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Wer heutzutage Zen studiert, kommt nicht am Urvater Bodhidharma (jap. Bodaidharuma, gest. 525 od. 532) vorbei. Im fernen Osten kennt ihn jedes Kind. Vielleicht nicht so sehr als Gründer des Zen, sondern als Gründer der Kampfkunst Kung Fu, welche er im berühmten Tempel Shaolin entwickelt haben soll. In den künstlerischen Darstellungen des fernöstlichen Zen-Buddhismus nimmt Bodhidharma eine ähnlich zentrale Stellung ein, wie der Buddha selbst. Man erkennt ihn sofort an seinen weit offenen, starr blickenden Augen und seinem mächtigen Vollbart. Diese beiden Merkmale machen ihn unverwechselbar.
Der Barbar
Gemäss einem der wenigen historischen Berichte soll der Bart rot gewesen sein, deshalb wird Bodhidharma in der Zen-Literatur oft auch der rotbärtige Barbar genannt. Die rote Haarfarbe und der Vollbart überhaupt charakterisieren ihn als Fremden, denn in China war und ist ein derartig starker Bartwuchs selten und die Haarfarbe allgemein schwarz. Leute mit starkem Haarwuchs galten in den Augen der besseren Gesellschaft als Barbaren. Die offenen Augen symbolisieren die unermüdliche Achtsamkeit und durchdringende Erleuchtung. Der starre Blick geht auf die Legende zurück, nach der sich Bodhidharma einst in einem Anfall von wilder Entschlossenheit, bei der Meditation nicht einzuschlafen, die Augenlider ausgerissen haben soll.
Legendär
Dieser Bodhidharma ist zweifellos eine legendäre Gestalt. Die legendenhafte Ausschmückung seiner Biographie ist sehr reich. Sie stellt ihn dar als einen aus Indien stammenden Mönch aus dem Geschlecht der Brahmanen oder gar von königlicher Abstammung, der einen ganz neuen Umgang mit der buddhistischen Lehre propagiert hat und über grosse geistige Kraft verfügte.
Er hielt nichts vom Gelehrtentum der buddhistischen Priester und betonte statt dessen die Anwendung der geistigen Erkenntnis im alltäglichen Leben. Er soll auf einem Schilfrohr den wasserreichen Yangtse-Fluss überquert und danach neun Jahre lang in einer Klause einer Wand zugekehrt meditiert haben. Dies trug seiner Meditationsform den Namen Wandschau ein. Diese Lehrmethode war jedoch nicht sehr erfolgreich und hat eine gewisse Feindschaft unter den orthodoxen Mönchen und Priestern erzeugt.
Die Chroniken berichten, dass sich Bodhidharma mehreren Giftanschlägen durch Wunderkraft entzogen habe. Andererseits hat er auch Einladungen des Hofes ausgeschlagen, die ihm zu einer angesehenen Stellung im Kaiserreich verholfen hätten. Selbst sein Sterben ist mit einer Legende verbunden. Diese berichtet, dass Bodhidharma an seinem Todestag weit entfernt in Mittelasien von einem Beamten gesehen worden sei, mit einer Sandale in der Hand. Als man das Grab in China öffnete, hat man die andere Sandale darin gefunden. In anderen Versionen ist Bodhidharma nach Indien zurückgekehrt oder hat sich mit einem Boot nach Japan übergesetzt.
War er oder war er nicht?
Historisch gibt es einige wenige Hinweise auf die Existenz eines Dhyana-Meisters namens Bodhidharma. Dass es sich dabei um einen aus Indien eingewanderten buddhistischen Mönch handelt, der wie viele andere Mönche durch die chinesischen Lande zog, das Dharma predigte und sich ganz der Meditation widmete, bezweifeln die Historiker nicht. Über die Lebensdaten dieses Mönchs liegen allerdings keine gesicherten Angaben vor. Die Historiker haben sich für das Jahr 532 als vermutliches Todesdatum entschieden. Die wenigen Daten stammen hauptsächlich aus drei Berichten aus dem sechsten und siebten Jahrhundert, die sich in Stil und Aussagen aber sehr voneinander unterscheiden. Gemäss einer dieser Chroniken stammte Bodhidharma ursprünglich aus Persien. Dies würde den roten Bart erklären.
In den anderen Chroniken wird er als Abkömmling eines indischen Brahmanengeschlechts beschrieben. Dass dieser Mönch ein ausserordentlich hohes Alter erreichte, scheint ebenfalls unumstritten. Aber in ihm den Gründer des Zen zu sehen, gilt aus der Sicht der Geisteswissenschafter als naiv. Denn man weiss, dass die Zen-Schule nicht von einer Person gegründet worden ist, sondern sich langsam, über mehrere Jahrhunderte hinweg, durch das Wirken zahlreicher Menschen entwickelt hat. Wer sich für die historischen Einzelheiten dieser Entwicklung interessiert, sei auf das hervorragende Werk von Heinrich Dumoulin verwiesen.
