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Resümee zum Abschluss
Silvio Huonder hat als Dozent zehn Studierende beim Verfassen unserer Alpen-Science-Fiction begleitet. Einige Gedanken des Bündner Autors zum Schluss dieser Reise in unbekanntes Terrain.
von Silvio Huonder*
Der Plan war relativ einfach: Mit einer Gruppe von Studierenden des Schweizerischen Literaturinstituts diesen Monat täglich zwei Drittel einer Zeitungsseite zu füllen. Eine Reihe zum Thema: Die Alpen im Jahr 2216. Wir wollten uns drei Mal während des Frühlingssemesters treffen, um Ideen und Texte auszutauschen und den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Die Ausführung war dann schwieriger als gedacht. Kollektives Erzählen ist eine heikle Angelegenheit. Man braucht sich nur vorzustellen, wie zwei Unfallbeteiligte ein Geschehen unterschiedlich wiedergeben; am Ende muss dann ein Richter entscheiden, was passiert ist.
Erbostes Veto eines Autors
Für das Schreibprojekt hat eine bunt gemischte Gruppe von zehn Individuen zusammengefunden, mit ukrainischen Wurzeln, aus dem Ruhrgebiet, dem Schweizer Unterland und einer in Kanada aufgewachsenen Churerin. Meine Funktion würde ich eher als Reisebegleiter denn als Richter bezeichnen. Konflikte gab es trotzdem genug: Die Einen liessen die Alpen in der Zukunft entvölkern und nach einem AKW-Unfall die Vegetation wuchern, die Andern machten die Berggipfel platt und streuten Megastädte über die Landschaft, was einigermassen widersprüchlich ist.
Da sich die Alpen von Frankreich bis Slowenien über einen weiten geografischen Raum erstrecken, sollte aber eigentlich Platz sein für vieles. Mannigfaltige Figuren sind erschaffen worden: Ein schwangerer Mann, ein Retortenkind, eine Schattenforscherin, Bergindianer, zwei Kannibalen und ein junger Hightech-Förster. Als mitten im Semester die Kannibalen den Förster gefangen nahmen und über dem Feuer grillten, legte der Autor des Försters sein erbostes Veto ein: So lasse er niemanden mit seiner Figur umspringen! Dass die verwahrlosten Kannibalen ausgerecht serbische Vornamen trugen, wurde von der Mehrheit der Studierenden als unglückliche Aussage bezeichnet. Der Autor war leider nicht in der Lage, seine Geschichte zu modifizieren und in die Sammlung zu integrieren. Das ist bedauerlich, aber er ist der Einzige, den wir auf der Expedition verloren haben.
Ins kalte Wasser geworfen
Nicht für alle war es einfach, das Tagesgeschäft eines Printmediums zu bedienen und an einem bestimmten Tag einen exakt 3800 Zeichen umfassenden Text zu einem bestimmten Thema (Zukunftsfantasie) zusammen mit einem Passfoto (300 dpi) und zwei biografischen Zeilen zur eigenen Person abzuliefern. Diejenigen mit Publikationserfahrungen hatten kaum Probleme damit, Neulinge kamen aus dem Staunen nicht heraus, wie kalt das Wasser war, in das sie springen sollten. Ein Semester ist kurz, nicht mal vier Monate, und die Zeit vergeht schnell. Aus den drei geplanten Treffen sind fünf geworden, eine davon mit dem Kulturredaktor der «Südostschweiz». Eine Masterstudentin ist dazugestossen und hat sich bereit erklärt, bis zum Sommer 24 passende Illustrationen zu schaffen.
Faul ist die junge Generation keineswegs, obwohl ihr das manchmal nachgesagt wird. Eine Studentin hat neben den Lehrmodulen noch ein Theaterstück und ein Hörspiel geschrieben, alles in einem einzigen Semester. Mich hat es dafür einige Zeit gekostet, manche Texte an die geltende Rechtschreibung anzupassen.
Wir haben nie angestrebt, konkrete, umsetzbare Konzepte für die Zukunft der Bergregion zu liefern, wie es etwa ein Leser eingefordert hat. Dafür sind Agrar- oder Wirtschaftswissenschaftler und andere Spezialisten zuständig. Aufgabe der Literatur ist das nicht. Entstanden ist dafür eine eigenwillige Textsammlung von Zukunftsfantasien. Sie sind Spiegelbilder einer Generation, die mit einer Fülle von Kommunikationstechniken ausgestattet ist und es trotzdem «mega anstrengend» findet, aufeinander einzugehen, sich auszutauschen und gemeinsam etwas zu erschaffen. Wie soll also die Alpenwelt in 200 Jahren aussehen? Das werden unsere Nachkommen gestalten müssen. Wir können es uns nur vorstellen. Vielleicht hat der eine oder andere Text dazu einen Denkanstoss gegeben.
Zum Jubiläum des zehnjährigen Bestehens des Schweizerischen Literaturinstituts in Biel schreiben zehn Studierende exklusiv für die «Südostschweiz» eine 24-teilige Fortsetzungsgeschichte mit dem Titel «Die Alpen im Jahr 2216».
Seit seiner Gründung hat das Literaturinstitut, das zur Hochschule der Künste Bern HKB gehört, über hundert Absolventen des Bachelorstudiengangs «Literarisches Schreiben» hervorgebracht, darunter erfolgreiche junge Autoren wie Arno Camenisch, Silvia Tschui oder Michael Fehr. Als Dozent von Anfang an dabei ist der Bündner Autor Silvio Huonder, der auch diese Reihe betreut.
Alle anderen Teile findet man unter www.suedostschweiz.ch/alpen2216