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Kurzreferat vom 29.11.2008 in Bern
zum Jubiläum des Vereines Dyslexie Schweiz
Legasthenie ist nicht nur Thema bei Kindern und Jugendlichen, die davon betroffen sind. Entgegen einer lange verbreiteten Meinung wird Legasthenie nicht ausgewachsen oder geheilt und ist bei den meisten Betroffenen auch als Erwachsene noch ein Thema, eine Beeinträchtigung oder sogar ein deutliches Hindernis, um berufliche Ziele zu erreichen. Oft wurde bei Betroffenen als Kind nie eine Abklärung gemacht, die das Problem auf den Punkt bringt, also ist Vieles im Zusammenhang mit der Legasthenie auch beim Erwachsenen noch unklar!
In den nächsten 20 Minuten möchte ich mich deshalb darauf beschränken, Ihnen zu beschreiben, was von Legasthenie betroffene Erwachsene über sich wissen sollen, um mit dieser Beeinträchtigung besser leben zu können und auch andere über eigenen Stärken und Schwächen informieren zu können.
Ich gehe dabei von einer Standortbestimmung aus, die Erwachsene, die in einer unklaren Situation bezüglich ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche sind, machen sollten.
Folgende 9 Punkte sollten aufgrund der Standortbestimmung beantwortet werden können:
1. Erstellen einer beruflichen Situationsanalyse
Welche Fragen in der aktuellen Ausbildung oder im aktuellen Job oder welche Probleme zeigen sich?
In der gewünschten Ausbildung oder im zukünftigen Job werden sich welche Probleme oder Befürchtungen ergeben?
2. Beurteilen der kognitiven Fähigkeiten und der Lernfähigkeit
Anhand von Tests oder Erfahrungen wird zusammengetragen, welche denkerischen Fähigkeiten je in welcher Stärke vorhanden sind, es wird also ein Begabungsprofil erstellt! Ein Beispiel könnte sein: Ich habe ein gutes Allgemeinwissen, kann mich in der mündlichen Sprachen gut orientieren, habe aber Mühe neues Wissen abzuspeichern, oder vergesse Anweisungen rasch.
Die meisten Schulen und Berufsausbildungen gehen von einem Idealprofil bei Schülerinnen und Schülern oder Auszubildenden aus, das wäre ein ausgeglichenes Profil, also in den verschiedenen denkerischen Fähigkeiten etwa gleich gut begabt!
Ein typisches Beispiel einer spezifischen Schwäche bei einer Legasthenie: Einen Auftrag erfassen geht gut, die Auszubildende macht sich eine bildliche Vorstellung (allenfalls wie ein Film) des Auftrages und kann sich so den Auftrag sehr gut merken. Die ganzheitliche Wahrnehmung wird angesprochen, diese funktioniert sehr gut. Mehrere Aufträge kurz nacheinander erfassen geht aber nicht gut, da auch diese ganzheitlich aufgenommen werden und so die verschiedenen „Filme“ durcheinander geraten können. Wenn die Aufträge einzelheitlich aufgefasst würden (etwa den Auftragstext auswendig lernen, im Wortlaut speichern, wie „mit Kassettenrecorder aufnehmen“), wären drei Aufträge kein Problem. Die einzelheitliche Wahrnehmung ist aber häufig bei Personen mit Teilleistungschwächen nicht die bevorzugte Wahrnehmungsart.
3. Wahrnehmungs- und Lernstil erfassen
Es ist für die von Legasthenie betroffener Person hilfreich zu wissen, ob im persönlichen Wahrnehmungsstil visuell oder auditiv eine Präferenz vorliegt. Viele Legastheniker informieren sich visuell, sie schweifen bei einseitig auditiven Informationen rasch ab. Es gilt dann zu überlegen, wie die Aufmerksamkeit besser geholt werden kann, was dabei helfen kann.
Auch ist zu beachten, welche Art zu lernen besser funktioniert (diskutieren, lesen, hören, praktisch umsetzen, experimentieren, bewegen....).
Ebenfalls ist zu diskutieren, welche Zeitstrukturen und welches Lernumfeld persönlich gut entsprechen. Zum Thema Aufmerksamkeitsstil können Tests gemacht werden.
