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In den vergangenen Jahren erlebten wir einen Boom an Stars aus allen Musik-Genres, aber vor allem populäre Rock-Artists aus den 60ern und 70ern, welche die Publishing-Rechte für ihre Musikkataloge an Major Labels oder andere Inverstor:innen verkauften. Die Innovationen der Streaming-Ära eröffneten für erfolgreiche Artists, die durch die Rechte an ihrer Musik jährlich Millionensummen verdienen, die Türen zur Wall Street. Ihr Publishing-Katalog wurde in der Finanzwelt zu einer potentiellen Goldgrube und lockte somit Investor:innen an. David Bowies gesamte Diskografie wurde für 250 Millionen Dollar an Warner Music verkauft, während Stings Publishing-Katalog für 360 Millionen über den Tisch wanderte, in diesem Fall in die Hände von Universal. Bruce Springsteen verdiente sogar eine halbe Milliarde Dollar für seinen Katalog wie auch alle Master-Rechte, für die Sony Music bezahlte. Der Musikkatalog von Pink Floyd, dessen Rechte aktuell noch nicht den Besitzer gewechselt haben, wird auf über 600 Millionen Dollar geschätzt.
Auch vor dem HipHop-Genre machte dieser Boom nicht Halt: Anfang Jahr verkaufte Berichten zu Folge Dr. Dre einen Grossteil seines Musikkatalogs, darunter Solo-Musik wie auch Anteile an N.W.A.-Releases und die Master-Rechte an seinem Soloalbum «The Chronic». Der Hauptanteil der verkauften Assets geht an die Investment-Firma Shamrock Holdings, die dem Neffen von Walt Disney gehört, während der Rest zu Universal wandert. Abgeschlossen wurde dieser Doppel-Deal zu einer Summe von 200 Millionen Dollar, wenn nicht sogar beachtlich mehr, sollte man den Berichten von TMZ glauben schenken.
Das milliardenschwere Rap-Mogul ist aber nicht die erste Person aus dem HipHop-Kosmos, die ihre Publishing-Rechte für Millionensummen verscherbelte: Letzten Sommer verkaufte Future seinen gesamten Musikkatalog samt Megahits wie «Mask Off» oder «Life Is Good». Billboard schätzte die Transaktion zwischen 65 und 75 Millionen Dollar ein, was seinem 15-17-fachen jährlichem Einkommen durch besagte Publishing-Rechte entspricht. Lil Wayne kam ihm zuvor und verkaufte bereits 2020 die Master-Rechte für seine gesamte Diskografie bis zu diesem Zeitpunkt wie auch seine Rechte an den Album-Releases seines Labels Young Money. Bei dem Label gesignt waren Nicki Minaj, Tyga und Drake, wobei letzterer einen Grossteil seiner Diskografie – von «Thank Me Later» bis «Scorpion» - unter Young Money releast hatte. Der Deal machte Wayne um 100 Millionen US-Dollar reicher. Auch Kanye West probierte seinen Musikkatalog zu verkaufen, scheiterte aber dabei. Als einer der erfolgreichsten Rap-Künstler aller Zeiten mag dies verwundern, doch es lassen sich einleuchtende Gründe für sein Versagen an der Musikbörse finden. Zwar generiert Ye’s Musik pro Jahr laut Billboard über 13 Millionen US-Dollar an passivem Einkommen. Da aber vor allem auf seinen später erschienenen Songs manchmal bis zu 24 Personen Writing Credits haben, sinkt das Einkommen des Multiplatin-Rappers auf etwa 5 Millionen pro Jahr. Während die meisten Rap-Superstars auf einen 15- bis 17-fachen Deal ihres jährlichen Einkommens abzielen, verlangte der Yeezy-Gründer ein 35-faches, sprich circa 175 Millionen Dollar für seinen Katalog. Kombiniert mit seiner unberechenbaren Persönlichkeit und seinem bisher unübertroffenen Effort, seine eigene Legacy durch den Schlamm zu ziehen, wie etwa mit Fan-Bekundigungen an Adolf Hitler, schreckte Kanye sämtliche Inverstor:innen ab.
