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Rassehundezucht - kritisch betrachtet
Was heisst denn reinrassig?
Hinweis: Autor des Artikels ist Angelo Steccanella. Die Meinung des Autor muss nicht die Meinung des SKBF sein.
Nach bald 120 Jahre Beauceron-Zucht nach dem Standard des Mutterlandes, liegt heute der Schwerpunkt (trotz gegenteiligen Lippenbekenntnissen) bei den meisten Züchtern im möglichst perfekten Erscheinungsbild des Hundes. An Schönheitskonkurrenzen lassen sich leicht die Früchte dieser Bemühungen ernten.
Ob dies dem Beauceron gerecht wird?
Die Statuten des Schweizerischen Klubs der Beauceronfreunde nennen als ein Ziel des Klubs
- Die Förderung der Reinzucht des Beaucerons in der Schweiz.
Was bedeutet dies konkret?
Die FCI definiert seit 1984 eine Hunderasse nach der Definition von Raymond Triquet:
„Die Rasse ist eine Gruppe von Individuen, die gemeinsame Merkmale aufweisen, die sie von anderen Vertretern ihrer Spezies unterscheiden, und die durch Vererbung übertragbar sind. Die Spezies entsteht auf natürlichem Wege, wohingegen die Rasse das Ergebnis von Züchtungen im Rahmen der Kynologie darstellt.“
Einseitige Rassebeschreibung
Ebenfalls bei der FCI sind die Rassestandards der verschiedenen Hunderassen deponiert. Der Standard des Beaucerons ist als Nr. 44 im Verzeichnis der FCI registriert. Dieser Standard, verfasst vom Rasseklub Frankreichs, beschreibt wie ein Beauceron zu sein hat, damit er als rassetypischer Hund bezeichnet werden kann.
Liest man den Standard aufmerksam, so fällt einem unvoreingenommenen Leser schnell auf, dass das Aussehen des Hundes ausführlichst und detailverliebt beschrieben wird. Die rassetypischen Charaktereigenschaften werden am Anfang aber nur mit wenigen Worten erwähnt. Ein krasses, aber für die Hundezucht der letzten 100 Jahren typisches Missverhältnis. Das Aussehen wird mit rund 700 Wörtern beschrieben, für den Charakter reichen gerade mal 24 Wörter.
Es wäre auch möglich eine Rasse nach ihren Eigenschaften zu beschreiben. Auch dies würde schlussendlich zu einer einheitlichen Hunderasse führen.
Selektion auf Schönheit ist nicht schwierig
Es ist auch für einen durchschnittlich begabten Züchter viel einfacher Merkmale des Aussehens in seiner Zucht zu beeinflussen, als die Eigenschaften seiner Hunde. Das hat verschiedene Gründe;
Zum einen kann jeder Merkmale des Aussehens sehen und beurteilen. Jeder kann die Widerristhöhe messen, die Fellfarbe erkennen, die Form der Ohren klar bestimmen, usw. Im Erscheinungsbild eine Vereinheitlichung zu erreichen ist relativ einfach.
Kommt dazu, dass die Zuchtauswahl (auch heute noch) sehr stark von diesen Äusserlichkeiten beeinflusst wird. Schönheitsrichter begutachten die Hunde und vergeben Formwertnoten. Erfolge an Schönheitskonkurrenzen (Ausstellungen) bestärken die Züchter, den Weg auf der Vervollkommnung des Erscheinungsbildes weiter zu gehen – koste es was es wolle. Der Erfolg gibt ihnen Recht.
Ein Erfolg, der mit relativ wenig Aufwand zu erreichen ist!
Selektion auf Eigenschaften ist schwierig - aber machbar
Wird wiederum der Standard als Massstab genommen, so ist die definierte Verwendung (Hirtenhund, Wachhund) und die Klassifikation (Hütehund und Treibhund) massgebend.
Um Hunde zu züchten, die sich für definierten Verwendungen eignen und der Klassifikation gerecht werden, müssten die Zuchthunde Eigenschaften haben, die eine solche Verwendung erlauben. Dies kann nur gewährleistet werden, wenn die Hunde nach diesen Gebrauchs-Kriterien ausgewählt werden.
Ein Züchter müsste also vielmehr tun, als nur seine Zuchthunde anzuschauen, um die Zuchtauswahl zu treffen. Er müsste seine Hunde auf diese Gebrauchseigenschaften testen (z.B. durch Hundesportprüfungen, bei denen die erwünschten Eigenschaften Voraussetzung sind). Dies verlangt vom Züchter viel mehr Einsatz, als die Zucht auf „Schönheit“.
Irrtum der Experten
Die Enzyklopädie der Hunde warnt zwar vor einer einseitigen Zuchtauswahl auf Gebrauchseigenschaften:
„Eine nur an den Gebrauchseigenschaften orientierte Zuchtauswahl läuft Gefahr, einen ausserhalb des Standards liegenden Typ zu schaffen (wie z.B. beim Englischen Setter) - denn morphologische Merkmale verlieren sich viel schneller als Gebrauchseigenschaften erworben werden.“
Mit gleicher Richtigkeit könnte man aber auch behaupten:
„Eine nur an den Exterieur-Merkmalen orientierte Zuchtauswahl läuft Gefahr, einen ausserhalb des Standards liegenden Typ zu schaffen“ – denn nach meiner Erfahrung ist es viel schwieriger verlorene Gebrauchseigenschaften wieder in die Zuchtgruppe zu bringen, als morphologische Merkmale danach zu korrigieren.
Jeder Züchter muss sich entscheiden. In welche Richtung er seine Zuchthunde selektioniert.
„Dä Füfer und z’Weggli“ ist auch in der Hundezucht kaum zu bekommen.