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Schlüsselbegriffe: Soziologie des Wissens - Theorie der Erkenntnis - transzendentale Phänomenologie Husserls - daß ein Bewußtsein bei all seinen Operationen immer zugleich auf Phänomene und auf sich selbst referiert. - Unterscheidung von Handeln und Erkennen - Biologie der Kognition - Bedingungen der Kognition sind so komplex, daß sie keinen Eingang ins Bewußtsein finden können. - das Bewußtsein ist auf Repression aller Informationen über Operationen im neurophysiologischen Bereich angewiesen, aber zugleich abhängig von strukturellen Kopplungen zu diesem Bereich, das heißt: abhängig davon, daß der Organismus lebt - Das Bewußtsein kann nur durch seinen eigenen Organismus irritiert werden, also nur durch einen extrem schmalen Weltausschnitt. Eine so scharfe Reduktion von Komplexität ist unerläßlich, wenn das System eigene Komplexität aufbauen, wenn es befähigt sein soll zu lernen. - Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen - die Überführung des Grund-Problems in die Zeitdimension, heute vor allem im Formenkalkül von George Spencer Brown ausgearbeitet oder in Derridas Leitidee: daß der Ursprung eine Differenz (Schrift) sei, die zum ständigen Verschieben der Differenz, zur "differance" zwinge.
Die Soziologie des Wissens
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Die klassische Wissenssoziologie war von einer repräsentationalen Funktion des Wissens ausgegangen. Damit korrelierte eine Vorstellung geschichtlichen Fortschritts, denn Arbeit an Wissensgewinn mußte bei jener Voraussetzung als Verbesserung der Umweltbeziehungen des Systems aufgefasst werden. Mehr Wissen und Beseitigung von Irrtümern müßte danach die Umweltlage des Gesellschaftssystems verbessern. Das repräsentationale und das adaptionistische Verständnis von Kognition verlangen und stützen einander wechselseitig.
In dieses Konzept von Wissen hat die Wissenssoziologie - ähnlich wie auf psychische Systeme bezogen die Psychoanalyse- eine erste Bresche geschlagen. Sie scheitert aber daran, daß dies nicht radikal genug geschehen ist; mit anderen Worten: daran, daß man nicht sieht, daß damit die gesamte traditionelle Theorie der Erkenntnis zum Einsturz gebracht wird.
Die Grenzen des Unternehmens zeigen sich schon daran, daß die antike und dann wieder frühmoderne Unterscheidung von strengem Wissen (episteme) und Meinungswissen (doxa) beibehalten und in die moderne Unterscheidung wissenschaftlicher Disziplinen überführt wird. Formalwissenschaften wie Logik und Mathematik und Naturwissenschaften wie Physik, Chemie, Biologie bleiben ausgeklammert. Erst das »strong programme« der modernen Wissenschaftssoziologie versucht die Einbeziehung aller Disziplinen, begrenzt sich dann aber auf eine empirische Untersuchung wissenschaftlicher Forschungsarbeit. Diese Spaltungen erlauben es, das repräsentationale Grundverständnis des Wissens festzuhalten und sich mit einem gemäßigten Konstruktivismus zu begnügen, der am Realitätsbezug des Wissens nicht prinzipiell zweifelt, obwohl jede fixierte Aussage als Konstruktion behandelt wird.
Der Sprengsatz dieses Konzepts liegt in dem Versuch, Wissensbemühungen, die mit dem binären Code wahr/unwahr arbeiten zum Gegenstand von Forschungen zu machen, die ihrerseits auf binär codierten Wissensgewinn abzielen. Die typische Aussage der Wissenssoziologie lautet dann, daß die primären Bemühungen um Zuordnung der Werte wahr und unwahr durch Interessen gesteuert werden und daß diese Steuerung latent bleiben muß, weil anderenfalls der Interessenbezug den Wissensglauben ruinieren oder, formaler ausgedrückt, die wissensnotwendige Fremdreferenz qua Interessenbewußtsein in Selbstreferenz übergehen würde.
