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Führen überprüfbare belastende Arbeitsbedingungen zu negativ erlebten Stressgefühlen am Arbeitsplatz? Und erzeugt der am Arbeitsplatz erlebte Stress erhöhte Gesundheitsgefahren, die schliesslich in vermehrte Arbeitslosigkeit münden? Der vorliegende Beitrag geht diesen Fragen mit den Daten des European Working Condition Survey (EWCS) nach und ergänzt dabei den arbeitswissenschaftlichen Bericht zur so genannten Stress-Studie.
Die Studie ist frei downloadbar unter: www.seco. admin.ch, Dokumentation, Publikationen und Formulare, Studien und Berichte, Arbeit. Der vorliegende Textbeitrag analysiert die gleiche Datenbasis. Doch nimmt er eine komplementäre gesundheitsökonomische Perspektive ein. Das ihm zugrunde liegende Discussion Paper ist frei downloadbar unter: http://www.seco.admin.ch, Dokumentation, Publikationen und Formulare, Arbeitspapiere, Arbeit.
Arbeitsbedingungen und Stressgefühle
In einem ersten Schritt ist untersucht worden, inwieweit negative Stressgefühle durch überprüfbare Arbeitsbedingungen erklärbar sind (vgl. Wirkmodell in Grafik 1). Die Untersuchung zeigt, dass Stressgefühle relativ eng mit persönlichen Empfindungen und Beurteilungen der Arbeitsbedingungen zusammenhängen, z.B. mit häufigeren unklaren Anweisungen, mit schlechterer Anpassung der Arbeitsaufgaben an die vereinbarte Arbeitszeit durch den Vorgesetzten, mit seltener Unterstützung durch Chef und Kollegen, mit häufigerem Arbeiten unter Termindruck, mit grösseren Schwierigkeiten, mit dem Einkommen über die Runden zu kommen, mit stärker empfundenen Störeffekten aus unvorhergesehenen Arbeitsunterbrechungen, mit häufigeren Diskriminierungserfahrungen aller Art. Durch Dritte überprüfbare belastende Arbeitsbedingungen (wie z. B. die durchschnittliche Häufigkeit ungeplanter Arbeitseinsätze pro Monat) scheinen demgegenüber für die Entstehung von Stressgefühlen weniger wichtig zu sein. Als robust Stress erhöhend haben sich nur zwei solche überprüfbaren Faktoren erwiesen: erstens die erinnerte Anzahl Tage, an denen man normalerweise pro Monat mehr als 10 Stunden arbeiten muss, und zweitens die Häufigkeit von Arbeitsunterbrüchen aufgrund unvorhersehbarer Aufgaben.
Stressgefühle, schlechte Arbeitsbedingungen und Krankheitsfälle
Die Vermutung ist, dass gewisse, durch Dritte nachprüfbare Arbeits- und Lebenssituationen tendenziell die Stressgefühle und so auch das Krankheitsrisiko erhöhen. Weil das Stressempfinden auch bei gleichen Arbeitsumständen aufgrund individuell unterschiedlicher «Stressresistenz» variiert, lösen ungünstige Arbeitsbedingungen nicht zwangsläufig bei allen betroffenen Personen negative Stressgefühle aus. Es kann daher interessieren, inwieweit negativ erlebter Stress selber ein kausalen Faktor für Krankheit ist. Ausgangspunkt ist der folgende Befund (vgl. Tabelle 1): Von denjenigen Befragten, welche ihren Gesundheitszustand als sehr gut oder gut bezeichnen (86%) geben 31% an (270 von 860 Personen), häufig oder sehr häufig negative Stressgefühle zu haben. Bei erwerbsfähigen Personen mit mittelmässig, schlechtem oder sehr schlechtem Gesundheitszustand steigt dieser Anteil auf 53% (75 von 142 Personen). Diese einfache Auswertung zeigt, dass Stressgefühle als Einflussfaktor des Gesundheitszustands in Frage kommen. Allerdings hängt letzterer von vielen weiteren Faktoren ab, die in den beiden Untergruppen mit und ohne Stressgefühle nicht gleich häufig verteilt sein müssen. Eine solche Selektionsverzerrung könnte ein Grund sein, dass der beobachtete Einfluss des Stresses auf die Gesundheit bloss ein Scheinzusammenhang ist. Empirische Schätzungen erlauben eine Einschätzung der relativen Bedeutung dieser Faktoren. Der selbst beurteilte aktuelle Gesundheitszustand ist negativ abhängig von folgenden Einflussfaktoren: über 50-jährig, längerer Betriebszugehörigkeitsdauer, physischen Belastungen, selteneren Anpassungen der Arbeit an die verfügbare Arbeitszeit, häufigerem Arbeiten unter hohem Tempo, schlechterer Planbarkeit der Arbeitszeiten, unselbständigem Arbeiten, monotoner Arbeit, mangelhaft beurteilten Mitspracherechten, fehlender Pausengestaltung, fehlender Mitarbeiterförderung via betrieblich bezahlten Fortbildungsmassnahmen, und schliesslich auch von der selbst eingeschätzten mangelnden Stressbewältigungskompetenz. Stressgefühle liefern keinen signifikanten Beitrag zur Erklärung des selbst eingeschätzten globalen Gesundheitszustandes der befragten Erwerbstätigen.
