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Während ihr Buch um die Welt ging, zog sich Harper Lee, die eigentlich Nelle Lee hiess, immer weiter zurück. Mitten in der Millionenmetropole New York hatte die Autorin ihren Weltbestseller «Wer die Nachtigall stört» geschrieben, aber als der immer erfolgreicher und schliesslich mit dem Pulitzerpreis gekrönt und verfilmt wurde, war Lee schon wieder in ihrem Geburtsstädtchen Monroeville im US-Bundesstaat Alabama.
Lektion in Menschenrechte
Rund 40 Millionen Mal hat sich ihr 1960 veröffentlichter Roman «Wer die Nachtigall stört»- im Original «To Kill a Mockingbird» – bislang verkauft. Mit Schauspieler Gregory Peck in der Hauptrolle wurde das Werk auch verfilmt und gewann drei Oscars.
Bis heute ist das Buch über den weisen Rechtsanwalt Atticus Finch, der einen zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigten Afro-Amerikaner verteidigt und dabei sowohl seinen Kindern Jem und Scout als auch einem ganzen Land eine Lektion in Toleranz, Nächstenliebe und Menschenrechten erteilt, in vielen Schulen Standardlektüre und gehört zu den meistgelesenen Büchern aller Zeiten.
Späte Fortsetzung
Warum Harper Lee danach jahrzehntelang zunächst kein neues Buch veröffentlichte, das hat die am 28. April 1926 in Monroeville als jüngste von vier Kindern eines Anwaltes und seiner gemütskranken Frau geborene Lee nie öffentlich erklärt. Sie habe es noch ein paarmal versucht, aber immer wieder aufgegeben, berichteten US-Medien.
Für um so mehr Wirbel sorgte deshalb Anfang 2015 die Ankündigung, dass es ein neues Buch von Lee geben werde. «Gehe hin, stelle einen Wächter» war der erste Entwurf für «Wer die Nachtigall stört». Trotzdem war das Buch eine Sensation, verkaufte sich millionenfach – und schockte viele Fans, denn der weise Rechtsanwalt Atticus war auf einmal ein Rassist.
Unklar blieb die Frage, was sie selbst eigentlich von der späten Veröffentlichung hielt. Zuvor hatte die Autorin die Aussicht auf eine Fortsetzung von «Wer die Nachtigall stört» stets energisch zurückgewiesen, und gegen eine Biografie war sie 2011 mit Anwälten vorgegangen.
Zahlreiche Freunde und Bekannte der Autorin bezweifelten öffentlich, dass sie mit der Veröffentlichung einverstanden sei. Ihr Gesundheitszustand lasse so eine Entscheidung gar nicht mehr zu. Sogar der Bundesstaat Alabama schaltete sich ein und untersuchte nach einem anonymen Hinweis, ob Lee ausgenutzt und manipuliert wurde. Ein Vergehen konnte aber nicht festgestellt werden.
Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Nachrichten, 19. Februar 2016, 17.30 Uhr.