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Die Geschichte des Business-Jets ist rund 60 Jahre alt und hat recht unterschiedliche Entwicklungen hervorgebracht. Wir würdigen die zehn wichtigsten
Militant Morane-Saulnier MS-760 Paris Erstflug: 29. Juli 1954
Nach 1950 suchte die französische Luftwaffe einen Jet-Trainer für die Pilotenschulung. Morane-Saulnier konnte sich mit dem Konzept zweier nebeneinander liegender Sitze zwar nicht durchsetzen, sah das Projekt aber als gute Basis für einen viersitzigen Business-Jet an und versuchte damit, in den USA Fuss zu fassen. Gegenüber dem ab 1964 angebotenen Learjet 23 hatten die Franzosen aber keine Chance. Der allererste Business-Jet im schweizerischen Luftfahrzeugregister war der 1961 importierte MS-760C HB-PAA. Dass es sich eigentlich um ein militärisches Schulflugzeug handelte, merkte man spätestens beim Einstieg über den Bordrand, für den die Verglasung nach hinten verschoben werden musste. Zwar baute Morane-Saulnier auch eine Version mit einer normalen Einstiegstreppe und runden Fenstern, aber es blieb bei diesem einzigen Exemplar (siehe Foto). Als militärische Verbindungs- und Schulungsflugzeuge standen die 165 MS-760 Paris vor allem in Frankreich, Brasilien und Argentinien im Einsatz.
Kostspielig Lockheed L-1329 Jetstar Erstflug: 4. September 1957
Der Jetstar fällt aus der Reihe der Business-Jets: Vier am Heck montierte Turbinen treiben das als leichtes Transportflugzeug für die U.S. Air Force konstruierte Flugzeug an. Der erste Prototyp flog am 4. September 1957, ausgerüstet mit zunächst nur zwei (britischen) Triebwerken. Da diese für einen Serienbau nicht verfügbar wurden, entschloss sich Lockheed, für den Serienbau schwächere amerikanische Motoren einzubauen, dafür aber deren vier. Dies führte zu entsprechend höheren Betriebskosten. Der Erstflug in dieser Konfiguration erfolgte im August 1961. Lockheed nahm für sich in Anspruch, den ersten Business-Jet entwickelt zu haben, was insofern zur Diskussion gestellt werden kann, als das Muster klar auf eine militärische Ausschreibung zurückgeht, im Gegensatz etwa zum Learjet. Die Produktion des Jetstar endete 1978, nachdem 204 Maschinen gebaut worden waren. 24 davon standen im militärischen Einsatz in den USA, Deutschland und Saudi-Arabien.
Erfolgreich Hawker Siddeley HS.125 Erstflug: 13. August 1962
Der D.H. 125 Jet Dragon war das letzte Flugzeug, welches den Namen des berühmten britischen Luftfahrtpioniers Geoffrey De Havilland trug. Konzipiert als Geschäftsreiseflugzeug für zwei Piloten und sechs Passagiere, flog der Prototyp erstmals am 13. August 1962. Dies war auch das Jahr, in dem der legendäre Name De Havilland verschwand; die Serienflugzeuge wurden fortan als Hawker Siddeley HS.125 verkauft. Das Baumuster erwies sich als ausgesprochener Longseller. Laufend wurden Verbesserungen wie modernere Triebwerke, neue Avionik und aerodynamische Verfeinerungen eingeführt. Durch Fusionen und Firmenverkäufe änderten im Laufe der Zeit immer wieder die Bezeichnungen. Auf Hawker Siddeley folgte British Aerospace, dann kam Raytheon Hawker und schliesslich nur noch Hawker. Unter diesem Namen wird das Flugzeug auch mehr als 50 Jahre nach dem Erstflug noch gebaut – zahlreiche Komponenten nach wie vor in England, aber die Endmontage und Flugerprobung erfolgen in Wichita/Kansas.