Es ist das Merkmal von Legenden, dass sie ihre Helden idealisieren und deren Taten als etwas ganz Besonderes hinstellen. Was sollte wohl im Falle von Bodhidharma mit dieser Verherrlichung bezweckt werden? Und warum hat sich die Legende von Bodhidharma bis in unsere Zeit erhalten? Dafür gibt es hauptsächlich zwei Gründe: Erstens charakterisiert die Gestalt des Bodhidharma das Wesen der neuen buddhistischen Schule, die sich in China zwischen dem sechsten und achten Jahrhundert formiert hat und später unter dem Namen Chan bekannt wurde. Zweitens steht Bodhidharma aber auch für die nahtlose geistige Übertragung des Buddha-Dharma von Indien nach China. Er vereinigt in sich die Stellung des Achtundzwanzigsten Patriarchen in Indien und des Ersten Patriarchen in China. Alle heute noch existierenden Schulen des Zen leiten ihre Authentizität und Legitimität von dieser gemeinsamen Wurzel ab.
Bodhidharmas Rolle in der Entstehung des Zen
Bodhidharma gilt als der erste Vertreter eines Buddhismus der Tat im Gegensatz zum Buddhismus der Philosophie. Als er nach China kam, war die buddhistische Lehre dort schon geraume Zeit bekannt. Wandermönche hatten die Sutren von Indien mitgebracht und zum Teil bereits übersetzt. Es gab Zentren, in denen Mönche und Gelehrte im Auftrag der lokalen Herrscher Vorlesungen über den Buddhismus hielten. Vielleicht war es ähnlich wie heute hier in Europa. Heutzutage ist der Buddhismus als Idee nicht mehr unbekannt und in einigen Kreisen ist es sogar in, buddhistisch angehaucht zu sein. Doch was Buddhismus wirklich ist, wissen immer noch die wenigsten. Viele Menschen sind daran interessiert, weil sie erstens etwas Neues lernen möchten und zweitens erwarten, dass dieses Neue besser ist als das Alte, ganz egal, was das Alte ist. Sie gehen zu Vorträgen und Diskussionen in der Erwartung, gleich die reifen Früchte zu erhalten.
Üben, üben, üben
Doch für die Lehre Buddhas gilt dasselbe wie für alle anderen Lehren: Man muss sie praktizieren, wenn man ihren Wert erfahren will. Wenn es bloss beim Hören bleibt, verändert sich nichts. Nur was man selbst erkennt und praktiziert, kann etwas bewirken. Man mag noch so viel Buddhismus studieren, noch so viele Vorträge von spirituellen Lehrern besuchen, noch so viele Initiationen empfangen, wenn man die Weisheit nicht anzuwenden weiss, bleibt alles beim Alten. Deshalb verlegte sich Bodhidharma nicht auf das Predigen, sondern auf das Tun.
Während andere Mönche das Dharma durch Textauslegungen lehrten, zeigte er es durch die Wandmeditation und seine spontane Weisheit im alltäglichen Leben. Es gibt einen ihm zugeschriebenen Vers, der das Wesen des Zen-Weges deutlich offenbart:
Es ist eine besondere Überlieferung ausserhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Buchstaben: Sie zeigt unmittelbar auf das Herz des Menschen, und lässt ihn die (eigene) Natur schauen und die Buddhaschaft erlangen.
Schriften sind nötig, aber…
Dieser Vers wurde sozusagen zum Markenzeichen des Zen. Unter der besonderen Überlieferung ausserhalb der Schriften, unabhängig von Wort und Buchstaben versteht man die unmittelbare Erweckung der Einsicht. Sei es durch ein spontanes Erleben der Natur oder durch einen Klang, sei es durch eine Geste oder einen Blick des Meisters wahrhaftige Erkenntnis blitzt spontan im Herzen auf. Allerdings oft erst, nachdem der Geist durch tiefe Versenkung in der wachen Meditation darauf vorbereitet ist.
Es genügt nicht, bloss die richtigen Worte zu kennen. Man kann die Wahrheit tausendmal gesagt bekommen, wenn sie nicht im eigenen Körper erfahren wird, bleibt sie graue Theorie. Auf dieser Erweckung des Buddha-Geistes im direkten Kontakt zwischen Lehrer und Schüler beruht die Methodik der Zen-Schule. Das ist die Übertragung von Herz zu Herz bzw. von Geist zu Geist. Die Begriffe Herz und Geist sind hier synonym, denn die chinesische Sprache verwendet für Herz und Geist dasselbe Wort (hsin).
Die Zen-Schule hat diese Methode allerdings nicht selbst erfunden. Auch sie geht auf den Buddha zurück. Dieser soll in einem Augenblick der wortlosen Übereinstimmung mit seinem langjährigen Schüler Mahakashyapa dessen tiefes Verstehen erkannt und mit folgenden Worten anerkannt haben: Ich bin im Besitz der wahren Dharma-Sicht, dem wunderbaren Geist von Nirvana. Beides ist unabhängig von Worten und jenseits der Lehre. Ich habe sie nun Mahakashyapa übergeben. Die wahre Sicht und der Friede des Nirvana kann nicht durch Worte übermittelt werden, sondern nur im direkten Kontakt mit lebendigen, mit Bewusstsein ausgestatteten Wesen.
