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Etrit Hasler über Bauernopfer im American Football
In diesen Tagen hat die Quarterbacklegende Peyton Manning bekannt gegeben, was alle schon wussten: Er beendet seine Karriere. Er tat es trotzdem so, wie das Legenden so tun. Mit einer Pressekonferenz voller Erinnerungen, Anekdoten – und natürlich mit Tränen, als er sich öffentlich an seinen Vater erinnerte. Das passte alles perfekt zu seiner Sportart, dem American Football – einer Kreuzung aus Schach, Gladiatorenkampf und genug Geld, um sich drei Donald Trumps davon zu kaufen. Pro Jahr.
Kaum eine Sportart fokussiert sich so stark auf einzelne Figuren wie American Football. Die Quarterbacks werden zu Helden, zu militärischen Führern hochstilisiert, zu Halbgöttern mit einem Ball in der Hand. Weswegen dieser Job meist auch Männern mit zumindest makelloser Oberfläche und weisser Hautfarbe vorbehalten ist.
Dabei haben die Quarterbacks den einfachsten Job auf dem Feld. Sie ziehen den Ball zwischen den Beinen des Centers (des Spielers in der Mitte der Offensivlinie) hindurch, meist geben sie ihn sofort einem Läufer in die Hand, manchmal behalten sie ihn ein bisschen länger und werfen einen Pass. Äusserst selten findet ein Quarterback den Mut und rennt selber der Horde Berserker entgegen, die man Defense nennt. Von all den Spielern auf dem Feld sind ausgerechnet sie diejenigen, die am seltensten umgeworfen, niedergeschlagen oder unter einem Haufen hundert Kilo schwerer Menschenkörper begraben werden.
Das Gegenstück sind die Linesmen. Jene, bei denen jeder Spielzug damit beginnt, dass sie mit der Wucht eines losspurtenden Sumoringers gegen die Spieler der anderen Linie losrennen (die dasselbe in umgekehrter Richtung tun) und dabei meistens mit den Helmen gegeneinanderprallen. Und das bis zu hundert Mal pro Spiel. Sie sind – um in der Metapher des Rasenschachs zu bleiben – die Bauern. Der Wall, der vorgeschickt wird, um den König zu beschützen. Sie verdienen am schlechtesten und sind – wie könnte es anders sein – meistens schwarz. Ausser der bereits erwähnte Center. Was wohl irgendwie damit zu tun hat, dass es für ein US-Fernsehpublikum komisch aussehen würde, wenn ein weisser Mann einem Schwarzen von hinten zwischen die Beine fasst.
Damit nicht genug – Linesmen sind auch am meisten von einem Phänomen betroffen, das eigentlich sehr nahe liegt, aber von der Liga seit Jahrzehnten bestritten wird: Bei all den Schlägen auf den Kopf, die sie einstecken müssen, erleiden sie überdurchschnittlich häufig Hirnerschütterungen – mit entsprechenden Nebenwirkungen. Ein grosser Teil der Footballspieler leidet früher oder später an CTE (Chronisch-traumatische Enzephalopathie), auch bekannt als Dementia pugilistica oder Punch-Drunk-Syndrom. Letzteres, weil man die Krankheit vor allem von Boxern kennt, die zunehmend kognitive Beeinträchtigungen bis hin zur Demenz an den Tag legen.
Das Phänomen ist weit verbreitet – eine Studie der Boston University untersuchte 91 verstorbene Footballspieler, 87 davon litten an CTE. Wie repräsentativ diese Zahlen für den gesamten Sport sind, weiss niemand so recht, weil sich die Liga mit Händen und Füssen nur schon gegen die Erwähnung des Themas wehrt. Doch die Zeit spielt gegen die durchaus mächtige Liga. Vor zwei Jahren wurde erstmals eine Sammelklage von immerhin 4500 ehemaligen Spielern vor einem US-amerikanischen Gericht angehört. Der Prozess endete zwar mit einem Vergleich, in dem sich die Liga mit knapp einer Milliarde US-Dollar das Schweigen dieser Spieler erkaufte. Also knapp 200 000 Dollar pro Spieler – was für Footballverhältnisse höchstens ein Trinkgeld ist, sogar für Linesmen.
Nicht dass wir uns falsch verstehen: Ich mag Football. Aber der Sport ist eine perfekte Illustration dafür, dass die meisten Heldengeschichten mit dem Blut anderer geschrieben werden.
Etrit Hasler ist Slampoet, Kolumnist sowie Fan der New York Jets und anderer Underdogs.