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1972 Die Standard Telephon und Radio AG zieht von Zürich weg. Ihr Firmensitz – die Gebäude einer ehemaligen Seidenweberei in Wollishofen zwischen Strasse und See – steht zum Verkauf. Die Stadt erwirbt den Gebäudekomplex, den man seiner Ziegelsteinmauern wegen «Rote Fabrik» nennt. Sie plant, den Komplex abzureissen, um die Seestrasse zu verbreitern und eine Grünanlage bis zum Seeufer zu schaffen.
1977 Mit einer Initiative fordert die SP, die Rote Fabrik zu erhalten und ein städtisch verwaltetes öffentliches Kultur- und Freizeitzentrum darin einzurichten. Die Stimmberechtigten stimmen dem Gegenvorschlag des Gemeinderats zu, wonach die Gebäude tatsächlich zu erhalten seien, die Stadt aber vorerst eine Vorlage zur neuen Nutzung zu erarbeiten habe. Die Zürcher Jugend, die seit Jahren schon mehr Unterstützung für Jugebndkultur fordert, setzt viel Hoffnung in das Projekt. Doch die Stadt nimmt sich Zeit. Sie überlässt die Räume dem Opernhaus als Kulissen- und Kostümlager und dem Neumarkt-Theater als Probebühne.
17. Mai 1980 Die Stadt empfiehlt dem Zürcher Stimmvolk einen Kredit von 60 Millionen Franken für die Renovation des Opernhauses. Die Jugendlichen fühlen sich endgültig betrogen: immer noch keine Räume für sie, dafür Unsummen für die etablierte Kultur! Eine Aktionsgruppe besetzt deshalb die grosse Halle der Roten Fabrik, lädt zum Protestfest mit Konzerten und kündigt eine Demonstration an; es soll ein «unvergesslicher Opernabend» werden, wie die Gruppe im Flugblatt schreibt.
Unsere Arbeit ist immer noch ziemlich basisdemokratisch geprägt.
30. Mai 1980 Rund 200 als «Kulturleichen» verkleidete Jugendliche ziehen eines Abends vom Bellevue Richtung Opernhaus, um gegen den Renovationskredit zu demonstrieren. Polizisten in Kampfmontur gehen sofort und skrupellos mit Tränengas und Gummigeschossen gegen die bis dahin friedlich Demonstrierenden vor. Es kommt zu wüsten Szenen. Im Verlauf des späteren Abends gesellen sich Hunderte von Jugendlichen dazu, die von einem Bob-Marley-Konzert im Hallenstadion zurückkehren. Die Schlacht verteilt sich in der gesamten Innenstadt und dauert die ganze Nacht.
Oktober 1980 Der Opernhauskrawall hat die 80er-Bewegung lanciert. Neben der Roten Fabrik fordern die Jugendlichen nun auch ein autonomes Jugendzentrum beim Zürcher Carparkplatz. Die Stadt ist aus ihrer Lethargie erwacht; unter dem Druck der Strasse eröffnet sie – vorerst provisorisch – das Kulturzentrum Rote Fabrik.
1981 Der Gebäudekomplex von 1892 wird unter Denkmalschutz gestellt. Gleichzeitig bewilligt das Zürcher Stadtparlament einen zeitlich beschränkten Versuchsbetrieb des Kulturzentrums. Er wird in der Folge mehrmals verlängert.
1985 Mit dem «Ziegel oh Lac» erhält die Rote Fabrik ein – mittlerweile stadtweit beliebtes – Restaurant mit Seeanstoss. Der Theater-, Konzert-, Film- und Atelierbetrieb beginnt sich zu etablieren, ebenso der angegliederte Kindergarten und die Veloflickwerkstatt.
Es wäre ein Segen, wenn sich nicht immer 17 Leute äussern müssten.
1987 Zehn Jahre nach der entsprechenden Abstimmung legt der Zürcher Stadtrat endlich die vom Stimmvolk verlangte Vorlage zur «Schaffung eines Kultur- und Freizeitzentrums in der Roten Fabrik» vor. Die Stimmberechtigten sagen Ja.
2020 Das Programm der Roten Fabrik ist längst fester Bestandteil des Zürcher Kulturangebots. Der Betrieb wird jährlich mit 2,4 Millionen Franken subventioniert. Die Rote Fabrik und ihre Subventionen sind allerdings immer wieder Gegenstand politischer Debatten. Der Ruf nach einer professionellen Organisation und Leitung wird immer lauter.
2045 Die Rote Fabrik wird in eine Altersresidenz für die verbleibenden Zürcher Aktivistinnen und Aktivisten umgewandelt – so jedenfalls steht es nicht ohne Selbstironie im Programmheft zum 40-Jahr-Jubiläum der wohl umstrittensten Kulturinstitution in der Geschichte Zürichs.