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Im Anschluss an die Kernidee der Tugendethik werden deren zwei Komponenten (Tugendlehre und normative Theorie) erläutert. Danach wird ausführlich auf die aristotelische Ethik eingetreten.
Bild: Pixabay.com (Peggy_Marco)
Kernidee
Wie die anderen drei klassischen Theorien normativer Ethik hat auch die Tugendethik einen ihr eigenen Ausgangspunkt für die Ermittlung des deontischen Status von Handlungen. Diesen Ausgangspunkt bilden die (moralisch positiven) Tugenden bzw. die (moralisch negativen) Laster der handelnden Person, folglich wird der deontische Status einer Handlung fundamental danach bewertet, ob sich darin Tugenden oder Laster manifestieren.
Jede Tugendethik umfasst zwei Komponenten:
Tugendlehre: Was sind Tugenden und Laster an sich? Welche Charaktermerkmale sind als Tugenden bzw. Laster zu klassifizieren?
Normative Theorie: Inwiefern legen Tugenden bzw. Laster den deontischen Status einer Handlung (erlaubt, geboten verboten) fest?
Tugendlehre
Zunächst wird geklärt, was unter Tugenden bzw. Lastern zu verstehen ist, welche Eigenschaften also eine Tugend bzw. ein Laster ausmachen:
Tugenden bzw. Laster sind erworbene Vollkommenheiten bzw. Unvollkommenheiten des Charakters, die dauerhaft stabil bleiben, aber dennoch veränderlich sind.
Der Erwerb der Tugend bzw. des Lasters erfolgte im Zuge eines Gewöhnungsprozesses, für den die jeweilige Person ganz oder teilweise hinreichend selbst verantwortlich ist. Ein durch Gehirnwäsche erworbenes, unveränderliches Laster zählt demnach nicht als solches.
Im Unterschied zu Fertigkeiten sind Tugenden bzw. Laster unspezifisch und intrinsisch werthaltig: Eine Tugend wie Grosszügigkeit ist an sich wertvoll und in vielen Handlungssituationen gefragt, wohingegen eine Fertigkeit wie Stenografie keinen eigenen Wert hat und nur in spezifischen Handlungssituationen zum Einsatz gelangt.
Tugenden erfordern als kognitive Komponente eine gewisse Sensibilität für bestimmte situative Handlungsmerkmale. So muss der Wohltätige erkennen, wann jemand auf Wohltätigkeit angewiesen ist, ansonsten die Tugend nutzlos und schlechthin keine Tugend ist.
Ergänzend zur Sensibilität ist eine angemessene Gewichtung der auf das Sollen gerichteten Gründe erforderlich. So wäre beispielsweise in einer Notsituation die wahrgenommene Not der leidenden Person einzuschätzen und gegebenenfalls Eigen- und Fremdinteressen zu berücksichtigen (z.B. ob man sich und/oder andere durch die Hilfeleistung schädigte).
Tugenden erfordern eine charakteristische Motivation, ein bestimmtes Ziel zu erreichen, d.h. eine echte Tugend entspringt keinen Eigeninteressen oder rationalen Abwägungen und kostet auch keine Überwindung, sondern wird aus sich heraus und des Guten wegen angewandt.
Letztlich erfordert eine Tugend die Fähigkeit, obgenanntes Ziel auch tatsächlich zu erreichen, und das Bestreben, diese Fähigkeit zu kultivieren. Beispielsweise sollte zur Aufrechterhaltung einer (medizinischen) Hilfsbereitschaft periodisch ein Erste Hilfe Kurs absolviert werden.
