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Ein Hund mit schlechtem Gewissen?
"Chimpanzee Politics" (Deutsch: "Wilde Diplomaten"), "The Age of Empathy" ("das Prinzip Empathie") und "The Bonobo and the Atheist" ("Der Mensch, der Bonobo und die Zehn Gebote"): Primatologe Frans DeWaal ist bekannt für seine Bücher über Moral und Empathie bei Tieren, insbesondere bei Menschenaffen und ganz speziell bei Bonobo-Schimpansen. In diesem Artikel, den er in der New York Times veröffentlicht hat, schreibt er über zwei Emotionen, die bisher für eine menschliche Exklusivität gehalten wurden: Schuldgefühle und Ekel. Er spricht sich dafür aus, dass auch Tiere diese Emotionen empfinden und begründet dies mit verschiedenen Verhaltensstudien, u.a. einer von Alexandra Horowitz mit Hunden. Darin zeigen Hunde ein typisches Verhalten, wenn sie von ihrem Halter ausgeschimpft werden, nämlich das des "schulbewussten Hundes": Blick gesenkt, Ohren zurückgelegt, schnelles Wedeln mit dem eingeklemmten Schwanz zwischen den Hinterbeinen. Wer den Artikel von Horowitz jedoch genau liest, findet heraus, dass dieses Hundeverhalten eine Reaktion auf die Schelte des Hundehalters ist und nicht davon abhängt, ob der Hund vorher etwas getan hat, was er nicht hätte tun sollen (beispielsweise ein Futterstück zu fressen, was ihm der Halter verboten hatte). Das spricht eher gegen das Vorhandensein von Schuldgefühlen beim Hund und eher für ein beschwichtigendes Verhalten, wenn ein Hund getadelt und ausgeschimpft wird. De Waal zitiert dann noch eine Anekdote von Konrad Lorenz, der einmal einen Hundestreit schlichten wollte (schlechte Idee) und dabei von seinem eigenen Hund Bully gebissen wurde. Bully sei anschliessend am Boden zerstört gewesen, habe nichts mehr gefressen und sei apathisch geworden - was DeWaal für ein Zeichen hält, dass Hund Bully Schuldgefühle empfunden habe, da er seinen "Leitwolf" Lorenz verletzt habe - ein absolutes Tabu in einem Wolfsrudel. Es handelt sich aber nur um eine Anekdote, aus der sich normalerweise kaum etwas Allgemeines für Tierverhalten ableiten lässt. Ausserdem habe Lorenz den Hund nach dem Vorfall sofort getröstet - und dies nun wirklich ein typisch menschliches bzw. äffisches Verhalten, das den Hund wahrscheinlich noch mehr verwirrt hat. Also: Vorsicht mit der Interpretation von Anekdoten, insbesondere, wenn es um Zuschreibung von Emotionen oder kognitiven Leistungen bei Tieren geht. Nur zu schnell projizieren wir Menschen in so einem Einzelfall unsere Emotionen auf ein Tier und ziehen falsche Schlüsse bzw. übersehen die sparsamste Erklärung, die auch ohne Emotionen oder höhere kognitive Leistungen auskäme. Wissenschaft beruht nicht auf Einzelbeobachtungen, sondern vielen Beobachtungen von Verhalten in ähnlichen Situationen.
Trotzdem: der Artikel ist lesenswert und wichtig, denn dass Tiere Emotionen haben, bestreiten heute wohl nur noch behaviouristische Hardliner, aber es ist trotzdem nötig, dass immer wieder darauf hingewiesen wird.
Artikel in der New York Times
Originalartikel der Horowitz-Arbeitsgruppe: Zusammenfassung kostenlos, Artikel kostenpflichtig