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Zum 60. Jahrestag der Ed Sullivan Show mit den Beatles
Folgender Text ist im Rahmen meiner Vorlesung an der Volkshochschule entstanden. Es ist ein Auszug der Einleitung.
Vor 60 Jahren spielten die Beatles zum ersten Mal live im amerikanischen Fernsehen, nämlich in der Ed Sullivan Show vom 9. Februar 1964. Dieser Auftritt war ein Ereignis in der Biografie der Beatles, der Geschichte der Populären Musik sowie der transatlantischen Kulturgeschichte. Die amerikanische Öffentlichkeit war gespalten: Ein Teil verliebte sich in die vier jungen Männer aus Liverpool und in ihre Musik. Ein anderer Teil sah in diesem Besuch aus England nichts anderes als eine Art Zirkus, der rasch wieder vergessen geht. Für die Beatles selbst war der zweiwöchige Ausflug ein triumphaler Eintritt in den amerikanischen Musikmarkt und eine Mischung aus Arbeits- und Ferienreise.
Das Ereignis wird zurecht als ausserordentlicher Karriereschritt der Beatles dargestellt: Sie waren die erste britische Band, die sich einen nachhaltigen Erfolg in den USA erarbeiten konnte.
Es gibt kaum ein amerikanisches Geschichts- oder Lehrbuch zur populären Musik oder zu den populären Künsten, das die Ed Sullivan Show vom 9. Februar 1964 nicht erwähnt. Das weist darauf hin, dass diese Show ein bedeutendes popmusikalisches Ereignis war.
Stellvertretend für diese Bücher soll die britische Pop-Geschichte Yeah! Yeah! Yeah! von Bob Stanley zitiert werden: «Ende 1962, als Schlagzeuger Ringo Starr gerade zur Band gestossen war, schaffte es ihre Debütsingle, das wackelige «Love Me Do» mit seinem leichten Anflug der Derbheit von Seeleuten, in die Top 20 Großbritanniens. Am darauffolgenden Weihnachtsfest waren sie der größte Pop-Act in Großbritannien. Wenige Wochen nach Beginn des Jahres 1964 waren sie der grösste der Welt: Ihr Auftritt in der Ed Sullivan Show am 9. Februar 1964 war möglicherweise das bedeutendste kulturelle Ereignis im Amerika der Nachkriegszeit. Ihr Aufstieg, das Ausmaß ihres Einflusses auf die Gesellschaft waren völlig beispiellos.» (kursiv von mir)
Die Ed Sullivan Show vom 9. Februar 1964 war sowohl für die amerikanische als auch für die britische Musikgeschichte ein transformatives Ereignis. In den Büchern ist jeweils die Rede von einer British Invasion die mit dem Auftritt der Beatles im amerikanischen Fernsehen beginnt und binnen einiger Wochen eine Schwemme von britischen Songs in die US-Hitparade bringt. Darauf reagiert die amerikanische Popmusik.
Aus britischer Perspektive öffnete sich eine bisher verschlossene Türe in Übersee für britische Musikerinnen und Musiker. Acts wie die Rolling Stones, die Kinks oder Led Zeppelin konnten später von den Beatles profitieren. Der Eintritt in den amerikanischen Musik- und Unterhaltungsmarkt bedeutete für britische Gruppen, Sängerinnen und Sänger eine Vervielfachung der Aufmerksamkeit und ihres monetären Erfolgs: Sie wurden plötzlich Weltstars und verdienten Geld wie niemals zuvor.
Die Bedeutung der Ed Sullivan Show für die amerikanische Kulturgeschichte liegt unter anderem darin, dass die Beatles im öffentlichen Diskurs einen Themawandel einleiteten: Am 22. November 1963 wurde in Dallas Präsident John F. Kennedy auf offener Strasse erschossen. Die Zeitungen waren wochenlang voll von diesem erschütternden Ereignis. Viele Menschen waren wie paralysiert, sie versammelten sich auf öffentlichen Plätzen, um im Fernsehen die Berichterstattung anzusehen. Fassungslosigkeit machte sich breit und Tränen flossen in Strömen!
Am 26. Dezember, dem Boxing-Day, kam die Single einer bis dahin völlig unbekannten britischen Band heraus: «I Want To Hold Your Hand». Radiostationen begannen im Januar 1964 von den Beatles zu sprechen und diese Single in «Heavy Rotation» zu spielen. Vor allem die Boulevardblätter und das Fernsehen begannen über die Beatles zu berichten. Ihr Aussehen machte sie zu einem attraktiven Gegenstand für Frontseiten und Schlagzeilen. Der Teil der Leserschaft, der die Beatles mochte oder sie charmant fand, konnte in die aus Grossbritannien importierte Beatlemania mit einstimmen. Die anderen, die irritiert oder abgestossen waren, schrieben teils witzige Beiträge über die Gruppe und die Massenhysterie, die sie auslöste. Die Beatles wurden kontrovers und öffentlich ausgetragen. Kontroversen schaffen eigentlich immer grosse Aufmerksamkeit. Es war, als müsste sich jede und jeder eine eigene Meinung bilden. Bessere Publicity gibt es kaum.
