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Vorderglärnisch und Hochthorgrat
Am 8. Oktober 1893 führten Ingenieur E. Kolben ( Sektion Uto ) und ich eine Besteigung des Vorderglärnisch und einen Übergang von da über den Hochthorgrat und das Hochthorband nach dem höchsten Punkt des Guppenfirns aus. Da dieser Übergang gleichbedeutend mit einem Aufstieg auf das Vrenelisgärtli direkt von Glarus aus oder auch gleichbedeutend mit einer Begehung des Glärnisch seiner ganzen Länge nach ist, mag ein Bericht darüber von einigem Interesse sein. Neu, d.h. wenigstens touristisch neu, ist dabei jedenfalls der Aufstieg vom Sattel 2085 m zwischen Vrenelisgärtli und Vorderglärnisch bis zum Hochthorband, d.h. bis zu dem Band unter der kleinen Hochthorwand ( im Sinne Baltzers, der Glärnisch ), welches laut Jahrbuch, Band V, pag. 365 am 28. Juni 1868 von einer Partie begangen wurde, welche vom Schlatt-älpli aus durch das Kaltethäli, zwischen Gärtli und Rüchen, das Furkeli ersteigen wollte, aber dann nach Osten abgedrängt worden war und infolgedessen auf jenem Band den Mittelglärnisch umkreiste, bis sie auf den Guppenfirn gelangte.
Unser Besuch galt eigentlich nur dem Vorderglärnisch und einer Besichtigung des Hochthorgrates aus der Ferne. Wir waren, von Zürich kommend, noch in der Nacht über Hintersack und Schlatt in die Alp Gleiter hinaufgegangen. Am nächsten Morgen waren wir daher etwas spät zum Aufbruch bereit. Auf dem Gipfel des Vorderglärnisch hielten uns die ausnehmend interessante Aussicht und photographische Aufnahmen ziemlich lange zurück; kurz, es war schon etwa 11 Uhr, als wir auf die Einsattlung 2085 m zurückkamen. Es wurde dennoch beschlossen, zu versuchen, ob das Hochthorband, der Guppenfirn und damit der Glärnisch von hier aus, also vom Gleiter und von Hintersack aus, erreichbar sei. Vom Gipfel des Vorderglärnisch aus war es nämlich nicht zu entscheiden, ob die Mauern ähnlichen Kalkschichtenköpfe oder Felssteilabsätze erkletterbar seien oder nicht; nur ein thätlicher Versuch konnte hierüber Klarheit verschaffen. An eine Ersteigung des Vrenelisgärtli konnten wir nicht ernstlich denken, da die Zeit zu sehr vorgeschritten war und das Wetter sehr zweifelhaft aussah.
Der uns angehende untere Teil des Hochthorgrates ist Hochgebirgskalk. Es folgen vom Sattel aus nebeneinander eine Steilstufe, ein Gras-und Schuttband und eine Steilstufe, weniger hoch als die erste, aber in ihrem untern Teil steil wie eine Mauer, dann wieder ein Gras- und Schuttband ( das Hochthorband ), dann die kleine Hochthorwand ( aus Baltzer, der Glärnisch, Tafel III, könnte man auch schließen, daß der zweite Absatz vom Sattel aus die kleine Hochthorwand sei und daher das Hochthorband das Band zwischen der kleinen und der großen Hochthorwand ). Zunächst war weder der Grat selbst noch die Linththalerseite gangbar. Wir stiegen daher sofort in die dem Gleiter zugekehrte Wand hinein, traversierten an derselben wenig ansteigend über glatte Felsen und ein Schuttband, bis wir an das untere Ende zweier nach dem Hochthorgrat nach links sich hinaufziehender, damals noch mit Schnee gefüllter steiler Rinnen gelangten. Die Kletterei war nicht gerade schwierig, erfordert aber ziemlich scharfe Nägel an den Schuhen, denn die Felsen sind glatt. Durch die östliche der zwei übrigens unmittelbar neben einander liegenden und sich oben vereinigenden Rinnen gelangten wir gerade an den Fuss des zweiten Steilabsatzes. Dieser zeigte sich, soweit man beurteilen konnte, auf der dem Gleiter zugekehrten Seite als auf etwa 15 m Höhe beinahe senkrecht und ganz ohne Griffe, wie das ja in dieser Formation an den Stirnflächen der Schichten gewöhnlich ist. Die dem Linththal zugekehrte Seite sah nicht ebenso steil aus, wenigstens nicht in der Gegend unter dem Guppengletscher. Dafür drohen dort die fortwährend herunterfallenden Eisbrüche. Nach einigem Beraten versuchte ich eine etwa 30 m von der Ecke der Wand auf dem Hochthorgrat selbst entfernt auf der Linththalerseite sich hinaufziehende Ritze hinaufzuklettern, welche wenigstens im obern Teile ein etwas gemildertes Gefälle aus der im