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Einst war Wissen auch an der ETH in Privatbesitz. Dann besann sich die Hochschule eines Besseren. Eine Rede des ETH-Präsidenten im Jahr 2030.
Kolleginnen und Kollegen, Studentinnen und Studenten, meine Damen und Herren, Freunde der ETH!
Vor über 1600 Jahren schrieb Augustinus: «Denn jede Sache, die durch Weitergabe an andere nicht verliert, besitzt man nicht, wie man soll, solange man sie nicht an andere weitergibt.»
Wissen ist eine solche «Sache»: Ich verliere nichts, wenn ich mein Wissen mit anderen teile. Es ist im Übrigen kaum möglich zu verhindern, dass andere mein Wissen nutzen, sobald dieses einmal veröffentlicht ist. Ökonomen sagen, Wissen ist ein nicht rivales und nicht ausschliessbares und somit ein öffentliches Gut.
Als Hochschule behandeln wir Wissen als öffentliches Gut, damit es optimal zum Besten der Gesellschaft genutzt werde. Um die Jahrtausendwende war das nicht selbstverständlich. Zwei Trends kennzeichneten westliche Gesellschaften am Ende des 20. Jahrhunderts:
• Wettbewerb: Westliche Gesellschaften waren eigentumsbasiert und wurden vom Markt dominiert. Erfolg wurde daran gemessen, wie viel jemand besass. Als sich die Industriegesellschaften zu wissensbasierten Ökonomien wandelten, entstand Druck, auch Wissen und Information in Eigentum mit einem Preisschild zu verwandeln.
• Informationstechnologie: Neue Technologien veränderten die Gesellschaften dramatisch. Personalcomputer und Internet schufen die Möglichkeit, Informationen praktisch kostenlos auszutauschen. Doch es dauerte einige Zeit, bis die Menschen den fundamentalen Unterschied zwischen Information und physischen Objekten begriffen.
Wissen als Eigentum
Die Neuerungen bedrohten die mächtigen Firmen, die von der Ausbeutung digitaler Information lebten. Als immer neue Formen gemeinschaftlicher Wissenserzeugung ihr Geschäft überflüssig zu machen drohten, wehrten sie sich. Lassen Sie mich drei Beispiele geben: Gegründet auf dem Prinzip «Wissen gleich Eigentum», entstand eine neue Industrie - die Softwarehersteller - und damit ein sehr erfolgreiches Businessmodell: der Handel mit Lizenzen für Softwarekopien. Der erfolgreichste Konzern - er wurde später zerschlagen, aber bestimmt haben Sie schon von Microsoft gehört - wurde zum Monopolisten mit einem Marktanteil bei Betriebssystemen von fast hundert Prozent. Die Folge war eingeschränkter Wettbewerb und fehlende Wahlfreiheit für KonsumentInnen. Am Uno-Gipfel zur Informationsgesellschaft im Jahr 2003 in Genf erklärte Brasilien, es müsse einen Betrag für Lizenzgebühren aufwenden, der der Hälfte des nationalen Programms zur Armutsbekämpfung entspreche.
Software wurde sogar patentierbar - etwas, das heute undenkbar ist und auch vor 1980 undenkbar war. Softwarepatente wurden nur in den USA eingeführt und nach ein paar Jahren wieder aufgegeben, weil sie die Innovation zum Stillstand gebracht hätten.
Gratisware teuer verkauft
Ein zweites Beispiel: Können Sie sich vorstellen, dass Ihre Kinder die Zielgruppe einer Branche wären, die regelmässig Kinder verklagt? Genau das geschah in den Jahren 2000 bis 2005, als Medienunternehmen gegen die so genannte Piraterie vorgingen. Zu den hippsten Accessoires für Jugendliche gehörten damals Musikgeräte und Software für den Austausch von Musikdateien via Internet. Die Unternehmen behaupteten, MusikerInnen würden keine Werke mehr schaffen, wenn diese «gestohlen» würden (sie verschwiegen, dass die meisten MusikerInnen nicht vom Verkauf ihrer Musik, sondern von Konzerten lebten). Wie Sie wissen, ist die Entschädigung der MusikerInnen 2010 mit der pauschalen Kultursteuer gelöst worden. Herunterladen ist seither legal.
