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System Thinking ist eine der wichtigsten Kompetenzen in unserer hochkomplexen Welt. Da der Begriff nicht mit „K“ beginnt, wird diese Kompetenz im 4K-Modell des Lernens meist unterdrückt oder schnöde der Kompetenz des kritischen Denkens untergeordnet, wo es sicher nicht hingehört. Vielleicht sollte „System Thinking“ besser „Complexity Thinking“ genannt werden, dann gäbe es ein 5K-Modell des Lernens, was vielleicht passender wäre.
Was ist System Thinking (ST)?
Hier hilft das deutsche Wikipedia nicht weiter. Der Artikel ist zu kurz und endet sogar mit „Komplexitätsreduktion“, was nicht systemischem Denken entspricht. Der Begriff System Thinking (ST) ist nicht streng definiert und wird von Autor zu Autor verschieden interpretiert, je nachdem, ob er eher aus therapeutischer oder organisationstheoretischer Ecke kommt oder ob er die Welt durch eine soziologische, psychologische oder biologische Brille betrachtet.
ST ist weder eine Methode noch ein Konzept, sondern ein Paradigma, d.h. eine Denkhaltung. Darin unterscheidet sich ST wesentlich von Management Methoden, wie Lean, Agil, 6 Sigma, etc.
Gemeinhin werden fünf bis sechs Charakteristiken des ST erwähnt, die den Begriff meines Erachtens recht gut umreissen (1).
1. Vernetztheit: Ein System wird als Netzwerk seiner Teile angesehen, die miteinander verbunden sind und einander in verschiedenem Mass positiv oder negativ beeinflussen. Aber man kann nicht einfach behaupten, dass alles mit allem vernetzt ist, das wäre zu simpel.
2. Ganzheitlichkeit: Um die systemweite Vernetzung zu erfassen, richtet sich der Blick auf die Struktur des Gesamtsystems und sieht die einzelnen Bereiche allenfalls unscharf, im Gegensatz zu jedem Engineer Thinking.
ST glaubt, dass die Struktur des Systems sein Verhalten bestimmt.
3. Selbstorganisation: Ein System Thinker erkennt die Fähigkeit eines Systems, aus sich heraus unvorhergesehen neue Qualitäten zu schaffen. Selbstorganisation ist ein dynamischer Aspekt und basiert auf lokalen Abweichungen von der Norm.
4. Nichtlinearität: Die Vorstellung, dass eine Ursache eine bestimmte Wirkung hervorruft und diese ev. wiederum Ursache einer weiteren Wirkung sein kann, ist lineares Denken. Ein System Thinker hat erkannt, dass durch Vernetzung eine Wirkung auf ihre Ursache zurückwirken kann. Das System ist also in Feedbackschlaufen strukturiert. Bildlich gesprochen: wenn Sie versuchen, eine Unebenheit eines Tischtuchs zu glätten, kann durch Ihre Handlung woanders eine Unebenheit entstehen.
5. System Mapping: Ein System Thinker hat verschiedene Werkzeuge, um das System abzubilden und zuweilen sogar zu simulieren.
Ein grosse Hilfe bezüglich den Einsatz und Gebrauch solcher systemischer Werkeuge bietet das Systemswiki von Gene Bellinger, den ich sehr schätze. Auf der Einstiegsseite finden Sie das Video Systems Thinking World, das gleich in viele wichtige Tools einführt. Weiter befindet sich dort eine Liste von „Free Learning Programs“, u.a. einen Lehrpfad zum „Certified System Thinker. Gene’s Materialien sind sehr praxisbezogen und toolorientiert.
Eine interessante Gegenüberstellung von acht verschiedenen Definitionen nehmen Ross D. Arnold und Jon P. Wade in
A Definition of Systems Thinking: A Systems Approach vor, um dann festzustellen, dass jede Definition eine Auswahl aus folgenden Aspekten trifft:
- Interconnections/Interrelationships
- Wholes rather that parts
- Nonlinear Relationships
- Stock and Flow Relationships
- Delays
- Feedback Loops
- Dynamic Behavior
- Acknowleding that systems are important
- System as the cause of its behaviour
- System structure generates behaiviour
Der Artikel enthält einige schöne und verständnisfördernde Grafiken. Es lohnt sich, reinzuschauen.
