Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03247.jsonl.gz/114

An der Klimakonferenz in Glasgow, die am 12. November 2021 endete, soll ein Witz kursiert haben: Treffen sich die Erde und ein anderer Planet. Fragt der Planet die Erde: «Na, wie geht’s?» Die Erde seufzt tief und sagt: «Weisst du, nicht sonderlich gut, ich habe Homo sapiens.» – «Nicht so schlimm», sagt der andere Planet, «das geht vorüber.»
Das Deprimierendste an diesem Witz ist nicht seine in kosmischen Massstäben eh gültige Wahrheit, sondern sein Alter: circa 60 Jahre. Damals während der 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre war er ja eventuell noch lustig. Es war die Zeit der aufkommenden Umweltbewegung am Ende der durch Nuklearenergie und Erdölförderung gepolsterten Boom-Jahre der Nachkriegszeit, als man auf die mit den Konsumgesellschaften parallel verlaufende Zerstörung der Natur aufmerksam machte.
Umwelterwachen und ungute Metaphern
1962 zeigte Rachel Carsons Buch «Silent Spring», wie Umweltgifte wie DDT nicht nur alles umbringen, was da kreucht und fleucht, sondern sich auch in der Nahrungskette ansammeln. Ebenso gelangten Luft, Wasser, Boden und Wald in den Fokus der Gesellschaftspolitik und Meldungen von Umweltschäden infolge industrieller und wirtschaftlicher Tätigkeiten häuften sich.
Gleichzeitig war die Weltbevölkerung – auch durch den medizinischen Fortschritt seit dem Zweiten Weltkrieg – im Steigen begriffen. Durch Publikationen wie die des Biologen Paul R. Ehrlich von 1968, «The Population Bomb», wurde die diskursive Verbindung zwischen Bevölkerungszuwachs und Umweltdegradation geläufig. So verglich beispielsweise der Journalist Gordon Rattray Taylor in seinem Buch «Das Selbstmordprogramm» die Menschheit mit einer Bakterienkultur in einem geschlossenen Behälter, die während ihrer ungebremsten Vermehrung an den eigenen Abfallprodukten ersticken müsse. Abhilfe schaffte, mit anderen Worten, nur das Verschwinden der Menschheit.
Die westliche Triage der 1960er Jahre
Problematisch an diesen Metaphern («Bevölkerungsbombe», «Bakterienkultur», «Krankheit Homo sapiens») ist der westliche Absender, der nur vorgibt, sich selbst mitzumeinen. Die stärksten Geburtenraten sind nach wie vor da, wo die Bildung am schlechtesten und die Lebenserwartung im Durchschnitt am geringsten ist. Gleichzeitig ist in diesen Regionen der Ressourcen- und Kalorienverbrauch pro Kopf am kleinsten.
Diese imperiale Verzerrung lässt sich besonders in einer malthusianisch eingefärbten Analyse von 1967 feststellen: Weil die Nahrungsmittelproduktion linear, hingegen das Bevölkerungswachstum exponentiell verlaufe, empfahlen die Autoren William und Paul Paddock, jetzt zu entscheiden, wer von den begrenzten Ressourcen wieviel erhalte. Sie drohten mit Hungersnöten und titelten: «Famine – 1975! America’s Decision. Who Will Survive?» Ihre Triage sah vor, dass es Entwicklungsländer gebe, bei denen sozusagen Hopfen und Malz verloren sei, weshalb man sie fallen lassen müsste, hingegen gäbe es Länder dazwischen, bei denen es sich lohne, in deren Überleben zu investieren. Selbstredend blieb in so einem kolonialistischen Selbstbild als geopolitische Richterin das eigene Recht auf (ressourcenintensives) Überleben unangetastet.
Verdrängungsleistung
Es ist schwer vorstellbar, dass man bei der 26. Klimakonferenz (COP26, Conference of the Parties), nachdem man seit 1972 internationale Umweltkonferenzen abhält, immer noch die alten Witze aufwärmt. Aber diese Tatsache verweist auf eine Kontinuität, die auch inhaltlich gesehen wird: «Sixty Years of Climate Change Warnings», übertitelte der Guardian im Juli 2021 einen Vorabdruck des neuen Buchs von Alice Bell. Bell zeigt minutiös auf, wie das Wissen um den Zusammenhang zwischen CO2-Emissionen und Klimawandel 60 Jahre alt ist. In diesem Sinne ist das Wiedererzählen des Witzes sechs Jahrzehnte später die Bestätigung einer Verdrängungsleistung, der jedoch inzwischen jegliche humorige Komponente abhanden kam.
