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«Nur die Medizin, die sich als "humanistisch" wiederentdeckt,
wird für uns sorgen können»
Es spricht der Psychiater Graziano Martignoni, Vizepräsident der Stiftung „Fondazione Sasso Corbaro“. Mehr Augenmerk auf die Patienten. Unter den Initiativen, eine Zeitschrift mit dem Krankenhausvon Cesare Alfieri
Der Unterschied besteht allein in einem Buchstaben des Alphabets, „a“ anstatt „u“ in zwei englischen Wörtern: care (die Fürsorge für den gesamten Menschen, nicht allein auf die Krankheit beschränkt) anstatt cure (die Therapie gegen die Erkrankung). Die zwanzigjährige Tätigkeit der Stiftung „Fondazione Sasso Corbaro“ in Bellinzona, die sich ganz der Medical Humanities widmet, d. h. der Verflechtung von medizinischen und humanistischen Disziplinen (Ethik, Psychologie und viele andere), kann stark synthetisiert im Wechsel dieser beiden Vokale zusammengefasst werden. Sicher, es scheint offensichtlich, dass Ärzte, Pfleger und Spitäler sich um den Kranken in seiner Gesamtheit kümmern müssen (und dabei auf die Vielzahl von Elementen eingehen, die das „sich krank fühlen“ beeinflussen können) und nicht nur auf mechanische Weise, indem sie das Augenmerk auf eine einzelne Erkrankung richten, ohne eben den menschlicheren Teil zu berücksichtigen. Dennoch laufen die Dinge oft genau so und der Kranke kommt in eine Art Gesundheits-Fliessband, das versucht, die Symptome zu heilen und eine Infektion oder eine erkrankte Zelle auszurotten, sich aber gleichzeitig nicht um das Drumherum kümmert (das aber manchmal die Therapien und die Heilung selbst stark beeinflusst). Andererseits wird diesen Themen in fast allen Universitäten der Welt wenig Raum eingeräumt und angehende Ärzte werden nicht auch unter Berücksichtigung ihrer empathischen Qualitäten, der Fähigkeit und dem Wunsch dem Kranken in seiner Gesamtheit zu helfen, ausgewählt. Die Medical Humanities wurden ins Leben gerufen, um den Kurs umzukehren.
Seit 2000 fördert die Stiftung „Fondazione Sasso Corbaro“ Ausbildung, Forschung und Beratung in diesem Bereich und hat vor ein paar Wochen am 21. Oktober ihre jährliche Konferenz im Augustinerkloster in Monte Carasso abgehalten. Vizepräsident und Mitbegründer ist Graziano Martignoni, ein in der Schweiz und im Ausland renommierter Psychiater und Psychotherapeut sowie Professor an der SUPSI. Ticino Scienza hat ihn um ein Treffen gebeten, um diese Themen zu vertiefen.
Martignoni empfängt uns in der Geborgenheit der Bibliothek seines Studios mit gelesenen und sich zu eigen gemachten Seiten. Abhandlungen über Psychologie und psychiatrische Handbücher, aber nicht nur die, bedecken die Wände. Die philosophische Abteilung ist ebenso reich bestückt wie die grosse Literatur, von den griechischen Tragödien bis zu Rilkes Elegien. Sage mir was du liest und ich sage dir, wer du bist: Das gilt auch für Graziano Martignoni, der den Zusammenhalt zwischen Medizin und Kultur zum Schwerpunkt einer zu lebenden und zu teilenden Leidenschaft gemacht hat.
Professor, erzählen Sie uns von den Anfängen der Stiftung „Fondazione Sasso Corbaro“. Warum heisst sie so?
«Wie so oft - antwortet Martignoni - ist die Stiftung aus einer Begegnung und einer Freundschaft entstanden. Man muss die Geschichte um 23 Jahre zurückspulen und zu einem Tessin zurückkehren, das sich stark von dem heutigen unterscheidet. Ein fast ländliches Tessin, auf der Suche nach Anreizen, die die neugegründeten USI und SUPSI befriedigen wollten. Ich arbeitete in der psychiatrischen Klinik und beschäftigte mich hauptsächlich mit dem Heroinproblem. Eines Tages lud ich Roberto Malacrida, Arzt der Intensivmedizin und Freund seit der dem Militärdienst, zu einem Seminar über das Verhältnis zwischen Medizin und Kultur ein. Ich habe immer geglaubt, dass Kultur gut für die Behandlung ist und entdeckte, dass Roberto das genauso sah, dass er so wie ich davon überzeugt war, dass wir in einer Gruppe an dieser Überzeugung arbeiten sollte, da der Gedanke eines Einzelnen dazu bestimmt ist, ein armer Gedanke zu bleiben. So keimte der erste Samen der Stiftung „Fondazione Sasso Corbaro“, der ihren Namen der Burg verdankt, in dessen Schatten Robertos Wohnhaus steht. All dies wurde dann offiziell im Jahr 2000 ins Leben gerufen».
