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Maskentölpel
Sula dactylatra
© 1995 Markus Kappeler
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Stattliche Meeresvögel mit ungewöhnlichem Balzritual und spektakulärer Fischfangtechnik sind die Mitglieder der Familie der Tölpel (Sulidae). Mit insgesamt nur neun Arten bilden sie zwar eine recht kleine Vogelsippe. Dafür haben sie eine überaus weite Verbreitung: Man findet sie in allen ozeanischen Regionen rund um den Erdball herum, vom Nordpolarkreis über die Tropen bis zur Subantarktis.
Ihre beachtliche Körpergrösse, ihre auffällige Fischfangweise und ihr ausgeprägtes Wanderverhalten ausserhalb der Fortpflanzungszeit machen sie entlang der Meeresküsten zu auffälligen und bekannten Vögeln. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, es handle sich bei den Tölpeln auch um häufige Vögel. Das stimmt aber nicht: Mehrere Arten weisen aufgrund der menschlichen «Machenschaften» stark ausgedünnte Bestände auf. Zu ihnen zählt der Maskentölpel (Sula dactylatra)
, der zwar weitverbreitet ist, dessen Bestände jedoch aufgrund jahrzehntelanger Nachstellung durch den Menschen in vielen Bereichen seines Verbreitungsgebiets stark zurückgegangen sind.
Pelikanartig oder storchenartig?
Die Familie der Tölpel ist nah verwandt mit zwei anderen Familien fischessender Vögel: den Kormoranen (Phalacrocoracidae) und den Schlangenhalsvögeln (Anhingidae). Zusammen mit den Fregattvögeln (Fregattidae), den Tropikvögeln (Phaëtontidae) und den Pelikanen (Pelecanidae) werden diese drei Familien gewöhnlich in der Ordnung der Ruderfüsser oder «Pelikanartigen» (Pelecaniformes) zusammengefasst. Nun soll aber gemäss einer neuen, radikalen Revision der Vogelsystematik diese Ordnung aufgehoben werden und sollen die genannten sechs Familien zusammen mit einem breiten Spektrum weiterer Familien - darunter den Pinguinen (Spheniscidae), den Albatrossen (Diomedeidae), den Reihern (Ardeidae) und den Störchen (Ciconiidae) - in die Ordnung der Stelzvögel oder «Storchenartigen» (Ciconiiformes) gestellt werden. (Noch hat diese neue, von Grund auf revidierte Fassung der Vogelsystematik nicht die volle Anerkennung der Ornithologen gefunden. Sie gewinnt aber an Boden und dürfte über kurz oder lang zum internationalen Standard werden.)
Nach wie vor werden aber innerhalb der Familie der Tölpel drei Gattungen unterschieden: Morus
, Sula
und Papasula
. Zur Gattung der eigentlichen Tölpel (Morus)
zählen drei Arten, welche in der gemässigten Klimazone heimisch sind: Der Basstölpel (Morus bassanus)
ist ein Vogel des Nordatlantiks, der beispielsweise im Küstenbereich der Britischen Inseln kopfstarke Brutkolonien bildet; der Kaptölpel (Morus capensis)
brütet auf Inseln vor den Küsten Namibias und Südafrikas; der Australische Tölpel (Morus serrator)
kommt entlang der australischen Küsten vor.
Die Gattung der tropischen Tölpel (Sula)
umfasst fünf Arten. Zwei davon haben ein verhältnismässig eng begrenztes Brutvorkommen: Der Blaufusstölpel (Sula nebouxii)
brütet entlang der mittel- und südamerikanischen Pazifikküste, von Mexiko südwärts bis Nordperu, und der Guanotölpel (Sula variegata)
von Peru südwärts bis Zentralchile. Die drei anderen Arten sind hingegen rund um unseren Planeten herum in den tropischen Bereichen des Pazifiks, des Indischen Ozeans und des Atlantiks weit verbreitet. Es handelt sich um den Rotfusstölpel (Sula sula)
, den Brauntölpel (Sula leucogaster)
und den Maskentölpel.
