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Grundregeln der Auslegung
Da sich dieses Buch mit Eschatologie und nicht mit Fragen der Hermeneutik (Auslegung) befaßt, ist es nicht möglich, hier alle Regeln der Auslegung aufzuführen,
die man in einem Lehrbuch der Hermeneutik finden würde.
Darum wird sich diese Untersuchung notwendigerweise auf die Regeln beschränken müssen, die für die Prophetie in besonderer Weise von Bedeutung sind.
Es gibt vier Grundregeln für die Auslegung, die gleichsam den Schlüssel zum Verständnis des prophetischen Wortes darstellen. Die erste von ihnen –
sie sind von dem amerikanischen Theologen David L. Cooper formuliert worden – wird auch die „goldene Regel der Auslegung" genannt:
Dies bedeutet einfach, daß alle Bibelstellen wörtlich genommen werden müssen, wenn nicht irgend etwas imWenn der einfache Sinn einer Schriftstelle dem gesunden Menschenverstand einleuchtet, dann suche keinen anderen Sinn; versu
che deshalb, jedes Wort in seiner ursprünglichen, einfachen, ge-
wöhnlichen und wörtlichen Bedeutung zu erfassen, wenn nicht der unmittelbare Textzusammenhang – im Licht anderer, ähnlicher bi-
blischer Aussagen und unumstößlicher, fundamentaler Wahrheiten betrachtet – deutlich in eine andere Richtung weist."
Text darauf hinweist, daß sie anders als wörtlich zu verstehen sind. Wird diese Regel konse-
quent angewandt, so vermeidet man eine falsche Deutung der Tages-
ereignisse und eine „Auslegung aufgrund dessen, was die Tagespres-
se berichtet". Das gilt auch für andere Irrtümer, wie zum Beispiel die Auffassung, daß es kein Tausendjähriges Reich gebe.
Wenn also die einfache Bedeutung einer Schriftstelle einen Sinn ergibt, braucht nicht nach einer anderen Bedeutung geforscht zu werden.
Man sollte nicht mit der Vermutung an die Bibel herangehen, sie sei mit Symbolen überladen und deshalb schwer zu verstehen. Das ist nicht der Fall.
Vielmehr sollte man sie so einschätzen, daß dieses Buch genauso verstanden werden kann wie jedes andere auch, das man wörtlich nimmt.
Die Bibel gebraucht zwar auch Symbole. Aber diese werden gewöhnlich erklärt, und zwar durch Worte, die buch*stäblich zu verstehen sind.
Wenn jedoch der Text nicht deutlich er*kennen läßt, daß er symbolisch aufgefaßt werden soll, muß die Stelle wörtlich verstanden werden.
Diese goldene Regel der Auslegung bildet die erste unter vier grundlegenden Regeln für die Interpreta*tion und ist auch die wichtigste.
Sie bildet die Grundlage für die anderen drei.
Das zweite Gesetz wird „Gesetz der doppelten Erwähnung" genannt.
Es sagt aus, daß eine bestimmte Stelle oder auch ein größerer Schriftabschnitt
oft von zwei verschiedenen Personen oder zwei verschiedenen Ereignissen spricht, die durch eine lange zeitliche Peri-
ode voneinander getrennt sind. Aber in der betreffenden Stelle selbst gehen sie in ein einziges Bild über, wobei im Text selbst nicht davon gesprochen wird,
daß zwischen den beiden Personen oder Ereignissen eine große Zeitdifferenz besteht.
Die Tatsache, daß eine solche zeitliche Differenz wirklich besteht, erfahren wir aus anderen Schriftstellen, obwohl diese in dem besonderen Text nicht sichtbar ist.
Ein gutes Beispiel für dieses Gesetz der Auslegung sind einige Weissagungen des Alten Testaments über das erste und das zweite Kommen Christi.
Oft verschmelzen diese beiden Ereignisse zu einem Bild, ohne daß darauf hingewiesen wird, daß zwischen dem er-
sten und dem zweiten Kommen Christi ein gewaltiger Zeitabschnitt liegt.
