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Nummer 56:
Diese Nummer ist in gewisser Weise ein Nachtrag zur Nummer 55.
Auch das Wort ‹Monster›, mit dem, wie bereits gesagt, die ‹Menstruation› nicht das Geringste zu tun hat, ist an sich nichts Hässliches. ‹Monstrum› kommt von ‹monstrare› (zeigen, sichtbar machen, präsentieren, zur Schau stellen). Nicht der Etymologie nach, aber in der Bedeutung und dem Sinn nach ist es mit dem aus dem Griechischen stammenden Wort ‹Phänomen›, also mit ‹Erscheinung›, vergleichbar. Dass es ursprünglich vorwiegend positive, schöne, göttliche, spirituelle Erscheinungen bezeichnete, erkennt man am ganz nahe verwandten Wort ‹Monstranz›: ein kostbares, mit Gold und oft auch mit Edelsteinen gestaltetes liturgisches Schaugerät, in dessen Mitte in einem Glaskästchen eine Hostie (geweihtes Brotscheibchen für das Sakrament der Kommunion) oder eine Reliquie (Knochen, Haare, Haut, Blut eines oder einer Heiligen, Splitter des Kreuzes Jesu etc.) aufbewahrt und zur Schau gestellt wird.
Bereits in der Spätantike und im Frühmittelalter haben die guten Geister angefangen, sich rar zu machen und die bösen fleißiger zu erscheinen, sodass das ‹Monster› allmählich und immer deutlicher negativ konnotiert wurde. Im Hoch- und Spätmittelalter kam hinzu, dass man dazu überging, nicht mehr die Erscheinung, sondern das Erscheinende als Monster zu bezeichnen. Heute sind die Monster also nur noch hässlich (außer dem Krümelmonster der Sesamstraße!) und mit ihnen inzwischen, leider, auch das Wort.
Nummer 57:
Vico Pancellorum, das märchenhafte toskanische Dorf, wo ich 1989/1990 wohnte und arbeitete, wo Livio zur Welt kam, mein älterer Sohn, und wo ich die «Erzählungen aus hundert und einer schlaflosen Nacht» schrieb, ist wie eine Festung auf dem Gipfel eines Berges, dem Balzo Nero, erbaut. Da lernte ich Leute und ein Leben kennen und lieben, von denen ich mir nie ganz gewiss war, ob sie außerhalb meiner Einbildung tatsächlich existierten.
Eine dieser surrealen Gestalten war Giosuè, ein einsamer alter Mann, der Tag für Tag des Morgens in den einzigen Laden schlenderte, etwa zu essen und einen Fiasko Sangiovese holte, heimkehrte und bei offenem Fenster glockenrein Puccini-Arien sang, bis am Abend die Korbflasche leer war und er das Licht löschte. — Außer am Sonntagmorgen! Dann nämlich rasierte er sich, zog das weiße Hemd, das einst vornehme, inzwischen abgetragene und zu weite Kleid an, band die Krawatte, setzte den Hut auf und ging zur Kirche. Ja, er ging zur Kirche, nicht in die Kirche. Er blieb vor der vollen Kirche stehen, spazierte gemächlich mit hinter dem Rücken verschränkten Händen, immer nur auf seine Schuhe schauend, um die Kirche herum, bis zum ‹… la messa è finita, andate in pace…›, dann machte er sich auf den Weg zur Bar der Piazzetta und zu seinem halben Liter Weißen.
Fast ein Jahr lang hatte ich seine seltsame Gepflogenheit beobachtet und den Mut nie aufgebracht, ihn nach dem Grund zu fragen. Als er aber eines Sonntags auf dem Weg zur Bar mit tränenverschleierten Augen auf mich zu kam, mich umarmte und mich zu Livios Geburt beglückwünschte, kamen wir zum ersten Mal ins Gespräch. Und plötzlich entfuhr es mir: «Don Giosuè, warum geht Ihr denn stets zur Kirche, ohne einzutreten?» Er machte eine verächtliche Geste und sagte mit angewidertem Gesichtsausdruck: «Seit dem Paolo VI, nein! Die sagen jetzt die Messe auf Italienisch! Sogar mit toskanischem Akzent!» — Das verblüffte mich! Ich wusste zwar, wie rein und texttreu er Puccini sang, aber dass ihm Latein offenbar näher und vertrauter war als der Sprachsaft, in dem er seit Geburt schmorte, hätte ich nicht vermutet. Er schaute wieder seine Schuhe an und fügte leise hinzu: «Weißt du — Italienisch! — da verstehe ich jedes Wort. Und es sind ganz gewöhnliche Worte. Worte, die der Wirt in der Bar, die Lehrerin in der Schule oder die Verkäuferin im Laden sagen könnte. Dann ist der, der von da vorne zu mir spricht, nicht Gott, sondern Don Mambrino, der Kaplan, von dem ich gar nichts hören will und der mich dafür noch nicht bezahlt hat, dass ich ihm den Keller aufgeräumt habe!»
