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Hottentoten
(»Stotterer«) wurden von den
Holländern die afrikanischen Urbewohner am
Kap der
Guten Hoffnung genannt wegen
der
Schnalzlaute in ihrer
Sprache.
[* 3] Sie bilden mit den
Buschmännern zusammen eine eigne, von den
Negern streng
geschiedene
Menschenrasse (s. Tafel
»Afrikanische
Völker«,
[* 4] Fig. 21 u. 22) und bezeichnen sich selbst als
Khoi-Khoin, was
»Menschen der
Menschen« (d. h. Urmenschen), vom
Singular Khoi-Khoip, bedeutet. Die
Hottentoten wurden durch Kaffervölker
aus ihren früher nördlicher gelegenen Sitzen nach dem
Süden gedrängt und haben sich dann an der Westküste
Afrikas wieder nach dem
Norden
[* 5] gewendet, wo sie noch nicht
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mehr
lange heimisch sind. Heute sind die
Hottentoten nur noch eine Völkerruine. Die Hottentoten zerfallen in zwei
Gruppen. Zur ersten, den eigentlichen
Hottentoten, zählen die Namaqua (Mehrzahl von Namap) und die mit Kaffern und Europäern stark gemischten
Koraqua (Mehrzahl von Korap) oder Korana; die Griqua sind Mischlinge der und Weißen. Zur zweiten Gruppe zählen
die Sân oder Buschmänner (s. d.). Während man 1875 in der Kapkolonie mit Einschluß der Bergdamara und weniger Buschmänner,
aber zahlreicher Mischlinge 98,561
Hottentoten zählte, ermittelte Theophilus Hahn
[* 7] in Groß-Namaqualand nur 16,000 und Palgrave in Damaraland
nur 1500 Namaqua und 3000 Buschmänner.
Die Zahl aller unvermischten
Hottentoten dürfte heute 100,000 nicht mehr erreichen. Im allgemeinen
haben die eine fahle, gelbbraune Hautfarbe, sehr krauses, verfitztes Haar,
[* 8] eine schmale Stirn, stark nach der Seite vortretende
Backenknochen, ein spitzes Kinn und einen mittlern, wenig kräftigen Körperbau; Hände und Füße sind klein, der Schädel ist
platystenokephal. Ein besonderes Merkmal der Frauen ist die Steatopygie, eine Eigentümlichkeit, die darin
besteht, daß die Fettpolster des Gesäßes oben treppenartig vorspringen und dann allmählich in die Schenkel übergehen, also
umgekehrt wie bei den übrigen Menschenrassen.
[* 9] Auch die Verlängerung
[* 10] der Labia minora und des Praeputium clitoridis (Hottentotenschürze)
werden als Rassenmerkmale der
Hottentoten angeführt, obwohl sie auch bei amerikanischen Stämmen vorkommen. -
Die Sprache der
Hottentoten zerfällt in drei Dialekte: den Nama-, Kora- und Kapdialekt, welch letzterer jedoch, mit Ausnahme geringer
Überreste in den östlichen Grenzdistrikten, jetzt ausgestorben ist;
außerdem soll auch eine am Ngamisee gesprochene Sprache mit dem Hottentotischen verwandt sein.
Mit einigen Kaffersprachen, noch genauer mit dem Buschmännischen stimmt es in dem Gebrauch gewisser Schnalzlaute, d. h. beim Ein- anstatt beim Ausatmen hervorgebrachter Konsonanten, überein; mit dem Altägyptischen und andern nordafrikanischen sowie mit den semitischen und indogermanischen Sprachen hat es die Unterscheidung von drei Geschlechtern gemein. Die wegen letzterer Übereinstimmung von Bleek und Lepsius angenommene Verwandtschaft der fraglichen Sprachen untereinander ist von Fr. Müller zurückgewiesen worden: das Hottentotische, auch von den benachbarten Bantu- (Kaffer-) Sprachen, welche die meisten grammatischen Beziehungen durch Präfixe ausdrücken, durch den vorherrschenden Gebrauch angehängter Endungen in der Deklination und Konjugation (Suffixe) stark geschieden, bildet entweder allein oder zusammen mit dem freilich ganz ohne grammatische Entwickelung gebliebenen Buschmännischen den letzten Rest einer einst weitverbreiteten Sprachfamilie.
Grammatiken des Namadialekts lieferten Wallmann (Berl. 1857), Tindall (Kapstadt [* 11] 1870, mit Vokabular), Th. Hahn (Leipz. 1870), Fr. Müller (»Grundriß der Sprachwissenschaft«, 2. Bd., Wien [* 12] 1877); des Koradialekts Wuras (in Appleyards »Kafir language«, King-William's-Town 1850); eine vergleichende Grammatik der drei Dialekte Bleek (»Comparative grammar of South-African languages«, Lond. 1862-69, 2 Bde.). Interessante Proben hottentotischer Tiermärchen enthält Bleeks »Reineke Fuchs in [* 13] Afrika« [* 14] (Weim. 1870).
Die physischen Eigenschaften der
Hottentoten sind sehr verschieden von denen ihrer dunkeln Nachbarn, der Kaffern. Sie haben nicht deren
Muskelkraft, dafür aber schärfere Sinne; sie verlassen sich nicht auf die brutale Kraft,
[* 15] da sie das Bewußtsein
haben, durch List und Schlauheit es weiter zu bringen. Doch auch edlere Eigenschaften, wie
persönlicher Mut und Intelligenz,
sind ihnen in höherm Grad zu teil geworden als den Kaffern. Während aber die dunkeln Stämme dem zerstörenden Einfluß der
Zivilisation eine wunderbare Zähigkeit entgegensetzen, sind die
Hottentoten mit Schnelligkeit dem Untergang verfallen.
