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Dr. Julien Ducry, leitender Arzt der Abteilung für Endokrinologie und Diabetologie am Freiburger Kantonsspital (HFR), spricht mit uns über Störungen der Schilddrüsenfunktion.
Herr Dr. Ducry, was ist die Schilddrüse?
Die Schilddrüse ist eine Hormondrüse, die wie ein Schmetterling geformt ist und im unteren Halsbereich sitzt.
Was ist ihre Funktion?
Sie ist eine Art Taktgeber für den Organismus und steuert die Funktion aller Organe.
Wie macht sie das?
Indem sie die Hormone T4 und T3 ins Blut abgibt und zusätzliche Hormone produziert, wenn ein Mangel vorliegt.
Es ist also alles eine Frage des Gleichgewichts und des Hormonspiegels...
Ja, wie so oft in der Endokrinologie. Die Hypophyse ist eine andere Drüse, die im Gehirn sitzt. Sie überwacht permanent den Hormonspiegel von T3 und T4 und setzt gegebenenfalls TSH frei. Dieses TSH reguliert die Produktion von T4 und T3. Die Hormonproduktion der Schilddrüse wird also von der Hypophyse gesteuert.
Welche Störungen werden beobachtet?
Es gibt zwei unterschiedliche Problematiken: Zum einen kann die Funktion der Schilddrüse gestört sein, sodass sie entweder zu wenige Hormone (Unterfunktion/Hypothyreose) oder zu viele (Überfunktion/Hyperthyreose) produziert. Zum anderen können sich im Schilddrüsengewebe Knoten bilden.
Wodurch werden diese Störungen verursacht?
Die Schilddrüsenunterfunktion wird durch eine Autoimmunerkrankung hervorgerufen, die sogenannte Hashimoto Thyreoiditis. Dabei werden die Schilddrüsenzellen vom Immunsystem als Fremdkörper wahrgenommen und angegriffen. Etwa 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind davon betroffen und das Risiko, diese Autoimmunerkrankung zu entwickeln, steigt mit dem Alter (der Anteil der 80-Jährigen, bei denen Antikörper festgestellt werden, beträgt bis zu 25 Prozent). Man sollte allerdings bedenken, dass Antikörper nicht immer bedeuten, dass man eine Unterfunktion entwickelt. Und wenn sie festgestellt wird, kann sie unterschiedliche Schweregrade haben. Das Spektrum reicht von einer normalen, unproblematischen Schilddrüsenfunktion über eine subklinische Unterfunktion, die nicht behandelt werden kann, bis zu einer manifesten Unterfunktion. Schwere Formen der Unterfunktion sind heutzutage sehr selten.
Und was sind die Ursachen einer Überfunktion?
Zu den möglichen Ursachen einer Überfunktion gehört der Morbus Basedow. Das ist ebenfalls eine Autoimmunerkrankung, bei der Antikörper festgestellt werden, die für eine übermässige Hormonproduktion verantwortlich sind. Manchmal ist eine Überfunktion auf Knoten im Schilddrüsengewebe zurückzuführen, die dann autonom Schilddrüsenhormone produzieren. In seltenen Fällen wird eine Überfunktion durch eine Überversorgung mit Jod ausgelöst. Und schliesslich gibt es die zeitlich begrenzte Überfunktion als Folge einer vorübergehenden Entzündung des Organs.
Besteht ein Zusammenhang mit dem Alter?
Ja, ganz eindeutig. Das Risiko nimmt mit dem Alter zu.
Spielt das Geschlecht eine Rolle?
Ja, Frauen sind fünfmal häufiger betroffen als Männer.
Welchen Einfluss haben die Gene?
Genau genommen gibt es kein «Über- oder Unterfunktionsgen». Doch zuweilen treten Schilddrüsenerkrankungen in der Familie gehäuft auf, die dann erblich bedingt sind.
Wie hoch ist der Anteil der Betroffenen in der Bevölkerung?
Das ist sehr unterschiedlich. Studien zeigen, dass etwa 0,1 bis 2 Prozent der Bevölkerung an einer manifesten Unterfunktion, etwa 1 bis 2 Prozent an einer Überfunktion und etwa 4 bis 10 Prozent an einer subklinischen Unterfunktion leiden.