Nichtnachweisbarkeit bedeutet aber nicht zwingend Nichtexistenz dieser Wirkkette. So sind alle Personen, die bereits im erwerbsfähigen Alter aus dem Erwerbsleben unfreiwillig – u.a. krankheitsbedingt – ausgeschieden sind, nicht in der Befragung berücksichtigt worden. Die Befragung ist somit nicht repräsentativ für sämtliche Personen im erwerbsfähigen Alter, sondern nur für die Erwerbspersonen. Analoge Schätzungen sind für die Anzahl der in den letzten 12 Monate erinnerten Krankheitsepisoden durchgeführt worden. Negative Stressgefühle sowie eine selbst eingeschätzte mangelhafte Stressbewältigungskompetenz zeigen hier einen selbständigen, signifikanten Einfluss an.Viele erfragte Faktoren sind von individuellen Einschätzungen abhängig und lassen keine direkten Rückschlüsse über die von Dritten überprüfbaren Arbeitsbedingungen zu. Ob z. B. der Chef gemessen an der Arbeitszeit zu viele Aufgaben erteilt, erfasst nicht nur die objektive Verdichtung und Hektik des Arbeitsprozesses, sondern auch, ob die befragte Erwerbsperson aufgrund persönlicher Merkmale allenfalls in die falsche Arbeitsstelle vermittelt worden ist und daher eine bloss relativ definierbare Überforderung besteht. Um dieses Problem zumindest hinsichtlich der individuell variierenden «Stressresistenz» zu entschärfen, sind separierte Auswertungen durchgeführt worden, je für die sich gestresst fühlenden Personen und für die sich nicht gestresst fühlenden Personen. Hier interessiert, ob sich ungünstige Arbeitsbedingungen bei Personen, die sich gestresst fühlen, anders auf die selbst beurteilte Gesundheit auswirken als bei Personen, die sich nie oder nur selten gestresst fühlen:− In der Gruppe der Nicht-Gestressten berichten die jüngeren Beschäftigten bis 30 Jahre, im Vergleich zu den anderen Altersgruppen signifikant bei schlechterer Gesundheit zu sein.
Vielleicht haben die Jüngeren häufiger Hemmungen, ihre Stressgefühle zuzugeben. Oder sie sind bei der Beurteilung des eigenen Gesundheitszustandes relativ sensibler, so dass sie als «Krankheitsfall» beurteilen oder noch erinnern, was die anderen Altersgruppen in der Tendenz bereits vergessen haben oder als nicht «wirkliche» Krankheit einschätzen. Der Zusammenhang mit den negativen Stresserlebnissen kann dadurch lockerer werden. Und nur in dieser Gruppe führen häufiger erlebte Diskriminierungen jeglicher Art (aufgrund von Alter und Geschlecht, Beleidigen, Drohen und Blossstellen, körperlicher Gewalt, Mobbing, sexueller Belästigung) zu einer selbst beurteilten schlechteren Gesundheit. Immerhin gibt es deutliche Hinweise, dass Führungsprobleme (keine klaren Zielvereinbarungen, keine Aufgabenanpassung an die vereinbarte Arbeitszeit) auch bei Nicht-Gestressten die Gesundheit beeinträchtigen können.− Dagegen sind in der Gruppe der Gestressten die folgenden Faktoren gesundheitsbeeinträchtigend: körperlich anstrengende Arbeit, häufige Sonntagsarbeit, nicht frei gestaltbare Arbeitszeiten, mangelnder Respekt von Seiten des Chefs, häufig unvorhergesehene Arbeitsunterbrechungen, häufigeres Fehlen selbständiger Aufgabenerfüllung, emotionale Erschöpfungserlebnisse.Verallgemeinernd kann man sagen, dass bei den Nicht-Gestressten diskriminierende Umstände am Arbeitsplatz sowie Führungsprobleme zu Gesundheitsgefahren führen, die aber mit der konkreten Art der Arbeit selber nichts zu tun haben müssen. Dagegen sind es bei den Gestressten oft solche Faktoren, die mit dem Arbeitsprozess selber im Zusammenhang stehen (z.B. unselbständiges Arbeiten), von denen zudem einige in gewissen Jobs unvermeidlich mit der Art der Arbeit verknüpft sind (z.B. körperliche Anstrengung). Mangelnde Stressbewältigungsfähigkeit spielt keine wichtige Rolle. Der Grund wird in Tabelle 2 sichtbar.Zwar sind 34,3% aller befragten Erwerbstätigen (344 von 1002) häufig negativen Stressgefühlen ausgesetzt. Aber nur 7% der zumindest ab und zu sich gestresst