels Bohr unterzog eine ganze Generation von Physikern einer Gehirnwäsche und machte sie glauben, das Problem sei bereits gelöst." Daß Bohr als Gehirnwäscher so erfolgreich war, gründete zum Teil darauf, daß die einzige, damals existierende alternative Deutung durch eine Berechnung des Mathematikers John von Neumann aus dem Rennen geworfen wurde. In Wahrheit hatte sich von Neumann geirrt."
Seitdem John von Neumanns Irrtum bekannt geworden ist steht ausser Frage, dass deterministische Deutungen der Quantenphysik möglich sind. Sie sind aber (zumindest bisher) ebenfalls nicht ohne grundsätzliche Schwierigkeiten zu haben. Dass aber "klassische" Deutungen offensichtlich falsch sind, wird heute weiterhin kaum thematisiert, ist aber der Grund, warum sich die Esoterik so leicht auf die Quantenphysik stürzen kann. Dies ist also nicht einfach deshalb so, weil die Esoteriker die Quantenphysik falsch verstanden haben, sondern vielmehr auch deshalb, weil die klassischen Interpretationen der Quantenphysik selbst esoterische und überholte philosophische Annahmen (z.B. Idealismus, Positivismus) beinhalten. Eine Anekdote kann diesen Zusammenhang mit einem Augenzwinkern ergänzen: "Vom dänischen Physiker Niels Bohr (1885-1962) wird erzählt, dass er am Eingang zu seinem Haus ein Hufeisen als Glücksbringer hängen hatte. Ob er denn solchen Humbug glaube, soll ihn ein Besucher gefragt und die Antwort erhalten haben: "Nein, aber angeblich hilft es auch, wenn man nicht daran glaubt."" (Franz M. Wuketits in Smalla 2011, S. 64.)
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