Viele Autoren haben den Erfolg der Beatles begünstigt durch den Kennedy-Mord gesehen. Ihnen schien, als würde sich Amerikas Öffentlichkeit dank den Beatles vom Trauma erholen. Bruce Spizer setzt sich in The Beatles Are Coming! mit der Frage auseinander, ob es wirklich einen Zusammenhang zwischen Kennedy und den Beatles gab und zweifelt daran. Es gab ja andere Länder, die kein Trauma erlitten haben und trotzdem den Beatles verfielen. Den Zusammenhang kann man nur herstellen, wenn man davon ausgeht, dass Zeitungen mitunter von Themen leben, die sie über eine gewisse Zeit verbreiten, dann aber auch wieder für andere, neuere fallen lassen. Wenn es in dieser Abfolge einen Zusammenhang gibt, dann stellt ihn allein die Presse her. Sachlogisch gibt es ihn nicht.
Interessanterweise gibt es auch im Vereinigten Königreich eine solche Abfolge von Politskandal und Beatlemania. Hier war es der Profumo-Skandal, von dem Beatles und Beatlemania abgelenkt haben sollen. Profumo war der britische Kriegsminister, der Beziehungen zu einer Edelprostituierten, Christine Keeler, unterhielt, mit der auch der russische Marineattachée schlief. Der Profumo-Skandal brachte die Regierung von Premierminister Harold Macmillan in arge Verlegenheit. In der Öffentlichkeit der britischen «Tabloids» wurde die Doppelmoral der politischen Oberklasse skandalisiert und hatte vermutlich einen Einfluss auf den Regierungswechsel im Jahr 1964, als Labour mit Harold Wilson die Unterhauswahlen gewann. Danach kam Farbe ins öffentliche Leben Britanniens und man sprach bald von Swinging London, zu dessen musikalischen Posterjungs die Beatles gehörten.
Uns Schweizerinnen und Schweizer ist das Ereignis möglicherweise fremd. Die Ed Sullivan Show lief nicht auf unseren Kanälen, die Medien berichteten damals kaum über Popereignisse in Amerika. Auch schafften es wegen der Ed Sullivan Show keine kontinentalen oder schweizerischen Bands in die amerikanische Hitparade. Denken wir an Pop, kommen uns andere Kandidaten für das bedeutendste kulturelle Ereignis der Nachkriegszeit in den Sinn:
– Bob Dylan, der am Newport Folk und Blues Festival zum ersten Mal mit elektrischer Band spielt,
– der Summer of Love in San Francisco,
– die Veröffentlichung des «Sgt. Pepper» Albums der Beatles,
– das Woodstock Festival,
– und natürlich die 68er-Unruhen in Paris, Berlin oder Zürich.
Die Ed Sullivan Show ging den genannten Ereignissen voraus und hat sie möglicherweise über eine Reihe vieler weiterer Ereignisse beeinflusst.
Für die amerikanischen Medien kam die Ankunft der Beatles so überraschend, dass sie dieses Phänomen «British Invasion» nannten. Dieser Begriff hat es in die Geschichtsbücher geschafft, obwohl er aus zwei Gründen problematisch ist. Erstens ist er einseitig perspektiviert, schaut das Ereignis nur von amerikanischer Seite an. Zweitens ist diese Bezeichnung abwertend, weil sie den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg wachruft. Die Beatles und die anderen britischen Acts als Gefahr für die nationale Integrität zu sehen, war nicht, was historisch tatsächlich passiert ist: Amerikanische Bands haben die britische Musik nicht übertrumpft und verdrängt, sondern sie haben sie aufgesogen und integriert. Auf den Auftritt der Beatles in der Ed Sullivan Show folgte in der amerikansichen Musikszene keine Abwehrreaktion. Vielmehr fingen Musikerinnen und Musiker den britischen Ball auf und rannten mit ihm weiter.
Der Erfolg der Beatles und der anderen britischen Bands in den USA sowie die darauf folgende Reaktion der amerikanischen Popmusik wird besser unter der Perspektive einer transatlantischen Musikgeschichte behandelt. Die Idee davon ist, dass man amerikanische Popgeschichte nicht ohne den Atlantik denken kann. Afrikanische, irische, englische Einflüsse kamen mit Sklaven, Diaspora und Einwanderungsströmen über den Atlantik in die USA und formten die amerikanische Populäre Musik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde amerikanische Popmusik aus Gründen einer weltpolitischen Grosswetterlage in Europa von vorwiegend jungen Hörerinnen und Hörern gehört und geliebt: Man konnte sie auf AFN oder Radio Luxembourg einschalten. Die amerikanische Popmusik begann damals die europäische nachhaltig zu beeinflussen. Doch erst nach den Beatles wurden transatlantische Kommunikationsbewegungen wirklich dialogisch. Jetzt wurde Popmusik zu einem transatlantischen Ping-Pong oder mit akustischer Metapher: Sie produzierte laufend «transatlantische Echos».
