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Die Problemlage jener Zeit war eine geringfügig andere: Man befand sich im Kalten Krieg und befürchtete einen Atomkrieg, die grüne Revolution stand erst am Anfang, weshalb man die Bevölkerungsexplosion für ein fast unlösbares Problem hielt, während man in anderer Hinsicht etwas blauäugig war (wie in einigen SF-Romanen jener Zeit glaubte man etwa durch die Wissenschaft eine kontrollierte Klimaänderung durchführen zu können, um zusätzliches, fruchtbares Land zu erhalten – furchtbares hätte ich nun beinahe geschrieben und hätte das nicht korrigieren müssen). Und der Glaube an den Wert und die Möglichkeiten der Psychoanalyse war auch ein anderer, oft enthusiastischer, der ein wenig zum Schmunzeln einlädt.
Anderes hingegen ist von eminenter Bedeutung – heute wie damals: Die Grundeinsicht der Bedeutung des Darwinismus und dessen Einfluss auf alle Bereiche der Philosophie, Soziologie oder auch Politik, die aufkommende Skepsis gegenüber der Naturzerstörung (hier wird zumeist historisch argumentiert: Mit dem Niedergang des einstmals fruchtbaren Halbmondes, der Zerstörung der Wälder im gesamten Mittelmeerbereich in der Antike oder dem Problem des Londoner Smogs, das den Autoren eigentlich schon wieder gelöst schien). Dabei wird einem neuen Menschenbild das Wort geredet, einem vor allem vernünftigen Menschen, einsichtig und wissenschaftlich interessiert, der sich vom metaphysischen Geraune der Philosophie ebensowenig beeinflussen lässt wie von den archaischen Geboten der Religionen. Wobei mit diesen recht gnädig verfahren wird, man glaubt sie verbesserungsfähig (was den dogmatischen Charakter von (geoffenbarten) Religionen ignoriert) oder betrachtet sie als Formen einer Ideologie, die ihren supernaturalistischen Anstrich verlieren werden und wertvolle Beiträge zur moralischen Entwicklung des Menschen leisten können.
Gerade was die Moral betrifft wirken die Beiträge oft reichlich hilflos: Auch hier erhofft man sich von der Wissenschaft einigen Aufschluss, übersieht dabei aber, dass diese bestenfalls zu sagen vermag, was wir zu tun in der Lage sind, keineswegs aber das Sollen begründen kann. Das sind dann die Teile, die etwas von Kanzelreden haben, die von einem schönen, aufrichtigen und wertvollen Menschen träumen und einen solchen glauben durch rationale Einsicht in die Verflechtungen unseres Lebens erschaffen zu können. Das wäre mehr als erfreulich und begrüßenswert, dürfte aber ein Irrtum sein: Wissenschaft ist wichtig, weil sie allein einen unverfälschten Blick auf die Fakten zu erhaschen trachtet und dadurch die Grundlage für jedes Handeln darstellt, das sich an solchen Fakten orientiert. Sie macht aber den Menschen nicht besser. Oder vielleicht ein ganz klein wenig – weil realistischer. Aber selbst dieser Realismus kann hinwiederum als Grundlage für ein Handeln dienen, das von dem hier propagierten positiven Menschenbild meilenweit entfernt ist.
Wirklich neue Erkenntnisse wird man hier kaum finden: Aber es ist trotzdem ein lesenswertes (historisches) Werk über den Traum der Aufklärung und über die Bedeutung der Evolution für den Menschen, die diesen mehr als jede andere Erkenntnis seine Verbundenheit mit der Natur aufzeigt. Und es stimmt auch nachdenklich, traurig: Weil es offenkundig macht, dass es schon vor recht vielen Jahren stringente Einsichten in viele Problematiken gab, diese aber fortgesetzt der Ignoranz anheim fielen. Auch heute noch.
Julian Huxley (Hrsg.): Der evolutionäre Humanismus. München: Beck 1964.

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