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Volksmusikanten im Tonhalle-Orchester Zürich
Als das Tonhalle-Orchester 1868 gegründet wurde, waren die meisten Musiker laien oder kamen aus deutschen Spielmannsschulen. Das hiess, man konnte mehrere Instrumente spielen und war auch als Tanz- und Militärmusiker unterwegs. Lange Zeit haben die Musiker des Tonhalle-Orchesters sinfonische und unterhaltende Musik gepflegt. Einige dieser Kollegen möchten wir hier vorstellen:
Otto Würsch (1908-1962) Solo-Horn
Otto Würsch (junior) von Emmetten/Kilchberg ZH war ein Multitalent. Er spielte in verschiedenen Schweizer Volksmusikensembles Cornet, Trompete, Tuba, Posaune und Bassgeige, 1945 wird er Solohornist zuerst im Radio-Orchester Zürich und später in der “blauen” Formation des Tonhalle-Orchesters, das heisst er spielt im Opernhaus.
Er spielte mit seinem Vater (Otto Würsch sen.) in der Ländlerkapelle Sebastian Kaufmann und Otto Würsch und in der Stadtmusik Luzern. Mit Kaspar Muter und Jost Ribary war er in unzähligen Formationen tätig. 1944 erlangte er am Konservatorium Zürich sein Diplom am Horn, Nebenfach Kontrabass. Später dirigierte er das Kantonspolizeicorps Zürich und die Blasmusik Wädenswil. Für sie arrangierte er die grossen Sinfonien (Z.B. Dvorak aus der neuen Welt) und hatte als strenger Leiter international grossen Erfolg. In seiner Studioformation «Ländlerkapelle Guggachbuebe» und der Formation «Freudenberger Dorfmusik» spielten mehrere Musikanten des Tonhalle-Orchesters (unter anderen Fridolin Frei als Trompetensolist und Marcel Frei als 2. Trompeter) zusammen mit Musikanten des Kantonspolizeicorps Zürich. Für diese Ensembles und für seine Blasmusikvereine komponierte Otto Würsch viele Werke. Otto Würsch leitete (zusammen mit Hermann Voerkel, Kontrabass) die Promenadenkonzerte im Auftrag der Tonhalle-Gesellschaft. Da wurde in öffentlichen Anlagen in der Stadt Zürich gehobene Unterhaltungsmusik gespielt. Otto Würsch spielte auch über viele Jahre 3. Horn und 1. Wagnertuba im Festspielorchester Luzern.
Sein Verhältnis zur Volksmusik war nicht ganz einfach. Sein Vater war nicht für ein Musikstudium des Sohnes zu begeistern und bezahlte ihm nicht einmal die Bahnreise zur Aufnahmeprüfung nach Zürich. Otto junior liess sich nicht beirren und der Eintritt ins Tonhalle-Orchester war für ihn eine grosse Bestätigung. Damit konnte er beweisen, dass er von der Musik leben konnte und er wurde als Profi akzeptiert. Andererseits wurde er dadurch von den Volksmusikanten eher gemieden. In seiner eigenen Familie war die Volksmusik kein Thema, da legte er Wert darauf, klassischer Musiker zu sein. Zusammen mit seinen Nebeneinnahmen als Musikant, Dirigent und Komponist hatte er ein gutes Einkommen. Otto Würsch verstarb viel zu früh, er war den unglaublichen Belastungen all seiner Tätigkeiten zusammen mit dem “obligaten” Alkohol- und Tabakkonsum bei den zahlreichen Anlässen nicht gewachsen.Weitere Informationen und Bilder zu Otto Würsch >>
Die Freudenberger Dorfmusik in den 50er-Jahren im Kongresshaus Zürich. Otto Würsch sitzend und die Gebrüder Frei an den Trompeten. Die Musik bestand aus Musikern des Tonhalle-Orchesters und des Kantonspolizeicorps Zürich. Es ist eine 9er-Musig mit Es-Klarinette, Klarinette, Wald-, Es- und Tenorhorn, Susaphon und zwei Trompeten.
Otto Würsch am Cornet mit seinen Rhythm-Boys. Am Saxophon Jost Ribary.
