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Die Lawinengruften von Saas-Grund
Mit 7 Bildern ( 1—7).Von Emil Hess
( Bern, Sektion Bern ).
Der Besucher des Saastales stösst bei seiner Wanderung bei Gasse, den Häusern nördlich des Dorfes Saas-Grund, auf eine Gedenktafel mit folgender Inschrift:
« Ach lieber Freund, halt hier ein wenig still. Hier fanden 19 Personen ihr Endes Ziel. Um 11 Uhr in der Nacht wurden ihre Seelen vor das strenge Gottes-Gericht gebracht. In diesem Hause sicher zu sein, das haben alle geglaubt, da hat der Tod durch die Lawine ihr Leben geraubt. 0 Mensch, sei allezeit bereit, denn niemand weiss die Stund und Zeit, wann uns Gott beruft zur Ewigkeit.
Den 3ten April 1849. » Etwas bergseits dieser Holztafel stand früher unter einem deutlich ausgeprägten Geländerücken ein grosses Haus, das als lawinensicher galt und daher bei Lawinengefahr von den umliegenden Hausbewohnern aufgesucht wurde. Am Abend des 3. April 1849 drohten nach ausgiebigen Schneefällen Lawinen, und 26 Personen hatten in diesem Haus Zuflucht gesucht. Gegen Mitternacht brach am Triftgrätli eine grosse Wildschneelawine los, stürzte durch die Mulde südlich des Hauses hinunter, wurde auf dem Talgrund nach Norden geworfen und zerstörte das Haus. 19 Personen fanden dabei den Tod. Eine Wiege mit einem Säugling und ein kleines Kind in seinem Bett wurden aus dem Haus geschleudert und am Morgen ungefähr an der Stelle lebend aufgefunden, wo heute die Gedenktafel steht.
Trotzdem diese Katastrophe mit aller Deutlichkeit den Beweis erbrachte, dass der Standort des Hauses nicht als lawinensicher gelten konnte, wurde dennoch ein neues an der gleichen Stelle wieder aufgebaut. Es ist im Jahre 1888 erneut einer Lawine zum Opfer gefallen und wurde dann nicht wieder aufgerichtet.
In allen Jahrhunderten hatte das Saastal grosse Lawinenunglücke, von denen uns, dank den Aufzeichnungen von Pfarrer Ruppen, diejenigen des 18. und 19. Jahrhunderts bekannt sind. Wir geben nachfolgend einige der interessantesten Beschreibungen im Wortlaut der Chronik* ):
« 1724 schnie es gegen die Mitte des Monats März noch 1 Klafter2 ) frischen Schnees. Es fiel auf Fee eine Lawine von den Gruben hinunter und warf an der Hallenmatten einige Gebäulichkeiten zu Boden.
1740: den 3. und 4. Herbstmonat regnete es so stark, dass das Wasser sehr hoch anlief und den ganzen Talgrund überschwemmte. Alle BrückenDie Chronik des Tales Saas, für die Talbewohner bearbeitet und herausgegeben von Peter Joseph Ruppen. Sitten 1851, Buchdruckerei von Calpini-Albertazzi. a ) 1 Klafter = 6 Schuh = 1,80 m.
Die Alpen - 1943 - Les Alpes.1 wurden fortgerissen, nur eine an Baien nicht. Im gleichen Jahre, an St. Thomas-tag ( 21. Dezember ) vor Weihnachten regnete es wieder sehr stark auf den Schnee, dass dieser gleich dem Eise hart wurde und zu grossen Lawinen Anlass gab.
1741: den 6. März schnie es 1 Klafter frischen Schnees. In der folgenden Nacht entstand starker Wind, und um 10 Uhr kam eine Lawine auf Fee bei der Honeggen hernieder, warf 21 Firsten in Schutt und tötete eine Mutter, Anna Erkart von Baien, mit 6 kleinen Kindern. In der gleichen Unglücksnacht, zwischen 11 bis 12 Uhr, stürzte eine andere Lawine an Baien durch den Fällbach herunter, zerstörte viele Häuser und Gemächer und tötete an Heimischgarten 4, in den Fällmatten aber 7 Personen, die alle ziemlich erwachsen waren. Es dauerte 8 Tage lang, bis alle Leichen gefunden und begraben werden konnten. Es lagen da, sagen die Chronikschreiber, zwei Personen in einem Bette, die eine musste sterben, die andere entrann dem Tode in ihrer Nachtkleidung. Ein Weib lag länger als 100 Stunden unter dem Schnee vergraben; sie hörte die Leute suchen und graben, ja sogar reden, aber ihr Jammerruf drang nicht durch. Endlich ward sie neben ihrem Spinnrad aufgefunden und gerettet.
