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1.1 Einleitung
Wenn Sie sich für das Wesen der Hunde und deren artgerechte Entwicklung, Erziehung und Ausbildung interessieren, eine vertrauensvolle Beziehung und Bindung mit Ihrem Hund aufbauen wollen, oder einen Hund haben, der unerwünschtes Verhalten zeigt, dann sind Sie hier genau richtig.
Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verzichte ich auf die Verwendung von Gendersprache. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten ausdrücklich gleichermassen für alle Geschlechter.
Im Nachhinein ist mir klargeworden, dass meine Reise mit den Hunden eigentlich begann als ich von meiner Mutter erfuhr, dass ich im Alter von 2 Jahren von einem Deutschen Schäferhund ins Gesicht gebissen wurde als der Hundehalter mit mir spielte. Der Hund gehörte einem Freund der Familie und wurde kurz darauf eingeschläfert.
Auch erfuhr ich, dass wir vor meiner Geburt und während ein paar Jahre einen Afghanischen Windhund, «Simson», hatten. Als ich auf die Welt kam sah Simson mich als Rivale, da er nicht mit der reduzierten Aufmerksamkeit meiner Eltern klar kam. Als ich etwas älter wurde und herumkrabbeln konnte, wurde ich sein bester Freund und er hat mich vor Allen und Allem beschützt. Zunehmend fing Simson aber an, nicht nur meine Grossmutter zu bedrohen – was mein Vater allerdings nicht allzu schlimm fand – sondern auch andere Menschen und Artgenossen grob zu brüskieren. Simson’s Verhalten eskalierte und er wurde zu einer ernsthaften Bedrohung. Auch Simson wurde eingeschläfert.
Aufgewachsen bin ich in Nordschweden, wo die Wölfe nicht weit entfernt lebten. Sie haben mich als Wesen fasziniert, vor allem ihre ruhige Art und ihr ausgesprochenes Sozialverhalten. Bereits mit 15 Jahren konnte ich im Rahmen eines Schulpraktikums an der lokalen Universität bei einer Wolfbeobachtung als Fotograf teilnehmen, was wirklich eindrücklich war. Seither bin ich völlig davon überzeugt, dass Wölfe die Vorfahren von Hunden sind, auch wenn dies damals z.T. bezweifelt wurde.
Deshalb dachte ich auch, wenn ich verstehe, wie Wölfe ticken, finde ich auch die Antwort darauf, warum ich damals von dem Schäferhund gebissen wurde, warum Simson zu einer Bedrohung wurde und warum beide sterben mussten. Ebenfalls verpasste ich auch keine Gelegenheit, Zeit mit Freunden zu verbringen, die Hunde hatten.
In den vergangenen 50 Jahren habe ich mich stark engagiert um, parallel zu meiner beruflichen Laufbahn, das Wesen und Verhalten von Wölfen und Hunden besser zu verstehen. Je mehr ich mich mit dem Thema befasste, merkte ich wie unterschiedlich die Meinungen zum Verhalten und Wesen von Wolf und Hund waren. Deshalb war es mir wichtig offen zu bleiben, die Zusammenhänge und Widersprüche zu erkennen, nichts für selbstverständlich anzunehmen, sondern die unterschiedlichen Meinungen lediglich als Möglichkeiten anzuschauen.
Hundetraining, Ausbildungen, Vorträge, Seminare, Filmstudien, Beobachtungen, ca. 40’000 Seiten Forschungsliteratur, wissenschaftliche Publikationen, Fachbücher, Artikel usw. gehörten zu meinem Alltag. Ich hatte mehrere Hunde verschiedener Wesen und Energieniveaus – Leonberger, Deutsche Dogge und seit 25 Jahren Deutsche Schäferhunde. Alle waren sehr gut erzogen und ausgebildet, die Arbeit mit meinen Schäferhunden ging weit über das traditionelle Hundetraining hinaus. Sie wurden zu Hunden, die in der Lage waren, mit den meisten Situationen und Aufgaben klar zu kommen.
