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Am 15. Oktober 1634 in Füssen im Allgäu geboren, erhält er den Taufnamen Magnus Nikolaus. Sein Vater Nikolaus Wierith ist fürstbischöflicher Augsburger Wundarzt in Dillingen. 1632 muss er im Gefolge des Fürstbischofs vor den Schweden mit der Familie ins Tirol flüchten. 1634 kehren sie nach Füssen zurück, wo die Zwillinge Magnus Nikolaus und Katharina geboren werden. 1735 kann die Familie nach Dillingen zurückkehren. Hier stirbt seine Mutter früh. Der Vater heiratet nochmals. Die Stiefmutter und auch die Stiefschwester werden später von Nikolaus unterstützt. Wie seine älteren Brüder Heinrich Arthur und Franz Isidor besucht er nach 1643 das Gymnasium der Jesuiten in Dillingen.[1] Dort freundet er sich mit den Marchtaler Fratres Dorner, Keil und Bauer an.[2] Sie bewegen ihn zum Eintritt in Marchtal, wo er 1651 Novize wird. Schon 1652 legt er Profess ab. Er belegt in Marchtal das Hausstudium beim Dominikanerpater Dominicus Aurnhammer aus Konstanz.[3] 1653 nimmt er das Studium der Theologie und des Kirchenrechts in Dillingen auf, wo er 1659 als Magister der Philosophie und als Doktor der Theologie abschliesst. Noch während des Studiums in Dillingen begleitet er 1657 die Äbte von Schussenried und Allerheiligen an das Generalkapitel in Prémontré. 1658 wird er in Konstanz zum Priester geweiht. Während der kurzen Regierung seines Studienkollegen Gottfried Dorner ist er Prior in Marchtal. Am 7. April 1661 wird Nikolaus Wierith im Alter von 27 Jahren zum Abt gewählt.
Er steht einer Abtei vor, die dank der Aufbauarbeit des Abtes Konrad Knör nach dem Dreissigjährigen Krieg wieder eine solide personelle und wirtschaftliche Basis aufweist.[4] Abt Nikolaus, der noch während der Regierung des Abtes Konrad ins Kloster eingetreten ist, setzt diese Aufbauarbeit fort und wird dank seiner Leistungen für den Orden und für Kloster und Herrschaft als der bedeutendste Marchtaler Abt der Neuzeit bezeichnet.
Er ist 1668−1691 Generalvikar und Visitator der Zirkarie Schwaben.[5] 1670 besucht er, nun als Generalvikar, das Generalkapitel in Prémontré. 1686 wird er für eine Mission des Generalkapitels zusammen mit dem Abt von Steinfeld in Versailles von Louis XIV empfangen. Dieses Zusammentreffen mit dem französischen König ist für den Orden noch 1757 so gegenwärtig, dass der stiftskemptische Hofmaler Franz Georg Hermann das Ereignis als Fresko im Bibliotheksaal von Schussenried darstellt. Auch bei den Reichsprälaten und bei Kaiser Leopold geniesst Abt Nikolaus volles Vertrauen. Während er das schwäbische Reichsprälatenkollegium während 18 Jahren als Direktor vertritt, setzt ihn der Kaiser als Gesandten ein.
Abt Nikolaus ist auch kluger Wirtschafter. Der Reichskrieg gegen Frankreich von 1674−1679 belastet mit Truppendurchzüge und Kontributionszahlungen das Marchtaler Territorium. Die Gemeinden werden durch die Kontributionen derart belastet, dass sie auf Darlehen des Klosters angewiesen sind. 1680 erlässt Abt Nikolaus die Hälfte der Schulden, einen Teil lässt er später in Form von Frondienst für den Klosterneubau abarbeiten. Für die am Neckar gelegenen Weingüter erreicht er 1673 Zollfreiheit mit Württemberg. Er kauft 1682 zur Sicherung des Weinhandels mit der Eidgenossenschaft das Hofgut «Unterer Girsberg» im Thurgau und lässt es, auch als Rückzugsort bei kriegerischen Ereignissen, zum Schloss ausbauen.[6] Ein weiteres Hofgut kauft er in Lömmenschwil der Herrschaft der Abtei St. Gallen. Hier lässt er 1683 auf dem Ruggisberg nach dem Sieg des Hauses Habsburg gegen die Türken die Kapelle der «Maria de Victoria Viennensis» bauen.[7] Im oberen Neckarraum kauft er die Herrschaft Weitenburg mit dem Dorf Sulzau und an der Grenze zu Württemberg die Herrschaft Bremelau mit Heuhof. Für diese Erwerbungen zahlt er 117 600 Gulden.
