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400 Jahre Kloster Maria der Engel Appenzell
Nachdem eine erste Schwestergemeinschaft bereits im 13. Jahrhundert in Appenzell nachgewiesen werden kann, beginnt 1613 mit der Gründung des Kapuzinerinnenklosters eine fast vierhundertjährige Tradition. Die Schwestern betätigten sich in der Armenfürsorge, in der Textilwirtschaft und schliesslich während 150 Jahren in der Mädchenbildung. 2008 muss die Gemeinschaft aufgelöst werden, und die letzten 5 Schwestern verliessen Appenzell. Seither sorgt eine Stiftung für den Betrieb und den Unterhalt des Klosters. Mit dem Kloster für Freiwillige wird 2019 eine neue Organisation geschaffen, mit der das Kloster Maria der Engel Appenzell die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts anpacken will.
Chronologischer Überblick
Die Gemeinschaft entsteht
Sogenannte Klausnerinnen werden bereits vor 1300 offiziell erwähnt. Es waren oft Bauerntöchtern, die den Zugang in ein Kloster nicht gefunden haben und in der sogenannten «Chlos» lebten. Sie stand in der Nähe der Pfarrkirche, wo sich heute der Friedhof befindet. 1474, 1483 und 1486 sind sogenannte Beginen erwähnt, also eine Frauengemeinschaft, die ohne feierliches Gelübde ein religiöses Leben führte. Über die weitere Existenz dieser Gemeinschaft gibt es jedoch nur wenige Quellen. 1584 starb die letzte Schwester, Barbara Meggelin, worauf schon bald die Idee zur Wiedererrichtung eines Schwesternkonvents aufkam. 1613 gründeten schliesslich neun Kapuzinerinnen aus Wonnenstein und Grimmenstein eine neue Gemeinschaft in Appenzell. Zunächst lebten und wirkten die Klosterfrauen im noch heute bestehenden Schloss.
Bau der Kirche und des Klosters
Von 1619 bis 1621 erfolgte der Bau der Klosterkirche gleich neben dem Schloss. Sie wird Maria der Engel geweiht, dem künftigen Namen des Klosters. Erst Jahrzehnte später, nämlich von 1679 bis 1682 wird die heutigen Klosteranlage errichtet, und die Schwestern ziehen vom Schloss ins neue Kloster um. Der Bau ist der schlichten, strengen franziskanischen Ordensbauweise entsprechend einfach gestaltet. Prunkräume werden vergebens gesucht. Zahlreiche Räume und Einrichtungen sind noch im teils jahrhundertealten Originalzustand erhalten geblieben.
Hochs und Tiefs
Das Leben im Kloster war wie überall im Land hart und nicht selten geprägt von Krankheit und Tod. Hungersnöte und Teuerungen trafen auch die Schwestergemeinschaft. Nicht selten standen auch die staatlichen Behörden dem Kloster kritisch gegenüber. Das Kloster erlebte aber auch gute Zeiten. Bereits im 17. Jahrhundert konnte die Liegenschaft Gringel erworben werden, die bis zur Aufhebung des Klosters eine wichtige ökonomische Stütze bildete. Weitere Liegenschaften in Appenzell und Rebberge in Altstätten und Feldkirch kamen dazu. Auch die Schwesternzahl stieg zwischenzeitlich auf über 30, was 1750 zu einer Begrenzung der Eintritte und damit verbunden zu Wartelisten führte.
Aufschwung in strenger Klausur
Das 19. Jahrhundert war geprägt von Aufschwung und strengen Reformen. Ab 1811 wurde eine Mädchenschule betrieben, was die Wahrnehmung des Klosters im Dorf nachhaltig prägte. 1888 wurde die Klausur umgebaut und das Frauenkloster wurde zu einem geschlossenen Kloster. Parallel dazu stieg die Schwesternzahl, die 1920 den Höchststand von 42 Schwestern erreichte. Der Wandel zeigt sich auch 1902, als das Kloster als zweites Gebäude im Dorf eine Zentralheizung erhielt. Die Heizverteilungsrohre und die Radiatoren sind übrigens noch heute in Betrieb. Bereits 1905 wurde das Kloster elektrifiziert, aber nur die Kirche und die allgemeinen Konventräume.
