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Am Donnerstagabend gewann Juventus Turin gegen Freiburg 1:0. Nicht dabei war im Hinspiel des Europa-League-Achtelfinals Paul Pogba. Der 29-jährige Franzose wurde von Trainer Massimiliano Allegri aus dem Kader gestrichen, weil er am Vortag zu spät zu einem Team-Meeting erschienen war. Es ist ein denkbar schlechter Start für Pogba in das neueste Kapitel seiner Karriere, die von einem steten Auf und Ab geprägt war.
Im Alter von 16 Jahren wechselte Pogba zur Saison 2009/10 aus Le Havre in die Jugend von Manchester United. Zwei Jahre später setzte sich der Junge aus einem Pariser Banlieue im Reserve-Team fest, doch bei den Profis reichte es nur zu einigen Kurzeinsätzen. Im Sommer 2012 entschied er sich dann für einen Wechsel zu Juventus Turin.
Jahre später sprach Pogba im «UTD Podcast» darüber, weshalb er das Angebot zu einer Vertragsverlängerung in Manchester ausgeschlagen hatte: «Es lag vor allem am Vertrauen in den Trainer.» Dieser hiess zu dem Zeitpunkt noch Sir Alex Ferguson und obwohl Pogba sagt, dass er «der beste Trainer der Geschichte» ist, sah der Franzose unter dem Schotten keine grossen Chancen. Er habe nicht das Gefühl gehabt, dass der Klub und Ferguson an ihn glauben würden.
Nicht einmal in einer Partie gegen Blackburn, in der gemäss Pogba «wegen Verletzungen kein Mittelfeldspieler im Kader war» und Aussenverteidiger Rafael aushelfen musste, kam er zum Einsatz. «An dem Tag wurde mir das Herz gebrochen», sagte Pogba. Deshalb habe er die für ihn schwierige Entscheidung getroffen, die «Red Devils» zu verlassen.
In Italien brauchte der ablösefreie Neuzugang nur rund ein halbes Jahr, bis er sich als Stammspieler etablieren konnte. Juventus wurde zum zweiten Mal in Serie Meister und der 19-jährige Pogba gehörte vor allem in der Rückrunde im Mittelfeld zu den Dauerbrennern neben Andrea Pirlo und Arturo Vidal. Vor allem von Pirlo konnte er eine Menge lernen und «der Architekt» bezeichnete Pogba später als besten Jungstar, den er je habe spielen sehen. Folgerichtig wurde er 2013 zum «Golden Boy» gekürt.
Und der Aufstieg ging unaufhaltsam weiter. Pogba wurde Jahr für Jahr besser und war aus der Startformation der «Alten Dame» nicht mehr wegzudenken. In den vier Jahren mit Pogba gewann Juventus immer den Meistertitel, stiess 2013/14 in den Halbfinal der Europa League vor und ein Jahr später in den Final der Champions League. Gegen Barcelona stand Pogba über die volle Distanz auf dem Feld, konnte die 1:3-Niederlage aber nicht verhindern.
Während seiner Zeit bei Juventus debütierte Pogba auch im Nationalteam, mit dem er an der WM 2014 teilnahm, wo er zum besten Jungspieler gewählt wurde. Bei der Heim-EM 2016 stand er in allen Spielen auf dem Feld, verpasste in der K.o.-Phase keine Minute, musste sich im Final gegen Portugal mit der «Équipe Tricolore» aber nach 120 Minuten geschlagen geben. Dennoch schien der Weg an die Spitze des zu dem Zeitpunkt 23-Jährigen, der 2015 sowohl von der UEFA als auch von der FIFA ins Team des Jahres gewählt wurde, vorgezeichnet.
Sein Marktwert war auf 70 Millionen Euro angestiegen und das Interesse an einem der besten Achter der Welt stieg ins Unermessliche. Im August 2016 gab Manchester United die Rückkehr des Mittelfeldspielers mit dem Hashtag «Pogback» bekannt. Für eine damalige Rekordablöse von 105 Millionen Euro wurde Pogba aus Turin losgeeist.
«Ich habe meine Zeit bei Juve wirklich sehr genossen. Aber ich hatte das Gefühl, dass ich jetzt ins Old Trafford zurückkehren muss», sagte Paul Pogba damals zu Eurosport.
Es sollte der Beginn der besten Jahre seiner bisherigen Karriere sein. Direkt in der ersten Saison führte er Manchester United als bester Spieler des Wettbewerbs zum Titel in der Europa League. Im Folgejahr erreichten die «Red Devils» unter José Mourinho mit dem zweiten Platz das beste Ergebnis in der Premier League, seit Ferguson 2013 mit dem Titelgewinn zurückgetreten war. Pogba überzeugte als Dreh- und Angelpunkt im Mittelfeld sowie mit seiner Offensivgefahr als Torschütze und Vorlagengeber.
Der wichtigste Moment in dieser Phase spielte sich aber mit der Nationalmannschaft ab. Bei der Weltmeisterschaft 2018 gewann Pogba mit Frankreich den Titel. Auch in Russland war Pogba einer der wichtigsten Spieler der «Bleus», im Final gegen Kroatien erzielte er das wichtige 3:1. Teamkollege Adil Rami sagte über Pogba: «Ich weiss nicht, wie und woher es kam, aber er ist zum Leader gereift. Er war der starke Mann des französischen Teams.»
