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Wirft man einen Blick in Catherine Bossharts Arbeitszimmer, würde man nicht glauben, dass die 72-Jährige pensioniert ist. Es ist übervoll mit Büchern, am Boden liegen Sichtmäppchen mit Dokumenten. Der Laptop ist zwar zugeklappt, aber der Desk-Computer läuft.
Catherine Bosshart entschuldigt sich für das «Chaos», wie sie sagt: «Wir nutzen die Corona-Zeit, um das Haus zu entrümpeln.» Als sie sich dann auf das antike rote Sofa im Wohnzimmer des Hauses im Kleinschönberg setzt, sagt sie mit einem Lachen: «Eigentlich habe ich gar nie aufgehört zu arbeiten.» Gewiss, die Lehrtätigkeit im Fachbereich Zeitgeschichte an der Universität Freiburg hat sie mit ihrer Pensionierung 2013 aufgegeben. Doch sie hat nicht aufgehört, sich für Frauenanliegen auf der ganzen Welt zu engagieren. Dies im Rahmen der International Federation of Business and Professional Women, kurz BPW. Derzeit ist sie Vizepräsidentin der internationalen Organisation und lobbyiert bei der UNO für die Anliegen der Frauen. Dafür reist sie um die ganze Welt, besucht Projekte, die Frauen helfen sollen – sei dies, wenn es um die ärztliche Versorgung in Burkina Faso geht oder um die Lohngleichheit von Frauen und Männern in Westeuropa.
«Ich musste nicht kämpfen»
Warum dieses Engagement? Ein Blick zurück ganz an den Anfang: Catherine Bosshart wurde 1948 in Solothurn geboren. Sie war das dritte Kind eines Arztes, eine Nachzüglerin. «Für meinen Vater war immer klar, dass ich studieren kann, und das in einer Zeit, als das für Frauen nicht üblich war», sagt Catherine Bosshart. «Das hat mir den Weg geebnet. Ich musste nicht kämpfen.»
«Ich brauche den Austausch mit Menschen, das Reisen, das ist eine so enorme Bereicherung für mich.»
Catherine Bosshart
Historikerin
Die Chance nutzte sie: Wie ihre älteren Geschwister kam sie nach Freiburg und begann 1968 das Studium der Geschichte. Bald lernte sie hier ihren zukünftigen Ehemann Louis Bosshart kennen. Die Forschungstätigkeit führte die beiden in den folgenden Jahren durch ganz Europa: Catherine Bosshart verbrachte viel Zeit in Deutschland und in Wien, Louis Bosshart in England. «Die ersten zehn Jahre unserer Ehe lebten wir eigentlich ständig getrennt.»
Sie fügt an: «Wir hatten stets eine sehr partnerschaftliche Beziehung.» Als der erste der beiden Söhne noch sehr klein war, führte ein Forschungsprojekt Catherine Bosshart wieder nach Deutschland. Louis Bosshart blieb in Freiburg und kümmerte sich um den Sohn, Catherine besuchte die beiden an den Wochenenden. «Das war damals, in den 1970er-Jahren, sehr ungewöhnlich. Es gab die wildesten Gerüchte über uns im Quartier», erinnert sie sich und lacht.
Auch in ihrer Forschung beschäftigte sich Catherine Bosshart mit Familien-, Frauen- und Geschlechterthemen. Anfang der 1990er-Jahre wurde sie von der Universität Freiburg angestellt, zunächst als Oberassistentin, dann als Professorin. Einige Jahre später organisierte sie an der Uni einen Kurs zur Genderforschung mit der Biologin und Psychologin Antoinette Rüegg. Diese fragte Catherine Bosshart, ob sie die Frauenorganisation BPW International als Hauptverantwortliche an der UNO in Genf vertreten würde, und Catherine Bosshart sagte zu. So viel zu Catherine Bossharts beruflichem Werdegang – dabei noch gar nicht erwähnt sind ihr Präsidium der Uni-Kinderkrippe, ihre Mitarbeit bei der Einführung des Bologna-Systems an der Uni, die diversen Kongresse, die sie für die Geschichtsforschende Gesellschaft organisiert hat und ihr Engagement für die Frauen-Stadtrundgänge in Freiburg.
«Etwas zurückgeben»
Woher nimmt sie all die Energie und Motivation, auch mit 72 Jahren immer noch weiterzumachen? Catherine Bosshart lehnt sich auf dem roten Sofa zurück, lässt den Blick durch die randlose Brille in die Ferne schweifen und sagt: «Ich habe sehr viel bekommen in meinem Leben. Ich möchte den Frauen etwas zurückgeben.» Und fügt dann an: «Ich glaube, mir wäre es sonst langweilig. Ich brauche den Austausch mit anderen Menschen, das Reisen – das ist eine so enorme Bereicherung für mich, die mir Energie gibt.» Auch im Alter könne sie dadurch noch viel dazulernen.
Reisen ist eine Konstante in ihrem Leben. Nicht zuletzt, weil ihr Sohn und seine Familie in Schanghai leben. 2009 begann Catherine Bosshart, Chinesisch zu lernen. «Die Leute haben gesagt: ‹Du spinnst›.» Mittlerweile kann sie sich auf Chinesisch verständigen.
Eine weitere Heimat ist für Catherine Bosshart Kalifornien, genauer die Universität Stanford und die California State University in Long Beach, wo sie selbst eine Zeit lang arbeitete und ihr Mann über Jahre hinweg den Sommer hindurch lehrte. Sie reist nicht, um einfach Ferien zu machen. Sie möchte die Kultur verstehen, ganz tief eintauchen. Genau das erlaubt ihr auch das Engagement bei BPW. «Ich lerne dadurch Frauen aus der ganzen Welt kennen und habe einen ganz anderen Zugang zu den Ländern, als wenn ich als Touristin da wäre.» Gleichzeitig holen sich Bossharts die Welt zu sich nach Hause: Im Studio in ihrem Haus im Kleinschönberg wohnen immer wieder Austauschstudenten, ausländische Forschende, Flüchtlinge oder einfach Freunde.
Noch einige Ziele
Es verwundert nicht, wenn Catherine Bosshart sagt, dass sie noch einige Ziele habe: Sie möchte gerne Arabisch lernen. Und sie stellt sich als nächste Präsidentin der BPW International zur Verfügung. «Nicht weil es mir um die Position geht, sondern weil ich Ideen habe, die ich verwirklichen möchte.» Und wenn es nicht klappe mit der Wahl, sei das nicht so schlimm. Catherine Bosshart arbeitet schliesslich noch an einigen Geschichtsprojekten. Und Zeit für die Enkeltochter aus Schanghai muss auch bleiben.
FN-Serie
Eine Stafette mit Porträts
In einer losen Serie stellen die FN verschiedenste Menschen aus ihrem Einzugsgebiet vor. Die Serie funktioniert wie eine Stafette: Es ist der Porträtierte, der das nachfolgende Porträt bestimmt.