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Einleitung
Der Vizeobmann Daniel Brändle und ich hatten im Frühling 2012 die Ehre, als Gäste unserer Schwesterzunft zur Zimmerleuten am Zürcher Sechseläuten teilnehmen zu dürfen. Dort trafen wir zwei Vertreter der Worshipful Company of Joiners and Ceilers (Verehrende Gesellschaft der Schreiner und Holzschnitzer) in ihren pelzverbrämten Ornaten. Mein Interesse nach den Gilden von London war geweckt. Wie viele gibt es? Auf welchen Grundlagen basieren sie? Was ist ihr geschichtlicher Hintergrund und welche Aufgaben nahmen sie in der Vergangenheit wahr und welche heute? Der nachfolgende Beitrag versucht, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Ich verwende in diesem Beitrag im Übrigen den Begriff «Gilde», um eine Unterscheidung zu den Gesellschaften und Zünften von Bern zu machen. Die Gilden selbst nennen sich «Livery Companies» (livery bedeutet Amtstracht).
Überblick über die Gilden
Heute bestehen in London 108 Gilden, wobei es sich nicht nur um historische Körperschaften handelt. Es gibt sogar eine Gilde der Informatikfachleute! Früher wurden die Gilden durch königliche Freibriefe anerkannt. Heute werden neue Gilden vom Lord Mayor of the City of London bestätigt. Der Lord Mayor darf nicht mit dem konservativen Stadtpräsidenten Boris Johnson verwechselt werden. Seine Funktion ist vor allem zeremonieller Natur. Er wird jährlich von Vertretern der Gilden in der Guildhall gewählt und nimmt am zweiten Samstag im November anlässlich seiner Vereidigung die Parade der zwölf grossen Gilden ab. Kleinere Gilden dürfen nur auf Einladung daran teilnehmen. Im Bereich der historischen Berufszweige unserer Gesellschaft bestehen die vier folgenden Gilden:
• The Carpenters’ Company (Gesellschaft der Zimmerleute), an 26. Stelle der offiziellen Rangordnung
• The Worshipful Company of Coopers (Verehrende Gesellschaft der Küfer), an 36. Stelle
• The Worshipful Company of Joiners and Ceilers (Verehrende Gesellschaft der Schreiner und Holzschnitzer), an 41. Stelle
• The Worshipful Company of Wheelwrights (Verehrende Gesellschaft der Wagner), an 68. Stelle.
Geschichte
Die Gilden haben – wie die bernischen Gesellschaften und Zünfte – mittelalterliche Wurzeln als Berufsorganisationen, die die Interessen ihrer Mitglieder wahrten und die Berufsausübung regelten. Bis zur Reformation bestanden auch enge Beziehungen zu religiösen Institutionen, indem Gilden teilweise Kirchen und Kapellen unterstützten. Die Gilden nahmen bereits früh Aufgaben im Bereich der Ausbildung junger Mitglieder wahr, sei es, dass ihre Mitglieder Lehrlinge aufnahmen oder dass sie Schulen gründeten oder finanzierten. Wohlhabende Gildenmitglieder richteten oft auch Stipendien aus. Neben der Ausbildung nahmen soziale Aufgaben eine wichtige Rolle ein, so die Fürsorge für kranke oder alte Mitglieder. Gilden gründeten oder förderten Armenhäuser oder betreiben sie noch heute als Altersheime und verwalteten im Interesse ihrer Mitglieder oder zugunsten der Allgemeinheit ihnen zugefallene Legate. Die wirtschaftliche Bedeutung der Gilden nahm im 17. Jahrhundert ab, als nach dem grossen Brand von London von 1666 der Zunftzwang während mehrerer Jahre im Interesse des Wiederaufbaus der Stadt gelockert oder aufgehoben worden war. Die Gilden waren danach nicht mehr in der Lage, ihre vormalige Bedeutung wieder zu erlangen. Dies galt vor allem auch für die Gilden der Zimmerleute sowie der Schreiner und Holzschnitzer, da nach dem grossen Brand die Häuser mehrheitlich nicht mehr in Holz aufgebaut wurden. Die Entwicklung Londons ausserhalb des Bereichs der City sowie die Industrialisierung trugen das Ihrige zum Niedergang der Gilden bei. So gelang es diesen beispielsweise nicht, besänftigend auf auftretende soziale Spannungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern einzuwirken. Bereits 1333 bestand eine Bruderschaft der Zimmerleute. Das Wappen (in Silber ein schwarzer Sparren, begleitet von drei schwarzen Messzirkeln [2,1]) wurde der Gilde 1466 verliehen, der königlichen Freibrief 1477. 1298 wurden erstmals Küfer erwähnt. Den königlichen Freibrief erhielten sie 1501, das Wappen 1509. Die Expansion der Seefahrt seit dem 15. Jahrhundert sowie Entwicklung von London mit der zunehmenden Nachfrage nach Fässern führten zu Wohlstand. Der Niedergang kam nicht zuletzt durch die Einführung von Metallbehältern. Historische Dokumente belegen, dass bereits 1269 eine Bruderschaft der Schreiner und Holzschnitzer bestanden hat. Der königliche Freibrief wurde durch Königin Elisabeth I. im Jahre 1571 ausgestellt. Im Mittelalter dienten die Kirchen nicht nur Gottesdiensten, sondern waren auch Zentren des gesellschaftlichen Lebens und des Handwerkertums. Im Mittelalter trafen sich Schreiner in der Kirche St. James Garlickhythe und seit über 600 Jahren bestehen deshalb enge Bindungen zu dieser Kirche. Die Gilde steht ihr finanziell bei, und einmal im Jahr findet für die Gilde ein Gottesdienst statt. Die Gilde der Wagner ersuchte 1630 um einen königlichen Freibrief, der ihr indessen erst 1670 gewährt wurde. Auf die offizielle Anerkennung des Wappens mussten die Wagner bis 1965 (!) warten. Die Wagner sind stolz darauf, dass im Laufe der Zeit sieben ihrer Mitglieder zum Lord Mayor gewählt worden sind. Patron der Gilde der Wagner ist St. Willigis, Kaplan von Kaiser Otto II. und später Erzbischof von Mainz (gestorben 1011); er war selbst Sohn eines Wagners.