Ist die Bindung zwischen Kultur und Medizin, von der Sie sprechen, die Grundlage der Medical Humanities?
«Ja, aber nicht nur das. Die Medical Humanities entstanden in den 60er Jahren in Amerika, um das Gleichgewicht zwischen der sogenannten Evidenzbasierten Medizin (der technisch-wissenschaftlichen) und der Narrativen Medizin (die sich auf relationale und psychologische Erfahrungen bezieht) wiederherzustellen und die Tendenz der ersten, Oberhand zu gewinnen, einzudämmen. Der Schmerz des Kranken bedarf nicht nur einer technischen klinischen Betreuung, sondern erfordert auch das Augenmerk auf Ethik. Lassen Sie mich ein Beispiel geben: Ein gesunder Körper ist die erste und wichtigste Voraussetzung für unsere Handlungsfreiheit und der Kranke leidet unter dieser entzogenen Freiheit. Ein humanistischer Arzt wird diese menschliche Schwäche sehen und darauf reagieren, und somit besser heilen können. Die Behandlung, nicht die Therapie, muss das Ziel sein. So wie der Zweck der Kultur, die wir bei Sasso Corbaro fördern nicht die Belebung eines Gelehrtenkreises ist: Es ist, diese Kultur an das Bett des Kranken zu bringen, damit er aus dieser Begegnung konkrete Hilfe schöpfen kann».
Mit welchen Aktivitäten verfolgt die Sasso Corbaro ihr Ziel?
«Insbesondere durch die humanistische Ausbildung des Pflegepersonals von Krankenhäusern, Seniorenheimen, Behindertenzentren (nicht nur Ärzte, sondern alle die pflegen, behandeln, betreuen). Unsere Akademie für Medical Humanities bietet jährliche Kurse an, die bei einer 80%igen Beteiligung und der Abgabe von Überlegungen eine Zertifizierung ausstellen. Das tragende Thema wechselt jedes Jahr: In diesem Jahr 2021 haben wir uns auf die Behandlung zum Zeitpunkt der Ansteckung konzentriert. Nächstes Jahr werden wir das bereits während der Konferenz im letzten Oktober diskutierte Thema vertiefen, das, verzeihen Sie das Wortspiel, auf den Sinn der Sinne fokussiert ist. Beim Umgang mit dem Leiden des Patienten gibt es viele Arten zu Sehen und zu Hören, verschiedene Arten zu Berühren, vielfältige Rollen von Geschmack und Geruch. Durch die Sinneswahrnehmungen kann der Arzt den Kranken näher kennenlernen indem er den reinen Logos mit der Behandlung der Sinne, mit den Sinnen verbindet.
Hinzu kommt die Weiterbildung mit den Certificates of Advanced Studies (CAS): Die derzeit laufende „Kommunikation als Behandlungsinstrument“ wird zusammen mit dem Ente Ospedaliero Cantonale, den USI-Fakultäten für Biomedizinische Wissenschaften und Kommunikation, Kultur und Gesellschaft vorangetrieben.
Schliesslich motiviert uns die Aufmerksamkeit auf die Region, die eine unserer Säulen ist, Tagungen und Konferenzzyklen zu veranstalten, die sich an die Bürger richten».
Denken Sie, dass die neugegründete Medizinische Fakultät der USI eine gute Gelegenheit sein könnte, einen Kurs über Medical Humanities in die Ausbildung der angehenden Ärzte aufzunehmen?
«Wenngleich die Offenheit der Medizinischen Fakultät der USI für neue Ausbildungsmethoden anerkannt und geschätzt wird, gibt es immer noch eine völlige universitäre Starrheit gegenüber nicht akademischen Einrichtungen. Dies hat uns nicht daran gehindert, fruchtbar mit der Universität Genf, der USI, der SUPSI und der Bicocca in Mailand zusammenzuarbeiten. Wir bleiben jedoch eine para-akademische Einrichtung, auch weil die in ihrer technischen Tradition starke Medizin selbst oft auf konservative Einstellungen gegenüber der Medical Humanities zurückfällt. Aber Vorsicht: Auch wir sind eifersüchtig auf unsere Identität. Allianzen ja, sehr gerne, aber ohne unseren Stil zu opfern».
Sie betreiben aber auch Forschungstätigkeiten und haben sich vor kurzem der USI angegliedert, richtig?
«Genau. Die Angliederung an die USI ist noch in der Entwicklungsphase, aber die CAS sind bereits ein erstes Ergebnis. Darüber hinaus entstehen aus akademischen Kooperationen oft Peer Reviewed-Forschungsartikel (also von unabhängigen Experten geprüft, Anm. d. Red.). Bei diesen Gelegenheiten setzen wir den Humanismus in Klammern und indem wir mit einer streng wissenschaftlichen Methode vorangehen, gewinnen wir unseren Esprit de géométrie zurück, um Pascal zu zitieren».
