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Für viele ist der Schweizer Nationalpark «DAS» Beispiel für unberührte Natur und Artenreichtum. Doch wie wird er sich bei wärmer werdenden Temperaturen und weniger Niederschlag verändern? Mit dieser und ähnlichen Fragen ist das Parkmanagement tagtäglich konfrontiert. Auswirkungen und Veränderungen sind bereits jetzt spürbar.
Was der Klimawandel in Siedlungsnähe bewirkt, kann jeder von uns am eigenen Leib miterleben. Doch was es für Auswirkungen in wenig besiedelten Gebieten gibt, ist uns oft nicht präsent. Tiere und Pflanzen, die standortgebunden gebunden sind und auf bestimmte Bedingungen angewiesen sind, können stark unter wärmer werdenden Temperaturen und Veränderungen des Wasserhaushalts leiden. Um Voraussagen über zukünftige Veränderungen treffen zu können, hat die Forschungskommission zusammen mit der Nationalparkdirektion Forschungsergebnisse aus verschiedenen Projekten zusammengetragen. Die nachfolgend erwähnten Punkte sind nur einige Beispiele an bereits eingetretenen und prognostizierten Veränderungen. Sie sollen einen Einblick geben, wie weitreichend und unübersehbar die Konsequenzen des Klimawandels sind. Die vielfältigen Untersuchungen der Akademie der Naturwissenschaften Schweiz (SCNAT) im Nationalpark stellen die Grundlage für Aussagen dar und machen Prognosen überhaupt erst möglich.
Temperaturanstieg
Die Klimastation Buffalora (1968 m ü.M.) inmitten des Nationalparks konnte in den letzten 100 Jahren einen Anstieg der Durchschnittstemperatur um 1.1 bis 2.1 °C verzeichnen. Während des Jahres war der Temperaturanstieg unterschiedlich, mit einem grösseren Anstieg im Frühling im Gegensatz zum Herbst. Das Jahr 2016 gehört zu den 10 wärmsten Jahren seit Beginn der Temperaturmessung. Zwar kam der Sommer erst später als normal, und zwar im Juli, dauerte dann aber ungewöhnlich lange. Erst im September begann es allmählich kühler zu werden. Ein anhaltendes Hochdruckwetter im Dezember führte zu Sonnenschein- und Trockenheitsrekorden, wodurch es zu einer erheblichen Schneearmut kam.
Abnahme der Niederschlagstage
Die Zahl der Tage mit Niederschlag ist rückläufig, jedoch ist die Niederschlagsmenge ansteigend. Die Abnahme der Regentage nach Höhenlage unterschiedlich. Am meisten (5-6 Tage) nahmen die jährlichen Regentage im Vergleich vom Mittelwert 1961–1990 und 1981–2010. Bei der Niederschlagsmenge zeichnet sich ein umgekehrtes Bild ab. In den Tallagen gab es im Vergleich zu Berglagen mehr Niederschlag. Die Tendenz ist, dass es mehr es mehr Niederschlag an weniger Tagen geben wird, jedoch die Regenfälle in Tallagen ausgeprägter sein werden als in den Bergen.
Im Nationalpark wird das Eis knapp
Beunruhigend ist, dass innerhalb der letzten 100 Jahre alle Eisgletscher im Parkgebiet verschwunden sind. Beim Permafrost sieht es ähnlich aus. Viele dauerhaft gefrorene Stellen tauen auf. Auch der Blockgletscher Val Sassa bewegt sich kaum mehr. Blockgletscher bestehen im Gegensatz zu Eisgletschern zum grössten Teil aus Gesteinsmaterial, deren Zwischenräume mit Eis ausgefüllt sind. Sie bewegen sich langsam talabwärts. Val Sassa hat im Vergleich zu den 1950er-Jahren stark an Geschwindigkeit verloren. So bewegt er sich heute nur noch wenige Zentimeter pro Jahr, wohingegen er früher 50 Zentimeter geschafft hat.
Manche sind Verlierer….
Alpenschneehühner und Alpenschneehasen sind auf Schnee angewiesen. Da die Dauer der Schneebedeckung in den Bergen kürzer wird, werden die Tiere in immer höher gelegene Gebiete gedrängt. Alpenschneehühner sind heute ca. 120 m weiter oben zu finden als noch vor 20 Jahren. Doch die Tiere können nicht immer weiter nach oben wandern. Das bedeutet, dass ihr Lebensraum kleiner wird, Populationen isoliert werden und mit einem Bestandsrückgang gerechnet werden muss. Für den Alpenschneehasen wird prognostiziert, dass er bis 2100 durchschnittlich 35 Prozent seines Lebensraums verloren haben wird.
Auf kaltes Klima und lang andauernde Schneebedeckung spezialisierte Pflanzenarten stehen ebenfalls vor der Gefahr des Habitatsverlusts. Durch ihre spezifischen Ansprüche sind sie gegenüber anderen Arten sehr konkurrenzschwach. Verändern sich die Bedingungen, die Generalisten – Arten, die in verschiedenen Lebensräumen vorkommen können – fernhalten, könnten sie die Spezialisten verdrängen.
… die anderen Gewinner
Manche Arten profitieren regelrecht von der Erwärmung. Für Arten, für die es früher zu kalt war, um in höheren Lagen zu überleben, wirkt sich die Erwärmung positiv aus. Diverse Schmetterlinge, Schrecken und Schnecken wie die Gefleckte Schnirkelschnecke können sich weiter ausbreiten und mehr Lebensraum für sich beanspruchen. Die Roesels Beissschrecke konnte zuletzt sogar an der Al Stabelchod im Nationalpark erstmals nachgewiesen werden. Die Alpen-Smaragdlibelle ist im Nationalpark sogar Rekordhalter. Nirgendwo sonst auf der Welt kann diese Libellenart so hoch oben nachgewiesen werden wie auf der Seenplatte von Mancun (2628 m Seehöhe).
Steingeissen grasen im Sommer weiter oben als noch vor 20 Jahren. Grund dafür ist, dass es im Frühling früher zur Schneeschmelze kommt und die Vegetation schneller wächst. Ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL konnte nachweisen, dass Gämse, Steinbock und Rothirsch im Spätsommer und Herbst in höheren Lagen zu finden sind.
Auch bei Pflanzen gibt es Arten, die ein wärmeres Klima bevorzugen. Die Fiederzwecke hat sich im Schweizer Nationalpark bereits auf einer Seehöhe von 2300 m etabliert. 1936 war sie auf der Alp Stabelchod nur bis zu einer Höhe von 1950 m anzutreffen. Im Vergleich zu anderen Arten gilt sie als konkurrenzstark und es besteht die Möglichkeit, dass sie zum Verdrängen von konkurrenzschwachen Arten führen könnte. Auf einigen Gipfeln im Schweizer Nationalpark hat die Zahl an Pflanzenarten teils bis zu 44 Prozent zugenommen. Diese Entwicklung beruht vor allem darauf, dass die Arten durch die Klimaerwärmung im allgemeinen in höhere Lagen vordringen können, wie das seit 2002 laufenden Projekts GLORIA zeigt.
Auf der Website des Schweizer Nationalparks finden Sie weiterführende Informationen zum Thema sowie die genauen Quellenangaben aller hier präsentierten Daten.