Elegant Dassault Mystère/Falcon 20 Erstflug: 4. Mai 1963
Der Dassault Mystère 20 war eine französische Gemeinschaftsentwicklung der staatlichen Sud Aviation und der privaten Firma Dassault. Der Prototyp flog noch mit zwei Strahltriebwerken vom Typ Pratt & Whitney JT12A8. Drei Monate nach dem Erstflug bestellte die amerikanische Pan American 40 Maschinen und übernahm den Vertrieb des neuen Flugzeugs in den USA. Allerdings sollten dafür Triebwerke vom Typ General Electric CF700-2C eingebaut und der Name auf Falcon 20 geändert werden. 1965 begann die Auslieferung des bis zu neun Passagiere fassenden Jets, der eine sachliche, französische Eleganz ausstrahlt. Neben zahlreichen privaten Betreibern beschaffte auch die amerikanische Küstenwache eine Flotte von gut 40 Exemplaren und setzte sie als HU-25 Guardian ein. In den folgenden Jahren entwickelte Dassault den Jet laufend weiter. 1988 wurde der Bau des Mystère/Falcon 20 nach gut 500 Exemplaren eingestellt.
Wegweisend Learjet 23 Erstflug: 7. Oktober 1963
William «Bill» Lear Sr., ein amerikanischer Tüftler, Erfinder und Geschäftsmann, entwickelte unter anderem das erste Autoradio, Funkfeuerpeiler für die Aviatik oder die 8-Spur-Audiokassette für den mobilen Gebrauch. 1960 kam er in die Schweiz, gründete in St. Gallen die Swiss American Aviation Company (SAAC) und engagierte das Team um Hans-Luzius Studer. Dieses hatte das Schweizer Düsenkampfflugzeug P-16 entwickelt, in dem Lear die Ausgangsbasis für einen kleinen, schnellen Geschäfts-Jet erkannte. Der SAAC-23 sollte auch kleine Flugplätze anfliegen können, die mit Linienmaschinen nicht erreichbar waren. Zwei Jahre später transferierte Lear das ganze Projekt nach Wichita/Kansas, wo der nun Learjet 23 genannte Prototyp zu seinem Erstflug startete (und sich in den kommenden Jahren weitere Jet-Hersteller ansiedeln sollten; siehe Hawker Siddeley). Der vier- bis sechsplätzige Jet war der Beginn einer Erfolgsgeschichte, die bis heute andauert. Er ging als erster Business-Jet in die Massenproduktion; die ersten Maschinen wurden bereits 1964 ausgeliefert. Heute umfasst die Learjet-Familie 14 Grundversionen und ein Ende der Fertigung ist nicht abzusehen.
Unkonventionell HFB 320 Hansa Jet Erstflug: 21. April 1964
Deutschland war Pionier im Strahlflugzeugbau und verfügte über die ersten Düsenflugzeuge. Doch 1945 kam das Aus für die deutsche Luftfahrtindustrie; erst zehn Jahre später konnte in diesem Bereich wieder gearbeitet werden. Nachdem Hans-Luzius Studer bei SAAC ausgeschieden war (siehe Learjet), engagierte ihn die Norddeutsche Hamburger Flugzeugbau GmbH, wo er den HFB 320 Hansa Jet entwarf. Die auffälligsten Merkmale waren die Flügelendtanks (wie bei den ersten Learjet-Modellen) und die nach vorne gepfeilten Tragflächen. Diese Konstruktionsweise erlaubte einen ungewöhnlich grossen Innenraum im Rumpf, da der Flügel-Hauptholm hinter der Kabine zusammengeführt wurde. Schon 1964 startete ein Vorserienexemplar zum ersten Flug. Mit nur 47 gebauten Maschinen, von denen 31 an private Kunden und 14 an die Deutsche Luftwaffe verkauft werden konnten, war dem Hansa Jet kein kommerzieller Erfolg beschieden. Es handelt sich allerdings um die erste deutsche Jet-Eigenentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg.
