Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03515.jsonl.gz/881

Insbesondere im Bezug auf Führungspositionen ist die Gleichstellung von Männern und Frauen bei Weitem nicht vollzogen. Dies ist ein Ergebnis der kürzlich veröffentlichten Nationalfondsstudie (NFP 60), die neben anderen Forschungsergebnissen an der Tagung «Frauen für Führungspositionen» in Zürich diskutiert wurde.
Eine Frau hat selten Chancen auf eine Führungsposition, wenn sich ein Mann auf die gleiche Stelle bewirbt. Sozialpsychologin Lina Vollmer präsentierte an der Tagung «Frauen für Führungspositionen» der Fachhochschule Zürich die Forschungsergebnisse zu unabsichtlicher Diskriminierung von Führungsfrauen.
Ein Beispiel: In einem Versuch erhielten Personalentscheider zwei identische Bewerbungen, die sich nur durch einen weiblichen sowie einen männlichen Vornamen unterschieden. Das Ergebnis erscheint hart: In der Personalauswahl bevorzugen Männer ihresgleichen. Sie wählen bei gleicher Qualifikation deutlich häufiger Männer aus. Laut Lina Vollmer diskriminieren aber auch Frauen bei Personalentscheiden Frauen: «Diese Prozesse laufen unbewusst ab, denn im Gespräch zeigten sich die Teilnehmenden als gendersensibel.»
Der Versuch förderte eine weitere Überraschung zutage: «Wenn sich Frauen auf Stellen bewerben, für die sowohl männliche als auch weibliche Eigenschaften gefragt sind, werden sie im Vergleich zu Männern negativer beurteilt als in Bewerbungsverfahren, in denen typisch männliche Eigenschaften von Vorteil sind», sagt die Sozialwissenschaftlerin. Sie empfiehlt, die häufige Strategie von Bewerbenden, geschlechterspezifische Eigenschaften als positiv zu vermarkten, zu überdenken. «Es fragt sich, ob dies vor dem Hintergrund der Forschungsergebnisse eine geeignete Taktik ist.»
Gendertrainings anpassen
Wichtig zu sehen sei, sagt Lina Vollmer weiter, dass die Diskriminierungsprozesse von der grundsätzlichen Sympathie gegenüber der Gleichstellung unabhängig seien. Lina Vollmer empfiehlt Personalverantwortlichen deshalb, die unbewussten Effekte transparent zu machen, die Notwendigkeit von Gendertrainings anzuerkennen und innerhalb der Trainings solche Forschungsergebnisse zu berücksichtigen.
Wissenschaftlich belegt sei überdies, dass Frauen häufiger in der Führung eingesetzt werden, wenn Unternehmen in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Die Schieflage produzieren die Frauen nicht etwa selber, sondern in einem schwierigen Unternehmensumfeld bestehen für Frauen grössere Chancen, eine Führungsposition zu ergattern. Dann sind schlicht mehr Vakanzen vorhanden.
Patchwork-Laufbahnen suspekt
Die Nationalfondsstudie zur Gleichstellung der Geschlechter (NFP 60) gab Anlass zu weiteren Diskussionen: So verdienen etwa junge Frauen beim Berufseinstieg unerklärbare sieben Prozent weniger als Männer. Im weiteren Berufsleben verschärft sich die Ungleichheit. «Im Bezug auf die Gleichstellung wurde vieles erreicht, dennoch bleibt Einiges zu tun», fasst Brigitte Liebig, Professorin an der Fachhochschule Nordwestschweiz FHNW und Präsidentin der Leitungsgruppe NFP 60 die Ergebnisse zusammen.
Die Studie zeigt zudem, dass männerdominierte Branchen noch immer von Stereotypen geprägt sind, die sich an typisch männlichen Lebensläufen der Verfügbarkeit, der 100-Prozent-Laufbahn und männlichen Kompetenzen orientieren. Frauenkarrieren sind oft Patchwork-Karrieren und bleiben vielen Entscheidungsträgern suspekt. Auffallend ungleich behandeln die Personalverantwortlichen Geringqualifizierte sowie Frauen über 50. Sie werden oft schlicht ignoriert.
Sozialversicherungen hinken hinterher
Positiv zu werten sei, dass die Erwerbsquote von Frauen auf dem Schweizer Arbeitsmarkt stetig ansteige und im europäischen Vergleich lediglich von Norwegen übertroffen werde. Eine allgemeine Frauendiskriminierung besteht laut Brigitte Liebig aber trotzdem, insbesondere im Bereich der sozialen Absicherung: «Frauen sind doppelt so häufig wie Männer von Armut betroffen. Sie erhalten ein Drittel weniger Renten aus beruflicher Vorsorge und Dritter Säule.» Die Arbeits- und Organisationspsychologin verweist darauf, dass die Sozialversicherungen in der Schweiz noch heute auf der Vorstellung des männlichen Ernährers und der weiblichen Zuverdienerin abstelle. «Ein Rollenmodell aus den Fünfzigerjahren, das der heutigen Realität in keiner Weise gerecht wird.»
Die Ergebnisse der Nationalfondsstudie und weiterer Forschungsarbeiten wurden anlässlich des zweitägigen Kongresses «Frauen für Führungspositionen» an der Zürcher Fachhochschule präsentiert. Organisiert wurde der Anlass in Zusammenarbeit mit dem Sekretariat für Bildung Forschung und Innovation (SBFI). Insgesamt tauschten sich etwa 200 Frauen – vorwiegend aus dem Hochschulbereich – über Forschungsergebnisse, internationale Erfahrungen und Praxiserkenntnisse aus.