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Innenrestaurierung der röm.-kath. Pfarrkirche Bünzen
Die röm.-kath. Pfarrkirche von Bünzen wurde in den Jahren 2012 bis 2014 umfassend restauriert. Der bedeutende Badener Architekt Caspar Joseph Jeuch (1811-1895) erbaute die älteste neugotische Kirche des Freiamts 1860/61 und stattete sie mit einer einzigartigen Trompe-l‘oeil-Malerei aus, die 1931 verloren ging. In der 2014 abgeschlossenen Innenrenstaurierung wurde die Gestaltung des Innenraums bauzeitlich rekonstruiert.
Baugeschichte und Würdigung
Schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts war der Wunsch nach einer grösseren Kirche in der ständig wachsenden Kirchgemeinde Bünzen gross und der Staat Aargau forderte einen neuen, vergrösserten Friedhof. Im Dezember 1850 wurde der Kirchenneubau beschlossen und der Badener Architekt Caspar Joseph Jeuch mit der Ausarbeitung der Pläne beauftragt. Nach diversen Überarbeitungen Jeuchs, die infolge von finanziellen Problemen seitens der Kirchgemeinde verlangt wurden, entschied man sich schliesslich für seinen dritten Bauplan und damit für eine neugotische Kirche.
Jeuch war der Sohn einer Hoteliersfamilie in Baden und wurde als Architekt in München an der Königlichen Bayerischen Akademie bei Friedrich von Gärtner bestens ausgebildet. Seit 1851 war Jeuch bereits mit der Ausführung der röm.-kath. Pfarrkirche St. Peter und Paul in Leuggern beschäftigt. Er zeichnete für Bünzen eine ganz ähnliche Kirche mit zentralem Frontturm, welche im Unterschied zu Leuggern jedoch nicht drei Schiffe aufweist, sondern über ein grosszügig überwölbtes Langhaus verfügt. Die Ausführung besorgte nach längerer Planungs- und Vorbereitungszeit ab 1859 der versierte Kirchenbaumeister Wilhelm Keller aus Hitzkirch und bereits 1862 konnte die Kirche eingeweiht werden.
Die neugotischeröm.-kath. Pfarrkirche von Bünzen steht auf einem flachen Sporn des Wagenrains und ist in der Bünzebene dank der dominanten talwärts gewandten Turmfront weithin sichtbar. Die weiträumige Saalkirche mit schlankem, leicht vospringendem Frontturm geht in einen Polygonalchor über. Über den drei Spitzbogenportalen befinden sich ein grosses Spitzbogenfenster sowie zwei seitlich davon angelegte Rosettenfenster. Im Gegensatz zur schlanken, feingliedrigen Fassade wirkt das Innere breit. Das fünf Joche zählende Schiff ist von einem Netzgewölbe mit Gipsprofilen und -rosetten überspannt. Zur neugotischen Ausstattung gehören Kanzel und Altäre der Gebrüder Müller, die den Charakter von spitzbogigen Bilderrahmen mit Fialen und Wimpergen haben. Die in den Altar integrierten Figuren spielen unter ihren isolierten Baldachinen eine Nebenrolle. Das Hochaltarbild, signiert "M. Paul Deschwanden 1862", stellt den Gekreuzigten und Magdalena dar. Beichtstühle und Kirchenbänke wurden nach Zeichnungen Caspar Joseph Jeuchs gebaut, die Glasmalereien gestaltete Johann Jakob Röttinger (1817-1877).
Mit das Wertvollste waren aber die Wände und Gewölbe, welche mit ihrer sogenannten Trompe-l‘oeil-Malerei in beige-grauer Grisaille-Technik den Eindruck von hochaufwändigen Steinmetz- und Stuckaturarbeiten vermittelten. Die Malereien wurden durch den Winterthurer Dekorationsmaler Karl August Jäggli (1824-1879) ausgeführt. Er war ein Könner seines Faches und in den 1850er bis 1870er Jahren einer der meist beschäftigten Kirchenmaler, jedoch ist von ihm keine Arbeit erhalten geblieben. Auch in Bünzen wurde die elegante, festlich helle Grisaille-Malerei bereits während der ersten Innenrenovation 1933 durch eine sehr farbige und expressionistische Malerei abgelöst. Diese stiess auf Widerstand, weshalb der Kirchenraum in den 1970er Jahren weiss gefasst wurde.
Bünzen ist die am komplettesten erhaltene Kirche des bekannten Architekten Caspar Joseph Jeuch, da nicht nur das Gebäude, sondern auch die gesamte Ausstattung mit dem Hauptaltar, den Seitenaltären und der Kanzel erhalten geblieben sind. Die oben erwähnte Kirche Leuggern hat nur die beiden Seitenaltäre behalten, die Kirche in Berikon, auch ein wichtiger Bau von Jeuch, hat sogar die ganze innere Ausstattung an Altären und Kanzel verloren.
Anlass für die Restaurierung
Schon 2003 wurde bei einer Untersuchung durch das BWS-Labor festgestellt, dass unter den Bodenbrettern der Bestuhlung feuchtes Erdreich vorhanden war, welches das Pilzwachstum förderte. Auch an den Wänden, im Gewölbe, am Holzwerk und sogar in der Orgel waren Pilzsporen vorhanden. Dies war nicht zuletzt auf einen Anstrich der 1970er Jahre zurückzuführen, der mit dispersionsähnlicher Farbe ausgeführt wurde. Dieser schliesst die Oberfläche des Verputzes und verunmöglicht dadurch die Feuchtigkeitsaufnahme aus der Raumluft, was zu Kondensat führte. Ziel der Innenrestaurierung war, den Schimmelpilzbefall zu behandeln und ein langfristig besseres Klima im Kircheninnern zu schaffen. Innenwände und Gewölbe sollten von der Dispersionsfarbe befreit werden, damit eine diffusionsoffenere Farbe aufgetragen werden konnte, d.h. eine Farbe, welche die Raumfeuchtigkeit besser aufnimmt. Damit erhielt Bünzen zugleich die Chance, die frühere, erste Trompe-l‘oeil-Malerei wieder anzubringen.
