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(spr. burkjello), origineller ital. Dichter,
geboren gegen Ende des 14. Jahrh. zu oder bei
Florenz,
[* 11] übernahm 1432 die Barbierbude seines
Vaters daselbst, zog aber später
nach
Rom,
[* 12] wo er sein
Gewerbe fortsetzte und 1448 starb. Er hieß eigentlich Domenico und erhielt den
Namen
Burchiello von der ihm eigentümlichen leichten und leichtfertigen Art zu dichten (alla burchia, d. h.
obenhin, nachlässig). Er war der berühmteste der poetischen Possenreißer seiner Zeit und seine Badestube, wo er seine
Gedichte zum besten gab, der allgemeine Anziehungspunkt für
Hohe und Niedere,
Gelehrte und Ungelehrte.
Ein guter Teil des Spaßes in seinen Gedichten besteht allerdings nur in der Ausdrucksweise, die aus gesuchten Provinzialismen
oder eigens gebildeten Wörtern und Redensarten bunt zusammengeflickt und daher heutzutage kaum mehr verständlich ist, oder
in ganz persönlichen
Anspielungen, deren Bedeutung nicht minder rätselhaft ist. Die neueste und beste
Ausgabe seiner zuerst ohne Jahr (1472) und seitdem oft gedruckten Gedichte ist die von
London
[* 13]
(Lucca)
[* 14] 1757. Einen
Kommentar zu
denselben versuchte
Franc.
Doni (Vened. 1553).
Vgl. E. Mazzi, Il Burchiello; saggio di studi sulla sua vita e sulle sue poesie
(Bologna 1878).
ward Hilfsastronom beim Längenbüreau und 1799 als
Franzose naturalisiert. 1807 wurde
er Astronom auf der
Sternwarte der
École
militaire und starb Seine 1812 herausgegebenen
»Mondtafeln« waren bis zu
Hansens gleichlautenden
Tafeln die besten, auch gab er Hilfstafeln für astronomische Rechnungen heraus (1814 und 1816). Seine vom
Institut gekrönte
Arbeit über die
Kometen
[* 20] von 1770 erschien in den
»Mémoires« von 1806.
3)
Heinrich, Forstmann, geb. zu Adelebsen am
Solling, besuchte nach dem Bestehen der praktischen
Forstlehre die
UniversitätGöttingen 1833-34 und trat 1835 in den hannöverschen Staatsforstdienst als Unterförster ein. 1844 wurde
an die
Forstschule in
Münden als
Lehrer berufen, und von 1849 bis 1866 fungierte er als Forstdirektor und Generalsekretär
in Forstsachen bei der obersten
¶
mehr
Verwaltungsbehörde für Domänen und Forsten. In dieser Stellung entfaltete er ein bedeutendes organisatorisches Talent und
hob die hannöversche Forstverwaltung durch straffe Leitung und zweckmäßige Geschäftsverteilung auf eine hohe Stufe. Seit 1866 bekleidete
er die Stelle eines Direktors der Abteilung für Forsten bei der Finanzdirektion in Hannover,
[* 29] woselbst er starb.
Burckhardt vertrat diejenige Richtung, welche in erster Linie die Vertiefung und feste Begründung der Forsttechnik auf dem Weg der
lokalen Erfahrung erstrebt und daneben namentlich die staats- und forstwirtschaftlichen Grundlagen der Waldwirtschaft ins
Auge
[* 30] faßt.
ist eine klassische Leistung auf dem Gebiet
der Lehre von der forstlichen Bestandsbegründung und -Pflege. Außerdem schrieb er: »Der Waldwert in Beziehung auf Veräußerung,
Auseinandersetzung etc.« (Hannov. 1860);
»Hilfstafeln für Forsttaxatoren« (3. Aufl.,
das. 1873);
2) Ernst, Sohn des vorigen, geb. zu Leipzig, studierte in Königsberg, wo er sich habilitierte
und die Professur der Anatomie erhielt, machte sich ebenfalls durch mehrere Schriften rühmlichst bekannt. Er bearbeitete unter
dem Titel: »Anthropologie für das gebildete Publikum« (Stuttg. 1847) die in ihrem anatomischen und physiologischen Teil ganz
umgestaltete 2. Auflage von seines Vaters Werk »Der Mensch etc.« (das. 1846-47, 2 Bde.),
wie er sich auch bei dem 6. Band
[* 41] von dessen »Physiologie« als Mitarbeiter beteiligte. Er starb
Seine Tochter AngelaGeorgina, geb. wurde von der 1837 verstorbenen Herzogin von St. Albans, der frühern Gattin
des Bankiers Coutts, zur Universalerbin eines Vermögens von 1,800,000 Pfd. Sterl. eingesetzt und nahm den Namen Burdett-Coutts an.
