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Drei Entwicklungen haben seit den Achtzigerjahren zu Erosionstendenzen in den westlichen Mittelschichten geführt: Durch den Eintritt der Schwellenländer in den Weltmarkt verdoppelte sich erstens der globale Arbeitskräftepool von 1,5 auf 3 Milliarden Menschen. Dies brachte für westliche Arbeitnehmer Niedriglohnkonkurrenz, und es verschob das Verhältnis zwischen Arbeit und Kapital. Zweitens reduzierte der technologische Fortschritt die Nachfrage nach mittleren Qualifikationen und polarisierte den Arbeitsmarkt. Und drittens setzte nach 2007 die Finanz- und Wirtschaftskrise der Mittelschicht durch Rezession und Arbeitslosigkeit zu.
Der Mittelstand in der Schweiz meisterte diese Herausforderungen gut: Hohe Wettbewerbsfähigkeit und gute Rahmenbedingungen machten die Schweiz zu einer Drehscheibe der Globalisierung und bescherten breiten Kreisen Prosperität.[1] Eine starke Berufsbildung und ein flexibler Arbeitsmarkt hielten die Arbeitslosigkeit im Zaum. Dank der Sonderkonjunktur durch die anhaltende Zuwanderung blieb die Schweiz zudem von der «Grossen Rezession» von 2008/2009 weitgehend verschont.
Mittlere Qualifikation wird tertiär
Die mittleren Schweizer Löhne sind in den letzten zwei Dekaden zwar etwas weniger gestiegen als die höheren Gehälter und auch weniger als die Tieflöhne. Die Polarisierung war in der Schweiz aber nicht besonders ausgeprägt. In Familienhaushalten wurde sie durch die verstärkte Erwerbsbeteiligung der Frauen ausgeglichen. Mit dieser Mehranstrengung konnte der Mittelstand seine Position im Einkommensgefüge halten.
Trotzdem war die Polarisierung des Arbeitsmarktes auf der Ebene der nachgefragten Qualifikationen stärker am Werk, als die Stabilität der Lohnverteilung vermuten lässt. So hat sich die Zahl traditioneller Bürojobs mit einer KV-Lehre als Grundlage seit 1995 halbiert. Der Mittelstand reagierte darauf mit verlängerter Grundbildung oder Weiterbildungen. Wichtig war die Einführung der Berufsmaturität. Mit ihr und im Zuge des Ausbaus der Gymnasien wurde die kombinierte Maturitätsquote mehr als verdoppelt. Eine mittlere Qualifikation ist heute nicht mehr gleichbedeutend mit einer Berufslehre, sondern immer mehr mit einer tertiären Bildung. Die Stabilität der Lohnverteilung ist somit vor allem den verstärkten Bildungsanstrengungen des Mittelstandes zu verdanken.
Allgemeinwissen als Plus
Die Digitalisierung wird voranschreiten, und sie wird neue Stellen schaffen.[2] Da niemand genau weiss, wie die Jobs von morgen aussehen werden, lautet die entscheidende Frage: Sind Bildungssystem und Arbeitsmarkt vorbereitet auf punktuelle disruptive Entwicklungen und das Entstehen ganz neuer Anforderungen und Arbeitsformen?
Gegenwärtig ist das Bildungssystem kaum auf die digitale Umwälzung von Wirtschaft und Gesellschaft eingestellt. Besonders gefordert ist die Berufsbildung, deren Erfolg auf spezifischen Fachkenntnissen beruht. Diese Fähigkeiten könnten schon bald obsolet sein. Angesichts der beschriebenen Unsicherheit wird eine breite Allgemeinbildung wichtiger, denn sie behält auch bei disruptivem Wandel ihren Wert und befähigt die Menschen, sich anzupassen. Auch die Weiterbildung ist noch nicht für fundamentale Umbildungen in grosser Zahl vorbereitet.
Bei der Digitalisierung liegt die Schweizer Volksschule international im Rückstand: Digitales Denken als zentrale Kompetenz des 21. Jahrhunderts ist hier erst in Ansätzen erkennbar. Weiter müssen die Hochschulen auf den Vormarsch der Humanwissenschaften reagieren. Zum einen müssen digitale Techniken auch in den Humanwissenschaften Einzug halten, zum andern braucht es eine Rücklenkung der Mittel in Richtung der «Mint-Fächer» (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik). Und zu guter Letzt: Ein flexibler Arbeitsmarkt ist die beste Strategie für die Anpassung an eine digitale Welt. Ihn gilt es daher unbedingt zu erhalten.
- Patrik Schellenbauer und Daniel Müller-Jentsch (2012), Der strapazierte Mittelstand, Avenir Suisse.
- Marco Salvi und Tibére Adler (2017), Wenn die Roboter kommen, Avenir Suisse (2017).