Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03239.jsonl.gz/2453

Trauung
oder Kopulation,
[* 2] ursprünglich diejenige Handlung, durch welche die
Braut dem Bräutigam in die eheliche Gewalt
übergeben (anvertraut) wurde. In der christl.
Kirche war es seit Ende des 2. Jahrh.
Sitte, jede
Eheschließung
dem
Bischof oder Presbyter anzuzeigen, der
sie der Gemeinde bekannt machte, und den priesterlichen Segen dazu zu erbitten.
Die
Trauung selbst galt nur als ein bürgerlicher
Akt, und die bürgerlichen Gesetze erklärten die priesterliche
Trauung zwar für
nützlich, aber nicht für notwendig. In
Deutschland
[* 3] erfolgte bis zur Reformationszeit die
Trauung einfach
durch
Übergabe der
Braut an den Bräutigam, welcher
Akt ursprünglich durch die
Braut selbst, später durch einen von ihr «gekorenen»
Geschlechtsvormund vollzogen wurde, der auch Laie sein konnte. Doch erreichte der Klerus seit dem 13. Jahrh.
ziemlich allgemein, daß der Priester als Vormund die
Trauung
vor der
Kirche vollzog. Seit dem 16. Jahrh. wurde
dann die in die
Kirche verlegt. Aber nach dem noch jetzt in der röm.
Kirche geltenden kanonischen
Recht erhält der Ehebund
schon durch die Erklärung der Betreffenden, einander heiraten zu wollen, kirchliche
¶
mehr
Geltung, im Geltungsbereiche der Ehevorschrift des Tridentinischen Konzils jedoch nur noch dann, wenn die Erklärung in Gegenwart
der Pfarrer der Brautleute und vor zwei oder drei Zeugen abgegeben ist (vgl. Fleiner, Die tridentinische
Ehevorschrift, Lpz. 1892). Die von dem Tridentinischen Konzil vorgeschriebene priesterliche Einsegnung (benedictio) ist nur
eine kirchliche Disciplinarvorschrift, deren Nichtbeobachtung die Ehe nicht ungültig macht. Bei der Abschließung
von Gemischten Ehen (s. d.) nimmt die kath. Kirche neuerlich das Recht der kirchlichen
Trauung für den kath. Geistlichen allein
in Anspruch; dadurch ist die frühere Sitte, nach der die
Trauung sowohl von dem kath., als von dem evang.
Geistlichen vollzogen zu werden pflegte, beseitigt worden. Das schon bei den alten Griechen, Römern und
Germanen übliche Wechseln der Trauringe gehört zu den notwendigen Formalitäten der katholischen
Trauung.
In der griech. Kirche wird die
Trauung auch durch den Geistlichen vollzogen. Die Verlobten wechseln die Ringe schon bei der Verlobung,
werden bei ihrer ersten Verheiratung mit grünen Kränzen gekrönt, trinken Wein aus einem vom Priester
dargereichten Becher
[* 5] und küssen sich nach der Einsegnung vor dem Altar.
[* 6]
Die Reformatoren des 16. Jahrh, haben an der bestehenden Volkssitte nichts geändert. Luther erklärte die Ehe für eine weltliche
Angelegenheit, zugleich aber, daß die Geistlichen auf Ansuchen schuldig seien, für das Brautpaar zu
beten, es zu segnen oder auch zu trauen. Indessen kam frühzeitig in prot. Ländern die Anschauung auf, daß die priesterliche
Trauung zum Anfang der Ehe wesentlich notwendig sei, daß daher kein ohne diese kirchliche Einsegnung geschlossener Ehebund Gültigkeit
habe, und die staatlichen Gesetzgebungen erkannten demzufolge die priesterliche
Trauung als die
Form der rechtsgültigen Eheschließung an. Das Wechseln der Ringe wurde auch in der evang. Kirche beibehalten.
Ebenso erhielt sich die Sitte des Brautkranzes als Bild der unverletzten Jungfrauschaft, und die Verweigerung desselben als
ein Mittel der Kirchenzucht. In neuerer Zeit sind die Staaten immer allgemeiner veranlaßt worden, den
rechtlichen Abschluß der Ehe durch eine besondere, von bürgerlichen Beamten oder vor solchen zu vollziehende Handlung bewirken
zu lassen. Neben dieser obligatorischen bürgerlichen
Trauung oder Civiltrauung (s. Civilehe) besteht die kirchliche
Trauung nach staatlichem
Recht als rein religiöse Handlung des Gelübdes (der Brautleute) und der Segnung (durch den Geistlichen)
also ohne rechtliche Bedeutung für das bürgerliche (staatliche) Leben (Deutsches Bürgerl. Gesetzb. §. 1588) fort.
Deshalb darf die kirchliche
Trauung auch erst nach der bürgerlichen vollzogen werden. Durch diese Trennung der früher in der
kirchlichen
Trauung vereinigten beiden Stücke, des rechtsgültigen Eheabschlusses und seiner religiösen Weihe, in
zwei besondere Handlungen, ist es den Kirchen unmöglich gemacht, den Abschluß einer nach den Staatsgesetzen zulässigen Ehe
durch Versagung der
Trauung zu verhindern. Aber andererseits haben die Kirchen dadurch auch freien Raum erhalten, die Gewährung
ihrer an bestimmte, ein für allemal festgesetzte Bedingungen zu knüpfen.
Dies ist für die evang. Landeskirche der ältern preuß.
Provinzen durch die
Trauungsordnung vom geschehen, die zugleich in Beziehung auf die Form der kirchlichen
Trauung dem
neuen Verhältnis Rechnung getragen hat. Ahnlich hat die Einführung der Civil
trauung auch in
andern evang.
Landeskirchen Deutschlands
[* 7] ihren Einfluß auf die kirchliche Trauung ausgeübt, überall aber hat diese
dadurch, daß es in den freien Willen der in die Ehe Tretenden gestellt ist, sie nachzusuchen oder nicht, an Würde und an
innerer Bedeutung gewonnen. -
Vgl. Friedberg, [* 8] Verlobung und Trauung (Lpz. 1876);
Sohm, Trauung und Verlobung (Weim. 1876);
Dieckhoff, Civilehe und kirchliche Trauung (Rost. 1880), und die Litteratur bei Ehe und Civilehe.