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Dörfer und Landhäuser wirken englisch, doch in den Gärten wachsen Palmen. Die 14 Kanalinseln, von denen Jersey und Guernsey die grössten sind, befinden sich auf der Höhe der Normandie und bekommen viel Wärme und Sonne ab.
Arthur K. Vogel
Alles wirkt sehr britisch: Typische Landhäuser und Gehöfte säumen die Landstrassen. In den Dörfern stehen steinerne Kirchen, umgeben von Friedhöfen mit schiefen Steinkreuzen. Die Insel Jersey mit 120 Quadratkilometer ist kleiner als Appenzell Innerrhoden, aber mit mehr als 100 000 Einwohnern dicht besiedelt. Noch etwas enger geht es in Guernsey zu, nur halb so gross wie Jersey, aber von rund 60 000 Menschen bewohnt. Winzig sind hingegen die weiteren bewohnten Kanalinseln Alderney (8 Quadratkilometer), Sark (5,5 Quadratkilometer) und Herm (2 Quadratkilometer). Der Rhythmus des Lebens ist beschaulich. Die Höchstgeschwindigkeit ausserorts beträgt auf Jersey 40 Meilen oder 64 km/h. Die Landstrassen sind eng, schlängeln sich vorbei an gepflegten Hecken und Steinmauern, durch Dörfer und Felder, auf denen die kleinen Jersey-Kühe grasen. Gar keine Autos gibt es auf Sark (500 Einwohnende) und auf Herm, nur ein paar Traktoren, Pferdefuhrwerke und Fahrräder.
Um sich auf Jersey fortzubewegen, ist ein Mietwagen ideal. Aber da die Insel relativ flach und nicht sehr gross ist (der höchste Punkt liegt auf 136 Metern), kann man sie auch mit Mietvelos oder zu Fuss auf herrlichen Wanderwegen erkunden. Zumal rund 80 km kleine, verkehrsberuhigte Strassen und Wege als «Green Lanes» ausgeschildert sind. Auf ihnen darf höchstens 24 km/h gefahren werden; Wanderer*innen, Fahrradfahrer*innen und Reiter*innen haben Vortritt.
Spektakulär sind Jerseys Küsten, vor allem, wenn man sie mit Trudie Trox erkundet. Trudie, in Augsburg geboren, später in München im Verlagswesen tätig, kam als Touristin auf die Insel und blieb der Liebe wegen. Zusammen mit ihrem Mann Derek Hairon betreibt sie die Jersey Kayak and Walk Adventures. Eine Wattwanderung mit ihr vom Hafen von La Rocque hinaus zum Seymour Tower erweist sich als grossartige Lektion in Botanik und Zoologie, Geschichte und Gesellschaftskunde.Allein Trudies Story darüber, wie das Abernten von Seetang bei Ebbe oder die Austernzucht zu Wohlstand und Clan-Fehden führten, könnte ein Buch füllen. Beredt schildert sie die Tücken der Flut: Die Kanalinseln liegen vor einem Flaschenhals, wo sich der Atlantik in den Ärmelkanal zwängt. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut ist deshalb hier so gross wie kaum irgendwo sonst. An der Plémont Bay am nordwestlichen Zipfel der Insel zu erleben, wie sich die wilden Wassermassen tosend und Gischt aufsprühend an den Felsen brechen, ist ein eindrückliches Schauspiel. Zwischendurch ein Abstecher in die winzige Bucht von Rozel, wo in der Imbissbude «Hungry Man» seit 1947 das beste Krabbensandwich weit und breit serviert wird. Natürlich gibt es auch in Jersey Michelin-Restaurants, in denen vornehme Menschen, die vom diskreten Finanzplatz profitieren, vornehm tafeln. Strandkneipen jedoch sind viel exklusiver: Im Portelet Bay Café etwa wird ein Salat mit Jakobsmuscheln serviert, die am selben Nachmittag noch fröhlich gelebt haben.
Weltoffen und freundlich
Man begegnet hier Menschen, die weltoffen und freundlich sind: Vincent Obbard (76) etwa ist der Seigneur von Samarès Manor, einem herrschaftlichen Anwesen mit einem sorgsam gepflegten Park, in dem sich Familien tummeln, Touristengruppen, Liebespärchen. Die Seigneurs waren einst Lehensnehmer der Krone und lebten von den Abgaben ihrer Untertan*innen. Der heutige Seigneur von Samarès, der 45. in einer langen Reihe seit dem Jahr 1095, findet den Titel «irgendwie lustig», wie er sagt, aber eigentlich bedeutungslos. Er lebt von den Eintrittsgebühren der Besuchenden. Dörfer und Landhäuser wirken englisch, doch in den Gärten wachsen Palmen. Die 14 Kanalinseln, von denen Jersey und Guernsey die grössten sind, befinden sich auf der Höhe der Normandie und bekommen viel Wärme und Sonne ab. Artur K. Vogel Obbard zeigt uns das weisse Manor House, in dessen Kies-Auffahrt ein alter Rolls-Royce parkt. Der Seigneur fährt danach im Bus in die Hauptstadt St. Hélier, wie er lachend beteuert. St. Hélier übrigens ist der einzige Ort auf den Kanalinseln, um den man gern einen Bogen macht. Hier ist offensichtlich zu viel Geld vorhanden, was dazu geführt hat, dass die Stadt mit protzigen Bürobauten verschandelt worden ist.
Da fährt man lieber hinaus nach St. Mary im Norden und lässt sich die La Mare Wine Estate zeigen. Dort wird nicht nur Wein produziert, was einigermassen überraschend ist für eine Gegend so weit nördlich. Auch Apfelwein, Gin, Brandy, Schokolade, Konfitüren, Karamell und Bier werden hier gemacht. Wenn Jersey ein britisch-mediterraner Mikrokosmos ist, dann ist La Mare ein Mikrokosmos der Insel Jersey, wie man sie gern in Erinnerung behält.
Informationen
Reisen buchen beim Neuhauser Kanalinseln-Spezialisten rolf meier reisen: www.rolfmeierreisen.ch (bietet zwischen 13. Mai und 19. August 2023 direkte Charterflüge nach Jersey und Guernsey). Anreise im Winter: British Airways täglich ab Zürich und Basel via London Heathrow.
Walk Adventures: www.jerseywalkadventures.co.uk