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Heiss – kalt – heiss – kalt. In diesem Wechselbad bewegen sich Journalistinnen und Journalisten, wenn sie sich dem Thema Energie und Klima widmen. Zum Beispiel der Schreibende in der laufenden Woche:
Am Dienstag veröffentlichte die Schweizerische Energie-Stiftung (SES) eine Studie über die Anforderungen an einen schnelleren «Ausbau der erneuerbaren Energie» in der Schweiz, die sie mit dem Titel «Rezepte für eine erfolgreiche Energiewende» den Medien anpries. Infosperber berichtete darüber unter dem Titel «Energie- und Klimaziele mit massivem Solarausbau umsetzen»
Am Mittwoch veröffentlichte die Internationale Energieagentur (IEA) ihren neusten Weltenergie-Ausblick 2019 und fasste dessen Fazit zusammen mit den Worten «Deep disparities in the global energy system», zu deutsch: Riesige Missverhältnisse im globalen Energiesystem. Dieser Ausblick, den die IEA jedes Jahr im Herbst aktualisiert, zerstört jeweils jede Hoffnung, die Welt könne ihren fossilen Energieverbrauch und Ausstoss von Treibhausgasen nur annähernd so vermindern, wie das die Klimawissenschaft für nötig hält, um die globale Klimaerwärmung auf zwei Grad zu begrenzen.
Drei Szenarien, alle fern vom Klimaziel
Treffender als Zehntausende von Worten, die in diesem IEA-Bericht stehen, illustriert die folgende Grafik diesen Befund:
CO2-Entwicklung und IEA-Szenarien bis 2050
Sie zeigt die bisherige und prognostizierte Entwicklung des globalen Ausstosses von CO2 (Kohlendioxid) aus fossiler Energie von 2010 bis 2050. Das CO2 ist das Treibhausgas, das die Klimawissenschaft als Haupttreiber der globalen Klimaerwärmung bewertet. Zur Erläuterung der Grafik:
– Die oberste Linie («Current Trends») markiert die Entwicklung, wenn alle Staaten ihre bisherige Politik unverändert fortsetzen. Demnach stiege der globale CO2-Ausstoss – trotz wachsendem Anteil an nicht fossiler Energie – von 2018 bis 2050 um ein weiteres Drittel.
– Die zweite Linie oberhalb der farbigen Flächen («Stated Policies Scenario») zeigt die Entwicklung, wenn alle Staaten die Politik umsetzen, welche ihre Regierungen an der Klimakonferenz 2015 in Paris versprachen; eine Garantie, dass sie das tun, besteht nicht. In diesem Fall liesse sich der globale CO2-Ausstoss aus fossiler Energie immerhin stabilisieren.
– Die unterste Kurve («Sustainable Development Scenario») zeigt, wie sich der CO2-Ausstoss maximal senken liesse, wenn alle Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländer mit aller Konsequenz auf eine Politik umschwenkten, die sich an den Anforderungen der im IPCC vereinigten KlimawissenschaftlerInnen orientiert. Die einzelnen Farben zeigen die Wirkung von verschiedenen Massnahmen – von der Elektrifizierung von Verkehr und Raumwärme bis zur Substitution von Erdöl und Kohle durch Wind- und Solarkraft. Selbst mit dieser «nachhaltigen Entwicklung» würde das von der Klimawissenschaft gesetzte Ziel «Null CO2 im Jahr 2050» nicht erreicht.
Die oben abgebildete farbige Grafik der IEA zeigt die Entwicklung samt Prognosen erst ab dem Jahr 2010. Eine längerfristige Sicht bereits ab 1990 auf die wachsende Kluft, die sich zwischen realem CO2-Ausstoss und klimapolitischen Anforderungen öffnet, illustriert die nachfolgende Grafik, die Infosperber am 9. April 2019 veröffentlichte:
Schere zwischen CO2-Ausstoss und Klimaziel öffnet sich
Diese Grafik zeigt die Aufwärtsentwicklung der weltweiten CO2-Emissionen aus fossiler Energie von 1990 bis 2018 sowie die CO2-Szenarien der IEA bis 2040 im Vergleich mit den absinkenden Klimazielen, alles indexiert: 1990 = 100. Quellen: IEA, IPCC, eigene Berechnungen Guggenbühl/ Grafik: Kulturzeitschrift Saiten.
Die Analyse zu dieser Entwicklung publizierten wir damals unter dem Titel «Warum die Klimapolitik nicht hält, was sie verspricht». Die zentrale Erklärung – damals wie heute: Der globale Energiemarkt durchkreuzt seit 30 Jahren alle Klimaziele. Grund: Der Klimapolitik fehlt ein ökonomischer Hebel.
Ernüchternde Fakten – und eine persönliche Folgerung
Nach diesen ernüchternden Fakten und Prognosen bleiben zwei Fragen: Gibt es keinerlei Hoffnung, dass sich die globale Klimakatastrophe abwenden lässt? Sollen wir resignieren?
Diesen demotivierenden Fragen begegnet der Schreibende, damit er weiter über dieses Thema schreiben kann, jeweils mit zwei Antworten. Erstens: Es besteht eine – wenn auch sehr kleine – Möglichkeit, dass sich die grosse Mehrheit der Klimaforschenden irrt und die Klimaerwärmung sich in den nächsten Jahrzehnten nicht wie prophezeit fortsetzen wird. Zweitens: Es ist die Aufgabe von aufgeklärten Menschen, sich für zentrale Anliegen wie etwa die Bekämpfung des Klimawandels oder die Plünderung von begrenzten Ressourcen zu engagieren, selbst wenn die Erfolgsaussichten düster sind. Oder mit einem Zitat, das (ohne Beleg) dem Reformator Martin Luther zugeschrieben wird: «Selbst wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.»
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
keine