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|1950-1964: Klingelberg|
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Am Klingelberg wohnte ich während meiner ganzen Schulzeit bis zum Tode meines Vaters im 1964. Dann wurden wir auf Druck der Stief-Grossmutter aus der Wohnung "geschmisssen", damit ihre eigene Tochter und meine Patin Nina Hauck-Lehmann mit ihrer Familie einziehen konnte. Wir mussten ausziehen und eine neue Wohnung suchen, was für meine erst frisch verwitwete Mutter nicht einfach war. Diesen Schritt habe ich nie verstanden und seither weder meine Stief-Grossmutter noch meine Patin jemals wieder besucht. Unsere Wege haben sich für immer getrennt.
Der Klingelberg, wie wir unsere Wohnung nannten, war ein eingebautes Reihenhaus am Rande des St. Johann-Quartiers mit Blick auf den gegenüber liegenden grossen Park des Frauenspitals. Das Erdgeschoss bewohnten mein Gross-Vater Gustav und seine 2. Frau Louise. Im 1. Stock hatten wir 3½ kleine Zimmer, nämlich 1 Schlafzimmer mit einem dazugehörenden kleinen Arbeitszimmer, dem ehrwürdige Wohnzimmer und ein Arbeitszimmer, in dem der einzige Holz-/Kohle-Ofen stand. Im Dachgeschoss waren 3 Mansarden für uns zwei Kinder und eine 2-Zimmer-Klein-Wohnung fürs Rickeli (Kurzform von Frederike), der Schwester unsere Stief-Grossmutter. Im Keller befanden sich 2 Kellerabteils, die Waschküche mit dem per Holz geheizten Waschkessel, dem Kohlekeller und die Werkstatt meines Grossvaters. Er war Zimmermann. Hinter dem Haus war ein schönes Stück Land von etwa 2 Aren mit einem Gartenhäuschen, in dem ich mein Velo hineinstellen konnte.
Zur damaligen Zeit besassen die Häuser keine wärmeschützenden Fenster mit Doppel-Verglasung. Gegen Kälte schützten die Vorfenster, die man jeden Herbst montieren und ihm Frühjahr wieder abbauen musste. Dies war eine harte Arbeit. Die etwa 13-15 Vorfenster lagerten im Keller, mussten vorher gewaschen und dann nach oben getragen werden.
Unser Leben wickelt sich in der Küche und dem einzigen heizbaren Raum dem Arbeitszimmer ab. Meine Mutter bügelte im Arbeitszimmer die Wäsche und nähte was das Zeugs hielt. Wir Kinder machten auf dem grossen Tisch unsere Schulaufgaben. Dort stand auch der einzige Röhrenradio und das Telefon. Die grosse Küche war der Arbeitsplatz meiner Mutter. Dort kochten und assen wir.
Der grösste Raum unserer Wohnung war das Wohnzimmer. Er war sehr gepflegt mit wertvollen Vorhängen, einem grossen Tisch mit 6 Stühlen und einem schweren Buffet für die Kristalgläser, 12-teilige Silber-Besteck und dem 12-teiligen Wedgewood-Keramik-Festtags-Geschirr. Beides war der groose Stolz meiner Mutter. Sie hat es zusammengespart und in die Ehe gebracht.
Dieses Wohnzimmer wurde nur an Feiertagen wie Ostern und Weihnachten benutzt, oder wenn wichtige Besuche kamen. Wichtige Besuche waren die nächsten Verwandten wie auch die Tante Frieda. Dies war jedoch selten der Fall, sodass unser Wohnzimmer unbenutzt blieb. Es änderte sich, als wir Anfangs der 60er Jahren einen Fernseher anschafften und diesen ins Wohnzimmer stellten. Das Wohnzimmer wurde zum Wohn- resp. Fernsehraum.
