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Der lange Winter
Übersetzt von Charlotte Birnbaum / Mit einem Vorwort von Alice Vollenweider
September 2003
Printausgabe vergriffen
Originalausgabe: «L’anno della valanga», Mondadori, Milano 1965
978-3-85791-435-5
Giovanni Orellis Erstling "Der lange Winter" wurde 1964 noch im Manuskript mit dem Veillon-Preis ausgezeichnet und machte den Tessiner Autor mit einem Schlag bekannt. Nüchtern und präzis schildert Orelli die Bedrohung eines kleinen Dorfes im Bedrettotal durch gewaltige Schneemassen und zeigt, wie "die vordergründige Realität sich allmählich in Versatzstücke auflöst und das Vertraute dem Unheimlichen weicht" (Alice Vollenweider). Die Bewohner müssen entscheiden, ob sie im Dorf bleiben wollen oder ob sie ins sichere Tal ziehen. Und da verlieren die Alten Einfluss, die Jungen setzen sich durch, voller Neugier auf das, was sie erwartet.
Mit «Der lange Winter» verabschiedete sich Giovanni Orelli vom Bedrettotal, wo er aufgewachsen ist, ebenso wie von der Tessin-Idylle.
© Yvonne Böhler
Giovanni Orelli
Giovanni Orelli, geboren am 30. Oktober 1928 in Bedretto, studierte in Zürich und Mailand und war Lehrer in Lugano. Seine erste Erzählung «L'anno della valanga» machte ihn schnell bekannt. Es folgten verschiedene Romane und Gedichtbände. Auf Deutsch erschienen «Der lange Winter», «Ein Fest im Dorf» und «Monopoly». Giovanni Orelli starb am 3. Dezember 2016 in Lugano.
«Giovanni Orelli gehört gewiss zu den kühnsten, doch auch zu den heitersten Poeten dieses Landes. Ärmer wäre die italienische Literatur und wären die Literaturen der Schweiz ohne die melancholische Anarchie seiner Gedichte und seiner Prosa.» Neue Zürcher Zeitung
© Limmat Verlag
Alice VollenweiderAlice Vollenweider (1927–2011), geboren in Zürich, Studium der Romanistik in Zürich, Paris und Neapel. Übersetzte Natalia Ginzburg, Luigi Malerba, Eugenio Montale und Giacomo Leopardi. Literaturkritische Aufsätze zur zeitgenössischen italienischen Literatur. Verschiedene Publikationen zur Kochkunst, zuletzt erschienen «Italiens Provinzen und ihre Küche» und «Die Küche der Toskana».
Vorwort von Alice VollenweiderMit dem Buch «L’anno della valanga» hat nicht nur Giovanni Orellis Schriftstellerkarriere begonnen, sondern auch ein neuer Abschnitt in der Tessiner Literatur. In diesem kurzen Roman ist es ihm gelungen, ein Thema der Heimatliteratur aus genauer Beobachtung ohne Pathos oder Sentiment in mythische Erfahrung zu verwandeln. Ein Bergdorf wird eingeschneit und nach fast zwei Monaten wegen drohender Lawinengefahr evakuiert. Der Stoff ist autobiografisch: Orelli hat den schlimmen Lawinenwinter 1951, der in der Schweiz 98 Todesopfer forderte, als 23-jähriger Lehrer in seinem Heimatdorf Bedretto erlebt. Zehn Jahre wartete er, bis er sich daranmachte, das traumatische Erlebnis zu exorzieren, zehn Jahre, während denen er in Zürich und Mailand Italianistik studierte, promovierte und sich als Lehrer ans Gymnasium in Lugano wählen ließ, wo er heute noch lebt.
