Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03277.jsonl.gz/2770

Das Indiovolk der Kamaiurá ist von grundlegender Bedeutung für die indianische Kultur des Oberen Xingu, wo verschiedene Eingeborenen-Stämme unterschiedlicher Sprachfamilien ihre Vorstellungen von der Welt und ihre Art zu leben miteinander teilen. Sie sind auch durch intergruppale Rituale miteinander verbunden, welche innerhalb der einzelnen Ethnien unterschiedliche Bezeichnungen haben, die aber sowohl innerhalb als auch ausserhalb des “Xingu-Universums“ erst durch die in der Kamayurá-Sprache benutzten Termini bekannt geworden sind
Kamaiurá
|Andere Namen: Kamayurá

Sprache: Familie Tupi-Guarani
Population: 467 (2011)
Region: Mato Grosso (Parque Indígena do Xingu)
|INHALTSVERZEICHNIS

Lebensraum und Bevölkerung
Das Dorf
Geschichte der Besetzung des Oberen Xingu
Gesellschaftliche, Politische Organisation
Die Riten Kamayurã
Tauschgeschäft zwischen den Stämmen
Ein Volk lehrt das Andere
Kosmologie
Produktive Aktivitäten
Die Kamayurá sind niemals aus ihrem ursprünglichen Lebensraum zwischen dem Zusammenfluss des Rio Kuluene und Rio Kuliseu verdrängt worden – sie leben in der Nähe der grossen Lagune von Ipavu, was in ihrer Sprache “Grosses Wasser“ bedeutet. Heutzutage befindet sich ihr Dorf zirka zehn Kilometer nördlich des FUNAI-Postens “Leonardo Villas-Bôas“, etwa 500 Meter vom südlichen Ufer der Lagune Ipavu und sechs Kilometer vom rechten Ufer des Rio Kuluene entfernt. Das Territorium Kamayurá besteht aus ihrem Dorf – gebildet von ihren Ocas (indianische Häuser) und den Zeremonien-Platz, den angrenzenden Wald, die Lagune Ipavu und alle in sie mündenden kleineren Bäche und Flüsschen.
Ihre Bevölkerung bestand im Jahr 2002 aus 355 Personen, das beweist ein erfreuliches demografisches Wachstum im Vergleich zum Anfang der siebziger Jahre, als ihr Volk auf 131 Personen geschrumpft war. Im Jahr 1954 grassierte eine verheerende Masern-Epidemie in dieser Region, viele der Kamayurá starben – schliesslich blieben nur noch 94 Mitglieder ihres Volkes übrig. 1938 waren sie noch ein Volk von 240 Personen gewesen, und zu der Zeit, als sie vom Forscher Von den Steinen besucht wurden, im Jahr 1884, waren es 264 Stammesmitglieder.
Das Dorf der Kamayurá folgt dem Modell des Oberen Xingu, mit Häusern in kreisförmiger Anordnung, gedeckt mit “Sapê“ (Palmstroh), vom abgerundeten Dach bis hinunter auf den Boden. Im Zentrum des Häuserrunds befindet sich ein weitläufiger Platz (hoka´yterip) in den sämtliche Pfade münden – sowohl die, welche zu den einzelnen Behausungen führen, als auch jene, an deren Ende sich öffentliche Einrichtungen erheben – zum Beispiel das “Haus der Flöten“ (Tapuwí), durch dessen Mitte der “Sonnenpfad“ hindurchführt. Die Instrumente von grosser Bedeutung in der Kultur der Kamayurá, ihre riesigen, aus Bambusrohr gefertigten Flöten (Jakui) dürfen nur von Männern gesehen und gespielt werden.
Vor dem “Haus der Flöten“, gegen Osten gerichtet, befindet sich die Bank der “Raucherrunde“, wo sich die Männer versammeln, um die Ereignisse des Tages zu besprechen oder bestimmte Themen zu diskutieren – wie zum Beispiel die Vorbereitungen für einen kollektiven Fischzug, die Beteiligung aller an der Konstruktion eines Hauses, die gemeinsame Reinigung des Dorfplatzes, Vorbereitungen für ein anstehendes Fest, und andere Themen, welche im Interesse aller liegen.
Der Dorfplatz ist Informationszentrum, öffentlicher, gesellschaftlicher und männlicher Aufenthaltsraum par Excellenze, und er ist auch der Ort, auf dem Sendboten der Nachbardörfer mit Ansprachen empfangen werden, hier werden die Ringkämpfe “Huka-Huka“ ausgetragen, die intergruppalen Rituale zelebriert und die Feste des eigenen Dorfes ausgerichtet. Ebenfalls öffentlich auf dem Dorfplatz nimmt man die Verteilung von Lebensmitteln vor (Fisch, Fladenbrot, Maniokbrei, Pfefferschoten, Bananen) als Bezahlung für von Männern der Dorfgemeinschaft geleistete Dienste (zum Beispiel für die Mitarbeit an einem Hausbau, dem Anlegen einer Pflanzung, Reinigung des Platzes etc.) – oder als Beitrag des “Herrn“ eines Festes für die Teilnehmer. Und dort werden auch ihre Toten begraben.
