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Nachwort des Bearbeiters der deutschen Ausgabe
Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben eine Persönlichkeit kennenlerne, der für seinen Einsatz für die Einhaltung der Menschenrechte mit sieben Jahren Straflager für besonders Gefährliche und anschließender Verbannung in der Einöde Kasachstans bestraft worden ist. Und der, wie Timothy Snyder in der Einleitung schreibt, sich als Agnostiker betrachtete, während seines Verhörs aber eine Epiphanie erlebte und gläubiger Christ war, als er verurteilt wurde.
Als ich die amerikanische Übersetzung noch vor dem Ausbruch des großen Krieges las, beeindruckten mich die Memoiren von Myroslaw Marynowytsch so sehr, dass ich mir wünschte, dass dieses Buch auf Deutsch erscheint. Noch nie zuvor hatte ich einen so tiefen und persönlichen Einblick in das Leben hinter dem Eisernen Vorhang gelesen. Dabei staunte ich immer wieder über den Mut von Myroslaw Marynowytsch, sich im vollen Bewusstsein der Konsequenzen gegen das Unrecht zu entscheiden. Zudem erkannte er prophetisch, dass es zum heutigen Krieg kommen könnte.
Nachdem dies geschehen ist, wurde für mich die Herausgabe einer deutschen Übersetzung zu einer wichtigen Chance, die schrecklichen Hintergründe und die Dringlichkeit des Kampfes der Ukraine um ihre Unabhängigkeit in vollem Ausmaß verstehen zu können.
Mit einer Mail wandte ich mich an Myroslaw Marynowytsch und schrieb ihm, wie sehr mich sein Buch beeindruckt hat und wie wichtig eine deutsche Übersetzung gerade jetzt sei. Bereits in seiner Antwort bot er mir das Du an und schrieb mir, dass es schon jemand versucht hätte, die Übersetzung aber noch eine sprachliche Überarbeitung bräuchte, um von einem Verlag veröffentlicht zu werden.
Ich wollte mir die Übersetzung ansehen, da ich eventuell dazu beitragen könnte, eine solche Veröffentlichung zu ermöglichen. Einige Stunden später konnte ich mir bereits einen Eindruck verschaffen und meinte, dass das zu schaffen wäre.
So geht mein erster Dank an die Person, die diese Übersetzung mit großem Einsatz und Herzblut bewältigt hat und mir dann zur Bearbeitung überließ. Sie möchte anonym bleiben. Es sei aber verraten, dass sie Myroslaw Marynowytsch kennt und sogar einen kleinen Teil seines Lebens mit ihm teilte.
Was mir allerdings nicht möglich war, ist die Überprüfung der Richtigkeit dieser Übersetzung. Auch da half mir Miroslaw weiter und vermittelte mir mit Nadja Simon, einer gebürtigen Ukrainerin, eine professionelle Dolmetscherin, die mir half, und die Miroslaw Marynowytsch zudem ebenfalls persönlich kennt.
Die Suche nach dem Verlag war eine Überraschung. Da ich verschiedene Publikationen aus der Reihe »Ukrainian Voices« beim ibidem-Verlag gelesen hatte, wandte ich mich an den Herausgeber der Reihe, den Osteuropa-Experten Andreas Umland. Siehe da: Auch er kannte Myroslaw und stimmte sofort zu. Mein Dank geht auch an den Betreuer vom Verlag, Christian Schön, und an die Lektorin Karen Moser.
Bereits zu Beginn war es das Anliegen von Myroslaw Marynowytsch, dass das Buch im Unterschied zur amerikanischen Ausgabe in vollem Umfang erscheint. Später regte er an, dass das Cover wie das ukrainische Original gestaltet sein könnte. Sie ist das Werk von Mykhailo Heina, des Neffen von Ljuba Heina, der Ehefrau von Myroslaw, der in seiner Jugend seine Mutter verlor und dem das Ehepaar Marynowytsch eine gute Ausbildung ermöglichte.
Beim Lesen und Überarbeiten der Übersetzung wurde mir immer wieder bewusst, welch unverdientes Privileg es ist, im Westen und dazu noch in der Schweiz geboren zu sein und leben zu können. Unser Land hat seit mehr als hundertfünfzig Jahren keinen Krieg mehr auf dem eigenen Gebiet erlebt und musste nie unter einem despotischen Regime leben. Freiheit und Unabhängigkeit sind uns selbstverständlich. Unser nationaler Gründungsmythos spricht davon, dass Wilhelm Tell den Gruß an Geßler verweigerte und es ihm schließlich gelang, diesen zu töten.
