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AUCH DEN PAPST ruft ein Wecker zur Pflicht. Er klingelt um 6 Uhr, und es beginnt ein Tag, der weitgehend von fixen Terminen diktiert ist. Um 6 Uhr 30 ist das Oberhaupt der katholischen Kirche in seiner Privatkapelle, wo nach der täglichen Meditation um 7 Uhr die Frühmesse beginnt. Um 8 Uhr begrüsst der Papst die Gäste im Salon der Privatbibliothek. Wenn sich unter den Anwesenden ein Freund aus Polen befindet oder eine oder mehrere Persönlichkeiten, die er kennenlernen möchte, fordert er sie auf, zum Frühstück zu bleiben. Um 9 Uhr zieht sich der Papst in sein Arbeitszimmer zurück, wo ihn sein Privatsekretär Stanislaw Dziwisz über das Tagesprogramm orientiert. Darauf widmet er sich den Dossiers, die ihm das Staatssekretariat geschickt hat, oder er schreibt an einer Rede oder einer Predigt. Auch der Papst hat einen Computer, doch meistens schreibt er von Hand oder lässt seinen Sekretär zum Diktat kommen.
Um 11 Uhr beginnen die Audienzen. Am Mittwoch die Generalaudienz in der nach Papst Paul VI. benannten Audienzhalle, an den übrigen Tagen, ausser Dienstag und Sonntag, die Privataudienzen im zweiten Stock des apostolischen Palastes.
Es gibt keine fixe Zeit für den Beginn des Mittagessens, aber vor 13 Uhr setzt sich der Papst kaum je zu Tisch. Ohnehin gehört Pünktlichkeit nicht gerade zu seinen Tugenden, und wenn eine Audienz oder eine Feier sich in die Länge ziehen, kann es schon vorkommen, dass er erst um 14 Uhr zum Essen erscheint. Nachdem er sich von den Gästen an seinem Tisch verabschiedet hat, legt er sich für eine halbe bis eine Stunde hin. Dann steigt er auf den Dachgarten über seiner Wohnung, um etwas Luft zu schnappen und die Aussicht auf die Ewige Stadt zu geniessen.
Nach diesem Spaziergang, der mehr oder weniger lang dauern kann, kehrt der Papst in sein Arbeitszimmer zurück, wo er von keinem Besuch gestört weiterarbeitet. Um 18 Uhr 30 trifft er seine höchsten Kurienbeamten zum Gespräch. Das Abendessen ist für 20 Uhr vorgesehen. Oft sind erneut Gäste dazu eingeladen, aber weniger häufig als am Mittag.
Nach dem Abendessen zieht sich der Papst in sein Arbeitszimmer zurück. Kurz vor 23 Uhr begibt er sich erneut in die Privatkapelle. Es ist die Zeit der Complet, die das Stundengebet der Kirche beschliesst und die der Papst, so sagt man, im Gegensatz zur Frühmesse niemals auslässt.
Wenig später legt er sich zu Bett. Meist schläft er schon vor Mitternacht. Dass er lange wach bleibt, so wie Pius XII. oder Paul VI., kommt selten vor. So gut er isst, so gut schläft er auch, selbst jetzt noch, da er gegen die Achtzig geht.
IN GROBEN ZÜGEN haben wir den Alltag des Papstes skizziert. Was fehlt, ist die Farbe, sind die Details, all das, was den persönlichen Stil von Papst Wojtyla ausmacht.
Kehren wir zurück zur Frühmesse, die eine Stunde dauert, und dies ohne Predigt, dafür mit langen Pausen, namentlich nach den Lesungen und nach der Kommunion. Während dieser Stunde legt der Papst eine Konzentration an den Tag, die Beobachter immer wieder tief beeindruckt. Die Frühmesse des Papstes ist stets gut besucht, denn neben fünf polnischen Ordensschwestern und dem Sekretär nehmen an ihr immer auch verschiedene Gäste teil: Freunde aus aller Welt, Bischöfe, die beim sogenannten Ad-limina-Besuch alle fünf Jahre im Vatikan über den Stand ihrer Diözese berichten, hohe Würdenträger der Orden, die in Rom ihr Generalkapitel abhalten, Privatpersonen samt Familie.
