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Der Antiquar von Prag – und der Untergang des Abendlandes (Teil 3)
Die «Wirtschaft der Natur» ist in jeder Hinsicht selbstlos und dient immer dem Ganzen. Die Bienenkönigin bildet kraft ihrer Bestimmung das Herz innerhalb des Bienenorganismus. In der Ökonomie der Erde, als lebendiges Wesen verstanden, spricht sich die Weisheit und Gesetzmässigkeit der geistigen Welt aus. Darum wird die Menschheit nur in Frieden leben können, wenn sie ihre Existenzsicherung sprich ihre Wirtschaft in diesem Sinne organisiert. Aus der Serie «Nachrichten aus der Welt von morgen» von Andreas Beers. Teil 3 dieser Geschichte.
«Und der Todestag unserer abendländischen gegenwärtigen Zivilisation wäre eben das Jahr 2200.» So Oswald Spengler in seiner Morphologie der Weltgeschichte von 1918. Mit westlicher, sprich abendländischer Zivilisation wird dort beschrieben, was von Rom ausgehend und später durch die westeuropäischen Länder, vor allem durch das britische Empire, als Wirtschaftsimperialismus in die Welt getragen wurde. Mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg wurde dieser Impuls durch den angloamerikanischen Imperialismus von den USA ausgehend, nationenübergreifend, unter dem Begriff der Demokratisierung fortgesetzt. Dessen Impuls und Wesen ist gekennzeichnet durch die Phrase, die Lüge – sprich dem Anspruch – der materiellen Macht auf Erden. Jedes nachfolgende Imperium ähnlichen Wesens, wird, egal wie es sich auch nennen mag, den physischen, seelischen und geistig kulturellen Zerfall in der Welt fortsetzen. Es gibt nur eine Wirklichkeit, ein «Imperium», das polar dazu wirkt: Das geistige Evolutionsprinzip unserer Erde.
Prag, den 19. Juli 2223, in den Stunden, in denen man einen weissen nicht von einem schwarzen Faden unterscheiden kann. Die Erde dreht sich langsam aus dem Nachtdunkel. Die Wärme des Vortages lagert noch in den Steinen, und das Dämmerlicht im Osten kündigt schon einen weiteren schönen Sommertag an. Die Lastkähne und Fähren liegen noch wie schlafende schwarze Wale an den Piers. Dazwischen strömt das dunkle, wie Onyx scheinende Wasser der Moldau. Nachdem die Kellnerin im Kavárna Slavia sie höflich, aber doch bestimmt in die Nacht hinausgeschickt hatte, spazierten Inka und Václav hinunter zum Fluss und setzten sich auf die Hafenmauer.
«Warum beteiligen sich denn, ganz konkret, noch immer so wenige Menschen an einem friedlichen Wandel?» Fragt Inka und schenkt Václav und sich heissen Tee nach, den sie aus dem Café mitgenommen hatten und jetzt in der Morgenfrische geniessen. «Naja, im Verhältnis zur grossen schlafenden Masse hast du ja recht. Aber immerhin gibt es schon Länder, Regionen und Städte, die sich in organischen Ökonomienetzwerken weltweit solidarisieren. Dort bilden sich Keimzellen für den wirklichen Wandel, der in noch sehr ferner Zukunft kommen wird!» «When the moon is in the seventh house, and Jupiter aligns with Mars, then peace will guide the planets, and love will steer the stars. This is the dawning of the Age of Aquarius! Harmony and understanding, sympathy and trust abounding, No more falsehoods or derision, golden living dreams of visions, Mystic crystal revelation, and the mind's true liberation. Aquarius! Aquarius! Aquarius!», singt Václav vor sich hin. «Das klingt schön, was ist das?», fragt Inka und rückt etwas näher an Václavs Seite, da sie fröstelt.
«Ein altes Lied, sehr alt … , von 1967, glaube ich. Es erzählt vom kommenden Wassermannzeitalter», sagt Václav und fährt fort: «Harmonie und Verständnis, Sympathie und Vertrauen im Überfluss, keine Lüge oder Spott mehr und wirkliche Befreiung des Geistes … , davon träumte diese Generation. Aber sie träumte leider nur davon. In der Realität versank sie später im Konsum und in Illusionen und legte den Keim für eine virtuelle Welt, die sich im weiteren Verlauf in eine digitale Dystopie verwandelte. Spiritualität ist eben etwas anders als Spirituosen! Die Mischung aus unzeitgemässen, also alten Imperialismen und diesen Illusionen von einer virtuellen Welt, in der alles gut wird, war die unseligste Verbindung, die je geschmiedet wurde – sozusagen materialistischer Spiritismus! Er und seine Instrumente sind der Grund, warum noch viele Menschen unbeteiligt vor sich hinvegetieren …, anders kann man das nicht nennen!» «Und warum mischt sich dann diese geistige Welt, von der du immer sprichst, nicht ein, wenn es sie schon gibt?», fragt Inka verzweifelt klingend, steht auf und geht ein paar Schritte an der Sandsteinmauer entlang, die jetzt mit zunehmender Dämmerung rötlich zu schimmern beginnt.