1755: am 14. Oktober brach ein furchtbares Regenwetter ein. Auf den Bergen war der Regen häufig mit Schnee und Hagel untermischt. In der folgenden Nacht regnete es fort unter unausgesetztem Blitzen und Donnern; der frisch gefallene Schnee schmolz in den Bergen unter anhaltenden Regengüssen und strömte in schäumenden Bächen zu Tale. Da entstand grosser Jammer. Beim grauenden Morgen krochen die Talbewohner bestürzt aus ihren Hütten hervor und schrien laut zusammen, der jüngste Tag sei gekommen, die Erde stürze zusammen, denn von allen Bergen und Hügeln, durch alle Bäche und Schluchten wogte die tief aufgeweichte Erde unter entsetzlichem Getöse ins Wasser hernieder. Tamatten gegenüber fuhr ein ganzer Wald krachend und erderschütternd herunter, und noch jetzt sieht man davon die grausige Spur mit Entsetzen. Es wurden viele Gegenden des Tales schwer verwüstet, die Zermeiggern, Alpien, Moos, Zerbriggen, Zenlauwinen, in den Bödmen, die Feehalten, Z'bidermatten u.a. m. Der 4te Teil der Talgüter soll durch diese Ruffinen untergegangen sein.
1805 fiel um Mariälichtmess ( 2. Februar ) fünfviertel Klafter frischen Schnees, was bedeutende Lawinen verursachte. Es kam ein Schneesturz durch den Furrwald herunter ins Dorf ( Grund ) mittagsseits dem Pfarrhause, und ein anderer von den Melligen bei der Markmauer hernieder in die Bärenfalle, wo Menschen, eben mit Viehfüttern beschäftigt, auf 4 mal 24 Stunden neben ihrem Viehe in einem Stalle vom Schneeschutte eingeschlossen wurden.
1813: Im gleichen Jahre noch entstand am 6. Dezember ein furchtbarer Föhn, der am 7. und 8. ein Klafter frischen Schnees vom Himmel sandte und häufige Lawinen niederstürzen machte. Am zweiten Schneetage fiel abends um 5 Uhr eine Lawine in Furgstalden ein und stürzte ein ansehnliches Haus samt Scheuer und Stall in Schutt, wo ein Weib und ein Kind eingescharrt wurden. Nach 22 Stunden ward das Weib gerettet aber das Kind tot aufgehoben. In der folgenden Nacht fielen in der Alpien 3 Scheuren und Ställe und einige Stadel durch eine andere Lawine. Ferners hat noch eine 3te Lawine, durch den Matwaldbach herunterstürzend, zur Summer-matten in den Eisten 1 Haus mit Scheuer und Stall über den Haufen geworfen, worin 7 Personen, sanft im Bette ruhend, fest mit Schnee eingerammelt wurden; doch herbeieilende Hilfe konnte alle zur rechten Zeit noch ins Freie bringen.
1817: Auch in diesem Jahre beschädigten Schneelawinen die Talbewohner wieder. Nach anhaltendem Schneegestöber fiel am 8. März, morgens 8 Uhr, eine Lawine auf Fee vom Waldertschuggen herunter und nahm auf dem Lehn und auf dem Graben 12 Firsten samt einigem Vieh mit sich fort. Eine zweite Lawine fiel ins Grün und zerstörte daselbst und am Bider zusammen 7 Gebäude.
1819 fiel noch am 17. Juni ein ungewöhnlich grosser Schnee, der wiederum sehr viel Schaden anrichtete. In den Bergweiden gingen sehr viel Schafe verloren, und in der Furgalpe allein blieben derselben 80 Stück. Aber hier forderte der Würgengel auch ein Menschenleben. Franz Burgener, von der Gemeinde Grund, ward in seiner besten Lebenskraft, allgemein bedauert, von einer Lawine rettungslos fortgerissen.
