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Johann Caspar Lavater wurde am 15. November 1741 in Zürich im Haus "Zum Waldries" geboren. Sein Vater war Arzt und Pfleger des Stiftes zum Grossmünster, ruhig, ehrlich und von gutem, gesundem Verstand, wie Lavater ihn in seiner 1779 verfassten Autobiographie beschreibt. Seine Mutter, eine geborene Escher vom Glas, also aus bestem Zürcher Haus, war genau das Gegenteil: neu- und wissensbegierig, phantasievoll und willensstark. Vor ihr hatte Lavater Respekt, vielleicht sogar ein bisschen Angst. Mit dem pietistischen Gedankengut vertraut, suchte sie den Kontakt zum geistlich und geistig aufgeklärten Zürich der 50er Jahre.
Als Kind aus bürgerlichem Haus besuchte Lavater die in Zürich für Knaben vorgesehenen Schulen: Die deutsche Schule am Wolfbach; mit sechs Jahren die Lateinschule am Grossmünster. Es folgten zwei Jahre Collegium Humanitatis am Fraumünster. Mit fünfzehn Jahren begann für Lavater die sechsjährige Ausbildung am Collegium Carolinum, dem Vorläufer der 1833 gegründeten Universität Zürich. Neben Philologie, Philosophie und Geschichte war in den zwei letzten Jahren vor allem das Fach Theologie vertreten. Lavater steht nach Abschluss seines Studiums als Verbi Divini Minister auf der Liste der Exspektanten, der Anwärter auf ein Pfarramt.
Lavaters Lehrer während der Studienzeit am Carolinum waren u.a. Johann Jacob Bodmer und Johann Jacob Breitinger. Deren Lehrstoff, welcher den Gedanken der Aufklärung verpflichtet war, bot nicht mehr das gewohnte mechanisch-repetierende Auswendiglernen, sondern führte die Studenten zu ihrem angestammten Wesen; der Dichter wurde mit Hilfe der Phantasie zum Entdecker des Weltplans gemacht und löste damit das bis anhin nur in der Bibel vorgegebene Bild der Schöpfung ab. Mit dieser Basis gelang es Lavater, die eigenen Möglichkeiten als Mensch, als Individuum, zu spüren. So begann er während der Studienzeit erste philosophisch-religiöse Überlegungen schriftlich festzuhalten. Aus den heute noch greifbaren Autographen dieser Zeit (1759-1762) erkennt man die sich formierende Persönlichkeit deutlich. In den fast täglich geschriebenen Briefen mit seinen engen Freunden - v.a. den Brüdern Felix und Heinrich Hess - und in den ersten Tagebuchversuchen begann Lavater, seine Gedanken zu ordnen und zu seiner Bestimmung als Mensch zu finden. Er spürte seine Individualität, wobei immer noch im Kollektiv der Freundschaft und der dem Glauben verpflichteten Aufklärung. Die Freundschaft war Lavater eine "Werkstätte der Tugend". Zentral wurde die Suche nach dem Göttlichen im Menschen. Der beste Weg, um das zu finden, zu spüren, war für Lavater das (gemeinsame) Gebet und die praktizierte "Tugend".
Neben der religiösen "Tugend" wurde der Tugendbegriff von Bodmers Studenten auch politisch umgesetzt und zwar in der Klageschrift an Felix Grebel. Diese unter dem Begriff "Grebelhandel" in die Geschichte eingegangene Affäre ist wohl die bekannteste aus dem Zürich des 18. Jahrhunderts. Lavater klagte mit seinen Kommilitonen, dem späteren Maler Heinrich Füssli und Felix Hess 1762 anonym den ehemaligen Landvogt von Grüningen des Amtsmissbrauches an. Felix Grebel, Schwiegersohn des amtierenden Bürgermeisters Leu, wurde in einem anonymen Schreiben aufgefordert, seine Vergehen einzugestehen und die betroffene Bevölkerung für das angetane Leid zu entschädigen. Grebel ging auf diese Aufforderung nicht ein, und so wurde die Geschichte publik. Die drei Theologen verfassten Ende August 1762 das Traktat Der ungerechte Landvogt oder Klagen eines Patrioten (JCLW, Bibliographie [genaue bibliographische Angaben und Download s. unten], Nr. 352) und forderten damit die Zürcher Regierung auf, Stellung zu den Vorkommnissen in der Landvogtei zu nehmen. Felix Grebel wurde nach einem Gerichtsverfahren verurteilt und des Landes verwiesen, doch mussten auch die Kläger vor die Stadtväter, um dort ihres unrechtmässigen Vorgehens willen Abbitte zu leisten.
