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- Kategorie: Reisen und Entdeckungen
- Erstellt: Donnerstag, 08. Februar 2024 12:00
- Zuletzt aktualisiert: Montag, 15. April 2024 22:24
Linachtalsperre
die etwas andere Staumauer
Auf die Linachtalsperre stiess ich 2017 zufällig bei Recherchen zu Bauwerken von Robert Maillart (1872–1940), dem Schweizer Bauingenieur, der durch seine optimierten Stahlbetonkonstruktionen leichtere und damit kostengünstigere Objekte ermöglichte.
Ins Auge sprang mir dabei die Frontalansicht eines Betonfachwerks anstelle einer massiven Mauer.
Ganz im Sinn von Maillart hatte man an der Linach im Schwarzwald-Baar-Kreis anstelle einer Gewichtsstaumauer eine filigrane Betonstruktur mit vereinzelten Gewölben gebaut. Diese Bauweise war mir bis dahin unbekannt, obwohl sie in ganz Europa in verschiedenen Ausprägungen verbreitet ist.
Einzig in der Schweiz schien man dieser Bauweise nicht ganz zu trauen.
Entstanden ist nach mehreren Besuchen vor Ort nachstehender Artikel.
Ende des 19. Jahrhunderts, in Vöhrenbach im Schwarzwald hatte sich Gewerbe und Kleinindustrie angesiedelt die die Wasserkraft der Breg nutzten, um mit den damals üblichen Einrichtungen mittels Riementransmissionen ihre Maschinen anzutreiben. Ein Verfahren, das ich noch zu Beginn der 1970er-Jahre live in Biel bei Ziehbänken für Profilstahl (Vereinigte Drahtwerke Biel) erlebte!
Um 1900 herum begann in Vöhrenbach die Elektrifizierung im kleineren Umfang. Der ständig steigende Strombedarf führte dazu, dass man sich 1920 Gedanken machte, wie man die Stromproduktion durch eine regionale Wasserkraft-Anlage erhöhen konnte. Im Januar 1921 beschloss die Stadt, ein solches Vorhaben planen zu lassen.
Das Grundkonzept des Projekts stammte von Karl Kammüller im Büro des Karlsruher Ingenieurs Fritz Maier, ausgearbeitet wurde das für die damalige Zeit futuristisch wirkende Konzept der Staumauer vom Darmstädter Architekten Professor Paul Meissner.
Im Dezember 1921 begannen die Arbeiten an der Infrastruktur für die Baustelle, im Januar 1922 unter winterlichen Bedingungen die Arbeiten an der eigentlichen Baustelle der Linachtalsperre.
Die Finanzierung des Projekts wurde durch einen ausserordentlichen Holzschlag gewährleistet. 1923 geriet das Projekt durch die Inflation jedoch unter enormen Druck und war eine zeitlang gar gefährdet.
Durch die Ausgabe einer Holzanleihe konnte sich Vöhrenbach im Oktober 1923 etwas vor diesem enormen Währungsverfall schützen.
Stollen, Hangrohr- und Fallrohrleitung sowie das Kraftwerk entstanden parallel zur Staumauer.
Als grosses Ereignis konnte am 16. Dezember 1923 die erstmalige Erzeugung von Strom gefeiert werden.
Am 31. Mai 1926 erreichte die Linachtalsperre ihren ersten Vollstau.
1969 wurde der Betrieb eingestellt und ab 1988 blieb der Stausee, nachdem das Wasser zur Kontrolle der Mauer abgelassen worden war, leer.
Ab 2002 bis 2006 erfolgte die Komplettsanierung der Mauer und der übrigen Kraftwerkanlagen, diese erzeugen seither ohne Unterbruch Strom.
Ursprünglich wurde der Baustoff Beton unbewehrt als Stampfbeton eingesetzt. Die daraus errichteten Bauwerke erinnerten in ihrer Massivität an frühere gemauerte Objekte.
