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Am 10. Februar beginnt das chinesische Neujahrsfest. Die ersten drei Tage sind offizielle Feiertage in Hongkong. Dort findet das Fest mit besonderen Vorzeichen statt.
Johann Nilsson
In Hongkong gilt zwar offiziell der gregorianische Kalender, nach dem das Jahr am 1. Januar beginnt, aber in ihrem Herzen haben die meisten Hongkonger das Gefühl, das Jahr beginne erst im Februar so wirklich. Wenn es eine Sache gibt, die alle Feiernden verbinden, dann ist es die Hoffnung auf Glück. Das chinesische Schriftzeichen für Glück hängt in diesen Tagen verkehrt an der Wand oder Tür. Das ist ein Spiel: Das Wort «kommen» klingt sehr ähnlich wie «auf dem Kopf stehen». Wer also sagt, «das Glück kommt», sagt auch, «das Glück steht auf dem Kopf».
Die Hongkonger haben in diesem Jahr allen Grund, besonders hoffnungsvoll zu sein und zu jubeln. Es ist das erste Neujahrsfest seit der Aufhebung der COVID-19-Beschränkungen. Sie begannen früher und dauerten viel länger als n Europa. Ausserdem ist das kommende Jahr nach dem Zwölf-Jahres-Zyklus des chinesischen Tierkreises das Jahr des Drachens! Dies gilt bei den Chinesen als besonders verheissungsvoll. So sehr, dass viele Paare versuchen, ihren Kinderwunsch so zu planen, dass der Nachwuchs im Jahr des Drachens geboren wird. Der berühmteste Sohn Hongkongs – der Kampfsport-Filmstar Bruce Lee – ist im Jahr des Drachens geboren! Niemand weiss genau, wie, wann und warum die Chinesen das Neujahrsfest feiern. Eine Theorie besagt, dass sie nach dem Ende des Winters den Göttern Tiere geopfert hätten, in der Hoffnung, dass dies im kommenden Jahr eine reiche Ernte bringen würde. Vielleicht kommt daher die grosse Bedeutung des Neujahrsfestes als Glücksbringer. In der Tat bringen die Hongkonger, die noch die traditionellen chinesischen Religionen (Konfuzianismus, Buddhismus und Daoismus) praktizieren, den Göttern im Rahmen ihrer Neujahrsfeiern Opfer dar.
Eine interessantere Erklärung für den Ursprung des Neujahrsfestes ist der Mythos von Nian. Das chinesische Wort für Jahr ist auch der Name eines mythischen Tieres. Dem Mythos zufolge terrorisierte das Nian-Monster ein Dorf, bis ein weiser alter Mann den Dorfbewohnern beibrachte, dass man das Nian mit lauten Geräuschen und der Farbe Rot verscheuchen könne. Viele der mit dem Neujahrsfest verbundenen Traditionen sind mit diesem Mythos verbunden – die allgegenwärtige Verwendung von roter Dekoration, Kleidung und Musik, das laute Feuerwerk, Zimbeln und Trommeln und sogar der berühmte Löwentanz, da das Nian angeblich Angst vor Löwen hatte.
Die Neujahrssaison beginnt in Hongkong nicht am Silvesterabend selbst, sondern bereits im Vorfeld. In der Woche vor Neujahr werden überall in der Stadt Blumenmärkte eröffnet – der grösste im Victoria Park im Zentrum. Die Hongkonger strömen zu diesen Märkten, um als Schmuck für ihre Wohnungen Orchideen, Chrysanthemen und Pfirsichblüten zu kaufen, die als Glückbringer gelten. Wo auch immer man durch die Strassen geht, trifft man auf den Tumult der Löwentanzgruppen, die in den Strassen auftreten, begleitet von fast schamanistischer Trommel- und Beckenmusik.
Zurzeit ziehen Millionen von Menschen in beide Richtungen über die Grenze – Festlandchinesen, die in Hongkong arbeiten, und Hongkonger, die auf dem Festland leben. In diesen Tagen kehrt man nach Hause zurück, zu seiner Familie. Mit grosser Spannung werden extravagante Neujahrsessen mit vielen Meeresfrüchten im Kreise der Verwandten erwartet. Aber mit dem Neujahrsfest ist auch ein Geist des Gebens verbunden. Jeder, der schon einmal ein Neujahrsfest in Hongkong erlebt hat, kennt die lai see, die mit Geld gefüllten roten Umschläge, die zu dieser Jahreszeit verteilt werden. Anders als Weihnachtsgeschenke werden lai see in der Regel hierarchisch verteilt – von älteren, verheirateten Verwandten an jüngere, alleinstehende Verwandte, von Arbeitgebern an Angestellte und von Kunden an das Servicepersonal usw.
Offiziell dauert das Neujahrsfest vom 10. bis 12. Februar. Jeder Tag wird mit einer öffentlichen Veranstaltung begangen, am ersten Tag mit einer Parade, die von Hongkongs führender Fluggesellschaft Cathay gesponsert wird. Die Parade besteht aus Wagen, die das Tierkreiszeichen des Drachens darstellen. Am folgenden Abend finden in der ganzen Stadt beeindruckende Feuerwerke statt. Am letzten Tag wird in Sha Tin ein grosses Pferderennen abgehalten, ein Erbe der britischen Kolonialzeit. Die traditionell eingestellten Hongkonger besuchen an den drei Tagen Tempel. Es wird angenommen, dass der erste Besucher eines Tempels an diesen Tagen von den Göttern besonders bevorzugt werde.