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Ausbildung fand, so daß sie wie eine neue Erfindung wirkte: nämlich die Verwendung der Oelfarben.
In der niederländischen Bevölkerung, in welcher der rein-deutsche, wie der französische Zweig des germanischen Volkstums ihre Eigenheiten austauschten, trat der Sinn für das Wirkliche und eine frohsinnige Auffassung des Lebens schon im 13. Jahrhundert hervor; für das, was man «Idealismus» nennt - die Richtung auf das rein Gedankliche, das Uebersinnliche - hatten die Niederländer weniger Neigung, als die Deutschen, und die Vorherrschaft des Bürgertums ließ auch die höfisch-vornehme Art, wie sie in Frankreich sich geltend machte, nicht aufkommen.
Die niederländischen Miniaturen weisen schon diesen Zug auf, die sinnliche Natur, die derbe Wahrheit des wirklichen Lebens namentlich mit seinen zur Heiterkeit und Spott reizenden Erscheinungen wiederzugeben. Es ist daher nicht überraschend, daß auf niederländischem Boden Meister auftraten, welche der bisher mehr in der Kleinkunst bethätigten Neigung auch in der hohen Kunst zur Herrschaft verhalfen. Ebenso erklärlich ist, daß ihre Kunstweise allenthalben von Einfluß werden mußte, wo man sich wieder der Natur zuwandte. Fast gleichzeitig in drei Gauen kam diese niederländische Kunstweise auf: in Flandern, Brabant und in Holland. Es sind durchwegs Gebiete deutschen Volkstums und eigentlich ist die niederländische Kunst nur als ein Zweig der deutschen zu betrachten.
Flandern. Es sind somit auch die gleichen Ursachen und so ziemlich die gleichen Umstände, welche die äußerliche Entwicklung der niederländischen Tafelmalerei bestimmten, die in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts schon eifrig betrieben wurde. Die Frühwerke sind außerhalb ihrer Heimat begreiflicherweise wenig bekannt; im Ganzen unterschieden sie sich nicht viel von den gleichzeitigen deutschen, wie solche die Prager und Kölner Schule lieferte.
Ich möchte auch einen vom Mittelrhein ausgehenden Einfluß annehmen, der sich hauptsächlich auf die Anordnung der Darstellungen erstreckt, während die lebhafte Farbengebung ebenso der niederländischen Eigenart entsprang, wie die sorgfältige Ausführung des Nebensächlichen. Jener eben erwähnte Wesenszug des niederländischen Volkstums, die Freude an der sinnlichen Natur, brach erst vollkommen durch in den Werken der Brüder van Eyck, und zwar in einer Weise, welche der Kunst auf diesem Boden einen gewaltigen Vorsprung vor der deutschen verschaffte.
Die Brüder van Eyck. Das Auftreten dieser beiden Meister brachte einen Umschwung hervor, der vielleicht noch höher war als jener, der sich an Giottos Persönlichkeit knüpfte. Sie schufen eine neue Auffassung und eine neue Malweise. Genau genommen war freilich weder das eine noch das andere vollkommen neu, aber sie erregten den Eindruck des Neuen, weil sie zielbewußt mit voller Schärfe und Bestimmtheit die erstere offenbar machten und die andere folgerichtig und geschickt ihren Zwecken anpaßten. Wie ich bereits mehrmals zu bemerken veranlaßt war, ist die Oelmalweise von den Eycks zur durchgreifenden Geltung gebracht worden; sowohl Deutschland wie Italien sind in dieser Hinsicht
^[Abb.: Fig. 389. Schongauer: Geburt Christi.
München. Pinakothek. (Photographie B.-A. Bruckmann)] ¶
ihnen gefolgt. Zu dieser sachgemäßen Ausbildung der Oelmalerei waren sie wahrscheinlich gekommen, weil ihnen die anderen Malweisen nicht die Möglichkeit boten, jenen Grad von Naturwahrheit auch in der Farbenstimmung zu erzielen, welcher ihr Kunstziel war. Leuchtende Farbenglut und durchsichtige Helle waren allerdings auch mit Wasser- und Temperafarben in hohem Maße zu erreichen; aber schwierig, ja beinahe unmöglich war es, die Uebergänge zwischen den Farbentönen in weicher Zartheit zu geben, oder durch leichte, durchsichtige Deckfarben über den Grundfarben diese zusammenzustimmen.
Die Grenzen zwischen den einzelnen Farbenflächestücken traten stets schärfer hervor, als es wünschenswert war, und das Spielen des Lichtes auf den körperlichen Gegenständen, das Ineinanderfließen der verschiedenen abgestuften Töne war schwer wiederzugeben. Das war nur möglich, wenn man die Farben noch im Nassen miteinander verarbeiten, oder nach dem Trocknen mit Deckfarben - nicht blos Firnis - überziehen konnte. Dies wurde nun durch die Oelmalweise erreicht, und sie in diesem Sinne ausgebildet zu haben, ist das Verdienst der Eycks.
Es würde an sich schon hinreichen, um ihrem Namen einen dauernden Platz in der Kunstgeschichte zu sichern, noch mehr Anrecht darauf giebt ihnen aber die Thatsache, daß sie die Malerei auf den richtigen Weg zur Natur leiteten und sie aus der Abhängigkeit von der Bildnerei befreiten, von welcher die Tafelmaler des 14. Jahrhunderts ihre Formen zu entlehnen gewohnt waren. Sie brachen völlig mit diesen Ueberlieferungen und wiesen ihre Zeitgenossen auf die wirkliche Natur hin und zwar in so wirkungsvoller und überzeugender Art, daß sie dieselben auch wirklich bekehrten. Den Erfolg verdankten sie ihrem meisterlichen Können, sonst hätten sie wohl ihrer Auffassung nicht so gründlich die Bahn zu brechen vermocht.
Welcher von den beiden Brüdern, Huybrecht (1370-1426) und Jan (1390-1440) der größere war, läßt sich schwer entscheiden, da von ersterem nur wenig sichere Werke vorhanden sind und an manchen wahrscheinlich beide gemeinschaftlich gearbeitet haben mochten. Schließlich ist dies auch gleichgiltig und man thut vielleicht am besten, beide als eine künstlerische Persönlichkeit aufzufassen, in welcher die besonderen Eigenschaften des Einzelnen verschmolzen.
Als eine solche gemeinsame Schöpfung ist der sogenannte Genter Altar zu betrachten,
^[Abb.: Fig. 390. Schongauer: Die hl. Familie.
Wien. Kaiserl. Gemäldesammlung.]
^[Abb.: Fig. 391. Pleydenwurff: Die Vermählung der hl. Katharina.
München. Pinakothek.] ¶