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51- II. Europäische Rationalität
58 Man spricht ganz allgemein von einer „erosion of the validity of former cultural oppositions“ und forderte entsprechend einen Übergang von „Was-Fragen“ zu „Wie-Fragen“.
59 Und dann interessiert nicht nur, was unterschieden wird, sondern vorrangig: wie unterschieden wird und wer unterscheidet.
In dem Maße jedenfalls, als soziale Reflexivität, Einfühlung in andere, Rücksicht auf deren Reaktionsweisen in die Entscheidung über Handeln eingebaut wird, untergräbt das die Vorstellung einer Vernunft, die Einheit und Gewissheit der Weltsicht garantieren könnte…
59 Damit ist vorausgesetzt, dass die Welt für alle Beobachter dieselbe und dass sie bestimmbar ist (und nicht etwa: dass sie, soweit bestimmbar, für verschiedene Beobachter eine jeweils andere Welt ist und, soweit sie dieselbe Welt ist, unbestimmbar bleibt).
60 Der vielleicht bedeutendste Versuch einer postontologischen Konstruktion des Beobachters lässt sich als Philosophie der Unmittelbarkeit beschreiben. Sie reicht vom take off der Hegelschen Logik über die These eines unmittelbaren (unreflektierten) Selbstverhältnisses bis zur Lebensphilosophie, zur Existenzphilosophie, zur Daseinsanalytik Heideggers, ja bis zur Philosophie des Zeichens, die im unmittelbaren Zeichenverstehen die nur zeitweise mögliche Erlösung von der unendlichen Weiterverweisung auf andere Zeichen sucht.
Boe: Semiosis Peirce
Erst Derridas Radikalkritik der Anwesenheitsprämisse sucht eine Überwindung dieser Tradition einzuleiten. Etwas weniger anspruchsvoll kann man aber auch fragen, ob nicht die Unmittelbarkeit selbst immer schon durch die Unterscheidung unmittelbar/mittelbar vermittelt ist und anders dem Beobachten (Erleben, Verstehen) gar nicht zukommen kann.
61 Eine weitere Möglichkeit, der faulste aller Kompromisse, ist: sich auf Pluralismus zu einigen. Damit beginnt - und vermeidet man die Dekonstruktion der Unterscheidung von Subjekt und Objekt. Jedem Subjekt wird seine eigene Sichtweise, seine eigene Weltanschauung, seine eigene Interpretation konzediert aber nur in dem Rahmen, den die gleichwohl objektive Welt, der Text usw. zulässt.
62 Schliesslich kann man, wenn all dies zweifelhaft geworden ist, auf den Gedanken kommen, dass der Beobachter nicht zu beobachten ist.
Der Beobachter muss das was er beobachtet, bezeichnen, also unterscheiden von allem anderen, was als „unmarked space“ übrig bleibt. Er selbst verschwindet dabei im „unmarked space“; oder anders gesagt: er kann nur aus dem „unmarked space“ heraus beobachten, in dem er das, was er beobachtet, von allem anderen, also auch von sich selbst unterscheidet. Und nichts anderes würde gelten, wenn er sich selbst als Objekt seiner Beobachtung bezeichnet.
Das gilt zumindest dann, wenn das Beobachten nur über eine zweiwertigen Logik verfügt. Denn dann sind die beiden logischen Werte, über die der Beobachter verfügt, schon dadurch verbraucht, dass er mit ihnen die eine bzw. die andere Seite der Unterscheidung bezeichnet. Für die Bezeichnung der Unterscheidung selbst und erst recht für die Bezeichnung dessen, der sie benutzt, fehlen dann logische Möglichkeiten.
Man muss dann Unterscheidungen ebenso wie Beobachter als einfache Objekte behandeln, die ihrerseits mithilfe von nicht explizierbaren Unterscheidungen unterschieden werden.
Aber wenn man beobachten und beschreiben wollte, wie eine Unterscheidung als Unterscheidung benutzt wird oder wie ein Beobachter als Beobachter die eine und nicht die andere Seite eine Unterscheidung bezeichnet (obwohl er es auch anders machen könnte), brauchte man ein strukturreicheres logisches Instrumentarium. Und das steht bisher nicht oder allenfalls in einem extrem formalen Sinne zur Verfügung.
Immerhin: am Ende unseres Jahrhunderts kann man jedenfalls das Problem genauer als bisher formulieren. Historisch sieht man eine deutliche Entsprechung zwischen der traditionalen Annahme einer ontologisch - d.h.: mithilfe der Unterscheidung von Sein und Nichtsein - beschreibbaren Welt und einem nur zweiwertigen logischen Instrumentarium.
Das setzt eine Gesellschaft voraus, in der Differenzen zwischen verschiedenen Welt- und Gesellschaftsbeschreibungen nicht allzu groß werden und von unbestrittenen Standpunkten - von der Spitze oder dem Zentrum des Systems aus - verbindlich entschieden werden können. Der Rest ist dann Korruption, Irrtum, Verblendung.
