Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03436.jsonl.gz/2077

Grandioses Scheitern
Terry Gilliam: «The Man Who Killed Don Quixote»
Der ehemalige Monty-Python-Komiker bringt nach zwanzig Jahren heroischem Kampf das Heldenepos in die Kinos. Bilanz eines Mirakels.
Von Ekkehard Knörer, 03.09.2018
Unabhängiger Journalismus kostet. Die Republik ist werbefrei und wird finanziert von ihren Leserinnen. Trotzdem können Sie diesen Beitrag lesen.
Wenn Sie weiterhin unabhängigen Journalismus wie diesen lesen wollen, handeln Sie jetzt: Kommen Sie an Bord!
Die Filmgeschichte ist mit Leichen gepflastert. Mit Werken, die ewige Projekte blieben, mit Drehbüchern, die nie umgesetzt wurden, mit Arbeiten, die noch während des Drehs starben – oder die zwar, wie im Fall von Jerry Lewis’ Holocaust-Komödie «The Day the Clown Cried», fertiggestellt wurden, aber nie das Licht der Öffentlichkeit sahen.
Für gewöhnlich kräht nach diesen nie verwirklichten Seitentrieben der filmischen Evolution kein Hahn, sie nehmen ein sang- und klangloses Ende, bleiben Fussnoten in der Geschichte der Studios oder des Regisseurs. Ein Phantomschmerz der Filmgeschichte blieben Stanley Kubricks Napoleon-Biopic (produktionsreif, aber niemals gedreht) oder Orson Welles’ von ihm selbst nie fertig geschnittenes Werk «The Other Side of the Wind», das in einer Fassung von fremder Hand soeben beim Festival von Venedig mit vierzig Jahren Verspätung seine Weltpremiere erlebte.
Zu den bekanntesten aller nie entstandenen Werke gehörte «The Man Who Killed Don Quixote». Terry Gilliam, berühmt als einstiges Mitglied der Komikertruppe Monty Python und Regisseur der 1985 entstandenen bitterkomischen Dystopie «Brazil», hatte die Arbeit an dem Projekt im Jahr 1989 begonnen, bekam das Geld 1998 zusammen, das damalige Starpaar Johnny Depp und Vanessa Paradis sagte für Hauptrollen zu.
Gilliam hatte mit den Dreharbeiten in Spanien begonnen, als ein Unglück zum anderen kam: Jean Rochefort, der Hauptdarsteller, erkrankte, die Sets wurden von einer Sturmflut zerstört, das ohnehin sehr knapp kalkulierte Budget kollabierte. Das Projekt wurde schliesslich eingestellt.
Die Geschichte ist auch deshalb berühmt, weil ein Team von Dokumentarfilmern die Vorbereitungen und den Beginn der Dreharbeiten verfolgte: «Lost in La Mancha» kam 2002 in die Kinos und erzählt mit dem Segen der Beteiligten die grandiose Tragikomödie dieses Scheiterns.
Mit einem hatte danach wohl niemand gerechnet: dass nämlich, postum, nach seinem sogar schon filmisch besungenen Ende, das Projekt eine Wiederauferstehung erlebt. Auf wundersame Weise gelang es Terry Gilliam in einer Mischung aus Grössenwahn und Durchhaltewillen, den ganzen aufwendigen Film noch einmal auf die Beine zu stellen. Es gab auch dazu mehrere Anläufe und Versuche, zwischendurch starb noch der nächste vorgesehene Hauptdarsteller John Hurt.
Der Dreh begann im März 2017, nichts Gravierendes kam dazwischen, und der Film erlebte im Frühsommer dieses Jahres beim Festival in Cannes seine Premiere. Selbst die fand um ein Haar doch nicht statt, weil ein zwischenzeitlich beteiligter Produzent – im Übrigen gemäss Gerichtsurteil berechtigte – Ansprüche auf Beteiligung an allen Einnahmen erhob.
Nun sitzt also Don Quijote, der Held, auf seinem Gaul Rosinante. Er reitet, Lanze voran, im Breitleinwandbild gegen Windmühlenflügel: Gleich in den ersten Bildern zeigt die Verfilmung ihren Protagonisten, wie man ihn aus dem Klassiker von Cervantes und Abertausenden Nacherzählungen kennt. Dabei ist aber nichts, wie es scheint. Man hört ein «Cut!», die Kamera fährt zurück und offenbart die Szene als Filmset mit grotesken Kulissen von Riesengesichtern und -händen. Ein schlecht gelaunter Regisseur namens Toby (Adam Driver) dirigiert das Team, von einem gefährlich dreinblickenden Produzenten (Stellan Skarsgård) belauert, von grossspurigen und ahnungslosen Geldgebern umlagert, von schönen Frauen verlockt, von inneren Dämonen getrieben.
Dann haut er ab. Etwas zieht ihn an einen anderen Ort namens Los Sueños, also: die Träume – subtil ging es bei Gilliam noch nie zu. Hier hat er, wie man in schwarzweissen Ausschnitten in schmalerem Bildformat sieht, als Filmstudent vor zehn Jahren schon einmal eine Don-Quijote-Verfilmung gedreht. Mit dem Schuster vor Ort in der Rolle des Helden, eine fünfzehnjährige Schönheit, die Tochter des Wirts, spielte auch mit. Toby spricht mit dem Wirt, auf Spanisch, in einem der hinreissendsten Momente des Films werden die eingeblendeten Untertitel mit einem Armwisch einfach abgeräumt («Wir verstehen uns doch»). Man wechselt ins Englische – das, auch sehr hübsch, Jonathan Pryce, der erzbritische Darsteller des Don Quijote, dann durchweg mit spanischem Akzent sprechen wird.
