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Die Geschichte des Kontakts zwischen den Paresí und den Nicht-Indios liegt weit zurück. Die ersten Beschreibungen von Begegnungen mit ihnen stammen aus dem Ende des 17. Jahrhunderts. Seither hat sich der Kontakt vertieft und diesem indigenen Volk oft verheerende Konsequenzen beschert. Die einzelnen Untergruppen der Paresí sahen sich unterschiedlichen Situationen gegenüber, je nach der jeweiligen Nähe oder Entfernung zu den Nicht-Indios. Die intensive Verbindung zu den Jesuiten der Mission Anchieta (MIA) hat fast zum Verschwinden eines der von ihnen gesprochenen Dialekte geführt und die soziokulturellen Aspekte dieses Volkes verändert, durch ihre, von den Missionaren angeregten, Vermischungen mit verschiedenen anderen indigenen Völkern.
Gegenwärtig zeigen sich die Paresí besorgt hinsichtlich der Erhaltung ihrer Sitten und Gebräuche, sowie der Wiederherstellung anderer Aspekte, die sie als bedeutend für die Bewahrung ihre soziokulturellen Praktiken ansehen, nachdem sie sich klar über alle Folgen geworden sind, die sie im Verlauf ihrer Geschichte mit den Nicht-Indios erlitten haben. Darüber hinaus versuchen sie, neue Überlebensformen und Strategien für ihre Selbsterhaltung zu finden, und sie zeigen sich sehr interessiert am Schutz und der Erhaltung ihrer Territorien.
Paresí

Andere Namen: Pareci, Halíti, Arití

Sprachfamilie: Aruak
Population: 1.955 (2012)
Region: Bundesstaaten Mato Grosso
und Rondônia
|INHALTSVERZEICHNIS

Name
Bevölkerung und Lebensraum
Sprache
Geschichte des Erstkontakts
Kosmologische Aspekte und Schamanismus
Der Schöpfungsmythos
Der Tod
Verwandtschaft und Ehe
Eheschliessung
Die Beziehung zwischen Schwagern
Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern
Die Beziehung zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn
Politische Organisation
Gesellschaftliche Kategorien
Wirtschaftliche Aktivitäten
Die Jagd
Verteilung des Fleisches
Der Fischfang
Die Ernte
Die Chicha-Feste
Spiele
Kunst und materielle Kultur
Der Terminus der Selbstbezeichnung der Paresí lautet “Halíti“ – man kann ihn als “Menschen“ übersetzen, als explizite Referenz an das menschliche Geschlecht im Gegensatz zu den Tieren, oder als “Volk“, um damit die zusammengehörige Identität einer Gruppe auszudrücken.
Das Wort “Paresí“ gibt es im Sprachlexikon überhaupt nicht, sondern es handelt sich dabei um eine Bezeichnung, welche ab dem 19. Jahrhundert von Chronisten und Gelehrten, im Verlauf von zirka zweieinhalb Jahrhunderten, unterschiedslos auf die verschiedenen Gruppen angewendet wurde, die sie als Völker der Aruak-Sprachfamilie identifiziert hatten. Unter diesen Gruppen sind auch zu nennen: die “Kazíniti, Wáimare, Kazárini“ (letztere auch als “Kabizi“ bekannt), sowie die “Warére“ und die “Káwali“.
Der Terminus wurde erstmals im zweiten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts von Antonio Pires de Campos registriert. Als er den Rio Sepotuba hinauffuhr (der Fluss befindet sich im heutigen Munizip Tangará da Serra, im Bundesstaat Mato Grosso), erreichte dieser Bandeirante eine weite Hochebene, die von Indios bewohnt war, die er “Parecis“ benannte. Weiter nördlich traf er auf ein anderes Volk, die er “Mahibarez“ nannte – diese Indios hatten Sitten und Gebräuche, die identisch mit denen der “Parecis“ waren, sie unterschieden sich nur in einigen Abweichungen ihrer Sprache.
„Subgrupo“ (Untergruppe) war der Terminus, den der Marschall Cândido Mariano da Silva Rondon prägte, um sich damit auf die verschiedenen indigenen Gruppen zu beziehen, die er antraf. Er unterschied bei den Paresí die Untergruppen “Kazíniti, Wáimare“ und “Kozárini“, inklusive – und irrtümlicherweise – die “Irantxe“ als vierte Untergruppe.
Zu Beginn des 20.Jahrhunderts bestand die Paresí-Bevölkerung aus 340 Individuen, verteilt auf 12 Dörfer. Durch Rondons Vermittlung erhielt man genauere Kenntnis vom Lebensraum jener Untergruppen, die er entdeckt hatte: Sie bewohnten eine Hochebene, die Serra dos Parecis genannt wurde, vom Rio Arinos und dem Oberlauf des Rio Paraguai bis zum Oberlauf der Flüsse Rio Guaporé und Juruena. Zur Zeit von Rondon verteilten sich die “Kazíniti“ auf das Tal des Rio Sumidouro, einem Nebenfluss des Rio Arinos, sowie auf den Oberlauf von Rio Sepotuba und Sacuriuina.
1927 konzentrierten sich die übriggebliebenen “Wáimare“ und “Kazíniti“ bei der Telegrafenstation Utiariti, mit Ausnahme einiger Familien, die in São João (in der Nähe von Utiariti) lebten, und anderen, die sich im Umkreis anderer Telegrafenstationen eingefunden hatten, welche zur Instandhaltung der Telegrafenleitung beauftragt waren. Die “Kozárini“ waren von einer Grippe-Epidemie dezimiert worden – ein Teil der Überlebenden war vom SPI (Indianerschutz) zu einem indigenen Posten in der Nähe der Stadt Mato Grosso (ehemals Vila Bela) verlegt worden – andere befanden sich verstreut in Tapirapuán und anderen Orten des Umkreises.
1981 bestand die Paresí-Bevölkerung aus 533 Individuen, die auf 23 Dörfer verteilt waren. 1983 befanden sich nur 13 lokale Gruppen innerhalb des 1968 demarkierten Territoriums, das als “Reserva Pareci“ bekannt war.
Drei Dörfer, die sich ausserhalb der Südgrenze des Reservats Pareci befanden – Formoso (Hóhako), Estivadinho (Kyárose) und Figueira (Oihoko) – bekamen ihre Grenzdemarkationen 1984. Ausserhalb der Nordgrenze des Reservats befanden sich vier lokale Gruppen (Bacaval, Sacre, Seringal und Walahaliwinã). Im Westen des Reservats, ebenfalls ausserhalb seiner Grenzen, existierten drei lokale Gruppen, mit ihren Dörfern am Rand der Strasse BR-364 (Capitão Marco, Acampamento da Serraria und Iyatayazá).
2008 bestand die Paresí-Bevölkerung aus zirka 2.000 Individuen, die auf Dörfer in verschiedenen Indio-Territorien (ITs) verteilt waren. Dabei handelt es sich um ein Gebiet, welches zum grössten Teil aus Cerrado und Galeriewald besteht, in dem man Hirsche, Nandus, Seriemas, Fasanen, Agutis und andere Tiere jagen kann.
Die Paresí-Sprache, aus der linguistischen Familie Aruak, liegt den verschiedenen Dialekten (Wáymare, Kozárene, Kaxínti oder Kazíniti, Warére und Káwali) dieser Indios zugrunde, mit denen sie untereinander kommunizieren – ausserdem lernen sie Portugiesisch in den zweisprachigen Volksschulen, die sich in ihren Dörfern befinden. Es gibt auch Regionen, in denen Portugiesisch die dominantere Sprache ist. Die Untergruppe “Wýmare“, zum Beispiel, ist eine mit den meisten Kontakten zu Nicht-Indios. Sie wurde durch ihren permanenten Kontakt mit der Mission Anchieta in Utiariti fast ausgerottet. Dort wurde ihnen der Gebrauch ihrer Muttersprache verboten, und sie wurden gezwungen, sich mit Indios anderer Ethnien – wie “Rikbaktsa, Irantxe“ und “Kayabi“ – zu verheiraten und genötigt, Eheschliessungen zwischen den Untergruppen einzugehen, wodurch sie ihre traditionelle Umgangssprache verloren. In anderen Dörfern, in denen andere Untergruppen vorherrschen, wird Portugiesisch nur mit denen gesprochen, die keine gebürtigen Paresí sind.