Nach dem "Grebelhandel", der die Gemüter in Zürich recht zu erhitzen vermocht hatte, und von dem Bodmer als einem "Exemple des Patriotisme" sprach, wo "Jünglinge alte Männer aus dem Schlafe geweckt haben", schien es den Familien der drei Expektanten sinnvoll, diese auf eine Bildungsreise nach Deutschland zu schicken, bis sich die Wogen in Zürich wieder geglättet hätten, denn Lavater, Füssli und Hess waren als Theologiestudenten zu Pfarrern ausgebildet worden und wollten auch hier in Zürich eine Amtsstelle besetzen, was nach einer solchen Dreistigkeit und bei dem anhaltenden Pfarrerüberschuss (dieses Bildungssystem brachte in der nur 10'000 Einwohner zählenden Stadt Zürich jedes Jahr gut zwanzig neue Pfarrer hervor) nicht unbedingt gewährleistest war.
Lavater, Hess und Füssli verliessen daher im Frühling 1763 als Exspektanten, also als Anwärter auf ein Pfarramt, die Limmatstadt Richtung Deutschland. Begleitet wurden sie von dem in Berlin lehrenden Winterthurer Philosophen und Pädagogen Johann Georg Sulzer. Dieser führte sie als Mentor auf dem Weg nach Berlin bei den wichtigsten Gelehrten der Zeit ein. So besuchten sie u.a. die Dichter Gellert und Gleim und die Theologen Ernesti und Zollikofer. In Berlin selbst sahen sie ausser dem preussischen König Friedrich II. dessen Sohn Kronprinz Friedrich Wilhelm, der ihnen auch eine kurze Audienz gewährte; zudem trafen sie den jüdischen Philosophen Moses Mendelssohn, den Verleger Friedrich Nicolai, die Prediger Samuel Diterich und Martin Crugot, dessen Erbauungsbuch Der Christ in der Einsamkeit Lavater 1764 in seiner Schrift Zwey Briefe an Herrn Magister Carl Friedrich Bahrdt (JCLW, Bibliographie, Nr. 394) gegen die Angriffe des damals orthodox gesinnten Theologen Bahrdt verteidigen wird.
Die Reise führte sie von Berlin aus weiter nach dem kleinen Barth in Schwedisch-Pommern, wo der aufgeklärte Reformtheologe Johann Joachim Spalding wirkte. Dessen 1748 verfasstes Werk Die Bestimmung des Menschen hatte schon früh auch in Zürich grosse Beachtung gefunden. - Während dieses fast zehnmonatigen Aufenthaltes in Barth las Lavater intensiv Werke deutscher, aber auch englischer und französischer Autoren und holte sich damit das Rüstzeug für seine spätere (theologische) Laufbahn. Daneben rezipierte Lavater auch Briefe, Urteile und Predigten von Spalding. Die Tagebücher, die Lavater während dieser Bildungsreise in Deutschland geschrieben hat, zeigen deutlich, wie intensiv die Auseinandersetzung mit Spalding und den Strömungen der Zeit gewesen ist. Lavater begann während dieser Monate auch erstmals, mit der Replik auf Carl Friedrich Bahrdts Angriffe und mit seiner Evangelischen Harmonie schriftstellerisch tätig zu werden.
Auf der Rückreise von Barth über Berlin in die Schweiz wurden in Quedlinburg der Dichter Klopstock und in Braunschweig der Theologe Jerusalem besucht.