Watersfoundation ist eine Institution mit der Vision,
to increase the capacity of educators to deliver academic and lifetime benefits to students through the effective application of systems thinking concepts, habits and tools in classroom instruction and school improvement
und eine wahre Fundgrube für ST Themen. Es gibt dort auch eine schöne Grafik zu den Habits of a System Thinker. Es gibt sogar eine App, die Sie für nur 1 $ auf Ihr Smartphone laden können. Ein virtueller Weg, um die Gewohnheiten eines System Thinker zu erleben und zu üben. Suchen Sie im App Store oder in Google Play nach „ST Habits“!
Wozu soll das gut sein?
Laura und Derek Cabrera formulieren in ihrem Buch Systems Thinking made simple die Hoffnung, mit ST verzwickte Probleme besser lösen zu können. Unter „verzwickten (oder ‚wicked‘) Problemen“ werden wohl die aktuellen Probleme der Menschheit verstanden, wie Global Warming. Dereks Vision sind 7 Milliarden System Thinker.
Barry Clemson bringt in seinem Artikel What ist System Thinking – A personal Perspective die Meinung zum Ausdruck, dass wir ST benötigen, um
to deal with complex messes, situations where there are many interacting elements causing big problems
Clemson glaubt, dass der Weg zu nachhaltiger Ökonomie und effektiveren Regierungsformen nur über ST möglich sein wird.
Für mich ist das Erkennen von Neben- und Fernwirkungen einer Entscheidung eine der wichtigsten Charakteristiken von ST. Eine Lösung eines komplexen Problems kann Nebenwirkungen haben, die das Problem möglicherweise noch verstärken. Oder die Lösung bringt das Problem aktuell ohne sichtbaren Nebenwirkungen zum Verschwinden, dafür gibt es Fernwirkungen, die woanders und gar in der Zukunft viel grössere Probleme verursachen. Gerade moderne Managementkonzepte bieten schnelle Lösungen an (im ST werden sie „symptomatische“ Lösungen genannt), ohne mögliche Neben- und Fernwirkungen zu diskutieren. Das wäre für die Methode eher kontraproduktiv.
Denke ich systemisch über ein Thema nach, so komme ich zuweilen zu ganz anderen Schlüssen, als mit klassischem, linearen Denken. So steht beispielsweise im systemischen Projektmanagement der Rework Cycle im Mittelpunkt, den ich in meinem Blogartikel Die effektivste Massnahme, um Projektverzögerungen zu minimieren beschrieben habe. Der Rework Cycle ist ein ganz zentraler Punkt im Projektmanagement, wird aber in den populären Managementansätzen kaum erwähnt, weil zu wenig bekannt.
Wie wird man ein System Thinker?
System Thinking muss trainiert werden. Ein Managementkonzept verkünden, ist schnell getan, sich aber eine neue Sicht zu erarbeiten, ist einschneidend, denn „if you change the way you look at things, the things you look at change”, meint Derek Cabrera. Eines dieser „things“ könnte auch Ihr Leben sein.
Zum Training von ST hilft die bereits erwähnte App von Watersfoundation. Wenn Sie sich entscheiden, ein System Thinker zu werden, dann arbeiten Sie täglich eine Stunde mit dieser App. Krystyna Stave and Megan Hopper unterscheiden in What Constitutes Systems Thinking? A Proposed Taxonomy verschiedene Stufen auf dem Weg zu einem System Thinker und schlagen zwischen „Low Level“ und „High Level of ST“ sogar ein Kontinuum vor. Basics sind
- Recognizing Interconnections
- Identifying Feedbacks
- Understanding Dynamic Behaviour.
Intemediate Skills sind:
- Differentiating Types of Variables and Flows und
- Using Conceptual Models
Zu den advanced skills gehören noch Stave/Hopper:
- Creating Simulation Models und
- Testing Policies
Gerade, weil ST eine Kompetenz ist, für die hart trainiert werden muss, die aber für eine erfolgreiche Zukunft benötigt wird, sollte sie in der Bildungsdiskussion ernstgenommen werden. ST ist nicht kritisches Denken, aber System Thinker sind grundsätzlich kritischer. Für ST in der Schule gibt es nebst Watersfoundation auch deutschsprachige Materialien.
Für die Unterstufe bietet sich Günther Ossimtitz‘ Bändchen Entwicklung systemischen Denkens an (ISBN 978-3890194943). Interessante Hinweise für den Umgang mit ST entnimmt man auch seiner Präsentation Systemisches Denken und mathematische Darstellungsmittel oder seinem Buch Das Metanoia-Prinzip – Eine Einführung in systemgerechtes Denken und Handeln (978-3881204231).
