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Fritz Mauthner
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Zur Person

Bildquelle: Wikipedia

Fritz Mauthner (1849-1923). Nachdem der Sohn eines deutsch-jüdischen Webereibesitzers ein Jurastudium abgebrochen hatte, auch eine Anstellung in einer Kanzlei nur kurz dauerte, entschloß er sich um 1876, freier Schriftsteller zu werden. Er arbeitete als Kulturkritiker und übernahm 1895 die Redaktion des Berliner Tageblatt. 1905 ging er nach Freiburg, aber schon 1909 zog er nach Meersburg und betrieb private Studien. Als Philosoph vertrat er eine Position, die den Wert der Sprache als Mittel der Erkenntnis in Frage stellt.

F. Mauthner im www:
Die Mauthner-Gesellschaft:
Eine sehr umfangreiche Textsammlung zur Sprachkritik im Sinne von Mauthner, wobei dieser nicht konstruktivistisch gelesen wird.
"Die meisten Menschen leiden an dieser geistigen Schwäche, zu glauben, weil ein Wort da sei, muß es auch das Wort für etwas sein; weil ein Wort da sei, muß dem Worte etwas Wirkliches entsprechen."

Mauthner bei Gutenberg
Mauthner bei zeno (Logik der Tatsachen)
Literatur

Das Literaturverzeichnis von Mauthner ist total chaotisch. Die Werke wurden offenbar immer wieder unter den gleichen Titeln in verschiedenen Zusammenstellungen publiziert. Im Buchhandel ist zur Zeit folgende Ordnung zu finden:
Das philosophische Werk in 3 Bänden (mit je 3 Subbänden):
Band 1: Wörterbuch der Philosophie (in 3 Bänden):
Wörterbuch der Philosophie Bd. 1
Wörterbuch der Philosophie Bd. 2
Wörterbuch der Philosophie Bd. 2
Band 2: Beiträge zu einer Kritik der Sprache (in 3 Bänden):
Bd.1: Sprache und Psychologie, 1901
Bd.2.: Zur Sprachwissenschaft, 1901
Bd.3.: Zur Grammatik und Logik, 1902
Band 3: Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland (in 3 B):
Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland Bd. 1
Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland Bd. 2
Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland Bd. 3
Texte im Netz:
[]F. Mauthner: Begriff, Definition, Ding, Gegenstand

