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Erinnerungskultur
Siehe auch Rubrik „Hintergründe und Bedeutung“
„Aus der Geschichte der Alten Eidgenossenschaft leuchtet uns die Schlacht am Morgarten entgegen wie die Morgensonne der Freiheit.“
Bundesrat Rudolf Minger(1937)
Der Morgartenkrieg gehört zu den zentralen Elementen der eidgenössischen Gründungsgeschichte. Als „erste Freiheitsschlacht“ (Inschrift Morgartendenkmal) verstanden, erhielten die Ereignisse am Morgarten im 19. Jahrhundert durch ihre politische Wertung eine bedeutende Rolle in der sogenannten Befreiungstradition.
Bereits im Mittelalter fanden kirchliche Schlachtjahrzeiten statt, die aber rein lokalen Charakter besassen. Johannes von Winterthur berichtet in seiner Chronik davon, dass die Schwyzer beschlossen, den von Gott erhaltenen Schlachtsieg mit einem jährlichen Fest- und Feiertag zu verdanken. Im Schwyzer Jahrzeitbuch findet sich für das Jahr 1521 einen Eintrag, wonach die Landsgemeinde den Beschluss erneuerte, eine jährliche Morgartenschlachtjahrzeit durchzuführen. Mit der 1501 erstmals erwähnten und 1603 neu erbauten Schlachtkapelle in der Schornen gibt es auch ein physisches Beispiel dieser kirchlichen Erinnerungskultur.
Seit dem 19. Jahrhundert wurde die Erinnerung an die Schlacht am Morgarten durch Gedenktage und Schlachtfeiern zunehmend verweltlicht. Monumentales Beispiel dieser säkularen Erinnerungskultur stellt das 1908 errichtete Morgartendenkmal dar. Als weitere Aspekte der Erinnerungskultur sind das seit 1912 auf Zuger Boden stattfindende Morgartenschiessen sowie das 1957 erstmals in der schwyzerischen Schornen durchgeführte Pistolenschiessen zu nennen. Neben dem Erinnerungscharakter und der „freundeidgenössischen“ Kameradschaftspflege stand bei beiden Anlässen immer auch die Förderung der Wehrbereitschaft im Zentrum. Die heutige Gedenkstätte in der Schornen wurde erst 1965 – aus Anlass der 650-Jahrfeier – geschaffen und der im selben Jahr gegründeten „Stiftung der schweizerischen Schuljugend zur Erhaltung des Schlachtfeldes von Morgarten“ übergeben.
Die weltlichen Schlachtfeiern werden erst seit 1915 regelmässig durchgeführt. 1815 hatte es zwar eine erste Zentenarfeier gegeben, die aber nur nach grossen politischen Problemen zustande gekommen war; 1863 folgte die nächste Schlachtfeier. Die 600-Jahrfeier von 1915 war die erste Zentenarfeier in eidgenössischem Rahmen und hob – Mitten im Ersten Weltkrieg – Morgarten zum gemeineidgenössischen Mythos empor. Bis in die 1930er Jahre blieben die Feiern allerdings klein. Organisiert durch die Gemeinde Sattel besassen sie bloss lokalen Gehalt. Erst 1939 beschloss der Schwyzer Regierungsrat ab 1940 alle fünf Jahre eine offizielle Abordnung zu schicken. Die Feier von 1940 fiel deshalb deutlich grösser aus, auch weil angesichts der Bedrohungen des Zweiten Weltkrieges Bundesrat Philipp Etter und General Henri Guisan teilnahmen; erstmals wurde der von Pater Rudolf Henggeler verfasste Schlachtbrief verlesen. Inhaltlich war sie ganz der „Geistigen Landesverteidigung“ und der Stärkung der militärischen Verteidigungsbereitschaft gewidmet.