Schriften als Erklärungen
Aus diesem Grund haben Belehrungen durch Erklärungen und Auslegungen des buddhistischen Kanons (Tripitaka) im Zen einen wesentlich geringeren Stellenwert als in anderen buddhistischen Schulen. Das bedeutet aber nicht, dass das Studium der Schriften in der Zen-Schule überhaupt verachtet wird. Die Formel der wortlosen Übertragung wird leider häufig in diesem Sinne interpretiert. Das ist ein fatales Missverständnis.
Eine Praxis, die nicht in den Schriften verwurzelt ist, tendiert leicht dazu, willkürlich und oberflächlich zu werden. Wenn eine Erfahrung jenseits der Worte echt ist, kann sie auch in den Worten wiedererkannt werden. Die Erkenntniskraft durch das Studium zu schärfen, durch Meditation zu vertiefen und schliesslich im Tun zu verwirklichen, gehört gleichermassen zum Weg der geistigen Vervollkommnung. Doch während geschriebene und gesprochene Worte eine Quelle der Inspiration sein künnen, so künnen sie auch zum Gefängnis werden, nämlich dann, wenn sie von der Erfahrung abgetrennt verwendet werden.
Wenn ich in Zen-Kursen die Leute manchmal frage, was sie hören, bekommt ich meistens Antworten wie: Vogelgezwitscher, Autoverkehr, Stimmen. Das sind aber bloss Beschreibungen bzw. Umschreibungen, sie sagen nichts über das Hörerlebnis selbst aus. Es ist, als ob die Schablone Vogelgezwitscher oder Autolärm über das Erlebte gestülpt würde, wodurch man sich vom Erlebnis selbst distanziert. Dies geschieht so schnell, dass man das unmittelbare Erleben nicht mehr wahrnimmt und sich statt dessen mit dem Wort dafür zufriedengibt. Ebenso verfährt man mit Begriffen wie Liebe, Natur und vielem mehr. Man lebt nicht in der unmittelbaren Wirklichkeit, sondern in der Welt der Vorstellungen und Werte, die durch Worte erzeugt oder bestimmt werden.
Einsicht in das Eigentliche
Das direkte Schauen der eigenen Natur, von dem Bodhidharmas Vers spricht, ist ein zentrales Anliegen des Zen. Gemeint ist die erfahrene Einsicht in das Eigentliche. Dieses Eigentliche ist das eigene Bewusstsein, das in Wirklichkeit universales Bewusstsein ist. Für viele Menschen scheint Bewusstsein wie ein statischer Raum, der mit Inhalten aus Worten, Gedanken, Gefühlen oder Erinnerungen möbliert ist. In Wirklichkeit ist das Bewusstsein aber ein grenzenloses Nichts, in dem sich Gedanken und Empfindungen wie Rauchschwaden oder Wolken formieren und wieder vergehen, ohne stabile Struktur, ohne Kern, kurz ohne fassbare Inhalte.
Es lässt sich kein gezielt handelndes Selbst, keine übergeordnetes Agens, d.h. keine unabhängige Wirkungseinheit, darin finden. Die eigentliche Unfassbarkeit der scheinbar so wirklichen Bewusstseinsinhalte zu erkennen und zu akzeptieren, ist der erste Schritt zur Erleuchtung im Sinne des Zen. Es ist das Durchschauen der Täuschungen, von dem im Buddhismus so häufig die Rede ist. Es nützt aber nichts, bloss mit den Lippen zu sagen, die wahre Natur sei Leere oder das innerste Wesen sei die Stille. Solange man dieses leer sein, diese Stille nicht in sich als lebendige, schöpferische Wirklichkeit entdeckt, macht man nur Worte.
Universale Wahrheiten mit den Lippen auszusprechen und gedanklich zu bekräftigen bedeutet noch nicht, dass man sie auch wirklich realisiert. Deshalb vertritt Zen konsequent die Auffassung, dass man Buddhas Geist nicht erfassen kann, wenn man bloss die Sutren liest oder die mönchischen Ordensregeln befolgt. In der Erfahrung der Zen-Meister genügt es auch nicht, allein an Buddhas Lehre zu glauben; nur die unmittelbare Erfahrung in der eigenen Körperlichkeit hat befreiende Wirkung. Die befreiende Wirkung das plötzliche Aha und der damit verbundene innere Frieden, der sich einstellt, wenn man die wahre Leere sieht und versteht, das ist das Ziel des Zen. Diese direkte Sicht wird von den Meistern auf alle möglichen Arten provoziert, nur nicht durch erklärende Worte.
Gemäss der Überlieferung erhielt Bodhidharma die Insignien der Meisterschaft, Bettelschale und Kutte, von seinem Lehrer Prajnatara, dem Siebenundzwanzigsten Patriarchen der indischen buddhistischen Tradition. Die Schale und die Kutte symbolisieren den Geist und die Autorität Buddhas und wurden als Zeichen der authentischen Erleuchtung und geistigen Nachfolge ausgehändigt. Zum ersten Mal gelangten sie von Shakyamuni an Mahakashyapa, dann von Mahakashyapa an Ananda und immer weiter durch all die Zeiten bis hin zu Bodhidharma, der sie nach China brachte.
