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Was kommt hinter Sibirien? Die russische Pazifikküste, das riesige Gebiet, das ganz im Nordosten Alaska fast berührt, wird in Europa meist einfach Sibirien zugerechnet. Offiziell heisst es Russischer Ferner Osten. Pelztiere und Bodenschätze lockten russische Expeditionen in dieses Gebiet. Doch dort lebten auch damals schon Menschen. Die Geschichte der russischen Eroberungszüge ist kaum bekannt, obwohl sie ebenso brutal war wie die Kolonisierung Nordamerikas. Und auch die ursprünglichen BewohnerInnen der russischen Pazifikküste, Itelmeninnen, Korjaken, Eweninnen oder Niwchen, sind - anders als Hopi, Dakota oder Apachinnen - fast niemandem ein Begriff.
Fernglas statt Fernseher
Der Frauenfelder Waldgut-Verlag publiziert immer wieder Literatur aus verborgenen Winkeln Asiens. In einem jetzt erschienenen Buch schickt er uns auf die Reise nach Kamtschatka, der mehr als tausend Kilometer langen Halbinsel nordöstlich von Japan.
Dort hat die deutsche Ethnologin Katharina Gernet 1997 eine ungewöhnliche Frau getroffen: die 61-jährige Korjakin Alla Nutankowna Ketschgitschaiwina. Zur Zeit des Treffens lebte sie schon fast zwanzig Jahre allein im Wald. Jeden Abend beobachtete sie mit dem Fernglas die Bären, die am nahen Berghang spielten - «Fernsehen» nannte sie das.
Alla, die nur vier Jahre zur Schule gegangen war, entdeckte als Erwachsene ihre Leidenschaft für das Schreiben. Anfangs hielt sie nur fest, wie viele Pelztiere und Fische sie und ihr Mann zusammen erbeuteten - als staatlich angestelltes Jägerpaar hatten die beiden jedes Jahr eine festgelegte Anzahl von Tieren abzuliefern. Doch bald begann Alla ein Tagebuch zu führen, in dem sie ihre Erlebnisse schilderte - zum Beispiel ihre erste Bärenjagd - oder Geschichten für ihren Sohn notierte.
Diese Tagebücher stehen im Zentrum des Buches «Mit den Bären im Wald». Alla schreibt über Stürme, Streit und Versöhnung mit ihrem Mann, Besuche von Geologen und Verwandten, vor allem aber über die tägliche Arbeit: jagen und Fallen stellen im Winter, fischen, Bärlauch und Beeren sammeln im Sommer, Brot backen, Netze flicken, Pelzkleider nähen, Hunde füttern. Gerade die Wiederholungen, die Beschreibungen stets wiederkehrender Tätigkeiten, vermitteln den LeserInnen eine Ahnung von ihrem Leben im Rhythmus des Waldes. Alla war in einem Dorf aufgewachsen; als ihr Mann 1979 starb, zog sie es jedoch vor, in der Einsamkeit zu bleiben. Der Wald war ihr mehr geworden als nur ein Lieferant von Fleisch und Fell: «Es ist so schön draussen. Der Schnee fällt ganz leise und der Mond scheint», schreibt sie an einem Winterabend. Im Sommer begeistern sie die blühenden Heckenrosen, und am allerliebsten hat sie den frühen Herbst, die Beeren- und Pilzzeit: «Trunkelbeeren gibt es viele, die Tundra ist ganz blau davon. Wie schön das aussieht! Meine Bärennachbarn wandern schon herum und sammeln.»
In vier Kulturen gleichzeitig
Alla Nutankowna Ketschgitschaiwina lebte in vielen Kulturen: in der korjakischen, der ewenischen ihres Mannes, der russisch-christlichen und der sowjetischen. Mühelos verband sie alle: Ihre Religion bestand aus einer Mischung aus korjakischem und russisch-orthodoxem Glauben, gleichzeitig feierte sie mitten im Wald die sozialistischen Feiertage: «Gratulierte allen Tieren im Wald und im Haus zum 1. Mai. Ich wünschte ihnen gute Gesundheit und viel Erfolg bei der Jagd, dem Kater vor allem fette Mäuschen und mir selbst einen ganzen Liter Aprikosensaft.»
Im Alter erlebte Alla dann den Zusammenbruch des sowjetischen Systems: Die Rente war nichts mehr wert, die Gesundheitsversorgung verschlechterte sich. Krank geworden, war sie gezwungen, in das Dorf Esso zu ziehen, wo sie 2005 starb.
Katharina Gernet hat Allas Texte mit Anmerkungen ergänzt und mündlich Erzähltes hinzugefügt. Kurze Hintergrundtexte führen in Geografie und Kultur Kamtschatkas ein. Trotzdem ist in erster Linie Alla Nutankowna die Autorin von «Mit den Bären im Wald». Ihr Name hätte darum auch auf den Umschlag gehört.
Katharnina Gernet: Mit den Bären im Wald. Das Leben einer Korjakin aus Mittel-Kamtschatka im russischen Fernen Osten. Waldgut. Frauenfeld 2007. 208 Seiten. 33 Franken