Sie verwendete kolossale Summen für wohlthätige Zwecke, Hospitäler, Kirchen, Schulen u. dgl., genoß großes
Ansehen bei Hof
[* 53] und erhielt 1871 die Peerswürde mit dem Titel Baronin Burdett-Coutts. Nachdem sie viele Heiratsanträge abgelehnt
hatte, die ihr selbst von den höchstgestellten Personen gemacht waren, vermählte sie sich zu allgemeinem Erstaunen 1881,
in ihrem 67. Jahr, mit einem mehr als 30 Jahre jüngern, bis dahin ganz unbekannten Manne, NamensWilliamBartlett.
(Buri), eine Gestalt der nordischen Mythologie, Großvater des Odin. Aus den der Glutwelt (Muspelheim) zutreibenden
Eisschollen (in Bewegung gesetzt durch die Nislheims Brunnen
[* 55] Hwergelmir entstürzenden und zunächst erstarrenden
zwölf Ströme) ertauten der RieseYmir, der Ahn der Hrimthursen, der Hauptfeinde der Asen, und die Kuh Audhumla, aus deren Euter
vier Milchströme rannen, wovon sich jener ernährte. Indem die Kuh die salzigen Eisschollen beleckte, kamen am ersten Tag
Menschenhaare hervor, am zweiten eines MannesHaupt, am dritten entstand ein ganzer Mann: dies war Bure. Er
war schön von Angesicht, groß und stark und gewann einen Sohn, Bör genannt, durch den er Großvater des Odin, des Wilt und
des We ward (s. Nordische Mythologie).
(franz. Bureau, spr. büroh), Schreibtisch, Schreibpult;
Geschäftsstube, Schreibstube; dann überhaupt jedes Lokal, in dem sich Beamte des Staats, der Gemeinde, von Korporationen, Anwalte
etc. zur Ausübung ihrer Amtsthätigkeit aufhalten, sowie die Gesamtheit der darin beschäftigten
Beamten, auch wohl die Behörde selbst, wie man denn z. B. von einem
statistischen Büreau, Grundbuchsbüreau u. dgl.
spricht. Büreau d'adresse (Büreau d'affiches), Nachweisungsbüreau, Intelligenzkontor;
Büreau d'esprit, scherzhaft (und meist ironisch) s. v. w. Versammlung
geistreicher Personen. In öffentlichen Versammlungen wird das Büreau von den Vorsitzenden und den Schriftführern gebildet, ebenso
in parlamentarischen und ähnlichen Körperschaften.
Regiment vom grünen Tisch aus; Bezeichnung für eine kurzsichtige und engherzige Beamtenwirtschaft, welche in kaftenmäßiger
Absonderung und Selbstüberhebung, dem eigentlichen Volksleben entfremdet, in pedantischer Weise und mit geringem Verständnis
für die praktischen Bedürfnisse des Volkes zu verfahren pflegt. Auch eine solche Beamtenschaft und ihre Angehörigen nennt
man Büreaukratie. Der Boden der Büreaukratie ist der absolute Staat mit dem System polizeilicher Bevormundung gegenüber dem
»beschränkten Unterthanenverstand«. So stand das büreaukratische Regiment während des 18. und auch noch in der ersten Hälfte
des 19. Jahrh. in voller Blüte,
[* 56] und bis in die neueste Zeit hinein finden sich Anklänge an das Beamtenwesen
jener Zeit des Polizeistaats, welches mit dem Wesen des modernen Rechtsstaats unverträglich ist.
(Büreausystem), diejenige Einrichtung, wonach ein gewisser Zweig der Verwaltung von einem einzelnen
Beamten unter dessen alleiniger Verantwortlichkeit geleitet wird. Den Gegensatz bildet das Kollegialsystem. So sind z. B. die
Magistrate der größern Städte kollegialisch organisiert, während das Polizeipräsidium eine büreaukratische
Verfassung hat. An der Spitze der einzelnen Ministerien steht ein einzelner Ressortminister, während sich das Gesamtstaatsministerium
als eine kollegialische Behörde darstellt.
