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Während die Stadt Zürich eine hohe Arbeitsproduktivität aufweist ... (Bild: Keystone)
Die Arbeitsproduktivität[1] hat sich in der Schweiz in den vergangenen Jahren nur langsam erhöht. Von 2003 bis 2013 nahm die Produktivität im Durchschnitt nur um 0,9 Prozent pro Jahr zu. Besonders in den letzten Jahren seit der Finanzkrise ist sie kaum mehr gewachsen.[2] In diesen Jahren leistete vielmehr das Arbeitsvolumen einen positiven Beitrag zum Pro-Kopf-Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP). Um den Wohlstand langfristig zu sichern, muss jedoch in Zukunft nebst dem Arbeitsvolumen auch die Arbeitsproduktivität verstärkt gesteigert werden.
Welches Bild zeigt sich, wenn man nun von der nationalen auf die regionale Ebene wechselt? War die Produktivitätsentwicklung in den Regionen unterschiedlich, und worauf sind die allfälligen Unterschiede zurückzuführen? Im Zentrum einer laufenden Studie steht die Analyse der regionalen Arbeitsproduktivitätsentwicklung auf der Ebene von Regionen (siehe Kasten 1).
Der Branchenmix in den untersuchten Regionen hat einen massgeblichen Einfluss auf die Produktivität (siehe Kasten 2). Hinzu kommt, dass eine Branche nicht an jedem Standort gleich produktiv ist, unter anderem weil je nach Mikrolage unterschiedliche Tätigkeiten wahrgenommen werden: So nimmt eine Bankfiliale in einer ländlichen Gemeinde andere Aufgaben als das Hauptquartier wahr.
Drei Hypothesen mit Fokus auf den Regionen
In der Studie werden drei Hypothesen getestet. Die erste lautet: Weniger produktive Regionen konnten gegenüber bereits produktiven aufholen. Grundlage für diese Annahme ist die sogenannte Konvergenzypothese der neoklassischen Wachstumstheorie, welche besagt, dass Regionen mit einem niedrigen Pro-Kopf-Output zu den fortgeschritteneren Regionen aufschliessen können. Je höher also das Ausgangsniveau der Arbeitsproduktivität einer Region im Vergleich zu anderen Regionen ist, desto niedriger sollte ihre Wachstumsrate sein.
Eine Gegenthese dazu ist, dass die Arbeitsproduktivität aufgrund einer vorteilhaften Veränderung des Branchenmix vor allem in den urbanen Zentren und an gut erreichbaren Standorten zunahm. Diese These ist aus der traditionellen Handelstheorie abgeleitet. Der Branchenmix reflektiert demnach letztlich nichts anderes als unterschiedliche Spezialisierungen der Regionen: je höher der Anteil wertschöpfungsintensiver Firmen einer Region, desto höher deren Arbeitsproduktivität. Die Unterschiede in den Produktivitätswachstumsraten können daher permanent sein.
Eine dritte Hypothese der Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Mikrolage und Arbeitsproduktivität innerhalb einer Branche: Die von Betrieben gewählten Mikrolagen unterscheiden sich nicht nur zwischen den Branchen, sondern auch regional innerhalb derselben Branche, da Bedürfnisse und Möglichkeiten hinsichtlich Lagequalität von Betrieb zu Betrieb differenzieren. Je nach Tätigkeit, Funktion und Restriktion eines Betriebes werden unterschiedliche Mikrolagen gesucht. Aus den Unterschieden zwischen den Lagequalitäten (Erreichbarkeit, Agglomerationsvorteile, Reputation des Umfelds usw.) lassen sich Aussagen zur Arbeitsproduktivität derselben Branche in unterschiedlichen Regionen machen.
