Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03645.jsonl.gz/862

Mehr als zwei Jahrzehnte - 1860 bis 1882 - war nichts geschehen in Sachen Befestigungsbau in der Schweiz - ausser jede Menge Planungen. Erst im Jahr 1885 nach der Eröffnung des Gotthardeisenbahn-Tunnels
beendete der Bundesrat diese Phase und löste die erste Bauetappe in Sachen Gotthardbefestigung aus. Eines der ersten Werke, welches errichtet wurden war das Werke Fort Fondo del Bosco - besser bekannt als
Fort Airolo.

Vorgeschichte
Der Bundesrat fasste am 13. Februar 1885 folgenden Beschluss: "die totale Befestigungsfrage sei in eine partielle zu zerlegen und das Militärdepartement werde beauftragt zu untersuchen, inwiefern die
Südfront, insbesondere mit Bezug auf den Kanton Tessin und den St. Gotthard fortifikatorisch zu sichern sei". Neben finanziellen Aspekten gebot auch die militärpolititische Lage eine Konzentration auf
das Wesentliche. Nämlich die Konzentration auf die Nord-Süd Achse über - oder durch - den Gotthard. Die Meinung, dass die damaligen Verbündeten Deutschland und Italien am Gotthard sich die Hand reichen könnten,
bei einem Krieg gegen Frankreich, war weit verbreitet. Eine Dreierkommision mit den Obersten Pfyffer, Locher und Bleuler nahm die Planung auf. Bereits am 30. September 1885 unterbreitete die Kommision dem EMD
einen Vorschlag. Dieser konzentrierte sich auf die Sicherung des Gotthard-Südportals und des Urnerlochs mit je einem Fort. Nach der Kreditbewilligung durch die eidgenössischen Räte nahm 1886 eine
Landesbefestigungskommision unter der Leitung von Oberst Pfyffer die Planung und Realisierung in Angriff. Bei der Realisierung traten in den Jahren 1886 bis 1894 zahlreiche Probleme auf. Diese führten nicht nur
zu Verzögerungen, sondern auch zu massiven Kostenüberschreitungen. Das Geld war aber nicht das Problem. Da man Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre einen europäischen Krieg fürchtete, winkte das Parlament die
Nachtragskredite anstandslos durch. So kostete am Ende die Erste Bauetappe anstatt der projektierten 2.67 Mio CHF nicht weniger als 12.66 Mio CHF (nach heutigem Geldwert ca. 150 Mio CHF). Grössere Besorgnis
verursachten die Bauverzögerungen. Diese traten auf aus Mangel an qualifizierten Festungsbau-Experten, wegem Problemen mit den zivilen Bauunternehmen, taktischen und technischen Konzeptänderungen, wegen waffentechnischem
Fortschritt, Schwierigkeiten bei der Armierung (im Besonderen bei der Wahl der Panzertürme) sowie aufgrund der schwierigen Witterungsverhältnisse im Hochgebirge.
Wegen der mangelden Erfahrung genehmigte das EMD Studienreisen ins Ausland. Besonders fruchtbar zeigten sich die Kontakte zu dem in K.u.K.-Dienst stehenden Feldmarschall-Leutnant Daniel von Salis (dieser fertigte
für das Fort Airolo eine Planungsskizze an), sowie zu Major Maximilian Schumann von den deutschen Grusonwerken. Dieser galt als Experte in Festungsbaufragen und hat in der Folge massgeblich den Charakter
der Bewaffnung der schweizerischen Werke beeinflusst.
