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Runde, kleine, steinerne Kugeln, angeordnet auf einem weissen Sockel. Aber nein, das sind keine Kugeln – das sind Granatäpfel, und zwar ganz besondere. Sie bestehen aus vulkanischem Gestein des 1944 ausgebrochenen Vesuv. «Purscheida» symbolisieren durch ihre intakte Form die noch nicht in Versuchung geratene Persephone in der griechischen Mythologie. Baselgia erzeugt mit geschickter Wahl des Materials eine tiefliegende Verbindung des Inneren der Erde mit ihrem Äusseren. Das ausgebrochene Magma wurde bereits durch den Ausbruch stark chemisch transformiert. Jahre später transformiert Baselgia das Magma erneut.
Feine Bleistiftlinien bilden in lockerem Beieinander Naturböden, aus ihnen wachsend lassen sich Pilze aus dunklerer Tinte erkennen. Die vier Zeichnungen unter dem Titel «Autolyse – Coprius Comatus» haben es in sich. Die gezeichneten Pilze sind nämlich aus dem, was sie bereits darstellen – aus Pilzen. Die abgebildeten «Coprinus Comatus», eher als Schopf-Tintlinge bekannt, lieferten gleich auch die verwendete Tinte. Schopf-Tintlinge zerfallen, um sich zu verteilen und sich fortzupflanzen. Durch diesen Zerfall setzen sie Säfte frei, die man später als Tinte benutzen kann. Baselgia zeigt, dass der Selbstzerfall, gar die Selbstdestruktion der Pilze, einen positiven Effekt für sie hat – es sichert ihr Überleben. Die gezeichneten, in ihrer ursprünglichen Umgebung platzierten Pilze unterstreichen die tiefe Verbindung, die sie mit ebendieser teilen.
Die Wände des Hauptausstellungsraumes sind bespielt mit feinen Konstruktionen aus Holz. Die scheinbar zufällig angeordneten Holzwege schlängeln sich aneinander vorbei, verbinden sich miteinander, bilden Zentren und werden durch ihre Rahmen abrupt abgebrochen. Doch gewählt sind diese Pfade alles andere als zufällig. Die Holzsegmente stammen aus einer früheren Installation, die er für seine Ausstellung «Pardis (Curzoin)» anfertigte. Dort bildete er einen Teil des amerikanischen Schienennetzes der 1870er Jahre nach, und legte es auf dem Boden des Klosters Bellelay aus. Nun zieren die Holzschienen die Wände der Galerie. Die gemäldeartigen Holzkonstruktionen sollen die Ambivalenzen eines Paradieses aufzeigen. Sie spiegeln die Vergangenheit und gleichzeitig die Gegenwart wieder. Das frühere Amerika; ein Paradies, ein Neuanfang, eine zu entdeckende Welt für die Kolonialisten, und gleichzeitig eine daraus folgende immer grössere Zurückdrängung der Ureinwohner sowie anderer Lebewesen. Die Schienen trennen die Landschaft in Flächen, die immer kleiner und kleiner werden. Auch geht es dabei um die künstliche Schaffung von Grenzen und den Versuch, diese zu überwinden.
Die Simplizität und die gleichzeitige Aussagekraft von Baselgias Werken fesseln. Der Künstler wird von der und durch die Natur inspiriert. Doch einfache Nachahmung ist nicht sein Ziel. Er sieht den Reiz in der erzeugten Künstlichkeit und Transformationen der natürlichen Materialien. Diese spannenden Ambivalenzen zeigen sich in seinen Werken.
Natürliche Ressourcen, die Idee von Territorium und den Lauf des Lebenszyklus sind nur ein Teil der Themen, die ihn beschäftigen. In seinem Schaffen führt er Natur und Kunst spielerisch zusammen. Die teilweise eher ungewohnte Wahl der natürlichen Materialien erzeugt spannende Effekte. Es ist faszinierend und erstaunlich zugleich, wie er die Natur und die Einwirkungen des Menschen in einer Weise zusammenbringen kann, die unauffällig ist und zugleich doch auffällt. Seine Werke sind tief und vielsagend, auch wenn sie auf den ersten Blick nicht gleich so wirken mögen. Mirko Baselgia nimmt die Betrachter*innen seiner Werke mit auf eine Reise. Eine Reise in sich selbst und gleichzeitig nach Aussen; in die Weiten der Natur sowie in die Tiefen der Gesellschaft, an einen nicht allzu fernen Ort, zwischen Natur und Künstlichkeit.