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Leitung: Prof. Dr. Ingrid Tomkowiak
Der Schwerpunkt Kinder- und Jugendmedien geht von einem weiten Begriff von Kinder- und Jugendmedien aus. Verstanden werden darunter schriftbasierte, bildbasierte und audiovisuelle Produkte in unterschiedlichen Text-Bild-Ton-Kombinationen und Medien. Gegenstand sind spezifische oder intentionale Kinder- und Jugendmedien in Vergangenheit und Gegenwart, aber auch darüber hinaus von Kindern und Jugendlichen Rezipiertes und Produziertes sowie die damit verbundenen Praxen. Berücksichtigung findet damit auch das, was von Kindern und Jugendlichen wie von Erwachsenen rezipiert wird und mit Crossover- bzw. All Age- bezeichnet wird.
Kinder- und Jugendmedien werden als System verstanden, kulturelle Kontexte ihrer Produktion, Distribution und Rezeption werden bei der Analyse mit in Betracht gezogen. Kinder- und Jugendmedien sind in verschiedene Diskurse eingebunden, sie werden im Hinblick auf ihre Deutungsangebote und Bedeutungszuschreibungen untersucht.
Beginn der Förderung: 1. April 2014
Projektleitung: Prof. Dr. Ingrid Tomkowiak
Projektmitarbeiterin: Macarena García
Europäische Schulklassen setzen sich heute nicht mehr aus homogenen Gruppen von (weissen) Schülerinnen und Schülern zusammen, sondern sind Räume, in denen Kinder ganz unterschiedlicher Herkunft interagieren. Kultur, Identität und interkulturelle Kommunikation werden weltweit als Teil der Bildungspolitik diskutiert. Interessanterweise korrespondiert die Diversität in Schulklassen nicht nur mit der wachsenden Mobilität und Migration, sondern auch mit neuen Formen familiärer Reproduktion, unter denen diejenige der internationalen Adoption die sichtbarste ist. Obwohl Kinder also in zunehmend diversen Gesellschaften aufwachsen, führen die Differenzen zwischen den Menschen immer noch zu einer langen Liste von Fragen, bei deren Beantwortung Eltern und Lehrpersonen unsicher sind. Dieses Projekt untersucht, auf welche Weise diese Fragen in Kinderbüchern erzählerisch beantwortet werden. Festzustellen ist, dass gewisse Diskurse über „Ethnizität“ und „Rasse“ in diesem Kontext reproduziert werden.
Das Projekt untersucht Kinderbücher, die Lehrpersonen und Eltern empfohlen werden, um Migration, internationale Adoption, Ethnizität, Rassismus, soziale Integration und Interkulturalität zu erläutern. In den vergangenen Jahrzehnten wurde eine wachsende Zahl von Kinderbüchern veröffentlicht, die sich als einer Gleichstellungspolitik verpflichtet zeigen. Dennoch wurden sie bzw. ihre ideologischen Implikationen nur selten Gegenstand der Forschung. Dieses Projekt beabsichtigt, zur Debatte über Kindererziehung im Bereich der Diversität beizutragen. Es handelt sich um ein Projekt kritischer Kinderliteraturforschung, das auf jüngere Ansätze der Narratologie und der Erforschung von Ideologie zurückgreift, ebenso wie auf verschiedene theoretische Positionen zur Repräsentation von Differenz (Intersektionalität, Postkolonialismus, Imagologie, „Critical Race Theory“). Anthropologische und soziologische Perspektiven auf (europäische) Diskurse über die internationale Adoption von Kindern und Immigration werden ebenso berücksichtigt. Das Projekt strebt an, die geisteswissenschaftliche Forschung zu kontingenten sozialen Entwicklungen zu erweitern. Zudem möchte es zur Forschung über Bilderbücher und ihre multimodale Konstruktion von Bedeutung beitragen, indem es mittels genauer Text-Bild-Analyse herausarbeitet, wie durch das Zusammenspiel von Bild und Text Stereotypen aufgebrochen oder verstärkt werden.
