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Das Zeitalter des Newton
Kapitel 08 — 2. Ausgabe vom Dezember 2009
Drei Jahre nach dem Verkaufsstart des Macintosh nahm Apple die Arbeit an einer neuen Produktlinie auf: Dem Newton. Wir berichten, wie der Newton nach jahrelanger Forschung endlich Form annimmt, wie er in Jahren sinkender Marktanteile die Hoffnung auf eine erfolgreiche Zukunft aufrecht erhält und wie er seinem grössten Befürworter schlussendlich den Kopf kostet.
Nach einer langjährigen Wachstumsperiode geriet Apple in den frühen 90er-Jahren zunehmend in Schwierigkeiten. Das Zugpferd der Firma, der Macintosh, benötigte sowohl von der Hardwarearchitektur als auch vom Betriebssystem und der Vermarktung her dringend neue Ansätze. Um Gegensteuer zu geben, veranlasste Sculley eine Neuausrichtung des Macintoshs auf drei Kernbereiche: Business-Kunden, Privatanwender und Schulen. Für jeden dieser Zielmärkte bot Apple nun eigene Mac-Modelle an, die sich häufig nur unwesentlich voneinander unterschieden. Es dauerte nicht lange, da stellte sich dieses Modell als zu träge und kompliziert heraus. Apples Vorstand geriet immer mehr zur Ansicht, dass John Sculley den Blick fürs Wesentliche verloren hätte. Sculley investierte viel Zeit in die Politik, er verhalf seinem Freund Bill Clinton zur Wahl auf den Präsidentensessel Amerikas. Noch viel dramatischer gestaltete sich jedoch Sculleys Rolle in einer anderen Sache, in der sonderbaren Geschichte des Newtons.
In Sculleys ersten Jahren bei Apple legte der CEO den Schwerpunkt des Unternehmens ganz klar auf den Macintosh. Die Mitglieder des Mac-Teams bekamen die Aufgabe, regelmässig neue Mac-Modelle auf den Markt zu bringen. Mit der Zeit wurde das vielen zu langweilig. Die grösstenteils noch jungen Entwickler, welche sich einst von der Idee hatten anstecken lassen, mit Apple die Welt zu verändern, fühlten sich ausgebrannt und sehnten sich nach neuen Herausforderungen. Einer von ihnen war der Hardware-Ingenieur Steve Sakoman. Nachdem er an der Entwicklung verschiedener Mac-Modelle mitgewirkt hatte, wandte er sich im März 1987 mit der Bitte an Jean-Luis Gassée, eine neue, aufregendere Aufgabe zugewiesen zu bekommen.
Sakoman träumte von der Leitung eines Projektes, welches sich damit beschäftigte, die Computertechnologie näher an den Menschen zu bringen. Gassée, der von Sakomans Plänen sehr angetan war, gab ihm grünes Licht und versicherte, dass er forschen dürfe ohne dem Druck des Managements ausgesetzt zu sein. Voller Begeisterung nahm Sakoman die Arbeit an einem Projekt auf, dem er den Codenamen Newton verlieh. Er beschäftigte sich mit der Entwicklung eines handlichen kleinen Computers, der wie ein Notizblock aussehen und mit einem Stift als Eingabegerät bedient werden sollte.