Sachlich sieht man, dass sich inzwischen Möglichkeiten entwickelt haben, für die es noch keine Logik, ja nicht einmal eine anerkannte Epistemologie gibt. Es handelt sich um Möglichkeiten der Beobachtung von Beobachtern, Möglichkeiten der Kybernetik zweiter Ordnung.
Gibt man die Annahme paralleler Blickstellung auf eine gemeinsame Welt auf, wird man sich zunächst fragen müssen, ob jemand überhaupt rational handeln kann, wenn er beobachtet wird.
64 Es müsste für den Beobachter des Beobachtens schon Einschränkungen seiner Reaktionsweisen geben, die der rational ambitionierte Beobachter erster Ordnung einkalkulieren kann. Angesichts dieses Problems wird dann Rationalität von institutionellen oder von verhandlungsmäßig zu sichernden Vorgaben abhängig, deren Eigenrationalität (Metarationalität) aber doch wohl kaum in der Rationalität liegen kann, die sie ermöglicht.
Dazu kommen sehr viele radikalere Probleme, die nicht nur mit der Divergenz von Interessen und Zielen zu tun haben, sondern mit der Struktur des Beobachtens selbst. Ein Beobachter kann einen anderen Beobachter (der er selber sein kann) beobachten im Hinblick auf das, was er sehen, und im Hinblick auf das, was er nicht sehen kann.
Bezogen auf die Beobachtungsinstrumente, d.h.: auf die Unterscheidungen, die ein Beobachter benutzt, um das zu bezeichnen, was er beobachtet, kommt es damit zu einem differenztheoretischen Relativismus. Man sieht, was man mit bestimmten Unterscheidungen, die beide Seiten spezifizieren (zum Beispiel gut/böse; mehr/weniger; vorher/nachher; manifest/latent), bezeichnen kann.
Man sieht nicht, was im Kontext des Unterscheidens weder als die eine noch als die andere Seite fungiert, sondern als das ausgeschlossene Dritte. Der Beobachter selbst ist immer das ausgeschlossene Dritte.
65 Bisher ist es nicht gelungen, diesem Interesse an der Beobachtung dessen, was ein Beobachter nicht beobachten kann, zu erkenntnistheoretischer Anerkennung zu verhelfen.
Der so genannte „Streit um die Wissenssoziologie“ist unter der Voraussetzung geführt worden, unter der seinerzeit schon im „Theaetet“ diskutiert worden war: dass es nur eine Wahrheit geben könne, so dass Aussagen, die wahre Aussagen als unwahr bezeichnen, nicht zwei Wahrheiten in Geltung setzen, sondern allenfalls zur Aufklärung von Irrtümern beitragen könnten.
66 Vielleicht gibt es aus der Tradition stammende epistemische Blockierungen, die ein Weiterkommen verhindern.
67 Wenn Erkennen, Lernen, Kommunizieren jeweils ein Operieren mit Unterscheidungen ist, in unserer Terminologie also ein Beobachten, könnte es weiterführen, wenn man nach der Rationalität speziell im Umgang mit Unterscheidungen fragt. Wir gehen daher nicht von einer spezifischen Programmform aus (siehe S. 26) für die keine weiteren Gründe angegeben werden können als Evidenz, sondern von der Verlagerung des Beobachtens auf eine Ebene zweiter Ordnung.
Wir beginnen die Analyse mit einem erneuten Rückgang auf das alteuropäische Rationalitätskontinuum. Wir halten es im Hinblick auf zwei Unterscheidungen charakterisiert: als Übereinstimmung von Denken und Sein und als Übereinstimmung von Handeln und Natur.
Solange die Welt als Ordnung, als kosmos, als Schöpfung, als Harmonie vorausgesetzt wird, richtet sich der Blick auf die Übereinstimmung und ihr eventuelles Missglücken, das dann als Irrtum oder als Fehler zu behandeln ist. Denken und Handeln sind dann jeweils Objekt einer zweiwertigen Logik, die ihren Gegenstand mithilfe der Unterscheidung eines positiven und eines negativen Wertes beobachtet.
68 Blickt man dagegen auf die für Konvergenz geschaffene Unterscheidung von Denken und Sein oder von Handeln und Natur (und für Konvergenz geschaffen besagt, dass es sich nicht um die Unterscheidung eines positiven und eines negativen Wertes anderen kann) dann fällt etwas Merkwürdiges auf.
Um Konvergenz mit dem Sein zu erreichen, muss das Denken selbst sein. Es darf sich nicht in die reine Selbstreferenz eines extramundanen Subjekts verflüchtigen, sondern muss sich konditionieren lassen. Und Handeln muss, um Konvergenz mit Natur zu erreichen, selbst Natur sein, also seine eigene Natur verwirklichen und nicht nur den Willen, der will, was immer er will.
Die auf den Menschen beziehbare Seite dieser Leitunterscheidungen, das Denken bzw. Handeln, war vor der anderen Seite ausgezeichnet: Sie war selbst das, wovon sie sich zu unterscheiden hatte.
