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Die italienische Regierung machte unter Führung der Lega medienwirksam mobil gegen Asylsuchende, toleriert aber gleichzeitig, dass die Mafia Flüchtlinge als Sklaven für die Landwirtschaft vermittelt. In der Not haben sich Erntesklaven zu einem Selbsthilfeverein zusammengefunden. Heute produziert der Verein Barikama bei Rom erfolgreich Gemüse und Joghurt.
von Giacomo Sini und Dario Antonelli
Sie machen Spässe, während sie sich über die Kohlköpfe beugen. Ismail steht auf, schaut zum Kollegen neben ihm und scherzt: «Lorenzo, tut dein Rücken nur schon vom Herumstehen weh?» Dann reinigt er mit dem Messer den Blumenkohl von den langen Blättern und legt ihn ins Gemüsegitter. Lachend heben Lorenzo und Cheikh die Kisten an. Die Ernte ist beendet und gemeinsam gehen sie zum Traktor. Obwohl es erst Anfang Februar ist, spürt man die Hitze der Sonne. Die wenigen Wolken sind durch den aufgekommenen Wind weggeweht worden. Den Kohl gilt es nun, zusammen mit dem auf anderen Feldern geernteten Salat und Spinat, zu waschen, die Pakete für die Lieferung vorzubereiten und den Lieferwagen zu beladen.
Barikama ist ein Verein, der 2011 von einer Gruppe junger Afrikaner gegründet wurde. Viele von ihnen nahmen am Aufstand in Rosarno im Januar 2010 teil. Damals protestierten Hunderte von afrikanischen Arbeitern, die in den Zitrushainen der Gegend ausgebeutet wurden, weil erneut ein Kollege bei einem rassistischen Angriff schwer verletzt worden war. Zu jener Zeit brachen sie zum ersten Mal das Schweigen über die Bedingungen der eingewanderten Arbeiter auf den italienischen Äckern. Bereits auf ihrem Weg nach Rom hatten sie Erfahrungen mit gegenseitiger Unterstützung und Solidaritätsnetzwerken gemacht. So beschlossen sie damals, ein Projekt zu starten, das zumindest eine gewisse Unabhängigkeit garantieren sollte.
Seitdem sind zehn Jahre vergangen, und es ist ihnen gelungen, in Casale di Martignano, am Ufer des gleichnamigen Sees, 35 km von der Hauptstadt entfernt, eine Genossenschaft aufzubauen, die Joghurt und Gemüse produziert. Für sie ist das nicht bloss eine Arbeit, sondern auch eine Erlösung von der Ausbeutung, eine Solidaritätsinitiative. Es ist ein soziales Projekt, das durch Praktika und Arbeitsverträge auch junge Italiener mit Asperger-Syndrom einbezieht. So Lorenzo aus Rom, der seit fast zwei Jahren jeden Dienstag in Martignano arbeitet. All dies kommt im Namen der Genossenschaft zum Ausdruck: «Barikama» ist ein Wort in Bambara, eine westafrikanische Sprache, das eine besondere Art von «Stärke» ausdrückt, die am treffendsten mit «Widerstand» übersetzt wird.
Ihr Lager und den Hauptsitz hat die Kooperative in Pigneto, eines von Roms historischen Arbeitervierteln. Um sieben Uhr morgens, der Himmel beginnt sich allmählich zu klären, betritt Modibo zum Frühstück die Bar an der Ecke und grüsst die Anwesenden. «Probieren Sie das mit Äpfeln!», empfiehlt der Barista und zeigt auf die Croissants.
Modibo, 32 Jahre alt; 2008 kam er aus Mali nach Lampedusa. Sein Vater starb, als er noch klein war, deshalb konnte er nicht studieren und arbeitete immer auf den Feldern. Wie jeden Morgen treffen sie sich im Lager, um den Lieferwagen zu beladen und sich die Arbeit aufzuteilen. Die einen gehen auf die Felder, andere kümmern sich um die Lieferungen und einige gehen auf die Märkte. Es gibt zehn verschiedene Märkte, an denen sie im Laufe eines Monats regelmässig teilnehmen. Hinzu kommen die mehr als 30 solidarischen Einkaufsgruppen, die die Genossenschaft beliefert.
