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Russland war mal stolz auf den 1961 geborenen Michail Schischkin. Für den Roman «Die Eroberung von Ismail» erhielt er die höchste Literaturauszeichnung des Landes, den Booker-Smirnoff-Preis. Das war im Jahr 2000.
Inzwischen gilt Schischkin in Russland als «Nationalverräter». Dieses Verdikt versuchen regimenahe russische Literaturwissenschaftler immer von neuem zu belegen, nicht zuletzt anhand von eben diesem Roman «Die Eroberung von Ismail».
Emigration in die Schweiz
Michail Schischkin lebt seit 1995 in der Schweiz. Er verliess Russland nicht als Emigrant, wie er betont, sondern aus familiären Gründen. Seine damalige Lebenspartnerin war Schweizerin. Zunächst wurde das in der Heimat hingenommen. Auch die Romane «Venushaar» und «Briefsteller» konnten noch in Moskau erscheinen.
Doch die Zustände sind immer schlimmer geworden. Und Michail Schischkin erachtet es als seine Pflicht, die Missstände beim Namen zu nennen. Er tut das besonders in Essays, die in deutschsprachigen und englischen Medien erscheinen.
In Russland herrscht Bürgerkrieg
Nicht er sei aus Russland emigriert, sagt Schischkin, aber Russland sei emigriert, nämlich ins politisch unzivilisierte Mittelalter. Und er betont: «Wir sind im Krieg, im Bürgerkrieg.» Die Machtclique um Putin kann sich alles erlauben und nehme das Volk in Geiselhaft.
Inzwischen gilt der früher gefeierte Schriftsteller Michail Schischkin in seinem Land als «Ausländer», der Russland nicht verstehe. Ein grotesker Vorwurf.
Moderne Version des Jüngsten Gerichts
Die Wahrheit ist, dass wir Schischkins Romane und Essays lesen müssen, um Russland wirklich zu verstehen. Dabei sind die Romane vordergründig nicht politisch.
«Die Eroberung von Ismail» ist nichts weniger als eine moderne Version des Jüngsten Gerichts. Als Zeugen treten viele russische Dichter und Denker auf, aber auch Rechtsgelehrte, und selbst altslawischen Gottheiten unterhalten sich während einer Zugfahrt durch die Provinz.
Wirkungslose Aufklärung
Die einzige Figur, die kontinuierlich im Buch auftaucht, ist Alexander Wassiljewitsch, ein Anwalt der Erniedrigten und Armen, dem nichts Menschliches und Unmenschliches fremd ist. Er sollte für ein juristisches Lexikon einen Lebenslauf schreiben, der immer mehr ausufert.
Zum Ausdruck kommt, wie in der russischen Literatur unendlich scharfsinnig über Recht, Gerechtigkeit, Schuld und Sühne und Wahrheit nachgedacht wurde. Aber in der Alltagsrealität scheint sich nach wie vor das Recht des Stärkeren zu behaupten. Die aufklärerischen Traktate und Geschichten bleiben letztlich wirkungslos.
Kompromissloses Werk
In einem langen Epilog erzählt Michail Schischkin dann von seinem Leben in Moskau, vom trinkenden Vater, der ihm rät, man müsse das Leben wie eine Festung erobern, auch von einem Sohn, den der Erzähler bei einem Autounfall verliert. Die literarischen Erfindungen im Roman prallen auf autobiografische Passagen.
Es ist eines der kompromisslosesten, fulminantesten, sprachmächtigsten Werke der zeitgenössischen Weltliteratur, bewundernswert übersetzt von Andreas Tretner. Michail Schischkin verachtet Bücher, die nur eine Art «Service» im Unterhaltungssegment bieten. Die Literatur soll mit jedem seiner Romane vorankommen, wenn schon Russland nicht wirklich vorankommt.
Buchhinweis
Michail Schischkin: «Die Eroberung von Ismail». Aus dem Russischen von Andreas Tretner. Deutsche Verlags-Anstalt, 2017.