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Ich möchte auf diese Schlagzeile von zwei Seiten her eingehen:
- will ich zeigen, dass das natürlich stimmt: Es kann keinen nachhaltigen Umgang mit den Lebensgrundlagen ohne Suffizienz geben.
- will ich das Wort «muss» etwas hinterfragen. «Müssen» tönt unangenehm. «Müssen» wir wirklich Suffizienz – oder dürfen wir vielmehr?
1. Suffizienz muss sein
Wenn von einer Ressource weniger verbraucht werden soll, gibt es grundsätzlich drei Wege:
- Das selbe tun mit weniger Ressourcen: Effizienz
- Das selbe tun mit anderen Ressourcen: Substitution (man nennt das auch Konsistenz)
- Weniger tun.
Das wird aber kaum möglich sein.
Effizienz muss nicht heißen: das selbe tun mit weniger. Es kann auch heißen: mehr tun mit gleich viel. Oder viel mehr tun mit mehr.
In der Technikgeschichte ist genau Letzteres geschehen: Die Menschheit hat immer effizienter immer mehr verbraucht.
Das hat zu tun mit einem Effekt namens Rebound.
Was effizienter erbracht wird, kostet weniger. Was weniger kostet, wird mehr nachgefragt.
Aber auch die Konsistenz führt nicht unbedingt zum Ziel.
Ein Substitut kann etwas anderes substituieren – oder zusätzlich zum anderen hinzutreten.
Auch das ist in der Technikgeschichte immer und immer wieder geschehen.
Die Dampfmaschine hat nicht die menschliche Arbeitskraft verdrängt, im Gegenteil: Sie hat die Nachfrage nach der archaischsten aller Energieformen, Sklavenarbeit, explodieren lassen.
Weil die englischen Textilfabriken dank der neuen Energie viel mehr Baumwolle verarbeiten konnten, brauchten sie eben auch viel mehr Baumwolle, und die wurde in den USA von Sklaven produziert.
Die Eisenbahn hat die Pferdekutschen nicht verdrängt; im Gegenteil: Eisenbahngesellschaften waren die größten Pferdebesitzer.
Die Kohle, die ab ca. 1700 in größeren Menegn abgebaut wurde, hat den Verbrauch an Brennholz nicht zurückgehen lassen. (Der Brennholzverbrauch nahm nur dort ab, wo Holz knapp war – weil schon alles gerodet war oder weil man den Holzschlag verbot.)
Das Erdöl hat den Kohleverbrauch nicht zurückgehen lassen, die Elektrizität aus Wasserkraft den Erdölverbrauch nicht, die Atomkraft alle anderen Energieformen nicht.
Solche Reboundeffekte sind potenziell unlimitiert. Effizienz und Substitution führen nur dann zu einem Rückgang des Verbrauchs einer Ressource, wenn diese Ressource knapp wird – oder wenn man irgendwann genug hat.
Genug haben heißt: wenn man suffizient ist.
2. Muss Suffizienz sein, oder darf sie?
Suffizienz gilt als unbeliebt.
- Aktuelles Beispiel: Die Energieperspektiven 2050+ des Bundes vom Herbst 2020 und die darauf basierende Langfristige Klimastrategie des Bundesrats berücksichtigen Suffizienz nicht – das war ein bewusster Entscheid.
- Journalistinnen und Journalisten übersetzen Suffizienz gerne mit «Verzicht» – und wer will schon auf etwas verzichten.
- Ökonominnen und Ökonomen argumentieren, wenn von einem Gut immer mehr nachgefragt werde, wollten die Konsumenten und Konsumentinnen dieses Gut offenbar haben – sonst würden sie es ja nicht nachfragen. Suffizienz widerspräche somit dem auf dem Markt ausgedrückten Willen.
Erstens: Ich halte nicht die Suffizienz für erklärungsbedürftig – sondern den Umstand, dass sich die Meinung durchgesetzt hat, Suffizienz sei etwas Unbeliebtes.
Suffizienz bedeutet, von etwas genug zu haben und nicht immer mehr zu wollen.
Genug zu haben von dem, was man haben will, ist angenehm, immer mehr zu wollen ist anstrengend.
Aber in (Mainstream-) Ökonomie und Wirtschaftspolitik gilt die In-Suffizienz als normal und wünschenswert.
Wozu ist Wirtschaft gut? Um Waren und Dienstleistungen herzustellen, um Bedürfnisse von Menschen zu befriedigen.
Arbeitgeberpräsident Valentin Vogt sagte kürzlich: Wir Schweizer seien «wohlstandsverwahrlost». Es gehe uns zu gut, darum seien wir nicht mehr bereit, genug für die Wirtschaft zu leisten.
Das ist eine Pervertierung der Rolle der Wirtschaft: In dieser Sicht soll nicht die Wirtschaft den Menschen dienen und ihre Bedürfnisse befriedigen, sondern die menschlichen Bedürfnisse sollen unbefriedigt bleiben, damit die Menschen nicht aufhören, der Wirtschaft zu dienen.
Das bestätigt, was Max Weber gesagt hat: Unsere in-suffiziente Wachstumswirtschaft beruht auf Verzicht. Man kann heute nur investieren, um morgen mehr zu haben, wenn man heute darauf verzichtet, das, was man hat, sofort zu verbrauchen.
Weber verwendet in seiner Studie zur Geburt des Kapitalismus aus dem Geist des Protestantismus sehr oft den Begriff «Askese».
Zweitens: Suffizienz mit Verzicht gleichzusetzen, ist unsinnig.
Jeder Entscheid für etwas ist immer zugleich ein Entscheid gegen etwas anderes – und somit ein Verzicht.
