Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03312.jsonl.gz/619

Was bedeutet Aufklärung eigentlich, einst und heute? Allgemein könnte man sagen: Aufgeklärtheit gilt als Qualität einer Kultur oder einer Epoche im Vergleich mit den Mängeln anderer Weltgegenden oder früherer Zeiten. So betrachteten sich im 18. Jahrhundert französische Intellektuelle als Lumières, Lichtbringer, die frühere Dunkelheit überwinden. Im englischen Begriff enlightenment hat diese Lichtmetaphorik überlebt.
In Deutschland war es Immanuel Kant, der die seither unausweichliche Definition etablierte. Aufklärung sei «der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit». Diese bestehe in dem «Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern» zu bedienen, und selbstverschuldet sei diese Unmündigkeit, wenn «die Ursache nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschliessung und des Muthes» liege. Sich des «eigenen Verstandes zu bedienen», sei «der Wahlspruch der Aufklärung».
«Demokratie bedeutet nicht Konsens, sondern geregelten Dissens.»
Diese Aufklärung kommt ohne «Lichtbringer» aus. Selbstdenken heisst hier die Parole. Das klingt, als ginge es um Subjektives, um die freien Äusserungen von Individuen, deren erwartbare Unterschiedlichkeit man zu respektieren hätte, weil sonst die einen beanspruchen, die anderen aufzuklären. In der Tat kritisierte Kant die Bevormundung, den «Paternalism», als die schlimmste Form des «Despotism». Aber was wird dann aus dem Fortschrittspathos der Lumières, aus Gesinnung, Gesittung und Gemeinwohl – oder vereinigen sich am Ende alle unter Menschheitszielen, weil die Vernunft eine allgemeine ist?
Um diesen Gegensatz dreht sich der Streit, der auch nationalkulturell unterscheidbare Denktraditionen hervorbrachte – zu den wichtigsten gehören die französische, die deutsche und die schottische. Auf einen kurzen Nenner gebracht: Es gibt nicht nur eine Aufklärung, es gibt mehrere – auch wenn in Schulbüchern und Leitartikeln unverdrossen von den «Werten der Aufklärung» die Rede ist.
Frankreich: Glaube an die Vervollkommnung des Menschen
Wenn wir pauschalisierend von den philosophes sprechen, dann sind jene französischen Aufklärer gemeint, die besonders in den seit 1751 erscheinenden Bänden der Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers ein Programm der Vernunftherrschaft präsentieren, das die Vervollkommnung des Menschen und die Machbarkeit der Verhältnisse verspricht. Die Formel von der «perfectibilité de l’homme» lässt zwar noch offen, ob der Mensch sich dabei selbst aufklärt oder ob er aufgeklärt wird, doch setzt nicht nur Voltaire auf eine zentrale Gewalt, die Rationalität und Zivilisation durchsetzt. Er wolle lieber von einem starken Löwen regiert werden als von seinesgleichen. Anders als Groucho Marx’ sehr viel späterer Gag, er möchte keinem Verein angehören, der Leute wie ihn aufnehme, ist das nicht als Geistreichelei gemeint, sondern als konsequente Gleichsetzung von Vernunft und öffentlicher Gewalt. So erscheint auch die Gewaltenteilung nur als Behinderung der Regierung. Wir haben es mit einer Aufklärung zu tun, die sich vor der Macht nicht fürchtet. Im Gegenteil führt Diderot zur Freude aller späteren Despoten den Begriff des Glücks in die politische Philosophie ein. Glück sei die Quelle unserer Verpflichtung – also kommt es darauf an, die Richtigen, nämlich die Wissenden und Weisen, an die Macht zu bringen, nicht etwa diese zu begrenzen.
