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Das Buch «Illegal am Everest – Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück» erzählt das hochspannende Leben des Schweizers Hans-Peter Duttle. Am Dach der Welt fand er das Glück nicht. Aber nur hat er es gefunden, am Rande des Ostermundigenberges.
„Der Gipfel des Everest ist noch in unwirklicher Ferne. Der Monsun steht mit seiner ungeheuren Wolkenwand vor uns, und ich bin besorgt um den Rückmarsch. Wegen unsorgfältiger Seilhandhabung stürzen Roger und Woodrow einen Eishang hinab. Roger erleidet eine Gehirnerschütterung; die Nacht verbringen sie in einem Biwak. Trotzdem wollen sie weiter. Ich muss die Amerikaner bewundern: mit verbissener Zähigkeit sind sie bisher vorgegangen, klug berechnend und organisierend. Nun wollen sie nicht aufgeben. Ich helfe ihnen noch ein Stück weiter hinauf, verbringe dann aber die folgenden vier Tage untätig auf dem Nordsattel im Zelt. Mich plagt ein stechendes Zahnweh, das ich mit dem Taschenmesser erfolglos zu beheben suche.
Etwa 500 m weiter oben stürzt Woodrow wieder, kann sich aber beim Vorbeisausen am Zelt festkrallen. Sein Arm ist schwer aufgeschürft. Erst jetzt gibt er sich geschlagen. Beim Abstieg vom Nordsattel stürzt er noch zweimal ab, schlittert über offene Spalten und kommt davon. Ich eile ihm zu Hilfe, lasse aber meinen Rucksack an einem Eishaken hangen. Woodrow taumelt nur noch, die folgende Nacht verbringen wir im Freien. Am nächsten Tag eile ich allein bis zur Moräne des Ost-Rongphu-Gletschers und hoffe, dadurch meine Kameraden nachzuziehen. Aber mein Rucksack bleibt am Nordsattel, und meine Kameraden erscheinen nicht. Irgendwo muss ein Proviantlager sein; doch ich finde es nicht. Nun muss ich mich auf eine zweite Freinacht vorbereiten, ohne jede Ausrüstung. Mit knurrendem Magen baue ich aus Steinen und chinesischen Brettern eine winzige Zelle und verbringe die erste gute Nacht seit langer Zeit. Am nächsten Tag helfe ich Woodrow hinunter. Auf dem zweiwöchigen Rückmarsch trage ich seinen Rucksack, sein Zelt und die 16-mm-Filmkamera, da ich meine eigene Ausrüstung nicht mehr holen kann.“
Dass der Schweizer Hans-Peter Duttle 1962 den Weg zum und vor allem vom Everest überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Nicht dass er mit seinen drei amerikanischen Gefährten ohne Erlaubnis den höchsten Berg der Erde anging, ist das wirklich Erstaunliche. Sondern wie Duttle, Woodrow Wilson Sayre, Norman Hansen und Roger Hart im Alpinstil und ohne grosse Erfahrung im Höhenbergsteigen eine solch gefährliche und meilenweite Route wählten, um zum Ziel ihrer geheimen Wünsche zu gelangen und eine Höhe von 7500 Metern erreichten. „Ein erfahrener Bergsteiger und Himalayamann kann es kaum begreifen, dass diese ‚Helden‘ mit dem Leben davongekommen sind“, schimpfte der Himalaya-Chronist Günter Oskar Dyhrenfurth 1962 in der SAC-Zeitschrift „Die Alpen“; eigentlich befürchtete er aber, dass die Behörden der geplanten und bewilligten US-Everest-Expedition seines Sohnes Norman nun plötzlich Steine in den Weg legen könnten, weil Amerikaner illegal am Everest unterwegs waren.
Immerhin durfte Hans-Peter Duttle 1966 unter dem Titel „Everest Nordsattel 1962“ dann in der Clubzeitschrift selber die wagemutige Kleinexpedition schildern, mit einer Warnung von Seiten der Redaktion allerdings: „Die nachfolgenden Aufzeichnungen sollen von unsern Lesern lediglich als wahrheitsgetreue Erzählung eines Erlebnisses aufgenommen werden.“
Aber Duttle hat noch mehr zu erzählen, viel mehr. Nun ist nämlich das Buch zu seinem Leben erschienen, das Reto Winteler nach langen Gesprächen mit Duttle geschrieben hat. Liest man schon nur die Orts- und Ländernamen des Inhaltsverzeichnisses, wird es einem schier schwindlig: Beirut, Bern, La Paz, Lima, Zermatt, Maisprach im Baselland, Eskimo Point und Port Burwell in Kanada, Peru/Bolivien, Andermatt, Pangnirtung (Kanada), Avrona im Unterengadin, Bern, Rongbuk. Und 1962 eben Nepal/Tibet – Everest, der mit Abstand höchste und gefährlichste Wegabschnitt von Duttle auf der Suche nach dem Glück. Aber es ist nicht nur die Geschichte dieses Abenteuers, die das Buch so lesenswert und spannend macht, auch für Nicht-Bergsportler. Es geht um einen Menschen, der (s)einer Idee von Glück mutig und geradlinig nachgeht. Am Schluss sagt er: „Am Ideal des einfachen Lebens halte ich fest. Die Arktis oder das Tibet braucht es nicht dazu. Gümligen ist gerade recht.“
Was für ein Weg! Am 28. März 2018 ist Hans-Peter Duttle 80 Jahre alt geworden.
Hans-Peter Duttle mit Reto Winteler: Illegal am Everest. Mein steiniger Weg auf der Suche nach dem Glück. Wörterseh, Gockhausen 2018, Fr. 34.90. www.woerterseh.ch
Am Mittwoch, 25. April 2018 um 19 Uhr, findet im Alpinen Museum der Schweiz in Bern die Vernissage statt. Durch die Veranstaltung führt Frank Baumann; zu seinen Gästen gehören Abenteurer Duttle und Autor Winteler. Platzzahl beschränkt: Anmeldung an <email-pii>, Tel. 044 368 33 68.