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Die Kleinkinderschule in Riehen
Fritz Hoch
Im Basler Staatsarchiv befindet sich eine handgeschriebene « Schulchronik von Riehen und Bettingen» (1). In dieser wird berichtet, daß im Jahre 1840 in Riehen eine Kleinkinderschule eröffnet wurde. Ein dafür passendes Lokal stellte Hieronymus Bischoff-Respinger in einem Nebengebäude seines Landgutes zur Verfügung. (Es handelt sich um die Kutscherwohnung des «Legrandhauses», Rößligasse 67). Als Lehrerin amtete Jungfrau Anna Schaub aus Basel. Mit vier Kindern fing sie an, bald waren es ihrer 21 im Alter von 3 bis 6 Jahren, die täglich von 8 bis 11 und von 13 bis 16 Uhr zur Schule kamen. Sie bekam ein Jahresgehalt von Fr. 60.— und ihre Kost im Pfarrhaus. «Ein freiwilliger Verein von Herrschaften weiblichen Geschlechts übernahm die Aufsicht und erzeigte der Schule durch Anschaffung des Apparates viel Gutes.» Es werden genannt Frau Bischoff-Respinger, Frau Von der Mühll-Hoffmann und Frau Merian.
Diese Notiz der «Schulchronik» wird bestätigt und ergänzt durch einen Zirkularbrief, den C. F. Spittler im Namen der eben genannten Aufsichtsdamen an die («Gutsbesitzerfaimilien in Riehen» im Juni 1B40 schrieb. Es heißt darin: «Nützlichkeit und Notwendigkeit der Kleinkinderschulen beweisen die in der Stadt schon seit mehreren Jahren errichteten Kleinkinderschulen und sie wirken wohltätig auf Kinder und Eltern ein. Auch auf der Landschaft ist zu erwarten, daß der Grundsatz sich bewähre, daß die Jugend nie früh genug für das Gute gewonnen werden kann.» Das Schulgeld betrage pro Woche und pro Kind 20 Cts. ; wenn mehr als ein Kind aus einer Familie komme, werde es reduziert. Es müsse eine zweite Lehrerin angestellt werden, wenn die Schülerzahl 50 überschreite. Dann würden die bisherigen Einnahmen nicht mehr ausreichen. Bei einer Lehrerin brauche man jährlich Fr. 400.—. Es seien milde Beiträge eingegangen auf Grund einer Bitte im «Christlichen Volksboten aus Basel». Das Zirkular schließt mit einer Bitte an die «Herrschaften von Riehen» um Beiträge für die «Landkleinkinderschule». Aus Dank für die täglichen Wohltaten Gottes möchten sie Opfer bringen. Es gingen Beiträge ein von Fr. 7.— bis Fr. 50.—, zusammen Fr. 200.—.
Die eigentliche Gründerin der Schule war wohl Frau Dorothea Bischoff-Respinger. Sie wird als eine Frau geschildert, die von Natur mit lebhaftem Sinn für alles Gute und alle Freude, die Gott den Menschenkindern auf Erden gebe, begabt gewesen sei. Kinderlos in ihrer Ehe, war es ihr ein Bedürfnis, in einem weiteren Kreis Liebe zu üben und zu suchen. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie leid ihr bei ihren sommerlichen Aufenthalten in Riehen die Kinder ihrer Nachbarinnen taten, deren Mütter so sehr von der Landwirtschaft beansprucht waren und so wenig Zeit für ihre Kleinen hatten. Sie wußte aus dem «Christlichen Volksboten aus Basel», was etwa eine Luise Scheppler unter Leitung von Pfarrer Fritz Oberlin im elsässischen Steintal für die vorschulpflichtigen Kinder getan hatte, oder wie Pfarrer Theodor Fliedner in Kaiserswerth und Mutter Jolberg in Baden junge Mädchen zu Kleinkinderschullehrerinnen ausbildeten, die mit den Kleinen spielten und sangen, ihnen biblische und andere Geschichten erzählten, sie auch leichte Handarbeiten lehrten. Sie kannte wohl auch die von der «Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige» gegründeten und unterstützten Kleinkinderschulen in Basel, und so entschloß sie sich, die leerstehende Kutscherwohnung in ihrer Liegenschaft unentgeltlich für eine Riehener Kleinkinderschule einzuräumen und mit anderen Damen zusammen das Werk zum Wohl der Kinder und Familien zu finanzieren.
