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Als mich die Anfrage von Alain Pichard erreichte, als SVP-Mitglied, Ausbildungsoffizier der Armee und amtierender bernischer Grossrat für den Condorcet-Blog einen Beitrag über das Bildungskonzept der SVP zu schreiben, habe ich mich zuerst einmal mit dem Namensgeber des Blogs und dem Konzept der Betreiber auseinandergesetzt.
Dabei fielen mir zwei sehr interessante Dinge auf. Da wäre zunächst einmal die Person des französischen Philosophen Jean-Marie de Condorcet und natürlich auch die Person seiner Frau – Sophie de Condorcet, geborene Grouchy. Als militärhistorisch interessierter Zeitgenosse habe ich festgestellt, dass diese Sophie die Schwester von Emmanuel de Grouchy, General und Maréchal d’Empire unter Napoleon war. Dieser Emmanuel Grouchy war es auch, der durch sein Fehlverhalten die Niederlage Napoleons in der Schlacht von Waterloo herbeiführte.
Die Haltung dieses Ehepaars, das ich nicht kannte, entspricht gerade in Bezug auf die Bildung – soweit ich es in den fiktiven Interviews, die Alain Pichard mit Condorcet führte, beurteilen kann – in vielem auch meinem eigenen Menschenbild.
Folgende Zitate könnten auch in einem SVP-Bildungskonzept stehen:
- Der Staat hat dem mündigen Bürger, der mündigen Bürgerin die Bildungsmittel zur Verfügung zu stellen, die denselbigen die mündige Selbstfürsorge ermöglichen!
- Schule muss Wissen vermitteln, statt Meinungen und Doktrinen zu dozieren und die öffentliche Bildung muss sich von politischen, wirtschaftlichen, religiösen und politischen Kräften abkoppeln. Ausserdem müssen die Zuständigkeiten klar geregelt sein! «Instruction» ist Aufgabe des Staates, «éducation» die der Familie.
- Gesinnung zu erzeugen, Haltungen zu befehlen, quasi noch als Kompetenz messbar zu machen, kann nicht Aufgabe einer öffentlichen Schule sein. Das ist ein totalitärer Anspruch.
Die zweite mir durchaus sympathische Haltung des Bildungsblogs ist es, den Diskurs zu suchen, ihn zu fördern und seinen Leserinnen und Lesern auch konträre Meinungen zuzumuten.
Natürlich bin ich mir bewusst, dass die SVP in der Lehrerschaft nicht den besten Ruf geniesst.
Natürlich bin ich mir bewusst, dass die SVP in der Lehrerschaft nicht den besten Ruf geniesst. Aber bei allem Verständnis für die ablehnende Haltung vieler Lehrkräfte gegenüber meiner Partei, denke ich, dass es sich lohnen würde, einige bildungspolitische Haltungen der SVP kennenzulernen. Die folgenden Gedanken sind allerdings nicht immer Elemente eines Parteiprogramms, sie tragen durchaus auch eine persönliche Handschrift. Es sind die Erfahrungen eines dreifachen Vaters und eines Ausbildungsoffizers der Schweizer Armee.
Mehrheitlich gegen den Lehrplan 21
Die SVP setzt sich eindeutig für eine starke Volksschule ein und lehnt weitgehende Privatisierungen ab.
Die SVP war in Ihrer Mehrheit gegen den Lehrplan 21. Der Lehrplan ist nach Meinung meiner Partei eigentlich ein Bindeglied zwischen Schule und Volk. Er zeigt auf verständliche Weise, was die Schule tut. Das ist bei dieser merkwürdigen Kompetenzorientierung nicht mehr der Fall.
Das Lehrmittel Passepartout halten wir für eine kolossale Fehlinvestition.
Ganz klar haben wir uns gegen Frühfranzösisch und vor allem gegen die Mehrsprachendidaktik eingesetzt. Das Lehrmittel Passepartout halten wir für eine kolossale Fehlinvestition.