Gebirge in der asiatisch-russ. Amurprovinz, beginnt mit steilem Ausbau am Nordufer des Amur und erstreckt sich
in nördlicher Richtung bis zum 52° nördl. Br. An seinem Westabfall wird es von dem gleichnamigen Fluß
begrenzt.
Name der Grundbesitzer holländischen Ursprungs in der südafrikan. Oranjefluß- und Transvaalrepublik.
Dieselben haben sich mit der heimischen Sprache auch das kühle und phlegmatische, aber zugleich zähe und ausdauernde Wesen,
welches den Holländer charakterisiert, unter der britischen Oberherrschaft zu bewahren gewußt. Die bemitteltste
und gebildetste Klasse sind diejenigen, welche als Hauptbeschäftigung Weinbau treiben und mit den Städten in lebhaftem Verkehr
stehen.
Wohlhabend und einiger Bildung teilhaftig sind auch diejenigen, welche sich mit Ackerbau beschäftigen, die sogen. Kornburen,
welche ebenfalls ihre Produkte in die Städte absetzen, während die Viehzucht
[* 59] treibenden Buren, die Viehburen,
infolge ihrer fast nomadischen Lebensweise in den Einöden des innern Landes weit unkultivierter und zuweilen in Schmutz und
Roheit versunken sind. In neuester Zeit erhielten jene Buren, welche nach der Westküste Südafrikas auswanderten,
den Namen Trekburen.
Allen diesen Buren gemeinsam sind aber die einfache, patriarchalische Lebensart und die große
Anhänglichkeit an ihre Familien und an die von ihren Vorfahren überkommenen kirchlichen Gebräuche und Satzungen. Sie sind
meist von hohem, kräftigem Wuchs, wenn auch etwas plump und ungeschliffen. Die Männer erinnern mit ihren energischen, ausdrucksvollen
Köpfen an die Porträte
[* 60] eines Rubens, van Eyck, Ostade u. a. Nach übereinstimmenden Meldungen der Reisenden
haben die Buren eine geringe Bildung in unserm Sinn, also etwa die Rudimente des Lesens und Schreibens, erst seit 30 Jahren empfangen,
und es fehlt diesem konservativen, aber tapfern und ausdauernden Element nichts als die Gelegenheit zu einer guten Erziehung
und zum Ansammeln von Kenntnissen, die ja auf den gänzlich isolierten Farmen so schwer zu beschaffen sind.
Außerdem schadete ihm der ungünstige Ausgang des Seminolenkriegs in Florida (1839). So geschah es, daß
bei der Präsidentenwahl von 1840 der Kandidat der Whigpartei, GeneralHarrison, den Sieg davontrug. Buren zog sich nach seinem
Rücktritt nach Kinderhook zurück. Auch 1844 fand seine Kandidatur auf seiten der demokratischen Partei keinen
allgemeinen Beifall; namentlich ward das Mißtrauen der Sklavenstaaten gegen ihn rege, so daß der in
Baltimore
[* 65] zusammenberufene demokratische Kongreß auf Calhouns Betrieb Polk zum Kandidaten der Partei ernannte, der auch wirklich
zum Präsidenten gewählt wurde. Buren, stets ein Feind der Sklaverei, schloß sich nun der Partei der Freibodenmänner an und wurde
von dieser 1848 zum Präsidentschaftskandidaten aufgestellt, unterlag aber auch diesmal dem GeneralTaylor.
Er zog sich darauf ganz vom politischen Leben zurück, bereiste von 1853 bis 1855 Europa
[* 66] und starb auf seinem Gut
Lindenwald bei Kinderhook. Seine Biographie schrieb Dorsheimer (in den »American statesmen«, Boston
[* 67] 1885).
[* 69] (franz.), mit einer Skala versehene Glasröhre, welche dazu dient, von einer Flüssigkeit
nach und nach bestimmte kleine Mengen auszugießen. Gay-Lussacs Bürette ist am untern Ende zugeschmolzen und hier mit einem engen
Ausgußrohr versehen, welches dicht an dem weitern Rohr in die Höhe läuft und oben umgebogen ist. Man füllt diese und kann
dann durch vorsichtiges Neigen die Flüssigkeit tropfenweise aus dem dünnen Rohr ausfließen lassen und
an der auf dem weiten Rohr angebrachten Skala die ausgeflossene Menge ablesen. Mohr befestigte diese Bürette mit dem untern Ende in
einem Holzfuß und setzte auf das offene Ende der weiten graduierten Röhre einen durchbohrten Pfropfen,
[* 70] welcher mit einem
¶
mehr
rechtwinkelig gebogenen Rohr versehen ist. BeimGebrauch bläst man in letzteres und drückt dadurch die Flüssigkeit beliebig
im Strahl oder tropfenweise aus dem dünnen Rohr heraus. Die gebräuchlichste Form der Bürette ist Mohrs Quetschhahnbürette
[* 69]
(Fig.
