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Von einem unfreiwilligen Sturz ins Wasser erzählt der wenig bekannte amerikanische Schriftsteller und Journalist Herbert Clyde Lewis in seinem Roman «Gentleman über Bord».
Das Unglück geschieht im ersten Satz: Eines Morgens gegen 6 Uhr stürzt Henry Preston Stanish kopfüber vom Schiff. Darauf folgt eine Beschreibung des Meeres und des Wetters, vor allem des malerischen Sonnenaufgangs und der Gefühle, die dabei aufkommen. Stanish denkt über vieles nach, über die Unterschiede zwischen Sonnenauf- und -untergängen, über die Farben, kurz, über die Schönheiten der Natur bei einer Schiffsreise. Das alles geht ihm durch den Kopf – und wir Leserinnen und Leser merken gar nicht, ob Stanish noch an der Reling lehnt und gleich auf einem kleinen Ölfleck ausrutscht, oder ob er schon im Wasser um sein Leben schwimmt.
Sie können sicher sein: Wenn Sie den ersten Absatz gelesen haben, werden Sie das Buch nicht mehr aus der Hand legen. So meisterhaft, mit nüchternen, präzisen Worten beschreibt der Autor die Stimmung dieses Morgens.
Herbert Clyde Lewis (1909-1950) war kein langes Leben beschieden und auch kein besonders erfolgreiches. Er wurde im New Yorker Stadtteil Brooklyn geboren, seine Eltern waren russisch-jüdische Einwanderer. Lewis wurde Journalist, zuerst Sportreporter, dann berichtete er aus Shanghai, später schrieb er Drehbücher in Hollywood. In New York arbeitete er für den Mirror und das Time Magazine. Von den vier Romanen, die er verfasste, ist der vorliegende 1937 als erster erschienen, und nun als einziger ins Deutsche übersetzt, von Klaus Bonn, der Sprache und Tonfall des Originals überzeugend getroffen hat.
Bevor Flugreisen in Mode kamen
Nach dem «Mann über Bord», wie es in der Seemannssprache heisst, passiert auf dem Schiff gar nichts. Um 6 Uhr morgens ist nur der Koch mit der Vorbereitung des Frühstücks beschäftigt. Was auf Deck geschieht, kann er nicht sehen. – Aber er ist der erste, der sich wundert, dass Stanish nicht wie gewöhnlich als erster zum Frühstück kommt. Da es viele Gründe dafür geben kann, vergisst er dies bald, denn er muss sich auf die Frühstückswünsche der anderen Passagiere konzentrieren.
Der Roman spielt in der Zeit, als man noch übers Meer fuhr, noch nicht das Flugzeug nahm. Das Schiff trägt den Namen S.S. Arabella, ein Passagierschiff, das zwischen Honolulu und dem Panamakanal verkehrt. Es transportiert Waren, aber auch Passagiere und ist bei Reisenden sehr beliebt. Das erfahren die Lesenden so nebenbei, denn einer der Reisenden hat auf Empfehlung eines Bekannten auf Hawaii seine Überfahrt extra auf diesem Dampfer gebucht. Ausser Henry Preston Stanish befinden sich acht Schiffsgäste an Bord. Die einzelnen sind frei, den Tag allein oder in Gesellschaft zu verbringen.
Geist und Seele baumeln lassen
Die Überfahrt sollte planmässig 13 Tage dauern – sie war fantastisch, fand Stanish. Die See war ab dem zweiten Tag «so auffallend glatt, dass es scheint, als würden sie auf einem gläsernen Ozean segeln.» Stanish, vielbeschäftigter und erfolgreicher Geschäftsmann aus New York, hatte sich darauf eingelassen, denn er fühlte sich erschöpft. Ohne genau sagen zu können, was ihm fehlte, fühlte er sich elend. Die Geschäfte belasteten ihn, seine Familie erfreute ihn nicht mehr wirklich, obwohl er seine beiden Kinder sehr liebte.
Kurz gesagt, Stanish litt an einem Burnout, aber den Begriff gab es in den 1930er Jahren noch nicht. Umso mehr schätzte er diese Reise. Er erholte sich jeden Tag mehr. Und nun schwamm er im Ozean und sah, wie die Arabella nach und nach kleiner wurde. Bald musste er erkennen, dass er niemanden auf sich und seine Lage aufmerksam machen konnte. Seine Stimme trug nicht. Er fühlte seine Kehle wie zugeschnürt, zumal der Motorenlärm sie anfangs übertönte. Aber die Hoffnung, gerettet zu werden, gab er nicht gleich auf.
Die Perspektive wechselt immer wieder zwischen dem unfreiwilligen Schwimmer und den Menschen – Besatzung und Passagiere – auf dem Schiff. Der Kapitän war offensichtlich alles andere als leutselig und zog sich oft zurück. Der Erste Offizier Mr. Prisk machte sich Sorgen, er war nicht mehr der Jüngste und fürchtete, seinen Job zu früh zu verlieren. Aber Stanish hatte sich wohlgefühlt, auch mit den anderen Mitreisenden, einer charmanten erzählfreudigen Mutter mit vier kleinen Kindern, einem seltsamen Missionarsehepaar, das am liebsten unter sich blieb, und einem angenehmen älteren Mann Nat Adams, mit dem Stanish täglich Zeit verbracht hatte. Dieser Nat Adams bemerkte als erster, dass Stanish am Morgen nicht erschien, aber er war zu rücksichtsvoll, um an Stanish’s Kabine zu klopfen und sich nach ihm zu erkundigen.
Zufallsgemeinschaft auf einem Schiff
Es dauert also fast den ganzen Tag, bis endlich auch der Kapitän weiss, dass sich einer seiner Passagiere nicht mehr an Bord befindet. Ein Kapitän trägt eine grosse Verantwortung. Er entscheidet nicht nur über das Schiff, sondern auch über das Wohl und Wehe aller Menschen an Bord. Bis dahin haben wir erfahren, wie es Stanish im Ozean geht, wie er die Umstände, in die er gestürzt ist, meistert. Captain Bell entschliesst sich fluchend, das Schiff zu stoppen und zurückzufahren, um mit viel Glück, Stanish an Bord holen zu können. Aber da sind inzwischen viele Stunden vergangen. Bald wird das Tageslicht schwinden.
Wie die Geschichte ausgeht, soll hier mit keinem Wort verraten werden. Mit diesem Spannungsmoment arbeitet Lewis geschickt. Das Lesevergnügen wird zudem durch die Schilderung der Charaktere aufrecht erhalten. So haben wir das Schicksal des armen Schwimmers im Ozean im Kopf, wenn wir lesen, wie sich etwa die Kinder von Mrs. Benson die Zeit vertreiben. Oder wenn gar einer der Passagiere erwägt, ob Stanish freiwillig ins Wasser gesprungen sei. Am Ende spielt die Sonne wiederum eine Rolle, und zwar ganz ohne Kitsch.
Herbert Clyde Lewis: Gentleman über Bord. (Engl.: Gentleman Overboard). Aus dem Amerikanischen von Klaus Bonn. Mit einem Nachwort von Jochen Schimmang. 2023 mare Verlag Hamburg. Leineneinband im Schuber. 176 Seiten. ISBN: 978-3-86648-696-6
Fotos: pixabay.com