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Im Mai werden die ersten Schweizer Kartoffeln geerntet. Zwar werden wegen den Restaurant-Schliessungen im Corona-Lockdown 75 Prozent weniger Pommes frites verkauft, dafür 25 Prozent mehr Pommes Chips und sogar 40 Prozent mehr Speisekartoffeln. Der Kartoffelanbau ist gleichzeitig Risiko-Geschäft und Wissenschaft.
Haben die dümmsten Bauern wirklich die grössten Kartoffeln? Die Antwort ist ein klares Nein! Denn eine Kartoffel der Sorte «Charlotte» – unsere klassische Speisekartoffel – darf zum Beispiel höchstens 60 Millimeter Durchmesser und 120 Millimeter Länge haben.
Grössere – oder je nach Sorte und Verwendungszweck auch kleinere – Speisekartoffeln weisen die Verarbeiter und Grossverteiler zurück. Ebenso Speisekartoffeln mit Verfärbungen oder Druckstellen auf der Schale. Und natürlich alle Speisekartoffeln, die von Schädlingen befallen oder faul sind.
Bereits eine einzige faule Kartoffel reicht aus, dass die Annahme der ganzen Lieferung eines Landwirtes verweigert wird. Der Ertrag von 1 Hektare sind ungefähr 40 Tonnen oder 500'000 Kartoffeln. Es genügt also, wenn eine einzige von 500'000 Kartoffeln oder 0,0002 Prozent der Ernte faul ist.
Solche Speisekartoffeln werden selbstverständlich nicht untergepflügt oder auf dem Kompost abgeladen, es gibt also kein Food waste.
Diese Kartoffeln werden denaturiert. Das heisst, sie werden an Kühe und Schweine verfüttert. Jährlich landen so rund 30 Prozent der Kartoffel-Ernte oder 100'000 Tonnen in den Futtertrögen.
Für jeden Zweck gibt es eigene Kartoffelsorten. McDonalds möchte zum Beispiel für seine Pommes frites möglichst grosse und lange Kartoffeln. Während Zweifel Pommes-Chips für seine knusprigen Kartoffelscheiben nicht zu grosse und ovale Kartoffeln braucht.
Für die Kartoffelstock-Produktion möchte die Industrie wiederum möglichst grosse Kartoffeln. Da könnten die Landwirte auch Kartoffeln in Fussball-Grösse liefern, wenn es denn unter den weltweit 7000 Kartoffelsorten solche geben würde.
Abgesehen von den Sorten werden die Kartoffeln je nach Verwendungszweck in sechs «Arten» unterschieden:
Bevor sie diese Kartoffeln ernten können, investieren unsere Landwirte viel Zeit und Know-how, aber auch viel Mechanisierung, Infrastruktur (Lagerhallen) und Geld.
«Trotz jahrzehntelanger Erfahrung als Kartoffelproduzent lerne ich jedes Jahr dazu und arbeite immer wieder daran, den Anbau zu optimieren», erklärte mir Landwirt Daniel Peter aus Rickenbach ZH, «denn die Kartoffel verzeiht keine Fehler».
Du glaubst nicht, dass der Kartoffelanbau so komplex ist? OK, dann machen wir mit Daniel Peter zusammen eine Schnellbleiche im Kartoffelanbau:
Alleine diese drei Anbaugeräte kosten zusammen gut 75’000 Franken. Ohne den Traktor notabene, der rund 100’000 Franken kostet – und der natürlich auch für viele andere Arbeiten eingesetzt wird, wie ich hier im Smart Farming-Blog schon mal beschrieben habe.
Für den eigentlichen Kartoffelanbau investiert Daniel Peter noch einmal 6000 Franken pro Hektare – also 30’000 Franken alleine für Pflanzkartoffeln, Dünger und Pflanzenschutzmittel, nämlich:
Die Pflanzkartoffeln lässt Daniel Peter vor dem Setzen in einem eigenen Lagerhaus in Plastikkisten vorkeimen. Für seine 5 Hektaren Acker braucht der Landwirt 12 Tonnen vorgekeimte Pflanzkartoffeln, die er mit einer Kartoffel-Legemaschine in die Erde bringt.
Diese Kartoffel-Legemaschine zieht auf dem lockeren Acker eine Furche und legt in diese in regelmässigen Abständen von 23 Zentimetern die Pflanzkartoffeln. Anschliessend formt die Maschine zum Schutz über den Pflanzkartoffeln mit lockerer Erde einen Damm.
Das Wachstum der Kartoffeln hängt von der Sorte und natürlich vom Boden und den klimatischen Bedingungen ab:
Geerntet werden die Knollen mit einem Kartoffel-Vollernter. Dieser hebt einen Kartoffel-Damm komplett auf ein Sieb, in dem zuerst die Erde abgesiebt wird. Die Kartoffeln werden dann während der Fahrt über den Acker von Steinen und Erdklumpen getrennt, danach sortiert und gesammelt.
Nur schon die Kartoffel-Legemaschine, die Pflanzenschutz-Spritze und der Kartoffel-Vollernter kosten über 250’000 Franken. Deshalb engagieren viele Landwirte für diese Arbeiten einen Lohnunternehmer, der mit seinen Maschinen bei Dutzenden von Kartoffelbauern die Ernte einfährt.
All das investieren die Kartoffel-Bauern, bevor auch nur ein Franken hereinkommt. Spätestens jetzt verstehst du, wieso der Kartoffelanbau gleichzeitig Risiko-Geschäft und Wissenschaft ist. Über das abgedroschene Sprichwort vom dümmsten Bauern und den grössten Kartoffeln können unsere Landwirte nur schmunzeln.