Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03590.jsonl.gz/311

Microsoft zahlt eine Milliarde Dollar für AOL-Patente - und die Aktien von Netscape.
AOL hat in den letzten Wochen ein Paket von etwas über 800 Patenten versteigert. Den Zuschlag hat nun Microsoft erhalten. Wer sonst noch mitgesteigert hat, ist nicht bekannt.
Der Softwareriese zahlt etwas über eine Milliarde Dollar für das Patentpaket. Die beiden Unternehmen haben sich zudem gegen gegenseitige zukünftige Patentklagen abgesichert. Teil des Handels ist es, dass Microsoft AOL eine Lizenz für die ersteigerten Patente einräumt, während AOL seine verbliebenen rund 300 Patente an Microsoft lizenziert. Welche Patente das verkaufte Paket genau umfasst, ist noch nicht bekannt. Laut US-Presseberichten dürften sich darunter jedoch viele Patente befinden, zu denen AOL durch die Übernahmen von Netscape Communications und ICQ gekommen ist, Patente also im Bereich von grundlegenden Browser- und Chat-Technologien.
Der Handel umfasst zudem laut AOL auch die Aktien eines Tochterunternehmens, was in den AOL-Büchern zu einem Abschreiber führen werde. Um, welche Tochter es dabei geht, wollte AOL nicht verraten. Wie das 'Wall Street Journal'-Blog 'All Things D' berichtet, soll es sich dabei um die Aktien von Netscape handeln. AOL hatte Netscape Communications, den Hersteller des Browsers "Netscape Navigator", im Jahr 1998 für 4,2 Milliarden Dollar übernommen. AOL behalte zwar den Brand Netscape, fasste der Blog zusammen, aber Microsoft übernehme die wesentlichen Teile des Unternehmens, mit dem der Softwareriese in den 90er-Jahren den grossen "Browserkrieg" führte.
So ändern sich die Zeiten
"Microsoft schluckt Netscape": Diese Schlagzeile hätte damals, als der "Navigator" noch fast ein Synonym für das Internet war, riesige Wellen geworfen. Ein Aufruhr und massive Proteste in der Internetszene wären ebenso sicher gewesen wie ein Anti-Monopol-Prozess gegen Microsoft. Der Navigator war 1994 zuerst als "Mosaic Netscape" lanciert worden und entwickelte sich dann als "Netscape Navigator " (noch später "Communicator") in kürzester Zeit zum weltweit meistverbreiteten Browser, mit über 80 Prozent Marktanteil. Nachdem Microsoft aber ab August 1996 damit begann, den Explorer mit Windows-Betriebssystemen (damals Windows 95 und NT 4.0) zusammen auszuliefern, verlor der Navigator kontinuierlich Marktanteile, während sich Microsoft ein damals fast unangreifbar scheinendes Beinahe-Monopol im Browserbereich schuf. Als Microsoft, von AOL verklagt, 2003 schliesslich im Rahmen einer aussergerichtlichen Einigung 750 Millionen Dollar zahlte, war der "Navigator" schon längst in der Bedeutungslosigkeit versunken.
Patentklagen?
Heutzutage sorgt der Handel zwischen AOL und Microsoft vor allem für Überstunden in den Patentabteilungen der Konkurrenten von Microsoft. Schliesslich dürfte der Softwareriese kaum eine Milliarde Dollar ausgeben, um die erstandenen Patente dann in seinen Archiven verstauben zu lassen. Wie erwähnt, ist noch nicht bekannt, welche Patente genau den Besitzer wechseln. Laut dem Patent-Beratungsunternehmen Envision IP besass AOL Patente
, die verschiedenste grundlegende Internet-Technologien betreffen, hauptsächlich in den Bereichen Online-Kommunikation (Chat, E-Mail), Browsertechnologie, Suchmaschinen-Technologie und Multimedia (siehe Grafik).
Für besonders tiefe Sorgenfalten könnte der Deal bei der Mozilla Foundation, die den Open-Source-Browser Firefox sowie das E-Mail-Programm Thunderbird entwickelt, sorgen. Denn das Mozilla-Projekt war 1998 von Netscape selbst ins Leben gerufen worden, um den Browser weiter zu entwickeln. (Hans Jörg Maron)