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Februar 1917: Die russische Armee taumelt in eine historische Niederlage. Darüber kann Semjon Iwanowitsch Newsorow in den Cafés von Petersburg nur schmunzeln. Schliesslich hat ihm eine Zigeunerin geweissagt, er, der biedere Büroangestellte, werde in Krieg und Chaos zu grossem Reichtum kommen.
Buchhinweis
Pascal Rabaté: «Der Schwindler». Schreiber und Leser Verlag, 2018.
Russische Bauern und Arbeiter werden als Kanonenfutter an die Front geschickt. Als sie nach ihrer Rückkehr auf die Barrikaden steigen, nutzt Newsorow die Gunst des Tumults. Er kommt durch Glück zu Geld und erfindet sich neu als Lebemann und Aristokrat.
Spät übersetzt, aber nicht veraltet
Pascal Rabatés Graphic Novel «Der Schwindler» ist die Adaption des Romans «Ibykus» von 1924. Geschrieben hat sie der russische Schriftsteller Alexej Tolstoi, ein entfernter Nachkomme des grossen Leo Tolstoi.
Als Rabatés Comic-Adaption vor rund zwanzig Jahren in Frankreich erschien, wurde sie als Ereignis gefeiert. Sie heimste wichtige Preise ein und mauserte sich zum Bestseller und zum Klassiker.
Nun erscheint «Der Schwindler» auch auf Deutsch, im Nachgang des 100. Jahrestags der Russischen Revolution. Das war höchste Zeit: Denn der fette Wälzer des französischen Zeichners ist keine Spur gealtert und immer noch dringlich und begeisternd.
Glücksspieler, Zuhälter und Spitzel
«Der Schwindler» schildert die Verwirrungen und das Chaos vor und während der Russischen Revolution. Dies aus der Perspektive eines amoralischen und zynischen Glücksspielers, Hochstaplers, Betrügers, Zuhälters, Rauschgifthändlers und zaristischen Spitzels, der sich erst noch als Aristokrat ausgibt.
Also genau die Sorte Schmarotzer, mit der die Revolution als Erstes aufräumen wollte. Der schlaue Opportunist Nemsorow schafft es jedoch immer wieder, durch die Maschen des bolschewistischen Netzes zu entwischen.
Als das Petersburger Pflaster zu heiss wird, flieht er in den Süden, kauft sich für eine Handvoll Rubel ein Schloss und gefällt sich in der Rolle des ausbeuterischen Grundbesitzers.
Seine Bauern vertreiben ihn, und er irrt weiter, in edlen Kutschen und Güterwaggons. Er versucht sein Glück in Grossstädten und Dörfern, er haust in Palästen und Bruchbuden, und das quer durch das riesige, in Flammen stehende Mütterchen Russland.
Linientreuer Parteifunktionär
Als Alexej Tolstoi «Ibykus» schrieb, hatte er selber ereignisreiche Jahre hinter sich: Während der Revolution war er Propagandist der zaristischen Truppen und emigrierte 1919 sicherheitshalber in den Westen.
1923 kehrte er in die Sowjetunion zurück und erfand sich als linientreuer Schriftsteller und Kulturfunktionär neu. Als Präsident des sowjetischen Schriftstellerverbands befürwortete Tolstoi ausdrücklich Stalins Kultur- und Säuberungspolitik. Kein wirklich sympathischer Typ – wie auch seine Figur Newsorow alles andere als ein Sympathieträger ist.
Schwungvolle Bilder
Aus Tolstois Roman macht Rabaté eine mitreissende Graphic Novel. Der ambivalente Protagonist hält uns zwar auf Distanz. Doch das rasante Auf und Ab seines Lebens, seine Höhenflüge, Umwege und Abstürze, ziehen uns tief in die Wirren und Verunsicherungen jener Jahre.
Das ist nicht zuletzt das Verdienst der zeichnerischen Umsetzung: Rabaté malt mit Pinsel und oft schwarz-grau-weissen Acrylfarben. Die Bilder leben vom freien Schwung des Pinselstrichs. Die Perspektiven sind verzerrt, die Fluchtlinien in ständiger Bewegung, und die Figuren sind teils stilisiert, teils karikiert, immer aber überaus lebendig und glaubwürdig.
So schafft Pascal Rabaté einen unwiderstehlichen, lebensprallen und komischen Schelmenroman – und plötzlich stecken auch wir mitten in der Russischen Revolution.