68 Trotz aller Betonung von Welteinheit als Natur oder als Schöpfung und trotz aller Theorien, die dies zu realisieren suchten, nämlich Theorien der Abbildung des Seins im Denken oder der Imitation der Natur im kunstvollen Handeln, war im alteuropäischen Weltkonzept ein „Symmetriebruch“ angelegt.
Für den Beobachter war eine ausgezeichnete Position vorgesehen. Das Rationalitätskontinuum war asymmetrisch gedacht. Die bevorzugte Position aber, die sich selbst und ihren Gegensatz enthält, war die des Menschen im Aufbau der Welt. Insofern versteht sich die alteuropäische Tradition mit Recht als „humanistisch“.
Auch systemtheoretisch lässt sich das nachvollziehen. Symmetrieverluste gelten in der heutigen Systemtheorie bekanntlich als Bedingungen des evolutionären Aufbaus komplexer Systemstrukturen.
Unterscheidungstheoretisch betrachtet bedeutet dies, dass die Unterscheidung im Unterschiedenen nochmals vorkommen muss - und zwar auf der einen, aber nicht auf der anderen Seite. Die Unterscheidung tritt in sich selbst wieder ein. Sie vollzieht, in der Begrifflichkeit des Formenkalküls von Spencer Brown, ein „re-entry“ der Form in die Form.
Fussnote: cf. Laws of Form, S. 56f.; 69f. – Bei Spencer Brown wird allerdings die Tragweite dieses Konzepts nicht voll ersichtlich. Weitere Verwendungen werden möglich, wenn man einsieht, dass Selbstreferenz durch Unterscheiden bedingt ist sowie umgekehrt Unterscheidenkönnen durch Selbstreferenz. Dann kann man zeigen, dass das Hineincopieren der Form in die Form auch dem Phänomen der Symmetrie und dem Phänomen der Wiederholung und damit jeder gerichteten Unendlichkeit zugrundeliegt, wenn nämlich der zirkuläre Prozess oft genug wiederholt wird, so dass die Durchläufe ihre Unterscheidbarkeit verlieren.
69 Auch die neuere Semiotik findet sich in genau dieser Situation. Sie gründet sich selbst auf die Unterscheidung von Zeichen und Bezeichnetem. Aber sie weiß seit Saussure auch, dass diese Unterscheidung keine externe Referenz hat, sondern nur das Funktionieren der Sprache, das Prozessieren von Unterscheidungen beschreibt. Aber muss man daraufhin eine Beliebigkeit des rhetorischen Umgangs mit referenzlosen Zeichen akzeptieren?
70 Oder liegt die Lösung darin, dass gerade die Unterscheidung von Zeichen und Bezeichnetem nicht beliebig, sondern nur mit den nötigen Redundanzen und nach Maßgabe von Traditionen gehandhabt werden kann? Doch dann müsste man die Einheit dieser Unterscheidung als zeitlich und sachlich nicht beliebig einsetzbar - bezeichnen können. Das führt auf die uns mittlerweile geläufige Form der Definition des Zeichens als Differenz von Zeichen und Bezeichnetem. Auch das Zeichen wäre demnach eine Unterscheidung, die in sich selbst wieder vorkommt. Daraus schließt man mittlerweile auf ein selbstkritisches, selbstdekonstruktives Potenzial einer solchen „second order semiotic“, die ihre Leitunterscheidung auf sich selber anzuwenden genötigt ist oder andernfalls ihre eigene Form nicht bezeichnen kann.
Das sind erstaunliche, rätselhafte Befunde, die alle Kategorien, mit denen die Tradition auf eine vermeintlich ontologischen Grundlage gearbeitet hatte, auflösen, weil sie sie als Unterscheidungen lesen.
Das Denken, das sich vom Sein unterscheiden muss, um es beobachten und bezeichnen zu können, ist selbst die Unterscheidung von Denken und Sein. Es „ist“ „Denken“. Und das Handeln, dass die Natur mit einem Verlauf konfrontiert, der ohne die Intervention einer Handlung nicht eintreten würde, also Abweichung anstrebt, erzeugt selbst die Unterscheidung von Handeln und Natur.
71 Es könnte sein, dass sich in dieser Figur des re-entry der Form in die Form des Kernproblems der europäischen Rationalität verbirgt und zugleich der Grund, aus dem die Unterscheidung auf ihrer re-entry-Seite reflexiv und damit instabil werden musste und schließlich jene Absolutheitsfiguren des Denkens und des Wollens hervorgebracht hat, in denen die europäische Semantik des Subjekts den Bruch mit ihrer Tradition vollzieht und zugleich sich selber bescheinigt, dass es so nicht geht.
Aber was genau ist missglückt? Vielleicht ist es nur der Humanismus dieser Tradition, ihre Bindung an anthropologische Begriffe, die den Impuls des re-entry nicht erträgt.
