Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03378.jsonl.gz/397

Reden die Jenischen Rotwelsch?
Oft hört oder liest man, wir Jenische würden Rotwelsch reden. Rotwelsch wird von altersher bis heute oft als "die Gaunersprache" bezeichnet. Man könnte es auch als "die Gassensprache" bezeichnen. Ich denke Rotwelsch ist eigentlich ein Konstrukt, das in den Schreibstuben der Studierten entstanden ist, Rotwelsch gibt es gar nicht! "Auf der Gasse", auf der guten alten Landstrasse, haben sich durch all die Jahrhunderte die verschiedensten Leute getroffen: Jenische, Sinte, Rom, fahrende Juden, Söldner, Gauner (ja, auch die!), Landstreicher, Bettler, Viehhändler....Liste beliebig verlängerbar.
Was all diese Leute miteinander gesprochen haben, war ein babylonisch, das der Verständigung diente, so wie wir z.B. ja auch im Trujal-Chat, im jenischen Chat oder in fäberer's chat Romnes mit Deutsch, Englisch und neuerdings Jenisch mischen. Oder so wie auf den Baustellen der 50er- und 60er-Jahre der Bauführer mit den spanischen und italienischen Arbeitern ein "Baustellen-Chinesisch" reden musste, das bei uns in der Schweiz sehr stark vom Italienischen geprägt war. Dass auf dem Markt bei Verkaufsverhandlungen das gutbürgerliche Gegenüber, auf der Landstrasse der Landjäger, im Gerichtssaal der Richter dieses Babylonisch schwer bis nicht dechiffrieren konnte, konnte allen Beteiligten ja nur recht sein, da sie so auch in kritischen Momenten über die Gruppengrenzen hinweg die gemeinsame Sprache anwenden konnten. Natürlich war das Interesse der "Gegenseite" gross, diese Rätsel lösen zu können. So wurden nicht zu letzt die Gauner in den Gefängnissen über diese Sprache ausgequetscht , gar mit Folter die Worte aus ihnen geprügelt. So entstanden die Rotwelsch-Bücher! Und daran hat sich bis heute Nichts geändert!
Ich kann als Beispiel einen Germanisten anführen, der kürzlich verstorben ist. Robert Schläpfer (so hiess er) interessierte sich als "Sondersprachen-Forscher" für das Jenische. Ein befreundeter Gefängnisdirektor rief ihn in den 50er-Jahren an und meldete, er hätte einen Gefangenen, der sehr gut jenisch spreche. Schläpfer umwarb diesen Mann, der hauptsächlich wegen Sittlichkeitsverbrechen, die bei uns Jenischen genau so verpönt sind wie bei Euch Sinte, immer wieder im Knast sass, solange, bis er gar dessen Vormund werden durfte. Der Knastbruder gab sein Sprachwissen mit der Aussicht auf Vergünstigungen natürlich bereitwillig preis. Er schrieb sogar seine eigenen Memoiren. Bloss wurden die nie veröffentlicht bis... Robert Schläpfer vom Schweizerischen Nationalfonds, einer Organsation zur Finanzierung der Wissenschaft, fast eine halbe Million Franken bekam zur Beendigung seines Lebenswerkes. So entstanden 2 Bücher. Das erste hiess "allein auf dieser verdammten Welt" und war eigentlich über weiteste Strecken die Autobiographie des Knasties. Schläpfer vermied es tunlichst, anzumerken, dass er der Vormund seines "Forschungsobjekts" war, was ja jedem Ansatz nach Unabhängigkeit der Forschung hohn spricht. Sein Opfer aber beschreibt in seiner Autobiographie sehr detailliert sein Leben auf der Landstrasse, das er von Kindsbeinen an kannte. Er betonte an jeder Stelle: "dann sind wir Jenischen begegnet...dann trafen wir Zigeuner, usw. usf.", klarmachend, dass er nicht dazugehört. Dieser Mensch also war Schläpfers Gewährsmann für seine Sprachforschung. Klar, dieser Mensch sprach wirklich Rotwelsch, nämlich eben das "Gassen-Babylonisch", das er bei seinem Vater, bei den "Vögeln der Landstrasse" im weitesten Sinne, im Knast usw. lernte. Und jetzt kommt der Hammer: Band 2 von Schläpfers Lebenswerk, posthum von seinem Mitarbeiter H.J. Roth publiziert, heisst "Jenisches Wörterbuch. Aus dem Sprachschatz Jenischer in der Schweiz", erschienen im Huber-Verlag, Frauenfeld 2001!
