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Die Geschichte des Bonsai
Der Mythologie nach lebte vor langer Zeit der Zauberer Jiang-Feng, der die Fähigkeit besaß, ganze Landschaften mit Felsen, Wasser, Bäumen, Tieren und Menschen verkleinert auf ein Tablett zaubern zu können. In dieser Zeit entstand offenbar die Kunst des Penjing. Nach altem chinesischen Verständnis ist Penjing die Kunst, eine Harmonie zwischen den Naturelementen, der belebten Natur und dem Menschen in miniaturisierter Form darzustellen: Die belebte Natur wird hierbei meist durch einen Baum dargestellt. Die Naturelemente, gleichbedeutend mit Landschaft 山水, shānshuĭ "(wörtlich) Berg und Wasser", wird mit einem Stein und feiner Kies und der Mensch in Form einer Pflanzschale dargestellt. Nur der Einklang dieser drei Elemente macht einen gelungenen Penjing aus. "Landschaft in der Schale" (盆, pén "Schale", 景, jĭng "Landschaft, Szene ".
China
Bereits um 206 v. Chr. bis 220 n. Chr. während der Han-Dynastie wurden künstliche Landschaften mit Seen, Inseln und bizarren Felsformationen in Palastgärten der Kaiser nachgestaltet. Dabei unterschied man zwischen dreien Arten. Dem Baum-Penjin, "Shumu-Penjing" bei dem ein einzelner Baum oder eine kleine Gruppe ohne weitere Elemente in einer Schale stehen. Dem Landschafts-Penjin, " Shanshi -Penjing" bei dem die Darstellung einer Miniatur-landschaft, meist aus natürlich geformten Steinen, die zusätzlich mit Krautpflanzen oder Moos ausgestaltet wird. und die Bäume eher nebensächlich sind. Sowie dem "Wasser und Land-Penjin" " Shuihan-Penjing". Mit Sand wurde hier zusätzlich ein Wasserlauf, eine Teich- oder Seeoberfläche dargestellt. Häufig waren es auch Felslandschaften, die auf flachen Tabletts standen, welche mit Wasser gefüllt wurden. Der geschickte Gärtner Jiang-Feng schuf eine komplette Landschaft mit Felsen, Bergen, Bäumen, Flüssen und kleinen Figuren in Miniaturform. Diese Miniaturlandschaft hat dem Kaiser sehr gut gefallen, und der Gärtner wurde natürlich entsprechend honoriert und als "Zauberer der Landschaft" bezeichnet.
Mit den verschiedenen Kaiserdynastien entwickelte sich auch die Penjing-Kultur. Waren während der Song-Dynastie (960–1279) knorrige Bäume, vor allem Kiefern, besonders beliebt, waren es in der Yuan-Dynastie (1280-1368) Miniatur-Penjing. Der Grundsatz „im Kleinen zugleich das Große“ wurde in den darauffolgenden Jahrhunderten zu einem wichtigen Leitsatz. Die Entwicklung und Gestaltung von einzelnen Bäumen in den Schalen und Töpfen als eine eigene Richtung begann bereits in der Jin-Dynastie. Dieses ist durch Aufzeichnungen eines hohen Mandarins belegt, der sich um das Jahr 400 unserer Zeitrechnung aus dem Hofdienst zurückgezogen hatte und danach Mini-Pflanzen züchtete. Anfangs blühende Arten wie Kamelien und Chrysanthemen mit der Zeit auch weitere Strauch- und Baumarten. Diese Baum-Penjinge wurden auch Penzai genannt und waren oft handlicher als die Landschafts-Penjinge.
Die populäre chinesische Landschaftsmalerei der Ming-Dynastie (1368-1644) gab der Penjing-Kunst neue Impulse. Man bezeichnete sie als „dreidimensionale Gemälde“, „stumme Gedichte“ oder „lebende Skulpturen“. Meist waren sie etwa einen halben Meter groß, so dass sie noch auf einem Teetischchen platziert werden konnten – dann galten sie als besonders kostbar.
