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Von Stefan Buttliger
«Hast du eigentlich noch deinen Traum?»
«Etwa zweimal pro Woche.»
«Und es ist immer derselbe?»
«Immer derselbe», sagte Simon.
«Du bist in Griechenland am Strand, Sara steht im Wasser in einem Sommerkleid, ihr habt Sex im Meer.»
«Genau.»
«Hm», machte ich. «Würdest du sie zurücknehmen?»
«Ich weiss, dass es nicht geht, und es ist müssig, darüber nachzudenken.»
«Das finde ich genau die richtige Einstellung», sagte ich.
Ich nahm einen Bissen vom Fleisch der Goldbrasse in den Mund, weich, weiss, saftig. Simon trank einen Schluck Retsina.
«Einmal», sagte Simon, «das war nach der Maturafeier, ich weiss noch, wir waren ausgegangen in unseren schönen Kleidern, ich trug einen Anzug und sie ein Abendkleid, wir tanzten in einem Club. Um drei Uhr früh fragte ich sie: Was möchtest du jetzt? Stell dir vor, wie sie aussah in ihrem Kleid und mit ihren schön gemachten Haaren, überglücklich, achtzehn Jahre alt. Ich fragte, was sie wolle, und ich meinte, ob sie nach Hause fahren oder weitertanzen wolle. Weisst du, was sie geantwortet hat?»
Ich sagte: «Fick mich.»
Simon lachte. «Nein.» Er sagte mir, was sie wirklich geantwortet hatte, und ich fand es schön, aber ich wollte es nicht zu schön finden, denn je schöner es war, dachte ich, desto schwieriger für ihn, sie zu vergessen.
«Was ist eigentlich mit der Kindergärtnerin?», fragte ich.
«Samstag hab ich ein Date mit ihr.»
«Und?»
«Es wird sich zeigen.»
«Sie ist doch gut.»
«Ja.»
«Überdies ist sie – was nochmal? Halb Tibeterin, halb Italienerin?»
«Ja.»
«Zwei Länderpunkte.»
Simon lachte. «Ich weiss nicht. Ich liebe sie einfach nicht.»
«Hm. Liebst du Sara?»
«Nein. Das natürlich nicht. Bloss war es einfach so perfekt, und es ist auf eine so dumme Art zu Ende gegangen. Überhaupt waren wir so glücklich damals. Manchmal habe ich Angst, dass ich nie mehr so glücklich werden kann wie damals.»
«Na und? Scheissegal. Solange es Retsina gibt und Goldbrassen.»
«Genau», sagte er. «Du sagst es.»
«Genau.»
«Und Russinnen», sagte er.
«Und Schwedinnen. Und Engländerinnen. Und Zypriotinnen.»
«Heute Abend hat’s Zypriotinnen im Castle Club.»
«Heute Abend hat’s Zypriotinnen im Castle Club.»
«Genau.»
«Nehmen wir noch einen Brandy Sour.»
«Ich noch einen Ouzo.»
«Jeder einen Brandy Sour und einen Ouzo.»
«Jeder?»
«Jeder je einen. Ich lad dich ein.»
Nach einer Viertelstunde war uns Jelena über den Weg gelaufen, und Simon tanzte jetzt mit ihr. Ich ging davon aus, dass sie einander immer noch nicht verstanden, und auch, dass sie ihm nicht böse war, weil er sie stehen gelassen hatte, denn sie wiegten sich miteinander wie wahrscheinlich vor dreitausend Jahren eine Sirene mit einem Satyr, wenn Sirenen und Satyrn einander je begegneten. Ich hielt es für besser, sie alleine zu lassen.
Ich begann, mit Fremden zu sprechen. Ich versuchte mich mit einem Polen zu unterhalten, aber er war so betrunken, dass er sein Englisch fast ganz vergessen hatte und das Wenige, das ihm blieb, nur lallen konnte. Dann mit einem Schweizer. Dann mit einer Engländerin, die aber davon ausging, dass ich sie anmachen wollte, und sich offenbar nicht für mich interessierte, denn nach einer Weile ging sie. Dann mit drei Schweizern aus dem Hotel, die selbstgemalte T-Shirts mit schwedischer Fahne trugen, vielleicht ein selbstironisches Manöver mit dem Zweck, Schwedinnen anzulocken, das vielleicht so selbstironisch dämlich war, dass es funktionierte, jedenfalls erkannte ich sie nicht wieder und hielt sie allen Ernstes für Schweden, und erst, als ich mit ihnen Norwegisch sprach, das ich von meinem früheren Mitbewohner gelernt habe, und sie kein Wort verstanden und ebenfalls allen Ernstes behaupteten, Norwegisch und Schwedisch seien ganz anders, merkte ich, dass etwas faul war, aber immer noch nicht, dass sie die drei Schweizer aus dem Hotel waren, darüber würde mich am nächsten Tag Simon aufklären.
