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Wieder einmal zieht eine Front über unsere Köpfe hinweg. Der Regen schlägt gegen die Plexiglasfenster über dem Niedergang. Wir liegen in Aber Wrac’h, dem westlichsten Hafen an der Nordküste von Finistère. Früher empfanden wird das hier schon als das Ende Frankreichs. Aber man lernt doch immer wieder dazu.
Insel der Leuchttrüme
Vor fast zwei Wochen sind wir von hier aus an den wirklich westlichsten Zipfel Frankreichs gesegelt, auf die Insel Ouessant. Sie ist sozusagen ein Türpfosten zwischen dem Atlantik und dem Ärmelkanal. Die Scilly Islands vor Englands Südwestküste bilden das Pendant dazu.
Ouessant könnte man gut als Insel der Leuchttürme bezeichnen. In allen vier Himmelsrichtungen weisen sie den Seeleuten den Weg um den Granitklotz herum. Sie haben ihre Berechtigung; eine Karte, die man überall an die Touristen verkauft, zeigt die Schiffe, die an ihrer Küste gescheitert sind: Vom historischen Segler bis zum Öltanker; Ouessant hat nichts ausgelassen, oder besser gesagt: Keine Schiffsgeneration hat die Insel unbeschadet überstanden.
Wellen als Willkommensgruss
Wir haben auch unser Salzwasser abbekommen, als wir die Südküste entlang auf die tiefe Ankerbucht zuliefen, die sich wie die Schere einer Krabbe nach Südwesten öffnet. Ein Leuchtturm markiert die Einfahrt. Den musste wir runden, was uns einige Mühe bereitete. Der Strom lief mit beachtlicher Stärke nach Westen. Später lasen wir, dass er teilweise mit bis zu neun Knoten die Inseln umspült.
Kein Wunder verwandelte sich die See mit dem felsigen Grund kurz vor der Einfahrt in einen Hexenkessel. Wir sind uns das Alderney Race vor dem Kap de la Hague mit seinen meterhohen, steilen Wellen gewohnt, in die das Boot zuweilen wie einen bodenlosen Abgrund fällt. Aber Ouessant kann locker mithalten. Als wir uns schon fast in Sicherheit wähnten, brach eine Welle über dem Schiff und duschte uns von oben bis unten.
Erst, als wir in die tiefe Baie de Lampaul mit seinem markanten Felsen in der Mitte einliefen, wurde das Wasser ruhiger, bis es am Ende so still war wie in einem Ententeich. Wir packten eine Boje, wir waren angekommen.
Freiheitsliebende Schafe und Insulaner
Was gibt es auf Ouessant zu sehen ausser Leuchttürme? Schafe. Auf fast jedem Grundstück grast ein vierbeiniges Wollknäuel. Allerdings sind von den berühmten Ouessant-Schafen auf der Insel nicht mehr viele übrig. Die Ouessant-Schafe sind kleiner als unsere normalen Blöker – und freiheitsliebend. Früher streunten sie einfach auf der Insel herum. Die meisten Schafe, denen wir begegneten, waren aber angebunden und mussten sich mit dem begnügen, was ihre Leine zuliess.
Vor der Nordseite von Ouessant liegt noch eine weitere, kleine Insel, getrennt von ihr nur durch einen schmalen Kanal. Die Île de Keller ist eine Privatinsel, eigentlich nicht mehr ein weiterer Granitbrocken im Meer.
Aber sie ist bewohnt. Ein paar Gestalten brachten Wäsche aus dem düsteren Haupthaus mit seinen spitzen Giebeln und den schwarzen Fensterlöchern zum Aufhängen in einen windgeschützten Winkel etwas unterhalb einer Klippe.
Wer diese Menschen wohl sind? Was sie auf dem verlorenen Eiland tun, und überhaupt, wie sie hingekommen sind? Die Insel gäbe die perfekte Kulisse für einen Endzeitroman ab. Die letzten überlebenden der Menschheit, oder so.
Wir sind fast die ganze Insel abgelaufen. Vier Stunden dauerte die Wanderung. Sie führte uns zunächst zum östlichen Anleger und dem Phare de Stiff, dem ältesten Leuchtturm auf Ouessant, dann über Strandwege, die von violettem Heidekraut gesäumt waren, zurück zum westlichsten Punkt, wo natürlich der wichtigste Leuchtturm steht, der Phare du Créac’h, dekorativ schwarz-weiss gestreift. In der Nacht sandte er sein Licht über unsere Ankerbucht. Ein beruhigender Anblick.
Kein Quatorze Juillet
Wir waren am 14. Juli angekommen, dem französischen Nationalfeiertag, und wir rechneten mit einem rauschenden Fest mit Feuerwerk. Aber da hatten wir die Rechnung ohne die Insulaner gemacht. Der 14. Juli wird auf Ouessant ganz einfach ignoriert. Wir nahmen es als Statement, dass man sich auf dieser Insel wohl nicht wirklich als Franzosen fühlt. Betonen schon die Bretonen auf dem Festland ihre Eigenart, scheinen es die Menschen auf Ouessant noch ein wenig weiterzutreiben. Wahrscheinlich gibt es hier draussen aber einfach schlicht niemanden, der es wagen würde, den Zentralstaat durchzusetzen und auf dem Quatorze Juillet zu beharren.
Der Feuerwehrball
Gefeiert wurde trotzdem, allerdings einen Tag später. Organisiert wurde die Party von der Feuerwehr. Und es gibt auf Ouessant erstaunlich viele Feuerwehrleute, die schon am Morgen des 15. Bänke aufstellten und eine Bühne errichteten. Am Abend spielten dann zunächst lokale Bands auf. Später wummerte Konservenmusik aus den 70ern und 80ern über die Bucht. Auf Ouessant begibt man in mancherlei Hinsicht auf eine Zeitreise.
Als irgendwann nach 11 Uhr das Tageslicht endlich doch der Nacht gewichen war, wurde auch das Feuerwerk nachgeholt und die Feuerwehrleute jagten über der Bucht erstaunlich viel in die Luft; Augenblicke lang lagen wir unter funkelnden Sternen an unserer Boje. Schön.
Als ich um zwei Uhr nochmals den Kopf aus der Luke streckte, wurde am Hafen immer noch gefeiert. Nur die Musik war eine andere: Pop der Gegenwart. Die Alten waren wohl zu Bett gegangen und hatten den Jungen das Feld überlassen. So ist es eben, überall, auch am Ende der Welt.
Wir verliessen Ouessant tags darauf Richtung Süden, aber in einem weiten, weiten Bogen um den Leuchtturm herum, um ja nicht mehr mit dem Wildwasser vor der Einfahrt in Berührung zu kommen.