Im März 1764 kehrten Lavater und Felix Hess nach Zürich zurück (Heinrich Füssli reiste Richtung Norden, um in England eine neue Heimat zu finden). In Zürich erwartete die beiden Exspektanten aber kein freies Pfarramt, auch keines auf dem Land, wie Lavater sich das gewünscht hätte. So wohnte Lavater weiterhin im Elternhaus und verstärkte seine schriftstellerische Tätigkeit. 1764/1765 gründete Lavater mit Salomon Hirzel die "Moralische Gesellschaft" in Zürich. Auch nahm er ab 1765 aktiv an den Tagungen der "Helvetischen Gesellschaft in Schinznach" teil und verfasste als Mitglied 1767 die Schweizerlieder im Tone der Gesellschaft zu Schinznach (JCLW, Bibliographie, Nr. 317-319), die in der Vertonung von Johannes Schmidlin und später Egli bis weit ins 20. Jahrhundert gesungen wurden. Im Jahr 1765 erschien ein erster Teil der Auserlesene[n] Psalmen Davids (JCLW, Bibliographie, Nr. 61). Als Schriftsteller trat Lavater in dieser Zeit noch anonym auf. So erschienen in der 1765 zusammen mit dem späteren Obmann Johann Heinrich Füssli gegründeten moralischen Wochenschrift Der Erinnerer (JCLW, Bibliographie, Nr. 131) die Initialen der Autoren erst mit dem zweiten Jahrgang. Der Erinnerer nahm die Sitten der Bevölkerung in Zürich unter die Lupe, brachte aber auch neue patriotische, religiöse und philosophische Gedanken wöchentlich - nicht immer nur zur Freude der Obrigkeit - ein. Ziel dieser Wochenschrift war, wie bei Bodmers und Breitingers Discourse der Mahlern, eine moralische Verbesserung der Gesellschaft zu erwirken. 1767 wurde die Wochenschrift im dritten Jahrgang auf Druck der Regierung eingestellt.
Am 3. Juni 1766 heiratete Lavater die um ein Jahr jüngere Anna Schinz (1742-1815). Sie hatten gemeinsam acht Kinder, von denen aber nur Heinrich (1768-1819), Anna ("Nette" 1771-1852) und Anna Louise (1780-1854) das Erwachsenenalter erreichten.
Das schreibfreudige 18. Jahrhundert ist das Jahrhundert des Briefes. Die enorm dichte Korrespondenz eines Albrecht von Haller, eines Isaac Iselin oder eben jene von Johann Caspar Lavater mit fast allen geistlichen und geistigen Persönlichkeiten des damaligen Europa zeigt, wie wichtig dieses Medium zur Ausbreitung des eigenen Gedankengutes wurde. Als Kommunikationsträger (die Briefe wurden abgeschrieben und weitergereicht) wurde der Brief unersetzlich; er war quasi das Internet des 18. Jahrhunderts und übernahm als halböffentliche Form in der publizierten Literatur eine neue Funktion.
Lavater begann 1768 sein utopisches Bild vom Leben nach dem Tod als Aussichten in die Ewigkeit (JCLW, Bibliographie, Nr. 64) (1768-1773 / Revisionsband 1778) zu schreiben. In fünfundzwanzig Briefen an den ärztlichen Freund und Gelehrten Johann Georg Zimmermann thematisierte Lavater nacheinander Tod, Zwischenzustand, Auferstehung, Gericht und Jenseits. Ursprünglich als Lehrgedicht im Sinne von Klopstocks Messias oder Cramers Die Auferstehung gedacht, fasste Lavater seine Gedanken vorerst in offenen gedruckten Briefen an den gelehrten Freund Zimmermann zusammen und hoffte damit, die "Depositairs des gesunden Verstandes, des guten Geschmackes, der wahren Weltweisheit, und der apostolischen Gottesgelehrsamkeit" zu erreichen. Tatsächlich haben denn auch seine eschatologischen Gedanken bei den Gelehrten im deutschen Sprachraum grosse Beachtung gefunden, nicht zuletzt auch darum, weil er Charles Bonnets Lehre vom Keim, die dieser in seiner Contemplation de la Nature (1764) und später in der Palingénésie (1769) ausgeführt hatte, zur Basis seiner Überlegungen genommen hatte.
Mit den Aussichten in die Ewigkeit war Lavater im deutschsprachigen Europa schlagartig bekannt geworden. Sein Briefwechsel schwoll in diesen und den folgenden Jahren auf ein beinahe nicht mehr zu bewältigendes Mass an. "Trotz aller Anstrengung", schreibt sein Biograph Ulrich Hegner, lagen "doch immer zwischen 400-600 unbeantwortete Briefe vor ihm".
