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Tessiner Wochenzeitung muss juristisches Nachspiel fürchten
Der Kunstfehler eines Arztes entwickelt sich im Kanton Tessin zu einem Streit um die Pressefreiheit. Vier Journalisten der Wochenzeitung Il Caffè sehen sich wegen der Berichterstattung über den Fall mit Vorwürfen der Diffamierung und des unlauteren Wettbewerbs konfrontiert.
Der Kunstfehler eines Arztes entwickelt sich im Kanton Tessin zu einem Streit um die Pressefreiheit. Vier Journalisten der Wochenzeitung Il Caffè sehen sich wegen der Berichterstattung über den Fall mit Vorwürfen der Diffamierung und des unlauteren Wettbewerbs konfrontiert.
Die Tessiner Wochenzeitung hatte sich in mehreren Artikeln eingehend mit den möglichen Gründen für den folgenschweren Kunstfehler beschäftigt. Sie kritisierte dabei insbesondere die internen Sicherheitsabläufe der betroffenen Tessiner Klinik Sant'Anna. Die Vorwürfe, die gegenüber den Journalisten im Raum stehen, lauten auf Diffamierung und unlauteren Wettbewerb. Der Anwalt der Klinik Sant'Anna teilte auf Anfrage mit, dass zurzeit weder die juristische Aufarbeitung noch die Reaktionen der Gegenseite kommentiert würden.
Am Anfang der Auseinandersetzung steht ein Arztfehler: Der Chirurg der Klinik hatte im Juli 2014 einer 67-jährigen Patientin, die an einem Brusttumor litt, versehentlich beide Brüste amputiert. Das Tessiner Gesundheitsdepartement entzog dem Mann daraufhin auf «unbestimmte Zeit» die Arbeitserlaubnis als Mediziner. Denn der Arzt hatte nach der Operation in der Klinik Sant'Anna zunächst behauptet, die Amputation beider Brüste sei notwendig gewesen. Erst nach mehreren Monaten gab der Gynäkologe zu, die Patientin verwechselt zu haben.
Solidaritätsbekundungen für Journalisten
Die Zeitung selbst reagierte auf die Vorwürfe durch die Klinik am Wochenende mit einer Sonder-Titelseite in eigener Sache: «Pressefreiheit» war dort zu lesen, wobei ein Radiergummi bereits einige Buchstaben ausradiert hatte. Der Rest der Seite war weiss. Linke Parteien starteten im Tessin einen Solidaritätsaufruf, den laut eigenen Angaben bereits 250 Personen unterschrieben haben.
Die Mediengewerkschaft Syndicom teilte in einer Stellungnahme mit, dass die Recherche des Caffè von öffentlichem Interesse sei – sie zeigte sich besorgt darüber, dass der Versuch unternommen worden sei, die Pressefreiheit «zu knebeln». Auch der Journalistenverband Impressum stellte sich in einer Mitteilung hinter Il Caffè.
Es sei noch nicht entschieden worden, ob es definitiv zu einer Anklage gegen die Journalisten kommen werde, teilte ein Sprecher der Tessiner Staatsanwaltschaft auf Anfrage mit. Dies solle nun bis Ende des Monats geprüft werden.
Rückkehr des Chirurgen
Im Mai vergangenen Jahres war bekannt geworden, dass der Arzt trotz Suspendierung und laufendem Strafverfahren wieder im Operationssaal erschienen war. Der Gynäkologe sei im Dezember 2015 auf Anfrage einer langjährigen Patientin im OP als «moralische Unterstützung» präsent gewesen, liess sein Anwalt mitteilen. Die Klinik Sant'Anna, die der Waadtländer Privatkliniken-Gruppe Genolier gehört, hatte in einer Stellungnahme den schweren Vorfall bedauert. Sie liess bereits damals mitteilen, dass die Verantwortung für den Fehler alleine beim Arzt gelegen habe. (SDA)