Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03499.jsonl.gz/1455

Im Basler Bus Nummer 33, der mich nach Hause bringt, ist es manchmal dicht. Da steht der pakistanische Informatiker, der in der Pharma-Industrie arbeitet, neben der Frau aus Eritrea, die ihr Kind zur Krippe bringt. Meine ältere Nachbarin, den Einkaufswagen vollgepackt, sitzt neben dem jungen Mann aus Ghana, der auf seinem Smartphone die Nachrichten auf CNN schaut. Im ganzen Wagen wuselt eine Schulklasse herum, Gesichter aus allen Weltgegenden, und neben mir zwei Jugendliche, die still und konzentriert ihre Deutschstunde repetieren, während vorne zwei Frauen – die eine aus China – über den Leverage-Effekt diskutieren.
Die ganze Welt ist unterwegs im Bus Nummer 33. Man fühlt sich manchmal wie in der Londoner U-Bahn, oder wie in der Lower East Side in New York, oder auch wie in Madrid, an der Ecke Grán Via und Calle Hortaleza. Orte, an denen Menschen zusammenkommen, die so verschieden sind, dass man die Übersicht verliert.
Viele Städte von heute sind «superdivers»
Für diesen Zustand in unseren Städten hat der Migrationsforscher Steven Vertovec den Begriff «Superdiversität» geprägt. «Superdiversität», schreibt Steven Vertovec, zeichnet sich durch ein «dynamisches Zusammenspiel von Variablen aus», darunter das Herkunftsland, religiöse Traditionen, sehr unterschiedliche Migrationswege, unterschiedliche Rechtsstatus und vieles mehr.
Immer mehr Menschen, betont Steven Vertovec, sind «von mehr Orten über mehr Orte zu mehr Orten» unterwegs, mit unterschiedlichen Fertigkeiten (von der Hochschullehrerin bis zum Busfahrer), die einen haben einen gesicherten Aufenthaltsstatus, andere sind nur provisorisch aufgenommen, viele sind illegal im Land. Und wie will man in einer Gesellschaft, in der die Busfahrerin aus Indonesien und der Investmentbanker aus Abu Dhabi sich beide zum Islam bekennen, die Religion als Unterscheidungsmerkmal nehmen?
Einfache Konzepte taugen nicht
Man verliert die Übersicht. Steven Vertovecs Konzept bedeutet denn auch einen Abschied von allen Vereinfachungen – es gibt nicht mehr «die Muslime», nicht mehr «die Kosovaren», nicht mehr «die Flüchtlinge», nur noch Menschen, die in einer sehr komplex gewordenen Welt unterwegs sind. Sie haben miteinander auf sehr vielfältige Art zu tun, inspirieren sich gegenseitig, lernen voneinander und machen einen einzigartigen, neuen urbanen Mix aus.
Der Begriff «Superdiversität», sagt die Migrationsforscherin Janine Dahinden, hat denn auch eine erstaunliche Karriere gemacht. Er habe den Blick geöffnet für die hohe Verschiedenheit der Migration heute und auch dafür, dass einfache Konzepte nicht taugen.
Urbane Vermischung ist oft auch begrenzt
Allerdings: Der Begriff beschreibt nur bestimmte Zustände, in ausgesuchten Gegenden und in bestimmten Städten und lässt ausser Acht, dass es in den meisten Städten Quartiere gibt, die in keiner Weise «divers» sind. Die Pariser Vorstädte, allen voran, sind weit davon entfernt, auch nur Anzeichen einer sozialen, kulturellen oder auch bildungsmässigen Vermischung aufzuzeigen. Sie bleiben der Ort, an dem die Ausgegrenzten landen, die wenig Verdienenden, die Arbeitslosen – hier gibt es keinen Mix, es gibt vor allem das Stigma, einer «aus den Vorstädten» zu sein.
Vor zehn Jahren sind die Vorstädte in Paris explodiert, drei Wochen lang brannten auch in anderen Städten in Frankreich Autos. Nächtelang gab es Strassenschlachten, viele Verletzte, viele Verhaftungen. Das «Pulverfass» der Pariser Vorstädte zu entschärfen – das haben bisher alle Regierungen in Frankreich versprochen; getan hat sich nicht viel, wie die Reporterin Bettina Kaps aus der Vorstadt Clichy-sous-Bois berichtet.
Statt «Superdiversität» herrscht da nach wie vor «Superausgrenzung», und die Folgen sind nicht absehbar – neue Aufstände sind jederzeit möglich. Und täglich, auch das zeigt die Reportage von Bettina Kaps, werden die Ressourcen, die Fähigkeiten, die Intelligenz, die Tatkraft junger Leute vergeudet. Talente, die der heutigen Zeit dringend nötig wären, für alle.