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Armut gehört in Burma nicht der Vergangenheit an. Geschätzt 20 Prozent aller Burmesinnen und Burmesen sind Migranten im eigenen Land. Die Gründe seien Armut und Arbeitslosigkeit, sagt die Burmesin Hnin Phyu Phyu, die für das Hilfswerk Helvetas arbeitet.
In den ländlichen Gebieten finden viele nur saisonale Beschäftigungen. Auch die Folgen des Klimawandels, Unwetterkatastrophen und ethnische Konflikte treiben Frauen und Männer vom Land in die Stadt.
Vor allem Frauen finden in den Kleiderfabriken am Rande von Yangon Arbeit. Sie arbeiteten 12, 13 Stunden am Tag und verdienten dabei 300 Franken im Monat. «Sie wissen nicht, dass sie Anrecht auf einen Arbeitsvertrag haben», sagt Hnin. Sie leitet ein Projekt, bei dem Migrantinnen und Migranten über ihre Rechte aufgeklärt und unterstützt werden.
Helvetas führt auch Projekte im Bereich Biodiversität, Berufsbildung und Einkommensförderung in Burma. Und sie arbeitet mit zivilgesellschaftlichen Organisationen und Gewerkschaften zusammen, welche die Demokratie in Burma stärken wollen.
Wir denken in verschiedenen Szenarien, von einem einjährigen Militärregime bis zu einem Bürgerkrieg. Das weiss niemand jetzt.
Erst habe man die Projekte wegen Covid-19 anpassen müssen, jetzt werde man mit dem Putsch wieder vor neue Herausforderungen gestellt, sagt Peter Schmidt, der Leiter von Helvetas in Burma. «Wenn ich vorausschaue, werden wir unsere Projekte sicher wieder anpassen müssen. Wir denken in verschiedenen Szenarien, von einem einjährigen Militärregime bis zu einem Bürgerkrieg. Das weiss niemand jetzt.»
Am wenigsten betroffen seien die Projekte, bei denen Helvetas mit privaten Firmen zusammenarbeite, zum Beispiel in der Berufsbildung. «Bei Projekten, in denen es um Demokratisierung, Menschenrechte oder Friedensförderung geht, müssen wir schauen, was in dieser Situation noch möglich ist, sodass unsere Mitarbeitenden und unsere Partnerorganisationen nicht Gefahr laufen, verhaftet zu werden oder anderweitig unter Druck kommen.»
Schweiz will nicht mit Putschregierung zusammenarbeiten
Auch für die Schweizer Vertretung in Yangon ist klar, dass man mit einer Putschregierung nicht zusammenarbeiten will. Giacomo Solari ist der stellvertretende Chef der Schweizer Botschaft in Yangon und leitet die Projekte der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) im Land. Er sagt: «Die Militärs haben gesagt, sie wollen Kontinuität, sie wollen nichts an den Reformen der vorherigen Regierung ändern. Aber für die internationalen Geber ist es nicht akzeptabel, sich direkt mit dem neuen Regime zu engagieren. Wir haben zurzeit jede Zusammenarbeit mit der Regierung sistiert. Und wir haben auch unsere Partner instruiert, die Kommunikation auf das strikte Minimum zu begrenzen.»
Jährlich investiert die Schweiz um die 35 Millionen Franken in Entwicklungszusammenarbeit und humanitäre Hilfe in Burma. Wie man nun mit den Projekten weiterfahren kann, sei noch unklar, sagt Giacomo Solari, stellvertretender Chef der Schweizer Botschaft in Yangon: «Die Schweiz und ihre Partner prüfen nun, sich auf Projekte zu konzentrieren, die direkt der burmesischen Bevölkerung zugutekommen, ohne dabei dem Regime Legitimität zu verleihen.»
Ich erwarte eine Unterdrückung von Bewegungsfreiheit, von Versammlungsfreiheit, von Meinungsfreiheit.
Für Burma, das in den letzten Jahren ein grosses Wirtschaftswachstum, einen Boom im Baugewerbe und der Bekleidungsindustrie sowie grosse Fortschritte in der Armutsbekämpfung aufzuweisen hatte, bedeute der Putsch nichts Gutes, sagt Schmidt von Helvetas: «Der Demokratisierungsprozess, dieses zarte Pflänzchen, wird zerdrückt. Ich erwarte eine Unterdrückung von Bewegungsfreiheit, von Versammlungsfreiheit, von Meinungsfreiheit. Das geht hin bis zu Verhaftungen von zivilgesellschaftlichen Führern und Führerinnen.»
Für die Migrantinnen, mit denen die Helvetas-Mitarbeiterin Hnin zusammenarbeitet, ist die Zeit seit Beginn der Pandemie bereits schwierig. Der Putsch werde ihr Leben noch weiter verschlechtern, denn viele Fabriken stünden jetzt still und Aufträge würden annulliert. Die Arbeiterinnen fragen sich, wie sie nun noch Geld verdienen, ihr Essen und ihr Zimmer bezahlen können, erklärt Hnin.
Und trotzdem: Viele Migrantinnen und Migranten nehmen an den Demonstrationen teil. Niemand kann und will diesen Putsch akzeptieren.