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Lange musste man warten, bis Greg Zglinski, der mit seinem Spielfilm Tout un hiver sans feu eine bereits sehr reife Arbeit vorgelegt hat und dafür verdientermassen auch mit dem Schweizer Filmpreis 2005 ausgezeichnet worden ist, ein neues Werk präsentieren würde. An den Solothurner Filmtagen im Januar 2012 war es dann so weit, und sogleich wurde der Film als der interessanteste neue Beitrag in der Schweizer Werkschau gehandelt. Aber weil Courage von Zglinski gänzlich in Polen, dessen Geburtsland, produziert wurde, traf er auf Schwierigkeiten für eine Kinoauswertung in der Schweiz; bis im Herbst 1012 zumindest liess sich kein professioneller Schweizer Verleiher finden.
Greg Zglinski, der auch in der Schweiz aufgewachsen ist, erzählt in Courage eine moderne und zugleich archaisch anmutende Geschichte von zwei ungleichen Brüdern in einer polnischen Agglomerationsgegend. Der ältere der beiden Brüder, Alfred (Robert Wieckiewicz), ist scheinbar der Mutigere von beiden, ein Draufgänger, der sich immer wieder beweisen muss, während sich sein ruhigerer Bruder Jurek (Lukasz Simlat) auf die Modernisierung des gemeinsam geerbten Kabelfernseh-Unternehmens konzentriert. Doch dieses Rollenverhältnis erweist sich eines Tages aufgrund eines entsetzlichen Ereignisses als Chimäre. Detailgenau und eindringlich legt Zglinski zwei Arten von Mut dar: einen vordergründig gewagten, der im Ernstfall aber versagt – und einen aus Gerechtigkeitsgefühl plötzlich sich aufbäumenden Mut, der keine Vorsichtsmassnahmen mehr kennt.
Als die beiden Brüder, da Alfreds Wagen eine Panne hat, den Zug in die Stadt nehmen, beobachten sie, wie eine Teenager-Bande eine junge Frau anpöbelt. Jurek geht dazwischen, während sein Bruder vor Angst erstarrt – und schockiert zusehen muss, wie Jurek aus dem fahrenden Wagen geworfen wird. Aus Scham verschweigt Alfred der Familie den wahren Hergang des Vorfalls. Doch dann taucht im Internet ein Handy-Video auf, das Alfreds Hilflosigkeit und Passivität dokumentiert und entlarvt. Ist er durch seine Unterlassung dringender Lebensrettungsmassnahmen indirekt seines Bruders Mörder? Zglinski zeichnet das Psychogramm eines Mannes, der impulsiv und rau, aber auch ängstlich ist und lieber lügt, als seine Verletzlichkeiten und Ambivalenzen zu zeigen. Zglinski entwickelt das Schulddrama in langsamen Schritten, bis jene brutale Tat wie ein Beil alles entzweit und ein Zuheilen dieser tiefen Wunde unwahrscheinlich werden lässt. Kleine Gesten und Blicke, mit denen sich die Menschen gegenseitig misstrauisch beobachten und beobachtet werden, setzt dieser Film meisterhaft unaufdringlich in Szene.