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Buchtipp
Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche
Anders als die Schweiz hatte Deutschland, wenn auch spät, eigene Kolonien. An den Kolonialismus hatten sie sich aber lange vorher gewöhnt. Niemand nannte ihn so. Schon vor mehr als 300 Jahren veränderte er den Alltag. Zuerst die Küche, dann die Kleiderschränke, schliesslich überall. «Der Kolonialismus kam langsam und freundlich zu den Deutschen», schreibt Dietmar Pieper. «Das Neue war angenehm wie weich fliessende Baumwolle, es stammte von weither und war doch bald vertraut, sogar unentbehrlich.» Die Rede ist von Zucker und Kaffee, Tee, Kakao, Baumwolle und Tabak, aber auch Rohstoffe wie Kokos- und Palmöl, Gummi und Kautschuk.
Wie in der Schweiz verstanden es auch in Deutschland Kaufleute früh, die kolonialen Ressourcen zu nutzen. Allen voran waren es Kaufleute aus Hamburg und Bremen, die dafür sorgten, dass ihre Ware auf möglichst effiziente Weise nach Deutschland gelangte. Piepers These in diesem Buch ist deshalb, dass die deutsche Kolonialgeschichte viel stärker als bisher angenommen von hanseatischen Unternehmern geprägt wurde. «Durch ihre Geschäfte wirkten sie intensiv auf das alltägliche Leben ein, sie beeinflussten politische Entscheidungen und gründeten schliesslich, gegen Ende des 19. Jahrhunderts, die ersten Kolonien des Deutschen Reichs», schreibt Pieper.
Aus kleinen Anfängen entstanden riesige Handelsimperien. Die Firmen nutzten die Tatsache aus, dass «Menschen in weit entfernten Ländern für wenig oder gar kein Geld ihre Arbeitskraft hergeben mussten», schreibt Pieper. In jeder Warenlieferung, die nach Europa verladen wurde, habe auch der Schweiss, die Tränen und das Blut der Ausgebeuteten gesteckt. «Doch davon blieb nach dem Ausladen, Weiterverarbeiten und Verkaufen scheinbar nichts mehr übrig. Am Ende der Lieferkette sah alles blitzblank aus.»
Zu den grossen Unternehmen, die ihre Wurzeln im Kolonialismus des 19. Jahrhunderts haben, gehören laut Pieper Commerzbank, Douglas, Edeka, Unilever und Aurubis. Vier von ihnen gehen auf Firmengründungen in Hamburg zurück. Edeka, die 1898 als «Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin (E. d. K.)» gegründete Handelskette, bezog einen wichtigen Teil des Sortiments über den Hamburger Hafen. «Das Geschichtsbewusstsein der Unternehmen geht allerdings bei allem Stolz auf die weit zurückreichende Historie nicht so weit, diesen Teil der eigenen Vergangenheit auszuleuchten», schreibt Pieper.
Aber rechtfertigt es tatsächlich die Bezeichnung Kolonialismus, wenn ein Hamburger Händler 1770 über mehrere Ecken mit Plantagen in Kolonialgebieten geschäftet? Ganz klar: «Ja», findet Dietmar Pieper. «Es wäre viel zu kurz gedacht, wollte man den Begriff des Kolonialismus so stark einschränken, dass er nur den direkten Austausch zwischen Kolonialmacht und Kolonie umfasst.» In der langen Epoche der europäischen Vorherrschaft über die Erde habe die Dominanz viele Gesichter.
Interessant ist, dass auch die Abschaffung der Sklaverei im Lauf des 19. Jahrhunderts kaum etwas an der Härte geändert hat, mit der viele Europäer ihre Interessen durchsetzten: «Die deutschen Kolonialherren in Afrika waren berüchtigt für ihre Prügelstrafen mit der Nilpferdpeitsche, ihr Wirtschaftssystem beruhte auf Zwangsarbeit.» Die Brutalität und die Gier wurden verschleiert durch ideologische Beschönigung des eigenen Tuns. So hätten die europäischen Kolonialherren «Zwangsarbeit in vollendeter Perversion zur zivilisationsfördernden Wohltat verklärt». Ganz zu schweigen vom Rassismus, von dem die Gesellschaft durchdrungen war.
Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs kam das koloniale Machtstreben Deutschlands an ein Ende: Der Versailler Vertrag besiegelte auch die Gebietsabtretungen in den Kolonien. Nach dem Zweiten Weltkrieg änderten sich die Vorzeichen: Jetzt redete Deutschland seine Kolonien klein und wusch seine Hände in Unschuld. Im Osten Deutschlands sowieso: Die DDR schob die Schuld an den Kolonien dem Westen zu. «Die deutsche Kolonialvergangenheit wurde bei den harmlosen Kuriositäten der älteren Geschichte abgespeichert.»
Mit seinem Buch hielt Dietmar Pieper die deutsche Kolonialgeschichte aus dieser Rumpelkammer heraus und beschreibt systematisch, in welcher Form gerade Hanseaten die Kolonien ausgebeutet haben. Er beschreibt die Zeit, als sich der Kolonialismus in Deutschland tief zu verankern begann, weil koloniale Produkte wie Zucker bedeutend wurden. Er zeigt, welche Folgen das auf den Zuckerplantagen hatte und wie reiche deutsche Männer da Frauen und Männer versklavten. Er schlägt den Bogen von den Hamburger Kolonialhändlern zu den ersten deutschen Kolonien, die auch und gerade auf Druck der Hamburger Kaufleute entstanden waren. Er spannt den Bogen zwischen den Kolonien und Deutschland als Weltzentrum des Kaffeehandels, was direkt dazu führt, dass aus dem Hamburger Freihafen mit dem Segen des Kaisers die prächtige Speicherstadt hervorgeht.
Dietmar Pieper ist mit seinem Buch über den Kolonialismus aus der Sicht Deutschlands, ja Hamburgs, ein ebenso spannendes wie wichtiges Buch gelungen. Vieles von dem, was er schreibt, lässt sich eins zu eins auf die Schweiz übertragen. Die Schweiz hatte nie Kolonien. Die Firmen, die mit Baumwolle, Kaffee und, vielleicht, mit Sklaven handelten, waren hierzulande aber mindestens so erfolgreich. Beim Lesen dieses Buches bleibt einem deshalb mehr als einmal der Kaffee im Hals stecken.
Dietmar Pieper: Zucker, Schnaps und Nilpferdpeitsche. Wie hanseatische Kaufleute Deutschland zur Kolonialherrschaft trieben. Piper, 352 Seiten, 33.90 Franken; ISBN 978-3-492-07167-3
Erhältlich ist das Buch hier: https://www.biderundtanner.ch/detail/ISBN-9783492071673
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