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Alter, Sprache und Gehirn
Kommunikation ist aus unserem Alltag nicht wegzudenken. Gespräche erlauben es uns, unsere Meinung und Bedürfnisse mitzuteilen, Erlebnisse auszutauschen und im Allgemeinen soziale Kontakte zu pflegen. Im höheren Alter werden jedoch die Situationen, in denen man sein Gegenüber bitten muss, den gerade zu Ende gesprochenen Satz nochmals zu wiederholen, immer häufiger. Dies hängt mit dem altersbedingten Hörverlust zusammen, von dem viele Personen im höheren Alter betroffen sind. Um den Schwierigkeiten beim Verstehen gesprochener Sprache entgegenzuwirken, werden Hörhilfen eingesetzt. Oftmals reichen diese Geräte jedoch nicht aus, um die Beeinträchtigung in der alltäglichen Kommunikation zu kompensieren.
Ursachen
Vermindertes Sprachverstehen im Alter kann vielfache Ursachen haben. Der Hörapparat verliert an Flexibilität sowie Funktionalität. Kognitive Fähigkeiten wie z.B. das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit vermindern sich durch die im alternden Gehirn beginnenden Abbauprozesse.
Die Verständnisprobleme scheinen dann besonders gross zu sein, wenn man gesprochene Sprache in einer lauten Umgebung wahrnehmen muss. Studien deuten darauf hin, dass Schwierigkeiten im Verstehen von gesprochener Sprache auch dann auftreten, wenn kein peripherer Hörverlust erkennbar ist. Dies bedeutet, dass rein durch das Altern und den altersbedingten Abbau die Funktion der Hörrinde im Gehirn beeinträchtigt wird, ohne dass am Hörorgan selbst Defizite vorliegen. Der periphere Hörverlust scheint dabei also nur eine sekundäre Rolle zu spielen.
Dennoch muss man diese beiden Aspekte sowohl unabhängig voneinander betrachten, als auch deren Wechselwirkungen in Betracht ziehen. Langzeitstudien weisen darauf hin, dass sich durch eine verschlechterte Funktionalität des Hörorgans die Nervenzellen in der Hörrinde zurückbilden. Es wird angenommen, dass besonders die Ausdünnung von Verbindungen zwischen Nervenzellen in der rechten Hirnhälfte mit einem altersbedingten Hörverlust einhergeht. Diese Hirnareale sind für lautmalerische Aspekte gesprochener Sprache zuständig, das heisst, es werden Intonation, Rhythmus und Intensität verarbeitet. Demzufolge ist die Sprachverarbeitung als ein verteiltes neuronales Netzwerk organisiert, welches sich im Alter zu verändern scheint. Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ältere Personen während der Verarbeitung von Sprachsignalen andere Muster in diesem Netzwerk aufweisen als Jüngere.
Man muss bei einem Hörverlust also nicht nur Defizite des Hörapparates untersuchen, sondern auch die Anatomie des alternden Gehirns in Betracht ziehen. Denn sowohl ein funktionierendes Hörorgan als auch zentrale Hirnfunktionen werden benötigt, um die wahrgenommenen Sprachsignale zu verarbeiten und verstehen zu können.
Der altersbedingte Hörverlust ist ein normaler Alterungsprozess. Viele Fragen im Zusammenhang zwischen Sprachverstehen und kognitiven Fähigkeiten im Alter, sowie der Einfluss von Hörverlust auf dieses Zusammenspiel sind noch ungeklärt. Hinzu kommt das häufig im Alter auftretende Phänomen des Tinnitus, welches ebenfalls Einfluss auf das Sprachverstehen haben kann (lesen Sie mehr dazu im Abschnitt Wie beeinflusst der Tinnitus das Sprachverstehen?) Unsere aktuelle Forschung trägt zum Verständnis bei, wie man Sprache und Hören im Alter aufrechterhalten kann.
Das Hauptziel unserer Studien besteht in der Beschreibung des Zusammenspiels zwischen den verschiedenen, vom altersbedingten Abbau betroffenen Faktoren (Gehirn, Hörvermögen, Kognition, Tinnitus) in ihrem Einfluss auf das Sprachverstehen im Alter. Es soll jeweils dargestellt werden, auf welche Weise Hörverlust, Tinnitus und eine verminderte kognitive Leistungsfähigkeit den Sprachverarbeitungsprozess erschweren und inwiefern Hörhilfen (Hörgeräte), zusätzliche Information durch Lippenlesen und gut erhaltene Kognition kompensatorisch wirken können.
Wie beeinflusst der Tinnitus das Sprachverstehen?
Unter einem subjektiven Tinnitus versteht man die Wahrnehmung eines permanenten Geräusches, obwohl extern kein akustischer Reiz präsent ist. Diese Hörempfindungen sind weit verbreitet und heterogen, sie zeigen sich also von Person zu Person mit unterschiedlichen Ausprägungen. Es können Verschiedenheiten in der Empfindung selbst, aber auch in deren Begleiterscheinungen auftreten. Manche Betroffene beschreiben ihren Tinnitus als ein Summen, Surren, Klingeln oder Rascheln, andere als ein Rauschen und wieder andere berichten von einem reinen Ton auf einem oder beiden Ohren. Neben diesen Eigenschaften variiert auch die Lautstärke, die Tonhöhe und die subjektive Intensität dieser Sinneswahrnehmungen.
