Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03624.jsonl.gz/726

Auch die alten Inder hatten gut bewässerte und ganz regelmäßig angelegte Gärten, in denen für jede Pflanzenart meist eine
besondere Abteilung bestimmt war. Anders in China,
[* 6] wo der Land- und Gartenbau, ihretwegen auch die Wasserwirtschaft,
sich stets in der höchsten denkbaren Blüte
[* 7] befand. KeinVolk der Erde hat den Gartenbau so kultiviert wie die Chinesen; in ihm haben
Herrscher und Reiche einen Luxus entwickelt, der wegen Verbrauchs von Land, Wasser und Arbeitskräften die Landwirtschaft gefährdete
und öfters in die Geschicke des Landes eingriff.
Die Liebhaberei der Chinesen für Zwergbäume läßt die Anordnungen auch in den größten Gärten doch meist sehr kleinlich
erscheinen. Die GärtenJapans gleichen den chinesischen, wie die beiden Völker sich gleichen. Derselbe Gedanke liegt ihnen
zu Grunde, nur ahmen jene die Natur noch treuer nach und suchen große Landschaften im kleinen nachzubilden.
Von dem Gärten des semitischen Volksstammes, namentlich der echten Araber, Syrer und Assyrer, kennen wir diejenigen des KönigsSalomo in
Jerusalem
[* 11] und der KöniginSemiramis in Babylon, von denen letztere, großartige Terrassen mit Freitreppen, nicht von
ihr (2080-1900, nach andern 1200 v. Chr.), sondern von Nebuchodonosor (605-562), vielleicht auch von der
kühnen Nitokris, der Mutter des Labonit oder Balthasar (wurde 508 getötet), angelegt wurden.
Salomo (1015) war ein großer Gartenfreund und zog, vielleicht zum Unterricht, Gewächse aller Art »von der Zeder bis auf den
Ysop, der aus der Mauer wuchs«; in einem zweiten Garten zog man allerhand meist aus Indien eingeführte Gewürzkräuter.
Der ältere Kyros (559-529), der Gründer des großen persischen Reichs, beförderte den Obstbau durch weise Gesetze und durch
Schulgärten bei den Anstalten, in denen die Kinder der Großen seines Reichs erzogen wurden. Dareios (521-485) ließ bei den
Karawansereien der königlichen Poststraße die herrlichsten Paradiese anlegen, schattige Parkanlagen
mit Tiergärten, wo auch den Reisenden nach beschwerlicher Tagfahrt ein kühles Quartier und frisches Wasser geboten wurden.
Dem jüngern Kyros (gest. 401) werden zwei solcher Paradiese zugeschrieben, schattige Alleen und Haine von Platanen, Cypressen
und Palmen,
[* 12] zwischen denen die breitblätterige Aloe, herrliches Rosengebüsch und mannigfache Obstbäume,
zahlreiche Blumen, zierliche Kioske, schattige Ruhesitze, Springbrunnen, Vogelhäuser und Aussichtstürme verteilt waren. Von
Obstarten dieser Länder wurden und werden heute noch genannt: Weintrauben, Quitte, Pfirsich, Lotospflaume (Diospyrus Lotus),
Pflaumen und Birnen.
Frankreichs Gartenbau kennt im Anfang seiner Geschichte nur das rein Nützliche, erhebt sich nur langsam zur Beachtung
der Blumen und erreicht erst sehr spät das ästhetisch Schöne; jedes angenehme und nützliche Erzeugnis
des Land- und Gartenbaues stammt aus der Fremde, von den Phönikern, Griechen, Karthagern, Römern und Sarazenen. Karl d. Gr.
(768-814) beförderte Acker-, Obst- und Weinbau auf jede Weise, er liebte die Gärten und erteilte seinen Gärtnern gern Verhaltungsbefehle.
Er stand in freundschaftlichem Verhältnis zu dem abbassidischen KalifenHarun al Raschid (gest. 809), durch
den er die besten Gemüse und Früchte erhalten haben soll.
Aber unter Heinrich IV. (1589-1610) nahm der Luxus mehr und mehr zu; selbst das Bedürfnis botanischer Gärten machte sich geltend; 1597 wurde
ein solcher in Montpellier,
[* 32] 1626 der in Paris,
[* 33] 1650 ein solcher in Blois angelegt. Die Lustgärten bestanden
zu Anfang des 17. Jahrh. nur aus einigen Rasenplätzen, wenigen Bäumen und Blumen, einigen Wasseranlagen, alles wild und vernachlässigt;
sie alle waren eine armselige Nachahmung der italienischen Gärten, aber mit den lächerlichsten Übertreibungen.
und fein fühlender deutscher Fürst, der König Ferdinand (von Koburg),
[* 38] dort Gärten hervorgezaubert, mit denen kaum ein andrer
GartenEuropas sich messen darf. - Die holländischen Gärten glichen einem Schachbrett in der Einteilung; das Grottenwerk u. a.
der italienischen und französischen Gärten ward hier zur kindischen Spielerei, alles ward kleinlich oder
großartig langweilig. Die geschweifte, geschnörkelte Linie der Hausornamente, selbst der Giebel, kehrte in den Gärten an den
Hecken wieder, und die Figuren des Schmuckstücks (Parterre) wiederholten dieselben Formen.
Diese eigentümliche Mode der holländischen Gärten verbreitete sich um so schneller in Europa,
[* 39] je geschmackloser sie war,
und je mehr Willkür dabei waltete. Die lebhafte VerbindungHollands mit England war Ursache, daß auch hier
der landschaftliche Gartenstil Eingang fand; Anlagen von größerer Bedeutung wurden aber nicht geschaffen, und der alte holländische
Stil ist noch nicht erloschen, das beweisen die Gärten des Villendorfs Broek, wo man alle Spielereien, namentlich in den Baumfiguren,
wiederfindet. Dagegen ist Holland groß in der Blumenzucht (Blumenzwiebeln), Baumschule, Obst- und Samenzucht
für den Handel.
In England wurden bis Ende des 17. Jahrh. die Gärten regelmäßig angelegt, und Gabriel Thouin spricht den Engländern das
Verdienst ab, den natürlichen Stil eingeführt zu haben; er behauptet, daß Dufresnoy zu Anfang des 18. Jahrh.
auf einem Grundstück in der Vorstadt St.-Antoine bei Paris den ersten Mustergarten im natürlichen Stil angelegt und somit die
Grundzüge des später »englischer Stil« genannten Geschmacks vorgezeichnet habe. Andre dagegen meinen, daß dieser Stil als
ein notwendiges Ergebnis des Fortschritts im Geschmack und der Verfeinerung anzusehen sei, welcher wohl
noch durch die Nachrichten von den chinesischen Gärten zu Ende des 17. Jahrh. beschleunigt wurde, aber kaum mehr als durch
vorhandene Beschreibungen der römischen Schriftsteller und moderner Dichter von Naturschönheiten.