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Umbildung der antiken Kunst. In den ersten Jahrhunderten n. Chr. hatte die Kunst keine volkliche Eigenart mehr; es gab nur eine allgemeine «antike» Kunst, in welcher die verschiedenen Sonderheiten aufgegangen waren. Darin lag etwas Unnatürliches, denn für die Kunst ist der Zusammenhang mit Volk und Boden eine Bedingung des Lebens und der Entwicklung. So lange im römischen Reiche überall eine Gesellschaftsschichte bestand - und zwar als herrschende -, welche römische Art und Geistesrichtung besaß, hatte diese antike Kunst eine Grundlage.
In dem Maße, als jene römische Gesellschaft ihre Bedeutung einbüßte und verschwand, ging auch diese Grundlage verloren und mußte die Kunst eine Umbildung erfahren je nach den neuen volklichen Einflüssen, die sich nunmehr geltend machten. Nur eine Umbildung, nicht aber Vernichtung, denn dazu war die antike Kunst zu hoch und stark entwickelt. Sie blieb vielmehr noch im Grunde bestimmend für eine lange Folgezeit.
Auf ihr fußt die abendländische Kunst, welche man als «altchristliche» und «frühmittelalterliche» bezeichnet, die morgenländische des byzantinischen Machtbereiches, und selbst an der islamitischen hat sie hervorragenden Anteil.
Ost- und Westrom. Die Teilung des römischen Reiches in ein West- und ein oströmisches hob die Kultureinheit wieder auf, und es bildeten sich zwei Kulturkreise; in dem einen herrschte der römische, genauer gesagt der lateinische oder italische, in dem anderen der griechische Geist, jeder aber entartet und verderbt. Der Westen unterlag dann dem Einflusse germanischer Völker, der Osten jenem slavischer und asiatischer; schließlich schieden sich beide auch in religiöser, richtiger kirchlicher Hinsicht. Diesen Verhältnissen mußte auch der Entwicklungsgang der Kunst entsprechen.
Das Christentum. Eines hatten jedoch beide Kulturkreise zunächst gemeinsam: daß die geistige Macht des Christentums für sie bestimmend wurde. In der «antiken» Welt hatte zuletzt die Religion eigentlich alle Bedeutung verloren, jene blieb auf das dem Menschen innewohnende Sittlichkeitsvermögen und auf die Zucht der Gesellschaftsordnung angewiesen. Die große Volksmasse hielt zwar noch an den Göttern fest, aber die hohe Auffassung von der Gottheit, wie wir sie bei den Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. fanden, war längst verloren gegangen. Dazu kam noch, daß die Römer aus Staatsklugheit auch fremde Götter - so namentlich ägyptische - übernahmen, denen sich das Volk im dunklen Drange nach religiöser Erhebung vielfach zuwandte.
Eine solche bot nun das Christentum mit seinem Glauben an einen Gott, der nicht blos mit Strenge, sondern mit Liebe über Welt und Menschheit waltet, und mit seiner Verheißung eines höheren Lebens nach dem Tode. Die reine und einfache evangelische Lehre war leicht verständlich, befriedigte die Bedürfnisse des Gemütes und beschäftigte auch die Einbildungskraft mit den Vorstellungen von dem Jenseits.
Sie verlangte auch nicht Verzicht auf Lebensfreudigkeit, im Gegenteil, mit ihrer Forderung der Nächstenliebe suchte sie die Gegensätze auszugleichen und allen Anteil auch an den Gütern der Welt zu gewähren. Das irdische Leben sollte auch in dieser Hinsicht vorbereiten für das künftige, in welchem ein vollkommener Ausgleich aller Gegensätze stattfindet und ewige Freude herrscht. ¶
In den Grundsätzen: daß alle Menschen vor der Gottheit gleich seien und die allgemeine Pflicht gegen diese auch solche gegenüber den gleichberechtigten Mitmenschen bedinge, daß durch ein sittliches Leben - die «Werke der Liebe» des Apostels Paulus - jeder die Vollkommenheit im Jenseits erlange, also der freie Wille und nicht ein unabänderliches Schicksalslos für das höchste Glück bestimmend sei, lagen die Kernpunkte der neuen Weltanschauung des Christentums.
