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Online Publications

Towards Cybersociety and "Vireal" Social Relations

Bibliographische Zitation:
Auf dem Weg zur Neuerfindung der politischen Öffentlichkeit
Das Internet als Plattform der Medienentwicklung und des sozio-politischen Wandels
Release 2.0 März 1998

Inhalt

3. Schluss
Presse, Film, Radio und Fernsehen haben gemeinsam, dass sie nur für radiale Einwegkommunikation (von einem Sender zu vielen passiven Empfängern) geeignet sind und deshalb in fataler Weise dazu tendieren, durch Werbung, Propaganda (oder einfach durch selektive Auswahl des Dargebotenen) den Einfluss von Eliten und die Autorität zentralistischer Machtstrukturen zu unterstützen. Demgegenüber sind die technischen Möglichkeiten, um von Vielen zu Einem (oder von Vielen zu Vielen) zu senden, auf einem viel primitiveren Niveau stehengeblieben (Vgl. Geser 1996). So lassen sich monopolistische Pressemedien und Fernsehanstalten spannungsfrei in diktatorische Regimes oder die amtscharismatische Hierarchie der katholischen Kirche integrieren, nicht aber in demokratische Rechtsstaaten, wo - wie z.B. bei der BBC oder der ARD - komplizierte öffentlich-rechtliche Konstruktionen nötig sind, um den Dauerkonflikt mit dem liberal-demokratischen Umfeld zu reduzieren.
Aus dem ökonomischen Zwang, ihre immensen Fixkosten möglichst breit zu verteilen, entsteht überdies ein immanenter Trend zur Konzentration, der sich momentan in einer raschen Dezimierung kleinerer Regionalzeitungen, im Wandel von ideologisch profilierten Pressemedien zu konturlosen "Forumszeitungen" und im unaufhaltsamen Vordringen globaler Medienangebote manifestiert. 1) Daraus entsteht die von Habermas bereits 1961 beklagte "Vermachtung" der Medienöffentlichkeit,in der die Zugangschancen zu öffentlichen Meinungsäusserungen und Selbstdarstellungen stark mit dem Umfang an privatem Kapitaleigentum und/oder dem Zugang zu politischen Machtquellen korrelieren.
Das de jure für alle verbürgte Grundrecht der "Pressefreiheit" beinhalten für die Herren Murdoch und Turner de facto die Möglichkeit, weltweite Satellitenprogramme zu betreiben; für die meisten von uns aber nicht einmal das Recht, einmal im Leben einen Leserbrief gedruckt zu sehen. Insofern noch Meinungsvielfalt besteht, handelt es sich immer häufiger um einen unternehmensintern "erlaubten" (bzw. aus opportunistischen Gründen veranstalteten) Pluralismus, der nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass für die autoritäre Durchsetzung von Zensurstandards, ja eine weitgehende Gleichschaltung der Medien heute optimale strukturelle Voraussetzungen bestehen.
Sicher werden derart inklusive Medien insofern geschätzt, als sie dafür sorgen, dass auf weiten Strecken eine relativ professionell recherchierte Berichterstattung und eine moderate, nichtpolarisierende Meinungsbildung dominiert, dass die Politiker sich der Kontrolle einer machtvollen, relativ unabhängig agierenden "vierten Gewalt" beugen müssen, und vielleicht auch: dass sich anlässlich von Olympischen Spielen oder Prominentenbeerdigungen die halbe Menschheit kurzfristig zu einer Erlebnisgemeinschaft zusammenfindet.2) Auf der andern Seite beklagen wir, dass vorzugsweise über Vorgänge an der Spitze der nationalen Politik berichtet wird, während Ereignisse auf niedrigeren Niveaus unterbelichtet bleiben; dass minoritäre Gruppierungen und Regionen in Radio und Fernsehen kaum zur Geltung kommen; dass es in immer mehr Städten keine eigene Tageszeitung (geschweige denn eine Mehrzahl konkurrierender Blätter) mehr gibt; dass auch viele mesosoziale Akteure (z.B. Parteien, Gewerkschaften u.a.) ihre angestammten Medien verlieren, die der Gesamtöffentlichkeit bisher eine pluralistische Struktur verliehen haben, ja dass sogar kleinere Nationen der Integrationswirkung ihres Fernsehens verlustig gehen, weil supranationale Satellitenprogramme auf grösseres Publikumsinteresse stossen (vgl. Geser 1997).
Mit ihrer Vertikaldifferenzierung zwischen exklusiven Sendeeliten und passivem Publikum haben die Massenmedien Elemente paternalistischer Elitenherrschaft konserviert und erscheinen immer mehr als Relikte aus autoritär-kollektivistischen Gesellschaftsformationen und politischen Regimes, wie sie in der ersten Hälfte des 20. Jh. vielerorts vorherrschend waren. Sie passen immer weniger in einer Zeit, wo von Arbeitnehmern die Uebernahme unternehmerischer Mitverantwortung und von Laiengläubigen die aktive Mitgestaltung des Sonntagsgottesdiensts erwartet wird, wo in den Schulen der Frontalunterricht dem Gruppenunterricht weicht und die öffentlichen Verwaltung sich bemüht, die Bürger als mündige und kommunikationsfähige "Kunden" (statt als machtunterworfene Subjekte) zu behandeln. Vor allem stehen sie im zunehmenden Spannungsverhältnis zum politischen Stil Neuer Sozialer Bewegungen, die sich nicht mehr auf charismatische Führerschaft und monopolistisch verwaltete Ideologien abstützen und deshalb auch kein "Zentralorgan" mehr benötigen; sowie zum ständig anwachsenden Segment gut ausgebildeter Bürger(innen), die motiviert und befähigt sind, sich aus autonom seligierten Informationsquellen selber eine Meinung zu bilden und in der öffentlichen Diskussion eine aktive Rolle zu übernehmen. Zudem sind ist ihre Legitmationsgrundlage zur autoritativen Vorselektion von Informationen und Ausübung von Meinungsführerschaft in dem Masse brüchiger geworden, als sie sich aus ihrer Verankerung in politischen Parteien und Weltanschauungen gelöst haben und sich allenfalls noch aus opportunistischen Gründen temporär in den Dienst modisch volatiler Zeitgeistströmungen (z.B. einer beengenden und von vielerlei Desinformationen begleiteten "Political Correctness") stellen.
Im folgenden wird
die Auffassung vertreten, dass die neuen globalen Computernetze
Das Internet muss als eine technische Innovation höchsten Ranges betrachtet werden, die bezüglich der Universalität und Tiefe ihrer sozio-kulturellen Implikationen höchstens noch mit dem Elektrizitätsnetz verglichen werden kann.
Während mit der Elektrizität ein universalisierter Zugang zu Energie (unabhängig von Zeit, Raum und sozialen Kontrollen) geschaffen wurde, besteht die allgemeinste Funktion der globalen Computernetze darin, ihren Nutzern unabhängig von Ort, Zeit und sozialen Kontrollen äusserst niederschwellige Zugangsmöglichkeiten zu weltweiter Information, Kommunikation und Publikation verfügbar zu machen.
Dementsprechend ist ihr Wirkungsschwerpunkt weniger auf Bereiche begrenzt , wo viel Energie verwendet wird (Industrie und Haushalte), sondern erstreckt sich auf alle Bereiche menschlicher Kommunikation, besonders aber die durch Kommunikation wesentlich konstituierten institutionellen Bereiche (z.B. Wissenschaft, Bildung, Marketing und Politik). "Niederschwellig" heisst nicht nur, dass nur geringe Finanzmittel und Kenntnisse nötig sind, sondern vor allem auch: dass man nicht auf die Unterstützung irgendwelcher Institutionen oder Organisationen angewiesen ist, die den Zugang zur Oeffentlichkeit kontrollieren. Bereits nach wenigen Jahren stürmischer Expansion (seit der Erfindung des WWW 1991) ist konstatierbar, dass das Internet in praktisch institutionellen und kulturellen Milieus Fuss gefasst hat, Arbeits- und Freizeitwelten gleichermassen übergreift und zu einem öffentlichen Raum geworden ist, in dem individuelle und kollektive Akteure der verschiedensten Art miteinander in Verbindung treten.
Da das Internet im wissenschaftlichen
Raum entstanden ist und eine stark kommerzielle Prägung erhalten hat,
stellt sich die berechtigte Frage, inwiefern es überhaupt für politische
Information und Kommunikation Verwendung findet.
