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Es gibt Sportarten, die wollen in Deutschland über ein Nischendasein nicht hinauskommen. Baseball gehört zum Beispiel zu dieser Kategorie. Volkssport wird das Spiel mit Holzschläger und Lederball bei uns sicher nicht mehr werden. Interessant ist aber, dass gerade solchen hierzulande eher unbedeutenden Sportarten dann recht häufig sehr gute Videospieladaptionen spendiert werden. Auch MLB The Show 17 folgt diesen Trend, mit dem Ergebnis, dass uns auch in der zwölften Auflage eine der besseren Sportspielumsetzung angeboten wird.
Die Basics: Was ist Baseball?
Für all jene die noch nichts oder eher wenig mit der so gerne als kompliziert bezeichneten Sportart Baseball zu tun hatten, hier ein kleiner Exkurs dazu. Baseball ist eine Ballsportart, Baseball ist eine Mannschaftssportart, Baseball ist amerikanisch und Baseball ist in den Staaten vor allem ein Familienereignis mit Grillen vorm bzw. Fast Food im Stadion.
Das Spielfeld beim Baseball besteht aus dem so genannten In- und Outfield, in welchen sich die Spieler der beiden Mannschaften verteilen. Ein Spiel setzt sich aus neun Haupt- und falls nötig diversen Extra-Innings zusammen. Innerhalb der Innings wechseln sich die beiden Teams jeweils am Schlag bzw. auf dem Wurfhügel ab. Ein Unentschieden gibt es nicht, weshalb so lange gespielt wird, bis ein Sieger feststeht – übrigens ohne jegliche zeitliche Begrenzung.
Grundsätzlich basiert Baseball auf dem Duell Pitcher (Werfer) gegen Batter (Schlagmann). Während also der Pitcher versucht durch gekonnte Würfe möglichst viele Strikes (nicht korrekt berührte Bälle) zu erzielen bzw. nur schwache Schläge zuzulassen, um damit seinen sich auf dem Outfield befindlichen Teammitgliedern die Möglichkeit zu geben, den Ball direkt zu fangen oder schnell auf eine der vier Bases zu spielen, hat hingegen der Batter als Herausforderer das Ziel den Ball so gut zu treffen, dass er möglichst viele Male (Bases) erreichen kann. Punkte gibt es, wenn ein Spieler die Home Plate überquert ohne vorher „ausgestellt“ worden zu sein, also später eine Base erreicht als der Ball. Befördert der Schlagmann den Ball, unerreichbar für die Verteidigung, aus dem Spielfeld, natürlich innerhalb der zulässigen Grenzen, und ermöglicht sich somit einen ungehinderten Lauf zum Home Plate, dann nennt man das Homerun. Wohl ein Begriff, den selbst der größte Sportbanause schon mal gehört haben wird.
Sicher, Baseball bietet, wie andere Sportarten auch, natürlich noch viel mehr Details und Feinheiten, um allerdings mit der Umsetzung von Sony überhaupt etwas anfangen zu können, sollte diese kleine Einleitung eigentlich erstmal genügen. Konsole an, Controller in die Hand und „Play Ball“.
Zugang trotz Forderung – ja, das geht
Einer der großen Pluspunkte der MLB-Serie von Sony war es schon seit jeher, dass einem die Möglichkeit gegeben wird, sich langsam ins Spiel zu finden. Nicht das Gameplay will über euch bestimmen, sondern ihr bestimmt über das Gameplay. Im Speziellen bedeutet das, dass euch MLB unzählige Möglichkeiten gibt, Einstellungen bezüglich der Steuerung, der Anforderung und im Endeffekt somit am Schwierigkeitsgrad vorzunehmen. Was wollt ihr spielen, wie wollt ihr es spielen und mit wem wollt ihr spielen – praktisch jeder Aspekt kann und sollte von euch gewählt werden. Wer z. B. nur batten (schlagen) will, sich nur als Pitcher (Werfer) sieht oder überhaupt keine Lust hat die Spieler im Outfield zu steuern, der kann dies mit MLB ohne Probleme tun. Für Einsteiger und bei einer Umsetzung zur Sportart Baseball, welche außerhalb der Staaten bekanntermaßen ja als Regelmonster und unheimlich kompliziert verschrien ist, ein geradezu perfekter Ansatz. Der spielerische Zugang ist somit auf jeden Fall vorhanden und wer ohne Zurückhaltung, vielleicht sogar auch mit der gewissen Lust mal eine neue Sportart kennenzulernen, an diesen Titel herangeht, der wird überrascht sein, welchen Spaß ein Baseballspiel vorm heimischen Bildschirm machen kann.
