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Als die Amerikaner kamen
Einsiedeln im Sommer 1945: Bericht einer friedlichen Invasion kurz nach dem Zweiten Weltkrieg
führte.
PATRICK SCHÖNBÄCHLER
Vor gut 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Die Erleichterung war auch in Einsiedeln gross. Von einer Rückkehr zur Alltagsnormalität war man jedoch noch weit entfernt. Kriegswirtschaft und Rationierung konnten sukzessive erst bis 1948 abgebaut werden. Wallfahrt und Tourismus aus dem Ausland waren während des Krieges zum Stillstand gekommen. Umso freudiger wurden dann die fast 7400 amerikanischen Urlauber begrüsst, die zwischen Juli und September 1945 in Einsiedeln Halt machten.
Im Mai 1945 ging in Europa der Zweite Weltkrieg zu Ende. Normalität herrschte aber noch lange nicht. Umso willkommener waren die amerikanischen Soldaten, deren Urlaub sie auch nach Einsiedeln
Die Glocken läuten – die Nöte bleiben
Zur Feier des Kriegsendes wurden in Einsiedeln am 8. Mai 1945 zwischen 20 und 20.15 Uhr die Glocken geläutet und ein Dankgottesdienst abgehalten. Wie ein Lauffeuer hatte sich im Dorf die Nachricht von der Kapitulation Deutschlands verbreitet.
Obwohl sich ein Kriegsende in Europa nach der Niederlage in Stalingrad (1943) und der Landung der Alliierten in der Normandie (1944) abgezeichnet hatte, war die Erleichterung in der Bevölkerung im Mai 1945 letztlich gross. Die Demobilmachung der Schweizer Armee erfolgte zügig und hatte zu sehnlichst erwarteten Entlastungen in Familie, Handwerk, Gewerbe und Landwirtschaft geführt.
Gleichwohl, von der Normalität blieb man noch weit entfernt. Zement (bis 1946), Seife (bis 1947), Kohle und Lebensmittel (bis 1948) waren weiterhin Mangelware und rationiert. Die Lebensmittelversorgung der Schweiz war infolge internationaler Transport- und Transitprobleme sowie fehlender Beschaffungsmöglichkeiten auf dem internationalen Markt nach wie vor prekär und auf dem Brüel musste auch 1945 noch Getreide angebaut, Kartoffelanbau betrieben und der ungeliebte Koloradokäfer bekämpft werden. Beim Beeren- und Pilzsammeln herrschte Hochkonjunktur.
Militär statt ausländische Besucher Hotellerie und Gastgewerbe hatten einen schweren Stand. Schon die ab 1930 einsetzende Weltwirtschaftskrise hatte dem Fremdenverkehr und der Wallfahrt nach Einsiedeln stark zugesetzt. In der Zeit zwischen 1860 und dem ersten Weltkrieg hatten noch jährlich durchschnittlich 170’000 Pilger Einsiedeln besucht und auch hier genächtigt. 1928 war deren Zahl auf gut 32’000 herabgesunken und betrug 1932 sogar noch knapp 18’000. Erstmals fingen die Schweizer an, die deutliche Mehrheit der Gäste zu stellen.
1934 erholte sich der Fremdenverkehr etwas (total 78’176 Gäste mit 128’263 Logiernächten), brach infolge der politischen Spannungen in Europa 1938 aber erneut um fast 60 Prozent ein. Dies führte dazu, dass Pater Ambros Hiestand (1905 bis 1954) im Frühjahr 1939, vor Kriegsbeginn, im Einsiedler Anzeiger die bange Frage stellte, ob es diesen Sommer überhaupt Pilger geben werde. Die Wallfahrt erlitt auch wegen der Landi in Zürich Einbussen. Ausländische Besucher aus Deutschland, Oesterreich, Italien, Frankreich und vor allem aus dem Elsass blieben Einsiedeln ab 1938 also fast gänzlich fern und der Wallfahrtsort lebte fortan vom schweizerischen Fremdenverkehr, von den kirchlichen Hauptfesttagen und von Bittwallfahrten, mit welchen die Liebe Frau von Einsiedeln um Verschonung der Heimat vor den Kriegswirren und ihren Folgen angefleht wurde.
Immerhin sorgte die ständige Stationierung von Militär für eine Belebung der Waldstatt: Der Bezirk listete zwischen 1939 und 1945 nicht weniger als 431 Einquartierungen von Truppeneinheiten und Stäben in Einsiedeln und in den Vierteln auf. Zwischen 1941 und 1944 zeigten sich in Einsiedeln pro Jahr noch zwischen 66 (1941) und 18 (1944) ausländische Hotelgäste! Dies im Verhältnis zu etwa 28’000 Schweizer Hotelgästen in der selben Zeit bei in Einsiedeln insgesamt vorhandenen 1785 Betten in 70 Betrieben. Gemeinsam war all diesen Besuchern, dass sie nurmehr 1 bis 2 Tage in Einsiedeln blieben; die Aufenthaltsdauer hatte sich merklich verkürzt. «Die Amerikaner kommen!»
