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Neben den gewaltigen Befestigungsanlagen von Bellinzona und den grossen Schlössern des Locarnese zählt die Feste Serravalle bei Semione im Bleniotal zu den bedeutendsten Burgen des Sopracenere. Seit dem Spätmittelalter in Trümmern liegend und heute erst unvollständig ausgegraben und restauriert, bietet Serravalle noch immer einen imposanten Anblick. Die weitläufigen Ruinen erheben sich auf einem breiten Felsrücken zwischen Semione und Lottigna. Die Anlage ist in eine Haupt- und eine Vorburg gegliedert. Letztere erstreckt sich im Südteil der Burg und umfasst auf langgestreckter Terrasse eine Innenfläche von 90 auf 30 Meter. Von der Umfassungsmauer haben sich ansehnliche Reste erhalten, dagegen ist die mittelalterliche Überbauung des Vorburgareals weitgehend verschwunden. Der Burgweg, der von Norden her gegen Serravalle führt, durchquert die Ringmauer der Vorburg im Nordteil, wo noch heute die Reste einer einfachen, äusseren Toranlage zu erkennen sind. Links vom Tor stehen einige Ställe offenbar neuzeitlichen Ursprungs, aber vermutlich am Platz mittelalterlicher Ökonomiegebäude. Am Südwestrand der Geländeterrasse hart über dem felsigen Abgrund, steht die Kapelle S. Maria del Castello, im heutigen Zustand ein Werk des 16. und 18. Jahrhunderts. Einzelne Mauerteile scheinen jedoch bis ins Mittelalter zurückzureichen. Jedenfalls ist eine Burgkapelle bereits im 14. Jahrhundert urkundlich bezeugt.
Von der Vorburg aus gelangt man heute über einen schmalen Pfad zur höher gelegenen Hauptburg. Im Mittelalter war der Zugang wesentlich beschwerlicher, musste man doch auf der Ostseite der Hauptburg ein kompliziertes System von Toren, Zwingern und Zwischengräben durchqueren, um den Hof der Hauptburg betreten zu können. Soweit die architektonischen Zusammenhänge noch erkennbar sind, lassen sich im Areal der Hauptburg vier Bereiche unterscheiden: ein noch nicht freigelegter Südtrakt, über den keine genaueren Aussagen möglich sind, ein geräumiger Burghof, eine als vielgliedriger Baukomplex gestaltete Kernburg im Nordteil des Areals und schliesslich ein mächtiger, der ganzen Anlage nördlich vorgelagerter Donjon mit rundem Grundriss.
Die Stümpfe runder Pfeiler im Burghof deuten auf eine gedeckte halle von unbekannten Ausmassen hin. Eine repräsentative Treppe führte vom Burghof ins Innere der Kernburg. Dort lässt sich in der Westpartie ein Küchentrakt ausmachen, erkennbar an einem mächtigen Backofen und einem eingetieften Raum, der wohl als Vorratskeller diente. Die Wohn- und Repräsentationsräume befanden sich im rechteckigen Osttrakt der Hauptburg. Die Grösse der Innenfläche lässt nicht nur wie bei manch anderen Burgen auf enge Kammern und bescheidene Stuben schliessen, sondern auch auf grössere Säle und weite Gänge.
Die Verteidigungseinrichtungen befanden sich an der Peripherie der Burg. Ein erst nachträglich errichteter Flankierungsturm, im Grundriss ein gestelztes Halbrund beschreibend, deckte die westliche Front der Hauptburg. Das stärkste Bauwerk der ganzen Anlage bildete jedoch der bereits erwähnte runde Donjon mit seinen gut zwei Meter dicken Mauern. Freilich gibt er uns einige Rätsel auf. Warum fehlt im nördlichen Vorgelände ein Halsgraben, den man im Sinn eines Annäherungshindernisses hier erwarten müsste? Vor allem aber fällt auf, dass es zwischen dem Donjon und dem benachbarten Nordtrakt der Hauptburg keine architektonische Verbindung gibt. Wir müssen deshalb annehmen, der ausserhalb des Berings völlig isoliert errichtete Donjon sei vom Nordtrakt her über eine hölzerne Brücke zugänglich gewesen, die zu einem seiner oberen Geschosse führte.
