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Schwert und Schwertfechten
Referat zum Freywild-Seminar in Luzern, Juni 2004.
Seit seinem frühesten Auftreten in der Bronzezeit hat das Schwert eine Sonderstellung unter den Waffen: Sein Symbolwert wog zu jeder Zeit seinen praktischen Wert mindestens auf. Der militärische Wert des Schwertes war immer recht bescheiden, während es als Prestige- und Kultobjekt immer hoch im Kurs stand.
Die Bronzezeit beginnt im Orient/Kaukasus im 3. Jt. v. Chr.; eigentliche Schwerter findet man ab dem 2. Jt. v. Chr. (Hajdusamson (Ungarn) und Mykene um 1600), in Mitteleuropa ab ca. 1100. Eiserne Schwerter ab ca. 7. Jh. (Hallstatt).
Die Schwerter des frühen Mittelaltes unterscheiden sich in der Form kaum vom der Antike / der römischen Spatha: reine Hiebwaffen mit Klingen von kaum mehr als 80cm Länge, der einhändige Griff stabilisiert das Handgelenk. Der Knauf kennt eine grössere Formenvielfalt (Wikingerschwerter). Erst in normannischer Zeit (um 1000) bildet sich aus dem vorderen Teil des Griffs eine Parierstange aus (Schutz der Schwerthand bei Abwehr von Schlägen mit der Klinge). In den Wikinger-Schwertern setzt sich die Hohlkehle durch, eine Rille auf der Klingenfläche, die bei gleicher Stabilität das Gewicht (und den Metallbedarf) verringert.
Damaszierte, "wurmbunte" Klingen werden in Europa relativ früh bekannt, bleiben aber wohl immer etwas Besonderes. Im 5. Jh. dankt der Ostgotenkönig Theoderich einem Warnenkönig für Schwerter,
|die sogar imstande sind Rüstungen zu durchschneiden, und die ich mehr noch ihres Eisens als wegen des Goldes auf ihnen preise. So glänzend ist ihre polierte Klarheit, daß sie mit genauer Deutlichkeit die Gesichter derjenigen wiederspiegeln, die auf sie schauen. So gleichmäßig verlaufen ihre Schneiden zur Spitze, daß man annehmen möchte, sie seien nicht mit Feilen hergestellt, sondern im Schmelzofen geformt. Ihre Mitte, mit schönen Vertiefungen ausgehöhlt, erscheint wie mit Würmlein gekräuselt, und hier spielen so mannigfache Schatten, daß man glauben möchte, das glänzende Metall sei mit vielen Farben verwoben. dieses Metall ist auf Eurem Schleifstein geschliffen und mit Eurem glänzenden Pulver so beharrlich poliert, bis sein stählerner Glanz ein Spiegel der Männer wird.|
Diese Schwerter sind Offensivwaffen, die mit einem Schild als Defensivwaffe kombiniert werden müssen. In den isländischen Sagas finden sich viele dramatische Schilderungen dieses Kampfstils:
|Kormakssaga (aufgeschrieben im 13. Jh.; Kapitel 10) [Holmgang: reglementierter Zweikampf mit abwechselnd geführten Schlägen, abgestecktem Kampfplatz (Fell); gekämpft wird nur bis zum ersten Blut: hier unterliegt der Herausforderer, weil er von einem Splitter am Daumen verwundet wird.] Thorgil hielt den Schild seines Bruders, und Thord Arndisarson den Schild Bersis. Bersi schlug zuerst zu und spaltete Kormaks Schild. Kormak schlug nach Bersi mit demselben Effekt. Jeder der beiden zerhackte drei Schilde des anderen. Dann war Kormak an der Reihe. Er schlug nach Bersi, der mit Hviting [seinem Schwert] parierte. Skofnung [Kormaks Schwert] trennte die Spitze von Hviting ab. Die Schwertspitze traf Kormaks Hand und er wurde am Daumen verwundet. Das Gelenk war gespalten, und Blut tropfte auf das Fell. Da traten die Leute dazwischen und beendeten den Kampf.|
Vom 10. bis im 13. Jh. (Hochmittelalter) dominieren die kreuzförmigen ritterlichen Schwerter. Die Knaufformen variieren zwischen einigen klassischen Typen (Pilzknauf, Paranussknauff, Pagodenknauf, etwas später Scheibenknauf). Die Klinge wird etwas länger, erreicht aber nur in seltenen Fällen einen Meter.