Die ersten Berichte aus dem Sertáo der Paresí stammen aus dem letzten Quartal des 17. Jahrhunderts. Zu jener Zeit durchstreiften die “Bandeirantes Paulistas“ (Truppen aus São Paulo) die Sertões jener weiten Regionen, aus denen heute der Bundesstaat Mato Grosso besteht, auf der Jagd nach Indio-Sklaven – eine Praxis, die sie später mit der Ausbeutung des Mineralienreichtums jener Region verbanden. Der Bandeirante Antonio Pires de Campos erreichte auf dem Rio Sepotuba eine ausgedehnte Hochebene, der er den Namen “Reino dos Parecis“ gab, als Referenz an ein indigenes Volk, von der sie bewohnt wurde. Es fiel ihm auf, dass diese Eingeborenen sehr zahlreich und friedlich im Umgang waren. Er beobachtete ihre politische Organisation und charakterisierte sie als “dezentralisiert“. Zusammen dürften diese Faktoren die Habgier dieser Sklavenjäger stimuliert haben, die daraufhin ihre Jagd auf die “friedlichen“ Paresí eröffneten.
Gegen Norden der von diesen Indios besetzten Region, die er als “Parecis“ identifiziert hatte, fand Campos andere Eingeborene, die er als “Mahibarez“ bezeichnete. Er beschrieb, dass sie Gebräuche und Sitten präsentierten, welche denen ähnelten, die er zuvor angetroffen hatte – unterschiedlich “nur in einigen Worten ihrer Sprache“. Nach Verständnis von Max Schmidt, eines Ethnologen, der in den Jahren 1912 und 1927 dieselbe Region besuchte, waren die von Campos beschriebenen “Mahibarez“ eine Untergruppe der Paresí, später als “Wáimare“ bezeichnet – und bei jenen, die Campos “Parecis“ nannte, handelte es sich, der Lage ihres Dorfes entsprechend, um eine Untergruppe der “Kazíniti“.
Während der Ausbeutungsphase der Goldminen in der Region von Cuiabá, wurden die in der Nähe befindlichen Paresí-Dörfer als Lieferanten für Sklavenarbeit und Nahrungsmittel missbraucht. Jedoch noch vor Beginn des 19. Jahrhunderts gingen die Goldfunde in dieser Gegend drastisch zurück, und die Ausbeutung der Mineralien verlagerte sich in das Umfeld von Diamantino, einem Ort, der seinen Namen den Diamantenfunden in seiner Umgebung verdankt. Die Paresí in diesem Gebiet wurden ebenfalls in das Minenkontingent der Arbeitssklaven integriert, ausserdem wurden sie bei den Navigationsarbeiten auf dem Rio Tapajós eingesetzt.
In derselben Epoche breitete sich die Latex-Ausbeutung zur Gummifabrikation auch in Diamantino aus, wo sich eines der reichsten Gebiete des “Gummibaums“ (Hevea brasiliensis) befand: in den Sertões der Paresí. Diesen Indios kam eine effektive Beteiligung an dieser wirtschaftlichen Aktivität zu – anfänglich als Führer, von denen die Latexsammler auf verschlungenen Pfaden zu den Gummibäumen am Oberlauf der Flüsse geführt wurden, später auch selbst als Gummisammler, die man mit Industrieprodukten bezahlte. Für andere Paresí-Gruppen, deren Dörfer in den Gebieten der Gummibäume lagen, wirkte sich die Ankunft der Latexsammler zur Katastrophe aus: Sie wurden verfolgt und mit Waffengewalt aus ihren Territorien vertrieben.
1908 überwachte der damalige Coronel Rondon – der später den SPI (Indioschutz) gründete – die Konstruktion der Telegrafenleitung in der Westregion von Cuiabá (Bundesstaat Mato Grosso). Unter den ersten Indios, denen er begegnete, waren die Paresí, deren Arbeitskraft von den Gummibaronen ausgebeutet wurde. Rondon überzeugte sie von seinem Vorschlag, sich etwas näher zur Telefonleitung niederzulassen, begann den Bau von Schulen und trainierte einige von ihnen zur Wartung der Telegrafenleitung. Jedoch innerhalb weniger Jahre setzte sich der Sprechfunkverkehr durch und machte den Telegrafen überflüssig – die Leitungen verloren ihre Bedeutung. Eine neue Strasse parallel zur Telegrafenleitung wurde 1960 gebaut und 1980 asphaltiert – sie begründete die Entwicklung dieser Region.
Ab 1946 wurde Utiariti zu einem Erziehungszentrum für indigene Gruppen, unter dem Schutz der Mission Anchieta (MIA). Die Zeit der internierten Indios wurde geleitet und geregelt von den Missionaren, die ihnen verboten, sich in ihrer Muttersprache zu unterhalten und sie anhielten, sich mit dort anwesenden Mitgliedern anderer indigener Ethnien zu verheiraten.
Die Geschichte einiger Paresí-Dörfer steht in direkter Beziehung zu der Jesuiten-Mission, zumal sie erst nach der Deaktivierung des Internats von Utiariti entstanden sind. Die Mitglieder des Dorfes Bacaval, zum Beispiel, lebten im Gebiet des Rio do Sangue, in einem Dorf mit Namen “Zotosehalí“, bevor sie nach Utiariti verlegt wurden – nach dem Rückzug der Indios, wurde ihr Territorium vollkommen von Fazendas vereinnahmt. Nach der Schliessung von Utiariti liess sich die Gruppe in dieser Region nieder in der Absicht, im Dienst der Mission Reis- und Maisfelder anzulegen. Das Unternehmen basierte auf einer Abmachung zwischen ihnen und der MIA, die besagte, dass die Mission den Arbeitern sämtliche Infrastruktur zur Verfügung stellen würde, als Gegenleistung verlangte sie die Produktion. Und als Bezahlung wurden Industrieprodukte vereinbart (Nahrungsmittel, Schuhwerk, Kleidung und Medikamente).
Auch das Dorf Sacre wurde nach der Schliessung des Internats von Utiariti gegründet. Bewohner desselben antiken Dorfes Zotosehalí wurden von den Padres zu diesem neuen Ort umgesiedelt, wo sie sich dem Sammeln von Latex widmeten.
Die Paresí glauben, dass die Wälder und Flüsse von Geistern bewohnt werden. Ein Schlangengeist und seine Frau wurden im Männerhaus aufgezogen, wo der Schlangengeist von einer Art Trompete repräsentiert wird und seine Frau von einer Flöte. Dort, wo die Männer tanzten und sangen, war es den Frauen verboten einzutreten. Die Männer tranken Chicha, um den Durst des Schlangengeistes zu stillen, und assen grosse Mengen Fleisch um ihren eigenen Hunger zu befriedigen.
Ein paar Krankheiten werden noch immer von den wenigen existierenden Schamanen behandelt, von denen die andern glauben, dass sie fliegen können. Sie heilen Krankheiten mittels Heilpflanzen und Tabakrauch, den sie auf ihre Patienten blasen. Die Paresí glauben auch, dass Schamanen in der Lage sind, Krankheiten zu provozieren, indem sie ihre Opfer mit Gift bestreuen oder es in ein Getränk mischen.
Die Legende von der Herkunft der Halíti erzählt, dass einstmals in der Vergangenheit kein Mensch existierte – nur Gott Enoré, der eine Tochter und einen Sohn hatte. Als seine Kinder Wasser für ihren Vater holten, vernahmen sie ein Donnergrollen, und die Erde bebte. Das waren die Paresí, die aus einem Felsenloch krochen, in der Nähe einer natürlichen Steinbrücke, die einen der Zuflüsse des Rio do Sangue überspannte. Auf ihr befand sich der erste Paresí, er tanzte mit den heiligen Flöten, bis ein kleiner Vogel durch einen Spalt im Felsen herausflog, um später wieder zurückzukehren und den andern drinnen zu berichten, wie schön es draussen sei. Daraufhin veranlasste Wazaré, der mythologische Held, verschiedene Vögel und andere Tiere, die Felsspalte zu erweitern, damit alle nach draussen gelangen konnten. Eine Gruppe von Brüdern kam aus der Erde durch eine Öffnung im Fels, und sie schlossen sich den Halíti an. Diese Brüder, mit Namen “Wazáre, Kamazo, Zakálo, Zalóya, Zaolore, Kóno, Tahóe“ und “Kamaihiye“ trugen in vielerlei Hinsicht zur Gestaltung unserer Welt bei. Der erste von ihnen, der herauskam, war Wazáre, der älteste der Brüder, der zeigte den Jüngeren den Weg und sorgte für ihre Eingliederung an verschiedenen Orten der neuen Welt, die sich vor ihren Augen auftat.
