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Ich wurde in Grossbritannien geboren und habe meine gesamte 43-jährige berufliche Karriere in der Lebensmittel- und Landwirtschaft verbracht. Seit 21 Jahren ist die Schweiz mein Zuhause und ich habe dieses Land lieben gelernt. Zu den vielen Aspekten des Lebens, die ich hier schätze, gehören die Rechte der Bürger und Einwohner, die in der Schweizer Verfassung verankert sind. Redefreiheit, Freiheit der Wissenschaft, Freiheit der Kunst und natürlich die Freiheit der Bürger, an direktdemokratischen Prozessen teilzunehmen und politische Initiativen und Referenden zu ergreifen. Daher bedarf eine Initiative, die die Freiheiten vieler gefährden würde, einer besonderen Betrachtung: Im Fall einer Annahme der Initiative «für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» wären Landwirte nicht mehr frei, so zu wirtschaften, wie sie es für richtig halten. Die Verbraucher könnten nicht zwischen teureren Biolebensmitteln, die elf Prozent des Konsums in der Schweiz ausmachen, und erschwinglichen, qualitativ hochwertigen konventionell produzierten Lebensmitteln, die 89 Prozent unserer nationalen Ernährung ausmachen, wählen. Das Verbot von Pestiziden würde auch für importierte Lebensmittel gelten, was die Freiheit der Kaffee- und Schokoladenproduzenten beeinträchtigen würde, das benötigte Rohmaterial zu importieren. Dies hätte wiederum Folgen für die Freiheit einiger Arbeiter, ihren Beruf auszuüben.
Pestizide sind eine wichtige Voraussetzung für die Produktion der hervorragenden Lebensmittel, die wir heute geniessen. Eine aktuelle Veröffentlichung der Universität St. Gallen schätzt, dass eine vollständige Umstellung auf Bio-Produktion in der Schweiz die Ernteerträge um 30 Prozent reduzieren würde. Auf globaler Ebene sind die Ernteerträge zwei- bis viermal höher als noch vor 60 Jahren. Pestizide, sowohl chemische als auch biologische, zusammen mit verbesserten Pflanzensorten, Düngemitteln und Mechanisierung haben diese Ertragssteigerungen ermöglicht. Seit den 1970er Jahren haben sich die realen Kosten für Lebensmittel in den Industrieländern auf etwa 9 Prozent des verfügbaren Haushaltseinkommens halbiert. In den Entwicklungsländern hingegen sind Lebensmittel real viel teurer und 1,3 Milliarden Menschen steht nicht genügend Nahrung zur Verfügung (Schätzung der FAO). Angesichts einer Weltbevölkerung, die bis 2050 auf 10 Milliarden Menschen zusteuert, und des Klimawandels, der die Landwirtschaft vor immer grössere Herausforderungen stellt, ist es unerlässlich, die Nahrungsmittelproduktivität mit allen verfügbaren Technologien zu steigern.
Die Schweiz weist einen Selbstversorgungsgrad von 60 Prozent in der Nahrungsmittelproduktion auf. Die Umstellung auf Bio-Produktion würde diesen Anteil auf annähernd 40 Prozent reduzieren. In der Folge wäre die Schweiz stärker auf Importe angewiesen. Der Preis für Lebensmittel würde steigen. Ist das klug? Will sich die Schweiz von der produktiven Landwirtschaft abwenden, wo doch die Welt mehr Nahrungsmittel braucht?
Kommen wir zu den angeblichen Gesundheits- und Umweltproblemen, die im Mittelpunkt der Anti-Pestizid-Kampagne stehen. Erstens kann sich heute fast jeder in der Schweiz problemlos eine gesunde Ernährung leisten, die reich an Obst, Gemüse und Eiweiss ist. Dies ist nicht selbstverständlich: Pestizide tragen wesentlich dazu bei, dass diese hochwertige Ernährung möglich ist. Eine Annahme der Initiative könnte daher gerade für Haushalte mit einem niedrigen Einkommen eine gesunde, ausgewogene Ernährung gefährden. Die Tatsache, dass manchmal winzige chemische Rückstände in Lebensmitteln nachgewiesen werden können, ist für die menschliche Gesundheit völlig unerheblich, ganz im Gegensatz zu einer weniger ausgewogenen Ernährung. Pestizide unterliegen den strengsten behördlichen Verfahren, und die Schweiz ist besonders wachsam bei der Überwachung von Pestizidrückständen in Lebensmitteln. Es mag viele überraschen, dass verarbeitetes Fleisch und alkoholische Getränke von der WHO in die Gruppe von Produkten eingestuft wurden, die als krebserregend für den Menschen gelten (Klasse 1), während in der Schweiz keine Pestizide dieser Klasse registriert sind. Natürlich können verarbeitetes Fleisch und alkoholische Getränke in gewissem Masse sicher konsumiert werden. Ich mache diesen Punkt nur, um zu verdeutlichen, dass die Behörden bei der Regulierung von Pestiziden extrem streng sind.