Die Wissenschaftssoziologie des »strong programme« hat daran nur insofern etwas geändert, als sie das Interesse an Aufstellung und Bewährung einer Theorie im institutionellen Kontext des Wissenschaftsbetriebs ausreichen lässt. Sie verwandelt damit die Interessenformel in eine kaum verdeckte Tautologie (und sich selbst darüber zu täuschen, ist dann offensichtlich ihr Interesse) und nutzt den beschleunigten Innovationsdruck des Wissenschaftsbetriebs für empirische Studien, die zeigen, daß man oft zu lange an bereits überholten Vorstellungen festhält.
Bei diesem Stand der Dinge drängt sich der autologische Schluß auf, daß jede (wissenschaftliche, aber auch jede alltägliche) Kognition ein Interesse voraussetzt, das darin gehindert werden muß, in die Erkenntnis durchzuschlagen. Wie immer die Mittel und Techniken: das System muß sich selbst daran hindern, Selbstreferenz und Fremdreferenz zu vermischen. Nur so kann vermieden werden, daß die Wissenssoziologie sich selbst einen überlegenen Beobachterstandpunkt, ein Wissen des Wissens und Nichtwissens zuspricht.
Während der Interessenbezug auf gefährliche Weise Selbstreferenz aktualisiert und deshalb latent bleiben muß und nur von anderen Beobachtern ans Licht gezogen werden kann (wobei dann wieder deren Interesse daran verdunkelt werden muß), hatte die transzendentale Phänomenologie Husserls für dasselbe Problem eine im Ansatz viel überzeugendere Lösung entwickelt.
Ihre Bewußtseinsanalysen hatten zu der These geführt, daß ein Bewußtsein bei all seinen Operationen immer zugleich auf Phänomene und auf sich selbst referiert. Die Botschaft lautet: das transzendentale Subjekt ist eine zeitliche, in der selbst konstituierten Zeit prozessierende Entität, die mit jedem intentionalen Akt Fremdreferenz und Selbstreferenz, Phänomen und Bewußtsein, Noema und Noesis unterscheidet und damit weiterhin für sich verfügbar hält.
Schon bei Husserl findet man also, wenngleich durch die Form des Subjekts verdeckt, die Annahme, daß Zeit diejenige Dimension sei, die sich dazu eigne, die Paradoxie der Einheit des Differenten in ein Nacheinander des Oszillierens einseitiger Referenzen aufzulösen. Theoriebautechnisch tritt hier der Begriff der (operativen) Intentionalität an die Stelle des Interessenbegriffs. Die Phänomenologie abstrahiert (deshalb »Phänomenologie«) von Seinsaussagen und begnügt sich mit Aussagen über das, was das Bewußtsein als Phänomen prozessiert; wobei der transzendentale Duktus der Theorie es qua Setzung (Husserls Epoche) erspart, die Frage nach der empirischen Realität des Bewußtseins zu stellen. Wie immer wieder eingewandt worden ist, ist es jedoch nicht gelungen, die transzendentale Sphäre von Psychologismen freizuhalten und außerdem ist die subiektzentrierte Theorie am Problem der Intersubiektivität gescheitert. Das hat die sogenannte »phänomenologische« Soziologie dazu gebracht, in gewohnter Weise von »Intersubjektivität« wie von einem sozialen Faktum auszugehen und dies in psychischen Lernprozessen (Sozialisationsprozessen) nur noch rückzuversichern. Damit hatte man es sich leichtgemacht, aber eben: zu leicht.
Man kam auf diesem Wege zu einer phänomenologischen Wissenssoziologie, die ohne weitere theoretische Skrupel die Kontingenz des erscheinenden (= konstruierten) Wissens behaupten konnte, aber gleichsam die andere Seite der Konstruktion, das, was im Wissen der Eindruck von Realität erzeugt, aus den Augen verloren hatte. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil lag darin, daß Soziales mit Begriffen wie Sprache, Interaktion, Rolle, Institution für wissenssoziologische Korrelationen verfügbar wurde. Aber es fehlte ein Begriff für die Einheit oder die Differenz des Sozialen, und es fehlte eine Antwort auf die Frage, wodurch denn Wissen als Wissen (oder: Wissen als Form, als Unterschied, als Differenz) ausgezeichnet sei.