Geschenk zum 150-Jahre-Jubiläum
2012 machte sich die Kirchgemeinde Bünzen zum 150-Jahr-Jubiläum ein schönes Geschenk, in dem sie dem Kredit zur Innenrenovation der Pfarrkirche zustimmte. Nach gut 1.5 Jahren Renovationszeit erstrahlt unser Gotteshaus wieder im festlichen Glanz. Es ist gelungen das ursprüngliche Meisterwerk mit der illusionistischen Dekorationsmalerei und die neuen modernen Elemente so zu vereinen, dass es den heutigen Liturgieformen gerecht wird. Ohne die bei der Kantonalen Denkmalpflege vorhandenen Dokumentationen, die kompetente fachliche Beratung und Begleitung schon während der Projektphase wäre dies nicht möglich gewesen. Die Kirchgemeinde dankt der Kantonalen Denkmalpflege für die grossartige Zusammenarbeit mit den Architekten, den ausführenden Fachleuten, der Baukommission und der Kirchenpflege. Den krönenden Abschluss erlangte die Zusammenarbeit durch die Auszeichnung mit dem Schweizer Denkmalpreis 2015.
Restaurierungsmassnahmen
Geschmack und Architekturauffassungen wandeln sich im Lauf der Zeit. Die bauzeitlichen Architekturmalereien wurden im Zuge der ersten Innenrenovation 1933 durch eine bunte und expressive Malerei abgelöst, die wiederum rund 40 Jahre danach mit einer simplen weissen Fassung überstrichen wurde. Die bautechnische Notwendigkeit zur Entfernung des weissen Anstrichs war zugleich Auslöser für die Frage, wie der Kirchenraum im Jahr 2014 gestaltet werden soll. Aus denkmalpflegerischer Sicht erwies es sich als glückliche Fügung, dass sich einzelne Fragmente der originalen Malerei und zugleich auch qualitätsvolle historische Fotoaufnahmen erhalten haben. Basierend auf diesen Quellen konnte die illusionistische Architekturmalerei rekonstruiert werden, ohne dass diese neu interpretiert oder gar hypothetisch ergänzt werden musste. Es ergab sich somit die einmalige Chance, die bauzeitlich erhaltene Ausstattung wieder wie ursprünglich durch Jeuch geplant, mit der Architekturhülle zu verschmelzen. Originale Farbfassungen fand man noch hinter den Altären, hinter dem alten Orgelprospekt und in den Sakristeiräumen.
Die ursprüngliche Dekorationsmalerei von 1862 wurde mit Hilfe von diesen Originalbefunden, historischen Fotografien und in enger Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege rekonstruiert. Die zurückhaltende, aber dennoch ausdrucksstarke Malerei bindet die Altäre und die Fensternischen wieder in den Raum ein und betont durch die intensivere Bemalung des Triumphbogens den Bezirk der Liturgie. Der blaue Sternenhimmel im Chor blieb erhalten und wurde gereinigt. Neben einem neuen Farbkonzept musste sämtliches Holzwerk - alle Kirchenbänke, Beichtstühle, Betstühle an der Rückwand und sämtliche Schränke in den Sakristeien - ausgebaut, desinfiziert und gegen den Pilzbefall behandelt werden. Die originalen Sakristeimöbel wurden in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Der bisherige Zelebrationsaltar vermochte sich im ursprünglichen und neuen reich gestalteten Chorbereich nicht mehr adäquat zu behaupten. Die Aufgabe stellte sich somit, dem „genius loci" eine künstlerische Leistung der Gegenwart hinzuzufügen, die einerseits dem Hochaltar als künstlerischem Höhepunkt genügend Raum liess, und andererseits ein neues liturgisches Zentrum schafft.
Der leicht vergrösserte Chorbereich bildet mit dem archaisch wirkenden, kunstvoll bearbeiteten und geformten Sandsteinblock zusammen mit dem Ambo und Osterkerzenhalter ein würdevolles und unverrückbares neues liturgisches Zentrum, ohne die Wirkung und Bedeutung der ursprünglichen neugotischen Altäre zu mindern. Die Steuerelektronik wurde ausserdem auf den neusten Stand gebracht sowie die Orgel grundrevidiert. Die Elektroinstallation wurde teilweise erneuert und den neuen Bedürfnissen angepasst. Warmwasser-Bodenheizung und Sitzbankheizung ersetzen die bisherige Warmluftheizung. Als wärmetechnische Massnahme wurde das Gewölbe zusätzlich mit einer ca. 20 cm starker Zellulosedämmung isoliert.
Am 28. Juni 2014 wurde die Kirche in einem grossen Festgottesdienst mit Bischof Martin Gächter wieder eingeweiht und der Gemeinde übergeben.
Mit der Pfarrkirche St. Georg und Anna besitzt Bünzen einen der schönsten und zugleich nahezu umfassend erhaltenen Sakralräume des Historismus im Kanton Aargau.