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Schwein gehabt! Die Niederlande beissen sich über 90 Minuten an der Fünferkette Costa Ricas fest, erst in der Verlängerung erspielen sie sich Chancen. Die Taktikanalyse zeigt die Probleme der Niederländer auf.
Von allen Viertelfinalisten hatten die Holländer auf dem Papier die leichteste Aufgabe. Doch Fussballzwerg Costa Rica stellte sich im Verlaufe des Turniers als harte Nuss heraus. Mit ihrem defensivstarken 5-4-1-System mussten sie bei dieser WM nur zwei Treffer hinnehmen. Die Niederlande setzten in dieser Partie ebenfalls auf eine 5-4-1-Formation, wobei diese in der Offensive als 3-4-3 interpretiert wurde.
Louis van Gaal hatte offensichtlich als Marschrichtung vorgegeben, möglichst vorsichtig zu agieren. Sein Team wusste, dass Costa Rica mit einer fiesen Pressingfalle agiert: Ihre Ketten stehen nicht immer ganz kompakt, oft lassen sie in einer Art 5-0-4-1 den Raum zwischen den Linien frei. Allerdings ist dieser Raum für den Gegner nicht bespielbar; sobald dieser einen Pass hier hineinspielt, rücken die Verteidiger vor und die Mittelfeldspieler zurück, sodass der Gegner gefangen wird in einem engen Viereck.
Die Niederländer bespielten den Zwischenlinienraum gar nicht erst. Sie wollten nicht in die Pressingfalle des Gegners tappen, damit die Costa Ricaner keine sauberen Ballgewinne verbuchen konnten – offensichtlich hatte van Gaals Team viel Respekt vor den gegnerischen Kontern.
Dadurch verpassten sie aber auch, Druck auf Costa Ricas Tor auszuüben. Statt vertikale Pässe in die Offensive gab es viel Ballgeschiebe und nur ab und an lange Bälle hinter die Abwehr. Letztere waren allerdings wenig effektiv, da Costa Ricas Abseitsfalle sehr gut griff.
So gab es in der ersten Halbzeit kaum Chancen. Beide Teams waren praktisch nur bei Kontern gefährlich. Allerdings liessen die Niederländer den Costa Ricanern fast nie die Chance zu kontern – sie spielten ja sehr risikofrei und verloren den Ball praktisch nur nach Fouls oder Schüssen ins Aus.
So ging Costa Ricas Schachzug, Stürmer Campbell auf rechts spielen zu lassen, nicht auf. Er sollte auf rechts die Bälle halten und in den Zwischenlinienraum ablegen, wohin sich der falsche Neuner Ruiz hätte schleichen sollen. Nach der Pause tauschten beide die Positionen. Die Niederlande kamen gegen das defensive Konstrukt der Costa Ricaner ebenfalls nur selten zu Kontern.
Überraschend war, dass Louis van Gaal lange Zeit keine taktischen Änderungen vornahm. Nachdem er gegen Mexiko den späten Sieg mit einer Systemumstellung auf ein 4-3-3 einleitete, liess er sein System in diesem Spiel lange Zeit unverändert. Die Niederlande attackierten auch nach der Pause in ihrem 3-4-3-System. Noch immer bespielten sie den Zwischenlinienraum nicht.
Auch die Verbindungen zwischen den Mannschaftsteilen waren schwach: Die Flügelspieler standen meist sehr breit, während die Doppelsechs sehr tief agierte. Den Holländern blieb mangels Verbindungsspieler im Zentrum wenig anderes übrig, als das Spiel von einer Seite zur anderen zu verlagern.
Chancen gab es erst, als Costa Rica in der Schlussphase die hohe Verteidigung nicht mehr beibehalten konnte. Sie zogen sich immer weiter ans eigene Tor zurück, wodurch die Niederlande mehr Freistösse in Tornähe gewann und mehr Flanken schlagen konnte.
So richtig brisant wurde das Spiel erst in der zweiten Halbzeit der Verlängerung. Mit der Einwechslung von Stossstürmer Huntelaar stellte van Gaal auf ein 4-2-4-System um. Da auch die Aussenverteidiger weit vorrückten, tummelten sich nun sechs Angreifer an der letzten Linie.
Die müden Costa Ricaner liessen sich weit nach hinten drängen, konnten nun aber auch Konter selbst fahren. Hollands Halbräume neben den Verteidigern waren durch die hohe Stellung der Mannschaft geöffnet, die Aussenstürmer Costa Ricas stiessen bei Kontern in diese Räume. Doch beide Teams konnten trotz einiger Chancen nicht den ersehnten Treffer erzielen, auch dank zweier starker Torhüter. Gerade Costa Ricas Keeper Navas zeigte einige starke Paraden.
Kurz vor Schluss hatte van Gaal noch einen taktischen Pfeil im Köcher: Er brachte einen neuen Torhüter! Interessanterweise war Ersatzmann Krul bislang nicht als Elfmeterkiller bekannt. Bei seinem Klub Newcastle United hielt er nur zwei von zwanzig Elfmetern. Doch das wussten die Costa Ricaner natürlich nicht. Ihre Elfmeter waren überraschenderweise schwächer geschossen als noch gegen Griechenland. Zudem ahnte Krul mehrfach die richtige Ecke – er schien auf der Bank gebrieft worden zu sein, welche Ecken die Costa Ricaner bevorzugen.
So kamen die Niederländer über Umwege doch noch ins Halbfinale, auch wenn sie es 120 Minuten lang nicht schafften, die Fünferkette der Costa Ricaner zu knacken. Costa Rica muss sich damit trösten, dass kein Team sie bei dieser WM über 120 Minuten hinweg schlagen konnte.