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Kurdistan ist ein bemerkenswertes Denkmal menschlicher Geschichte und Geografie. Es existiert politisch nicht, ist auf keiner Seite durch natürliche geografische Gegebenheiten begrenzt. Auf der Landkarte sucht man dieses Land vergebens.
Offizielle Statistiken über die Kurden gibt es in keinem der Länder, in denen die Kurden leben. Im Iran werden sie als die «Brüder der Perser» bezeichnet, in der Türkei als «Bergtürken», in Syrien als die «arabischen Brüder» und im Irak als «irakische Bürger».
Ein geschlossenes Verbreitungsgebiet beginnt im Norden bei Armenien, setzt sich nach Süden über die ostanatolischen Provinzen der Türkei und über die Gouvernate West-Azerbeidjan, Kurdistan, Kermanshah sowie die irakischen Provinzen Dohuk, Ardebil und Sulaimania fort. Daneben stellen die Kurden einen erheblichen Anteil der Bevölkerung in den Gebieten im Sindschar und Mossul im Norden sowie um Kirku weiter im Süden Iraks. Als Splittergruppen verstreut leben Kurden in grösserer Anzahl in mehreren zentralanatolischen Provinzen der Türkei, in Iran in den Provinzen Chorasans (Torba 1/99), Fars und Kirman, in den nordöstlichen Teilen Syriens sowie im nördlichen Libanon. Die als Kurdistan bekannte westliche Provinz Irans umfasst also nur einen Teil des geografischen Kurdistan und schliesst nicht einmal die Mehrheit der iranisch-kurdischen Bevölkerung ein.
Schätzungen von 1993 zufolge besteht die kurdische Bevölkerung aus 13 Millionen in der Türkei, 4,5 Millionen im Irak, 6 Millionen in Iran, 1 Million in Syrien und 1,5 Millionen in Azerbeidjan und Armenien, insgesamt also ca. 26 Millionen.
Das Hauptsiedlungsgebiet der Kurden ist ein zerklüftetes, kahles Gebirgsland, steppenhaft, öde und menschenleer, dazwischen liegen fruchtbare Täler und Hochebenen.
Kurdisch ist eine archaische Sprache und gehört der iranischen Sprachgruppe und den indo-germanischen Sprachen an. Zur iranischen Sprachgruppe gehören z.B. Paschtu, Belutschi, Persisch und andere Sprachen, die nicht identisch sind. In der iranischen Sprachgruppe wird noch die Unterteilung in Ost- und Westsprachen gemacht. Die kurdische Sprache nimmt in der Nordwestgruppe ihren Platz ein; sie wird als «Kurmandschi» bezeichnet.
Der Stamm ist die eigentliche und natürliche Organisationsform des Kurden, sein Staat und sein Gesetzgeber, Regent, Arbeitsplatz, Schild und Schutz gegen die feindliche Umwelt zugleich. Es ist daher auch für einen Kurden die am meisten gefürchtete Strafe, aus der Stammesgemeinschaft ausgeschlossen zu werden, aus der er hervorgegangen ist.
Ein häufiges stammesbildendes Element ist die gemeinsame Abstammung einer Reihe von Sippen von demselben Ahnherrn. Der erstgeborene Sohn besitzt eine gewisse Vorrangstellung vor seinen Brüdern. Aufgrund realer politischer Machtverhältnisse oder persönlicher Gaben kann jedoch die Führungsrolle auch ohne direkte Ahnenkette übernommen werden.
Die Stämme, die auf dem Verwandtschaftsprinzip beruhen, weisen weitere Unterteilungen auf, Taife, beziehungsweise Tire, genannt. An der Basis dieser Stammespyramide ist der einzelne Haushalt, Khel oder Hoz genannt, gewöhnlich eine «Kernfamilie», die monogam ist, mit Ausnahme einiger der reichsten Männer.
In einigen Gebieten hat sich die traditionelle Hierarchie erhalten, eine Feudalstruktur mit einem obersten Führer - einem Scheich oder Agha. Scheich ist ein traditioneller religiöser Titel, während Agha einen Stammesführer oder einen mächtigen Landbesitzer bezeichnet. In der Praxis sind diese beiden Rollen oft ein und dasselbe.
Die Kurden sind ein «gemischtes Typenkonglomerat», in dem europäide - selbst nordische - mit iraniden und sogar mongolischen Rassenzügen verschmolzen sind.
Ihr Charakter ist geformt durch den ständigen Kampf mit einer unerbittlichen Natur und dem Feind. Während der jährlichen Wanderungen zu den Weideplätzen, die härteste Ausdauer und Anspruchslosigkeit erfordern, befinden sich die Kurden fast ständig im Kampf mit benachbarten Stämmen und Viehräubern. Diese Faktoren und das freie, ungebundene Leben haben den aristokratischen Charakter dieser Stämme, ihren Stolz, das ritterliche Betragen und den ehrenhaften Sinn geformt.
Als Folge der kurdischen Lebensbedingungen ist auch die wahrscheinlich positivste Seite ihres Charakters entstanden. Unter einem kurdischen Dach wird jeder Fremde, zumindest für die Zeit seines Aufenthaltes im Dorf oder Zelt, vollen Schutz für Leben und Eigentum finden und oft mit grosser Herzlichkeit aufgenommen. Für die Sicherheit seines Gastes wird der Kurde jederzeit sein eigenes Leben einsetzen.
Neben diesen versöhnlichen Aspekten weist die Stammessoziologie aber auch Tiefen auf, die der Palette des kurdischen Charakters ganz konträre, dämonische, ja selbstzerstörerische Nuancen verleihen.