fühlenden Erwerbstätigen (62 von 870) rechnen sich selber eine schlechte Stressbewältigungskompetenz bzw. eine schlechte «Stressresistenz» zu. Bemerkenswert ist, dass von den insgesamt 344 häufig gestressten Personen 294 Personen oder 85,5% sich eine ziemlich oder sehr gute Stressbewältigungsfähigkeit zuschreiben. Bei den nur manchmal Gestressten steigt diese Quote sogar auf 97,7% (514 von 526). Dies wirft die Frage auf nach den Entstehungsgründen des negativ erlebten und krank machenden Stresses. Grundsätzlich sind zwei Möglichkeiten denkbar, die sich nicht ausschliessen müssen: 1) Stress widerspiegelt eine mangelhafte Übereinstimmung zwischen Jobanforderungen und Jobkompetenzen, woraus eine Situation relativer Überforderung entsteht. Sie betrifft zwar immer einen bestimmten Prozentsatz der Beschäftigten, aber jede einzelne Person immer nur zufällig und vorübergehend, so lange bis eine geeignetere Stelle gefunden worden ist. Es handelt sich hier um ein unvermeidliches Such- und Informationsproblem.2) Wenn es allerdings immer wieder dieselbe Personengruppe trifft und es für sie zu einem Dauerzustand wird, ist der krank machende Stress die Wirkung einer ganz anderen Art der Unvermeidlichkeit. Diese Personengruppe ist im Arbeitsmarktsegment der prekären Jobs eingeschlossen. Weil solche Jobs strikt unfreiwillig in Kauf zu nehmen sind, ist ihr Prozentanteil an sämtlichen Beschäftigten mit negativen Stressgefühlen ein Indikator für die volkswirtschaftlichen Verluste aus Stress am Arbeitsplatz (vgl. Kasten 2
Die gesundheitsökonomische Bedeutung von Stress am Arbeitsplatz
Die Differenz zwischen der arbeitsmedizinischen und der gesundheitsökonomischen Beurteilung des Stresses am Arbeitsplatz kommt am deutlichsten in der Analyse eines Marktversagens zum Ausdruck. Während die Arbeitsmedizin aus ethischen Gründen jeden krank machenden und auch vermeidbaren Stress am Arbeitsplatz bekämpfen möchte, argumentiert die Gesundheitsökonomie, dies sei nur in bestimmten Fällen anzustreben – dann nämlich, wenn Arbeitsstress zu volkswirtschaftlichen Verlusten führt.Allerdings ist es schwierig, die volkswirtschaftlichen Verluste des Arbeitsstresses abzuschätzen. Es müssten alle monetär oder andersartig nicht kompensierten Stressphänomene erfasst werden können. Denn nur so liessen sich die externen Effekte durch Stress valide messen. Gäbe es keine externen Effekte – und damit auch kein Marktversagen in diesem Bereich –, wären sämtliche Stresssymptome, auch wenn sie medizinisch und ethisch strikt negativ zu bewerten wären, freiwillig in Kauf genommen, weil einerseits ihre schlechten möglichen Auswirkungen allen Personen bekannt wären und sie anderseits durch mehr Freizeit, mehr Lohn, mehr Prestige, eine grössere Karrierechance oder andere Be- und Vergünstigungen voll entschädigt würden. Es käme zu keinen verzerrenden Verhaltensweisen, weil keine Fehlanreize existierten. Das Ausmass des ethisch und medizinisch negativ zu bewertenden Stresses wäre daher ökonomisch effizient. Umgekehrt entstehen wohlfahrtsmindernde externe Kosten und damit volkswirtschaftliche Verluste nur dann, wenn der als schlecht erlebte Stress und die daraus erwachsenden Gesundheitsfolgen entweder nicht vollständig bekannt sind oder nicht kompensiert werden und daher unfreiwillig in Kauf genommen werden müssen.a
a Das scheinbar paradoxe Phänomen der dauerhaft existierenden Unfreiwilligkeit in einem Arbeitsmarkt mit Vertragsfreiheit kann z.B. mit Hilfe der Effizienzlohntheorie (J. Stiglitz, C. Shapiro) sauber mikrofundiert werden. Vgl. dazu Ecoplan (Hrsg.), Die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz, Seco-Publikation Nr. 32, Bern 2010, frei downloadbar unter: http://www.seco.admin.ch, Dokumentation, Veröffentlichungsreihen, Arbeit.). Um ihre empirische Bedeutung zu erfassen, müssten Indizien des nicht kompensierten Leidens am Stress gesammelt werden.