1825: Nach schöner und trockener Herbstwitterung fiel schon am 20. Oktober ein Klafter Schnee, und am 8. darauffolgenden Dezember schneite es wieder, dass die Schneemasse im Talgrunde anderthalb Klafter mass und zu ungewöhnlichen Schneestürzen Anlass gab. Es fiel eine Lawine in die Bärenfalle bei der Markmauer hinab und riss Waldung und 5 Gebäude ein. Eine andere brach in den Furrenwald, ob der Kirche, eine Strecke Wald einreissend. Eine dritte fiel in die Alpe Eie, wo nebst dem Gemeindewalde 7 Hütten zu Boden stürzten. Ebenso riss ein 4ter Schneesturz Waldung und Hütten ein in der Almagelerfuralpe. Eine 5te Lawine fiel in den Kapf bei Furgstalden, wo sie alle Gebäude nebst beträchtlicher Waldung einschlug. Den 21. Dezember schneite es wieder, und um diese Zeit soll es auf Fee 2% Klafter oder 13% Schuh ( 4 m ) Schnee gehabt haben.
1845: den 2. Februar, nachdem es in der Nacht zuvor geschneit, fiel morgens gegen 8 Uhr eine kleine Lawine ins Dorf ( Grund ) und warf die Pfrundscheuer und 5 Fenster in der Kirche ein.
1848 traf die Talbewohner ein grosses Unglück. Nach einem trockenen und fast schneelosen Winter fiel endlich am 1. März etwas Schnee, welchen heftige Winde stark umherstöberten. Nach etwas Tauwetter fiel Frost ein. Darauf schneite es am 13. eine solche Masse wilden und staubhaltigen Schnees, dass dieses gefährliche Element am 14. auch im Talgrunde über ein Klafter mass. Furchtbare Schneelawinen stürzten schon um 7 Uhr morgens fast von allen Bergen. Besonders häufig war der Schneesturz in der Gegend der Talkirche vom östlichen Bergabhange herunter. Vom Löschgraben in den Gründen an bis hinein zum Moos war nichts anderes als eine einzige zusammenhängende Lawine. In der obern Gasse wurde eine Familienmutter, und im Dorfe ( Grund ) ein Weib neben ihrem Manne getötet. Dieser Mann, Peter Jos. Imseng, ein fleissiger Chronikschreiber, ward nach 27 Stunden noch lebendig aus dem Schneeschutte hervorgezogen, starb aber schon nach 12 Stunden.
Es wurden da 22 Gebäude zerstört, 9 Stück Rindvieh und 13 Stück kleines Vieh rettungslos verschüttet. Zur obern Brücke fiel über das noch eine Scheuer und Stall mit 6 Stück Rindvieh. Auf Fee zu Kalbermatten ward ein Haus Verstössen, 2 Scheuern und Ställe umgeworfen und 1 verrenkt; 3 Kühe und einiges Kleinvieh gingen hier verloren. An Baien auf dem Lehn stürzten auch Gebäude ein und erdrückten das Vieh, worunter 4 Kühe waren usw. Der Schaden, den diesmal Saas gelitten, wird auf 4327 Franken angeschlagen.
Dieser Schneefall beschädigte auch viele andere Gegenden des Zehndens, z.B. in Zenrafgarten in den Eisten fielen unter den Trümmern der Gebäude 9 Stück Rindvieh. In Törbel fielen 3 Gebäude ein. In Kalpetran starben 2 Personen und im Emd 3 Personen, wo überdies gegen 20 Firsten einstürzten.
1849 kehrte der schreckliche Würgengel der Talbewohner mit erneuter Wut zurück. Nachdem der Winter wieder keine beträchtlichen Schneemassen ausgeworfen und im März die tiefern Talgegenden schon zu abern anfingen, fiel Schnee am 25. und 27. März, im Talgrunde zwar in geringem Masse, aber desto reichlicher in den Bergen. Am 29. fiel starke Guchse ( Wind ) ein und scheint die Gebirge zu einem grossen Unglück vorbereitet zu haben. Leider begann es darauf am 3. April ganz windstill und eben wie voriges Jahr ganz wild und mehlartig zu schneien, dass jeder die Gefahr vor verheerenden Schneestürzen deutlich vermuten konnte.
