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Haltet den Dieb! Oder doch nicht?
Meine Tante Gretel [Name geändert] ist gefürchtet. Nicht etwa weil sie schlechte Manieren hätte oder ungepflegt wäre, ganz im Gegenteil: Gretel schätzt die schönen Dinge des Lebens; sie hat ein Reitpferd, einen Roadster von Mercedes, eine Schwäche für Dior-Sonnenbrillen, eine Residenz in München–Bogenhausen – und sie stiehlt wie eine Elster. Und zwar mit Vorliebe (und ich hoffe: ausschliesslich) bei Verwandtschaftsbesuchen. Wenn Tante Gretel zu Besuch kommt, empfiehlt es sich, das Meissner Porzellan und die Messerbänkchen von Christofle in Sicherheit zu bringen. Und alles andere auch.
Als ich dies, wie es meine Art ist, überall herumerzählte, stiess ich auf wenig Erstaunen. Ich hörte, im Gegenteil, zahllose ähnliche Geschichten: Meine alte Freundin Raphaela hat eine Nichte, die nicht nur zwei ihrer Prada-Kleider mitnahm, sondern auch noch ihren eigenen Laura-Ashley-Blümchenfummel dafür zurückliess, und mein Schulkollege Julius berichtete gar von einem Lounge Chair von Eames, welcher nach dem Besuch eines entfernteren Onkels aus dem Oberwallis wie vom Erdboden verschluckt war (der Onkel kam mit einem dieser Sport Utility Vehicles, die beachtliche Transportkapazitäten besitzen). Das machte mich nachdenklich. Wir kennen ja die Modewellen in der Vulgär-Sozialpsychologie, wo anlässlich von Filmen wie «A History Of Violence» oder Büchern wie «The Murderer Next Door» in den Feuilletons diskutiert wird, ob der Mörder in uns allen stecke. Dabei sollte man vielleicht angesichts der oben geschilderten Vorfälle zunächst einmal die Frage aufwerfen: Sind wir alle Diebe?
Oder, anders gefragt: Ist der kleine private Beutezug die Kehrseite jener ebenfalls vielerorts feuilletonistisch festgestellten Rückkehr des Biedermanntyps? Vielleicht kann man ja das Leben als Retro-Yuppie mit seiner vermeintlichen Bindung an bürgerliche Tugenden, Karriere und Erwerbsziele nur ertragen, wenn man heimlich und verschlagen dem eigenen Götti das Steuben-Kristall oder die Porthault-Bettwäsche klaut? In einer Zeit, in der einige der sieben Todsünden, wie Raffgier, Eitelkeit und Missgunst, faktisch zu sozialen Tugenden geworden sind (nur heissen sie dann Ehrgeiz, Medienkompetenz und Gerechtigkeitsdrang), ist der abgefeimte Bruch des Siebten Gebots vielleicht eines der letzten Adrenalinerlebnisse.
Denn: Wir sprechen hier nicht von armen Leuten. Sondern von dem, was man die besseren Kreise nennt. Also einem Milieu, dessen Geschmäcker, Konsumgewohnheiten und Lebensstilentscheidungen ganz entschieden durch das Aufstiegs- und Erwerbsmotiv geprägt sind. Wir sprechen hier auch nicht von Banalitäten wie der Mitnahme von Hotelbademänteln oder Krankenhausgeschirr. Denn obschon ich persönlich es ein bisschen bizarr finde, dass es Leute gibt, die einem Freebie nicht widerstehen können, egal ob sie es gebrauchen können oder nicht (wie ein mir bekannter glatzköpfiger Spitzenmanager, der im Hotel immer die Duschhauben mitnimmt), so fällt so was doch noch unter Andenkenjagd – etwa wie die Klorollen, die die Polo-Groupies von Prinz Harry in Highgrove mitgehen lassen. Das sind Souvenirs, zumal ohne präzise identifizierbaren Eigentümer, also Dinge, über die vor der Aneignung quasi keine Sachherrschaft ausgeübt wurde, und ich sage das nicht nur, weil ich selbst zuhause einen riesigen Aschenbecher von Harry’s Bar habe, den vor Dekaden meine Freundin Elizabeth freundlicherweise für mich geklaut hat; ich bewundere noch heute die Nonchalance, mit der sie dieses riesige Stück in ihre winzige Hermès-Handtasche gleiten liess. Wir reden auch nicht vom gelegentlichen spontanen Regenschirm-Diebstahl, denn hier handelt es sich um ein Verbrechen aus Not, quasi wie Mundraub, und ich für meinen Teil bin der Auffassung, dass die gesellschaftliche Allokation von Regenschirmen nach dem Lotterie-Prinzip funktioniert: Man bringt einmal einen Schirm in das System ein und hat hinfort das Recht, beliebig viele abzuziehen.
