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Werner Seitz
Berner Gemeindewahlen 2000:
Analyse der Quartier-Ergebnisse: «Grosse Veränderungen im Westen», in Berner Zeitung, 2. Dezember 2000.
Ehemals bürgerliche Quartiere wählen mehrheitlich rot-grün, Arbeiterquartiere tendieren gegen rechts: eine Analyse der Parteienstärke in fünf Zählkreisen nach den Berner Gemeindewahlen.
Im Wahlverhalten der Bernerinnen und Berner der letzten zwanzig Jahre spiegeln sich verschiedene Facetten der schweizerischen Politik: Der Wandel der SP von der Arbeiter- zur Mittelschichtspartei, das partielle Aufgehen der Rechtsparteien in der SVP auf Blocherkurs und der Einbruch der Mitte-Parteien. Diese Entwicklung zeigt sich nicht in jedem Zählkreis gleich. Denn die Stadt Bern hat auch ihren Röstigraben - er befindet sich etwa beim Weyermannshaus.
SVP-Gewinne in Bümpliz
Die grösste Veränderung der letzten zwanzig Jahre fand im Westen Berns statt, der jahrzehntelang nach seiner Eingemeindung in Bern die eigentliche Hochburg der SP war. Noch 1980 wählten 44 Prozent der Bümplizer die SP. In den Achtzigerjahren, als sich die SP von der traditionellen Arbeiterpartei zur Partei der so genannten neuen Mittelschichten mit ihren ökologischen und feministischen Themen wandelte, brach sie in Bümpliz auf 33 Prozent ein. Bei den jüngsten Wahlen schafften es die Sozialdemokraten auf knapp 36 Prozent.
Profiteure dieser SP-Verluste waren vorerst die kleinen Rechtsparteien (Schweizer Demokraten und Autopartei), welche bei den Stadtratswahlen 1992 fast jede vierte Stimme erhielten. Bei den Wahlen vom vergangenen Wochenende verloren diese Rechtsparteien nun massiv Stimmen an die SVP. Sie vereinigten noch 13 Prozent der Stimmen auf sich, während sich die SVP auf über 20 Prozent steigerte, was fast einer Verdoppelung ihrer früheren Parteistärke gleichkommt.
Ausdruck dieser eindeutigen Rechtsentwicklung in Bümpliz ist auch das gute Wahlergebnis des «rechten Hardliners» Kurt Wasserfallen als Kandidat fürs Stadtpräsidium: Er erhielt mehr Stimmen als der amtierende Sozialdemokrat Klaus Baumgartner. Auch hatte die bürgerliche Gemeinderatsliste «Fit für Bern» in Bümpliz die Nase vor der RGM-Liste.
Starke SP im Kirchenfeld
Bezahlte die SP in Bümpliz für ihre Kursänderung einen relativ hohen Preis, so wurde sie in den anderen Quartieren dafür belohnt: In sämtlichen Zählkreisen erzielten die Sozialdemokraten am vergangenen Wochenende die besten Ergebnisse der letzten zwanzig Jahre. Bemerkenswert ist die Steigerung der SP im Kirchenfeld, wo sie sich gegenüber den Achtzigerjahren um über 10 Punkte auf 29 Prozent verbessern konnte. Damit liegt sie nur sehr knapp - rund 20 Wählende - hinter der Freisinnigen Partei.
Dass das bürgerliche Monopol im Kirchenfeld bröckelt, davon zeugt auch das Wahlergebnis des Sozialdemokraten Klaus Baumgartner, der letztes Wochenende mehr Stimmen als Stadtpräsident erhielt als der Kandidat der Bürgerlichen, Kurt Wasserfallen. Und auch die RGM-Gemeinderatsliste kam bis auf knapp 30 Wählende an die bürgerliche Liste «Fit für Bern» heran. Grosse Verliererin im Kirchenfeld sind die so genannten Mitte-Parteien (LdU, EVP, GFL), welche von 18 Prozent von 1980 auf 9 Prozent eingebrochen sind.
Verluste der Mitte
Den drei übrigen Zählkreisen Breitenrain, Weissenbühl und Länggasse ist gemeinsam, dass die bürgerlichen Parteien FDP, SVP und CVP am Wochenende zusammen etwa gleich viele Stimmen erhielten wie 1980, nämlich rund 35 Prozent. In den Achtzigerjahren waren sie in allen drei Kreisen unter die 30-Prozent-Grenze abgerutscht - eine Folge der Gewinne der kleinen Rechtsparteien, die in den Bereich von 15 Prozent geklettert waren. Bei den jüngsten Wahlen mussten sich diese Rechtsparteien allerdings wieder mit Stimmenanteilen zwischen 6 und 7 Prozent begnügen.
