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Der Titel dieses Textes verweist auf einen der berühmtesten und bekanntesten Essays Friedrich August von Hayeks unter dem Titel «Warum ich kein Konservativer bin», den er seiner 1960 veröffentlichten Abhandlung «Die Verfassung der Freiheit» als Anhang beigefügt hat. Hayek empfand es als notwendig, seinen Anspruch darauf anzumelden, als klassischer Liberaler identifiziert zu werden, und dabei zugleich auch der Vereinnahmung des Begriffs «liberal» durch Leute Einhalt zu gebieten, die dessen altbewährte Betonung der individuellen Freiheit unterliefen. Konservative Bettgenossen waren Hayek, dessen bête noire zeit seines Lebens der Sozialismus blieb, durchaus willkommen, aber er sah keinen Grund, auch terminologisch unter ihre Decke zu schlüpfen.
Die eigentliche Anregung zu meiner Überschrift geht auf das Buch «Equality, Rights, and the Autonomous Self» (2004) von Timothy Roth zurück, dem dieser den Untertitel «Toward a Conservative Economics» beigefügt hat. Da sich die Position, die Roth und zuvor Hayek dargelegt haben, nicht wesentlich von meiner eigenen unterscheidet, fühle ich mich nun verpflichtet, den klassischen Liberalismus zu verteidigen, so wie Hayek es vor mehr als vier Jahrzehnten tat – als einen Begriff, der eine kohärente politische Philosophie beschreiben soll, die sich in ihren grundlegenden Elementen von dem unterscheidet, was man unter der Rubrik «Konservatismus» zusammenfasst. Hier geht es um mehr als um «Ökonomie» oder «politische Ökonomie», und es ist beinahe ein Kategorienfehler, einen derart allgemeinen Begriff auf einen möglichen Standpunkt anzuwenden, demzufolge die Politik zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort auf die Offenheit der Märkte gerichtet sein sollte.
Konservatismus, Liberalismus und der Status quo
Konservatismus und Liberalismus sind zwei unterschiedliche Blickwinkel, aus denen man das ganze Feld der menschlichen Interaktion betrachten und bedenken kann, oder, noch grundsätzlicher, die Menschen, die interagieren. In meiner Interpretation hat der konservative Standpunkt bzw. die konservative Sichtweise mehr mit dem gemeinsam, was man unter dem Rubrum des Dirigismus oder des Paternalismus zusammenfasst, als mit dem klassischen Liberalismus. Und die andauernde Dominanz jener dirigistischen Haltung, die gemeinsam mit dem sie konterkarierenden Liberalisierungsdruck das Erbe sozialistischer Sehnsüchte antrat, hat die widersprüchliche Ethik hervorgebracht, mit der wir es zu tun haben. Die vorherrschende «öffentliche Philosophie» ist ein Durcheinander, und das macht es noch dringender als in den unmittelbar postsozialistischen Jahren, die klassisch liberale Sichtweise zum Ausdruck zu bringen.
Etymologisch besagt das Wort «konservativ», dass «dem, was ist», ein positiver Wert zugemessen wird, ob es sich dabei um Verhaltensweisen handelt, um Konventionen, Traditionen, moralische Standards, Koordinationsregeln oder auch um ökonomische, soziale oder politische Institutionen (einschliesslich Verfassungsstrukturen). «Das, was ist», beschreibt darüber hinaus die Zuordnung der Menschen zu ihren verschiedenen Rollen als Untertanen, Herrscher, Prinzipale oder Agenten. Folglich obliegt die Beweislast jenen, die für Wandel plädieren, denn dieser bringt – per Definition – Unsicherheit mit sich, oder, um Shackles Ausdruck zu benutzen, eine Verlagerung hin zu einer Welt der «unknowledge», des Unwissens. Dem Konservativen fällt die Auflösung von Hamlets Zwickmühle leicht; es ist besser, «die Übel, die wir haben», zu ertragen, «als zu unbekannten [zu] fliehn».
