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Urning
Begriff und Urningschriften
Schon in den ersten drei Schriften, die alle 1864 erschienen, vertrat Ulrichs seine Hauptthese: Homosexualität ist angeboren.
Für den "geborenen Urning" seien gleichgeschlechtliche Liebesakte keineswegs widernatürlich, sondern dem "angeborenen Trieb" entsprechend naturgemäss. Später erkannte er zudem (in Formatrix, 1865), dass es zwischen den beiden Polen des 100-prozentig männlichen Mannes ("Vollmann") und 100-prozentig femininen Urnings ("Vollweib") die verschiedensten Mischungen und Grade gibt. Damit hatte er bereits vorweggenommen, was Alfred Kinsey 1948 in seinem berühmten Report beschrieb und grafisch darstellte.
Auf die Bezeichnung "Urning" (der Begriff Homosexualität wurde erst 1869 geprägt) kam Ulrichs durch seine Kenntnis des Altertums, wo man zwischen Venus Pandemos - für die Liebe zwischen Mann und Frau zuständig - und Venus Urania - Göttin der Liebe von Mann zu Mann - unterschied. Diese zweite Form der Venus war die Tochter des Titanenvaters Uranos, dessen abgeschnittene Genitalien ins Meer fielen, sich dort zu Schaum verwandelten, woraus Venus als "Schaumgeborene" entstand. In Prometheus (1870) schrieb Ulrichs dazu: Sie
"ist die mutterlose Tochter des Uranos, welche wir auch Urania nennen [...] sie hat nicht Teil an weiblich, sondern an männlich allein. Darum ist Uranias’ Eros die Liebe zu Jünglingen. Wer von diesem Gott berauscht ist, wird hingezogen zu dem, was männlich ist [...]."
Ulrichs war sich des vollen Erfolges seiner bahnbrechenden Thesen so sicher, dass er bereits in der ersten Schrift den raschen Durchbruch prophezeite:
"Den beiden vorherigen Jahrhunderten war es gegeben, die Verfolgung von Ketzerei und Hexerei abzuschaffen. Unserem Jahrhundert, ja hoffentlich unserem Jahrzehnt, wird es vorbehalten sein, die Verfolgung der mann-männlichen Liebe abzuschaffen."
Der wohl rein intellektuelle Mann hatte die tiefe Verwurzelung traditioneller Denkweisen und Verhaltensformen übersehen, besonders, wenn es um Werte der Ethik, der Moral und ihrer Tabus geht. Hätte er vom Schicksal Heinrich Hösslis gewusst, es müsste ihn gebremst haben. Er war ein Aufklärer und Menschenfreund wie Hössli und entsprach zudem mit seinen Gaben und seiner Schulung genau jenem Mann, den der Putzmacher aus Glarus vergeblich gesucht hatte, damit sie beide zusammen den "Eros der Griechen" richtig gestalten, in Form setzen und zum durchschlagenden Erfolg bringen könnten.
Ernst Ostertag, September 2006