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Schillers Ballade von 1795 behandelt ein ägyptisierendes Motiv, das damals ungemein in Mode war: die Mysterien der Isis und die "ägyptische Einweihung". Die Handlung der Ballade ist aber nicht antik, sondern Schillers eigene Erfindung, die auf der Kombination verschiedener klassischer Stellen beruht. Ägyptische Stoffe spielen sonst kaum eine Rolle in Schillers Werk. Was zog ihn an diesem an, wie kam er darauf, was bedeutete er für ihn? Die lectio versucht zu zeigen, dass das "verschleierte Bild zu Sais" für Schiller eine Allegorie des Erhabenen ist, das für ihn unlöslich verbunden ist mit den Ideen des Geheimnisvollen und der Initiation. In seiner Ballade greift er zurück auf seinen Essay von 1789 (publ. 1790) "Die Sendung Moses", worin er die ägyptische Gottesidee des anonymen All-Einen behandelt, eine geheimnisvolle, all-umgreifende und all-durch-dringende Macht, die nur die Allerwenigsten und nur nach jahrzehntelanger Initiation zu erfassen imstande sind. Sowohl dieser pantheistisch-deistische Gottesbegriff, als auch die Idee einer "ägyptischen Einweihung" sind griechische Konstruktionen ägyptischer Religion, die jedoch teilweise auf authentischen ägyptischen Vorstellungen basieren. So lassen sich manche der ägyptisierenden Ideen, die in den 80er und 90er Jahren des 18. Jahrhunderts die europäische Aufklärung faszi-nierten, über Rom und Griechenland hinaus auf Alexandria, Memphis und Theben zurückführen.
Portrait
Jan Assmann, geboren 1938, hatte von 1976 bis 2003 den Lehrstuhl für Ägyptologie an der Universität Heidelberg inne und leitet seit 1978 ein Grabungsprojekt in Luxor (Oberägypten). Seit 2005 ist er Honorarprofessor für Allgemeine Kulturwissenschaft und Religionstheorie an der Universität Konstanz, ausserdem Ehrendoktor verschiedener Universitäten, darunter der Hebrew University, Jerusalem. 1998 erhielt er den Preis des Historischen Kollegs.