Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03359.jsonl.gz/1922

Die Filtertheorie stammt vom britischen Psychologen Donald E. Broadbent. Sie besagt, dass Lebewesen relevante Wahrnehmungen irgendwie von irrelevanten unterscheiden, und dann die irrelevanten „wegfiltern“. Das Phänomen ist so alltäglich, dass sich die Gelehrten nur über das „irgendwie“ streiten, z.B. beim Cocktailparty-Effekt; Was ist es genau, das uns ermöglicht, aus all dem Lärm genau die Stimme jener Person heraus zu hören, die uns interessiert?
Warum machen Schachspieler schlechte Züge? Die guten sind ja alle da, und warten nur darauf, gemacht zu werden. Warum haben Patzer das bemerkenswerte Talent, aus vielen möglichen Zügen treffsicher den dümmsten heraus zu filtern? Diese Frage beschäftigt mich seit Langem. Eine plausible Antwort bietet die Mustererkennung, eine andere Theorie der Kognitions-Forschung. Auf das Schach bezogen, möchten die Forscher zeigen, dass starke Spieler gute Züge machen, weil sie in gewissen Konstellationen Muster erkennen. Schwache halt eben nicht, deshalb machen sie irgendwelche Züge. Darüber gibt es Literatur, von Adriaan de Groot, und aus neuerer Zeit, von Fernand Gobet.
Es war Gobet, der seinen Probanden diese Brille, die die Augenbewegungen aufzeichnet, aufsetzte. Er legte den Spielern eine Stellung vor, und entdeckte, dass die Blicke starker Spieler zielsicher nach f5 wanderten, wenn es dort einen Springer zu pflanzen gab, während dessen der Blick schwacher Spieler wahllos auf dem Brett herumirrte. Er schliesst daraus, dass Intelligenz – schachliche zumindest – mit Mustererkennung zusammenhängt. Diese Theorie wird in der Schachwelt allgemein akzeptiert. Wenn ich etwa „Schach Mustererkennung“ google, bekomme ich zurzeit 82’000 Ergebnisse. Oudeweeterings „Mustererkennung im Mittelspiel“ wird ganz oben zig-fach angezeigt. Bereits einer der nächsten Einträge erklärt uns Magnus‘ Spielstärke mit Mustererkennung.
Viele gute Schachspieler sind schwach im Studien lösen. Vermutlich eben, weil die Lösung entweder nicht in ihrem Mustervorrat enthalten ist, oder ihren Mustern meist sogar widerspricht. Es gibt aber auch Ausnahmen, z.B. den Schweizer GM Florian Jenni, dem nachgesagt wird, dass er Studien knackt, wie unsereins Erdnüsse. Der französische GM Christian Bauer gewinnt regelmässig Problemlösungs-Wettbewerbe gegen sämtliche anwesenden Problemschach-Experten, obwohl er von den Problemschach-Themen keine Ahnung hat.
Ich erinnere mich an eine lustige Szene anlässlich eines geselligen Abends nach der Endrunde einer Schweizer Mannschaftsmeisterschaft. Dort legte irgend jemand den Grossmeistern Artur Jussupow und Robert Hübner eine Studie vor. Beide schlossen die Augen, die Anstrengung war ihnen deutlich anzusehen. Hübner äusserte Laute wie „tschuck, zack, tschäng“, öffnete nach zwei, drei Minuten die Augen und zeigte auf das Feld h6. Es war das Mattfeld des schwarzen Königs.
Ich hatte bereits damals, um das Jahr 2000 herum, meine Zweifel an der Mustertheorie und kam darauf, dass diese Spieler eine überragende visuelle Vorstellungkraft haben. Hübner hat mir das einmal beschrieben. Er sagte, dass er wohl wisse, wo die Figuren stehen, aber nicht das ganze Bild vollständig vor sich habe. Er müsse wie mit einer Taschenlampe die einzelnen Gegenden oder Ecken beleuchten. Er spielte im Blindschach kaum schwächer als sonst. Einmal besiegte er die erste Mannschaft des SC Kreuzberg, Elo-Schnitt 2450, im Blindsimultan mit 6:2. Kurz zuvor hatte ich an einer ebensolchen Veranstaltung bei der SG Luzern gegen ihn gewonnen. Was ich für nichts besonderes hielt, bis ich die Geschichte mit Kreuzberg las. Leider hatte ich das Partieformular da schon weggeschmissen.
