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Wenn wir heute vom Anthropozän, vom menschengeprägten Erdzeitalter, sprechen, dann sollte der Hinweis nicht fehlen, dass der Mensch die Erde auch mit seinem Verdauungsapparat prägt – und gefährdet.
Was Exkremente anbelangt, so gilt mehrheitlich das Motto «spülen und vergessen». Aber die Erde vergisst weniger. Erstens ist sie endlich, und zweitens verschwindet unser Kot nicht einfach so. Machen wir eine kleine Überschlagsrechnung. Angenommen, der Mensch produziere durchschnittlich ein Häuflein von 200 Gramm pro Tag; nahezu 8 Milliarden Menschen also 1.6 Millionen Tonnen. Multipliziert mit 365 Tagen ergibt das einen gigantischen planetarischen Kothaufen von über 580 Millionen Tonnen pro Jahr. Verzichten wir auf eine Extrapolation der Bevölkerungszahlen. Die Kacke dampft auch so bereits prächtig.
Der Stoffwechselriss
Die Rechnung mag unappetitlich erscheinen, vielversprechend ist der Horizont, den sie über den Daumen gepeilt eröffnet: eine Zukunft, die auf Menschenmist wächst. Er könnte zur Lösung des Problems beitragen, den man in Ökologenkreisen als Stoffwechselriss («metabolic rift») zwischen Mensch und Natur bezeichnet. Der Begriff stammt vom amerikanischen Soziologen John Bellamy Foster, der wiederum auf Karl Marx zurückgreift. Dieser kritisierte an der Technisierung und Industrialisierung der Landwirtschaft seiner Zeit, dass sie die Bauern von ihren Böden losreissen und damit die metabolische Wechselwirkung zwischen Mensch und Erde empfindlich stören würde.
Der Prozess trieb viele Bauern in die Städte. Und Marx erkannte in der Urbanisierung bereits ein grosses ökologisches Problem. Nicht überraschend, wirft er der kapitalistischen Gesellschaft eine «kolossale Verschwendung» vor, da sie die Exkremente der Konsumtion nicht agrarwirtschaftlich einsetze: «In London z. B. weiss sie (die kapitalistische Gesellschaft. E. K.) mit dem Dünger von 4½ Millionen Menschen nichts Besseres anzufangen, als ihn mit ungeheuren Kosten zur Verpestung der Themse zu gebrauchen.»
Die Idee des Kotkreislaufs klingt umwerfend plausibel: Wir ernähren uns nicht nur von der Erde, wir nähren die Erde auch – mit dem, womit wir uns ernähren. Die Idee ist nicht neu. China kennt den Kreislauf seit vier Jahrtausenden. Europäische Reisende im 19. Jahrhundert berichteten beeindruckt von der grossangelegten Nutzung anthropogenen Düngers im Fernen Osten. Das japanische Wort «Shimogoe» bedeutet wörtlich «Dünger aus dem Po» – ein wertvolles Gut. Im vorindustriellen Japan monetarisierte man Exkremente. In grossen Städten wie Osaka, schreibt die Japanologin Susan Hanley, «gehörte (dem Hausbesitzer) das Recht auf Fäkalien, während die Mieter Anspruch auf den Urin hatten.»
Kot entsteht im Kopf
An den Tierkot haben wir uns längst gewöhnt. Und an innovativen Ideen, ihn zu nutzen, fehlt es mitnichten – auch in der Schweiz nicht. Neuerdings tragen sich hier Ökologinnen und Agrarwissenschafter mit dem Gedanken, aus Tierkot durch sogenannte anärobe Vergärung Biogas und derivative Energieformen zu gewinnen. [1] Was hindert uns eigentlich, Gleiches oder Ähnliches mit dem Menschenkot zu tun? Es handelt sich doch um verwandte organische Materie.
Das Problem liegt darin, dass wir es nicht bloss mit Materie zu tun haben, sondern mit wertbehafteter Materie. Kot entsteht im Kopf. Ekelerregendes ist immer auch kulturell präformiert. Das zeigt schon ein oberflächlicher Vergleich. Eine alte chinesische Redeweise bezeichnet den menschlichen Kot als «Schatz für den Boden». Wir in hygienisch «fortgeschrittenen» Gesellschaften sehen dagegen im Kot hauptsächlich Materie am falschen Ort. Es geht also zuerst um die ideelle Umwertung des Kots. Wir müssten den falschen Ort als richtigen begreifen lernen, das heisst, das Produkt unseres Stoffwechsels entstigmatisieren und in unseren kulturellen Horizont einbeziehen, statt ihn gedanklich ausserhalb zu deponieren. Was einer gastrozentrischen Revolution gleichkäme: der Erkennung unseres Verdauungsapparats als eines zentralen Umweltfaktors. Wie der Historiker Donald Woster in seinem Plädoyer für eine «exkrementale Geschichte» schreibt: «Selbst in den fortgeschrittensten Industrienationen von heute bleibt es überlebenswichtig, dass wir unsere Mägen füllen, und dies ist überraschenderweise auch der primäre Prozess, mit dem wir Umweltveränderungen, aber auch Umweltkrisen verursachen.»
