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Helen Hunt, in Ihrem neuesten Film «The Sessions» spielen Sie eine sogenannte Sex Surrogate. Was muss man sich darunter vorstellen?
Sex Surrogates sind Coaches oder Sexualassistentinnen, die von einem Therapeuten vermittelt werden, um sexuelle Blockaden aus dem Weg zu räumen. Sex Surrogates kommen beispielsweise dann zum Einsatz, wenn ein Mann physisch nicht mehr in der Lage ist, Sex zu haben, wegen einer Behinderung wie in unserem Film, nach Prostatakrebs oder weil sonst eine Sex verhindernde Hemmschwelle vorhanden ist, wie das Nicht-Kommunizieren-Können von Fantasien. Diese soll dann mit praktischer Therapie überwunden werden.
Ist eine Sex Surrogate eine Art Prostituierte?
Nein, der Unterschied zwichen einer Prostituierten und einer Sex Surrogate ist der, dass die Prostituierte will, dass die Kundschaft wieder kommt. Eine Sex Surrogate will das nicht. Ihr Ziel ist es, den Kunden beziehungsweise den Patienten über eine limitierte Zeit den Weg zu einem eigenen Liebesleben aufzuzeigen. Sie sind auch offiziell registriert.
Gibt es auch männliche Sex Surrogates?
Ha, gute Frage! Ich weiss es nicht.
Die Geschichte von «The Sessions» beruht auf wahren Begebenheiten. Was hat Sie an Cheryl Cohen Greene überrascht, die diesen Beruf ausübt und die Sex Surrogate des schwerbehinderten Journalisten und Dichters Mark O’Brien war?
Vermutlich, wie enthusiastisch sie gegenüber allem ist: gegenüber Sex, ihren Grosskindern, Malerei. Sie ist Grossmutter, hat Krebs überlebt und arbeitet mit 68 immer noch als Sex Surrogate. Ich habe sie erst so richtig verstanden, als sie den Begriff «sex-positiv» benutzte: Er bedeutet, dass man der Sexualität die Scham und das Stigma, die damit verbunden sind, nehmen sollte. Diese positive Einstellung wollte ich im Film verkörpern.
Welches ist das Zielpublikum des Films?
Ich habe diesen naiven Wunsch, dass insbesondere junge Leute den Film sehen gehen.
Wieso speziell junge Leute?
Weil sie davon mehr haben als von den provozierenden TV-Shows, die gerade Mode sind und die meine 16-jährige Patentochter sehen will. Ich habe einen 15-jährigen Stiefsohn. Dieser Teil seines Lebens erwacht nun. Er geht auf Partys ... Ich hoffe so sehr, dass es gut läuft für ihn und würde es schön finden, wenn neben den 5000 anderen Eindrücken, die auf ihn niederprasseln, ihm irgendjemand sagt: Niemand ist perfekt im Bett, es fühlen sich alle etwas komisch, und niemand weiss wirklich, was das Richtige ist. In seinem Fall ist ein Film mit seiner nackten Stiefmutter vielleicht nicht ideal, aber «The Sessions» vermittelt, dass man sagen darf, was man möchte und was nicht. Das scheint mir eine wichtige Aussage.
Niemand ist perfekt im Bett, und niemand weiss wirklich, was das Richtige ist.
Fehlt diese Botschaft in der heutigen Unterhaltung denn?
Ja, ich finde schon. Sex in Filmen ist immer komisch. Auch in den Filmen, in denen ich mitwirkte. Es ist doch toll, wenn all die Scham, das Glockengebimmel, die theatralisch ineinander greifenden Hände und die romantische Beleuchtung mal für einen Film lang wegfällt und sich zwei Menschen einfach begegnen.
Können Sie selber gut artikulieren, was Sie wollen und was nicht?
Ich habe nicht das Bedürfnis, mein Sexleben hier breitzuwalzen, aber in dieser Beziehung habe ich Glück mit meinem Geliebten. Mehr sage ich nicht.
Wie wichtig war die Beziehung zu Ihrem Filmpartner John Hawkes?
Ich kannte ihn vorher nicht und kenne ihn auch jetzt nicht viel besser. Ich wusste nur, dass er ein toller Schauspieler ist. Mit einer guten Story und einem tollen Schauspieler als Partner hat man schon fast alles, was man braucht. Adam Arkin, der meinen Ehemann spielt, kenne ich hingegen schon seit ich zwölf bin. Wir haben gemeinsame Freunde, einer von ihnen ist gestorben. Wir haben also einiges zusammen durchgemacht. Und so war die Vertrautheit mit ihm und die Unvertrautheit mit John sehr hilfreich beim Dreh.
