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© 1987 Markus Kappeler
Mongozmaki
Lemur mongoz
(erschienen in der WWF Conservation Stamp Collection)
«Das Tier, das die Eingeborenen bugee nennen, hat eine spitze Schnauze, einen aussergewöhnlich langen Schwanz und ein dickes, weiches Fell. Seine Beine sind viel länger als seine Arme, sodass, wenn es auf allen Vieren geht, sein Hinterteil viel höher ist als seine Schultern. Es hüpft mit einer solchen Behendigkeit in der Takelage herum, dass es mehr zu fliegen denn zu springen scheint», schrieb der Weltreisende Peter Mundy eines Abends im August 16SS in sein Tagebuch, nachdem sein Schiff im Hafen von Ndzouani angelegt hatte - einer der vier Hauptinseln der Komoren-Inselgruppe, welche vor der Küste Mosambiks im Indischen Ozean liegt. Damit hat Mundy die erste und zudem recht treffende Beschreibung eines Mongozmakis (Lemur mongoz) gegeben.
Es ist interessant, dass der flinke Halbaffe aus der Sippe der Lemuren ausgerechnet auf diesem winzigen Eiland entdeckt worden ist. Seine eigentliche Heimat ist nämlich nicht die Komoren-Inselgruppe, sondern das etwa 250 km weiter südlich gelegene Madagaskar - mit einer Fläche von 595'000 Quadratkilometern die viertgrösste Insel der Welt. Hier sind auch die restlichen Lemurenarten zu Hause.
Madagaskar - Heimat der Lemuren
Die Lemuren - und mit ihnen die ganze Tier- und Pflanzenwelt Madagaskars - können als das Ergebnis eines einzigartigen Experiments in der Entwicklungsgeschichte unseres Planeten angesehen werden - eines Experiments, das bis heute andauert, nun aber im Begriff steht, durch die zerstörerischen Handlungen des Menschen abgebrochen zu werden.
Bis vor rund 85 Millionen Jahren waren Madagaskar und Indien fest mit der Südspitze des afrikanischen Kontinents verbunden gewesen. Sowohl ihre Pflanzen- wie auch ihre Tierwelt entsprachen grundsätzlich derjenigen Afrikas. Dann aber spalteten sich Madagaskar und Indien aufgrund tiefgreifender Prozesse in der Erdkruste gemeinsam vom afrikanischen Festland ab und bewegten sich - als über 100 Kilometer dicke «Schollen» - allmählich in nordöstlicher Richtung in den Indischen Ozean hinaus. Ungefähr 20 Millionen Jahre später trennte sich Indien von Madagaskar und trieb immer weiter nach Nordosten, bis es schliesslich mit dem asiatischen Kontinent «zusammenprallte» und nicht zuletzt die Aufwerfung des Himalajagebirgs verursachte. Die Fauna und Flora, welche auf der Scholle mitgereist war, verschmolz in der Folge mit derjenigen Asiens.
Madagaskar hingegen blieb zurück und nahm seine heutige Position im Indischen Ozean ein. Es ist damit seit 65 Millionen Jahren vollständig von der Aussenwelt abgeschnitten. In der Abgeschiedenheit hat sich nach und nach eine Tier- und Pflanzenwelt herausgebildet, die sich in ihrer Artzusammensetzung grundlegend von derjenigen auf dem Festland unterscheidet. Sie bietet in mancherlei Hinsicht unschätzbare Einblicke in die Entwicklungsgeschichte unseres Planeten.
Uns interessieren hier besonders die Lemuren. Bis vor 25 bis 30 Millionen Jahren gab es auf dem afrikanischen Kontinent eine Vielzahl lemurenartiger Klettertiere - nebst mancherlei anderen frühen Halbaffen. Ohne Konkurrenz konnten sich diese primitiven Affenformen in den endlosen Urwäldern Afrikas ungehindert vermehren und ausbreiten.
