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Steinach
Inhaltsverzeichnis
Unmittelbar nach Kriegsende übernahm Grenchen die Patenschaft über die Gemeinde Steinach am Brenner. Die Gemeinnützige Gesellschaft setzte die Sammelaktionen in Gang. Zwischen Steinach und Grenchen kam es in der Folge zu zahlreichen äusserst positiven Begegnungen. Weshalb Grenchen mit Sélestat im Elsass und Neckarsulm in Deutschland einen Freundschaftsvertrag unterzeichnet hat, weshalb enge Beziehungen zu Unterschächen und zur Geburtstadt Mazzinis, Genua, bestehen ist bekannt. Die Frage bleibt: Weshalb fehlt in dieser Auflistung der besten Freunde Grenchens ausgerechnet Steinach? An der OLMA 1946 schilderte der in Steinach lebende Landesobmann Josef Muigg den Vertretern des Schweizerischen Städteverbandes die in seinem Lande herrschende Not. Auf diesen Ruf hin entschlossen sich Schweizer Städte zu Hilfeleistungen. Unter diesen befand sich auch die Stadt Grenchen. Die Grenchner Stadtarchivarin Salome Moser publizierte im „Grenchner Jahrbuch 1997“ einen Bericht über die Grenchner Hilfsaktion im Tiroler Marktort Steinach.
Die „Gemeinnützige“ übernahm die Leistung[Bearbeiten]
Im Oktober 1946 berichtete Fernand Trachsler im Vorstand der Gemeinnützigen Gesellschaft Grenchen (GGG) über seine Reise nach Steinach. Er war Leiter des Grenchner Arbeitsamtes (späterer Redaktor des „ Grenchner Tagblattes“ und noch später Chefredaktor des „Bieler Tagblatt“) und von der Behörde als Verantwortlicher für die Hilfsaktion „Grenchen hilft Steinach“ bestimmt. Paul Wälti, der ebenfalls der Grenchner Delegation angehört hatte, berichtete, die Leute in Steinach seien derart arm, dass es ihnen selbst an Essbestecken fehle. Bei den ersten Kontakten waren von Grenchner Seite auch dabei die beiden bekannten Fabrikanten Fritz Grimm und Gerald Schärz. – Nach der Berichterstattung durch Fernand Trachsler beschloss der Vorstand der GGG und seine Präsidentin, Maria Schürer-Schaad, noch am gleichen Abend die Koordination und die Durchführung der Hilfsaktionen zu übernehmen. Zuerst lieferte Grenchen grössere Mengen Kartoffeln nach Steinach, um der Hungersnot begegnen zu können.
Erste kulturelle Kontakte[Bearbeiten]
Im Jahre 1946 übernahm die Gemeinnützige Gesellschaft die Weihnachtsbescherung für die Kinder in Steinach und diskutierte darüber, ob die Musikgesellschaft von Steinach zu Konzerten nach Grenchen einzuladen sei. Dieses Vorhaben wurde nicht realisiert, dafür traf vor Weihnachten 1946 ein Team von Radio Innsbruck in Grenchen ein. In den folgenden Tagen wurden verschiedene Aufnahmen gemacht, und die Kinder aus Steinach, die in Grenchen zur Erholung weilten, konnten ihren Eltern Weihnachtsgrüsse übermitteln. Von der Seite Grenchens beteiligten sich Gemeindeammann Adolf Furrer, der spätere Rektor René Stämpfli, Fernand Trachsel und Kurt Staub an den Aufnahmen. Die Radioleute aus dem Tirol versprachen, die neuen kulturellen Kontakt würden in Zukunft fortgesetzt. In diesen Tagen vor Weihnachten 1946 führten die Gemeinderäte Müller und Staub drei Eisenbahn-Waggons mit Hilfsgütern „in der unglaublich kurzen Zeit von zwei Tagen“, wie in einem offenen Brief der Marktgemeinde Steinach festgehalten wurde, in die Tiroler Patengemeinde. Diese Leistung war umso beeindruckender, als die SBB keine Eisenbahnwagen zur Verfügung stellte und das Rollmaterial in Oesterreich beschafft werden musste. In einem Bericht aus dem Jahre 1951 wurde festgehalten:„In Oesterreich war das Wagenmaterial rarer als Kaffee oder Schnaps im Schleichhandel.“ Sehr gross war auch der Papierkrieg, den es zu bestehen galt. Alle Waren, welche Grenchen per Bahn nach Steinach schicken wollte, mussten genau notiert werden. Das ergab eine Liste von 72 Seiten Umfang, die in dreissigfacher Ausfertigung erstellt werden musste.