Ich führe nachträglich meine Fortschritte im Schach auf zwei „Anwandlungen“ zurück. Die erste hatte ich mit 18. Damals zog ich mir sinnlos hunderte von unkommentierten Grossmeisterpartien im Blitztempo herein. Danach wurde ich um rund 200 Elo stärker – bis auf den Umstand, dass es damals noch keine Elo gab. Eine Korrelation kann ich natürlich nicht nachweisen, ist aber zu vermuten. Später hatte ich den Spleen, mir vor dem Einschlafen Kombinationsaufgaben aus dem Informator zu merken, das Licht auszuschalten, und sie im Kopf zu lösen. Das hat bestimmt genützt, da bin ich mir sicher. Leider war es mir viel zu anstrengend, und so habe ich es wieder sein lassen.
Selbstverständlich habe ich mir damit Muster angeeignet. Das ist aber nur die halbe Wahrheit, nebenbei habe ich nämlich auch meine Vorstellungskraft gefördert. Die entscheidende Frage ist doch: Nützen Muster, oder schaden sie eher? Genützt hat mir, dass ich in der ersten Phase Unmengen von Grossmeisterzügen gesehen habe, und in der zweiten den taktischen Blick geschult habe. Es gibt auch andere Methoden. Alireza Firouzja behauptet, dass er seine Spielstärke sieben Stunden Internet-Blitz täglich verdanke. Was er nicht gesagt hat, ist, dass er diese Blitzpartien dann noch mit Stockfish untersucht hat, was ich ihm einfach mal so unterstelle. Weiters unterstelle ich ihm, dass er kein einziges Schachbuch gelesen hat. Wer weiss, vielleicht hätte ihn die Lektüre auf dumme Gedanken gebracht? Bei manchen modernen Geisteserzeungnissen scheint mir dieser Verdacht durchaus berechtigt.
Ganz zu schweigen von der klassischen Schachliteratur. Bereits in „keine Pläne!“ habe ich gezeigt, dass die Denkmuster Tarraschs, Rétis und Nimzowitschs dem Spiel ihrer Erfinder definitiv geschadet haben. Insbesondere bei diesen Spielern habe ich mich gefragt: „Die guten Züge sind alle da, warum machst du die schlechten?“ Eine gewisse ideologische Verbohrtheit hat bei allen Dreien ganz sicher mitgeholfen. Kommt hinzu, dass sie über all ihrer Strategie die Taktik vernachlässigt haben. Das ist insbesondere bei Tarrasch augenfällig. Jeder heutige Zwozwoer ist im Lösen von taktischen Problemen besser als er es war.
Muster nützen. Manchmal. Sie können aber auch schaden. Um das zu illustrieren, komme ich auf die entscheidende Stellung meiner Partie gegen Marco Gähler aus „Keine Pläne“ zurück:
1.g3 c5 2.Lg2 Sf6 3.e4 d5 4.e5 Sg4 5.f4 Sh6 6.Sc3 Lg4 7.Sge2 e6 8.h3 Lxe2 9.Sxe2 Sc6 10.O-O f6 11.d3 Dc7 12.c4 dxc4 13.dxc4 Le7 14.exf6 Lxf6 15.g4 Td8 16.De1 Sf7.
Weiss gewinnt hier leicht und offensichtlich mit 17.f5. Beide Spieler haben den Zug nicht gesehen, während der Partie nicht, und auch nicht in der gemeinsamen Analyse. Also wird der Zug wohl doch nicht so offensichtlich sein? Ich schreibe im Kommentar, dass unser Denken von positionellen Erwägungen blockiert ist. Unser erlerntes positionelles Muster erkennt sofort den isolierten Bauern auf e6, eine statische Schwäche auf einer offenen Linie. Ein solcher Bauer will belagert und erobert werden, aber doch nicht abgetauscht? Das ist genau der Moment, in welchem die Filtertheorie zum Zuge kommt. Unser Verstand filtert diesen Zug wegen der oben genannten erlernten Muster einfach weg. Ein unsichtbarer Zug, wie ich es bezeichne.
„Larrys Regel“ aus der „Berechnung im Schach“ lautet: „Schau dir jeden möglicherweise zwingenden Zug an, egal wie blöd er aussieht.“ Diese Regel hätte unmittelbar und mühelos zum Gewinn geführt. Zugespitzt würde ich heute sagen, dass du viel stärker spielst, wenn du dich darauf beschränkst, mögliche Züge darauf hin zu untersuchen, ob sie zwingend sind oder nicht. Anstatt positionsgemässe Pläne auszuhecken oder in vagen Eventualitäten herum zu rechnen. Schach ist eine Sache des Sehens. Diesen Zug brauchst du nur zu sehen, zu berechnen gibt es so gut wie nichts.