Die literarische Qualität des Buches fand in der Schweiz und in Italien Beachtung: 1964 wurde es als Manuskript mit dem Charles-Veillon-Preis ausgezeichnet, 1965 erschien es bei Mondadori in Mailand und ein paar Monate später – im Frühjahr 1966 – kam die deutsche Übersetzung beim Rascher Verlag in Zürich heraus. Seltsamerweise blieb die erste Orelli-Anerkennung in der deutschen Schweiz ohne Folgen. Die beiden weiteren Titel, die auf Deutsch erschienen, waren unsorgfältig übersetzt oder nachlässig betreut, so dass sein Name bis heute nur für hartnäckige Liebhaber der Tessiner Literatur ein wichtiger Bezugspunkt geblieben ist. Trotzdem hat Giovanni Orelli vor zehn Jahren als einziger Tessiner Schriftsteller seinen Nachlass dem Literaturarchiv in Bern geschenkt. Aus kulturpolitischen Motiven und aus der Lust, Sprachgrenzen in der Literatur zu überwinden. Und vielleicht war auch die Erinnerung an den frühen Erfolg seines ersten Buches mit im Spiel.
Heute kann man festellen, dass der Erstling auch nach 48 Jahren von seiner ursprünglichen Faszination und Frische nichts verloren hat. Die Chronik der beiden Monate im Schneegefängnis wird vom Ich-Erzähler polyphon erzählt; er kennt seine Dorfgenossen, vor allem die jungen Mädchen und Burschen, so gut, dass er sie in Gesprächen und Begegnungen auf der Straße, in der Kirche, in Stall, Küche und Wirtsstube auftreten lässt, ihnen zuhört, ihre lebendige Gegenwart in einem Netz von Beziehungen, Begegnungen und Empfindungen festhält. Konkret und präzis wird die Bedrohung durch den unaufhörlichen Schneefall geschildert: Die Wahrnehmung bleibt durchwegs auf den alltäglichen Erfahrungsbereich bezogen. Kein Wort fällt über die Landschaft: Nur der hohe Berg wird erwähnt, von dem die Lawine droht, und der Wald, der das Dorf vor der Lawine schützen soll. Den Schnee beobachtet man auf der Straße, auf den Fensterbrettern und auf dem Rücken der Kühe, die von der Tränke kommen. Giovanni Orelli kennt die Magie des Genaunehmens: Der lautlose Schneefall, der alle Konturen verändert und das Dorf langsam unter einer weißen Decke verschwinden lässt, erzeugt untergründige Spannung. Fast unmerklich wächst aus dem Vertrauten das Unheimliche. Die Familien rücken in den Häusern des Dorfkerns zusammen, die immer tiefer hinter Schneemauern versinken. Die Firstbalken biegen sich unter der Last, und der Gedanke an den Tod lässt manche Dorfbewohner nachts keinen Schlaf mehr finden. Gleichzeitig wächst aber auch die Lust am Leben, der Hunger nach Liebe, man bleibt länger auf, in der Osteria wird mehr Wein getrunken und die jungen Leute nutzen, trotz strenger Mütter und Priester, ihre Zeit für Liebesbegegnungen. Die tödliche Umklammerung durch den Schnee weckt Zweifel, Auflehnung und die Sehnsucht nach einem größeren Horizont.
Orellis Bericht vom langen Winter endet mit dem Regierungsentscheid, das Gebirgsdorf zu räumen, bis die Lawinengefahr vorbei ist. Menschen und Tiere finden unten im Tal provisorisch Unterkunft. Die Dorfgemeinschaft löst sich auf; die Jungen suchen sich eine Arbeit und die Alten kehren allein ins Dorf zurück. Das wird auf ein paar Seiten so sachlich und nüchtern berichtet, wie es der neuen Alltagssituation entspricht. Nur ganz am Schluss lässt Orelli für einen Augenblick Pathos aufkommen, wo der Ich-Erzähler mit einem sizilianischen Arbeiter einen Schluck Wein trinkt und seine Erfahrung in dem stolzen Satz zusammenfasst: «Ich grüße den Winter und den Berg und die Lawine, die mich endlich zum Menschen gemacht haben.»