Drohender Stellenverlust durch Stress?
Inwieweit erhöht vermehrtes Stressempfinden das Risiko eines Stellenverlustes? Da ein tatsächlicher Stellenverlust in der Befragung von aktuell (noch) Erwerbstätigen nicht beobachtet werden kann, wird im Einklang mit anderen empirischen Studien das zukünftige Risiko des Arbeitsplatzverlustes mit der vergangenen Häufigkeit der Abwesenheit am Arbeitsplatz (Absentismus) zu erfassen versucht. Absentismus wird als nicht ganz exakte, im Mittel aber unverzerrte Prognosevariable für Stellenverlust interpretiert. Das sind die empirischen Ergebnisse der Studie: − Erklärungskräftig für Absentismus sind: Geringe soziale Integration (gemessen durch ehrenamtliche Tätigkeit, Kinder- und Verwandtenbetreuung, gemeinschaftliche Freizeitaktivitäten), Unzufriedenheit mit den Arbeitsbedingungen, Präsentismus (trotz Erkrankung sich am Arbeitsplatz einzufinden), das mangelnde Bewusstsein, eine sinnvolle Arbeit zu verrichten, eine physisch belastende Arbeitssituation, unregelmässige Arbeitsdauer pro Tag, nicht feste Arbeitszeiten für Beginn und Ende der Arbeit, fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf – das sind fast alles von Dritten überprüfbare, stressbegünstigende Faktoren einer möglicherweise prekär-flexiblen Arbeitsstelle und von schwierigen Lebensumständen. − Absentismus ist nicht abhängig von häufigerem Medikamentengebrauch. Auch persönliches Stressempfinden spielt keine eigenständige Rolle bei der Erklärung des Absentismus (und damit des Risikos des Arbeitsplatzverlustes). Nicht von Bedeutung ist überdies das Führungsverhalten des Chefs, das persönliche Verhältnis zum Chef sowie der selbst beurteilte Gesundheitszustand. Gemäss den statistischen Tests scheint letzterer in vielen Fällen nicht das Ergebnis eines zufälligen Ereignisses zu sein (wie z. B. bei einer Grippe), sondern eher das Resultat von den tieferen Ursachen des Absentismus. So kann in einer bereits prekären allgemeinen Lebenssituation eine angeschlagene Gesundheit gehäuft auftreten. In solchen Fällen ist Absentismus bloss das beobachtete Symptom der prekären Lebenslage.
Lohnprämien für Stress?
Welches sind die Lohneffekte aus negativ erlebtem Stress am Arbeitsplatz? Um dieser Frage nachzugehen, ist untersucht worden, inwieweit in ansonsten vergleichbaren Jobtypen Stress begünstigende und allgemein belastende Arbeitssituationen mit einer «Stressprämie» abgegolten werden. Um hier einen spürbaren Effekt beobachten zu können, müssen auf dem Arbeitsmarkt genügend häufig Jobs existieren, zwischen denen man ohne zusätzlichen Ausbildungsaufwand wechseln kann und die sich nur in der sogenannt «stressigen» Arbeitssituation unterscheiden.