Erst mit Aufkommen von mit Eisen- und später Stahleinlagen bewehrtem Beton begann man sich über eine leichtere und damit Kosten sparende Bauweise Gedanken zu machen. Dies führte im Staumauerbau zur Pfeilerstaumauer.
Die Linachtalsperre ist eine Unterart dieser Bauweise, eine Pfeilergewölbestaumauer. Hier wurde die Leichtbauweise mit dreizehn Einzelgewölben zu einem bestmöglichen Minimum reduziert. Luftseitig sind diese Gewölbe durch Streben und Bogenelemente versteift.
- Die Kronenlänge der Mauer beträgt 143 Meter, die Höhe 25 Meter.
- Die Mauer besteht aus 13 aneinandergereihten, einfach gekrümmten Einzelgewölben.
- Die Tonnengewölbe haben eine Spannweite von 10,8 Metern.
- Die Achsenneigung der Gewölbe beträgt 50 Grad gegen die Horizontale, oben nach einem Knick 70 Grad.
- Die Fundamente gründen bis zu 12 Meter unter die Erdoberfläche.
Nach der Gesamtsanierung von Mauer und Kraftwerksanlage leistet die Linachtalsperre mit ihrem Kraftwerk in erster Linie mit bis zu 1,4 Mio. kWh pro Jahr einen wesentlichen Beitrag zu umweltfreundlicher Stromerzeugung.
Sie ist aber auch ein einzigartiges Baudenkmal und als solches seit 2002 im Denkmalbuch Baden-Württemberg eingetragen.
Die Linachtalsperre zieht als Bauwerk viele Besucher an und ist mit dem See ein attraktives Naherholungsgebiet, vor allem im Sommer.
Der Stausee ist ca. einen Kilometer lang und ist durch einen Rundweg erschlossen – die Mauerkrone kann begangen werden. Zwischen der Staumauer und dem Kraftwerk vermittelt der sieben Kilometer lange Wasserkraft-Lehrpfad auf Schautafeln interessante Informationen.
Zwischen dem Stausee und dem Venturihaus wird das Wasser durch einen ca. 315 Meter langen Druckstollen geführt. Die Anlage im Venturihaus dient der Durchflussmessung. Bei dieser Messstelle beginnt die Hangrohrleitung. Diese hat eine Gesamtlänge von 1576 Metern und Durchmesser von einem und 1,2 Meter und führt zum Schieberhaus. Von diesem fällt die 234 Meter lange Fallrohrleitung zu den Turbinen. Das Gefälle beträgt 73,1 Meter.
Um Druckspitzen bei schnellem Schliessen der Leitung aufzufangen, führt vom Schieberhaus eine Entlastungsleitung zum 30 Meter höher liegenden Wasserschloss. Damit werden Beschädigungen im Leitungssystem vermieden.
Das Kraftwerksgebäude wurde ebenfalls umfassend saniert und dient gleichzeitig als Museum, in welchem etliche originale Installationen erhalten geblieben sind. Es kann auf Anmeldung hin besichtigt werden (Kontaktstelle: Hauptamt Vöhrenbach).
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- Informationen auf dem Fachportal Landeskunde - Landesgeschichte, Baden-Württemberg: Die Linachtalsperre bei Vöhrenbach im Schwarzwald
- Website der Stadt Vöhrenbach
- Schautafeln entlang der Anlagen und des Wasserkraft-Lehrpfads
- Flyer im Kraftwerk
- Holger Scheele: Die Staumauer der Linachtalsperre. Artikel in geschichtsspuren.de, 2004
Nachstehender Abschnitt wird bei neuen Erkenntnissen ergänzt
Weltweit findet man Talsperren nach dem Pfeilerstaumauer-Prinzip, das in den USA entwickelt worden war. Jedoch kaum eine ist so filigran wie die Linachtalsperre.
Auf Recherchetouren nehme ich deshalb seit 2019 für diesen Abschnitt auch Pfeilerstaumauern auf meine «Arbeitsliste».
