Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03191.jsonl.gz/895

Die Nordwand des Tiefenstockes. Erstbegehung
Erstbegehung.Von Samue| Wie ein Blick auf die Siegfriedkarte und ein Vergleich mit unsrer Aufnahme zeigen, ist die zum Dammafirn abfallende Flanke des Tiefenstocks, 3513 m, vollkommen verzeichnet. Dort, wo die Karte ein harmloses, nach oben spitz zulaufendes Schneedreieck wiedergibt, befindet sich in Wirklichkeit eine breit ausladende, ungemein steile Flanke, die nach Nordnordosten orientiert ist und unten mit einem mächtigen Bergschrund abschliesst. Diese 400 Meter hohe Wand besteht aus zwei gänzlich verschiedenen Teilen, nämlich der untern Hälfte, die eine reine Firnwand ist, und der fast vollkommen felsigen obern Hälfte, die lediglich in ihrer Mitte ein nahezu in der Fallirne verlaufendes, enges Firncouloir freilässt. Diese schmale Rinne, die eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Eiskanal auf der Nordseite des Col du Lion am Matterhorn aufweist, benützten wir zum Aufstieg. Auf dem Bilde, das nach einem starken Nassschneefall im Hochsommer aufgenommen wurde, sind die Felsen und damit auch das Couloir selbst nur undeutlich erkennbar. Der felsige Teil der Wand ist dachziegelartig geschichtet und dürfte nur unter sehr grossen Schwierigkeiten kletterbar sein.
Die Nord- und Ostabstürze der Kette vom Winterstock bis zum Eggstock weisen trotz ihrer verhältnismässig niedrigen Kammhöhe von 3200 bis 3600 m ganz ausgesprochenen Hochgebirgscharakter auf. Man trifft hier jenen extremen Wechsel der Verhältnisse, wie er sonst fast nur in den grossen Steilflanken der Viertausender aufzufinden ist. So kommt der Wahl des richtigen Zeitpunktes für die schwereren Fahrten eine wesentliche Bedeutung zu. Die Regel, dass im Frühjahr die Firnturen, im Spätsommer dagegen die Feisturen vorzuziehen sind, mag auch hier im allgemeinen zutreffen, unbedingte Gültigkeit aber hat sie nicht, wie die Erfahrung zeigt. Nur ständige, aufmerksame Beobachtung der örtlichen Verhältnisse kann ein zuverlässiges Urteil bilden.
Ein besonders heikles Problem ist die Tiefenstock-Nordflanke. Diese Wand muss zweifellos während des grössten Teiles des Jahres als objektiv gefährlich gelten. Objektiv gefährlich sogar in doppeltem Sinn: bei starkem Schneebelag infolge Lawinen- und Brettgefahr in der sehr steilen Firnwand und im Couloir, in ausgeapertem Zustande dagegen durch heftigen Steinschlag aus dem obern, felsigen Teil der Flanke. Ausserdem ist zu beachten, dass im Spätsommer der Bergschrund kaum mehr überschreitbar sein dürfte.
Wir waren von Anfang an der Meinung, dass eine Durchsteigung dieser Wand nur unter ausnehmend günstigen Verhältnissen riskiert werden durfte. Es galt jenen Zeitpunkt zu erfassen, wo das lockere Felsmaterial durch den Schnee noch gut zusammengehalten war, anderseits aber nicht mehr mit nennenswerter Lawinengefahr gerechnet werden musste. Da dieses Minimum an objektiver Gefahr vielleicht nur Tage oder gar nur Stunden dauern konnte und aus der Ferne nicht so genau festzustellen war, schien uns bei einem Erstbegehungsversuch ein sehr früher Aufbruch, schon kurz nach Mitternacht, unbedingt notwendig zu sein. Auf diese Weise hofften wir den Gipfel schon um etwa 8 Uhr morgens erreichen zu können.
Am Pfingstsonntag, den 9. Juni 1935, verliessen Max Bachmann und ich um lso Uhr nachts die Moosstockhütte. Der noch zu wenig tragfähige Schnee auf dem Dammagletscher spielte uns jedoch einen schlimmen Streich. Erst nach nahezu fünfstündiger, äusserst ermüdender Spurarbeit im Bruchharst gelangten wir zum Bergschrund. Es war 630 Uhr geworden. Wir hatten zwei volle Stunden Verspätung.
Nach kurzer Beratung beschlossen wir, die Wand dennoch anzupacken und im allerschlimmsten Falle oben im Couloir an den Randfelsen zu warten, bis der Abendschatten den Firn wieder zum Erhärten bringen würde. Diese Massnahme erwies sich dann glücklicherweise als unnötig, und zwar dank der günstigen Firnbeschaffenheit im Couloir. Der Firn war mit der Unterlage sehr gut und gleichmässig verbunden und zeigte trotz der im obern Teil ziemlich starken Durchweichung keine unmittelbare Abrutschgefahr. Der ganze Aufstieg, der sich vollständig auf Firn abspielt, ist aussergewöhnlich steil. Die flachste Stelle wurde zu genau 50 Grad gemessen. Extreme Neigung weisen der Couloireingang und das Couloirmittelstück auf. Man wagt dort nicht einmal daran zu denken, wie dies alles bei Blankeis aussehen würde. Die Verhältnisse waren durchschnittlich günstige. Sie erlaubten uns, mit Hilfe der langzackigen, gut durchgreifenden Eckensteineisen die ganze Wand ohne eine einzige Stufe zu durchsteigen. Von der Gratscharte aus erreichten wir nach kurzer, aber interessanter Kletterei über den prächtig ausgesetzten Granitfirst um 10 Uhr vormittags das Gipfelsignal.