Das Haus dagegen, die private Sphäre seiner Bewohner, präsentiert sich in seinem Innern im Halbdunkel – hier ist die Domäne der Frauen und Kinder. Im lateralen Bereich der riesigen Konstruktion wohnen die Kern-Familien und ihre Anverwandten, die Mitte teilt man sich zum gemeinsamen Gebrauch, hier brennen die Gemeinschaftsfeuer und hier befinden sich auch die Depots für Lebensmittel.
Hinter dem Häuserrund gelangt man über ein Netz von Pfaden und breiter ausgetretenen Wegen durch das Dickicht zu den individuellen Feldern der Bewohner, zum Wald und zum Kanu-Hafen am Rand der Lagune. Relativ einsame Orte, beliebt als nächtliche Treffpunkte der Liebenden, die aber auch nach dem Glauben der Indianer in eine Zwitterwelt führen: wo die Natur von überirdischen Geistern bevölkert ist – wo „ein Mensch zum Tier werden kann“ oder umgekehrt, ihm plötzlich ein Jaguar begegnen mag „als schöner Mensch und herrlich geschmückt“, wie die Kamayurá sagen. Der Wald wird betrachtet als eine Welt der radikalen Transformation und des Mysteriums – ein Ort der Scheidung des Sakralen vom Profanen, des Bekannten vom ewig Fremden und Unbekannten.
Nach Berichten der Kamayurá kamen ihre Vorfahren aus “Wawitsa“, einem Gebiet, das im extremen Norden des heutigen Parkgeländes liegt (genauer: wo die wichtigsten Flüsse münden, die zusammen den Rio Xingu bilden) an der Seite von “Morená“, dem zentralen Schauplatz aller mythologischen Ereignisse und das “Zentrum der Welt“ für sie.
Zu der Zeit, als Karl von den Steinen 1884 auf die Kamayurá traf, befanden sie sich gerade in der Endphase ihrer Wanderung und waren alle am Ufer der Lagune Ipavu versammelt. Die Gründe ihres Umzugs in den Süden, nahe des gegenwärtigen FUNAI-Postens Leonardo, scheinen Konflikte mit anderen Völkern gewesen zu sein, die den Norden bewohnten, besonders mit den Suyá und den Yudjá.
Die Geschichte des Erstkontakts der Kamayurá mit der nicht-indianischen Gesellschaft geht auf das Jahr 1884 zurück, auf die Expedition des erwähnten Karl von den Steinen. Von da an durchquerten verschiedene Expeditionen dieselbe Gegend und kamen auch in kurzen Kontakt mit diesem Stamm. Mit der Schaffung des Organs „Fundação Brasil Central“ (1942) der brasilianischen Bundesregierung beginnt die Öffnung des Zentralen Westens mittels neuer Strassen, und die Camps der Arbeiter erreichen auch das Wohngebiet der Kamayurá. 1946 werden sie von den Mitgliedern der Expedition “Roncador-Xingu“ kontaktiert, die von den Brüdern Villas-Bôas geführt wird. Schliesslich wird im Jahr 1961 ihr angestammtes Wohngebiet in einen Nationalpark umgewandelt, der heute der FUNAI (Fundação Nacional do Índio) untersteht.
Aisanain Kamayurá, der heute als Lehrer die Kinder seines Stammes unterrichtet, erzählt die Geschichte ihrer Vorfahren so:
“In uralter Zeit wohnte unser Volk dort, wo sich das alte Dorf Prepori befindet, an einem Ort den sie “Krukitsa“ nannten. Danach zogen sie um nach “Wawitsa“, wo sich heute der Posten “Pavuru“ befindet. Dort begannen die Völker der Suyá und der Yudjá sie anzugreifen. Also zogen sie wieder um nach “Jacaré“, und andere gingen über den Fluss bis zur Lagune (Ipavu), um dort ein Dorf zu gründen. Später zogen sie die andere Seite der Lagune vor – dort errichteten sie fünf verschiedene Dörfer, denn sie waren viele Personen, und noch heute leben dort Menschen aus unserem Volk.
