Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03337.jsonl.gz/1979

Der Hypothekarmarkt für Privatpersonen ist mit grossem Vorsprung das wichtigste Segment im schweizerischen Kreditmarkt. Ende 2014 betrug das Gesamtvolumen der ausstehenden Hypothekarkredite an Privatpersonen 661 Milliarden Franken. Zum Vergleich: Kredite gegenüber inländischen Firmen beliefen sich insgesamt auf etwa 248 Milliarden Franken. Konsumkredite von Privatpersonen machten lediglich 11 Milliarden aus.[1]
Hypothekarkredite sind nicht nur für die Raiffeisen-, Regional- und Kantonalbanken das wichtigste Kreditprodukt. Auch für die zwei inländischen Grossbanken machen Hypotheken an Privatpersonen beinahe 70 Prozent der inländischen Kredite aus.
Die Zusammensetzung des Portfolios von Hypothekarkrediten hat weitreichende Konsequenzen für das Kreditrisiko der Banken. Hierbei spielt auch die Stabilität der Beziehung zum Kreditnehmer eine wichtige Rolle. Ist die kreditvergebende Bank auch die Hausbank eines Kreditnehmers, so kann sie dessen Kreditrisiko besser einschätzen und laufend überprüfen. Dies geschieht beispielsweise durch eine genauere Analyse von Einnahmen und Ausgaben. Gleichzeitig sind die Anreize für Kreditnehmer, einen Kredit zurückzubezahlen, höher, wenn sie eine längere und intensivere Beziehung zur Bank haben. Für solche Kunden ist es grundsätzlich schwer, ähnlich gute Kreditkonditionen bei einer anderen Bank zu erhalten.[2] Der Einfluss auf das Kreditrisiko einzelner Banken und die tragende Bedeutung des Hypothekarkreditmarktes in der Schweiz machen die Kundenbindung im Hypothekarmarkt auch für die Stabilität des gesamten Bankensektors wichtig: Stabilere Kundenbeziehungen bedeuten einen stabileren Bankensektor.
Treue zur lokalen Bank
Obwohl die Beziehung zwischen Hypothekarkunden und Banken für die Finanzstabilität von grosser Bedeutung ist, gibt es zur Struktur dieser Kundenbeziehungen kaum empirische Studien. Eine neue Untersuchung der Universität St. Gallen bietet erstmals eine systematische Analyse der Kundenbeziehung im schweizerischen Hypothekarmarkt.[3] Sie basiert auf einer Umfrage von 1481 Deutschschweizer Haushalten aus dem Jahr 2011. Die Umfrage bietet vertiefte Informationen zu sämtlichen Bankbeziehungen der Haushalte: Seit wann besteht die Beziehung mit dieser Bank? Welche Finanzprodukte der Bank, wie Zahlungsdienstleistungen, Sparen, Kredit oder Vermögensverwaltung, werden genutzt? Und wird diese Bankbeziehung hauptsächlich für regelmässige Zahlungen, Bargeldbezüge und Sparvorhaben verwendet? Zusätzlich wurden die Filialen aller Schweizer Banken geografisch erfasst. Dadurch konnte auch die Distanz zwischen den Haushalten und der nächstgelegenen Filiale jener Banken gemessen werden, bei denen die Haushalte ein Konto führen.
Die Untersuchung zeigt, dass Bankbeziehungen in der Schweiz über längere Zeit halten und dass Bankkunden ihre Bank in der näheren Umgebung finden. Auf die 1481 Haushalte in der Stichprobe kommen insgesamt 2863 Bankbeziehungen, was 1,9 Beziehungen pro Haushalt entspricht. 66 Prozent dieser Beziehungen bestehen seit mehr als zehn Jahren, 18 Prozent seit mehr als fünf Jahren. Mehr als zwei Drittel aller Bankbeziehung werden mit einer Bank geschlossen, die im Umkreis von fünf Kilometern eine Filiale unterhält.
46 Prozent aller Haushalte in der Stichprobe haben einen Hypothekarkredit. Die Studie zeigt deutliche Unterschiede zwischen diesen Haushalten und Haushalten ohne solchen Kredit (siehe Abbildung 1). Kreditnehmer weisen im Durchschnitt mehr Bankbeziehungen auf als Haushalte ohne Hypothekarkredit. Aus diesem Resultat könnte man schliessen, dass sie möglicherweise eine neue, zusätzliche Bankbeziehung für ihren Hypothekarkredit zu einer anderen Bank als ihrer Hausbank eingehen. Doch die Daten entkräften diese These. Denn Unterschiede zwischen Haushalten mit und ohne Hypothekarkredit gibt es auch in vielen anderen Dimensionen: So haben Haushalte mit einer Hypothek im Durchschnitt ein höheres Einkommen und Vermögen, ein besseres Finanzwissen und fragen mehr Finanzprodukte wie Vorsorgekonten und Wertschriftendepots nach. Der Grund, warum diese Haushalte mehr Bankbeziehungen eingehen, könnte also vielmehr ihr höheres Vermögen und Finanzwissen sein.
