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Verschwörungstheorien, d.h. Theorien, die bei aussergewöhnlichen Ereignissen die ‚offiziellen’ Erklärungen in Frage stellen, sind nichts Neues, finden aber – u.a. durch Internet und soziale Medien – grössere Verbreitung. Daher ist es auch aus psychologischer und soziologischer Sicht ein Thema, das nach Erklärung ruft. Die Zeitschrift Psychoscope der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen FSP widmet seine letzte Ausgabe dem Thema ‚Verschwörungstheorien’. In verschiedenen Artikeln werden Forschungsarbeiten und Hypothesen dargestellt und diskutiert.
Der Psychologe Robert Brotherton definiert solche Theorien als ‚nicht verifizierte Behauptungen einer Verschwörung’ in Bezug auf bedeutende Ereignisse in der Welt.
Seit einigen Jahren gibt es Bemühungen in der Forschung, persönliche und soziale Faktoren zu identifizieren, die Menschen dazu bringen, an Verschwörungstheorien zu glauben.
Einige Erkenntnisse:
- Menschen, die einer Verschwörungstheorie anhängen, neigen dazu, auch anderen Verschwörungstheorien Glauben zu schenken (‚Verschwörungsmentalität’).
- Personen, bei denen der Glaube an solche Theorien am ausgeprägtesten sind, tendieren dazu, Gegenständen und Tieren menschliche Intentionen zuzuschreiben (Anthropomorphismus).
- Ein starker Glaube an Verschwörungstheorien geht mit intuitivem nichtrationalem Denken und einem geringeren Mass an analytischem Denken einher.
- Es besteht eine Neigung, bedeutenden Ereignissen (z.B. Tod einer prominenten Person) auch bedeutende Ursachen (anstatt z.B. Pech, Zufall) zuzuschreiben.
- Eine Verschwörungsmentalität geht einher mit Gefühlen von Misstrauen Behörden gegenüber, Unzufriedenheit, Kontrollverlust, was das eigene Leben betrifft und einem geringen Selbstwertgefühl, aber z.T. auch mit dem Gefühl, einzigartig zu sein (sich abzuheben aus der ‚naiven Schafherde’ die alles glaubt) und einer starken Identifikation mit einer bestimmten Gruppe (soziale Identität).
- Eine wichtige Rolle spielt die Wahrnehmung von Macht: ‚die da oben’ (z.B. Regierungen, Grosskonzerne) wollen Menschen für dumm verkaufen und ausbeuten mit dem Risiko, dass (z.T. vorgeblich) machtlosen ‚Underdogs’ mehr Glauben geschenkt wird.
Die Funktion solcher Theorien besteht in einer Sinnsuche und einem Kontrollstreben in einer als chaotisch empfundenen Welt, bei gleichzeitig selbst erlebter Benachteiligung, mangelnder Kontrolle über das eigene Leben und dem Gefühl, gesellschaftlich abgehängt zu sein und bedeutet eine Absage an ‚das Establishment’.
Die Hypothese, dass Verschwörungstheorien Symptome von psychischen Erkrankungen sind, konnte nicht bestätigt werden.
Betrachtet man dieses Phänomen unter dem Gesichtspunkt der Konsistenztheorie (z.B. Grawe 2005), könnten folgende Hypothesen hilfreich sein: Der Mensch strebt nach Konsistenz bezüglich seiner Grundbedürfnisse. Das bedeutet, dass – ist ein Bedürfnis aktiviert und/oder verletzt – er etwas im Sinne seiner Bedürfnisse tut mit dem Ziel einer Bedürfnisbefriedigung. Im Zusammenhang mit Verschwörungstheorien und oben erwähnten Forschungsergebnissen scheinen die psychologischen Grundbedürfnisse nach ‚Orientierung und Kontrolle’ und ‚Selbstwert’ eine wichtige Rolle zu spielen. Viele Menschen erleben die heutige Welt als selbstwertbedrohend (z. B. Globalisierung: als einzelner Mensch nicht mehr wichtig sein, Verlust von Arbeitsplätzen) und als ungewiss, chaotisch, nicht überschaubar und nicht beeinflussbar (wenig Orientierung und keine Kontrolle im Sinn von ‚etwas selber beeinflussen können’). Verschwörungstheorien können da wieder Orientierung und Halt (‚jetzt verstehe ich endlich, was weshalb geschieht’, ‚ich kann das chaotische Geschehen wieder einordnen’) und eine gewisse Selbstwertbefriedigung geben (z.B. ‚ich bin nicht selber schuld, sondern habe jetzt die Schuldigen gefunden’). Das Bedürfnis nach ‚Bindung’ kann zusätzlich befriedigt werden, indem man sich einer Gruppe Gleichgesinnter zugehörig fühlt.
Unterstützt wird eine Verschwörungsmentalität zudem durch das Internet, das verschwörerische Botschaften genau so verbreitet wie z. B. seriöse journalistische Inhalte und dadurch, dass Menschen dazu neigen, Informationen so auszuwählen und zu interpretieren, dass sie den eigenen Erwartungen entsprechen (confirmation bias, bewirkt Befriedigung von Orientierung anstatt zusätzlich Verwirrung) und schliesslich auch durch Algorithmen, die empfehlen ‚was uns auch noch interessieren könnte’.
Komplexer wird das Ganze noch dadurch, dass tatsächlich viele Dinge passieren auf dieser Welt, die undurchschaubar sind und/oder bei denen sich im Nachhinein herausstellt, dass die Dinge nicht so sind, wie sie dargestellt wurden (‚berühmtes’ Beispiel mit weitreichenden Folgen sind die nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen im Irak).
Gibt es ein Fazit? Vielleicht, dass – psychologisch betrachtet – Verschwörungstheorien als Ausdruck des Wunsches nach Orientierung und Kontrolle in einer komplexen und selbstwertbedrohenden Welt verstanden werden können. Tatsächlich erweisen sie sich manchmal als ‚wahr’, oft aber sind sie nicht Ausdruck von sondern Mangel an kritischem Denken und machen Anhänger solcher Theorien abhängig von ‚Verschwörungsvordenkern’.
Auf alle Fälle ist es ein komplexes Phänomen, das viel aussagt über unsere jetzige Welt und über das Erleben vieler Menschen in dieser Welt!
Literatur:
Psychoscope (2/2018)Verschwörungstheorien. Das grosse Misstrauen in einer Welt im Umbruch. S. 8 – 18.
Grawe K. (2005). Allgemeine Psychotherapie. In: F. Petermann & H. Reinecker (Hrsg.) Handbuch der Psychologie, Band Klinische Psychologie und Psychotherapie (S. 294-310). Göttingen: Hogrefe.
Lic. phil. Barbara Heiniger Haldimann