Wortzählung: ALTAVISTA, 6. März 19983)
1. Weltweit:
englisch
2. Deutsch
Die Frage, in welcher Form und zu welchem Zweck im Internet politische Kommunikation veranstaltet wird, kann angesichts der immensen Vielfalt und kurzfristigen Variabilität der empirischen Phänomene hier nur eine sehr vorläufige - und im Hinblick auf die Zukunft spekulative - Antwort finden. Bereits eine oberflächliche Bestandesaufnahme politischer Netzanwendungen muss - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - die folgenden sieben Anwendungsbereiche unterscheiden:
1. Selbstdarstellung und Identitätsbildung politischer Akteure
2. Politische Meinungsartikulation
3. Politische Diskussion
4. Wahlen und politische Repräsentation
5. Politikbezogene Information
6. Politische Kampagnen und Bewegungsaktivitäten
7. Partizipative Entscheidungsverfahren
2.1 Selbstdarstellung und Identitätsbildung politischer Akteure
Webauftritte bilden für alle politischen Kollektive und Akteure einen Anlass, sich ihrer eigenen Identität und ihrer Rolle in der Gesellschaft neu zu vergewissern. Neu ist, dass selbst kleinste Einheiten eine eigenständige und mit Blick auf die Weltöffentlichkeit gestaltete Selbstdarstellung konzipieren, die meist unprofessionell von Systemmitgliedern selbst kreiiert wird und - teils unter Einbezug von Rezipientenfeedbacks - einer dauernden flexiblen Neuanpassung unterliegt. Keine Gemeinde und keine parteiinterne Splitterfaktion ist so klein, dass sie nicht in der Lage wäre, im Internet mit eigenen Mitteln ihre Existenz zu bezeugen und ihre Gründungsgeschichte, Wertorientierungen, Zielsetzungen und Aktivitäten zu präsentieren; und manchen mikroskopischen Gruppierungen kann kann überhaupt nur auf dem Internet begegnen.4)
Die relevante Frage ist hier nicht mehr: wer kontrolliert den Zugang zu Publikationskanälen, (= primär eine Frage der Macht- und Vermögensverteilung) , sondern: wer ist in der Lage, für seine Publikationen verbreitete Beachtung zu finden (=primär eine Frage der multimedialen Ausdrucksfähigkeiten, des attraktiven Informationsangebots und der öffentlichen Reputation). So ist keineswegs ausgemacht, dass offizielle staatliche Webangebote bei den Usern einen der Macht und Autorität des Urhebers einigermassen entsprechenden Zuspruch finden.
In der Schweiz zum Beispiel stellt man paradoxerweise fest, dass ausgerechnet ein paar sehr kleine, wenig bekannte Gemeinden mit phantasievoll-attraktiven, gut besuchten Angeboten vertreten sind, während sich (bis Frühjahr 1998) z.B. die Zürcher Stadtregierung noch nicht zu einem offiziellen Webauftritt hat durchringen können und die Websites grosser Kantone (Zürich, Bern und Graubünden) einen eher nüchternen, wenig innovativen Eindruck machen (vgl. Geser 1997). Der offensichtliche Grund dafür liegt darin, dass grosse politische Einheiten bei ihrer Selbstdarstellung Mühe haben, weil sie vielfältige Interessen berücksichtigen müssen, während es kleineren Regionen und Gemeinden ebenso wie spezialisierten Aemtern viel leichter fällt, allgemein zustimmungsfähige Präsentationsinhalte (z.B. lokale Kunstwerke und Naturschönheiten oder interessierende Spezialinformationen) zu finden. Mit andern Worten: der hauptsächliche Flaschenhals entsteht bei Online-Kommunikationen meist nicht aus Mangel an Ressourcen oder Qualifikation, sondern aus Schwierigkeiten interner Konsensfindung, die mit der Heterogenität von Interessen (insbesondere wenn sie organisiert sind), aber auch mit der Vielfalt möglicher Darstellungselemente exponential zuzunehmen pflegen.
Generell mag das Internet bewirken, dass Bürgerinnen und Bürger den "Staat" weniger als jemals früher als Einheit erfahren, sondern als eine Vielzahl disparater Einzelakteure, die durch ihren eigenständigen öffentlichen Auftritt möglicherweise auch zusätzliche Autonomiespielräume gewinnen. Diese Fragmentierung mag sich in dem Masse verstärken, wie das neue Medium interaktive Verwendung findet: weil sich die Meinungskundgaben, Beschwerden und Forderungen der Bürger je nach ihrem Inhalt auf völlig verschiedene (spezifische) Anlaufstellen verteilen. Staaten, Länder und Gemeinden und andere etablierte politische Einheiten werden in ihren Chancen erfolgreicher Selbstdarstellung auch deshalb geschwächt, weil sie auf dem Internet immer mehr durch Webangebote konkurrenziert werden, in denen sich "Regionen", "Kulturen", "Ethnien" "Völker" oder quer zu formellen Territorialgrenzen verlaufende Entitäten als Referenzebenen für kollektive Identifikation anbieten.5)
So kann das WWW manchen historischen Stadt- und Regionalidentitäten wieder zur Sichtbarkeit verhelfen, die sich im konventionellen Mediensystem nicht haben ausdrücken können und deshalb seit dem Verlust politischer Eigenständigkeit bloss als informelle Folklore erhalten geblieben sind (Geser 1997). Auf der internationalen Ebene machen verständlicherweise praktisch alle sezessionistischen oder integrationistischen Gruppierungen, die den territorialen Status quo der internationalen Ordnung ändern möchten von den neuen Möglichkeiten günstiger Selbstdarstellung Gebrauch: mit dem doppelten Ziel, einerseits ihre Binnenkohäsion zu fördern und andererseits die Weltgemeinschaft von der Existenz und Stärke ihrer Bewegung und der Legitimität ihrer Zielsetzungen zu überzeugen. Basken, Nordiren, Kurden, Polisario, die Kashmir-Rebellen, Tibeter, Tamilen , Tschetschenen und Zapatisten sind sich - jenseits der immensen Differenzen ihrer kulturell-ideologischen Prägung ihrer politischen Ziele und Aktionsstrategien offensichtlich in dem Punkte einig, dass eine Präsenz im Internet mehr Vor- als Nachteile verspricht.
Die doppelte Zielrichtung (nach innen und aussen) wird beispielsweise in dem von kurdischen Emigranten in Deutschland betriebenen "Kurdistan Web" besonders deutlich: eine der reichhaltigsten ethnischen Websites, die man auf dem Netz finden kann. Einerseits ist es eine typische "Homesite", die die Kurden überall auf der Welt dazu einlädt, bei ihren vielfältigen Angeboten über Politik, Geschichte, Geographie, Literatur, Volksbräuche des eigenen Volkes möglichst ausführlich zu verweilen (und dabei auch nicht vergisst, die Kinder mit speziellen "Spassseiten" anzulocken). Auf der andern Seite hat natürlich gerade diese Reichhaltigkeit das taktische Ziel, die Welt vom Bestehen einer intakten, einheitlichen kurdischen Volkskultur zu überzeugen – und damit für die in aggressivem Unterton präsentierte Altenativlandkarte zu werben, auf der ein aus Teilen der Türkei, Syriens, Iraks und Irans zusammengesetzter Grosskurdenstaat eingezeichnet ist.
Das Internet scheint also zu einem (relativen) Bedeutungsverlust der nationalen Ebene zu führen, weil es einerseits die lokalen und regionalen und andererseits die transnationalen Netzplattformen sind, die disproportional stark expandieren Zumindest in diesen Anfangsjahren seiner Genese und Ausbreitung bietet das Internet das Bild einer riesigen Experimentierwerkstatt, in der mit wenig Aufwand und Risiko vielfältigste Möglichkeiten politisch-territorialer Identifikation produziert und angeboten werden: in der oft nur vagen - Hoffnung, damit auf eine gewisse Nachfrage zu stossen. Längerfristig bietet die Netztechnologie günstige Voraussetzungen dafür, dass das mediale "Angebot" an Identitätskonstruktionen der jeweils aktuellen "Nachfrage" entspricht: weil Anbieter wöchentlich, ja täglich und stündlich beobachten können, ob ihre Präsentationen auf Interesse stossen (bzw. aus den Rückmeldungen instruktive Informationen darüber beziehen, ob und in welche Richtung die Angebote verändert werden sollen).