Organisation und Mitgliedschaft
An der Spitze einer Gilde stehen in der Regel der Master (Meister) und der Court of Wardens and Assistents (Rat der Wächter und Beisitzer), wobei die Wardens vergleichbare Funktionen haben wie bei uns die Chargierten. Organisatorisch betreut wird eine Gilde vom Clerk (Gildenschreiber). Mitglied einer Gilde wird man aufgrund familiärer Beziehungen (Kind eines Mitglieds), aufgrund der Verleihung nach mehreren Jahre als «Lehrling» oder aufgrund eines Einkaufs. Die Mitglieder teilen sich in Freemen und in Liverymen, wobei nur einem Liveryman die Mitgliedschaft mit allen Rechten und Pflichten zusteht. Viele Gildenmitglieder üben tatsächlich einen der Gilde entsprechenden Beruf aus; andere Mitglieder weisen hingegen keinen Berufsbezug mehr auf. Die Mitgliedschaft einer Gilde steht auch Frauen offen, wovon aber offenbar eher selten Gebrauch gemacht wird. Bei der Gilde der Zimmerleute ist die Anzahl der Liverymen auf 150 Personen beschränkt. Der britische Thronfolger Prinz Charles ist Ehrenmitglied der Gilde. Der Wine Warden (Weinwächter) der Küfer ist für den Einkauf und die Lagerung des Weins für die Gilde verantwortlich und entspricht somit unserer Stubenmeisterin. Um als Freeman in die Gilde der Küfer aufgenommen werden zu können, muss eine Person über das Bürgerrecht von London verfügen und mindestens 21 Jahre alt sein. Liverymen müssen 24-jährig sein und sich für die Gilde bereits eingesetzt haben. Zu den Mitgliedern der Gilde der Schreiner und Holzschnitzer zählen Prinzessin Camilla, Herzogin von Cornwall, und der frühere Zunftmeister der Zunft zur Zimmerleuten in Zürich, Christian Steinmann. Um Mitglied werden zu können, muss man von zwei weiteren Mitgliedern empfohlen worden sein. Die Anzahl der Mitglieder ist beschränkt. Die Gildenmitglieder treffen sich dreimal im Jahr zu ihren ordentlichen Versammlungen. Im Gegensatz zu den Küfern kann eine Person unabhängig von ihrer Staatsbürgerschaft Mitglied in der Gilde der Wagner werden, solange sie die Ziele der Gilde verficht.