Fridolin Frei (1919-1996), Solo-Trompete
Der Orchester-Trompeter: Fridolin Frei wurde 1919 in Oberehrendingen (AG) geboren. Er wuchs in Wettingen auf, wo er schon mit 3 Jahren den ersten Trompeten-Unterricht durch seinen Vater genoss. Seine ersten Betätigungsfelder waren die Knabenmusik Wettingen und das Jugendorchester Baden. Die Ausbildung zum Orchester-Trompeter erfolgte am Konservatorium Zürich bei E. Söldlin. 1937/38 hielt er sich zum Weiterstudium bei Otto Feist in Berlin auf. Paul Spörri, der Solotrompeter der Berliner Philharmoniker, berief Fridolin Frei in dieses Orchester. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges verhinderte ein weitergehendes Engagement in Berlin. Nach seiner Rückkehr in die Schweiz erfolgten Verpflichtungen beim Stadtorchester St. Gallen und beim Radioorchester Lugano. 1940 – 44 war Fridolin Frei Solotrompeter beim Radioorchester Zürich, das 1944 mit dem Tonhalle- und
Opernorchester verschmolzen wurde. In diesem Orchester amtierte Fridolin Frei bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1984 als Solotrompeter. Ebenso war er während 31 Jahren Mitglied des Schweizer Festspielorchesters in Luzern. Fridolin Frei war es so vergönnt, unter praktisch allen grossen Dirigenten seiner Zeit zu musizieren. Während langer Zeit war Fridolin Frei als Solist in praktisch ganz Europa gefragt, unter anderem auch als Interpret des berühmten 2. Brandenburgischen Konzertes, das er mit unvergleichlicher Brillanz zu spielen wusste. Trotz dieser Erfolge blieb Fridolin Frei eine überaus bescheidene Persönlichkeit.
Der Pädagoge: Von 1941 bis 1984 unterrichtete Fridolin Frei an der Musikakademie und am Konservatorium Zürich. Er verstand es, durch seinen immerwährenden Frohmut die Schüler auf eine natürliche Weise zu motivieren und diesen Schwung für eine fundierte Ausbildung, die er auf der Arban-Methode aufbaute, zu nutzen. Von 1968 bis 1984 wirkte Fridolin Frei auch als Musiklehrer an der Bezirksschule Wettingen, wo er viele Schüler ermuntert hat, das Trompetenspiel zu erlernen und sie mit viel Geschick für diese Betätigung begeistert hat.
Der Trompeten- und Kornett-Virtuose: Schon früh, als Fridolin Frei 1932 in die Jägermusik Wettingen, ein Harmonie-Blasorchester, eintrat, entstand eine enge Beziehung zum volksnahen Musizieren. Er verstand es in dieser Sparte Leistungen zu vollbringen, die während Jahrzehnten über die Landesgrenzen hinaus als Massstab galten. Erwähnt seien hier stellvertretend seine Interpretationen von „Silberfäden“ und „Die Teufelszunge“. Viele dieser Werke wurden auch als Schallplatten und Radioaufnahmen festgehalten. Im Duett war Fridolin Frei oft auch zusammen mit seinem Bruder Marcel (ebenfalls Mitglied des Tonhalle-Orchesters Zürich) zu hören. Fridolin Frei war auch mitbeteiligt bei der Gründung des wahrscheinlich ersten professionellen Blasorchesters der Schweiz dem „Blasorchester Uristier“. Dieses Orchester beschäftigte sich ausschliesslich mit der Produktion von Radio-und Schallplattenaufnahmen.
Der Komponist und Blasmusikdirigent: 1963 wurde Fridolin Frei auf dem Berufungsweg zum Dirigenten der Jägermusik Wettingen ernannt. Dieses Blasorchester führte er mit konsequenter Aufbauarbeit, dank seinem grossen Fachwissen und seiner kameradschaftlichen Verbundenheit zu den Musikern, in die Höchstklasse. Mit seiner Ausstrahlung verstand er es immer wieder von neuem zu begeistern und zu überzeugen. Leider musste er 1990 aus gesundheitlichen Gründen den Dirigentenstab ablegen. Im Südtiroler Landesmusikverband wirkte Fridolin Frei während mehr als 15 Jahren als Instruktor für Blasmusik und als verantwortlicher Leiter der Dirigentenkurse. In der Schweiz war er gern gesehenes Jurymitglied an kantonalen und eidgenössischen Musikfesten. Fridolin Frei schrieb ca. 15 Märsche und zahlreiche Solostücke für Trompete und Blasorchester. Die bekanntesten sind „Der lustige Trompeter“, „Die Nachtigallen“, „Triumph-Phantasie“, „Ungarische Phantasie“, „Trompetenspässe“ und „Bravour-Walzer“. Daneben betätigte er sich auch als Arrangeur von zahlreichen Blasmusikwerken. Am 6. Oktober 1996 ist Fridolin Frei in Neuenhof (AG), nach langer, mit grosser Geduld ertragener Krankheit im 77. Altersjahr von uns gegangen. Mit seinem Tod geht ein bedeutendes Stück Schweizer Trompeter-Geschichte zu Ende.
