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Bewusstsein seines Menschentums
Der Begriff "Anthroposophie" ist keine Schöpfung Rudolf Steiners, sondern ist bis in die frühe Neuzeit zurück nachweisbar. Bereits 1575 wurde es für eine "Kenntnis der natürlichen Dinge" und der "Klugheit in menschlichen Angelegenheiten" verwendet. Im 19. Jahrhundert wird der Begriff von Schelling, Troxler oder I. H. Fichte als Name einer neu zu begründenden Wissenschaft verwendet.
"Im Grunde genommen soll ja Anthroposophie nicht anderes sein als jene Sophia, das heisst jener Bewusstseinsinhalt, jenes innerlich Erlebte in der menschlichen Seelenverfassung, die den Menschen zum vollen Menschen macht. Nicht 'Weisheit vom Menschen' ist die richtige Interpretation des Wortes Anthroposophie, sondern 'Bewusstsein seines Menschentums' [...]"
(aus: Rudolf Steiner, GA 257, S. 76)
Zum Begriff 'Anthroposophie'
"Unter Anthroposophie verstehe ich eine wissenschaftliche Erforschung der geistigen Welt, welche die Einseitigkeiten einer blossen Natur-Erkenntnis ebenso wie diejenigen der gewöhnlichen Mystik durchschaut, und die, bevor sie den Versuch macht, in die übersinnliche Welt einzudringen, in der erkennenden Seele erst die im gewöhnlichen Bewusstsein und in der gewöhnlichen Wissenschaft noch nicht tätigen Kräfte entwickelt, welche ein solches Eindringen ermöglichen." (aus: Rudolf Steiner - Philosophie und Anthroposophie, GA 35, S. 66)
Rudolf Steiner wollte ursprünglich keine feste Bezeichnung für die von ihm angeregte Erkenntnis- und Lebenspraxis haben. Im Gegenteil wollte er jede Woche ein neues Wort für sie finden: dem äusserlich möglichen Eindruck eines geschlossenen Lehrsystems sollte dadurch entgegengewirkt werden.
Synonym verwendet Steiner auch "Geisteswissenschaft", "anthroposophische Geisteswissenschaft" oder "Geheimwissenschaft", im Sinne eines seiner Hauptwerke: "Die Geheimwissenschaft im Umriss" (GA 13). Im engeren Sinn verwendet Steiner den Terminus als Titel einer Fragment gebliebenen Schrift, in der Anthroposophie in einer Mittelstellung zwischen Theosophie und Anthropologie verortet wird (GA 45).
Der älteste bisherige Nachweis des Wortes "Anthroposophie" geht auf das 1575 anonym erschienene Buch "Arbatel de magia veterum, summum sapientiae studium" zurück. Es kann vermutet werden, dass es aus der Feder von Agrippa von Nettesheim stammt. Anthroposophie wird dort mit Theosophie ("Kenntnis des Göttlichen Wortes") zusammen zur "Wissenschaft des Guten" gezählt und umfasst die "Kenntnis der natürlichen Dinge" und der "Klugheit in menschlichen Angelegenheiten".
Wie Rudolf Steiner dazu kam - durch die Trennung von der theosphischen Bewegung veranlasst - den Namen für die von ihm vertretene Sache zu finden, beschreibt er 1916: "Als es sich vor einer Anzahl von Jahren darum handelte, unserer Sache einen Namen zu geben, da verfiel ich auf einen solchen, der mir lieb geworden war, deshalb, weil ein Philosophie-Professor, dessen Vorträge ich in meiner Jugendzeit gehört habe, Robert Zimmermann, sein Hauptwerk "Anthroposophie" genannt hat." (GA 35, S.176) (siehe: Renatus Ziegler: "Anthroposophie", Quellentexte zur Wortgeschichte, in: Beiträge zur Rudolf Steiner Gesamtausgabe, Heft Nr. 121, Herbst 1999, Hrsg.: Rudolf Steiner-Nachlassverwaltung, Dornach)
"Wenn nun auch die Theosophie Erkenntnisse zu liefern vermag, welche den wichtigsten Bedürfnissen der Menschenseele Befriedigung gewähren, und welche durch den natürlichen Wahrheitssinn und durch die gesunde Logik anerkannt werden können, so wird doch immer eine gewisse Kluft bleiben zwischen ihr und der Anthropologie. Es wird zwar immer folgendes möglich sein. Man wird die Ergebnisse der Theosophie über die geistige Wesenheit des Menschen aufzeigen können und dann in der Lage sein, darauf hinzuweisen, wie die Anthropologie alles bestätigt, was die Theosophie sagt. Doch wird von dem einen zu dem anderen Erkenntnisgebiete ein weiter Weg sein.
Es ist aber möglich, die Kluft auszufüllen. In einer gewissen Beziehung soll dies hier durch die Skizzierung einer Anthroposophie geschehen. Wenn Anthropologie sich vergleichen lässt mit den Beobachtungen eines Wanderers, welcher in der Ebene von Ort zu Ort, von Haus zu Haus geht, um eine Vorstellung von dem Wesen eines Landstrichs zu gewinnen; wenn Theosophie dem Überblick gleicht, den man von dem Gipfel einer Anhöhe über denselben Landstrich gewinnt: so soll Anthroposophie verglichen werden dem Anblick, wo das Einzelne noch vor Augen steht, doch sich aber das Mennigfaltige schon zu einem Ganzen zusammenzuschliessen beginnt."
(aus: Rudolf Steiner - Anthroposophie. Ein Fragment, "Der Charakter der Anthroposophie", GA 45, Dornach 1910, S. 23)