Es vergingen dann viele Jahre, bis Orlando Villas-Bôas an der Mündung des Rio Tuatuari erschien. Alle Kamayurá begaben sich dorthin, nur um die Weissen zu betrachten. Und dann bauten sie dort ein grosses Dorf, und die Hälfte aller Kamayurá zog dorthin wegen der Weissen. Orlando fuhr den Fluss hinab, er wollte in “Morená“ einen Posten gründen. Er glaubte, da wäre es sauber, war aber schmutzig. Also fuhr er bis Awara´ï. Dort legten sie eine Landepiste für Flugzeuge an. An diesem Ort gab es Bewohner, war das Dorf Boa Esperança. Die Kamayurá kamen hinter den Weissen her. Nach zehn Tagen vergeblichen Suchens nach einem geeigneten Platz für den Posten, sprach ein Kamayurá mit Namen Amarika, der die ganze Xingu-Gegend bestens kannte, über den Ort “Jacaré“ mit Orlando, dass dort auch ein guter Ort für den Posten sei. Orlando sprach mit seinen Leuten und am nächsten Tag fuhren sie hin. Die Kamayurá, die mit ihm waren, gingen zu Fuss zurück, brachen in Awara´ï sehr früh auf und schliefen im Dorf der “Trumai“, das sich “Inarija“ nannte – heutzutage wohnt niemand mehr an diesem Ort. Von dort zogen sie weiter zum Posten Leonardo, wo viele andere Völker versammelt waren: Kamayurá, Yawalapití, Waurá und Trumai. Die veranstalteten ein grosses Fest und Orlando bat dann den Häuptling der Kamayurá, ihm den Weg nach “Jacaré“ zu zeigen.
Das Dorf der Kamayurá wird von einem Häuser-Kontingent gebildet, jedes besetzt von einer Bewohner-Gruppe, die sich aus einem Kern von Brüdern zusammensetzt, zu denen noch Cousins und eventuelle weitere Nachkommen gehören. Führer dieser Bewohner-Gruppe ist der “Hausherr“ (Morerekwat), dem die Koordinierung aller produktiven Aktivitäten sowie der Hausarbeiten obliegt, die von der Mitarbeit sämtlicher Kern-Familien abhängen.
Im Idealfall bestimmen die Regeln des Zusammenlebens, dass ein Ehemann während der ersten Jahre seiner Ehe im Haus der Schwiegereltern wohnen sollte, um das Geschenk ihrer Tochter mit seiner Arbeit zu bezahlen. Wenn diese “Dienstzeit“ dann vorbei ist, kann das Paar sich eine neue Wohnung aussuchen, in der Regel ziehen sie dann ins Elternhaus des Mannes um. Diese Regel gilt nicht für einen “Hausherrn“, für den Führer eines Dorfes (morerekwaratuwiap) oder jene, die schon mit einer anderen Frau verheiratet sind. In einer solchen Situation wohnt die Frau von Anfang an im Haus des Ehemannes und ihre “Bezahlung“ wird mit persönlichem Eigentum des Mannes oder Jagdbeute-Abgaben geregelt. Die Verbindung zwischen den einzelnen Häusern wird durch Heiraten und durch die gemeinsame Unterstützung eines Dorfhäuptlings stabilisiert.
Die Ausbildung einer Kamayurá-Person sieht, unter anderem, auch eine Periode der Zurückziehung während der Pubertät vor. Im Fall der jungen Männer werden diese einer systematischen Ausbildung in allen typisch männlichen Arbeitstechniken unterworfen – sie lernen, wie man die Befiederung an einem Pfeilschaft anbringt, einen Kamm schnitzt, einen Korb flicht oder einen Kopfschmuck herstellt. Gleichzeitig werden die jungen Burschen für den Ringkampf “Huka-Huka“ trainiert. Die “Reklusion“ (die Abgeschlossenheit) ist entsprechend länger in Übereinstimmung mit der gesellschaftlichen Verantwortung, die der jeweilige Prätendent innerhalb der Kommune zu tragen haben wird – so kommt es, dass voraussichtliche Führer ihres Volkes bis zu fünf Jahren von der Allgemeinheit abgesondert werden. Allerdings werden manchmal kurze Unterbrechungen erlaubt.
Je länger seine “Reklusion“ desto grösser die Vorteile und das Ansehen, das der junge Mann innerhalb seiner Gemeinschaft geniesst. Während der kurzen Unterbrechungen versuchen die Eltern zu verhindern, dass ihr Sohn seine kurze Freiheit für sexuelle Erfahrungen benutzt, denn seine Kraft soll nicht beeinträchtigt werden. Die Eltern streben danach, den Anfang seines Sexuallebens solange hinaus zu schieben, bis ihr Sohn ein guter Ringkämpfer geworden ist.
Für das junge Mädchen dagegen, ist ihre erste Menstruation das Signal zur “Reklusion”. Jetzt lernt sie Matten zu flechten, eine Hängematte zu knüpfen und sämtliche feminine Arbeiten der Zubereitung der Nahrungsmittel auszuführen. Ihre Absonderung aus der Gesellschaft dauert nicht länger als ein Jahr, während dieser Zeit dürfen ihr die Haare nicht geschnitten werden (die Stirnfransen wachsen ihr dann über die Augen). Wenn die Zeit um ist, kommt sie mit einem neuen Namen hervor und ist von nun an eine erwachsene Frau, bereit zur Heirat.
