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Beim Abschreiben der handschriftlichen Texte ist es denkbar, dass sich im Laufe der Zeit Fehler eingeschlichen haben. Wenn dem so ist, dann stellt sich die Frage, ob wir in der Bibel heute überhaupt noch einen zuverlässigen Text vor uns liegen haben. Daher soll ein Überblick darüber gegeben werden, wie gut das Neue Testament heute erhalten ist.
Das Neue Testament ist eine verlässliche Informationsquelle über Gott in Bezug darauf, wie er ist und wie er in die Menschengeschichte eingegriffen hat. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass es sich bei der Bibel um das am besten bescheinigte Buch der Antike handelt. Die Originalhandschriften sind zwar nicht erhalten. Dafür verfügen wir heute aber über eine grosse Anzahl von Abschriften. Gemäss Blomberg sind heute mittlerweile über 5'700 griechische Manuskripte verfügbar.Darüber hinaus weisen Köstenberger et al. darauf hin, dass die Zeitlücke zwischen der Entstehung der Originalhandschriften und der frühesten, heute verfügbaren Handschriften deutlich geringer ist im Vergleich zu anderen Werken der Antike. Hier ein Vergleich: Bei den meisten anderen Werken werden die frühesten verfügbaren Kopien zwischen 500 und 700 Jahre später datiert als das ursprüngliche Werk, wo hingegen die frühesten Manuskripte des Neuen Testaments nur ca. 35-40 Jahre nach Abfassung datiert werden. Somit steht fest, dass das Neue Testament in Bezug auf (1) die Anzahl der Hanschriften und (2) die (geringe) zeitliche Distanz zwischen Original und frühesten verfügbaren Abschriften, besser überliefert ist, als andere Bücher der Antike (vgl. Tab. 1).
Dennoch weisen Gelehrte darauf hin, dass sich beim handschriftlichen Kopieren der Texte im Laufe der Zeit Fehler eingeschlichen haben. Wenn sich mehrere Manuskripe zum Beispiel aufgrund eines Abschreibefehlers unterscheiden, werden diese in der Fachsprache als "Lesarten" bezeichnet. Der skeptische Textkritiker Bart Ehrman gesteht beispielsweise ein, dass die meisten dieser Lesarten unbedeutend sind, bemerkt aber, dass es dennoch einige davon gibt, die sogar einen bedeutenden Einfluss auf die Interpretation nicht nur eines Verses oder Kapitels, sondern eines ganzen Bibelbuchs haben.Er erwähnt zudem, dass es insgesamt mehrere Hunderttausend Lesarten gibt.
Ehrman und andere tendieren dazu die Unterschiede und im Besonderen die Auswirkungen dieser Lesarten zu übertreiben. Wallace erklärt, dass es sich bei der Mehrheit dieser Änderungen um Unterschiede in der Buchstabierung handelt.Er teilt die Lesarten in verschiedene Kategorien ein und schliesst daraus, dass weniger als ein Prozent der Lesarten in die Kategorie «bedeutungsvoll und gangbar» (engl. «meaningful and viable») sind. Dementsprechend kann man nicht folgern, dass wir heute nicht mehr in der Lage sind herauszufinden, was die ursprünglichen Originalhandschriften ausgesagt haben. Da die meisten Unterschiede in den Manuskripten unbedeutend sind, sind über 99% des Texts nicht in Frage gestellt.
Tab. 1 - Ein Vergleich zwischen dem Neuen Testament und anderen antiken Werken.
Hinweis: Bei diesen Zahlen handelt es sich um Annäherungen. Die genauen Zahlen können abweichen und verändern sich im Lauf der Zeit.
Es gibt aber einige Abschnitte, von denen die meisten evangelikalen Gelehrten und Bibelübersetzer heute ausgehen, dass sie nicht im Grundtext waren. Dazu gehören 1 Joh 5:7-8, Joh 7:53-8:11 und Mk 16:9-20. In den meisten modernen Übersetzungen werden diese Abschnitte ausgeklammert oder es wird in einer Fussnote darauf hingewiesen, dass diese Abschnitte nicht in den frühesten Manuskripten enthalten sind.
Die Beobachtung, dass gewisse Stellen so, wie sie in manchen deutschen Übersetzungen drin sind, möglicherweise nicht im Originaltext waren, mag für manche Leser überraschend sein. Die obige Analyse weist darauf hin, dass der Text sehr genau überliefert wurde, nicht aber, dass alle Manuskripte exakt mit dem Originaltext übereinstimmen. Dies hat aber keine negativen Konsequenzen für die Inspiration der Bibel. Gemäss der Chicago-Erklärung zur Irrtumslosigkeit, welche durch bibeltreue Theologen zusammengestellt wurde, sollte Inspiration wie folgt verstanden werden:
Wir bekennen, dass die Inspiration, streng genommen, nur auf den autographischen Text der Schrift zutrifft, der aber durch die Vorsehung Gottes anhand der zur Verfügung stehenden Handschriften mit grosser Genauigkeit ermittelt werden kann.
Dieser Aussage zufolge, bezieht sich die Inspiration der Bibel auf den jeweiligen Text des Originalautors, nicht aber zwingend auf alle Abschriften des Originals. Wenn also ein Kopist eine Abschrift von einem der Evangelien angefertigt hat, dann ist die Abschrift selbst nicht automatisch von Gott inspiriert, das Original hingegen schon. Da wir nicht über die Originalhandschriften verfügen, sondern nur Kopien, steht die Beobachtung, dass einzelne Manuskripte Abschreibfehler aufweisen und sich voneinander unterscheiden, nicht im Widerspruch zur göttlichen Inspiration der Bibel.
Schlussfolgerung
Die vorliegende Betrachtung der Überlieferung des Neuen Testaments ergibt, dass der ursprüngliche Text überragend gut überliefert ist. Obwohl es Unterschiede in den Manuskripten gibt, sind wir aufgrund der hohen Anzahl Manuskripte heute in einer sehr guten Lage den Originaltext zu rekonstruieren. Diese Schlussfolgerungen stehen zudem nicht im Widerspruch zur göttlichen Inspiration der Bibel, weil sich die Inspiration nur auf die Originalhandschriften und nicht auf die Kopien bezieht.