1.2 Eine Beziehung auf einer anderen Ebene als «Mein Hund gehorcht»
Mehr und mehr merkte ich aber, dass ich nach einer stärkeren Beziehung, auf einer anderen Ebene, zu meinem Hund suchte. Obwohl es mit den ersten drei Hunden sehr gut ging und wir zusammen viel Spass hatten, fehlte mir in der Beziehung zu ihnen irgendetwas – es musste doch mehr Tiefe geben als «Spass und Gehorsam».
Im Laufe der Jahre genoss ich zum Teil sehr gute Ausbildungen und konnte viel lernen. In den frühen 90er Jahren verbrachte ich viel Zeit mit zwei hochqualifizierten Hundetrainern in Sydney, die Luftwaffe-, Militär-, Grenz- und Polizeihunde international ausgebildet hatten. Es war eindrücklich zu sehen, wie sie mit den Hunden arbeiteten und vor allem, wie gerne die Hunde kooperierten.
Ein Kommentar der Hundetrainer blieb mir im Kopf: «Nur weil du einen Schäferhund hast, denke nicht für einen Moment, dass er dich automatisch beschützen wird – er will von dir beschützt werden».
Wir simulierten authentische Situationen – es war tatsächlich so. Die Aussage und das Erlebte bestätigte mir, dass es so viel mehr zu der Beziehung mit Hunden gibt und war wahrscheinlich der Ausgangspunkt für den nächsten Schritt auf meiner Reise in der Welt der Caniden.
Wie bei so vielen anderen Dingen im Leben erkannte ich, dass je mehr ich lernte, desto mehr wurde mir klar, was ich nicht wusste. Es war an der Zeit, wirklich in die Tiefe zu gehen und noch viel mehr über Wölfe und Hunde zu lernen. Mir war klar, dass ich bis zu diesem Zeitpunkt erst an der Oberfläche gekratzt hatte.
1.3 Eine echte Freund- und Partnerschaft, die auf gegenseitigem Respekt, Vertrauen, Verständnis und Liebe basiert
Obwohl ich Hunde zu «guten Mitbürgern» ausbilden konnte, war ich immer noch auf der Suche nach dieser fehlenden Dimension zwischen meinem Hund und mir. Diese hatte aber nichts damit zu tun, mit meinem Hund mehr, oder weniger, zu unternehmen, der Liebe zum Hund und sowieso nichts mit Erziehung oder Gehorsam zu tun.
Es ging darum, über die Ausbildung von bestimmten Aufgaben und Verhalten hinauszugehen. Ich wollte nicht mehr, dass wir «ein Mann und ein Hund» sind, sondern ein Team, eine Einheit, eine echte Freund- und Partnerschaft.
Meine Kenntnisse und Fähigkeiten nahmen im Laufe der Jahre weiter zu, aber ich war immer noch auf der Suche – und ich wusste, dass ich auf dem richtigen Weg war. Ich nahm an Ausbildungen Teil, besuchte eine Anzahl von unabhängigen Trainern, trainierte mit einigen und beobachtete andere von aussen, hatte Diskussionen mit anderen Hundetrainern, von verschiedenen Kalibern, in verschiedenen Ländern.
Es gibt sehr gute Trainer, die über ein sehr gutes Hundewissen, Fähigkeiten und Erfahrung verfügen. Sie sind fantastische Hundeführer, die alle Impulse von den Hunden aufnehmen und wissen, wie diese zu deuten und wie darauf zu agieren. Sie können die Hundehalter durch tiefgreifende Lernprozesse begleiten und unterstützen sie bei der Verhaltensveränderung. Hier kann man beobachten, wie die Hunde sich unmittelbar verändern.
Die besten Trainer bekommen aber manchmal den Vorwurf, sie seien mit den Hundehaltern zu fordernd oder streng. Zum Glück – sie arbeiten im Interesse des Hundes, was veränderungsresistenten Hundehaltern manchmal weh tun kann.
Professionelle Hunde- und Hundehalter Ausbildung ist kein «lockerer Spaziergang im Park», weder für den Trainer noch für den Hundehalter, sondern harte und anspruchsvolle Arbeit, aber gleichzeitig belohnend. Vor allem wenn man sieht wie eine vertiefte Beziehung zwischen Hund und Halter entsteht und beide glücklich und zufrieden werden.
