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Raoul Weil sei «eine der einflussreichsten Stimmen» innerhalb der UBS gewesen, sagte Martin Liechti im Prozess gegen den früheren UBS-Topmann aus. Der ehemalige Leiter des US-Überseegeschäftes Liechti ist der Hauptzeuge der amerikanischen Regierung.
Diese wirft Weil als Leiter der globalen Vermögensverwaltung der Grossbank vor, gemeinsam mit anderen Bankern der UBS rund 20'000 vermögenden Amerikanern geholfen zu haben, gegen 20 Milliarden Dollar vor den amerikanischen Steuerbehörden zu verstecken.
Die Verteidigung von Weil weist die Verantwortung Weils für die Taten seiner Untergebenen, namentlich von Liechti, zurück.
Der Belastungszeuge berichtete von Zusammenkünften, in deren Verlauf die Notwendigkeit diskutiert worden sei, Konten amerikanischer Kunden von den Cayman-Inseln oder den Bahamas in die Schweiz zu transferieren. Diese hatten eine Vereinbarung mit den USA unterzeichnet, ihr Dasein als Steuerparadiese einzustellen.
Diese Änderung habe die UBS in Gefahr gebracht, da die Mehrheit ihrer amerikanischen Klienten ihr Vermögen nicht deklariert hätten, führte Liechti weiter aus.
Der ehemalige UBS-Manager Raoul Weil stellte gemäss Aussagen des Zeugen Martin Liechti den Profit über das Gesetz. Er habe die US-Kunden und deren Schwarzgeld um jeden Preis halten wollen. Die Risiken für die Bank und die Kundenberater habe er ignoriert.
Mit der Brisanz der Aussagen Liechtis stieg im Gericht die Nervosität. Mehrmals sprach Staatsanwalt Mark Daly den Zeugen irrtümlich mit «Mister Weil» an und musste sich entschuldigen. Immer wieder sprang Verteidiger Matthew Menchel auf um «Einspruch!» zu rufen. Irgendwann reichte es schon, wenn er sich erhob, um den Staatsanwalt zu stoppen. Und immer wieder gingen die Anwälte ans Richterpult, um das Vorgehen zu besprechen.
«Ein Freund»
Für Projekte dieser Art hätten jedoch die Kollegen benachrichtigt werden müssen, erklärte er mit Verweis auf die Geschäftsleitung, der auch Weil angehört hatte. Der Zeuge beschrieb Weil als einen «Freund».
Der 53-jährige Liechti war 2008 von den Amerikanern in Haft genommen worden. Im Austausch gegen eine detaillierte Zeugenaussage gegen seinen ehemaligen Chef kam er jedoch auf freien Fuss. Liechti war Amerika-Chef und Weil in den Jahren 2002 bis 2008 direkt unterstellt, bis er in Miami verhaftet wurde. Der 53-Jährige wirkte im Vergleich zu damals deutlich gealtert.
Martin Liechti gilt als Hauptzeuge, weil kein anderer vor ihm so eng und lang mit dem Angeklagten zusammengearbeitet hatte. «Wir trafen uns alle zwei Wochen zu einem bilateralen Gespräch, in dem alles auf den Tisch kam, was uns beschäftigte», erinnerte sich Liechti.
Ab 2002, als Weil dessen Vorgesetzter wurde, habe die Devise gegolten, Probleme persönlich zu besprechen statt E-Mails zu schreiben. «Wir machten höchstens handschriftliche Notizen.» Dies mag den Umstand erklären, dass die Anklage bisher keine einzige E-Mail von Raoul Weil vorgelegt hat.
Persönliche Besuche in den USA
Kaum hatte Weil die Verantwortung für die globale Vermögensverwaltung übernommen, kündigte der damalige USA-Chef Hansruedi Schumacher und schickte sich an, möglichst viele Kollegen und wohlhabende US-Kunden zu seiner neuen Bank NZB (Neue Zürcher Bank) mitzunehmen.
«Raoul war ausser sich», erzählte Liechti. «Er wollte, dass wir um jeden guten US-Kunden kämpften, um ihn bei der UBS zu halten.» Dazu seien verschiedene Massnahmen getroffen worden, unter anderem Besuche durch hohe Manager wie Weil und Liechti bei wichtigen Kunden in den USA.
Für Weil war das Thema offenbar derart wichtig, dass er 2002 persönlich in die USA flog, um Kunden zu treffen. Dies hatte am Vortag Renzo Gadola, ein ehemaliger Kundenberater, ausgesagt. Er erinnerte sich an Treffen mit drei Kunden in Miami, an denen Weil dabei war. Das ist angesichts des relativ kleinen Anteils von rund 1 Prozent des US-Geschäfts am weltweiten Geschäft, dem Weil vorstand, einigermassen erstaunlich.
Lukratives Geschäft
Liechti bezeugte weiter, dass Weil jederzeit über die nicht regelkonformen Geschäfte mit US-Kunden und die entsprechenden Risiken informiert war. Mehr noch: Weil habe 2002 gebremst, als Liechti das Geschäft mit den «weissen» US-Kunden in einer neuen Abteilung organisieren, die den Vorschriften des US-Börsenrechts entsprochen hätte, und das Geschäft mit den «schwarzen» US-Kunden abbauen und schliessen wollte.
So sei die neue Abteilung SFA (Swiss Financial Advisers) erst 2005 realisiert worden. Liechti schilderte, wie lukrativ das Geschäft mit den «undeklarierten» US-Kunden war. Die Erträge waren ausserordentlich hoch, weil die meisten dieser Kunden einen Portfolio-Management-Vertrag mit der UBS hatten, für den sie hohe Gebühren zahlen.
Zudem erlaubte dieser Vertrag der Bank, das Vermögen der Kunden regelmässig umzuschichten, was jedes Mal satte Gebühren abwarf. Liechti betonte immer wieder, dass Weil Druck gemacht hatte, um den Ertrag der Bank zu steigern. «Dazu hätten wir die Kundenberater noch öfter in die USA reisen lassen müssen, was aber zunehmend gefährlich wurde» Liechti erklärte Weil dieses Dilemma. Aber Weil habe dafür kein Gehör gehabt.
Ein anderer Banker der UBS, Renzo Gadola, sagte aus, dass weniger als 10 Prozent der amerikanischen Kunden der UBS ihr Vermögen versteuert hätten.
Der Prozess gegen Weil läuft seit dem 14. Oktober in Fort Lauderdale im US-Bundesstaat Florida. Er wird voraussichtlich bis zur zweiten Novemberwoche dauern. Dem 54-jährigen Weil droht eine Höchststrafe von fünf Jahren Gefängnis. Die ehemalige Nummer 3 der UBS plädiert auf nicht schuldig.
(sda/chb)