Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03396.jsonl.gz/1909

Letzte Nacht träumte ich, dass wir blutüberströmt vor dem Notfall stünden, aber nicht reindurften, weil wir keine Atemschutzmasken trugen. Zwei Nächte zuvor hatte ich einen meiner über die Jahre wiederkehrenden Albträume: Alle unsere Familienmitglieder waren zu Besuch, und ich hatte vergessen einzukaufen. Ich erwachte ruckartig, stützte mich auf meine Ellenbogen und wischte mir übers schweissnasse Gesicht. Dann fiel mir ein, dass ja gerade Lockdown war. Erleichtert legte ich mich wieder hin.
Es ist ein Albtraum, aber auch eine meiner liebsten Fantasien: Ein grosser Tisch, um den herum meine Familie sitzt und redet und isst und trinkt, und ich, ich stehe in der Küche und koche. Wir sind ja sehr viele, weil sowohl die Eltern meiner Frau als auch meine geschieden und neu liiert sind. Dann sind da Geschwister und Cousinen, Schwager und Schwägerinnen. Es wären also einige. Und wir sind ziemlich gut verteilt in Europa; Helsinki, Göteborg, Biel, Lübeck und so weiter. Die Vorstellung, sie alle an einen Tisch zu bringen, wäre allein schon ein logistisches Wunder – aber was soll ich kochen?
Die Essneurosen meiner Kleinfamilie beschrieb ich letzte Woche, aber sie sind wirklich nichts im Vergleich zu denen meiner Grossfamilie. Meine Schwester ist eine strenge Ovo-Vegetarierin, aber sie wirkt geradezu frivol neben ihrem Mann, meinem Schwager. Er kocht – sehr gut – nach streng ayurvedischen Vorgaben, die so fundamentalistisch sind, dass er überall, wo er hinkommt, anbietet, selbst etwas zuzubereiten. Im Wissen, dass niemand seinen Standards genügen wird.