Im Lebenszyklus der Kamayurá bekommt der neugeborene Indianer vom Vater die Namen seines Grossvaters väterlicherseits, von der Mutter den Namen des Grossvaters mütterlicherseits. Während der Kindheit werden seine Ohrläppchen durchbohrt und er bekommt ein zusätzliches Paar von Namen – auch von seinen Grossvätern väterlicher- und mütterlicherseits, die ihn das ganze Leben lang begleiten. In der Pubertät tritt er ein in die “Reklusion“, um aus ihr als Mann hervorzugehen. Er heiratet und arbeitet um die Seinen zu ernähren. Rodet Wald, pflanzt und sät, Jagd und fischt, schafft Objekte. Er tanzt, singt und kämpft. Stirbt und hinterlässt seinen zukünftigen Enkeln seine Namen. Die Frau folgt einem ähnlichen Plan: auch sie erhält nach der Geburt ihre ersten Namen, die in der Pubertät ersetzt werden. Sie heiratet, hat Kinder, arbeitet für die Familie, tanzt, schaut den Kämpfen zu und bei Festen. Wenn sie stirbt hinterlässt sie den Enkelinnen ebenfalls ihre Namen.
Die politische Einheit der Kamayurá ist ihr Dorf, dessen Führer auch als Sachverständiger und Richter eventueller Konflikte fungiert, er bewahrt die innere Harmonie der Gruppe und verhält sich in der Regel grosszügig und hilfsbereit. Seine Aufgaben verlangen vom Führer (Häuptling) eine Reihe von Entsagungen, mit denen er sich schon sehr früh vertraut machen muss. Während der langen Zeit seiner pubertären Reklusion wird er einer harten Disziplin unterworfen, und während seiner anschliessenden Vorbereitungszeit zum Stammesführer muss er sich weiterhin mit Problemen auseinandersetzen, die ihn zu einem “guten Indianer“ machen und damit zu einem kompetenten Führer der Seinen.
Seine Macht, von ausgesprochen friedlicher Natur, übt er unter Rücksichtnahme auf die Akzeptanz der Gruppe aus, die wiederum die Unterstützung der Familienoberhäupter braucht. Seine politische Geschicklichkeit drückt sich im gesprochenen Wort aus, welches gleichzeitig das Symbol seines Status ist. Die Regeln zur Nachfolge eines Stammesführers sind flexibel und provozieren im Allgemeinen einen regen Wettbewerb um diese Position.
Die Position des “Hausherrn“ gebührt jenem, der die Initiative zur Konstruktion des entsprechenden Hauses ergriff. Im Idealfall ist es sein erstgeborener Sohn, der seine Position dann übernimmt. Die wichtigsten Aufgaben des Hausherrn sind: seinen Anverwandten jene Auflagen zu wiederholen, die er vom Häuptling des Dorfes bekommen hat (falls e mit diesen einverstanden ist): zum Beispiel das Unkraut hinter dem Haus zu entfernen, den Dorfplatz reinigen zu helfen, an einem gemeinsamen Fischzug teilnehmen etc. Der Hausherr verpflichtet sich, solche Auflagen umzusetzen und zu koordinieren und andere auch selbst zu schaffen, wie die Unterbringung von Nahrungsmitteln, die Säuberung des Hauses, den Bau eines neuen Hauses, eine “Moitará“ abzuhalten (zeremonieller Tausch von Eigentum) in anderen Dörfern etc. Je grösser die Zahl von Bewohnern eines Hauses, umso bedeutender die Position des “Hausherrn“ – und umso wichtiger auch seine Unterstützung für den Dorfhäuptling.
Mit ihren Mythen und intergruppalen Ritualen artikulieren sich die Eingeborenenvölker des Oberen Xingú in unnachahmlicher Art und Weise – sie reflektieren auch den Glauben der Kamayurá an einen und denselben Schöpfungsakt aller ihrer benachbarten Völker, in dem ihr kultureller Held “MaWutsinin“ die Verantwortung für das einzige und gemeinsame System trägt, welches die Kultur und die Natur des Oberen Xingu umfasst. Unter den intergruppalen Ritualen, welche regelmässig stattfinden, muss man den “Kwarup“ hervorheben (das Fest der Toten), den “Jawari“ (das Fest zur Kriegerweihe) und die “Moitará“ (Treffen zum gegenseitigen Tauschen von Eigentum).
Der Schöpfungsakt findet im “Kwarup“ seinen rituellen Niederschlag, ausserdem zelebrieren sie damit die Solidarität der Völker des Oberen Xingu. Diese Zeremonie vereint in einem einzigen Dorf die unterschiedlichsten Ethnien, die mit ihrer Teilnahme die Toten des gastgebenden Dorfes ehren – womit gleichzeitig die Trauerzeit der Betroffenen zu Ende geht. Bei der eigentlichen Kwarup-Zeremonie handelt es sich um eine Version des Mythos um die menschliche Schöpfung – angehängt werden dann die Wettkämpfe “Huka-Huka“ (eine indianische Variante des Freistilringens) sowie eventuelles Tauschen von kunsthandwerklichem Material.
