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© 1985 Markus Kappeler
2 Wüstenantilopen:
Mendesantilope - Addax nasomaculatus
Säbelantilope - Oryx dammah
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
Wehrhafte Wüstenantilopen
Mit einer Fläche von 8,7 Millionen Quadratkilometern ist die Sahara die grösste Wüste der Welt. Hitze und Trockenheit machen sie zu einer der unwirtlichsten Regionen unseres Planeten: Sandige Dünen, soweit das Auge reicht. Geröllebenen, über denen sengende Hitze lastet. Berge, zerklüftet und grau, die keinen Schatten werfen. Doch selbst hier - so unglaublich dies erscheint - gibt es Leben. Zu den bemerkenswerten Geschöpfen, die sich als Wohnstätte ausgerechnet diese lebensfeindliche Wüste ausgesucht haben, gehören zwei der seltensten Antilopen der Welt: Die Mendesantilope (Addax nasomaculatus) und die Säbelantilope (Oryx dammah). Beide Wüstenantilopen gehören innerhalb der Ordnung der Paarhufer (Artiodactyla) zur Unterordnung der Wiederkäuer (Ruminantia) und da wiederum zur grossen Familie der Hornträger (Bovidae). Zusammen mit der Oryxantilope (auch Spiessbock genannt; Oryx gazella), der Rappenantilope (Hippotragus niger) und der Pferdeantilope (Hippotragus equinus) werden sie in die Unterfamilie der Pferdeböcke (Hippotraginae) gestellt.
Mendes- und Säbelantilope sind etwa rothirschgrosse, 100 bis 200 Kilogramm schwere Tiere mit einem eindrucksvollen Gehörn: Die in einem flachen Bogen nach hinten gekrümmten Hörner der Säbelantilope erreichen eine Länge von 150 Zentimetern. Sie sind beim Weibchen dünner, aber nicht kürzer als beim Männchen. Die schraubig gedrehten Hörner der Mendesantilope werden bis 110 Zentimeter lang.
Bei beiden Antilopenarten ist das starke Gehörn nicht nur imposanter Kopfschmuck, sondern auch gefährliche Waffe. Sie zählen zu den wenigen Hornträgern, welche ihre Stirnwaffen nicht allein zum Austragen von Rivalenkämpfen benützen, sondern auch zur Selbstverteidigung gegen Fressfeinde einsetzen. So stellen sie sich angreifenden Wildhunden oder Geparden oft entgegen, statt davonzulaufen.
Die Heimat aller fünf Vertreter der Pferdeböcke sind die trockenen Regionen Afrikas und der Arabischen Halbinsel. Während aber Rappen- und Pferdeantilope täglichen Zugang zu einer Tränke benötigen, sind Oryx-, Säbel- und Mendesantilope weitgehend vom Wasser unabhängig: Oryx- und Säbelantilope bewohnen die halbwüstenartigen Randzonen der Sahara, und die Mendesantilope besiedelt gar die Zentralsahara. Hier lebt sie unter Bedingungen, welche nur wenige andere Tierarten zu ertragen vermögen. «Sie gedeiht in unfruchtbaren Gegenden, wo man glauben sollte, dass darin kaum eine Heuschrecke Nahrung finde, und ist, trotz der Glut ihrer Heimat, doch völlig unabhängig vom Wasser. Dieses trinkt sie, wie ich nach meiner Beobachtung und der wiederholten Behauptung der Bauern überzeugt bin, niemals, auch wenn sie es haben würde», schreibt «Tiervater» Brehm in seiner Enzyklopädie von 1864.
Wassermangel und glühende Hitze
In Wüstengebieten kann nur überleben, wer besondere Fähigkeiten zum Ertragen der aussergewöhnlichen Wasserknappheit besitzt. Mendes- und Säbelantilope verfügen über eine Reihe körperlicher Anpassungen, welche ihnen erlauben, allein mit dem in der Nahrung enthaltenen Wasser auszukommen. Dazu gehört ein spezieller Magen-Darm-Trakt, welcher dem verspeisten Pflanzenmaterial sämtliche Zellflüssigkeit entzieht und die unverdaulichen Pflanzenteile als staubtrockenen Kot ausscheidet. Dazu zählen aber auch besonders ausgebildete Nieren, welche den Harn ausserordentlich stark konzentrieren, damit auch auf diesem Weg kein überflüssiger Tropfen Wasser verloren geht.