Der überdachte Triester Markt in der Via Chiana wurde erst vor Kurzem wieder eröffnet. Es gibt viele Stände, aber unter der Woche nur wenige Besucher. Erst samstags wird es lebendig. Barikama ist hier mit seinen Produkten, jeden Tag steht eine andere Person am Stand. Tony kam vor vier Jahren aus Nigeria, wo er als Maurer arbeitete. Er ist 31 Jahre alt und hat in Foggia Tomaten gepflückt. «Dort haben sie uns vier Euro für 350 Kilo gepflückte Tomaten bezahlt, es war der reinste Wettstreit.» Nach vier Monaten verliess Tony Apulien und kam nach Rom, wo er als Praktikant jobbte. Doch dann wurde er von Barikama eingestellt.
Es geht ein kalter Wind, aber die Sonne erwärmt die Kabine des Lieferwagens. Um diese Zeit sollte es nicht zu viel Verkehr geben, aber aus irgendeinem Grund wird zwischen Nomentana und der Ausfahrt 14 alles gestoppt. «Als wir aus Rosarno kamen, lebten wir in besetzten Häusern. Wir gingen zu den Demonstrationen, weil wir Papiere wollten. Reguläre Arbeit konnten wir keine finden. Alles begann im eXSnia, ein besetztes Sozialzentrum entlang der Via Prenestina, als ein Freund vorschlug, in die Joghurt-Produktion einzusteigen. Am Anfang machten wir nur zwischen fünf oder zehn Euro pro Person und Tag. Aber immerhin durften wir während der Arbeit nach Hause anrufen», sagt Cheikh, der am Steuer sitzt. «Zuerst machten wir Joghurt mit Töpfen und Pfannen, aber 2014 gründeten wir eine Genossenschaft. Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für die Produktion fanden wir das Casale di Martignano. Wir haben mit den Erben des Hofes Ferrazza eine Vereinbarung getroffen, zunächst über die Nutzung der Molkerei und der Maschinen, dann über die Bewirtschaftung von ungenutzten Flächen in der Umgebung.» Heute bewirtschaftet Barikama sechs Hektar Gemüsefelder. Joghurt wurde im letzten Jahr bis zu 200 Liter pro Woche hergestellt. Für einen Teil der Einnahmen aus dem Gemüseanbau und der Joghurtproduktion wird ihnen die Nutzung des Landes und der Molkerei gewährt.
Cheikh ist 34 Jahre alt, im Senegal war er Fussballspieler und studierte nebenbei an der Universität Biologie. Er ging nach Lissabon, um beim grossen Sportverband Benfica vorzusprechen, doch es lief schlecht. So zog er nach Italien und arbeitete in Foggia und Rosarno. «Als ich auf den Feldern arbeitete, schaute ich mich um und begann zu rechnen. In Rosarno arbeiteten mit mir zwischen 200 und 300 Personen während mindestens eines Monats ohne Vertrag. Es kann doch nicht möglich sein, dass dies niemand bemerkt. Wie kommen sie mit all dem Geld davon?» Aber das ist nicht das Einzige, was Cheikh nicht versteht.
«Warum hören die Menschen auf den Lega-Politiker Salvini und fragen sich nicht, warum es überhaupt zu Einwanderungen kommt? Ich glaube nicht, dass irgendjemand aus freien Stücken auswandert. Ich wäre lieber bei meiner Familie zu Hause geblieben. Diejenigen, die hier ausbeuten, sind die gleichen, die in Afrika ausbeuten. Sie tragen andere Gesichter, sind aber dieselben Leute.»
Aboubakar verlegt zusammen mit Saydun die Tropfbewässerungsschläuche. Die grünen Bohnen blühen bereits: «Das ist eine afrikanische Hacke. Ich habe für jede Art von Arbeit eine eigene.» Zunächst konnte Barikama nicht alle sechs Hektar Land bestellen. Dann gelang es ihnen aber mithilfe eines Vereins, einen Traktor zu kaufen. «Auch in Mali habe ich seit meiner Kindheit auf den Feldern gearbeitet, aber dort bauen wir Baumwolle, Mais und Reis an. Diese brauchen weniger Pflege und geben auch sonst weniger Arbeit als Gemüsebeete. Das war gemütlicher», sagt Aboubakar. «Früher habe ich gerne in der Landwirtschaft gearbeitet, jetzt nicht mehr, ich hätte gerne einen weniger anstrengenden Job. Aber es ist schwierig, etwas anderes zu finden.»