Der grause Schnee dieser zwei Unglücksjahre war ganz eigener Art. Er war spezifisch ungemein leicht und unzusammenhängend. Stärkeres An-hauchen oder Anblasen zerstäubte ihn ganz mehlartig nach allen Richtungen hin. Dies war die Ursache so ungewöhnlicher Lawinen, die durch dichte Wälder wie Wasser hinflössen, ohne das Gehölz zu Verstössen, und Steinschläge ( Wälle ), selbst Hügel im schnellsten Laufe so erstaunungswürdig überflügelten.
Man floh aus den Gebäuden, die man mehr der Lawine ausgesetzt glaubte, und um sich sicher zu stellen, würden die Meisten aus der Dorfgegend gezogen sein, wenn es der schon hochliegende Schnee gestattet hätte. Nur wenigen kräftigen Personen gelang die Flucht. Und es schneite unaufhaltsam fort, fast ein Klafter. Da brach das Unglück los. Nachts 11 Uhr schütteten die Berge, der eine den andern zur Ungeduld hetzend, die schauerlichen Schneemassen zum Talgrund nieder. Schrecklich war die Zerstörung. Das Dorf im Grund und die Umgegend litten wieder am meisten.
Um das Unglück voll zu machen, ward diesmal in der untern Gasse ein grosses Haus mit 6 Wohnungen, darin 26 Personen, grösstenteils dahin geflüchtet, die Nacht in banger Sorge zubrachten, bis auf den Grund zerstört und auseinander gesplittert. 19 Personen, darunter 5 Kinder, fanden den gewaltsamen Tod, und nur 7 wurden gerettet, von denen einige durch den Luftdruck ins Freie getragen, andere aber aus dem Schutte, zum Teil beschädigt, mit vieler Mühe noch ausgegraben werden konnten. Ein Vater und eine Mutter und ihre zwei unmündigen Kinder wurden samt ihren Betten aus ihrer einstürzenden Wohnung hinausgeworfen. Die Eltern waren nebeneinander erdrückt, die Kinder, glücklicherweise mitten im Talwege niedergesetzt, wurden von den Vorübergehenden mit den Füssen noch zur rechten Zeit aufgespürt und gerettet. Zwei Töchter schliefen beisammen und wurden weit ins Feld hinausgetragen, die eine nur leicht mit Schnee bedeckt, konnte aufstehen und um Hilfe rufen; die andere aber, zu schwach, um die Schneedecke zu erbrechen, und zu spät aufgefunden, war nicht mehr zum Leben zu bringen.
Im Dorf und in der Gassen fielen 6 Häuser ( die zum Teil stark beschädigten nicht mitgerechnet ), 18 Scheunen und Ställe, 5 Speicher, 8 Stadel. Auch das Beinhaus neben der Kirche ward eingerissen und diese stark beschädigt.
In den Furrhalten stürzten 3 Scheunen und Ställe ein, zu Bidermatten 9 Gebäude, unter den Bödmen 4 Firsten, zu Zermeiggern 2 Häuser. Auf Fee fielen 1 Scheuer mit Stall, 1 Speicher und 1 Stadel. So litten noch Baien und viele andere Orte, die kaum aufzuzählen sind, an Gemächern.
