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«Moralische Unordnung», das neue Buch der kanadischen Autorin, beleuchtet ein langes Leben in dreizehn dichten Kapiteln.
Nach einigen opulenten und historisch brillanten Romanen (wie «alias Grace» und «Der blinde Mörder») legt Margaret Atwood jetzt zum Glück wieder einen scheinbar ungeschliffenen Text vor, «Moralische Unordnung», ein schlankes Buch, das stark an ihre ganz frühen Romane erinnert. Es sei ihr persönlichstes Werk, ein autobiografischer Roman im Grunde, schreibt der Verlag. Falsch ist das nicht, doch auch nicht ganz zum Nennwert zu nehmen. Die Ich-Erzählerin heisst Nell und führt trotz einiger Ähnlichkeit mit der Autorin ein Eigenleben. Sie dürfte zumindest in Atwoods Alter sein, also um die siebzig, vermutlich aber noch älter, so alt, dass sie nachts manchmal den Arm ausstreckt, um sicher zu sein, dass Tig wohlbehalten neben ihr im Bett liegt. Weil solches nicht mehr selbstverständlich ist.
Tig ist ihre grosse Liebe. Nell kann sich kaum vorstellen, dass es in ihrem langen Leben auch Zeiten ohne Tig gegeben hat. Dass dies tatsächlich so war, wird ihr Stück für Stück bewusst, in dreizehn Kapiteln, die sich wie Selbstvergewisserungen lesen.
Als Kind hatte Nell oft das Gefühl, sie müsse ihre Mutter beschützen. Die beiden verbrachten manchen heissen Sommer in provisorischen Behausungen an den kanadischen Seen, weil der Vater, ein Biologe, an den Gewässern Insekten studierte. Nach ein paar Jahren wurde der Vater Professor in der Stadt, und es gab eine jüngere Schwester, die nächtelang weinte und als Teenager immer schwieriger wurde. Erst viel später, auf einer Autofahrt zur Mutter ins Pflegeheim, erzählt die erwachsene Schwester, wie sie Nell erlebte: als eine Person, die ganz plötzlich aus der Familie verschwunden war. Das war die Zeit der möblierten Wohnungen, erinnert sich Nell. Sie hatte sich fürs Studium die weitest entfernte kanadische Uni ausgewählt und auch die nächsten Jahre sehr nomadisch verbracht, mit rasch wechselnden Männerbekanntschaften, mit recht seltsamen Menschen, ohne sich allzu sehr auf sie einzulassen. Auch die Begegnung mit Tig hatte seltsam begonnen, ihre heimlichen Zusammenkünfte hatten etwas Entwürdigendes, genau das aber kann Atwood auf witzige Art so treffend beschreiben: wie Nell von Tigs Ehefrau zum Essen eingeladen wird und mit den Jungs Monopoly spielt. Wie stoisch sie Tigs Farmerallüren erträgt, bis es auch ihr zu viel wird.
Manchmal genügt ein unbeschriftetes Foto, um Erinnerungen auszulösen und neue Erkenntnisse in Gang zu setzen. Im Kapitel «Die Jungs vom Labor» versucht Nell, ein Geheimnis aus den Kindertagen zu lüften. Wie ihr dies in Gesprächen mit der dementen Mutter weitgehend gelingt, das ist eine Geschichte, wie nur ganz wenige sie schreiben können. Und Margaret Atwood gehört zu ihnen.