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Zwergvölker
oder Pygmäen, eine Reihe von Völkern, die, im Innern Afrikas lebend, durch den auffallend kleinen Wuchs (nicht über 150 cm) und die abweichende (hellere) Hautfarbe von ihren Nachbarn sich unterscheiden. Sagenhafte Kunde von ihnen findet man schon bei Homer und Herodot; Aristoteles verlegte ihre Wohnsitze an die Quellen des Nils. Im 16. Jahrh. hörten portug. Seefahrer märchenartige Erzählungen über die Mima und Bake Bake an der Loangoküste; ähnliche Berichte erhielt Krapf 1840 über die Doko südlich von Abessinien und Koelle 1854 über die Kenkob und Betsan in Westafrika. Du Chaillu traf als erster Europäer 1867 am Gabun persönlich mit dem Zwergvolk der Abongo (s. Französisch-Kongo) zusammen. Wissenschaftlich beobachtet und beschrieben wurden zuerst die Akka (s. d. und Tafel: Afrikanische Völkertypen, [* 1] Fig. 10) im Lande der Monbuttu durch Schweinfurth.
Serpa Pinto berichtete dann über die Mucassequere,
Stanley,
Wissmann und
Wolf über die
Batua oder
Watwa, François über die
Bapoto im Kongobecken,
Kund über die Bojaeli im Hinterland von
Kamerun,
Emin Pascha über die
Zwergvölker
(Ewe) im Nilgebiet. Die neueste
und ausführlichste
Beschreibung verdankt man
Stuhlmann, der 1893 zwei Batuafrauen aus der Gegend westlich
vom Ruwensori nach Europa
[* 2] brachte.
Das durch die bisherigen Forschungen sicher gewonnene Resultat ist Folgendes.
Die
Zwergvölker sind unter verschiedenen
Namen und ohne irgend welchen polit. Zusammenhang in kleine Gruppen verteilt, von den
Quellen
des Ituri, am rechten und linken Ufer des mittlern
Kongo, bis zum Unterlauf des
Sankuru verbreitet, leben
ausschließlich in Wäldern als
Jäger und betreiben niemals
Ackerbau. Sie sind zwar kleine, aber wohlproportionierte Leute;
die Hautfarbe ist schokoladenbraun oder von gelblichem Grundton. Der untere Gesichtsteil tritt zurück; die Lippen sind nicht
dick gewulstet, das Haupthaar wollig, aber nicht büschelartig wachsend.
Rote Lippen und ein weicher, grauweißlicher Haarflaum über den ganzen Körper bezeichnen den charakteristischen Unterschied vom Negertypus. Sie kleiden sich dürftig in Rindenstoffe, tragen keinerlei Schmuck, verstümmeln weder die Zähne, [* 3] noch durchbohren sie die Lippen oder Ohrläppchen; in seltenen Fällen trifft man bei ihnen Beschneidung oder Tätowierung an. Ihre Waffen [* 4] sind winzig kleine Bogen [* 5] mit Rottangsehne, vergiftete Pfeile mit meist hölzerner Spitze.
Sie wohnen in halbkugelförmigen, 1-1,3 m hohen Laubhütten und halten sich als Haustiere nur
Hunde.
[* 6] Man ist gegenwärtig
noch im Zweifel, ob sie eine ihnen allein eigentümliche
Sprache
[* 7] besitzen; vermuthlich sprechen sie überall
nur ein etwas verändertes Idiom der benachbarten Negerstämme. Die meisten Ethnographen der Neuzeit neigen zu der Hypothese,
daß die
Zwergvölker im Kongobecken stammverwandt mit den
Buschmännern sind und mit ihnen die eigentlich autochthone Rasse
Afrikas
bilden, daß sie einst ein viel größeres Gebiet bewohnten, aus dem sie durch die Einwanderung der Bantustämme
in die
Urwälder gedrängt wurden.
Zwergvölker giebt es auch in
Asien,
[* 8] besonders in
Vorderindien und
Ceylon.
[* 9]
Auch hier sind körperliche und geistige Eigenschaften der weit zerstreuten
Stämme, wie der
Dschangal, Dschuanga und Putua
im Nordosten, der Kurumba in Maisur, der
Veda im äußersten
Süden, der Wedda (s. d.) auf
Ceylon u.a. so
ähnlich, daß sie auch hier als die Reste der Urbevölkerung angesehen werden können.
Daß es auch in Europa früher
Zwergvölker gegeben
hat, scheinen aus der Urzeit stammende Funde, wie z. B. beim
Schweizersbild (s. d.), zu zeigen. –
Vgl. Stuhlmann, Mit Emin Pascha ins Herz von Afrika [* 10] (Berl. 1894).