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Das umgebaute Schulhaus bei Romoos, das Alice Schmid seit zehn Jahren in Miete bewohnt, besteht nur aus einem einzigen hohen Wohnzimmer mit einer Galerie. Ein Fenster, das vom Boden bis zur Decke reicht, gibt den Blick frei auf die wilde Napflandschaft, der sie sich zweimal filmisch annäherte. Mit ihrem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm «Die Kinder vom Napf» gelang ihr 2011 eine wunderbare Hommage an das Entlebuch mit seinen stotzigen Hügeln und Krachen. Dieser Film, ein Reigen von Licht und Wolken, von Tier- und Menschenlauten, von Mythen und rauen bäurischen Sitten, schaffte es an die Berlinale. Zuvor schon hatten ihr kürzere Arbeiten, etwa über Kindersoldaten in Sierra Leone und Liberia, öffentliche Anerkennung gebracht. Der berufliche Erfolg tat Schmid gut, das verrät die Art, wie sie mit manchmal weit ausholenden Gesten ihre Argumente unterstreicht.
Ein Zurückholen aus dem Nichts
Siebzig ist sie jüngst geworden. Der blonde Zopf und die blauen Augen, fast tintenblau wie der Stein am Ringfinger, verleihen ihr freilich einen Hauch von Jugendlichkeit und lassen erahnen, wie hübsch der Teenager war, der im Zentrum ihres neuesten autobiografischen Films steht. «Burning Memories» (Brennende Erinnerungen) handelt von einer Vergewaltigung, die der Luzerner Regisseurin als Minderjährige widerfuhr. Die traumatische Erfahrung hatte sie fünfzig Jahre lang verdrängt, ja völlig vergessen, bis sie vor einiger Zeit in einem Osloer Museum vor dem Bild «Pubertät» des norwegischen Malers Edvard Munch innehielt. Das Werk zeigt ein nacktes Mädchen am Bettrand sitzend, die schmalen Arme vor den geschlossenen Schenkeln verschränkt, die Lippen zusammengepresst, die Pupillen angstvoll geweitet, hinter sich ein bedrohlicher Schatten. Die amerikanisch-norwegische Schriftstellerin Siri Hustvedt sieht darin «die bestürzende Mischung aus einem verletzlichen Kind und einem Philosophen bei der Arbeit».
Zu diesem Gemälde kam ein zweites. Ein leicht verhärmt wirkendes Frauengesicht von Oda Krohg, das im gleichen Museum hing, erinnerte Schmid an ihre Mutter. Jäh kehrte in ihr Bewusstsein zurück, was sie jahrzehntelang daraus verbannt hatte. Es brauchte aber den Willen, «wenn nötig 1000 Kilometer zu gehen», bis sie das schambehaftete Geschehen in Worte fassen konnte. Um dieses Zurückholen erlittenen Leids aus dem Nichts – eine quasi philosophische Arbeit, wenn man bei Hustvedts Metapher bleiben will – rang die Regisseurin auf einem Fussmarsch durch die südafrikanische Wüste. Karin Slater, Kamerafrau aus Kapstadt, hat dieses Ringen festgehalten. Daraus entstand der Film, der dieser Tage in die Kinos kam.
Was dabei eine Sprecherin aus dem Off skizziert, verdeutlicht die Regisseurin im Gespräch mit der Journalistin. Letztlich ist es die Geschichte eines doppelten Missbrauchs, denn nicht nur sexuelle, sondern auch häusliche Gewalt gilt als Misshandlung. Alice, am 15. August 1951 geboren, wuchs als mittleres von fünf Geschwistern im Luzerner Vorort Reussbühl auf. In einem der Wohnblöcke, die von der Firma Anliker in den Nachkriegsjahren auf der Heiterweid erbaut worden waren, teilte sich die siebenköpfige Familie vier Zimmer. Der Vater, gelernter Metzger, leistete bei der «Viscosi», der nahen Nylonfabrik, oft Nachtschicht. Die Mutter nähte in Heimarbeit. Fast täglich schlug sie die Kleine, als einziges ihrer Kinder. Teppichklopfer und Rute gingen ihr leicht von der Hand. Alice habe ein «schwarzes Herz», soll sie gesagt haben. Wenn die Tochter etwas nicht essen mochte, drückte ihr die Mutter das Gesicht in den Teller, bis er leer war. Der Vater nahm das alles wahr und schwieg. Immerhin schenkte er der Zweitklässlerin eine Handorgel, zu der er sie gern mit der Mundharmonika begleitete.