Die Zeiten, als der Pontifex maximus die Messen allein zelebrierte, gehören längst der Vergangenheit an. Früher gab es eine klare Trennung zwischen der Privatwohnung und den öffentlichen Räumen des Papstpalastes. Vom Privatleben des Papstes drang nichts an die Öffentlichkeit, und sein öffentliches Leben war bestimmt vom Protokoll. Erst mit Johannes XXIII. und Paul VI. begann sich dies langsam zu ändern, und Johannes Paul II. hat die Trennung von privatem und öffentlichem Leben fast ganz aufgehoben.
Die Einladung zur Frühmesse ist Sache des Sekretärs, eines alten Vertrauten, den Wojtyla aus Polen mitgebracht hat. Stanislaw Dziwisz telefoniert den Auserwählten, die eingeladen werden sollen, und wenn er die jeweilige Person nicht näher kennt, meldet er sich mit den Worten: «Ich bin der Sekretär des Papstes. Der Heilige Vater lädt Sie ein, morgen früh an der Messe in seiner Privatkapelle teilzunehmen. Bitte melden Sie sich um 6 Uhr 30 am Bronzetor.»
Dieser Anruf sorgt meistens für grosse Freude, kann aber bei jenen, die darauf nicht vorbereitet sind, auch eine gewisse Ratlosigkeit auslösen. Der eine weiss nicht, wo sich das Bronzetor befindet, die Frauen erkundigen sich, was sie anziehen sollen, Ehepaare wollen wissen, ob sie die Kinder mitbringen dürfen.
Wenn die Gäste dann in der Privatkapelle eintreffen, ist der Papst schon da. Andächtig sitzt er auf einem vergoldeten Bronzesessel im Zentrum der Kapelle, vor sich den Betstuhl. Nehmen mehr als fünfzig Gäste an der Messe teil, was bei Pilgergruppen aus Polen oft der Fall ist, wird die Feier in einer der Kapellen des Papstpalastes abgehalten: in der Kapelle Redemptoris Mater oder in der Cappella Paolina.
Für die Begrüssung nach der Messe im Salon der Bibliothek hält der Sekretär Stanislaw Dziwisz, wenn Kinder dabei sind, einige Süssigkeiten bereit, eine Tafel Schokolade oder einen kleinen Panettone. Nicht fehlen darf natürlich auch der Hoffotograf Arturo Mari, der die Begegnung auf einem Bild verewigt, das gleichentags noch beim Fotobüro des «Osservatore Romano» zu einem günstigen Preis erstanden werden kann.
Die Frühmesse und das Frühstück sind auch immer wieder die Gelegenheit für diskrete Begegnungen mit Politikern, zum Beispiel mit den Spitzen der italienischen Regierung im Vorfeld einer Polenreise.
PAPST JOHANNES PAUL II. ist ein exzellenter Gastgeber und bei Tisch der spontanste Mensch, den man sich vorstellen kann. Er isst mit gutem Appetit, schenkt sich selber den Wein ein und bringt manchmal auch einen Trinkspruch an. Für den päpstlichen Haushalt sind polnische Ordensschwestern besorgt, und die Speisen, die aufgetragen werden, sind denn auch oft typisch polnische Gerichte. Die Lebensmittel kommen von den Landgütern des Vatikans. Die Bauernhöfe von Castelgandolfo liefern Milch, Honig und Früchte, die Gärten des Vatikans das Gemüse. Für den Service wiederum ist der Kellner Angelo Gugel zuständig, ein freundlicher Venezianer, der sein Metier tadellos versteht. Da er den Papst auf alle Reisen begleitet und stets in seiner Nähe ist, um ihm den Mantel zu reichen oder den Schirm zu halten, ist Gugel über das Fernsehen auch ausserhalb des Vatikans weitherum bekannt. Er trägt den Titel Kammerdiener und ist ein Angehöriger der grossen «weltlichen Familie» des Papstes, deren Mitglieder in den «Annuari Pontificî» bis Johannes XXIII. aufgeführt wurden.
