Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03389.jsonl.gz/1743

Sechs Semester sind nicht genug!
Manchmal schwingt ein gewisser Stolz mit, wenn Leute erzählen, dass sie ihren Bachelor in sechs Semestern, also in Regelstudienzeit, geschafft haben. Mir kommt dann immer ein altes Sprichwort in den Sinn. Es lautet: Der Mensch ist die Summe seiner Erfahrungen. Es lautet nicht: Der Mensch ist die Summe seiner Kreditpunkte.
Eine Auswahl von tollen Dingen, die man während dem Studium machen kann, für die man aber keine Kreditpunkte bekommt: Nach Barcelona gehen und richtig gut Spanisch lernen, ein Startup gründen, die Junioren trainieren, eine Programmiersprache lernen, sich für Asylsuchende engagieren, für ein Kulturmagazin schreiben, auf einem Biobauernhof aushelfen, in einer Galerie mitarbeiten, den J+S Snowboardleiter machen, die Pressearbeit für ein kleines Festival übernehmen, in einem Hostel in Indonesien arbeiten, Computerkurse für Senioren leiten, reiten lernen, Fotos entwickeln lernen, einen Kurs in Bild- und Tontechnik machen, lernen mit Grafikprogrammen von Adobe umzugehen, etwas bauen, mit seiner Band durch Frankreich touren, Kleider nähen lernen, ein Praktikum in einem Gericht machen, Tauch-Instruktor werden, einen 5000er besteigen.
Natürlich kann man während dem Studium auch einfach nur studieren. Und nach drei Jahren fertig sein. Bewirbt man sich dann aber für einen bezahlten Job oder für ein Praktikum, muss man sich durchsetzen gegen zahlreiche Kandidaten, die genau den gleichen Abschluss haben und möglicherweise bessere Noten. Und plötzlich werden ausseruniversitäre Engagements und Erfahrungen zu nützlichen Argumenten in Bewerbungsgesprächen.
Man kann es auch so sehen: Das Studium ist die Zeit der unbegrenzten Möglichkeiten, und die Zeit sollte man möglichst gut nutzen und sie nicht möglichst stark verkürzen. Sofern man es sich leisten kann. Wenn man sich nebenbei mit den Dingen beschäftigt, die einen wirklich interessieren und die man wirklich gerne tut, qualifiziert man sich doch automatisch auch für den Job, den man später gerne machen will, oder nicht?