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Simone Rufli
«So viele Könige und Adlige wie an Churchills Beerdigung am 30. Januar 1965 habe ich nie wieder gesehen.» Rolf Stephani hält inne, lacht. «Weil in London alle Hotels überfüllt waren, durften mein Kollege und ich, damals junge Gerichtsschreiber, auf einem Feldbett in einem Gerichtssaal übernachten. Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir die Perücken der Richter anprobierten.» Er sei damals als Gerichtsschreiber mit kleinem Lohn an den Wochenenden viel in den Hauptstädten Europas herumgekommen. «Wissen Sie wie? Wir benutzten Fluggutscheine der Swissair, die der Kanton Aargau als Aktionär geschenkt bekam, in der Regel aber ungenutzt verfallen liess. Das ging so lange gut, bis ein Parlamentarier im Grossen Rat intervenierte, was dazu führte, dass ein Dekret erlassen wurde, wonach die Gutscheine nur noch an die höchsten Würdenträger und Chefbeamten verteilt wurden.»
Ein beliebter Lehrer
Bevor der ambitionierte junge Mann Jus studierte und Anwalt wurde, besuchte er das Lehrerseminar. «Mein Vater wollte zwar, dass ich Gärtner werde. Doch dazu fehlte mir die Neigung», erzählt der 80-Jährige. An den Tag, als er seine Klasse übernahm, erinnert sich Stephani noch ganz genau. «Es war der 30. April 1958, mein 20. Geburtstag. Weil das für mich ein spezieller Tag war, erklärte ich den Nachmittag für schulfrei. Während meine Aktion bei den Schülern unheimlich gut ankam, fand sie bei meinen Vorgesetzten keinen Anklang. Am nächsten Morgen stand der Schulpflegepräsident vor meiner Türe.» Stephani unterbricht, bevor er augenzwinkernd nachschiebt: «Ich unterrichtete aus freien Stücken nur ein Jahr.» Er hatte andere Pläne. Bei der damals noch kleinen Akad bereitete er sich – grössenteils im Selbststudium – auf die eidgenössische Matura vor. Nach anderthalb Jahren war er bereit fürs Studium. Die Doktorarbeit verfasste er zum Thema Ladendiebstahl. Weil er, wie immer in seiner Karriere, keine Zeit verlieren wollte, schickte er dem Professor die Arbeit zur Korrektur an die Heimadresse. «Der Professor war so angetan von meiner Arbeit, dass er sie übers Wochenende korrigierte», erinnert sich Stephani. Auch Migros und Coop waren interessiert. «Es war die Zeit der ersten Selbstbedienungsläden, Ladendiebstahl ein aktuelles Thema. Allein die Migros hat 3000 Exemplare meiner Doktorarbeit gekauft. Und ich wurde engagiert, um Filialleiter und Kassiererinnen zu instruieren.»
Nachdem er sich in der Kanzlei eines bekannten Badener Anwalts als Strafverteidiger einen Namen gemacht hatte, wagte er 1972 den Schritt in die Selbstständigkeit und spezialisierte sich alsbald auf Nachfolgeregelungen, Ehe- und Erbverträge und Scheidungen. «Was damals alles Recht war», Stephani schüttelt den Kopf. «Im Konkubinat zu leben war per Strafgesetz verboten. Der Aargau war Anfang der 1970er Jahre einer der ersten Schweizer Kantone, die das Verbot abschafften, während es im Kanton Zürich noch galt. Das löste in Spreitenbach, nahe der Zürcher Kantonsgrenze, einen gewaltigen Bauboom aus. Die Hochhäuser dort wurden von unverheirateten Zürcher Paaren belegt», weiss Stephani.
Auf Pirsch mit Seifenblasen
Zur Jagd fand er vor 32 Jahren. Nach einem schweren Autounfall, in den er unverschuldet verwickelt wurde und einer gravierenden Verletzung der Halswirbel, konnte er nicht mehr skifahren und suchte nach einem anderen Hobby. Schon vorher als Treiber an der Jagd beteiligt, machte er die Jagdprüfung. Ins Jagdrevier Oberhof fand er durch den Neurochirurgen, der ihn nach dem Unfall behandelte und durch einen Nachbarn, auch er Jäger im Revier Oberhof. «Es gibt cirka 200 Jagdreviere im Aargau. Das Jagdrevier Oberhof ist eines der schönsten im ganzen Kanton», schwärmt Stephani. Ende 2018 läuft die Pacht fürs Revier aus. «Es sieht aber gut aus, dass wir vom Kanton die Pacht für weitere acht Jahre bekommen.» Obwohl Stephani, der in Aarau aufgewachsen ist, mit seiner Frau in Baden wohnt, hat er damals schnell Zugang gefunden zur Bevölkerung in Oberhof. «Weil ich das Lehrerpatent habe, bot ich der Schule an, den Kindern zu erklären, wie die Tiere leben und wie man sich ihnen gegenüber verhält.» Die Kinder wohnten unten im Dorf und oben auf den Höfen und so kannte man Rolf Stephani bald in ganz Oberhof. So gut, dass Gemeindeammann Roger Fricker anno 2006 auf ihn zukam, als die einzige Beiz im Dorf, der «Adler», wegen Misswirtschaft zum Verkauf stand. Damit nicht nur die Kirche im Dorf blieb, sondern auch die Beiz, gründete Stephani zusammen mit Anton Reimann und der Einwohnergemeinde Oberhof die Gasthof Adler Oberhof AG. Bis heute sind alle drei Partien zu je einem Drittel am «Adler» beteiligt.
Apropos Rettung: «Zur Zeit versuchen wir Jäger gerade, möglichst viele Rehkitze vor den Mähmaschinen zu retten. Wir warnen die Rehgeissen, indem wir – zeitnah zum Mähtermin – Pfähle aufstellen, an denen leere Zementsäcke im Wind flattern. Die Mütter erkennen die Gefahr und holen die Kitze selber aus dem hohen Gras heraus», erklärt Stephani und verrät, woran er auf der Jagd nach Wildsäuen erkennt, wann es sich lohnt auf dem Hochsitz auszuharren. «Ich benutze Seifenblasen. Kommen sie auf mich zu, habe ich eine Chance. Gehen sie von mir weg, kann ich zusammenpacken, dann riechen die Säue die Gefahr.» Einen guten Riecher beweist er auch in seiner langen und erfolgreichen Karriere als Anwalt. «Ich bin immer bemüht, den Gang ans Gericht zu vermeiden und stattdessen mit gesundem Menschenverstand und einer schnellen Einigung Rechtssicherheit für alle Beteiligten zu schaffen.»