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Im Opernhaus darf man alles erwarten. Mord und Totschlag, tragische Schicksalsschläge und Liebesdramen einerseits, andererseits aber auch nur locker-vergnügliche Unterhaltung und gesteigerte Arten von Sinnenfreuden sowohl für das Auge wie für das Ohr.
Über das, was das Wort «Moritat» bedeutet, gibt es unterschiedliche Ansichten. Die einen halten es für eine verdorbene Variante des Wortes «Mordtat», andere sind der Ansicht, dahinter verberge sich das lateinische Wort «mores», was soviel bedeuten würde wie «Sitten und Gebräuche». Entsprechend wäre dann eine «Moritat» nichts anderes als eine Erzählung über auffallende Verhaltensformen oder geradezu sensationswürdige Neuigkeiten über schräge Menschen aus der Geschichte oder aus der Gegenwart.
Bänkelsänger, die auf Jahrmärkten, in Kneipen und Spelunken oder unter freiem Himmel solche «Moritaten» zum Besten gaben, wurden vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt. Ihre Darbietungen, meist auf der Basis einer Leierkastenmusik und dabei bildliche Darstelllungen mit balladenhaften Texten verbindend, entsprachen dem Bedürfnis nach Berichten über «Unfälle und Verbrechen» sehr genau. Ein bisschen Grausamkeit und Grusel sollte ja auch dem normalen Lebensalltag beigemischt sein. Sonst wäre das Dasein doch zu fade und zu langweilig!
Bertolt Brechts Moritatenkunst
Sogenannte «Schreckensballaden» hatten in der Dichtkunst spätestens seit der Romantik eine wichtige Funktion. In der Zeit der Weimarer Republik kannte man bereits die wahren Schrecken des Ersten Weltkrieges mit allen seinen Folgen – Zerstörung, Tod, Hungersnot, Bettlerwesen samt sich neu formierender Verbrechersyndikate in den Metropolen und Grossstädten – aus selbstgemachten Erfahrungen.
Als Brecht und der Komponist Kurt Weill 1928 beschlossen, die altenglische «The Beggars’s Opera» von John Gay aus dem Jahr 1728 für die Bühne in Berlin neu zu bearbeiten, die in der deutschen Fassung dann die «Die Dreigroschenoper» heissen sollte, ahnte noch kaum jemand, dass daraus der grösste «Opernerfolg» der Nachkriegszeit vor der Machtübernahme durch Hitlers Nationalsozialisten werden sollte.
Denn eigentlich ist die «Dreigroschenoper» keine Oper im konventionellen Sinn. Sie wird nicht durch Opernsängerinnen und Sänger traditioneller Herkunft gestaltet und gesungen, sondern durch stimmbegabte Schauspieler, die in diesem Fall aufgrund von Weills genialer Musik zwischen den Musiktraditionen von Unterhaltungskunst und Seelendrama changierend, zu gewaltig eindrücklichen und bewegenden Auftritten gelangen. Die Dreigroschenoper war nur sozusagen der erste Akt von Brechts Beschäftigung mit Helden, Hehlern und Huren der Grossstadt. Ihm folgten dann die Projekte zur Verfilmung dieser zwielichtigen Unterwelt, und schliesslich – Brecht war bereits im Exil – der sogenannte «Dreigroschenroman» (1934), in dem er das Thema des bürgerlich-kriminellen Kooperations-Kapitalismus episch noch weiter vertiefte.
Verwandtschaft mit dem Musical
Aus heutiger Sicht sind viele Songs und Nummern der «Dreigroschenoper», die am 31. August 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm ihren von den Nationalsozialisten bald einmal gestoppten Siegeszug durch die Welt begann, «Klassiker» der gehobenen Unterhaltungsmusik, von der Moritat des Mackie Messer im Vorspiel bis zu den Songs der Seeräuber-Jenny, dem «Kanonsong», der Ballade von der sexuellen Hörigkeit, der «Zuhälterballade» , der «Ballade vom angenehmen Leben», dem Lied «von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens» und dem «Salomonsong».
Auch das heitere Finale gehört dazu, wenn der Londoner Polizeipräsident Brown als reitender Bote der Königin erscheint, die Befreiung des Verbrechers Macheath anordnet, dieser in den Adelsstand gehoben und mit einer lebenslangen Rente belohnt wird. Dazu singt der Chor zu Orgelklängen:
«Verfolgt das Unrecht nicht zu sehr, in Bälde
Erfriert es schon von selbst, denn es ist kalt.
Bedenkt das Dunkel und die grosse Kälte
In diesem Tale, das von Jammer schallt.»
Brecht selbst war vom Erfolg seines Werkes nicht besonders erfreut, denn das Publikum sollte in seinem Theater nicht jubeln und in gefällige illusionäre Träume gehüllt werden, sondern es sollte nachdenken, in sich gehen und kritisch auf die Lage der Welt reagieren. Der Dichter war inzwischen bereits unterwegs zu einer modernen Form seines epischen Theaters, das er in der Theaterarbeit der Exiljahre noch weiter entwickeln sollte. In diesem sollten die Menschen nachdenken und zu sich kommen und nicht in Begeisterung und Enthusiasmus versinken.
Die Moritat des Vorspiels
Wir sind auf dem Jahrmarkt im Londoner Stadtteil Soho. Brecht schreibt: «Die Bettler betteln, die Diebe stehlen, die Huren huren.» Also das ganz normale Leben der Grossstadt! Der Bänkelsänger erzählt jetzt die Geschichte des Revierverbrechers Mackie Messer, deren erste vier Strophen folgendermassen lauten:
«Und der Haifisch, der hat Zähne
Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer, sieht man nicht.
Ach, es sind des Haifischs Flossen
Rot, wenn dieser Blut vergiesst!
Mackie Messer trägt ‘nen Handschuh
Drauf man keine Untat liest.
An der Themse grünem Wasser
Fallen plötzlich Leute um!
Es ist weder Pest noch Cholera
Doch es heisst: Macheath geht um.
An ‘nem schönen blauen Sonntag
Liegt ein toter Mann am Strand
Und ein Mensch geht um die Ecke
Den man Mackie Messer nennt.
Und Schmul Meier bleibt verschwunden
Und so mancher reiche Mann
Und sein Geld hat Mackie Messer,
Dem man nichts beweisen kann.
In den weiteren Strophen folgen andere Opfer, die Mackie Messer ins Jenseits befördert hat. 1930 fügte Brecht für die Verfilmung der Oper eine Schlussstrophe der Moritat hinzu, die auch in die Geschichte des Werkes eingehen sollte. Sie lautet:
«Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.»
Der Siegeszug von Brechts Textfassung der Oper und Weills Musik setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg weltweit fort. Wir hören hier die Moritat von Mackie Messer, gesungen von Ute Lemper als Polly Peachum in einer Produktion des Dirigenten John Mauceri und der RIAS Berlin Sinfonietta aus dem Jahr 1988.