ganzen etwa 15™ hohen Felsstirn herausschnitt. Es war lediglich in der Meinung, dort wenigstens die Sache nicht ohne Versuch aufzugeben; ich legte daher auch den schweren Rucksack nicht ab. Zu meiner Freude gelang es aber, einen Meter Höhe nach dem andern zu gewinnen, zuerst in der Ritze mich einklemmend, dann auf deren linken Seite einige Leisten und vorspringende Ecken benützend, zuletzt wieder in der Ritze selber, bis ich das weniger steile Gehänge darüber erreichte. Eine ganz miserable Passage war das immerhin; es fehlte nur noch, daß sie an einer recht exponierten Stelle wäre. Die Pickel und mein Gefährte folgten dann rasch am Seil nach. Ohne Schwierigkeiten erreichten wir darauf über einen kleinen Gratkopf und eine geringe Einsenkung des Hochthorgrates das Grasband unter der kleinen Hochthorwand, welches ganz offenbar von jener Partie im Jahre 1868 und wohl schon häufig von Jägern auf dem Wege von der Südseite des Berges nach der Nordseite begangen wurde. Wir folgten diesem Band in horizontaler Richtung bis zu einer breiten Schutthalde. In dieser zogen wir uns aufwärts, so daß wir den Guppenfirn erreichten, indem wir zuletzt die obersten noch gangbaren Felsgesimse unter der großen Hochthorwand entlang gingen. Es wäre damals nur mit vieler Hackerei möglich gewesen, den Guppengletscher etwas weiter unten zu begehen. Dieser selber macht uns nun selbst bei der vorgerückten Jahreszeit keine Schwierigkeiten. Obwohl die Möglichkeit, das Vrenelisgärtli noch zu besteigen, wegen der späten Stunde nicht mehr vorhanden war, gingen wir doch noch bis auf den „ Runden Turm " ( Baltzer, der Glärnisch, Tafel III ) oder auf das „ Hochthor " des Siegfried-Atlas, 2635 m, von wo aus der öfter begangene Weg von der Guppenalp aus leicht noch auf den Gipfel des Vrenelisgärtli geführt hätte. Es war aber schon 1h 4 Uhr nachmittags, das Wetter ziemlich unsicher, indem heftiger Föhn wehte, und in der Nacht war kein Mond zu erwarten, sodaß ein Übergang nach der Clubhütte sowohl als ein Abstieg nach Guppen nicht rätlich erschien, das erstere nicht wegen der Länge des Weges und der Schwierigkeit, bei Nacht die Hütte zu finden, das letztere nicht, weil ich über den einzuschlagenden Weg ungenügend orientiert war. Es ging daher fluggs wieder über den Guppenfirn hinunter und weiter über das Hochthorband zu dem steilen Absatz. Nach einander wurden Gefährte, Rucksäcke und Pickel am Seil hinuntergelassen. Schließlich hängte ich das Seil mit einer etwa 2 m langen Schlinge ( kurze Schlingen sind durchaus gefährlich ) an einen festsitzenden Kalkblock am Rand des Absatzes. Da das Seil dünn und von glatter Seide war, mußte ich es mit beiden Händen fassen und konnte die Hände nicht zum Klettern benutzen. Im untern Teil der Wand geriet ich denn auch gänzlich in die Luft, was der schlagendste Beweis für die unflätige Steilheit dieser Stelle ist. Es war unmöglich, das Seil loszuschwingen. Ich mußte daher so hoch als leicht möglich war, wieder zurücksteigen, um es abzuschneiden. Es blieben etwa 12 m hängen, die einem nächsten dienen mögen. Ich übernehme aber keine Verantwortlichkeit für den Haken, an dem es hängt; dieser kann seither lose geworden sein.
Der untere Teil des Hochthorgrates machte uns auch beim Abstieg keine große Schwierigkeit. Die Schutthalden und die zwei Felsenstufen, über welche man zum Gleiter hinabgelangt, wurden im Schnellschritt zurückgelegt, schnell genug, daß uns die durch keinen Mond erhellte Nacht erst nahe an unserem Ziele, der Gleiterhütte, erreichte.
Die Hütte enthielt reichlich Heu. Wir schliefen volle 12 Stunden und schlenderten erst spät am nächsten Morgen die Gleiterschlucht hinab und über Hintersack nach Glarus. Ein ausnahmsweise heftiger Föhn wehte an jenem Tag und hatte alle Wolken weggefegt. Die Beleuchtung der hellen Kalkwände und des goldenen Laubes der Wälder war von jener dem Föhnwetter eigentümlichen Grellheit und ließ den durch die grünen Weiden, den üppigen Baumwuchs und die kahlen Felswände ohnehin großen Kontrast-Reichtum der Glärnischlandschaft vollends bezaubernd auf uns einwirken.
E. Huber ( Sektion Uto ).