Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03574.jsonl.gz/687

Nach gängiger Meinung ist Armut in der Regel mit Erwerbslosigkeit verbunden. Dementsprechend gilt: wer arbeitet, kann eigentlich nicht arm sein. Gerade neuere Befunde der Armutsforschung brachten ans Licht, dass Armut nicht zwangsläufig mit Erwerbslosigkeit gekoppelt ist.

Working poor (erwerbstätige Arme) wurden auch in der Schweiz nachgewiesen. Auf 4,7 Prozent der aktiven Wohnbevölkerung wird ihr Anteil für das Jahr 1992 geschätzt. In absoluten Zahlen: 250'000 Personen, gehören in der Schweiz einem Haushalt an, in dem nicht das politisch festgelegte Existenzminimum erwirtschaft wird, obwohl mindestens eine Person einer vollen Erwerbsarbeit nachgeht.
Working poor stehen zwar Sozialhilfeleistungen zu, aber an sich ist Sozialhilfe für diesen Personenkreis nicht vorgesehen. Sozialhilfe soll eigentlich subsidiär gewährte Hilfe für Personen sein, die in vorübergehende Not geraten sind. Ausgesteuerte Arbeitslose, Nichterwerbsfähige und sozial Ausgegrenzte sind die vorgesehene Klientel, denen sie Integrationshilfen anbietet. Working poor befinden sich weder in einer vorübergehenden Notlage, noch bedürfen sie einer herkömmlichen Integrationshilfe. Somit sind Sozialpolitik und Sozialhilfe gefordert, spezielle, auf die working poor zugeschnittene Hilfen zu entwickeln und anzubieten.
Die wesentliche Frage, die durch die Studie beantwortet werden soll, ist, wie die Sozialhilfe in der Schweiz zur Überwindung der Sozialhilfebedürftigkeit von working poor-Haushalten beitragen kann.
Die working poor sind bislang in der Schweiz eine noch wenig erforschte Personengruppe. Weder die Faktoren, die zur working poor-Existenz beitragen, noch biographische Verläufe von working poor sind bekannt.
Ziel der Untersuchung ist die Ermittlung von biographischen (subjektiven) und sozio-ökonomischen (objektiven) Faktoren, die in die Armut führen, aber auch zur Überwindung der working poor-Existenz beitragen könnten. Untersucht werden zu Beginn mittels einer standardisierten Befragung 600 sozialhilfebeziehende working poor-Haushalte in zwei Kantonen, einem deutsch- und einem französischsprachigen Kanton. Eine anschliessende vertiefende Befragung von 50 working poor-Haushalten anhand offener Interviews soll Aufschluss darüber geben, wie die Armutssituation erlebt und bewältigt wird und welche persönlichen Ressourcen zur Überwindung vorhanden sind. Durch die Erhebung der Perspektive der mit den von uns untersuchten Fällen betrauten Sozialarbeitern wird die empirische Untersuchung abgerundet. Die erhobenen Fakten sollen als Basis zur Formulierung neuer sozialpolitischer Strategien dienen, mit denen working poor aus der Armutssituation hinausgeholfen werden kann.