Dann setzte ich mich mit einem Whisky Cola auf eine steinerne Bank gegenüber der Bar und atmete die Nachtluft ein, es war Nachtluft, denn dieser Teil des Clubs hatte kein Dach.
Eine Frau setzte sich neben mich mit etwa fünf Zentimeter Abstand.
«Hi», sagte ich. «How are things.»
«Hello», sagte sie. «Where are your friends?»
«Somewhere up there.»
Sie kam aus Russland, sie hiess Mascha.
Ich sagte auf Russisch, ich hätte in der Schule mal ein bisschen Russisch gelernt. «Ich will die russische Literatur im Original lesen. Gogol, Dostojewskij, Bulgakow.»
«Du musst Puschkin lesen», sagte sie auf Russisch.
«Ja», sagte ich und versuchte zu erklären, dass alle Russen mir sagen, ich müsse Puschkin lesen, wenn ich ihnen gesagt habe, ich lerne der russischen Literatur wegen Russisch. Ich weiss nicht, ob sie mich verstand. Sie fragte mich: «Where are your friends?», ich sagte auf Russisch, ich wisse es nicht, sie sagte: «Let’s look for them.»
Wir suchten zwei Minuten lang nach meinen Freunden, die nicht existierten, und ich hoffte, dass wir nicht auf Simon stossen würden, denn ich wollte ihn nicht stören, und überhaupt hatte ich ein bisschen Angst davor, was passieren würde, wenn man die beiden Russinnen zusammenbrächte. Ich begann mit Mascha zu tanzen. Wir gingen zurück zur Bank, setzten uns, nach einer Weile küsste ich sie, ich weiss nicht mehr, wie, ich glaube, ich nahm ihre Hand, sah ihr in die Augen und lächelte.
«I have a husband», sagte sie.
«Wo ist er?», fragte ich auf Russisch.
«In Moscow.»
«Liebst du ihn?», fragte ich auf Russisch. Sie entgegnete etwas, das ich nicht verstand, und ich bat sie, es auf Englisch zu übersetzen.
«Yes, but he cheats on me.»
«If you love him, I shouldn’t kiss you», sagte ich.
«Yes», sagte sie.
«So just one more time», sagte ich, und wir küssten uns, diesmal richtig, was eigentlich nicht geht, da man ja niemanden falsch küssen kann, man kann jemanden schliesslich auch nicht ironisch küssen, aber trotzdem küssten wir uns diesmal richtig.
Wir gingen wieder meine Freunde suchen, nach einer Weile liess sie mich stehen. Ich suchte eine andere, fand keine, ging nach Hause. Simon liess mich per SMS wissen, dass bei ihm alles in Ordnung sei, und ob bei mir auch, ja, bei mir auch, entgegnete ich.
Ich wollte am Strand entlang zum Hotel gehen. Als ich mich der Promenade näherte, stellte ich mir vor, wie ich mit Mascha hierhin spaziert wäre, und ich dachte, dass wir wahrscheinlich nichts zu reden gewusst hätten, weil sie zu wenig Englisch konnte und ich zu wenig Russisch. Das Meer war schwarz, der Himmel war schwarz, und ich hätte gewollt, dass auch der Strand schwarz gewesen wäre, aber die Hotels oder sonst jemand hatten Scheinwerfer aufgestellt, und die liessen den Sand ganz zerfurcht aussehen. Ich dachte, so sei wohl der Strand in Dünkirchen gewesen. Lautsprecherstimmen, Menschen irrten durch die Nacht, Donner, Blut. Ich hätte Mascha nicht ins Hotelzimmer genommen, ich hätte am Strand mit ihr geschlafen. In meiner Hosentasche lag ein Kondom. Sie war jetzt aber immer noch im Club und tanzte mit ihren Freundinnen oder mit einem anderen Mann, oder sie war mit ihm mitgegangen, oder sie stand im Bad ihres Hotelzimmers, schminkte sich ab und war traurig, weil ihr sie ihren Ehemann liebte und weil er sie betrog.
Die Dusche eines Strandbads lief, ich ging hin und stellte sie ab. Wahrscheinlich suchte ich Sterne am Himmel, aber ich kann mich nicht mehr erinnern, ob ich das wirklich tat, und wenn ja, ob ich welche fand. Ich werde den Raubtiergeruch der Macchia in der Nase gehabt haben, ich werde gehofft haben, dass Simon mit Jelena seinen Spass habe, dass er in guten Händen sei, ich werde etwas neidisch gewesen sein.