Anders verlief die Entwicklung in diesen drei Zählkreisen im Mitte-Links-Segment: Die kleinen rot-grünen Parteien steigerten sich von 8 Prozent auf rund 15 Prozent, welche sie allerdings bei den jüngsten Wahlen nicht ganz zu halten vermochten. Die SP erreichte nach beträchtlichen Verlusten in den Achtzigerjahren wieder das Niveau von 1980, sie konnte es mit rund 35 Prozent gar leicht übertreffen. Dagegen mussten die Mitte-Parteien Verluste in der Grössenordnung eines Drittels bis zur Hälfte hinnehmen, wobei das Verschwinden des LdU, dessen Stimmen von EVP und GFL nicht gehalten werden konnten, am stärksten ins Gewicht fiel.
Kein Berner Sonderfall
Die Analyse der Zählkreise macht es deutlich: Die politischen Uhren gehen in Bümpliz anders als in den übrigen Stadtteilen: Während in letzteren die Wählenden ihre Stimme zu knapp 20 Prozent - in den Achtzigerjahren zu rund 25 Prozent - der SVP oder einer kleinen Rechtspartei geben, unterstützen die Bümplizer seit den Achtzigerjahren diese Parteien zu über 30 Prozent. Dass die Bümplizer mit der rot-grünen Politik der Stadtregierung Mühe haben, zeigen sie denn auch immer wieder an der Urne, wenn sie das Budget und andere Vorlagen der RGM-Regierung am stärksten von allen Zählkreisen verwerfen. Diese Spaltung der Stadt in mehrheitlich rot-grün wählende Quartiere einerseits und in stark rechts wählende Arbeiterquartiere, die einst SP-Hochburgen waren, andrerseits ist kein Berner Spezialfall, sondern ist in den meisten Städten anzutreffen. *
Berner Wahlen: Analyse der Quartier-Ergebnisse
«Die Entwicklung der Parteien seit 1980»
Die SP ist in allen Zählkreisen stärkste Partei geworden, die Bürgerlichen zeichnen sich durch Konstanz aus.
Die kleinen rot-grünen Parteien: GB, JA, GP
Im Vergleich zu 1980 haben sie sich in den meisten Zählkreisen um rund 5 Prozentpunkte auf 10 bis 15 Prozente gesteigert. Einzige Ausnahme ist Bümpliz, wo sie in den letzten zwanzig Jahren bei 5 Prozent stagnierten.
Die SP
Nach ihrem Einbruch in Bümpliz um 9 Prozentpunkte, die in den Achtzigerjahren von den Rechtsparteien aufgenommen wurden, hat sie nun in fast allen Zählkreisen eine Parteistärke von rund 35 Prozent und ist überall die stärkste Partei der Stadt. Im früher traditionell bürgerlichen Kirchenfeld hat sie mit der FDP gleichgezogen (29 Prozent).
Die liberal-grüne Mitte: GFL, EVP, LdU
Im Vergleich zu 1980 verlor sie in sämtlichen Zählkreisen 6 bis 9 Prozentpunkte und weist nun noch zwischen 7 bis 10 Prozente auf. In den meisten Kreisen konnten diese Verluste durch Gewinne der rot-grünen Parteien kompensiert werden, ausser in Bümpliz, wo 7 Prozentpunkte der Mitte-Parteien nach rechts gingen.
Die bürgerlichen Parteien: FDP, SVP, CVP
Sie vermochten zusammen ihre Stärke per saldo in den letzten zwanzig Jahren zu halten: Rund 35 Prozent in Länggasse, Mattenhof und Breitenrain sowie 40 Prozent in Bümpliz und 46 Prozent im Kirchenfeld. Dabei ist die FDP mit rund 20 Prozent die stärkste Partei, gefolgt von der aufstrebenden SVP und dem Juniorpartner CVP (4 Prozent). Im Kirchenfeld haben die Bürgerlichen wegen der Verluste der FDP, aber auch der CVP 4 Prozentpunkte an die Linke eingebüsst. Eine Umverteilung von der CVP zur SVP in der Höhe von 3 Punkten gab es im Breitenrain. Ihren eigentlichen Triumph im Vergleich zu 1980 konnten die Bürgerlichen im Westen Berns feiern: Sie sind heute 10 Prozentpunkte stärker als vor zwanzig Jahren; gut 8 Punkte kann dabei die SVP für sich verbuchen, welche auch in allen anderen Zählkreisen stärker ist als 1980.
Die kleinen Rechtsparteien: SD, ARP, FP, EDU
In den meisten Zählkreisen sind sie heute wieder gleich stark wie vor 20 Jahren (rund 6 Prozent), ausser in Bümpliz, wo sie - trotz der Stimmverluste an die SVP - um 6 Prozente stärker sind als 1980.
ws