Saydun kommt aus Gambia, auch er hat immer auf dem Feld gearbeitet: «Der Boden hier besteht aus guter vulkanische Erde. Er ist besonders fruchtbar und die Pflanzen werden nicht so oft krank. Auch wenn wir als kleine Genossenschaft nicht die Bio-Zertifizierung erhalten können, so machen wir doch alles auf natürliche Weise.» Während er das sagt, deutet er auf die Felder, die sich teils über das Bauernhaus und die Ställe, teils entlang des Nordufers des Martignanosees erstrecken.
Währenddessen überquert der blaue Traktor das Feld. Modibo führt den Traktor mit Geschick durch das Feld, auf dem Saydun und Aboubakar Salate pflanzen. Seit sie den Traktor haben, hat sich ihre Arbeit stark verändert. Barikama ist jetzt unabhängiger und kann nicht nur die eigenen Felder bestellen, sondern ihre Arbeitskraft auch anderen leihen. Nach getaner Arbeit fährt Modibo mit der Hacke um die neue Strecke rund um die Pferdeställe. Antonio, der das Gebäude seit einigen Jahren gemietet hat und dabei ist, es zu restaurieren, kennt die Aktivitäten von Barikama sehr gut und hat sie gebeten, einige Arbeiten mit dem Traktor auf dem Gelände der Ställe durchzuführen, im Austausch gegen Dünger für die Felder.
Wenige Meter vom Feld entfernt überprüft Cheikh das Gewicht der frisch verpackten Kisten, bevor er den Lieferwagen belädt. Er erklärt, dass in der Kooperative jeden Monat die Abrechnung gemacht wird. Man legt etwas für den Kassenbestand beiseite, und was übrig bleibt, wird aufgeteilt. Alle Mitglieder erhalten das gleiche Gehalt. «Es ist nicht viel, aber 2019 lief gut. Im Durchschnitt verdienten wir 500 Euro, 700 waren es in den letzten Monaten des Jahres. Im Sommer haben wir einen Monat lang auf unser Gehalt verzichtet, aber Verlust haben wir keinen gemacht.» Laut Cheikh geht es jetzt darum, mehr Autonomie zu gewinnen und den Grosshandel auszuweiten, um ein stabiles Gehalt für alle zu gewährleisten. Sie wollen wachsen, aber immer eine Genossenschaft bleiben.
Von der Molkerei weht der Duft nach Milch herüber. Donnerstag ist Joghurt-Tag, aber heute ist es nur Modibo, der früh morgens zur Arbeit antritt. Tony hat einen Termin bei der Polizei. Es geht um seine Aufenthaltsgenehmigung. Die anderen sind mit Märkten und Lieferungen beschäftigt. Aus lauter Eile liess Modibo sogar seine Arbeitskleidung im Wagen zurück. Die Joghurt-Herstellung kann nicht warten. Jede Woche braucht es neuen. Joghurt ist eines ihrer meist nachgefragten Produkte und bringt gutes Geld ein. Er wird nicht nur von Privatpersonen, sondern auch von verschiedenen Geschäften angefordert. Zum Beispiel Restaurants, die ihn zum Frühstück servieren oder damit backen. Inzwischen wurden die Gläser im Tank mit Milch gefüllt, nun werden sie gekühlt. Am Abend kommen sie zur Lagerung in die Kühlräume der Molkerei.
Als er noch in Martignano lebte, kam Modibo oft zu spät, denn er braucht mehr als zwei Stunden, um mit den öffentlichen Verkehrsmitteln an den Stadtrand von Rom zurückzukehren, wo er wohnt. Heute hat er eine direkte Strecke nach Hause, aber mit dem Verkehr ist es jedesmal ein Abenteuer.
Als er bei einer Bar in der Nähe seiner Wohnung anhält, um einen Saft zu trinken, grüsst ihn niemand. Normalerweise fährt er direkt nach Hause. Er und sein Mitbewohner, ebenfalls aus Mali, bezahlen 500 Euro für eine Wohnung im Erdgeschoss, auf der Rückseite eines Mehrfamilienhauses. Die drei kleinen Räume sind feucht, aber gemütlich eingerichtet. Und in der Küche sind Gäste immer willkommen. Ab nächster Woche wird Modibo in Martignano in einem Agriturismo als Hilfskoch arbeiten; ein Job, der ihm gefällt. Während er die Zwiebel brät, sagt er: «Ich möchte die Wohnung wechseln, diese ist zu feucht. Aber niemand traut uns. Eine feste Wohnung zu finden ist schwierig.»
Modibos Spaghetti mit Thunfisch kommen dampfend auf den Tisch. Der Geruch macht hungrig, und alle setzen sich um den kleinen Tisch im Raum. Essenszeit.