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Ethik: Christliche Ethik
Aktualisiert: 5. Mai 2021
Nach einer persönlichen Einleitung werden die Bedeutungen von Ethik und Moral in den beiden grossen westlichen Traditionen des Christentums - römisch-katholisch und evangelisch - im Sinne einer grob skizzierten Heranführung aufgezeigt.
Bild: Pixabay.com (Peggy_Marco)
Disclaimer
Es fällt mir eher schwer, diese Zusammenfassung aufzuschreiben, weil ich mich als Agnostiker verstehe und der festen Überzeugung bin, dies sei die einzig logische, mit der Vernunft vereinbare metaphysische Position. Als Agnostiker bestreite ich die mögliche Existenz einer Seele oder eines transzendenten Wesens wie Gott usw. nicht, aber weil ich dergleichen aufgrund meines Erkenntnisvermögens weder verifizieren noch falsifizieren kann, halte ich Fragen wie "Gibt es einen Gott?" oder "Gibt es eine Seele?" wegen ihrer prinzipiellen Unbeantwortbarkeit für belanglos, ja geradezu paradigmatisch irrelevant.
Ich verstehe zwar den Wunsch, die schiere Existenz des Kosmos über die derzeitigen Grenzen der Naturwissenschaft hinaus zu begründen und darüber womöglich auch dem Dasein unserer Spezies einen tieferen Sinn zu verleihen. Vielleicht benötigen viele Individuen unserer Spezies aus Gründen der Psychohygiene einen solchen Lebenssinn, damit sie sich in diesem unfassbar riesigen Universum nicht allzu verloren fühlen, oder mit der Bürde der vollständigen Verantwortung für ihr eigenes Leben und Handeln besser umgehen können, wenn sie ihm einen höheren Zweck geben. Wer einen Glauben für sein Wohlergehen oder was auch immer benötigt, dem sei er völlig unbenommen.
Wegen der prinzipiellen Unbeantwortbarkeit der Grundsatzfrage "Gibt es einen Gott?" ist Religion oder, allgemeiner ausgedrückt, sind transzendente Wesen oder Prinzipien in einem logischen Argument aber per se unzulässig. Wenn nämlich "Gott" oder zugehörige Ableitungen wie z.B. die Gottebenbildlichkeit des Menschen als Prämissen eines Arguments immer wahr oder falsch sein können, ist jede sich aus einer solchen Prämisse ergebende Konklusion ebenfalls stets wahr oder falsch - und damit wertlos weil logisch unbestimmt. Solche Prämissen sind demnach etwa das Analogon zu Schrödingers Katze - mit dem Unterschied, dass wir den Kasten dieser Prämissen nie werden öffnen können, und der Atomkern eine unendliche Halbwertszeit hat. Um es mit Ludwig Wittgenstein auszudrücken (Tractatus logico-philosophicus, Absatz 7):
"Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen."
Der Rekurs auf transzendente Wesen oder Prinzipien führt also im Allgemeinen logisch zwingend ins Reich der Spekulation. In der Ethik lassen sich dann je nach Ausgestaltung dieser Spekulation also alle nur erdenklichen Moraltheorien entwickeln, sei es nun ein katholisches oder ein satanistisches oder ein auf den Glaubenssätzen der United Church of Bacon beruhendes Normensystem. So verkommt Moral letztlich zu einer quasi grenzenlos subjektivistischen bzw. weltanschaulichen Beliebigkeit. Das kann aber nicht der Anspruch der Ethik sein, folglich muss Ethik ohne Theologie bzw. Religion auskommen, wenn sie sich nicht selbst den wissenschaftlichen Boden unter den Füssen wegziehen will.
Katholizismus
Nach Auffassung des Dozenten, Tit.-Prof. Dr. theol. Markus Zimmermann, ist Ethik integrativ und kontextsensibel zu verstehen. Integrativ, weil sich normativ Richtiges auf das Streben nach dem Guten (gelungene Lebens- und Glücksentwürfe) beziehen müsse und vice versa. Kontextsensibel, weil der Dozent eine metaethisch relativistische Position einnimmt, wonach die Ethik in einem soziokulturellen Kontext zu sehen sei und sich auch aus einem prä-reflexiven (d.h. intuitiven bzw. instinktiven) Bereich eigener Überzeugungen, Intuitionen und Erfahrungen speise. Zu diesen Überzeugungen gehörten u.a. religiös verankerte Überzeugungen, welche die "ethische Identität" einer Person beeinflussten.
