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«Halb Tarzan, halb Byron»
Als er 17 war, reiste Peter Beard zum ersten Mal nach Kenia, begleitet von einem Urenkel Charles Darwins. Mit im Gepäck hatte er eine Kamera der Marke Voigtländer, die ihm seine Grossmutter geschenkt und mit der schon als Junge zu fotografieren begonnen hatte. Zwar wäre sein erster Kontakt mit den Wildtieren Afrikas beinahe auch sein letzter gewesen, denn ein zorniges Nilfpferd, das er aufnehmen wollte, zwang ihn, überstürzt auf einen nahen Baum zu klettern. Doch der schwarze Kontinent liess den Touristen in der Folge nicht mehr los.
«Als ich 1955 erstmals hierher kam, war es noch unvorstellbar toll», erzählte Peter Beard 2007 einer amerikanischen Journalistin: «Es war das Paradies, glauben Sie mir. Es war eines der von Wildtieren am dichtesten bevölkerten Gebiete der Erde, und heute ist es ein Parkplatz. Die Leute denken, du würdest jammern oder dich beklagen, aber die Geschwindigkeit, mit der wir die Natur zerstören, ist überwältigend und wir passen uns ungeheuer schlau dem Schaden an, den wir anrichten. Die offensichtliche Metapher dafür ist der Elefant.» Zu retten, so Beard, gebe es nicht mehr viel: «Naturschutz ist etwas für Leute mit Schuldgefühlen, die mit ihren Pudeln und Pekinesen an der Park Avenue (in Manhattan) wohnen.»
Kein herkömmliche Karrierist
Nach dem Studium an der Yale University hätte der Sohn aus reichem New Yorker Haus auf Wunsch seiner Eltern eine konventionelle Karriere machen sollen, doch Peter Beard wollte nicht einfach im Büro eines Wolkenkratzers in Manhattan herumzusitzen. Stattdessen reiste er nach Dänemark, wo er die Schriftstellerin und Kaffeefarmerin Karen Blixen kennenlernte, die 1937 unter dem Namen Isak Dinesen den von Hollywood verfilmten Bestseller «Out of Africa» geschrieben hatte – Memoiren, die den jungen Amerikaner nachhaltig beeinflussten.
Mitte der 1960er Jahre kaufte Peter Beard als Nachbar von Karen Blixen in Nairobi am Fusse der Ngong-Berge die beinahe 162’000 Quadratmeter grosse «Hog Ranch». Das Zeltlager sollte zum Ausgangspunkt seiner Expeditionen in die afrikanische Wildnis werden. «Ich machte mir ein Leben in Afrika, das von der Kunstfakultät in Yale so weit entfernt wie nur möglich war», schrieb er in einem Brief. Es war ein Leben, das er allen schlechten Erfahrungen und Tiefschlägen zum Trotz nicht mehr aufgeben mochte: «Es (Afrika) ist ein Mikrokosmos unseres Untergangs. Es ist ein faszinierendes Experiment. Wir stecken tief in der Scheisse.»
Ein atemberaubender Bildband
Doch Peter Beards Liebe zu Afrika hatte ihre Grenzen. Das somalische Fotomodell Iman, eine seiner Entdeckungen als Modefotograf, der er auch war, meinte einst, er liebe den Mythos Afrika mehr, als sie das tue: «Wir streiten uns darüber, was Afrika wirklich ist. Sind es die Tiere und die Landschaften, oder sind es die Menschen? Er hat keinen Respekt vor den Afrikanern, aber es ist ihr Kontinent – nicht seiner. Für ihn geht es nicht um Menschen, sie stehen lediglich seinem Mythos im Weg.»
