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Der bisher längste Unterbruch
Das grosse Welttheater in kleinen Geschichten. Die ersten 50 Jahre.
WALTER KÄLIN
Als Gustav Siebenmann, emeritierter Professor für spanische Sprache und Literatur an der Hochschule St. Gallen, über die Spielzeit 1981 schrieb, erinnerte er seine Leserinnen und Leser daran, dass es nicht die üblichen fünf, sondern ganze elf Jahre bis zur Wiederaufführung des Welttheaters gedauert habe. Er fragte sich bei dieser Gelegenheit, «weshalb man eigentlich in Einsiedeln unbedingt an Calderón und an seinem ‹Grossen Welttheater› festzuhalten gewillt war» und ging davon aus, dass man sich die Frage, ob nicht auch andere Autoren und andere Stücke hätten gespielt werden können, «vermutlich nicht einmal gestellt» habe. Hier irrte Herr Professor Siebenmann.
Am 23. März 1937 berichtete die Neue Einsiedler Zeitung, der Organisationsstab habe dem Vorstand der Gesellschaft der Geistlichen Spiele «nach langen Verhandlungen und sachlich erwogenen Gründen» beantragt, «1937 das ‹Welttheater› zu geben und für 1939 den ‹Antichrist› in Aussicht zu nehmen.» Nach fünf Spielzeiten mit dem erfolgreichen Welttheater wollte man also mit dem Stück «Der Antichrist » tatsächlich etwas Neues bieten. «Der Antichrist» von Friedrich Nietzsche mit dem Untertitel «Fluch auf das Christenthum »? Nein, natürlich nicht, aber interessanterweise hat der Autor Karl Borromäus Heinrich aus Oberbayern genau über den streitbaren und umstrittenen Philosophen doktoriert.
«Der Antichrist» wurde in Einsiedeln aber nie aufgeführt. Denn 1939 sollte als bewährtes Angebot im Jahr der Schweizerischen Landesausstellung erneut das Welttheater gespielt werden. Begünstigt wurde das Vorhaben durch den Umstand, dass der Regisseur Oskar Eberle bei der Landi als Sekretär der Abteilung Kunst und Theater wirkte. Es war geplant, das Einsiedler Freilichtspiel «im Rahmen der offiziellen künstlerischen Veranstaltungen» der Landesausstellung speziell zu propagieren. Aber so weit kam es nicht. Das Welttheater 1939 wurde abgeblasen. Erstens wegen der gespannten internationalen Lage, zweitens wegen der damals grassierenden Maulund Klauenseuche, und weil man drittens zu Recht befürchtete, dass nur wenige Besucher der Landi «nach einem ermüdenden Gang durch die Ausstellung» noch die Fahrt nach Einsiedeln auf sich nähmen.
Karl Borromäus Heinrich starb übrigens 1938, ein Jahr bevor sein «Antichrist» nicht aufgeführt wurde. Seine letzte Ruhe fand er auf dem Friedhof in Einsiedeln.