1771 erschien anonym in Leipzig das Geheime[s] Tagebuch. Von einem Beobachter seiner Selbst (JCLW, Bibliographie, Nr. 183). Lavater hatte das Manuskript "über einen Freund" dem in Leipzig wirkenden Freund Georg Joachim Zollikofer zugeschickt. Dieser strich die Lavater als Autor kennzeichnenden verfänglichen Stellen heraus und liess das Tagebuch mit einem Vorbericht drucken. Es dauerte nicht lange, bis der Zürcher Pfarrer und Autor der Aussichten in dieser Publikation erkannt war.
Da das literarische Interesse am Geheimen Tagebuch sehr gross war, gab Lavater die Fortsetzung seiner Tagebuchnotizen 1773 selbst als Unveränderte Fragmente aus dem Tagebuche eines Beobachters Seiner Selbst (JCLW, Bibliographie, Nr. 183) heraus. Dieses zweite Tagebuch Lavaters vermochte aber nicht mehr den spontan-offenen Charakter des ersten zu erreichen, zeigt aber deutlich das Spannungsfeld zwischen Aufklärung und Pietismus.
Wohl am bekanntesten wurde Lavater mit den von 1775 bis 1778 in vier Bänden erscheinenden Physiognomische[n] Fragmente[n], zur Beförderung der Menschenkenntniß und Menschenliebe (JCLW, Bibliographie, Nr. 274-275). In Zusammenarbeit mit Goethe und Herder versuchte Lavater, die Seele des Menschen primär im Gesicht zu erkennen. Um überhaupt physiognomische Studien betreiben zu können, musste man eine möglichst genaue Wiedergabe des Gesichtes, v.a. des Profils herstellen. Die billigste und präziseste Methode war für Lavater der Schattenriss.
Dass die Theorie der Physiognomik nicht nur auf Begeisterung stiess, ist nicht schwer zu begreifen. Lavater hielt aber ein Leben lang daran fest. Nur so sind die über 22'000 Blätter zu erklären, die er in seinem Physiognomischen Kabinett gesammelt, die meisten beschriftet und in einen Passpartout gesetzt hat (heute liegen diese Blätter in der Porträtsammlung der österreichischen Nationalbibliothek in Wien).
Am 14. März 1775 wählte der Kirchenrat Lavater zum ersten Pfarrer an der Waisenhauskirche. Drei Jahre später, am 7. April 1778, wurde er Diakon an der Zürcher Stadtkirche St. Peter. Zwischen 1782 und 1786 entstanden die Werke Pontius Pilatus (JCLW, Bibliographie, Nr. 278) (1782-1785), Jesus Messias (JCLW, Bibliographie, Nr. 218-219) (1782-1786) und Nathanaél oder die ebenso gewisse, als unerweisliche Göttlichkeit des Christentums (JCLW, Bibliographie, Nr. 259) (1786). Daneben erschienen bis zu seinem Tod eine Fülle von Gedichten, Predigten (JCLW, Bibliographie, Nr. 279-295), Liedern (JCLW, Bibliographie, Nr. 240-243), Traktaten und Schreiben sowie zahlreiche theologische Abhandlungen.
Lavater erhielt 1786 einen Ruf als Prediger an die St. Ansgar Kirche in Bremen. Er lehnte ab, besuchte jedoch die Stadt, wo ihm die Bevölkerung einen frenetischen Empfang bereitete. Noch im gleichen Jahr wurde er in Zürich zum ersten Pfarrer von St. Peter ernannt.
Mit dem Einmarsch der Franzosen in Zürich verfasste Lavater die Schrift Ein Wort eines freyen Schweizers an die französische Nation (JCLW, Bibliographie, Nr. 21) und wandte sich mit einem kritischen Schreiben An das helvetische Vollziehungs-Direktorium (JCLW, Bibliographie, Nr. 23). Er wurde 1799 verhaftet und nach Basel deportiert. Wieder nach Zürich zurückgekehrt, traf ihn bei einem Zwischenfall mit einem betrunkenen französischen Soldaten eine Kugel dermassen schwer, dass er sich von dieser Verletzung nicht mehr erholen konnte. Lavater starb am 2. Januar 1801 nach fast zwei Jahren Leidenszeit in Zürich.