Es ist egal, welchem Autor Sie folgen. Wichtig ist bloss, dass Sie System Thinking in allen Ihren Bildungsveranstaltungen anbieten, und wenn es anstelle von Mathematik ist.
(1) Krystyna Stave and Megan Hopper, What Constitutes Systems Thinking? A Proposed Taxonomy
oder
Leyla Acaroglu, Tools of a System Thinker.
13 Kommentare
Die Idee, ST anstelle von Mathe in meiner Schulzeit anzubieten, hätte ich ganz ausserordentlich geschätzt! ST Prinzipien waren und sind mir immer noch deutlich näher als Mathe!
Ok, deal! Und wenn Du alle die Prinzipien verstanden hast, hättest Du auch die ganze Mittelschulmathe intus.
Lieber Peter,
eine schöne, prägnante Heranführung an das Thema. Finde sie sehr gelungen. Danke dafür!
Beste Grüße
Holger
Guten Tag,
ich lese erst heute.
Leider funktioniert der Link zum erwähnten Systemswiki (http://www.systemswiki.org/index.php?title=Main_Page) von Gene Bellinger nicht / nicht mehr.
Können Sie mir hier helfen?
Vielen Dank.
Oh, sorry! Versuchen Sie es mit mal mit
https://kumu.io/stw/insight-maker
Sehr geehrter Herr Addor, herzlichen Dank für Ihre sehr überzeugende Darstellung. Wie sehen Sie den heutigen Stand (Ende Februar 2019) des Lehrens und Lernens von Systemdenken in unserer Volksschule (Schweiz)? Was müsste von wem getan werden, um aus jedem unserer Schüler einen überzeugten Systemdenker zu machen?
Sehr geehrter Herr Leu! Nun, die Antwort auf Ihre Frage hängt natürlich davon ab, was Sie unter „Systemdenken“ verstehen. Zum Systemdenken meines Verständnisses kann auf jeder Stufe mit Causal Loop Diagrams (CLD) und Systemarchetypen herangeführt werden. CLD sind so etwas wie eine Illustrationsmethode einer Geschichte. Die SuS müssten also die Geschichte einer Situation erzählen und diese dann in einem CLD festhalten.
Das Problem dabei ist, dass die Geschichte einer Situation – z.B. Plasticmüll, Ozonloch, Verkehr, Globalisierung, Logistikkette, Familie, Spital – in kein Schulfach passt, sondern interdisziplinär ist. D.h. der heutige Stand der Bildungsinstitutionen ist mit ihrem Fächerdenken für die Vermittlung von Systemdenken nicht hinreichend organisiert und strukturiert.
Eine weitere Hürde, die herkömmliche Schulen überwinden müssten ist, dass der einzelne Schüler oder die einzelne Schülerin die Geschichte erzählt. Wenn sie dem Verständnis des Lehrers oder der Lehrerin nicht entspricht, dann muss sie oder er lernen, nicht das Kind. Das widerspricht dem Selbstverständnis des Frontalunterrichts als Basis der heutigen Schulen. Nicht die Lehrpersonen sagen, was gelehrt werden soll und Sache ist, sondern die SuS.
Wie CLD und Geschichten zusammenhängen, hat kürzlich Gene Bellinger in „And? It’s all connected“ sehr schön dargestellt. Eine Einführung finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=lGFCxW7sy1Y.
Wie Unterricht für kleine Schulkinder in CLD und systemischem Denken geht, hat Günther Ossimitz ganz konkret dargelegt in „Entwicklung systemischen Denkens“ https://books.google.lk/books/about/Entwicklung_systemischen_Denkens.html?id=jMLyOgAACAAJ&source=kp_cover&redir_esc=y
Sehr geehrter Herr Addor, herzlichen Dank für Ihre rasche, offene und ehrliche Antwort. Mir scheint, dass die von Ihnen erwähnten Hürden sehr gross sind und somit nur längerfristig überwunden werden können. Diese Lage enttäuscht mich tief und ist sehr schädlich – sogar lebensbedrohlich – für uns und unsere Mitwelt. Gene Bellinger ist mir bekannt und das Buch von Ossimitz habe ich soeben bestellt – wir müssen systemisch eingreifen!
