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26. Oktober 2004: An der Universität Bern gibt der damalige kantonale Erziehungsdirektor, Regierungsrat Mario Annoni, den Startschuss für ein Editionsprojekt. Geplant ist die Erschliessung und Kommentierung von Albert Bitzius’ Predigten, Kalendergeschichten, politischen und pädagogischen Schriften «als Basis für eine neue historisch-kritische Gesamtausgabe der Werke» Jeremias Gotthelfs. Dass man damals wusste, dass der Computer bereits erfunden worden war, geht aus den Presseunterlagen einzig daraus hervor, dass Annoni die Digitalisierung der bis dahin massgeblichen 42-bändigen Rentsch-Ausgabe Gotthelfs als Arbeitsmaterial erwähnte.
Unterdessen arbeitet man an der Universität längst an der Historisch-Kritischen Gesamtausgabe Gotthelfs (HKG). Sie ist auf «mindestens 67 Bände» angelegt, dreizehn davon sind gedruckt. Mit rund zehnjähriger Verspätung hat die Projektleitung «die schrittweise Anpassung an computerphilologische Arbeitsweisen» eingeleitet.[1]
Wurde das Projekt demnach strategisch falsch aufgegleist? Journal B sprach mit Dominik Müller, Maître d’enseignement et de recherche am Département de langue et de littérature allemandes an der Universität Genf und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der HKG.
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Journal B: Herr Müller, kann man heute eine wissenschaftliche Printedition von Gotthelfs Werken betreiben, in der noch über fünfzig Bände ausstehen, von denen voraussichtlich jeder weit mehr als hundert Euro kosten und in einer Auflage von vermutlich weniger als 500 Exemplaren gedruckt werden wird?
Dominik Müller:
Ich gehörte 2004 noch nicht dem wissenschaftlichen Beirat an. Auch ich habe mich schon gefragt, warum man das Projekt 2004 so und nicht anders aufgestellt hat. Ich selber habe mitgearbeitet bei der Historisch-Kritischen Gottfried Keller-Edition (HKKA). Sie wurde 1991 als elektronische Edition gestartet, und der Nationalfonds sagte damals, er beteilige sich an der Finanzierung nur deshalb, weil computerbasiert ediert werde. Wobei man unterscheiden muss: Das eine ist, inwiefern der Computer als Arbeitsinstrument dient, etwas anderes, ob der Endverbraucher die Texte schliesslich am Computer oder in einem Buch liest.
Offenbar ist der Computer für die Gotthelf-Edition 2004 unter beiden Aspekten so wenig wie möglich berücksichtigt worden.
Dass der Nationalfonds dreizehn Jahre nach dem Beginn der HKKA beim Gotthelf-Projekt nicht-elektronische Editionstechnik mit einer Anschubfinanzierung von 6 Millionen Franken unterstützt hat, habe ich nicht verstanden. Mir schien, man hätte dies, wie bei Keller, auch zur Bedingung machen müssen, wobei ein verspäteter Einstieg ja auch den Vorteil bietet, dass man jetzt einen avancierteren Stand der Computerphilologie nutzen kann.
Warum dieser Entscheid des Nationalfonds?
Ich kann nur spekulieren. Dort arbeiten immer wieder neue Leute. Konzeptuell ist seine Linie deshalb nicht immer konsequent. Klar ist: Bei Gotthelf ist man mit einem anderen Anspruch angetreten als bei Keller. Standen bei Keller die Möglichkeiten der elektronischen Edition im Zentrum, war es bei Gotthelf die Rekonstruktion und Kommentierung der historischen Kontexte. Die Printedition der HKG mit den grossen Kommentarbänden betont: Wir wollen Gotthelf historisch neu erschliessen.
Zur Zeit ist es so, dass das HKG-Projekt einerseits auf computerphilologische Arbeitsweisen umgestellt wird und gleichzeitig weiterhin Bücher publiziert werden. Dieses Vorgehen könnte man als teure Doppelspurigkeit sehen.
Nein. Man erarbeitet ja nicht eine Computeredition und beginnt dann von vorne um noch eine Printversion zu erstellen. Was mit dem Computer erarbeitet wird, geht direkt in die Buchfassung über.
Ist der Buchdruck nicht ein unbezahlbarer Luxus?