Trotz dieser riesigen «Familie» assen die Päpste jener Epoche allein. Karel Wojtyla hält das anders; ein Detail vielleicht und doch bezeichnend für sein Naturell und seinen Stil. Im Gegensatz zur Mehrzahl seiner Vorgänger liebt er den direkten Kontakt mit den Menschen, und das gilt auch beim Essen, sei es im Vatikan, in Rom, auf seinen Reisen oder in der Obdachlosenkantine des Vatikans, wo er sich mit Stadtstreichern zu Tisch setzt.
Der erste Papst, der gegen die während Jahrhunderten praktizierte Isolation rebellierte, war Pius X. (1903-1914), der bei Tisch die Gesellschaft von zwei «Geheim-Kammerdienern» (das heisst Sekretären) wünschte, die er aus Venedig mitgebracht hatte. Manchmal besuchte die Contessa Persico ihren Bruder Benedetto XV. (1914-1922), um ihm beim Essen etwas Gesellschaft zu leisten. Aber Pius XI. (1922-1939) liess keine Besucher in seine privaten Gemächer; während er das Essen einnahm, hatte einer der beiden Sekretäre die Zeitung vorzulesen und so lange stehen zu bleiben, bis der Papst ihm ein Zeichen gab, dass er sich setzen durfte. Pius XII. (1939-1958) ging noch weiter. Er wollte beim Essen stets allein sein. Die einzige Gesellschaft, die er duldete, war ein Kanarienvogel.
Pius XII. verliess den Vatikan vielleicht zwanzigmal. Sein Nachfolger Johannes XXIII. (1958-1963) verliess sein Revier in einem einzigen Jahr mehr als vierzigmal. Und er hatte immer Leute an seinem Tisch. Paul VI. (1963-1978) bereiste dann die ganze Welt und begann mit Einladungen zum Essen eine neue Form der Kontaktpflege zu etablieren.
Als Pius XII. 1958 starb, war Karol Wojtyla 38 Jahre alt und von ihm soeben zum Bischof ernannt worden, eine seiner letzten Handlungen. Zwanzig Jahre später wurde Wojtyla selber zum Papst gewählt, zwanzig Jahre, in denen sich das Papstamt radikal verändert hatte, denn es waren dies die Jahre der Päpste Johannes und Paul, der beiden grössten Erneuerer, die das römische Pontifikat je gekannt hat.
NEBEN DEN GENERALAUDIENZEN am Mittwoch gehören die Privataudienzen zum festen Wochenprogramm. Sie werden am Montag, Donnerstag, Freitag und Samstag abgehalten und sind das traditionellste Instrument päpstlicher Regierungstätigkeit. Der Anlass dient der Kontaktpflege mit Bischöfen, Politikern und anderen Persönlichkeiten der Gesellschaft. Privataudienzen hat es schon immer gegeben, auch früher, als alles anders war und die Päpste keine Reisen unternahmen, keine Generalaudienzen abhielten, kein Angelus-Gebet vom Fenster der Privatwohnung aus sprachen, keine römischen Pfarreien besuchten und ausser der Ansprache im Konsistorium keine Reden hielten.