Im Sommer nach ihrem Sekundarschulabschluss nahm Alice in Tenero an einem Jugend- und Sportlager teil, für das sie sich als einzige der Klasse qualifiziert hatte. Geländelauf lag ihr nicht, an den Sprossen und im Schwimmen glänzte sie. Nach einer glücklichen Woche mit Mädchen aus vielen Ländern legte ihr der Schwimmlehrer eine Medaille um den Hals. «20 Meter unter Wasser, die Auszeichnung hast du verdient», lobte er. «Heute ist ja auch mein 16. Geburtstag», bemerkte sie strahlend. Er strahlte zurück. «Das müssen wir feiern, komm heute Abend zu mir und meinem Kollegen ins Zelt», schlug er vor. Sie hatte nichts dagegen. Blind vertraute sie seiner Autorität, auch noch, als er nackt vor ihr stand und sagte, er mache ihr jetzt einen Orgasmus. Sie wusste nicht, was ein Orgasmus ist. Es tat sehr weh. Dennoch glaubt sie im Rückblick, dass sie es «möglichst gut machen wollte».
Dunkel erinnert sie sich an den zweiten Mann, der aus dem Hintergrund unwirsch fragte: «Dauert das noch lange?» Damit ward sie erneut zur Versagerin gestempelt, als die sie sich stets empfunden hatte. Klar ist ihr inzwischen, dass es eine Verbindung gab zwischen dem gestörten Verhältnis zur Mutter und der Unterwürfigkeit gegenüber dem Schwimmlehrer. «Ich war harmoniesüchtig», konstatiert sie.
Der Rest war Schmerz und Scham
Der Rest war Schmerz, Scham und Panik. Nach der Nacht im Zelt versank die Halbwüchsige in Schweigen, verweigerte das Lehrerinnenseminar, für das sie angemeldet war. Sie fühlte sich mutterseelenallein. Man schickte sie als Au-pair in ein belgisches Internat für Kinder, die dem Bürgerkrieg im Kongo entronnen waren. Im Umgang mit den Mädchen ging ihr eine neue Welt auf, sie wandte sich fremden Schicksalen zu und gewann eine neue Sprache. Auf Französisch schrieb sie erste Sätze in ein Tagebuch, das die Mutter ihr aufgedrängt hatte, als sie den Mund nicht mehr aufgetan hatte. Am Ende des Au-pair-Jahres war die Vergewaltigung aus dem Gedächtnis der nun 17-Jährigen getilgt.
Für den Luzerner Psychiater Dominik Schönborn ist das, was Alice Schmid beschreibt, leider kein Einzelfall. Amnesien, also Erinnerungslücken, auch langanhaltende, kämen bei schwer traumatisierten Menschen nicht selten vor, erklärt er. «Solche Symptome aus der dissoziativen Symptomgruppe treten, allgemein gesagt, umso eher auf, je jünger ein Kind war, als es traumatisiert wurde, je häufiger, vielfältiger und schwerer die Traumata waren, die es erlebte, und je weniger soziale Unterstützung es erhielt.» Soziale Unterstützung, das würde bedeuten: hinschauen, verstehen, was passiert ist, entschlossenes Handeln, um das Kind zu schützen. Dieser Zusammenhang sei heute durch Forschung «vielfach belegt», betont Schönborn.
Die vielleicht mutigste Passage im Film ist Schmids Eingeständnis, dass sie es dem Vergewaltiger recht machen wollte. Auch dieses Phänomen ist Schönborn vertraut. «Opfer versuchen oft, dem Täter Genüge zu tun, etwa wenn dieser pure Gewalt ausübt oder mit Konsequenzen für Angehörige droht. Ein anderes Mittel, sich das Objekt der Begierde gefügig zu machen, ist das sogenannte Grooming. Dabei schmeichelt sich der Verführer beim Kind oder bei der Jugendlichen ein, indem er deren unerfüllte Bindungsbedürfnisse, die Sehnsucht nach Nähe, Schutz und Verständnis, scheinbar erfüllt. Nicht zuletzt darum geben sich die Opfer später die Schuld für den Missbrauch und sind oft doppelt beschämt», führt der Psychiater aus.
Kreativität, aus der Not geboren
Alice Schmid hatte gravierende Schlafstörungen, brach eines Tages in der Bellevueapotheke in Zürich zusammen, obwohl sie Therapie an Therapie gereiht hatte, ohne zu wissen, weswegen. Über Flirts kam sie in ihrem Liebesleben nie mehr hinaus. Doch sie lernte, Drehbücher zu verfassen. Das Tagebuch, das die Mutter ihr untergeschoben hatte, diente ihr fortan als Grundlage für alle ihre Filme – so wie die Handorgel, das Geschenk des Vaters, die in den «Kindern vom Napf» wie in den «Burning Memories» wiederkehrt. In ihrer Not fand sie zur Kreativität.
Traumatisierte Menschen entwickeln mehr oder minder hilfreiche Überlebensstrategien. Manche schneiden sich, dröhnen sich zu, erfinden fantastische Geschichten, nur um den Ursprungsschmerz nicht aufkommen zu lassen. Sich andern Opfern zuzuwenden über Kunst oder gesellschaftliche Auseinandersetzung zählt Schönborn «zu den hilfreichsten Strategien überhaupt»