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Das Bruttoinlandprodukt (BIP) steht seit Jahrzehnten in der Kritik: Es sei nicht mehr zeitgemäss und messe grundsätzlich das Falsche. So lautet ein häufig gehörter Einwand. Andere kritisieren, das BIP fördere eine einseitige Fokussierung der Politik auf die Ökonomie und klammere Fragen der Verteilungsgerechtigkeit und der Nachhaltigkeit sowie bedeutende Leistungen von Wirtschaft und Gesellschaft auf ungerechtfertigte Weise aus.
Was ist von dieser Kritik zu halten? Hat das BIP als Messgrösse für den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt ausgedient? Nein, das BIP bleibt die beste Kennzahl zur international vergleichbaren Messung der marktwirtschaftlichen Wertschöpfung. Vielmehr stellt sich daher die Frage: Was kann und soll das BIP messen?
Das BIP lässt sich mit drei Ansätzen berechnen, die alle auf dasselbe Resultat kommen müssen. Der sogenannte Produktionsansatz misst die marktwirtschaftliche Wertschöpfung einer Region. Sprich: Er berechnet die Produktion von Gütern und Diensten abzüglich der dafür verwendeten Vorleistungen. Der Verwendungsansatz betrachtet, wie die Wertschöpfung verwendet wird – etwa zu Konsum- oder Investitionszwecken. Der Verteilungsansatz schliesslich misst, wie dieser Mehrwert innerhalb der Volkswirtschaft verteilt wird. Die grösste Position stellt hier das Arbeitnehmerentgelt dar. Zur Berechnung des BIP erfolgen in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) für jede Transaktion mehrere Verbuchungen: zu Produktion, Verwendung und Verteilung (siehe Abbildung).
Die Kernkonten der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (nominal, in Fr., 2019)
Anmerkung: Vereinfachte Darstellung, Zahlen gerundet. Werte vor der Pandemie, da aussagekräftiger. Für 2020 siehe BFS.admin.ch.
Um die verschiedenen Wirtschaftsgüter zusammenzuzählen – von der Hüftprothese über das Brot bis hin zum Haarschnitt oder der Steuerberatung –, muss eine gemeinsame sinnvolle Einheit verwendet werden. Das BIP stützt sich daher auf Marktpreise. Diese liefern objektiv beobachtbare Informationen zum Gegenwert der verschiedenen Wirtschaftsgüter und ermöglichen es, die gesamte marktwirtschaftliche Wertschöpfung konsistent in einer aggregierten Zahl auszudrücken.
Freizeit oder Arbeit?
Die Fokussierung auf den Marktwert bedeutet im Umkehrschluss, dass unbezahlte Arbeit, also Hausarbeit und Freiwilligenarbeit, grundsätzlich nicht für die Berechnung des BIP berücksichtigt wird. Dafür gibt es gute Gründe. Eine trennscharfe Abgrenzung zwischen unbezahlter Arbeit im engen Sinne und Freizeitaktivitäten, die einen intrinsischen, nicht monetär abgegoltenen Nutzen stiften, ist in vielen Fällen schwierig. Beispielsweise mag die Pflege des eigenen Gartens für einige Menschen eine lästige Arbeit darstellen, andere empfinden das Gärtnern hingegen als freudestiftende Freizeitaktivität.
Wenn nun teilweise auch unbezahlte Hobbys ins BIP integriert würden, müssten dann konsequenterweise nicht auch noch der jüngste Schwatz mit den Nachbarn, die Velotour zum See und noch viel mehr einfliessen, was ebenfalls Freude bereiten oder Nutzen stiften kann? Eine so umfassend aggregierte Kennzahl wäre beliebig (Was zählt dazu, was nicht?). Ausserdem kann der monetäre Wert unbezahlter Arbeit oder eines Hobbys nur schwer quantifiziert werden. Da für diese Tätigkeiten naturgemäss keine Preise, Löhne oder Umsätze existieren, muss ihr Wert geschätzt werden, was entsprechende Annahmen voraussetzt und mit einer gewissen Subjektivität einhergeht.