Dennoch entdeckt man in der deutschsprachigen Berichterstattung das Bemühen, diesen internationalen Institutionen mit Respekt zu begegnen und dem beharrlichen Treten an Ort positive Ergebnisse von COP26 abzuringen:
«Untrügliche Zeichen» und kritische Einordnungen
Es wird als Erfolg gesehen, dass es überhaupt immer wieder einen Versuch gibt, sich international zu treffen und um Wörter und Kommas zu streiten (Republik, 10.11.2021). Ohne diese Gelegenheit oder dieses Gefäss, so drängt sich der Umkehrschluss auf, würde erst recht gar nichts je passieren. Ebenfalls positiv zu erwähnen sei, so Martin Läubli im Tages-Anzeiger, dass die Klimaversprechen trotz ihrer Bescheidenheit ein «untrügliches Zeichen» seien, «dass der Trend hin zu einer postfossilen Gesellschaft nicht mehr umkehrbar ist». Er macht einerseits schon heute Bestrebungen in gewissen Bereichen der Wirtschaft und Industrie in diesem Sinne aus, und zweitens sieht er, dass Forschungsgelder und Förderung für nachhaltige Produkte zunehmend schneller flössen. In der Schlusserklärung der COP26, so berichtet SRF, ist auch der schrittweise Ausstieg aus der Kohlewirtschaft erwähnt, was von EU-Kommissar Frans Timmermans als «historisch» bezeichnet werde.
Natürlich liefert dieselbe Berichterstattung zu jeder dieser Errungenschaften eine relativierende Einordnung. In denselben Texten wird hervorgehoben, dass der Stopp der Abholzung de facto abermals verschoben wurde; dass mit diesen Klimaversprechen die Erderwärmung kaum bei 1,5 Grad zu begrenzen sei; dass der Kohleausstieg von einem absoluten zu einem graduellen Rückgang gewandelt wurde («phase-out» zu «phase-down»). Über Letzteres habe sich die vor Ort anwesende Schweizer Bundesrätin Simonetta Sommaruga sichtlich enttäuscht gezeigt; und derjenige, der die Abschlusserklärung vorlesen musste, kämpfte mit den Tränen.
Graphik des Ehrgeizes
Die Süddeutsche Zeitung wies darüber hinaus speziell darauf hin, dass «Xi Jinping aus China, 2020 immerhin Emittent fast eines Drittels der weltweiten CO₂-Emissionen, nicht anwesend war, genauso wenig wie Wladimir Putin (Russland, 4,5 Prozent) und Ebrahim Raisi (Iran, 2,1 Prozent)» (). Am gleichen Ort findet sich auch eine Graphik dazu, wer auf der Welt die ehrgeizigsten Klimaziele habe. Gambia liegt vorne. Hätte man, so der Artikel, die hochgesteckten Ziele wie Gambia, würde die globale Erwärmung im Jahr 2100 weniger als 1,5 Grad betragen. Mit den Schweizer «Klimazielen» jedoch zeigt die Karte bis Ende Jahrhundert eine Erwärmung von mehr als 3 Grad an.
Was von COP26 bleibt, ist noch nicht ganz abschliessend ausgemacht. Es ist aber schwer zu hoffen, dass es nicht jener Witz von der Begegnung zweier Planeten ist. Das Lachen darüber blieb einem schon lange im Halse stecken.
Themenbezogene Interessenbindung der Autorin/des Autors
Ariane Tanner ist Wissenschaftshistorikerin und promovierte an der ETH Zürich über die Geschichte der Mathematisierung der Ökologie. Spezialgebiete ihrer Forschung sind die Umweltgeschichte, das Anthropozän und Plankton. Als Projektleiterin führt sie transdisziplinäre und partizipative Projekte im Umwelt- und Nachhaltigkeitsbereich durch und ist zuständig für Umweltkommunikation in verschiedenen medialen Formaten.
Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann, Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder. Die Redaktion betreuen wechselnd Mitglieder der Gruppe.
_____________________
Meinungen in Beiträgen auf Infosperber entsprechen jeweils den persönlichen Einschätzungen der Autorin oder des Autors.