Hinweis: Pfeilergewölbestaumauern haben schwarze Titel, Pfeilerstaumauern graue.
Diga del Lucendro – Lucendro-Staumauer (CH)
Die Lucendro-Staumauer ist meines Wissens die einzige aufgelöste Staumauer in der Schweiz. Ihre Pfeilerbauweise unterscheidet sich jedoch markant von derjenigen der Linachtalsperre und ist von der Luftseite her gar nicht als solche zu erkennen.
Die Mauer hat eine Länge von 269 Metern und eine Höhe von 73 Metern und wurde 1947 in Betrieb genommen. Sie staut primär die Gotthardreuss am Gotthardpass, deren Restwasser anschliessend nach Norden abfliesst. Das gestaute Wasser hingegen wird im Kraftwerk Airolo, also südlich des Passes turbiniert.
Barrage de la Girotte – Girotte-Staumauer (F)
Die Girotte-Staumauer im Département de la Savoie in Frankreich ist in der Bauweise der Linachtalsperre ähnlich, aber um einiges grösser und auch massiver. Ihre Kronenlänge beträgt 508 Meter, die Höhe 48,5 Meter. Der Entwurf zu dieser aufgelösten Staumauer stammte vom bekannten Bauingenieur Albert Caquot. Die Staumauer besteht aus 18 im Vertikalschnitt S-förmig gekrümmten Gewölben mit einem Pfeilerabstand von 24 Metern und einem westlichen Abschluss als einfache Mauer.
Baubeginn war 1943, also während der deutschen Besatzung, allerdings im unbesetzten Teil (demilitarisierte Zone zwischen Frankreich und Italien). Die Baustelle wurde von Mitgliedern der Résistance als Alibi für ihre Treffen und zur Unterstützung der regionalen Maquis genutzt. Östlich der Staumauer erinnert ein Pavillon an diese Aktivitäten. Erst 1949 ging die Kraftwerksanlage in Betrieb.
Barrage de Roselend – Roselend-Staumauer (F)
Die Roselend-Staumauer ist eine Kombination von Bogen- und Pfeilerstaumauer. Sie steht ebenfalls im Département de la Savoie in Frankreich, ihr Bau dauerte von 1955 bis 1962.
Die Staumauer sammelt neben dem Wasser des Doron das vieler kleinerer Zuflüsse und über Zuleitungen das eines weiten Einzusgebiets. Sie ist eine der grössten Staumauern Frankreichs.
Die Bogenstaumauer sperrt mit 149 Metern den höchsten Bereich der kombinierten Mauer ab, die beidseitigen Pfeilerbereiche ergänzen die insgesamt 804 Meter lange Mauer. Der Pfeilerbereich besteht aus 29 wasserseitigen Pfeilern mit luftseitigen Streben plus drei zusätzliche Streben luftseitig. Über die Mauerkrone führt die befahrbare Strasse route du barrage.
Im nordöstlichen Bereich liegt der Weiler Roselend am Seegrund, Namensgeber von Stausee und Staumauer.
Talsperre Bütgenbach (B)
Die Talsperre Bütgenbach in der Provinz Lüttich (Province de Liège) in Belgien ist der Linachtalsperre am ähnlichsten. Fast gleiche Kronenlänge und -höhe und ebenfalls mit offenen Einzelgewölben ähnlicher Bauart mit Streben. Allerdings ist das Stauvolumen rund zehnmal so gross wie an der Linach.
Mit Baubeginn 1929 scheint es naheliegend, dass die Ingenieure sich im Tal der Linach bei Vöhrenbach inspirieren liessen.
Im Gegensatz zur Linachtalsperre dient die Talsperre Bütgenbach primär der Regulierung der Wasser der Warche, die als einer der unberechenbarsten Flüsse Belgiens galt.
Allerdings wird auch Strom erzeugt und rund um den Stausee ist ein grosses Erholungsgebiet entstanden.
