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Ai Weiwei gestaltet als Gast-Chefredaktor eine chinesischsprachige Ausgabe des «New Statesman». Er interviewt darin einen Kommentarschreiber, der bezahlt ist, die öffentliche Meinung im Internet zu manipulieren. Alltag in China, so wie die einfache Zensur und die Gängelung von Journalisten.
Die Auswahl der hiesigen Medien hat etwas Befremdliches. Von den nach letzter Volkszählung rund 1340 Millionen Chinesen scheint es nur einen Künstler zu geben, der Aufmerksamkeit verdient: Ai Weiwei (@aiww). Weil er der Beste ist? Vielleicht. Weil er einen Namen hat, der vermeintlich leicht auszusprechen ist? Vielleicht. Weil er auch ein politischer Künstler ist? Vielleicht.
Ende März 2011, kurz vor seiner zwischenzeitlichen Verhaftung am 3. April wegen angeblicher «Wirtschaftsverbrechen», betätigte sich Ai auch als Interviewer. Und zwar befragte er einen damals 26-jährigen (Leser)kommentarschreiber, der von der Regierung dafür bezahlt wird, die Diskussionen im Netz in die «richtige» Richtung zu steuern. Der junge Mann war zum Gespräch bereit, nachdem ihm vollständige Anonymität und ein iPad zugesichert wurde. Gemäss einem Helfer in Ai’s Studio lief das so ab:
Wir haben ihm zuerst einen Interviewentwurf mit fast hundert Fragen zum Ausfüllen gegeben. Aufgrund der Antworten führte Ai Weiwei ein Telefoninterview mit ihm. Die Ergebnisse daraus wurden schliesslich den aufgeschriebenen Antworten hinzugefügt.
Eine ausführliche Version des Interviews, von dem, vermutlich auch aufgrund der Übersetzung aus dem Chinesischen, mehrere Versionen bestehen, wurde im Oktober im britischen Wochenmagazin «New Statesman» gedruckt: «China’s Paid Trolls: Meet the 50-Cent Party». Ai Weiwei war Gast-Chefredaktor einer Sonderausgabe, die als Digitalversion in Mandarin (Making-Of) im Internet verbreitet wurde und trug selbst mehrere Texte dazu bei.
Das Gespräch macht klar, dass die Manipulationen der chinesischen Staatsmacht im Internet weit über die simple Zensur hinausgehen. Weil die chinesische Öffentlichkeit längst an plumpe, die Regierung preisende Kommentare gewöhnt ist, wurde die Strategie verfeinert. Die Regierung werde nicht mehr direkt gelobt, «negative» News nicht direkt kritisiert, sagt der befragte Kommentierer:
Darüber hinaus muss der Ton, die Identität und Haltung der Rede so aussehen, als würde sie von einem ahnungslosen Bürger kommen; nur so kann sie mit den anderen mitschwingen. Zusammenfassend lässt sich sagen, man will die Internetnutzer versteckt führen, so dass sie ihre Ausrichtung ändern, ohne es zu merken.
Er debattiere stets mit anderen bezahlten Kommentierern, auf Diskussionen mit Unbekannten gehe er üblicherweise nicht ein.
Der Kommentierer gibt an, nur Teilzeit zu arbeiten und für 100 geschriebene Kommentare mit 50 Yuan vergütet zu werden, das sind 0.076 Franken / 0.063 Euro pro Kommentar. Seine Einnahmen sieht er als Taschengeld, seine Freunde und Familie wissen aber nichts von dieser Tätigkeit – das würde seiner Reputation schaden.
Seine Aufgaben erhalte er jeweils per E-Mail, meist ginge es um lokale Vorkommnisse, die er beeinflussen solle. Das klinge dann so:
Zum Beispiel: «Verbreite keine Gerüchte, glaube keine Gerüchte», oder «Beeinflusse das Verständnis der Öffentlichkeit für das X-Ereignis», «Fördere die korrekte Richtung der öffentlichen Meinung über XXXX», «Erkläre und verdeutliche das XX-Ereignis; vermeide das Auftreten von unwahren oder illegalen Bemerkungen», «Für die schädlichen sozialen Auswirkungen des jüngsten XX-Ereignisses, fokussiere auf die Führung der Gedanken der Internetnutzer in die richtige Richtung von XXXX.
Die simple Zensur gibt es natürlich auch. So schrieb die in New York lebende Eveline Chao nach fünf Jahren Arbeit beim englischsprachigen, in Peking erscheinenden Magazin “China International Business” einen langen Beitrag über ihre Zensorin: «Me and My Censor». Sie hält im Text fest, dass jede rechtmässig registrierte Publikation in China von einem oder mehreren Zensoren überprüft wird. Der Chao zugeteilte Zensor war eine Mitarbeiterin des Handelsministeriums, eine Frau in ihren Vierzigern, die sich gegen Schluss der Zusammenarbeit enger anfreunden wollte und ihr sogar vorschlug, eine Firma zu gründen und sie anzustellen.
Eine gute Übersicht der vielfältigen Einschränkungen der Medienfreiheit in China gibt die englischsprachige Wikipedia, sei es zur 50 Cent Party, zur Internet Water Army oder mit Listen von unerwünschten Wörtern und geblockten Websites. Websites wie Facebook, Twitter, YouTube oder WordPress.com sind in China derzeit zu 100 Prozent gesperrt, andere, wie Nytimes.com, nur teilweise, mehr dazu auf Greatfire.org. Einem kurzen Test gemäss scheinen die grossen Schweizer Nachrichtenportale in China derzeit frei verfügbar zu sein, also wenn überhaupt, nur sporadisch geblockt zu werden.
Nach Angaben von Reporter ohne Grenzen ist China mit 70 Bloggern und 30 Journalisten im Gefängnis das derzeit grösste für Medienschaffende weltweit. Ausländische Journalisten gefährden mit kritischen Berichten ihre Akkreditierung, viele Regionen, zum Beispiel Tibet, bleiben ihnen unzugänglich. Die Rangliste der Pressefreiheit 2011 weist China auf dem 174. Platz aus, dem sechstletzten.
Übersetzungen: Ronnie Grob