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durch die Höhereinstellung einer Reihe von Einnahmeposten eine rechnerisch bessere Gestalt gegeben worden, sodaß die Mehreinnahme ans der Börsensteuer und dem Lotteriestempel genügte, um die Mehrkosten der Heeresverstärkung für 1894-95 zu decken und die Überweisungen so ziemlich mit den Matrikularbeiträgen ins Gleichgewicht [* 2] zu bringen. Angesichts dieser ungünstigen Aussichten für ihre Finanzreformvorschläge hielten es die verbündeten Regierungen für geratener, zur Zeit auf deren völlige Erledigung zu verzichten und den Reichstag alsbald zu schließen.
Zur Annahme gekommen waren im Reichstag noch eine Reform des Unterstützungswohnsitzgesetzes, Novellen zum Viehseuchengesetz und zur Konkursordnung, Gesetze über die Abzahlungsgeschäfte (vom und den Schutz der Warenbezeichnungen (vom Ferner wurden die Initiativanträge des Centrums und der Freisinnigen, die die Geheimhaltung der Abstimmung bei den Reichstagswahlen besser zu sichern bezweckte, angenommen. Auch der seit Jahren vorliegende Antrag auf Aufhebung des Jesuitengesetzes, dessen Zeit das Centrum nun endlich gekommen glaubte, gelangte, nachdem er schon in zweiter Lesung durchgegangen war, 16. April trotz aller aus dem Lande dagegen erhobenen Proteste in dritter Lesung mit 168 gegen 145 Stimmen zur Annahme.
Dagegen war ein Antrag des Grafen Kanitz, den Handel mit ausländischem Getreide [* 3] zu verstaatlichen und Minimalverkaufspreise für die einzelnen Getreidearten festzusetzen, 14. April mit großer Mehrheit abgelehnt worden, da nicht einmal die Deutschkonservativen geschlossen dafür eintraten. Ein Antrag des Abgeordneten von Plötz auf Einführung eines Wollzolles kam nicht mehr zur Beratung. Am 19. April wurde der Reichstag geschlossen, nachdem der Reichskanzler zuvor eine Erklärung verlesen hatte, daß die verbündeten Regierungen an der von ihnen vorgeschlagenen Finanzreform festhielten und in der nächsten Session von neuem mit entsprechenden Vorschlägen hervortreten würden.
Auf die auswärtige Lage scheint in der That die Politik der Handelsverträge von günstigem Einfluß zu sein. Die Erwiderung des franz. Flottenbesuches in Kronstadt [* 4] durch die aus Amerika [* 5] heimkehrenden russ. Kriegsschiffe in Toulon [* 6] im Okt. 1893 war in Frankreich mit der größten Begeisterung aufgenommen worden und hatte eine weitere Annäherung Rußlands an Frankreich in deutschfeindlichem Sinne angebahnt. Infolge des Abschlusses des russ.-deutschen Handelsvertrags aber, an dessen Zustandekommen der russ. Kaiser persönlich ein lebhaftes Interesse nahm, hat in Rußland eine freundlichere Stimmung gegen Deutschland [* 7] Platz gegriffen.
Ein Symptom dafür war die Verlobung des russ. Thronfolgers mit der Prinzessin Alix von Hessen [* 8] (April 1894). Daß das Verhältnis Deutschlands [* 9] zu den verbündeten Mächten ungetrübt geblieben ist, zeigten die wiederholten gegenseitigen Besuche des Deutschen Kaisers und der Monarchen der beiden andern Staaten. Mit England und Frankreich machten sich bei der fortschreitenden Erschließung des kolonialen Hinterlandes in Afrika [* 10] weitere Abmachungen über die Abgrenzung der Interessensphären nötig.