1). Ein einfaches Stativ trägt ein senkrecht stehendes Glasrohr, welches mit einer Teilung versehen, oben
glatt geschossen ist und mit einer Marmorkugel verschlossen werden kann. Am untern Ende ist es etwas ausgezogen und trägt
hier ein Gummirohr, in welchem anderseits ein dünnes, zu einer feinen Spitze ausgezogenes Glasröhrchen steckt.
Das eine Ende des Drahts wird dann zu einem rechten Winkel
[* 75] (in der Ebene des Kreises) umgebogen und an seiner Spitze mit einem
angelöteten Griffplättchen versehen. Auf das andre in der Spitze des Winkels des ersten Endes abgeschnittene Ende werden zwei
kleine Winkel desselben Drahts so aufgelötet, daß die freien Schenkel mit dem umgebogenen Schenkel des
andern Endes eine gerade Linie bilden, und dann ebenfalls mit einem Griffplättchen versehen. Drückt man nun gleichzeitig
auf beide Griffplättchen mit Daumen und Zeigefinger, so entfernen sich die beiden parallelen Enden des Drahts voneinander,
das dazwischen gebrachte Gummirohr öffnet sich, schließt sich aber augenblicklich wieder, sobald der
Druck nachläßt.
Außer bei der Titrieranalyse (s. Analyse, S. 527) benutzt man Büretten auch in Apotheken, Materialhandlungen etc., um gangbare,
in kleinern Mengen verkäufliche, nicht flüchtige Flüssigkeiten abzumessen. In mit Säuredämpfen gefüllten Räumen benutzt
man einen Quetschhahn ohne Metall, welchen man auf die Weise herstellt, daß man zwei Stücke von flachen
Thermometerröhren, 80-90 mm lang, zu einem sehr stumpfen Winkel biegt (auch Fischbein- oder Hornstäbchen sind anwendbar),
zwei Schenkel derselben parallel aneinander legt, einen schmalen kreisförmigen Abschnitt eines etwas dickwandigen, engen Kautschukrohrs
bis zur Biegungsstelle darüberschiebt, sodann das Kautschukrohr der Bürette zwischen die parallelen
Schenkel klemmt und nun über diese noch einen Kautschukring bis nahe an das Rohr schiebt.
Durch
einen Druck auf die beiden auseinander laufenden Schenkel dieses Quetschhahns öffnet man die Bürette Hat man Salzflüssigkeiten
in der Bürette, so bestreicht man vorteilhaft das Kautschukrohr mit Talg, läßt dies schmelzen und schiebt
nun erst die Glasröhren ein; das Fett verhindert das Auswittern des Salzes. Bisweilen werden auch Büretten mit eingeschliffenem
Glashahn angewandt. Zum Gebrauch der Bürette füllt man sie mit der Meßflüssigkeit unter Vermeidung von Schaumbildung und Berührung
mit der Hand, um Erwärmung zu vermeiden, öffnet dann den Quetschhahn und läßt im vollen Strahl die Flüssigkeit
ablaufen bis nahe an den ersten Teilungsstrich, worauf man tropfenweise genau bis an den Strich abfließen läßt.
Dieser erste Strich trägt 0, und von da an zählen die Striche die Bürette hinab in Kubikzentimetern, die wieder in fünf oder
zehn Teile geteilt sind. Zum sichern Ablesen des Standes der Flüssigkeit, welches einige Übung erfordert,
benutzt man den von Erdmann angegebenen Schwimmer. Dies ist ein hohler cylindrischer Glaskörper von solcher Stärke,
[* 76] daß er,
ohne zu schwanken, leicht in der Bürette steigt und sinkt; er enthält so viel Quecksilber, daß er gerade bis zu seinem obern
Rand in die Flüssigkeit einsinkt. Auf diesem Schwimmer ist in der Mitte seiner Höhe eine ringförmige Linie mit dem Diamanten
eingeschnitten; fällt nun die Achse des Schwimmers mit der Achse der Bürette zusammen, so läuft diese Linie mit den Teilungsstrichen
der Bürette parallel und sichert beim Ablesen die größte Schärfe. Da die Büretten Wage
[* 77] und Gewichte ersetzen,
so kommt alles darauf an, daß die Skala richtig ist.