Mariangela wird alle Tage hübscher ...Mariangela wird alle Tage hübscher, kein noch so schlimmer Winter kann gegen ihre blühende Jugend aufkommen. Ich merke, dass sie mich betrachtet, während ich mich rasiere. Die andern sind schon alle in die Kirche zum Rosenkranz gegangen. Ich weiß, dass ich nicht derjenige bin, den sie möchte. Ich tue alles recht langsam; da entschließt sie sich und geht zum Telefon, das dort im Flur ist, nicht weit von mir entfernt. Sie spricht leise, ja meist hört sie zu, denn fast immer redet er. Oder würde sie mehr zu sagen wissen, wenn ich nicht dabei wäre? Was könnte ich Linda sagen? Etwa, dass es draußen weiter schneit, dass die andern unten in der Kirche sind, dass ich wünschte, meine Hände könnten sich an ihr zu schaffen machen ... Mit der dumpfen, verzweifelten Beharrlichkeit eines Kameraden, der vom Internat an die Seinen vier Seiten lang nur immer die gleichen Worte geschrieben hatte – ich komme nicht mehr nach Hause, ich komme nicht mehr nach Hause –, würde auch ich bis ins Unendliche nur immer zwei Worte zu wiederholen wissen, ohne jede Abwechslung, unaufhörlich wie das Schlagen des Herzens: Liebe, Sehnsucht.
Ich dachte, ich hörte Mariangela gar nicht mehr zu, aber plötzlich höre ich doch, dass sie ins Telefon hinein mit geschlossenem Munde den Laut eines liebeshungrigen Kätzchens macht – jenes Miau einer Katze, die sich einem zwischen die Beine drängeln will, den gleichen Laut, den mir gegenüber Linda schon gebraucht hatte –, hat sie ihn schon für einen andern gebraucht? Wenn sie ihn jetzt für einen andern gebrauchte! Und ich habe geglaubt, er sei ein einzigartiges Geschenk von Linda an mich, unwiederholbar wie ihre Stimme – aber siehe da, er ist eine leichte, allen Frauen gemeinsame Waffe. Ich hatte immer blind an die Einzigartigkeit unserer Gesten geglaubt, an ihre Unwiederholbarkeit! Wenn ich an meine Großmutter zurückdenke, sehe ich sie, wie sie zu meiner Mutter sagte, wenn sie mich bei der Messe in der Bank vor sich sitzen sehe, den Kopf in die Hand gestützt, habe sie immer die Hand ihres Mannes vor sich gesehen, ich hätte genau die gleichen Hände. Bei diesen Worten presste sie die ihren, die gefaltet waren, fest zusammen – die gleiche Art, sie zu bewegen, ebenso das Handgelenk, die Finger. Ob es auch die gleiche Kopfform ist, wie ich sie jetzt im Spiegel sehe? Ist auch mein lebendiges Gesicht ein Pfropfreis vom Schädel meiner Vorfahren? In diesen Ausnahmen von der Unwiederholbarkeit der Gesten und Gesichter finden sich, in senkrechter Linie, die Generationen wieder zusammen, wobei viele Glieder der Geschlechterfolge übersprungen werden; und damit verbunden ist die unsagbare Freude, sich ein wenig wie neugeboren zu fühlen, in den Kindern unserer Kinder ein wenig zu überleben – mein Vater nennt das «rifogliare», zurückblättern, und nicht «rifigliare», Nachkommen haben. Aber jetzt: der köstliche Ruf von Linda, meinem Kätzchen, im Munde von Mariangela, im Mund aller brünstigen Frauen der Welt!
Eine Zeit lang ist mir zumute, als habe der ganze Berg seine ungeheure Menge Schnee auf mich herabgeschüttet. Plötzlich, ganz einfach und klar – wie dieses Rasiermesser ein Rasiermesser ist – weiß ich: Linda hat mich nie geliebt, nicht eine Minute, nicht einmal oben im Heu.
