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Die drei Tage Kampagnenplanung in Budapest hatten sich gelohnt. Sie verstaute ihren Rucksack neben dem Tisch. Der Speisewagen war leer, der Zug fuhr erst in einer halben Stunde. Sie bestellte einen ungarischen Schaumwein - in den Schlafwagen zurückziehen wollte sie sich nicht schon jetzt - packte ihre Arbeitsmappe auf das vergilbte Stofftischtuch und schlug einen Artikel aus dem „Journal of Environmental Immunology and Toxicology“ auf. Wertvolle Momente waren das, in denen sie sich ohne Zeitdruck einer Lektüre widmen konnte, die nicht Pflicht war, aber Wissensvermittlung und Motivation für die alltägliche Arbeit.
Am Wein nippend begann sie zu lesen:
„Das Ausbrechen von Infektionskrankheiten bei Honigbienen, Fischen, Amphibien, Fledermäusen und Vögeln in den vergangenen zwei Jahrzehnten fällt zusammen mit der zunehmenden Anwendung von systemischen Insektiziden, vorrangig Neonikotinoide und Fipronil...“
Ein Mann mit Rollkoffer nahm am schräg gegenüber liegenden Tisch Platz. Sie blickte auf den Bahnsteig und auf die grosse Uhr in der düsteren Bahnhofshalle. Die meisten Reisenden stiegen kurz vor Abfahrt ein, das uniformierte Zugspersonal kontrollierte die Fahrkarten.
„Rückgang der Hummeln in den USA und Europa auf Grund von Infektionen. 2012 bestätigten Forscher aus Grossbritannien, dass es, wenn B. terrestris-Völker Konzentrationen von Imidacloprid, wie sie im Freiland vorkommen, ausgesetzt wurden, zu einer signifikant niedrigeren Wachstumsrate und zu einem 85 prozentigen Rückgang der neuen Königinnen im Vergleich zu Kontrollgruppen kam....“
Was sie da über Hummeln las, war nicht wirklich neu. Hier stand einmal mehr schwarz auf weiss, was mit Hummeln gegenwärtig an vielen Orten auf der Welt passierte.
Die friedliche Hummel. Träge schwankend durch die Luft surrend. Damals im Sommer beim Heuen, da hatte sie doch tatsächlich ein Hummelvolk in der Wiese vermäht. Die Brummer irrten dann umher bis zum nächsten Tag. Hastig, nervös und heimatlos. Sie dachte an das Schwarz-Gelb-Grau der Hummeln und an deren seidenweichen Pelz.
Der Zug fuhr ab, er suchte sich quietschend den Weg durch das Gewirr von Geleisen. Alle führten sie weg von Budapest in eine andere Stadt. Der Mann mit Rollkoffer bekam ebenfalls Schaumwein serviert. Er prostete ihr zu. Sie lächelte, vertiefte sich wieder in den Artikel. Sog Satz um Satz in sich auf und sah deutlich vor sich, was da geschrieben stand, sah die riesigen Ackerflächen mit Millionen von wachsenden Pflanzen, die allesamt Gift absonderten und alles schwächten oder abtöteten, was mit ihnen in Kontakt kam. Sie stellte sich die flirrende Hitze im Frühsommer vor und sah die Bienen, die von Rapsblüte zu Rapsblüte flogen, erfreut ob dem grossen Nahrungsangebot. Von dessen Giftigkeit sie aber nichts wissen konnten.
Sie streckte sich und bestellte einen weiteren Schaumwein.
„Nach einem anstrengenden Tag genau das Richtige!“ sagte der Mann mit Rollkoffer. Ein Schweizer. Gesprächig. Wie sie auf Geschäftsreise, in Beratung und Verkauf tätig.
Was sie denn arbeite. Im Umweltschutz.
„Wichtig, spannend. Da gibt es viel zu tun.“
Er plauderte weiter, wie gut ihm Budapest gefalle, eine andere Welt.
Dann piepste sein iphone und sie wandte sich wieder dem Text zu. „Die Neonikotinoide Imidacloprid und Clothianidin sind hochgiftig für im Wasser lebende Wirbellose. Thiamethoxam wird zu Clothianidin abgebaut, daher haben diese Chemikalien vermutlich viele gemeinsame Eigenschaften und summieren sich wahrscheinlich in ihren Auswirkungen...“
Sie stellte sich die vielen hundert Giftstoffe vor, die Bauern auf Äckern, Gemeindearbeiter in Grünanlagen und Hausfrauen in Einfamilienhausgärten in die Umwelt ausbrachten.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die sich mit anderen Substanzen vermischten. Der Giftcocktail. Die nicht abschätzbaren Risiken. Denn sie wissen nicht was sie tun, sie wissen nicht, was da genau vor sich geht, wie das alles funktioniert in der Natur.