Der Legende enthüllt, dass diese Welt schon vor Wazarés Ankunft existierte, aber erst durch seine Vermittlung konnte sie von allen verstanden und von den Halíti bewohnt werden. Die Quellen, die Flüsse, die Vögel, die Bäume und die Blumen waren da, aber erst die Wazáre gab ihnen Namen.
Als sie den Felsen verliessen, hatten die Brüder ein ungewöhnliches Aussehen: Sie waren behaart, besassen Schwänze, hatten lange, spitze Zähne und Membranen zwischen den Fingern der Hand und den Zehen an den Füssen – sie befanden sich in einem “fast menschlichen Stadium“. Verschiedene Ereignisse verwandelten das Aussehen der Brüder während eines gradativen Prozesses, welcher durch die Einwirkung von Wesen aus der Tierwelt (Agutis, Stechmücke und Ameise) voran getrieben wurde, sie formten die Körper jener Ahnen, bis sie die Halíti-Gestalt erreicht hatten.
Und es gab einen Mann, er hiess Kuytihoré, der nicht alle seine Körperhaare entfernte. Dieser Mann war reich: Er hatte Rinder, Pferde und Metallwerkzeuge, die er Wazáre anbot, um sich mit ihm zu messen. Das machte Wazáre wütend, und er sprach: “Ich will keine Rinder, denn die werden den Platz vor den Häusern meiner Söhne verschmutzen. Ich will keine Werkzeuge, denn die sind vergiftet und werden meine Söhne töten. Du begibst dich auf die andere Seite der Steinbrücke und mischst dich ab sofort nicht mehr unter die Paresí“! Und Kuytihoré ging weit weg, blieb bei den Weissen und hatte viele Kinder.
Am Ende ihres Verwandlungsprozesses waren die aus den Felsen gekrochenen Brüder soweit als menschliche Wesen entwickelt, dass sie den Wunsch zum Sexualverkehr verspürten, um sich fortzupflanzen. Wazáre und seine Brüder begegneten den Töchtern des Königs der Bäume (Atyáhiso) und heirateten sie. Diese Töchter waren als Menschenwesen jedoch auch noch nicht ganz komplett – das heisst, ihre Körper waren noch nicht in der Lage, zu kopulieren und geschwängert zu werden. Den Prozess ihrer “Humanisierung“ vervollständigten die Männer, denn sie besassen die nötigen Instrumente, um sie in “Halóti“ (Menschenwesen weiblichen Geschlechts) zu verwandeln. Sie bedienten sich eines Aguti-Schneidezahns und modellierten die Vagina der Frauen – wodurch sie als ihre “Schöpfer“ gelten. Auch die Frauen beteiligten sich an der “Humanisierung“ der mythologischen Wesen, denn sie waren es, die den Stechmücken befahlen, die maskulinen Sexualorgane der Form und Grösse ihrer Vaginas anzupassen.
Die Früchte jener Vereinigungen waren die Kozárini (Kinder von Kamázo), die Kazíniti (Kinder von Záolore), die Warére (Kinder von Kóno), die Káwali (Kinder von Tahóe) und die Wáimare (Kinder von Zákalo und Zalóya). Wazáre hatte keine Kinder und Kamaihíye hinterliess ebenfalls keine Nachkommen. Die Wáimare sind Kinder von zwei Brüdern, die Geschlechtsverkehr mit derselben Frau hatten.
Die Kozárini, Kazíniti, Wáimare, Káwali und Warére wurden “vollständig menschlich“ geboren, was ganz deutlich in der Bezeichnung “Halíti“ (Menschen – menschlichen Geschlechts) ausgedrückt wird, die für die Gesamtheit ihrer Nachkommen gebraucht wird. Wazáre übergab an jeden Bruder ein bestimmtes Territorium und begründete damit die Entstehung spezifischer gesellschaftlicher Gruppen.
Die Verstorbenen der Paresí wurden innerhalb ihrer Häuser beerdigt, zusammen mit ihren Besitztümern. Der Mythos vom Tod erzählt, dass der Geist des Verstorbenen sich mit den “Zotete“ trifft, die ihn zum Dorf der Toten geleiten. Zotete sind Wesen, in die sich einst zwei alte Männer verwandelten, welche die Fähigkeit besassen, die Götter (enoré) sehen zu können und Personen heilen konnten, indem sie den Zauber auflösten, der ihre Krankheiten verursachte. Auf dem Weg zum Dorf der Toten muss der Geist des Verstorbenen über eine Brücke gehen, deren Bogen von einer riesigen Anakonda gebildet wird, während die Zotete am anderen Ufer des Flusslaufes auf ihn warten. Falls der Verstorbene viele böse Dinge in seinem Leben getan hat, wird die Anakonda sich bewegen, wenn er hinüber gehen will, und er muss zurück zum diesseitigen Ufer. Wenn das geschieht, werden die Zotete seinen Geist mit Feuer läutern, um die bösen Taten auszulöschen – erst dann kann der Verstorbene die Brücke überqueren, ohne dass die Schlange sich rührt – und die Zotete geleiten ihn ins Dorf der Toten. Dieses Dorf ist eine Kopie des Dorfes der Lebenden, es unterscheidet sich lediglich durch die Tatsache, dass dort das Inzest-Verbot aufgehoben ist.
Jede Gruppe hat dort ihren eigenen Platz – ein Dorf zum Wohnen nach dem Tod. Die Waimáre begeben sich an einen Ort, der “Zolohoiaka” genannte wird, und die Kazárini begeben sich zu einem anderen Ort, der “Kalokaré“ heisst. Wenn der Verstorbene das Dorf der Toten erreicht, verwandelt sich sein Geist erneut in einen “Halíti“ und bekommt eine Familie – genau so eine, wie er sie vor seinem Tod hatte. Er zieht sich zurück ins Haus, und die Halíti geben ihm Medizin und zu essen, bis er von seiner Krankheit geheilt ist, die ihm den Tod brachte. Danach kann er sich verheiraten mit wem er will, ein Feld bestellen und fischen gehen.
Die gesellschaftliche Organisation der Paresí ist nicht auf einer Basis von effektiven sozialen Einheiten aufgebaut, wie zum Beispiel Abstammung oder Altersgruppen. Unter ihnen gibt es einen Terminus, welcher sich auf alle Personen bezieht, die von einem bestimmten Ego mittels der verwandtschaftlichen Terminologie identifiziert werden können: “itywasá“. Die ungefähre Bedeutung der Bezeichnung ist “Name des zu rufenden Verwandten“. Des Weiteren gibt es die Bezeichnung “katyawazá”, deren Übersetzung in etwa lautet “einen Namen des zu rufenden Verwandten besitzen” (ka = besitzen, haben). Dagegen steht der Ausdruck “máiha katyawázere“, in dem “máiha“ einen Verneinungspartikel darstellt, der die Unmöglichkeit einer Identifikation auf der Basis verwandtschaftlicher Terminologie andeutet. Dieser Ausdruck wird benutzt in Bezug auf “unbekannte Personen“, in der Regel für Mitglieder verschiedener Untergruppen, zu denen keine Verbindungen bestehen, die es ermöglichen würden, sie beim Namen zu nennen. Ausser jenen Kategorien, die eine Dichotomisierung (Zweiteilung) der Paresí-Gesellschaft in “Verwandte“ und “Nichtverwandte“ erlauben, existieren andere klassifizierende Termini im selben Bereich, die den Paresí eine genauere Definition ihrer Beziehungen ermöglichen. Bezeichnend dafür sind die Beziehungen zu den “ihinaiharé kaisereharé” Personen, die man als “richtige Verwandte” übersetzen kann, dagegen sind die “ihinaiharé sékore“ „Verwandte von weitem“ oder Personen von hohem Ansehen, die man wie Verwandte empfindet.
Die Kategorie “ihinaiharé kaisereharé” betrifft jene Personen, die ihre Ahnenreihe fehlerlos hersagen können, während man unter den „ihinaiharé sékore“ jene versteht, deren genealogische Beziehungen so weit zurückliegen, dass sie nicht mehr relevant sind. Alle Bewohner eines Dorfes erkennen sich selbst als “ihinaiharé kaisereharé“ an, obwohl das Netz der “ihinaiharé kaisereharé“ einer Person weiter reichen kann, als die Grenzen ihrer lokalen Gruppe. Spaltungen von Dörfern und bilaterale Eheschliessungen sind die Gründe für eine Ausbreitung der “ihinaiharé kaisereharé“, und sie ermöglichen eine Neugruppierung in Nachbardörfern.
