Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03205.jsonl.gz/3079

Der Pilatussee und die Stadt St. Gallen
Traduction (Allemand)
Traduction: Clemens Schlip (französischer Originaltext der Anmerkungen von Kevin Bovier)
Der Pilatussee
Ich möchte berichten, dass wir beim Aufstieg von jenem Hirten, der uns führte, fast durch einen Eid dazu gezwungen wurden, beim Anblick des Sees nichts allzu Ungehöriges zu unternehmen oder etwas hineinzuwerfen. Er sagte, er spiele mit seinem Leben, und bat wiederum um Mässigung und Schweigen als ob er uns zu heiligen Stätten führe. Deshalb war ich zugegebenermassen (um dem alten Ruhm des Ortes ein Zugeständnis zu machen) nicht wenig erschüttert. Obwohl es feststeht, dass es eine Fabel ist, was manche sich über Pilatus zusammengeträumt haben, nämlich dass er alljährlich auf dem See erscheine (am Karfreitag), und zwar im Gewande eines Richters, und dass die, die ihn gesehen haben, das Jahr nicht überleben können; das ist ein grosser Unsinn. Darin besteht nämlich der Leichtsinn der Menschen, dass sie Orten in der Natur, die durch irgendeine göttliche Einwirkung berühmt sind, Fabeln anheften; und durch die Natur ist es, ich weiss nicht wie, so eingerichtet worden, dass die, die solches hören, es mühelos glauben, weil eine gewisse religiöse Kraft uns dazu verlockt und auch unsere Neugierde in diese Leichtgläubigkeit verfällt. Ob es ferner wahr ist oder nicht, was das beständig von den Anwohnern verbreitete Gerücht über den erwähnten Genius des Sees herumerzählt, möchte ich auch jetzt nicht sagen, weil es mir nicht erlaubt war, es herauszufinden; und wenn es mir erlaubt gewesen wäre, hätte ich es nicht tun können, ohne mich einer grossen Gefahr auszusetzen. Aber dennoch bewegen mich die berühmten, an fast allen seinen Teilen auftretenden Naturwunder, die durch die Erfahrung und Autorität vieler Menschen wahrgenommen und bestätigt worden sind, dazu, dies fast alles zu glauben; soll ich nicht auch noch berichten, dass mir der Genius dieses Ortes dergestalt erschienen ist, dass er, zumal an einem so erhöht liegenden Ort, ohne Schwierigkeit dem Gerücht entsprechen kann, das um ihn herum entstanden ist? Der Berg ist nämlich so hoch, dass wir, nachdem wir im Morgengrauen aufgebrochen waren, um den See zu besichtigen, und dann bald zum Berggipfel geschritten und in einem unverweilten Abstieg zu den Pferden zurückgekehrt waren, erst nach Sonnenuntergang bei Anbruch der Nacht in die Stadt kamen, wobei wir höchstens zwei Stunden mitten auf dem Berg auf die Einnahme einer Mahlzeit verwandt hatten.
Die Stadt St. Gallen
Vom Ufer der Aach ungefähr 8000 Fuss in westliche Richtung entfernt, in einer gebirgigen, nicht durchgängig waldbewachsenen und nicht unfruchtbaren Gegend, liegt die kaiserliche Stadt St. Gallen mit einem Kloster des Benediktinerordens, einst durch seine althergebrachte Gelehrsamkeit und seine ausserordentliche Heiligkeit bekannt; heute lässt es sich als wohlhabendes Kloster besichtigen, das eine grosse Herrschaft besitzt, da es seine Bemühungen dem Erwerb von Reichtümern zugewandt hat. Seine Entstehung verdankt es einem gewissen aus Schottland stammenden Gallus, der sowohl durch die Heiligkeit seines Lebenswandels als auch durch seine Verachtung weltlicher Angelegenheiten und sein freiwilliges Armutsgelübde bekannt ist; er hatte vor etwa 900 Jahren die sehr alte rhätische Kleinstadt Bregenz verlassen und sich ins Gebirge begeben, um sich dort eine Einsiedelei zu suchen; an einer zuvor verlassenen Stätte, die durch die dort lebenden wilden Tiere und die Unwirtlichkeit ihres Waldbewuchses furchterregend war, legte er karge Fundamente (so geringfügig pflegen die Anfangsgründe ausserordentlicher Dinge zu sein) und stellte so, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, den Beginn der Existenz einer besonders berühmten Stadt unter sehr günstige Vorzeichen. Das ist unsere liebe Heimat, das ist die Amme, die sich der Familie von Watt gegenüber schon nicht nur in einem Jahrhundert wohlwollend und grosszügig erwiesen hat. Ich stehe also einer so bedeutenden Nährmutter gegenüber in der Schuld sowohl für den guten Ruf, den meine Familie in der Öffentlichkeit besitzt, als auch ganz besonders wegen dessen, was ich ihr privat schulde. Wem nämlich, der nicht hartherzig und auch nicht gemein gesinnt ist, ist der Anblick des Vaterlandes nicht lieb? Wem ist der heimische Boden nicht angenehm? Gnade liegt vorzüglich daran, dass sie einen geboren, einen erzogen hat. Aber damit keiner glaubt, dass mich mehr die Liebe als das Bemühen um die Wahrheit dazu verleitet, dass ich so viel von meiner Heimat berichte, muss ich mich an dieser Stelle aller Lobsprüche enthalten. Andernorts haben wir versucht (und werden es auch fernerhin versuchen, wo wir nur können), dass keiner uns vorwerfen kann, dass wir uns in irgendeinem Stück gegen die Heimat undankbar erwiesen haben. Wenn ich aber von der günstigen Lage des Ortes (bedingt durch die Berge, die Flüsse, die einzigartige heilsame Wirkung der Luft und das sehr unschädliche Klima), wenn ich von der Frömmigkeit der Bürger, ihrer Klugheit, Gerechtigkeit, Menschlichkeit und ihrer Verwaltung im Kriegs- und Zivilwesen berichten werde (ohne der Würde dieser Dinge Genüge zu tun), wenn ich ihre sehr trefflichen Studien und ihre in ganz Europa berühmten Handelsbemühungen (nicht ihrer Würde entsprechend) in helles Licht setze, dann werden mir die Nachgeborenen verzeihen, da ich mich als erster an jene Dinge gewagt wage, und weil ja, wie Properz sagt, «es bei grossen Angelegenheiten genügt, sie gewollt zu haben.» Und sehr viele, die in anderen Jahren nach mir leben werden, werden, durch meinen Wagemut dazu angeleitet, vielleicht Besseres hervorbringen. Und ich hoffe, dass Melchior Vadian, mein Bruder, zu ihnen gehören wird, der nun schon als junger Mann eine solche Begabung besitzt, dass ich mir Versprechungen zu machen wage, dass, wenn nur ein guter Genius sein Leben leitet, er nachträglich zusammenflicken wird, was meine Kräfte, die mit verschiedenartigen Studien beschäftigt waren, in unvollendetem Zustand herausgegeben haben.