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Wir verbinden den Winter in unserer Vorstellung hauptsächlich mit Kälte und Schnee, und diese Vorstellung wird als winterlicher Normalzustand betrachtet. Im aktuellen Winter war Schnee lange Zeit Mangelware, was deshalb als unnormal empfunden wurde. Praktisch schneelose Winter mit frühlingshaften, ja sommerlich anmutenden Temperaturen waren aber auch in den vergangenen Jahrhunderten bekannte Witterungsmuster.
Wenn der Schnee fehlt
Warmwinter mit ausgeprägter Schneearmut bis in grosse Höhen sind kein neues Phänomen, auch wenn sie mit ihrem gehäuften Auftreten heute und in einer wärmeren Zukunft im Alpenraum ein nicht unbeträchtliches Klimarisiko darstellen.
Winter mit frühlingshaften, ja sommerlich anmutenden Temperaturen sowie Schneelosigkeit waren auch in den vergangenen Jahrhunderten bekannte Witterungsmuster (Brügger, 1882). Aufmerksame Beobachter aus der damaligen Zeit haben uns detailreiche Beschreibungen der von ihnen erlebten Witterungsextreme überliefert. Von einzelnen Monaten, welche in einem sonst normalen Winterablauf mit weit übernormalen Temperaturen aufwarteten, wissen sie recht häufig zu berichten. Solches gehört offenbar seit langem sozusagen zum Standard-Repertoire des Winters hierzulande. Auch für uns ist dies ja die gängige Erfahrung. Neben diesen eher kurzzeitigen Einzelereignissen wurde der Alpenraum aber hin und wieder von einer seltsam beharrlichen Winterwärme erfasst.
Häufungen extremer Warmwinter
Ausserordentlich warm war der Winter in der Schweiz 1529/30. Der Schnee blieb aus, und Ende Januar 1530 setzte die Baumblust ein, derweil Frühlingsblumen in den Gärten ihre Farbenpracht entfalteten. Nur wenig später, 1537/38, folgte ein weiterer erstaunlich warmer Winter, in welchem im Februar die Erdbeeren reiften. Zwei Jahre später, 1540, erhob sich in der Schweiz ab Februar eine nie erlebte Wärme. Bereits im März reiften die Kirschen. Die extreme Wärme setzt sich den ganzen Sommer über fort (extremer Hitzesommer) und dauerte bis Dezember.
Noch extremer war knapp siebzig Jahre später der Winter 1606/07. Im Januar 1607 haben in der Bündner Herrschaft die Kirschbäume geblüht, und Mitte Februar sollen wahrhaftig die Störche zurückgekehrt sein. Das lässt auf eine sehr grossräumige winterliche Wärmeanomalie schliessen. Anfangs März standen dann die Birnen und Trauben in Blüte, und das Gras konnte bereits gemäht werden. Warm und schneearm war zuvor bereits der Winter 1603/04, und anschliessend die Winter der Jahre 1610/11 und 1612/13.
Im Winter 1746/47 legte sich ebenfalls eine ausserordentliche Wärme über unser Land. Im Januar 1747 gingen die Kinder barfuss, und Veilchen und Erdbeeren blühten. Heizen war nicht nötig. Nur wenige Jahre zuvor, 1743/44, bescherte der Winter den damaligen Zeitgenossen ebenfalls beständige Wärme und schönes Wetter. Und bereits 1748/49 folgte abermals ein Winter mit ungewöhnlicher Wärme. Im schneelosen Januar 1749 soll es im Berner Mittelland niemals Frost gegeben haben.
Fünfzig Jahre später wird von ausgeprägter Milde und Schneelosigkeit bis in grosse Höhen berichtet, was lebhaft an die grünen Hänge und stillstehenden Skilifte am Ende der 1980er Jahre erinnert: Der Winter 1796/97 blieb in Brigels (1300 m ü.M.) sozusagen schneefrei. Nach einer sommerlichen zweiten Dezemberhälfte herrschte von Januar bis März vorwiegend schöne Witterung, und die Leute aus dem Glarnerland konnten gefahrlos über den Panixerpass nach Brigels kommen. Neben diesem Winter warteten in den 1790er Jahren fünf weitere Winter mit sehr milden Temperaturen auf.
Selbst das hochalpine Engadin blieb nicht verschont
Obwohl verhältnismässig selten, sind extrem schneearme Winter, oder auch mehrjährige Perioden mit ausgeprägter Schneelosigkeit, selbst im hochgelegenen Engadin durchaus bekannt. 1885 z.B. liess die milde und trockene Winter-Witterung den Herbstschnee verschwinden, und Ende Dezember hatte man im Oberengadin gemäss damaligen Berichten staubige Strassen und schneegefleckte Wiesen. Anstelle der üblichen Schlitten mussten wieder Wagen angespannt werden (Flugi, 1915).
Auch der nicht weit zurückliegende Winter 2001/2002 war im hochgelegenen Engadin, bzw. auf der ganzen Alpensüdseite, extrem schneearm. Eine über 100-tägige Periode mit extrem geringen Niederschlagsmengen in Kombination mit einer starken Erwärmung in der zweiten Januarhälfte führte in den Skigebieten zu einem akuten Schneemangel. Künstlich angelegte Pisten auf weitgehend schneefreien Hängen und Talebenen prägten die Landschaft. Die Bernina Passhöhe auf 2250 m ü.M. war grossflächig schneelos.
Hier ist anzumerken, dass der Winter 2000/2001, also ein Jahr zuvor, auf der Alpensüdseite und im Engadin ungewöhnlich schneereich war. Das mag verdeutlichen, wie gross auch heute die winterliche Variabilität im Hochgebirge ist.
Die grosse Winterflaute Ende der 1980er Jahre
Mit dem Winter 1987/88 setzte in den Schweizer Alpen eine Periode mit extrem milden und schneearmen Wintern ein. Die Dezemberwärme 1987 führte in den Bergen zu ausgesprochenem Schneemangel, bis in eine Höhe von über 2000 m fiel Regen. Auf den milden Dezember 1987 folgte ein extrem milder Januar 1988. Bereits im Folgewinter wiederholte sich ein ähnliches Spiel mit extremer Wärme und Schneeknappheit im Januar 1989.
Ganz extrem wurde es im anschliessenden Winter 1989/90. Zwischen Weihnachten und Neujahr war Wintersport nur oberhalb von 2000 m möglich. In Montana und in Verbier im Wallis wurden als Alternative zum Schneesport die Golfplätze wieder eröffnet.
Wenig winterlich gab sich daraufhin der Winter 1992/93. Die Monate Dezember und Januar fielen sehr mild aus und blieben schneearm. Regen fiel bis in eine Höhe von 2000 m. Im darauf folgenden Winter 1993/94 gab es im Dezember extreme Temperaturen mit 20 Grad im Mittelland. Der anschliessende Januar 1994 brachte ebenfalls sehr milde Verhältnisse.
Literatur
- Brügger C.G., 1882: Beiträge zur Naturchronik der Schweiz, insbesondere der Rhätischen Alpen. I.-IV. Folge. Chur.
- Flugi A., 1915: Grosse Schneefälle, schneereiche und schneearme Winter im Oberengadin in den Jahren 1850-1914. Bündnerisches Monatsblatt Nr. 4, 1915.