Dann aber begann sich eine viel stärkere Gruppe von Klettertieren zu entwickeln: die «höheren» Affen. Sie setzten der bisher unangefochtenen Herrschaft der Halbaffen schon bald ein Ende. Sie waren grösser, kräftiger und intelligenter als ihre zarten Halbaffen-Verwandten, und wenn sie aufeinandertrafen, so siegten stets die höheren Affen. Schliesslich hatten die höheren Affen die Halbaffen praktisch vollständig als baumbewohnende Klettertiere abgelöst. Sämtliche Lemuren waren verschwunden, und nur einige wenige andere Halbaffenarten, die es geschafft hatten, sich in kurzer Zeit zu Nachttieren zu entwickeln, hatten überlebt. Zu ihnen gehörten die Vorfahren der heutigen Loris (Familie Lorisidae) und der Galagos oder Buschbabys (Familie Galagidae).
Völlig ausgestorben waren die lemurenartigen Halbaffen damit allerdings nicht: Einige von ihnen hatten das Glück, isoliert auf Madagaskar zu überleben. Hierher konnten die auf dem Kontinent so erfolgreichen höheren Affen nicht gelangen und ihnen den Lebensraum streitig machen. Heute spielen die Nachfahren dieser Überlebenden auf Madagaskar eine ähnliche Rolle wie die «richtigen» Affen im benachbarten Afrika. Sie haben sich im Laufe der Jahrmillionen in die verschiedensten Lebensnischen eingepasst und so eine grosse Vielfalt von Formen ausgebildet, welche zum Teil an höhere Affen erinnern, zum Teil aber auch typisch halbaffenartig sind.
Im Vergleich zu den höheren Affen ist bei sämtlichen Lemuren das Sehzentrum im Gehirn verhältnismässig schwach entwickelt. Tatsächlich übertrifft ihr Geruchssinn den Gesichtssinn, was sich äusserlich in der langgezogenen Schnauze niederschlägt und einen wesentlichen Unterschied zu den höheren Affen darstellt. Im Gegensatz zu den höheren Affen haben die Lemuren ferner nur eine einzige Fortpflanzungszeit im Jahr. Die des Kattas (Lemur catta)
, einer bodenlebenden Lemurenart, gehört zu den kürzesten bei Säugetieren überhaupt. Sie dauert etwa zwei Wochen, wobei jedes Weibchen nur knapp einen Tag lang empfängnisbereit ist.
28 Lemurenarten in 4 Familien
Man unterscheidet heute 28 Lemurenarten unterschiedlichster Körpergrösse. Die Skala reicht vom winzigen, nur 12 cm messenden und 55 Gramm schweren Mausmaki (Microcebus murinus)
bis hin zum prächtig schwarz-weiss gefärbten Indri (Indri indri)
, der von den Zehenspitzen bis zum Kopf immerhin 120 cm misst und über 10 kg wiegen kann.
Die Wissenschaftler stellen die verschiedenen Lemurenarten in vier Familien. Es sind dies die Katzenmakis (Cheirogaleidae) mit 7 Arten, die Indriartigen (Indriidae) mit 4 Arten, die Fingertiere (Daubentoniidae) mit 1 Art und die eigentlichen Lemuren (Lemuridae) mit 16 Arten.
Sie alle kommen - mit zwei Ausnahmen - einzig auf Madagaskar und ein paar küstennahen Inselchen vor. Bei den beiden Ausnahmen handelt es sich um den Mongozmaki einerseits und um den Schwarzkopfmaki (Lemur fulvus)
andererseits. Beide kommen zu sätzlich zu Madagaskar noch im Komoren-Archipel vor: der Mongozmaki auf den Inseln Ndzouani und Moili, der Schwarzkopfmaki auf der Insel Mayotte.