Kurz nach dem Aufruf «Hinaus mit den Nazis», welcher bis 1946 zur Landesverweisung auch von drei Einsiedlern führte (Willi Gnädinger / «Freihof», Josef Brandt / «Schwyzerhüsli » und Paul Dalski / Kieswerkbetreiber in Trachslau), erscholl im Juli 1945 in Einsiedeln der freudigere Ruf «Die Amerikaner kommen!» Nach der Landung in der Normandie (1944) setzte eine willkommene «Invasion» der GI’s in die Schweiz ein. Bis Ende Oktober 1945 kamen über 100’000 amerikanische Soldaten in die Schweiz. 7395 von diesen besuchten innert gut zwei Monaten die Waldstatt Einsiedeln und führten zu ebenso vielen Logiernächten.
Grund ihres Besuches waren Urlaube und zum Teil Kuraufenthalte in der Schweiz nach Verwundung oder Erkrankung. Die amerikanischen Urlauber reisten in ihren khakifarbigen Militär- Uniformen und in geschlossen geführten Gruppen durch die Schweiz. Die Reisen galten als militärische Unternehmung, bedurften der Bewilligung der Schweizer Behörden und standen auch unter Schweizer Führung. Es gab sieben Reiserouten mit Grenzübertritten in Basel oder Chiasso. Die Routen B1–B4 ab Basel führten entweder über die Urlaubszentren Bern, Luzern, Basel oder Kandersteg, jeweils mit Ausflügen beispielsweise zum Jungfraujoch, über Brunnen nach Zürich, über den Brünig nach Gstaad oder über Montreux und Sitten. Die drei Routen C1–-C3 von Chiasso aus beinhalteten Aufenthalte in Andermatt und Davos, Luzern und Bern sowie Andermatt und Brig. Für ihren Aufenthalt in der Schweiz wurde behördlicherseits ein Pauschalpreis von 35 Dollar pro Mann und Woche vereinbart, wozu eine Warenlieferung im Umfang der amerikanischen Armee-Lebensmittelrationen an Zahlungs statt gelangte. Jedem Urlauber wurde an der Grenze ausserdem ein Höchstbetrag von 150 Franken als Taschengeld umgewechselt.
Die ersten Reisegruppen kamen am 25. Juli 1945 in der Schweiz an. Im englisch verfassten Reiseführer wurde mit ganzseitigem Bild auch für das Einsiedler Welttheater geworben: «A living manifestation of popular art. One of the many highly artistic displays of religious and historic drama: Calderons ‹Theater of the World› presented at Einsiedeln». Schnell noch Englisch lernen
GI’s im Versammlungslager in Mulhouse studieren die Schweizer Reiserouten ab Basel (aus: Our leave in Switzerland, 1947). Die 7395 Amerikaner, die den Weg nach Einsiedeln fanden, waren über Chiasso in die Schweiz gekommen, gehörten der Route C1 an und reisten von St. Moritz ab dem fünften Tag ihrer Reise hierher. «Wir werden also bald die breite englische Sprache mit ihrem lachenden o yes bei uns hören. Die Hoteliers und die Inhaber von Devotionalienhandlungen sollten jetzt schnell englisch lernen. Doch wo ist der Englischlehrer? » fragte der Einsiedler Anzeiger am 20. Juli 1945.
Sternenbanner und Cowboy-Uniform «D’Amerikaner sind da!» Am Sonntagabend, 29. Juli 1945, traf ein erster Trupp von zirka 130 Mann im Einsiedler Hochtal ein. Eine grosse Menge Neugieriger, voran die Einsiedler Jugend, bildete Spalier und applaudierte.
Fortan kamen zwischen 15.30 Uhr und 18.30 Uhr täglich über 100 amerikanische Urlauber in Cars in Einsiedeln an. Sie blieben jeweils eine Nacht und reisten am nächsten Tag gegen 13.30 Uhr wieder weiter. Sehr belebt war in Einsiedeln das Unterdorf vom Bahnhof bis zum damaligen Restaurant Franziskaner. Kinder, aber auch Erwachsene standen da, um die Amerikaner zu sehen. «Das war immer ein unglaubliches Defilee, als diese kamen», erinnert sich Franz Kälin («Baschi», geboren 1934). Buben und Mädchen begleiteten sie auf dem Weg zu ihrem Hotel. Für sie waren die Schwarzen und die Asiatischstämmigen das grosse Ereignis. Aber auch ein Matrose habe das besondere Interesse der Kinder geweckt, so der Einsiedler Anzeiger. Die Reisenden logierten in den Hotels «Pfauen», «Krone», «Taube» und «Drei Könige». Da und dort grüsste von den Häusern das amerikanische Sternenbanner.