Nun stellt sich die Frage, wie sich eine bestimmte Charaktereigenschaft als Tugend identifizieren lässt, denn alleine die obige Liste vermag diese Frage nicht abschliessend zu beantworten. Gemäss David Hume sind Tugenden jene Charaktermerkmale, die für den Tugendhaften selbst resp. für andere nützlich und/oder angenehm sind. Zu den nützlichen Tugenden zählt Hume u.a. Besonnenheit, Fleiss, Sparsamkeit, Rücksichtnahme und Ordnung, zu den angenehmen Heiterkeit, Mut oder Höflichkeit. Laut Hume sind, um wahre Tugenden als solche zu erkennen und moralisch richtige Entscheidungen zu fällen, Verstand und Gefühl unabdingbar.
Zur Einteilung von Tugenden können u.a. diese drei Kriterien verwendet werden:
Primäre vs. sekundäre Tugenden: Primäre Tugenden sind direkt auf das Wohl der Handlung ausgerichtet, z.B. Hilfsbereitschaft, wohingegen sekundäre Tugenden quasi als Steigbügelhalter dienen, z.B. Mut, um in einer bestimmten Situation die Hilfsbereitschaft aufzubringen.
Selbst-bezogene vs. auf andere bezogene Tugenden: Erstgenannte befördern das eigene Wohl, zweitgenannte das Wohl anderer. Als Beispiel einer selbst-bezogenen Tugend mag Besonnenheit dienen, als Beispiel einer auf andere bezogenen Tugend die Grosszügigkeit.
Asketische vs. nicht asketische Tugenden: Eine asketische Tugend manifestiert sich primär in Unterlassungen, d.h. im Widerstand gegen eine lustfördernde Handlung (z.B. Mässigung). Eine nicht-asketische Tugend manifestiert sich hingegen primär in Handlungen unter Inkaufnahme von subjektiv negativen Effekten wie Schmerzen o.ä. (z.B. Tapferkeit).
Tugendethik
Nachfolgend werden zwei Ausprägungen moderner Tugendethik erläutert, die bezüglich Festlegung des deontischen Status (erlaubt, geboten verboten) zu unterschiedlichen Schlüssen gelangen.
Qualified-agent accounts (Rosalind Hursthouse): Jene Handlungsoption ist richtig, die eine tugendhafte Person vermittels der Ausübung ihrer Tugenden wahrnehmen würde. Das hiermit verknüpfte Problem: Die Theorie erklärt zwar, was richtige Handlungen sind, aber nicht, was diese Handlungen zu richtigen Handlungen macht.
Agent-based accounts (Michael Slote et al.): Jene Handlungsoption ist richtig, die tatsächlich aus den tugendhaften Charaktermerkmalen des Handelnden hervorgeht. Mit anderen Worten kann nur ein Tugendhafter tugendhaft und mithin richtig handeln, weil die Theorie verlangt, dass sich in der Handlung der Charakter des Handelnden manifestiert.
Eine auf "agent-based accounts" fussende Tugendethik ist mit diversen Problemen konfrontiert:
Überforderungseinwände: Eine lasterhafte Person kann per definitionem nie moralisch richtig handeln, weil ihr Charakter die nötigen Eigenschaften nicht aufweist. Zudem ist die Beurteilung von Handlungen fraglich resp. unklar, solange sich die Handelnden erst zur Tugendhaftigkeit hin entwickeln, d.h. sich erst auf dem Weg zur Tugend befinden. Infolgedessen sehen sich lasterhafte Personen der Überforderung ausgesetzt, per se nicht moralisch richtig handeln zu können, und tugendhafte Personen der Überforderung, stets die beste Tugend einsetzen zu müssen. Diesen Problemen könnte über das Abstellen auf die je relativ besten, aktual vorliegenden Eigenschaften der handelnden Person begegnet werden, oder aber damit, sich mit hinreichend tugendhaften Charaktereigenschaften zu begnügen, was das Überforderungsproblem aber nicht im Kern löst.
