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Interview mit Filmproduzentin Gabriela Bussmann
- Publiziert am 26. Mai 2023
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«Es ist eine grosse Ehre, dass «Laisse moi» in Cannes seine Premiere feiern durfte.»
Der erste Spielfilm des jungen Regisseurs Maxime Rappaz, der den Master an der Filmschule ECAL/HEAD absolviert hat, eröffnete die Sektion ACID (Association du Cinéma Indépendant pour sa Diffusion) an den Internationalen Filmfestspielen in Cannes. Erzählt wird die bewegende Geschichte einer aussergwöhnlichen Frau und Mutter. Lliana Doudot hat Gabriela Bussmann in Cannes getroffen, um mit ihr über ihren Beruf als Produzentin sowie über «Laisse moi» zu sprechen
Gabriela Bussmann arbeitete in den 1980er Jahren schon sehr früh mit George Reinhart im Filmhaus Josefstrasse in Zürich zusammen. 1990 beteiligte sie sich aktiv an der Entwicklung der damals brandneuen «Semaine de la Critique”» am Locarno Film Festival. Seit 1995 ist Gabriela Bussmann Mitglied des Verwaltungsrats des Internationalen Dokumentarfilmfestivals Nyon, das unter dem Namen Visions du Réel neu gegründet wurde, das sie zusammen mit ihrem Mann, Jean Perret auch leitete. Im Jahr 2001 rief sie im Rahmen des Festivals den Doc Outlook International Market ins Leben, insbesondere die Pitchings du Réel, an denen die wichtigsten internationalen Partner und Entscheidungsträger teilnehmen. Sie ist die Initiatorin des ersten digitalen Marktplatzes für Dokumentarfilme. Auf der Grundlage ihrer Erfahrung gründete Gabriela Bussmann 2012 die GoldenEggProduction Sàrl. Im Vorstand von arttv.ch ist sie seit 2018.
Mit Gabriela Bussman sprach Lliana Doudot
Gabriela Bussman, wie und warum kam es zum Entschluss als Filmproduzentin zu arbeiten?
Das wusste ich sehr schnell. Die Welt des Films fasziniert mich. Ich habe sechzehn Jahre lang zusammen mit meinen Mann Jean Perret das Festival Visions du Réel in Nyon geleitet und war vorher bereits in der Produktion tätig. Damals arbeitete ich im Filmhaus von George Reinhart an der Josefstrasse in Zürich. Für mich war die Produktion so etwas wie die Fortsetzung von allem: ein Festival leiten, das Programm gestalten, die Werke anderer aufwerten… Ich mag es, Filmemacher:innen bei ihren Projekten zu begleiten, ihnen kreativ beizustehen und sie zu unterstützen.
Sie haben GoldenEggProduction 2012 in Genf lanciert. Warum haben Sie sich dafür entschieden, Ihr eigenes Unternehmen zu gründen?
Mit meinen langjährigen Erfahrungen in der Welt des Films hatte ich ein grosses Netzwerk an Verbindungen und Kontakten mit Fernsehprofis, Produzenten und Filmteams. Für mich war es darum nur logisch, meine Kenntnisse weiter zu nutzen. Ich musste nichts neu erfinden.
Wie wählen Sie die Filme aus, die Ihre Produktionsfirma betreut?
Ich und mein kleines Team gehen auf zwei Arten vor. Einerseits nutze ich bestehende Bekanntschaften mit etablierten Filmeregisseur:innen. Andererseits interessierte ich mich von Anfang an in besonderem Masse für junge Filmemacher:innen. Ich habe zum Beispiel regelmässig an Pitchings der HEAD und ECAL teilgenommen. Wir haben in den letzten Jahren einige Kurzfilme von jungen Absolventen produziert, auch, mit der Idee, langfristig die Realisierung des ersten Langfilms zu begleiten. Man versucht Vertrauen aufzubauen, als eine Art «Familie». So sieht und spürt man, ob man später gemeinsam weitermachen will.
Was hat Sie an dem Projekt «Laissez-moi» von Maxime Rappaz interessiert?
Mit Maxime war das auf professioneller Ebene wirklich so eine Art «Liebe auf den ersten Blick». Ich habe ihn bei einer Präsentation an der ECAL/HEAD getroffen. Er hat sein Projekt vorgestellt, wir haben uns danach länger unterhalten und uns nicht mehr getrennt. Wir begannen dann mit der Entwicklung des Films. Für mich bedeutet Produzieren nicht nur, die Finanzierung zu ermöglichen, sondern auch, das Schreiben zu begleiten. Es gibt mehrere Phasen, man schreibt, diskutiert und entwickelt dann gemeinsam weiter.
Wie hat sich die Zusammenarbeit ausgestaltet? Konnten Sie künstlerischen Einfluss auf das Projekt nehmen?