Aus der «Schulchronik» erfahren wir, daß schon im Juni 1843 eine zweite Kleinkinderschule in Riehen durch Elisabeth Jundt, die Tochter des Oberschullehrers, eröffnet wurde; sie war für die Kinder des «Unterdorfs» bestimmt. Es wurden 20—22 Kinder nach den gleichen Grundsätzen wie in der bereits bestehenden Schule für das Oberdorf aufgenommen. Vor allem Frau Pfarrer Wenk nahm sich dieser neuen Schule an. 1845 wurden die beiden Schulen vereinigt und in einem Lokal des Jakob Unholz-Gysin gegenüber der Wirtschaft zum Ochsen — also gegenüber dem derzeitigen Polizeiposten — einquartiert. Der Lehrerin, wohl Jungfrau Schaub, wurde eine junge Tochter als Gehilfin beigegeben. Schon im folgenden Jahr fand man, die Lage beim «Ochsen» sei des Verkehrs wegen (also schon damals!) zu gefährlich für die Kinder und man räumte der Kleinkinderschule ein Zimmer in der «Unterschule» am Erlensträßchen ein. Aber offenbar hatte sie auch da keine Bleibe. Sie mußte immer wieder auf die Lokalsuche gehen und bekam schließlich Unterkunft im Schulhaus Bahnhofstraße 1.
Als 1859 die damalige Lehrerin, eine Jungfrau Weiß, zurücktrat, kam an ihre Stelle eine von «Mutter Jolberg» in Nonnenweier vermittelte Schwester Mina, die im Diakonissenhaus Riehen wohnte, und ihr wurde sofort Schwester Barbara Germann aus dem Riehener Mutterhaus als Gehilfin beigegeben. Nachdem diese noch während 3 Wochen verschiedene Kleinkinderschulen Basels besucht hatte, übernahm sie die Leitung der Riehener Kleinkinderschule. Als Gehilfin wurde ihr eine erst 17jährige Appenzellerin, Schwester Katharina Diehm, beigesellt. Sie hatte die Kinder von Herzen lieb und wurde auch von diesen geliebt. Ihr fröhliches und munteres Appenzeller Gemüt kam ihr dabei sehr zustatten. Ihrer Kleinheit und ihrer Beliebtheit wegen wurde sie allgemein «Trineli» oder auch «Trinettli» genannt. Als Schwester Barbara Germann 1867 wegen geschwächter Gesundheit zurücktreten mußte, übernahm «Trineli» mit anderen jungen Schwestern die Kinderschule, an der damals gegen 100 Kinder teilnahmen.
Als 1871 der Kleinkinderschule abermals das Lokal von der Schulbehörde entzogen wurde, reifte in der Gemeinde der Entschluß, für sie ein eigenes Lokal zu bauen. «Die Gemeinde hat eingesehen», heißt es in der Schulchronik, «daß es gilt, ein Opfer zu bringen und für eine solche Anstalt nicht bloß und allein auf die Wohltätigkeit auswärtiger Privater (!) sich verlassen zu dürfen. Ein geeigneter Bauplatz, zugänglich und wohlgelegen, ganz in der Nähe des Schullokals und der Diakonissenanstalt wurde angekauft und der Bau verakkordiert und in Angriff genommen». Es handelt sich um das Haus an der Schmiedgasse, das heute noch einen Kindergarten beherbergt. Ein zweistöckiger Bau sollte im Parterre zwei geräumige Schulzimmer und im oberen Stock ein Zimmer für die Lehrerin und zwei Wohnungen zum Vermieten enthalten. Ein geräumiger Spielplatz und ein kleiner Garten umgaben das Gebäude. Die Kosten betrugen Fr. 18325.—. Daran wurden Fr. 9450.— durch freiwillige Beiträge der «Herrschaften» bezahlt, Fr. 1000.— schenkte die «Gemeinnützige Gesellschaft» von Basel, die Gemeinde Riehen bezahlte Fr. 577.50 in bar und Fr. 957.30 durch Lieferung von Steinen und Sand. Fr. 3345.— wurden durch eine Anleihe beim Schulfonds von Riehen und Fr. 2985 — durch eine Hypothek bei der Hypothekenbank in Basel gedeckt. Am 19. März 1873 wurde der Neubau eingeweiht. Zwischen den «Herrschaften», die bisher die Kleinkinderschule getragen und auch zum Neubau etwa die Hälfte aufgebracht hatten, und der Gemeinde Riehen kam es nach allerlei Auseinandersetzungen zu einer gütlichen übereinkunft des Inhalts: «Das neue Haus soll Eigentum der Gemeinde Riehen sein unter folgenden Bedingungen:
