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HBO produziert eine Serie über eine drogensüchtige schwarze Teenagerin, die sich in ihre Freundin, eine Transfrau, verliebt. Dabei gibt es einiges an nackter Haut, Fäusten und Medikamentenmissbrauch zu sehen; hinzu kommen Rap, Trap und Jugendkultur. Was reisserisch klingt, hat aber erstaunlich viel Tiefgang und filmische Qualität.
«Euphoria» beginnt mit einem Klagelied über das Leben. Aus dem Off klagt Rue Bennett (Zendaya), wie sie den ersten Kampf ihres Lebens verlor, als sie gewaltsam aus der Geborgenheit des Mutterleibs gepresst wurde. Es soll nicht der letzte Kampf der Hauptfigur der HBO-Serie sein – und auch nicht die letzte Niederlage. Der Off-Kommentar kann zunächst vielleicht als das Motzen eines typischen Teenagermädchens interpretiert werden.
Doch vieles weist schon während der ersten Sequenzen der Pilotepisode darauf hin, dass «Euphoria» nicht einfach ein generisches Coming-of-Age-Drama ist. Dafür verantwortlich ist sicherlich zu einem grossen Teil Sam Levinson («Malcolm & Marie»). Er fungierte als Produzent, Showrunner und Regisseur gleichzeitig. Er adaptierte den Stoff von der israelischen Vorlage von Ron Leshem und Daphna Levin für den amerikanischen und internationalen Markt und wagte dafür eine sehr grafische und explizite Herangehensweise.
«Der Off-Kommentar kann zunächst vielleicht als das Motzen eines typischen Teenagermädchens interpretiert werden. Doch vieles weist schon während der ersten Sequenzen der Pilotepisode darauf hin, dass ‹Euphoria› nicht einfach ein generisches Coming-of-Age-Drama ist.»
Die Geschichte dreht sich um die drogenabhängige 17-Jährige Rue und ihre gleichaltrigen Freund*innen. Rue kehrt zu Beginn der Serie aus der Entzugsklinik zurück und freundet sich mit der neu zugezogenen Jules (Hunter Schafer) an. Fortan kreisen die Geschehnisse abwechslungsweise um die verschiedenen Figuren, die sich alterstypisch mit Themen wie sexueller Identität, Freundschaft, Liebe und Verlust auseinandersetzen.
Dies geschieht sowohl auf der Dialog- als auch auf der Bildebene mit einer gewissen Unverfrorenheit. Die Serie schreckt nicht zurück vor expliziten Darstellungen von sexuellen Handlungen, sexueller Gewalt und von Drogenkonsum. Genau das wurde denn auch vielfach kritisiert. Vielleicht kann diese negative Wahrnehmung aber auf die sprichwörtliche amerikanische Prüderie zurückgeführt werden – verherrlicht werden nämlich weder Vergewaltigungen noch Drogenkonsum.
Und dennoch: «Euphoria» vermischt sogenannt ‹ernste› Themen mit Unterhaltung, was manche Zuschauer*innen überfordern mag. Dies verdankt die Serie einer audiovisuellen Geschliffenheit, die sich durch die acht gut einstündigen Episoden zieht. Der taktsichere Rhythmus der Montage, die bunten Bilder und dynamische Kamera – alles unterlegt mit dem treibenden Soundtrack des britischen Musikers Labrinth – wirken hypnotisch; man kann die Augen kaum mehr abwenden von dem Taumeln der Figuren. Es ist ein Effekt – die unmittelbare und genussvolle Immersion in eine fiktionale Welt – den man bei ähnlichen Serienformaten von Netflix & Co. oft schmerzlich vermisst.
«‹Euphoria› vermischt sogenannt ‹ernste› Themen mit Unterhaltung, das mag manche Zuschauer*innen überfordern.»
Aber eben – der Glaube, gehaltvolles Kino oder Fernsehen habe sich auf audiovisueller Ebene in Zurückhaltung zu üben, ist eine verbreitete Meinung. «Euphoria» ist aber eines der besten Beispiele dafür, dass Filme und Serien mit einer Hochglanz-Ästhetik trotzdem Tiefgang haben können. Dass die Geschichten von Rue und ihren Freund*innen nicht ins Banale abrutschen, ist aber auch zu einem grossen Teil dem Casting von Jessica Kelly und Mary Vernieu sowie den Darsteller*innen zu verdanken. Zendaya überzeugt dabei mit einer nuancierten Zurückhaltung in ihrem Spiel. Gänzlich uneitel verkörpert sie eine junge Erwachsene der 2000er. Drei Tage nach 9/11 geboren, in eine Welt geprägt von nur vermeintlicher Chancengleichheit und Individualismus, steht ihre Figur für die Desillusionierung einer ganzen Generation. Der heimliche Star der Serie ist jedoch Hunter Schafer als Jules Vaughn. Das Trans-Model ist privat auch LGBTQ+-Aktivistin, womit sie angeblich auch Sam Levinson bei der Kreation ihrer Figur mit ihren persönlichen Erfahrungen unter die Arme greifen konnte.
«Euphoria» ist aber eines der besten Beispiele dafür, dass Filme und Serien mit einer Hochglanz-Ästhetik trotzdem Tiefgang haben können. Dass die Geschichten von Rue und ihren Freund*innen nicht ins Banale abrutschen, ist aber auch zu einem grossen Teil dem Casting von Jessica Kelly und Mary Vernieu sowie den Darsteller*innen zu verdanken. Zendaya überzeugt dabei mit einer nuancierten Zurückhaltung in ihrem Spiel.
Eine zweite Staffel von «Euphoria» hätte im Sommer 2020 bereits gedreht werden sollen. Die Pandemie hat dies verunmöglicht. Zur Überbrückung veröffentlichte HBO aber zwei Spezialfolgen, die einmal Rue und einmal Jules ins Zentrum des Geschehens setzen. Die zweite Episode mit dem Titel «F*ck Anyone Who’s Not a Sea Blob» ist seit dem 22. Januar in der Schweiz auf Sky Show zu sehen. Die Spezialfolgen knüpfen zwar nicht ans Niveau der ersten Staffel an, aber sie überbrücken die Zeit, bis wieder unbeschwerter produziert werden kann. Die Specials wurden denn auch unter erschwerten Bedingungen gedreht, mit wenigen Darsteller*innen statt einem grossen Cast, mit statischen Bildern statt dynamischen Kamerafahrten. Das kann der ersten Staffel nicht gerecht werden, ist aber doch eine Wohltat fürs Heimkino. Obwohl die Serie in ihrem Auftritt letztendlich auch paradox ist: Fürs Streaming konzipiert, schreit sie im Grunde nach einer grossen Leinwand. So oder so sind die acht Episoden jedoch auch auf dem Computerbildschirm ein Genuss.
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Jetzt auf Sky Show
Serienfakten: «Euphoria» (1. Staffel und zwei Specials) / Creator: Sam Levinson / Mit: Zendaya, Maude Apatow, Angus Cloud, Eric Dane, Jacob Elordi, Hunter Schafer, Algee Smith, Colman Domingo / USA / 8 Episoden und 2 Specials à 48–65 Minuten
Bild- und Trailerquelle: © Home Box Office, Inc. All rights reserved. HBO® and all related programs are the property of Home Box Office, Inc