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Zwei Jungkletterer spalten die Alpinistengemeide
Gewisse Themen sind so heikel, dass sie unter Alpinisten Endlosdebatten auslösen können – und sogar Gewaltbereitschaft. Zum Beispiel das Thema Bohrhaken. Ist es ethisch vertretbar, eine Felswand zu verbohren und damit dem Berg einen irreparablen Schaden zuzufügen? Falls ja, wie viele Haken sind in Ordnung? Oder anders herum: Darf man aus einer Kletterroute, die ein anderer erschlossen hat, Haken entfernen? Die Meinungen darüber gehen weit auseinander. Aktuell sorgt ein Vorfall am Cerro Torre in Patagonien für dunkelrote Köpfe: Der 3128 Meter hohe Granitturm an der argentinisch-chilenischen Grenze gilt wegen der steil aufragenden, glatten Felswände und der extrem widrigen Wetterbedingen als einer der schwierigsten Kletterberge der Welt – und als einer der geschichtsträchtigsten.
Nun begingen dort der Amerikaner Hayden Kennedy und der Kanadier Jason Kruk am 17. Januar 2012 eine Variante der historischen «Kompressorroute», nach eigenen Angaben «by fair means» (das bedeutet, ohne die Bohrhaken der «Kompressorroute» zu nutzen, was ihnen – wie sich später herausstellte – allerdings nicht ganz gelang). Beim Abstieg entfernten sie in der Headwall und in einer Seillänge darunter sämtliche Bohrhaken der «Kompressorroute». Insgesamt 125 Stück. Nachdem ihre Aktion bekannt wurde, entwickelte sich eine wilde Kontroverse. Eine Gruppe von 40 Personen versuchte gar, Kruk nach der Rückkehr zu lynchen, die argentinische Polizei griff ein, verhörte die beiden Jungkletterer und beschlagnahmte die Bohrhaken.
Massaker am Berg
Weshalb so hitzig? Die Vorgeschichte der «Kompressorroute» ist legendär: Lange galt der Cerro Torre als «unmöglich», alle Versuche, den Gipfel zu erklimmen, scheiterten. 1959 nahmen der Italiener Cesare Maestri und der Österreicher Toni Egger einen Anlauf durch die Nordwand. Egger geriet (angeblich beim Abstieg) in eine Eislawine und starb. Maestri behauptete, sie hätten den Gipfel erreicht, doch das Beweisfoto konnte er nicht vorweisen, weil seine Kamera im Rucksack von Egger gewesen sei. Weder Toni Egger noch sein Rucksack wurden bis heute gefunden. Maestris Schilderungen gerieten immer mehr unter Zweifel, kaum einer nimmt ihm die Erstbesteigung von 1959 ab.
Mit dieser Kritik wollte Maestri nicht leben. 1970, elf Jahre später, kehrte er zum Cerro Torre zurück – und bohrte sich wie ein Besessener mit Hilfe eines hundert Kilo schweren Kompressors die Nordostwand empor. Nachdem er den Berg mit bereits 300 Haken verschandelt hatte, drehte das patagonische Wetter, Maestri musste aufgeben. Aber noch im selben Jahr reiste er wieder an und «massakrierte» den Berg mit weiteren 100 Bohrhaken – daher der Name «Kompressorroute». Maestri stieg aber nicht ganz auf den Gipfel, sondern nur bis zum Ende der Headwall. Den instabilen, 35 Meter hohen Gipfelschneepilz mochte er nicht erklimmen, weil er diesen nicht als Gipfel anerkannte und glaubte, er werde ohnehin eines Tages weggeblasen.
Maestri erachtete den Berg als bestiegen und seine Ehre als wieder hergestellt. Vor dem Abstieg habe er noch überlegt, ob er die Bohrhaken wieder herausbrechen und die Wand so hinterlassen solle, wie er sie vorgefunden habe – damit keiner, der die Route zu wiederholen versucht, von den Löchern profitieren kann, die er gebohrt hatte. Aber letztlich war es Maestri wichtiger, dass alle Zweifler sehen konnten, dass er den Cerro Torre bestiegen hat. Als erster Mensch. Seine Bohrhaken-Leiter (siehe Bild unten) war für ihn der unanfechtbare Beweis für die Nachwelt. Beim Abseilen entfernte er dann 20 Haken, zerstörte den Kompressor, der übrigens noch heute in der Headwall hängt, und warf alles über die Wand, was für andere irgendwie hätte hilfreich sein können (Klemmkeile, Karabiner, Seile, etc.).
Maestris Bohrhaken-Wahnsinn löste eine Polemik aus. Viele betrachteten die «Kompressorroute» als Symbol eines «entweihten Bergs», als Klettersteig, des Alpinismus unwürdig. Jahrzehntelang wurde debattiert, ob Maestris Bohrhaken entfernt werden sollen. Die einen fanden: Ja, man müsse dem Berg seine Wildheit zurückgeben. Die anderen: Nein, die Route sei historisch, Teil der Klettergeschichte, und das müsse respektiert werden. Viele, die die Route wiederholen konnten, sagten, höchstens zehn Prozent der 380 Bohrhaken seien nötig.