Nachdem mit England bereits ein Abkommen über die genauere Grenzfestsetzung am Kilima-Ndscharo getroffen worden war, kam 15. Nov. auch ein Vertrag über die westafrik. Schutzgebiete zu stande, durch den Deutschland der Zugang zum Tsadsee und das ganze Flußgebiet des Schari überlassen wurde. Gegen diese weite Ausdehnung [* 11] nach Osten erhob alsbald Frankreich Einspruch, indem es sich auf die durch franz. Expeditionen in jenen Gegenden geschlossenen Verträge berief. Da Deutschland dem gegenüber keine Resultate seiner Forschungsreisenden aufzuweisen vermochte, wurde nach langen Verhandlungen ein für Deutschland wenig günstiges, am unterzeichnetes Abkommen geschlossen, worin Frankreich das rechte Schari-Ufer am Tsadsee überlassen und ein Zugang zum Mayo Kebbi und dadurch zum Binue eingeräumt wurde, wogegen Deutschland ein Zugang zum Canga (Kongo) eröffnet wurde.
Auch in den westafrik. Kolonien selbst waren wenig erfreuliche Ereignisse zu verzeichnen. In Kamerun brach eine durch Mißgriffe von Beamten hervorgerufene Meuterei von Polizeisoldaten aus. Sie bemächtigten sich des Regierungsgebäudes, wurden aber durch Mannschaften des Kreuzers Hyäne schon 21. Dez. daraus vertrieben und darauf zur Unterwerfung gebracht, sodaß ein von Deutschland alsbald abgeschicktes Detachement von Seesoldaten gar nicht in Wirksamkeit zu treten brauchte.
Gegen die schuldigen Beamten wurde die Disciplinaruntersuchung eingeleitet. Das südwestafrik. Schutzgebiet wurde durch die Raubzüge des Häuptlings Witboi unsicher gemacht, und Major von François vermochte ihn auch nach der Erstürmung seiner Feste Hoornkrans und trotz mehrmaliger Verstärkung [* 12] der Schutztruppe nicht unschädlich zu machen. Zur Begutachtung der Lage wurde daher Major Leutwein in das Schutzgebiet entsendet und dort im März 1894 zu dessen Landeshauptmann ernannt. Eine weitere Verstärkung der Schutztruppe soll demnächst erfolgen. Günstiger waren die Verhältnisse in Ostafrika, wo nach Vernichtung des unbotmäßigen Häuptlings Sikki in Tabora (10. bis und nach Besiegung des Sultans Meli in Moschi im allgemeinen friedliche Zustände herrschten und der seit Sept. 1893 an Stelle des Freiherrn von Soden getretene Gouverneur Oberst von Scheele durch Bereisung (1894) des südl. Teils des Schutzgebietes bis zum Nyassasee, auf den Wißmann inzwischen im Auftrage des Deutschen Antisklavereikomitees einen Dampfer gebracht hatte, das deutsche Ansehen dort hob, Bundesgenossen zu einem spätern Kriegszug gegen die räuberischen Wahehe warb und wichtige Beiträge zur genauern Kenntnis des Landes lieferte.
Litteratur zur deutschen Geschichte. Quellenkunde. Die frühesten Nachrichten über Deutschland und die Deutschen finden sich vereinzelt bei Cäsar, Vellejus, Dio Cassius, sodann umfassender in Tacitus' Germania, [* 13] in des Jordanes Geschichte der Goten, Gregors von Tours [* 14] Geschichte der Franken und des Paulus Diakonus Geschichte der Langobarden. Die Reihe der eigentlichen deutschen Quellenschriftsteller beginnt unter Karl d. Gr. In den Geschichtswerken dieser Zeit bis herab zum 10. Jahrh. treten vornehmlich zwei Richtungen, die annalistische (s. Annalen) und die biographische, in den Vordergrund. Das Bedeutendste in dieser Art sind die Annalen, welche wohl mit Unrecht Einhard zugeschrieben werden, der in seinem Leben Karls d. Gr. der biogr. Darstellung ein erstes frühes Vorbild geliefert hat. Im allgemeinen teilte sich die biogr. ¶
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Erzählung dem Stoffe nach in weltliche und kirchliche; in der ersten Gattung hat Einhard nur wenig Nachahmer gefunden. Nithards, eines Enkels Karls d. Gr., vier Bücher Geschichten über die Streitigkeiten Ludwigs des Frommen bis 843 gewähren eine Aufzeichnung der Zeitgeschichte durch einen der Mitwirkenden selbst. Unter den kirchlichen Biographien steht die Vita Bonifacii vom Presbyter Wilibald, 754 verfaßt, den übrigen an Alter voran; fast in gleiche Zeit fällt die Vita S. Galli (um 771). Historisch wertvoll sind ferner die Vita Sturmi des Fuldaer Mönchs Eigil, gest. 822;
die Vita Liudgeri, Bischofs von Münster, [* 16] gest. 809, gleich nach seinem Tode von Altfrid verfaßt;
die Vita S. Willehadi, Bischofs von Bremen, [* 17] von Ansgar, gest. 865;
die Vita S. Ansgarii, von Rimbert, gest. 888. Eine besondere Gruppe bilden noch einige Werke in metrischer Abfassung, wie des Poeta Saxo Werk De gestis Caroli Magni und des Ermoldus Nigellus (des Zeitgenossen Ludwigs des Frommen) Carmen elegiacum in honorem Hludowici imperatoris, deren geschichtlicher Gehalt den dichterischen übertrifft.