Im Unterschied zu seinen Vorgängern empfängt Johannes Paul II. allerdings wesentlich mehr Gläubige: bis zu fünfhundert können es jährlich sein, die eine Privataudienz erhalten. Und völlig neu ist, dass Besucher auch in die Privatwohnung geladen werden. Früher hatten nur der Papst und sein Sekretär Zutritt zu allen Etagen des apostolischen Palastes: zu den Privatgemächern im dritten Stock und zu den öffentlichen Räumen auf der zweiten Etage. Heute jedoch lässt sich der Papst von seinen Besuchern durch den ganzen Papstpalast begleiten. Es kann also vorkommen, dass eine Gruppe von Bischöfen, mit denen der Papst die Frühmesse in seiner Privatkapelle im dritten Stock gefeiert hat, am Mittag in der Bibliothek im zweiten Stock zur Audienz geladen ist, über die dann der «Osservatore Romano» berichtet. Anschliessend wird die gleiche Gruppe dann vielleicht noch zum Mittagessen eingeladen, das im Speisesaal im dritten Stock eingenommen wird.
Arrangiert werden die Audienzen im dritten Stock von Monsignore Stanislaw Dziwisz, der eine Machtfülle geniesst wie kein anderer Sekretär der jüngeren Geschichte. Am 7. Februar 1998 wurde der Vertraute des Papstes zum Bischof und zweiten Präfekten des Papstpalastes ernannt, womit die Trennung der beiden Wohnungen auch formell aufgehoben worden ist. Der Präfekt des Papstpalastes, der amerikanische Erzbischof James Michael Harvey, ist nun zuständig für die Audienzen im zweiten Stock, und Bischof Stanislaw Dziwisz organisiert als zweiter Präfekt jene auf dem dritten. Gemeinsam schliesslich sind sie für die Audienzen verantwortlich, die auf beiden Stockwerken stattfinden.
AM NACHMITTAG widmet sich der Papst erneut den umfangreichen Dossiers, die ihm der Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano und weitere enge Mitarbeiter der Kurie geschickt haben. Aber es scheint, dass Johannes Paul II. diesen Papierbergen mit einem gewissen Misstrauen begegnet. Man sagt, Johannes Paul I. habe die Akten der Kurie gefürchtet. Johannes Paul II. fürchtet nichts, aber er vermeidet es, diesen Akten allzuviel Zeit zu widmen. Wichtiger als das stille Aktenstudium ist ihm das persönliche Gespräch mit seinen Mitarbeitern am frühen Abend. Montags und donnerstags trifft er Kardinalstaatssekretär Kardinal Sodano; dienstags bespricht er Kurienangelegenheiten mit dessen Stellvertreter, Erzbischof Re; mittwochs internationale Angelegenheiten mit dem vatikanischen Aussenminister, Erzbischof Tauran; freitags die Arbeit der Glaubenskongregation mit Kardinal Joseph Ratzinger; und samstags die Ernennung von Bischöfen mit dem Präfekten der Bischofskongregation, Kardinal Lucas Moreira Neves. Dabei erweist sich der Papst stets als guter Zuhörer, der gezielt Fragen zu stellen weiss, um sich über möglichst viele Aspekte ins Bild zu setzen.
Während des Abendessens, wenn keine Gäste da sind, verfolgt er die Tagesschau von Rai uno. Manchmal sieht er dann noch ein Fussballspiel oder einen Film. Und es kann vorkommen, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche am Fernsehen mit einem Bericht über seinen Gesundheitszustand konfrontiert wird. Auf dem Flug von Rom nach Havanna am 21. Januar 1998, als er nach seiner Gesundheit gefragt wurde, veranlasste ihn dies zur Bemerkung: «Wenn ich etwas über meine Gesundheit wissen will, vor allem über meine Operationen, muss ich die Nachrichten schauen!»
Spätabends ist es schliesslich Zeit für das letzte Gebet. Erneut begibt sich der Papst in die Kapelle, die er auch während des Tages mehrmals aufgesucht hat, dann etwa, wenn er seine Arbeit im Studio unterbricht oder wenn er eine dramatische Nachricht hört oder wenn man ihm sagt, jemand vertraue auf sein Gebet. Dieser Betstuhl sei für ihn, sagte er einmal, eine Art Erinnerungsbuch: «Ich nehme Kenntnis von den Anliegen von Personen aus aller Welt, und ich bewahre sie in meiner Kapelle unter dem Betstuhl auf, damit sie jederzeit in meinem Bewusstsein präsent sind, auch wenn ich sie nicht jeden Tag wörtlich wiederholen kann.»
