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Thomas Meyer, Tages-Anzeiger (08.06.2009)
Ungezügelte süditalienische Leidenschaften bestimmen die beiden Werke, die am Samstag im Opernhaus Zürich Premiere hatten: «Cavalleria rusticana» und «I Pagliacci».
Grundsolide und konventionell ist dieser dreistündige Theaterabend, allein schon von der Stückwahl her: Die beiden je etwas über eine Stunde dauernden Opern «Cavalleria rusticana» von Pietro Mascagni und «I Pagliacci» von Ruggero Leoncavallo, 1890 bzw. 1892 uraufgeführt, bilden seit langem ein bewährtes Paar. Das letzte Mal vor sieben Jahren hatte das Opernhaus Mascagnis Melodramma mit Jules Massenets Kurzoper «Thérèse» kombiniert - was nur bedingt überzeugte. In der althergebrachten Kombination wirken die Stücke immer noch schlüssiger.
Und die Konvention bewährt sich für einmal auch auf den anderen Ebenen. Es gibt an diesem Abend keine hervorstechenden Regieeinfälle, keine Gags, keine Tiefen, keine magischen Momente, es gibt fast keine Aktualisierungen, keine Anachronismen, kein Gegen-den-Strich-Lesen, kein Blut und keinen Sex, keine Provokation. Wer sich damit zufrieden gibt und die Aufmerksamkeit aufs Geschehen richtet, kann einen schönen Opernabend erleben.
Die beiden Werke spielen in ähnlicher Umgebung, in einem süditalienischen Dorf, wo Kirche und Ehre noch dominieren. Ein Seitensprung führt deshalb zu ungebändigter Eifersucht und zu dem in dieser Umgebung damals unvermeidlichen tödlichen Messerzücken. Die Einheitsbühne von Luigi Perego, der auch die zeitgemässen Kostüme dazu arrangierte, gibt einen von turmschmalen Häusern umrahmten Dorfplatz wieder, irgendwo weit draussen auf dem Land. Es ist naturalistisches, veristisches Musiktheater des späten 19. Jahrhunderts, um Wahrhaftigkeit bemüht.
«Cavalleria rusticana» ist zwischen Schenke und Kirche, zwischen Ausgelassenheit und Sittenstrenge situiert. In wenigen Augenblicken wird das deutlich: So locker, wie die Menschen sich auf dem Markt einfinden, so pflichtergeben eilen sie gleich darauf zur Messe. In «I Pagliacci» kommt eine Commedia-dell’arte-Truppe ins Dorf: Sie präsentiert ihre Komödie von Colombine, die den Bajazzo mit Harlekin betrügt, und dabei wird aus dem Spiel Ernst.
Hübsch arrangiert
In diesem Milieu, fernab von höfischen Intrigen oder germanischen Göttern, fern von jeder High Society, sind diese Werke angesiedelt - und Grischa Asagaroff belässt sie in ihrer Umgebung. Originalität oder abgründige Vertiefung war nie eine Stärke dieses Regisseurs, dafür aber die Personenführung. Das deuten die ersten Momente von «Cavalleria rusticana» an: Die Dorfbewohner, Chor und Statisten, treffen nacheinander auf dem Platz ein, musikalisch schön gestaffelt. Asagaroff arrangiert die Menschen in Gruppen, führt sie durcheinander, erzählt dabei kleine, alltägliche Geschichten, denen man folgen kann, ohne dass man alle mitbekommen würde; es gibt in diesem Geflecht vieles zu entdecken, und daraus entwickelt sich allmählich die Handlung.
Dabei lässt Asagaroff seinen Darstellern grossen Spielraum, den diese unterschiedlich nutzen. Paoletta Marrocu macht die Santuzza, eine junge Frau, die mit ihrer Eifersucht den Konflikt antreibt, zur melodramatischen, ja tragischen Figur. Ihre Gestaltung wirkt pathetisch und ist in ihrer Zerrissenheit doch adäquat. Rückhaltlos wird Marrocu dieser facettenreichen Rolle gerecht. José Cura als Turiddu, der Santuzza ablehnt und stattdessen die verheiratete Lola (Liliana Nikiteanu) liebt, sowie Cornelia Kallisch als seine Mutter Lucia gruppieren sich um diese zentrale Figur. Es ist insgesamt eine schnörkellose, in ihren Emotionen geradlinige Darstellung. Wenn in diesem Werk etwas - auf eine sehr zurückhaltende, durchaus folgerichtige Weise - umgedeutet wird, dann einzig die Rolle des betrogenen Alfio (Cheyne Davidson): Er wird vom einfachen Fuhrmann zum Dorfpaten, zum Mafioso, was den Konflikt zuspitzt.
José Cura, der im ersten Stück das Agieren der Santuzza überlässt, wird seinerseits im zweiten Teil, in «I Pagliacci», zum melodramatischen, von Eifersucht getriebenen Anti-Helden. Kaum merklich mehr ist bei ihm der Übergang von Spiel zur Wirklichkeit: Der Clown schien eben noch Witze zu reissen und schon meint er es todernst - eine selbst für den mitwissenden Zuschauer verstörende Doppeldeutigkeit. Seit Enrico Carusos Interpretation spätestens steckt diese Figur des Bajazzo auch voller Larmoyanz und Selbstmitleid. Cura gibt ihr auch das und wirkt dabei gerade wegen seiner körperlichen und stimmlichen Präsenz doppelt selbstverloren. Und gerade dieses «Missverhältnis» von charakterlicher Schwäche und brachialer Gewalt führt konsequent zur Tragödie.
Seine Gattin Nedda betrügt ihn. In der Darstellung von Fiorenza Cedolins wird ihr Wandel von der frustrierten Gattin zur leidenschaftlichen Liebhaberin Silvios und zur Bühnengestalt der Colombine, eine Verjüngung gleichsam, wunderbar spürbar, mehr schauspielerisch freilich als stimmlich. Man vermisst eine gewisse vokale Leichtigkeit, die ihre Sehnsucht nach Freiheit ausdrücken könnte. Daneben agieren Martin Zysset als Peppe, Gabriel Bermúdez mit Schmelz als Neddas Liebhaber Silvio und - bedrohlich - Carlo Guelfi als Intrigant Tonio. Dieses engagierte Ensemble hinterlässt einen starken Eindruck.
Auch musikalisch ohne Mätzchen
Vor allem nämlich ist in der ganzen Produktion eine unmittelbare Körperlichkeit gegenwärtig. Getragen werden die Sänger dabei vom Opernorchester unter der Leitung von Stefano Ranzani. Auch da wird man kaum von einer Neudeutung sprechen können. Ranzani ist kein Analytiker, und zuweilen bedürfte das Zusammenspiel von Orchester und Bühne noch grösserer Präzision, aber in der Musik steckt ein natürlicher Schwung. Die weiten Bogen stimmen, Ranzani setzt klare Impulse, steigert unmerklich, übersteigert aber nichts. Die beiden Werke werden auch musikalisch ohne Mätzchen erzählt.