«Diese Nuss werden wir auch noch knacken», sagt Václav, greift in seine Jackentasche, kramt ein paar Baumnüsse heraus und spaltet sie geschickt mit seinem Taschenmesser. «Setz dich wieder, ich versuch’s dir zu erklären». Er reicht ihr ein paar der geknackten Nüsse und fährt fort: «Die vollständige Freiheit der Menschen ist ein geistiges, oder wenn es dir besser gefällt, das spirituelle Evolutionsziel unserer Erde. Die Menschheit musste deshalb ganz in die Materie eintauchen, ihr im wahrsten Sinne des Wortes verfallen. Geistige Führung darf also nicht mehr von aussen kommen! Sie muss sich im Inneren des Menschen als existentielles Grundbedürfnis bilden. Die Geistige Welt ist immer für den Menschen da. Indem er sich bewusst und aus freien Willenskräften heraus ihr zuwendet, wird sie sich in ihm und durch ihn in der Welt manifestieren.»
«Warum manifestieren sich dann immer noch böse Dinge in der Welt?», unterbricht ihn Inka. «Nun, was bedeutet schon Gut und Böse? Diese Wertung führt zu nichts, das hat uns die Geschichte doch gezeigt. Nennen wir es lieber förderliche oder hemmende Impulse. Die geistige Welt ist keine Heilsarmee – wo Licht ist, ist auch Finsternis! Was für die uns umgebende Natur gilt, gilt auch für den Menschen. Nur das richtige Verhältnis von beidem schafft Leben.» «Das ist mir zu philosophisch», sagt Inka etwas genervt, «mach das mal konkreter!» «Gut», sagt Václav und knackt noch ein paar Nüsse. «Also, was brauchen wir wirklich zum Leben, um auf Erden existieren zu können?» «Luft zum Atmen, Wasser, Nahrung und eine Behausung, und in Frieden miteinander leben. Alles andere ist Nebensache, Ablenkung!», antwortet Inka. «Genau, das haben inzwischen noch nicht alle, aber doch schon einige begriffen. Und damit wären wir bei deinem Steckenpferd angelangt: Die Güter der Erde gleichberechtigt und ohne Machtansprüche verwalten! Landbewirtschaftung, Rohstoffhandel und Wirtschaften, die ältesten Tätigkeiten des Menschen, habe ich recht?»
«Ja schon, aber irgendwo ist immer noch der Bock drin!» «Bock ist passend, der mit den behaarten Klauenfüssen», fügt Václav scherzend hinzu. «Die unipolare Weltordnung wurde ersetzt durch eine sogenannte multipolare … » «Du mit deinen schlauen Begriffen … , nützt nichts, wenn im Kern immer noch der Teufel steckt!», fährt ihr Václav energisch dazwischen. «Das Imperium der Phrasendrescherei ist eben immer noch am Werk, egal wie es sich nennt. Ob menschliche oder künstliche Intelligenz, besitzlos glücklich sein, oder Wohlstand für alle … , du siehst ja wohin das führt in den gespaltenen Machtblöcken, die sich aufs Neue in der Welt bekriegen. Die einen füllen alten Wein in neue Schläuche und die anderen füllen Luft rein, verteilen sie unter die Massen und saufen den Wein selbst. Solange da nicht wirkliche Menschlichkeit, sprich geistig motiviertes Handeln drin wirkt, bleibt die Sache unausgegoren.»
«Also, wie weiter?», fragt Inka und zeigt auf den Dämmerungsglanz, der sich über die Moldau gelegt hat und den sie jetzt erst bemerkt. «Wunderbar!», sagt Václav, der ihrem Blick folgt. «Wir sollten etwas spazieren gehen und danach im Slavia frühstücken, was meinst du dazu?» Václav steht auf und blickt in die Morgenröte, die sich hinter den dunklen Türmen der Stadt ausbreitet. «Das machen wir!», erwidert Inka lächelnd und hackt sich bei Václav unter, der ihr seine Armbeuge entgegenhält. «Sag noch was Schönes zum Abschluss, damit unser Gespräch nicht so unfertig in der Luft hängen bleibt», bittet Inka und knufft ihn dabei in die Rippen. «Machen wir weiter, fleissig wie die Bienen – bilden wir einen dreiteiligen sozialen Organismus, mit Verstand und durchwärmt mit Licht und Liebe – das ist des Menschen Ziel!» «Das wars?», fragt Inka und bleibt abrupt stehen. «Wir pflegen und hegen natürlich darin die Weisheit und Hoffnung, die Königinnen des Lebens: Das ist die Aufgabe des Wassermannzeitalters!» «Ja … , jetzt stimmt’s», sagt Inka leise … und laut: «Lass und gehen, die Sonne ist aufgegangen.»
«Echte Güter gibt es nur wenige. Nur das ist ein echtes Gut und gut, das gut und ein Gut ist für alle. Deshalb muss, damit der Mensch nicht vom gewählten Ziel abkommt, das Ziel ein gutes sein, in Übereinstimmung mit dem Wohl der Allgemeinheit.» (Marc Aurel, Philosoph und römischer Kaiser, 161 bis 180)
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Andreas Beers aus Bern ist Landwirt, Arbeitsagoge und Lehrer. Er kultiviert die Erde, sät und erntet, er denkt, spricht und schreibt über: Mensch, Erde und Himmel, oder was wir zum Leben brauchen.
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