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In einem grossen, herrlichen Garten stand ein prächtiger Baum.
Wie es Bäume zu tun pflegen, bildete er im Frühling Sprossen und neue Äste, liess im Sommer Blätter wachsen und im Herbst Früchte reifen. Sobald es kälter wurde, bildete er neue Wurzeln aus, um die im Lauf der warmen Jahreshälfte gesammelte Energie einzulagern, stiess Früchte und Blätter ab, um Energie zu sparen und zog sich dann im Winter in die Winterruhe zurück. Jahrein und jahraus folgte der Baum diesem Vorgang und war zufrieden damit.
Bis er eines Morgens zu sich kam und realisierte: „Ich bin ein Baum!“ Er hatte zwar vorher schon sich selbst und die Welt um sich herum wahrgenommen, aber nun war es ihm, als ob er zum ersten Mal in seinem Baumleben wirklich sehen würde. Er schaute staunend an sich hinunter, entdeckte seinen starken Stamm, seine im Boden verschwindenden Wurzeln, die auf eine grosse Tiefe seines Wesens hinwiesen und blickte hoch in seine prächtige Krone, die ein königliches Gefühl in ihm aufkommen liess. „Was für ein Wunder. Ich bin ein Wunder! Ich bin schön! Ich bin einzigartig, ich muss der König des Pflanzenreiches sein!“, dachte er.
Er sah um sich und erwartete, Bewunderung zu erleben, doch die Pflanzen und Tiere um ihn herum gingen weiter selbstversunken ihrer Tätigkeit nach, also ob nichts Besonderes geschehen wäre. Vögel flogen an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen oder setzten sich achtlos auf seine Äste. Efeuranken nutzten ihn ganz selbstverständlich als Kletterhilfe, ohne ihn um Erlaubnis zu fragen und etwas weiter entfernt sah er andere Bäume, die ihm stärker, grösser und prächtiger erschienen. „Ich kann auch so ein Baum werden wie die. Vermutlich habe ich einfach mein Potenzial noch nicht ausgeschöpft!“, dachte er und sah sich um, in der Hoffnung, Hinweise zu finden, wie er sein Potenzial besser ausschöpfen und zum Wohl seiner Umgebung einsetzen könnte.
Er beobachtete lange die anderen Bäume. „Die gehen alle so selbstverständlich ihrem Tun nach. Sie wirken so, als hätten sie ihren Platz auf der Welt gefunden und scheinen so glücklich! Ich mache es genau wie sie. Ab heute investiere ich all meine Energie in das Ziel, meinen Platz zu finden und mindestens genau so glücklich zu werden wie die anderen Bäume. Vielleicht sogar noch glücklicher.“
Und so geschah es, dass er begann, sich ganz intensiv um sein Wachstum zu kümmern. Er beobachtete ganz genau jede Knospe, jede Frucht, jedes Blatt, um zu prüfen, ob es wirklich optimal wuchs. Versuchte, seinen Stamm zu stärken, indem er ihn nach vorn, nach hinten und seitwärts beugte und dehnte und seine Äste schwerer werden liess. Gab sich besondere Mühe, seine Blätter im genau richtigen Abstand zueinander wachsen zu lassen, damit sie möglichst viel Sonnenlicht auffangen konnten. Fing an, noch mehr Früchte zu bilden und vor allem noch schönere und grössere, was wiederum dazu führen sollte, dass seine Äste kräftiger würden. Aber, bei aller Anstrengung, nie sah es bei ihm so perfekt aus wie bei den anderen Bäumen. Im Gegenteil, seine Rinde schien mit der Zeit brüchig zu werden, er spürte Verspannungen in den Ästen und das Wasser in seinem Inneren schien nicht mehr beständig zu fliessen, sondern staute sich immer wieder an, was dazu führte, dass er sich neben allem anderen auch noch darum kümmern musste, es wieder zum Strömen zu bringen.
„Ich arbeite nicht genug“, schalt er sich, „ich muss mich wohl noch mehr anstrengen! Und vor allem brauche ich eine bessere Strategie!“ Er fing an, sorgfältig sein Jahr zu planen. Versuchte, früher noch als alle anderen Bäume mit dem Blattwachstum zu beginnen, damit er möglichst früh im Frühling von der wärmer werdenden Sonne profitieren konnte. Mit der Fruchtbildung begann er, bevor sein Blattwerk voll entwickelt war und im Herbst versuchte er, die Blätter an den Ästen zu behalten, um den Winter gänzlich überspringen zu können. Mit der Wurzelbildung konnte er sich auch im Lauf des Jahres nebenbei beschäftigen.
