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Eine Schülerin war etwas unzufrieden mit den Gedächtnisstrategien, die wir uns im Lerntraining angeschaut hatten. Sie halfen ihr zwar dabei, sich besser auf die Prüfungen vorzubereiten, aber:
"Es gibt Menschen, die ihr Gedächtnis soweit trainieren, dass sie sich 1000 Zahlen in einer halben Stunde merken können. Wieso schauen wir uns nicht an, wie man so etwas schafft?"
Welche Kniffe Gedächtniskünstler für ebensolche Aufgaben nutzen, zeigt das Interview mit dem Gedächtnistrainer Gregor Staub:
Wie kann man sein Gedächtnis soweit trainieren, dass man sich 1000 Zahlen merken kann?
Champions an sogenannten Gedächtniswettkämpfen gelingt es, sich hunderte von Zahlen zu merken. Die besten kommen auf über 1000 Zahlen in 30 Minuten.
Wie kommt man zu einem solchen Gedächtnis? Und könnten Sie, liebe Leserin, lieber Leser das auch lernen?
Soviel vorweg: Sie könnten. Vielleicht nicht 1000 Zahlen, aber 100 oder 200.
Sie müssen dazu nur wissen, was Psychologen unter Chunking verstehen.
Durch Chunking zu außerordentlichen Gedächtnisleistungen
Der Begriff Chunking bedeutet soviel wie "Bündelung" und geht auf den Psychologen George Miller zurück. Er kam durch seine Experimente zu der Schlussfolgerung, dass wir ca. (je nach Mensch und Tagesform) 5 bis 9 Einheiten im Arbeitsgedächtnis behalten können. Also beispielsweise 5 bis 9 Buchstaben oder Zahlen.
Das Spannende ist, dass die Größe dieser Einheiten sehr unterschiedlich sein kann. So können wir uns genau so leicht 7 Wörter merken wie 7 zufällige Buchstaben.
Diese Spanne wird deutlich größer, wenn es uns gelingt, einzelne Informationen zu einem größeren Chunk zusammenzufügen. So können sich beispielsweise Schachprofis viel besser merken, wo einzelne Figuren auf einem Schachbrett stehen als Laien. Dies deshalb, weil sie nicht lauter Einzelfiguren sehen, sondern einzelne Konstellationen. Stellt man die Figuren nämlich völlig zufällig auf (in Konstellationen, die in einem Spiel nicht vorkommen können), dann schneiden sie wieder ähnlich schlecht ab wie die Laien.
Wie könnte dies nun bei Zahlen aussehen?
Nehmen wir beispielsweise an, Sie müssten sich die folgende Zahl merken:
0310199024122016
Das sieht schwierig aus. Es ist aber leicht, wenn Sie über entsprechendes Vorwissen verfügen und wissen, dass der:
03.10.1990 der Tag der deutschen Einheit und der
24.12.2016 Weihnachten dieses Jahres ist.
Wenn Sie über dieses Wissen verfügen, können Sie die 16 Ziffern in zwei Chunks umwandeln und sie sich problemlos merken.
Nun wissen Sie also, dass Sie sich Zahlen leichter merken können, wenn Sie diese in Chunks umwandeln können. Doch wie hilft Ihnen dies weiter, wenn Sie - sagen wir - in einem Jahr soweit sein wollen, dass Sie sich 100 Zahlen in 10 Minuten merken können?
Ganz einfach: Sie machen sich Chunks!
Wie Sie sich nächstes Jahr 100 Zahlen in 10 Minuten merken können
Sie benötigen lediglich für die Zahlen 100 bis 999 Chunks.
Dazu können Sie folgendermassen vorgehen (so und ähnlich machen es auch die Gedächtnisweltmeister - eine einfache Variante sehen Sie oben im Video):
1. Sie schreiben sich Lernkärtchen - wie beim Vokabellernen. Auf die eine Seite kommt eine Zahl (z.B. 483) und auf die andere Seite ein Begriff, den man sich gut vorstellen kann (z.B. Nilpferd). Wann immer es möglich ist, sollte der Begriff so gewählt werden, dass er -für Sie persönlich- inhaltlich mit der Zahl zusammenhängt. Vielleicht assoziieren Sie beispielsweise "666" am ehesten mit "Teufel" und wählen diese Kombination.
2. Sie nehmen sich jeden Tag eine Stunde Zeit und üben 3 neue Zahl-Begriff-Paare ein. Gleichzeitig wiederholen Sie die bisher gelernten. Der Aufwand ist in etwa so hoch wie beim Lernen des Grundwortschatzes einer Fremdsprache.
