Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03595.jsonl.gz/1693

Links zu den folgenden Themen:
die Bandfrage
mehr vom Gleichen…
… und neue Sounds
Pauls neue Radikalität
unbewusste Verkrampfung
die Videos
Rezeption und Statistik
«Off The Ground» ist eines der sperrigsten Alben in McCartneys Katalog. Nicht musikalisch, weil es wunderschöne Musik enthält, sondern in seiner Rezeption bis heute ist. Da ist «Hope Of Deliverance», Pauls grösster Hit mit 4 Millionen verkauften Singles, vornehmlich im deutschen Sprachraum. In den USA konnte sich kein Song den höheren Chartregionen platzieren. In England fiel das Album nach sechs Wochen aus den Charts. Etwas, was seither mit allen Alben von Paul geschieht, der mit «Pipes Of Peace» begonnene Generationenwechsel im Pop-Olymp war mit dem Aufkommen von Grunge, HipHop und Techno vollzogen. Wäre das Album nicht erst im Februar 1993 erschienen, sondern noch zum Weihnachtsgeschäft 1992, wäre es möglicherweise gnädiger aufgenommen worden. Da ist die Songauswahl, die auf dem Album stimmig ist, zieht man alle Songs in betracht, finden sich einige auf den B-Seiten, die sich besser auf dem Album gemacht hätten. Von den Kritikern als eines der schwächeren Alben bezeichnet, ist es dennoch ein Fanfavorit. Woher kommt das?
die Bandfrage
Während den Aufnahmen zu «Flowers In The Dirt» kristallisierte sich Pauls neue Band heraus, die ihn auf der World Tour 1989/1990 begleitete. Neben Paul und Linda waren es Paul «Wix» Wickens, der noch heute zu Pauls Band gehört, Robbie MacIntosh an der Gitarre, Hamish Stuart an der Gitarre und am Bass sowie als Backgroundsänger und Chris Whitten an den Drums. Letzterer verliess die Band nach der Tour und schloss sich den Dire Straits an und spielte auf ihrer «On Every Street»-Tour. Robbie schlug Blair Cunningham als Drummer vor, der sich bestens in die Band einfügte und bereits beim Unplugged Konzert 1991 sein Debut hatte.
Für Paul war die Stimmung in der Band so gut, dass er sie zu überzeugen versuchte, nicht bloss als Begleitband aufzutreten, sondern dass man eine Band mit eigenem Namen gründen sollte. Nach einem Jahrzehnt als Solomusiker verspürte Paul Lust, wieder in einer Band zu sein. Seine Mitmusiker wollten aber nicht, höchstens unter dem Namen The Lumpy Trousers, was dann Paul wieder nicht wollte. Dennoch plante Paul ein Bandalbum.
Die Band posiert für das Coverfoto, Robbie MacIntosh, Linda und Paul McCartney, Blair Cunningham, Paul Wix Wickens und Hamish Stuart (vlnr.)
Hatten die Aufnahmen zum Vorgänger «Flowers In The Dirt» zwei Jahre gedauert, während denen an den Songs getüftelt und geschliffen worden war und vier Produzenten Hand angelegt hatten, sah das Konzept vor, dass die Band die Songs zusammen erarbeite und dann live im Studio einspielen und aufnehmen sollte. Als Produzent wurde Julian Mendelsohn, der 1988 in England zum Produzent des Jahres gewählt wurde, verpflichtet. Mendelsohn produzierte die Pet Shop Boys, aber auch Jimmy Page und Bob Marley. Anfang der 90er-Jahre erlebte die Musikindustrie ihre Hochblüte, die Leute verkauten ihre Schallplatten und kauften alles nochmals auf CD. Eine neue, kaufkräftige Jugend sorgte in ihren Sparten für neue Umsätze. Pro Album wurden mehrere Singles ausgekoppelt, die weitere Songs auf der B-Seite hatten. Paul plante «Off The Ground» von Beginn an als Album mit vier Singles.