Zürich zieht weiter davon
Die vorläufige Analyse stellt exemplarisch anhand von acht unterschiedlichen, sowohl urbanen als auch peripheren Regionen aus allen Landesteilen für die Jahre 2008 bis 2012 ein vielschichtiges Bild dar (siehe Abbildung 1). Die Arbeitsproduktivität der Regionen[3] Stadt Zürich, Zürcher Weinland und Lausanne liegt für beide Beobachtungszeitpunkte über dem Schweizer Durchschnitt, während Pays d’Enhaut (Waadt), Chur, Schanfigg (Graubünden), Lugano und Mendrisio (Tessin) unterdurchschnittlich produktiv sind. Zudem konnte die Region Zürich die Arbeitsproduktivität trotz eines hohen Ausgangsniveaus um 4,7 Prozent steigern. Nur in Chur nahm sie im betrachteten Zeitraum stärker zu (5,8 Prozent). Demgegenüber verzeichneten insbesondere die Regionen Schanfigg (1,5 Prozent) und Mendrisio (1,1 Prozent) ein bescheidenes Produktivitätswachstum. Zumindest für die untersuchten Gebiete ist kein Aufholen bei tiefer Ausgangsproduktivität feststellbar – die Konvergenzhypothese bestätigt sich hier also nicht. Im Gegenteil bauen die bereits produktiven urbanen Regionen ihren Vorsprung weiter aus.
Abb. 1: Veränderung der Arbeitsproduktivität und des Branchenmix für ausgewählte Regionen (2008 und 2012)
Anmerkung: Um die Lesbarkeit zu erhöhen, wurden die Branchen zusammengefasst. Sie sind nach der Produktivität sortiert dargestellt. Die unterste Branche (Finanz- und Versicherungsdienstleistungen) ist die produktivste. Zusammengefasste Branchen (z. B. sonstige wirtschaftliche Dienstleistungen / Verkehr und Lagerei) sind entsprechend ihrer Stellenzahl (Vollzeitäquivalente) in absteigender Reihenfolge beschriftet. Bei den Regionen handelt es sich um MS-Regionen (siehe Kasten 1).
Quelle: Ecoplan, BFS / Die Volkswirtschaft
Branchenmix als entscheidender Faktor
Eine Ursache für diese unterschiedliche Entwicklung zwischen den untersuchten Regionen liegt beim Branchenmix. So variiert der Anteil an hochproduktiven Branchen zwischen den Regionen stark: Während in Zürich die drei produktivsten Branchen – Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Information und Kommunikation sowie Energieversorgung – im Jahr 2012 ein Viertel der Beschäftigten ausmachen, sind es in Lausanne noch 13 Prozent und in Schanfigg nur 2 Prozent. Zudem hat sich der Branchenmix für die weniger produktiven Regionen unvorteilhaft entwickelt: Der Anteil wenig produktiver Branchen – beispielsweise Gastgewerbe/Beherbergung – nahm tendenziell zu, derjenige der produktiven reduzierte sich. Somit ist eine Spezialisierung der Regionen feststellbar, wobei vor allem die urbanen Grossstädte, aber auch regionale Zentren wie Chur von einer positiven Entwicklung des Branchenmix profitieren können.
Auch innerhalb derselben Branchen hat sich die Produktivität regional unterschiedlich entwickelt. Während die Finanz- und Versicherungsbranche in der Region Zürich rund 8 Prozent produktiver wurde, legte sie in Lugano und Mendrisio weniger als 2 Prozent zu. Somit profitierte Zürich gleich doppelt, indem der Anteil der produktiven Branchen stieg und diese im regionalen Vergleich erst noch produktiver wurden.
ÖV-Erschliessung als Spiegel der Arbeitsproduktivität
Was sind Gründe für diese starken Unterschiede innerhalb einer Branche? Einen Erklärungsansatz liefert die sogenannte Mikrolage der Unternehmen, d. h. die Standortqualität auf kleinräumiger Ebene. Als Beispiel für die zahlreichen untersuchten Faktoren der Mikrolage dient die Erschliessung der Niederlassungen mit dem öffentlichen Verkehr. Je nach Unternehmenstyp und Funktion des Betriebes ist die ÖV-Erschliessung[4] unterschiedlich wichtig für den Kundenkontakt, den Umsatz oder den Netzwerkaustausch.
