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Tuggen – Kolumbans erster Aufenthaltsort in der Schweiz
Jürg F. Wyrsch, Arzt/Historiker, Tuggen
Aus fünf Lebensbeschreibungen kennen wir die Geschichte und den Besuch der irischen Mönchsgruppe 611 in Tuggen. Es sind Heiligenlegenden und nicht historische Zeitzeugen. Die Vita Sti. Columbani von Jonas von Susa, Mönch im Kloster Bobbio, verfasst vor 641 erwähnt Tuggen als Misserfolg nicht. Die Vita Sti. Galli vetutissima um 712 liegt nur noch in Bruchstücken vor und Tuggen fehlt. Die beiden Vitae Sti. Galli von Mönch Wetti um 816-824 und von Wahlafrid Strabo (der Schieler) von 833-835 Mönch und Abt auf der Reichenau erwähnen die Ereignisse in Tuggen und zitieren wörtlich aus der vetutissima. Beide wurden im Auftrag des St. Galler Abtes Gozbert verfasst. Zudem erzählt auch der Casus Sti. Galli des St. Gallermönchs Ratpert in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts Tuggen. Die Gründung eines Klosters an der Grenze zu Rätien auf Wunsch des merowingischen Königs scheiterte und Gallus warf die Götzenbilder in den See. Der Zürichsee reichte noch im Jahr 1000 bis nach Reichenburg. Alle mussten fliehen, da Gallus mit dem Tode bedroht wurde. So gelangten sie an den Bodensee. Kolumban sprach noch einen Fluch aus: „Gott, du Lenker des Himmels, nach dessen Willen der ganze Weltenlauf sich vollzieht, mache dieses Geschlecht zuschanden, damit ihr übles Vorhaben gegen Deine Diener auf ihr eigenes Haupt zurückfalle. (vergl. Psalm 109,17,25,30) Ihre Kinder sollen dem Untergang geweiht sein (Psalm 109,13). Wenn sie also die Mitte ihres Lebens erreicht haben, soll Stumpfheit und Wahnsinn sie ergreifen, (Luk. 5,26) so dass sie, von der Schuldenlast erdrückt (1. Sam. 22,2), ihre Schmach erkennen und sich bekehren. Die Weissagung des Psalmisten (Psalm 7, 17) möge an ihnen erfüllt werden: Seine Untat wird auf seinen Kopf kommen und sein Frevel wird auf seinen Scheitel fallen.“ So bei Wetti zu lesen. Strabo erwähnt sogar, dass sie als Strafe unter eine drückende Fremdherrschaft kommen. Beide Autoren kannten die Geschichte der Gegend, in der sie mehrmals weilten. Damit war Tuggen der verfluchteste Ort, doch zeitlich begrenzt!
Bei der Verlängerung der Barockkirche 1958 stiess man überraschend auf drei Skelette mit reichen Beigaben, einer Spatha (Langschwert) und drei Saxe (Kurzschwerter) im alten Kirchenschiff. So wurden Kirchenstifter bestattet. Anhand der Beigaben konnte diese erste Kirche auf die Zeit um 630-640 datiert werden, und das stimmt mit der Weissagung überein. Diese merowingische Kirche ist die älteste Kirche im Kanton Schwyz. Heute steht die vierte Kirche auf dem Felssporn über dem ehemaligen Tuggenersee. Es folgte um 1116 eine romanische, um 1345 eine gotische und 1733 die heutige barocke Kirche. Der Turm stammt noch von der gotischen Kirche, wurde aber 1958 erhöht.
Man kann das alles als Legende abtun. Aber es gibt echte Zeugen, so der Besitz der ganzen Obermarch um 842/843 des Benediktinerklosters Pfäfers und 844 eine Schenkung eines Wolfhart zu Wangen in der March Tuggen mit stehenden und fliessenden Gewässern und Alpweiden an das Kloster Bobbio nördlich von Genua. Dieser Wolfhart und auch sein Vater Rieker können der reich begüterten alemannischen Landolt-Beata-Sippe zugeordnet werden. Diese hatten grossen Besitz vom Zürichsee bis gegen Winterthur entlang der alten Römerstrasse. Die Schenkung mit der Bedingung, den Besitz in Tuggen und Wangen immer im Mannesstamme weiter bewirtschaften zu dürfen, geschah gegen einen jährlichen Tribut von zwei Messalben, den weissen Gewändern an das Kloster Bobbio. Dies geschah zur Zeit der Reichsteilung der Enkel Karls des Grossen. Klöstern konnte man ihren Besitz nicht wegnehmen. Sie bildeten das Rückgrat der christlichen Herrschaft. Beata hatte auch ein Kloster auf der Insel Lützelau im Zürichsee gegründet.
Die erste Kirche in Tuggen und die Kirche auf der Insel Ufnau bildeten die zwei ersten Grosspfarreien der Gegend bis in den heutigen Kanton Zürich. Die Reise auf dem Wasser war damals einfacher als auf dem Land. Noch heute prägen in Tuggen vier Kapellen, einige Wegkapellen und ein Kreuzweg die christliche Landschaft und belegen, dass sich der ehemals verfluchte Ort längst zu einem Kraftort gewandelt hat. Hier führen der Kolumbansweg und der Jakobsweg vorbei.