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«Die Schweiz ist ein kurzer Rock voller Falten, eine Art geologisch erstarrter Sturm. Die Falten laden ein, sich darin zu verstecken. Aber schon andere vor uns kamen auf diese Idee, und zurzeit bauscht sich das plissierte Land wieder mächtig.» Vielleicht liegt der schönste, ergreifendste Roman über die Menschen, die im Zweiten Weltkrieg in die Schweiz flohen und wie lästige Eindringlinge behandelt wurden, unveröffentlicht in einer Schublade! Er trägt den kuriosen Titel «Die Brille des Nissim Nachtgeist» und spielt zwischen 1938 und 1945 in der Pension Comi an der Ekkehardstrasse 22 in Zürich 6, wo das aus Russland geflohene jüdische Paar Paula und Wolodja Friedmann Flüchtlingen Unterkunft gewährte, solange sie nicht ausgeschafft oder ins Interniertenlager spediert wurden. Eine Fülle von Schicksalen wird in dem Roman aufgeblättert, darunter auch jenes von Nissim Nachtgeist, der in Wirklichkeit Kurt Nussbaum hiess, in Deutschland als Jurist promoviert hatte und 1941 drauf und dran war, mit seiner Verlobten nach Amerika zu entkommen, wenn nicht eine Informationspanne einen Strich durch die Rechnung gemacht hätte. Als sich dann 1945 eine neue Reisemöglichkeit ergab, wurde sein Fall sogar im Bundesrat diskutiert, hatte man doch erfahren, dass Nussbaum für eine US-Institution an einer Dokumentation über die Behandlung der Flüchtlinge in der Schweiz arbeite, sodass der Bundesrat laut Protokoll vom 21. Mai 1945 verhindern wollte, «dass er nach seiner Ankunft in den USA versucht, in der amerikanischen Presse falsche Behauptungen über die Flüchtlingsbehandlung in der Schweiz aufzustellen.» Autorin von «Die Brille des Nissim Nachtgeist» ist die am 4. Oktober 1910 in Hamburg geborene Lotte Bennett, die als Kind den Räte-Aufstand erlebte, nach der Schule als Dienstmädchen arbeitete, ehe sie 1927 Bibliothekarin wurde und sich den Kommunisten anschloss. Als Freundin eines Roten Kämpfers floh sie nach Hitlers Machtübernahme 1934 nach Zürich und arbeitete erneut als Dienstmädchen. Um wieder etwas anderes arbeiten zu können, heiratete sie zum Schein den Mechaniker Hans Spengler und arbeitete und wohnte dann, ehe sie 1938 für zehn Jahre Bibliothekarin im Zürcher Sozialarchiv wurde, in jener Pension Comi, die sie in ihrem einzigen, nie veröffentlichten Roman porträtierte, an dem sie bis zu ihrem frühen Tod am 6. Oktober 1971 arbeitete. Sie schrieb Artikel zu politischen und zu Frauenrechtsfragen, aber das Originellste, was sie publizierte, ist das «Tagebuch mit einem Haus» von 1956. Seit 1944 war sie mit dem links engagierten modernen Architekten Felix Schwarz verheiratet; sie nannte sich Lotte Schwarz und brachte zwei Kinder zur Welt. Als es dem Paar 1952 gelang, in Brüttisellen Land zu kaufen und ein Flachdachhaus zu bauen, das provokant aus dem dörflichen Rahmen fiel, dokumentierte die künstlerisch begabte Architektengattin die Entstehung des neuen Zuhauses von der Kreditbeschaffung bis zur Einweihung liebevoll-kritisch und detailliert in einem Tagebuch, das – ergänzt mit Kommentaren ihres Mannes und mit Fotos von Ernst Scheidegger – im Girsberger-Verlag gedruckt erschien. Ein Buch, das eine ebenso bescheidene wie selbstbewusste, durchaus literarisch begabte Frau in Erinnerung ruft und im Leser den Wunsch weckt, dass eines Tages auch Lotte Schwarz’ Roman über die Pension Comi allen zugänglich werde.