Nacktszenen mit fast 50 sind …
… vermutlich einfacher als vor 15 Jahren. Ich ertrage alles ein bisschen besser. Früher war ich unsicherer, wurde nervös, wenn ich das Gefühl hatte, der Regisseur sei nervös. Heute denke ich einfach, es wird langsam spät, lass uns vorwärtsmachen. Kleider weg? Okay! Es spielt alles nicht mehr so eine grosse Rolle.
Nach zwölf Stunden Nacktheit am Set habe ich mir meine Sweatpants und die Jacke sehr gerne wieder angezogen.
Sie hatten wirklich keine Hemmungen, sich vor der Kamera auszuziehen?
Ich habe Ja gesagt zum Film, bevor ich mir das genau überlegt hatte. Mein Entschluss hatte also eher etwas mit künstlerischem Ehrgeiz als mit Mut zu tun. Es ist ja so selten, dass man ein gutes Drehbuch liest. Dies war eine schöne Geschichte und eine Rolle, die ich im Film noch nie vorher gesehen hatte. Nach zwölf Stunden Nacktheit am Set habe ich mir dann aber meine Sweatpants und die Parka-Jacke sehr gerne wieder angezogen. Nicht mal Pornostars sind zwölf Stunden nackt!
Wie halten Sie sich fit?
Ich mache Yoga und ich surfe, aber nicht genug, als dass dies als Fitnessprogramm zählen würde. Ich war Mitte 20, als ich aufhörte, Diäten zu machen und mich zu wägen. In den 80er-Jahren war ich wie jede andere Schauspielerin in einer Fitnessklasse. Aber irgendwann hatte ich genug davon, mich wegen meines Aussehens schlecht zu fühlen. Und so trat ich in den Kuren-Ruhestand. Ich lebe nun nach dem Mantra: Liebe deinen Körper — und zwar den, der dir geschenkt wurde. Ich habe eine achtjährige Tochter und möchte, dass sie das weiss, egal, was für eine Figur sie mal haben wird: «Liebe deinen Körper!» Sie kann es schon bald nicht mehr hören, wenn ich das sage.
Klingt therapeutisch: Haben Sie selber Erfahrung mit Therapie?
Ich war schon mal in Therapie, und es hat mir geholfen. Natürlich ist da jeder anders und auch jeder Therapeut ist anders.
Sie sind angeblich ein Fan der jungschen Psychoanalyse?
Ja, Carl Jung und seine Lehren haben mich immer sehr interessiert. Deshalb habe ich mich auch gefreut, mal in sein Heimatland zu reisen.
Das haben Sie im Herbst getan, als Sie am Zurich Film Festival mit einem Golden Eye Award ausgezeichnet wurden. Wie hat es Ihnen gefallen?
Es ist natürlich immer sehr schmeichelhaft, wenn man einen Preis bekommt. Viel Zeit ausserhalb des Festivals hatte ich nicht, aber Zürichs Lage am See hat mir gut gefallen. Wieso bloss leben Sie in Los Angeles, wenn Sie an einem so schönen Ort sein könnten? Ich weiss, wohl wegen des Jobs (lacht).
Genau. Apropos Job: Man sah Sie in den letzten paar Jahren wenig vor der Kamera. Weshalb?
Ich machte einen rigorosen Fruchtbarkeitstanz mit, um meine Tochter zu haben. So muss es jetzt schon etwas ganz Besonderes sein, das mich von ihr weglockt. Ausserdem bin ich schon so lange dabei. Es gibt kaum Rollen, die ich nicht schon gespielt habe. Ich schreibe deshalb nun mehr.
Sie haben 2007 mit dem Spielfilm «Then She Found Me» Ihr Debüt als Regisseurin gegeben. Arbeiten Sie derzeit an einem Projekt, das Sie wieder hinter die Kamera bringen wird?
Ja, könnten Sie es bitte finanzieren (lacht)? Ich hoffe, ich kriege das Geld bald zusammen. Das Mutter-Tochter-Drama «Then She Found Me» basierte teilweise auf einem Roman. Diese Story ist nun eine Mutter-Sohn-Geschichte, die aus meinem eigenen wirren Kopf entsprungen ist: Der Sohn wird flügge und die Mutter verrückt. Ich hoffe, ich kann mit den Dreharbeiten bald loslegen!
Autor: Marlène von Arx