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Die Fahrt durch die frisch verschneite Landschaft zurück nach Irkutsk dauert etwas länger als eine Stunde und auch dieser Fahrer chauffiert uns sehr angenehm über die russischen Strassen. Von der Staumauer des Angaraflusses, welche sich bereits auf Stadtgebiet befindet haben wir einen guten Blick auf das Stadtzentrum. Von hier oben präsentiert sich Irkutsk als eine moderne Metropole mit hohen Mietshäusern, die in grösseren und kleineren Gruppen aus dem Gewirr der kleineren Häuser ragen. Es gibt auch sehr viele, riesige, dunkle Industrieanlagen, die sich ebenfalls mitten zwischen den Häusern befinden und aus deren hohen Schornsteinen sich die dunklen Abgase in den Himmel erheben. Vielleicht liegt es ja an der tiefen Wolkendecke, aber auf mich macht Irkutsk einen grauen, leicht bedrückenden Eindruck.
Als wir an einem grossen, metallenen Gebäude mit einer gläsernen Piramide auf dem Dach erklärt uns Sergej, dass dies das neue Eishockey-Stadion sei. Leider ist dieses Teil aber so teuer, dass man bereits seit 20 Jahren an der Fertigstellung ist, es aber bis heute noch nicht geschafft hat die Arbeiten abzuschliessen….
Doch Sergej meint, dass das gar nicht so schlimm sei, denn dieses Stadion sei ja nur für das amerikanische Eishockey zu gebrauchen und das sei in Russland nicht so populär wie das russische Eishockey. Beim russischen Eishockey wird anstelle des Puck ein Ball verwendet und es kommen kürzere Stöcke zum Einsatz. Ausserdem spielen in einer Mannschaft 11 Spieler und die Feldgrösse ist mit der eines Fussballfeldes identisch. Überhaupt sei es fast wie Fussball einfach auf Eis. Da es keine Hallen dafür gibt, wird es auch nur im Winter gespielt und zwar auf den mit Schnee und Eis bedeckten Fussballfelder.
Wir fahren direkt ins Zentrum von Irkutsk. Dort befindet sich die Wohnung von Olga und Sergej in welcher wir heute Nacht schlafen werden. Schon der Eingang zum Wohnhaus lässt bei mir Erinnerungen an unsere Wohnung in St.Petersburg aufkommen. In einem dunklen, baufälligen und nicht sonderlich sauberen Eingangsbereich befindet sich eine massive Eisentüre. Diese kann entweder mit einem elektronischen Schlüssel oder über eine Gegensprechanlage geöffnet werden. Hinter der Eisentüre befinden wir uns in einem dunklen, völlig überheizten Treppenhaus. An den Wänden hängen kreuz und quer diverse Elektrokabel und die Zwischenböden der Stockwerke werden durch Glühlampen mit schummrigen Licht erhellt. Auf dem ersten Zwischenboden befinden sich auch die Briefkästen. Aber wie die Briefe in diese Kästen kommen, entzieht sich unserem Wissen, denn dann müsste ein Briefträger ja Schlüssel zu allen Häusern besitzen…
Bei der Türe zur Wohnung von Olga und Sergej handelt es sich ebenfalls um eine einfache Eisentüre, die wenigstens ein Guckloch und die Nummer 7 aufweisst. Die Türe muss nach aussen geöffnet werden. Doch sobald wir auch diese druchschritten haben stehen wir in der kleinen aber gemütlichen 3.5 Zimmer-Wohnung von Olga und Sergej.
Da es in dieser Wohnung aber nur zwei Schlafzimmer mit zwei Doppelbetten und ein Wohnzimmer in welchem sich auch die Küche befindet gibt, fragen wir uns wo wir heute Nacht schlafen werden. Die Lösung ist für uns etwas überraschend: Jedes Mal wenn Olga und Sergej ihre Wohnung an mehr als zwei Personen vermieten, übernachten beide in den Wohnungen von ihren Müttern und überlassen ihre Wohnung den Gästen. Beide sprechen zum Glück ein bisschen Deutsch und so erfahren wir, dass Sergej als Physiotherapeut bei der Polizei und in einem Spital arbeitet und ausserdem seine über 90 Jahre alte, demente, pflegebedürftige Mutter pflegt.
Olga erzählt uns, dass sie zur Zeit vor allem ihre Tochter und Enkeltochter unterstützt. Während ihre Tochter zur Zeit studiert und die Enkeltochter halbtags in eine Rudolf-Steiner Schule geht, wird sie in den schulfreien Zeiten von Olga betreut.
Auf jeden Fall bereitet uns Olga am Morgen ein unwahrscheinlich reichhaltiges Frühstück mit Gemüse, Kascha (Griesbrei), Brot, Konfitüre, Jogurth, Eiern und nicht nur zur Freude von unseren Kindern mit einem ganzen Berg Blinies (Crepes) zu.
Um die Sehenswürdigkeiten von Irkutsk kennen zu lernen spazieren wir auf dem für Touristen angelegten und mit einer grünen Linie am Boden gekennzeichneten Spaziergang durch das historische Zentrum von Irkutsk. Auf diesem Weg kommen wir an vielen, alten sibirischen Holzhäusern vorbei.