In einem Video ist zu sehen, wie er dem Team vor dem Endspiel mit einer Rede einheizt: «Ich will, dass wir uns heute in das Gedächtnis aller Franzosen einbrennen und Geschichte schreiben.» 90 Minuten später war Pogba mit gerade einmal 25 Jahren Weltmeister – und am Höhepunkt angekommen.
Doch während er in der Nationalmannschaft seinen grössten Erfolg feierte, erlebte Pogba im Klub eine schwierige Zeit. Die Beziehung zu Trainer Mourinho verschlechterte sich nach der WM ziemlich schnell, es entwickelte sich ein Machtkampf zwischen dem Coach und dem Mittelfeldspieler. In den letzten drei Spielen unter dem Portugiesen stand Pogba, der das Vertrauen des Trainers verloren hatte, nur noch einmal für 15 Minuten auf dem Rasen. «Ich hatte einmal eine grossartige Beziehung mit Mourinho und plötzlich weiss man nicht, was passiert ist», sagte er später.
Im Dezember 2018 wurde Mourinho durch Ole Gunnar Solskjaer ersetzt, Pogba stand wieder in der Startformation und dankte dies mit einer hervorragenden Rückrunde. 16 Tore und 11 Assists schaffte er in 46 Spielen in jener Saison – und trotzdem musste er als Sündenbock hinhalten, als Manchester United gegen Saisonende eine schwache Phase durchlief. Die Fans buhten ihn teilweise aus und machten ihn für die Krise verantwortlich. In der Folge begannen ihn häufig Verletzungen zu plagen, immer wieder fiel er Monate lang aus. Und wenn er auf dem Feld stand, konnte er nicht an vergangene Leistungen anknüpfen.
Die Zeit bei Manchester United bezeichnete er bereits Ende 2020 als «schwierigste Periode meiner Karriere». Pogba sprach auch über Depressionen, welche er durchmachte. Angefangen hätten die mentalen Probleme in der Zeit unter Mourinho, erzählte er bei «Le Figaro». «Wenn man mental kein dickes Fell hat, ist man in diesem Sport tot.» Spätestens nach der Interaktion mit den Fans nach einem Sieg gegen Norwich im letzten April war allen klar, dass seine Zeit in Manchester als misslungen gelten wird. Einige United-Anhänger riefen ihm zu: «Verpiss dich, Pogba!» Als Reaktion hielt sich dieser die Hand ans Ohr.
Auch deshalb gilt Pogba, der mit Frankreich an der EM 2021 im Achtelfinal gegen die Schweiz eine grosse Enttäuschung erlebte, als schwieriger Charakter. Wie ESPN berichtete, könnte sich das Bild Pogbas innerhalb des Klubs von der Aussenmeinung aber nicht stärker unterscheiden. So habe er mehrmals als Vermittler zwischen Spielern und Vereinsführung agiert und sei eine der Führungspersonen im Team gewesen. Dass er eine zerstörerische oder schädliche Kraft im Klub gewesen sei, sei eine falsche Wahrnehmung.
Jedoch fütterte Pogba das Bild des Disziplinlosen und des schwierigen Charakters mit gewissen Aktionen immer wieder. Im Sommer 2022 endete seine zweite Zeit bei den «Red Devils» mit Auslaufen seines Vertrags. Pogba kehrte wieder nach Italien zu Juventus zurück – sowohl der Franzose als auch der Klub sprachen davon, nicht glücklicher über die Vertragsunterschrift sein zu können. «Er ging als Junge und kehrt als Mann sowie Champion zurück», schrieb Juve bei der Verkündung des Neuzugangs. Die Hoffnungen, an alte Leistungen anknüpfen zu können, waren gross. Doch erst einmal verpasste Pogba die gesamte Hinrunde aufgrund einer Verletzung, die er sich noch in England zugezogen hatte.
Und noch bevor er zum ersten Mal für die «Bianconeri» auf dem Feld stand, sorgte er bereits für Ärger bei den Fans. Im Dezember zeigte er sich in den sozialen Medien beim Skifahren, obwohl noch nicht einmal klar war, wann er auf den Platz zurückkehren würde. Dafür hagelte es auch Kritik von Juventus-Legende Marco Tardelli: «Er ist ein Problem für den Klub. Er geht Ski fahren, während seine Teamkollegen mit grossen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.»
All smiles for tonight, so happy to be back. Thank you for the warm welcome🤍🖤🤲 pic.twitter.com/NioVIZQV9L— Paul Pogba (@paulpogba) February 28, 2023
Dennoch war die Freude gross, als Pogba im Derby gegen den FC Turin Ende Februar über sechseinhalb Jahre nach seinem letzten Einsatz für Juventus sein Comeback feierte. Nur zehn Tage später wurde er wegen einer Disziplinlosigkeit für ein Spiel aus dem Kader gestrichen. «Es ist eine Sache des Respekts», sagte Trainer Allegri über den Vorfall und fügte an: «Ab morgen ist er wieder ein Teil des Teams.»
Es ist ein denkbar schlechter Start in das neueste Kapitel seiner Karriere. Wie diese Geschichte weitergeschrieben wird, entscheidet vor allem Paul Pogba selbst.
c-bra
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Hans Jürg