Mit gutem Recht kann man fragen, ob diese Kritik berechtigt ist; oder anders: welchen Anforderungen an Radikalität in den Problemstellungen, in der Begrifflichkeit und in der Selbstbegründung ihrer Theorie die Soziologie als Fachwissenschaft zu genügen hat. Daß der doppelte Wissensbegriff der interessenbezogenen Wissenssoziologie in ungeklärte Probleme geführt hat, läft sich zwar schwerlich bestreiten, und die phänomenologische Wissenssoziologie zeigt ihrerseits mehr Zeichen der Ermüdung als der Inspiration. Aber das entscheidet noch nicht über die Form und die Berechtigung einer Kritik. Problematisierungen können sich im Unendlichen verlieren, und man möchte doch wissen, wie weit man gehen kann, ohne den Kontakt mit der faktisch durchführbaren Forschung zu verlieren. Schließlich gibt es ja auch noch »Philosophie«, der man die Arbeit am Grundsätzlichen überlassen könnte.
Fragen nach der Berechtigung von Reflexions- und Begründungsansprüchen werden sich kaum prinzipiell beantworten lassen, wenn man schon zweifelt, ob es überhaupt Prinzipien gibt. Aber sie haben eine historische und, für Soziologen, eine gesellschaftsgeschichtliche Seite. Von Zeit zu Zeit wäre deshalb zu prüfen, welche Annahmen den geläufigen Theorieansätzen zugrundegelegen hatten und ob sich die Kontexte verändert haben, die diesen Annahmen Evidenz oder doch Plausibilität verliehen hatten. Deshalb hatten wir die Frage an den Anfang gestellt, was die klassische Soziologie und ihre immer noch dominierende Nachfolge veranlasst haben mag, von Handlung und nicht von Wissen auszugehen. Inzwischen sind wir so weit, daß wir die Frage nachschieben können, ob es überhaupt notwendig ist, von der Unterscheidung von Handeln und Erkennen als einer Art anthropologisch begründeter Weichenstellung für soziologische Forschungsmöglichkeiten auszugehen.
Die Systemtheorie lehrt: Bifurkationen erzeugen Optionszwänge und mit den Optionszwängen eine praktisch irreversible Geschichte. Aber das muß auf der Ebene des Theoriedesigns nicht unbedingt heißen, daß man nicht auch ganz andere Unterscheidungen ausprobieren könnte - etwa die von System und Umwelt, die von vornherein so gebaut ist, daß die Einheit der Differenz in den Blick fällt.
Die vielleicht wichtigste wissenschaftliche Innovation, die in diesem Zusammenhang zu beachten ist, liegt im Auftreten einer Kognitionswissenschaft auf der Grundlage von teils mathematischen, teils empirischen Forschungen. Vorbereitet war dies durch den »linguistic turn« der akademischen Erkenntnistheorie, also durch die Ersetzung des (transzendentalen) Subiekts durch Sprache, also durch einen anderen Weltsachverhalt, an dessen Selbstanalyse jede Erkenntnistheorie anzuschließen hat. Das gilt heute als akzeptiert.
Die volle Tragweite dieses Umbaus wird jedoch erst deutlich, wenn man zusätzlich Forschungen der Biologie der Kognition in Betracht zieht unter Einschluß der Neurophysiologie bis hin zur Erschließung der in lebenden Makromolekülen ablaufenden quantitativen Rechnungen, die aller Kognition zugrundeliegen und sie überhaupt erst ermöglichen.
Die hier aufgedeckten Bedingungen der Kognition sind so komplex, daß sie keinen Eingang ins Bewußtsein finden können. Das gilt nicht zuletzt auch deshalb, weil hier viele Prozesse gleichzeitig ablaufen, während das Bewußtsein und erst recht Kommunikation auf ein zeitliches Nacheinander der Zuwendung von Aufmerksamkeit bzw. der Mitteilung von Informationen angewiesen sind.
