Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03424.jsonl.gz/2217

Erklär mir Liebe
“Vicky Cristina Barcelona” von Woody Allan
Zwei Amerikanerinnen verlieben sich in Barcelona in einen Maler. Ernüchterte Kinogänger dürfen so einen Handlungsbeschrieb normalerweise zurecht zum Anlass nehmen, diesen Film getrost zu ignorieren. Nicht jedoch, wenn der Regisseur Woody Allen heisst. Dieser schafft es nämlich, mit ebenjener Geschichte einen Film über Liebe zu drehen, der seinesgleichen sucht.
Von Lukas Hunziker.
Vicky (Rebecca Hall) schreibt ihre Masterarbeit über “Katalanische Identität” und verbringt den Sommer deshalb in Barcelona, um entsprechende Nachforschungen anzustellen. Für Vicky ist es der letzte Sommer vor ihrer Hochzeit mit Doug, seinerseits ein junger Geschäftsmann. Cristina, die Vicky begleitet, hat ihr Leben ungleich weniger verplant. Sie weiss, wie der Erzähler uns informiert, nicht was sie will, nur was sie nicht will. Gerade in ihrer Vorstellung von Beziehungen und Liebe könnten die beiden Frauen kaum verschiedener sein. An einer Kunstausstellung wird Vicky auf einem Künstler (Javier Bardem) aufmerksam, und als sie ihn beim Abendessen in einem Restaurant am Tisch gegenüber sieht, beginnt sie, ihm vielsagende Blicke zuzuwerfen. Dieser nimmt die Aufforderung an, kommt zum Tisch der beiden, und bietet ihnen an, das Wochenende mit ihm in Oviedo zu verbringen – Schäferstündchen inklusive.
Das Liebesleben am Scheideweg
Vicky, schockiert über die Offenheit des Angebotes, erteilt Juan Antonio, so der Name des Künstlers, eine rüde Absage. Cristina jedoch spürt das Abenteuer und überzeugt Vicky, auf die Einladung einzugehen und nur den Sex abzulehnen. Tatsächlich verbringen die drei ein herrliches Wochenende zusammen, und zu Juan Antonios Freude klopft Cristina am Abend tatsächlich an seine Zimmertür. Ein leidenschaftliches Bettabenteuer kommt jedoch nicht zustande, da sich bei Cristina unverhofft eine Muschelallergie bemerkbar macht. Während sie sich am nächsten Tag erholt, willigt Vicky widerwillig ein, den Tag allein mit Juan Antonio zu verbringen. Nach einem Besuch bei seinem Vater verbringen die beiden den Abend im Park, und lauschen der Spanischen Gitarrenmusik, die Vicky so liebt, und es kommt, wie es kommen muss.
Ein Telefonanruf ihres Verlobten Doug holt Vicky in der Woche darauf in die Realität zurück – sie wird heiraten. Doug, in fast jeder Hinsicht die Antithese Juan Antonios, schlägt ihr vor, die Hochzeit in Barcelona zu vollziehen. Vicky willigt ein, und weigert sich einzugestehen, dass ein einziger Abend alles in Frage gestellt hat, was vorher wie in Stein gemeisselt war. Cristina, die nichts von besagtem Abend weiss, zieht bald mit Juan Antonio zusammen, und beginnt ein Leben als Muse eines Spanischen Künstlers zu führen, auf eine Art, die fast allen Klischees gerecht wird. Doch auch für Cristina hält das Leben seine Überraschungen bereit; eines nachts erfährt Juan Antonio, dass seine Exfrau Maria Elena (Penelope Cruz) versucht hat, sich umzubringen, und nimmt sie bei sich auf. Impulsiv, temperamentvoll und unberechenbar wie Maria Elena ist, scheint Cristina neben ihr wie ein Mauerblümchen – und realisiert, dass ihre Liebe zu Juan Antonio niemals jene Tiefe erreichen wird wie jene Maria Elenas.
Amerikanerinnen suchen und verkennen sich selbst
Mit immer neuen Wendungen beleuchtet “Vicky Cristina Barcelona” eindringlich die Liebesbeziehungen seiner Figuren und entlarvt insbesondere die Liebesphilosophien der beiden jungen Amerikanischen Frauen als realitätsfern. Allen bedient sich sehr geschickt der gängigen Klischees über Künstler und die temperamentvollen Spanier, um durch den Kontrast die Leere von Vickys Eheleben und Cristinas Gefühllosigkeit aufzuzeigen. Vicky offenbart ihre Zeit in Barcelona, dass ihre Vorstellung von Liebe Gefühle zugunsten von Sicherheit opfert, während Cristinas Verlangen nach stetiger Veränderung wahre Gefühle nicht zulässt oder gar zerstört.
Gelungen wäre die Geschichte, welche seine Figuren und ihre Gefühlsregungen klar ins Zentrum stellt, wohl kaum ohne die hervorragende Besetzung. Penelope Cruz ist die Rolle der durchgedrehten, selbstzerstörerischen Künstlerin wie auf den Leib geschrieben, Javier Bardem verkörpert perfekt Charme und Intelligenz eines Bilderbuchkünstlers, Scarlet Johansson ist das vollkommene pseudophilosophische Amerikanische Blondchen. Eine echte Entdeckung ist aber auch Rebecca Hall, welche die innerlich zerbrechende Vicky so subtil und doch so eindringlich spielt, dass man kaum genug bekommt.
“Vicky Cristina Barcelona” ist grosses Kino, sowohl Tragödie als auch Komödie, leichtfüssig und tiefsinnig zugleich. Woody Allen gab sich wie gewohnt bescheiden: “Ich habe zu diesem Thema (der Liebe) nichts Tiefgründiges zu sagen”. Wer den Film sieht wird jedoch feststellen: Er lügt.
Ausstattung
Woody Allen hasst bekanntlich DVDs. Wie immer kommt daher auch diese komplett ohne Bonusmaterial daher. Sich darüber aufzuregen lohnt sich allerdings kaum; der Film allein ist den Kauf der DVD allemal wert.
Seit dem 20. Mai 2008 im Handel.
Originaltitel: Vicky Cristina Barcelona (Spanien, USA 2008)
Regie: Woody Allen
Darsteller: Scarlet Johanson, Rebecca Hall, Javier Bardem, Penelope Cruz
Genre: Komödie, Drama
Dauer: 96 Minuten
Bildformat: 2.35:1 (16:9 anamorph)
Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch
Untertitel: Deutsch, Französisch
Audio: Dolby Digital 2.0, Dolby Digital 3.0
Bonusmaterial: –
Vertrieb: MaxVision