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Thun ist eine Kleinstadt am Tor zum Berner Oberland, hier kennt man sich. Erst recht, wenn man 17 Jahre lang da gelebt hat und heute ein Schriftsteller mit Namen Lukas Bärfuss ist. Ein bisschen stolz sind die Thuner auf ihn. Für Bärfuss war es drum ein Heimspiel im Stadtraatssaal, wo er letzten Freitag einen Vortrag zum Thema “Wir in Thun” hielt, zum 200. Todestag von Heinrich von Kleist.
Noch stolzer sind die Thuner nämlich darauf, dass der deutsche Lyriker, Erzähler, Dramatiker und Publizist mit dem Namen Heinrich von Kleist wichtige Tage in Thun verbrachte. Thun stehe im Leben von Heinrich von Kleist für einen Scheideweg, sagte Lukas Bärfuss. “Der fünfundzwanzigjährige Kleist versuchte sich noch einmal etwas aufzubauen und seinen Ort zu finden. Er war zuvor elf Jahre ununterbrochen durch Europa gerannt.”
Kleist erlebte in seiner Jugendzeit den Krieg gegen die Franzosen, viel Scheussliches muss er gesehen haben, er war getreu seiner Familientradition im Militär. Auch wenn er am Soldatendasein zweifelte, blieb er bis 1799 im Dienst. Er empfand ihn als unerträglich, wollte ein Studium machen, entgegen dem Willen seiner Eltern. In der Folge studierte er Physik, Kulturgeschichte und Latein. Es folgte die berühmt-berüchtigte Kant-Krise. Nach der Lektüre von Immanuel Kants “Kritik an der Urteilskraft”, das 1790 erschien, soll sich Kleist angeblich von den Wissenschaften abgewendet haben. Kleist schrieb in dieser Zeit in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine: “Wir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint.” Er ekelte sich vor der Einseitigkeit des irdischen Daseins. Diese Lebenskrise versuchte Kleist mit einer Reise nach Frankreich und später in die Schweiz zu überwinden.
In Thun eine Existenz finden
Durch Rousseaus Ruf gegen den Fortschritt (“Zurück zur Natur”) fühlte er sich angeregt als Bauer zu arbeiten, deshalb kaufte er in Thun Land. Eigentlich sei dies Kleists letzter Versuch gewesen, sich in eine sozial definierte Existenz zu schicken, meinte Lukas Bärfuss. Kleist verbrachte in den Jahren 1802 und 1803 viel Zeit auf der heute “Kleist Insel” genannten Scherzliginsel in der Aare. “Einen schlechteren Zeitpunkt in der Geschichte hätte sich Kleist nicht aussuchen können”, sagte Lukas Bärfuss, womit er für Lacher sorgte. Denn unter französischer Herrschaft war die Schweiz Republik. Die damalige Flagge in der ungewohnten Farbenkombination aus Grün, Rot und Gelb kenne man heute eher aus dem afrikanischen Raum, fügte er an.
Als Lukas Bärfuss während der 80er Jahre seine Jugend in Thun verbrachte, habe ebenfalls ein Umbruch stattgefunden, wie er sagte. Die alten Zeiten galten nicht mehr und die neuen hätten noch nicht eingesetzt. Er habe der letzten Generation angehört, die noch die Thuner Bauern erlebt habe. Der Kalte Krieg war immer noch Thema, die Angst vor den Russen wurde aufrechterhalten, weil sie die Rechtfertigung für die Thuner Rüstungsindustrie gewesen sei, trotzdem habe er, Bärfuss, gespürt, dass dieses Muster der zwei Blöcke West und Ost nicht mehr lange erhalten bleiben würde.
Heute lebt er in Zürich. Die Thuner (die grosse Mehrheit im Stadtsaal), haben ihn aber offensichtlich noch in guter Erinnerung. Nach dem Vortrag strömten die vorwiegend älteren Zuhörer zum Schriftsteller, gratulierten und liessen Bücher signieren.
Kleists Entdeckung
In der Literatur von Kleist, so wird oft behauptet, regiere das Schicksal, dessen Marionetten die Menschen seien, die tragischen Schicksalen folgen müssten. Dies stimme so nicht ganz, meinte Lukas Bärfuss, denn in diesem Fall würde Kleist heute nicht mehr gelesen oder gespielt. “Kleist entdeckte nicht die Metaphysik, sondern die Funktionsweise der menschlichen Kommunikation. Wir unterstellen den Akteuren in unserer Umwelt Absichten und überprüfen unablässig, ob diese wohlwollend oder tödlich sind.” Ein Mensch überprüfe ständig, ob er es mit einem Freund oder einem Feind zu tun hat. Sogar bei unbelebten Dingen interpretiere der Mensch Absichten des Gegenstandes. Als Beispiel nannte Lukas Bärfuss den Mond: “Der Mond hat nicht nur ein Gesicht, er lächelt sogar.”
Die Interpretation der menschlichen Verhaltensmuster sei das Entscheidende, nicht die Absicht des Gegenübers, glaubte Heinrich von Kleist. Damit wäre Kleist ja doch so etwas wie ein Wissenschaftler gewesen, wovon er sich eigentlich abgewendet hatte. Auf die Frage, ob Kleist heute in der pulsierenden Gesellschaft mit ihren neuen Kommunikationsmöglichkeiten überlebensfähig wäre, antwortete Lukas Bärfuss: “Einer wie er hätte es immer schwierig. Vielleicht wäre es aber heute einfacher für ihn, weil es eine Vorstellung darüber gibt, was ein Schriftsteller wirklich ist.”
Gerade deshalb empfahl Lukas Bärfuss – auch Jugendlichen – die Werke von Kleist zu lesen. Obwohl er während seines Vortrages mit der These, Kleist sei nichts für die Jungen, einigen Zuhörern vor den Kopf stiess. Zu kompliziert, zu brutal sei Kleist, zu viel Kleist sei nicht gut. Ein älterer Mann habe Lukas Bärfuss dann in der Diskussionsrunde bekehrt, so der Schriftsteller.
Was Heinrich von Kleist fragen würde, wenn er denn könnte, weiss Lukas Bärfuss genau: “Öb er es Bier chiem cho suffe”.