Abt Nikolaus ist, wie seine Vorgänger im 17. Jahrhundert, vorbehaltsloser Verfechter der Ausbildung der Konventualen an der Jesuitenuniversität von Dillingen und grosser Freund jesuitischer Spiritualität. Das Hausstudium ist für ihn nur Ergänzung. Erst seine Nachfolger im 18. Jahrhundert glauben auf die umfassende Bildung zugunsten von mehr Hausstudium verzichten zu können und leiten die grosse Distanz zu den bildungsbeflissenen Benediktinern ein.
«Er sah eine baufällige Kirche vor sich. Er gönnte seinem Herrn ein bessere.» So beschreibt später P. Sebastian Sailer den Bauabt von Marchtal. Vorerst will Abt Nikolaus die Kirche und das Kloster am alten Standort an der Stelle der heutigen westlichen Wirtschaftsgebäude belassen. Deshalb lässt er bis 1663 einen neuen Glockenturm errichten und zieht 1669 für den Bau einer neuen Sakristei den in Zwiefalten tätigen Misoxer Baumeister Tommaso Comacio bei. Mit ihm plant er bis 1674 eine neue Klosteranlage. Abt Nikolaus ist als Jesuitenschüler auch in Baukunst geschult. Sein Prior und ehemaliger Mitschüler Norbert Keil betätigt sich ebenfalls als Liebhaber-Architekt. Der Krieg von 1674 und der Tod des Baumeisters unterbrechen die gemeinsamen Planungen einer streng symmetrischen Anlage. Erst 1683 wagt der Abt einen Neubeginn, nun mit dem von Luzern nach Ellwangen wechselnden Jesuitenarchitekten Br. Heinrich Mayer. Nicht mehr am alten Standort, sondern im östlich anschliessenden Hochplateau über der Donau soll jetzt gebaut werden. Br. Heinrich Meyer liefert die Baurisse für die neue Kirche und 1684 auch das Modell. Das Modell ist Grundlage für den 1686 begonnenen Kirchenneubau durch den Vorarlberger Michael Thumb. Thumb erstellt auch die Pläne für den Klosterneubau, einem symmetrischen Geviert mit Eckflügeln, das im Osten an die frei vorstehende Kirche anschliesst. 1688 ist die Kirche gedeckt und eingewölbt. 1689 schliesst Abt Nikolaus einen Akkordvertrag mit dem berühmten Wessobrunner Stuckateur Johann Schmuzer. Die Stuckaturen sind 1692 vollendet. Abt Nikolaus Wierith kann den ausgerüsteten Innenraum nicht mehr erleben. Er leidet schon längere Zeit an Gicht und muss seit 1689 getragen werden. Am 7. April 1691 verstirbt er im Alter von erst 57 Jahren. Er hinterlässt trotz der Herrschaftserwerbungen und den Bauausgaben einen geordneten Haushalt.[8]
Er wird noch in der alten Kirche beerdigt, dann wird sein Grab in die neue Kirche vor den Hochaltar gelegt. Ein Bronzeepitaph von 1692 ist in der Wandpfeilerkapelle des hl. Antonius angebracht.
Sein Wappen ist geviertet. Es zeigt in 1: In Blau einen goldenen Stern und in 2-4: Geteilt von Silber und Rot. Prominent ist es in der Chorgitterbekrönung der Stiftskirche dargestellt.
Im grossen Bild, das er 1665 für die Tiberiuskapelle anfertigen lässt, ist er in der Bittprozession mit seinem Konvent porträtiert. Das Gemälde von Andreas Vogel hängt heute an der Südwand der Sakristei. Der gleiche Maler porträtiert ihn 1682. Der 48-jährige Prälat sitzt auf diesem Gemälde im Lehnstuhl, eine feste Gestalt mit einem Charakterkopf, hier schon fülliger als auf dem Konventbild. Ungewöhnlich für ein Abtsgemälde ist auch der Hund, der zum Prälaten aufblickt. Leider verschweigen die barocken Lebensbeschreibungen der Äbte meist ihre wichtigen Liebhabereien und privaten Schwächen, sodass auch der Hund von Abt Nikolaus nicht erklärt werden kann.
