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Auf der Suche nach neuen Märkten haben global operierende Konzerne die Grundversorgung (Wasser, Strom, Bildung usw.) und Dienstleistungen durch die Nationalstaaten, den Service public, «entdeckt». Während die Global player nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage Kostenminimierung (keine Lagerhaltung, weniger Unterhalt) und Gewinnmaximierung anstreben, ist es die vornehmste Aufgabe der Nationalstaaten und Genossenschaften, im Sinne des Gemeinwohls Güter und Dienstleistungen zu erschwinglichen, höchstens kostendeckenden Preisen für die ganze Bevölkerung anzubieten. Deshalb muss der Staat auch für die Versorgungssicherheit bei Katastrophen und für Notzeiten (Pflichtlager, Unterhalt, hoher Selbstversorgungsgrad usw.) vorsorgen. Unser Wohlstand lässt uns vergessen, dass unsere digitalisierte, elektrifizierte Gesellschaft äusserst anfällig für Störungen geworden ist. Mangelndes Wissen um die Geschichte bewährter Institutionen der Nationalstaaten macht viele empfänglich für Scheinargumente für die Privatisierung: Staatliche Institutionen seien heute nicht mehr notwendig, nicht zeitgemäss oder widersprächen der liberalen Wirtschaftsordnung. Nicht umsonst steht die Abschaffung der Nationalstaaten weit oben auf der Agenda der Globalisierung. Die wenig bekannte Geschichte der Schweizer Salzgewinnung ist ein gutes Beispiel für diese Zusammenhänge.
Salz gehört zum Leben. Nicht umsonst widmet ihm unsere Sprache eine Vielzahl von Redewendungen. Grob gesagt lässt sich die Verwendung von Salz auf zwei hauptsächliche Bereiche aufteilen: einerseits die menschliche und tierische Ernährung, der Haushalt und der Winterdienst für die Strassen. Andererseits die Chemie, die Metallurgie, die Häute- und Darmverwertung, die Pharmazie und die Kosmetik sowie die Industrie und das Gewerbe allgemein.
Mit dem Aufkommen der grossen Kulturen wurde auch der Umgang mit Salz gepflegt. Bereits die Sumerer und Babylonier nutzten Salze zur Konservierung von Lebensmitteln. Auch die Ägypter entdeckten vor fünftausend Jahren die lebenswichtige Funktion des Salzes. Fleisch, Geflügel und Fisch konnten durch Einsalzen für Wochen und Monate haltbar gemacht werden. Das Salz wurde als wertvolles Gut entdeckt. Im keltisch-germanischen Raum gab es ab der Bronzezeit eine grossangelegte Produktion von Salz aus Meerwasser. Im Römischen Reich wurde das Salz im wahrsten Sinne zu barer Münze. Preisstabilität und geregelte Versorgung ermöglichten es den Römern nämlich, Salz als Zahlungsmittel zu nutzen. Und so wurden die vielen Staatsbeamten und Legionäre mit Salz entlohnt. Auf das lateinische Wort für Salz – sal – geht auch der bis heute übliche Begriff Salär zurück. Salz wurde so zum «weissen Gold». Ab dem 10. Jahrhundert nach Christus wurde die Konservierung von Nahrungsmitteln immer wichtiger. Man nutzte Salz als Möglichkeit, Fleisch und Käse für den Handel, den Transport und die Vorratshaltung zu konservieren, und konnte so grössere Hungersnöte vermeiden.
Salz war begehrt, die Salzvorkommen waren jedoch ungleich verteilt. Auf vorgeschichtlichen Salzstrassen wurde das Salz in salzarme Regionen transportiert. Es war ein wertvolles Gut, und durch Transport und Handel des Speisesalzes kamen viele Städte zu Reichtum.