1. Die neue Kleinkinderschule soll für alle Zeiten als solche benützt und nie ihrem Zweck entfremdet werden.
2. Die Gemeinde Riehen hat von sich aus die benötigte Hypothek aufzunehmen und zu verzinsen, wogegen sie den Mietzins aus den beiden Logis im I. Stock bezieht.
3. Die Gemeinde Riehen ist verpflichtet, auf ihre Kosten das Gebäude in durchaus gutem Zustand zu erhalten.
4. Die Gemeinde Riehen verpflichtet sich, sofern die Ausgaben für Besoldungen der Lehrerinnen und Schulzwecke nicht mehr durch freiwillige Gaben gedeckt werden, den betreffenden Bedarf von sich aus zu decken.
5. Solange wenigstens ein Drittel der erforderlichen Summe durch freiwillige Spenden beschafft wird, steht die Leitung der Kleinkinderschule unter einer besonderen Kommission, bestehend aus dem Gemeindepräsidenten von Riehen, einem Mitglied der Schulkommission und drei von den Gebern bezeichneten Mitgliedern. Sinken die Beiträge unter ein Drittel, so löst der Gemeinderat die Kommission auf und übernimmt selber die Leitung der Schule.»
Als Vertreter der «Herrschaften» saßen in dieser Kommission meist der Gemeindepfarrer von Riehen, ein Pfarrer des Diakonissenhauses und Theodor Sarasin-Bischoff, später sein Schwiegersohn Arnold Refardt-Sarasin.
Schwester Trineli, die sich so sehr auf das neue Schulhaus gefreut hatte, wurde lungenkrank, konnte nicht mehr singen, durfte nicht mehr bei den Kindern sein und starb im April 1874 im Alter von erst 32 Jahren. Schwester Emilie Näf übernahm 1873 ihren Posten und betreute ihn bis 1887.
Im Dezember 1876 wird berichtet: «Es regte sich bei dem reformerisch gesinnten Teil der dasigen Bevölkerung das Bestreben, die Kleinkinderschule durch einen Fröbelschen Kindergarten zu ersetzen und nachhin ihren bisherigen christlichen Charakter zu entfernen. In einer darüber gehaltenen Versammlung trat Dr. Courvoisier (der Spitalarzt) energisch für die Erhaltung des bisherigen Bestandes auf.»
Friedrich Fröbel (1782—1852) war ein von Pestalozzi herkommender Pädagoge. Er wollte für Kinder unter 6 Jahren nichts von einer «Schule» wissen, sondern von einem «Garten», in dem sie sich frei bewegen und ihre Gaben entfalten könnten. Er erfand allerlei Spiele und Handarbeiten, an denen das Kind seine körperlichen und seelischen Kräfte üben konnte. Ebenfalls aus pädagogischen (nicht theologischen) Gründen war er ein scharfer Gegner des Erzählens biblischer Geschichten an Kinder unter 6 Jahren. Ihrem Geiste entspreche das Märchen, während die biblischen Geschichten dem Schulalter vorzubehalten seien. Hauptsächlich um dieser seiner Einstellung willen traten freisinnige und antikirchliche Kreise für den Fröbelschen Kindergarten gegen die christliche Kleinkinderschule auf.