Trotzdem ist und bleibt MLB eine Simulation und will dies auch zu keinem Zeitpunkt wirklich verbergen. Dementsprechend werden auch Kenner der Thematik nicht vernachlässigt. Wenn man sämtliche Hilfen ausschaltet und sich um alle Bereich von der Taktik über die Aufstellung bis hin zum Steuern aller Spieler selbst kümmern will, dann wird die Baseballumsetzung enorm fordernd. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sich die KI, schon ab der mittleren Schwierigkeitsstufe, alles andere als dämlich verhält. Gerade wenn man als Pitcher vom Mound (Wurfhügel) sich im Duell gegen einen CPU-gesteuerten Batter befindet, muss man das je nach Stärke des Spielers unterschiedlich vorhandene Wurfrepertoire äußerst variantenreich einsetzen, um überhaupt eine Chance zu haben. Was Sony mit ihrer Sportspielumsetzung also schon seit Jahren und unserer Meinung nach sehr erfolgreich versucht, ist, diesen Spaß den Baseball machen kann, zu euch Spielern, und zwar abhängig nach euren Fähigkeiten, zu transportieren.
Problem von MLB The Show 17 ist nur, dass dies auch schon der Vorgänger und der Vorgänger des Vorgängers mehr oder weniger in absolut identisch guter Form geschafft haben. Das aktuelle MLB krankt vor allem an einem: Der fehlenden spielerischen Identität. Den entscheidenden Unterschied zu den anderen Ablegern gibt es nämlich nicht. Was schlimm wäre, wenn sich der Titel dadurch schlecht spielen würde, tut er aber nicht, stattdessen wird euch zwar spielerisch viel bekannte Kost geboten, aber eben in solch guter Form, dass man das auch als Besitzer des direkten Vorgängers gerne in Kauf nimmt.
Von “Old School” bis “Be a boss”
Auch beim Umfang fällt sofort auf, dass vieles bereits aus dem Vorgänger bekannt ist und Neuerungen eher in den Kleinigkeiten bzw. Details zu suchen sind. Trotzdem oder gerade deshalb kann die Baseballumsetzung auch im aktuellen Ableger wieder mit enorm viel Inhalt aufwarten. Lizenztechnisch heißt das, wo MLB auf der Verpackung steht, ist auch wirklich MLB, und zwar komplett, enthalten. Ihr findet auf der Blu-ray dementsprechend alle aktuellen 30 Teams, die aktuell aktiven Spieler und natürlich die aktuell genutzten Spiel- bzw. Trainingsstätten der Major League Baseball. Aber nicht nur. Auch die amerikanische Minor League mit ihren diversen Unterligen, wie etwa die Texas League, ist nahezu vollständig, was Teams und deren Spieler angeht, auf den Datenträger gepresst worden. Bezüglich Originalinhalten ist MLB 17 also mehr oder weniger ein FIFA im Baseballgewand.
Aber auch was die Spielmodi betrifft, braucht sich The Show kaum hinter anderen Sportspielen verstecken. Es gibt natürlich die Möglichkeit ein Einzelspiel gegen einen oder sogar mehrere Freunde auszutragen, sich im umfangreichen Trainingsmodus an allen Schlag- bzw. Wurfarten auszuprobieren oder einfach eine etwas zeitintensivere Season zu spielen.
Absolutes Muss für praktisch alle Simulationen aus dem Genre Sport sind aber die die Karrieremodi. Logisch also, dass auch Sonys Baseballableger diesbezüglich mit einigem aufwarten kann. In der Spielvariante Road to the Show etwa spielt ihr die Laufbahn eines selbst erstellten Spielers von einer der unteren Ligen bis in die MLB nach. Hauptaufgabe ist es natürlich, wie kann es anders sein, durch besonders gute Aktionen auf dem Spielfeld oder durch gezielte Trainingsarbeit euren Spieler rollenspielartig Stück für Stück zu verbessern. Größte Neuerung ist die Integration des Features Pave your path, welches euch nun die Möglichkeiten gibt, euer „Profileben“ auch außerhalb der Stadien zu gestalten. Interaktionen mit Trainern und Managern gehören hierbei genauso zum Spiel, wie Verhandlungen mit Repräsentanten von Sponsoren. Hier getroffene Off-the-field-Entscheidungen nehmen direkten Einfluss auf die Karriere eures Alter-Egos und sind somit nicht nur schmückendes Beiwerk ohne Wert, sondern sogar sehr wichtig für den erfolgreichen Aufstieg innerhalb der Baseball-Szene. Natürlich wird das Ganze weiterhin im entsprechend amerikanisch bunten und schrillen Stil präsentiert bzw. moderiert. Überhaupt ist der optische und inhaltliche Aufbau von Road to the Show auch in MLB 14 an Abwechslung kaum zu überbieten. Langweilig wird es euch hier sicher nie.
