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Es war ein Prestigeprojekt der Schweizer Industrie in den 1950er-Jahren: Das erste schweizerische Atomkraftwerk. Ein eigener Reaktor sollte in Energiefragen Unabhängigkeit bringen und den Weg für technische Neuerungen ebnen. Was als hoffnungsvolles Vorhaben begann, endete Jahre später mit einem folgenschweren Zwischenfall.
In den 1950er-Jahren verfolgten zwei Industriegruppen sowie die Elektrizitätswirtschaft verschiedene Projekte für den Bau eines Schweizer Atomkraftwerks. Der Bund führte die drei Vorhaben schliesslich in einem nationalen Projekt zusammen: dem Versuchsatomkraftwerk im waadtländischen Lucens.
Bescheidenes Leistungsvermögen
Der Bau der Anlage begann Anfang der 1960er-Jahre. Der Versuchsreaktor wurde in eine Kaverne im Fels gebaut. Hier sollten acht Megawatt Strom «Made in Switzerland» produziert werden. Mit am Projekt beteiligt waren neben anderen Unternehmen Sulzer und die Brown Bovery BBC (später ABB).
Das Projekt war von Anfang an mit erheblichen Problemen konfrontiert: Wegen des damaligen Baubooms fehlte es immer wieder an Bauarbeitern. Zudem führten Wassereinbrüche in die Kaverne dazu, dass der Bau länger dauerte als geplant.
Grösseres Interesse an US-Reaktoren
Die Industrie verlor zunehmend das Interesse an einem «atomaren Alleingang». 1967 stieg Sulzer aus der Reaktor-Entwicklung aus. BBC hatte sich schon zuvor zurückgezogen. Anstatt auf den eigenen Reaktor zu warten, entschieden sich zudem Stromproduzenten für den Bau von AKW mit US-Reaktoren. Bereits 1965 begannen die Bauarbeiten für das AKW Beznau 1, mit einem Reaktor aus amerikanischer Fertigung.
Die verbliebenen Firmen stellten sich jedoch mit aller Kraft gegen das Ende von Lucens. 1968 wurde erstmals Strom ins Netz abgegeben. Daraufhin folgte eine längere Revisionsphase, bevor der Reaktor am 21. Januar 1969 wieder hochgefahren wurde.
GAU – Felskaverne sofort versiegelt
In der Felskaverne deutete an jenem Morgen nichts auf Unregelmässigkeiten hin. Doch wie sich später herausstellen sollte, hatte sich bei der eben abgeschlossenen Revision in einigen Brennelementen Wasser angesammelt. Dies führte zu Korrosion, welche die Kühlung des Reaktors beeinträchtigte. Die Betreiber fuhren also – ohne dies zu wissen – einen stark beschädigten Reaktor hoch.
Kurz nach 17 Uhr dann die fatale Folge: Das Umhüllungsrohr von Brennstab 59 war so stark beschädigt, dass das Element schmolz und explodierte – radioaktives Material flog durch die Reaktorkaverne. Die Techniker hatten die erhöhte Radioaktivität gerade noch rechtzeitig festgestellt, sodass das Personal evakuiert und die Kaverne rechtzeitig verschlossen werden konnte. Unmittelbare Gefahr für die Bevölkerung bestand nicht. Trotzdem zählt der Vorfall zu den weltweit schwersten Störfällen nichtmilitärischer Nutzung der Atomenergie.
Anti-AKW-Bewegung erst später
Und der Störfall war gleichzeitig das Aus für den Traum eines eigenen Schweizer Reaktortyps. Das Werk wurde stillgelegt.
Auf der sechsstufigen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) wird der Fall Lucens heute mit 4-5 (Unfall/ernster Unfall) eingestuft. In der Öffentlichkeit warf der Zwischenfall jedoch damals keine grossen Wellen. Der Widerstand gegen die Atomkraftwerke formierte sich erst in den 1970er-Jahren.