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Eines der Probleme liegt in der Definition von Bewusstsein, denn die Frage, ob nur Menschen ein solches für sich beanspruchen können oder auch höhere Säugetiere (Primaten, Delphine, Elefanten), ist von dieser Begriffsbeschreibung abhängig. Der Autor ist sich zwar dieser Schwierigkeit bewusst, bleibt aber dennoch eine stringente Definition schuldig (scheint aber Bewusstsein allen Säugetieren zuzusprechen). Was nun genau dieses Bewusstsein auszeichnet versucht Humphrey durch eine prinzipielle Unterscheidung von Empfindung und Wahrnehmung darzulegen: Wahrnehmung bezieht sich auf die Außen-, auf die Objektwelt, während Empfindungen sich auf das Subjekt beschränken. In weiterer Folge vergleicht er Empfindungen mit Handlungen (beiden eignet eine qualitative Dimension, ein Ort und eine Verlaufsdauer), wobei es dem Autor zufolge bei Empfindungen zu einer „Sinnesempfindungsschleife“ kommt: Während anfangs Reaktionen auf den betroffenen Teil beschränkt waren (ein Reagieren der Außenhaut auf einen Reiz bei einer Amöbe), werden dann die Reize zu einer Zentralstelle vermittelt, wobei sich durch die erwähnte Schleife das „Ziel der sensorischen Reaktionen immer weiter entlang der Bahn der zuführenden sensorischen Nerven von der tatsächlichen Körperoberfläche ins Körperinnere hinein verschoben hat“ und dort auf rekursive Weise die Empfindung auslöst. Diese Schleife im Gehirn ist dann das, was uns eine Empfindung bewusst erleben lässt.
Bei dieser Theorie bleibt einiges unklar: So ist zwar ein Mechanismus denkbar, der (ob schleifenartig oder nicht) im Gehirn eine über längere Zeit andauernde Präsenz des Reizes erzeugt (was auch für spezifische Reaktionen hilfreich ist), es ist aber rätselhaft, wie dieser Prozess sich sukzessive vollzogen haben soll (in der Skizze des Autors kehrt der sensorische Reiz auf halbem Weg um und ins Gehirn zurück: Das mutet einigermaßen sinnlos an, da in diesem Stadium noch keine Reizverstärkung zu erwarten ist). Ein sukzessiver Prozess, der aber bis zum Erreichen seines Zieles keinen erkennbaren Vorteil verspricht, ist evolutionärer Nonsens: Das würde eine teleologische Ausrichtung der Evolution bedeuten. Auch das instantane Auftreten von Bewusstsein (das Humphrey für den Augenblick konstatiert, zu dem die Rückkoppelungsschleife im Gehirn geschlossen wird), scheint wenig wahrscheinlich. Biologische Eigenschaften pflegen nicht in dieser Weise aufzutreten, sodass die Elterngeneration „bewusstlos“, die Nachfahren hingegen plötzlich mit Bewusstsein gesegnet sind.
Im Buch finden sich viele interessante Ansätze, allerdings versteht der Autor es nicht, einer konsequenten Linie zu folgen, sondern ergeht sich immer wieder in Nebensächlichkeiten, sodass es oft schwer fällt, seinem Ansatz zu folgen. Manche Dinge sind schlicht fragwürdig (etwa die Metapher eines „Dirigenten im Gehirn“, der da wieder einen Homunculus einführt, dem die Leitung des Unternehmens Mensch obliegt), dann wieder sind die Ausführungen von einer enervierenden Geschwätzigkeit (die Zitate von diversen englischen Lyrikern mögen zwar eine Ahnung von deren Vorstellung über das „Ich“ vermitteln, sind aber für die in Frage stehende Theorie belanglos und scheinen nur belegen zu wollen, was auf diese Weise nicht zu belegen ist: Denn William Blake oder T. S. Eliot wollten bestenfalls einem Gefühl Ausdruck verleihen, das aber nur zufällig zum vorliegenden Gedankengebäude passt; auf diese Weise werden Autoritäten für die Richtigkeit einer These in Anspruch genommen, die mit dieser These nichts zu tun haben).
Insgesamt trotzdem ein spannendes, interessantes Buch, das aber einer klaren Struktur ermangelt und durch das ein wenig übersteigerte Selbstbewusstsein seines Autors nicht unbedingt gewinnt.
Nicholas Humphrey: Die Naturgeschichte des Ich. Hamburg: Hoffmann und Campe 1995.