Die Präsentation des Juwels
In der Chronik Transmission of the Light findet man die gesamte Übertragungsgeschichte beschrieben. Gemäss dieser Version der Legende stammte Bodhidharma aus einer Familie, die zur Kaste der Krieger gehöte. Er war der dritte Sohn eines Königs im südlichen Indien und hiess Bodhitara. Prajnatara, der Siebenundzwanzigste Patriarch, amtete als Hauslehrer der drei Prinzen. Um die Weisheit seiner Schützlinge zu prüfen, präsentierte er eines Tages einen Edelstein, den er vom König als Bezahlung empfangen hatte, und fragte: Gibt es irgend etwas, das diesen Stein an Wert bertreffen könnte?
Die zwei ersten Söhne antworteten, der Edelstein sei ohne seinesgleichen. Es gebe sicherlich keinen besseren. Niemand ausser ihrem verehrten Lehrer sei es würdig, einen derartigen Stein zu empfangen.
Der dritte Sohn, Bodhitara, hingegen erklärte, ein weltliches Juwel könnte nicht als das höchste Gut betrachtet werden. Von allen Juwelen sei das Juwel der Wahrheit das wertvollste. Er sagte: Die Leuchtkraft der Weisheit ist die Leuchtkraft, die alle anderen bertrifft. Die Klarheit des Geistes ist die höchste Klarheit. Ein weltlicher Edelstein kann nicht aus sich selbst heraus funkeln, es braucht das Licht der Erkenntnis eines Menschen, um sein Funkeln wahrzunehmen. Wenn man dieses wahrnimmt, weiss man, dass es ein Edelstein ist; wenn man den Edelstein kennt, weiss man, dass er wertvoll ist. Dieses Juwel hat keinen Wert als solchen, erst das Juwel des Wissens gibt ihm seinen Wert.
Obwohl sich die Weisheit des Prinzen in solchen Gesprächen deutlich offenbarte, wartete Prajnatara ab und gab dem Geiste seines Schülers Gelegenheit zu reifen. Schliesslich starb der König, und während alle jammerten und klagten, sass Bodhitara vor dem Sarg und weilte sieben Tage lang in tiefer Versenkung. Danach bat er um die Mönchsweihe. Nun erst erhielt er formelle Unterweisung in der buddhistischen Lebensführung und wurde in die subtilen Prinzipien der Meditation eingeweiht. Als Bodhitaras Weisheit zur Blüte gekommen war, sagte Prajnatara: Du hast bereits volles Verstehen des Dharma. Deshalb sollst du von jetzt an Bodhidharma heissen.
Gehen Sie nach China!
Als er dies vernahm, kniete Bodhidharma nieder und fragte: Wohin soll ich gehen, um das Dharma zu predigen? Prajnatara gab ihm folgende Anweisung: Obwohl du die Wahrheit erkannt hast, sollst du vorläufig bei mir bleiben. Siebenundsechzig Jahre nach meinem Tod wirst du nach China gehen und diejenigen lehren, die das Zeug dazu haben. Also diente Bodhidharma vierzig Jahre lang seinem Lehrer, und als mehr als sechzig Jahre nach dessen Tod vergangen waren, war die Zeit für seine Reise nach China gekommen.
Ich habe diesen Teil der Legende so ausführlich berichtet, weil er den Geist der Weisheit Zen sehr schön widerspiegelt. Alles braucht seine Zeit. Selbst wenn jemand in jungen Jahren spontane Weisheit manifestiert, braucht es Jahre des Reifens und der Geduld, bis man die Meisterschaft erlangt.
Da Bodhidharma im südlichen China nicht sehr erfolgreich war– er fühlte, dass die Menschen dieser Gegend für seine Botschaft noch nicht bereit waren – wanderte er in den Norden weiter. Es wird berichtet, dass er sich schliesslich in der Nachbarschaft des Klosters Shaolin in einer Höhle niederliess und ausschliesslich Meditation praktizierte. Dabei soll er sich eines Tages die Augenlider abgerissen haben, um nicht einzuschlafen. An der Stelle, wo die abgerissenen Lider zu Boden fielen, grünten bald darauf zwei Teepflanzen. Seither trinken die Zen-Mönche grünen Tee, wenn sie nächtelang in Meditation sitzen. Eine andere Legende machte Bodhidharma zum Meister von Shaolin und damit zum Begründer des Kung Fu, jener anspruchsvollen chinesischen Kampfkunst, die im Laufe der Jahrhunderte eine variantenreiche Anzahl von Kampfsportarten und Heilungskünsten nach sich zog.
Noch heute sind im Fernen Osten die Stehaufmännchen in der Gestalt des Bodhidharma weit verbreitet. Man kann sie drehen und wenden, hinlegen und auf den Kopf stellen sie kommen immer wieder in die aufrechte Lage zu stehen. Wer, wie Bodhidharma, unerschütterlich im Gravitationszentrum der eigenen Mitte (jap. Hara) ruht, kann nicht zu Fall kommen. Auf diesem Prinzip beruhen sämtliche fernöstlichen Kampfsportarten, und die hohe Kunst der Akrobatik, für die die Chinesen noch heute weltberühmt sind; aber auch die Sitzmeditation des Zen (Zazen) ist Ausdruck davon. Mag einen das Leben rütteln und schütteln und tausendmal umstossen, wenn man im Zentrum verankert ist, kann man nicht aus dem inneren Gleichgewicht geworfen werden.