Wenn der Hundetrainer in der Lage ist 80% zu geben und der Hundehalter davon 80% aufnimmt und 80% des Letztgenannten mit seinem Hund umsetzt, bekommt der leidende Hund nur 51% (80% x 80% x 80%), d.h. nur die Hälfte davon, was er eigentlich benötigt hätte. Das reicht bei sensiblen Hunden mit Verhaltensauffälligkeiten nicht aus. Dies erklärt wahrscheinlich, warum eine Höchstleistung von Trainer und Hundehalter erforderlich ist.
Mit Ausnahme der genannten professionellen Hundetrainer stelle ich in den letzten 15 Jahren zunehmend fest, dass die meisten Trainer sich auf die «Aufgabenausbildung», Fuss!-Sitz!-Platz! etc., der Hunde und ihrer Halter konzentrieren, und zwar bevor eine gute und belastbare Beziehung und Bindung zwischen Hund und Halter vorhanden und bevor der Hund richtig sozialisiert ist.
DIE ERSTE WICHTIGE FRAGESTELLUNG
Ist diese Reihenfolge wirklich die Richtige?
Kann und will der Hund mit dem Halter kooperieren bevor er sich beim Halter aufgehoben und sicher fühlt? Klar, man kann immer behaupten, dass die Ausbildung zu einer stärkeren Beziehung führt.
Aber bei welcher Art von Hundetraining ganz genau?
Was ich auch feststelle ist, dass die heutige Hundeausbildung für die Hundehalter sehr «Was?»-orientiert ist, z.B.:
- «… wenn der Hund das macht, machst du das …»
- «… jetzt machen wir XX und dann muss man sofort YY …»
Das Sinn gebende «Warum?» bleibt oft unbeantwortet, da die Qualität der Antwort sehr stark vom Wissen, Können und Erfahrung der Hundetrainer abhängig ist. Das «Wie?» als logische Schlussfolgerung des «Warum?» fehlt deshalb leider auch allzu oft.
Deshalb möchte ich hier gerne auf das «Warum?» und «Wie?» eingehen, damit der Leser seine eigene Meinung und Handeln schrittweise validieren und vielleicht anpassen möchte.
Was im Hunde- und Haltertraining oft verloren geht, ist das differenzierte Denken und Handeln. Was für den einen Hund passt, ist für den anderen Hund gar nicht das Richtige. So ist es auch mit den Hundehaltern, alle bringen unterschiedliche physischen, psychischen und emotionalen Voraussetzungen mit.
1.4 Unterschiedliche Trainingsphilosophien
So sind wir bereits beim Kern des heutigen Hundetrainings. Über die Jahre sah ich das ganze Spektrum von Trainingsphilosophien. Von den «modernen» Trainern, die ausschliesslich mit Futter und Spielzeuge arbeiten, zur altmodischen strengen «Drill», wo der Charakter und Lebensfreude des Hundes z.T. gebrochen wurde, bis zu Reanimierung von einem Hund, der für schlechtes Verhalten gewaltsam «korrigiert» wurde. Keine von diesen Philosophien jedoch mit einer besseren Bindung zwischen Hund und Halter als Ergebnis.
Die «modernen» Trainer, die ausschliesslich mit Futter, Spielzeuge, künstlicher und animierender Stimme arbeiteten, waren oft erfolgreich mit ruhigen, submissiven Hunden, die kein wirklich problematisches Verhalten zeigten. Das Training war aber für die Hundehalter eine erfreuliche Abwechslung im hektischen Alltag, weil sie schnelle, aber nicht immer nachhaltige und belastbare, Resultate sahen.
Dafür waren sowohl Hundetrainer und Hundehalter völlig überfordert, sobald der Hund unerwünschtes Verhalten zeigte. Der Hund mutierte zu einem sogenannten «Problemhund» und wurde als Störfaktor angeschaut.
