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Das Bergwerk von Chandoline ist laut Letsch (1919) eines der wenigen Bergwerke im Wallis, welches seit Beginn des Abbau in den Jahren um 1850, bis zum Ende des ersten Weltkrieg ununterbrochen bewirtschaftet wurde. Diese alten Stollen wurden mehrheitlich unsachgemäss vorgetrieben und raubbaumässig angelegt. Dabei waren nur Flöze mit einer gewissen Mächtigkeit und Linsen (bis zu 3 m Mächtigkeit) von Interessen. Diese konnten mit geringem Aufwand abgebaut werden und erbrachten den grössten Gewinn. Bereits während des ersten Weltkrieg waren aber bereits der grösste Teil dieser Stollen wieder verstürzt.
Dieses Bergwerk, dessen Produktion bis zum ersten Weltkrieg auf 30’000 t geschätzt wurde und welches von 1917 bis 1922 ca. 22’573 t Anthrazit gefördert hatte, erreichte in den Jahren 1942 bis 1943 eine Monatsproduktion von über 5000 t und lieferte rund einen Drittel der gesamten Anthrazitproduktion während des letzten Weltkrieg (Letsch 1919).
Obwohl das Bergwerk von Chandoline neben demjenigen von Grône zu den grössten Anthrazitbergwerken im Kanton Wallis gehört und man mit dem Auto quasi vor dem Stollenmundloch „parkieren“ kann, ist es in der Öffentlichkeit eher unbekannt.
Auch mir erginge es genau so. Wie oft fuhr ich auf der Hauptstrasse in Richtung Nendaz an diesem Bergwerk vorbei, ohne zu ahnen welch Bijou sich da, ca. 100 m neben der Strasse, hinter einem Industriegebäude versteckt. Als ich wieder einmal daran vorbeifuhr, sah ich, während dem ich ins Gespräch mit meinem Vater vertieft war, aus den Augenwinkeln ein paar rostige Maschinen in einer Felswand stehen. Ich machte meinen Vater darauf aufmerksam, wir waren aber schon zu weit gefahren, als dass er sie noch hätte sehen können. Er lachte mich aus und meinte schmunzelnd „du siehst wieder überall Bergwerke“.
Ein paar Jahre später wollte ich der Sache auf den Grund gehen. In der Zwischenzeit hatte ich in Erfahrung bringen können, dass sich dort das Bergwerk Chandoline befinden müsste und diese rostigen Maschinen in der Felswand vermutlich noch Überbleibsel aus dieser Zeit waren. Ich klapperte also an einem Werktag die in diesem Industriekomplex untergebrachten Garagen, Läden und Werkstätten ab, in der Hoffnung eine Information zu diesem Bergwerk zu bekommen. „Je ne connais pas la mine de Chandoline“ war der häufigste Satz den ich zu hören bekam. Nach X negativen Antworten, machte ich mich auf den Weg hinauf zur Felswand und siehe da…. eine alte Verladestation, Druckrohre und die Reste einer Wasserturbine und der Höhepunkt; zwei Reihen alter Setzkästen, die vermutlich in einem besseren Zustand waren, als die von Goppenstein.
Also doch…hier musste sich ein Bergwerk befinden, aber wo befanden sich die Stollen? Laut meinen Unterlagen mussten sich die Mundlöcher zum Bergwerk Chandoline aber direkt hinter dem Industriekomplex befinden. Also wieder hinunter und weitersuchen. Der erste Stollen war schnell gefunden. Dank der neu ausgeführten Hangsicherung war alle Vegetation am westlichten Teil der Felswand hinter dem Industriekomplex entfernt worden. Schon wurde ich fündig, ein Stollenmundloch, noch in seiner ursprünglichen Form, kein Schutt davor, kein Deckenbruch im Stollen, nur ein „wenig“ Wasser.
Durch meinen Fund motiviert, fand ich dann auch schnell den zweiten Eingang versteckt hinter Müll und Schrott, aber leider durch eine moderne Stahltüre verschlossen (Hauptquerschlag der Fördersohle). Wie ich in Erfahrung bringen konnte, nutzte das Sanitärunternehmen Jean-Joseph Pitteloud SA den Stollen als…? Leider war Herr Pitteloud sehr kurz angebunden und hatte für mich keine Zeit. So abserviert musste ich mich vorläufig mit dem einen Stollen zufrieden geben. Dieser Stollen Collecteur Stalder genannt, befindet sich hinter dem westlichsten Ende des Industriekomplex und wurde in der jüngsten Abbauperiode vorgetrieben. Da die Flöze NE streichend ins Rhonetal austreten, wurden diese während dem ersten Weltkrieg vom Hauptquerschlag aus streichend in SW Richtung verfolgt.