Sozialer Status schützt nicht vor Delinquenz
Nein, von solchen Bagatellen reden wir hier nicht. Sondern vom pandemischen Verfall von Hemmschwellen und Skrupeln, also von vorsätzlichem Diebstahl und Betrug in Bereicherungsabsicht, von Ihren Studienfreunden aus Cambridge oder St. Gallen, die zu Besuch kommen und sich für einen kurzen Spaziergang Ihren Marc-Jacobs-Mantel oder Paul-Smith-Schal ausleihen – und nicht nur einfach nie zurückgeben (oder höchstens irrtümlich zu Weihnachten als Geschenk), sondern das Kleidungsstück von diesem Tage an ungeniert als ihr eigenes tragen. Es ist diese Verbindung von Schamlosigkeit und Selbstgerechtigkeit, die die neue Qualität eines Verhaltens ausmacht, welches ansonsten nur leicht kriminell wäre. Und sozialer Status funktioniert nicht als Bremse für kriminelle Energie. Für gigantische Verbrechen hat diese Einsicht ja schon immer gegolten, aber sie gilt offenbar auch für schlichtere Delikte. Der Film-Schauspielerin Winona Ryder gestand die Öffentlichkeit noch mildernde Umstände aufgrund psychischer Probleme und Tablettenkonsums zu, als sie im Dezember 2001 bei Saks in Beverly Hills mit unbezahlter Ware im Wert von über 6,000 Franken aufgegriffen wurde. Inzwischen soll Winona nicht nur rückfällig geworden sein, sondern ihr Beutegut nach Zahlung der Strafe auch noch als ihr Eigentum betrachtet haben. Angeblich wollte sie es für einen guten Zweck versteigern lassen. Sowas nennt man Chuzpe. Ein Diamanten-Collier im Wert von 400,000 Dollar hingegen als ihr Eigentum betrachtete die ununterdrückbare Sharon Stone. Der Juwelier Harry Winston hatte es der Schauspielerin anlässlich einer Werbetour für den Film «Sliver» leihweise überlassen. Das Ausleihen von Juwelen für öffentliche Auftritte ist bekanntlich übliche Praxis in Hollywood; allein für die Oscars verleiht Harry Winston jedes Jahr Geschmeide im Wert von über 200 Millionen Dollar. Vielleicht war man bei Winston auch deshalb so erstaunt, als Frau Stone erklärte, das fragliche Collier sei ein Geschenk gewesen im Austausch für die Publicity, die ihre Diamantenträgerschaft für den Juwelier bedeutete. Als Winston die Rückgabe des Colliers verlangte, verklagte Frau Stone den Schmuckhändler kurzerhand auf 12 Millionen Dollar wegen Vertragsbruch. Die Klage, von Winston diplomatisch als «verwirrend» bezeichnet, wurde aussergerichtlich beigelegt: Sharon Stone gab das Collier zurück und Winston gab eine Spende an eine von der Schauspielerin ausgesuchte gemeinnützige Organization. «Eigentlich wollte ich Frau Stone bis auf die Unterwäsche verklagen», bemerkte Harry Winston Junior dazu, «aber sie trägt bekanntlich keine.» – Etwas anders lief die Sache hingegen bei Angelina Jolie: Diese meldete dem Juwelier im Jahre 1998 schlicht und lakonisch, dass das Diamantarmband, das sie sich für die Oscar-Nacht entliehen hatte, mysteriös und unbemerkt von ihrem Handgelenk verschwunden sei. Es wurde nie gefunden. Aber Harry Winston leiht weiterhin aus. Es lohnt sich eben trotzdem.
Was kann man tun?
