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Man könnte es als sexistisch taxieren, wenn bei einer Tennisspielerin nicht der Erfolg in den Vordergrund gerückt wird, sondern die Tatsache, dass sie zweifache Mutter ist. Zumal die 34-jährige Tatjana Maria in Wimbledon, beim wichtigsten Tennisturnier der Welt, erstmals im Halbfinal steht.
Zwei Gründe sprechen dagegen: Erstens zeigt es auf, dass es immer noch eine Ausnahme ist, dass Mütter Familie und Karriere im Spitzensport unter einen Hut bringen. Zweitens widerspricht Tatjana Maria selber. Sie sagt:
Tatjana Maria steht dieser Tage im Fokus der Öffentlichkeit wie nie zuvor. In der Weltrangliste gehört die frühere Nummer 46 der Welt derzeit nicht zu den Top 100. Das wird auch so bleiben, weil wegen des Ausschlusses russischer und belarussischer Spielerinnen von Wimbledon keine Punkte vergeben werden. Maria spielt meistens ITF-Turniere und damit in einer unteren Kategorie. Alle Jahre taucht sie wieder auf der grossen Bühne auf. Erst im März gewann sie in Bogota ihr zweites WTA-Turnier im Einzel.
Mit Wimbledon verbindet Maria eine besondere Geschichte. Hier spielte sie 2013, als sie mit Tochter Charlotte schwanger war, die fünf Monate später zur Welt kam. Zwei Jahre später, bei ihrem ersten Wimbledon-Turnier nach der Schwangerschaft, erreichte sie erstmals die dritte Runde.
Nun steht Maria erstmals im Halbfinal eines Grand-Slam-Turniers und rief selbst in Erinnerung, dass sie erst «vor etwas mehr als einem Jahr» eine Geburt hinter sich gebracht hatte. Anfang April 2021 kam Cecilia zur Welt. «Ich sollte mehr Kinder bekommen», scherzte die 34-Jährige.
Um die beiden Töchter – und nicht etwa um einen Tennisball – dreht sich ihr Leben und das ihres Mannes Charles Edouard. Der 48-jährige Franzose ist auch ihr Trainer. «Er bereitet die Matches vor, ich kümmere mich mehr um die Kinder», sagt Maria. Die achtjährige Charlotte und die 15 Monate alte Cecilia sind immer dabei. Tagsüber spielen sie oft im Kinderhort, den es in Wimbledon gibt, abends wird im Spielerrestaurant gegessen.
Gerade im Tennis reisst Maria Barrieren nieder. Bis vor wenigen Jahren war es noch undenkbar, dass Mütter noch als Berufssportlerinnen um die Welt reisen, auch heute ist es eher Ausnahme als Regel. Nur die grössten Turniere bieten Kinderbetreuung an. Bei der Ansetzung der Spiele wird kaum Rücksicht auf die Uhrzeit genommen. Die Aufmerksamkeit, die der unerwartete Erfolg bringt, nutzt sie, um auf Missstände hinzuweisen. Sie sagt: «Man könnte Familien helfen, zurückzukommen. Ich denke, dass ich da ein ganz gutes Vorbild bin, mit zwei Kindern wieder zurück auf der Tour zu sein. Und wieder Tennis zu spielen auf einem hohen Niveau.»
Im Tennis werden schwangere Frauen nicht als schwanger bezeichnet, sondern sie gelten als verletzt. Sie haben dadurch zwar Anspruch auf ein geschütztes Ranking, ausgehend von ihrem durchschnittlichen Platz in der Weltrangliste drei Monate nach dem Ausfall. Berücksichtigung finden aber nur die Resultate von zwei Grand-Slam-Turnieren, bei den Männern sind es alle vier. Wer früher zurückkehrt (wie Maria nach der zweiten Geburt), erhält weniger gesicherte Turnierteilnahmen zugesprochen. Maria fordert eine Ausweitung des Mutterschutzes auf mindestens zwölf Monate.
Ein Problem, das auch der Miami-Turnierdirektor, Ex-Profi James Blake, erkannt hat. Er sagt: «Im Moment behandeln wir Mutterschaft als Strafe.»
Ein noch grösseres Problem ist der Erwerbsausfall. Tennisspielerinnen, die wegen einer Schwangerschaft keine Turniere bestreiten können, können auch kein Preisgeld einspielen. Für die meisten die wichtigste, für viele die einzige Einnahmequelle. Was vielerorts Usus ist – ein Erwerbsersatz –, wird im Tennis nicht diskutiert. Das hat zur Folge, dass viele Spielerinnen ihren Kinderwunsch auf die Zeit nach der Karriere verschieben.
Tatjana Maria wollte das nicht. Sie sagt: «Die Familie kommt für mich an erster Stelle, Tennis erst an zweiter. Es ist unglaublich, das mit der Familie erleben zu dürfen. Es gibt nichts Schöneres. Das alles ist ein Traum.»
Wie auch das Turnier, in dem sie ihre Kämpferqualitäten unter Beweis stellte. In der ersten Runde verlor sie den ersten Satz. In der zweiten lag sie im dritten Satz 0:3 zurück – und gewann ihn mit 7:5. In der dritten Runde gegen Maria Sakkari lag sie im zweiten Satz 2:5 zurück, die Griechin hatte zwei Satzbälle – 7:5 für Maria. Im Achtelfinal vergab Jelena Ostapenko im zweiten Satz zwei Matchbälle. Und im deutschen Duell im Viertelfinal setzte sie sich nach verlorenem Startsatz gegen Jule Niemeier durch.
Maria pflegt einen unkonventionellen Spielstil, mit dem ihre Gegnerinnen Mühe bekunden. Auf der Frauentour spielen Profis selten den Slice, schon gar nicht mit der Vorhand. Die Bälle springen extrem flach weg nach dem Aufprall, was den Topspin als Konterschlag erschwert. Es fehlt schlicht Raum, um den Schläger von unten nach oben zu führen. Maria sagt: «Ich weiss, dass alle gestresst sind.» Und haufenweise Fehler begehen.
Auch Ons Jabeur, die Tunesierin und gute Freundin von Maria, auf die sie im Halbfinal trifft, die selber einen Stil pflegt, der von der Norm abweicht? Möglich. Und wenn nicht? Dann freut sich Tatjana Maria, die Mutter und Tennisspielerin, über einen Halbfinaleinzug, den ihr niemand zugetraut hat, über 636'000 Dollar an Preisgeld. Und wenn sie den Platz verlässt, schlüpft sie wieder in die Rolle, in der sie sich am liebsten sieht: die der Mutter. «Meinen Töchtern ist es egal, ob ich gewinne. Und wenn ich verliere, drücken sie mich fest.» (aargauerzeitung.ch)
GC-Trainer Giorgio Contini holt aus seiner Mannschaft in diesen Wochen wahrlich das Maximum heraus. Beim 1:1 in Bern gegen YB, beim 3:2 daheim gegen St. Gallen und jetzt beim 1:1 in Luzern hätten die Zürcher nach den Spielverläufen verlieren können oder müssen.