Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03260.jsonl.gz/1987

Woher kommt eigentlich unsere Milch? Bevor sie, standardisiert und haltbargemacht, im praktischen Tetrapack, in den Detailhandel gelangt?
Damit eine Kuh Milch gibt muss sie zuerst kalbern. Trinken wir den Kleinen die Milch weg?
Über 1.5 Mio Stück Rindvieh leben in der Schweiz, davon sind 545‘000 Milchkühe (1) . Jede von ihnen bekommt jedes Jahr ein Kalb. Dieses benötigt ca. 8 kg Milch pro Tag. Wenn Mutter Kuh 6‘000 kg Milch pro Jahr gibt, sollte es eigentlich mehr als genug haben, oder nicht? Doch weil wir Menschen Milch trinken, Joghurt essen, Käse exportieren wollen und auch Milchpulver brauchen, nicht nur um z.B. Schokolade zu machen, wurden Kühe gezüchtet, die über 10‘000 Liter Milch pro Jahr geben, Höchstleistungskühen werde sogar bis zu 20‘000 Liter im Jahr abgepumpt (2)!
Von der Kuh zum Kalb
Die Schwangerschaft einer Kuh dauert gleich lang wie die eines Menschen: 9 Monate. Wenn das Kalb zur Welt kommt, wiegt es etwa 35 kg. Kurz nach der Geburt versucht es bereits aufzustehen und zu laufen. Die erste Milch nach der Geburt nennt man „Biestmilch“ oder Colostrum. Sie ist für das Kalb lebenswichtig, da das Neugeborene noch über keinen eigenen Immunschutz verfügt und die Antikörper ausschliesslich aus der Muttermilch aufnimmt. Es gibt Höfe, da wird das Kalb deswegen die ersten 1-2 Tage bei der Mutter gelassen. Die meisten Milchbauern sagen allerdings, das Kalb sei sofort von seiner Mutter zu trennen, da die Bindung, die beim Trinken entstehe, sehr stark sein und eine spätere Trennung erschwere. Sie ziehen deshalb vor, die Kuh zu melken und dem Kalb schon die erste Milch im Kessel zu servieren. Diese Einzelhaltung habe sich aus Sicht der Tiergesundheit bewährt, abseits des im Kuhstall herrschenden Keimdrucks könnten sich die Kälber besser entwickeln.
Ein Kalb trinkt in seinen ersten 6 Lebensmonaten täglich 5-8 Liter Milch wenn es die Möglichkeit dazu hat. Deshalb schreibt IP-Suisse vor, dass Mastkälber während der ersten 8 Lebenswochen mit unveränderter Vollmilch gefüttert werden müssen und über ihre ganze Lebensphase mindestens 1000 Liter Vollmilch, d.h. frische Kuhmilch, trinken sollen (3). Ein nach BioSuisse-Standards gemästetes Kalb erhält mindestens 3 Monate echte unveränderte Kuhmilch, und ebenfalls mindestens 1000 Liter im Leben (4) und das BuureChalb (5), ein innovatives Projekt, das dank QuNaV (6) gefördert werden konnte wird in Produktionsstrukturen mit maximal 60 Mastplätzen aufgezogen. Für Kälberaufzucht ohne Kühe empfiehlt UFA schon früh Vollmilchpulver und Spezialfuttermischungen UFA 116 und UFA 219
Die Milchkuh wird pro Kalb im Durchschnitt 305 Tage gemolken. Danach ist sie normalerweise wieder hochträchtig und wird „galt gestellt“, d.h. sie hat eine Melkpause bis zur nächsten Geburt.
Wird eine Mutterkuh mit einem Fleischrassestier, z.B. Angus, gedeckt, sind die Nachkommen „mästbar“. Ist die Mutter eine Zweinutzungsrasse oder selber schon eine Gebrauchskreuzung (7) zwischen einer Milchkuh und einem Fleischstier (z.B. Holstein X Limousin) mit (Heterosiseffekt) guter Milchleistung und gutem Fleischansatz, kann sie zwar nicht für die Weiterzüchtung verwendet werden, aber wenn sie von einem Fleischstier gedeckt wird, ist das Kalb (¾ Fleisch- und ¼ Milchrasse) perfekt für die Mast.