Nicht nur die Abgabe von Flüssigkeit mit den Ausscheidungen, sondern auch die Verdunstung von Wasser durch die Körperoberfläche wird möglichst gering gehalten: Die gegenüber anderen Antilopenarten etwas untersetzte, kurzbeinige Erscheinung der beiden Wüstenantilopen lässt erkennen, dass die Körperoberfläche - und damit die «Verdunstungsfläche» - im Verhältnis zum Körpervolumen stark verkleinert worden ist.
Ein weiteres grosses Problem - neben der enormen Trockenheit - bilden für jeden Wüstenbewohner die hohen Tagestemperaturen. Diese erreichen im kaum vorhandenen Schatten 50° Celsius, in der Sonne noch beträchtlich mehr. Schwitzen - als «normales» Mittel zur Körperkühlung - kommt wegen des damit verbundenen Wasserverlusts nicht in Frage. Viele Wirbeltiere der Sahara - Nager, Wüstenfüchse, Schlangen und Echsen beispielsweise - bergen sich daher tagsüber vor der sengenden Hitze in Erdhöhlen. Für Mendes- und Säbelantilope fällt diese Möglichkeit wegen ihrer Grösse ausser Betracht. Ihnen bleibt nur, jeden Schatten zu nützen, den sie in ihrem öden Lebensraum finden. Bisweilen scharren sie sich mit ihren Hufen auch Liegeplätze auf der Schattenseite steiler Dünen. Ausserdem ruhen sie tagsüber viel und sind vor allem nachts rege.
Ihre eigentliche Überlebensstrategie besteht aber in einer erstaunlichen Toleranz gegenüber erhöhten Körpertemperaturen: Körperwärmen von bis zu 45° Celsius vertragen sie problemlos. Sie sind damit in der Lage, übermässige Hitze tagsüber zu speichern und sie erst nachts wieder abzugeben, wenn sich ihre Umgebung abgekühlt hat. Diese Fähigkeit ist darum erstaunlich, weil andere Wirbeltiere bei derart hohen Körpertemperaturen im allgemeinen Hirnschäden erleiden. Neuere Untersuchungen haben nun aufgedeckt, dass bei den Pferdeböcken eine besondere Einrichtung das Gehirn um bis zu 3° Celsius kühler hält als den restlichen Körper: Bevor das arterielle Blut vom Herz zum Hirn gelangt, wird es über ein spezielles Blutgefäss-Netz geleitet, das sich in der Nasenschleimhaut befindet. Da diese beim Atmen dauernd Flüssigkeit verdunstet und daher immer ziemlich kühl ist, wird so das Blut auf seinem Weg zum Gehirn abgekühlt.
Über den Wert der hellen Färbung der beiden Antilopenarten als Schutz vor Überhitzung ist man sich in Fachkreisen uneinig. Auf den ersten Blick scheint zwar die starke Lichtreflexion von Weiss ein Vorteil zu sein. Gerade gegenüber den stark wärmenden Infrarot-Strahlen schützt Weiss jedoch nur mässig. Man ist heute eher geneigt, den Wert des hellen Fells in gesellschaftlichem Zusammenhang zu sehen: Die weissen Antilopen fallen in ihrer natürlichen Umgebung stark auf und sind schon auf grosse Distanz erkennbar. Die Färbung der Tiere, die sich aufgrund des spärlichen Nahrungsangebots über weite Flächen verteilen, erleichtert somit den Sichtkontakt und Begegnungen untereinander.
Da im Lebensraum der beiden Wüstenantilopen verhältnismässig wenige Fressfeinde vorkommen, und sie sich überdies mit ihrem gefährlichen Gehörn durchaus gegen diese zu wehren wissen, scheint der Nachteil der auffälligen Färbung hinsichtlich der Feindvermeidung gering zu sein. Die Jungtiere, welche Streifenhyäne, Gepard, Goldschakal und Karakal eher zu fürchten haben, kommen bei beiden Antilopenarten mit rostbraunem Fell zur Welt und sind so in ihrer Wüstenheimat ausgezeichnet getarnt. Die Erwachsenenfärbung erscheint erst gegen Ende ihres ersten Lebensjahrs.
