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Das Fleisch-Paradoxon
Die meisten Menschen lieben Tiere. Dass viele von ihnen dennoch das Fleisch von Tieren konsumieren, ist nur möglich durch psychologische Mechanismen, die das menschliche Mitgefühl abschwächen. Das haben australische Forscher jetzt bestätigt.
Die drei Forscher aus Australien, Steve Loughnan, Brock Bastian und Nick Haslam, haben in ihrer Studie bemerkenswerte Antworten auf die Frage bekommen, weshalb wir einerseits Tiere lieben und sie andererseits aufessen. Bisherige psychologische Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass Menschen normalerweise das Leiden von Tieren moralisch abstossend finden. Menschen könnten also prinzipiell für Tiere, die sie essen, Mitgefühl empfinden. Weil das aber negative Emotionen und einen moralischen Konflikt in ihnen auslösen würde, vermeiden sie dieses Mitgefühl durch (unbewusste) Strategien – so die australischen Forscher. Diese Strategien bestehen vor allem darin, dass Menschen den Tieren, die sie essen, geistige Fähigkeiten, eine Leidensfähigkeit und eine Ähnlichkeit zum Menschen absprechen. Man hat herausgefunden, dass die Entscheidung, ob ein Tier Schmerzen empfinden kann, stark davon abhängt, ob die Menschen es für menschenähnlich ansehen. Dies mag eine der Erklärungen sein, warum manche Menschen zum Beispiel aufhören, Säugetiere und Vögel zu essen, jedoch weiterhin Fische konsumieren.
Welchen Sinn haben diese Vermeidungsstrategien?
Dieses Phänomen ist in der Psychologie unter dem Begriff «kognitive Dissonanz» bekannt. Dieser besagt, dass Menschen grundsätzlich nicht widersprüchlich handeln wollen. Sie beobachten daher ihr eigenes Verhalten und finden dann eine Begründung dafür. Daher bleiben uns in Bezug auf Fleischkonsum zwei Möglichkeiten: Wir erkennen die Leidensfähigkeit von Tieren an und hören dann auf, Tiere zu essen – oder wir essen Tiere und werten als Folge davon ihre Leidensfähigkeit ab. Somit ist unser Verhalten widerspruchslos und wir müssen uns keinem inneren Konflikt stellen.
Sag mir, was du isst und ich sag dir, wie du denkst
Nicht nur vor dem Essen, sondern auch nach dem Konsum von Fleisch greifen Menschen laut psychologischer Forschung (unbewusst) zu Vermeidungsstrategien, die sie vor einem moralischen Konflikt bewahren sollen: Loughnan und seine Kollegen gaben einer Versuchsgruppe von Menschen Nüsse zu essen, einer anderen Gruppe Rindfleisch. Danach befragten sie die Teilnehmer, wie sehr sie die Leidensfähigkeit einer Kuh einschätzten. Diejenigen, die Rindfleisch verzehrt hatten, schätzten die Leidensfähigkeit einer Kuh viel niedriger ein als die Versuchsgruppe, die Nüsse gegessen hatte. Die Psychologin Mirjam Hauser, Trendforscherin am Gottlieb Duttweiler Institut, rät dazu, diesen Versuch einmal bei seinen Mitmenschen zu machen. «Fragen Sie die Leute einmal in einer neutralen Situation, wieviel Schmerz eine Kuh empfinden kann. Dann stellen Sie die gleiche Frage nochmals kurz vor oder nach dem Fleisch essen. Die gleichen Menschen werden dann dem Tier eine geringere Schmerzfähigkeit zuschreiben.»
Dieser Verdrängungsmechanismus funktioniert übrigens weltweit gleich. Ob in Amerika, Kanada, Hong Kong oder Indien: Die Konsumenten werteten die geistigen Eigenschaften der Tiere umso mehr ab, je höher sie ihre Essbarkeit einschätzten.
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Studie: Loughnan, Steve; Bastian, Brock; Haslam, Nick (2014): The Psychology of Eating Animals. In: Current Directions in Psychological Science. Vol. 23 (2), 104-108.