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Dirk Baecker Beobachter unter sich
Eine Kulturtheorie
Suhrkamp 2013
8 Make a jazz noise here
Frank Zappa
Baecker-Beobachteruntersich9
Theorie des Beobachtens:
Wie wir Menschen die Welt beobachten, ist durch dieses Verhältnis zu anderen Menschen und weiteren Beobachtern bereits vielfach konditioniert, bevor wir beginnen, darauf aufmerksam zu werden, dass wir Beobachter sind und die Wahl haben, mithilfe welcher Unterscheidungen wir die Welt und uns beobachten.Wie sich herausstellen wird, sind Beobachtungen von Beobachtern nur kulturell angemessen zu berücksichtigen, wenn man lernt, ihre und unsere Negation positiv in Rechnung zu stellen
Baecker-Beobachteruntersich141
Dirk Baecker
Form und Formen der Kommunikation
Suhrkamp 2005
pg7 Vorwort
Grundsätzlich jedoch glaube ich, dass Kommunikation etwas anderes ist als eine Handlung und es daher auch nur wenig Sinn macht, nach Absichten, Regeln und Normen zu fragen, Ursachen und Wirkungen zu unterstellen und an deren besserer Abstimmung zu arbeiten. Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass es weiter führt, den Begriff der Kommunikation in eine gewisse Opposition zum Begriff der Kausalität zu bringen und ihn dementsprechend für die Beschreibung von Verhältnissen zu reservieren, in denen Überraschungen die Regel sind. Das heisst allerdings nicht, dass im Bereich der Kommunikation alles beliebig wäre. Das Gegenteil ist der Fall. Allerdings ist die Bestimmtheit, mit der man es hier zu tun bekommt, nicht das Ergebnis von Ursache und Wirkung, sondern, so zumindest die These dieses Buches, der Einführung und Konditionierung von Freiheitsgraden. Kommunikation heißt, es mit mehr Möglichkeiten zu tun zu haben, als man bewältigen kann, und es von überraschenden Seiten her mit Einschränkungen zu tun zu bekommen.
baecker-kom175
Niklas Luhmann wird die Überlegungen von Parsons aufgreifen und, abschließend beschrieben in Die Gesellschaft der Gesellschaft, eine Theorie der Kommunikationsmedien entwerfen, die Verbreitungsmedien, wie Sprache, Schrift, Buchdruck, Fernsehen und Internet von Erfolgsmedien, wie Geld, Macht, Wahrheit, Glauben, Recht, Liebe und Kunst unterscheidet. Wir schließen hier an und unterscheiden ebenfalls Verbreitungsmedien und Erfolgsmedien. Zugleich nutzen wir die Überlegungen von Parsons und Luhmann, um Medien als eine weitere Sinnfunktion der Kommunikation zu beschreiben. Parsons und Luhmann stimmen darin überein, dass zumindest die Erfolgsmedien ihre Funktionalität daraus gewinnen, dass sie inmitten einer unübersichtlichen und überfordernden Gesellschaft einzelne Handlungen und Kommunikationen dadurch motivieren können, dass sie ihre Reichweite begrenzen. Luhmanns Formulierung dafür lautet, dass Kommunikationsmedien unwahrscheinliche Kommunikation wahrscheinlich machen.
baecker-Kom - SpencerBrown
Mein Versuch aus dem gesamten Buch die Hinweise auf Spencer Browns Laws of Form zu sammeln.
Dirk Baecker
Kommunikation
Grundwissen Philosophie
Reclam 2005
baecker-reclam90
Medien als strukturelle Vorentscheidungen des Raums der Möglichkeiten, der von der Kommunikation in Anspruch genommen werden kann. Nicht nur wird vorentschieden, welche Sinnselektionen in Medien wie Geld, Wahrheit, Macht, Kunst und Liebe jeweils vorgenommen werden können; es werden durch diese Medien auch entscheidende, also vorgreifende Motivationen in Anschlag gebracht, die die Kommunikation und mit ihr das Individuum dazu bestimmen können, sich auf diese Vorentscheidungen einzulassen. Unter dem Gesichtspunkt der ästhetischen Problemstellung ist an der Medienfrage interessant, dass jedes neue Medium unter dem doppelten Gesichtspunkt einer endgültigen Determination oder einer gefährlichen Freisetzung des Individuums beobachtet wird.