Der Konservative verleiht dem Status quo per se ein Wertprivileg. Der klassische Liberale erkennt vielleicht an, dass der Status quo durch die schiere Tatsache seiner Existenz privilegiert ist, aber damit ist kein unabhängiger positiver Wert verbunden. Der Liberale ist bereit, Alternativen zu untersuchen, ohne die Schwelle überschreiten zu müssen, die der Konservative zwischen dem errichtet, was ist, und dem, was sein könnte. Allerdings kommen klassische Liberale auch untereinander zu unterschiedlichen Ergebnissen, wenn spezifische Abweichungen vom Status quo in Betracht gezogen werden. Sie sind sich vermutlich einig, was die alternative institutionelle Struktur angeht, die klassisch liberale Ideale am besten erfüllt – eine Struktur, die vor allem der individuellen Freiheit einen weiten Spielraum einräumt. Doch zwischen allen, die sich klassische Liberale nennen und dieser idealisierten Ordnungsstruktur zustimmen könnten, kann trotzdem erhebliche Uneinigkeit über die Reformen bestehen, mit denen dieses Ideal erreicht werden soll. Es mag Radikale in unseren Reihen geben, die nicht zögern würden, die existierenden Strukturen einzureissen und stattdessen das Ideal in Kraft zu setzen.
Diese Radikalen würden in einem gewissen Sinne also vorschlagen, das liberale Ziel mit nichtliberalen Mitteln zu erreichen. Wenn sie eine Machtstellung erhielten, würden sie ihre eigene Version einer idealen Gesellschaft anderen Menschen aufzwingen, auch wenn diese möglicherweise anderer Meinung wären. Im Gegensatz dazu verbleiben noch jene von uns, die das Label «klassisch liberal» akzeptieren, die Regeln des Liberalismus aber auch auf die Mittel anwenden, mit denen bestehende Strukturen reformiert werden. Um die Sache noch besser zu beschreiben, könnten wir dem Label das Wort «kontrakttheoretisch» voranstellen.
Der klassische Liberale, der es richtig findet, die Mittel, mit denen Reformen ins Werk gesetzt werden, kontrakttheoretisch begründeten Restriktionen zu unterwerfen, befindet sich fast zwangsläufig auf derselben Seite wie der echte Konservative. Beide lehnen einen konstruktivistischen Wandel ab, der die Anwendung von Zwang auf einige Mitglieder der Gemeinschaft durch andere mit sich bringt, selbst wenn dieser Wandel in die Richtung des unabhängig von den Mitteln definierten liberalen Ideals strebt. Ein solcher klassischer Liberaler muss für Freunde wie Feinde so aussehen, als ob er dem Status quo ein Privileg einräume – und das nur, weil es bekanntermassen so schwierig ist, Konsens über einen Wandel herbeizuführen, wobei ohne Konsens aber auch keinem Wandel volle Legitimität zuzubilligen ist.
Diese Schwierigkeiten werden dadurch verschärft, dass es nicht zu rechtfertigende Ansprüche gibt, die einander zudem auch noch häufig widersprechen, so dass sie nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden können. Nach welchen Kriterien aber kann jemand seinen Anspruch auf eine privilegierte Stellung schon deshalb geltend machen, weil es sie gegeben hat und es sie weiterhin gibt, mit einer effektiven Vetomacht, und sei diese nur indirekt? Genauer gesagt, unter welchen Bedingungen gilt es jenen Personen und Gruppen einen Ausgleich zukommen zu lassen, die von den vorgeschlagenen Reformen bedroht und geschädigt werden?
Der klassische Liberale hat als Kontrakttheoretiker auf solche Fragen keine einfachen Antworten, insbesondere dann nicht, wenn die Anspruchsstruktur Eigenschaften aufweist, die der grossen Vision zuwiderlaufen, die als ultimatives Ziel in Aussicht gestellt wird. Ein vorläufiger Schritt in die Richtung einer wenigstens teilweisen Antwort mag sich ersatzweise auf eine Einschätzung in der Öffentlichkeit verbreiteter Haltungen und Meinungen stützen. Wenn die Einstellungen der Öffentlichkeit Erwartungen enthalten, mit denen anerkannt wird, dass es Ansprüche auf Positionen gibt, die im Status quo wertvoll sind, dann legt schon allein diese Tatsache nahe, dass jene Ansprüche legitim sind. Anerkennung ist ein Legitimitätsausweis, der nicht ignoriert werden sollte, im Gegensatz zur fortgesetzten Bestreitbarkeit.