Dieser jüngste Querschlag verband im zweiten Weltkrieg das im Südwesten neu erschlossene, sehr ergiebige Flöz, mit der Oberfläche und vereinfachte die Förderung unter Tag enorm.
So… genug geschrieben, gehen wir in den Stollen. Mit Stiefeln lässt sich der Stollen trockenen Fusses befahren. Der Stollen zieht sich schnurgerade dahin und wenn man sich umkehrt sieht man vor sich immer das helle Mundloch. Der Querschlag ist angenehm zu befahren. An einigen Stellen muss man den Schutt von Deckenbrüchen überwinden, aber diese Stellen kein Problem dar. Der Stollen ist bis zu einer Länge von ca. 360 m befahrbar. Dann verhindert ein unüberwindbarer Versturz ein Weiterkommen. Von hier aus begeben wir uns wieder in Richtung Mundloch. Dabei versuchen wir alle noch befahrbaren Seitenstollen zu untersuchen. Das in diesem Bereich abgebaut Flöz Transvaal wurde mehrheitlich vom Querschlag aus nach oben verfolgt und in verschieden grossen und oft stark verwinkelten Abbaufelder abgebaut. Bei ca. 300 m führt ein Schacht mit einer Eisenleiter senkrecht in die Höhe. Die Leiter ist an zwei alten Bohreisen eingehängt. Ob sie noch belastbar ist haben wir aus Sicherheitsgründen nicht getestet. Wohin dieser vertikale Schacht führt, ist auf keinem Plan eingezeichnet. Gegenüber dieses Schachtes führt ein stark zerfallener Stollen weiter in die Tiefen des Bergwerks. Ob sich hier noch die letzte Verbindung ins restliche System befindet? Mir war der Stollen zu instabil. Vielleicht habe ich bei einer weiteren Befahrung mehr Mut? Bei ca. 240 m durchfährt der Querschlag das Flöz. Ab hier wurde es in die Tiefe verfolgt. Nach den mir vorliegenden Plänen wurde Das Flöz in diesem Bereich bis in eine Tiefe von -15 m verfolgt. Verlässt man den Querschlag bei ca. 215 m, so gelangt man in die mittleren Abbaufelder. Hier werden die Stollen sehr niedrig. Man bewegt sich teilweise kriechend auf allen Vieren und fragt sich unter welch mühsamen Bedingungen hier Bergbau betrieben wurde.
Zuletzt befahren wir noch einen Aufhau, der mir bei ca. 150 m aufgefallen war. Hier herrscht ein starkes Wetter, ein gutes Zeichen für eine höher gelegene Verbindung an die Oberfläche. Der Aufstieg gestaltet sich dank dem Vorhandensein einer alten Eisenleiter relativ einfach. Nach ein paar Metern steht man am untersten Punkt eines Bremsberges. Dieser wurde entlang dem Fallen des Flöz angelegt. Beim erklimmen der Steigung kommt man immer wieder an versetzten Abbaufeldern und streichenden Stollen vorbei. Waren in der Fördersohle beim Querschlag die meisten Stollen eingestürzt, so wird man hier mit einem kleinen Labyrinth aus noch gut erhaltenen Stollen belohnt. Fledermäuse sowie bunte Stalaktiten hängen an Decken und Wänden. Der strake Luftzug führt einem stetig nach oben und plötzlich erblickt das wachsame Auge in der Dunkelheit ein kleines Licht….das Stollenmundloch zur Oberfläche? Nach einem Aufstieg von ca. 90 m Höhe gelangt man zum Mundloch. Leider befindet sich dieses in mitten eines Rebberges und wurde wohlweislich mit einem Gitter verschlossen, so dass die vielen Fledermäuse ungehindert passieren können.
Da es kein Entkommen aus der Finsternis gibt, muss man hier wieder den gleichen Weg zurück nehmen. Aber Vorsicht, der steile Stollenboden ist sehr ausgetrocknet und staubig. Steine die man beim hinunterklettern löst, können im Nachhinein ins Rutschen geraten und einem in den „Rücken“ fallen. Auch der ganze Staub, den man aufwirbelt, wird gleichzeitig mit dem Wetter durch die Stollen geblasen. Also unten angekommen nicht vergessen die Nase zu putzen 🙂
Ich möchte mich recht herzlich bei Fred Lang und Hans Kopp bedanken, die mich bei der Befahrung dieses Stollens begleitet hatten.
Roger Widmer, 04.04.2014