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Für einmal stehen Pinselstriche und Paletten nicht im Vordergrund. Vielmehr geht es bei der «Rosa-Tour» um Werke mit homosexuellem Touch. Wie beim Porträt von Gerard Cornelis van Riebeeck aus dem Jahr 1755. Der Maler, Mattheus Verheyden, hat den Delfter Stadtdirektor in einem reich verzierten Gehrock aus Brokat, samt grauer Jacke mit Goldknöpfen und bestickten Manschetten, dargestellt. In diesem Outfit, und der weiss gepuderten Perücke, wirkt der Amtsträger einigermassen halbseiden. Museumsdozent Arnout van Krimpen und Initiant dieser «Roze-Rijks-Tour» spricht gar von einer «explodierenden Praline-Schachtel».
Eine tuntige Zeit
Das 18. Jahrhundert, in dem es um Musik machen, Gedichte lesen und diskutieren ging, sei aus heutiger Sicht eine tuntige Zeit gewesen, sagt der Führer – und freut sich über die Lacher aus der Gruppe, die hauptsächlich aus gleichgeschlechtlichen Pärchen besteht. Dann wird er ernst: In keiner anderen Zeit seien Schwule so stark verfolgt worden wie damals.
Alle sexuellen Handlungen, die nicht der Fortpflanzung dienten, galten als Sodomie und waren in den Niederlanden seit dem 13. Jahrhundert verboten. Wer sich erwischen liess, wurde verbrannt.
Trotzdem gibt es im Reichsmuseum zahlreiche Hinweise, dass das strenge Gesetz längst nicht alle abschreckte – selbst wenn es um Pädophilie ging. Der Amsterdamer Kompaniekommandant Roelof Bicker liess sich im Kreise seiner Mitkämpfer mit einem dunklen Kind – einem Negersklaven – an seiner Seite porträtieren. Das riesige Bild von Bartholomeus van der Helst hängt in der Ehrengalerie des Museums, gleich neben Rembrandts Nachwacht.
Lesbische Motive
Im gleichen, edlen Raum ist auch Vermeer’s «Melkmeisje» zu sehen, die «Dienstmagd mit Milchkrug». Auch auf diesem aus dem 17. Jahrhundert stammenden Meisterwerk hat Arnout van Krimpen eine sexuelle Konnotation gefunden.
In der rechten unteren Ecke malte der Künstler ein Stövchen. Dieses Keramiktöpfchen wurde früher mit brennenden Kohlen gefüllt um als Heizquelle unter langen Röcken zu dienen. Frauen seien dadurch «warm von unten» geworden und wahrscheinlich auf der Suche nach Sex gewesen, erklärt van Krimpen.
Lesbische Motive fand er auch auf einem Eichenholz-Sekretär aus dem 18. Jahrhundert. Das gelackte Möbel ist mit Keramik-Plaketten der Firma Wedgwood verziert. Auf einem dieser Ornamente ist Sappho abgebildet, die griechische Dichterin, die auf Lesbos ein Mädcheninstitut führte und als Urmutter der Lesben gilt.
Rücktritt wegen Bisexualität
Bei seinen Recherchen für diese «Rosa-Führung» ist Arnout van Krimpen aber viel häufiger auf Hinweise zu Schwulen gestossen. Verwundert hat ihn das nicht: «Die Geschichte wurde von Männern geschrieben.»
Natürlich sind nicht alle seine Erläuterungen hieb- und stichfest. Mehrmals gibt er während der Führung zu, sich auf mündliche Überlieferungen und Klatsch zu beziehen. Aber, fügt er jeweils an: «Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist es so gewesen.»
Den grössten Aha-Moment erlebt das Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer bei den Erläuterungen zu einem Porträt von König Willem II. Auf dem Bild von Jan Adam Kruseman (1839) ist der niederländische Monarch zu sehen, militärisch gekleidet und mit einem Jagdhund, der treuherzig zu ihm aufschaut. Dieser Mann habe die Macht abgeben müssen, weil seine Bisexualität publik geworden sei. Hätte er das nicht getan, wäre er vom Mob gestürzt worden. «In dem Fall», sagt van Krimpen mit einem Augenzwingern, «wären die Niederlande heute eine Republik».