Es bleibt die schwierigere Frage: Was, wenn es einige Personen einfach vorziehen, als Sklaven dem Diktat anderer unterworfen zu sein oder im Zustand der Abhängigkeit zu verharren, diesem Bodensatz der Sklaverei in der Moderne? Was, wenn einige Personen einfach nicht viel oder gar keinen Wert auf individuelle Freiheit legen – also auf jenen Wert, der für die gesamte Sichtweise des klassischen Liberalen zentral bleiben muss? In einer solchen Situation mag es unmöglich erscheinen, einen Konsens über eine Reform in der Richtung des klassisch liberalen Ideals herbeizuführen. Die fortlaufende Frustration darüber, dass die Mitglieder der politischen Gemeinschaft so offensichtlich darin versagen zu verstehen, was wahrhaftig in ihrem eigenen aufgeklärten Selbstinteresse liegt, mag den klassischen Liberalen dazu verleiten, entweder in die Reihen derer vorzustossen, die auch ohne Konsens einen Wandel erzwingen wollen, oder aber mit den Konservativen davon auszugehen, dass es eine Art hierarchische Klassifizierung vorzunehmen gilt.
Das Dilemma des kontrakttheoretisch argumentierenden klassischen Liberalen lässt sich nicht auflösen. Es mag sehr wohl so sein, dass der Status quo darin versagt, die notwendigen Anforderungen des liberalen Ideals zu erfüllen. Gleichzeitig jedoch ist es nun einmal so, dass es zu keiner Reform einen potentiellen Konsens gibt. Hier muss der klassische Liberale, gleichsam in Form eines normativen Vertrauensvorschusses, fest an der Vorannahme festhalten, dass das liberale Ideal innerhalb des Möglichen verbleibt, trotz der angesammelten empirischen Evidenz, die das Gegenteil nahelegen mag. Der klassische Liberale muss auch ein Realist bleiben, aber sein Realismus sollte immer mit Hoffnung eingefärbt sein.
Die Gattung Mensch: Natürliche Gleichheit vs. Hierarchie
Es gibt einen grundlegenden Unterschied zwischen der liberalen und der konservativen Betrachtungsweise, Interpretation und Auffassung der Gattung Mensch als Menge aller Mitglieder einer biologisch klassifizierten Kategorie. Die einzelnen Personen unterscheiden sich voneinander; sie teilen jedoch zugleich charakteristische Eigenschaften, die alle Mitglieder dieses Kreises gemeinsam haben. Die Unterschiede sind natürlich mehrdimensional; die einzelnen Personen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht voneinander. Die hier relevante Frage ist, ob es eine allgemeine und singuläre Dimension gibt, hinsichtlich derer alle Mitglieder der Gattung Mensch nach Massgabe eines Kriteriums der «höheren Qualität» oder der «Überlegenheit» klassifiziert werden können. Gibt es eine natürliche Hierarchie unter den Menschen? Oder wenn es keine solche singuläre Dimension gibt, bedeutet das dann, dass man die einzelnen Personen als «natürlich Gleiche» denken muss?
Die Diskussion lässt sich hier gleichsam personalisieren, und zwar als fiktive Debatte zwischen Platon und Adam Smith. Platon hatte keine Bedenken, die Menschen in eine Hierarchie einzuordnen. Für Platon sind manche Menschen von Natur aus Sklaven, andere Herren. Für Adam Smith waren die einzelnen Personen von Natur aus gleich, und einer seiner bekannten Verweise bezieht sich darauf, dass es keinen grundlegenden Unterschied zwischen einem Philosophen und einem Lastenträger gibt.
Das Thema ist nicht, ob sich einzelne Personen überhaupt voneinander unterscheiden; das Thema ist, ob sie sich in ihrer potentiellen Eignung als Mitglied einer politischen Gemeinschaft unterscheiden. Was könnte die Basis für eine solche Klassifizierung sein, die einige Personen über andere erhöbe? Welche transzendenten Werte könnten in solche Kriterien einfliessen? Und, noch wichtiger, wem kommt es zu, die Reihenfolge aufzustellen?
