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Sven Reckers eindrücklicher Roman basiert auf der Auswanderungsgeschichte der Armen aus Pfaffenweiler im Schwarzwald 1853. Oder war es eine Vertreibung? In jenem Jahr verliessen 132 Menschen Pfaffenweiler in Richtung Algerien. Die hohen Gemeindemitglieder und auch der französische Konsul haben ihnen das Blaue vom Himmel versprochen. Gut würde es ihnen dort gehen, Land würden sie haben, reich und satt würden sie werden. Die Gemeinde hat ein Waldstück verkauft, aus dessen Erlös hat sie die Reise der Armen finanziert. Das Waldstück wurde zum Weinberg, und dieser erhielt den Namen Afrika.
Einer der Ausreisenden war Franz. Er hat es geschafft, wieder in seine Heimat zurückzukehren, als einziger. Seine Mutter hat unzählige Briefe mit Bitte um Rückkehr in die Heimat geschrieben – aber umsonst. Sie ist an den desaströsen Bedingungen auf der Reise und dann in Algerien, wo niemand auf sie gewartet hat, gestorben. Franz trifft nach dem Tod seiner Mutter in Algerien auf Djilali, seinen einzigen Freund in seinem ganzen Leben. Für den deutsch-französischen Krieg 1870 werden sie nach Frankreich geschickt – und so kehrt Franz nach Pfaffenweiler zurück.
Reckers Roman setzt Jahrzehnte später ein. Aus Franz ist ein seltsamer, als Afrik verspotteter Alter geworden, der in einer baufälligen Hütte weit weg vom Dorf, gleich am Rande des Weinbergs Afrika haust, kaum spricht, vom Nachtkrapp geplagt wird und von nichts anderem träumt, als Afrika in die Luft zu sprengen. Und dann sitzt plötzlich dieser kleine Junge vor der Türe, mit einem Brief in der Tasche: Ich heisse Jacob. Ich bin Familie.
In der Folge begleiten wir Franz und den Jungen bei ihrer gegenseitigen Annäherung, verfolgen die Erinnerungen an Algerien und an früher und treffen mit Franz zusammen die Leute aus dem Dorf. In eigenwillige literarische Formen gegossen – fast wie ein Lied mit Refrains, wiederkehrenden Einschüben, in sprachlicher Annäherung an den sprachlosen Alten und den ebenso sprachlosen Jungen – gehen die Gedanken hin und her zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Ein sehr lesenswerter Text!Klappentext:
Afrik – so rufen sie ihn, der zurückgezogen in einer Hütte oberhalb von Pfaffenweiler lebt. Das badische Weindorf hatte in Zeiten von Missernten und Hungerkrisen gehofft, seine Armen ein für allemal los zu sein, als es ihnen 1853 die Ausreise nach Algerien finanzierte und ihnen dort ein Paradies versprach – Rückkehr ausgeschlossen. Um das Geld für die Überfahrt aufzubringen, hatte die Gemeinde einen Wald abholzen lassen und die Fläche an Winzer verkauft. Den Weinberg nannten sie Afrika. Doch in Algerien erwartete die Aussiedler Hunger, Krankheit und Krieg. Unter ihnen war auch Franz Xaver Luhr mit seiner Mutter. Er ist als Einziger zurückgekehrt und bereitet nun seine Rache vor: Seit Jahrzehnten treibt er einen Stollen in den Weinberg, um ihn eines Tages zu sprengen. Er ist fast fertig. Doch eines Wintertags sitzt ein Junge auf der Bank vor seiner Hütte, bei sich nur einen Zettel mit den Worten: Je m’appelle Jacob. Tu es famille.
Behutsam und berührend erzählt Sven Recker, auf wahren Begebenheiten basierend, von der Annäherung zweier Sprachloser und setzt den Ausgestossenen von Pfaffenweiler ein literarisches Denkmal.Über die Autorin / über den Autor:
Sven Recker wurde 1973 in Bühl/Baden geboren und lebt in Berlin. Der Afrik ist sein dritter Roman. Seine vorherigen Bücher Krume Knock Out und Fake Metal Jacket wurden als Hörspiel und als Theaterstück inszeniert. 2015 las er mit einem Auszug aus seinem Debütroman Krume Knock Out bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt.Preis: CHF 30.50