Abb. 1: Unterschiede zwischen Haushalten mit und ohne Hypothekarkredite
Anmerkung: Haushalte mit einem Hypothekarkredit = 687. Haushalte ohne Hypothekarkredit = 794. Die Werte in den Balken entsprechen dem Durchschnitt der jeweiligen Kategorie.
Quelle: Brown und Hoffmann (2016)
Wer Fachwissen hat, vergleicht die Angebote eher
Um ein genaueres Bild von Kundenbeziehungen im Hypothekarmarkt zu zeichnen, beinhaltet die Studie eine nähere Untersuchung von Haushalten, die einen Hypothekarkredit haben und gleichzeitig mindestens zwei Bankbeziehungen aufweisen. Dies trifft auf 470 Haushalte in der Stichprobe, beziehungsweise 68% aller Haushalte mit einem Hypothekarkredit, zu. Bei diesen Haushalten kann man im Detail untersuchen, ob sie den Hypothekarkredit bei ihrer Hausbank halten oder als sogenanntes Stand-Alone-Produkt bei einer anderen Bank führen.
Abb. 2: Wie Haushalte ihre Bankbeziehungen nutzen
Anmerkung: 470 Haushalte wurden zu ihren Bankbeziehungen befragt. Alle befragten Haushalte verfügen über einen Hypothekarkredit und mehrere Bankbeziehungen. Beziehungen mit Hypothekarkredit = 540, Beziehungen ohne Hypothekarkredit = 688. Die Werte in den Balken entsprechen dem Durchschnitt der jeweiligen Kategorie.
Quelle: Brown und Hoffmann (2016)
Die Analyse zeigt, dass Hypothekarkredite kaum als Stand-Alone-Produkte in einer separaten Bankbeziehung gehalten werden. Vergleicht man die Bankbeziehung mit und ohne Hypothekarkredit für die gleichen Haushalte, zeigt sich ein klares Bild (Abbildung 2). Die Bank, mit welcher die Haushalte eine Hypothekarbeziehung pflegen, wird auch öfter für Sparprodukte und Zahlungsdienstleistungen benutzt. Die Hypothekarbank ist in der Regel auch geografisch näher gelegen als die anderen Banken, bei denen die Haushalte nur Kontos führen. Allerdings zeigt sich bei der Dauer der Bankbeziehung ein anderes Muster: Bankbeziehungen mit Hypothekarkrediten sind meist etwas jünger als Bankbeziehungen ohne solche Kredite. Insgesamt deuten diese Resultate darauf hin, dass Personen in der Schweiz eine gemeinsame Hausbank wählen, wenn sie zusammenziehen und einen Haushalt gründen. Bei dieser Hausbank wird dann in der Regel auch ein Hypothekarkredit bezogen, falls der Haushalt ein Eigenheim kauft.
Nicht alle Kreditnehmer haben jedoch eine gleich starke Bindung zu ihrer Hausbank. So zeigt die Analyse, dass Haushalte mit hohem Vermögen beziehungsweise mit hohem Finanzwissen eher eine Hypothek bei einer weit entfernten Bank aufnehmen. Dies deutet darauf hin, dass die Wahl der Hypothekarbank in der Regel nach unmittelbarer Verfügbarkeit erfolgt. Nur finanziell erfahrene Haushalte scheinen grössere Anstrengungen bei der Suche nach einem möglicherweise günstigeren Hypothekarkredit zu unternehmen. Ein Blick auf die Kundenstruktur von Hypothekenvermittlern wie etwa Moneypark bestätigt dieses Bild.
Funktioniert der Wettbewerb im Hypothekarmarkt?
Die Kundenbeziehungen im Schweizer Hypothekarmarkt sind heute noch weitgehend stabil. Dies verheisst Gutes für das Kredit-, Zins- und Liquiditätsrisiko der Banken und somit für die Finanzstabilität in der Schweiz. Gleichzeitig muss man die Frage stellen, inwiefern der Wettbewerb im hiesigen Hypothekarkreditmarkt tatsächlich spielen kann, wenn die Verfügbarkeit und die Annehmlichkeit von Hypothekarbanken wesentliche Kriterien bei der Wahl des Anbieters sind. Deshalb wird es interessant sein, zu beobachten, wie lange sich diese Trägheit hält, wenn neue Anbieter wie etwa Versicherungen oder Pensionskassen und neue Kreditvermittler den Markt beleben.
- Siehe: Schweizerische Nationalbank, Bankenstatistisches Monatsheft. Mehr als drei Viertel der inländischen Firmenkredite bestehen ebenfalls aus Hypothekarforderungen.
- Siehe Puri, M., J. Rocholl und S. Steffen (2013). What Kinds of Bank-Client Relationships Matter in Reducing Loan Defaults and Why? Zu finden auf Ssrn.com.
- Brown, Martin und Matthias Hoffmann (2016). Relationship Banking in the Residential Mortgage Market? Evidence from Switzerland. Swiss Journal of Economics and Statistics.