Der Liberale muss sich mit solchen Fragen nicht befassen, denn er akzeptiert mehr oder weniger ohne bewusste Erörterung die Smithʼsche Vorannahme der natürlichen Gleichheit. Der Konservative erkennt die Herausforderungen, vor die ihn solche Fragen stellen, und ich möchte behaupten, dass die implizite Anerkennung einer menschlichen Hierarchie für seine politische Einstellung charakteristisch ist. Der Konservative folgert gleichsam notwendigerweise, dass Personen, die in der Hierarchie höher stehen, auch entsprechend mehr Zuständigkeit in Angelegenheiten der Regierung zukommen sollte. Am natürlichsten passt dazu die Aristokratie.
Der Konservative, der die einzelnen Personen in eine Hierarchie einreiht, kann nicht ohne innere Widersprüche Demokrat sein, wenn Demokratie bedeutet, dass alle Mitglieder der politischen Gemeinschaft über die gleiche Möglichkeit verfügen sollten, Aufbau und Betrieb der politischen Ordnung zu beeinflussen. Der Konservative mag vielleicht ein Lippenbekenntnis zur Gleichheit abgeben, beispielsweise zum allgemeinen Wahlrecht, aber unterschwellig ist seine Einstellung dadurch zu beschreiben, dass für ihn «manche gleicher sind als andere».
In dramatischem Kontrast dazu muss der Liberale ein Demokrat im beschriebenen Sinne sein, gleichgültig, ob er ein klassischer Liberaler oder ein moderner Linksliberaler ist. Er kann nicht ohne Widersprüche einer hierarchischen Klassifizierung der Menschen anhängen, geschweige denn den Bedeutungen, die eine solche Klassifizierung für die politische und organisatorische Struktur des Gemeinwesens mit sich bringt.
Verwirrung kommt auf, weil sich der klassische Liberale und der Linksliberale ausdrücklich in ihren Haltungen zur Trennlinie zwischen kollektivem und privatem Handeln unterscheiden, also zwischen Staat und Markt. Unter den Bedingungen des späten zwanzigsten und des frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts neigt der klassische Liberale dazu, sich einer Ausweitung der staatlichen oder der kollektiven Befehlsgewalt entgegenzustellen – einer Ausweitung, die oftmals die Zustimmung des Linksliberalen findet. In dieser politischen Position kämpft der klassische Liberale auf der Seite des Konservativen, der die bestehende Trennung der Zuständigkeitssphären zu bewahren sucht. Wenn sie sich politisch organisieren, scheinen klassisch liberale und konservative Kräfte Basiswerte zu teilen, obschon ihre Positionen auf sehr unterschiedlichen Grundhaltungen beruhen.
Dass die Annahme natürlicher Gleichheit aller Mitglieder der Gattung Mensch dem klassischen Liberalen abverlangt, Demokrat zu sein, bringt freilich nicht mit sich, dass der Demokratie, insbesondere nicht in ihrer Variante der Mehrheitsdemokratie, unbegrenzte Reichweite für kollektives Handeln zu geben ist. Erforderlich ist allein, dass allen Mitgliedern des Gemeinwesens der gleiche Einfluss auf die Bestimmung des politischen Handelns gewährt wird, einschliesslich der Auswahl der Verfassungsregeln, innerhalb derer sich die alltägliche Politik vollzieht. Das heisst, der klassische Liberale kann ein Konstitutionalist im strikten Sinne dieses Begriffs sein – eine Haltung, die einen zusätzlichen Unterschied zum Linksliberalen markiert und den klassischen Liberalen im fortlaufenden politischen Dialog oftmals an die Seite des Konservativen stellt.
Sowohl der Konservative als auch der klassische Liberale betonen den Respekt und das Befolgen der Verfassungsregeln – der Konservative, weil diese Regeln existieren, und der klassische Liberale, weil sie dazu dienen, die Sphäre für die Ausübung persönlicher Freiheit vor exzessiven Übergriffen einer mehrheitsbestimmten Politik zu beschützen. Den Konservativen und den klassischen Liberalen verbindet ihre Angst vor dem Volk, allerdings aus ziemlich verschiedenen Gründen. Der Konservative fürchtet sich vor kollektiven Entscheidungen, die von Personen getroffen werden, die ausserhalb der informierten Elite stehen, wohingegen sich der klassische Liberale über eine mögliche Tyrannei der Mehrheit und die daraus folgende Ausbeutung von Minderheitsinteressen sorgt.