Dass Peter Beard Afrikas Tiere liebte, steht ausser Zweifel. 1965 erschien in New York sein packender Bildband «The End of the Game» – ein doppeldeutiger Titel, der sowohl das Ende der Wildtiere wie das des Lebens meint. «Afrika ist ein atemberaubendes Thema – atemberaubend die Entwicklung dieses Kontinents. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft holen einander ein», schreibt der Fotograf im Vorwort seines Werks, einem Potpourri von Schwarzweiss-Aufnahmen, Skizzen, Texten, Tagebucheinträgen und allerlei Sammelsurien: «Der ‘Tod der Wildnis’ (so die deutsche Übersetzung) beschreibt das Ende einer Ära und versucht, sich vorzustellen, was morgen sein wird: ein Elefant, der sich nach dem letzten Zweig eines Baumes reckt; eine ausgemergelte Giraffe, die sich mühsam dahinschleppt und in einer Luftspiegelung am Horizont verliert.»
Einer der Gründe für Beards Pessimismus: Studien der Wildtiere im Tsavo-Nationalpark in Kenia hatten ihm gezeigt, dass die Elefanten, zu viele an der Zahl für die vorhandene Nahrung, zu Tausenden verhungerten, was seine Bilder schonungslos festhielten. Schätzungen zufolge sind damals neben Giraffen, Nashörnern und Nilpferden gegen 35’000 Dickhäuter elendiglich gestorben.
Blut als Malmedium
Das eigenwillige Fotobuch nahm in Stil und Layout vorweg, was auch Peter Beards Tagebücher und Prints auszeichnet. «Jedes seiner Werke ist einzigartig, eine Kombination seiner Fotografie kombiniert mit Elementen, die er seinen Tagebüchern entlehnt, die er heute noch führt», charakterisiert die Kunstplattform «artnet» sein Schaffen: «Diese Bände enthalten Zeitungsausschnitte, getrocknete Blätter, Insekten, alte Fotografien, Telefonnotizen, Randbemerkungen in indischer Tinte, Aufnahmen von Frauen, Zitate, ‘objets trouvés’ und Ähnliches. (…) Einzelne Werke integrieren auch Tierblut, manchmal Beards eigenes (in kleinen Mengen), ein Ausdrucksmittel, das der Künstler bevorzugt.»
Nach «The End of the Game» erschien 1974 «Eyelids of the Morning», ein Fotobuch über Krokodile, vor denen Peter Beard sich so wenig fürchtete wie vor anderen Wildtieren. Im Gegenteil – es machte ihm Spass, in von Krokodilen bevölkerten Gewässern zu schwimmen, was zumindest einer seiner damaligen Gefährten nicht überlebte. Später schrieb er für seine Tochter aus dritter Ehe noch die Autobiografie «Zara’s Tales» und zitierte dabei aus einem Gedicht von William Blake: «Du weisst nie, was genug ist, wenn du nicht weisst, was mehr als genug ist.»
Beinahe mehr als genug jedenfalls war, was Peter Beard in der letzten Geschichte seiner Autobiografie erzählt: der Zusammenstoss mit einem Elefanten 1996 an der Grenze Kenias zu Tansania. Während eines Picknicks kam der Dickhäuter «wie ein Güterzug» auf ihn los und durchbohrte mit seinem Stosszahn das Bein des Fotografen, knapp eine Arterie verfehlend. Das mächtige Tier brach ihm mehrere Rippen und mehrfach auch das Becken.
«Die Rache des Dickhäuters»
Als der Fotograf ins Spital in Nairobi eingeliefert wurde, hatte er keinen Puls mehr, überlebte aber dank eines erfahrenen Chirurgen und stundenlanger Operationen die Attacke des Elefanten: «Ich bin nie so nahe am Tod vorbeigeschrammt und das ist es, was ich für ihr (Zaras) Buch erzählen wollte: die spannendsten Momente, die gefährlichsten Fehler. Alles, was Kinder am meisten lieben.» Dem Tier war Beard nicht weiter böse: «Es war die Rache des Elefanten für all das, was ihm die Leute angetan hatten.»