Nachdem es danach wieder still um die Morgartenfeier geworden war, regelte die Schwyzer Regierung mit den Beschlüssen von 1948 und 1955 erstmals Umfang, Organisation und vor allem die Finanzierung der zukünftigen Feiern. Gerade die alle fünf Jahre stattfindenden grösseren Feiern umfasste eine beeindruckende Schar von Teilnehmern, u.a. den Abt von Einsiedeln, den Schwyzer Gesamtregierungsrat, die Vertretungen des Kantonsrates sowie alle Bezirke und Gemeinden (teils in corpore), schliesslich auch die Stände- und Nationalräte von Schwyz. Hinzu kamen Regierungsdelegationen von Uri, Ob- und Nidwalden, der gesamte Zuger Regierungsrat und der Präsident des Ortsbürgerrates Oberägeri. Zu den zahlreichen militärischen Teilnehmern gehörten z.B. die Kommandanten des 2., 3. und 4. Armeekorps, der 6., 8. und 9. Division sowie der Reduitbrigade 24.
Die 650-Jahrfeier von 1965, vom Kanton Schwyz organisiert, aber von Anfang an mit nationaler Ausstrahlung konzipiert, fiel in eine Zeit des sich anbahnenden politisch-gesellschaftlichen Umbruchs. Sie war nicht mehr ein ausschliesslich konservativ-patriotisches Fest wie seine Vorläufer. Neben der Betonung eidgenössischer Werte und der Demonstration der militärischen Wehrbereitschaft (die Armee präsentierte sich in einer Waffenschau) wurden im Gedenkspiel „Letzi“ von Paul Kamer und in der Festrede von Bundespräsident Hans-Peter Tschudi auch der Sinn geistiger und politischer Isolation oder die bewusste Absonderung nach aussen hinterfragt bzw. die Frage der Solidarität in internationalen Angelegenheiten aufgeworfen.
Die alteidgenössische Geschichte diente im 19./20. Jahrhundert dazu, den Mythos der Nation – das „Schweizertum“ – zu konstruieren und damit ein nationales Bewusstsein zu gründen. Es wurde die Vorstellung geschaffen, dass die Schweiz bereits 1291 mit dem Rütlischwur entstanden war und 1315 am Morgarten sowie 1386 bei Sempach verteidigt wurde. Der neue schweizerische Bundesstaat sollte dadurch legitimiert und die Nation nach innen geeint werden, während nach aussen Wehrhaftigkeit demonstriert wurde. Diese historischen Rückgriffe zeigten sich immer besonders deutlich in Situationen äusserer Bedrohung. Im Jubiläumsjahr 1915 – während des Ersten Weltkrieges – waren z.B. kraftvolle, archaische Urschweizer Bergler mit wilder Kampfbereitschaft sowie die Betonung des eidgenössischen Prinzips der gegenseitigen Solidarität populäre Leitmotive zu Morgarten (siehe Postkarten).
In der „Geistigen Landesverteidigung“ (1930er bis 1960er Jahre) stand Morgarten mehr als je zuvor symbol- und beispielhaft für den Kampf von David gegen Goliath sowie für die Behauptung der Freiheit und Unabhängigkeit nach aussen (gegen Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus) wie nach innen (Frontenbewegung, Kommunisten), letztlich für die schweizerische Wehrbereitschaft. Nach dem Ende des Kalten Krieges schwanden diese Motive zunehmend. Bei den heutigen Morgartenfeiern steht das Gedächtnis an die Gefallenen und versöhnliche Töne im Vordergrund. Gerade in Bezug auf die Positionierung der Schweiz in Europa und der Welt nach 1989 erfuhren Stichworte wie Freiheit, Unabhängigkeit, Autonomie, Fremde Richter oder Steuervögte allerdings besonders in rechtskonservativen Kreisen erneut Konjunktur.
Morgarten gehört zum Kern des nationalen Geschichtskanons und ist im kollektiven Gedächtnis der Bevölkerung – besonders in der Innerschweiz – fest verankert. Das Bild von der Morgartenschlacht wird bis heute allerdings stark von den Ansichten des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Am nachhaltigsten prägte wohl das 1891 geschaffene Wandbild am Schwyzer Rathaus von Ferdinand Wagner die Vorstellungen über die Schlacht. Ohne Berücksichtigung aktueller Forschungsergebnisse und Wissenschaftsdiskurse wird dieses legendenbehaftete Bild noch heute in Zeitungen, Schulbüchern, im Fernsehen, aber auch in der politischen und Festrhetorik in der Regel unhinterfragt übernommen oder bewusst im Sinne einer „Gebrauchsgeschichte“ (Guy Marchal) benutzt.