Pharisäismus: Sofern sich der Tugendhafte in seinem praktischen Überlegen an dem orientiert, was seine Handlung theoriegemäss richtig macht, muss er sich nötigerweise am eigenen Charakter ausrichten. Er muss also in bestimmten Situationen eine Ich-Überlegung für ein Du-Problem anstellen: Hilfsbereitschaft ist eine Tugend, folglich ist jene Option richtig, in der ich als Hilfsbereiter aufrichtig hilfsbereit handle; die hilfsbedürftige Person und die Art und Weise der Hilfeleistung spielen paradoxerweise in dieser Betrachtungsweise keine Rolle.
Handlung-Motiv-Konflikt: Die Tugendethik kann Situationen nicht hinreichend erklären, in denen aus tugendhaften Motiven falsch und aus lasterhaften Motiven richtig gehandelt wird. Sofern z.B. ein tugendhafter Arzt unwissentlich seinen Patienten vergiftet, wurde zwar im Sinne der Theorie moralisch gehandelt, aber das Handlungsergebnis ist falsch.
Intrinsisch verwerfliche Handlungen: Die Tugendethik kann intrinsisch verwerfliche Handlungen wie Folter nicht konsequent als unmoralisch deklarieren. Sofern solche Handlungen aus tugendhaften Motiven ausgeführt würden, betrachtete sie die Tugendethik als richtig.
Angewandte Ethik: Tugendethische Ansätze sind bisweilen in modernen Handlungssituationen wenig hilfreich, für die noch kein (hinreichender) Erfahrungsschatz besteht, sodass sich noch keine "Tugendpraxis" herausbilden konnte (z.B. Beurteilung einer Impfpriorisierung).
Aristotelische Ethik
Die aristotelische Ethik wird als "Strebensethik" bezeichnet, weil sie im Unterschied zu den klassischen Theorien (Konsequentialismus usw.) nicht nach dem deontischen Status von Handlungen fragt, sondern wonach alle Menschen streben. Diese Frage wird mit Glück resp. Gedeihen beantwortet (Eudaimonie) bzw. damit, dass alle Menschen nach jenem ausgeglichenen Gemütszustand streben, der sich aus einer gelungenen Lebensführung entlang der Grundsätze der Ethik ergibt. Für diese Strebensethik mit einem obersten Ziel kann u.a. zwei Argumentationslinien gefolgt werden:
Alles Streben wäre rein instrumentell, wenn es nicht auf ein einziges, oberstes Ziel gerichtet wäre. So ist z.B. das Streben nach Geld kein Selbstzweck, sondern Geld wird zur Erreichung anderer Ziele angestrebt. Glück hingegen wird nur um des Glücks willen angestrebt. Nun wäre denkbar, dass nicht bloss ein oberstes Ziel existiert, sondern mehrere, und infolgedessen Zielkonflikte zu lösen wären. Aristoteles begegnet diesem Einwand mit dem Hinweis, praktisches Überlegen bedürfe zwingend eines obersten Ziels als Orientierungspunkt, folglich müsse eines existieren.
Ergänzend zur obigen Argumentation erklärt Aristoteles, jedes Lebewesen verfüge über ein Telos, eine spezifische Aufgabe seiner Existenz, und dass es gut und demnach geboten sei, dieser Zweckursache der Existenz nachzuleben, damit z.B. eine Eichel zur stattlichen Eiche gedeihe. Die Frage nach dem Telos des Menschen beantwortet Aristoteles mit dessen Vermögen zu theoretischer (auf das Wissen bezogener) und praktischer (auf das Handeln bezogener) Vernunft, folglich müsse der Mensch diese beiden Dimensionen der Vernunft vervollkommnen.
Die aristotelische Tugendlehre umfasst diese Eigenschaften:
Anforderungen an tugendhaftes Handeln: Eine Handlung muss wissentlich (nicht bloss versehentlich), willentlich (aufgrund einer Entscheidung) und sicher (aus einer unerschütterlichen tugendhaften Haltung) ausgeführt werden, um als richtige Handlung zu qualifizieren. Folglich ist Tugendhaftigkeit eine Form der Praxis und manifestiert sich in der Ausübung ihrer selbst.