Nur eine einzige Art gehört schliesslich der Gattung Papasula
an: der überaus seltene Graufusstölpel (Papasula abbotti)
. Er brütet heute nur noch in einer kleinen Restpopulation auf der Weihnachtsinsel im östlichen Indischen Ozean; die einstigen Brutkolonien auf den Seychellen und den Maskarenen, im westlichen Indischen Ozean, sind verwaist.
Der grösste unter den Tropentölpeln
Mit einer Gesamtlänge von 80 bis 85 Zentimetern und einer Flügelspannweite um 170 Zentimeter ist der Maskentölpel der grösste Vertreter der tropischen Tölpel (Gattung Sula
) - und nur wenig kleiner als der Riese in der Familie, der Basstölpel, der eine Länge von etwa 90 Zentimetern und eine Spannweite um 180 Zentimeter aufweist.
Die Brutplätze des Maskentölpels liegen weit über die Tropenzonen der Erde verstreut: Im pazifischen Raum findet man den eindrucksvollen Vogel von Inseln vor der mittel- und südamerikanischen Küste westwärts bis zu den japanischen Riukiu-Inseln einerseits und Inseln vor der australischen Ostküste (bei Queensland) andererseits. Im Indischen Ozean begegnet man ihm vom Roten Meer im Nordwesten bis zu den Komoren und den Maskarenen im Südwesten und den Kokos-(Keeling)-Inseln im Osten. Im Südatlantik brütet er von Inseln vor der brasilianischen Küste ostwärts bis zur Insel Ascension.
Im Karibischen Raum ist die Art zwar weit verbreitet, jedoch überall ziemlich selten. Insgesamt sind nur ein knappes Dutzend Brutplätze bekannt: Umfangreichere Brutkolonien finden sich auf den venezolanischen Los Hermanos-Inseln und auf den Alacran-Arcas-Arenas-Inselchen vor der mexikanischen Halbinsel Yukatan. Brutkolonien, über deren Umfang wir nichts Näheres wissen, befinden sich auf den jamaikanischen Pedro-Inselchen, auf mehreren Eilanden im Bereich der Jungferninseln, auf mehreren der zwischen St. Vincent und Grenada liegenden Grenadinen und bei Anguilla.
Die «Scheidungsrate» ist hoch
Wie alle seine Vettern ist der Maskentölpel ein Koloniebrüter. In seinen Brutkolonien herrscht aber nie jene drangvolle Enge, die man etwa von den Basstölpeln her kennt, sondern er bildet gewöhnlich eher kleine Kolonien, in denen die einzelnen Brutpaare grössere Abstände zu ihren Nachbarn einhalten. Oft brütet er im übrigen in Gesellschaft von Fregattvögeln (Fregata spp.)
, anderen Tölpeln und weiteren Meeresvögeln.
Bei sämtlichen Mitgliedern der Tölpelfamilie leben die Männchen und Weibchen in monogamen Partnerschaften. Während aber bei den eigentlichen Tölpeln die beiden Partner gewöhnlich lebenslang zusammenhalten, ist bei den tropischen Tölpeln die «Scheidungsrate» hoch. Das gilt auch für den Maskentölpel: Die meisten Individuen wechseln von Zeit zu Zeit sowohl den Partner als auch den Brutplatz.
Bevor ein Maskentölpelpaar zur Brut schreitet, zeigt es am zukünftigen Brutort während mehrerer Tage intensives Balzverhalten. Dazu zählen auffällige Begrüssungsrituale, bei denen die beiden Partner übertriebene Haltungen einnehmen und eigenartige Bewegungen des Kopfs, der Flügel und der Füsse ausführen. Dazu gehören aber auch simulierte Nestbautätigkeiten, bei denen die beiden Partner einander immer wieder formell kleine Zweige oder Steinchen hin- und herreichen. Diese Balzrituale dienen dazu, den Paarbund zu festigen, bevor sich die beiden Vögel der vielmonatigen, anstrengenden Aufgabe der Jungenaufzucht widmen.