Wer lieber die Geschicke eines gesamten MLB-Teams aus der Sicht des General Managers lenkt, sich um Trainingspläne, Zu- und Abgänge von Spielern, Aufstellungen und eben um das große Ganze kümmern will, der wird mit der Karriereart Franchise absolut glücklich werden. Vielen wird auch gefallen, dass diese Spielvariante im aktuellen MLB wieder komplett online spielbar ist. Inhalt und Ablauf geben sich hierbei weitestgehend identisch zum Offline-Pendanten, einziger größerer Unterschied: Die Gegner kommen aus der Community und nicht vom Datenträger. Schön übrigens, dass ihr mittlerweile nicht mehr alle „Arbeiten“ innerhalb der Managerkarriere selbst erledigen müsst, sondern bestimmte Aufgaben durch ausgewählte Mitarbeiter über diverse Einstellungen und Vorgaben automatisch verwalten lassen könnt. Durch das neue Franchise Launch Pad könnt ihr komplett kontrollieren, wie viel Zeit ihr fürs Spielen investieren wollt. So könnt ihr etwa absolut frei wählen, was ihr innerhalb eines Matches selbst spielen wollt und was simuliert werden soll. Der aktualisierte Player Lock macht es euch nun deutlich einfacher einen Spieler für euer Team auszuwählen bzw. das Team noch euren Vorstellung abzubauen. Außerdem gibt es nun die Möglichkeit Herausforderungen im Stile von Road to The Show auch im Franchise Modus nachzuspielen, natürlich mit dem Ziel Skillverbesserungen der jeweiligen Spieler zu erreichen.
Insgesamt können wir nach unserer Testsession sagen, dass der Onlinemodus sehr gut funktioniert. Die einzelnen Spiele laufen nahezu Lagfrei und störende Verbindungsprobleme treten kaum auf. Alles wie gehabt also, denn auch in der Vorjahresversion gab es hierzu kaum Kritikpunkte. Viele Déjà-vus gibt es übrigens auch beim restlichen Umfang bezüglich der Spielvarianten über PSN. Einzelspiel, diverse Ranglisten etc., etc., vieles in einem MLB 17 kommt einen schon sehr bekannt vor.
Ein kleines Schmankerl noch zum Abschluss: Der Retro Mode. Inspiriert durch die klassischen Simulationen aus den 1990er Jahren, gibt es im aktuellen MLB die Möglichkeit Griffey Swinging, Button Masching und den unvergleichlichen Old-School-Soundtrack der damaligen Zeit zu genießen. Wie vor über zwanzig Jahren sind die Kommentare eher minimalistisch und die Anzeigen, wie auch das Pausen Menü ganz dem 8-Bit-Zeitalter nachempfunden. Eine schöne Zeitreise, die wohl nicht nur die Junggebliebenen unter uns ansprechen wird.
Technik mit toller Präsentation, aber auch bekannten Schwachstellen
Technisch herrscht mal wieder totaler Stillstand, soll heißen, wollten wir es kurz machen, könnten wir mit den Aussagen „Kennt man schon“, „Wie beim Vorgänger“ und „Praktisch unverändert“ das Thema schnell zu einem Ende führen. Tun wir aber nicht, denn so schlecht wie sich das im ersten Augenblick anhört, ist es bei weitem nicht. MLB The Show 17 setzt ganz in der Tradition der Serie grafisch, wie akustisch eben auch wieder diese vielen Glanzpunkte. So bekommt ihr etwa Stadien geboten, die im Fall der MLB-Teams nicht nur den Originalen gut nachempfunden, sondern ganz nebenbei auch noch mit vielen Details geradezu liebevoll vollgestopft sind. Werbebanner, Anzeigetafeln, Leinwände, gut designte Zuschauer, eine belebte Auswechselbank, sich aufwärmende Spieler, Snackverkäufer, realistische Stadionsprecher und passender Jubel – wer bitte braucht noch mehr, um ins Spielgeschehen richtig hineingezogen zu werden? Ebenfalls ein wahrer Genuss, optisch, wie spielerisch: Die Wettereffekte. Es gibt praktisch kein anderes Sportspiel, das einen Wetterwechsel besser simuliert. Lob dafür. Schade nur, dass es im Gegenzug immer noch zu häufig hässlich matschige Texturen zu beobachten gibt und das obwohl die Power einer PS4 sicher besser zulassen würde.
