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Töne ohne Tasten
An der Schnittstelle zwischen Mensch und Musikmaschine
Die Computertechnik hat zahlreiche neue Möglichkeiten der Klangerzeugung geschaffen. Bei der Steuerung der meisten dieser Instrumente ist der Musiker aber noch immer auf seine Finger angewiesen - Finger, die die schwarzen und weissen Tasten einer Klaviertastatur oder die Knöpfe eines Keyboards drücken. Seit dem Theremin, das der russische Physiker Lev Termen in den zwanziger Jahren gebaut hat, hat es immer wieder Versuche gegeben, die Art und Weise, wie Musiker und Instrument zusammenwirken, neu zu gestalten. Jüngere Systeme kommen ohne Berührung aus und wandeln etwa Bewegungen des Körpers in Klänge um.
Mit einem Saxophon tritt der Musiker ins Scheinwerferlicht und sagt: «Das ist kein Saxophon.» Das vorgetragene Stück heisst «Not what it seems to be». Die ersten Töne klingen vertraut. Doch dann entfernen sich Klänge immer mehr vom Saxophon-Sound. Oft passiert zuerst gar nichts, wenn der Musiker die Klappen bedient, dafür sprudelt wenig später eine Kaskade von mehrstimmigen Klängen aus dem Lautsprecher. Das Instrument, das der Zürcher Musiker Bruno Spoerri hier so virtuos spielt, ist ein Synthophone, eine Hybridform aus einem Saxophon und einem Synthesizer. Entwickelt hat es der Berner Musiker und Instrumentenbauer Martin Hurni.1
Mundstück mit Metallzunge
Äusserlich ist das Syntophone ein handelsübliches Altsaxophon von Yamaha. Doch der Becher des Instruments ist mit einem Deckel verschlossen. Die feinen Sensoren und Schalter unterhalb der Klappen sieht man erst auf den zweiten Blick. Herzstück ist ein Computerchip im Innern des Instruments, der die Signale auswertet, die das modifizierte Mundstück oder die Sensoren, die die Stellung der Klappen kontrollieren, anliefern.
Das Instrument lässt sich auch wie ein ganz gewöhnliches Saxophon spielen. Die Atemluft tritt aber bereits beim Mundstück wieder aus und wird nicht durch das Instrument geleitet. Der Druck der Lippen beeinflusst den Abstand einer Metallzunge zu einem Sensor. Die Analyse und Umwandlung der beim Mundstück gemessenen Parameter ist äusserst anspruchsvoll: Wann ist beispielsweise eine Luftdruckschwankung ein Tremolo, wann ein neuer Ton? Insgesamt werden schon beim Mundstück nicht weniger als sieben Parameter ausgewertet und für das Musical Instruments Digital Interface (Midi) aufbereitet.
Tönende Telegrafen
Trotz allen Fortschritten im Bereich der elektronischen oder computergestützten Klangsynthese und Klangverarbeitung nimmt die althergebrachte Klaviatur als Schnittstelle zwischen Mensch und Musikmaschine auch bei elektronischen Instrumenten eine dominierende Stellung ein. Das dürfte daran liegen, dass diese uralte Technik bei musizierenden Menschen sehr beliebt ist, und auch daran, dass sie sich mit geringem technischem Aufwand als Kontroll- und Steuereinheit für elektronische Instrumente nutzen lässt. Alle frühen elektronischen Musikinstrumente bedienten sich dieser Schnittstelle, so auch der «Musikalische Telegraf», den der amerikanischen Ingenieur Elisha Gray 1876 vorstellte.
Auch bei den elektronischen Synthesizern blieb die Klaviatur die wichtigste Schnittstelle zwischen Musiker und Instrument. Ein Meilenstein bei der Entwicklung dieser Instrumente war der Mini- Moog des britischen Ingenieurs Bob Moog, der erste einfache und bühnentaugliche Synthesizer, der Ende der sechziger Jahre auf den Markt kam und die Rockmusik jener Zeit entscheidend prägte.
Jenseits der 88 Tasten
Ausgestattet mit den nötigen Sensoren und Analog-digital-Wandlern, lässt sich jedes Musikinstrument zur Steuerung von Synthesizern verwenden. Bei der Gitarre ist das gut gelungen. Weniger verbreitet sind entsprechend modifizierte Streich- oder Blasinstrumente. Weit einfacher ist die Konstruktion von perkussiven Schnittstellen. Sogenannte Drum Pads sind in zahlreichen Varianten bei vielen zeitgenössischen Musikern anzutreffen. Eine interessante Variante ist die Schnittstelle «Thunder» des Synthesizer-Pioniers Don Buchla. Gespielt wird mit blossen Händen auf einer Fläche, die in zahlreiche Sektoren aufgeteilt ist. Musikalisch interessant wird dieses Instrument unter anderem durch die Möglichkeit, Sektoren in Abhängigkeit von anderen zu programmieren.