Das Gelege der Maskentölpel umfasst meistens ein Ei, nicht selten aber auch zwei Eier. Die Küken schlüpfen nach einer Brutdauer von etwa sieben Wochen völlig nackt aus dem Ei, doch wächst ihnen bald ein dichtes weisses Daunenkleid. Bei Zweiergelegen tötet regelmässig einige Tage nach dem Schlüpfen das stärkere Küken sein Geschwister, unabhängig davon, wieviel Nahrung die Altvögel herbeitragen. Dieses Verhalten mag brutal erscheinen, dürfte aber für den Fortpflanzungserfolg der Vögel nicht unwesentlich sein, denn ohne Zweifel hat ein einzelnes stärkeres Küken die grösseren Überlebenschancen als zwei schwächere.
Die Jugendentwicklung verläuft bei den Maskentölpeln verhältnismässig langsam: Es vergehen mindestens drei Monate, bis die Jungvögel flügge sind, und auch hernach bleiben die Jungen noch mehrere Monate lang von ihren Eltern abhängig. Tagtäglich kehren sie nach dem «Flugtraining» an den Schlafplatz derselben zurück, um sich von ihnen füttern zu lassen.
Haben sich die Jungtölpel endlich von ihren Eltern gelöst, so streifen sie während vieler Monate nomadisch umher und entfernen sich dabei oft sehr weit von ihrem Geburtsort. Normalerweise dauert es zwei bis drei, manchmal aber auch fünf Jahre, bis sie den Drang verspüren, sich ihrerseits der Fortpflanzung zu widmen. Dann kehren die meisten von ihnen zu ihrer Geburtskolonie zurück; manche lassen sich aber auch woanders nieder.
Stosstauchen: keine einfache Sache
Maskentölpel ernähren sich vornehmlich von Fliegenden Fischen und Tintenfischen, nehmen aber auch andere Fische bis zu einer Länge von etwa 30 Zentimetern zu sich. Bei der Nahrungssuche fliegen sie einzeln oder in kleinen Gruppen in geringer Höhe über das offene Meer. Mit regelmässigen, ruhigen Flügelschlägen gleiten sie dahin, segeln zwischendurch ein Stück weit und suchen ständig mit den Augen aufmerksam das Wasser unter sich nach Beutetieren ab. Haben sie etwas Geeignetes ausgespäht, so stürzen sie sich unverzüglich - aus Höhen von bis zu fünfzehn Metern - fast senkrecht hinunter, legen ihre Flügel knapp vor der Wasseroberfläche an und tauchen dann wie Geschosse ins Wasser ein. Sie erreichen auf diese Weise innerhalb von Sekundenbruchteilen Tauchtiefen von bis zu drei Metern und vermögen dadurch die aus der Luft gesichteten Beutetiere zu überrumpeln und mit ihrem kräftigen Schnabel zu packen.
Das erfolgreiche Ausüben dieser tölpeltypischen Fischfangweise bedingt zweifellos grosse Geschicklichkeit und viel Erfahrung. Es überrascht deshalb nicht, dass junge Maskentölpel bei ihren Stosstauchversuchen anfänglich sehr viele Fehlschläge zu verzeichnen haben und von ihren Eltern noch geraume Zeit zugefüttert werden müssen, bis sie ihren Nahrungsbedarf selbst zu decken vermögen.
Der Maskentölpel fischt selten in Küstennähe, sondern meistens auf hoher See, oft 150 und mehr Kilometer vom Land entfernt. Gewöhnlich bricht er frühmorgens zu seinen Fischgründen auf und kehrt erst gegen Abend wieder zum Schlafen an Land zurück. Tölpelschlafplätze befinden sich meistens in oder auf küstennahen Klippen, von wo aus die langflügligen Vögel am Morgen leicht wieder abheben können.
Zutrauliche «Tölpel»
Hinsichtlich der Situation des globalen Bestands des Maskentölpels sind so gut wie keine Informationen erhältlich. Einzig über den Zustand der Art im karibischen Raum wissen wir etwas genauer Bescheid: Neueren Schätzungen zufolge soll die örtliche Maskentölpelpopulation auf unter 2500 Brutpaare gesunken und weiter rückläufig sein.