Aufgaben und Tätigkeiten
Die historischen Gilden konnten sich trotz des Verlusts ihrer früheren wirtschaftlichen Bedeutung teilweise auch im heutigen Wirtschaftsleben behaupten und nehmen Aufgaben in ihrem angestammten Bereich wahr. Die Gilde der Goldschmiede betreibt das Edelmetallkontrollamt, diejenige der Schreiber führt die Aufsicht über die Notare, die Gilde der Fischhändler stellt sicher, dass die zu verkaufenden Fische dem Lebensmittelrecht entsprechen und die Gilde der Weinhändler setzt die Weingesetzgebung um. Gilden fördern heute zudem teilweise Entwicklungsprojekte, medizinische Forschung sowie Museen und richten kulturelle und soziale Beiträge aus. Gilden spielen heute im gesellschaftlichen Leben als Netzwerk eine wichtige Rolle. Viele Gilden verfügen über teilweise prächtige und grosszügige Livery Halls (Gildenhäuser), welche nach dem grossen Brand von 1666 errichtet worden sind und deren Ursprünge bis ins 14. Jahrhundert zurückgehen. Die Livery Halls stehen auch heute noch den Mitgliedern der Gilden zur Verfügung. Die Gilde der Zimmerleute gründete 1893 unter anderem eine eigene Ausbildungsstätte für den Baubereich, das heutige Building Crafts College in London. Sie führt seit 1955 einen jährlichen Wettkampf der Zimmerleute durch, bei dem diese ihre handwerklichen Fähigkeiten unter Beweis stellen können. Aus ihren verschiedenen Stiftungen kann sie sozialen Organisationen helfen, so einem historischens Armenhaus, das als Altersheim dient, oder einem sozialens Jugendzentrum in den Docklands von London; zudem führt sie ein Erholungsheim. Sie unterhält auch Beziehungen zur britischen Armee und Marine. Sie verfügt über eine Sammlung silberner Ehrenbecher aus dem 17. Jahrhundert. Die Gilde der Küfer verfügt über mehrere Fonds und Legate und kann damit verschiedene soziale Einrichtungen finanziell unterstützen. Die Gilde wurde 1522 Eigentümerin eines eigenen Hauses; 1958 erwarb sie ihr aktuelles Gildenhaus aus dem späten 17. Jahrhundert. Darin untergebracht ist das eigene Gildenmuseum. Das wahre Erbe der Schreiner und Holzschnitzer, das es durch die Gilde in der heutigen Zeit zu bewahren gilt, ist der hohe Standard des Handwerks und der Berufsausübung. Die Gilde fördert deshalb auch die entsprechende Ausbildung. Eines ihrer ersten Gildenhäuser wurde zwischen 1518 und 1551 gebaut, aber im grossen Brand von 1666 zerstört; später wurde das Haus als Lagerhaus wieder aufgebaut und von der Gilde kommerziell genutzt. Die Schreiner und Holzschnitzer führen jährlich ebenfalls einen handwerklichen Wettbewerb sowie ein Golfturnier durch. Im Mai oder Juni finden der jährliche Damenanlass und im November das Bankett aller Liverymen statt. Neben ihrem sozialen Engagement, das demjenigen der übrigen Gilden von London entsprechen dürfte, zeichnet sich die Gilde der Wagner durch einen besonderen Preis für Rollstuhlfahrer aus. Die Wagner haben enge Beziehungen zur britischen Artillerie; schliesslich waren die Kanonen auf Wagenräder angewiesen. Auch diese Gilde ist im Besitz von wertvollem Ehrengeschirr aus Gold und Silber.
Gemeinsames mit und Trennendes zu der Gesellschaft zu Zimmerleuten und den Gesellschaften und Zünften von Bern
Auch wenn Bern und London rund 750 km voneinander entfernt sind und die historische Entwicklung von England und der Schweiz unterschiedlich verlaufen ist, sind die Parallelen zwischen den Gesellschaften und Zünften und den Gilden von London beachtenswert. Die Gesellschaften, Zünfte und Gilden dürften im Verlauf des 13. und 14. Jahrhunderts entstanden sein, wobei religiöse Bruderschaften offenbar auch eine gewisse Rolle gespielt haben. Der teilweise erhaltene Bezug der Gilden zu kirchlichen Institutionen hat sich in Bern indessen nicht erhalten. Die Gilden waren ungefähr zur gleichen Zeit wie unsere Gesellschaft in der Lage, ein Haus zu erwerben. Sowohl die Gilden als auch die Gesellschaften und Zünfte mussten eine Einbusse ihrer Bedeutung hinnehmen, wobei es den Gesellschaften und Zünfte gelungen ist, als öffentlichrechtliche Körperschaften anerkannt zu werden, was bei den Gilden vermutlich – trotz königlichen Freibriefen – nicht mehr zutreffen dürfte, auch wenn einige von ihnen auch heute noch öffentliche Aufgaben wahrnehmen. Obwohl die Mitgliedschaft innerhalb einer Familie Tradition haben kann, handelt es sich bei den Gilden nicht um Personalgemeinden wie die Gesellschaften und Zünfte. Das soziale Engagement ist bei den Gilden ebenso vorhanden, wie bei den Gesellschaften und Zünften, da auch sie früher für die Witwen und die Kinder verstorbener Mitglieder sorgten. Heute stehen die Unterstützung sozialer Institutionen sowie die Wohltätigkeit im Vordergrund. Die Förderung von Heimen und Jugendzentren ist vergleichbar mit dem Betrieb des Burgerspittels und des Burgerlichen Jugendwohnheims durch die Burgergemeinde. Mehr Gewicht als die Gesellschaften und Zünfte legen die Gilden auf die Ausbildung ihrer Handwerksberufe. Der Grund dürfte darin liegen, dass sie sich stärker als die Gesellschaften und Zünfte dem historischen Erbe als eine Berufsorganisation verpflichtet fühlen. Vielleicht sollten wir uns die Gilden von London als Vorbild nehmen und uns vermehrt auch im Bereich der Ausbildung engagieren.
Hans Georg Nussbaum, Obmann
Quellen:
Wikipedia: Stichworte «Lord Mayor of London» und «Livery Company»
www.londonlives.org/static/Guilds.jsp
www.thecarpenterscompany.co.uk
www.coopers-hall.co.uk
www.joinersandceilers.co.uk
www.wheelwrights.org