Welche Symptome zeigen sich bei einer Schilddrüsenunterfunktion?
Sie sind sehr unterschiedlich und vielfältig. Und auch recht unspezifisch, sodass sie nicht unbedingt auf ein Schilddrüsenproblem hindeuten. Das erschwert die Diagnose. Zu den Symptomen der Unterfunktion zählen Müdigkeit, Kälteempfindlichkeit, trockene Haut, Verstopfung, Gewichtszunahme (bei schwerer Unterfunktion), Muskelschmerzen, Zyklusstörungen, depressive Stimmungen, Schwellungen der Hände oder des Gesichts und eine raue Stimme. Diese Symptome verschlimmern sich allmählich.
Und was sind die Symptome einer Überfunktion?
Die Symptome einer Überfunktion sind meist eindeutiger. Hierzu zählen ebenfalls Müdigkeit, aber auch Gewichtsverlust (aufgrund des beschleunigten Stoffwechsels), Herzflattern, Nervosität, Wärmeintoleranz, Zittern, Muskelschwäche, Zyklusstörungen, gesteigerte Stuhlfrequenz (also häufigerer Stuhlgang) und Schweissausbrüche. Und wenn sich die Störung über einen längeren Zeitraum hinzieht, besteht das Risiko von Herzrhythmusstörungen und Osteoporose.
Wie wird eine Schilddrüsenerkrankung erkannt?
Besteht der Verdacht einer Schilddrüsenproblematik, z. B. wegen übermässiger Müdigkeit, wird Blut abgenommen, um den TSH-Wert (Hypophysenhormon) zu ermitteln. Diese Untersuchung wird in der Regel auch zu Beginn einer Schwangerschaft durchgeführt. Darüber hinaus kann man auch den Wert der freien T3- und T4-Hormone prüfen.
Lassen sich Schilddrüsenerkrankungen behandeln?
Das kann man nicht allgemein beantworten. Jeder Fall ist anders und erfordert eine umfassende medizinische Untersuchung. Zunächst muss die Diagnose einer Über- bzw. Unterfunktion vom Arzt bestätigt und der Schweregrad festgestellt werden. Allgemeinärzte sind sehr gut in der Lage, Patienten mit einer Schilddrüsenfehlfunktion zu betreuen. Spezialisten werden nur bei schwerwiegenden Fällen mit sehr seltenen Ursachen hinzugezogen.
Wie sieht die Behandlung einer Schilddrüsenerkrankung aus?
Das hängt von dem spezifischen Problem ab. Bei einer Unterfunktion wird der Mangel durch die Einnahme von Hormonen ausgeglichen. Bei einer Überfunktion werden Medikamente verschrieben, die die Hormonproduktion hemmen. Bei autonomen Knoten oder bei der Basedow-Krankeit wird in bestimmten Fällen ein chirurgischer Eingriff durchgeführt. Besteht das Problem eventuell nur vorübergehend, sollte man zunächst abwarten und die Entwicklung genau beobachten.
Ein chirurgischer Eingriff kommt also auch in Frage?
Ja, bei autonomen Knoten oder bei einer langwierigen Basedow-Krankeit. Bei autonomen Knoten hat man die Wahl zwischen einer Entfernung des Knotens per Thermoablation – eine recht elegante Lösung – und der kompletten Entfernung der Schilddrüse.
Aber die Schilddrüse hat doch eine wichtige Regulierungsfunktion im Organismus. Kann man ohne sie leben?
Ja, das geht. Wurde die Schilddrüse chirurgisch entfernt, äussert sich das bei den Betroffenen als schwere Unterfunktion. Und die kann man sehr gut durch die Einnahme von Hormonen ausgleichen.
Verwenden Sie diese Informationen nicht als alleinige Grundlage für gesundheitsbezogene Entscheidungen. Fragen Sie bei gesundheitlichen Beschwerden Ihren Arzt oder Apotheker. Surfen im Internet ersetzt den Arztbesuch nicht.
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