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Das Rundbild des Malers Edouard Castres im Bourbaki-Panorama erzählt die Geschichte einer Fluchtbewegung, welche die Schweiz 1871 erreichte. 87’000 französische Soldaten flohen damals in die Schweiz. Das Thema Flucht hat bis heute nicht an Aktualität verloren.
Die Aktionswoche Asyl musste aufgrund des Corona-Virus abgesagt werden. Um trotzdem auf den internationalen Tag der Flüchtlinge und das Schicksal Geflüchteter aufmerksam zu machen, finden von verschiedenen Organisatoren geplante Veranstaltungen statt. Darunter auch die Führung «Internierung, Flucht und offene Arme» im Bourbaki-Panorama.
Während Nadja Buser über die Geschichte der französischen Soldaten berichtet, deren Flucht im Panorama-Rundbild dargestellt ist, erzählt die Kirgisin Ainagül Mamyrbaeva eine Flucht-Geschichte aus der Gegenwart.
Das Bourbaki-Panorama als humanitäre Perspektive
Als Folge der deutschen Bedrohung während des Deutsch-Französischen Kriegs zwischen 1870 und 1871 blieb der französischen Armee «de l’Est» unter der Führung des Generals Bourbaki nichts anderes übrig, als eine Internierung in der Schweiz zu beantragen und damit in die Schweiz zu fliehen. Innerhalb von drei Tagen übertrat die Armee die Schweizer Grenze an verschiedenen Orten.
Im Panorama wird einer dieser Grenzübergänge, jener bei Les Vernières im Val de Travers, abgebildet. Edouard Castres hat davon kein heroisches Historiengemälde geschaffen, sondern das Ereignis aus humanitärer Sicht dargestellt.
Das ganze Leben in zwei Koffern
Vor dem Hintergrund der Bildes von Castres erzählt Ainagül Mamyrbaeva, begleitet von ihrem Mann Kairat Birimkulov, die Fluchtgeschichte ihrer Familie und schafft damit eine Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Kairat Birimkulov war in der früheren Heimat Kirgistan Journalist und arbeitete für staatliche Medien. Seine regierungskritischen Äusserungen führten dazu, dass er bedroht, angegriffen und körperlich verletzt wurde.
Seine Situation und dadurch auch jene seiner Frau und der beiden Töchter verschlechterte sich zunehmend. Die Familie war gezwungen zu fliehen. Die Schweiz nahm ihr Asylgesuch an. Nachdem sie sich zwei Monate auf die Flucht vorbereitet hatten und sich von ihrer Heimat hatten verabschieden müssen, reisten sie 2007 in die Schweiz ein. Im Gepäck – zwei Koffer, die maximal 20 Kilogramm wiegen durften – als einzige Erinnerung an ihr zu Hause ein kirgisischer Manti-Kochtopf von Birimkulovs Mutter.
Nach einem Aufenthalt im Aufnahmezentrum in Kreuzlingen wurde die Familie in das Durchgangszentrum Sonnenhof in Emmenbrücke verlegt. Es dauerte vier Monate, bis sie eine Wohnung in Sursee beziehen konnte und so endlich wieder etwas Ruhe in ihren Alltag einkehrte. Kurz darauf erhielten sie die Nachricht, dass sie einen B-Ausweis erhalten würden, was eine Aufenthaltsbewilligung bedeutet. Es begann ein langer Integrationsprozess, der bis heute andauert.
Ainagül Mamyrbaeva und Kairat Birimkulov bekamen in der Schweiz ihre dritte Tochter, lernten Deutsch, das sie heute fliessend sprechen, fanden Arbeit und nehmen am gesellschaftlichen Leben teil. Heute wohnt die Familie in Kriens. Stolz erzählt Mamyrbaeva, dass ihr Einbürgerungsgesuch vor kurzem angenommen wurde und sie sich nun endlich auch auf dem Papier als Schweizerinnen beziehungsweise Schweizer bezeichnen dürfen. Der Schweizer Pass bedeutet auch, dass sie nach 13 Jahren, in denen sie ihre Familie und Bekannten nicht sehen konnten, wieder in ihre Heimat reisen dürfen.
Flucht in Vergangenheit und Gegenwart
Auch die Geschichte der geflüchteten Soldaten ist eine Geschichte von Flucht, die gut ausging. Die Männer wurden mit einer grossen Solidaritätswelle der Schweizer Bevölkerung empfangen, mit Lebensmitteln und Medizin versorgt.
Nachdem der Deutsch-Französische Krieg zu Ende war, konnten die Soldaten, die zwei Monate in verschiedenen Schweizer Gemeinden untergebracht waren, wieder in ihre Heimat zurückkehren.
Jede Geschichte ein eigenes Schicksal
Dass die Geschichten gut ausgehen, bedeutet nicht, dass sie einfach verlaufen sind. Ähnlich wie die Soldaten an körperlichen Beschwerden oder der Trennung von ihren Familien zu leiden hatten, litt Ainagül Mamyrbaevas Familie unter der Unsicherheit, Ungewissheit, Angst und Heimatlosigkeit. Diese Empfindungen teilten sie mit 80 Millionen Menschen, die heute auf der Flucht sind.
Nadja Buser und Ainagül Mamyrbaeva betonen, wie wichtig es ist, nicht über Geflüchtete zu urteilen, ohne deren Geschichte zu kennen. Vielmehr sollten wir Solidarität zeigen; so wie es die Schweizer Bevölkerung aufgrund der humanitären Gesinnung, die der junge Bundesstaat kurz nach seiner Gründung 1848 mit der Aufnahme der französischen Soldaten aufzubauen begann.
Die Führung «Internierung, Flucht und offene Arme» ist eine der letzten Veranstaltungen, die stellvertretend für die Aktionswoche Asyl durchgeführt wurden. Ihre Botschaft, entsprechend dem Motto der Woche «Solidarität kennt keine Grenzen» gilt nicht nur am internationalen Tag der Flüchtlinge, sondern auch darüber hinaus.
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