Im heutigen Zustand geht die Burgruine auf Freilegungs- und Restaurierungsarbeiten zurück, die der Schweizerische Burgverein 1928/30 durchführte. Damals war es noch nicht üblich, archäologischen und baugeschichtlichen Zusammenhängen Beachtung zu schenken, so dass wir heute nicht in der Lage sind, die architektonische Entwicklung der Burg zu rekonstruieren. Freilich zeichnen sich im Mauerwerk zahlreiche Fugen ab, die auf eine lange und bewegte Baugeschichte schliessen lassen. Als besonders schmerzlich empfinden wir das völlige Fehlen von archäologischen Informationen über die Entstehungszeit der Burg. Mehrheitlich dürften die heute noch sichtbaren Reste auf verschiedene Bauphasen des 13. und 14. Jahrhunderts zurückgehen. Der runde Donjon entstand wahrscheinlich um 1250, der halbrunde Flankierungsturm erst im Verlauf des 14. Jahrhunderts. Unklarheit herrscht über allfällige Bauteile, die noch bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen könnten. Möglicherweise stecken im Wohntrakt der Kernburg noch Elemente aus der Frühzeit der Feste. Über die Zeitstellung der Vorburg fehlen Angaben.
Die Anfänge der Burg liegen im Dunkeln. Der Name Serravalle deutet möglicherweise auf eine alte Talsperre hin, ähnlich derjenigen von Mesocco, doch haben sich von einer solchen Anlage keine Spuren erhalten. Die Burg trat ins Licht der Geschichte, als der Lukmanierpass zur Zeit Kaiser Friedrichs I Barbarossa für die Italienpolitik des Reiches eine erhöhte Bedeutung gewann. 1176 belagerte Barbarossa die feste einige Tage lang und übergab sie nach ihrer Einnahme seinem Parteigänger Alcherius da Torre. Vorher war sie im Besitz seiner mailändischen Gegner gewesen. Die Niederlage des Kaisers bei Legnano im gleichen Jahr machte jedoch Barbarossas Erfolg von Serravalle zunichte. Mit dem Zusammenbruch der kaiserlichen Machtstellung in der Lombardei gewann auch im Bleniotal das mailändische Domkapitel, dem die Blenieser Grafschaftsrechte seit altersher zustanden, wieder die Oberhand. Die Torre und ihre Anhänger, deren Macht nach der Zerstörung der Burg Curtero gebrochen war, verschwanden in der Folgezeit aus der Geschichte des Bleniotals. In welchem Umfang die Burg Serravalle durch diese gewaltsamen Vorgänge Schaden nahm, bleibt offen. Sichere Beweise für eine eigentliche Zerstörung liegen nicht vor, gewiss aber ist die Feste in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts vergrössert und ausgebaut worden, und zwar von den Orelli, welche nach der Ausschaltung der Torre als Rektoren von Blenio mit mailändischer Gunst die Macht im Tal übernahmen. Als Inhaber der Burg Serravalle sind die Orelli für das Jahr 1235 urkundlich bezeugt. Von nun an bildete Serravalle den Herrschaftsmittelpunkt des Bleniotals. Auf der Burg residierten nach den Orelli oder deren Statthaltern die Visconti von Oleggio, welche 1335 die Rechte der Orelli erworben hatten und 1343 vom Mailänder Domkapitel mit der Vogteigewalt ausgestattet wurden. Die Machtstellung der Talherren wurde seit dem 12. Jahrhundert von den Rechten der Gemeinden eingeschränkt, und wiederholt kam es im Tal zu Auseinandersetzungen zwischen Feudalherren und Landvolk, wenn sich letzteres in seinen Freiheiten und Rechten bedroht fühlte.
Seit dem 14. Jahrhundert dürften die Vorgänge in der benachbarten Innerschweiz den Widerstandswillen der Talleute zusätzlich gestärkt haben. Nach 1356, als die Visconti ihre Rechte im Bleniotal an die Pepoli, ein Adelsgeschlecht aus Bologna, veräussert hatten, das mit den Verhältnissen im Tal kaum vertraut war, kam es vermehrt zu Schwierigkeiten mit der Bevölkerung.
Die Erbitterung erreichte zu Beginn des 15. Jahrhunderts ihren Höhepunkt, und 1402 kam es zu einem allgemeinen aufstand gegen die Pepoli, in dessen Verlauf die Feste Serravalle gebrochen und Taddeo Pepoli erschlagen wurde. Nach diesen Wirren kam das Bleniotal unter die Herrschaft Mailands, doch verzichteten die Herzöge von Mailand auf die Wiederherstellung der zerstörten Burg Serravalle sei es, weil sie das Volk nicht herausfordern wollten, sei es, weil sich nach dem Ausbau der Talsperre von Bellinzona der Unterhalt einer so gefährlich weit in den Alpenraum vorgeschobenen Festung kaum gelohnt hätte.
An die Zerstörung der Burg Serravalle im Jahr 1402 erinnern die grossen, umgekippten und abgestürzten Mauerblöcke auf dem Ruinenareal, die von einer gewaltsamen Schleifung zeugen. Die geschichtlichen Vorgänge um den Sturz der Pepoli sind als sagenhafte Erzählungen in der Volksüberlieferung bis heute lebendig geblieben.
Bibliographie