Auf dem Feld selbst zeigen euch die Spieler absolut flüssige und meist passende Bewegungsabläufe. Gerade die Hauptakteure Pitcher und Batter sind hierbei besonders gut in Szene gesetzt. Anders sieht es bei den Feldspielern aus. Steife Animationen sind hier an der Tagesordnung und auch die lästigen Clippingfehler, wie etwa das „Durchtauchen“ der Spielfeldbegrenzung bzw. der Mitspieler, kommen weiterhin, wenn auch selten, vor.
Insgesamt bewegt sich die Technik aber trotzdem auf einem sehr hohen Niveau und gerade wenn man die Präsentation sieht, kann man eigentlich nur begeistert sein. Besser, realer und TV-ähnlicher geht es praktisch nicht mehr. Übrigens gilt das auch für die Moderation. Das Reportergespann analysiert das Spielgeschehen meist korrekt, hat auch die eine oder andere Begebenheit der Vergangenheit parat und lockert manche Situation durch einen lustigen Spruch geschickt auf. Allerdings kranken auch sie am typischen Kommentatorenproblem von Sportspielen: Das gesprochene Wort wiederholt sich viel zu schnell.
Und noch ein Kritikpunkt könnte sich für manch einen zum größeren Stolperstein entwickeln. Sonys Sportumsetzung bleibt sich auch in der aktuellen Umsetzung treu und kommt nach Deutschland ohne Lokalisierung. Menü, Textmeldungen und natürlich die Moderation sind komplett in Englisch. Leute ohne entsprechende Sprachkenntnisse werden wohl ziemlich schnell die Lust an diesem Titel verlieren, was schade ist, weil sie dadurch sicher ein gutes Sportspiel verpassen werden.
Unser Fazit
Mit Baseball hat MLB The Show 17 sicher nicht die zugänglichste Sportart als Thema. Ebenso ist die Fan-Base hier im deutschsprachigen Raum ziemlich überschaubar. Und trotzdem sind das nicht die wirklichen Probleme der aktuellen Umsetzung. Auch dass sich der Titel spielerisch, inhaltlich und technisch nur wenige richtige Aussetzer leistet und selbst Neulinge so unterhalten werden, dass sie nicht nach den ersten fünf Minuten genug von der Materie Baseball haben, kann man kaum kritisieren. Nein, wenn man dem Titel überhaupt irgendetwas vorwerfen will bzw. kann, dann ist es die geringe Weiterentwicklung. Zu wenig hat sich in bestimmten Bereichen seit dem Vorgänger getan. Dass die persönliche Karriere nun auch Aufgaben außerhalb des Spielfeldes bietet, dass in der Franchise nun die eine oder andere Tätigkeit delegiert werden kann und dass sich als nettes Gimmick nun auch ein nostalgischer Retro-Modus ins Spiel verirrt hat, ist zwar schön, die alles überschattenden Neuheiten werden einem damit aber sicher nicht geboten. Auch, dass an manchen Gameplayschrauben gedreht wurde und das Spielgeschehen insgesamt etwas beschleunigt wurde, nimmt man gerne mit, die große Begeisterung löst aber auch das nicht aus. Und trotzdem wäre es natürlich unfair, das Spiel jetzt komplett abzustrafen. MLB macht auch in der aktuellen Umsetzung wieder viel richtig, bietet weiterhin genug Spielspaß, zeigt eine sehr gute Technik und wird vor allem Fans der Sportart durch die Tiefe und den Umfang genug Gründe liefern sich den Titel wieder nach Hause zu holen – verkehrt machen sie damit sicher nichts.
Pro
- + variantenreiches Gameplay
- + spielerischer Zugang für Neulinge
- + spielerische Forderung für Kenner
- + sinnvolle Erweiterung der Spielmechanik
- + fordernde KI
- + großes Lizenzpaket (Major und Minor League)
- + enormer Umfang bezüglich der Spielmodi
- + Karrieremodus Road to the Show mit Aufgaben neben dem Spielfeld
- + Franchisemodus off- und online spielbar
- + passende Erweiterungen bei der Diamant Dynasty
- + realistische Präsentation
- + schöne Animationen
- + passende Wettereffekte
- + viele Details auf und neben dem Spielfeld
- + gutes englischsprachiges Reportergespann
Kontra
- - Gameplay weitestgehend unverändert zum Vorgänger
- - spielerische Änderungen meist nur marginal
- - wirklich großartige Neuerungen bei den Spielmodi fehlen
- - Grafik praktisch unverändert…
- - …und damit leider immer noch matschige Texturen
- - …und einigen Clippingfehlern
- - manch hölzerner und unpassender Bewegungsablauf
- - sich schnell wiederholende Sprüche
- - komplett in Englisch (keine Lokalisierung)
Unsere Bewertung
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