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Quelle: Gewerbezeitung Donnerstag, 17. März 2016 von Peter Ziegler
Der Wädenswiler Historiker Peter Ziegler erinnert sich in der heutigen Folge von «Wädenswil im Wandel» daran, wie das Quartier Fuhr/Weidstrasse in seiner Jugend ausgesehen hat. Damals gab es dort noch einen Quartierladen. Und es wurde sogar Tennis gespielt.
Vor mehr als sechzig Jahren war das Leben der Wädenswiler Jugend auf ein kleines Quartier eingegrenzt. Man lebte in den Quartieren Giessen, Luft, Meierhof, Neudorf, Seeferen, Büelen, Fuhr oder Weidstrasse usw. Andere Quartiere wurden selten aufgesucht. Ausnahme war meist der Besuch bei einem Klassenkameraden.
In den 1940er Jahren wuchs ich an der Sonnmattstrasse, also im Quartier Fuhr/Weidstrasse, auf. Die meisten Häuser an der Fuhrstrasse stammten aus den 1910er und 1920er Jahren, als sich das wachsende Dorf hangaufwärts zu entwickeln begann. An die frühere Hofsiedlung erinnerten noch zwei Bauernbetriebe: jener auf der Vorderen Fuhr – samt Waschhaus und Brunnen – und der andere mit Scheune auf der Hinteren Fuhr gegenüber dem Altersheim von 1928.
Der 1957 abgebrochene Bauernhof Hintere Fuhr gegenüber dem heutigen Wohnzentrum Fuhr.
An der Vorderen Fuhr führte mein Schulweg vorbei und noch ist mir in Erinnerung, wie Bauer Hauser vor dem Waschhaus am Tängelistock sass und mit Hammerschlägen das Blatt seiner Sense richtete. Und unter dem Garten lag ein noch heute erhaltener Kühlkeller, den man – zwar mit schlechtem Gewissen – bisweilen aufsuchte.
Waschhaus Vordere Fuhr. Unter der Treppe steht der Tängelistock.
Zuhause der Müller-Thurgaus
In den 1930er Jahren setzte die Bautätigkeit an der Sonnmatt- und der Unteren Weidstrasse ein. Das Haus Sonnmattstrasse 3 war das älteste an diesem kurzen Strassenstück. Gebaut wurde es schon 1924 für den pensionierten Direktor der Eidgenössischen Versuchsanstalt, Prof. Dr. Hermann Müller-Thurgau (1850–1927). Später wohnte hier seine ledige Tochter, die im Quartier ehrfurchtsvoll als Fräulein Professor Müller-Thurgau begrüsst wurde. 1930 entstanden die zwei Doppelwohnhäuser Sonnmattstrasse 2/4 und 6/8, 1935 die Wohnhäuser Sonnmattstrasse 7 sowie Untere Weidstrasse 6/8 und 10/12. Damit standen bergseits der Unteren Weidstrasse bis 1940 erst wenige Häuser nahe dem Rotweg und der Untermosenstrasse. Von 1939 bis 1941 wurde dann die Lücke durch weitere Mehrfamilienhäuser geschlossen. Zu den Häusern gehörten Gärten, eingefasst mit einem Lebhag oder einem Holzhag, der von Zeit zu Zeit mit Karbolineum gestrichen wurde. Heute ist ein Teil dieser Vorgärten verschwunden, denn mittlerweile eroberte das Auto auch dieses Quartier und man brauchte Parkplätze.
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Mein Lebensraum erstreckte sich zwischen Rotweg und Untermosenstrasse, und von der Fuhr- und den Weidstrassen bis hinauf zum Rötibodenholz, wo man hinter der JB-Hütte in eine kleine Höhle kriechen konnte. Die Sonnmattstrasse endete bei der Unteren Weidstrasse. Ein schmaler Wiesenweg führte dann hinauf zum Haus Hiestand an der Oberen Weidstrasse, glitschig nach jedem Regenschauer. Der Hang Richtung heutiger Speerstrasse war noch weitgehend unüberbaut und im Winter ein beliebter Ort für Wintersport. Oben am Hang stand das zum Kinderheim Bühl gehörende Friedheim.
Die Friedheimstrasse erinnert noch an das 1954 abgebrochene Friedheim des Kinderheims Bühl, der heutigen Stiftung Bühl.
Der Holzbau von 1904 wurde 1954 abgebrochen. Der Name lebt aber in der Friedheimstrasse weiter. Zwischen den beiden Weidstrassen lagen Wiesen und Schrebergärten, die Pünten, zum Teil mit Kaninchenstall und Jauchefässern.
Die Hoffnung auf ein paar Batzen
Im Quartier gab es drei Attraktionen: den Quartierladen, den Tennisplatz des 1933 gegründeten Tennisclubs Wädenswil und den Spielplatz mit dem Feuerwehrhäuschen. Unser Quartier verfügte im Haus Weidhof am Fuhrweg über einen Laden des Einwohnervereins Wädenswil. Hier besorgte man den täglichen Einkauf, wenn man sich nicht am Migros-Wagen versorgen wollte. Wie manchen Fünfer habe ich im Quartierladen gegen ein «Schoggistängeli» getauscht! Die Tennisanlage – zwischen Unterer und Oberer Weidstrasse gelegen – verfügte über drei Plätze, getrennt durch das in der Mitte stehende Klubhaus mit Flachdach. Tennis war damals noch ein Sport der Oberschicht. Hier spielten Angehörige aus alt-eingesessenen, bekannten Wädenswiler Familien. Wie andere Kinder stand auch ich jeweils am Gitter der Anlage, hoffend, dass man als Ballaufleser engagiert werde und ein paar Batzen Sackgeld verdienen könne.
Die 1955 aufgehobenen Tennisplätze zwischen Unterer und Oberer Weidstrasse.
Attraktion Feuerwehrübung
1947 erstellte die Arbeiter- und Siedlungsbaugenossenschaft Wädenswil drei Vierfamilienhäuser an der Oberen Weidstrasse und 1951 zwei Fünffamilienhäuser. Weitere geplante Bautätigkeit nötigte 1955 zur Aufgabe der Tennisplätze. Sie wurden ins Ober Ort verlegt, wo noch heute Tennis gespielt wird.
Im kleinen hölzernen Schuppen hinter den Häusern Sonnmattstrasse 2/4 und 6/8 wurden Gerätschaften der Feuerwehr aufbewahrt. Von Zeit zu Zeit gab es eine Feuerwehrübung auf der Unteren Weidstrasse. Dann rannten die helmbewerten uniformierten Männer mit Leitern und Schlauchwegen an uns zuschauenden Buben vorbei, legten Leitungen, bekämpften supponiertes Feuer und versammelten sich zur abschliessenden Übungsbesprechung. Was geübt wurde, kam im Ernstfall zur Anwendung. Ich erinnere mich an verschiedene Brände: Restaurant Schmiedstube (1944), Fabrik Blattmann im Reblaube-Quartier (1944), Schreinerei Burlet, Stärkefabrik Blattmann (1949). Auch beim Eisenbahnunglück von 1948 kam die Wädenswiler Feuerwehr zum Einsatz.