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Der Herzog fiel im Kampf, und er war nackt. Dem Leichnam waren die Kleider und die Waffen abgenommen worden, wie das damals üblich war. Und so lag Karl der Kühne 1477 nach einem Hieb aufs Haupt und zwei Stichen mit der Lanze in einem Haufen Gefallener auf dem Schlachtfeld vor Nancy und wurde von seinen Getreuen nicht erkannt, als sie ihn nach zwei Tagen fanden. Denn eben: Er war nackt.
Identifiziert wurde er zuerst von seinem Pagen und dann von weiteren engen Vertrauten: an den fehlenden Vorderzähnen, zwei Narben, einem Geschwür und den enorm langen Fingernägeln. Und erst nachdem sie ihn gewaschen und wieder angekleidet hatten, erkannten ihn schliesslich auch die übrigen Getreuen wieder.
Des Herzogs Leiche wurde darum «so eingehend beschrieben und mit Zeichen und Zeugen authentifiziert», schreibt Valentin Groebner in seinem Buch über Personenerfassung in der Vormoderne, damit sich kein falscher Herrscher an seine Stelle setzen konnte. Der Geschichtsprofessor der Universität Luzern fragt zunächst, was es an Zeichen der Identifikation im Mittelalter überhaupt gab. Kaum eine Rolle spielten Bilder: Den Porträts wurde keine Wirklichkeitstreue zugestanden. Groebner stösst vielmehr auf Eigennamen, Haarfarben, fehlende Finger, Muttermale, Tätowierungen, Brandmarken und andere Zeichen auf der Haut, aber auch Wappen und Siegel, Ansteckmarken aus Stoff und Leder, Insignien aus Zinn und Blei.
Gegen gern Geglaubtes
Nicht zuletzt machten die Kleider die Personen kenntlich. Er sei «ain langer Mann» mit schwarzgrauem Rock, Panzer, Spiess und blauem Hut; sie trage einen roten Mantel und ein «hütli», ebenfalls in Rot: So stand es in einem Steckbrief, mit dem 1433 ein Mann und eine Frau gesucht wurden, die im Thurgau Vieh vergiftet haben sollen. Darum betonte auch der Berner Rat 1542 in einem Rundschreiben, der gesuchte Jakob von Freiburg habe zwei Hosen, eine grasgrüne und eine schwarz-gelbe.
«Die Personenbeschreibungen», schreibt Groebner, «fassten Individualität gerade anhand der Kleider.» Denn die wurden vor einem halben Jahrtausend nicht so leicht aus- und angezogen. Sie waren rar, dienten als «Wertanlage der kleinen Leute» und wurden als solche «höchst individuell genutzt». Die Vorstellung von Standesvorschriften, die jedem Einzelnen diktierten, wie er sich seiner sozialen Stellung und seiner Gruppe gemäss zu kleiden hatte, hält Groebner für einen «gelehrten Mythos»: den Mythos «vom Mittelalter als vermeintlichem Zeitalter stabiler 'ständischer Ordnungen'».
Valentin Groebner tritt denn auch an gegen das Bild, wonach der Mensch im Mittelalter nur als kollektives Wesen existiert habe. So sah es im vorletzten Jahrhundert der grosse Geschichtsschreiber Jacob Burckhardt, und diese Vorstellung ist bis heute wirksam. Groebner zeigt, dass es schon im Mittelalter eine Form von Individualität gab, die eben jene ausgefeilten Praktiken der Personenerfassung nach sich zog, von denen er berichtet.
Die Innereien des Passes
Die Vormoderne ist also moderner, als es scheint. Umgekehrt stecken aber auch im Reisepass von heute die alten «Aufschreibesysteme». Der Pass kombiniert nämlich zweierlei mittelalterliche Dokumente: den Steckbrief, der eine Person als Individuum beschrieb, und den Geleitbrief, mit dem die Obrigkeit Gesandten, Pilgern und Kaufleuten das unbehinderte Reisen garantierte. Zeichen der Person, Zeichen der Obrigkeit: Die einen finden sich heute im Foto und in den übrigen Erkennungsmerkmalen, die anderen in den Stempeln und Hologrammen. Auch die Ausweispflicht entstammt dem Mittelalter: Ab etwa 1500 wurden die Geleitbriefe vom Privileg zum Obligatorium, das helfen sollte, ein Bettelverbot durchzusetzen und die unterstützungswürdigen Armen zu registrieren.
Es ist nicht immer einfach, Groebner zu folgen, wenn es um solche übergreifenden Entwicklungen geht. Das hat weniger damit zu tun, dass er sich den gängigen «grossen Erzählungen» von zunehmender Rationalisierung, Disziplinierung oder Individualisierung verweigert. Was die Zusammenhänge oft vernebelt, ist eher das, was dieses Buch gleichzeitig anschaulich und unterhaltsam macht: die enorme Menge von Beispielen und Geschichten. Analytische Festlegungen und Folgerungen werden immer wieder zur Nebensache.