Im Schulgesetz des Kantons Basel-Stadt vom 21. Juni 1880 findet sich in § 112 die Bestimmung: «Kleinkinderschulen unterliegen ebenfalls der Aufsicht der Behörden, namentlich in bezug auf sanitäre Verhältnisse.» Aus den jährlichen Berichten, die von da an die Riehener Kommission über die Kleinkinderschule an den Erziehungsrat zu erstatten hatte, erfahren wir allerlei Näheres über den Betrieb derselben: die Zahl der eingeschriebenen Kinder steigt bis 130, die Zahl der täglich erscheinenden schwankt zwischen 80 bis 110. Sie werden von 2 bis 3 Diakonissen in 2 Lokalen betreut. Die Knaben machen Flechtarbeiten, Tintenwischer, die Mädchen Zeitungshalter, Nadelbüchlein, Gufenkissen, Körbchen. So viel wie möglich sind die Kinder im Hof und spielen. Einmal jährlich wird die Schule von Frau Sarasin-Bischoff für einen Nachmittag in ihr Landgut eingeladen. Auch von anderen erfährt sie viel Freundlichkeit: Obst, Beeren, für arme Kinder auch Kleider werden geschenkt. Gelegentlich werden auch kleinere Renovationen gemeldet am Lokal, das offenbar den staatlichen Vorschriften entsprach.
Im April 1895 beschloß der Große Rat «in der Absicht für die Erziehung auch der vorschulpflichtigen Jugend zu sorgen, soweit Elternhaus und freiwillige Tätigkeit dieser Aufgabe nicht nachzukommen vermögen, sowie in der Absicht, übelstände der bestehenden Kleinkinderanstalten möglichst zu beseitigen» ein Gesetz betr. « Kleinkinderanstalten». Unter diesem Begriff sollten die bisherigen «Kleinkinderschulen» — im Volksmund «Häfelischulen» genannt! — und die damals aufkommenden Fröbelschen Kindergärten zusammengefaßt werden. In einem ersten Teil wird ausgeführt, daß der Staat auf seine Kosten eigene Kleinkinderanstalten schaffen wolle, die unter der Aufsicht einer Inspektorin stehen sollen. Im zweiten Teil wird verfügt, daß auch die privaten Kleinkinderschulen der Aufsicht der Kommission der staatlichen KKA unterstellt seien. Die Bewilligung zur Führung privater Schulen ist an folgende Bedingungen geknüpft: 1) die Lehrerinnen müssen sich über eine genügende Vorbildung und Befähigung für ihren Beruf ausweisen können. 2) Die Kinder dürfen nur in einer ihrem Alter entsprechenden Weise erzogen und beschäftigt werden. 3) Wenn die Kinderzahl 40 übersteigt, muß der Lehrerin eine Gehilfin beigegeben oder eine neue Abteilung errichtet werden. 4) Die Lokalitäten müssen den vom Erziehungsrat aufzustellenden Vorschriften entsprechen. 5) Es muß jährlich ein Bericht an den Erziehungsrat abgesandt werden. 6) Private Kinderanstalten können vom Staat subventioniert werden, sofern sie auf Erhebung eines Schulgeldes verzichten und ihre Lehrerinnen mit wenigstens Fr. 1000.— für das Jahr besolden. (Die Lehrerinnen der staatlichen Schulen hatten eine Jahresbesoldung von Fr. 1500.— bis 2000.—). Private Kleinkinderanstalten, die den Bestimmungen des Staates nicht nachkommen, können vom Regierungsrat aufgehoben werden. In den übergangsbestimmungen wird verfügt, daß die bereits bestehenden Kleinkinderschulen einer Bewilligung des Regierungsrates bedürfen. Lehrerinnen, die bei Erlaß des Gesetzes schon an privaten Kleinkinderschulen angestellt sind, müssen sich keinem Examen unterziehen. — Eine Ausnahme wurde freilich sofort geplant: die «Radikale Partei», die hinter dieser Gesetzgebung stand, folgerte: Wenn der Staat die Kleinkinderanstalten zu seinem Erziehungswesen rechnet, dann fallen auch sie unter § 13 der Verfassung, der den Gliedern religiöser Orden verbietet, in Basel Schulen zu leiten und an ihnen zu unterrichten. Von einer Anwendung dieser Folgerung auf die an katholischen Kleinkinderschulen angestellten Ordensschwestern wollte die Mehrheit des Regierungsrates Umgang nehmen, während eine Minderheit für sofortige Entlassung war. Man versteht, daß die Katholiken Basels bei dieser Auslegung der Verfassung «von tiefem Schmerz und Bedauern» erfüllt waren. Denn — schrieben sie der Regierung — «wer ist berufener und befähigter als diese Ordensschwestern, dem zarten Kinderherzen Gehorsam, Liebe, Verträglichkeit, Aufopferung und alle die sittigen Tugenden einzupflanzen, nicht mit Worten allein, sondern als lebendiges Beispiel». Es durften aber in Zukunft keine Ordensschwestern neu eingestellt werden.