Mit anderen Worten: das Bewußtsein ist auf Repression aller Informationen über Operationen im neurophysiologischen Bereich angewiesen, aber zugleich abhängig von strukturellen Kopplungen zu diesem Bereich, das heißt: abhängig davon, daß der Organismus lebt. Nur unter dieser Bedingung der Repression neurophysiologischer Information kann das Bewußtsein sich vorstellen, es könne etwas wahrnehmen, was außerhalb des Bewußtseins stattfindet, während faktisch alle Errechnung von Kognition im operativ geschlossenen System des Gehirns stattfindet.
Eine erste Folgerung ist, daß die traditionelle (sokratische) Formel für die Grenzen der Erkenntnis als »Wissen des Nichtwissens« nicht ausreicht, auch wenn man die Formel auf Steigerung hin dynamisiert. In dieser Form wird nur die klassische hierarchische Architektur der Paradoxiebewältigung noch einmal vorgeführt: Wissen und Nichtwissen wird unterschieden, und die positive (oder »innere«, operationsfähige) Seite dieser Unterscheidung, also das Wissen, wird dann benutzt, um die Unterscheidung selbst zu kontrollieren.
Nichts anderes gilt für Freudsche Unterscheidung von bewußt und unbewußt. Formal wird auf diese Weise die negative Seite als unmarkiert ausgegrenzt, und dies in der primären Unterscheidung ebenso wie auf der Ebene ihrer zusammenfassenden Thematisierung als Wissen des Nichtwissens, das dem Philosophen, oder als Bewußtsein des Unbewußten, das dem Therapeuten zugemutet wird.
Als Soziologe sieht man, daß eine solche hierarchische Architektur des »englobement du contraire« (Louis Dumont) zugleich der Rechtfertigung von Überlegenheitsrollen (des Adels, der Männer, der Weisen, der Therapeuten) dient. Aber hinter der »Unheit« des Schemas verbirgt sich ein riesiger Forschungsbereich, der zugänglich wird, sobald man die Systemreferenz der Kognition wechselt und nicht mehr alles vom Bewußtsein aus sieht.
Eine weitere Uberlegung schließt hier unmittelbar an. Auf den empirischen Grundlagen der systemischen Kognitionstheorie muß es zu einer kompletten Umkehrung der transzendentaltheoretischen Position kommen. Die physischen, chemischen, biologischen und sozialen Bedingungen der Möglichkeit von Erkenntnis lassen sich nicht durch eine Selbstanalyse des Bewußtseins aufklären, sondern im Gegenteil: das Bewußtsein darf von diesen Bedingungen der Möglichkeit von Kognition nichts erfahren, weil es anderenfalls mit Information überschwemmt und in seiner Operationsweise bis zum Stillstand gebremst werden würde. Nur dank einer solchen Informationsrepression kann das Bewußtsein sich selbst als operativ geschlossenes System realisieren. Nur so kann es gelegentlich den Eindruck gewinnen, etwas nie Bewußtgewordenes »immer schon gewußt zu haben«. Hier wiederholt sich also ein Erfordernis, das schon an den Aussengrenzen des neuro-physiologischen Systems wirksam wird.
Das System muß, um Kognition auf der Grundlage selbstorganisierter Komplexität zu erzeugen, operativ geschlossen sein. Es bleibt in den Umweltkontakten auf strukturelle Kopplungen (zum Beispiel photochemischer Art) angewiesen; aber es kann keine Information aus der Umwelt in das System übernehmen. Es muß vielmehr die wenigen, für Außenreizung zur Verfügung stehenden Zellen so rasch wieder freimachen, daß hier keine Formen festgelegt werden können. Kognition ist nur möglich, wenn und weil der operative Kontakt zur Umwelt unterbrochen ist.