Die Wasserburgen lagen in der Ebene und waren geräumige, viereckige oder auch unregelmäßig
angelegte Gebäude mit dicken Rundtürmen an den Ecken und rings von tiefen und breiten Wassergräben
umgeben, über welche eine Zugbrücke in den Burgraum führte.
vornehmlich in der norddeutschen Ebene. Die Höhenburgen, welche man vorzugsweise Burgen nennt, teilten sich wieder in Hofburgen
oder in Fürstensitze von umfassender Anlage und in Burgställe oder eng zusammengedrängte, feste Wohnhäuser
[* 83] der Ritterschaft.
Meist auf Bergkuppen oder steilen Vorsprüngen gelegen, waren sie von einem trocknen Graben umgeben, der den Burgfrieden
von der Umgebung schied. Ein charakteristisches Beispiel dieser Höhenburgen ist SchloßFleckenstein bei Weißenburg
[* 84] im Elsaß
[* 82]
(Fig. 1). Die ersten Befestigungen dieser Art in Deutschland
[* 85] knüpfen an die aus der Römerzeit herrührenden Kastelle an, gehen
aber seit dem karolingischen Zeitalter in einen selbständigen Burgenbau über, der, dem Zweck seiner Entstehung
entsprechend, vorzugsweise auf die Sicherstellung, später zugleich auf die Behaglichkeit der Bewohner berechnet war. Zu
diesem Zweck wurden die an steilen Abhängen oder auf schwer zugänglichen Bergkuppen angelegten Höhenburgen mit festen,
meist aus dem Gestein des Bergs hergestellten Mauern umgeben, innerhalb welcher sich der Bergfried (Bergfrit), ein runder oder
viereckiger Wart- und Verteidigungsturm, erhob, entweder ausgedehnt genug, um als Wohnung zu dienen, oder
von besondern, anfangs hölzernen, später steinernen Wohngebäuden umgeben, an welche sich die zu einem größern Rittersitz
erforderlichen Wirtschaftsräume und Stallungen anschlossen.
Der Eingang zu dem als letzter Zufluchtsort dienenden Bergfried lag im ersten Stock und stand mit dem Wohngebäude
durch die im Fall einer Belagerung leicht zerstörbare Holzbrücke in Verbindung, während der Burghof zur Herstellung einer
zweiten Verteidigungslinie durch eine Scheide- oder auch eine Ringmauer in zwei Teile zerlegt ward. Beispiele geben die noch
an römische Anlagen angeschlossenen Burgen Steinsberg bei Heidelberg (Fig. 2), Ebersteinschloß bei Baden-Baden
[* 86] und Godesberg bei Bonn.
die in der Regel nicht mit Zinnen, sondern mit einfacher Brustwehr
[* 87] versehen und von einem oder mehreren
Thoreingängen durchbrochen war, welche von zur Seite vorspringenden Türmen verteidigt wurden. Zwischen den Zingeln und der
innern Mauer befand sich ein freier Raum, der Zwinger (Zwingelhof, Zwingolf), welcher zum Teil wohl auch Ställe, Wirtschaftsgebäude
und den durch einzelne in der Umfassungsmauer angebrachte Thüren zugänglichen Viehhof enthielt, zum Teil aber
den nötigen Raum zu ritterlichen Übungen darbot, immer aber nur als Vorhof der eigentlichen Burg betrachtet ward, welche meist
höher gelegen und stärker befestigt, auch durch einen Graben von dem Zwinger geschieden war.
Eine Zugbrücke (Schiffbrücke) führte zu dem auf einem festen, in den Graben vorspringenden Mauerwerk ruhenden, ein Steingewölbe
bildenden Thor (Porte), über dem die Mauer mit Zinnen versehen war, hinter denen sich ein bedeckter, nach dem Innern der Burg zu
offener Gang
[* 88] (die Wer oder Letze) hinzog, von wo aus man durch Luken mit Armbrüsten schießen oder mit Steinen werfen konnte.
Durch die Porte gelangte man entweder unmittelbar in den Burghof oder zunächst in einen zweiten Zwinger,
welcher, häufig kaum wegbreit, auf der einen Seite von der Burgmauer, auf der andern von den Gebäuden gebildet ward.