Speisesalz (Natriumchlorid) ist für Menschen und Tiere der wichtigste Mineralstoff. Als Faustregel für die Menschen gilt: 4–6 Gramm täglich (ein gestrichener Teelöffel). Es ist ein lebensnotwendiger anorganischer Nährstoff, welchen der Organismus nicht selbst herstellen kann und der mit der Nahrung zugeführt werden muss. Keine Körperzelle kann ohne Salz existieren, das Herz könnte nicht schlagen, und alle Nerven wären lahmgelegt. Blutzirkulation, Stoffwechsel, Muskeltätigkeit, Verdauung und Ausscheidungen wären unmöglich, da Natrium den Wasserhaushalt, die Reizübertragung von Muskel- und Nervenzellen regelt und viele Stoffwechselvorgänge aktiviert. Chlorid ist unter anderem ein wichtiger Bestandteil der Verdauungssäfte. Es bewirkt die Bildung von Salzsäure im Magen, die als eine Komponente des Magensafts Proteine aus der Nahrung aufspaltet und unerwünschte Mikroorganismen unschädlich macht.
Wichtig war auch die Erkenntnis, dass mit der Zugabe von Fluor im Speisesalz ein wirksamer Schutz gegen Karies gefunden war. Noch vorher erkannte man, dass mit dem beigefügten Jod der mit Jodmangel assoziierten Kropfbildung entgegengewirkt werden konnte. Leider tritt in den letzten Jahren dieses Problem wieder vermehrt auf, da im Ausland hergestellte Fertigmahlzeiten verbreitet werden. Dieses Salz enthält in der Regel kein Jod.
Der Rohstoff Salz ist als Gewerbe-, Industrie- und Pharmasalz unverzichtbar. Salz kann nicht künstlich hergestellt werden. Es wird für die Herstellung von über 10 000 Produkten benötigt. Unsere Industrie braucht über 60 % des Salzes vorwiegend für die Produktion von Soda, Säuren, Laugen und Chlor. Unterschiedlichste Produkte wie Waschmittel, Farbstoffe, Glas, Backpulver, Medikamente, PVC-Kunststoffe, Computer, Smartphones, Seife oder Aluminium kommen bei der Herstellung nicht ohne Salz aus.
Die Schweiz musste bis 1837 sämtliches Salz aus den Nachbarländern einführen. Der Salzhandel war ein einträgliches Geschäft. Davon zeugt der prunkvolle Stockalperpalast in Brig. Im Laufe der Zeit wurden aber an verschiedenen Orten in der Schweiz Salzvorkommen entdeckt, die heute mit modernster Technologie genutzt werden, um den Salzbedarf der Schweiz zu decken
Seit über vier Jahrhunderten wird in Bex im Kanton Waadt Salz gewonnen. Eine Legende erzählt, dass Gemsen und Schafe eine besondere Vorliebe für bestimmte Wasserflächen hatten. Ein Junge aus der Gegend, Jean de Bouillet, soll das bemerkt haben. Grund für diese Vorliebe war, dass es sich um salzhaltiges Wasser handelte. Nach einigen handwerklichen Versuchen begann man im 16. Jahrhundert, das Salz mit industriellen Methoden abzubauen. Es entstand ein über 50 Kilometer langes Stollenlabyrinth. Der Abbau in den Salzminen war nicht einfach, und die Salzminen von Bex liefen mehrfach Gefahr, geschlossen zu werden. Aus Bex stammt das bekannte Sel des Alpes.
Als der deutsche Bergbaufachmann Carl Christian Friedrich Glenck 1836 in die Schweiz kam, wollte er auch auf Schweizer Boden das urzeitliche weisse Gold finden und fördern. Auch da gab es viele Rückschläge. In 8 Kantonen wurden 17 Bohrungen gemacht – erfolglos. Er verlor bei seinen Bemühungen sein ganzes Vermögen. Kurz vor dem Bankrott machte ihn der Basler Geologieprofessor Peter Merian auf das Baselbiet aufmerksam. Nach einem letzten Versuch gelang dann am 30. Mai 1836 der Durchbruch. Bei zwei weiteren Bohrungen stiess er in 137 Meter Tiefe auf ein 13 Fuss und 2 Zoll dickes Salzlager. Es wurde zur ersten Saline, und am 1. August des folgenden Jahres wurden die ersten 90 Zentner Jurasalz in Liestal abgeliefert. Der Name Schweizerhalle steht übrigens in der Tradition der Stätten für Salzgewinnung. Halle geht auf das griechische Wort hals zurück, was ganz einfach Salz bedeutet. 1843 wurde dann die Saline Kaiseraugst gegründet, 1844 die Saline Rheinfelden und schliesslich 1848 die Saline Riburg. So entstanden innert 12 Jahren im Umkreis von 20 Kilometern vier Salinen am Rhein, die in starker Konkurrenz zueinander standen.