Es sollte klar sein, dass Einigkeit bezüglich der Ausrichtung der Politik nicht damit einhergehen muss, dass man auch fundamentale philosophische Grundlagen teilt, insbesondere nicht im Blick auf die Vorannahme der natürlichen Gleichheit oder Ungleichheit der Menschen. Die Anerkennung dieses Unterschieds war während des gesamten sozialistischen Jahrhunderts erschwert, in dem sich Konservative und klassische Liberale vereint sahen im Widerstand gegen sozialistisch-kollektivistische Ideen, die oft eine Mischung hierarchischer und nichthierarchischer Menschenbilder widerspiegelten.
Die Transzendenz der Werte
Eine damit zusammenhängende, wenn auch andersartige Unterscheidung zwischen den Positionen des klassischen Liberalen und des Konservativen betrifft die letztliche Verortung der Quelle von Wert oder Werten. Für den Konservativen sind Werte etwas Transzendentes; sie existieren unabhängig vom Individuum und ausserhalb desselben. Es gibt nicht notwendigerweise einen einzelnen und einförmigen Ort dafür. Werte mögen sich aus göttlicher Offenbarung ergeben; aus Traditionen, die sich kulturell entwickelt haben; oder aus dem «Naturrecht», vorgegeben von der rechten Vernunft. Die Gemeinsamkeit besteht darin, dass Werte aus einer Quelle jenseits der Person als solcher hervorgehen. Dafür bedarf es noch nicht einmal einer Unterscheidung zwischen der privaten und der öffentlichen Sphäre. Um eine Richtschnur für das private Verhalten zu finden, sucht der Konservative die Quellen der Moralität ausserhalb des privaten Bewusstseins des Individuums. Zugleich lassen sich die Werte, die durch kollektives Handeln gesichert werden sollen, als schon vorab existent denken, definiert ohne Bezug zu irgendeiner Offenlegung persönlicher Präferenzen.
Wenn man postuliert, dass die Quellen der Werte ausserhalb des Individuums «irgendwo dort draussen» existieren und nur darauf warten, entdeckt zu werden, und wenn die einzelnen Personen gleichzeitig in die Hierarchie einer platonischen Rangfolge einsortiert werden, dann sind die Folgen für die Verleihung politischer Machtbefugnis klar: Wer besser qualifiziert ist, für sämtliche Mitglieder der politischen Gemeinschaft die letztgültigen Werte zu suchen und zu finden, muss in Herrschaftspositionen gehoben werden. Was diese Kombination von Einstellungen geradezu notwendig nahelegt, ist eine Elite der Informierten, eine Meritokratie. Vielleicht übernimmt nicht jeder, der sich selbst als Konservativer bezeichnet, bewusst die hierarchische Klassifikation der Menschen oder die Transzendenz der Werte. Nichtsdestotrotz beschreibt diese Kombination den gewöhnlichen konservativen Standpunkt implizit am besten, gerade im Gegensatz zum Standpunkt des klassischen Liberalen.
Die gegensätzlichen Positionen entlang dieser beiden Dimensionen unterscheiden sich dramatisch. Klassische Liberale, ja alle Liberalen lehnen die hierarchische Klassifikation von Menschen ab und entscheiden sich in der laufenden Debatte klar für die Seite von Adam Smith. Das Postulat der natürlichen Gleichheit ersetzt das Postulat der Ungleichheit. Gleichzeitig verortet der klassische Liberale die Quellen der Werte ausschliesslich im Bewusstsein des einzelnen; eine andere Quelle gibt es nicht. Dieses Postulat geht nicht zwingend mit Solipsismus einher. Einem Individuum mag bescheinigt werden, dass es die Werte anderer respektiert und dass es sich für Diskussionen offen zeigt, das Ziel einer Einigung im Blick. Gleichzeitig ist es denkbar, dass dasselbe Individuum Werte, die in herkömmlichen Konventionen, Traditionen und Institutionen ausgedrückt und abgebildet sind, relativ weit oben auf seiner mentalen Skala plaziert. Doch in einem höheren Sinn ist sich der einzelne, modelliert nach dem Bild des klassischen Liberalen, seiner eigenen Verantwortung für die Werte bewusst, die Entscheidung und Handeln motivieren, sei es nun im privaten oder im öffentlichen Verhalten.