1.5 70% der Hunde zeigen problematisches Verhalten auf dem Spaziergang
Wenn ca. 70% der Hunde auf dem Spaziergang Aggression in einer Vorstufe, im Frühstadium oder voll ausgelebt zeigen, fragt man sich warum das so ist. Was ist hier schief gelaufen?
Das Gesetz in der Schweiz schrieb bis Ende 2016 zwar eine obligatorische Hundehalterausbildung vor, was zur Folge hatte, dass die Anzahl Hundetrainer aus dem Boden schoss, um den Bedarf zu decken. Allerdings stellte man später fest, dass die obligatorische Ausbildung relativ wenig Wirkung zeigte – die Anzahl Hundebisse nahmen nicht ab, sondern zu.
Das erstaunt mich nicht sehr – ich behaupte sogar, dass die Hundeausbildung für die 30% der Hunde konzipiert wurde, die auf dem Spaziergang sowieso kein problematisches Verhalten zeigen. Sie weichen Konfrontationen aus, ignorieren sie, spielen gerne mit den Artgenossen, zeigen ein ausgeglichenes Sozialverhalten und tragen zur Harmonie bei. Es ist auch keine grosse Herausforderung die erwähnten 30% der Hunde auszubilden, sie sind meistens verspielte, freundliche, unterwürfige Hunde und nehmen normalerweise Ausbildung mit Futter sehr gut an.
Die meisten Hundehalter, die zu mir kommen, waren aber mit ihrem Hund in der obligatorischen Welpenförderung, Junghundekurs, Erziehungskurs, Plauschgruppen etc. Schleichend entwickelte sich eine Aggression und wurde zu einem Problem. Die Frühphase der Aggression, welche bereits im jungen Alter vorhanden war, wurde vom Hundetrainer und Halter übersehen und somit auch die Gelegenheit verpasst, Hund und Halter rechtzeitig über Lernprozesse auf den richtigen Weg zu bringen. Die Vorwände «Der will nur spielen …» oder «Sie macht nichts …» waren nicht mehr glaubwürdig.
Oft wird die Tatsache unterschätzt, dass Hunde domestizierte Raubtiere sind, mit einer komplexen Psychologie und ausgeprägtem Sozialverhalten und nicht nur «herzige Tiere, die nur Sitz – Platz – Komm lernen müssen» sind. Man muss nur Hunde im Triebverhalten beobachten, wie sie einen fremden Artgenossen angreifen, um sich davon zu überzeugen.
Hier ist ein Beispiel eines 2 cm tiefen Hundebisses von einem Spaniel-Mischling, wo alles zum Thema Aggression völlig falsch lief. Einerseits von der Organisation, die den Hund in die Schweiz importierte, wie auch von deren Tierarzt, der die Ernsthaftigkeit der Aggression nicht erkannte, dafür «viel Liebe und Zeit» empfahl. Schliesslich aber auch vom Hundetrainer, der leider nicht erkannte, dass es sich hier um einen sehr aggressiven und unberechenbaren Hund handelte. Der Hund packte nahezu ohne Vorwarnung zu, wenn es ihm nicht passte. Der Hundetrainer hatte als Therapie empfohlen, «Futter auf den Boden zu werfen, da das Futter ihn ablenkt und seine Aufmerksamkeit bekommt». Es war auch so, wie der Hundetrainer den Hund begrüsste, als der Hund knurrend und im Drohverhalten in die Privatstunde kam.
Der Hund wuchs in einer «herausfordernden» Umgebung im Ausland auf und hatte gelernt, dass Aggression der einzige Weg war, Futter zu bekommen und zu überleben. Auch die neuen Besitzer hatte er mehrmals gebissen bevor und auch nachdem sie zu mir kamen. Der Hund forderte seinen Halter während des Trainings heraus, riss den Maulkorb weg, biss den Halter und mich innerhalb einer Sekunde.
DIE ZWEITE WICHTIGE FRAGESTELLUNG
Doch gerade weil viele Hunde das Training annehmen, «gehorsam» sind und mit Futter abgelenkt werden können, sind sie wirklich glücklich – sind ihre Bedürfnisse tatsächlich gedeckt.