2.2 Politische Meinungsartikulation
Das Internet stellt bereits heute sicher das umfassendste Panoptikum politischer Meinungsvielfalt dar, das es jemals in der Geschichte gab. Genau konträr zu Radio und Fernsehen bietet es die Entstehungsgrundlage für offene "polymorphe" Netzwerkstrukturen, in denen sich Staaten und Grosskonzerne mit Städten und Gemeinden, Parteien, Verbänden und spontanen Initiativgruppen auf derselben Kommunikations- und Kooperationsebene treffen.
Aufgrund der äusserst geringen Einstiegs- und Betriebskosten profilieren sich auf dem Internet vielfältige formal organisierte Verbände oder auch informellere Initiativgruppen, die infolge ihrer begrenzten Finanz- und Personalmittel bisher kaum an die Öffentlichkeit getreten sind und vielfach nur einfach ausprobieren, ob und in welcher Richtung für ihre Angebote eine Nachfrage besteht. Zusammen mit den Sites von Einzelpersonen und teils exotischer Ad hoc - Gruppen ergibt sich eine sich wöchentlich wandelnde politische Netzöffentlichkeit, die im Vergleich zur Offline-Szene ein breiteres ideologisches Spektrum und eine grössere Themenvielfalt umfasst. Vor allem fungiert das Internet auch als "Ueberwinterungsstätte" für mancherlei momentan deaktualisierte Gruppen (z.B. in der Umwelt- oder Entwicklungspolitik), sowie als Brutstätte neuer politischer Kräfte, die (noch) über keine anderen Ausdruckskanäle verfügen.
Gewisse Anzeichen sprechen für das Neuentstehen einer Art "Meinungspresse", die - wie Online - Politik generell - von einer starken Verlagerung von personalpolitischen zu sachpolitischen Diskursen gekennzeichnet ist. In der Schweiz z. B. findet man das eher satirische Magazin "Biwidus"6), das im Dezember 97 bereits auf hundert Online-Ausgaben zurückblicken konnte; "Ch-libre"7) als Forum derjenigen, die mit dem massenmedial verordneten Antipatriotismus nicht einiggehen können; die "Christliche Internet-Zeitung"8), die wortgewaltig wertkonservative Positionen vertritt, die von der CVP und EVP inzwischen aufgegeben worden sind; oder die überaus angriffige Stadtbasler "Rheinstrasse-Zeitung", die sich seit Monaten auf die Verhinderung eines einzigen Bauprojektes konzentriert.
Mit ihrem Verzicht auf integrale Weltdeutungen sind solche Publikationen von den ideologisch-propagandistischen Parteizeitungen der ersten Jahrhunderthälfte natürlich astronomisch weit entfernt. Umso faszinierender ist die Frage, inwiefern sie dennoch (bzw. deswegen) in einer sich neu formierenden politischen Netzöffentlichkeit orientierend und meinungsbildend wirken. Für die konventionellen Massenmedien gilt, dass sie einerseits einen hohen Einfluss auf das "Agenda Setting" und die Meinungsbildung in der allgemeinen Öffentlichkeit entfalten, andererseits aber gerade dadurch genötigt sind, ideologische Extrempositionen zu meiden und sich an vielerlei Umwelteinflüsse opportunistisch zu adaptieren. Im Internet finden sich umgekehrt Akteure, die kompromisslos weltanschaulich hoch profilierte Positionen vertreten, dafür aber nur eine geringe Zahl von Rezipienten (die sich überdies untereinander kaum kennen) um sich scharen. Sie tragen dazu bei, dass die Netzöffentlichkeit in eine Vielfalt von "weak publics" (Nancy Fraser) zerfällt, die simultan über unterschiedlichste Themen diskutieren, ohne auf aktuelle politische Entscheidungsprozesse Rücksicht zu nehmen. Derselbe Fragmentierungsprozess setzt sich auch innerhalb der Parteien und Verbände fort, wo wiederum auffällt, dass innerparteiliche Faktionen (z.B. Junge Freisinnige oder Sozialdemokratische Frauen) oft mit attraktiveren, informationsreicheren Angeboten auf dem WWW präsent sind als die umfassende formale Parteiorganisation selbst.
Generell gilt: wenn alle sich mühelos zu Wort melden können, wird es viel wahrscheinlicher, dass faktisch bestehender Dissens auch offensichtlich wird und bisher kultivierte Konsensannahmen zerstört. Für die Führungseliten von Parteien, Verbänden und anderen Vereinigungen beispielsweise wird es schwieriger werden, das Wort "wir" zu verwenden - und damit einen kollektiven Konsens zu unterstellen, der bloss auf der Abwesenheit von manifestem Dissens oder auf der nicht falsifizierten Annahme einer zustimmenden "schweigenden Mehrheit" beruht.
Dies könnte
bewirken,
2.3 Politische Diskussion
Zum ersten Mal in der Geschichte ist die Situation geschaffen, dass für horizontale multilaterale Gruppenkommunikation (anstatt bloss für Einwegdiffusion oder für bilaterale telephonische Kontakte sophistizierte technische Medien zur Verfügung stehen, die geeignet sind, manch offensichtliche Handikaps unmediatisierter face-to-face - Kontakte zu überwinden. Falls "kommunikative Öffentlichkeit" überhaupt etwas mit "öffentlicher Kommunikation" zu tun hat (was z.B. bei Habermas zweifelhaft bleibt), muss insbesondere das USENET als deren bisher wohl beste technische Realisierungsform betrachtet werden. Die Erforschung dieser neuen Potentiale stellt sich als sehr aufwendiges, aber längerfristig lohnendes Unterfangen dar, weil die verfügbaren Technologien (wie auch die zu ihrer Nutzung verfügbaren individuellen Fähigkeiten) selber einem raschen Wandel unterliegen. Im Vergleich zu kollokalen Primärgruppen besitzen computerunterstützte Kommunikationssysteme zweifellos gewisse gesteigerte "Rationalitätspotentiale", insofern
Ungeachtet dieser objektiv gegebenen Kapazitäten bleibt aber die empirische Frage entscheidend, wer sich überhaupt (und für welche Zwecke) an Online Diskussionen mitbeteiligt, inwiefern sie ähnlich wie face-to-face- Diskurse meinungsbildend und entscheidungsfördernd wirken, und unter welchen Bedingungen (der Thematik, Teilnehmerzusammensetzung, Moderation u.a.) und mit welchem Ergebnisse abzulaufen pflegen. Das Wegfallen nonverbaler Stimuli hat zur Folge, dass erfolgreiche Online-Kommunikation umso mehr von Fähigkeiten des sprachlichen Ausdrucks abhängig wird; und die Inexistenz expliziter Sozialkontrollen macht es umso notwendiger, die explizite "Netiquette" zu kennen, um sich im Austausch nicht unvorteilhaft zu profilieren. Beides zusammen bewirkt momentan, dass nicht nur Analphabeten sondern auch Angehörige linguistischer Minoritäten und "computerferner" Bevölkerungssegmente relativ stark benachteiligt werden (vgl. Wittig/Schmitz 1996). Mit den elektronischen Diskussionsgruppen im "Usenet" ist nun eine zusätzliche Ebene äusserst informeller öffentlicher Kommunikation entstanden, die - trotz komplexer Technologie - der Stammtischrunde sehr viel näher steht als den konventionellen Massenmedien. In mancher Hinsicht kann man gar sagen, dass es sich hier um die allerelementarste Kommunikationsebene handelt, weil sie dem unmittelbaren Artikulationsbedürfnis der Individuen überhaupt keine Hemmungen entgegensetzt und damit dazu prädestiniert ist, die höchste Komplexität, Mannigfaltigkeit und Variabilität von Themenstellungen und Meinungsäusserungen zu generieren.
So wird sich ein Teilnehmer am Usenet weniger gehemmt fühlen, auch höchst unpopuläre, exotische, unmoralische oder sonstwie abwegige Positionen zum Ausdruck zu bringen, weil es im Gegensatz zu face-to-face-Gesprächen nicht damit rechnen muss, sich missbilligenden Blicke oder Bemerkungen anwesender Kollegen zuzuziehen oder gar auf Dauer ihrer freundschaftliche Zuwendung zu verlieren (vgl. z. B. Hiltz/Turoff 1993). Je grösser und je heterogener die Teilnehmerschaft an einer "Newsgroup", desto mehr darf ich damit rechnen, auch für höchst seltsame Themen und Meinungen irgendwo Resonanz und Zustimmung zu finden - und je grösser die Zahl der Newsgroups, desto besser die Chance, dass ich mich auch als Extremist, als Chaot oder Sozialutopist irgendwo in angenehm passender Gesellschaft fühle.