mehr vom Gleichen…
Die Aufnahmesessions dauerten von November 1991 bis Juli 1992. Wie schon der überaus erfolgreiche Vorgänger «Flowers In The Dirt», enthält «Off The Ground» zwei weitere Songs, die mit Elvis Costello geschrieben wurden. «Mistress And Maid» beschreibt eine frustrierte Ehefrau, die sich gegen ihren Mann zur Wehr setzt. Musikalisch clever ist der Song im Dreiviertel-Takt gespielt. Für das wunderschöne Streicherarrangement zeichnete Carl Davies verantwortlich, der Paul beim Liverpool Oratorio bei der Notation unterstüzt hatte. Der Song ist ein Beispiel wie gut das Songwriterteam McCartney und Costello zusammen funktioniert hat. «The Lovers That Never Were» hingegen ist der schwächste der gemeinsamen veröffentlichten Songs. Er hätte bestens auf eine Single-B-Seite gepasst, auch wenn er bei weitem nicht das Niveau von «Back On My Feet», der brillanten B-Seite von «Once Upon A Long Ago» von 1987 erreicht.
Ohne dass sich McCartney selber kopiert hat, erinnert «Golden Earh Girl», ebenfalls wunderbar orchestriert, an die Schlussnummer «Warm And Beautiful» von «Wings At The Speed Of Sound von 1976». Damals war Paul auf einem ersten kommerziellen Höhepunkt nach dem Ende der Beatles. «I Owe It All You» beginnt mit dissonanten Streichern und wird zu einem akkustischen Fingerpickingstück, über das Paul einen eher krampfhaft surrealen Text singt, zweifellos wäre ihm dieser Ende der 60er-Jahre besser gelungen.
Schaufensteraushang zur Single C'mon People.
«C'mon People» steht in der Tradition von Pauls grossen Pianoballaden «Let It Be», «My Love» oder später «Beautiful Night». Produziert und das Orchesterarrangement geschrieben hat George Martin. Im Text ruft Paul der jungen Generation zu, dass die Welt eine Zukunft hat und das sie anbricht. Der perfekte Song um sich Mut zu machen für einen Neuanfang. Er ist einer der besten Songs in McCartneys 90er-Jahre Katalog, der drei Alben umfasst. Dass er es nicht in die erste Wahl schafft, liegt daran, dass der Song zu verkrampft optimistisch klingt und zu wenig feierlich. McCartney und Martin verzichteten aber auch auf jede Spielerei einer Trompete, die etwas Glanz oder Glitter hätte verleihen können, aber auch auf jegliche Melancholie. Wie das Album ist auch der Song unter seinem Wert geschlagen.
… und neue Sounds
Neue Töne hat es durchaus auf «Off The Ground», die 1993 Anlass zur Hoffnung gaben, dass Paul nach vier perfekt produzierten Popalben sich wieder der Rockmusik, sogar dem Bluesrock zuwenden würde. Wie «Heaven On A Sunday» auf «Flaming Pie» oder «Spinning On An Axis» bzw. «Back In The Sunshine» auf «Driving Rain» zeigen, waren die neuen bluesrockigeren Töne auf «Off The Ground» kein Zufall. Der erste dieser Songs ist «Peace In The Neighbourhood», bei dem die Gitarre und das Klavier miteinander beinahe verträumt harmonieren und verschmelzen.Textlich knüpft Paul an den Optimismus von «C'mon People» an und singt «Best thing I ever saw was a man who loved his wife.» Paul beschreibt dann das typische Hippieideal mit einem speziellen Gefühl in der Luft. Im Refrain singt er «I was there I really was, at the center of a love vibration». Die Leute würden sich um ihre Umwelt kümmern. Doch leider endet alles in einem Traum. Am Ende wird das Solo von «Hope Of Deliverance» nochmals verzerrt aufgenommen.
