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Mein grosses Abenteuer begann mit einer gut 24-stündigen Reise. Dreimal hob ein Flieger ab und landete wieder, bevor ich plötzlich auf der aufgeheizten Flugpiste in Oaxaca, Mexiko stand. Es war ein Sonntag, etwa um die Mittagszeit. Müde, verunsichert und in stockendem Spanisch bezahlte ich für die Fahrt ins Stadtzentrum in einem «taxi colectivo». Es war ein weisser Kleinbus, der holpernd quer durch die ganze Stadt fuhr und seine Gäste ablieferte.
Ich war die Letzte, und der Chauffeur hielt an einer Strassenecke: «Das ist deine Strasse, deine Hausnummer ist gleich da drüben.» Soviel verstand ich jedenfalls. Einen Augenblick später stand ich in dem Haus, das mich für sechs Wochen beherbergen würde. Das ist jetzt drei Wochen her, und bereits ist die Hälfte meiner Zeit in Oaxaca vorbei. Zeit für ein erstes Fazit.
Die Stadt der tausend Farben
Oaxaca ist die erste Etappe meiner knapp dreimonatigen Reise in Mexiko. Es ist die Hauptstatd des Bundesstaates Oaxaca, der im Südwesten des Landes an der Pazifikküste liegt. Die Stadt liegt zwischen Bergtälern auf etwa 1500 Metern über Meer.
Sechs Wochen lang besuche ich hier eine Sprachschule, um Spanisch zu lernen. Danach reise ich fünf Wochen durch Mexiko, bevor ich kurz vor Weihnachten in Mexiko City wieder in den Flieger steige. Wohin genau mich die Reise führen wird, ist noch unklar. Erst einmal lerne ich Oaxaca und seine Bewohner, die «oaxaqueños» kennen.
Diese Stadt zu beschreiben, fällt mir schwer. Bereits der Name ist unverständlich, er stammt ursprünglich aus der zapothekischen Sprache. (Tipp zur Aussprache: Ersetzen Sie das X mit einem H und betonen Sie die zweitletzte Silbe: OaHAca.)
Auf den ersten Blick besteht die Stadt aus einem grossen, rechtwinkligen Strassennetz, dazwischen «cuadros», also Blöcke aus meist einstöckigen Häusern mit bunten Fassaden und verschlossenen Toren. Überall dazwischen hat es Kirchen, kleine Pärke und zerfallende Gebäude, an den Trottoiren der Einbahnstrassen reihen sich parkierte Autos. Die Autos sind in die Jahre gekommen, das häufigste Auto – nebst den gelben Taxis – ist der alte VW-Käfer, in jedem nur erdenklichen Zustand.
Das Leben der Familien versteckt sich zu einem grossen Teil hinter den bunten Mauern. Viele der Häuser, die im kolonialen Stil gebaut sind, haben Innenhöfe und Dachterrassen. So auch das Gebäude, in dem sich die «Studentenresidenz» befindet. Doch bei genauerem Hinsehen merkt man, dass das Leben auch ausserhalb der Mauern stattfindet, in den Läden und Restaurants, die direkt auf die Strasse hinausgehen, bei der «tamales»-Verkäuferin an der Hausecke, in den Pärken und Plätzen vor den Kirchen.
Sich hier zurechtzufinden, einkaufen zu können und die Restaurants und Essensbuden zu erkunden, ist zuerst einmal gar nicht so einfach – insbesondere, wenn man wie ich, mit heller Haut und blondem Haar, zwischen all den MexikanerInnen besonders auffällt. Doch dank den hilfsbereiten Lehrern in der Sprachschule, den anderen Schülern und den Zimmernachbarn fand ich mich nach und nach ein in dieser bunten, lärmigen und heissen Stadt.
Die Bilder aus Mexiko
Oaxaca gilt als sehr sichere Stadt, insbesondere im Zentrum. Raubüberfälle sind selten, Gewalt gibt es nur im Zusammenhang mit Bandenkonflikten, die sich jedoch hauptsächlich in der Nacht und in bestimmten Vierteln abspielt. Der berüchtigte mexikanische Drogenkrieg ist hier kaum mehr als ein Phantom, und TouristInnen – von denen es zur Zeit sowieso wenige hat – sind kaum davon betroffen.
Die «oaxaqueños» sind hilfsbereit und hören zu, selbst wenn man nicht so gut Spanisch spricht, und ausserdem sind sie sehr kontaktfreudig. Ich konnte bereits verschiedene spannende Gespräche führen, weil jemand in der Strasse das Wort an mich richtete, und schloss neue Freundschaften. So kann ich mein Spanisch üben und ausserdem viel über das Land und die Leute lernen.
