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Der Highgate Cemetery liegt in Camden. Marx wurde hier zur letzten Ruhe gelegt, doch der interessiert mich einen Scheiss. Andere dann schon eher. Douglas Adams zum Beispiel. Ein Leben lang habe ich Handtücher geschüttelt und kein Arsch hat mich abgeholt.
Sonne, die mit schmierigen Fingern durch halbgeöffnete Rouleaus langt, und gelbe Streifen auf mein Gesicht schmiert. Heute ist Dienstag, und ich bin in Southwark, London.
Southwark
Aus dem Bett gewälzt, geduscht, und angezogen, sodann stelle ich mich vor’s Haus, um eine zu rauchen. Autos röhren, Graumenschen schleichen wer weiss wohin und Mädchen in putzigen Uniformen sind auf dem Weg in womöglich ummauerte Institutionen. Nach ein paar Paffern schnippe ich die Kippe in einen verwilderten Vorgarten. Es nieselt. Die Wirtin hat unterdessen Kaffee aufgesetzt und Tassen auf den Tisch gestellt. Sie setzt sich mir gegenüber. Erzählt, dass sie gestern oder heute irgendwo gewesen war. Oder vielleicht auch morgen. Sie blickt mich an mit Augen gross wie Kino.
Den Rucksack übergehängt, schreite ich aus, in der Tasche den roten Apfel, welchen sie mir noch in die Hand gedrückt hat. Die Sonne versteckt sich hinter einer Wolkendecke, und ich bin froh, den Pullover eingepackt zu haben. An einer Frühstücksbar erstehe ich Kaffee und Hörnchen, und setze mich an die Themse. Hinter mir der Tower mit den Kronjuwelen, welche man von aussen natürlich nicht sehen kann. Freche Spatzen versuchen, mir das Gebäck aus den Händen zu klauen, worauf ich es in einen Papiersack stecke, und brockenweise esse. Vögel ekeln mich an, nicht, weil ich Rebhuhn heisse, sondern des Gefieders wegen.
St. Dunstan East Street Garden
Einen Plan? Keinen. Und doch habe ich mir in der Schnelle ein paar Orte notiert, die besucht werden wollen. Empfohlen von irgendwelchen Irgendwelchen. Als erstes spaziere ich zum St. Dunstan East Street Garden. Früher Kirche, dann Krieg, heute Garten. Gemäuer sind mit Efeu überwachsen, und im ehemaligen Schiff stehen Sitzbänke aus bröckligem Stein. Ein Hippiemädchen hockt auf einer davon, und krümmt wie in Schmerzen sich über den Bildschirm ihres Mobilgeräts. Wenn ich könnte, würde ich sie in Marmor meisseln, doch dafür ist es zu kalt. Fröstelnd rauche ich eine Zigarette, und blicke durch leere Kirchenfenster auf Fassaden dahinter liegender Häuser. Als es zu nieseln beginnt, mache ich mich auf den Weg.
London City
Wie Ameisen kriechen sie aus ihren Löchern und krabbeln Gehsteige entlang: Menschen in Anzug und Krawatte auf der Suche nach Zuckerwasser. Vor der St. Paul’s Cathedral stehen einige Leute, die von Sicherheitskräften in leuchtend gelben Westen auf Explosives hin untersucht werden. Gleich in der Nähe befindet sich ein Markt. Stände werden aufgestellt, und Auslagen bereit gemacht. Mein Magen knurrt.
St Bartholomew the Great
Die Klosterkirche ist zu Fuss gut zu erreichen. Im Innern steht ein überlebensgrosser Bartholomäus von Damian Hirst, die eigene Körperhaut lässig über den Arm gelegt. Dann noch fleissig mit Gold übergossen, damit keine achtlos daran vorbeigeht. Hirst ist ‘ne grosse Nummer, jetzt weisst du’s. Im Gegenuhrzeigersinn durchwandle ich das Schiff, und achte darauf, nicht auf Grabplatten zu treten. Ein wenig Aberglaube hat noch niemandem geschadet. Weshalb mir gerade romanische oder gotische Kirchen zusagen, weiss ich nicht. Mir scheint, dass darin die Vergangenheit flüstert. Manchmal lege ich mein Ohr an’s porige Gemäuer, und horche in den Stein hinein. Dabei denke ich an Menschen, die dem Sichtbaren entsprungen sind. Vater zum Beispiel, dem ich hier näher als sonst wo zu sein scheine. Sogar als im Leben vielleicht. Sogar als im Leben.
