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Verantwortung: Sarina Kuersteiner / Ruben Hackler
Referierende: Sarina Kuersteiner / Nathalie Büsser / Ruben Hackler
Kommentar: Mischa Suter
Das Panel befasste sich mit Bürokratisierungsprozessen im westlichen Europa vom späten 13. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Das Abstract des Panels nannte ein breites Bündel an Fragen, die insbesondere auf die Handlungsspielräume von Beamten in der Verteilung von Ressourcen zielten: Wie nahmen Beamte konkret Einfluss auf die gesellschaftliche Ressourcenverteilung? Gab es ein Beamtenethos in Bezug auf Fragen der Regulierung und Verteilung von Ressourcen? Welche Rolle spielten dabei Faktoren wie Kultur, Familie oder Religion? Das Panel orientierte sich an einer wirkmächtigen These von Max Weber: Dieser postulierte in seinem 1921/22 postum veröffentlichten Werk «Wirtschaft und Gesellschaft», dass sich in der Moderne eine «Regelgebundenheit der Amtsführung» etabliert und also eine Trennung von Amt und Amtsperson vollzogen habe.1 Seither werden in der historischen Forschung Beamte weitgehend als Funktionäre wahrgenommen, die bei der Arbeit kein persönliches Interesse an sozialer Gleich- oder Ungleichheit zeigen. Entsprechend diesem Narrativ entscheidet individuelle Leistung über eine Karriere im Staat und nicht die soziale Herkunft. Das Panel stellte explizit einen epochenübergreifenden Vergleich in den Vordergrund, der auch das späte 19. Jahrhundert miteinbezog. So sollte das Weber’sche Modernisierungsnarrativ, in dem die Bürokratisierung des 19. Jahrhunderts als rationale Form von Herrschaft vorrationalen Herrschaftsformen in früheren Epochen gegenübergestellt wird, selbst historisiert werden.
SARINA KUERSTEINER (New York) fragte nach dem Verhältnis zwischen kulturellem Hintergrund und Einstellungen gegenüber der Verteilung von Reichtum von Notaren in Bologna um das Jahr 1300. Sie zeigte u.a. am Beispiel eines amtlichen Dokuments des Notars Zachetus de Viola, in dem er sich als Violenspieler ins Bild setzt, wie sehr Kunst, Kultur, Kommerzialisierung und Bürokratisierung ineinandergriffen. Der Vortrag legte nahe, dass kulturelle Erzeugnisse wie Poesie oder Musik auf der einen und legalistische Textformen auf der anderen Seite beides performative Schreibweisen seien, die auf dahinterliegende Logiken verweisen. Können wir indes daraus ableiten, dass kulturelle Erzeugnisse direkt auf legalistische Formen einwirken? Oder funktioniert die Kausalität nur in umgekehrter Richtung? Dies fragte MISCHA SUTER (Basel) in seinem Kommentar mit Verweis auf Stephen Greenblatts Formel der «Zirkulation sozialer Energie»2.
Es gebe eine lange Erzählung darüber, dass sich der Staatsdienst in der vormodernen Eidgenossenschaft nicht gelohnt habe, sagte NATHALIE BÜSSER (Zürich) in ihrem konzeptionellen Vortrag zur Patrimonialisierung von kommunalen Ämtern. Gerold Meyer von Knonau beispielsweise schrieb 1846 in seinem «Hand- und Hausbuch» über den Kanton Zürich in vormoderner Zeit: «Ja viele Männer, welche ihr ganzes Leben hindurch und bis in die höchsten Staatswürden dem Vaterlande gedient hatten, brachten grosse ökonomische Opfer.»3 Die Staatsdiener nützten dem Staat – doch nützte der Staat nicht auch den Staatsdienern? Gab es nicht auch in den eidgenössischen Kommunen so etwas wie die «Noblesse de Robe» Frankreichs? Empirische Untersuchungen in einer Langzeitperspektive fehlen für das Gebiet der Eidgenossenschaft weitgehend. Der enge Kreis der Inhaber weltlicher Ämter füge sich indes nicht ein in die etablierte Vorstellung von wachsender Staatlichkeit in der Frühen Neuzeit, so Büsser. Denn diesen Prozess verbinden wir gemeinhin und frei nach Max Weber mit einer Entflechtung der Sphären Staat und Politik auf der einen und Haushalt und Vermögen auf der anderen Seite. Büsser zeigte, dass die Quellen gar gänzlich konträre Trends nahelegen; nämlich eine Refeudalisierung und Patrimonialisierung. Büsser vertrat die These, dass Kommunen in der vormodernen Eidgenossenschaft als Unternehmenskomplexe zu verstehen seien, in denen einzelne privilegierte Familiengeschlechter als kleinste Einheiten darüber entschieden, wer Zugang zum Unternehmen hatte und wer nicht.