Deutschland: Vernunftkritik und Volksgeist
Böse Zungen behaupten, man könne nicht von einer deutschen Aufklärung, sondern allenfalls von einer deutschen Aufklärungskritik sprechen. Tatsächlich reagieren die deutschen Denker auf die französische Entwicklung, doch tragen sie neue Konzepte des Verstandes- und Vernunftgebrauchs mit gleichem aufklärerischem Anspruch und, vor allem, mit langfristiger intellektueller Wirkung vor. Sie glauben nicht an die unmittelbare Wirkung der Vernunft, sondern fragen nach ihrer Reichweite, sprechen von Volksbildung und betonen die historische Bedingtheit der Gegenwart.
«Wer nur den ‹reinen Willen› als moralisch gelten lässt, der sträubt sich gegen soziale Institutionen, die Motive und Zwecke voneinander trennen, also kein Problem damit haben, wenn jemand das Erwünschte tut, nur weil er auf seinen guten Ruf bedacht ist oder weil sein Profitstreben ihn dazu bewegt, uns Dienste zu erweisen.»
Da ist zunächst Kant, der schon deshalb seinen Platz im Pantheon der Aufklärung hat, weil er, wie Deutsche es angeblich immer tun, den Gegenstand definierte und mit seinen republikanischen Einwänden die politische Blindheit der Enzyklopädisten kritisierte. Doch hat er nicht nur durch seine Unterscheidung von Anschauung, Vernunft und Verstand die Erkenntnistheorie auf ein neues Gleis gesetzt, sondern mit seiner Moralphilosophie einen lange nachwirkenden deutschen Vorbehalt erzeugt. Wer nur den «reinen Willen» als moralisch gelten lässt, der sträubt sich gegen soziale Institutionen, die Motive und Zwecke voneinander trennen, also kein Problem damit haben, wenn jemand das Erwünschte tut, nur weil er auf seinen guten Ruf bedacht ist oder weil sein Profitstreben ihn dazu bewegt, uns Dienste zu erweisen. Deutsch sein, hiess es dann bald, bedeute, etwas um seiner selbst willen zu tun.
Noch wirksamer als Kant, dessen Ruhm sich erst allmählich verbreitete, waren zunächst wohl die Pädagogen wie Salzmann oder Basedow, die in ihren Reformschulen, den «Philanthropinen», jene Kenntnisse als «Aufklärung des Menschen» vermitteln wollten, die «zur Veredlung seiner Gesinnung» taugten. Unter ihrem Einfluss wurde Aufklärung in Deutschland zu einem Synonym für Erziehung und Volksbildung, doch wich dieses Bildungsideal bald dem neuhumanistischen Konzept, das den allgemeinen Fortschritt weniger von bestimmten Kenntnissen erwartete als davon, dass jeder an sich selbst, an der Entfaltung der Persönlichkeit arbeitet. Hinzu kam, als Kritik an jenen Aufklärern, die alles aus allgemeinen Vernunftprinzipien ableiteten, der deutsche Historismus – sowohl in der bekömmlichen Variante, dem Gebot des Verstehens, wie auch in der deterministischen, die aus Geschichtsdeutung Marschbefehle ableitet.1
Der unbekömmliche deutsche Exportartikel, die mit metaphysischem Treibgas aufgeladene Geschichtsphilosophie, entstand schliesslich daraus, dass die uralte Vorstellung von einer Entwicklung in Stadien sich zu der Lehre von dem jeweils fortgeschrittensten Volksgeist oder Gruppenbewusstsein und seiner Rolle bzw. seiner Vollmacht in einem notwendigen Geschichtsverlauf steigerte.