Die Beziehungen zwischen den “ihinaiharé kaisereharé“ basieren auf einer grosszügigen Teilung von Nahrungsmitteln, Gastfreundschaft, Kooperation bei den Arbeiten zur Selbsterhaltung, beim Bau von Häusern und bei der Verleihung von Arbeitswerkzeugen – ausserdem gibt man Eheschliessungen innerhalb dieser Kategorie den Vorzug.
Solidarität und Kameradschaft, von denen die Beziehungen dieser Menschen geprägt sind, werden alljährlich gefestigt durch ein Ritual, das “roça nova“ (neues Feld) genannt wird und an dem das Netz der “ihinaiharé kaisereharé“ aus einem bestimmten Dorf exklusiv teilnimmt. Bei den anderen Ritualen – “moça nova“ (neues Mädchen) und “batizado“ (Taufe, Namensgebung) – beteiligen sich die “ihinaiharé kaisereharé“ des Mannes, der das Fest veranstaltet, an den Vorbereitungen desselben, indem sie kollektive Jagden durchführen, zusammen Fische fangen, sich um die Sauberkeit des Festplatzes kümmern, etc.
Unter den “ihinaiharé sékore” kann man, im Vergleich zur beschriebenen engen Beziehung zwischen den “ihinaiharé kaisereharé“, eher eine formale, fast befremdende Haltung beobachten. Ihre Beziehungen sind geprägt von Zeremonien und einem gewissen Abstand. Der gegenseitige Umgang drückt sich im allgemeinen aus durch Scherze und Spässe. Ein Tauschen von Nahrungsmitteln und eine Kooperation bei den Arbeiten fehlen bei dieser Art von Beziehung.
Während des Verlaufs der Feste “batizado, moça nova” und “roça nova” nehmen die beiden Klassen der Personen “ihinaiharé kaisereharé“ und “ihinaiharé sékore“ deutliche Formen an. Dieses Phänomen wird sichtbarer bei solchen Festen, an denen sich beide Arten der Verwandtschaft beteiligen. In solch aussergewöhnlichen Situationen kann es geschehen, dass die Teilnehmer ihre eigene Klassifizierung revidieren und sich erlauben, ihre “Identitäten zu vertauschen“, indem sie das Benehmen und die Haltung der Gegenseite annehmen.
Eine Eheschliessung zwischen Gruppen, die als „ihinaiharé kaisereharé“ klassifiziert sind, wird von den Paresí als ideal betrachtet. Als Begründung wird der einfache Umgang mit den Verwandten der Ehepartner angeführt. Eine Eheschliessung zwischen Personen, die als “ihinaiharé sékore” klassifiziert sind, wird kompliziert durch die geografischen Entfernungen und die Unsicherheit einer gesellschaftlichen Annäherung zwischen der Verwandtschaft der Brautleute.
Unter den Paresí ist nach der Heirat eine “temporäre Uxorilokalität“ (Zusammenleben mit der Familie der Ehefrau) üblich – das heisst, der Ehemann wohnt während des ersten Ehejahres im Haus der Eltern seiner Frau – danach hat er die freie Entscheidung. Diese Regel wird vom erstgeborenen Sohn eines lokalen Häuptlings allerdings nicht eingehalten. Indessen bestehen die Männer heutzutage darauf, im Dorf ihrer Eltern zu bleiben, was man als den Versuch interpretieren kann, die familiäre Gruppe zu stärken. Die Entscheidung, im Dorf der Eltern der Frau oder des Mannes zu verbleiben, scheint leichter zu fallen, wenn die Verwandtschaft zu den „ihinaiharé kaisereharé“ gehört.
Die Eheschliessung wird bei den Paresí nicht mit einer Zeremonie oder sonst einer Formalität begangen. Die Verhandlungen bestehen lediglich aus einem Besuch des Anwärters beim Vater der Braut. Der Schwiegervater in spe antwortet auf das Gesuch des zukünftigen Schwiegersohnes mit einem kurzen Vortrag, in dem er betont, dass der Schwiegersohn seine Pflichten gegenüber dem Schwiegervater zu erfüllen habe – was hauptsächlich bedeutet, dass er ihm bei der Feldarbeit zu Hand zu gehen hat. Anschliessend begibt sich der junge Mann zum Haus seiner Braut, wo er zirka ein Jahr wohnen wird.
Es ist Paresí-Tradition, Jungen und Mädchen schon im Kindesalter miteinander als “Verlobte“ zu verbinden. Manchmal zieht ein junger Mann ein noch kindliches Mädchen auf, und wenn es die Pubertät erreicht hat, heiraten sie. In früheren Zeiten übergab der Bräutigam seinem Schwiegervater eine “Hochzeitsentschädigung“, die vor allem aus Korbwaren bestand. Und wenn Eheschliessungen zwischen ”ihinaiharé sékore” stattfanden, organisierten die Eltern der Braut ein grosses Fest, um die Allianz zwischen den verschiedenen Verwandtschaftsgruppen zu feiern.
Die Beziehung zwischen den gekreuzten Cousins (Kinder der Schwester des Vaters oder Kinder des Bruders der Mutter) verschiedenen Geschlechts bietet die Möglichkeit einer Heirat. Scherze und Spässe in der Öffentlichkeit sind üblich zwischen potenziellen Eheleuten oder Cousins und Cousinen.
Die Beziehung zwischen verschwägerten Männern verpflichtet zur Kooperation bei der Feldbearbeitung. Die kameradschaftlichen bis intimen Beziehungen zwischen parallelen Cousins (Söhne der Schwester der Mutter und Söhne des Bruders des Vaters) sind dagegen zwischen den Schwagern zu einem eher formalen Umgang abgeschwächt. Es ist nicht üblich, dass sie sich besuchen, und wenn sie reisen, ziehen sie es vor, sich im Haus eines Bruders oder eines parallelen Cousins einzuquartieren.
Die Geburt eines neuen Babys in der Familie verpflichtet die älteren Schwestern, sich um die jüngeren Geschwister zu kümmern. Ihre Rolle ist von fundamentaler Bedeutung in diesem Moment, in dem sich die Mutter mit dem Neugeborenen beschäftigen muss. Des nachts teilen die älteren Schwestern ihre Hängematten mit den jüngeren und suchen sie zu unterhalten, damit sie ihrer Mutter nicht zur Last fallen – auch während des Tages verbleiben die Jüngeren in ihrer Obhut.
Die Solidarität der “Geschwistergruppe“ (reale und klassifizierte Geschwister) ist gross, und sie zeigt sich, ausser einer intensiven Kooperation bei der Arbeit, auch in der Verleihung von Ehegattinnen und Ehegatten an unverheiratete Brüder oder Schwestern. Es ist einem Mann erlaubt, sexuellen Verkehr mit der Ehefrau, der Schwester seiner Frau und der Ehefrau seines Bruders zu pflegen – einer Frau ist es erlaubt, sexuellen Verkehr mit ihrem Ehemann, dem Bruder des Ehemannes und dem Ehemann ihrer Schwester zu pflegen. Die Einheit einer Geschwistergruppe drückt sich auch in der Tendenz aus, sich zu einer gemeinsamen lokalen Gruppe zusammenzuschliessen.
Eltern und ihre Kinder bilden eine signifikante Gruppe in der Paresí-Gesellschaft. Die körperliche Nähe im Innern einer residenziellen Einheit verschleiert nicht die Tatsache, dass bestimmte Räumlichkeiten den Kernfamilien vorbehalten sind. Die Platzierung der Hängematten am gleichen Ort, wo auch ihre Besitztümer sich befinden, ist das Zeichen ihres Platzanspruchs. Die gemeinsamen Mahlzeiten sind ebenfalls Anzeichen der familiären Einheit.
Die zentrale Figur innerhalb der Familie ist die des Vaters. Seine Frau und seine Kinder werden nach ihm identifiziert. Einige Familien haben die Angewohnheit, den brasilianischen Beinamen des Chefs der Familie auch auf Frau und Kinder zu übertragen.
Die Paresí sagen, dass die Söhne körperlich ihrem Vater ähneln. Aus ihrer Sicht kommt dem Vater die bedeutendste Rolle bei der Zeugung der Kinder zu. Gleich nachdem ein Kind geboren wird, ziehen sich Vater und Mutter aus der Öffentlichkeit zurück. Der Mann verbringt die meiste Zeit des Tages mit schlafen, während die Frau sich mit kulturellen und materiellen Praktiken beschäftigt, die sie für bedeutend hält und nicht vergessen will. Dem Mann ist es dagegen erlaubt, sich im Patio seines Hauses aufzuhalten oder auch mal ein paar Momente lang Bekannte in einem anderen Teil des Dorfes zu besuchen. Die Dauer dieser Rückzugsperiode der Eltern hängt vom Gesundheitsstadium des Babys ab: Wenn sie der Meinung sind, dass ihr Sohn genügend “kräftig“ ist, brechen sie ihre Zurückgezogenheit ab.