Der Grund dieser Erscheinung liegt wesentlich im Charakter und Temperament, und man kann nachweisen, daß manche an und für
sich vorzügliche Eigenschaft den Untergang dieser Stämme beschleunigt hat. Als Waffen
[* 16] führen die
Hottentoten neben Bogen
[* 17] und vergifteten
Pfeilen auch den Assagai (Wurfspieß), den Kiri (Wurfkeule) und schwere Stöcke aus Eichenholz. Eigentlich
kriegerisch waren sie aber nie. Wie alle Afrikaner verstanden sie das Eisen
[* 18] zu schmelzen. Ihre Hütten,
[* 19] aus Holzgerüst mit
Binsenmatten, haben Bienenkorbform; sie können schnell abgebrochen und auf Packochsen in eine andre Gegend gebracht werden.
Sie sind ein Hirtenvolk, und jeder Stamm wechselt je nach Bedarf seine Wohnsitze, muß aber die Rechte der Nachbarn respektieren. Die Verfassung ist patriarchalisch; jede kleine Vereinigung, bis auf die Familie herab, hat ihren Vorsteher oder Ältesten, während einer von diesen wieder die Oberhoheit über alle zum Stamm zählenden kleinern Abteilungen besitzt. Der Häuptling ist bei Erörterung aller wichtigen Angelegenheiten an den Beirat der Ältesten gebunden.
Übergriffe in die Weiderechte andrer haben nicht selten Fehden im Gefolge, die jedoch schnell wieder beigelegt werden. Der Hottentote ist träge; die Zeit, welche er nicht auf Wartung des Viehs verwendet, benutzt er zur Jagd und überläßt den größten Teil der Arbeit der Frau, deren Stellung hier, wo die Vielweiberei nicht so große Ausdehnung [* 20] hat wie bei den Kaffern, höher ist als bei jenen; doch halten es die Männer für unschicklich, gemeinschaftlich mit der Frau zu speisen.
Tänze und Schmausereien sind die beliebtesten Unterhaltungen; auch das Hanfrauchen und der Branntweingenuß sind stark verbreitet. Was die religiösen Vorstellungen betrifft, so ist der große »Kapitän« Tsuigoab (»Wundknie«) der mit besonderer Macht ausgestattete Geist eines höhern Häuptlings. Man findet auch Mond-, Sternen- und Tierkultus. Die Verehrung der überirdischen Mächte geschieht durch Anrufungen und Opfer, d. h. man bringt ihnen Vieh dar, deren Fleisch von den Opfernden genossen wird.
Die Opfer werden in der Regel von einem Doktor oder Hexenmeister ausgeführt. Beim Erfolg der Doktoren spielt der Aberglaube eine
große Rolle; doch ist nicht zu verkennen, daß gerade unter den
Hottentoten sehr wirksame Arzneimittel im Gebrauch sind, wie ihnen denn
unter anderm das Schröpfen bekannt ist. Durch den Charakter der
Hottentoten geht ein Zug,
welcher auf ihr Schicksal wesentlich
eingewirkt hat: ein großer Leichtsinn. Ihr Temperament ist vorwiegend sanguinisch, und bei dem Leichtsinn ihres Charakters
entsteht eine Unberechenbarkeit der Handlungsweise, welche ihre guten Eigenschaften völlig lahmlegt.
Schrankenlos geben sie sich dem Branntweingenuß hin, und Stück für Stück verkaufen sie ihr Land den vordringenden Kolonisten um Kleinigkeiten. Sie sind meist heiterer Laune, lieben die Geselligkeit, lachen und scherzen gern. Ihre Intelligenz ist keineswegs gering, sie lernen besser als die Kaffern und eignen sich namentlich fremde Sprachen schnell an. Diese Leichtigkeit aber, sich mit den Europäern zu verständigen, ihre Waffen zu gebrauchen, ihre Sitten und noch mehr Unsitten anzunehmen, wirkt zerstörend auf ihre nationalen Gemeinwesen und führt sie dem Rassentod entgegen. Von Moral ist bei ¶
mehr
den
Hottentoten nicht viel zu bemerken. Lügen, Diebstahl und Sinnlichkeit sind ihre Hauptlaster. Rachsucht, geringe Ehrfurcht vor den
Eltern und das Aussetzen der Altersschwachen in Einöden sind ebenfalls Flecke im Charakter der
Hottentoten. Von ihrer Begabung zeugen
die oben erwähnten, von ihnen selber dem eignen Verständnis entsprechend umgestalteten Fabeln von Reineke Fuchs,
Skulpturen u. a.; die Armut des Landes aber, in welches sie gedrängt wurden, und die sie zu stetem Umherziehen zwang, hat ihre
weitere geistige Ausbildung wie auch ihr größeres numerisches Anwachsen verhindert. S. Karte bei Art.
[* 22] »Kapland«.
Vgl. G. Fritsch, Die Eingebornen Südafrikas, ethnographisch und anatomisch beschrieben (Bresl. 1873);
Ratzel, Völkerkunde, Bd. 1 (Leipz. 1885).