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Einleitung
Wenn wir uns heute mit den Hermen von Welschbillig beschäftigen, so müssen wir uns bewusst sein, dass wir damit einen Sonderfall betrachten: Zum einen haben wir mit zwei Dritteln der Hermen einen grossen Teil dieses einmaligen Bildnis-Programms erhalten, was auf fundierte Aussagen hoffen lässt, zum andern befinden wir uns – auch stilistisch – in einem provinziellen Bereich. Wir werden uns also am Schluss zu fragen haben, wie die Ergebnisse von Welschbillig für unser Seminar übernommen werden können, denn eine vergleichbare Bildnisüberlieferung existiert nicht.
Geschichtliche Zusammenhänge
Welschbillig liegt wenige Kilometer nördlich von Trier und damit im Bereich einer Weltstadt mit Provinzialverwaltung und der spätantiken Kaiserresidenz (Abbildung 1: Provinzen des Römischen Reiches im Jahre 314).1 Auf die historische Einordnung wird im Einzelnen und punktuell bei den jeweiligen Befunden eingegangen.
Provinzen des Roemischen Reiches im Jahre 314..
Ausgehend von den regionalen Gegebenheiten und den geschichtlichen Zusammenhängen nähern wir uns Schritt für Schritt den lokalen Befunden, einer prächtigen Villen-Anlage mit einer grossen Piscina. Die Villa war Teil eines riesigen ummauerten Bezirks. Im Verlaufe der Annäherung an das Thema gewinnen wir zahlreiche Datierungs-Hinweise, die dann in einem späteren Teil mit den Hermen selbst stilistisch verglichen werden können. Die Hermenköpfe sind im Rheinischen Landesmuseum in Trier ausgestellt.
Die Lang- oder Landmauer
Rund vier Kilometer nordwestlich von Trier beginnt ein ummauerter Bezirk, der den riesigen Bereich von 220 km2 einschliesst (Abbildung 2: Langmauernbezirk).2 Diese Ummauerung wird als Lang- oder Landmauer bezeichnet. Die Mauer ist rund 72 Kilometer lang, ursprünglich wohl rund 2 Meter hoch und 65 bis 80 cm dick und aus dem jeweiligen örtlichen Gestein errichtet (Kalk- oder Sandstein). Heute ist die Mauer nur selten als kleiner Damm oder Steinwall erhalten.
Der Langmauer-Bezirk. Steinhausen, in: Wrede 1972: 7. Farbe: Lukas Wenger.
Zum Bau der Mauer wurde vielfach auch Spolienmaterial verwendet. Zwei Bauinschriften werden unter anderem aufgrund des Schriftbildes ins 4. Jahrhundert datiert. In ihnen steht, dass die militärische Formation der primani zwei Streckenabschnitte dieser Mauer errichtet habe. Die immense Grösse des ummauerten Bezirks und eben die Tatsache, dass Militär zum Bau eingesetzt wurde, rücken diesen Domänenbezirk in unmittelbare Nähe des Kaiserhofes.
Im Jahre 286 hielt Kaiser Maximianus (286–305)3 erstmals Hoflager in Trier; von da an ist mit Erweiterungen des kaiserlichen Domänen-Besitzes zu rechnen. Spätestens unter Konstantin I. (306–337), der ebenfalls zeitweilig in Trier residierte, dürften grosse Gebiete des Langmauernbezirks von der res privata erworben worden sein. Unter Constantius II. (337–361) wurde städtischer Grundbesitz einverleibt. Möglicherweise wurde auch das Fiskalgut ausserhalb der Stadt erweitert. Der ummauerte Bezirk dürfte durch den Kauf von Ödland nach den Germaneneinfällen Mitte des 4. Jh. abgerundet worden sein. Drei nach 350 vergrabene Münzschätze im Langmauernbezirk zeigen, dass auch dort Germanen zumindest gefürchtet wurden. Julian (355/361–363) hatte konfiszierten Grundbesitz in der Gegend von Trier wieder zurückgegeben, deshalb muss die Langmauer wohl später datiert werden. Zwischen 340 und 363 wurde zudem von Constans (337–350) und Julian in vier scharfen Gesetzen die violatio sepulcrorum (Schändung von Heiligtümern) verboten; in der Langmauer finden sich jedoch Grabmalspolien.
