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Thomas Huonker MONDFISCH
Kapitel II
Michael Moran hat den Plan gefasst, ein Buch der halbtoten Seelen zu schreiben.
Das Fernsehen vervielfacht uns die Welt, indem es uns von der Welt abschneidet. Indem es uns in die Sessel drückt, uns vor der Mattscheibe kuschen lässt, freiwillig. Indem es uns zu visuell überreizten, seelisch und sinnlich ausgehungerten Crackers-Kauern macht.
Fernsehen vereinfacht die Welt. Es bringt Auschnitte aus allen sekündlichen Geschehnissen, im Regierungspalast, in der Kanalisation, im Regenwald von Urubamba, in der Tiefsee, in der Stratosphäre, an der Brandung, in der Autobahnraststätte, im Stall des Bauern Kaspar, im Apfel, wo der Wurm haust, im Badezimmer, wo ein Kind seine Zähne putzt, auf dem rauchenden Vulkan, in der Börse, im Innern des Gedärms und der Arterien, in Banken, Spelunken, auf Fischerbooten, in Stundenhotels, kirchlichen Neubauten, Gebärzimmern, Schlachthöfen.
Das Medium der strahlenden Röhre zerschneidet die Weltläufte in kleine Häppchen und sendet sie in die Wohnstätten, moderiert, selektioniert, temperiert, zensiert, reglementiert.
Moran, in Projekten erfahren, geht zielgerichtet vor.
Er schreibt eine Projektskizze und schickt sie an die Literaturbüros der vier Hauptstädte.
Der Titel seines Projekts laute:
VISION
Die formale Grundidee sei folgende:
Vom Autor subjektiv-zufällig generierte Kabelfernsehprogrammkombinationen werden auf Videoband protokolliert. Dann beginnt eine schrittweise Verbalisierung dieser visuell-verbalen Videosequenzen auf spielerisch vernetzte literarische Ebenen wie Rahmenhandlung, Beschreibung, Verballhornung, Kommentar, innerer Monolog, Dialog, Spott, Klage etc., welche sich gegenseitig kommentieren, relativieren, aufschaukeln, überlagern, karikieren, verdrängen oder reflektieren sollen.
Moran hat ein Muster beigelegt.
Die Mattscheibenpixel sprengen den realen Rahmen der Bewohnung des Fernsehraums durch Erwachsene, Kinder, Haustiere und Geziefer. Sie lächeln, knallen, hauchen, schneien, wiehern, wogen und stürmen in die Stube, ohne dass auch nur ein Stäubchen mehr oder weniger auf ein Nippes fällt.
Werden die Schirmbildserien eingeschaltet, können sie das Telefon, die Zeitung, das Gespräch, die Politik, das Spiel, die Nachbarschaft, den Garten, die Natur, das Wetter, den Sport, die Liebe, den Hass, die Ferien, die Arbeit, den Autolärm, die Ehe oder die Kuhglocken ausschalten, ersetzen, ergänzen und erträglich oder unerträglich machen.
Wetter von morgen: Satellitenbild. Wetter von heute: Neonlicht, Klimaanlage, Stau, Heizungsthermostat.
Die Kleinen wollen doch auch mitreden in der Schule, und dir macht es doch manchmal auch Spass, oder nicht? Ich sehe nur die Tagesschau und morgens die Börsenkurse. Fussball ab und zu.
Und das Wort zum Sonntag.
Küsse im Mattscheibenschein.
Katzenfutter. Bettgeflüster. Bombenanschlag! Löwenrudel. Godunow?
GalaxisIndianerdorfStörungShowdownSendeschluss: Die Kirche von Hinterdüvelsburg in Bayern, Gutenacht.
Die selbstgewählte Strahlendosis will ins Auge gehen, sie befehligt durch Linse und Netzhaut hindurch das Hirn, das Rückenmark.
Sie bestimmt wie einst die Sonne die Grenze zwischen Tag und Nacht sie steuert noch die Traumwelten des Schlafs. Sie jagt den Puls sie regelt die Kurven der Wallungen des Gefühls.
Ein Laserklick: Vom Hockeystadion in den Urwald. Vom Bett ins Riff.
Stadt zu Land. Blut klick Knuspermus. Verfolgungsjagd klick Verfolgungsjagd.
Eine Tripelserie: Kung Fu, Hände hoch, Knock-down.
Sanfte Wiesen, wogende Felder. Doch das Idyll, sagt eine sonore Stimme, es trügt.
Zweihundert Meter weiter ist das Filmen verboten, ein Massengrab, eine Chemiefabrik oder ein Hochsicherheitstrakt erscheinen unscharf im Telezoom.
Klick:
SadoMasoTransvestitenshow, mit Soulelementen.
Klick.
Stinkende Algen in Venedig. Lernen sie Spanisch mit Victor.
Bis sich die Blase meldet, das Telefon oder ein Durstgefühl.
Ein Kribbeln im eingeschlafenen Bein.
Wir präsentieren Ihnen nun eine Diskussion über die Probleme des Expertentums mit führenden Experten des In- und Auslands.
Anschliessend folgt der rosa Panther.
Zum Schluss des Gesuchs hat sich Moran noch etwas Freiraum ausbedungen:
Konzepte sollen der Intuition ein Vortrittsrecht belassen.
Er werde beschreiben, was halt dreissig Kanäle alles in die Stube schwemmen, und was einem Beobachter seiner selbst als Beobachter der Fernsicht auf den matten Abglanz der Welt so einfalle.
Alle Literaturbüros, ausser dem der östlichen Hauptstadt, wo Moran während seines Studiums als kritisches Element missliebig aufgefallen war, haben dem Projekt Geld zugesprochen, bedingungslos, nur mit der einen Auflage, nicht länger als sieben Jahre daran zu arbeiten.
Moran ist zufrieden. Er bedankt sich beim Büro der westlichen Haupstadt, das schliesslich die Ueberweisungen macht.
Beim Einräumen der täglichen Einkäufe in den Kühlschrank hört Moran am Radio ein Interview mit einer Schriftstellerin. Sie hat Erfolg mit ihren Geschichten von Frauen, die Männer töten. In den meisten Büchern ist es schliesslich umgekehrt. Aber sie lebt von der Sozialhilfe. Der Sender berichtet auch, dass sechs von sieben Künstlern oder Künstlerinnen alleinstehend oder geschieden leben. Der durchschnittliche Stundenlohn beim Kunstmalen beispielsweise liege unter dem Hilfsarbeiterlohn.
Was solls. Moran ist nicht zum Chef geboren. Moran hat schon so viele Bücher gelesen, dass er sich verpflichtet fühlt, auch eines zu schreiben.
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