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Lieber Herr Opialka,
Das Magazin N°19– 13. Mai 2017
im Radio, in den Nachrichten: Trumps Regierung habe an den Schulen die Ernährungsvorschriften gelockert, jene über Vollkornnahrung sowie über den Gehalt von Salz und Zucker. Beibehalten würden aber jene über Früchte und Gemüse. Als ich das hörte, da dachte ich: Habe ich eine Ahnung, was sie an den Schulen in Australien essen? Kenne ich den Vollkornfaktor Norwegens? Weiss ich den Weissbrotanteil an bulgarischen Tagesschulen? Ich habe noch nicht einmal eine Ahnung, was meine Kinder im Mittagshort serviert bekommen. Diese Obsession mit den USA wird zunehmend schwerer verdaulich, den Gehalt von US-News in unseren Nachrichten zu senken, fände ich gesundheitsfördernd. Aber deshalb schreibe ich Ihnen gar nicht, sondern wegen etwas anderem aus den USA, dem Schriftsteller John Updike, dessen Werk ich bis anhin sträflich vernachlässigt habe.
Ich besuchte im Internet die Website des Onlinehändlers Amazon, um mich über Grösse, Tiefe und die Erhältlichkeit von Updikes Œuvre zu informieren, und sah bald, dass genug da ist, um damit bis ans Ende des Jahres zu kommen. Bei diesem Infobesuch (gekauft wird dann im richtigen Buchladen, logischerweise) stolperte ich über Ihren Namen respektive über eine Kundenbewertung, welche Sie zu Up-dikes Roman «Hasenherz» («Rabbit, Run») verfasst hatten. Sie bewerteten das Buch mit der niedrigsten Punktzahl und schrieben: «Dieses Buch ist selten langweilig und langatmig und unstrukturiert. Man muss sich beim Lesen immer wieder überwinden, das Buch nicht einfach wegzulegen. Schade ums Geld.» Seltsam, dachte ich, weil: Updike ist ja nicht irgendwer. Also sah ich mir Ihre anderen Rezensionen an, denen gemein ist, dass sie alle knapp und deutlich ausfallen. Von den 16 von Ihnen bewerteten Büchern fanden sie 13 «langweilig», «unglaubwürdig» oder «langatmig».
Und da stellt sich mir die Frage: Weshalb lesen Sie bloss miese Bücher? Pechsträhne? Schlechtes Händchen? Oder ist es vielleicht sogar ein Zwang? Eine Sucht nach dem Schlechten und der Verbreitung von dessen Botschaft? Obwohl, nein, eine Ausnahme gibt es: Den zweiten Band der «Glasbläser-Saga» von Petra Durst-Benning (Autorin auch der «Samenhändlerin-Saga», der «Zarentochter-Saga» sowie der «Jahrhundertwind-Trilogie»), den fanden Sie total super, da gaben Sie für einmal die volle Punktzahl.
Nun, wieder einmal beschlich mich das Gefühl, dass das Internet einfach ein blöder, blöder Ort ist. Ich möchte ein anderes Beispiel anfügen: Letzte Woche war ich in Genua. Ich wusste nichts über die Stadt, und als mein Magen böse knurrte, da dachte ich, ich schaue im Internet nach, wegen eines Restaurants. So landete ich bei Tripadvisor und den dort bewerteten 1693 Verpflegungsmöglichkeiten Genuas. Auf Platz eins der Empfehlungsliste rangiert ein Hamburger-laden namens «Groove» – was vielleicht nicht unbedingt das ist, was man will, wenn man als Binnenlandbewohner mal ans Meer kommt. Meine Ratlosigkeit wuchs analog der Menge der aus dem Internet gesogenen Informationen. Aber: Am Ende sass ich in einem Restaurant mit dem romantischen Namen «Europa» und lächelte recht zufrieden, was nicht nur am halben Weissen lag. Der Tipp dazu kam nicht aus dem Internet, sondern von einer Verkäuferin eines nahen Kleiderladens, die sagte, das «Europa» sei «brutto, ma buono», was sich als bloss teilweise richtig herausstellte, denn es ist ein charmantes Lokal mit groben Holzbänken und -tischen und freundlichen älteren Herren, die Besitzer wohl, Brüder wohl, die einen empfangen und bedienen. Seit Dekaden wird das Lokal von derselben lokalen Klientel besucht und mit dieser geheimnisvoll brummenden Energie aufgeladen, welche ein Restaurant zu einem Ort macht, an dem man wie in einer wohligen Höhle versinken kann. So ist es im guten alten «Europa» in der Galleria Giuseppe Mazzini, Hausnummer 53, wo Dinge wie Internetkommentare oder Informationen über Ernährungsrichtlinien an Schulen in Nordamerika drüben fern sind.
En Guete, M. K.
PS: Auf Tripadvisor schafft es das «Europa» nicht auf einen der ersten tausend Plätze.
PPS: Song zum Thema: «The Book Lovers» von
Broadcast, zu finden auf dem Album «Work and Non Work», 1997, das manche vielleicht «langweilig», «unglaubwürdig» oder «langatmig» finden.