Niedergang und Aufhebung des Klosters
Stieg die Schwesternzahl bis zum Ersten Weltkrieg stetig, so setzte nach dem Zweiten Weltkrieg der ebenso stetige Niedergang ein. 1973 wurde die Lehrtätigkeit beendet. 1976 trat Sr. M. Franziska Dörig aus Steinegg als 370igste und letzte Schwester ins Kloster mit damals 18 Schwestern ein. Nachdem das Gesuch zur Aufhebung der Klostergemeinschaft von Rom gutgeheissen wurde, zogen am 24. April 2008 die letzten fünf Schwestern aus und übersiedelten ins Kloster Grimmenstein.
Ora et labora
Im Gebet mit Gott und den Menschen verbunden
Die Hauptaufgabe bestand immer im Gebet für die Menschen. Die Schwestern pflegten das traditionelle Chorgebet, zeitweise in lateinischer, dann wieder in deutscher Sprache. Zudem gab es während Jahrhunderten auch die ewige Anbetung, je nach Schwesternzahl während 12 oder 24 Stunden am Tag. Ins Gebet eingeschlossen wurden die Nöte und Sorgen unzähliger Menschen, die ihre Anliegen an der Klosterpforte deponierten. Seelsorgegespräche, direkt oder am Telefon gehörten zum Alltag der Schwestern.
Weben und Waschen
Schon immer trugen die Schwestern mit ihrer Arbeit zur wirtschaftlichen Stabilität des Klosters bei. Zunächst bildeten Spinnen und Weben den grössten Anteil. Zudem wurde auch gestickt und die Ordenskleider der Schwestern sowie der Brüder im Kapuzinerkloster genäht. Täglicher Einsatz war auch in der Wäscherei bzw. am Waschbrunnen gefordert. Die liturgischen Gewänder der Pfarrei, aber auch die gesamte Wäsche des Kapuzinerklosters und später auch des Internats wurden im Frauenkloster gewaschen, getrocknet, gebügelt und notwendigenfalls gestärkt. Darüber hinaus wurden Kerzen hergestellt, insbesondere die Erstkommunionkerzen. Für denselben Anlass fertigten die Schwestern auch Kerzenschleier und Haarkränze für die Mädchen. Eine Spezialität waren Papierblumen aller Art und Viehschaukränze für die Stiere und Kühe an der Viehschau. Eine wichtige Einnahmequelle war stets auch die Aussteuer, die Töchter beim Eintritt ins Kloster bringen mussten.
Die Gaben der Natur im Klostergarten
Dem Klostergarten widmeten die Schwestern ein spezielles Augenmerk. Seine Früchte bildeten einen grundlegenden Bestandteil des Speiseplans. Seit 1688 bis nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der armen Bevölkerung Appenzells eine Klostersuppe angeboten, was insbesondere in Krisenzeiten und während Hungersnöten rege beansprucht wurde.
Im Dienste der Mädchenbildung
1811 beschloss der Kleine Rat von Appenzell, die Schulbildung auszubauen und die Knaben- von der Mädchenschule zu trennen. Der Unterricht für die Mädchen wurde dabei dem Frauenkloster übertragen. Damit erhielt das Kloster eine herausragende Stellung als Ort der Mädchenbildung in Innerrhoden. Die Schule umfasste die Primar- und zeitweise auch die Sekundarstufe. Die Ausbildungstätigkeit hatte auch bauliche Konsequenzen. 1878 wurde ein erstes Schulhaus gebaut, das «alte Mädchenschulhaus». 1899 folgte das zweite Schulhaus, das heutige Haus «Kindergarten». Seinen heutigen Namen bekam es nach 1910, als das Schulhaus Chlos gebaut wurde. Dieses wurde ab 1911 der Schulgemeinde Appenzell verpachtet. Mit dem Rückgang der Schwestern wurde der Betrieb der Schule nach dem Zweiten Weltkrieg immer schwieriger. Gleichzeitig hatte inzwischen auch der Staat seine Verantwortung für die Mädchenbildung übernommen. So wurde 1973 die Unterrichtstätigkeit aufgegeben.