Es ist klar, welche Bedeutung das für den verfassungsmässigen Aufbau der Gesellschaft hat. Für den klassischen Liberalen kann keine Person oder Gruppe zu Recht eine überlegene Fähigkeit beanspruchen, die Werte zu entdecken, die das Handeln leiten sollen. Manche sind nicht gleicher als andere, im Orwellʼschen Sinne, auch wenn es den politischen Dialog erleichtern mag, Meinungsführer anzuerkennen und ihnen freiwillig Achtung zu zollen. Der klassische Liberale begegnet dem Argument eines Befürworters der Meritokratie, indem er verneint, dass es überhaupt ein Skalar gibt, das Verdienst in irgendeinem relevanten Sinne misst.
Zwei Varianten der gegensätzlichen konservativen und klassisch liberalen Position verdienen Erwähnung. So kann man die mögliche Existenz einer externen Quelle von Werten anerkennen und gleichzeitig trotzdem jeglichen Unterschied in den Fähigkeiten verneinen, diese Quellen zu finden und zu nutzen. Mit anderen Worten, man kann sich zur Frage der Existenz externer Quellen von Werten agnostisch – nicht atheistisch – stellen, ohne die klassische liberale Position zu verlassen.
Eine alternative und erkenntnistheoretisch anspruchsvolle Position kann darin bestehen, jegliche hierarchische Klassifizierung von Menschen abzulehnen, aber davon auszugehen, dass Wissen über die Werte der Menschen möglich sei. Die Werte jeder einzelnen Person mögen gleich gewichtet werden wie die Werte anderer, aber es ist in manchen Fällen möglich, dass andere diese Werte besser kennen als die fragliche Person selbst. Elemente dieser Position finden sich in verschiedenen Varianten des klassischen Utilitarismus. Der klassische Liberale hat keine Schwierigkeit, diese Behauptung als erkenntnistheoretisch bedeutungslos zu verwerfen. Wenn die ultimative Quelle der Werte im individuellen Bewusstsein liegt, dann scheint es offensichtlich, dass ein solcher Wert nur innerhalb dieses Bewusstseins gewusst werden kann. Deshalb muss jeder Wert subjektiv sein. Die Objektivierung des Wertes ist für den klassischen Liberalen eine widersprüchliche Übung. Im Gegensatz dazu ist der Wert für den Konservativen eine objektive Grösse, und daraus folgt, dass er sich auch von jemand anderem als dem individuellen Handlungsträger kennen oder zumindest entdecken lässt.
Paternalismus versus individuelle Verantwortung
Der Konservative ist nicht notwendig in dem Sinne paternalistisch, dass er sich bemüht, anderen seine eigenen Werte aufzuzwingen. Eine Nähe zum Paternalismus ergibt sich aber insofern, als die individuelle Verantwortung keine positive Wertschätzung erfährt. Es kann geschehen, dass der Konservative Menschen, die gemäss seiner hierarchischen Ordnung weiter unten stehen, für unfähig hält, die Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen. In der konservativen Werteskala hat die individuelle Verantwortung an sich und auch als Begleiterscheinung der individuellen Freiheit kein Gewicht – höchstens dann, wenn eine Ausdehnung der individuellen Handlungsfreiheit die Stabilität der gesellschaftlichen Ordnung stärkt.
Der Standpunkt des klassischen Liberalen entstammt im Hinblick auf diese Bewertungsdimension einer anderen Kategorie. Individuelle Freiheit und ihre Begleiterscheinung, individuelle Verantwortung, sind letzte oder höchste Werte, die sich gleichermassen auf alle Mitglieder der Gemeinschaft erstrecken. Der klassische Liberale befürwortet eine Ausdehnung der individuellen Freiheit um ihrer selbst willen, und es gibt keinerlei Minderung der Verantwortung aufgrund irgendeines Urteils, nach dem jemand nur begrenzt zu dieser Verantwortung fähig sei. Es gibt kein Gefühl der Verantwortlichkeit für andere, deren Verhalten nach anderen Standards bewertet wird.
