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Spurenlesen – zu: Alain Goldschläger, “Simone Weil et Spinoza”
Spurenlesen – zu: Alain Goldschläger, “Simone Weil et Spinoza”1)
In der Vielfalt deutlicher und flüchtiger Spuren in Simone Weils denkerischer Hinterlassenschaft lässt sich unübersehbar eine starke Linie erkennen:.die Linie Spinozas.
Wenn die meisten Interpreten bis anhin diese Spur entweder übersahen oder zwar wahrnahmen, jedoch eher verwischten als hervorhoben, so mag dies einerseits mit dem Misstrauen zu tun haben, mit dem entweder Spinoza oder Simone Weil oder beiden begegnet wird (Misstrauen vor der undogmatischen, kompromisslosen Wahrheitssuche); oder es mag mit den zahlreichen Missverständnissen zu tun haben, die eine voreingenommene oder oberflächliche Lektüre ihrer Werke hervorgerufen hat: beim grossen jüdischen Denker, der trotz aller Anfechtungen ganz auf dem Boden des Judentums gelebt und gedacht hat, beispielhaft in selbstverantwortlicher Freiheit, dieser Freiheit und der lückenlosen Kohärenz seines ontologischen und moralischen Gott-Welt-Entwurfs wegen; bei der jungen französischen Intellektuellen, die, unverwurzelt, sich selbst den Trost jüdischen Rückhalts versagte, wegen der Heterogenität und Intensität ihrer geistesgeschichtlichen, politischen und religiösen Auseinandersetzung, die kaum unter einen andern gemeinsamen Nenner zu setzen ist als unter den der makellosen “Redlichkeit” in der Verwirklichung gesamtexistentieller Verantwortlichkeit.
Alain Goldschläger, einem in Bruxelles und Toronto ausgebildeten Romanisten und Philosophen, der seit 1971 in London lehrt, kommt das Verdienst zu, sich über das doppelte Misstrauen hinwegzusetzen und das Verhältnis Simone Weil – Spinoza in den Mittelpunkt einer Studie zu setzen, die vor allem im ersten Teil gründlich und kompetent ist, wo der Rezeptionsgeschichte und Wissensgenese in der Weil’schen Biographie nachgespürt wird und die unterschiedlichen Spinoza-Vermittlungen und -Gewichtungen insbesondere durch Leon Brunschvicg, Alain und indirekt durch dessen Lehrer Jules Lagneau deutlich gemacht werden. Denn für jeden dieser “Lehrer” traf zu, was Henri Bergson schon 1927 Brunschvicg geschrieben hatte, dass “tout philosophe a deux philosophies, la sienne et celle de Spinoza”2). Und was Simone Weil einerseits durch den Rezeptionsfilter ihrer Lehrer verarbeitete, was sie andererseits aus der “Ethik” selbst rezipierte, gestaltete sie in ihrem reichen Denkhorizont wiederum zu einer eigenen Philosophie um, zu einer vielfacettierten, letztlich jedoch einheitlich begründeten Seins- und Existenzbejahung (die wir als – einem Wort simone weil’s zufolge – “Logik des Absurden” bezeichnen), Bejahung im spinozanischen Sinn als Ausdruck zugleich einzelmenschlicher Freiheit und mitmenschlicher Verpflichtung im Denken, Leiden und Handeln.
Goldschläger hebt auf zutreffende Weise verschiedene Linien der Uebereinstimmung zwischen Spinoza und Simone Weil hervor, wenngleich die Systematik der Darstellung in diesem zweiten Teil häufig etwas wirr ist. Was er als “reflexive Methode” einführt, kann nicht von den Erörterungen über die Vorstellungskraft getrennt werden. Beide sind Teil einer ontologisch begründeten Erkenntnislehre, in der Simone Weil gesamthaft sowohl sowohl Descartes wie Spinoza verpflichtet ist, Spinoza allein jedoch bezüglich der höchsten Stufe der Erkenntnis, die bei beiden Denkern eins ist mit jener unumstösslichen Gewissheit, die im umfassenden Vernunftrekurs auch Glaube bedeutet (als Seinsverbundenheit im erkennenden Vertrauen) und Liebe (als Seinszugehörigkeit im wissenden Verlangen). Wissen und Glaube wie auch Wissen und Liebe sind somit weder Gegensätze (ausser im mangelhaften Vernunftrekurs und damit im Irren) noch Elemente einer schwer durchschaubaren Mystik, sondern verschiedene Ausformungen rational begründeten, zutiefsten Erkennens.
Allein von dieser Grundlage aus können sowohl bei Spinoza wie bei Simone Weil die in Gefühl und Handeln umgesetzten vielgestaltigen Bezüge zur Realität – zur einen Realität – verstanden und dargestellt werden, in der wechselseitigen und existentiell widersprüchlichen Verflechtung von Gott-Teilhaftigkeit und Autonomie, von Unterordnung unter die Notwendigkeit, die “Ordnung der Welt”, aber auch von Einsicht in sie, von Freiheit der Zustimmung oder Verweigerung, die sich im positiven Sinn als Realitätsgewinn und damit als Freude, im negativen Fall als Realitätsverminderung und als Traurigkeit äussert. Dass der Bejahung der Arbeit in diesem Zusammenhang besonderes Gewicht zukommt, sieht Goldschläger richtig; dass er die politische Bedeutung dieser auf das je gleiche Menschsein begründeten Ethik nicht besonders beachtet, erstaunt.
Falsch scheint es auf jeden Fall,die Frage der Religiosität von Erkenntnislehre und Ethik zu lösen und gesondert zu behandeln, ist Religiosität bei Spinoza doch gerade nichts anderes als Wissen um die Begründung allen Erkennens (und entsprechenden Handelns) in der göttlichen Einzigkeit und vollkommenen Seinseinheit, bei Simone Weil ebenfalls, wenn auch in der Aussage auf weniger systematische Weise als im Streben, bei beiden jedoch keinesfalls als Pantheismus, wie Goldschläger in bedauerlicher Wiederholung eines unkritisch übernommenen, geläufigen Missverständnisses ausführt.
Es gilt auch anzufügen, dass da, wo sich Simone Weil religiös scheinbar am weitesten von Spinoza entfernt, in der Annahme göttlicher Inkarnation im Menschen (nicht nur in einem Menschen„ sondern potentiell in jedem zutiefst Erkennenden und damit Erlösenden) letztlich weniger Gegensatz zum Ausdruck kommt als extreme Weiterführung des biblischen Gedankens von der Gott-Ebenbildlichkeit jedes Menschen. Auch hier ist Simone Weil, trotz der expliziten Verständnislosigkeit ihrem eigenen Judentum gegenüber, zwar wohl vom Christentum gestreift (wie auch von ägyptischer und buddhistischer Religiosität), jedoch nicht im Sinn eines Bekenntnisses, sondern im Sinn der nach Versöhnung suchenden Synthese; “gestimmt” aber, als Stimme im Chor der Denker, ist sie zweifellos jüdisch.
Was beide, Spinoza und Simone Weil, auf je besondere Weise kennzeichnet und gemeinsam auszeichnet, ist die Wahrhaftigkeit und Intensität der gegenseitigen Durchdringung von Religiosität und denkerischer Höchstleistung im Dienst einer menschlicheren Gesellschaft.
(1) Essai d’interpretation, Edition Naaman de Sherbrooke,Quebec 198c
(2) Henri Bergson, Mélanges, P.U.F., Paris 1972, S.1483, zitiert bei Alain Goldschläger, S.141