Die in die Gegenrichtung laufende Behauptung, mehr Stress führe zu weniger Lohn, stützt sich auf temporäre Effekte aus negativen Schocks. Ihre empirische Bedeutung kann in einer rein zeitpunktbezogenen Befragung nicht eruiert werden.Zu diesem Zweck ist eine Lohnfunktion schrittweise unter Einbezug stets zusätzlicher möglicher Einflussgruppen geschätzt worden:− Strukturelle Einflussgrössen (z. B. Betriebsgrösse oder Branche);− individuelle Eigenschaften (z. B. Geschlecht, Alter, höchste abgeschlossene Ausbildung);− Arbeitsbedingungen und betriebliche Stellung (z. B. kein unbefristeter Arbeitsvertrag, Vorgesetztenfunktion, Betriebszugehörigkeitsdauer);− Art der Arbeit (z. B. körperlich belastende Arbeit, unvorhergesehene Arbeitsunterbrechungen, selbständiges Lösen von Aufgaben);− selbst beurteilter Gesundheitszustand (z. B. Schmerzen und Beschwerden). All diese signifikant den Lohn beeinflussenden Faktoren interessieren im vorliegenden Kontext nur, weil am Ende der separierte Einfluss ausschliesslich des Stressempfindens auf die Lohnhöhe sichtbar werden soll. Das empirische Resultat ist, dass die Häufigkeit von Stressgefühlen keine Wirkung auf die Lohnhöhe entfaltet. Ein wichtiges Nebenergebnis ist, dass in der erweiterten Schätzung die Nationalität zu keiner Lohndiskriminierung führt. Nachweisbar sind die folgenden spezifischen Einflüsse: − Die (selbst beurteilte) individuell schlechte Stressbewältigungsfähigkeit kommt bei tieferen Löhnen signifikant häufiger vor. − Weniger belastende Faktoren in der Arbeitssituation gehen signifikant mit tieferen Löhnen einher, und mehr Stress begünstigende bzw. belastende Faktoren in der Arbeitssituation sind häufiger mit höheren Löhnen verbunden. Wer z.B. seltener gezwungen ist, in der Freizeit übrig gebliebene Aufgaben des Jobs zu erledigen, hat einen tendenziell deutlich tieferen Lohn. Oder: Wer ruhige, relativ störungsfreie Arbeit erledigt, erzielt sehr deutlich weniger Lohneinkommen. Für einen nicht vernachlässigbaren Anteil der Beschäftigten zeigen die statistischen Tests, dass nicht der Stress den Lohn beeinflusst, sondern dass umgekehrt das je erreichbare Lohnsegment bestimmt, ob man in ein ruhigeres, sogenannt «weniger stressiges» Jobprofil hineingeschleust wird. Relative Lohneinbussen führen hier zu weniger Stress.
Die endgültige «Belastbarkeit» dieses statistischen Ergebnisses (der sog. Endogenität der Einflussvariablen) und der sich darauf stützenden Interpretation (der umgekehrten Kausalität) ist letztlich erst dann zu beurteilen, wenn dieselbe Umfrage zu verschiedenen Zeitpunkten mit denselben Teilnehmern durchgeführt würde. Der genaue Anteil des prekären Jobsegments lässt sich allerdings nicht ermitteln.
Fazit
Die Arbeitsbedingungen haben wesentlichen Einfluss auf die selbst beurteilte Gesundheit der Beschäftigten. Es war jedoch nicht möglich nachzuweisen, dass auch Stressgefühle den selbst beurteilten Gesundheitszustand gefährden. Überprüfbare Stress begünstigende bzw. belastende – hektische, unplanbare und körperlich anstrengende – Arbeitsbedingungen haben besonders dann eine krank machende Wirkung, wenn sie mit dem konkreten Arbeitsablauf selber verbunden sind und daher nur schwer vermeidbar sind – ausser durch einen Wechsel in ein anderes Jobprofil. Möchte man die Gefahr dauerhafter Beschäftigungslosigkeit vermeiden, ist die Möglichkeit eines Wechsels allerdings für Personen im Segment der prekären Jobs verbaut. Der genaue Anteil dieser Personengruppe mit unfreiwillig in Kauf zu nehmenden negativen Stressgefühlen an sämtlichen Personen mit negativen Stressgefühlen – und damit das Ausmass des volkswirtschaftlichen Verlusts aus Stress – lässt sich nicht ermitteln. Doch kann diese Gruppe, der sonst nur die unfreiwillige Arbeitslosigkeit bliebe, nicht vernachlässigbar klein sein. Denn es lässt sich empirisch nachweisen, dass die Gefahr des Arbeitsplatzverlustes spürbar erhöht ist, falls Stress begünstigende Arbeitsbedingungen vorherrschen und die generelle Lebenssituation bereits marginalisiert ist.
