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Droites-Nordostpfeiler
Michel Schmilinsky
Im Juli 1966 sah ich nach einer Besteigung der Nordwand der Aiguille d' Argentière diese ungeheure Mauer aus Eis und Felspfeilern zum erstenmal: die Fortsetzung der Nordwände, die sich von der Verte zum Triolet aneinanderreihen. Es ist sicher für einen Kletterer einer der schönsten Ausblicke in den Alpen: prächtige Couloirs, weitausgedehnte Schnee- oder Eishänge, Platten aus dunklem Fels und - vor allem - Felspfeiler, die aus dieser Riesenwand herausstechen.
Die Folge dieses tiefen Eindrucks war, dass ich den Vallot-Führer zu studieren begann, um herauszubekommen, welche Route man begehen könnte. Dabei ist die Auswahl reichhaltig. Weil ich aber reine Schneerouten nicht übermässig schätze — ich finde sie etwas monoton —, scheinen mir schliesslich zwei verlockend: die Pfeiler der Droites und der Grande Rocheuse.
Im August 1972 wird mein Freund Michel, der nach Genf gekommen ist, um ein paar Wochen Urlaub zu machen, mein Seilgefährte.Vorerst üben wir etwas am Peigne und an der Ryan du Plan. Eine Zeitlang ist es recht warm, so dass die Wände freigeräumt werden, und wir halten uns alsbald für gut genug in Form, um uns an ein grösseres Abenteuer zu wagen.
Ich schlage meinem Freund die Droites oder die Grande Rocheuse vor - und schon sind wir auf dem Weg nach Chamonix. Dort setzen wir uns noch mit der Meteo in Verbindung und erfahren, dass das Wetter zwar frisch, aber beständig zu werden verspreche. Also fällt unsere Wahl auf den Nordostpfeiler der Droites, die längere und schwierigere der beiden Routen.
In der Argentierehütte essen wir zusammen mit vier Österreicher Alpinisten ( für mich eine günstige Gelegenheit, meinen bayrischen Dialekt zu sprechen ), die sich ganz diskret nach unsern Plänen erkundigen. Als wir dann den Droites-Nordostpfeiler erwähnen, scheinen sie sich ein wenig über uns zu amüsieren und sagen rundheraus:
« Sie sehen gar nicht so verwegen aus! » Und ich muss zugeben: das stimmt auch. Michel, ein Mathematikprofessor, hat ein Engels-gesicht und trägt eine Brille, und ich bin auch kein Herkules ( in meinem Alter begnügt man sich in meiner Heimat, am Sonntag den Rasen vor dem Haus zu mähen ).
Die Österreicher haben den Triolet vor. Um sie ein wenig zu hänseln, mache ich die Bemerkung, ich würde mir den Triolet für die Fünfzigerjahre aufheben.
Es ist noch ziemlich kalt, als wir am frühen Morgen um 3 Uhr mit der Traversierung des Gletschers beginnen. Die Nebelschwaden, die am Abend zuvor den Wänden entlang schlichen, sind verschwunden, und der Vollmond weist uns den Weg zum eigentlichen Ausgangspunkt der Kletterei.
Da während des Winters verhältnismässig wenig Schnee gefallen ist, müssen wir eine kleine Eismauer erklimmen, bevor wir zum Bergschrund gelangen. Eine Verschneidungsrinne in gutem Fels lässt uns die ersten 200 Meter überwinden. Tatsächlich haben wir aber zuviel links begonnen und müssen wieder nach rechts traversieren, um in die richtige Route einzumünden. Im übrigen müssen wir uns auch sputen, denn mit den ersten Sonnenstrahlen beginnt die Wand lebendig zu werden: Eisklumpen und Steine fangen an, an uns vorbeizuzischen.
In einer Scharte erreichen wir den Pfeiler. Von da aus verläuft die Führe auf der Nordostseite und damit im Schatten, in düsterer, kalter Umgebung. Vereiste Risse führen uns in gemischtes Gelände, wo man nie so recht weiss, ob man die Steigeisen anbehalten oder abziehen soll. Wo der Fels fast ausschliesslich eine Kletterei IV. Grades erheischt - seltener Grad V -, nimmt das Glatteis, das bei einer Temperatur von —50 Celsius leicht bricht, unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Was die Sicherung betrifft, so ist alles in Ordnung: Grosse, im Eis festgefrorene Blöcke er- lauben da und dort das sichere Anbringen von Seilschlingen, und auch die Standplätze lassen nichts zu wünschen übrig. Lediglich die Orientierung fällt nicht immer ganz leicht, doch ist gerade das Tasten nach dem richtigen Weg eine interessante Seite der grossen gemischten Routen.
Im oberen Teil des Pfeilers richtet sich die Wand bis auf 60° auf, und das Eis ist von einer Härte, dass wir ihm gerne jedesmal ausweichen, wenn wir eine kleine Felsinsel benützen können.
Im Vergleich zum Walker kann man versichern, dass der Fels nie übermässig schwierig zu erklettern ist, vielmehr wird man durch die zahlreichen Eislängen auf die Probe gestellt.
Gegen 6 Uhr abends erreichen wir die Höhe des Pfeilers. Den « Fahrplan » haben wir eingehalten, und während wir auf dem langen leichten Grat zur Höhe turnen, machen wir uns an die Suche eines Plätzchens für ein angenehmes Biwak. Und siehe da: eine horizontale Platte auf dem Grat in 3800 Meter Höhe, mit einem alten Schneekegel! Unverzüglich geht es an die Arbeit; wie kleine Buben nach einem ergiebigen Schneefall bauen wir eine Höhle.
Gekocht wird ausserhalb der « Unterkunft ». Tausend Meter unter uns entgleitet der Gletscher im Nebel unsern Blicken, und die Sicht zur Aiguille d' Argentière und zum Chardonnet ist faszinierend. Dann aber ziehen sich die « Schnecken » in ihr « Häuschen » zurück; nur die Füsse lassen sie draussen.
In unsere Duvet-Westen und Plastiksäcke ge-mummt, verbringen wir, in unserer Behausung vor dem Wind geschützt, trotz etwa toc Kälte eine gut Nacht, und am Morgen beleben schon bald nach Sonnenaufgang die wärmenden Strahlen Körper und Seele und laden zur Fortsetzung unserer Kletterei ein. Um g Uhr betreten wir den Gipfel.
Eine schöne, abwechslungsreiche und wenig begangene Führe; es ist einfach, sich zu sichern, und sie bietet eine grossartige Aussicht. Der Abstieg vollzieht sich auf der Seite des Couvercle durch eine Reihe von Geröllcouloirs und über Schneehänge.
( Übersetzung R. Vögeli )