Bodhidharma und Kaiser Wu
Bodhidharma wird als äusserst direkter und strikter Lehrer beschrieben. Es lag ihm nichts daran, seine Sichtweise ausführlich zu erklären entweder sein Gegenüber sah die Wirklichkeit oder es sah sie nicht. Er scharte nur wenige Schüler um sich und zog es vor, in der Abgeschiedenheit zu leben. Das Leben eines Schützlings an einem königlichen Hof, wie es damals für buddhistische Priester und Lehrer blich war, lockte ihn nicht.
Die Legende berichtet von einen berühmtem Dialog zwischen dem Kaiser Wu aus der Liang-Dynastie und Bodhidharma, der das schlichte Wesen von Bodhidharmas Lehrweise gut charakterisiert: Der Kaiser fragte: Welchen Verdienst habe ich dadurch erworben, dass ich seit meiner Thronbesteigung zahllose Tempel errichten, Sutren abschreiben und Mönche habe weihen lasse? Bodhidharma antwortete: Gar kein Verdienst. Als der Kaiser fragte, Weshalb gar kein Verdienst? sagte Bodhidharma: Offene Weite, nichts Heiliges. Der Kaiser fragte erstaunt: Zu welchem Zweck sei Ihr dann nach China gekommen? Der Meister sprach: Zu gar keinem Zweck. Darauf fragte der Kaiser: Wer ist es, der so zu mir spricht? Der Meister antwortete: Ich weiss es nicht.
Koan
In der traditionellen Zen-Schulung wird dieser Dialog als Koan benutzt. Koan bedeutet wörtlich öffentlicher Fall. So wie in der Rechtsprechung frühere Fälle als Entscheidungshilfe und Beispiele herbeigezogen werden, so benutzen Zen-Meister berlieferte Fälle, wenn sie den geistigen Zustand ihrer SchülerInnen begutachten müssen. Ein Koan besteht in der Regel aus einer Frage oder einer Problemstellung, die nicht so ohne weiteres durchschaubar ist. Die SchülerInnen sollen nun, um Ihren Zen-Geist zu schärfen, zu seiner verborgenen Bedeutung vorstossen und den zeitlosen Wahrheitsgehalt hinter den Worten herausschälen und manifestieren. Sie stehen sozusagen vor der Schranke in einem öffentlichen Gericht. Ein Koan steht für eine innere Schranke im Geiste des Menschen und ist dazu da, überwunden zu werden.
Erwachen
Wird der Dialog zwischen Kaiser Wu und Bodhidharma als Koan benutzt, geht es darum, den unvoreingenommenen, offenen Geist des Bodhidharma in sich selbst zu erwecken und zu verwirklichen. Die Frage nach Gewinn und Lohn und nach dem Zweck des eigenen Tuns betrifft wohl alle erwachsenen Menschen. Wenn man sich einer guten Sache hingibt und z.B. wie Kaiser Wu Wohltätigkeit ausübt, dann erwartet man doch mehr oder weniger bewusst eine Belohnung. Aber Bodhidharma sagt, es gibt keinen Gewinn. Bedeutet das, dass alles umsonst ist? Vertritt Zen eine derart pessimistische Ansicht? Ist der Buddhismus nihilistisch, wie die westlichen Philosophen so gerne behaupten? Aus der Sicht des sogenannten gesunden Menschenverstandes und der meist tiefsitzenden Überzeugung scheinen Bodhidharmas Worte negativ. Sie stimmen nicht mit unserer emotionalen Wirklichkeit überein.
Denn im Leben eines erwachsenen Menschen muss doch alles Sinn und Zweck haben, ansonsten seine Existenz als wertlos betrachtet wird. Ist die Frage Was habe ich davon? nicht in allem Tun versteckt? Erwartet man nicht auch von der Meditation oder von einem geistigen Weg, dass es etwas bringt? Ist man nicht immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob es sich lohnt, am Morgen eine Stunde für her aufzustehen, um zu meditieren, oder eine Woche Ferien zu nehmen, um an einer Meditationswoche teilzunehmen, oder jeden Monat einen gewissen Beitrag an ein Zen-Zentrum oder eine andere religiöse Einrichtung zu bezahlen? Und denkt man nicht schnell einmal, wenn man keine greifbaren Resultate sieht, es habe ja alles keinen Zweck?
Offene Weite, nichts Heiliges
Auf die natürliche Frage des Kaisers, warum es keinen Gewinn gebe, hat Bodhidharma mit den Worten „Offene Weite, nichts Heiliges“ geantwortet. Wie ist das zu verstehen? Da wurden und werden weltweit Tempel und Köster als heilige Orte gebaut, doch Bodhidharma, der selber eine Mönch und Priester war, hat gesagt, es gebe nichts Heiliges. War er ein Zyniker? Nein! Die offene Weite ist die Natur aller Dinge, einschliesslich des Geistes. Im grossen Universum sowie im grossen Geist kann man nicht zwischen weltlich und heilig unterscheiden. Geist und Natur sind gleichermassen frei von Gewinn- und Zweckdenken. Gewinn und Zweck existieren nur in der Wertung des menschlichen Egos.
