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Jean-François Amiguet : « Der wirkliche Star, das ist die Geschichte »
Jean-François Amiguet ist 1950 in Vevey geboren. Nach dem Abschluss des Studiums der Politikwissenschaften an der Universität von Lausanne wendet er sich dem Kino zu und arbeitet zuerst als Techniker an verschiedenen Filmen mit, vor allem für die Regisseure Alain Tanner, Marcel Schüpbach und Yves Yersin. Gleichzeitig realisiert er mehrere kurze Dokumentarfilme, bevor er sich an seine Spielfilm-Trilogie über die Sehnsüchte und Kapriolen des Herzens macht – Alexandre (1983), La Méridienne (1988) und L'Écrivain public (1993).
Interview von Patrick Claudet (1. Dezember 2006)
/script: Jean-François Amiguet, Sie haben vier Langspielfilme zusammen mit Anne Gonthier geschrieben – die Trilogie über die Sehnsüchte und Kapriolen des Herzens und Au sud des nuages. Warum haben Sie sich für das Schreiben zu zweit entschieden?
Jean-François Amiguet : Das Schreiben für den Film erfordert vielfältige Talente. Man muss sich eine Geschichte vorstellen, sie strukturieren, kohärente Figuren schaffen und diese auch noch per Dialog zum Leben erwecken. Es ist selten, dass jemand all diese Fähigkeiten beherrscht, und daher rührt das Interesse, Projekte zu zweit oder mit mehreren zu entwickeln.
Wie hat Ihre Zusammenarbeit mit Anne Gonthier angefangen?
Ich habe ihr eine erste Version des Drehbuchs von Alexandre zum Lesen gegeben, und sofort hat Anne den Wunsch geäußert, beim Schreiben des Projekts miteinbezogen zu werden. Und auf diese erste Erfahrung hin wurden schließlich vier Langspielfilme und ebenso viele Kurzfilme geschrieben und auch realisiert.
Wie erklären Sie sich die Langlebigkeit dieser Partnerschaft?
Es ist alles eine Frage der gemeinsamen Basis. Wenn eine Regisseur mit einem Originalstoff daherkommt, muss der Drehbuchautor auch wirklich Lust haben, sich auf dieses Universum einzulassen. Natürlich ist auch großes gegenseitiges Vertrauen notwendig. Dieses Vertrauen wiederum schafft einen Freiraum, in dem man auch Risiken eingehen kann. Oder besser: Einen Film zu machen, das heißt für mich auch, sich zu entblößen und nicht zu zögern, auch dort zu kratzen, wo's weh tut.
Wie sehen Ihre Techniken aus?
Ich unterteile des Prozess des Schreibens in zwei streng voneinander getrennte Phasen. Die erste Phase ist die, die man auch "im Stehen" verrichten kann. Man trifft sich, um gemeinsam über die Geschichte, die Figuren, das Thema usw. nachzudenken. Dafür erfindet man Personen, stellt sich vor, was mit ihnen wohl in den folgenden Szenen passieren könnte und fragt auch nach dem Sinn. Die zweite Phase ist die, die man "sitzend" erledigt. Dabei handelt es sich darum, die verschiedenen Formen der Synopsis niederzuschreiben, auf die dann das Treatment und schließlich eine Dialogfassung folgen. Während dieser Phase schreibt der eine, der andere liest gegen und korrigiert, und so fort…
Wer schreibt was?
Anne Gonthier hat ein besonderes Talent dafür, Synopsen von 10, 15 oder 20 Seiten zu schreiben. Wenn diese wichtige Phase erst einmal hinter uns liegt, ist es mir ein Anliegen, mir die Materie wieder anzueignen, und zwar indem ich dem Text in Form eines Séquenciers (Szenenfolge) eine filmischere Form gebe. Bei der Dialogfassung hängt es dann ganz vom Projekt ab. Da ist es manchmal günstig, die Figuren untereinander aufzuteilen, und zwar nach der jeweiligen Affinität.
Glauben Sie, dass die Qualität eines Films grundsätzlich vom Drehbuch abhängt?
Hitchcock sagte einmal, dass es drei wichtige Dinge gibt, die einen guten Film ausmachen: das Drehbuch, das Drehbuch, und noch einmal das Drehbuch. Ich teile diese Ansicht. Allerdings glaube ich inzwischen auch, dass das Casting ein fast genauso kreativer Akt ist wie das Schreiben selbst. Die Beziehung, die dabei zwischen Regisseur und Schauspieler entsteht, hat etwas sehr Mysteriöses an sich, etwas, das manchmal ein wenig an Kannibalismus erinnert.