Während seines “Rückzuges“ geht der Mann nicht auf die Jagd, isst kein Fleisch, hat keinen sexuellen Kontakt, und darf auch keine schweren Arbeiten verrichten, wie zum Beispiel Bäume fällen oder Brennholz tragen. Die Nichtbeachtung dieser Vorschriften kann zur Erkrankung des Babys führen oder sogar zu seinem Tod.
Die Frau muss nach der Geburt eine Reihe von Regeln bei der Nahrungsaufnahme beachten, wie zum Beispiel kein “olóniti“ trinken (fermentiertes Getränk aus Maniok-Saft) und keinerlei Fleisch zu sich zu nehmen. Das Verbot, Flechtarbeiten vorzunehmen, gilt auch für die Frau. Während einer längeren Zeit nach der Geburt ist es der Frau auch verboten, Feldarbeiten auszuführen, um die Pflanzung vor Schaden zu bewahren.
Der Vater ist derjenige, der seine Söhne gesellschaftsfähig erzieht – die Mutter ist die Erziehungsberechtigte für die Töchter. Die Väter bemühen sich, ihre Fähigkeiten an die Söhne weiterzugeben, indem sie lehren, wie man jagt, fischt und Körbe flicht. Die Mädchen helfen der Mutter, ab ihrem achten Lebensjahr in etwa, mit der Versorgung der jüngeren Geschwister, bei der Hausarbeit und der Bearbeitung der Felder.
Ein Mann, nachdem er verheiratet ist, übernimmt die Position eines Schuldners gegenüber der Verwandtschaft seiner angeheirateten Frau. Seine Schuld wird mit harter Arbeit abgegolten. Ein Schwiegersohn hilft dem Schwiegervater auf dem Feld, füllt den Stapel mit Feuerholz auf und stellt Kunsthandwerksartikel her, die der Schwiegervater dann verkauft oder tauscht. Oft ist der Schwiegersohn der einzige Hersteller von Haushaltsutensilien in dieser Gruppe. Respekt scheint die Basis dieser Art von Beziehung zu bilden, der sich in der zeremoniellen Haltung des Schwiegersohnes im Haus seines Schwiegervaters ausdrückt. Die Interaktion zwischen den Beiden verpflichtet weder zu einem ausweichenden Verhalten, noch zu einem engeren physischen Kontakt.
Die Beziehung des Schwiegersohnes zu seiner Schwiegermutter ist noch distanzierter als zu seinem Schwiegervater. Indessen, wenn sie sich mögen, entwickelt sich ihre Beziehung mittels vieler Scherze und Witzeleien, in denen sexuelle Themen vorherrschen. Eine gewisse Spannung ist nur zwischen Schwiegersohn und Schwiegervater ein relativer Aspekt. Wenn sie im Haus des Schwiegervaters wohnen, pflegen die Schwiegersöhne häufig ihrem Wunsch, ein Haus für sich und ihre Familie zu bauen, Ausdruck zu geben – und sie verbergen ihren Unmut nicht, den sie bezüglich der “Schwerarbeit“ für den Schwiegervater empfinden.
Die Dörfer der Paresí sind autonome politische Einheiten, und nur jenen, die einer lokalen Gruppe angehören, ist es gestattet, über Fragen des gesellschaftlichen Lebens zu diskutieren. Das Schicksal eines Dorfes liegt in den Händen seiner Bewohner, und die Beschlüsse dessen, der die lokale Gruppe führt, müssen von anderen Führern respektiert werden, irgendwelche anderen Ausredungsversuche sind ausgeschlossen. Die lokalen Gruppen anerkennen die Führung eines „weikate wénakalatí“ (Herr des Ortes) – was bedeutet, dass er es war, der die Initiative wahrnahm, an diesem Ort ein “háti“ (Haus) zu errichten.
Das Modell der politischen Organisation, so wie es sich heutzutage darstellt, unterscheidet sich vom jenem der Vergangenheit. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts herrschte eine Art gesellschaftlicher Klassifizierung vor, welche unterschied zwischen den „ezékwaharé“ – was man als “Auftraggeber“ übersetzen kann – und den “ewakaneharé“, deren etimologische Bedeutung das Wort “Ausführende“ sinngemäss trifft (siehe Abschnitt “Gesellschaftliche Kategorien“).
Die “Besitzer der Häuser” in einem Dorf waren die Individuen der Kategorie “ezékwaharé“, deren Autorität über den „ewakaneharé“ ihrer familiären Gruppe stand. Ihnen oblag die Orientierung der Gruppenarbeit und die Organisation der Zeremonien (Chicha-Feste). Prestige und Autorität eines “Hausbesitzers“ basierte auf der Tatsache, dass er aus der Klasse „ezékwaharé“ stammte, und auf seiner politischen Fähigkeit, die Haushaltsgruppe zusammenzuhalten, indem er wie ein Ordnungshüter agierte. Seine Aufgabe war es, erhitzte Gemüter zu beruhigen und zu verhindern, das kleinere Dispute die Einheit der familiären Gruppe bedrohten.
In der Regel waren es auch die Männer der Kategorie “ezékwaharé“, welche die Initiative ergriffen, ein neues Haus zu bauen. Was die Nachfolge betraf, so besetzte der älteste Sohn den Platz des Vaters. Der Erstgeborene eines “Hausbesitzers“ musste nach seiner Heirat bei seiner eigenen Familie verbleiben.
Unter den “ezékwaharé” Hausbesitzern gab es jene, die als „ezékwahasetí“ bekannt waren – sie waren die “wahren Chefs“ der lokalen Gruppen. Während die Autorität eines Hausbesitzers sich nur auf seine Haushaltsgruppe erstreckte, konnte die Autorität eines „ezékwahasetí“ die familiären Gruppen eines ganzen Dorfes beeinflussen, denn er genoss das Prestige und die Anerkennung aller.
Gegenwärtig beziehen sich die Paresí auf die Herren des Dorfes zwar immer noch mit dem Terminus „ezékwahasetí“, aber der hat eine neue Bedeutung erhalten, denn er stützt sich nicht mehr auf die soziale Klassifizierung “ezékwaharé/ewakaneharé“, wie früher. Heute demonstriert die Bezeichnung, dass ihr Träger “Chef“ oder “Capitão“ der lokalen Gruppe ist. Heutzutage bezieht sich die Autorität des “ezékwahasetí” direkt auf die Belange des Dorfes, wie zum Beispiel die Administration der Aktivitäten zur Selbsterhaltung und die Organisation der Chicha-Feste. Die Chefs des Dorfes sind jedoch nicht immer auch die Mittelsmänner der Paresí im Kontakt mit den nicht-indigenen Agenten. Allerdings sind die Beherrschung der portugiesischen Sprache und die Geschicklichkeit im Umgang mit den Weissen Faktoren, die einem Führer des Dorfes besonderes Prestige einbringen.
Der Chef eines Dorfes muss besonders vorsichtig sein, wenn er sich an seine Mitbewohner wendet, sei es um Aufgaben zu verteilen, oder um einen Rat zu geben. Die Paresí akzeptieren keine direkten Befehle. Ein Chef sollte suggerieren – niemals befehlen. Die Position eines Chefs vererbt sich, vom Vater auf den Sohn, vorzugsweise auf den Erstgeborenen. Der Kandidat sollte die Gabe eines guten Redners besitzen, energisch sein, fest in seinen Entscheidungen und Konfliktsituationen geschickt entschärfen können.
Unter den Paresí existiert eine gesellschaftliche Klassifizierung, die sich scheinbar auf die Kompetenzen der Personen auf dem Gebiet wirtschaftlicher Aktivitäten bezieht (Feldarbeiten, Jagd, Konstruktion von Wohneinheiten, Durchführung von Ritualen und häuslichen Arbeiten). Die beiden bedeutendsten Kategorien dieser Klassifikation sind: die „ezékwaharé“ und die “ewakaneharé“. Der erste Terminus ist eine Ableitung des Wortes “ezékane“ – es bedeutet “was die Leute geben“. “Ezékane“ mit dem Zusatz “hare“ (Person) kann man übersetzen mit “Person die gibt“ oder “Geber“ (eines Auftrags, zum Beispiel). “Ewakaneharé” hat die Bedeutung von “der Beauftragte, der Ausführende”. Dieser Klassifizierung entsprechen zwei Gruppen: die der Chefs und ihrer Verwandten (ezékwaharé) und die der restlichen Bewohner einer lokalen Gruppe – das Volk, die “ewakaneharé“.