In den Dörfern trägt der Mann noch heute ein fast uniformes Kostüm, bestehend aus braunen oder jedenfalls ziemlich dunklen Pluderhosen, Ledersandalen, einer Bluse mit einer breiten buntgemusterten Gürtelschärpe um die Taille und einem grossen dunklen geschlungenen Turban.
Die Frauen tragen gewöhnlich einen farbenfrohen Rock über weniger weiten Hosen und ein grosses Tuch als Kopftuch oder als Turban. Die kurdische Frau hat sich unter allen islamischen Völkern die freiste Stellung bewahrt.
Aus klimatischen Gründen, aber auch, weil sie den steten Einfällen fremder Krieger ausweichen wollten, lebten die Kurden in den Bergen, wo sie während Jahrhunderten ein Nomaden- oder Halbnomadenleben führten.
Das echte Nomadendasein mit den zwei jahreszeitlichen Wanderungen und dem Leben im Zelt ist jedoch heute eher der seltenere Fall. Weit grösser ist die Zahl jener Gruppen, die in festen Dörfern wohnen, aber nach der Ernte mit ihrem Vieh vor der Hitze der Ebenen auf kühlere Gebirgsweiden ausweichen und dort in Sommerlagern (Yayla oder Garmsir) leben. Auch dieser Brauch geht seit einigen Jahren immer mehr zurück. Im Zuge der Vergetreidung des Bodens ist der Zwang zur saisonalen Wohnortverlegung, um die Futterbasis der Viehzucht zu erweitern, nicht mehr gegeben.
Dem kräftigen, trotzigen Bergnomaden steht der variablere und geschmeidigere, Dorfbewohner gegenüber. Aber auch die Bürgerschaft der grösseren Orte im kurdischen Gebiet rekrutiert sich letzten Endes zum grössten Teil aus Kurden.
Senneh - heute Sanandadsch - liegt im Herzen von Kurdistan. Die Stadt ist berühmt für eine Teppichart besonderer Feinheit, Musterung und Knüpfung. Auf ihrer Rückseite zeigen Senneh-Teppiche - bedingt durch den einschüssigen Eintrag - ihr typisches punktartiges Knüpfbild. Man sagt, dass in Sanandadsch die Knüpftradition für feine Teppiche bis in die Epoche von Nadir Schah, der 1736 Schah von Persien wurde und den kleinen Marktflecken zur Provinzhauptstadt machte, zurückgeht. Die Notablen, die sich dort niederliessen, waren unzufrieden mit der traditionellen kurdischen Produktion und bestellten bei den lokalen Handwerkern feinere Stücke. Die Knüpfer behielten diese Tradition bis in unsere Zeit.
Dem Teppichsammler sind aus dem Senneh-Gebiet die besonders edlen und schönen Satteldecken ein Begriff. Der Kelimkenner schätzt die feinen, mit bogenförmig eingetragenem Schuss gewirkten Gewebe.
Die bekanntesten Motive sind das Herati-Muster, mit oder ohne Medaillon, die grosse Kachmir-Palmette und bemerkenswerte Blumensträusse französischer Art auf normalerweise schwarzem Fond, genannt Gul-I-Mirza Ali, die Blume von Mirza Ali.
In Bidjar und den umliegenden Dörfern, etwa 50 km nordöstlich von Senneh, am Rande von Kurdistan gelegen, wird von sesshaften Kurden der Bidjar-Teppich geknüpft.
Entgegen dem weichen Senneh erkennt man den Bidjar an seiner extremen Steifheit. Schwer und dicht ist er einer der solidesten und hochwertigsten Orientteppichen, den man nicht einmal floreinwärts auf einen Viertel zusammenlegen kann, ohne das Risiko einzugehen, ihn damit zu brechen. Noch vor wenigen Jahren selten auf dem Markt, ist die heutige Produktion wieder recht gross. Eine seiner Charakteristika ist der Gebrauch von fünf Schussfäden: ein dicker und gespannter Schuss wird von vier feinen und weichen, meist wollenen Fäden umschlungen. Wir kennen zwei Typen aus diesem Gebiet:
− Der von Kurden geknüpfte hat einen besonders dicken Schussfaden, der, um ganz straff und hart gezogen werden zu können, angefeuchtet wird und beim Trocknen die Dichte des Teppichs erhöht. Die Muster sind kräftig und die Teppiche haben eine grosse Wirkung.
− Der andere, von den Afscharen geknüpfte, ist dank dem dünneren Schuss geschmeidiger und wirkt in seiner ganzen Art eleganter. Meist sehr fein, bietet er eine grössere Auswahl an Farben und Mustern und ist auch weicher.
Die Teppiche aus Senneh und Bidjar können dank ihrer Eigenheit genau bezeichnet werden. Viele Teppiche und Flachgewebe der Kurden werden aber häufig nur als «Kurde Westpersien» benannt.
Einige Arbeiten haben aber so ausgeprägte Charakteristika, dass sie genauer zugeordnet werden können.
− Der Kolyai aus der Region Kermanshah, auf Wolle oder Baumwolle geknüpft, ist sehr fest, mit hohem Flor und hat gute Bergwolle. Das wohl bekanntste Muster ist das «Takhte Djamchid» (Königsthron).
− Saujbulagh, heute Mehabad, liegt südlich des Urmia-Sees. Dieser von Nomaden geknüpfte Kurdenteppich besticht durch seine Urtümlichkeit. Leider ist er aus dem Markt fast verschwunden.
Mit Freude konnte ich auf unserer Reise feststellen, dass es auch in Kurdistan innovative Teppichhändler gibt. Auch hier werden Teppiche aus handgesponnener und pflanzengefärbter Wolle hergestellt. Alte und antike Teppichmuster aus Museen und Büchern werden dabei als Vorlage verwendet.
Bildergalerie: die Kurden