Sacharja 9,9-10 ist ein gutes Beispiel für das Gesetz der doppelten Erwähnung.
Vers 9 spricht vom ersten Kommen des Messias, während Vers 10 sein zweites Kommen bezeugt.
Aber wiederum gehen die beiden Aussagen ineinander über, ohne daß auf die große Zeitspanne hingewiesen wird, die zwischen beiden Ereignis-
sen liegt.
Da eine ganze Anzahl prophetischer Stellen dem Grundsatz der doppelten Erwähnung folgt, muß man diese wichtige Regel kennen.
Diese Regel sollte nicht mit einer anderen verwechselt werden, die man oft die Regel der „doppelten Erfüllung" genannt hat.
Der Verfasser erkennt die Gültigkeit des Grundsatzes der doppelten Erfüllung nicht an.
Es geht um die Feststellung, daß ein und dieselbe Bibelstelle – was die Erfüllung betrifft – einen nahen und einen fer-
nen Bezugspunkt hat. Von daher kann eine solche Aussage gewissermaßen zweimal in Erfüllung gehen.
Oft wird Jesaja 7,14 als ein Beispiel für diese Auffassung angeführt. Die nahe Erfüllung dieses Prophetenwortes wäre dann ein Kind,
das zur Zeit des Königs Ahas geboren wurde; der ferne prophetische Zielpunkt wäre ein von einer Jungfrau geborenes Kind, der Christus.
Der Verfasser dieses Buches jedoch glaubt nicht, daß es so etwas wie eine doppelte Erfüllung gibt.
Eine einzelne Bibelstelle kann nur von einer bestimmten Sache sprechen; und wenn es sich um eine prophetische Stelle handelt, kann es hierfür auch nur eine Erfüllung geben,
wenn nicht der Text ausdrücklich davon spricht, daß die Prophezeiung sich auf vielfache Weise erfüllt.
So liegt der Unterschied zwischen dem Grundsatz derdoppelten Erwähnung und dem Gesetz der doppelten Erfüllung darin,
daß bei dem ersten zwei Ereignisse in ein einziges Bild übergehen, dabei jedoch der eine Teil der Stelle sich auf das eine, der andere Teil
auf ein zweites Ereignis bezieht.
Aber es kann von einer doppelten Erfüllung beider Verse keine Rede sein. Es gibt nicht zwei Erfüllungen von Vers 9 und zwei Erfüllungen von Vers 10.
Daher muß sich Jesaja 7,14 entweder auf ein Kind zur Zeit des Ahas beziehen oder auf die Geburt des Christus.
Er kann nicht von beiden sprechen. So könnte man auch Jesaja 7,13-17 besser verstehen, wenn man darin eher den Grundsatz der doppelten Erwähnung
als das Prinzip der doppelten Erfüllung sieht. Die Verse 13-14 beziehen sich nur auf die Jungfrauengeburt des Christus.
Diese Verse sind allgemein an das Haus David gerichtet, wie man an dem Gebrauch der Pluralpronomen des hebräischen Textes in diesen beiden Versen sehen kann.
Sodann beziehen sich die Verse 15-17 auf ein Kind zur Zeit des Ahas, denn hier wird nur Ahas allein angeredet,
wie man im hebräischen Text am Wechsel zu den Singularpronomen sehen kann.
Dieses Kind ist wahrscheinlich Schearjaschub von Vers 3.
So werden in diesem Textzusammenhang zwei verschiedene Personen genannt, die durch einen Zeitraum voneinander getrennt sind.
Die Regel hilft, den Irrtum der doppelten Erfüllung zu vermeiden.
Denn wenn sich der Vers auf eine nicht-jungfräuliche Geburt beziehen könnte, gäbe es keinen zuverlässigen Beweis für eine wirklich jung*
fräuliche Geburt im Alten Testament.
Das dritte ist das „Gesetz der Wiederholung".