Als ein paar Jahre später das Diakonissenhaus Riehen an die Kleinkinderschule zu St. Jakob für eine zurücktretende eine andere Diakonisse abordnen wollte, nahm die staatliche Inspektorin, Frau Rothenberger-Klein, den Standpunkt ein, daß auch Diakonissen Glieder eines religiösen Ordens seien und also in Basel nicht mehr an Kleinkinderschulen angestellt werden dürften. Ihr als eifrigem Mitglied der radikalen Partei war es ein Stein des Anstoßes, daß in den privaten Kleinkinderschulen, deren Kommissionen zum Teil von «positiven Pfarrern» der Stadt präsidiert wurden, den Kindern biblische Geschichten erzählt und mit ihnen christliche Lieder gesungen und gebetet wurde. Die Kommission der KKA unter dem Präsidium von Dr. Albert Burckhardt-Finsler beschloß aber, daß er «gegen die Verwendung protestantischer Diakonissen an KKA grundsätzlich nichts einzuwenden habe, sofern die betreffenden Personen die vom Gesetz erforderten Qualifikationen nachweisen können». Die gegenwärtig als Lehrerinnen an KKA dienenden Diakonissen wurden somit in ihrem Amte bestätigt. Mit diesem Entscheid war also auch der Fortbestand der Riehener Kleinkinderschule und ihrer Leitung durch Diakonissen gesichert.
Zur Durchführung des Gesetzes von 1895 erließ der Regierungsrat «Sanitarische Vorschriften für Kleinkinderanstalten». Sie verlangen für jede Abteilung ein Beschäftigungszimmer und ein Spielzimmer, einen Raum zur Aufbewahrung der Oberkleider, Regenschirme etc., einen Abtritt und einen Spielplatz. Für die Dimensionen dieser Räume werden Minimalmaße vorgeschrieben. Auch für die Zimmerböden, Fenster, öfen etc. gibt es genaue Vorschriften. Es soll überall eine Wasserleitung mit Wascheinrichtung vorhanden sein. Der Riehener Schule wurde auf Grund dieser Vorschriften nur auferlegt, die Bestuhlung sei zu verbessern und zu vermehren und die Abtritteinrichtung sei zu sanieren. Beides wurde anerkannt gut ausgeführt.
Ferner wurde vom Regierungsrat eine «Ordnung für die Anstellung als Lehrerin an Kleinkinderanstalten» erlassen. Sie müssen in Zukunft eine Prüfung bestehen in allgemeiner Bildung, auf dem Gebiet der besonderen Berufsbildung und in der praktischen Ausbildung. Um jungen Töchtern das Bestehen dieses Examens zu ermöglichen, wurden von nun an besondere Kurse an der Töchterschule durchgeführt. über die bisherige Ausbildung der Kleinkinderlehrerinnen schrieb die staatliche Inspektorin: «Ihre Schulbildung entspricht durchwegs etwa der 3. Sekundarklasse. Ihre praktische Ausbildung haben sie bei dieser oder jener Kleinkinderlehrerin in mehr oder weniger langer Zeit erhalten. Die praktische Erfahrung der Lehrerinnen ist meist sehr gut.» Nach diesem damals wohl allgemein üblichen Rezept waren auch die Riehener Diakonissen zu ihrem Dienst in Kleinkinderschulen ausgebildet. Daß dieser Weg der Ausbildung ungenügend sei, betonte Pfarrer Theodor Fliedner, der Sohn des Gründers der Kaiserswerther Diakonie-Anstalten, der 1875 als Pfarrer ans Riehener Diakonissenhaus berufen wurde, schon in seinem Jahresbericht von 1876 sehr energisch. Er kannte eben von Jugend an die Gründlichkeit, mit der sein Vater in seinem Seminar die jungen Mädchen zu Kinderschwestern ausbildete. Er forderte eine richtige «pädagogische Ausbildung» und vielleicht hätte er dem Riehener Diakonissenhaus ein Kinderschwesternseminar angegliedert, wenn er nicht schon 1879 wieder nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Sein Nachfolger, Pfarrer J. Kägi, war grundsätzlich gleicher Meinung; aber er zog daraus die praktische Folgerung, daß er einzelne dazu geeignete Schwestern in damals bereits bestehende Ausbildungsstätten sandte, z.B. nach Nonnenweier in Baden oder auch nach Herisau, wo eine Fräulein Hedwig Kopp jeweils zwei Lehrtöchter in ihren Kindergarten aufnahm, die sie theoretisch und praktisch tüchtig ausbildete. Selten nur kam es vor, daß eine als Kindergärtnerin ausgebildete Tochter ins Diakonissenhaus eintrat. — Was die Leiter des Diakonissenhauses schon um 1880 gefordert hatten, das wurde nun 1896 in Basel verwirklicht: es wurde ein Seminar für Kindergärtnerinnen gegründet und immer weiter ausgebaut.