Erst in der Qing-Dynastie (1644-1911) drangen Penjing allmählich in die vornehmen Familien des Landes vor, die nicht selten einen eigenen Penjing-Gärtner anstellten.
Japan
Parallel zu China entwickelte sich in Japan der Bonsai-Kultur nach dem bereits im 10./11. Jahrhundert buddhistische Mönche die ersten Penzai nach Japan brachten. Die Japaner entwickelten Bonsai nach bestimmten Richtlinien, die dem Einfluss des Zen-Buddhismus unterlagen. Um Schönheit in extrem reduzierter Form zu finden, entwickelten Zen-Mönche, die weniger Landschaftsvorbilder hatten als in China, ihre Tablett-Landschaften nach gewissen Richtlinien, so dass ein einzelner Baum in einer Schale das Universum repräsentieren konnte. Die japanischen Schalen waren generell tiefer als jene vom Festland und die resultierende Gärtnerpraxis wurde Hachi-no-ki genannt, wörtlich der Schüssel-Baum.
Anfangs der Edo-Zeit (1603 -1868) erfuhr die Topfkultivierung von Pflanzen und Bäumen einen starken Aufschwung, nicht zuletzt durch das Vorbild des damaligen Shogun Tokugawa Iemitsu (1604-1651). Damals sammelte man vor allem Pflanzen, deren Blüten und Blätter auffällige Mutationen hervorgebracht hatten und so in der Natur nicht vorkamen. Viele dieser Bäume wiesen Krümmungen und Biegungen auf, die heute unnatürlich erscheinen.
Gegen Ende der Edo-Periode kam das Shogunat, die damalige Gesellschafts-form, ins Wanken. Vor allem die Bunjin (jap. 文人, „Mann des Wortes“, meist mit „Literat“ übersetzt) taten sich als Organisatoren von Demonstrationen und anderen anti-monarchistischen Aktionen hervor. Sie wandten sich auch gegen die sehr künstliche Bonsai-Kultur jener Zeit und fanden zu einem neuen Stil, den Bunjingi. Sie bevorzugten heimische Arten wie Kiefern und Ahorne und nahmen die Natur zum Vorbild für ihre Gestaltungen. Bereits damals wurden die noch heute bekannten Stilformen wie Kengai und Chokkan formuliert. Besonders in der Kaiserstadt Kyōto und in Osaka war der neue Stil bei Gelehrten sehr beliebt und galt als antinational und avantgardistisch. Mit der Zeit formte sich das noch heute gültige Gestaltungsideal aus, wonach Bunjingi einen hohen, geschwungenen Stamm und wenig Äste aufweisen sollen.
Ab 1870, Anfang der Meiji-Zeit, entdeckte auch die Tokioter Oberschicht ihre Liebe zum Bonsai. Bonsai wurden in Teehäusern ausgestellt und erreichten so allmählich auch die unteren Schichten der Bevölkerung. Nach dem Sieg im 1. Chinesisch-Japanischen Krieg 1894-1895 entstand in Japan ein "von oben verordneten Nationalstolz", welcher sich in der Kunst und auch in der Gestaltung von Bonsai auswirkte. Man wollte „ein Kunstwerk schaffen, das natürlicher als die Natur selbst ist, wobei stets die Schönheit der Natur als Vorbild dient“.
1867 stellte Japan auf der Weltausstellung in Paris erstmals Bonsai einer westlichen Öffentlichkeit vor. Nach dem zweiten Weltkrieg verbreitete sich Bonsai als Hobby in der ganzen Welt, während der Penjing, die ursprünglich, chinesisch Form der Zwergkultivierung lange Zeit im Westen unbekannt blieb. Dies mag einerseits an der damaligen Vormachtstellung Japans im Asiatischem Raum liegen, anderseits auch daran, dass bei uns ein Penjing einfach als Chinesischer Bonsai gilt.