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Ihre Berufsbezeichnung ist Urban Forester. Können Sie das näher beschreiben?
Ich bin Urban Forester und Consulting Arborist (beratende Baumpflegerin). Ein Urban Arborist arbeitet an den Bäumen im städtischen Raum, das heißt Baumschnitt, Baumpflege usw. Das Studium nennt man „Arboriculture“. In dieser Form gibt es das in der Schweiz nicht. In anderen europäischen Ländern aber schon. Ein beratender Baumpfleger rät, was zu tun ist. Als Urban Forester schreibe ich beispielsweise Präzisierungen in Verträge, wenn Bäume tangiert sind. Der bestehende Pflanzenbewuchs wird in Projekten meist nicht berücksichtigt. Aber die Bäume sind da. Mein Anliegen ist es, so viele Bäume zu erhalten wie möglich. Ich verfolge seit Jahren die Strategie, die ich “Bauen mit den Bäumen“ nenne. Im Normalfall werden die vorhandenen Bäume auf Arealen von Bauprojekten einfach abgeholzt. Und das ist oft nicht nötig. Meine Arbeit besteht darin, vorzuschlagen und zu regeln, mit welchen Massnahmen die Bäume, die von Projekten tangiert sind, möglichst erhalten werden können.
Waren Sie bei einer Stadt angestellt oder arbeiteten Sie als unabhängige Beraterin? Und wie arbeiteten Sie konkret?
In den USA habe ich als unabhängige Beraterin vor allem bei staatlichen Infrastrukturprojekten mitgearbeitet. Der Staat selber hat keine eigenen Berater eingestellt. So werden die Projekte ausgeschrieben und man kann sich bewerben. Der ausgewählte Berater schliesst dann einen Vertrag für dieses Projekt ab. Auf diese Weise habe ich mehrere Projekte begleitet.
Davor habe ich als Urban Forester gearbeitet und war ehrenamtlich als Co-Autorin für das „USDA Forest Service Urban and Community Forestry Program“ für den Bundesstaat New York tätig. Für ca. 10 Jahre habe ich dessen Umsetzung in New York City begleitet. All diese berufliche Arbeit war gratis. Die Stadtbäume gehören der Öffentlichkeit. Sie sind also auch meine Bäume, und für sie zu sorgen nützt allen.
Ich war auch involviert in den staatlichen Teil dieses Programms und war im ständigen Austausch mit den Berufskollegen, die ebenfalls daran arbeiteten. Und das Programm läuft noch immer.
Gibt es in Europa Vergleichbares?
An sich kann der Staat diese Aufgabe nicht alleine bewältigen, sie ist zu vielfältig. In Europa werden die verschiedenen Ressourcen noch zu wenig genutzt. Nehmen wir zum Beispiel Gartenbesitzer in einer alten italienischen Stadt. Das meiste Grün ist hinter Mauern in Gärten. Denn die Gassen sind meist so schmal, dass nur für Fussgänger Platz bleibt. Für Bäume fehlt der nötige Raum. Die meisten Bäume sind dann oft in den Gärten. So müssen diese Leute einbezogen werden. Sie müssen informiert werden über die Situation, wie sie Sorge tragen können; für ihr Eigentum, aber auch im öffentlichen Interesse. Und das geschieht in Europa noch zu wenig.
Die öffentliche Hand denkt zu wenig daran, die Menschen einzubeziehen, sie dazu zu bringen, sich zu beteiligen. Es bräuchte dazu eine mit der Materie vertraute Person, die fähig ist, das Anliegen auf gut verständliche Weise zu übermitteln. Aber als Verwaltung muss man das auch wollen. Ist kein Interesse da, oder denkt man, dass die Leute sorglos und gleichgültig sind, kann man nichts in diese Richtung verändern.
Die Zeichen sind aber da, dass etwas getan werden muss. Der Klimawandel ist für alle ersichtlich.
Richtig, man denke nur schon an den UN Klimabericht. Und das Wetter in diesem Jahr ist ein Beweis dafür, dass sich etwas verändert. Es ist zu trocken und zu warm. Die Trockenheit ist das grösste Problem. Die mediterrane Zone wird sich gegen Norden hin ausdehnen. Es wird angenommen, dass Luzern in rund 20 Jahren ein mediterranes Klima aufweisen wird.Flora und Fauna werden sich stark verändern, gewisse Arten wie beispielsweise Fichte und Tanne wird es nicht mehr geben. Man muss aufwachen.
