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Die SVP bedient seit Jahren tiefsitzende Überfremdungsängste in der Schweizer Bevölkerung. So auch vor der anstehenden Abstimmung über die Kündigungsinitiative (sogenannte «Begrenzungsinitiative») am 27. September. Dabei benutzt sie Schlagwörter wie Identitäts- und Werteverlust, Kulturverarmung oder Entfremdung. Doch was wäre die Schweiz heute ohne Migration? Ist die Angst vor Überfremdung neu? Und haben sich die Befürchtungen der Vergangenheit bestätigt? Ein kurzer Blick in die Geschichte unseres Landes gibt Aufschluss über die Bedeutung der Zuwanderung.
Sie war schon immer da – lange vor 1291, Gotthard und der Schlacht am Morgarten: die Zuwanderung in die Schweiz. Bereits die Helvetier, die seit dem 16. Jahrhundert als Schweizer «Urvolk» gelten, waren Zuwanderer. Sie gehörten einem der vielen keltischen Stämme an und kamen ca. 100 v. Chr. aus Deutschland hierher. Ihnen folgten viele andere Bevölkerungsgruppen: Römer, Alamannen, Burgunder, Franken, später die Hugenotten. Heute besitzt kaum eine Schweizerin oder ein Schweizer Vorfahren, die am Morgarten oder in Sempach gegen die Habsburger gekämpft haben (die im Übrigen aus dem Aargau stammen). Viele sind im Verlauf der vergangenen Jahrhunderte eingewandert. In seinem Buch «Ein einzig Volk von Immigranten» schreibt Willi Wottreng deshalb treffend: «Die Schweiz ist ein Produkt von Immigrationswellen, die heutige Bevölkerung ein Konglomerat aus einstigen Minderheiten.» Die Schweiz war also bereits multikulturell, ehe der Begriff überhaupt erfunden wurde.
Auch die moderne Schweiz wurde von Ausländern mitaufgebaut: im 19. Jahrhundert verwirklichten Heinrich Nestlé aus Frankfurt, Walter Boveri aus Bamberg und Julius Maggi, der Sohn italienischer Einwanderer, wie viele andere ihre Ideen in der Schweiz. Der Bau der Gotthard-Bahn, der um 1872 begann, markierte einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte. Zusammen mit dem Ausbau der Städte und späteren Alpentransversalen schuf er die Basis für eine prosperierende Wirtschaft. Doch für all diese Bauvorhaben brauchte es zugewanderte Arbeitskräfte. Zwischen 80 und 90 Prozent aller Handlanger, Maurer und Mineure am Gotthard waren Italiener. Ihre Arbeitsbedingungen waren katastrophal. 199 Arbeiter liessen bei der Errichtung des Tunnels ihr Leben.
Mit der steigenden Zahl italienischer Saisonarbeiter gegen Ende des 19. Jahrhunderts wuchsen auch die Überfremdungsängste in der Schweizer Bevölkerung. Diese gipfelten im Käfigturmkrawall 1893 in Bern und im Italienerkrawall 1896 in Zürich – Aufstände, die sich zunächst spezifisch gegen italienische Bürger richteten. Schon damals warnten rechtskonservative Kreise vor einer Überflutung der Schweiz durch Ausländer. Wie heute wurde der baldige Untergang unseres Landes vorhergesagt. Die Italiener dienten dabei als Sündenböcke, auf welche die negativen Folgen des wirtschaftlichen und sozialen Umbruchs projiziert werden konnten.
1912 berechnete der Zürcher Armensekretär Carl Alfred Schmid, dass Schweizer Staatsangehörige ab 1970 in der Minderheit sein würden. Infolge der Weltkriege ging der Anteil der ausländischen Bevölkerung aber, anders als ursprünglich prognostiziert, stark zurück. Mit der wirtschaftlichen Hochkonjunktur in den 1960er Jahren stieg die Zuwanderung jedoch erneut stark an. In den Rekordjahren von 1961 bis 1964 wanderten jeweils rund 200’000 Menschen pro Jahr in die Schweiz ein – es kamen wiederum hauptsächlich italienische Gastarbeiter. Der rasche Wandel löste abermals eine emotionale Überfremdungsdebatte aus und führte zur Lancierung der radikalen Überfremdungsinitiative durch den Zürcher Industriellensohn James Schwarzenbach im Jahr 1968. Die Initiative zielte darauf ab, den Ausländeranteil von damals 17 auf 10 Prozent zu reduzieren. Bis zu 400‘000 Menschen hätten die Schweiz dadurch verlassen müssen. Sie wurde 1970 mit 54 Prozent knapp abgelehnt. Auch damals warnte man in der Abstimmungsdebatte vor Überbevölkerung, der Übernutzung heimischer Ressourcen und einer 10-Millionen-Schweiz (bis im Jahr 2000). Die Prognosen zum Bevölkerungswachstum lagen jedoch erneut falsch.
Heute, 50 Jahre nach Ablehnung der Schwarzenbach-Initiative, stehen wir mit der Abstimmung über die Kündigungsinitiative erneut vor einer wegweisenden Entscheidung. Einmal mehr werden Überfremdungsängste aufgegriffen und düstere Untergangsszenarien für den Fall einer Ablehnung der Initiative gemalt. Dabei wird komplett ausgeblendet, dass die Schweiz seit jeher ein Einwanderungsland war, und dass es ohne ausländische Arbeitskräfte niemals zum heutigen Wachstum und Wohlstand gekommen wäre. Ausländer haben schon immer am Erfolgsmodell Schweiz mitgearbeitet. Das hat sich bis heute nicht verändert. Gleichzeitig ist die relative Lebensqualität im Land gemäss internationalen Rankings nach wie vor sehr hoch. Die Schweiz ist, im Gegensatz zu den wiederholten Prognosen der Rechtskonservativen, nicht untergegangen. Eines zeigt die Geschichte aber ganz klar: Die Migration prägt unser Land schon seit seinen Anfängen. Sie gehört quasi zur DNA der Schweiz.