Einige Jahre lief es so, wie er es sich vorstellte und er gedieh prächtig. Als jedoch im Jahr darauf ein Spätfrost ihm seine Blätter abfrieren liess, er überhaupt keine Früchte bilden und somit auch keine neue Energie tanken konnte, um sich um sein Wurzelwachstum zu kümmern, fing er an, sich im Frühling Sorgen zu machen, ob er genügend Knospen ausbilden konnte, ob sein Blattwerk reichen würde, um genügend Sonnenenergie zu tanken. Ob überhaupt genügend Sonnenlicht da sein werde, damit er Energie tanken könnte. Er fing an, über die Wolken zu wettern und zu schimpfen, wenn es mehrere Tage am Stück regnete. Im Sommer ärgerte er sich, wenn die Tage zu heiss waren und die Hitze ihm Blätter und Äste verbrannte. Im Herbst verzweifelte er fast daran, wenn er sah, wie seine Früchte überreif wurden, unbeachtet zu Boden fielen und verfaulten. Den Winter verbrachte er unruhig, schlaflos und gereizt, so dass er sich im Frühling wie gerädert fühlte und keine Lust hatte, sich an seine Arbeit zu machen.
So ging es einige Jahre und sein früher so kräftiger Stamm fühlte sich schwach und dünn an. Seine Knospen waren kraftlos, die Früchte kümmerlich und viele Äste konnten dem Wind nicht mehr standhalten und brachen. „Ich brauche eine Auszeit“, stöhnte er. „So kann es nicht weiter gehen.“
Er wollte gerade vorübergehend sein Wachstum einstellen, als er ein leises Geräusch in seinem Inneren vernahm. Ein Kratzen, Schürfen, nein, ein Schmatzen war es. Der Baum erschrak. „Oh nein,
nicht auch noch ein Eindringling, das hat gerade noch gefehlt“, rief er verzweifelt aus.
„Danke, dass du mich aufgenommen hast“, hörte er ein leises Stimmchen sagen.
„Wer bist du?“, fragte er das Stimmchen.
„Ich bin ein Wurm. Also, das heisst, eigentlich weiss ich selbst nicht genau, wer oder was ich bin, vielleicht bin ich auch eine Made oder ein Käfer. Ich fühle mich auf jeden Fall wie ein Wurm. Du kannst mich aber nennen, wie du magst, du bist ja schliesslich mein Wirt.“
„Ich habe dich nicht aufgenommen und ich will niemanden bewirten!“, rief der Baum empört aus und liess seinen Stamm erzittern.
„He, he, he“, mahnte der Wurm. „Doch nicht gleich so, wir können ja darüber reden und finden bestimmt eine Lösung. Ich dachte halt, weil du so grosse Risse in deiner Rinde hast, dass du fremden Lebewesen eine Unterkunft bieten willst. Die anderen Bäume sind alle so abweisend und verschlossen, so dass ich mich freute, als ich dich sah.“
„Das freut mich, dass du dich gefreut hast“, antwortete der Baum, „aber ich finde es ehrlich gesagt nicht in Ordnung, dass du mich nun innerlich auffrisst.“
„Oh!“, antwortete der Wurm und dachte nach. „Das kann ich nachvollziehen, ja.“
Die beiden schwiegen eine Weile.
Dann sagte der Wurm: „Anderseits: Du wirkst ziemlich erschöpft, trägst kaum noch Früchte oder wenn, dann verkümmerte, deine Äste brechen ab und so kannst du auch keine Blätter mehr bilden. Und
vermutlich faulen deine Wurzeln auch schon.“
Wieder erzitterte der Baum.
„He, he, he!“ rief der Wurm. „Nun sei doch mal nicht so empfindlich. Ganz ehrlich: Du machst es vermutlich nicht mehr besonders lange, so wie du dich in den letzten Jahren entwickelt hast. Da kannst du doch froh sein, wenn du zumindest für einen noch von Nutzen bist. Für mich.“
Der Baum vernahm wieder das leise Schmatzen. Er wollte erneut protestieren, doch als er merkte, dass er dazu keine Kraft mehr hatte, fiel er in sich zusammen. Die letzten verkümmerten Blätter fielen von seinen dürr gewordenen Ästen.
„Was habe ich denn falsch gemacht?“ fragte er voller Verzweiflung. „Ich wollte ja nur so sein wie die anderen Bäume und habe mich ganz besonders ins Zeug gelegt, um aufzublühen.“
Das Schmatzen stoppte. „Das war eben gerade dein Fehler. Sieh dir nochmal genau die anderen Bäume an. Sehen die so aus, als ob sie sich besonders anstrengen würden?“
„Nein“, antwortete der Baum. „Das ist ja das, was ich nicht verstehe. Alles wirkt bei ihnen so mühelos, so selbstverständlich. Wie machen die das nur?“ Wieder erklang das Schmatzen. „Die denken einfach nicht darüber nach, was sie tun. Sie tun einfach das, was sie tun müssen. Und das, was sie tun müssen, ist das, was sie tun können. Und wollen. Und umgekehrt oder im Kreis herum. Ganz natürlich. Sie befinden sich im Fluss, im Einklang mit der Natur. Im Flow, kannst du auch sagen, wenn dir das besser gefällt. Ich persönlich sage lieber Fluss“, sagte der Wurm.
