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Morgens um sieben musste ich antreten, nüchtern. Das Unangenehmste war die Magensonde, die mir der Arzt via Nase einführte. Am besten ging es, wenn ich mich dabei nach vorne lehnte und völlig entspannte. Sobald die Sonde unten war, spürte ich sie kaum. Aber ich merkte, wie das Kabel in meiner Speiseröhre mich ermüdete. Ich hatte ständig das Gefühl, dass sich mein Körper gegen diesen Fremdkörper wehrt.
Als mich eine Freundin fragte, ob ich bei einem Medikamententest mitmachen wolle, sagte ich sofort zu. Ich wusste ja, wie viel sie dabei verdient hatte. Ich meldete mich bei der Brain-Gut Research Group als Testperson. Es verging dann allerdings einige Zeit, bis ich schliesslich für eine Studie angefragt wurde.
An mir sollte ein Magensäureblocker getestet werden, den es bereits auf dem Markt gab. Es ging nur noch darum, die Abgabeform und -zeiten des Medikaments zu verbessern. 4600 Franken sollte ich bekommen, wenn ich etwa sechs Wochen lang das Medikament schluckte und achtmal zur Probenahme jeweils 26 Stunden im Schwesternhaus des Tiefenauspitals in Bern verbrachte. Ein Ausstieg aus dem Experiment war jederzeit möglich. Ich unterschrieb.
«Allen gings ums Geldverdienen»
Mit mir verbrachten rund 40 Probanden die Tage in den spartanisch ausgestatteten Zweierzimmern des Schwesternhauses. Viele waren Studenten oder junge Ärzte ohne Job - und allen gings ums Geldverdienen. Wir waren eine lustige Gruppe von Leidensgenossen, jedem klebte eine Magensonde an der Nase. Einige lassen sich heute von mir die Haare schneiden.
Ich schlief viel oder las im Bett. Dabei hatte ich das Kopfteil hochgestellt, denn ich sollte immer aufrecht sein. Punkt elf Uhr abends musste ich mein Bett flachstellen und mich hinlegen. Es ging ja um die Magensäure.
Die Sonde war mit einem kleinen Kabel an ein Gerät angeschlossen, das regelmässig den Säuregehalt meines Magens mass. Ich trug es stets bei mir, es gab mir den Zeitplan vor. Es signalisierte, wann Essenszeit war oder ich die Medikamente einnehmen musste. Die Krankenschwestern kümmerten sich um den minutengenauen Ablauf des Experiments. Sie zapften stündlich Blut ab, Tag und Nacht, genau nach Plan. Für mich war das kein Problem, ich erwachte kaum, hielt im Halbschlaf einfach meinen Arm hin.
Die Medikamente vertrug ich ausgezeichnet. Wir wussten aber nicht, ob wir den Testwirkstoff einnahmen oder ein wirkungsloses Placebo. Manche mussten das Experiment abbrechen, etwa weil sie die Sonde nicht aushielten oder zu starkes Kopfweh bekamen.
Zum Essen trafen wir uns im Gemeinschaftsraum. Es gab immer das Gleiche: Tortelloni zum Mittagessen, einen Berliner mit Tee zwischendurch und abends eine kalte Platte. Mit der Sonde kann man nur langsam essen, muss die Nahrung gut zerkauen und vorsichtig schlucken. Das Abendessen war am schwierigsten, denn Brot und Käse klebten am Sondenkabel.
Es war jeweils ein erleichterndes Gefühl, wenn die Sonde und die Infusion nach 26 Stunden wieder entfernt wurden und wir bis zum nächsten Termin einige Tage freihatten.
Ich nahm in den letzten drei Jahren an fünf Testreihen teil und verdiente mir so Ferien, die ich mir sonst als selbstständige Coiffeuse nicht hätte leisten können. Mit dem Schmerzensgeld, wie ich es nenne, verbrachte ich erholsame Tage auf Korsika. Viel verdiente ich bei den Tests aber nicht, denn ich musste noch meinen Arbeitsausfall einrechnen. Doch für mich war es leicht verdientes Geld, da ich nicht so schmerzempfindlich bin.
Die Testfirma inseriert kaum. Wenn eine neue Testreihe ansteht, fragt sie uns jeweils direkt an. Die Rekrutierung geschieht durch Mundpropaganda. Das funktioniert, denn die beste Referenz für so etwas ist eine Vertrauensperson, die bereits mitgemacht hat. So war es auf jeden Fall bei mir. Die Probandenplätze sind beliebt, man muss sich schnell melden.
Ich würde nicht bei allen Versuchen mitmachen. Psychopharmaka würde ich zum Beispiel nie testen, da hätte ich zu viel Respekt vor den Nebenwirkungen. Ich würde mich auch nicht melden, wenn ein Mittel das erste Mal an Menschen ausprobiert wird. Dies war ja beim Medikamententest in England so, bei dem kürzlich sechs Personen fast gestorben wären. Da hätte ich nie zugestimmt.
«Das Risiko war kalkulierbar»
Doch bei den Magensäureblocker-Tests hatte ich nie Bedenken. Das war ein harmloses, schwaches und bereits bewährtes Medikament. Wohl gab es Leute in meiner Umgebung, die sich um mich sorgten. Doch für mich war das Risiko kalkulierbar. Und ich weiss, wie nötig diese Versuche sind. Es ist nun mal so, dass man die Medikamente an Menschen testen muss. Und es braucht Leute, die sich dafür zur Verfügung stellen.
Doch ich höre jetzt damit auf. Ich werde bald einmal 46, und ich bin dankbar, gesund zu sein. Es hat sich einiges verändert in meinem Leben, ich habe eine Ausbildung in astrologischer Psychologie begonnen und mein Auto verkauft. Ich lebe auf dem Existenzminimum, doch mir geht es gut dabei. Für kein Geld würde ich noch einmal unnötig Medikamente schlucken oder meinen Körper mit der Magensonde stressen.