Bezeichnenderweise tummeln sich im Internet besonders viele Gruppen mit überaus extremistischer und exotischer Ausrichtung, die - wie z.B. rassistische Neo-Nazis, militante antifeministische Männergruppen und andere "hate groups") in einer besonders grossen Distanz zur dominierenden Wertekultur stehen (Schneider 1995; Sowa 1995b). Sie profitieren alle von der Möglichkeit, sich ohne das Risiko von Zensur und Sanktionen frei artikulieren zu können, da es für die Teilnahme - im Gegensatz etwa zum Verfasser von Leserbriefen - nicht erforderlich ist, seine wahre Identität preiszugeben und sich der Selektivität irgendwelcher Herausgeber und Redakteure zu unterziehen. Bei manchen von ihnen mag es sich um den embryonalen Keim einer neuen sozialen Bewegungsgruppe handeln, die in Zukunft vielleicht expansiv an die Öffentlichkeit tritt und Zugang zu konventionelleren Medienkanälen gewinnt.
Nach allen
verfügbaren Forschungsbefunden ist computergestützte Kommunikation
überdies auch aus immanenten technischen Gründen sehr viel besser dazu
geeignet, Heterogenität statt Homogenität zu produzieren. So ist sie
äusserst hilfreich, wenn es darum geht, im Brain-storming möglichst
viele Lösungsvorschläge für ein gegebenes Problem zu sammeln oder sich
über die Vielfalt von Denkweisen, Meinungen, Bewertungen Interessen oder
Forderungen einen Überblick zu verschaffen. Sehr viel weniger nützlich
ist sie hingegen, wenn das Ziel darin liegt, Überzeugungsarbeit zu
leisten oder im Hinblick auf eine Entscheidung Einmütigkeit zu
generieren (vgl. Kerr/Hiltz 1982; Sproull/Kiesler 1993). Das Internet
scheint deshalb funktionale Differenzierung der Öffentlichkeit in eine
unbegrenzte Zahl teilweise äusserst kleiner Teilöffentlichkeiten zu
katalysieren, indem jedermann in die Lage versetzt wird, selber Themen
einzubringen und in jedem Spezialdiskurs seine eigenen Akzente zu setzen
Infolgedessen besteht die hauptsächliche Funktion des Usernet darin,
komplementär zu den konventionellen Massenmedien die Aufmerksamkeit auf
verschiedenste zusätzliche Themenstellungen und Meinungen zu erweitern,
die momentan inaktuell sind und/oder aufgrund ihrer Ausgefallenheit in
Presse, Radio und Fernsehen keinerlei Beachtung finden.
2.4. Wahlen und politische Repräsentation
Nachdem in den amerikanischen Kongresswahlen von 1996 praktisch alle Kandidaten auch auf dem Internet miteinander konkurriert haben, erhebt sich die Frage, inwiefern die Computernetze die vertikalen Beziehungen zwischen politischen Amtsträgern und ihrer Anhängerschaft verändern. Möglicherweise werden die Kandidaten vermehrt auf jene Bevölkerungssegmente hören, die sich - wie z. B, gutgebildete jüngere Männer - über die neuen Medienkanäle disproportional stark bemerkbar machen; und vielleicht verhilft ihnen die Email dazu. mit ihrer Wählerbasis täglich (anstatt in Wahlkampfphasen oder bei gelegentlichen "Sprechstunden" in kommunikativer Berührung zu bleiben. Offen bleibt auch die Frage nach dem Einfluss neuer "monitoring sites", in denen man sich über sachpolitische Aussagen, das parlamentarischen Abstimmungsverhalten, das Steuereinkommen und die verbandlichen und wirtschaftlichen Einbindungen politischer Repräsentanten erkundigen kann. Als ernsthafteste schweizerische Entwicklung auf diesem Feld muss die vom Tages-Anzeiger initiierte Site "politics.ch" (mit dem selbstbewussten Untertitel: "die Fünfte Gewalt") betrachtet werden, die ihren Besuchern als neuartigen "Volkssport" z.B. den folgenden unterhaltsamen Test anbietet:
"Mastermind
Mit diesem
Programm können sie die Abstimmungen
Dieses Angebot stehen für ein neues Rollenverständnis des Journalisten, der sich nun nicht mehr als Informationsvermittler, Weltdeuter oder gar als Lehrer und Indoktrinator versteht, sondern als "facilitator", der seinen Rezipienten Wege zeigt, wie sie die sie interessierende Information selber beschaffen können.11) Solche und ähnliche Initiativen12) zielen auf den gläsernen Abgeordneten, über dessen politischen Werdegang man ebenso lückenlos Auskunft weiss wie über seine Verbindungen zur Wirtschaft und zu Verbänden, seine Unterstützungsquellen im Wahlkampf sowie sein faktisches Abstimmungsverhalten im Parlament. Sie tragen dazu bei, dass Abgeordnete intensiver und zuverlässiger aufgrund ganz spezifischer Gesichtspunkte ihres Entscheidungshandelns beurteilt werden. Wahlversprechungen jeder Art gewinnen zusätzliche Verbindlichkeit, weil sie im Netz andauernd zugreifbar bleiben und die Grundlage für Beurteilungen der "Konsistenz" und "Selbsttreue" bilden Die Vermutung liegt nahe, dass amtierende Repräsentanten sich diese Gesichtspunkte allzu leicht zu eigen machen und ihr Verhalten darauf ausrichten, in derartigen Internet-Tests "erfolgreich" zu bestehen. Dadurch entsteht die Gefahr, dass die Abgeordneten in ihrem eigenen Selbstverständnis sich sehr enge, operationale Kriterien des "Erfolgs" oder "Misserfolgs" zu eigen machen, anstatt das umfassende (nicht quantifizierbare) "Gemeinwohl" zu fördern. Diese Problematik wird insbesondere auch im "Vote Tally"13) Projekt der National Taxpayers Union deutlich, das jedem Abonnenten von Compuserve, das Verhalten aller Kongressabgeordneten unter dem Gesichtspunkt zu beurteilen, inwiefern sie sich für die Begrenzung oder Reduktion der Staatsausgaben eingesetzt oder umgekehrt zur Expansion des Staatsbudgets) beigetragen haben. Zusätzlich hilft "Bill Tally"14) zu beurteilen, inwiefern bestimmte Kongressvorlagen die voraussichtliche Wirkung haben, die Staatsausgaben zu erhöhen oder zu verringern. Ähnlich wie Manager, die an der Aktionärsversammlung nach den Ergebnissen der Erfolgsrechnung beurteilt werden, können so auch Abgeordnete versucht sein, z.B. durch Befolgung einer rigiden Sparmentalität eine günstige "Internet-Reputation" zu erwerben
Als vorläufige Leithypothese ist anzunehmen, dass zukünftige Politiker stärker aufgrund derart objektiv-sachlicher Kriterien beurteilt werden, weil es - vorläufig - kaum möglich ist, Charisma oder andere personengebundene Eigenschaften übers Netz zu transportieren. Als Medium vertikaler Interaktion und Integration dürfte das Internet zukünftig in dem Masse bedeutsamer werden, als computergewandte jüngere Politiker in die Wahlkampfarena steigen, die ihre öffentliche Sichtbarkeit ohnehin schon auf eine professionell gestaltete Homepage abstützen und die Email benutzen, um mit ihrer Wählerschaft extensive und regelmässsige Kontakte zu pflegen. Im Vergleich zur rein presse- und fernsehzentrierten Wahlpropaganda der Vergangenheit werden die Chancen öffentlicher Einflussnahme auf eine schwer voraussehbare Weise neu verteilt: weil jene Kandidaten besonders prämiert werden, die im Umgang mit ihrer Wählerschaft viel Kreativität und Lernfähigkeit entwickeln (während die Relevanz professioneller Wahlpropaganda wahrscheinlich sinkt).
