Document ID: /fineweb-2-swissfilter-quality_10-filterrobots/filtered/03623.jsonl.gz/555

Das Museum Haus Konstruktiv widmet dem international renommierten südafrikanischen Künstler William Kentridge die erste Schweizer Einzelausstellung. Der Fokus liegt auf der achtteiligen Videoinstallation «I am not me, the horse is not mine», die in Zusammenhang mit der auf Nikolai Gogols Novelle «Die Nase» basierende Opernproduktion der Metropolitan Opera New York, 2006, von Dimitri Schostakowitsch entstanden ist. Als Nebenprodukt dieser Operninszenierung ist ein Werkkomplex mit bisher kaum bekannten Zeichnungen, Collagen, Druckgrafiken, Malereien, Bronzefiguren und Tapisserien zu sehen.
Die Kunst von William Kentridge (*1955, Johannesburg) ist verstörend und voller Sprengkraft. Noch zur Zeit des weissen Minderheitsregimes deutete der Künstler seine der Antiapartheidbewegung zugerechneten Arbeiten als eine «Ausgeburt der brutalisierten Gesellschaft, die die Apartheid hinterlassen hat». Für ihn bleibt die Vision vom neuen Südafrika als einer multiethnischen Gesellschaft «ein leerer Mythos». Als Nachkomme von jüdischen Emigranten aus Litauen und Sohn eines sehr bekannten Anwalts, der Schwarze in den Apartheidsprozessen verteidigte, verspürte Kentridge schon früh ein politisches Bewusstsein und einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Dies drängte ihn, diese leidvolle Geschichte mit der repressiven Geschichte des Terrors von Stalin zu verknüpfen, zumal die in der russischen Revolution aufgeworfenen Fragen und Belange auch in Bezug auf die südafrikanische Politik relevant sind. So definierten sich populistische südafrikanische Gruppierungen vornehmlich über den sowjetischen Realismus und verbanden stalinistische Kunst mit didaktischer Lebenstreue. Die sowohl da wie dort verdrängte, geleugnete Geschichte einer höchst hierarchischen Gesellschaft mit ihren absurden Auswüchsen sowie ihren ungelösten Schuldfragen legt Kentridge wie eine Matrix über die Gegenwart.
Gedächtnisspuren
William Kentridge zeichnet «Gedächtnisspuren nach» und nennt seine Technik «steinzeitliches Filmemachen». Sie macht die Transformation von Bildern nachvollziehbar, denen Zeichnungen zugrunde liegen. Überhaupt steht die Zeichnung im Zentrum seines Werks und konstituiert die Grundlage für seine multimedialen Arbeiten. Mit Kohlestift und Pastellfarben entwirft der Künstler ein Urbild und filmt es. Sodann wird das Original ausradiert, überzeichnet, wieder gefilmt, wieder ausradiert und so weiter. Die jeweils geänderten Versionen verbinden sich in bewegten Bildern zu Animationsfilmen. Sie dechiffrieren die Allgegenwart der Vergangenheit und lassen ein Panoptikum historischer Abläufe Revue passieren.
Diese Methode kulminiert in der filmischen Produktion, die für Kentridge, der aus dem Theater und dem Film kommt, ein ideales Pool seiner diversen künstlerischen Ausdrucksmittel darstellt. Davon legt der multimediale Werkkomplex «The Nose» beredtes Zeugnis ab. Die dahinter stehende Geschichte handelt vom St. Petersburger Kollegienassessor Kowalow, der eines Morgens feststellen muss, dass seine Nase verschwunden ist. Er macht sich auf die Suche und trifft sie in der Uniform eines Staatsrats an. Er spricht sie an, wird aber von ihr abgewiesen. Die Nase wird offiziell verhaftet, dennoch verweigert sie die Rückkehr an ihren angestammten Platz. Eines Tages erwacht Kowaljow wieder mit seiner Nase im Gesicht, als ob nichts geschehen wäre.
Bis zur Opernaufführung 2010 umkreiste Kentridge diese Thematik auf seine ihm eigene, spielerische Weise mit den damit verbundenen Fragen generell nach der Gespaltenheit des Selbst und der Welt. Zunächst näherte sich der Künstler in einer Reihe von anamorphotischen Zeichnungen der Geschichte, um anschliessend mit der Arbeit an filmischen Projektionen fortzufahren.
Musikalisches Potpourri
Kentridge reflektiert die Beziehung der Nase zu einer gespaltenen Identität und zu den historischen Fakten. So ist die unabhängige Nase Protagonistin verschiedener Erzählungen, die Kentridge als Schauspieler in diversen Rollen übernimmt. In «His Majesty, Comrade Nose» wird die Nase verehrt und auf alle damals wichtigen politischen und gesellschaftlichen Figuren projiziert. Andernorts erklimmt sie ein von El Lissitzky nachempfundenes Podium oder steigt als Animationsfigur in einem Trickfilm immer wieder eine Leiter hinauf, um rückwärts wieder slapstickartig runterzupurzeln. Dieser Sisyphus ähnliche Eifer veranschaulicht jegliches Streben und Scheitern, das Kentridge besonders mit dem tragischen Untergang des Politbüromitglieds Nikolai Bucharin im Zuge der politischen Säuberungen 1938 in Russland verbindet. Neben Bucharins Opposition gegen Stalins Massnahmen zur Kollektivierung der Landwirtschaft ist dies in der Videoarbeit «Prayers of Apology» aufgezeichnet.