Statt sich im Konkurrenzkampf aufzureiben, schlossen sich die Salinen Rheinfelden, Kaiseraugst und Riburg 1874 zur «Schweizerischen Rheinsalinen AG» zusammen, um gegen Schweizerhalle besser bestehen zu können. Im Jahr 1909 wurden dann aber die Salinen Schweizerhalle, Rheinfelden und Riburg von den Kantonen gekauft und zusammengeschlossen. Schweizerhalle wurde zum Firmensitz. In diesen Salinen werden mit zugeführtem Wasser die Steinsalzschichten ausgelaugt. Man spricht von Siedesalz, da es durch Sieden der Sole (Salzlauge) entsteht. Der Kanton Waadt betrieb in Bex weiterhin seine eigene Saline, wo Salz bergmännisch aus den Salz-Gesteinsschichten abgebaut wurde. Im Laufe der Zeit konnte mit verschiedenen technischen Errungenschaften die Produktion von Salz erheblich gesteigert werden. Wurden 1909 noch 52 000 Tonnen Salz produziert, können heute bis zu 600 000 Tonnen pro Jahr verarbeitet werden.
Manch einer mag sich noch an den schneereichen und kalten Winter von 1999 erinnern. Das Jahr ging auch für die Schweizer Rheinsalinen in die Geschichte ein. Erstmals waren die Auftausalzlagerhallen innert Wochen leer. Lastwagen und Bahnzüge standen Schlange, um das Streusalz auf die Strassen zu bringen. Das im Ausland bestellte Salz traf nicht rechtzeitig ein. Die Versorgung der Schweiz konnte nicht mehr gewährleistet werden. Aus diesem Fehler zog man die Konsequenzen, und im Herbst 2004 wurde mit dem Bau einer weiteren Salzlagerhalle in Riburg begonnen. Seit August 2005 steht dort der grösste Holzkuppelbau Europas (Fassungsvermögen 80 000 Tonnen Salz). Die Schweiz kann nun harten Wintern gelassen entgegensehen. Und sie kann sich in allen Bereichen selber versorgen.
2012 wurde von den Schweizer Salinen für die Versorgungssicherheit ein zweiter grosser Salzdom als Salzlager in Riburg erstellt. Die Schweizer Salinen AG beschäftigt an ihren Standorten Riburg, Schweizerhalle sowie Bex 200 Mitarbeitende und produziert rund 600 000 Tonnen Salz pro Jahr. Sie stellt die inländische Versorgung mit allen Salzarten durch Eigenproduktion, Lagerung und Handel bis in die entlegensten Gebiete der Schweiz sicher. Ein Kilo Schweizer Speisesalz kostet weniger als ein Liter Milch, reicht sehr lange, ist unbeschränkt haltbar und mit Fluor und Jod angereichert.
Für unsere Behörden war die Sicherstellung der Salzversorgung immer eine verantwortungsvolle Angelegenheit. Im Mittelalter war das Salz noch ein Luxusgut. Heute steht es allen zur Verfügung. Das verdanken wir dem Salzregal der Kantone, also dem Hoheitsrecht für die Salzgewinnung. Dieses Recht wurde 1973 von den Kantonen (mit Ausnahme des Kantons Waadt) in einem Konkordat (Vertrag zwischen Kantonen) an die Salinen übertragen. 1979 trat auch der neue Kanton Jura bei und schliesslich 2014 auch der Kanton Waadt. Im gleichen Jahr erfolgte der Zusammenschluss der Schweizer Rheinsalinen AG und der Saline de Bex SA. Das Unternehmen firmiert seit diesem Zeitpunkt als Schweizer Salinen AG. Die Schweizer Salinen AG ist ein privatwirtschaftlich geführtes Unternehmen im alleinigen Besitz der 26 Schweizer Kantone und seit 1990 auch des Fürstentums Liechtenstein. Die Schweizer Salinen haben einheitliche und somit solidarische Preise, die stabil sind. Mit diesen fixen Winter- und Sommerpreisen wird die Solidarität mit den Randregionen gesamtschweizerisch unterstützt. Das heisst, ob in die nahe Stadt Basel oder ins ferne Puschlav geliefert wird, es kostet immer gleich viel. Diese Solidarität kennen ausländische Salzanbieter nicht. Im schneereichen Winter 2012 wurde das Auftausalz für die Strassen im In- und Ausland knapp. Dank dem Salzmonopol blieben die Preise in der Schweiz jedoch stabil, während sie im Ausland in die Höhe stiegen.