Die Geschichte von Charly Zürcher Franz Kälin ist eine Begebenheit noch präsent: «Und etwas vergesse ich auch nicht: Der Franziskaner gehörte einem, der ein paar Jahre in Amerika gewesen war. Dieser hatte immer eine Uniform an und wenn die Amerikaner kamen, hatte er immer salutiert.» Es handelte sich bei diesem um Charly Zürcher, im Ersten Weltkrieg selbst amerikanischer Soldat, welcher seine vorbeiziehenden Landsleute vor dem «Franziskaner» in seiner Cowboy-Uniform begrüsste und willkommen hiess. Charly Zürcher (1887 bis 1952) stammte aus dem Kanton Zug und betrieb in Einsiedeln zunächst eine Kuttlerei. Nach einem Abstecher nach Wädenswil wirtete er in Einsiedeln zunächst im «Franziskaner » (1942 bis 1947) und danach in der «Heimat», dem heutigen «Einsiedler Stübli». Chewing Gum, «Pariser» und Kleiderbörse In Erinnerung geblieben ist den Zeitzeugen Franz Kälin, Franz Hensler («Lenz», geboren 1929) und auch Carl Birchler («Liibli Beck», geboren 1932), damals Buben, dass die Amerikaner immer Chewing Gum dabei hatten. Sie hätten, so Franz Hensler lachend, auch «Pariser» verteilt und man habe damals noch nicht gewusst, was das war.
Wer etwas Englisch konnte sprach mit den Fremden. Diese machten auch freundlich mit, wenn in Einsiedeln ein «Volksfestchen » abgehalten wurde. Am Einsiedler Abschiedsabend von Artur Beul und den Geschwistern Schmid in der «Taube» nahmen auch Amerikaner teil. Auch an Tanzanlässen im «St. Georg» waren sie dabei und tanzten mit den Einsiedler Meitli. Der jungen Einsiedler Männerwelt war das ein Dorn im Auge, dass die «Mädis » den GI’s nachliefen und es wurde gelästert: «Hesch gsejh dett, diä Luederli, sind schou wieder ufem Schprung.» (Franz Kälin).
Der Einsiedler Anzeiger seinerseits kritisierte nach der Chilbi: «Leider auch in Einsiedeln ‹interessieren› sich gewisse ‹Damen› um die amerikanischen Urlauber – weisse und schwarze – in einer Art, die mit durchaus angebrachter Freundlichkeit und Gastfreundschaft nichts mehr zu tun hat.». Am 24. September 1945 traf die letzte Gruppe von Amerikanern in Einsiedeln ein. Im Hotel «Pfauen» fand eine Abschiedsfeier mit Tanz für die Gäste statt.
Kleiderbörse Mit den amerikanischen Urlaubern verschwand auch die Kleiderbörse. Um zu etwas Geld zu kommen, hatten die Amerikaner Hosen, Mäntel, Jacken mit und ohne Pelz, Hemden, Handtücher, Füllhalter und so weiter verkauft. Auch amerikanische Schokolade und Kaugummi hatten interessierte und dankbare Abnehmer gefunden. Über 100 Personen, Erwachsene und Kinder, sollen sich an diesem Handel beteiligt haben, unter den Augen zahlreicher Neugieriger. Annelies Zehnder- Hensler (Möbelfabrik, geboren 1929) erinnert sich: «Ich hatte auch so eine Hose, khakifarbig war sie. Meine Mutter konnte sie für ein paar Franken kaufen. Man hätte doch sonst keine Keilhosen bekommen. (…) Die waren damals modern. (…) Ein Schneider aus Einsiedeln hat sie für mich geändert. Das weiss ich noch ganz genau. So hatten die Soldaten etwas Geld.»
Quellen: Einsiedler Anzeiger, Schwyzer Demokrat, Bezirksarchiv Einsiedeln Zeitzeugen, befragt für die anstehende Chärnehus-Ausstellung Heinz Nauer, Fromme Industrie, Der Benziger Verlag Einsiedeln 1750– 1970, Baden 2017 Our Leave in Switzerland, A souvenir of the visit of American soldiers to Switzerland in 1945/46, Zürich 1947.
Hinweis: Empfehlenswert für Interessierte ist auch die vom 13. Dezember 2020 bis 31. Januar 2021 im Chärnehus stattfindende Ausstellung «Leben und Überleben. Einsiedeln 1939 bis 1945». www. chaernehus.ch
Eine bekannte Person in Einsiedeln und immer in Uniform: Charly Zürcher (1887 bis 1952).
Foto: zvg
Amerikanische Urlauber am 12. August 1945 auf dem Einsiedler Hauptplatz. Fotos: Johann Lienert (1892–1979), Sammlung Otmar Lienert