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Als junger Mann spielte Karl Marx mit dem Gedanken, Dichter zu werden. Auf einer neuen CD sind nun erstmals die Lieder zu hören, die Marx als 18-jähriger Student schrieb. «Die wilden Lieder des jungen Marx» versammelt Liebeslieder, politische Kampflieder und Spottlieder.
Eingespielt hat sie die Bremer Folk-Formation Die Grenzgänger. Sie zeigen auf ihrer CD einen wilderen und menschlicheren Karl Marx als den, den man gemeinhin kennt.
Karl besingt seine Jenny
Gleich zu Beginn ist auf der CD ein Liebeslied zu hören: «Jenny Jenny Jenny». Karl Marx ist eben aus seinem Elternhaus in Trier ausgezogen, um in Bonn zu studieren. Nun ist er alleine und verzehrt sich nach seiner Verlobten – Jenny von Westphalen, die er später auch heiraten und mit der er sein Leben verbringen wird.
Michael Zachcial, der Sänger der Grenzgänger, sagt über das Stück: «Das Schöne ist, Marx als einen Menschen zu zeigen, den man einfach mögen muss.»
Das sei nicht der grantige, zigarrenrauchende Grübler, als der er sonst beschrieben wird, sagt Zachcial: «Es ist einer, der ganz am Anfang steht, aber schon einen grossen Entwurf hat.»
Michael Zachcial spricht hier auf den politischen Marx an. Auch den findet man auf der CD. Am eindrücklichsten im Lied «Empfindungen»:
Darum lasst uns alles wagen, Niemals rasten, niemals ruh’n, Nur nicht dumpf so gar nichts sagen, Und so gar nichts wollen und tun….
Dass diese Texte auch heute noch ihren Reiz haben, liegt daran, dass es sich dabei nicht um Gelegenheitslyrik handelt. Sondern um ernsthafte Schreibversuche eines jungen Mannes.
Zwischen 1836 und 1841 veröffentlichte Marx acht Lyrikpublikationen, die später nur wenig Beachtung fanden. Nur in den wenigsten der ostdeutschen Marx-Engels-Gesamtausgaben waren die lyrischen Texte enthalten. In einer davon hat sie Michael Zachcial gefunden.
«Das geht gar nicht!»
Als er die Gedichte seiner Band präsentierte, stiess er erst auf Skepsis: «Die erste Reaktion war: ‹Das geht gar nicht, keine Chance. Das ist so sperrig!›» Aber dann hätten sie doch Stellen gefunden, die sie berührten. «Das ist ein bisschen wie Gold sieben», sagt Sänger Zachcial.
Eines der Goldstücke, die die «Grenzgänger» in Marx’ lyrischem Werk gefunden haben, ist dieser Vers aus «Männerl und Trommerl»:
Ei Trommerl is kei Männerl, und es Männerl is kein Trumm. Die Trommerl is gar klug, und das Männerl is gar dumm….
Das ist nochmals ein anderer Karl Marx: Weder der verliebte noch der politische – sondern der Dichter.
Spätestens hier erahnt man die literarische Qualität des jungen Marx, der nur wenige Jahre später mit seinem Kommunistischen Manifest einen der eindrücklichsten und literarisch brillantesten Texte jener Zeit schreiben sollte.
Der vergessene Lyriker
Dafür, dass diese Texte dennoch lange unbeachtet blieben, gibt es – je nach politischer Einstellung – zwei unterschiedliche Erklärungsversuche. Der gängige Ansatz sieht die Ursache bei den ostdeutschen Marxismus-Leninismus-Theoretikern, die diesen jungen, wilden Marx nicht wahrhaben wollten. So fehlen die Jugendgedichte in fast allen Marx-Engels-Gesamtausgaben der DDR.
Der andere, in politisch linken Kreisen verbreitetere Ansatz, sieht die Ursache in der historischen Rolle von Karl Marx. Weil Marx in der kapitalistischen Welt als Sozialist verpönt sei, wurde auch sein Frühwerk verschmäht.
Ein menschlicherer Marx
«Marx ist als der Denker des Kommunismus abgestempelt», sagt Michael Zachcial dazu. «Da ist alles, was er sonst noch gemacht hat, einfach uninteressant».
Dass «Die Grenzgänger» die Texte nun wiederentdeckt haben, ist eine beachtliche Leistung. Ihr verdanken wir ein breiteres und menschlicheres Bild von Karl Marx.