Im Bild sind Marcel (links) und Fridolin Frei.
Marcel Frei (1922-2013), Trompete
Marcel Frei spielte von 1943 bis 1987 wie sein Bruder Fridolin in der blauen Formation des Tonhalle-Orchesters Zürich 3. Trompete und stellvertretende Solotrompete. Er war ebenfalls beteiligt in den Ensembles von Otto Würsch. Bezeichnend ist, dass in den Biographien der Gebrüder Frei ihre ausgeprägten Verdienste als Bindeglieder zwischen Kunst- und Volksmusik immer wieder hervorgehoben werden.
Erwin Ernst Kunz, Tuba und Kontrabass
Erwin Ernst Kunz, geboren am 24. März 1917, ist zusammen mit den Brüdern Jakob und Willy im damals ländlichen Uster / ZH aufgewachsen. Als 10-Jähriger erhielt er von der Mutter sein erstes Instrument geschenkt: eine alte, defekte Handorgel. Ein Ustermer Musiklehrer stellte ihm ein bespielbares Instrument zur Verfügung und erteilte dem Knaben Unterricht. Die ärmlichen Verhältnisse in der Arbeiterfamilie boten für musische Betätigungen wenig Spielraum. Ein weitsichtiger Vormund ermöglichte ihm, die Aufnahmeprüfung an das Zürcher Konservatorium zu absolvieren, die er als 17-Jähriger erfolgreich bestand.
Gesegnet mit der Gabe des absoluten Musikgehörs erlernte Ernst Kunz das Rüstzeug für den Sprung in ein Sinfonieorchester im Rekordtempo. Mit 20 Jahren wurde er in das Tonhalle-Orchester aufgenommen, dem er als Tubist und Kontrabassist von 1937 bis zur Pensionierung im Jahr 1982 treu blieb. Mit vitalem Interesse studierte er als junger Musiker die Kompositionstechniken der grossen Meister wie Wagner, Brahms oder Bruckner und bildete sich in musiktheoretischen Fächern weiter. Internationale Berufssinfonieorchester von Wien, Mailand, Berlin, über Peking bis Buenos Aires engagierten den Tubisten gerne als Zuzüger. Unter Musikerkollegen war er umgangssprachlich als «Tuba-Kuenz» bekannt.
Neben seiner Tätigkeit als Orchestermusiker engagierte und wirkte der vielseitige Musiker in den unterschiedlichsten Bereichen des Schweizer Musikschaffens. Er dirigierte diverse Berufsmusik- und Amateurformationen wie auch Chöre und amtete als Korrepetitor für Opernsänger und -sängerinnen. Ebenso war er als musikalischer Aufnahmeleiter für Musikstudios tätig: Unter anderem war er verantwortlich für die Produktion einer CD-Reihe mit Schweizer Liedern und Märschen, die anlässlich der 700-Jahre-Feier der Schweizerischen Eidgenossenschaft entstand «Kantons-Märsche aus der ganzen Schweiz, Schweizer-Lieder aus allen Kantonen).
Über viele Jahre hinweg war Ernst Kunz sonntäglicher Organist und Chorleiter in der Strafanstalt Regensdorf. Unter seinem Dirigat nahm der Chor zusammen mit dem Bläserkorps der Heilsarmee und Solisten anfangs der 1970er-Jahre eine Sammlung an Weihnachtsliedern auf, die mit beachtlichem Erfolg auf dem Tonträger «Der Gefangenenchor der Strafanstalt Regensdorf singt Weihnachtslieder» (Ex-Libris-Verlag) vertrieben wurde.
