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Sebastian Wünsch
Inhaltsverzeichnis
Lebensdaten
Profess: 12. Mai 1926
Schneider: 1930–1933
Beziehungsnetz
Verwandtschaft
Sohn des Gotthelf Wünsch und der Barbara Bieler.
Lebensbeschreibung[1]
Der Vater von Br. Sebastian kam 1895 aus Baden-Württemberg in die Schweiz. Als Motorbootführer in Weggis lernte er Barbara Bieler, eine Aargauerin, kennen, mit der er sich 1896 vermählte. 1902 erwarb er ein Spezerei- und Merceriegeschäft in Gediswil LU und 1907 das Wäsche- und Konfektionsgeschäft an der Habburgerstrasse in Luzern, das er zur Blüte brachte, und das später von seinem jüngeren Sohn geführt wurde. Gotthilf Karl Wünsch wurde am 1. Juli 1901 als viertes von sechs Geschwistern geboren. Mit zweieinhalb Jahren machte er eine schwere Diphtheritis durch, die ihm bis zum fünften Jahr das Sprechen verunmöglichte und auch sonst seine Entwicklung hemmte. Vielleicht ist hier wenigstens teilweise die Ursache seines späteren Leidens zu suchen. 1913 erwarb die Familie in der Gemeinde Wikon LU das Schweizer Bürgerrecht.
Mehr dem energischen Wunsch des Vaters gehorchend als dem eigenen Verlangen – er hatte Koch werden wollen – begann Gotthilf Wünsch 1916 die Schneiderlehre und schloss sie 1918 mit erfolgreicher Prüfung ab. Die nächsten Jahre führten ihn als Arbeiter nach Bäriswil BE und Schönenberg TG. Bei einer kurzen Mitarbeit im väterlichen Geschäft kam bald zum Vorschein, wie Br. Sebastian in seinem Lebenslauf schrieb, "dass nicht genug Talent und Freude im Handel vorhanden war". 1922, nach der Rekrutenschule, machte der junge Schneider einen Chauffeurkurs, um seinem Beruf eine andere Richtung zu geben. Die Arbeitssuche in Deutschland war erfolglos; in Frankreich aber boten verschiedene Anstalten Gelegenheit für Haus- und Feldarbeit nebst der Möglichkeit, etwas Französisch zu lernen: eine Niederlassung der Heiliggeistväter, das Lyçee Henri Poincare in Nancy, das Priesterseminar von Metz und dessen Landgut, das Jesuitenkolleg Saint-Clement und eine geistliche Pension in Lyon.
In dieser Zeit begann Gotthilf sich ernsthaft mit dem Ordensberuf auseinanderzusetzen, auf den er erstmals durch ein Inserat in der "Kolpingspost", dem Organ des Gesellenvereins, aufmerksam geworden war. Ein Schweizer Jesuitenbruder wollte ihn für die Gesellschaft Jesu gewinnen. Aber Gotthilf wehrte sich mit drei Gründen: ausser der Angst vor dem Widerstand des Vaters machte er geltend, er wolle den Schneiderberuf nicht mehr ausüben, und auch das Frühaufstehen sei er nicht gewohnt. Der Tod von Vater Wünsch am 2. Oktober 1923 erleichterte den Entschluss. Br. Sebastian erzählte davon, anlässlich eines Gottesdienstes: "Wie ich daselbst betete und vor allem an meinen Ordenstand dachte, wichen auf einmal meine drei Hindernisse; empfand einen Überdruss an der Welt, der Beruf ins Kloster war da." - Der neue Ordenskandidat besuchte zunächst eine französische Trappistenabtei, dann die Kartause in der Valsainte und schliesslich, Ende Dezember 1923, Engelberg, auf das er durch seinen geistlichen Freund und Berater und späteren Professprediger Dr. Felix Marbach hingewiesen wurde.
