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Literatur
Das Recht der Frau auf freie Partnerwahl
"Es ist eine allgemein anerkannte Wahrheit, dass ein Junggeselle im Besitz eines schönen Vermögens nichts dringender braucht als eine Frau."
Mit diesem viel zitierten Satz beginnt Jane Austens Roman "Stolz und Vorurteil", in dessen Verlauf wir das Leben der jungen Elisabeth ein kurzes Stück begleiten. Sie ist eine der fünf Töchter der Bennets, einer der Oberschicht angehörigen Landadelsfamilie mit nur geringem Vermögen. Oberstes Ziel der Mutter ist es, ihre Töchter schnellstens zu verheiraten. Aber in der Provinz mangelt es an standesgemäßen und vermögenden Heiratskandidaten. Da kommt frisches Blut wie der neue Nachbar Mr. Bingley gerade recht. Unverzüglich macht sich Mrs. Bennet daran, Bingley mit ihrer Tochter Jane zu verkuppeln, was zunächst misslingt.
Bei einem Besuch der Bennets bei Bingley lernt Elisabeth, die intelligenteste und eigenwilligste der Töchter, Mr. Darcy kennen, der gesellschaftlich weit über ihr steht. Dieser macht kurze Zeit später Elisabeth einen Heiratsantrag. Doch das Unvorstellbare geschieht: Sein Antrag wird abgelehnt. Übrigens ist dies schon der zweite Antrag, den Elisabeth zum Entsetzen ihrer Familie ablehnt.
Die Mauern der gegenseitigen Ablehnung scheinen schon fast unüberwindbar, da lernt Elisabeth Darcy bei einem zufälligen Treffen von einer gänzlich anderen Seite kennen. Doch bevor die jetzt aufkeimende gegenseitige Zuneigung in eine Ehe münden kann, gilt es noch weitere gesellschaftliche und moralische Schranken zu überbrücken.
Gesellschaftliches Aufbegehren oder Sturm im Wasserglas?
Die Figur der Elisabeth in dem 1813 erschienen Roman handelt für damalige Verhältnisse geradezu revolutionär. Das Recht der Frau auf freie Partnerwahl war vor 200 Jahren de facto nicht vorhanden. Ehen wurden häufig unter dem Gesichtspunkt der materiellen Absicherung und nicht aus Liebe geschlossen. Diese und ähnliche Konstellationen führt uns Jane Austen auch vor Augen wie beispielsweise mit der "Geldhochzeit" zwischen Charlotte und Collins. Einzig die Beziehungen Elisabeth und Darcy sowie Bingleys und Janes sind geprägt von gegenseitiger Achtung und Liebe.
Allerdings finden die beiden Paare erst zusammen, nachdem eine ganze Reihe von Vorurteilen und Missverständnissen ausgeräumt sind. So wird Darcy beispielsweise von seinem Verwandten Wickham bei Elisabeth verleumdet. Dieser handelt jedoch nicht aus Großmut, sondern aus Eigennutz und Bosheit. Elisabeth vermag jedoch nicht hinter die Fassade zu blicken, vertraut dem Verleumder und lehnt in Folge dessen den Heiratsantrag Darcys ab.
Erst durch einen Rechtfertigungsbrief Darcys an Elisabeth kommt es zu einer Klarstellung. Elisabeth muss ihre Vorurteile revidieren und erkennt den wahren Charakter Wickhams. Im späteren Verlauf der Geschichte entpuppt sich Wickham denn auch für alle sichtbar als charakterloser Lump. Er brennt mit Lydia durch und kann erst mit der Zusicherung eines hohen Geldbetrages zur Hochzeit bewogen werden, den ausgerechnet Darcy seinem Erzfeind zahlen will.
Minimal aber genial
Das Ziel Jane Austens war es stets, Miniaturporträts und Modellcharakter zu entwickeln. Dabei gelang es ihr immer wieder, nicht ins klischee- oder schablonenhafte abzurutschen. Sie bedient sich hierzu einer pointierten Darstellung der inneren Vorgänge der Personen oder ausgefeilter Rededuelle. Besonders geschickt verwendet sie in "Stolz und Vorurteil" die erlebte Rede. Innerhalb der Geschehnisse weist sie jedem Charakter bestimmte moralische Züge oder Normen zu. Doch dies allein führt nicht dazu, dass die Handlungen der Personen richtig sind. Erst die Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit ermöglicht den Protagonisten die notwendige Weiterentwicklung. Fehlt jemandem die Fähigkeit, Vorurteile zu hinterfragen und zu revidieren, führt dies zu Stillstand oder Rückschritt. So brechen Wickham und Lydia zwar aus den gesellschaftlichen Konventionen aus, doch bedeutet dies keine Weiterentwicklung. Nur oberflächlich betrachtet rebellieren sie, knicken jedoch sofort ein, als man ihnen eine finanzielle Absicherung zusagt.