Was bedeutet es nun für die Legacy einer Rap-Legende wie Dr. Dre, die Rechte an ihrer Musik zu verkaufen? Im Normalfall verliert der Autor dabei auch das Recht, über den Gebrauch seiner Musik zu verfügen, da die Lizenzen nun beim Käufer liegen. Ein aktuelles Beispiel dafür: Kürzlich veröffentlichte die US-Kongressabgeordnete Marjorie Taylor Greene auf ihrem Twitter-Profil ein Video, in welchem sie ohne Erlaubnis Dr. Dre’s Hit «Still D.R.E.» verwendete. Die Politikerin ist Anhängerin von rechtsextremen, rassistischen und antisemitischen Verschwörungstheorien, verbreitete falsche Informationen über die Wahl von Joe Biden, 9/11, den Ukraine-Krieg, Pizzagate und angebliche Morde der Clinton-Familie und verglich die Corona-Massnahmen mit dem Holocaust. Kein Wunder wollte Dre der Politikerin seine Musik nicht zur Verfügung stellen. Mit einer Unterlassungsklage drohte er ihr rechtliche Schritte an, sollte sie nicht umgehend den Post löschen. «Sie nutzen seine Arbeit über die verschiedenen sozialen Medien zu Unrecht aus, um Ihre spalterische und hasserfüllte politische Agenda zu bewerben» liess Dre’s Anwalt Howard King verlauten. Ob der Rapper und Producer seine Approval-Rechte beim Verkauf seines Katalogs mit einer Klausel schützen liess, ist nicht bekannt. Falls nicht, kann Shamrock Holdings von nun an eigenständig über solche Fälle verfügen. Neben diesem spezifischen Beispiel liegt es auch nicht mehr am Artist, über den Gebrauch ihrer Musik in Werbungen oder Filmen über sie zu bestimmen. In den seltenen Fällen, in denen Künstler:innen trotz Verkauf noch über den Gebrauch ihrer Musik verfügen dürfen, verdienen sie am Deal beachtlich weniger viel Geld.
Ob der Boom dieser Verkäufe dieses Jahr noch an Fahrt aufnimmt, wird sich zeigen. Zwei Argumente sprechen aber dagegen: Einerseits hätte sich der Markt im letzten Jahr laut Experte Joe Brenner massgeblich verändert. Brenner, welcher 2021 ein paar der grössten Publishing-Deals des Jahres abgeschlossen hatte, prophezeit dem «Fressrausch» ein baldiges Ende. Neben den gestiegenen Zinssätzen glaubt er auch, dass abgesehen von ein paar Ausnahmen wie Pink Floyd kaum mehr derart profitable Deals abgeschlossen werden können. Temporäre Artists wie Drake müssten zuerst den Test der Zeit bestehen: Während Rockmusiker aus den 70ern beweisen konnten, dass die Einnahmen an ihren Hits konstant bleiben werden, kann dasselbe noch nicht über die HipHop-Giganten der 2010er-Jahre gesagt werden, deren aktuelle Hits über die Zeit noch an Beliebtheit verlieren könnten und somit weniger Geld für die Inverstor:innen generieren würden. Ausserdem lässt sich argumentieren, dass die grössten Musikkataloge des letzten Jahrhunderts im Gegensatz zu urbanen, moderneren Genres mehr Nostalgie wert bei der durchschnittlich älteren, weissen Demografie der Investor:innen hat. Dass ein paar der grössten Rap-Artists der letzten Dekade ihre Publishing- und Master-Rechte verkaufen konnte, ist wohl mehr Glückssache aufgrund der damaligen Marktlage der letzten Jahre. Nichts desto trotz sagt das Phänomen viel über die aktuelle Musiklandschaft aus. Die Streaming-Ära löste eine Zeit ab, in der man noch mit Musikverkäufen alleine das ganz grosse Geld machen konnte. Die Stars der heutigen Zeit finden darum neue Wege, für ihre Zukunft aus zu sorgen, nur leider manchmal auf Kosten ihres musikalischen Vermächtnisses.