Am 29. Januar 1924 trat Gotthilf Wünsch als Bruderkandidat in Engelberg ein. Jetzt hatte er doch wieder Schneiderarbeit zu leisten, daneben viel Mithilfe im Haus- und Konventdienst. Im März 1925 konnte er mit Br. Moritz Fritsche und Br. Kolumban Louis noch eine Romfahrt unternehmen. Auf der Rückreise besuchte er Einsiedeln. "Ich empfahl", so schrieb er, "der Gnadenmutter mein Noviziat und wählte sie dann als meine Beschützerin." Am 12. Mai 1926 legte er zusammen mit Br. Felix Schmid, die einfache, 1929 die feierliche Profess ab. Zeitweise wurde dem jungen Br. Sebastian das Nebenamt des Hilfspförtners und des Untersakristans übertragen, 1930 dann die Leitung der Schneiderei. Mehrere Jahre hindurch leistete er tüchtige Arbeit. Schon bald aber gab es Probleme. Bruder Sebastian glaubte sich nicht geeignet zum Verkehr mit Mitmenschen und fühlte sich umgekehrt von diesen missverstanden und verfolgt. Anstrengungen zum Übertritt in ein Trappistenkloster, in die Valsainte, in ein anderes Kloster unseres Ordens bedeuteten wohl, nebst dem religiösen Anliegen, einen Versuch, seiner Umwelt zu entfliehen. Schon 1933 musste Br. Sebastian den Nervenarzt in Oberwil ZG konsultieren; 1934 war er drei Monate zur Behandlung dort, doch ohne Erfolg. Zweimal, 1936 bis 1937 und 1942 bis 1943, wurde er für ein Jahr in der Heil- und Pflegeanstalt St. Urban betreut, konnte aber wieder ins Kloster zur zurückkehren, als "ungefährlicher – und aussichtsloser – Fall".
So lebte denn Br. Sebastian sein besonderes Dasein in Engelberg. Auf der einen Seite leistete er manch nützliche Hilfsarbeit besonders für die Schneiderei, hatte vielerlei Interessen, ein erstaunliches Gedächtnis (zumal für Ereignisse und geschichtliche Daten), religiösen Ernst, Humor und treuherzige Gutmütigkeit. Auf der anderen Seite zeichnete er sich aus durch sprunghaftes Denken und Reden, fixe Ideen und ziemlich ausgefallene Eigenheiten. Manches seiner Leiden mochte eingebildet sein - diesen Eindruck hatte man, wenn man ihn in seiner höchst persönlichen Gangart durch das Kloster huschen sah. Die Abhilfe, die er versuchte, ging von sonderbarsten Kausalzusammenhängen aus, etwa wenn er mitten in der Nacht die Kirche, die Brüderkapelle und andere Räume in hellem Licht erstrahlen liess oder an Obere und andere "gefährliche" Mitbrüder seine schriftlichen und telefonischen Botschaften sandte, um dem Surren und Zucken in seinem Ohr ein Ende zu machen, oder damit sie es nicht verursachen oder dulden sollten. Wenn im Sommer und Herbst die Brüder einer um den anderen in die Ferien zogen, dann fasste auch Br. Sebastian der Drang in die Weite. Er wurde unruhiger. Um ihm Abwechslung und Entspannung zu ermöglichen, erklärte im Herbst 1963 das Franziskusheim Oberwil bereit, ihn für einige Zeit aufzunehmen. Doch konnte er sich nicht lange seiner Ferien freuen. Zwei Hirnblutungen waren es vermutlich, die unerwartet rasch am 22. November zum Tod führten.
Professnummer
- Nr. 746
Einzelnachweise
- Die Lebensbeschreibung wurde weitgehend vom Nachruf in den Titlisgrüssen 46, 1959/60, S. 67-69, übernommen.
Bibliographie
- Nachruf von Br. Sebastian Wünsch, in: Titlisgrüsse 46, 1959/60, S. 67-69.