Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03634.jsonl.gz/3199

Als ersten Einblick in das Buch bieten wir hier den Anfang des Kapitels von Gastautor Marcel Hänggi, das der I = PAT Formel gewidmet ist:
Kommen Sie mit, treten Sie ein! Es gibt ein Kinderfest, und Sie sind eins von zehn geladenen Kindern. Es gibt Kuchen.
Das dickste Kind trifft zuerst ein und stopft sofort ein Drittel des Kuchens in sich hinein. Das zweite Kind schnappt sich halb so viel wie das erste, das dritte bis fünfte je ungefähr ein Zehntel des ganzen Kuchens, und die verbleibenden Kinder prügeln sich um die die Brosamen (wählen Sie selbst, welches Kind Sie sein wollen!). Das Verhalten der Kinder widerspiegelt grob die Verteilung der natürlichen Ressourcen unter der Weltbevölkerung. Aber keine Sorge: Der Gastgeber hat noch jedes Jahr einen größeren Kuchen gebacken, und so gibt es auch für Kind Nr. 7 bis Kind Nr. 10 die Hoffnung, eines Tages richtig doll essen zu können.
Das Kinderfest, liebe Leserin, lieber Leser, war eine kleine List. Es geht nämlich in diesem Kapitel nicht um ein lustiges Fest, sondern um ernsten Schulstoff. Auf dem Stundenplan steht Bruchrechnen – und Sie werden sich mit einer mathematischen Formel herumschlagen müssen. Aber seien Sie unbesorgt: Es ist nicht schwierig.
Die Formel ist in den Schul- und Handbüchern der Umweltlehre zu finden. Paul Ehrlich und John Holdren haben sie in den 1970er Jahren aufgestellt; mittlerweile hat sie kanonischen Status erlangt. Sie beschreibt, wie verschiedene Faktoren auf die Umwelt einwirken:
Dabei steht I für die Umweltwirkung (englisch Impact), P für die Bevölkerungsgröße (Population), A für den Wohlstand pro Kopf (Affluence), und T bezeichnet einen Technik-Faktor: Je »besser«, »umwelt-effizienter« die Technik einer Gesellschaft ist, desto kleiner ist T. Bringt technischer Fortschritt bessere Technik hervor, sinkt T.
Was muss also geschehen, fragt die Mathematiklehrerin, damit I sinkt? Richtig: P, A oder T müssen sinken. Es gibt (suggeriert die Formel mit mathematischer Autorität) drei Möglichkeiten, die Umwelt zu schonen: Man schnallt den Gürtel enger (A), man senkt die Bevölkerungszahl (P) oder man verbessert die Technik (T).
• Den Gürtel enger schnallen: Das ist Askese. Askese ist Käse, finden die Schüler/innen.
• Die Bevölkerungszahl senken (oder zumindest ihr Wachstum bremsen): Das ist die Strategie der Malthusianer/innen, es ist die Rockefeller-Strategie, die Paul-Ehrlich-Strategie, die Ecopop-Strategie.
• Die Technik verbessern: Das ist die Strategie der Techno-Optimist/innen, und es ist die der neoklassischen (also der dominierenden) Ökonomie.
Während P leicht messbar ist und I je nach Zusammenhang etwas anderes bedeuten kann – etwa CO2-Emissionen oder Landverbrauch –, muss man A und T näher definieren. Der Wohlstand (A) wird in aller Regel als Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf verstanden: BIP / P. Der Technikfaktor ist umso geringer, je weniger eine Technik die Umwelt belastet, gemessen daran, was sie zum Wohlstand beiträgt: T ist gleich Umweltbelastung (I) pro Wirtschaftsprodukt (BIP) oder I / BIP.
Wir erhalten also (die Lehrerin schreibt an die Wandtafel):
Die Klasse hat die Formel zerlegt, nun gilt es, zu kürzen. Es zeigt sich: sowohl P wie auch BIP fallen weg:
Es bleibt also:
Mit anderen Worten: Die Formel ist korrekt! Sie ist aber auch sinnleer: Sie besagt nicht mehr, als dass die Umweltwirkung gleich der Umweltwirkung ist. Anders gesagt: I = PAT ist eine willkürliche Faktorenzerlegung. Statt P, A und T könnte man auch ganz andere Faktoren wählen – beispielsweise I = MΩ, wobei M die Anzahl der Meerschweinchen wäre und Ω die Umweltwirkung pro Meerschweinchen.
…das ganze Kapitel lesen Sie im Buch «Die unheimlichen Oekologen». Helfen Sie uns mit, dass wir das Buch auch an einer Lesetournee vorstellen können – mit Ihrem Beitrag ans Crowdfunding auf wemakeit.ch.