Ist das in den USA besser?
Die Umweltorganisationen sind aktiver und haben eine grosse Gefolgschaft, die bereit ist zu protestieren. Die Regierung muss aber Teil davon sein. Sie muss gewisse Dinge ermöglichen und fördern; nicht nur finanziell. Nehmen wir zum Beispiel Massnahmen für die Unterstützung von alternativen Energien oder Elektromobile. Das hilft bei der Reduzierung der Treibhausgase. Wird von staatlicher Seite her keine Unterstützung erbracht, wird es sehr schwierig. Und diese Unterstützung fehlt oft auch in der Schweiz.
Im Internet ist die “Guideline for urban forestry as critical green infrastructure in european urban areas“ zu finden. Sie sind massgebliche Mitautorin. Was ist der Hintergrund dieses Leitfadens?
Es ist Teil eines Projekts von COST European Cooperation in Science and Technology. Dabei ging es um einen Lernprozess zwischen Wissenschaftlern und Praktikern im Bereich Urban Forestry.
In dieser Guideline wird ein Advokat für Stadtwälder vorgeschlagen. Gibt es so etwas in der Schweiz?
Das ist im Grunde das, was ich anbiete. Unter anderem helfe ich Urban Forest-Managementpläne auszuarbeiten. Und wenn dieser Plan rechtlich festgelegt ist, kann etwas geschützt und auch verbessert werden. Die öffentliche Verwaltung, beispielsweise die Stadtgärtnerei, kann dies nicht alleine bewältigen. Fachleute müssen beigezogen und an einen Tisch gebracht werden; das heißt Ingenieure, Landschaftsarchitekten, Architekten usw. Ein Advokat ist eine Fachperson, die vermittelt und darauf bedacht ist, dass nichts vergessen geht, was das urbane Ökosystem betrifft.
Weiter müssen auch Organisationen und vor allem die Menschen einbezogen werden. Der Schutz eines Baumes beginnt in seinem Umfeld, wo Menschen leben, die nach dem Einkaufen oder beim Spaziergang daran vorbeikommen. Der Schutz beginnt am Standort, wo es Bäume gibt. Es ist ein bottom up, das heißt es muss beim Einzelnen beginnen. Es braucht Wege, um die Beziehung des Menschen zu den Bäumen aufzubauen. Und zum Baum gehören auch die Vögel, die Insekten, die nähere Umgebung usw. Dies zu kultivieren ist mein Ansatz, dies den Menschen wieder näher zu bringen.
Die gebürtige US-Amerikanerin Naomi Zürcher am Vierwaldstättersee.
Was ist das grösste Problem der Bäume in der Stadt?
Zu wenig und zu ungeeigneter Boden, der den Lebensbedingungen der Bäume nicht gerecht wird. Der ursprüngliche Standort eines Baumes ist der Wald. Im Waldboden befinden sich viele Organismen wie Pilze und Bakterien, die in einer Symbiose mit dem Baum leben. Dies fehlt weitgehend in der Stadt. Weiter ist es für einen Baum ein Problem, wenn er ganz alleine steht. Der Baum ist sozusagen ein Gesellschaftswesen. Mit diesem Verständnis muss man mit den Stadtbäumen arbeiten und wenn nötig die Bedingungen verbessern.
In der Stadt gibt es viele Interessen und Ansprüche, es geht auch immer wieder um viel Geld. Man kann aber mit den Bäumen planen. Das Wachstum der Stadt kann man nicht stoppen, dennoch kann man aber die Bäume einbeziehen. Und sie brauchen genug Platz, um ihre Ökosystemleistungen erbringen zu können. Beispielsweise muss der Wurzelraum gross genug sein. Es gibt in Europa keinen Standard für die Pflege der Stadtbäume. In den USA gibt es einen solchen Standard mit Minimalanforderungen, die beispielsweise bei Bauprojekten eingehalten werden müssen. Natürlich darf auch mehr gemacht werden.
