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Einsam sieht der Wachmann in die kalte Ebene hinaus. Das kreisrunde Loch ist mit einem Band abgesperrt. Am Boden liegen Eisbrocken, im Gegenlicht glitzern Splitter und Kristalle, man erkennt Fussabdrücke, Reifenspuren. Gleissendes Sonnenlicht erhellt die weisse Fläche. Die Taucher haben unter dem Eis nichts gefunden und die Suche nach mehreren Stunden aufgegeben. Wenig später war das Loch wieder zugefroren. Es herrschten minus zwanzig Grad am See von Tscherbakul. Tage später entdeckte man in der Nähe schwarze poröse Steinchen. Der grösste wog ein Kilo, viele jedoch waren unscheinbare Fundstücke in Millimetergrösse, Überreste einer Explosion mit der Kraft von 33 Hiroshima-Bomben.
An dem Tag, da alle Welt auf die ungefährliche Begegnung eines Asteroiden mit der Erde wartete, raste ein kleiner Meteor durch die Atmosphäre, heizte sich zu einem Feuerball auf und zerplatzte in einer Höhe von 30 Kilometern. Zuerst war der Blitz, die Bewohner von Tscheljabinsk eilten zu den Fenstern, um nachzusehen, was vorgefallen war; dann fegte eine Druckwelle über die Region und zerbrach die Scheiben. Fast 5000 Gebäude wurden beschädigt, mehr als 1500 Menschen verletzt, die meisten durch die Glassplitter der Fensterscheiben.
Niemand hatte den Luftstein kommen sehen. Mit einem Durchmesser von etwa 17 Metern entging er den Teleskopen, die den Himmel fortwährend nach anfliegenden Objekten absuchen. Vielleicht verdeckten Wolken die Sicht, oder die Suchprogramme übersahen den kleinen Himmelskörper, weil er das Sonnenlicht nur schwach reflektierte. Täglich entdecken Teleskope zwei neue erdnahe Himmelssteine, die allermeisten messen nur einige Dutzend Meter. Auf mehr als eine Million wird ihre Zahl geschätzt. Bekannt sind aber kaum mehr als ein Prozent. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 42 Kilometern in der Sekunde irren sie durchs All. Der Bolide von Tscheljabinsk benötigte auf flacher Flugbahn 32 Sekunden, um von Alaska über den Nordpol und Sibirien bis ins Eisloch im Südural zu gelangen. Der Erdball ist umringt von Gesteinsbrocken aus der Frühzeit der Sonne. Ihr Geburtsland ist die Gegend zwischen Mars und Jupiter. Beobachtet werden jährlich etwa sechs Meteoritenfälle. Die meisten landen unbemerkt im Meer oder in der Wüste. Manche entdeckte man nur wegen eines plötzlichen Knattergeräuschs.
Vor Jahren jedoch wurde eine Kuh von einem Himmelsstein erschlagen, ein anderer brach durch das Autodach eines Chevrolet, in Alabama hinterliess ein fünf Kilo schwerer Brocken ein defektes Radiogerät und Blutergüsse bei der Hausbewohnerin, die gerade im Wohnzimmer auf der Couch gelegen hatte.
Der Zeitgeist ist zügig zur Tagesordnung zurückgekehrt. Zwar trafen prompt aus allen Himmelsrichtungen alarmierende Berichte über strahlende Himmelskörper, kosmische Blitzattacken oder unsichtbare Krater ein. Sofort rief man nach interstaatlichen Abwehrmassnahmen, phantasierte von Raumsonden, die einen Asteroiden vom Kurs abbringen könnten, oder von Atomraketen, die unwillkommene Himmelsboten in luftiger Höhe zersprengen könnten. Aber der Wille zur Selbstberuhigung war unverwüstlich. Obwohl 99 Prozent der gefährlichen Objekte noch nie gesehen wurden, soll sich, so hiess es, ein Ereignis wie jüngst im Ural laut Statistik nur alle hundert Jahre wiederholen. Das Risiko ist gering, aber das schliesst nicht aus, dass ein finaler Vorfall übermorgen geschehen könnte.
Untergründig wirkt das Photo nicht ganz so harmlos, wie es zunächst scheinen mag. Ein einzelner Mann steht da in weitem Land, ringsum nichts als plane, leere Fläche. Er allein ist übrig. Bruchstücke des Luftgesteins sind nirgends zu sehen. Nur die Sonne blendet mit einer Strahlkraft, in deren Hitze einmal alles verglühen wird. Manchmal bedarf es für einen Begriff von der Stellung des Menschen im Kosmos nur eines Photos. Doch warum hat dieser Erdenbewohner das Eisloch abgesperrt? Noch muss es andere Menschen geben, Unbefugte und Neugierige, die dem Loch im Eis nicht zu nahe kommen sollen. So sagt die banale Absperrung, dass letztlich alles in Ordnung ist.