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Vor dem Eisenbahnzeitalter war die Baubranche in Thun relativ unbedeutend: 1846 beschäftigte dieser Wirtschaftszweig nur drei Prozent der Erwerbstätigen. Mit den Industriegründungen, dem Ausbau der Verkehrsinfrastruktur und dem Bevölkerungswachstum der Stadt ab 1860 nahm die Nachfrage im Baugewerbe deutlich zu. So waren 1905 bereits zwölf Prozent der Arbeitskräfte in Thun im Bau tätig. Während des ganzen 20. Jahrhunderts blieb die Branche etwa auf diesem Niveau. Zeitweise stützten Hotelbetriebe und das Militär die Baukonjunktur. So vergaben der Waffenplatz und die Rüstungsbetriebe ihre Aufträge für den Bau von Gebäuden und Strassen an private Unternehmen. Die Umsätze und die Zahl der Beschäftigten unterlagen jedoch grossen Schwankungen, die der allgemeinen Wirtschaftskonjunktur folgten. Während der beiden Weltkriege sowie in den Krisen der 1930er-, 1970er- und 1990er-Jahre ging die Nachfrage im Bausektor und damit die Zahl der Beschäftigten deutlich zurück. 2008 waren in Thun noch neun Prozent der Beschäftigten in dieser Branche tätig, vorwiegend Männer.40
Baustelle der Firma Selve an der Scheibenstrasse 8, Sommer 1917. Vier Handlanger tragen den Beton in Holzwannen zu ihren Kollegen, die den Boden der ersten Etage des Transformatorengebäudes erstellen. Die Armierungseisen sind bereits ausgelegt. Zwei Arbeiter verteilen und verdichten den Beton mit Metallstangen. Die Selve liess damals ihren Betrieb von Architekt Alfred Lanzrein (1879–1933) um mehrere Gebäude erweitern.
Die bedeutendste Baufirma in der Region Thun ist seit Ende des 19. Jahrhunderts die Frutiger AG. Johann Frutiger (1848–1913) absolvierte in Bern eine Steinhauerlehre und gründete 1869 in seinem Geburtsort Oberhofen ein Baugeschäft, das er 1877 um eine Zimmerei und eine Schreinerei erweiterte. Frutiger errichtete in Thun und im ganzen Berner Oberland zahlreiche Gebäude und Tourismusbauten und war zudem im Strassen- und Gleisbau tätig. Nach seinem Tod übernahmen seine beiden Söhne das Geschäft und expandierten weiter. 1946–1954 trat die dritte Generation in die Firmenleitung ein und verlegte den Sitz in die Stadt Thun. Nach 1945 vermochte sich die Frutiger AG schweizweit als erfolgreiche Bauunternehmung zu behaupten. Sie eröffnete Filialen in Bern, im Berner Oberland und später in der Westschweiz. In den 1970er-Jahren realisierte sie ausserdem Projekte im Ausland. Seit 2001 steht die vierte Generation an der Spitze. Die Frutiger AG übernahm nun mehrere kleinere Firmen und beschäftigte 2018 in 25 Unternehmungen rund 2800 Per- sonen, 600 davon in Thun. Gemäss ihrem Umsatz war sie 2015 die zweitgrösste Baufirma der Schweiz. Sie errichtete unzählige bekannte Bauten wie den Berner Teil der Grimselstrasse (1891–1894), das Bahnhofgebäude in Thun (1920– 1923), die Grimselstaumauern (1926–1932), das Sphinx-Observatorium auf dem Jungfraujoch (1937), das Kernkraftwerk Mühleberg (1960–1971) oder das Fussballstadion Stockhorn Arena in Thun (2011).41
Weitere Thuner Bauunternehmen, die seit Langem bestehen, sind die Helmle AG (gegründet 1908), die Läderach Weibel AG (1919 und 1924 entstanden, 1979 fusioniert) sowie die 1913 entstandene Kanderkies AG. Diese baute am rechten Ufer des Kanderdeltas in Einigen Kies und Sand ab und produzierte daraus Zementröhren und Betonprodukte. Ein Teil des Materials wurde per Schiff nach Thun transportiert und in Scherzligen auf Bahnwagen für den Weitertransport verladen. Die Firma beschäftigte 1954 rund 180 Arbeiter, 2012 noch 80. Im Jahr 2000 fusionierte sie mit drei anderen Firmen zur Creabeton Matériaux SA mit Sitz in Lyss.42