Kurze Zeit später zog Sakoman in ein eigenes Gebäude und begann, sich einige Mitarbeiter zu suchen, um seine Ideen in die Realität umzusetzen. Fündig wurde er in der Macintosh-Division. Zahlreiche prominente Entwickler wechselten in die Newton-Truppe. Ihre Arbeitsbedingungen waren traumhaft. Gassée gewährte ihnen freie Hand, sie durften Grundlagenforschung betreiben, ohne Rücksicht auf anfallende Kosten nehmen zu müssen. Niemand verlangte, dass am Ende ein markttaugliches Produkt herausschauen musste. Doch das rasante Wachstum der Division führte schon rasch zu firmeninternen Spannungen. Aus der kleinen, unscheinbaren Ideenschmiede war in Rekordzeit eine grosse Abteilung herangewachsen, in die viel Geld floss, ohne dass Aussenstehende verstanden, welche Idee hinter dem Projekt steckte. Besonders die Mitglieder der Mac-Abteilung beobachteten die Entwicklungen zunehmend besorgt. Schliesslich war es der Mac, welcher Apples Einnahmen generierte. Zudem befürchteten viele Entwickler, der Newton könnte sich als Konkurrent des Macintosh Portable entpuppen. Die Situation war vergleichbar mit der Zeit, als der Apple II noch als Zugpferd der Firma galt und die Mac-Abteilung vom Management verhätschelt wurde. Mehr und mehr musste sich nicht nur Steve Sakoman, sondern auch Gassée schützend vor das Newton-Projekt stellen. 1990 schliesslich verliess Gassée das Unternehmen, weil er sich mit Sculley über die Zukunftspläne Apples nicht mehr einig war. Damit verlor das Newton-Team seinen wichtigsten Fürsprecher in Apples Führungsetage, worauf auch Sakoman seine Kündigung einreichte. Gemeinsam mit Jean-Luis Gassée gründete er daraufhin die Computerfirma Be.
Nach dem Weggang ihrer Führung hing das Newton-Team erstmal in der Luft. Im März 1990 bat Sculley um einen Hardware-Prototypen des Newtons, damit er das Potenzial des Gerätes einschätzen konnte. Als Sculley das Gerät vorgeführt wurde, war er überrascht ab der hoch entwickelten Technologie des Newtons, der Prototyp erinnerte ihn an seine Vision des «Knowledge Navigator», welche er schon Jahre zuvor in seiner Autobiografie niedergeschrieben hatte. Sculley träumte von einem Gerät, welches Informationen speichern und organisieren und per Funk mit anderen Geräten austauschen konnte. Der Knowledge Navigator sollte per Sprachausgabe und Schrifterkennung mit dem Benutzer kommunizieren. Für seine Vorstellung des Knowledge Navigators erntete Sculley viel Gespött, doch nun sah er die Chance, seine Ideen durch den Newton in die Realität umzusetzen und die Spötter zum Verstummen zu bringen. Sculley liess sich stark von seinen Visionen leiten, er wollte die Zukunft formen. Damals befand sich Sculley gerade auf der Suche nach einem viel versprechenden Produkt, welches Apple neuen Schwung verleihen konnte; da kam der Newton gerade recht.
Von nun an stand das Newton-Projekt unter der Leitung von Larry Tesler, einem Ingenieur, der einst aus dem Xerox PARC zu Apple gewechselt war. Die Zeiten, in denen das Newton-Team frei von jeglicher Einmischung der Unternehmensspitze forschen durfte, waren vorbei. Sculley nannte einen genauen Fahrplan. Er gab der Abteilung zwei Jahre Zeit, um den Newton zur Marktreife zu bringen. Spätestens am 2. April 1992 sollte das Gerät fertig sein, der angepeilte Verkaufspreis lag bei 1’500 Dollar. In den folgenden Monaten nahm der Newton erstmals Form an. Nach monatelangen internen Querelen einigte sich das Team auf einen kompakten Formfaktor, das Gerät sollte möglichst handlich und portabel werden. Apple entwickelte eigens für den Newton die Programmiersprache Ralph, welche sehr effizient arbeitete und über einen einfachen, objektorientierten Aufbau verfügte. Im gleichen Schritt wechselte man auch die Prozessorplattform. Während in den bisherigen Prototypen ein Chip von AT&T werkelte, entschied sich Tesler neu für den nach dem RISC-Prinzip funktionierenden ARM-610-Prozessor. Im Januar 1992, nur wenige Monate vor dem Ablauf seiner Frist, hielt John Sculley die Eröffnungskeynote auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas. Er sprach über die digitalen Geräte und Informationstechnologien des 21. Jahrhunderts und kündigte den Apple Newton als eine Revolution an, welche die ganze Branche verändern würde. Sculley prophezeite, das Marktvolumen der Personal Digital Assistants (PDAs) würde bis zur Jahrtausendwende bei über drei Milliarden Dollar liegen.
