Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03487.jsonl.gz/40

In jüngster Zeit befasst sich die Psychotherapieforschung mit den Fragen, was Scheitern in der Psychotherapie bedeutet, wie oft es vorkommt, bzw. welche Faktoren eine erfolglose Behandlung prädizieren können. Da das Forschungswissen derzeit unzureichend ist, möchte der vorliegende Beitrag einen groben Überblick bieten, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit erfüllen zu können.
Um diese Fragen untersuchen zu können muss vorerst geklärt werden, was genau Scheitern in der Psychotherapie bedeutet. Die Wissenschaft zeigt mehrfach, dass zwischen 57 und 67% der Behandlungen zu einer Reduktion der Symptome führen, was häufig mit Therapieerfolg gleichgesetzt wird. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass ca. 40% der Therapien zu keiner bedeutsamen Verbesserung führen, teilweise sogar zu einer Verschlechterung.
Allerdings ist der alleinige Fokus auf die Symptomreduktion sehr eng gefasst, da sich im Laufe einer intensiven psychotherapeutischen Behandlung häufig bedeutende Veränderungen in anderen Bereichen zeigen (z.B. Arbeitsfähigkeit, Kommunikation, Partnerschaft, Selbstsicherheit, Stressbewältigung). Ein ausschliesslicher Bezug auf die Symptomreduktion wird demzufolge nicht zwangsläufig allen Veränderungen gerecht und führt so zu einem verzerrten Bild.
Trotz der unklaren und gegebenenfalls unzureichenden Definition von Therapieerfolg oder Therapiemisserfolg zeigen sich wiederholt Faktoren, die dem Gelingen einer Behandlung im Weg stehen können. Dabei unterscheiden die Forscher zwischen Patientenvariablen und Therapeutenvariablen, die als potenzielle Risikofaktoren betrachtet werden. Wichtig ist ausserdem die Differenzierung zwischen Faktoren, die innerhalb der Therapie stattfinden (z.B. Arbeitsbeziehung zwischen Therapeut und Patient) und Faktoren, die ausserhalb der Therapie geschehen (belastende Lebensereignisse, z.B. Jobverlust, Krankheit, Trennung).
Hinsichtlich Patientenvariablen erhöhen mangelnde Motivation, unrealistische Erwartungen an die Psychotherapie, sowie feindselige Kommunikation die Wahrscheinlichkeit eines nicht erfolgreichen Endes einer Therapie. Auf Seite des Therapeuten ist es besonders problematisch, wenn die Beziehung zwischen Therapeut und Patient krisenhaft ist. Therapeutenfaktoren, die das Gelingen der Therapie erschweren, sind: mangelnde Empathie, kein Einholen von Patientenfeedback, striktes Festhalten an bestimmten Techniken (auch wenn sie vom Patienten nicht erwünscht sind und demzufolge nicht zum individuellen Therapieprozess passen), mangelnde Selbstreflexion des Therapeuten, sowie eine ungenügende Spezifität bezogen auf die kulturellen und persönlichen Hintergründe des Patienten. Eine unzureichende Passung zwischen Behandlungskonzept und Aufnahmefähigkeit des Patienten führt demzufolge häufig zu negativen Therapieverläufen.
Zukünftige Forschung ist erforderlich, um ein besseres Verständnis potenzieller Risikofaktoren zu bekommen, die auf ein Scheitern einer Behandlung hinweisen. Das frühe Erkennen solcher Faktoren ist insbesondere für die Aus- und Weiterbildung von Therapeuten relevant. Für Psychotherapeuten ist es entscheidend, die eigene Arbeit und die individuelle Beziehung zum Patienten, sowie den individuellen Therapieplan mit dem Patienten zu reflektieren und den Fähigkeiten, den Bedürfnissen und der Motivation des Klienten anzupassen, den Klienten zu ermuntern, Feedback zu geben und Kritik zu äussern, sowie dysfunktionale Erwartungen des Patienten zu identifizieren. Insgesamt wird deutlich, dass die Qualität des Arbeitsbündnisses einen essenziellen Prädiktor für Erfolg und Misserfolg einer psychotherapeutischen Behandlung darstellt.
Strauss, B. (2021). Scheitern in der Psychotherapie. Psychotherapeut, 2021, 66, 288-298.
Dr. phil. Dipl. Psych. Melanie Braun