Dirk Baecker
Wozu Gesellschaft
Kulturverlag Kadmos 2007
267: Erziehung im Medium der Intelligenz
285 Mir scheint es einen Versuch wert zu sein, die beiden Werte des Wissens und des Nichtwissens als den binären Code des Kommunikationsmediums Intelligenz zu begreifen. Attraktiv ist dies zumindest in dem Moment, indem man Intelligenz nicht nur als Fähigkeit zur Symbolverarbeitung versteht, sondern darüberhinaus als Fähigkeit zum Umgang mit Kontexten, über die man definitionsgemäß nicht vollständig Bescheid wissen kann. Intelligenz setzt daher die Einsicht in das eigene Nichtwissen und deswegen sowohl Reflexivität als auch Rekursivität voraus, weil nur unter dieser Voraussetzung Wissen als Wissen profiliert werden kann.
300 Parallel zu dieser Bewältigung neuen, durch Verbreitungsmedien produzierten Überschusssinns in Kulturformen stellt sich die Primärform der gesellschaftlichen Differenzierung um, von der segmentären zunächst auf die stratifikatorische, dann funktionale Differenzierung, beziehungsweise, vom Ordnungsprinzip Geheimnis (Religion) zunächst auf das Ordnungsprinzip Familie (Stamm), dann auf das Ordnungsprinzip Bibliothek (Funktion). Wir überspringen die historische Entwicklung - nicht ohne festzuhalten, dass nur ihre Berücksichtigung Klarheit darüber verschaffen kann, welche Leitfragen sich theoretisch durchhalten lassen - und gehen stattdessen auf die Kulturform ein, die Luhmann in der Auseinandersetzung der Gesellschaft mit dem Verweisungsüberschuss des Computers identifizieren zu können glaubt. Wohlgemerkt, es geht nicht um irgendein Verständnis oder gar eine Theorie des Computers selbst, so sehr dessen Beobachtung theoretisch aufschlussreich sein mag, sondern es geht um das Verständnis und die Theorie der Gesellschaft in der Auseinandersetzung mit dem vom Computer in Reichweite gerückten Verweisungsüberschuss der Kommunikation. Der Computer zwingt die Gesellschaft zu einer Reaktion, weil er Kommunikationen optionalisiert, die man sich bisher nicht hätte vorstellen können und die von der Gesellschaft auf der Ebene ihrer Erwartungsstrukturen (andere Strukturen hat sie nicht) bereits im Vorgriff, diesen dadurch Form und Medium gebend, behandelt werden müssen.
307 Bildung
311...ebenso wie alle Intelligenz letztlich auf Bildung, nämlich auf die Fähigkeit, einschätzen zu können, was man wissen kann und was nicht, hinausläuft, so ist es doch genau diese Bildung, die das Interesse an Intelligenz zu relativieren vermag.
Dabei geht es einerseits um die bereits zitierte Weisheit, die jedes Wissen als Nichtwissen und umgekehrt darzustellen vermag, andererseits jedoch um die Erinnerung und Mitführung von Verhaltenskompetenzen, die mit Wissen und Nichtwissen nichts, dafür jedoch sehr viel mit Stil, Geste und Habitus zu tun haben.
Dirk Baecker
Studien zur nächsten Gesellschaft“
Suhrkamp 2007
BaeckerNGes7
Hinter der Rede von der nächsten Gesellschaft steckt mehr als ein Verlegenheitstitel. Wir haben es mit nichts geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor nur die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks.
Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft,
die Einführung der Schrift die antike Hochkultur,
die Einführung des Buchdrucks die moderne Gesellschaft und
die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft.
BaeckerNGes14
Innovative Unternehmen: Kulturformen:
Die Bedeutung des Computers ist erst dann zu verstehen, wenn man seine Einfügung mit der Einführung der Schrift vor 3000 und des Buchdrucks vor 500 Jahren vergleicht. Jedes Mal hat sich die Form der Gesellschaft tief greifend verändert. Und jedes Mal hat man erst Jahrhunderte später begriffen, was sich abgespielt hat. Niklas Luhmann hat sein Lebenswerk der Frage gewidmet, welche soziologische Theorie wir brauchen, um diesen Vorgängen auf die Spur zu kommen. Einer seiner zentralen Gedanken besteht darin, anzunehmen, dass jedes Kommunikationsmedium mehr Möglichkeiten der Kommunikation bereitstellt, als die Gesellschaft zunächst bewältigen kann. Die Gesellschaft, so formulierte er, bedarf daher so genannter Kulturformen, um das Mögliche auf das Bearbeitbare zu reduzieren.
