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Dank Genetik: "Ausreisser" erkannt
Im Verlauf des Jahres 2020 entpuppten sich gleich zwei Junggeier als "Ausreisser" und wurden an für Bartgeier untypischen Orten entdeckt. Einer der beiden überflog sogar den Ärmelkanal.
Weil beide Vögel keine Markierungen trugen, blieb es zunächst ein Rätsel, woher die beiden stammten. Aufgrund ihrer Gefiederfarbe schätzten wir, dass beide circa ein Jahr alt waren und sie demzufolge 2019 geschlüpft waren. Erst ein sorgfältig durchgeführtes genetisches Monitoring enthüllte uns schliesslich ihre Herkunft.
Ein Bartgeier im französischen Flachland
Der eine Junggeier wurde in Departement Indre-et-Loire von einer Privatperson entdeckt. Die Region befindet sich in der Mitte Frankreichs und damit ein ganzes Stück entfernt vom normalen Lebensraum der Bartgeier. Da es in dieser Gegend weder genügend Futter noch eine geeignete Thermik zum Fliegen gab, war er in keinem guten Zustand, und wurden von Fachleuten zurückgefangen.
Aus den Pyrenäen oder den Alpen?
Wir vermuteten, dass der wildgeschlüpfte Bartgeier aus den Alpen oder den Pyrenäen stammt. Eine Blutprobe, die der Stiftung pro Bartgeier zugesandt wurde, ergab vorerst keine Hinweise auf seine Identität, da der Genotyp nicht in der bestehenden Datenbank gespeichert war.
Eine weiterführende Analyse lieferte schliesslich dem Beweis: Der Junggeier stammte tatsächlich aus den Alpen und war Pierro, ein 2019 geschlüpfter Nachkomme eines Brutpaars, das im Bargy-Gebirge in Hochsavoyen in den letzten Jahren wiederholt gebrütet hatte. Und er ist somit ein Nachkomme des Bartgeiers, der als erster in der Wildnis geschlüpft ist!
Pierro mit GPS Sender zurück in den Alpen
Pierro hat sich unter fachkundiger Obhut schnell erholt und konnte bald wieder frei gelassen werden. Dank dem Wissen um seine Herkunft war auch klar, dass Pierro zurück in die Alpen und nicht in die Pyrenäen gehört.Beringt und zusätzlich mit einem GPS-Sender ausgerüstet, können wir nun seine Streifzüge überwachen.
Die ausführliche Geschichte von Pierro ist hier (auf Englisch) nachzulesen.
Ab über den Kanal
Der andere Junggeier war im Sommer 2020 tatsächlich über den Kanal nach England geflogen. Hier begeisterte er mit seiner Anwesenheit über Monate hinweg die Vogelfans, die ihn wiederholt fotografieren konnten und ihm den Spitznamen Vigo gaben. Den Schlüssel zu seiner wahren Identität lieferten Federn, die er an einem Schlafplatz hinterliess. Die Analyseergebnisse waren eindeutig: Vigo heisst eigentlich Flysch, ist ein Weibchen (W297) und 2019 wie Pierro im Bargy-Gebirge geschlüpft. Die beiden sind also sozusagen ehemalige Nachbarn!
... und wieder zurück
Zuletzt wurde Vigo/Flysch im Süden Englands gesehen und dabei beobachtet, wie sie über den Ärmelkanal Richtung Osten flog. Zwei Wochen später wurde ein Bartgeier in Frankreich beobachtet, bei dem alles darauf hindeutet, dass es sich dabei um Vigo/Flysch handelte. Wir hoffen, dass sie mittlerweile gut in ihr angestammtes Gebiet in den französischen Alpen zurückgefunden hat.
Genetisches Monitoring: Ein wichtiges Element der Wiederansiedlung
Solch weite Wanderungen können wir bei Bartgeiern immer wieder beobachten, sowohl bei ausgewilderten (siehe die Geschichten von Schils, Bernd und Sardona) als auch bei wildgeschlüpften Junggeiern. Doch zum ersten Mal war es uns möglich, wandernde Junggeier dank genetischen Methoden zu identifizieren.
Die genetische Datenbank wird seit 1998 von der Stiftung Pro Bartgeier geführt. In der Datenbank sind alle ausgewilderten Bartgeier, zahlreiche wildgeschlüpfte Junggeier sowie Bartgeier aus den Pyrenäen und von Korsika gespeichert. Diese Daten helfen nicht nur bei der Identifikation nicht markierter Tiere, sondern sind auch ein entscheidendes Element, um den populations-genetischen Zustand des wiederangesiedelten Bestandes beurteilen zu können.