AUSSER DEN REISEN und den Besuchen der römischen Pfarreien gibt es wenige Verpflichtungen, die den Alltag des Papstes auflockern. Die wichtigste monatliche Verpflichtung ist das Rosenkranzgebet vor den Mikrophonen von Radio Vatikan am Abend des ersten Samstags im Monat. Manchmal verrichtet es der Papst in seiner Wohnung oder im Damasus-Hof, im Sommer wird das Gebet auch vom Hof der Villa in Castelgandolfo übertragen. In aussergewöhnlichen Fällen, etwa wenn der Papst zum Frieden aufruft, wie er das während des Golfkrieges oder des Balkankonflikts tat, kann dies auch von der Aula delle Benedizione oder von der Grotte der Madonna von Lourdes aus geschehen, die sich in den Gärten des Vatikans befindet.
Die wöchentlichen Ortstermine, die ihn mit der Welt in Kontakt bringen, sind die Generalaudienz am Mittwoch und das Gebet am Sonntag über dem Petersplatz von einem Fenster - dem zweiten von rechts - seiner Privatwohnung aus. Johannes Paul II. gefällt dieser Dialog von oben mit den Massen, der von Papst Johannes XXIII. eingeführt worden ist und den Paul VI. mehr aus Pflichterfüllung denn aus Überzeugung fortsetzte. Die Nähe zu den Massen - die den Intellektuellen Montini in Verlegenheit brachte - stimuliert Papst Wojtyla. Einmal scherzte er, als er auf ein Stichwort auf einem Transparent über der auf dem Platz versammelten Menge einging: «Ich lese auf dem Streifen, dass das Evangelium von den Dächern gepredigt werden soll. Hier ist noch nicht das Dach, aber man predigt das Evangelium vom Fenster nahe des Daches aus!»
Ins kollektive Gedächtnis der Gläubigen eingegraben hat sich jener Tag, als der Papst ans Fenster trat und verkündete, dass er ins Krankenhaus müsse: «Ich möchte Ihnen eine persönliche Mitteilung machen: ich werde mich heute abend in die Gemelli-Klinik begeben, um mich einigen diagnostischen Untersuchungen zu unterziehen.» Es war der 12. Juli 1992, und die Untersuchungen förderten einen Tumor im Unterleib zutage. Noch einen stärkeren Eindruck hinterliess der Schwächeanfall, der ihn an Weihnachten 1995 während des apostolischen Segens «Urbi et Orbi» ereilte: «Entschuldigt, ich muss unterbrechen. Benedicat vos Omnipotens Deus, Pater et Filius et Spiritus Sanctus.»
Die Tapferkeit und der Humor, mit der er Krankheiten erträgt, haben Papst Wojtyla viel Sympathie eingetragen. Auch die Bühne der Audienzhalle war oft Schauplatz für den lockeren Umgang mit körperlichen Gebrechen. Mehrmals ist hier Karol Wojtyla mit einem Stock aufgetreten, mit dem er wie Charlie Chaplin spielte. Während der Gesänge und des Applauses liess er ihn kreisen oder zückte ihn als scherzhafte Drohgebärde. Es war in dieser Halle, als er einmal zu polnischen Besuchern sagte: «Gut, dass Sie gekommen sind, um zu schauen, welchen Eindruck dieser Papst macht. Man sagt, er werde älter und könne nicht mehr ohne Stock gehen. Jedoch, irgendwie geht er noch immer. Auch die Stimme ist noch da, und sein Kopf ist klar.»