Was die Umwelt betrifft, so hat jede Form der Landwirtschaft Auswirkungen auf die Umwelt. Das Ziel muss sein, diese Auswirkungen zu minimieren. Ein Verbot synthetischer Pestizide würde den gegenteiligen Effekt haben. Geringere Erträge würden bedeuten, dass mehr Land benötigt würde, um das aktuelle Produktionsniveau zu halten. Der zentrale Punkt in Bezug auf die Umwelt ist in erster Linie, dass sich alle Landwirte zunehmend auf Nachhaltigkeit konzentrieren. Dünger, synthetische oder biologische Pestizide, sind teuer und werden nur bei Bedarf eingesetzt. Es ist bemerkenswert, dass auch konventionelle Landwirte viele der Techniken und Produkte einsetzen, die für den Biolandbau zugelassen sind, jedoch nicht unter Ausschluss moderner, niedrig dosierter synthetischer Pestizide, die die Produktivität maximieren. So ist der Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft mit der Verbesserung der Technologien deutlich zurückgegangen und wird – dank technologischem Fortschritt – weiter zurückgehen. Dieser Fortschritt wird aber am besten erreicht in dem man Nachhaltigkeitsziele formuliert und deren Umsetzung unterstützt, anstatt sich aus ideologischen Gründen bei technologischen Lösungen einzuschränken.
Es ist eine Ironie des Schicksals, dass das Verbot synthetischer Pestizide auch die Bio-Produzenten treffen würde, die sich besonders auf solche auf Basis von Schwefel und Kupfer zur Krankheitsbekämpfung verlassen. Auf der anderen Seite sieht die Initiative vor, dass nicht-synthetische Pestizide weiterhin verwendet werden. Zum Beispiel wäre eine Verbindung namens Azadirachtin, ein Extrakt aus dem in Indien beheimateten Neem-Baum, erlaubt. Die Überprüfung von Azadirachtin durch die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit 2018 listet zahlreiche Datenlücken auf, insbesondere zur Umweltsicherheit. Die Vorstellung, dass nicht-synthetische Pestizide sicherer sind als synthetische Produkte, basiert somit mehr auf ideologischen als wissenschaftlichen Grundlagen.
Ebenfalls wird am 13. Juni über die Trinkwasser-Initiative abgestimmt, die effektiv den gesamten Einsatz von Pestiziden sowie von Antibiotika verbieten würde. Die Frage der Wasserqualität ist für alle kritisch. Tatsache ist, dass das Schweizer Trinkwasser den höchsten Anforderungen an Hygiene und Sicherheit entspricht. Wie jedes Naturprodukt enthält auch Leitungswasser viele Spurenstoffe, die aber für die menschliche Gesundheit nicht von Bedeutung sind. Es ist völlig ungerechtfertigt, die in dieser Initiative verankerten drakonischen Massnahmen für Pestizide umzusetzen. Die Folgen für die Lebensgrundlage der Landwirte sowie für die Wahlfreiheit der Verbraucher wären genauso gravierend wie bei der Pestizid-Initiative.
Aus wissenschaftlicher Sicht ist klar, dass Pestizide – einschliesslich synthetischer, nicht-synthetischer und biologischer Produkte – ein Eckpfeiler eines landwirtschaftlichen Systems sind, das qualitativ hochwertige, gesunde und erschwingliche Lebensmittel liefert. Die anspruchsvollen Zulassungskriterien und Regulatorien in der Schweiz sind sehr effektiv, um das Wohlergehen der Allgemeinheit zu gewährleisten. Landwirte sind schon heute darauf bedacht, die Auswirkungen der Landwirtschaft auf die Umwelt zu minimieren, dabei können neue Methoden und Werkzeuge ein produktiveres und nachhaltigeres System sicherstellen. Wenn Sie Bio-Lebensmittel bevorzugen und sich diese leisten können, ist diese Option verfügbar. Viele Menschen sind aber auf ebenso gute, aber erschwinglichere Lebensmittel, die aus der konventionellen Landwirtschaft stammen, angewiesen. Es gibt kein rationales Argument dafür, uns allen diese Wahlmöglichkeit vorzuenthalten.
Dr. John Atkin ist Verwaltungsratspräsident von Spearhead International, einem der grössten Landwirtschaftsunternehmen in Europa. Er ist ausserdem nicht-geschäftsführendes Verwaltungsratsmitglied von Driscoll’s, dem globalen Unternehmen für frische Beeren, und Stiftungsrat der Syngenta Stiftung für nachhaltige Landwirtschaft. John Atkin war bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2014 Chief Operating Officer von Syngenta.