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Pernambuco war eine der wenigen siegreichen Kolonien. Sie bildete einen Kern, von dem aus sich die Bewohner nach Süden und Norden verteilten und die angrenzenden Regionen nach ihrem Vorbild und ihrer Mythologie gestalteten. Die dort ankommenden Portugiesen waren Edelleute einer bekannten Linie, gierten nach Reichtum und waren stets bereit zum bewaffneten Kampf. “Beirões“ und besonders “Minhotos“ breiteten sich in Pernambuco aus.
Das waren die Bewohner von Viana in grosser Zahl. Deshalb kann man hier einen hohen Prozentsatz der Mythen aus der portugiesischen Provinz “Minho“ identifizieren, die sich in der Erinnerung der lokalen Bevölkerung erhalten haben. Und was den Aberglauben betrifft, so wird er ebenfalls von den “Minho-Erinnerungen“ bestimmt und ist bis heute originalgetreu erhalten geblieben. Das Minho-Element hat auch Mythen und Legenden Spaniens, aus Galizien, übernommen, die bald in die Folklore Pernambucos Aufnahme fanden.
Die Indios, auf die man hier traf, waren ebenfalls linguistische Stämme der Tupi. Im Interior lebten Gê-Stämme und Angehörige des Cariri-Volkes, die anfänglich den Kontakt mit den Fremden mieden. Die Eingeborenen, welche von Anfang an Kontakt mit den Invasoren und ihren bewaffneten Heeren hatten, waren die Tabajara und die Caeté aus der Nation Tupi. Zuerst schlugen sie sich, dann schlossen sie sich zusammen. Die Rassenmischung begann auf natürliche Art und intensiv, denn es gab keine weissen Frauen.
Weniger als ein halbes Jahrhundert nach der offiziellen Entdeckung Brasiliens waren die Mameluken aus Pernambuco sehr zahlreich und entschlossen. Der Gründer der Stadt Natal (Bundesstaat Rio Grande do Norte), und Bezwinger der Franzosen in Guaxenduba, ist Jerônimo de Albuquerque Maranhão, Sohn eines weissen Portugiesen mit einer Tabajara-Indianerin. Der Mameluken-Fidalgo sprach Portugiesisch und Nhengatu, und er hatte Verwandte in den vornehmsten Häusern von Pernambuco.
Von Jerônimo de Albuquerque, dem “Torto“, Vater dieses siegreichen Soldaten, und der Indianerin “Grüner Bogen (Ubiraubi) stammen fast alle Familien des Nordostens ab.
Alagoas, Paraíba, Rio Grande do Norte, Ceará, Maranhão, und nach Süden Sergipe und ein Teil des Rio São Francisco, waren die militärischen Aktionsgebiete der Soldaten von Pernambuco. Weisse und Indios hatten sich zusammengetan, kämpften alliiert oder als Feinde, während dreier Jahrhunderte.
Schon in seinen ersten Jahren gründete Pernambuco die Zuckerindustrie, in der die Afrikaner unentbehrlich waren und zu Tausenden zu den “Engenhos“ transportiert wurden. Im Jahr 1585 standen hier 66 Zuckermühlen, die 200.000 Arobas produzierten – eine Aroba entspricht 15 kg. Pernambuco besass damals um die 10.000 schwarze Sklaven.
Diese schwarze Menschenmasse nahm jährlich zu – ihre Zahl vergrösserte sich besonders während der holländischen Besetzung – zwischen 1636 und 1645 wurden von den Holländern mehr als 23.000 Sklaven aus Afrika angelandet. Daher ihr starker spiritueller Einfluss in der pernambukanischen Folklore. Obwohl in starker Präsenz, limitiert sich ihr Einfluss auf den Tanz, Gesang, Geschichten, Riten, Zeremonien, und schliesslich die Religion, in der sie unvergleichlich starke Einflüsse zeigen. Allerdings wird die Erschaffung keiner einzigen Legende den Afrikanern zugeschrieben – höchstens ein paar Veränderungen der schon von Europäern und Indios eingebrachten Mythologie.
Der Afrikaner, leichtgläubig, leicht zu beeindrucken, beeinflusste die Verbreitung der Spukgeschichten, der Erzählungen von Verzauberungen, von Monstern, Feen, Prinzen etc. Er ist ein Veränderer ohnegleichen, meisterhaft in seinem Talent, Geschichten zu erzählen. Und weil die “schwarzen Mamas“ im Auftrag ihrer weissen Herren sich um deren Kinder zu kümmern hatten, erweiterten sie durch ihre Erzählungen und Lieder zum Einschlafen die kindliche Phantasie mit geisterhaften Monstern und verwunschenen Prinzen.
Der afrikanische Einfluss hat in diesem Fall ein nicht zu übersehendes Gewicht wegen seiner besonderen Fähigkeit, die mysteriöse Seite der “Dinge“ zu verstärken – mit geheimnisvollen Deutungen, fantastischen Rechtfertigungen und wunderbaren Erklärungen – selbst dann, wenn es sich nur um simple Episoden des Alltags handelt.
Die lokale Folklore, obwohl sehr reichhaltig, präsentiert keine Exklusivitäten, womit man sie vom Allgemeinbild Brasiliens ausschliessen könnte, sondern gleicht in ihrer Übersicht durchaus den anderen Bundesstaaten, ohne die Prädominanz einer Rasse oder eines gesellschaftlichen, religiösen oder lokalen Faktors.
Etwas, das die Folklore-Forscher in Erstaunen versetzen sollte, ist die Tatsache, dass das holländische Element keinerlei Einfluss auf das Leben dieser Region hatte, obwohl die Holländer hier 24 Jahre lang den Ton angaben. Jene, die den Holländer für die Legenden der grossen “weissen“ Frauen, der “Alamoas“, verantwortlich machen – mit blauen Augen und goldenen Haaren – wissen nicht, dass es viel ältere, ganz ähnliche Legenden aus Portugal gibt – mit denselben Beschreibungen. Bei den Sitten und Gebräuchen, in der Sprache oder im Aberglauben wird man einen holländischen Einfluss vergeblich suchen – aber bei der Aussprache, im pernambukanischen Akzent, lassen sich noch heute die Spuren der antiken Besatzungsmacht erkennen. Im Vokabular der “Nordestinos“ hat sich scheinbar nur ein einziges Wort von damals erhalten: “Brote“ – von “Brot“.
Der Holländer hat allerdings bei den “Nordestinos“ den Eindruck eines Menschen hinterlassen, “im Besitz superber mechanischer und technischer Geheimnisse“. Er war in der Lage, ein Fort innerhalb einer einzigen Nacht aufzubauen, eine Stadt in wenigen Minuten zu zerstören, Tunnel zu graben, die viele “Léguas“ lang waren und ganze Gebirgsketten durchquerten. Vom Fort der “Reis Magos“ (Drei-Königs-Fort), dessen Konstruktion in Details von Frei Vicente de Salvador in der “História do Brasil“ beschrieben wird, erzählt man sich in Pernambuco, dass es in einer einzigen Nacht, der Nacht zum 6. Januar (Heilige Drei Könige) aufgebaut wurde. Ansonsten hinterliessen die Holländer, soviel wir wissen, nichts in dieser Region, im Gegenteil, sie haben sie nur ausgebeutet.