Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03399.jsonl.gz/1671

Interessant auch der Hinweis in der Einleitung, dass – kurioserweise – Humes Philosophie als eine Bestätigung für fideistische bzw. metaphysisch-theologische Standpunkte angesehen wurde. So griff schon Hamann auf das antirationalistische Ergebnis des „Traktates“ für sein Denken zurück und schrieb an Herder, „dass Hume sein Mann sei, weil er wenigstens das Principium des Glaubens veredelt und in sein System aufgenommen hat. Unser Landsmann [gemeint ist Kant] wiederkäut immer seine Causalitäts-Stürmerei ohne an jenes zu gedenken.“ Eine solche Zeugenschaft dürfte wohl kaum im Sinne Humes gewesen sein (der „natürliche“ und „künstliche“ Gefühle unterschied und die Religion keinesfalls zur natürlichen Ausstattung des Menschen rechnete); trotzdem werden skeptische Resultate des Philosophierens (Poppers Kritischem Rationalismus ist im 20. Jahrhundert Ähnliches widerfahren) gerne von Theologen und Metaphysikern für die These in Anspruch genommen, dass – wenn es keine rationale, zur Gewissheit führende Methode gäbe – auch Annahmen über „außerweltliche“ Entitäten (was auch immer das sein soll) berechtigt wären (da man sie ja mit Sicherheit nicht ausschließen könne). So führt die Fallibilität unseres Wissens direkt zum Postulat des lieben Gottes oder dem Wunderglauben. Dass nun ausgerechnet Hume, der diesem Wunderglauben eine lange und vernichtende Analyse gewidmet hat, als Pate für dergleichen Unsinn herangezogen wird, ist einigermaßen paradox.
Die einzelnen Kapitel dieses Buches führen in verständlicher und konziser Weise in das Denken Humes ein: Streminger orientiert sich dabei am dreiteiligen Traktat als auch an der „Untersuchung“ und versteht es ausgezeichnet, die erkenntnistheoretischen und moralischen Bereiche miteinander zu verbinden. Hume hat zwar im Enquiry einige seiner Schlussfolgerungen aus dem Traktat abgemildert, trotzdem entwickeln sich Erkenntnistheorie und Moralphilosophie aus dem gleichen skeptischen Grundansatz. Besonderes Lob verdient das Kapitel über den Bereich der „Gefühle“, der noch im 20. Jahrhundert (etwa von Vertretern des Kritischen Rationalismus) auf entstellende Weise behandelt worden war*. Denn Hume behauptet keineswegs einen blinden Primat der Emotionen und die Unterordnung der Vernunft, sondern verweist nur darauf, dass die Vernunft allein nicht handlungsleitend bzw. handlungsbestimmend ist. Rationale Überlegungen sind in dieser Hinsicht (des Handelns) nicht hinreichend, sondern nur notwendig. Denn die Moral beruht zwar auf „irgendeinem inneren Sinn oder Gefühl, das die Natur uns Menschen ganz allgemein mitgegeben hat. Denn was sonst könnte eine Wirkung dieser Art ausüben? Freilich, um einem solchen Gefühl den Weg zu ebnen und die rechte Erkenntnis seines Objekts zu wecken, muß, wie sich zeigt, oft eine eingehende Denkarbeit vorausgehen, müssen scharfsinnige Unterscheidungen gemacht, richtige Schlüsse gezogen, fernliegende Vergleiche angestellt, verwickelte Beziehungen untersucht, allgemeine Tatsachen ermittelt und sichergestellt werden.“ Hier wird vor allem klargestellt, dass für grundsätzliche moralische Gedanken einzig das Gefühl verantwortlich ist (denn Rationalität an sich kann keine Moral begründen, wie Hume ausführt: „Es läuft nicht der Vernunft zuwider, wenn ich lieber die Zerstörung der ganzen Welt will, als einen kleinen Ritz an meinem Finger.“) Die Vernunft hat ihren Platz in der Zweck-Mittel-Relation, sie zeigt uns, wie moralische Normen durchzusetzen sind, diese aber werden durch Gefühle bestimmt: Mitgefühl, Liebe, Mitleid etc. sind (man denke an die Untersuchungen zu den Spiegelneuronen) in uns angelegt und nicht Ergebnis rationaler Überlegungen.
Immer noch gibt es relativ wenig Literatur zu Hume im deutschsprachigen Raum (und immer noch keine Werkausgabe), umso wichtiger Werke wie das vorliegende. Im Vergleich zu Craigs Einführung ist diesem Buch eindeutig der Vorzug zu geben: Die entscheidenden Punkte in Humes Werk werden klar und verständlich skizziert, die Bedeutung seines Denkens für die Gegenwart herausgestellt. Kein Denker des 18. Jahrhunderts ist so wenig überholt wie der Schotte, vielleicht wurde seine Bedeutung deshalb erst rund 150 Jahre nach seinem Tode wirklich erkannt.
*) Es handelt sich hier um den bekannten und oft zitierten Passus: „Die Vernunft ist nur der Sklave der Affekte und soll es sein; sie darf niemals eine andere Funktion beanspruchen, als die, denselben zu dienen und zu gehorchen.“
Gerhard Streminger, Ernst Topitsch: Hume. Darmstadt: WBG 1981.