Noch 1904, als das Diakonissenhaus Schwester Mathilde Kunz, die schon seit Jahren in einer Lörracher Kleinkinderschule gedient hatte, nach Riehen versetzen wollte, erklärte Dr. Göttisheim, der damals Präsident der Kommission für KKA war, sie könne als Mitglied eines religiösen Ordens nicht angestellt werden. Die Schule in Riehen müsse verstaatlicht werden — oder wenn sie privat weitergeführt werde, werde der Staat neben sie einen staatlichen Kindergarten setzen. Der Erziehungsrat fand aber auch diesmal, daß der Anstellung von Fräulein (!) Mathilde Kunz kein Hindernis im Wege stehe, daß es indessen wünschbar sei, daß sie an den von der Inspektorin der staatlichen Anstalten abgehaltenen Konferenz teilnehme, was sie gerne tat.
So konnte denn die Riehener Kleinkinderschule auch nach der Jahrhundertwende, ja auch während des Ersten Weltkriegs mit Riehener Diakonissen weitergeführt werden. 1917 freilich stand die Kommission vor der Tatsache, daß ihr Fonds erschöpft war und daß die Schulgelder und gelegentliche Gaben nicht mehr ausreichten, um die Auslagen zu decken. Sie teilte dies dem Gemeinderat sowie dem Regierungsrat in Basel mit. Der damalige Erziehungsdirektor, Regierungsrat Mangold, sah die Frage nicht mehr durch die weltanschauliche, sondern nur noch durch die finanzielle Brille an: er fand, es komme den Staat billiger, wenn er die bestehende Schule unterstütze, als wenn er sie selber führen müsse. Und so vereinbarte er mit der Riehener Kommission, daß der Staat eine jährliche Subvention von Fr. 2800.— gewähre, sie aber auf die Erhebung eines Schulgeldes von den Kindern verzichte und im übrigen die Schule wie bisher weiterführen könne. So wurde vom Beginn des Schuljahres 1918 an die Kleinkinderschule als staatlich subventionierte Anstalt wie bisher weitergeführt. Die Subvention reichte, wenn keine außergewöhnlichen Ereignisse eintraten und vermehrte Kosten verursachten. Solche aber entstanden dadurch, daß sich bei den beiden Schulschwestern, Mathilde Kunz und Anna Schmid, mehr und mehr das Alter bemerkbar machte. Man mußte sie entlasten, indem man ihnen die Putzarbeiten abnahm, die sie bisher immer noch selber geleistet hatten. Auch vom Dienst in der Sonntagsschule in der Kapelle des Diakonissenhauses, den sie bisher neben ihrer Wochenarbeit geleistet hatten, wurden sie befreit, indem andere Diakonissen, die die Woche über mehr technischen Dienst zu leisten hatten, gerne sich am Sonntag den Kindern widmeten. Trotz dieser längst notwendigen Entlastungen mußten die beiden Schwestern doch hin und wieder aussetzen, und als im Sommer 1928 Schwester Mathilde Kunz ernstlich an einer Gelbsucht erkrankte und auch Schwester Anna Schmids Gesundheit erschüttert war und das Diakonissenhaus keine als Kindergärtnerinnen ausgebildete Schwestern als Ersatz geben konnte, mußte die Kommission den Staat ersuchen, nunmehr die Kleinkinderschule an der Schmiedgasse zu übernehmen. Vom 1. Januar 1929 an wurde die bisher private Kleinkinderschule als staatlicher Kindergarten weitergeführt. Die Gemeinde Riehen trat nach einigen Verhandlungen das Haus dem Staat ab, der es nach seinen Grundsätzen und Bedürfnissen umbaute. Der kleine Saldo, der der bisherigen Kommission von ihrem Fonds noch verblieb, wurde der Sonntagsschule der Diakonissenanstalt überwiesen zu Gunsten der Weihnachtsbescherungen der Kinder.
