Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03469.jsonl.gz/1334

14. Oktober 2006: Chelseas Goalie Petr Cech prallt im Premier-League-Spiel gegen Reading nach 16 Sekunden mit dem ungestümen Stephen Hunt zusammen und erleidet einen Schädelbasisbruch. Der Tscheche steigt nur drei Monate später wieder ins Training ein. Als Schutz trägt er seitdem einen speziellen Kunststoff-Helm.
Alex Frei, der früher zusammen mit Petr Cech bei Rennes spielte, kommt bei dem Tschechen ins Schwärmen: «Er ist der kompletteste Goalie, mit dem ich zusammengespielt habe. Auf der Linie, fussballerisch, seine Strafraumbeherrschung, seine Grösse: ein überragender Torhüter.»
Chelsea holt 2004 den damals 22-Jährigen für 13 Millionen Euro nach London. Die Defensive der «Blues» ist mit dem neuen Keeper fast unüberwindbar. Petr Cech hält seinen Kasten in der Saison 2004/2005 insgesamt 25 Spiele sauber – dabei bleibt er einmal 1025 Minuten in Folge ohne Gegentor. Chelsea holt sich schliesslich souverän das Double und Cech wird Welttorhüter 2005.
Doch am 14. Oktober 2006 hängt die Karriere des 1,96 Meter grossen linksfüssigen und -händigen Goalie am seidenen Faden. Im Premier-League-Spiel gegen den FC Reading prallt Cech nach 16 Sekunden mit dem ungestümen Stephen Hunt zusammen. Das Knie vom Gegenspieler trifft den Tschechen unglücklich am Kopf.
Schiedsrichter Mike Riley erkennt die Schwere der Verletzung nicht und verweigert Cech sogar eine Erstversorgung auf dem Platz. Der Goalie muss auf allen vieren vom Platz kriechen.
Die Chelsea-Ärzte kämpfen hingegen um das Leben von Cech. Ein Mediziner meint gegenüber dem «Daily Mirror»: «Die grosse Sorge war, dass sein Gehirn zu sehr anschwillt.»
Beim Schlussmann wird ein Schädelbasisbruch diagnostiziert. Der damals 24-Jährige wird umgehend ins Krankenhaus gebracht und noch am selben Tag in Oxford erfolgreich operiert. Cech wird für einige Stunden im Koma gehalten.
Zum unglücklichen Tag der Londoner passt, dass Cechs Ersatzmann Carlo Cudicini kurz vor Schluss nach einem Zusammenprall ebenfalls bewusstlos auf der Bahre vom Feld geführt werden muss. Weil das Wechselkontingent bereits erschöpft ist, muss ein Feldspieler ins Tor. John Terry stellt sich in den Kasten.
Doch die Hauptsorge gilt natürlich Cech. «Ich hatte Angst um sein Leben», so Chelsea-Coach José Mourinho über die Verletzung seines Goalies. Gegenüber der Presse erhebt der Portugiese schwere Vorwürfe an die Adresse von Täter Hunt: Er unterstellt, dass dieser «die schwere Verletzung fahrlässig in Kauf genommen habe». Wie der «Bund» berichtet, hält Readings Trainer Steve Coppell dagegen: «Es sah schrecklich aus. Aber ich weiss zu 100 Prozent, dass es keine Absicht war.»
In der Reha-Phase gibt Cech dem klubeigenen Sender ein erstes Interview, wie die Süddeutsche berichtet: «Ich kann mich noch nicht mal an den Anpfiff erinnern und auch nicht an den Zwischenfall. Das letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, wie ich aus der Umkleidekabine kam, das Trikot anhatte und Hände (mit Gegenspielern) schüttelte», so Cech. Ihm gehe es «okay», er verspüre aber weiterhin Schmerzen.
Weiter meint der Tscheche: «Manchmal ist es schwer, weil ich aufwache und schreckliche Kopfschmerzen habe.» Allmählich mache seine Gesundung aber Fortschritte. Bei Schmerzen müsse er Medikamente nehmen, «ich versuche damit zu leben und jeden Tag wird's besser».
Sein Unfall hat er sich zwar einmal im Fernsehen angeschaut, darüber reden will er aber in dieser schwierigen Phase nicht: «Ich konzentriere mich nur darauf, wieder fit zu werden.»
Drei Monate später steigt er wieder ins Training ein. Cech trägt dabei einen massgefertigten, 80 Gramm schweren Helm aus Kunststoff, da der Heilungsprozess einer Schädelverletzung mehrere Jahre dauern kann. Dennoch beteuert Cech auf 11freunde vor seinem ersten Einsatz mit dem Nationalteam: «Ich habe keine Angst. An den Helm habe ich mich gewöhnt. Er behindert und stört mich nicht.»
«Ich habe den schwierigsten Augenblick meines Lebens überstanden, nun geniesse ich das Spiel noch mehr», so Cech weiter. Geholfen hat ihm vielleicht eine Selbsttherapie: Cech hat in seiner Freizeit Psychologie studiert. Jahrelang bildet er nach dem Comeback den grossen Rückhalt Chelseas.
Momentan allerdings benötigt Cech sportliche Unterstützung: Diese Saison verlor er seinen Stammplatz bei den «Blues» an den aufstrebenden Thibaut Courtois. Den Belgier lobte Cech einst: «Für sein Alter ist er schon sehr abgeklärt und ruhig. Er wirkt viel erfahrener, als er es tatsächlich ist. Das ist psychologisch ein grosser Vorteil. Er bleibt in den entscheidenden Momenten ruhig, das ist nicht einfach in so einem Alter – aber das ist seine Stärke. Er ist aber auch sehr gross und reaktionsschnell, es ist also nicht leicht, ein Tor gegen ihn zu schiessen.»
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, Petr Cech spricht über eine jüngere Ausgabe von sich selber. Doch die Rückeroberung des Stammplatzes im Tor der «Blues» ist ja nicht die schwierigste Herausforderung, der sich Cech in seinem Leben stellen musste.