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Spiegelverkehrte Bilder: Krasse Verfälschungen von historischen Dokumenten
Gestern in der Ausstellung mit Fotografien von Theo Frey in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur ist es mir an zwei Beispielen aufgefallen: Bilder, die man sowohl als Fotoabzug wie auch in einem Abdruck in einer Zeitschrift sieht, sind in zwei spiegelverkehrten Versionen dargestellt. Ein Beispiel ist das Bild eines Kindes, das sich ans Bein des Vaters klammert. Das andere zeigt Bomben auf den Zürcher Eisenbahnviadukt. Sofort regten sich in mir viele Fragen, denn das Spiegeln von Bildern erachte ich persönlich für einen «foto-ethisch» nicht zulässigen Eingriff. Ich meine, das Spiegeln verfälscht die künstlerische Qualität eines Bildes, bzw. die Komposition. Der Ausdruck von Menschen wird komplett verfälscht. Und natürlich werden historische Tatsachen im Bild verdreht. Weil ich verstehen wollte, wie den spiegelverkehrten Bildern zu Stande kamen, fragte ich in einer E-Mail bei der Fotostiftung Schweiz nach. Meine zentralen Fragen:
- Haben in den beiden Fällen die Zeitschriften das Bild gespiegelt?
- War diese Praxis damals verbreitet? (Ich stelle mir vor, sie ist es heute auch noch.)
- Wie stellt sich der Fotograf zu dieser Praxis?
Die Antwort schrieb mir heute Dr. Peter Pfrunder, Direktor des Fotostiftung Schweiz.
Ihre Beobachtung ist absolut zutreffend: auf einigen Zeitschriften, die wir in den Vitrinen zeigen, wurden die Fotografien spiegelverkehrt abgedruckt. Das war in den Dreissiger- und Vierzigerjahren nichts Aussergewöhnliches: Vor allem für das Titelbild nahmen sich die Bildredaktoren die Freiheit heraus, Fotografien so zu präsentieren, dass sie in die Reportage bzw. Leserichtung hineinziehen (Ausrichtung des Titelbildes nach rechts) – selbst dann, wenn dadurch krasse Verfälschungen von überprüfbaren Situationen entstanden (wie im Bild des bombardierten Eisenbahnviadukts). (…) Im Fall von Theo Frey ist mir nicht bekannt, dass er sich dagegen gewehrt hätte. Dasselbe gilt übrigens für die zum Teil recht massive Beschneidung von Fotografien, damit diese ins Layout passten. Theo Frey, der sehr häufig im quadratischen 6x6-Format fotografierte, musste diesbezüglich ebenfalls starke «Entstellungen» in Kauf nehmen, indem die Bilder auf Hoch- oder Querformate zurechtgestutzt wurden. (…) In unserer Theo Frey-Ausstellung haben wir bei Neuabzügen selbstverständlich die ursprüngliche, richtige Version der Fotografie respektiert. (…)
Und zur Praxis heute:
Heute mögen Verkehrungen in Einzelfällen – in der Regel in Absprache mit dem Autor – noch vorkommen, aber im allgemeinen ist der Respekt vor dem Autor bzw. seinem Bild doch gewachsen.
Das finde ich eine super freundliche und ausführliche Antwort, die mir hilft, die damaligen Verhältnisse zu verstehen. Und ich darf also meine Meinung weiterhin mit Überzeugung vertreten, dass das Spiegeln eines Bildes eine schlechte Mode aus vergangenen Zeiten ist. Das Thema mit dem Beschneiden von quadratischen Bildern schätze ich als weniger dramatisch ein.