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Welches sind Ihrer Meinung nach die neuen Herausforderungen, welche die Kirche in Thailand erfährt?
Alain Bourdery: Heute gibt es in Thailand viele Priester: ungefähr einen auf 500 Katholiken. So werden eigentlich keine neuen Missionare mehr erwartet. Unsere Aufgabe besteht darin, den missionarischen Geist aufrecht zu halten und neue Missionsbereiche zu eröffnen.
Welches sind diese Missionsbereiche?
Da gibt es zuerst die Herausforderung, die Jugend in die moderne Zeit zu begleiten. Es besteht hier eine noch sehr lebendige Tradition. Auf der andern Seite übt der westliche Lebensstil auf die Jungen eine sehr hohe Anziehung aus. Ebenso beschäftigen uns die Integration der Minderheiten und das Problem der Armut.
Sie sind als Missionar zu der Minderheiten der Karen geschickt worden. Was ist das Spezielle dieser Mission?
Ich bin hier durch und durch ein Fremder, in einer für mich völlig ungewohnten Umgebung. In Frankreich lebte ich in der Stadt, und jetzt lebe ich in einer ganz ländlichen Welt. Ich konnte studieren, und jetzt befinde ich mich in einem Milieu, wo die Menschen fast nicht lesen und schreiben können. Es gibt keinen elektrischen Strom. Und die Menschen holen das Wasser noch an den Quellen. Man ist der Natur sehr nahe.
Wie leben die Karen ihren Glauben?
Die Evangelisierung begann erst vor kurzem. Es sind noch keine fünfzig Jahre her. Meistens leben diese Menschen die Religion der Geister, wo es gilt, mit ihnen in Harmonie zu leben. Es gibt Geister in den Dingen und Geister in der Natur. Wenn es etwas gibt, das nicht richtig läuft, eine Krankheit oder eine Naturkatastrophe, dann ist ein entsprechender Geist nicht zufrieden. Man muss diesen Geist zurückgewinnen und sich mit ihm durch Opfer versöhnen. Dieses muss einen Bezug haben zum Übel, das man verursacht hat. So kann sich eine Familie oftmals sehr hoch verschulden. Wenn die Karen zum christlichen Glauben übertreten, spüren sich nicht selten eine wirkliche Befreiung, weil sie jetzt nicht mehr der Macht der Geister unterworfen sind. Karen, die den christlichen Glauben leben, sind befreite Menschen.
Glauben Sie, dass die Lebensweise der Karen mit den modernen Einflüssen verschwinden wird?
Das erste Problem ist die sehr geringe Schulbildung. Der Zugang zur schulischen Ausbildung ist daher vordringlich. Die Karen haben eine echte Kultur. Jede Kultur stammt von Gott, sagt etwas aus über Gott. Wenn eine Kultur verschwindet, dann schliesst das die Vorstellung ein, dass Gott verschwinde. Wir müssen die Karen in die Moderne begleiten und gleichzeitig die kulturellen Elemente der Karen bewahren.
Wie erfahren Sie jetzt diese Mission?
Es ist für mich ein überraschendes Geheimnis, dass diese Menschen Christus entdecken konnten, trotz der Armseligkeit der Missionare. Mission ist nicht nur das Resultat unserer Hingabe und unserer Grosszügigkeit. Sie ist auch das Werk des Heiligen Geistes. Der Heilige Geist ist der erste Missionar. Trotz der kulturellen Unterschiede konnten wir zu den Menschen geschwisterliche Beziehungen aufbauen. Das sind besonders schöne Momente, die man als Mensch erleben kann.
Gibt es bei den Karen auch das Bewusstsein einer Pfarrei?
Sie verstehen sich eher als eine Gemeinschaft von verschiedenen Familien aus dem Dorf. Die Dörfer sind sehr zerstreut und es gibt keine Strassen. Der Priester kann nicht oft in die Dörfer gehen. Er kommt selten in einem Dorf vorbei, höchstens ein bis zweimal im Jahr. Es gibt sehr wenige Priester, die hier arbeiten wollen. Die Gemeinschaften treffen sich jeden Sonntag. Für den Unterricht begibt sich ein Katechet ins Dorf oder man nimmt die Kinder mehrerer Dörfer für den gemeinsamen Unterricht zusammen. Diese Gemeinschaften sind sehr lebendig. Sie sind auch der Grund für viele Bekehrungen. Wir haben die Aufgabe, diese Gemeinschaften zu begleiten und darauf zu achten, dass kein spirituelles Elemente verloren geht. Sonst verlieren die Leute bald wieder ihre Begeisterung für den christlichen Glauben. Darum werden Verantwortlichen der Gemeinschaften regelmässig zur Ausbildung zusammengerufen.
Gibt es in der Kultur der Karen Elemente, die mit dem christlichen Glauben nicht vereinbar sind?
Die Tradition ist dem Christentum sehr nahe: kein Konkubinat, jungfräuliches Leben vor der Ehe, der Glaube an einen höchsten Gott. Bei den Karen gibt es eine alte Legende. Am Beginn der Zeit habe Gott den Karen ein Buch geben wollen, eine Offenbarung. Die Karen haben sich dafür nicht interessiert und haben den Fischfang und die Jagd vorgezogen. Die weissen Menschen, die nach den Karen auf die Welt gekommen sind, haben dieses Buch gefunden. Die Offenbarung, die den Karen verheissen war, blieb bislang verborgen. Die weissen Menschen haben ihnen nun geholfen, sie zu entdecken. Diese Legende hat die Mission gefördert: Als die ersten Missionare ankamen, brachten sie die Bibel mit und die Karen dachten, es sei die Offenbarung, die sie einst abgelehnt haben.
Aus dem Internet, Homepage der Mission étrangère de Paris:
Übersetzung: Gebhard Kurmann