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"Der "radikale Konstruktivismus" findet sich auch bei heutigen Hirnforschern und Neurophilosophen. Er wird uns im Verlauf dieses Buchs noch beschäftigen, etwa im Zusammenhang mit der These, unser Ich oder Selbst sei ein Konstrukt des Gehirns, und damit eine bloße Illusion. In dieser These schlägt die realistische Deutung von Ergebnissen der kognitiven Neurowissenschaft in einen Anti-Realismus bezüglich empirisch gut verbürgter mentaler Phänomene um - und hierin berühren sich die wissenschaftstheoretischen Extreme von Konstruktivismus und scientific realism."
Falkenburg 2012, S. 96f.
Was Frau Falkenburg hier macht ist äusserst problematisch. Sie nimmt einen in der Naturwissenschaft negativ konnotierten Begriff und gibt ihm eine exakt gegenteilige Bedeutung. Mit radikalem Konstruktivismus bezeichnet man klassischerweise die Vorstellung, dass die materielle Welt nur eine Konstruktion des nichtmateriellen Geistes ist. Frau Falkenburgs Umkehrschluss ist allerdings falsch. Wenn Bewusstsein nur ein Konstrukt des Gehirns ist, bedeutet das nicht, dass es nicht real existiert, es handelt sich dabei definitiv nicht um einen Anti-Realismus, der die empirisch gut verbürgten mentalen Phänomene negiert. Vielmehr bedeutet es, dass mentale Phänomene real existieren, aber nur in Abhängigkeit von der real existierenden Welt, eine Vorstellung, die im Gegensatz zum "klassischen" radikalen Konstruktivismus empirisch sehr gut gestützt ist.
Frau Falkenburgs Umkehrschluss funktioniert deshalb nicht, weil die Welt Bewusstsein überdauert (z.B. im Schlaf, über den Tod hinaus). Ist die Welt eine Konstruktion des Bewusstseins, dann kann die Welt unabhängig vom Bewusstsein nicht weiter existieren. "Schläft" das Bewusstsein, gibt es die Welt nicht mehr, die ja nur als Konstrukt dieses Bewusstseins existiert. Eine solche Vorstellung ist offensichtlich absurd und wird deshalb als anti-realistisch bezeichnet, da in dieser Vorstellung die Welt nur dann real existiert, wenn ein Mensch bewusst wahrnimmt (wobei Wahrnehmung die Existenz einer Welt voraussetzt...).
In der Umkehrung überdauert die Welt das Bewusstsein so oder so - egal ob Bewusstsein auch unabhängig von der Welt existiert oder nicht. Existiert die Welt real (und im Gegensatz zum Bewusstsein über lange Zeit), ist Bewusstsein genauso real wie alles andere, das durch die Welt hervorgebracht wird. Zu behaupten, es handle sich hierbei um einen Anti-Realismus ist absurd - ausser man versteht unter Realismus die Vorstellung, dass Bewusstsein nicht nur in Abhängigkeit von der Welt real existiert. Dies ist allerdings die Vorstellung des Dualismus - die Frau Falkenburg in ihrem Buch Mythos Determinismus zumindest an einer Stelle vehement ablehnt und die in der Wissenschaft aus guten Gründen keine Rolle mehr spielt.
Mehr dazu: »Brigitte Falkenburg: Mythos Determinismus.