Ein drittes Beispiel, an das sich die Älteren unter Ihnen erinnern mögen, bilden die Wissenschaftsverlage. Ihr Businessmodell war bemerkenswert: Die Wissenschaft lieferte gratis Artikel, begutachtete sie gratis und gab die Urheberrechte gratis an die Verlage ab. Alles im Namen von Wissenschaft, Ruhm - und Zitationen. So bekamen die Verlage gratis Material höchster Qualität, das sie - Wissen ist Eigentum - mit Gewinn verkauften. Konstante Nachfrage und ein unflexibler Markt führten zu steigenden Preisen. Selbst wohlhabende Universitäten wie die ETH bekamen Mühe, die Mittel aufzubringen, von Hochschulen in ärmeren Ländern ganz zu schweigen. WissenschaftlerInnen aus Asien, Afrika oder Lateinamerika kamen in der Welt der wissenschaftlichen Journale kaum vor. Sie werden sich fragen: Wie konnten wir dreissig Jahre lang das Wissen von drei Vierteln des Globus ignorieren? - Eine gute Frage!
Die drei Beispiele zeigen, welche Belastung die Idee «Wissen gleich Eigentum» für die Marktwirtschaft bedeutete. Einen Preis kann es nur geben, wenn das Angebot knapp ist. Wissen aber kann beliebig kopiert werden und gewinnt sogar an Wert, wenn es vervielfältigt wird. Um ihre Preise für Lizenzen auf Information - egal, ob Software, Musik oder wissenschaftliche Artikel - aufrechterhalten zu können, mussten die Firmen Wege finden, den Zugang zu Information zu beschränken. Es gab vor allem zwei Wege:
• Der Gesetzesweg stärkte das Monopolsystem, das man damals «geistiges Eigentum» nannte. Grosse Medien- und Softwarekonzerne führten das Lobbying für eine Verlängerung des Urheberrechts an. Bis 2006 war das US-amerikanische System der Softwarepatente festgefahren, die Konzerne lagen sich in endlosen Rechtsstreitereien um Besitzansprüche und Lizenzgebühren in den Haaren. 2008 wurde das System ersatzlos abgeschafft.
• Der zweite - technische - Weg beschränkte die Verfügbarkeit von Werken. Die Konzepte hiessen Digital Rights Management (DRM) oder Trust Computing (TC) und gaben den Rechteinhabern mehr Kontrollmacht. Das Umgehen dieser Techniken wurde gesetzlich verboten. Ab 2000 wurden DRM- und TC-Chips in die Geräte eingebaut. Erst allmählich begriffen die NutzerInnen die Gefährlichkeit solcher Kontrolltechnologien.
In der Folge erodierten Wissen und kulturelles Gemeingut rapid. Neuen Generationen von Kreativen wurde der Zugang zur Basis ihrer Arbeit - ältere Werke, auf denen sie aufbauen können - verwehrt. Bis 2010 begannen mehr und mehr WissenschaftlerInnen zu realisieren, dass dies für die Entwicklung der Gesellschaft ein Problem darstellte.
Die neue Bewegung
Angeführt von Freie-Software-AktivistInnen und beflügelt vom Erfolg des freien Betriebssystems GNU/Linux, entstand eine Bewegung, die den Umgang mit intellektuellen und kulturellen Ressourcen dauerhaft veränderte. In der Umweltschutzbewegung fand man einen starken Verbündeten: Die Allmend-Bewegung entstand.
Die Allmend-Bewegung steht für gerechten Zugang zu Ressourcen, für Nachhaltigkeit sowohl im Bereich der Natur wie im Wissensbereich. Dass Nachhaltigkeit bei Wissen etwas anderes heisst als bei natürlichen «Dingen», war eine wichtige Grundlage ihrer Arbeit.
Lassen Sie mich einige Beispiele, und die Rolle der ETH darin, nennen. Die Freie-Software-Bewegung, berühmt geworden mit ihrer GNU-Software und ihrer General Public Licence (GPL), war für viele der folgenden Entwicklungen der Spiritus Rector. Die GPL sichert Software für immer als öffentliches Gut. Dies ermöglichte die Entwicklung und das Gedeihen des GNU/Linux-Betriebssystems trotz Angriffen der Softwareindustrie.
Unsere Studierenden lernen vom ersten Semester an, in grossen Freie-Software-Projekten mitzuarbeiten und an Software für Millionen Menschen mitzuschreiben. Sie trainieren dabei zusätzlich ihre Fähigkeiten, Probleme in internationaler Teamarbeit anzugehen. Die ETH ermutigt auch ihre Angestellten, sich für freie Software zu engagieren. Der letzte Vertrag für eine proprietäre Software lief 2020 aus. Seither werden Gelder, die wir zuvor für Lizenzgebühren aufwenden mussten, in Lehre und Forschung investiert.
Ausserhalb des Markts
Es zeichnet die heutigen Universitäten aus, dass die selbstverständliche Übernahme von Verantwortung während der Ausbildung gelernt wird: Im 20. Jahrhundert gehörte es noch nicht zu den Zielen der Universitäten, schon während des Studiums zur Veränderung der Welt beizutragen.