Selbstverständlich schließt dies drastische kausale Abhängigkeiten des Systems von seiner Umwelt nicht aus. Deren Unterbrechung kann aber nur destruktiv wirken. Der Begriff der strukturellen Kopplung besagt außerdem, daß das System nur in wenigen Beziehungen durch seine Umwelt so gereizt werden kann, daß Irritationen entstehen, die die internen Informationserzeugungs- und -verarbeitungsprozesse in Gang setzen und in Gang halten. Das Bewußtsein zum Beispiel kann nur durch seinen eigenen Organismus irritiert werden, also nur durch einen extrem schmalen Weltausschnitt. Eine so scharfe Reduktion von Komplexität ist unerläßlich, wenn das System eigene Komplexität aufbauen, wenn es befähigt sein soll zu lernen.
An die Stelle der Selbstreflexion, die ja immer nur wenige Operationen des Systems beschäftigen kann, tritt in der Kognitionswissenschaft die Einsicht, daß zunächst einmal die Autopoiesis des Systems, der Fortgang von Operation zu Operation gesichert sein muß, bevor Resultate dieses Operierens als Wissen erfahren und gespeichert werden können.
Dann bleibt immer noch die offene Frage, wie die Bedingungen für das Auftreten von Kognition und Wissen definiert werden, und davon wird abhängen, ob man auch schon Makromolekülen Kognition zusprechen kann oder nicht. Das hat sicher mit dem Begriff des Gedächtnisses zu tun und berührt damit die Frage, ob und wie ein System einen Widerstand eigener Operationen gegen eigene Operationen und damit Realitätsgewißheit konstruieren kann.
Man wird sich fragen, was all dies mit Wissenssoziologie zu tun haben könnte. Der Punkt ist, daß diese Kognitionstheorie mit der Vorstellung von Wissen als Repräsentation der Umwelt im System inkompatibel ist. Oder scharf gesagt: Repräsentationstheorien können nur wider besseres Wissen vertreten werden. Das schließt nicht aus, daß ein Beobachter Ähnlichkeiten feststellt zwischen dem, was er als Umwelt sieht, und dem, worauf, wie er meint, ein anderer Beobachter reagiert - so wenn man sieht, daß auch andere Leute den Schirm aufspannen, wenn es anfängt zu regnen, und natürlich deshalb! Aber hier handelt es sich bereits um eine Reorganisation des Wissens auf einer Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung, die ihrerseits operativ geschlossen sein muß, also nicht darauf angewiesen sein darf, vor dem Regen/Schirm-Schluß erstmal erkunden zu müssen, welche faktischen Bewußtseinsoperationen dem zugrunde liegen.
Wir finden uns mit diesen Überlegungen ganz in der Nähe dessen, was Karl Mannheim "Partikularisieren" genannt und einer Erkenntnistheorie entgegengehalten hatte, die sich selbst für die Grundlage aller wissenschaftlichen Forschungen gesehen hatte, statt in diesen Forschungen ihre eigene Grundlage zu suchen. Diese Umkehr von Generalisieren zu Partikularisieren muß rückblickend als ein weitsichtiges Programm angesehen werden, das jedoch um 1930 von den Einzelwissenschaften und erst recht von der Soziologie selbst nicht eingelöst werden konnte. In dieser Hinsicht hat sich in den letzten beiden Jahrzehnten viel geändert; und man könnte deshalb anregen, an diesem Punkte zu Mannheim zurückzukehren.
Allerdings muß dabei die für Mannheim noch nicht denkbare Umstellung von Repräsentation auf operative Schließung im Blickfeld bleiben. Denn wenn es zutrifft, was wir vermutet hatten: daß die klassische Wissenssoziologie am Problem der Realitätsrepräsentation gescheitert ist, könnte eine davon unabhängige Kognitionstheorie ein Anlaß sein, sich die Sache neu zu überlegen.
Erkenntnis sigualisiert immer einen Bezug auf Realität. Daß es eine reale Welt gebe, war in der Tradition und wird auch heute vorausgesetzt. Seit Kant stellt man aber die Frage (oder die Vorfrage), wie man feststellen könne, was real sei, und die typische Antwort lautet: man erfahre es an dem Widerstand, den Erkenntnisbemühungen finden, und der auch dann Realität anzeige, wenn man noch konstruieren müsse, wie dieser Widerstand (und damit die Welt) zu verstehen sei. Ohne Widerstand zu finden, könnte die Erkenntnis sich Beliebiges einbilden und folglich keine einschränkenden Anhaltspunkte finden, also nicht lernen.
