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Ein Skandal in der zutiefst freisinnigen Stadt. Nach Ende des Gymnasiums und einem kurzen und glücklosen Intermezzo als Lehrer im Kanton Neuenburg, widmete sich Tobler deswegen an der Universität Genf der Naturwissenschaft. Dort kam er durch russische Studentinnen wieder mit sozia-listischen Ideen in Kontakt. Das Studium beendete Tobler schliesslich in Zürich mit einer Dissertation zu einer neusee-ländischen Schneckenart.
Die Frustration über das langweilige Thema veranlasst Tobler zu ähnlich spitzen und ironischen Bemerkungen wie über seine Heimatstadt. Als die Schnecken ihm endlich zu einem akademischen Titel verholfen haben und nach einem Studienaufenthalt in Neapel, wird Tobler auf der Suche nach der weiten Welt Lehrer in England. Dort unternahm er einen etwas harzigen Versuch, sich mit sozialistischen/sozialdemokratischen Zeitungen anzufreunden. Die Autobiographie endet schliesslich im Jahr 1903, als sich Tobler in Richtung Kontinent einschifft.
Immense RecherchearbeitIn einem der Biographie nachgestellten Artikel schildert Christian Hadorn die weiteren Stationen Toblers. Dieser wurde zusammen mit seinem Freund Fritz Brupbacher zu einer wichtigen Figur der Arbeiter_innenbewegung Zürichs. Er trat, trotz einem späteren Eintritt in die kommunistische Partei, für einen libertären Sozialismus ein und versuchte die syndikalistischen Ideen zu verbrei-ten. Zusammen mit seiner Frau Minna eröffnete Tobler eine Arztpraxis im Arbeiter_innenviertel Aussersihl.
Der Beitrag Hadorns ist aber keine blosse Weiterführung der Biographie, sondern ordnet die Biographie in ihrer Entste-hung und ihrer Bedeutung als Zeitdokument ein – so gibt es anscheinend kein anderes Selbstzeugnis der sozialistischen Abstinenzler_innen dieser Zeit. Ausserdem werden verschiedene Themen, die in Toblers Leben von Bedeutung waren, diskutiert. Etwa der Ausbruch aus einem konservativen Umfeld oder die für Tobler oft frustrierende Suche nach einer gleichberechtigten Partnerschaft, welche er erst relativ spät in der Beziehung mit Minna Christinger fand.
Der Artikel Hadorns ist extrem dicht und dennoch flüssig lesbar. Seine Qualität liegt in der ausgezeichneten Recherche: Zu jedem Stichwort und jeder Person findet sich eine Fussnote mit bibliographischen Angaben, welche oft auch noch kommentiert sind – so konnte der Autor auch Mängel in einer wissenschaftlichen Arbeit von SVP-Parlamentarier Christoph Mörgeli finden, auf die er mit spitzer Feder hinweist.
Auch handwerklich gefällt das Buch – vom schlichten roten Hardcover mit einem Foto aus Toblers Studienzeit bis zum angenehm unaufgeregten, aber an-sprechenden Layout. Vielleicht hätten einige Fotos mehr dem Buch gut getan, aber oft sind passende Bilder kaum aufzutreiben.