Das Fort Airolo entsteht
Das Konzept sah ein Fort auf Fondo del Bosco oberhalb von Airolo zur Verteidigung des Gotthard Eisenbahntunnels vor. Zusätzlicher Auftrag war, das Betrettotal und die Leventina zu sperren sowie mit Festungsartillerie
die Gotthardstrasse und die Anmarschwege zu decken. Der Bau erfolgte durch Akkordanten und wurde bis zum Herbst 1889 realisiert. Das fertige Fort präsentierte sich als ein in die Erde versenkter, trapezförmiger
und von einem Graben umgebenen Granitblock. Die Einführung der Brisanzgranate während der Bauzeit führte dazu, dass das Werk zusätzlich komplett mit Granitblöcken abgedeckt werden musste. Der Aushub des Grabens
hat wegen des felsigen Untergrunds einen gewaltigen Aufwand an Arbeitskräften erfordert. Zeitweilig arbeiteten mehr als 800 Mann auf der Baustelle.
Als Hauptbewaffnung wurde das Werk mit einem 12 cm Zwillings-Panzerturm der Firma Gruson sowie fünf 8.4 cm Kasemattkanonen ausgerüstet. Für die Nahabwehr konnte der Graben mit zwölf 8.4 cm Kamponierkanonen
aus den drei Kamponieren beschossen werden. Ausserdem wurden vier 5.3 cm Krupp Versenkpanzer in das Fort eingebaut. Zur Beobachtung und Feuerleitung standen drei versenkbare gepanzerte Beobachtungstürmchen
zur Verfügung. Eine eigentliche Kuriosität in Sachen Bewaffnung waren die zwei 12 cm Kugelmöser, die im Fort installiert waren. Den Namen verdanken sie der kugelförmigen Gestalt des mittleren Rohrteils. Die
eigentliche Kuriosität bestand aber darin, dass man damit praktisch nie etwas traf. Ebenso kurios ist die Tatsache, dass die Waffe - obwohl zur NAH-Verteidigug beschafft - eine minimale Schussdistanz von 400 Meter
hatte.
Pläne von Fort Airolo aus der ersten Bauphase [ Friends only ]
Das Fort Airolo wird ausgebaut
Als 1902 die Silvestrellikrise ausbrach und alle Werke innert kürzester Zeit in Kriegsbereitschaft versetzt werden mussten, offenbarten sich schlagartig Unvollkommenheiten, die zu beheben waren. Dem Fort fehlte
vor allem genügend Sturmfreiheit. Knapp 100 Meter hinter der Kehlfront erhebt sich eine Felskuppe, die das Schussfeld einschränkt. Es fehlte aber auch an Feuerkraft, welche aber im Werk nicht untergebracht werden
konnte. Es blieb nur ein Ausweg offen. Neue Nebenanlagen mussten her. Oberhalb des Forts wurde auf dem Foppahügel für die Nahverteidigung eine 12 cm Panzerhaubitze eingebaut. Ausserdem wurden zwei 5.3 cm Fahrpanzer
provisorisch platziert. Erst in der dritten Bauetappe von 1911 bis 1920 wurde das Problem der Sturmfreiheit gelöst. Anstelle der 12 cm Panzerhaubitze wurde eine mit MG gesicherte Kriegsunterkunft in Form einer
Kehlkaserne errichtet, welche mit einem Beobachtungsturm ausgerüstet war. Auf der Ostseite zwischen Fort und Kehlkaserne wurden zwei 5.3 cm Fahrpanzer eingebaut. Auf der Westseite im Raum Gaspiei entstanden bis
zum Kriegsende des 1. Weltkriegs eine kasemattierte Anlage für zwei Geschütze im Kaliber 5.3 cm. Die anfänglich auf dem Foppahügel platzierte Haubitze wurde verlegt und ein zweites Geschütz bei Gaspiei eingebaut.
Alle diese Anlagen wurden ausserdem unterirdisch miteinander verbunden. Rund um das Fort errichtete die Truppe während des 1. Weltkriegs zahlreiche Bunker in Form von Gewehrgallerien.
Auch der nächste Krieg brachte Verstärkungen mit sich. So wurde die Aussenverteidigung des Forts mit MG-, Lmg- und Pak-Bunkern verstärkt, welche auch teilweise unterirdisch mit den alten Befestigungen verbunden
waren. Unterstände, Solitär und Flabstellungen ergänzten das Ganze.
