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Jacqueline Maurer, M.A.
Referentin: Prof. Dr. Fabienne Liptay
Meine Doktorarbeit zu Jean-Luc Godard (*1930 in Paris) verbindet mein Interesse für die Geschichte der realwirklichen gestalteten Umwelt (frz. décor) mit jenem für filmische décors. Die Wechselwirkung zwischen décor, Filmcharakteren und, bei Filminstallationen, Betrachter:innen untersuche ich am jeweiligen Werk und durch historische Kontextualisierungen der Film- und Bauprojekte. Die drei thematischen Themenschwerpunkt meiner Arbeit fokussieren auf Godards Debütfilm, das Scharnierwerk, das den Übergang zu seiner politischen Phase markiert, und schliesslich sein Spätwerk, das sich installativ entfaltet.
Das 1. Kapitel INFRA-STRUCTURE(S) fokussiert auf den Erstling Opération „Béton“ (CH 1955), der die Bauarbeiten auf den Grands Dixence-Staumauer-Baustellen anhand der Betonproduktion und -verarbeitung dokumentiert. Der 24-Jährige nutzte seine Anstellung auf der damals grössten Schweizer Baustelle, um einen ambitionierten und qualitativ bemerkenswerten Kurzfilm zu produzieren. Der Erlös durch den Verkauf des Films an die Grande Dixence SA diente Godard zur Realisierung der anvisierten Filmkarriere. Die (Infra-)Strukturen der Baustellen und der dort repetitiven, maschinellen und handwerklichen Arbeitsschritte schreiben sich in den Schwarzweiss-Film ein, der heute in einer modifizierten Form als Informationsvideo in der Staumauer gezeigt wird.
Das 2. Kapitel GRAND(S) ENSEMBLE(S) setzt sich mit Godards essayistischem Untersuchungsfilm Deux ou trois choses que je sais d’elle (FR 1967) auseinander, worin er seine Kapitalismuskritik gezielt auf den Präfekten der Région parisienne, Paul Delouvrier, richtet. Anhand einer Grosswohnsiedlung an der Pariser Peripherie versucht der durch sein Geflüster präsente Godard zu erörtern, welche entfremdenden Auswirkungen die industriell fabrizierten Grosswohnsiedlungen und der staatlich propagierte Konsum auf die Bewohner:innen haben. In der Wahl der filmischen Zeigeverfahren wird deutlich, dass Godard mit den zeitgenössischen französischen Architektur- und Städtebaudiskursen vertraut war. Die von Godard ermittelten Konsequenzen der rasanten baulichen Massnahmen zur Bekämpfung der Wohnkrise manifestieren sich noch heute.
Das 3. Kapitel DÉ/MONTAGE(S) widmet sich dem Spätwerk Godards ausgehend von Le Livre d’image (FR/CH 2018), das an die Histoire(s) du cinéma (FR/CH 1988–1998) anknüpft. Die variablen raumgreifenden Präsentationsformate von Le Livre d’image – bevorzugt jenseits klassischer Kinosäle – stehen in Bezug zur institutionskritischen Ausstellung Voyage(s) en utopie. Jean-Luc Godard (1946–2006). À la recherche du temps perdu, die 2006 einen produktiven Dialog mit dem Centre Pompidou-Bauwerk einging. In der Art und Weise, wie Le Livre d’image neue Präsentationsmodi einführt, lässt sich die von Georges Didi-Huberman für die Histoire(s) du cinéma beschriebene Methode des „lyrisme ouvert“ (Didi-Hubermann 2015), und damit eine „zentrifugale Form der Montage“ (Didi-Huberman 2007), nun als eine lesen, die sich auf den Realraum überträgt, die Betrachtenden integriert, zur Co-Montage auffordert, und ebenso an die Anfänge des Kinos anknüpft.
Die interdisziplinäre Arbeit mit ihrer neuen Perspektive auf Godards Gesamtwerk leistet allgemeiner einen film- und kunstwissenschaftlich Beitrag zur Auseinandersetzung mit Architektur-, Städtebau- und Infrastrukturprojekten im Film und in installativen Ausstellungsprojekten.