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«Mein Vater starb nur wenige Wochen nach meiner Geburt. Mir blieb nichts als ein Foto.» Alain Claude Sulzers Roman beginnt wie ein kriminalistisches Rätsel. Jahrelang ist der siebzehnjährige Erzähler achtlos am Porträt des ihm unbekannten Mannes vorbeigegangen, bis er plötzlich geheimnisvolle Hinweise darauf zu entdecken glaubt, die seine Neugierde wecken. Die Tatsache, dass der Vater freiwillig aus dem Leben schied, die Mutter aber jede Auskunft über die Umstände seines Todes verweigert, macht das Geheimnis nur noch grösser. Eine Adresse auf der Rückseite des Fotos führt den Erzähler nach Paris. Hier begegnet er André, einem ehemaligen Schulfreund des Vaters in den Nachkriegsjahren, der in Paris ein zwielichtiges Fotoatelier betreibt und sich mit jungen Männern umgibt. Seine Auskünfte, der Vater sei ein Opfer der Umstände der damaligen Zeit geworden und habe sich auf Drängen der Eltern in eine Nervenklinik einweisen lassen, «bis er sich in ihren Augen wieder normalisiert hatte», weiss der naive Erzähler nicht zu deuten.
Das folgende Kapitel, aus der Perspektive des Vaters – Emil – erzählt, lässt das feinfühlige Charakterbild eines jungen Mannes entstehen, der sein Anderssein in der spiessbürgerlichen Enge der fünfziger Jahre als Unheil, Krankheit und persönliches Versagen empfindet und sich verstört in sich selbst zurückzieht. Erst André ermutigt ihn dazu, sich zu seiner Homosexualität zu bekennen, doch besitzt Emil nicht dessen Selbstbewusstsein, sich konsequent über die Erwartungen und Moralvorstellungen der bürgerlichen Gesellschaft hinwegzusetzen. Stattdessen übernimmt er die ebenso verquaste wie hilflose Sichtweise der Nachkriegsmedizin, die ihm eine «latent perverse, infantile Persönlichkeit» attestiert und allein darauf hofft, der Defekt werde sich schon irgendwie auswachsen. Emil flüchtet sich in die Beziehung zu einer jungen Frau und kurz darauf in die Respektabilität der Ehe. Schon bald aber muss er erkennen, dass die selbstverordnete Heirat «schwache Medizin» und ohne nennenswerte Wirkung ist.
Alain Claude Sulzer erzählt die Geschichte wie gewohnt mit äusserster Zurückhaltung und unter Verzicht auf plakative Effekte. Die Distanz, die der Autor zu seinen Figuren wahrt, unterstreicht die Glaubwürdigkeit der Erzählung, geht es doch um eine Zeit, in der das Eingeständnis geheimer Wünsche und erst recht das öffentliche Reden darüber nahezu undenkbar waren. Als wenig glücklich erweist sich hingegen der Einfall, das in den fünfziger und frühen siebziger Jahren spielende Geschehen in einigen kurzen Erzählpassagen bis in die Gegenwart zu verlängern. So bekennt der Ich-Erzähler, inzwischen selbst Vater eines erwachsenen Sohnes, dass er seinem Sohn nie etwas von den Geschehnissen um seinen Vater erzählt habe, weil er ihn damit «vielleicht belastet hätte».
Diese Haltung entspricht in fataler Weise dem einstigen Verschweigen der Mutter und setzt den Vater ein weiteres Mal ins Unrecht. Damit unterläuft Alain Claude Sulzer jenes Plädoyer für mehr Toleranz und Menschlichkeit, als das sich sein Roman über weite Strecken liest. Der letzte Satz der Geschichte, «später vielleicht», ist da nur ein schwacher Trost.
Alain Claude Sulzer: «Zur falschen Zeit». Berlin: Galiani, 2010