Verhältnis des Christentums zur Kunst. Der Kunst stand diese daher auch keineswegs feindlich gegenüber; nur ein Punkt kam in Betracht, der auch weniger grundsätzlicher Natur als vielmehr eine Berücksichtigung menschlicher Schwäche war: alles, was an «Götzendienst» erinnerte, sollte ausgeschlossen werden. Die Verkörperung der Gottheit in Bildgestalt, genauer gesagt, die Vorstellung, daß jene in dem Bilde ihren Sitz nehme, war «heidnisch», und daher konnte das Christentum der ersten Zeit, um die Vorstellung von der Uebersinnlichkeit der Gottheit rein zu erhalten, die Bildnerei nur in sehr beschränktem Maße pflegen. Vor allem waren die Standbilder in dieser Beziehung gefährlich und mußten daher vermieden werden.
Es ist da zu beachten, daß überall - auch bei den Naturvölkern - die Verkörperung der Gottheit zu Zwecken der Verehrung stets in Form von Standbildern erfolgte, nicht in Gemälden oder Flachbildnerei. Götter und Halbgötter bildeten auch die Hauptgegenstände der Bildnereikunst, und da in der Kaiserzeit man dahin gekommen war, Bildnissen der Kaiser gleichfalls göttliche Ehren zu erweisen, so begreift man, daß, um gründlich aller Verführung zu begegnen, überhaupt alle Standbilder dem Volke aus den Augen geräumt werden sollten.
Christliches Kunstbedürfnis. Im übrigen konnte das Christentum die vorhandene Kunst seinen Zielen dienstbar machen, ja mußte dies thun. Es bedurfte für seine gottesdienstlichen Handlungen der Gotteshäuser, denn nicht minder gefährlich wie die Standbilder wäre ein Gottesdienst im Freien gewesen, der leicht wieder zu den uralten Anschauungen des Naturdienstes hätte zurückführen können.
Auch zur Versinnlichung und zur Verdeutlichung der Lehren konnte das Christentum der Kunst nicht entbehren in einer Zeit, welche noch keine Bücher für das Volk kannte. Wie anders konnte man beispielsweise die Vorgänge aus dem Leben des Heilands besser dem Gedächtnisse der Menge einprägen, als durch bildliche Darstellung. So sehen wir denn auch in Baukunst und Malerei, sowie in der mit letzterer verwandten Mosaikkunst und Flachbildnerei eine vom Christentum beeinflußte Thätigkeit sich entfalten.
Christliche Gotteshäuser. In den ersten Zeiten besaßen die christlichen Gemeinden keine Gotteshäuser, sie versammelten sich in den Häusern von Genossen, oder - namentlich während der Verfolgungen - in den Begräbnisstätten. Später, vom 3. Jahrhundert an, entstanden zwar eigene Bethäuser, die jedoch einfach und unscheinbar waren; von diesen ist nichts erhalten geblieben außer einigen Trümmerresten bei den Katakomben. Erst seit Kaiser Constantinus das Christentum förmlich anerkannt und volle Freiheit der Religionsübung gewährt hatte, konnte man an den Bau von eigentlichen Kirchen im großen Stile denken. Damals (nach 312 n. Chr.) hatte auch das Christentum schon eine solche Verbreitung gefunden, daß die Gemeinden stark und reich genug an Mitteln waren, um solche Bauten ausführen zu können.
Kirche und Tempel. Die christliche Kirche hatte eine ganz andere Aufgabe, als der heidnische Tempel. Dieser war wirklich eine Behausung des Gottes, der Hauptbestandteil also die Zelle, in welcher das Standbild sich befand, sonst diente der innere Raum nur
^[Abb.: Fig. 199. Grundriß der alten Peterskirche in Rom.
A, B. Vorhof mit Reinigungsbrunnen. C, Hauptschiff. D, Querschiff und Apsis. ¶