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Die meisten Bücher lesen wir vom Anfang bis zum Ende. Es gibt auch Werke, in denen wir nur einzelne Kapitel studieren oder hier und dort ein wenig grasen. Bei „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ von Hannah Arendt ist es nochmals anders: Dieser Backstein von einem Buch besteht aus drei Teilbüchern. Von ihnen liest sich zuerst am besten das dritte und letzte. Es trägt den Titel „Totale Herrschaft“ und beginnt in meiner Ausgabe auf Seite 629. Auch Arendts berühmter Mentor, Karl Jaspers, empfiehlt in seinem Vorwort von 1955, es so zu machen.
Die Vorteile liegen auf der Hand: Arendt definiert zum Beispiel erst im dritten Buch, was sie eigentlich unter totalitärer Herrschaft versteht. Mein Professor hätte sich anno 1993 die Haare gerauft, wenn ich das bei meiner Diplomarbeit an der Uni so gemacht hätte. Aber bitteschön – sie ist Hannah Arendt und braucht sich nicht an kleinliche Regeln für Anfängerinnen zu halten. Im dritten Buch erklärt sie auch, in welchen Punkten in ihrem Augen Nazideutschland und die Sowjetunion unter Stalin vergleichbar und als totalitäre Systeme zu verstehen sind. Die Gemeinsamkeiten umfassen den Personenkult um Hitler beziehungsweise Stalin. Dann die gewollt unübersichtliche Organisation der Institutionen in beiden Staaten und schliesslich der Polizeiterror. Und dann: die Massenmorde.
Arendt hätte gerne China unter Mao Tse Tung in ihre Erörterungen einbezogen. Doch sie muss einräumen, dass über China zu wenige Informationen greifbar waren.
Insgesamt aber mahnt sie: „Wir haben … allen Grund, mit dem Wort ‚totalitär‘ sparsam umzugehen.“ (636) Für kleinere Länder etwa sei „die totale Herrschaft ein zu hoch gestecktes Ziel gewesen. Zwar konnten auch kleinere Länder totalitäre Bewegungen gut gebrauchen, um die Massen zu organisieren und den Mob an die Macht zu bringen; aber eine eigentlich totale Herrschaft konnten sie sich nicht leisten, weil sie einfach nicht über genügend Menschenmaterial verfügten, um die ungeheuren Verluste an Menschenleben, die der totale Herrschaftsapparat dauernd fordert, zu ertragen.“ (665) Auch der Nationalsozialismus habe erst nach den Eroberungen in Osteuropa seinen ganzen Horror entfalten können.
Auffällig ist die fast schon zynische Selbstverständlichkeit, mit der die Autorin das Wort „Menschenmaterial“ verwendet. Manchmal liest sich dieser Text, als müsste die Autorin selbst ein gewisses Quantum Menschenverachtung aufbringen, um es mit ihrem ungeheuerlichen Thema aufnehmen zu können.
Sie sah kurz nach dem Zweiten Weltkrieg die Welt jederzeit in Gefahr, wieder dem Totalitarismus anheimzufallen. Ich habe mir beim Lesen oft gewünscht, sie wäre noch am Leben und könnte die Geschehnisse der letzten Jahrzehnte kommentieren. Sicher ist: Auch wenn heute an vielen Orten der Welt schlimme Dinge geschehen – vom industrialisierten Morden des früheren 20. Jahrhunderts sind wir immer noch sehr weit entfernt. Es gibt Autokraten, vielleicht sogar Diktatoren: Putin und Erdogan zum Beispiel. Trump hatte seinen Personenkult und ein riesiges Land. Dass er die Institutionen in den USA beschädigt hat, ist sicher. Wir können nur hoffen, dass er nun endgültig weg vom Fenster ist. Und China? Ich habe durchaus das eine oder andere über China gelesen. Und doch weiss ich darüber einfach zu wenig.
6 Gedanken zu „Das Buch, in dem man zuerst den Schluss lesen sollte“
Musste ich gleich wieder an den Historikerstreit denken, mit dem wir uns damals im Geschichtsunterricht sehr auseinander gesetzt haben… Arendts Totalitarismus-Theorie mit der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus ist ja damit nach langem Ringen eine Absage erteilt worden, und danach war sie nicht mehr so populär.
Hier was zu Arendt und Trump (scheint auch andere umzutreiben ;)) https://m.dw.com/de/was-uns-hannah-arendts-totalitarismus-theorie-%C3%BCber-trump-verr%C3%A4t/a-37396874 Ganz unten ist noch einmal ein weiterführender Link.