Erstaunt sind wir über die sehr hohe Polizeipräsenz als wir uns in der Nähe des Denkmales von Irkutsk drei Kirchen nähern. Vor allem rund um die Russisch-Ortodoxe Kirche sind viele Polizisten und auch Mitiltär aufgestellt und vor dem Eingang zur Kirche werden die Besucher mit Metalldetektoren kontrolliert. Das brauchen wir nicht und darum gehen wir einfach an den Kirchen vorbei und besuchen stattdessen suchen wir uns ein Kafe (kein sehr gemütliches dafür hat es eine grosse Speisekarte und ein WC) und dort bestellen wir Blinis. Wir bestllen Blinies mit Zucker. Da schaut uns der Kellner völlig verdutzt an und schüttelt nur den Kopf. Als er uns später unsere Getränke bringt verstehen wir sein Problem. Zucker gibt es hier nur in der Form von Würfelzucker und das ist definitiv nicht das Richtige für Blinies.
Damit wir am Abend in der Wohnung bleiben können gehen wir noch einmal auf den ältesten Markt von Irkutsk. Den gibt es anscheinend seit etwa 1850. Im Innern der Hallen werden alle Nahrungsmittel angeboten die man sich nur vorstellen kann. Von Brot über Gemüse, Fleisch, Fisch, Käse, Milchprodukten bis zu fertigen Salaten, Glace, gedörrten Früchten, Geränken, Seife, etc. etc. etc. findet man einfach alles. Angeboten werden diese Produkte an kleinen Ständen. Diese Stände sind mit Produkten so voll gepackt, dass man vielmals die Verkaufspersonen gar nicht auf den ersten Blick erkennt.
Es gibt auch kleine Restaurants und in eines dieser Restaurants sind wir ein Kebab essen gegangen. Das Kebab hat uns hervorragend geschmeckt.
Damit auch unsere Kinder auf ihre Kosten kommen und nicht nur alte Holzhäuser von Irkutsk zu sehen bekommen, gehen wir zusammen in den Zirkus der Stadt. Es handelt sich dabei nicht um ein Zelt sondern um ein festes Gebäude aus Beton, welches seine besten Zeiten auch schon vor ein paar Jahrzenten gesehen hat. Auf dem Platz vor dem Zirkus fährt ein kleiner Zug auf Rädern, es gibt Karusells und Stände mit Zuckerwatte und viel Plastikplunder und dann stehen da auch noch Pferde, Renntiere, Schafe, Geissen, Esel etc. herum und warten darauf, dass Kinder auf ihnen reiten möchten.
Die Zirkusvorstellungen finden hier jeweils am Wochenende statt und beginnen um 12:00. Die Vorstellung ist wirklich gut. Es gibt Clowns, Jongleure, Seilartisten und Akrobaten, welche an metallenen Spinnennetzen ihre Kunststücke vollführen. Ausserdem werden extrem viele Tierdressurnummern gezeigt. Von Ratten über Bisamratten, Biber, Gänse, Hühner, Kühe, Schafe bis zu Bären in allen Grössen gibt es alles zu sehen. Und dann gibt es da auch noch die Reitergruppe. Diese stämmigen Reiter vollführen wahrlich spektakuläre Dinge auf den grossen, prächtigen Pferden, die mit hoher Geschwindigkeit in der Manege im Kreis galoppieren. Ob sie nun auf den Pferderücken stehen, Saltos ollführen oder der Eine von den Schultern des Anderen mit einem Rückwärtssalto auch gleich das Pferd wechselt, oder wenn einer ohne die Hände zu benutzen auf das galoppierende Pferd springt und danach auf dem Rücken des Pferdes steht, es ist faszinierend zuzuschauen.
Nach dem Zirkusbesuch bleibt uns gerade noch Zeit Vorräte für unsere Weiterfaht mit der Transsib einzukaufen. Wir kaufen Brot, Rahmquark, feinen Schinken, würzigen Salami und fertige Salate. Ich hätte gerne noch geräuchten Lachs gekauft, aber aufgrund der zu erwartenden Geruchsentwicklung haben wir darauf verzichtet.
Mit einem uralten Tram fahren wir quer durch die Stadt und erreichen den Bahnhof von Irkutsk bei Dunkelheit. Wir begeben uns sofort in den Bahnhof. Auch hier werden die Besucher mittels Mealldetektoren geprüft. Aber als wir durch diese Dinger laufen ertönen diverse Alarme und alle Lichter blinken grell rot. Aber keinen der vielen Polizisten interessiert es nur im Geringsten und so laufen auch wir einfach weiter.
Wie von uns nicht anders erwartet trifft unser Zug pünktlich auf die Minute am Bahnhof ein. Doch nun haben wir ein Problem, denn aus irgendenem Grund sind wir davon ausgegangen, dass sich unsere Plätze im Wagen 1 befinden, doch an unserem Zug gibt es keinen Wagon mit der Nummer 1 der erste Wagon trägt die Nummer 7. Das Problem löst sich als wir eine Provodniza fragen wo denn unser Wagen 1 sei. Sie teilt uns mit, dass sich unser Abteil im Wagon 8 befindet (wie es auch auf unseren Billetten steht – wer lesen kann ist definitiv im Vorteil….) und dort lässt man uns auch sofort einsteigen.
Nachdem sich der Zug 008 nach Vladiwostock in Bewegung gesetzt hat, müssen wir nur noch darauf warten bis uns die Provodniza unsere Bettbezüge bingt. Dann können wir alle Betten beziehen und unser Abteil wieder so einrichten, wie wir es uns gewohnt sind, um unseren zweiten Teil der Transib so richtig zu geniessen.