Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03152.jsonl.gz/890

Die erste öffentliche Apotheke in Interlaken und damit im ganzen engeren Oberland wurde im Jahr 1860 eröffnet. Zuvor waren es die Aerzte, welche die Bevölkerung mit Heilmitteln versorgten, sofern man sich nicht selber mit Hausmitteln aller Art behalf. Aus der Zeit nach der Reformation finden wir in den Akten von 1669/70, dass die Berner Regierung, zur Zeit der grossen Pest in Grindelwald, durch die Pfarrherren Medikamente an die Bevölkerung verteilen liess. Es ist amüsant zu lesen, dass in jener Zeit, als alle Medikamente gegen die Pest nichts nützten, die Grindelwaldner sich über die von Bern gesandten Arzneien lustig machten. Daraufhin entschieden die Gnädigen Herren von Bern, es seien den Leuten in Grindelwald viel zu komplizierte und zu teure Heilmittel gesandt worden, weshalb zukünftig einfachere und billigere Heilmittel für die Talleute ausreichen sollten.
Im Zeichen des erwachenden Fremdenverkehrs war es der Langenthaler Apotheker August F. Dennler, der am 6. Januar 1860 die Bewilligung für die Eröffnung einer Apotheke in Interlaken erhielt. Die Offizin befand sich bereits damals am inneren Höheweg, in der sich heute die Apotheke Dr. Portmann befindet. Dennler war ein findiger Kopf und arbeitete neben seiner Tätigkeit in der Apotheke eifrig an der Ausarbeitung eines Alpenkräuter-Magenbitters. Im Jahre 1872 errichtete er eine kleine Fabrik zur Herstellung des Dennler-Bitters, der als erster Verdauungsschnaps mit Wasser gemischt werden konnte ohne trüb zu werden. Dieser wurde rasch beliebt, so dass im Jahre 1874 Dennler die Apotheke seinem damaligen Mitarbeiter Johann Seewer verkaufte, um sich einzig der Herstellung und des Vertriebs seines Dennler-Bitters zu widmen.
Johann Seewer führte die Apotheke bis zu seinem Tod im Jahre 1896 weiter, die dann sein Sohn E. Seewer übernahm. Im Jahre 1928 verstarb auch E. Seewer. Danach wurde die Apotheke in eine AG umgewandelt, deren verantwortlicher Apotheker, Mitbesitzer und späterer Inhaber Oscar Messerli war. Zum 100-jährigen Jubiläum, im Jahre 1960, wurde das Gebäude abgerissen und durch einen Neubau ersetzt. Gleichzeitig wurden die Apotheken-Räumlichkeiten den neuen Anforderungen angepasst, um einerseits die täglichen Arbeitsabläufe zu vereinfachen und anderseits den Ansprüchen einer internationalen Kundschaft gerecht zu werden.
1967 übernahm Dr. Ernst Gnädinger von Herrn Messerli die traditionsreiche Apotheke. Bei der Uebernahme der Apotheke wusste er zu berichten, dass er alles in sehr positiver Erinnerung habe. Insbesondere habe er die Aufnahme als ‚Fremder’ im Berner Oberland sehr geschätzt, die sich auch in der grossen Treue der Kundschaft ausgewirkt habe. Kurz nach der Uebernahme erfolgte ein Teilumbau der Apotheke und des Lagers sowie die Einführung eines neuzeitlichen Bestellsystems mittels Lochkarten. 1974 bereitete sich Dr. Gnädinger auf einen weiteren Lebensabschnitt vor. Er begann mit dem Anbau von Arzneipflanzen im Tessin; und da dieser Betrieb immer grösser und grösser wurde, entschloss sich Dr. Gnädinger zur Uebergabe der Apotheke an Herrn Dr. Portmann.
Nach der Übernahme wurde die Apotheke im Jahr 1984 ein weiteres Mal umgebaut. Es war die Zeit der 1 Meter langen Voll-Auszug-Schubladen, die heute noch in vielen Apotheken verwendet werden. Mit dem Schubladensystem konnte sehr viel Platz eingespart werden. Ein Schubladenblock enthielt 20 Schubladen, die beidseitig über die Länge von 1 Meter mit Medikamenten gefüllt werden konnten. Insgesamt wurden 40 Schubladenblöcke à je 20 Schubladen installiert, so dass über die Länge von 800 Metern Medikamente aneinander gereiht werden konnten, was der Strecke rund um ein Fussballfeld entsprach. Mit diesem Umbau konnte einerseits die Fläche des Kundenraumes vergrössert und andererseits das Sortiment an Lagerartikeln stark ausbaut werden. Zusätzlich konnte mit dem Umbau auch Platz für eine Kosmetikecke geschaffen werden, die von Marceline Portmann geführt wurde. Nebst den klassischen Apothekendepots wurden auch Depots aus der Parfümeriebranche aufgenommen, um die Bedürfnisse möglichst vieler Kundinnen und Kunden abzudecken.
