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PORTRAIT
MERKMALE
WOLF (CANIS LUPUS)
- Aussehen: Ähnelt in der Gestalt einem Schäferhund, jedoch hochbeiniger und schlanker, mit etwas kürzerem Schwanz und weniger spitzen Ohren. Fell beige-grau mit heller Gesichtsmaske. Erscheint im Sommer schlanker wegen kürzerem Sommerfell als im Winter. In Nordamerika auch weisse und schwarze Varianten.
- Grösse: in Mitteleuropa Kopfrumpflänge 130–150 cm, Schulterhöhe 65–80 cm
- Gewicht: in Mitteleuropa ca. 30 kg, je nach Unterart sehr variabel (bis 80 kg).
- Lebenserwartung: bis zu 12 Jahren in freier Wildbahn
STATUS UND GEFÄHRDUNG
GESETZLICHER STATUS:
- Jagdgesetz, JSG (SR 922.0): geschützt
- Jagdverordnung, JSV (SR 922.01): regelt die Ausnahmen (siehe Vollzugshilfe: Konzept Wolf Schweiz)
- Berner Konvention: Anhang II (streng geschützte Tierart)
- EU Habitat Direktiven: Anhang IV (streng geschützt)
- Washingtoner Artenschutzabkommen, CITES (FR, EN): Appendix II
- Schutz Status CH: gefährdet (Vulnerable); Art mit mittlerer nationaler Priorität
ROTE LISTE GEFÄHRDETER ARTEN:
Die grössten Gefahren für Wölfe in der Schweiz bilden legale und illegale Tötungen, sowie Verkehrsunfälle (hauptsächlich mit Autos, aber auch mit Zügen).
RAUM- UND SOZIALSTRUKTUR
Wölfe sind sehr anpassungsfähig. Weltweit kommen sie in Arktischer Tundra, Wäldern, Steppen, Wüsten und sogar stark zersiedelten Gebieten vor. In der Schweiz sind sie bisher vor allem in den bewaldeten Gebieten der Alpen, Voralpen und im Jura ansässig. Für die Jungenaufzucht brauchen sie ruhige Rückzugsgebiete. In der Schweiz gibt es auch etliche Beobachtungen in der Kulturlandschaft und vereinzelte Beobachtungen aus Siedlungsgebieten.
Wölfe sind soziale Tiere und leben in Familiengruppen, sogenannten Rudeln. Die Territorien sind in den Alpen ca. 50–300 km² gross. Diese verteidigen sie gegenüber anderen Artgenossen. Durch ihre ausgesprochene Territorialität verteilen sich vergleichsweise wenige Wölfe auf großer Fläche. Die Grösse der Territorien hängt von der Dichte der Beutetiere ab. Ein Wolfsterritorium muss jeweils so groß sein, dass die Elterntiere jedes Jahr genug Beute machen können, um ihren Nachwuchs großzuziehen. Je weniger Beutetiere in einer Region leben, desto größer müssen die Wolfsterritorien sein. Die ersten Ergebnisse von mit Sendehalsband ausgestatteten Wölfen zeigten zudem, dass auch Rückzugsräume in der von Menschen intensiv genutzten Kulturlandschaft wichtig sind für die Lage und Größe der Territorien.
In Europa beträgt die durchschnittliche Rudelgrösse ca. 5 Tiere. Die Anzahl der Wölfe in einem Rudel schwankt im Jahresverlauf. In den Monaten April/Mai kommen 3–9 Welpen zur Welt. Die im Rudel verbleibenden subadulten Wölfe der letzten Jahrgänge helfen bei der Aufzucht des neuen Wurfes mit. Auf der Suche nach einem Partner und einem eigenen Territorium verlassen Jungwölfe meist im Alter von 10–22 Monaten das elterliche Territorium, andere wiederum bleiben bis zu 3 Jahre im Rudel. Es ist dokumentiert, dass fremde Wölfe in einem Rudel aufgenommen werden.
FORTPFLANZUNG
Im Gegensatz zu Haushündinnen wird das Wolfsweibchen nur einmal im Jahr läufig. Die Paarungszeit fällt zwischen Januar und März, je nach Gebiet. Nach einer Tragzeit von ca. 63 Tagen bringt die Wölfin meist 3–9 blinde Junge zur Welt. In der Regel hat nur das territoriale Weibchen Junge. Da Wölfe erst im Alter von 22 Monaten geschlechtsreif werden, sind meist Tiere aus mehreren Jahrgängen im Rudel vorhanden. Dabei kann es vorkommen, dass neben der Fähe auch noch eine ihrer Töchter Welpen bekommt. Auch können unter dem Einfluss einer starken Bejagung durch den Menschen oder bei sehr guter Nahrungsbasis, Mehrfachwürfe einem Rudel vorkommen. Das ganze Rudel kümmert sich um die Aufzucht der Welpen, trotzdem ist deren Sterblichkeit sehr hoch. Nach ca. drei Monaten werden die Welpen aus der Wurfhöhle zu geschützten Verstecken (Rendezvous-Plätze) gebracht, wo sie alleine bleiben, während die Erwachsenen jagen. Ab Herbst folgen sie dem Rudel. Im Alter von 10 Monaten bis 2 Jahren wandern die meisten Jungwölfe ab, um ein eigens Rudel zu gründen. Finden sie kein geeignetes Revier in der Nähe, können sie über weite Strecken abwandern (bis 1’500 km). Dabei werden sie häufig zu Verkehrsopfern.