Wüstenantilopen wandern viel
Wo Regen nicht nur selten fällt, sondern auch in jeweils nur geringen Mengen und örtlich stark begrenzt, grünen immer nur einzelne und immer wieder andere Gebiete. Grosse Pflanzenesser wie die Mendes- und die Säbelantilope sind daher zu häufigen, weiten Wanderungen gezwungen, um ihren Nahrungsbedarf stillen zu können. Herden von mehreren Hunderttausend Säbelantilopen sollen sich früher auf ihren Wanderungen von einem Weidegrund zum anderen gebildet haben. In Gebieten mit frischem Pflanzenwuchs angelangt, teilten sie sich dann jeweils wieder in kleinere Herden von 10 bis 30 Tieren auf.
Als Anpassung an die Fortbewegung auf dem weichen Wüstensand besitzen Mendes- und Säbelantilope besonders grosse und breite Hufe, welche das Gewicht gut verteilen und das Einsinken der Tiere stark vermindern. Der rundliche Huf der Mendesantilope ist ungefähr gleich gross wie derjenige des Kaffernbüffels - eines Tiers, das zehnmal so schwer ist.
Schon Steinzeitmenschen jagten Wüstenantilopen
Noch vor hundert Jahren kam die Mendesantilope in Marokko, Algerien, Tunesien, Libyen, Ägypten, Sudan, Tschad, Niger, Mali, Mauretanien und in der West-Sahara vor. Die Säbelantilope war in grosser Zahl über die gesamte Südsahara zwischen dem Atlantik im Westen und dem Nil im Osten verbreitet. Heute kommen die beiden schönen Hornträger nur noch in Mauretanien, Mali, Tschad und Niger vor und gehören zu den seltensten wie auch gefährdetsten Antilopen der Welt. Einmal mehr - wie bei so vielen anderen Tierarten - ist der Mensch die Ursache ihrer bedrohlichen Situation. Beide Wüstenantilopen waren während vieler Jahrtausende begehrte Beutetiere des Menschen. Steinzeitliche Felsmalereien in Berggebieten der Sahara zum Beispiel zeigen Jagdszenen mit Menschen zu Fuss und zu Pferd, welche mit Speeren und Pfeil und Bogen flüchtenden Säbelantilopen nacheilen.
Im Mittelalter scheint ein lebhafter Handel mit Säbelantilopen-Fellen stattgefunden zu haben. So berichtet beispielsweise im 16. Jahrhundert der frühe Afrikareisende Leo Africanus über das Handelsgut einer Sahara-Karawane: «Fünfzig männliche und fünfzig weibliche Sklaven aus dem Lande der Neger, zehn Eunuchen, 12 Kamele, 1 Giraffe, 16 Zibetkatzen, 1 Pfund Zibet, 1 Pfund Amber und fast 600 Häute eines Tiers, welches sie Elamt nennen. Diese Häute, aus denen sie ihre Schilder fertigen, gelten je Stück acht Fez-Dukaten» (Mit «Elamt» oder auch «Ezamt» bezeichnen die Tuareg die Säbelantilope.)
Rund 300 Jahre später schreibt der deutsche Afrikaforscher Gustav Nachtigal ebenfalls über Wert und Nutzen des Säbelantilopen-Fells: «Für gewöhnlich wird besonders das Nackenfell verwendet. Dieses ist so dick und widerstandsfähig, dass es sich ausgezeichnet für die Herstellung von Sandalen und Schuhsohlen eignet und hierbei jedem anderen Material vorgezogen wird. Es kann sogar anstelle von Hufeisen zum Beschlagen der Pferde gebraucht werden».