Unpopulär Piaggio PD-808 Erstflug: 29. August 1964
Der kalifornische Flugzeughersteller Douglas war unter anderem berühmt für seine lange Reihe von Verkehrsflugzeugen mit dem Kürzel DC (für Douglas Commercial). Wenig bekannt ist, dass die Firma in den 50er-Jahren einen Business-Jet konstruierte, an dem jedoch niemand Interesse zeigte. 1961 verkaufte Douglas deshalb das ganze Projekt nach Italien. Die renommierte Firma Piaggio entwickelte das Flugzeug mit Unterstützung von Douglas weiter. Nach dem Erstflug des Prototyps dauerte es fast zwei Jahre, bis eine zweite, leicht modifizierte Maschine folgte. Schliesslich startete die Serienproduktion, doch gerade mal zwei zivile PD-808 konnten verkauft werden. 25 Maschinen gingen an die italienische Luftwaffe, die sie bis 2003 für verschiedene Aufgaben einsetzte – zum Beispiel als viersitziges VIP-Flugzeug oder neunplätzigen Navigations-Trainer.
Elitär Grumman 1159 Gulfstream II Erstflug: 2. Oktober 1966
Der amerikanische Flugzeughersteller Grumman war berühmt für seine vielen Kampfflugzeuge für die U.S. Navy. In den 50er-Jahren wagte er sich auf ein neues Gebiet vor und entwickelte das von zwei Propellerturbinen angetriebene Geschäftsreiseflugzeug Gulfstream I. Die rege Nachfrage bewog Grumman, ein komplett neues Flugzeug mit Strahltriebwerken zu konzipieren. Der Gulfstream II hob 1966 ab und war eine Klasse für sich: Mit einer Reichweite von mehr als 6000 Kilometer konnte er problemlos von New York nach London fliegen – eine bis dahin für Business-Jets unerreichte Leistung. Als die Produktion Ende 1979 auslief, hatten 258 Maschinen einen Käufer gefunden. Der Gulfstream II war das Ausgangsmuster für eine ganze Flugzeugfamilie, deren Evolutionsstufen bis heute erfolgreich sind. Die Gulfstream-Jets sind in der oberen Businessklasse angesiedelt und folglich nicht für jedermann erschwinglich.
Klassisch Cessna 500 Citation Erstflug: 15. September 1969
Cessna baute zehntausende von kleinen, einmotorigen Sport- und Reiseflugzeugen, die auf praktisch jedem Flugplatz der Welt zu finden sind. Zwar hatte der US-amerikanische Hersteller mit dem militärischen Schulflugzeug T-37 bereits Jet-Erfahrungen sammeln können, stieg hier aber erst spät in die Zivilbranche ein. Ziel der Entwicklung: einen einfachen, leicht zu fliegenden und günstig zu operierenden Business-Jet auf den Markt zu bringen. Dass sich dieses Konzept bewährte, zeigt der Erfolg des Citation getauften Projektes. Ende der 60er-Jahre begann dann die lange Karriere eines Flugzeugs, das die Grundlage einer ganzen Modellfamilie bilden sollte. Als 1985 der letzte von fast 700 Citation I ausgeliefert wurde, standen bereits verschiedene Weiterentwicklungen im Bau, die in ihren Typenbezeichnungen alle den unterdessen zum Begriff gewordenen Namen tragen.
Voluminös Canadair CL-600 Challenger Erstflug: 8. November 1978
Einmal mehr steckte der Tüftler William «Bill» Lear Sr. hinter einer Neuentwicklung: Nach seinem Erfolg mit dem kleinen Learjet 23 wagte er sich an das nächste Projekt: Learstar 600 nannte er es und hatte diesmal vor, ein sehr komfortables Geschäftsreiseflugzeug zu bauen – im Gegensatz zum Learjet, der eine eher enge Kabine aufwies. Im April 1976 verkaufte er die Rechte an Canadair und der Jet erhielt die neue Bezeichnung CL-600 Challenger. Die Kanadier modifizierten das Flugzeug nur leicht, bevor der erste von drei Prototypen startklar war. Wie seinerzeit der Learjet setzte auch der Challenger neue Massstäbe: Bei einer Kabinenhöhe von 185 cm und -Breite von 249 cm konnten die Passagiere unterwegs aufstehen und frei herumlaufen – ein Novum in dieser Flugzeugklasse. Bald entstanden unterschiedliche Versionen des Challenger, die sich vor allem durch andere Triebwerke, die Rumpflänge oder Reichweite voneinander unterschieden.