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Der 2. Pfeiler: Meditation
Der zweite Pfeiler zur Realisation: Rechte Geistesvertiefung - Meditation - Kontemplation
Sie können am Meeresstrand stehen oder liegen. Was nehmen Sie dort alles wahr? Wo sind Sie? Sind Sie ganz aufmerksam? Sind Sie ganz bei sich? Geniessen Sie einfach nur das jetzt DASEIN? Oder sind Sie in Gedanken und Träumereien? Können Sie sich ganz dem Moment hingeben? 0der stürmen Gedanken auf Sie ein? Da..., ein Möwenschrei. Hat er Sie aus Ihren Gedanken geholt? Oder lenkt ein flotter Surfer oder ein spritziges Motorboot Ihre Aufmerksamkeit ab?
Das Wort "Meditation" und "meditieren" leitet sich aus den lateinischen Wörtern meditari und meditatio ab. Sie bedeuten ursprünglich soviel wie "ermessen, geistig abmessen" und im zweiten Falle "nachdenken, sinnende Betrachtung". In den spirituellen Traditionen wird auch vielfach das Wort "Kontemplation" verwendet, ein Wort, das aus Lateinisch contemplatio abgeleitet ist und soviel wie "Anschauung, Betrachtung" bedeutet. Im christlichen Sinne versteht man darunter die Versunkenheit in das Werk und Wort Gottes oder einer Gottheit. So kennt man beide Begriffe auch im östlichen Denken, nur hat man es hier im Westen zu wenig differenziert, denn in der indischen Philosophie und Religion hat man zahlreiche andere Begriffe dafür, die man unter dem Sammelbegriff Geistesvertiefung oder Meditation einordnen kann. So kennt man z.B. viele unterschiedliche Bewusstseinszustände, die in der Meditation auftreten können. Oder "Geistesvertiefung" wird in der Lehre Buddhas von der Achtsamkeit- und Klarblicksmeditation unterschieden.
Hier im Westen wird die Achtsamkeitsmeditation (vipassana oder satipattana) angeboten, die in der Lehre Buddhas eine Vorstufe der eigentlichen Geistesvertiefung ist. So wird auf dem Achtfachen Pfad "Rechte Achtsamkeit" scharf von "Rechter Geistesvertiefung" unterschieden. Psychologisch und technisch unterscheidet sich die Achtsamkeit von der Geistesvertiefung durch die Ausrichtung der Konzentration auf gegenständliche und nichtgegenständliche Objekte oder Bereiche.
Die Achtsamkeitsmeditation ist vierfach:
1. Achtsamkeit auf den Körper
2. Achtsamkeit auf die Gefühle
3. Achtsamkeit auf die Gedanken
4. Achtsamkeit auf die Wahrnehmungsobjekte
Bei der Geistesvertiefung realisiert der Geist vier unkörperliche (oder objektfreie) Gebiete oder Bereiche:
1. Raumunendlichkeit
2. Bewusstseinsunendlichkeit
3. Nichtetwasheit
4. Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung
Buddha hatte diese vier Vertiefungen in seiner Geistesvertiefung der Reihe nach durchlaufen und beschrieben. Plötzlich und unerwartet können aber auch Sie kurzzeitig solche Erfahrungen machen, ohne zu wissen um was es sich handelt. Und wie sie zu stabilisieren sind. Langzeitmeditierende sind jedoch fähig, das Verweilen in diesen Gebieten auszudehnen. Diese Zustände scheinen mit neurologischen Veränderungen, Hirnströmen, neuronalen Verschaltungen und Strukturveränderungen zu korrespondieren. Deshalb sind sie heute für die Bewusstseinsforschung und Neurowissenschaft interessant geworden.
Es dürfte aus verschiedenen Gründen deutlich geworden sein, dass für die Realisation von GEWAHRSEIN nicht alle Meditationsformen nützlich und geeignet sind. Vor allem solche nicht, die den dualistischen Konflikt weiterhin unterstützen, und sei der noch so subtil. Jede Objektivierung verletzt die ALL-EINHEIT. Jede Konzentration und Achtsamkeit auf religiöse und spirituelle Motive verstellt die Realisation von GEWAHRSEIN als Präsenz. Das ist der Grund, warum selbst die Mystiker GEWAHRSEIN nicht dauerhaft realisieren konnten. Im Osten wie im Westen. Ihnen fehlte der Schlüssel des ultramystischen Denkens und Realisierens.
Es ist eine falsche Annahme, dass die Reduktion oder gänzliche Beseitigung der Rasterpunkte von Wahrnehmungen im Bewusstsein das GEWAHRSEIN zu 100% durchscheinen lässt. Dies würde bedeuten, dass das Dasein des Menschen auf nur eine Seite der Münze - dem GEWAHRSEIN - reduziert wird. Oder dass das Ego oder Ich erst sterben müsse, wie einige Traditionen lehren und Meditationslehrer anstreben.
