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Unruhen und chinesische Medien
Natürlich berichten die chinesischen Medien über die Demonstrationen in Hongkong, nach einem anfänglichen Schweigen jedenfalls.
Die offizielle chinesische Bezeichnung für die Vorgänge heisst «zhan zhong», auf Englisch «occupy central». Und die offizielle Definition – der erste Treffer, wenn man den Begriff in Chinas Suchmaschine Baidu eingibt – beginnt so: «Eine derzeit in der Sonderverwaltungsregion Hongkong unseres Landes stattfindende widerrechtliche Versammlung». Der Eintrag endet mit dem Satz: «Diese extremistischen Proteste gibt es auch in anderen Ländern, aber sie sind weltweit verboten, die Polizei hat stets das Recht, ihnen ein Ende zu bereiten.»
Wer auf dem chinesischen Wikipedia-Nachbau Baike nach «zhan zhong» sucht, stösst auf den bemerkenswerten Eintrag «Hongkonger Anti-Occupy-Central-Protestmärsche». Dieser Eintrag allein ist 5300 (chinesische) Zeichen lang. Ohne Karten und Bilder in Zwölfpunktschrift gedruckt wären das fünf DIN-A4-Seiten auf Chinesisch und zehn Seiten in deutscher Übersetzung. Und was dort nicht alles steht: 193 000 TeilnehmerInnen gab es am 17. August! Dazu eine detaillierte Analyse der wichtigsten Medienberichte, auch der «verleumderischen» Artikel in «New York Times», «Financial Times» und «Wall Street Journal». So viele Informationen. Sogar so viele, dass gar nicht mehr auffällt, dass die jetzigen Demonstrationen erst am 28. September begonnen haben.
Solcherart funktioniert die gesamte Berichterstattung. Die wichtigsten Tageszeitungen des Landes haben alle schon mehrere Kommentare zu «Occupy Central» veröffentlicht. Man liest da von unreifen Schülern und besorgten Eltern, von 30 Verhaftungen und 21 verletzten Polizisten, von sinkenden Aktienindizes und vom Wertverlust des Hongkong-Dollars, von der abnehmenden Geduld der Öffentlichkeit (wegen der Verkehrsbeeinträchtigung) und von der grossen Entschlossenheit der Regierung, «das allgemeine Umfeld für politische Reformen in der Region intakt zu halten» (was auch immer das heissen mag).
Daneben erscheinen unzählige Berichte über die Unruhen: manche zu sehr speziellen Themen wie etwa dem Umstand, dass der Verlust einer 3000 Wagen umfassenden Vereinigung von TaxifahrerInnen wegen der Demonstrationen zwei Millionen Hongkong-Dollars täglich betrage und also in einer Woche vierzehn Millionen überschritten habe. Das ist zumindest rechnerisch einwandfrei. Andere Artikel bleiben viel schwammiger. Ein Satz soll das illustrieren. Er stand zuerst auf der Website des «Office of the Commissioner of the Ministry of Foreign Affairs of the People’s Republic in China in the Hong Kong Special Administrative Region» und wurde von der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua, der englischen Ausgabe der kommunistischen Parteizeitung «People’s Daily», von «China Daily», «Global Times», «Shanghai Daily», «Guangming Online» und dem Nachrichtenportal Sina.com nachgeplappert. Der Satz beschreibt das angebliche Abflauen der Proteste. «Demonstranten nahe dem Chief Executive Office (…) kündigten an, sie wollten die Strassen bei der Regierungszentrale aus eigenem Antrieb räumen: Einige Bürger stehen den Protesten kritisch gegenüber. ‹Es ist Zeit für uns zu gehen›, sagte ein Student.» Ein anonymer Student – das klingt eher nach Wunschdenken als nach journalistischer Recherche.
Und allen Berichten gemeinsam ist, dass nirgends erwähnt wird, worum es bei den Hongkonger Demonstrationen überhaupt geht.
Wolf Kantelhardt schreibt für die WOZ aus China.