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Eigentlich hiess er Karl. Ich nannte ihn nur K. Einerseits, weil ich den Namen «Karl» für ebenso verbraucht hielt wie seine Bedeutung: der «Freie» oder der Ehemann. Andererseits erinnerte mich K. an einen berühmten Prokuristen und die Initiale K. materialisierte eine bestehende Distanz zwischen uns, die mir insgesamt stimmig erschien.
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Wir wussten nicht, wohin wir gingen oder was und wer uns in den kommenden Tagen erwarten würde. Wir hatten nur den Namen des Ortes, von dem wir nicht wussten, ob er überhaupt ein Dorf war oder ein Weiler oder nicht einmal das: Poggioreale Francavalle – ein solcher Name verlangte nach Skepsis, denn auch das Kap der Guten Hoffnung hiess einmal «Kap der Stürme» und wurde erst von einem grössenwahnsinnigen, hoffnungslos verlorenen Seefahrer schöngeredet. Weiter hatten wir eine Karte auf Google Maps, die den Ort offensichtlich nicht kannte, die Telefonnummer von K.s Freundin, von der ich nicht wusste, ob er mit ihr geschlafen hatte oder es allenfalls noch tun würde, und den Namen einer Bushaltestelle, die wir nun, nach einer kurvigen Fahrt und einigen Anstrengungen meinerseits, den Brechreiz zu unterdrücken, hinter uns gelassen hatten.
Mein Erbrechen sei psychosomatisch, meinte mein bester Freund, Lauri, weil ich immer erbräche, wenn mir etwas zuwider sei, etwa das Erblicken einer unerwünschten Person oder ein falsches Wort. Ich hielt den Brechreiz während der Busfahrt für den Beweis, dass mein Erbrechen nicht psychosomatisch, sondern auf einen empfindlichen Magen zurückzuführen war. Ein falsches Wort fiel die ganze Busfahrt über nicht. K. hielt nur meine Hand und sagte nichts, und ich fand, dass er mir insgesamt guttat.
Schon wenige Schritte von der Bushaltestelle entfernt rief K. seine Freundin an, weil er sich nicht sicher war, welcher der Wege, die nicht als Wege zu erkennen waren, zu unserem Ziel führte. Ich packte derweil meine Sonnencreme aus, rieb mich damit ein, bis mein Gesicht und meine Arme schneeweiss waren, und hielt ihm die Sonnencreme hin. Er wollte nicht. Er wollte braun werden und nahm damit in Kauf, knallrot zu werden. «Einfach da hoch», sagte er, nachdem er das Telefon wieder in seinen Rucksack gesteckt hatte, und zeigte hinauf zum Berg. Habe ich doch gesagt, dachte ich und schwieg. Ich bereute mein Schuhwerk und mein Seidenkleid, das ich oben angekommen schon von Brombeer- und anderem Gestrüpp zerrissen und zerfetzt sah. Ich bereute bereits, hierhergekommen zu sein, und stellte mir vor, dass wir triefend nass oben ankommen würden, an einem runden Tisch mit Hipstern in den Dreissigern und möglicherweise ein paar verlorenen Single-Vierzigern, die Eintopf assen und sich darüber unterhielten, wo das Gemüse, die Kräuter und der Tofu (ein mögliches Streitthema) herkämen. In Anbetracht dieses Szenarios schämte ich mich dafür, dass K. seinen Rollkoffer dabeihatte und diesen nun kurzatmig den Berg hinaufschleppte. Ich entschied mich jedoch dafür, dass mir ein Mann mit Rollkoffer hundertmal lieber war als einer, der seinen Fairtrade-Rucksack lässig über einer Schulter hängend zur Schau stellen musste.
Es ging steil den Berg hoch, zuerst über Trockenwiesen, dann über Mauern und heruntergekommene Steintreppen. Ich ging mit meinem Tourenrucksack voraus, zuerst gemächlich, mit festem Schritt, um die Schlangen zu vertreiben, dann immer schneller und empfand Lust dabei, ihn hinter mir keuchen zu hören. Ob es gehe dahinten, rief ich ihm zu. «Ja!», sagte er. Ob ich ihm beim Tragen helfen solle. «Nein!», sagte er. Ich ging weiter und wartete da und dort auf ihn. Ich genoss es, ihn leiden zu sehen. Ich fühlte mich jung oder zumindest jünger als er, was ich auch war. Der Weg führte nun durch den Wald. Ich wippte leicht mit meinem Becken und sang The Buzzcocks: «Whyyyy can’t I touch…