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Napoleon III. überlebte im April 1855 ein Attentat und weihte einen Monat später die erste Pariser Weltausstellung ein. Es war eine patriotische Leistungsschau, die Erfindungen vorführte, die ganz im Zeichen der Industrialisierung und der Beschleunigung standen. Über fünf Millionen Menschen besuchten die 23 000 Aussteller aus 36 Nationen. Der Amerikaner Samuel Colt, der Erfinder eines wasserfesten Transatlantikkabels, präsentierte einen Revolver mit Drehzylinder, Singer holte mit seiner Nähmaschine den ersten Preis, der Belgier Adolphe Sax blies in ein merkwürdiges Instrument, das auf den Namen «Saxofon» hörte, während Edward Loysel de Santais an seinem hydraulischen, drei Meter hohen Druckbrühapparat 2000 Espressi pro Stunde ausschenkte.
Doch die für die Zukunft gewichtigste Erfindung waren nicht neuartige Dampfmaschinen, Fahrstühle, Klimaanlagen, sprechende Puppen oder die Einführung der Bordeaux-Klassifizierung, nein, eines der wichtigsten Geräte des Industriezeitalters war die Kontrolluhr.
Mit der Industrialisierung gerieten die Fabrikarbeiter unter das Diktat der Zeitmessung. Hatte man bisher eine sehr lockere Auffassung von Zeit, disziplinierte die Stechuhr die Menschen. «Zeit ist Geld», hatte Benjamin Franklin bereits 1748 in seinem Buch «Ratschläge für junge Kaufleute» gepredigt. 1753 hatte der Graf von Rumford die «ganz unglaubliche Bummelei» in Verwaltung und Produktion beklagt und für Arbeitszeitkontrollen plädiert. Ohne exakte Zeitmessung konnten keine Produktionsziele und Zeiträume geplant und laufend überprüft werden.
Die Kontroll- oder Stechuhr wurde zum «Herzschlag des Kapitalismus» (Karl Marx); sie gab an den Fliessbändern den Takt an. Die neue Pünktlichkeit wurde zur neuen Tugend. Sie bedeutete mehr Effizienz, Gewinnmaximierung und schaffte einen entscheidenden Vorteil gegenüber Ländern ohne Zeitdisziplin.
Weiterhin nach dem Stand der Sonne richtete sich David Livingstone, der als erster Europäer die Victoriafälle erreichte. Der neu gegründete Daily Telegraph berichtete ausführlich darüber, aber Schlagzeilen machte auch der für alle Seiten zermürbende Krimkrieg, der auch als Geburtsstunde der Kriegsfotografie gilt. Erstmals wurden den Menschen zu Hause keine kriegsverherrlichenden Gemälde präsentiert, sondern die brutale Realität des Krieges vor Augen geführt.
Mit Gustave Courbet hielt der Realismus auch in der Malerei Einzug. Einige seiner Gemälde wurden von der Jury, die für die Weltausstellung die Auswahl traf, abgelehnt, worauf Gustave Courbet kurzerhand mit privaten Mitteln den Pavillon du Réalisme aus dem Boden stampfte, in dem abgelehnte Verfechter des neuen Realismus ausstellen konnten. Berühmt und berüchtigt wurde er neun Jahre später mit seinem fotorealistischen Skandalbild einer nackten Frau mit gespreizten Schenkeln, wobei er sich auf die behaarte Vulva im Grossformat konzentrierte: «Der Ursprung der Welt» (L’Origine du monde) hängt heute im Musée d’Orsay. Als man Courbet später doch noch das Kreuz der Ehrenlegion anbot (zusammen mit Honoré Daumier) lehnten beide ab, weil sie die Ansicht vertraten, dass der Staat keinen Einfluss auf künstlerische Belange nehmen sollte.
Höchste Anerkennung erhielt der Mathematiker und Astronom Urbain Leverrier, der am 19. Februar 1855 der Pariser Akademie der Wissenschaften die erste Wettervorhersage vortrug. Seine Prognose basierte auf telegrafisch eingeholten Wetterinformationen aus aller Welt und gilt als Geburtsstunde der Meteodienste. Denn seine Prognose war – richtig.