Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03479.jsonl.gz/87

Alles dreht sich beim Spengler Cup 2017 in Davos um die Schweizer Eishockey-Nationalmannschaft. Mögen die Geister der Vergangenheit ruhen!
Die Vergangenheit ist für die Nationalmannschaft ruhmlos. Mögen also die Geister der Vergangenheit ruhen. Die Schweizer taumelten in den 1960er- und 1970er-Jahren zehnmal zwischen Skandal und Zirkus durch das Turnier und landeten bei den letzten drei Teilnahmen (1977, 1978 und 1979) jeweils auf dem letzten Platz.
Bei der Premiere der Nationalmannschaft im Jahre 1964 war auch der HC Davos noch dabei. Der HCD und die Schweiz trennten sich vor 1800 Zuschauern auf der offenen Eisbahn bei Minus 20 Grad 3:3 und das staatstragende Fernsehen übertrug live in schwarz-weiss. Nun könnte es theoretisch zur nächsten, zur zweiten Auseinandersetzung zwischen dem HC Davos und der Nationalmannschaft kommen.
Nach dem ersten Abstieg des HC Davos im Jahre 1969 geisterte eine Zeitlang die Idee eines Turniers für Nationalteams herum und in den 1970er-Jahren wurde die Nationalmannschaft als HCD-Ersatz Stammgast. Ihre insgesamt zehn Auftritte waren aber weitgehend miserabel und die drei letzten Turnierteilnahmen endeten 1977, 1978 und 1979 mit dem schmählichen letzten Platz. Hohn und Spott waren die Folge. Die langen Nächte von Davos wurden ein nationales Medienthema.
Ein paar Episoden bleiben unvergessen. Ein junger Mann sitzt im Davoser Eisbahnrestaurant und ist gerade dabei, noch einen Kafi-Schnaps zu schlürfen, den ein begeisterter Fan offeriert hat. Die Nacht hatte er durchgemacht. Da eilt ein Funktionär herbei: «Simu, sofort kommen! Du musst doch spielen!»
Im letzten Augenblick haben die Trainer entschieden, Langnaus Simon Schenk doch nicht auf die Tribüne zu setzen, sondern stürmen zu lassen. Rolf Tschiemer, Urs Lott und Schenk bilden damals schliesslich den Paradesturm der Nati.
Die Autorität der Trainer war damals offenbar nicht so gross. Als Verteidiger Köbi Kölliker zu spät ins Hotel zurückkehrt und vom Nationaltrainer Tommy Petersson aus Schweden scharf gerügt wird, entgegnet er seinem Chef verächtlich: «Putz dich, du Gorps!» Und geht seines Weges Richtung Hotelbar.
Kölliker, Lott, Giovanni Conte und Lolo Schmid werden beim Spengler Cup 1977 durch eine Schlüsselkontrolle an der Reception der Nachtschwärmerei überführt, mit 50 Franken gebüsst, für ein Spiel gesperrt und zu nachmittäglichem Zimmerarrest verurteilt.
Die Schweizer waren in den wilden 1970er-Jahren bei Weitem nicht die schlimmsten Nachtschwärmer, Gorps hin oder her. Die ungekrönten Saufkönige bleiben auf alle Zeiten die Schweden – am schlimmsten trieben auch sie es in den 1970er-Jahren. Als der Barkeeper im Park Hotel (heute SunStar) den nordischen Königen der Nacht keine Getränke mehr ausschenken wollte, fesselten und knebelten ihn die Stars von MoDo und leerten die Regale. Den Skandinaviern war es Ehrensache, das Turnier-Taschengeld – 750 Franken pro Mannschaft und Tag – zu verzechen.
Unser Eishockey durchlitt in den 1960er- und 1970er-Jahren die tiefste sportliche Depression der Geschichte – und ausgerechnet in diese Zeit fallen die Spengler Cup-Gastspiele. Woran fehlte es damals? Wir zitieren aus einer Analyse von Jürg Casanova, dem damals wichtigsten Hockey-Journalisten, aus dem Jahre 1979:
«Schlechte Organisation in der eigenen Zone, mangelnde Aggressivität und Reaktion, Vergessen auch der elementarsten Grundregeln durch einzelne Verteidiger – das führte zu schon in ihrer Entstehung vermeidbaren Tore. Und dazu gesellte sich vorne die Hilflosigkeit der Stürmer im Abschluss, die nicht zu wissen schienen, dass das Toreschiessen im Eishockey weitgehend des beherzten, blitzschnellen und damit für den Goalie überraschenden ‹Abdrückens› ist.»