Während langer Zeit haben die Sprachwissenschafter also die Strasse belauscht und das Aufgezeichnete "Rotwelsch" genannt, gehen heute aber dazu über, das Selbe unter dem Titel "Jenisch" zu vermarkten, was aber weder mit uns Jenischen noch mit unserer Sprache etwas zu tun hat! Dass Jenisch aber nicht gleich Rotwelsch ist, ergibt sich für mich u.a. daraus, dass das Wort "Jenisch" ein jenisches Wort ist, das auch auf das Sanskrit zurückgeführt wird und laut Kennern des Sanskrit "wissend, sehend" bedeutet, während "Rotwelsch" eine germanische Wortschöpfung ist. (Klingeln keine Glocken bei Euch, die Diskussion über die Namen Sinte oder Zigeuner z.B.?) Der Duden 7: Das Herkunftswörterbuch weiss darüber folgendes: rotwelsch: "rot" = "falsch" und veraltet "welsch" = "romanisch", also eigentlich etwa "unechte romanische Sprache".
Der Wortteil "welsch" kommt, entgegen viel Gehörtem, sicher nicht aus dem französischsprachigen Teil der Schweiz. Das germanische Wort "welsch" bedeutete nämlich "Fremd" und wurde im Verlauf der Zeit immer stärker mit den romanischsprachigen Leuten und Ländern (Italien, Frankreich, usw.) verknüpft, sodass die Deutschschweizer eben ihr damaliges französischsprachiges Untertanenland "Welschland" nannten, eben Land, wo "welsch", also "fremd" gesprochen wird. Rotwelsch bezeichnete einfach eine für die damaligen Sprachforscher unbekannte "Fremdsprache".
Die Jenischen als Leute und das Jenische als Sprache tauchen zwar auch schon im 16. Jahrhundert als Randnotizen der Chronisten auf. Sie waren für die Chronisten aber offenbar immer schwieriger eindeutig zu identifizieren als z.B. die Roma, waren offenbar weniger "augenfällig", weshalb sie oft einfach in den allgemeinen Beschreibungen des Bettelvolkes, der Diebe und des übrigen Gesindels ohne namentliche Erwähnung mitgezählt wurden. Wir Jenischen heute müssen uns also dagegen wehren, dass unsere Sprache einfach mit dem Rotwelsch gleichgesetzt wird, im Extremfall gar neueste Rotwelsch-Bücher sich mit dem Titel "jenisches Wörterbuch" schmücken!
Nun zur jenischen Sprache: Genau so, wie es Rom gibt, die keinerlei Romnes mehr sprechen und genau so, wie sich auch Manisch, Romanes und wie all die (soll ich jetzt "Dialekte" sagen?) "Varianten" im Verlauf der Zeiten verändert haben und immer noch verändern (woraus die Sprachhistoriker dann ihre "Landkarten der Wanderreisen" basteln), genau so wenig gibt es das eine reine und wahre Jenisch. Ich kann nur schon in der Schweiz anhand des jeweiligen jenischen Dialekts jeden Jenischen geografisch und/oder familiär zuordnen! Wenn Sie nun "richtiges Jenisch" lernen wollen, kann ich Ihnen nur einen Weg empfehlen: Schalten Sie den Computer ab, gehen Sie hinaus. Die Jenischen am Lagerfeuer wissen sehr genau, wer was wissen soll, denn "Jenische" heisst ja: "die Wissenden" ...
"ich will nach oben!"
"Woher die Jenischen kommen"
"Jangy über jenische Geschichte und Sprache"
"über die Jenischen"
zur Startseite