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Die Rollenverteilung in der Frühgeschichte der Menschheit – als unsere Vorfahren noch als Jäger und Sammler lebten – scheint klar zu sein: Die Männer jagten, die Frauen sammelten. Doch dieses Bild einer quasi natürlichen Aufgabenverteilung, in der die Männer auf die Jagd gingen und die Frauen Beeren, Früchte und Pilze sammelten und sich um den Nachwuchs kümmerten, erhält durch eine neue Studie Risse.
2013 entdeckte ein Bauer auf dem Altiplano – einer rund 3600 Meter über Meer gelegenen Hochebene in den Anden – fünf Grabhügel aus der Jungsteinzeit. Die Ausgrabungen im peruanischen Wilamaya Patjxa förderten Jagdwaffen, Pfeilspitzen und Werkzeuge zum Zerlegen von Grosswild zutage. Da Grabbeigaben meistens von den bestatteten Personen auch während ihres Lebens benutzt wurden, konnte man davon ausgehen, dass hier Jäger begraben waren.
2018 stiessen Anthropologen um Randy Haas von der University of California bei den Ausgrabungen auf die Überreste von zwei vor rund 9000 Jahren dort bestatteten Menschen. Zur Überraschung der Forscher – sie waren nach eigenem Bekunden von der herkömmlichen Rollenverteilung ausgegangen – zeigte sich, dass eine der beiden Personen weiblich war; sie war zum Zeitpunkt ihres Todes zwischen 17 und 19 Jahren alt. Zu Lebzeiten hatte sie unter anderem Jagd auf Kleinkamele gemacht, wildlebende Vorfahren der Alpakas. Der Tote im zweiten Grab war ein 25 bis 30 Jahre alter Mann.
Den Wissenschaftlern stellte sich die Frage, ob es sich bei dieser frühen Jägerin um eine seltene Ausnahme handelte, oder ob Frauen in der Steinzeit generell eine wichtigere Rolle bei der Jagd gespielt hatten als bisher angenommen. Sie untersuchten daher bisherige Grabfunde in Nord- und Südamerika aus dem Zeitraum des späten Pleistozäns, das vor rund 11'700 Jahren endete, und des frühen Holozäns, dem gegenwärtigen Zeitabschnitt der Erdgeschichte. Von 429 bestatteten Individuen an 107 Standorten liessen sich 27 Personen anhand ihrer Grabbeigaben klar als Jäger identifizieren. Elf von ihnen waren weiblich.
Die Stichproben liessen den Schluss zu, dass Frauen in der Frühzeit in bedeutendem Mass an der Jagd beteiligt waren, schreiben die Forscher im Fachjournal «Science Advances». 30 bis 50 Prozent der Jäger waren laut der Studie weiblich – ein krasser Gegensatz zu späteren Gesellschaften bis zur Neuzeit, in denen die Jagd völlig überwiegend eine Männerdomäne sei. «Unsere archäologische Entdeckung sowie die Analyse von früheren Bestattungspraktiken kippen die lange angenommene Hypothese vom Mann als alleinigem Jäger», erklärt Haas. Und der Anthropologe stellt weiter fest:
Da der Anteil der Frauen an der Jagd in dieser steinzeitlichen Gesellschaft deutlich höher lag als in den meisten Jäger-und-Sammler-Gesellschaften der Gegenwart, möchte Haas nun die Frage klären, wie es dazu gekommen ist, dass sich diese Arbeitsteilung in den vergangenen Jahrtausenden verändert hat und in der Moderne zu einer hauptsächlich männlichen Tätigkeit geworden ist.
(dhr)