Die SVP ist gegen flächendeckende Tests. Sie ist aber für Noten. Und da möchte ich in Erinnerung rufen, dass die Noten historisch gesehen vor allem von der Sozialdemokratie und ihren Gewerkschaften gefordert wurden. Sie sahen in den Noten bessere Aufstiegschancen für die Kinder der Arbeiterklasse. Verschwurbelte Berichte und Kreuzchenorgien auf siebenseitigen Beurteilungsbögen schon ab Kindergarten sind mir ein Gräuel.
Wir sind gegen die Verschulung der Kindergärten und wollen, dass die Kinder im Vorschulalter vor allem eines machen: sich im freien Spielen entwickeln.
Methodenfreiheit und Lehrmittelfreiheit sind für uns nicht verhandelbar.
Wir wollen, dass die Schülerinnen und Schüler in unserer Schule etwas lernen. Und zwar alle, Mädchen, Knaben, Einheimische und Migrantenkinder und auch Kinder mit Beeinträchtigungen. Dazu müssen den Schulen und vor allem ihren Lehrkräften wieder mehr Handlungsfreiheit gewährt und Vertrauen entgegengebracht werden. Für uns ist die Persönlichkeit und die fachliche Autorität des Lehrers oder der Lehrerin ein wichtiger Erfolgsgarant für Bildung. Methodenfreiheit und Lehrmittelfreiheit sind für uns nicht verhandelbar.
Wir bekämpfen die Bevormundung der Lehrkräfte, die immer neuen Schulreformen und die Vorschriften nach Kräften.
Wir stehen klar für die Gemeindehoheit und die Dezentralisierung des Schulsystems. Die Leute am Ort müssen zu ihrer Schule stehen und eingebunden werden. Die zunehmende Professionalisierung und Delegierung bildungspolitischer Entscheide an Beamte und Ämter beurteilen wir skeptisch. Der vielgescholtene Flickenteppich ist in Wahrheit ein Labor kreativer Ideen und zentralistischen Modellen klar überlegen. Wir bekämpfen die Bevormundung der Lehrkräfte, die immer neuen Schulreformen und die Vorschriften nach Kräften.
Wir stehen hinter dem dualen Bildungssystem, um das uns viele Länder beneiden. Die Einführung der Berufsmatur bietet zahlreichen begabten Lehrlingen eine Aufstiegschance. Wenn hingegen alle eine Matur machen, ist es keine Matur mehr.
Mit grosser Besorgnis nehmen wir die Entwicklung im Fach Mathematik zur Kenntnis. Und da ist die SVP durchaus auch international ausgerichtet. Zum ersten Mal hat ein Land wie Südkorea in der Patententwicklung grosse Länder wie Frankreich überholt. Die Leistungen der asiatischen Konkurrenz in den MINT-Fächern sind beeindruckend und sollten uns Ansporn sein.
Der Ruf nach immer mehr finanziellen Ressourcen ist auch in meinen SVP-Kreisen (Stichwort: Landwirtschaft) verbreitet.
Wichtig ist uns deshalb das Leistungsprinzip. Wir wollen keine Paukerschule wie in den asiatischen Ländern, wir wollen aber auch keine Schule, in der immer mehr Therapeuten, Schulpsychologen, Hilfslehrkräfte, Logopädinnen, Heilpädagoginnen, IF-Lehrkräfte den klassischen Unterricht auseinanderreissen. Ein massvolles Teamteaching vor allem in Brennpunktschulen ist sicher der bessere Weg. Die Schülerinnen und Schüler müssen sich anstrengen und diese Anstrengung muss sich auch lohnen. Gerade für unsere Migrantenkinder sind dies wichtige Signale.
Der Ruf nach immer mehr finanziellen Ressourcen ist auch in meinen SVP-Kreisen (Stichwort: Landwirtschaft) verbreitet. Hierzu einige Fakten: Im Staatshaushalt sind es vor allem drei Bereiche, die massiv gewachsen sind und immer noch wachsen: Sozialsysteme, Öffentlicher Verkehr und vor allem die Bildung. Wenn die Stadt Basel pro Schüler 20’000 Fr. ausgibt, und damit so schlechte Resultate erzielt, dagegen der Kanton Fribourg mit der Hälfte des Geldes bei den ÜGK einen Spitzenplatz belegt, herrscht Diskussionsbedarf.