4. Einschätzen der Lese- und Schreibfähigkeiten
Es sollte eine möglichst genaue Beschreibung der Lese- und Schreibfähigkeit gemacht werde. Wie ist die Lesegeschwindigkeit, wie ist das Leseverständnis, wie sind die Lesegewohnheiten (Wörter überlesen...)?
Welche Art von Schreibfehlern passiert, sind phonologische Probleme vorhanden (erkennen der Laute, Zuordnung zu Buchstaben), fehlt orthographische Orientierung, sind grammatikalische Fehler häufig?
5. Bisherige Kompensationsstrategien nennen
Wie geht die erwachsene Person mit schwierigen Situationen im Zusammenhang mit der Lese- und Rechtschreibschwäche um, lässt sie andere schreiben, benutzt sie Hilfsmittel wie zum Beispiel ein Rechtschreibeprogramm, merkt sie sich „Eselsbrücken“? Kompensationsstrategien sind sehr nützlich und gesund und können beliebig erweitert werden. Tipps von anderen verwenden!
6. Vermeidungsstrategien erfragen und bewusst machen
Schwieriger selber zu erkennen sind die Vermeidungsstrategien. Eine könnte sein, sich gar nicht zu überlegen, ob ich in einer Situation schreiben muss oder nicht und dann von der Situation überfahren werden (zum Beispiel bei einem Vortrag). Eine könnte sein, den liebsten Berufswunsch zu streichen, weil da zu viele Fähigkeiten in Schreiben und Lesen verlangt würde. Diese Strategien helfen nicht, den persönlichen Zielen näher zu kommen oder Erfolgserlebnisse zu erleben. Die betroffene Person kann aber nur etwas dagegen tun oder die Strategien verändern, wenn diese bewusst sind! Ein persönliches Lernprotokoll über mehrere Wochen kann helfen, die Vermeidungsstrategien zu erkennen.
7. Ressourcen und Stärken vollständig erfassen
Dies ist aus meiner Sicht der wichtigste Punkt:
Häufig wird bei Abklärungen vergessen, dass das Bewußtsein von Stärken und Ressourcen wegleitend ist: Ich mache etwas, weil ich es gut kann und weiss, dass es mir Freude macht. Dies sollte der Fokus sein und darüber sollte die betroffene Person Auskunft geben können. Ich habe als Fachperson oft erlebt, dass Jugendliche mit Teilleistungsstörungen nicht sagen können, was sie für Stärken und Ressourcen haben. Manchen fiel zu dieser Frage schlicht nichts ein! Dies hat vielleicht damit zu tun, dass Legasthenie als Schwäche gewisse Stärken überlagert und Legastheniker oft Stärken haben, die in der Schule nicht bewertet werden. Was machen Betroffene mit der Erfahrung, dass gute Fähigkeiten nichts wert sind? Es ist auch aus diesem Grund sehr wichtig, in die Therapie der Teilleistungsschwäche die Stärken der Person mit einzubeziehen und bewusst zu machen.
8. Ziele für die nächsten 12 Monate definieren
Diese Ziele können den Umgang mit der Legasthenie betreffen oder auch gerade nicht! Ein Schüler, mit dem ich neue Ziele im Bereich Gestalten und Zeichnen setzte (seine Stärken), verbesserte sich durch diese erhöhte Motivation im Schreiben sehr. Motivation erhöht die Aufmerksamkeit enorm, gibt Energie, diese ist oft ausschlaggebend, ob sich die Symptome der Legasthenie zeigen oder nicht.
9. Methode und Kontrolle definieren
Es gibt zahlreiche Angebote von Therapien und Methoden zum Umgang mit der Lese- und Rechtschreibschwäche. Jede betroffene Person im Erwachsenenalter soll für sich entscheiden, welches Angebot in der aktuellen Situation hilfreich sein könnte. Oft ist die Förderung der Stärken ein wichtiger Ansatz.
Es kann sich lohnen, noch einmal einen orthographischen Kurs zu machen, zum Beispiel mit dem Lehrgang von Frau Leeman Ambroz: Die Grundbausteine der Rechtschreibung.
Für Fragen zum Referat sowie zu Abklärungen oder Standortbestimmungen:
Renate Bichsel Bernet
Spitalackerstrasse 63
3013 Bern
031 333 50 60
079 478 73 32