Greifbarer sind die Fäden in die Gegenwart. In einem ganzen Kapitel befasst sich Groebner mit den Antworten, die das Mittelalter und die frühe Neuzeit auf aktuelle Fragen geben. Etwa: Steht mit der sicherheitstechnischen Aufrüstung, mit der Aufnahme biometrischer Daten auch in den Schweizer Pass der Grosse Bruder vor der Tür?
Dort stand er schon immer, kann man mit Groebner sagen. Schon die Inquisitoren, die die gesuchten Ketzer in Namenlisten registrierten, beriefen sich auf Gottes «Buch des Lebens». Die «Ordnung der unordentlichen Welt durch ihre möglichst vollständige schriftliche Erfassung und Verwaltung» ist für Groebner eine «Verwaltungsutopie», die darum so wirksam sei, weil sie stets wieder auf dem neuesten Stand der Technik erzählt werde. Doch wer die Zeichen der Individualität festlegt, definiert zugleich, wo die Fälschung am besten ansetzt: «Zusammen mit den neuen machtvollen Dokumenten vervielfältigten sich die Doppelgänger.»
Der Körper als Ausweis
Solche Ambivalenzen des Identifizierens bringt Valentin Groebner mit Scharfsinn ans Licht. Er erzählt von Thomas Platter, jenem wohlhabenden Basler Ärztesohn, der kurz vor 1600 so unbekümmert wie unbehelligt mit falscher Identität quer durch Europa reiste und der Inquisition förmlich durch die Finger rann. Er erzählt auch von jenem Mann, der 1998 neun Monate lang in Österreich, Deutschland und der Schweiz verkehrte und seinen Pass auf mehreren Konsulaten und Grenzämtern zeigte. Erst bei seiner Ausreise am Flughafen Zürich bemerkte ein Beamter, dass es einen Staat namens British Honduras, der den Ausweis gerade erst ausgestellt haben sollte, schon über zwanzig Jahre nicht mehr gab.
Theorie ist nicht Praxis, und das System lückenloser Kontrolle gibt es nicht. Doch was ist mit den biometrischen Verfahren, mit Fingerabdruck, Iris-Scan, Gesichtsvermessung? Machen sie nicht den Körper selbst zum Ausweis? «Diese Systeme», sagt Groebner, «kehren zu jenem Prinzip zurück, das seit Augustinus das Nachdenken über Ähnlichkeit und Individualität bestimmt hatte» – zur mittelalterlichen Idee nämlich, dass alle Menschen ähnlich sind, aber doch keine zwei identisch. Und dass genau die kleinen, unveränderlichen Unterschiede die Individualität ausmachen. Darum ist auch der Körper als Ausweis nichts Neues. «Der identifizierende Blick glitt im Lauf des vierzehnten und vor allem des fünfzehnten Jahrhunderts unter die Kleider. Die Zeichen auf der Haut wurden immer sorgfältiger erfasst, kategorisiert und festgehalten.»
Bertillons Traum
Vielleicht aber entgeht Groebners Blick etwas: die Maschinenlesbarkeit, die nicht nur mit Dokumenten, sondern auch am Körper funktioniert. Der legendäre Pariser Polizeipräfekt Alphonse Bertillon hatte noch keinen Computer, als er Ende des neunzehnten Jahrhunderts seine Anthropometrie entwickelte, ein System von Körpervermessungstechniken, und so stiess seine Anwendung rasch an Grenzen. Nach welchen Kriterien sollte man die Karteikarten ordnen, wie war eine Recherche in den Aktenschränken möglich, wenn die Identität eines Unbekannten zu überprüfen war? Das Problem stellt sich bei Fotos und Fingerabdrücken erst recht: Wie lässt sich visuelle Information codieren und sortieren?
Heute ist dieses Problem keines mehr. Durch die Digitalisierung fallen zwei Schritte zusammen: die Erfassung der Person und der Abgleich dieser Daten mit den schon vorhandenen. Jedenfalls im Prinzip. Groebner hat Recht, wenn er die Praxistauglichkeit der neuen biometrischen Verfahren bezweifelt. Angewendet und weiterentwickelt werden sie trotzdem. Und wenn Groebner das Register als «bürokratische Innovation» des Mittelalters beleuchtet, geht er auf die Innovation der elektronischen Datenverarbeitung nur am Rande ein. Maschinenlesbare Pässe, digitale Information, automatische Erfassung: Möglicherweise bildet sich hier eben doch ein neues Paradigma heraus, das nicht mehr aufgeht in der «grossen Erzählung» vom Mittelalter als Mass und Mutter aller Dinge.
Valentin Groebner: Der Schein der Person. Steckbrief, Ausweis und Kontrolle im Mittelalter. C. H. Beck Verlag. München 2004. 192 Seiten, 14 Abb. Fr. 43.70