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Ikebana, die japanische Kunst des Blumensteckens
Alle Menschen früher wie heute, im Osten wie im Westen, lieben Blumen. Das Blumenstecken ist so alt wie die Zivilisation des Menschen; eines der ältesten Zeugnisse dafür sind Wandmalereien, Vasen mit Lotosblüten, in den etwa 2500 vor Christus angelegten Felsengräbern von Beni Hasa In Öberägypten.
In Japan entwickelte sich das Blumenstecken zu einer selbständigen Kunst „Ikebana“.
Ikebana ist einer der vielen Bestandteile der japanischen Kultur; deshalb muss die Geschichte des Ikebana im Zusammenhang mit allen historischen Entwicklungen im Staat, in der Gesellschaft und in der gesamten Kultur Japans gesehen werden.
Von besonderer Bedeutung für die Geschichte der Blumenkunst war die Entwicklung der Baukunst: Ursprünglich wurden kunstvolle Blumenarrangements nur für den Tempeldienst gefertigt, und zwar in einer dieser Umgebung angemessenen symbolträchtigen Form (Kuge).
Viel später — etwa im 15. Jahrhundert — entstand der erste auf feste Regeln gegründete Ikebana-Stil, das Tatebana. Anlass war das Bedürfnis — zunächst der tonangebenden feudalen Kriegerschicht — nun auch Wohnräume mit kunstvoll arrangierten Blumen zu schmücken.
Als im 17. Jahrhundert ihr Lebensstil luxuriös wurde, bildetet sich aus dem schlichten Tatebana der dekorative, prachtvolle Rikka-Stil, der zu der damaligen Luxus-Wohnhalle der Feudalherren passte.
Andererseits beeinflusste zur gleichen Zeit die Teezeremonie die Architektur des Teeraums im Sinne besonderer Schlichtheit, und als ein hierzu passender Ikebana-Stil entstand das Chabana. Im 18. Jahrhundert waren Teile der Bürgerschaft zu Wohlstand und Ansehen gelangt und wünschte sich auch für ihre Häuser, die natürlich kleiner waren als die Paläste der Feudalherren, geeigneten Blumenschmuck: So entstand der Seika-Stil.
Als im 19. Jahrhundert der westliche Lebensstil die Wohnkultur Japans beeinflusste, entwickelte sich der Moribana-Stil, der gerade im westlich eingerichteten Wohnzimmer gut zur Geltung kommt.
Im 20. Jahrhundert endlich wurden Kongresshallen, Theaterbauten und Büros in Stahlbeton mit international zeitgemässer Innenarchitektur errichtet, und wieder entstand ein dazu passender Ikebana-Stil, das abstrakte Zeneibana.
Gesellschaftliche Entwicklungen haben stets auch eine Wandlung des Ikebana-Stils bewirkt, beispielsweise wenn neue Schichten mit anderen Wertvorstellungen (Krieger anstelle von Priester) oder mit frisch erworbenem Wohlstand (Kaufleute anstelle von Feudalherren) begannen, sich für Ikebana zu interessieren. Anfangs wurden die Blumen für Götter und für Buddha gesteckt, im Mittelalter wurden Ikebana-Arrangements vor allem für geehrte Gäste gestaltet, und heute steckt man Ikebana für sich selbst aus Freude an der Schönheit und zur Selbsterziehung. Die Wandlung der inneren Einstellung der Blumenkünstler hat die Stilentwicklung ebenso stark beeinflusst wie die Wandlung der architektonischen Gegebenheiten. Gerade die Flexibilität, mit der Ikebana sich immer wieder an den Lebensstil der jeweiligen Zeit angepasst hat, ist vielleicht ein Grund dafür, dass diese sensible Kunst nun schon 500 Jahre überdauert hat.
Mit freundlicher Genehmigung von Frau Ayako Graefe; aus ihrem Buch "Das kebana-Buch: Vom Geist und Schönheit des japanischen Blumensteckens" (1982, Stuttgart: Ulmer Verlag).