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Kinosophie: «Love and Monsters» - Eine Hymne auf das menschliche Leben
Ein junger Mann kämpft sich seinen Weg durch eine Welt, in der überdimensioniert grosse Kaltblüter hinter jeder Ecke lauern. So fantastisch die Geschichte klingt, so weise ist sie.
Dass postapokalyptische Dystopien begeistern, lässt sich angesichts vieler Filmerscheinungen der letzten Jahre kaum bestreiten. Die Tribute von Panem, Die Bestimmung und Maze Runner sind dabei nur einige Beispiele. Obschon viele Dystopien auf wirtschaftlichen oder politischen Ereignissen beruhen, droht in vielen anderen Filmen ein Meteorit auf die Erde zu stürzen, ein Virus breitet sich aus oder Ausserirdische landen auf der Erde. Love and Monsters geht offensichtlich nach dem Gulaschmotto. Viele leckere Zutaten, wie Karotten, Tomaten, Zwiebeln und Knoblauch in einem Topf ergeben ein noch besseres Essen. In Love and Monsters zerstören die Menschen einen auf die Erde zufliegenden Meteoriten mit Raketengewalt. Daraus folgt ein chemischer Fallout, der dazu führt, dass kaltblütige Tiere zu grossen und teils aggressiven Monstern werden. Die überlebenden Menschen verstecken sich seither in Bunkern unter der Erde. Joel Dawson gehört zu den Überlebenden. Seit nunmehr sieben Jahren lebt er mit einem Dutzend anderer Personen in einem Bunker. Seine Freundin Aimee hat ebenfalls überlebt, sitzt ihre Zeit aber in einem anderen Bunker ab, der 140 Kilometer von Joel entfernt liegt. Dass man sich bei diesem Szenario nicht unter der Bettdecke verstecken und wegschauen möchte, verdankt der Film wohl mitunter den Gedanken Platons, Jean-Jacques Rousseaus und Jean-Paul Sartres.
Das Schöne, Wahre und Gute
Menschen sind an Händen, Hals und Füssen tief unten in einer Höhle angekettet.
Einer davon wird von seinen Ketten befreit und gelangt so an die Oberfläche, wo er die wirkliche Welt, symbolisiert durch den Sonnenschein, erkennt. Dieses Szenario entspricht, kurz gesagt, dem weltbekannten Höhlengleichnis Platons. Er will damit zeigen, dass sich Menschen von ihren Vorurteilen lösen und selbstständig Meinungen durch Erkenntnisse bilden sollen. Joel Dawson tut genau das. Obschon er schnell von Ängsten übermannt wird und dadurch regelrecht zur «Salzsäule» erstarrt, nimmt er seinen Mut zusammen und verlässt seine vertrauten Leute im Bunker, um an der Oberfläche den Weg zum Bunker zu gehen, in dem seine Freundin Aimee lebt. Seine daraufhin grosse Fülle an Erfahrungen hilft ihm, zu einer entscheidenden Erkenntnis zu gelangen: Das Leben auf der Oberfläche ist möglich. Als Joel nach sieben Tagen gefährlicher Reise die gesamte Strecke hinter sich gebracht hat, findet er sich in einem anderen Bunker wieder. Doch, ganz wie Platon selbst geschrieben hat: Sobald die Person wieder hinabsteigt, glaubt ihr niemand.
Im Gegenteil, die anderen Gefangenen gehen gar auf die Person los. Dasselbe passiert in Love and Monsters. Anders gesagt: Menschen halten an ihren Überzeugungen fest, die Komfortzone wird nicht verlassen. Joel gelingt es aber, die Unvoreingenommenen vor den Voreingenommenen zu beschützen. Danach macht er sich wieder auf den Weg zurück in seinen eigenen Bunker. Erfreulicherweise reagieren die Leute dort nicht so, wie Platon es niederschrieb. Die Leute gehen nicht auf Joel los und töten ihn, sondern sie freuen sich über seine Ausführungen und wollen mit ihm an die Oberfläche. Daraus folgt das erste Plädoyer des Films: Der Mensch soll nach Erkenntnissen, nach dem Guten und Schönen streben.
Zurück zur Natur
Während Joels Reise auf der Erdoberfläche erlebt er, philosophische gesprochen, nichts anderes als den Naturzustand. Also einen Zustand, in dem es keine Gesellschaft, keine Gesetze, keine Herrscher, keine Zivilisation gibt. Philosophen kamen unüberraschenderweise zu unterschiedlichen Ansichten, wie sich Menschen in einem solchen Naturzustand verhielten. Eine Antwort lieferte Jean-Jacques Rousseau. Grundsätzlich ging er davon aus, dass genügend Ressourcen vorhanden sind. In Love and Monsters nagt Joel nicht das eigene Fleisch von den Knochen.
