Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03283.jsonl.gz/929

Eine Blutfontänen, die aus dem Fahrstuhl schiesst, endlose Korridore und ein irrer Jack Nicholson als Axtmörder. Vor 35 Jahren verstörte Stanley Kubricks «The Shining» das Kinopublikum. Und brachte Shelley Duvall fast um ihre Haare.
«Ich fand, dass es eine der genialsten und aufregendsten Geschichten war, die ich je gelesen hatte», sagte Regisseur Stanley Kubrick (1928 bis 1999) über Stephen Kings Buch «The Shining», auf das sich sein gleichnamiger Horror-Klassiker abstützt.
Und so geht diese Geschichte: Der gescheiterte Autor Jack Torrance (Jack Nicholson) nimmt einen Aushilfsjob als Hausverwalter eines im Winter geschlossenen Hotels an. Sein kleiner Sohn Danny und seine Frau Wendy (Shelley Duvall) begleiten ihn. Das Hotel selbst scheint ein Ort des Bösen zu sein und nimmt zunehmend Einfluss auf die Familie. Vollkommen von der Aussenwelt abgeschnitten suchen Geister den Familienvater heim. Bis Torrance ausrastet und versucht, seine Frau und seinen Sohn, der selbst übernatürliche Fähigkeiten besitzt, umzubringen.
Einen Monat lang diskutierten Kubrick und die Autorin Diane Johnson über die Geschichte und ein mögliches Skript. Sie lasen Freuds Essay «Das Unheimliche», beschäftigten sich mit dem kammerspielartigen Horror in den Erzählungen von Edgar Allan Poe. Die Psychologie des Grauens sollte im Herzen von Kubricks Version von «The Shining» stehen. Sein erklärtes Ziel war schliesslich schon Jahrzehnte zuvor klar gewesen. «Ich will den beängstigendsten Film der Welt machen», hatte Kubrick schon 1966 in einem Interview erklärt. Nun, beinahe 20 Jahre später, schrieben er und Johnson auf der Grundlage von Kings Roman ein Drehbuch, mit dem der Regisseur nach «2001» erneut einem ganzen Filmgenre seinen Stempel aufdrücken sollte.
Wenige Sekunden bevor Jack Nicholson in einer ikonischen Szene die Badezimmertür zertrümmert, hinter der seine Kollegin Shelley Duvall kauert, verliert sich der Schauspieler schon in seiner Rolle. Eine rohe animalische Kraft scheint durch die Adern des Mannes zu pulsieren. Auf dem Bett neben der Tür liegt eine Axt. Nicholson packt sie, holt aus – und erschlägt beinahe den Kameraassistenten hinter ihm.
Dokumentiert hatte die Situation Kubricks damals 17-jährige Tochter Viviane. Mit einer Handkamera begleitete sie die Dreharbeiten. Später wurde der Film als «Making ‹The Shining›» von der BBC ausgestrahlt. Er zeigt die teils chaotischen Bedingungen am Set. Und den Perfektionismus, mit dem es Kubrick dennoch gelang, ein Meisterwerk des Genres zu schaffen.
Eigentlich hatte das Studio 17 Wochen für den Dreh veranschlagt, doch Kubrick konnte sich nicht beschränken. Erst nach 14 Monaten, also 56 Wochen, und beinahe 200 Drehtagen war er mit dem Ergebnis zufrieden. Um seine Vision zu verwirklichen, nutzte er neue Aufnahmetechniken wie die Steadycam, die schnelle, sehr präzise Kamerafahrten ermöglichte. Doch nicht nur beim Zeitplan hakte es: Bereits beim Casting war es zu Unstimmigkeiten zwischen dem Regisseur und dem Autor Stephen King gekommen. Kubrick wollte Nicholson, ganz zum Missfallen von King.
