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Auf den Spuren der Tuchhändler: Besuch im mittelalterlichen Gent
Als Reiseziel ist Gent weit weniger bekannt als das benachbarte Brügge und kann dennoch mit einer nicht weniger spektakulären Altstadt aufwarten. Die Hauptstadt Ostflanderns, im Mittelalter eine der grössten Städte Europas, fasziniert heute mit einer ganz eigenen Mischung aus Weltoffenheit und provinzieller Beschaulichkeit.
Belgiens drittgrösste Stadt ist bis heute geprägt von dem aussergewöhnlichen Reichtum, den der Tuchhandel dem mittelalterlichen Gent bescherte. Prachtvolle Bauwerke zeugen entlang der Leie-Ufer von der Blütezeit der Stadt, während der mächtige Belfried der Stadt in 95 m Höhe hoch über die historische Altstadt hinausragt.
An Attraktivität gewinnt Gent nicht zuletzt durch die attraktive Lage: Brüssel und Antwerpen sind in östlicher Richtung kaum 50 km entfernt, nach Brügge sind es lediglich 40 km. Da verwundert es nicht, dass gerade viele junge Belgier das malerische, beschauliche Gent dem Trubel der grossen Metropolen vorziehen.
Europäisches Handelszentrum und Vorreiter der Industrialisierung
Schon im 11. Jahrhundert entwickelte sich Gent zu einem weltweit bedeutenden Zentrum der Textilproduktion – der Wirtschaftszweig, auf dem ein Grossteil des städtischen Reichtums basierte. Mitte des 16. Jahrhunderts war Gent nicht nur die grösste Stadt der damaligen Niederlande, sondern nach Paris auch die zweitgrösste Metropole Europas. Die Handelsstadt an der Schelde bewies von jeher einen ausgeprägten Drang nach Unabhängigkeit, und mit der Zeit entwickelte sich nicht nur die Stadt selbst zu einem autonomen Zentrum mit unabhängigen Institutionen; auch der örtliche Adel musste seine Macht Stück für Stück an die einflussreichen Genter Kaufmannsfamilien abtreten.
Auch im Zuge der Industrialisierung erwies sich Gent europaweit als Vorreiter, als die Stadt Ende des 18. Jahrhunderts als erste Stadt des europäischen Festlandes damit begann, seine Wirtschaft zu industrialisieren. Neben der nun mechanisch erfolgenden Verarbeitung der örtlichen Baumwoll- und Leinenprodukte trug schliesslich auch die Kontinentalsperre gegen England ab 1806 dazu bei, den wirtschaftlichen Aufschwung der Stadt zu beflügeln. Dass die architektonischen Zeugnisse der Genter Blütezeit bis heute in grossem Umfang erhalten sind, ist der Tatsache zu verdanken, dass Gent im 2. Weltkrieg im Gegensatz zu vielen anderen Städten kaum Zerstörungen durch Bombenangriffe zu verzeichnen hatte. Rund 9800 historische Gebäude wurden in der Genter Altstadt bewahrt, viele davon denkmalgeschützte Bauwerke aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit.
Mittelalterliches Gent
Mittelpunkt und prägendes Element der Genter Altstadt sind ihre berühmten „drei Türme“: der Belfried, der Glockenturm der St.-Bavo-Kathedrale und der Turm der St.-Niklas-Kirche. Der 95 m hohe Belfried ist zugleich auch das Wahrzeichen der Stadt und ein eindrucksvolles Beispiel der mittelalterlichen flämischen Turmbauweise. Der mächtige Festungsturm diente einst dazu, mit Glockenläuten das Öffnen und Schliessen der Stadttore zu signalisieren; Brandfälle wurden von hier aus ebenso geläutet wie wichtige öffentliche Ereignisse. Der Genter Belfried ist heute Teil der Tuchhalle, die dem Turm später zugefügt wurde und gleichzeitig als Eingang zum Turm dient.
Die St.-Bavo-Kathedrale, deren Bau 1300 begonnen und erst 1538 fertiggestellt wurde, ist das bedeutendste Kirchengebäude von Gent. Mit ihrem mächtigen quadratischen Glockenturm erscheint die Kathedrale nicht weniger imposant als der Belfried, und auch im Inneren umfasst das Gebäude wertvolle Schätze wie den Genter Altar, das bekannteste Kunstwerk der frühen niederländischen Malerei. Die St.-Niklas-Kirche am Kornmarkt zählt zu den wohl schönsten und anschaulichsten Beispielen der Scheldegotik; typisch für diese Epoche sind insbesondere der zentrale Glockenturm und die an den Ecken angeordneten Flankiertürme.
Viele der prachtvollen alten Gilden- und Giebelhäuser, darunter das alte Genter Postamt, können in malerischer Lage an der Gracht am alten Hafen und rund um die Graslei bewundert werden. Einzigartig ist ausserdem die mittelalterliche Burg Gravensteen aus dem 12. Jahrhundert, die einzige Stadtburg im romanischen Stil, die in Flandern erhalten ist. Die Burg Gravensteen ist eine der grössten europäischen Wasserburgen und beeindruckt nicht nur mit ihrer Grösse, sondern vor allem auch mit ihrer einzigartigen Lage am Zusammenfluss der Leie und der Lieve.
Kunst und Kultur in Gent
Neben der mittelalterlichen Altstadt ist die Universitätsstadt Gent auch bekannt für ein reges kulturelles Leben, das seinen Höhepunkt in den jährlichen Kulturveranstaltungen und Festivals der Stadt findet. Zu den festen Terminen zählt in Gent vor allem das Stadtfest Gentse Feesten, zu dem jedes Jahr im Juli zehn Tage lang Künstler und Musiker aus dem In- und Ausland die Strassen der Innenstadt in eine grosse Bühne verwandeln. Das Gentse Feesten wurde schon 1843 erstmalig abgehalten und zählt heute zu den grössten Stadtfesten in Europa.
Ebenfalls für zehn Tage wird im Juli das Gent Jazz Festival abgehalten, das 2001 seine Premiere hatte und sich seitdem zu einem der wichtigsten Jazzfestivals des Landes mit Zehntausenden Besuchern entwickelt hat. Im Rahmen des Genter Filmfestivals, des Internationaal Filmfestival van Vlaanderen-Gent, werden seit 2000 ausserdem die World Soundtrack Awards in Gent vergeben. Aber auch ausserhalb der grossen Kulturveranstaltungen hält Gent für seine Besucher die eine oder andere Überraschung bereit, darunter eine spektakuläre, bis ins Detail durchdachte nächtliche Beleuchtung, die die faszinierende mittelalterliche Altstadt in den Abendstunden in Szene setzt. Gent wurde in der Vergangenheit mehrfach für seine kunstvolle Stadtbeleuchtung ausgezeichnet.
Oberstes Bild: Historische Häuserfronten an der Graslei (© Michielverbeek / Wikimedia / CC)