Eine beeindruckende Leistung[Bearbeiten]
Der Berichterstatter von 1951 (es dürfte sich um Kurt Staub gehandelt haben) berichtete, welche Güter in den drei Waggons untergebracht waren. Dabei unterschied er zwischen neuem Material wie beispielsweise 1'278 kg Medikamente,4'362 kg Lebensmittel, 250 kg Wolle, 397 kg Kraftnährmittel usw. und gebrauchten Gütern, wie sie in der Bevölkerung gesammelt wurden. Darunter befanden sich 644 kg Damenkleider und 310 kg Damenwäsche, 132 kg Schulmaterialien, 1'299 kg Bücher und 1'114 kg Kondensmilch und viele weitere wichtige Dinge wie Möbel (331 kg), Werkzeug und Beschläge (1'161 kg), Hülsenfrüchte (611 kg) und weitere Medikamente (1'278 kg). Eingepackt wurden ferner Tintenfässer, Zündhölzer, Bleichmittel, Korsettschnallen, Zahnbürsten, Zahnpasta und Kinderlutscher sowie Schuhlöffel und Putzmittel). Diese Liste hier ist bloss ein kleiner Ausschnitt aus der Originalaufstellung. Bereits im Frühjahr und Sommer 1947 war die Lage in Steinach erneut sehr kritisch. Auf Schwarzhandel stand die Todessstrafe. Sofort schickte der Gemeinderat Hilfsgüter im Gesamtgewicht von 12.5 Tonnen nach Steinach. Die Finanzierung erfolgte zum grössten Teil durch eine Bargeldsammlung in der Bevölkerung.
Junge Gäste in Grenchen[Bearbeiten]
Die Stadt Grenchen liess es mit der Sendung von Hilfsgütern nicht bewenden, sondern führte eine Kinderaktion durch. In deren Verlauf wohnten und lebten insgesamt 119 Kinder während jeweils dreier Monate in Grenchner Familien. Diese Aktion führte damals dazu, dass sich engere Freundschaften entwickelten. 1947 besuchte eine Grenchner Delegation Steinach und trug sich dort am 7. September ins Ehrenbuch ein. In diesem ist zu lesen: „Ein wahrer Freund in der Not ist Grenchen, die Schweizer Patenstadt der Gemeinde Steinach. Unvergesslich bleiben die vielen Beweise treuer Hilfsbereitschaft im Rahmen der Hilfsaktion „Grenchen hilft Steinach“.
Eine Begegnung und ein verlorenes Bild[Bearbeiten]
Dieser Delegation gehörten an: Adolf Furrer, Gemeindeammann, Fernand Trachsler, Stadtschreiber Ernst Dörfliger, Fritz Grimm, Kurt Staub, E. Kocher und Gerald Schärz. „Als äusseres Zeichen der Dankbarkeit überreichten die Steinacher den Grenchnern ein Gemälde, das Professor Alfons Graber (1901 – 1990) geschaffen hat.“ Dieses grossformatige Bild ( 120 x 100 cm) wurde mit der Bahn nach Grenchen transportiert, wo es der Bevölkerung zugänglich gemacht wurde. Der gelähmte Künstler wurde zur Erholung nach Grenchen eingeladen. Weil er kein Visum erhielt, zerschlug sich diese Einladung. Es wurde 1970 anlässlich der ersten Ausstellung von Kunstwerken im Stadtbesitz in der Aula des Schulhauses IV ausgestellt und dann im Kunsthaus aufbewahrt. Heute gilt das Werk gemäss einer Mitteilung des Grenchner Stadtpräsidiums vom 13.12.2006 als verschollen! Wie ein derart grosses und für die Stadt doch wichtiges Gemälde mit hohem und auch symbolischen Wert verschwinden konnte, ist ein grosses Rätsel und sehr peinlich!
Eine vergessene Freundschaft?[Bearbeiten]
Am 20. Dezember 1996 stellte Hermann Muigg-Spörr in der Publikation „Kontakt“ seinen Steinacher Mitbürgerinnen und Mitbürgern die Stadt Grenchen vor und erklärte ihnen, dass Grenchen eine „Steinachstrasse“ habe. Tatsächlich ist diese Strassentafel die einzige Erinnerung an Grenchens Patengemeinde Steinach. Man weiss aber, dass nach erfolgter Hilfsaktion zahlreiche Kontakte zwischen Grenchen und Steinach weiterlebten. Vor allem verbrachten Grenchner ihre Ferien in der schönen Marktgemeinde Steinach. Mit dem Tod von Kurt Staub verlieren sich aber leider Spuren der aufkeimenden Freundschaft. Hermann Muigg bedauerte dies im erwähnten Bericht und regte an, dass sich Vereine wieder daran machen sollten, die alte Freundschaft aufleben zu lassen. Wenig bekannt ist auch die Leistung der Gemeinnützigen Gesellschaft Grenchen. Die Männer und Frauen dieser Organisation, die heute noch besteht und die Brockenstube an der Bündengasse führt, arbeiteten fast Tag und Nacht, um die Hilfsgüter zu beschaffen, um zu nähen und stricken, um zu bündeln und zu flicken. Ob die Stadt Grenchen sich daran macht, die Kontakte wieder herzustellen? Oder ob gar die GGG in dieser Sache federführend in Erscheinung treten will? In einer schweren Zeit bewies die Bevölkerung der Stadt Solidarität und spontane Hilfsbereitschaft. Die Hilfsaktion Steinach liegt auf der positiven Seite unserer Geschichte. Pflegen wir sie!
Quellen[Bearbeiten]
- Text von Rainer W. Walter