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Die Laufbahn des Schriftstellers und Journalisten Hugo Loetscher verdeutlicht die literarische Dimension der Schweizer Kulturpolitik im Ausland und die für diesen Bereich typischen Fördermechanismen. Der 1929 in Zürich geborene Autor erhält 1963 zum ersten Mal einen Werkauftrag von Pro Helvetia, der es ihm erlaubt, seinen ersten Roman fertigzustellen. 1967 taucht Loetschers Name erstmals auf der Liste der Auslandaktivitäten der Kulturstiftung auf. In diesem Jahr hält er in Bogotá während einer seiner zahlreichen Lateinamerikareisen einen Vortrag über die Schweizer Gegenwartsliteratur. Ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre ist Loetscher aus den Auslandprogrammen von Pro Helvetia im literarischen Bereich nicht mehr wegzudenken. Die Tätigkeitsberichte erwähnen nun fast jedes Jahr Lesetourneen und Vorträge des Zürcher Schriftstellers.
Zu Loetschers Aktivitäten als Schweizer „Kulturbotschafter“ gehört auch seine Teilnahme an zwei von Pro Helvetia finanzierten kulturellen Austauschprogrammen in den USA, an denen die neuen Prioritäten der Kulturstiftung in den 1970er und 1980er Jahren deutlich werden. Im Einklang mit den Schlussfolgerungen des 1975 veröffentlichten Clottu-Berichts über die Schweizer Kulturpolitik setzt Pro Helvetia vermehrt auf Projekte, die direkt den Kulturschaffenden zugutekommen. 1978 ruft sie zusammen mit der University of Southern California in Los Angeles das Swiss writer-in-residence-Programm ins Leben, das es Schweizer Autorinnen und Autoren ermöglicht, in Kalifornien zu unterrichten und gleichzeitig ihrer eigenen literarischen Tätigkeit nachzugehen. Zwischen 1978 und 1990 nehmen neben Loetscher Friedrich Dürrenmatt, Walter Vogt, Eugen Gomringer, Adolf Muschg, Hanna Johansen, Christoph Geiser, Urs Widmer, Daniel Odier, Herbert Meier, Yvonne Meier-Haas, Nicolas Bouvier und Etienne Barilier an diesem Programm teil.
Loetschers Aufenthalt in Los Angeles spiegelt sich in seiner 1982 veröffentlichten melancholischen Satire Der Herbst in der Grossen Orange. Anfangs der 1980er Jahre beginnt Pro Helvetia ebenfalls eine Zusammenarbeit mit der City University in New York und schafft dort einen Lehrstuhl, der Schweizer Kulturschaffenden zur Verfügung steht. Dieser Swiss Chair wird 1981 von Loetscher mit der Vorlesung How many languages does man need? eröffnet.
Die Beteiligung Loetschers an den Programmen der Schweizer Kulturpolitik im Ausland trägt zur Verbreitung eines Bildes der Schweiz bei, das nicht von den traditionellen Klischees bestimmt wird. Wie andere Autoren seiner Zeit setzt sich Loetscher in seinem literarischen Werk mit der Identität seines Herkunftslandes auseinander und zeigt die Fragwürdigkeit der nationalen Mythen auf. Sein Werk steht im Sinne der vom karibischen Schriftsteller Edouard Glissant 1996 geforderten poétique du divers für eine postmoderne, multipolare Welt und für die Ablehnung eines statischen Kulturbegriffs. Gemäss Loetscher kann die Nation für sich keine Authentizität beanspruchen; sie erscheint lediglich als lokale Ausprägung von Phänomenen, die auch an zahlreichen anderen Orten auftreten. Die Idee eines helvetischen Sonderfalls, der sich gegenläufig zu seiner Umgebung entwickelt, verliert ihre Gültigkeit.
Loetschers literarischer Werdegang veranschaulicht nicht nur die individuelle Dimension der Kulturpolitik im Ausland, sondern zeugt auch von der Bereicherung und der Weiterentwicklung der eigenen Identität im Kontakt mit Anderen. In den Büchern des Zürcher Schriftstellers führt die Begegnung mit dem Fremden zu einer Wiederentdeckung und einer Hinterfragung des Eigenen. Der Kulturaustausch relativiert die Vorurteile und Mythen, die die Grundlage der nationalen Mythen darstellen, und verwandelt auch die Schweiz in ein Land, das entdeckt werden kann. Das Kapitel Die Entdeckung der Schweiz im Roman Der Immune, von Pro Helvetia ins Französische und Spanische übersetzt, lässt eine solche Umkehr der Rollen erkennen. (tk)
Archivbestände
SLA, Nachlass Hugo Loetscher
BAR E2200.52 1996/16, Bd. 42, und 1998/333, Bd. 63
Literaturhinweise
Dewulf, Jeroen (Hrsg.): In alle Richtungen gehen. Reden und Aufsätze über Hugo Loetscher, Zürich, Diogenes 2005