Beginn der Förderung: 1. Februar 2014
Projektleitung: Prof. Dr. Klaus Müller-Wille und Prof. Dr. Ingrid Tomkowiak
Projektmitarbeiterinnen: Petra Bäni, MA; lic. phil. Kathrin Hubli, lic. phil. Christine Lötscher
‚Kinderliteratur’ wurde und wird häufig in Anspruch genommen, um über den elementaren Umgang mit dem Medium Buch zu reflektieren bzw. um dieses Medium und die daran geknüpften Praktiken sogar von Grund auf zu modifizieren. In ihrer konkreten Auseinandersetzung mit dem Buchmedium wirft ‚Kinderliteratur’ weitreichende Problemstellungen auf. Diese sind nur im Rückgriff auf die jüngere medien- und materialitätstheoretische Debatte zu klären.
Im Fokus des Projekts stehen Texte, die vier signifikante Zeiträume der europäischen Mediengeschichte abdecken: von Hans Christian Andersen, Lewis Carroll, Elsa Beskow und Tove Jansson.
Das Projekt geht der Wechselrelation zwischen der materiellen Buchgestaltung und dem weiten Feld medientheoretischer und poetologischer Fragen nach, welche die Texte selbst, aber auch ihre diversen medialen Umsetzungen hinsichtlich ihrer materiellen Konstitution entfalten. Da sich alle Projekte mit Autorschaften auseinandersetzen, die eine weite – zum Teil sogar globale – Verbreitung fanden, wird auch auf die Frage eingegangen, ob und wie sich das Wechselverhältnis zwischen materieller Buchgestaltung und Poetologie im Prozess der Transmission verändert.
Ziel des Projekts ist es, ein neues Verständnis der untersuchten Materialien – vor allem Texte, Bücher und Filme – zu liefern. Entscheidend dabei ist der Anspruch, durch die Untersuchung der spezifischen Materialität der Medien zu grundlegenderen methodisch-theoretischen Überlegungen vorzudringen.
Das Projekt ist mit der Hoffnung verbunden, dass die Materialitätsdebatte in den Literaturwissenschaften um eine ungewohnte Perspektive erweitert werden kann. Zudem sollen die Untersuchungsergebnisse allgemeine, gesellschaftlich relevante Rückschlüsse über Praktiken des Lesens und des Leseerwerbs zulassen.
Förderzeitraum: 1. Juli 2012 bis 31. Mai 2014
Projektleitung/-mitarbeiterin: Dr. Anna Lehninger
Das Projekt unternimmt eine Analyse von Wettbewerbszeichnungen Schweizer Kinder aus sechs Jahrzehnten, die kulturwissenschaftliche, kunst- und bildungshistorische Fragestellungen vereint. Die Komplexität des Themenfeldes „Kinderzeichnung im Wettbewerb“, in welchem politische, geistige und ästhetische Strömungen zusammentreffen, gründet sich zunächst auf den um 1900 formulierten künstlerischen und pädagogischen Paradigmenwechsel, dass Kinderzeichnungen als eigenständige kreative Leistungen zu betrachten seien und der Zeichenunterricht entsprechend „vom Kinde aus“ gestaltet werden müsse. Hervorzuheben ist hierbei die kaum erforschte Rolle der Kunsterziehungsbewegung in der Schweiz und ihr Einfluss auf die Wettbewerbe und deren Ergebnisse. Aufgrund der pädagogischen Umbrüche seit der Jahrhundertwende wurde die Veranstaltung von Zeichenwettbewerben erst denk- und durchführbar und erlebte in der Zwischen- und Nachkriegszeit eine regelrechte Blüte. In den eingereichten Arbeiten mit einem kommerziellen Entstehungs- und Verwendungskontext spiegeln sich neben kunstpädagogischen Programmen auch effektive Vorbilder aus der bildenden Kunst. Deren Wirkmacht gilt das besondere Interesse der Studie, insbesondere auch der Handhabung von Motiven aus populären Kinder- und Jugendmedien.