Vielleicht sind Denken und Handeln ungeeignet, diese Rückkehr dessen, wovon sie sich unterscheiden müssen, in sich selbst auszuhalten. Vielleicht ist es nur der seit dem 18. Jahrhundert sich verschärfende anthropologische Individualismus, der es rätselhaft erscheinen lässt, wieso jemand rational handeln könne, wenn er dabei voraussetzen muss, dass andere derselben Regel folgen, für die dann gerade die Verletzung der Regeln rational sein müsste. Und vielleicht ist es nur die schwindende Plausibilität von humanistischen Welt- und Gesellschaftsbeschreibungen, die uns in diesen Engpass geführt hat.Vielleicht explodiert nur der Mensch in der Anmaßung, Subjekt der Welt zu sein - und hinterlässt dann milliardenfach konkrete Individuen, die man als solche wieder ernst nehmen kann. Und vielleicht war es die letzte externe Zumutung an den Menschen, emanzipiert zu werden; was voraussetzt, dass man ihn als Sklaven sieht und nicht in seiner Individualität.
72 Sehen wir uns zunächst den Formenkalkül an, dem wir die Figur des re-entry entnehmen. Spencer Brown benutzt (und das ermöglicht die Integration von Arithmetik und Algebra) einen einzigen Operator, den Mark. Dieser bezeichnet die operative Einheit von distinction und indication, also die Einheit einer Unterscheidung, in der die Unterscheidung selbst die eine Seite ausmacht. Aber das wird nur mit dem Argument eingeführt: „We take as given the idea of distinction and the idea of indication, and that we cannot make an indication without drawing a distinction“.
Erst am Ende des Kalküls wird der Begriff des re-entry formuliert, der auch diesen Anfang einschließt. Der Kalkül modellierte mithin ein operativ geschlossenes System, das ein latentes re-entry in ein offenes re-entry überführt, wobei weder am Anfang noch am Ende das re-entry selbst zum Gegenstand des Kalküls wird.
Denn Anfang und Ende sind Unterscheidungen, die in dem beginnenden und endenden System nicht unterschieden werden können - so wenig wie die Universalität der Anwendung und die Elementarität der Operationen.
Es kommt auf nichts weiter an als auf die Selbstexplikation des Unterscheidens im Aufbau von Komplexität. Und Unterscheidung ist „perfect continence“, entspricht also der Geschlossenheit des Systems.
Es gibt kein Außen, keine externe Bedingtheit, keine tragende Welt - es sei denn als Komponente der Unterscheidung von innen und außen.
Die Marginalisierung der beiden re-entries scheint dazu zu dienen, den Kalkül selbst paradoxiefrei zu halten und dennoch anzuerkennen, dass alles Unterscheiden auf Paradoxien aufläuft, sobald es die symmetrische Umtauschbarkeit der beiden Seiten (oder die Zugänglichkeit jeder Seite von der jeweils anderen aus) durch ein re-entry auf eine der beiden Seiten bricht.
Diese Überlegungen gewinnen an Konkretion, wenn man sie mit Hilfe der systemtheoretischen Begrifflichkeit expliziert.
Die neuere Systemtheorie verzichtet auf Holismen jeder Art, damit auch auf das Unterscheidungsschema von Ganzem und Teil und damit auch auf Formen des re-entry, die unterstellen müssen, dass die Teile das Ganze repräsentieren bzw. durch „Hologramme“ bestimmt sind, mit denen das Ganze sich in die Teile eingefärbt. Stattdessen geht sie von der Unterscheidung System und Umwelt aus.
Sie beschreibt also nicht bestimmte Objekte, genannt Systeme, sondern orientiert ihre Beobachtung der Welt an einer bestimmten (und keine anderen) Unterscheidung - eben der von System und Umwelt. Das zwingt zu durchgehend „autologischen“ Konzepten; denn auch der Beobachter selbst muss sich, sofern er Beobachtungen operativ durchführt und sie dabei rekursiv verknüpft, als System-in-einer-Umwelt erkennen. Der Erzähler kommt in dem, was er erzählt, selber vor. Er ist als Beobachter beobachtbar. Er konstruiert sich selbst in seinem eigenen Feld - und daher zwangsläufig im Modus der Kontingenz, also mit Seitenblick auf andere Möglichkeiten.
Auch die Form des re-entry folgt diesem Theoriedesign. Sie gilt nur für die Systemseite, nicht für die Umweltseite der Ausgangsunterscheidung und beschreibt den Wiedereintritt der Unterscheidung von System und Umwelt in das System. Sie gewinnt damit die Form der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz, dabei voraussetzend, dass für jedes System auf je eigene Weise klar ist, worauf sich die Differenz von „Selbst-“ und „Fremd-„ bezieht, nämlich auf es selbst.
Bei Bedarf lässt das re-entry sich innerhalb der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz wiederholen. Das „Selbst“ bestimmt sich dann als Beobachter zweiter Ordnung, der beobachtet, wie er selbst die Welt durch das Schema von Selbstreferenz und Fremdreferenz zweigeteilt.
Das führt einerseits zu einer „konstruktivistischen“Weltsicht, für die die Einheit der Welt und ihre Bestimmbarkeit durch ein unterscheidendes Beobachten nicht mehr zusammenfallen; und andererseits zum Akzeptieren der Gewissheit, dass jede Beobachtung in der Welt die Welt sichtbar - und unsichtbar macht.
