Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03221.jsonl.gz/1781

Bernoulli, Hans, Architekt, 1876-1959
Zusammen mit dem Winterthurer Architekten Adolf Kellermüller entwarf und projektierte Bernoulli Siedlungen im Stil von Reiheneinfamilienhäusern für den Arbeiterstand. Wohnhäuser mit privaten Gärten und kollektiven Freiflächen baute er an der Weberstrasse, im Eichliacker als eine Art dreiseitig umschlossener Park und an der Bachtelstrasse ein längs gerichteter Hofbereich auf der Zugangsseite der Reihenhäuser.
Hans Bernoulli am 17. Februar 1876 in Basel geboren und am 12. September 1959 in Basel gestorben, hatte 1894 eine Lehre als Bauzeichner bei der Architekturfirma Alfred Romang und Wilhelm Bernoulli begonnen. 1897-98 studierte er vier Semester an der Technischen Hochschule München. 1899 war er Mitarbeiter im Büro von Friedrich von Thiersch in München.
1900 besuchte er die Technische Hochschule Karlsruhe. 1901-02 arbeitete er in Architekturbüros in Darmstadt und Berlin, bevor er 1903 ein eigenes Architekturbüro in Berlin gründete. 1910 nahm er die Assistentenstelle für Städtebau an der Technischen Hochschule Charlottenburg an. Es folgten Studienreisen nach Wien, Holland, Belgien, Italien und Kopenhagen.
1912-18 war er Chefarchitekt bei der Basler Baugesellschaft. 1913 erhielt er einen Lehrauftrag für Städtebau an der ETH Zürich. 1919 wurde er zum Titularprofessor ernannt. 1938 Entzug der Lehrbefugnis, nachdem er sich als Freiwirtschafter kritisch zur bundesrätlichen Geldpolitik geäussert hatte. 1918-21 war Mitglied der Eidgenössischen Kunstkommission.
Im Siedlungsbau wirkte Bernoulli als Pionier. Als solchen lernte man ihn auch in Winterthur kennen, wo er 1923 zusammen mit Adolf Kellermüller die Bauleitung übernahm für die Bauvorhaben der Heimstättengenossenschaft. Seine menschliche Einstellung zu den weniger Bemittelten inspirierte ihn zu Plänen für den sozialen Wohnungsbau mit niedrigen Mietzinsen.
Nichts konnte ihn von dieser eingeschossigen Reihenbauweise abhalten, auch wenn man diese Bernoulli-Häuser im Volksmunde „Ziegenställe“ nannte.
Als Beweis für sein richtig gewähltes Ziel, das preisgünstige Wohnen, darf festgestellt werden, dass alle jene Bauten in der ganzen Schweiz noch stehen und nach wie vor ihren Zweck erfüllen. Sie sind wohl auch kaum aus dem Winterthurer Städtebau wegzudenken und dürfen als gut gelungenes Beispiel dienen. Wer kennt sie nicht, diese Siedlungen an der Weberstrasse, an der Bachtelstrasse in Veltheim und im Tössemer Eichliackerquartier.
Der geniale und feinfühlige Mensch Bernoulli machte aus seine sozialer Gesinnung kein Hehl, im Gegenteil er exponierte sich dafür in der Öffentlichkeit stark. So einmal mit der freiwirtschaftlichen Devise, dass Grund und Boden der Stadt, aber der Hausbesitz dem Privaten zustehe. Dieser öffentliche Einsatz trug zum Verlust seines Lehrstuhles an der ETH Zürich bei.
Seine Entlassung wurde von kleinbürgerlichen Hintertreibern in Machtpositionen veranlasst. Er liess sich aber nicht beirren und vertrat seine Thesen weiter, später, von 1947-51, auch als Nationalrat. Er erhielt auch von der Basler Universität die Würde des Ehrendoktors.
Von 1918-27 hatte er ein eigenes Architekturbüro in Basel. Er war beteiligt am Bau mehrerer Kleinhaussiedlungen in Basel, Zürich und Winterthur. 1927-29 war Redaktor des "Werks" mit Wohnsitz in Zürich. 1930-42 lehrte er das Skizzieren an der Gewerbeschule Basel.
Politisch war er 1935-38 tätig als Grossrat in Basel für die Freiwirtschafter. 1941-44 zeichnete er als Redaktor beim "Archiv, Vierteljahresschrift für eine natürliche Wirtschaftsordnung" verantwortlich.
1947 erhielt er den Titel eines Dr. h.c. der Universität Basel und auf dem politischen Parkett war von 1947-51 LdU-Nationalrat.
Als Freiwirtschafter setzte er sich mit den boden- und baurechtlichen Fragen des Bauens auseinander ("Grund und Boden der Stadt, der Hausbesitz den Privaten"). Seine städtebaulichen Auffassungen zeigen Einflüsse der Gartenstadtbewegung, seine Architektur ist geprägt von der Lehre Friedrich Ostendorfs und dem biedermeierlichen Klassizismus.
In der Weiterentwicklung traditioneller Wohnungs- und Haustypen entwarf Bernouli rationelle Kleinwohnungen und Kleinhäuser für Familien mit kleinem Einkommen. Nach 1945 übte er eine beratende Tätigkeit in den Wiederaufbaugebieten Ungarns, Polens, Deutschlands und Österreichs aus.