Aber wir tendieren dazu, Verzicht nicht als solchen wahrzunehmen, wenn wir uns daran gewöhnt haben.
Beispiel: Ein Großteil des öffentlichen Raums dient heute nur dem einen Zweck, Fahrbahn zu sein. Wenn man weiß, wie öffentlicher Raum vor dem Auto genutzt wurde, sieht man, wie groß die Verzichtsleistung ist, die wir erbringen – vor allem die Kinder! Aber daran hat man sich gewöhnt, während ein Auto-Fahrverbot von Autofahrerinnen und Autofahrern als Verzcihtszumutung gesehen wird.
Ein Plädoyer gegen den Verzicht ist deshalb immer ein Plädoyer für den Status quo – für den Verzicht, an den wir uns gewöhnt haben.
1985 hat José Goldemberg den Zusammenhang zwischen Energieverbrauch und Lebensqualität untersucht. Resultat: Auf tiefem Niveau sind die beiden eng gekoppelt. Wer mehr Energie zur Verfügung hat, lebt besser. Doch bei einem Verbrauch von 1000 Watt / Person flacht die Kurve ab und ab etwa 1500 Watt wird sie ganz flach: Noch mehr Energie verbessert die Lebensqualität nicht mehr.
Ein «Verzicht» auf Noch-Mehr bedeutet also ab einem gewissen Niveau keinen Verzicht auf Lebensqualität.
Drittens: Dass Menschen etwas nachfragen, bedeutet nicht unbedingt, dass sie es wollen. Es kann auch Ausdruck von Zwängen sein.
Sie ergeben immer das selbe Resulltat: Auf einem tiefen Niveau sind die beiden
Beispiel: Das Pariser Forschunginstitut Forum Vies Mobiles hat in vielen europäischen Ländern Umfragen gemacht, die zeigen, dass überall ein großer Teil der Menschen findet, sie wären lieber weniger unterwegs.
Die Menschen wünschen sich weniger Verkehr!
Aber es gibt Zwänge; jede neue Straße / Bahnverbindung schafft auch einen gewissen Zwang, sie zu benutzen: Ich muss auf dem Arbeitsmarkt mit Leuten konkurrieren, Grundstückpreise steigen wegen besserer Verkehrsanbindung und ich finde keine Wohnung mehr in der Nähe des Arbeitsplatzes, Läden schließen wegen billigerer Konkurrenz weiter weg, weshalb ich auch weiter fahren muss, um einzukaufen usw.
3. Wie kommen wir zu mehr Suffizienz?
Zunächst ist es aus Umweltsicht wenig relevant, ob ein Ressourcenverbrauch zurückgeht, weil die Menschen die Ressourcen effizienter nutzen, weil sie konsistent handeln oder weil sie suffizient sind.
Mit Sicherheit weniger verbraucht wird dann, wenn weniger auf den Markt gelangt.
Wenn man weiß, dass eine Ressource nicht mehr verbraucht werden darf, gibt es keinen Grund, ihren Verbrauch noch zuzulassen.
Lässt man eine Ressource, die nicht mehr verbraucht werden darf, nicht mehr auf den Markt, können Konsumentinnen und Konsumenten selber entscheiden, zu welchen Teilen sie mit Effizienz, Konsistenz oder Suffizienz reagieren. Das ist liberal.
Aber um den Ressourcenverbrauch angebotsseitig reduzieren zu können, ohne soziale Härten zu schaffen, muss man nachfrageseitig dafür sorgen, dass die drei Wege auch offen stehen.
Suffizienzpolitik gilt oft als paternalistisch: Man will den Leuten einen Lebensstil aufzwingen.
Tatsächlich gibt es viele Zwänge, die einen in-suffizienten Lebensstil erzwingen resp. privilegieren (z.B. die Privilegien für Autos gegenüber Velos oder hohe Geschindigkeiten die lange Wege zur Folge haben, die wiederum Verkehr erzwingen).
Ich halte nichts davon, suffizientes Verhalten erzwingen zu wollen – aber man kann es ermöglichen, indem man Zwänge, Hindernisse und Privilegien abbaut. Damit erhöht man die Freiheit – das ist liberal.
Es gibt in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft viele große Freundinnen und Freunde vor allem der Effizienz.
Ich möchte für alle Effizienz-Fans versöhnlich enden:
Um beim Beispiel Mobilität zu bleiben: Suffizient ist ein Mobilitätssystem, das viel Mobilität mit wenig Verkehrbietet.
Viel Zweck mit wenig Aufwand: Das nennt man effizient!
Effizienz herkömmlich (technisch) verstanden meint: viele Kilometer pro Liter Benzin.
Suffizienz meint: viel Mobilität (i.e. erfüllte Bedürfnisse nach Ortswechseln) pro zurückgelegten Kilometer.
Suffizienz ist Effizienz – systemisch gedacht.
Technisch gedachte Effizienz unterliegt einem potenziell unendlichem Rebound: Man kann, wenn man schneller wird, immer noch mehr Kilometer zurücklegen.
Will man aber nicht Kilometerleistungen effizient erbringen, sondern Bedürfnisse effizient befriedigen, gibt es keinen solchen Rebound: Bedürfnisse sind irgendwann befriedigt. Man isst nicht weiter, wenn man satt ist, bloß weil noch mehr da ist. Man fährt nicht weiter, wenn man am Ziel angekommen ist, nur weil man weiter fahren kann.
Systemische Effizienz, die auf die Befriedigung von Bedürfnissen zielt, unterliegt deshalb kaum Rebound: Sie ist genügsam.
Mit einem anderen Wort: Sie ist suffizient!