Die Beobachtung derjenigen Operationen, die das re-entry erster oder zweiter Ordnung vollziehen, läuft auf die Beobachtung der Erzeugung und Entfaltung einer Paradoxie hinaus. Das Aussen ist nur innen zugänglich.
Die Beobachtung beobachtet die Operation der Beobachtung; sie beobachtet sich selbst als Objekt und als Unterscheidung oder, nach den Vorstellungen der Romantik, als Doppelgänger oder asymmetriert als Maske, im Spiegel, von innen und außen, aber immer mit eigenen Operationen, also höchst individuell.
Ihre mathematische Darstellung würde einen „imaginären Raum“ erfordern, der nur für diesen Zweck erfunden ist. Jedenfalls würde es nicht genügen, in eine „Typenhierarchie“ auszuweichen, die nichts weiter leistet als eine Verschleierung der Paradoxie durch eine dafür erfundene Unterscheidung von „Ebenen“.
Kann man in dieser Welt des Zauber und der Ironie, der Imagination und der Mathematik, der Schizophrenie und der Individualisierung durch ein Sich-selbst-als-Beobachter-Beobachten nach Rationalität suchen?
76 Jedenfalls nicht, wenn man meint, damit die Welt, wie sie wirklich ist, beschreiben zu können und anderen dann von da aus mitteilen zu können, wie sie richtig zu denken und zu handeln haben.
Kein unterscheidungslogischer Rationalitätsbegriff wird jemals auf diese Position der Einheit und der Autorität zurückführen. Nie wieder Vernunft!
Aber man könnte sich vorstellen, dass die Regel: beobachte den Beobachter und die Entwicklung von dafür geeigneten formalen Instrumenten aus der puren Resignation von obsoleten Ideen hinaus führt.
Denn man kann beobachten, was anderer Beobachter nicht beobachten können, und man kann beobachten, dass man selbst in dieser Weise beobachtet wird. Ein Beobachter kann daher auch beobachten, wie ein System durch die Unterscheidungen die es benutzt, Paradoxien erzeugt; und welche Unterscheidungen es dann benutzt, um diese Paradoxien zu „entfalten“ in unterscheidbare Identitäten zu dekomponieren und damit aufzulösen.
Es gibt, mit anderen Worten, immer Unterscheidungen, mit denen ein System sich identifiziert, weil es deren Paradoxie invisibilisiert, um andere Unterscheidungsparadoxien vermeiden zu können. Diese Bedingung bildet der Formenkalkül von Spencer Brown ab mit dem Eingangsgebot: Draw a distinction!, wobei mit distinction gemeint ist die Einheit der Unterscheidung von distinction und indication, die ihr re-entry, ohne es beobachten zu können, schon vollzogen hat.
Luhmann-Moderne77
77 Diese Überlegungen lassen sich zu einem differenztheoretischen Begriff der Systemrationalität kondensieren. Er müsste davon ausgehen, dass ein System sich operativ aus der Umwelt ausschließt und sich beobachtend in sie einschließt, indem es die Differenz zur Umwelt als Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz den systemeigenen Beobachtungen zu Grunde legt. Das würde bedeuten, dass das System durch Ausdifferenzierung so gut wie vollständig indifferent wird im Verhältnis zu dem, was in der Umwelt geschieht; aber diese Indifferenz wie einen Schutzschild benutzt, um eigene Komplexität aufzubauen, die dann hoch sensibel sein kann gegenüber Irritationen durch die Umwelt, sofern sie intern und in der Form von Information bemerkt werden können. Rationalität könnte dann bedeuten: die Einheit der Differenz von System und Umwelt ins System zu reflektieren.
Aber das kann nicht dialektisch als Aufhebung der Differenz erfolgen, und erst recht nicht als Hinweis auf ein umfassenderes System, ein “höheres“ System.
In der Tradition hatte sich dieser Ausgriff aufs Ganze mit Herrschafts-vorstellungen verknüpfen lassen. Beides greift an den strukturellen Realitäten der modernen Gesellschaft vorbei. Was bleibt, ist die Möglichkeit, die eigene Autopoiesis unter solchen immer noch steigerbaren, immer unwahrscheinlicheren Bedingungen fortzusetzen, solange es möglich ist.
Aber was wäre daran spezifisch europäisch?was hätte dies zu tun mit den spezifischen modernen Strukturen einer Weltgesellschaft, die im Ausgang von Europa zu einem globalen Kommunikationssystem zusammengewachsen ist?
Zunächst sind einige Abgrenzungen angebracht im Verhältnis zu dem, was nicht gemeint sein kann. Nicht gemeint ist offensichtlich das unbekannte fortsetzen eines rationalen Télos der europäischen Geschichte, wie es Husserl in seinem Alterswerk vorschwebte.nicht gemeint ist die Fortsetzung eines Standpunktes der Vernunft, von dem aus das, was ihr nicht entspricht, als "unvernünftig" charakterisiert werden kann; denn auch die Unterscheidung vernünftig/unvernünftig (rational/irrational) ist ja nur eine Unterscheidung, bei der beobachtet werden muss, wer sie verwendet und wozu. Nicht gemeint sind "Kulturvergleiche" jeglicher Art, die entweder nur Zusammenstellungen bieten oder einen externen Standpunkt voraussetzen, den es nicht geben kann. Nicht gemeint sind schließlich modische Fusionen von Mystik und Rationalität mit dem Angebot einer Konfusion fernöstlichen und europäischen Gedankenguts. Wir müssen ein zurückkommen auf solche Figuren nicht apodiktisch ausschließen, bleiben aber explizit innerhalb der sich selbst unterscheidenden, auflösenden und rekonstruierenden Traditiondes europäischen Rationalitätsverständnisses.