Die Reduktion von Bewusstseinsinhalten durch Konzentration gelingt in der Meditation durch sehr viel Übung tatsächlich. Der bekannte Reiseschriftsteller Andreas Altmann berichtet in seinem Buch über sein Achtsamkeitstraining in Indien, dass er während drei Stunden Meditation vielleicht mal drei Minuten ganz konzentriert und bei sich selbst im Moment war. Die übrige Zeit seines Trainings war er mit den unterschiedlichsten Gedanken und Erinnerungen befasst. Paul Brunton berichtet, dass man in einem gedankenfreien Zustand bewusst nur etwa 26 min verweilen kann. Aber das ist nicht das Problem. Sondern die Tatsache, dass eine Entleerung des Bewusstseins lediglich zu einem veränderten Bewusstseinszustand führt. Es ist der Zustand, den Yogis und Mystiker in tiefer Meditation realisieren und Buddha als dritte oder vierte Stufe der Geistesvertiefung differenziert hat. Nach der indischen Bewusstseinsphilosophie ist das der vierte Zustand des Bewusstseins (turiya) und nicht die Realisation von GEWAHRSEIN, die darüber hinaus geht (turiytita).
Die Auswirkungen von Meditation konnte inzwischen von der Neurowissenschaft bestätigt werden. Bei Langzeitmeditierenden wurden Veränderungen in den Strukturen des Gehirns und in der Veränderung der Hirnwellen festgestellt.
Die Geschichte des Zen überliefert ein schönes Beispiel für diesen gravierenden Unterschied in der Betrachtungsweise. Der später als sechster Patriarch des Zen geltende Hui-neng (638-713) war Küchengehilfe im Kloster des fünften Patriarchen. Als es um die Nachfolge ging, konnte sich dieser nicht für einen Schüler entscheiden und schrieb einen Test aus. Die Schüler sollten einen Text an die Klosterwand schreiben, der zeige, dass der Betreffende zum allumfassenden und grundlegenden Sinn erwacht sei. Die Mönche dachten daran, dass nur ihr Vorsteher dieses Verdienst hätte und schrieben selbst nichts an die Wand. So schrieb der Vorsteher Shen-hsiu an die Wand:
"Der Leib, das ist der Bodhi-Baum. Der Geist gleicht einem klaren Spiegel. Wisch ihn denn immer wieder rein, lass keinen Staub sich darauf sammeln."
Der zum GEWAHRSEIN erwachte Hui-neng las den Spruch und schrieb daneben:
"Im Grunde gibt es keinen Bodhi-Baum, noch gibt es einen Spiegel. Da ist ursprünglich kein einziges Ding - wo soll sich denn da Staub ansammeln."
Er erhielt die Robe des Meisters, musste aber vom Kloster fliehen, weil die Mönche ihn nicht anerkannten und gar verfolgten.
Rechte Unterscheidung bei der Auswahl von Methoden
Bei uns im Westen wird Meditation und Kontemplation im Rahmen von spirituellen Traditionen meist als Konzentrations- und Achtsamkeitstraining angeboten, wenn sie nicht gerade an die Tradition gebundenen sind, die mit religiösen Vorstellungen arbeiten oder mystische Zielsetzungen haben. Sie sollen für die Gesundheit förderlich sein, Ruhe und Gelassenheit, psychische Harmonie und Stressreduktion bewirken. Viele Studien belegen inzwischen diese Auswirkungen, z.B. das Achtsamkeitstraining und der sogenannte Body-Scan von Jon Kabat-Zinn, Professor für Medizin an der Universität Worcester, Massachusetts.
Für die Realisation von GEWAHRSEIN als Seinsweise müssen wir der Meditation einen anderen Stellenwert einräumen. Und in einigen Fällen kann sie sogar hinderlich sein, wenn sie nicht von den zwei anderen Pfeilern der Gewahrseinspraxis ergänzt wird.
Die anderen Zielverfolgungen sind als Hilfsmittel zu betrachten. Auch Buddhas Achtfacher Pfad enthält ja die vierfache Achtsamkeit als Vorstufe zur Geistesvertiefung. Er verwirft beide also nicht, deshalb ist es nicht nutzlos, wenn Sie sich für einige Zeit einem Meditationstraining widmen, z.B. um entspannter zu sein, gelassen und klaren Kopfes an die Aufgaben Ihres Alltags heranzugehen. Für die Realisation von GEWAHRSEIN muss man aber die Zielsetzungen und Methoden gründlich unterscheiden. An erster Stelle von Buddhas Achtfachem Pfad steht die "Rechte Erkenntnis", denn nur sie kann die Hindernisse und Widerstände durchdringen, die Konditionierungen zu Bewusstsein bringen und das Ich/Selbst an den Platz stellen, wo es als Werkzeug und Phänomen hin gehört.
Hier trennen sich nun die Wege des "Langen Pfades" vom "Kurzen Pfad", wie es Paul Brunton formuliert hat.
"Wenn Du Schwierigkeiten mit der Meditation hast und sie Dir keine Freude und Gewinn für das tägliche Leben bringt, ist es Zeit, sie aufzugeben und nur noch den Übungen des Kurzen Pfades zu folgen."
Fazit: Meditation ist ein unverzichtbares Instrument, um den Geist in seiner natürlichen Seinsweise zu lassen und GEWAHRSEIN zu realisieren.