Um 1300 beginnen sich verschiedene Schwerttypen herauszubilden, die für den Rest des Mittelalters parallel bestehen bleiben. Gründe sind Fortschritte in der Panzerung, verbesserte Schmiedekunst und verschiedene Einsatzbereiche. Das Schwert entwickelt sich von einer (vorwiegend) Hieb- in eine kombinierte Hieb- und Stich- und teilweise in eine reine Stichwaffe. Spitz zulaufende Klingen können Plattenpanzer brechen und erlauben kleinere Knäufe als Gegengewicht; schmalere Birnenknäufe erlauben Greifen am Knauf (Gebrauch zu anderthalb Hand; durch den Wegfall des Schilds wird die linke Hand frei) und verlängerte Griffhölzer echtes zweihändiges Fechten. Die Tendenz zu immer grösseren Schwertern endet um 1500 in den überdimensionierten Bidenhändern der Doppelsöldner. Im ganzen Spätmittelalter bleiben aber auch kürzere Anderthalbhänder als typische Waffe des Adels in Gebrauch.
Typ X: Klinge breit, mittellang (80cm), breite Hohlkehle bis wenige cm vor der Spitze; gebräuchlich ca. 10.-12. Jh.; Subtyp Xa: Hohlkehle schmaler, Klinge länger; gebräuchlich ca. 1000-1300
Typ XI: längere Klinge, schmalere Hohlkehle als Typ X; spitz zulaufender Ort; gebräuchlich ca. 1100-1175. Subtyp XIa: breitere, kürzere Klinge bei gleich schmaler Hohlkehle.
Typ XII: breite, flache Klinge, Hohlkehle weniger als 2/3 der Klingenlänge; einhändig gegriffen; sich verjüngende Klinge; gebräuchlich während des ganzen MA. Subtyp XIIa: wie Typ XII, aber mit längerem Griffholz; gebräuchlich im 13. und 14. Jh.
Typ XIII: Schneiden fast parallel, gerundeter Ort. Hohlkehle (einfach oder mehrfach) ca. bis zur halben Klingenlänge; "Anderthalb-Händer"-Griff; gebräuchlich ca. 1250-1350. Subtyp XIIIa: grosses Schwert, Klingenlänge bis 1m, Griffholz bis 25cm. Subtyp XIIIb: Wie Typ XIII, mit Einhänder-Griff.
Typ XIV: kurze Klinge, starke Verjüngung, Hohlkehle (ev. mehrfach) ca. 2/3 der Klingenlänge; gebräuchlich ca. 1275-1340
Typ XV: sich verjüngende Klinge, Rauten-Querschnitt, spitzer Ortgebräuchlich ab ca. 1300 bis um 1500. Subtyp XVa: längere, schmalere Klinge, Griffholz 18-25cm. "Liechtenauer"-Fechtschwerter.
Typ XVI: deutlicher Rauten-Querschnitt (Panzerbrecher); Hohlkehle über 1/2 Klingenlänge, Klinge ca. 70-80cm. Subtyp XVIa: längere Klinge, kürzere Hohlkehle; langes Griffholz.
Typ XVII: Klinge lang, spitz zulaufend. Querschnitt hexagonal; zweihändiger Griff; schwere Schwerter (über 2kg); gebräuchlich ca. 1360-1420 (Panzerbrecher)
Typ XVIII: breite Klingenbasis (5-6cm), spitz zulaufend; kurzes Griffholz (ca. 10cm); Rauten-Querschnitt. (Subtyp XVIIIa: schlanke Klingen, ca. 80cm Länge; längerer Griff (13cm).) Subtyp XVIIIb: lange schlange Klinge, langer Griff (25-30cm); gebräuchlich ca. 1450-1520. (Subtyp XVIIIc: breite Klinge, ca. 90cm lang)
Typ XIX: breite, flache Klinge, parallele Schneiden, schmale Hohlkehle im oberen Drittel, Ricasso; einhändiger Gebrauch; 15. Jh.
Typ XX: Anderthalbhänder, oft doppelte Hohlkehle im oberen Viertel; 14.-15. Jh. Subtyp XVIIIc: schmalere Klinge.
Typ XXI: "Cinqueda"-Schwert, oft mehrere Hohlkehlen, spätes 15. Jh.
Typ XXII: breite, flache Klinge; zwei kurze, schmale Hohlkehlen; um 1500.
Hils berücksichtigt in seiner Dissertation Handschriften, die vor 1600 entstanden (sowie spätere Kopien), und kommt auf eine umfassende Liste mit 55 Einträgen. Diese 55 Manuskripte bilden die Grundlage unseres Wissens über das Schwertfechten im Spätmittelalter.
Im Hochmittelalter ist "Schirmmeister" ein Berufsstand: Schirmmeister bringen den jungen Adligen das Kriegshandwerk bei. Dies im Gegensatz zu scermere und kemphen, wohl Gaukler und Lohnkämpfer, die im 14. Jh. zusammen mit Spielleuten und unehelich Geborenen den "Rechtelosen" zugerechnet werden.
|Biterolf (2038-2041): den jungen künic riche / ein meister lerte uz Irlant / daz diu kunst des heldes hant / über alle schirmaere truoc.'|
Das älteste erhaltene Manuskript, das Anleitungen zum Fechten enthät, ist um 1300 in Deutschland (wahrscheinlich Franken) entstanden. Es ist das "I.33", das auf 64 Pergamentseiten in Bildern und (lateinischem) Text die Lehre eines Mönchs darstellt, der junge Adlige im Kampf mit einhändigem Schwert und Faustschild (poekeler / Buckler) unterrichtet. Dass das Manuskript erhalten ist, ist ein grosser Glücksfall (es galt als Kriegsverlust), denn es stellt eine von späteren Fechtbüchern unabhängige Technik mit hochmittelalterlicher Bewaffnung dar, kurz bevor das lange Schwert in Mode kommt. Die nächste Handschrift, die sich mit Fechttechnik befasst, taucht erst rund 100 Jahre später auf.