Der klassische Liberale ist notwendigerweise ein leichtes Ziel für den Vorwurf, ihm fehle es in seinem Verhalten gegenüber den Mitmenschen an Mitgefühl – also an einem Vorzug, der die konservative Haltung beschreiben mag, ebenso wie andere Positionen, die mit Paternalismus einhergehen. Der «mitfühlende Konservatismus» von George W. Bush kann als bedeutungsvoller normativer Standpunkt ausgedrückt und verteidigt werden. Der vergleichbare Terminus «mitfühlender klassischer Liberalismus» wäre als ein Widerspruch in sich zu werten. Es gibt hier kein Zwischending. Entweder sind andere Menschen als von Natur aus gleich zu behandeln, verdienen denselben Respekt und sind individuell für ihr Handeln verantwortlich, oder sie sind als nachrangige Exemplare ihrer Art zu behandeln, ähnlich wie abhängige Tiere. In einem sehr frühen Kommentar hat Dennis Mueller darauf aufmerksam gemacht, dass es in den Rawlsʼschen Gerechtigkeitsprinzipien nichts gebe, was eine Person dafür verurteile, dass sie ihren Hund prügle. Und das sollte es auch nicht. Der Rawlsʼsche Diskurs bewegte sich strikt innerhalb des klassisch liberalen Rahmens, wo die natürliche Gleichheit der Menschen eine grundlegende Vorannahme des gesamten Unterfangens bleibt.
In kaum einer philosophischen Dimension, und vielleicht insbesondere nicht in der hier untersuchten, lassen sich reale Personen finden, die dem Idealtypus entsprechen. Genötigt, seine Position umfassend zu umreissen, fände wohl fast jedermann in sich eine Mischung der verschiedenen hier erörterten Standpunkte wieder. Zu einem bestimmten Grad klassifizieren wir Menschen hierarchisch und behandeln sie trotzdem als natürlich Gleiche. In ähnlicher Weise erkennen wir die Existenz transzendenter Werte an, gleichsam als relativ absolute Absolutheiten, und meinen trotzdem, dass es keine externen Quellen gebe. Und schliesslich empfinden wir Mitgefühl gegenüber jenen, die weniger verantwortlich für ihre Handlungen zu sein scheinen, obwohl wir sie als Gleiche respektieren.
Die Einstufung als «Konservativer» oder als «klassischer Liberaler» oder als Vertreter irgendwelcher anderen normativen Standpunkte, die man miteinander vergleichen kann, bezieht sich auf die verschiedenen Punkte auf den jeweiligen Skalaren. Es ist nützlich, die Idealtypen jeder dieser Dimensionen zu skizzieren – weniger deshalb, weil das erlaubt, die Positionen der Teilnehmer an aktuellen Debatten über die Gesellschaftsordnung einzuordnen, sondern vielmehr weil es die Untersuchung erleichtert, was aus jeder dieser Positionen folgt, wenn man sie mit der Realität konfrontiert. Und in dieser Hinsicht wünschen sich klassische Liberale natürlich eindeutig, dass die gesellschaftlichen Institutionen die Vorannahmen ihrer idealisierten Position verkörpern, selbst wenn sie in einem einfachen empirischen Sinne die Werturteile der Konservativen, der Paternalisten und der Wohlfahrtsstaatssozialisten teilen.
Die Relevanz der Frage
Warum scheint es relevant, dass ich in der ausgedehnten Erklärung, inwiefern sich meine Position als klassischer Liberaler von jener eines Konservativen unterscheidet, Hayek folge? Es ist die empirische Realität, die diese Relevanz erzwingt. Ich werde regelmässig als Konservativer bezeichnet, sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Wissenschaft. Diese Klassifizierung fusst auf der Beobachtung, dass sich meine Position mit Blick auf viele Themen der Tagespolitik ebenso wenig wie im Rahmen des umfassenderen Dialogs über institutionelle und konstitutionelle Strukturen von jener unterscheiden lässt, die solche Personen einnehmen, die sowohl sich selbst als konservativ beschreiben als auch von anderen so beschrieben werden.