Der verschrobene, kauzige alte Giosuè hatte etwas erkannt, was vielen nie bewusst wird: Die Wörter haben nicht bloß eine Bedeutung — sie haben einen Klang, einen Hall und einen Nachhall, sie haben Farben, sind hell und dunkel, haben einen Geruch, einen Geschmack, einen Beigeschmack und einen Nachgeschmack, künden Wärme und Kälte, Weichheit und Schärfe, haben eine eigene, meistens unbekannte Geschichte und eine andere Geschichte für jede und jeden von uns — das ist die magische Dimension der Sprache. Deshalb liegt die Bedeutung von ‹Hokuspokus› und von ‹Abrakadabra› in der Semiotik und nicht in der Semantik, in ihrem subjektiven Sinn für mich und nicht in ihrer objektiven Etymologie, deshalb wirkten auf meine Kinder, wenn sie hinfielen und sich die Knielein schürften, die undekodierbaren althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche heilsamer als Sterillium® Virugard und octenisept®, deshalb gibt es die konkrete und die hermetische Poesie, deshalb haben uns die Beatles so sehr ergriffen und bewegt, als wir kein Wort Englisch verstanden: Hey Jude, don’t make it bad, take a sad song and make it better. Remember to let her into your heart, then you can start to make it better… better… better… — Ich habe den Text heute noch mit dem Verstand genauso wenig verstanden wie Gianna Nanninis ‹…fammi l’amore, forte, sempre più forte come fosse l’America…›, aber beide Texte bringen mich zum Weinen! Vielleicht ist das, was Blaise Pascal mit dem Satz meinte: ‹Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.›.
Nummer 58:
Während meines Militärdienstes war etwas von dem, worunter ich am stärksten litt, die offenkundige, maßlose und unerträgliche Verschwendung von allem: von Energie, von Materialien, von Esswaren, von menschlichen Ressourcen, von Geld, von Zeit… — Wenn ich daran dachte, dass ich hätte lesen, schreiben, Klavier, Trompete, Mandoline spielen, kochen, zeichnen, flirten, philosophieren, reisen, lieben wollen, es aber nicht tun konnte, weil ich stundenlang an einem Waldrand, von dem ich keine Ahnung hatte, in welchem Kanton er überhaupt war, im Regen darauf wartete, dass mich ein Fahrzeug abholen und mich dann in stundenlanger Fahrt zu einem andern Ort fahren würde, von dem ich ebenfalls keine Ahnung hatte, wo er war und worauf ich dort wie lange würde warten müssen, fühlte ich — wie Dr. B. in Stefan Zweigs ‹Schachnovelle› —, dass ich einen Weg finden musste, mich geistig selbst zu beschäftigen, um nicht durchzudrehen. Da die Schweizer Armee, ohne eigentliche Absicht, ein Herz für Linguisten hat, fand ich bald Abhilfe in meiner Not: Alles, was in der Schweizer Armee angeschrieben ist — und es ist sozusagen alles angeschrieben: Geräte, Einrichtungen, Vorrichtungen, Reglemente, Gebäude, Kisten, Schränke, Eingänge, Ausgänge, Durchgänge, Exerzierplätze, Kampfbahnen… — ist in drei, manchmal sogar in vier Sprachen angeschrieben. Das ist, wie der Feldprediger sagen würde, ‹würdig und recht›, leider aber nicht zwangsläufig gut: Der deutsche Text stand jeweils zuoberst und war sperrig, abweisend, spröd, zuweilen grotesk, darunter kam ein noch etwas schlechteres Französisch und schließlich ein Italienisch, das ich in einem Anflug der Mäßigung und der unkritischen Milde mit dem Euphemismus ‹peinlich› apostrophieren will. — Wie Dr. B. in der Schachnovelle, um nicht überzuschnappen, Schach gegen sich selber spielt, verbrachte ich also nun den größten Teil meiner Dienstzeit mit Lesen dieser unsäglichen Beschriftungen und mit der psychoprophylaktischen Vorstellung, ich würde mit einem überdimensionalen roten Filzstift die Schilder, Plakate, Tafeln, Etiketten, Briefköpfe und vieles mehr korrigieren.