79 Begriffe und Kategorien
79 Liest man, in dieser Tradition sozialisiert, Texte über die Welt, wie Gesellschaft, Politik usw., die einem von chinesischen oder indischen Kollegen zugesandt werden, dann findet man sie kategorial gearbeitet. D.h.: Sie verwenden Begriffe (wie einst in der europäischen Traditions Kategorien), um die Realität sprachlich einzuteilen. Die Begriffe unterscheiden das, was sie bezeichnen (oder so sieht es für uns aus), aber sie begründen nicht, weshalb diese und keine anderen Unterscheidungen gewählt werden. In die Begrifflichkeit oder ihre übersetzung mag westliches Gedankengut einfließen, aber sie werden in der Perspektive eines Beobachters erster Ordnung eingesetzt - so als ob sie etwas bezeichnen könnten, was so ist, wie sie es bezeichnen. Generalisierungen können ins Vieldeutige,vielleicht auch ins Widersprüchliche verlaufen.
80 Aberdas wird nicht bemerkt oder jedenfalls nicht als störend empfunden, und es ändert auch nichts an der Absicht, die Welt oder einige ihre Sachverhalte unmittelbar zu beschreiben.
Doch dürfen wir es uns nicht zu einfach machen. Auch diese Tradition kennt durchaus schon Selbstreferenz des Wissens, sowie sie auch selbstreferentielle Zeichen kennt, nämlich Symbole. Die Formen selbstreferentiellen Wissens werden als „Weisheit“ kommuniziert.
Weisheit ist genau das, was entsteht, wenn Wissen des Wissens, also selbstreferentielles Wissen, auf der Stufe der Beobachtung erster Ordnung entwickelt wird und diese Stufe nicht verlässt.
Jedenfalls liegen im Resultat Wissensbestände vor, die nur situationsbezogen praktikabel sind (wie Sprichworte) und, wie zum Ausgleich dieser Schwäche, den Weisen selbst in seiner Lebensführung auf seine Weisheit verpflichten.
Es fehlen Bemühungen zum Ausgleich von Inkonsistenzen (das heißt zur Systematisierung), weil der Weise sich selbst beobachtet, seine Weisheit an sich selbst praktiziert, und nicht versucht, sich mit den Sichtweisen anderer oder mit anderen eigenen Sichtmöglichkeiten abzustimmen. Und wenn das zutrifft, folgt daraus im Umkehrschluss, dass Systematisierung mit einem Übergang zur Beobachtung zweiter Ordnung korrelieren.
81 Die Transzendentalphilosophie und mit ihr die Figur des automen Subjekts ist vielleicht der letzte Versuch Europas gewesen, mit dem Rückgang auf die je eigene Subjektivität und deren Bewusstseinstatsachen eine Ordnung des Wissens zu gewinnen, die kommunikativ, ethisch und ästhetisch verpflichtet.
Parallel dazu erleichtert der Buchdruck den Übergang zu einer im Vergleich zur Weisheit sehr viel trivialeren Wissenstechnik, die jetzt voll und ganz auf Schrift beruht und bereits zur Beobachtung zweiter Ordnung überleitet.
Im typischen Format westlicher scientific papers geht man vom Stande der Forschung aus. Auch das erspart eine weiterreichende Reflexion. Man muss nur im Verhältnis zu dem, was an Publikationen vorliegt, etwas Neues anbieten.
82 Eine an Skurrilität rührende Pedanterie, überwacht von Redaktionen und Gutachtern, ersetzt jede Reflexion. Auch dies kann noch als Weltbeobachtung erster Ordnung praktiziert werden. Maturana würde sagen: als Beobachtung der eigenen Nische, mit der das System Interagiert. Aber die Form ist so gewählt, dass sie mit der Kontingenz aller Weltbeschreibungen kompatibel ist…
Für die Reflexion ist eine andere Ebene zuständig, die sich selbst als Wissenschaftstheorie (oder umfassender: als Erkenntnistheorie) von der unmittelbaren Sachforschung unterscheidet und ihrerseits mit Bezug auf den momentanen Stand ihrer Forschungen, explizit, was sie als Forschung für Forschung Neues zu bieten hat.
Philosophie ist dann seit Hegel, ihre eigene Geschichte; aber über Hegel hinaus fixiert für einen Beobachter, der anders darüber urteilen und andere Unterscheidungen vorschlagen kann.