Der Schriftsteller hatte sich einen Darsteller wie der 2004 verstorbene Christopher Reeve oder Jon Voight gewünscht. Einen Jedermann, dessen Verfall zum Bösen das Publikum stärker treffen würde. Jack Nicholson, der auch abseits der Kamera pfeifend und mit irrem Blick durch die Hallen des Hotels streunte, war ihm schon von Beginn an zu psychopathisch. Doch Kubrick liess sich nicht beirren.
Terror am Set
Aus der Heimsuchung durch ein verfluchtes Hotel machte der Regisseur das Psychogramm eines Wahnsinnigen. Im Mittelpunkt von «The Shining» stand nun nicht mehr die fremde Macht, die das Leben einer Familie aus dem Gleichgewicht bringt. «Mit dem menschlichen Wesen ist etwas fundamental falsch. Es hat eine böse Seite», sagte Kubrick über seine Version der Geschichte. «Horrorgeschichten zeigen uns diese Archetypen des Unterbewussten. Wir können die dunkle Seite betrachten, ohne direkt mit ihr konfrontiert zu werden.»
Während der Dreharbeiten wurden auch die Darsteller mit der dunklen Seite des Regisseurs konfrontiert. Besonders Shelley Duvall trieb Kubrick an den Rand eines Nervenzusammenbruchs. Immer wieder isolierte er sie vom Rest der Crew. Er stritt mit ihr über Dialogzeilen und verunsicherte sie. Die Szene, in der sich Duvall mit einem Baseballschläger gegen Nicholson verteidigt und dabei rückwärts die Treppe hinauf geht, liess er 127 Mal wiederholen. Der Stress für die Schauspielerin wurde so gross, dass ihr die Haare ausfielen.
Der Terror am Set ist auch heute noch im Film sichtbar. Duvall ist ein Nervenbündel, verunsichert und stets der Verzweiflung nah. Noch während des Drehs änderte Kubrick zudem immer wieder das Skript und baute neue Elemente in Kings Geschichte ein. Selbst nach den ersten Kinovorführungen 1980 kürzte er noch Passagen des Films und arrangierte den Schnitt neu. Das Ergebnis war ein Monument des psychologischen Horrors.
Raum Nr. 237
«The Shining» überwältigte das Publikum. Kubrick hatte auf dem Gerüst von Kings Geschichte eine vielschichtige Horror-Collage angelegt. Bis heute entwickeln Forscher und Fans Theorien, um den Film zu entschlüsseln. Vor zwei Jahren erschien die Dokumentation «Room 237», benannt nach dem Raum, in dem Jack Torrance eine verfallende Frau liebkost und seinem Sohn Danny die ermordeten Töchter des ehemaligen Verwalters erscheinen. «Room 237» zeigt am Beispiel von fünf Cineasten exemplarisch, wie das Publikum versucht, den «Shining-Code» zu knacken.
Hinter der indianischen Symbolik, die das Interieur des Hotels durchzieht verstecke sich die Kritik am Völkermord an den amerikanischen Eingeborenen, behaupten die einen. Wieder andere lesen aus der starken Labyrinth-Metaphorik des Films einen weiteren Hinweis auf die psychologischen Gedankenspiele des Regisseurs. Sogar Hinweise auf eine Beteiligung Kubricks an der angeblich gefälschten Mondlandung 1969 wollen Zuschauer entschlüsselt haben.
Offenbar der Einzige, den der Film kalt liess, war Stephen King. «Der grundsätzliche Fehler an Kubricks Version von ‹The Shining› ist, dass es ein Film von einem Mann ist, der zu viel nachdenkt und zu wenig fühlt», sagte der Autor kurz nach dem Filmstart. 1997 drehte King eine eigene Version des Stoffes für das Fernsehen.
«Meine Version endet mit einem brennenden, seine mit einem eingefrorenen Hotel», sagte er über die Unterschiede zwischen ihm und dem legendären Regisseur. «Ich bin eben warm und schnulzig, während Kubrick der kälteste Typ im Universum ist.»