2.5. Politikbezogene Informationen
Die konventionellen Massenmedien müssen sich auf dem Entwicklungsweg zur "Informationsgesellschaft" notwendig als Fessel erweisen, weil sie aus innerer Logik eine notorische informationelle Unterversorgung der Gesellschaft stabilisieren. Ein Hauptgrund dafür liegt darin, dass Redaktoren und Journalisten beim Aufsetzen ihres täglichen (politisch-korrekt aufbereiteten) "Einheitsmenus" immer vorrangig fragen, was wohl "dem" (typischen, bzw. modalen) Medienkonsumenten wissenswert erscheine - und was auch noch für den sprachlich unqualifiziertesten "Grenzrezipienten" (dessen intellektuelles Niveau weit unterhalb dem Durchschnittsrezipienten liegt) zumutbar sei (vgl. dazu Imhof 1997). Das Internet hebt diese Nivellierungs- und Homogenisierungszwänge auf, weil es infolge der geringen Fixkosten nicht mehr nötig ist, ein extensives Broadcasting zu betreiben. Es bietet deshalb grundsätzlich neue Chancen, sich politisch vielseitig und umfassend zu informieren, indem man nämlich die Informationen selber beschafft, bewertet und miteinander synthetisiert, anstatt sich der paternalistischen Führung der Massenmedien zu unterwerfen. Dementsprechend kann es sich in seinem reichen Informationsangebot an eine hoch individualisierte und pluralisierte Gesellschaft anpassen, in der z.B. die Mitglieder verschiedener Bewegungsgruppen oder Bürgerinitiativen je nach Zeitpunkt, Standort, Sachthema und Zielrichtung ganz unterschiedliche (immer hochspezifische) Informationsbedürfnisse haben. Nur via Internet ist es beispielsweise möglich, sich innerhalb von 30 Minuten über alle im Parlament hängigen Vorlagen zur Umweltpolitik, über die historische und aktuelle Entwicklung des Westsaharaproblems oder über die geltende Rechtssituation bei Asylaufnahmeverfahren (mit den einzelnen kantonalen Schattierungen) zu informieren oder volle Einsicht in offizielle Textdokumente (z.B. internationale Vertragswerke) zu gewinnen.
Bei meinem Testversuch, mich innerhalb einer guten Stunde möglichst umfassend über die Unabhängigkeitsbewegung in der Westsahara kundig zu machen, erhalte ich zum Stichwort "Polisario" am 6. März 1998 in der Suchmaschine HotBot15)1729 Dokumente, die in der Reihenfolge abnehmender "Relevanz" angeordnet sind.
Dazu gehören:
1) Die umfangreiche Westsahara Homepage, die von einer "nichtstaatlichen Organisation zur Unterstützung des Referendums in der Westsahara bereitgestellt wird. Abgesehen von einem vollständigen Inventar aller relevanten politischen Dokumente (UNO-Resolutionen, Statements der UNO-Botschaften an der UN-Generalversammlung u. a.) umfasst sie ein wöchentliches Nachrichtenbulletin und bietet Gelegenheit, sich mit der Geschichte, Poesie (insbesondere: Kriegslyrik) und Tanzkultur des Saharoui-Volkes vertraut zu machen und über die Lebensweise seiner Frauen zu informieren.
2) Die offizielle Publikation der Befreiungsfront: "L'Echo du POLISARIO" (neun Nummern seit Herbst 1996), jede sehr umfangreich ausgestattet mit einer äusserst detaillierten Schilderung aller politischen Vorgänge und einer wörtlichen Wiedergabe der Stellungnahmen aller staatlichen Stellen und privaten Organisationen auf der Welt, die sich mit dem West-Sahara-Problem auseinandersetzen.
3) Eine Darstellung der Geschichte und aktuellen politischen Situation: bereitgestellt von der Mbendi information Services: einer Gruppe weisser Journalisten aus Südafrika
4) EL KARAMA, eine Publikation von zwei in Genf beheimateten "Association des familles des prisonniers et disparus sahraouis", die sich - unter Beizug von Berichten von Amnesty International - des IKRK und - auf die minutiöse Berichterstattung über Verhaftungen, Verschleppungen und Folterungen konzentriert.
5) TIRISNET: ein von Insassen des bei Tindouf (Südalgerien) gelegenen Flüchtlingslagers gestaltetes Informationsangebot mit dem expliziten Ziel, die dort seit 20 Jahren lebende Exilbevölkerung via Internet in die Weltgemeinschaft zu integrieren.
6) Die 22 Websites verschiedener Solidaritätsgruppen, die sich in Spanien, Italien, England und den USA gebildet haben, z. T. mit ,liebevoller Präsentation von Kulturgut aus der Region (Sprichworte, Sandbilder u. a.) , sowie wichtigen Zusatzinformation über das Bildungssystem, zum Leben in den Flüchtlingslagern usw.).
7) Der Bericht einer Studentenaustauschgruppe aus Westsahara, die 1994 die Niederlande besucht haben
8) RedFrog-"The Children's Art Gallery" - Eine Sammlung von Kinderzeichnungen aus dem Flüchtlingscamp
9) "Morocco
and the Moroccan Sahara": eine historische Darstellung aus der
politischen Sichtweise des Marokkanischen Regimes.
10) Ein ausführlicher Lexikoneintrag in der Encyclopedia of the Orient
Wichtiger als
die immense Quantität der gefundenen Texte und Bilder ist die
Heterogenität ihrer Quellen und Verfasser, aus dem sich eine extreme
Vielfalt unterschiedlicher Perspektiven ergibt:
Vor allem wird die "Perspektive von oben" (seitens der Staaten und der UN) ergänzt einerseits durch den Blickwinkel westlicher Aktivisten, die sich in den Solidaritätskomitees zusammengefunden haben, sowie durch die Betroffenen selbst, die sich z.B. aus dem Flüchtlingslager von Tindouf aus in die Weltöffentlichkeit integrieren.
Mit Absicht habe ich ein Beispiel aus einer äusserst armen, marginalen Weltgegend gewählt, wo es kaum Netzansschlüsse gibt: nicht etwa das Beispiel der Kurden, der Eriträer, der Basken oder der Zapatisten – alles Fälle, wo derart reichhaltiges Internet-Material vorliegt, dass auch ein Arbeitstag nicht ausreichen würde, um ich einen Überblick zu verschaffen Und dennoch stehe ich nach einer Stunde vor einer Fülle von Material, der gegenüber alle Berichterstattung in den Zeitungen als armselig und unsystematisch-zufällig erscheint, dem Leser und Betrachter aber auch die Aufgabe stellt, sich über die Verlässlichkeit und Aussagekraft der Inhalte selbst ein Urteil zu bilden und eigenständig zu einer Synthese zu gelangen. Sehr wohl spüre ich immer noch einen Bedarf nach professionellen Journalisten: aber nicht nach oberlehrerhaften Meinungsführern, die ihre subjektiven Werthaltungen und Beurteilungen mit dem Gestus der Allgemeingültigkeit verbreiten, sondern nach echten "information brokers", die mir helfen, mich im täglich veränderten Dickicht der Netzangebote zurechtzufinden und es mir ersparen, alle paar Wochen die grossen Suchmaschinen nach Neueinträgen abzusuchen.
Das obige Beispiel mag auch die ausgeprägte funktionale Komplementarität verdeutlichen, die zwischen dem Internet und der Gesamtheit der konventionellen Massenmedien besteht. Mit Sicherheit werde ich weiterhin die Zeitung überfliegen und TV-Nachrichten sehen, um mich summarisch und extensiv über allerlei Auffälliges und "Wissenswertes" in der Welt auf dem Laufenden zu halten, das mit der Sphäre meines persönlichen Handelns in keinem (direkten) Zusammenhange steht. (Die Tendenz zum "Infotainment" und zu ritualisiert-regelhaftem Verhalten ist hier unausweichlich: denn insofern die Informationaufnahme nicht instrumental-handlungsbezogenen Zwecken dient, muss sie sich zwangsläufig mit psychologisch-erlebnisbezogenen Motiven (Neugier, Zerstreuung, u. a.) verbinden.). Das Internet wird aber bedeutsam, wenn ich gerade jetzt im Hinblick auf eine konkrete Handlungssituation (z.B. eine bevorstehende politische Wahl oder Volksabstimmung, die Aktion einer von mir unterstützten Bürgerinitiative oder die persönliche Spende an ein Drittwelt-Entwicklungsprojekt) genötigt sehe, mich über eine spezifische Thematik (oder Region) intensiv und vielseitig zu informieren. Im Gegensatz zum regularisierten Massenmedienkonsum entsteht ein viel variableres Rezeptionsverhalten, das sich an punktuell- situativen Interessen und Lebensbedürfnissen orientiert und sich überdies mit aktiv-kommunikativen Verhaltensweisen verbindet.