Der Schaumwein tat seine subtile Wirkung, ihr Kopf fühlte sich leichter an. Seltsam beschwingt, bestärkt in ihrer Arbeit, etwas, jemanden - seien es Regierungen, oder Konsumenten - zum Handeln zu bewegen und gleichzeitig dieses dumpfe Gefühl der Resignation angesichts des hier Beschriebenen, dieses unaufhaltsamen Flächenbrandes:
Weiter stand da von einem dramatischen Rückgang der europäischen Grünfinkenpopulation. Ursache eine Infektionen, die den Schnabel und den Kropf befällt. Buchfinkensterben in Grossbritannien. Buchfinken tauchten in Gärten auf mit krustenartigen Gewächsen an Beinen und Füssen. 2011 ein Massensterben von Amseln im Rhein-Neckar Gebiet. Buchfinken. Amseln. Vögel, die zum alltäglichen Inventar gehörten. Vor der Abreise nach Budapest hatte sie hoch oben auf der Bahnhofshalle eine Amsel sehnsuchtsvoll flöten gehört.
Was bleibt uns vom Frühling, wenn er verstummt?
Sie schaute auf ihre Hände, auf das Tischtuch.
Tief durchatmen, du kannst hier nicht losheulen, im Speisewagen, sagte sie zu sich, und versuchte weiterzulesen. „Während die Ackerflächen, auf denen diese Arten von Insektiziden eingesetzt wird, zunehmen, sterben in Grossbritannien mehr als 30 Vogelarten aus – ein Zusammenhang mit den landwirtschaftlichen Anbaumethoden und der Verwendung von Pestiziden scheint gegeben.“
Als der Mann mit dem Rollkoffer sie nach ihren Wochenend-Plänen fragte, steckte sie den Artikel kurz entschlossen in die Mappe zurück und nahm den Ball auf, froh, sich der Banalität eines Gesprächs hingeben zu können. Sie erzählte ihm von ihrem Geburtstagsfest. Sie fragte, ob er sich gelegentlich auch selber zelebriere. Er lachte und wies darauf hin, dass das sehr auf seine jeweilige Lebenseinstellung ankomme, auf seinen Grad an Selbstverliebtheit. Sie betonte, sie würde schliesslich Vierzig und da wäre es doch angebracht, zumindest ein Bisschen selbstverliebt zu sein.
Das Gespräch war anregend und kurzweilig. Es gab viel zu bereden: wen man einlädt, wie viele. Die Art des Festes. Wo sie denn wohne?
Oh! Den Ort kenne er, dort habe er Bekannte! Wie amüsant, wie klein die Welt doch sei!
In Wien stiegen weitere Leute zu, der Speisewagen war inzwischen gut besetzt.
Der Mann mit Rollkoffer sass jetzt an ihrem Tisch, die Kellnerin schenkte Schaumwein nach und tischte unaufgefordert Salznüsschen auf. Gegen ein Uhr ging sie zu Bett. Sie schlief unruhig. Kurze Wachphasen, wenn ihr Abteil in den Bahnhöfen in grelles Neonlicht getaucht wurde.
Im Traum wollte die Amsel singen. Ihr Schnabel war mit einem roten Band zugeklebt. Sie versuchte die Amsel zu greifen. Die hüpfte mit zerfetzten Flügeln davon. Sie eilte ihr nach, die Amsel floh in ein Dickicht. Sie begann zu weinen und rief nach der Amsel, flehte sie an, doch zu warten, sie wolle ihr helfen, tue ihr nichts. Die Amsel blickte sich um und sie erkannte: Die Amsel war ihre Mutter, die sie tadelnd anschaute. Da warf sie sich auf den feuchten Boden, schluchzte und krallte ihre Finger in die Erde. Bis der Schaffner sie weckte. Harsch polterte er an die Tür.
Der Zug fuhr in Zürich ein. Auf dem Bahnsteig hielt sie nach Martin Ausschau, dem Mann mit dem Rollkoffer. Er wartete bei der Treppe und strahlte sie an.
„Eine Tasse Kaffee wär jetzt genau das Richtige. Aber ich muss gleich weiter nach Basel – sehen wir uns wieder?“
„Klar, gerne“ sagte sie und meinte das ernst. Er streckte ihr seine Visitenkarte hin. Darauf stand:
Martin Rudolph
Syngenta Int.
Plant Protection Division
Chief Sales Manager for Eastern European Countries
Sie schluckte leer. „Was verkaufst du denn eigentlich?“ „Pflanzenschutzmittel. Hauptsächlich Insektizide.“