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[Welt-Gletscherbobachtungsdienst]
Der Lewisgletscher (mit dem Mount Kenya links) ist der grösste Gletscher auf dem afrikanischen Kontinent mit einer Fläche von nur gerade 0,25 km2. Seit 1980 werden Längenänderungen und Massenbilanzen gemessen. Wie viele tropische Gletscher
zeigt der Lewisgletscher eine beschleunigte Schwundtendenz.
Gletscherveränderungen erzählen von der Befindlichkeit des Erdklimas. Als am Ende des letzten Jahrhunderts die Internationale Gletscherkommission in Zürich gegründet wurde und ein Geologenkongress beschloss, weltweit Datenüber Gletscherveränderungen zu erheben, stand noch die Frage nach vergangenen und künftigen Eiszeiten im Vordergrund. Man erhoffte Einsichten in die langfristigen Wärme- und Kältezyklen. Seither haben sich die Fragestellungen der internationalen Gletscherbeobachtung verschoben und die Methoden entwickelt und vervielfältigt.
Heute fliesst die Eisbedeckung der Erde in komplexe Klimamodelle ein, welche Auskünfte geben sollen zur Frage der Erwärmung der Erdatmosphäre. Dafür sammelt der internationale Gletscherbeobachtungsdienst (World Glacier Monitoring Service, WGMS) standardisierte Datenüber die zeitlichen Veränderungen in Masse, Volumen, Fläche und Länge der Gletscher wie auch statistische Angabenüber die Verbreitung der dauerhaften Flächenbedeckung mit Eis.
Dichteste Informationenüber Längenänderungen und den Massenhaushalt der Gletscher bestehen für die Nordhalbkugel, vor allem für die Alpen und Skandinavien, wo zeitlich weit zurückreichende und ununterbrochene Datenreihen verfügbar sind, während auf der Weltsüdhalbkugel solche Datenreihen noch weitgehend fehlen. Die längste ununterbrochene Serie von Messungenüber den Massenhaushalt betreffen den Storglaciären in Nordschweden, wo seit 1946 Massenbilanzdaten erhoben werden. Der Hintereisferner im tztal, sterreich, ist mit 9 Kilometern Länge nicht nur einer der längeren Gletscher der Alpen, er ist auch einer der am längsten erforschten, werden doch schon seit 1891 Längenänderungen beobachtet.
Der Hintereisferner liegt im österreichischen
tztal und weist eine Länge von 9 km auf. Längenänderungen werden seit 1891 beobachtet; Massenbilanzen seit 1953.
Die kühle Beobachtung der Eismassen führt zu Erkenntnissenüber eine der derzeit brennendsten Fragen für die Menschheit, der Entwicklung des Klimas. Die kumulierten Massenbilanzwerte der Gletscher stellen ein Klimasignal dar. Messungen an einer ausgewählten Reihe von 33 Gletschern mit qualitativ hochwertigen Daten zeigen seitüber einem Dutzend Jahren eine negative Entwicklung der Gletscher, die Eismassen gehen zurück. Das ist ein klares Anzeichen für das Bestehen des Trends zur Erwärmung der Erdatmosphäre. Dabei entsprechen die beobachteten Schmelzraten im grossen und ganzen den Energieflüssen, die dem durch menschliche Zivilisation verursachten geschätzten Treibhauseffekt entsprechen.
Seit der «Kleinen Eiszeit», dem letzten Gletscherhochstand um 1850, war der Rückgang der Gletscher besonders ausgeprägt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zwischen 1950 und 1980 war dagegen in verschiedenen Regionen ein Zuwachs festzustellen, und zwar hauptsächlich an den Meeresküsten von Gebirgszügen, die den Niederschlägen besonders ausgesetzt sind und wo Gletscher trotz steigenden Temperaturen einen Zuwachs erfuhren. Dies war vor allem in den skandinavischen Ländern der Fall.
Kumulative Massenbilanz von 33 ausgewählten Gletschern der Welt mit kontinuierlichen Massenbilanzreihen
von 1980 bis 1995. Die kumulative Kurve gibt einen deutlich negativen
Trend. Das Mittel aller 33 Gletscher ist stark beeinflusst durch
die grosse Zahl skandinavischer Gletscher. Ein Mittelwert wird
deshalb auch für die 11 Gebirgsregionen berechnet. Dies ergibt ein noch negativeres
Signal.
Kumulative Massenbilanz des Storglaciären in Nordschweden. Seit 1974 hat sich der anhaltend negative
Trend stabilisiert und seit 1986 können sogar wieder positive Bilanzen beobachtet werden.
So stoppte der Massenverlust des Storglaciären 1974. Bis 1986 wies der Gletscher einen mehr oder weniger ausgeglichenen Massenhaushalt auf, um dann gar deutlich an Eismasse zuzulegen. Doch die generelle Tendenz zur Schrumpfung hat sich seit 1980 verstärkt. Besonders in den Tropen kam es zu spektakulären Gletscherrückzügen bis hin zum gänzlichen Verschwinden einzelner kleinerer Gletscherchen. Auch in den Alpen scheint der Schmelzprozess nun eine hohe Beschleunigungsrate anzunehmen, die das Mass vorindustrieller Schwankungsbereicheübertrifft.
Die internationale Gletscherdatenbank enthält zwei verschiedene Datengrundlagen. Das Gletscherinventar beschreibt Fläche, Länge und Volumen der Gletscher, enthält Informationenüber topographische Besonderheiten wie höchste, mittlere und tiefste Höheüber Meer, Mächtigkeit sowie geographische Koordinaten. Derzeit bestehen solche Angaben zu mehr als 70 000 Gletschern aus 36 Ländern.
Die zweite Datei, welche die Gletscherveränderungen dokumentiert, enthält Angabenüber die Veränderungen der Gletscherzungen (Längenänderungen), der Masse (Massenbilanzen) der Flächen, der Dicken und der Volumina. Dazu sind Angaben vonüber 1500 Gletschern aus mehr als 30 Ländern zusammengestellt, die hauptsächlich die Jahre 1960 bis 1996 abdecken. Die Gletscherdatenbank ist seit kurzemüber Internet abrufbar.
Wilfried Haeberli, Martin Hoelzle, Stefan Suter, Regula Frauenfelder
Gletscherbeobachtung ist Teil eines Pilotprojektes in den weltweiten Klimabeobachtungsprogrammen der UNESCO und anderer internationaler Organisationen. Weltweite Datenüber Gletscherveränderungen werden von der Abteilung Physische Geographie der Universität Zürich zusammen mit der Abteilung Glaziologie an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie der ETH Zürich gesammelt und in einer Datenbank verwaltet. Die Daten werden periodisch veröffentlicht im Gletscher-Massenbilanz-Bulletin und in der Buchreihe «Fluctuations of Glaciers».
Abteilung Physische Geographie der Universität Zürich: verantwortlich Prof. Wilfried Haeberli, Dr. Martin Hoelzle und Regula Frauenfelder. Abteilung Glaziologie an der Versuchsanstalt für Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie ETH Zürich: Dr. Martin Hoelzle, Stefan Suter
Ab Ende 1997 ist die Gletscherdatenbanküber Internet abrufbar.
Internet-Adresse: http://www.geo.unizh.ch/wgms
unipressedienst Pressestelle der Universität Zürich
Nicolas Jene (<email-pii>)
Last update: 09.01.98