Welche Bäume sollten in Städten gepflanzt werden?
Die meisten Bäume, die in hektischen und verkehrsreichen Strassen überleben, sind nicht in der Schweiz heimisch. Die meisten einheimischen Bäume sind nicht städtetolerant. Das erste Auswahlkriterium muss sein: Was toleriert ein Baum? Hält er die Luftverschmutzung und die auf dem Asphalt reflektierte Hitze aus? Überlebt er auch, wenn es teils viel zu nass und manchmal viel zu trocken oder windig ist?
Manche gebietsfremden Pflanzen sind invasiv; sie verdrängen die einheimischen. Sind invasive Bäume in der Stadt ein Problem?
Viele Stadtbäume sind nicht invasiv. Doch die Schweiz pflanzt noch immer Ailanthus altissima (den Götterbaum), welcher sehr invasiv und von schwachem Holz ist. Niemand sollte diesen Baum pflanzen, genauso wenig wie Acer platinoides (Spitzahorn), ein einheimischer Baum, der jedoch höchst invasiv ist und sich schnell verbreitet. Man muss beim Pflanzen sehr selektiv vorgehen und auf die Umgebung achten. Falls sich neben einem Standort Naturräume oder Gärten befinden, sollte man niemals einen Baum pflanzen, der sich leicht verbreitet. Stattdessen sollte eine Sorte, die sich nicht vermehrt, gepflanzt werden. Es gibt viele solche Sorten von Bäumen, die tolerant für urbane Räume sind. Es ist wichtig, dabei auch auf die Bedürfnisse von Bestäubern zu achten. Es ist also immer besser, einen Baum auszuwählen, der sich nicht leicht selbst verbreitet.
Wie beurteilen Sie die Situation, wenn Stadtbäume durch klimaresistentere ausgetauscht werden?
Stadtbäume, die nun ausgewachsen sind, tun genau das, was wir bezweckten oder uns erhofften, als wir sie pflanzten. Stattdessen fällen wir sie, sobald sie anfangen, gross zu werden. Auch wenn man sie ersetzt, werden die neuen Bäume erst wieder in mindestens 20 Jahren ihre Funktionen erfüllen können. Was hat es also gebracht? Manchmal wird argumentiert, dass die neu gepflanzten Bäume später mehr Nutzen bringen. Doch was ist mit den nächsten 20 Jahren? Dieser Aspekt wird den Menschen verschwiegen. Diese Vorhaben widersprechen im Grunde völlig den Bestimmungen des Bundesamtes für Umwelt.
In Zürich und Bern wurden Studien durchgeführt, die untersuchten, welche Bäume für die Städte angesichts des Klimawandels geeigneter wären.
Genau. Zürich hat die Dienstabteilung „Grün Stadt Zürich“. Da sind Leute, die sich für die Grünanlagen in der Stadt einsetzen. Das gibt es leider noch nicht in allen Städten in der Schweiz. Veränderungen geschehen nicht einfach so. Es sollte mehr Lärm geben, mehr Stimmen, die sich gegen das Fällen von Stadtbäumen wehren. Ist es denn so schwer, sich den Behörden in den Weg zu stellen und diejenigen Entscheidungen abzulehnen, die für die Bewohner nicht förderlich sind? Die Stadtbewohner zahlen nämlich ihre Steuern, sodass die Regierung Dinge tun kann, die ihnen guttun. Stadtbäume zu beseitigen, um die Strasse zu erweitern, Parkplätze anzulegen, Gebäude zu bauen und weitere solche Projekte gehören nicht dazu. Häufig geben Städte grossen, einflussreichen Firmen nach, die beispielsweise keine Bäume vor ihrer Geschäftsstelle haben wollen, weil sie die Sicht verdecken.
Haben Sie weitere Beispiele für Situationen, in denen Stadtbäume nicht artgerecht behandelt werden?
Naomi zeigt uns mehrere Fotos. Auf einer der Aufnahmen ist zu sehen, wie Nutzfahrzeuge von Stadtarbeitern auf einer Wiese direkt an einem Stadtbaum geparkt haben.