Vom 10. Jahrh. ab überwiegt die kirchliche Biographie fast ausschließlich und hat geschichtlichen Wert, weil überhaupt die Geistlichkeit im Vordergrunde steht. Auch die Annalen gewinnen an Zahl und Bedeutung; die ausführlichern und im Rückblick auf einen längern Zeitraum gearbeiteten Werke pflegt man Chroniken zu nennen. Sie erreichten ihren Höhepunkt im 12. Jahrh. In diesem beginnen auch deutsche Chroniken, anfangs in poet. Form und von geringem geschichtlichem Wert, denen sich im 13. auch prosaische Werke anreihen.
Aus der Zeit der sächs. Kaiser sind drei Schriftsteller als besonders wichtig hervorzuheben. Liutprand, Bischof von Cremona, schrieb De rebus gestis Ottonis Magni imperatoris, eine Relatio de legatione Constantinopolitana und die Antapodosis, sechs Bücher über die Begebenheiten seiner Zeit. Widukind von Corvei beschrieb in drei Büchern die Thaten Heinrichs I. und Ottos I. bis 973. Eine andere Hauptquelle dieser Zeit ist der ungenannte Fortsetzer der Chronik des Regino. Thietmars von Merseburg [* 18] (gest. 1019) Chronicon bildet eine Hauptquelle für die Geschichte Sachsens und der slaw. Gegenden über der Elbe.
Von den wenigen Biographien verdienen aufgeführt zu werden die Vita Brunonis, Erzbischofs von Köln, [* 19] von Ruotger 967 abgefaßt, und die poet. Panegyris der Ottonen von der Nonne Roswitha zu Gandersheim. Unter den salischen Kaisern nimmt Lambert von Hersfeld [* 20] mit seinen Annalen (bis 1077) eine hervorragende Stellung ein. Derselben Zeit gehört Hermann von Reichenau (Contractus) an, dessen Chronicon durch Fleiß und Genauigkeit unter den großen Weltchroniken eine der ersten Stellen einnimmt.
Ferner Adam von Bremen, dessen Gesta Pontificum Hammaburgensium (788-1072) eine fleißige und lebendige Darstellung der Geschichte seiner Zeit sind und besonders sehr wertvolle Mitteilungen über den baltischen Norden [* 21] enthalten. Unter den Biographen der fränk. Zeit ist Wipo, der Darsteller Konrads II., zu nennen und Cosmas von Prag mit seinem Chronicon Bohemorum. Unter den Weltchroniken dieser spätern fränk. Zeit nimmt die erste Stelle die von Ekkehard (gest. nach 1125) ein, an Ruhm und Verbreitung noch übertroffen durch Sigebert von Gembloux.