In der Vergangenheit wurden diese Kategorien nicht zur Regulierung ehelicher Beziehungen gebraucht, denn damals war eine Ehe zwischen Individuen verschiedener Gruppen noch nicht untersagt. Die Zugehörigkeit erfolgte durch die paternale Linie. Ihre Definition ergab sich aus den dazugehörigen Aufgaben. So sind die “ezékwaharé” jene, die “denken und befehlen” – sie denken an die Aufgaben des Jahres (Feldarbeit), “orientieren und koordinieren die Dienstleistungen”, “kümmern sich um die Personen“, “geben Ratschläge“, “lassen keinen Klatsch zu“, “bestimmen die Daten der Feste“, und ausserdem “arbeiten sie auch selbst und geben nicht nur Befehle“ – “sie arbeiten mit“. Die “ewakaneharé“ ihrerseits machen alles, was ihnen die “ezekwahasetí“ auftragen: Feldarbeit, Brennholz sammeln, Hausarbeit, sich um die Sauberkeit des Dorfplatzes kümmern und um die Jagd zur Vorbereitung eines Festes.
Die Tatsache, dass es verschiedenartige Beiträge zum Wohl der Gruppe gibt, bedeutet aus der Sicht der Paresí keine unterschiedliche Bewertung der Gruppen. Die sozialen Kategorien werden Seite an Seite postiert, wie komplementäre Hälften. Daher darf die beschriebene terminologische Verknüpfung zwischen „ezékwaharé, dem Befehlenden“, und “ezakaneharé, dem Ausführenden“, nicht als Indikator einer Herrscher/Untertan Beziehung verstanden werden – als Macht einer Kategorie über die andere. Sie befinden sich vielmehr in einer unabhängigen Beziehung, einer gleichgewichtigen Wechselbeziehung.
Es gibt noch eine dritte Kategorie von Individuen, die “kahéte“ genannt werden, was die Paresí mit “Kuhtreiber“ übersetzen, wegen ihrer Charakteristik, “im Wald zu leben, zusammen mit dem Vieh“. Sie sind für die Fleischlieferungen an die lokalen Gruppen verantwortlich. Die Darstellung der “kahéte“ als “wilde Leute“, die “wegen jeder nichtigen Sache Streit anfangen“, ist gekoppelt an eine weitere Charakteristik: die Kriegsführung. Die Nachkommen der “kahéte“ bemühen sich um ein Benehmen, welches ihr kriegslüsternes Image unterstreicht. Man sagt, dass sie die Art und Weise wie die “halíti“ zu leben, nicht mögen, denn sie sind daran gewöhnt, “stets im Wald zu leben“, in Jagd-Camps, und sie besitzen keine Felder, sondern leben streunend durch die Savannen auf der Suche nach Wild, das sie periodisch in die Dörfer bringen, um dagegen kultivierte Nahrungsmittel einzutauschen. Erst nach Geburt ihres ersten Sohnes kümmern sie sich um eine feste Bleibe in den Dörfern.
Im Versorgungsprozess des materiellen Lebens sind die Haushaltsgruppen, und mit ihnen die Kernfamilien, die bedeutendsten produktiven Einheiten. Diese Einheiten beschäftigen sich vor allem mit einer wirtschaftlichen Aktivität, welche als die bedeutendste von ihren Mitgliedern angesehen wird: die Pflanzung der wilden Maniok.
Die Paresí kultivieren verschiedene Sorten der wilden Maniok – die häufigste ist der Typ “kéte“, ein Basisprodukt, aus dem das Fladenbrot (zómose) bereitet wird, ausserdem das Maniok-Mehl (tyoloéhe), das Maniok-Stärkepulver (éhe), aus dem man einen Kuchen herstellt, der “kenáike“ genannt wird, und eine besondere Art von Chicha (olóniti), ein Getränk, das aus dem Saft der Maniokwurzel zubereitet wird, der nach einem Fermentierungsprozess, vorzugsweise im Verlauf von Ritualen, getrunken wird. Eine andere Maniok-Sorte (kázalo) wird nur für die Herstellung eines Getränks genutzt. Die Paresí kennen noch einige weitere Maniok-Sorten, die sie „zaterehó, kotohokose, awaizoré“ und “hatinoliró“ nennen.
Alle lokalen Gruppen haben ihre Felder, auch die, welche ihre Art der Ernährung deutlich umgestellt haben, wie zum Beispiel jene Dörfer, die sich mit dem Sammeln von Latex beschäftigen oder andere, die Kunsthandwerk zum Verkauf herstellen.
Jährlich werden neue Felder angelegt an Orten, die sich zwischen drei und fünf Kilometern von den Dörfern entfernt befinden. Ein Feld wird verlassen, wenn seine Produktion schwindet – es kann dann aber nach einigen Jahren, nachdem sich der Boden erholt hat, wieder reaktiviert werden.
Die erste Produktionsphase, welche die Vorbereitung des Bodens betrifft, verlangt die Kooperation aller verfügbaren Männer. In dieser Etappe kann man in der Regel auch auf die Kooperation von Arbeitskräften anderer lokaler Gruppen zählen – vor allem jener, die der Kategorie “ihinaiharé kaisereharé“ angehören. Ausserdem wird erwartet, dass die Schwiegersöhne, welche virilokal leben – das heisst, in ihren Heimatdörfern – sich in die Dörfer ihrer Schwiegerväter begeben, um ihnen bei diesen schweren Feldbearbeitungen zu helfen.
April und Mai sind die Monate, in denen das ausgewählte Terrain vorbereitet wird, indem man die Bäume fällt – bei diesen Arbeiten kommen Äxte, Sicheln und Haumesser zum Einsatz. Im August, wenn das Unterholz trocken ist, wird es abgebrannt. Im September ist die Erde dann bereit für die Bepflanzung. Zuvor wird das gesamte Terrain in symmetrische Felder eingeteilt, entsprechend der Anzahl der beteiligten Haushaltsgruppen.
Beim Bepflanzen arbeiten Mann und Frau zusammen, jedoch unter Beachtung der geschlechtlich bedingten Arbeitsteilung: Der Mann schneidet die Ableger der Maniok zu und gräbt mit der Hacke ein Loch in die Erde – die Frau setzt die Setzlinge in die Erdlöcher und schliesst die Löcher wieder mit ihren Füssen. Die Arbeitswerkzeuge gehören dem Haushalts-Kollektiv, die Familien benutzen sie abwechselnd. Die Paresí sagen, dass die Männer “Besitzer“ der Felder sind, und ihre Frauen die “Besitzerinnen“ der Ernte – von allem, was die Felder hervorbringen.
In den Randzonen der Maniokfelder pflanzen die Frauen Kürbisse, zahme Maniok, Zuckerrohr, Süsskartoffeln und Bananen, aber um diese Pflanzen kümmern sie sich nicht weiter. Die Männer pflanzen ein paar Tabakstauden zum Eigenbedarf.
Ausser den Maniokfeldern kultivieren die Paresí auch Mais, ein sehr beliebtes Produkt, das vor allem für die Produktion von Chicha verwendet wird. Während die dem Dorf am nächsten gelegenen Felder für die Pflanzungen von Maniok genutzt werden, befinden sich die Maisfelder oft weitab vom Dorf.
Während die Autonomie der Haushaltsgruppen von der Landwirtschaft geprägt ist, ist die Jagd doch von lebenswichtiger Bedeutung, nicht nur als Lieferant tierischen Proteins, sondern auch als Rohmaterial für die Herstellung von Kunsthandwerk (Federn, Knochen, Zähne, etc.)
Die Paresí ziehen es vor, allein zu jagen. Sie durchstreifen weite Entfernungen zu Fuss (einige Jagdgebiete befinden sich bis zu 30 Kilometer vom Dorf entfernt). Der Jäger nimmt während der Jagd keine Nahrung zu sich, nur Wasser darf er trinken. In einem kleinen Beutel hat er Streichhölzer, Tabak und Munition. Sein Instrumentarium besteht aus einem Gewehr und dem “zayakoti“ – einem Jagdschild, den er benutzt, um sich dem Wild unbemerkt zu nähern. Er jagt Nandus (Rhea americana), Seriemas (Cariama cristata), den Savannenhirsch ((Ozotocerus bezoarticus) und andere Tiere. Jeder Jäger besitzt eine Feuerwaffe, die sein Eigentum ist.