Geschichte der Stiftung
Der Bischof gründet die Stiftung «Kloster Maria der Engel Appenzell»
In Zusammenarbeit mit dem Bistum und dem Kastenvogt errichtete die Schwesterngemeinschaft am 18. März 2008 die Stiftung «Kloster Maria der Engel Appenzell». Die kirchliche Stiftung unter der Aufsicht des Bischofs von St. Gallen bezweckt die Erhaltung der Klosteranlage und die Ermöglichung eines spirituellen Lebens im Sinne der Stifterin. Zum Stiftungsgut gehörten ursprünglich die Klosteranlage, das Wohnhaus «Gringel» sowie sämtliche bewegliche Sachen im Kloster. Das restliche Gut der ehemaligen Kapuzinerinnengemeinschaft, insbesondere die Liegenschaft «Gringel», das Schulhaus «Chlos» und das Haus «Kindergarten» gingen ins Eigentum des Klosters Grimmenstein. Das Haus «Kindergarten» konnte inzwischen von der Stiftung übernommen werden. Ein siebenköpfiger Stiftungsrat wurde für die Erhaltung und Nutzung des Klosters gemäss Stiftungsurkunde verpflichtet. Zudem ernannte der Bischof einen Kirchenrektor für die pastorale Nutzung der Klosterkirche.
Der Freundeskreis entsteht
Für die ideelle und materielle Unterstützung der Stiftung wurde am 8. November 2008 der Verein «Freundeskreis Kloster Maria der Engel, Appenzell» gegründet. Der Freundeskreis ist nicht Teil der Stiftung, es besteht aber eine enge und freundschaftliche Zusammenarbeit. Zudem nimmt ein Vertreter des Freundeskreises Einsitz im Stiftungsrat.
Pilgerherberge und Klosterladen
In einem ersten Öffnungsschritt wurden Führungen durch das ehemals geschlossene Kloster angeboten, einige ehemalige Schlafzellen den Jakobspilgern zur Übernachtung und ausgewählte Räumlichkeiten für externe Anlässe von vorwiegend kirchlich-geistlichen Kreisen zur Verfügung gestellt. Kerzen und Karten wurden an der Pforte angeboten und die Klosterkirche für Gottesdienste und die private Einkehr offengehalten. 2013 entstand ein neuer Kräutergarten, aus dem das Produktsortiment erweitert wurde.
Gesucht: Eine klösterliche Gemeinschaft
Zweck der Stiftung ist es, spirituelles Leben im Sinne der Stifterin zu ermöglichen. Entsprechend wurde aktiv nach einer neuen klösterlichen Gemeinschaft, die ständig im Kloster wohnt, gesucht. Zudem wurde von 2015 bis 2018 ein Projekt mit ernsthaft an einem Leben in geistlicher Gemeinschaft interessierten Frauen durchgeführt. Leider blieb auch dieses Projekt erfolglos. Bei vielen Anfragen stellte sich heraus, dass die Infrastruktur im Kloster nicht den heutigen Ansprüchen genügt. Diese Tatsache ist mit ein Grund für die geplante Sanierung.
Eine Gemeinschaft von Freiwilligen
Seit 2019 betreiben mehrere Dutzend Personen, grösstenteils Freiwillige, auf der Klosteranlage ein Gästehaus und einen Treffpunkt mit Klosterladen. Ergänzt wird das Angebot durch Gottesdienste in der Klosterkirche und die Möglichkeit zur privaten Einkehr. Die Organisation dient nicht nur der Erhaltung der Klosteranlage, sondern bildet gleichsam eine Gemeinschaft für alle Beteiligten. Das «Kloster für Freiwillige» lebt und wächst kontinuierlich.