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Märkte gelten als Hort des Unmoralischen. Märkte führen zu sozialer Ungleichheit, Ausbeutung, ökonomischen Krisen und verheerenden Umweltbelastungen. Aber ist der Markt an sich unmoralisch?
Beginnen wir mit einem einfachen Beispiel. Angenommen, du besitzt eine Ausgabe von Jil Karolys Hauptsache Schampus. Ich besitze eine Ausgabe von J. S. Mills Der Utilitarismus. Wir treffen einander und bemerken, wie unterschiedlich wir sind. Du hast die Nase voll von Trivialliteratur und möchtest in die Philosophie eintauchen. Ich hingegen kann philosophisches nicht mehr sehen und möchte etwas lesen, ohne meinen Intellekt zu bemühen. Und plötzlich bietet der Unterschied eine Chance. Du präferierst Utilitarismus zu Schampus. Ich präferiere Schampus zu Utilitarismus. Wir tauschen unsere Bücher und ziehen beglückt von dannen.
So trivial unser Tausch auch sein mag, so eindeutig repräsentiert dieser das Wesen und die Funktion eines Marktes. Märkte sind Orte, wo Individuen oder Organisationen Güter und Dienstleistungen gemäß ihren Präferenzen austauschen. Manchmal tauschen wir auf Märkten Dinge im vollen Bewusstsein, wie z.B. bei unserem Büchertausch. Manchmal ist uns gar nicht bewusst, was wir (wirklich) austauschen. Denke z.B. an Zuneigung und Anerkennung, die ich (unbewusst) gegen eine Essenseinladung „tausche“.
Wie sieht es nun mit der Moral des Marktgeschehens aus? Haben wir durch den Tausch der Bücher bereits unmoralisch gehandelt? Eine solche Diagnose scheint übertrieben. Nicht jeder Tausch (von zwei Büchern) steht im Widerspruch zur Moral. Oder allgemeiner: nicht jede Markttransaktion ist automatisch unmoralisch. Ergo, gehört das Unmoralische also nicht zum unmittelbaren Wesen eines Marktes. Markt und Moral widersprechen einander nicht per se.
Das bedeutet aber auch nicht, dass jedes Marktgeschehen moralisch einwandfrei ist. Doch was macht Märkte unmoralisch? Wodurch entstehen moralisch bedenkliche Märkte? Ich möchte hier auf einige Faktoren eingehen. Zu diesen gehören: (1) unrechtmäßiges Eigentum, (2) Zwang, (3) Täuschung und (4) Schäden an Dritten. Erläutern wir diese Begriffe anhand des eingänglichen Beispiels.
Zu (1). Angenommen, die Ausgabe von Mills Der Utilitarismus gehört gar nicht mir. Der tatsächliche Eigentümer ist meine Ex-Freundin. Obwohl ich das weiß, habe ich das Buch gegen Hauptsache Schampus eingetauscht. Aus moralischer Sicht ist mein Verhalten sicher nicht einwandfrei. Die Moral verbietet es, unrechtmäßig entwendete Dinge einzutauschen oder zu verkaufen. Dennoch ist es nicht der Markt an sich, der meine Handlung unmoralisch macht. Hätte ich das Buch einfach weggeworfen oder verschenkt, dann wäre meine Handlung genauso unmoralisch gewesen.
Zu (2). Angenommen, ich tausche das Buch nicht aus freien Stücken, sondern weil ich dazu (physisch oder psychisch) gezwungen werde. Auch dann scheint kein moralisch einwandfreier Austausch vorzuliegen. Zwang auszuüben ist in fast allen Situationen unmoralisch. Angenommen, du bist Dir auch noch bewusst darüber, dass ich das Buch nicht aus freien Stücken tausche. Damit wird selbst die Annahme meines Buches unmoralisch. Oder stellen wir uns vor, ich kreiere eine andere Zwangslage, in der ich alle Exemplare von Mills Utilitarismus in meinen Besitz bringe (ergo ein Monopol bilde) und nun einen exorbitanten Preis für den Eintausch diktieren kann. Auch dann handle ich unmoralisch. Jedoch hat dies mit dem Markt an sich wenig zu tun. Im Gegensatz zu manchen Marktteilnehmern, üben Märkte keinen Zwang aus. Märkte sind sich auch nicht bewusst, was auf ihnen geschieht.