Es umschreibt die Tatsache, daß bei einigen Schriftstellen auf den Bericht eines Ereignisses ein zweiter folgt, der dasselbe genauer und in mehr Einzelhei-
ten beschreibt. So ergeben sich oft zwei größere Berichtblöcke der Bibel nebeneinander. Der erste gibt jeweils eine Beschreibung eines Geschehens,
wie es in chronologischer Folge abläuft. Ihm folgt der zweite Block des biblischen Berichts, der sich mit demselben Ereignis und demselben Zeitraum befaßt,
aber mehr Einzelheiten im Verlauf dieses Geschehens wiedergibt. Ein Beispiel für das Gesetz der Wiederholung haben wir in Hesekiel 38,1 – 39,16. Hesekiel 38,1-23
gibt einen vollständigen Bericht über die Invasion Israels aus dem Norden und die darauf folgende Vernichtung der eingedrungenen Armee.
Diesem Abschnitt folgtder zweite biblische Block Hesekiel 39,1-16. Er wiederholt einen Teil des Berichts aus dem ersten Abschnitt und fügt dann einige genauere Einzelheiten
über die Vernichtung des angreifenden Heeres hinzu. Ein weiteres Beispiel finden wir in Jesaja 30-31. Jesaja 30 spricht ausführlich über den Fall des Bündnisses
zwischen Juda und Ägypten. Kapitel 31 wiederholt einfach die Weissagung und fügt noch mehr Einzelheiten hinzu. Ein Beispiel für eine nichtprophetische Stelle
ist 1. Mose 1,1 –2,25. 1. Mose 1,1 – 2,3 berichtet von den sieben Schöpfungstagen in strenger chronologischer Reihenfolge.
Der Abschnitt endet mit dem siebten Tag. Dann aber folgt der zweite große Erzählblock, 1. Mose 2,4-25.
Nach dem Gesetz der Wiederholung blendet er zurück zum sechsten Schöpfungstag, um noch genauer zu beschreiben, auf welche Weise Adam und Eva geschaffen wurden.
Das vierte Gesetz lautet:
„Ein Text, den man losgelöst von seinem Zusammenhang betrachtet, ist nur ein Vorwand."
Ein Vers kann das, was er bezeugen will, nur im Zusammenhang des Textes aussagen, und man kann seine Bedeutung nur aus dem Kontext raus erfassen;
darum darf er nicht aus dem Textzusammenhang herausgerissen werden.
Wenn dies geschieht, ergibt sich oft eine Bedeutung, die er im Textzusammenhang niemals haben kann.
Ein gutes Beispiel hierfür ist Sacharja 13,6. Dieser Vers wird oft als Weissagung auf Christus hin ausgelegt.
Reißt man ihn aus dem Zusammenhang, klingt er tatsächlich, als spreche er von Christus.
Aber der Zusammenhang (Sacharja 13,2-6) spricht von falschen Propheten.
Daher kann Vers 6 nicht auf Christus gedeutet werden, es sei denn, man bezeichne ihn als einen falschen Propheten.
Hier liegt die Gefahr, wenn jemand einen Bibelvers für sich nimmt und ihn nicht aus dem Zusammenhang heraus verstehen will.
Der häufig zitierte Satz „Man kann mit der Bibel alles beweisen" trifft nur dann zu, wenn man diese Regel verletzt.
Wenn man diesen vier grundlegenden Regeln folgt, wird sich dies allgemein beim Studium der Heiligen Schrift und besonders bei der Prophetie
als sehr hilfreich erweisen.
In diesen vier Grundregeln liegt das Verständnis des prophetischen Wortes wie auch der ganzen Bibel.
Während die meisten Ausleger diese Regeln auf die nichtprophetischen Stellen der Bibel anwenden,
bringen sie es oft nicht fertig, sie auch bei der Behandlung prophetischer Abschnitte zu beachten.
Das hat zu einigen schwerwiegenden Irrtümern geführt.
Man sollte die Grundregeln für die Auslegung daher immer gleichmäßig auf die gesamte Bibel anwenden.
Handbuch der biblischen Prophetie, Arnold G. Fruchtenbaum