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Im 20. Jahrhundert wurden die großen Wale durch den kommerziellen Walfang in der südlichen Hemisphäre so stark dezimiert, dass es offenbar zu einem Verlust der genetischen Vielfalt kam.
An den Stränden von Südgeorgien und insbesondere in der Nähe der ehemaligen Walfangstationen liegen noch heute unzählige Walknochen. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur Zeugnisse des erbarmungslosen kommerziellen Walfangs, der 1904 in Grytviken richtig Fahrt aufnahm.
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Marine Mammal Institute der Oregon State University nutzte die Knochen von Blau-, Finn- und Buckelwalen, um die DNA der damals lebenden Wale mit der DNA der heutigen Wale, teilweise Überlebende von damals, zu vergleichen. Ihr Ziel war es, besser zu verstehen, wie sich der kommerzielle Walfang auf die genetische Vielfalt der heutigen Population ausgewirkt haben könnte.
Die Forschenden stellten fest, dass die genetische Vielfalt unter den Walen noch immer hoch ist. Allerdings beschreibt das Team in der Fachzeitschrift Journal of Heredity deutliche Hinweise auf den Verlust mütterlicher DNA-Linien bei Blau- und Buckelwalen. Bei Finnwalen der südlichen Hemisphäre konnte das Team keine Unterschiede in der Vielfalt zwischen DNA-Proben vor und nach dem Walfang feststellen, vermutlich weil es nur sehr wenige Proben aus der Zeit nach dem Ende des Walfangs gibt.
«Eine mütterliche Abstammungslinie ist oft mit den kulturellen Erinnerungen eines Tieres verbunden, wie z. B. Nahrungsgründe und Fortpflanzungsorte, die von einer Generation an die nächste weitergegeben werden», erklärt Angela Sremba, Juniorprofessorin am Marine Mammal Institute der Oregon State University und Hauptautorin der Studie, in einer Pressemitteilung der Universität. «Wenn eine mütterliche Abstammungslinie verloren geht, geht wahrscheinlich auch dieses Wissen verloren.»
Dafür spricht, dass nach dem Ende des kommerziellen Walfangs in den 1960er Jahren nur sehr selten Wale rund um Südgeorgien gesichtet wurden, während sich die Walpopulationen in anderen Gebieten des Südatlantik langsam erholten — ein Hinweis darauf, dass lokale Populationen ausgerottet wurden, wobei das Wissen um die reichen Nahrungsgründe um Südgeorgien ebenfalls verloren gegangen ist. Erst in der jüngeren Vergangenheit suchen Wale wieder häufiger die Gewässer um die subantarktische Insel auf.
«60 Jahre lang waren die Wale nicht mehr in den Nahrungsgründen von Südgeorgien anzutreffen, was darauf hindeutet, dass das kulturelle Gedächtnis verloren gegangen ist», sagt Scott Baker, stellvertretender Direktor des Marine Mammal Institute und Co-Autor der Studie. «Die Zahl der Wale, die heute in diese Region zurückkehren, ist immer noch nicht groß, aber es besteht der Eindruck, dass sie diesen Lebensraum wiederentdecken.»
Das Töten der Walfänger hatte ein unfassbares Ausmaß angenommen: Auf der Südhalbkugel wurden mehr als zwei Millionen Wale getötet, darunter 345’775 antarktische Blauwale (Balaenoptera musculus intermedia), 215’848 Buckelwale (Megaptera novaeangliae) und 726’461 Finnwale (Balaenoptera physalus). Rund um Südgeorgien wurden insgesamt mehr als 175’000 Wale getötet.
Es könnte zu einem weiteren Verlust mütterlicher DNA bei Blau- und Buckelwalen kommen, wenn die Wale sterben, die den Walfang von damals überlebten und jetzt langsam ans Ende ihres Lebens kommen. Sremba betont daher, wie wichtig es ist, die genetischen Informationen der Wale jetzt zu bewahren.
«Es ist bemerkenswert, dass diese Arten überlebt haben. In weiteren 100 Jahren wissen wir nicht, was sich ändern könnte, und wir können keine Veränderungen messen, wenn wir die Vergangenheit nicht gut kennen», sagt Sremba. «Diese Arbeit bietet die Möglichkeit, die Geschichte dieser Walpopulationen zu rekonstruieren und uns dabei zu helfen, zu verstehen, was durch die Walfangaktivitäten wirklich verloren gegangen ist.»
Julia Hager, PolarJournal
Link zur Studie: Angela L Sremba, Anthony R Martin, Peter Wilson et al. Diversity of mitochondrial DNA in 3 species of great whales before and after modern whaling. Journal of Heredity, 2023; DOI: 10.1093/jhered/esad048