Die Ehrfurcht vor dem alten Meister Bodhidharma und die Begeisterung für Zen verleiten Anfänger leicht dazu, allzu schnell zuzustimmen und selbst zu verkünden, es gäbe keinen Gewinn und keinen Zweck des Lebens. Doch dies im eigenen Denken und Tun zu verwirklichen, ist eine andere Sache. Bodhidharmas radikale Verneinung von Gewinn und Zweck ist der gewöhnlichen materialistischen Sicht diametral entgegengesetzt, ohne jedoch Ziel und Zweck des menschlichen Strebens zu verneinen. Sie kann erst nachvollzogen werden, wenn man die grundsätzliche „Wertfreiheit“ des Geistes erkennt und akzeptiert.
Kein Zweck
In einer weniger bekannten Version des Dialoges mit Kaiser Wu ergänzte Bodhidharma seine Anwort auf die Frage zu welchem Zweck er nach China gekommen sei, mit der Bemerkung: „Der Baum im Garten“. Was ist der Zweck eines Baumes im Garten? Man könnte gerade so gut fragen: Zu welchem Zweck ist ein Eichhörnchen geboren? Wozu rauscht das Wasser vom Gletscher zu Tale, um sich schliesslich in ein grosses Meer zu ergiessen?
Auch hier manifestiert Bodhidharma seine geistige Verbundenheit mit der grossen Natur. Kümmert sich eine Blume wohl um den Zweck ihres Daseins? Macht sich eine Katze Sorgen, ob es einen Zweck hat, Mäuse zu fangen? In der Natur hat alles seinen Sinn aus sich heraus, es braucht keinen zusätzlichen Zweck des Daseins, keinen Gewinn. Nur aus der Sicht eines menschlichen Egos stellt sich die Frage nach Gewinn und Zweck des Lebens. Wenn der Geist vom ichbezüglichen Denken befreit ist, erkennt er den absoluten Wert allen Daseins und kann daher von Kein-Gewinn-und kein-Zweck sprechen.
Die Beschäftigung mit einem derartigen Koan soll helfen, sich die Weisheit der alten Meister zu eigen zu machen, und die Widersprüchlichkeit zwischen der transzendentalen Sicht und der egozentrischen Sicht zu überwinden. Wenn man Bodhidharmas kein-Gewinn-und-kein-Zweck nicht nur intellektuell sondern auch emotional versteht, ist man seiner ebenbürtig und kann sich getrost als sein Nachkomme bezeichnen.
Bodhidharmas Lehre ist also nicht negativ, da steckt kein Fatalismus und keine Resignation dahinter. So, wie alles in der Natur seinem innewohnenden Gesetz folgt und das tut, was seiner Art entspricht, so folgt ein Mensch des Tao dem natürlichen Lauf der Welt. Wenn so jemand dann auf die Frage: „Wer bist Du“ antwortet: „Ich weiss es nicht“, ist das nicht Koketterie oder falsche Bescheidenheit, sondern ein ehrlicher Ausdruck der tiefen Verbundenheit mit der Grossen Natur, die vom menschlichen Verstand nicht erfasst und nicht gewusst werden kann.
Durch Zufall kamen mir vor kurzer Zeit Verse eines Menschen zu Gesicht, der sich selbst als Landstreicher bezeichnet und als solcher heutzutage, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, durch die deutschen Lande zieht. Wie er sagt, tauchten sie in ihm eines Tages spontan als Eingebung auf. Es künnten auch die Worte von Bodhidharma sein, für mich sind sie ein Beweis, dass die Einsicht in das wahre Wesen unserer Natur universal, zeitlos und überall in der Welt möglich ist.
Du meinst, Du seiest etwas Bestimmtes, doch Du bist eine Welle im Weltenmeer. Du meinst, Du seiest selbständig, doch Du bist der Treffpunkt von hunderttausend Kräften. Du meinst, Du kannst Dich lenken, weil Du nicht siehst, was Dich zieht und treibt. Du meinst, Du müsstest etwas tun, doch Deine Anstrengung ist nur Widerstand.
Bodhidharmas Schule
Lebensweisheit und Gelassenheit sind nicht leicht zu gewinnen. Die meisten Menschen müssen darum kämpfen. Es ist ein Kampf mit sich selbst gegen tief verwurzelte Überzeugungen, Vorurteile und Wertvorstellungen. Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Weg nicht der Weg der Masse sein kann. Bodhidharmas Schule entwickelte sich deshalb zwangsläufig ausserhalb der grossen buddhistischen Zentren. Nicht breite Landstrassen charakterisieren den Weg des Zen. Gewundene Bergpfade durch Gestrüpp und Dickicht, erfüllt vom Gezwitscher der Vögel, ab und zu das Knurren versteckter Bären oder Löwen, getragen von einer allumfassenden Stille das ist der Pfad, der zu Bodhidharmas Höhle führt. Es gab nur einen einzigen fähigen Schüler, der ihn bis zum Ende ging, und dem der Meister das Dharma übertragen konnte. Das war Hui-ko, der zukünftige Zweite Patriarch. Die Chronik berichtet:
Zu der Zeit, als Bodhidharma im Shaolin Kloster weilte, befand sich unter seinen Jüngern einer, der ganz besonders entschlossen war, das Tao um jeden Preis zu erlangen. Sein Name war Hui-ko. Er erhoffte sich von Bodhidharma Belehrung, doch dieser ignorierte ihn lange Zeit. Eines Tages, es war mitten im Winter, die Chronik gibt als Datum den 9. Dezember an, blieb Hui-ko einfach vor der Höhle stehen, in welcher Bodhidharma sass und meditierte. Er trotzte dem eiskalten Wind und dem Schnee in der fortschreitenden Nacht. Schliesslich zeigte Bodhidharma Erbarmen mit dem halb eingeschneiten Mann und fragte ihn, was er wolle.