Vielleicht noch zu der Frage, wer was tun müsste, um aus jedem Schüler einen Systemdenker zu machen. Das ist natürlich ein wenig eine Gretchenfrage. Vielleicht ist es ebenso wenig nötig, dass der hinterste und letzte Mensch ein überzeugter Systemdenker ist, wie dass jeder Mensch programmieren kann. Ich denke, es genügt, wenn sich SuS auf den „Volksschul“-Stufen ein wenig in systemischem Denken und ihren Methoden üben können und vor allem verstehen lernen, was ungeahnte Neben- und Fernwirkungen sind. Angehende Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft erinnern sich dann hoffentlich daran und vertiefen ihre Erfahrungen in Systemischem Denken, die sie in der „Volksschule“ gewonnen haben.
Ich glaube, damit ist klar, was die einzelnen Rollen im Schulumfeld zu tun haben. Lehrpersonen sollen mit den SuS mehr interdisziplinäre Übungen machen, sie zum selbstständigen Recherchieren von Zusammenhängen anleiten und beim Storytelling und Modellieren helfen. Schuladministratoren sollen Worksshops und Kurse organisieren, in denen sie sich zusammen mit den Lehrpersonen über Methoden und Ziele systemischen Denkens schlau machen. Bildungspolitiker schliesslich sollen von den Schuladministratoren und Lehrpersonen lernen, was moderne Schulaktivität ist.
Sehr geehrter Herr Addor, auch für diese Antwort danke ich Ihnen herzlich. Ja, Sie haben Recht: Nicht alle Menschen „müssen“ Systemdenker sein. Von „aussen“ habe ich den Eindruck, dass etwa sechs Jahre lang (von 2010 – 2016) Systemdenken im schweizerischen Schul-„System“ bis zu einem gewissen Grad ein Thema war. Seither scheint mir Ruhe zu herrschen … (die übermächtige Digitalisierung und der „Lehrplan 21“ lassen grüssen). Vielleicht führen die Klimaproteste der SuS zu einem nachhaltigen Wandel, auch bezüglich Systemdenken.
Sehr geehrter Herr Leu
Dabei würden gerade Digitalisierung und Systemdenken ganz gut zusammengehen, sei es, weil die Digitalisierung ein mächtiger Komplexitätstreiber der Gesellschaft ist, sei es auch bloss, weil die digitalen Tools zur Unterstützung des Systemdenkens ganz gut geeignet sind, um den Umgang mit modernen Werkzeugen zu üben und das Verständnis zu fördern.
Die Klimaproteste nehme ich hingegen eher unsystemisch wahr. Schon nur der Begriff ist unsystemisch. Als ob das Klima das einzige wäre, das es zu beobachten gälte.
Freudliche Grüsse, Peter
Zitat aus dem Artikel: „„Komplexitätsreduktion“, was nicht systemischem Denken entspricht“…
Aha!?
Selbstorganisation ist nur als Komplexitätsreduktion von Systemen denkbar: dem Autoren sei hier dringend geraten, sich mit den Grundlagen der Systemtheorie zu befassen: Maturana, Heinz von Foerster und insbesondere Niklas Luhmann. Vom letzteren vielleicht das Büchlein Vertrauen — ein Mechanismus zur Reduktion von Komplexität…
Das ganze Systemdenken scheint mehr Eso als Theorie zu sein…
Sie haben recht, mittlerweile gibt es Systemtheorien wie Sand am Meer und der Komplexitätsbegriff wird immer anderes interpretiert. Als Mathematiker komme ich von der Theorie (nicht linearer) dynamicher Systeme her, wie sie Illia Prigogine und Hermann Haken angewendet haben, um Komplexität zu erklären. Der Aufbau von Komplexität geht immer mit einer Entropieabnahme einher. Das bedeutet konkret, dass Entropie exportiert werden muss. Statt Komplexitätsreduktion wird Ordnung im Chaos gefordert. Bei Erhöhung der Komplexität kommt es im Feigenbaumdiagramm immer wieder zu Fenstern, in denen die wiederholte Periodenverdoppelung zusammenbricht und kurzfristig relative Ordnung herrscht.
Die Evolution ist Meister darin, Entropie zu exportieren und immer höherkomplexe Systeme zu bilden. Daher entspricht die Erhöhung von Komplexität dem Trend der natürlichen Evolution.