Die Auswertung für die Branche Finanz- und Versicherungsdienstleistungen zeigt einerseits: Die Unterschiede der Lagequalitäten bezüglich der ÖV-Erschliessung sind zwischen den betrachteten Regionen gross (siehe Abbildung 2). Während sich Finanzunternehmen und Versicherer in den urbanen, grossstädtischen Regionen Zürich und Lausanne fast ausschliesslich an den gut oder sehr gut erschlossenen Lagen ansiedeln, befinden sie sich in Regionen des Umlands wie dem Zürcher Weinland oder dem Pays d’Enhaut an Standorten mit geringer oder schlechter ÖV-Erschliessung.
Die unterschiedliche Erschliessung von Regionen spielt dabei – je nach Unternehmenstyp und Funktion – eine wichtige Rolle bei der Wahl des Standorts: Da zum Beispiel Treuhandunternehmen mit tendenziell internationaler, anspruchsvoller Kundschaft und Tätigkeit eine optimale Erreichbarkeit benötigen und diese auch bezahlen können, wählen sie mit grösserer Wahrscheinlichkeit einen Standort wie Zürich oder Lausanne, als dies Treuhandunternehmen mit einem lokaleren Absatzmarkt tun.
Andererseits zeigt die Auswertung: Die Branche Finanz- und Versicherungsdienstleistungen ist – unabhängig von der durch die Makrolage beeinflussten Erschliessungsqualität – sehr häufig an den besten ÖV-Lagen ihrer jeweiligen Region stationiert. Mit anderen Worten: Auch in periphereren Regionen benötigen viele Betriebe dieser Branche zentrale und repräsentative Standorte für ihre Kundenkontakte. Dass sich aber dennoch beispielsweise in Lausanne fast die Hälfte der Betriebe nicht an den Top-Standorten befindet, liegt daran, dass es auch in dieser Branche Verarbeitungs- oder Backofficeeinheiten mit weniger Zentrums- und Repräsentativitätsanspruch gibt. Die hier anhand der ÖV-Erschliessung sichtbar unterschiedlichen Lagequalitäten innerhalb von Branchen sind quantifizierbar und können – da sie unterschiedliche regionale Arbeitsproduktivitäten widerspiegeln – für die Messung der Produktivitätsunterschiede herangezogen werden.
Abb. 2. ÖV-Erschliessung der Betriebsstandorte der Branche Finanz- und Versicherungsdienstleistungen 2012
Anmerkung: Die Standorte wurden in sogenannte ÖV-Güteklassen aufgeteilt (vgl. Fussnote 4).
Quelle: FPRE, BFS, ARE Bauzonenstatistik 2007 / Die Volkswirtschaft
Regionalisierte Lohndaten erforderlich
Erste Auswertungen der Studie haben Hinweise auf eine unterschiedliche regionale Arbeitsproduktivitätsentwicklung geliefert: Urbane Zentren sind produktiver als periphere Regionen und konnten ihre Position tendenziell weiter ausbauen. Entscheidend dazu beigetragen hat eine positive Entwicklung des Branchenmix – hin zu hochproduktiven Branchen. Die regionalen Produktivitätsunterschiede innerhalb derselben Branchen widerspiegeln sich in unterschiedlichen Mikrolagen der Betriebe.
Eine Einschränkung bleibt: Die Veränderung der Arbeitsproduktivität nach Region wurde bisher mit Lohndaten auf Ebene Grossregionen berechnet. Somit wurden für die Regionen Chur und Schanfigg, welche beide zur Grossregion Ostschweiz gehören, dieselben Lohnveränderungen nach Branchen verwendet. Dadurch basieren die berechneten Veränderungen der Arbeitsproduktivität vor allem auf dem Branchenmix und nur bedingt – auf Ebene Grossregionen – auf der Veränderung der Arbeitsproduktivität innerhalb der Branchen. Ziel ist es, die Analysen mit Lohndaten auf der regionalen Ebene zu verfeinern und zusätzlich Parameter zur Mikrolage nach Branche einzubeziehen. Dadurch kann die Veränderung der Arbeitsproduktivität für sämtliche Regionen bestimmt und in Wachstums- und Struktureffekte aufgeteilt werden.