Vom Kalb zum Kalbsschnitzel
Kalbfleisch macht 6% des Schweizer Fleischkonsums aus.
Natürlich stellen wir uns gerne vor, dass die Kälber ihr kurzes Leben mit ihren Müttern auf der Weide verbringen und nehmen gerne in Kauf, dass ihr Fleisch dadurch eine gesündere Farbe erhält als „traditionelles, weisses“ Kalbfleisch. Effektiv ist (unter anderem wegen dem tiefen Milchpreis) die Kälbermast als Milchveredler immer beliebter, aber bei weitem nicht alle Kälber leben bei der Mutter: sehr viel häufiger werden die Kälber wie oben beschrieben sofort nach der Geburt von getrennt, gemästet und dann im Alter von höchstens 7 Monaten geschlachtet. Für die Gesundheit des Kalbes ideal ist, wenn es auf dem Geburtsbetrieb bleiben kann. Die meisten Kälber kommen mit etwa gleichaltrigen auf andere Betriebe.
Es gibt auch frühreife, extensive Fleischrassen wie z.B. die Angus, die nach 9-10 Monaten schlachtreif sind. Diese Rinder können, kurz bevor ihr nächstes (Halb)Geschwister zur Welt kommt, direkt zum Schlachthof gebracht werden. Spätreifere Rassen die im Familienverbund aufwachsen werden spätestens kurz vor Geburt des nächsten Kalbes von ihren Müttern getrennt und wachsen in Jugendgruppen weiter bis sie schlachtreif sind.
Die Lebensdauer und –Bedingungen, inklusive Fütterung, der Tiere hängen vom Produktionssystem und dem Label, unter dem sie vermarktet werden, ab. Weide Veal und Weidebeef, Naturabeef, Agrinatura, Naturafarm und wie sie alle heissen, BuureChalb und BioSuisse: es lohnt sich, den Betrieb und/oder das Label zu finden, das zu einem passt…
Vom Kalb zur Kuh
Nicht alle Kälber werden geschlachtet: Die besten werden zur Weiterzucht und/oder Erneuerung der Herde als Milchkühe aufgezogen. Bei der ersten Besamung ist die Färse (die junge Kuh) höchstens 2 Jahre alt. Von da an bekommt sie jedes Jahr ein Kalb, bis sie „ausgedient“ hat und ebenfalls geschlachtet wird. Die natürliche Lebenserwartung einer Kuh läge bei über 15 Jahren, doch Hochleistungsmilchkühe in Grossbetrieben leben nur ein paar Jahre. Gemäss STS (7) gibts auch in der Schweiz immer mehr Kühe, die nach 3 bis 4 Laktationen, d.h. im Alter von 5-6 Jahren, ausgelaugt sind.
Früher waren Zweinutzungskühe gang und gäbe, die sowohl genügend Milch gaben als auch Kälber gebaren, die gutes Fleisch lieferten.
Tanja Busse in „Die Wegwerfkuh“
Quellen und weiterführende Links
- Swissmilk: Familienbetriebe und Milchproduzenten
- Die Wegwerfkuh von Tanja Busse, im Blessing Verlag
- Tagesanzeiger: Sie leben keine sieben Tage mehr
- Stolze Muni und schöne Kühe: 50 Jahre Swisssgenetics (künstliche Besamung)
- Tanja Busse: Die Wegwerfkuh
- IP Suisse: Mastkälber
- UFA: Rindvieh mit u.a. der Jungieraufzucht
- Kälbermast als Milchveredler: UFA Revue 3/16
- STS Medienmitteilung (Feb. 15): Hintergrundinformation zum Töten junger Kälber
- Landwirtschaftskammer Steiermark: die heikelste Phase der Rindermast ist der Start