Von genügend Ressourcen ausgehend, so Rousseau, müssen sich die Menschen im Naturzustand nicht gegenseitig bekämpfen, im Gegenteil, Menschen verspüren Mitleid miteinander. Der Mann und das Mädchen, die Joel kurz nach Beginn seiner Reise aus einem Erdloch retten, ohne eine Gegenleistung zu verlangen, dienen hier als Beweisstück. Das Mitleid Joels geht sogar über den Menschen hinaus. Als der ihm zugelaufene Hund Boy droht, gefressen zu werden, rennt Joel nicht davon, sondern rettet ihm uneigennützig das Leben. Erst die Gesellschaft mache den Menschen böse. Deutlich wird diese Überlegung, als Joel im Bunker seiner Liebsten ankommt. Ein Nahrungsdieb, der sich als grossartiger Seefahrer ausgibt, versucht die kleine Gemeinschaft hinterhältig auszurauben und zu töten.
Im Sinne Rousseaus liegt das wohl daran, dass der Kapitän neidisch auf das ist, was die Gruppe in mühseliger Arbeit erwirtschaftete. Und Neid entsteht erst in der Gesellschaft, sobald man sich mit anderen vergleichen kann. Letzten Endes ruft Joel alle via Funkwellen dazu auf, sich an die Erdoberfläche zu trauen. Auch hier kullerte wohl ein Freudentränchen über Rousseaus Wange. Schliesslich lautete sein Leitspruch und in diesem Kontext das zweite Plädoyer des Films: Zurück zur Natur!
Stürze dich ins Leben
Aber Love and Monsters ruft nicht nur dazu auf, aufgeklärt und naturbezogen zu leben. Love and Monsters ruft schlichtweg dazu auf, zu leben. Damit greift der Film einer der wohl prägendsten Denkrichtungen des 20. Jahrhunderts unter die Arme: dem Existenzialismus. Einer der bekanntesten Existenzialisten war der Philosoph Jean-Paul Sartre. Die wichtigste Annahme seiner Überlegungen war die Existenz des freien Willens. Der Mensch kann und soll selbst Entscheidungen treffen. Kein Gott täte das für ihn. Kein Gott befehle zudem, wie sich der Mensch zu verhalten habe. Jede und jeder ist selbst dafür verantwortlich, sein Leben zu leben. Er unterscheidet dabei die Existenz von der Essenz. Bei allem ausser dem Menschen gehe die Essenz der Existenz voraus. Das heisst, zuerst muss die Idee von etwas vorhanden sein, bevor es sein kann. Ein Haus kann erst dann existieren, wenn jemand davor die Idee des Hauses hatte. Eine Gurke kann erst dann zu einer Gurke heranreifen, wenn das in ihrer DNA so programmiert ist. Diese Dinge verändern ihr Wesen dann auch nicht. Ein Haus ist und bleibt ein Haus. Eine Gurke ist und bleibt eine Gurke. Beim Menschen sieht es anders aus: Zuerst existiert der Mensch, rein biologisch gesehen. Aber, so Sartre, wir können von einem Menschen erst sagen, dass er so und so sei, wenn dieser Mensch gelebt hat. Der Mensch kann sich in seinem Leben selbst dafür entscheiden, was er tun und wer er sein will. Der Mensch schafft sich seine eigene Essenz. In Love and Monsters tut Joel genau das. Die auf das Minimum reduzierte Lebensweise im Bunker entspricht nicht dem Leben, dass sich Joel erhofft hat. Und obschon ihn zu schnell zu viel Angst ergreift und erstarren lässt, entschliesst er sich dazu, sich ins gefährliche Leben an der Oberfläche zu stürzen, seine grosse Liebe zu suchen, sich selbst einen Sinn zu geben. Aber seine Liebste, als er sie endlich in die Arme schliessen kann, will gar nicht mehr seine Liebste sein. Genau diese Rückschläge gehören für Sartre zum Leben dazu. Wer sich ins Leben hineinstürzt, muss damit leben, Rückschläge zu erleiden. Existenzialisten wie Sartre surfen in diesem Fall auf derselben Welle wie der Philosoph Konfuzius: Der Weg ist das Ziel. Denn das endgültige Ziel, bezogen auf das menschliche Dasein, ist der Tod. Joel weiss um diesen Umstand und will genau deshalb nicht im Bunker vor sich hinvegetieren. Er will leben. Im Sinne des Existenzialismus lautet das dritte Plädoyer des Films somit: Stürze dich ins Leben.
Fazit
Ein postapokalyptisches Szenario, wie Love and Monsters zu Beginn aufzeigt, will man sich gar nicht vorstellen. Da bleibt man lieber unter der Bettdecke und verschliesst die Augen. Wie wir gesehen haben, helfen uns Platon, Rousseau und Sartre aber dabei, die Schönheit des Lebens selbst in postapokalyptischen Zeiten zu würdigen. Die Schönheit gewisser Aufnahmen des Film runden diese Würdigung entsprechend ab.