Maxime hat sehr schnell sein eigenes Universum geschaffen. Ich spürte, dass er aus verschiedenen Gründen, auch aus persönlichen, wirklich Lust hatte, diesen Film zu machen. Er war von diesem Projekt beseelt. Ich habe also versucht, diskret neben ihm zu agieren, nicht zu sehr zu drängen und ihm jenen Raum zu lassen, den er benötigte, damit er seine Idee reifen lassen konnte. Wir erstellten einen Zeitplan, bei dem er mir regelmässig zuschickte, was er neu geschrieben hat, und ich besprach es mit meinem Team. Manchmal wurden externe Berater, wie Lektoren oder Drehbuchautoren, hinzugezogen, um bestimmte Teile zu überarbeiten. So kamen wir gemeinsam gut voran und respektierten uns gegenseitig. Beim Drehbuchworkshop Atelier Grand Nord lernte Maxime die französische Drehbuchautorin Marion Vernoux kennen, mit der er sein Drehbuch zu Ende schreiben wollte. Es war eine sehr wichtige Phase, dieser letzte Schritt. Daraufhin konnte er das Schreiben erfolgreich abschliessen.
Waren Sie beim Dreh beteiligt? Und haben Sie bei der Besetzung der Hauptdarstellerin Jeanne Balibar, die ihr Rolle aussergewöhnlich gut spielt, Einfluss genommen?
Wir besprechen natürlich alles gemeinsam. Die Finanzierung stellt trotzdem eine wichtige Phase dar und beeinflusst viele Punkte. Bis wir die Finanzierung abschliessen konnten, hat es etwas gedauert, da wir französische und belgische Partner hatten und wir uns untereinander koordinieren mussten. Als es soweit war, haben wir mit der Vorproduktion begonnen. Da wussten wir zum Beispiel schon, dass der Kameramann Benoît Dervaux sein wird, der mit den Brüdern Dardenne zusammengearbeitet hat. Hinsichtlich Besetzung der weiblichen Hauptrolle kristallisierte sich relativ schnell Jeanne Balibar heraus. Maxime wollte schon damals für seinen Kurzfilm „Tendresse“ mit ihr zusammenarbeiten. Sie las das Drehbuch, war begeistert und sagte sofort zu.
«Laissez-moi» feierte soeben hier in Cannes seine Weltpremiere. Wie sind die ersten Rückmeldungen?
Sehr positiv. Schon bei der Bekanntgabe der Auswahl in Cannes, sprachen die Leute über den Film, und wir hatten innert kürzester Zeit einen internationalen Verleiher.. Das alles hat den «Buzz» ausgelöst. Wir hatten schon vor dem Festival Pressevorführungen in Paris, die unser Selbstvertrauen gestärkt hatten, und uns zeigten, dass «Laissez-moi» gut ankommt. Der Empfang hier in Cannes war wirklich grossartig. Weil ACID den Film begleitet, haben wir auch schone einen Vertrieb in Frankreich.
Welchen Stellenwert hat der Schweizer Film Ihrer Meinung nach beim Filmfestival in Cannes?
Es gibt eine regelmässige Präsenz von Schweizer Filmen in Cannes, aber ich weiss, dass es zu Polemik führt, weil sie selten im internationalen Wettbewerb auftauchen. Man muss auch sagen, dass der internationale Wettbewerb ein grosses Geschäft ist, bei dem es um viel Geld geht.. Aber es gibt auch immer wieder Ausnahmen.
Sie sind auch Vorstandsmitglied der Schweizer Kulturplattform arttv.ch, die nächstes Jahr ihr 20jähriges Bestehen feiert. Wie wichtig sind solche Kulturinitiativen für Sie?
Ich finde sie sehr wichtig, weil sie das Terrain, die Sensibilität und die regionale und nationale Kultur fördern. Ausserdem finde ich, dass arttv.ch sehr gute Arbeit leistet, und zwar kontinuierlich. Auf arttv.ch findet man weniger Mainstream als ganz besondere «Perlen», sei es im Bereich Kunst, Bühne, Musik, Literatur oder eben Kino. Das ist toll und einzigartig. Felix Schenker, der arttv.ch gründete, führte diese Plattform in all den Jahren wirklich nach oben. Ein Meilenstein ist, dass wir kürzlich mit clickcinema.ch den «Export» in die Westschweiz geschafft haben. Ich war am Prozess selber beteiligt und begleite ihn weiterhin. Denn besonders im Bereich Film glaube ich, dass wir solche Initiativen brauchen, weil es immer weniger Filmkritiken in den Zeitungen zu lesen gibt. Es hat sich schnell gezeigt, dass es in der Westschweiz ein echtes Bedürfnis für Clickcinéma.ch gibt
Abschliessend: Haben Sie neue Projekte? Potenziell mit Maxime Rappaz?
Ja, wir sind immer mit mehreren Projekten gleichzeitig unterwegs, sonst können wir gar nicht überleben. Wir werden auch weiterhin Kurzfilme machen. Sie garantieren uns einen regelmässigen Produktionsrhythmus, ohne lange auf die Finanzierung warten zu müssen. Wir haben aber auch einige Spielfilmprojekte in Arbeit. Ich kann auch bestätigen, dass wir unsere Zusammenarbeit mit Maxime fortsetzen. Fortsetzung folgt…
Gabriela Bussmann, vielen Dank für dieses Gespräch.