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«Beta» als zentrale Risikogrösse
Für das wertorientierte Controlling ist es unabdingbar, dass sowohl das Management als auch das Controlling die genauen Kapitalkosten der eigenen Unternehmung kennen. Hierzu ist es notwendig, die Renditeerwartung der Eigenkapitalgeber in Erfahrung zu bringen. Das Beta ist ein zentrales Risikomass, um die geforderten Eigenkapitalkosten korrekt zu ermitteln.
Viele betriebliche und finanzielle Entscheidungen stehen im Spannungsverhältnis zwischen «Risiko» und «Rendite». Für die Ermittlung des Risikos stehen mehrere Ansätze zur Verfügung. In der Praxis werden zur Quantifizierung des Risikos häufig die folgenden drei Ansätze verwendet:
- Volatilität: Die Volatilität (häufig auch als «Vola» bezeichnet) entspricht der Wurzel aus der mittleren quadratischen Abweichung einer Rendite von ihrer Durchschnittsrendite. Statistisch wird die Volatilität mit der Standardabweichung ausgedrückt. Entsprechend kann die Volatilität auch als absolutes Risikomass verstanden werden.
- Beta: Im Gegensatz zur Volatilität misst der Betafaktor das relative (systematische) Risiko. Das heisst, die prozentuale Veränderung z.B. einer Aktie wird in Relation zur Veränderung eines Marktindexes gesetzt. Statistisch gesehen entspricht der Betafaktor der Steigung der Regressionsgerade zwischen der prozentuellen Änderung einer Aktie und des entsprechenden Gesamtmarktes. Betafaktoren werden meistens für Aktien resp. Unternehmen ermittelt, sie lassen sich aber auch für weitere risikobehaftete Anlagen berechnen (z.B. für Obligationen, Investitionen, strategische Geschäftseinheiten).
- Value-at-Risk: Value-at-Risk-Konzepte unterscheiden sich in mehreren Hinsichten von den beiden erstgenannten Ansätzen. Sowohl bei der Volatilität als auch beim Betafaktor wird jede Schwankung als Risiko betrachtet. Selbst eine positive Abweichung vom Mittelwert wird als riskant bewertet. Mit dem Value-at-Risk-Ansatz wird ausgedrückt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass eine bestimmte Zielrendite nicht erreicht wird.
Für die Ermittlung der Eigenkapitalkosten und dadurch für die Festlegung der durchschnittlichen Kapitalkosten (Weighted Average Cost of Capital, WACC) ist der Betafaktor von grosser Bedeutung. Der Betafaktor von 1.0 besagt, dass sich das Unternehmen im Durchschnitt gleich wie der Gesamtmarkt verhält. Das heisst, verändert sich der Gesamtmarkt um 1,2 Prozent, so kann erwartet werden, dass die Aktie sich ebenfalls um 1,2 Prozent verändert. Ein Betafaktor von weniger als 1.0 deutet darauf hin, dass sich die Aktie im Durchschnitt weniger stark verändert als der Gesamtmarkt. In diesem Kontext wird auch von einem defensiven Titel gesprochen. Bei einem Beta von 0.6 und einer Marktveränderung von 2 Prozent kann erwartet werden, dass der Titel sich um 1,2 Prozent verändert. Ein Betafaktor von mehr als 1.0 repräsentiert einen eher aggressiven Titel. Bei einer Marktveränderung von 2 Prozent und einem Beta von 1.5x würde sich der Titel im Durchschnitt um 3 Prozent verändern.
Betafaktoren lassen sich für börsenkotierte Unternehmen empirisch ermitteln. Für die meisten börsenkotierten Unternehmen werden die Betafaktoren von den Finanzinstituten resp. von der einschlägigen Finanzpresse (z.B. «Finanz und Wirtschaft») regelmässig ermittelt. Für nicht börsenkotierte Unternehmen bestehen zusätzliche Ansätze. Die folgenden drei Ansätze sind in der betrieblichen Praxis am weitesten verbreitet.
- Branchenbetas: Ausgehend von einem Branchenbeta, kann für eine nicht börsenkotierte Unternehmung das unternehmensspezifische Beta hergeleitet werden, indem das Branchenbeta um weitere Risikoaspekte bereinigt wird (u.a. Kapitalstruktur, operative Risiken).
- Vergleichsunternehmung: Ausgehend von einer vergleichbaren Unternehmung bezüglich Branchenzugehörigkeit und Kapitalstruktur, wird das Beta um finanzielle und operative Risiken angepasst.
- Qualitative Ermittlung: Das Beta kann auch qualitativ ermittelt werden, indem sog. «Scoring»-Modelle verwendet werden. Diese Verfahren schätzen anhand von verschiedenen Kriterien das Gesamtrisiko, welches sich dann in einen entsprechenden Betafaktor überführen lässt.
Viele betriebliche Entscheidungen setzen die Kenntnisse der gewichteten Kapitalkosten (sog. Weighted Average Cost of Capital, WACC) voraus. Dabei wird der Betafaktor zur Ermittlung der Eigenkapitalkosten anhand des Capital Asset Pricing Model (CAPM) notwendig. In der Praxis wird der Betafaktor resp. die WACC häufig in den folgenden Entscheidungsbereichen eingesetzt:
- Festlegung des Kapitalisierungs- resp. Diskontierungszinssatzes bei der Bewertung von Investitionen resp. Unternehmen.
- Ermittlung des Economic Value Added (EVA), d.h. des Gewinns, welcher nach Befriedigung der Fremd- und Eigenkapitalkosten noch übrig bleibt.
- Aufbau eines wertorientierten Controllingkonzeptes, welches sich an den Kapitalkosten der Organisationseinheit resp. der Gesamtunternehmung orientiert.
Der Betafaktor ist im Rahmen eines management- und wertorientierten Controllingverständnisses von grosser Bedeutung, da ohne Betafaktor viele Entscheidungen sich nicht direkt an den durchschnittlichen Kapitalkosten orientieren.
Zur Person
Hansueli von Gunten, lic. rer. pol., dipl. Handelslehrer, ist Geschäftsleiter der Controller Akademie in Zürich und Bern. Er ist erfahrener Referent im Rechnungswesen, insbesondere in der Konzernrechnung, und Mitglied der Prüfungskommission «Höhere Prüfungen für Fachleute im Rechnungswesen und Controlling» sowie Autor von eidgenössischen Prüfungsaufgaben. Von Gunten bloggt regelmässig für Careerplus.
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