Lange Zeit war man in Fachkreisen der Ansicht gewesen, dass die beiden Arten wahrscheinlich auf schwimmenden Baumstämmen ins offene Meer hinaus und schliesslich auf die Komoren getrieben worden waren. Neuere Erkenntnisse deuten aber eher darauf hin, dass sie bereits vor Jahrtausenden vom Menschen willentlich dorthin gebracht worden sind.
Wie dem auch sei - beide Arten haben sich bestens in ihrer neuen Heimat eingelebt und sind zu einem festen Bestandteil der Tierwelt der Komoren geworden.
Der Mongozmaki - ein anpassungsfähiger Geselle
Der Mongozmaki ist ein mittelgrosser Lemur: Ausgewachsene Tiere erreichen ein Gewicht von 2 bis 2.2 kg, eine Kopfrumpflänge von 32 bis 37 cm und eine Schwanzlänge von 57 cm. Die Männchen sind im allgemeinen grau gefärbt mit hellem Gesicht und rötlichem Backen- und Kinnbart, während die Weibchen einen mattbraunen Rücken, ein dunkles Gesicht und einen weissen Bart aufweisen. Jungtiere beiderlei Geschlechts ähneln in ihrer Färbung den Weibchen. Auf Madagaskar gibt es mitunter auch erwachsene Männchen mit Weibchenfärbung.
Die Form der Vergesellschaftung ist interessanterweise bei den Mongozmakis auf Madagaskar nicht dieselbe wie bei ihren Brüdern auf den Komoren. Auf Madagaskar leben die Tiere ganzjährig in kleinen Familiengruppen, die sich aus jeweils einem erwachsenen Paar und dessen Nachkommen zusammensetzen und in einem festen Wohngebiet von nur etwa einem Hektar Fläche umherstreifen. Im Gegensatz dazu leben die Mongozmakis auf den Komoren in grösseren Verbänden ohne feste Paarbeziehungen unter den erwachsenen Tieren. Die Zusammensetzung der Verbände ist wenig beständig und unterliegt vor allem starken Schwankungen im Jahresverlauf: In der Trockenzeit formieren sich kleinere Trupps, die sich dann in der Regenzeit wieder zu grösseren Horden zusammenschliessen. Solche markanten Unterschiede im Gesellschaftssystem ein und derselben Art ist bei Säugetieren sehr selten. Sie dürften wohl durch die unterschiedlichen Lebensbedingungen auf Madagaskar und auf den Komoren bedingt sein und zeigen eine grosse Anpassungsfähigkeit des Mongozmakis an seine Umwelt.
Erstaunlicherweise scheint der Mongozmaki auch hinsichtlich seines Aktivitätsrhythmus ausgesprochen flexibel zu sein: Auf Madagaskar und in den tropisch-warmen Küstenregionen der Inseln Ndzouani und Moili sind die behenden Lemuren fast ausschliesslich nachts unterwegs. Sie schlafen den Tag hindurch, werden etwa eine halbe Stunde nach Einbruch der Dunkelheit aktiv, schalten um Mitternacht eine zwei- bis dreistündige Ruhephase ein und sind dann erneut bis zum Morgengrauen rege. An den kühlen, ganzjährig regenreichen Berghängen im Innern Ndzouanis sind die Mongozmakis hingegen meist tagsüber aktiv.
Mongozmakis ernähren sich von Nektar
Mongozmakis führen ein ausgesprochen harmonisches Gruppenleben. Selten kommt es zu Streitigkeiten zwischen den einzelnen Gruppenmitgliedern. Sie sind im übrigenausschliesslich baumbewohnende Tiere. Im allgemeinen halten sie sich in den höchsten Kronenpartien der Bäume auf; niemals steigen sie auf den Boden hinunter.
