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Das vor der Saison erstellte Drehbuch hatte eine andere Handlung vorgesehen. Als Hauptdarsteller der Scuderia Ferrari war Sebastian Vettel gesetzt. Er war dazu berufen, die schwarze Serie der Roten von elf Saisons ohne Fahrer-Titel in diesem Jahr endlich zu beenden. Charles Leclerc war die Rolle des Adlatus zugedacht. Der Monegasse war angewiesen, sich in den Dienst des Deutschen zu stellen. Leclerc sollte im Sinne des Teams agieren. Eigene Interessen sollten zweitrangig bleiben.
Die Planung verkam bald zur Makulatur. Leclerc vollzog nach seinem Lehrjahr im Rennstall Sauber den Wechsel nach Maranello ohne geringste Schwierigkeit. Ohne Verzögerung stellte er sein Talent auch im roten Auto unter Beweis - und immer öfter Vettel in den Senkel.
Leclercs Signale waren deutlich. Er wehrte sich dagegen, sich in das angedachte Schema pressen zu lassen. Als Helfer war sich der Hochbegabte aus dem Fürstentum zu schade. Er machte die eigenen Ansprüche ohne Umschweife geltend. Sein Ehrgeiz liess es nicht zu, sich hinten anzustellen.
Leclerc reagierte auf die ungleichen Bedingungen mit Leistung. Im Vergleich mit Vettel hatte er zuletzt regelmässig die Nase vorn. In den Qualifyings war er sechsmal in Folge der Bessere, mit dem Sieg am letzten Sonntag im Grand Prix von Belgien drängte er sich zum Leidwesen von Vettel noch mehr in den Vordergrund.
Der Premierensieg des Monegassen in der Formel 1 war auch der erste für Ferrari in dieser Saison. Nicht der gestandene Vettel hatte den ersten grossen Lichtblick in den mehrheitlich grauen Alltag gebracht, sondern der aufstrebende Jüngling aus Monte Carlo. Das Ergebnis in Francorchamps war der bisherige Höhepunkt der Demütigung von Vettel, der sich zu allem Übel auch noch genötigt sah, Helferdienste zu verrichten.
Der wachsende Druck
Das Verdikt in Belgien markiert das vorläufige Ende eines Prozesses, in dessen Verlauf Leclerc sich Schritt für Schritt nach oben arbeitete und immer mehr an den als sakrosankt betrachteten Spielregeln rüttelte. Er brachte seine Vorgesetzten in die Bredouille - und, vor allem, erhöhte er praktisch im Zwei-Wochen-Rhythmus den Druck auf Vettel.
Unter Druck, das ist keine neue Erkenntnis, neigt Vettel zu Fehlern. Fehler wiederum potenzieren seine Probleme, die ihrerseits die Spirale, die sich in die völlig falsche Richtung dreht, zusätzlich beschleunigen. Den Ausweg aus dem Sog hat Vettel noch nicht gefunden. Als Grund des Übels hat er das Auto geortet, mit dem er nicht wie gewünscht zurecht kommt.
Die Schwierigkeiten nagen an Vettel. Seine Körpersprache verspricht nichts Gutes. Zuletzt hat er einen resignierten Eindruck gemacht und irgendwie desillusioniert und hilflos gewirkt. Der Versuch, den ungebrochenen Spass an seinem Beruf hervorzuheben, überzeugt nicht, das Lächeln in seinem Gesicht scheint aufgesetzt. Die Erkenntnis, dass sein Fahrstil nicht zum SF90 passt, schmerzt zu sehr. Die Ursache für die fehlende Harmonie im Detail zu erklären, würde zu weit führen. Die Komplexität der Formel 1 fördert für Aussenstehende oft schwer Nachvollziehbares zutage. Vereinfacht gesagt, kommt das zerrüttete Verhältnis zwischen Vettel und dem Auto primär in den Kurven zum Ausdruck, in denen sich der Ferrari im Bereich des Hecks nicht so verhält, wie es sich der Fahrer vorstellt.
Die Techniker arbeiten seit Monaten mit Hochdruck an der Lösungsfindung. Gefruchtet haben die Bemühungen bisher nichts. Die Möglichkeit, dass sich im Verlauf der Saison noch etwas ändern wird, scheint gering. Ohne wirkungsvolle Anpassungen am Auto wird sich Vettels Hoffnung auf Besserung aber wohl nicht erfüllen. Ohne Veränderungen in die richtige Richtung wird es schwierig werden, den aufstrebenden Leclerc im Zaum zu halten. Der nächste Teufelskreis.
Eine echte Knacknuss
Noch hat Vettel in der WM-Wertung Vorsprung auf Leclerc. Das dünne Polster von zwölf Punkten könnte aber schon am Sonntag, nach dem Grand Prix von Italien, aufgebraucht sein. Die interne Wachablösung wäre dann auch mit Zahlen belegt. Das Heimspiel der Scuderia in Monza wird für Vettel also zu einer echten Knacknuss, zur vielleicht grössten Bewährungsprobe seit seinem Stellenantritt vor fünf Jahren bei Ferrari.
Vettel steht am Scheideweg. Im Königlichen Park fährt er nicht nur um Punkte, sondern womöglich um seine Karriere. Eine weitere interne Niederlage würde ihm in der aktuellen Lage nicht gut anstehen. Sie würde wohl bis zum Saisonende nachhallen und gegebenenfalls Vettels Sinnieren über seine Zukunft in der Formel 1 weiter vertiefen.
Vettels Etikett des Verlierers würde auf jeden Fall noch etwas grösser werden, sollte das Rennen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs nicht nach seinem Gusto verlaufen. Die Rolle des Hauptdarstellers wäre endgültig nicht mehr für ihn reserviert.