Zeit seines Lebens aber war Peter Beard nicht nur widerwilliger Naturschützer, sondern auch galanter Lebemann. «Egal ob in einem Nachtklub in Manhattan oder tief in der afrikanischen Wildnis, stets ist der weltberühmte Fotograf und Künstler Peter Beard von Drogen, Schulden und schönen Frauen umgeben», steht im Vorspann eines Porträts des Magazins «Vanity Fair». Für den «Spiegel» war Beard 2006 «der Playboy aus der Steppe».
Ein Mitglied der Clique um Andy Warhol hat Beard als «Tarzan mit Gehirn» oder als «halb Tarzan, halb Byron» beschrieben. Der Fotograf war legendär sorglos im Umgang mit Geld und pumpte trotz seines Erbes reihum Freunde und Bekannte an. Ebenso locker war sein Umgang mit Alkohol und Freizeit, ein Hobby, dem er in verschiedenen angesagten Bars und Clubs in Manhattan bis in die frühen Morgenstunden zu frönen pflegte. Seine drei Ehen, die zweite mit Fotomodell Cheryl Tiegs, verliefen eher tumultuös. «Weibliche Schönheit ist das Letze, was uns in der Natur noch bleibt, und so bin ich denn sehr glücklich, sie abbilden zu können», verriet Peter Beard 1997 der britischen Wochenzeitung «The Observer».
«Der letzte Abenteurer»
Der Fotograf mit dem Aussehen eines Filmstars war in New York ein Prominenter erster Güte, der andere Promis wie Mick Jagger, Andy Warhol, Francis Bacon, Truman Capote, Candice Bergen oder Jacqueline Kennedy-Onassis und deren Schwester Lee Radziwill zu seinem Freundeskreis zählte. «Peter Beard – Gentleman, Lebemann, Künstler, Fotograf, Schwerenöter, Prophet, Playboy und Fan legaler Drogen – ist der letzte Abenteurer», schrieb denn der «Observer».
Mit den Jahren jedoch wurde es ruhiger um Peter Beard. Mit seiner dritten Frau Nejma Khanum, die er in Kenia kennen gelernt hatte, lebte er in Montauk auf Long Island, als Besitzer eines Grundstücks, das er 1972 in der Nähe von Andy Warhols Palast für rund 132’000 Dollar gekauft hatte und das heute mehr als 20 Millionen Dollar wert ist. Er erlitt einen Schlaganfall und wurde allmählich dement. Am 31. März entfernte sich der 82-Jährige von seinem Domizil und wurde in der Folge nicht mehr gesehen. 19 Tage später fand die East Hampton Town Police in einem Wald die Leiche eines älteren Mannes, dessen Beschreibung auf Peter Beard zutraf. Er hätte gehofft, sagte ein Anwesender, dass er (Beard) noch für einen letzten Ausflug in die City ausgebüxt sei.
Eine einzigartige Linse
«Peter war der Inbegriff dessen, was es heisst, offen zu sein: offen für neue Ideen, für neue Begegnungen, neue Menschen, neue Arten des Lebens und des Seins. Seit jeher unstillbar neugierig, hat er seine Leidenschaften ohne Einschränkung verfolgt und die Wirklichkeit durch eine einzigartige Linse wahrgenommen», schreibt die Familie Beard in ihrer Trauermitteilung: «Sein visueller Scharfsinn und sein elementares Verständnis für die natürliche Umgebung wurden durch seine langen Aufenthalte im Busch und in der Wildnis, die er liebte und verteidigte, gestärkt. Er starb, wo er lebte: in der Natur.»
À propos Peter Beards einzigartiger Linse: All seiner künstlerischen Erfolge zum Trotz hat der Abenteurer und Dandy die Fotografie als Medium nie richtig gemocht, da sie für seinen Geschmack zu abhängig von Technik war: «In der Fotografie geht es nur noch um Geld. Geld aber killt die Kreativität. Diese ganze technische Ausrüstung, Dutzende von Zuträgern – es ist völliger Bullshit. Das zerstört die Magie.» Die hat Peter Beard zumindest in den Weiten Afrikas noch in vollen Zügen erlebt.