Johann Caspar Lavater ist im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts wie kein anderer Zürcher europaweit wahrgenommen worden und zwar als Patriot, Prediger und Seelsorger, Schriftsteller, Briefschreiber und als Freund:
Patriot
Dreimal tritt Lavater als Patriot in Erscheinung:
1762 im "Grebelhandel"
1795 beim sog. "Stäfnerhandel", wo die wirtschaftlich immer besser dastehenden Seegemeinden auch politische Rechte zu fordern begannen. Lavater vermittelte damals zwischen der rigiden Strenge der Zürcher Obrigkeit und den Redeführern der Gemeinde Stäfa.
1798/99 beim Einmarsch der Franzosen in Zürich und bei der 1. und 2. Schlacht um Zürich. Hier wehrte sich Lavater gegen die Besetzung von Zürich durch ein fremdes Regime.
Prediger und Seelsorger
Die Predigten Lavaters hatten magnetischen Charakter. Von überall her strömten Menschen in den "Peter", um Lavater zu hören. Lavaters Predigten hatten - nach Goethe - eine so starke Wirkung, weil er jede "Terminologie wegschmeisst, aus vollem Herzen spricht und handelt und seine Zuhörer in eine fremde Welt zu versezten scheint, indem er sie in die ihnen unbekannten Winkel ihres eigenen Herzens führt". Wir können heute seine 1783 Predigten nur noch lesen (falls wir dazu genügend Zeit finden). Was sie aber zum Leben erweckt hat, war eben die Ausstrahlung dieser charismatischen Person Lavater, dem Mann mit dem "Mondstrahl im Gesicht" (Claudius). Goethe beschreibt ihn so: "Reinlich, wie er war, verschaffte er sich auch eine reinliche Umgebung. Man ward jungfräulich an seiner Seite, um ihn nicht mit etwas Widrigem zu berühren."
Nach den Predigten holten viele Menschen sowohl aus der eigenen Gemeinde als auch von auswärts zugereist, seelsorgerischen Rat bei Lavater.
Schriftsteller
Lavaters Leben und Werk steht in der Nachfolge Christi, im Suchen nach der göttlichen Individualität im Menschen.
Entwirft Lavater in den Aussichten in die Ewigkeit eine Utopie der zukünftigen Welt, so zieht er sich in den Tagebüchern auf das Ich zurück, auf die Seele im Menschen, jenen Teil also, der dem Gottmenschen, also Christus, am ähnlichsten ist. Durch Beobachtung kann die Seele erforscht und erkannt, durch tugendhaft-christliches Leben zur Vollkommenheit gebildet werden. In den Physiognomischen Fragmenten hebt Lavater die Introversion auf, um über die äussere Beobachtung den Menschen zu beurteilen und einzustufen. Beobachtet und beurteilt wird auch hier wieder die Seele, die sich nun - so die Lehre der Physiognomik - im Gesicht offenbart.
Ziel des Menschen ist nach Lavaters Theologie, sich im Diesseits, also bereits im jetzt gelebten Leben, das man als aufgeklärter Mensch mitbestimmen kann, zu vervollkommnen. Man soll schon als Mensch dem Urbild der Menschheit - Christus - möglichst ähnlich werden. Hier merkt man Lavaters Wurzeln, die in der Aufklärung verankert sind, sehr deutlich. Er versucht all seine Überlegungen wissenschaftlich abzustützen, indem er sie vernünftig und nachvollziehbar zu begründen und zu erklären versucht. Das geschieht über Analogien. Wenn das so ist, muss das doch so sein. Wie bei den animalischen Stufen (Frosch zum Apoll) überspringt er aber irgendwo die Grenzen des real Erklärbaren und kommt damit zu Schlüssen, die nichts mehr mit Vernunft, viel mehr mit seiner religiösen Phantasie zu tun haben. Was ihn aber vor den Vertretern der Aufklärung zum "Schwärmer" stempelte (mit dem Begriff des Schwärmers wurde im 18. Jahrhundert betitelt, wer einen individuellen Zugang zur (religiösen) Wahrheit suchte und sich zum Chiliasmus bekannte), war seine "Wundersucht", sein Suchen nach übermenschlichen, d.h. übernatürlichen Kräften.