Es ist die Sage, selbst in öffentlichen Blättern, verbreitet worden, das wiederholte Unglück hätten sich die Dorfbewohner durch unvorsichtigen Holzschnitt selbst bereitet. Dieses ist ganz unrichtig. Dem Walde, Furrwald genannt, wurde stets geschont, da Schneelawinen schon von Alters her in dieser Gegend immer gefürchtet wurden, obschon unsere Annalen keine beträchtlichen Unfälle anführen. Leider ist es wahr, dass wiederholter Schneesturz, vorzüglich in den Jahren 1805, 1825 und 1845, den Wald stark gelichtet hat. Doch schützt dieser hier nicht, denn er würde nicht widerstehen können, wenn die Lawine die höher gelegenen Hindernisse bezwungen hat. Eine gewöhnliche Lawine, vom hohen Berge losbrechend, wird noch in bedeutender Entfernung vom Walde entweder in Vertiefungen oder Kummen aufgehalten oder zerteilt rechts und links dem Dorfe durch ordentliche Gänge fortgetrieben. Werden aber diese Vertiefungen und Gräben mit früher gefallenem Schnee angefüllt und durch stöbernde Winde eingeebnet, und fällt darauf bei windstiller Witterung ( ohne diese ist kein Schneeabbruch vom Hochgebirge hier zu fürchten ) eine Masse wilden, leichten und staubartigen Schnees ( schwerer Schnee wird die Anhöhe ob dem Furrwald kaum je gewinnen können ), so ist die Gefahr für die Dorfgegend gross. Aus diesem Grunde folgt nun, dass menschliche Hülfe die Lawinen hier nicht bezwingen kann. Unmöglich ist es, den ersten Schneeabbruch zu hindern, weil dieser teils von steilen Felsen abrutscht, teils aber von einem sehr ausgedehnten Bergabhange, an so verschiedenen Stellen losbrechen kann, welche alle zu verhöckern ( verbauen ) eben wohl ans Unmögliche gränzt. Nutzlos würden da auch entgegengesetzte Mauer- oder Erdendämme sein, indem hierorts so furchtbare Schneegestöber in wenig Stunden das wieder ausfüllen und überbahnen können, was Menschenhände unter viel Kosten und Zeitaufwand entgegenzustellen vermögen. Die einzige Rettung können die Dorfbewohner darin finden, ihre Häuser und Gebäude gassenweise eingereiht ( das oberste Gebäude am Bergabhange fest angelehnt ) und der zerteilten Lawinen immer freien Abzug lassend, aufzubauen. » Mit dem Jahre 1849 hat Pfarrer Ruppen seine Chronik über das Saastal abgeschlossen. Zur Vervollständigung der Liste der Lawinenkatastrophen des Saastales geben wir einige Angaben über die Unglücke nach 1849.
DEE LAWINENGRUFTEN VON SAAS-GRUND.
1887/88: Der Winter kennzeichnete sich durch grosse Schneemassen und viele Lawinen. Das Saastal, das seit 1849 keine nennenswerten Katastrophen zu verzeichnen hatte, wurde wieder stark in Mitleidenschaft gezogen. Am 27. Februar 1888 x ) traten gewaltige Lawinen auf bei Furgstalden, Eggen, Furrwald, Triftalp, Tamatten, Biedermatten, wobei 2 Häuser und 15 Ställeund Scheunenzerstört wurden. Menschenleben waren keine zu beklagen.
Im Jahre 1889 wurde zum Schutze des Dorfes Saas-Grund ein Ver-bauungsprojekt aufgestellt, das in den Jahren 1890—1892 zur Ausführung kam. Es wurden 40 Mauern mit zusammen 700 m3 Mauerwerk erstellt.
1901 erreichte eine Lawine wieder das Dorf Saas-Grund, ohne indessen grossen Schaden anzurichten. Das hatte zur Folge, dass die Verbauungen durch weitere 9 Mauern von zusammen 226 m8 verstärkt wurden.
1916117 gelangte eine Lawine erneut ins Dorf. Das Hotel Monte Moro erlitt Schaden, ein Stall und eine Scheune wurden zerstört und das Vieh getötet. Dieses Unglück gab den Anstoss zur Ausführung weiterer Lawinenverbauungen über dem Dorfe Grund.
1918: Auf anhaltend milde Witterung des Monats Februar folgten in den ersten Tagen März ausserordentliche Schneefälle. Am Samstag, 2. März, morgens, setzte Schneefall ein, der bis Sonntagmorgen ohne Unterbruch andauerte. Pro Stunde wurden bis 20 cm Neuschnee gemessen. Es fielen in 24 Stunden in Brig 1,60 m, in Visp 1,70 m, in Eisten 1,60 m, in Grund 1,30 m, in Almagel 1,20 m.
Die Schäden, die damals am 3. März im Oberwallis angerichtet wurden, sind noch in guter Erinnerung. Zermatt und Saas waren für einige Tage vollständig abgeschlossen. Im Dorfe Saas-Grund wurden 17 Personen von Lawinen verschüttet, konnten aber alle lebend geborgen werden.