Schwester Mathilde Kunz war schon am 13. November 1928 gestorben. Die staatliche Inspektorin der KKA von Basel, Frau M. FischerMartig schrieb in einem Kondolenzbrief an das Mutterhaus Riehen: «Kurz vor den Sommerferien war es mir noch vergönnt, Schwester Mathilde bei einem Besuch im Kindergarten biblische Geschichte erzählen zu hören. Das war so eindringlich und kraftvoll, daß es mir einen tiefen Eindruck gemacht hat. So wie Schwester Mathilde damals vor den Kindern stand und ihnen die Geschichte von Kain und Abel erzählte, so wird sie mir unvergeßlich in Erinnerung bleiben. Ihre starke Persönlichkeit wird auch vielen Kindern, die ihr anvertraut waren, ein Wegweiser bleiben fürs Leben. So wird sie weiterleben als ein Vorbild hingebender Liebe und treuer Pflichterfüllung.»
Schwester Anna Schmid übernahm noch für etliche Jahre das Sigristenamt in der Kapelle des Diakonissenhauses und starb am 23. Juni 1938. In der «Riehener-Zeitung» widmete ihr ein ehemaliger Schüler — sicher im Namen vieler — folgenden Nachruf: «Ihr ganzes Wesen, ihre Liebe, kurz alles, was sie besaß, gehörte den ihr anvertrauten Kindern. Mit wenigen Unterbrechungen hat sie in aufopfernder Liebe ihre schöne Aufgabe bis ins Jahr 1928 erfüllt. Aber auch später noch gehörte ihr Herz den Kindern und ihren «alten» Schülern und Schülerinnen. Wie freute sie sich, wenn sie den Hansli, 's Vreni, 's Trudi oder den Ruedi irgendeinmal nach Jahren wieder sehen durfte. Sicher begleiteten ihre Gedanken und Gebete jeden einzelnen ihrer Schützlinge. Was pflanzte sie in unsre jungen Herzen? Darüber wollen wir keine Worte machen, sondern unser Leben selbst soll beweisen, daß ihre Arbeit und Mühe, ihre aufopfernde Liebe nicht vergebens war.»
Zur Zeit gibt es in Riehen 20 Kindergartenklassen in 16 Häusern mit 20 Lehrerinnen und 592 Schülern von 4'/2 Jahren an. Vergleichen wir diese Zahlen mit denen vor rund 130 Jahren, als die erste Kleinkinderschule gegründet wurde: ein Lokal mit ca. 20 Kindern und einer Lehrerin, so haben wir auch wieder ein anschauliches Zeugnis für das Wachstum des «Dorfes» Riehen. Möge dieser heutige große Apparat dem gleichen Zwecke dienen, den die Gründer im letzten Jahrhundert vor Augen hatten: «daß die Jugend nie früh genug für das Gute gewonnen werden kann».
1 Anmerkung: Der Verfasser verzichtet im weiteren auf Quellenangaben. Wer sich für solche interessiert, sei verwiesen auf den umfassenderen Aufsatz des Verfassers: «Vom Dienst der Riehener Diakonissen in Kleinkinderschulen», in dem die Quellen angegeben sind. Er ist im Staatsarchiv oder im Archiv des Diakonissenhauses einzusehen.