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Bruno Michaud (1935–1997) würde als Spieler gut ins Konzept («Für immer Rotblau») des neuen FC Basel passen. Abgesehen von einem kurzen Abstecher nach Lausanne (1957–1959) spielte Michaud von 1955 bis 1970 ausschliesslich für den FC Basel. In 322 Spielen erzielte er 22 Tore. Michaud war die perfekte Identifikationsfigur für die Fans: ein Kämpfer auf dem Platz und daneben ein geselliger Besucher der Fasnacht und des Basler Nachtlebens.
Als Abwehrchef und Kapitän wurde er zum Leader und zu einer Respektsperson. Karli Odermatt, der 1962 zum FC Basel stiess, musste den Kapitän mit «Herr Michaud» ansprechen. «Ich bewunderte ihn und schätzte seinen trockenen Humor und seine abgebrühte Art, Fussball zu spielen. Er war ein Monsieur auf dem Feld», erinnert sich Odermatt im Buch «Karli None Goal».
Als Verteidiger war Michaud knallhart und raunte gerne seinem Gegner zu, dass er beim nächsten Auftauchen im Strafraum ein blaues Auge bekomme. So erzählt es Odermatt. Die beiden wurden beste Freunde und zogen abends gerne gemeinsam um die Häuser. Eine klassische Tour begann in der «Walliserkanne», wo gegessen wurde. In der Stöcklibar wurde anschliessend geknobelt, bevor es bis in den frühen Morgen ins «Hazyland» ging.
Michaud, der Bonvivant
Der Bonvivant Michaud ass gerne Filet, liebte das Reisen und besass eine grosse Schallplattensammlung, erzählte seine Frau Susy am 16. September 1969 in einer Homestory des «Doppelstabs». Ausserdem verriet Tochter Aimée, ihr Vater jasse zur Entspannung von Zeit zu Zeit im Pyjama am Boden sitzend ganz allein für sich gegen drei, die nicht da seien.
Eine Freundschaft verband Michaud auch mit Helmut Benthaus, der 1965 als Spielertrainer zum FCB stiess und eine glorreiche Ära einläutete. Gegenüber einem Journalisten äusserte sich Michaud in der Double-Saison 1966/67, was Benthaus aus seiner Sicht auszeichne: Er sei ein Mensch und kein Sklaventreiber. Gemeinsam feierten sie 1967, 1969 und 1970 den Meistertitel und holten 1967 den Cupsieg. Beim Cupsieg 1963 hiess der Trainer Georges Sobotka.
Keine Chance gegen den «Bomber»
Die Erfolge mit dem FC Basel brachten Michaud im Mai 1967 als 32-Jährigem ein Aufgebot für die Nationalmannschaft. Michaud spielte bei seinem Debüt, einem 7:1-Sieg gegen Rumänien, durch. Bis 1969 bestritt er 15 Spiele für die Nati und fand als Torschütze einen Platz in den Annalen. Allerdings war es ein Eigentor, das in der Qualifikation zur WM 1970 zur 0:1-Niederlage gegen Rumänien führte.
Zwei Jahre nach seinem Rücktritt als Spieler wurde Michaud zum interimistischen Nati-Trainer berufen. Von April 1972 bis Mai 1973 coachte er die Nati für sieben Spiele. In seiner Bilanz steht ein 1:0-Sieg gegen Luxemburg in der WM-Quali. Nur einmal verliess Michauds Team den Platz als Verlierer. Vor über 70’000 Zuschauern in Düsseldorf verlor die Schweiz im November 1972 ein Freundschaftsspiel gegen Deutschland 1:5. Gerd Müller machte dabei seinem Ruf als «Bomber der Nation» alle Ehre und schoss vier Tore.
Der Abwehrchef wird Panaschierkönig
Der Fussball war zu Michauds Zeiten noch wenig professionalisiert. Michaud arbeitete bei einer Fluggesellschaft, später bei einer Versicherung. Und 1968 ereignete sich aus heutiger Sicht Aussergewöhnliches: Bruno Michaud wurde – auch für ihn selber völlig überraschend – in den Grossen Rat gewählt.
Zwar hatte er für die sozialdemokratische «Basler AZ» bereits 1964 mehrere Artikel über eine Weltreise des FCB verfasst, sein politisches Engagement kam aber zufällig zustande. Er liess sich zu einer Kandidatur auf der SP-Liste überreden.
Dass sich ein aktiver Fussballer für die Politik engagiert, scheint aus heutiger Sicht unvorstellbar. Michaud befand sich aber in bester Gesellschaft: Seit 1966 sass Gottfried Dienst, der als Schiedsrichter im WM-Final im selben Jahr das legendäre Wembley-Goal gab, für die FDP im Grossen Rat. Und gleichzeitig mit Michaud kandidierten FCB-Präsident Harry Thommen (für die FDP) und Vorstandsmitglied Felix Musfeld (für die LDP) für den Grossen Rat. Allerdings vergeblich.