Wer von Ihnen nutzt heute nicht die Enzyklopädie Wikipedia? Dieses Projekt startete 2001 und konnte innert weniger als vier Jahren seinen millionsten Artikel aufweisen - allesamt geschrieben von Freiwilligen. Wikipedia ist das Beispiel einer intellektuellen Ressource, die von der Allgemeinheit für die Allgemeinheit gemacht wird und ausserhalb des Marktsystems steht.
Im Jahr 2008 wurde Wikipedia in den offiziellen ETH-Lehrplan eingebaut. Professorinnen und Assistenten wurden ermutigt, sich an der Enzyklopädie zu beteiligen. Wir sparen einerseits Geld für unsere Bibliothek, andererseits bauen sich unsere MitarbeiterInnen so ein weltweites Netz von KollegInnen auf.
Näher am akademischen Betrieb war die Public Library of Science (PLoS), die 2004 mit Fachzeitschriften in Biologie und Medizin begann. Weitere Disziplinen folgten, und seit 2019 ist die gesamte relevante Wissenschaftsliteratur weltweit frei zugänglich.
Selbstverständlich sind alle Publikationen von ETH-Angehörigen in der PLoS verfügbar. Das Geld, das wir früher für Abonnemente von Fachzeitschriften ausgeben mussten, investieren wir stattdessen in die Ausbildung: Alle ETH-Absolventen durchlaufen heute Kurse in Ethik und wissenschaftlicher Verantwortung.
Nebenbei: Eine Erfolgsgeschichte in kollektiver Medienproduktion war die CreativeCommons-Initiative (CC), die 2001 startete. CC überträgt die Prinzipien der freien Software auf andere Werke wie Musik, Filme, Literatur. Die Werke der PLoS nutzen die CC-Lizenz, und seit 2009 sind sämtliche ETH-Publikationen CC-lizenziert. So wird sichergestellt, dass die Erkenntnisse, die wir mit öffentlichen Geldern gewinnen, wieder an die Gesellschaft zurückfliessen.
Ein letztes Beispiel: Unsere Partner und Konkurrenten vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston erwischten uns 2001 auf dem linken Fuss, als sie ihr OpenCourseWare-Programm lancierten. Das MIT machte alle Unterrichtsunterlagen mittels einer CC-Lizenz online frei verfügbar. Charles M. Vest, der damalige MIT-Präsident, sagte: «Wir möchten andere Institutionen ermutigen, ihr Unterrichtsmaterial ebenfalls frei anzubieten, auf dass ein weltweites Netz von Wissen zum Nutzen der Menschheit entstehe.»
Nachhaltig forschen
Die ETH nutzte damals noch eine proprietäre, passwortgeschützte Software namens WebCT. Diese erwies sich als zu unflexibel und teuer und wurde aufgegeben, als die Inspiration aus Boston die ETH endlich erreichte: Die ETH ist Mitbegründerin der Open Academy, die seit 2012 Lehrmittel für alle Disziplinen und in allen Sprachen online verfügbar macht.
2004 setzte der ETH-Ratspräsident «nachhaltige Entwicklung als Hauptanliegen» zuoberst auf die Agenda und nahm damit die 2005 ausgerufene Uno-Dekade Bildung für nachhaltige Entwicklung vorweg. Man begriff damals, dass enorme Anstrengungen in Bildung und Wissenschaft nötig waren, um die anstehenden globalen Probleme zu lösen. Freier Austausch allen verfügbaren Wissens war unabdingbare Voraussetzung dafür.
Ich bin stolz darauf, dass die ETH eine Pionierin war in der Erweiterung des Konzepts der Nachhaltigkeit auf die Bereiche Wissen und Information. 2008 gründete die ETH das Zentrum für Technologie und Gesellschaft, das heute das Eidgenössische Departement für intellektuelle Gemeingüter berät, welches 2013, fünf Jahre nach dem Departement für natürliche Gemeingüter, geschaffen worden ist.
Ein einzelner Geist kann nichts erreichen ohne die Zusammenarbeit mit anderen. Die vergangenen fünfzig Jahre haben dies eindrücklich gezeigt. Nach fast hundert Jahren des digitalen Zeitalters ist die Welt mehr als ein globales Dorf geworden. Zusammen mit anderen führenden Universitäten der Welt wird die ETH fortfahren, unser Dorf mit Bildung auf höchstem Niveau und frei zugänglichem Lehr- und Forschungsmaterial zu versorgen.
Danke für Ihre Aufmerksamkeit.