Der zweite Song bluesige Song ist das schwärmerische «Winedark Open Sea», der mit seiner geringen Instrumentalisierung, von Robbies Slidegitarre aber wunderbar getragen wird. Über die Jahre betrachtet ist «Winedark Open Sea» der zeitloseste und beste Song des Albums. In seiner Radioshow «Oobu Joobu» Mitte der 90er-Jahre, hatte Paul eine doppelt so schnelle und rockigere Version gespielt, der aber jeglicher Zauber fehlt. «Biker Like An Icon» beginnt mit einem Fingerpicking, das Mark Knopfler in nichts nachsteht, Robbies Slidegitarre, die auf den Song zu stark wirkt, nimmt das Motorrads auf.
Pauls neue Radikalität
«Peace In The Neighbourhood» und etwas weniger «C'mon People» stehen für den Optimismus, den Paul auf dem Album verbreiten wollte, indem er an die Ideale der 60er-Jahre anknüpfen möchte. Dass darin nicht alles bloss Friede Freude Eierkuchen war, belegt er in «Looking For Changes». In diesem Rocksong, in welchem die Rockmusik wie Lou Reed hinter dem Gesang zurückgemischt ist, prangert McCartney Tierversuche an. Die besungene Katze mit der Maschine im Kopf ist im CD-Booklet abgebildet, beim Hasen mit den tränenden Augen fragt Paul, weshalb wir, wen er auch damit meint, uns nicht bei der Industrie, welche rächend: «Why don't we make them pay for every last eye
That couldn't cry its own tears?». Deutlicher wird er beim Affen, der Würgen lernt, weil er Zigaretten rauchen muss: «And every time that monkey started to cough the bastard laughed his head off». Gut möglich, dass sich Paul an das jüngere, für Umwelt- und Tierschutz affine Publikum wendet, wenn er im Refrain fragt: «Do you know what I mean when I tell you that we'll all be looking for changes, changes in the way we treat our fellow creatures.» Er schliesst den Refrain ebenfalls optimistisch ab mit der Bemerkung «and we will learn how to grow.»
Die beiden anderen Songs, die einen kämpferischen McCartney zeigen, finden sich auf der CD-Single von «Hope Of Deliverance». «Big Boys Bickering», von einer Handorgel begleitet und an das Unplugged-Konzert mahnend, ist ein Abgesang auf den eben zu Ende gegangenen Kalten Krieg, allerdings weniger optimistisch: «Big boys bickering fuckin' it up for everyone». Hier haben sich Message und Musik nicht wirklich getroffen, ein Rocker wäre adäquater gewesen. Einige Radiostationen weigerten sich denn auch, den Song zu spielen. Musikalisch besser, wenn auch inhaltlich fragwürdiger, ist die B-Seite «Long Leather Coat». Hier wählte Paul den direkten Rocksong, der mit einer verzerrten Slidegitarre gespielt ist. Im Text singt er von einem Mädchen, das einem Typen im Ledermantel schöne Augen macht, und ihm diesen Mantel aus Tierschutzgründen zerstört.
unbewusste Verkrampfung
.«Als ich die mit der Arbeit begann, dachte ich, dass es gut wäre, wenn ich weniger oberflächlich sein würde», erzählte damals Paul. «Ich stellte sicher, dass ich hinter jedem Wort in den Songs stehen konnte. Danach ging ich mit einem Freund, dem Dichter Adrian Mitchell, die Lyrics durch als ob er ein Englischlehrer wäre.» «Peace In The Neighbourhood», «Looking For Changes» oder «Long Leather Coat» belegen, dass sich der Einsatz gelohnt hat. Textlich sind es solide Songs, über den Inhalt kann man sich streiten. Beim gesamten Album wird man das Gefühl nicht los, als ob sich Paul unbewusst verkrampft hätte, musikalisch wie inhaltlich. Ob es ihn blockierte, dass er die Arbeit besonders gut machen wollte, oder ob es die seit einem Jahrzehnt sinkenden Verkaufszahlen waren, die ihm Kopfzerbrechen bereiteten, sei dahingestellt.