RUBEN HACKLER (Zürich) beschäftigt sich in seiner Forschung mit Netzwerken und Strategien der Kapitalakkumulation von Richtern im deutschen Kaiserreich und in der Weimarer Republik. In seinem Vortrag stellte er eine 1914 publizierte Biografie über den deutschen Richter und Politiker Gottlieb Planck in den Vordergrund.4 Biografien würden bis heute in der Regel als Sekundärliteratur und nur selten als Quellenliteratur gelesen, so Hackler. Insbesondere stellte er das um 1900 dominante Professionalisierungsnarrativ in Frage, das stets die Unabhängigkeit des Richters betonte, der sich von der Gesellschaft distanzierte, um seine Entscheidungen in «kognitiver Selbstisolation» (Niklas Luhmann) zu fällen. Eine genaue Lektüre der Autobiografien und Biografien von Richtern würde hingegen klar zeigen, dass sie in sozialen Netzwerken gebunden waren, sagte Hackler. Ihre Biografiewürdigkeit hing denn auch weniger von herausragenden beruflichen Leistungen ab als von der Konventionalität der Lebensführung. Das massgebliche Kriterium für Vertrauenswürdigkeit sei nicht Unabhängigkeit im Denken und Entscheiden, sondern Verbundenheit mit dem bürgerlichen Wertehimmel gewesen. Dem Richter Gottlieb Planck beispielsweise wurde seine Zugehörigkeit zur Bildungselite in die Wiege gelegt: Zur Taufe erhielt er von seinem Taufpaten bereits seine Matrikelnummer geschenkt, so eine Anekdote in der Biografie.
Das Panel stellte viele und ambitionierte Fragen. Es liegt in der Natur solcher Veranstaltungen, dass diese bloss einen groben Rahmen setzen und nicht systematisch behandelt werden können. Fruchtbar war der epochenübergreifende Ansatz, durch den auch das 19. Jahrhundert Berücksichtigung fand, sowie die Orientierung an einer verbindenden These, die als roter Faden diente. Allerdings stellt sich hier die Frage, ob sich Qualifikationsarbeiten im Jahr 2019 noch immer im Sinne einer Dekonstruktion oder Enthüllung an den Thesen Max Webers abarbeiten sollen, wie auch Micha Suter in seinem Panel-Kommentar anklingen liess. Instruktiv war das Panel nicht zuletzt auf einer wenig explizierten, aber im Subtext gleichwohl präsenten Ebene, die zurzeit vor allem im Bereich der Bildung kontrovers diskutiert wird: nämlich die strukturelle, von Beamtinnen und Beamten mitproduzierte soziale Ungleichheit.
Anmerkungen
1 Weber, Max: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie, Tübingen 1980, 5. Aufl., S. 551.
2 Greenblatt, Stephen J.: Die Zirkulation sozialer Energie, in: Conrad, Christoph; Kessel, Martina (Hg.): Geschichte schreiben in der Postmoderne. Beiträge zur aktuellen Diskussion, Stuttgart 1994, S. 219-250.
3 Meyer von Knonau, Gerold: Der Canton Zürich, historisch-geographisch-statistisch geschildert von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart, St. Gallen 1846, S. 269.
4 Frensdorff, Ferdinand: Gottlieb Planck, deutscher Jurist und Politiker, Berlin 1914.
Panelübersicht
Kuersteiner, Sarina: Notaries as Harmonizers of Desire: Poetry, Music, Sacrality and Financial Gain in medieval Bologna (ca. 1280-ca. 1330).
Büsser, Nathalie: Die Patrimonialisierung der kommunalen Ämter in der vormodernen Eidgenos-senschaft.
Hackler, Ruben: Netzwerke als Ressource: Strategien der Kapitalakkumulation von Richtern im Kaiserreich und in der Weimarer Republik.
Dieser Panelbericht ist Teil der infoclio.ch-Dokumentation zu den 5. Schweizerischen Geschichtstagen