Noch vor wenigen Jahrzehnten haben mehrere afrikanische Volksstämme ihren Lebensunterhalt ausschliesslich mit der Bejagung der Wüstenantilopen bestritten. So waren beispielsweise die Nemadi Mauretaniens erfahrene Mendesantilopen-Jäger, bis schliesslich - unter französischer Besetzung - ihre Beutetierbestände rapide abnahmen. Die Aza und die Haddad aus Tschad und Niger lebten ebenfalls bis vor wenigen Jahrzehnten hauptsächlich von der Jagd auf Säbelantilopen, die sie mit Netzen betrieben.
Die Bejagung der beiden ausdauernden Wüstenantilopen mit traditionellen Mitteln mag einen gewissen Einfluss auf lokale Bestände gehabt haben. Sie hat aber niemals zu einer erheblichen Verminderung der Gesamtpopulation der Tiere geführt. Ein rascher, anhaltender Rückgang der beiden Tierarten in ihrem gesamten Verbreitungsgebiet trat erst ein, als der Mensch - um die Mitte unseres Jahrhunderts - die Wirksamkeit der modernen Feuerwaffen mit der Schnelligkeit geländegängiger Motorfahrzeuge vereinte. Nun nahm das Massaker seinen Lauf. Innerhalb von nur dreissig Jahren waren beide Antilopenarten aus neunzig Prozent ihres ehemaligen Verbreitungsgebiets für immer verschwunden.
Kommen die Schutzbestrebungen zu spät?
Ein dringlicher Appell des französischen Biologen Hubert Gillet war es, der die Republik Tschad 1969 dazu veranlasste, das Wadi Rimé/Wadi Achim-Reservat zum Schutz der beiden bedrängten Antilopen zu schaffen. Im Laufe der siebziger Jahre enthielt dieses Schutzgebiet von der Grösse Schottlands einen immer grösseren Anteil der stetig schrumpfenden Gesamtpopulation der beiden Tierarten. Als dann aber Ende der siebziger Jahre ein heftiger Bürgerkrieg die noch junge Republik erschütterte, wurde das Reservat aufgegeben - und mit ihm 5000 bis 6000 Säbelantilopen und über 1000 Mendesantilopen.
Ziemlich genau zu diesem Zeitpunkt ersuchte die Regierung von Niger den World Wildlife Fund (WWF) um Hilfe zur Erhaltung seiner schwindenden Mendes- und Säbelantilopen-Bestände. Zusammen mit der Zoologischen Gesellschaft London und der ebenfalls britischen Fauna and Flora Preservation Society führte dieser im Jahr 1979 eine Untersuchung der Situation der beiden Wüstenantilopen durch. Diese Studie lieferte die Grundlagen für ein umfassendes Schutzprogramm, welches ein Jahr später, 1980, anlief. Schwerpunkt des Programms bildete die Schaffung eines Schutzgebiets in den Air-Bergen und der Ténéré-Wüste. Dieses Reservat ist etwa doppelt so gross wie die Schweiz und beherbergt neben den beiden Antilopenarten auch grössere Bestände von Damagazellen, Mähnenspringern, Straussen und Geparden.
Niger hat im übrigen erwirkt, dass die Mendes- und die Säbelantilope in Anhang I der Internationalen Konvention über den Handel mit bedrohten Tier- und Pflanzenarten (CITES) aufgenommen worden sind.
Ob diese späten Schutzbestrebungen das Überleben der beiden Tierarten zu gewährleisten vermögen, ist leider fraglich. Von der Säbelantilope gibt es gegenwärtig höchstens noch 250 freilebende Individuen. Es ist daher sehr unwahrscheinlich, dass diese Art das nächste Jahrzehnt in freier Wildbahn noch erleben wird. Zwar gibt es mehrere Zuchtgruppen in Gefangenschaft; eine erfolgreiche Wiederaussiedlung nachgezüchteter Tiere dürfte jedoch etliche Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Auch für die Mendesantilope sieht die Zukunft keineswegs rosig aus. Ihr Gesamtbestand hat mit höchstens noch 2000 Tieren ebenfalls eine kritische Grösse erreicht. Es ist daher zu befürchten, dass über kurz oder lang zwei weitere markante Beispiele für die wundervolle Lebensvielfalt auf unserem Planeten verschwinden werden.
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