Fühlen sie sich wirklich aufgehoben und sicher?
Oder sind es vielleicht eher die Bedürfnisse des Halters, die befriedigt wurden? Tatsache ist, dass die Mehrheit der obenerwähnten 70% der Hunde unsicher sind und mehrheitlich Angstaggression zeigen. Was sagt die Logik?
Ist die Beziehung zwischen Hund und Halter tatsächlich auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt aufgebaut? Oder machen die Hunde einfach mit, bis der äussere Reiz zu stark wird? Sind die Leckerlis tatsächlich stärker als der Reiz, einem anderen Hund, Reh, Katze, Fahrrad, Rollstuhl, behinderten Menschen, schreienden Kind nachzurennen?
Hunde mit problematischem Verhalten (Aggression, Angst etc.) wurden oft von der Gruppenausbildung ausgeschlossen und den Haltern wurde mitgeteilt, dass ihre Hunde bei den normalen Hunden Unruhe verursachen. Ihnen wurde aber kein alternatives Training angeboten, da die Trainer oft nicht wussten wie sie das problematische Verhalten angehen sollten.
1.6 «Warum?» – eine unbeliebte Frage
Wenn die Hundehalter den Trainer die Frage «Warum?» stellten, um ein besseres Verständnis von «Warum?» der Hund sich in einer bestimmten Weise benimmt, oder «Warum» man «Was» tun sollte bekamen sie keine fundierte, objektive und konkrete Antwort. Viele Trainer fühlten sich angegriffen und meinten, dass man ihre Methoden in Frage stellte, anstatt einfach das Denken hinter dem «Was» und «Wie» zu erklären.
Die Antwort auf die Frage, «warum» diese Hunde sich so verhielten – wie viel hatte es mit dem Halter, dem Umfeld, dem Hintergrund, den Erfahrungen, dem Charakter usw. zu tun – wurde auf Basis eines fundamentalen Verständnisses des Verhaltens der Hunde nur selten logisch und kompetent erklärt.
Die Antworten waren mehr auf der Linie, dass man «nicht versuchen sollte, ein Psychologe zu sein, sondern mit dem Verhalten des Hundes arbeiten». Mit anderen Worten, eine Symptom- anstelle einer Ursachenbehandlung?
1.7 Behandlung der Symptome, oder der Ursachen
Leider ist die heutige Hund- und Halterausbildung bei Verhaltensauffälligkeiten meist auf der Behandlung von Symptomen ausgerichtet, auch in den Fällen wo man diese «therapeutisch» und «nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen» nennt.
Wenn Sie ein Cortison-Rezept gegen Ihre Dermatitis bekommen, wird das Cortison wahrscheinlich die Symptome (Hautausschlag, Juckreiz, Schuppen etc.) so lange reduzieren, wie das Mittel wirksam ist. Wurde aber die Ursache der Dermatitis behandelt? Ist es sogar möglich, dass die Unterdrückung mittels Cortisons dazu führt, dass das Symptom sich auf einen anderen Teil des Körpers wieder äussert? Oder, wie man bei Pollenallergie sagt, einen Etagenwechsel stattfindet? Ganz bestimmt, bei den 70% der obenerwähnten Hunde genauso.
Auch erlebe ich vermehrt Hunde, welche von Tierärzten Medikamente gegen Verhaltensauffälligkeiten verschrieben bekommen, z.B. Antidepressiva, oder Ritalin, oft aber mit dem Resultat, dass der Hund verängstigt wird und die Gefahr eines Bisses zu- anstatt abnimmt. Ein instabiler Hund mit Angstaggression im Anfangsstadium, der zusätzlich medikamentös geschwächt wird, packt eher zu.
Eine weitere beliebte Empfehlung ist die Kastration eines Hundes mit auffälligem Verhalten. Eine Kastration bringt höchstens eine Besserung, wenn das unerwünschte Verhalten hormongesteuert ist – eine Garantie wird auch der Tierarzt nicht geben. Selbstverständlich kann es aber medizinische Gründe für eine Kastration geben. Etwas weiter hinten werden Sie lesen, was ein Hund tatsächlich benötigt, um stabil und zufrieden zu sein.
