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Der berühmte Streit zwischen Emil Brunner und Karl Barth um die Frage der natürlichen Theologie fasst der erstere so zusammen:
Der Gegensatz zwischen Barth und mir besteht hauptsächlich in zwei Punkten: dass ich im Gegensatz zu Barth, aber im Einklang mit der Schrift und den Reformatoren behaupte, dass Gott auch jetzt noch in seinem Schöpfungswerk offenbar sei, und zweitens, dass ich das Menschsein des Menschen nicht als eine Bagatelle, sondern als eine theologisch relevante Tatsache ansehe, die nur vom Gedanken der Gottesebenbildlichkeit aus verstanden werden könne.
Eine Weggabelung ist dabei das Verständnis, wie weit die Sünde den Menschen verdorben hat:
Die Lehre von der Sünde darf nicht so gefasst werden, dass sie das ‘natürliche’ Erkennen, das heisst die Tauglichkeit unserer Vernunft zur Erkenntnis überhaupt ausschliesst. … Mit der natürlichen Gotteserkenntnis steht es so, dass ‘die Sünde den Blick des Menschen derart trübt, dass er an die Stelle Gottes Götter ‘erkennt’ oder phantasiert, dass er Gottes Schöpfungsoffenbarung in Götzenbilder umlügt’ (‘Natur und Gnade’, S. 14).
Ebenso ist unbestreitbar, dass die Schrift die Beachtung dieser Schöpfungsoffenbarung fordert und ihre Nichtbeachtung als die grosse Sünde der Heiden verurteilt, ebenso, dass sie in dieser von Gott gegebenen Möglichkeit, ihn zu erkennen, die Verantwortlichkeit aller Menschen, also die Schuldhaftigkeit des Götzentums begründet.
Dem natürlichen Menschen ist das äusserliche Halten des Gesetzes möglich (ihn aber niemals vor Gott rechtfertigt):
Sofern das äusserliche Halten ein Erfüllen des göttlichen Gesetzes ist … ist dem natürlichen Menschen ein Erfüllen des Gotteswillens möglich – freilich ein solches, das innerhalb des Bereiches der Sünde sich vollzieht, also trotz allem unter Gottes Zorn steht und den Menschen nicht vor Gott rechtfertigt.
Brunner sieht das Verhältnis zwischen der menschlichen Vernunft und der göttlichen Offenbarung als ein instrumentales:
Menschliche Vernunft und göttliche Offenbarung stehen nicht bloss in einem negativen, sondern auch in einem positiven Verhältnis zueinander. Das positive lässt sich auch mit dem Wort ‘instrumental’ bezeichnen.
Die Bibel versteht den Menschen nie, am allerwenigsten im Glaubensvorgang, … als ein Objekt, das behandelt wird so, wie ein Brett vom Schreiner gehobelt wird, sondern sie betrachtet ihn immer als verantwortliches Subjekt. Dieses verantwortliche Subjekt wird nicht erst in der Predigt geschaffen, sondern von der Predigt vorausgesetzt. … Die Bibel … stellt den Menschen immer als verantwortliches Subjekt dem Wort Gottes gegenüber und versteht die Wirksamkeit des Wortes immer als einen Vorgang sui generis, der sich vollzieht als Reden und Hören, Inanspruchnahme und Gehorsam. Sie stellt darum auch beide Aussagen nebeneinander: dass Gott alles allein tut und dass der Mensch glauben, die Botschaft annehmen, dass er zur Mahlzeit, die Gott gerüstet hat, ‘kommen’, dass er das hochzeitliche Kleid ‘anziehen’, dass er alles ‘verkaufen’ und die eine Perle ‘kaufen’ soll.
Emil Brunner. Zum Problem der ‘natürlichen Theologie’ und der ‘Anknüpfung’. In: Emil Brunner. Der Mensch im Widerspruch. Zwingli-Verlag: Zürich/Stuttgart 1965 (Nachdruck von 1937). S. 509-520.