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Die Ansprache des Präsidenten | Fotoimpressionen vom Festanlass
Liebe Tulinger, liebe Gäste, liebe Freunde der Verbindung
Wenn ich das Programm richtig interpretiere, so hat mir das OK 10 Minuten Zeit für eine Festansprache vorgegeben. Was sind 10 Minuten im Verhältnis zu einer 75 jährigen Vergangenheit oder auch im Verhältnis zu euren höchst persönlichen Erlebnissen im Kreise unserer Verbindung? Wichtige Ereignisse müssen da zwangsläufig auf der Strecke bleiben. Ich überspringe deshalb im Moment die Vergangenheit und gehe direkt zur Neuzeit:
Ein Tag im Leben eines Muster-Tulingers im Jahr 2003:
Unser Muster-Tulinger wird sanft geweckt mit Musik aus der vorprogrammierten Soundanlage. Es folgt die Douche mit Warmwasser aus der Solaranlage, die Rasur mit dem selbstreinigenden Elektrorasierer, die Milch aus der Mikrowelle, das Einschalten der Alarmanlage, das ferngesteuerte Öffnen des Garagentores und schon steht er mit dem Zweitauto der Ehefrau im Stau auf der 4-spurigen Einfahrt in die Stadt.
Er schafft den Zutritt zu seinem elektronisch gesicherten Büro dank Chipkarte und Handleser, clickt auf den Computer und ist mit der ganzen Computerwelt verbunden. Über Nacht wurde er mit 27 von der Firewall gereinigten E-mails eingedeckt, die er sortiert, deletet, beantwortet, ausdruckt, ablegt oder weiterleitet. Ein E-mail stammt im übrigen von der Tulingia, worin er an den abendlichen Kommers erinnert wird.
Später erreicht er via Videokonferenz den Geschäftspartner in Kanada.
In der Mittagspause erledigt er via SMS ein paar Börsengeschäfte, bezieht am Geldautomaten etwas Bargeld, tätigt ein paar Zahlungen über seinen geheimen Bankcode, erfährt später via Intranet, dass seine Firma aus wirtschaftlichen Gründen hundert Arbeitsplätze streicht. Entschliesst sich, nach einem Computerabsturz, schon leicht verunsichert, am Abend seine Freunde der Tulingia zu treffen.
Da er 20 Philisterminuten zu spät eintrifft, wird er beim Betreten des Kommerslokals gleich als Brandfuchs in den Fuchsenstall beordert, weil gerade Fuchsenrepublik herrscht. Das Hohe übernimmt mit der Zeit wieder die Leitung des Kommerses und er darf sich zu den Altherren setzen. Der Cantusmagister stimmt das Lied: "im Krug zum grünen Kranze..." an. Pro poena geht er wegen Kantusverhunzung in die Kanne und wird an der Biertafel angekreidet. Wegen Störung des Silentiums muss er sich auf Rekomandation löffeln. Der Kommilitone rechts zieht mit einem Sympathieschluck mit. Er verlangt bei Rückkehr vom tempus utile Verbum für eine Produktion sine couleur, trinkt dem Nachbarn zur linken einen Blitzschluck vor, beteiligt sich am Rundgesang und hört sich ein extempo an. Nach mehrerem Schmollis trinken und einem kleinen Bierduell erklärt er sich bierkrank, verlangt tempus ad infinitum und verlässt die Corona. Er lässt wegen der Promillegrenze das Auto in der Tiefgarage und fährt mit der S-Bahn im Kreise von Philistern nach Hause, wo ihn die Couleurdame mit einem freundlichen Verbum empfängt. Später setzt er sich vor den Grossbildschirm und zappt sich durch die ersten 59 Programme.
Die Geschichte ist beliebig verlängerbar. Ich schau auf den 10 Minuten-Kredit und muss da abbrechen. Unser Muster-Tulinger ist mit einem Cantus auf den Lippen ohnehin vor dem Fernseher eingeschlafen.
Computer oder Kommers
Den 1. Teil der Geschichte könnt Ihr 250 mal im Jahr und den 2. Teil fast jeden Monat noch erleben. Die Lehre und die gute Nachricht daraus ist: La Tulingia existe – die Tulingia lebt frisch und fröhlich weiter – trotz Computerzeitalter und Fernseher, auch wenn die Kommerse etwas eingeschlafen sind. Was uns Couleurstudenten verbindet ist der Bund der Freundschaft, den wir über das Studium hinaus schliessen und die Freude an der Pflege der Traditionen. Auch an solchen, die sich zum Teil überlebt haben. Wir pflegen ja eigentlich das studentische Lebensgefühl früherer Generationen. Nur waren das damals – zumindest in deutschen Gebieten – die Antimonarchisten, die Fortschrittlichen, die Rebellen, die politisch geprägten. Heute ist die Politik ausgeklammert. Die Verbindungen gelten denn auch eher als bewahrend, weniger als rebellisch. Auch wenn nicht mehr alle Hintergründe des Cerevis oder des Bierzipfels bekannt sind, so pflegen wir doch ganz bewusst die Burschenherrlichkeit gemäss traditionellem studentischem Komment. Dabei kann es laut und fröhlich zugehen, wenn alte Studentenlieder geschmettert und ewige Farbenbruderschaft besungen werden. Tradition und Neuzeit schliessen sich offenbar nicht aus. Wenn ich die Berufe der heutigen Jungaltherren betrachte, so sind wir zuvorderst in der Computerwelt dabei.
