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Gestern stellte ich einen neuen Rekord auf. Ich angelte mir einen Taxifahrer, der auf einer Strecke von zehn Kilometern nicht einen, sondern zwei Unfälle baute. Ohne Witz.
Schon als ich ins Taxi einstieg und mein Reiseziel nannte, das er mit einem gutturalen „eh?“ quittierte, obwohl es sich dabei um eine der grösseren Kreuzungen Shanghais handelt, wusste ich, was es geschlagen hatte. Seine sechsstellige Dienstnummer begann mit einer 3, was ein klares Indiz dafür ist, dass der Mann erst seit kurzem im Einsatz ist. Für diese Erkenntnis hätte mir allerdings auch ein Blick in sein verständnisloses Gesicht gereicht.
Leider steht aber das chinesische Neujahr vor der Tür, was zur Folge hat, dass viele Menschen die Stadt verlassen, um ihre Familien zu besuchen. Auch Taxifahrer. Konsequenterweise ist man in diesen Tagen froh, ein Taxi gefunden zu haben, also beschloss ich, auf keinen Fall aufzugeben. Ich brachte ihn schliesslich dazu, loszufahren.
Nach ein paar Minuten überholte er an einer Kreuzung ein paar Radfahrer und bog dann scharf nach rechts ab, woraufhin einer der Radfahrer sein Vorderrad in der Seite unseres Taxis versenkte und laut johlend zu Boden stürzte. Mein Fahrer bremste ab, beobachtete die Situation aber erst einmal im Rückspiegel, um sicherzugehen, dass es sich lohnte, auszusteigen. Diese Tatsache schien ihm gegeben, als der Radfahrer sich¬† fluchend an der Beifahrertür zu schaffen machte. Ein paar Schaulustige gesellten sich dazu, und es wurde mit mehr Zeigefingern gerudert als bei einer roten Karte im Mailänder Derby.
An dieser Stelle pflegen viele Expats aus dem Taxi auszusteigen, da sie auf keinen Fall in irgendwelche Konfrontationen mit der Verkehrspolizei verwickelt sein wollen. Ich beschloss, den Streit auszusitzen und sank etwas tiefer in den Rücksitz.
Nach ein paar Minuten kam der Taxifahrer zurück, setzte sich ans Steuer, brummelte etwas in sein Armaturenbrett und raste davon. Er donnerte regelrecht die Auffahrt zur Autobahn hinauf, immer noch murmelnd und grummelnd, und ich glaube, wir waren für einen kurzen Moment airborne, als wir das Plateau erreichten. Nach ein paar Minuten drosch er seinen Santana die Ausfahrt runter und kam erst an einer Kreuzung zum Stillstand. Als die Ampel auf grün schaltete, wollte er nach links abbiegen, sah sich aber durch einen sehr zögerlichen Fahrer in seinem Manöver behindert, weshalb er kurz nach rechts ausscherte, um die Schnecke zu überholen.
Leider kann man auf einer dreispurigen Fahrbahn nicht einfach mal kurz nach rechts ausscheren, vor allem dann nicht, wenn man selbst auf der Spur ganz links fährt.
Auf der mittleren Spur kam jedenfalls ein Bus herangedröhnt, den wir dann auch sauber seitlich touchierten.
Erneut Stillstand. Zuschauer. Abwarten.
Ich lächelte unschuldig die Buspassagiere an, die aus dem Fenster auf mich hinabstarrten. Der Busfahrer lehnte sich aus dem Fenster, fluchte, fuchtelte mit den Armen… und fuhr davon. Keine Ahnung, warum. Klar, der materielle Schaden hielt sich auch hier in Grenzen, aber trotzdem.
Auch mein Taxifahrer konnte sein Glück kaum fassen, drückte das Pedal durch und sauste davon. Dass wir bei diesem Manöver beinahe von einem weiteren Bus erfasst worden wären, erscheint mir rückblickend als reine Fussnote.
Da wir nur noch wenige Minuten vom Ziel entfernt waren, blieb ich meinem Fahrer treu. „Er wird ja wohl in einer Fahrt nicht drei Unfälle bauen“, dachte ich. Er brachte mich dann auch sicher über die letzten 500 Meter, und es blieb mir als Vergeltungsmassnahme nur das Bezahlen mit einer Hunderternote, das Taxifahrer gerne in lautes Wehklagen ausbrechen lässt. Er aber schaute das Papier liebevoll an und sagte „100 Yuan? Kein Problem.“
Was wohl sein Chef sagen wird, wenn er mit dem Wagen in die Garage zurückkommt? „Eine Horde heranstürmender Mongolen mit der hinteren Wagentür abgewehrt? Kein Problem.“