Im Februar 1968 empfahl der FC Basel in seinem Cluborgan offiziell 23 Vereinsmitglieder aus verschiedenen Parteien zur Wahl. Obwohl die SP 1968 grosse Verluste hinnehmen musste und sechs Sitze verlor (neu 36 von 130 Sitzen), schaffte Michaud den Sprung ins Basler Parlament.
Die Liste Grossbasel Ost der SP holte neun Sitze, Michaud wurde auf der siebten Position gewählt. Dank seiner Popularität holte er viele Panaschierstimmen vor allem von FDP, LDP und CVP. Ohne diese wäre Michaud nicht gewählt worden.
In den Medien war Michauds Wahl nur am Rande ein Thema. Die Schlagzeilen gehörten den Frauen, die sich zum ersten Mal an Wahlen beteiligen durften. 14 Frauen schafften den Sprung in den Grossen Rat. Den grössten Frauenanteil erreichten mit jeweils vier Sitzen die LDP und der Landesring der Unabhängigen. Einzig bei der FDP wurde keine Frau gewählt.
Vom «Stimmenfänger» zum «Listenfüller»
So unerwartet Michaud zu seinem Grossratsmandat kam, so unvermittelt verlor er es wieder. Nicht unverschuldet stand er vor den Wahlen 1976 im Mittelpunkt einer Kampagne der «National-Zeitung». Michaud war an der Fasnacht am frühen Donnerstagmorgen in der «Schlüsselzunft» in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Er hatte einen Besucher und dessen Frau geschlagen.
Michaud bestritt die Vorkommnisse nicht, versuchte jedoch zu relativieren. Immerhin hätten die Kontrahenten nach den Handgreiflichkeiten noch gemeinsam einen getrunken.
Zum Stadtgespräch wurde der Vorfall dennoch. Mehrere Augenzeugen meldeten sich bei der «National-Zeitung», die in ihrer Wochenendausgabe vom 13. März 1976 zudem einen weiter zurückliegenden Fall publik machte. Michaud hatte zwei Jahre zuvor im «Hazyland» eine Person niedergeschlagen und wurde nun als Wiederholungstäter dargestellt.
Es war Michauds Pech, dass sich die Geschichte kurz vor den Grossratswahlen ereignet hatte. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger straften ihn regelrecht ab und zeigten ihm die «rote Karte», wie die «Basler Nachrichten» am 25. März 1976 schrieben. Michaud sei durch die «Schlüsselzunft»-Schlägerei vom «Stimmenfänger» zum «Listenfüller» geworden. Tatsächlich wurde er auf der SP-Liste Drittletzter und blieb von einer Wiederwahl meilenweit entfernt.
Die bittere Finalniederlage zum Karrierenende
Michauds grossartige Fussballkarriere war sechs Jahre vor den unrühmlichen «Schlüsselzunft»-Ereignissen zu Ende gegangen. Er verabschiedete sich als Meister vom Basler Publikum. Benthaus schickte ihn in seinem letzten Spiel am 30. Mai 1970 in Wettingen für die letzten Minuten in die Spitze. Ein Treffer gelang dem temporären Stürmer beim 5:0-Sieg aber nicht.
Weniger ruhmreich war keine zwei Wochen vorher der Cupfinal über die Bühne gegangen. Statt ein weiteres Double feiern zu können, mussten sich die Basler am 18. Mai 1970 dem FC Zürich 1:4 geschlagen geben. Für viele Basler war das Spiel ein Skandal. Fritz Künzli erzielte in der zweiten Minute der Verlängerung das vorentscheidende 2:1. Ein Tor, «das völlig irregulär war», wie etwa Karli Odermatt noch immer überzeugt ist. Künzli sei mindestens zehn Meter im Offside gestanden.
Das FCZ-Idol antwortete vor einigen Jahren im «Tages-Anzeiger», der Basler Abwehrchef Bruno Michaud sei gegen seinen Antritt schlicht zu langsam gewesen. Die Niederlage schmerzte den FC Basel auch retrospektiv. Es war die erste von inzwischen vier Cupfinal-Niederlagen des FCB gegen den FCZ (1970, 1972, 1973 und 2014).
Der Multifunktionär
Bruno Michaud blieb dem Fussball ein Leben lang verbunden. Nach seinem Rücktritt als Spieler blieb er dem FCB als technischer Direktor erhalten. Von 1981 bis 1995 gehörte er dem Komitee der Nationalliga und damit der operativen Führung des Schweizer Profifussballs an. Er begleitete als Delegierter die Nationalmannschaft unter anderem an die WM 1994 in den USA und war jahrelang für die Gestaltung des Spielplans der Nationlliga A und B verantwortlich. Beim Rücktritt 1995 wurde er zum Ehrenmitglied der Nationalliga ernannt.
Völlig unerwartet starb Bruno Michaud im November 1997 mit nur 62 Jahren in den Ferien in Thailand auf dem Tennisplatz an Herzversagen.
«Bruno Michaud – Abwehrchef und Politiker» . Die Fussballkulturbar didi:offensiv am Erasmusplatz zeigt vom 14. November bis 22. Dezember zu Ehren von Bruno Michaud eine kleine Ausstellung mit Fotos und Trikots.