„Könntest du zumindest nicht mit vollem Mund reden, wenn du mit mir sprichst? Das ist irgendwie bedrückend“, bat der Baum.
Das Schmatzen verstummte. Der Wurm dachte eine Weile nach und sagte dann: „Das kann ich nachvollziehen, ja. Tut mir leid, das war nicht sehr feinfühlig von mir. Ich werde nur noch weiter essen, wenn du am Reden bist, ok?“
„Meinetwegen“, antwortete der Baum, „wenn es denn unbedingt sein muss.“
Wieder schwiegen die beiden. Beziehungsweise, der Baum schwieg und der Wurm schmatzte vor sich hin, so leise wie möglich.
„Du hast vermutlich recht“, sagte der Baum. „Als ich noch nicht denken konnte, fiel mir alles viel leichter. Da war mein Leben noch viel einfacher.“
Ein leises Schlucken ertönte und dann sagte der Wurm: „Genau, sehe ich etwa so aus, als ob ich viel nachdenken würde?“
„Bestimmt nicht“, erwiderte der Baum schnell.
„He!“ rief der Wurm aus. „Das war ein Scherz. Ich denke ganz viel nach, deshalb bin ich ja auch in der Lage, dir schlaue Antworten auf deine Fragen zu geben.“
„Stimmt eigentlich“, sagte der Baum. „Entschuldige bitte, ich wollte dich nicht beleidigen. Aber dafür, dass du so viel denkst, wirkst du eigentlich ganz zufrieden.“
„Danke, ich nehme das als Kompliment“, antwortete der Wurm. „Ich gebe allerdings zu, dass es mir auch nicht immer so leichtgefallen ist, so richtig zufrieden zu sein. Am Anfang, als ich zu denken begann, fiel es mir ehrlich gesagt auch ziemlich schwer. Ich begann, darüber nachzudenken, ob es Unterschiede im Geschmack und in der Bekömmlichkeit verschiedener Baumsorten gab. Verglich endlos und fing sogar an, mir ein Lager zu bauen, um Baumspäne zu lagern. Und konnte mich aber überhaupt nicht für einen Wirtsbaum entscheiden. Identitätskrisen hatte ich auch, einmal wollte ich ein Schmetterling sein, weil ich dachte, dass es viel lustiger sein müsste, alles von oben betrachten zu können.“ Der Wurm lachte. „Ganz zu schweigen von der Zeit, als ich gerne ein Stein gewesen wäre, das war....“
„Und was geschah dann, wie hast Du dann die Zufriedenheit entdeckt?“, unterbrach ihn der Baum.
„Ganz einfach“, sagte der Wurm. „Ich verstand auf einmal, dass mir das Denken nicht zum Arbeiten geschenkt wurde.“
„Sondern?“
„Zum Geniessen.“
Der Baum erstarrte regungslos und verharrte, tief in sich versunken für eine ganze Weile. Auf einmal durchfuhr ihn ein leises Beben. Nährendes Wasser drang aus den Tiefen der Erde in seine
Wurzeln und schoss durch seinen Stamm in die Krone bis in die Astspitzen. Sein Stamm, der bereits in sich zusammengesackt war, streckte sich langsam und richtete sich auf, so dass er auf einmal
wieder stark und kraftvoll wirkte. Seine Äste, die sich schützend ineinander verkrallt hatten, breiteten sich in alle Richtungen aus, so dass seine Krone vom Licht der Frühlingssonne durchflutet
wurde. Knospen bildeten sich, aus welchen Blätter und Früchte schossen wie ein buntes Feuerwerk. Er nahm wahr, wie seine Wurzeln jene der anderen Bäume berührten und hörte, wie sie zu ihm zu
sprechen begannen und ihn auf die dumpfen Gesänge der Erde und die hellen Chöre der Pilze hinwiesen. Er spürte Maulwürfe und Feldmäuse und sah zum ersten Mal das Gras zu seinen Füssen, das zu ihm
hochschaute und ihm zuzuwinken schien. Erblickte die Blumen um ihn herum, die ihn anlachten. Vögel, die sich auf seinen Ästen ein Zuhause einrichteten. Spürte die Eichhörnchen, die ihn sanft
kitzelten. Und roch all die Düfte, die ihn umgaben und einhüllten.
„Willkommen im Paradies!“ hörte er den Wurm sagen, der ebenfalls gewachsen und mittlerweile ziemlich gross war. Der Baum strahlte und fühlte sich glücklich.
So lebte er genussvoll und glücklich eine ganze Weile weiter. Bis sich ihm auf einmal zwei nackte Wesen auf zwei Beinen näherten und nach seinen Früchten greifen wollten.
Aber das ist eine andere Geschichte.