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Von Michael Schraner, Musiklehrer
Der Lautsprecher knackte. Eine sympathische Stimme drang aus der Decke. Ich hörte nicht so richtig hin, schnappte lediglich Wortfetzen auf. Der Leiter des Zugteams versuchte die Durchsage auf Englisch zu wiederholen:
Sorry – Ladies and Gentlemen please note,
that on this train are no toilets on function.
Please use here on station the public toilets.
We will wait for you.
Gelächter im ganzen Zug. Dabei waren sicher einige froh, denn ohne Zwischenhalt wäre der Druck bis zur Endstation wohl sehr gross geworden. Der Pipi-Stopp in Flensburg an der dänisch-deutschen Grenze dauerte rund 24 Minuten und blieb die einzige Verspätung auf der Strecke von Kopenhagen nach Hamburg. Allerdings wuchs bei mir während der Weiterfahrt die Anspannung, da mir an jenem Dienstagabend im Oktober ein eher kurzes Zeitfenster blieb, um rechtzeitig im Konzert zu sitzen.
Ich starrte auf den Bahnsteig. Meine Gedanken flirrten – und ein Vers mit schepperndem Folk-Rock-Gitarrensound der frühen 1960er-Jahre bahnte sich seinen Weg ins Bewusstsein:
To everything (turn, turn, turn)
There is a season (turn, turn, turn)
And a time to every purpose,
under heaven.
In den Worten König Salomons, performt von The Byrds, wurden zwar nicht explizit körperliche Grundbedürfnisse angesprochen, aber was konnte ich für mein Assoziations-Karussell bei diesem unverhofften Zwischenstopp! Völlig losgelöst von der Erde zog ein Regentropfen wie ein Satellit über das Zugfenster. Ich stülpte mir die Kopfhörer über und setzte meinen Zeitgeister-Podcast #23 fort, während ich mir Tee nachschenkte und einen weiteren Snack probierte. (Warum mussten diese dänischen Snacks bloss alle mit Lakritz angereichert sein.)
Der Podcast handelte von Voyager 1, der Sonde, die am 5. September 1977 ins All geschossen wurde und bis heute Daten an die Erde schickt. 2012 verliess Voyager 1 unser Sonnensystem und bewegt sich seither im interstellaren Raum. Im Ring unterhalb der Parabolantenne eingelassen: eine vergoldete Schallplatte mit Bildern, Geräuschen und Musik der Menschheit. Auf dem Plattenlabel aufgedruckt: Sounds of Earth, NASA, United States of America, Planet Earth. Eine Botschaft für wen auch immer ganz weit da draussen. Eine Zeitkapsel. Eine «Flaschenpost, die in den kosmischen Ozean geworfen wurde», wie es der Programmleiter der NASA nannte. Die Golden Record ist eine Daten-Arche mit vier Arten von Informationen. Da gibt es erstens Bilder, zweitens Grussbotschaften in 55 Sprachen, an allfällige Ausserirdische gerichtete Worte des damaligen UN-Generalsekretärs Kurt Waldheim sowie eine geschriebene Widmung des US-Präsidenten Jimmy Carter:
This is a present from a small distant world,
a token of our sounds, our science, our images,
our music, our thoughts and our feelings.
We are attempting to survive our time
so we may live into yours.
Drittens wurden Geräusche aufgezeichnet – wie Erdbeben, Feuerstein-Werkzeuge, Froschgequake, ein Morsecode, der Start der Saturn V und der sanfte Wangenkuss einer Mutter für ihr Kind. Viertens beinhaltet die Golden Record 27 Tracks mit einer Spielzeit von rund 90 Minuten: Indigene Musik aller Kontinente, Blues und Rock’n’Roll, je einmal Strawinsky und Mozart, zweimal Beethoven und dreimal Bach. Was für ein Mix! – Und schon wieder drehte sich das Assoziations-Karussell. Beethoven, Scheibe: Als die CD serienreif war, soll Norio Oga, Vizepräsident von Sony in den 1980er-Jahren, die Spieldauer von 74 Minuten gefordert haben, weil die damals langsamste Einspielung von Beethovens 9. Sinfonie exakt 74 Minuten dauerte. So wurde die gedehnteste Version von Freude, schöner Götterfunken zum Mass der Compact Disc. Aber gut, 1977 gab es die CD noch gar nicht.
