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«Debriefed» und «defused»
Ein Streiflicht auf Amerikanismen bei Katastropheneinsätzen
Das Wort «care» passt im Englischen überall, wo es etwas zu pflegen oder
zu beaufsichtigen gibt – bei Haut, Haar und Nägeln ebenso wie bei Kindern
und Alten.
«Peer-Supporter» statt «Kameradenhelfer»
Die Allgegenwart des Worts Care dringt bisweilen auch ins Deutsche vor –
etwa dann, wenn es um die seelische Betreuung im Katastrophenfall geht.
«Care-Teams» kümmern sich um die Betroffenen, und statt mit Seelsorgern,
Psychologen oder Betreuern hat man es mit «Caregivers» zu tun .
Das Modell der «Care-Teams» wurde ursprünglich von den
Fluggesellschaften entwickelt – auch CareLink ist bekanntlich aus der
Katastrophenbetreuung nach dem Swissair-Absturz von Halifax
hervorgegangen.
Manche einschlägigen Begriffe stammen denn auch tatsächlich aus der
englischen Fachsprache der Luftfahrt. So etwa das «Debriefing», die
Einsatznachbesprechung, die den «Caregivers» helfen soll, wieder in ihren
Alltag zurückzufinden. Mit einem «Debriefing» erstattet der Pilot nach
der Landung Bericht über den Verlauf des Fluges. Geprägt wurde der
Begriff jedoch im Zweiten Weltkrieg von der Luftwaffe, und nach dem Krieg
übernahmen die Geheimdienste das Wort; so wurden etwa Wissenschafter, die
sich aus der Sowjetunion in den Westen abgesetzt hatten, vom CIA
«debriefed». Beim jüngsten Transfer des Worts in den Psychologenjargon
der Katastropheneinsätze hat sich der Blickwinkel umgekehrt: Beim
«psychologischen Debriefing» geht es nicht in erster Linie darum,
Informationen zu gewinnen, sondern Erlebtes los zu werden.
Wenn das «Debriefing» nicht ausreicht, kann im Rahmen einer
strukturierten Einsatznachbesprechung ein «Defusing» durchgeführt werden,
schlicht «Dampf ablassen». Je überflüssiger ein
Amerikanismus, desto aufschlussreicher ist er, zumal das Wort «defusing»
nicht einmal eine Provenienz aus der Sprache der Airlines für sich in
Anspruch nehmen kann. Es kommt ohne Umwege aus dem Militär: «To defuse»
bedeutet «einen Sprengsatz entschärfen»; seit den sechziger Jahren
verwendet man den Begriff auch allgemein für Konfliktbewältigung, so kann
man etwa eine Krise «entschärfen». Wenn es für einen Amerikanismus
keinerlei sprachliche Notwendigkeit gibt, dann geht es um eine Attitüde.
Fachwörter machen Spezialisten, selbst dann, wenn der «Peer-Debriefer»
ausdrücklich der gleichen Berufsgruppe angehört wie die «Debrieften».
«Defusing» – der entschärfte Stammtisch
Doch es fällt heute zunehmend schwer, sich in einer Notlage die
emotionalen Bedürfnisse einzugestehen, und hier könnte der tiefere Grund
für die amerikanisierte Notfallhilfe liegen. Die sprachliche Verfremdung
verhilft zu einer offenbar willkommenen Distanz – ein «Caregiver» kommt
einem nicht zu nahe, und bei einem «Debriefing» ist kaum zu befürchten,
dass es sich zu einem vertraulichen Gespräch entwickelt. Ein «Defusing»
suggeriert einen entschärften Stammtisch, als schaffe der gekünstelte
Amerikanismus einen klimatisierten mentalen Raum der kontrollierten
Gefühlsentladung.
Das seit 199in Florida herausgegebene Hochglanzmagazin «Caregiver»
arbeitet an der Imagepolitur der Pflege: Interviews mit «celebrity
caregivers» verströmen jenen Glamour, der dem Pflegealltag so fern ist.
Doch auch aus der Perspektive der Empfänger von «Care» verändert das Wort
den Begriff: «Beim Wort Betreuung denkt man immer an Abhängigkeit, doch
ein Caregiver ist einfach da und nimmt die Betroffenen ernst», meint
Franz Bucher von CareLink. In einer Gesellschaft, die (ganz nach
amerikanischem Vorbild) das dynamische, unabhängige Individuum feiert,
das ganz aus eigener Kraft zu leben vermag, ist Betreuung schlicht
peinlich geworden. Amerikanismen eignen sich als sprachliche
Übersprungshandlung, und sie helfen offenbar auch dann aus der
Verlegenheit, wenn sie Ungeübten schwer über die Zunge gehen.
Sieglinde Geisel , NZZ vom 20.Okt.2004 (gekürzt skd)