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Überlegungen zu einer asymmetrischen Wehrtechnologiestrategie
von Franz Betschon*
Teil 5: Gedanken zu einer Low-Cost-Rüstung im Bereich Luftwaffe
Eine wahre Begebenheit vorweg. Der Verfasser hatte vor vielleicht 10 Jahren die Gelegenheit, mit einem Militärdienstkameraden, der Captain einer Swissair Langstrecken-Maschine war, im Cockpit den Heimflug aus den USA zu machen. Beim Rollen über das Vorfeld in Kloten passierten wir den Abstellplatz der Kurzstreckenflugzeuge. Der Freund deutete mit dem Kopf vielsagend und grinsend auf die Crossair-Maschinen und sagte: „Das ist unsere Spielwarenabteilung„.
Wenn im letzten Beitrag geschrieben wird, dass die Luftwaffe für die Begründung des Tiger-Teilersatzes (TTE) von der gefährlichsten Feindmöglichkeit ausgeht, so wird sie dann aber gleich wieder inkonsequent, indem sie von der Unwahrscheinlichkeit des Erdkampfes und der Luftaufklärung (ohne Drohnen) ausgeht, um diese Einsatzarten nicht wieder einführen zu müssen. Würde sie sich auch dazu bekennen, dass der Luftpolizeidienst nicht die gefährlichste Feindmöglichkeit ist, würde der gegenwärtig geforderte TTE auch wieder relativiert.
Die eigentliche Unbezahlbarkeit moderner Wunsch-Luftrüstung hat sich schon seit langem abgezeichnet. Immer wieder gab es daher Ideen, mit überschallfähigen Leichtbaujägern der Kostenfalle ein Schnippchen zu schlagen. Ihre Realisierung scheiterte am geschilderten „Spielwaren-Syndrom“ der Verantwortlichen und dem Axiom, dass die Schweiz kein Kampfflugzeug bauen könne.
Dr. Georges Bridel, ETH Ingenieur und seinerzeit im Stab der FF Trp eingeteilt, sowie ein Team von Militärpiloten, Physikern, Elektronikern und Wartungsspezialisten hatten im Rahmen der privaten ALR (Arbeitsgruppe Luft- und Raumfahrt) einen auch heute noch sensationell anmutenden Entwurf erarbeitet (siehe Bild). Wenn sich unsere Luftkampfspezialisten zu einer Feindbeurteilung nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip und nicht nach der schlimmsten Feindmöglichkeit bekennen könnten (wie es das Heer bereits tut), so würden sie bei ehrlichem Bemühen diesen Entwurf, den PIRANHA, unbedingt wieder auf den Tisch bringen („Flugrevue“, 1/1989; „Cockpit“, 4/2005). Übrigens: Der Milizoffizier Dr. Georges Bridel ist derzeit noch Vice President Advanced Development bei EADS und damit wahrscheinlich einer der Schweizer Luftfahrtingenieure mit dem derzeit besten Gesamtüberblick.
Nach der gegenwärtigen Doktrin ist undiskutierbar, dass Qualität vor Quantität kommt, mit dem bekannten Selbststrangulationseffekt. Wäre nicht die doppelte Anzahl von Flugzeugen, die nur die Hälfte kosten und in erster Linie auf die Sättigung des Kampfraumes abzielt, wirksamer als die Gegenvariante? Die Frage taucht auch auf, ob z.B. eine vollständige Allwettertauglichkeit der ganzen Jägerflotte wirklich ein unbedingtes Muss ist, oder ob diese nicht dem Kern der kampfwertgesteigerten F/A-18 (RP 08) reserviert sein soll. In der Vergangenheit hatte man oft den Eindruck, dass Pflichtenhefter so geschrieben worden sind, um zum vornherein dem eigenen Wunschflugzeug die beste Chance zu geben.
Der PIRANHA gedieh seinerzeit über das Reisbrettstadium hinaus, ein ganzes System wurde entwickelt, Windkanalmessungen durchgeführt, und ein ferngesteuertes Modell machte Flugversuche. Der PIRANHA 6, die letzte Version, wurde zusammen mit der damaligen amerikanischen Boeing Military Airplane Co. als ägyptisch-saudisches Projekt weiterverfolgt. Es hätte eine Geschwindigkeit von Mach 1.8 erreichen können und jede Menge an Bewaffnung und Zusatzausrüstung tragen können. Warum die USA das Projekt einschlafen liessen, dürfte in erster Linie auf den Einfluss der US-Luftfahrtindustrie und das Spannungsfeld rund um Israel zurück zu führen sein. Für die Schweiz wäre von Bedeutung gewesen, dass die ganze teure Infrastruktur der damaligen Luftwaffe praktisch ohne Änderungen hätte übernommen werden können. Diese ist ja mittlerweilen praktisch grossenteils nicht mehr benützbar. Damals titelte eine Fachzeitschrift: „PIRANHA Jäger Light – A project a decade too early„.
Der PIRANHA würde bei wesentlich niedrigeren Kosten etwa des seinerzeitigen F/A-18 ca. 95% aller Einsatzfälle abdecken. Dieser neue Weg würde natürlich viele Jahre beanspruchen, aber so viel Zeit dürfte ohnehin nötig sein, um dem nächsten Problem der heutigen CH-Luftwaffe zu entrinnen, dem Pilotenmangel. Diesen Mangel zu beheben geht nur über die Wiederausbildung von Milizpiloten. Unmöglich, meinen die heutigen Berufsmilitärpiloten, die können das nicht, obwohl früher stets das Gegenteil bewiesen worden ist. Wenn das Korps der Berufsmilitärpiloten nicht frühzeitig ihren Arbeitgeber endgültig verlieren will, müssten sie eigentlich sofort auf diese Lösung einschwenken. Ihnen kann nicht entgangen sein, dass durch den Wegfall der Ausbildung von Milizpiloten ihre früher mächtige Lobby im Volk immer mehr schwindet.
Um schliesslich nicht wieder in die Falle der „eigenen Bananen“ (analog A400M) zu treten, wären heute wie damals Kooperationen mit ausländischen Herstellern sinnvoll. Sicher befinden sich auf den Reisbrettern vieler Flugzeughersteller schon ähnliche Entwürfe, jedenfalls bei MiG, Jakolew oder Suchoi. Die Zwischenrufer, die das politisch und überhaupt für totalen Blödsinn halten, seien darauf hingewiesen, dass die Piloten der deutschen Luftwaffe ihre MiG-29 (kampfwertgesteigert) gar nicht begeistert gegen den Eurofighter eintauschten. Bisher galt die Logistik der russischen Flugzeuge als mangelhaft. In der ehemaligen A61 waren aber Spezialisten am Werk, die diesen Nachteil hätten ausmerzen können, wie es die deutsche Luftwaffe auch getan hat. Das Logistikdebakel der AXXI muss nicht unbedingt wiederholt werden.
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* Franz Betschon, Dipl. Masch. Ing. ETH, Dr. sc. Techn. ETH durchlief eine Industriekarriere und sitzt heute in diversen Verwaltungsräten. Er hat mehrere Bücher über Sicherheitspolitik verfasst. Militärisch war er u.a. Chef Sektion Operationen im Stab FF Trp, USC Log im Stab FF Trp und zuletzt Gst Of im Stab USC ND im Range eines Oberst i Gst.
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Der nächste Teil beschäftigt sich mit den „Gedanken zu einer Low-Cost-Rüstung im Bereich Mechanisierte Kampfführung„