Eine solche geistige Übereinstimmung zwischen klassischem Liberalismus und Konservatismus hat es nicht immer gegeben. Die beobachteten Parallelen sind erst im Laufe des sozialistischen Jahrhunderts entstanden, in dem klassische Liberale und Konservative in der Tat in ihrer Gegnerschaft zum gemeinsamen Feind vereint waren. Doch hinter dieser vereinten Gegnerschaft zu sozialistisch-kollektivistischen Vorhaben gesellschaftlichen Wandels steckten sehr unterschiedliche Motivationen. Der klassische Liberale hat jegliche Ausdehnung der kollektiven Kontrolle als zwangsläufige Einschränkung der individuellen Freiheit bewertet. Der Konservative dürfte relativ wenig um den Spielraum für die individuelle Freiheit besorgt gewesen sein, sich aber jeglichem grösseren strukturellen Wandel widersetzt haben, der die Stabilität der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung hätte bedrohen können. Der klassische Liberale und der Konservative waren deshalb geeint in ihrer Gegnerschaft zum sozialistischen Revolutionsimpuls, weil den vorsozialistischen Ausgangspunkt eine relativ begrenzte Sphäre kollektiven Handelns gekennzeichnet hatte.
Es schafft Verwirrung, wenn behauptet wird, sowohl klassische Liberale als auch Konservative neigten dazu, allgemein «den Markt» gegenüber kollektiven, von der Regierung verwirklichten Arrangements zu bevorzugen. Klassische Liberale unterstützen in der Tat eine Ausweitung der Märkte, aber nicht wegen der gesteigerten Effizienz, die das verspricht, sondern weil Märkte ein Mittel sind, um kollektive Herrschaft zu begrenzen. Konservative unterstützen den Markt als solchen nicht notwendigerweise. Dazu kommt es nur, wenn die Institution Markt schon als Bestandteil der gesellschaftlichen Ordnung vorzufinden ist.
In der vorsozialistischen Epoche gab es eine mehr oder minder natürliche Gegnerschaft zwischen dem klassischen Liberalismus und dem Konservatismus. Die bestehenden Institutionen, die der Konservative verteidigte, umfassten althergebrachte Privilegien, die der klassische Liberale zu beseitigen suchte. Um Karl Popper zu paraphrasieren: Klassische Liberale haben die offene Gesellschaft gegen alle ihre Feinde verteidigt, einschliesslich der Konservativen.
Hayek hielt es 1960 für nützlich, seinen Essay «Warum ich kein Konservativer bin» zu veröffentlichen. Er hätte vor einer schwierigeren Aufgabe gestanden, wenn es gegolten hätte, die Position, die er in seinen späteren Werken an den Tag legte, vom Standpunkt des Konservatismus zu unterscheiden. In den letzten Jahrzehnten seiner Karriere geriet Hayek zunehmend unter den Einfluss einer evolutionären Perspektive und kritisierte seine Kollegen, die er als «Konstruktivisten» klassifizierte. Hayek räumte den Kräften der kulturellen Evolution Priorität ein, wenn es darum ging, die grundlegenden Institutionen der gesellschaftlichen Ordnung sowohl zu erklären als auch zu rechtfertigen, auch wenn er in dieser Hinsicht nicht ganz konsistent war. Diesen Standpunkt kann ein Konservativer natürlich mit Enthusiasmus akzeptieren.
Im Unterschied dazu muss der klassische Liberale meines Erachtens zumindest in einem begrenzten Sinne ein Konstruktivist bleiben. In der klassisch liberalen Perspektive gibt es utopische Elemente, die im Spätwerk Hayeks oder im Konservatismus nicht vorkommen. Der klassische Liberale kann von Welten träumen, die es noch nicht gibt, und er kann zumindest eine gewisse Hoffnung hegen, dass wir uns diesen Welten wenigstens ein wenig nähern, auch wenn wir sie niemals ganz erreichen werden.
Der vorliegende Text wurde veröffentlicht in Buchanans «Why I, Too, Am Not a Conservative» (Edward Elgar, 2005), hier erscheint er erstmals auf Deutsch. Der Dank der Redaktion gebührt der Übersetzerin und dem Verlag für die freundliche und professionelle Zusammenarbeit.