Gesellschaft und soziale Institutionen: das schottische Modell
Ein völlig anderes Aufklärungskonzept, das mit dem französischen Rationalismus und Konstruktivismus ebenso konkurriert wie mit der deutschen Bildungs- und Geschichtsphilosophie, boten die schottischen «Moralphilosophen» wie Ferguson, Hume, Smith und Tucker. Sie sprechen nicht von historischer Notwendigkeit, sondern von sozialer Evolution, die aus individuellem Handeln ein Geflecht entstehen lässt, das die Schotten erstmals als civil society, als Gesellschaft, bezeichnen. Die Verhältnisse sind nach Ferguson «Ergebnisse menschlichen Handelns, nicht menschlichen Plans», also die nicht vorhersehbare Folge des interessengeleiteten Verhaltens vieler Menschen, die von ihren eigenen Fehlern und den erfolgreichen Praktiken anderer ständig hinzulernen. Nebenbei bemerkt, folgen hier die Geistes- und Sozialwissenschaften einmal nicht der neuesten naturwissenschaftlichen Leitidee, sondern Charles Darwin wird durch die schottischen «Moralphilosophen» inspiriert.
Die Illusion einer allumfassenden Vernunft
Die meisten klassischen, wie auch einige neuere Aufklärungsprogramme, gehen von einem gemeinsamen Irrglauben aus. Ob es sich um die Vorstellung von Planbarkeit und Machbarkeit handelt (die «soziale Physik» der philosophes und ihrer Nachfolger), die Behauptung, Geschichte entschlüsselt zu haben (die Geschichtsphilosophie, die dem Weltgeist begegnet ist), oder um die sogenannten Diskurstheorien (die Hoffnung auf argumentierende Erzeugung von Geltung) – sie alle unterstellen, es gebe eine allgemeine, für alle gleiche und alle vereinigende Vernunft, die sich uns offenbaren werde, wenn wir uns nur hinreichend bemühen.
In der Hoffnung auf diese Erleuchtung werten sie die Verfahrensweisen ab, die wir benötigen, wenn wir an Aufklärung als «Selbstdenken» festhalten wollen und dies als Voraussetzung unseres privaten wie auch unseres öffentlichen Vernunftgebrauchs verstehen. Allerdings wird in öffentlichen Debatten oft nur noch gehört, wer zunächst beteuert, er sei tief besorgt. Stossen in Parlamentsdebatten tatsächlich einmal ordnungspolitische Konzepte aufeinander, wird man in den Fernsehnachrichten hören, es sei gestritten worden. Als wäre die Liedzeile «Die Wissenschaft hat festgestellt» nicht satirisch gemeint, wird die öffentliche Funktion der Wissenschaft nicht darin gesehen, durch konkurrierende Erklärungen bestimmter Sachverhalte unser Urteil zu fordern, sondern uns eben dies zu ersparen. Dabei mutiert Wissenschaftsjournalismus zur Demoskopie: Wir erfahren, welcher Prozentsatz von Wissenschaftern eine bestimmte Meinung teilt.
Aufgeklärtheit heute müsste bedeuten, über die Illusion einer allgemeinen Vernunft aufgeklärt zu sein. Das hiesse auch, Ungewissheit nicht zu beklagen, sondern sie als Bedingung der Freiheit zu erkennen. Wissenschaft soll uns Alternativen zeigen. Demokratie bedeutet nicht Konsens, sondern geregelten Dissens. Mehrheitsentscheidungen kann der Unterlegene dann akzeptieren, wenn von ihm nicht verlangt wird, der Mehrheitsmeinung auch noch höheren Wahrheitsgehalt oder überlegene Moral zu attestieren. Grundrechte sind häufig negativ formuliert, damit nicht irgendjemand sie positiv ausfüllt. Kurzum, zum «Ausgang aus selbstverschuldeter Unmündigkeit» sind wir auf Institutionen angewiesen, die die Räume unseres «Selbstdenkens» offenhalten.
Dabei führte die mildere Form zunächst zur Etablierung der Geschichtswissenschaft und der historischen Geisteswissenschaften als den deutschen Exporterfolgen des 19. Jahrhunderts. Darauf bauten die rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Richtungen auf, die sich als historische Schulen bezeichneten, weil sie die Volksgeister als die Quellen des Rechtsempfindens und der Wirtschaftsstile betrachteten. So kommt die «Volkswirtschaftslehre» nur im deutschen Sprachraum vor, während der Rest der Welt von Ökonomie spricht. ↩