1947 kam dann das Aus für das Fort. Die Waffen hatten ausgedient und wurden in den 50er Jahren ausgebaut und eingeschmolzen. Trotzdem blieb das Fort als Kaserne für den Waffenplatz Airolo bis heute in Betrieb. Die
Aussenanlagen hatten aber ein wesentlich längeres Leben. So wurde Anfang der 60er Jahre in den zwei ehemaligen Ständen der 12 cm Panzerhaubitzen je ein 8.1cm Festungsminenwerfer eingebaut. Einer davon wurde
beim Bau der neuen Kaserne abgebrochen.
Danke der Hilfe von Aktivdienst-Veteranen und von pensionierten und aktiven Angehörigen des Festungswachtkorps konnte 1989 im ehemaligen Kampftrakt des Forts Airolo ein Museum eröffnet werden. Dieses wurde 1999
erweitert und bis 2001 wurde die alte Abdeckung des Fort komplett restauriert. So kann es heute in alter Schönheit von den Museumsbesuchern bewundert werden.
Kritische Würdigung der Anlagen der ersten Generation am Gotthard
Bis 1894 waren mit Ausnahme des Forts Stöckli alle im ursprünglichen Konzept erstellten Anlagen erstellt. Durch ergänzende Massnahmen
wurden die Mängel, welche nach dem Bau zu Tage getreten waren, behoben. Trotzdem ist es ein Glück, dass die Anlagen ihre Tauglichkeit im Ernstfall nie beweisen mussten.
Positiv muss aus heutiger Sicht festgehalten werden, dass das Ausland die Fortifikationsarbeiten in den Alpen schon damals als klare Willensdemonstration betrachtete, die Unabhängikeit mit allen Mitteln zu wahren.
So wurden bereits nach der ersten Bauphase die bestehenden Durchmarschpläne sowohl in Deutschland als auch in Italien ad acta gelegt. Auch der Symbolcharakter, welche die Gotthardbefestigung im Schweizervolk
gewonnen hatte, erhält sich teilweise - bei gewissen Kreisen - noch bis heute.
Trotz dieser positiven Feststellungen sind kritische Feststellungen über den rein militärischen Wert dieser Bauwerke durchaus angebracht. Diese wurden sowohl von der damaligen Festungsverwaltung, dem Generalstabschef
Arnold Keller und vom langjährigen Chef des BBB (Oberst Julius Rebold) geäussert. Nach den Worten dieser zeitgenössischen Experten ist das Wort "Fort" für die Anlagen Airolo, Bühl und Bäzberg übertrieben. Keines dieser Werke war selbstständig zur Verteidigung fähig, handelte
es sich im Grunde bei den Alagen lediglich um gepanzerte Batterien, welche in krassem Missverhältnis zwischen den hohen Baukosten und relativ schwacher Bewaffnung standen. Das Werk Airolo, dessen Feuerkraft sich
auf einen relativ engen Raum beschränkte, war wenig widerstandsfähig. Trotz der Granitblöcke hätte es einer Beschiessung mit Kalibern 15 cm nicht standgehalten. Ausserdem wäre es einem Gasangriff nicht gewachsen gewesen,
erfolgte doch die Frischluftzufuhr ausgerechnet durch den Kehlgraben, wo sich die giftigen Gase angesammelt hätten.
Angesichts dieser Beurteilung der alten Anlagen und der Tatsache, dass während des Zweiten Weltkriegs eine ganze Anzahl von neuerern und moderneren Werken entstanden, fiel es den verantwortlichen Instanzen leicht,
die alten Festungen nach dem Krieg zu desarmieren, aufzulassen oder einer anderen Verwendung zuzuführen.

Kapitel Hauptseite
Fort Airolo
Aussen
Fort Airolo
Innen
Fort Airolo
Museum
Kaserne Foppa
und Fahrpanzer
Bunker und Anlagen
Beobachter und Waffenstellung Gaspiei