Mit allem Respekt für die medizinische Arbeit, welche Tierärzte leisten – sie sind medizinisch, aber leider nur selten kynologisch ausgebildet. Auch die sog. Verhaltenstierärzte. Eine ganzheitliche Beobachtung vom Verhalten des Hundes und Hundehalters ist unumgänglich, bevor eine ursachenbasierte «Therapie» verschrieben wird.
1.8 «Wer als einziges Werkzeug einen Hammer besitzt, für den sieht jedes Problem aus wie ein Nagel»
Die meisten Hundehalter gehen zum Hundetraining, weil ihre Hunde unerwünschtes Verhalten (Symptome) zeigen, z.B. Leinenaggression, übermässiges Bellen, Jagen – d.h. das Sozialverhalten des Hundes ist aus dem Lot geraten.
Das Sozialverhalten nachhaltig zu verbessern ist oft eine Frage der Beziehung, Bindung und Erziehung, was nur über Lernprozesse stattfinden kann. In der heutigen Zeit probiert man oft z.B. die Leinenaggression mit Aufgaben-Ausbildung (Sitz!-Platz!-Bleib!-Fuss! etc.) und Futter zu neutralisieren – «versuchen Sie, Ihren Hund mit dem Futter abzulenken, welches Sie in der rechten Hand halten, damit er den anderen Hund nicht fixiert!». Viele Leser werden beobachtet haben, dass dieses Vorgehen bei vielen Hunden nicht zielführend ist.
DIE DRITTE WICHTIGE FRAGESTELLUNG
Was ist, wenn der Grund für das unerwünschte Verhalten ist, dass der Hund sich an der Leine nicht aufgehoben und sicher fühlt, d.h. der Hund konnte zum Halter kein ausreichendes Vertrauen aufbauen.
Gibt Leckerli dem Hund nachhaltige Selbstsicherheit, oder kann man sich eine gute und belastbare Beziehung zu seinem Hund sogar erkaufen?
1.9 Wer ist hier «der arme Hund»?
Gleichzeitig beobachtete ich auch die Obdachlosen in verschiedenen Ländern und Städten, welche oft ihre Zeit auf den Strassen, vor Shopping-Center und in den Parkanlagen mit ihren Hunden verbringen. Manchmal spielten die Hunde miteinander, aber ohne gross zu stören. Von Zeit zu Zeit gingen ein oder zwei der Obdachlosen weg und ihre Hunde folgten – ohne Kommando und ohne Leine. Zusammen manövrierten sie sich durch die Stadt, mit Autos, Trams, Velos, Fussgänger, Hunde etc. Ihre Hunde waren unbeeindruckt und sind nur ihrem Halter entspannt gefolgt, mit etwas gesenktem Kopf und den Ohren leicht nach hinten gewinkelt. In den Sommerabenden fanden sie einen Platz zum Schlafen und ihre Hunde blieben in der Nähe. Sie störten niemand, sie schufen nie Konfrontationen, sondern waren ausgeglichen und zufrieden.
Natürlich fragte ich mich, warum dies der Fall war und warum andere Hunde, die mit Familien in einem Haus mit Garten lebten und Premium Hundefutter, Matratzen, Hundeschule, Leckerlis, Halsbänder, Kleider und Spielsachen etc. hatten, oft Verhaltens-auffälligkeiten zeigten. Die Hunde der Obdachlosen jedoch nicht.
Aus menschlicher Perspektive und Denkweise sind die Erstgenannten «arme Hunde» und die letztgenannten «haben ein sehr gutes Leben, sie sind halt Problemhunde».
DIE VIERTE WICHTIGE FRAGESTELLUNG
Ist das wirklich wahr?
Woher stammt der Unterschied im Verhalten der oben beschriebenen Hunde?
Wie verhalten sich frei lebende Wolfs- und Hunderudel?
Albert Einstein sagte: «Die Lösung eines Problems befindet sich nie auf der gleichen logischen Ebene wie das Problem selbst». Dies gilt auch für die Hunde- und Hundehalterausbildung.