Im Sinne Aby Warburgs ist in den Kinderzeichnungen ein zeit-übergreifendes „Nachleben“ tradierter Bildformeln (Pathosformeln) zu beobachten: beispielsweise die Darstellung von Familie und einer Art „bewegten Beiwerks“ in Form kindlicher Alltagsgegenstände im Bild oder die Eingliederung antiker Figuren wie des Kentauren in einen modernen Bildkontext. In Kinderzeichnungen verbindet sich eine vorbehaltlose Offenheit gegenüber „Vorbildern“ mit der Weiterführung tradierter Darstellungsformen, deren Aneignung beziehungsweise Subversion in „Nachbildern“ und „Zeitbildern“ mündet. Die Zeichnungen sind bildliche Manifestationen kindlicher Alltags- und Umwelterfahrung, die sich einerseits aus dem Bildkanon des 20. Jahrhundert speisen, andererseits politische und gesellschaftliche Ereignisse, künstlerische und kunsterzieherische Tendenzen im Bild reflektieren, abwandeln oder unterwandern.
Ausgehend von der Ansicht, dass Kinderzeichnungen einen bisher zu wenig beachteten Teil des Bildgedächtnisses einer Gesellschaft repräsentieren, werden sie als Bildquellen interpretiert. Dafür sollen zentrale Themen und Motive aus ca. 2000 Wettbewerbsarbeiten des Zeitraums von 1935 bis 1985 aus verschiedenen Archiven bestimmt, analysiert und interpretiert werden. Fragen richten sich dabei ebenso an die formalen und normativen Vorgaben der Ausschreibungen (auch als Auswirkung der pädagogischen Umwälzungen seit 1900) wie an die Ablesbarkeit von Einstellungen zu verschiedenen Themen (aus den Zeichnungen) und deren Wandel.
Förderzeitraum: 1. März 2011 bis 31. Juli 2013
Projektleitung: Prof. Dr. Ingrid Tomkowiak
Projektmitarbeiterinnen: Christine Lötscher, Petra Schrackmann, Aleta-Amirée von Holzen
Virulente kulturelle und gesellschaftliche Diskurse werden auch in populären Kinder- und Jugendmedien geführt. Insbesondere die derzeit generationenübergreifend boomende fantastische Kinder- und Jugendliteratur und ihre Verfilmungen sind Schauplatz von Verhandlungen. Übergänge und Entgrenzungen in Bezug auf Welt, Wissen und Identität spielen dabei auf verschiedenen Ebenen und in vielfältiger wechselseitiger Beeinflussung eine zentrale Rolle. Inszeniert werden Übergänge zwischen naturgesetzlich-„realistischen“ Welten und fantastischen Universen, die sich bis zur Entgrenzung in Multiversen steigern können.
Die Grenzen zwischen Buch- und Erfahrungswissen, Schul- und sozialem Wissen, Herrschafts- und okkultem Wissen werden unterlaufen und aufgelöst. Übergänge und Grenzauflösungen lassen sich auch bei der Identitätskonstruktion, -findung und Entwicklung von Figuren beobachten. Die fiktionalen Welten, das Wissen, das in diesen und über diese Welten vermittelt und erfahren wird, und die Figuren, die sich in diesen Welten bewegen und dafür das genannte Wissen benötigen, verschränken sich in vielfältiger Weise. Entworfen werden hybride Zonen der Autonomie, die gelesen werden können als Gegenentwürfe zum herkömmlich vermittelten Verständnis von Welt, von Wissen und von Identität. Die fantastischen Elemente dienen dabei der Sichtbarmachung gesellschaftlicher Diskurse und der Ausgestaltung komplexer physischer und psychischer Prozesse sowie abstrakter Denkfiguren.