Grafik 1: «Das Wirkmodell»
Tabelle 1: «Stressgefühl und Gesundheitszustand»
Tabelle 2: «Stressbewältigungsfähigkeit und Stressempfinden»
Kasten 1: Die Definition von Stress
Die Definition von Stress
Der umgangssprachliche Stressbegriff meint sowohl den belastenden Arbeitsprozess selber als auch die negativen Stressgefühle, die daraus entstanden sind. Damit legt das Alltagsverständnis intuitiv nahe, beides sei untrennbar miteinander verbunden. Untersuchungen zeigen allerdings immer wieder, dass dies nicht so sein muss: Nicht jede hektische Arbeitssituation ruft negative Stressgefühle hervor, und nicht nur hektische Arbeitssituationen können negative Stressgefühle verursachen. Im vorliegenden Text wird daher Stress begrifflich enger gefasst und mit Stressgefühl (-empfinden, -erleben) synonym gesetzt. Das hat zur Folge, dass man in Anlehnung an die Alltagssprache von sogenannt «stressigen» Arbeitsbedingungen sprechen muss, wenn nachprüfbar belastende Arbeitssituationen gemeint sind. Sie vermögen Stressgefühle höchstens zu begünstigen, verursachen sie aber nie alleine.
Kasten 2: Die gesundheitsökonomische Bedeutung von Stress am Arbeitsplatz
Die gesundheitsökonomische Bedeutung von Stress am Arbeitsplatz
Die Differenz zwischen der arbeitsmedizinischen und der gesundheitsökonomischen Beurteilung des Stresses am Arbeitsplatz kommt am deutlichsten in der Analyse eines Marktversagens zum Ausdruck. Während die Arbeitsmedizin aus ethischen Gründen jeden krank machenden und auch vermeidbaren Stress am Arbeitsplatz bekämpfen möchte, argumentiert die Gesundheitsökonomie, dies sei nur in bestimmten Fällen anzustreben – dann nämlich, wenn Arbeitsstress zu volkswirtschaftlichen Verlusten führt.Allerdings ist es schwierig, die volkswirtschaftlichen Verluste des Arbeitsstresses abzuschätzen. Es müssten alle monetär oder andersartig nicht kompensierten Stressphänomene erfasst werden können. Denn nur so liessen sich die externen Effekte durch Stress valide messen. Gäbe es keine externen Effekte – und damit auch kein Marktversagen in diesem Bereich –, wären sämtliche Stresssymptome, auch wenn sie medizinisch und ethisch strikt negativ zu bewerten wären, freiwillig in Kauf genommen, weil einerseits ihre schlechten möglichen Auswirkungen allen Personen bekannt wären und sie anderseits durch mehr Freizeit, mehr Lohn, mehr Prestige, eine grössere Karrierechance oder andere Be- und Vergünstigungen voll entschädigt würden. Es käme zu keinen verzerrenden Verhaltensweisen, weil keine Fehlanreize existierten. Das Ausmass des ethisch und medizinisch negativ zu bewertenden Stresses wäre daher ökonomisch effizient. Umgekehrt entstehen wohlfahrtsmindernde externe Kosten und damit volkswirtschaftliche Verluste nur dann, wenn der als schlecht erlebte Stress und die daraus erwachsenden Gesundheitsfolgen entweder nicht vollständig bekannt sind oder nicht kompensiert werden und daher unfreiwillig in Kauf genommen werden müssen.a
a Das scheinbar paradoxe Phänomen der dauerhaft existierenden Unfreiwilligkeit in einem Arbeitsmarkt mit Vertragsfreiheit kann z.B. mit Hilfe der Effizienzlohntheorie (J. Stiglitz, C. Shapiro) sauber mikrofundiert werden. Vgl. dazu Ecoplan (Hrsg.), Die Entwicklung atypisch-prekärer Arbeitsverhältnisse in der Schweiz, Seco-Publikation Nr. 32, Bern 2010, frei downloadbar unter: http://www.seco.admin.ch, Dokumentation, Veröffentlichungsreihen, Arbeit.