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Charles Dickens Superbestseller und der schönste 1. Satz
Autor: Richard Gerd Bernardy, Dozent für Deutsch als Fremdsprache, Viersen/Niederrhein D
Der absolute Bestseller für das 21. Jahrhundert mit 80 Millionen verkauften Exemplaren ist Dan Browns Roman „Sakrileg“, der im 16. Jahrhundert spielt.
Aber welches ist der meistgelesene und -gekaufte englische Roman aller Zeiten? Charles Dickens (geb. 7. Februar 1812, gest. 9. Juni 1870) hat ihn geschrieben, und es ist ebenso ein Historienroman.
In der mir vorliegenden Literaturgeschichte „The British Classical Authors“, erschienen in Brunswick UK im Jahre 1870 in der 21. Auflage, lese ich: „Mr. Charles Dickens or Boz is without doubt the first english author of the present day ... the highly interesting ‚Household-words’ and his elaborated written ‚A Child’s History of England’ have appeared lately and bear witness to the undiminished talent of the author who continues to write with unabated vigour, and as much success as ever attends the appearance of his works“ (... ein Werk, das Zeugnis gibt von einem Autor mit unvermindertem Talent und ebensolcher Vitalität ...).
Die „Household-words“ waren ein von 1850 bis 1859 wöchentlich erscheinendes Magazin. Für die arme und arbeitende Bevölkerung geschrieben, wurde es aber vor allem von der „middle class“ gelesen. Dickens veröffentlichte darin unter anderem seine Romane in Fortsetzungen, bevor sie in Buchform erschienen.
Die Romane von Dickens, die in Deutschland die bekanntesten sind (sie waren auch Lesestoff in meinen Jugendjahren): „Oliver Twist“ und „David Copperfield“. Es sind Bestseller, aber sind sie auch „Superbestseller“? Aktuell steht „Oliver Twist“ hierzulande immerhin noch an 45. Stelle.
Immer zum Jahresende gibt es irgendwo einen Hinweis auf die Weihnachtsgeschichte mit dem geizigen Mr. Scrooge, der nur Geld mag und für Walt Disneys Zeichner ein Vorbild für Dagobert Duck war. Dazu in der Literaturgeschichte:
„Dickens has written a series of Christmas tales, of which the first entitled ,The Christmas Carol’ is undoubtedly the best…“
Von einem Roman, 1859 geschrieben und veröffentlicht, gingen mehr als 200 Millionen Exemplare über die Ladentheken der ganzen Welt!
Er ist damit der erfolgreichste Roman englischer Sprache aller Zeiten: „Eine Geschichte aus zwei Städten“, oder „A Tale of two Cities“.
Gemeint sind die Städte London und Paris.Dickens hat also seine Fähigkeit, „tales“ zu schreiben und seine Fähigkeit, historische Abläufe in einfacher Form darzustellen (siehe „A Child’s History“), kombiniert und damit den Verkaufsschlager aller Zeiten geschaffen. Bei einer BBC-Umfrage unter ca. 750 000 Briten zu den wichtigsten Werken der Weltliteratur erscheint der Roman auch heute noch an 63. Stelle.
Etwas in eigener Sache: In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung gibt es eine regelmässig erscheinende Rubrik „Fragen Sie Reich-Ranicki“, und ich kam auf die Idee, ihn einmal zu fragen, was er von dem Buch halte. Er antwortete in der Ausgabe vom 26.05.2013, wie immer in einem Satz:
„In der Tat ist Dickens’ ‚Die Geschichte zweier Städte’ hierzulande weniger bekannt als ‚David Copperfield’ und ‚Oliver Twist’ – zu Unrecht, wie ich meine.“
Wenn ich den bekannten Literaturkritiker richtig verstehe, meint er, „A Tale of two Cities“ werde in Deutschland zu selten beachtet und gelesen.