Zu (3). Angenommen, bei meiner Ausgabe von Mills Utilitarismus handelt es sich gar nicht um dieses Buch. Vielmehr habe ich den Umschlag von Mills Utilitarismus über James Mccains Cocktail Waitress gestülpt. Ich gebe also nur vor, Mills Buch einzutauschen. Dies führt nun dazu, dass du ein Buch bekommst, für das du dein Hauptsache Schampus niemals eingetauscht hättest. Natürlich passiert dies in Märkten öfter. Nicht jeder Gebrauchtwagen entspricht nach dem Kauf den Vorstellungen des Käufers. Nicht jeder im Ausland vergebene CHF-Kredit entspricht dem echten Risikoprofil des Kreditnehmers. Wenn dies, wie im Fall des Buchtausches, auch noch auf wissentlicher oder fahrlässiger Täuschung beruht, dann liegt eine eindeutige moralische Verfehlung vor. Täuschen ist in den meisten Kontexten unmoralisch. (Beim Pokern übrigens nicht.) Und dennoch liegt die Täuschung nicht im Wesen des Marktes. Märkte an sich täuschen nicht. Die am Marktgeschehen Beteiligten manchmal schon.
Zu (4). Angenommen, mein Mitbewohner bereitet sich auf einer Prüfung im Fach Ethik vor. Dazu braucht er die Ausgabe von Mills Der Utilitarismus aus unserem Bücherregal, zu dem er freien Zugang hat. Nun habe ich genau diese gegen Karolys Schampus eingetauscht. Diese taugt natürlich nicht als Prüfungsvorbereitung. Aufgrund mangelnder Vorbereitung, scheitert mein Mitbewohner an seiner Prüfung. Meine Markthandlung (der Tausch des Buchs) hat also negative Konsequenzen (Kosten) für meinen Mitbewohner. Und dies obwohl er unmittelbar am Tausch der Bücher nicht beteiligt war und nicht davon profitiert hat.
Ökonomen sprechen in diesem Fall von sogenannten „negativen Externalitäten“, d.h. einer Schädigung von Dritten, die nicht unmittelbar am Marktgeschehen teilnehmen. Deutliche Beispiele sind Umweltverschmutzung, Überfischung und Straßenlärm. Die sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der globalen Erwärmung sind vielleicht die größten negativen Externalitäten, die Märkte jemals hervorgebracht haben. Und natürlich tangiert dies die Moral. Übersteigt z.B. der verursachte Schaden einer Markthandlung ein gewisses Ausmaß und wird vielleicht auch bewusst hingenommen, kommen die Marktteilnehmer in moralische Bedrängnis. Aber auch hier besteht das Unmoralische nicht am Markt an sich. Nicht jede Transaktion schädigt notwendigerweise unbeteiligte Dritte. Vielmehr liegt die moralische Problematik negativer Externalitäten in den negativen Konsequenzen, die von spezifischen Markthandlungen ausgehen.
In welchem Verhältnis stehen nun Markt und Moral? Eine präzise Antwort muss hierzu differenziert ausfallen. Märkte an sich sind nicht unmoralisch. Manche Marktteilnehmer- und -handlungen hingegen schon. Diese moralischen Verfehlungen liegen jedoch nicht in der Natur des Marktes begründet. Es gibt Märkte, die moralisch einwandfrei funktionieren.
Märkte durchdringen und bestimmen unsere Existenz. Wir sind, bewusst und unbewusst, Marktteilnehmer in vielen Bereichen unseres Lebens. Wie können wir nun dazu beitragen, dass Märkte moralisch funktionieren? Ganz konkrete (und verständliche) Anweisungen ergeben sich aus dem Rückblick auf die Faktoren (1)-(4).
Ad (1): Wahre Eigentumsrechte (verkaufe z.B. nichts, was nicht dir gehört).
Ad (2): Übe keinen physischen und psychischen Zwang aus; kreiere und nütze keine Zwangslagen aus.
Ad (3): Täusche nicht (z.B. mache keine falschen Angaben zu dem, was du verkaufst).
Ad (4): Sei dir bewusst, welche Schäden dein Marktverhalten verursacht; wäge ab, ob diese gerechtfertigt sind.
Wer diese Imperative befolgt, der wird die unmoralischen Konsequenzen seines Marktverhaltens minieren. Damit steht dann auch wieder die Hauptfunktion des Marktes im Vordergrund: Präferenzen zu erfüllen und damit das gesellschaftliche Wohl zu fördern.