Leute stellen Fahrzeuge einfach dort ab. Sie haben Anhänger, sie haben Ausrüstung, und wer weiss, was sie dort noch alles tun – und alles geschieht im Bereich der Baumkrone. Diese Zone nennen wir kritische Wurzelzone („critical root zone“). Warum müssen Autos dort parkieren? Warum haben die Bäume einen so geringen Wert, dass man das ihnen antun kann?
Was halten Sie von künstlich angelegten Parkanlagen in der Stadt?
Es ist eine Urban Landscape (urbane Landschaft) und ist nicht vergleichbar mit Wald. Der Boden ist anders. Und meist ist der Englische Rasen zu nahe an den Bäumen. Im Wald sieht man keinen Rasen. Die üblicherweise verwendete Rasensorte in Parkanlagen entzieht dem Boden zu viel Feuchtigkeit und zu viele Nährstoffe und gibt nichts zurück. Sie fehlen dann den Bäumen. Meist wird auch gedüngt. Der benötigte pH-Wert von Rasenboden ist basisch. Bäume brauchen aber in der Regel einen sauren bis neutralen Boden. Das Düngern des Rasens begünstigt zwar dessen Wachstum, entzieht den Bäumen aber die benötigten Nährstoffe. So können sie in dieser Umgebung nicht gut gedeihen. Englischer Rasen bringt der Natur nichts, übrigens auch den Menschen nicht. Mit diesem Kunstrasen muss man aufhören. Dann geht es den Bäumen bedeutend besser und die Pflege kostet sogar weniger. Ausserdem verbessert sich die Qualität unseres Trinkwassers, weil der Dünger nicht mehr ins Grundwasser und damit ins Trinkwasser gelangt.
Abschliessend noch eine Frage: Denken Sie, Europa wird sich an den USA ein Vorbild nehmen? Sehen Sie Hoffnung für die Schweiz?
Ja, ich sehe Hoffnung für die Schweiz. Ich werde jetzt vier Jahre lang mit einem Projekt beschäftigt sein. Wir arbeiten dafür mit sechs Modellstädten in der Schweiz und verwenden die Software i-Tree, mit der eine Bewertung von Stadtbäumen erstellt werden kann. Es geht nicht nur darum, die Bäume danach zu bewerten, wie viel Verschmutzung sie aus der Luft filtern und welchen Wert das in Schweizer Franken hat – man muss diese Werte verstehen und kreative Strategien für die Anpassung der Bäume an das Klima entwickeln. Wir müssen gemeinsam beobachten und nachdenken, um die Bäume wirklich aufzuziehen, sodass sie mehr davon tun können, worauf wir angewiesen sind. In diesem Bereich geht es in die richtige Richtung.
Ich wurde zudem angefragt, beim Erstellen eines Lehrplans für ein Urban-Forester-Studium mitzuhelfen. Dieses wäre unabhängig von einer offiziellen Universität; eine weiterführende Ausbildung für Förster, Landschaftsarchitekten und alle Interessierte, um zu lernen, wie mit der Ressource umzugehen ist. Denn damit Stadtbäume gedeihen können, braucht es Hintergrundinformationen und verschiedene Fähigkeiten. Wir denken, wir könnten Stadtbäume einfach in die Erde stecken, nachdem ein Projekt bereits umfassend geplant wurde. Doch das geht so nicht. Die Anpflanzung der Bäume muss immer Teil des Plans und des Designs sein. Es ist ein Lernprozess, der in der Weiterbildung übermittelt würde.
Interesse ist also da, das ist gut. Es gibt immer Hoffnung. Ich bin eine Person, die nie aufgibt. Einige Leute fragen mich, ob ich es nicht leid bin, die gleiche Auseinandersetzung immer wieder zu führen. Ich bin es nie. Kennen Sie die den Kinderbuchautor Dr. Seuss? Ich hatte dieses kleine Buch von ihm über die Lorax. Das sind lustige kleine Figuren, und sie gehen durch einen Wald, der abgeholzt wurde. Da steht ein berühmter Satz: „Ich bin der Lorax. Ich spreche für die Bäume. Ich spreche für die Bäume, denn die Bäume haben keine Zungen.“ Ich bin also ein Lorax.
Das ist ein schöner Schlusssatz. Wir danken Ihnen vielmals für das spannende Gespräch!