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Einführung des obligatorischen EFZ für die Techniker
Ende Schuljahr 1943-1944 gibt Léon Barbey die Leitung der Schule ab. Die folgenden drei Jahre ist er als Seelsorger in Orsonnens (Freiburg) tätig, bevor er in Lyon ein pädagogisches Institut gründet. Der Priester wird von Ernest Michel abgelöst, der das Technikum während rund dreissig Jahren bis zu seiner Pensionierung leiten wird. Unter der Führung des Freiburgers erhält die Schule eine neue Ausrichtung, indem für die Aufnahme in die technische Abteilung ein eidgenössischer Fähigkeitsausweis (EFZ) vorgewiesen werden muss.
«Von nun an wird die Schule für Elektromechanik in eine Schule für Mechanik und in eine Schule für Elektrotechnik unterteilt. Für die Aufnahme an die Schule, und dies ist der entscheidende Punkt der Neuerung, müssen die Kandidaten ein eidgenössisches Fähigkeitszeugnis vorweisen, das den erfolgreichen Abschluss ihrer Lehre belegt. Das Gleiche gilt auch für die Schule für Architektur.»[1]
Es handelt sich um eine weitreichende Änderung für das Technikum. Bisher hatte die Schule auf Quantität gesetzt, indem sie jeden Techniker unabhängig von seinen Fähigkeiten aufnahm. Die Einführung des obligatorischen EFZ bedeutet, dass von nun an die Qualität in den Vordergrund rückt. Es liegt auf der Hand, dass diese Änderung für Gesprächsstoff sorgt. Im Jahresbericht des Schuljahres 1944-1945 begründet der Direktor seinen Entscheid:
«Kurzum: Wir helfen ihnen, sich eine Persönlichkeit aufzubauen, eine Eigenschaft, die sie zusammen mit ihrem jugendlichen Enthusiasmus in die Lage versetzt, den Widrigkeiten des Lebens ohne Furcht zu begegnen und sie zu überwinden. Um dieses Ziel zu erreichen, sind wir gezwungen, eine ziemlich strenge Auswahl zu treffen. Jeder begabte, fleissige und ernsthafte Schüler kann es bei uns schaffen. Wir verlangen von ihm eine intelligente und präzise Arbeit, die einzige Möglichkeit, eine gute Ausbildung zu erlangen. Unsere Anforderungen sind nicht übertrieben für einen Schüler, der seinen Beruf liebt und der dazu berufen ist. Sie erscheinen all jenen hart, die an ihrer Berufung zweifeln.»[2]
Der Entscheid knüpft an den Beschluss von 1928 an, zu Beginn der Ausbildung drei Semester praktischen Unterricht einzuführen. Den Gegnern der Einführung eines obligatorischen EFZ erscheint dies als die bessere Alternative. Sie befürchten insbesondere, dass den Schülern die Lust auf ein Studium vergehen würde. Wenn der Schüler direkt nach der obligatorischen Schulzeit in das Technikum eintritt, ist er noch mit dem schulischen Alltag vertraut. Durch den Einschub einiger Lehrjahre zwischen diesen beiden Schulabschnitten – was zu dieser Zeit bedeutet, dass die jungen Leute in der Industrie arbeiten und keinen Unterricht besuchen könnten die Schüler das Interesse an einem Studium verlieren. In diesen Debatten spiegelt sich die Art und Weise wider, wie sich die Wahrnehmung des Technikers wandelt. Wir werden in einem späteren Kapitel ausführlich darauf zurückkommen.
Das Technikum feiert sein 50-Jahr-Jubiläum!
1896 öffnet das Technikum seine Pforten. In Freiburg kam dies einer richtiggehenden Revolution gleich. Nach und nach entwickelte sich die Berufsbildung. 1946 kann die Schule bereits ihr 50-jähriges Bestehen feiern und organisiert am 6. und 7. Juli eine Jubiläumsfeier. Die zu diesem Anlass herausgegebene Festschrift beginnt mit einigen humorvollen Worten des aktuellen Direktors Ernest Michel:
«Unser geschätztes und altes Technikum wird fünfzig. Geschätzt? Aber sicher, denn wir lieben unsere Schule für alles, was wir ihr verdanken und ihr noch verdanken werden. Eine Schule ist eine Familie mit ihrer Vergangenheit, ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft. Jeder gutherzige Mensch liebt seine Familie. Aber alt? Das ist eine andere Frage… ist man mit 50 Jahren alt? Manch einer unserer heutigen Gäste wird vor diesem ein wenig harschen Wort zurückschrecken und – zu Recht – sagen, dass es nicht die Jahre sind, die das Alter ausmachen, sondern das Nachlassen der Kräfte und die Verknöcherung des Geistes. Die Kraft unserer Schule ist jedoch mit dem Alter gewachsen und ihr Geist ist jünger denn je, denn sie folgt den neuen Ideen und bezieht sie in ihr Leben ein. Nein, unser Technikum ist nicht alt.»[3]
Festprogramm
Anlässlich des 50-Jahr-Jubiläums erinnert die Freiburger Tageszeitung La Liberté ihre Leserinnen und Leser daran, welche Bedeutung die Schule für den Kanton hat und stellt das Festprogramm vor:
«Am morgigen Samstag und am Sonntag feiert unser kantonales Technikum sein 50-jähriges Jubiläum. Ein schönes Alter und eine richtige Erfolgsgeschichte mit nationaler Ausstrahlung!