Christina und ich schliefen im Dachgeschoss. Jedes in einer eigenen ungeheizten Mansarde von etwa 10 m². Unsere Zimmer waren im Winter eiskalt. Man konnte sie nicht heizen. Im Sommer kochten wir vor Hitze. Die Betten bestanden aus metallenen Feder-Rosten, kein Lattenrost, und darauf Rosshaar-Matratzen, die alle paar Jahre neu aufbereitet werden mussten. Damals war nordisch schlafen noch nicht aktuell. Wir schliefen unter echtem Leintuch und Wolldecke, und darauf ein schweres Federn-Duvet. Wir waren dort oben recht einsam. Es kam vor, dass Christeli in der Neben-Mansarede träumte und dabei weinte. Da war ich dann der grosse Bruder und habe sie beruhigt.
Ich liebte meine kleine Mansarde. Sie war mein Reich und Rückzugsort. Ich war Bücher-verrückt und las viel. Ich war bereits in der Gymnasiums-Zeit Mitglied bei den beiden Buchclubs Ex Libris und NSB (Neue Schweizer Bibliothek). Zudem stand an die Wand gelehnt eine Eisenbahn auf Brett montiert, die ich auf den Boden legen konnte und schlussendlich hatte ich einen Lautsprecher im Zimmer, der mit dem Radio meiner Eltern verdrahtet war. Wenn sie dann ins Bett gingen oder das Gefühl hatten, die Sendung sei für den Maxli nicht geeignet oder es sei spät, ich sollte nun schlafen, haben sie den kleinen Schalter zwischen Lautsprecher-Kabel an ihrem Radio einfach umgelegt.
Anfänglich heizten wir unseren einzigen Ofen im 1. Stock mit Kohle und Brikets. Im 2. Stock mit unseren Mansarden gab es keine Heizung. Eine Zentralheizung wurde erst viele Jahre später mit der städtischen Fernheizung installiert. Einen elektrischen Warmwasserboiler gab es ein paar Jahre nach unserem Einzug. Zum samstäglichen Bad mussten wir warmes Wasser auf dem Gas-Küchenherd aufheizen, um das kalte Wasser in der freistehenden Badewanne durchzumischen. Dabei badete die ganze Familie im selben Wasser. An die Reihenfolge kann ich mich nicht mehr genau erinnern. Ich vermute aber, dass zuerst wir Kinder und zum Schluss Mami und Papi in die Badewanne steigen durften.
Von unserer Wohnung aus hatten wir direkten Blick aufs Frauenspital und in dessen schönen Park. Oft kletterte ich über deren Eisenzaun, um die dortigen Baumnüsse zu suchen und zu essen.
In Hörweite fuhr zu der Zeit das 2er-Tram vom Spalentor in Richtung Johanniterbrücke den Klingelberg und die Schanzenstrasse hinunter, bevor es über die Johanniterbrücke weiter zur Mustermesse fuhr, dabei quietschte jeder Tramzug beim Bremsen vor der Haltestelle "Frauenspital". Wir gewöhnten uns schnell an diese schrillen Geräusche.
Wie bereits erwähnt, wohnten wir beim Frauenspital, aber auch unweit vom Bürgerspital und auf der anderen Seite stand das kantonale Gefängnis "Schällemätteli". Durch die nahe Spital-Nachbarschaft hörten wir immer, wenn ein Krankenwagen mit dröhnendem Horn notfallmässig ins Spital fuhr. Ich erinnere mich noch bestens anfangs der 50er Jahren an eine schwere Explosion in der Chemiefabrik Roche, als etwa 70-80 Verletzte ins nahe Bürgerspital gefahren werden mussten. Ein Krankenwagen nach dem anderen fuhr mit heulenden Sirenen in die Notaufname des Bürgerspitals. Wir Jungens waren interessierte Zuschauer.
Zwischen dem Gefängnis "Schällemätteli" und dem Frauenspital gab es einen kleinen Weg, der nur tagsüber geöffnet war. Dieses Weg war sehr geheimnisvoll. Wir nannten ihn "Häxegässli". Am Rande des Wegs wuchsen die berühmt-berüchtigten "Nielen" (= gewöhnliche Wadrebe), die wir rauchten...als eine Art erste Zigaretten. Die Folge war aber meistens, dass es uns kotz-übel wurde.

Autobiografie von Max Lehmann

Schafmattweg 13, CH-4102 Binningen
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