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Maureen Sherry war Investmentbankerin. Was sie dort als Frau und Mutter erlebte, ist unglaublich. Inzwischen hat sie die Wall Street verlassen und den Irrsinn in einem neuen Roman verarbeitet. Es ist keine grosse Literatur, schreibt «Die Welt», aber erstklassiger Hollywood-Stoff. Die Schauspielerin Reese Whiterspoon hat sich die Filmrechte am Buch gesichert. Die Dreharbeiten sollen 2017 beginnen.
«Opening Belle» heisst das Buch, das zu Beginn der Finanzkrise 2008 spielt und seit Februar in der englischen Ausgabe verfügbar ist. Es handelt von Isabelle «Belle» McElroy, einer fiktiven Investmentbankerin, die mit dem Handel von Hypotheken-Derivaten erst zu einer der besten Verkäuferinnen der Bank aufsteigt und dann mit zu deren Untergang beiträgt.
Fruchtloser Kampf
Gleichzeitig kämpft sie einen fruchtlosen Kampf gegen die frauenfeindliche Kultur in der Bank und ihren Mann zu Hause, der finanziell von ihr abhängig ist, aber nicht einsieht, deswegen die Aufgaben eines Hausmanns zu übernehmen. Er praktiziert lieber Tantra-Yoga, als den Abwasch zu machen.
Die Story basiert teilweise auf den Erfahrungen von Sherry. Als sie nach der Geburt ihres ersten Kindes aus dem Mutterschutz zurückkam, sass auf ihrem Platz ein Fremder. Sherry hatte zweieinhalb Monate Auszeit genommen, ihrem Arbeitgeber Bear Stearns war das offenbar zu lang. Die New Yorker Investmentbank hatte einen neuen Mitarbeiter eingestellt, der sich sämtliche Kunden von Sherry unter den Nagel gerissen hatte.
Schwieriges Umfeld
Sie musste nicht nur den üblichen Wahnsinn einer jungen, berufstätigen Mutter bewältigen, sondern auch noch mühsam ihre Kunden zurückerobern. Von ihren Kollegen erhielt sie keine Unterstützung. Jedes Mal, wenn sie mit der Stillpumpe auf der Toilette verschwand, feuerte der Trading-Floor sie mit «Muh»-Rufen an. Und ein Kollege trank unter lautem Gegröle der anderen ihre abgepumpte Muttermilch aus, die sie im Kühlschrank gelagert hatte.
«Ich war damals an einem Punkt meiner Karriere angelangt, an dem ich als Frau nicht mehr weiter aufsteigen konnte», sagt Sherry. Seit sie die Wall Street verlassen hat, arbeitet sie als Schriftstellerin. Ihr erstes Buch war ein Kinderbuch, dann arbeitete sie an einem Sachbuch über Mobbing, sexuelle Nötigung und ungerechte Bezahlung von Frauen an Wall Street. «Ich wollte meine eigene Erfahrung einbringen und habe rund zwei Dutzend Top-Bankerinnen interviewt, die mir die unglaublichsten Geschichten erzählt haben.» Das Problem: Die meisten wollten nur unter der Bedingung mitmachen, dass ihr Name anonym bleibt.
Machokultur als Ursache
Dann brach der Hypothekenmarkt zusammen. Sherrys früherer Arbeitgeber, Bear Stearns, konnte sich nur dank einer Notübernahme durch JP Morgan vor der Insolvenz retten. Wenige Monate später ging die Investmentbank Lehman Brothers pleite. Um Sherry herum zerbrachen Existenzen. Die meisten ihrer Freunde arbeiteten noch immer an der Wall Street. «Ich kenne kaum jemanden, der in dieser Zeit nicht ein Vermögen, seinen Job oder beides verloren hat.»
Sherry legte damals ihr Manuskript in die Schublade und begann von vorn. Aus dem Sachbuch wurde ein Roman, der sich nicht mehr nur um die frauenfeindliche Kultur, sondern auch um die Finanzkrise drehen sollte. Wobei, das hängt nach Sherrys Ansicht letztlich alles miteinander zusammen. «Hätte es mehr Frauen in den Risiko-Ausschüssen der grossen Banken gegeben, wäre das nicht passiert.» Sie ist überzeugt, dass die testosterongesteuerte Machokultur die Ursache für die Misere gewesen sei.
(ise)