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15.12.2006
„Hei Anna, wie geht’s?“ flüsterte mir Stü ins Ohr und schlug mir mit seiner behandschuhten Hand auf die Schulter, dass ich beinahe meinen Kaffee in Annabelles Gesicht spuckte. „Stü, du Rüpel!“, rügte ich ihn. Er grinste breit und setzte sich neben Annabelle. Umpf fläzte sich in den Stuhl neben mir. Fast augenblicklich begann er, mit dem Stuhl zu wippen. Das war eine dumme Angewohnheit von ihm, doch wunderbarerweise war er noch nie umgekippt.
Stü und Umpf waren mit Abstand die seltsamsten Studenten, die unsere Uni zu bieten hatte. Angeblich belegten sie Informatik, doch ich hielt das für ein Gerücht. Stü war einfach zu paranoid und phobisch, um mit anderen Leuten einen Computer zu teilen. Er hatte seinen Arbeitgeber gebeten, ihm sein Gehalt bar auszuzahlen. So was war heute natürlich aufgrund der Buchhaltung kaum noch möglich. Also besass Stü ein Bankkonto, von dem er seinen gesamten Lohn jeweils am gleichen Tag der Auszahlung abhob. Wohlgemerkt, immer an einem anderen Bankomat. Angeblich war er mal zwei Stunden Zug gefahren dafür.
Stü verzichtete seiner Anonymität zuliebe auf die Annehmlichkeiten des modernen Lebens und die Vergünstigungen durch Rabattkarten. Wenn er mit dem Zug unterwegs war, zahlte er das Ticket immer bar. Seine Rechnungen liefen ebenfalls über Poststellen im ganzen Land. Stü trug permanent Handschuhe, aus Angst sich mit Bakterien zu infizieren oder Fingerabdrücke zu hinterlassen. Er benutzte ausschliesslich Plastikgeschirr in der Mensa, dass er anschliessend nach Hause nahm, um es in seinem Hinterhof zu verbrennen.
Trotzdem konnte er nicht vom Internet lassen. Im Keller des Hauses, dass er von seinen Eltern abbezahlt geerbt hatte, standen mehrere Server, die ihm ein anonymes, spurenloses surfen ermöglichten. Stü hielt sich fern von Drogen aller Art, veränderte regelmässig sein Aussehen und sprach stehts, als würde er befürchten, belauscht zu werden. Beat vermutete, dass Stü früher für einen Geheimdienst gearbeitet hatte.
Umpf war das komplette Gegenteil: Laut, ehrlich, unbekümmert. Mir war es völlig unerklärlich, wie die zwei sich so gut verstehen konnten. Beats Theorie dazu war, dass Stü neben Umpf nicht mehr so auffiel. Tatsächlich vergassen wir manchmal, dass Stü noch da war, wenn Umpf eine lustige Geschichte erzählte und dazu wiehernd am lautesten lachte. Zu der Agententheorie passte auch, dass Stü offenbar ziemlich stark war. Er fasste selten andere Menschen an, was gut war: Mit seinem Händedruck konnte er Steine knacken.
„Stü, Umpf, schön euch zu sehen. Wie läuft es bei euch Informatikern? Noch niemandem ein Wasserkopf gewachsen?“, fragte ich unschuldig, nachdem ich Annabelle meine Serviette gereicht hatte. Umpf lachte schallend los und fiel dann mit dem Stuhl nach hinten um.