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Ein Indianer kennt keinen Schmerz, oder doch?
Erfahrungsberichte Die Indianer gehören nicht nur der Literatur von Karl May an: Noch heute leben sie im nordamerikanischen Pine-Ridge-Reservat. Vance Blacksmith ist ein Gelehrter der indigenen Lakota-Tradition und verrät, wie Indianer heute leben und wie sie wirklich mit dem Schmerz umgehen.
Was hat das Indianerzitat «Ein Indianer kennt keinen Schmerz» auf sich? Stimmt es, dass ein Indianer keinen Schmerz kennt?
In der indigenen Kultur ist es eine Selbstverständlichkeit, dass wir unter Schmerzen geboren werden und unter Schmerzen sterben. Mit diesem Zitat ist also vielmehr gemeint, dass man Schmerzen nicht zeigt, sondern sie aushält. Denn es ist die Vision, die aus diesem Schmerz erkannt werden soll.
Es geht darum, den Schmerz auszuhalten in einem physischen, spirituellen und emotionalen Sinn. Das Leben ist in vielem ein Schmerz. Beispielsweise piercen sich die Lakota in Ritualen. Dieser bewusst herbeigeführte Schmerz soll beweisen, dass das Anliegen der Tänzer echt ist und dass sie alles dafür geben, von den «Spirits» erhört zu werden.
Es ist also ein missverstandener Spruch, es geht eigentlich darum, den Schmerz zu «managen», in jeglicher Form.
Sie sind im nordamerikanischen Indianer-Reservat Pine Ridge geboren und aufgewachsen. Wohnen Sie jetzt noch in diesem Reservat?
Ich wohne im Pine-Ridge-Reservat und ich arbeite als spiritueller Berater. Zudem bin ich an verschiedenen Colleges als Gelehrter der Philosophie, der Geschichte, Sprache und Spiritualität der Lakota tätig. Aus meiner geschiedenen Ehe sind zwei Kinder hervorgegangen: ein Sohn, 20 Jahre, und eine Tochter, 18 Jahre. Meine Tochter begleitet mich jeweils auf meinen Reisen nach Europa.
Was sind die wichtigsten Aspekte der traditionellen Lakota-Heilkunst?
In der Lakota-Kultur geht es um das zirkulare Denken, welches besagt, dass wir nur ein winziger Teil der ganzen Schöpfung sind. Der Vertrag mit der Schöpfung heisst «Leben». Dementsprechend ist alles miteinander verbunden und es geht um Respekt und Achtung der eigenen Ressourcen.
Das Gegenteil ist das in der modernen Zeit gelebte lineare Denken. Vieles daran ist auch genial, weil wir mit diesem Denken grosse Häuser bauen und uns Reichtum aneignen. Dieses Wertesystem beinhaltet, dass sich alles um uns dreht. Daraus resultiert aber auch, dass wir die Ressourcen überspannen und vergessen, was das für Auswirkungen auf die Zukunft haben wird.
Mit anderen Worten wäre das zirkulare Denken der ideale Ansatz, um Burnout – welches eine Zeitkrankheit ist – zu vermeiden?
Das ist ein guter Vergleich! Leider ist es auch im Pine-Ridge-Reservat nicht mehr so, dass dieses Gedankengut gelebt wird. Auch dort hält das moderne Leben zum grössten Teil Einzug.
Es gibt eine Minderheit, welche dieses prärieindianische Gedankengut noch lebt. Bis noch vor etwa 100 Jahren hat dieses Denken noch funktioniert und wurde gelebt.
Das heisst, die Lakota-Kultur ist bedroht?
Ja, die Lebensweise der Lakota-Kultur und deren Wissen ist bedroht. Das ist ja bei den meisten Indigenen der Fall. Obschon die Lakota ihre alte Lebensweise weitgehend verloren haben, besitzen doch rund zehn Prozent ein enormes Wissen über unterschiedlichste Aspekte des Lebens, über die Flora und Fauna und Heilmedizin.
Welche Hausmittel soll eine Familie analog der Lakota-Heilkunst auf jeden Fall in ihrer Hausapotheke führen?
Das Wichtigste ist, Bewusstsein und eine Harmonie zwischen dem Geist, dem Körper, dem Herz und der Psyche zu schaffen. Ohne diese Grundhaltung nützt keine Medizin. Wenn man dies erkannt hat, gibt es eine Vielzahl von Heilpflanzen, die in der Lakota-Kultur eingesetzt werden.
Beispielsweise ist der Sonnenhut, vor allem unter dem lateinischen Namen «Echinacea», bekannt für seine vorbeugende und heilende Wirkung bei Erkältungskrankheiten. Diese Pflanze wurde durch die Lakota-Indianer nach Europa gebracht.
Die Lakota-Kultur ist voller Symbolik. Was bedeuten beispielsweise das «Medizinrad» oder die sagenumwobene «Indianer-Pfeife»?
Das Medizinrad ist das grundlegende Symbol der indianischen Spiritualität. Der Kreis ist heilig, er ist wie das Leben, ein Kreis ohne Anfang und ohne Ende. Es dient vor allem als Symbol unserer Herkunft und stellt ein Wertesystem dar. Es ist in vier Teile aufgeteilt, welche die Jahreszeiten repräsentieren und diese wiederum die Dualität in allem Leben aufzeigen.
Die indigene Kultur geht nicht von Himmel oder Hölle aus, sondern dass sich jeder seine eigene Realität herstellt und wieder in seine Mitte finden kann – welche eben die Mitte des Medizinrades darstellt. Die Pfeife repräsentiert grundsätzlich die männlichen und weiblichen Eigenschaften. Der «Pfeifenkopf» ist das weibliche und der «Pfeifenhals» das männliche Element. Das Pfeifenrauchen bedeutet, in Achtsamkeit und Würde zu leben und ist ein Geschenk an das Universum.
Tipp
CHANTEETAN – Kultur – und Landschaftsreisen bei den Lakota (Sioux)
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