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Schafft die Mütter ab!
Da sitzen Mutter und Sohn. Die Mutter schweigt. Der Sohn versucht, sein kurzes, aber verworrenes Leben, in Worte zu fassen. Die Mutter legt ihre Hand auf seinen Arm, als wollte sie ihn vor fremdem Zugriff schützen.
Die Besprechung hat erst wenige Minuten gedauert, und bereits, und einmal mehr, wird eine schwierige und belastende Mutter-Sohn-Geschichte offensichtlich. Sie ist vor allem geprägt von großen Schuldgefühlen. Daß die Mutter fremde Erziehungshilfe beanspruchen muß, empfindet sie als persönliches Versagen. Ihr fehlt oft genug das Verständnis für gesellschaftliche und strukturelle Zusammenhänge, und auch die Wahrnehmung auf die eigenen begrenzten seelischen Ressourcen. Die Mutter interpretiert die Härte ihres Alltages als alleinerziehende, allein verantwortliche und im weitesten Sinne allein gelassene Frau als eigene Schuld. Sie lebt in einem quälenden Zustand von Überforderung und Scheitern. Sie fordert Unmögliches von sich und von ihrem Sohn. Als Messlatte dient die sogenannt intakte Familie, welche unter ungleich viel besseren Bedingungen Erziehungsarbeit leisten kann. Beide, Mutter und Sohn, scheitern an den Erwartungen, mit denen sie sich konfrontiert sehen.
Ein Sohn, der in einem von Schuld und Versagen geprägten Milieu aufwächst, wird entsprechende Lebensstrategien entwickeln. Ein angemessener Umgang mit Schuld bleibt ihm deshalb verwehrt. Statt dessen bilden sich Abwehrmechanismen heraus, die einen normalen Reifungsprozess verhindern und dissoziales Verhalten begünstigen.
Dissoziales Verhalten - obwohl von der Gesellschaft abgelehnt - bedeutet oft erstmals eine Chance in einer ausweglosen und für alle Beteiligten auch tragischen Geschichte. Die Einweisung in ein Jugendheim eröffnet neue Perspektiven. Dadurch, daß die Mutter ihre Machtlosigkeit und Überforderung eingestehen muß, entsteht Freiraum für professionelle Hilfe. Neurotische Familienstrukturen können ein Stück weit aufgebrochen werden. Bedeutet das für Mutter und Sohn eine Erleichterung?
Der Sohn wird aus der Enge einer unguten Zweierbeziehung befreit. Das Jugendheim ermöglicht ihm eine Fülle neuer Erfahrungen. In einem größeren Kollektiv kann er aus einer Vielzahl von Beziehungen wählen. Er lernt diese Beziehungen zu gestalten und Nähe, Distanz, Geborgenheit, Anerkennung und Vertrauen neu zu definieren.
Was aber bedeutet die Chance des Sohnes für die Mutter? Obwohl oder gerade weil dieser Sohn oft genug das Leben der in der Regel alleinerziehenden Mutter schwer belastet hat, hinterläßt er bei ihr eine schmerzliche Lücke. Sie reagiert mit Ambivalenz auf die Trennung: Die Hoffnung, daß ihr Sohn sein Leben endlich packt, wird von der Trauer überschattet, daß er es nicht mit ihr gepackt hat. Gefühle der Schuld und des Versagens bleiben allgegenwärtig, auch wenn sich die Geschichte für den Sohn eigentlich zum Guten wendet. Diese Ambivalenz erschwert die pädagogische Zusammenarbeit sehr: Zum einen, weil der Sohn das Spannungsfeld spürt und sich dadurch in einem Loyalitätskonflikt bewähren muß, und zum anderen, weil das Leiden der Mutter in ihm neue Schuldgefühle wecken kann.
In diesem Spannungsfeld stehen auch die Institutionen. Das komplexe Beziehungsgeflecht Mutter-Sohn überfordert oft genug die professionellen Helfer und Helferinnen. Durch ihren Auftrag, den Jugendlichen zu sozialisieren, sind sie Partei für diesen Jugendlichen. Jedes Hindernis auf dem Weg zu dessen Selbständigkeit wird als Störfaktor empfunden. In diesem Kontext wird zuweilen auch die Mutter gesehen. Um auf Ihre Interventionen adäquat zu reagieren, müssen die eingangs beschriebenen Aspekte stets im Auge behalten werden. Es droht sonst die Gefahr, daß sich die professionellen Helfer in das gleiche Muster verstricken, in welchem sich Mutter und Sohn befinden. Statt die von der Mutter ausgehenden Prozessbehinderungen zu verurteilen und abzuwehren, gilt es, diese konstruktiv in die pädagogische und therapeutische Arbeit zu integrieren.
Welche Möglichkeiten hat das Jugendheim, Mütter im Kontext der Sozialisierung ihrer Söhne zu integrieren?
Welche Möglichkeiten hat die einweisende Instanz, diese Mütter auf diesem schwierigen Weg zu begleiten?
Ich denke, daß die Sozialisation des Jugendlichen im Heim in hohem Masse von der Bejahung einer Integration der Mutter abhängt und der Fähigkeit der professionellen Helfer, ihr stets mit Respekt und Empathie zu begegnen. Nur so wird es gelingen, dass Mutter und Sohn sich ein Stück weit von ihren Schuld- und Versagensgefühlen lösen und eigenständig neue Wege ausprobieren und einschlagen können.