Wir bleiben bei diesem Übergang von Was-Fragen zu Wie-Fragen und damit auch beim Realitätsindikator »Widerstand«. Aber der Übergang zu einer Theorie operativ geschlossener Systeme erzwingt eine andere Lokalisierung des Widerstandes. Der Widerstand kann nicht in der Außenwelt, sondern nur im System selbst liegen. Und darin sind sich konstruktivistische und dekonstruktivistische Theorien einig: Die Operationen eines Systems finden Widerstand an anderen Operationen desselben Systems.
Das Gedächtnis im neurophysiologischen Sinne besteht aus jeweils aktuell durchgeführten Konsistenzprüfungen. Das Bewußtsein glaubt nicht an alles, was es denken kann; es verfügt (wie immer darin sprachabhängig) über die Operationsweise der Negation. Und Kommunikation widerspricht Kommunikation. Jeder Fall von Widerstand ist ein Problem im Verhältnis systemspezifischer Operationen zueinander. Anders käme es zu gar keinen Begegnungen.
Im Falle des Kommunikationssystems Gesellschaft kann es sich also nur um einen Widerspruch im wörtlichen Sinne handeln: um einen Widerstand von Kommunikation gegen Kommunikation. Nur das indiziert Realität, und nur das ermöglicht dem System Lernen, Evolution, Selbstorganisation. Als Resultat evolutionärer Selbstorganisation liegen denn auch Großsemantiken der systeminternen Widerstandsorganisation vor: für das Erkennen die Logik und für das Handeln das Recht.
Die Tradition hatte sich damit begnügt, diese Semantiken auf den Einzelmenschen zu beziehen, also auf das Denken bzw. Handeln. Das hatte Ursprungsmystifikationen zur Voraussetzung - des Satzes vom Grunde zum Beispiel als Einheitsausdruck für die logischen Axiome und das Naturrecht bzw. Vernunftrecht. Diese Mystifikationen haben sich bereits im 19. Jahrhundert aufgelöst - durch Formalisierung der Logik und durch Positivierung des Rechts, beides Formen der Rückführung des Geltungsanspruchs auf Operationen, sei es des Kalküls, sei es der Geltungsveränderung durch Entscheidungen (vor allem: Gesetzgebung, Präzedenzentscheidungen der Gerichte und Verträge).
Und wie geht es von da aus weiter? Man findet einerseits das, was sich bereits bei Husserl abzeichnet: die Überführung des Grund-Problems in die Zeitdimension, heute vor allem im Formenkalkül von George Spencer Brown ausgearbeitet oder in Derridas Leitidee: daß der Ursprung eine Differenz (Schrift) sei, die zum ständigen Verschieben der Differenz, zur "differance" zwinge. Andere orientieren sich (bewußt metaphorisch) an der Vorstellung, daß Blindheit Voraussetzung für Einsicht sei. In beiden Fällen wird mit Unterscheidungen gearbeitet, deren Einheit nicht thematisiert werden kann, weil das auf ein Paradox hinaus liefe, nämlich auf das Paradox der Selbigkeit des Unterschiedenen, der Einheit der Differenz. Auch der Begriff und die Theorie des Entscheidens haben es mit einer Paradoxie zu tun, die in Folgeprobleme aufgelöst und mit einer Ursprungsmystifikation (Autorität, Rationalität usw.) versehen wird.
An diesem Punkt kann man zwei verschiedene Fragen stellen. Die eine lautet: welche semantische Form und das heißt: welche Unterscheidung organisiert dieses Wissen? Die andere lautet: weshalb bevorzugt die moderne Gesellschaft am Ende dieses Jahrhunderts gerade diese paradoxe und nicht irgendeine andere Ordnung des Wissens?
Niklas Luhmann
Systemtheorie
Glossar Systemtheorie
Kognition: Konstruktivismus -
Biologie der Kognition: Maturana - Selbsterhaltung - Autopoiesis
Bewusstsein - Sprache