Schon im Dezember 1765, in einem Brief an Johann Georg Zimmermann über Frau von Tavel (Tavel und Zimmermann hatten sich entzweit), macht Lavater die zarte Verwechslung zwischen apostolischer Kraft und narzisstischem Allmachtsgefühl, wenn er schreibt (Brief vom 10.12.65): "Eine Frage ist: Was würde izt Paulus, wenn er in einem vertraulichen Briefwechsel mit der Fr. v. Tavel stühnde, wie ich, was würde er ihr wol über die Art, gegen Z. zu verfahren ... schreiben? - Ich setzte ihr also einen solchen Brief im Nahmen Pauli auf - eine Nachahmung an Philemon."
1792 schreibt Lavater Worte Jesu, zusammengeschrieben von einem christlichen Dichter (JCLW, Bibliographie, Nr. 386).
Briefschreiber
Der Briefschreiber Lavater ist selbst im schreibfreudigen 18. Jahrhundert ein Phänomen.
Der Brief als halböffentliche Form diente im 18. Jahrhundert unter den Gelehrten als Kommunikationsnetz. So schickte oder reichte man die eingegangenen Briefe an Freunde weiter - machte sich zuvor aber noch Exzerpte der wichtigsten Stellen. Lavaters "conversation par écrit" war enorm. Nicht nur, dass er neben dem schriftstellerischen Werk (häufig auch in Briefform) und dem Verfassen von Predigten hunderte von Briefen jährlich zu beantworten hatte, diese mussten auch geordnet und - falls nötig - weitergereicht werden. Wie umfangreich sein epistolarisches Werk ist, wird erst deutlich, wenn man sich den Nachlass, der in der Handschriftenabteilung der Zentralbibliothek Zürich liegt, genauer anschaut. Leider sind nur sehr wenige Briefwechsel bis heute ediert.
Freundschaften
Die unzähligen Freundschaften, die die Person Lavater auch ausmachen, kann man gar nicht alle nennen. Auf die Jugendfreundschaft mit den Brüdern Felix und Heinrich Hess und Johann Heinrich Füssli wurde schon hingewiesen. Zimmermann und Dr. Hotze aus Richterswil waren ihm als ärztliche Freunde wichtig; da sind aber auch noch unzählige andere Freunde wie Iselin, Spalding, Basedow, Pfenninger, Herder, Goethe und unzähige a.m.; da sind Fürsten und Fürstinnen und da sind viele Frauen, die sich zu ihm und er sich zu ihnen hingezogen fühlten.
Goethe erzählt sein Verhältnis zu Lavater rückblickend im vierzehnten Buch von Dichtung und Wahrheit so: "Es dauerte nicht lange, so kam ich auch mit Lavatern in Verbindung. Der "Brief des Pastors" an seinen Kollegen hatte ihm [Lavater] stellenweise sehr eingeleuchtet; denn manches traf mit seinen Gesinnungen vollkommen überein. Bei seinem unablässigen Treiben ward unser Briefwechsel bald sehr lebhaft." Goethe rezensierte 1773 Lavaters dritten Band der Aussichten in die Ewigkeit in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen. 1774 trafen die beiden dann erstmals in Frankfurt zusammen. Goethe schreibt dazu: "Unser erstes Begegnen war herzlich; wir umarmten uns aufs freundlichste, und ich fand ihn gleich, wie mir ihn so manche Bilder schon überliefert hatten. Ein Individuum, einzig, ausgezeichnet, wie man es nicht gesehn hat und nicht wieder sehn wird, sah ich lebendig und wirksam vor mir."
Ursula Caflisch-Schnetzler
JCLW, Ergänzungsband: Bibliographie der Werke Lavaters. Verzeichnis der zu seinen Lebzeiten im Druck erschienenen Schriften, hg. und betreut von Horst Weigelt. Wissenschaftliche Redaktion Niklaus Landolt, Zürich 2001