Diese allgemeine Solidarität der Xingu-Völker ist beim “Jawari“ allerdings nicht nur ausgeschlossen, sondern ins Gegenteil verkehrt, einem Fest, in dem es nicht auf die Gemeinsamkeit sondern auf die Gegnerschaft ankommt! Zu diesem Fest wird jeweils nur ein anderes Volk eingeladen. Höhepunkt ist der sportliche Wettkampf im Pfeileschleudern (mit einem so genannten “Propulsor“) – symbolisiert werden damit die kriegerischen Aktivitäten, und somit kann dieses Fest als Stabilisator der interethnischen Relationen gewertet werden, denn es kanalisiert Rivalitäten und aggressive Tendenzen in einem sportlichen Wettkampf.
Betrachtet man also diese beiden bedeutendsten Rituale genauer, so hat man auf der einen Seite das “Ritual der Solidarisierung, Kwarup“ und auf der andern ein Manifest der intergruppalen Gegnerschaft, das “Ritual Yawari“. Beide können als symbolischer Ausdruck einer gesellschaftlichen Realität verstanden werden, in welcher der Ethnozentrismus mit den übernommenen Verpflichtungen für ein Zusammenleben der verschiedenen Völker koexistiert. Das heisst, obwohl durch schmale Bande vereint und als Repräsentanten einer relativ ähnlichen Kultur, lassen die Stämme des Oberen Xingu jedoch nicht ab von ihrer jeweiligen individuellen ethnischen Identität. Jede Volksgruppe hebt ihre unterschiedlichen Pekuliaritäten hervor, wetteifert mit den Nachbarn um ein höheres Prestige, artikuliert sich in einer bestimmten Art und Weise, die manchmal auch in Feindseligkeiten ausartet. Das “Jawari“ stellt deshalb eine Synthese für eine Seite des Zusammenlebens dar, welche die Identität eines jeden Volkes ausdrücklich betont. Und beim “Kwarup“ identifizieren sich alle in dieser Nationalpark-Gemeinschaft lebenden Indianer als “Xinguaner“.
Der Tausch von Eigentum beim “Moitará“ ist ein Beweis der wirtschaftlichen Verbindung zwischen den Volksgruppen des Oberen Xingu (eine detailliertere Beschreibung aller Rituale zwischen den Stämmen des Gebiets lesen Sie bitte die Seiten “Parque Indigena do Xingu“).
Viele der beim Tauschmarkt “Moitará“ angebotenen Gegenstände repräsentieren die speziellen Fähigkeiten und kunsthandwerklichen Fertigkeiten eines jeden beteiligten Volkes. Die “Waurá“, zum Beispiel, sind durch ihre einmalig kreative Keramikarbeit bekannt, und ihre Schalen, Schüsseln, Töpfe und Krüge sind bei allen Stämmen heiss begehrt. Während die Kamaiurá ihrerseits für die Herstellung der besten und haltbarsten Bogen bekannt sind – sie sind wahre Meister in ihrer Fabrikation. Aber die Einführung von Feuerwaffen in ihrem Gebiet hat die Benutzung des Bogens ziemlich verdrängt, er wurde eher zum Symbol des Stammes, als dass er noch als Tauschartikel interessant wäre. Zwei Arten von Artikeln, die für die Kamayurá von grossem Interesse sind und ständig in Gebrauch, sind die schon erwähnten Keramik-Töpfe und Gürtel aus Schneckenhaus-Teilen. Erstere sind, wie gesagt, eine Spezialität der Waurá und werden von allen Stämmen zur Verarbeitung der Grundnahrungsmittel eingesetzt, Schneckenhäuser für Gürtel und Halsschmuck werden von den “Kuikuro“ und den “Kalapalo“ meisterhaft verarbeitet.
Um diese Produkte zu bekommen, unternehmen die Kamayurá regelmässig Besuche bei den Spezialisten. Sie selbst sind allerdings von ihren hervorragenden Fähigkeiten als Korbflechter, Pfeilschleuder-Hersteller (beim “Jawari“ benutzt), Kanubauer, aus der Rinde des Jatobá-Baumes, als Hängematten-Knüpfer und als Hersteller der “Jakui-Flöten“ überzeugt. Sie behaupten auch, dass sie die besten Haus-Architekten seinen.
In der Übersicht der Spezialisierung unter den Stämmen des Oberen Xingu sind, wenn man den Kamayurá
glauben soll, folgende Ethnien führend:
- die Waura als beste Produzenten von Salz, Pfeffer und Keramik-Behältern
- die Kalapalo für Halsbänder und Gürtel aus Schneckenhaus, Körbe und Matten
- die Mehinako ebenfalls für Keramik und Salz
- die Kuikuro für Pfeile mit zwei Spitzen für den Fischfang und ebenfalls für Schneckenhaus-Gürtel.
“Die Weissen haben von uns Indianern einige Tanzschritte gelernt, wie man Tabak raucht, Keramik herstellt, eine Hängematte knüpft, Beiju (Fladenbrot), Mingau (Maniokbrei) und Milho (Mais) verarbeitet, Guaraná erntet, ein Bad im Fluss nimmt, Flöten herstellt und Rasseln, haben viele unserer Worte gelernt und sie in ihre Sprache umgesetzt.