[Bild: https://voyager.jpl.nasa.gov/golden-record/golden-record-cover/]
Auf dem Cover der Golden Record ist mittels eingravierter Symbole erklärt, wie eine Schallplatte abzuspielen ist. Für den Fall, dass ausserirdisches Leben mit diesem Format nicht vertraut sein sollte. Tonabnehmer und Plattennadel werden gleich mitgeliefert. Schon fast ironisch, dass wenige Jahre nach dem Launch von Voyager 1 auf der Erde bereits digital aufgezeichnet wurde. Dafür soll das Material der vergoldeten Schallplatte im interstellaren Raum 500 Millionen Jahre lang haltbar sein. 500 Millionen Jahre! Zum Raum wird hier die Zeit. – Da fiel mir auf, dass der Zug inzwischen seit rund 15 Minuten auf Gleis 4 in Flensburg stand. Da hatten sich wohl alle die Hände gewaschen. Die im Minimum empfohlenen 30 Sekunden. Eine überschaubare Zeitspanne. Bei Spotify würden für einen Track die Tantiemen nach einer Spieldauer von einmal Händewaschen vergütet.
Das längste mir bekannte Musikstück dauert 639 Jahre. Kein Musikstück im traditionellen Sinn. Eher eine Klanginstallation, wo die Zeit zum Raum wird – aber ein paar Nummern kleiner als interstellar: John Cage entwarf 1987 ein Orgelstück mithilfe eines Computerprogramms. Aleatorik, Zufallsmusik. Musik ist ja überwiegend Ordnung und Wiederholung. Für Cage aber war der Zufall zentral – und die Stille. Sein ORGAN²/ASLSP (as slow as possible) dauerte bei der Uraufführung rund 29 Minuten. Nicht langsam genug, fand im Jahr 2000 eine Gruppe von Orgel-Cracks und brachte im Kloster St. Burchardi in Halberstadt, Mitteldeutschland, ein verrücktes Projekt auf den Weg: Da in Halberstadt die erste Orgel vor 639 Jahren erbaut worden war, sollte Cages ORGAN²/ASLSP auf eine Spieldauer von 639 Jahre hochgerechnet werden. Weil nun aber ORGAN²/ASLSP mit einer Pause beginnt, waren mehr als ein Jahr lang lediglich Blasebalg und Wind zu hören. Aktuell tönen sechs Pfeifen gleichzeitig. Der nächste Klangwechsel erfolgt am 5. Februar 2024. Ich stand vor rund zehn Jahren in dieser Kirche und war damals fasziniert, aufgewühlt und auch etwas ratlos. Ein leerer Raum, mehr Ruine als Klosterkirche. Mit einer provisorischen Orgel, mehr Holzgerüst als fertiges Instrument. Ein monotoner Klang, bis in die Ritzen der Bruchsteinmauern. Die Zeit war in diesem mittelalterlichem Gebäude auf wenigen Quadratmetern gedehnt. War das nun as slow as possible? Cage hätte vielleicht mit einer Zeile aus seiner Lecture on Nothing geantwortet:
That is a very good question. I should not want to spoil it with an answer.
An jenem Dienstagabend im Oktober schaffte ich es rechtzeitig in die Elbphilharmonie in Hamburg. Es war ein grossartiges Konzert mit einem erschütternden Werk in einem aussergewöhnlichen Konzertsaal. Der erste Satz von Mahlers Sechster dauerte so lange wie der ausserplanmässige Halt in Flensburg. Allein das Alma-Thema – der Komponist verewigte seine Frau in einer innigen Melodie – würde auf Spotify für Tantiemen ausreichen. In dieser Sinfonie komponierte Mahler zwei Schicksalsschläge. Auszuführen mit einem grossen Holzhammer, der auf eine Holzkiste niederfahren soll. Der zweite Schicksalsschlag wurde in der 75. Minute gehämmert – und wäre einem somit auf einer CD der ersten Generation knapp erspart geblieben.