Die Thematisierung und Gestaltung von Weltentwürfen und Weltenwechseln, der Topos des magischen Buchs im Buch sowie Heldenfiguren, die durch eine Maske eine multiple Identität erhalten, bilden die drei Fokussierungspunkte des Projekts.
Das Dissertationsprojekt widmet sich aktuellen Romanen der Future Fiction für Jugendliche, einer literarischen Gattung, die in jüngster Zeit grosse kommerzielle Erfolge feiert und bei LeserInnen ab etwa 14 Jahren hohe Popularität geniesst. Dazu gehören etwa Suzanne Collins’ „Hunger Games“-Trilogie (2008-2010), Scott Westerfelds „Uglies-Series“ (2005-2007), Robin Wassermans „Skinned“-Trilogie (2008-2010) und Susan Beth Pfeffers „Moon“-Serie (seit 2006). Angesiedelt in einer meist fernen Zukunft, entwerfen diese Romane in der Tradition klassischer Dystopien Schreckenszenarien zukünftiger Gesellschaften, in denen Naturkatastrophen, totalitäre Strukturen und manipulativ eingesetzte Technologien sowie Grenzkriege zwischen Mensch und Maschine, Natur und Kultur sowie Realität und Virtualität zum Alltag gehören und die jugendlichen ProtagonistInnen vor grosse Herausforderungen stellen.
Trotz der Vielfalt der Negativszenarien und der macht- und kulturkritischen Diskurse, deren Spuren in den Texten nachzuspüren sein wird, lassen sich die Romane nicht auf ihre Funktion der Kritik an gegenwärtigen „Missverhältnissen“ durch Extrapolation in die Zukunft reduzieren. Ebenfalls beschränken sie sich nicht darauf, parallel zu ihrer Warnfunktion alternative Utopien zu entwerfen bzw. zu propagieren und die jugendlichen ProtagonistInnen in romantischer Tradition als ErlöserInnen zu inszenieren. Im Zentrum des Forschungsinteresses stehen vielmehr grundlegende Verständnisse von Identität(en), Identitätskonstruktion(en), Geschlecht und Menschenbild, die in den Texten verhandelt und zur Diskussion gestellt werden.
Gerda
Wurzenberger, wissenschaftliche Mitarbeiterin des SIKJM, beschäftigt sich im
Rahmen ihrer Dissertation mit den kulturtheoretisch zu deutenden Auswirkungen
(literarischen) Schreibens von Jugendlichen aus einem bildungsfernen Umfeld.
Im Projekt "Schulhausroman" (2005-2011, initiiert vom Schriftsteller Richard Reich) schreiben Jugendliche aus bildungsfernem Umfeld zusammen mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern Geschichten. Sie machen das zwar im Rahmen des Unterrichts, doch geht es im Projekt um die Erfahrung des Schreibens als einer Tätigkeit jenseits konkreter pädagogischer Ziele. Das Ziel ist vielmehr, dass die Jugendlichen die kulturelle Bedeutung der eigenen (kollektiven) Autorenschaft quasi am eigenen Leib erfahren, dass sie erkennen, wie es sich anfühlt, "die Welt und sich selber in Worte zu fassen". Eine wichtige Voraussetzung für diese Erfahrungen ist, dass die Texte in einem regelrechten Medienverbund öffentlich zugänglich sind: im Internet, als gedruckte Romanhefte, als Hörbuch und im Rahmen von Veranstaltungen an Orten "legitimer" Kultur (wie etwa Literaturhäuser).
Gerda Wurzenberger beschäftigt sich in ihrer Dissertation mit dem Projekt Schulhausroman - und mit dessen publizierten Ergebnissen. Es geht dabei nicht nur darum, die entstandenen Texte zu analysieren, sondern das Projekt auch kulturtheoretisch zu positionieren, also in einen im weitesten Sinne gesellschaftlichen Kontext zu stellen.