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Nachdem Jaspers einige psychopathologische Arbeiten veröffentlicht hatte, bekam er 1911 von Springer den Auftrag, ein psychopathologisches Lehrbuch zu schreiben. Er ging die Aufgabe in einer für ihn charakteristischen Art und Weise an. In der unübersichtlichen Fülle dessen, was es an Kategorien und Methoden, Forschungsrichtungen und Therapieansätzen gab, bemühte er sich um begriffliche Klärung und sachliche Ordnung. Alles, was ihm begegnete, unterzog er einer kritischen Prüfung. Was ihr nicht standhielt, indem es sich als pseudowissenschaftliches Gerede ohne konkreten Erkenntnisinhalt entpuppte, wurde ausgesondert. Der Standpunkt, von dem aus er diese kritische Prüfung vornahm, war die Überzeugung, dass der Mensch als Ganzes nicht erkennbar sei und deshalb alle Theorien, die das beanspruchten und ein Totalbild des Menschen entwarfen, bestenfalls partikularen Erkenntniswert besassen. Nicht ein geschlossenes System dogmatisch behaupteter Sätze, sondern eine offene Systematik kritisch geprüfter Zugangsweisen war das Ziel.
Das war umso wichtiger, als der Gegenstand der Psychopathologie, die krankhaften Abweichungen und Störungen des Seelenlebens, nicht direkt vorlag, sondern nur indirekt, in den sprachlichen Äusserungen und im Verhalten der Patienten, zur Erscheinung kam. Um die zugrunde liegenden inneren Erlebnisse identifizieren und in einen sinnvollen Zusammenhang bringen zu können, musste Jaspers auf die Geisteswissenschaften zurückgreifen, besonders auf die Phänomenologie Husserls und die Psychologie Diltheys. Hier waren Begriffe und Verfahren entwickelt, die der somatisch ausgerichteten Psychopathologie jener Jahre nicht zur Verfügung standen.
So begründete die 1913 erschienene „Allgemeine Psychopathologie“ eine methodisch reflektierte, geisteswissenschaftlich orientierte Disziplin der Psychiatrie. Erst im Rückblick späterer Jahre, als er längst in die Philosophie gewechselt war, wurde Jaspers bewusst, wie konsequent er schon damals einen philosophischen Standpunkt vertreten hatte, wenn er, ausgehend vom Menschen als Ganzem, dem psychopathologischen Wissen enge Grenzen zog und es gerade dadurch in den Stand einer Wissenschaft erhob. Die 1942 vollendete, aber erst 1946 erschienene vierte Auflage des Buches trug dem Rechnung, indem im abschliessenden Teil das „Ganze des Menschseins“ von eben jenem philosophischen Standpunkt aus eigens zur Sprache kam.