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Der durchsichtige Mensch
Wilhelm Conrad Röntgen fand in Zürich zur Physik. Ein Vierteljahrhundert später entdeckte er die Strahlen, die den Menschen durchsichtig machten.
Wie wäre Wilhelm Conrad Röntgens Leben ohne die Zürcher Jahre verlaufen? Die Antwort bleibt Spekulation. Immerhin: Am Polytechnikum fand Röntgen den Weg zur Physik und an der Universität Zürich promovierte er mit seinen «Studien über Gase».
Im Wintersemester 1865 nahm Röntgen am Polytechnikum das Studium an der Mechanisch-Technischen Abteilung auf. Offenbar hielt er wenig von Strebertum. Er spielte den eleganten Dandy, der sich am Seilergraben eine teure Pension leistete. Gerne ruderte er auf dem See oder machte Ausflüge in die Berge.
Am Polytechnikum hatte Röntgen das Glück, echte Lehrerpersönlichkeiten zu treffen. Jener Schuldirektor, der sich den Faulpelz Röntgen vorknöpfte, war Gustav Anton Zeuner, von 1855 bis 1871 Professor für Mechanik und theoretische Maschinenlehre. Er betreute auch Röntgens Doktorarbeit an der Universität.
Schicksalshaft war die Begegnung mit dem jungen Physiker August Kundt. Nach Abschluss der Ingenieurausbildung war Röntgen unschlüssig: Wie sollte er seine Zukunft gestalten? Kundt, eben Professor am Polytechnikum geworden, lud den jungen Mann in sein Labor ein. Hier erlernte Röntgen jene Genauigkeit im Experiment, für die er später berühmt wurde. Röntgen war für die Physik gewonnen. Das Polytechnikum durfte in jener Zeit noch keinen Doktortitel verleihen. Die Universität war unter dem gleichen Dach beheimatet, und so kam es, dass Röntgen 1869 seine Dissertation an der Universität Zürich einreichte und so als «Dr. phil.» die Stadt verliess. Als Kundt 1870 einem Ruf nach Würzburg folgte, nahm er Röntgen als seinen Assistenten mit.
25 Jahre später, am 8. November 1895, entdeckte Physik-Professor Röntgen in seinem Labor in Würzburg eine neue Art von Strahlen, die X-Strahlen. Er machte damit den Menschen durchsichtig. Das erste bekannte Röntgenbild zeigt die Hand seiner Frau Bertha. Innert kürzester Zeit machte Röntgens Entdeckung nicht nur international Schlagzeilen, sondern löste ein wissenschaftliches Erdbeben aus. Ein Mediziner aus Zürich, Röntgens Würzburger Kollege Albert Kölliker, regte an, die neuen X-Strahlen «Röntgen-Strahlen» zu nennen.