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20% der Infizierten sind für 80% der Ansteckungen verantwortlich.
Die meisten Infizierten stecken wahrscheinlich nur wenige bis keinen an, aber wenige Infizierte sehr viele
>> Quarantänen für ALLE, welche Kontakt zu einem Infizierten hatten, sind höchstwahrscheinlich unverhältnismässig <<
Die meisten Menschen, betont James Lloyd-Smith von der University of California in Los Angeles im Science-Magazine, würden trotz Infektion niemanden anstecken. Dafür stecken einige wenige Menschen vergleichsweise viele andere an. Eine Studie besagt sogar, dass die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken, bei Mitgliedern, die in einem Haushalt leben, nur bei 15 Prozent liegt. Woran das liegt, können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bisher nicht genau sagen. Ein Grund könnte sein, dass Infizierte nur wenige Tage besonders ansteckend sind. Aber auch eine unerkannte Hintergrund-Immunität könnte damit zu tun haben, vermutet Virologe Christian Drosten in dem NDR-Podcast “Corona Update“. Dazu gibt es aber bislang kaum Daten.
Neben R ist auch der sogenannte Dispersionsfaktor k ein aussagekräftiger Parameter. Er gibt Häufungen einer Krankheit an und wird auch als Streuparameter bezeichnet. Er beschreibt, wie häufig eine Krankheit auftritt und inwiefern sie zur Clusterbildung neigt.
Grundsätzlich gilt: Je kleiner k ist, desto mehr Infektionen lassen sich auf eine oder wenige Personen zurückführen. Das bedeutet: Die Rolle von Superspreading-Events ist umso größer. Bei der saisonalen Grippe liegt der k-Wert bei ca. 1, Superspreader-Ereignisse spielen keine große Rolle.
Bei der SARS-Epidemie 2002/2003 hingegen spielte Superspreading eine besonders große Rolle, wie eine Untersuchung aus dem Jahr 2005 von James Lloyd-Smith zeigt. Der k-Wert lag, entsprechend seinen Berechnungen, bei etwa 0,16. Bei dem Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus MERS, das sich seit 2012 verbreitet, liegt der Wert bei 0,25. Für die Spanische Grippe kommt Lloyd-Smith auf einen Wert von 1 – Superspreading und Superspreading-Events spielten damals entsprechend keine Rolle.
Wie groß genau der Dispersionsfaktor k beim SARS-CoV-2-Virus ist, wissen Experten bisher nicht genau. Einige Wissenschaftler gehen davon aus, dass er höher ist als bei SARS und MERS – dass Superspreading also eine etwas kleinere Rolle spielt. Auch Infektionsbiologe Udo Buchholz aus der Fachabteilung für respiratorische Erkrankungen beim RKI meint, dass k bei SARS und MERS eine größere Rolle gespielt habe als bei der aktuellen Pandemie. Als Grund nennt er den seiner Ansicht nach häufigsten Übertragungsweg: “Der Regelfall derzeit ist weiterhin die Tröpfcheninfektion.“
Bisher gibt es keine eindeutigen wissenschaftlichen Daten zum Faktor k. Während Buchholz von einem eher höheren Dispersionsfaktor beim neuartigen Coronavirus ausgeht, kommen in einer aktuellen Studie Akira Endo, Adam Kucharski und Sebastian Funk von der London School of Hygiene and Tropical Diseases in einem Preprint – also einer bisher nicht dem Peer-Review unterzogenen Vorveröffentlichung – zu dem Ergebnis, dass k sogar nur bei 0,1 liegen könnte. 10 Prozent der Infizierten könnten für 80 Prozent der Ansteckungen verantwortlich sein, schreiben sie. In einer weiteren Preprint-Veröffentlichung haben Gabriel Leung und Kollegen berechnet, dass k bei SARS-CoV-2 bei 0,45 liege.
Andere Wissenschaftler – auch der Virologe Christian Drosten von der Charité – gehen davon aus, dass nur 20 Prozent der Infizierten für 80 Prozent der Ansteckungen verantwortlich sind. Das bedeutet also: Die meisten Infizierten stecken wahrscheinlich nur wenige bis keinen an, aber wenige Infizierte stecken sehr viele Menschen an. Daraus folgt auch: Durch das tägliche Verhalten haben wir einen starken Einfluss darauf, wie sehr sich das Virus verbreitet.