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Der erste Schultag der kleinen Schnecke Sam ist nicht gerade schön. Eigentlich ist er eine einzige Katastrophe. Die Lehrerin, Frau Okapi, möchte, dass sich die Schüler_innen für ein Spiel in zwei Reihen aufstellen: In eine Jungen- und eine Mädchenreihe*. Sam ist verzweifelt. Sam weiß nicht, ob sie ein Junge oder ein Mädchen ist!
„Wenn du du gerne Fußball spielst, dann bist du ein Junge“, meldet sich der kleine Waschbär zu Wort. Er sprach wie ein Experte. „Wenn du Puppen magst, dann bist du ein Mädchen.“
Weitere ähnliche Aussagen muss Sam über sich ergehen lassen, bis sie sich vor Verzweiflung in ihr Schneckenhaus zurückzieht. Und das, obwohl ihre Eltern gesagt haben, dass das unhöflich ist. Als Sam es wagt, endlich wieder den Kopf aus ihrem Haus zu strecken, findet sie sich im Büro von Frau Okapi, der Schulpädagogin (ich glaube, gemeint ist so etwas wie eine Schulpsychologin?) wieder. Diese gibt sich verständnisvoll und bedauert, dass Sam in so eine unangenehme Situation gebracht wurde. Außerdem gibt sie Sam noch ihre erste Schulaufgabe mit: Sie soll mit ein paar Bewohner_innen des Waldes über das Gewitter des Vortrags sprechen und eine Reportage darüber verfassen.
Sam macht sich mit einer Liste an Namen auf den Weg und lernt dabei allerlei Tiere kennen, deren Lebensformen auf den ersten Blick für sie ungewöhnlich scheinen: So lebt zum Beispiel Frau Weißbüscheläffchen mit zwei Ehemännern zusammen, Herr Lippfisch war früher Frau Lippfisch, Pawel und Tomek Schwan sind verheiratet und die Bürgermeisterin, Lucyna Eichhörnchen, ist mit ihrer Partnerin Co-Mutter von einem Baby. Beide stillen es sogar! Sam lernt bei der Arbeit an ihrer Reportage vor allem eines: Es gibt viele Arten zu Leben und alle sind legitim.
Am nächsten Schultag reflektiert Frau Okapi vor der Klasse:
„Wir haben uns nicht so nett gegenüber Sam verhalten. Ob Sam ein Junge oder ein Mädchen sein möchte, ist ihre Sache und nicht unsere. Wenn sie sich entschieden hat, wird sie es uns mitteilen, wenn sie möchte. Nicht wahr, Sam?“
Für dieses Buch arbeitete der polnische Autor Jakub Szamałek mit der Biologin und Gender-Studies-Dozentin Maria Pawłowska zusammen. Gemeinsam schufen sie eine liebe Geschichte, in die viele, nicht so bekannte Fakten und Forschungserkenntnisse über Familienmodelle, Beziehungen und Geschlechtsidentitäten aus dem Tierreich einfließen. Sie vermitteln eine wichtige Botschaft: Viele verschiedene Modelle können nebeneinander existieren, das gilt sowohl für Tiere als natürlich auch für Menschen. Akzeptanz ist super und eigentlich auch easy!
Für mich fehlt dass Sam sich nicht unbedingt im binären Genderspektrum wiederfinden muss. Es gibt eine große Bandbreite an Gendern, manche Menschen (und vielleicht auch Schnecken) identifizieren sich weder als männlich oder weiblich, sondern zum Beispiel als non-binary und agender. Und weil ich immer noch auf der Suche nach einem Kinderbuch bin, das nicht im generischen Maskulinum geschrieben ist, habe ich mich kurz gefreut, weil in „Wer ist die Schnecke Sam?“ zum Beispiel immer wieder von Schülerinnen und Schülern die Rede ist. Doch leider zieht sich das nicht konsequent durch das Buch, größtenteils wird die männliche Mehrzahl angewendet.
Abgesehen davon ist es ein gutes und recht außergewöhnliches Kinderbuch mit einer schönen Message. Die Illustrationen gefallen sowohl dem Kind als auch mir. Empfohlen wird das Werk ab 5 Jahren, dem schließe ich mich an.
Maria Pawłowska und Jakub Szamałek: Wer ist die Schnecke Sam? Aus dem Polnischen von Ewelina Rockenbauer (Doppelgänger Verlag)
* Das ist übrigens eine total gängige Praxis. Die krampfhafte Unterteilung in Buben- und Mädchen verfestigt den Eindruck, dass es sich dabei um homogene Gruppierungen handelt. Liebe Lehrer_innen, macht mal ein bisschen Undoing Gender und teilt die Kinder doch zum Beispiel mal lieber nach Hunde- und Katzenfans ein.