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Eine Biographie – und zwar die einer berühmten Künstlerin – nicht aus einer allwissenden Perspektive darzustellen, sondern sie aus verschiedenen Blickwinkeln zusammenzusetzen, ist eine raffinierte Methode; denn sie suggeriert Authentizität und die angemessenere, weil komplexere Schilderung einer Persönlichkeit. So ganz traut Gabrielle Alioth ihrem Verfahren jedoch nicht, denn sie führt einen Ich-Erzähler ein, den engen Verwandten und Mainzer Hofmaler Franz Joseph Kauffmann, der Angelica Kauffmann seit seiner Kindheit verehrt, uneingestandermassen sogar liebt.
Kauffmann begibt sich auf Spurensuche, zunächst in der Hoffnung, seine ebenfalls malende Tochter in ihre Lehre geben zu können, nach und nach stärker gebannt von der Ausstrahlung dieser Frau, die sich noch in Äusserungen und Aufzeichnungen, aus zweiter oder dritter Hand also, mitteilt. Angelica Kauffmann muss faszinierend gewesen sein: gebildet und vielsprachig, genial schon als junges Mädchen, als sie noch schwankte, ob die Malerei oder die Musik die ihr gemässe Kunst sei.
Franz Joseph Kauffmann reist nach Schwarzenberg, wo er Jahrzehnte zuvor als Lehrling ihres Vaters der sechzehnjährigen Angelica bei der Ausmalung der Kirche geholfen hat, und wo er nun den blinden, alten Pfarrer nach dessen Erinnerungen fragt; er trifft den Sänger, der ihr Gesangsunterricht gegeben und mit ihr eine Oper im Montfortschen Schloss inszeniert hat, schliesslich in Venedig ihren Schwager und Biographen Guiseppe Carlo Zucchi. Neben diesen kommt der Maler und Dichter Heinrich Füssli zu Wort, ihr Arzt John Morgan sowie ihr Freund in Rom und Vermittler vieler Kunstwerke Johann Friedrich Reiffenstein.
Aus Berichten, Briefen, Notizen, Reflexionen dieser teils historischen, teils erfundenen Zeitgenossen erfährt man von Angelica Kauffmanns Kunst und Kränklichkeit, ihrer grossen Zuneigung zu Goethe und den Begegnungen mit zahlreichen Berühmtheiten in ihrem Salon, den nicht sehr glücklichen Ehen und Gerüchten um sie, dem Ruhm und den Reisen. Das liest sich alles angenehm, sogar spannend. Am Schluss des Buches fragt man sich allerdings, ob sich aus den Urteilen der männlichen Begleiter und Beobachter wirklich ein stimmiges Bild der Künstlerin Angelica Kauffmann ergibt oder ob es nicht eigentlich vor der Lektüre einer intensiveren Beschäftigung mit der Malerin, ihrer Zeit und der Kunstgeschichte bedurft hätte, damit die Facetten bei den Lesern sich zu einem Ganzen fügen könnten. Zumal die prüfenden Blicke der sieben Männer auf die Protagonistin mehr oder weniger in dieselbe, zwar poetische, doch moderne Sprache gesetzt sind, die man der Schriftstellerin Gabrielle Alioth, nicht aber einem Hofmaler Franz Joseph Kauffmann um 1800 zutraut. So wird das methodische Raffinement ein wenig zur Falle, die vermittelte Darstellung ergibt zwar eine über Strecken genussreiche Romanlektüre, aber man hätte Franz Joseph Kauffmann – und uns Lesern – eine persönliche Begegnung mit Angelica Kauffmann gewünscht, einen direkten Augenkontakt.
besprochen von Irene Ferchl, Gerlingen
Gabrielle Alioth: «Der prüfende Blick. Roman über Angelica Kauffmann». Zürich: Nagel & Kimche, 2007.