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Von Petra Schneider
Mit einer doppelten Retrospektive zelebrieren die Fondation Beyeler und das Kunstmuseum Basel den achtzigsten Geburtstag des Malers und Bildhauers Georg Baselitz (* 23. 1. 1938), der sich seit den 1980er Jahren zu den populärsten zeitgenössischen Künstlern zählen darf. Dabei scheint die Person des Künstlers, dank einiger bewusst inszenierter Skandale, in der Öffentlichkeit fast bekannter als seine Werke zu sein, denn Baselitz-Ausstellungen sind eher selten, in der Schweiz wurde er zuletzt 1990 im Kunsthaus Zürich gezeigt. Nun sind in Riehen ausgewählte Gemälde und Skulpturen aus dem Zeitraum der letzten sechzig Jahre sowie parallel dazu im Basler Kunstmuseum die Werke auf Papier zu sehen.
Warum wird ein Künstler zum Künstler?
Diese rhetorische Frage wirft Baselitz anlässlich der Medienkonferenz in der Fondation Beyeler in den Raum und beantwortet sie bezogen auf seine Person mit dem „Unwillen etwas Vernünftiges zu machen“. Er habe schon früh ein Gespür für das eigene Talent gehabt und bezeichnet seine Werke als Dokumente der Unvernunft. Den Weg von der Erkenntnis zum Künstler geboren zu sein bis zu den ersten Erfolgen auf dem Kunstmarkt beschritt Baselitz selbstbewusst, provokant und zielorientiert. Er inszenierte sich als Sonderling, der unbeirrt an der figurativen Malerei festhielt, keiner zeitgenössischen Kunstströmung angehören wollte und sich trotz widriger Umstände zum Erfolg malte. Diesen Mythos seiner Autogenese wird Baselitz nicht müde zu wiederholen, eine Strategie, welche zur Entwicklung seiner exzentrischen Künstlerpersönlichkeit wesentlich beigetragen haben dürfte.
Abgrenzung und Anknüpfung
Die Schau in der Fondation Beyeler ist chronologisch geordnet und beginnt mit den 1963 beschlagnahmten Skandalbildern Die große Nacht im Eimer (1962/63) und Der Nackte Mann (1962). Es handelt sich um düstere, pastos gemalte Bilder, welche groteske männliche Figuren mit übergroßen erigierten Penissen abbilden. Auch in anderen Werken derselben Schaffensperiode ist bei Baselitz das Phallussymbol prominent platziert. Als Kontrapunkt dient in der Ausstellung die Serie P.D. Füße (1960 – 63), Detailstudien abgetrennter Extremitäten, die stark an Théodore Géricaults aus Leichenteilen arrangierte Stillleben und Studien in der Vorbereitung zum Floß der Medusa (1819) erinnern. Ein besonderer Zug von Baselitz Bildfindungen sind immer die Reminiszenzen an vorgängige Kunstwerke. In Bonjour Monsieur Courbet (1965) isoliert er die Figur des Malers aus dem gleichnamigen Gemälde Gustave Courbets (1854). Die so gewonnene Komposition lässt sich in die Heldenserie der mittleren 1960er Jahre einordnen. Diese physisch stark lädierten Heroen sind mitunter mit Pinsel und Palette ausgestattet oder haben geöffnete Hosenschlitze, aus denen ihre Glieder hervorragen, möglicherweise eine Anspielung auf den Mythos von der Malerei als Schöpfungsakt.
Das Jahr 1969 bedeutet ganz wörtlich genommen einen Wendepunkt in Baselitz‘ Schaffen, denn fortan stehen die Motive konsequent auf dem Kopf, ein Alleinstellungsmerkmal seiner Kunst, welches keine Nachahmer gefunden hat. Dass mit diesem Kniff durchaus interessante Bildwelten entstehen können beweist das Gemälde Fertigbetonwerk (1970). In Grautönen gehalten, mit nur wenigen roten und grünen Farbakzenten, schafft das Werk eine neblige, surreal anmutende Landschaft, in der Oben und Unten austauschbar erscheinen und die mutwillige Motivumkehrung sich nicht auf den ersten Blick offenbart. Leider findet sich dieser Effekt selten in Baselitz weiteren Bildern und so wirkt ihr „Kopfüber“ meist wie ein bloßer Manierismus.
Die Retrospektive in Riehen vereint Kostproben aus allen Schaffensperioden des Künstlers und stellt den monumentalen Bildern grob behauene, rudimentär gefasste Holzskulpturen, wie etwa die Serie Dresdner Frauen (1989 -90), und Bronzen, welche zum Teil im Garten gezeigt werden, zur Seite. Zu den aktuellsten Werken gehört das gemalte Selbstporträt Avignon ade (2017), in dem ein durch einen dunklen vertikalen Strich zweigeteilter Baselitz in Hellblau, Rosa und Zartgelb vor dunklem Grund posiert. Überhaupt wirkt die Bildproduktion der letzten zwei Jahre mit den vorherrschenden Pastelltönen außergewöhnlich mild und dekorativ.
Auf der Suche
In einem etwas anderen Licht zeigen sich die Bleistift-, Kohle- und Tuschezeichnungen sowie Aquarelle und Guaschen im Kunstmuseum Basel. Besonders in den frühen Arbeiten begegnet man einem Künstler auf der Suche nach seiner Identität, seinem eigenen Stil. Sind Baselitz großformatige Gemälde meist sehr übersichtlich komponiert und ihr Inhalt rasch erfasst, so muss das Auge des Betrachters im zeichnerischen Frühwerk auf die Suche gehen. In der anamorphotischen Landschaft (1964) ragen scheinbar zahlreiche abgetrennte Körperteile aus einem wüsten Erdboden, welcher von einem Schienenstrang durchzogen wird. Ob es sich wirklich bei allen Objekten um Extremitäten handelt bleibt dabei offen, vielleicht ist es lediglich totes Holz.
In den Werken auf Papier lässt sich die schrittweise Annäherung an die Motivumkehrung in den Jahren vor 1969 gut nachverfolgen. Zunächst begegnet man in Ein Hund aufwärts (1967), einem Vierbeiner, der senkrecht an einem Baumstamm hinauflaufen kann, dann einem kopfüber gekreuzigten Hasen in Das Kreuz (1968) sowie einem Maler (1969), der im Kopfstand auf seinem Atelierboden steht, obwohl er der Körperhaltung nach auf einem Stuhl sitzt. In diesen Bildern sind lediglich die Protagonisten verkehrt, noch nicht ihre Umwelt, die erst in Landschaft (1970) um 180 Grad gedreht wird.
Auch in den im Kunstmuseum ausgestellten Blättern finden sich zahlreiche Bezüge zu anderen Künstlern wie etwa Edvards Kopf (1983) nach Edvard Munch, Blauer Baum – P.M. (2009) nach Piet Mondrians Baum von 1908/09 oder in Bis auf weiteres abwärts (2016) nach Marcel Duchamps Akt, die Treppe herabsteigend Nr. 2 (1912).
Sehr reichhaltig präsentieren sich also die beiden Jubiläumsaustellungen zum achtzigsten Geburtstag von Georg Baselitz. Doch ob allein der Wille zur Kunst den Menschen zum Künstler macht oder ob vielmehr die kontroversen Ansichten über diesen Sachverhalt aus den Erzeugnissen Kunst generieren, darüber kann man sich noch bis zum 29. April 2018 in der opulenten Schau in der Fondation Beyeler und der etwas intimeren im Kunstmuseum Basel eine eigene Meinung bilden.