Verbindungsgeschichte
Ich blende kurz zurück ins Jahr 1988. Vor 15 Jahren, bei der Feier unseres 60-Jahr-Jubiläums mit gechartertem Schiff und Feierstunde auf der Au mit einer 6er Fahnendelegation befreundeter Verbindungen und repräsentativer Aktivitas im Vollwichs, muss unser Gründer Stop geahnt haben, dass er am heutigen 75 jährigen Fest möglicherweise nicht mehr dabei sein wird. Sicher hätte er sonst gerne Regie geführt. In weiser Voraussicht hat er damals eine Festschrift "60 Jahre Tulingia Turicensis" mitverfasst. Darin ist die Geschichte der Verbindung fein säuberlich dokumentiert:
- Die Gründung der Hermestia am 13. Januar 1928 in den Kaufleuten durch Stop, Schwips, Nick und Floh. – Notabene waren diese vier Burschen knapp achtzehnjährig und Absolventen der gleichen Handelsschule.
- Es folgte kurz nach der Gründung die Wahl der Verbindungsfarben grün-weiss-blau, der erste Burschenbummel nach Baden, der erste Maibummel in die Johannisburg bei Küsnacht, der siebenfache Wechsel des Stammlokals im ersten Jahr.
- 1930 die erste Teilnahme am Bremgartenkartelltag und der erste Verbindungsball im Zunfthaus zur Waag.
- 1932 das erste Banner und der Aufmarsch von 22 Tulingern am Bremgartenkartelltag sowie die Übernahme des Präsidiums des Bremgartenkartells.
- Die wohl trostlose Zeit des 2. Weltkrieges mit dem eigenen Stellenvermittlungsbüro für arbeitslose Tulinger.
- Der Namenswechsel 1950 von Hermestia zur Tulingia und der Wechsel an die beiden Hochschulen Uni und ETH, weil etliche Hermestianer die Matura nachholten und zu studieren begannen.
- Die Zeit der Hansefeste in Sankt Goar .
- Die Valbellatagungen.
- Die legendären Jubiläumsfeiern nach 10, 25, 40, 50, 60 Jahren Hermestia bzw. Tulingia.
- Die Herbstfahrten in die Pfalz, nach London, Budapest, Prag, Wien, Sirmione, Regensburg, ins Tirol, Elsass, Piemont und etliche Orte mehr....
- Die Bremgartenkartelltagungen, hoch zu Pferd oder mit Kutsche. Die Mühen mit der Herausgabe der Zeitschrift Linde.
Tulingia heute
Zu ergänzen ist die Geschichte der Tulingia aus neuester Zeit mit der 5 jährigen Verwaltung eines eigenen Verbindungshauses an der Elsastrasse, erworben und wieder verkauft durch die Genossenschaft Tulingerhaus – dies in der nicht verwirklichten Hoffnung, vermehrt Aktive gewinnen zu können. Und nicht zuletzt der Verlust des Stammlokals im Strohhof sowie der Aktivitas.
In einer Feierstunde sollte man nicht grübeln. Weder über sich noch über die andern. Da sollte man doch eher das Errungene Revue passieren lassen und sich am Erreichten freuen.
Der aktuelle Zustand der Verbindung lässt sich zusammenfassend umschreiben: Etwas gealtert aber nach wie vor von guter Konstitution, auf hohem Niveau jammernd aber nicht von Selbstzweifeln zerfressen, wartend auf bessere Zeiten, die einfach nicht von selbst kommen wollen.
Dank und Ausblick
Es verbleibt mir der Dank an das OK, das für uns an gediegenen Orten ein würdiges und vergnügtes Fest vorbereitet hat. Danken möchte ich für eure fast vollzählige Teilnahme – auch von Tulingern, die wir längere Zeit nicht mehr gesehen haben. Dank auch den Vertretern der Romania Novavillensis und des Bremgartenkartells für die Delegation. Dank den zahlreichen Gästen und Freunden der Verbindung für eure Gesellschaft und Dank der Genossenschaft Tulingerhaus, die sich an den Kosten des heutigen Anlasses wesentlich beteiligt. Dank an Claire Burkhardt für ihr grosszügiges Vermächtnis und Dank an Claudia und Lux für das Sponsoring der humorvollen Einladungs- und Programmkarten.
Der Tulingia Turicensis ein vivat, crescat floreat, verbunden mit dem Wunsch nach zahlreichem Nachwuchs. Denn nur durch die Gewinnung einer neuen Aktivitas kann langfristig unser Bestand und unsere Zukunft gesichert werden.
Schliessen möchte ich mit einem weisen Spruch:
Glück ist nicht Ruhe und verschont sein vor Auseinandersetzung, ist nicht Rückzug ins Haus und ins Private. Glück ist Tätigsein und ist gefordert sein. Die Lebenslust blüht erst auf, wo man gefragt ist, zur Veränderung und Verbesserung des Lebens beizutragen.
Dixit
V. Egloff v/o Fleurie AH X
Wettingen/Zürich, 25. Okt. 2003