Regelmässig und zu seinem persönlichen Vergnügen trat er mit Volksmusik-Formationen auf und spielte Tuba oder Kontrabass unter anderem bei der Länderkapelle Edi Bär, der Freudenberger Dorfmusik von Otto Würsch oder der Seldwyler Dorfmusik von Jakob Farner. Nach seiner Pensionierung beim Tonhalle-Orchester unterrichtete er als Lehrer für Tuba am Konservatorium Luzern.
Zeit seines Lebens war E. Ernst Kunz auch als Komponist, Arrangeur und Texter aktiv. Er komponierte Märsche, Orchester- und Chor-Stücke, Singspiele und schrieb unzählige Orchestrierungen, Arrangements und Bearbeitungen. Eine besondere Vorliebe hatte er für Kinderlieder: Die vielen Lieder, die er geschrieben und vertont hat, wurden im Buch «Kinderlieder: wenn die Kinder singen, lacht der Himmel froh, alle Engel singen laut ein Jubilo» (erschienen im Jahr 2000) verewigt.
Nicht zu letzt war der musikalische Tausendsassa auch an einem veritablen Stück Schweizer Popmusik-Geschichte mitbeteiligt: Für das Album «View To Heaven» von Les Sauterelles verfasste Ernst Kunz die Streicher-Arrangements und dirigierte ein 16-köpfiges Streichorchester bei den Aufnahmen im Tonstudio Bauer in Ludwigsburg. Zu den von Ernst Kunz orchestrierten Songs gehört auch die Single «Heavenly Club», die es 1968 auf Platz Nr. 1 der Schweizer Hitparade schaffte. Die Single gilt als erste Schweizer Produktion, die in den offiziellen Schweizer Charts den Spitzenplatz erreichte. Dank dem Album mitsamt der Hitsingle gelang den Sauterelles der internationale Durchbruch.
Das erfüllte Leben für die Musik hat im hohen Alter von 97 Jahren ein Ende genommen: Am 11. Juli 2014 ist Erwin Ernst Kunz gestorben.
Quelle: www.suisa.ch, Rolf W. Kunz
Hansjürg Leuthold, Solo-Klarinette
Hansjürg Leuthold war Solo-Klarinettist in der blauen Formation des Tonhalle-Orchesters und später im Orchester der Oper Zürich. Er spielte in Ländler-ad-hoc Formationen und auf Ueli Moosers LP «Urchig us de Fuuge» unter dem Pseudonym Joggi Abderhalden.
Jakob Hefti, Solo-Horn
Jakob Hefti war Solo-Hornist des Tonhalle-Orchesters Zürich von 1975 bis 2007. Er war Mitglied der Lauwiser Dorfmusikanten um Martin Imfeld, die die vergessene Musik von Ferdinand Lötscher wieder entdeckten.
Markus Würsch, Solo-Trompete
Markus Würsch war Solo-Trompeter im Tonhalle-Orchester von 1981-1995. Er war Mitglied der Lauwiser Dorfmusikanten. Otto Würsch (Junior) war mit ihm verwandt, der Grossvater von Markus war ein Bruder von Otto Würsch senior. In den wilden Folk-Music-80er-Jahren spielte Markus am Schwyzerörgeli in der Schmiedgassmusik (Besetzung: Geige, Halszitter/ Hackbrett , Gitarre, Schwyzerörgeli und Bass). Auch ist Markus bekannt als begeisterter Fasnächtler und Guggenmusikant in Luzern.
Lauwiser Dorfmusik
Jakob Hefti und Markus Würsch spielten in der Lauwiser Dorfmusik von Martin Imfeld mit. Martin Imfeld entdeckte im Dachstock seiner Familie alte Noten von Ferdinand Lötscher. Lötscher war befreundet mit Imfelds Grossvater. Dank der Lauwiser Dorfmusik fanden die 50 ländlichen Tänze für sechsstimmige Blechmusik von Lötscher in den 1980er-Jahren wieder Beachtung. Im Bild v.l.n.r: Jakob Hefti, Heinz Della Torre, Martin Imfeld, Pia Bucher, Markus Würsch und Armin von Rotz. Die Noten wurden von Florian Walser im Müliradverlag herausgegeben. mehr >>