Bei den experimentellen Schnittstellen öffnet sich schliesslich ein fast unübersehbares Feld. Einige davon kommen ganz ohne Berührung aus und wandeln Bewegungen des Körpers in Klänge um. Diese Systeme haben einen berühmten Vorläufer, nämlich das Theremin, das der russische Physiker Lev Termen in den zwanziger Jahren baute. Selbst Lenin soll einmal auf diesem einzigartigen Musikinstrument gespielt haben, das unter anderem durch die Titelmelodie im Hitchcockfilm «Spellbound» berühmt wurde. Das Theremin macht sich das Prinzip der Induktion zunutze und wird mit beiden Händen gespielt, die frei in der Luft schweben und die Oszillatoren im Innern des Instruments beeinflussen. Dieses Musikinstrument wird seit kurzem wieder nachgebaut, ein spielbares Exemplar davon findet sich im Technorama in Winterthur. Eine originelle Variante einer experimentellen Schnittstelle stellt der «Radio Baton» von Max Mathews dar: Der Musiker führt dabei zwei Stäbe, die mit niederfrequenten Radiosendern ausgestattet sind.
Eine letzte Gruppe schliesslich bilden jene Schnittstellen, welche Informationen auswerten, die von einer Videokamera stammen. Hier ist das «Very Nervous System» des Kanadiers David Rokeby zu nennen, das der Musiker Bruno Spoerri in seinen Improvisationen ebenfalls benutzt: Der Musiker beeinflusst dieses System mit Handbewegungen, die ans Dirigieren erinnern. Das System misst die Veränderungen im Signal einer Videokamera und stellt das Resultat dem Computer zur Weiterverarbeitung zur Verfügung. Der in Nürnberg lebende amerikanische Choreograph Robert Wechsler hat mit seinem Palindrome Dance Theater schliesslich eine Schnittstelle entwickelt, die den Raum dreidimensional vermisst und jedem Punkt im Raum ein Klangereignis zuordnet. Darauf lässt sich eine eigene Tanzperformance aufbauen, bei der die Tänzer die Klänge mit ihren Bewegungen selber erzeugen.
Gleichklang im Internet
Das Saxophon, das auch ein Synthesizer ist - das Synthophone -, ist in seiner heutigen Form das Resultat einer langen Entwicklung, die fast das ganze Berufsleben von Martin Hurni umfasst. Hurni absolvierte in den Jahren 1972 bis 1974 das Berklee College of Music in Boston und traf dort mit dem Erfinder Bill Bernardi zusammen, der das erste elektronische Blasinstrument, das sogenannte Lyricon, baute. Diese Begegnung gab den Anstoss zu einer ersten eigenen Entwicklung.
An der Ars Electronica von 1984 gewann Hurni mit einem Vorläufer des heutigen Synthophones den ersten Preis. Nicht ohne Stolz zeigt er die von Bob Moog unterschriebene Gewinnerurkunde für die «originellste und zukunftsweisendste Neuentwicklung im Bereich der elektronischen Klangerzeugung». Es war auch Bob Moog, der den Ansporn zur Serienproduktion gab, verbunden mit einem Rat: Erst in der ständigen Auseinandersetzung mit Musikern, so erklärte Bob Moog dem jungen Preisgewinner, könne eine Erfindung zu einem wirklich brauchbaren Musikinstrument werden. Zu den berühmtesten Kunden Hurnis zählen die Jazz-Musiker Steve Coleman, Branford Marsalis, Chico Freeman und Jay Beckenstein. Das Synthophone kostet mit knapp 5000 Franken gleich viel wie ein handelsübliches Instrument ohne Elektronik. Einige hundert Exemplare davon hat Hurni in den letzten 15 Jahren gebaut.
Was bringt die Zukunft? Hurni träumt von einer universalen Schnittstelle für alle Instrumente. Sie würde das Zusammenspiel und den Austausch via Internet fördern und damit dem Musizieren noch einmal eine neue Dimension eröffnen.
Dominik Landwehr*
* Der Autor leitet beim Migros-Kulturprozent den Bereich Science & Future.
1 http://www.softwind.com
Neue Zürcher Zeitung, 14. April 2000