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Nachdem Umweltkatastrophen und Kriege die USA zerstört haben, ist aus deren Asche der totalitäre Staat Panem entstanden. Vom dekadenten Capitol aus werden die 12 Distrikte Panems mit eiserner Faust unterdrückt. Um jegliche Auflehnung des Volkes im Keim zu ersticken, müssen die Distrikte bei der jährlichen "Ernte" je einen Jungen und ein Mädchen im Alter zwischen 12 und 18 für die Hunger Games auslosen. Diese Tribute müssen sich in einem landesweit live übertragenen TV-Event gegenseitig abschlachten - und nur einer der 24 Kids kann überleben.
Als ihre kleine Schwester Primrose (Willow Shields) ausgelost wird, übernimmt die 16-jährige Katniss Everdeen (Jennifer Lawrence) mutig ihren Platz - wohlwissentlich, dass dies wahrscheinlich ihr Todesurteil bedeutet. Katniss und ihr Mittribut, der Bäckerssohn Peeta Mellark (Josh Hutcherson), werden ins Capitol gebracht, wo sie einen Crashkurs im Kampf und Überlebenstraining erhalten. Gecoacht werden die beiden von der extravaganten Effie Trinkett (Elizabeth Banks) und dem ewig betrunkenen einstigen Hunger-Games-Sieger Haymitch Abernathy (Woody Harrelson). Katniss ist zwar eine erfahrene Jägerin, doch um das perfide Spiel zu überleben, muss man auch taktisch vorgehen und die Sympathie der Zuschauer gewinnen können...
Bei der Suche nach dem nächsten potenziellen Harry Potter- oder Twilight-Nachfolger hat sich für einmal keines der grossen Filmstudios durchgesetzt: Überraschend konnte sich der Independent-Verleiher Lionsgate den aussichtsreichsten Thronanwärter im Bereich Jugendbuchverfilmung schnappen. Mit The Hunger Games, der Verfilmung des ersten Bandes aus Suzanne Collins‘ gleichnamiger Romantrilogie, hat Lionsgate sein bisher grösstes Projekt umgesetzt - und dürfte damit reichlich absahnen. Bedenkt man, dass der Film weit weniger gekostet hat als die meisten Blockbuster, kann man über die detailreiche, liebevolle und trotzdem äusserst imposante Umsetzung nur staunen.
Regisseur Gary Ross hat sich wahrlich kein einfaches Werk für seinen dritten Spielfilm ausgewählt. Schliesslich werden Unterdrückung, perfide Formen der Machtausübung und Gewalt an Kindern thematisiert - und das Ganze richtet sich auch noch an ein junges Publikum. Die schwierige Balance zwischen düsterer Zukunftsvision, emotionalen Szenen und spannungsgeladener Action ist jedoch geglückt: Der Film schafft es, die Zuschauer durchgehend zu packen, ohne zu viel von der komplexen und ernsten Geschichte weglassen zu müssen.
Ross verrät besonders in der ersten Filmhälfte ein scharfes Auge für Details, wodurch die Zeichnung der Science-Fiction-Welt und der Figuren sinnvoll unterstützt wird. So zeigt sich die Genusssucht, Dekadenz und Oberflächlichkeit der Capitolbewohner bereits in deren exzentrisch-abgespaceten Kostümen. Schön ist auch, dass das Capitol zwar klar negativ dargestellt wird, dies aber nie mit erhobenem Zeigefinger geschieht. Die Kritik geschieht implizit, etwa indem die schlicht ideal besetzte Jennifer Lawrence die Absurditäten und Grausamkeiten um sie mit stoischer Ruhe erträgt oder auch mal auf herzzerreissende Weise zusammenbricht.
Wackelkameraeinstellungen, gezielt eingesetzte Soundeffekte und nur spärliche Verwendung von Musik setzen die Perspektive der Heldin auch audiovisuell um. Zudem wird immer wieder eine Aussenperspektive eingenommen, um die Geschehnisse zu kommentieren. Obwohl es sich hierbei häufig um Exposition handelt, wird diese effektvoll eingesetzt, ohne zu holzhammerartig zu werden. Besonders wenn das Geschehen vom schlicht genialen Stanley Tucci kommentiert wird, macht dies enorm Spass: Tucci glänzt in der Rolle des Hunger-Games-Moderators Caesar Flickerman und stiehlt mit seinem künstlichen Look und dem frechen Auftritt vielen im ohnehin sehr gut und prominent besetzten Cast die Schau.
The Hunger Games zeigt eine durchgestylte futuristische Welt, in die man trotz aller (vor allem implizierter) Grausamkeit gerne eintaucht. Wer die Buchvorlage kennt, könnte sich zwar am leicht veränderten Schluss stören, der wohl zu gleichen Teilen der begrenzten Filmlänge und dem dringend benötigten PG-13-Rating zuzuschreiben ist. Überhaupt wirkt das letzte Filmviertel leider relativ gehetzt, was ein wenig an der bedrohlichen Atmosphäre und Spannung kratzt. Trotzdem ist Gary Ross eine unsentimentale und erstaunlich eigenständige Interpretation des Romans gelungen, die wohl nicht nur Fans auf die Fortsetzungen gespannt macht.
Petra Schrackmann [pps]
Petra arbeitet seit 2007 für OutNow und haut auch für Lektorat und Listicles in die Tasten. Als Genrefan verbringt sie ihre Film- und Serienabende lieber mit Zombies, Hobbits oder RVAGs als mit Rom-Coms. Als Leseratte ist sie fasziniert von Comic- und Buchverfilmungen (sogar den schlechten!).