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Vom Tauschhandel und der Kaugummigeneration
Aus der Handfertigung von Arbeitsbekleidung wurde während des deutschen Wirtschaftswunders Europas grösster Jeanshersteller. Die Geschichte von MUSTANG liest sich wie eine amerikanische Tellerwäscherstory.
1932 nahm LUISE HERMANN die Fäden in die Hand und gründete eine Kleiderfabrik in Künzelsau. Aus der Not, weil die Holzhandlung in finanzielle Schwierigkeiten geraten war, lernte sie in nur sieben Wochen das Schneidern. Am 2. Juli 1932 startete sie die Produktion von Arbeitskleidung mit sechs Näherinnen. Das Unternehmen wuchs schnell. Nur sechs Jahre später musste ein Nähsaal für 42 Arbeitsplätze angebaut werden.
Der 2. Weltkrieg. ALBERT SEFRANEK überlebte ihn, flüchtete nach Künzelsau und heiratete ERIKA, die Tochter von LUISE HERMANN. Damit war mit der Verbindung der beiden Familien HERMANN und SEFRANEK der Grundstein für eine grosse Zukunft gelegt.
Schon kurz nach Kriegsende konnte die Bekleidungsfirma L. HERMANN ihre Produktion wieder hochfahren. Stoffe waren allerdings vorerst nur schwer zu bekommen, darum produzierte man alles, was sich aus dem vorhandenen Material herstellen liess: Dirndl, Knabenanzüge und Herrenhemden. Aber Jeans? Das kam in der damaligen Zeit nicht in Frage und in dieser Sache waren sich LUISE HERMANN und der Rest des Nachkriegsdeutschlands einig. Die «knallarschenge Karussellfahrerhose» hatte in einem ordentlichen Haushalt nichts zu suchen. Die blaue Hose war jedoch äusserst praktisch. Sie war bequem und hielt lange. Letztere Eigenschaft war in den Jahren nach dem Krieg besonders gefragt. So erhielt SEFRANEK 1948 eine Anfrage über 300 «amerikanische Arbeitshosen». Er benötigte eigentlich nur noch das richtige Schnittmuster. Wer 1948 etwas kaufen oder vielmehr tauschen wollte, musste nur in eine Bar gehen. Dort wurde fast alles getauscht. ALBERT SEFRANEK lernte dort einen GI kennen.
Man plauderte und trank einen Schluck. Als das Wort «Schnaps» fiel, war das Geschäft unter Dach und Fach: sechs Flaschen Hochprozentiges aus verwandtschaftlicher Produktion gegen sechs Amihosen. Zu Hause trennte er die Nähte auf und fertig waren die Schnittmuster. Der ersten deutschen Jeans stand nun nichts mehr im Weg. Nur LUISE HERMANN war nicht glücklich mit dieser Sache. Ab 1949 stellt man in Künzelsau Jeans serienmässig her. Um diese auch an die Frau zu bringen, musste man sich etwas mehr einfallen lassen als nur einen bequemen Schnitt. So kam 1953 die «Girls Campinghose», wie die Damenjeans damals genannt wurde, auf den Markt. Sexy, unanständig und völlig blau ging die Jeans bündelweise über den Ladentisch. Zwei Jahre später baute L. HERMANN mit der europaweit ersten Cordjeans die Produktpalette weiter aus.
Nun musste ein Markenname her. 1958 sassen ALBERT SEFRANEK und seine Mitarbeiter gemütlich in einem Künzelsauer Café zusammen, um der «blauen Hose» einen Namen zu geben. Die deutsche Jugend hatte damals nicht nur Kaugummi und COCA-COLA ins Herz geschlossen, sondern das ganze amerikanische Lebensgefühl. Das Wort «Jeans» war in Deutschland inzwischen geläufig geworden. Seeleute aus Genova trugen nämlich Hosen aus dem Segeltuch, das auch für Jeans verwendet wurde. Diesen Stoff nannten sie «de Nîmes», oder später, «Denim». SEFRANEK wusste, dass der Name seiner Jeans etwas mit JAMES DEAN, GARY COOPER und «Wilder Westen» zu tun haben sollte. Aber im Moment wollte im Café keine rechte Saloonstimmung aufkommen. Unspektakulär fiel irgendwann einfach «Mustang». Die «Jeans mit dem Pferd» als Name wurde ins Leben gerufen.