Selbst wenn Schwierigkeiten bei der Definition und der Messung ausgeräumt würden, hätte eine Berücksichtigung der unbezahlten Arbeit potenziell erhebliche Auswirkungen auf die Aussagekraft der VGR. Beispiel: Ein Angestellter verliert seine Stelle und betreut seine Kinder neu selber – anstatt sie in eine Kita zu geben. Damit sinkt in der Realität das Einkommen des Haushaltes, da die Arbeitslosenversicherung nur einen Teil des Lohnes ersetzt. Wenn man nun die Betreuung der eigenen Kinder auf der Produktionsseite des BIP zählen würde, müsste auf der Einkommensseite ein entsprechendes, fiktives Einkommen verbucht werden. Rein rechnerisch wäre es deshalb möglich, dass das «verfügbare Einkommen» des Haushaltes nun sogar höher ist als vor Eintritt der Arbeitslosigkeit. Doch: Wäre ein so berechnetes «Einkommen» noch aussagekräftig?
Aus diesen Gründen wird die unbezahlte Arbeit international grundsätzlich nicht im BIP, sondern in anderen, dafür geeigneten Statistiken erfasst.[1] In der Schweiz weist das Bundesamt für Statistik (BFS) unbezahlte Arbeit und ihren geschätzten monetären Wert im Rahmen des Satellitenkontos Haushaltsproduktion aus.[2]
Nun werden gewiefte Kritiker einwenden: Auch bei den Staatsdiensten fehlen die Marktpreise – trotzdem sind sie im BIP enthalten. Dem ist zu entgegen: Im Gegensatz zur unbezahlten Arbeit gibt es bei den öffentlichen Ausgaben Geldflüsse wie etwa die Löhne der Staatsangestellten. Entsprechend sind diese Tätigkeiten in den Kernkonti der VGR zu erfassen.[3]
«Kostenlose» Angebote
Oft wird auch kritisiert, das BIP sei aufgrund der mangelnden Erfassung von kostenlosen digitalen Angeboten unvollständig. Schliesslich stifteten eine Internet-Suchmaschine oder eine Social-Media-Plattform einen Nutzen, ohne den Endverbraucher etwas zu kosten. Diese Überlegung greift allerdings zu kurz, denn die Umsätze der entsprechenden Unternehmen entstehen meist durch Werbung. Die so erzielten Einnahmen sowie die Kosten für entsprechende Vorleistungen können durchaus gemessen werden und fliessen in das BIP ein. Analog dazu sind private TV-Sender für die Zuschauer zunächst kostenlos, die Finanzierung wird aber auch hier – neben Subventionen – durch Werbung sichergestellt.
Natürlich stellen sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung und der Internationalisierung von Unternehmensaktivitäten durchaus berechtigte Fragen. So werden die Geschäftsprozesse der Unternehmen immer komplexer und internationaler, was deren Erfassung im BIP erschweren kann. Dementsprechend wird international permanent an Weiterentwicklungen der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung gearbeitet.
Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit
Wie eingangs erwähnt lautet ein weiterer Kritikpunkt, das BIP lasse Fragen der Gerechtigkeit, der Teilhabe und der Nachhaltigkeit unberücksichtigt. Was ist davon zu halten?
In der Tat werden für das BIP in erster Linie Markttransaktionen berücksichtigt, sodass Entwicklungen in der Umwelt und der Gesellschaft, die ausserhalb des Marktgeschehens stattfinden, grundsätzlich nicht darin enthalten sind. Beispielsweise fliesst die Sanierung belasteter Böden, die von entsprechenden Unternehmen vorgenommen wird, direkt in die Berechnung des BIP ein, nicht aber die Biodiversität eines Landes oder die politische Partizipation einer Bevölkerung. Dies ist jedoch kein «Fehler», sondern entspricht der Zielsetzung, die marktwirtschaftliche Wertschöpfung zu erfassen.
Analog dazu sind Überlegungen zur Nachhaltigkeit, zum Klimawandel oder zur Geschlechtergerechtigkeit nicht direkt Gegenstand des BIP. Dass das Wohlergehen der Bevölkerung nicht nur von ökonomischen Bedingungen abhängt, sondern zahlreiche Facetten hat, ist indessen unstrittig. Dementsprechend stützt sich die Politik in ihren Entscheiden traditionell keineswegs einseitig auf das BIP pro Kopf, sondern berücksichtigt verschiedenste Informationen und Statistiken in Abhängigkeit der jeweiligen Fragestellung. Aus ökonomischer Sicht sind unter anderem Daten zur Beschäftigung, zur Arbeitslosigkeit, zur Bildung, zur Einkommensverteilung oder zum Investitionsverhalten wichtig.
