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| Augustinus (354-430) - Vier Bücher über die christliche Lehre (De doctrina christiana)

3. Buch
30.—37. Kapitel: Auseinandersetzung mit dem „Buch der Regeln“ des Donatisten Tychonius. 30. Kapitel: Das Werk des Tychonius ist zur Erklärung dunkler Schriftstellen zwar brauchbar, aber doch nicht ausreichend
42. Ein gewisser Tychonius1, der gegen die Donatisten ganz unwiderleglich geschrieben hat, obwohl er selbst Donatist gewesen ist und gerade darin die größte Herzenstorheit offenbart, daß er sich von jenen nicht vollständig trennen wollte, verfaßte ein Buch, das er „Buch der Regeln2“ nannte, weil er sieben Regeln darin durchführte, durch die wie mit Schlüsseln das Verborgene der göttlichen Schriften geoffenbart werden soll. Die erste von diesen Regeln, die er aufstellt, handelt vom Herrn und seinem Leib (von Christus und seiner Kirche), die zweite vom zweifachen Leib des Herrn (von der Kirche Christi, soweit sich in ihr gute und schlechte Christen finden), die dritte von den Verheißungen und dem Gesetze (von der Rechtfertigung und dem Gesetz, vom Glauben und den Werken), die vierte von der Art und den Gattungen (vom Ganzen und seinen Teilen), die fünfte von den Zeiten (Jahreszeiten oder auch -zahlen), die sechste von der Wiederholung (von Fällen, wo der biblische Autor vom Typus und Antitypus, von der Verheißung und der Erfüllung spricht), die siebte endlich von dem Teufel und seinem Leib (von den Prophetien über den Teufel und seine Anhänger). Faßt man diese Regeln, so wie sie von ihm dargelegt werden, ins Auge, so muß man gestehen, daß sie zur Durchdringung verdeckter Aussprüche Gottes nicht geringe Dienste leisten. Es können aber nicht alle schwerverständlichen Schriftstellen durch diese Regeln aufgefunden werden. Solche Stellen werden auf viele andere Arten erläutert. Diese aber hat er so wenig mit seiner Siebenzahl von Regeln umfaßt, daß er selbst viele dunkle Stellen erklärt, wo er keine dieser Regeln anwendet. Das ist auch nicht notwendig: denn bei diesen Stellen wird keiner der in den sieben Regeln aufgestellten Punkte behandelt oder in Frage gestellt. So untersucht er in der geheimen Offenbarung des heiligen Johannes, wie die sieben Engel der Gemeinde zu verstehen seien, denen Johannes schreiben mußte3. Er bringt vielfache Gründe bei und gelangt zu dem Ergebnis, daß wir unter diesen Engeln die Kirchen selbst zu verstehen haben. Bei dieser sehr umfangreichen Untersuchung finden jene (sieben) Regeln durchaus keine Anwendung, und doch handelt es sich dabei um eine sehr dunkle Sache. Dieses Beispiel mag genügen; denn es würde zu weitläufig und zu mühsam sein, all das zusammenzustellen, was von den dunklen Stellen in den kanonischen Schriften einen solchen Inhalt hat, daß es dabei von jenen sieben Punkten nichts zu untersuchen gibt.
43. Gleichwohl hat Tychonius bei der Empfehlung dieser Regeln ihnen einen so großen Wert beigelegt, als vermöchten wir durch ihr Verständnis und ihre Anwendung alles zu verstehen, was wir im Gesetze, d. h. in den göttlichen Büchern an dunklen Aussprüchen finden. Sagt er ja doch in der Einleitung zu seinem Buche: „Ich habe es zu allererst für notwendig gehalten, das Büchlein der Regeln zu schreiben und damit gleichsam die Schlüssel und Leuchten für die dunklen Stellen des Gesetzes fertigzustellen. Denn es gibt einige geheimnisvolle Regeln, die das Verborgene des ganzen Gesetzes beherrschen und die für manche Leute unsichtbaren Schätze der Wahrheit sichtbar machen. Wenn nun die Darbietung dieser Regeln so neidlos, wie wir sie hingeben, angenommen wird, dann wird alles, was verschlossen ist, eröffnet und alles Dunkle erleuchtet werden. Wer daher durch das endlose Gehege der Propheten wandeln muß, der wird von diesen Regeln wie von lichten Wegen geführt werden und so vor Verirrung sicher sein.“ Hätte Tychonius gesagt: „Es gibt einige geheimnisvolle Regeln, die manches Verborgene des Gesetzes beherrschen“ oder wenigstens „die großen Dunkelheiten beherrschen“, aber nicht „die das Verborgene des ganzen Gesetzes beherrschen“, wie er wirklich gesagt hat, und hätte er nicht von Regeln geredet, „die alles, was verschlossen ist, eröffnen werden“, sondern bloß von Regeln, „die vieles Verschlossene öffnen werden“, dann hätte er die Wahrheit gesagt und hätte seinem fleißigen und nützlichen Werke keine ungebührlich große Bedeutung zuerkannt und hätte im Leser und Kenner keine falsche Hoffnung erweckt. Diese Bemerkung glaubte ich machen zu müssen, damit zwar das Buch selbst von Wißbegierigen gelesen werde, weil es tatsächlich zum Verständnis der heiligen Schriften sehr viel nützt, damit man aber doch andererseits nichts erwarte, was es doch nicht enthält. Man muß es mit Vorsicht lesen, nicht bloß wegen einzelner Dinge, worin er als Mensch geirrt hat, sondern hauptsächlich um dessenwillen, was er als häretischer Donatist sagt. Die Lehren und Unterweisungen der erwähnten sieben Regeln will ich nun kurz angeben.
1: Die spärlichen, hauptsächlich aus Augustinus und Gennadius geschöpften Angaben über Tychonius († um 400) siehe zusammengestellt bei Bardenhewer, Gesch. d. altkirchl. Lit. IV, S. 495 ff.
2: ) Liber regularum um 383 verfaßt. Vgl. Migne, Patres lat. XVIII, 15 ff.; eine kritische Ausgabe der Schrift, besorgte F. C. Burkitt, The Book of Rules of Tyconius (Cambridge 1894). Über die sieben Regeln des Tychonius vgl. Bardenhewer a.a.O.
3: Off. 1, 20.