Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03197.jsonl.gz/1343

Psychiatry in graphical art
Miroslav Tichý – «Der Steinzeitfotograf»
Der tschechische Fotograf Miroslav Tichý (1926–2011) schuf ein riesiges fotografisches Werk mit selbstgebastelten Kameras aus Holz, Plastikröhren, Gummizügen und Objektiven mit aus Plexiglas geschliffenen Linsen. Der bärtige Mann mit seinen monströsen Apparaten erinnerte eher an einen Steinzeitjäger als an einen Fotografen.
Zur Ausstellung im Kunstraum Psychcentral in Zürich (bis 6. März 2022)
In der Kneipe fragt man mich: «Herr Tichý, was sind Sie? Ein Maler, ein Bildhauer oder ein Fotograf?» Und ich antworte ihnen: «Ich bin Tarzan in Pension!»1
Wenn wir an Art Brut denken, kommen uns die Zeichnungen von Adolph Wölfli oder Aloïse Corbaz in den Sinn2. Die Entdeckung der «Art Brut Fotografie»3 ist recht neu. Ein Pionier dieser Richtung war der tschechische Fotograf Miroslav Tichý (1926–2011). Er schuf ein riesiges fotografisches Werk mit selbstgebastelten Kameras aus Holz, Plastikröhren, Gummizügen und Objektiven mit aus Plexiglas geschliffenen Linsen. Der bärtige Mann mit seinen monströsen Apparaten erinnerte eher an einen Steinzeitjäger als an einen Fotografen.
Sein künstlerischer Weg begann zunächst konventionell. 1945–1948 studierte er Malerei an der Akademie in Prag und fand dort sein künstlerisches Thema: die weibliche Figur. Im Aktzeichnen am Modell war er Klassenbester. Der kommunistische Putsch von 1948 beendete jedoch abrupt seine akademische Laufbahn. Die Professoren wurden ausgewechselt und die weiblichen Modelle in den Malklassen durch muskulöse Vorarbeiter mit Hämmern und Si-cheln in den Händen ersetzt. Miroslav Tichý verliess die Akademie. In diese Zeit fiel auch der Beginn einer schweren schizophrenen Erkrankung, die ihn sein ganzes Leben begleiten sollte.
Die Werke der Outsider sind durch die Missachtung allgemein anerkannter, künstlerischer Regeln gekennzeichnet. Seit den sechziger Jahren eigneten sich viele zeitgenössische Maler diese Grenzüberschreitung an und liessen sich durch die Art Brut inspirieren, so zum Beispiel die «Neuen Wilden» in den Achtziger Jahren4. Bis zur Entdeckung von Miroslav Tichý blieb eine solche Entgrenzung der Fotografie jedoch schwer vorstellbar5. Miroslav Tichý ist ein Aussenseiter unter Aussenseitern6. In seinen Fotografien vermischt sich seine akademische Ausbildung mit der jahrzehntelangen Arbeit des Outsiders abseits eines Publikums. Er arbeitete nur für sich und entwickelte einen ganz eigenen Umgang mit dem fotografischen Material. In seinem Atelier stapelten sich Tausende von Fotos, von denen er manche mit Bleistift bearbeitete oder in kunstvolle Passepartouts rahmte. «Intensität findet immer ihr Medium», sagte Harald Szeemann über Tichý. Seine Fotos sind unscharf und schlecht belichtet, das Papier ist oft schmutzig, von Hand abgerissen und die Ecken sind manchmal von Mäusen und Ratten abgefressen. Tichý missachtete alle Regeln der Kunst. «Das ist ein Fehler», pflegte er zu sagen, «doch der Fehler macht vielleicht die Poesie.» Tichýs Frauen erscheinen entrückt, verklärt und nicht von dieser Welt. «Fotografie ist Malen mit Licht».7
2004 wurden 27 dieser Fotografien von Harald Szeemann in der Ausstellung BIACS – der ersten internationalen Biennale in Sevilla gezeigt8. 2005 gewann Miroslav Tichýs Werk den Prix Découverte am internationalen Fotografiefestival in Arles und ebenfalls 2005 hatte Tichý mit 78 Jahren seine erste Einzelausstellung überhaupt – im ehrwürdigen Bührlesaal des Kunsthauses Zürich. Es folgten Einzelausstellungen im Centre Pompidou in Paris, im Museum der modernen Kunst in Frankfurt, im International Centre of Photography in New York, u.a.. Der Aussenseiter Tichý hat der überhitzten Kunstwelt gezeigt, dass es auch anders geht. Ein Künstler kann ein ganzes Leben lang an seinem Werk arbeiten – ohne Ausstellungen und Galerien, ohne Geld und Anerkennung – und im Verborgenen Grossartiges erschaffen. Auch zehn Jahre nach seinem Tod ist sein Werk «die letzte Entdeckung der Fotografiegeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts» wie Quentin Bajac vom Centre Pompidou sagte.
