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Camille Saint-Saëns’ Stücke sind ein unkomplizierter Genuss. Wer sich aber vertieft mit seinem Werk und mit seinem abenteuerlichen Leben beschäftigen möchte, hat einen Haufen Arbeit vor sich: Rund 700 Werke und tausende Briefe gilt es zu studieren, zahllose Fotos und Karikaturen und sogar ein 64-seitiges Dossier, das kaum beachtet im Archiv der Pariser Polizei schlummert.
Ein umtriebiger Globetrotter
Saint-Saëns bereiste wie ein Irrlicht die Welt. Der Historiker Stéphane Leteuré hat die vielen Reisen des Komponisten minutiös untersucht: rund 250 Aufenthalte im Ausland, 25 bereiste Länder, von Vietnam bis Uruguay.
In Moskau tanzte Saint-Saëns 1875 mit Tschaikowsky einen Pas de deux, 1913 besuchte er die Romandie. Am häufigsten war er jedoch auf Gran Canaria und in Nordafrika, in Algier und Ägypten.
Ende 1888 begann quasi sein zweites Leben als eine Art Nomade. Nach seiner Jugend als Wunderkind und seiner Bilderbuchkarriere, nachdem er seine Frau so plötzlich verliess wie er sie geheiratet hatte, nachdem seine beiden Söhne im Kindesalter starben, nach dem Tod seiner Mutter: Ständig war Saint-Saëns ab dann unterwegs. Und wenn er mal in Paris war, wohnte er meist im Hotel.
Der Historiker Leteuré unterscheidet zwischen Konzertreisen, auf welchen Saint-Saëns als Pianist, Organist oder Dirigent auftrat, und Privatreisen. Auf Letzteren war er gerne inkognito unterwegs, in der 2. Klasse unter dem Decknamen Charles Sannois. Er tauchte so regelrecht unter, um dem Starrummel zu entfliehen, der ihn als Aushängeschild der französischen Musik begleitete.
Pariser Stadtgespräch: War Saint-Saëns homosexuell?
Dieser rastlose Lebensstil führte zu Gerüchten in Paris und in der Presse. Unter anderem deshalb, so Leteuré, wurde Saint-Saëns von der Polizei beschattet. Im dicken Polizeidossier befinden sich auch brisantere Einträge, wie ein unzimperlicher Brief. Darin wird die heiss diskutierte Frage, ob Saint-Saëns homosexuell gewesen ist, scheinbar bestätigt. Geklärt ist dies bis heute nicht.
Innige Beziehung zum Butler
Mehr Klarheit in dieser Frage dürfte die Auswertung der unveröffentlichten Korrespondenz zwischen Camille Saint-Saëns und seinem treusten Butler Gabriel Geslin bringen. Geslin war während 25 Jahren fast immer an Saint-Saëns’ Seite, auf Reisen und in Paris.
Leteuré hat diese rund 250 Briefe gesichtet und unterstreicht den Wert einer Veröffentlichung: Saint-Saëns zeige sich hier von seiner persönlichen und intimen Seite. Dies würde das Bild des Musikers komplettieren, der sich und seine Gefühle gerne hinter seiner brillanten und effektvollen Musik versteckte.
An Geslin schreibe Saint-Saëns etwa «j’ai faim et soif de te revoir» und dass Geslin im Saint-Saëns’schen Familiengrab beerdigt werden solle, falls er während seiner Abwesenheit sterben würde. Die Verwandten Geslins glaubten ebenfalls, dass er mehr als nur der Butler von Saint-Saëns war. Dies alles gelte es aber noch zu prüfen, so Leteuré.
Wenn Saint-Saëns denn mal wieder in Paris war, umgab er sich gerne mit jüngeren Kulturschaffenden wie Marcel Proust, der Saint-Saëns und seine Musik in der «Suche nach der verlorenen Zeit» stilisiert auftreten lässt. Auch mit Pierre Aguétant war Saint-Saëns befreundet und vertonte dessen Texte.
Als Reaktionär verachtet, als Innovator verkannt
Musikalisch gibt es bei Saint-Saëns ebenfalls einiges wiederzuentdecken – neben dem bekannten «Karneval der Tiere». Er war nach seinem Tod lange als Reaktionär oder Salonmusiker verschrien, denn er blieb in seinen Kompositionen seinen klassischen Idealen weitgehend treu und missbilligte die Musikströmungen der Moderne.
Die Qualität, die Originalität und die Breite seines Werks wurden lange verkannt. Dabei war Saint-Saëns auch selbst ein Neuerer: Er führte die Gattung der Sinfonischen Dichtung in Frankreich ein, straffte die klassischen Formen zu neuartigen Modellen und entschwebte in seinen späten Orgelwerken gar stellenweise in atonale Bereiche.