Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03128.jsonl.gz/2606

Gamm-Kategorie114:
Das Unsichtbare des Sichtbaren:
Die Frage nach der Bedeutung des Unbestimmten in einer Welt (scheinbar) bestimmter Dinge hat Merleau-Ponty ein Leben lang begleitet. Nicht nur im Zusammenhang epistemologischer Überlegungen, sondern auch im Blick auf jenes dichte und verschlungene „Gewebe“ von Wahrnehmung, Leib und menschlicher Existenz. Es ist keineswegs übertrieben, zu behaupten, das Denken Merleau-Pontys bewege sich eng entlang dem semantischen Dispositiv unbestimmter Bestimmtheit.
Phénoménologie de la perception (1949)
Le visible et l’invisible (1964)
„Wir müssen uns entschließen, die Unbestimmtheit als positives Phänomen anzuerkennen.“ Alles menschliche Wahrnehmen, Denken und Handeln zeigt sich im Raum „der Anwesenheit einer positiven Unbestimmtheit.“
„Aber in der menschlichen Existenz herrscht ein Unbestimmtheitsprinzip, und diese Unbestimmtheit ist nicht allein eine solche für uns und entstammt nicht irgendeiner Unvollkommenheit unserer Erkenntnis. Die Existenz ist in sich unbestimmt aufgrund ihrer fundamentalen Struktur, insofern sie selbst der Vollzug ist, durch den, was keinen Sinn hatte, einen Sinn gewinnt, was Zufall war, Vernunft wird; insofern sie Übernahme einer faktischen Situation ist. Diese Bewegung, in der die Existenz eine faktische Situation sich zu eigen macht und verwandelt, nennen wir die Transzendenz. Eben weil sie diese Bewegung der Transzendenz ist, übersteigt die Existenz nichts je endgültig.“
115 Diese methodische Bewegung des Überstiegs in Richtung einer bestimmten Leere, auf eine Präsenz des Unbestimmten im Zentrum der Dinge.
116 Die Idee eines Unsichtbaren inmitten des Sichtbaren lässt nicht nur das rationalistische Projekt einer vollständigen Transparenz der Welt scheitern; sie verweist auch auf die Merleau-Pontysche Vorstellung von Philosophie, die im Niemandsland zwischen den Dingen der sichtbaren Welt angesiedelt ist, an der Stelle, wo die Philosophie als Fragen, d.h. als Einrichtung einer Höhlung eines Fragens um das Dieses und um die Welt herum, die da ist, sich zu platzieren sucht.
Auch das Bewusstsein oder „das Auge des Geistes hat seinen blinden Punkt“: „Was es nicht sieht, sieht es aus prinzipiellen Gründen nicht, weil es Bewusstsein ist.“ (Merleau-Ponty Phänomenologie der Wahrnehmung S. 54 und S.327)
117 Diesen blinden Fleck des Bewusstseins sucht Merleau-Ponty sowohl an der Reflexionsphilosophie als auch an der Dialektik zu markieren. Über die Kritik der Reflexion aus dem Geist des Cartesianismus entwickelt er die Idee einer nicht- proportionalen Öffnung zur Welt; über die Auseinandersetzung mit der Dialektik die Umrisse einer "Hyperdialektik“, die als methodisches Organon des Unbestimmten sollte dienen können.
Denn die Philosophie muss zeigen, „wie die Welt sich von einem Nullpunkt des Seins aus artikuliert, der nicht nichts ist, dass sie sich also einrichten muss am Rande des Seins, weder im Fürsich noch im Ansich, sondern an ihrer Verbindungsstelle, dort, wo sich die vielfältigen Eingänge der Welt kreuzen.
118 Der Geist selbst wird zur „Wiege der Welt“. Man kann die vorreflexive Weltbindung nicht auf den „einfachen Zustand des Nicht-Sehens“ und des Nicht-Verstehens reduzieren, nicht als Reich vollkommener Dunkelheit abtun und von der Bewegung der Reflexion trennen.
Um im Bilde Merleau-Pontys zu bleiben, die Reflexion muss sich der Komplikationen der Geburt ebenso erinnern wie der Bindungskräfte vorgängiger Weltgewissheit, von denen sie sich zu emanzipieren sucht. Weltgewissheit bezieht die Reflexion nicht aus sich selbst, sondern „nur aus der Welt oder meinen Gedanken“, die, selbst wenn sie in der universellen Struktur transzendentaler Subjektivität gründen sollten, ihre Gewissheit nicht aus dieser Grammatik beziehen können.
