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Das Weltfinanzsystem funktioniert nicht richtig, und dies gilt insbesondere im Hinblick auf die Entwicklungsländer. Mit einer einfachen Reform dieses Systems liesse sich die Weltwirtschaft stärken und stabilisieren, überdies könnte man einem der grössten Probleme der Weltgemeinschaft entgegenwirken: dem Mangel an Kapital für Entwicklungsförderung, Armutsbekämpfung und eine bessere Bildungs- und Gesundheitsversorgung.
Alle Länder der Welt halten Währungsreserven. Mit ihnen können Länder Risiken besser begegnen, was wiederum das Vertrauen in das Land und seine Währung stärkt. Die Reserven können im Notfall angezapft werden. Sie bilden einen Puffer gegen unerwartete Änderungen der Kreditkosten durch Zinserhöhungen. Bei einer plötzlichen Notlage, etwa einer Missernte, lassen sich dank der Währungsreserven Lebensmittelimporte finanzieren. Die Höhe der Reserven, die ein Land braucht, schwankt, aber als Faustregel gilt: Ein Land sollte genügend Reserven halten, um wenigstens ein paar Monate lang seine Importe abzudecken.
Die Währungsreserven verursachen allerdings gewaltige Kosten, insbesondere für die Entwicklungsländer. Heutzutage erzielen Entwicklungsländer mit den über 3 Billionen Dollar, die sie für die Währungsreserven aufwenden, im Schnitt eine effektive Rendite von höchstens 1 bis 2 Prozent. Die meisten Entwicklungsländer brauchen dringend Kapital für unzählige hochrentable Projekte. Wenn das Geld nicht in Reserven gesteckt, wenn es den USA nicht für so mickrige Zinsen zur Verfügung gestellt würde, dann könnte es in diese anderen Projekte investiert werden, und zwar zu einem Ertrag von 10 bis 15 Prozent. Die Differenz zwischen diesen Zinssätzen kann man als Kosten der Reserven ansehen. Ökonomen nennen diese Kosten – die Differenz zwischen möglichem und tatsächlichem Ertrag – „Opportunitätskosten“. Die tatsächlichen Kosten der Währungsreserven für die Entwicklungsländer betragen demnach über 300 Milliarden Dollar pro Jahr. Sie entspricht dem Vierfachen der gesamten Auslandshilfe.
Das gegenwärtige System der Weltwährungsreserven dämpft die Weltwirtschaft und macht sie instabiler, weil es die Beibehaltung der Vollbeschäftigung erschwert. Das Geld, das in die Währungsreserven fliesst, ist Geld, das zur globalen Gesamtnachfrage beitragen könnte; es könnte auch zur Ankurbelung der Weltwirtschaft benutzt werden. Statt das Geld für Konsum auszugeben oder es zu investieren, schliessen Regierungen es einfach weg. Jedes Jahr werden der Weltwirtschaft etwa 750 Milliarden Dollar an Kaufkraft entzogen, und dieses Geld wird buchstäblich im Boden vergraben.
Es gibt ein Land, das die unzulängliche Gesamtnachfrage infolge der „Stilllegung“ von Kaufkraft ausgleichen kann: die USA, die zum „Notnagel“-Konsumenten geworden sind. Das Handelsbilanzdefizit der USA ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass der US-Dollar eine Reservewährung ist. Die Frage ist nur, wie lange die USA der Welt diesen Dienst noch erweisen, das heisst ihren Kaufrausch fortsetzen können. Die wachsende Verschuldung untergräbt mit der Zeit das Vertrauen, das notwendig ist, um den Dollar als Reservewährung beizubehalten.
Die wachsende Schwankungsanfälligkeit des Dollarkurses hat dazu geführt, dass die Währung kein gutes globales Wertaufbewahrungsmittel mehr ist. Es gibt eine bemerkenswert einfache Lösung, die schon Keynes erkannt hat: Die internationale Gemeinschaft könnte eine neue Form von Papiergeld ohne Edelmetalldeckung einführen und als Reservewährung verwenden. (Keynes nannte sein neues Geld „Bancor“). Die Staaten der Welt würden sich verpflichten, dieses Papiergeld – wir wollen es global greenbacks („Weltdollar“) nennen – zum Beispiel in Krisenzeiten gegen ihre Inlandswährung einzutauschen. Weil jedes Land „Weltdollar“ in seinen Reserven hält, müssen alle Länder nicht mehr (so viele) Dollar oder Euro als Währungsreserven halten. (Aus Joseph Stiglitz: Die Chancen der Globalisierung, 2008, Seite 307-328)