Als Hui-ko äusserte, er habe nur den einen Wunsch, das Dharma zu erlangen, zeigte sich Bodhidharma unbeeindruckt. Er sagte: „Die unvergleichliche Wahrheit der Buddhas kann nur durch einen langen Kampf verwirklicht werden, er verlangt, dass man tut, was schwer zu tun ist, und aushält, was schwer auszuhalten ist. Wie kannst du mit deiner schwachen Kraft, deiner geringen Weisheit, deinem oberflächlichen und eingebildeten Geist es wagen, nach der wahren Lehre zu verlangen? „
Um seine Entschlossenheit zu demonstrieren, schnitt sich Hui-ko mit einem scharfen Messer den Arm ab und reichte ihn Bodhidharma zum Zeichen, dass er alles herzugeben bereit sei. Bodhidharma antwortete unwillig: „Mit einem Arm kann ich nichts anfangen“, anerkannte jedoch den entschlossenen Geist von Hui-ko und akzeptierte ihn endlich als Schüler.
Diese Begebenheit ist natürlich nicht wörtlich zu verstehen. Doch sie zeigt in der Sprache der Legende worauf es den Erzählern ankommt. Von Seiten des Schülers braucht es unerschütterliche Entschlossenheit und den Willen zur Selbstaufgabe. Von Seiten des Lehrers bedarf grosse Strenge und Unbestechlichkeit. Das sind Voraussetzungen für die Erweckung des echten Buddha-Geistes. Ohne diese Eigenschaften bleibt man auf halber Strecke stecken und kann nicht alle Selbsttäuschungen überwinden. Wer sich nicht vollständig aus dem Ei der Täuschungen befreit, an dem bleibt immer etwas von der Schale kleben. Auch dieser Aspekt des Zen fand seinen Niederschlag in einem Koan.
„Bodhidharma sass mit dem Gesicht zur Wand und übte Zazen. Hui-ko stand im Schnee. Er schnitt sich den Arm vom Leib und schrie: „Mein Geist hat noch keinen Frieden gefunden, bitte Meister, gebt ihm Frieden!“ Bodhidharma sagte: Bringe mir deinen Geist und ich will ihm Ruhe geben. Ich habe nach meinem Geist geforscht und ihn überall gesucht, er ist nicht zu fassen, antwortete Hui-ko. Darauf sagte Bodhidharma: Ich habe ihm bereits zum Frieden verholfen.“
Um das Geschehen in diesem Koan voll zu schätzen, muss man sich vergegenwärtigen, dass Hui-ko bereits in den mittleren Jahren seines Lebens war . Trotz vieler Jahre des Suchens und Forschens war er voller Zweifel. Deshalb suchte er den unbekannten Meister Bodhidharma auf. Dieser war sozusagen seine letzte Hoffnung. Doch Bodhidharma kümmerte sich nicht um Hui-ko, er sass einfach in seiner Höhle und meditierte. Kann man sich die Verzweiflung von Hui-ko vorstellen? Was war bloss los? Machte er etwas falsch? Warum war der fremde Meister so unnahbar?
Doch er hatte keine Wahl, er wollte nicht aufgeben und musste bleiben einfach stehenbleiben im tiefer werdenden Schnee.
Auch dem Buddha erging es einmal so: Er musste einfach sitzen bleiben, und sollte es bis zum Lebensende sein. Das war in Bodhgaya, im Norden von Indien, unmittelbar vor seinem Grossen Erwachen. Nicht wieder aufzustehen, bis er Klarsicht und Seelenfrieden habe, das war sein Entschluss. Er sass sieben Tage und acht Nächte lang. Mit derselben Entschlossenheit stand Hui-ko in der stürmischen Nacht
Endlich wandte sich Bodhidharma ihm zu: Du stehst schon so lange im Schnee, was suchst du eigentlich? Da brach es aus Hui-ko heraus: „Ich leide unter meinem zweifelnden Geist, er kann keine Ruhe finden. Bitte helft mir.“ Doch statt ihn erfreut in seine Höhle zu bitten, fuhr Bodhidharma den Leidenden an und sagte ihm direkt ins Gesicht, er sei viel zu willensschwach und zu eingebildet, um die wertvolle Lehre des Buddha zu erlangen. Das war natürlich ein Test.
