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Sein grosses Ziel sei immer gewesen, die Gesellschaft «besser zu machen», schrieb Douglass C. North, und dieses Ziel habe er nie aus den Augen verloren. Doch dafür müsse man zuerst verstehen, wie die Wirtschaft funktioniert. Und so hat sich der 1920 geborene North praktisch 70 Jahre lang mit Variationen einer einzigen Frage beschäftigt: Warum werden die einen Länder reich und bleiben die anderen arm? North kam wegen des Berufs seines Vaters, eines erfolgreichen Managers, schon früh weit herum. Er wuchs in Connecticut, Ottawa und New York City auf. Dazwischen ging er ein Jahr in Lausanne in die Schule, weil seine Eltern, beide keine Intellektuellen, an den Wert breiter Bildung glaubten. Wie viele grosse liberale Denker war auch North in seiner Jugend Marxist. An der Berkeley University, die er statt Harvard wählte, weil der Vater nach San Francisco versetzt worden war, engagierte er sich während des 2. Weltkriegs in linken Studentenkreisen. Allerdings kam es zum Bruch mit seinen Freunden, als diese nach Hitlers Angriff auf Russland im Juni 1941 für den Krieg eintraten, während er als Pazifist dagegen war. Nach dem dreifachen Bachelor in Politologie, Philosophie und Ökonomie ging er konsequenterweise zur Handelsmarine, «weil er niemanden töten wollte». Dort hatte er Zeit für Lektüre; das gab den Ausschlag, dass er sich für ein vertieftes Studium der Ökonomie entschied und seine Idee, Fotograf zu werden, aufgab. Fotografie blieb aber zeitlebens ein Hobby, neben Wandern, Fischen und Jagen, gutem Essen und Trinken sowie der Musik.
Seine im eigenen Urteil «bestenfalls mittelmässigen Noten» im Grundstudium und seine Doktorarbeit (1952) über die Geschichte der Lebensversicherungen in den USA – der Vater war in dieser Branche tätig – liessen noch kaum den Nobelpreisträger von 1993 (zusammen mit Robert W. Fogel) erkennen. So richtig scheint North der Knopf erst an der University of Washington in Seattle aufgegangen zu sein, der er 33 Jahre treu bleiben sollte. Er hatte dort seine erste akademische Stelle erhalten, und beim täglichen Schachspiel brachte ihm ein junger Kollege das tiefere Verständnis der ökonomischen Theorie bei und lehrte ihn vor allem, «wie ein Wirtschaftswissenschafter zu denken».
Über verschiedene Umwege entwickelte sich North danach zu jenem Pionier der «Neuen Wirtschaftsgeschichte», den die Schwedische Reichsbank mit ihrem Nobel-Gedächtnispreis ehrte. Diese auch «Cliometrie» genannte Schule zeichnet sich durch die Anwendung der ökonomischen Theorie und von quantitativen Methoden auf die Geschichte aus. Sein erstes grosses Buch «The Economic Growth of the United States from 1790 to 1860» fällt in diese Periode. Aber das, wofür Douglass North hauptsächlich steht, nämlich seine Theorie des institutionellen Wandels, entwickelte sich erst später, beginnend mit einem einjährigen Studienaufenthalt in Genf (1966/67) und einer Verlagerung des Interesses von der amerikanischen auf die europäische Wirtschaftsgeschichte.
Dieser späteren Entwicklung von North verdanken wir, erstens, die Einsicht, dass Institutionen den entscheidenden Unterschied zwischen wirtschaftlich erfolgreichen und erfolglosen Ländern ausmachen. Alle erfolgreichen Länder zeichnen sich durch «gute» Institutionen wie klare und durchsetzbare Eigentumsrechte oder einen Rechtsstaat, in dem Vertragsverletzungen geahndet werden, aus. In Verbindung damit steht, zweitens, die Abkehr vom neoklassischen Rationalitätsparadigma. Ähnlich wie Friedrich von Hayek betont auch North die Bedeutung von Ideen, Ideologien und Vorurteilen für das Treffen von Entscheidungen. Daher versucht er zu verstehen, wie Menschen unter Unsicherheit entscheiden, warum sie irrational handeln, warum sie Ideologien wie dem Kommunismus oder dem Islamismus anhangen, und wie unser Verstand und das Gehirn funktionieren. Dieser Ausflug Richtung Hirnforschung ist gemäss North genauso eine Voraussetzung für das Verständnis des Wandels wie die Abkehr von einer rein ökonomischen Perspektive. Deshalb ist North, drittens, die Integration aller Sozialwissenschaften ein Anliegen. Er kritisiert in diesem Zusammenhang die Praxisferne vieler Kollegen, die übertriebene Mathematisierung sowie die Missachtung der grossen Zusammenhänge, und warnt, auch darin Hayek verwandt, vor der Anmassung von Wissen.
North’s überragende These ist schliesslich, viertens, dass der Wettbewerb nicht nur zwischen Unternehmen, sondern auch zwischen politischen Einheiten, Staaten und Gliedstaaten der entscheidende Motor von Wandel und Fortschritt ist. Für ihn hat der Erfolg Westeuropas und der USA mit Kleinstaaterei und Föderalismus zu tun, die im Gegensatz zum Zentralismus Russlands oder Chinas Versuch und Irrtum in kleinen Einheiten zulassen und damit offen sind für Kreativität ebenso wie für das Lernen durch Nachahmung. In einer Welt ständigen und rasanten Wandels ist für North Dezentralisierung die beste Methode, um zukunftsoffen zu bleiben, zu experimentieren statt zu erstarren und mittels Wettbewerb den Ansporn aufrecht zu erhalten, ständig nach noch besseren Lösungen zu suchen. Eigentlich ist es eine fast banale Erkenntnis: Diversifikation ist die beste Absicherung gegen Risiken. Auf den Finanzmärkten ist das längst Allgemeingut. Dass es auch in der Welt der Politik und der Institutionen gilt, hat Douglass North in die Wissenschaft eingebracht. In der praktischen Politik ist es allerdings, wenn man an die heutige Europäische Union denkt, leider noch kaum angekommen.