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Und plötzlich stehen ganz andere Dinge im Mittelpunkt. Diese Erfahrung macht augenblicklich auch Simon Libsig und dichtet seinem frisch geborenen kleinen König schon unglaubliche Gaben an.
Schnabowski war zwar klein, aber ein grosser König. Die meisten seiner Untertanen verstanden seine Sprache nicht. Für sie klang es wie Schreien. Trotzdem liebten sie ihn. Sie bereiteten ihm aufwendige Speisen. Sie wuschen ihn. Sie cremten ihn ein und kämmten ihn. Sie wickelten ihn in teuerstes Tuch. Ja sie knuddelten ihn. Da Schnabowski nicht gut zu Fuss war, reiste er gerne in einer Art Kutsche. Sie wurde nicht von Pferden gezogen, sondern von stolzen Pfauen geschoben. Meistens schlief er sofort ein und ruderte im Traum mit seinen zarten, speckfaltigen Armen und Beinen.
Wenn Schnabowski nicht schlief, trank er. Ja, König Schnabowski hing seit frühester Kindheit an der Flasche. Und nicht nur das. Er brunzte, reiherte, rülpste und furzte, wenn es ihm danach war. Selbstverständlich wurde dieses Ereignis jedes Mal von seinem Volk beklatscht. Schnabowski konnte bitterlich weinen und aus vollem Herzen lachen. Er hatte einen schelmischen Blick und ein ansteckendes Grinsen. Und sein Volk war von ihm angesteckt. Es grassierte ein regelrechtes Schnabowski-Fieber. König und Volk waren eins: Hatte Schnabowski Magenkrämpfe, lag auch sein Volk elendiglich darnieder. Hatte Schnabowski einen tiefen Schlaf, schnarchte es auch rundherum friedlich aus allen Betten.
Schnabowski war weise. Er erkannte stets das Einfache und Klare. Er brauchte nur darauf zu deuten, und sein Volk wusste: «Oh, ein Zug» oder «Ah,
Schneeflocken» oder «Ui, ein Kätzchen» und gemeinsam mit Schnabowski konnten sie sich darüber freuen. Etwas allerdings bereitete seinem Volk grosse Sorge. Schnabowski hatte noch nie einen Haufen gemacht. Einen richtigen Haufen. Kein Möchtegern-Häufchen, nein, ein grosser, dampfender Haufen! Das war er ihnen schuldig! Das musste ein König wie er doch zustande bringen! Sie redeten ihm zu, sie boten ihm neuartige Speisen und Tees an und sie liessen ihm Bäder ein. Am Schluss setzten sie ihn gar unter Drogen. Und Boom! Schnabowski schiss. Und wie er schiss! Einen gewaltigen, dampfenden Haufen. Einen stinkenden, klebrigen Haufen. Und Schnabowski thronte stolz darüber.
Doch dann kamen Experten an Schnabowskis Hof, um den Haufen zu begutachten. Sie wogen ihn, sie beschnupperten ihn, sie bestimmten seine Farbe.
Und plötzlich war nichts mehr einfach und klar. Plötzlich war alles kompliziert. Schnabowski hatte einen Haufen gemacht, den man noch nie zuvor gesehen hatte. Seinen Haufen. Einen Schnabowski-Haufen. Aber war das nun ein guter Haufen oder ein schlechter Haufen? Die Experten wussten es nicht. Und weil es die Experten nicht wussten, wurde das Volk unsicher. Und weil das Volk unsicher wurde, wurde auch Schnabowski unsicher. Und so entschied er sich, alles zu verrammeln und dicht zu machen. Er hatte sein Geschäft getätigt, nun war zu. Aus, Ende, basta! Ob sich König Schnabowski je wieder öffnete, wird von Überlieferung zu Überlieferung anders weitergegeben. Noch heute allerdings erinnern uns manchmal Schilder in Schaufenstern und Türen an den grossen Schnabowski und seinen Wunsch nach Ruhe und einer verdienten Pause: Geschäft geschlossen.
Zur Person
Simon Libsig kann nicht nur reimen, sondern auch lesen und schreiben. Der Badener gewann mehrere Poetry-Slams und einen Swiss Comedy Award. Mehr Libsig auf www.simon-libsig.ch
Illustration: istockphoto.com