Wenn, wie diese Beispiele von so genannter Diamond-Collar-Kriminalität zeigen, schon Glamour-Ikonen mitunter ein eher lockeres Verhältnis zum Siebten Gebot haben (und Industriemagnaten und Spitzenpolitiker und der Hochadel und die höhere Geistlichkeit traditionellerweise sowieso) – dann ist es vielleicht kein Wunder, dass wir alle allmählich korrumpiert werden. Und ob nun schierer Besitztrieb, Neid, Heimtücke oder Sentimentalität die Hauptmotivation für Ihre Hausgäste ist, Ihnen die Bude auszuräumen, ist ja letztlich nicht so wichtig. Wichtiger ist, wie man die Elstern erkennt. Damit man zu Gegenmassnahmen schreiten kann. Dazu einige Hinweise: A priori besonders verdächtig sind Individuen, die beispielsweise als Moderedakteurinnen oder Restaurant-Kritiker ihr Geld verdienen – denn in diesen Berufen arbeiten vor allem Charaktere mit einer Neigung zu Freebies, Giveaways und kostenlosen Mahlzeiten. Weiterhin verdächtig ist jeder Besuch, der nichts dagegen hat, auch mal für längere Zeit von Ihnen allein gelassen zu werden – sondern der sich im Gegenteil stundenlang in menschenleeren Räumen Ihres Anwesens aufhalten kann und diesen musternden Expertenblick aufsetzt, wenn Sie ihm Ihren Weinkeller oder Ihre Fayencensammlung zeigen. Hochgradig suspekt sind auch Gäste, die allzu häufig Spaziergänge zu ihrem Auto unternehmen oder deren Gepäck bei der Abreise sichtbar an Gewicht und Umfang zugenommen hat. Falls Ihr Cousin Otto dann noch beim Laufen anfangen sollte, hörbar zu klimpern, wird es höchste Zeit für ein klärendes Gespräch. Oder nicht? Die Frage ist ja: Was soll man tun? Sogar bei begründetem Verdacht kann man immerhin nicht auf der Suche nach Diebesgut das Gästezimmer durchstöbern, weil man sich dann praktisch auf das Niveau des Diebes begibt, und schlimmstenfalls blamiert man sich wie Colin Powell vor den Vereinten Nationen. Auch die direkte Konfrontation ist wenig konstruktiv: Sie schädigt in jedem Fall eine menschliche Beziehung, bringt aber nicht notwendig Ihr Eigentum zurück, denn die ganz Abgebrühten leugnen sogar, wenn man sie quasi in flagranti ertappt, und dann versuchen Sie mal, Cousin Otto zu beweisen, dass jenes Paar Calvin-Klein-Cashmere-Kniestrümpfe wirklich Ihnen gehört. Schliesslich sind Ihre Initialen nicht drauf.
Es kommt also drauf an, wie wichtig Ihnen Cousin Otto ist. Ich zum Beispiel schätze meine robuste, herzensgute, Dior-Sonnenbrillen-tragende, pferdehaltende und konkursverschleppende Tante Gretel, die auch beim Stehlen, ganz wie es ihre Art ist, immer noch viel persönliche Grazie und eine gewisse elegante Tournure zu bewahren weiss. Ausserdem lernte ich mit der Zeit, dass der Drang, Dinge an sich zu raffen, wahllos und habsüchtig, bei uns irgendwie in der Familie liegt, also kann Gretel auch nicht wirklich was dafür. Und da ich nicht alle meine Mobilien mit Magnetscheiben oder Lichtsensoren gegen Diebstahl sichern kann, lege ich einfach, wenn Gretel zu Besuch kommt, einen kleinen Köder für sie aus, etwa den Montblanc-Füllhalter, mit dem ich nie richtig schreiben konnte. Damit lenke ich Tante Gretel von den Dingen ab, die ich lieber behalten möchte. Und wenn ich das nächste Mal bei ihr in Bogenhausen bin, werde ich meinen silbernen Money Clip von Asprey wieder mitnehmen. Und ihn anschliessend Gretel zu Weihnachten schenken.
Bild oben: Sharon Stone am 66. Internationalen Filmfestival in Cannes. (Eric Gaillard, Keystone)