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5. Sonntag nach Trinitatis, 15. Juli 2001
Predigt über Lukas 14, 25-35, verfaßt von Klaus-Peter Hertzsch

Der Text:
Ich stelle mir vor, es würde angekündigt: Am kommenden Sonntag predigt nicht eine Pfarrerin, ein Bischof, der Papst, sondern am kommenden Sonntag predigt Jesus selber. Die Massen, die da zusammenströmten, kein Kirchenraum könnte sie fassen, und die Einschaltquoten für die Übertragung würden Rekorde brechen. Gelegentlich gibt es in Jesu Leben tatsächlich solche Massenszenen: 5000 hören ihm zu, oder er kann sich nur Gehör verschaffen, wenn er vom Boot aus zu den Massen am Seeufer redet oder von einem Berg herunter seine Predigt hält. Auch unser Text berichtet zuerst: Als Jesus das Folgende sagte, war es an einem Tag, als eine Volksmenge bei ihm zusammenströmte. Und nun also dasselbe heute . Eine Sensation, ein Event für Christen und für Kirchenfremde: Jesus predigt, man kann ihn live erleben und sich ein eigenes Bild von ihm machen. Was würde er all den Zuhörern sagen? Was würde geschehen? Wenn wir unserm Text glauben wollen, gäbe es einen Skandal.
Alle erwarteten wahrscheinlich ein klares Wort in unsere bindungsschwache Gesellschaft. Ehrt und liebt eure Eltern, sie meinen es gut mit euch! Kümmert euch endlich mehr um eure Kinder, sie bestimmen schließlich die Zukunft! Wir sind doch Brüder - darum liebt einander, wie sich Schwestern und Brüder lieben sollten! Und nun dies: "Wer nicht haßt Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern, der kann nicht mein Jünger sein." Ein Skandal. Natürlich kann man zunächst sagen - wie oft in solchen Fällen : In diesem Text liegt ein Übersetzungsfehler vor. Und man hätte damit auch nicht ganz unrecht. "Haß" ist vielleicht nicht genau das richtige Wort. Moderne Übersetzungen sagen stattdessen:" - muß er Vater und Muter gering achten" oder "- an die zweite Stelle setzen".In der Fassung eines der anderen Evangelisten heißt es:"Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich". Und die aramäische Ursprache, in der Jesus geredet hat, meint wohl tatsächlich nicht "lieben oder hassen", sondern "mehr lieben oder weniger".
Aber das Problem ist damit nicht aus der Welt. Denn was soll denn das heißen: Eltern, Kinder, Ehepartner, Schwestern und Brüder hintan setzen und gering achten? Vielleicht kommen wir der Sache näher, wenn wir ans Ende der Aufzählung sehen. Dort geht es um uns selber, um mein eigenes Leben, um das, was einer selber ist und tut. Und da ist die Aufforderung nun schon eher zu verstehen: Habe das, was du jetzt tust, und den, der du jetzt bist, nicht allzu lieb! Sei nicht zu schnell einverstanden mit deinem Ich! Da fordert Jesus mich also auf, mit mir selber unzufrieden zu sein. Das stimmt schon; aber das darf ja nicht mißverstanden werden. Denn wir wissen, dass gerade heute viele Menschen an der quälenden Unzufriedenheit mit sich selber, ja am Selbsthaß leiden, und weil sie sich ablehnen und sich selber nicht annehmen können , wie sie nun einmal sind, kommen sie mit ihrem Leben und mit ihrer Umwelt nicht zurecht. Es gibt aber zwei ganz verschiedene Arten der Unzufriedenheit mit dem eigenen Leben und Wesen: Falsch ist es, wenn ich mir Luftschlösser baue und in meinen Wachträumen in ihnen Einzug halte: Ja, so müßte ich leben und so müßten meine Bewunderer mich sehen. Ich quäle mich mit unerfüllbaren Wünschen und dem Neid auf andere, die so sind, wie ich gern wäre, und das haben, was ich so gerne selber hätte an Eigenschaften und Vorteilen. Richtig dagegen ist es, wenn ich unzufrieden mit mir bin, weil ich nicht bin, wie ich sein könnte, und weil ich das nicht tue, was ich tun sollte. Denn Gott hat einen Plan mit mir, hat mich bestimmt und geschaffen für Chancen und für Aufgaben, die ich in meinem Leben wahrnehmen sollte. So brauchte und so wollte er mich, als er mir das Leben schenkte.