Wer auf einen hohen Berg klettern will, muss eine gute Ausrüstung haben und in ausgezeichneter körperlicher und seelischer Verfassung sein. Wenn man in Turnschuhen das Himalaja-Gebirge besteigen will, gefährdet man sich selbst und viele andere. Um die befreiende Weitsicht zu erfahren, ist es nötig, sich radikal den eigenen Schwächen zu sellen und nicht zimperlich zu sein. Auch dies ist eine universale Wahrheit. Bereits im philosophischen Gedicht Bhagavadgita aus dem 3. Jahrhundert v. Chr. wird berichtet, dass Arjuna mit seinen Verwandten kämpfen muss, um sich vom Los der irdischen Zwänge zu befreien. Arjuna ist eine Verkörperung der menschlichen Seele und die Verwandten stehen für seine innersten Gedanken und Gefühle. Die wahren Feinde des Seelenfriedens befinden sich nicht aussen, sondern innen, auch wenn wir Menschen dies immer wieder zu leugnen suchen.
In seiner Not wusste Hui-ko nichts anderes zu tun, als einen Arm zu opfern. Selbstverstümmelung ist jedoch nicht der Weg; es geht nicht darum, sich selbst oder den eigenen Körper abzulehnen. Frieden findet man auf diese Weise nicht. Immerhin musste Bodhidharma nun die Entschlossenheit seines Schülers anerkennen, und er zögerte nicht mehr, ihm zur geistigen Geburt zu verhelfen. Deshalb sagte er: Bringe mir deinen unruhigen Geist und ich will ihm Ruhe geben.
Nun war Hui-ko in einem Dilemma. Wie konnte er seinen Geist herzeigen? Den Arm abschneiden und jemandem geben, das kann man tun, doch wie kann man jemandem den Geist bringen? Wo ist der Geist? Verlangte Bodhidharma von Hui-ko, dass er sich den Kopf abschneiden oder das Herz aus dem Leibe reissen sollte?
Hui-ko verstand intuitiv, worauf Bodhidharma hinaus wollte. Wie lange er für diese Einsicht kämpfen musste, wird nicht berichtet. Einige Interpreten sagen, er sei in seine Zelle zurückgegangen und habe tagelang meditiert, andere sagen, die Erkenntnis sei unmittelbar in ihm aufgeflammt, dank seiner vorangegangenen Übungszeit. Wie dem auch sei, er realisierte mit einem Mal deutlich und klar, dass man den Geist nicht fassen kann, obwohl man immer von meinem Geist spricht und behauptet, er sei dieses oder jenes: froh, traurig, gross oder klein. Zwar hatte er dies schon lange gewusst, aber noch nicht daran geglaubt!
Geist hat weder Form noch Farbe und auch die Idee, dass er ruhig oder unruhig, rein oder unrein sein könnte ist nichts anderes als eine Vorstellung. Hui-ko hatte nur noch den letzten Stoss von Bodhidharma gebraucht, um vollständig aus dem Ei zu schlüpfen. Sein Geist war bereits beruhigt. Auf diese Weise wurde der zweite Patriarch geboren.
Auch wenn man noch nicht wie Hui-ko jahrelang bei der Sache ist und vielleicht ganz am Anfang des geistigen Weges steht, kann die Beschäftigung mit Bodhidharmas Aufforderung Bringe mir deinen Geist äusserst hilfreich sein. Wo soll man den Geist suchen? Wie kann man ihn zeigen?
Nach neun Jahren soll Bodhidharma zum Schluss gekommen sein, dass es an der Zeit sei, China wieder zu verlassen, und er wünschte, nach Indien zurückzukehren.
Die Legende berichtet von einem Abschiedsgespräch mit seinen engsten Anhängern. Auch dieses wird im Zen als Koan benutzt. Es illustriert verschiedene Tiefengrade, mit denen man die universale geistige Wahrheit verstehen kann:
„Neun Jahre waren vergangen, und Bodhidharma wünschte, westwärts nach Indien zurückzukehren. Da rief er seine Jünger zu sich und sprach: Schon ist die Zeit vergangen. Ich müchte, dass jeder von euch sagt, was er bis jetzt verstanden hat. Da erwiderte der Jünger Tao-fu: Wie ich es sehe, ist die Wahrheit weder an Worte und Schriftzeichen gebunden, noch ist sie getrennt von Worten und Schriftzeichen. Sie wirkt und wird dadurch zum Weg.
Der Meister sagte: Du hast meine Haut erlangt. Die Nonne Tsung-chih sagte: Wie ich jetzt begriffen habe, ist die Wahrheit etwas, das man nicht festhalten kann, sie wird ein Mal geschaut und kein zweites Mal wieder.
Der Meister sagte: Du hast mein Fleisch erlangt. Tao-fu sprach: Die vier grossen Elemente sind ursprünglich leer; die fünf Daseinselemente haben keine Existenz. Nichts kann wirklich erfasst werden.
Der Meister sagte: Du hast meine Knochen erlangt. Zuletzt war da Hui-ko. Er verneigte sich ehrfürchtig und schwieg.
Der Meister sprach: Du hast mein Mark erlangt.“
….
**Bodhidharma by Unkei Ikkei, Japan, 1504-1520 AD, ink on paper, detail – Linden-Museum – Stuttgart, Germany
Auszug aus: Als Zen noch nicht Zen war – Agetsu Wydler Haduch, 1999, Der Springende Punkt