Von diesem innern Zwinger, der manchmal nicht um die ganze Burg herumlief oder auch zum
Teil in einen Baumgarten umgeschaffen
war, gelangte man durch einen offenen, hallenartigen, mittels Fallgittern (Slegetore) verschließbaren
Durchgang, das Burgthor, in den innern Burghof (ballium, bayle). Von sämtlichen den letztern umgebenden Gebäuden nahm
der Palas als das Hauptgebäude in der Regel eine ganze Seite des Hofs ein; fürstliche und königliche Burgen aber, welche für
Hunderte von Rittern hinreichenden Raum bieten mußten, hatten mehrere solcher, gewöhnlich zweistöckiger
Gebäude.
Das gewölbte Parterre enthielt die Küche, Vorratskammern, Bier- und Weinkeller u. dgl., das obere Stockwerk den Saal, den Hauptraum
der ganzen Burg, den Versammlungsort der Männer, wo sich nur bei festlichen Gelegenheiten, wie beim Empfang von Fremden etc.,
auch die Frauen einfanden. Eine Freitreppe (die Gräde) führte aus dem Hof zu dem Saal empor. An den beiden
Langseiten, deren eine zuweilen in die äußere Burgmauer eingefügt sein mochte, war das starke Mauerwerk durch Fenster mit
tiefen Nischen, welche Sitze enthielten, unterbrochen.
Von der einen Fensterreihe sah man in den Burghof, von der andern auf den Reitplatz im Zwinger oder ins
freie Land hinaus. Die Decke
[* 89] war in der Regel durch querübergelegte Balken gebildet, über denen sich das Dach
[* 90] erhob. Bisweilen
war der Saal überwölbt und durch Holz-, im letztern Fall durch Steinsäulen unterstützt. Der Fußboden war mit Estrich, gebrannten
oder behauenen Steinplatten belegt, über welche man Teppiche oder Binsen breitete. Bei reicherer Ausschmückung
waren auch die Wände mit Teppichen oder Tapeten (Stuollachen) geschlagen.
Statt der nur durch Kamine und kellerartige Anordnung notdürftig erwärmten untern Etagen der Palase wurde um die Mitte des 14. Jahrh.
die Anlage einer Dirnitz, eines durch Öfen
[* 91] heizbaren, bequemern Versammlungs- und Wohnraums, wie ihn unter
andern die Wartburg, die Burgen zu Meißen
[* 92] und Amberg
[* 93] enthalten, allgemein. An den Giebelseiten des Palas und mit demselben durch
Thüren verbunden waren kleinere Gemächer, die öfters noch reicher ausgestattet waren als der Saal selbst und Kemnaten (Kemenaten)
hießen, wenn sie heizbar waren.
Einen prachtvollen Palasbau beschreibt Wolfram von Eschenbach im »Parzival«. Für die Frauen war meist ein eignes Gebäude des
Burghofs bestimmt, das vorzugsweise die Kemnate genannt wird und wenigstens drei Abteilungen enthielt: eine für die Herrin
und deren nächste Angehörige, eine für die Dienerinnen und eine dritte, gewöhnlich das Wercgadem genannt,
für Besorgung der weiblichen Arbeiten. Das zweite Hauptgebäude einer jeden Burg, der schon genannte Bergfried (Belfrid, beffroi),
war ein hoher, meist runder oder viereckiger, aber auch drei- und fünfeckiger Turm,
[* 94] der, in der Regel frei stehend, auf einem
kühnen Vorsprung des Burgraums errichtet war.
Derselbe hatte zu ebener Erde keinen Eingang, sondern es führte nach dem ersten Stock von außen eine
Leiter. Der untere, von außen nicht zugängliche Raum enthielt einen Brunnen oder ein Gefängnis, das Burgverlies, in welches
die Gefangenen von oben herabgelassen wurden. Die obern Stockwerke enthielten Gemächer, welche als letzter Zufluchtsort der
Belagerten dienten. Im Dachgeschoß wohnte der Turmwart. Die Küche war entweder im Erdgeschoß des Palas
untergebracht oder in größern Burgen ein abgesonderter, geräumiger Bau, welcher zugleich als Wohnung des Küchengesindes
diente. Außerdem umgaben den Burghof noch Vorratsgebäude, Wohnungen für die oft zahlreich einsprechenden Gäste, Rüstkammern,
¶