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Die Ausstellung «Im Namen des Bildes» widmet sich dem «Bild zwischen Kult und Verbot in Islam und Christentum». Das Zürcher Museum Rietberg vergleicht den Umgang mit dem Bilderverbot anhand von 136 Werken aus unterschiedlichen Kulturen.
In der Ausstellung wird eine Geschichte über Mohammed erzählt: Seine Frau Aisha hatte einen Stoffvorhang mit Bildern aufgehängt. Doch als Mohammed nach Hause kam und beten wollte, fühlte er sich davon so gestört, dass sie ihn abhängte, auseinanderschnitt und Kissen daraus machte; und Mohammed konnte ungestört beten.
Landläufig heisst es, der Islam kenne im Gegensatz zum Christentum ein absolutes Bilderverbot. Ob diese Behauptung wirklich stimmt, steht im Zentrum dieser Ausstellung. Auch die Bibel besagt in Moses’ zweitem Gebot: «Du sollst Dir kein Bildnis machen». Und doch findet man in katholischen Kirchen Statuen, die verehrt werden und in der islamischen Welt zahlreiche Miniaturen, Keramikschalen und Textilien mit Darstellungen von Menschen.
Gegenüberstellung. Links: Mandylion, Russland, um 1800, Ikonen-Museum Recklinghausen. Rechts: Hilye-Tafel, Hafiz Osman, Istanbul. Chester Beatty Library, Dublin.
In beiden monotheistischen Religionen steht das Wort an erster Stelle, wie die Abschriften des Korans und die frühen Evangelienbücher zeigen. Doch mit der Zeit ändern sich die Vorstellungen: Im Islam entfaltet sich die Kalligraphie zur höchsten Kunstgattung, die nicht nur Manuskripte, sondern auch Gefässe oder Moscheewände schmückt. Im Christentum malen Mönche Ikonen und illuminieren Manuskriptseiten.
Der Patriarch Nikephoros I. und Theodoros Studites, Psalter, Byzantinisches Reich, 1066. British Library, London.
Zwischen dem 6. und 16. Jahrhundert diskutieren christliche und muslimische Theologen immer wieder über den Umgang mit Bildern. Die Kirche entwickelt eine Bildtheologie und bestimmt das Bildprogramm. Der Koran selbst enthält kein Bilderverbot, aber einzelne Rechtsschulen im islamischen Orient urteilen, ob ein Bild «verboten» oder nur «tadelnswert» ist. Die verschiedenen Strategien werden in der Ausstellung in drei Kapiteln einander gegenübergestellt, anhand von Bildern und Schriften aus Frankreich und dem Heiligen Römischen Reich, aus Byzanz, dem späteren Osmanischen Reich, aus Persien bis zum indischen Mogulreich.
In beiden Religionen führt die Angst vor der Anbetung fremder Götter zum Bilderverbot. Während im Islam der eigene Gott nicht als Kultbild abgebildet werden darf, entsteht im Christentum schon früh ein Bilderkult, der zwei Mal mit Bilderverboten grosse Unruhen auslöst: Im 8./9. Jahrhundert ist es der byzantinische Bilderstreit mit der Zerstörung von Ikonen und im 16. Jahrhundert demolieren Bilderstürmer während der Reformation Skulpturen und Bilder in den Kirchen.
Die Götzenverehrung wurde in beiden Religionen abgelehnt. Links: Zerstörung der Idole der Ka’ba, Handschrift des Āthār al-muẓaffar, Qazvin, Iran. Chester Beatty Library, Dublin. Rechts: Der hl. Nikolaus treibt Dämonen aus und zerschlägt Götterbilder, Newjansk, Russland, 19. Jahrhundert. Ikonen-Museum Recklinghausen.
Wenngleich Allah nicht als Kultbild abgebildet wird, haben Gläubige ein Bedürfnis, sich von Mohammed ein Bild zu machen. So wird in der sogenannten Hilye das Aussehen und Wesen Mohammeds in kunstvoller Kalligraphie beschrieben. Auch Sinnbilder, wie der schematische Abdruck des Fusses und der Hand Mohammeds oder seiner Sandale, sind für orthodoxe Gläubige annehmbar. Osmanische Sultane besassen sogar Berührungsreliquien. Im Christentum spielen Reliquien eine grosse Rolle, wie etwa Knochenfragmente, um einem Heiligen nahe zu sein.
Szene in einer Moschee. Aus dem Fāl-Nāma (Orakelbuch) von Schah Tahmasp I., Iran 1550/1560, Musée d’art et d’histoire, Genève.
Erzählbilder sind in beiden Religionen weit verbreitet und stellen ein Ereignis bildlich dar. So waren illustrierte Geschichten um Mohammed besonders in der ostislamischen Welt beliebt. Solche Werke gehörten aber nicht zur religiösen Praxis und waren nur einer Elite zugänglich. Christliche Erzählbilder richteten sich hingegen vor allem an die Unwissenden, das einfache Volk, damit es eine Vorstellung von den biblischen Geschichten erhielt, die in der katholischen Kirche in lateinischer Sprache vermittelt wurden.
Die Ausstellung befasst sich auch mit dem Verhältnis der weltlichen Herrscherelite zum Bild. Im Mittelalter prägte die Religion noch jeden Lebensbereich sowohl im christlichen als auch im islamischen Kulturraum.
Fath Ali Shah Qajar, Mihr Ali zugeschrieben, Teheran, um 1805. Louvre, Dépôt du Musée de Versailles, Paris.
Die Machthaber im Osten begannen zunehmend, sich mit Herrscherporträts eine Identität zu schaffen und damit ihre Macht zu legitimieren: im Osmanischen Reich seit der Eroberung Konstantinopels 1453, im mogulischen Indien des 17. Jahrhunderts und in Persien vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Diese Selbstdarstellungen gingen auf antike Vorbilder zurück, aber auch auf europäische Porträts dank Kontakten mit dem Westen. Damit entfernte sich die östliche muslimische Elite immer stärker von der theologisch begründeten, bildkritischen Haltung.
Der Westen ist seit dem 19. Jahrhundert und bis heute überzeugt, der Islam kenne ein absolutes Bilderverbot. Doch wie die Ausstellung zeigt, bestehen unzählige Facetten im Umgang mit Bildern. In Saudi-Arabien gibt es ein rigoroses Bilderverbot, dieses gilt jedoch nicht für Fotografien und das Handy.
Titelbild: Die Sandale Mohammeds, aus dem Manuskript Dalā’il al-khayrāt, Nordafrika, 1638/1639. Chester Beatty Library, Dublin.
Bilder: Museum Rietberg, Zürich
Bis 22. Mai 2022
Museum Rietberg «Im Namen des Bildes – Das Bild zwischen Kult und Verbot in Islam und Christentum», mehr Infos hier
Katalog «Im Namen des Bildes – Die figürliche Darstellung in islamischen und christlichen Kulturen», Axel Langer (Hrsg.), Berlin/Zürich 2022. CHF 59.00