Welpen des Beveriner Rudels vom Jahrgang 2019
© Hans Garmann, AJF
NAHRUNG
Der Wolf ist ein Hetzjäger und Opportunist: Er reisst Beute, wann immer sich eine günstige Gelegenheit bietet. Dieses Verhalten ist in der Natur sinnvoll, da der Jagderfolg oft ausbleibt und ein Wolf somit lange hungern muss. Er kann es sich nicht leisten, eine Chance auf Beute zu verpassen. Dies führt aber auch dazu, dass flüchtende Tiere wiederholt den Tötungsinstinkt des Wolfs auslösen. In einer eingezäunten Schafweide z.B. kann es sein, dass er daher mehr Tiere tötet als er fressen kann.
Hauptsächlich ernähren sich Wölfe von Huftieren und sind bei der Wahl ihrer Beute sehr anpassungsfähig. Das kann im Jahresverlauf beträchtlich schwanken, z.B. während der Setzzeit. Meist erbeuten sie junge, ältere und kranke Tiere. In Mitteleuropa jagen Wölfe vor allem Rothirsche, Rehe und Gemsen, in Südeuropa auch Wildschweine. In Nordamerika z.B. Wapitis, Karibus, Elche oder Bisons. Wo Huftiere fehlen, weichen sie auf kleinere Beute wie Hasen oder sogar Lachse aus. Gelegentlich töten sie Goldschakale, Füchse, Nutztiere und Kleinsäuger oder fressen bei Nahrungsknappheit auch Aas. Wölfe können eine grosse Menge Nahrung in ihrem Magen aufnehmen, vor allem während der Zeit der Jungenaufzucht. Diese würgen sie zur Ernährung der Welpen wieder hervor. Sie können aber auch mehrere Tage ohne Nahrung leben.
GESCHICHTE IN DER SCHWEIZ
Der Wolf wurde in der Schweiz und in weiten Teilen Europas Ende des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Das Wild war zu dieser Zeit durch Überbejagung knapp geworden. Wölfe wichen vermehrt auf Nutztiere aus, was den Konflikt mit Menschen verschärfte. Sie wurden systematisch erschossen, gefangen und vergiftet. In Italien, Spanien, sowie Ost- und Nordeuropa haben kleine Bestände überlebt. Als der Wolf 1971 in Italien unter Schutz gestellt wurde, gab es dort nur mehr ca. 100 Tiere im zentral-südlichen Apennin. Aus Mangel an natürlicher Beute ernährten die Wölfe sich von Nutztieren und sogar Abfall. Einzelne Wölfe tauchten Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Schweiz auf. Wahrscheinlich handelte es sich damals um sogenannte Weitwanderer, wie sie auch in jüngster Zeit nachgewiesen werden konnten. Die wahrscheinliche Herkunft von einigen wenigen Wölfen (Wolfsrüde in Eischoll, VS, 27.11.1947 und Wolfsfähe in Poschiavo, GR, 09.09.1954) wurden in der Studie von Dufresnes et al. 2019 der ursprünglichen Alpenpopulation zugeordnet in welcher einige wenige Wölfe überlebt hatten. Durch den Schutz und die gleichzeitige Zunahme wilder Beutetiere hat sich die Population wieder erholt und bis in die Alpen ausgebreitet. 1995 wanderten die ersten Wölfe aus Italien in die Schweiz ein. Bis zur Bildung des ersten Schweizer Rudels dauerte es aber bis 2012.
MENSCH UND WOLF
Der Wolf ist Gegenstand vieler Sagen und Mythen. Seine symbolische Bedeutung ist in verschiedenen Kulturen unterschiedlich. Bei Jägern und Sammlern wurde er meist positiv gesehen. In der abendländischen Kultur überwiegt das negative Bild des „bösen Wolfes“ als Gefahr für Mensch und Vieh.
In Wirklichkeit ist der Wolf ein scheues Tier und Angriffe auf Menschen sind extrem selten. Konflikte ergeben sich jedoch aus Übergriffen auf Nutztiere. Der Umgang mit diesem Konflikt ist Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel und in der Verordnung dazu, sowie im Konzept Wolf Schweiz geregelt: Wolfsrisse werden von Bund und Kantonen vergütet. Reisst ein Wolf 35 Schafe in 4 Monaten oder 25 Schafe in einem Monat, so kann die Interkantonale Kommission, bestehend aus Kantonalen Behörden des betroffenen Kompartiments und dem Bundesamt für Umwelt BAFU, eine Abschussbewilligung erteilen. Diese Massnahme kommt zum Zug, wenn es sich bei den gerissenen Tieren um durch Herdenschutz-Massnahmen geschützte Nutztiere handelte.
Illustration des Märchens „Iwan Zarewitsch und der graue Wolf“. In den Mythen des Ostens kommt dem Wolf oft eine positive Rolle zu. Im russischen Märchen „Iwan Zarewitsch und der graue Wolf“ frisst der Wolf erst das Pferd des Helden. Danach verbünden sich aber der Prinz und der Wolf und siegen dank ihren gemeinsamen Stärken.
© Wiktor Michailowitsch Wasnezow