Sculleys Rede sorgte für Aufsehen. Apples Konkurrenz wurde nervös. Mit dem Macintosh war es Apple bereits einmal gelungen, einen Standard zu setzen, der die ganze Branche verändert hatte. Weshalb sollte es mit dem Newton nicht auch klappen? Immerhin steckten im Newton bis dahin fast fünf Jahre harte Arbeit und es war Apples erste neue Produktlinie seit der Lancierung des Macs. Während die Presse gespannt, beinahe euphorisch auf den Newton wartete, begannen sich die Apple-internen Schwierigkeiten zu häufen. Der Newton war noch nicht annähernd fertig, die Software lief noch nicht, die endgültige Gehäuseform stand noch nicht fest und über die Fertigung und den Verkauf hatte sich noch niemand Gedanken gemacht. Sculley pochte darauf, den Newton im Frühsommer wenigstens vorstellen zu können. Damit stand das Team unter gewaltigem Druck. Innert kürzester Zeit mussten zahlreiche wichtige Entscheidungen getroffen werden, bisher hatte man kein einziges funktionstüchtiges Gerät. Dann, am 29. Mai, war es endlich so weit: John Sculley stellte den Newton vor einem begeisterten Publikum bestehend aus hunderten Journalisten der Öffentlichkeit vor. Obwohl Sculley seine Rede bis ins kleinste Detail vorbereitet hatte, lief auch bei der Präsentation nicht alles reibungslos, was fast schon symptomatisch für das ganze Newton-Projekt war. Als Sculley einen Mitarbeiter auf die Bühne bat, um den Newton in Aktion zu demonstrieren, liess sich das Gerät nicht einschalten. Erst nach dem Austausch der Batterien funktionierte das Gerät. Apple beschloss, den Newton nicht selbst zu fertigen, sondern Lizenzen zu vergeben. Als ersten Lizenznehmer nannte Apple den japanischen Sharp-Konzern. Casio, Microsoft und zahlreiche weitere Firmen kündigten eigene PDAs an, um sich ebenfalls ein Stück des Kuchens abzuschneiden.
Mit seinen frühen öffentlichen Ankündigungen hatte Sculley das Newton-Team unter enormen Zeitdruck gesetzt. Vor allem die Handschrifterkennung, eine der wichtigsten Funktionen des Newtons, arbeitete noch immer sehr unzuverlässig. Weder die Genauigkeit noch die Geschwindigkeit der von der Softwarefirma ParaGraph in Moskau entwickelten Technologie war praxistauglich. Ein Jahr nach der ersten Ankündigung präsentierte Apple auf der Winter-CES im Januar 1993 eine Alpha-Version des Newtons. Doch auch jenes Gerät war noch weit von einem marktreifen Stadium entfernt.
Mit mehr als einem Jahr Verspätung stellte John Sculley den Newton am 2. August 1993 während seiner Keynote in der Boston Symphony Hall anlässlich der Macworld Expo vor. Das Resultat von sechseinhalb Jahren intensiver Forschung und harter Arbeit sowie hunderten Millionen Dollar Investitionen war ein handliches kleines Gerät in einem schlichten, schwarzen Kunststoffgehäuse. Das erste Newton-Modell bekam den Namen MessagePad und wurde von Sharp gefertigt. Auf der Vorderseite des 18 cm langen und 11 cm breiten MessagePads befand sich ein grosses, berührungsempfindliches LC-Display mit einer Auflösung von 240x336 Pixel. Im Innern werkelte ein 20 Megahertz schneller ARM-610-Chip, dem 640 Kilobyte RAM und 4 Megabyte ROM zur Seite standen. Vier handelsübliche AAA-Batterien lieferten Energie für 14 Betriebsstunden. Die technischen Daten des Newtons konnten sich durchaus sehen lassen, dank eines seriellen Anschlusses und eines PCMCIA-Slots liessen sich die MessagePads zudem hervorragend erweitern. Doch das Herz der neuen Technologie bildete nicht die Hardware, sondern die Software. Der Newton war in der Lage, Informationen intelligent zu organisieren. Er konnte Adressen verwalten, Notizen ablegen sowie E-Mails und Fax-Nachrichten versenden.
