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Heizt eine proteinbasierte Ernährung Entzündung an?
Ernährungsweisen, die reich an Protein sind, haben derzeit einen guten Ruf. Wissenschaftlich gesehen ist das nicht immer berechtigt. Das legt auch eine neue Studie nahe, die eine proteinreiche Diät mit einer erhöhten Aktivierung von Entzündungszellen in Verbindung bringt. Für eine definitive Aussage à la «mehr Protein, mehr Entzündung» braucht es Experten zufolge aber mehr und bessere Studien.
In einer in Nature Metabolism veröffentlichten Studie hatten Probanden, die zuvor proteinreiche Shakes oder Mahlzeiten zu sich genommen hatten, mehr aktivierte Monozyten im Blut. Die Forscher vermuten, dass die Aminosäure Leucin für die Immunzell-Stimulation verantwortlich sein könnte. Das zeigen auch Tierversuche in der Studie.
Die Wissenschaftler leiten daraus ein erhöhtes Atherosklerose-Risiko durch Protein ab. Andere Ernährungsforscher sehen die Studie aber aufgrund von methodischen Problemen durchaus kritisch.
Ernährungstrends bevorzugten immer wieder andere Makronährstoffe
Welcher der drei Makronährstoffe Kohlenhydrate, Fett und Protein gerade als gesund oder ungesund gelten, ist auch eine Frage der Zeit. So ging in den 1980er Jahren der Trend zu «Low-Fat», während ab den späten 1990er-Jahren zunehmend Zucker in Verruf geriet.
Aktuell sind viele Ernährungsweisen populär, die auf einem hohen Protein-Anteil basieren (z.B. die Paleo-, Keto- oder Zone-Diät). Nicht umsonst: Protein macht satt, und spielt eine Rolle bei vielen körperlichen Prozessen. So ist der Aufbau von Muskeln und Knochen, sowie die Erhaltung des Immunsystems von Protein aus der Nahrung abhängig.
Dass eine besonders proteinreiche Diät förderlich für den Menschen ist, ist jedoch keineswegs bestätigt. Studien in Mäusen zeigen sogar recht eindeutig, dass ein sehr hoher Proteinanteil in der Diät mit einer Neigung zu Atherosklerose-Prozessen einhergeht (2,3). Ausserdem weisen einige Beobachtungsstudien im Menschen (wenn auch nicht alle) darauf hin, dass ein hoher Proteinanteil in der Ernährung Diabetes oder die koronale Herzerkrankung begünstigen kann (4-6).
Aktiviert die Aminosäure Leucin Monozyten?
Die neue Studie beschäftigte sich nun damit, welchen Effekt Proteine auf Monozyten haben, Immunzellen, die an der Entstehung der Atherosklerose beteiligt sind.
Dazu führten die Forscher eine Untersuchung mit 14 Probanden durch. Diese nahmen nach einer 12-stündigen Fastenperiode entweder einen Shake mit hohem oder niedrigem Proteingehalt zu sich. Nach mehreren Stunden wurde ihnen dann Blut abgenommen, die Immunzellen aus dem Blut isoliert und auf ihre Aktivierung überprüft.
In der Untersuchung hatten Monozyten aus dem Blut von Probanden, die den proteinreichen Shake getrunken hatten, vermehrt einen aktivierten mTORC1-Metabolismus. Dieser geht bei Monozyten mit einer Aktivierung von Immunfunktionen wie Migration, Adhäsion und Cholesterin-Einlagerung einher. In vitro zeigten die Forscher zudem, dass dies an der essenziellen Aminosäure Leucin liegen könnte.
Atherosklerose in Mäusen stärker ausgeprägt, wenn sie mehr Leucin zu sich nahmen
Fütterten die Forscher dann Mäuse, die genetisch zur Entwicklung von Atherosklerose neigen, mit einer Leucin-reichen Diät, stieg deren Risiko für die Gefässerkrankung an.
Ein hoher Proteinanteil in der Ernährung würde die Atherosklerose daher eher begünstigen, so das Fazit der neuen Studie.
Soweit würden andere Proteinforscher aufgrund dieser Daten aber nicht gehen. Auf Twitter kritisiert etwa Prof. Dr. Stuart Phillips von der kanadischen McMaster Universität, dass wesentliche Schlüsse rein aufgrund von Tierstudien gezogen worden seien. Zudem nennt er methodische Probleme der Humanstudie. So sei etwa Glukose die zweithäufigste verwendete Zutat in einem der Proteinshakes. Für den Experten ist daher die Aussage, es handle sich um einen Protein-Effekt, unzulässig.
Wichtiger als der Proteingehalt ist, woher das Protein stammt
«Am besten ist immer noch eine ausgewogene Ernährung», sagt Professor Dr. David Fäh, Facharzt für Prävention und Gesundheitswesen FMH, Departement Gesundheit, Ernährung und Diätetik der Berner Fachhochschule. «Generell kann man sagen: Je weiter man sich von den empfohlenen Anteilen an Kohlenhydraten, Fett und Protein in der Ernährung entfernt, umso höher das Risiko für Erkrankungen.»
Die meisten Menschen in der Schweiz würden aber intuitiv über eine vielseitige Kost mit moderatem Konsum tierischer Produkte auf die von Ernährungsgesellschaften empfohlenen Anteil von 15 bis 20 Prozent Protein kommen. Vor einem Proteinmangel oder -überschuss Angst haben müsse daher grundsätzlich niemand, der keine Spezialdiät verfolgt.
Dem Konzept, die Ernährungsweise nur nach seinen Makronährstoffen zu beurteilen, kann Prof. Fäh aber grundsätzlich nichts abgewinnen. «Es kommt ja nicht nur darauf an, wie viel Protein ich zu mir nehme. Sondern eher, ob ich dieses in Form von Hülsenfrüchten, Milchprodukten, Fertigshakes, oder anderen hochverarbeiteten Lebensmitteln zu mir nehme.»
«Ältere Menschen brauchen mehr Protein für den Muskelerhalt»
Vor allem ältere Menschen sollten darauf achten, regelmässig proteinhaltige Nahrungsmittel zu konsumieren. So kann dem im Alter stattfindenden Abbau an Muskelmasse entgegengewirkt werden, erinnert Prof. Fäh. «Nur rund zehn Prozent des verzehrten Proteins kann vom Körper für den Muskel verwendet werden – viel geht etwa während der Verdauung über den Darm und die Leber verloren.»
Bei älteren Menschen sollten daher zwischen 30 und 40 Gramm Protein fixer Bestandteil jeder Mahlzeit sein – vorzugsweise aus pflanzlichen und tierischen Quellen.