Die große Kunst Jane Austens besteht in der ironischen Sichtweise auf ihre Charaktere. Besondere Highlights sind die geschliffenen Dialoge zwischen Darcy und Elisabeth. Diese Gespräche werden vom Erzähler witzig kommentiert, Blickwinkel werden richtig gestellt, Vorurteile lächerlich gemacht und Gedanken oder Ereignisse ergänzt. Dies in Verbindung mit der Modellhaftigkeit der Porträts und Personen führt dazu, dass die Lektüre dieses Romans auch fast 200 Jahre nach seinem Erscheinen noch Spaß macht. Und das will in unserer knallbunten Event-orientierten, schnelllebigen Zeit schon etwas heißen.
Tanz auf dem Trommelfell - Hörbuch, Sprecherin Marion Martienzen
Jane Austen ist bei Hoffmann & Campe als gekürzte Lesefassung auf 7 CDs erschienen. Die Sprecherin Marion Martienzen kann auf eine lange und erfolgreiche Theaterbühnen-Karriere zurückblicken. Für Hoffmann & Campe hat sie bereits drei Hörbücher von Helene Hanff gelesen. In Jane Austens Roman legt sie besonderen Wert auf die Verdeutlichung der Standesunterschiede allein mittels einer Änderung der Ausdrucksweise. Diese bringt deutlich die Arroganz, Eitelkeit und Hochnäsigkeit des englischen Adels gegenüber anderen Ständen zum Ausdruck. Aber auch die Geringschätzung innerhalb der Adels-Hierarchie zwischen höfischem und Landadel wird prägnant herausgearbeitet. Besonders gut gelingt ihr dies bei Elisabeths Mutter, die enervierend anmaßend über alle herzieht und dabei ständig versucht, ihre Töchter möglichst gewinnbringend an den Mann zu bringen. Auch der Diskrepanz zwischen Gesagtem und Gemeintem trägt sie Rechnung, in dem ihre Stimme leicht ausschlägt wie der Zeiger eines Geigerzählers. Ihre Tonlage ist im Allgemeinen unüberhörbar-kraftvoll, vernehmlich-dynamisch und in Zügen parodistisch-ironisch. Bei den Männerstimmen setzt sie noch einen Drauf und liest diese polternd-kellerdunkel, herablassend-arrogant oder vielfältig-einfältig. Dadurch wird dem Hörer zwar ein treffendes Charakterbild der einzelnen Personen ans Ohr gegeben und der Wiedererkennungswert deutlich gesteigert.
Fazit: Mehr eine Theateraufführung denn eine Lesung. Genussvoll bringt Marion Martienzen mit Stimmgewalt und parodistischem Können das Trommelfell zum Schwingen und lässt Jane Austens Figuren wie bei einem Reigen darauf tanzen.
Der pure Luxus - Hörbuch, Sprecherin Eva Mattes
Im Argon-Verlag ist jetzt in einer absoluten Luxus-Ausstattung die vollständige Lesung dieses zeitlosen Klassikers erschienen. Doch nicht nur das aus 10 CDs sowie einer MP3-CD und einem ausführlichen 20-seitigen Booklet bestehenden großformatigen Hörbuch ist der pure Luxus. Auch die Lesung von Eva Mattes ist wieder einmal einzigartig. Man merkt ihr förmlich die Begeisterung für diesen englischen Roman der Weltliteratur mit ihren ironischen und witzigen Untertönen an. Alleine die Art und Weise, wie sie die oberflächlich-dümmliche Mutter von Elisabeth liest, ist göttlich. Besonderes Vergnügen bereitet ihr offensichtlich die Parodie des Sprechfalls der englischen Oberschicht. Perfekt trifft sie den Ton der Borniertheit, des Stolzes und Hochmuts der Upperclass ohne dies jedoch zu überziehen. Dass sie jedem einzelnen Charakter durch Änderung der Stimm- und Tonlage eine persönliche Note verleiht, muss schon nicht mehr erwähnt werden. Es ist immer wieder ein Hörgenuss, der Wandlungsfähigkeit und vielfältigen Ausdruckmöglichkeiten ihrer Stimme zu lauschen.
Fazit: Eine Lesung wie eine magische Brise: sie kitzelt das Ohr, umschmeichelt das Gehirn, reizt das Zwerchfell und entführt den Geist ins ländliche England des 19. Jahrhunderts. Dies ist kein Hörbuch, sondern eine opulente Würdigung eines leicht geschriebenen, witzig-ironischen Miniaturbildes einer an gesellschaftlichen Umwälzungen reichen Zeit.
Stolz und Vorurteil
Buch (640 Seiten, Manesse), Hörbuch (7 CDs, Hoffmann & Campe), Hörbuch (10 CDs, Argon)