An einem Abend, als alle im Ausgang waren und ich mich in der Kaserne einigermaßen wohl fühlte (der Ausgang, wenn die Kaserne fast leer war, war die einzige Zeit, in der ich kein Bedürfnis nach Ausgang hatte), schrieb ich dem Kommando einen Brief, in dem ich vorschlug, dass man mir die Aufgabe übertragen sollte, sämtliche dreisprachigen Beschriftungen der Schweizer Armee systematisch zu prüfen, zu verbessern, zu korrigieren und schließlich der dafür verantwortlichen Stelle einen Bericht mit allen Änderungsanregungen inklusive linguistischer Begründung dafür vorzulegen. — Mein Antrag wurde abgelehnt.
An diese alte Geschichte habe ich mich nach vielen Jahren wieder erinnert, weil ich immer wieder einer unsinnigen und lächerlichen vermeintlich italienischen Übersetzung für ‹Sekretariat› begegne: Secretariato! — Es heißt: SEGRETERIA!!! nicht Secretariato! — Das nächste Amuse-Bouche möchte ich dem Wort ‹Sekretär› widmen. Was ich aber gleich hier loswerden will, ist, dass das italienische Wort für ‹Geheimnis› ‹segreto› ist und nicht ‹secreto›, denn ‹secreto› bedeutet ‹Ausscheidung, Absonderung, Sekret›.
Nummer 59:
Wenn man sich (wie ich) hartnäckig weigert, sich so alt zu fühlen, wie man ist, braucht man nur das Bild zu dieser Nummer anzuschauen: Wer sich (wie ich) an diese Milchverpackung erinnern kann, gehört ziemlich sicher zu den älteren Semestern.
Die Absicht, die 1950 den Schweden Ruben Rausing dazu führte, die Verpackung zu erfinden, die in kurzer Zeit in der ganzen Welt sehr beliebt wurde, war: Material- und Herstellungskosten zu senken. Die kleinste Oberfläche im Verhältnis zum Volumen hätte, wie wir noch aus dem Geometrie-Unterricht wissen, eigentlich die Kugel. Die wäre vom Kriterium der Materialeinsparung aus betrachtet nicht zu schlagen. Aber es wäre nichts Einfaches, eine Kugel aus beschichtetem Karton herzustellen. Das würde die Kosten maßlos in die Höhe treiben. Zudem wäre eine Milchkugel oder ein Milchball sowohl auf dem Frühstückstisch als auch im Kühlschrank nicht sehr praktisch. Rausing suchte die Lösung in den platonischen Körpern. Noch eine kleine Erinnerung an den Geometrie-Unterricht: Die platonischen Körper sind die regelmäßigen Körper, deren Begrenzungsflächen regelmäßige Vielecke sind: Der einfachste Körper besteht aus vier gleichseitigen Dreiecken, der nächst komplexere aus sechs Quadraten (das wäre der Würfel), dann folgt der Körper, der aus zwölf Fünfecken besteht, und da ist vorläufig Schluss, denn mit Sechsecken erhält man kein räumliches Gebilde, sondern eine Fläche; die Bienenwabe. (Um überflüssigen Kommentaren vorzubeugen: Ja, ich weiß, dass es auch Ikositetraeder gibt und dass die Angelegenheit hiermit nicht erschöpfend abgehandelt ist, aber es geht hier in erster Linie um Sprache und Verpackung und nicht um Stereometrie.)
Diese platonischen Körper nennt man Polyeder, aus dem Griechischen πολύεδρος (polýedros) = mit mehreren Begrenzungsflächen (εδρος ist eigentlich der ‹Sattel›, die ‹Sitzfläche›). — Also nennt man sie der Reihe nach: Tetraeder (τετρα = vier), Hexaeder (ἕξ = sechs), Dodekaeder (δώδεκα = zwölf).
Zurück zur Milchpackung: Weil Ruben Rausing ein kluger Mann war, entschied er sich für die Form des Tetraeders: Sehr einfache Abwicklung, folglich kaum Abfälle beim Zuschneiden der Schichtpappe, nur drei Kanten, die geleimt werden mussten! Und weil kluge Leute wie Ruben Rausing in der Regel auch ein Flair für Sprache haben, schöpfte er für seinen Milch-Tetraeder den einprägsamen Namen TetraPak® (‹Pak› und nicht ‹Pack›, weil es Schwedisch ist und nicht Deutsch).
Zugegebenermaßen ist das Stapeln, Lagern und Transportieren von Tetraedern weniger bequem als von Quadern. So ging man dazu über, für Milch, Fruchtsäfte, Soßen und andere flüssige Lebensmittel die quaderförmigen Verpackungen zu bevorzugen. Woran es liegt, dass man diese nun, statt sie konsequenterweise als HexaPak oder KuboidPak zu bezeichnen, weiterhin TetraPak® nennt, weiß ich nicht: vielleicht daran, dass es nicht wirklich viele interessiert, was die Wörter eigentlich bedeuten, oder ganz einfach daran, dass man gern an gewohnten Begriffen festhält, auch wenn sie nicht mehr stimmen, so wie man weiterhin Bleistift sagt, auch wenn dieser seit Jahrhunderten kein Blei mehr enthält.