2.6. Politische Kampagnen und Bewegungsaktivitäten
Bisherige politische Kampagnen waren relativ stark an die Mitwirkung eines umfangreichen Hilfspersonals gebunden. Beispielsweise war es erforderlich, zu Fuss Flugblätter auszutragen, umständliche Adresslisten nachzuführen oder auf manuelle Weise Briefumschläge zu beschriften, abzufüllen und zuzukleben. Insbesondere in grösseren Staaten blieb der Zugang zu umfassenden und erfolgreichen politischen Kampagnen deshalb auf Akteure mit relativ guter materieller und organisatorischer Ausstattung (z.B. etablierte Verbände ) beschränkt. Korrelativ dazu hat sich in der soziologischen Theorie der sog. "resource mobilization approach" durchgesetzt, der es für selbstverständlich hält, dass soziale Bewegungen normalerweise durch potente Führungsinstanzen initiiert und alimentiert werden, anstatt "von unten her" zu wachsen (vgl. z.B. McCarthy/Zald 1977 ).
Bei elektronischen Kampagnen fallen die meisten dieser administrativen Tätigkeiten weg, so dass es auch kleinen Gruppen, ja sogar einzelnen Personen möglich wird, nicht nur als verantwortliche Träger, sondern auch als effektiv Ausführende einer politischen Kampagne zu fungieren. Sie brauchen keine weitläufigere Organisation mehr aufzubauen (und schaffen dadurch allerdings auch keine Chance mehr für Frauen, junge Leute u. a., sich wenigstens indirekt oder nur "symbolisch" an politischer Aktivität mitzubeteiligen). Computernetze erleichtern deshalb die Initiierung vielfältiger politischer Mikro-Kampagnen, die von Einzelnen oder kleinen Gruppen praktisch ohne finanziellen und organisatorischen Aufwand durchgeführt werden können.16) In der Schweiz nutzen z.B. Initiativ- und Referendumkomitees die neue Plattform für die Propagierung ihrer Anliegen17), und Petitionsgruppen können durch (allerdings juristisch unauthentifizierte) Online-Stimmen zusätzliche Unterstützung mobilisieren.18) Der Gebrauch direkt-demokratischer Volksrechte könnte dadurch zusätzlichen Auftrieb erhalten, während die Bedeutung intermediärer Instanzen (Parteien und Verbände) noch weiter sinkt.
Faszinierend ist vor allem die enge vertikale Koppelung zwischen lokalen und globalen Ebenen politischer Öffentlichkeit, die sich aus der raumunabhängigen Diffundierbarkeit taktisch-lebenspraktischer Informationen und Verhaltensanweisungen ergibt. Besondere Vorteile der kollektiven Organisation ergeben sich vor allem für Gruppen mit geographisch weit verstreuten Mitgliedern, die ausschliesslich dank Computernetzen in der Lage sind, sich wechselseitig kennenzulernen und ihre Meinungen und Aktivitäten zu koordinieren. So haben beispielsweise die auf 160 Campus Universitäten verteilten chinesischen Studenten in den USA bereits seit 1989 eine gleichermassen extensive wie intensive Kommunikationsstruktur aufgebaut, die es ihnen erlaubt hat, auf Regierungsebene als wirksame Lobbygruppe in Erscheinung zu treten (Li 1990; Bonchek 1995: 11).
Die bisherige Devise "Global denken, - Lokal handeln" entsprach einem Zustand sehr lockerer vertikaler Koordination, wo weltweite Kommunikationsprozesse - und insbesondere auch internationale Zusammenkünfte wie z.B. UNO-Konferenzen - bloss der Erarbeitung von Wertorientierungen und allgemeinen Zielsetzungen dienten, während die ganze Konkretisierungsarbeit und operative Umsetzung den regionalen und lokalen Aktionsgruppen überlassen wurde. Heute könnte es eher heissen: "Global konzipieren, diskutieren, projektieren, koordinieren - und lokal handeln"; denn die internationale Kooperation kann mühelos täglich und stündlich vor sich gehen und sich deshalb auf konkreteste Einzelheiten der politischen Argumentation und Aktionsplanung sowie auf den Austausch rein technischer und taktischer Informationen erstrecken: etwa auf Rezepte zum Bau wirksamer Molotow-Cocktails oder auf Verhaltensregeln gegenüber Polizei und Justiz.
Vor allem die im internationalen Raum tätigen nichtstaatliche Organisationen (INGO's) dürften in Zukunft an Bedeutung verlieren, weil soziale Bewegungen und Aktionsgruppen weniger auf die Unterstützung durch formale Rahmenstrukturen und repräsentative Führungsgremien angewiesen sind. Dadurch verringert sich die Chance von Eliten, sich als "social entrepreneurs" zu betätigen im Namen einer unsichtbar bleibenden Anhängerschaft eigene Positionen und Strategien durchzusetzen. Insbesondere wird den unterentwickelten Ländern des Südens die Fähigkeit zuwachsen, in der globalen Öffentlichkeit mit einer Vielzahl von Stimmen zu sprechen, und ihre Kontakte zur entwickelten Welt auf ein dichtes Netzwerk relativ informeller und kleinformatiger Beziehungen (z.B. Paten- und Partnerschaften zwischen Gemeinden, Familien, Vereinsgruppen oder Einzelindividuen) abzustützen.
Generell unterstützt das Internet sehr gut das ausgeprägt sachbezogene Politisieren, wie es für die progressiven "Neuen Sozialbewegungen" (Frauen- Alternativ- Ökologie- und Friedensbewegung u. a.) kennzeichnend ist. Sehr viel weniger eignet es sich für personenbezogene Bewegungsgruppen (z.B. LEGA NORD), weil die charismatische Integrationswirkung einer Führerperson nicht zur Geltung gebracht werden kann. Möglicherweise nimmt das Gesamtvolumen der politischer Partizipation in der Gesellschaft zu, wenn Bürger(innen) ohne formelle Bindungen frei entscheiden können, wann sie sich in welcher Weise in welcher Organisation und für Sachthema engagieren. Vor allem dürften dadurch relativ passive Bevölkerungssegmente punktuell "politisiert" werden, die für formale politische Vereinigungen bisher nicht erreichbar waren. Andererseits werden diese zusätzlichen Beteiligungspotentiale wohl einen besonders volatilen Charakter haben, weil sie meist auf sehr lockeren, akzidentiellen, transitorisch-reversiblen Engagements beruhen.
2.7. Politische Entscheidungsprozesse
Naheliegenderweise hat sich die Diskussion über die politische Relevanz der Computernetze bisher auf die öffentlichsten - und damit auch der Forschung zugänglichsten - Sphären politischer Kommunikation (im WWW und USENET) konzentriert. Vielerlei pessimistische Schlussfolgerungen sind in Wahrheit darauf gegründet, dass dabei naturgemäss nur sehr entscheidungsferne Bereiche basaler Selbstdarstellung und "elektronischer Stammtischkonversation" in den Blick geraten, in denen sich grossenteils viel Unbeholfenheit und ein niedriges Rationalitätsniveau manifestiert. In entscheidungsnahen politischen Kommunikationsbereichen dominieren wohl eher nichtöffentliche Anwendungen der Computernetze: z.B. wenn parteiinterne Arbeitsgruppen via Intranet oder mailing lists ihre Geschäfte vorbereiten, oder wenn auf verschiedenen Kontinenten verstreute Exekutivmitglieder eines Weltverbandes, die sich bisher nur einmal pro Jahr zu einer Sitzung getroffen haben, via Email nun in der Lage sind, auch zwischendurch täglich, ja stündlich miteinander zu kommunizieren. Ein Beispiel: die Exekutive der nordnorwegischen Streugemeinde Salangen (vgl. Ytterstad et al.) trifft viele ihrer Entscheidungen auf dem Formularwege: indem jedes Mitglied allen anderen Emails sendet. Mit sechs Mausclicks können sie erledigen, wozu es bisher 42 Briefe gebraucht hat – und dies mehrmals am Tage hin und her – und zu jeder Tages-, Wochen- oder Jahreszeit: ganz unabhängig davon, wo sich die Mitglieder, die beruflich vielleicht Fischer, Förster oder Jäger sind, gerade befinden.
