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Kinosophie zu «Pirates of the Caribbean»: Drei Figuren - drei politische Theorien
In den ersten drei «Pirates of the Caribbean»-Filmen wandeln aus staatsphilosophischer Sicht spannende Figuren über die Leinwand: Lord Cutler Beckett, Davy Jones und Jack Sparrow.
Filme sind weit mehr als reine Unterhaltung. Als audiovisuelle Realisierung von Geschichten stellen und beantworten Filme die ganz grossen - und auch kleinen - philosophischen Fragen. In der Serie «Kinosophie» geht Freelancer Thomas diesen Fragen auf den Grund.
«Das ist entweder wahnsinnig oder brillant», sagt Will Turner, während er mit Jack Sparrow mit einem kleinen, umgekehrten Schiffchen als Luftglocke unter Wasser watschelt. Die Antwort Sparrows lässt nicht auf sich warten: «Es ist immer wieder erstaunlich, wie nah diese beiden Eigenschaften beieinander liegen.»
Der Versuch, politisch-philosophische Gedanken in den ersten drei «Pirates of the Caribbean»-Filmen zu sehen, mag ebenfalls als wahnsinnig gesehen werden. Doch es Turner und Sparrow gleichtuend, lohnt sich der Versuch, den Weg unter der Oberfläche der Leinwand zu nehmen. Denn die ersten drei «Pirates of the Caribbean»-Filme bieten nicht nur einen goldig funkelnden, sondern auch einen politisch-philosophischen Schatz. Philosophische Schatzkarten helfen, um diese doch etwas versteckte Truhe philosophischer Weisheiten zu finden. Mindestens zu nennen sind in diesem Kontext die Texte «Leviathan», 1651, von Thomas Hobbes, «Zwei Abhandlungen über die Regierung» aus dem Jahr 1689, und Jean-Jacques Rousseaus «Der Gesellschaftsvertrag» von 1762.
Texte spielen innerhalb der «Pirates of the Caribbean»-Filme keine wesentliche Rolle. Als weitaus wegweisender im wörtlichen Sinn erweist sich Sparrows Kompass. Mit diesem versucht Sparrow primär sein Schiff, die «Black Pearl», zurückzuerobern. Als Kapitän des Schiffs verfolgt er mit seiner Crew eigeninteressierte Ziele, wie beispielsweise das Lebenswasser oder eine Flasche Rum zu finden. Politische Ambitionen oder Machtspielchen scheinen ihn gar nicht zu interessieren, solange er auf seinem Schiff in Ruhe gelassen wird.
An Bord der Endeavour strebt Lord Cutler Beckett als hochrangiges Mitglied der «East India Trading Company» ein klares Ziel an: Die Piraterie muss gestoppt werden, um einen fairen Handel auf See zu ermöglichen, schliesslich gehe es «nur ums Geschäft».
Im Ausguck des dritten Schiffs steht Davy Jones. Als Hüter der auf See verstorbenen Seelen ist er mit seinem Schiff, der «Flying Dutchmen», eigentlich dafür zuständig, diese von der einen in die andere Welt zu überführen. Sein gebrochenes Herz lässt ihn aber andere Schiffe plündern und versenken. Dazu kommt noch, dass Jack Sparrow ihm seine Seele aufgrund einer früheren Abmachung schuldet. Deshalb jagt Davy Jones Sparrow über die sieben Weltmeere.
Krieg aller gegen alle
Bereits genannte und zusätzliche Verstrickungen führen zu einem andauernden Konflikt zwischen diesen drei Parteien Sparrow, Beckett und Jones. Diese anhaltende blutige und gar tödliche Auseinandersetzung lässt sich mit der fehlenden höheren Instanz erklären. Kein König, kein Gesetz oder ähnliches sorgt für Frieden zwischen den Seebären. An dieser Stelle sticht Thomas Hobbes in See.
Der britische Philosoph wollte erklären, warum und wie Menschen in einer Gesellschaft leben sollen. Zu diesem Zweck stellt er sich einen Zustand vor, den Naturzustand, in dem es keine Herrschaft, keine Gesetze und keine Regeln gibt. Zeitgleich strebt jedes Individuum nach Selbsterhaltung. Um in der Nautik zu bleiben: Ohne Gesetze oder übergeordnete Kapitän:innen oder König:innen sind alle um ihre eigene Sicherheit besorgt. Um diese zu gewährleisten, streben alle nach Macht. Denn wer Macht ausstrahlt, wird in Ruhe gelassen. Eine einzelne Schaluppe eröffnet kaum das Feuer gegen eine hundertbootige Flotte. Und weil Vertrauen in einem solchen Zustand kaum aufgebaut werden kann, bleibt als einzige Option Krieg. Ein Krieg aller gegen alle. Jones gegen Sparrow, Sparrow gegen Beckett, Beckett gegen Jones.