Ein weiteres Indiz der unbewussten Verkrampfung ist, dass er aus
den rund 20 Songs aus den Sessions nicht immer die zwingendsten aufs Album genommen hätte. «I Owe It All To You» und «The Lovers That Never Were» wären auf B-Seiten besser versorgt gewesen. Dafür hätten der Synthesizersong «Kicked Around No More», der schon in die Richtung für die sphärischen Songs der Fireman vorgab, und «I Can't Imagine», das auf der iTunes Version 2007 als Bonustrack hinzugefügt wurde, bestens auf das Album gepasst.
die Videos
Die Aufnahmen wurden für das TV-Special «Movin'On» dokumentiert. Man sieht Paul und die Band im Londoner Abbey Road Studio Nummer 2, dem Studio der Bealtes, aufnehmen, besucht mit Paul Lindas Fotoaustellung in Los Angeles, erlebt das Makeing Of der Videos «Off The Ground» und «C'mon People» und drei Songs, welche die Band live übt. Es ist der einzige Tonträger, auf dem der Song «Is It Raining In London?» zu sehen und hören ist, bei dem Angelo Badalamenti, der für die TV-Serie «Twin Peaks» von David Lynch die Musik geschrieben hat, die Orchestrierung übernommen hatte. Der Song ist bis heute unveröffentlicht, weil ihn Hamish Stuart geschrieben hatte.
Im Frühjahr 1993 strahlte MTV unter dem Titel «UpClose» ein Konzert und Interview mit Paul aus. Neben «Off The Ground», «Looking For Changes», «Get Out Of My Way», «I Owe It All To You» und «Hope Of Deliverance» spielte Paul auch «Penny Lane» und «Fixing A Hole» von den Beatles. Beide Songs gehörten bei der «New World Tour» von 1993 zum Liveset. «Lady Madonna», schon bei der Wings Welttour 19975/1976 und «Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band» von der «World Tour» rundeten das Konzert ab, dessen Soundboard Aufnahme ein bliebter Bootleg ist.
Das offizielle Pressefoto von Bill Bernstein zu «Off The Ground».
Hope C'mon Off und Biker
Rezeption und Statistik
Das Album «Off The Ground» erreichte in England Platz 5 in den Billboard Charts kam es Platz 17. Weitere Top Ten Platzierungen gab es in Deutschland, Holland, Österreich, Japan, Neuseeland, Norwegen, Spanien, Schweden und in der Schweiz. Hier hielt sich das Album 3 Wochen auf Rang 5, insgesamt 16 Wochen in den Charts. «Hope Of Deliverance» erreichte in den englischen Charts den 18. Platz, in den Billboard Charts gar nur Platz 83. In Norwegen, Holland und Österreich war es ein Topten Hit, in Spanien gar Nummer 1, in der Schweiz erreichte die Single Platz 5 und blieb 27 Wochen in den Charts. Auch auf den Radios wurde der Song oft gespielt. «C'mon People» erreichte in den englischen Charts Platz 41, in Deutschland ebenfalls den 41. Platz. «Off The Ground» kletterte in den USA auf Rang 27, in Deutschland auf Rang 54, «Biker Like An Icon» platzierte sich in Deutschland auf Platz 62, konnte sich sonst aber nicht in den Charts platzieren.
Die vier Videoclips zu «Hope Of Deliverance», «C'mon People», «Off The Ground» und «Biker Like An Icon» sind auf der DVD «The McCartney Years» erhältlich. Die Dokumentation «Movin' On» ist als holländische DVD erhältlich, das «MTV»-Konzert gibt es auf zahlreichen Bootlegs. Die Hoffnung, dass sowohl Doku wie Konzert bei der Wiederveröffentlichung in der Archivecollection enthalten sein werden.
Die Stimmung in der Band war gut, doch Paul war der einzige, der einen Bandnamen wollte: Hamish Stuart, Paul Wix Wickens, im roten T-Shirt der neue Drummer Blair Cunningham, Robbie MacIntosh, Linda McCartney mit Fotoapparat und Paul mit Westerngitarre.