So können Computernetze die Einflussposition nebenamtlicher Milizbehörden gegenüber der professionellen Verwaltung verstärken, weil selbst wenig abkömmliche, meist in ganz anderen Rollen absorbierte Mitglieder in der Lage sind, sich (ungeachtet ihres Aufenthaltsorts) einerseits über Verwaltungsvorgänge auf dem Laufenden zu halten und sich andererseits laufend untereinander zu konsultieren. Während derartige Verdichtungen horizontaler Ingroup-Kommunikation durchaus zu einer Verstärkung oligarchischer Elitenkontrolle führen können, sind andererseits aber auch Versuche ernstzunehmen, in öffentlichen Netzen plebiszitäre Abstimmungen (bisher meist nur konsultativer Art) stattfinden zu lassen. Im Falle der nordirischen "Präferenda" beispielsweise wird aus der Möglichkeit Nutzen gezogen, dass Stimmende nicht bloss Ja-nein-Entscheidungen, sondern ordinale Präferenzvoten an die Zentrale senden können19), und Marcel Bullinga hat für die Niederlande ein Modell vorgeschlagen, bei dem auch Entscheidungen darüber, welche Vorlagen thematisiert und zur Abstimmung gebracht werden sollen, dem allgemeinen Bürgereinfluss unterliegen.20)
Frühere Vorschläge zur technologischen Demokratiereformhaben sich weitgehend am "liberalindividualistischen" Demokratiemodell orientiert, das im angelsächsischen Raum tiefe Wurzeln besitzt. Es geht davon aus, dass die Individuen mit bereits fertig strukturierten Werten, Identitäten, Interessen und Präferenzen ins politische System eintreten: so dass dort nur noch dafür Sorge getragen werden muss, dass sie diese Standpunkte auch zum Ausdruck bringen können. Auf dieser Grundlage basiert beispielsweise auch das von Ross Perot vorgeschlagene Modell der "Teledemokratie", das hinreichend durch konventionelle Technologien wie Briefpost, Fax oder Telefon realisiert werden kann, weil es nur darum geht, individuelle Meinungskundgaben ins politische Zentrum zu transportieren. Demgegenüber beruht "zivilrepublikanische" Modell - das im Gefolge der Aufklärung beispielsweise von Hannah Arendt und Jürgen Habermas vertreten wird - auf der Vorstellung, dass diese Werte, Identitäten und Interessen selber das Produkt sozialer Interaktionsprozesse sind: so dass deshalb Sorge dafür getragen werden müsse, dass sich bereits ihre Herausbildung unter demokratischen Bedingungen (d.h. im herrschaftsfreien Diskurs egalitärer vernunftsuchender Subjekte) vollziehen kann (vgl. Fraser 1992: 130).
Das vielleicht Faszinierendste an den Computernetzen besteht darin, dass sie für dieses zweite Modell diskursiver (bzw. "deliberativer") Demokratie gewisse Realisierungschancen bieten, in dem auch die der Schlussabstimmung vorangehenden Selektionsprozesse (Auswahl der Themen, Ausformulierung der Entscheidungsalternativen, Festlegung von Traktandenlisten, Entscheidungssequenzen und formalen Abstimmungsmodalitäten usw.) einer egalitäreren Beteiligung unterliegen. Die Durchführung juristisch verbindlicher Volksabstimmungen selbst ist an anspruchsvolle Voraussetzungen individueller Authentifikation (z.B. zur Verhinderung von Mehrfachteilnahme) gebunden, für die momentan noch keine technischen Lösungen bestehen.
Als technische "Meta-Innovation", die selber einer immanenten Dauerevolution unterliegt, scheint das Internet neben den meisten anderen Bereichen von Kultur und Gesellschaft auch die politische Öffentlichkeit in vielfältiger, momentan noch keineswegs überblickbaren Weise zu affizieren. Der Grund für seine spektakuläre Entfaltung liegt keineswegs in einem blinden technologischen Determinismus, sondern darin, dass es vielerlei bereits bestehende Bedürfnisse befriedigen und kreative Talente zur Entfaltung bringen kann, die im bisherigen etablierten Mediensystem keinen Platz finden konnten. Es scheint evident, dass die konventionellen Massenmedien mit ihrer elitär gesteuerten Einwegkommunikation noch eine eher autoritäre und kollektivistische (für die erste Hälfte dieses Jahrhunderts charakteristische ) Gesellschaftsstruktur repräsentieren und dementsprechend z. B. nicht in der Lage sind.
Rechnung zu tragen.
Gesellschaftstheoretisch bedeutsam ist die Hypothese, dass das Internet die Ausdifferenzierung der politischen Öffentlichkeit zu einem autonomen sozietalen Subsystem erleichert, weil es Kommunikationssysteme ermöglicht, die - im Gegensatz zu den konventionellen Medien - gleichzeitig gegenüber ökonomischen Einflüssen (des Kapitalbesitzes und der Absatzmärkte) und politischen Einflüssen (seitens organisierter Verbände und Parteien) sehr unabhängig sind. Eine derart optimistische Gesamtbeurteilung rechtfertigt sich vor allem aufgrund der Hypothese, dass sich die Kontrolle auf der Infrastrukturebene von der Kontrolle über die Sendeinhalte endgültig dissoziiert.
Wiederum bietet sich ein historischer Vergleich mit Energietechnologie an,. um diese Argumentation zu plausibilieren. Wer in vorindustrieller Zeit über bestimmte Energiequellen (z.B. ein Ochsengespann oder einen fallenden Wasserlauf) verfügte, hat meist auch über die konkreten Nutzungszwecke dieses Potentials (z.B. das Pflügen von Äckern oder das Mahlen von Getreide) entschieden. Damit sind schmerzhafte Abhängigkeits- und Herrschaftsverhältnisse verfestigt worden, die dem technischen und sozio-ökonomischen Wandel vielfach hinderlich waren. Im Gegensatz dazu hat sich eine analoge Machtkonzentration bei der Erzeugung und Verteilung der Elektrizität als sehr viel weniger problematisch erwiesen, weil sie sich immer nur auf die Kontrolle der infrastrukturellen Einrichtungen, nicht aber die konkreten Nutzungsinhalte, bezog. Vielmehr hat sich die Zentralisierung der Kontrolle eher als Quelle der Befreiung erwiesen, weil sie die Implementierung einheitlicher Normenstandards erleichtert hat, die es mir als Konsumenten ermöglichen, in jeder beliebigen Steckdose meinen Rasierapparat anzuschliessen. Ebenso bildete sie die stabile Basis für einen heute noch andauernden Evolutionsprozess, in dessen Verlauf elektrische Applikationen in immer feinere Nischen unserer Lebensführung (z.B. das Zähneputzen) vordringen und immer anschmiegsamer n unsere wechselnde Bedürfnisse adaptierbar sind.
Analog dazu sind die bisher dominierenden Massenmedien dadurch charakterisiert, dass Besitzer der instrumentalen Infrastrukturen (z.B. Druckereien, Sendeanlagen u. a.) den Zugang zu deren Verwendung kontrollieren und häufig auch in eigener Regie Programme betreiben oder Periodika edieren. Dies ist deshalb naheliegend, weil die Medien infolge ihrer radialen Unidirektionalität eine isomorph zentralisierte Kontrollstruktur (zur autoritativen Selektion knapper Sendeinhalte) benötigen, wie sie sich im ökonomischen Bereich aus der Konzentration des Kapitalbesitzes und im politischen Sektor aus dem Herrschaftsmonopol des Staatsapparats ergibt.
