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Die Hündin wird uns vorgestellt, weil sie seit einem Tag Probleme beim Gehen zeigt. Der Hund scheint in der Hinterhand wackelig, zeigt eine schlechte Koordination und fällt manchmal sogar hin. Auch ein nächtlicher Besuch beim Notfalltierarzt und eine Injektion eines Schmerzmittels brachten keine Besserung.
CHOU CHOU, Biewer Yorkshire-Terrier, weiblich-kastriert, 4 Jahre alt
Untersuch
Der Hund zeigt einen deutlichen Verlust der Koordination der Hinterbeine: Der Gang ist wackelig, manchmal wird insbesondere das linke Hinterbein auf der Ober- statt der Unterseite der Pfote belastet oder sogar nachgeschleift. Eine neurologische Untersuchung zeigt einen Verlust der Proprioception in den Hinterbeinen - der Hund spürt nicht mehr, in welcher Position seine Pfoten auf dem Erdboden stehen. Die Reflexe der Hinterbeine sind etwas verstärkt; der Hund zeigt aber keine offensichtlichen Schmerzen. Der restliche Untersuch des Tieres ist unauffällig.
Die Untersuchung erlaubt die Diagnose eines neurologischen Problemes, welches im Rückenmark der Brust- oder Lendenwirbelsäule lokalisiert sein muss. Als mögliche Ursachen kommt insbesondere ein Bandscheibenvorfall in Betracht; andere (weniger wahrscheinliche) Ursachen könnten eine Entzündung, ein Durchblutungsproblem oder ein Geschwulst darstellen.
Weiteres Vorgehen und Therapie
Die wahrscheinlichste Diagnose bei Chou Chou ist ein Bandscheibenvorfall. Eine genaue Diagnose ist nur mittels eines Kontraströntgens oder einer Magnetresonanz-Untersuchung (MRT) möglich. Letztere Untersuchung ist schonender für den Patienten liefert bessere Erkenntnisse, weshalb der Hund an ein Spezialistenzentrum überwiesen wird. Dort wird unter Narkose ein MRT durchgeführt und ein Bandscheibenvorfall zwischen dem vierten und fünften Lendenwirbel auf der linken Seite diagnostiziert. Da der Hund noch in der Lage ist, auf den Hinterbeinen zu gehen, wird vorerst noch auf eine Operation verzichtet und strikte Boxenruhe verordnet. 3 Tage später geht es dem Hund aber nicht besser, weshalb das Problem durch einen Chirurgen operativ angegangen wird und mittels einer sogenannten Hemilaminektomie die vorgefallenen Bandscheibenteile aus dem Rückenmarkskanal entfernt werden.
Weiterer Verlauf
Der Hund erholt sich gut von der schweren Operation. 2 Wochen später kann Chou Chou schon wieder beinahe normal laufen und es ist nur noch eine leichte Koordinationsstörung beobachtet. Da sich unter der Operationswunde etwas Wundwasser gebildet hat, werden die Fäden erst einige Tage später gezogen und ein Medikament auf pflanzlicher Basis verschrieben, um ein Abtransport des Wundwassers zu fördern.
Chou Chou erholt sich in der Folge praktisch vollständig von ihrem Bandscheibenvorfall; eine leichte Koordinationsstörung der Hinterbeine ist aber noch ine längere Zeit vorhanden.
Wissenschaftliches - die Anatomie
Das Rückenmark liegt geschützt in einem knöchernen Kanal, welcher von den einzelnen Wirbelknochen gebildet wird. Zwischen den Wirbeln liegen die Bandscheiben, welche gewissermassen als Puffer wirken und als Stossfänger dienen. Die Bandscheibe besteht aus einem gallertigen Kern, welcher innerhalb einer faserigen Kapsel liegt. Reisst diese Kapsel, so kann Kernmaterial der Bandscheibe aus der Bandscheibe austreten - am wenigsten Widerstand bietet dabei die Bänder und das Bindegewebe, welches den Rückenmarkskanal gegen die Wirbelsäule auskleidet. Da das Rückenmark im Rückenmarkskanal richtiggehend gefangen ist, kann es auf das nun anwesende Fremdmaterial nicht mittels Ausweichen reagieren - es wird komprimiert. Je nach Geschwindigkeit dieser Kompression und Menge der ausgetretenen Bandscheibenbestandteile resultieren geringe oder schwere Ausfälle des beeinträchtigten Rückenmarkes - von leichten Schmerzen bis zu einer kompletten Lähmung ist jeglicher Ausgang möglich.
Wissenschaftliches - die Krankheit
Wie beim Menschen sind Bandscheibenvorfälle beim Hund keine Seltenheit. Gewisse Rassen wie Dackel oder Spaniel sind davon häufiger betroffen als andere. Am häufigsten sind diese Discushernien im Bereich des Übergangs von Brust- zur Lendenwirbelsäule und in der Halswirbelsäule lokalisiert; je nach Ausprägung kann die Symptomatik gering (beispielsweise leichte Schmerzen an der Stelle des Bandscheibenvorfalles) bis schwer (kompletter Verlust der Bewegungsfähigkeit und Schmerzempfindlichkeit der betroffenen Beine) ausfallen; neben der Einschränkung der Funktion der Beine können ausserdem Blasen- und Darmfunktion eingeschränkt werden.
Die Wahl der Therapie hängt von der Dynamik des Problems (langsamer/chronischer Verlauf versus akuter Verlauf) und dessen Ausprägung ab. Bei einem akuten Verlauf mit starken neurologischen Symptomen ist ein chirurgisches Vorgehen zwingend, wohingegen bei leichten Symptomen absolute Ruhe und möglicherweise der Einsatz von Cortison eine komplette Heilung herbeiführen kann.