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Lebenslauf:
1510(ca.)
Geboren in Béthune bei Arras (Atrecht) in französisch Flandern.
1525
Erwähnt als Chorknabe an der Kathedralschule von Arras.
1532
Der Pariser Drucker Attaignant gibt als erster eine Komposition von Manchicourt heraus: die „Missa Deus in Adiutorium“.
1539
Attaignant druckt eine Sammlung, die vollständig dem Mottettenwerk Manchicourts gewidmet ist: „Liber decimus quartus“ mit neunzehn Werken des Meister.
Chorleiter an der Kathedrale von Tours.
1545
Manchicourt wird zunächst „Puerum symphoniacorum“, anschliessend „Maistre de Chapelle“ an der Notre Dame von Tournai (Doornik).
1545
Tielman Susato gibt in Antwerpen „Le neufiesme livre des chansons à quatre parties“ heraus. Der gesamte Druck ist den Chansons von Manchicourt gewidmet.
1550
Am Hof von Maria von Ungarn in Brüssel entsteht ein monumentales Chorbuch mit zwölf Messen von Pierre de Manchicourt:“Douze messes musicales composées par M.P. De Manchicourt“. Diese Handschrift wurde 1556 nach Spanien gebracht. Das Manuskript wird derzeit in der Benediktinerabtei von Montserrat aufbewahrt.
1552
Der französische Satiriker und Schriftsteller François Rabelais (1494-1553) erwähnt Manchicourt in „Le quart livre des faicts et dicts heroïques du noble Pantagruel“.
1554
In Löwen (Louvain/Leuven) gibt Petrus Phalesius eine Sammlung mit ausschliesslich geistlichen Werken Manchicourts heraus: „Liber quintus cantionum sacrarum vulgo moteta vocant quinque et sex vocum A. D. Magistro Petro Manchicurtio Betunio“.
1556
Kaiser Karl V. überlässt Philipp II. den Thron.
Manchicourt bekommt in Arras ein Kanonikat übertragen.
1559
Nicolas Payen, Kapellmeister der Capilla Flamenca von Philipp II, stirbt im Mai in Madrid. Daraufhin wird Pierre de Manchicourt zum „Maestro de Capilla“ ernannt. Am 27. August siedelt er nach Spanien um.
1560
Manchicourt reist zurück nach Flandern, um geeignete Knabenstimmen zu finden. Einer der Jungen ist George de la Hèle, der von 1582 bis 1586 Kapellmeister sein wird. Manchicourt wird in der Kirche Sainte-Waudru in Mons durch Margarate von Parma kirchlicher Besitz vermacht. Anschliessend kehrt er nach Spanien zurück.
In der Musikkapelle Philipp II. entsteht ein umfangreiches Chorbuch mit fünfzehn Werken von Manchicourt: drei Messen, ein Requiem und elf Motetten. Das Manuskript befindet sich heute ebenfalls in der Benediktinerabtei von Montserrat.
1564
Im Oktober stirbt Pierre de Manchicourt. Die Archive in Madrid geben an: Trespassa le cinquiesme octobre 1564.
Als Pierre de Manchicourt 1559 als Kapellmeister an den Hof Philipps II. berufen wurde, war dies ein Zeichen der Wertschätzung, die dem Komponisten zu jener Zeit bereits entgegengebracht wurde. Der grösste Teil seines Oeuvres (19 Messen, 72 Motetten, 53 Chansons, 1 Magnificat sowie 9 Psalmen im mehrchörigen Stil) war damals bereits von den wichtigsten europäischen Herausgebern gedruckt worden (z.B. Attaignant, Du Chemin, Phalesius, Tielman Susato). Überdies waren einige Sammlungen ihm allein gewidmet. Der europäische Handschriftenbestand zeigt ferner, dass Manchicourts Werke von Torgau bis Saragossa, von Stockholm bis weit nach Italien hinein aufgeführt wurde.
Die Werke Manchicourts waren unter seinen Kollegen bekannt. Eine Handschrift, die vom Komponisten Clemens non Papa (ca. 1510 – ca. 1555) verwendet wurde, enthält Arbeiten von Manchicourt. Derselbe Komponist schrieb zwei Messen nach Vorbildern Manchicourts. Orlandus Lassus (um 1532 – 1594) klassifizierte ihn in der Einleitung zu seinen „Psalmi poenitentiales“ als sehr bedeutenden und herausragenden Komponisten (Autores muisici paecipui et excellentissimi). Noch im Jahr 1617 wurde in Rom ein Werk Manchicourts durch den Organisten Alexander Nison kopiert. Der französische Komponist Claudin de Sermisy sorgte bei Attaignant für die Herausgabe eines Motettenbuchs mit Werken von Manchicourt (1529).