Tichýs Geschichte ist nicht nur eine Geschichte von der Schönheit der Frauen, unscharfer Fotos und Malerei mit Licht. Es ist auch die Geschichte eines Einzelnen am Rande der Gesellschaft. In der Stalinära wurde der sozialistische Realismus zur neuen Kulturdoktrin. Tichýs Werke galten nun als reaktionär. Seine Akademiekommilitonen passten sich an und malten Soldaten mit Kalaschnikows. Doch Tichý konnte und wollte sich nicht anpassen. Er wurde zum Aussenseiter. Er zog sich zurück, stellte nicht mehr aus, verzichtete auf gesellschaftlichen Erfolg, auf Konsumgüter und – auf Frauen. Er lernte ohne zu leben. Er grub Kartoffeln auf den Feldern aus und backte sein Brot auf einem Feuer im Hof des Hauses. Um Wasser zu sparen, wusch er sich im Freien, wenn es regnete. Er hatte nur eine Bekleidung, die er immer wieder von Hand mit Flicken reparierte (er nannte es «Patchwork»). Er baute seine Kameras, ein Radio und eine Waschmaschine aus Holz und aus Abfallmaterialien. Seine Farben machte er selbst. Schwarze Ölfarbe lässt sich wunderbar aus dem Russ des Kamins mit Leinöl anmischen. Zum Zeichnen nahm er das Altpapier seiner Nachbaren, wodurch vielschichtige, poetische Werke entstanden, wie sie gleichzeitig beispielsweise Dieter Roth erfand. So wurde Miroslav Tichý zu einem einzigartigen Künstler – zum Steinzeitfotografen.
Mangelnde soziale Anpassungsfähigkeit verstehen wir bei schizophrenen Menschen meistens als Ausdruck der Krankheit. Doch wenn die Gesellschaft krank wird, kann die Verrücktheit helfen, «gesund» zu bleiben. So wurde Tichý nicht nur als ein Kranker, sondern auch als Dissident gegen das kommunistische Regime wahrgenommen. Sein Lebensstil der Verweigerung war den lokalen Machthabern ein Dorn im Auge. Miroslav Tichý war das dialektische Gegenstück zum propagierten Ideal des "neuen sozialistischen Menschen". Er wurde verfolgt und inhaftiert. Die Polizei hat ihn geschlagen und seine Kameras zerstört. Vor den Feierlichkeiten zum 1. Mai und zur Oktoberrevolution wurde er psychiatrisch interniert, damit er durch sein Aussehen nicht stört. In der Klinik wurde er zwangsrasiert und seine Kleider wurden verbrannt, bevor man ihn dann wieder frei liess. Auch unter den Dissidenten des Prager Undergrounds war Verrücktheit eine Form des Widerstands. Der Dichter und Kunstkritiker Ivan Jirous «Magor» («der Irre»), war einer der Führer des Prager Undergrounds und der Charta 77. Er verbrachte ebenso viele Jahre in Gefängnissen wie Václav Havel. Er stellte sich dem Regime mit «verrückten» Aktionen entgegen und verweigerte sich der Normalisation nach 1968. Wie Ivan Jirous blieb auch Miroslav Tichý trotz Krankheit und Repression ein fröhlicher und geselliger Mensch. Er traf sich mit anderen Künstlern und Dissidenten, trank sein Gläschen Wein und lachte gerne, auch über sich selbst: «Ich weiss nicht wer mein Urgrossvater war, aber mein Ururgrossvater war ein Dinosaurier!».
Tichýs Reaktionen auf den gesellschaftlichen Druck waren ebenso einfach, wie auch radikal. Durch Verzicht und Erfindungsgeist erreichte er ökonomische Unabhängigkeit und künstlerische Freiheit. «Bau Deine Kameras aus Holz, ernte die Kartoffeln und den Weizen auf dem Feld, mahle sie auf einem Stein und backe sie auf dem Feuer, wasche Dich, wenn es regnet und Du bist frei». Der Rückzug aus der Gesellschaft zum «Outsider» hat nicht nur mit dem Individuum (und seiner schizophrenen Erkrankung), sondern auch mit der In- und Exklusionsbereitschaft einer Gesellschaft zu tun. Die Krankheiten einer Gesellschaft und der Widerstand eines (manchmal kranken) Individuums bedingen einander.
In unserem Kunstraum im Ambulatorium der Psychcentral in Zürich wollen wir versuchen, in Ausstellungen, Fortbildungen und Events eine Plattform für Themen zwischen Therapie und Kunst zu schlagen (www.psychcentral.ch/events). Unsere erste Ausstellung «AFTER ANY GIVEN TIME: Harald Szeemann – Miroslav Tichý» zum 10. Todestag von Miroslav Tichý repliziert die erste internationale Ausstellung des Künstlers, kuratiert von Harald Szeemann im Jahre 2004 an der BIACS – der ersten Biennale in Seville. Die Ausstellung dauert bis 6. März 2022 (Psychcentral, Lessingstrasse 9, 8002 Zürich, www.psychcentral.ch, Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag 12–18 Uhr).
Correspondence
Dr. med. Roman Buxbaum
Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie
Ärztlicher Leiter der Psychcentral Zürich
Lessingstrasse 9
CH-8002 Zürich
roman.buxbaum[at]psychcentral.ch
Copyright
Published under the copyright license
“Attribution – Non-Commercial – NoDerivatives 4.0”.
No commercial reuse without permission.
See: emh.ch/en/emh/rights-and-licences/