Rentieren tut das sicher nicht. Aber wenn hinten im Emmental irgendeine Kapelle zusammen mit Denkmalschutz und archäologischem Dienst renoviert wird, rentiert das auch nicht. Wenn man schaut, welche Beträge eingesetzt werden, um Bauwerke zu konservieren – ich finde es wunderbar, dass man das macht –, dann ist ein Editionsprojekt wie jenes von Gotthelfs Werken ein Pappenstil. Und Gotthelf ist immerhin ein Weltautor.
Würde man allerdings die HKG-Ergebnisse wie die Keller-Ausgabe im Internet zur Verfügung stellen, so stünden sie dem Publikum ohne Verlust an Informationen gratis zur Verfügung. Die Bücher kommen so teuer zu stehen, dass sie ausserhalb Berns nicht einmal von der bildungsbürgerlichen Elite, sondern wohl ausschliesslich von Universitätsbibliotheken angeschafft werden.
Wenn es deswegen im Projekt je Abstriche geben sollte, dann könnte ich mir vorstellen, dass man die Kommentarbände Online oder per Datenträger zugänglich macht. Aber die Primärtexte sollen als Bücher greifbar sein. Andererseits: Welche Einsparungen gibt es bei einer ausschliesslich digitalen Publikation? Aus Diskussionen im Bereich des wissenschaftlichen Publishings weiss ich, dass solche Publikationen nicht viel weniger kosten. Die wissenschaftliche Arbeit ist die gleiche, und auch die digitale Publikation braucht eine grafische Gestaltung. Mehr als die Kosten für den Drucker und den Buchbinder kann man nicht sparen.
Könnte man nicht die HKG-Edition integral Online stellen und daneben eine preisgünstige Leseausgabe drucken?
Davon träumt man tatsächlich: dass die ganze Forschungsarbeit, die man jetzt leistet, als Informationspool dient im Dienst von späteren Ausgaben für ein breites Publikum.
Wenn es je soweit kommt. Die öffentlich genannten Projektkosten für die HKG von 20 bis 30 Millionen Franken sind enorm.
Eine Frage, die sich mir in Bezug auf die HKG stellt: Kann man diesen unglaublichen Kommentierungsstandard durchhalten? Unterdessen liegt im Entwurf ein 600seitiger Kommentar zum bereits publizierten Roman «Jacobs, des Handwerkgesellen, Wanderungen durch die Schweiz» vor. Vielleicht werden andere Romane weniger Kommentaraufwand benötigen. Ansonsten könnte ich mir persönlich – im Beirat wurde davon noch nicht gesprochen – vorstellen, dass man diesen Aufwand ein bisschen justiert. Normalerweise arbeitet man ja bei Editionen so, dass Kommentare aufgrund von vorliegendem Wissen verfasst werden. Man stellt nicht eigene Forschungen an, sondern stellt das vorhandene Wissen zusammen. Bei der HKG ist es anders. Man muss sich tatsächlich fragen: Geht es darum, dass man Gotthelfs Texte in bereinigter Form zugänglich macht oder geht es um historische Grundlagenforschung zur Geschichte des Kantons Bern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Aber was heisst Grundlagenforschung? Wird an der Historischen Fakultät eine Grundlagenforschung ernst genommen, die von PhilologInnen im Rahmen einer Gotthelf-Edition produziert wird?
Im Wissenschaftlichen Beirat sitzt auch der Historiker Heinrich R. Schmidt. Ich habe schon den Eindruck, dass er dieses Bereitstellen von zum Teil bisher unbekannten Materialien interessant findet.
Allerdings fragt sich, ob die Geschichtsschreibung dieses Bereitstellen als «Grundlagenforschung» oder als wissenschaftliche Hilfsarbeit interessant findet.
Mag sein, dass der Begriff «Grundlagenforschung» heikel ist.
Oder geht es um Grundlagenforschung in einem literaturwissenschaftlichen Sinn? Gibt es das überhaupt?
Man könnte in Bezug auf die eigentliche Edition davon sprechen, dass die Texte als Grundlage sichergestellt werden. Was hat Gotthelf an einer bestimmten Stelle tatsächlich geschrieben? Die Sicherung des Wortlauts mit dem Anspruch, fehlerfrei zu sein, ist eine riesige Arbeit. Dieser gesicherte Wortlaut wird später tatsächlich zur Grundlage für die Textinterpretation durch nachfolgende Forschung auch in anderen Disziplinen.
Was denken Sie: Wird das HKG-Projekt wie geplant in den dreissiger Jahren abgeschlossen werden?
Ich hoffe es. Und wenn es nicht fertig werden sollte, wird das, was vorliegt, nicht wertlos sein. Was bis heute geleistet worden ist, hat einen Wert für sich.