„In ihrem Versuch, die existierende Welt auf ein Denken der Welt zu gründen, nähert sich die Reflexion in jedem Augenblick von der vorgängigen Gegenwart der Welt, der sie tributspflichtig ist und aus der sie ihre ganze Energie bezieht. Wenn Kant jeden Schritt seiner Analytik mit dem berühmten „wenn eine Welt möglich sein soll“ legitimiert, so markierte er damit, dass sein Leitfaden das unreflektierte Bild der Welt ist, dass die Notwendigkeit der Reflexionsschritte von der Hypothese „Welt“ abhängig ist und dass der Gedanke der Welt, den die Analytik enthüllen soll, nicht so sehr das Fundament, sondern vielmehr sekundärer Ausdruck der Tatsache ist, dass ich die Erfahrung der Welt gemacht habe, mit anderen Worten, er markiert, dass der Gedanke einer inneren Möglichkeit der Welt auf der Tatsache beruht, dass ich die Welt sehen kann, d.h. auf einer Möglichkeit ganz anderer Art, die an das Unmögliche grenzt.“
Boe: Erfahrung - das Erleben erleben (Fuchs Metapher des Systems 13)
119 Es geht Merleau-Ponty freilich nicht um die Ersetzung der Reflexion durch einen vor reflexiven „Wahrnehmungsglauben“, auch nicht um ihre Disqualifikation zu Gunsten eines Unmittelbaren oder Intuitiven, sondern um die systematische Vergegenwärtigung der „verschwiegenen Beziehung zur Welt, die immer schon besteht, wenn die reflexive Rückkehr einsetzt.“
Boe: Denken3
Horizont - Grenzen der Reflektion
119 In diesem Zusammenhang ist es erhellend, einige verstreute Bemerkungen zum Horizontbegriff heranzuziehen. Das hat mehrere Gründe; erstens spiegeln die im Horizontbegriff projektierten Relationen die Grenzen der Reflexion auf nachgerade klassische Weise.
120 Auf welche Weise wir Dinge als Objekte immer auch konstruieren,ob mittels wissenschaftlicher Algorithmen oder alltagsweltlicher Einstellungen, jedes verifiziert sein oder Bewusstsein ist umgeben "von einem Horizont des rohen Seins und des rohen Geistes, aus dem die konstruierten Gegenstände und Bedeutungen auftauchen und das sie unerklärt lassen".wie es sich zeigt, verweist Merleau-Ponty eher implizit auf die Natur des Horizonts: Horizontes dasjenige, was als unbestimmte Bestimmtheit unsere Konstruktionen leitet, was die Gegenstände und Bedeutungen auftauchen lässt, sie aber zugleich in einem Raum von Rest Dunkelheit zurücklässt Horizont fließt vollständiger Erklärungen aus, sie erzeugt vermittelst der dualen Referenz Weltoffenheit.
122 Auf welchem Weg auch immer man Merleau-Ponty folgt, er führt auf eine "Welt des Zwischen". Surreflexiom, Konstellationen, Selbstbewegung des Inhalts, Chiasmus, Hyperreflexion sind Namen für eine Denkbewegung zur Charakterisierung des paradoxen Orts, von dem aus die „indirekte Ontologie“spricht.
Die mit dem "Horizont" angesprochenen Zusammenhänge sind so etwas wie eine Parabel über das Niemandsland der Philosophie. Philosophie ist nämlich dort, wo der Begründungsdiskurs des Logos aufhört, wo der „Fortgang des Fragens ins Zentrum keine Bewegung vom Bedingten zur Bedingung, vom Begründeten zum Grund“mehr ist, sondern, Heidegger aufnehmend, der vorgebliche Grund ein Abgrund ist.“
123 Zusammenfassend lassen sich in Le visible et l’invisible drei miteinander verbundene Dispositive des Unbestimmten unterscheiden:
(a) die Präsenz einer konstitutiven Leere; sie verbindet sich mit der Kategorie des Horizonts und dem punctum caecum des Bewusstseins;
(b) die vorpropositionale („anfängliche“) Öffnung zur Welt, Merleau-Ponty spricht auch von einem „vorprädikativen Kontext“;
auf die nämliche Unbestimmtheitsstruktur stößt man, wenn entlang des Fragens ins Zentrum (c) die Aporien der Begründungslogik transparent werden. (Lyotard)
Gamm Flucht aus der Kategorie