Die simultan abgespielten Videos der Installation «I am not me, the horse is not mine» werden von bizarr klingenden, ganz unterschiedlichen musikalischen Stilen untermalt, so von der Musik von Schostakovic, folkloristischen Tanzstücken, afrikanischen Gesängen und russisch-orthodoxer Kirchenmusik, die zusammen collagiert sind. Formal entsprechen dem musikalischen Potpourri Collagen aus Papierarbeiten und Projektionen, aus denen sich die einzelnen Filme zusammensetzen. Der Titel referiert auf eine russische Bauernweisheit, die in einer gewundenen Ausflucht jegliche allfällige Schuldzuweisung von sich weist und die Lebensumstände im stalinistischen Terorregime hervorruft. Gleichzeitig spielt die Installation auf das Russland der Zwanziger- und Dreissigerjahre an, an die künstlerische Sprache jener Zeit, den russischen Konstruktivismus, und die damals herrschende Aufbruchsstimmung, die mit der Machtergreifung Stalins 1927 jäh zu Ende ging.
Die Abstraktion und das Absurde
In den verschiedenen Videoinstallationen und auf den Tapisserien tummelt sich eine Reihe von Pferden. Abgesehen von dessen Stellung im Zusammenhang mit Macht, Hierarchie und Heldentum oder auch Opfer interessiert Kentridge das Motiv auch rein formal, in der Auseinandersetzung mit kunsthistorischen und literarischen Darstellungen von Pferden, etwa dem bronzenen St. Petersburger Reiterstandbild «Der eherne Reiter». Mit der anamorphotischen Bronzeskulptur der auf einem Pferd sitzenden Nase und einen Schatten werfend, macht der Künstler bewusst, dass die Aneignung von Wirklichkeit nie endgültig ist, sondern immer nur momentan unserem Bewusstseinszustand entspricht und so die Bedeutung der Welt bestimmt. Schliesslich ist Kentridge dem Motiv des Pferdes mit Abstraktionsprozessen zu Leibe gerückt, indem er seine Erkennbarkeit trotz grösstmöglicher Reduktion auslotet.
Formal und inhaltlich wichtige Einflüsse liefern die Werke russischer Konstruktivisten und sowjetische Filme der ersten drei Dekaden des 20. Jahrhunderts. Ihre Formensprache galt damals als Ausdruck der neu aufzubauenden Gesellschaft. Sie stellt eine wichtige Grundlage der konkreten Kunst dar und bildet einen Teil des historischen Erbes, welches das Museum Haus Konstruktiv thematisiert und bis in die Gegenwart hinein weiterdenkt. In diesem Diskurs kommt William Kentridge mit seiner Verquickung von gegenstandsloser Kunst und dem Absurden eine zentrale Bedeutung zu. Dass sich diese beiden gegensätzlichen künstlerischen Haltungen nicht a priori beissen müssen, belegte schon Theo van Doesburg, auf den sich die Zürcher Konkreten unmittelbar bezogen, nachdem er den Begriff konkrete Kunst geprägt hatte. Fast im gleichen Atemzug führte er 1922 den Dadaismus in den Niederlanden ein. Auch wenn die Kategorie des Absurden in der Kunst der Zürcher Konkreten wenig Platz hatte, hofften beide Gruppierungen auf eine veränderte Gesellschaft und waren einander in ihrer Anti-Kriegshaltung verbunden.
Liquide Grenzen
Die vielfach humorvollen Werke von Kentridge, die von einer undogmatischen Haltung zeugen und vornehmlich die Absurdität der Welt thematisieren, stellen gemäss seinen Worten die Welt als Prozess vor, die besonders «in Filmen als Experimentierfeld für Verwandlungen» gespiegelt wird. Die Grenzen zwischen den Zeiten und historischen Phasen werden liquid und im Ephemeren sichtbar gemacht. Auch wenn Kentridge sich «als primär zeichnender Künstler» versteht, der «nicht Bedeutung schafft», wiedergibt die von ihm in bannenden Bildern visualisierte Geschichte der «Nase» die Diktatur der Herrschenden, sei es einer politischen Klasse, sei es jene der globalisierten Märkte. Kentridge macht sich die Worte von Gogol zu eigen, gemäss denen das Unmögliche andauernd geschieht. Dies eröffnet Raum für das Ungeplante und entfesselt einen unabsehbaren Prozess, der Kentridge zum Kunstschaffen motiviert und ihm eine wesentliche Quelle der Erkenntnis ist.
William Kentridge — The Nose, Museum Haus Konstruktiv, bis 6.9.
Katalog zur Ausstellung mit Beiträgen von William Kentridge, Jane Taylor und Sabine Schaschl. Verlag der Buchhandlung Walther König 2015.