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Das Opernhaus wagte sich erstmals überhaupt an Prokofiews grandioses Musikdrama „Der feurige Engel“ - und die Premiere wurde zum Triumph.
Diese Oper hatte es besonders schwer, überhaupt das Licht der Welt zu erblicken. Der Russe Sergej Prokofjew komponierte sie zwischen 1919 und 1927, doch die Uraufführung gelang szenisch erst 1955 (unter Giorgio Strehler in Venedig auf Italienisch) , also erst zwei Jahre nach seinem Tod. Die Gründe waren vielfältig: Einerseits galt das Werk unter Stalin und dessen Kulturpropagandisten als dekadent, anderseits stellt es an den Orchesterapparat und die Solisten exorbitante Anforderungen. Umso erfreulicher, dass Zürich keinen Aufwand scheute, um diese „gewaltige Kiste“ zu stemmen.
Das beginnt beim Bühnenbild von Rebecca Ringst. Doch was heisst da „Bild“, es ist ein turmhohes Stahlgerüst „am Rande des Abgrunds“ mit lauter klaustrophobisch engen Klausen, Zimmern und Treppen, die das verkarrte Schicksal der dämonisierten Renata eindringlich illustrieren. Und hier muss ich Sebastian Bogatu, dem technischen Direktor und seinem Mitarbeiterstab, endlich einmal ein Kränzchen winden, denn was sich da wie von Geisterhand geräuschlos auftürmt und wieder entkernt, bis letztlich nur noch die nackten, illusionslosen Gerüste in den Raum ragen, ist Theatermagie und -dramaturgie pur. Wie formulierte es doch Sigmund Freud: "Unser Gehirn ist ein Haus mit vielen Zimmern."
Zerrissene Seelen bis zum nackten Wahnsinn
Prokofjew hat das Libretto nach einem Roman von Walerij Brjusow selber verfasst. Renata soll als Kind der Engel Madiel erschienen sein, mit dem sie sich als junge Frau vereinigen wollte. Er stösst sie zurück, und seitdem sucht sie ihn verzweifelt, halluziniert und entwickelt Traumata und schizophrene Angstzustände, dass einem der in sie verliebte Ruprecht leid tun muss. Er kann auf der Suche nach dem Engel eigentlich nur alles falsch machen und wird nun seinerseits zum Opfer einer irrlichternen Beziehung. Renata imaginiert, der geheimnisvolle Graf Heinrich, der sie möglicherweise als Kind missbraucht hat (sie begegnet ihm im Kinderzimmer des Stahlturms), müsse Madiel sein. Und nun soll Ruprecht ihn gar töten, ihm dann aber wiederum kein Haar krümmen dürfen. Sie verfällt immer mehr teuflischer Obsession und letztlich, aufgestachelt durch eine Wahrsagerin und Äbtissin, dem Volkszorn und der Inquisition. Tiefstes Mittelalter verschränkt sich aber laut Calixto Bieito mit unserem Zeitalter der psychischen Krankheiten, wo der Exorzismus und die Dämonenaustreibung wieder Einzug halten.
Calixto Bieito, Gianandrea Noseda, Ausrine Stundyte und Leigh Melrose
Einem vierblättrigen Kleeblatt begegnet man nicht alle Tage, und es ist ein Glücksfall sondergleichen, dass mit Regisseur Calixto Bieito, Dirigent Gianandrea Noseda und den Sängerdarstellern Ausrine Stundyte (Renata) und Leigh Melrose (Ruprecht) vier Ausnahmeerscheinungen die Inszenierung prägen. Es ist ziemlich selten, dass daraus eine derart verschworene Gemeinschaft wird, die künstlerisch höchste Meriten verdient. Dass Bieito einerseits ein alle Tiefen menschlicher Unergründlichkeit auslotender Magier ist und Noseda seit seinem „Macbeth“-Dirigat in Zürich helle Begeisterung auslöst, anderseits in den beiden Hauptpartien singuläre Sänger-Persönlichkeiten verpflichtet werden konnten, trägt zu fesselnder Nachhaltigkeit bei und katapultiert das Zürcher Opernhaus wieder dahin, wo es international auch hingehört.
Was die Partitur den Musikern und Sängern alles abverlangt und wie sie die Vorgaben umsetzen, gehört in den Olymp ausserordentlicher Anforderungen. Dass der Italiener Noseda Assistent von Valery Gergiev am Mariinski-Theater in St. Petersburg war und auch Russisch spricht, prädestiniert ihn für die Wiedergabe dieser exzessiv motorischen, eruptiven und dissonanzreichen Musik. Die Philharmonia Zürich spielt wie aus einem Guss und folgt Noseda hellwach in allen Schattierungen und im feurigen Impetus, auch hier eine Meisterleistung.
Alle Sängerinnen und Sänger namentlich aufzuführen, sprengt den Rahmen dieser Rezension. Sie tragen samt und sonders zu einem Gesamtkunstwerk erster Güte bei. Auch der gross besetzte Chor, erst gegen Schluss in Aktion, fügt sich atmosphärisch sehr wirkungsmächtig ein. Speziellen Dank verdient auch der Chordirektor Jürg Hämmerli, der nach 30 Jahren beispielhafter Pflichterfüllung in vorzeitige Pension geht und von Andreas Homoki nach der Premiere gewürdigt und mit warmherzigem Applaus verabschiedet wurde. Wir hätten seinen Choreinstudierungen gerne noch ein paar Jährchen gelauscht.
Aber nun noch ein Wort zur Protagonistin Ausrine Stundyte aus Litauen und zum englischen Bariton Leigh Melrose. Beide Partien sind sängerisch wie darstellerisch im Grenzbereich physicher wie psychischer Belastung. Hören und Sehen können einem vergehen, wenn sie im Wohnturm am Abgrund herumturnen und ihre seelischen Abgründe entblössen und eine suggestive Eindringlichkeit entwickeln, dass einem der Atem stockt. Aber darüber schreiben ist letztlich nur der hilflose Versuch, einem packenden Ereignis Gestalt zu geben. Darum: Gehen Sie hin, seien Sie Zeugnis eines Opernwunders.
Weitere Vorstellungen: Mai 11, 14, 25, 28, 31, Juni 2, 5