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Dominique Aegerter, der strahlende Sieger von Misano, hat in Aragon eine empfindliche Niederlage erlitten. Wenigstens ist sein Ruf als «Rock’n’Roller» intakt geblieben
Dominique Aegerter (26) ist cool, populär und hat im Fahrerlager den Ruf, ein Rock’n’Roller zu sein. Wie wirkt sich das im Alltag aus? Hier eine Episode aus dem Fahrerlager beim letzten GP in Aragon.
Der geknickte Sieger von Misano wird von einer internationalen Chronisten-Runde (Chronistin war keine dabei) nach den Gründen für den etwas enttäuschenden 12. Platz befragt. Es ist ja etwas ungewöhnlich, wenn einer nur zwei Wochen nach einem grandiosen Sieg «nur» Zwölfter wird.
Nach technischen Erklärungen, warum seine Höllenmaschine halt nur im Regen und nicht bei trockener Piste einwandfrei funktioniert, – Erklärungen, die für das Publikum nicht weiter aufregend sind – nimmt Dominique Aegerter sich selbst von der Kritik nicht aus. Er nennt Punkte, die er im Hinblick auf die nächste Saison verbessern will: Unter anderem eine Optimierung des Trainings um lockerer zu werden und zwei Kilo Gewicht abzubauen und bessere Konzentration auf die Rennerei. «Vielleicht muss ich mich vom Donnerstagmittag bis nach dem Rennen aus allen sozialen Medien verabschieden.»
Er sei hier in Aragon einfach zu angespannt gewesen und habe wegen der Verkrampfung der Muskeln Rückenschmerzen gehabt. Kurzum: wir haben nicht mehr den gleichen coolen, lockeren, charismatischen Dominique Aegerter wie in Misano gesehen.
Und da der GP-Zirkus mit seinem Macho-Milieu nicht unbedingt als blühende Oase der politischen Korrektheit gilt, wird er von einem vorwitzigen internationalen Chronisten gefragt, ob die Verspanntheit möglicherweise daher komme, dass er vor dem Rennen in Misano guten und vor Aragon keinen Sex gehabt habe.
Dominique Aegerter dementiert nicht, überlegt kurz und beginnt zu lachen: «Und was ist dann vor all den Rennen, die ich nicht gewonnen habe? Das wäre doch ein langweiliges Leben …» In der Tat: 176 GP hat er nicht gewonnen.
Sein Ruf als Rock’n’Roller ist also auch in der Niederlage von Aragon intakt geblieben. Er hat bis heute zwei GP-Siege und acht Podestplätze geholt und wird nie so erfolgreich sein wie sein ganz grosses Idol Barry Sheene. Der Brite gewann 23 GP, fuhr 52 Podestplätze heraus und feierte 1976 und 1977 den WM-Titel in der Königsklasse (damals 500 ccm). Vor allem aber war er der charismatischste Fahrer seiner Generation und ein Playboy. Sein Markenzeichen war die Nummer 7. Ihm zu Ehren hat Dominique Aegerter die 77 gewählt.
Die Erfolge seines Idols wird «Domi» zwar nicht mehr erreichen. Aber seine Reputation als «Rock’n’Roller» hält im Fahrerlager schon fast einem Vergleich mit Barry Sheene stand.
Bei Tom Lüthi (30) wird in diesen Tagen nicht frivol gescherzt. Bei ihm geht es nüchtern und konzentriert zu und her. Auch bei der medialen Befragung nach dem Rennen. Schliesslich steht ein WM-Titel auf dem Spiel.
In Misano brauste er gleich hinter Dominique Aegerter über die Ziellinie. Hier hat er gerade noch den 4. Platz gerettet – und ist sichtlich zerknirscht. «Ich war total am Limit. Mehr war nicht möglich.» Er hat im Titelkampf gegen Franco Morbidelli eine Niederlage erlitten. Der Italiener baute mit seinem 8. Saison-Sieg den Vorsprung von 9 auf 21 Punkte aus. Auf dem gleichen Material. Tom Lüthi sagt, die Enttäuschung sei bald verarbeitet. «Wir können nicht verpassten Gelegenheiten nachtrauen. Wir müssen uns darauf konzentrieren, besser zu werden.»
Nun folgen die drei Übersee-GP in Japan, Australien und Malaysia. Eigentlich die Chance, sich eine gute Ausgangslage für das «Endspiel», für den letzten GP am 12. November in Valencia zu erarbeiten. Tom Lüthi hat in den letzten vier Jahren bei dieser Übersee-Tournee in zwölf Rennen acht Podestplätze herausgefahren. Alles klar? Nicht ganz. Vor einem Jahr holte er in Japan, Australien und Malaysia zusammengerechnet bloss vier Punkte mehr als Franco Morbidelli. Aber es gilt der Spruch aus dem amerikanischen Rennsport: «It’s not over before the fat lady sings». Und sie hat noch nicht gesungen.
Der Vergleich mit der «fetten Dame» kommt übrigens aus der Welt der Oper. Bei Richard Wagners «Der Ring der Nibelungen» tritt zum Finale («Götterdämmerung») Brünhilde auf, die in der Regel von einer opulenten Dame gespielt wird. Erst wenn sie gesungen hat, ist das grosse Spektakel zu Ende. Und nicht vorher.