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«Sie leben auf der anderen Seite des Flusses und betrachten den Urwald nicht aus der Vogelperspektive. Deshalb denken Sie, dass er noch unberührt ist. Aber die Weissen in ihrer autoritären Position erlauben die Goldminen auf unserem Boden. Den nicht-indigenen Autoritäten gefällt besonders das Wort wichtig. Für die Stadtmenschen gibt es nichts Wichtigeres als Konsumgüter, aber die Weissen teilen die vielen Konsumgüter nicht mit anderen. Sie sind Egoisten. Und die Massenproduktion der Konsumgüter schadet dem Urwald. Für uns sind Fruchtbarkeit und die Tiere des Urwaldes wichtig. Für uns ist wichtig, das Essen miteinander zu teilen. Wir sitzen alle in einem Boot, ganz gleich, ob es um das Überleben, unsere Entwicklung, unsere Lebensform oder um unser Stammesdasein geht.»
Mit diesem Epilog endet der Dokumentarfilm «The last Forest». Der Schamane des brasilianischen Stammes der Yanomami, Davi Kopenawa Yanomami, hat sich mit diesen Worten an Akademiker der Harvard University in Cambridge (Massachusetts) gewandt. Die Dokumentation nimmt den Zuschauer mit in den brasilianischen Urwald. Filmemacher Luiz Bolognesi hat die Stammesangehörigen selbst reden lassen, sodass man Details ihrer Rituale, ihrer Verbindung zur Natur und ihrer Lebensweise aus erster Hand erfährt.
1986 führte der erste Goldfund im Gebiet der Yanomami dazu, dass 45’000 Goldschürfer in das Gebiet eindrangen. Zwischen 1500 und 1800 Indigene starben damals. 1992 erkannte die brasilianische Regierung das Gebiet der Yanomami offiziell an, doch bereits 1993 überfielen einige Goldgrubenarbeiter die Yanomami erneut mit Macheten und Pistolen und töteten 16 Indigene, darunter Alte, Frauen und Kinder. Der Vorfall ist als «Massaker von Haximu» bekannt. Auf Druck der brasilianischen Medien und dank internationaler Unterstützung gelang es dem Schamanen Davi, dass sich die brasilianische Regierung an das Gesetz hielt, sodass die Yanomami 25 Jahre lang von den Goldschürfern verschont blieben.
Seit dem Amtsantritt von Jair Bolsonaro im Jahr 2019 sind die Goldsucher massenhaft zurückgekehrt, um das Leben des Yanomami-Volkes an der brasilianisch-venezolanischen Grenze zu stören. Dieses Mal drangen mehr als 20’000 Minenarbeiter in ihr Gebiet ein. Sie holzten die Wälder ab und vergifteten das Wasser mit Quecksilber. Ausserdem brachten sie auch tödliche Krankheiten in die indigenen Gemeinden im Amazonasgebiet. Anstatt sich an die Verfassung zu halten und die indigenen Völker zu schützen, will die brasilianische Regierung die Invasion legitimieren.
Der Schamane Davi hat Morddrohungen erhalten, weil er die Goldminen im Gebiet der Yanomami als illegal betrachtet. Mit ihren Versprechungen auf Erfolg in einer modernen Welt locken die Goldsucher auch junge Menschen dazu, ihr traditionelles Leben im Dschungel aufzugeben.
Der Filmemacher und Anthropologe Luiz Bolognesi arbeitete mit dem Schamanen zusammen, um die Verletzung der Rechte indigener Völker anzuprangern. Davi ist eine der angesehensten Stimmen des Yanomami-Volkes. Bolognesi wechselt Beobachtungsaufnahmen des Gemeindelebens mit inszenierten Sequenzen ab, die er mit Hilfe von Kopenawa, dem Co-Autor des Films, entworfen hat.
Die atemberaubenden Bilder und reichhaltigen Klanglandschaften lassen uns in die Weltanschauung der Yanomami eintauchen, in ihre Schöpfungsmythen, ihre Beziehung zur Natur und ihren ständigen Kampf um die Erhaltung ihrer natürlichen Umgebung.
Es ist eine Wohltat zu sehen, in welcher Verbindung diese Menschen mit der Natur stehen. Fernab von Digitalisierung, Massenkonsum und einem individuellen Lebensstil zeigen die Yanomami, wie wichtig das Leben in der Gemeinschaft ist. Denn im Urwald hat der Einzelne keine Chance zu überleben.
Anstatt uns weiter von der Natur zu entfremden und den technologischen Errungenschaften hinterherzuhecheln, wäre es für den Einzelnen gesünder und sicherlich auch bereichernd, sich näher mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass die heutige Zeit mehr als je zuvor das Leben in Gemeinschaft fordert. Filme wie «The last forest» geben einen wichtigen Impuls, darüber nachzudenken, was uns verbindet, wie wir einander gegenseitig stärken und unterstützen können.
Für die Yanomami besteht die grösste Bedrohung darin, dass die weissen Autoritäten sie ignorieren und sie erneut von einer Invasion von Goldsuchern heimgesucht werden. Für uns ist es bedrohlich, dass unsere Autoritäten weiterhin unsere Meinungsfreiheit beschneiden und unmenschliche Restriktionen erlassen, die uns spalten sollen. Helfen Sie uns mit einer kleinen Spende dabei, dass wir uns auch in Zukunft für die Meinungsfreiheit einsetzen und der Widerstandsbewegung eine Stimme geben können.
Herzlich
Lena Kuder
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