Auf der Mauthner-Website gibt es ganz viele Textauszüge, aber keine nachvollziehbare Uebersicht (die Bibliographie ist einfach eine chronologische Auflistung, in welcher der jeweilige Stellenwert unklar bleibt). Es gibt dort:
Wörterbuch der Philosophie
wobei unklar ist, wie die Seite mit allfälligen Büchern korrespondiert
Beiträge zu einer Kritik der Sprache
Bd.1: Sprache und Psychologie und Bd.2.: Zur Sprachwissenschaft im Volltext, Bd.3 fehlt
Der Atheismus und seine Geschichte im Abendland
auch von diesem Werk gibt es einen unbestimmbaren Auszug
Konzepte
Zitate
"Ich habe dich nicht geliebt" kann heißen-. "ich h. d. n. g., sondern du hast mich verführt." Oder: "l. habe d. n. g., ich liebe dich noch." Oder: "l. h. dich n. g., sondern deine Schwester." Oder "l. h. d. nicht g., wenn ich es auch geglaubt habe." Oder-. "l. h. d. n. geliebt, sondern dich aus anderen Gründen geheiratet."(Kritik der Sprache II)
Wir lächeln überlegen über das Kind, dem eine Reise versprochen worden war, das fern von der Heimat neue Berge und Wälder und Seen gesehen hatte, und das dann fragte: "Ja - aber wo ist die Reise?" (Ding)
Sprache und Sprachgebrauch:
und dazu eine Kritik aus dem Netz:
"Das nun aber ist gerade das ungeheure Gaukelspiel der Sprache, daß der Grund und das Zeichen ihrer kläglichen Armut, für maßlosen Reichtum gehalten wird, und von den Menschenmassen und Massenmenschen mit Recht dafür gehalten wird: weil die Sprache ein Gebrauchsgegenstand ist, der durch die Ausbreitung des Gebrauchs an Wert gewinnt. Das Wunder ist leicht aufzuklären. Alle anderen Gebrauchsgegenstände werden durch den Gebrauch entweder vernichtet wie die Nahrungsmittel, oder verschlechtert wie Werkzeuge und Maschinen. Wäre die Sprache ein Werkzeug, so würde auch die Sprache verschlechtert und verbraucht werden. Nur Worte werden aber verbraucht, verschlissen, entwertet. Werden aber dadurch erst recht wertvoll für die Masse. Die Sprache ist aber kein Gegenstand des Gebrauchs, auch kein Werkzeug, sie ist überhaupt kein Gegenstand, sie ist gar nichts anderes als ihr Gebrauch. Sprache ist Sprachgebrauch. Da ist es doch kein Wunder mehr, wenn der Gebrauch mit dem Gebrauche sich steigert."
Mauthner will für die These argumentieren, Sprache sei kein Werkzeug, sondern nichts als Gebrauch. Das Argument läuft folgendermaßen:
P1: "Gebrauchsgegenstände werden durch den Gebrauch entweder vernichtet wie die Nahrungsmittel oder verschlechtert wie Werkzeuge"
P2: "Wäre die Sprache ein Werkzeug, so würde auch die Sprache verschlechtert."
P3: "Nur Worte werden aber verbraucht, verschlissen, entwertet", d.h. die Sprache wird nicht verschlechtert.
P4: Wenn die Sprache sich nicht verschlechtert, dann ist sie kein Werkzeug.
K1: "Die Sprache (...) ist kein Werkzeug."
(Bis hierher ist alles in bester Ordnung. Jetzt setzt Mauthner aber folgende weitere Prämissen)
P5: "Die Sprache (...) ist nichts anderes als ihr Gebrauch"
P6: "Der Gebrauch steigert sich mit dem Gebrauch"
P7: Wenn sich etwas durch den Gebrauch steigert, dann existiert es deshalb.
K2: Die Sprache existiert aufgrund dessen, dass sie gebraucht (im Sinne von "benutzt") wird = Die "Sprache ist Sprachgebrauch".
Kritik: Abgesehen davon, dass es hier von Zeideutigkeiten nur so wimmelt, erscheint mir P6 ziemlich fadenscheinig. Steigert sich der Gebrauch nicht immer nur dadurch, dass etwas verbraucht wird? Dann müsste Mauthner aber zu der Konklusion kommen, dass Sprache doch so etwas wie ein Werkzeug ist. Das will (!) er aber nicht. Was es dann aber heißen soll, dass Sprache nur dadurch existiert, dass sie gebraucht/benutzt wird, bleibt mir im Rahmen dieses Arguments völlig unverständlich. Nicht-schlüssig ist dieses Argument in dem Sinn, als Mauthner eine Konklusion zieht, die er eigentlich nicht ziehen kann. Er behilft sich damit, dass er sie setzt bzw. dadurch, dass er plötzlich von "Gebrauch" in einem noch nicht erläuterten Sinn spricht.
Damit komme ich schon auf den weiteren Punkt zu sprechen. Die moderne Sprachphilosophie scheint mir einiges gesagt zu haben, was den bei Mauthner noch dunkel bleibenden Terminus des "Sprachgebrauchs" aufhellt. Das jetzt auszuführen würde freilich einen ziemlichen Text verlangen. Ich beschränke mich darauf, ein paar wichtige Namen zu nennen: Wittgenstein, Austin, Searle, Grice, etc. Was an Mauthner vielleicht noch interessant ist, ist, dass Wittgenstein so ein paar Begriffe und Probleme, auf die Wittgenstein wohl durch Mauthner aufmerksam wurde, ins Zentrum seiner späteren Philosophie gestellt hat: der Begriff des Sprachspiels, das Problem, ob es eine private Sprache geben kann.
Tobias Diemer
und eine Replik von R. Todesco:
Die These, Sprache sei kein Werkzeug, sondern nichts als Gebrauch, ist selbst ein sprachliches Konstrukt oder ein Gebrauch in der Sprache.
Die Redeweise "Sprache ist .. Gebrauch" ist ein eigenwilliges Deutsch, das mir signalisiert, dass ich auch eigenwillig damit umgehen muss. Ich sage "Sprache ist ... ein Handlungszusammenhang" und setze so "Gebrauch" (von Mauthner) und "Handlungszusammenhang" quasi synonym. In meinen Worten verstehe ich dann, worum es bei Mauthner geht. Zu sagen, dass Sprache kein Werkzeug ist, scheint mir ohne Kontext allerdings ziemlich unsinnig, weil ich mir gar nicht vorstellen kann, dass irgend jemand Sprache als Werkzeug betrachtet.
"Das letzte Rätsel des Denkens oder des Sprechens ist das Gedächtnis. Wir lösen das Rätsel nicht, aber wir stellen die Rätselfrage doch bestimmter, als es bisher geschehen ist, wenn wir uns darauf besinnen, daß das Gedächtnis der verbalen Welt angehört. Wie die 'Seele'. Der substantivischen Welt gehört das Gedächtnis ganz gewiß nicht an; es gibt keinen Stoff, aber auch keine Kraft, es gibt KEIN BLEIBENDES, das etwa das AMT hätte, sich zu erinnern. Das Gedächtnis ist kein nomen agentis. Auch der adjektivischen Welt gehört das Gedächtnis nicht an, man wollte es denn eine Eigenschaft der psychischen Geschehnisse nennen, daß sie dauern, d. h. daß sie sich erhalten. Wie sich jeder Stoff und jede Kraft erhält. Wir sagen nur tautologisch von diesen dauernden Eindrücken, Wahrnehmungen, Wortfransen, daß sie sich erneuern; aber wir sind es nicht, die uns ihrer erinnern: SIE selbst (die Eindrücke usw.) erinnern UNS. Das Gedächtnis, das physiologische wie das psychologische - die Sonder!
ung ist nicht natürlich, ist nur hoministisch -, ist eine Tätigkeit, ist ein Tun, ist eine Bewegung, ist immer auch mit Bewegungen verbunden, im Falle sogar des lautlosen Sprechens, des Denkens, mit nachweisbaren Bewegungen der Sprachorgane." (F. Mauthner, Die drei Bilder der Welt, in: Wittgenstein Studies 1/97)
siehe auch:
Sonne
Tatsache
Pietschmann: Die Spitze des Eisbergs
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