83 Manhat bemerkt, dass ein Rationalismus auch unter diesen Bedingungen sich die Probleme durch die geschichtliche Lage vorgegeben lässt, also selber traditionalistischen verfahre, obwohl er im 17. 18. Jahrhundert in Ablehnung Traditionalen Bindungen entstanden ist und sich noch heute durch Kritik des Traditionalismus zu profilieren versucht.
84 In Bezug auf die eigenen Problemstellungen verfährt der Rationalismus blind. Das lässt sich nicht bestreiten und auch auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung nicht überwinden. Vielmehr macht der Beobachter auf dieser Ebene das Beobachten, und damit auch sich selbst, auf dieses Problem gerade aufmerksam. Man kann zwar nicht sehen, was man nicht sieht, aber vielleicht kann man wenigstens sehen, dass man nicht sieht, was man nicht sieht.
Eine Theorie, die diese Überlegungen aufnimmt, kann Gesellschaftstheorie sein, muss sich dann aber im Wissenschaftssystem verankern und sich damit begnügen, dass sie nur Gesellschaftstheorie ist.
Sie wird ein konstruktivistisches Realitätsverständnis erzeugen, das dem Umstand Rechnung trägt, dass Beobachter erster Ordnung ist nicht mit Konstruktionen zu tun haben, sondern mit Objekten.
Sie wird keine verbindliche Repräsentation mehr anerkennen, sondern sich selbst - in einer polykontextural konstituierten Welt vorfinden.
Sie wird, je mehr sie ihre eigene Kontextur reflektiert, das schmerzliche Opfer der Selbst-Desinteressierung zu erbringen haben, kompensiert durch die miteingerechnete Gewissheit, dass es auch andere Ausgangspunkte für Rationalität und für Beobachtung zweiter Ordnung gibt.
85 Auch dieses konstruktivistische, polykontexturale Konzept von Rationalität muss, anders wäre es nicht zu beschreiben, Moment einer Unterscheidung sein.
Geläufig ist es, diese Unterscheidung historisch anzusetzen, also im Vergleich mit Alteuropa oder mit anderen Kulturen der alten Welt. Das lässt jedoch für das Selbstverständnis der Moderne, an dem uns liegen muss, alles offen und führt bestenfalls zu der inzwischen verbrauchten Vokabel der „Postmoderne“.
Vielleicht lassen sich jedoch sachlich präzisere Vorstellungen über die „andere Seite der Rationalität“ gewinnen - etwa solche, die mit Semantik in der Paradoxie, des imaginären Raumes, des blinden Fleckes aller Beobachtungen, des Zufalls oder des Chaos, des re-entry oder der Notwendigkeit, auf einen „unmarked space“ hin zu externalisieren, bezeichnet sein könnten.
86 Wirkommen abschließend auf Formfragen zurück, und d.h. auf die Frage: wie Rationalität sich unterscheidet. Es sollte klar sein, dass es nicht um eine cartesische Selbstvergewisserung der Rationalität gehen kann, die sich selbst, einmal gesichert, dann als Ausgangspunkt für Unterscheidungen (zum Beispiel der von wahr und unwahr) benutzen kann. Vielmehr setzt die Selbstvergewisserung der Rationalität eine Unterscheidung bereits voraus, wenn anders sie sich selbst nicht zum Thema machen könnte. Man kann aber keine Unterscheidung voraussetzen, ohne die Frage aufzuwerfen, welcher beobachte sie benutzt, unter welchen für ihn typischen Auswahlbeschränkungen, mit welchem blinden Fleck und wozu. Es gibt keine Unterscheidung, die sich einer solchen Beobachtung zweiter Ordnung entziehen könnte, nicht einmal Spencer Browns Unterscheidung von Unterscheidungen und Bezeichnungen.
Aber das muss nicht heißen, dass wäre die letzte Ausflucht eines Erzwungenenverzichts auf feste Vorgaben, dass man diese nun bedauert. Es muss auch nicht heißen, dass man das Ergebnis nun feiert als den Sieg der Rhetorik über die Ontologie und die Krankheit, da sie nun einmal universell geworden ist, für Gesundheit erklärt. Das mag auf den richtigen Weg führen, aber was fehlt, ist die Reflexion der Form; und erst dies könnte dazu berechtigen, den Titel der Rationalität fortzuführen und nicht einfach, die Verlegenheit überbrückend, von "post-rational" zu sprechen.
87 Vorbedingung jeder Rationalität ist eine Unterscheidung, die in sich selber wieder vorkommt. Wir hatten das am Falle des Formenkalküls von Spencer Brown (distinction/indication), am Beispiel der Systemtheorie (System/Umwelt) und am Beispiel der Unterscheidung von Zeichen und Bezeichnetem illustriert,…
Man findet leicht weitere Beispiele, wenn man diese selbstimplikative Form einmal vor Augen hat - etwa die Unterscheidung von Beobachtung und Operation, die impliziert, dass die Beobachtung selbst eine Operation ist und dass die Unterscheidung selbst ein Instrument der Beobachtung ist; oder die Unterscheidung von Medium und Form, die sich selbst nur als Form in einem Medium behaupten kann.
