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Ludwig Wittgenstein: Notation im Tractatus logico-philosophicus
Der Philosoph Hans Julius Schneider hat bei einer neuerlichen Lektüre des Tractatus, abweichend von einer üblichen Auslegungspraxis, den Eindruck erhalten, es fänden sich darin „viele Bemerkungen über das Funktionieren der Sprache“, „die nur dann plausibel erscheinen ..., wenn man dabei weder Sprachen von der Art der natürlichen Sprachen noch Bilder oder Zeichnungen, sondern Notationssysteme vor Augen hat.“ (2006:82) Wird der Befund von Goodmans Kriterien her betrachtet, besagt das: „Merkmale, die Wittgenstein zur Zeit der Abfassung des Tractatus als die Bedingungen der Möglichkeit von Symbolsystemen überhaupt erscheinen (also auch die Bedingungen der Möglichkeit der natürlichen Sprachen), sind im Lichte von Goodmans Unterscheidungen betrachtet die Möglichkeit von Notationen.“ (83) Wittgenstein gebraucht also, dieser Lesart zufolge, im Tractatus eine Sprachauffassung, die gut übereinstimmt mit den Feststellungen Goodmans zu notationalen Symbolsystemen, also auch zur Standard-Notation. Doch sind natürliche Sprachen andere Symbolsysteme: sie sind, wie Schneider ausführt, zum Beispiel nicht semantisch disjunkt, „sonst dürfte es in ihnen keine Oberbegriff/Unterbegriff-Beziehungen geben“, sie sind auch „nicht semantisch endlich differenziert, was sieh z. B. an der Farbskala zeigt: Es ist auch theoretisch nicht möglich, für jeden auf einer chromatischen Skala im Übergangsbereich liegenden Farbstreifen zu bestimmen, ob er der einen (z. B. ,hellorange‘) oder der anderen Farbbezeichnung (,dunkel-gelb‘) zuzuordnen ist.“ (2006:82)
Wenn Wittgenstein später schreibt, er habe seine Ansicht über Sprache revidieren müssen, da er von einem Bild, von einer Analogie gefangen war – „Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unsrer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.“ – meint er Schneider zufolge „das Bild des Notationssystems, das von ihm aber unter Benutzung der irreführenden Termini ‚Bild‘ und ‚Abbild‘ erörtert wurde“ (83).
Nun muss uns der Irrtum Wittgensteins als solcher nicht beschäftigen. Viel interessanter ist die Frage, was er unter einem Notationssystem verstand und was ihn daran so faszinierte. Es bietet sich an, ein Notationssystem im Sinne Wittgensteins wie des Gebrauchs in der Standard-Notation als Symbolsystem zu verstehen, in dem eine „werkrelevante“ (87) Folge von Symbolen gefragt ist. Ein solches System kann aber nicht „die Relation zwischen den Noten und den von ihnen dargestellten Tönen darstellen, d.h. seine eigene Funktionsweise.“ Anders und in der Formulierung Wittgensteins gesagt: „Das Notationssystem kann sich nicht ‚ausserhalb seiner selbst‘ aufstellen“ (Tractatus 4.12) (87). Das Notationssystem enthält in sich keine metasprachlichen Ausdrücke.
Was aber kann der Sinn eines für sprachphilosophische Zwecke so beschränkten Systems denn sein? Schneider zufolge geht es um den Bereich einer Welt, die er die „natürliche“ nennt. Es geht um den „Bereich der Melodien“, dem „im Tractatus ... der Bereich der natürlichen Welt“ entspricht. „Daher kann man sagen, eine ‚Sprache‘ der dort vorgestellten Art (d.h. ein Symbolsystem, das in Goodmans Sinn als eine Notation zu klassifizieren ist) könne alles ‚beschreiben‘, was in der natürlichen Welt auftreten kann. Unter dieser ‚natürlichen Welt‘ ist dabei die Gesamtheit der möglichen .Sachverhalte‘ im Sinne von Konfigurationen von Gegenständen‘ zu verstehen, deren fraglose Identifizierbarkeit unterstellt wird. Wichtig ist für unseren Zusammenhang dabei die Tatsache, dass die Ausdruckskraft eines Notationssystems nicht darüber hinausreicht.“ (2012:175).
Als Frage für die Notationsgeschichte stellt sich, wie weit erstens die Begrenztheiten der Standard-Notation durchbrochen sind und ob Veränderungen eine Annäherung an die Ordnungen der natürlichen Sprachen zeigen.