Ein breites Spektrum an Statistiken zur menschlichen Zufriedenheit findet sich etwa in der «Wohlfahrtsmessung» des BFS. Auch bei diesem Indikatorensystem handelt es sich um eine Auswahl von zweifellos wichtigen, aber ebenfalls unvollständigen Massen von Wohlfahrt. Darunter finden sich beispielsweise die Häufigkeit von Museumsbesuchen, das Vertrauen in die Institutionen und die Lärmbelastung. Letztlich bleibt die Frage der Gewichtung der verschiedenen Aspekte subjektiv und muss in konkreten Fragestellungen von der Politik beantwortet werden.
Weil bei der Wohlfahrtsmessung kein einheitliches und objektives Mass – wie etwa Marktpreise – zur Verfügung steht, wäre eine Integration solcher Indikatoren in das BIP kaum zu bewerkstelligen. Im Gegenteil: Das Unterfangen wäre kontraproduktiv. Es käme zu einer Erosion der klaren statistischen Konzepte des BIP – und in der Folge wäre die erweiterte Kennzahl weniger aussagekräftig. Ungeachtet dessen sind Weiterentwicklungen im Bereich Wohlfahrtsmessung an sich sehr begrüssenswert. [4]
Hohe Lebensqualität
Teilweise ist die Kritik am BIP in der öffentlichen Diskussion auch Ausdruck einer grundsätzlichen Skepsis gegenüber Wirtschaftswachstum und materiellen Wohlstandszielen. Es geht im Kern also nicht darum, was wie statistisch erfasst werden sollte, sondern darum, was die Gesellschaft anstreben sollte. Eine solche politische Diskussion ist nicht nur wünschenswert, sondern geradezu fundamental. Allerdings ist sie von der statistischen Diskussion des BIP als Masszahl zu unterscheiden. Die Statistik BIP misst das, wofür sie konzipiert wurde: die marktwirtschaftliche Wertschöpfung innerhalb einer Volkswirtschaft. Inwiefern eine Steigerung der Wirtschaftsleistung anzustreben ist, bleibt hingegen eine politische Frage.
Aus ökonomischer Sicht ist anzumerken, dass das BIP pro Kopf zumindest in der langen Frist einen starken Zusammenhang mit vielen anderen Indikatoren zur Lebensqualität der Bevölkerung aufweist: Eine grössere Produktion von Gütern und Dienstleistungen steigert den materiellen Wohlstand einer Gesellschaft im Durchschnitt.[5]
Ausserdem ermöglicht ein grosses BIP pro Kopf Ausgaben, die der Allgemeinheit zugutekommen. Dazu zählen zum Beispiel Ausgaben für die öffentliche Sicherheit, für Bildung, für die Gesundheitsversorgung und die soziale Absicherung. Entsprechend weisen Länder mit einem höheren BIP pro Kopf typischerweise weniger Armut, eine höhere Lebenserwartung und eine in vielerlei Hinsicht bessere Lebensqualität der Bevölkerung auf. Obwohl das BIP nicht als Wohlfahrtsmass konzipiert wurde und keineswegs den Anspruch erhebt, sämtliche Aspekte der Lebensqualität der Bevölkerung abzubilden, bleibt es also auch in diesem Zusammenhang eine Kennzahl von zentraler Relevanz.
- Siehe auch die entsprechende Empfehlung der «Stiglitz-Sen-Fitoussi-Kommission»: Stiglitz/Sen/Fitoussi (2009).
- Siehe Beitrag von Jacques Roduit, Ueli Schiess und Jerry Suks (BFS) in dieser Ausgabe.
- Ein weiterer Sonderfall ist das selbst genutzte Wohneigentum («Eigenmietwert»).
- Jorgenson (2018).
- Jones und Klenow (2016), siehe auch Beitrag von Bruno S. Frey und Fabian Scheidegger (Crema) in dieser Ausgabe.