Erwerb der Tugenden: Laut Aristoteles werden Tugenden durch tätiges Bemühen erworben, d.h. beim tugendhaften Handeln. Sofern man eine Tugend noch nicht erworben habe, solle man sich eine diesbezüglich bereits tugendhafte Person zum Vorbild nehmen.
Tugend als Mitte (Mesotes-Lehre): Aristoteles verstand Tugenden als mittlere Zustände zwischen zwei einander entgegen gesetzten Lastern. So nimmt z.B. der Mut eine mittlere Stellung zwischen den Lastern Tollkühnheit und Feigheit ein. Die tugendhafte, mithin moralisch richtige Handlung strebt zur Mitte und ist demnach jene, die im vorgenannten Beispiel ein Übermass an Angst (Feigheit) und einen schädlichen Mangel an Angst (Tollkühnheit) optimal ausbalanciert.
Charakter- und Verstandestugenden: Verstandestugenden wie z.B. Weisheit sind laut Aristoteles für moralische Fragen teilweise nicht direkt relevant. Insbesondere auf die praktische Klugheit treffe dies aber zu, denn ohne praktische Klugheit könne eine Charaktertugend wie Mut kaum zweckmässig eingesetzt werden. Umgekehrt sind aber auch die Charaktertugenden eine Voraussetzung für den Einsatz von Verstandestugenden wie der praktischen Klugheit, da z.B. übermässige Angst zu unklugem bzw. falschem Handeln führen kann.
Die Mesotes-Lehre ist mit einigen Problemen behaftet. Erstens scheinen sich gewisse Tugenden nicht "einmitten" zu lassen. So stellt sich beispielsweise die Frage, ob Grosszügigkeit die Mitte der Laster Geiz und Verschwendung bilde, oder nicht einfach das andere Extrem von Geiz sei. Oder zwischen welchen Lastern sich die Gerechtigkeit befinde, die eher Antipode der Ungerechtigkeit zu sein scheint. Zweitens unterstellt Aristoteles natürliche Tugenden (z.B. Kühnheit) als Voraussetzungen für Charaktertugenden (z.B. Mut), woraus sich schliessen lässt, dass zunächst Verstandestugenden (praktische Klugheit) zwingend erforderlich sind, damit aus natürlichen Tugenden die Charaktertugenden erwachsen können. Daraus wiederum ergibt sich, dass Charaktertugenden wohl eher Veredelungen natürlicher Tugenden und (oftmals) nicht Mittelstellungen zwischen zwei Lastern sind.
Die praktische Klugheit ist hierdurch charakterisiert:
Bezugspunkt praktischer Klugheit ist die konkrete Handlungssituation und die Frage "was ist hier und jetzt als Richtiges zu tun?" - sie stellt demnach nicht auf Prinzipien oder abstrakte Regeln ab.
Praktische Klugheit vermittelt einen Gesamteindruck aller in einer Handlungssituation normativ relevanten, durch die Tugenden wahrgenommenen Gesichtspunkte.
Nur wer im Besitze der Charaktertugenden ist, kann über praktische Klugheit verfügen. Einer vollendet lasterhaften Person steht die praktische Klugheit nicht zur Verfügung.
Zusammenfassend lässt sich Aristoteles - obschon in seiner nikomachischen Ethik die Tugenden den weitaus grössten Raum einnehmen - nicht umstandslos für eine Tugendethik beanspruchen. Einerseits, weil seine Ethik auf dem metaphysischen Gedanken der Vervollkommnung der menschlichen Natur basiert (Telos), andererseits, weil er von der Existenz intrinsisch verwerflicher Handlungen wie Mord oder Ehebruch überzeugt war, worin sich eine gewisse Nähe zur Deontologie zeigt.
Die weiteren Zusammenfassungen zur Ethik und andere diesbezügliche Beiträge finden sich hier.