Für die öffentlichen Computernetze ist charakteristisch, dass sich selbst aus einer globalen Monopolisierung von Faserleitungen, Übertragungssatelliten und Routerstationen keine isomorphe Kontrolle der in ihnen stattfindenden Kommunikationsprozesse mehr ergeben kann, weil die Nutzer gerade im Zuge der Netzvereinheitlichung maximale Chancen erhalten, autonom über alle Modalitäten ihres Sende- und Rezeptionsverhaltens (Inhalt, Emissionsort, Empfängerkreis u.a.) zu bestimmen. Nie wird man deshalb in der Weise von der "Macht des Internet" sprechen, wie man heute von der Macht der Presse oder des Fernsehens spricht. Die Vorstellung, dass das Internet unter die Kontrolle monopolistischer Konzerne geraten oder in den Griff überdimensionierter "Pressezaren" oder "Medienmogule" geraten könnte, ist so abwegig wie die Idee, eine zentrale Machtinstanz Instanz könnte die Zuteilung der Strommengen im Elektrizitätsnetz kontrollieren (und z.B. vom politisch-moralischen Wohlverhalten der Empfänger abhängig machen). Das Internet ist nicht auf etwas derart Zerbrechliches wie "Macht" angewiesen, um gesellschaftlich bedeutsam zu sein. Seine Relevanz ist hinreichend dadurch gesichert, dass es - wie die Elektrizität - mit der Zeit als allgegenwärtiges, unentbehrliches Fluidum alle Bereiche sozialen und kulturellen Lebens durchdringt Im diametralen Gegensatz zu Radio und Fernsehen steht der Staat dem Internet durchaus marginal gegenüber. Er sieht das Medium allenfalls als Instrument für Bürgerkontakte oder zur erleichterten und speditiveren Verbreitung von Informationen, sicher aber nicht als effektives Instrument umfassender und wirksamer propagandistischer Indoktrination. Seine Aktivitäten beschränken sich auf halbherzige Versuche, dem globalen Medium gewisse "Leitplanken" (z.B. hinsichtlich der Verbreitung von Rassismus oder Pornographie) zu verordnen: Versuche, die andauernd politisch strittig (und hinsichtlich ihrer technisch- organisatorischen Vollzugschancen fragwürdig) bleiben. In dieser Situation regrediert staatliche Medienpolitik zunehmend auf die anspruchslosere Frage, wie sich der Staat und seine verschiedenen Organe - als Akteure unter vielen anderen - in den verschiedenen Medien darstellen und zur Geltung bringen sollen. So sieht z.B. die CDU-CSU-Fraktion des Deutschen Bundestags den konkreten staatlichen Einfluss auf das Internet auf die Durchführung öffentlicher Pilotprojekte (auf Bundes-Länder- und Gemeindeebene)beschränkt.21)
Für die politische Öffentlichkeit liegt die grundsätzlichste Bedeutung des Internet darin, dass das formale Grundrecht auf freie öffentliche Meinungsäusserung, dessen faktische Entfaltung bisher durch die zentralistisch verwaltete Medienszene behindert war, nun eine grössere realsoziologische Bedeutung erlangen kann, , weil zum erstenmal grössere Prozentanteile der Bevölkerung die zu seiner Wahrnehmung nötigen technisch-ökonomischen Voraussetzungen besitzen. Ohne über den schliesslichen Wandel politischer Machtverhältnisse eine Aussage zu wagen, erscheint heute immerhin relativ gesichert, dass politische Regimes zukünftig mit mehr manifestem Dissens und vielfältigeren Kristallisationskeimen für kollektive Opposition zu rechnen haben; dass manche intermediären Institutionen (und dazugehörige Professionen) mit Statusverlusten rechnen müssen; und dass es mit wachsender Grösse und Dichte der Computernetze immer schwieriger werden dürfte, spezifische Kommunikationen an der Verbreitung zu hindern (oder gar ganz aus dem System zu eliminieren). Infolgedessen werden politische Systeme unter erschwerte Legitimationsprobleme gesetzt, und liberale Rechtsstaaten werden sich von autoritären Regimes deutlicher als bisher unterscheiden.
Andererseits aber wäre es aus drei Gründen naiv, das Internet als Agens eines technologisch determinierten sozio-politischen Strukturwandels zu betrachten, weil es gerade wegen der erwähnten "Anschmiegsamkeit" dazu disponiert ist, sich in verschiedenste vorgegebene sozio-kulturellen Milieus einzupassen und als willfähriges Werkzeug beliebigsten (individuellen und kollektiven) Handlungszwecken zu dienen. Hinzu kommt, dass es die konventionellen Massenmedien keineswegs ersetzen wird, sondern infolge seiner kontrastierenden Struktur dazu disponiert ist, in ein komplementäres Funktionsverhältnis zu ihnen zu treten. Presse, Radio und Fernsehen werden nach wie vor - ja infolge der ihnen aufgenötigten Spezialisierung noch ausgeprägter - die Aufgabe erfüllen, mit ihrem "Broadcasting" breiten Bevölkerungskreisen konvergente Erlebnisse und Deutungsmuster zu vermitteln, den Zentren und Spitzenrängen gesellschaftlicher Institutionen öffentliche Sichtbarkeit zu verleihen, intellektuelle Meinungsführerschaft anzubieten und eine gebündelte öffentliche Meinung zu generieren, die - vor allem im nationalen Rahmen - als "vierte Gewalt" dominierend wirksam werden kann.
Konträr zu dieser zentripetalen, auf gesellschaftliche Integration ausgerichteten Wirkung kommt den Computernetzen eher die Aufgabe zu, mit ihrem "Narrow-casting" eher die Aspekte sozialer Differenzierung und kultureller Heterogenität moderner Gesellschaften zu artikulieren: indem sie die bisher zu restriktive und zu einseitig manipulierte politische Öffentlichkeit nach unten durch eine basalere Primäröffentlichkeit erweitern, in der sich ungehindert (aber möglicherweise auch relativ folgenlos) eine unbegrenzte Vielfalt divergierender politischen Identitätsanspüchen, Utopien, Ideologien, Meinungen, Interessen, Forderungen und Alternativvorschlägen manifestiert.
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Habermas, Jürgen: Strukturwandel der Öffentlichkeit (Suhrkamp, Frankfurt 1969, (ergänzte Neuauflage 1990).
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Anmerkungen
1) "Apart from all political considerations, there are economic reasons why all conventional media are broadcasting media aiming to spread their messages to a maximum number of recipients. This is so because the establishment and maintenance of these media implies high fixed costs which only pay out when selling markets are very extensive (e.g, when many newspaper copies can be sold. (Anderson 1983) ) (zurück)
2) Dem Radio kommt die
historische Bedeutung zu, zum erstenmal weitreichende gemeinsame
Erlebnisse zwischen einander unbekannten, durch keinerlei andere
Bedingungen verknüpften Menschen gestiftet zu haben.
4) In der Schweiz z. B. der auf das Zürcher Oberland begrenzten "Evangelisch-sozialen Partei" (ESP), die sich ausschliesslich an linksgrün gesinnte evangelikale Christen wendet und mit ihrem öffentlichen Auftritt vielleicht die Hoffnung verbindet, bei den nächsten Wahlen eine von der Mutterpartei (EVP) getrennte Liste zu präsentieren. (http://www.esp.ch/) (zurück)
5) So z. B. die Bodenseeeregion, die sich als ein sogar über die Grenzen der IU hinausreichender) Wirtschafts- Kultur- und Kommunikationsraum raum konstituiert (vgl. http://www.bodan.net/regioinfo/index.html), oder an der entgegengesetzten Südostecke der Schweiz die COTRAO (Communauté de travail des Alpes occidentales), die erstaunlicherweise fast nahtlos mit der Ausdehnng des ehemaligen Herzogtums Savoyen koinzidiert http://www.unil.ch:8080/cotrao/welcome.html(zurück)
10)http://www.politics.ch/(zurück)
11) Das gewählte Beispiel soll auch illustrieren, dass dieser transformative Wandel durchaus nicht exogen von der "Peripherie" her kommen muss, sondern im Zentrum der etablierten Medienanstalten initiiert werden kann. Die allerseits neugegründeten Web-Abteilungen können sich längerfristig durchaus als "Trojanische Pferde" erweisen: d.h. als Einfallstore für neue Formen der Medienproduktion, die sowohl mit den bisherigen wirtschaftlichen und organisatorischen Gegebenheiten wie auch mit den professionellen Werten des etablierten Journalistenberufes in ein Spannungsverhältnis treten.(zurück)
13) http://www.ntu.org/NTU/ vote_tally/ (zurück)
17) z.B. der VCS bei seiner Initiative "Strassen für Alle" http://www.strassen-fuer-alle.ch/(zurück)
18) So die Jungfreisinnigen bei ihrer Bundespetition für die Einführung elektronischer Volksabstimmungen http://www.jungfreisinnige.ch/petition/internet.htm (zurück)
19) vgl. http://boris.qub.ac.uk/drn/prefer/(zurück)
20) http://www.xs4all.nl/~roesderz/english/teledemo/index.html(zurück)
21) vgl. "10 Thesen zur Zukunft mit den Medien" (von MdP Martin Mayer) http://www.cducsu.bundestag.de/mayer0i.htm (zurück)

Letzte Aktualisierung: 01. Feb 15
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