Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03167.jsonl.gz/1659

Wovon ernähren sich Varroa?
Eine bislang unveröffentlichte Studie aus den USA legt nahe, dass Varroen sich nicht von der Hämolymphe – also vom Blut der Biene – ernähren, sondern von deren Fettkörper.
Varroa saugt die Hämolymphe der Bienen – so liest man es immer wieder in der Literatur; und auch die blutsaugende Zecken-Verwandtschaft fördert eine entsprechende Vorstellung. Doch eine US- amerikanische Studie legt nun den Schluss nahe, dass es sich bei den Bienenparasiten eher um «Fettabsauger» handelt. Ausgangspunkt der Untersuchungen an der Universität von Maryland war eine Diskussion mehrerer Bienenwissenschaftler. Sie bezweifelten, dass Varroaweibchen durch Blutmahlzeiten allein genug Nährstoffe erhalten könnten, um sich so stark zu vermehren.
An diesem Punkt sollte man sich in Erinnerung rufen, dass die Eier der Varroa relativ gross sind: Sie messen rund ein Drittel des Körpervolumens der Milbe. Die Weibchen benötigen also viel Energie, um diese zu produzieren. Zudem besteht die Hämolymphe grösstenteils aus Wasser. Deshalb benötigen blutsaugende Insekten entsprechend ausgerüstete Exkretionsorgane, um die überschüssige Flüssigkeit wieder loszuwerden. Diese Organe sind bei Varroa jedoch relativ normal ausgebildet.
Dr. Samuel Ramsey von der University of Maryland interessierte sich für die Diskussion, da er zu jener Zeit auf der Suche nach einem Thema für seine Doktorarbeit war. Er überprüfte daraufhin die Literatur, die die Milben immer wieder als Blutsauger darstellte. Dabei fiel ihm auf, dass Autoren bezüglich dieser Aussage immer wieder frühere Autoren zitierten, die jedoch ebenfalls auf andere Veröffentlichungen verwiesen. Es dauerte einige Monate, bis Ramsey die Originalquelle fand: eine Studie aus der Sowjetunion von 1972. Dort waren die Milben in den 1970er- und 80er-Jahren ausführlich untersucht worden, als sie sich – von China kommend – im Lande ausbreiteten. Allerdings wurden die Veröffentlichungen meist in kyrillischer Schrift verfasst; mit etwas Glück gab es eine Zusammenfassung auf Englisch. In der Zusammenfassung der betreffenden Studie wurden allerdings die Methoden nicht genau beschrieben, sodass Wissenschaftler, die des Russischen nicht mächtig waren, die Vorgehensweise nicht überprüfen konnten. Ramsey schaute sich nun die gesamte Studie an und stellte fest, dass die angewandten Methoden seinerzeit zwar als adäquat galten, inzwischen aber nicht mehr dem Standard entsprechen und keine verlässlichen Ergebnisse lieferten.
Doch wenn Varroa sich nicht von der Hämolymphe der Bienen ernährt, wovon dann? Einen Hinweis sollte der Ort geben, an dem sich die Milben auf den Bienen aufhalten. Daher untersuchte Ramsey zahlreiche befallene Ammenbienen und kam zu dem Ergebnis, dass rund 95 % aller Milben auf der Unterseite des Hinterleibes sassen. Dort steckten sie vornehmlich zwischen den vorderen Platten des Chitinpanzers. Aufnahmen mit einem Elektronenmikroskop zeigten, dass die Parasiten an dieser Stelle mit ihren Mundwerkzeugen auch ein Loch in die dünne Membran zwischen den Panzerplatten gerissen hatten. Echte Blutsauger, wie Mücken und Zecken, nehmen ihre Mahlzeit an fast allen Körperteilen ihrer Wirte ein, da sie überall Zugang zum Blut haben. Wenn Varroen also vornehmlich an einer Stelle fressen, liegt die Vermutung nahe, dass sie dort ein bestimmtes Gewebe anzapfen – und an besagter Stelle befindet sich ein Teil des Fettkörpers.
Allerdings könnte es auch sein, dass die Milben nur an der Unterseite sitzen, um vor den Mandibeln anderer Bienen besser geschützt zu sein. Folglich musste Ramsey durch ein weiteres Experiment belegen, dass sich die Milben tatsächlich am Fettkörper gütlich tut. Dazu fütterte er befallene Bienen mit unterschiedlichen fluoreszierenden Farbstoffen. Während ein roter Farbstoff den Fettkörper markierte, färbte ein anderer die Hämolymphe gelb ein. Als Ramsey anschliessend die Varroen von den Versuchsbienen entfernte und deren Verdauungstrakt unter- suchte, fand er fast ausschliesslich den roten Farbstoff. Dies spricht dafür, dass sich die Milben vornehmlich vom Fettkörper der Bienen ernähren.
Wie wichtig die Bestandteile des Fettkörpers für das Überleben der Milben sind, zeigte ein drittes Experiment. Dazu liess Ramsey die Milben in künstlichen Zellen an Bienenbrut-Attrappen fressen. Diese waren in unterschiedlichen Verhältnissen mit Bienenhämolymphe und Fettkörpergewebe gefüllt. Die Ergebnisse zeigten, dass Milben, die sich lediglich von Hämolymphe ernähren konnten, eher verhungerten und kaum Eier legten.
Ramsey hat seine Studien bereits in mehreren Vorträgen präsentiert. Wie verlässlich seine Methoden sind, wird erst deren wissenschaftliche Veröffentlichung endgültig zeigen. Die Ergebnisse klingen allerdings plausibel und können zudem die Auswirkungen eines Varroabefalls besser erklären. Dazu gehört beispielsweise das frühere Einsetzen der Sammelflüge bei parasitierten Bienen; schliesslich ist der Fettkörper an der Regulation des Übergangs der Stock- zur Flugbiene beteiligt.
Angesichts der wohl eher kleinen Mengen, die die Milben fressen, mag man sich über die gravierenden Auswirkungen eines Befalls wundern. Allerdings nimmt Varroa ihre Nahrung wahrscheinlich genauso auf wie ihre nähere Milbenverwandtschaft: durch sogenannte extraorale Verdauung. Dazu reisst die Milbe eine Wunde in die Bienenhaut, spuckt Verdauungssaft hinein und schlürft anschliessend das vorverdaute Bienengewebe auf. Da- bei zerstören die Verdauungsenzyme vermutlich mehr Gewebe, als die Milbe aufnimmt.
«Wir haben uns diese Parasiten bislang als Vampire vorgestellt, doch sie sind in Wirklichkeit eher wie Werwölfe», fasst Ramsey seine Ergebnisse bildlich zusammen. «Viel- leicht hatten wir bislang so wenig Erfolg damit, sie zu töten, weil wir versucht haben, ihnen einen Pfahl durch etwas zu treiben, für das wir eine silberne Kugel benötigen.» Auf- bauend auf seinen Ergebnissen haben sich in den USA bereits Arbeitsgruppen an die Suche nach systemischen Medikamenten gemacht, die die Varroa über den Fettkörper der Bienen bekämpfen sollen.
Quelle: Deutsches Bienenjournal 11/2018