Typisch für das theologisch-ethische Denken ist der Beizug von Analogien wie z.B.:
Gottebenbildlichkeit des Menschen als Grundlage gleicher Würde aller
Treue Gottes als Grundlage der Selbsttreue und Treue zu anderen Menschen
Liebende Zuwendung Gottes als Grundlage der Selbst- und Nächstenliebe
Mit diesen Analogien befindet sich die theologisch-ethische Sicht in einem hermeneutischen Zirkel, worin die Gottesvorstellung die Auffassung vom Menschen und von Moral prägt, umgekehrt aber auch die Auffassung vom Menschen und von Moral die Gottesvorstellung mitbestimmt und sich also je nach Interpretation der Bibel unterschiedliche Schlussfolgerungen ergeben können. Die katholische Moraltheologie wird nach Böckle definiert als: Die Theorie menschlicher Lebensführung unter dem Anspruch des Glaubens. Eigentümlich an einer christlichen Moral ist das vergangene, biblisch überlieferte und das künftige, biblisch verheissene Heilshandeln Gottes als tragender Grund des menschlichen Lebensvollzugs und damit der Moral. Voraussetzung für eine diesbezügliche "ethische Identität" einer Person ist eine religiöse Überzeugung in Form einer christlichen Glaubenshaltung.
Die Kennzeichen theologischer Ethiken katholischer Provenienz sind im Wesentlichen:
Kognitivismus: Ethische Normen sind mittels Vernunft erkenn- und begründbar.
Universalismus: Die Normen gelten allgemein, nicht nur für Gläubige oder bestimmte Kulturen.
Richtiges ist Gutes: Ein gelungenes Leben wird mit einem normativ richtigen Leben identifiziert.
Lehramtskonformität: Die Aussagen müssen im Einklang mit dem katholischen Lehramt stehen.
Als Grundlegung der theologischen Ethik wird eine "vom Glauben instruierte Vernunft" gesehen, womit weder eine Vernunft gemeint ist, die durch den Glauben ersetzt wird, noch eine Vernunft, die ohne den Glauben auskommt, sondern eine vom Glauben geprägte Vernunft. Ausgehend von einem göttlichen, ewigen Gesetz (lex aeterna) könne der Mensch vermittels der ihm von Gott gegebenen Vernunft das Naturrecht (lex naturalis) erkennen.
Mit Anbrechen der Industrialisierung begann sich das katholische Lehramt mit der "sozialen Frage" zu befassen und entwickelte Prinzipien der katholischen Soziallehre, die als sozialethische Grundsätze für das individuelle Handeln wie auch für die Ausgestaltung der Gesellschaft betrachtet werden:
Personalprinzip: Mensch als Person, Achtung der Menschenwürde
Gemeinwohlprinzip: Ausrichtung an übergeordnetem Gemeingut (auch des Privateigentums)
Solidaritätsprinzip: Wechselseitige Verpflichtung und Bereitschaft, füreinander einzustehen
Subsidiaritätsprinzip: Was Einzelne eigeninitiativ leisten können, soll ihnen nicht entzogen werden
Retinitätsprinzip: Vernetzungsprinzip; Einbettung in ökologische Regelkreise
Nachhaltigkeitsprinzip: Balance zwischen Gesellschaft, Wirtschaft, Umwelt
Gerechtigkeitsprinzip: Unparteilichkeit, Verteilungs- und Leistungsgerechtigkeit
Zu den Fragen am Lebensanfang - Genomchirurgie, Stammzellenforschung, Abort usw. - nimmt die katholische Kirche grundsätzlich eine deontologische Argumentationslinie ein, berücksichtigt dabei aber auch biologische Aspekte und konsequentialistische Argumente. Diesbezügliche Aussagen werden auf unterschiedlichen Ebenen getroffen:
Metaphysische Ebene: "Wann kommt die Seele in den Menschen?"
Biologische Ebene: u.a. Kernverschmelzung, Organbildung, Geburt
Ontologische Ebene: Wesensbestimmung, menschliches/personales Leben
Ethische Ebene: Recht auf Leben, Tötungsverbot, Nicht-Schadens-Gebot
Politisch-regulative Ebene: Gesetze, Verbote, Erlaubnisse, Bedingungen
Eine diesbezüglich definitive metaphysische Position nahm das katholische Lehramt nie ein. So wurde u.a. postuliert, die Seele werde bereits während des Zeugungsaktes eingegossen, oder simultan bei der Kernverschmelzung, oder sukzessive im Verlaufe der embryonalen Entwicklung. Für den Personenstatus und mithin die Schutzwürdigkeit werden die folgenden drei Standardpositionen eingenommen:
Genetische Position: Personensein beginnt mit Kernverschmelzung.
