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«Ich schreibe Ihnen, weil meine Grossmutter meine Familie um etwas gebeten hat», so beginnt die E-Mail, die Avital Wajs an die Zeitung schickt. Eine Woche später sitzt die 27-Jährige neben ihrer Schwester Sasha am Familientisch in der Wohnung ihrer Eltern am Zürichsee.
Schwere Ledermöbel säumen den Raum, orientalisch anmutende Teppiche schmücken die Wände. Avital Wajs hat Notizblätter vor sich ausgebreitet, die sie in kleiner akkurater Schrift über und über beschrieben hat.
«Es kommen laufend neue Informationen hinzu über den Familienchat», erklärt sie und schaut prüfend aufs Smartphone. Sie hat einen Aufruf gestartet an die acht Geschwister ihrer Mutter und deren Familien. Es geht um das gemeinsame Familienoberhaupt Grossmutter Esther Elevitsky und deren Pflegeeltern in Elsau, die sie während des Zweiten Weltkriegs bei sich aufgenommen hatten.
«Ich schreibe Ihnen, weil meine Grossmutter meine Familie um etwas gebeten hat», so beginnt die E-Mail, die Avital Wajs an die Zeitung schickt. Eine Woche später sitzt die 27-Jährige neben ihrer Schwester Sasha am Familientisch in der Wohnung ihrer Eltern am Zürichsee.
«Es kommen laufend neue Informationen hinzu über den Familienchat»
Esther kam als Tochter jüdischer Eltern während des Zweiten Weltkriegs zur Welt. Ihre Mutter Cécilia Grossnass war in Deutschland aufgewachsen und nach der Kristallnacht mit ihrer Familie nach Belgien geflohen. Dort stellte ihr der Leiter der jüdischen Hochschule ihren späteren Mann Anshel Luftig vor. Cécilia und Anshel – Avital Wajs’ Urgrosseltern – fanden über einen Matchmaker, einen Verkuppler, zueinander, wie das in jüdischen Gemeinschaften oft der Fall ist.
Als Cécilias Schwester und deren neun Kinder deportiert werden, flüchtet das Paar von Antwerpen nach Frankreich, zuerst nach Luchon – wo sie heiraten – dann weiter nach Marseille, wo Tochter Esther zur Welt kommt. Cécilias Eltern begleiten das junge Paar, sie wohnen in der Nähe, und die Familien sehen sich täglich. Bis Cécilias Mutter sagt: «Komm morgen nicht vorbei, ich habe ein schlechtes Gefühl.» Am nächsten Tag ist die Wohnung verlassen: Avital Wajs’ Ururgrosseltern deportiert und später in einem Konzentrationslager – wahrscheinlich Auschwitz – ermordet.
Esther wurde in Marseille geboren.
Die Wajs-Schwestern sind mit der brutalen Familiengeschichte aufgewachsen. Vieles weiss Avital Wajs auswendig, zwischendurch überprüft sie die Informationen auf ihren Notizblättern, und manchmal ergänzt Schwester Sasha: «Meine Grossmutter spricht häufig von ihren Pflegeeltern, Elsau-Mama und Elsau-Papa, sie waren immer präsent in unserer Familie.»
Esther Elevitsky lebt heute in Israel, doch sie telefonierten viel, sagt Avital Wajs. Vor einigen Wochen kam die Grossmutter erneut auf ihre Kindheit zu sprechen – auf die Pflegeeltern und ein Mädchen namens Ursula, mit dem sie in Elsau gut befreundet gewesen sei: Sie frage sich, was wohl aus ihr geworden sei. Avital Wajs erklärte die Recherche daraufhin kurzerhand zu ihrer Aufgabe.
Von Marseille flüchteten die Urgrosseltern mit Tochter Esther zu Fuss über die Berge in die Schweiz. Cécilias Eltern hatten ihr von einem Rabbiner namens Botschko in Montreux erzählt, der bekannt dafür war, im Krieg jüdischen Flüchtlingen Zuflucht verschafft zu haben. Über die Schweizer Grenze kam das Ehepaar nur, weil sie Baby Esther dabei hatten. Viele andere wurden an derselben Stelle abgewiesen.
Die Schweizer internierten Esthers Eltern in getrennten Lagern. Cécilia war zum zweiten Mal schwanger, und es war klar, dass sie sich nicht würde um die kleine Tochter kümmern können. Auf welchem Weg die Urgrosseltern von Ida und Jakob Ackermann erfahren haben, ist nicht bekannt. Wajs vermutet, dass dererlei Informationen über die jüdische Gemeinschaft weitervermittelt worden sind. Bekannt ist, dass die kleine Esther bei Ackermanns in Elsau sicheren Unterschlupf gefunden hat. Erst nach Kriegsende, als das Mädchen bereits drei Jahre alt war, konnten sie Cécilia und Anshel wieder zu sich holen.
