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Wissenswertes
Jazzgeschichte
«I did it my way!»
«Ich bin was ich bin und stelle mir keine Fragen», meinte einst Frankie-Boy Sinatra. Wir aber gestatten uns die Frage: War er ein Jazzsänger?
Von Ottokar Schnepf
Frank Sinatra - in Basel auch «Frank Sinalco» geheissen: Hier eine Aufnahme zu seiner Glanzzeit.
Ein Symbol des Dilemmas des Jazzgesangs ist es, dass in nahezu allen Jazz-Polls der fünfziger Jahre ein Mann auf den ersten Platz gewählt wurde, der nach den Meinungen der meisten Kritiker kein Jazzsänger ist: Frank Sinatra. Der Grund für seinen Erfolg auch innerhalb der Jazzwelt aber war nicht das oft behauptete Eindringen kommerzieller Kriterien in den Jazz. Gerade einige derjenigen Jazzmusiker und Kritiker, die am wenigsten zu Kompromissen neigten, haben für Sinatra gestimmt.
Und in der Tat gab es damals innerhalb des Jazz keinen Sänger, der mit so viel Sensibilität und Musikalität sang wie Sinatra und gleichzeitig sein Format besass. In der populären Musik hat Sinatra die Standards gesetzt für nahezu alle, die nach ihm kamen. Sein Platz in den Jazz-Polls basiert nicht auf falscher Beurteilung, sondern ist ein direktes Ergebnis des Jazz-Vocal-Dilemmas im Jazz überhaupt.
War Sinatra ein Jazzsänger?
Denn obwohl Sinatras Stellenwert als Jazzsänger unter Jazzpuristen mehr als nur umstritten war, war dafür sein Rang unter den professionellen Jazzmusikern um so höher. Es gibt wohl kaum einen namhaften Musiker, von Lester Young - «Pres» widmete sich tagsüber seinen Cocktails und hörte dazu ununterbrochen Platten von Sinatra - über Stan Getz bis zu Miles Davis, der sich nicht entsprechend darüber geäussert hat, wie sehr Sinatras Gesang seinen Stil beeinflusst habe.
Besonders Miles, den Sinatra nie persönlich traf, brachte es auf den Punkt: «Was ich für mein Instrument an Phrasierungstechnik gelernt habe, das verdanke ich zu einem sehr grossen Teil den Aufnahmen von Frank Sinatra.»
Sinatras Platten-Aufnahmen mit den Orchestern von Tommy Dorsey über Count Basie, Duke Ellington bis zu Woody Herman müssen Miles Davis allesamt beeindruckt haben. In seiner Autobiographie schreibt er: «Angenommen, ich spielte mit Frank Sinatra, dann würde ich versuchen, so zu spielen, wie er singt.»
He hasn't got the Blues
Doch warum eigentlich wird Frankie-Boy von einem Grossteil der Jazzfreunde und -kritiker nicht als Jazzsänger anerkannt? Bei einer Anzahl Jazzfans darf man zum Beispiel den Namen Sinatra nicht einmal erwähnen. Und kürzlich merkte ich am Telefon, auf die Frage nach seiner Meinung über Sinatra, vor des Kollegen Antwort: «Ich kann nichts mit ihm anfangen», wie er beleidigt ob solch einer unerhörten Frage in Atemnot geriet.
Ein anderer mailte mir «Sinatra - he hasn't got the Blues». Und viele meinten, Sinatra sei der Tod der klassischen Big-Bands gewesen, indem er den Gesang in den Vordergrund rückte.
«Sinatra hat Intonations-Trübungen, die nichts mit Blue Notes (dem Blues- Charakter) zu tun haben», äussert sich ein Musikfachmann. «Sinatra is just Sinatra», lautet eine weitere Stimme. «Er wollte ja auch nie ein Jazzsänger sein», meint ein anderer. Lediglich einmal wird Sinatra mit Vorbehalt als Jazzsänger anerkannt: «...aber nur auf den Aufnahmen mit Count Basie». Ein weiteres Argument: «Sinatra hat nie improvisiert». Kurz und gut, für die meisten Befragten war Frank Sinatra also kein Jazzsänger im eigentlichen Sinne.
Sinatra ist Sinatra
Ist es überhaupt relevant, ob Sinatra ein Jazzsänger war oder eben nicht? Eines jedenfalls ist klar: Gesanglich setzte Frank Sinatra mit vielen seiner Alben gleich mehrfach bis heute Masstäbe, was Phrasierung, Timing und lyrische Tiefe betrifft.
«Immer klingt es so, wie man spontan meint, dass es schon immer hätte klingen sollen», wie Count Basie es einmal ausdrückte. Nicht umsonst soll Dionne Warwick einmal treffend über Sinatra bemerkt haben: «Er könnte den Menschen das Telefonbuch vorsingen, und es würde ihnen immer noch gefallen».
Er hatte eben das gewisse Etwas. Sinatra war vielleicht kein typischer Jazzsänger, aber der beste Crooner aller Zeiten. «Learn To Croon» titelte er bezeichnend eine seiner ersten Aufnahmen mit dem Tommy-Dorsey- Orchester. Bis heute gibt es keinen, der es mit «The Voice» aufnehmen kann. Noch Fragen offen?
Drei «Must» Sinatra-Alben
Die 1962 entstandene LP Sinatra-Basie überzeugt von A bis Z; die beiden scheinen wie für einander geschaffen zu sein, und Sinatra swingt in einer Reihe von brillant arrangierten Klassikern.
Swingin’ Lovers ist vielleicht Sinatras bestes Album überhaupt. Die perfekten Arrangements von Nelson Riddle und Harry Edisons glasklare Trompete tragen dazu bei, dass aus Songs wie «I’ve Got You Under My Skin» und anderen gesangliche Meisterstücke werden.
Auch das ein «Muss» für Sinatra-Fans, mit wiederum grossartigen Nelson-Riddle-Arrangements und seinem Orchester mit dem Hit «I Won’t Dance».
Von Ottokar Schnepf