Johannes Liechtenauer ist der Fechtmeister, auf den sich während 200 Jahren die meisten Lehrer berufen.
Liechtenauer muss im mittleren 14. Jh. gelebt haben, als das zweihändig geführte Schwert erst seit wenigen Jahrzehnten verbreitet war. Von ihm selber ist keine Schrift überliefert, wohl aber von einem (wahrscheinlich direkten) Schüler: Im sog. Codex 3227a von um 1390, möglicherweise verfasst von einem Pfaffen Hanko Döbringer, wird die Lehre Liechtenauers festgehalten (zwischen allerelei Kuriositäten wie Beschwörungen, alchemistischen und magischen Rezepten).
Hanko zeigt grosse Bewunderung für Liechtenauers Fechtkunst, und bringt oft Merkverse des Meisters an:

(17r) O zu allem fechten gehoert dy hoelfe gotes von rechte |
Gera der leip und gesunder / eyn gancz vertik swert besunder
Vor noch schwach sterke / yndes das wort mete zu merken
hewe stiche snete druecken / leger schuetczen stoesse fuelen zuecken
Winden und hengen / ruecken striche sproenge greiffen rangen
Vissheit und kunheit / Vorsichtikeit list und klugheit
masse Vorborgenheit / vernunft vorbetrachtunge fertikeit
Ubunge und guter mut / motus gelenkheit schrete gut
Liechtenauers Fechtsystem ist effizient und schmucklos. Man soll hart und schnell zuschlagen, die Initiative behalten und den Gegner möglichst schon beim ersten Schlag treffen.
Im Spätmittelalter nehmen die Bürger der immer mächtigeren reichsfreien Städte ehemals dem Adel vorbehaltene Privilegien in Anspruch, so auch Bewaffnung und Fechtunterricht. So erscheint nun der Fechtmeister im bürgerlichen Umfeld, auch wenn er sich noch gerne mit prestigeträchtigen adligen Auftraggebern brüstet. Das Auftreten längerer Schwerter in dieser Zeit mag soziologisch begründet sein im Bestreben der Bürger "adliger als der Adel" zu wirken (während der konservative Adel eher bei herkömmlichen Schwertformen bleibt).
Zeigt bereits Döbringer grossen Respekt vor der Vollkommenheit von Liechtenauers Lehre, wird der Meister in späteren Handschriften erst recht ins Legendäre überhöht, auch wenn sie sich zum Teil von seinem schnörkellosen Stil entfernen. Genau lässt sich die Entwicklung nicht nachzeichnen, denn nach Döbringer vergehen wieder mehrere Jahrzehnte ohne Nachricht. Im mittleren 15. Jh. häufen sich dann plötzlich die Handschriften und zeugen von einer schon breit abgestützten Tradition.
In Frankfurt bildet sich die erste Vereinigung von Fechtmeistern, genannt bruderschafft Unserere lieben frawen und der reynen Jungfrawen Marien vnd des Heiligen vnd gewaltsamen Hyemelfursten sanct Marcen. Die Mitglieder versammelten sich zur Herbstmesse in Frankfurt und wählten einen Hauptmann. Talhoffer könnte schon (vielleicht Gründungs-) Mitglied gewesen sein; jedenfalls erscheint 1459 sein Wappenschild begleitet von einem Markuslöwen mit Schwert. Sicher nachgewiesen ist die Bruderschaft 1474; 1487 erhält sie in einem Privilegiumsbrief Friedrichs III das Monopol auf Fechtunterricht und den Titel "Meister des Schwerts".
Gegen Ende des 15. Jh. beginnt sich das 'lange Schwert' explosionsartig zu vergrössern: Im 16. Jh. hielten die Landsknechtregimenter Doppelsöldner, die sich als "Meister des Schwerts" ausweisen mussten und die mit grossen "Schlachtschwertern" ausgerüstet waren (bis 240cm). Hils sieht hier das "unrühmliche Ende" des langen Schwerts: In Waffen, die kaum mehr effektiv eingesetzt werden können, und nur noch Schauwert als Paradierwaffe besitzen. Fechtbücher, die auf Liechtenauers Lehre beruhen, werden noch bis ins späte 16. Jh. gedruckt, aber dann wird das Schwert als Fechtwaffe verdrängt von Rapier, Degen und Säbel, die bis im heutigen Sportfechten Verwendung finden.
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