Wie sind Sie zu dieser Überzeugung gelangt?
Indem ich mit Regisseuren diskutiert habe, die mehr Erfahrung haben als ich. Es ist zwar richtig, dass manchmal ein Film auf der Basis eines hervorragenden Drehbuchs realisiert wird, bei dem zwar alles stimmt, er ist gut abgedreht und die Musik ist großartig, aber die Magie des Kinos bleibt aus. Und anders herum – es können Wunder geschehen, auch wenn die finanziellen Mittel fehlen und beim Dreh improvisiert wird.
Würden Sie ein Drehbuch realisieren, an dessen Entwicklung Sie nicht mitgearbeitet haben?
Pierre-Pascal Rossi hat mir kürzlich angeboten, ein Drehbuch mit dem Titel "Les Automnes du Waldhaus" zu lesen, und zum ersten Mal war ich absolut überzeugt vom Text eines anderen. Ich habe das wie ein wirkliches Geschenk erlebt, und ich hatte nur noch einen großen Wunsch: es zu realisieren.
Wofür sind Sie beim Lesen eines Drehbuchs empfänglich?
Damit meine Phantasie, meine Vorstellungskraft sich auf den Weg macht, muss ich beim Lesen eine Art Aufregung, eine Unruhe verspüren. Ich habe Lust daran, in ein Universum entführt zu werden, das mich ein wenig mitreißt.
Haben es die Drehbuchautoren wirklich so schlecht getroffen, wie man sagt?
Es ist offensichtlich, dass die Drehbuchautoren nicht den Platz einnehmen, der ihnen gebührt. Man erinnert sich oft an den Namen eines Regisseurs, selten jedoch an den des Drehbuchautoren. Aber ich persönlich finde zum Beispiel, dass die wenigen Filme, die Joseph Losey auf der Basis eines von Harold Pinter verfassten Drehbuchs gedreht hat, vom Niveau her viel besser sind als seine anderen. Jean-Claude Carrière hat seinerseits dem Werk von Luis Bunuel einen ganz neuen Impuls gegeben, er hat die Filme, die er mit dem spanischen Regisseur zusammen geschrieben hat, sichtbar geprägt. Sehr berührt bin ich auch von den Filmen, die Claude Sautet zusammen mit Jacques Fieschi geschrieben hat: Man spürt hier seine Handschrift heraus (Nelly & Monsieur Arnaud).
Werden die Drehbuchautoren in der Schweiz gut genug bezahlt?
Nein. Man will hier zwar professionelle Autoren, aber man zahlt ihnen nicht genug, dass sie von ihrer Kunst auch leben können. Immerhin ist das Drehbuch die Basis dafür, dass ein Projekt erst mal ins Rollen kommt. Glücklicherweise versucht die Télévision Suisse Romande seit einigen Jahren, Bewegung in die Sache zu bringen. Seit die Ateliers "Nous les Suisses" und "Grand Public" bestehen, ist ein Wille der Abteilung Spielfilm des TSR erkennbar, die Arbeit des Drehbuchschreibens zu professionalisieren. Das macht Mut.
Was muss ein Drehbuchautor tun, der mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt verdienen will?
Zuallererst sollte er einmal sehr genau seine Arbeitszeit festhalten. Warum akzeptiert ein Autor einen Hungerlohn, wenn ein Kameramann 800 Franken am Tag verdient? Solange man sich diese Realität nicht bewusst machen will, solange sind wir dazu verurteilt, Prügelknaben zu sein, und außerdem gewährleistet nur kontinuierliche Arbeit – und eine entsprechende Entlohnung – einem Künstler, sein wirkliches Potential zu entwickeln.
Was halten Sie von dem neuen Drehbuchpreises, der im Rahmen des Schweizer Filmpreises verliehen wird
Das ist eine sehr gute Neuerung. Der Preis bedeutet auch eine Art Anerkennung dafür, dass das Drehbuch ein wesentliches Element bei der Herstellung eines Films ist. Denn man darf nie vergessen, dass der wirkliche Star eines Films die Geschichte ist, die man erzählt! Und wer, bitteschön, erfindet diese Geschichten