Morgen Samstag ist der offizielle Tag der Association amicale des anciens élèves du Technicum cantonal de Fribourg [Verein der ehemaligen Studierenden des kantonalen Technikums von Freiburg] mit dem folgenden Programm:
Ab 14 Uhr Bureau de logements et renseignements: Maison Pavoni, Aubert et Cie, Reisebüro, Place de la Gare 38.
15 Uhr, Empfang der Delegierten der Sektionen der FAETSO im Hotel L’Etoile; Versammlung der Alt-Activitas im Restaurant Continental.
16.30 Uhr, gemeinsamer Besuch der Werkstätten des kantonalen Technikums; Fussballmatch kantonales Technikum – Kollegium St. Michael auf dem Fussballplatz Charmettes.
18.30 Uhr gemeinsamer Apéro im Casino Charmettes.
19 Uhr, offizielles Bankett der Ehemaligen des Technikums von Freiburg, Charmettes.
20.30 Uhr, grosser privater Festabend, offeriert von AET.
Programm des Festabends:
20.30 Uhr, offizielle Eröffnung: Orchester Les Charly’s.
21 Uhr, Darbietung der Pinsons unter der Leitung von Abbé Joseph Bovet
22 Uhr, Le rang des vaches, gesungen von Paul Chanex, Tenor.
22.15 Uhr, Darbietung der Damensektion des Eidgenössischen Turnvereins Freiburgia
Am Sonntag, 7. Juli, ist das folgende Programm vorgesehen:
8.45 Uhr, Besammlung der Schüler vor der Kapelle der Universität.
9 Uhr, Zeremonie in der Kapelle der Universität, stille Messe mit Gesang der Schüler der Schule; Segnung der neuen Fahne; Ansprache von Abbé Schneuwly, Seelsorger der Schule.
10 Uhr, offizieller Teil in der Aula der Universität; Fanfare des Kollegiums St. Michael; historischer Abriss von Dr. Michel, Schuldirektor; Gesang; Ansprache M. Brügger, Präsident der Association amicale des Anciens élèves du Technicum; Gesang; Ansprache des Staatsrats Piller, Erziehungsdirektor; Fanfare.
11 Uhr, Besuch der Ausstellung mit Arbeiten der Schüler im Universitätsgebäude.
11.45 Uhr, Formation und Abmarsch des Umzugs.
12.15 Uhr, offizielles Bankett im Hôtel suisse.
15 Uhr, Treffen der Schüler im Restaurant des Merciers; Unterhaltungsteil.»[4]
Ein reichhaltiges Programm, in Anwesenheit des Freiburger Abbé Joseph Bovet, der bekannte Komponist des Lieds „Le Vieux Chalet“.
Bilanz der Aktivitäten
Das 50-Jahr-Jubiläum des Technikums ist auch eine Gelegenheit, eine Bilanz der Schule und ihrer Aktivitäten zu ziehen. In der Festschrift zum 50-jährigen Bestehen blickt Ernest Michel insbesondere auf die Entwicklung der Schülerzahlen zurück, die von den wirtschaftlichen Umwälzungen abhängig sind. In den ersten fünfzig Jahren ihres Bestehens hat die Schule bereits zwei Weltkriege und einen Börsenkrach erlebt. Trotz dieser Ereignisse steigen die Schülerzahlen durchweg.