BaeckerNGes64
Arbeiten ist gefährlich.
Wie sieht eine Organisation von Arbeit aus, die ihre Prinzipien nicht mehr aus den Kulturen der Grenzsetzung, der Teleolgie und des Expertentums bezieht, sondern aus einer Kultur der Form.
Aus den Überlegungen, die wir hier sehr skizzenhaft vorgestellt haben, ergibt sich zumindest ein einfaches heuristisches Prinzip, mit dessen Hilfe man vielleicht etwas besser beobachten kann, was geschieht, nämlich das Prinzip, noch genauer als bisher darauf zu achten, was in der Arbeit als Abweichung von der Arbeit gilt und welche von diesen Abweichungen möglicherweise als interessant und viel versprechend gelten, also positiv selegiert und verstärkt werden. Denn dass wir nur die Evolution und unsere Beobachtung der Evolution haben, um uns in der Gesellschaft zu orientieren gilt jetzt so sehr, wie es immer schon galt.
Und noch etwas ergibt sich aus diesen Überlegungen. Es sind vermutlich nicht irgendwelche Abweichungen, die uns als Indikationen dessen gelten können, was längst begonnen hat, sondern Abweichungen in den drei Sinndimensionen der Produkte der Art des Umgangs miteinander und der Zeitverhältnisse, in denen man sich bewegt. Damit jedoch finden unsere möglicherweise allzu abstrakten Überlegungen wieder zurück zu einem Konkreten, dass gegenwärtig vielerorts beschäftigt. Gewonnen ist allerdings, dass wir zum Feld der Kulturanalyse, die sich im konkreten bewegt, auch die passende Kulturtheorie gefunden haben, die nun einmal ohne Abstraktion nicht zu haben ist.
Baecker-NGes100
...Umstellung der Idee der Universität von der alten Buchdruckgesellschaft auf die heraufziehende Computergesellschaft.
Die Universität ist primär nicht eine Stätte der wissenschaftlichen Forschung, sondern eine Sozialisierungsagentur für die Heranführung des Nachwuchses an die komplexeren Fragen von Welt, Leben und Gesellschaft. Wissenschaftliche Forschung ist innerhalb der Universität, worin auch immer ihre eigenen Ziele bestehen, auf ihren Beitrag zu dieser Art von Lehre zu befragen. Und das trifft sich noch nicht einmal schlecht, wenn man davon ausgehen darf, dass die gesellschaftliche Funktion von Wissenschaft nicht in der Feststellung überprüfbaren Wissens besteht, sondern in einer kontrollierten Form von Ungewissheitssteigerung, die es erlaubt, immer wieder neue Fragen so aufzuwerfen, dass neue Probleme gestellt werden können.
Seite 102
Ich möchte an dieser Stelle ein kleines Stück Soziologie beziehungsweise Medienkunde anbieten. Ich würde vorschlagen, die von Marshall McLuhan, Manuel Castells, Niklas Luhmann und anderen formulierte Vermutung, dass nur weniges eine so große Bedeutung für die Strukturen der Gesellschaft hat wie das jeweils dominierende Verbreitungsmedium.
Seite 103
Die Verbreitungsmedien Schrift, Buchdruck oder Computer determinieren nicht, wie die entsprechende Gesellschaft und ihre Akademien und Universitäten aussehen. Der Zusammenhang ist verwickelter. Jeweils neu auftretende Verbreitungsmedien schaffen ein Problem im Umgang mit Kommunikation, dass die Gesellschaft lösen muss, soll sie nicht an der Einführung dieser Verbreitungsmedien scheitern.
Baecker-NGes147
Was hält Gesellschaften zusammen?
Baecker Zukunft
Dirk Baecker Beobachter unter sich
Eine Kulturtheorie
Suhrkamp 2013
8 Make a jazz noise here Frank Zappa
Baecker-Beobachteruntersich9