Solange die Jäger nicht zurückkehren, vermeiden die Frauen ihre Haare zu kämmen und fegen auch den Boden ihrer Häuser nicht. Diese Haltung, so glauben sie, hat die Macht, den Jäger unsichtbar zu machen: “Die Ema, der Hirsch, kein Tier kann ihn dann bemerken!“
Die gemeinsame Jagd wird nur anlässlich der Chicha-Feste veranstaltet (“Namensgebung der Kinder, Fest des Jungen Mädchens“ und des “Neuen Feldes“). Die Jäger vereinigen sich im gastgebenden Dorf und begeben sich zu einem bestimmten Ausgangspunkt der Jagd, wo sie eine Hütte errichten und ein Gestell (matyé) zimmern, auf dem sie später das Fleisch räuchern, um es haltbar zu machen. Bei diesen Gelegenheiten pflegen sie die Jagdmethode per Abbrennen eines Waldstücks anzuwenden, die durch Kooperation aller Beteiligten zum Erfolg führt. Vom Feuer aufgeschreckt, sammeln sich die Tiere an bestimmten offenen Stellen und sind eine leichte Beute für die lauernden Jäger.
Das Fleisch wird im Camp teilweise geräuchert und dann ins Dorf transportiert. Heutzutage pflegen die Jäger die Beine von Hirschen und die Flügel von Vögeln gleich nach deren Tod abzutrennen. Sowohl die Federn der Vögel als auch die Hufe der geschossenen Hirsche sind wertvolle Rohmaterialien zur Herstellung von Kunsthandwerksgegenständen. Die Söhne eines Jägers – ebenfalls Jäger, weil sie sich mit der Produktion von Kunsthandwerk befassen – bewahren dieses Material sorgfältig auf, das der Vater zu gleichen Teilen an sie weitergibt. Diese Kooperation ergibt sich aus dem Umstand, dass der Vater sich nicht mit der Herstellung von Kunsthandwerk für den Verkauf befasst, sondern sich selbst nur der Jagd widmet. Die Söhne ihrerseits beschenken die paternale Familie im Gegenzug mit bestimmten Industrieartikeln, die sie mit dem Geld für ihr Kunsthandwerk in der Stadt erstehen konnten, wie Kleidungsstücke, Schuhe, Munition, Waschpulver, Zucker, Streichhölzer und Tabak.
Das Zerlegen des Wildbrets wird im Beisein aller vorgenommen. Die Knochen der Extremitäten werden unter Kindern und Erwachsenen verteilt, die das Knochenmark schätzen. Die Frauen der einzelnen Familien nähern sich mit Behältern, welche die Innereien aufnehmen (Nieren, Leber, Herz, Därme) und Teile der Rippen (einzige Teile der Tiere, die roh verteilt werden). Die Innereien bekommt die älteste Frau des Dorfes, und auch die Kinder erhalten Teile davon.
Die übrigen Teile der Jagdbeute werden ins Haus des Chefs gebracht, wo sie von den Frauen gekocht werden. Der Chef selbst konstruiert ein Gestell zum Dörren der edleren Teile und wacht über die fachgerechte Zubereitung über dem Feuer.
Die Verteilung des gekochten Fleisches geschieht unter den gleichen Kriterien, wie bei der Verteilung der Innereien. Diesbezüglich beginnt man mit den Kindern jeder Familie: Jene, die bei der Erstverteilung zum Beispiel die Nieren bekommen haben, erhalten nun andere Innereien, zum Beispiel die Leber. Die Chefs der Haushaltsgruppen, wechseln sich ab, um die Köpfe der Hirsche zu bekommen. Dasselbe geschieht mit Brust und Schenkeln der Tiere: das Haus, welches bei der Erstverteilung Brustfleisch erhalten hat, bekommt bei der zweiten die Schenkel – und umgekehrt.
Während die Feldarbeit und die Jagd als “harte Arbeit“ gelten, werden andere Aktivitäten zur Selbsterhaltung, wie der Fischfang und das Abernten der Pflanzungen als komplementäre Aktivitäten angesehen, bei denen auch Freude aufkommt.
Fische zu fangen ist eine Alternative, wenn es kein jagdbares Wild gibt, besonders während der Regenperiode. Alle widmen sich dieser Beschäftigung mit Angelhaken. In der Regel angeln die Männer allein. Wenn sie dann hie und da mal ihre Frauen zum Angeln mitnehmen, sagt man, dass sie es tun, “um Sex zu haben“.
Die Frauen spielen eine bedeutende Rolle beim Fischen mit Lianengift (ahó) – eine bestimmte Lianenart produziert einen Saft, der die Fische betäubt, wenn er ins Wasser gelangt. Die Männer sammeln und bündeln die Lianen. Die Lianenbündel werden von den Frauen mit Steinen zerquetscht, bis ihr Saft austritt. Anschliessend verschliessen die Männer den Wasserlauf durch einen Damm und befestigen davor die Lianenbündel. Bei dieser Art von Fischfang nehmen alle Bewohner eines Dorfes teil, er wird als ein Event betrachtet, der allen grossen Spass bereitet, und in dem Männer, Frauen und Kinder, Seite an Seite, sich beim Einsammeln der auf der Wasseroberfläche treibenden, betäubten Fisch amüsieren. Das Ergebnis des Fischfangs wird später im Kollektiv von den Mitgliedern derselben Haushaltsgruppe verzehrt.
Das Sammeln von Früchten des Waldes – wie Nüsse der Bacaiuva-Palme oder der Babaçu oder der wilden Ananas – ist eine feminin geprägte Aktivität, bei der die Kooperation der Kinder von grosser Bedeutung ist. Diese Aktivität nimmt direkt nach der Trockenperiode zu und erstreckt sich auch über die Regenperiode hinweg. Frauen und Kinder des Dorfes streifen dann durch die Umgebung, um wild wachsende Früchte zu sammeln, die von allen Beteiligten gegessen werden.
Darüber hinaus gibt es andere Sammelaktionen, die sich auf Rohmaterialien für das Anfertigen von Kunsthandwerk konzentrieren, besonders zur Produktion verkäuflicher Artikel. Mit der zunehmenden Nachfrage nach Objekten zum Verkauf, hat sich auch die Suche nach entsprechendem Rohmaterial erhöht. Diese Art von Sammeltätigkeit wird von Mitgliedern einer Haushaltsgruppe durchgeführt, unter denen die verschiedensten Arten der Kooperation zu beobachten sind. Und da nicht alle lokalen Gruppen in ihrem Territorium die für eine bestimmte Konfektion notwendigen Rohmaterialien vorfinden, ist es üblich, dass die Sammler sich in Nachbardörfer begeben, um dort das Material zu bekommen, was sie brauchen.
Die Paresí gehören zu den wenigen indigenen Völkern Südamerikas, die es verstanden, Bienen zu halten. Sie benutzten dazu grosse Kalebassen (Kürbisschalen), in die sie zwei Öffnungen bohrten – die eine als Eingang für die Bienen, und die andere wurde mit Wachs versiegelt, für die Entnahme der Honigwaben. Heute halten sie Hunde, Hühner, Enten und Schweine.
Die Paresí bezeichnen jene Events, zu denen sich ihre Gesellschaft versammelt, um “olóniti“ (ein fermentiertes Getränk aus gerösteter Maniok-Stärke) zu trinken, als “Chicha-Fest“ – sie tanzen dann und singen, um ihre mythologischen Helden zu ehren. In der Regel laden die verschiedenen lokalen Gruppen in einer Art Wettbewerb zu diesen Veranstaltungen ein, aber es kann auch passieren, dass die Mitglieder eines Dorfes sich in einem ihrer Häuser spontan versammeln, um zu singen, zu tanzen und Chicha zu trinken.
Heutzutage finden diese Feste vor allem zur Feier bestimmter ritueller Handlungen statt, zum Beispiel anlässlich der Namensgebung von Kindern und pubertierender Mädchen, und auch bei einem Ritual des Kalenders: der ersten Ernte eines Maniok-Feldes.
Die Paresí qualifizieren ihre Feste als gross und als klein. Die grossen Feste – “olóniti kalóre“ – sind jene, an denen verschiedene Dörfer teilnehmen. Zu solchen Festen werden die Bewohner aller Dörfer eingeladen. Die kleinen Feste mobilisieren die Bewohner eines einzigen Dorfes, die in der Regel ihre „ihinaiharé kaisereharé“ mit einladen, um mit ihnen zusammen, zum Beispiel den neuen Zyklus der Feldarbeit, zu feiern.