Kommt es vor, dass das Pflegepersonal das Bedürfnis verspürt, sich an Sie zu wenden, um von den Medical Humanities zu profitieren?
«Auf jeden Fall. Wir antworten darauf mit Aufsichtsaktivitäten. Es handelt sich um eine Beratungstechnik, die den Mitgliedern eines Pflegeteams die Möglichkeit gibt, über ihre Schwierigkeiten zu sprechen. Die Betreuung des Arztes steht im Vordergrund. „Medice, cura te ipsum“ (Arzt, heile dich selbst), um ein wichtiges Sprichwort neu zu interpretieren».
Ich frage mich: Glauben Sie, dass die Medical Humanities wirklich gelehrt werden können?
«Ich glaube, es ist nicht übertrieben, von der Begabung des Arztes zum klinischen Humanismus, zur ethischen Empathie zu sprechen. Ich interpretiere sie etymologisch als Berufung, noch dazu dreifachen: Vom Inneren, über die Aussenwelt, bis hin zur Utopie. Unsere Aufgabe ist es nicht zu lehren, sondern diese Berufung, bei denjenigen, die sie bereits haben, mäeutisch bewusst zu machen. Meine ist eine starke Einstellung: Auch innerhalb der Stiftung gibt es „gelockertere Visionen».
Wenn wir die Medical Humanities vertiefen wollten, wie könnten wir das tun?
«Ich rate dazu, sich an unser Dokumentationszentrum zu wenden: Mehr als 5000 Bände, 1000 Filme, 10000 informative Artikel. Für Fachleute, Studenten, Schulen, normale Bürger. Ein in das Bibliothekssystem von USI und SUPSI eingefügtes Archiv, durch das wir auf Wunsch gerne führen und beraten. Hier sind auch die bisher erschienenen 48 Ausgaben unserer Zeitschrift für Medical Humanities zu finden».
Können Sie uns mehr über die Zeitschrift erzählen?
«Gerne: Die Zeitschrift wird vom Ente Ospedaliero Cantonale zusammen mit der Klinischen Ethikkommission (Commissione di etica clinica, COMEC) herausgegeben, sie erscheint viermonatlich und wird in allen Buchhandlungen von Edizioni Casagrande von Bellinzona vertrieben. Darin sammeln wir thematische Kurse, klinische Fälle, Interviews und Antworten von Lesern. Es erfordert einen erheblichen Aufwand, auch weil der Exekutivausschuss ambitioniert auf Perfektion abzielt: Wehe den Tippfehlern!»
Ausbildung, Forschung, Bibliothek, Zeitschrift, Dienste für Ärzte: Eine beeindruckende Liste von Aktivitäten. Es bedarf sicher vieler Personen, um sie voranzubringen. Sowie Geldmittel.
«In Wahrheit sind wir nur ungefähr fünfzehn Personen mit einem sehr kleinen Pensum, aber die Leidenschaft, die unsere Gemeinschaft antreibt ist enorm. Die Geldmittel haben wir zum Grossteil dem Kanton zu verdanken, aber auch privaten Spenden».
Erlauben Sie mir eine zynische Bemerkung: Kann der willige Arzt in einer effizienzorientierten Medizin, die Zeit und Kosten rationalisiert, der ethischen Behandlung der Kranken die notwendige Zeit widmen?
«Die Medizin entwickelt sich weiter, die Digitalisierung war eine unbestreitbare Hilfe, aber wir müssen aufpassen, es nicht zu übertreiben: Heutzutage verbringt der Arzt mehr Zeit vor den Bildschirmen als vor dem Patienten, oft indem er in sehr detaillierten Formularen, die jeder Leistung Kosten zurechnen, über seine Tätigkeiten Bericht erstattet. Es ist kein einfach zu lösendes Problem, aber mir scheint, dass ein hyperdigitalisierter ökonomistischer Ansatz weder für den Arzt noch für den Patienten das Beste ist».
Kurz gesagt, wie wir zu Anfang gesagt haben, hat die Stiftung „Fondazione Sasso Corbaro“ diesen semantischen Unterschied zwischen cure und care zunehmend verinnerlicht (eine Terminologie, die insbesondere von dem Philosophen Massimiliano Pappalardo in dem Buch „Essere antifragili o del coraggio“ betont hat). Aber auch Franco Battiato hat im Grunde genommen von denselben Dingen gesungen, mit poetischeren Tönen:
„E guarirai da tutte le malattie
Perché sei un essere speciale
Ed io, avrò Cura di te“
(Und du wirst dich von allen Krankheiten erholen
Weil du ein besonderes Wesen bist
Und ich werde mich um dich kümmern)