Früher führte eine Eisenbahnlinie von Oberweywertz (Anschluss an die Vennbahn) im Westen nach Büllingen im Osten und weiter ins deutsche Losheim und Jünkerath. Die ehemalige Trasse der Vennquerbahn ist heute ein ausgebauter Radwanderweg und führt entlang des Südufers des Stausees.
Barrage de Pannecière-Chaumard (F)
Im Département de la Nièvre in Frankreich staut die mächtige Pfeilergewölbestaumauer von Pannecière-Chaumard die Yonne. Sie ist die grösste Talsperre dieser Bauart in Frankreich. Sie besteht aus 13 Einzelgewölben, gestützt von starken Scheiben. Die leichten Streben haben hier nur untergeordnete Funktion.
Die Staumauer erfüllt drei Funktionen: Regulierung der Hochwasser der Yonne, Stromproduktion und ist Trinkwasserreservoir.
Erbaut wurde sie in den Jahren 1936 bis 1940. Sie ist 49 Meter hoch und die Kronenlänge beträgt 345 Meter. Das Stauvolumen umfasst 82 ½ Millionen Kubikmeter Wasser.
Bassin de Compensation de Pannecière (F)
Knapp zwei Kilometer unterhalb der Talsperre befindet sich die kleine Staumauer des Ausgleichbeckens Bassin de Compensation de Pannecière. Es ist ebenfalls eine Pfeilergewölbestaumauer, jedoch mit deutlich geringeren Abmessungen. Zwar besteht sie aus 24 kleinen Einzelgewölben, diese sind jedoch nur etwa sieben Meter hoch. Die Kronenlänge beträgt wegen des flachen Talbodens aber stattliche 225 Meter.
Kleiner Abstecher: am Nordende dieser Staumauer wird ein Teil des Wassers gefasst und über einen 28 Kilometer langen Kanal bei Port Brulé der Scheitelhaltung des Canal du Nivernais zugeführt.
Ein Beispiel für die umfangreichen Wasserbauwerke Frankreichs – hier mit drei Aquädukten – die im 18. und 19. Jahrhundert erbaut worden sind.
Im oberen Bereich des Kanals nennt er sich Rigole de l’Yonne, im späteren Verlauf Canal d’alimentation du Canal du Nivernais … ein Name fast so lang wie der Kanal.
Barrage de Nèpes (F)
Die Barrage de Nèpes im Département Cantal in Frankreich steht im Schatten ihrer viel grösseren Schwester Barrage de Saint-Étienne-Cantalès, die 2,3 Kilometer flussaufwärts steht. Sie staut hier den Fluss Cère nochmals zur Stromgewinnung. Vollendet wurde diese ergänzende Talsperre 1945.
Die Kronenlänge beträgt 180 Meter, die Höhe lediglich 15 Meter.
Die Sperre ist nur im mittleren Bereich eine Pfeilergewölbestaumauer, was sich aber bei Vollstau nur schwer erkennen lässt. Wasserseitig sind die sieben Einzelgewölbe zwischen den Türmen auf einer Länge von 70 Metern durch eine massive Überlaufschwelle zusammengefasst. Luftseitig sind zwei der sieben Gewölbe verschlossen.
Barrage des Pradeaux (F)
Die Barrage des Pradeaux ist eine Pfeilergewölbestaumauer im Département Puy-de-Dôme in Frankreich. Sie staut nördlich des Col des Pradeaux primär den Bach Ruisseau des Pradeaux, der auch mit Ruisseau de l’Enfer bezeichnet wird und liegt in ansonsten unberührter Natur.
Die Talsperre hat eine Kronenlänge von 200 Metern und eine Höhe von 21 Metern. Sie besteht aus sechzehn Einzelgewölben mit einem Überlauf am westlichen Ende und wurde zwischen 1936 und 1940 erbaut. Die Einzelgewölbe kommen hier ohne Streben aus.
Das gestaute Wasser dient der Stromerzeugung im Kraftwerk von Grandrif.