- Gemäss dem Bundesamt für Statistik ist die Arbeitsproduktivität definiert als Bruttowertschöpfung pro Vollzeitäquivalent.
- Eidgenössisches Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (2015). Grundlagen für die neue Wachstumspolitik. S. 38
- MS-Regionen. Vgl. Kasten.
- Als Indikator für die Beurteilung der Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr gelten die sogenannten ÖV-Güteklassen. Diese hängen einerseits von der Distanz zur Haltestelle ab, andererseits von der Haltestellenkategorie. Diese wird durch die Art der Verkehrsmittel, welche die Haltestelle bedienen (Bahnknoten, Bahnlinie, Tram, Bus, Postauto etc.), sowie dem Kursintervall der Verkehrsmittel bestimmt.
Zitiervorschlag: Michael Marti, Claudia Peter, Matthias Setz, Dominik Matter, Raphael Schönbächler, (2015). Produktivität sucht städtisches Umfeld. Die Volkswirtschaft, 21. Dezember.
Die 106 Mobilité-Spatial-Regionen (MS-Regionen) der Schweiz zeichnen sich durch eine gewisse räumliche Homogenität aus und gehorchen dem Prinzip von Kleinarbeitsmarktgebieten mit funktionaler Orientierung auf Zentren. Sie wurden 1982 im Rahmen eines Forschungsprojektes über räumliche Mobilität aus bestehenden Berggebietsregionen und Raumplanungsgebieten gebildet (Mehr unter www.bsf.admin.ch).
Die regionale Arbeitsproduktivität kann sich über zwei Kanäle verändern:
- Veränderung des Branchenmix (Struktureffekt): Zum einen kann die Arbeitsproduktivität sinken bzw. steigen, wenn sich der Branchenmix verändert. Nimmt zum Beispiel der Anteil der Beschäftigten in produktiven Branchen wie der Versicherungsbranche oder der Energie- und Wasserversorgung in einer Region zu, erhöht sich die Arbeitsproduktivität dieser Region.
- Veränderung der Arbeitsproduktivität innerhalb einer Branche (Wachstumseffekt): Bleibt der Branchenmix konstant, erhöht sich jedoch die Arbeitsproduktivität innerhalb einer Branche, dann steigt die Arbeitsproduktivität ebenfalls. So führt zum Beispiel eine zunehmende Mechanisierung oder Digitalisierung zu mehr Wertschöpfung pro Vollzeitstelle.
Zur Untersuchung dieser Kanäle und somit der Veränderung der regionalen Arbeitsproduktivität werden folgende Daten verwendet: der regionale Branchenmix, welcher sich aus dem Anteil der Vollzeitäquivalente (VZÄ) pro Branche und Region zusammensetzt;a die regionale Arbeitsproduktivität, welche auf dem Inputfaktor Arbeit basiert und sich aus dem Quotienten des regionalen Nettolohns durch den Arbeitseinsatz (VZÄ) berechnet.b
aDatenquelle Statistik der Unternehmensstruktur (Statent) 2012 und Betriebszählung 2008, welche auf die neue Struktur der Statent umgerechnet wurde. Die Angaben basieren auf Arbeitsstätten nach Gemeinden und wurden auf Ebene der Mobilité-Spatial-Regionen zusammengefasst. Aufgrund der Datenlage wird sowohl der öffentliche als auch der private Sektor einbezogen.
bEs wird angenommen, dass der Faktor Arbeit gemäss seiner korrekten Faktorleistung entschädigt wird und somit der Nettolohn der Bruttowertschöpfung entspricht. Die Angaben zu den Nettolöhnen stammen aus der Lohnstrukturerhebung (LSE). Die Löhne werden für den privaten Sektor pro Grossregion und Branche (Noga 08) ausgewertet.