Nummer 60:
Im 16. Jahrhundert brachten spanische Seefahrer die Kartoffel aus Südamerika nach Europa, wo sie zunächst kaum auf Interesse stieß und unverändert in Quechua (Sprache der Inkas) ‹papa› genannt wurde. Das Wort ‹papa› wird auf Spanisch, neben Synonymen, auch heute noch verwendet, hatte aber auf andere Sprachen keinen Einfluss. Erfolgreicher war das aus der indigenen Sprache Haitis stammende Wort ‹batate›, das ursprünglich eine andere Knolle, nämlich die Süßkartoffel bezeichnete. Daraus entstanden: Spanisch und Italienisch ‹patata›, Englisch ‹potato›, Französisch ‹patate›, Schwedisch ‹potatis›.
Die Geschichte der Verbreitung der Kartoffel in Europa ist erstens sehr komplex, zweitens nicht annähernd natlos dokumentiert. In gewissen Gebieten erkannte man in ihr sofort den idealen Kohlenhydrat-Spender, baute sie an und beugte erfolgreich Hungersnöten vor. In anderen gab es (nicht ganz unbegründete) Ängste und entsprechende Weigerung, die Pflanze einzuführen und zu nutzen. In einigen Regionen gab man, nachdem es zu Solanin*-Vergiftungen gekommen war, den Anbau vorübergehend wieder auf.
Nicht überall übernahm man mit der Pflanze auch deren ursprüngliche Bezeichnung. Äußerst fruchtbar erwies sich im Generieren neuer Namen das lateinische Wort ‹tuber› (Knolle). Aus ‹terrae tuber› (Knolle der Erde) wurde vulgärlatein ‹terratuver› und später ‹tertuv›, italienisch ‹tartufo›, was jedoch nicht die Kartoffel, sondern den Trüffel bezeichnete. Das deutsche Wort ‹Trüffel› ist aus dem italienischen ‹tartufo› und das Wort ‹Kartoffel› aus dessen Diminutiv ‹tartufolo› entstanden, was nicht allzu sehr erstaunen sollte, weil im 17. und 18. Jahrhundert die Trüffel größer und die Kartoffeln kleiner waren.
Wie wurde aus der Kartoffel der Erdapfel? — Dazu muss man sich mehrere Aspekte vor Augen halten: 1. die phonetischen Ähnlichkeit von ‹-toffel› und ‹-apfel›, 2. die Tatsache, dass die Knolle in der Erde wächst, 3. etwas, was man zwar weiß, aber immer wieder vergisst: der ‹Apfel› meint lange Zeit nicht einen Apfel, sondern irgendeine Frucht, und oft nicht einmal eine Frucht, sondern etwas annähernd Kugelförmiges. So ist weder mit dem Reichsapfel, noch mit dem Zankapfel, noch mit Evas und Adams verhängnisvollem Apfel ein Apfel gemeint.
Die Vermutung, der Erdapfel sei eine Übernahme à la lettre von ‹pomme de terre› ist aus dem einfachen Grund anzuzweifeln, weil die Belege für das deutsche Wort älter sind. Ich neige zur Ansicht, dass die Wortschöpfung dermaßen auf der Hand liegt, dass man sehr wohl unabhängig voneinander darauf kommen kann.
Schließlich wird manchmal die Frage aufgeworfen, warum in alemannischen und hochalemannischen Dialekten dem Erdapfel zuweilen ein H vorangestellt wird: warum ‹Herdapfel›? — Nun, verschwindende und plötzlich auftretende H sind in der Linguistik sehr oft nicht leicht zu erklären. Dass wir noch ‹sehen› schreiben, obwohl das H weder ausgesprochen wird noch Dehnfunktion hat, liegt an der mittelhochdeutschen Herkunft: da wurde das H noch als ‹ch› ausgesprochen. Im Spanischen steht ein H oft für ein verschwundenes verstummtes F: fabulare → hablar (sprechen), ferrum → hierro (Eisen), formicula → hormiga (Ameise), facere → hacer (tun, machen) etc. — Mit dem Herd hat das H in ‹Härdöpfu› wohl kaum etwas zu tun.
* Solanin ist ein giftiges Steroid, das vor allem in Nachtschattengewächsen wie Kartoffeln und Tomaten enthalten ist.