Der Hauptgrund für diese unerfreuliche Situation sind die Nachstellungen seitens des Menschen, denen der Maskentölpel - wie die meisten koloniebildenden, bodenbrütenden Meeresvögel - von alters her ausgesetzt ist. Nicht ohne Grund tragen die Vögel ja ihren wenig schmeichelhaften Namen: Da auf ihren abgelegenen ozeanischen Brutinseln bodenlebende Feinde von Natur aus fehlten, hatten sie im Laufe ihrer Stammesgeschichte keinerlei Fluchtverhalten entwickelt. Die frühen Seefahrer und Inselsiedler konnten deshalb die zutraulichen «Tölpel» mühelos für den Verzehr erbeuten und ihre Eier einsammeln. So wurden viele Brutbestände der bedauernswerten Vögel massiv geschädigt oder gar vollständig ausgelöscht.
Ein wichtiger Grund für den anhaltenden Bestandsrückgang des Maskentölpels ist der Umstand, dass in jüngerer Zeit zunehmend auch kleinste und entlegenste Karibikinseln für den internationalen Tourismus erschlossen werden. Zwangsläufig werden die Vögel dadurch von manchen ihrer bislang verschont gebliebenen Brutplätze verdrängt.
Eine nicht zu unterschätzende Gefahr ist den Maskentölpeln im übrigen durch den immer intensiver betriebenen Thunfischfang mittels Langleinen erwachsen. Dabei werden kilometerlange, mit Hunderten von köderbestückten Haken versehene «Angelleinen» aus Fischerbooten abgerollt und hinterhergezogen. Gewichte sorgen zwar dafür, dass die Leinen in tieferes Wasser absinken. Tölpel, Albatrosse und andere Meeresvögel folgen den Booten jedoch und tauchen nach den Ködern, noch bevor diese ausser Sicht- und Reichweite sind. Sie bleiben dann an den Haken hängen und ertrinken kläglich. Tausende von Meeresvögeln verlieren auf diese Weise alljährlich ihr Leben, was auf bereits ausgedünnte Bestände schlimme Auswirkungen haben kann.
Es ist die Kombination dieser Faktoren, die dazu geführt hat, dass der Maskentoelpel heute in der Karibik zu den Meeresvögeln zählt, deren Situation besorgniserregend und deren Fortbestand längerfristig wohl nur durch gezielte Schutzmassnahmen zu gewährleisten ist.
Zuflucht auf den Grenadinen
Eine der Stellen in der Karibik, wo der Maskentölpel noch in grösserer Zahl brütet, sind die zu St. Vincent, dem Ausgabeland der vorliegenden Briefmarken, gehörenden Grenadinen. Es handelt sich hierbei um eine Schar von ungefähr hundert kleinen, kleineren und kleinsten Inseln, von denen lediglich acht bewohnt sind.
Erfreulicherweise hat der kleine, seit 1979 eigenständige Inselstaat bereits etliche Schritte unternommen, um das Überleben der heimischen Meeresvögel und damit auch des Maskentölpels sicherzustellen. So wurden 1987 alle Meeresvögel ganzjährig unter vollständigen Schutz gestellt; das Erlegen der erwachsenen Individuen ist seither unter Androhung empfindlicher Strafen ebenso verboten wie das Einsammeln ihrer Eier. Ausserdem wurden vierzehn Grenadinen-Inselchen als Naturschutzgebiete ausgewiesen, und zwar hauptsächlich zugunsten der dort brütenden Meeresvögel.
Leider hapert es auf St. Vincent derzeit noch mit dem strikten Vollzug der Naturschutzgesetze, vor allem mangels der hierfür notwendigen finanziellen Mittel. Ein wichtiger und vielversprechender Anfang ist jedoch gemacht, und man darf gewiss davon ausgehen, dass der Maskentölpel im Bereich der Grenadinen eine sehr gute Überlebenschance hat.
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