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GMS Frühjahrstagung 2013
23.02.2013
Thema: Die Friedensschlüsse von 1648, 1714 und 1919
Samstag, 23. Februar 2013, 0945 bis 1300 Uhr, Uni Zürich KOH B-10
Frieden durch Macht oder Gewalt?
Die GMS-Frühjahrstagung 2013 vermochte über 100 Hörer und Hörerinnen zu interessieren. Marco Jorio, Chefredaktor des Historischen Lexikons, der ehemalige Diplomat Rolf Stücheli und Militärhistoriker Hans Rudolf Fuhrer sprachen zu den Friedensschlüssen von 1648, 1714 und 1919.
Wie die Schweiz souverän wurde
Der Frage, wie die Eidgenossenschaft nach dem westfälischen Frieden von 1648 souverän wurde, widmete sich Historiker Marco Jorio. Zwar wurden einige Gebiete in den Kriegsstrudel hineingerissen, doch die Eidgenossenschaft konnte sich weitgehend raushalten. Der Krieg entbrannte an konfessionellen Gegensätzen, entpuppte sich letztlich als Machtkampf der Grossmächte. Frankreich und Schweden gingen als Sieger hervor. Die Eidgenossenschaft verfolgte eine Politik des „Stillsitzens“, eine frühe Form der Neutralität, was eine Frage der Existenz war. Der 30-Jährige Krieg wurde dadurch so etwas wie ein Übungsfeld für die noch schwach ausgebildete Neutralität. Als 1644 in Münster und Osnabrück Friedensverhandlungen begannen, schlug der Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein den anderen Ständen der Eidgenossenschaft eine Gesandtschaft vor. Zuerst waren die katholischen Stände dagegen, doch mit Hilfe des Urners Sebastian Peregrin Zwyer erlangte Wettstein das Mandat aller 13 Orte. Nach einem langen diplomatischen Tauziehen nahmen im Juli 1647 die Siegermächte einen Helvetik-Artikel in den Friedensvertrag auf, der den Forderungen Wettsteins nach Souveränität Nachachtung verschaffte. Zwar wurde damit die Eidgenossenschaft noch nicht vollständig souverän im heutigen Sinne. Zu gross waren die Beziehungen und Verflechtungen einzelner Orte zum deutschen Reich. Trotzdem konnten sich die Eidgenossen nach 1648 unabhängig auf das diplomatische Parkett der Welt begehen.
Der Friede von Baden
Die Tatsache, dass 1714 die neutrale Eidgenossenschaft als Gastgeberin eines europäischen Friedenskongresses in Anspruch genommen wurde und diese internationale Dienstleistung zur Befriedigung der Signatarmächte erfüllen konnte, war ein Novum, wie Rolf Stücheli betonte. Von diesem Gesichtspunkt darf der Friedenskongress von Baden als Ausgangspunkt einer schweizerischen Aussenpolitik der „Disponibilität“ für gute Dienste an der Staatengemeinschaft gelten, wie sie heute vor allem das „internationale Genf“ zum Ausdruck bringt. Dabei bildete der Diplomatenkongress in der Quasi-Bundesstadt der alten Schweiz das letzte Glied einer Kette internationaler Verträge, welche den Spanischen Erbfolgekrieg beendeten. Mit dem Badener Frieden und den letzten Verträgen in Utrecht ging nicht nur der Weltkrieg um das spanische Erbe zu Ende, sondern zugleich eine Epoche französischer Hegemonie.
Von Versailles zum Völkerbund
Macht oder Gewalt ist gemäss Hans Rudolf Fuhrer Schlüsselfrage jeder Konfliktlösung. Ohne Gewalt ist das Recht nicht durchsetzbar; ohne Recht ist die Gewaltanwendung reine Brutalität. Auch in der Friedenskonferenz von Versailles boten sich diese Möglichkeiten Frieden durch Recht oder Frieden durch Gewalt. Fuhrer vertritt die Auffassung, dass in Versailles die Lösung des Problems darin bestand, die alleinige Schuld am Ausbruch des Kriegs Deutschland zuzuschieben, um die 14 Vorschläge von US-Präsident Woodrow Willson obsolet zu machen. Von Deutschland sollte nie mehr ein Krieg ausgehen. Den Siegermächten ging es um die drei Prinzipien, Sicherheit durch territoriale Schwächung, Sicherheit durch Abrüstung und Entwaffnung und Sicherheit durch finanzielle Schwächung/Reparationen. Die Bildung des Völkerbunds als Versuch der kollektiven Sicherheit wurde zur Farce. In der Schweiz wurde der Beitritt zu einer stark umstrittenen Frage. Bereits damals öffneten sich heute bestbekannte politische Gräben. Die Gegnerschaft bestand vor allem aus einer Mehrheit der Deutschschweizer, hochrangiger Militärs wie Generalstabschef Sprecher und der Sozialisten, die in Versailles den Sieg der Kapitalisten erkannten. Die Befürworter, die in der Volksabstimmung vom 16. Mai 1920 knapp siegten, stammten aus der Romandie. Dieses Muster beherrschte Jahrzehnte später viele aussenpolitische Abstimmungen (z.B. Beitritt zur UNO oder zum EWR). Der Frieden von Versailles scheiterte letztlich an seiner inneren Unwahrhaftigkeit.
Dieter Kläy, Winterthur
weiterführender Link: www.dhs.ch