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| Cassian († 430/35) - Vierundzwanzig Unterredungen mit den Vätern (Collationes patrum)

Sechzehnte Unterredung, welche die erste des Abtes Joseph ist, über die Freundschaft.
23. Daß Jener tapfer und unverletzt sei, der sich dem Willen eines Andern unterwirft.
Man muß wissen, daß überhaupt Jener die Rolle des Stärkeren spiele, der dem Willen des Bruders seinen eigenen unterwirft, und nicht Jener, welcher sich in der Vertheidigung und Behauptung seiner Entscheidungen hartnäckiger zeigt. Denn Jener, welcher den Nächsten erträgt und duldet, steht auf der Seite der Gesunden und Starken, Dieser aber bei den Schwachen und gewissermaßen Kranken, und man muß ihn bisweilen so hätscheln und pflegen, daß es für seine Ruhe und seinen Frieden heilsam ist, selbst Etwas von dem Notwendigen nachzulassen. Glaube aber Keiner, hiedurch seine Vollkommenheit in Etwa vermindert zu haben, wenn er auch durch die Herablassung Einiges von der vorgenommenen Strenge weggethan hat, sondern er wisse, daß er im Gegentheil viel mehr um des Kleinodes der Langmuth und Geduld willen erlangt habe. Es ist ja ein apostolisches Gebot 1 „Ihr, die ihr stark seid, ertraget die Schwachheiten der Kraftlosen“, und: 2 „Traget Einer des Andern Last, und so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Denn niemals erträgt ein Schwacher den Schwachen, noch wird Der einen Kranken dulden oder heilen können, welcher an ähnlicher Krankheit leidet; sondern Jener gibt dem Schwachen ein Heilmittel, welcher der Schwäche nicht selbst unterworfen ist: sonst würde ihm mit Recht gesagt: „Arzt, heile dich selbst“!
1: Röm. 15, 1.
2: Gal. 6, 2.