Seit 2014 gilt das Salzmonopol nicht mehr absolut, da der Handel mit Speisesalzspezialitäten liberalisiert wurde.
Obwohl die Bevölkerung der Schweiz sich auf eine zuverlässige und gut funktionierende Versorgung mit Salz verlassen kann, versuchte 2006 eine Gruppe Kantonsparlamentarier mittels einer parlamentarischen Initiative das Salzregal ausser Kraft zu setzen. Der Regierungsrat argumentierte zu Recht dagegen und empfahl die Ablehnung.
2016 fand ein Berner Wirtschaftsprofessor in den Statuten des Konkordats eine seiner Ansicht nach unübliche Regelung, welche die Kantone fälschlicherweise verpflichte, das Salz bei den Schweizer Salinen zu beziehen. Was hundert Jahre niemanden gestört hatte und eine reibungslose, kostengünstige und immer wieder optimierte Versorgung der Schweiz gewährleistet hatte, sollte zum Problem gemacht werden. Das war natürlich Wasser auf die Mühlen derjenigen, die alles – auch den Grundbedarf der Bevölkerung – dem freien Markt ausliefern wollen. Glücklicherweise behielt der Berner Regierungsrat einen kühlen Kopf und lehnte 2016 eine Motion zur Abschaffung des Salzregals ab, weil für ihn die Vorteile überwiegen: «Der Regierungsrat sähe keinen Anlass, das bewährte Schweizer System der Salzversorgung gegen ein ungewisses Vorgehen einzutauschen. Die Schweizer Salinen stellten zum Beispiel sicher, dass jederzeit genug Auftausalz für die Strassen und Trottoirs zur Verfügung stehe. Weiter seien die Preise für Schweizer Salz ‹fair und konstant›, grosse Transportwege könnten vermieden werden – und die Salinen leisteten auch einen wichtigen Beitrag zur Gesundheitsprävention, indem sie dem Speisesalz Jod und Fluor beifügten.»
Dem ist nichts beizufügen! •
Ben. Die Arbeitsgemeinschaft für Film und Fernsehen in Zürich produzierte 1997 den eindrücklichen Dokumentarfilm «Schweizer Salz. Von der Sole zum Salzkristall». Er dauert 23 Minuten und ist geeignet für die Sekundarstufe I und II. Der Film ist eine lehrreiche Reise mit grundlegenden Hinweisen auf die Erdgeschichte und zeigt die Salzgewinnung aus dem Meer in den ausgedehnten Salzgärten im französischen Aigues Mortes und in der Tiefe des Erdinnern in mächtigen Salzbergwerken im deutschen Borth.
Fährt man auf der Autobahn Richtung Basel an Pratteln vorbei, so ist die Saline Schweizerhalle nicht zu übersehen. In der Nähe, in der reizvollen Juralandschaft liegt der Wartenberg. Der Hausberg vor Basel hütete in der Erde während Millionen von Jahren einen wertvollen Schatz: Tief im Erdinnern liegen mächtige Steinsalzschichten. Auch die Schweizer Rheinsalinen besuchte das Filmteam und dokumentierte ausführlich die Gewinnung von Salz im Soleverfahren. Dabei wird Süsswasser in die Kavernen eingebracht. Die gewonnene Rohsole muss danach in einem Eindampfungsprozess wieder auskristallisiert werden.
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