Eine ebenso breite Heterogenität findet sich in den Ursachen und im Entstehungsprozess eines Tinnitus. Es ist bekannt, dass das Ohrgeräusch oftmals als Folge eines Lärmtraumas oder eines altersbedingten Hörverlusts entsteht. Deshalb sind es immer häufiger ältere Leute, die von einem Tinnitus betroffen sind.
Menschen mit chronischem Tinnitus lernen meist, mit ihrem Hintergrundgeräusch zu leben. Nur bei wenigen Betroffenen kommt es zu ernsthaften Auswirkungen auf die Lebensqualität, weil sie subjektiv keine Kontrolle über diese Sinneswahrnehmung haben und sie sich so dem Tinnitus hilflos ausgeliefert fühlen. Von einer Tinnitusbelastung spricht man, wenn die Hörempfindung von der Person als störend, aufdringlich und lästig empfunden wird. Doch nicht nur emotionale Aspekte spielen hierbei eine Rolle. Wenn die Tinnitusbelastung ein hohes Niveau erreicht, ist der oder die Betroffene auch in kognitiven Fähigkeiten- wie beispielsweise der Konzentration oder Merkfähigkeit – eingeschränkt, was erhebliche Folgen für das Alltags-und Berufsleben haben kann. Der Schweregrad dieser Belastung ist rein subjektiv und kann nicht durch die erfassten Eigenschaften des Tinnitus abgeleitet werden.
Eine häufig auftretende Begleiterscheinung des Tinnitus ist die Schwierigkeit, gesprochene Sprache in einer geräuschvollen Umgebung zu verstehen. Dies macht sich in alltäglichen Situationen wie beispielswiese beim Warten am Bahnhof, in der Kaffeepause im Büro, im Restaurant, bei Verkaufsgesprächen oder beim Spielen mit den Enkeln auf dem Spielplatz bemerkbar. Nicht selten befinden wir uns im Verlauf des Tages in geräuschvollen Kulissen und werden permanent mit Geräuschen konfrontiert. Mit zunehmendem Alter und Hörverlust wird das Verstehen gesprochener Sprache so zur Herausforderung. Es berichten auch ältere Tinnitus-Betroffene häufig von solchen Problemen; sie hätten unter anderem Schwierigkeiten, einer Konversation zu folgen bzw. sie ermüden rasch. Dies ist sogar bei Personen der Fall, bei denen ein Tinnitus ohne diagnostizierten Hörverlust aufgetreten ist.
Einer Studie unserer Arbeitsgruppe zufolge geht das Ausmass der subjektiven Tinnitusbelastung mit der Fähigkeit einher, Sprache in geräuschvoller Umgebung zu verstehen. Dies bedeutet, dass eine betroffene Person, welche ihre Tinnitusbelastung als gering einstuft, eine bessere Leistung im Verstehen gesprochener Sprache erzielt als eine Person, die sich durch ihren Tinnitus stark belastet fühlt. Welche Ursachen dem genau zugrunde liegen ist noch weitgehend unklar. Es muss genauer untersucht werden, ob diese Verständnisschwierigkeiten auf Störungen in der auditiven Verarbeitung oder auf ein Defizit in kognitiven Funktionen zurückzuführen sind. Es könnte beispielsweise der Fall sein, dass sich ein Tinnitus - besonders bei hoher subjektiver Belastung - auf die hemmende Kontrolle des Grosshirns auswirkt. So wird das Umlenken und Kontrollieren der Aufmerksamkeit zum Problem, denn der oder die Betroffene fokussiert sich übermässig auf die Ohrgeräusche anstatt die relevanten Informationen in den Vordergrund zu rücken. Durch diese Unausgeglichenheit und eine übermässige Sensitivität auf die Geräuschquellen (was als Begleiterscheinung einer hohen Tinnitusbelastung vermutet wird) gerät man in einen Teufelskreis, der das Verstehen gesprochener Sprache erheblich erschwert.
Viele Fragen im Zusammenhang mit Tinnitus und seinen Begleiterscheinungen sind noch ungeklärt. Subjektive Sinneswahrnehmungen sind nicht einfach zu klassifizieren. Deshalb steht die Forschung noch immer vor der grossen Aufgabe, zu einem besseren Verständnis der Heterogenität der Tinnitussymptomatik beizutragen.
In einer aktuellen Studie möchten wir mit Hilfe von Elektroenzephalographie (EEG), Hör- und Verhaltenstests herausfinden, in welchem Umfang verschiedene Faktoren wie Tinnitus, Hörverlust und Kognition (z.B. Aufmerksamkeitsfähigkeit) beim Verstehen von Sprache beteiligt sind und zusammenwirken.
Interesse an einer Teilnahme?
Für unsere Studie suchen wir immer noch interessierte Personen über 65 Jahren. Auch Personen ohne Tinnitus und Hörgeräteträger können teilnehmen.
Wenn Sie Interesse an einer Teilnehme bei dieser Studie haben, kontaktieren Sie uns bitte unter <email-pii> oder per Telefon unter 044 634 57 90.