Dass Manchicourt die Werke seiner Vorgänger und Zeitgenossen geläufig waren, zeigt sich an den Vorlagen, die seinen Parodiemessen zugrunde liegen. Sie stammen aus der Hand Jean Lhéritier, Claudin de Sermisy, Jean Mouton, Nicolas Gombert und Jean Richafort.
Dennoch ist Manchicourt kein Komponist gewesen, dessen Name in aller Munde war. Dazu gab sich sein Werk zu eigenbrötlerisch und manchmal auch zu verschlossen. Zweifelsohne hatte er eine besondere Vorliebe für harmonisch gewagte Kontrapunkte: Beständig finden sich in seiner Musik dissonante Wechsel- und Durchgangsnoten. Querstände (gleichzeitiger Gebrauch desselben Stammtones in zwei Stimmen, aber mit verschiedenen Vorzeichen) kommen häufig vor, Auflösungen von Dissonanzen (z.B. Quartsextakkorde) geraten in Konflikt mit anderen Stimmen, und immer wieder lockt Manchicourt die Zuhörer auf falsche Fährte: Leittöne bereiten Kadenzen vor, die dann letztlich gar nicht vorhanden sind.
Manchicourts Kunst birgt ausserdem Schwierigkeiten für die Sänger: Vermeintliche“Musica ficta“ führt zu Dissonanzen mit anderen Stimmen. So geschieht es, dass Tonartbestimmungen anhand von Leittönen stets aufgeschoben werden müssen. Dieses kontrapunktische Abenteuer ist jedoch sachkundig verpackt in ein polyphones Netzwerk. Manchicourts Vorliebe für die Sechsstimmigkeit ist kein Zufall: Sie lässt dem Komponisten mehr Raum bei Querständen und Wechselnoten.
Manchicourt war ein Meister des Details seine Werke lassen sich nicht einfach erobern, denn seine Polyphonie ist von einer grossartigen, manieristisch ausgezierten Kunstfertigkeit. Die „flamboyante“ Gotik, die aus seinem Linienspiel spricht, beruht auf einer melodischen Motorik, die bei seinen Zeitgenossen selten ist: Homophonie (gleicher Rhythmus und gleiche Textverbundenheit in allen Stimmen) kommt nur vereinzelt vor. Kadenzen in einigen Stimmen werden häufig überdeckt von neuen Imitationen in anderen Partien, und das zeitweise Hinauszögern von Kadenzierungen sorgt für eine ständig fliessende Polyphonie. Manchicourts Werke kommen erst in ihren Schlussakkorden zur Ruhe.
Diese persönliche Note zeigt sich auch in der Behandlung der Texte, die zuweilen seine eigene Handschrift bekommen, indem er beispielsweise die Reihenfolge von Bibelverseren verändert (so etwa bei „Usquequo piger dormies“), und in der „Missa Veni Sancte Spiritus“ lässt er im Gloria und im Credo verschiedene Texte einander überlagern.
Doch so eigenwillig Manchicourt im Hinzufügen seiner sehr persönlichen Stilelemente auch war, er wusste diese immer im Rahmen der traditionellen flämischen Polyphonie zu halten.<BR><BR>Das geistliche und das weltliche Oeuvre sind bei Manchicourt zwei verschiedene Dinge. Obwohl er bei seinen Chansons eher traditionelle Wege beschreitet, sind gerade in diesem Genre einige besonders schöne Werke entstanden. Das achtstimmige „Faulte dargent“ ist vorbildlich in seiner Ausgewogenheit zwischen introvertierter Kunst, polyphonen Kontrasten und pikanten Details.
Es waren die Grossen der Musik, die Manchicourts Können erkannt habe. In einer Motettensammlung, die im Jahr 1580 in Genf herausgegeben wurde, bezeichnet Orlandus Lassus Pierre de Manchicourt als einen jener Komponisten, „qui per Europeam in nun usque annum nomen obtinuerunt“, „die in ganz Europa einen Namen haben sollten, heute und für alle Zeit.