Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03253.jsonl.gz/711

Leben im Salzstress
Dort, wo Süsswasser führende Flüsse ins Meer münden, entsteht ein vom Salzstress geprägter Lebensraum. Nur speziell angepasste Lebewesen können diesen erfolgreich besiedeln.Weiterlesen … Leben im Salzstress
Die meisten Wasserlebewesen sind entweder an Süss- oder an Salzwasser angepasst. Jedoch gibt es Gebiete auf dieser Erde, wo diese zwei Gewässertypen sich mischen, sogenannte Brackwasserzonen. In diesen Zonen ist die Salzkonzentration im Wasser nie konstant, was die Bedingungen für die dort lebenden Organismen erschwert. Ihr Leben ist geprägt vom Salzstress.
Alles Wasser auf unserer Erde kann grob in Süss- und Salzwasser eingeteilt werden. Süsswasser enthält am wenigsten Salz und kann vom Menschen konsumiert werden. Brackwasser findet sich in Übergangszonen zwischen Süss- und Salzwasser; es hat einen höheren Salzgehalt als Süsswasser, aber einen geringeren als Salzwasser. Je nach Region wird der genaue Salzgehalt von Brack- und Salzwasser unterschiedlich definiert, aber beide sind zu salzig, um als Trinkwasser für den Menschen zu dienen. Brack- und Salzwasser unterscheiden sich nicht nur durch ihre Salinität, sondern auch durch die Schwankungen in ihrem Salzgehalt. Im Brackwasser schwankt der Salzgehalt je nach Tages- und Jahreszeit stark, was bei Salzgewässern nicht der Fall ist. Durch diese wechselhaften Bedingungen stellen Brackwasserzonen für Lebewesen einen äusserst schwierigen Lebensraum dar.
Am häufigsten geschieht das Aufeinandertreffen von Süss- und Salzwasser bei Flussmündungen, sogenannten Ästuaren, wo das Süsswasser des Flusses in das salzhaltige Meerwasser fliesst. Dasselbe geschieht, wenn sich Meerwasser entlang einer Küste mit unterirdischem Küstengrundwasser vermischt. Aber auch Binnenmeere, die nur durch einen ganz schmalen Bereich mit dem offenen Ozean verbunden sind, sind Brackwasserzonen. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Ostsee, die nur durch einen schmalen Kanal mit dem atlantischen Ozean verbunden ist und in die zudem viele Flüsse münden.
Durch die ständig wechselnde Salinität im Brackwasser sind die Lebewesen darin einem dauernden osmotischen Stress ausgesetzt. Organismen, die nur im Süss- oder ausschliesslich im Salzwasser leben, können eine bestimmte Art von Osmoregulation entwickeln, um mit dem entsprechenden Salzgehalt klarzukommen. Lebewesen im Brackwasser müssen jedoch ihre osmoregulatorischen Fähigkeiten dauernd anpassen und ändern. Dies kostet sie viel Energie. Häufig ist die Artenvielfalt in Brackgewässern relativ klein. Trotz geringer Biodiversität kann die Individuenanzahl aber hoch sein.
Arten, die ihre Osmoregulation über einen grossen Salzgehaltsbereich aufrechterhalten können, nennt man euryhalin. Viele unterschiedliche Lebewesen, wie Pflanzen, Insekten, Reptilien, Fische oder Weichtiere können in Brackwasserzonen überleben und haben verschiedene Methoden entwickelt, um mit dem schwankenden Salzgehalt klarzukommen.
Die Diamantschildkröte findet man vorwiegend in Salzmarschen und Flussmündungen. Um mit den unterschiedlichen Salzkonzentrationen klarzukommen, hat sie eine Drüse hinter dem Auge entwickelt, mit der überschüssiges Salz ausgeschieden werden kann. Zudem ist ihre Aussenhaut sehr undurchlässig für Salz und Wasser. Die Diamantschildkröte hat auch gelernt, ihr Fressverhalten an die Salzkonzentration in ihrer Umgebung anzupassen. Je höher die Salinität, desto weniger frisst sie. So vermeidet sie die Aufnahme von zu grossen Salzmengen. Zudem trinkt sie nur Süsswasser, z. B. nach einem Regenfall, und kann dieses schnell aufnehmen und in ihrem Körper speichern.
Der Bullenhai, der über drei Meter lang werden kann, lebt als adultes Tier zwar hauptsächlich im Salzwasser, hat aber die Fähigkeit entwickelt, sich an Süss- und Brackwasser Umgebungen anzupassen. Spezielle Anpassungen in gewissen Organen ermöglichen dies. Die Nieren spielen eine wichtige Rolle bei der aktiven Wiederaufnahme von Salzen zurück in den Körper. Auch die Kiemen helfen, wichtige Salze aus dem Süsswasser zu ziehen.
Lachse sind ein sehr interessantes Beispiel für Knochenfische, die mit unterschiedlich salzhaltigen Umgebungen klarkommen können. Den grössten Teil seines Lebens verbringt der Lachs im Ozean. Um zu laichen, schwimmt er jedoch Süsswasserflüsse hinauf. Somit verbringt der Lachs Teile seines Lebenszyklus im Salz-, Brack- und Süsswasser und muss mit extrem verschiedenen Salzkonzentrationen klarkommen.
Der Lebenszyklus der Lachse beginnt im Süsswasser, wo die adulten Tiere ihre Eier legen und die Jungen schlüpfen. Sind die Jungen alt genug, beginnt der Prozess der Smoltifikation, der es ihnen erlaubt, danach aus dem Fluss in den Ozean zu schwimmen und im Salzwasser zu leben. Neben Körpergrösse und Schuppenfarbe ändern sich während diesem Prozess wichtige Salztransporter in den Kiemen, um mit dem höheren Salzgehalt im Meer klarzukommen. Im Süsswasser gehen die Lachse mit dem tiefen Salzgehalt um, indem sie grosse Mengen verdünnten Urin herstellen und so das überschüssige Wasser loswerden. Durch die Verdünnung des Urins behalten sie die wichtigen Nährstoffe im Körper. Wandern sie nun in salzhaltigere Gewässer, müssen sie diesen Prozess umkehren. Die Lachse tun dies, indem sie Meerwasser trinken, somit Wasser aufnehmen, aber das überschüssige Salz über die Kiemen, Nieren und den Verdauungstrakt wieder ausscheiden.
Ein Leben geprägt vom Salzstress in Brackwasserzonen erfordert viele Anpassungen. Insgesamt sieht man, dass wenige Lebewesen überhaupt mit den sich dauernd ändernden Bedingungen zurechtkommen können. Die Lebewesen, welche es geschafft haben, lassen sich jedoch vom Salzstress nicht aus der Ruhe bringen.