1919: Vom 4.6. Januar fielen im Saastal über 2 m Schnee. Am 6. Januar gingen Lawinen vom Trifthorn und vom Triftgrätli nieder und erreichten den Talgrund ausserhalb Gasse, ohne an Gebäuden Schäden zu verursachen. Einige Lawinenmauern wurden beschädigt und mussten ersetzt werden. Im Jahre 1919 erlitt auch Saas-Fee erhebliche Lawinenschäden. Vier Ställe wurden zerstört und das Vieh getötet. Zwischen Schulhaus und Kirche lag der Lawinenschnee 3 m hoch.
1931: Am 19./20. Februar fielen im Oberwallis reichliche Schneemengen, wie sie seit 1918 nicht mehr vorgekommen waren. Der Schneefall begann am Donnerstag, 19. Februar, um 23 Uhr und dauerte ohne Unterbruch bis Freitag, 20. Februar, um Mitternacht. Es hat während 25 Stunden ununterbrochen geschneit, wobei bis 15 cm Schnee pro Stunde gemessen wurden. Die Zone der grössten Niederschläge erstreckte sich von der Furka bis Visp. Es fielen: in Brig 1,40 m, Visp 1,35 m, Eisten 1,80 m, Grund 1,10 m, Almagel 1,00 m Schnee.
Sowohl im Saastal wie im Zermattertal kamen am 20. und 21. Februar grosse Lawinen zur Ausbildung, ohne indessen erhebliche Schäden anzurichten. Das Goms wurde von dieser Lawinenperiode besonders betroffen.
Seit 1931 hat sich im Saastal keine Lawinenkatastrophe von Bedeutung mehr ereignet. Auch der lawinenreiche Winter 1941/42 hat im Saastal, oder sogar allgemein im Wallis, keine Schäden verursacht. Vom 25.30. Januar 1942 wurden die Täler nördlich der Alpen von verheerenden Lawinen heimgesucht, während das Wallis verschont blieb. Nördlich der Alpen fielen in zwei bis drei Tagen 1-2 m Schnee, im Wallis dagegen nur 20-30 cm. Die Vispertäler hatten überhaupt keinen Schneefall.
Nach den gewaltigen Katastrophen von 1848 und 1849 mussten die Bewohner von Saas-Grund Mittel und Wege finden, um sich vor ähnlichen Unglücken zu schützen. Der Chronikschreiber, Pfarrer Ruppen, erwähnt mit Recht, dass Verbauungen gegen Wildschneelawinen, wie sie eben in diesen Jahren zur Ausbildung kamen, unwirksam sind und man in der reihen-weisen Anlage der Gebäude in Richtung gegen den Hang und das oberste Haus in den Hang hineingebaut, der Lawine möglichst wenig Angriffsfläche bieten müsse 1 ). Diese Bauart wurde in Saas-Grund durchgeführt, und man erkennt heute noch die Reihen im Dorf und die stufenförmige Anordnung der Häuser am Hang, alle Giebel in der Richtung des Lawinenstromes orientiert. Querbauten entstanden erst um die Jahrhundertwende, als seit einiger Zeit, nicht zuletzt dank der Anlage der grosszügigen Verbauungen, keine Lawinen mehr oder nur solche von geringem Ausmasse, zur Ausbildung kamen und die grossen Unglücke in Vergessenheit geraten waren. Besonders seit dem Bau der Talstrasse, mit Saas-Grund als vorläufiger Endstation, entstanden im Dorf Bauten, die auf den Charakter der Walliser Bauart wenig Rücksicht nahmen. Der Grundsatz war: « rasch und billig » Räume schaffen für Warenvorräte und Wagen. So wurden Bretterverschläge mit Wellblechdächern längs der Strasse, also quer zu den Lawinenbahnen aufgerichtet, die sich wie Fremdkörper in dem Dorfbild ausnehmen. Sogar die neue Kirche wurde unbekümmert auf frühere Katastrophen quer in einen Lawinenzug gestellt.
Ein Blick auf das Bild des Dorfes überzeugt, wie wenig sich das neue Gotteshaus in das Dorfbild einfügt. Die altehrwürdige Kirche mit dem Turm am Hang, gleichsam als Verteiler der Lawine und die Kirche dahinter in seinen Schutz gestellt, hat während Jahrhunderten manchem Lawinensturm getrotzt. Sie wurde öfters beschädigt, aber nie zerstört.