Die grossen Feste werden im allgemeinen in der Mitte der Trockenperiode anberaumt, zwischen Mai und September, wenn die Maniokfelder einen speziellen Reifezustand erreicht haben. Die kleineren Feste finden in der Übergangszeit der Regenzeit zur Trockenperiode statt, in den Monaten März bis April, wenn man die erste Ernte eines neuen Feldes eingebracht hat.
Bei den grossen Festen sind die als „ihinaiharé kaisereharé“ klassifizierten Personen des gastgebenden Dorfes auch die Co-Sponsoren, denn sie beteiligen sich an den Vorbereitungen und vor allem an der vorausgehenden kollektiven Jagd zur Bewirtung der Gäste. Die eingeladenen Dörfer bestehen aus Personen, die als „ihinaiharé sékore” klassifiziert werden. Bei den kleinen Festen gibt es keine klare Unterscheidung zwischen Sponsoren und Eingeladenen, denn sowohl die Mitglieder des gastgebenden Dorfes als auch seine “ihinaiharé kaisereharé“, die auch in anderen lokalen Gruppen integriert sind, vereinigen sich zur Veranstaltung.
Die zu einem Fest Eingeladenen sind die “olóniti hoaháre“ (die, welche Chicha trinken), und derjenige, der das Fest veranstaltet, wird als “harékahare“ (Herr des Festes) bezeichnet. Der Moment der Vorbereitungen zum Fest ist äusserst fröhlich, denn bei dieser Gelegenheit arbeiten alle Bewohner des Dorfes Seite an Seite, fegen den Dorfplatz, ernten Maniok, um sie in Chicha zu verwandeln, rösten Brotfladen, konfektionieren Zigarren – unter anderen kollektiven Aktivitäten. Der “Herr des Festes“ begibt sich in die Dörfer, in denen seine „ihinaiharé kaisereharé“ wohnen, um sie persönlich zur kollektiven Jagd einzuladen, die zwischen 5 und 7 Tage dauert. Anschliessend wird ein Bote losgeschickt, um die anderen Dörfer einzuladen, deren Bewohner ihn mit grosser Freude empfangen.
Wenn die Eingeladenen im gastgebenden Dorf ankommen, werden sie mit Chicha und Zigarren empfangen. Sie begeben sich zu einem Haus, in dem eine Reihe von Ritualen stattfindet – dort verzehren sie das zubereitete Fleisch und trinken Unmengen Chicha. Wenn es dunkel wird, versammeln sich die Männer auf dem Dorfplatz, einige beginnen grosse Flöten zu spielen und andere halten Reden, in denen sie sich für die Einladung bedanken und sich auch dankend an die “Yámakas“ wenden – die grossen Flöten, in denen die Geister der Vorfahren präsent sind. Man tanzt, singt und trinkt, während die Frauen und Kinder sich in ihre Häuser zurückgezogen haben, denn sie dürfen nicht sehen, was dort draussen vorgeht – vor allem darf eine Frau niemals die heiligen Flöten “Yámaka“ der Ahnen erblicken.
Das “zikonahiti” ist ein Spiel der Männer, welches mit einem Mangaba-Ball (igomaliró) von zirka 13 Zentimetern Durchmesser gespielt wird. Die Besonderheit dieses Spiels: Der Ball wird zwischen den Mitspielern nur von Kopf zu Kopf, innerhalb eines rechteckigen Spielfeldes, weitergegeben, das durch eine im Boden eingeritzte Linie in zwei Hälften unterteilt ist. Jede Equipe besteht aus Männern derselben lokalen Gruppe oder aus solchen, die sich als “ihinaiharé kaisereharé“ bezeichnen (echte Verwandte).
Zur Durchführung der Spiels ist es notwendig, dass ein Dorf das andere zu einem Turnier einlädt. Eine solche Einladung darf nicht abgelehnt werden. Die Paresí sagen, wenn man die Teilnahme verweigert, kommt dies einem Affront gegen jene gleich, die zum Spiel eingeladen haben. Sie bezeichnen deshalb eine solche Einladung als “Herausforderung“.
Anlässlich eines Chicha-Festes gibt es immer Gelegenheit, wenn verschiedene Gruppen anwesend sind, sich tagsüber einem Ballspiel zu widmen, bei denen Gruppen der “ihinaiharé kaisereharé“ eines Dorfes den „ihinaiharé sekoré“ eines anderen Dorfes, gegenüberstehen.
Ein fundamentales Element der Spiele sind die Wetten. Wenn sich eine Equipe formiert hat, bestimmt sie ein Individuum für die Rolle des “Wetthalters“. Bevor das Spiel beginnt, übergibt jeder Spieler seinem Wetthalter verschiedene Objekte, wie Streichholzkästchen, Nylonschnur zum Angeln, Angelhaken, Kamm, Seife, Kleidungsstücke, Patronen, etc. um die gewettet wird. Die beiden Wetthalter setzen sich, Seite an Seite, vor das Haus des “Herrn des Dorfes“. Frauen und Kinder verfolgen das Geschehen auf dem Platz zusammen, von ihren Häuserfronten aus. Die Wetten werden vor jeder Partie platziert, und sie reihen sich solange aneinander, bis die Wetthalter nichts mehr zum gewinnen haben. In der Regel beendet man das Spiel, wenn einer der beiden Equipen die Gegenstände zum Verwetten ausgehen – dann verteilt der Wetthalter der anderen Equipe das, was er noch übrig hat, unter die Spieler. Und noch ein Detail: Ein Spiel ist erst zu Ende, wenn beide Equipen einen Sieg errungen haben – was bis zu einem Monat dauern kann.
Es gibt noch ein weiteres Spiel, das “tirimotiati“ heisst, in dem die Spieler zwei Holzstäbe, nebeneinander und Seite an Seite, in den Boden stecken – dann entfernen sie sich zirka 10 Meter von ihnen. An diesem Spiel können auch Frauen teilnehmen, und es kann sowohl von zwei Teams als auch nur von zwei Personen gespielt werden. Dabei kommt es darauf an, einen kleinen, kugelförmigen Stein – mit der Hand und auf dem Boden – gegen den gegnerischen Stab zu werfen und ihn umzustossen. Auch bei diesem Spiel verwetten die Spieler ihre Besitztümer vor jeder Runde. Wenn einer von ihnen den Stab des Gegners trifft, bekommt er den gesamten Wetteinsatz der Gegenpartei. Es gibt zwei Fälle in denen Frauen von ihren Brüdern verwettet wurden!
Traditionell gingen die Männer der Paresí einst nackt, mit Ausnahme ihres “Penis-Etuis“, während die Frauen einen kurzen Rock aus Baumwolle zu tragen pflegten. Sie waren exzellente Kunsthandwerker in der Verarbeitung von Federn. Die Frauen trugen eine Art Schürze, mit schönem Federbesatz und eine Federhaube zu den Festen – Federn wurden auch für den nasalen Schmuck verarbeitet. Beide Geschlechter waren tätowiert, eine Sitte, die inzwischen abgeschafft worden ist.
Die Paresí fertigen zum Selbstgebrauch geflochtene Körbe aus Palmstroh an, und sie weben Baumwolle, um daraus Tragekörbe für Babys, Hängematten, Armbänder und Gürtel herzustellen. Sie verstehen die Kunst, verschiedene Musikinstrumente herzustellen – einige sind ihnen heilig, wie zum Beispiel die grossen Flöten (Yámaka), die im Männerhaus aufbewahrt werden und deren Anblick den Frauen verboten ist.
Die Produktion von Kunsthandwerk zur Kommerzialisierung hat sich für die Paresí als neue Einnahmequelle erwiesen, denn sie stellen ihre Kunstgegenstände inzwischen ausschliesslich für den externen Markt her. Dafür haben sie neue Motive kreiert und sind auch dazu übergegangen, verschiedene neuartige Materialien für die Herstellung von Armreifen und Halsketten, Fächer und Federhauben, Körbe und Schalen, Bogen und Pfeile, zu nutzen, die sie an die “imóti“ (weissen Männer) verkaufen und sich so eine weitere Einnahmequelle erschlossen haben.
Entnommen aus: Romana Maria Ramos Costa 1985 –
Doktorarbeit an der Universität von Rio de Janeiro (UFRJ) – August 2009
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung Klaus D. Günther