Davy Jones oder Thomas Hobbes
Innerhalb der jeweiligen Besatzungen herrschen allerdings gewisse gesellschaftliche Strukturen. Davy Jones beispielsweise verkörpert, um bei Thomas Hobbes zu bleiben, dessen Herrscherbild des «Leviathans». Gemäss Hobbes einigen sich die Leute innerhalb einer Gesellschaft darauf, ihr Recht auf alles auf eine herrschende Person zu übertragen, die sich dazu verpflichtet, für die Einhaltung der Gesetze und die Sicherheit der Bevölkerung zu sorgen. Und Sicherheit ist eigentlich der Hafen, den Davy Jones für die verstorbenen Seelen auf See ansteuern sollte. Gewalt und Unterdrückung dienen hierzu als funktionierendes Einschüchterungsmittel. Weil der Herrscher im Sinne Hobbes' so viel Macht besitzt und sein Volk zur Einhaltung zwingen soll, nennt er ihn Leviathan, nach dem mythologischen Ungeheuer. Bei einem Blick auf Davy Jones wird unmittelbar deutlich, dass dieser mit seinen Tentakeln im Gesicht bereits Züge eines Ungeheuers angenommen hat. Aber Jones erfüllt seine Aufgabe indes nicht.
Ganz im Sinne von Thomas Hobbes erhebt sich deshalb seine Crew, zumindest Bill Turner, Wills Vater, gegen ihn. Und siehe da, letzten Endes stürzt Davy Jones auf immer und ewig in den Strudel. Damit auch die Idee der absolutistischen Monarchie, wie Hobbes sie sich wünscht.
Lord Cutler Beckett oder John Locke
Einen wörtlichen Schuss nicht vor den, sondern in den Bug erleidet Lord Cutler Beckett. Dieser rührt im dritten «Pirates of the Caribbean»-Film keinen Finger. Meist steht er in majestätischer Haltung an Deck, beobachtet und kommentiert das Geschehen und gibt den ein oder anderen Befehl.
So gesehen, übernimmt er die Funktion der gesetzgebenden Gewalt, der Legislative. Ganz im Sinne des Philosophen John Locke. Mit dem Unterschied, dass bei Locke das Volk die Gesetze erlassen sollte. Die Arbeit der ausführenden Gewalt, die Exekutive, übernehmen die Matrosen. Ebenfalls im Sinne Lockes stehen die vielen Abmachungen, quasi Verträge, die die Figuren untereinander abmachen. Ähnlich wie Thomas Hobbes beschreibt auch John Locke einen Naturzustand, aus dem die Menschen nur kommen, wenn sie Verträge miteinander schliessen und sich an diese halten. Hält sich jemand nicht an den Vertrag, tritt unmittelbar der Kriegszustand ein. Am Schluss von Pirates of the Caribbean: At World's End zeigt sich dieser Gedanke in Extremform. Beckett hat im Voraus sowohl Sparrow als auch Turner versprochen, dass er sie frei lässt, wenn sie ihn zur Piratenbucht, beziehungsweise zur Piratenkönigin bringen. Im Hinterkopf rechnete er dabei ständig mit der Unterstützung von Davy Jones, dessen Leben er in Form von Jones' Herz wörtlich im Griff hatte. Nachdem Sparrow und Turner ihren Teil der Abmachung eingehalten- und Jones am Grund des Meeres versenkt haben, bleibt Beckett nichts anderes übrig, als die beiden davonsegeln zu lassen. Diese lassen es sich aber nicht nehmen, Beckett mitsamt seines Schiffes am Grund des Meeres zu versenken. Beckett wehrt sich indes nicht. Denn wie er selbst sagt, «gehe es nur ums Geschäft». Hätte er sich verteidigt, hätte er sich nicht an die Abmachung gehalten, was konsequenterweise in Sinne John Lockes den Kriegszustand ausgelöst hätte. In diesem Fall hätte er mit seinem Schiff, der Endeavour, gegen die Flying Dutchmen und die Black Pearl keine Chance gehabt. So konnte er zumindest sein Gesicht als Geschäftsmann wahren. Interessanterweise trägt sein Schiff den Namen Endeavour, also Bestrebung, Mühe, Anstrengung. Auch hier lässt sich eine Parallele zu John Locke ziehen. Von Natur bzw. Gott aus habe der Mensch Recht auf Leben, Freiheit und Besitz, so Locke. Aber, um Besitz zu erlangen, müsse man sich anstrengen und hart dafür arbeiten. Und wenn Beckett etwas beweist, dann Hartnäckigkeit. Denn im Endeffekt möchte er die Piraten auslöschen, um sicheren Handeln treiben und schliesslich Besitz anhäufen zu können. Während Beckett im Film für die East India Company arbeitet, investierte John Locke zu Lebzeiten in diese.
