Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03597.jsonl.gz/1446

Frieder Reininghaus, Deutschlandradio Kultur (24.05.2008)
"Clari" von Jacques Fromental Halévy am Opernhaus Zürich
Maria Malibran, 1808 als eines der drei Kinder des Sängers Manuel García und dessen ebenfalls spanischer Ehefrau in Paris geboren, war Top-Verdienerin im frühen 19. Jahrhundert. Auf der Bühne wie im Leben agierte die schöne, literarisch und sprachlich begabte junge Frau naiv und pathetisch, innig-schlicht und dann wieder überhitzt melodramatisch.
Über alle Mittel der darstellenden und Gesangskunst verfügte sie virtuos - der Vater hatte sehr früh mit der Ausbildung angefangen (fast möchte man sagen, er habe sie "abgerichtet", denn er trieb sie gegebenenfalls auch mit Prügeln zu Hochleistungen). Um dem väterlichen Regiment zu entkommen, heiratete Demoiselle Maria in New York kurz entschlossen einen Geschäftsmann, lebte dann aber bald lieber mit dem belgischen Geiger Charles-Auguste de Bériot zusammen. Sie avancierte zum Inbild der "romantischen" Künstlerin: Wie keine andere ihrer Zeit setzte sie Emotionen frei und sorgte für Rührung.
Gerade zwanzig Jahre war "La Malibran" alt, als sich Halévys frühe Oper "Clari" 1828 am Pariser Théâtre-Italien in unmittelbarer Konkurrenz zu Rossinis "Comte Ory" begab. Auch und vor allem sie kam voll zum Zug: Sie war die Garantin des "vollständigen Triumphs".
Cecilia Bartoli inszeniert seit geraumer Zeit ein tiefgestaffeltes Malibran-Erinnerungsprogramm. Diesem Kontext verdankt sich das Engagement für "Clari" - Bartoli singt deren halb sentimentale, halb hoch virtuose Partie weithin sicher, klar und fast sauber - die Koloraturen mit großer Anmut, die tieferen Lagen warm timbriert (nicht alles sitzt ganz genau, aber darauf kommt es live im Theater ja auch nur bedingt an). Adám Fischer sorgt insgesamt für eine hörenswerte Produktion. Das aus den Reihen des Opernorchesters rekrutierte, auf historische Spielpraxis spezialisierte Ensemble "La Scintilla" führt insbesondere den elaborierten Bläsersatz überzeugend aus.
"Clari", halb Rührstück, halb opera buffa, präsentiert eine klassische Konstellation: Da lockt ein Adliger ein Bauernmädchen auf sein Schloss, verwöhnt sie, löst aber sein Heiratsversprechen nicht ein. Sie entflieht dem goldenen Käfig. Nach Hause kann sie nicht zurück, da der Vater sie verstößt. Die Regisseure Moshe Leiser und Patrice Caurier präsentieren Claris Trivialität im Internet-Zeitalter: Dekorativ erscheint der Kontrast zwischen der supermodernen Welt der Reichen und einer in Europa immer noch anzutreffenden Bauernarmut. Der Duca wohnt in einer Kunstgalerie mit Exponaten der frühen Moderne - der leistungsfähige Tenor John Osborne stellt sich als Tennis-Crack mit geölten Haaren und in kurzen Hosen vor.
Zur langen Introduktion von Claris wird eine Bildfolge von Christian Fenouillat gezeigt: Dort, wo zuvor das Alpenpanorama im fetten Rahmen zu sehen war, gibt es nun einen "Fotoroman" - Beziehungsanbahnung per Mausklick. Die Landwirtstochter Clari türmt vom elenden Hof ihrer Eltern und fliegt dem Glück entgegen, das erst einmal nicht wirklich ihr Glück ist. Das Regie-Team, das einerseits den Anflügen des Tragischen ruhigen Raum läßt, hebt dann andererseits die Buffo-Momente des dreiaktigen dramma per musica turbulent hervor: das Personal des Herzogs, das - blondbezopft und auf Steckenpferd - ein Singspiel zum Namenstag der neuen Favoritin bieten muß, wird ebenso grell gezeichnet wie die Beziehungskrise zwischen Duca und Clari in einer Krankenhaus-Notaufnahmestation. Diese Anstalt, in der es um Überleben oder Sterben geht, atmet den inzwischen bewährten Charme von Anna Viebrocks Installationen der monströsen Normalität.
Vollends mit dem liebevoll detailliert ins Bild gebrachten Bauernhof - also mit Mutters unverputzter Küche, dem Chor der fröhlichen Landleute, mit Vaters Flinte und den braunen Kühen sowie der segensreichen Wirkung eines vom Herzog beiläufig ins Spiel gebrachten Geldkoffers kommt gute Laune auf. Erst recht, wenn die Bartoli noch eine ausladende Kavatine ("Parmi una voce il murmure …") aus Halévys Oper "La tempesta" einlegt - in einem von Rosen gesäumten Kitschherz träumt und koloriert sie den Ehetraum schlechthin. Betörende Kunst einer Restaurations-Epoche - als heiter Schmarrn gekonnt reanimiert! Zürich bleibt Notaufnahmestation des Opern-Konservativismus.