Nach der Einführung des obligatorischen EFZ sinkt die Zahl der Schüler in der technischen Abteilung vorübergehend. In der Lehrlingsabteilung steigt die Schülerzahl nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs hingegen stark an, insbesondere in der mechanischen Werkstätte:
- 1944: 45 Mechanikerlehrlinge
- 1951: 120 Mechanikerlehrlinge
- 1974: 174 Mechanikerlehrlinge
Die Ecole des arts décoratifs hingegen zieht immer weniger Schüler an. Zwischen 1950 und 1960 sinkt deren Zahl unaufhaltsam, 1951 wird nur noch eine einzige Klasse mit rund fünfzehn Lehrlingen geführt.
In der Festschrift führt der Direktor auch die Statistik der Absolventen auf, die alles andere als herausragend ist:
«Von den 3772 Schülern, die die Schule bisher besucht haben, erlangten deren 1392 ein Diplom oder einen Fähigkeitsausweis: 612 in der technischen Abteilung, 780 in der Lehrlingsabteilung.»[5]
Natürlich stützt sich der Direktor bei der Begründung seines Entscheids, für die Aufnahme in die technische Abteilung über ein EFZ verfügen zu müssen, auf diese Zahlen:
«Die Zahl der Absolventen scheint im Vergleich mit der Gesamtzahl der Schüler gering. Sie ist ein Beleg für die Selektion, die in unserer Schule stattfindet. Wir müssen viele Schüler ausschliessen oder sie verlassen die Schule von sich aus, weil es ihnen an Interesse oder an Fähigkeiten mangelt.»[6]
Fünfzigjähriges Bestehen der Frauenabteilung Jolimont
1952 feiert die Frauenabteilung Jolimont ihr fünfzigjähriges Bestehen. Sie wurde 1902 auf Anregung von Léon Genoud gegründet, der Stickerinnen ausbilden wollte, um Freiburg zu einem Zentrum für christliche Kunst zu machen. Die jungen Frauen befinden sich in der Obhut von Franziskaner-Missionsschwestern.
Sieben Jahre später wird die Abteilung zum ersten Mal reformiert: Sie wird zur Ecole industrielle de jeunes filles. Neben der Stickerei können die Schülerinnen nun auch Kurse zur Herstellung von Wäsche, sakralen Gewändern, Goldschmiedearbeiten, Lederwaren usw. belegen.
Ab 1947 werden in der Abteilung auch Handarbeitslehrerinnen ausgebildet, bevor die Kurse 1972 in die Ecole normale ménagère integriert wurden. Drei Jahre später wird die Abteilung geschlossen und die verschiedenen Ausbildungen anderen Lehranstalten übertragen.
Eröffnung der Werkstatt-Schule für Hochfrequenztechnik
Im Jahr 1956 eröffnet das Technikum eine Werkstatt-Schule für Hochfrequenztechnik. Sie startet mit 8 Lehrlingen, die im Vorfeld eine einjährige Grundausbildung in der mechanischen Werkstatt absolviert haben. François Riedo, ehemaliger stellvertretender Direktor der HTA-FR, hat uns in einem Interview erzählt, dass die Eröffnung dieser Schule nicht zufällig zustande gekommen ist, sondern eine Reaktion auf die technologische Entwicklung war. Darüber hinaus war ihre Gründung zweifelsohne auch dem Direktor Ernest Michel selber zu verdanken, der ein grosser Fan des Radios war.
Abstimmung über neue Investitionskredite
Wie gerade gesehen, steigt die Schülerzahl am Technikum unaufhaltsam. Als Reaktion auf diese Entwicklung stimmt der Grosse Rat am 2. Mai 1956 über neue Kredite für die Ausstattung der Werkstätten und Labors ab:
- Mechanisches Labor: CHF 165’000.-
- Maschinen und Geräte für das mechanische Labor: CHF 130’000.-
- Elektrotechnisches Labor: CHF 42’000.-
- Erneuerung des Maschinenparks in der mechanischen Werkstatt: CHF 70’000.-
- Ausstattung der Werkstätte für Hochfrequenztechnik: CHF 24’000.-
Da die Schülerzahlen weiter steigen, wird der Bau neuer Räumlichkeiten dringend. In den Klassenräumen, Werkstätten und Labors wird der Platz zu Beginn der 1960er-Jahre immer beengter. Doch erst 1968 wird eine Kommission mit der Erarbeitung eines Projekts beauftragt. 1975 ist das neue Gebäude fertiggestellt. Wir werden schon bald darauf zurückkommen!
[1] Notice du cinquantenaire, S. 11
[2] Jahresbericht, 1944-1945, S. 4-5
[3] Notice du cinquantenaire, S. 3
[4] La Liberté, 5. Juli 1946.
[5] Festschrift zum 50-Jahr-Jubiläum, S. 11
[6] Ebd.