Generationendialog in Spanisch
Auch in der Schule ergeben sich zahlreiche Gelegenheiten. Im Unterricht oder bei diversen Aktivitäten, die wir unternehmen, können wir uns auch untereinander besser kennenlernen. Und Gespräche führen in Spanisch, Englisch oder sogar Schweizerdeutsch!
Dabei kommt auch der Generationendialog nicht zu kurz: da ist zum Beispiel die gut fünfzigjährige Toggenburgerin, die während gut sechs Monaten «las americas» bereist. Da sind die drei kanadischen Rentner, die zuhause eine Spanischklasse besuchen, und da ist das vielreisende ältere Pärchen aus Kalifornien. Nicht nur lernen wir gemeinsam eine neue Sprache, wir können uns auch über unsere Gepflogen- und Eigenheiten austauschen, lernen viel über das Land des jeweils anderen und knüpfen neue Kontakte in aller Welt.
Es spielt gar keine Rolle, dass die andere Person meine Mutter oder mein Grossvater sein könnte.
Das ist gelebter Generationendialog, den ich hier so nicht erwartet hätte. Besonders schön finde ich, dass alle ohne jegliche Vorbehalte aufeinander zugehen und sich interessieren. Es spielt gar keine Rolle, dass die andere Person meine Mutter oder mein Grossvater sein könnte.
Buen provecho! Guten Appetit!
Doch Oaxaca hat noch viel mehr zu bieten als nette Menschen und bunte Häuser. So sind die «oaxaqueños» besonders stolz auf ihre traditionellen Gerichte und Getränke. Jeden Nachmittag und Abend hat es im Stadtzentrum Stände, die «elotes» verkaufen, gekochte Maiskolben mit Mayonnaise, Reibkäse, Limettensaft und Chilipulver.
Da sind die «tamales», ein Gericht ähnlich wie Polenta, gefüllt mit Fleisch und Sauce aus Chili oder Bohnen, serviert in einem Maisblatt. An jeder Ecke kann man «aguas» kaufen, gesüsste Getränke aus Früchten aus der Region. Es gibt Restaurants, die auf «tlayudas» spezialisiert sind, das ist in etwa die oaxaqueñische Pizza: Eine knusprig gebackene Tortilla, zugedeckt, gefüllt mit Käse, Gewürzen und Salat, serviert mit Fleisch.
Gegessen wird von Hand, oder höchstens mit einem Löffel.
Auf Märkten, in Ständen oder in Restaurants gibt es Tacos, soviel man essen kann. Grundsätzlich wird von Hand, oder höchstens mit einem Löffel gegessen, und es gibt überall Fleisch, Tortillas und viel, viel Chili. Sogar die Früchte werden hier mit Limettensaft und Chili serviert.
Ausflug nach Hierve El Agua in vier Bildern
An das scharfe Essen habe ich mich aber schnell gewohnt, denn: ohne «salsa picante» ist das Essen ziemich fade. Etwas gewöhnungsbedürftiger sind «chapulines». Das sind fritierte Heugümper. Das klingt schlimmer, als es ist. Es schmeckt etwa wie ein weiches Salznüsschen, oder eine salzige Rosine. In Oaxaca sagt man, dass wer «chapulines» gegessen hat, wieder nach Oaxaca zurückkehren wird.
Von Agavenschnapps und Bier
Doch auch im Bezug auf Alkohol stehen die «oaxaqueños» dem Rest des Landes in nichts nach, im Gegenteil. Sehr typisch ist der «Mezcal», ein Agavenschnaps ähnlich dem Tequila, der nur in dieser Region produziert wird. Produktion und Konsum sind eine Wissenschaft für sich: aus jeder der verschiedenen Agavensorten entsteht ein Schnaps mit etwas anderem Geschmack, und je länger man ihn ruhen lässt, desto süsser und milder wird er. Junger Mezcal wird in kleinen Schlucken genossen, zum älteren («reposado» oder «añejo») wird zusätzlich ein Orangenschnitz mit Chilipulver serviert. Das üblichste Getränk jedoch ist Bier. Mexiko ist also doch nicht so anders als der Rest der Welt.
Schon bald findet in Mexiko eines der wichtigsten Feste statt: «Dia de Muertos», der Tag der Toten am 2. November. Mehr davon zweiten Teil der Berichts aus Mexiko.