Hosier Lane 23
Im Pärklein von der Kirche sitze ich auf einer Bank im Schatten. Mein Handy surrt, und natürlich ist es K. Ich hätte ihm damals beim creux du van einen Stoss geben sollen. Hatte noch dran gedacht, mich am Ende aber nicht getraut. Es heisst, wer’s einmal tut, tut’s immer wieder. Ich aber zähle mich eher zur verhaltene Sorte, und weniger zur Mörderinnenbrut, Notwehr hin oder her. Den Hunger stille ich an der Hosier Lane 23, und die Adresse kannst Du Dir merken! Macht äusserlich nicht viel her, der Laden, Essen aber ist suuuper. Ich hau mir das Eintopfgericht mit Bohnen und Kartoffeln rein, und danach noch was Süsses. Total einheimisch sei das, wird mir von einem hundert Pro Ausheimischen versichert, während er eine schaurige Grimasse zieht, und mir zuzwinkert.
Zürich – London
Es ist so weit. Ich stehe an der Sicherheitskontrolle und überführe den Inhalt meiner Taschen in eine Wanne aus Plastik. Das Handgepäck mit Jacke und Handy ist bereits in der Röntgenapparatur verschwunden, während ich den Metalldetektor durchschreite. Eine Beamtin blickt gelangweilt ins totale Nichts und scheint mich nicht zu registrieren. Weshalb denn auch? Nachdem meine Habseligkeiten wieder zusammengerafft sind, eile ich zum Gate und präsentiere die Boardingkarte. Haste durch die Röhre. Nehme Platz. Gurte mich an. Neben mir lümmelt sich einer breitbeinig ins Polster und wirft scheele Blicke. Weniger auf Augenhöhe, sondern deutlich darunter. Wenn Du weisst, was ich meine? Der Flieger startet und ich schaue raus auf die Wolkendecke und stelle mir vor, wie es wäre… Im Kopf spielt Trespass von Genesis.
Der Jet landet zur versprochenen Zeit in Luton, von wo aus eine Eisenbahn in die City fährt. Der Mann von nebenan schleicht noch ein Weilchen um mich rum, hat es dann aber plötzlich eilig, als ich ihm schliesslich den Finger zeige. Im Zug dann rast Landschaft an mir vorbei und ich atme aus. Eine Lautsprecherstimme betet Stationen herunter, bloss, dass jedes Mal eine fehlt. Zehn kleine Haltestellen. In London Tower dann steige ich aus und finde mich direkt an der Themse wieder. Mildes Abendsonnenlicht tropft von Dächern und Fassaden wie dickflüssiger Honig, riecht auch genauso. Dem Flussufer entlang schlendernd, ziehe ich die Rolltasche hinter mir her. Ratatatata! Menschen in Feierabendstimmung, Männer meist, die blicken oder auch nicht. Entgegenkommenden Joggern blase ich Zigarettenrauch ins Gesicht, doch die sind zu höflich, um zu meckern.
Southside
Ein paar Fotos von der Tower Bridge geknipst, anschliessend rechts auf die genauso benannte Strasse abgebogen. Dann links Grange Road, und weiter, weiter, vorbei an Takeaways mit heruntergelassenen Rollläden.
Die Vermieterin hat die Dreissiger kaum überschritten und empfängt mich in Pantoffeln und Bademantel, den sie sich über der Brust zuhält. Sie würde gerne noch ein Schwätzchen halten, doch die Sprachbarriere hängt wie dicker, roter Balken zwischen uns. Englisch ist weniger so ihr Ding, soviel ist klar. Später dann mache ich mich auf den Weg, um eine Kleinigkeit zu essen.