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Erst nach mehr als einem halben Jahrhundert wurde der beharrliche Einsatz der politischen Linken hier zu Lande endlich von Erfolg gekrönt: Am 6. Juli 1947 stimmten 80% der Stimmenden dem Gesetz über die AHV zu.
Es ist bis heute gültig und garantierte damals eine Grundversicherung zur Deckung der einfachs-ten Lebensbedürfnisse im Alter. Die monatliche Mindestrente betrug 40 Franken. In der Zwischenzeit ist die AHV (1. Säule – gesetzliche Vorsorge) durch 11 Revisionen zu einer eigentlichen Grundrente entwickelt worden, die zusammen mit den Pensionskassen (2. Säule – berufliche Vorsorge) und dem privat Gesparten (3. Säule – Selbstvorsorge) die Existenzsicherung im Alter gewährleistet. (AHV und 2. Säule sollten zusammen eine Rente von 60% des letzten Lohnes sicherstellen.) Solidarität heisst das Fundament, auf dem die AHV aufgebaut ist. Solidarität zwischen der jungen und der alten Generation, zwischen gut verdienenden und wirtschaftlich schlechter gestellten Mitmenschen, zwischen kinderlosen Personen und Müttern und Vätern, die eine Erziehungsgutschrift erhalten, sowie Solidarität zwischen Personen, die keine Betreuungsaufgabe wahrnehmen, und solchen, die sich um pflegebedürftige Familienangehörige kümmern und dafür eine Betreuungsgutschrift bekommen. Die AHV ist ein Vertrag zwischen Generationen. Erwerbstätige bezahlen mit Beiträgen (im Umlageverfahren) die Renten der Pensionierten und haben nach dem Ausscheiden aus dem Berufsleben ihrerseits Anspruch auf eine Altersrente. Diese gegenseitige Hilfsbereitschaft und Verbundenheit ist ein zartes Pflänzchen, das gehegt und gepflegt werden will. Nicht erst seit die Geburtenraten deutlich zurückgingen, wird am Sozialwerk Kritik gebt. In der Gesellschaft findet schleichend ein Wertewandel statt: Egoismus statt Solidarität. Solidarität dürfe nicht von Staates wegen erzwungen werden, sondern müsse auf dem Prinzip der Freiwilligkeit beruhen. Der Ruf nach Eigenverantwortung der Individuen wird laut, es müsse gespart werden, der Sozialstaat sei nicht finanzierbar, also abzubauen. Die AHV-Beiträge müssten auch in Zukunft, wie das mit der Pensionskasse geschehe, während der Berufstätigkeit vom Lohn abgezogen werden. Diese Beträge würden im Kapitaldeckungsverfahren für die versicherte Person geäufnet. Je nach der Höhe des über die Jahre angesparten Kapitals werde sodann die Rente errechnet. Es würde also jede und jeder nur noch für sich schauen. Von Solidarität keine Spur mehr. Seit am 1. Januar 1985 das Bundesgesetz über die berufliche Vorsorge in Kraft trat, haben sich über 600 Milliarden Franken angesammelt. Man stelle sich vor: 600 Milliarden Franken – 10 mal mehr als der Bund jährlich ausgibt – sind in der 2. Säule angelegt, vor allem in Wertschriften und Immobilien. Wenn der Konjunkturmotor wie geschmiert läuft, ist das unproblematisch, wenn er aber stottert, wird es hingegen sehr bedrohlich. Im blühenden Börsenjahr 2005 lagen die Renditen aller Pensionskassen bei 11 Prozent. 2007 sank die durchschnittliche Performance auf mickrige 2,1% und heute liegt die Rendite wegen der globalen Folgen der US-Hypothekenkrise tief im Minus. Wenn Lohnprozente der Erwerbstätigen in Kapitalanlagen investiert werden, müssen die Mitarbeitenden der Pensionskassen hohe Risiken eingehen, soll doch das anvertraute Geld möglichst sicher angelegt werden. Die Frage stellt sich, ob es überhaupt so viele sichere Anlagemöglichkeiten gibt, um diese Milliardensummen zu parkieren. Die Gefahr, dass Turbulenzen an den Finanzmärkten riesige Löcher in die Bilanzen der Pensionskassen reissen, wächst mit der Zahl der Berufstätigen. Zugegeben, die gesetzlich limitierte Anlage in Aktien verringert in der Schweiz das Risiko ein wenig. Swisscanto, die Investitionsgesellschaft der Kantonalbanken, errechnete eine erforderliche Rendite von 3,8 bis 5%, damit die Pensionskassen ihre Verpflichtungen langfristig erfüllen können. Kommt noch dazu, dass die Löhne schneller steigen als die Renten und dass sich überdies die Renten durch die Inflation schleichend entwerten. Nach Eigenverantwortung zu schreien und den Sozialstaat abzubauen, wäre nichts anderes als ein Schuss ins eigene Bein – sehr schmerzhaft.