Wie alle Lemuren sind Mongozmakis reine Pflanzenfresser. Während aber die meisten ihrer Verwandten ein breites Spektrum von Früchten, Blättern, Blüten und weiteren pflanzlichen Stoffen zu sich nehmen, scheinen sich die Mongozmakis hauptsächlich von Blütensaft (Nektar) zu ernähren. Anlässlich einer Studie über die Lebensgewohnheiten der Tiere auf Madagaskar wurde jedenfalls festgestellt, dass sie rund 80 Prozent ihrer Fresszeit damit verbringen, Nektar aus Blütenkelchen zu lecken. Die restlichen 20 Prozent verwenden sie auf das Verzehren von Früchten. Ob sich die Mongozmakis auch auf den Komoren und in anderen Teilen Madagaskars zu einem dermassen hohen Prozentsatz von Nektar ernähren, bleibt noch abzuklären. Angesichts der grossen Anpassungsfähigkeit der Art an lokale Gegebenheiten sieht man von Verallgemeinerungen besser ab.
Trübe Zukunftsaussichten
Der Mongozmaki hat kaum natürliche Feinde. Grosse Raubtiere kommen weder auf Madagaskar noch auf den Komoren vor. Möglicherweise fallen gelegentlich jüngere, unerfahrene Tiere einem Adler oder Habicht und unter Umständen auch der Madagaskar-Hundskopfboa (Sanzinia madagascariensis)
zum Opfer. Diese Verluste sind aber für die Bestände des Mongozmakis unbedeutend.
Grosse Gefahr droht heute jedoch vom Menschen. Auf Madagaskar kommt der Mongozmaki nur in den nordwestlichen Teilen der Insel vor. Gerade hier haben die Madagassen in jüngerer Zeit die Wälder auf breiter Front gerodet, um landwirtschaftliche Nutzflächen zu gewinnen. Mit den Wäldern sind leider auch die Bestände des Mongozmakis stark zurückge gangen. Da überdies die Einwohner Madagaskars häufig Jagd auf Lemuren machen, um ihren Eiweissbedarf zu decken, sind die Tiere auch in den wenigen verbleibenden Wäldern selten ungestört. Manche Fachleute sehen schwarz für die Zukunft des Mongozmakis auf Madagaskar.
Auf den Komoren hat die Situation für den Mongozmaki bis vor kurzem wesentlich besser ausgesehen. Mitte der siebziger Jahre war Moili - mit einer Bevölkerungsdichte von nur 40 Menschen je Quadratkilometer - noch weitgehend mit Wald überwachsen gewesen, und die Mongozmakis waren überall recht häufig. Auf Ndzouani, wo etwa 250 Menschen je Quadratkilometer lebten, waren die Tiere in den dicht besiedelten Küstengebieten kaum anzutreffen. Im hügeligen Inselinnern, welches noch grösstenteils mit ursprünglichem Regenwald bedeckt war, kamen die Tiere aber durchaus noch häufig vor.
Heute, zehn Jahre später, sieht die Situation nicht mehr so gut aus. Die Komorer haben sich auf beiden Inseln stark vermehrt, und die Zerstörung der ursprünglichen Pflanzendecke ist weit vorangeschritten. Zwar sind die Mongozmakis noch nicht direkt vom Aussterben bedroht; ihre Dichte hat aber überall stark abgenommen. Und da ein Ende dieser Entwicklung vorderhand nicht absehbar ist, sind Schutzmassnahmen für die flinken Lemuren dringend erforderlich.
Die Regierung der Komoren ist sich des Problems bewusst. Sie hat die Mongozmakis unter gesetzlichen Schutz gestellt. Wie in vielen gleichgelagerten Fällen bietet aber solcher Rechtsschutz auf lange Sicht wenig Sicherheit für die Tiere, sofern ihr Lebensraum weiterhin zerstört wird. Um den Mongozmakis das Überleben auf den Komoren zu gewährleisten, müssen dringend grossflächige Waldreservate geschaffen werden. Die Regierung ist durchaus gewillt, solche Schutzgebiete auszuweisen, benötigt aber hierzu finanzielle und fachliche Hilfe von aussen. Internationale Naturschutzorganisationen klären derzeit die Möglichkeiten für ein solches Hilfsprogramm ab.
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