Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03195.jsonl.gz/1216

Die Bevölkerung in Nord-Kivu leidet seit Jahrzehnten unter bewaffneten Konflikten. Deren Ursache sind hauptsächlich die illegale Ausbeutung und Kontrolle von Bergbau-Minen, in denen Mineralien gefördert werden, die hauptsächlich in elektronischen Geräten wie Handys und Computern Verwendung finden. Für die Mobilfunkbranche sind der Kongo und die Region Nord-Kivu mittlerweile unverzichtbar geworden. Gleich mehrere wichtige Rohstoffe wie Coltan, Kobalt und Gold werden in der Region abgebaut. Doch die Nachfrage nach diesen wertvollen Rohstoffen führt auch zu Gewalt gegenüber der Zivilbevölkerung und zu deren Vertreibung. In letzter Zeit haben sich die Angriffe bewaffneter Gruppen auf ländliche Gebiete verlagert. Entführungen und Morde an der Zivilbevölkerung sind an der Tagesordnung. Die Provinz Nord-Kivu ist mit geschätzt einer Million Binnenvertriebenen eine der am stärksten von Vertreibung betroffenen Regionen des Landes.
Interne Vertreibung
Die Gewalt zwingt viele Familien dazu, ihre Dörfer fluchtartig zu verlassen. Die Gebiete sind zudem nur schwer zugänglich, die Strassen in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht befahrbar sind. Transporte in diese sehr abgelegene Region sind kaum möglich, weshalb humanitäre Hilfe bereitzustellen eine grosse Herausforderung darstellt. Die Bevölkerung benötigt aber dringend Nahrungsmittel sowie medizinische Versorgung, Zugang zu Trinkwasser und Sanitäreinrichtungen. Die Kinder brauchen zudem Zugang zu Bildungseinrichtungen. Auch die lokale Wirtschaft ist in einem desolaten Zustand. Für den Niedergang sind hauptsächlich die schlechten Strassenverbindungen und eine fehlende Vermarktung der lokalen Agrarprodukte verantwortlich. HEKS leistet selber humanitäre Nothilfe in diesem schwer zugänglichen Gebiet, wo es eine solche bis jetzt kaum oder gar nicht gab. Finanziert werden die Projekte hauptsächlich von der EU, «USAID» und der schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA).
HEKS unterstützt die Gemeinschaften in der Region Nord Kivu beim Aufbau einer Infrastruktur für den Zugang zu Trinkwasser, zur Verbesserung der Hygiene und der sanitären Verhältnisse.
Transporte mit Hilfsgütern ermöglichen
Das US-Büro für Entwicklungszusammenarbeit und Humanitäre Hilfe (USAID/OFDA) hat HEKS damit beauftragt, die Strassen in der Region wieder so weit herzurichten, dass sie für Fahrzeuge passierbar werden, damit humanitäre Nothilfe geleistet werden kann und landwirtschaftliche Produkte in die wichtigsten Wirtschaftszentren der Region transportiert werden können. HEKS gilt in der Region als kompetente Organisation, die über ein gutes Netzwerk verfügt und vor allem von den BewohnerInnen sowie den verschiedenen Stämmen in der Region akzeptiert wird. Dadurch ist das erfahrene HEKS-Team in dieser schwierigen Region handlungsfähig.
Salma trägt ihr Kind auf dem Rücken, während sie hilft, die Strasse zu reparieren. Für ihre Arbeit erhält sie einen Lohn, mit dem sie das Notwendigste kaufen kann. Damit Hilfsgüter in die entlegenen Gebiete gelangen können, müssen die Menschen mithelfen, die Strassen zu reparieren.
Cash for work
Bei der Reparatur der Strassen verfolgt HEKS den Ansatz der aktiven Mitarbeit gegen Bezahlung («Cash for work»). So konnten viele Einheimische für die Reparaturarbeiten gewonnen werden. Über 3000 Familienmitglieder arbeiten während zehn Tagen für 25 US-Dollar – zuerst die eine Hälfte, nach zehn Tagen kommen die anderen Familien an die Reihe. So wechseln sie sich im Turnus ab und können für ihre Familien Geld verdienen. Einer, der am Projekt teilgenommen und nach seinem Einsatz 25 Dollar erhalten hat, ist Ndayisama. Er ist verheiratet und hat sieben Kinder. «Mit dem Geld kaufe ich mir ein Hemd, eine Hose und ein Huhn für meine Frau», sagt er, und nach seinem nächsten Einsatz werde er Schuluniformen für die Kinder kaufen.
Strassenprojekt löst Konflikte
Esiel Ngango ist Pastor und betreut die Vertriebenen in «Mosambique». Dies ist ein Zufluchtsort für Binnenvertriebene im Virunga-Park. Den Namen für diesen Ort, der auf keiner Landkarte existiert, haben die intern Vertriebenen selber gewählt: der Name eines fremden Landes deshalb, weil sie sich als Ausländer im eigenen Land fühlen. Esiel Ngango erklärt, dass die gemeinsame Arbeit an der Strasse auch den Frieden in der Region fördere. Das Projekt führe verschiedene Gruppierungen zusammen und fördere den Dialog. «Dank dieser gemeinsamen Arbeit sehen wir uns als Brüder, wir arbeiten und essen gemeinsam. HEKS hat uns auch geholfen eine Brücke zu erneuern. Dort sind früher immer wieder Menschen, vor allem Kinder und Ältere, ertrunken.»
