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Zur Zeit der letzten "kleinen Eiszeit" um ca. 1860 stiess der Untere Grindelwaldgletscher noch weit aus der Gletscherschlucht hinaus. Seither wurde er kontinuierlich kleiner und hat sich mittlerweile vollständig aus der Gletscherschlucht zurückgezogen. Da der Gletscher nicht nur an Länge, sondern auch an Mächtigkeit verliert, werden die beidseitigen Talflanken nicht mehr durch das Gletschereis abgestützt. Dadurch ergeben sich Instabilitäten wie sie beispielsweise besonders stark beim Felssturz Schlossplatte zu beobachten waren.
Die durch die Felsstürze verursachte Schuttüberdeckung konserviert das darunter liegende Gletschereis. Da sich der Gletscher weiter zurückzieht, entsteht ein Becken, das keinen oberirdischen Abfluss hat. Im Frühjahr während der Schneeschmelze sammelt sich Schmelzwasser in diesem Becken. Der Boden des Seebeckens liegt auf dem Eis des ehemaligen Gletschers, der hier mit einer Mächtigkeit von 100 - 150 Metern auf dem Felsuntergrund liegt. Zwischen Eis und Untergrund verläuft ein unterirdischer Kanal (Basiskanal), über den die ganze Gletscherentwässerung in die Gletscherschlucht und anschliessend in die Lütschine erfolgt.
Seeentleerung
Der See, der sich durch das Schmelzwasser jeweils bildet, entleert sich in der Regel im Frühling / Frühsommer ein erstes Mal: Durch den Kontakt Wasser zu Eis und verstärkt durch den Druck des steigenden Seespiegels bilden sich auf dem Seeboden mit der Zeit Öffnungen im Eis, durch welche das Wasser hindurch in den Basiskanal der Gletscherentwässerung fliesst. Dieses Wasser bringt das Eis zum Schmelzen und durch die Reibung des Wassers beim Ausfliessen, vergrössert sich der Abflusskanal im Eis laufend. Dadurch können sehr grosse Wassermassen innert kürzester Zeit ausfliessen, welche durch die Gletscherschlucht in die Lütschine und anschliessend in den Brienzersee gelangen. Ein Seeausbruch kann sich gutmütig über eine längere Zeit ausdehnen - wie beispielsweise im Juli 2008 - oder er kann sehr plötzlich innert kürzester Zeit und mit grossen Abflussspitzen wie im Mai 2008 ablaufen.
Überschwemmungsspuren auf dem Golfplatz Aspi in Grindelwald nach dem Seeausbruch vom 30. Mai 2008.
Mechanismen der Seebildung
Bleibt die Öffnung am Seegrund erhalten, so bildet sich kein neuer See; das Wasser läuft ab. Eis oder Geröll können den Abfluss aber auch jederzeit wieder verschliessen. Es gibt somit zwei Mechanismen, welche zu einer Seebildung führen:
Zufrieren des unterirdischen Seeentwässerungssystems im Winter und Verschluss der Öffnungen durch Deformationen im Gletschereis. Anschliessendes Auffüllen des Seebeckens bei Schneeschmelze im Frühling. Dieser Mechanismus ist jeden Frühling zu erwarten.
Verstopfung des unterirdischen Entwässerungssystems durch Geschiebe oder Eis mit anschliessendem Rückstau und einer erneuten Seebildung. Dieser Mechanismus kann – muss aber nicht – im Sommer einmal oder mehrmals stattfinden und wird sich vermutlich häufen, da durch den Rückzug des Gletschers immer mehr Geschiebe im Spiel ist.
Sehr aktives Murganggerinne Stieregggraben
See am 2. Juli 2008
See am 3. Juli 2008. Das Becken hat sich über Nacht auf ca. 300'000 m3 gefüllt.