Inzwischen musste L. HERMANN ein zweites Fabrikgebäude bauen, um die grosse Nachfrage stillen zu können. 1961 produzierte MUSTANG die erste Stretch-Jeans. Die Firma aus Künzelsau bahnte sich erfolgreich ihren Weg nach vorne. 1968 liess LUISE HERMANN die Zügel aus der Hand und übergab ihren Jungs, ALBERT und ROLF, das Unternehmen. Die machten LUISE in Sachen Schöpfergeist alle Ehre. Sie bearbeiteten die Hosen im Backofen und erfanden somit die ewig haltbare Bügelfalte. Genannt wurde die Jeans «Normstabile Hermannhose». Grösser und schneller ging es in den Siebzigern weiter.
Bereits 1971 wurde die gesamte Produktion umgestellt. Dank Werbeschaltungen in renommierten deutschen Zeitschriften kannte nun jeder die Marke MUSTANG. Das Produktionsunternehmen wurde darauf in MUSTANG-BEKLEIDUNGSWERKE GMBH + CO umfirmiert und das Sortiment mit T-Shirts, Hemden und weiteren Accessoirs ausgebaut. Die Jeans, welche mal «Enfant terrible» war, wurde zum «Everybody’s darling».
1972 entwarf MUSTANG die Freizeitbekleidung der deutschen Olympia-Mannschaft. 1974 stieg ALBERTs Sohn HEINER ein. Gemeinsam mit seinem Vater trieb er das Unternehmen voran und läutete am Ende des Jahrzehnts eine weitere Expansion ein durch Frabrikvergrösserung und Zukauf einer weiteren Textilfabrik.
Als Anfang der Achtziger der geregelte Lifestyle der «Young Urban Professionals» den Ton angab, schien die Modekarriere der Jeans beendet. MUSTANG war mit Abstand der grösste und bekannteste deutsche Jeanshersteller und mit dem Ankauf eines Grundstücks in Portugal hatten sich ALBERT und HEINER SEFRANEK schon auf die Expansion vorbereitet. Trotz der schwierigen Phase, in der sich die Jeansbranche befand, verdoppelte sich 1985 der Umsatz von MUSTANG. Ein Jahr später wurden ein Wäschereibetrieb und eine Vertriebsgesellschaft in Betrieb genommen. Gegen Ende der ’80er war auch die Jeans wieder zurück und MUSTANG erhielt die Lizenz für JOOP!JEANS.
Mit dem Erwerb der Firmenanteile der Familie HERMANN im März 1990 wurde HEINER SEFRANEK Mehrheitsgesellschafter und übernahm die Gesamtverantwortung. Sein Ziel war es, die Expansion weiter voranzutreiben. Produktionsstätten im nun geöffneten Osten, in Ungarn, Polen und Russland, wurden geschaffen. Zur Stärkung des Exports wurden im Anschluss Vertriebstochtergesellschaften in Belgien, Österreich, Italien, Polen, Ungarn, Russland und der Schweiz gegründet. Der Umsatz stieg von 1989 bis 1996 von 66 Mio. auf 196 Mio. Euro.
1997 gehörte MUSTANG mit 23'000 täglich produzierten Jeanshosen zu den grössten Jeansherstellern Europas. Auch im Ausland wuchs die Beliebtheit der Mode aus Künzelsau. West- und Osteuropa gehörten zu den führenden Absatzmärkten. Im Jahr 2000 erwarb die MUSTANG-Gruppe die Lizenz für BOGNER-Jeans und entwarf seitdem raffinierte Jeansmode aus innovativen Stoffen.
2003 ist MUSTNAG in 44 Ländern präsent. Inzwischen ging man auf breiter Front Flächenkooperation mit grossen Warenhäusern ein, wobei MUSTANG für die richtige Bestückung und das Warenhaus für den Verkauf zuständig ist. Dazu unterhält MUSTANG auch eigene Stores nach dem Franchising-Konzept. Nach 70 Jahren in der Bekleidungsindustrie ist MUSTANG als deutscher Jeansmarkenhersteller noch immer die Nummer eins.