Innerhalb von zwei Monaten verkaufte Apple 50’000 Newton MessagePads zum Preis von 699 Dollar. Seine innovativen Kommunikationseigenschaften sowie die hervorragende Softwarearchitektur, die es Drittanbietern ermöglichte, sehr leistungsfähige und effiziente Applikationen zu entwickeln, verliehen dem Newton anfangs eine gewisse Attraktivität, doch schon bald sanken die monatlichen Verkaufszahlen auf unter 10’000 Exemplare. Über die Schwächen der Handschrifterkennung konnte keine der genannten Funktionen wirklich hinwegtäuschen. Laut Apple sollte der Benutzer mit einem Stift Notizen auf das Display schreiben können, die der Newton dann in Textdaten verwandelte. Auch wenn die Schrifterkennung lernfähig war und sich auf den Schriftstil eines Benutzers einstellen konnte, kam es bei der Eingabe sehr häufig zu Fehlern, ausserdem funktionierte die Schrifterkennung nur mit mehreren Sekunden Verzögerung.
Das Schicksal des Newtons besiegelte Sculleys Abgang bei Apple. Schon im April 1993 verliess Larry Tesler das Unternehmen, nachdem das Newton-Team mehr als ein Jahr hinter dem Zeitplan lag. Gleichzeitig sah sich Apple in der Öffentlichkeit immer häufiger der Frage ausgesetzt, wann der Newton endlich ausgeliefert werde. Erste Newton-Nachbauten, unter anderem der Zoomer-PDA von Casio, kamen schon im Frühjahr 1993, noch vor dem Debüt des Newtons, auf dem Markt. Apples Vorstand geriet zur Ansicht, dass sich Sculley zu sehr seinem Baby, dem Newton, gewidmet und dabei das Tagesgeschäft aus den Augen verloren habe. Im zweiten Geschäftsquartal 1993 verzeichnete Apple 188 Millionen Dollar Verlust, so viel wie noch nie in der Unternehmensgeschichte. Apples Vorstand musste handeln. Am 18. Juni 1993 nahm die Ära Sculley ein abruptes Ende. Der Vorstand ersetzte John Sculley durch Michael Spindler, ein langjähriges Mitglied der Geschäftsleitung. Lediglich das Amt des Chairmans durfte Sculley weiterhin ausüben, um sein Gesicht zu wahren. Nachdem er einige Wochen nach seiner Absetzung als CEO den Newton einführte, plante Sculley allmählich seinen Abgang und reichte am 15. Oktober 1993 die Kündigung ein.
Sculley wurde zum Verhängnis, dass Apple bei der Präsentation des Newtons viele Fehler wiederholte, welche dem Unternehmen schon bei der Einführung des Macintoshs ein knappes Jahrzehnt zuvor unterlaufen waren, und deren Konsequenzen Apple schmerzhaft zu spüren bekommen hatte. Es war ein Fehler, den Newton so früh anzukündigen. Damit rüttelte Sculley die Konkurrenz unnötig früh wach und zwang das Newton-Team, ein unfertiges Produkt auf den Markt zu bringen, welches erst noch zu teuer war. Im Gegenzug muss man Sculley aber zu Gute halten, dass er einen entscheidenden Fehler nicht mehr beging. Nämlich die Weigerung, Apples Technologie an andere Unternehmen zu lizenzieren, womit Sculley im Falle des Macs zehn Jahre zuvor den Siegeszug des IBM PCs besiegelt hatte.