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Verstopfung
Für die Verdauung von Kindern gibt es keine Richt- oder Normwerte. Trotzdem sorgen sich viele Eltern, wenn ihr Kind nicht ganz regelmässig auf die Toilette geht. Aber ebenso wie ein Kind sprechen und gehen lernt, muss es auch lernen, seine Verdauungsorgane zu kontrollieren. Dass Sprechen und Laufen den Kindern häufig leichter fällt, sieht man ja allein an der Tatsache, dass die ersten Worte und die ersten Schrittchen noch mit Windelpaket erfolgen. Normal auf die Toilette zu gehen, muss eingeübt werden. Und wenn etwas schwierig zu erlernen ist, kann es auch mal zu Fehlern kommen.
Verstopfung ist als Zurückhalten von Stuhl infolge unvollständiger Stuhlentleerung definiert. Eine chronische Obstipation, so der medizinische Fachbegriff für Verstopfung, liegt bei einer Beschwerdedauer von mehr als zwei Monaten vor. Für die Diagnose müssen von den folgenden Symptomen mindestens zwei erfüllt sein:
- weniger als drei Stuhlentleerungen pro Woche;
- harter Batzen oder kleine Kugeln („Schafkot“)
- mehr als einmal pro Woche Stuhlinkontinenz (= Unfähigkeit seinen Stuhlgang zurückzuhalten);
- grosse Stuhlmengen im Mastdarm oder im Bauch tastbar;
- der Bauch ist aufgetrieben, das Kind klagt über Schmerzen;
- gelegentliche Entleerung grosser Stuhlmassen;
- Verkneifen des Stuhlgangs, das heisst sogenannte Stuhlrückhaltemanöver (beispielsweise „Reiten“ auf einer Stuhllehne oder Sitzen auf der eigenen Faust);
- schmerzhafter oder harter Stuhlgang. Das Kind hat Mühe, ihn herauszudrücken.
Kotspuren in der Unterwäsche können ebenfalls auf Verstopfung hinweisen. Durch die sich ansammelnden grossen Mengen Kot im Enddarm haben die Kinder Schmerzen und vermeiden den Gang zum WC. Weil sich der After stark dehnt, haben sie keine Kontrolle mehr über den Stuhlgang und verlieren ständig kleine Kotmengen (Enkopresis). Durch Fäulnis entsteht weicher Stuhl, der an den gestauten Kotmassen seitlich vorbeifliesst und in kleinen Mengen in die Unterwäsche abgesetzt wird. Dieses „Stuhlschmieren“ darf nicht als Durchfall fehlgedeutet werden. Es hat mit psychischem Fehlverhalten nichts zu tun, das Kind kann nichts dafür! Schimpfen und Bestrafen nützen in dieser Situation überhaupt nichts und sollten unbedingt vermieden werden.
Viele Kinder - vor allem Knaben - haben weitere Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Appetitlosigkeit, Erbrechen, Einnässen, Harnwegsinfekte, Kotstau, Blut- und Schleimabgang sowie psychische Probleme. Die von einer chronischen Verstopfung betroffenen Kinder sind körperlich kaum noch aktiv.
In 95 Prozent aller Fälle finden Kinderärzte keine organische Ursache für die chronische Verstopfung; man spricht hier von einer funktionellen Obstipation.
Meist entwickelt sie sich aus einer akuten Verstopfung, die zum Beispiel auftritt, wenn im Säuglingsalter die Ernährung von Milch auf Beikost umgestellt wird. Verstopfung verursachen kann auch der Verzehr von zuviel Haushaltszucker und Kuhmilch. Oder es werden zu wenig Flüssigkeit oder Ballaststoffe zugeführt.
Kinder ab einem Jahr sollten täglich ca. 800 ml Flüssigkeit zu sich nehmen. Das entspricht ungefähr 5 Gläsern, natürlich am Besten als Wasser oder andere zuckerfreie Getränke wie ungesüsste Früchte- oder Kräutertees. Im Alter von 4 bis 7 Jahren benötigen Kindern ca. 950 ml. Das ist also ein Glas mehr am Tag. Ab dem 10. Geburtstag sollten Kinder einen guten Liter trinken, also ca. 7 Gläser pro Tag. Bei hoher körperlicher Aktivität, warmen Temperaturen draussen oder drinnen oder auch bei Fieber steigt der Flüssigkeitsbedarf.
So viel Gramm stecken in:
1 Scheibe Vollkornbrot (50 g): 3,9 g Ballaststoffe
1 Portion Vollkornnudeln (200 g): 10,2 g Ballaststoffe
1/2 Peperoni (100 g): 3,6 g Ballaststoffe
1 Apfel: 2,5 g Ballaststoffe
Fleisch: 0 g Ballaststoffe
Viele Kinder (und auch Erwachsene) nehmen deutlich zu wenige Ballaststoffe auf. Ballaststoffe stecken vor allem in Gemüse, Vollkornprodukten und Obst. Bei Kindern gilt ein Zielwert von ca. 10 g Ballaststoffen pro 1000 kcal. Das heisst: Bis zum Alter von 3 Jahren sollten Kinder täglich ca. 10 g Ballaststoffe aufnehmen, bis zum Alter von sechs Jahren ca. 15 g täglich. Diese Werte werden von mehr als der Hälfte der Kinder nicht erreicht (Ergebnis der EsKiMo-Studie).
Am Anfang der hartnäckigen Verstopfung steht oft auch ein wunder Po oder ein winziger, aber sehr schmerzhafter Einriss in der Afterschleimhaut. Er entsteht meist durch den zu harten Stuhl, kann aber auch Folge einer heftigen Durchfall-Episode sein. Da das Kind die Schmerzen beim Stuhlgang fürchtet, hält es den Stuhl aktiv zurück, was erneut zur Bildung von zu hartem Stuhl und zu erneuten Schmerzen führt – ein Teufelskreis entsteht.
Weitere Gründe können psychische Belastungen wie familiäre Spannungen (Umzug, Geburt eines Geschwisters oder Konflikte in der Familie), Änderungen im gewohnten Tagesablauf (eine lange Reise, ungewohntes Essen, eine Krankheit,die das Kind ein paar Tage ans Bett fesselt), Irritationen beim Sauberwerden, aber auch Bewegungsmangel sein. Grössere Kinder ekeln sich von den schmutzigen Toiletten im Kindergarten oder in der Schule oder haben einfach „keine Zeit“, um aufs WC zu gehen. Manche Kinder machen auch als „Kraftprobe“ mit den Eltern „dicht“: Sie unterdrücken den Stuhlgang viele Tage lang. Manchmal steckt ein Protest dahinter, z.B. wenn die Eltern das Kind zu früh zur Sauberkeit erziehen möchten.
Nur in fünf Prozent aller Fälle stecken hinter einer chronischen Verstopfung ernsthafte Erkrankungen wie der Morbus Hirschsprung oder eine Schilddrüsenunterfunktion. Selten wird die Obstipation auch durch Medikamente hervorgerufen.
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Letzte Aktualisierung : 04.2018, BH