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Vornamen: Mode, Macht und Magie
Wer heute Kinder auf die Welt stellt, muss nicht nur gebären, sondern auch den passenden Namen für das Kind aussuchen. Viele Eltern tun sich damit schwer und wälzen nächtelang Namensbüchlein. Soll die Kleine so oder so heissen? Und wenn es ein Bub ist? Bis man sich einig ist, kann es dauern. Denn die Zeiten, als der Stammhalter den Vornamen des Vaters, des Grossvaters und der Urahnen trug, sind vorbei.
Kevin steht unter Generalverdacht
Heute ist die Auswahl der Namen riesig. Promi-Paare geben ihren Kindern die skurrilsten Namen. Bob Geldof etwa nennt seine Töchter Fifi Trixbell oder Pixie Frou Frou. Trotzdem sollte man sich mit Originalität und Experimenten zurückhalten. Denn der Name muss ein Leben lang halten. Und verschiedene Studien zeigen, der Name hat Auswirkungen auf die Karriere oder das Liebesglück. Eine Umfrage bei insgesamt fünfhundert deutschen Grundschullehrern ergibt, dass Kinder, die Chantal, Dennis, Kevin, Marvin oder Jacqueline heissen, der Unterschicht zugeordnet werden. Entsprechend stuft man sie als «verhaltensauffällig und weniger leistungsstark» ein. Ein gutes Image hingegen haben Alexander, Maximilian, Lukas, Emma, Marie oder Katharina.
Das gleiche bestätigen Studien von Online-Dating-Plattformen, in denen untersucht wurde, welche Rolle der Vorname bei der Partnersuche spielt. Das Ergebnis war deutlich: Beliebte Namen wurden eher angeklickt und damit stieg die Chance zum Liebesglück. «Es ist nicht die Person, sondern lediglich der Name, dem man ein positives oder negatives Bild zuordnet», stellt die Psychologin und Beziehungforscherin Wiebke Neberich fest.
Christliche Namen lösen germanische ab
Dass Namen mehr sind als ein paar Vokabeln, zeigt der Blick in die Geschichte. Die Vornamen der Germanen und Kelten waren mit einem Heilswunsch verbunden, der den Träger unter den Schutz, die Macht oder das Wissen einer Gottheit stellte.
Ähnliche Verknüpfungen von Namen mit Botschaften kennt das Alte Testament: Lea, die mit ihrer Schwester rivalisierte und von Jakob vernachlässigt wurde, taufte ihren Sohn Ruben, auf deutsch: «Es ist ein Sohn» oder «Der Herr hat mein Elend gesehen.» Später nannte Rachel ihren Jüngsten Benjamin, «Sohn des Glücks».
In der Verkündigung setzt der Prophet Jesaja auf ein makabres Wortspiel. Er rief seinen Sohn «Raubebald Eilebeute», als Warnung vor der drohenden Eroberung durch die Assyrer.
Trotz früher Christianisierung verbreiten sich biblische Namen wie Abraham, Daniel, Samuel, Judith oder Christina im deutschen Sprachraum erst ab dem 11. Jahrhundert. Im Zuge der aufkommenden Heiligenverehrung nehmen die christlichen Namen rasant zu. Damit ändert sich auch das Frauenbild. Die germanische Kämpferin «Brunhilde» und die Siegerin «Siegrun» werden zur demütigen Maria und aufopferungsvollen Martha. Durch die Kreuzzüge gelangen die Legenden der Ostkirche ins Abendland. Entsprechend tauchen griechische und orientalische Vornamen auf.
Biblische Erzväter statt Heilige
Als die Reformation mit der Heiligenverehrung bricht, schlägt sich dies im Namenskatalog nieder. Der protestantische Haushalt wählt alttestamentliche Namen wie Tobias, Jeremias, Elias, Samuel oder Jonas, die die Familie beim täglichen Lesen der Bibel finden. Den Pietisten ist dies zu wenig «fromm»: Sie erfinden christlich motivierte Kombinationen wie Gotthelf, Traugott oder Ehrenfried.
Neben der Bibel schlagen sich auch Philosophie und Mode in den Namen nieder. Der europäische Adel und das Bildungsbürgertum greifen im Geist des Humanismus auf antike Vornamen wie Claudius, Hektor, Cornelia oder Felicitas zurück. Und im 17. Jahrhundert blicken Europas gekrönte Häupter wie auch ihre Untertanen zum Hof des Sonnenkönigs in Versailles. Entsprechend nennt man die Kinder Henriette, Jeannette oder Luise. Im 18. Jahrhundert folgen englische Namen wie Harry, Arthur, Betty oder Ellen, weil bürgerliche Kreise für den aufkommenden Liberalismus in England schwärmen.
Zwischen 1933 und 1945 werden im Deutschen Reich die Vornamen für rassistische Zwecke missbraucht und die Wahlfreiheit einschränkt. In ihren Richtlinien zur Namensgebung zielen die Nationalsozialisten darauf, Juden zu diskriminieren und auszugrenzen. In einer Liste werden die jüdischen Vornamen festgehalten, die für Juden zur Verfügung stehen. In der Aufstellung fehlen jedoch eindeutig hebräische Vornamen wie David, Adam, Ruth oder Gabriel. Zu viele «Arier» hiessen so und hatten ihren Namen liebgewonnen.
Den Sohn Jesus zu taufen, ist erlaubt
Heute ist es üblich, Kurz- oder Koseformen zu wählen. Kaum jemand ärgert sich, dass aus dem Ludwig ein Lutz, aus dem Rudolf ein Ruedi, dem Konrad ein Kurt und aus der Louise eine Lou wurde. Es gilt der Trend je kürzer je besser, stellt Peter Moser vom Statistischen Amt des Kantons Zürich für die letzten zwanzig Jahre fest. Mit der Länge des Namens haben sich auch die Endungen verändert, bei den Knaben vom «l» zu «n». Bei den Mädchen enden heute rund 70 Prozent der Namen auf «a».
Bei der Wahl der Namen scheint heute der Fantasie keine Grenze gesetzt. Der Gesetzgeber lässt eine grosse Bandbreite zu. Einen Vornamen würden sie nur dann ablehnen, wenn er gegen die Interessen des Kindes verstosse, erklärt Alexander Egli, Leiter des Zivilstandsamtes des Kantons Basel-Stadt.
In der Vergangenheit war man strenger. Heute sucht man das Gespräch mit den Eltern. Man weise sie etwa auf die falsche Schreibweise hin oder dass das Kind mit einem solchen Namen in der Schule gehänselt werde. Erlaubt sind bis zu zehn Vornamen, was bei Adeligen oder Belgiern durchaus vorkomme. Manche Eltern wählten für ihre Kinder geografische Namen, wie Sidney, Rom oder Alaska. Auch dies sei möglich, erklärt Alexander Egli. Bei Schweiz oder Basel hört der Spass auf.
Und wie steht es mit dem Namen Jesus? Für den Gesetzgeber ist dies kein Problem. Doch während dieser Name in den lateinamerikanischen Ländern durchaus vorkommt, ist Egli ein solcher Wunsch noch nie begegnet.
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