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Irgendwo in der Hitze von Louisiana. Mike, Millionärssöhnchen, kniet neben seinem Vater, der mit einem Messer in der Brust tot auf dem Boden liegt. Die Sache scheint eindeutig, zumal der junge Mann die Tat gesteht. Für Familienanwalt Ramsey ein kniffliger Fall. Erschwerend kommt hinzu, dass Mike nach seiner Verhaftung beschließt, nicht mehr zu reden. Ramsey ist klar, dass er ein nicht Schuldig lediglich herbeiführen kann, wenn er es schafft, die Geschworenen davon zu überzeugen, dass Mike aufgrund familiärer Grausamkeiten zum Mörder wurde. Als hilfreich erweist es sich, dass es die Zeugen mit der Wahrheit nicht so genau nehmen, was in visualisierten Rückblenden, die gegengeschnitten wird.
Eigentlich begann die Karriere von Regisseurin Courtney Hunt vielversprechend. Für ihr Kinodebüt FROZEN RIVER bekam sie für das von ihr verfasste Drehbuch eine Oscar Nominierung. Der Weg führte sie danach allerdings in die Mittelmäßigkeit des Mainstream TV, wo sie bei diversen Folgen der erfolgreichen US-Serie LAW AND ORDER: NEW YORK Regie führte. THE WHOLE TRUTH sollte ihr starbesetztes Kinocomeback werden. Für die Hauptrolle konnte sie die großartige Renée Zellweger (BRIDGET JONES) gewinnen, die sich nach einer Reihe von Flops von der Kinoleinwand zurückzog und mit dem Gerichtsthriller ebenfalls ein Comeback feiern wollte. Der Part des Anwaltes sollte Superstar Daniel Craig (SPECTRE) spielen. Kurz vor Drehbeginn sprang der Brite jedoch ab. Vielleicht hatte Craig erkannt, dass das Drehbuch nicht das Potential für großes Kino besitzt. Das muss auch Autor Nicholas Kazan (Sohn des legendären Regisseurs Elia Kazan) selbst erkannt haben, anders ist es nicht zu erklären, dass er das Buch unter einem Pseudonym (Rafael Jackson) schrieb. Ersatz für den Part des Anwalts war schnell in Person von Keanu Reeves, der bereits in den 90er Jahren in dem Film „Der Anwalt des Teufels“ Jura Erfahrung sammeln konnte, gefunden.
Dass der Film letztlich nicht funktioniert, liegt dann auch in den Schwächen des Drehbuchs und einer uninspirierten Regie, die das Geschehen abfilmt als sei es eine Episode eines potentiellen LAW AND ORDER: Lousiana– Spin offs. Kazans Drehbuch will ungemein clever sein und wirft doch nur Fragen auf. Dies stößt besonders unangenehm in Form eines Plot Twists am Ende auf, das in dieser Form überhaupt keinen Sinn ergibt. Bereits die zuvor gelegte Spur, die nahelegen soll, dass Sohn Mike und seine Mutter Loretta die eigentlichen Opfer sind, in dem sie von Familienoberhaupt Boone gequält wurden, funktioniert nur eingeschränkt. Die in Rückblenden gezeigten Situationen wirken leider zu keinem Zeitpunkt bedrohlich. Das liegt vor allem am Spiel von James Belushi. Vielleicht war es sein jahrelanger Dauereinsatz als chaotisch überforderter Vater in der Erfolgsserie IMMER WIEDER JIM, der es unmöglich macht, Belushi als Vergewaltiger und Schläger ernst zu nehmen. Zumeist wirkt Belushi als würde er mit angezogener Handbremse spielen. Das trifft auch auf Reeves und Zellweger zu, die ihre Rollen ebenfalls seltsam emotionslos runter spielen. Kazan gibt den Darstellern allerdings auch wenig in die Hand, womit sie ihre oberflächlichen Charaktere füllen können. Am ehesten schafft es noch der junge Gabriel Basso in der Rolle des Sohnes zu überzeugen, aber auch hier erweist sich das Drehbuch als sein größter Gegner.
THE WHOLE TRUTH – LÜGENSPIEL ist ein unspektakulär inszenierter Gerichtsthriller, der smart und clever sein will und sich genau aus diesem Grund hoffnungslos in sich selbst verstrickt. Genauso unspektakulär fällt auch die Musik des französischen Komponisten Brüderpaars Evgueni und Sacha Galperine aus (VERSTEHEN SIE DIE BELIERS). Unauffällig plätschert die Musik im Hintergrund vor sich hin. Das Setting Louisianas komplett ignorierend erinnert das Vorgehen der Brüder eher an die Klangcollagen von Trent Reznor und Atticus Ross (GONE GIRL). Ein melodischer Ansatz ist am ehesten noch im End Title erkennbar. Letztlich zweckdienliche Musik, die die Chance verpasst, der Geschichte zusätzliche Akzente zu verpassen. Insofern ist es auch nicht bedauerlich, dass von der Musik keine Veröffentlichung existiert.
Bezeichnend ist auch, dass der Film selbst in Amerika keine Kinoauswertung erfuhr. Der 2016 entstandene Streifen feierte lediglich in Japan eine Kinopremiere. Im Januar wurde er in den Staaten auf DVD / BluRay veröffentlich. Keine gute Voraussetzung für ein Comeback.
THE WHOLE TRUTH - LÜGENSPIEL Regie: Courtney Hunt Darsteller: Keanu Reeves, Renée Zellweger, Gugu Mbatha-Raw, Gabriel Basso, Jim Belushi Musik: Evgueni und Sacha Galperine Laufzeit: 90min Erscheinungsdatum: 6.April 2017 (Ascot Elite)