Pius Bieri 2012
Literatur:
Schöntag, Wilfried: Germania Sacra. Dritte Folge 5: Die Bistümer der Kirchenprovinz Mainz: Das Bistum Konstanz 6: Das reichsunmittelbare Prämonstratenserstift Marchtal. Berlin und Boston 2012.
Rummel, Peter: Die Beziehungen der Abtei Marchtal und der anderen oberschwäbischen Prämonstratenserstifte zur Universität Dillingen, in: Marchtal, Festschrift zum 300jährigen Bestehen. Ulm 1992.
Anmerkungen:
[2] Gottfried Dorner (um 1630−1661), Profess in Marchtal 1650, wird 1660 zum Abt gewählt, stirbt aber nach nur acht Monaten Regierung.
Norbert Keil (um 1730−1703), Profess in Marchtal 1650, 1661−1667 und 1675−1691 Prior in Marchtal, 1671−1672 Prior in Schussenried. Liebhaberarchitekt.
Bartholomäus Bauer, auch Agricola (1628−1694), 1650 Novize in Marchtal. 1653−1691 Vikar, Pfarrhelfer, Stiftspfarrer und Kooperator.
[3] Als Professor der Theologie am Hausstudium wirkt 1652 P. Dominikus Aurnhammer OP, Magister und Ordensprovinzial in Konstanz. Er lehrt die «Summa Theologiae» des Thomas von Aquin.
[4] Konrad Knör oder Keer (1592−1660) regiert 1637−1660. Bei seinem Regierungsantritt werden 16 meist im Exil lebende Konventualen gezählt, 1656 sind es bereits 33.
[5] Zur Zirkarie Schwaben gehören die nach der Reformation noch existierenden Männerstifte Ursberg (1125), Rot an der Rot (1126), Roggenburg (1126), Bellelay (1140, seit 1657), Chur St. Luzi (1140), Weissenau (1145), Marchtal (1171), Allerheiligen (1182), Schussenried (1183).
[6] Das Schloss bei Kreuzlingen wird vor allem in den Kriegen 1703−1704, 1733 und 1796 als Zufluchtsort benutzt. Es wird im 19. Jahrhundert neugotisch umgebaut und heisst heute Schloss Brunegg.
[7] Die Kapelle «Maria zum Siege», hart an der thurgauischen Grenze, ist heute Hochzeitskapelle.
[8] Die Erwerbungen von 117 600 Gulden kommen Bauausgaben von 93 300 Gulden für Kirchen und Kapellen. Nebst der Stiftskirche ist damit auch der Bau der Tiberiuskapelle enthalten, die der Abt nach seinem Regierungsantritt zur Förderung der Wallfahrt östlich und ausserhalb des Klosters baut und kostbar einrichten lässt. Sie ist bis 1716 in Funktion. Mit dem 1726 erstellten Tiberiusaltar in der neuen Stiftskirche wird die Wallfahrt in diese verlegt. Die Kapelle muss 1746 beim Bau des Ostflügels abgebrochen werden.
|Nikolaus Wierith (1634–1691), Abt in Obermarchtal 1661–1691|
|Biografische Daten||Zurück zum Bauwerk|
|Geburtsdatum||Geburtsort||Land 18. Jahrhundert|
|15. Oktober 1634||Füssen Allgäu Bayern D||Hochstift Augsburg|
|Titel und Stellung||Regierungszeit|
|Abt der Prämonstratenser-Reichsabtei Marchtal||1661–1691|
|Sterbedatum||Sterbeort||Land 18. Jahrhundert|
|7. April 1691||Obermachtal Baden-Württemberg||Reichsabtei Marchtal|
|Kurzbiografie|

Abt Nikolaus Wierith aus Füssen gilt als der bedeutendste Abt in der neueren Geschichte Marchtals. Seine 30-jährige Regierungszeit ist eine der fruchtbarsten. Er geniesst höchstes Vertrauen bei den Äbten der Zirkarie Schwaben und beim Generalkapitel in Prémontré, das ihn 1686 nach Versailles an den Hof des Sonnenkönigs delegiert. Dem Reichsprälatenkollegium steht er 18 Jahre vor, auch der Kaiser setzt ihn als Gesandten ein. Der Kirchen- und Klosterneubau, den er nach seiner Rückkehr aus Versailles beginnt, ist bleibendes Denkmal des initiativen Abtes. Er kann den Neubau der Kirche und des Westflügels noch wachsen sehen und bestellt auch noch die Altarausstattung, erlebt aber die Fertigstellung des Bauwerks nicht mehr.
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