Jack Sparrow oder Jean-Jacques Rousseau
Davy Jones, Thomas Hobbes, Sicherheit. Lord Cutler Beckett, John Locke, Vertrag. Jetzt fehlt nur noch Captain Jack Sparrow und Jean-Jacques Rousseau. Aber was verbindet diese beiden abgesehen vom ähnlich klingenden Vornamen?
Erstens lieben beide die Natur und Freiheit. Während Sparrow sich nichts sehnlicher wünscht, als auf offener See den Wind in den Haaren zu spüren, zieht Rousseau das solitäre Leben ausserhalb der Gesellschaft vor. Das Problem in der Gesellschaft besteht für Rousseau nämlich in den gesundheitsschädlichen Auswirkungen auf das Individuum. Wer von vielen Menschen umgeben ist, vergleicht sich mit diesen. Dass dadurch Neid entsteht, bedarf keiner weiteren Erklärung. Und aufgrund der Arbeitsteilung kann es so weit kommen, dass die einen zu viel arbeiten und die anderen zu wenig. Wer viel Geld auf der hohen Kante liegen hat, kann sich viel und zu viel ungesundes Essen leisten, während die Armen zu wenig essenzielle Nahrungsmittel zu sich nehmen können. Kurzum, das gesellschaftliche Leben zeichnet sich gemäss Rousseau durch Neid, Stress, Faulheit und Krankheit aus. Lebte man in einer Gesellschaft, so sollte diese maximal so gross wie Genf zu Lebzeiten Rousseaus sein. Auch Sparrow braucht nicht die grösste Flotte, die Black Pearl und eine kleine Crew genügen ihm.
Vor allem versuchen beide, anderen zu helfen. Sparrow riskiert sein Leben für Will Turner und Elisabeth Swan. Rousseau versuchte durch seine Mitarbeit an der Enzyklopädie, seine Erziehungs- und Liebesromane und den Gesellschaftsvertrag die Bevölkerung aufzuklären. Die Ideale der französischen Revolution, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, sind hier gross zu schreiben. Man kann sogar so weit gehen und behaupten, dass Sparrow es fertig bringt, die Interessen von Turner und Swan mit seinen eigenen unter einen Hut zu bringen, indem er Davy Jones durch die Hand Turners tötet. So bleibt Turner am Leben, dessen Vater wird frei, Swan kann Turner heiraten und Sparrow segelt mit seiner Black Pearl davon.
In der staatsphilosophischen Argumentation von Rousseau tut sich hier eine Parallele zum Gemeinwillen auf. Der Gemeinwille setzt sich aus Gemeininteressen zusammen, also aus Interessen, die alle Bürger:innen vernünftigerweise teilen.
Im Falle von «Pirates of the Caribbean» besteht das oberste Gemeininteresse im Tod von Davy Jones. Und unabhängig von seinen philosophischen Gedanken ähneln sich Rousseau und Sparrow. Beide scheinen auf den ersten Blick primär auf sich selbst fokussiert zu sein. Beide stossen ihre Freunde hin und wieder vor den Kopf. Beide tragen auffällige Bekleidung und oder Schmuck. Beide sind Einzelgänger für die gute Sache.
Fazit
Zu welchem Schluss kommt der Film aus staatsphilosophischer Sicht?
Davy Jones Leben endet zuerst. Durch eine absolutistische Monarchie Angst und Schrecken zu verbreiten, überzeugt offensichtlich nicht. Auch die sehr an Nützlichkeit orientierte Handelsmentalität eines Lord Cutler Beckett führt letzten Endes zum Schiffbruch. Übrig bleibt die Suche nach gemeinsamen Werten oder Zielen im Sinne des Gemeinwillens, wie Sparrow beweist. Er überlebt als einziger der drei Protagonisten. Anders gesagt, Thomas Hobbes und John Locke gehen baden, während Jean-Jacques Rousseau in aller Seelenruhe die Flagge hissen und die Segel setzen kann.
Natürlich können diese Überlegungen und deren Gehalt angezweifelt werden. Diese drei Filme auf staatsphilosophische Gedanken zu übertragen und umgekehrt, wirkt eventuell irritieriend. Oder im Wortlaut Barbossas: «Das ist nicht möglich.»
Aber Sparrow bringt es auf den Punkt: «Sagen wir - nicht üblich.»