Zugang zu Trinkwasser und sanitären Einrichtungen
HEKS unterstützt die Gemeinschaften zudem beim Aufbau einer Infrastruktur für den Zugang zu Trinkwasser, zur Verbesserung der Hygiene und der sanitären Verhältnisse. Finanziert wird dieses Projekt von «ECHO» (Amt für humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Union) und USAID/OFDA. 18 Wasserquellen sowie 550 Latrinen werden bereitgestellt und es werden 10 000 Hygiene-Kits an Haushalte verteilt, welche zudem Informationen zu Hygienemassnahmen erhalten. Das Projekt kommt etwa 90 000 Personen zugute, die in dieser Region leben.
Dank Latrinen weniger Krankheiten
Die Witwe Ugenia Ngoma Nyirarukundo hat zusammen mit anderen Familien eine Toilette erhalten. «Früher haben wir einfach kleine Löcher gegraben», sagt sie. «Seit wir die Toilette haben, sind wir viel weniger krank.» Einen grossen Bedarf sieht sie bei der Gesundheitsversorgung. Die gebe es in ihrer Region nicht. Für sie wäre der Zugang zu Medikamenten wichtig. Sie hätten zwar eine Krankenpflegerin, aber die habe keine Medikamente. «Wenn wir einmal krank sind, müssen wir zur Behandlung in das sehr weit entfernte Kaschalira gehen, mit dem Risiko, unterwegs zu sterben», sagt sie.
Auch Denise Kabuo Bushenge ist froh um die Toilette, die sie sich mit zwei weiteren Familien teilt. «Ich lebe in Katolo und dieses Toiletten-Bauprogramm von HEKS hat uns sehr geholfen», erzählt sie. «In der Vergangenheit waren Durchfallerkrankungen bei uns zu Hause häufig. Zudem hatten wir immer Angst, im Gebüsch von einer Schlange gebissen zu werden.»
Denise Kabuo Bushenge : «Früher haben wir einfach kleine Löcher gegraben, seit wir die Toilette haben, sind wir viel weniger krank.
Wenn wir trotzdem einmal krank sind, müssen wir zur Behandlung in das sehr weit entfernte Kaschalira gehen, mit dem Risiko, unterwegs zu sterben»
HEKS unterstützt die Menschen dabei, die landwirtschaftliche Produktion sowie den Zugang zu einer Vielzahl von Nahrungsmitteln und zu lokalen Märkten zu verbessern.
Gemeinsam die Felder bewirtschaften
Viele Häuser von Rückkehrerfamilien sind während ihrer Abwesenheit niedergebrannt oder leergeräumt worden. Die Familien mussten die Felder, auf denen sie ihre Produkte anbauten, fluchtartig verlassen. 6600 Haushalte sind deshalb in das Landwirtschaftsprogramm von HEKS eingebunden, das von der DEZA finanziert wird. Denn die Bevölkerung braucht dringend Unterstützung beim Anbau von Nahrungsmitteln und bei der Wiederaufnahme der landwirtschaftlichen Produktion. HEKS unterstützt hierbei die Menschen, nachdem viele durch mehrfache Vertreibungen ihr Saatgut und Werkzeug verloren haben. Ziel ist es, die landwirtschaftliche Produktion sowie den Zugang zu einer Vielzahl von Nahrungsmitteln und zu lokalen Märkten zu verbessern.
«Unsere Kinder mussten hungern»
Antoinette erzählt, dass sie in ihrem Haus intern Vertriebene aufgenommen habe. Weil es viele waren und es sonst keine Nahrungsmittel gab, mussten sie das Saatgut essen. Das hatte zur Folge, dass nichts mehr für die Aussaat übrig blieb. Antoinette ist Mitglied einer Kleinbäuerinnengruppe. «Wir sind alle komplett mittellos. Wir erhielten fünf Kilogramm Mais und Bohnen, Kohl-, Auberginen- und Zwiebelsamen sowie Hacken und Giesskannen. Den Kohl und den Feldsalat konnten wir bereits ernten», berichtet sie.
Auch Madame Perusi hat von HEKS Saatgut erhalten, um ihre Felder wieder bewirtschaften zu können. «Ich wohnte in Kibirizi, doch während des Krieges flüchtete ich nach Masisi. Ich hatte alles zurückgelassen, und als ich zurückkam, fand ich mein Haus leer vor. Dann habe ich von HEKS neues Saatgut und Werkzeug erhalten. Wir haben bereits geerntet und haben nun wieder zu essen.»
Bargeld für die Ärmsten
So wie Madame Perusi finden viele Rückkehrerfamilien ihre Häuser leer oder gar zerstört vor. Deshalb werden rund 66 000 Menschen im Rahmen eines von «ECHO» finanzierten Finanzhilfeprogramms Bargeld erhalten. Dabei handelt es sich um Haushalte, in denen auch Menschen mit Behinderung oder chronisch Kranke leben oder die nur über ein sehr geringes Einkommen verfügen. HEKS setzt das gesamte Projekt – von der Identifizierung der Begünstigten über die Verteilung des Bargeldes bis zur Überwachung des Projekts – eigenhändig um.