Nach einem Jahr stetigen Trainings sollte es Ihnen gelingen, zu jeder dreistelligen Zahl sofort den damit assoziierten Begriff zu nennen. Also: 483 - Nilpferd!
Nach dem Training müssen Sie sich nicht mehr die Ziffern 483666 einprägen, sondern vielleicht Nilpferd / Teufel.
Um sich die Reihenfolge der Zahlen merken zu können, nutzen Sie eine zweite Strategie: Die Loci-Methode.
Das Wort Locus kommt aus dem Lateinischen und bedeutet soviel wie Ort oder Platz. Bei dieser Strategie (die übrigens bereits Cicero in seinem Buch über die Redekunst beschrieb), merkt man sich eine bestimmte Abfolge von Orten. Sie könnten sich beispielsweise vorstellen, wie Sie von Ihrem Schlafzimmer ins Badezimmer gehen, dann die Treppe hinunter ins Wohnzimmer und weiter in die Küche etc. Es könnte sich auch um Stationen auf Ihrem Arbeitsweg oder Ihrem bevorzugten Vita-Parcours handeln. Wichtig ist lediglich, dass Sie sich die Reihenfolge gut merken können
Diese Methode verbinden Sie nun mit dem Chunking:
Sie stellen sich vor, wie Sie im Schlafzimmer von einem Nilpferd erschreckt werden, dann ins Badezimmer kommen, wo ein Teufel gerade mit abgerollten Klopapierrollen um sich wirft, gehen dann in Ihr Wohnzimmer, wo ein Affe am Kronleuchter schwingt. Kurzum: Sie machen sich möglichst lebendige und abstruse Bilder - und schon haben Sie sich mit 3 einprägsamen Bildern 9 Ziffern gemerkt. In 10 Minuten könnten Sie sich auch 30 solche Bilder merken - und damit 99 Ziffern.
Mit Gedächtniskniffen zu besseren Noten?
Fällt das Vorwissen weg, etwa die Zahlen-Begriff-Kombinationen, die Sie sich antrainiert haben, brauchen Sie wieder genau so lange wie Ihre Mitmenschen, um sich etwas Neues zu merken. Auch wenn Sie sich nun Zahlen in Windeseile einprägen können, werden Sie nicht automatisch besser darin, Wörter für eine Fremdsprache zu büffeln oder einen Text auswendig zu lernen.
Der Trainingsaufwand (z.B. für den Aufbau der Zahlen-Begriff-Liste) nützt vor allem dann, wenn:
- Sie dadurch einen schönen "Sport" für sich entdecken, Sie Begeisterung und Stolz erleben
- Freunde auf einer Party beeindrucken möchten
- oder einen Geschichtslehrer haben, der sehr (wirklich sehr!) viele Jahreszahlen abfragt
- uns über die Lerninhalte an sich Gedanken machen (und nicht nur darüber, wo wir sie am besten "ablegen")
- den Stoff mit Emotionen verknüpfen
- uns fragen, was diese Inhalte für uns selbst und unser Leben bedeuten
- herausfinden, wie die neuen Informationen mit bereits Gelerntem in Zusammenhang stehen
Wir empfehlen deshalb, Gedächtniskniffe wie die oben beschriebenen mit sogenannten Elaborationsstrategien zu verknüpfen, wenn es um vielschichtige Stoffgebiete geht. Eine Schülerin könnte beim Lernen:
- ihr Vorwissen zu diesem Bereich aktivieren und sich fragen, ob ihr ein eigenes Erlebnis einfällt bzw. ob sie etwas ähnliches schon einmal gesehen, gehört oder gelernt hat
- eigene Alltagsbeispiele und Anwendungsbereiche zum Stoff suchen
- Fragen zum Stoff formulieren und mit anderen darüber diskutieren
- in die Rolle einer Person schlüpfen, die direkt beteiligt ist, und versuchen, den Stoff aus ihrer Perspektive aufzunehmen (z.B. eine Forscherin, die unverhofft die Entdeckung XY macht, ein ägyptischer Arbeiter, der am Aufbau der Cheops-Pyraminde beteiligt ist o.ä.)
Lernt die Schülerin (auch) mit solchen Elaborationsstrategien, wird es ihr leichter fallen, den Stoff in einen Gesamtzusammenhang einzubetten und neue Einsichten zu gewinnen. Sie wird das verfügbare Wissen besser nutzen können, um Transfer-Aufgaben zu lösen und wird in ihrem Denken flexibler und kreativer.