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Im Vorfeld der letztjährigen Oscar-Verleihung analysierte das Time Magazine alle 242 nominierten Titel in der Kategorie “Bester Film” seit 1970, kondensierte ihren Inhalt auf wenige Stichworte und bastelte daraus einen Algorithmus zur Berechnung eines perfekten Oscar-Kandidaten: Per Mausklick spuckt “The Random Oscar Winner Generator” kryptische Filmideen für betroffenheitsheischende Dramaschinken aus, wie sie von Hollywoods Award-Jurys bevorzugt ausgezeichnet werden.
The Imitation Game, nominiert für nicht weniger als acht Goldmännchen, fühlt sich exakt wie ein Produkt dieser Maschine an: Als hätte man Ron Howards A Beautiful Mind zusammen mit diversen Kriegsdramen und Biopics in ihre Einzelteile zerlegt und neu zusammengesetzt, erzählt der Film von einem mathematisch hochbegabten Sonderling, der in England während des Zweiten Weltkriegs für die Regierung feindliche Nachrichten entschlüsseln soll, aufgrund seiner Homosexualität jedoch einer verfolgten Minderheit angehört. Wie wenn das nicht schon Award-tauglich genug wäre, beruft sich The Imitation Game auch noch auf die Biographie des britischen Mathematikers Alan Turing und darf sich somit die Losung “Nach einer wahren Begebenheit” auf die Fahne schreiben – das Verkaufsargument schlechthin, wenn ein Film seine eigene Preiswürdigkeit propagieren muss.
Ein Gala-Drama wie aus dem Lehrbuch
Turing leistete im Zweiten Weltkrieg einen entscheidenden Beitrag zur Dechiffrierung des deutschen Nachrichtenverkehrs und soll damit den Krieg um mehrere Jahre verkürzt haben, will man den im Abspann zitierten Historikern Glauben schenken. Trotzdem blieben Turings Leistungen im Dienste der Alliierten zu Lebzeiten und weit darüber hinaus ungewürdigt. Schlimmer noch: 1952 wurde er wegen seiner Homosexualität zu chemischer Kastration verurteilt, 1954 beging er Selbstmord. Und jetzt hat der norwegische Bestseller-Verfilmer Morten Tyldum (Jo Nesbøs Headhunters) daraus ein konfektioniertes Gala-Drama gezimmert.
Benedict Cumberbatch, seit seiner Titelrolle in der BBC-Serie Sherlock auf den Part der egozentrischen Intelligenzbestie abonniert, spielt Turing als haspelndes, leicht verschupftes Mathematik-Genie mit der Sozialkompetenz eines Sheldon Cooper. Auf dem herrschaftlichen Landsitz Bletchley Park, einer Art militärischem Campus, soll Turing gemeinsam mit Englands besten Kryptographen, Linguisten und Kreuzworträtsellösern den Code der deutschen Verschlüsselungsmaschine Enigma knacken. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, weil Enigma täglich um Mitternacht ihre Schlüsseleinstellungen ändert. Doch Turing denkt nicht daran, jeden Morgen wieder bei Feld Eins zu beginnen. Stattdessen baut er einen Universalrechner, der den Code innert Kürze knacken soll – ein Prototyp des modernen Computers, wenn es nach dem streng linearen Geschichtsverständnis des Films geht.
Sentimentale Heldenverehrung
Obwohl sich der Film sonst nicht gegen Gefühligkeit sträubt, zeigt er sich gerade in der Darstellung homosexueller Liebe erstaunlich verklemmt. In Rückblenden wird eine platonische Liebesgeschichte aus Turings Jugendjahren abgespult, in der filmischen Gegenwart wird ganz auf seine Scheinehe mit der Mitarbeiterin Joan Clarke (schablonenhaft: Keira Knightley) fokussiert. Sein Leiden unter der Hormontherapie wird schliesslich in einer einzigen Szene kurz vor Filmende abgehandelt und sein Selbstmord gleich komplett in die abschliessenden Texttafeln verbannt. Dazu rattert Alexandre Desplats Score im Hintergrund zuverlässig wie eine Turing-Maschine und weiss stets im rechten Moment auf die Tränendrüse zu drücken.
Natürlich könnte man es The Imitation Game hoch anrechnen, dem erst 2013 posthum rehabilitierten Turing ein Denkmal zu setzen. Aber der Film muffelt einfach zu stark nach jenem opportunistischen Verständnis von Geschichte als Selbstbedienungsladen, in dem sich nach dem Prinzip maximaler Gefälligkeit alles beschaffen lässt, was ein Film zur Selbstbehauptung in Hollywoods Award Season braucht. Dazu gehört leider kein aufrichtiges Interesse an der Komplexität des historischen Stoffs, sondern vielmehr ein konsensfähiges Ausschlachten seiner menschlichen Tragik. Der Aufarbeitung homophober Intoleranz wird unter dem Vorwand ausgleichender Gerechtigkeit sentimentale Heldenverehrung vorgezogen – das macht den Film zum austauschbarsten Oscar-Vehikel, das dieses Jahr in den Hauptkategorien “Bester Film”, “Beste Regie” und “Bestes adaptiertes Drehbuch” um die begehrte Trophäe buhlt.