Es gibt Töpfe, Pfannen und Krüge aus Lehm, angefertigt von den Waurá. Wir benutzen diese Objekte für unseren eigenen Bedarf. In unserer Nahrung benutzen wir das Salz der “Aguapé“ (Wasserpflanze) hergestellt von den Aweti und Mehinako. Zum Tanz und für Feste haben wir “Takwara“, den die Völker vom Oberen Xingu durch die “Bakairi“ kennen lernten. Dieser Tanz hat sich von Dorf zu Dorf ausgebreitet, bis er die Kamayurá erreichte. Heutzutage spielen wir auf diesem Fest die Musik der “Yudjá“. Das berühmte Fest des “Jawari“ wird von den Völkern des Oberen Xingu Jahr für Jahr zelebriert und stammt von den “Trumai“. Dieses Fest ist dazu da, den Menschen die Traurigkeit zu nehmen und Objekte zu verbrennen, die dem gestorbenen Verwandten gehört haben – zum Beispiel seinen Bogen und die Pfeile, seine Keule oder Lanze. Und es ist auch ein Wettkampf zwischen den jungen Kriegern unserer Völker, ihrer Hoffnung und Zukunft.
Der stetige und auch bedrohende Einfluss, den wir alle heute erleben, kommt aus der Stadt. Als Beispiel möchte ich einige zitieren: Maschinen, Nahrung, Kleidung, Schulen, Hospital, Medikamente, Fussball, Musik hören und viele andere Dinge. Ich möchte eine Anmerkung diesbezüglich machen: es gibt ein paar Dinge, unter denen, die ich genannt habe, die sind wichtig – aber andere sind es nicht. Es ist gut, sich daran zu erinnern, dass man die wichtigen Dinge lernen sollte – und es ist nötig, sich vor den anderen Dingen in acht zu nehmen, die nichts taugen für uns Indianer gefährlich sind“!
In den Erzählungen der Kamayurá kann man drei prägende Abschnitte ihrer Geschichte erkennen: die mythische Vergangenheit, als sich die Schöpfung vollzog – die Zeit ihrer Vorfahren, in der ihr Volk noch keinen Kontakt mit den Weissen hatte – und die Gegenwart, welche von den ersten Kontakten mit den Weissen bis zum heutigen Tag reicht. Trotzdem bringt ihre Gegenwart die Essenz der Vision einer Welt mit sich, wie sie ihnen schon in mythischer Zeit eingegeben wurde.
In allen Versionen des Schöpfungsakts existiert die Vorstellung, dass die Kamayurá und die Weissen in ähnlicher Weise entstanden sind. Manchmal werden sie sogar als Zwillinge dargestellt. In einer anderen Version lässt der Schöpfer “Mavutsinin“ den Kamayurá zur Ader und flösst sein Blut dem Weissen ein. “Mavutsinin“ hat beide in der Absicht geschaffen, um mit ihnen ein grosses Dorf in “Morená“ (einer Paradieswelt) zu schaffen. Und als die beiden zu Erwachsenen herangereift waren, machte Mavutsinin einen schwarzen Bogen und eine Feuerwaffe. Rief dann die beiden Männer und stellte sie vor die beiden Objekte. Befahl dem Kamayurá die Feuerwaffe zu nehmen, aber der fand Gefallen an dem schwarzen Bogen und nahm ihn an sich. Mavutsinin bestand darauf, dass der Kamayurá seine Entscheidung rückgängig mache, aber der Indianer wollte nicht. Der Weisse nahm nun seinerseits die Feuerwaffe an sich. Erzürnt über den unerwarteten Ausgang der Dinge, befahl Mavutsinin, dass der Weisse weit weg ginge und der Kamayurá dabliebe, wo er war. Der Schöpfer gab dem Indianer Fisch und Maniok, dem Weissen gab er das Schwein, den Reis, das Fett, den Ziegelstein, die Axt und eine unendliche Liste mit anderem Material. Auch andere Indianervölker wurden von Mavutsinin geschaffen. Die Txucahamãe, die Yudjá und die Suyá allerdings sind Söhne von Schlangen, deshalb sind sie so aggressiv“.
Nach der Mythologie der Kamayurá hat der Schöpfer Mavutsinin das Holz “Kwarup” bearbeitet und daraus fünf Pfosten modelliert. “Nachdem er einen ganzen Tag und die folgende Nacht gesungen und die Maracá-Rasseln geschwungen hatte, begannen sich die Pfosten zu bewegen – anfänglich langsam und schwerfällig, bis sie schliesslich die völlige Freiheit der Bewegungen erreichten. Diese Männer lehrte Mavutsinin am frühen Morgen ein Bad zu nehmen, zu pfeifen und mit ihren Frauen den Beischlaf zu vollziehen – sehr früh am Morgen, noch bevor die Sonne aufgeht. Dann gab er ihnen Instrumente: Bogen aus schwarzem Holz für die Kamayurá, Töpfe für die Waurá, Halsketten für die Kuikuro und Kalapalo.