Rückbesinnung auf die Tradition
Nachhaltiger Umgang mit dem Kot bedeutet ein Weiteres: Rückbesinnung auf die Tradition. Wir lernen teils jahrtausendealte Techniken neu kennen, und wir adaptieren sie dank moderner Wissenschaft und Technologie an zeitgemässe Bedingungen, um den Stoffwechselriss zu reparieren. Überall auf dem Planeten tüfteln findige Leute daran. Zum Beispiel macht ein gängiges und bereits kommerzialisiertes Verfahren die Pathogene in Fäkalien bei hohen Drucken und Temperaturen unschädlich. Mikrobenheere zersetzen die resultierende Brühe in Pflanzennährstoffe. Getrocknet und abgepackt kann man sie in lokalen Geschäften als Gartendünger kaufen. In Washington trägt das Produkt den hübschen Namen «Bloom» – was gut getroffen ist, denn in geringen Mengen sollen Skatol und Indol – Ingredienzen des Kots – nach frischen Blüten riechen …
«We are all Peepoople»
An Bedeutung gewinnen dürfte der Menschenkot insbesondere unter den zunehmend ruppigeren planetarischen Bedingungen, zu denen Wasserknappheit, Ernährungsunsicherheit, Armut, Bevölkerungswachstum, Mega-Urbanisierung und Verslumung gehören. Um die 40 Prozent der Weltbevölkerung leben ohne sanitäre Infrastruktur. Um disem Problem zu begegnen, hat der schwedische Architekt und Urbanist Anders Wilhelmson den Einweg-Kotbeutel «Peepoo» erfunden.[2] Er besteht aus abbaubarem Material, ist billig, leicht kompostierbar, innen mit mikrobenabtötendem Harnstoff beschichtet. Die Beutel werden mittlerweile in Massenproduktion hergestellt. Sie sollen einfache Trockentoiletten – No-Mix-WCs – vorbereiten. Wie ein sinniges Logo verkündet: «We are all Peepoople».
Kot in der Therapie
Nachhaltigkeit bedeutet, wie gesagt, alte Techniken neu zu würdigen. Das gilt nicht zuletzt für Heiltechniken. Auch hier spielt Kot eine Rolle, eine womöglich ungeahnt wichtige. Unsere Darmflora umfasst ein immenses Heer fleissiger Bakterien zum Abbau der Nahrung und zur Abwehr von Pathogenen. Antibiotika helfen in der Unschädlichmachung solcher Pathogene, aber sie können auch die hilfreiche Darmflora schädigen. Übermässiger Antibiotikagebrauch schwächt oft das Immunsystem empfindlich, und das nutzen bösartige Bakterien – zum Beispiel Clostridium difficile – aus, um lebensgefährliche Durchfallerkrankungen zu erregen. Man kann ihnen nicht mit noch mehr Antibiotika begegnen, denn das führte zu einem bakteriellen Overkill und würde die Resistenz des Körpers weiter verringern. Hier nun tritt eine alte Idee auf den Plan: die Stuhltransplantation. Man ersetzt die geschwächte und kranke Darmflora durch die Darmflora einer gesunden Person. Die Kur erweist sich – sofern sorgfältig und professionell durchgeführt – als erstaunlich wirksam. Seit etwa zehn Jahren weitet die moderne Medizin den «heilsamen Dreck» auf Diagnose und Prophylaxe aus. 2012 eröffneten Ärzte in den USA OpenBiome, die erste öffentliche Stuhlbank: eine Modernisierung alter medizinischer Praktiken wie Koproskopie und Uroskopie (Kot- und Harnschau).
Jedes Ökotop ist auch ein Fäkotop
Rückbesinnung auf alte Traditionen bedeutet nicht Rückkehr zu vorindustriellen Verhältnissen. Vielmehr verquickt das Anthropozän die Geschichte des Menschen und die Geschichte der Natur in nie dagewesener Weise. Was uns fast zwangsläufig dazu führt, die Wechselwirkung von Mensch und Erde – auf technisch und industriell hohem Niveau – neu zu denken. Das schliesst das Nachdenken über unseren Kot ein – also auch über seine mikrobiellen Bewohner. Kot ist Teil der Umwelt. Das war er immer schon. Die Bewusstmachung dieser Tatsache gehört mit zum Anthropozän. Nachhaltigkeit hängt in entscheidendem Mass von einer klugen Politik unserer Kacke ab. Jedes Ökotop ist auch ein Fäkotop.