1979 kehrte der HC Davos in die NLA zurück und war ab 1980 wieder stark genug für den Spengler Cup. Dann war auch das neue Stadion bereit. Der «Lückenbüsser» Nationalmannschaft wurde nicht mehr benötigt.
Nun kehren die Schweizer also an den Spengler Cup zurück, um sich auf die Olympischen Spiele 2018 vorzubereiten. Nicht mehr als Lückenbüsser. Sondern als Attraktion. Zustände wie in den 1970er-Jahren sind heute natürlich ganz und gar undenkbar. Nationalmannschaftsdirektor Raëto Raffainer sagt: «Es geht um die Plätze im Olympiateam. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer seine Chancen durch nächtliche Eskapaden schmälern wird.»
Die Schweizer treten in Bestbesetzung an und verzichten nur auf die HCD-Spieler, die das Turnier mit ihrem Klub bestreiten. Die ideale Vorbereitung aufs globale olympische Spektakel. Wie beim olympischen Ernstfall gibt es auch in Davos allerlei Ablenkung, viel Medienrummel und hohe Erwartungen.
Die Schweiz, in den 1960er- und 1970er-Jahren zweitweise international drittklassig, gehört heute als WM-Finalist von 2013 zu den Titanen des Welthockeys. Wir dürfen jetzt schon sagen: Die Schweizer werden unter Patrick Fischer ihren besten Spengler Cup aller Zeiten spielen. Ja, wer sagt, dass ausser gegen Team Canada jede Niederlage als Schmach gewertet werden muss, ist nicht einmal ein Polemiker.
Dinamo Riga kehre zwar als Finalist von 2011 nach Davos zurück, wird aber nicht dazu in der Lage sein, an die starke Premiere vor sechs Jahren anzuknüpfen. Denn Dinamo ist in der laufenden Saison der KHL kein Faktor. Bei der aktuell zweitschwächsten Mannschaft der grossrussischen Liga ist Cheftrainer Sandis Ozolinsch gefeuert worden. Eine Besserung ist trotzdem nicht eingetreten.
Hämeenlinna PK kommt als Vorletzter der finnischen Liga und mit der Bilanz von sechs Niederlagen hintereinander nach Davos. Die Mannschaft um Ex-Weltmeister Janne Lahti steht allerdings nicht unter Erfolgsdruck. Wegen zu viel Rock'n'Roll abseits des Spielfeldes haben die finnischen Teams von 47 Partien beim Spengler Cup nur 13 gewonnen.
Mountfield HK ist das stärkste ausländische Team und könnte seine Bilanz aus dem Vorjahr (nur ein Sieg bei der Turnier-Premiere) aufbessern. In der heimischen Liga steht Mountfield auf dem zweiten Platz. Der Klub ist in Hradec Kralove (Königgrätz), in Nordböhmen am Fusse des Riesengebirges, domiziliert.
Team Canada kommt nur mit einem kleinen Teil des Olympia-Teams nach Davos, weil der grösste Teil der fürs olympische Turnier vorgesehenen Spieler in der KHL beschäftigt ist und keine Freigabe bekommt. Es geht für die Kanadier in Davos noch um vier bis sechs Plätze im Olympiateam.
Der HC Davos wird zum 22. Mal hintereinander beim Turnier von Arno Del Curto gecoacht. Die Mannschaft ist gut genug, um jeden Gegner zu fordern.Theoretisch ist es möglich, dass es zu einer Partie gegen die Nationalmannschaft kommt.
Alles in allem ist es sportlich eines der schwächsten Turniere des 21. Jahrhunderts. Der Unterhaltungswert wird aber dank der Nationalmannschaft grandios sein. Nur einer hat nichts zu lachen: Nationaltrainer Patrick Fischer kann es sich ganz einfach nicht leisten, ein bisschen «Spengler-Cup-Hockey» spielen zu lassen – er ist der einzige Trainer beim diesjährigen Turnier, der unter maximalem Erfolgsdruck steht. Mehr als eine Niederlage würde seine Position nachhaltig erschüttern.