Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03298.jsonl.gz/1958

Ein Mensch, der ein neues Hirn erhält – ist das noch der gleiche? Was macht das Wesen eines Menschen aus? Es sind Fragen, die Mary Shelley in ihrem «Frankenstein» (1818) grausig ausreizt: In ihrem Roman geht es um einen Wissenschaftler, der aus Leichenteilen einen künstlichen Menschen erschafft, der zum Monster wird. Nicht weil er böse ist, sondern weil die Menschen ihn verstossen.
Eine grandiose Neuinterpretation des Stoffes bietet nun «Poor Things». Der Anatomieprofessor Godwin Baxter (Willem Dafoe) holt zur viktorianischen Zeit eine junge Frau (Emma Stone), die sich von der Brücke gestürzt hat, zurück ins Leben, indem er ihr das Hirn ihres eigenen Babys einsetzt.
Bella muss nun alles wieder lernen wie ein kleines Kind, auch das Reden. Und sie kennt keine Regeln, sagt sogleich, wenn sie jemanden nicht mag. Zur Kontrolle stellt God, wie sie ihren Schöpfer nennt, einen Assistenten an, der ihr Verhalten protokolliert.
Bella ist aber (neu)gierig auf die Welt, brennt mit dem dubiosen Anwalt Duncan (Mark Ruffalo) durch, mit dem sie das «wilde Hüpfen» entdeckt, wie sie den Sex nennt. Die beiden reisen herum, und Bella lernt die Schattenseiten der Existenz kennen. Doch wer war sie vor ihrer Babyhirn-Implantation?
«Poor Things» ist ein subversives Emanzipationsdrama, in dem Bella nicht zum Monster wird, sondern zu einem besseren Menschen. Getreu Picassos Motto, dass Kinder die besten Maler sind, entdeckt sie die Welt auf ihre eigene, naive Art neu. Auf Duncans Frage, ob sie ihn liebe, sagt sie etwa, sie finde nichts Derartiges in sich.
Schräg und sprudelnd vor Ideen ist auch die Art, wie der Grieche Yorgos Lanthimos (50) inszeniert. Oft mit Fischlinse gefilmt und die Sets farblich verfremdet, schafft er eine bizarre Steampunk-Szenerie mit teils morbidem Humor.
Lanthimos Filme spielen grotesk mit den Zwängen des Systems. So sperrt in «Dogtooth» ein Vater seine Kinder in einer Villa ein und vermittelt ihnen andere Werte, bis sie abhauen.
Auch «Poor Things» ist ein Ausbruch, aus Konventionen und Geschlechterrollen. Das Drama funktioniert dank einer mutigen Emma Stone, die oscarverdächtig alle Sicherheitsnetze verlässt bis zur totalen Blösse. Wer «Barbie» als feministisch bezeichnet hat, den wird die kecke Bella eines Besseren belehren.
Fantasy
Darsteller: Emma Stone, Willem Dafoe, Mark Ruffalo
USA 2023, ab 18. Januar 2024 im Kino