Pfarrer Ruppen hätte seinerzeit eine Kirche nicht an der Stelle erbauen lassen, wo heute die neue steht, noch dieselbe quer zur Lawine orientiert, weil er wusste, dass dieser Platz von Lawinen bestrichen wird.
Nicht aus Rücksicht auf den ästhetischen Charakter des Dorfes hatte man damals auf die oben beschriebene Art gebaut, sondern weil es die Lawinen geboten. Die fremde Bauart ist nicht nur hässlich, sondern sie erweist sich auch als ungeeignet gegen Naturereignisse. Giroud 2 ) fordert daher mit Recht für das Wallis bessere Anpassung der neuen Bauten an das Dorfbild und Rückkehr zu der Bauweise, die sich bewährt hat.
DIE LAWINENGRUFTEN VON SAAS-GRUND.
Wenn im Saastal wieder schneereiche Winter auftreten werden, was nach der gegenwärtigen schneearmen Periode zu erwarten ist, könnten sich diese Bausünden bitter rächen, denn auch die bestangelegten Lawinenverbauungen geben nicht Gewähr für absolute Sicherheit.
Die reihenweise Anlage der Häuser genügte aber nicht, um Unglücke zu vermeiden, und nach der grossen Lawinenkatastrophe von 1849 wurden zum Schutze gegen Lawinen im Dorfe Saas-Grund besondere Schutzräume erstellt, um der Bevölkerung Zuflucht zu bieten. Im obersten, an den Berg angelehnten Haus jeder Häuserreihe wurde eine sogenannte Lawinengruft in den natürlichen Hang hineingebaut. Diese als Gewölbe ausgemauerten Räume waren 5 m tief, 4 m breit und 2,5 m hoch. Sämtliche Familien der Häuserreihe verliessen bei Lawinengefahr ihre Wohnungen und begaben sich in diese unterirdischen Grüften. Diese Räume wurden von allen Familien gemeinsam erstellt, und dadurch entstanden Rechte für die Benutzung. Noch heute darf ein Hausbesitzer, an dessen Haus eine Gruft angebaut ist, keine Änderungen anbringen, ohne das Einverständnis aller Anteilberechtigten eingeholt zu haben.
Die Grüften sind zum letzten Male im strengen und lawinenreichen Winter 1887/88 benützt worden. Dann wurden, wie schon erwähnt, Verbauungen zum Schutze des Dorfes ausgeführt, und die Lawinengruften sind in Vergessenheit geraten. Heute wissen nur noch die ältesten Dorfbewohner von Grund davon zu berichten. Die meisten sind für andere Zwecke umgebaut worden, und im Dorfe Grund sind nur zwei erhalten geblieben, die heute als Rumpelkammern dienen. In dem kleinen Haus, das hinter der schon erwähnten Gedenktafel von Gasse am Hang steht, war auch eine Lawinengruft eingebaut, die aber schon vor ungefähr 40 Jahren in eine Küche umgewandelt wurde.
Diese Art des Schutzes gegen Lawinen durch Erstellen von gemeinsamen Schutzräumen ist nur aus dem Saastal bekannt. Coazerwähnt sie in seiner Abhandlung über die Lawinen, ohne indessen näher darauf einzutreten. Es wäre auch heute noch in vielen Fällen angezeigt, solche Schutzräume in Häusern, die den Lawinen ausgesetzt sind, zu bauen. Sie könnten ähnlich wie Luftschutzräume im Keller eingerichtet werden.
In andern Gegenden hat man die Häuser durch Anlage von Steinhaufen oder Spaltecken vor Lawinen geschützt, oder es wurden im Anrissgebiet Gräben ausgehoben und Wälle aufgeschüttet, kurz, das Gelände « verhöckert », wie sich der Chronikschreiber von Saas-Grund ausdrückte.
Mit dem Inkrafttreten des eidgenössischen Forstgesetzes im Jahre 1876 erhielten die Saaser hohe Beiträge für die Ausführung von Schutzbauten, und es hat kein Tal im Wallis Verbauungen in gleichem Ausmasse wie das Saastal durchgeführt.