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Schweizer Illustrierte: Jean Ziegler, in Ihrem neuen Buch «Der schmale Grat der Hoffnung» schreiben Sie über Ihre Angst vor dem Tod. Welche Musik soll an Ihrer Beerdigung gespielt werden?
Jean Zeigler: Zwei Stücke: Die «Internationale» und «Gracias a la vida» von Violeta Parra.
Haben Sie einen Organspendeausweis?
Ja. Organspenden spenden Leben.
Können Sie sich vorstellen, Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen?
Nein. Der liebe Gott entscheidet.
Über welche Tat oder Aussage von Ihnen wird man noch lange nach Ihrem Ableben reden?
Ich hoffe eindringlich, dass man nie vergisst, dass auf unserem von Reichtum überquellenden Planeten alle fünf Sekunden ein Kind an Hunger stirbt. Ein Kind, das jetzt, während wir zusammen reden, an Hunger stirbt, wird ermordet. Noch schöner wäre es, wenn dieses Massaker endlich aus der Welt geschafft würde.
Sie dürfen Ihren Wohnort neu designen: Aus welchen Städten, Dörfern und Landschaften setzen Sie ihn zusammen?
Ein Stück Havanna, ein Stück Arles, die alte Römerstadt in Südfrankreich, etwas von der afrikanischen Diaspora in Bahia (Brasilien) und natürlich auch etwas Thun, wo ich geboren wurde, Bangerten im Berner Seeland, wo meine Grosseltern herkommen, und das Genfer Weinbauerndorf Russin, wo ich jetzt wohne.
Wie hätte Ihr Name als Mädchen gelautet?
(Lacht.) Ich kann mir mich nicht als Mädchen vorstellen. Maria oder Natascha wäre wunderschön.
Welches Gemüse sollte verboten werden?
Alle genetisch veränderten Gemüse.
Und was für ein Gemüse wären Sie?
Ich wäre eine Kartoffel aus dem Emmental.
Um wie viel Prozent müssten Sie Ihr Arbeitspensum reduzieren, damit Sie massiv glücklicher wären?
Überhaupt nicht reduzieren. Arbeit ist die Konkretisierung der eigenen Freiheit und deshalb eine Wohltat.
Als Sie Kind waren, was hat Ihre Mutter Ihnen da immer gesagt? Mach di Sach! Das ist Berndeutsch und heisst: Da, wo du bist, tust du das Beste, was du kannst.
Wo am Körper tuts Ihnen weh?
Wenn ich beim Zahnarzt bin, an den Zähnen, oder am Montagmorgen nach dem Skifahren habe ich drei Tage Muskelkater.
Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie den Teller nicht leer essen?
Ja. Nahrungsverschwendung ist unverzeihlich auf einem Planeten, wo eine Milliarde Menschen Hunger leiden.
Die bisher beste Idee Ihres Lebens?
Meine aussergewöhnliche Frau Erica verführt und geheiratet zu haben, sie ist Kunsthistorikerin und Kommunistin.
Und Ihre dümmste Idee?
Sie nicht schon viel früher geheiratet zu haben.
Was geben Sie Ihren Kindern mit auf den Weg?
Liebe und sonst gar nichts.
Angenommen, der liebe Gott würde Sie neu erschaffen: Mit den Eigenschaften welcher Berühmtheiten soll er Sie ausstatten?
Ich mag keine Berühmtheiten, aber ich hätte vom lieben Gott gern die Geduld eines Elefanten und die Sanftmut einer Taube.
Welches Buch, welche Musik hat Ihr Leben massiv beeinflusst?
«Les misérables» von Victor Hugo habe ich mit zwölf entdeckt, dann «Oliver Twist» von Charles Dickens, der das Kinderelend beschreibt, was ich nie gekannt habe, und natürlich das «Kommunistische Manifest» von Karl Marx. Das Klavierkonzert von Rachmaninoff und die nicaraguanischen Revolutionslieder von Hector Godoy begleiten mich.
Was wird man in hundert Jahren über die aktuelle Epoche sagen?
Sie war von Blindheit geschlagen, hat fürchterliche Kriege geduldet und hätte doch alle materiellen Güter besessen, um Friede, soziale Gerechtigkeit und Glück für alle Menschen auf diesem Planeten zu schaffen.
Welche Pille gehört erfunden?
Das Wundermedikament, das alle Krankheiten und alles Leiden endgültig aus der Welt schafft und allen Menschen dieser Erde bedingungslos zugänglich ist.
Ihr Spitzname als Kind?
Hänseli - von meiner Mutter erfunden.
Als Sie 16 Jahre alt waren, wie sah da Ihr Zimmer aus?
Voller Indianerhäuptlinge.
Falls Ihr Leben verfilmt wird, welcher Schauspieler soll die Hauptrolle spielen?
Ein Schwarzer, der grossartige Morgan Freeman.
Erinnern Sie sich an Ihren ersten Schulschatz?
Sie hiess Vreneli, kam aus Thun, war sehr hübsch und ich voller Schüchternheit und Komplexe, über die ich mich immer noch ärgere.
Über welches Geschenk haben Sie sich gefreut?
Über eine bronzene Skulptur eines afrikanischen Mossi-Reiters, geschenkt vom später ermordeten Revolutionsführer Thomas Sankara aus Burkina Faso.