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Die letzten Worte sind neu der letzte Tweet
Der Schauspieler Leonard Nimoy ist von uns gegangen, meine Damen und Herren, und überall wird sein letzter Tweet zitiert: «A life is like a garden. Perfect moments can be had, but not preserved, except in memory. LLAP» (Nimoy zeichnete sämtliche Tweets mit «LLAP», dem Akronym für «Live Long and Prosper», Mr Spocks Catchphrase aus «Star Trek».) – Was früher die letzten Worte waren, ist in der digitalen Spätmoderne der letzte Tweet. Allerdings ist der letzte Tweet mit einem Nachteil behaftet: Der Kontext fehlt. Kontext ist aber oft nicht unerheblich, gerade für letzte Worte. Besonders trifft dies auf Schriftsteller zu. Für ein Dichterleben ist ein guter Schluss schliesslich ebenso wichtig wie für einen Roman. Nehmen Sie den russischen Novellisten und Dramatiker Anton Tschechow. Tschechow, ein studierter Mediziner, starb am 15. Juli 1904 im Schwarzwald-Kurort Badenweiler an der Tuberkulose. In der Nacht seines Todes sagte er zu seinem deutschen Arzt sachlich und auf Deutsch: «Ich sterbe.» Dann trank er ein Glas Champagner, drehte sich zur Wand und – starb. Mit einer unsterblichen letzten Linie endete auch das irdische Dasein des norwegischen Dramatikers Henrik Ibsen. «Es geht ihm schon etwas besser», erklärte die Krankenschwester am 23. Mai 1906 einem Besucher an Ibsens Bett. Worauf Herr Ibsen sprach: «Im Gegenteil!» Und starb.
«Eine Tragödie im grossen Stil der Antike», nannte Klaus Mann die Art, wie 1929 der Dichter Hugo von Hofmannsthal verschied. Dessen ältester Sohn hatte sich umgebracht. In der Nacht vor der Beerdigung hatte der Schöpfer des «Jedermann» den komischen und schrecklichen Traum, einen Hut nicht ergreifen zu können, der gerade ausserhalb seiner Reichweite lag. Als Hofmannsthal am nächsten Morgen dem Sarg seines Sohnes folgte, fiel sein Hut tatsächlich herunter. Indem der Dichter sich danach bückte, brach er tot zusammen.
Je jünger er stirbt, je schöner seine Leiche; je fiebriger sein Werk, desto besser für sein Fortleben. Diese kitschige Plattitüde einer entbehrlichen Kulturtheorie stimmt weder für Filmstars noch für Dichter. Nein, nicht einmal eine ungewöhnliche Art des Todes sichert dem Dichter die Unsterblichkeit. Der österreichische Schriftsteller und Dramatiker Ödön von Horváth wurde 1939 in Paris von einem herabstürzenden Ast erschlagen und ist heute einem grösseren Publikum nicht mehr bekannt. Noch viel unbekannter ist dem modernen Lesepublikum der deutsche Romancier Friedo Lampe. Am zweiten Mai 1945, also wenige Tage vor der deutschen Kapitulation, geriet Lampe in Kleinmachnow vor den Toren Berlins in die Kontrolle einer sowjetischen Militärpatrouille. Lampe, der durch die Entbehrungen des Krieges so weit abgemagert war, dass er seinem Passbild nicht mehr ähnlich sah, wurde auf der Stelle erschossen.
Früher, also bevor alles digital und spätmodern wurde, war es so, dass der Beruf des Dichters mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für Wahnsinn und/oder Selbstmord einherging. Länger lebten hingegen regelmässig jene Schriftsteller, die ständig ein bisschen krank waren oder in anderer Form mit dem Tode kokettierten (Thomas Mann, Dorothy Parker). Und heute? Nun, an Langeweile stirbt man langsam. Also müssten viele zeitgenössische Schriftsteller, namentlich im deutschsprachigen Raum, ein gesegnetes Alter erreichen. Denn die überwältigende Mehrzahl dieser Herrschaften geht ja heutzutage nicht einmal mehr das Risiko ein, sich an einem Blatt Papier zu schneiden. – Damit aber will ich nicht schliessen. Sondern mit dem fabelhaften amerikanischen Dramatiker, Drehbuchautor und Regisseur Preston Sturges. Dieser verstarb am 6. August 1959 nach einem Herzanfall im Algonquin Hotel. Dort schrieb er gerade an seiner Autobiografie. Für die er den Titel vorgesehen hatte: «The Events Leading Up to My Death».
So. Und jetzt muss ich gehen und meine Vitamintablette nehmen.
Bild oben: Leonard Nimoy an der Premiere von «Star Trek into Darkness» im Mai 2013. Foto: Reuters