Wenn die Stadt Basel pro Schüler 20’000 Fr. ausgibt, und damit so schlechte Resultate erzielt, dagegen der Kanton Fribourg mit der Hälfte des Geldes bei den ÜGK einen Spitzenplatz belegt, herrscht Diskussionsbedarf.
Wir stellen auch fest, dass die von den linken Parteien umsorgten Migrantenkreise regelmässig auch für die schlechten Leistungen der jeweiligen bescheidenen Schulleistungen verantwortlich gemacht werden. Das ist grundfalsch. 17-20 Prozent Illetristen ist ein Systemversagen, das uns alle betrifft.
Die hier lebenden Migrantenkinder verdienen unsere volle Unterstützung, sie müssen gefördert, aber auch gefordert werden. Die Fragen der Aufnahmefähigkeit und die Belastbarkeit unserer Schulen gehören allerdings auch in den Diskurs. Ein «Faire semblant» lehnen wir klar ab. In Biel sind wir auch aus diesen Gründen gegen die «Filière Bilingue» zusammen mit vielen linken Lehrkräften, weil es sich hier um eine staatlich finanzierte Privatschule für den Mittelstand handelt, der die Migrantenkinder aussen vorlässt.
Grosse Zweifel hegen wir gegenüber der aktuellen Lehrerinnen- und Lehrerausbildung. Vor allem auf Ebene Volksschule benötigen wir eine handfeste, an der Praxis orientierte und hochwertige Fachausbildung. Natürlich gehören Psychologie (ich bin selbst ausgebildeter Psychologe) und Erziehungswissenschaften dazu. Aber diffuse Forschungsaufträge oder verschwurbelte Kompetenzanalysen verteuern die Ausbildung ohne erkennbaren Mehrwert.
Die Schule der Moderne steht zweifelsohne vor grossen Herausforderungen. Integration, Digitalisierung, ein sich rasant wandelnder Arbeitsmarkt können nicht mit Rezepten der 60er-Jahre bewältigt werden. Dessen ist sich die SVP bewusst. Die Schule muss – wenn sie Ziele verfolgt, die ausserhalb der Reichweite von Unterricht liegen – Kooperationen eingehen. Wir wenden uns nicht gegen Erziehungsberatungen, Fachkommissionen oder Schulsozialarbeit. Wir stellen aber fest, dass es rund um die Schule zu einem Wildwuchs gekommen ist, der einen ineffizienten Kampf um Ressourcen zur Folge hat. Hier muss immer das Ziel einer Institution definiert und überprüft werden. Und wenn die geschaffenen Stellen diese Ziele nicht erreichen, müssen sie zurückgebaut oder in die Praxis transferiert werden, was ohnehin meistens der bessere Weg ist.
Was die Digitalisierung betrifft, so kann niemand heute sagen, wohin der Weg führen wird. Die Schule hat deshalb auch ein wenig zweckfrei zu sein. Sie ist den Werten der Bildung verpflichtet, und sie soll – wie es das Vorbild dieses Blogs formuliert hat, den Menschen zu seiner Mündigkeit führen. Das darf man nicht Algorithmen aus dem Silicon Valley überlassen. Vor allem im Kindergarten und auf der Unterstufe sollten die Computer nicht eingesetzt werden. Waldspaziergänge, Malen, Musizieren und viel Bewegung sind hier wesentlich wichtiger. Natürlich muss sich die Schule mit den digitalen Medien beschäftigen und die Digitalisierung auch dort anwenden, wo die etwas bringt. Eine überstürzte Anschaffung von Tablets lehnen unsere Finanzverantwortlichen in den Gemeinden aber in der Regel ab.
Ich danke den Verantwortlichen des Blogs, dass sie mir Gelegenheit gegeben haben, die Vorstellungen der SVP zur Bildung darzulegen. Ich hoffe natürlich, dass der eine oder andere Gedanke bei Ihnen als lesenswert betrachtet wird und freue mich auf allfällige Reaktionen.
Mathias Müller, Orvin bei Biel