Wenn der Kamayurá stirbt, bewegt sich seine Seele in ein himmlisches Dorf, von dem die irdischen Dörfer eine Kopie sind. Aber dort ist das Leben ganz anders als in “Ipavu“: die Seelen gehen stets geschmückt, arbeiten nicht, tanzen nur den ganzen Tag und spielen Ball; man isst keinen Fisch oder Fladenbrot sondern Heuschrecken und Kartoffeln. Deshalb, wenn einer stirbt, muss er vollständig geschmückt begraben werden, damit seine Seele so bleibt. Den Leib sollten Pfeile begleiten, wenn er ein Mann war, und eine Spindel, im Fall einer Frau, denn die Seelen müssen sich gegen die Angriffe der Vögel wehren können, welche bei Gelegenheit versuchen, ihnen Stücke aus ihrem Fleisch zu reissen, um sie dem Falken zu bringen. Eine Seele ohne Verteidigung stirbt, und dann ist es mit ihr ein für alle Mal zu Ende“.
Im Herstellungsprozess von Nahrungsmitteln kommt der Landwirtschaft die bedeutende Stellung zu. Aus ihr stammen die grundlegenden Ingredienzien zur Herstellung des “Beiju-Fladenbrotes“, eines der wichtigsten Grundnahrungsmittel der Kamayurá. Die Bewohner eines Hauses organisieren die Arbeiten zur Produktion und Weiterverarbeitung der Maniok mittels Koordination des “Hausherrn“. Sowohl zum Anlegen der Felder als auch bei der Ernte verlangt diese Arbeit eine Kooperation der häuslichen Gruppe, obwohl jede Kern-Familie ihr eigenes Feld besitzt. Die Männer bereiten den Boden vor und die Frauen pflanzen und ziehen die Maniok-Wurzeln aus dem Boden. Verschiedene Frauen ernten in Gemeinschaft die Früchte eines Feldes. Im Dorf wird die Maniok dann von der Frau verarbeitet, die das Fruchtfleisch und das daraus gewonnene Mehl zur Herstellung des Fladenbrotes verwendet. Ein anderes beliebtes Produkt der Maniok ist das “Mohete“, ein dickflüssiger, gesüsster Brei, der aus dem kochenden Wasser gewonnen wird, mit dem man das Fruchtfleisch gewaschen hat.
Nach dem Trocknen werden Maniokstücke und Mehl innerhalb des Hauses in zylindrischen Reservatorien aufbewahrt, deren Masse zwischen 2,40 m bis 2,60 m Höhe und 0,80 m bis 0,85 m Durchmesser schwanken. Sie sind die Vorratsbehälter für den täglichen Gebrauch und während der Regenzeit. Falls einer der Mitbewohner die Verantwortung für die Verteilung von “Beiju“ in zeremoniellen Situationen übernehmen muss, legt man eine extra Produktion dafür an, in einem getrennten Behälter. Das aus der Maniok gewonnene Produkt wird innerhalb des Hauses für alle zugängig aufbewahrt, ist also für den kollektiven Gebrauch gedacht, unabhängig von der Mitarbeit an seiner Produktion. Wie die Produktion des Maniok-Mehls, so ist auch die Herstellung des Fladenbrotes Aufgabe der Frauen. Verschiedene Male am Tag wird unter der Keramikplatte zur Aufnahme des Teigs Feuer entzündet. Hier wechseln sich die Frauen ab, einmal backen sie nur für ihren Mann und die Kinder, ein anderes Mal für alle Bewohner. Man isst den “Beiju“ zu jeder beliebigen Zeit – zusammen mit gebratenem oder gekochtem Fisch, nur mit Pfefferschoten, pur oder in Wasser gelöst oder in Form von “Cauim“.
Es gibt übrigens eine Verteilung von “Beiju“ zwischen den einzelnen Häusern des Dorfes, die nichts mit der notwendigen Nahrungsaufnahme zutun hat, sondern vielmehr den Überfluss und die Grosszügigkeit der Verteilergruppe hervorheben soll – ein Charakterzug, der von dieser Gesellschaft besonders geschätzt wird. Selbst während der Regenperiode, wenn es wenig Fisch gibt und der allgemeine Vorratspegel der Maniok niedrig, rafft sich plötzlich eine Wohngemeinschaft auf und verteilt an die anderen Wohngemeinschaften “Beiju mit gekochtem Fisch“. Die Verteilung von Nahrungsmitteln geht auch über die Grenzen des Dorfes hinaus, besonders bei zeremoniellen Versammlungen, zu deren Anlass stets das gastgebende Dorf alle Teilnehmer zu verpflegen hat.