Alle lebten sie noch, berichtet der Wirt, aber nichts ist, wie es war: Die Tochter arbeitet in Madrid als Edelprostituierte, und der Schuster hält sich im Wahn für keinen anderen als Don Quijote de la Mancha. In einem rumpligen Wagen kann man ihn für ein paar Cent beim Reenactment auf einer kleinen Leinwand dazu laufender Szenen erleben. Toby ist entsetzt, das schäbige Minikino gerät in Brand, der eingebildete Don Quijote hält ihn für Sancho Pansa, und der Besuch der Vergangenheit wird zu einer jener Schleusen, die in Terry Gilliams Filmen verlässlich von dieser Welt in eine andere führen. In «König der Fischer» war es ein von Robin Williams gespielter Obdachloser, der in New York auf der Suche nach dem Heiligen Gral in fantastische Abenteuer gerät. Bei den «Brothers Grimm» verschlägt es die Märchensammler aus dem napoleonisch besetzten Deutschland in eine Zauberinnen-und-Werwölfe-Welt.
In «The Man Who Killed Don Quixote» ist alles von Anfang an noch komplizierter. Es beginnt mit einer Film-im-Film-Situation und stürzt dann davon in Traum, Alptraum und Wahn, «a dream within a dream», wie es bei Poe heisst. Die Wiederverzauberung der Welt ist seit je Gilliams Projekt, Enttäuschungen über falschen Zauber stets inklusive, wobei für ihn das Kino der Ort ist, an dem auch der falsche Zauber noch echt ist.
Diesmal freilich purzelt der Held von einem Kaninchenbau in den nächsten. Kaum ist eine romantische Begegnung überstanden, kommt schon die Spanische Inquisition ins Bild. Aus heiterem Himmel spielt dann ein russischer Magnat die Zampano-Rolle, der Film gerät in eine vage mittelalterliche Festkulisse, Toby wird zwischendurch immer wieder von einer Nymphomanin verfolgt, der arme Don Quijote wird zum Reiter auf einem Trojanischen Pferd.
Ganz sicher kann man nicht sein, ob der Film nach dem Drehbuch von Gilliam und seinem häufigen Mitstreiter Tony Grisoni einen fortschreitenden Kontrollverlust bewusst inszeniert oder nicht doch selbst die Kontrolle über seine Geschichte verliert. Die wilden Tonlagenwechsel sind sicherlich Absicht. Von Thrillerspannung über unmotivierte Musicaleinlagen und Liebessentimentalitäten bis zu Monty-Python-Humor ist jederzeit alles möglich. Der Film versteht sich überhaupt als Summe des gilliamschen Werks, anders kann es bei der Vorgeschichte nicht sein.
Der Regisseur identifiziert sich mit der Titelfigur des Quijote, das ist sowieso klar. Trotzdem ist «The Man Who Killed Don Quixote» mit seinen mehr als zwei Stunden auch eine Pizza mit ein bisschen viel drauf. Das gilt für die Musik, die gerne dick unterstreicht. Es gilt auch für die Mise en Scène, die mit Vorliebe den grossen und direkten Effekt sucht. Übertreibungen brauchen Zurückhaltung als Kontrast. Auf die Dauer kann Überstürzung ermüden. Immerhin bleibt der Film noch in seiner Überladenheit insgesamt leicht – das hat man bei Gilliam schon anders erlebt.
Und die Hauptdarsteller sind allemal bravourös. Adam Driver gelingt es tatsächlich, den in alle Windrichtungen stiebenden Film mit seiner konzentrierten Performance zu erden. Er beherrscht schlaksige Körperkomik und trifft im wilden Wechsel der Szenen immer die richtigen Töne. Auch Jonathan Pryce, der nie besser als bei Gilliam spielt, gewinnt dem Wahn seiner Figur zwischen himmelhochjauchzendem Irrsinn und Einsicht in seine wahre traurige Lage Nuancen ab, die man in den ständigen Turbulenzen sonst etwas vermisst.
Der Triumph, den Gilliam sich gewünscht haben dürfte, ist sein «Don Quixote» nicht. Aber man hat ihn als einzigartigen Regisseur darin voll und ganz. Mit Stärken und Schwächen. Die Schwächen kann man verzeihen. Und wo er stark ist, da ist er manchmal sehr gross.
Ekkehard Knörer ist Kulturwissenschaftler und Filmkritiker. Er ist Mitgründer, Herausgeber und Redaktor der Zeitschrift «Cargo», Redaktor und seit 2017 Mitherausgeber der Zeitschrift «Merkur». Unter anderem schreibt er für die «TAZ», für «Kolik», «new filmkritik» und wissenschaftliche Zeitschriften und Sammelbände.
Was wünschen Sie sich von unserem Feuilleton? Welche Themen fehlen Ihnen anderswo? Was sollen wir bleiben lassen? Hier gehts zum Feedback an die Feuilleton-Redaktion.