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Die «Black Live Matters»-Proteste in Belgien zeigen deutlich, dass sich das Königreich mit seiner Kolonialgeschichte bis jetzt zu wenig auseinandergesetzt hat. Es sind die Erinnerungsdenkmäler von König Leopold II., die von den Protestierenden beschmiert, besprayt und beschädigt werden. In der flämischen Stadt Gent wurde eine Statue des ehemaligen Königs von offizieller Seite entfernt.
Diese Angriffe auf Denkmäler hätten eine Symbolwirkung, erzählt Aliou Baldé, ein Vertreter des Kollektivs «Mémoire coloniale» in Brüssel: «Wenn die Statue sauber wäre, fühlte es sich an, als wäre alles in Ordnung. Hier können wir deutlich sehen, dass es in der Gesellschaft einen Konflikt gibt.»
Die Kolonialherrschaft Belgiens gehört laut Historikern zu den brutalsten Europas. König Leopold II. machte den Kongo im 19. Jahrhundert zu seinem persönlichen Eigentum. Der Umgang mit der Bevölkerung muss brutal gewesen sein. Wenn Zwangsarbeiter nicht so arbeiteten, wie dies der König verlangte, wurden ihnen die Hände abgeschlagen.
Bis zu zehn Millionen kongolesische Todesopfer
Nach Schätzungen von Historikern könnten über zehn Millionen Kongolesen wegen der kolonialen Gewalt gestorben sein. König Leopold II. sorgte zudem dafür, dass die Rohstoffe des Landes geplündert wurden. Ab 1908 verwaltete der Staat Belgien das zentralafrikanische Land, bis der Kongo im Jahr 1960 vom Königreich unabhängig wurde.
Viele Belgierinnen und Belgier haben kaum einen Bezug zur Kolonialgeschichte ihres Landes. Diese Aufarbeitung beginnt nur langsam. Einen wichtigen Schritt hat der amtierende König Philippe gemacht. Am Unabhängigkeitstag von Kongo-Kinshasa am 30. Juni 2020 hat er, als erster König Belgiens, sein Bedauern für die Schreckensherrschaft zum Ausdruck gebracht.
«Wahrheitskommission» soll Geschichte aufarbeiten
Mit der ganzen Wahrheit müsse man nun miteinander über die gemeinsame Geschichte sprechen, schrieb Philippe in einem Brief an Felix Tshisekedi, den Präsidenten von Kongo-Kinshasa. Aber nicht nur der König hat die Zeichen der Zeit erkannt. Auch das föderale Parlament Belgiens möchte die Kolonialgeschichte des Königreichs aufarbeiten.
Eine sogenannte Wahrheitskommission soll sich ab September mit der Kolonialgeschichte befassen. Diese bezieht sich nicht nur auf das heutige Kongo-Kinshasa, sondern auch auf Ruanda und Burundi, die nach dem Ersten Weltkrieg vom belgischen Staat als Mandatsgebiet verwaltet wurden.
Die Aufarbeitung der Geschichte müsse auch in der Schule stattfinden, fordern die Bildungsminister. Bis heute lernen Schülerinnen und Schüler sehr wenig bis nichts über das gewaltsame Regime von König Leopold II. Dies soll sich nun ändern. Die Anti-Rassismus-Proteste zeigen den Belgierinnen und Belgiern, dass es Zeit ist, sich auf allen Ebenen mit der Geschichte des Landes zu befassen. Es wird eine intensive und emotionale Zeit für das Königreich werden.