Otto von Freising [* 22] mit seinem Chronicon bis 1153, fortgesetzt von Otto von St. Blasien, Helmold mit seinem Chronicon Slavorum bis 1170, fortgesetzt von Arnold von Lübeck, Albert von Stade, [* 23] und der Petersberger Mönch in dem Chronicon Montis Sereni, 1124-1255, sind die vorzüglichsten Historiker der hohenstauf. Zeit. Die Thaten Kaiser Friedrichs I. beschrieb Otto von Freising, fortgesetzt von Ragewin (Radevicus). Poetisch behandelte die Thaten Friedrichs ein ungenannter Dichter in seinem Ligurinus, seu de rebus gestis Friderici I. mit Geschick und Talent.
Daran reihen sich zahlreiche Annalen und Chroniken aus den verschiedensten Teilen Deutschlands, die entgegengesetzten Standpunkte und Parteirichtungen der Zeit vertretend. Seit den Zeiten des Interregnums sank die Geschichtschreibung von ihrem Höhepunkt immer tiefer herab; bis zum 15. Jahrh. hin giebt es von allgemeinern Geschichtswerken nur wenige. Genannt zu werden verdienten etwa Heinrichs von Rebdorf Chronicon von 1295 bis 1363, Heinrichs von Herford [* 24] (gest. 1370) Schrift De temporibus memorabilibus, des Gobelinus Persona (gest. 1420) Cosmodromium, Herm. Corners Chronicon bis 1435 und Werner Rolevinks Fasciculus temporum.
Von Wert sind noch einige Special- und Städtechroniken, die seit Anfang des 14. Jahrh. zum Vorschein kamen. Ein allgemeineres histor. Interesse besitzen von diesen Ottokars Österr.-steirische Chronik, um 1300 in deutschen Reimen verfaßt, Jak. Twingers von Königshofen Elsass. Chronik, um 1386, und Johs. Rothes Thüring. Chronik, um 1442 abgefaßt.
Vgl. Dahlmann, Quellenkunde der deutschen Geschichte (5. Aufl., hg. von Waitz, Gött. 1883);
Wattenbach, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter, bis zur Mitte des 13. Jahrh. (Berl. 1858; 6. Aufl., 2 Bde., 1893 fg.);
O. Lorenz, Deutschlands Geschichtsquellen im Mittelalter seit der Mitte des 13. Jahrh. (3. Aufl., 2 Bde., ebd. 1886-87).
Schon im 15. Jahrh. begann man die Quellenschriftsteller der ältern Zeit zu sammeln und im Druck zu veröffentlichen; die vielen im 16. und 17. Jahrh. erschienenen Sammlungen bildeten aber endlich ein Chaos, dessen kritische Sichtung und systematische Ordnung dringendstes Bedürfnis wurde. Nachdem schon Männer wie Rösler, Krause, Joh. von Müller u. a. den Plan zu einer kritischen Sammlung der deutschen Quellenschriftsteller gefaßt hatten, bildete sich auf Anregung des Freiherrn von Stein zu Frankfurt [* 25] a. M. eine Gesellschaft für Deutschlands ältere Geschichtstunde, die das frühere Vorhaben mit dem großen Werke «Monumenta Germaniae historica» (s. d.) endlich glücklich ins Werk setzte.
Auch Übersetzungen der bedeutendsten Geschichtswerke daraus erschienen u. d. T. Geschichtschreiber der deutschen Vorzeit (92 Lfgn., Lpz. 1847-92, und 2. Gesamtausg., Bd. 1-53, ebd. 1884-93). Ferner hat J. F. ^[Johann Friedrich] Böhmer eine Reihe von Urkunden und Regesten der Kaiserzeit bearbeitet; zugleich sammelte derselbe in den Fontes rerum Germanicarum (4 Bde., Stuttg. 1843-68) sowie Jaffé in der Bibliotheca rerum Germanicarum (6 Bde., Berl. 1864-73) deutsche Schriftsteller des Mittelalters. Der durch die Thätigkeit der Frankfurter Gesellschaft in ganz Deutschland neu erwachte Eifer für vaterländische Geschichtsforschung rief bald eine Anzahl specieller Historischer Vereine (s. d.) hervor, die sich einesteils die Sammlung, andernteils die Nutzbarmachung des gesamten Materials für die Geschichte einzelner Provinzen und ¶