Gemeinsam ist all diesen Fällen nicht nur die Form des Wiedereintritts der Unterscheidung in die Unterscheidung, sondern zugleich auch eine implizite Referenz auf den historischen Kontext, in dem sie formuliert sind; und auf die Erfahrung der modernen Gesellschaft.
Sie negieren implizit eine Orientierung an ontologischen Vorgaben, und seien es solche der Transzendentalphilosophie. Sie suchen Ihren letzten Anhalt in einer Differenz und beobachten folglich jede Suche nach Einheit - und sei es innerhalb der Atome der modernen Physik - als (hoffnungslosen) Wunsch, in den Stand der Natur oder sogar ins Paradies zurückzukehren. Siebeobachten mit der Distanz eines Beobachters zweiter Ordnung diejenigen, die dies versuchen, und wissen schon, dass es ihnen misslingt.
88 Aber kann die Form des Eintritts der Unterscheidung in die Unterscheidung nur deshalb als rational gelten, weil sie diese Abkopplung ermöglicht? Ist das nicht nur eine historische Spezifikation, die nichts weiter festhält als das Scheitern aller referenzabhängigen Rationalitätsbegriffe?
Die Form garantiert Geschlossenheit, „perfect continence“,.. aber sie verdankt dies einer zunächst verdeckten, dann offenzulegenden Paradoxie, die darin besteht, dass die in sich wieder eintretende Unterscheidung dieselbe und nicht dieselbe ist.
Offenbar symbolisiert die Paradoxie die Welt. Sie stoppt den Beobachter, bevor er es unternimmt, etwas über die Welt auszusagen, was nur dazu führen könnte, dass die Welt sich der Aussage entzieht.
Die Paradoxie der Form wäre, so gesehen, eine Repräsentation der Welt im Modus der Unbeobachtbarkeit - aber mit der Aufforderung, die Paradoxie durch auf sie passende Unterscheidungen aufzulösen, sie durch Identifikation von Unterschieden zu entfalten. Die andere Seite der Form des Rationalen, die ausgeschlossen sein muss (obwohl sie bezeichnet werden könnte), ist die Paradoxie der Form.
Aberauch Bezeichnungen wie "Welt" oder "Paradoxie" sind nur (aber müssen wir sagen: nur?) Komponenten einer Unterscheidung. Mithin scheint die Abhängigkeit des Bezeichnens vom Unterscheiden dasjenige Problem zu sein, dass die europäische Entwicklung in Richtung auf eine Beobachtung zweiter Ordnung gelenkt hat.
Wenn so formuliert wird, tritt zu Tage dass die fernöstliche Mystik (wenn dies europäische Wort überhaupt passt) anders reagiert, nämlich mit einer direkten Rejektion des Unterscheidens, in besonders drastischer Form mit der kommunikativen Praxis des Koan im Zenbuddhismus.
Die in einer Frage liegende Erwartung eines spezifischen Antwort, die als Bezeichnung von etwas immer eine Unterscheidung aktualisieren, eine andere Seite mitführen muss, wird als Erwartung zerstört - verbal oder auch brachial.
90 Das läuft nicht auf eine Paradoxie hinaus, die als eine spezifische Form des ausweglosen Hin und Her ja ihrerseits wieder eine Form ist, also eine andere Seite hat, nämlich den Bedarf für eine Entfaltung der Paradoxie durch Überführung in praktikable Unterscheidungen (Prototyp: Unterscheidung von Typen oder Ebenen).
Vielmehr wird das Erleben direkt auf das Unterschiedslose bezogen, und dies in der Perspektive eines Beobachters erster Ordnung. Was immer auf diese Weise erreicht wird: es ist nicht soziale Elaborierung der Differenzen, sondern Befreiung vom Unterscheidenmüssen.
90 Europäer sind gewohnt, fremde Kulturen vom Unverständlichen ins Verständliche zu transformieren. Die weltweite Kommunikation hat sie dazu gezwungen, besonders seit der Entdeckung Amerikas, die zusammenfiel mit der Erfindung des Buchdrucks. Und wir sind auch gewohnt, als Leser von Romanen und von Ideologiekritikern zu sehen, dass andere nicht sehen, was sie nicht sehen.
Aber Rationalität könnte, wenn man den alten Weltbezug des Begriffs festhalten und die neuzeitlichen Derangierungen nicht mehr mitmachen will, wohl nur wieder gewonnen werden, wenn man jene Gewohnheiten mit einem autologischen Schluss abrundet, sie also auch auf den anwendet, der sie praktiziert, und sie damit universell setzt. Dann ginge es darum, zu verstehen, dass man nicht versteht, was man nicht versteht, und Semantik auszuprobieren, die damit zurecht kommen.
In der Tradition hatte man das als Religion bezeichnet. Aber wenn dieser Begriff fortgeführt werden soll, dann müssten entsprechende Erwartungen ausgewechselt werden. Dann ginge es nicht um ein Potential für Sicherheit, sondern um ein Potential für Unsicherheit. Und nicht um Bindung, sondern um Freiheit: um den Ort der Willkür, die nirgendwo einen Platz findet, um Imagination.
Niklas Luhmann Beobachtungen der Moderne