Der Begriff des «Transatlantizismus» oder «Atlantizismus» soll als alternativer Begriff für die «British Invasion» verwendet werden.
Angeregt wurde das vom Buch von Louis Menand The Free World: Der Transatlantizismus besagt oft, Europa und Amerika würden gemeinsame Werte und Ideen teilen: Freiheit, Demokratie, Liberalismus, Rechtsstaatlichkeit – auch Konsumismus. Zuweilen geht der Begriff so weit, eine gemeinsame Kultur zu postulieren: der gemeinsame öffentliche Diskurs, die freie bzw. unabhängige Presse, Kunst und Wissenschaft. Davon handelt Louis Menands Buch, allerdings ohne selbst den Begriff «Transatlantizismus» zu verwenden.
Man kann den Begriff des Transatlantizismus derzeit wieder in den Zeitungen lesen, wenn nostalgische liberale Politikerinnen und Politiker im Angesicht des russich-ukrainischen Kriegs von einem neuen Kalten Krieg sprechen und sich auf einen neuen politischen Transatlantizismus einschwören, der auf gemeinsamen westlichen Werten beruhen soll. Meist geht damit ein Bekenntnis zur Erstarkung der Nato mit höheren Rüstungsausgaben einher. Sodann liest man, dass Joe Biden der vermutlich letzte Transatlantiker sei, d.h. der letzte amerikanische Präsident, der die transatlantische Allianz als Wert an sich versteht, als gemeinsame Kultur des Westens. Von den kommenden US-Präsidentinnen und Präsidenten ist eher zu befürchten, dass sie die transatlantischen Beziehungen neu bewerten werden: Die USA werden in die gemeinsame Kultur investieren, falls es sich rechnet. Was sich rechnen wird, weiss man bei den gegenwärtigen weltpolitischen Umwälzungen indes noch nicht so genau.
Hier interessiert der Transatlantizismus allein in seiner kulturellen und nicht der politische Variante. Der Begriff setzt nicht wie in der Politik eine gemeinsame Kultur voraus, sondern geht von einer Verschiedenheit der Kulturen aus. In diesen zwei Räumen gibt es Ereignisse, die gegenseitig beobachtet und kommunikativ aneinander angeschlossen werden. Macht ein Kunstwerk ein «Crossover», wird es in einem neuen Kontext präsentiert und erfährt teils markante Veränderungen. Zuweilen bedürfen Kunstwerke im anderen Kontext der Übersetzung, jedenfalls wenn man sie musikhistorisch behandelt.
Mediale Ereignisse wie die Ed Sullivan Show vom 9. Februar 1964 sind als Kommunikationsereignisse in einen öffentlichen Diskursraum eingebettet, genauso wie die Konzerte, Platten und Filme der Beatles. Die besagten Kommunikationsereignisse bilden eine Wirklichkeit, die zuweilen in einem nationalen öffentlichen Raum stattfindet und zuweilen in einem transnationalen wiederhallt. Die Ed Sullivan Show ist ein solches transnationales Ereignis. Sie verändert zwei bis dahin weitestgehend getrennte Musikmärkte, ohne sie deshalb zusammen- oder kurzzuschliessen. Wenn schon macht es sie besser aneinander anschliessbar. Die Wirkung davon sieht man in den Billboard-Charts, in denen Transatlantische Crossovers für viele Jahre zu einer Normalität wurden.
Im Januar 1964 beginnt eine Radiostation in Washington DC die Beatles zu spielen. Darauf springen viele weitere Popstationen in den USA auf die Beatles auf und verkündeten den Auftritt der Gruppe in der Ed Sullivan Show. Die kollektive Begeisterung stieg in wenigen Tagen auf den Siedepunkt. Ed Sullivan und die Beatles haben am Abend des 9. Februar 1964 eine Einschaltquote von 73 Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer generiert. Die mittlerweile alten Leute, die sich noch an jenen Sonntagabend erinnern, wissen in der Regel noch, wo sie waren, als die Show lief, mit wem sie sie gesehen haben und wie die vier jungen Männer aus einer anderen Welt auf sie gewirkt haben. An diesem Abend begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Populären Musik der USA, derjenigen Grossbritanniens aber auch ein neues Kapitel der transatlantischen Kultur, die dem Westen und der Welt die Rockmusik beschert hat.
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