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Marathonläufer sind ein spezieller Schlag von Menschen. Dazu gehört auch Yuki Kawauchi. Ziemlich sicher ist der Japaner sogar noch viel spezieller. In seiner Heimat ist der unkonventionelle Läufer ein Star.
Etwas abschätzig könnte man Yuki Kawauchi als den «schnellsten Volksläufer der Welt» bezeichnen. Denn Volksläufer hört sich immer so nach Hobby an, nach «ich mach dann auch mal mit». Klassiert sind diese meistens unter «Ferner liefen».
In diesen hinteren Ranglisten-Regionen findet man Kawauchi jedoch nie. Im Gegenteil. Er pflegt Rennen ganz weit vorne zu beenden. Das wird mit grosser Wahrscheinlichkeit auch am 19. April beim Zürich Marathon der Fall sein. Erstmals startet der Japaner in der Schweiz.
2012 lief Kawauchi beispielsweise neun (!) Marathons und gewann deren fünf. Dazu kamen noch sechs Halbmarathon-Teilnahmen im selben Jahr. Warum er so eine Kadenz hinlegt? «Alle sagen, dass man nicht viele Marathons in einem Jahr schnell laufen kann. Ich will den Gegenbeweis erbringen.» Unkonventionell. Wie so vieles bei Kawauchi.
Das Verrückteste dabei: Der 28-Jährige arbeitet zu 100 Prozent auf der Verwaltung einer Highschool in der Nähe Tokios. Die Trainings absolviert er am frühen Morgen oder späten Abend. Oder auch schon mal auf dem Weg zur Arbeit. Und Marathon-Rennen seien eigentlich auch Training. Verletzungen und der Tod seines Vaters, der ihn sehr mitnahm, verhinderten in jungen Jahren eine gezielte Förderung. Kawauchi wurde nicht in eine starke Lauf-Mannschaft aufgenommen, was in Japan unerlässlich ist, um Erfolg zu haben. Eigentlich.
Denn der eifrige Läufer trainierte trotzdem viel. Seinen Durchbruch feierte er 2011 beim Tokio-Marathon. In 2:08:38 Stunden gewann er diesen sensationell vor allen Profis. Für die Siegerehrung hätte er kaum Zeit gehabt. Denn er hatte den Koffer schon dabei, um danach abzurauschen und am nächsten frühen Morgen die Einschulung des neuen Jahrgangs auf der Arbeit zu erleben. Kawauchi kam auf japanischen Titelseiten, die Schule wurde von Journalisten umlagert – ein Star war geboren. Kawauchi nahm für sein Land später an den Weltmeisterschaften 2011 in Daegu teil und half beim Silber-Gewinn im Team mit – trotz seines 100-Prozent-Jobs.
Die Öffentlichkeit liebt ihn seit dem Coup in Tokio. Der japanische Verband teilt die Freude am Aussenseiter nicht uneingeschränkt. Im Dezember 2011 lief er bei einem Qualifikationsrennen für Olympia 2012 als bester Japaner in 2:09:57 Stunden ins Ziel (3. Gesamtrang). Der Verband monierte, das sei zu langsam. Kawauchi erklärte: Das war nur ein Einlaufen. Er werde beim nächsten Qualifikationslauf in Tokio die Limite schaffen. Beide Marathons bestreiten Topläufer selten, da die Erholungszeit dazwischen (Dezember bis Februar) zu kurz sei. Kawauchi dagegen bestritt in der Zwischenzeit noch einen Marathon und einen Halb-Marathon.
Doch am Tag X war er nicht bereit und enttäuschte in Tokio mit 2:12:51 Stunden (Rang 14) auf der ganzen Linie. Der Olympia-Traum war geplatzt, Kawauchi sprach von einer «schändlichen» Leistung und rasierte sich die Haare ab, um sich bei seinen Fans zu entschuldigen.
Es ist nicht die einzige Anekdote, die sich über den 28-Jährigen erzählen lässt. Seine Popularität wuchs in Japan dermassen an, dass die Veranstalter des 30-km-Rennens in Kumanichi 2013 (natürlich Streckenrekord und Sieg) behaupteten, dass 30'000 Zuschauer einzig wegen Kawauchi kamen. Der Läufer kann sich mittlerweile vor Einladungen kaum mehr retten.
2013 sollte er zum Ägypten-Marathon. Am Flughafen bemerkte er, dass er seinen Pass vergessen hatte. Er verpasste den Flug, kaufte sich für drei Monatsgehälter ein Ersatzticket, kam knapp zum Rennstart an und gewann mit deutlichem Streckenrekord.
Auch beim Zürich Marathon wird ihm Startgeld und Flug offeriert. Auch hier will er gewinnen. «Ich möchte unter 2:10 Stunden siegen», so das Konditionswunder. Ob das klappt? Den Streckenrekord in Zürich hält seit 2013 Tadesse Abraham mit 2:07:45 Stunden. Unter 2:10 blieben ausserhalb Japans bisher erst fünf Landsleute. Zudem hat ihn ein verstauchter Knöchel im Training zurückgeworfen. «Aber mein Ziel bleibt», bekräftigt Kawauchi.
Zürich hat er übrigens aus praktischen Gründen ausgewählt: «Die Strecke ist schnell, die Flugverbindungen gut und ich habe dieses Wochenende Zeit.» Die Limmatstadt soll allerdings nur ein Zwischenhalt sein. Das grosse Ziel Kawauchis: Ich will bei Olympia 2016 dabei sein.» Als Amateur, versteht sich.