Und damit erschließt sich ein Geheimnis meines Daseins: Wozu Gott mich unbedingt braucht, das ist mein eigentliches Leben, damit komme ich wirklich zu mir selber. Wenn ich den erdachten Wunschträumen nachlaufe, werde ich immer auf halbem Wege stecken bleiben. Aber Christus will uns ganz. Nicht, weil er selber habgierig und herrschsüchtig wäre, sondern weil er uns von all den Halbheiten befreien will, weil er uns ganz zu dem machen will, zu dem Gott uns bestimmt und die Gaben gegeben hat, weil er uns zur Ganzheit und Vollendung unseres Lebens führen will. Und genau das wird in seinem Dienst möglich und in seiner Nachfolge; denn die führt uns zu dem hin, wozu Gott uns bestimmt hat. Unter seiner guten Leitung erfahren wir, wie solch ein gebrauchtes Leben und solch ein notwendiges Dasein in unserer Zeit und in unserer Umwelt aussehen könnte. Darum sagt Christus auch an anderer Stelle: Wer sein bisheriges Leben erhalten will, der wird sein Leben vertun; aber wer es verliert in meinem Dienst, der wird sein eigenes Leben, der wird sich selber finden.
Was für mein eigenes Leben gilt, das gilt dann wohl auch für
das Leben der Menschen, die mir nahe stehen: für Vater und Mutter,
für Frau und Kinder. Mit Christus mehr einverstanden sein als mit
ihnen, das heißt nicht: ihren Schaden wollen, sondern ihre Verwandlung
zu sich selber.
Aber grundsätzlich ist Familie und Verwandtschaft einerseits und Christus und seine Gemeinde andererseits keineswegs ein Entweder Oder. Als der reiche Jüngling berichtet, dass er Vater und Mutter liebt und ehrt, ist Jesus ihm dafür zugetan. Und Jesus freut sich über die, von denen es heißt: sie brachten ihre Kinder zu ihm und nicht: sie vergaßen über ihm ihre Kinder. Jesu Jünger sein heißt: Mit Jesus einverstanden sein, wie er war und ist und kommt, aber Veränderung wollen für die Welt und für die Menschen in ihr. Und das gilt gerade für die, die uns nahe stehen und wichtig sind: Väter und Mütter, Schwestern und Brüder. Jesus Christus, sagt die Schrift, ist gestern und heute derselbe und derselbe auch in Ewigkeit. Sie aber sind noch nicht wirklich sie selber, sondern erst auf dem Weg dorthin. Helfen wir einander auf dem Weg zu diesem Ziel!
Das gehört zur Kreuznachfolge, zu der Jesus uns auffordert. Denn Kreuznachfolge heißt: dem Willen Gottes gehorsam sein. Wir erinnern uns, dass er sein Kreuz trug, um den Willen Gottes zu erfüllen: " - ich trinke denn den bitteren Kelch. So geschehe dein Wille." Wir sollen nicht sein Kreuz noch einmal tragen, sondern wir sollen fragen, was unser Kreuz ist, also unser Anteil an der großen Aufgabe, dass Gottes Wille in dieser Welt geschieht. Viele von uns kennen wahrscheinlich das alte Gebet:"Herr, gib mir den Mut zu ändern, was ich ändern kann, die Gelassenheit hinzunehmen, was ich nicht ändern kann, und die Weisheit, das Eine vom Andern zu unterscheiden." "Dein Wille geschehe" - kann zu bestimmten Zeiten heißen: Was Gott will, in unsrer Welt zu tun und durchzusetzen und Widerstände, harte Konsequenzen, einsame Tapferkeit dafür auf sich zu nehmen. "Dein Wille geschehe" kann zu andern Zeiten heißen: sich in seinen Ratschluß zu fügen, Verzicht zu üben, wie der Apostel sagt "in Trübsal geduldig zu sein." Und weil sein Wort ein Licht auf unserm Wege, unserm Lebensweg ist, darum finden wir in ihm die Weisheit, die uns sagt, ob jetzt das eine oder das andere geboten ist, wie heute Kreuznachfolge aussieht - Christus nach, der mir vorangeht auf das gute Ziel zu: Dein Wille geschehe. Das ist der Weg, der Verheißung hat, aber der auch vollen Einsatz erfordert, Umdenken, sich von lieb Gewordenem zu trennen und sich auf Neues einzulassen. Und so ist die Aufforderung Jesu an die Massen, die ihm zuhörten, durchaus verständlich. Es geht ihm nicht um Mitgliedschaft, es geht ihm um Jüngerschaft, nicht um christliche Massen und Massenchristen, sondern um Träger ihres Kreuzes und um Täter seines Wortes. Denn erst die bewegen etwas in dieser Welt.
