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Neun der weltweit elf Klimatypen sind auf dem mit rund 89 Quadratkilometern relativ kleinen Territorium des Landes zu finden. Aserbaidschan ist geprägt durch eine vielfältige Landschaft, der Höhenunterschied zwischen zwei Orten, die nur etwa 40 bis 60 Kilometer voneinander entfernt liegen, kann beispielsweise mehrere tausend Meter betragen. der tiefste Punkt Aserbaidschans liegt 28 Kilometer unterhalb des Meeresspiegels; der höchste Punkt, der Berg Bazardüzü, ragt 4.480 Meter in die Höhe.
der Boden Aserbaidschans ist reich an Mineralien wie Eisen, Magnesium, Titan, Chrom, Kupfer, Kobalt, Molybdän, Andalusit, Quarz, Baryt, Alunit, Asphalt, Steinsalz und Polimetallen. Aus einer Vielzahl von Quellen sprudelt zudem Mineralwasser unterschiedlichster chemischer Zusammensetzung. Die Naturdenkmäler Aserbaidschans sind geologischer, geomorphologischer, hydrologischer, sowie floristischer und faunistischer Natur.
Geologische Naturdenkmäler
Das Staatsgebiet Aserbaidschans gehört wie der gesamte Kaukasus zum alpidischen Gebirgsgürtel und weist eine komplizierte Plattentektonik auf.
Besondere Klimabedingungen, der Rückgang des Meeres sowie die geologischen und geomorphologischen Prozesse, die seit etwa 13 bis 15 tausend Jahren am Wirken sind, haben auf dem Gebiet der Republik Aserbaidschan eine einzigartige Reliefform geschaffen. Das uralte Gestein aus dem unteren Pliozän, aber auch neuere Ablagerungen üben eine Faszination aus, der man sich als Betrachter nicht entziehen kann. Die ältesten Felsformationen stammen aus dem Erdaltertum (unteres Paläozoikum) und bestehen aus metamorphischem Schiefer. Sie enthalten ausserdem Fossile und mineralische Ablagerungen. Magma- und Felsablagerungen sowie eine Vielzahl weiterer Faktoren, die die paläontologischen und natürlichen Bedingungen der damaligen Zeit widerspiegeln, erlauben eine Bestimmung des Alters dieser Felsformationen. Die Zusammensetzung der äusseren Hülle von grossen Felsbrocken ist ein wichtiger Anhaltspunkt bei ihrer Datierung, die bis zurück in die Kreidezeit beziehungsweise eine der nachfolgenden Perioden reichen kann.
Die einzigartigen Steinformationen aus den unterschiedlichsten geologischen Epochen machen aus dem gesamten Gebiet einen Anziehungspunkt für Touristen. Die Entstehungszeit der Felsen liegt bei Schiefer und Gneis zum Teil 570 Millionen Jahre zurück, es gibt jedoch auch Meeressedimente jüngeren Datums (Kalkstein, Silt, Sand, Kies etc.).
Ein weiteres bedeutendes geologisches Monument stellen die sarmatischen Sedimente dar, die in einer Höhe von 3.600 Metern, teils in Form von Mineralrelikten, zu finden sind. Ähnliche Ablagerungen sind auch in anderen Regionen des Kaukasus zu entdecken. Es existieren Bestrebungen, Gebiete wie den Berg Schahdagh, die reich an solchen Ablagerungen sind, zu Schutzzonen zu erklären. Die geologischen und geomorphologischen Naturdenkmäler Aserbaidschans sind verschiedener art. Es entstanden Berge, Hügel und diverse Felsformationen als Folge arid-erosiver Reliefbildung. Einige von ihnen bestehen aus Tiefengesteinen (Plutoniten) – zum Beispiel Ilanlidagh, Nahadschar, Älindschä. Weitere Berge in der Autonomen Republik Nachtschivan sind aus uraltem kristallinem Felsgestein des Devon, so zum Beispiel die Zeugenberge Dähnä, Saridagh und Välidagh. Andere Formationen, wie die relikte Ambizlär und Quschgayasi in Qobustan, sind reich an Sedimenten aus dem Pliozän. Leicht erodierbare Felsen verschwanden im Laufe der Zeit durch Abtragungs- und Erosionsprozesse. Im Südosten des Kaukasus gibt es auch Felsen vom Typ Dibrar, die in der Kreidezeit aus lusitanischem Kalkstein entstanden sind und deren scharfkantige Form charakteristisch ist. Interessierte Touristen und Bergsteiger können zudem die Überreste von Festungen bestaunen, welche vor Jahrhunderten auf diesen Felsen zu Verteidigungszwecken errichtet wurden. In den Rayons Schabran und Ismayilli kann man die Festungen Tschiraqqala bzw. Talistan besichtigen und Ausstellungen mit Fundstücke aus den Ruinenstädten besuchen. Nicht zuletzt der Berg Käpäz aus dem Jura übt mit seiner besonderen Schönheit eine grosse Faszination auf Touristen aus.
Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurden auf der Halbinsel Abscheron Erdölvorkommen mithilfe von etwa 10 bis 15 per Hand gegrabenen Schächten abgebaut. Das gewonnene Rohöl wurde in Gruben rund um die Schächte gesammelt. In den Distrikten Chirdalan, Balachani, Binäqädi, Fatmayi und Hökmäli sind solche Ölabbaustätten noch erhalten. Sie spiegeln Aserbaidschans Reichtum an Erdölfeldern wider und zeigen, wie nah an der Erdoberfläche das Öl hier lagert. Andererseits wird durch sie aber auch deutlich, mit welcher schweren körperlichen Arbeit der Abbau dieser kostbaren Ressource in der Vergangenheit verbunden war. Aufgrund der historischen Bedeutung dieser Ölquellen nicht nur für Aserbaidschan ist es notwendig, diese Denkmäler zu restaurieren und unter besonderen Schutz zu stellen, um sie so für die Nachwelt zu erhalten.
Wenn Erdgas durch Risse in der Erdkruste zur Oberfläche gelangt, kann es sich von selbst entzünden, was vor dem Hintergrund blühender Landschaften im Frühjahr oder bei Schneefall im Winter ein unvergessliches Bild abgibt. In den heidnischen Religionen früherer Zeiten galten Orte an denen sich Erdgas selbst entzündete und Flammen aus der Erde züngelten als heilig. Pilger aus Indien errichteten deshalb an diesen Stellen zoroastrische Tempel. Auch in den Kratern aktiver Schlammvulkane, von denen es in Aserbaidschan eine Vielzahl gibt, steigt Methangas auf, das sich von selbst entzünden kann. In den südlichen Ausläufern des Gizilgaya-Plateaus, westlich des Dorfes Chinaliq, strömt auf einer Höhe von 2.200 Metern Erdgas aus dem Boden, dessen Flamme vor dem Hintergrund schwindelerregend steiler Felswände und grüner Bergweiden einen Anblick ergibt, der beim Betrachter bleibenden Eindruck hinterlässt. An diesem wunderschönen Ort können neugierige Touristen auf heissem Sandstein sogar ein Barbecue veranstalten.
Unter den hydrogeologischen Naturdenkmälern Aserbaidschans verdienen die Mineralquellen, die über die komplette Landesfläche verteilt sind, besondere Erwähnung. Es wurden Mineralquellen mit mehr als zehn unterschiedlichen chemischen Zusammensetzungen entdeckt, darunter Hydrogencarbonat-, Hydrogencarbonat-Chlorid-, Hydrogencarbonat-Chlorid-Sulfat-, Hydrogencarbonat-Sulfat-, Sulfat-Chlorid- und Vitriolquellen. Zudem existiert eine ganze Reihe von Mineralquellen deren chemische Zusammensetzung noch unbekannt ist. Pro Tag strömen 10 bis 100 tausend Liter aus diesen Quellen. Mehr als 30 Quellen, deren Temperaturen von 20 bis 70 Grad Celsius reichen, sind bekannt. Aus den meisten von ihnen strömen Gase wie Schwefel, Kohlenstoff und Schwefelkohlenstoff, die Patienten mit Magen-Darm-Beschwerden, Hautkrankheiten, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Rheumalinderung verschaffen. Mineralquellen, die zu Therapiezwekken genutzt werden können, gibt es zum Beispiel in Daridagh, Sirab, Badamli, Turschsu, Schirlan-Istisu, Slavyanka, Aaghkörpü, Chaldan, Chaschy, Dschimi, Chalchal, Beschbarmaq und Qirchbulaq, um nur einige zu nennen. Auch hier gibt es Bestrebungen, diese Mineralquellen zu Naturschutzgebieten zu erklären.
Hydrologische Naturdenkmäler
Die meisten natürlichen Wasserläufe Aserbaidschans sind Bergbäche und -Flüsse. Der Höhenunterschied zwischen den Höchstund den Tiefstgelegenen Flussabschnitten kann in manchen Fällen 2.000 bis 3.000 Meter betragen, die Entfernung zwischen der Quelle und der Stelle, an der der Fluss ins Flachland übergeht, beträgt üblicherweise zwischen 15 und 30 Kilometer. Daher entsteht an Flüssen, die durch tief eingeschnittene Felsschluchten brausen, ein lautes Echo, das bis weit ins Land hinein zu hören ist und den aufmerksamen Zuhörer in seinen Bann zieht. Die wilde Romantik des reissenden Stroms kann man beispielsweise an den Flüssen Qusartschay, Kischtschay, Tärtärtschay, Nachtschivantschay und lLänkäran bewundern. An einigen vorrübergehend oder dauerhaft wasserführenden Bergflüssen in Aserbaidschan haben sich sogar Wasserfälle gebildet. Hier sind als kleine Auswahl die Wasserfälle Afurdscha (am Fluss Velveltschay), Midschiq (am Dämiraparantschay), Hämzäli (am Hämzälichay), Katech (am Katechtschay), Kirintov und Sarigüney (am Kischtschay) sowie Ilisu (Kurmuchtschay) zu nennen.
Schaut man in Aserbaidschan in einen Bergsee, so erblickt man den endlosen Himmel, der sich in seiner Wasseroberfläche spiegelt. Bergseen, wie der Tufan im Grossen Kaukasus, Göygöl und Alagällär im Kleinen Kaukasus sowie der Batabat in der Autonomen Republik Nachtschivan stellen einzigartige Naturdenkmäler dar und sind immer einen Besuch wert.
Die Flora als Naturdenkmal
Von den mehr als 6.300 in der kaukasischen Region vorkommenden Gefässpflanzenarten wurden etwa 4.200 Arten auf dem Gebiet Aserbaidschans gezählt. 125 Familien (von 156 in Kaukasien), 930 Gattungen (von 1.286 Kaukasiens) und 370 endemische Arten (von ca. 1.600 in Kaukasien) sind vertreten. Etwa so gross wie Österreich weist das Land an der Süd-Ostgrenze Europas damit die höchste Biodiversität unseres Kontinents auf und gehört weltweit zu den 25 Gebieten grösster biologischer Vielfalt!
Die Flora ist also nicht nur einer der wichtigsten Teile der physischen und geographischen Umwelt, sondern auch ein Kriterium der internen Struktur der Landschaft. Zu den wertvollsten und in ihrer Art einmaligen Pflanzen gehören die Eldarkiefer, die den Klimaveränderungen der letzten 13 Millionen Jahre standgehalten hat, der Eisenbaum und der Buchsbaum. Seit alters her gedeihen hier Eiche, Buche, Kastanien, Wal- und Haselnüsse in den Wäldern der Südhänge des Grossen Kaukasus, während in den Ebenen Dattelpflaumen, Feigen und Safran geerntet werden. Fantastische Naturdenkmäler sind auch die mehr als 1.500 Jahre alten Platanen, die entlang verschiedener Strassen stehen. schon seit jeher wurden diese Bäume sorgfältig gepflegt und so der Nachwelt erhalten. Die berühmten östlichen Platanen kann man unter anderem in Bergkarabach, Geranboy und weiteren Gegenden Aserbaidschans finden. Ein hübscher Anblick sind auch die Pyramiden-Platanen entlang der Strasse von Quba nach Chatchmaz und die Nussbaumpflanzungen an den Strassen zwischen Oghuz, Schäki, Zaqatala und Balakän. Endemische Flora wie der Arganbaum, Kastanieneiche und der Eisenbaum müssen als wichtige nationaleNaturdenkmäler bewahrt werden. Naturschutzgebiete, wie der Wald von Sultanbud mit seinen Pistazienbäumen und die Kiefern von Göygöl, stellen ebenfalls unbedingt zu erhaltende Naturdenkmäler dar.
Nicht weniger reichhaltig ist die Tierwelt Aserbaidschans: etwa 18.000 Tierarten – darunter 102 Säugetierarten – leben in Aserbaidschan, darunter der Hyrkantiger und der Schneeleopard im Talisch-Gebirge. Eines der beliebtesten domestizierten Tiere in Aserbaidschan ist das Karabach-Pferd. Es wird wegen seiner Geschwindigkeit, Eleganz, Intelligenz und seinem Temperament seit Jahrhunderten weltweit geschätzt. Touristen und Bergsteiger sind immer wieder fasziniert von Tieren wie Bezoarziegen, Dagestan-Auerochsen, Bergschafen, Rotwild, Wildschweinen, Braunbären und Gazellen. Im östlichen Kaukasus kommen auch Stachelschweine, Moorhühner, Frankoline, besondere Wildtauben und Schwalben vor. Scharfsichtige Adler schweben lautlos durch die Lüfte und stehen beispielhaft für die majestätische Schönheit der Natur. Das Tierreich von Aserbaidschan wird zusätzlich durch Geschöpfe bereichert, die nicht ursprünglich hier heimisch waren, sondern vom Menschen angesiedelt wurden. Zu diesen gehört etwa der Ussuri-Sika-Hirsch, der sich hervorragend an die lokalen Lebensbedingungen angepasst hat und als ein lebendes Naturdenkmal angesehen werden kann. Manchmal kann man in Natur- und Wildschutzgebieten seltene asiatische, europäische und afrikanische Vögel beobachten, wie Flamingos, Schwäne, Rohrdommeln, Pelikane, Sultansmeisen und noch viele andere, die hier überwintern oder Rast machen.
Viele Touristen interessieren sich besonders für paläozoologische Naturdenkmäler. Ein gutes Beispiel für ein derartiges Naturphänomen ist sicherlich das ausgrabungsgebiet Binäqädi bei Baku, in dem zahlreiche Tierknochen gefunden wurden. Vor rund 70 bis 80 tausend Jahren – im oberen Pliozän – befand sich an dieser Stelle ein See, auf dessen Oberfläche sich Erdöl abgelagert hatte. Das Öl, das hier zu Tage trat, umhüllte die Körper im See verendeter Tiere. Wissenschaftler entdeckten die Überreste eines Stieres, ungewöhnlich grosser Hirsche, zahlreicher Wirbeltiere, Reptilien, Säugetiere, Insekten und Vögel. Ähnliche paläontologische Stätten finden sich auch andernorts in Aserbaidschan, zum Beispiel in Dscheyrantschöl.
Die Vielfalt klimatischer Bedingungen, die in Aserbaidschan vorherrscht, hat zur Bildung einzigartiger Landschaften geführt. Als Beispiel mag hier die Niederung von Chaldan angeführt sein, welche sich auf einer Höhe von 1.000 bis 1.800 Metern im Nordosten Aserbaidschans an den Oberläufen der Flüsse Gilgiltschay und Välvälätschay befindet. Im Norden wird die Landschaft vom Gebirgskamm Qaytar-Qoya und im Süden vom Hauptkamm des Kaukasusgebirges begrenzt. Wenn man dem Flusslauf des Gilgiltschay folgt, lösen zunächst hochgelegene Weideflächen den bewaldeten Gaytar-Goya-Kamm ab, dann folgt die felsige Wasserscheide. Wenn man von der beeindruckenden Naturlandschaft Aserbaidschans spricht, kommt der Bergseekette um den Göygöl in der Nähe des früheren Winzerdorfes deutscher Kolonisten unbestreitbar eine besondere Bedeutung zu.
Aber auch in anderen Landesteilen finden sich Naturdenkmäler von einmaliger Schönheit. Naturdenkmäler kann man nach ihrer Wichtigkeit in drei Gruppen unterteilen:
Die erste Gruppe umfasst Phänomene von internationalem Rang, wozu beispielsweise der Berg Ilanlidagh in der Autonomen Republik Nachtschivan, die Bergseekette Göygöl, das Vogelschutzgebiet Qizilaghadsch, die hyrkanischen Wälder in den Talisch-Bergen und die Ausgrabungsstätte Binäqädi zählen. Die zweite Gruppe besteht aus Naturdenkmälern von nationalem Rang und schliesst unter anderem die Platanenalleen, die bedeutendsten Mineralquellen, den Berg Beschbarmaq und die atemberaubenden Wasserfälle mit ein. In die dritte Gruppe kann man Naturdenkmäler von lokaler Bedeutung einordnen, beispielsweise Eichenwälder, einige Thermal- und Mineralquellen, uralte Bäume etc.
Es ist eine Aufgabe von höchster Bedeutung, diese Naturdenkmäler zu bewahren, da sie ein unbezahlbares Erbe der Menschheit darstellen, welches uns vor Urzeiten überantwortet wurde. Die Verantwortung für ihre Erhaltung und Sicherung sollte von einer Generation an die nächste weitergegeben werden und ist bereits seit vielen Jahren ein Bestandteil deutsch-aserbaidschanischer Zusammenarbeit.
Prof. Dr. Budag Budagov
Ordentliches Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Aserbaidschans
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