Dabei ist schon der erste Satz dieses Buches genial. Charles Dickens hat es verstanden, den Romananfang so zu formulieren, dass der interessierte Leser nur noch gespannt darauf sein kann, was er denn mit diesen mysteriösen Worten meint:
„It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair, we had everything before us, we had nothing before us, we were all going direct to heaven, we were all going direct the other way - in short, the period was so far like the present period, that some of its noisiest authorities insisted on its being received, for good or for evil, in the superlative degree of comparison only.“
Ich habe eine Übersetzung gewagt:
„Es war die beste Zeit, es war die schlimmste Zeit, es war das Jahrhundert der Weisheit, es war das Jahrhundert der Dummheit, es war die Epoche des Glaubens, es war die Epoche des Unglaubens, es war die Jahreszeit der Erleuchtung, es war die Jahreszeit der Finsternis, es war das Frühjahr der Hoffnung, es war der Winter der Verzweiflung, wir hatten alles vor uns, wir hatten nichts vor uns, wir alle gingen direkt himmelwärts, wir alle gingen direkt in die andere Richtung; in Kürze, die Periode war so ähnlich wie die gegenwärtige, dass einige der am lautesten schreienden Autoritäten darauf bestanden, etwas zurück zu bekommen, für Gutes und für Schlechtes, nur im superlativen Grad des Vergleichs.“
Es ist nicht einfach, den „Geist der Formulierung“ einzufangen. Im Internet habe ich diese Übersetzung gefunden:
„Es war die beste und die schlimmste Zeit, es war ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis: es war der Frühling der Hoffnung und der Winter der Verzweiflung; wir hatten alles, wir hatten nichts vor uns; wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung – mit einem Wort, diese Zeit war der unsrigen so ähnliche, dass ihre geräuschvollsten Vertreter im guten wie im bösen nur den Superlativ auf sie angewendet wissen wollen.“
Ich meine, die Wiederholungen der Wörter und der Satzteile: „it was“, „we had“ und „we were“ in der Übersetzung zu übergehen, nehme dem Text die Spannung. Beide Übersetzungen können sie aber nicht ganz wiedergeben. Für mich ist es einer der schönsten Romananfänge, die ich kenne.
Wenn ich diesen Satz lese, bin ich erstaunt darüber, wie aktuell er ist – er passt auf das vergangene und das gegenwärtige Jahrhundert ebenso. Vielleicht ist er auf alle Zeiten anwendbar.
Es ist nicht einfach, einen so umfangreichen Roman in Kürze vorzustellen: „Paris und London während der Französischen Revolution: Als der Franzose Charles Darnay von den Revolutionären in Paris zum Tode verurteilt wird, rettet ihm der junge Engländer Sydney Carton das Leben, indem er freiwillig das Schafott besteigt. Er opfert sich aus Liebe – zu der unerreichbaren Lucy Darnay, der Frau des Verurteilten …“
Amazon gibt die folgende Kurzbeschreibung: „Ein Engländer lässt sich für einen ihm täuschend ähnlich sehenden, vom Revolutionstribunal zum Tode verurteilten Franzosen vertauschen und geht für ihn in den Tod. Schauplatz des Romans sind Paris und London während der Französischen Revolution.“
Aus diesen Kurzbeschreibungen lässt sich nur wenig entnehmen; so viele unterschiedliche Personen werden vorgestellt und Erzählstränge entwickelt. Dickens gibt besonders im 1. Kapitel eine Einführung in die politische Entwicklung der beiden Länder, dem fortschrittlichen England und dem vorrevolutionären Frankreich.
In diese Stimmung setzt er allmählich seine Geschichte, die mit einem seelisch gebrochenen Dr. Alexandre Manette beginnt. Der gesamte erste Teil, der ungefähr 75 Seiten umfasst, handelt von seiner Befreiung aus der Bastille, in die er unschuldig geworfen wurde, und von der Wiederbegegnung mit seiner Tochter und ist mit „Ins Leben zurückgerufen“ überschrieben, wie auch der ursprünglich geplante Titel des Romans lautete. Im zweiten Teil entwickelt sich die Geschichte, und die Revolution beginnt, ehe der dritte Teil, der ungefähr die letzten 150 der insgesamt 500 Seiten behandelt, Charles Darnay zurück nach Frankreich ruft, wo er verhaftet wird und das Schicksal seinen Lauf nimmt.
Es werden die unterschiedlichsten menschlichen Charaktere gezeichnet, der brutale Mensch, der Lebemann, die Verliebten, der Mörder, der Edelmann, die rachsüchtige Furie, der sich Opfernde; mit Werten wie Ehre, Freundschaft und Moral, und das alles in einer spannungsgeladenen Erzählung in der Zeit, in der ein Menschenleben nicht viel galt, in einem stimmungsvollen Bild verschiedener Gesellschaftsschichten.
Der Roman wurde 10 × verfilmt, am 05.12.2012 gab es in Münster/Norddeutschland die Aufführung eines darauf basierenden Musicals, laut der Kritik mit 4 Stunden leider zu lang, und es sei deshalb am Broadway auch durchgefallen.
Wenn Sie den Roman lesen, wird sich die Geschichte in Ihrem Kopf abspielen, was meines Erachtens immer noch allem anderen vorzuziehen ist.
Ich hoffe, ich habe Sie mit dieser kurzen Einführung motivieren können, sich den Roman zu beschaffen! Viel Vergnügen bei der Lektüre!
Quellen
L. Herrig: „The British Classical Authors“, Select Specimens of the National Literature of England with biographical and critical sketches, Poetry and Prose, George Westermann, Brunswick, 1870, 21. stereotype edition.
Hinweis auf weitere Blogs über Charles Dickens
02.07.2005: Bitte wieder ein bisschen mehr Charles Dickens!