Fisch und Beiju sind die wichtigsten Nahrungsmittel der Kamayurá (ebenfalls der meisten anderen Stämme des Oberen Xingu), und der Fisch ist ihre einzige reguläre Proteinquelle. Die zu ihrem Fang eingesetzten Techniken sind unterschiedlich, jede von ihnen verlangt auch unterschiedliche Arten von Zusammenarbeit. Zum Beispiel die Timbó-Fangtechnik, mit der man das vorher leicht gestaute Wasser eines kleineren Fluss- oder Bachlaufs vorübergehend vergiftet – hier werden die meisten Männer des Dorfes eingesetzt. Die toten Fische – die kleineren erledigt das Gift, die grösseren werden zusätzlich per Pfeil erlegt – werden an Ort und Stelle geräuchert (oder gedörrt). Eine geringere Menge Männer ist für das Fischen mit dem Nylonnetz nötig. Und die verschiedenen Arten des Fischfangs mit Pfeil und Bogen, kleinen, selbst gebastelten Netzen und Fangreusen oder mit eingetauschten Stahlhaken unternehmen die Mitglieder einer Kern-Familie schon allein. Während in der Trockenperiode der Fisch jeden Tag mit “auf den Tisch“ kommt, wird sein relativer Mangel während der Regenzeit durch eine vielseitigere Ernährung ausgeglichen, wie Mais, Papaya, Kürbis, Melone und andere Gemüse und Früchte.
Ihr Ackerbau kennt darüber hinaus noch die Kultivierung einiger anderer Pflanzen, zum Beispiel für den zeremoniellen Gebrauch (Urucum und Tabak), oder um die Produktion von verschiedenen artesanalen Artikeln zu unterstützen (der Cabaça-Kürbis und die Baumwolle). In diesem Fall werden die reifen Produkte in der Regel von den Besitzern allein geerntet – der Mann kümmert sich um den Tabak und die Frau um die Baumwolle.
Die Jagd einiger Grossvogelarten und kleinerer Tiere, wie auch das Sammeln von Früchten des Waldes, tragen ebenfalls zu einer vielseitigen Ernährung bei, ihnen kommt allerdings eher eine untergeordnete Rolle in der Lebensmittelproduktion zu. In Hinblick auf die Jagd ist dies eine reine Männersache, die wichtigsten Objektive sind Futer für die Harpyie zu beschaffen (die Präsenz dieses grössten Greifvogels Südamerikas gehört zum Prestige eines jeden Dorfes am Oberen Xingu – er befindet sich in einem grossen konischen Käfig aus Holzstäben), den Fisch im Speiseplan von Personen zu ersetzen, die entsprechenden Nahrungstabus unterliegen und Federn von geschossenen Vögeln für den Körperschmuck zu erhalten.
Bei sammlerischen Aktivitäten wird in der Regel im Kollektiv gearbeitet, Frauen und Kinder nehmen daran teil. Die beliebtesten Produkte sind: Honig, Pequi (Palmfrucht), Mangaba (säuerliche, kirschgrosse Frucht), Ameisen, Schildkröteneier und Brennholz. Unter diesen Produkten nimmt die Nuss aus der Pequi-Frucht eine Sonderstellung ein: sie wird als zeremonielles Nahrungsmittel während des “Kwarup-Festes“ an die Anwesenden verteilt.
Ihre Produktion von Schmuckartikeln und Körperbedeckung besteht teilweise aus Grundstoffen, die in kooperativer Arbeit produziert wurden, die Endprodukte werden allerdings in individueller Handarbeit angefertigt. Nicht immer bleibt der Kunsthandwerker auch Besitzer des von ihm hergestellten Artikels, besonders wenn es sich um ein Arbeitswerkzeug handelt. Gegenstände aus Metall, von denen heute fast die gesamte produktive Männerarbeit abhängt, haben aber bei den femininen Arbeiten zur Nahrungsmittelproduktion bisher noch nicht ganz das indianische Kunsthandwerk ersetzen können. So ergänzen sich Töpfe und Kessel aus Metall mit den Gefässen aus Kürbisschalen (Cabaça), die man immer noch zum Wassertransport und seiner Aufbewahrung benutzt – die Position der Schüsseln aus Keramik, dem zentralen Element der Kamayurá-Küche aus dem Kunsthandwerk der Waurá, steht allerdings von denen aus Metall noch unangefochten fest.
Ein grosser Teil der in ihrem Kunsthandwerk applizierten Materialien stammt aus ihrer eigenen Produktion – Holz, Embira- und Buriti-Fasern, Baumwolle etc. Aber inzwischen setzen sie auch Industrieprodukte ein, wie Glas- und Porzellanperlen, Wolle und Baumwollfäden, Blech, Nägel, Farben etc. Unter diesen Materialien wetteifert der Wollfaden mit der nativen Baumwolle und tendiert, in einigen Fällen (zum Beispiel bei der Herstellung von Hängematten) diesen vollkommen zu verdrängen. Andere dagegen, wie Perlen und Schmuckplättchen – sehr geschätzt bei der Herstellung von Halsketten und Gürteln – haben die Bedeutung ihrer nativen Vorgänger, der Plättchen von Schneckenhäusern, die von Kuikuro und Kalapalo angefertigt werden, nicht mindern können.
Deutsche Übersetzung/Bearbeitung, Klaus D. Günther