Eine Alpinisten-Versammlung beschloss: Die «Kompressorroute» bleibt
Wie delikat die Angelegenheit ist, zeigt auch der Eklat von 2007. Zwei Amerikaner hatten sich damals vorgenommen, die «Kompressorroute» so clean wie möglich zu klettern, also möglichst keine von Maestris Bohrhaken zu benutzen. Und falls sie dies schafften, wollten sie alle überflüssigen Bolts entfernen. Das brachte einen anderen Bergsteiger im Basislager so in Rage, dass er ihr Zelt demontierte und drohte, ihre Ausrüstung in eine Gletscherspalte zu werfen und die beiden anzugreifen. Später prügelte er sich deswegen mit einem anderen Amerikaner so heftig, dass er im Spital geröntgt werden musste. Daraufhin versammelten sich rund 40 argentinische und internationale Bergsteiger in El Chalten, um über die Zukunft der «Kompressorroute» einen Konsens zu finden. Am Schluss entschieden sie mit 30 zu 10 Stimmen, die Bohrhaken am Berg zu lassen. Protokollführer Vincente Labate fasste zusammen:
Die Meinungen wurden offen ausgetauscht, doch die Angelegenheit ist noch nicht zu Ende. Aber an folgenden Grundsätzen wollen wir festhalten:
– Nein zu weiteren Bohrhaken-Leitern an einem der Berge, ab sofort
– Ja zu gemeinsamen Lösungsfindungen
– Nein zu jeder Art von Herrschaftdenken und -handeln
– Ja zur Akzeptanz, dass Geschichte Teil unserer Kultur ist
Alpinismus basiert auf dem Prinzip der Freiheit
Trotz dieses demokratisch getroffenen Beschlusses von 2007 nahmen sich nun die Jungkletterer Kennedy (21) und Kruk (24) die Freiheit, die historische Kompressorroute «zu entsorgen». Für die einen sind sie «Helden», für die anderen «Vandalen», «arrogante amerikanische Cowboys» oder «Personae non gratae». In den Kletterforen gibt es Tausende von Kommentaren (insbesondere im amerikanischen SuperTopo und im italienischen FuoriVia). Die Argumentationen provozieren und führen ins Uferlose.
Die Diskussion sollte sich aber nicht nur darum drehen, ob Kennedys und Kruks Aktion gut oder schlecht war, sondern auch um den Grundsatz. Der Alpinismus basiert auf dem Prinzip der Freiheit. Mit ihrer Selbstjustiz, eine 40-jährige Route an einem Symbolberg zu entfernen, haben Kennedy und Kruk die bergsteigerische «Freiheit» neu definiert. Sollte ihr Prinzip zur Norm werden, kann sich künftig jeder das Recht nehmen, Routen nach eigenem Gutdünken auszubrechen oder zu verändern. Bis anhin galt das ungeschriebene Gesetz: Jeder darf eine Begehung von anderen anzweifeln, dagegen sein, oder sie in Frage stellen. Aber eine Route darf man nur verändern, wenn der Erschliesser sein Einverständnis gibt. Wo führt das jetzt also hin?
Eine neue Ära hat begonnen
Zehn Tage nach ihrem Tun erklären Kennedy und Kruk ihre Motivation in einem ausführlichen Communiqué:
«Wer hat dem Cerro Torre Gewalt zugefügt? Maestri, der die Hacken reinbohrte, oder wir, die sie entfernten? (…) Wir sind Teil der nächsten Generation, eine junge Gruppe von ehrgeizigen Alpinisten. (…) Eine Menge Leute kletterten die ‹Kompressorroute› und hatten Spass. Aber jetzt beginnt eine neue Ära.»
Dass die Bolts der «Kompressorroute» unnötig waren, habe David Lama soeben bewiesen, schreiben sie. Vier Tage nach ihrer Aktion gelang dem 21-jährigen Österreicher mit Peter Ortner als erstem Alpinist die freie Begehung der Südostwand des Cerro Torre, also ohne sich mit technischen Hilfsmittel fortzubewegen oder diese zu belasten.
Für diese ausserordentliche Leistung, welche durch die ausgebrochenen Kompressor-Haken noch mehr Anerkennung verdient, brauchte David Lama drei Anläufe. Und auch der junge Ausnahme-Kletterer hatte bei seinem ersten Versuch am Cerro Torre vor zwei Jahren eine böse Bohrhaken-Diksussion verursacht. Sein Kopf-Sponsor hatte ihm ein Filmteam mitgeschickt. Damit die Crew am Fels filmen konnte, bohrte sie zahlreiche neue Haken entlang der «Kompressorroute». Weil das Wetter umschlug, brachen die Filmer das Projekt ab, liessen Haken, Fixseile und Materialsäcke am Berg. Ein No-go, das David Lama bis heute schwer nachgetragen wird. Zur Aktion von Kennedy und Kruk hat er sich bislang noch nicht offiziell geäussert.
Die Kompressorroute am Cerro Torre gibt es nicht mehr. Finden Sie es richtig, wie Kennedy und Kruk gehandelt haben?