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Erst rummsten die Pauken, tröteten die Trompeten und schrillten die Pfeifen, dann wummerten die elektronischen Bässe und schliesslich, als der Morgen zu grauen begann, heulten ununterbrochen die Polizeisirenen: In Playa del Inglés war letzte Nacht Carnevale.
Deshalb zog ich mich beizeiten in mein Gemach zurück, um über etwas nachzudenken, das innerthalb weniger Tage an der Atombombe und Xavier Naidoos Wanderliedern („Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer“) vorbei an den Spitzenplatz meiner persönlichen Hitliste des Schreckens gerast ist: Die Handtuchhalter, Badetuchklammern oder, wie Aschi Rüegsegger in seiner Sagi im Eggiwil sagt, Boca Clips.
Erfunden wurden sie in der Mitte des 18. Jahrhunderts von einem ganz und gar der Natur zugewandten Volk, das seinen Lebensunterhalt in den damals noch alles andere als Vereinigten Staaten mit Jagen und Sammeln bestritt (wenn ich wüsste, wie Indianer diese Woche politisch korrekt genannt werden dürfen, hätte ich mir die umständliche Beschreibung sparen können, aber gut: Ich habe ja Zeit).
Ihnen wurde es eines Tages zu blöd, ihre Gefangenen mit endlos langen Seilen an die Marterpfähle zu binden. Deshalb setzte sich der Ältestenrat zusammen, um zu beratschlagen, wie diese Arbeit effizienter erledigt werden könnte.
Die zündende Idee hatte schliesslich Häuptling Stein der Weisen vom Stamm der Schlauen Meier. Er schlug vor, die Cowboys mit Klemmen aus Pferdeknochen zu fixieren, und wurde von seinen Kollegen daraufhin zum Ehrenvorsitzenden auf Lebenszeit ernannt.
Lange konnte er seinen Ruhm nicht geniessen: Zwei Tage später wurde er versehentlich von einem Touristen aus dem Bündnerland erschossen, der auf seiner Safari aus zwei Metern Entfernung auf einen neben ihm grasenden Bison gezielt hatte. Freudig ergriffen seine Hinterbliebenen die Gelegenheit, Prototypen der Klammer noch am selben Tag an dem Bleichgesicht auszuprobieren.
Sie hielten.
Wie so viele Erfindungen der Indianer (Pfeil und Bogen, Federschmuck – er zierte am Carnevale unzählige Köpfe – Winnetou-Filme uswusf.) machte auch Stein der Weisens Innovation weltweit Furore. Die Klemmen werden heute nicht mehr mühselig in Einzelanfertigungen auf sandigem Prärieboden geschnitzt, sondern in Hongkong und Bangladesch millionenfach von Neugeborenen zusammengeschraubt.
Es gibt sie in allen Formen und Farben. Die Fabrikanten verkaufen sie in soviele Länder, dass sie aus Kostengründen darauf verzichten, die Produktebezeichnungen von Menschen übersetzen zu lassen. Das übernimmt Google und liest sich so:
Im Hotel, in dem ich gerade den Winter abkürze, nutzen 95 Prozent aller Gäste die Dinger, um ihre Liegen zwei bis drei Stunden vor der Eröffnung des Poolareals mit einem Badtüechli zu besetzen.
Für manche scheinen diese Klemmen das wichtigste Reiseaccessoire überhaupt geworden zu sein; noch vor den Kleidern, dem Schmuck und den Kindern.
Ich habe mir in den letzten Tagen hin und wieder vorgestellt, was wohl passieren würde, wenn ich ein paar Klammern samt der Tüechli entfernen würde, während ihre Besitzer nichtsahnend das Zmorgebuffet verwüsten.
Und beschloss, diese Fantasie mit meinen Facebookfreundinnen und -freunden zu teilen:
Ihre Reaktionen waren eindeutig…
…und freuen ganz bestimmt auch Stein der Weisen. Dass jemand seine Idee dereinst so schändlich missbrauchen würde, um aufs Primitivste dem schnöden Egoismus zu huldigen, hätte er sich damals, in seinem Tipi, nie vorzustellen gewagt.
Er glaubte – zumindest, bis er dem Bündner begegnete – fest an das Gute im Menschen.