Für mich hat bereits in meiner Jugendzeit die damalige Welt hinter dem »Eisernen Vorhang« eine Faszination ausgeübt, sodass ich wissen wollte, was tatsächlich davon wahr ist. Damals erschienen gerade die Werke von Alexander Solschenizyn über den Archipel Gulag. Ich verschlang sie und versuchte mir auch über Kurzwelle einen Eindruck der sowjetischen Propaganda zu verschaffen.
Am Ende meines Studiums in den 1980er-Jahren wagte ich den ersten Schritt hinter den Eisernen Vorhang und besuchte einen Freund, der als Austauschstudent ein Jahr in Leipzig an der damaligen Karl-Marx-Universität Theologie studierte. Der Grenzübertritt in der Nacht war gespenstig – Flutlichter draußen und die Durchsuchung des Zuges mit Hunden. Beim Ausstieg kam mir der typische Geruch von Braunkohle entgegen. Ich lernte einige junge Theologiestudenten kennen, die als Wohngemeinschaft in einer abbruchreifen Liegenschaft lebten und mit ihrer Teilnahme an den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolai-Kirche zur Opposition gehörten. Einer schenkte mir am Schluss seine Jungendweihe-Urkunde und ein Büchlein, in dem seine Teilnahme an der obligatorischen Schießausbildung bestätigt war.
Dies brachte mich beinahe in große Not. Beim Grenzübertritt an der Friedrichsstraße in Berlin wurde ich herausgenommen und in einen kleinen Raum geführt, wo man mein Gepäck kontrollierte. Der Verantwortliche fand die theologische Abschlussarbeit meines Freundes, durchsetzt mit vielen hebräischen Zitaten, was ihm offenbar verdächtigt vorkam. Er nahm sie mit und ließ mich allein. Es wurde zur längsten halben Stunde meines Lebens, da ich nur hoffen und beten konnte, dass es nicht zu einer weiteren Durchsuchung kommt.
Eindrücklich habe ich meine Hochzeit und die anschließende Reise nach Prag in Erinnerung. An unserem Hochzeitstag, dem 7. Oktober 1987, feierte die DRR ihr vierzigjähriges Jubiläum mit einer Parade in Berlin, in Anwesenheit von Michail Gorbatschow. Am Tag zuvor musste ich noch persönlich bei der tschechoslowakischen Botschaft in Bern vorsprechen, weil ich immer noch kein Visum hatte. Bei Personen mit einem kirchlichen Hintergrund bedurfte es damals einer längeren Überprüfung. In Prag begegneten uns schließlich lange Reihen von Autos, die DDR-Bürger hinterlassen hatten, die über die Mauern von westlichen Botschaften geklettert waren und dann mit einem Sonderzug nach Westen geschafft wurden.
Niemals hätte ich gedacht, dass einen Monat später die Berliner Mauer fallen würde. Unglaublich die Vorstellung, dass ich nun einfach durch das Brandenburger Tor spazieren könnte!
Im Jahr 2017, in einem wunderschönen Frühling, besuchte ich schließlich mit meiner Frau auch die Ukraine, nachdem ich viel über die wunderschöne Altstadt von Lemberg und seine Geschichte gelesen hatte – und war mehr als überrascht, wie lebendig die Stadt uns vorkam mit ihren vielen jungen Leuten und einer deutlich spürbaren Aufbruchstimmung. Nachdenklich stimmten mich die Gedenkstellen im Stadtpark mit Bildern von Gefallenen im Konflikt in der Ostukraine und eine Fotoausstellung mit Kriegsopfern, darunter ein junger Vater, der nach der Taufe seiner Tochter auf dem Rollstuhl über die Kirchentreppe getragen wird. Da wurde mir anschaulich, was Krieg bedeutet.
Heute ist mir bewusst, wie wichtig die Unterstützung der Ukraine in ihrem gegenwärtigen Kampf ist. Auch als eine kleine Wiederherstellung von Gerechtigkeit gegenüber der Ungerechtigkeit, die sie erleiden musste, als nach dem Zweiten Weltkrieg Europa geteilt wurde – und sich die einen erholten und der Wiederaufbau gefördert wurde, während die anderen nach dem Nazi-Regime erneut unter ein Gewaltregime gerieten: das der stalinistischen Diktatur mit ihrem Anspruch auf Weltherrschaft.
Im Jahr 1989 glaubten wir, der Kommunismus wäre überwunden – heute erfahren wir, dass eine neue Weltordnung mit einem totalitären System entsteht, dem es Widerstand zu leisten gilt.
Max Hartmann
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