Nach dem Umbau wurden die Hausspezialitäten (Arzneipräparate, die in der Apotheke entwickelt, hergestellt und verkauft werden) neu überarbeitet und mit Neuentwicklungen ergänzt. Einen grossen Beliebtheitsgrad genossen und geniessen auch heute noch die Babycrème Bimboderm, alle Genuss- und Heilpflanzentee’s, die Handcreme und das Massageöl TOB sowie die Eiger Sonne Creme. Bei den Tee’s liegt die Besonderheit darin, dass diese offen, in Doppelkammerbeuteln oder im Grobschnitt in Pyramidenbeuteln angeboten werden.
1986 führte Dr. Portmann eines der ersten EDV-Systeme in der Apotheke ein, das überhaupt auf dem Markt war. Dieses brachte enorme Fortschritte in der Beschaffung und Aufarbeitung von pharmazeutischen und medizinischen Fachinformationen sowie relativ grosse Erleichterungen in der Administration.
Am 7. April 1993 lagerte die Apotheke einen grossen Teil ihrer Parfümerieabteilung in die Lokalität am Höheweg 11 aus, weil ihr zunehmend der Platz für das grosse Parfümeriesortiment fehlte. Geführt wurde die erste Parfümerie im engeren Berner Oberland von Marceline Portmann. Weil genügend Platz vorhanden war, ergänzte Frau Portmann das Parfümeriesortiment mit attraktiven Accessoires.
Im April 1994 ersetzte Dr. Portmann das bisherige EDV System durch ein POS System (Point Of Sale). Dieses verfügte über sämtliche Eigenschaften des Vorgängers, konnte jedoch zusätzlich den Warenfluss vom Einkauf bis zum Verkauf vollautomatsch steuern, die Verfalldatenkontrolle elektronisch überprüfen, neue Artikel an Lager nehmen und vor allem die Nebenwirkungen und Interaktionen von einzelnen Medikamenten pro Patient überprüfen und allenfalls eine Warnung am Bildschirm anzeigen. Dies war erneut ein Schritt in Richtung mehr Sicherheit bei der Medikamentenabgabe, das oberste Gebot der Apotheke.
Mit der Zusammenlegung der Gemeindekrankenpflege und der Hauspflege des Frauenvereins zur Spitexorganisation im Jahr 1998 häuften sich die Anfragen nach Rehabilitations-Hilfsmitteln. In demselben Jahr begann die Apotheke diese Bedürfnisse immer mehr abzudecken. Heute werden Mietanfragen für Kranken- und Rehabilitationshilfsmittel innerhalb von 12 Stunden umgesetzt und geliefert.
Im Jahr 2004 lockerte die Wettbewerbskommission die Abgabe von Tierarzneimitteln in den Apotheken. Da die Nachfrage nach Tierarzneimitteln von den Touristen immer schon gross war, weil in einigen Nachbarländern diese schon längst zum Arzneimittelschatz einer Apotheke gehören, wurde das Medikamentensortiment der Apotheke, nach intensiven Personalschulungen und tierärztlich begleitendem Telefonservice, mit Tierarzneimittel und Tierfutter ergänzt.
Im Jahr 2007 wurde die Apotheke einem weiteren Umbau unterzogen, dem Radikalsten in ihrer 150-jährigen Geschichte. Die Medikamentenschubladen wurden durch einen Roboter ersetzt. Der grösste Vorteil dieser Neuausrichtung kommt dem Kunden zu gut, weil die Apothekerin bzw. der Apotheker oder die Pharma-Assistentin, vom Moment, in dem ein Kunde die Apotheke betritt, bis am Schluss bei ihm bleibt. Sämtliche Arbeiten werden vor dem Kunden ausgeführt, und während der Roboter die Medikamente an den Betreuungsort bringt, wo der Kunde und die Apothekerin stehen, kann über die Anwendung, die Wirkungen und allfällige Nebenwirkungen oder sonstige Anliegen gesprochen werden.
Mit dem Wegfall der 400 Schubladen entstand auch viel mehr Platz, so dass die Parfümerie wieder in die Apotheke zurückkehren konnte. Es liegt auf der Hand, dass dieser Schritt wesentliche Vorteile für unsere Kunden bringt, insbesondere bei der Schnittstelle von dermatologischen und kosmetischen Anliegen.
2009 bestand Simone Portmann, die Tochter der heutigen Geschäftsführer Marceline und Peter, ihr Staatsexamen in Pharmazie und darf sich eidg. dipl. Apothekerin nennen. Zur Zeit arbeitet Sie in der Kinderklinik am Inselspital in Bern an einer Dissertation. Die Zukunft wird zeigen, wer das nächste Jubiläum der traditionsreichsten Apotheke im engern Berner Oberland feiern wird.