Herzliche Grüße von zora 🙂
Sehr interessanter Link. = Ich würde es mal mit meinen Worten so ausdrücken: Die Welt ist zu komplex, als dass ein einzelnen Mensch abschätzen oder gar wissen kann, was WAHR und was LÜGE ist. Im Endeffekt geht es darum, wem man glaubt und vertraut, vor allem aber, was sich plausibel und wahrscheinlich anhört.
Hannah Arendt spricht von „Gedankenlosigkeit“. Aber kann jemand gedankenlos sein, also gar keine Gedanken haben? Ich würde eher sagen, dass Menschen sehr leicht zu beeinflussen sind, sich also fremde Gedanken zu eigen machen, ohne diese auf ihre Plausibilität und Wahrscheinlichkeit überprüft zu haben. Gerade viele Behauptungen von totalitären Herrschern erscheinen – „nüchtern betrachtet“ – zu unplausibel und unwahrscheinlich.
Danke für Deinen Kommentar, Rabi. Geradezu inspirierend. Ich glaube, ich werde so schnell wie möglich den Beitrag über die Lüge schreiben, der mir seit langem etwas ungeordnet im Kopf herumschwirrt.
Zum Thema Gedankenlosigkeit: Nein, man kann wohl NICHT keine Gedanken haben. Eher ist es nach meiner Einschätzung so, dass Ottilie Normalverbraucherin ihre Gedanken zunächst einmal auf das Überlebensnotwendige konzentriert, in der Politik somit ebenfalls auf das, was die eigenen Interessen unmittelbar betrifft. Damit verbunden sind in der Politik dann schnell mal Fragen im Sinne von: Welche Partei oder Bewegung vertritt meine Interessen am besten? Dinge, die schwer zu fassen oder zu verstehen sind, gehen schnell mal unter. „Im Sudan sterben Menschen an Hunger? Weit weg! Betrifft mich nicht!“ „Meine Landsleute ermorden in Polen Juden?“ Da hat sich sicher bei vielen das Gewissen geregt. Aber Widerstand war schwierig, und überhaupt: Weit weg und fast nicht zu fassen. Im Fernseh-Interview von 1964 (verlinkt von Zora zu meinem letzten Beitrag) sagt Arendt: „Die Menschen hatten dazu Einfälle. Sie haben sich von ihren Einfällen verführen lassen.“
Ich bin gespannt auf deinen Eintrag zum Thema „Lüge“.
Als Journalistin kennst du die Methoden, wie man Meldungen und Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft. Aber was soll der Ottilie Normalverbraucherin in so einem Fall tun?
Danke Dir, Zora. Ja, schwieriges Thema. Ich finde es toll, dass ihr damals über den Historikerstreit in der Schule diskutiert habt. Bei uns war das noch nicht soweit, ich machte meiner Matura 1985. Eine Recherche auf dem Netz deutet aber darauf hin, dass der Vergleich immer noch – oder wieder – umstritten ist. Ich denke, man kann Gemeinsamkeiten zwischen den beiden Herrschaftsformen sehen, ohne die Einzigartigkeit des Verbrechens im Nationalsozialismus verharmlosen zu wollen. Dass Hitler bei Stalin abgeschaut haben soll, ist denkbar. Dass dies die Schuld der Nazis verringern soll, halte ich für einen abstrusen Gedanken. Und meine Lesart ist auch, dass Arendt ihren Vergleich nicht absolut gesetzt hat, sondern eben im Bereich der erwähnten Gemeinsamkeiten. Ich habe in den letzten Tagen viel im Netz herumgestöbert, um zu dieser Frage Klarheit zu bekommen (habe aber leider alle Links wieder verloren). Aus der Zeit unmittelbar nach dem Krieg heraus betrachtet waren die Ähnlichkeiten zwischen den beiden zuvor nie dagewesenen Herrschaftsformen sicher auffällig.
Wie die jeweiligen Massenmorde passiert sind – mit welchen „Begründungen“, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Mitteln, darüber kann ich hier nicht schreiben, ich weiss einfach zu wenig darüber.
Danke für den Link, übrigens. Ja, die Fragen um Trump treiben viele um. Der Popularität der Lüge damals und heute werde ich wohl ein eigenes Kapitel widmen, wenn ich es schaffe. Denn sie deutet darauf hin, dass wir uns wirklich in Gefahr befinden.
Die Frage, die sich mir immer wieder stellt, ist, warum solche Autokraten und Diktatoren stets soooo viele Anhänger haben. Auch wenn Trump die Wahl verloren hat – was er ja bis heute leugnet -, so sind es doch immerhin weit über 40 Prozent, die ihn gewählt haben.
Was ist denn das „Faszinierende“, das von Leuten wie Trump oder Goebbels ausgeht, so dass die Massen ihnen bedingungslos folgen? Ist es die Unzufriedenheit mit der aktuellen eigenen Situation und damit verbunden die Hoffnung auf ein besseres Leben?