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Griechenland hat erstmals in seiner Geschichte eine Frau als Staatsoberhaupt. Das Parlament hat die Juristin Ekaterini Sakellaropoulou diese Woche zur Präsidentin gewählt. Doch betrachtet man die Rolle der Frau in Griechenland generell, hinkt das Land hinterher, sagt die Journalistin Rodothea Seralidou.
Rodothea Seralidou
Freie Journalistin
Die Journalistin berichtet seit 2011 für SRF und ARD aus Griechenland. Sie lebt in Athen.
SRF News: Griechenland gilt als patriarchales Land. Stimmt das noch?
Rodothea Seralidou: Teilweise. Ältere Männer zum Beispiel gehen gerne in Cafés, wo sie unter sich sind. Dort spielen sie Backgammon und reden über Politik und Wirtschaft. Frauen haben dort nichts zu suchen. Aber bei den Jüngeren ist das anders. Junge Frauen in Griechenland sind sehr modern.
Frauen sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und mehr für die Familie und für den Haushalt verantwortlich.
Sie studieren, arbeiten und bestimmen ihr Leben selber. In der Ehe sind die Rollen wieder traditioneller: Der Mann ist dafür zuständig, das Geld nachhause zu bringen, und die Frau kümmert sich um den Haushalt und die Kinder. Dieses Rollenklischee ist hier ausgeprägter als in Zentraleuropa.
Wie viele Frauen sind in Griechenland berufstätig?
Weniger als die Hälfte der Frauen in Griechenland arbeiten Vollzeit, hingegen arbeiten zwei von drei Männern Vollzeit. Nur jeder vierte Arbeitnehmende in einer Führungsposition ist hier eine Frau. Das ist EU-weit die tiefste Quote. Der EU-Schnitt liegt bei 33 Prozent. Frauen sind häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen und auch mehr für die Familie und für den Haushalt verantwortlich.
Was macht der Staat für die Chancengleichheit von Mann und Frau?
Mutterschaftsurlaub gibt es in Griechenland nur für Frauen. Sehr selten können auch Männer zu Hause bleiben. Das einzige, was man diesbezüglich erwähnen kann, ist, dass der Staat versucht, dass so viele Kinder wie möglich einen Kitaplatz bekommen. Das hat sich die neue Regierung auf die Fahne geschrieben – mit der Begründung, dass auch mehr Frauen arbeiten können.
Nun bekleidet eine Frau das höchste Amt. Wie sind sie sonst vertreten?
Es gibt zwar einige sehr dynamische Frauen in der griechischen Politik, beispielsweise Fofi Gennimata, die Chefin der Sozialistischen Partei im Parlament. Auch die Schwester des konservativen Regierungschefs, Dora Bakogianni, mischt seit Jahrzehnten in der Politik mit. Aber die griechische Politik ist immer noch eine Männerdomäne: Von den 300 Abgeordneten sind 61 Frauen, vor allem aus dem linken und linksliberalen Spektrum. Bei den Konservativen machen Frauen 14 Prozent der Abgeordneten aus.
In Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis' Kabinett sind nur fünf Frauen. Trotzdem hat er Sakellaropoulou als Präsidentin vorgeschlagen. Wieso?
Er will ein Zeichen setzen, dass – obwohl es in Griechenlands Politik wenig Frauen gibt – eine Frau Staatspräsidentin werden kann. Das sagte er in seiner Rede. Ein anderer Grund ist, dass er einen breiten Konsens suchte. Und Sakellaropoulou wurde von der Opposition und von seiner Partei unterstützt.
Wie bedeutend ist es, dass nun eine Frau Staatsoberhaupt ist?
Es wird vor allem als eine symbolische Geste verstanden. Sakellaropoulou ist nicht irgendeine Frau. Sie hat sich als oberste Richterin für den Umweltschutz stark gemacht, für die Rechte der Migranten, oft auch gegen ihre Kollegen.
Sie ist eine Frau, der die Menschenrechte, insbesondere die Frauenrechte, sehr wichtig sind.
Und sie hat letztes Jahr an der Hochschule Athens einen sehr bewegenden Vortrag über die Rolle der Frau gehalten, über die Siege der Frauenbewegung, über die Schwierigkeiten, die die Frauen auch heute noch haben, wenn sie die Karriereleiter hochklettern wollen. Sie ist eine Frau, der die Menschenrechte – insbesondere die Frauenrechte – sehr wichtig sind.
Das Gespräch führte Roger Brändlin.