Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03264.jsonl.gz/1417

Viele Philosophinnen und Philosophen, die sich mit Tieren befassen, kritisieren unseren Umgang mit Tieren. In der philosophischen Literatur findet man viele Diskussionen und Debatten über den richtigen Umgang mit Tieren, die besonders viel von Menschen genutzt werden, wie zum Beispiel Nutztiere, Haustiere, Versuchstiere, Labortiere, Zootiere und Therapietiere. Aber wie steht es mit Tieren, die weniger oft im Alltag der Menschen zu sehen sind?
Das Leiden der Wildtiere
In seinem Buch “Wild Animal Ethics. The Moral and Political Problem of Wild Animal Suffering” argumentiert der Philosoph Kyle Johannsen, dass wir die kollektive Pflicht haben, wissenschaftliche Untersuchungen zu finanzieren und, wenn wir uns genügend Wissen angeeignet haben, umfangreiche Eingriffe in die Natur und das Leben der Wildtiere vorzunehmen.
Er beginnt damit, aufzuzeigen, dass viele Tiere in der Wildnis leiden und ein Leben haben, das nicht lebenswert ist. Ein Problem sieht Johannsen in der Fortpflanzungsstrategie, die viele Tiere in der Wildnis anwenden, die sogenannte r-Strategie. Die r-Strategie besteht darin, sehr viele Nachkommen zu erzeugen und wenig oder keine Zeit in die Aufzucht der Nachkommen zu investieren. Der r-Strategie steht die K-Strategie gegenüber, die darin besteht, sehr wenige Nachkommen zu erzeugen und sehr viel Zeit in die Aufzucht der Nachkommen zu investieren.
Als Beispiel für r-Strategen nennt Johannsen die Mauereidechse und illustriert mit einer Studie die Überlebensrate der Nachkommen einer Mauereidechse: Von 570 Eiern haben 194 Eidechsen das erste Jahr überlebt. 48 haben das zweite Jahr überlebt, 25 das dritte Jahr und 12 das vierte Jahr. In Anbetracht dessen, dass eine gesunde und gut ernährte Eidechse 10 Jahre leben kann, scheint der vorzeitiger Tod die Norm zu sein. Das Problem der r-Strategie besteht darin, dass viele Nachkommen erzeugt werden, von denen viele früh durch Krankheiten, Hunger, Verletzungen, Hitze, Kälte oder durch Raubtiere sterben.
Neben der r-Strategie identifiziert Johannsen Raubtiere als eine “Quelle des Leidens“. Raubtiere töten und verletzen Beutetiere, ihre Präsenz löst Stress und Furcht bei den Beutetieren aus und die von Raubtieren verursachten Verletzungen können Infektionen und den Befall von Parasiten begünstigen.
Raubtiere und r-Strategen aussterben lassen
Eine Idee, wie man das Leiden der Wildtiere verringern könnte, besteht darin, Raubtiere und r-Strategen aussterben zu lassen. Eine günstige und effektive Methode, das zu tun, sieht Johannsen in der Verwendung von sogenannten “Gene Drives”, indem man durch die Änderung der DNA diese Tiere sterilisiert. Dies würde viel Leid verhindern, da viele Nachkommen von r-Strategen, die von Anfang zum Scheitern verurteilt sind, gar nicht erst auf die Welt kommen. Und wenn es keine Raubtiere mehr gibt, müssen Beutetiere sich nicht mehr vor ihnen fürchten.
Johannsen sieht bei dieser Idee eine Reihe von Problemen. Erstens verlieren gewisse Tiere, wie etwa Raubtiere, die zugleich K-Strategen sind, durch die Sterilisation die Möglichkeit, Kinder auf die Welt zu bringen. Dies stellt für diese Tiere ein erheblicher Verlust dar, weil Kinder zu zeugen und sie aufzuziehen ein wichtiger Teil ihrer natürlichen Leben darstellt. Zweitens könnte das Aussterben lassen von Raubtieren und r-Strategen verheerende ökologische Folgen haben. Drittens, selbst wenn man das Aussterben dieser Tiere auf eine ökologisch sichere Art und Weise machen könnte, bevorzugt Johannsen eine Welt, in der viele Tiere ein lebenswertes Leben führen, statt eine Welt, in der nur wenige Tiere ein lebenswertes Leben führen können. Solange es Alternativen gibt, so Johannsen, sollte man Tiere besser nicht aussterben lassen.
Raubtiere in Pflanzenfresser und r-Strategen in K-Strategen umwandeln
Eine Idee, die Johannsen vielversprechend findet, ist, Raubtiere in Pflanzenfresser und r-Strategen in K-Strategen umzuwandeln.
Im Bezug auf r-Strategen könnte man versuchen, mit Hilfe von Genom-Editierung die Zahl ihrer Nachkommen zu verringern und sie so zu verändern, dass sie mehr Zeit in die Aufzucht ihrer Nachkommen investieren. Wenn es aber weniger r-Strategen gibt, dann gibt es auch weniger Nahrung für Raubtiere. Die Lösung, die Johannsen hier vorschwebt, ist, Pflanzen mit Genom-Editierung zu züchten, die geeignet für Raubtiere sind, so dass diese keine Tiere mehr jagen müssten.
Johannsen weist darauf hin, dass es bereits gelungen ist, Pflanzen genetisch zu modifizieren und dass es Grund zur Hoffnung gibt, geeignete Pflanzen für Raubtiere zu erschaffen. Auch weist er darauf hin, dass es bereits kommerzielles pflanzliches Katzenfutter gibt, das zusammen mit der Supplementierung von Vitamin-A und Taurin eine vollwertige Ernährung für Katzen ergibt, die ja eigentlich Raubtiere sind.
Ob es wirklich möglich ist, mit Hilfe von Genom-Editierung und “Gene Drives” diese Änderungen hervorzurufen und ob diese Änderungen auch ökologisch sicher durchgeführt werden können, ist eine Frage der Wissenschaft. Johannsen denkt, dass wir die kollektive Pflicht haben, diese wissenschaftliche Untersuchungen zu finanzieren, so lange wir Grund zur Annahme haben, dass sie dabei helfen könnten, das Leiden der Wildtiere zu vermindern.
Was denkt ihr dazu?
Dies ist ein gekürzter Beitrag von Sandro Räss. Den kompletten Beitrag «Sollen wir Raubtiere aussterben lassen? Über das Leben der Wildtiere und ob wir was dagegen tun sollen oder nicht» und andere spannende Artikel findet ihr unter sandro-raess.ch.