Sich diese Sache gut überlegen, dafür hat er zwei Beispiele: Das eine ist heute sehr aktuell: Ein Investor geht mit großem Schwung an ein Bauprojekt; aber dann gehen die Kräfte aus und in der Landschaft bleibt eine Investitions-Ruine stehen . Das andere Beispiel ist heute nicht aktuell:. Kriege sind heute nicht mehr wie in früheren Zeiten eine Frage nüchterner Kalkulation, sondern der möglichen Eskalation bis zur Weltkatastrophe. Aber der Vergleichspunkt ist deutlich: Wozu bin ich bereit und wozu fähig? Was ist Gottes Sache mir wert an Einsatz und an Ausdauer? Denn weder die erste Begeisterung noch die lebenslange Gewohnheit reichen erfahrungsgemäß aus, wenn in unserer Welt etwas neu werden soll.
Niemand aber soll meinen, damit sei ein einmaliger Heroismus gefordert, zu dem wir normalen kleinen Leute uns kaum je in der Lage sehen, ein Verzicht auf alles, was wir zum täglichen Leben brauchen. Nachfolge Jesu heißt vielmehr: Wirklich als Glied seiner Gemeinde leben zu wollen und sie nicht nur als Randerscheinung meines Lebens zu betrachten. Denn jetzt ist es die Gemeinde Christi, die ihre Kräfte überschlagen muß. Im Umbruch unserer Zeit geschieht das ja all überall: Sie braucht Menschen, braucht Geld, braucht Kräfteeinsatz, Ideen, Hoffnung. Und es kann ihr schon bei solchem Durchrechnen bange werden Sie leidet an Mitgliederschwund, an ständigem Geldmangel; den kirchlichen Mitarbeitern fehlen die Spezialkenntnisse, den Synoden immer neue Ideen. Aber diese Rechnung ist falsch. Sondern so müssen wir denken: Die Gemeinde hat genau so viele begabte Menschen, so viel Geld, so viele Hände, so viele Häuser, so viele Fachkenntnise und Ideen, wie ihre Glieder von all dem besitzen. Das ist, denke ich, wie bei der Party, die junge Leute feiern wollen. Solange sie noch fragen würden: Wer zahlt uns die Raummiete? Wer sponsert uns ein Abendessen? Wo können wir Geldmittel beantragen? - so lange kommt wahrcheinlich gar nichts zustande. In Wirklichkeit aber fragen sie ja einfach: Wer hat von uns ein großes Zimmer oder einen geeigneten Garten für unsere Party? Wer kann dies und wer kann das zum Essen beitragen? Wer hat eine Stereoanlage, gute CDs, ein paar zündende Ideen? Schlicht gesagt: Was brauchen wir und was haben wir? Genau dies ist die Frage, vor der unsere Gemeinden in Zukunft immer deutlicher stehen werden: Was gibt es bei uns für Begabungen und für persönliche Möglichkeiten? Werden sie entdeckt, gefördert, eingesetzt? Werden sie zur Verfügung gestellt, selbstverständlich als Eigentum der Gemeinde angesehen, wenn sie dort gebraucht werden? Es geht also nicht darum, dass wir alles wegwerfen und aufgeben, sondern zu fragen: Was habe ich? Was brauche ich wirklich? Und was brauchen andere von mir?
Zuletzt ist alles eine Frage der Prioritäten in meinem Leben. Was ist seine Mitte, was sind seine Ränder? Unserm Text folgen Verse, in denen Jesus seine Jüngerschaft mit dem nützlichen Salz vergleicht. Salz der Erde und Licht der Welt könnt ihr in meiner Nachfolge werden, sagt er in der Bergpredigt. Wie ein Geschmack von Salz in der Luft ist, wenn man sich dem Meere nähert, und ein Hauch von Frühling, wenn er im Kommen ist, so soll mit seiner Gemeinde ein Lichtkegel der Ewigkeit und eine Prise unzerstörbarer Hoffnung in unserer Welt sich bemerkbar machen. Wie könnt ihr leben ohne dies?
Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch