Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03120.jsonl.gz/1745

Kinder können gnadenlose Fragen stellen. Etwa: «Papa, warum hat der Mann da keine Haare?» Oder: «Mama, warum isst du heimlich Eis aus der Truhe?» Eltern lachen dann meistens etwas verschämt und geben irgendeine Erklärung. Es sei denn, sie sind neureich. Dann können Fragen wie «Mama, warum haben wir ein Privatflugzeug?» oder «Papa, gibt es auch andere Autos ausser Ferraris?» Eltern den Schlaf rauben. Sie fragen sich, wie sie ihre Kinder zu Bescheidenheit und Gerechtigkeit erziehen sollen, wo sie doch neuerdings in Millionen schwimmen.
«Ich kenne viele verhätschelte, vom Reichtum geschädigte Kinder», sagt der New Yorker Venture Capitalist Tom Moehringer. «Ich möchte, dass meine beiden Jungen motivierte Menschen werden.» Nur sei das eben nicht ganz leicht, gibt Moehringer zu, der einen Lamborghini fährt und vier Häuser auf drei Kontinenten besitzt. Allein der Familiensitz im Hudson River Valley hat Dutzende von Zimmern, einen Pool, einen Golfplatz und eine Reitbahn.
Als Moehringers kleine Kapitalfirma Mitte der neunziger Jahre plötzlich Riesengewinne machte, freute er sich sehr. «Aber so schön, wie ich es mir vorgestellt hatte, ist das Reichsein nicht», sagt der Ökonom heute. Schulfreunde hätten nur Spott übrig für ihn und seinen «fancy lifestyle». Aus Freunden seien Bittsteller geworden. Manchmal liege er wach und frage sich, wem er noch trauen könne. Und was, wenn er alles wieder verlöre?
Das sind Sorgen, die für alle Nichtreichen, und das sind immerhin 99,9 Prozent der Menschheit, bizarr, wenn nicht skandalös klingen dürften. Millionäre, die an ihrem Reichtum leiden und Hilfe suchen? Beratung für Eltern, wie man Kindern «glückliches Reichsein» beibringt? Einen «kulturellen Exzess der Moderne» nennt die «New York Times» dieses Phänomen, das in Amerika vor knapp zwei Jahren erstmals in die Schlagzeilen geriet. Zwei kalifornische Psychologen eröffneten damals eine Klinik für depressive Millionäre. In Scharen kamen sie aus ihren Villen im Silicon Valley, um sich beim Reichsein helfen zu lassen. Der Eintrag in der Krankenkartei: Sudden Wealth Syndrome.
Seitdem erklären Seelenärzte im TV und auf Konferenzen: Geld allein macht nicht glücklich. Das scheint eine Binsenwahrheit zu sein und ein weiterer Beweis dafür, dass in den USA jedes Befinden in eine Psychokrankheit verwandelt wird. Zugleich jedoch ist das Sudden Wealth Syndrome ein faszinierendes Phänomen, das eklatante Verschiebungen in der US-Gesellschaft zeigt. Denn nie zuvor sind so viele Amerikaner einer Generation so schnell reich geworden: Zwischen 1997 und 2000, so errechnete die Investmentbank Merrill Lynch, ist die Zahl der Millionäre in den USA und in Kanada um 40 Prozent auf 2,5 Millionen gestiegen. Diese neuen Reichen sind meist Internet- oder Biotechunternehmer oder Erben, also Menschen unter 40 Jahren. Die «alten» Reichen hingegen sind sehr alt: ein Drittel der amerikanischen Millionäre ist 85 oder älter. In den kommenden fünfzig Jahren werden etwa 90 bis 130 Trilliarden Dollar weitervererbt werden, errechnete das Social Welfare Research Institute am Boston College.
Melinda Staughton, eine Computerwissenschafterin vom Massachusetts Institute of Technology, ist eine dieser Glücklichen, die nicht ganz glücklich sind. Sie gehörte zu den Gründern eines Software-Start-ups, das 1997 für mehrere Millionen den Besitzer wechselte. «Mein Vater war Fabrikarbeiter, die Mutter Verkäuferin», sagt die 29-Jährige. «Plötzlich so viel Geld zu haben, ist mir unheimlich.»
Wie viele andere Entrepreneure hatte Staughton ihren vertrauten gesellschaftlichen Status verloren und gehörte über Nacht zu einer anderen Schicht. Ein sozialer Quantensprung, der zu massiven Identitätsproblemen führen kann. Farbige Amerikaner etwa, die im Ghetto aufwachsen und später Karriere machen, hadern oft damit, dass sie plötzlich wie die Weissen der Mittelklasse leben, die sie früher so hassten.
Ähnlich geht es plötzlichen Millionären. «Sie haben Schwierigkeiten, von ihrer Identität als turnschuhtragende, nette Normalos Abschied zu nehmen», sagt der Psychologe Stephen Goldbart, der vor zwei Jahren den Begriff Sudden Wealth Syndrome schuf und das Money, Meaning and Choices Institute in Kalifornien gründete. «Menschen aus der Mittelklasse haben meist ein klares Bild von Reichen: Das sind ignorante Idioten, die in einer Scheinwelt leben. Aufzuwachen mit der Erkenntnis, dass man nun einer von denen geworden ist, löst Schuldgefühle und Zweifel aus.»
Die Folgen dieser Zweifel machen auch Sabine Meyer Winthrop, 45, ihr schönes neues Leben fad. Die Historikerin aus Hamburg heiratete vor vier Jahren einen Internetmillionär, zog in eine Villa in Neuengland mit 16 Zimmern, zwei Hausangestellten und der Atlantikküste vor der Wohnzimmertür. «Manchmal fliege ich mit der Concorde nach Europa, einfach weil es schneller geht, doch plötzlich denke ich: Wie kann ich bloss 7000 Dollar für ein Flugticket ausgeben?», sagt die Deutsche. «Ich kann Forschungsprojekte frei wählen, kann tun und lassen, was ich will. Und was kommt dabei raus? Panikattacken. Oft kann ich tagelang nicht aus dem Haus. Meiner Ehe tut das auch nicht gut.»
Ein weiteres Problem der Schnellreichen: Viel Geld bedeutet viel Freiheit. Grenzenlose Freiheit jedoch verunsichert die Menschen. «Die Notwendigkeiten des Lebens, etwa ein Job, um Geld zu verdienen, verankern ein Individuum in der Gesellschaft», so Dennis Pearne, der in Boston zwei Praxen für strauchelnde Millionäre hat. «Wenn alles möglich wird, wird auch alles beliebig. Welche Aufgabe, welchen Nutzen hat man da noch?»
Der beliebteste Weg aus der Misere des Habens heisst Geben. Vergangenen April etwa trafen sich 115 Neureiche in einem Hotel in Cambridge, um «Reichtum neu zu definieren». Auf dem Programm standen Workshops wie «Giving smart» und «Philanthropy for Beginners». «Geld hat so viel Macht. Ich habe irgendwann verstanden, dass ich die Macht meines Erbes durch gezieltes Spenden sinnvoll einsetzen kann», sagt Christopher Mogil, Organisator der Konferenz und Gründer des Vereins More than Money, der inzwischen Tausende von Mitgliedern hat (darunter drei Schweizer).
Die Computerexpertin Melinda Staughton ist eine davon: «Es macht mich zufrieden, dass mein Geld Gutes bewirken kann», sagt sie. «Zurzeit investiere ich in eine Organisation, die Frauenhandel bekämpft, und in das Projekt von Königin Rania von Jordanien, das arabischen Frauen hilft, eigene Unternehmen zu gründen.» Noch nie wurde in den USA so viel gespendet wie zur Jahrtausendwende, schreibt das US-Magazin «Money».
Bleibt die Sache mit den Kindern. «Wer bescheidene Kinder erziehen will, muss halbwegs bescheiden leben», sagt Christopher Mogil. Er weiss von Eltern, die bewusst in Häusern mit nur sechs Schlafzimmern wohnen, einen Ford Explorer fahren und keine Insel kaufen, bis die Kleinen gross sind. Viele Eltern knüpfen spätere Erbauszahlungen auch an Bedingungen, etwa an einen Uniabschluss oder an eigenen Verdienst.
Tom Moehringer hingegen hält nichts von Selbstbeschränkung. Er schwört auf die disziplinierende Wirkung von Privatschulen. «Ich sage den Kindern oft, dass Reichtum keine Lebensversicherung ist, dass wir auch ganz schnell wieder arm sein können.» Bis dahin fliegt er weiter mit dem Privatjet, und sein Zehnjähriger darf auf dem Anwesen schon mal den Lamborghini fahren.
Stefanie Friedhoff, freie Journalistin, lebt in Cambridge, Massachusetts.
Dass Geld keine Garantie für Glück ist, erfahren Reiche in aller Härte. Seit zwei Jahren gibt es in Amerika Kliniken und Trost für Millionäre, die unter dem «Sudden Wealth Syndrome» leiden.
Kinder können gnadenlose Fragen stellen. Etwa: «Papa, warum hat der Mann da keine Haare?» Oder: «Mama, warum isst du heimlich Eis aus der Truhe?» Eltern lachen dann meistens etwas verschämt und geben irgendeine Erklärung. Es sei denn, sie sind neureich. Dann können Fragen wie «Mama, warum haben wir ein Privatflugzeug?» oder «Papa, gibt es auch andere Autos ausser Ferraris?» Eltern den Schlaf rauben. Sie fragen sich, wie sie ihre Kinder zu Bescheidenheit und Gerechtigkeit erziehen sollen, wo sie doch neuerdings in Millionen schwimmen.