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| Leo der Grosse († 461) - Sämtliche Sermonen (Sermones)

Sermo LI: Homilie über das Evangelium derTransfiguration oder Verklärung Christi.
Sermo LI. Homilie. Predigt über das Evangelium der Transfiguratio oder Verklärung Christi.
6.
"Während Petrus noch redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke, und siehe eine Stimme aus der Wolke sprach: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr hören!" Natürlich war im Sohne auch der Vater zugegen. Natürlich war bei jener Verklärung des Herrn, deren Glanz er für die ihn schauenden Jünger abgeschwächt hatte, die Wesenheit des "Erzeugers" der seines "Eingeborenen" gleich. Um aber auf die Eigenart der beiden Personen hinzuweisen, offenbarte eine Stimme aus der Wolke den Vater und zeigte die dem Leib entstrahlende Herrlichkeit den Sohn. Wenn nun die Jünger bei jenen Worten auf ihr Angesicht niederfielen und sich gewaltig fürchteten, so zitterten sie also nicht nur vor der Majestät des Vaters, sondern auch vor der des Sohnes. Ein tieferes Verständnis lehrte sie, daß die göttliche Natur beider ein und dieselbe sei. Weil sie also kein Zögern kannten im Glauben, so gab es für sie auch keinen Unterschied in der Furcht. Inhaltsreich und vieldeutig war jenes Zeugnis. Enthielt ja jener Ausspruch seinem Sinne nach weit mehr, als sein Wortlaut sagte. Als nämlich der Vater sprach: "Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe. Ihn sollt ihr hören!" klangen da nicht deutlich die Worte mit an ihr Ohr: "Dieser ist mein Sohn, der seit ewigen Zeiten von mir gezeugt ist und neben mir thront; denn der Vater ist nicht älter als der Sohn und der Sohn nicht jünger als der Vater. Dieser ist mein Sohn, der von mir weder nach einer Gottheit noch nach Macht und Ewigkeit geschieden ist. Dieser ist mein Sohn, nicht durch Annahme an Kindes statt, sondern in Wirklichkeit; nicht aus etwas Fremdem geschaffen, sondern aus mir selbst gezeugt; mein Sohn, der nicht etwa vorher eine andere Wesenheit hatte und mir dann erst ähnlich wurde, sondern mir gleich ist, weil er aus meiner Wesenheit stammt. Dieser ist mein Sohn, durch den alles und ohne den nichts geworden ist; denn all meine Werke sind dementsprechend auch die seinigen. Alles, was ich tue, das tut auf gleiche Weise und ungetrennt von mir auch er; da im Vater der Sohn und im Sohne der Vater ist1 imd unsere Einheit niemals eine Trennung kennt. Obgleich ich, der Erzeuger, ein anderer bin, als der ist, den ich gezeugt habe, so müßt ihr doch von diesem dasselebe glauben, was ihr an mir erkennen könnt. Dieser ist mein Sohn, der sich sein mir gleichjartiges Wesen nicht gewaltsam angeeignet2 oder widerrechtlich angemaßt hat, sondern sich unter Beibehaltung meiner Herrlichkeit3 dazu herabließ, als unwandelbarer Gott Knechtsgestalt anzunehmen, um zur Erlösung der Menschheit unseren gemeinschaftlichen Plan zu verwirklichen"4 .
1: vgl.Joh 10,38
2: vgl.Phil 2,6
3: vgl.Joh 17,5
4: diese Predigt besonders gegen die Irrlehre der Arianer