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Bücher aus meiner Kindheit und aus meiner Jugend besitze ich nicht mehr. Ich bin als Elfjähriger aus Tel Aviv nach Amsterdam ausgewandert worden. Meine Bücher von damals sind nicht mitgekommen. Aber auch die Bücher aus meiner niederländischen Jugendzeit sind mit einer Ausnahme nicht mehr vorhanden. Mit den Jahren habe ich sie entsorgt. Dennoch kann ich mich an Leseerlebnisse und an Bücher aus jenen frühen Jahren erinnern. Eine Jugendbande namens „Chassamba“ gehörte zu meinen Idolen. Erfunden hat sie der israelische Autor Igal Mossinson. Ich staune darüber, wie diese beiden Namen sich jetzt einstellen, da ich an jene Zeit zurückdenke. Ich kann mich auch noch an das hebräische Buch über jüdische Nobelpreisträger und an eine Jugendenzyklopädie erinnern. Aus den holländischen Jahren ist einzig ein Taschenatlas der Niederlande übrig geblieben, ein Buch im Verlag Prisma, herausgegeben im Jahr 1957. Erinnern kann ich mich noch daran, dass ich in jener Zeit am Zeitungskiosk am Koninginnenplein regelmässig Ausgaben der Reihe „Illustrated Classics“ gekauft habe. Das waren gezeichnete Klassiker der Weltliteratur mit Sprechblasen und farbigen Bildern: Ivanhoe, Romeo und Julia, Robin Hood, die Reise um die Welt in achtzig Tagen waren dabei. Andere Leseerinnerungen? Mein Vater hatte die gelben Hefte von National Geographic Magazine abonniert. Am liebsten waren mir alte Ausgaben mit Bildern vom Zweiten Weltkrieg und Fotos vom Koreakrieg. Ich bewunderte die amerikanischen Soldaten und mochte die Frauen, die in der Werbung in Badekostümen neben amerikanischen Autos standen. Sie faszinierten mich mehr als die Heckflossen und die chromblitzenden Stossstangen.
Meine Eltern hatten eine grosse Bibliothek. Es waren mehrheitlich Vaters Bücher. Erst spät habe ich verstanden, dass hier die deutsche Klassik und die Welt der Weimarer Republik versammelt waren: Viel Goethe und Schiller, Keller und Meyer, Uhland, Kleist, E.T.A. Hoffmann. Und auch noch Hugo von Hofmannsthal, Stefan Zweig, Thomas Mann, Rilke und Stefan George.
Ich habe den Weg zu den Klassikern der deutschen Literatur verpasst. Als Kind in Israel ohnehin. Als Jugendlicher in Holland nochmals. Und als ich in die Schweiz kam, da waren schon Frisch und Dürrenmatt, Böll und Grass auf dem Programm er fünften Gymnasialklasse. Ich bin in diesem Sinn schrecklich ungebildet. Auch Grimm ist an mir vorbei. Und so viele andere. Als ich als Erwachsener aktiv und intensiv zu lesen begann, waren es die Bücher der Antipsychiater Goffman, Szasz, Laing und Cooper, die mich fesselten, dann Bücher zur amerikanischen Geschichte, zur Kolonialzeit und zum Zweiten Weltkrieg.
Ja, ich bin ein Büchernarr. Ich kaufe Bücher, ich lasse mir von Verlagen Bücher schicken, mehr Bücher als ich jemals lesen und verarbeiten könnte. Es gibt Bücher, die meine Freunde werden, Begleiter, Erinnerungspunkte. Und es gibt Bücher, die ich nach 30 oder 60 Seiten weglege, nie mehr anschaue. Ich kenne Leute, die sich durch ungeliebte Bücher durchquälen. Das tue ich mir nicht an. Man darf es nicht sagen, aber ich gebe unumwunden zu, dass ich schon Bücher in die Papiertonne gekippt habe. Bücher, von denen ich dachte, kein Antiquariat und kein Brockenhaus würde sie jemals annehmen wollen. Ich habe zwar jedes Mal ein schlechtes Gewissen, wenn ich Bücher in die Tonne befördere. Aber ich tu’s manchmal trotzdem. Geschenkte und ungelesene Paolo Coelhos, Martin Suters und Arnon Grünbergs sind schon dort gelandet, aber auch Bücher von Leon de Winter. http://buchort.ch/
Bücher üben eine magische Sogwirkung auf mich aus. Sogar in Mailand oder Lissabon suche ich Buchhandlungen auf, obschon ich weder portugiesische noch italienische Bücher in der Originalsprache lesen kann. Ich nehme dann die Bücher in die Hand, versuche anhand der Klappentexte zu erraten, wovon die betreffenden Bücher handeln und bedauere jedes Mal, dass ich diese und andere Sprachen nicht beherrsche. Bin ich in Frankfurt oder in Leipzig an der Buchmesse, dann halte ich mich während Stunden in jenem Bereich auf, der „Schönste Bücher aus aller Welt“ heisst. Ich notiere mir die Titel jener schönsten Bücher auf, die mir am besten gefallen und bestelle dann zwei oder drei, die ich später nicht unbedingt von Anfang bis zum Ende lesen muss. Das Buch über Sigmund Freuds Hausnachbarn an der Berggasse in Wien gehört zu diesen Büchern. Oder eines über ein Tal in Österreich, in dem ich nie gewesen bin.
Ich weiss, wo sich die besten belletristischen Buchhandlungen meiner Lieblingsstädte befinden. Atheneum Amsterdam! Tola’at Sfarim Tel Aviv. Bücherbogen Berlin. Zur Rose St.Gallen. Ich kenne mich in diesen Läden aus, ich weiss genau, wo ich meine Bücher hier finde. Gerne hätte ich ein gutes Buchgeschäft in jenem Stadtteil, in dem ich wohne. Seitdem der Bücherladen an der Bertastrasse auch eine Edelpapeterie geworden ist, lockt der Laden nicht mehr. Und dann erinnere ich mich: Jahre sind es her, da bin ich regelmässig wegen einer Buchhändlerin von Zürich nach Zug gefahren, um dort in der Buchhandlung an der Schmidgasse meine Bücher zu kaufen: Fanny Notz wusste genau, was ich gerne lese. Ja, im Zeitalter des Internets wünscht man sich Buchhändler, die leidenschaftlich lesen und mit Leidenschaft von Büchern erzählen können!