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Die Richter mochten also dem Antrag des Generalstaatsanwalts nicht folgen, der in seiner Klagerede einen viel beachteten Vergleich gemacht hatte: Alle Figuren des Prozesses, hatte er gesagt, hätten in diesem Mordfall ihren festen Platz - wie auf einem fein komponierten Foto des französischen Fotografen Henri Cartier-Bresson. Gemeint war: alle schuldig.
Ende einer jahrelangen Justizsaga
Mit dem überraschenden Urteil endet eine jahrelange Justizsaga mit vier grösseren Wendungen. Knox und Sollecito, zur Tatzeit ein Liebespaar, waren zunächst in erster Instanz verurteilt worden. Im Berufungsverfahren 2011 sprach sie das Gericht in Perugia frei. Darauf zog die Staatsanwaltschaft den Fall weiter an den Kassationshof, der ihn dann für eine neuerliche Prüfung an ein Gericht in Florenz weiterreichte. Und dieses Tribunal verurteilte die beiden im Sommer 2014 zu langen Haftstrafen – 28 Jahre und sechs Monate für Knox und 25 Jahre für Sollecito. Der defitinive Bescheid des hohen Gerichts, das von den Verurteilten angerufen worden war, schliesst nun das juristische Kapitel des Mordfalls. Knox war auch diesem letzten Prozesstermin ferngeblieben. Seit ihrer Freilassung vor vier Jahren lebt sie wieder in Seattle, ihrer Heimatstadt, und arbeitet als Reporterin. Ihr Anwalt erzählte den Medien vor dem Urteil, Knox habe in den letzten Tagen kaum geschlafen, sei «sehr besorgt» gewesen. Nachbarn berichteten jedoch, sie habe in der Nacht vor dem Urteil im Haus ihrer Eltern im Westen von Seattle eine Party veranstaltet.
«Ein Forrest Gump»
Sollecito hatte den Gerichtsverhandlungen beigewohnt – in der ersten Sitzreihe, mit wallend langem Haar. Er war auch noch da, als seine Anwältin, die berühmte Strafverteidigerin Giulia Bongiorno, ihr langes Plädoyer vortrug. Sollecito, sagte sie, sei da in eine Geschichte geraten, die «viel grösser war als er». Sie beschrieb ihren Mandanten als «einen Forrest Gump» - unfähig, Böses zu tun. Sollecitos Genmaterial auf einem Küchenmesser und am Hakenverschluss von Kerchers Büstenhalter, die der Anklage als Indizien gereichten, nannte sie «irreführend». Ausserdem seien bei den Tests internationale Richtlinien missachtet worden.
Auch für Knox fand Bongiorno entlastende Argumente, obschon sie die Geschichte ihres Klienten möglichst von jener der Amerikanerin trennte. So gab sie zu bedenken, dass Knox in Begleitung einer «seltsamen Hellseherin» auf dem Polizeiposten erschienen sei: «Was sucht eine Hellseherin auf einem Polizeiposten?», fragte die Anwältin. Auch Knox sei unschuldig, sagte Bongiorno. Als sie ihr Plädoyer geschlossen hatte, verliess Sollecito das Gericht wortlos und kehrte ins süditalienische Bari zurück, wo er herkommt. Das Urteil mochte er sich nicht mehr live anhören, wohl aus Sorge.
Das italienische Fernsehen schaltete während der langen Wartezeit Sondersendungen zum Thema. Wie in den letzten siebeneinhalb Jahren immer wieder. Kaum ein Prozess der letzten Jahrzehnte hat mehr Debatten provoziert als eben dieser von Perugia.