Epigenetische Position: Personensein beginnt später (Einnistung, Bildung Primitivstreifen o.ä.).
Tutioristische Position: Personensein beginnt sicherheitshalber ab frühestmöglichem Zeitpunkt.
Protestantismus
Im Unterschied zur katholischen Kirche ist Pluralität ein "Markenzeichen" evangelischer Theologie und mithin Ethik. Im Protestantismus empfangen die Gläubigen das Wort Gottes nicht durch die Kirche, sondern durch die Bibel und bilden daraufhin dann eigene, ihrer Bibelauslegung gemässe Kirchen. Nach Auffassung von Protestanten kann der Gläubige vor Gott nur durch seinen Glauben oder aus Gottes Gnade bestehen, nicht aber durch eigenes Verdienst oder gute Werke.
Folglich ist die Moral kein konstitutives Merkmal des Glaubens, Gläubige sind frei zur eigenständigen ethischen Reflexion. Aber eben aus dieser Freiheit erwachse gemäss Luther die Moralität aus dem Glauben, insbesondere die Moral der Nächstenliebe. Eine Gebotsethik wird eher als "fallback"-Position verstanden, das Ideal ist moralisches Leben aus spontaner Liebe zum anderen, abgeleitet aus der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Drei mögliche Verständnisse von "Moralität aus Glauben":
Glaube als Begründung einer spezifisch christlichen Moral: Die evangelische Ethik leitet sich aus dem Dogma ab, Moral sei gebunden an die Lebensform im christlichen Glauben, die sich über Nächstenliebe ausdrücke.
Glaube als Motivation zur rational begründeten Moral: Das christliche Ethos verlangt, sich auf die Perspektiven anderer einzulassen, folglich muss sich die Theologie an der gesellschaftlichen Herausforderung einer universellen Moral beteiligen.
Theologische Ethik als kritische Reflexion des christlichen Ethos: Theologische Ethik rekonstruiert als hermeneutische (die Bibel auslegende) Ethik die normativen Geltungsansprüche christlicher Glaubenspraxis.
Im Protestantismus wird Moral metaethisch als Phänomen menschlicher Sozialität interpretiert und ist demnach Gegenstand einer Sozialethik, worin Moralbegriffe auf ihre soziale Dimension hin reflektiert werden und die kritisch gegenüber dem Subjektivismus und Individualismus der Ethik ist. Im Fokus dieser Sozialethik stehen nicht zuletzt auch gesellschaftliche Institutionen als Vermittler von sozialen Beziehungen und kollektive Handlungsakteure.
In einer weiteren Betrachtung gilt die evangelische Sozialethik als Bereichsethik, die sich mit sozialen Gerechtigkeitsdefiziten von Gesellschaften befasst und sich moralisch klar für die Schwachen einer Gesellschaft positioniert. Insgesamt ist die evangelische Sozialethik folglich auch eine politische Ethik, da sie sich mit den gesellschaftlichen Gütern der Freiheit und Sicherheit auseinandersetzt und Pflichten wie Solidarität und Gerechtigkeit oder den Respekt vor der Freiheit der Personen reflektiert.
Zu den Fragen am Lebensanfang bzw. zum moralischen Status des menschlichen Embryos kennt auch die protestantische theologische Ethik unterschiedliche Positionen und Antworten.:
Fertilisationsthese: Embryo muss ab Kernverschmelzung als Mensch geschützt werden.
Epigenetische Position: Kontextabhängig abgestufter Schutzstatus des Embryos.
Die Fertilisationsthese resp. die genetische Position wird jedoch kritisiert, insbesondere mit:
Normativer Fehlschluss: Das Genom könne nicht Grund der Menschenwürde sein, es handle sich um einen Biologismus resp. Sein-Sollen-Fehlschluss, der der nötigen Unterscheidung von Organismus (Embryo) und normativem Personenbegriff (Mensch) nicht Rechnung trage.
Problematische biologische Annahmen: Das Genom kann nicht Grund der Menschenwürde sein, weil es lediglich ein "Programm" sei, das einen Organismus (Zellen) voraussetze, in welchem es wirksam werden könne, um letztlich eine Person hervorzubringen.
Theologische Probleme: Wenn das Genom göttlichen Ursprungs ist, so würde das Verhältnis von Gott zur Welt in der Fertilisationsthese auf eine rein innerweltliche Ursache-Wirkung-Beziehung reduziert, die jedoch dem metaphysischen Grundgedanken eines Schöpfers zuwiderläuft.