«Das Besondere des Romans, der jetzt dank einer überarbeiteten Neuausgabe im Limmat Verlag wieder entdeckt werden kann, ist die nüchtern-skeptische Perspektive des Erzählers, der präzis die Zuspitzung der Lage registriert. Als Antidot gegen die Todesfurcht fungieren hier nicht etwas die tradierten katholischen Gebets-Rituale, sondern der hedonistische Liebeshunger des Erzählers, der sich bei jeder Gelegenheit in erotische Abenteuer mit den verbliebenen jungen Dorffrauen stürzt.» Basler Zeitung
«Auch vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung hat dieser Roman nichts an Frische eingebüsst, selbst wenn er deutlich das Ambiente und die Moralvorstellungen eines abgelegenen Tals in den Fünfzigerjahren mit sich führt. Aber Orellis Sprache, klar und präzis, ist von jener verhaltenen Schönheit, der man sich willig hingibt.» Der kleine Bund
«Im Gegensatz zu den damaligen Schriftstellerkollegen Piero Bianconi, Plinio Martini und Alberto Nessi ist Giovanni Orelli in den folgenden Werken nie mehr auf das Thema seiner Jugend im Bergdorf zurückgekommen, ein Thema, das die Literatur der italienischen Schweiz seit ihren Anfängen bei Francesco Chiesa und Giuseppe Zoppi fast uneingeschränkt beherrschte. Orellis Erstling ist in seiner einfachen lyrischen Intensität so gelungen, weil er als Abschied von der Jugend konzipiert war, als Distanznahme von der prekären Idylle der Bergbauernwelt, was auf den letzten Seiten des Buchs in fast didaktischer Weise zum Ausdruck kommt: Die jungen Leute bleiben in der Stadt und lassen die Alten allein ins Dorf zurückkehren. Der Ich-Erzähler seinerseits verabschiedet sich vom naiven Schreiben: ‹Du wirst nie pathetische Idyllen über dein Dorf schreiben; du wirst nie die Elegie der Erinnerung zelebrieren, welche am Ende jenen nützt, die schlecht regieren und daran schuld sind, dass dein Dorf zerstört wird.›» Neue Zürcher Zeitung
«Der Schnee und die drohende Lawinengefahr lassen im wahrsten Sinne die Realität in einem anderen Licht erscheinen. Mit jeder Lage Neuschnee wird die Isolation greifbarer und die Dorfgemeinschaft wird - metaphorisch wie ganz real - auf Ihre Existenzgrundlagen zurückgeworfen. Der Jahrhundertwinter hebt diese auf und so wird hier in wenigen Wochen ein Prozess metaphorisch auf die Spitze getrieben, dem sich so oder ähnlich alle Bergdörfer der Südalpen stellen mußten. Zunehmende Industrialisierung, Tourismus und der Wunsch nach gesicherten und weniger entbehrungsreichen Lebensbedingungen veranlassen eine Landflucht, die rasch zur Entvölkerung ganzer Regionen führt. Auch die Bewohner müssen entscheiden, ob sie im Dorf bleiben wollen oder ob sie ins sichere Tal ziehen. Voran gehen die Jungen, voller Neugier auf das Neue.
Orellis wunderschönes Buch zeugt von einer vergangenen Welt hinter den Fassaden heutiger Ferienhäuser und Pensionen und ist so ein zeitgeschichtlich ungemein wichtiges Dokument. Darüber hinaus und viel mehr noch ist es aber eine Metapher auf die Grundlagen menschlichen Zusammenseins, die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Veränderungen in der Moderne und ein phantastisch beobachtetes kleines Werk über eine von der Umwelt abgeschlossene Gemeinschaft, die - auf sich gestellt und durchaus basisdemokratisch - über das wo und wie ihrer Zukunft entscheiden muss. Und dabei gar nicht entscheiden kann, die Veränderungen sind stärker als das Dorf.
Ein einfühlsamer Roman, den ich jedem ans Herz legen möchte, der sich für die Alltagskultur und die Lebensumstände der alten Tessiner interessiert. Eigentlich für jeden Urlauber. Sofern er keinen Marco-Polo-Reiseführer vom Lago Maggiore besitzt.» Kai Tippmann, www.altravita.de