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Diesen Frühling sass ich mit zwei Freunden in unserem Garten bei einem Bier. Der Mangel an Gesprächsstoff brachte uns auf eine lustige Idee: Wir diskutierten, wie wir die Dinge nennen könnten, die uns umgaben.
Natürlich, eigentlich gibt es ja für alles bereits eine Bezeichnung. Aber warum sollte uns das daran hindern, Alternativen zu diskutieren? Und was sollte uns daran hindern, diese Alternativen auch zu verwenden, wenn sie uns gefielen und vor allem witziger waren als die ursprünglichen Wörter?
Inzwischen sprechen wir eine Sprache, die hier kaum mehr jemand versteht. Aber wir drei verstehen uns prächtig.
Nun gut, wahr ist diese Geschichte nicht. Jedenfalls beinahe nicht. Als ich mich im Sommer für den Blogartikel „Sprache als Vereinbarung“ gedanklich frisch machte, stiess ich in einem Buchkapitel über die Funktion sprachlicher Zeichen jedoch auf einen bezaubernden Bericht. Er wird in Meyers Konversationslexikon von 1889 unter „Sprache und Sprachwissenschaft“ geschildert:
So herrscht im Inneren von Brasilien eine so grosse Sprachverschiedenheit, dass bisweilen an einem Fluss hin, dessen Länge 300 – 500 km nicht übersteigt, 7 – 8 völlig verschiedene Sprachen gesprochen werden. Genaue Kenner des Landes erklären dies daraus, dass ein Hauptzeitvertreib der Indianer ist, während sie an ihrem Feuer sitzen, neue Wörter zu ersinnen, über die, wenn sie treffend sind, der ganze Haufe in Gelächter ausbricht und sie dann beibehält.
Man stelle sich vor: Da sitzen also Gruppen von Menschen, die sich in einem solchen Mass neue Wörter ausdenken und sie so konsequent in ihren Alltag integrieren, dass ihre Sprachen, obwohl ursprünglich identisch, sich in ganz verschiedene Richtungen entwickeln. Das nenne ich Sprachgestaltung!
Dass die Bedeutung von Wörtern in der Regel weder natürlich noch logisch, sondern vielmehr willkürlich ist, habe ich schon des öfteren erwähnt. Ein Wort funktioniert in der Kommunikation zwischen zwei Menschen, weil die beiden sich auf die Bedeutung geeinigt haben. Also, natürlich nicht direkt im Sinne einer Diskussion, aber ihre Vorvorvorvorväter begannen irgendwann, den Baum „Baum“ zu nennen. Dann verwendeten alle dieselbe Bezeichnung, weil sie sich ja verständigen wollten.
Und diese brasilianischen Sprachrebellen scheren sich nun keinen Deut um solche Konventionen. Damit erbringen sie den Beweis, dass die Funktion der Sprache auf Vereinbarung beruht. Und das wiederum führt mich zu einer neuen Variante der Frage nach Huhn und Ei:
- Die Sprache hat den Zweck, Kommunikation zu ermöglichen. Sie erlaubt es Menschen also, (mindestens gedanklich) aufeinander zuzugehen.
- Sprache bedingt jedoch Konvention. Und Konvention bedingt, dass da schon mindestens zwei aufeinander zugegangen sind, um eine Vereinbarung zu treffen.
Aufeinander zuzugehen ist also sowohl Zweck wie auch Voraussetzung der Sprache.
Soviel für heute, bevor ich mir selbst und meinen Lesern das Hirn verbiege.
Übrigens: Der Bericht über die brasilianischen Sprachschöpfer erinnert mich verschwommen an eine Erzählung, die ich im Deutschunterricht im Gymnasium las. Ich glaube, es war eine Kurzgeschichte. Darin ging es um exakt dieses Phänomen, dass nämlich Menschen eigene sprachliche Vereinbarungen trafen. Wenn ich mich recht erinnere, erfanden sie jedoch keine neuen Wörter, sondern tauschten Begriffe aus. Ich kann mich leider weder an den Autor noch an den Titel erinnern. Wenn mir jemand weiterhelfen kann, wäre das eine grosse Freude.