Datierung und Deutung der Langmauer
Für die zeitliche Einordnung der Langmauer ist auch massgeblich, dass Trier zeitweilig zur Residenzstadt der römischen Kaiser wurde. Julian residierte in Paris. Erst Valentinian I. (364–375) zog im Herbst 367 von Paris nach Trier (Abbildung 3: Silhouette des spätantiken Trier),4 wo er bereits in den 60er Jahren das Gemeindeeigentum konfiszieren liess. Für die Zeit von 367 bis 381 sind mehrfach pro Jahr kaiserliche Gesetzeserlasse in Trier belegt. 383 bis 387 residierte Maximus (383–388) in Trier. Für einige Monate 389 bis 390 war Valentinian II. (375–392) in der Stadt. Von da an wandten sich die Kaiser von augusta treverorum ab: Zwischen 395 und 400 wurde die Präfektur Galliens nach Arles verlegt, die Residenz nach Mailand. Wegen der Germaneneinfälle wäre zu dieser Zeit in ungeschützer Lage keine solche Prachtentfaltung mehr möglich gewesen, wie sie in Welschbillig im Langmauernbezirk oder überhaupt in Trier anzutreffen ist.
Silhouette des spätantiken Trier. Kueppers 1983: 324.
Das Gebiet der Langmauern war noch im 7. Jahrhundert geschlossen in der Hand der merowingischen Könige: Dagobert I. (623–638) schenkte den westlichen Teil dem Kloster St. Pauli, grosse Gebiete im Osten dem Frauenstift Oeren-St. Irminen in Trier.
Steinhausen5 sieht in der Langmauer keinen fortifikatorischen Zweck, sondern eine landwirtschaftlich genutzte Domäne. Der fruchtbare, locker und inselartig bewaldete Charakter der Landschaft spricht auch gegen ein kaiserliches Jadgehege (vivarium). Am ehesten dürfte intensiver Ackerbau angenommen werden, der zur Versorgung des nahegelegenen Kaiserhofes diente.6 Die Verwendung von Spolien, Bauinschriften sowie die geschichtlichen Umstände lassen es sinnvoll erscheinen, dass die Mauer erst nach 363 – nach dem Verbot der violatio sepulcrorum – errichtet worden ist. Die späte Entstehung und der Truppeneinsatz für den Bau lassen den Schluss zu, dass der Bezirk der Langmauer kaiserlicher Besitz war.
1 Talbert, Richard J. A.: Atlas of Classical History. Croom & Helm, London & Sidney, 1985. 179.
2 Karte nach Steinhausen, in: Wrede, Henning: Die spätantike Hermengalerie von Welschbillig. Untersuchung zur Kunsttradition im 4. Jh. n. Chr. und zur allgemeinen Bedeutung des antiken Hermenmals. Reihe: Römisch-germanische Forschungen, Bd. 32. Walter de Gruyter & Co., Berlin, 1972. 7.
3 Angabe der Regierungszeiten nach Veh, Otto: Lexikon der römischen Kaiser. Von Augustus bis Iustinianus I., 27 v. Chr. bis 565 n. Chr. Artemis, Zürich & München, 1976.
4 Cüppers, Heinz/et al. (Hrsg.): Die Römer an Mosel und Saar. Zeugnisse der Römerzeit in Lothringen, in Luxembourg, im Raum Trier und im Saarland. von Zabern, Mainz, 2., korrigierte Auflage, 1983. 324.
5 Trierer Zeitschrift (TrZ) Nummern 6 (1931), 13 (1938) und 23 (1954/55); zitiert bei Wrede 1972 (s. o. Anmerkung 2).
6 Gilles, Karl-Josef, in: Cüppers 1983 (s. o. Anmerkung 4): 339.