Simon hatte mir vor der Reise gesagt, er sei zornig auf Fabio. Bin ich auf Fabio je zornig gewesen? Ich habe mir immer gesagt, er habe es eben einfach nicht mehr ausgehalten. Er habe grosse Rücksicht bewiesen, denn in seinem Abschiedsbrief hatte er geschrieben, wir dürften uns nicht schuldig fühlen, selbst die beste Familie und die besten Freunde der Welt hätten ihn nicht zurückhalten können, aber wir sollten ihn bitte gehen lassen. Überdies hatte er sich weder vor den Zug geworfen noch eine Zeit ausgewählt, zu der ihn ein Kind hätte finden können, oder einen Ort, an dem ihn jemand gefunden hätte, der ihn kannte. Zu guter Letzt sei er mein erster Freund unter den Toten, mein Verbindungsmann da drüben.
Es heisst doch, früher oder später sei man zornig auf die, die sterben, und besonders auf die, die sich das Leben nehmen.
Die Russin an der Rezeption lächelte. Sie hatte uns drei Tage lang böse angeschaut, oder eben russisch, wie ein Dozent von mir, der Slawistik studiert hatte, mir einmal erklärte: Einen Fremden anzulächeln, nur weil er Hotelgast sei, halte man in Russland für verlogen, nur bei wahrer Zuneigung lächle man. Ich dachte, dass ich nicht wusste, was wahre Zuneigung ist, oder Liebe, dass ich erst vierundzwanzig sei. Wie soll man mit vierundzwanzig wissen, was Liebe ist, wie soll man es dann noch lernen, wenn man es noch nicht gelernt hat, vielleicht gibt es welche, die es schon immer gewusst haben, und andere werden es nie wissen. Nach drei Tagen im Hotel war Simon an die Rezeption getreten, die Russin stand hinter dem Tresen, und er erklärte ihr, seine Badehose sei in die Küche gefallen, was stimmte. Die Küche befand sich unter unserem Balkon, auf dem es fünfzig oder sechzig Grad heiss war, übrigens sandte sie Zwiebelgeruch nach oben. Die Russin mutmasste, Simons Badehose sei im Kochtopf gelandet, und fand dies so lustig, dass sie uns ins Herz schloss. Seither lächelte sie, wenn wir zu ihr kamen.
Sie gab mir den Schlüssel. Ich dachte: Fabio würde jetzt auf dem Bett liegen, die Ohren verstopft, die Augen bedeckt. Vor einem Jahr, als wir mit Simon in Florenz waren, lag er so da, wenn wir nachts zurückkamen, und meistens schlief er. Ich rangelte ein paar Mal mit ihm. Einmal, als Simon sich die Zähne putzen ging, legten wir uns zu zweit in Unterhose in sein Bett, und als Simon zurückkam, lächelten wir ihn an, verführerisch. Simon begann zu lachen, ich glaubte, es war ihm ausserdem peinlich, also stieg ich aus seinem Bett, Fabio folgte mir, wir lachten mit.
Ich trat ins Hotelzimmer und las ein SMS von Simon, aus dem ich schliessen konnte, dass alles in Ordnung war und dass er noch eine Weile lang ausbleiben würde.
Ich nahm die Kontaktlinsen aus den Augen, zog mich aus, putzte die Zähne, legte mich aufs Bett, löschte das Licht.
Die Müdigkeit drückte auf meine Augen wie zwei Finger. Ich dachte: Jeder Atemzug bringt mich näher an den Tod. Jeder Herzschlag.
Lenzburg, 23. September – 25. November 2012
Stefan Buttliger studiert in Zürich Deutsch, Englisch und Sanskrit. Kurzgeschichten und Erzählungen aus seiner Feder sind in den Literaturmagazinen Narr und Asphaltspuren sowie auf zeitnah.ch erschienen. «Mein erster Freund unter den Toten» hat er im Herbst 2012 in der «Textstatt» verfasst, der Literaturwerkstatt für junge Schreibende des Aargauer Literaturhauses. Stefan Buttliger dankt Ulrike Ulrich vom Aargauer Literaturhaus für ihre gekonnte und inspirierende Begleitung beim Schreiben, Dominik Holzer für viele Rückmeldungen als Leser und Gregor Szyndler und der «Zeitnah: Kulturmagazin seit 2012»-Redaktion für das kompetente Redigieren und Bearbeiten.
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