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Nr. 12: Letzte Immobilienkrise wirklich nicht vorhersehbar?
Beim Zusammenschluss der Bankgesellschaft mit dem Bankverein zur UBS im Jahr 1998 verkündete der kurzzeitige VR-Präsident, man habe die Immobilienkrise Anfang der 90er Jahre nicht vorhersehen können. Allein die damals noch drei Schweizer Grossbanken hatten rund 45 Milliarden Franken Verluste eingefahren. Diese steckten sie dank der hohen Hypothekarzinse von 8 % ziemlich rasch weg.
War das Platzen der Immobilienblase tatsächlich unvorhersehbar? Wir als Hauseigentümer im Tessin spürten das kommende Unheil, da wir ab 1988 verkaufswillig waren.
Auf der Suche nach einem neuen Zuhause zogen wir Zürichs Umgebung nicht in Betracht, wo die Preise explodiert waren. Aber selbst entlegene Teile der Ostschweiz verzeichneten einen stärkeren Auftrieb als erwartet. In Lugano dagegen verliefen unsere Verkaufsbemühungen harzig. Zunächst hatten wir es mit eher seltsamen Figuren aus dem Maklerumfeld zu tun, die über Bekannte an uns gelangten. Von einer umtriebigen Dame hörten wir lange nichts mehr, da sie – wie sich herausstellte – auf einer Himalaya-Expedition war. Die Dienstleistungen eines früheren Tessiner Gemeindepräsidenten (mit dem Hobby Schlangenzucht) und WIR-Ring-Vermittlers hätten unseren Anschluss an dieses System bedingt, was nicht infrage kam.
Zu Ohren kamen unsere Verkaufsabsichten auch der Nachbarin, welche das oberste Geschoss einer Überbauung mit Eigentumswohnungen behalten hatte. Eine der Wohnungen gehörte dem italienischen Schauspieler Vittorio Gassman (1922-2000), der sie an Deutschschweizer vermietete. In den 70er Jahren hatte ein drohender kommunistischer Wahlsieg zahlreiche vermögende Italiener bewogen, ihr Geld ins gleichsprachige Tessin zu retten. Der einheimische Finanzplatz erlebte goldene Zeiten. Diese Nachbarin, die eine im Fürstentum Liechtenstein zugelassenen Limousine fuhr, suchte für ihre Tochter ein Haus. Der Kauf unseres Grundstücks scheiterte jedoch, weil der Bau eines Schwimmbades am Hang zu kostspielig gewesen wäre. Eine weitere Nachbarin, deren Ehemann, ein italienischer Industrieller, mich bis zu seinem Verschwinden jahrelang mit seinem dauerbellenden Schäferhund geärgert hatte, erwies sich bei einer Erkundigung nach dem Preis als nette Thurgauerin, mit der man durchaus hätte reden können – über den Hund.
Im Frühling 1989 ergab sich die Chance eines Markttests. Drei grosse Anwaltskanzleien in Zürich, Bern und Lugano hatten in allen bedeutenden Zeitungen die Villa eines verstorbenen Zürcher Unternehmers ausgeschrieben. Sie lag im Luganeser Stadtteil Cassarate unweit des Sees, aber im flachen Gelände ohne Seeblick, 1700 Quadratmeter in der fünfgeschossigen Mehrfamilienhauszone. Im Kongresshaus Lugano sollte die Auktion ab einem Ausruf von 2 Millionen Franken stattfinden.
Voller Spannung, wie viele Interessenten sich wohl einfinden und bis wohin den Preis hochtreiben würden, betraten meine Frau und ich den Saal. Aber welch eine Enttäuschung: Die Veranstalter waren in der Mehrzahl. Unter den Mitgliedern der zuvor erwartungsvollen Erbengemeinschaft befanden sich einige jener klunkerbehangenen Frauen wie aus einer TV-Soap. Verstohlen-hoffnungsvolle Blicke richteten sich auf uns, die beinahe allein (für uns peinlich) Platz genommen hatten. Auf den Ausruf von 2 Millionen hob sich nicht eine Hand. Die Gesichter der Erben wurden lang und länger.
Wir selber gingen nachdenklich den kurzen Weg zu Fuss nach Hause. Auch wenn unsere Liegenschaft mit der Stadtvilla nicht zu vergleichen war, erschien uns die gescheiterte Auktion als Warnsignal. Zumindest im Tessin – so ein unbestimmtes mulmiges Gefühl – war dem Immobilienboom die Spitze gebrochen.