Die Luftlinie zwischen der Papstwohnung und der Audienzhalle beträgt nicht mehr als 240 Meter, aber weil dazwischen der ganze Petersplatz liegt, muss der Papst, will er den Vatikan nicht verlassen, einen langen Weg gehen, um dorthin zu gelangen: Mit dem Lift auf der Rückseite der Wohnung fährt er in den Hof Sixtus V. hinunter, und von dort lässt er sich mit dem Auto durch verschiedene Höfe chauffieren. Dann fährt er durch die Via Fondamenta, die um die Apsis des Petersdoms führt, in Richtung des Gästehauses Santa Marta, bis er die Rückseite der Audienzhalle erreicht.
Man hat ausgerechnet, dass Papst Wojtyla in seinen Generalaudienzen in der Halle und auf dem Petersplatz in den ersten zwanzig Jahren seines Pontifikats in 877 Begegnungen 13 833 000 Menschen empfangen und in den verschiedensten Sprachen begrüsst hat. Ausser Polnisch und Italienisch spricht der Papst recht gut Englisch und Deutsch. Er kann etwas Französisch und Spanisch und kennt auch einige Brocken Portugiesisch und die wichtigsten slawischen Sprachen. Die grösste Sprachvirtuosität legt er während des Segens «Urbi et Orbi» an Weihnachten und an Ostern an den Tag. Am 25. Dezember letzten Jahres zum Beispiel wünschte er in 58 Sprachen «Frohe Weihnachten».
DER ALLTAG DES PAPSTES mag monoton erscheinen, aber man sollte auch berücksichtigen, dass kein anderer Papst der modernen Epoche mehr Tage und Nächte ausserhalb der offiziellen Residenz verbracht hat. In zwanzig Jahren war Wojtyla nicht weniger als 715 Tage auf Reisen. Johannes Paul II. ist schliesslich auch der erste Papst, der sich mit der Sommerfrische in Castelgandolfo, wo er sich ein Schwimmbad bauen liess, nicht zufriedengab. Er erfand gewissermassen die päpstlichen Sportferien in den Alpen. Das erstemal reiste er 1987 in die Berge, als er mit seinem Freund Sandro Pertini, dem damaligen Staatspräsidenten Italiens, einen Ausflug ins Adamello-Massiv unternahm. Über zehnmal besuchte er seither die norditalienischen Alpen für einen in der Regel zwei Wochen langen Urlaub. Immer wieder unternahm er auch Ausflüge in die Abruzzen: auf den Gran Sasso mit den Ski, zu Fuss bestieg er den Majella. Fotos von dort zeigen den Papst beim Picknick aus dem Rucksack und wie er unter einem Baum ein Nickerchen macht. Zu solchen Bergtouren fehlt ihm heute die Kraft, und schon 1993, als er sich die rechte Schulter auskugelte, musste er das Skifahren aufgeben. Den täglichen Spaziergang praktiziert er aber noch heute, und wenn es nur ein Hin- und Hergehen auf der Dachterrasse des apostolischen Palastes ist.
Wojtyla liebt die Natur. Auch seine Reisen in alle Welt nutzt er immer wieder gerne für Ausflüge, sei es in einen Nationalpark in Kanada oder in Kenya oder in die Berge der polnischen Tatra. Die menschliche Neugierde ist ein nicht zu unterschätzendes Motiv seiner Reiselust: Er liebt es, sich zu bewegen, geht gern hinaus ins Freie, um die Welt und die Völker kennenzulernen.
Auch wenn nichts von den institutionellen Erneuerungen Wojtylas übrigbleiben sollte, sein Aufstieg auf den Thron von Sankt Peter hat zumindest das Bild des Papstes in der Öffentlichkeit bleibend verändert. Er hat dem Oberhaupt der katholischen Kirche und dem vatikanischen Machtapparat ein menschliches Antlitz gegeben, und er hat nichts unterlassen, seine Botschaft in alle Welt zu tragen.
Luigi Accattoli ist Vatikanspezialist des «Corriere della Sera» in Rom. Kürzlich ist von ihm die Biographie «Karol Wojtyla. L'uomo di fine millennio» im Mailänder Verlag San Paolo erschienen.