Über die Schweizer Grenze kam das Ehepaar nur, weil sie Baby Esther dabei hatten.
«Ein Pfarrer musste Esther erklären, dass diese Leute ihre richtigen Eltern waren», erzählt Avital Wajs. Und gerne hätten die Ackermanns sie nicht hergegeben: «Meine Urgrosseltern mussten versprechen, Esther in den Sommerferien wieder nach Elsau zu schicken.» Daran hätten sie sich gehalten, bis sie acht oder neun Jahre alt gewesen sei.
Wohl aus dieser Zeit stammen die meisten Erinnerungen Grossmutter Esthers, die sie später vielfach mit ihrer Familie teilte. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Freibad in Winterthur, das sie so gerne besuchte. Elsau-Mama habe sie nicht gehen lassen wollen, bevor sie nicht ihren Teller leer gegessen hatte. Doch Jakob Ackermann konnte nicht gleich streng sein und habe zu seiner Frau gesagt: «Ida, jetzt lass sie doch!» Woraufhin die kleine Esther in die Badi springen durfte.
Ida und Jakob Ackermann mit Pflegekind Esther um 1945 in Elsau.
Nach dem Krieg zogen Anshel und Cécilia mit Tochter Esther und einem kleinen Bruder zurück nach Antwerpen, wo weitere Geschwister dazukamen. Ida Ackermann sei beim dritten Kind sogar aus der Schweiz angereist und habe der jungen Familie geholfen, erzählt Wajs. 1951 ging es für die Familie weiter nach England, auch dort blieb der Kontakt in die Schweiz bestehen, und Esther erhielt selbst gestrickte Kleider und ein silbernes Besteckset. 1963 heiratete sie in London Joseph Elevitsky mit dem sie neun Kinder, unter anderem die Mutter von Avital und Sasha Wajs, aufgezogen hat.
Das letzte Mal besuchte Esther ihre Pflegemutter einen Monat nach ihrer Hochzeit. «Meine Grossmutter hat mir erzählt, dass Ida sie ‹Estherli› genannt habe und der Besuch sehr emotional gewesen sei», erzählt Avital Wajs. Nach dem Tod ihres Mannes Jakob lebte Ida Ackermann noch bis Mitte der Achtziger in ihrem Haus am Zaunerweg.
Esther Elevitsky besuchte ihre Pflegemutter zum letzten Mal 1963 in Elsau.
Das Haus gehört heute noch demselben Ehepaar, das es 1982 von Ida Ackermann erworben hat. Esther und Hans Martin Baumgartner erinnern sich gut an die ältere Dame, die noch einige Jahre im Wohnrecht mit ihnen dort gelebt hat: «Sie hatte den Spitznamen «s Idäli», aber wir haben uns damals natürlich noch gesiezt», erzählt Esther Baumgartner – und das obwohl man dieselbe Badewanne geteilt habe. «Ida war eine aufgestellte Dame, die zwischendurch auch mal ein zweideutiges Spässchen gemacht hat», sagt sie. Über Pflegekinder habe Ida Ackermann ab und zu gesprochen, es müsse einige gegeben haben.
Die Suche nach Ursula, Esther Elevitskys Kindheitsfreundin, gestaltet sich schwieriger. Es kämen verschiedene Familien infrage, sagt Hans Martin Baumgartner, der in der Nachbarschaft aufgewachsen ist. Etwas älter als Esther sei Ursula gewesen, blonde Zöpfe habe sie damals gehabt, und nach Kriegsende hätten die beiden jeden Sommer in Elsau zusammen verbracht, gibt Avital Wajs die Erinnerungen ihrer Grossmutter wieder: «Das seien ihre schönsten Ferien überhaupt gewesen.»
«Die schönsten Ferien überhaupt»
Ihre ganze Familie sei Ida und Jakob Ackermann sehr dankbar, sagt Avital Wajs. «Es war eine unheimliche Zeit damals, und Menschen zu helfen, brauchte Mut.» Sie zählen Elsau-Mama und Elsau-Papa zu den Gerechten unter den Völkern; ein Ehrentitel, der in Israel für Personen eingeführt wurde, die während des Kriegs Juden geholfen haben. «Im Talmud heisst es, wer ein Leben rettet, rettet die Welt», sagt Wajs.
«Im Talmud heisst es, wer ein Leben rettet, rettet die Welt»
Umsetzung: Marco Huwyler
Bilder: Marc Dahinden, Johanna Bossart, PD